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Full text of "Dingler's polytechnisches Journal"

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V.273 
1889 




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THIS BOOK MUST NOT BE TAKEN 
FROM THE LIBRARY BUILDING. 



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Dingler's 



^^nliitrrfinisrlrs Innraal 

Unter Mitwirkang von 

Professor Dr. C. Engler in Karlsruhe 
herausgegeben von 



Ingenieur A. Hollenberg und Docent Dr. H. Käst 

in Stuttgart. in Karlsruhe. 



Sechste Reihe. Dreiundzwanzigster Band. 

Jahrgang 1889. 

Mit 124 in den Text gedruckten und 30 Tafeln Abbildungen. 



Stuttgart. 

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger. 



Dingler's 

'^nlijtprlnisrlps InnriiaL 

Unter Mitwirkung von 

Professor Dr. 0. Engler in Karlsruhe 
herausgegeben von 



Ingenieur A. Hollenl)erg «nd Docent Dr. H. Käst 




Zweihundertdreiundsiebenzigster Band. 

lahrpng 1889. 

Mit 124 in den Text gedruckten und 30 Tafeln Abbildungen. 



Stuttgart. 

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger, 



Druck \on Gebrüder Krbner in Stuttgart. 



Inhalt des zweihundertdreiundsiebenzigsten Bandes. 

(1889.) 



Abhandlungen, Berichte u. dgl. S. 1. 49. 97. 145. 193. 241. 289. 337. 385. 433. 
481. 529. 577. 

Kleinere MittheUungen S. 44. 96. 143. 189. 237. 335. 384. 430. 477. 528. 574. 
600. 

Namen- und Sachregister des 273. Bandes von Dingler's polytechn. Journal S. 601. 




Sclireil)weise chemisclier Formeln und Bezeiclmmig der Citate. 

Um in der Schreibweise der chemischen Formeln Verwechslungen möglichst 
zu vermeiden und das gegenseitige Verständnifs der neuen und alten Formeln 
zu erleichtern, sind die alten Aequivalentformeln mit Cursiv- (schräger) Schrift 
und die neuen Atomformeln mit Antiqua- (stehender) Schrift bezeichnet. (Vgl. 
1874 212 145.) 

Alle Dinglers polytechn. Journal betreffenden Citate werden in dieser Zeit- 
schrift einfach durch die auf einander folgenden Zahlen: Jahrgang^ Band (mit 
fettem Druck) und Seitenzahl ausgedrückt. * bedeutet: Mit Abbild. 



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littp://www.arcliive.org/details/dinglerspolytecli273augs 



^^\^s;j^lä!^ 




Ueber Neuerungen an Wirkereimaschinen. 

(Patentklasse 25. Fortsetzung des Berichtes Bd. 271 S. 58.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 1 und 2. 

Im verflossenen halben Jahre sind Neuerungen an Handwirkstühlen 
nicht bekannt geworden, es sind vielmehr die letzten der für dergleichen 
Erfindungen ertheilten Patente vollends erloschen. Es ist nun zwar 
hieraus ein treffender Schlufs auf den Werth dieser Erfindungen oder 
den Werth der Hand stuhle für die Fabrikation überhaupt nicht zu ziehen, 
aber es ist sonst bekannt, dafs Handwirkstühle für die zumeist ver- 
langten glatten Waaren nur noch vereinzelt verwendet werden können, 
während sie für manche Musterarbeiten (Deckmaschinenwaaren und 
zum grofsen Theile auch Patinetmuster) gar nicht zu entbehren sind; 
im ersteren Falle arbeiten sie zu langsam und im letzteren gestatten 
sie Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten, unter deren Einflufs der 
Betrieb mechanischer Stühle wesentlich verschlechtert werden würde. 
Es ist deshalb keineswegs zu sagen, dafs die Handwirkerei ausstürbe 
oder entbehrlich würde, wenn auch Fortschritte und Neuerungen in ihr 
selten und in geringer Anzahl bekannt werden. 

In den mechanischen flachen Kulirstühlen finden sich folgende drei 
Neuheiten vor: Unter dem eigenthümlichen Titel: Flacher Slrumpfkulir- 
stuhl von Schubert und Salzer in Chemnitz ("""D. R. P. Nr. 45388 vom 
15. November 1887) ist eine i-echt zweckmäfsige Bufferanordnung patentirt 
worden, welche zur Begrenzung der Fadenführerwege auf der Innen- 
seite dann verwendet wird, wenn an den Strumpfläugen die beiden 
Fersentheile angearbeitet werden. Für den Längen A (Fig. 1 Taf. 1) 
eines Strumpfes ist bekanntlich nur ein Fadenführer zu verwenden, 
welcher den Weg der ganzen Breite M bis 1 zu durchlaufen hat und 
auf beiden Seiten an die bekannten Bufferstücke P (Fig. 2 und 3) an- 
stöfst. Wenn die Ferse ßB beginnt, so kommt ein zweiter Führer in 
Betrieb und dieser sowie der erstere gehen nun nur auf die Breite L 
bis 2 und F bis J, sie stofsen dabei aufsen an die Buffer P an und 
zwar der eine, L, rechts und der andere, F, links; innen ist nun zur Be- 
grenzung ihres Ausschubes das Bufferstück DE (Fig. 2 und 3) ange- 
bracht, welches eine der Oeffnung 2 bis F (Fig. 1) entsprechende Breite 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 1. 1889/111. 1 



2 Ueber Neueniiigeii an Wirkfreimabcliiiieii. 

hat, so dafs au dasselbe der Führer L rechts- und der Führer F links- 
seitig anstülst. Dieser Buffer DE ist um H drehbar und während dei- 
Längenarbeit in der Stellung, welche Fig. 2 zeigt ^ es kann also der 
Führer L ungehindert an ihm vorbei gehen, und der Führer F steht 
während dieser Zeit überhaupt in Kühe. Beim Arbeiten der Ferse M'ird 
er in die Lage Fig. 3 (oben) gebracht und zwar einfach dadurch, dafs 
der Führer F in seine Arbeitsstellung geschoben wird und dabei mit 
der schiefen Ebene C unter D gelangt und den Hebel DE in die Arbeits- 
lage dreht. Nun stöfst L an E und F an D-^ da aber die Schiene >' 
sich ein wenis; wendet, um die Fadenführer am Ende ihres Weaes 
durch die Nadelreihe hinab schwingen zu lassen, so stöfst der Arm E 
am Gestelle G an und wird, wie Fig. 3 (unten) zeigt, etwas zurück- 
geschoben. Hierbei drehen sich die Hebelarme D und E im Kreisbogen 
um H und sie schieben die Fadenführer um ein kleines Stück x wieder 
nach aufsen zurück, d. i. um eine halbe Nadeltheilung, so dafs die über 
einer Nadel stehenden Führer nun über eine Nadellücke rücken und 
in derselben hinab schwingen können. Durch den Anstofs des neu an- 
kommenden Führers wird der Buffer DE immer wieder in die richtige 
Lage gebracht; die Gröfse des letzteren richtet sich nach der Weite 2 
bis F und man müfste deshalb für verschiedene Strumpfgröfsen auch 
verschiedene Buffer D E zum Auswechseln an demselben Stuhle vor- 
räthig halten. 

Der mechanische Kulirwirkstuhl mit lothrechlen yadela und doppelt 
geführten Kulirplalinen von Giistav Heidler in Chemnitz (" D.R. P. Nr. 47 251 
vom 22. August 1888) ist ein Cotton-Stuhl, in welchem jedoch die sonst 
diesem Systeme eigenen Schwingen fehlen, welcher aber trotzdem fallende 
und stehende Platinen enthält, also kulirt und vertheilt. Die Vorzüge 
eines solchen sogen. Zweinadelstuhles werden vielfach von ganz falschen 
Ursachen abgeleitet: Der Wirkstuhl ist nachweislich ursprünglich als 
Einnadelstuhl erfunden worden; erst mit dem Bedürfnisse, ihn feiner 
zu bauen, also seine Nadeltheilung kleiner zu machen, hat sich die 
Nothwendigkeit gezeigt, ihn zweinädlig einzurichten, also ihm fallende 
und stehende Platinen zu geben, so dafs er nun nach dem Kuliren noch 
vertheilen mufs, weil sonst bei immer weiter gehender Feinheit des 
Stuhles die Schwingen zu dünn und flattrig wurden. Das Vertheilen, 
welches sich also zunächst als Nothwendigkeit eingeführt hat, wird viel- 
fach als ein grofser Vortheil für Herstellung guter gleichmäfsiger Waare 
angesehen; das ist jedoch nur insoweit der Fall, als man in einem 
Stuhle auf ein ungleichmäfsiges Kuliren rechnet, dann nützt das Ver- 
theilen, indem es die Schleifen wieder ausgleicht; wird indessen gut 
und regelmäfsig kulirt, so kann das Vertheilen nichts weiter nützen. 
Die zweinädligen Stühle sind aber gewöhnlich Schwingenstühle, und 
hierin liegt wohl ihr Vorzug gegen die meisten Einnadelstühle, welche 
eben als solche gewöhnlich keine Schwinsen haben. Dieser Vortheil 



Ueber Neuerungen au Wirkereimaschineu. 3 

erklärt sich dadurch, dafs die Schwingen mit ihren kulirenden Platinen 
mit gvöfserer Kraft auf den Faden drücken, also auch einen stärkeren 
Faden verarbeiten können als die dünnen und leichten Platinen allein 
welche oft genug nach dem Kuliren durch die Elasticität des Fadens 
wieder zurückgeschoben oder empor gehoben werden. Es haben des- 
halb die bisherigen Versuche, Zweiuadelstühle ohne Schwingen zu bauen 
nicht zu befriedigenden Resultaten geführt und das ist ein deutlicher 
Beweis dafür, dafs nicht das „Zweinädligsein^', sondern das Wirken der 
schweren Schwingen die wirklichen Vortheile bringt. In dem vorliegenden 
Stuhle sind nun zwar auch die Schwingen weggelassen worden aber 
man hat ihre Wirkung doch beachtet und auf dieselbe nicht verzichtet, 
sondern sie durch eine besondere Schwere der fallenden Platinen er- 
setzt. Die Fig. 4, 5 und 6 Taf. 1 zeigen die langen fallenden Platinen f 
abwechselnd neben den kurzen stehenden s und für die ersteren die 
beiden Führungen s, s.^ und f, f.,, für die letzteren aber blofs eine solche, 
.*, So. Hinter dieser vorderen Führung sind nun die fallenden Platinen f 
auf beiden Seiten beschlagen, d. h. es sind Platten 2 2 an dieselben 
genietet und sie führen sich in dieser vermehrten Stärke in /", /:,, werden 
auch an dem starken Ende vom Röfschen r getrotten. Durch diese 
Verstärkung werden die Platinen f beschwert, in der längeren Führung 
erhalten sie auch entsprechend Reibung, so dafs sie auch wohl mit 
gröfserer Masse auf den Faden drücken und von ihm nicht zurück- 
geschoben werden können. Das Röfschen r endlieh kann die verstärkten 
Enden nicht beschädigen und auch die Führungswände in /"[ /:, nicht 
verbiegen, weil diese eben auch wesentlich stärker sind als diejenigen 
in 5, So. Es scheint also, dafs man in dieser Anordnung bei Verein- 
fachung des Cotton- Stuhles doch seinen ursprünglichen Werth als 
Schwingenstuhl zu erhalten beabsichtigt hat. 

Zur Sicherung des gleichförmigen Ganges hat endlich Theodor Lieber- 
knecht in Hohenstein-Ernstthal in Sachsen einen mechanischen Kulincirk- 
stuhl mit slofsfrei ein- und ausgerückter Minderwelle gebaut ("D. R. P. 
Nr. 46507 vom 24. August 1888). In diesem Stuhle (Fig. 7, 8 und 1» 
Taf. 1) wird eine einzige Excenterwelle e sowohl zur Arbeit der Mascheu- 
bildung als auch zum Mindern verwendet und zu dem Zwecke in ihrer 
Längsrichtung verschoben, so dafs sie in einer Lage {10 11 Fig. 9) die 
Theile zur Mascheubildung und in der anderen, wenn 13 auf 14 trifft, 
diejenigen zum Mindern bewegt. Mit dieser Verschiebung ist zugleich 
eine Veränderung der Umdrehungsgeschwindigkeit verbunden, da man 
beim Mindern gern vorsichtig und langsam arbeitet, die Reihenbildung 
aber wegen der gröfseren Liefermenge thunlichst beschleunigt. Um 
diese Umsteuerungen ohne Stöfse eintreten zu lassen, ist zwischen die 
Antriebwelle a und die Excenterwelle e ein Vorgelege auf dem Bolzen c 
eingeschaltet worden, dessen beide Riemenscheiben c^ c, abwechselnd von 
der Welle a gedreht werden und je eine besondere Verbindung mit 



4 Üebor NeUL-rungcn uu Wirkereimascliineu. 

der Exceuterwelle e habeu: Die Scheibe c, sitzt auf der langen Nabe 
des Rades rf,, welche auf c sich dreht und mit dj^i die Welle e treibt, 
und c.^ bildet mit dem Rade i^ ein Stück, dreht sich auf der eben er- 
^vähntenNabe und treibt durch d.^i^ die Welle e. Die beiden Räder «i ^^ 
l)ilden ein Stück und sind auf e befestigt. Der gewöhnliche Betrieb des 
Stuhles für die Herstellung von Maschenreihen erfolgt durch c^ di i und 
ein gewöhnlicher Zählapparat f (Fig. 7) bestimmt die Zeiten zum Mindern 
in folgender Weise: Die Zählkette f hebt mit einer Erhöhung auf einem 
ihrer Glieder den Hebel g und wendet durch den Stab h die Kurbel 2k 
mit Platte / (Fig. 7 und 8):, auf letztere wirkt nun das Excenter </, so 
dafs der Bolzen r mit den Ausrückarmeu ss^ (Fig. 9) gewendet wird, 
worauf t an s stöfst und sich und die Welle e nach rechts verschiebt. 
Gleichzeitig drückt der Stab n (Fig. 9) auf den Winkelhebel oj} und 
verschiebt durch diesen die Riemenführerstange ^, welche den Riemen b 
von c, nach c^ zieht. Nun überträgt d.^i, die Drehung auf e und die- 
selbe erfolgt deshalb langsamer als vorher; man hat mit der Wahl der 
Räderuaare d^d-^i^ii die Möglichkeit in der Hand, das Mindern ^.^ 
oder -3 so schnell erfolgen zu lassen wie das Reiheubilden. Das Gleiten 
des Riemens von Cj auf c^ vermeidet endlich jede stofsweise Verände- 
runo- und wenn die Erhöhung der Zählkette f weiter gerückt ist, so 
fällt gkkl herab, die Ausrücker ss^ kommen in ihre frühere Lage, in 
welcher t an «j sich mit e nach links verschiebt, und die Feder 4 zieht 
die Riemenführerstange wieder zurück von C2 nach c^. 

Die mechanischen Kettenstühle, und darunter speciell diejenigen 
mit zwei Nadelreiheu, also die Fangkettenstühle oder sogen. Rachel- 
(Raschel-)Maschinen zeigen zwei neue Einrichtungen: Der Fangketten- 
stuhl für erhaben gemusterte Wirkwaare von Fedor Köbner in Breslau 
(*D. R. P. Nr. 46198 vom 31. August 1887) ist in Fig. 12 Taf. 1 so weit 
verdeutlicht, dafs seine Eigenthümlichkeit, die Nadelbarren UiU:^ mit 
den Abschlagschieneu s, .s.^ seitlich gegen einander zu verstellen, sichtbar 
ist. Der gewöhnliche Fangkettenstuhl hält die eben genannten Theile, so 
wie Fig. 10 zeigt, immer in derselben gegenseitigen Lage zu einander und 
liefert daher Waare, deren Rechts- undRechts-Maschenstäbchena;a?| immer 
gleichweit von einander abstehen, während der vorliegende Eöbnersche 
Stuhl im Verlaufe der Arbeit die Nadelbarren und Abschlagschienen 
von einander entfernt und einander wieder nähert, so dafs in der von 
ihm hergestellten Rechts- und Rechtswaare die Maschenstäbchen uv 
(Fig. 11) abwechselnd weiter oder weniger weit von einander abstehen. 
Es sind an diesen» Stuhle die Führungswinkel aa^ nicht auf dem Ge- 
stelle fest geschraubt, sondern in Langlöchern hin und her zu schieben 
(Fig. 13 und 14), und zwischen ihnen wird an jeder Gestellwand ein 
Keil h hin und her bewegt. Beide Keilstücke b sind auf der Schiene c 
befestigt, welche von de und einer Gegenfeder verschoben wird; dabei 
treiben die Keilstücke b die Winkel und Nadelbarren aus einander und 



Ueber Neuerungen an Wirkereimaschinen. 5 

lassen sie durch Federn wieder nahe an einander rücken. Da die 
Kettenmaschinen ntj 7/1., ihre Fäden abwechselnd auf beide Nadelreihen ni/j., 
leoen, so behalten die Maschenstäbchen bei jedem Abstände von ein- 
ander ihre geordnete Verbindung mit einander durch die Platineu- 
maschen p. 

Ein anderer Fangkettenstuhl von Wilhelm Kniestedt in Berlin (*D.R.P. 
Nr. 45 791 vom 29, Februar 1888) erreicht eine gröfsere Arbeitsgeschwin- 
dio-keit dadurch, dafs nicht nur seine Nadelbarren, sondern auch seine 
Abschlagschieneu sich bewegen. Die Nadelbarren nm (Fig. 18 Taf. 2) 
werden von Stäben n^m^^ und Hebeln «.2?».) getragen und auf die letz- 
teren wirken Excenter b der Triebwelle a. Ebenso werden die Ab- 
schlagschienen i von den Stäben ^^ und Hebeln 12 getragen, welche 
auch durch Excenter der Triebwelle Bewegungen erhalten, und zwar 
heben sich die Absclilagschienen t, wenn die Nadelbarren nm sich 
senken, so dafs von jedem Theile nicht der volle, sondern nur der halbe 
Weg zurückzulegen ist, und daraus eine Vermehrung der Geschwindig- 
keit sefoleert werden kann. Die Excenter b sollen nach Art der Ge- 
triebe-Ketten aus einzelnen um eine Nabe herum gelegten Gliedern zu- 
sammengesetzt werden, damit man leicht für eine Umdrehung der Welle 
mehrere Hebungen und Senkungen anbringen und während dieser Zeit 
mehrere Maschenreihen herstellen kann. 

Die Häkelmaschine für Zierfaden- Posamenten von Sander und Grajf 
in Chemnitz (*D.R. P. Nr. 46202 vom 14. Februar 1888) ist wohl auch 
als ein Kettenstuhl zu bezeichnen, denn sie enthält vor der mit Zungen- 
nadeln z (Fig. 15 und 16 Taf. 1) versehenen beweglichen Nadelbarre a 
die Kettenmaschine c mit den Lochnadeln n. Diese Maschine c schwingt 
um ihre Mittelachse, so dafs ihre Lochnadeln unter und über den Zungen- 
nadeln liegen können, sie wird auch mit ihrem Lagerträger in ihrer 
Länosrichtung; verschoben und kann somit ihre Fäden über die Zuugen- 
nadeln z legen. Vor dem Abschlagkamme m der letzteren werden 
Fadenführer v hin und her bewegt, welche Schufsfäden s in verschiedener 
Anzahl und Weite quer in die Waare w einlegen. Die vorgehenden 
Nadeln z gelangen über diese Schufsfäden und halten dann, wenn sie 
neue Maschen gebildet haben, die ersteren durch die entstandenen 
Platinenmaschen fest. Während die Nadeln z vorrücken, fallen ihre 
Maschen nach rückwärts über die Zungen hinab, und damit hierdurch 
die Zungen nicht wieder nach vorn springen und die Haken schliefsen, 
so ist eine Lochschiene u angebracht, durch deren OetTnungen die Nadeln z 
treten und an deren Kante die vorspringenden Zungen anschlagen und 
sich wieder zurücklegen. Die entstehende Waare ist Schufskettenfilet, 
wie Fig. 17 in einer Ausführungsform zeigt; die Maschenstäbchen w^ 
von je einem Faden immer auf derselben Zungennadel hergestellte 
Maschen, halten die verschiedenartig geführten Schufsfäden s fest zu- 
sammen. 



6 Ueber Neuerungen an Wiikei'eimaschinen. 

Die Ertindungeu an Kundwirkstühleu beschränken sich auf zwei 
Neuenumen von Willtehn HeidiUnann in Stuttgart: deren erste betrifft 
einen französischen liuncltvirksluhl mit sleligein \]'aarenabzuge ("'D. R. P. 
Nr. 45 238 vom 20. Mai 1888), wie er in Fig. 19, 20 und 21 Taf. 2 
skizzirt ist. Es ist nothwendig, die Waare xo mit gewisser Spannung 
von den Nadehi n abzuzieiien, weil sie sonst durch die Elasticität dei' 
Fadenlagen in den obersten Reihen leicht so hoch empor gehoben wird, 
dafs die letzten, eben von den Nadeln abgeschlagenen alten Maschen 
wieder auf die Nadeln aufspringen. Man hat deshalb gewöhnlich eine 
kreisrunde Scheibe innen in die Waare eingebunden, welche mit der 
Waare herabsinkt und von Zeit zu Zeit empor gehoben und frisch ein- 
gebunden werden niufs. Zur Vermeidung dieser Arbeit ist im vor- 
liegenden Stuhle die Gewichtsscheibe durch eine Anzahl einzelner Ge- 
wichtshebel cab ersetzt worden, welche radial liegend an einem von 
der Nadelscheibe «, getragenen Ringe f hängen und in deren äufsere 
Rinne die Waare w auch durch ein Band h eingebunden ist. An einer 
Stelle des Umfanges werden die inneren Hebelenden c durch ein l^eil- 
förmiges Stück e niedergedrückt und an derselben Stelle wird die 
Schnur /<, wie Fig. 20 zeigt, durch vier Leitrollen von der Waare und 
den äufseren Hebelenden b abgelenkt und (Fig. 21) schräg nach oben 
geführt, um so viel wie jeder Hebel bei b sich hebt, wenn er von <- 
bei c gesenkt wird. An dieser Stelle ist also der Hebel nicht mit der 
Waare verbunden, er hebt sich empor und tritt alsbald wieder in die 
höher liegende Schnur ein, welche die Waare nun auch an einer höher 
gelesenen Stelle an ihn herandrückt. Während der weiteren Drehung 
sinkt nun jeder Hebel wieder herab und bildet somit ein stetig wirkendes 
Waarengewicht, welches selbsthätig die Waare von Neuen» erfafst und 
herabzieht, so dafs sie dann lose in den Waarenkorb k fällt. Die Trag- 
stange l des letzteren ist eine Röhre und in ihr reicht eine Stange /> 
von dem Handhebel o hinauf bis zu dem von Armen / getragenen Ringe r, 
mit welchem man sämmtliche Gewichtshebel a empordrücken, also die 
Waare entlasten kann, wenn das wegen etwaiger Reparaturen, Auf- 
stofsen von Masehen u. s. w. nöthig wird. Nach der für verschiedene 
Waaren etwa erforderlichen verschiedenen Spannung müfste man freilich 
auch das Gewicht der Hebel /> verändern, aber es wird das wohl 
ebenso selten vorkommen, wie man jetzt das Gewicht der Abzugsscheibe 
verändert. 

Der weitere französisc/ie Jiunüwiikstuhl mit selbsthäiiger Waaren- 
xvätjunfj von WUhdm JJeiilelmunn in Stuttgart (''D. R. P. Nr. 46 539 vom 
1. September 1.S88) ist in Fig. 22 und 23 Taf. 2 gezeichnet. Die in 
der Verlängerung der Rundstuiiluchse liegende Welle b ist nicht direkt 
fest mit dem Waarenkcjrbe a verbunden, sondern geht bei x lose durch 
seinen Roden hindurch. Es sind aber die vier Ringe f fest an der 
Welle b imd xon ihnen reichen Führungs-Geleukstücke eg bis an die 



Ueber Neuerungen an Wirkereimaschinen. 7 

Säulen A, welche im Boden des Waarenkorbes a befestigt sind. Hier- 
mit wird eine Geradführung des letzteren erreicht und vermieden, dafs 
der Korb a, wenn er durch die zugeführte Waare belastet wird und 
sinkt, sich einseitig senkt und an b festklemmt. Es hängt nun weiter 
der Waarenkorb mit den Federn c an dem oberen Ringe f der Welle b 
und er trägt eine kleine Querwelle Ä, welche innen mit einem Zahn- 
rädchen / in die ebenfalls an f festhängende Zahnstange m eingreift, 
aufsen aber eine getheilte Kreisscheibe q trägt. Sinkt also der Korb o 
durch vermehrten Zugang von Waare, so dreht sich / an m und durch A- 
wird die Scheibe q gedi-eht, an deren Theilung ein Zeiger i das Ge- 
wicht der im Korbe liegenden Waare angibt. Die Scheibe q ist nach 
der Spannung der Federn c durch Einlegen bekannter Gewichte ein- 
getheilt worden. Man kann also jederzeit während der Arbeit das 
Waarengewicht bei i ablesen und das mag deshalb nützlich erscheinen, 
weil für das Arbeiten von Stoffstücken am Rundstuhle vielfach der 
Lohn nach dem Gewichte des Garnes oder der Waare berechnet wird. 

Die Lamb^sche Strickmaschine hat wiederum Gelegenheit zu mehr- 
fachen Verbesserungen nach verschiedenen Richtungen hin gegeben und 
€s ist da zunächst die Lamb^sche Strickmaschine für Waaren mit ver- 
setztem Muster von August Strudel in Reutlingen (* D. R. P. Nr, 45 778 
vom 30. März 1888) zu nennen. Die sogen, versetzte oder verschobene 
Rechts- und Rechtswaare entsteht in der Weise, dafs zwei Nadelreihen ie 
und i[ e^ (Fig. 24 und 25 Taf. 2) nicht immer in derselben gegenseitigen 
Lage zu einander belassen werden, sondern dafs z. B. in einer Reihe 
irgend eine Nadel 2 nach Fig. 24 ihre Masche zwischen den Gegen- 
Nadeln b und c, in der nächsten Reihe aber nach Fig. 25 zwischen den 
Gegen-Nadeln o und b herstellt. Zur Erreichung solcher Versetzungen 
hat man bisher entweder das eine Nadelbett gegen das andere seitlich 
verschoben, oder, um gröfsere Abwechselung zu erreichen, ein Nadel- 
bett in einzelne Theile, je mit wenig Nadeln, getheilt und diese Theile 
in verchiedener Weise seitlich verschoben. Nach der vorliegenden Ein- 
richtung sollen jedoch die Nadelbetten ruhig liegen bleiben und nur die 
einzelnen Nadeln nach Bedarf aus ihrer geraden Lage abgebogen werden. 
Deshalb sind die Führungsrinnen in den Nadelbetten kurz, die Nadeln 
liegen oben auf ein langes Stück frei und werden dort von Klammern 
einzelner Schienen aba^b^ erfafst. Diese Schienen sind mit der Hand 
direkt oder unter Vermittelung einer Schieberplatte C zu verschieben, 
sie nehmen dann die einzelnen Nadeln, während dieselben noch unten 
in der Einschliefsstellung liegen, mit fort und bringen sie in schiefe 
Lagen, so dafs sie beim Emporsteigen sich gegenseitig in anderer Weise 
kreuzen, als wenn sie geradeliegend sich heben, wie Fig. 25 gegen 
Fig. 24 zeigt. 

Lamb^sche Strickmaschine für plattirte Waaren von Claes und Flentje 
in Mühlhausen in Thüringen (•'•'D. R. P. Nr. 46199 vom 4. Oktober 1887). 



8 Ueber Neuerungen an VVirkereimaschinen. 

In plattirten Waaren wird jede Masche aus zwei Fäden derart gebildet, 
dals einer den anderen überdeckt und nur der erstere auf der Waaren- 
vorderseite sichtbar oben aufliegt. In den gewöhnlichen Wirkstühlen 
werden diese beiden Fäden so hinter einander auf die Nadeln gelegt, 
dafs der Platlirungsfaden der hinterste ist, also am weitesten nach dem 
Stuhle hin liegt, denn die Waare hängt so an den Nadeln, dafs sie ihre 
Vorderseite nach dem Stuhle hin wendet, es kommt also dann der eben 
genannte Faden auf die Waarenvorderseite. In einer Strickmaschine 
ist zu gleichem Zwecke erförderUch, dafs der Plattirungsfaden f.^^ (Fig. 26 
Taf. 2) am weites-ten nach unten auf die Nadeln n gelegt wird, und dazu 
ist wieder nöthig, dafs er in der Ausschubrichtung dem anderen Faden /", 
voranläuft. Es ist deshalb der Fadenführer u mit zwei Bohrungen ver- 
sehen (Fig. 28), deren jede einen Faden führt, und er liegt drehbar in 
einem Lager /, damit er am Ende eines Hubes um 1800 gedreht werden 
kann und auch nach der entgegengesetzten Schubrichtung hin der 
Faden f^ wieder voran geht. Zum Zwecke dieser Drehung trägt die 
Welle des Führers v oben ein Zahnrädchen fc, in welches eine ver- 
schiebbare Zahnstange z greift. Diese Zahnstange stöfst kurz vor Be- 
endigung des Schlittenhubes auf jeder Maschinenseite au einen Riegel r 
(Fig. 27 und 28j, verschiebt sich an demselben und wendet den Faden- 
führer r. Die Federn Cj c^ halten die Zahnstange in den Einschnitten e. f.> 
fest und vermeiden die willkürliche Verstellung, und die Stifte rf, d<i 
begrenzen den Weg ihrer Verschiebung. Da in Ränderwaaren der 
Plattirungsfaden auf der Stuhl- und Maschinenseite oben aufliegt, so 
erhält man durch solch stetes Wenden des Führers eine Waare, die 
auf beiden Seiten ein und dieselbe Farbe zeigt und eine andere Farbe 
nur in den Platinenmaschen versteckt liegend enthält. Wenn man die 
seitlichen Riegel r entfernt und den Fadenführer v um 90^ wendet, 
also so fest stellt, dafs die beiden Fäden /", f^ nicht hinter, sondern neben 
einander über die Nadelreihe gelegt werden, so erhält die eine Waaren- 
seite im Wesentlichen das Aussehen des Fadens /"j und die andere das- 
jenige von fi , und wenn man endlich nur einen der Seitenriegel r in 
Thätigkeit läfst, so dafs der Führer immer in der Stellung Fig. 28 ver- 
bleibt, so plattirt nach rechts hin der Faden f-i und nach links hin 
derjenige /", und die Reihen erhalten abwechselnd die eine und die 
andere Farbe. 

Da das Plattiren von Fäden verschiedener Farben niemals Sicher- 
heit gewährt, die Fäden vielmehr leicht von einander abgleiten und der 
unten liegende nach oben hin mit sichtbar wird, also die Waare mehr 
ein melirtes Aussehen erhält, so wird mehr vorgezogen, in Fäden von 
verschiedenen Materialien und gleicher Farbe zu plattiren. 

In der von Perssun ülsson in Stockhohn gebauten iLam^'schen Strick- 
maschine (*D. R. P. Nr. 46013 vom 4. März 1888) ist nur die Feder neu, 
welche unten am Nadelbette unter jeder Zungennadel angebracht ist, 



lieber Neuerungen an Wirkei'eimaschinen. 9 

um deren jeweilige Lage zu sichern. Gewöhnlich sind solche Federn 
an Strickmaschinen nur in der Ausführung vorhanden, dafs sie klammern- 
förmig das Nadelbett umfassen und nur durch Reibung an demselben 
in einer bestimmten Stellung erhalten werden, in welcher sie dann selbst 
wieder die an sie stofsenden Zungennadeln erhalten; sie werden aber 
sehr leicht matt und gewähren dann nicht mehr die nöthige Sicherheit 
als Stützfedern. Die neue Einrichtung (Fig. 29 und 30 Taf. 2) zeigt da- 
gegen die Federn o mit einer Spiralwindung, um ihre Elasticität zu er- 
höhen, und ferner mit einer Hakenform am inneren Ende, mit welchem 
sie in eine Rinne o des Nadelbettes eingreifen. Der Fufs b der Zungen- 
nadel hat nun eine solche Gestalt erhalten, dafs die immer fest liegende 
Feder ihn entweder so wie in Fig. 29 oder wie in Fig. 30 stützt und da- 
mit die Nadel entweder in der Arbeitslage oder ausgerückt bis unter 
die Arbeitsstellung (Fig. 29) festhält. Es können auch zwei Federn, 
welche neben einander liegen, aus einem Stücke Draht hergestellt 
werden, sie haben dann ihre Verbindung an der Stelle a und treffen 
mit den beiden freien Enden die Zungennadeln b. 

Die Sirickmaschine für Waaren mit verschiedener Länge der Maschen- 
reihen von Lambert Herlitschka in Böhmisch-Kamnitz ("D. R.P. Nr. 46385 
vom 29. December 1887) ist in der dargestellten Ausführung nicht eigent- 
lich eine Strick-, sondern mehr allgemein eine flache Wirkmaschine zu 
nennen, weil es sich ja doch empfiehlt, mit dem Namen „Strickmaschinen" 
nur diejenigen Wirkmaschinen zu bezeichnen, welche sowohl die Maschen- 
bildung als auch namentlich die Vollendung der Waaren als fertige Ge- 
brauchsgegenstände nach Art des Handstrickens vornehmen. Die vor- 
liegende Maschine enthält aber eine gei-ade gestreckte Nadelreihe und 
arbeitet an derselben flache Waarenstücke; die Neuheit in ihr ist die 
Art der Herstellung von verschieden langen oder breiten Maschenreihen. 
Von den Maschinen, welche gleichem Zwecke dienen, unterscheidet sie 
sich durch die Form der Nadelfüfse, welche Fig. 31 Taf. 2 zeigt. Diese 
Füfse enthalten einzelne Stufen, reichen mit denselben über das Nadel- 
bett hinaus und werden durch Anschlagen eines Jacquardprismas im 
Nadelbette verschieden weit vorwärts getrieben, je nachdem die Jacquai'd- 
karten an den Stellen, mit denen sie die Nadeln treffen, gar nicht odei- 
in verschiedener Gröfse durchlocht sind, so dafs sie die Nadeln ent- 
weder schon bei / anstofsen und sehr weit fortschieben, oder erst bei 2 
oder 5 treffen und nun weniger weit verschieben, oder gänzlich in der 
untersten Stellung liegen lassen. Das Jacquardprisma bewirkt also an 
Stelle des Mitteldreieckes eines Schlosses das Heben der Nadeln in die 
Arbeits- oder Fangstellung oder läfst sie in der Einschliefs- oder Ab- 
schlagstellung und das Schlofs besteht nur aus einem Dreiecke zum 
Herab- oder Hereinziehen der Nadeln behufs des Abschlagens. Man 
kann somit ein kurzes oder längeres Stück der Nadelreihe zur Arbeit 
einer Maschenreihe einrücken und folglich diese Maschenreihen verschieden 



10 Kick, über Bestimmung der Härte. 

lang auf einander arbeiten lassen. Die hierdurch entstehende Waare 
enthält an verschiedenen Stellen ihrer Breite verschiedene Länge und 
um sie stetig von den Nadeln abzuziehen, hat man in der Maschinen- 
breite eine Anzahl Gewichtshebel angebracht, deren hintere Enden von 
Excentern zeitweilig ausgehoben werden, worauf beim Verlassen des 
Excenters die vorderen mit Spitzen oder Zähnchen besetzten Enden in 
die- Waare einfallen und dieselbe herabziehen. 

Lanj//sche Strickmaschine zur Herstellung einer doppelßächigen^ stellen- 
ueise erhabenen Slrickwaare von G. F. Grofser in Markersdorf bei Burg- 
städt in Sachsen ("D. K.P. Nr. 47129 vom 18. Juli 1888). Der Zweck 
der vorliegenden Neuerung ist die Herstellung einer Rechts- und Rechts- 
waare, welche an verschiedenen Stellen verschiedenartige Fadenverbin- 
dung hat, z. B. im Allgemeinen aus gewöhnlicher Ränderwaare besteht, 
an einzelnen Stellen aber Perlfangwaare, vielleicht mit besonders grol'sen 
Perlmaschen enthält, so dafs an diesen Stellen die breiter bauende Perl- 
waare in der übrigen Waarenebene nicht Platz findet, sondern auf- 
staut, wie dies z. B. für die Corsetts mit Zwickeln erforderlich ist. Man 
erhält diese verschiedenen Waaren dadurch, dafs man die Nadeln der 
einen Maschinenseite durch ein gewöhnliches Schlofs, diejenigen der 
anderen Seite aber, welche länger sind als die erstereu und zwei Arbeits- 
füfse tragen, durch zwei Schlösser bewegen läfst und durch ein Jacquard- 
prisma an ihren unteren Enden so abbiegt, dafs einzelne von ihnen zur 
Maschenbildung und andere zur Doppelmaschenbildung gelangen. Jede 
Maschenreihe kann hierdurch an verschiedenen Stellen verschiedene 
Fadenverbindunsen erhalten. Prof. Willkomm. 



Bestimmung der Härte; von Prof. Friedr. Kick. 

Ais vorläuligt' Mittheilung sei als Resultat mannigfacher Versuche 
die Behauptung aufgestellt, dafs die Härte der Materialien durch den 
Ahscherungswiderstand für die Flächeneinheit ziffermäfsig ausgedrückt werden 
knnn^ wenn dieser Widerstand so ermittelt wird, dafs eine Inanspruch- 
nahme des Materiales auf Biegung ausgeschlossen ist. 

Bei den gewöhnliehen Scheren, selbst bei jenen, deren Scher- 
backen vollkommen dicht an einander streifen, ist dies nicht der Fall; 
wird aber das abzuscherende Material allseits umschlossen und sind die 
Scherbacken durch Schabarbeit ähnlich den Whilworth'Hchtü Richtplatten 
exakt hergestellt, so gelingt eine reine Abscherung, und dann erhält 
man für den Ahscherungswiderstand ziffermäfsige Werthe, welche pro- 
portional der Härte sind. Ist dies richtig, so müssen zwei ihrer Natur 
nach ganz verschiedene Körper, welche sich gegenseitig nicht ritzen 
lassen, also nahezu gleich hart sind, auch gleichen Ahscherungswider- 
stand aufweisen. Schellack und Zinn lassen sich bei sewöhnlicher Tem- 



Keuere Hammerconstructionen. 



11 



peratur von etwa 20 bis 250 C. nicht gegenseitig ritzen. Scharfe Kanten 
jedes dieser Materialien stumpfen sich an glatten Flächen des anderen 
ab, ohne Ritze hervorzubringen. Bei diesen Temperaturen mufs auch 
der Abscherungswiderstand derselbe sein, ich fand etwa 2\1 auf den 
Quadratmillimeter für Schellack und für Zinn. Sehr schwierig ist es, 
das Material, wenn es ein spröder Körper ist, allseits so dicht zu um- 
schliefsen, dafs die reine Abscherung erhalten wird, aber es ist möglich. 
Prag, den 18. Juni 1889. 



Neuere Hammerconstructionen. 



Mit Abbildungen. 



Glossofs Schmiedehammer mit Kraflbetrieb und Luftivirkung. 



Die Eigenthümlichkeit dieses in 
Fig. 1 dargestellten Hammers liegt 
in der bequemen Regelung der Schlag- 
stärke und Hubgröfse. Derselbe be- 
steht aus dem mit einer Kolbenstange 
veroundenen und im Hammergestelle 
geführten Hämmerbar, dessen Kolben 
im Luftcylinder 234>"m Weg frei hat, 
während der durch das Kurbeltrieb- 
werk in Hubbewegung versetzte 
Luftcylinder blofs 130^^ Hub erhält, 
so dafs im günstigsten Falle der 
Hammerbär einen Gesammthub von 
234 -f 130 = 364mm erreichen kann. 
(D. R. P. Nr. 44407 vom 22. Januar 
1888.) 

Nach The 
Engineer^ 1888 
Bd. 66 S. 79, 
sind am oberen 



Kie 1. 



Fig. 2. 





Theile des Luftcylinders zwei Luftsaugveutile und 
an dessen Vorderseite zwei Druckregelungsventile 
angeordnet. Dieses in Fig. 2 zur Ansicht gebrachte 
Luftdruckventil besitzt einen kleinen Kolben D, 
M'elcher mittels einer gewundenen Drahtfeder nicht 
nur das Ventil C belastet, sondern auch die im 
Ventilgehäuse A vorgesehenen Austrittsöffnungen E 
verengt oder verschliefst, je nachdem dieser Kol- 
ben D seitens der stellbaren Keilvorrichtung (Text- 
lig. 1) mehr oder weni2;er zurückaestellt wird. 



12 



Neuere Hammerconstructionen. 



Die in der Büchse B geführte Kolbenstange D gleitet während der 
Cyiinderltewegung an der Vorderfläche des angestellten Keilstückes. 

Die Wirkungsweise dieses Hammers ist in Kürze folgende: Je nach 
der Höhe des Werkstückes steht der Hammerkolben annähernd in der 
Mitte des Luftcjünders in dessen Tiefstellung. Im Aufgange des Luft- 
cy linders wird die eingeschlossene Luft unter dem Kolben verdichtet, 
demnach der Hammer gehoben, welcher je nach Malsgabe der ein- 
tretenden Luftverdichtung über dem Kolben bis an den oberen Cylinder- 
deckel ansteigen kann. Im Niederhube des Luftcylinders wirkt das 
obere Luftpolster beschleunigend auf den fallenden Hammer ein, wäh- 
rend eine Luftverdünnung durch die früher erwähnten Saugventile ver- 
hindert wird. 



Hackney's Krafthammer mit Luftpujfer. 
Um die Schlagstärke während des Betriebes zu regeln, wird mittels 
eines Hebelwerkes eine Platte parallel zur Hammerführung angestellt. 
Dadurch kann die Eröffnung eines an der Cylinderrückwand angeord- 
neten Luftausströmungsventiles, dessen Ventilstift an dieser Stellplatte 
gleitet, ganz oder theilweise verhindert werden, wodurch die oberhalb 



Fip. 3. 



Fig. 4 




Neuere Hammerconstructioiien. 



13 



Pia. 5. 



des Hammerkolbeus verdichtete Luft als treibende Kraft mehr oder 
"weniger wirksam wird. 

Nach American Machinist ^ 1888 Bd. 11 Nr. 36 ■"" S. 1, befinden sich 
in der Vorderwand des durch eine Triebkurbel bewegten Luftcylinders 
zwei Luftansaugeventile, um die unvermeidlichen Luftverluste in den 
beiden Cylinderräumen zu ersetzen. Der an die Kolbenstange des Luft- 
cylinders befestigte Hammerbär ist in der Cylinderführung geleitet, deren 
Schienen von beiden Seiten stellbar sind. Die Kolbenstangenstopfbüchse 
ist luftdicht hergestellt, während der Steuerungstritt als eine Schlinge 
rings um den Ambofsfufs ausgebildet ist, damit die Hammersteuerung 
von allen Seiten bequem ermöglicht sei (Fig. 3 und 4). 

Massex/ s Gesenk- Dampfhammer. 
Bei diesem einfach wirkenden Dampfhammer (Fig. 5) wird das 
Heben des Hammerbärs mit Dampf be- 
werkstelligt, wobei der Bär durch den 
unter dem Kolben befindlichen Dampf 
so lange in der Hochstellung gehalten 
wird, bis durch Umsteuerung das Ueber- 
strömen in den Cylinderraum über dem 
Kolben der Fall eingeleitet wird. Eine 
auf die durchgehende Kolbenstange 
wirkende gewundene Blattfeder mildert 
den Stofs im Auf hübe, begrenzt den 
Hub und beschleunigt den .Fall. Die 
Hammerführung wird durch zwei zwi- 
schen dem Dampfcylinder und der 
Ambofsplatte mittels durchgehender 
Schrauben eingespannte Röhren ge- 
bildet, während die Gegendruckfeder 
an einem Querbügel sich stützt. Das 
Ausheben der Bodeugesenke erfolgt 
rasch mittels eines Tritthebels, wäh- 
rend das Hammergesenk durch einen 
Seitenkeil sehalten wird. 



Massey's Blechhammer mit Dampfbetrieb. 
Dieser kleine mit Selbstbetrieb ein- 
gerichtete Dampfhammer (Fig. 6) wird 
freihängend an irgend einem Querbalken 
in passender Höhe aufgeschraubt, wäh- 
rend das über eine Querstange ge- 
schobene oder gelegte Werkstück der Hammerwirkung ausgesetzt wird. 
Dieser Dampfhammer leistet in Kessel- oder Kupferschmieden für 




u 



Neuere Haauuerouustruclionen. 



Blecharbeiten gewils gute Dienste. Die vorstehenden Massey'schen Häm- 
mer entnehmen wir aus Uhland's Technische Rundschau^ 1888 Nr. 8 S. 61. 

Fic. f.. t'iS- 7- 




Ainsworllis Fallhammer. 
Die bei den gewöhnlichen Fallhämmern auftretenden Abnützungen 
der hölzernen Hammerschiene oder der Abmachung der gufseisernen 
Grithvalzen, welche todten und unregelmäfsigen Gang der Hammer- 
bewegung im Gefolge haben, soll durch eine geeignete Wahl des 
Schienen- bezieh. Rollenmaferiales möglichst beseitigt werden. 

Nach American Machinist ^ 1888 Bd. 11 Nr. 8 S. 1, ist bei diesem 
Fallhammer (Fig. 7) die Hammerschiene aus Stahl gefertigt, während 
die Griffrollen aus geprefstem Papier bestehen. Die Hammerschiene 
ist mittels Beilagen aus Gummi oder Kork in 
den Hammerbär eingeklemmt, wodurch die Rück- 
wirkung der Schläge auf die Hammerschiene 
Licmildert wird. 

Das aus zwei Riemensciiwungscheiben, einer 
l'estgelagerten Rollenwelle und einem Zahnräder- 
paare zusammengesetzte Triebwerk (Fig. 8) be- 
thütigt die im excentrischen Hebellager laufende 
zweite Klemmrolle, während durch Verdrehung 




Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 15 

des Hebellagers mittels dex- herabreichenden Stange sowohl der Betrieb 
eingeleitet, als auch die Hubhöhe begrenzt wird. 

E. Hammesfahr in Solingen betreibt einen Fallhammer mit Wickel- 
riemen nach D. R. P. KL 49 Nr. 44326 vom 10. Juli 1887 mittels 
Reibungsrollen. Der Umfang der treibenden Reibungsrolle ist auf der 
Strecke 1, 2 zurückgesetzt, dadurch wird die Welle mit der Wickelrolle 
frei, der am Riemen hängende Hammerbär fällt, wird aber sofort ge- 
hoben, sobald die Stelle 2 der treibenden Rollen an die Rolle gelangt. 

Beim Fallhammer von M. Hasse in Berlin (vgl. 1879 234 """364 und 
D. R. P. Nr. 2685 vom 12. April 1878} ist die Hammerschiene nach 
oben zu allmählich verstärkt, dadurch wird es bei einer entsprechenden 
Verstellung der Reibungstriebrollen möglich, den Hammer in beliebiger 
Höhe nicht nur schwebend zu erhalten, sondern auch denselben der 
Rollenstellung gemäfs in bestimmter Höhe aufzufangen, so dafs die 
volle Schlagstärke nur dann eintritt, wenn die Triebrollen in die Ent- 
fernung, welche der dicksten Stelle der Hammerschiene entspricht, 
gebracht werden. 

Um ein Spalten und eine all zu rasche Abnützung der Hammer- 
schiene zu vermeiden, ist dieselbe aus drei Brettern zusammengeleimt 
und mit harten Holzstiften verbunden, die Faserlage aber so gewählt, 
dafs sich deren Richtungen möglichst unter spitzen Winkeln kreuzen. 
Das Mittelbrett ist aus Rüstern-, die Aufseubretter sind aus Weifsbuchen- 
holz gefertigt. Pr. 



Von der Deutschen Allgemeinen Ausstellung für Unfall- 
verhütung in Berlin 1889. 

Das Interesse für die Unfallverhütung in gewerblichen Anlagen, für 
den Schutz der Arbeiter gegen die ihn bei Ausübung seines Berufes 
bedrohenden Gefahren ist keineswegs so neuen Datums, wie meist an- 
genommen wird. Die anscheinend ersten durchgreifenden und heute 
noch mafsgebenden Schritte unternahm im J. 1867 die Gesellschaft zur 
Verhütung von Fabrikunfällen zu Mülhausen im Elsafs^ welche vom rein 
philantropischen Standpunkte für ihren Wirkungskreis den Schutz der 
Arbeiter ausübte und in ihrem Leiter Engel- Dollfufs den Ausspruch 
predigte, dafs die Industrie sich nicht genügen lassen dürfe, dem Arbeiter 
nur den Lohn zu zahlen und ihn damit als abgefunden zu betrachten. 

Diese Gesellschaft, deren segensreiches Wirken durch die ötfent- 
lichen Blätter weiteren Kreisen bekannt wurde, hat trotz aller Be- 
mühungen über den Mülhauser Bezirk hinaus keine Schule gemacht; 
sie wurde seitens unserer Industrie gewissermafsen mit Verwunderung 
darüber angestaunt, dafs sich praktische Leute mit solchen gar nicht 
durchführbaren Ideen abgeben könnten. Selbst die Einführung des Haft- 



16 Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 

))tlichtgesetzes vom 7. Juui 1871 in Deutschland hatte lauge Zeit nicht 
deu Erfolg, Schutzvorrichtungen in Fabriken einzuführen, vielmehr 
herrschte und herrscht sogar noch immer die Ansicht, dafs ein wirk- 
samer Schutz für die meisten Maschinen gar nicht geschaffen werden 
k<"»nne, dafs sogar die Gefahr für den Arbeiter nach Anbringung von 
Schutzvorrichtungen um so gröfser werde, als dem Arbeiter im Hin- 
blicke auf die Schutzvorrichtung das Bewufstsein für die Gefahr der 
Maschine verloren gehe und er dadurch nur leichtsinniger in der Be- 
dienung der Maschine werde. 

Das Streben der Gewerberäthe und Fabrikeninspektoren, welche 
mit dem Jahre 1874 ihre öffentliche Thätigkeit begannen, i-ichtete sich 
in erster Linie auf Einführung gröfserer Betriebssicherheit in den ge- 
werblichen Anlagen. Man hat aber nur die Jahresberichte dieser Be- 
amten zu Studiren, um herauszufinden, wie noch jetzt das Verständnifs 
für den Werth von Schutzvorrichtungen oft vollständig mangelt, und 
zwar sowohl bei den Arbeitgebern wie bei den Arbeitnehmern, welch 
letztere in der Schutzvorrichtung mehr oder weniger nur ein Arbeits- 
hindernifs erblicken und den einzigen sicheren Schutz gegen Beschädi- 
gung durch die Maschine in der Erkenutnifs der Gefahr, Verständnifs 
für die Eigenart der Maschine und in der eigenen Geschicklichkeit bei der 
Bedienung suchen. 

Trotz der geringen Beachtung, welche das Streben nach Unfall- 
verhütung im Allgemeinen fand, wurde doch schon — Mahrscheinlich 
nur in Anerkennung der Mülhauser Bestrebungen — auf der internationalen 
Ausstellung für Hygiene und Rettuugswesen in Brüssel vom Jahre 1876 
laut dem aufgestellten Programme eine besondere Abtheilung für die 
Zwecke der Unfallverhütung und des Arbeiterschutzes unter der Be- 
zeichnung: Hygiene moyens pre'ventifs et sauvetoge applifjue's ä l Industrie 
geschaflen. Diese Klasse bot nur wenige einschlägliche Gegenstände, 
welche geeignet gewesen wären, den Nutzen der Schutzvorkehrungen 
zu beweisen. Diese Ausstellung fand deshalb keinerlei Beachtung und 
verlief völlig ohne Ein\\irkung. 

Ein zweiter Versuch wurde gelegentlich der Düsseldorfer Gewerbe- 
Ausstellung im J. 1880 vom ISiederrheinischen Vereine für öffentliche Ge- 
xund/ieitupßege unternommen. Aber auch dieser Versuch hatte rück- 
sichllich der gar zu mangelhaften und ungeeigneten Vorführung von 
Schutzmitteln keinerlei Erfolge. 

Das Jahr 1882 bot in London eine Ausstellung beschränkten Um- 
fanges für Apjtarate und Einrichtungen zum Schutze von Menschenleben, 
bei welcher der gewerbliche Betrieb eine geringe, unbedeutende Ver- 
tretung gefunden hatte. 

Den ersten einigermafsen erfolgreichen Versuch, das Wesen der 
Schutzvorrichtungen im industriellen Betriebe zu beweisen und gröfseren 
Kreisen versiiindlieli zu maehon. unternahm die wohl noch in vieler 



Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 17 

Erinnerung stehende Berliner Hygiene- Ausstellung des Jahres 1882 — 83. 
Hier fand die Unfallverhütung bereits eine stattliche, bisher jedenfalls 
noch nicht erreichte Vertretung- hier konnten zum ersten Male wirkliche 
Schutzvorkehrungen für den Arbeiter gezeigt und ihre praktische Brauch- 
barkeit verständlich bewiesen werden. 

Im nächsten Jahre 1883 bot endlich die schweizerische Landesaus- 
stellung in Zürich eine nicht unbedeutende Sammlung von Schutzmitteln 
für den Fabrikbetrieb. 

Die in den letzteren Jahren vielfach abgehaltenen kleinereu Gewerbe- 
Ausstellungen fanden sich veranlafst, dem „Zuge der Zeif*' nachzugeben 
und in ihre Programme stets eine Gruppe für Schutzvorrichtungen und 
Oewerbe-Hygiene aufzunehmen. Es kann aber nicht gesagt werden, 
dafs damit etwas hervorragend Nützliches für die praktische Einführung 
von Schutzmitteln geleistet worden wäre. 

Die ganze Frage des Arbeiterschutzes hat erst Bedeutung für Deutsch- 
land in Folge des am 1. Oktober 1885 in Kraft getretenen ünfallver- 
sicherungsgesetzes erlangt, in dessen Ausübung seitens der Genossen- 
schaften auf strenge Durchführung des Arbeiterschutzes gesehen wird, 
um durch Verminderung der Unfälle die Kosten der Unfallentschädigungen 
herabzusetzen. Nur dem Zwange, welchen die Berufsgenossenschaften 
■durch die ihrerseits erlassenen Unfallverhütungsvorschriften ausüben, 
ist es zuzuschreiben, dafs sich einerseits die Praxis für Anwendung der 
ünfallverhütungsmafsregeln zugängig zeigt und andererseits der Erfin- 
dung neuer und zweckmäfsiger Formen des Arbeiterschutzes Vorschub 
geleistet wird. 

Der Erlafs der Unfallverhütungsvorschriften seitens der Berufsge- 
nossenschaften setzte die Industrie zu einem grofsen Theile in nicht 
geringe Verlegenheit, weil eben keinerlei Vorstellungen über das Wesen 
und die Form eines wirksamen Schutzes der gefahrbringenden Arbeits- 
theile, Maschinenelemeute u. s. w, bisher verbreitet war. Wort und 
Schrift konnten nicht genügen, um geeigneten Begriffen Bahn zu brechen, 
so dafs sich in erster Linie das Reichsversicherungsamt entschlofs, eine 
Sammlung von Unfallverhütungsmafsnahmen zu veranstalten und in 
einem ständigen Museum zu vereinigen. Eine gleiche ständige Aus- 
stellung besitzt das k. k. österreichisch-ungarische Handelsministerium 
in Wien. 

Eine solche Sammlung ist aber namentlich im jetzigen Zustande 
keineswegs geeignet, Belehrung über die so mannigfach unterschiedliche 
Anwendung der Schutzmittel zu bieten, andererseits liegen im Bereiche 
der Wirksamkeit jeder Berufsgenosseuschaft besonders geartete Gefahren, 
deren Erkennung und Verhütung deshalb nur hier möglich wird. Unter 
-diesem Gesichtspunkte machte sich in den Kreisen der Berufsgenos sen- 
sehaften die Neigung stark bemerkbar, besondere Unfallverhütungsaus- 
stellungen für den Rahmen der Thätigkeit der einzelnen Berufsgenossen- 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 1. 18891II. 2 



18 Deutsche Allgemeine Ausstellung für Uniallverhütung in Berlin. 

schiften zu veranstalten, um den Berufsgenossen ein anschauliches und 
namentlich geschlosseues Bild der Unfallverhütung in den einzelnen 
indu.striellen Betrieben zu bieten. 

Einen thatsächlichen Anfang hiermit machte zuerst die Norddeutsche 
Holz-Berufsgenossenschaft mit der Veranstaltung einer Ausstellung für 
Schutzvorrichtungen an Holzbearbeitungsmaschinen in Köln. Es folgte 
im März des Jahres 1887 eine in Chemnitz vom sächsischen Müller- 
verbande veranstaltete Ausstellung von Müllereifahrstühlen aus den Ge- 
sichtspunkten der Unfallverhütung und im Sommer desselben Jahres das 
Project einer im J. 1889 in Berlin zu veranstaltenden Ausstellung von 
Apparaten und Einrichtungen zur Verhütung von Unfällen im Brauge- 
werbe. Dieses letztere Project sollte indessen für sich allein nicht zur 
Ausführung gelangen, weil dasselbe bereits im Oktober 1887 in dem 
gröfseren Plane der alle Gewerbe umfassenden nunmehrigen Deutschen 
Allgemeinen Ausstellung für Unfallverhütung aufging. 

Naturgemäfs können die Sonderausstellungen einzelner Gewerbe 
auch nur ein Sonderinteresse haben, so dafs es als ein sehr glücklicher 
Gedanke bezeichnet werden mufste, als es hiefs, dafs an Stelle der Aus- 
stellung der Brauereiberufsgenossenschaft eine grol'se allgemeine Aus- 
stellung für Berlin 1889 geplant werde. Es würde zu weit führen, den Ent- 
wickelungsgang des Gedankens einer solchen allgemeinen Ausstellung 
hier wiederzugeben. Es sei deshalb nur kurz mitgetheilt, dafs das von 
Prof. Delbrück-BerVm aufgestellte Programm einer Brauereiausstellung 
seitens der Brauereiberufsgenossenschaft bereits weit verwirklicht war, 
als auf Anregung des Kegierungsraths lieichel vom Keichsversicherungs- 
amte der Plan zu der allgemeinen, alle Gewerbe einschliefsenden Ausstel- 
lung gefafst wurde, welche in dem seiner Zeit für die Zwecke der Berliner 
Hygieneausstellung 1883 gebauten Ausstellungsgebäude jetzt stattfindet. 

Die Ausstellung, wie sie am 30. April d. J. durch den Kaiser er- 
öffnet wurde, hat ihren Stoff in 22 Gruppen vertheilt, zu denen etwa 
1100 Aussteller beigetragen haben. Da das aufgestellte Programm ein 
gutes Bild gibt, in welcher Form und Gestaltung die Ausstellung ge- 
dacht war, so sei dasselbe hier abgekürzt wiedergegeben. 

AhlhelUiiKj A. Schul zmafgnahmen von gemeinsamem Interesse für die 
cersicherlen Betriebe. 

Gruppe 1. Verhütung von Unfällen an bewegten Maschinentheilen 
im Allgemeinen: Schutzvorrichtungen an Transmissionswellen, Zahn- 
rädern, Riemenzügen u. s. w. 1) Sc/iulzcorrichlunf/en an Wellen. Stehende 
und liegende Wellen — oder „Modelle, Zeichnungen und Photographien '•'• 
von Wellen und Wellenleitungen — mit zweckmäfsigen Umwehrungen 
zum Schulze der Arbeiter, Umliiillung, Versenkung, Vermeidung vor- 
stehender Keile und Schrauben bei Welleneinrichtungen (Kup])elungen) 
und bei der Befestigung von Maschinentheilen (Kiemenscheiben, Zahn- 



Deutsche Allgemeine Ausstellung lür ünl'allverhütung in Berlin. 19 

rädern, Stellringen u. s. \v.) auf Wellen. Gegenüberstellung gefährlicher 
Kuppelungen mit vorstehenden Theilen und von Kuppelungen mit Um- 
hüllungen oder mit neueren constructiven Verbesserungen vom Stand- 
punkte der Unfallverhütung. 2) Schutzvorrichtungen an Zahnrädern. 
Zahnradgetriebe an Transmissionen und Arbeitsmaschinen mit zweck- 
mäfsigen Umhüllungen (Kapseln, Gitter, Schutzschirme aller Art), ins- 
besondere unter Berücksichtigung der Wahrung einer leichten Zugäng- 
lichkeit bei Rädern, welche öfters ausgewechselt oder geschmiert werden 
müssen, und der Wiedergewinnung umhergeschleuderten Schmiermaterials. 
Anordnungen, bei welchen durch Verlegung der Räder eine Gefahr für 
die Arbeiter durch Construction von Hause aus vermieden wird. 3) Schutz- 
vorrichtungen beim Rieinenbetriebe. Riemenscheiben, welche aus den Ge- 
sichtspunkten der Unfallverhütung Interesse bieten : Vermeidung von 
Lücken im Rande des Kranzes bei Scheiben, welche aus zwei oder 
mehreren Theilen zusammengesetzt sind ^ Vollscheiben 5 schmiedeeiserne 
und Wellblechscheiben u. a. m.; Riemen Verbindungen (Riemenschlösser) 
ohne vorstehende Theile. Zugehörige Werkzeuge. Gegenüberstellung 
gefährlicher und ungefährlicher Riemenverbindungen. Vorkehrung zur 
Verhütung des Abgleitens der Riemen von der Scheibe. Riemenscheiben 
mit Rand oder mit Wulst in der Mitte; eiserne Dollen neben den 
Scheiben 5 Verwendung von Spannrollen; Anwendung von Riemen, vi^elche 
sich nicht dehnen in feuchten Räumen, u. a. m. Vorrichtungen an 
Riemenzügen zur Verhütung gefährlicher Berührung, sowie zum Schutze 
gegen schlagende, abfallende oder zerreissende Riemen (Umwehrungen, 
Schutzrinnen, Faugbäume u. a, m.). Vorrichtungen zur Aufnahme ab- 
geworfener Riemen und zum Auf- und Abwerfen von Riemen: Riemen- 
haken, -gabeln, -träger; getingerte Staugen; Riemenstangen und Riemen- 
träger zusammen wirkend und mechanische Riemeuaufleger jeder Art. 
4) Die gleichen Gesichtspunkte (J bis 5) in ihrer Anwendung auf Achsen 
und Maschinenspindeln — auf Zahnstangengetriebe — auf Seil-, Ketten- 
uud Schnurtriebe auf Schwungräder und umlaufende, pendelnde, stofsende 
Maschiuentheile überhaupt. (48 Aussteller.) 

Gruppe 2. Ausrück-, Brems- und Schmiervorrictitungen u. a. m. 
1) Ausrück- und Bremsvorrichtungen. Losscheiben (Leerscheiben, todte 
Scheiben) und Ausrückgabeln an Transmissionen und Arbeitsmaschinen, 
Reibungsantriebe für Arbeitsmaschinen und lösbare Kuppelungen (ins- 
besondere neuere Systeme von Reibungs- und Centrifugal-Kuppeluugen. 
Vorkehrungen zur Verhütung selbsthätigen Einrückens: Losscheiben mit 
kleinerem Durchmesser als die Riemenscheibe; Absonderung der Los- 
scheibe (Anbringung auf besonderen festen Hülsen u. a. m.); Feststellung 
der Riemengabeln und bezieh, der Ausrückhebel an Kuppelungen durch 
Schrauben oder mittels Einkerbungen, Stiften, Haken, Federn. Verbin- 
dung der Ausrückvorrichtungen mit Bremsvorrichtungen. Vorkehrungen, 
welche dem Arbeiter bei Gefahr (z, B. beim Erfassen der Hände durch 



20 Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 

Wakenpaare) das Ausrücken „ohne Gebrauch der Hände" gestatten 
(Trittbretter, gespannte Schnüre u. a. m.). Einrichtungen, welche das 
Abstellen gröfserer Arbeitsmaschinen oder von Transmissionen von ver- 
schiedenen Stellen bezieh, von entfernten Punkten aus ermöglichen. 
2) Sc/imiervurrichtungen. Verbesserte Oelkannen, welche zufolge ihrer 
Einrichtung ein Vergiefsen von Schmiermaterial (und damit Schlüpfrig- 
werdeu des Bodens) verhüten oder sonst eine Verminderung der Gefahr 
für den Arbeiter herbeiführen; Anbringung auf Stangen zur gefahrlosen 
Erreichung hochliegender Lager u. s. w. Selbsthätige Schmiervorrich- 
tungen aller Art für flüssiges und consistentes Schmiermaterial zum Ge- 
brauche bei festen und schwingenden Lagern, bei Losscheiben u. s. w. 
Selbstschmierende Lagerfutterungen. 3) Stangenbürsten und ähnliche Ge- 
räthe zur Verminderung der Gefahr beim Einfetten von Zahnrädern, beim 
Auftragen von Kiemeuschmiere, beim Putzen (Abschmirgeln) von Wellen, 
Kuppelungen, Riemenscheiben, Walzen und anderen bewegten Maschinen- 
theilen mehr. 4) Leitern mit besonderen Vorrichtungen (z. B. oben mit 
Haken oder unten mit Spitzen und bezieh. Gummiüberzügeu), Laufbretter, 
Gallerieu, Handgritfe und sonstige Geräthe und Vorkehrungen, welche 
durch Schaffung eines festen Standortes die Gefahr für den Arbeiter 
beim Schmieren, Putzen, Ausbessern und bei sonstigen Verrichtungen 
an Transmissionen und bewegten Maschinentheilen vermindern. 5) Dienst- 
vorschriften (Anweisungen) für Transmissionswärter und für die Arbeit 
an Maschinen im Allgemeinen. 6) Vorführung ganzer Transmissions- 
anlagen mit musterhafter Ausrüstung vom Standpunkte der Unfallver- 
hütung. (57 Aussteller.) 

Gruppe 3. Schutzmafsnahmen beim Betriebe von FahrstüMen, 
Aufzügen, Erahnen und Hebezeugen. Umwehrung der Fahrstuhl- und 
Aufzugölfnungen. Selbsthätige Abschlüsse. Korbdächer zum Schutze 
gegen herabfallende Gegenstände. Vorrichtung zur Feststellung der 
Aufzugsschale beim Beladen und Abladen. Antrieb-, Abstell- und 
Bremsvorrichtungen. Fangvorrichtungen. Signalsysteme zur Anzeige der 
Bewegung des Fahrstuhles. Signaltafeln, Warnungstafeln. Betriebsan- 
weisungen. Hydraulische und pneumatische Aufzüge. Elevatoren. Krahne 
aller Art. Sicherheitskurbeln und -winden. Sicherheitsketteu , Seile, 
Gurte ii. a. m. Vorführung ganzer Fahrstuhleinrichtungeu. (55 Aus- 
steller.) 

Gruppe 4. Schutzmafsnahmen an Motoren. 1) Dampfmaschinen. 
Umwehrung des Schwungrades, der Kurbel, der durchgehenden Kolben- 
stangen bei liegenden Cjlinderu, der conischen Rädergetriebe an den 
Regulatoren, der Regulatoren selbst (bei tiefer Lage der Schwuugkugeln), 
des Hauptriemens oder Hauptzahnradgetriebes, der Wellenverbindung bei 
do]>pelten oder zusammenwirkenden Maschinen, der vorstehenden Wellen- 
köpfe und der sonstigen bewegten Theile. Vorrichtungen zur gefahr- 
losen Erreichung hochliegender Theile der Maschine (Laufbretter, Gallerien 



Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 21 

u. s. w.). Selbsthätige Schmiervomchtungen an den Kurbelzapfen und 
Kveuzkopflagern, den Excentern u. s. w. Vorkehrungen zum gefahrlosen 
Andrehen des Schwungrades (Hebelvorkehrungen, Klinkwerke, Reibungs- 
antriebe), sowie zum Bremsen und zum sicheren Feststellen bei Aus- 
führung von Ausbesserungen. Mittheilungen über das Zerspringen von 
Schwungrädern. Bezügliche constructive Schutzvorrichtungen und Be- 
triebsanweisungen. Absperrventile, welche ein zuverlässiges und schnelles 
Stillsetzen der Maschine ermöglichen. Signalsysteme zum Z^'ecke der 
Verständigung zwischen Dampfmaschine und Arbeitsraum und umgekehrt 
beim Anlassen der Maschine und bei Unfällen an Arbeitsmaschinen. 
Vorkehrungen zum jederzeitigen direkten Abstellen der Dampfmaschine 
von den Arbeitsräumen aus (einfache Drahtzüge, Anwendung elektrischer 
und pneumatischer Einrichtungen). Dienstanweisungen für Dampfma- 
schinenwärter. Schulen zur Ausbildung von Maschinisten. Vorführung 
ganzer Dampfmotorenanlagen, welche nach Construction der Maschine, 
baulicher Einrichtung des Maschinenraumes und Ausrüstung im Einzelnen 
allen Anforderungen der Unfallverhütung Genüge leisten. Sinngemäfse 
Anwendung der vorstehenden und von sonstigen einschlägigen Gesichts- 
punkten (z. B. Fürsorge für Dichthaltung der Schützzeuge bei Wasser- 
motoren, der Rohrleitungen bei Gasmotoren u. a. m.) auf: 2) Turbinen 
und Wasserräder-^ 3) GajATa/"f- (Petroleum-, Benzin-) imd Beifshiflmotoren-^ 
4) Elektrische u. 5) Thieri&clie Motoren (Rofs-, Göpelwerke). (78 Aussteller.) 
Gruppe 5. Schutzmafsnahmen beim Betriebe von Dampfkesseln 
und sonstigen Apparaten unter Druck. 1) Dampfkessel (Dampfentwickler). 
Ausrüstuugsgegenstände für die Sicherheit : Wasserstandsanzeiger, Schutz- 
hülsen für Wasserstandsgläser, Vorkehrungen zum selbsthätigen Ab- 
schlüsse von Dampf und Wasser beim Bruche der Gläser, Manometer, 
Sicherheitsventile, selbsthätige Speisevorrichtungen, selbsthätige Appa- 
rate zur Löschung des Kesselfeuers bei Gefahr, Sicherheitsapparate mit 
Signal- und Alarm Vorrichtungen zur x4nzeige zu niedrigen Wasser- 
standes, zu hoher Dampfspannung u. dgl. m. Vorkehrungen zur Reini- 
gung des Speisewassers. Verpackung der Dampfleitungen. Mafsnahmen 
zu sicherer Absperrung benachbarter Kessel von einander und sonstige 
Vorsichtsmafsregeln bei Reinigung der Kessel. Kesselsteinbildungen. 
Theile explodirter Kessel. Kesselbaumaterial. Prüfung desselben. Kessel- 
systeme. Bauliche Einrichtung von Kesselhäusern. Kesselrevisionswesen. 
Dienstvorschriften für Kesselwärter. Heizerschulen. Vorführung ganzer 
Kesselanlagen von musterhafter Ausrüstung. 2) Dampf- ^ Koch- xind 
Trockenapparate und sonstige Apparate unter Druck (von Dämpfen, Gasen, 
Luft und Flüssigkeiten) von mehr als 1^^. Ausrüstungsgegenstände für 
die Sicherheit: Druckverminderungs-Entluftungsventile u.a.m. Revisions- 
wesen. Vorführung ganzer Kochapparate u. s. w., so weit sie zu all- 
gemeinerem Gebrauche in verschiedenen Gewerbszweigen bestimmt sind. 
(74 Aussteller.) 



22 Deutsclie Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 

Gruppe 6. Vorbeugungsmittel gegen und Rettungsmittel bei Feuers- 
gefahr in versicherten Betrieben. 1) Feuersir/ierc Bamomtruclion im 
Allgemeinen (Anlage und Material von Zwischenmauern und -decken, 
Dachdeckung, Feuerlluiren u. a. m.)- Sichere Lagerung von Vorräthen 
und Abfällen. Mafsnahmen gegen Selb.stentzündung von Materialien. 
Unverbrennbare Vorhänge zur Verhütung der Weiterverbreitung den 
Feuers in Arbeitsräumen. Feuersichere Imprägnirung von Holztheilen, 
Stoffen und Arbeitsräumen. Asbest und seine Verwendung für die Feuer- 
sicherheit. Vorsichtsmal'sregeln bei der Heizung: Apparate zum gefahr- 
losen Kochen von Lack, Pech und anderen feuergefährlichen Stoffen 
u. a. m. Funkenfänger. Blitzableiteranlagen. 2) Apparate^ welche zu 
hohe Temperaturen in Trnckenräumen und den Aufbruch von Feuer anzeigen. 
Selbsthätige Löscheinrichtungen. Hydranten, Systeme von Rohrleitungen, 
Verwendung des Kesseldampfes zum Löschen. Benutzung der vorhan- 
denen Triebwerke zum Betriebe von Löschvorkehrungen. Wasser- 
behälter, Löscheimer, Hand-, Dam])f-, Gasspritzen, Extinkteure, Löscli- 
bomben. 3) Featf und bewegliche Uettungsleilern. Sprungnetze und -tücher, 
Rettungssäcke, -seile u. a. m. Organisation von Betriebsfeuerwehren; 
Ausrüstung der Lösch- und Rettungsmannschaft; Darstellung der Räume 
und Einrichtungen zur Bereithaltung der Lösch- und Rettungsgeräthe: 
Verhaltungsvorschriften. (95 Aussteller.) 

Grup|)e 7. Fürsorge für gute Beleuchtung und Verhütung von 
Unfällen durch die Beleuchtungseinrichtungen. Apparate und Gegen- 
stände aller Art, welche zur Beleuchtung geschlossener Arbeitsräume 
und von Arbeitsstätten im Freien dienen, Lampen, Laternen u. s. w. 
Einrichtungen zur Erleuchtung feuer- oder explosionsgefährlicher Räume 
von aufsen. Sicherheitslampen und -laternen. Sicherbeitsfeuerzeuge. 
Elektrische Gasanzünder. Anwendung von Leuchtfarben. Sicherheits- 
behälter für Betriebsanlagen zur Aufnahme gröfserer Vorräthe an Erdöl 
und Brennöl. A])i)arate zu gefahrloser und reinlicher Entnahme kleinerer 
Oelmengen aus den Behältern (Kleinausgabe für den Tagesbedarf). Ein- 
richtungen zu gefahrloser Selbsterzeugung von Leuchtgas (aus Kohlen, 
Oel und Abfällen). Elektrische Beleuchtungsanlagen für Betriebe, ins- 
besondere aus dem Gesichtsi)unkte der Verwerthung vorhandener Be- 
Iriebskräfte. Organisation des Beleuchtungswesens in Betriebsanlagen: 
Vorschriften über das Füllen, Anzünden und Auslöschen von Oel- 
lampen, — über die Behandlung von Gasleitungen, über das Verhalten 
bei drohender Gasexplosion, — ülier die Wartung elektrischer Licht- 
maschinen und Leitungen u. a. m. (35 Aussteller.) 

Gruppe H. Verhütung von Unfällen durch giftige und ätzende 
Stoffe, durch schädliche Gase und Verschiedenes. (190 Aussteller). 

Grup])e 1). Persönliche Ausrüstung der Arbeiter. Arbeitskleider, 
geeignet zum Gebrauche für Transmissionswärter, sowie für Arbeiter 
und Arbeiterinnen an Maschinen überhaupt. Schutzbrillen und Gesichts- 



Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 23 

niasken aller Art zum Schutze gegen absplitternde Stücke Aon Arbeits- 
materialien. Respiratoreu aller Art zum Schutze gegen Staub und Gase 
bei der Arbeit. Eingehende Mittheilungen über die Erfahrungen, welche 
insbesondere mit den verschiedenen Systemen von Schutzbrillen und 
Respiratoren in den versicherten Betrieben gemacht worden sind, zur 
Erzielung eines Ausscheidens des wirklich Brauchbaren aus dem Werth- 
loseu. (61 Aussteller.) 

Gruppe 10. Fürsorge für Verletzte. Anleitungen zur ersten Hilfe- 
leistung bei Unfällen, zum Gebrauche für das Personal in versicherten 
Betrieben. Geeignetes Verbandmaterial, Verbandkästen. Tragbahren, 
Tragkörhe, Transportwagen u. dgl. m. Einrichtung von Verbandzimmern 
(Krankenstuben) in Betriebsanlagen. Einrichtungen von Arbeiter-Kranken- 
und Invalidenhäusern. Künstliche Glied mafsen für Verstümmelte, sowie 
mechanische Vorrichtungen zur Unterstützung Verstümmelter bei leichteren 
Arbeiten (z. B. Uhrwerke, welche einen künstlichen Arm selbsthätig 
gewisse Arbeitsbewegungen ausführen lassen. Mittheilung von Beschäfti- 
gung von Invaliden bei der Arbeit). (73 Aussteller.) 

Abtheitung ß. 

Schutzmafsnahmen, vorwiegend von Interesse für einzelne Gewerbe- 
zweige oder i'ür Gruppen von Gewerbezweigen. 

Es sind hier die folgenden Gesichtspunkte ins Auge zu fassen: 

Arbeitsmaschinen der einzelnen Gewerbe — oder „Modelle, Zeich- 
nungen und Photographien*' von Arbeitsmaschinen — mit musterhafter 
Ausrüstung: Umfriedigung bewegter Theile, zweckmäfsige Ausrück- 
uud Schmiervorrichtungen; Vorkehrungen gegen das Ausspringen um- 
laufender Werkzeuge: Vorrichtungen (an den Maschinen) zum Schutze 
der Arbeiter gegen absplitternde Theile der Arbeitsstücke und fortge- 
schleuderte Materialien, gegen Staub, der bei der Arbeit der Maschine 
sich entwickelt, gegen schädliche Dämpfe u. s. w.; selbsthätige Zufüh- 
rungsvorrichtungen, sowie Maschinen und maschinelle Vorrichtungen aller 
Art, welche an Stelle des Arbeiters gefährliche Arbeit verrichten (z. B. 
selbsthätige Einführung von Stoffen und Materialien in Stampf-, Knet- und 
Walzwerke; Ersatz der Handarbeit an Laugebottichen durch selbsthätige 
Rühr- und Schöpfwerke u. a. m.). Gegenüberstellung von Maschinen (oder 
Abbildungen von Maschinen) „mit''- und „ohne" Schutzvorrichtungen. 

Apparate unter Druck und sonstige Apparate, welche den einzelnen 
Gewerben eigenthümlieh sind, mit musterhafter Ausrüscung vom Stand- 
punkte der Unfallverhütung und des Arbeiterschutzes überhaupt. 

Schutzmafsnahmen an Ofenanlagen und Feuerungen, an Bassins und 
Vertiefungen, gegen stürzende Gegenstände, bei der Behandlung explo- 
siver, feuergefährlicher, ätzender Stoffe und sonstige Vorkehrungen 
aller Art zum Schutze von Leben und Gesundheit bei der Arbeit in 
den einzelnen Gewerben, je nach der Eigenart derselben. 



24 Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 

Bezügliche Dienstvorschriften^ Warnungsplakate, Anweisungen. 

Darstellung ganzer Betriehsanlagen oder Betriebsabtheilungen vod 
musterhafter Gesammtanlage (Modelle, Pläne, Photographien, Beschrei- 
bungen). Situation. Bauliehe Anlage (Baumaterial, Bauart). Zweck- 
mäfsige Gesammtdisposition der Arbeitsstätten und Betriebseinrichtungen 
aus den Gesichtspunkten der Unfallverhütung: Lage des Kesselhauses,, 
Aufstellung der Motoren und Transmissionen, Gruppiruug der Arbeits- 
maschinen und Betriebsapparate, Lage der Treppen, der Aufzugsvor- 
richtungen, der Vorrathsräume und Lagerplätze, der Schienenwege, An- 
schlufsgeleise, der Wasserkanäle u. s. w. — Beleuchtung, Heizung, 
Lüftung, Wohlfahrtseinrichtungen für die Arbeiter. 

Entwürfe von Musteranlagen für die einzelnen Gewerbe. 
Anwendung in den nachfolgenden Gruppen: 

Gruppe 11. Metallindustrie. (58 Aussteller.) 

Gruj)pe 12. Holzindustrie. (70 Aussteller.) 

Gruppe 18. Textilindustrie. (60 Aussteller.) 

Gruppe 14. Papier-, Leder- und polygraphische Industrie. (29 Aus- 
steller.) 

Gruppe 15. Industrie der Nahrungs- und Genufsniittel. (77 Aus- 
steller.) 

Gruppe 16. Chemische, Glas- und keramische Industrie. (41 Aus- 
steller.) 

Gruppe 17. Bergbau- und Steinbruchsindustrie. (62 Aussteller.) 

Gruppe 18. Baugewerbe. (35 Aussteller.) 

Gruppe 19. Verkehrsgewerbe (Verkehr zu Lande). (76 Aussteller.) 

Gruppe 20. Verkehrsgewerbe (Verkehr zu Wasser). (33 Aussteller.) 

Gruppe 21. Land- und Forstwirthschaft. (17 Aussteller.) 

Gruppe 22. Literatur und Bibliothek. 

Gehen wir nun auf eine Betrachtung der Ausstellung selbst ein, 
so müssen wir zunächst sagen, dafs sie weder eine Ausstellung für Un- 
fallverhütung, noch eine Industrie-Ausstellung ist, dafs sie vielmehr nur 
ein unvollständiges Bild vom Stande einzelner Gewerbszweige unter 
Berücksichtigung mancher der zum Schutze der Arbeiter getroffenen 
bezieh, zu treffenden Mafsregeln bietet. 

Sollte das Unternehmen die Bezeichnung ,,Unfallverhütungs-Aus- 
stellung''^ mit Recht verdienen, so müfste doch ganz gewifs auch der 
Begriff einer Unfallverhütung für den gewerblichen Arbeiter mehr in 
den Vordergrund geschoben, schärfer betont worden sein, als dies that- 
sächlich geschehen ist. Wer die Ausstellung ernst und ohne Voreinge- 
nommenheit ])riift, mufs sehen, kann nicht überblicken, dafs eine gi'ofse 
Zahl der Unfall verhütungsmafsregeln eben nur als nothwendiges Bei- 
werk sich ausweist, um die Vorführung der bezüglichen Maschine ao 
diesem Orte zu erklären. Man erkennt leicht in vielen Fällen, dafs 



Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin. 25 

üicht die Maschine der zu erläuternden Schutzvorrichtung halber zur 
Ausstellung gelangte, sondern dafs der Fabrikant der Maschine eine 
Schutzvorkehrung oft sehr nothdürftiger Art beigab, nur um die Aus- 
stellung der Maschine auf einer den grofsen Namen „Unfallverhütungs- 
Ausstelluug'' führenden Veranstaltung zu rechtfertigen. Augenfällig 
wird gar oft, wie sehr die Schutzvorrichtungen als Nebending ange- 
sehen sind und wie oft sie au die dem Beschauer zu zeigende Maschine 
angeflickt wurden. 

Ganz besonders haben wir hier die Behandlung einiger Triebwerke 
und namentlich vieler Kraftmaschinen im Sinne. 

Der unbedingteste Freund einer Ausstellung, wie sie hier vor uns 
liegt, wird die einfache ümfriedigung einer Kraftmaschine mit einer 
Schnur oder einer etwa 1°° hoch an senkrechten Pfosten gestützten 
Stange als Schutzvorrichtung, in einem Sinne, wie sie dem Programme 
der Ausstellung entspricht, kaum vertheidigen wollen. Ganz gewifs 
bietet eine Absperrung durch ein Geländer oder ein Gitter auch einen 
Schutz gegen Unfälle, aber nicht in dem hier zur Anschauung zu 
bringenden Sinne gegen Unfälle des die Maschine bedienenden Arbeiters. 
Wenn für eine Kraftmaschine eine Leiter zur Erklimmung der Cylinder 
behufs Besichtigung der Ventile u. s. w. nothwendig wird , so darf ein 
einfaches Geländer für diese Leiter nicht als einzige Schutzvorrichtung 
leuchtend roth bezeichnet sein. Oder soll der Beschauer wirklich zu 
dem Glauben veraulafst werden, dafs die Ausstellung von Kraftmaschinen 
nothwendig war, um zu zeigen, wie eine Leiter bei Benutzung eines 
Geländers leichter und sicherer zu besteigen ist, und dafs ein Geländer, 
welches die Maschine gegen jede Annäherung abschliefst, auch Unfälle 
durch deren Gangwerk verhindert?! Was haben das Poetsch'sehe Ge- 
frierwerk, was das Theater, die Vorstellungen des Tauchers, die Kugel- 
mühlen hier zu erläutern? Was nutzt hier die Ausstellung von Panzer- 
schiffen und Torpedobooten?! Gerade weil die Mehrzahl der als 
Uufallschutzmittel bezeichneten Dinge durch rothen Anstrich ausge- 
zeichnet sind , fällt deren häufige Nebensächlichkeit und Unbedeuten- 
heit am meisten auf. Oder soll man an den Eisenbahnwagen die Hand- 
griffe, welche das Besteigen der Wagenabtheilungen (Coupee) überhaupt 
er.st ermöglichen, als Schutzmittel gegen Unfälle wirklich ansehen?! 

Es ist unbestreitbar, dafs noch niemals ein Programm voll und ganz 
Erfüllung gefunden hat: bei einem Unternehmen, welches unter der 
Empfehlung des Reichsversicherungsamtes beschlossen wurde, durfte 
aber der Grundzug des Programms nicht in so erheblicher Form abge- 
ändert werden, wie es hier geschehen ist. Wenn es dem geschäfts- 
führenden Ausschusse nicht gelang, eine hinreichend stattliche Ziffer 
von Ausstellern zusammenzubringen, welche sich verpflichteten, das Aus- 
stellungsprogramm völlig zu erfüllen, so hätte der Wertk der Ausstel- 
lung darunter in den Augen des Fachmannes nicht verloren, die Aus- 



2t) ÜL'iusche Allgeiueiiie Ausstellung lur Unl'aUveihiiluug in Utilni. 

Stellung hätte aber dann ihrem Namen wenigstens entsprochen und die 
Strenge des Ausschusses wäre verdientermafsen anerkannt. Nun hat 
sieh der Ausschufs aber zu allen möglichen Cnncessionen herbeigelassen, 
so dal's sowohl die allgemeine Industrie, ohne Rücksicht auf die allein 
zur augenfälligen Darstellung zu bringende Unfallverhütung, als auch 
das Interesse des grofsen Publikums, welches nur zur Befriedigung seiner 
Schaulust ein häutiger Besucher eines Ausstellungsunternehmens wird, 
einen ganz unbegründeten und unzulässigen grofsen Eintlufs gewonnen 
haben. 

Einerseits sieht man, wie die Vorführung eigentlicher Arbeiter- 
schutzmafsnahmen völlig zurücktritt hinter der Schaustellung grofsartiger 
Industrieleistungen, andererseits staunt man über die Kühnheit, mit 
welcher Schaustellungen wie das Theater, der Taucher, die Schocoladeu- 
fabrik und Ausstellungsstücke wie Betten, zusammenlegbare Möbel u.s.w. 
in den Rahmen des Programms eingezwängt werden konnten. So kommt 
es, dafs sehr oft das wirklich Beachtenswürdige und Bemerkenswerthe 
der Ausstellung in einem gar nicht hierher gehörigen Wust gewöhn- 
licher Massenartikel oder Schaustücke verloren geht. 

Gehen wir auf die Gegenstände der Ausstellung ein, so bleiben als 
hervorragende Punkte der allgemeinen Beachtung werth in erster Linie 
die Ausstellung der Gesellschaft zur Verhütung von Betriebsunfällen in 
Mülhausen im Elsafs, die Ausstellung der Augsburger Textilindustriellen, 
sowie die Sammlung der österreichischen Abtheilung. 

Während eine grofse Zahl der im Betriebe ausgestellten Schutz- 
mafsnahmen den offenbaren Eindruck hervorbringt, nur als Beweis für 
die Zulässigkeit der geschützten Maschine zur Ausstellung zu dienen, 
findet man hier bei diesen Sonderausstellungen in wohlthuendster Form 
ausschliefslich zum Ausdruck gebracht, was geschützt werden mufs und 
wie geschützt werden kann. Hier war es wirklich nur darum zu thun, 
durch Herbeiziehung von Maschinen zur Ausstellung das Wesen der 
Schutzvorrichtungen klar zur Anschauung zu bringen und allgemeiner 
verständlich zu machen. 

Für eine grofse Zahl unserer Fabrikanten von Arbeitsmaschinen 
wird dieser Standpunkt aber erst dann erreichbar sein, wenn sie es 
aufgeben, die Schutzvorrichtungen noch immer als ,,Specialität" zu be- 
handeln und erst nach FertigsteUung der Maschine „auf Wunsch^' des 
Bestellers anzuflicken. Eine Schutzvorrichtung kann aber nur wirklich 
gut sein, wenn ihre Anordnung und Anpassung bereits beim Entwürfe 
der zu schützenden Maschine berücksichtigt worden ist. Zu diesem 
Slandpimkte wird aber hoffentlich die Industrie im eigensten Interesse 
bald kommen. Dann erst wird der Begriff' des Arbeiterschulzes richtig 
verstanden sein, wenn der entwerfende Constructeur immer und stets 
auf die richtige und glückliche Anordnung der Schutzvorkehrungen Rück- 
sicht nimmt. Es wird nicht geleugnet werden können, dafs vielfache 



Sandwell's elektrischer Eisenbahnwagen. 27 

Schutzmafsnahmeu bereits durch entsprechende Lage der bezüghchen 
Masehinentheile im Gestelle geschaffen werden, dafs aber jedenfalls alle 
Schutzmittel besser stehen und nicht so hindern, wenn sie im Entwürfe 
vorgesehen waren. (Fortsetzung folgt.) 



Sandweirs elektrischer Eisenbahnwagen mit Beiwagen 
für die Speicherbatterien. 

Um namentlich den Uebergang von dem Betriebe mit Pferden bei 
Strafsenbahnen in Städten (vgl. Ward^ Omnibus^ 1889 272 335) zum 
Betriebe mittels Elektricität zu erleichtern, bringt W. D. Sandwell^ 
Ingenieur der Victor Emjineering Works in Holloway, London, die Speicher- 
batterien auf einem besonderen, niedrigen Beiwagen oder Karreu au. 
Dadurch soll ein solcher Betriebswechsel mit möglichst wenig Aende- 
vungen an den Bahnen und den vorhandenen Wagen durchführbar ge- 
macht werden; zugleich läfst sich dann das Laden der Batterien in be- 
quemster Weise bewirken, und es leiden dieselben keinen Schaden 
durch das Einsetzen und Herausnehmen aus dem Wagen; auch werden 
die Anlagekosten geringer, da man nicht entweder grofse Speicher- 
batterien anschaffen mufs, oder — wie bei Anwendung besonderer elek- 
trischer Locomotiven — doppelte Motoren nebst Zubehör nöthig hat, 
ebenso wenig aber auch den Wagen zuzumuthen braucht, auch noch 
das schwere Gewicht der Speicherbatterien zu tragen. Mit einem solchen 
Wagen sind jüngst auf einer Strafsenbahn in Holloway (zwischen Hollo- 
way und Moorgate-Street) Versuche angestellt worden, wobei der Batterie- 
karren vor oder hinter dem den Motor und die üebertragung enthaltenden 
Personenwagen angehängt wurde. 

Sandiccll bringt aber nach dem Londoner Electrica! Engineer vom 
17. Mai 1889, •"'S. 390, ferner noch zwei Anker auf gemeinschaftlicher 
Welle an und lagert die Feldmagnete des Motors so auf einem Schlitten, 
dafs sie nach Bedarf auf den einen oder auf den anderen Anker wirken : 
dabei können entweder verschieden grofse Betriebskräfte beschafft werden, 
oder es wird der zweite Anker benutzt, sobald der erste beim Empor- 
fahren auf Steigungen sich erhitzt hat oder irgendwie Schaden leidet; 
letzteres hat Sandwell besonders im Auge. 

Der Batteriekarren läuft auf niedrigen Rädern, hat aber dieselbe 
Spurweite wie der Personenwagen; die Batterien stehen auf Bänken 
und bleiben beständig mit einander verbunden. Der Deckel läfst sich 
aufklappen, damit man die Batterien nachsehen kann; die Pole bilden 
biegsame Verbindungsstücke, die in geeigneter Entfernung an einem 
Griff'e befestigt sind, der sich in eine doppelte Federverbindung ein- 
zulegen vermag. Die Batterie besteht aus 68 Zellen der jüngsten Form 
der Electrical Power Storage Elemente für Züge: die nutzbare elektro- 



28 Sandwell's elektrischer Eisenbahnwagen. 

motorische Kraft während der Fahrt beträgt 130 Volt auf dem Wagen; 
das Leistungsvermögen der Batterie bezitiert sich auf 140 Ampere- 
Stunden. Die Zellen bleiben beständig auf dem Karren und sind daher 
so leicht zu behandeln, dal's ihre Lebensdauer beträchtlich gröfser ist. 
Dazu tritt eine merkliche Arbeitsersparnifs. Endlich fallen die Be- 
lästigungen der Fahrenden durch die Säuren weg und ein gelegent- 
liches Ausschnai)peu der Lösungen. 

Der von SandweU benutzte Personenwagen ist ein von der North 
Metropolitan Tramivmj Company geliehener Moorgate-Street-Strafsen- 
wagen. Es sind zur Uebertragung der Bewegung auf die Radachse zwei 
Zahnräderpaare vorhanden, so dafs man zwei verschiedene Fahrgeschwin- 
digkeiten erreichen kann. Von der Achse des Motors wird die Be- 
wegung mittels eines Kieniens auf eine Achse übertragen; auf letzterer 
sind aber zwei Riemenscheiben vorhanden, und es kann der Riemen 
auf die eine oder auf die andere Scheibe gelegt werden; diese Zwischen- 
achse ist nun eigentlich doppelt, indem die eine Scheibe und das eine 
Zahnrad auf einer massiven Achse sitzt, während die zweite Scheibe 
und das zweite Zahnrad auf eine die massive Achse röhrenartig um- 
gebende hohle Achse aufgesteckt ist. Die Umlegung des Riemens und 
dadurch die Umänderung der Geschwindigkeit kann sowohl von dem 
vorderen, wie von dem hinteren Wagentritt aus bewirkt werden; ebenso 
die elektrischen Umschaltungen, die Einschaltung der Widerstände und 
die Verschiebung der Feldmagnete; es wird dies durch geeignet ange- 
ordnete Hebel erreicht. 

Der Motor besitzt einen (rramme'schen Anker, die Feldmagnete 
aber haben dieselbe Anordnung, wie bei den ersten Siemens'schen 
Dynamomaschinen (vgl. 1875 217*260). Der Anker ist 0^,241 lang, 
hat 0f",305 Durchmesser und besitzt 580 Windungen aus 0"\0023 dickem 
Drahte. Bei Verschiebung der Feldmagnete von einem Anker zum 
anderen werden auch die Bürsten in der nöthigen Weise verschoben. 
Aufserdem können die Bürsten zum Zwecke der Umkehrung der Be- 
wegung verschoben werden. Zum Einschmieren des Räderwerkes be- 
nutzt SandwcU Vaseline und lindet, dafs dasselbe befriedigend und sauber 
wirkt, ohne dafs das Schmiermittel umherspritzt. 

Der dem Motor während der Fahrt zugeführte Strom hat 35 bis 
45 Ampere; auf ebener Strecke sind zum Anfahren ohne Ladung 20^ 
mit Ladung 30 Ampere erforderlich. Der Wagen fährt in seiner der- 
zeitigen Einrichtung Iteipiem mit gewöhnlicher Geschwindigkeit auf einer 
Steigung von 1:30 und kann, wenn nöthig, selbst eine von 1:20 er- 
steigen. Bei sehr steilen Steigungen sollen am Fufse derselben die 
Speicherbiitterien zurückgelassen und der Strom mittels einer der Länge 
der Steigung gleichen Leitung zugeführt werden. Die angestellten 
Messungen haben für den Motor im Mittel 7,8183 KP und 9,4604 elek- 
trische IP ergeben, also einen Wirkungsgrad von 85 Proe. Der Motor 



Zsigmondy, über die Löslichkeit der Sulfide im Glase. 29 

und das Räderwerk wiegen nahezu 750*^, der Wagen selbst 2750'^: die 
volle Ladung mit Personen kann zu 2600"^ angenommen werden. Batterie 
und Batteriekarren wiegen 20001^. Der Wagen läuft mit einem frisch 
geladenen Karren S9^^ weit^ der Karren soll für jeden Wagen täglich 
zweimal gewechselt werden. 

Die Kosten können nur angenähert angegeben werden, es kann 
aber angenommen werden, dafs die Umänderung des Wagens 500 M. 
kostet. Die Batterien kosten 2200 M., da für jeden Wagen wegen 
des Wechsels und der Ausbesserungen 2^J2 ^^^^ nöthig sind. Motor 
und Räderwerk kosten für jeden Wagen etwa 3600 M. Die Be- 
triebskosten berechnen sich so, dafs Linien mit 1:30 nicht über- 
steigenden Steigungen zum Satze von 37,5 Pf. befahren werden können, 
sofern die Steigungen 20 Proc. der Länge nicht übersteigen. Sandicelt 
hat seine Einrichtungen bisher nur für sich persönlich durchgeführt, da 
aber Geldmänner hinter ihm stehen, so werden sie jetzt in ihren Einzel- 
heiten vervollkommnet und bald auf schon bestehenden Strafseubahn- 
linien eingeführt werden. 



Die Löslichkeit der Sulfide im Glase (neue Farben) ; von 
Richard Zsigmondy. 

Die gelbe bis braungelbe Färbung, welche dem Glase ertheilt wird, 
wenn dem gewöhnlichen weifsen Glassatze verkohlende Substanzen, wie 
Weinstein, Zucker, Rinde, Borke zugesetzt werden, ist eine dem Prak- 
tiker seit langem bekannte Thatsache. Als man anfing, chemische 
Kenntnisse zur Erklärung der Erscheinungen der Glasindustrie zu ver- 
werthen, wurde diese Gelbfärbung mit ziemlich richtigem Blicke der 
Reduction von Sulfaten, die aus der Potasche stammen, zugeschrieben. 
Schon im J. 1839 theilte Splitgerber {Pogg. Bd. 47 S. 166, Bd. 95 S. 472) 
seine Beobachtungen darüber mit, und erklärt die Färbung durch Bil- 
dung von Alkalisulfiden, die mit dem Glase zusammenschmelzen: Ein 
durch organische Substanz gelb gefärbtes Glas wird durch 10 bis 
15 Minuten dauerndes, nicht bis zum Erweichen gesteigertes Rothglühen 
dunkelroth und endlich undurchsichtig. Durch stärkeres Erhitzen bis 
zum beginnenden Erweichen wird das Glas wieder durchsichtige diese 
Erscheinungen sollen darin ihre Erklärung finden, dafs die Schwefel- 
metalle analog dem freien Schwefel beim Erhitzen in die rothe und 
schwarze Modification übergehen. 

Direkte Beweise für die Löslichkeit von Schwefelalkalien im Glase 
finden sich mehrere in der Literatur (vgl. Pelouze^ Comp. 7'end.^ Nr. 60 
S. 985- Ann. Chim. Phys. [4] Bd. 6 S. 467: J. B. 1865 S. 802). Ferner 
Seleznew. Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft., Bd. 15 S. 1191). 



oO Zbigmundy, über die Luoiiclikeil der Sullide im ülase. 

Eiuraeli-Selnvefelalkalieü sollen das Glas intensiv loth, ins Braune, 
Mehrfach-Schwefelalkalieu schön roth färben. 

l'. thell fand, dals freier Schwefel geschmolzenes Glas, welches 
mehr Alkalien enthält, als der Formel 2H.^0, 5SiO., entsprechen, gelb 
färbt, dagegen ein kieselsäurereiclieres nicht, und schreibt daher dem 
neutralen Glase die obige Formel zu. 

Ohne mich in eine Discussion über diese interessanten, noch weiterer 
Untersuchung werthen Erscheinungen einzulassen, will ich gleich zu 
der Besprechung meiner eigenen Versuche übergehen. 

In einer vor etwa 2 Jahren verölf'entlichten Abhandlung ^ habe ich 
darauf aufmerksam gemacht, dafs Sullide der Schwermetalle und speciell 
das Schwefelcadmium unverändert vom geschmolzenen Glase gelöst 
werden. Es ist diese Thatsache nicht nur interessant vom Standpunkte 
des Glastechnikers, der dadurch in Stand gesetzt wird, eine Reihe neuer 
Farbstotl'e für Glas zu gewinnen, sondern auch von dem des Chemikers, 
da im Glase ein Lösungsmittel für einen Körper gefunden wurde, der 
bisher ohne Zersetzung nicht in Lösung gebracht werden konnte. 

Es wurde in der eben citirteu Abhandlung darauf aufmerksam 
gemacht, dafs die Farbe durch Oxydationsmittel verschwindet, dafs das 
Glas während des Abkühlens dieselben Farbenwandlungen durchmacht, 
wie das Cadmiumsullid; ferner auf die eigenthümliche Erscheinung des 
Zerfallens eines durch Schwefelcadmium gefärbten Glases in Tausende 
von kleinen Blättchen, eine Erscheinung, die durch das Bestreben des 
Cadmiumsultids erklärt wurde, noch während des Erkaltens aus dem 
ihm unbe(|uemen Lösungsmittel auszufallen, was im kalten Glase nicht 
ohne Aufhebung des Zusammenhanges möglich ist. Diesem Berichte wäre 
noch beizufügen, dafs bei allzuhoher Temperatur das Glas gispig wird, 
sich nicht gut läutern läfst, wahrscheinlich in Folge partieller Ver- 
flüchtigung von Schwefelcadmium aus dem Glase. Bei der Arbeit wird 
das Glas durch öfteres Erwärmen dunkler gelb. (Vgl. Büchner^ Chem. 
Zeitung Nr. HS. 1108.) 

Die oben beschriebenen Schwierigkeiten sind inzwischen voll- 
ständig überwunden worden, und das gelbe Glas wird auf einer öster- 
reichischen Hütte im Grofsen fabricirt. Auf der Wiener Jubiläums- 
Gewerbeausstellung war unter dem Namen Kaisergelb eine Reihe von 
Luxusgegenständen ausgestellt, mit CdS gefärbte Gläser, die sich durch 
ihre satt gelbe, feurige Farbe mit einem schwachen Stich ins Grünliche 
von den bräunlich-gelben Silbergläsern unterschieden, und von denen 
eine bedeutende Menge aus Oesterreich exportirt wird. 

Durch diese Erfolge ernmthigt, unternahm ich es in Gemeinschaft 
mit Herrn C. Hader ^ Chemiker aus Prag, eine Reihe von Versuchen 
über die Löslichkeit anderer Sullide im Glase anzustellen. 



1 JJeue Lichter und Farben aui' Glas 18b7 206 36ü. 



Zsigmondy, über die Löslichkeit der SiiHide im Glase. 31 

Zunächst wollten wir feststellen, in welcher Weise Glas sich gegen 
einen grofsen üeberschufs von Schwefelalkalimetallen verhält. Zu 
diesem Zwecke wurde folgender Satz geschmolzen: 

Nr. 1. Sand 130tig 

Soda 20 

Mehrfacli-Schwefelkalium ... 36 
Kalk 18 

Die angewendeten Materialien waren möglichst rein, eisenfrei, die 
Potasche 85 bis DOprocentig, die Soda nach dem Ammoniakprozesse 
gewonnen, der Kalk gebrannt und an der Luft zerfallen. Das Glas 
wurde in kleinen , etwa 2^ fassenden Thontiegeln von der Form der 
gewöhnlichen Hafen geschmolzen; sie wurden von den Arbeitern mit 
besonderer Geschicklichkeit mit Hilfe einer zweizinkigen Eisengabel 
gepackt, und auf die einander zugekehrten Randtheile zweier benach- 
barter Hafen in der Weise aufgestellt, dafs der kleine Tiegel förmlich 
die Brücke von einem Hafen zum anderen bildet. Unsere Versuche 
wurden mit laufenden Nummern versehen, die ich hier beibehalten 
will, und von denen viele hier nicht angeführt sind, theils weil sie zur 
Erledigung ganz specieller Fragen angestellt wurden, theils aber, weil 
die Resultate mancher von geringerem Interesse waren. 

Das Glas Nr. 1 wurde in 2 Stunden erschmolzen; es war schwarz, 
stark glänzend und spröde. Nach einigen Tagen zersprang der aus- 
gegossene Kuchen in mehrere Stücke ohne äufsere Veranlassung, viel- 
leicht deshalb, weil wir ihn nicht genügend langsam gekühlt hatten. 
Auf Krystall überfangen, gibt es ein schwarzbraunes, an Dunkelumbra 
erinnerndes Glas. Schwefelleber schmilzt also mit dem Glase zu- 
sammen, selbst wenn man dieselbe in grofser Menge zusetzt; Glasgalle 
war nicht zu bemerken. 

Da wir uns durch Vorversuche überzeugt hatten, dafs Metallsulfide 
in den kleinen Tiegeln durch Einwirkung der Flammengase sehr leicht 
oxydirt werden, und die Anbringung von Deckeln auf den Tiegeln nicht 
gut durchführbar war, wurde zum Schutze der Sultide etwas Einfach- 
Schwefelnatrium zugesetzt, in Mengen von \ bis 3 Proc, von dessen 
Färbevermögen wir uns durch besondere Proben überzeugt hatten; da 
dasselbe grofsentheils oxydirt wird, färbt es nur lichtbraungelb, eine 
Färbung, die sich von den weit intensiveren Färbungen der Sulfide 
von Schwermetallen leicht unterscheiden läfst, und auf die stets Rück- 
sicht genommen wurde bei der Beurtheilung der erschmolzenen Gläser. 

Nr. 3. Uransaures Natron und Schwefelnatron 

Sand 65 

Potasche 15 

Soda 5 

Kalk 9 

üransaures Natron . 0,75 
Schwefelnatron . . . 1,5 

Hier wurde versucht, eine Umsetzung zwischen Uransilicat und 



;32 Zsigraondy, über die Loslichkeit der Öullide irn Glase. 

Na-jS zu veranlassen. Das Glas war lichtgelb bräunlich, die Farbe des 
Urans war verdeckt: eine Umsetzung hat wahrscheinlich nicht statt- 
gefunden, da Uransultid jedenfalls weit intensiver gefärbt haben würde. 

Ein Versuch mit Schwefelwolfram unter Zusatz von SchM'efel- 
natrium gab ein unscheinbar röthlichgelbes Glas. 

Mehr Interesse bieten die Proben mit Molybdän. 

Nr. 17. Sand 65 

Potasche 15 

Soda 5 

Kalk 9 

Molybdänglanz ... 3 

Na2S 2 

Es resultirte ein dunkelrothbrauner Rubin. In dünneren Schichten 
erschien das Glas licht braungelb, auf Opal überfangen wurde es 
schmutzig schwai-zbraun. Wir haben diese Erscheinung auch bei an- 
deren Sulfiden beobachtet; sie ist darauf zurückzuführen, dafs das 
Sulfid aus der ziemlich concentrirten Lösung bei wiederholtem An- 
wärmen ausfällt. Während das zuerst ausgegossene und erkaltete Glas 
schön rothbraun und durchsichtig ist, wird das nochmals eingewärmte 
dunkelbraun und undurchsichtig, offenbar hat sich ein Niederschlag 
gebildet. Gläser, die mit Schwefelcadmium übersättigt sind, zeigen 
diese Erscheinung noch deutlicher, sie verändern ihre Farbe nicht, 
werden aber oi)ak. 

Wir haben es hier mit einer ganz allgemeinen Erscheinung der 
Glaschemie zu thun, die nicht genug Berücksichtigung finden kann. 
Milchgläser, die anfangs nicht oder wenig getrübt erscheinen, werden 
durch ein- bis zweimaliges Anwärmen völlig opak. Durch Edelmetalle 
gefärbte Gläser erhalten ihre, ihnen eiuenthümliche Färbung, wenn sie 
farblos erkaltet sind, erst durch Nachwärmen. Auch die Trübung der 
mit Oxyden gesättigten Boraxperle durch Flattern gehört hierher. 
Wir sehen an diesen Beispielen, dafs für die Bildung gröfserer Mole- 
cularcomplexe bezieh, die .sich darin vollziehenden Umlagerungen (wir 
können es bei Goldgläsern mit verschiedenen Isomeriearten zu thun 
haben) eine Temperaturänderung vielleicht speciell die ansteigende 
Temperatur besonders begünstigend wirkt. 

Nr. 27 war wie Nr. 17 zusammengesetzt, nur dafs statt 65 Th. 
Sand 50 Th. angewendet wurden. Nach 3 Stunden war das Glas ge- 
läutert, enthielt aber viel Galle. Im Uebrigen hatte es die Eigenschaften 
des Glases Nr. 17. Nach IG Stunden fiel der Tiegel durch Zufall in 
den daneben siehenden Hafen, der mit Opalglas beschickt war. Nach 
einiger Mühe konnte der Thontiegel wieder herausgezogen werden, 
sein Inhalt war aber mit dem des grofsen Hafens gemischt und zeigte 
schön carne(jlar(ige Streifung und Bänderung. 

Nr. 28. Aehnlich wie Nr. 17 zusammengesetzt, wurde mit Minium 
versetzt, um zu ))rüfen, ob Bloigehalt des Glases verändernd auf die 



2,5 

5 

3 

3 

4.5 

2 

2 



Zsigmondy, über die Löslichkeit der Sultide im Glase. 33 

f'arbe einwirkt. Das Glas war gelbbraun ; auf Opal überfangen, wurde 

es schwarzbraun. 

Nr. 30. Sand 50Jg 

Potasche 15 

Soda 5 

Kalk 9 

Molj'^bdäiiglanz ... 1 

Schwefelnatrium . . 2 

Hier wurde nur der dritte Theil an Schwefelmolybdän verwendet; 
das Glas war gelb, stark anlaufend, wurde nach 24 Stunden Schmelz- 
zeit mit Opal überfangen. Diesmal war der sepiafarbige Niederschlag 
nicht aufgetreten, und das Glas feurig orange-rothbraun gefärbt. 
Nr. 31. Ein Kryolithglas mit Schwefelmolybdän versetzt. 

Sand 40dg 

Potasche . . 

Soda . . . 

Kryolith . . 

Flufsspath 

Feldspath . . 

Molybdänglanz 

Schwefelnatron 

Schwärzlieh-grünbraun, zeigte schöne Wolken, wo langsam er- 
kaltet, wurde das Glas opak (weifslich vom Kryolith). Ein Glas von 
dieser Zusammensetzung hat offenbar ein sehr geringes Lösungsvermögen 
für Schwefelmolybdän und dieses hat sich lebrig ausgeschieden. 

Nr. 33. Derselbe Satz wie Nr. 31, nur wurden statt 2dg MoSj und 
2dg NaoS je y.,''^ cler beiden Substanzen verwendet. Das Glas war 
gelbbraun, der Kryolith ausgeschürt, wahrscheinlich in Folge zu langer 
Einwirkung des Feuers. 

Nr. 40. Herr C. Haller hatte die Freundlichkeit, mir nachträglich 
noch folgenden, in gröfserem Mafsstabe ausgeführten Versuch mit- 

zutheilen. 

Sand 9 Wr.-Pfd. entsprechend 10 Th. 

Potasche ... 3 „ „ 3,3 

Soda 0.25 „ „ 0,27 

Kalk 1,5 „ „ 1,64 

Molybdänglanz . l,5dg „ 0,03 

Der Satz wurde in einem 10 bis IS'' fassenden Probehafen nieder- 
geschmolzen, ohne Zusatz von Schwefelnatrium, der hier nicht nöthig, 
da eine Oxydation nur an der Oberfläche zu befürchten war. Das 
Glas war durch den geringen Zusatz von 0,3 Proc. Schwefelmolybdän 
röthlich-gelb gefärbt mit sehr schönem Stich ins Rothe. Aufserdem 
wurde sehr starke Gallenbildung beobachtet. 

Nr. 16. Färbung durch Schwefelantimon. Folgender Satz gab ein 

farbloses Glas: 

Sand 65dg 

Potasche 15 

Soda 9 

SboSg 5 

Na^S 1 

Dingler's polyt. Journal Bd. 27H Nr. 1. 1889/III, 3 



34 Zsigmondy, über die Löslichkeit der Sulfide im Glase. 

Der SchwefelantimoD scheint sich zu verfUichtigen. Ein Kryolith- 
glas mit Schwetelantimou und Schwefeinatron versetzt, gab ein braun- 
gelbes Glas; die Färbung kann hier vom Schwefelnatrium herrühren, 
da etwa 6 Proc. des letzteren zugesetzt wurden. Eine Wiederholung 
dieses Versuches mit etwa 4'' Sand, 250f^' Kryolith, lOOs Schwefel- 
antimon und 2008 Schwefel hat Herr C. Haller ausgeführt; er erhielt 
ein schön rothbraunes, durchaus nicht sprödes Glas. 

Der Glassatz von Nr. 16 statt mit Schwefelantimon mit 2^^« Zinn- 
sulfür und 2'^s Schwefeinatrium versetzt, gab ein schwach grünlichgelb 
gefärbtes Glas. Der Tiegel war jedenfalls ungünstig gestellt, so dafs 
das Schwefelzinn entweder verflüchtigt oder oxydirt vi'orden war. 
Mit Schwefelkupfer wurden mehrere Glasproben versetzt. 

Nr. 11. Sand 100 Th. 

Potasche 26 

Soda 1,8 

Kalk 12 

Schwefelkupl'er ... 1,7 
Schwefelnatrium . . 2,3 

Das Glas war sepia- bis sienafarbig, dunkelbraun, so dunkel, dafs 
man durch die einigermafsen dicke Schicht nicht mehr hindurchsehen 
konnte; dennoch war es klar und ungetrübt. Durch Nachwärmen 
wurde es wieder schmutzig schwarzbraun und getrübt. Wird dieses 
Glas mit Schleifglas verdünnt und auf Opal überfangen, so erhält man 
angenehm warme sepiafarbige Töne, die in beliebiger Intensität her- 
stellbar, dem sogen. Naturpapiere der Maler gleichen und sich wohl 
als Hintergrund für Zeichnungen oder edlere Glasmalerei eignen dürften. 
Nr. 13. Sand 60 

Potasche 4 

Soda 8 

Kryolith 5 ^ 

FInfsspath .... 5 

Feldspatii 7 

Schwei'elkiipfer . . . 0,8 

Schwefelnalriuni . . 1,2 

Der Hafen war gesprungen, der gröfsere Theil des Glases aus- 
gelaufen; der Rest des Glases hatte chocolatbraune Farbe und war opak. 

Nr. 14. Sand 65 

Potasche 20 

Soda 10 

Kalk 9 

Kiipfernibinglas . . 6 
SchwofelkupCer . . 0,5 
Schwefelnatrium . . 1,1 

Der intensiv gefärbte Kupferrubin wurde zugesetzt, um die Farbe 
des Glases in rothbraun umzuändern. Trotzdem war die Färbung 
ähnlich der durch Versuch 11 erzielten und kaiun ins Rothe nüancirt, 
ein Beweis, dafs die färbende Kraft von Schwefelkupfer sehr bedeutend 
ist. Ebenso hatte ein Zusatz von Schwefelcadmium keinen Einllufs auf 
die Nuance des Kupfersulfidglases. 



Zsigmondy, über die Löslichkeit der Sulfide im Glase. 35 

Herr C. Baller hat noch folgende Versuche ausgeführt: 

Nr. 37a. Sand 10 Pfd. 

Potasche 3 

Kalk 1,2 

Soda 0.25 

Schwefelkupfer . . . 7,5dg 

Schwefelnatrium . . 10,5 

Borax 9,5 

Er erhielt ein schön kupferrubinrothes Glas. 

Nr. 37b war eine Wiederholung von 37a. unter Hinzugäbe von 
2<i?,5 CdS und 3(^8.5 Schwefelnatrium; es wurde ein rothes Glas mit 
bräunlichem Stich erhalten. Es mag auffallend erscheinen, dafs die 
letzten zwei Versuche rothe Gläser ergeben haben, während durch 
Schwefelkupfer sonst stets braune Gläser erzielt wurden. Uns sind 
derartige unerwartete Farbwandlungen öfter bei Sulfidgläsern begegnet. 
Kleine Differenzen in der Zusammensetzung, Temperaturunterschiede, 
Abänderung der Gröfse der Gefäfse können dieselben bedingen und er- 
schweren einigermafsen das Studium der Sulfidgläser. 

Ein Versuch, Glas mit Schwefelwismuth zu färben, schlug fehl, das 
Glas war fast farblos und das Sulfid wahrscheinlich verflüchtigt worden. 

Schwefelblei wurde aus der Lösung von Bleinitrat mit Schwefelwasser- 
stoff gefällt und der abfiltrirte und gewaschene Niederschlag verwendet. 

Kr. 34. Sand 50ilg 

Potasche 15 

Soda 5 

Kalk 9 

Schwefelblei .... 1 
Schwefelnatrium . . 1 

Das Glas war spröde und sah schwärzlich lebrig aus: zu einem 
dünnen Kölbchen aufgeblasen, hatte es noch immer das dunkle Aus- 
sehen; sehr grelles Licht kann durch dasselbe gesehen werden, erscheint 
aber roth, wie durch berufstes Glas betrachtet. 
Nr. 36. Sand 50dg 

Potasche 15 

Soda 5 

Kalk 9 

Schwefelblei .... 0,5 

Schwefelnatrium . . 0,5 

gab ein schmutzigbraunes Glas; im Ueberfang erschien es ähnlich dem 
Glase Nr. 1. Auch hier hat sich trotz der Verdünnung Bleisulfid aus- 
geschieden und es mufste erst durch noch stärkere Verdünnung fest- 
gestellt werden, welche Anlauffarbe dem gelösten Bleisulfide zukommt. 
Auch das Schwefelsilber wurde durch Fällen von Nitrat mit Schwefel- 
wasserstoff gewonnen. 

Nr. 35. Sand 56 

Potasche 15 

Soda 5 

Kalk 9 

Schwefelsilber ... 1 

Schwefelnatrium . 1 



36 Zsigmondy, über die Loslichkeit der Sullide im Glase. 

Das Glas, anfangs schwärzlich-rubinroth, wurde nach längerem 
Schmelzen gelbbraun, streifig, ähnlieh einem schlecht geschmolzenen 
Silberrubin. Auch hier mulsten weitere Versuche mit passenden Modi- 
ticationen unsere Beobachtungen über dieses Glas ergänzen. 

Durch Zusatz von i 2 Proc. Schwefelnickel zu einem gewöhnlichen 
Glassatze erhielt Herr Hallcr ein schön amethystviolettes Glas. 

Durch Mittheilung der hier angeführten Versuche wollte ich darauf 
aufmerksam machen, dafs man im Stande ist, durch Lösen von Metall- 
sultiden in Gläsern denselben neue, vielleicht sehr brauchbare Färbungen 
zu ertheilen. Allerdings sind die durch Sullide gefärbten Gläser nicht 
so leicht herzustellen, wie die durch Silicate gefärbten, dies liegt in 
der Natur der Sulüde, in ihrer leichten Oxydirbarkeit, verhältnifsmäfsig 
gröfseren Flüchtigkeit und dem Umstände, dafs die Metallsulfide von 
der Substanz des Glases gänzlich verschieden sind, sich mit ihnen daher 
nicht in beliebiger Menge zusammenschmelzen lassen. Ein weiterer 
erschwerender Umstand liegt in der Sprödigkeit vieler Gläser, der die 
Verarbeitung erschwert, und in der Veränderlichkeit der Farbe; letztere 
kann aber unerwartet zu ganz neuen Färbungen führen; andererseits 
kann man sicher sein, dafs wenn man stets dieselben Bedingungen ein- 
hält, man auch stets gleich gefärbte Gläser erhalten wird. 

Es genügt nicht, um die Farbe eines Sulfids zu beurtheilen, einen 
einzigen Versuch, etwa in einem kleinen Tiegel, auszuführen, dies wird 
in den meisten Fällen zu Mifserfolgen führen. Das sicherste Resultat 
geben Schmelzproben in gröfserem Mafsstabe mit 10 bis 20"^ und bei 
nicht zu starker Hitze; es ist sogar nothwendig, will man nicht allzu 
verschwenderisch mit dem Materiale umgehen, derartige Versuche an- 
zustellen, bevor man irgend ein in kleineren Tiegeln erschmolzenes Glas 
in den Grofsbetrieb einführt. 

Die hier mitgetheilten Versuche sollen das Gebiet nur andeuten, 
das noch der Bearbeitung fähig ist; da jedes Metallsulfid ein eigenes 
Studium erfordert, ist es dem Einzelnen nicht gut möglich, alle hierher 
gehörigen Proben auszuführen, weitere Mittheilungen von Fachgeuossen 
werden uns daher stets willkommen sein. Die Sulfidgläser dürften, nament- 
lich mit andersfarbigen Gläsern gemischt, brauchbare Nuancen geben. 

Aber auch einem bisher mit Unrecht stark vernachlässigten Zweige 
der Wissenschaft, ich meine die Chemie feuerfiüssiger Körper, dürften 
derartige Versuche werthvoU sein. Während die Reactionen der Körper 
bei niedriger Temperatur schon auf den weitverzweigtesten Gebieten 
eingehend studirt wurden, blieb die Erkenntnifs der Reactionen feuer- 
fiüssiger Körper in einer Periode der Entwickelung stehen, die nicht 
weit hinter dem Zeitalter der Phlogistontheorie liegt. Der Grund davon 
mag darin zu suchen sein, dafs derartige Versuche nicht so leicht an- 
zustellen sind, wie solche in der Eprouvette, theils auch darin, dafs 
dieses Gebiet dem forschenden Chemiker etwas abseits liegt. 



Zur Technologie des Glases. 37 

Eine seit etwa 100 Jahren in der analytischen Chemie zur Tren- 
nung von Metallen gebrauchte Operation ist die Fällung derselben mit 
Schwefelwasserstoff bezieh, mit Schwefelalkalien. Nachdem wir jetzt 
erkannt haben, dafs sowohl Silicate der Schwermetalle als auch 
Schwefelalkalieu in gröfserer Menge im Glase gelöst werden können.^ 
welch letzteres hier die Rolle einer neutralen Flüssigkeit spielt, ferner 
-dafs die Sulfide der Schwermetalle in flüssigem Glase theils in gelöstem, 
theils in suspendirtem Zustande beständig sind, wäre es gewifs nicht 
uninteressant zu erfahren, in welcher "Weise diese Körper in feuer- 
flüssiger Lösung auf einander einwirken, ob die Silicate der Eisengruppe 
oder vielleicht die der Bleigruppe mit Schwefelnatrium in Reaction 
treten oder ob derartige Umsetzungen überhaupt nicht stattfinden. 

Unsere Arbeit gab uns bereits einige Anhaltspunkte zur Ent- 
scheidung dieser Frage; wir wollen die Versuche in dieser Richtung 
gelegentlich noch fortsetzen und erst, wenn wir einen tieferen Einblick 
in die Natur dieser Reactionen gewonnen haben, darüber Mittheilung 
machen. 

München, im Mai 1889. 



Zur Technologie des Glases. 

Prof. Rudolf Weber^ der Entdecker der Thatsache, dafs die gleich- 
zeitige Anwesenheit von Kali und Natron die Ursache der Depressions- 
erscheinungen an Thermometern ist, hat weitere werthvolle Mittheilungen 
über den Einflufs der Zusammensetzung des Glases auf die Depression der 
Thermometer im Sprechsaal^ Jahrg. 21 S, 242, gegeben. Zunächst wird die 
Analyse des thonhaltigen Martinsrodaer Sandes angeführt, da mit dem- 
selben mehrere Schmelzproben durchgeführt wurden: 

AI2O3 3,82 Proc. 

CaO 0,14 „ 

K2O 2,65 „ 

Na^O 0,29 „ 

SiO.^ 93,10 „ 

Die chemische Zusammensetzung, das Verhältnifs der Aequivalente 
A'on SiO.) zu CaO, K2O, Na20 und AI2O3 und die Depression in Graden 
Celsius sind in einer grofsen Tabelle zusammengestellt. Der Vergleich 
der Resultate ergibt folgendes: Der Gehalt an Kieselsäure kann in weiten 
Grenzen schwanken, ohne auf die Depression von Einflufs zu sein. Der 
Kalkgehalt variirt zwischen 10 und 15 Proc. bei abwechselnden Ver- 
hältnissen zum Alkali; eine namhafte Influenz auf die Depression macht 
sich nicht geltend; ein gröfserer Kalk- oder Kieselsäuregehalt kann den 
Fehler, den das gleichzeitige Vorhandensein von Kali oder Natron her- 
vorruft, nicht corrigiren. Selbst ein hoher Natrongehalt (2,4 Aeq. auf 
8 Aeq. Si02 und 1 Aeq. CaO) gibt gute Resultate. Thonerde wurde 



38 Zur Technologie des Glases. 

von 0,28 Proc. bis zu 4,39 Proc. dem Glase zugesetzt, sie hat keineo 
Einflufs auf die Depression, erleichtert aber die Verarbeitung (vgl. 
O. Schott weiter unten). Besonders wichtig ist die vollkommene Durch- 
sehmelzung und Homogenität der Gläser. Für die Praxis wichtig ist 
auch die Beobachtung, dafs der Gehalt an Kali in Natrongläsern selbst 
1 Proc. übersteigen kann, ohne den Depressionsbetrag wesentlich zu 
steigern. Aus Versuchen, die in kleineren Mengen mit 1 bis 2'^ der 
reinsten Materialien in 5c^er'öchen Schmelzöfen ausgeführt wurden, so- 
wie aus früheren Arbeiten des Verfassers geht zur Evidenz hervor, dafs 
reines Kali oder reines Natron^ in richtiger Menge dem Glassatze zu- 
gefügt, Gläser gibt, die den höchsten Anforderungen an die daraus 
gefertigten Thermometer Genüge leisten. 

R. Weber bespricht ferner die Herstellung von Thermometern für 
höhere Temperaturen (vorläufige Mittheilungen, gegeben in der Sitzung 
des Vereins zur Beförderung des Gewerbe fleifses in Preufsen vom 18. Oktober 
1888; Sprechsaal^ Jahrg. 22 S. 193). Quecksilberthermometer, die längere 
Zeit auf Temperaturen gegen 3000 C. erhitzt vi^erden, erleiden eine 
wesentliche, oft auf 7 bis 10° C. sich beziffernde Veränderung, ein Nach- 
theil, von dem nicht nur wissenschaftliche Untersuchungen, sondern auch 
vielfach Fabrikanten betroffen werden, namentlich solche, welche höher 
siedende Zwischenproducte durch fractionirte Destillation zu trennen 
haben. Besonders scharf hervortretende Abweichungen sind von Friedet 
iComptes rendus^ 2. August 1880 S. 291) angeführt worden. Es wurde 
bei Thermometern, die auf 440" C. erhitzt wurden, eine Erhöhung der 
Temperatur um 12 bis 170 C. beobachtet. Andere Beobachter con- 
statirten eine Erhöhung von 110 C. schon bei 8200, Die Ergebnisse 
der Versuche von Weber sind in Kürze folgende: 

Ein aus Bleiglas gefertigtes Thermometer (aus Ehrenfeld) 

^"'Tn"pro°"""^ Atomverhältnifs 

SiO.2 56,74' 6,4 

PbO 29,86 1,0 

CaO 0,18 — 

K^O 12,48 0,9 

ergab schon bei zweistündiger Erhitzung auf 3200 C. eine Abweichung 
um 20. 

Ein altes Thermometer aus weichem Thüringer Glase zeigte beim 
achttägigen Erhitzen auf 2600 C. eine Erhöhung um 40. Das Glas hatte 
die Zusammensetzung: 

AtomvQjihältnifs: 

fj?? 65,18 gjQ ' ge 

AI2O3 1,16 ^^ n . ^-^ 

K,0 15,16 l""!^ 2,26 

Na.20 17,47 ^'^^ ' 

Da diese weichen Gläser im Handel die Hauptrolle spielen, so er- 
klärt sich daraus die so wiederholt befühlte Calamität. 



Zur Technologie des Glases. 39 

\ 
In Gemeinschaft mit Greiner und Friedrichs in Stützerbach wurden 

viele Gläser geschmolzen und zu Thermometern verarbeitet. Ein weiches 
Natronglas von folgender Zusammensetzung 

Atomverhältnifs: 
SiOj 69,84 ..^ .. 

Cad 8,18 SiO S,0 

Al.Og 1.30 Jjf^Q ^^« 

KjU 1,97 V.^ [ 2,1 



SiO.2 


65,42 


A1203 


0.93 


CaO 


13,67 


K2O 


19,46 



Na2U 18,71 ^2^ - 

A\'urde durch 8 Tage auf 220 bis 260° C. erhitzt, zeigte dann ein An- 
steigen um 50 C. 

Ein kalkreichere.s, aber natronärmeres Glas 

Atomverhältnirs: 
SiO) 67,33 ^.^ _^ 

AI2O3 3.94 ^f^ 5,0 

CaO 12,42 *^^y. j ■^^" 

K2O 0,49 ^f i 1,2 

Na20 15,82 ^^•^'-' ' 

verhielt sich ähnlich, denn es zeigte nach achttägigem Erhitzen auf 
etwa 2600 ein Ansteigen von 50 C, welches sich um etwa 1^ ver- 
mehrte, als die Erhitzung nochmals 8 Tage lang vorgenommen wurde. 
Ein weiches Kaliglas, das ein sehr genaues Thermometer, fast 
depressionsfrei, zwischen und 100" C. ergab, und das enthielt: 

Atomverhältnifs: 

Si02 4,4 

K2O 1,0 

CaO 0,84 

erfuhr bei achttägigem Erhitzen auf 260" ein Ansteigen von 1,6". 

Das sehr harte Kaliglas 

Atomverhältnifs: 

Si02 6,0 

CaO 1,0 

K2O 1,0 

gab Thermometer, die, durch 8 Tage auf 2600 C. erhitzt, ein Ansteigen 
von 1,2 bezieh. 1,1" C. zeigten. Ein nochmaliges Erhitzen durch 8 Tage 
veränderte nichts. 

Gläser von der Zusammensetzung 6 SiO,, INaoO, ICaO gaben auch 
gute Resultate. 

Weber behält sich weitere Mittheilungen von Details vor. 

Versuche über die Standänderungen der Thermometer nach Er- 
hitzung auf höhere Temperaturen von H. F. Wiebe {Zeitschrift für 
Inslrumentenkunde^ 1888 S. 362) führten zu folgenden Schlufsfolgerungen: 
1) CrafCs Annahme, dafs bei lang andauernder Erhitzung auf eine und 
dieselbe Temperatur die Eispunktserhebung schliefslich ein Maximum 
erreicht, scheint sich zu bestätigen. 2) Lang andauernde Erhitzungen 
auf höhere Temperaturen machen den Eispunkt für niedere Temperaturen 
nahezu beständig. Für chemische Thermometer aus Jenaer Normal- 



SiO.) 


69,04 


A12Ö3 


0,89 


CaO 


12,21 


K2O 


18,52 



40 '^i"' Technologie des Glases. 

/ 
glas dürfte in den meisten Fällen eine etwa 24 stündige Erhitzung auf 

300" C. vor Herstellung der Scale ausreichen, um die beim Gebrauche ein- 
tretenden Eispunktserhebungen auf unerhebliche Gröfsen einzuschränken. 
3) Thermometer aus englischem Bleiglase und solche aus Thüringer 
Gins verhalten sich beim Erhitzen ungünstiger als Thermometer aus 
Jenaer Gläsern und aus dem bei älteren deutschen Thermometern an- 
gewandten Kaliglase. 4) Das Jenaer Normalglas verhält sich in dieser 
Beziehung mehr als dreimal so günstig als das gewöhnliche Thüringer 
Glas. 5) Zwischen den durch andauernde Erhitzung hervorgerufenen 
Eispunktsaustiegen und den durch kurze Erwärmung auf 1009 erzeugten 
vorübergehenden Erniedrigungen des Eispunktes besteht für die hier 
untersuchten Gläser die Beziehung, dafs einem gröfsereu Abstieg auch 
ein höherer Anstieg entspricht. — Schliefslich ist zu erwähnen, dafs die 
durch andauernde Erhitzungen bewirkten Eispunktserhebungen meistens 
von einer Gasabscheidung begleitet sind, welche sich durch kleine Blasen 
im Thermometergefäfse zu erkennen gibt. Der Annahme, dafs das ab- 
geschiedene Gas aus dem Quecksilber herrühre, steht der Umstand ent- 
gegen, dafs die kleinen Bläschen selbst nach tagelangem Liegen von 
dem umgebenden Quecksilber nicht wieder aufgenommen werden. Es 
dürfte demnach die Annahme gerechtfertigt sein, dafs das durch Er- 
hitzen abgeschiedene Gas aus der Glasmasse herrühre. Uebrigens nöthigen 
die Gasabscheidungen nach langem Erhitzen dazu, die Capillare von 
Thermometern oben mit einer Erweiterung zu versehen, da es sonst 
häufig nicht möglich ist, das abgeschiedene Gas in den leeren Theil 
der Capillare über das Quecksilber zu schaffen, so dafs das Thermo- 
meter in der Regel unbrauchbar wird. — Mit der Eispuuktserhebung 
geht auch eine Aenderung des Ausdehuungscoefficienten des Glases Hand 
in Hand. Es ist daher zu empfehlen, Thermometer für höhere Tem- 
peraturen vor der Herstellung der Scale längeren Erhitzungen auszu- 
setzen. 

Die Fehler an Libellen sind schon öfters der Gegenstand eingehender 
Untersuchungen geworden (vgl. z. B. Hicth 1887 264 501j. Es wird 
einerseits angenommen, dafs die Beschall'enheit des Glases dabei eine 
mafsgebende Rolle s])iele, andererseits das Auftreten von Beschlägen 
auf die Natur der Flüssigkeit zurückgeführt. Durch mehr als 4 Jahre 
währende Beobachtungen hat nun Prof. Weber die Frage ihrer Entschei- 
dung zugeführt (Sjirechiaal^ Jahrg. 21 S. 471). Nach wiederholtem Aus- 
waschen mit Alkohol und Salzsäure wurden die Röhren mit Wasser, 
Alkohol, Aelher und schliefslich einige Male mit der Füllflüssigkeit aus- 
gespiUt. Die Röhren wurden nun einerseits mit Aether gefüllt, der 
über gebranntem Marmor gestanden, dann bei sehr gelinder Temperatur 
destillirt wurde und sofort zur Anwendung kam, andererseits mit Aether, 
der durch Stehen in undichten Flaschen Feuchtigkeit angezogen hatte. 

Die geprüften Glasröhren hatten folgende Zusammensetzung: 



Zur Technologie des Glases. 41 





I 


II 


III 


IV 


VI 


SiO.2 . 


. . 65,4 


69,0 


74,1 


78,4 


69,8 


AI2O3 . 


. . 0,9 


0,9 


0,1 


1.3 


1,1 


CaO. . , 


. 13,7 


12,2 


7,2 


6,75 


3.0 


K.^O . . . 


. 19,8 


18,5 


18,9 


13,7 


8^9 


Ka.20 . 








0,5 


17,0 



Nr. I ist ein für Thermometer sehr bewährtes, etwas weiches, 
.Nr. II ein etwas härteres, sehr widerstandsfähiges Glas, das nahezu der 
Formel öSiO^, ICaO, IK.O entspricht; Nr. III und IV sind die Ana- 
\jsen von Böhmischem Glase, III von Weber und IV von Otto (Mus- 
pratfs Encycl.^ III S. 191) ausgeführt, die Gläser V, VI und VII, von 
denen hier blofs VI angegeben, sind weiche Libellengläser des Handels. 
Die Versuche mit weichen, leicht beschlagenden Gläsern ergaben, dafs 
sowohl bei Anwendung von schlechtem, als auch von rectificirtem Aether 
Beschläge auftraten, im ersteren Falle schneller als im letzteren. Auch 
die Röhren I und II zeigten Verschiedenheiten. In der Röhre I ent- 
spannen sich Beschläge, wenn auch in weit geringerem Mafse als bei 
den Werkstattröhren. Die Röhren Nr. II liefsen nur eine sehr gerinae 
Veränderung erkennen: die mit wässerigem Aether gefüllte Libelle 
zeigte sporadisch auftretende Beschlagspartikel, wogegen das mit reinem 
frisch rectificirten Aether gefüllte Rohr frei von allen Sedimenten, von 
allen der Blasenbewegung entgegentretenden Hindernissen war. Bei der 
Constatirung dieser Verhältnisse wurden die empfindlichsten Libellen- 
prüfer, die exactesten Instrumente verwendet. Das Glas Nr. II ent- 
spricht vollständig allen Anforderungen, wenn es mit gutem Aether ge- 
füllt wird. Da die Verarbeitung von Libellen aus böhmischem Glase 
auf Schwierigkeiten stöfst, so wäre es erwünscht, auch das Verhalten 
von ganz wasserfreiem, mit Natrium geschütteltem Aether auf weichere 
Röhren kennen zu lernen. Versuche in dieser Richtune, sowie unter 
Anwendung von Petroläther als Füllmaterial werden später vom Ver- 
fasser mitgetheilt werden. 

Libellen aus böhmischem Hartglase mit 73,9 Proc. SiO^, 1,3 Proc. 
AI2O3, 9,99 Proc. CaO und 14,83 Proc. K2O wurden 3 Monate laug 
mit wässerigem Aether besetzt; die Innenwand der Röhre war mit den 
bekannten Ansätzen wie übersäet. Hartes Glas schützt also gegen 
schlechten Aether nicht, die Feuchtigkeit greift auch das härteste Glas 
an {Sprechsaal^ Jahrg. 21 S. 717). 

Prof. Weber hat auch Untersuchungen über den Einflufs von Spiritus 
auf die Libellen angestellt {Sprechsaal^ Jahrg. 21 S. 768), Der Inhalt der 
Libellen des Handels für gewerbliche Zwecke ist etwa 93 procentiger 
Alkohol. Selbst hartes Glas von der Zusammensetzung: 7Si02, ICaO, 
l,2Na20 wird von solchem Alkohol heftig angegriffen. Es ist daher 
dringend anzurathen, die Röhren des Handels mit absolutem Alkohol 
anzufüllen. Röhren, die mit reinem Alkohol angefüllt waren, zeigten 
nach einem halben Jahre keine Veränderunsr. 



42 Zur Technologie des Glases. 

Es ist eine dem ChemikLn- wohl bekannte Tiiatsache, dais Gefäfse 
aus Glati, wenn sie längere Zeit mit lieifser Lauge oder mit kochendem 
Wasser in Berührung stehen, zahh-eiche Risse bekommen und oft eine 
weitergehende Zersetzung zeigen. Häutig wird die OI)erfläche solcher 
Gläser derart verändert, dafs beim Erhitzen derselben über den Siede- 
punkt des Wassers, amorphe Schuppen sich ablösen, während die übrige 
Glasmasse keine Veränderung zeigt. Diese Erscheinung ist nicht blofs 
auf eine chemische Action zurückzuführen, sondern auch dem Eindringen 
des Wassers in die Glasoherßäche zuzuschreiben. Eine Untersuchung über 
diesen Gegenstand hat 0. Schott in Jena in der Zeitschrift für Inslru- 
mentenkunde, 1889 Bd. 9 S. 86, veröfFentlicht. 

Verschiedene Glassorten wurden in Form von Röhren oder Scheib- 
chen 5 Tage lang mit heifsem destillirten Wasser gekocht, vor und nach 
der Behandlung mit Wasser und nach dem Erhitzen auf 1500 C. gewogen. 

Das Ergebnifs der Prüfung war folgendes: 

1) Thüringer Glas, untergeordneter Qualität T. Analyse: K^O 
7,3 Proc; NajO 15,87; CaO \66; Al.^03 + Fe.pg 2,11; MgO 0,24; 
SiO.^ 68,69. 

Sechs Röhren von l,666qJ'^ Oberfläche mit einem Gewichte von 

328,9073. 

rt) Gewichtsverlust nach Behandlung mit Wasser 0^,0176 

ß) „ für Iqdm Oberfläche .... Og,0107 

;•) „ nach Erhitzen auf 1500 C. . . Og,0081 

S) „ lür Iqdm Oberiläche .... 0g,0049 

Nach Erwärmen im Wasser war die Glasoberfläche unverändert; 
nach Erhitzen auf 1500 C. im Luftbade corrodirte sie vollständig und 
liefs reichlich Oberflächenpartikelchen in Form kleiner Schuppen ab- 
fallen. Der Verlust von 8mg,l ist also nicht allein Wasser gewesen. 

2) Besseres Thüringer Glas F — Analyse: KjO 3,38 Proc; NajO 
16,0; CaO 7,2; Al.Og 3; Fe.^Og 0,4; MgO 0,3; MnO 0,4; As.Og 0,24'; 
SiO.2 — 69,0 wurde in 3facher Art untersucht: 

a) Nach zweijährigem Liegen an der Luft. 

b) Nach voraufgegangener Erwärmung auf 1500. 

c) Nach Erliitzen bis zum beginnenden Erweichen. 

a) Zwei Röhren von 3qdn\956 Oberfläche und einem Gewichte von 
23K,4598. 

a Og,0139 

ß 08,0035 

V 0g,0032 

's Og,0008 

(a, /5*, ;', S haben dieselbe Bedeutung wie oben.) 

i Der Gehalt an AS.2O5 wird im Thüringer Glas öfters gefunden und er- 
klärt sich durch das Verfahren, die Ueberbleibsel von der Anfertigung der 
mit Emaille belegten Rühren den nächsten Glasschmelzungen beizumischen. 
Die Emaille enthält 9 bis 10 Proc. As.,05; diese kann sich in solchem Mafse 
in den Röliren ansammein, dafs dieselben während der Verarbeitung braun 
werden. 



Zur Technologie des Glases. 43 

Nach der Entnahme der Röhren aus dem Wasser war die Ober- 
fläche des Glases unverändert; nur nach dem Erhitzen im Trocken- 
schranke bemerkte man sehr feine, die Oberfläche bedeckende Risse, 
ohne dafs Glaspartikelchen abgesprungen wären. Die bessere Beschaffen- 
heit dieses Glases erklärt die geringere Veränderung, 

b) Zwei Röhren von S^idm^e? Oberfläche und einem Gewichte von 
18§,2912 wurden auf 1500 c. erhitzt und dann mit Wasser behandelt. 

a 0g,0094 

ß 0g,0025 

y Og,0031 

rT 0g,0008 

Die nach dem Erhitzen im Trockenschranke entstandenen Risse 
waren sehr klein und kaum zu erkennen. Die Resistenz der Oberfläche 
war gröfser geworden. 

c) Zwei Röhren von 3q'*™,626 Oberfläche mit einem Gewichte von 

228,1298. 

a Og,Ü067 

ß 0g,0018 

'-, 0g,0023 

5 0g,0006 

Es waren bei diesem Glase auch mit bewatihetem Auge keine 
Oberflächenrisse zu sehen. Eine frisch ausgeglühte Glasoberfläche ist 
widerstandsfähiger als eine solche, die schon längere Zeit atmosphärischen 
Einflüssen ausgesetzt war. 

3) Eine im Jenaer Laboratorium hergestellte Glasröhre XVIII von 
der Zusammensetzung: Na.20 13 Proc, PbO 10 Proc, ZnO 7 Proc..^ 
B2O3 8 Proc, 810.2 66 P''OC. gab einen Gewichtsverlust {ß) bei W^ 
von 0g,00r2 und keinen Gewichtsverlust beim Erhitzen auf 150^ C. Die 
Obei'fläche zeigte einen bläulichen Schiller ohne sonstige Veränderung. 

4) Glas XXII (Zusammensetzung: Na20 14, K^O 14, CaO 6, SiO., 
66 Proc). Die Röhren zeigten schon nach 36 stündigem Aufenthalte 
in warmem Wasser zahlreiche, unregelmäfsige Sprünge und zerfielen 
theilweise. 

5) Das Jenaer Glas 3'i> (Zusammensetzung: NajO 16, CaO 16, 
AI2O3 2, B2O3 4, Si02 62 Proc). 15 Röhren von 10qdm,i4 Oberfläche 
und einem Gewichte von 98g,9257. 

n Og,0566 

ß 0g,0055 

Die Röhren hatten einen schwach bläulichen Schimmer angenommen., 
zeigten sonst keine Veränderung. 

6) Glas 6"! (Zusammensetzung: Na20 15, KjO 5, AI2O3 5, BjOg 2, 
Si02 73 Proc). Der Gewichtsverlust ß bei l^dm betrug 0g,0009, nach 
Erhitzen auf 150» C. S 0g,0007. 

7) Glas 15»i (Zusammensetzung: Na.^O 8, K2O 9, CaO 7, ZnO 7, 
AI2O3 2, Si02 67 Proc). Der Gewichtsverlust ß betrug 0g,0009, 8 
0g,00006. 



44 Kleinere Mittheilungen. 

8) Glas 13"i cZusammeusetzung: K.^0 15, ZnO 20, B.^03 7, SiOj 

58 Proc). 11 Röhren mit 7Qdm^90 Oberfläche und einem Gewichte von 

74?,8306. 

a 0^.0126 

ß U5-'.0016 

y U?.ÜÜ19 

fj 0?,OU024 

Man ersieht aus diesen Zahlenangaben einen auffallenden Unter- 
schied zwischen Kali- und Natrongläsern, während die letzteren ein 
Erhitzen auf 150" C. gestatten, ohne ihr Gewicht zu ändern, ist bei 
ersteren — besonders in den w^eniger widerstandsfähig zusammenge- 
setzten Arten — ein erheblicher Gewichtsverlust zu constatiren, der sich 
öfters durch Veränderung der OberflächenbeschafFenheit zu erkennen 
gibt. Solche Gläser ziehen leicht aus der Luft genügend Wasser an, 
um nachher beim Erhitzen Erscheinungen zu zeigen, die bei oberfläch- 
licher Betrachtung für Entglasung gehalten werden könnten. Das Rissig- 
werden der Oberfläche bei Lampencylindern gehört hierher. 

Kaligläser mit 33 bis 40 Proc. KjO bedeckten sich nach längerem 
Liegen an der Luft mit einer Schicht, die mit dem Messer wie Hörn 
abgeschabt werden konnte. 

Reichlich Natron haltige Gläser sind ebenso wenig beständig wie 
die Kaligläser, bedecken sich aber mit einer leicht ablösbaren kryslal- 
linischen Kruste. Wasserhaltiges Kalisilicat erscheint stets glasartig 
amorph, wasserhaltiges Natronsilicat krjstallinisch. Für Fenstergläser 
ist daher schlecht zusammengesetztes Kaliglas dem Natronglase über- 
legen: für die Verwendung zu chemischen und physikalischen Zwecken 
wird aber das Natronglas stets vorzuziehen sein. 



Rayrs Hilfssignal für Eisenbahnzüge. 

Die in D. p. J. 1888 270 517 gegebenen Mittheilungen über die für W. Rayl 
in Wien patentirte Hilfssignaleinrichtung für Eisenbahnzüge mögen nach dem 
Centralblalt für Elektrotechnik^ 1889 * S. 353, woselbst u. a. namentlich auch eine 
etwas abweichende Anordnung der Contacttheile beschrieben ist, durch 
folgendes ergänzt werden. 

Die Stromläufe werden in drei verschiedenen Weisen ausgeführt: ent- 
weder laufen zwei isolirte Leitungen entlang dem ganzen Zuge, aber es ist 
nur an der Spitze des Zuges ein Läutewerk eingeschaltet; oder es ist beim 
Vorhandensein zweier isolirter Leitungen sowohl am Ende wie an der Spitze 
des Zuges ein Läutewerk aufgestellt; oder es wird an der Spitze und am 
Ende des Zuges ein Läutewerk eingeschaltet, es ist jedoch nur eine durch- 
laufende isolirte Leitung vorhanden, während die Rückleitung durch die 
Vacuumröhre gebildet wird. Die letztere Anordnung ist die gebräuchlichste. 
Dabei ist in dem ersten und in dem letzten Wagen des Zuges eine Batterie 
(von 6 Lec/anc/ie-Elementen) aufgestellt; die beiden Batterien sind auf Gegen- 
strom geschaltet; daher wird für jede Batterie ein geschlossener Stromkreis 
hergestellt, sobald an irgend einer Stelle des Zuges die Leitung mit der Rück- 
leitung in leitende Verbindung gebracht wird. Dazu läuft auf der Decke 
jedes Wagens eine Welle, welche vom Bremsersitze aus und von jeder Wagen- 
abtheilung aus durch eine in die letztere hinabreichende Schnur um OOf* ge- 



Kleinere Mittheilungen. 45 

dreht werden kann und dadurch einen Contactstift mit einer Contactfeder und 
so beide Leitungen mit einander in Berührung bringt. 

Als Läutewerk dient ein gewöhnlicher Rasselwecker; der Klöppel des- 
selben kann jedoch während der Fahrt nicht an die Glocke schlagen, denn 
er wird daran durch einen Winkelhebel verhindert, so lange kein Strom die 
Spulen des Elektromagnetes durchläuft. 

Frisch's Messung des Gesammt-Isolationswiderstandes elektrischer 
Anlagen während des Betriebes. 

In der Zeitschrift für Elektrotechnik^ 1889 "'S. 218, hat Gustiw Frisch^ Assistent 
am elektrotechnischen Institute der k. k. technischen Hochschule in Wien, ge- 
zeigt, wie man den Gesammt-Isolationswiderstand einer elektrischen Anlage 
messen kann, ohne den Betrieb einstellen zu müssen. 

Da der Isolationszustand einer elektrischen Anlage wesentlich die Be- 
triebssicherheit derselben bedingt, empfiehlt es sich, in entsprechenden Zeit- 
räumen Isolationsmessungen an dem Leitungsnetze vorzunehmen, weil dadurch 
etwa auftretende Mängel rechtzeitig, also noch ehe sie zu Betriebsstörungen 
Anlafs geben könnten, entdeckt und einer Ausbesserung unterzogen werden 
können. Zu diesem Behüte genügt zunächst die Bestimmung des Gesammt- 
Isolationswiderstandes der ganzen Anlage gegen Erde und erst wenn der so 
erhaltene Werth als unzureichend gefunden wird, dann tritt die Nothwendig- 
keit heran, die Leitungsgruppen und endlich die Einzelnleitungen zu unter- 
suchen, um so die fehlerhaften ausfindig zu machen. 

Bei allen bisher benutzten Bestimmungsweisen des Gesammt-Isolations- 
widerstandes ist jedoch die Einstellung des Betriebes für die Dauer der Messung 
unbedingt erforderlich. Manche Anlagen sind jedoch in ihrem ganzen Um- 
fange, oder doch wenigstens theilweise immerwährend im Betriebe. So 
z. B. die Beleuchtungsanlagen der beiden Hoftheater in Wien, bei denen 
einige Leitungsgruppen auch während des Tages beansprucht sind, desgleichen 
manche elektrische Kraftübertragungsanlagen u. s. w. Könnte nun die Isolations- 
messung während des Betriebes ausgeführt werden, so hätte dieselbe überdies 
den wesentlichen Vortheil, dal's die Messungen unter den thatsächlich voi-- 
herrschenden Betriebsverhältnissen erfolgen, ein Umstand auf den besonders 
Uppenborn aufmerksam gemacht hat. 

A. a. 0. entwickelt nun Frisch^ wie sich die Messung während des Be- 
triebes ausführen lasse und findet den Satz: 

Der Isolationswiderstand X einer beliebigen elektrischen Anlage gegen 
Erde kann während des Betriebes in der Weise ermittelt werden, dal's man 
mit einem geeigneten Galvanometer, dessen Widerstand R (einschliefslich Zu- 
satzwiderstand) bekannt ist, die Stromstärken Jj und J^ bestimmt, welche man 
erhält, wenn dieses Galvanometer einerseits an Erde, andererseits nach ein- 
ander an zwei Punkte a und b der Leitung angelegt wird, deren Spannungs- 
unterschied (zJ) bekannt ist. Es ist sodann die Summe aus dem Isolations- und 
dem Galvanometerwiderstande gleich dem Quotienten aus jenem Spann ungs- 
unterschiede und der Difl'erenz der beiden (mit ihren Vorzeichen genommenen) 
Stromstärken; oder es ist: X=zJ:(«7| + J2) — R- 

Sollte die Messung ergeben, dafs J^ und J2 entgegengesetzte Richtungen 
haben, so ist die Summe derselben zu nehmen und die Formel lautet sodann: 
.Y = J:(J, +J^)-R.. 

Die Punkte a und 6, von denen aus die Messung der Stromstärken Jj 
und J.) erfolgt, können natürlich beliebig gewählt werden, sofern nur ihr 
Spannungsunterschied A vor der Messung bekannt ist. Am einfachsten wird 
es sein, wenn man unmittelbar zu beiden Seiten der Stromquelle anlegt, denn 
dann ist A die (ohnedies bekannte) Betriebsspannung. 

Frisch zeigt schliel'slich a. a. 0. noch, wie sich selbst die kleinste Anlage 
ohne wesentliche Kosten und ohne Hinzuziehung neuer Instrumente für diese 
Zwecke einrichten lasse, und dafs die gefundene Formel, wenn nicht Strom- 
stärken, sondern Spannungsdiiferenzen ri abgelesen werden, in die Formel: 

X=r( — 1 ) übergeht. 



46 Kleinere Mittheilungen. 

Die Herstellung der GlüMampen. 

Ueber die Herstelhnig dvv Lilühlamiieii hat J. Zacharias im Centralblatt für 
Elektrotechnik^ lö89 0.103, nachfolgende Darstellung aller Arbeitsstulen gegeben. 
Die Glasbirnen beziehen die meisten Fabriken aus den Hütten, fertig ge- 
blasen. Für die weitere Verarbeitung ist die erste Arbeit die Vorbereitung 
der Liläser zur Aufnahme des Kohlenfadens. Letzterer ist bekanntlich an 
kurzen Platindrähten befestigt, welche in besonders vorgerichtetem Glase ein- 
geschmolzen sind. 

Zur Herstellung der Fäden, die in den verschiedenen Fabriken in oft sehr 
abweichender Weise erfolgt, verwendet man : Baumwollfäden (Sifan), Gelatine 
oder nitrirte Cellulose {Khotinski^ Lane-Fvx)^ Ptlanzenfaser von Gräsern oder 
Bäumen (^Edison^ Siemens u. A.). Andere Fabrikanten benutzen eine natür- 
liche Faser unter Anwendung eines chemischen Verfahrens {Langbans. Cruio^ 
Seel). Je nach dem Materiale ist auch die Verarbeitung desselben zu einem 
Faden von mögliehst gleichmäfsiger Stärke sehr verschieden. Die Einen haben 
Zieheisen, die Anderen Walzen dazu nöthig, oder sie schneiden von der 
plastischen Masse Streifen. Um dann die so erzeugte Faser zu einer festen 
Kohle zu verwandeln, packt man die Fäden entweder in kleine feuerfeste 
Kästen und setzt sie längere Zeit einer hohen Hitze aus, oder man macht sie 
dui'ch Tränken in geeigneten Flüssigkeiten etwas leitend und erhitzt sie durch 
einen elektrischen Strom. Beide "\'erfahren bezwecken, die Faser leitend zu 
machen und auf einen gewissen Widerstand zu bringen. Da derselbe jedoch 
noch nicht hinreichend gleichmäl'sig ausfällt, so gibt man durch Niederschlagen 
von KohlenstotT auf der Faser derselben genau den gewünschten Widerstand. 
Das Niederschlagen von Kohlenstoff geschieht gleichfalls in sehr ver- 
schiedener Weise und ist durch zahlreiche Patente den einzelnen Fabriken 
geschützt. Die Patente zerfallen in drei Gruppen: Die Einen verwenden hierzu 
Gase, Andere flüssige Kohlenwasserstoffe und die Dritten feste Kohlenwasser- 
stoffe, Einige auch zwei dieser Stoffe. Der Erfolg ist stets derselbe, nur die 
Kosten der Herstellung und die Gleichmäfsigkeit des Niederschlages dürften 
verschieden sein. Jeder Fabrikant behauptet natürlich, das beste Verfahren 
anzuwenden, hauptsächlich deshalb wohl, weil er die anderen Verfahrungs- 
weisen wenig oder gar nicht kennt oder probirt hat, bezieh, nicht anwenden 
darf. Ein sehr einfaches Verfahren besteht z. B. darin, die zuvor zu Kohle 
verwandelte Faser in Erdöl zu tauchen und in dieser Flüssigkeit zum Glühen 
zu bringen. 

Hat man die so erzeugten Kohlenfäden auf die geeignete Länge geschnitten, 
so werden sie mit den Platindrähten verbunden. Auch hierin weichen die 
verschiedenen Fabriken sehr von einander ab. Edison klemmt die Fäden ein 
und schlägt Kupfer auf die Enden galvanisch nieder, Lane-Fox und Swan 
schlagen gröfsere Mengen Kohlenstoff an der Verbindungsstelle auf, während 
Andere wieder einen geeigneten Kitt hierzu anwenden. Seit einiger Zeit 
scheint man den Kupferniederschlag verlassen zu haben und nur noch Kohlen- 
stoff zur innigen Verbindung anzuwenden. 

Es folgt nun das Einsetzen der befestigten Fäden in die Glasbirnen : ent- 
weder hat man beide Platinenden gemeinschaftlich in ein Stück Glas ein- 
geschmolzen, das man nun mit dem Halse der Birne vereinigt, oder die Drähte 
werden getrennt gehalten und sitzen in einem gemeinschaftlichen Obertheile, 
dessen Ränder mit der Birne innig zusammengeschmolzen werden. Zu gleicher 
Zeit hat .man an der Glasbirne entweder unten oder oben ein langes, schwaches 
Rohr angeblasen, um durch dasselbe die Luft auszupumpen. 

Das Auspumpen der Lam|)en bewirkt man durch die bekannten Queck- 
silber-Luftpumpen. Entweder sind es Pumpen wie die Geister sehe und deren 
zahlreiche Abarten, oder die Sprengel'sche mit fallendem (iuecksilberstrahle. 
Letztere wird jetzt ausschliefslich für diesen Zweck verweiuiet, weil sie wenig 
Aufsiciit verlangt und am schnellsten ein hohes Vacuum erzeugt. Zwei bis 
zehn Lampen, je nach deren Gröl'se, schmilzt man auf ein gemeinsames Rohr 
an und verbindet dieses mit je einer Pumpe. 

An sich ist die Glühlampe nun zwar fertig, bis sie jedoch zur Verwendung 
geeignet ist, hat sie lujch mancherlei Stufen zu durchlaufen. Zunächst unter- 



Kleinere Mittheilungen. 47 

sucht man, ob die Lampen ohne Fehler sind, und merzt dabei den Ausschul's 
aus; dann wandern die guten Lampen zur Bestimmung der Helligkeit zum 
Photometer. Die Lampen werden nach Helligkeit, Spannung und Strom- 
verbrauch genau sortirt und in Lagerräumen in geeigneten Regalen auf- 
bewahrt. Die in Bestellung erhaltenen wandern in die Gypserei und hier werden 
an sie zunächst kurze Kupferdrähte angelöthet ; dann gypst man die verlangten 
Contactstücke daran und löthet schliefslich die Kupferdrähte an den Metall- 
theilen der Contacte fest. Vor dem Versandt in Kisten oder Fässern erhält 
jede Lampe noch die erforderliche Bezeichnung und Verpackung. 

Wollte man für alle verschiedenen Ansprüche bezüglich der Spannung, 
Kerzenstärke und der Contacte stets Lampen in Vorrath halten, so gäbe das 
Hunderte von verschiedenen Sorten. Am meisten gebraucht werden Lampen 
von 16 Kerzen und 65 bezieh. 100 bis 110 Volt. 

Grofs ist die Zahl von Contacten bezieh. Lampenfassungen, die man all- 
mählich eingeführt hat. Nur wenige genügen allen an sie zu stellenden An- 
forderungen voll und ganz. Wenn auch fast alle sichere Leitung des Stromes 
gewähren, so genügen sie nicht für Lampen, welche wie in Mühlen oder auf 
Schilfen Erschütterungen ausgesetzt sind. Bei Lampen, welche in geneigter 
oder wao-erecht^r Lage brennen, krümmen die Kohlenfäden sich oft nach 
unten; es gibt hiergegen ein sehr einfaches Mittel, nämlich die Lampen so zu 
drehen, dafs sie die Krümmung der Faser nach oben haben. Die allerwenigsten 
Arten der Fassungen tragen jedoch diesem Umstände Rechnung. 

Reckenzauns Elektricitätszähler. 

Die Achse, welche das Zählwerk in Gang setzt, stellt A. Reckenzann in 
London nach seinem Englischen Patente Nr. 13 529 vom 19. September 1888 
lothrecht und steckt auf sie eine Reibungsrolle auf, welche die Bewegung von 
einem sich mit seiner Stirnseite an die Rolle anlegenden und von einem Mot 
getriebenen Reibungsrade übernimmt. Die Rolle ist auf eine Röhre aufge- 
steckt, die mit demröhrenförraigen Kerne eines Solenoids verbunden ist. Sind 
die Lampen nicht eingeschaltet, so treibt der Strom blofs den Motor, der Kern 
befindet sich in seiner tiefsten Stelle, und dabei berührt die Rolle das immer 
mit gleicher Geschwindigkeit umlaufende Reibungsrad gerade in dessen Mitte, 
wird also von ihm nicht in Umdrehung versetzt. Werden die Lampen ein- 
geschaltet (oder wird die Elektricität zu anderen Zwecken verbraucht), so 
wächst mit ihrer Zahl die Stärke- des das Solenoid durchlaufenden Stromes, 
die Rolle steigt mit dem Kerne empor nnd dreht sich mit einer der Lampen- 
zahl entsprechenden Geschwindigkeit, das Zählwerk aber zählt ihre Um- 
drehungen. Ein mit der Röhre verbundener Hebel bewegt gleichzeitig den 
Kern in einem zweiten Solenoide. um dadurch die mit der Stellungsänderung 
des Kernes im ersteren eintretende Aenderung der Stärke der von diesem 
ersteren auf seinen Kern ausgeübten Anziehung auszugleichen. 

Pumpelly's Speicherbatterie. 

In Pumpelly's Speicherbatterie werden (nach dem Electricien , durch das 
Centralblatt für Elektrotechnik, 1889 S. 398) zwar als Elektroden wie sonst 
gitterförmige Bleiplatten verwendet, welche mit einer activen 3Iasse angefüllt 
sind, dieselben werden aber zur Verhütung einer Kurzschliefsung durch ab- 
fallende Theilchen mittels Kautschukbänder gegen einander isolirt und mit 
Asbestgewebe bedeckt, damit die abbröckelnden Theilchen der Platten auf 
diesem Gewebe liegen bleiben. 

Die gleichartigen Platten sind unter einander durch je einen Kupferstab 
verbunden, welcher zum Schutze gegen den Angriff der Säure mit Blei über- 
zogen ist. Jede Batterie-Abtheilung besteht aus 11 positiven und 12 negativen 
Platten von 15cm^5 Seite, welche sich in einem Kautschukgefäfse befinden, und 
wiegt 14l<,5; ihre Capacität ist 240 Ampere-Stunden, also 16 Ampere-Stunden 
für Ik des Gesammtgewichtes; die normale Entladung geschieht mit 25 Ampere. 
Der Gebrauch der Asbestblätter zur Trennung der Platten vermehrt den 
inneren Widerstand nur unmerklich, denn dieser beträgt blofs 0.003 Ohm. 



48 Bücher-Anzeigen. 

E. Tyer's galvanische Zelle. 

Um die eine Elektrode einer galvanischen Zelle auf grölsere oder ge- 
rinu-ere Tiefe der ErregiingsÜüssigkeit aussetzen, dieselbe auch, und zwar ohne 
sie^in die freie Luft°zu bringen, ganz von der Flüssigkeit abschliolscn zu 
können, ordnet E. Tyer in London nach seinem Englischen Patente Nr. 3312 
vom 3. März 1888 die Zelle in folgender Weise an. Die Zinkelektrode erhält 
die Form einer Röhre, die mit ihrem unteren Ende in eine ringlormige Rinne 
im Boden des Gefafses eingesetzt wird: die Rinne ist mit Quecksilber gelullt 
und dieses wird durch einen in dem Boden und der Wandung des Gefafses 
fortgeführten isolirten Draht mit der Klemmschraube verbunden, üeber die 
Zinkröhre wird eine Glocke aus Glas oder Steinzeug gestürzt, die mittels einer 
Prefsschraube in gröfserer oder geringerer Höhe festgestellt werden kann; in 
ihrer tiefsten Lage sitzt sie auf dem Boden des Gefafses auf; je höher sie ge- 
hoben wird, desto mehr gibt sie von der Zinkröhre der Flüssigkeit preis. Der 
Raum innerhalb der Zinkröhre wird zum grofsten Theil von einem massiven 
Kern ausgefüllt, damit sich der Spiegel der Flüssigkeit im Gefäfse beim Heben 
und Senken der Glocke möglichst wenig ändert. Die andere Elektrode bilden 
Kohlenblöcke, welche in dem Räume zwischen Glocke und Geial'swand im 
Kreise angeordnet sind. 

Bücher-Anzeigen. 

Handbuch der Tiefbohrkunde voia Th. Tecldenburg. Band 111. Das 
Diamantbohr System. Leipzig 1889. Baumgärtner. 14 Mk. 

Der vorliegende Band sei nicht nur den eigentlichen Bohrleuten, sondern 
allen Freunden der Technik empfohlen. Behandelt er doch im Diamant- 
bohren denjenigen Zweig des Bohrfaches, welcher sich durch sinnreiche 
Einrichtung seiner Apparate und erstaunliche Leistungen auszeichnet. Gleich 
seinen Vorgängern ist der neue Theil dem praktischen Bedürfnisse der Bohr- 
unternehmer angepafst, woraus sich erklärt, dafs mitunter maschinelle Ein- 
richtungen eingehender behandelt sind, als es für das Yerständnil's geschulter 
Intfenieure erforderlich gewesen wäre. 

Wenngleich die in Deutschland ausgeführte grofsartigste Bohrung der 
Welt mit dem Diamantbohrer bewerkstelligt ist und die Zahl der Diamant- 
bohrungen von Jahr zu Jahr sich mehrt, so fehlt doch noch viel daran, dafs 
alle Bohrungen, welche ihrer Natur nach die Diamantbohrung erheischten, 
auch nach dieser vollendetsten Methode ausgeführt würden. Der Grund für 
diese Thatsache liegt wohl gröfstentheils in der Unbekanntschaft der Unter- 
nehmer mit den schon zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. Diesem Mangel 
wird durch den vorliegenden Band gründlichst abgeholfen. 

Die 30 beschriebenen Diamantbohrmaschinen, von denen 20 amerikanischen, 
4 englischen, .6 deutschen Ursprunges sind, umfassen alle Einrichtunjjien dieser 
Art , welche Beachtung verdienen. Die Form der Beschreibung eröffnet das 
Verständnifs für Jedermann, wobei die vortrefflichen Abbildungen eine 
wesentliche Unterstützung bieten. 

Zur Gewinnung oines Urtheiies darüber, ob im gegebenen Falle eine 
Diamantbolirung am Platze bezieh, welche Maschine am geeignetsten erscheint, 
dient die ausführlich gegebene Darstellung von Bohrungen, welche alle er- 
hältlichen Daten über Leistungen, Kosten, Kraftaufwand u. dgl. zuverlässig 
wiedergibt. Wer über einzelne Punkte noch eingehendere Belehrung sucht, 
findet in dem reichhaltigen Literaturnachweise alle Quellen, weiche bis zum 
Abschlufs des Bandes zugänglich gewesen sind. 

Hoffentlich regen die gebotenen Darstellungen zu neuen Bestrebungen an 
und bringen auch diesen Zweig der Technik zu immer vollerer Entfaltung. 

E. Qad. 



Verlag der J. ü. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart. 



Neuerungen an Sicherheitslampen. 49 

Neuerungeii an Sicherheitslampen. 

(Fortsetzung des Berichtes Bd. 264 S. 381.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 3 und 4. 

Am 30. April hat die Deutsche Allgemeine Ausstellung für Unfall- 
verhütung in Berlin ihre Pforten geöffnet, eine Ausstellung, welche dem 
Schutze des Arbeiters gewidmet ist und sich aus der Reihe der letzt- 
jährigen Ausstellungen edler und würdiger heraushebt, als beispielsweise 
der vorjährige „Grand concours" in Brüssel. Die Ausstellung ist reich- 
haltig beschickt und gewährt, dank den Bemühungen aller betheiligten 
Kreise und den erzielten Resultaten, die Aussicht, dafs Leben und 
Gesundheit der Arbeiter in Zukunft mehr als bisher gesichert sein 
werden. Sie wird daher zweifellos eine nachhaltige "Wirkung ausüben 
und mit dazu beitragen, den Frieden zwischen Arbeitgeber und Arbeit- 
nehmer zu fördern und zu befestigen. 

Es ist naturgemäfs, wenn auf einer derartigen Ausstellung auch die 
dem Bergbaue so unentbehrlichen Sicherheitslampen reich vertreten 
sind, und zwar haben eine ganze Reihe Firmen, auch ausländische, 
theils bewährte, theils neue Constructionen ausgestellt. Der Catalog 
enthält etwa 17 Nummern, von denen indessen noch einige fehlen. 
Unter den Ausstellern sind hervorzuheben die Eönigl. Bergwerksdirektion 
zu Saarbrücken, das Reichsversicherungsamt ^ Gebr. Slern in Essen an 
der Ruhr, W. Seippel in Bochum und vor allem Friemann und Wolf in 
Zwickau i. S., welche letzteren Firmen zugleich eine Reihe Neuerungen 
vorführen. Ferner sind noch zu nennen S. Elster in Berlin und J. Pintsch 
in Berlin. Auch vom Seiten der belgischen Industrie sind Lampen zur 
Ausstellung gebracht, und zwar von A. Merlin in Ans-lez-Liege und 
von A. Verschueren in Antwerpen, von denen die letztere indefs bei 
Reinigung von Abortanlagen Verwendung findet (Räumung der Fäkal- 
stoff"e der Stadt Antwerpen). Im Folgenden sei nun sowohl über die 
auf der Ausstellung vertretenen Lampen, als auch überhaupt über die 
an Sicherheitslampen getroffenen Abänderungen berichtet. 

Von den ausgestellten Lampen sei zunächst die Lampe der Königl. 
Bergwerksdirektion zu Saarbrücken genannt, welche Lampe bekanntlich 
eine Abänderung der iWüse/er-Lampe ist und sich von dieser dadurch 
unterscheidet, dafs der innere Blechschornstein und das diesen ein- 
schliefsende, über dem Gl ascy linder befindliche wagerechte Drahtgeflecht 
fehlt (vgl. Zeitschrift für Berg-., Hütten- und Salinenwesen., Bd. 31 und 
Bd. 33). 

Ferner sind in mehreren Exemplaren von Heckel und Nonweiler in 
Saarbrücken gefertigte, mit Magnetverschlufs versehene Schondorf' sehe 
und Wenderoth' sehe Lampen ausgestellt (vgl. die D. R. P. Nr. 15150 und 
Nr. 16566); auf letztere werden wir bei einem späteren Berichte aus- 
führlicher zurückkommen. 

Dingler-s polyt. Journal Bd. 273 Nr. 2. 1889/111. 4 



50 • Neaerungen an öicherheitslampen. 

Eine bevyährte Lampe 'h^t auch das Reichsversicherungsamt vorge- 
führt, und zwar die nach den Vorschriften der König!. Preufsischen 
Wettercommission hergestellte, für Rüböl bestimmte Lampe von W. Seippel 
in Bochum in W. mit dem untei- Nr. 24547 patentirten Plombencontrol- 
verschlufs, der in etwa 25000 Exemplaren zur Ausführung gelangt ist. 
W. Seippel hat ferner, wie erwähnt, selbst Lampen verschiedener Systeme 
für Oel und Benzin ausgestellt, theils mit einer neuen Zündvorrichtung. 

Die Abänderungen und Vervollkommnungen, welche in den letzten 
Jahren von deutscher Seite an der i>ai'«/'scheu Sicherheitslampe getroffen 
worden sind, erstrecken sich überhaupt in der grofsen Mehrzahl, und 
die Ausstellung bestätigt dies theilweis, auf die zuerst von C. Wolf in 
Zwickau i. S. vorgenommene Anbringung einer von aufsen zu bethäti- 
genden Zündvorrichtung^ um dadurch dem Arbeiter jede Veranlassung 
zu nehmen, die Lampe bei eingetretenem Erlöschen zu öffnen. An 
diesen Verbesserungen der Zündvorrichtung, über deren Werth die Mei- 
nungen noch getheilt sind, ist C. Wolf selbst mit einer Reihe von Con- 
structionen betheiligt. Einige der anderen Anordnungen zeigen einen 
direkten Zusammenhang mit der oben erwähnten Wolf sehen Construction. 
Ein Theil der Neuerungen läfst indefs auch das Bestreben erkennen, 
die Sicherheit des Korbes zu erhöhen und so die Möglichkeit zu ver- 
ringern bezieh, zu beseitigen, dafs die im Inneren des Korbes sich 
bildende Explosionsflamme sich nach aufsen fortpflanze. 

Hinsichtlich der Zündvorrichtungen sei zuerst die Anordnung von 
H. Catrice in Peruwelz, Belgien, genannt (*D. R. P. Nr. 41140 vom 
22. December 1886), bei welcher ein Reibzündhölzchen dicht neben dem 
Dochtende zur Entzündung gelangt. Die Anwendung von Reibzünd- 
hölzchen bietet den Vortheil, dafs auch ein mit schweren Oelen ge- 
tränkter Docht sicher angezündet werden kann, während bei anderen 
Anordnungen der Gebrauch von flüchtigen, leicht brennbaren Stoffen 
erforderlich ist. 

Die in Fig. 1 und 2 Taf. 3 dargestellte Construction besteht in einem, 
an entsprechender Stelle der Lampe angebrachten cylindrischen Ge- 
häuse a von 20'"'" Durchmesser und 25'^^'^^ Höhe, in welches eine Trommel n 
lose eingesetzt wird. Am inneren Umfange derselben sind die zur Auf- 
nahme der Streichhölzer bestimmten Röhrchen e angelöthet. Dieselben 
sind von etwas geringerer Höhe als die Trommel, so dafs die zwischen 
die Röhrchen gelötheten Theilungswände die letzteren überragen und 
mit der äufseren Trommelwand Schutzfächer bilden, in welchen die 
Streichholzköpfe vollständig von einander getrennt sind, damit durch 
Ueberspringen eines Funkens die ganze Ladung sich nicht auf einmal 
entzünden kann. Oberhalb der Röhrchen e ist auf dem Gehäuse a da& 
viereckige Rohr b befestigt, welches mit den Röhrchen e durch ein 
Loch in Verbindung steht. Rohr b enthält im Inneren die flache Feder c, 
welche mit ihrem unteren Ende an die Rohrwand gelöthet ist und sieb 



Neuerungen an Sicherheitslampen. 51 

oben gegen eine gerauhte Fläche der gegenüberliegenden Rohrwand 
legt. Das obere Ende der Feder ist rechtwinkhg umgebogen und ist 
auf diesen Winkel ein Plättchen p gelöthet, welches die Mündung des 
Rohres vollständig verschliefst. Das Gehäuse a hat unten einen ziem- 
lich hohen Flansch A-, auf welchem der Deckel d drehbar befestigt ist. 
Der Deckel wird durch Ausschnitt i und Stift i^ verschlossen gehalten, 
wobei der durch Rohr r gesteckte Draht u mit seinem unteren Ende 
in der Höhlung v des Deckels steht. Auf dem Deckel d befindet sich 
an entsprechender Stelle eine Erhöhung </, welche mit einer Curven- 
nuth z von solcher Länge versehen ist, dafs dieselbe ungefähr über zwei 
Rohrmündungen reicht, so dafs also die Trommel n jederzeit mittels 
des Stiftes in Drehung versetzt bezieh, ein Streichholz unter Rohr b 
eingestellt werden kann. Am Eingange von b sind noch zwei Federn f 
angebracht, welche das hinaufgedrückte Streichholz in dieser Stellung 
festhalten. 

Zur Entzündung der Lampe wird nun mittels eines durch den 
Schlitz z eingeführten Stiftes ein Streichholz unter Rohr b eingestellt 
und kräftig hinaufgedrückt, wobei die Feder c zurückweicht, das Streich- 
holz auf der rauhen bezieh, chemisch präparirten Fläche sich entzündet 
und neben dem Dochte aufflammt. Das obere Plättchen p weicht dabei 
ebenfalls mit der Feder c zurück und hält im Uebrigen den Apparat 
gegen Eindringen von Gasen verschlossen. Die Streichhölzchen sind 
etwa 20™"! lang und können dicker als gewöhnliche Zündhölzchen sein; 
sie werden fest in die Röhrchen e eingesteckt, damit sie nicht von 
selbst herausfallen können. Die Zündvorrichtung wird von unten loth- 
recht in die Lampe eingesetzt und am Umfange des Flansches k mit 
dem Lampenboden verlöthet, so dafs in dieser Lage das Rohrende b 
gerade mit dem Dochte in gleicher Höhe liegt (vgl. auch Comptes rendus 
de la socie'te de findustrie minerale^ 1887 S. 237). 

Wie bereits erwähnt, liegen neuere Zündvorrichtungseonstructionen 
auch von Friemann und Wolf in Zwickau i. S. vor, welche Neuerungen 
zum Theil auch auf der Ausstellung vertreten sind. 

C. Wolf hatte seine Zündvorrichtung früher bereits mit einer Schutz- 
kappe versehen (vgl. 1887 263 132), um ein Verspritzen der Zündpillen- 
theilchen nach oben in den Drahtschornstein oder seitlich an den Glas- 
eylinder zu verhindern. Neuerdings ist nun an dieser Schutzkappe ein 
Messer zum Abschneiden des verbrauchten Zündstreifens angebracht, um 
der aus Entzündung des Streifens entstehenden Gefahr vorzubeugen 
und so die Veranlassung zu Durchschlägen zu beseitigen (*D. R. P. 
Nr. 43234 vom 30. Juni 1887). Das Messer b (Fig. 3) ist unterhalb des 
wagerechten Theiles der bei c drehbaren Schutzkappe o angebracht, 
und die letztere ist an einer Seite mit einer gekrümmten Verlängerung d 
versehen, welche durch Stifte g h der Schiebestange e beeinflufst wird. 
Beim Bethätigen der Zündvorrichtung (Herabziehen von e) erfährt daher 



52 Neuerungen an Sicherheitslampen. 

die Schutzkappe a eine eutsprechende Drehung, wobei ihr Messer b 
den über die Zündvorrichtung hinausragenden Papierstreifen b^ ab- 
schneidet. Beim Emporschieben der Stange e tritt dann die Kappe a 
wieder zurück und ermöglicht damit das weitere Vorschieben des Zünd- 
streifens, dessen Zündung wie bekannt erfolgt. 

Während die eben genannte Zündvorrichtung für mit Benzin ge- 
speiste Sicherheitslampen bestimmt ist, hat sich C. Wolf in Firma Friemann 
und Wulf in Zwickau i. S. in neuerer Zeit eine Zündvorrichtung pa- 
tentiren lassen für Sicherheitslampen, in welchen schwere Oele oder 
ein Gemisch von Erdöl und Paraffin gebrannt werden C^D. R. P. Nr, 44392 
vom 24. Februar 1888). Zum Entzünden des Dochtes ist in diesem 
Falle eine länger andauernde Flamme erforderlich, als durch Zünd- 
pillenstreifen zu erzeugen möglich ist. Es werden deshalb Streifen mit 
Zündpillen verwendet, die nicht durch Schlag, sondern durch Reibung 
entzündet werden und eine lang andauernde Flamme abgeben. 

Fig. 4 zeigt die Zündvorrichtung im Querschnitte, während Fig. 5 
die im Gehäuse a gelagerte und durch den Oelbehälter der Lampe 
hindurchtretende Spindel m zeigt, durch welche die Zündvorrichtung 
bethätigt wird. Durch das nur am oberen Ende theilweise offene Ge- 
liäuse o der Zündvorrichtung geht ein fest gelagerter Bolzen 6, welcher 
innerhalb des Gehäuses zwei zur Transportirung des an der Platte f 
geführten Zündstreifens e dienende Zahnräder c und zwischen diesen 
den eigentlichen Reiber d aufnimmt. Dieser Reiber d ist in der Mitte 
mit einem Schlitze versehen, der gröfser als der durch ihn tretende 
Stift b ist, so dafs der Reiber nicht allein eine Auf- und Abwärts- 
bewegung, sondern auch eine seitliche Bewegung ausführen kann. Im 
unteren Theile des Reibers d ist ein zweiter Führungsschlitz vorgesehen, 
durch den ein gleichfalls in dem Gehäuse a gelagerter Stift g hindurch 
tritt. Ein am Reiber d befestigter Stift h ist durch einen Schlitz des 
Gehäuses a nach aufsen geführt und wird hier von dem einen Ende 
einer um einen Bolzen gewickelten Feder / ergriffen, welche bestrebt 
ist, den Stift h und hierdurch den Reiber d selbst hochzuschnellen. 

Soll der Reiber d zur Bethätigung der Zündvorrichtung nach unten 
gezogen und die Feder l gespannt werden, so dreht man die aus dem 
Oelbehälter der Lampe heraustretende Spindel m in der Pfeilrichtung 
(Fig. 4) herum, wobei die an dem excentrischen Stifte o sitzende Nase n 
der Spindel den Reiber d zuerst nach der Seite drückt, so dafs der aus 
dem Kasten a heraustretende Arm ^Z, mit dem zugespitzten gebogenen 
Ende d^ des Reibers d von dem Zündstreifen e abgehoben und in dieser 
abgehobenen Lage nach unten geführt wird, ohne den Papierstreifen n 
mitzunehmen. Zwischen der Nase n und den Theilen m w, der Spindel 
ist genügender Zwischenraum , um ein Hindurchtreten der Transport- 
räder c zu ermöglichen. Bei weiterer Drehung der Spindel und nach 
Abheben des Reibers von dem Zündstreifen e greift der excentrische 



Neuerungen an Sicherheitslampen. 53 

Stift in die Zähne der Transporträder c ein, dreht die letzteren um 
einen Zahn herum und schiebt dadurch gleichzeitig den Papierstreifen e 
um die Entfernung zweier Zündpillen in die Höhe. Der Reiber d wird 
durch die Nase n in seiner untersten Lage so lange festgehalten, bis 
letztere bei weiterer Drehung der Spindel m den Schulteransatz am 
Reiber d verlassen hat. Nun kann die Schlagfeder / in Wirkung treten, 
die zuerst durch den Angriff' an den Stift h den Reiber d nach rechts 
drückt, damit die Spitze d.^ des Armes rfj fest an dem Papierstreifen e 
zur Anlage kommt, und alsdann den Reiber d in gerader Führung 
schnell nach oben treibt, wobei die Spitze des Reibers die Zündpille 
aufreifst und dadurch eine Zündung herbeiführt. 

Um nicht ein Abreifsen der Zündpille ohne Zündung derselben zu 
veranlassen, empfiehlt es sich, dieselbe in der Mitte zu schHtzen. Die 
durch die besondere Art Zündmasse durch Reibung derselben erzeugte 
Flamme brennt ausreichend lange, um den mit schweren Oelen oder 
Erdöl und Paraffin gespeisten Docht zum Entflammen zu bringen. 

Um indefs diese Zündvorrichtung auch für Benzinsicherheitslampen 
verwendbar zu machen, hat dieselbe in einem neuesten Patente (* Zu- 
satzpatent Nr. 47 638 vom 24. Februar 1888) eine Abänderung dahin 
erfahren, dafs der Reiber für den Zündstreifen wieder durch einen 
Hammer ersetzt ist, der indefs durch eine Feder nur einen begrenzten 
Antrieb erhält, so dafs er den letzten Theil seines zur Ausführung des 
Schlages nothwendigen Hubes durch sein Beharrungsvermögen zurück- 
legt. Diese Einrichtung hat den Vortheil, dafs der Hammer zur Zün- 
dung der Pille nur einen momentanen Schlag ausführt, während das 
Ausbrennen derselben unbehindert durch den Hammer erfolgt. 

Der gufseiserne Lampenölbehälter enthält einen kastenförmigen 
Raum, in den die Zündvorrichtung, in einem leicht* auseinandernehm- 
baren Gehäuse untergebracht, von unten eingeschoben und durch einen 
aufschraubbaren Ring festgehalten wird. Durch die Gehäuseplatten a 
(Fig. 6 und 7) der Zündvorrichtung führt ein Stift fe, auf welchem in 
derselben Weise wie bei der Vorrichtung des Patentes Nr. 44392 die 
Transporträder c sitzen, zwischen denen sich der Schlaghammer d auf 
und ab bewegen kann. Dieser Hammer erhält, wie Fig. 7 erkennen 
läfst, dadurch eine Geradführung, dafs der Stift b in einem Schlitze des 
Hammers und ein Stift e des letzteren in einem Schlitze Cj des Ge- 
häuses geführt wird. Die Bewegung des Hammers erfolgt wie bei der 
Hauptconstruction durch eine mit Nase p versehene Spindel o und 
mittels einer Feder f. Diese letztere sitzt auf den Stiften g und g^ und 
ist derart ausgebildet, dafs das wirksame gegen den Hammer d drückende 
Ende in dem mit Anschlagnase versehenen anderen festen Ende der 
Feder seinen Anschlag findet, so dafs der Hammer d den letzten Theil 
seines Weges durch seine lebendige Kraft zurücklegen mufs. 

Das Spannen der Feder bezieh, die Abwärtsbewegung des Ham- 



54 Neuerungen an Sicherheitslampen. 

mers d erfolgt durch Drehung der Spindel o in der Pfeilrichtung, indem 
die Nase p des excentrischen Stiftes q sich gegen den Ausatz rfj ^^^ 
Hammers legt. Ehe aber die Nase bei weiterer Drehung der Spindel 
den Hammer freigibt, schiebt der Stift q durch Eingriff in die Zähne 
der Transporträder c den Zündstreifen um die Entfernung zweier Zünd- 
l)illen in die Höhe. Zur sicheren Functionirung des Mechanismus wird 
der Hammer d dabei auch dann noch in gespannter Lage von der 
Nase p gehalten, wenn der Vorschub des Zündstreifens bereits vollendet 
ist. Gibt nun die Nase p den Hammer frei, so zündet derselbe durch 
seinen Anschlag an die Ambosplatte /j die darunter liegende Pille und 
fällt dann sofort etwas zurück. Durch die Kappe m W|, welche zugleich 
als Schutz gegen versprengte Theilchen der Zündpille dient, wird der 
Feuerstrahl dem Benzindochte zugeleitet und dieser leicht entzündet. 

Die Drehung der Spindel o erfolgt von dem zur Herausnahme der 
Zündvorrichtung zurückziehbaren Bolzen r aus. Der Zündstreifeu i ist 
in der gezeichneten Weise bezieh, durch einen Ansatz f/, des Hammers 
geführt und kann zufolge der ganzen Anordnung des Hammers d 
zwischen den letzteren und der Ambosplatte l eingeführt werden, ohne 
eine Bewegung der Theile uöthig zu machen. Alle beweglichen Theile 
der Vorrichtung sind von Stahl und gehärtet und mit Rücksicht auf 
das Rosten noch vei-zinnt. 

Wie der Zündstreifenabschneider ist auch diese letzte Zündvorrich- 
tung auf der Unfallverhütungs-Ausstellung in mehreren Exemplaren ver- 
treten. Die Friemann und Wolf sehe Ausstellung ist überhaupt die 
i-eichhaltigste auf dem Gebiete der Sicherheitslampen, und sind ferner 
die jPie/er"sche Untersuchungslampe, eine Anzahl Markscheiderlampen 
mit beweglichen und feststehenden Glaslinsen (vgl. 1888 267 288), eine 
Sicherheitslampe mit gefaltetem und längsgeschlitztem Schutzmantel 
gegen grofse Wettergeschwindigkeiten und eine Reihe Universalsicher- 
heitslampen mit Zündvorrichtung vorgeführt. Auch der Magnetver- 
schlufs, der Apparat zum gefahrlosen Füllen der Sicherheitslampen und 
der Probirapparat zur Untersuchung der Lampen auf ihre Sicherheit 
gegen Gase sind ausgestellt. 

Die jüngste Wolfsche Zündvorrichtung (D. R. P. Nr. 47638 vom 
24. Februar 1888), bei welcher das Anschlagen der Zündpille von der 
Rückseite aus erfolgt, so dafs das Sprühfeuer unbehindert gegen den 
Docht geleitet wird, zeigt damit eine gewisse Verwandtschaft mit der 
um wenige Monate älteren Zündvorrichtung von W.Seippel in Bochum i.W. 
(*D. R. P. Nr. 44776 vom 28. December 1887), welch letztere als aus 
der ältesten Wolf'schen Consti'uction hervorgegangen angesehen werden 
darf. Bei dieser und bei den späteren Constructionen wird der Zünd- 
streifen durch eine Transportvorrichtung vor der Zündstelle gegen die 
feststehende Gehäusewand gedrückt und an derselben entlang geschoben. 
Hierbei wird öfters die Zündpille verletzt und unbrauchbar gemacht, 



Neuerurigen an Sicherheitslampen. 55 

oder der Züudstreifeu wird sich, besonders /wenn er etwas. faucht '^er 
worden ist, vor der Zündstelle in Fähen legen, so dafs die Zündpille 
durch den aufschlagenden Haimmer nicht getroffen wird und eine Zun-/ 
düng nicht eintritt. - 

Diese Umstände sucht W. Seippel zu vermeiden, indem er den 
ZUndstreifen hinler der Zündstelle erfafst und den Hammer von rücki- 
wärts aufschlagen läfst. Der Zündstreifen s (Fig. 8) mit seinen Zünd^/ 
pillen a, die in möglichst gleichen Abständen von einander auf dem 
Streifen , angebracht sind, wird von einer Rolle innerhalb der Zwischen-i 
wände w und Wj (Fig. 9) vor die Zündöffnung e geführt. Diese Zünd- 
öffnung e besteht aus einer kurzen Röhre und ist mit ihrer Oeffnung 
nach dem zu entzündenden Dochte gerichtet. Die ZündrÖhre besitzt 
nach innen einen Steg s, auf welchem die Entzündung der Pille a durch 
Schlag vor sich geht. Der Zündstreifen z ward damit von hinten ge- 
schlagen, und die Zündpille sprüht durch die freie Oeffnung der Zünd- 
röhre das Feuer unmittelbar gegen den Docht. Der schwache Steg s, 
welcher vorzugsweise den Schlag des Hammers aufnehmen mufs, ist 
dem Sprühfeuer nur wenig hinderlich. Dabei verdeckt der Hammer c 
beim Aufschlagen die Oeffnung e der Zündröhre voll und ganz, so dafs 
ein Zurücktreten von Sprühfeuer in das Innere des Zündapparates ver- 
mieden ist. 

Die Transportvorrichtung für den Zünd streifen besteht aus einem 
Schieber 6, der mittels einer am Gehäuse gut geführten Druckstange d 
auf und ab bewegt wird und der einen Schlitz f besitzt, durch den das 
verbrauchte Zündband hindurch geführt ist.:, Am oberen Ende des 
Schiebers b ist ein Daumen n drehbar, welcher einerseits den Schlag- 
hammer bethätigt, andererseits den Vorschub des Zündstreifens bewirkt. 
Der Hammer c sitzt an dem freien Ende der im Gehäuse festgenieteten 
Schlagfeder A, welche an geeigneter Stelle eine Nase m trägt. 

Beim Niederziehen des Schiebers b mittels der Stange d wird nun 
die Nase n desselben gegen die: schräge Fläche der Nase m der Schlag- 
feder h und damit der im Schlitze f des Schiebers b befindliche Zünd- 
streifen z fest gegen die mitbewegte Rück^'and des Schiebers b ge- 
drückt und somit festgeklemmt. Beim w^eiteren Niederziehen des 
Schiebers b wird daher der festgeklemmte Zündstreifen z nach unten 
gezogen und hierbei die folgende Zündpille vor die Oeffnung e der Zünd- 
röhre gebracht. Bei dieser Bewegung ist auch durch die Nase n und m 
die Schlagfeder k gespannt, und indem die beiden Nasen an einander 
vorbei gehen, schlägt der Hammer c kräftig auf die vor der Oeffnung e 
befindhche Zündpille und bringt sie zur Entzündung. Beim Hochschieben 
der Stange d wird der Daumen n durch die Nase m nach unten ge- 
drückt, so dafs die Klemmwirkung auf den Zündstreifen aufhört und 
der letztere in Ruhe bleibt. 

Vorausgesetzt, dafs der Zündstreifen immer iutact bleibt und ein 



56 Neuerungen an Sicherheitslarapen. 

sicheres Functioniren der Vorrichtung gestattet, würde diese Art des 
Transportes des Züudstreifens auch den Vortheil gewähren, dafs der 
verbrauchte Züudstreifen im Gehäuse bleibt und nicht in den Lampen- 
raum tritt, und dafs der Zündstreifen beim Transport nicht gegen 
festliegende Gegenflächen gedrückt wird, sondern gegen mitbewegte 
Klemmflächen, so dafs ein Beschädigen des Zündstreifens durch Reibung 
vermieden ist. 

Die Firma IV. Seippel hat, wie erwähnt, ebenfalls ihre Lampen mit 
Plombenverschlufs (D. R. P. Nr. 24547 vom 2. Februar 1883) auf der 
Ausstellung vorgeführt, und sind 4 der 16 ausgestellten Lampen mit der 
genannten Zündvorrichtung versehen. 

Auch die Zündvorrichtung von Fischer in Homberg a. Rh. (*D. R.P. 
Nr. 44958 vom 28. December 1887) lehnt sich an die Wolf sehe Con- 
structioQ an, indem der Schlaghammer durch einen Reiber ersetzt wird 
unter Verwendung einer aus Schwefel und Phosphor bestehenden Zünd- 
masse. 

An der Schiebestange e (Fig. 10 Taf. 3) sitzt drehbar ein Schieber 6, 
welcher beim Emporschieben der Stange e (von der punktirt gezeich- 
neten Lage aus) mit seinem hakenförmigen Ende den Zündstreifen c 
und mit dem anderen Ende den Reiber a in einer Einkerbung erfafst 
und entgegen der Feder f mit in die Höhe führt, bis er gegen den 
festen Bolzen d stöfst. Beim weiteren Heben von e dreht sich daher 
jetzt der Schieber b und gibt den Reiber a frei, welcher, von der 
Feder m an den Zündstreifen c angedrückt, jetzt unter dem Ein- 
flüsse der Feder f über die Züudmasse gezogen wird und letztere ent- 
flammt. Das Erfassen des Züudstreifens und des Reibers erfolgt beim 
Herunterziehen der Schiebestange e durch Aufsetzen des Schiebers b 
auf den Bolzen /. 

Wie Catrice verwendet auch /. Müller auf 'Zeche Mathias bei 
Essen a. d. Ruhr für seine Zündvorrichtung Streichhölzer, welche er 
mittels einer Schublade in das Innere der Lampe einführt (*D. R. P. 
Nr. 45317 vom 29. Februar 1888). 

Als Vorrathsgehäuse ist aufsen am Oelbehälter (Fig. 12 Taf. 3) 
ein Gehäuse g angebracht, in dem aufrecht stehend eine Anzahl Streich- 
hölzer $ enthalten sind, welche durch Federn f stets nach der Oeffnung 
des Gehäuses hin vorgedrückt werden. Diese Oeffnung mündet in einen 
schmalen, in das Innere des Oelbehälters hineingebauten, ungefähr bis 
an die Dochthülse reichenden Kasten A, in welchem der mit Halter h 
ausgerüstete Schieber i schubladenartig verschiebbar ist. Der Halter h 
dient zur Aufnahme der aus den» Gehäuse^ vorgedrückten Streichhölzer» 
und ist mittels eines Ansatzes h^ in einem Schlitze m des Schiebers t 
senkrecht verschiebbar. Eine weitere Führung erhält der Halter h durch 
den Zapfen A.^, der in dem Schlitze a der im Kasten k besonders be- 
festigten Platte p gleitet (Fig. 11). Zufolge dieser Schlitzführungen 



Neuerungen an Sicherheitslampen. 57 

mufs daher der Halter h beim Verschieben des Schiebers i eine auf und 
ab steigende Bewegung ausführen. 

Soll nun die Lampe angezündet werden, so zieht man den Schieber t, 
so weit als der Zapfen h^ es gestattet, heraus. Der Halter h geht dabei 
an der Oeffnung des Vorrathsgehäuses g vorbei, kann aber jetzt kein 
Streichholz aufnehmen, da sich in ihm noch der Rest des vorher be- 
nutzten abgebrannten Streichholzes befindet. Diesen Rest entfernt man 
durch die im äufseren Theile des Kastens k angebrachte Oeffnung 6, 
welche indefs nur so hoch ist, dafs wohl das abgebrannte Stück durch 
dieselbe herausgenommen, nicht aber ein ungebrauchtes Streichholz nach 
aufsen gebracht werden kann. Schiebt man nun die Schublade i ein- 
wärts, so nimmt der Halter beim Passiren der Oeffnung des Gehäuses g 
ein Streichholz in sich auf und führt es in das Innere des Kastens, 
während die Oefi'nung des Gehäuses 5 durch die Seitenwand desSchie-^ 
bers i verschlossen wird. Beim weiteren Einschieben des Schiebers i 
aber macht der Halter h zufolge der Schlitzführungen a und m eine 
aufsteigende Bewegung und führt dadurch das in ihm enthaltene Streich- 
holz s an der gerauhten oder präparirten federnden Platte c entlang. 
Das Streichholz gelangt dadurch in unmittelbarer Nähe des Dochtes zur 
Entzündung, so dafs dieser bei einiger Neigung der Lampe angezündet 
werden kann. Das Zündholz (Wachszündhölzer) läfst man bis auf den 
Halter h abbrennen. 

Zum Einfüllen neuer Streichhölzer erhält das Gehäuse g eine ver- 
schliefsbare Oeffnung, so dafs bei der Abgabe der Lampe die Streich- 
hölzer unzugänglich sind und die Zündung derselben nur im Inneren 
der Lampe bewirkt werden kann. Dieser Verschlufs des Vorraths- 
gehäuses dürfte allerdings ein wunder Punkt der Construction sein, 
da ein einfacher Verschlufs dem Arbeiter ein unbefugtes Oeffnen und 
Entnahme von Streichhölzern sehr nahe legt und ein complicirter Ver- 
schlufs sich mit Rücksicht auf die praktische Verwendbarkeit der Lampe 
wenig empfehlen würde. 

In neueren Ausführungsformen ist die Schublade und das Vorraths- - 
gehäuse durch eine Revolverzündvorrichtung ersetzt, und mit derartiger 
MüWcr'scher Streichholzzündung versehene Sicherheitslampen sind von 
der Firma Gebr. Stern in Essen a. d. Ruhr in mehreren Exemplaren auf 
der Ausstellung vorgeführt. 

Als letzte Construction auf diesem Gebiete ist endlich noch die 
Zündvorrichtung von E. Bovermann in Essen a. d. Ruhr zu nennen 
(*D.R.P. Nr. 46257 vom 26. Mai 1888), bei welcher ein durch Schlag 
entzündbarer Zündsatz in Kugelform Verwendung findet. 

An dem Boden des Lampenbehälters o (Fig. 13 Taf. 3) befinden sich 
im Inneren zwei senkrecht zum Boden stehende, nach unten offene 
Röhren. In einer derselben ruht eine spiralförmig gewundene Feder /;, . 
deren Enden einerseits an dem Deckel der Röhre, andererseits an einem 



58 Neuerungen an Sicherheitslampen. 

Knopfe g befestigt sind. An diesem Knopfe sitzt noch ein Schlag- 
bolzen e, welcher in der am oberen Ende mit einer rechtwinklig zur 
Achse stehenden, dem Dochthalter zugewendeten OefFnung m versehenen 
zweiten Röhre geführt wird. Vom oberen Kande des Gefafses a ist an 
einer Seite ein Rührchen h angebracht, welches in absteigender Rich- 
tung in das vorbeschriebene Rohr mündet und dadurch eine Verbindung 
von aufsen her mit dem Schlagbolzenrohre herstellt. Dieser Kanal 
dient als BehäUer für die Zünd kugeln. Ein um den Deckel des Brenn- 
stofi'behälters geschraubter Ring c, an welchem die Sicherungen für 
den Cylinder d angebracht sind, schliefst den Kanal von oben. 

Sobald der Knopf g vom Boden genügend abgezogen wird, spannt 
sich die Feder b und die Oberkaute des Schlagbolzens e tritt unter die 
Einmündung des mit Zündkugeln gefüllten Kanales ä, wodurch eine 
derselben aus diesem in die Schlagbolzenröhre gelangt. Wird der 
Knopf g losgelassen, so schnellt vermöge der gespannten Feder b der 
Schlagbolzen wieder in die Röhre hinein und entzündet durch den ent- 
stehenden Schlag die vor dem Bolzen gelagerte Kugel am oberen Ende 
der Röhre bei der seitlich mündenden OefFnung m. Der aus m hervor- 
sprühende Feuerstrahl entzündet dabei den im Dochthalter befindlichen 
Docht. Eine vereinfachtere Anordnung würde sieh noch ergeben, wenn 
die Schlagfeder b unmittelbar um den Bolzen e gelegt würde. 

Wenden wir uns nun zu den Neuerungen an Sicherheitslampen, 
welche speciell eine Erhöhung der Sicherheit gegen Explosionsgefahr 
bezwecken, so ist zunächst die Anordnung von J. Jaffin Wien (*D.R. P. 
Nr. 41755 vom 21. Mai 1887) zu erwähnen, bei welcher über den Draht- 
korb ein Mantel gelegt ist, der aus einer Reihe von neben bezieh, über 
einander liegender Wickelungen einer Art Perlenschnur besteht. Die 
Schnur ist durch Hohlkügelchen a (Fig. 15 Taf. 3) aus Eisen oder Stahl 
gebildet, die auf einem Drahte aufgefädelt und daran gelöthet sind. 
Diese Schnur wird nun in wagerechten Lagen um das Drahtgeflecht d 
(Fig. 14) gewickelt, und bilden diese über einander liegenden Reihen 
eine Art Mantel, welcher wirksamen Schutz gegen Explosionsgefahr 
bieten soll. Der Anfangs- und Endpunkt dieser Schnur wird in ge- 
eigneter Weise (mittels eines feinen Drahtes oder durch Löthen) an 
dem Korbe befestigt. Auch kann man nach Belieben einzelne oder 
sämmtliche Lagen der Perlenschnur durch senkrechte Drähte, welche 
nach Art der Gewebefaden die einzelnen Lagen der Schnur durch- 
laufen, versteifen, um die Festigkeit der Umhüllung zu erhöhen. Der 
Drahtkorb hat oben zwei Lagen Geflecht, zwischen denen entweder 
eine Perlenschnur spiralförmig zusammengerollt angebracht ist, oder es 
sind die hohlen Eisenkügelchen a einfach in den Raum zwischen die 
beiden Lagen des Drahtgeflechtes eingestreut, so dafs der ganze innere 
Raum oberhalb des Glascylinders von dem Drahtgeflechte und der Um- 
hüllung; o umschlossen ist. 



Neuerungen an Sicherheitslampen. 59 

Die Fig. 14 zeigt an der Lampe noch einen doppelten, mit A.us- 
sclinitten c versehenen Schirm b b^ , durch den mittels Verdrehung der 
Theile auf einander der Luftzutritt zur Lampe beim Vorhandensein von 
Explosionsgasen ganz abgeschnitten werden kann. 

Eine v^^enig Vertrauen erweckende Schornsteinconstruction schlägt 
H. Siebeck in Bochum i. W. vor ("D. R. P. Nr. 44243 vom 18. November 
1887). Die durch den gebräuchlichen Drahtschornsteiu gebotene Sicher- 
heit gegen Entzündung der Schlagwetter in den Gruben ist insofern 
nur eine mäfsige, als die Möglichkeit, die Verbrennung der Schlag- 
M-etter auf das Lampeninnere zu beschränken, mit der Zunahme der 
Wetterstromgeschwindigkeit abnimmt. Bei einer gewissen Geschwin- 
digkeit versagt dann der Korb seinen Dienst, indem der an der einen 
Seite des Korbes eintretende Wetterstrom die innerhalb der Lampe 
verbrennenden Gase durch die andere Seite des Drahtgeflechtes hin- 
durchtreibt und eine Entzündung der Grubengase herbeiführt. Um nun 
diese Wirkungen starker Wetterströme auf das Lampeninnere zu ver- 
meiden, ohne dabei die Leuchtkraft der Lampe zu schwächen oder 
eine Erhitzung der letzteren herbeizuführen, bringt B. Siebeck den in 
Fig. 16 Taf. 3 dargestellten Schornstein in Vorschlag, a, 6, c, d und e 
sind conische Blechhülsen, von denen der in der Pfeilrichtung ankom- 
mende Wetterstrom in seiner Geschwindigkeit gebrochen und verlang- 
samt wird, dann an denselben heruntergleitet und durch die mit /■, ^, ä, i 
und k bezeichneten ringförmigen Drahtgewebe in das Innere der Lampe 
treten kann. Je nach der Wettergesehwindigkeit kann man nun diese 
Drahtgewebe ganz wagerecht, wie bei ^, A, i und ft, oder bei geringerer 
Wettergeschwindigkeit, wie bei f gezeichnet, etwas geneigt anordnen. 

Eine Erhöhung der Betriebssicherheit bezweckt auch die Lampen- 
construction von J. Pearson in Levenshulme bei Manchester (Englische 
Patente AD 1888 Nr. 1500 und 3071). Die Sicherheitslampe [st mit 
einer Auslöschvorrichtung versehen, welche durch einen Ring aus leicht 
schmelzbarem Metalle in gespannter Lage erhalten und bei gefahr- 
drohender Temperaturerhöhung des oberen Lampentheiles durch Schmelzen 
des Ringes ausgelöst wird (vgl. Clapp und Sandbrook und Marshatl^ 1887 
263 ■"" 134). Die zweite Construction, Nr. 3071, ist eine Vervollkomm- 
nung des erstereu, Patent Nr. 1500, indem bei jener bei bevorstehender 
Gefahr auch die Luftein- und Luftauslässe der Lampe geschlossen werden. 

Diese Anordnung zeigen die Fig. 17 und 18 Taf. 4.1 Auf dem Oel- 
behälter der Lampe ist ein Ständer m errichtet, an dem die mehrfach 
gekröpfte Stange j geführt ist, welche von dem aus leicht schmelzbarer 
Legirung gemachten Ringe / in gehobener Lage gehalten wird. Diese 
Stange j trägt oben eine Platte f und unten den Auslöscher /V, den eine 



1 Auf der Tafel ist anstatt Pearson irrthümlich Sandbrock und Marshall 
angegeben. 



QQ Neuerungen an Sicherheitslampen. 

Spiralfeder ft, über die Flamme zu stülpen sucht, woran sie durch die 
gehobene Stellung der Stange j gehindert ist. 

Die Lufteinlässe a sind an der oberen Glascylinderführung ange- 
bracht, und über denselben ist eine mit correspondirenden Löchern e 
versehene Platte b drehbar. Eine Spiralfeder d (Fig. 18) sucht diese 
Platte so zu verstellen, dafs die Löcher c nicht mit den Löchern o 
übereinstimmen, dafs mithin die Lufteinlässe geschlossen sind. Diese 
Drehung wird aber dadurch verhindert, dafs ein Stift ;; der Platte b an 
dem kleinen am Gestelle drehbaren Hebel o Anlage findet, dessen 
anderer in das Lampeninnere reichender Arm in eine Oese der Stange j 
hineinreicht. 

Wird nun die Temperaturerhöhung im Drahtkorbe eine gefahr- 
drohende, so kommt der Ring l zum Schmelzen, die Stange j verliert 
ihre Unterstützung und sinkt herab. Damit kommt die Spiralfeder /cj 
zur Wirkung und dreht die Kappe k über die Flamme, so dafs die 
letztere erstickt wird. Mit der Stange j aber senkt sich einerseits auch 
die Platte f auf den Ring g und deckt den Luftauslafs ab, während 
andererseits der Hebel o derart gedreht wird, dafs der Stift p der 
Platte b seine Anlage verliert. Die Platte b kann daher dem Zuge der 
Spiralfeder d bis zur Anlage des Stiftes r an den Steg s folgen und die 
Lufteinlässe werden geschlossen, so dafs auch jede Luft- oder Gasbe- 
wegung abgeschnitten wird. 

Endlich sei noch einer neueren Sicherheitslampenconstruction von 
F. D. Cambtssedh in Douai gedacht (*D. R. P. Nr. 45 751 vom 15. März 
1888), welche Construction aber den unerläfslichen Bedingungen der 
Praxis, einfach und dauerhaft gebaut zu sein, nur wenig zu entsprechen 
scheint. Cambessedes bezweckt mit seiner Construction, die Leuchtkraft 
der Lampe zu erhöhen und den Oelverbrauch dadurch genau zu regeln, 
dafs mittels einer pneumatischen Röhre der Oelspiegel im Dochtrohre 
constant erhalten wird. Gleichzeitig ist die Lampe durch Zulötheu ge- 
schlossen, so dafs sie von Seiten des Arbeiters wohl gelöscht, aber nicht 
geöffnet werden kann. 

Zur Festlegung des Oelspiegels im Dochtrohre b (Fig. 19 Taf. 4) 
wird die sogen. Mariotte^ sehe Flasche verwendet, indem in den dem 
Brenner gegenüber höher gelegenen, luftdicht geschlossenen Oelbehälter o 
das an beiden Seiten offene Röhrchen q eingesetzt ist, dessen untere 
OefFnung bekanntlich den Oelspiegel im communicirenden Rohre b in 
einer durch dieselbe gelegten Wagerechtebene cc ß festlegt. Sinkt beim 
Brennen der Lampe der Oelspiegel in 6, so treten zur Ausgleichung des 
Druckes Luftbläschen durch das Röhrchen q in den Oelbehälter, so dafs 
der Oelspiegel im Dochtrohre constant bleibt. Dieser seitliche Oelbe- 
hälter hat eine sectorförmige Gestaltung und nimmt fast ein Drittel des 
Lampenumfanges ein, so dafs dem Vortheile einer gleichmäfsig gespeisten 
Flamme der Nachtheil einer Begrenzung des Beleuchtungsfeldes gegen- 



Neuerungen an Sicherheitslampen. 61 

übersteht. Bei Verwendung von Erdöl ist der seitliehe Behälter über- 
flüssig und wird dasselbe im Räume u untergebracht. 

Besonders hebt Cambessedes noch an seiner Lampe die Luftführung 
hervor. Die Verbrennungsluft tritt bei m in einen mit Drahtgewebe 
versehenen Ringraum i und von hier durch die nahezu gleichmäfsig 
ringsherum vertheilten Lampenstützen h in die Kammer ^, von wo der 
gröfsere Theil durch den Conus e dem Brenner von aufsen zugeleitet 
wird, während ein Theil durch die Bohrungen n zum Inneren der 
Flamme tritt. Der Schornstein r ist oben ebenfalls durch Metallgewebe 
abgedeckt. Durch diese Luftführung wird dem Brenner sowohl gleich- 
mäfsig vertheilte, als auch vorgewärmte Luft zugeführt, und diese beiden 
Eigenschaften in Verbindung mit der Anordnung eines constanten Oel- 
spiegels hebt Cambessedes als die Hauptvorzüge seiner Construction hervor. 
Nach angestellten Versuchen soll die Lampe bei einer vierfachen Leucht- 
kraft gegenüber den Müseler -Lampen kaum die Hälfte des Oelver- 
brauches erreichen (vgl. Comptes rendus de la socie'te de Vindustrie mine- 
rale^ 1887 S. 26 und 1888 S. 72). Zur weiteren Untersuchung der 
Lampe wurde von der genannten Gesellschaft eine Commission von 
sechs Mitgliedern eingesetzt, deren Arbeiten indefs noch nicht abge- 
schlossen sind. 

In derselben Quelle (1888 S. 92 und 125) wird auch über die Lampe 
Fumat berichtet. Von Seiten Mallard's und Le Chäteliefs unternommene 
Versuche ergaben, dafs die Lampe sich in einem wagerechten Wetter- 
strome von 4'^\5 Geschwindigkeit in der Secunde bei senkrechter Stel- 
lung gut verhielt, dafs sie bei Neigung mit der Haube gegen den Strom 
lebhafter brannte, während sie bei Neigung des Bodens gegen den Strom 
verlöschte. Die Lampe erhielt dann bezüglich der Luftein- und Luftaus- 
lässe eine verbesserte Construction, so dafs Wetterströme irgend welcher 
Richtung nie direkt in das Innere der Lampe gelangen konnten. Die 
weiteren Versuche ergaben dann, dafs kein Durchschlag erfolgte, wäh- 
rend die Lampe 20 Minuten einem explosiblen Wetterstrome von 4™,5 
Geschwindigkeit in der Secunde ausgesetzt wurde, welches auch die 
Stellung der Lampe gegenüber den Wetterströmen war. 

Eine neuere Ausführungsform dieser Lampe zeigen Fig. 20 und 21 
Taf. 4. Der Blechschornstein besitzt unten und oben Löcher zur Zu- 
und Abführung der Luft. Concentrisch zum Glascylinder ist eine zu- 
gleich als Reflector dienende Luftkammer angeordnet, welche sich un- 
gefähr auf i'j des Umfanges erstreckt und durch welche die Luft in 
der Pfeilrichtung der Flamme zugeführt wird. Zufolge dieser Luftfüh- 
rung soll die Flamme selbst in den heftigsten Strömen sich ruhig ver- 
halten haben. Die Lampe Fumat ist seit längerer Zeit in den Minen 
von Grand' Combe in Gebrauch. Kn. 



02 Neuheiieu in der Explosivstoff-Industrie und Spreng teclinik. 

Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik. 

Mit Abbildungen auf Tafel 4. 

England scheint gegenwärtig das Eldorado der Explosivstolf-Industrie 
zu sein. Es gibt kaum einen Sprengstoff, dessen Einführung in die 
allezeit willigen Kreise englischer Gründer und Speculanten nicht schon 
versucht wurde, es ist aber bisher auch nicht ein Fall bekannt, wo 
ein solches mit allen Mitteln der Reclame in die Welt gesetztes Spreng- 
mittel dauernde Erfolge aufweisen konnte. Zwei in den Jüngsten Tagen 
versuchte Gründungen haben die öffentliche Aufmerksamkeit lebhaft 
beschäftigt. Die erste ist die Bildung einer „Bellite-'-Gesellschaft. Der 
Prospect und die denselben begleitende Broschüre behaupten ganz eigen- 
thümliche Dinge. Danach wäre Bellit (vgl. 1888 268 * 520) so „harm- 
los wie Sägespäne^', stärker als Schiefsbaumwolle, Dynamit und Schiefs- 
pulver, könne durch Reibung, Druck, Schlag und Blitz nicht zur 
Explosion gebracht werden, entwickelt keine schädlichen Gase, sei 
keiner chemischen Veränderung unterworfen und billiger zu er- 
zeugen als Dynamit. Zum Beweise für diese Behauptungen werden 
alle möglichen Gutachten vorgebracht, u. A. von dem bekannten Paul 
F. Chalon (vgl. 1887 263 149), welcher hier als „die leitende Autorität 
Frankreichs für Explosivstoffe'' eingeführt M'ird. Wir wollen die Leser 
mit einer Kritik der einzelnen Versuche verschonen. Es genügt zu 
erwähnen, dafs der Fall eines schweren Gewichtes auf ein Bündel Pa- 
tronen, das Werfen von Patronen in ein Schmiedefeuer u. dgl. keinen 
Beweis gestatten, da dasselbe vor vielen Jahren schon ebenso mit Dy- 
namit gemacht wurde, ohne dafs man behaupten M'oUte, Dynamit sei 
unempfindlich gegen Schlag und Feuer. Wie wenig manche der ihr 
Gutachten abgebenden Herren von Sprengtechnik verstehen, ersieht man 
aus einem der Berichte, wonach Bellit und Dynamit auf 1^" starken 
Kesselblechplatten detonirt wurden, und wobei Dynamit entweder Bruch 
innerhalb einer kleinen Fläche erzeugte oder ein Stück heraussprengte, 
während Bellit die Platten mehr ausbauchte oder auf einer gi-öfseren 
Fläche Risse erzeugte. Diese Umstände gestatten nun dem begut- 
achtenden Herrn zu sagen, dafs die Kraft des Bellites ein wenig 
gröfser war als die von Dynamit! Die billigere Erzeugung ist auch so 
eine für gewöhnlich uncontrolirbare Behauptung. Die „Gründer''- 
scheinen zu glauben, dafs man zu den in Aussicht genommenen jähr- 
lichen 1052' das Nitrobenzol und den Ammoniaksalpeter auf dem 
Markte kaufen könne, und scheinen keine Ahnung von den Preisen 
oder Gestehungskosten derselben zu haben. Obzwar es auch noch sehr 
fraglich ist, ob die englische Regierung eine Licenz für die Erzeugung 
des Belhtes geben werde, so wollen die Gründer doch für das Patent 
allein 2800000 Mk. bezahlen und nur 1100000 Mk. für Bau- und Be- 
triebscapital behalten. 



Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik. 63 

Viel interessanter uocli ist die Gründung einer ..r. Dahmen Sicher- 
heits-Dijnainit-Gesellschaff. Dieses Sicherhcits-Dijnamit wurde in Frank- 
reich am 21. Januar 1889 unter Nr. 194656 an Johann Ritter v. Dahmen 
in Wien und Abraham Straufs-ColUn in London gegeben. Dahmen und 
Straufs mischen das Gl3'cerin mit drei oder mehr Proceuten Nitrobenzol, 
nitriren dieses Gemisch auf gewöhnliche Weise unter fortwährender 
Zuführung von Stickstoffe waschen den entstandenen Nitrokörper bei 50» 
und mischen ihn dann mit Kieseiguhr. Die Erfinder behaupten, dafs 
die Fabrication und das so erzeugte Dynamit ganz ungefährlich seien, 
dafs sich keine nitrosen Dämpfe bilden, dafs ferner (nach dem Prospecte 
und Zeitungsartikeln) dieses Dynamit Temperaturen von — 40° und 
-\- 90° vertrage und überhaupt molekular ganz verschieden sei. Ver- 
schiedene Unrichtigkeiten im Patente, z. B. dafs man gegenwärtig dem 
Nitroglycerin Lösungsmittel (?) hinzufüge, dafs man es sonst nur bei 
210 waschen könne u. dgl., seien nur gestreift. 

Die Eigenschaft des Nitrobenzols, den Gefrierpunkt des Nitro- 
glycerins herabzusetzen, wurde schon vor 4 Jahren ziemlich gleichzeitig 
von Alfred Nobel und dem Referenten beobachtet, und der Letztere hat 
dann gefunden, dafs noch viele andere Körper der Benzol- und Phenol- 
Reihe, einschliefslich der Pyridinbasen und Salze, denselben Einflufs 
ausüben. Dieser Einflufs darf jedoch keineswegs hoch geschätzt werden. 
Es gelang allerdings nicht, eine Mischung von z. B. Nitroglycerin und 
Nitrobenzol in irgend einer Kältemischung zum Gefrieren zu bringen, 
wohl aber gefror sie, der Winterkälte ausgesetzt, ganz leicht. Warf 
man in solches Nitrobenzol-Nitroglycerin einen Krystall gewöhnlichen 
Nitroglycerins, so erstarrte es sofort und, einmal zum Gefrieren gebracht, 
konnte dies stets erreicht werden. Es ist aus verschiedenen Gründen 
anzunehmen, dafs v. Dahmen und Straufs^ deren Namen in der Ex- 
plosivstoff-Industrie unbekannt sind, blofs Laboratoriums- Versuche an- 
stellten und so die Enttäuschung des Gefrierens noch zu erleben haben, 
trotzdem sie, — wohl nur um nicht das iVotcfsche Patent zu verletzen 
— das Nitrobenzol schon vor der Nitrirung zum Glycerin mischen. 
Dieser Zusatz ist aber deshalb werthlos — und dies veranlafste uns 
die Sache nicht weiter zu verfolgen — weil selbst ein halbes Procent 
Nitrobenzol schon die Wirkung des Dynamites um 2 Procent verminderte 
und dies sich ziemlich regelmäfsig steigerte. Die Einführung von Stick- 
stoff, um die Bildung nitroser Dämpfe zu verhindern (selbst wenn man 
wüfste, M'ie solchen Stickstoff im Grofsen erzeugen und wie einführen), 
die Behauptung, dafs das Nitroglycerin bei 50^ gewaschen werden müsse, 
dafs dieses Nitroglycerin gegen Schlag unempfindlich sei, sind ebenso 
viele Ungeheuerlichkeiten, und geradezu ein Problem ist es, wie sich 
Leute finden sollen, um 2000000 Mk. Capital für England und Frankreich 
und 3000000 Mk. für die übrigen Länder herzugeben, von dem der be- 
scheidene Antheil von 3500000 Mk. dem „Erfinder" bezahlt werden soll. 



64 Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik. 

Das Emmensit^ von welchem gleichfalls viel die Rede war, ins- 
besondere wegen der vielfachen früheren Gründungen des Erfinders 
Dr. Emtnens^ hat gleichfalls eine interessante Herstellungsweise. Nach 
den Annales industrielles^ 1889 S. 102, löst Dr. Emmens bei mäfsiger 
Temperatur einen Ueberschufs von Pikrinsäure in Salpetersäure von 
50 bis 60" B. Beim Abdampfen scheiden sich zuerst gelbe rhombische 
Krystalle, dann andere von lichterer Farbe und endlich ein graues 
Pulver ab; Dr. Emmens hält diese 3 Stoffe für isomer, trotzdem er sie 
noch nicht untersucht hat und es scheint, dafs er einfach mit schwefel- 
saurer Thonerde verfälschte Piki'insäure verarbeitete. Dr. Emmens 
mischt dann 5 Th. der wie oben erhalteneu Krystalle mit 5 Th. Am- 
moniaksalpeter, indem er sie auf einem Paraftinbade zusammenschmilzt, 
was bei 200° geschehen soll. Das ist nun die oftgenannte „Emmens- 
säure", welche wohl Nichts als reine Pikrinsäure ist, während bei der 
angegebenen Temperatur das Ammounitrat wahrscheinlich nur von der 
schmelzenden Pikrinsäure umhüllt wird. 

Viel Hoffnungen werden auf ein neues Patent von Alfred Nobel ge- 
setzt, welcher salpetersaures Kupferoxyd- Ammoniak als Sprengstoff ein- 
zuführen gedenkt, insbesondere in Verbindung mit Nitroglycerin-Prä- 
paraten. Es wird abzuwarten sein , welchen Einflufs die Hygroskopi- 
cität und die Veränderlichkeit an der Luft bei diesem und ähnlichen 
Körpern auf die Verwendbarkeit in Sprengstoffen üben wird. 

E. Kubin und A. Siersch in Wien mischen zum Dynamit 20 bis 
50 Proc. schwefelsaures oder chlorsaures Ammon (Englisches Patent 
Nr. 3759 vom 10. März 1888), um die Explosionstemperatur herab- 
zusetzen und die Explosionsgase zu verdünnen. Diese Mischung gehört 
demnach in die Kategorie der Wetter dijnamite. 

Oberingenieur Joh. Mayer in Poln.-Ostrau, dem die Schlagwetter- 
frage in jüngster Zeit wohl die meisten positiven Resultate zu verdanken 
hat, versuchte sowohl Soda-Wetterdynamit (vgl. 1888 267 ""' 373) wie 
Ammon- Wetter dynamit in ausgedehnterem Mafse {Oesterr eichische Zeit- 
schrift für Berg- und Hüttenwesen^ März 1889 u. ff.) und fand, dafs 
letzteres mit wenigen Ausnahmen, ersteres aber stets absolut unge- 
fährlich in Schlagwettern und Kohlenstaub sei, vorausgesetzt, dafs die 
Ladungsmenge 150^? nicht übersteigt. Bei gröfsereu Mengen wird, wie 
wir dies oft vertheidigten, die locale Wärme- und Druckentwickelung 
unverhältnifsmäfsig gesteigert, aber 150^ sind in den meisten Fällen 
für Schüsse in Kohlengruben vollkommen ausreichend, 100? sind in der 
That die Kegel. 

Die Lauer sehen Reibungszünder (vgl. 1888 267 * 373) sind seit ihrer 
Einführung wesentlich verbessert worden; wie wir einem Berichte von 
Joh. Mayer (Oesterr eichische Zeitschrift für Berg- und Hüttemvesen^ 1889 
S. 62) entnehmen, sind unsere von vornherein geäulserteu Bedenken 
durch die Praxis vollinhaltlich bestätigt und die Zünder unter Rück- 



Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und .Sprengtechnik. 65 

sichtnahme auf dieselben geändert worden. Dieselben sind iu ihrer 
neuen Gestalt in Fig. 1 Taf. 4 abgebildet. Jeder Zünder wird nun in 
der Fabrik einem Zuge von 8 bis 10*^, einem Schlage mit einem hölzernen 
Fallgewichte und einem Falle aus l"i,5 Höhe auf eine Eisenplatte unter- 
zogen, was einen ganz entsprechenden Grad von Sicherheit bietet. Unter 
diesen Voraussetzungen kann man nun wohl mit Mayer annehmen, dafs 
die LoMer'schen Zünder sogar Vortheile gegenüber der elektrischen 
Zündung bieten, und die seitdem erfolgte ausgedehnte Erprobung im 
Grofsen hat deren ausgezeichnete Brauchbarkeit auch bewiesen. 

Es ist begreiflich, dafs dieser günstige Erfolg eine Reihe gleich- 
artiger Zündungsweisen ertinden liefs, welche wir im Nachstehenden an 
der Hand von Mayer s Bericht kurz anführen. 

Sicher heitszilnder von Dr. C. Roth in Charlottenbui^- (Fig. 2 bis 3). 
Die Zündschnur ist von einer Blechhülse oder einem Drahtgewebe H 
umgeben, eine Zündpille p wird entweder durch einen Stecher s, oder 
durch einen Tropfen Schwefelsäure, oder durch einen Reibedraht ent- 
zündet. Zweck: Die Stichflamme in einem geschlossenen Räume ent- 
stehen zu lassen. 

Aehnlich — durch Zerdrücken einer kleinen Glaskugel a mit 
Schwefelsäure — wirkt der Sicherheitszünder von Bickford und Comp. 
(Fig. 4 und 5). 

Die Pistole von Müller und Comp, in Clermont ist aus der Zeich- 
nung (Fig. 6) ohne Weiteres verständlich. Ein späteres Patent der- 
selben Firma (Oesterreichisches Patent vom 9. Oktober 1888) läfst die 
Entzündung innerhalb einer Drahthülse durch ein Zündhütchen erfolgen, 
welches durch einen mittels Federkraft gespannten Schlagbolzen de- 
tonirt wird (Fig. 7). 

Der Sc Mag Zünder von Nawratil (Fig. 8 und 9) ist eigentlich dem 
Lauer sehen ähnlich. Ein besonders geformtes Führungsstück f läfst 
durch seine Zacken s s^.^ welche sich an ein Stahlplättcheu g legen, die 
Zündpille k vom Dorne d abstehen; wird aber der Draht a angezogen, 
so scheren sich die Zacken ab und der Dorn wird in die Zündpille 
geti'ieben. Die Knallquecksilber-Zündhütchen werden erst vor dem Ge- 
brauche eingeführt und die Oeffnung verklebt, i 

Ein Schlagbolzenzünder von F. Tamann und H. Tirmann (Fig. 10) 
ist aus der Zeichnung erklärlich. Der Schlagbolzen s ist durch die 
Feder vom Zündsatze entfernt gehalten, bis durch einen Zug am Drahte 
die Oese o abgerissen und der Bolzen vorgetrieben wird. 

Bei dem pneumatischen Zünder von li. Zschokke in Witkowitz wird 



1 Mayer nimmt irriger Weise an, dafs wir die Trennung von Zündvorrich- 
tung tmd Zündhütchen als wesentlich bezeichneten, weil wir hervorhoben, 
dafs die Beförderung der Lauerschen Zünder auf Eisenba^hnen eigentlich nicht 
gestattet sei: wir sind vielmehr stets Feinde der „Fabriken vor Ort" gewesen. 
Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 2 1889IIII. 5 



66 Neuheiten in dei' Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik. 

eine durch eine Feder in entsprechender Entfernung gehaltene Nadel 
mittels Luftdruck in den Zündsatz getrieben (Fig. 11 und 12). 

Bei dem chemischen Zünder von Zschokke wird ein in einem U-förmigen 
Röhrchen befindlicher Tropfen Schwefelsäure durch Luftdruck zum Zünd- 
satze getrieben. Die Fig. 13 und 14 zeigen, wie mehrere solcher Schüsse 
verbunden werden. 

A. und R. Hahn in Cassel haben an ihrem bekannten Gasdruck- 
messer für Gewehrpulver die Veränderung vorgenommen, dafs sie den 
Stauchappavat etwa 20 bis 25'^"!' vom Geschosse entfernt anbringen, 
weil an dieser Stelle sich der höchste Gasdruck befindet. Dadurch kann 
nun die gewöhnliche Patrone verschossen werden. 

Lieutenant James W. Graydon von der Marine der Vereinigten 
Staaten scheint das Problem, Dynamit in Granaten zu werfen^ der Lösung 
näher gebracht zu haben. Bisher haben solche Versuche meist schlecht 
geendet, ja eine europäische Macht hatte sogar die Zertrümmerung einer 
Kanone in einem solchen Falle zu beklagen. Graydon theilt die Ladung 
in viele kleine, wasserdicht eingewickelte Abtheilungen, welche durch 
Asbest getrennt sind, und der Schlagbolzen des Zünders wird durch 
eine starke Feder fern gehalten, welche im Augenblicke des Aufschlages 
erst niedergedrückt werden mufs und so der Granate eine gewisse Zeit 
zum Eindringen in das Ziel läfst, um eine gute Wirkung zu erreichen. 
Versuche mit einer Granate von 55'^, geladen mit V^^2 Dynamit und 
abgefeuert mit einer Pulverladung von 104"^ gegen eine Panzerthurm- 
platte von 35'^°", 5 Dicke haben sehr schöne Resultate geliefert. 

Ueber das Rohurit werden in England jetzt vielfach Klagen ge- 
hört, dafs dessen Explosionsgase gesundheitsschädlich seien. Verhand- 
lungen darüber wurden in der Märzsitzung der Geologischen Gesellschaft 
von Manchester geführt, nach welchen es scheint, dafs die Explosions- 
gase viel Kohlenoxyd enthalten. Auch der schädliche Einflufs auf den 
menschlichen Körper beim Handhaben der Patronen wurde hervor- 
gehoben. Dem Referenten hat wieder ein Bauunternehmer gesagt, seine 
Leute hättien regelmäfsig Diarrhöe-Anfälle erlitten. Es ist jedenfalls 
unmöglich, einen Explosivstoff herzustellen, welcher ganz vollständig 
verbrennt und nur Kohlensäure entwickelt, ja selbst stöchiometrisch 
richtig gemischte Gase lassen einen Theil aufser Reaction, aber anderer- 
seits gibt es Mischungen, welche schon von Haus aus eine schlechte 
Verbrennung vermuthen lassen und bei deren Herstellung besondere 
Sorgfalt verwendet werden sollte. 

In dieser Zeit der rauchlosen Pulver wird natürlich eine Menge 
neuer Patente augemeldet. Von solchen sind zu erwähnen: 

J. W. Skoglund. Mischung von Nitrocellulose oder Pikrinsäure mit 
kohlensaurem oder oxalsaurem Ammon. 

Hirum Stevens Maxim in London. Schiefswolle im luftleeren Räume 
durch Essigätherdämpfe gelöst, sodann geprefst und nach Art des Kiesel- 



Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik. 67 

pulvers zerschnitten. (Eine vollständige Anlehnung an das v. Förster sehe 
Patent.) 

Carl Friedr. Hengst. Von allem Beiwerk entkleidet, handelt es 
sich einfach um Strohnitrocellulose, deren Stroh auf eine nicht ange- 
gebene Weise angeblich von Kieselsäure befreit ist. 

Das sogen. Amid-Pulver von F. Gaens enthält 101 Th. Kalisalpeter 
80 Th. Ammoniaksalpeter und 40 Th. Holzkohle. 

Die neueren rauchlosen Pulver enthalten meist Schiefswolle oder 
andere Nitrocellulose, deren Brisanz durch besondere Zusätze herab- 
gemindert wird. Die Zusammensetzung wird meist geheim »ehalten. 
Dergleichen Pulver werden u. A. von Vieille für das Lf6e/-Gewehr, von 
der Pulverfabrik Rotticeil- Hamburg und von Wolff und Comp, in Wals- 
rode hergestellt. Alfred Nobel in Paris erzeugt eine stark mit Kampher 
versetzte Sprenggelatine zu demselben Zwecke. Nach einem Vortrage 
von W. H. Deering {Industries^ 3. Mai 1889) macht Nobel zwei Mischungen, 
welche die Grenzen der Veränderungen ergeben. Zur ersten werden 
100 Th. Nitroglycerin mit 10 Th. Kampher gelöst, 200 Th. "Benzol 
hinzugefügt (dies ot^'enbar, um das Dickwerden der Masse zu verhindern) 
und dann 50 Th. lösliche Nitrocellulose eingeknetet; das Benzol wird 
abgedampft, die Masse zwischen mit Dampf auf 50 bis 60*' geheizten 
Walzen verarbeitet, in Blätter gewalzt und zu Körnern zerschnitten. 
Zur zweiten werden 100 Th. Nitroglycerin, 10 bis 25 Th. Kampher 
und 200 bis 400 Th. Amylessigäther gemischt, 200 Th. lösliche Nitro- 
cellulose eingeknetet und wie vor behandelt. 

Die englischen Explosivstoff-Inspektoren haben ihren Bericht für 
das Jahr 1888 veröffentlicht (vgl. 1883 250 184. 1884 253 74. 1885 
258 222. 1886 261 29. 1887 265 278. 1888 268 525). 

Am Ende dieses Jahres bestanden 112 Fabriken für Explosivstoffe 
(-|--i}i 20 Fabriken für Kleinfeuerwerk, 11 für Spielfeuerwerk ( — 2). 
Es wurden 43 Zusatzlicenzen ertheilt, Magazine bestanden 353 (-f- 5), 
Lager 1972, Verkaufsläden 22 262. 114 Eisenbahn- und 107 Kanal- 
gesellschaften befördern Explosivstoffe, 15 bezieh. 11 nicht. Die Ein- 
fuhr betrug: 376 022»^ Pulver (-f 6147), 508395"^ Dynamit (+187471), 
680k Cooppafs Pulver, 10000^ Roburit, 8674^ Knallquecksilber (—1270^), 
7415000 Stück Sprenghütchen (+4840000), die Ausfuhr von Pulver 
betrug 6156350k (+1717090). Es fanden 123 Unglücksfälle statt (—7), 
wobei 37 Personen getödtet und 97 verwundet wurden. Diese Fälle 

vertheilen sich wie folgt: 

p, i .f v^.. Gebrauch 

E^- y. A"'- , ^Z- und Summe 

Zeugung bewahruDg frachtung verschied. 

Schiefsptilver 19 2 1 26 ' 48 

Dynamit und Schiefswolle . . 5 — — 27 32 

Knallquecksilber — — — — — 

Munition 17 — — 8 25 

Feuerwerkskörper 9 — — 5 14 

Verschiedene StoflFe .... — 1 — 3 4 



68 Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und öprengtechnik. 

Während z. B. iu Oesterreich- Ungarn bei der Herstellung von 
Magazinen ein möglichst leichler Holzbau zur Vermeidung des Umher- 
fliegens von Sprengst ticken vorgeschrieben ist, wird in England das 
Hauptgewicht auf die Einbruchsicherheit gelegt, und lautet die neueste 
Vorschrift wie folgt: „Die Mauern der Magazine (welche nicht weniger 
als 18 Zoll [55^=™] dick sein müssen) sollen gut und massiv aus gutem 
Portlandcenient-Beton gebaut sein, welcher nicht weniger als 1 Th. besten 
Portlandcement und 5 Th. reinen, scharfkantigen Quarzschotter oder 
Steinschlag mit einer genügenden Menge von Sand enthält. Das Dach 
soll entweder ebenso wie die Mauern hergestellt, oder mit Schiefer oder 
Ziegeln gedeckt sein und im Inneren durch dicke Tränie oder Holz- 
kreuze, welche in kurzen Zwischenräumen gelegt sind, oder durch dickes 
Eisendrahtgewebe, Bandeisen, Platten von Wellblech oder anderes geeig- 
netes Material so gesichert sein, dafs es nach Ansicht eines Regierungs- 
Inspektors gegen unerlaubten Eintritt genügende Sicherheit bietet. Das 
Magazin soll vollständig mit Holz verkleidet und mit einem dicht- 
gezimmerten Fufsboden versehen sein, sowie mit zwei guten und mas- 
siven Thüren, welche in sicherer Weise an das Gebäude befestigt sind 
und deren Angeln, soweit als möglich, von aufsen unzugänglich sind. 
Besagte Thüren sollen nach aufsen öffnen, und die äufsere soll aus 
Eisen oder äufserlich mit Eisen beschlagen sein. Jede dieser Thüren 
soll mit wenigstens zwei starken Schlössern versehen sein oder mit 
einem dreiriegligen Schlosse. Die Schlösser sollen solcher Art sein, 
dafs sie von aufsen nicht leicht beschädigt oder erbrochen werden. 
Sollte es zu irgend einer Zeit dem Minister wünschenswerth erscheinen, 
dafs eine Mauer oder ein Zaun um das Magazin oder einen Theil des- 
selben errichtet werden solle, so ist eine solche Mauer oder Zaun sofort 
zu erbauen und zu erhalten nach der Vorschrift des Ministers in seinem 
Auftragsschreiben, und diese Mauer oder Zaun soll als ein Theil 
der Wälle, Gebäude oder Werke in oder in Verbindung mit dem 
Magazine angesehen werden.^' 

In Aden (Arabien) haben innei-halb weniger Wochen zwei Ex- 
plosionen von 3 bezieh. 4' Sprenggelatine innerhalb der Festung statt- 
gefunden. Es erscheint als naheliegend, dafs eine Zersetzung durch 
zu grofse Hitze erfolgte. Die Temperatur an einem Tage wurde mit 
310 im Freien beobachtet; diese allein würde nicht genügen, um eine 
Zersetzung zu erklären, es ist aber anzunehmen, dafs die Construction 
der betreffenden Vorrathsräume eine sijlche war, welche eine Concen- 
trirung der Wärmestrahlen und wenig Lüftung gestattete. Dem Referenten 
ist ein Fall bekannt, wo tadellos erzeugtes Kieselguhr-Dynamit nach 
längerem Lagern in einem der Sonne stark ausgesetzten, mit schwarzer 
Dachpappe gedeckten Magazine so sehr alles Nitroglycerin ausschwitzen 
liefs, dafs die Patronen gar nicht mehr entzündet werden konnten. 
Wird aber Sprenggelatine einer Temperatur von 70" durch lange Zeit 



Neuerungen an Eohrmaschinen. 69 

ausgesetzt, so erleidet deren Schiefswolle eine immer weiter um sich 
greifende Zersetzung, welche unter ungünstigen Umständen sich bis zur 
Entzündung steigern kann. 

In der Schiefswollfabrik in Düren brannten IS??"^' trockener Bers;- 
werkspatronen (50 Proc. Schiefswolle, 50 Proc. Barytsalpeter) und 1085'^ 
nasser Schiefswolle ohne Explosion ab. 

In Folge einer grofsen Erdöl-Explosion auf einem Schiffe in Bristol 
waren die Explosivstoff-Inspektoren bemüht, Vorkehrungen gegen die 
Wiederholung solcher Ereignisse zu treffen, und es dürften wohl bald 
besondere Vorschriften zu diesem Zwecke erscheinen. 

Zur Beleuchtung unserer oft ausgesprochenen Ansicht über Blitz- 
ableiter an Explosivstoff-Gebäuden dient der Bericht über die im April 
stattgehabte Explosion eines Pulvermagazines in der Festung Neisse, 
wovon es heifst, dafs ,,die drei auf dem betreffenden Pulvermagazine 
angebrachten Blitzableiter erst vor wenigen Tagen geprüft und in 
bester Ordnung befunden wurden. '' In England hat übrigens soeben 
Dr. Oliccr Lodge einen Kampf gegen die bisherige Blitzableitertheorie 
unternommen, welche viel Aufsehen erregt, weil er alle seine Be- 
hauptungen experimentell beweist: es scheint als ob ein Gebäude, 
welches Maschinen enthält und an dem Rohrleitungen vorübergehen, 
durch Blitzableiter noch viel mehr gefährdet wird. Sobald die für und 
wider geltend gemachten Ansichten sich geklärt haben, wollen wir 
uns eingehender damit beschäftigen. Oscar GuUmann. 



Neuerungen an Bohrmaschinen. 

Mit Abbildungen. 

Hichards^ Flügelbohrmaschine. ^ Um den Uebelständen abzuhelfen, 
welche mit rasch laufenden Winkelrädern verknüpft und die nament- 
lich bei Flügelbohrmaschinen wegen ihrer gröfseren Anzahl störend sind, 
zu begegnen, baut G. Richards., Atlantic Works in Manchester, eine Flügel- 
bohrmaschine mit ausschliefslich Riemenbetrieb, wobei nur für die 
kleineren Umlaufszahlen der Bohrspindel ein Rädervorgelege eingeschaltet 
wird, das unmittelbar auf der Bohrspindel liegt und nach Drehbanksart 
augeordnet ist (Engineering., 1888 Bd. 46 '"■ S. 468). 

An der Fufsplatte der Staudsäule (Fig. 1) läuft auf festem Zapfen die 
Stufenscheibe und treibt mittels eines Winkelriemens eine Riemenrolle, 
von welcher läng-s des Flügels ein zweiter wagerecht laufender Riemen 
über die Triebscheibe auf der Bohrspindel und eine entsprechende End- 



1 Ueber Flügelbohrmaschinen vgl. Asquith. 1887 264r '•' 597. Berry., 1887 264 
"630. Radial Drill Co., 1887 265 * 314 und 266 * 586. Hülse. 1887 266*583. 
Nile.", 1887 266*584. Bett. 1888 270*398. Grant, 1888 270 "399. 



70 



Neuerungen an Bohrmaschinen. 



rolle geführt ist, \vol)ei eine Spannrolle die bessere Anlage dieses 
Riemens an die Triebscheibe vervollständigt. Auf einem stehenden 

Zapfen ist das ausrückbare 
Rädervorgelege für den lang- 
samen Gang angeordnet, dessen 
Excenterzapfen am Bohr- 
sehlitten sitzt. Letzterer ist 
nach oben in einem leicht- 
gebauten Rahmen erweitert, 
welcher die Lager für die 
Steuerungstheile und den die 
Bohrspindel entlastenden Ge- 
wichtshebel enthält. Dieser 
ist mittels Hängestangen mit 
der runden Zahnstange der 
Spindelverlängeruug durch eine 
Zapfennufs verbunden, so dafs 
nach erfolgter Auslösung der 
oberen Steuerungsschnecke das 
Gegengewicht wirksam und die 
Bohrspindel gehoben wird. 

Die Universal- Flügelbohr- 
maschine der Universal Radial 
Drill Co. in Ciucinnati, Ohio, 
zeigt nach American Machinist., 
1888 Nr. 46 * S. 4, die schon früher beschriebene Bauart (vgl. Radial 
Drill Co., 1887 265 ''314 und Niles, 1887 266*584), nur dafs hier der 
Ausladearm noch um seine wagerechte Achse drehbar, daher die Bohr- 
spindel auch in jeder Ebene schräg stellbar ist. 

Die glatte cylindrische Bohrsäule stützt sich vermöge eines Spur- 
zapfens auf einen Säulenstumpf, welcher auf der Grundplatte befestigt 
ist. Nur bei schwerer Arbeit wird diese leicht drehbare Bohrsäule 
mittels der im Fufsrande vorgesehenen, in einer Ringnuth laufenden 
Schraube mit der Grundplatte fest verbunden. Um dadurch aber die 
leichte Beweglichkeit nicht zu verlieren, ist das innere Spurlager der 
Bohrsäule auf einer federnden Platte befestigt, welche die Bohrsäule 
von der Grundplatte abhebt, sobald die Schrauben gelüftet werden. 
Der Betrieb erfolgt von einer wagerechten Deckenwelle aus durch 
Winkelräder auf die mittlere Welle der Bohrsäule, welche aus der- 
selben verschiebbar ist, um den Eingriff der Winkelräder den örtlichen 
Verhältnissen anpassend zu ermöglichen. Mittels Stirnradjjaares wird 
eine aufsen hängende Seitenwelle betrieben, welche durch ein Winkel- 
radi)aar die Riemenstufenscheiben und von diesen aus die liegende 
Antriebswelle im Flügel bethätigt. 




Neuerungen an Bohrmaschinen. 



71 



Diese Scheiben- sowie Räderwerke sind am Hintertheile eines ver- 
schiebbaren Kohrstückes angeordnet, an dessen Vordertheil der Aus- 
ladearm um einen Scheibenzapfen mittels Schneckenradtriebwerkes 



Fis. 2. 




verdrehbar ist. Zwischenräder vermitteln den Betrieb zwischen Flügel- 
welle und untere Stufenscheibenwelle, während die am Schlitten schräg 
zu stellende Bohrspindel mittels Winkelräder getrieben wird. Die 
Steuerun<^ wird durch zwei Paar Stirnräder von ungleicher Uebersetzung 
in der Weise nach beiden Richtungen erzielt, dafs vermöge einer 
zwischenliegenden ausrückbaren Kuppelung immer je eines dieser Rader 
mit der Steuerwelle gekuppelt wird. Da nun beim unteren Radpaare 



72 



Neuerungen an Bohrmaschinen. 



noch ein Zwischenrad eingelegt ist, so folgt, dal's bei einer mit dem 
abgekröpfteu Handhebel erfolgten Verstellung dieser Kii])pelung ent- 
weder Stillstand oder langsamer Steuerungsgang in der Bohrrichtung 
oder rascher selbsthätiger Rückgang der Bohrspindel in recht einfacher 
Weise erhalten wird. 

Bei Hulse's Flügelbüfirmaschine ist die Anordnung des Triebwerkes 
und die Einrichtung zum Heben und Senken des Flügels mittels Kraft- 
betrieb bemerkenswerth. 




Genau in der Drehungsachse des Flügels ist eine stehende Welle 
gelegt, welche mittels des an der Rückseite der Standsäule angebrachten 
Triebwerkes bekannter Anordnung bethäligt wird. An der durch den 
oberen Flügelzapfen gehenden Verlängerung ist ein schwaches Winkel- 
rad aufgekeilt, welches durch eine* ausrückbare Keilbüchse ein Wende- 
getriebe und dadurch die oben liegende Riemenscheibenwelle nach 
irgend einem Drehsinn in Thätigkeit setzt. Hierdurch wird mittels 



Neuerungen an Bohrmaschinen. 



73 



eines Riemens die untere Schneckenwelle betrieben und ein Mutter- 
schneckenrad gedreht, welches auf der inneren Staudspindel aufgreift, 
wodurch der Flügellagerschlitten getragen wird. 

Längs des Flügels ist ferner die wagerechte Triebwelle abgezweigt, 
geht an der Bohrspindel vorbei und treibt diese durch Vermittelung 
einer stehenden Zwischenwelle durch ein Stirnradpaar die Bohrspindel- 
hülse. Am unteren Theile dieser Zwischenwelle wird die Steuerscheibe 
durch Winkelräder betrieben und die Steuerung nach üblicher Art 
davon abgeleitet (^Industries vom 11. Januar 1888 "■ S. 29). 

G. Booth's Ausbohrmaschine ^ bei welcher namentlich der Bohr- 
spindelschlitten bemerkenswerth erseheint, ist nach The Engineer^ 1888 
Bd. 65 ■"' S. 531, von George Booth and Co. in Halifax gebaut (vgl. iVt'/e«, 
1888 267 * 583). An die mit Führungsschlitzen und Spannlöchern ver- 




sehene Grundplatte von 5029 zu 1956°^°! Länge und Breite ist eine 
Querwange angesetzt, auf welcher mit 1524™'" Verschiebung die Stand- 
säule mittels Zahnstangenbetrieb sich einstellen läfst. An deren loth- 
rechter Seitenführung gleitet der Bohrschlitten, welcher in seinem weit 
vorragenden Arme Führung für das verschiebbare Bohrspindellager 



74 



KeiuTimgen an Bolirmaschinen. 



gewährt. Die Huclistellung der Bohrspindel wird bis 1830°^% die Aus- 
schiebiing in der Achsenriehtung bis r220'"°i ermöglicht. Der Betrieb 
der giiisstählernen 100"i"> starken Bohrspindel erfolgt nach üblicher 
Art von einem Spindelstockvorgelege durch Vermittelung der liegenden 
und stehenden Zwischenwelle und eines Stirnradpaares, während die 
von 0,8 bis 6">ni beliebig abgestufte Schaltung der Bohrspindel sich iu 
vortheilhafter Weise vor älteren Einrichtungen dieser Art unterscheidet, 
indem die Schaltungsgröfse nicht von Differentialrädern oder Stufen- 
.scheiben abhängig ist, sondern mittels Versatzrädern, wie bei einer 
Drehbank, beliebig bemessen werden kann. 

Dies wird dadurch erreicht, dafs das als Spurlager ausgebildete 
Bohrspindellager mittels einer Leitspindel schlittenartige Bewegung 
erhält. Diese Leitspindel wird von einer gleichliegenden Welle von 
der Bohrspindel aus betrieben, indem auf einem, am Armende befind- 
lichen drehbaren Schlitzlager (Schere) nach üblicher Anordnung die 
gewählten Versatzräder die erforderliche Verbindung herstellen. Durch 

eine Ausrückkuppelung wird 
der Selbstgang abgestellt und 
alsdann der Vorschub mit 
Handrad bewerkstelligt. 

ßicliford's freistehende Bohr- 
maschine unterscheidet sich vor 
den bekannten amerikanischen 
Bohrmaschinen (vgl. Gould- 
Eberhardt, 1886 262*395 und 
Currier-Synder, 1888 268 * 20) 
mir iu unwesentlichen Aen- 
derungen der Steuerungsan- 
ordnung und in weniger ge- 
fälliger Formgebung. Auch 
wird durch den Wegfall der 
üblichen Rückenstrebe die 
Standfestigkeit der ganzen 
Maschine vermindert. Der 
Steuerungsriemen läuft auf 
wagerechten Stufenscheiben, 
betreibt unmittelbar von der 
Bohrs])indel aus die stehende 
Steuerwelle, welche vermöge 
Winkelrad und Schnecken- 
triebwerk die Zahnstangen- 
hülse der Bohrspindel bethätigt. 
Sowohl diese Zahnstangenhülse als auch das untere Schlittenlager sind 
durch selbständige Gewichte entlastet. 




Vorsichtsmafsregeln gegen Grubenbrände. 



75 



Fi.2. 6. 



Der den unteren cjlindrisch abgedrehten Säulenfufs lagerartig um- 
fassende Tischwinkel führt eine stehende Zahnstange, welche sich an die 
Säule anlegt und auf den unteren Rand derselben stützt, zur Höhen- 
verstellung des Bohrtisches dient und mit dem Tischwinkel um die 
Säule gedreht werden kann; während eine Klemmschraube die Fest- 
stellung sichert (American Machinist^ 1888 Bd. 11 Nr. 36 ""■ S. 7). 

Von W. Lodge und B. Dreses 
in Cincinnati, Ohio, wird nach dem 
Amerikanischen Patent Nr. 385 063 
vom 24. December 1887 eine Aus- 
rückvorrichtung der Steuerung für 
Bohrmaschinen gebaut, welche aus 
einer mittels Handhebel F (Fig. 6) 
auf der Getriebswelle C verschieb- 
baren Zahnkuppelung E besteht, 
welche in das lose laufende Schnecken- 
rad D greift. Federstifte a und h 
und eine Stellplatte i sichern die 
Einstelluno; des in der Gabel der 




Getriebswelle C um einen Stift drehbaren Handhebels F. 



Pr. 



Vorsichtsmafsregeln gegen Grubenbrände. 

In der Oesterreichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen^ 1889 
S. 235, bespricht J. Juzek im Anschlüsse an die in derselben Zeitschrift 
dargelegten Ansichten A. HonCs {D. p. J. 1889 272 19) zunächst die 
Abbaumethoden auf einigen Braunkohlenwerken mit Beziehung zum 
Grubenbrande. 

In Sagor in Krain wird die 36 bis 60™ mächtige gute Braunkohle 
von geringer Festigkeit, welche von bituminösem Hangendletten bedeckt 
ist, mittels Querbau in 5°^ hohen Abtheilungen von oben nach unten 
abgebaut. In jeder Abtheilung gelangt die untere Hälfte zuerst zum 
Aushiebe, es wird voller Versatz eingebracht und sodann die obere 
Hälfte gewonnen. Die Vorrichtung konnte bei guter Wetterversorgung 
mittels einer einzigen Strecke bis zur Abbaugrenze erfolgen, dann wurde 
rückwärts abgebaut. Der Versatz bildete für die nächstuntere Abthei- 
lung ein gutes Dach und einen guten Abschlufs gegen den alten Mann; 
auf reinen Abbau wurde besonderer Werth gelegt und so Grubenbraud 
glücklich vermieden. 

Der Oistroer Kohlenbergbau war durch unreinen Abbau, sowie im 
abgebauten Felde zurückgelassene Kohlenpfeiler sehr von Grubenbrand 
bedrängt. Juzek gelang es, durch Aufführen gut hergestellter Versatz- 
dämme an zweckentsprechenden Orten den Grubenbrand zu bewältigen. 



76 Schränibetrieb im Kohlenrevier von St. Loiiis. 

Der Knmmerbau im nordwestböhmischen Braunkohlenrevier besteht 
in einer Theilung des Abbaufeldes in Quadrate, die Kammern werden 
12"! im Geviert in Streckenhöhe ausgeweitet, durch Stempel versichert 
und dann die Decken von 2 zu 2°^ Höhe abgeschlitzt und herabgenommen. 
So wird bis S)^ Höhe fortgefahren, der Rest des 12 bis 14"^ mächtigen 
Flötzes sammt mehreren Kohlenpfeilern bleibt angebaut, so dafs etwa 
50 Proc. Kohlen verloren gehen. Juzek schreibt dieser Art des Abbaues 
nicht nur die Entstehung vieler Grubenbrände zu, sondern spricht auch 
die Ansicht aus, dafs der Wassereinbruch vom 28. November 1887 im 
Victoriaschachte wesentlich mit durch den Kammerbau veraulafst worden 
sei, da durch denselben sehr grofse Flächen des Liegenden für längere 
Zeit entblöföt werden. 

Auf dem 24°' mächtigen Lignittlötze zu Daviüxthal im Falkenuuer 
Reviere hat die Firma Stark einen Etagenbau mit vom Tage herab- 
gebremstem Versätze eingeleitet. Die Kosten des vollen Versatzes stellen 
sich auf 1 Centner Kohle zu 1,6 Kreuzer. Die Grube soll durch diesen 
Abbau vor Bränden und Wassereinbrüchen gesichert sein. 

Ferner gedenkt der Verfasser der an mehreren Stellen genannter 
Zeitschrift ausgesprochenen Ansicht des Oberingenieurs Johann Mayer ^ 
dafs unreiner Abbau und im abgebauten Felde zurückgelassene Kohlen- 
pfeiler vielfach zu Grubenbrand Veranlassung gegeben haben. 

Juzek schlägt folgende Mafsnahnien zur Hintanhaltung von Gruben- 
bränden vor, namentlich mit Rücksicht auf die vielfach stattgehabte Gefähr- 
dung von Menschenleben dui'ch Grubenbrand, sowie in Bezug auf den durch 
unreinen Abbau und dadurch hervorgerufenen Brand veranlafsten Ver- 
lust volkswirthschaftlich wichtiger Kohlenmengen: 

1) Es ist mit aller Strenge auf einen reinen Abbau zu sehen. 

2) In den Abbauen dürfen keine Kohlen-, sondern nur Versatzpfeiler 
zurückgelassen werden. 

3) Verdrückte Flötztheile ebenso wie der Brandschiefer müssen aus 
der Grube entfernt werden. 

4) Es mufs für eine gute Ventilation Sorge getragen werden. 

5) Bei der Vorrichtung dürfen nur die nöthigsten Strecken getrieben 
werden und mufs man auf leichte Absperrung der verschiedenen Abbau- 
felder stets Rücksicht nehmen. 



Der maschinelle Schrämbetrieb im Kohlenrevier von 
St. Louis in Nordamerika. 

Nach .^School of Mines Quarlerly\ Vol. IX Nr. 4, theilt F. Poeck in 
Nr. 11 der Oeslerreichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenivesen^ 1889, 
mit, dafs in etwa 25 im Kohlenrevier von St. Louis gelegenen Gruben 
mit rund 2 ''3 Millionen Tonnen .Jahresförderung Schrämmaschinen in 



öclirämbetrieb im Kohlenrevier von St. Louis. 77 

Gebrauch sind. Veranlafst wurde die Ingebrauchnahme der Maschinen 
durch die häutig wiederkehrenden Arbeitseinstellungen und den damit 
verbundenen Arbeitermangel. Vorwiegend wird nur ein Flötz von 2^'^ 
Mächtigkeit und regelmäfsiger flacher Lagerung abgebaut. Die Leistuns; 
eines Häuers mittels Handarbeit beträgt in der zehnstündigen Schicht 
4f, das Häuergedinge ist 50 Cents und die gesammten Gestehungskosten 
sind 75 Cents für die Tonne, während der Verkaufspreis in St. Louis 
1,50 Doli, beträgt. 

Drei verschiedene Maschinen stehen zur Zeit in Verwendung, die 
Harrison-^ die Yoch- und die Le^^-Maschine. Die beiden ersten arbeiten 
mit stofseudem Meifsel, doch ist die jETarr^son-Maschine handlicher. Die 
Le^^-Maschine schrämt mittels einer mit Messern versehenen und in 
Umdrehung gesetzten Welle, sie erfordert häufige Reparaturen und 
ist daher nur noch wenig in Betrieb. 

Die jETarr/son-Maschine ist etwa 2°i,4 lang und wiegt -SdO*^, sie wird 
durch Prefsluft von 5^' üeberdruck betrieben und verbraucht in der 
Minute O^bm^.s bis 0,4: die Luftpresse ist so bemessen, dafs auf jede 
Schrämmaschine 6 TP kommen. Der Kolben hat lOcm Durchmesser und 
25'^in Hub, die Kolbenstange ist durch die Stopfbüchse abgedichtet und 
trägt vorn den Meifselbohrer, welcher durch ein Metallfutter so geführt 
wird, dafs die Schneide stets senkrecht steht. Die Steuerung erfolgt 
durch einen lauggebauteu Muschelschieber, welcher von einer kleinen 
umlaufenden Maschine mit Hilfe eines Spiralnuthenrades bewegt wird. 
Zum Ingangsetzen dient ein Handrad. Die Maschine soll mindestens 
7 Jahre betriebstüchtig bleiben, in dieser Zeit sind nur die Dichtungen 
zu erneuern: sie läuft auf 2 Rädern und kann mittels zweier Hand- 
haben leicht geführt werden. Am Arbeitsorte wird die Maschine auf 
einen Bretterboden von 2"i,5 Länge und 0"i,9 Breite mit geringer Xeigung 
nach vorn aufgestellt. Der Maschinenführer nimmt die Maschine in 
sitzender Stellung zwischen seine Füfse und versetzt sie mittels der 
Handgriffe in langsam schwingende Bewegung, wobei gleichzeitig lang- 
sam vorgerückt wird. Bei 200 bis 220 Schlägen in der Minute wird 
bei jeder Aufstellung ein Schräm von 0°i,9 bis l'",35 Breite und 1^1,2 
Tiefe hergestellt. Die Abbaupfeiler haben etwa eine Breite von 13™,5, 
so dafs die Maschine zehnmal seitlich verstellt werden mufs, bis der 
Schräm fertig ist und die Schiefsarbeit beginnen kann. Das Wieder- 
aufstellen der Maschine erfordert etwa 7^., Minuten, die Ausarbeitung 
des Schrames in einer Stellung etwa 16 Minuten. Die Leistung der 
Maschine beträgt im Mittel 19i\5 Länge bei li",2 Schramtiefe oder 
23'i'^,5 Schramfläche in der zehnstündigen Schicht; die gröfste Leistung 
betrug 48qm. In der Schicht werden 50' Kohle gewonnen, zu der 
gleichen Arbeit würden 10 gute Häuer erforderlich sein. Der Schräm 
wird an der Sohle zwischen dem Liegendthon und der Kohle hergestellt. 

Zur Bedienung der Maschine ist aufser dem Maschinenführer noch 



78 £• JJelüeu s selbsthätige Eisenbahnsignale. 

ein Hilfsarbeiter nöthig, welcher mit einer eigenartig geformten Schaufel 
das Bohrmehl entfernt. Nachdem der Arbeitsstols auf die ganze Breite 
unterschrämt worden ist, wird die Maschine in einen anderen Abbau 
übergeführt. Die unterschrämte Kohle wird von einem Schufsmeister 
hereingeschossen und durch 4 Förderleute gefördert. Für jede Maschine 
müssen 5 Abbaue vorhanden sein , damit die einzelnen Arbeiten unge- 
stört in einander greifen. 

Die Anlagekosten für die Einrichtungen zum maschinellen Schrämen 
belaufen sich für eine Grube mit 400^ täglicher Förderung wie folgt: 

1 Verbund -Luttpresse mit Antriebsmaschine 

und Kessel für 50 IP 5000 Doli. 

Baulichkeiten 2500 „ 

Rohrleitungen u. dgl 4590 „ 

10 Schrämmaschinen sammt Zubehör . . . 6620 

Frachten u. s. w 1290 „ 

Sumraa~"2()Ö0Ö Doli. 

Die Gewinnungskosten für 50^ Kohle mittels Maschinenarbeit 
stellen sich: 

Löhne 15,50 Doli. 

Schmiedekosten und Material 1,94 

BeschatTung der Prefsluft 0,69 ,, 

Verzinsung des Anlagekapitals 0,84 „ 

Tilgung „ „ 1,00 „ 

Summa 19,97 Doli. 

oder für 1^ Kohle 40 Cents gegen 50 Cents bei der Handarbeit, mithin 
beträgt die Ersparung durch die Maschinenarbeit 10 Cents auf 1^ Kohlen. 



üeber E. Delfleu's selbsthätige Eisenbahnsignale. 

Mit Abbildung. 

In dem Journal te'le'graphique vom 25. Mai 1889, Bd. 13 * S. 106, 
beschreibt der Post- und Telegrapheucassirer Emil Delßeu in Alais in 
Frankreich elektrische Signaleinrichtungen, durch welche die Sicherheit 
des Eisenbahnbetriebes erhöht werden soll. Der Zweck dieser Ein- 
richtungen ist ein mehrfacher. Zunächst wird beabsichtigt, dafs jeder 
Zug bei seiner Ausfahrt aus einem Bahnhofe selbsthätig ein Signal nach 
dem Bahnhofe, wohin er fährt, gebe und dafs dieses so lauge ertöne, 
bis der Zug daselbst eintritft. Ferner soll der Zug an gewissen Stellen 
von dem Bahnhofe aus zum Stillstehen gebracht werden können und 
dann sich in telegraphischen Verkehr mit diesem Bahnhofe zu setzen 
vermögen. Endlich wird es unmöglich gemacht, dafs zwei Züge gleich- 
zeitig in entgegengesetzter Richtung dasselbe Geleise zwischen zwei 
Bahnhöfen befahren. 

1) Selbsthätige Meldung der Abfahrt auf doppelgeleisigen Bahnen. Da 
hier jedes Geleise blofs in einer Richtung befahren wird, so fällt die 



E. Delfieu's selbsthätige Eisenbahnsignale. 



79 




Einrichtung sehr einfach aus. An der Ausfahrtstelle wird ein um eine 
Achse drehbarer Hebel angebracht, dessen Spiel durch zwei Stell- 
schrauben begrenzt wird; ein 
Gegengewicht hält den Hebel 
für gewöhnlich auf der untern 
Stellschraube fest. Fährt ein 
Zug aus, so drückt jedes Rad 
den Hebel nieder, legt daher 
durch ihn eine Contactfeder auf 
eine zweite und entsendet einen 
Strom in eine nach dem Bestim- 
mungsorte geführte Signalleitung, mit welcher die zweite Feder ver- 
bunden ist, während die erste mit dem einen Pole einer Batterie, der 
zweite Pol der Batterie aber mit der Erde leitend verbunden ist. Am 
Bestimmungsorte führt die Leitung durch die Rollen des Elektromagnetes 
einer elektrischen Klingel für einfache Schläge zur Erde:, ein durch 
diesen Elektromagnet gehender Strom löst ein Stäbchen zugleich aus, 
das beim Emporspringen eine Localbatterie durch einen Rasselwecker 
schliefst, weshalb die Rasselklingel läutet, bis der Zug am Bestimmungs- 
orte ankommt und daselbst mittels eines ebenfalls durch die Wagen- 
räder niedergedrückten gleichen zweiarmigen Hebels das Stäbchen wie- 
der nach unten in seine Ruhelage zurückführt. 

2) Selbsthätige Meldung der Abfahrt auf eingeleisigen Bahnen. Wenn 
die Züge in beiden Richtungen auf demselben Geleise verkehren, so 
braucht Detßeu in jedem Bahnhofe drei Hebel, die in der beigegebenen 
Skizze des Abfahrtsbahnhofes mit fij, Hy und H^ bezeichnet sind. 
Hl ist von Hy in der Richtung nach dem nächsten Bahnhofe hin um 
etwas mehr als die Länge des längsten Güterzuges entfernt und H^ 
von H-i aus dann noch um etwa 25«!. Indem der ausfahrende Zug zu- 
nächst auf Hy wirkt, schliefst er den Strom durch einen bei H^ liegenden 
ÄM^Aes-Elektromagnet M und bringt dessen Anker o zum Abfallen, da- 
durch aber wird die mit dem einen Pole an Erde E liegende Batterie ß 
mit dem zweiten Pole über a an die zweite Contactfeder bei H^ ge- 
legt; gehen dann die Räder über j^^i ^^ ^^^^ durch die erste Contact- 
feder der Stromweg weiter bis zum Punkte x der Signalleitung L her- 
gestellt; hier verzweigt sich der (positive) Strom: der eine Zweig geht 
im Abfahrtsbahnhofe durch einen polarisirten Elektromagnet iV, der 
blofs auf negative Ströme anspricht (daher jetzt unthätig bleibt), zur 
Erde Ey E und zum negativen Pole der Batterie ß zurück; der andere 
Zweig dagegen durchläuft L und einen in der Skizze nicht mehr sicht- 
baren gleichen Elektromagnet P im Ankunftsbahnhofe, der jedoch auf 
positive Ströme anspricht, jetzt also ebenfalls ein Stäbchen auslöst, das 
beim Emporspringen eine Localbatterie durch eine Rasselklingel schliefst. 
Die beiden Stromzweige sind nahezu gleichstark, da der Widerstand 



80 E. Delfieu's selbsthätige Eisenbahnsignale. 

im Kreise des ersteren 500 Ohm, der beim zweiten 600 Ohm beträgt. 
Beim Hinwegfahren über H^ legt der Zug durch B.^ den Anker a des 
//«f//<fs-Elektromagnetes M wieder auf dessen Pole und schaltet die 
Batterie B von der Contactfeder in E.^ ab. Dasselbe würde er auch 
beim Einfahren in den Bestimmungsort thun, falls dort etwa der Anker a 
durch einen zur unrechten Zeit entsendeten Strom abgeworfen worden 
sein sollte. Beide Bahnhöfe haben ganz gleiche Einrichtung und sind 
blofs durch eine einzige Leitung L mit einander verbunden. Die Rassel- 
klingel ist in der Skizze nicht angedeutet; sie wird am einfachsten von 
der einen Klemme aus durch den Draht n an die Erde E^ gelegt, wäh- 
rend ihre zweite Klemme durch das Auslösestäbchen des Elektromag- 
netes iV und den zugehörigen Contact über z mit dem positiven Pole der 
Batterie B verbunden wird. 

Die Signalbatterien B beider Bahnhöfe sind natürlich mit entgegen- 
gesetzten Polen an Erde E gelegt, damit jede nur in dem Elektro- 
magnete P bezieh. iV des anderen Bahnhofes wirken kann. 

3) Bremsung des Zuges vom Bahnhofe aus. Am Tender bringt Delßeu 
fest und steif eine Eisenstange an, auf deren Spitze eine Contactbürste 
isolirt befestigt ist; von der Bürste führt eine Leitung, welche sich 
durch eine elektrische Klingel und durch einen seinen Anker für ge- 
wöhnlich auf seinem magnetischen Kerne festhaltenden Auslöse-Elektro- 
magnet verzweigt, schliefslich zur Wagenachse und über die Räder zu 
den Schienen und zur Erde. In Abständen von je 100°^ sind an der 
entlang der Bahn laufenden Signalleitung L 6"^'" dicke, bis auf 4", 55 
über den Schienen herabreichende Eisendrähte angebracht. Wird daher 
in einem der beiden Bahnhöfe der polarisirte Elektromagnet durch einen 
bei ü vorhandenen Umschalter ausgeschaltet und mittels eines (nebst 
den sonst noch erforderlichen telegraphischen Apparaten) zwischen y 
und z eingeschalteten Tasters ein Strom dauernd der Leitung L zuge- 
führt, so geht der Strom, sobald die Metallbürste unter einen der Drähte 
gelangt, durch die Klingel und den Auslöse-Elektromagnet auf dem 
Tender zur Erde, die Rasselklingel ertönt, der Elektromagnet wirft 
seinen Anker ab, schiebt dadurch einen Auslösehebel zur Seite und 
gibt ein Fallgewicht frei, das nun das Ventil der Luftbremse ötTnet, die 
verdichtete Luft entweichen läfst und den Zug bremst. 

4) Zur Ermöglichung des telegraphischen Verkehrs zwischen dem Zuge 
und dem Bahnhofe braucht vom Zuge aus nach dem Bremsen nur ein 
Draht an die Signalleitung angelegt zu werden, durch welchen ein vom 
Zuge mitgeführter Apparatsatz nebst Batterie eingeschaltet wird. Auch 
im Bahnhofe ist dazu ein Apparatsatz einzuschalten, falls dies nicht 
bereits bei Einschaltung des Tasters geschehen sein sollte. 

5) Um zu verhüten, dafs auf demselben Geleise zwei Züge sich ent- 
gegenfahren.^ braucht in jedem Bahnhofe von der einen (mit z und dem 
positiven Batteriepole verbundenen) Klemme der Rasselklingel nur noch 



E. Delfieu's selbsthätige Eisenbahnsignale. 81 

ein Leitungsdraht nach einem Drahte geführt zu werden, der ähnheh 
wie die von der Leitung L herabreichenden, zur Bremsung dienenden 
Drähte angeordnet ist. Während ein von dem einen Bahnhofe abge- 
fahrener Zug auf der Strecke fährt und daher im anderen Bahnhofe 
die Rasselkhngel arbeitet, wird dann jede Locomotive, welche von dem 
zweiten Bahnhofe noch auszufahren versucht und dabei dem von dem 
ersteren Bahnhofe bereits abgefahrenen Zuge begegnen müfste, mittels 
der Stange am Tender die Localbatterie durch ihren Auslöse-Elektro- 
magnet schliefsen und so sich selbst bremsen. 

6) Vorschlag zur Aenderung der Anordnung Delfieus. Bei Unter- 
brechung der Signalleitung und selbst bei starken Ableitungen an dieser 
Leitung wird es bei der von Detfieu gewählten Anordnung geschehen 
können, dafs die Abfahrt nicht selbsthätig nach dem Bestimmungsorte 
gemeldet wird, und davon wird man an der Abfahrtsstelle nicht die 
geringste Kenntnifs erhalten; der Zug wird daher in der Voraussetzung, 
dafs seine Abfahrt richtig gemeldet sei, dann um so mehr gefährdet 
sein. Dem wird sich bei zweigeleisigen Bahnen leicht und einfach da- 
durch abhelfen lassen, dafs man die Batterie nicht in dem Bahnhofe 
aufstellt, von dem der Zug ausfährt, sondern in demjenigen, nach dem 
er fährt, und dafs man in ersterem noch eine Klingel in die Leitung 
einschaltet, welche das Ertönen des Signals am Bestimmungsorte meldet. 
Bei eingeleisigen , in beiden Richtungen befahrenen Geleisen dürfte es 
sich empfehlen, die Schaltung auf Gegenstrom zu wählen, also in beiden 
Bahnhöfen gleich starke Batterien in entgegengesetztem Sinne in die 
Leitung zu legen, so dafs diese für gewöhnlich auch stromlos ist. Der 
Hebel B2 wird dann für jede der beiden Batterien einen neuen ge- 
schlossenen Stromkreis herstellen, doch wird die neue Schliefsung jetzt 
in jedem Bahnhofe von der Linie aus hinter dem polarisirten Elektromag- 
nete erfolgen müssen, damit die beiden polarisirten Elektromagnete der 
beiden Bahnhöfe stets gleichzeitig vom Strome einer und derselben 
Batterie durchlaufen werden und der Strom in ihnen verschiedene Rich- 
tung hai, je nachdem die neue Schliefsung in dem einen oder in dem 
anderen Bahnhofe erfolgt. 

Wollte man nun dabei in verwandter Weise auch die Bremsung 
des Zuges von den Bahnhöfen aus möglich machen, so würden beim Hin- 
weggehen der Bürste unter einem der von der Leitung L herabreichenden 
Drähte beide Batterien einen Strom von derselben Richtung durch die 
Klingel und den Auslöse-Elektromagnet senden, und beide dürften auf 
diesen Strom ebenso wenig ansprechen, wie zu Folge der Stromlosig- 
keit während der Zeit, wo die Bürste keinen der Drähte berührt; da- 
gegen müfsten beide in zuverlässiger Weise etwa für die Ausschaltung 
der Batterie in dem einen Bahnhofe empfindlich gemacht werden, oder 
für die Umkehrung des Stromes des einen Bahnhofes, oder am besten 
wohl unter Anwendung polarisirter Elektromagnete für die Umkehrung 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 2. 1889/111. 6 



82 Zur Technologie des Glases. 

der Stromrichtung ohne gleichzeitige Aenderung der Stromstärke bei 
vereinter Thätigkeit beider Bahnhöfe. Es geht daraus hervor, dafs die 
hier zu lösende Aufgabe noch verwickelter ist und die Schwierigkeiten 
bei ihr noch gröfser sind, als bei der von F. v. Ronneburg (vgl, 1875 
217*208. Zetzsche, Handbuch der elektrischen Telegraphie, Bd. 4* S. 323) 
vorgeschlagenen Art und Weise des Telegraphirens zwischen einem 
fahrenden Eisenbahnzuge und den benachbarten Bahnämtern unter gleich- 
zeitis;er Coutrole der Fahrgeschwindigkeit des Zuges. E. Z. 



Zur Technologie des Glases. 

(Fortsetzung des Berichtes S. 37 d. Bd.") 

Untersuchungen über die Löslichkeit von Glas in Wasser wurden von 
F. Mylius und F. Foerster ausgeführt. Zunächst wurde die Einwirkung 
von Wasser auf Natron- und Kaliwasserglas studirt. 

18s,5 Natronwasserglas wurden als grobes Pulver 9 Tage lang unter 
häufigem Umschütteln mit 70^^ Wasser von 20» C. in Berührung ge- 
lassen. Die entstandene Lösung enthielt in 60cc 0^,045 Natron (Na.^O) 
und 0-,014 Kieselsäure (SiOo). Mithin hatten sich nur 0,37 Proc. des 
Glases gelöst. Als bei derselben Glasmenge die Behandlung mit Wasser 
3 Monate dauerte, betrug das in Lösung gegangene 0,81 Proc. des 
Olases. Bei diesen Versuchen betrug die wirkende Oberfläche des 
Glases mindestens S'i"". Nach der Analyse kamen im Wasserglase auf 
je 1 Mol. Na.^O 3,2 Mol. 810.2, die in Lösung gegangene Substanz be- 
trug aber im ersten Versuche auf 1 Mol. Na.^O 0,32 Mol. Si02, im 
zweiten 0,55 Mol. Aus diesen Versuchen geht hervor, dafs das Natron- 
wasserglas als solches im Wasser unlöslich sei. Der in Lösung gegangene 
Theil des Glases ist an Alkali viel reicher als der Rückstand. Der 
Rückstand der Extraction von fein gepulvertem Glase mit viel Wasser 
war Kieselsäure und enthielt etwa 1 Proc. Na20, und an der Luft auf- 
bewahrt 25 Proc. H2O, wovon die Hälfte durch Stehen über Schwefel- 
säure entzogen werden konnte, der Rest beim Glühen entwich. 

Aus diesen und ähnlichen Versuchen geht hervor, dafs der Ge- 
brauch der atomistischen Formel Na2Si40c, für Natronwasserglas un- 
statthaft ist. 

Nach Ebell's Versuchen (1878 228 47 und 160) bedarf 1 Mol. Na20 
etwa 2,5 Mol. SiO^ zur Sättigung, und die überschüssige Kieselsäure 
ist im Glase als solche vorhanden. Man kann aber leicht zeigen, dafs 
aus einem Glase, w^elches weniger als 2,5 Mol. Si02 enthält, sich solche 
durch Wasser abscheidet, was gegen EbeWs Annahme spricht. 

Durch Auflösen von Kieselsäure in Natronlauge, Eindampfen und 
kurzes Glühen des Rückstandes wurde eine ungeschmolzene, bimsstein- 



Zur Technologie des Glases. 83 

artige Masse erhalten, die durch passende Behandlung mit Wasser in 
4 Fractionen von folgender Zusammensetzung zu spalten war: 

Angewendete Menge: 2g,5. 



Es enthielten 


NajO 


SiOj 


das ursprüngliche Material . 
Fraction I 

II 

III 

„ IV 


34,07 Proc. 
88,13 
41,64 
30,31 
3,1 


65,93 Proc. 

11,87 

58,33 

69,69 

96,7 



Fraction I war durch 5 Minuten dauernde Behandlung der zer- 
riebenen Substanz mit kaltem Wasser, Fraction II durch Waschen mit 
heifsem Wasser, Fraction III durch viertelstündiges Kochen mit Wasser 
erhalten worden, während Fraction IV 0s,5 im Rückstande blieb. Die 
Natriumverbindungen der Kieselsäure werden also nach der Formel- 
gleichung 

Na20(Si02)x + HoO = 2NaH0 + xSiO, 

zersetzt. (Hierbei bedeutet Si02 die ungelöste Kieselsäure ohne Rück- 
sicht auf den Wassergehalt.) 

Es gelang niemals, die Lösung ganz frei von Kieselsäure zu er- 
halten. Die Auflösung der letzteren wird durch eine secundäre Wirkung 
des freien Alkalis bewirkt, die vielleicht in einer Uebertragung von 
Wasser an die Kieselsäure besteht. Damit im Widerspruche scheint 
der Umstand zu stehen, dafs aus Lösungen von Wasserglas wohldefinirte 
Silicate des Natriums (NaoSiOg + 10 H,,0 und Na2Si409 -|- 12H.,0) er- 
halten werden können. Dieser Widerspruch löst sich bei der Betrach- 
tung, dafs nach neueren Ansichten die Hydrate von Natron und Kiesel- 
säure in einer Lösung neben einander vorhanden sein können, ohne zu 
einem Salze vereinigt zu sein. Auch ist es wahrscheinlich, dafs die aus 
wässerigen Lösungen der Kieselsäure erhaltenen Salze Additionsverbin- 
dungen jener Hydrate sind, worin also das sogen. Krystallwasser als Hydrat- 
wasser auf das Natron und auf die Kieselsäure zu vertheilen wäre. 

Kaliwasserglas. Gemäfs seiner stärkeren Affinität ist die hydrati- 
sirende Wirkung des Kalis auf Si02 gröfser als die des Natrons. Durch 
Schütteln von geglühter Kieselsäure mit äquivalenten Mengen von Kali- 
und Natronlauge von verschiedener Concentration wurde dies gezeigt. 
So wurden von einer zweifach normalen Kalilösung 2s,5 Si02 in Lösung 
gebracht, von der äquivalenten Natronlösung nur 0s,66. Daraus ergibt 
sich auch, dafs das Kali Wasserglas viel leichter löslich ist als das Natron- 
wasserglas, andererseits, dafs man aus ersterem bei weitem schwerer 
die Kieselsäure abscheiden kann, als aus letzterem. 

Die grofse Verwandtschaft des Kaliwasserglases zum Wasser geht 
auch aus der bedeutenden Wärmeentwickelung bei geeigneter Berührung 
hervor; so stieg die Temperatur einer Mischung von 50s Wasserglas 
mit wenig Wasser von 18 auf 320 c. 



84 Zur Technologie des Glases. 

Die Eigenschaft des Kali Wasserglases, durch Aufnahme von Wasser 
zu einer viscosen Lösung und bei Zusatz von wenig Wasser zu einer 
festen Gallerte aufzuquellen, erklärt auch das mörtelartige Erhärten des- 
selben unter Wasser. Die Theilchen des pulverförmigen Glases werden 
durch das Quellungsproduct innig verkittet und man erhält in 2 Tagen 
eine steinharte, glasige Masse, deren Wassergehalt (bis zu 50 Proc.) 
beim starken Erhitzen unter Aufschäumen entweicht. Diese Erschei- 
nungen treten bei Natronwasserglas in weitaus geringerem Mafse auf. 

Die Erscheinung, dafs Kaligläser eine gröfsere Verwandtschaft zum 
Wasser haben als Natrongläser , findet sich selbst bei kalkhaltigen 
Gläsern des Handels vor^ 0. Schott {^Zeitschrift für Instrumentenkunde^ 
Bd. 9 S. 86) hat darauf hingewiesen, dafs bei derartigen Gläsern nach 
einiger Zeit eine wasserhaltige Oberflächenschicht entsteht, welche die 
Haltbarkeit derselben wesentlich vermindert (vgl. diesen Bericht weiter 
oben). Dieselbe kann erst durch Erwärmen entdeckt werden, indem 
sie sich durch die Erscheinung des Abblätterns leicht verräth (vgl. auch 
Geuther^ Wagner s Jahresbericht^ 1869 S. 166. Splittgerber^ 1861 159 158. 
Vogel und Reischauer^ 1859 152 181. R. Weber^ Wiedemanris Annalen^ 
Bd. 6 S. 431). 

Die Löslichkeit der Natrongläser verglichen mit derjenigen der Kali- 
gläser. Wie Schott gezeigt hat, sind die Kaligläser weniger widerstands- 
fähig als die Natrongläser. Um einen ziffernmäfsigen Nachweis der 
Unterschiede in der Löslichkeit der Gläser zu bringen, wurden folgende 
Gläser verschmolzen : 

I. 2K2O, 6Si02 IL 2Na.20, 6Si02 

III. 13/4 K2O l fio.^ IV. 13/,K20 ) ,, CT. 

V. 11/2 K2O l fio-n VI. Vh^a^iO) ^ or» 

VII. II/4K2O ( ß^.^ VIII. ll/4Na20/ ...^ 

IX. IK2O l fio-n X. lNa20 f ßc-^ 

Um dem Glase eine möglichst grofse, aber doch annähernd mefs- 
bare Oberfläche zu geben, wurde das grobe Pulver durch 2 Siebe, von 
denen das eine 72, das andere 121 Maschen auf den Quadratcentimeter 
hatte, auf ein bestimmtes Korn gebracht. Gleiche Volumina der ver- 
schiedenen Gläser entsprechen dann annähernd gleichen Oberflächen. 
Die Gesammtoberfläche der Glasfragmente wurde unter Annahme der 
Kugelgestalt zu 763ficm berechnet. 

Als Mafs für die angewendete Menge der Glasfragmente diente das 
Volumen von 20s Jenaer Thermometerglas. Diese Mengen wurden in 
einem Kolben aus Platinblech 5 Stunden lang mit 70*^^ Wasser von 
100^ C. erhitzt^ der Platinkolben, welcher in ein siedendes Wasserbad 
tauchte, war dabei mit einem kleinen Rückflufskühler aus Platin und 



Zur Technologie des Glases. 



85 



zum Schutze gegen die Luft mit einem Liebig^scheu Kaliapparat ver- 
bunden. Nach dem Abkühlen wurde die Lösung filtrirt und in 60cc des 
Filtrates die gelösten Bestandtheile bestimmt. 

Die Bestimmung der Löslichkeit nach dieser Methode gibt nur an- 
nähernde Werthe^ die Hauptfehlerquelle sind die Schwankungen der 
Oberflächengröfse. Die Zahl der Fragmente in einem bestimmten Volumen 
wurde festgestellt, und dafür Sorge getragen, dafs ein bestimmtes Volumen 
Glas immer eine bestimmte Anzahl von Fragmenten enthält, wodurch 
der genannte Fehler auf ein kleineres Mafs reducirt wird. 

Die Wassergläser hatten sich nur theilweise gelöst, und an Stelle 
der Glasfragmente befand sich nach deui Erkalten eine amorphe Masse. 
Von den anderen Gläsern verhielt sich blofs das Glas III den Wasser- 
gläsern ähnlich. 







2 

TS 




e 

2 
« ac 


ClO 

s 


s 


S 




71 60 


i| 


z 


Molekularformel 




es L. 

= c 




e 











Mi 
-1^ 






< 


'i 




iZ 


iS 


Z 


•< 


^- 


1? 


6Si02, 2K2O 


18,824 


7300 


6624 


4246,8 


2377,2 





404,6 


0,36 


IL 


6Si02, 2Na20 


18,979 


7492 


2987 


2144,7 


— 


842,4 


217,3 


0,38 


III. 


68102,13/4X20, i/4CaO 


18,948 


7420 


4674 


2997,6 


1675,8 


— 


285,2 


0,36 


IV. 


6Si02, 13/4Na20, V4CaO 


18,979 


7510 


507,6 


303,9 


— 


202,8 


52,3 


0,64 


V. 


68102,11/2^201 V2CaO 


19,002 


7595 


223,5 


65,1 


158,4 


— 


26,9 


1,56 


VI. 


68102, lV2Na20,V2CaO 


19,118 


7338 


42,4 


8,1 


— 


34,3 


8,9 


4,1 


VII. 


68109,11/4X20, 3/_jCaO 


19,072 


7624 


32,1 


5,4 


26,69 


— 


4,5 


3,15 


VIII. 


68102, li/4Na20,3/4CaO 


19,257 


7620 


17,4 


5,9 


— 


11,5 


2,9 


1,9 


IX. 


68102, IK2O, ICaO 


19,125 


7424 


9,5 


3,5 


5,99 


— 


1,0 


1,1 


X. 


6SIO2, lNa.20, ICaO 


19,381 


7500 


7,4 


3,2 


— 


4,19 


1,1 


1,27 



Aus nebenstehender Tabelle geht zunächst die bekannte Thatsache 
hervor, dafs die Löslichkeit der Gläser in schneller Weise mit dem 
zunehmenden Kalkgehalte abnimmt. Wichtiger ist das Ergebnifs, dafs 
die Natrongläser gegen den Einflufs des Wassers widerstandsfähiger 
sind als die Kaligläser. Die Beobachtung zeigt jedoch, dafs der Unter- 
schied um so mehr verschwindet, je kalkreicher die Gläser werden. Die 
Beobachtungen der Verfasser stehen hier mit denen von F. Schwarz 
in Uebereinstimmung, welcher fand, dafs es für die Angreifbarkeit der 
Gläser von der Formel R'jO, R"0, 6Si02 ohne Belang sei, ob sie Kali 
oder Natron enthalten. 

Beachtenswerth ist das Verhältnifs des in Lösung gegangenen AlkaHs. 
Während die Lösung I und II auf 6 Mol. SiOj etwa 2 Mol. Alkali ent- 
hält, steigt das Alkali gegenüber der Kieselsäure, je mehr Kalk dem 
Glase zugefügt und je mehr Alkali ihm entzogen wird, um in der 
Natronreihe bei dem Glase von der Formel li/2Na20, i|2CaO, 6Si02 und 
in der Kalireihe bei demjenigen der Formel II/4K2O, 3/^CaO, 6Si02 ein 
Maximum zu erreichen. Bei diesen Gläsern gingen nämlich auf 6 Mol. 
SiOa 24,6 bezieh. 18,9 Mol. Alkali in Lösung. Die Verfasser schliefsen 



86 



Zur Technologie des Glases. 



daraus, dafs der Kalk anfangs einen erheblichen Autheil SiO^ gebunden 
enthält: bei gröfserem Zusätze von Kalk wirkt dieser auch auf das Alkali 
bindend., mithin sind in guten Gläsern Doppeiverbindungen von Alkali- 
Kalksilicaten wirksam, wie auch gewöhnlich angenommen wii-d. 

Vergleichende Bestimmungen der Löslichkeit von Glassorten des 
Handels sind schon öfter angestellt worden (vgl. z. B. H. 5cÄtt'arz, Ver- 
handlungen des Vereins zur Beförderung des G e werbe ßeifses^ 1887 S. 204). 
Man verwendete dazu Kolben oder Röhren. Verfasser haben nun die oben 
beschriebene Methode zur Bestimmung der Löslichkeit von Glassorten 
des Handels benutzt, und ihre Versuchsresultate in 2 Tabellen zusammen- 
gestellt. Tabelle I gibt die Löslichkeit verschiedener Glassorten an, II ihre 
Zusammensetzung (M bedeutet: Mylius^Y: Foerster als Beobachter). 

I. 









S 

o 


■5 ^ 


ES 




tr. 

E 


a 


s 


k^ 


z 


Glassorten 




ü 
a> 

Ol. 


= g = 


a> — 

13 




O 


q 


q 

z 




1. 


Gelbes, alkalireiches Glas 


M. 


2,514 


19,451 





249 


80.0 


60,0 


95,0 


43,6 


2. 


Schlechtes Thüringer Glas 


F. 


2,472 


19,125 


7497 


91,4 


14.3 


18,1 


59,0 


18,4 


3. 


Glas von Tutel und Comp. 






















in Geiersthal .... 


M. 


2,495 


19,304 


7601 


30,4 


8,7 


7,8 


13,9 


4,92 


4. 


Flaschenglas von Schilling 






















in Gehlberg .... 


F. 


2.466 


19,079 


7666 


10,4 


4,3 


1,76 


4,39 


1,43 


5. 


Böhm. Glas von Kavalier 


M. 


2,387 


18,468 


7686 


10,1 


5,6 


4.5 


— 


0,77 


6. 


Rheinisches Fensterglas . 


F. 


2,451 


18,963 


7612 


9,4 


4,5 


— 


4,87 


1.26 


■7. 


Bleikrvst. aus Ehrenfeld 


M. 


3,043 


23,543! 7525 


8,5 


24 


6,4 


— 


1,09 


8. 


Grünes Flaschenglas aus 




















Charlottenburg . . . 


M. 


2,606 


20,162 7200 


6,5 


3,7 


— 


2,76 


0,71 


9. 


Thermometerglas löH' aus 




















Jena 


F 


2,585 
3.596 


20,000 7330 
27,814 7156 


5,4 
3,3 


2,0 
1.9 


1,4 


3.39 


0,87 


10. 


Bleiglas Nr. 483 aus Jena 


M. 


0,24 


11. 


Bleisilicat 


M. 


6,336 


49,021 


— 


0,6 


0,6 




— 


— 



u. 



Nr. 1 SiOz 


AI2O3 
Fe^Oa 


MnO 


ZnO 


PbO 


CaO 


MgO 


K2O 


NaaO 


ASjOj 


B2O3 


s 


1. 


60,94 


1.77 


3,90 


_ 


_ 


5,42 


0,05 


13.3 


15.4 


_ 


_ 


0,22 


2. 


69,9 


2,95 


0,40 


— 


— 


3,72 


0,08 


6.6 


16,5 


— 


— 


— 


3. 


71.5 


0,4 


0,2 


— 


— 


6,7 


0,2 


7.1 


14,3 


— 


— 


— 


4. 


75,2 


0.7 




— 


— 


8,3 


Spur 


4.2 


11,9 


— 


— 


— 


5. 


78,3 


0,5 


— 


— 


— 


6,8 


— 


13,3 


1,4 








— 


6. 


71,2 


1,6 


— 


— 





13,4 


— 





13,5 











7. 


56,0 




— 


— 


31,2 


— 


0,06 


12,1 


0.6 


— 





— 


8. 


63.5 


4.9 


2.9 


— 





14.0 


3,9 


1,3 


9,5 








— 


9. 


67.5 


2,5 


— 


7,0 


— 


7,0 


— 




14.0 


— 


2,0 


— 


10. 


44,7 


0,5 


0,05 




47,0 







7,3 


0.2 


0,2 







11. 


21,7 




— 


— 


78,3 


— 


— 




— 




— 


— 



Die Glassorten sind in der vorstehenden Tabeile nach dem Ge- 
wichtsverluste geordnet, den sie durch heifses Wasser erleiden; diese 
schwanken aufserordentlich stark , zwischen 0,6 und 250"^". Das Glas 
von Tittel und Comp, ist für Glasbläserversuche noch brauchbar, da- 



Zur Technologie des Glases. 87 

gegen die voranstehenden nicht mehr und es würde ein grofser Gewinn 
sein, wenn solche Gläser aus dem Handel verschwinden würden. Glas 
Nr. 2 ist nach kurzer Zeit mit einer Schicht von NajCOg bedeckt. Die 
Gläser 1 und 2 waren, abgesehen von Carbonaten und Sulfaten, mit 
einer verwitterten Oberflächenschicht von ilso^^"^ bedeckt, die sich bei 
schwachem Erwärmen oder beim Liegen über Schwefelsäure abblätterte. 
Die Flintgläser sind gegen reines Wasser sehr widerstandsfähig, 
was bemerkenswerth, da sie von Alkalien wie von Säuren leicht zer- 
setzt werden. — Obenstehende Zahlenreihe bezieht sich auf fünfstündiges 
Behandeln der Glassorten mit heifsem Wasser; gegen kaltes Wasser 
verhalten sich die Glassorten ähnlich, wenn auch mit kleinen Ab- 
weichungen, wie durch Prüfung mit Eosin (siehe diesen Bericht weiter 
oben) gezeigt wurde. Durch vorliegende Abhandlung ist auch eine 
frühere Ansicht, dafs die Bestaudtheile des Glases bei der Behandlung 
mit Wasser in demselben Verhältnisse in Lösung gehen, in welchem 
sie im Glase selbst enthalten sind, widerlegt. Die Ergebnisse der Ver- 
suche lassen sich in folgende Sätze zusammenfassen: 

1) Wasserglas zersetzt sich mit Wasser in freies Alkali und Kiesel- 
säure, von welcher ein Theil, je nach Zeit, Concentration und Tem- 
peratur, durch Alkali hydratisirt und dadurch gelöst wird. 

2) Die Kaligläser sind bei Weitem löslicher als die Natrongläser, 
die Unterschiede verschwinden aber in dem Mafse, als die Gläser reicher 
an Kalk werden. 

3) Natron und Kali werden im Glase sowohl durch Kieselsäure als 
durch Kalk gebunden. Die Widerstandsfähigkeit von Glas gegen Wasser 
wird durch das Vorhandensein von Doppelsilicaten von Kalk und Natron 
oder Kali bedingt. 

4) In heifsem Wasser sind von allen bekannten Glassorten die blei- 
haltigen Flintgläser am wenigsten löslich. 

5) Die relative Angreifbarkeit der Gläser durch heifses Wasser ist 
von derjenigen durch kaltes Wasser verschieden {Berichte der deutschen 
chemischen Gesellschaft^ Bd. 22 S. 1092). 

E. Hussak und Schumacher untersuchten das Kalksilicat des Glases 
und der Glasuren (^Sprechsaal^ 1888 .S. 881). Als Lösungsmittel diente 
ein Glas von der Zusammensetzung SNajO.SiOj und 2CaOB203, in 

welches Calciumsilicat CaSiOg eingeführt wurde. — Das Glas loCaO B ' 
schmolz vollkommen klar und zeigte sich nach dem Erkalten frei von 
Ausscheidungen. Das Glas CaSiOj ioCaü ß 0^ schmolz zu reinem Glase, 
ist jedoch stellenweise reich an Bläschen und erfüllt von zahlreichen 
Sprüngen. An Stellen, wo eine ganz dünne Glashaut über der Tiegel- 
wandung sich hinzieht, bemerkt man jedoch schon einzelne säulen- 
förmige, farblose Kryställchen. Die dritte Probe 2CaO.Si02 v2CaÖ.B 0^ 



88 Zur Technologie des Glases. 

zeigte in reinem Glase schon zahlreiche Ausscheidungen, vereinzelte, 
sich öfter durchkreuzende farblose Stäbchen, die auch oft zu radial- 
strahligen Kügelchen aggregirt, besonders häufig auf der Oberfläche des 

Glases sich vorfinden. — Die Mischung 3CaO.Si02 j2Ca6.B. ^ erstarrte 
jedoch, wenigstens an der Oberfläche, fast vollkommen krystallinisch, 
die mikroskopische Untersuchung zeigte aber die Anwesenheit von 
Lösungsmittel. Die Oberfläche der Schmelzmasse ist blasig und in die 
einzelnen Hohlräume ragen die Kryställchen spiefsig hinein. Die auf 
diese Weise ausgeschiedenen Krystalle wurden als Wollastonit erkannt. 
Neben dem monoklinen Kalksilicat CaSiOg wurde auch hexagonales 
Kalksilicat bemerkt, und es ist wahrscheinlich, dafs letzteres bei zu- 
nehmender Concentration ausschliefslich aufgetreten wäre. Das Silicat 
CaSiOg für sich allein geschmolzen erstarrt immer in hexagonaler Form ; 
es läfst sich, wie die Versuche zeigen, in Wollastonitform auf schmelz- 
flüssigem Wege ohne Anwendung von Wasserdämpfen oder irgend 
welchen Aenderungen der Abkühlungsweise aus Gläsern zur Ausschei- 
dung bringen, worauf auch das Vorkommen des Wollastonits in den 
Hochofenschlacken hinweist. 

Eine interessante Untersuchung über sphärolilhische Entglasungs- 
producte hat Dr. E. Hussak in Bonn ausgeführt {Sprechsaal^ Bd. 21 S. 221). 
Die besprochenen Sphärolithe stammten aus der Siemens'schen Glas- 
hütte in Elbogen, und hatten sich am Boden der Glaswannen, sowohl 
aus braunem, wie aus grünem Glase ausgeschieden. Es sind solche Aus- 
scheidungen bis zu 10c°i Durchmesser beobachtet worden, und finden 
sich theils einzeln, theils in Gruppen zu gröfseren Klumpen vereinigt. 
Die kleineren, 1 bis 3^^ im Durchmesser grofs, sind aus höchst feinen, 
radial gestellten, farblosen, grünlich oder röthlichen (vom Mn-Gehalte) 
Fasern aufgebaut, die oft einen Schiller, ganz ähnlich dem der sogen. 
Katzenaugen, zeigen. Der Kern zeigt sich mehr krystallinisch als die 
Rinde. Die chemische Analyse, von A. Haslam ausgeführt, ergab die 
in nebenstehender Tabelle zusammengestellten Werthe. Unter I ist das 
aus zwei Analysen gezogene Mittel von der Glaszusammensetzung II das 
Mittel der zwei Sphärolithanalysen. 

I II 

SiOo 63,24 61,00 

AloOg 9,84 16,79 

Fe.iOg 4,17 6,70 

MnO 10,48 3,61 

CaO 4,47 3,88 

MgO 0.31 - 

KoO 0,97 0,74 

n4o 5,16 7,62 

Glühverlust . . ■ 0,1 5 0,06 

Summe 98,795 100,41 

spec. Gewicht j 2,637 j ^^^'^^ ^^Ol 



Zur Technologie des Glases. 89 

Stellt man die Molekularverhältnisse der Gläser und der Sphärolithe 
gegenüber: 

Glas Sphärolith 

Si02 1,06827 1,01387 

AljOg + FeaOg . . 0,12420 0,20584 

K2O 0,01039 0,00789 

Na^O 0,08431 0,12250 

so ist das Verhältnifs von K2O : Na20 = 1 : 8 im Glase, dagegen im 
Sphärolithen annähernd wie 1 : 16. Das Kali hat sieh im Glase eon- 
centrirt, während das Natron und die Thonerde sieh als oligoklas- 
ähnliches Silicat ausgeschieden haben. Diese Thatsachen stehen im Ein- 
klänge mit den Beobachtungen von A. Lagorio über die natürlichen 
Sphärolithe (Tschermak^s Mineralogische und Petrographische Mittheihmgen^ 
Bd. 8 N. F. S. 440). 

Prof. Fr. Knapp gibt einen sehr interessanten Beitrag zur Kenntnifs 
getrübter Gläser in der Chemiker -Zeitung., Bd. 8 S. 388 (vgl. Weinreb., 
1885 256 361, Zsigmondy, 1889 271 36 und Tedesco, 1889 271 425). 
Die mitgetheilten Beobachtungen wurden schon vor Jahren gemacht. 
Norweger Feldspath, im Porzellanofen geschmolzen, gab eine unansehn- 
liche, undurchsichtige, aber auch keineswegs dem Milch- oder Alabaster- 
glase ähnliche Schmelze. Schon bei schwacher Vergröfserung unter 
dem Mikroskope gibt sie sich als ein feinblasiger Schaum aus völlig 
klarem Glase zu erkennen. Offenbar absorbirt das schmelzende Mineral 
im feurigen Flusse Gase, die beim Erkalten erst spät, erst bei schon 
vorgeschrittener Dickflüssigkeit, und darum unvollkommen entweichen. 

Anders erschien das Schmelzproduct, als man den Feldspath mit 
Zusatz von Kalk, und zwar in steigendem Gewichtsverhältnisse, schmolz. 
Bei dem kleinsten Kalkzusatze zu dem Feldspath entstand ein voll- 
kommen farbloses, blasenfreies Glas mit lebhaftem Glänze und schönstem 
Spiegel der glatt geflossenen Oberfläche. — Mit einem stärkeren Zu- 
sätze von Kalk erhielt man Schmelzen von gleichem Spiegel und Glänze, 
aber mit einer zarten, lichten, in Blau spielenden Trübung, ein Opal- 
glas, dessen schönes, höchst ansprechendes, schon dem natürlichen Opal 
nahe kommendes Ansehen hohen Beifall fand. — Mit nochmals ge- 
steigertem Kalkzusatze gab die Schmelze ein vollkommenes Milchglas, 
undurchsichtig, ohne Opalisiren, aber mit gutem Glänze und Spiegel. — 
Diese Versuche stellen aufser Zweifel, dafs eine milchige Trübung auch 
ohne Zusatz von Phosphaten und Fluorverbindungen im Glase auf- 
treten kann. 

Im Sprechsaal, Bd. 21 S. 394 und 414, finden sich einige Vorschriften 
zur Entfärbung von durch Eisen grünlich gefärbtem Glase; Braunstein 
allein, der von Agricola schon 1530 in seiner Wirkung auf Glas be- 
sprochen wurde, ist nicht genug zuverlässig, da die röth liehe Farbe 
seines Silicates durch reducirende Einflüsse zu leicht zerstört wird. Mit 
Mansan allein entfärbte Gläser nehmen an der Sonne leicht einen gelben 



90 



Zur Technologie des Glases. 



Stich an. Sehr geringe Mengen von Kobaltoxyd schwächen die Farbe 
ab und sind als Zusatz auzurathen. Die besten Resultate ergibt der 
Zusatz von Nickeloxydul. Ein Gemenge von 68 Th. Pyrolusit, 23 Th. 
grünem Nickeloxydul und 2,8 Th. Kobaltoxyd gibt einem stark grünen 
halbweifsen Glase, in geeigneter Menge (diese mufs durch Versuch fest- 
gestellt werden) zugesetzt, ein sehr brauchbares weifses Glas. Der 
Nickelfärbung ist ein schwacher Stich ins Graue eigenthümlich. Antimon 
wirkt nicht farbenveräudernd. 

Das Thüringer Glas hat bekanntlich die vorzügliche Eigenschaft, 
sich wiederholt bis zum Erweichen erwärmen zu lassen, ohne zu ent- 
glasen. Dr. Schott fand durch Untersuchung des für die Herstellung von 
Thüringer Glas verwendeten Sandes, dafs der hohe Alumiuiumgehalt 
die Ursache dieser Beständigkeit sei. Ein in der Hütte aus solchem 
Sande geschmolzenes Thüringer Glas zeigte folgende Zusammensetzung. 

SiOj 67,7 Proc. 

Al.,03 3.0 „ 

Fe^Og 0,4 „ 

CaO 7,4 „ 

MgO 0,3 



Mn<,03 
K2Ö . 

As.)05 



0,5 
3,4 
16.0 
0^24 



Durch Zusatz von Thonerde zu Glassorten, die sich vor der Lampe 
nicht verarbeiten lassen, wurden diesem Zwecke entsprechende Gläser 
erschmolzen. Die Thonerde scheint die Neigung der Gläser, zu krystalli- 
siren, abzuschwächen {Sprechsaal^ Bd. 21 S. 125). 

Um die Stellung zu charakterisiren, welche die Thonerde in der 
Zusammensetzung des Glases einnimmt, hat A. Frank viele Gläser analy- 
sirt und die Analysen jener Gläser, deren Widerstandsfähigkeit durch 
langen Gebrauch erwiesen war, besonders hervorgehoben. Die Analysen 
einiger widerstandsfähiger Flaschengläser ist in Folgendem zusammen- 
gestellt: 



I 



II 



III 



IV 



SiÜ2 

AI.2Ü3 

Fe-fi^ 

MnO 

CaO 

MgO 

Na.20 

Verhältnils von CaO,Na20 
und MnO zu Si02 wie 



60,4 
8,1 
1,2 

23,4 
1,1 

5,7 

1 : 1,85 



56,7 

9,7 

24,3 
0,5 
7,3 



57,3 

10,5 

1,3 

24,4 
1,5 
4,9 

1 : 1,72 



57,4 

10,6 

2,3 

23,9 
0,4 
5,4 

1 : 1,82 



56,7 

10,3 

1,3 

7,5 

13,9 

10,4 

1:18 



1 : 1,67 

Nr. I ist das grüne Glas einer Champagnerflasche, Clicquot Veuve, 
also einem Glase entnommen, an das in chemischer, wie in mecha- 
nischer Hinsicht grofse Anforderungen gestellt werden, da es wech- 
selndem Drucke, sowie der Einwirkung von Kohlensäure und organischen 



Eder, über Fortschritte der Photographie. 91 

Säuren dauerud Widerstand leisten mufs. — Nr. II und III, grün ge- 
färbt — eine Burgunder- und Pouilloc-Flasche, war nachweislich lange 
auf dem Lager gewesen. Nr. IV hatte lange Zeit der Einwirkung von 
Alkalicarbonaten widerstanden. Nr. V war eine sehr gute Rheinwein- 
flasche von braunem 5«emens'schen Glase. Während für gutes Alkali- 
kalkglas das Verhältnifs von Kieselsäure zu Basen =3:1 gefordert 
wird, ist hier das Verhältnifs = 1 : 1,8. Verfasser schliefst daraus, dafs 
die Thonerde in den Gläsern die Rolle einer Säure spielt, was ja auch 
mit anderen Beobachtungen übereinstimmt. Die Ei-fahrung lehrt, dafs 
Thonerde haltige Gläser viel Kalk erfordern, um blank zu schmelzen. 
Als Beweis gibt Verfasser die Analyse zweier Glasschichten, die sich 
bei Benutzung von Porphyr gebildet hatten; die obere A war undurch- 
sichtig, lavaartig, die untere B ein gutes Glas 

A B 

SiO, 61,4 63.3 

AloÖg 5,1 1,2 

FeaOg 3,0 2,5 

MnO 4,4 5,2 

CaO 14,5 14,8 

MgO 0,7 1,2 

Alkalien .... 10,8 11,8 

Durch Zusatz von Kalk verschwanden die beiden Schichten, und 
man erhielt blanke, gleichmäfsige Schmelzen (Diamant^ Bd. 11 Nr. 6). 

C. Barus und F. Slrouhal haben Glasthränen mit verdünnter Flufs- 
säure behandelt und gefunden, dafs die Theilchen der Glasthräne schon 
einen gewissen Zusammenhalt zeigen, wenn man auf diese Weise eine 
Schichte von 0°'°\03 ablöst, dagegen die Neigung zum Explodiren ganz 
verschwindet, wenn die abgelöste Schicht 0™'",5 ausmacht {Sprechsaal^ 
Bd. 21 S. 307). 

Herrn Direktor 0. Rauter ist es gelungen, massives Goldrubinglas 
herzustellen, eine Kunst, die trotz zahlreicher Versuche seit KunkeCs 
Zeit verloren gegangen ist. Derartige rothe Gläser sind von der Bhei- 
nischen GlashUlten-Actienge Seilschaft in mehreren Ausstellungen exponirt 
worden. Die Erfindung hat Herrn Rauter mehrere gehässige Angriffe 
zugezogen, auch wurde die Priorität der Erfindung bestritten (Sprech- 
saal^ 1887, auch Centralblatt der Keramik und Glasindustrie). 



lieber die Fortschritte der Pliotographie und der photo- 
mechanischen Druckverfahren; von Prof. Dr. J. M. Eder 

in Wien. 

In Folge der raschen Steigerung der Bedeutung der Photographie 
und photographischen Druckverfahren für die Druckgewerbe, sowie 
für künstlerische und wissenschaftliche Zwecke wuchs das Bedürfnifs 



92 Eder, über Fortschritte der Photographie. 

nach dem Unterrichte in diesen Fächern. Es ist für Lithographen, Aetzer, 
Zeichner u. s. w. die Photographie ein unentbehrliches Hilfsmittel ge- 
worden, und es schlössen sich z. B. die Grennalschulen der Stein- und 
Kupferdrucker in Wien an die daselbst neu errichtete Kaiser!. Königl. 
Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproductionsver fahren 
an. Es wird an dieser Anstalt in drei Jahrgängen die Theorie und 
Praxis der einschlägigen Methoden gelehrt und in den Ateliers und 
Druckersälen praktisch geübt und auch Lichtdruck, Photolithographie, 
Zinkätzung, Photozinkographie als obligate Gegenstände gelehrt. Auch 
in Amerika (Washington) werden Vorarbeiten zur Errichtung eines 
grofsen Institutes und Museums für graphische Methoden an dem 
y^Smithsonian institution'-'- vorgenommen. 

Photographische Objective. 

Wie schon mehrmals in diesen Berichten erwähnt wurde, gaben 
die Arbeiten des glastechnischen Laboratoriums in Jena und Prof. Abbes 
wissenschaftliche Arbeiten neue Impulse zur Herstellung von photo- 
graphischen Linsen. Nachdem Zeifs in Jena zuerst .^.^Apochromate^ für 
mikroskopische Zwecke erzeugt hatte, verwertheten Voigtländer (Braun- 
schweig), Sleinheil (München), Fritsch (Wien) die neuen Glassorten zu 
gröfseren Objectiven. Ersterer construirte mittels der Jenenser Baryt- 
gläser einfache Landschaftslinsen, sowie neue Eryskope, bei denen der 
Vortheil dieses Glases (nämlich grofse Farblosigkeit und Durchlässig- 
keit für chemisch wirksame Strahlen) zur Geltung kommt; dadurch 
haben die neuen Instrumente bei derselben Oeffnung und Brennweite 
einen gröfseren scharfen Bildkreis und gröfsere Schärfe bei voller Oeff- 
nung. Sleinheil lieferte hervorragende Arbeiten auf dem Gebiete der 
Fernrohrobjective (^Eders Jahrbuch für Photographie für 1889 S. 326), und 
Fritsch in Wien construirte „Weitwinkel- Apochromate"-'. Es ist jedoch 
bemerkenswerth, dafs die mit gewissen neuen Jenenser Glassorten herge- 
stellten Linsen den Witterungseinflüssen mehr zugänglich sind als die ge- 
wöhnlichen Flint- und Crownglassorten. Hartnack (Potsdam) fertigt sehr 
gute Projectionsobjective an, welche zu Vergröfserungszwecken dienen, 
einen Bildwinkel von 25 bis 26^ haben und ein bis zum Rande gleich- 
mäfsig scharfes Bild geben. 

Bei den neuen Objectivconstructionen werden häufig sogen, „/m- 
diaphragmen^^ angebracht, welche wohl schon seit langer Zeit bekannt 
sind, jedoch erst seit ungefähr einem Jahre in ausgedehntei'em Mafse 
angewendet werden. 

Aufnahmen mit der Lochcamera. 

Bekanntlich erhält man in einer Camera obscura ein mehr oder 
weniger deutliches Bild, wenn man statt der Linse an der Vorderwand 
ein kleines Loch anbringt. Mit dem Studium dieser Camera hat man 
sich mehrfach beschäftigt, und A. Miethe {^ Photographische Miltheilungen^ 



Eder, übei- Fortschritte der Photographie. 93 

1888 Bd. 24 S. 276) rechnet Tabellen über die Bestimmung der günstigsten 
Oeflfnungen der Loehcamera für verschiedene Cameralängen. A. Wagner 
(Wien) stellte hübsche derartige Aufnahmen her mit einem Lochdurch- 
messer von 0'^™,3 und einem Plattenabstande von 10^™^ bei einer Be- 
lichtung von ungefähr einer Minute. Derartige Photographien sind in- 
sofern interessant, als sie frei von jeder Verzerrung sind. 

Photochemie. 

Ueber Anfangswirkung des Lichtes und Effect intermittirender Licht- 
wirkungen auf Bromsilbergelatiueplatten stellten A. und L. Lumiere in- 
teressante Versuche an {Moniteur de la Photogr.., 1888. Edefs Jahrbuch.^ 
Bd. 3 S. 346). 

Um festzustellen, ob bei sehr kurzen schwachen Lichtwirkungen überhaupt 
kein Eindruck auf der Platte vorhanden ist oder ob der Entwickler nur nicht 
im Stande ist, so schwache Eindrücke hervorzurufen, liefsen die Autoren zu- 
nächst ein constantes Licht 3 Secunden lang auf einen Theil einer Platte 
wirken; dann liefsen sie dasselbe Licht mit Hilfe angemessener Apparate auf 
andere Theile der Platte in intermittirender Weise so fallen, dafs die einzelnen 
Lichteindrücke nur Viooo oder V4000 Secunde betrugen, dafs sich aber in jedem 
einzelnen Falle so A'iel davon folgen , um zusammen eine Belichtung von 
3 Secunden auszumachen. Beim Entwickeln waren die Lichteindrücke auf 
der Platte in allen Fällen genau dieselben, daraus folgt, dafs auch die schwächste 
Belichtung einen genau proportionalen Eindruck hervorbringt, dafs aber der 
Entwickler nicht genügt, ihn hervorzurufen. (Andererseits sind zahlreiche 
Beobachtungen aus der Praxis vorhanden, welche gegen die genaue Gültigkeit 
dieser Regel sprechen. Anm. d. Referenten.) 

Ueber Lichtempfindlichkeit verschiedener Farbstoffe, welche in der 
Druckindustrie verwendet werden, machte Inspektor G. Fritz der Wiener 
Hof- und Staatsdruckerei Mittheilung {Photographische Correspondenz., 
1888 S. 243). Wir verweisen auf den ausführlichen Bericht und be- 
merken hier nur, dafs Anilinfarben auf Holzstoffpapier im Sonnenlichte 
viel rascher zerstört wurden, als dieselben auf Hadernpapier. 

Ueber die Photographie dunkler Wärmestrahlen stellte Ives Ver- 
suche an. 

Ives liefs das Licht eines Kalklichtes in eine Camera fallen und 
stellte einen metallischen Gegenstand vor, so dafs ein Schattenbild ent- 
stand. Dann schob er vor das in einem Kasten befindliche Kalklicht 
einen schwarzen Glasschirm, welcher nur die Wärmestrahlen durch- 
läfst, und brachte dann an die Stelle der Visirscheibe eine mit Leucht- 
farbe bestrichene phosphorescirende Tafel. Die Wärmestrahlen löschten 
nun an den Bildstellen das Phosphorescenzlicht aus, und wenn er die 
Tafel mit einer Bromsilberplatte in Contact brachte, entstand ein posi- 
tives Bild. Heifses Eisen an Stelle des Kalklichtes erwies sich nicht 
brauchbar, indem seine Strahlen durch Wasserdampf der Luft absorbirt 
wurden {Philadelphia Photogr.., 1887 S. 180). 

Photo grammetrie und Aufnahme von Baudenkmälern. 
Für das preufsische Cultusministerium werden photographische Auf- 
nahmen von Baudenkmälern im Formate von 40cm jm Quadrate ange- 



Ö4 Eder, über Fortschritte der Photographie. 

fertigt, nach Nvelcheu die geometrischen Zeichnungen angefertigt werden; 
als Linse dient das Pautoscop von 24 bis 52cm Brennweite. 

Nach Dr. Meydenbauer's Mittheilungen wurden diese Negative auf 
Bromsilbergelatinepapier vergröfsert. Hierzu diente ein Kasten aus 
dünnen Brettern, etwa SOc'" lang. Der Querschnitt beträgt im Lichten 
42CD1 im Quadrat. Innen sind 4 Spiegel so angebracht, dafs sie an 
einem Ende den Seitenwänden anliegen, am anderen jedoch einen recht- 
eckigen Raum von 12^^ Breite und 35"" Höhe in symmetrischer An- 
ordnung einschliefseii, woraus die geneigte Lage der Spiegel sich von 
selbst ergibt. Die grofse Oeffnung ist durch eine leicht herauszunehmende 
matte Spiegelscheibe, deren Ecken abgeschnitten sind, geschlossen; am 
anderen Ende befindet sich eine leicht gehende Thür, innen mit weifsem 
Papier bekleidet. Endlich befindet sich in geringem Abstände von der 
Thiirseite eine durch die Kastendecke und oberen Spiegel geschnittene 
kreisförmige Oelfnung von S^m Durchmesser und darüber ein nach dem 
Schornsteine führendes Blechrohr von gleichem Durchmesser. Soll das 
Negativ belichtet werden, so wird der Kasten mit der matten Scheibe 
dicht an das Negativ gedrückt, welches vergröfsert wird, unter der 
Oeffnung an den Draht eine oder zwei Magnesiumspiralen (von 3 bis 
14'^°" Länge) angehängt, angezündet und die Thür nicht ganz geschlossen, 
damit Luft eintreten kann. Die Bilder werden mit 5<emÄej7-Aplanat 
Serie VI, Nr. 3 von 60cm Breite auf 1^,7 Bilddurchmesser vergröfsert 
{Photographisches Wochenblatt^ 1888 S. 170). 

Ueber Photogrammetrie erschien ein ausführliches Werk von C. Koppe 
(y,Die Photogrammetrie'-'- ^ Weimar 1889), welches den Gegenstand er- 
schöpfend behandelt. (1889 272 383.) 

Anwendung der Photographie in der Mikroskopie^ Spectralanalyse 
und Astronomie. 

Die Mikrophotographie hat durch die Einführung der orthochroma- 
tischen Platten und Apochroniate sehr schöne Erfolge erzielt. Von 
Wichtigkeit sind Dr. Zettnow's Untersuchungen, nach welchen man bei 
grünem Lichte photographirt und die Platten grünempfindlich macht. 
Man bringt vor dem Condensor des Mikroskops eine Glaswanne an, 
welche mit einer Lösung von 175? Kupfervitriol, 17? Kaliumbichromat, 
2cc Schwefelsäure und 1/2 bis 1' Wasser gefüllt ist. 

Besser noch wirkt eine Lösung von 160? Kupfernitrat, 14s Chrom- 
säure und 250CC Wasser, welche Licht von der Wellenlänge 570 bis 550 
durch läfst. 

Der Referent verwendet auch mit Erfolg eine concentrirte wässei'ige 
Pikrinsäurelösung mit Zusatz von etwas Indigoschwefelsäure. Die Platten 
werden in Erythrosivlösung in der bekannten Weise gebadet. Bei der 
Anwendung dieser Methode, sowie bei Anwendung von Eosinsilber- 
platten, deren Empfindlichkeit dem grünen Lichte des Kupferchrom- 



Eder, über Foi'tschritte der Photographie. 95 

filters entspricht, ist es nicht nur möglich, blau und violett gefärbte 
Bacillen zu photographiren, sondern man kann auch mit mangelhaft 
achromatisirten mikroskopischen Linsen scharfe Photographien erhalten, 
weil das durchgelassene grüne Licht einen schmalen Streifen des Spectrums 
repräsentirt und Achromatisirungsfehler weniger ins Gewicht fallen. 

Auf diese Weise kann man sowohl mittels des Sonnenlichtes, als 
mit dem Zirkonlichte sehr gute Vergröfserungen erhalten. Nähere An- 
gaben siehe Eders Jahrbuch für Photographie für 1880, sowie C. Fränkel 
und Pfeiffers Schrift: ^^Das Verfahren der pholographischen Darstellung 
von Bakterien- Präparaten'"'- (Berlin), was in dem Institute Prof. Koches 
abgefafst und mit mustergültigen Photographien versehen ist. Dieselben 
sind mit Sonnenlicht (mit Hilfe eines Heliostaten) aufgenommen und 
die damit erzielte Schärfe ist mit künstlichen Lichtquellen unerreichbar. 

In Ermangelung von Sonnenlicht leistet das Zirkonlicht in der von 
Schmidt und Haensch in Berlin ausgeführten Form sehr gute Dienste, und 
es wurden an der Kaiserl. Königl. Lehr- und Versuchsanstalt für Photo- 
graphie in Wien mit vielem Erfolge Mikrophotographien bis 1500facher 
Vergröfserung hergestellt. 

Zur Färbung von Bakterien oder Bacillen zum Zwecke der Photo- 
graphie bedient man sich am besten rother, brauner oder schwarzer 
Farben. Am leichtesten und bequemsten ist die Färbung mit Anilin- 
roth, welches sowohl bei gewöhnlichen photographischen Platten, als 
auch ganz besonders hinter gi'ünen Lichtfiltern und Eosinplatten gute 
mikrophotographische Bilder gibt. Nevhaus empfiehlt auch die Schwarz- 
färbung {Photographisches Archiv^ 1888 S. 393): Man löst Campeche- 
holzextract in kochendem Wasser und filtrirt die Lösung möglichst 
heifs. Nachdem dieselbe mindestens 8 Tage gestanden hat, wird sie 
vor jedem Gebrauche stark angewärmt. Man läfst nun die zu färbenden 
Deckgläschen (mit den Bakteinen) unter leichtem Aufkochen 10 Minuten 
auf der Lösung schwimmen^ darauf spült man in heifsem Wasser ab 
und legt durch längere Zeit auf eine ganz schwache Lösung von neu- 
tralem chromsauren Natron. In der Regel mufs, um ein tiefes Schwarz 
zu erzielen, der ganze Vorgang drei- oder viermal wiederholt werden. 
Manche Bakterien kommen über ein dunkles Braun nicht hinaus. Man 
erhält beim Photographiren derartig schwarz tingirter Bakterien kräftige, 
scharf gezeichnete Negative. Die Details der Bakterien (Sporen u. s. w.) 
treten nach Netihaus mit grofser Deutlichkeit hervor. Auch die Geifseln, 
welche Anilinfarben nicht annehmen, färben sich schwarz. 

Mitunter färbt man Bakterien blau (mit Methylenblau) oder violett 
(Anilinviolett) ^ solche sind mit weifsem Lichte und auf gewöhnlichen 
photographischen Platten nicht gut zu photographiren, sondern es müssen 
gelbe, grüne oder orangegelbe Lichtfilter angewendet werden und die 
Platten mit Eosinsilber oder Erythrosinsilber gelbempfindlich gemacht 
werden. 



96 Kleinere Mittheilungen. « 

Die Photographie des Speetrums wird immer mehr angewendet. 
Insbesondere ist die Arbeit von Prof. Kayser und Runge in Hannover 
bahnbrechend {Berliner Akademie der Wissenschaften^ 1888), welche das 
normale Spectrum des Eisens mit einem Bowland' sehen Gitter photo- 
graphirten. Prof. Simony (Wien) photographirte mit einem Schumann- 
schen Quarzspectrographen auf den Canarischen Inseln von einem hohen 
Berge aus; er fand ganz neue Erscheinungen im brechbarsten Theile 
des Sonnenspectrums und lieferte eine wichtige Ergänzung zu dem be- 
rühmten Cornw'schen Normalspectrum der Sonne. 

Die Vorbereitungen zur Herstellung der photographischen Himmels- 
karte schreiten rüstig vorwärts und man holft, dafs an einigen Stern- 
warten noch im J. 1889 die Arbeit begonnen werden kann. 

(Fortsetzung folgt.) 

Schallenberger's Elektricitätszähler für Wechselströme. 

In dem von dem Elektriker der Westinghouse Electric Company^ 0. B^ 
Schallenher ger in Rochester, angegebenen und von der Weslinghouse Electric Company 
für Glühlampenanlagen mit Wechselstrombetrieb benutzten Elektricitätszähler 
werden nach dem Telegraphic Journal^ 1888 Bd. 23 ^ S. 349, und dem Engineering 
and Mining Journal vom 4. Mai 1889 * S. 412 die (secundären) Wechselströme 
durch eine aus wenigen Windungen isolirten Drahtes bestehende Rolle hin- 
durch geführt. In dieser Rolle, und zum gröfsten Theil von ihr umschlossen, 
liegt ein aus Kupferringen gebildeter Leiter, dessen magnetische Achse einen 
Winkel von 450 mit derjenigen der Rolle einschliefst; beide Achsen sind 
wagerecht und der Winkel zwischen ihnen kann durch Verschiebung und 
darauf folgendes Feststellen der Kupferringe regulirt werden; von diesem 
Winkel hängt die Calibrirung des Zählers ab. 

Auf einer lothrechten Welle, deren Lager sehr klein und gut polirt sind, 
so dafs praktisch keine Reibung in ihnen vorhanden ist, sitzt eine leichte 
metallene Scheibe. Wenn nun die Wechselströme durch die Rolle gehen, in- 
duciren sie auch Ströme in dem Leiter, und diese beiderlei Ströme wirken 
auf die Scheibe magnetisirend und versetzen sie zufolge der Anziehung und 
Abstofsung in Umdrehung. Die Kraft der Drehung ist proportional dem 
Quadrate der Stromstärke. Deshalb wird auf die Achse der Scheibe noch- 
ein empfindlicher Windfang aufgesteckt, dessen Aluminiumtlügel in der Luft 
einen mit dem Quadrate der Geschwindigkeit wachsenden, verzögernden 
Widerstand finden. Dadurch kann der Stromverbrauch unmittelbar vom Zähler 
abgelesen werden, da die Umdrehungen der Scheibe einfach durch ein Zähl- 
werk gezählt werden. Strenge Prüfungen haben ergeben, dafs der Zähler 
durch die Zahl der Umdrehungen der Scheibe genau den Elektricitätsverbrauch 
der Lampen angibt. Die Gesellschaft baut solche Zähler für 25, 50 und! 
100 Lampen von 16 Kerzen. 

Bent's Stahlhalter. 

Um einen langen Stahlstab als Werkzeug zu verwenden und denselben 
bis auf ein kurzes Endstück auszunutzen, wird der Schaft des Stahlhalters 
hohlgebohrt, der Schneidstahl durchgeschoben und mittels eines geschlitzten 
Schraubbolzens am Winkelende festgeklemmt (vgl. 1887 264*105). Der ge- 
kröpfte Schneidstahl wird hierbei durch die Kopftläche des Schraubbolzens an 
die obere Fläche des Halterwinkels geprefst {Engineering^ 1889 Bd. 67*S. 541). 



Verlag der J. Ü. Cotta'schen Buchhandlung Nachfol|.er in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart. 



Neuerungen an Pumpen. 97 

Neuerungen an Pumpen. 

(Fortsetzung des Berichtes Bd. 272 S. 541.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 5. 

Die in Fig. 1 bis 3 dargestellte Pumpe ist eine direkt wirkende 
Duplexpumpe und für den Betrieb eines hydraulischen Aufzuges be- 
stimmt. Besonderen Werth legen die Erbauer derselben, Smith und 
Stevens^ auf eine sicher wirkende selbsthätige Auslösung für den Fall, 
dafs der Accumulator seine zulässige Spannung überschreitet. Diesen 
Zweck soll die in Fig. 3 dargestellte Vorrichtung erfüllen. Die Dampf- 
cylindcr Fig. 1 zeichnen sich vor der gebräuchlichen Bauweise dadurch 
aus, dafs sie an jeder Seite zwei Kanäle haben, von denen der innere als 
Ausströmungskanal dient. Es soll dadurch, wie leicht zu übersehen 
ist, ein weicherer Gang erzielt werden. Der Pumpenkörper ist mit dem 
Dampfcylinder durch Stahlstangen verbunden und bietet nichts Be- 
sonderes. 

Die Auslösungsvorrichtung Fig. 3 steht stets unter dem Drucke des 
in B befindlichen Dampfes, welcher das Ventil zu öffnen strebt. Diesem 
Drucke entgegen wirkt der durch das Rohr A auf den Kolben gegebene 
Wasserdruck des Accumulators. Der durch zwei Stopfbüchsen ab- 
gedichtete Kolben läfst bei gewöhnlichem Betriebe das in B befindliche 
Ventil geöffnet. Letzteres schliefst sich jedoch sofort, wenn der Druck 
im Accumulator eine bestimmte Höhe übersteigt. Diese Regelung voll- 
zieht sich geräuschlos, was im vorliegenden B'alle, wo der Aufzug in 
einem Gasthofe verwendet wird, nur angenehm ist. Der erforderliche 
Hub der Auslösevorrichtung beträgt ö™'». 

Die Woodward-Fum])e hat eigenthümliche Ventile, welche, wie 
Fig. 4 und 5 zeigen, aus segmentförmigen Klappen C bestehen, welche, 
um zwei Zapfen drehbar, sich an die cylindrisch ausgebohrten Ventil- 
gehäuse anlegen. Wie aus Fig. 5 zu ersehen, haben die Zapfen ihre 
Führung in zwei Deckeln 6, welche zum Verschlusse der Seitenöflnungen 
des Ventilgehäuses dienen. Nebenbei sei erwähnt, dafs die für Dampf- 
und Pumpenkolben gemeinschaftliche Kolbenstange so eingerichtet ist, 
dafs der Pumpenkolben abgetrennt und die Pumpe als gewöhnliche Be- 
triebsdampfmaschine benutzt werden kann. Die Pumpe wird von der 
„ Woodward Steam Pump Comp.'-'- in New York City angefertigt und soll 
sich auch für ziemlich dickflüssige Stoffe, als Syrup, Leim, Theer u. dgl., 
gut bewähren. 

Unter den Maschinen der letzten amerikanischen Ausstellung war 
nach Industries vom 25. November 1887 eine direkt wirkende Dampf- 
pumpe, die sogen. ^TaW-Pumpe, deren Einrichtung aus dem Längsschnitt 
(Fig. 7), sowie aus den schematischen Zeichnungen (Fig. 6 und 8) zu 
ersehen ist. Die Pumpe ist als Zwillingspumpe construirt, hat beide 
Kolben mit einer Kolbenstange direkt verbunden, und wird, wie bei der 
Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 3. 1889/111. 7 



yy Neuerungen an Pumpen. 

fFor/Ain^/on-Pumpe, die Umsteuening der einen Pumpe von der neben- 
liegenden bewirkt. Die Danipfkanäle sind wie bei der vorhin be- 
sprochenen Pumpe von Smilh und Stevens doppelt vorhanden. Die be- 
merkenswerthe Umsteuerung ist nach den angezogenen Fig. 6 und 8 
wohl zu übersehen. 

Zum leichteren Verständnifs fassen wir die augenblickliche Stellung 
ins Auge. Bei dem Cylinder I hat der Kolben, der sich in der Rich- 
tung des Pfeiles bewegt, soeben die OefFnung €2 dem Dampfe frei ge- 
geben und demselben somit gestattet, mittels des Doppel- Muschel- 
schiebers xx^ durch den Kanal C2 hinter den Kolben P^ zu treten. 
Dadurch entsteht in dem Räume Gi eine Spannung, welche genügt, 
den zur Steuerung des Cylinders II dienenden Kolben P^ in der Richtung 
des Pfeiles zu verschieben. Der Dampf im Räume vor dem Kolben P^ 
steht gleichzeitig durch das Rohr d2 mit dem Doppel-Muschelschieber 
von Cylinder I in Verbindung und kann hier entweichen. Es wieder- 
holt sich nunmehr der ents})rechende Vorgang in leicht zu übersehender 
Weise bei Cylinder li, an welchem die einzelnen Theile mit dem 
Cylinder I entsprechenden Buchstaben bezeichnet sind. Um den Gang 
der Ventile P^ und P2 weich zu machen, ist an jedem Ende der Boh- 
rung Gl und G2 der Kanal g angeordnet, welcher den eigentlichen 
Kolben von P an beiden Enden überragt und somit ein Dampfkissen 
bildet. Wir wollen die weitere ermüdende Beschreibung unserer Quelle 
vermeiden, da wir die Zeichnung zum Verständnifs für vollständig aus- 
reichend halten. 

Die in der Ausstellung befindliche Pumpe, von der Hall Steam Pump 
Company in New York angefertigt, hatte geringe Gröfsenverhältnisse 
und zwar 5 Zoll Hub, 4 Zoll Durchmesser für den Dampfcyliuder, 
2,5 Zoll für den Pumpencylinder und lieferte bei 100 bis 200 Hüben 
in der Minute 20 bis 40 Gallonen Wasser. 

Fielding und Platt in Gloucester verwenden nach Revue industrielle 
vom 18. Februar 1888 zu ihrer Doppelpumpe nur einen Schieber. Wie 
die Fig. 9 bis 11 zeigen, ist ein Schieber verwendet, dessen Gleitfläche 
nach einer Cyliuderfläche geformt ist und welcher auf eigenthümlich 
geformte Kanäle wirkt. Der Schieber erhält neben der hin und her 
gehenden Bewegung noch eine Drehung, was durch eine geeignete 
Hebelverbinduno; bewirkt wird. Die erreichten Vortheile sollen in ein- 
facher Ausführung und weicherem Gang bestehen. Aus der Lage der 
Kanäle ist nach dem Vorstehenden leicht zu ersehen, in welcher Weise 
die Vertheilung des Dampfes erfolgt. ' 

Die Pumpe von Ellice-Clark und Chapman in London (Englisches 
Patent Nr. 16986 vom 9. December 1887) umgeht die Einströmungs- 
ventile dadurch, dafs das Cylinderfutter in der Längsrichtung verschiebbar 

I In der Zeichnung Fig. 11 sollte die Schral'tirung der Kanalwand links 
voni Schieber oberhalb des Schieberspiegels wegl'allen. 



Neuerungen an Pumpen. 99 

ist. Bei der in Fig. 12 dargestellten Pumpe bewegt sich der Kolben 
nach links, er nimmt dabei den Cylinder mit nach links, wo ev sich 
an dem eingeschwalbten Ringe F von weichem Metalle dichtet, so dafs 
das Wasser aus dem Räume C durch die beiden dort befindlichen 
Ventile entweicht. Der Eintritt des Wassers erfolot durch die Sauge- 
Öffnung D und den frei gewordenen ringförmigen Schlitz in der durch 
die Pfeile angegebenen Richtung. Das Spiel wiederholt sich beim Rück- 
gänge des Kolbens an dem entsprechenden anderen Ende. 

Eine Vorrichtung zur Steuerung an sogen. Duplexpumpen haben 
sich T. Jefferiss und Tangijes durch das Englische Patent Nr. 15944 vom 
19. November 1887 schützen lassen. Die Steuerung Fig. 13 und 14 be- 
zweckt, den Schieber der einen Pumpe von dem Kolben der anderen 
Pumpe zu bewegen, wie dies bekanntlich bei den Worthington-Fampeü 
üblich ist. Der Anschlufs an die Kolbenstangen J wird durch die 
Büchsen D L bewirkt, welche mittels einer Bohrung den Bolzen F des 
Führungsstückes E aufnehmen. In einer Bohrung des Führungsstückes E 
gleitet das Ende des Armes G^ welcher durch die im Maschinenrahmen 
gelagerte Achse I mit dem kürzeren Arme H verbunden ist. Das Ende 
des letzteren ist zu einem Daumen erweitert, welcher an die Schieber- 
stange K mittels des Auges R anlenkt. An der anderen Kolbenstange 
ist eine ähnliche Vorrichtung angebracht. Wegen des Spieles im 
Auge H wirkt der Daumen von H nur während einer bestimmten Hub- 
zeit, die nach Bedarf gewählt werden kann. 

Die vielfach bestätigte Erfahrung, dafs bei rasch gehenden Pumpen 
in Folge der Bewegungsbeharrung des Wassers mehr als die theoretische 
Menge Flüssigkeit gefördert wird, will Henry bei seiner Pumpe Fig. 15, 
nach Porlefeuille e'conomique^ ausnutzen. 

Der zugespitzte Pluuger C wird durch ein Kurbelgetriebe Z), E in 
schnelle Bewegung versetzt und macht etwa 200 bis 300 Hübe in der 
Minute. Bei so schneller Tourenzahl mufs gute Schmierung vorhanden 
sein und um ein Umherspritzen des Oeles zu verhüten, ruht der Kurbel- 
mechanismus sammt Stopfbüchse des Plungers in einem kastenartigen 
Gehäuse. Die durch den Plunger C in Bewegung gesetzte Wasser- 
säule B öffnet das Ventil A während des Rückganges des Plungers. 

Nach den Erfahrungen des Berichterstatters sollte in solchen Fällen 
nicht, wie es hier geschehen ist, ein gröfseres Ventil zur Verwendung 
kommen, sondern statt desselben mehrere kleinere, womöglich Gummi- 
klappen, welche rasch schliefsen und keine Sehläge verursachen. Bei 
dem raschen Gange ist diese Vorsicht unbedingt geboten. 

Es ist vielfach bei dem Fördern solcher Flüssigkeiten, welche die 
zum Pumpenbau gebräuchlichen Stoffe angreifen, ein Futter verwendet 
worden, welches der Einwirkung der Flüssigkeit widei-steht. Eine ein- 
fache Vorrichtung, bei welcher zugleich der Kolben durch eine elastische 
Wand ersetzt bezieh, gebildet wird, ist von A, L. G. Dehne in Halle auf 



■^QQ JNeiierungeu an Pumpen. 

den Markt gebracht. In der Fig. 16 i.st das schützende Futter durch 
Schraftirung hervorgehoben. Der Pumpenkolben ist von der zu pum- 
penden Flüssigkeit durch eine elastische Wand getrennt, welche die 
ihm feindliche Flüssigkeit abhält. Die Bewegung der elastischen Wand 
wird wie ersichtlich, oben und unten durch eine durchbrochene Wand 
begrenzt, und somit vor Platzen geschützt. Zur Vorsicht ist seitlich 
am Pumpenstiefel ein Sicherheitsventil angebracht, welches den Fall 
vorsieht, dafs sich durch irgend einen Zufall im Pumpenstiefel zu viel 
Wasser angesammelt haben sollte. Als schützendes Material dient je 
nachdem Blei, Hartgummi, Zinn u. dgl. 

Einige bemerkenswerthe Neuerungen bieten die rotirenden Pumpen, 
die, wenngleich die Dichtung schwierig ist, doch den Vortheil der un- 
unterbrochenen Förderung bieten und aus diesem Grunde zu Ver- 
besserungen auffordern. 

Bei der Pumpe von Jakobs (D. R. P. Nr. 43403 vom 23. September 
1887) werden die Ventile gänzlich vermieden. Wie Fig. 17 zeigt, ist 
die liegende Pumpe rotirend, von fester und loser Kiemenscheibe ge- 
trieben. Der Kolben F ist während seiner Umdrehung auf der Achse /), 
die zu diesem Zwecke einen quadratischen Querschnitt bekommen hat, 
in der Längsrichtung verschiebbar. Diese Bewegung wird durch die 
Knaggen J bewirkt, welche den spiralförmigen Rändern des Kolbens 
als Führung dienen. 

Berrenherga rotirende Pumpe (Fig. 18), welche nach dem Techniker 
von den Boston Rotary Pump Works gebaut wird, benutzt zum Ab- 
schliefsen der Sauge- und Druckvi-assersäule kreisförmige Büchsen, 
welche leicht herausgenommen und ausgewechselt werden können. 
Es sind dies einfach Messingröhren, welche sich dem Verschleifs gemäfs 
einstellen lassen. Alle Begrenzungslinien sind Kreisbögen, so dafs die 
Maschine sehr leicht läuft und das Wasser weniger aufrüttelt, als dies 
bei rotirenden Pumpen gewöhnlich der Fall ist. Die beanspruchten 
Theile, als Lager u. s. w,, sind aus Bronze. Die Pumpe ist für schweren 
Dienst berechnet, hat doppelte Räderübersetzung, um die arbeitenden 
Theile von Spannungen zu entlasten, und conische Lager, um allen 
Verschleifs zu compensiren, so dafs die Kolben jederzeit centrisch laufen. 
Die Sehcig'nche rotirende Pumpe (D. R. P. Nr. 47089 vom 19. Sep- 
tember 1888) ist in Fig. 19 dargestellt. Ihre Eigenthümlichkeit besteht 
darin, dafs sie aus zwei excentrisch zu einander liegenden Rädern gebildet 
ist, welche in Verbindung mit einem festliegenden halbmondförmigen 
Stücke das Wasser in der Richtung der Pfeile vorwärts bewegen. Bei 
der vorliegenden Ausführung hat das gröfsere Rad sechs Aussparungen, 
in welche die drei Zähne des kleineren Rades eingreifen. Der Betrieb 
erfolgt von einer Riemenscheibe aus in gewöhnlicher Weise. Die Sauge- 
hühe wird zu 4 bis 6"^ angegeben, die ganze Förderhöhe zu 50°'. 
Die Maschinenfabrik von Sehcig und Lange hat verschiedene Gröfsen 



Technische Neuerungen auf dem Gebiete dei* Brauindustrie. 101 

ausgeführt und zwar von 80°i°i Durchmesser mit 450 Umdrehungen in 
der Minute, ISO™"! Riemenseheibendurchmesser, 0',18 auf die Umdrehung 
bei 10"^ Förderhöhe an, bis zu oTS^nm Durchmesser, 8701^^ Riemenscheibe, 
141,56 Fördermenge für jede Umdrehung entsprechend 1470' in der 
Minute, wobei 112 Umdrehungen vorausgesetzt sind. 

Bei der rotirenden Pumpe von Hoppe in Frankfurt a. M. (Fig. 20 
bis 22) dienen die Pumpenflügel zugleich als Antriebszahnräder. Nach 
Uhland's praktischem Maschinenconstructeur dienen hier als eigentliche 
Pumpmaschine zwei in einem gemeinsamen ausgebohrten und aus- 
geschlitfenen Gehäuse drehbare fünfarmige Flügelwerke, von denen das 
eine als Antriebs- und Saugrad dient, während das andere lediglicii 
als Auftriebrad benutzt wird. Das Antriebs-Flügelwerk ist auf der 
Antriebswelle, auf der zugleich eine Fest- und eine Losscheibe sich 
befinden, aufgekeilt, während das Uebertragungs-Flügelwerk auf einer 
zweiten, in zwei geschlossenen Büchsen gelagerten Welle befestigt 
wurde. Beide Flügelwerke rollen sich auf einander ab, wodurch ihre 
Leistung gegenüber ähnlichen Maschinen bedeutend erhöht wird. 
Ebenso sind die Lager in achsialer und in radialer Richtung conisch 
nachstellbar, wodurch die Flügelachse stets centrisch geführt wird. 
Aufserdem ist eine Abnutzung der Achsen selbst fast vollständig aus- 
geschlossen, da die auf ihnen befestigten Conen aus bestem Gufsstahl 
hergestellt sind und, ohne eine Demontage der Pumpe selbst nöthig zu 
machen, jederzeit leicht abgenommen und nachgearbeitet werden können. 
Man hat nur nöthig, die Lagerbüchse nach Lösung einiger Muttern 
herauszunehmen, um dadurch den Stahlgufsconus freizulegen. Zum 
Schmieren der Lager dient consistentes Fett, weil letzteres sich in den 
Achsenbüchsen weniger festsetzt als Schmieröl. Unter gewöhnlichen 
Verhältnissen saugt die Pumpe das Wasser in der durch einen Pfeil 
gekennzeichneten Richtung an und drückt dasselbe durch den an der 
höchsten Stelle des Gehäuses ansieordneten Stutzen nach aufsen. 



Uel}er technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brau- 
industrie (zugleich Bericht über die Stuttgarter Brauerei- 
Ausstellung); von Prof. Alois Schwarz in Mährisch-Ostrau. 

(Schlafs des Berichtes Bd. 272 S. 82.) 
Mit Abbildungen. 

L. A. Enzinger^ der Erfinder und rührige Verfechter der vielfach 
beliebten Papierfiltration, hatte seine patentirten Filterapparate, deren 
Construction durch mehrfache Besprechung bekannt ist, in allen Gröfseu 
ausgestellt und führte dieselben, wie die gleichfalls bekannten Flaschen- 
abfüllapparate für zwei und acht Flaschen (letzteren als Revolverapparat) 
im vollen Betriebe vor. 



1U2 Technische Neuerungen auf dem Gebiete der ßrauiudustrie. 

Enzinger hatte übrigens auch diesmal zwei Neuheiten vorgeführt, 
und zwar eine verbesserte Fafsabfüllmaschine und eine Flascheusehwenk- 
maschine. Die neue Farsablüllniaschiue ist in ihrem Aeulseren der 
älteren Construetion ähnlich und besteht aus dem erhöht auf einem 
Tische stehenden Gegendruckkessel, den FafsabfüUhähnen mit Schläuchen 
und den Fafsauf lagern, deren Ständer zur Aufhängung der Fafsabfüll- 
hähne dienen. Am Boden des Kessels befindet sich der Einlaufhahn 
von 40""" lichter Weite, welche Weite auch der Zuleitungsschlauch 
haben soll. Unten an der Vorderseite des Kessels ist der Auslauf- 
stutzen angebracht, an dessen drei Armen die 20 bezieh. 25'""i weiten 
Bierschläuche der Abfüllhähne angeschraubt werden^ die 15"^'" weiten 
Luftschläuche der Hähne werden ebenfalls mittels Verschraubung au 
den Gewindestutzen auf der unteren Seite der drei Arme befestigt. Die 
7aim weiten Abspritzschläuche der Hähne werden durch die an der 
Unterseite befindliche Schlauchöse gesteckt und in ein unter den Tisch 
gestelltes Gefäfs geleitet. Auf dem Auslaufstutzen ist eine Glaslaterne 
angebracht und in dieser ein Schwimmerventil, welches selbsthätig den 
Austritt der überschüssigen Luft und damit den Zulauf des Bieres 
regelt. — Die Aufstellung des Apparates geschieht in folgender Weise: 
Die Fafsauf lager werden, nachdem vorher die kleinen Tische mit Leuch- 
tern an den Ständern angeschraubt wurden, an der Vorderseite des 
Kessels in gerader Linie aufgestellt und zwar ein Auflager vor der 
Mitte des Kessels, die beiden anderen rechts und links davon so weit 
entfernt, dafs genügend Platz vorhanden, wenn die gröfsten Fässer auf- 
liegen, also etwa 800 bis 1000"im von Mitte zu Mitte. Die Universal- 
gelenke, durch welche die Stangen der Hähne gehen, werden dann mit 
ihren Zapfen oben in die Bohrungen der Ständer gesteckt und mittels 
Stellschrauben vor dem Herausfallen gesichert, worauf dann die Schläuche 
der Hähne an den Auslauf- bezieh. Luftröhren des Kessels angeschraubt 
werden. 

Die neue,£'nz«>j^er'sche patentirte Flaschenschwenkmaschine hat den 
Vortheil, dafs bei derselben, entgegen den meisten anderen Constructionen, 
anstatt der Bürste die Flasche rotirt und man die erstere, welche je 
nach de:- Form der Flasche besonders geformt ist, im Inneren der 
Flasche ganz nach Belieben dirigiren kann. Die Handhabung der 
Maschine ist die denkbar einfachste; indem man durch den an der 
Maschine angebrachten Fufstritt das senkrecht stehende Schwungrad 
der Maschine in Bewegung setzt, beginnt sofort die Umdrehung der 
oben eingelegten wagerechten Welle, an welcher ein bezieh, zwei Bolzen 
befestigt sind. Hier wird die zu reinigende Flasche mit ihrem unteren 
Ende aufgesteckt und rotirt sofort. An dem oberen Theile des ange- 
brachten, unten mit einem verschiebbaren Gewichte versehenen zwei- 
armigen Hebels befindet sich ein Aufsatz mit einem Mundstücke, durch 
welchen die Flasche geführt wird, ohne dafs letztere in ihrer Rotation 



Technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauindustrie. 



103 



gehindert ist. Durch dieses Mundstück ist selbst bei der schnellsten 
Umdrehung mit Leichtigkeit die Bürste einzuführen, und die vollständige 
Reinigung der Flasche geht durch einfaches Anlegen der Bürste an der 
inneren Wandung vor sich. Der Hebel ist in den unteren Seitenarmen 
des Gestelles verschiebbar und durch eine Stellmutter verstellbar, um 
den Aufsatz je nach der Gröfse der Flasche richten zu können, so dafs 
man mit dieser Maschine Flaschen verschiedenster Gröfse reinigen kann. 

Heinrich Stockheim in Mannheim, der Erfinder der Cellulosefilter, 
hatte die Ausstellung mit einer Collection seiner Filterapparate be- 
schickt. 

Die Construction des Stockheim' sehen Filterapparates mit senkrechter 
Filtertrommel ist durch die aufserordentiiche Verbreitung zu bekannt, 
um noch einer besonderen Beschreibung zu bedürfen. Wir erwähnen 
nur der neuerlich angebrachten vortheilhaften Verbesserung einer cen- 
tralisirten Entlüftung und einer automatischen Leerfiltration, die, vv'enn 
gewünscht, im geeigneten Augenblicke ermöglicht ist; ferner die An- 
ordnung an dem nunmehr constructiv sehr vereinfachten Apparate, die 
Abfüllhähne erforderlichenfalls mit einem praktischen und sehr ein- 
fachen isobarometrischen Spundhahne versehen zu können. — Recht 
zweckmäfsig und empfehlenswerth erscheint auch der ausgestellte Röhren- 
kühler, der bei glutintrüben Bieren zwischen Lagerfafs und Filter ein- 
zuschalten ist, um das gelöste Glutin durch Abkühlung von der Filtration 
auszuscheiden und im 
Filter zurück zu behal- 
ten. Ferner eine neue 
Anzapfvorrichtung, Pat. 
Stockheim ^ welche den 
Vortheil hat, dafs man 
den Hahn leicht und ein- 
fachaufsetzen kann, ohne 
Bierverlust , bei vollem 
und kräftigem Ausflusse, 
und dafs man das im 
Fafsgrunde lagernde Bier 
mit Hilfe einer gebo- 
genen Ansatzröhre voll- 
ständig leer ziehen kann, 
ohne die festsitzend blei- 
bende Hefe wie durch 
das sonst übliche Kippen 
aufzurütteln, so dafs 
dieses Restbier gleich 
unter dem bestehenden 
Pressionsdrucke ohne 




104 Technisclie Neuerungen aiil' dem Ciebiete der Brauiudustrie. 

Kohlensäureverlust durch das Filter getrieben wird. Dieser Universal- 
anstichhahn wird in zwei verschiedenen Constructionen ausgeführt. 

Fio-. 1 zeist die Ausführung ohne die Kükenhahnen mit seitlichem 
Ausgange, bei welchem nach erfolgtem Ausstofse des Pfropfens der mit 
Gummidichtung versehene Stöpsel die Abdichtung gegen die Wandung 
der Büchse bewirkt. Nachdem die Schlauchleitung an den seitlichen 
Ausgang angeschraubt ist, wird der Stöfser zurückgezogen, und der 
Ausflufs des Bieres erfolgt so lange, bis der Stöfser nach innen gedrückt 
wird. Fig. 2 zeigt einen Kükenhahnen mit einem gebohrten Durch- 
gange, bei welchem die Durchlafsvorrichtung an das vordere Gewinde 
geschraubt wird. 

Die Firma Heinrich Gehrke in Berlin brachte ihre neu construirten 
Bierfiltrir- und Abfüllapparate, System und Patent Gehrhe-Wohlfarth^ 
durch vier complete Filteranlagen zur Ausstellung. Der Filter hat 
Glockenform, liegt wagerecht und ist mit einem Kühlmantel umgeben: 
das Ganze ist auf einem Wagen montirt und sowohl um seine senk- 
rechte als auch wagerechte Achse drehbar. 

In Folge der Drehbarkeit des Filterapparates um seine wagerechte 
Achse läfst sich das Bier nicht allein von unten nach oben, sondern 
auch umgekehrt von oben nach unten filtriren. Letztere Anwendung 
empfiehlt sich besonders bei solchen Bieren, die nicht sehr stark ge- 
spundet sind und wobei es auf eine hohe und quantitative Leistung 
abgesehen ist; erstere Anwendung ist dagegen bei stark gespannten 
Bieren vorzuziehen. Wird von unten nach oben tiltrirt, so wird am 
Schlüsse der Filtration der Apparat (mittels Zahnrad und Schnecke) 
um seine wagerechte Achse gestürzt; das Auslaufrohr des Apparates, 
das durch die Achse des Filters aus- und in den sogen. Schaumverhüter 
einmündet, braucht dabei nicht gelöst zu werden. An einem Dreiwege- 
hähnchen des Luftabsperrkessels und dem Leerlaufhähnchen des Filters 
ist je ein Luftschlauch angebracht, der gegebenen Falls durch Schlauch- 
verschraubungen verkuppelt werden kann. Beim Einziehen des Lager- 
fasses, wenn sich die Ventilkugel gesenkt und den Zugang zum Filter 
abgesperrt hat, wird der Filtrirapparat in oben beschriebener Weise 
gestürzt. Die comprimirte Luft dringt vom Lagerfasse durch den Bier- 
leitungsschlauch in den Luftabsperrkessel und aus dem Dreiwegehähuchen 
durch die verkuppelten Luftschläuche in den umgestürzten Filterapparat 
und drückt auch den letzten Rest Bieres in tiltrirtem Zustande nach 
dem Al)füllapparate, wo ersterer in der gewöhnlichen Weise auf die 
Versandt- bezieh. Schenkfässer übergefüllt wird. 

Unter den zahlreichen von der Firma Otto Fromme in Frank- 
furt a. M. ausgestellten Gegenständen waren gleichfalls Filterai)parate 
eigenen Systemes vertreten. Dieselben bestehen im Wesentlichen aus 
einer oben und unten ollenen cylindrischen, durch Deckel verschliefs- 
baren Trommel, die mittels zweier Drehzapfen auf einem fahrenden 



Technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauindusti-ie. 105 

Gestelle wagerecht gelagei-t und durch einen in der Mitte desselben 
angebrachten schrägen Boden in zwei gleiche über einander liegende 
Kammern getheilt ist. In diesen Kammern wird die breiartige Filter- 
masse zwischen gelochten Kupferblechen und Drahtsieben derart ein- 
gelegt, dafs zuerst die oberen Kammern bis zum Rande gefüllt, darauf 
der Deckel aufgesetzt und die Schrauben fest verschlossen werden, wo- 
durch dann derselbe tief in die Trommel eindringt und die eingebrachte 
Filtermasse stark zusammenprefst. Nach halber Drehung der Trommel 
um ihre Achse, so dafs jetzt die untere Kammer oben ist, wird in 
gleicher Weise die Füllung auch dieser Kammer vorgenommen. Die 
Filtermasse besteht aus zwei verschiedenen Materialien, nämlich die 
eine Schichte aus Cellulose, die andere aus feiner Baumwollfaser; letz- 
tere tiltrirt feiner und wird daher so eingelegt, dafs das Bier dieselbe 
zuletzt passirt. Da für diese Filtermassse nur bestes, chemisch reines 
Material ohne irgend welchen schädlichen oder verbotenen Zusatz in 
Verwendung kommt, so ist deren Wirkung eine durchaus gute; die 
Masse selbst kann nach dem Gebrauche ausgewaschen und von Neuem 
gebraucht werden. 

Am Apparate selbst, und zwar am höchsten Punkte desselben, ist 
der Luftabsperrkesse! angebracht, durch den bei Inbetriebsetzung zu- 
nächst die Zuleitung vom Lagerfasse zum Apparate entlüftet wird. Von 
hier aus dringt das Bier in den Apparat, bei doppelten Apparaten gleich- 
zeitig in beide Trommeln und prefst die über den Filterschichten vor- 
handene Luft durch Lufthähnchen, die am höchsten Punkte neben dem 
Einlaufe angebracht sind, heraus. Die unter den Filterschichten befind- 
liche Luft wird durch das nun stark zuströmende Bier durch die untere 
Oeffnung mit nach dem Schaumverhüter fortgerissen, wo sie in die 
Laterne aufsteigt und dort abgelassen wird. Ist der Apparat auf diese 
Weise vollständig entlüftet, so kann keine Luft mehr hineindringen, da 
der erwähnte Luftabsperrkessel alle Luft, die etwa noch in einer Biegung 
des Zuleitungsschlauches verblieb und nachträglich fortgerissen wird, 
abhält. Auch ein Freiwerden von Kohlensäure, also ein Schäumen 
des Bieres, kann, nachdem der Apparat in Betrieb gesetzt ist, aus den 
oben angeführten Gründen nicht vorkommen. Wenn das Lagerfafs leer 
ist, sinkt das Bier im Luftabsperrkessel, ein darin schwimmender Gummi- 
ball setzt sich auf die Ablaufötfnung und verschliefst luftdicht den Ein- 
gang der Oeffnung. Sowohl der Filter selbst als auch der Luftabsperr- 
kessel und Schaumverhüter mit Abfüllbock sind in allen ihren Theilen 
aus innen gut verzinntem Kupfer, Messing und Rothgufs hergestellt, so 
dafs die ganze Einrichtung einen bedeutenden Metallwerth repräsentirt. 

Ein weiterer bekannter und bewährter Filterapparat ist der von der 
Maschinen- und Armatur fahr ik Frankenthal vorm. Klein ^ Schanzlin und 
Becker ausgestellte. Derselbe hat in jüngster Zeit gleichfalls wesent- 
liche Verbesserungen durch den Erfinder, den Mitchef der Firma, Herrn 



106 Technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauindustrie. 

Klein^ erfahren und mufs gleichfalls als einer der praktischsten und 
leistungsfähigsten Celluloselilter bezeichnet werden. Die neueste Ver- 
besserung des Filters besteht hauptsächlich darin, dafs durch eine beson- 
dere Entluftungsvorrichtung der Filter nicht gekippt zu werden braucht, 
dafs ferner durch eine besondere Construction der Siebeinsätze er- 
möglicht wird, die Filtermasse nach Wunsch oder Erfordernifs stärker 
oder schwächer zu pressen, um die Filtratiousfähigkeit nach Bedarf zu 
erhöhen. 

Unter anderen Apparaten stellt die Firma Otto Fromme in Frank- 
furt a.M. noch als neu Lagerfafsbüchsen, System Munz-Göbel^ aus, die sich 
von den anderen bekannten Fafsbüchsen durch wesentliche Vorzüge 
auszeichnen. Diese Lagerfafsbüchse mit Abfüllhahnen wurde nach An- 
gabe des verstorbenen Herrn Max Munz^ Braumeisters der Wiirttem- 
bergi&ch-Hohenzoüer seilen Brauereigesellschaft in Stuttgart angefertigt und 
entspricht allen Anforderungen, die an eine derartige Einrichtung ge- 
stellt werden können. Es ist dies eine äufserst einfache, sehr prak- 
tische und mit gröfster Leichtigkeit zu handhabende Construction. Der 
ganze Hahn besteht aus zwei Stücken, -welche unmöglich in Unordnung 
gebracht werden können. VV^enn das Gehäuse in das alte Loch des 
Fafsthürchens eingeschraubt ist, so dafs das 0-Zeiehen nach oben steht, 
wird der Hahn immer von selbst die richtige Stellung einnehmen. Wenn 
weiter mit dem Schlüssel die innere Büchse eingedreht ist, werden die 
Einlaufötinungen stets nach unten stehen, wodurch erreicht wird, dafs 
aus einem Fasse etwa l'^' Bier mehr abgefafst werden kann als bei 
anderen Systemen. Sehr vortheilhaft ist es auch, die Büchse statt in 
das Thürchen von unten ins Fafs, in der Nähe des Thürchens, also in 
die Daube einzuschrauben, dann ist es möglich, alles brauchbare Bier 
aus dem Fasse zu ziehen. Es empfiehlt sich dies besonders da, wo 
Filterapparate benutzt werden. Beim Pichen der Fässer wnd. entweder 
die innere Büchse fest angezogen oder besser noch ein äufserer Schutz- 
deckel innen eingeschraubt, damit sich kein Pech ansetzen kann. 

Von bereits bekannten Constructionen der Filterapparate sind 
noch die schon früher beschriebenen /*ü'//ie-Filter, ausgestellt von Arnold 
und Schirmer in Berlin, rühmlichst hervorzuheben. Die Construction der 
ausgestellten Apparate zeigt wesentliche Verbesserungen gegenüber den 
früheren Ausführungen, und zwar ist der Luftabscheider mit dem Apparate 
jetzt verbunden, während er früher von detnselben getrennt montirt war. 
Der Entschäimier ist durch eine patentirte Neuerung derart construirt, 
dafs selbst hoch gespundete Biere mittels derselben spundvoll abgefüllt 
werden können. Es waren die Apparate in je drei Modellen, und zwar 
für Wasser- und Bierfiltratiou ausgestellt, welche sich durch hübsche 
und elegante Ausführung auszeichneten. Besondere Beachtung verdient 
ein neu construirter, sehr einfacher und praktischer Apparat für die 
Reinigung der in diesem Filter verwendeten Filtermasse. Derselbe be- 



Technische Keueruiigen auf dem Gebiete der Brauindustrie. 107 

steht aus einem Holzkasten, der durch eine in dessen Mitte rotirende 
Trommel aus Metallgaze in zwei Abtheilungen geschieden ist. An dieser 
Gazetrommel liegt eine Filz walze an, welche durch zwei Hebel in 
federndem Zustande erhalten wird. Die durch den Wassergegenstrom 
aus dem Filterapparate gespülte Filtermasse fliefst in die mit Holzboden 
versehene erste Abtheilung des Waschapparates. Durch Drehen einer 
Kui-bel wird der Gazecylinder und mit ihm gleichzeitig die Filzwalze 
bewegt und drückt das gewaschene Filtermaterial vollständig aus. Das 
Waschwassser fliefst durch die Gazetrommel ab. Die Filzwalze trans- 
portirt die Filtermasse selbsthätig in die zweite Abtheilung des Wasch- 
apparates, welche mit Siebboden aus Metallgaze versehen ist, durch 
welchen das Wasser vollständig abtropft. Dieser Waschprozefs kann 
beliebig oft mit kaltem oder heifsem Wasser vollzogen werden, und er- 
fordert die gesammte Reinigung höchstens 30 Minuten. Der Apparat 
dürfte sich wegen seiner einfachen Handhabung rasch einführen. Der 
Piefke sehe Filterapparat war auch während des Brauertages in Betrieb 
zu sehen, und zwar in der Brauerei von B. Rettenmeyer in Stuttgart 
und in der Bachner sehen Brauerei in Tübingen. 

Die Methode von Wasserfiltration nach Dr. Gerson in Hamburg 
war sowohl in einem Modelle als auch in einer kleinen in Betrieb 
stehenden Anlage in der Ausstellung vertreten. Dieses Filtrationssystem 
versucht, von festen Grundsätzen ausgehend, sich möglichst den An- 
forderungen der Praxis anzubequemen. Es thut dies zunächst, indem 
es die Filtration des Wassers in eine Vor- und Nachfiltration zerlegt, 
von dem Prinzipe ausgehend, dafs dem Besitzer nicht derselbe Kosten- 
aufwand verursacht Averden darf, wenn er gutes Nutzwasser, als wenn 
er tadelloses Trinkwasser ei'zielen will. Die Vorfiltration ist dazu be- 
stimmt, die gröberen mechanisch suspendirten Bestandtheile aus dem 
Wasser zu entfernen und so ein gutes, klares Nutzwasser zu erlangen. 
Sie functionirt unter einem Drucke von 5°'. Die Nachfiltration unter 
Hochdruck {9^} verwandelt das so filtrirte Wasser in schönes, reines 
Trinkwasser, welches an Qualität gutem Quellwasser wenig nachgibt. 
Will man ein Wasser erzielen, welches selbst dem schönsten Quell- 
wasser ebenbürtig an die Seite gestellt werden darf, so kann der Nach- 
filtration unter Hochdruck noch die Nachfiltration unter schwachem 
Drucke (0°\8) folgen. Um in diesem Falle dem Wasser alle Eigen- 
schaften des Quellwassers zu geben, werden ihm noch durch einen sehr 
einfachen, selbsthätigen Apparat Luft und Kohlensäure in denselben 
Mengen zugeführt, wie dieselben im Quellwasser vorhanden. 

Das Wasser tritt in zwei parallelen Bahnen von unten nach oben 
durch die Filter, und bilden zwei solcher Cylinder immer einen Apparat. 
Bei der oben erwähnten Gegenspülung passirt nun, in Folge des Um- 
drehens eines Hahnes, das filtrirte Wasser des einen Cylinders den zu 
reinigenden Filter, statt wie gewöhnlich von unten nach oben, von oben 



108 



Technische Neiieningen auf dem Gebiete der Braiiindustrie. 



nach unten und treibt so die hauptsächlich im unteren Theile des 
Cylinders befindlichen Schmutztheile heraus. Bei den Vorfiltern wird 
die Wirkung dieser Reinigungsuiethode noch dadurch erhöht, dafs das 
elastische Filtermaterial (mit Eisentannat impräguirte Schwämme) durch 
den Druck der unteren Schraube comprimirt und so die Schmutzpartikel 
vollkommen herausgepref'st werden, wohingegen bei den Nachfiltern, 
in welchen sich nur die feineren organischen Bestandtheile absetzen, 
die Reinigung durch einfache Gegenspülung genügt. Nach einem halben 
Jahre (bei sehr schmutzigem Wasser noch früher) wird es nöthig, die 
Vorfilter neu zu füllen, doch ist dann das alte Filtermaterial nicht un- 
brauchbar geworden, sondern mufs nur gründlich ausgewaschen werden 
und kann dann wieder als neu functioniren, so dafs selbst, wenn ein 
Besitzer den Betrieb nie unterbrechen will, er mit einem Reservefilter- 
material für immer genug hat. Die Nachfilter können sogar 11/2 bis 
2 Jahre ungestört functioniren; auch dann ist es möglich, die Filter- 
stoffe (mit Eisentannat imprägnirter Bimsstein) durch Auswaschen wieder 
zu reinigen, doch ist es häufig, speciell wenn das Wasser viel organische 
Substanzen enthält, vorzuziehen, eine vollkommene Neufüllung eintreten 
zu lassen. 

Der von der Firma Luhhardt und Alten in Kassel ausgestellte neue 
hydraulische Patent-Spuudapparat ist in beistehender Figur dargestellt. 
Die schlechten Erfahrungen, welche mit den seither bekannten Spund- 
apparaten mit Leitungen von Wasser oder Quecksilbersäule allgemein 

gemacht worden sind, haben die genannte 
Firma veranlafst, einen Apparat zu cou- 
struiren, welcher jedes Fafs für sich unter 
einem beliebigen Drucke spundet. Der hy- 
draulische Patent-Spundapy^arat ist in allen 
Theilen solid gehalten, dabei einfach und 
praktisch eingerichtet. Derselbe besteht 
aus zwei Hohlräumen A und Ä, welche 
eine Plattenfeder 5 von einander trennt. 
In dem oberen Hohlräume A befindet sich 
eine Flüssigkeit, auf welche durch Nieder- 
pressen der Plattenfeder 5 ein Druck aus- 
geübt wird, welcher demjenigen gleich- 
kommt, den man auf dem Bier halten will. 
Durch einen Manometer wird jeder Ap- 
parat genau controlirt. Das Ventil / in 
dem Hohlräume Ä, welches auf der 
Plattenfeder S befestigt, kann sich also 
erst dann öffnen, wenn der Druck von unten die eingestellte Höhe 
überschreitet, während sich das Ventil sofort wieder schliefst, sobald 
der Ueberdruck abgeführt wird. Ein Ueberspunden des Bieres ist also 



Fig. 3. 




Technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauindustrie. 109 

vollständig ausgeschlossen. Durch die untere Mutter, welche an dem 
Abzugsrohre V befestigt ist, läfst sich der Druck verstärken und ver- 
ringern. Man kann also jedes Fafs für sich im Verhältnisse zu dem 
gewünschten Mousseux spunden. Soll das betreffende Fafs abgefüllt 
werden, so entfernt man den Theil C des Apparates, nachdem der 
Hahn H vorher geschlossen worden ist, und schraubt einen Luftwinkel 
mit dem Schlauche der Luftpumpe bei M an. 

Die ausgestellten hydraulischen Patent-Spundapparate, welche unter 
Kohlensäuredruck arbeiteten, erregten allgemeines Interesse. Es wurde 
flüssige Kohlensäure verwendet in Flaschen von lOi^' Inhalt und etwa 
60at Druck. Durch einen sehr sinnreichen hier zum erstenmal öftent- 
lich gezeigten Hochdruckred ucirer, welcher der Firma Lukhardt und 
Alten ebenfalls patentirt ist, wurde dieser Druck bis auf i/jQ^t ver- 
mindert. Liefs man nun langsam den Druck entsteigen, so öffneten 
sich die Ventile der Spundapparate in dem Augenblicke, wo das Mano- 
meter einen höheren als den eingestellten Druck anzeigte und der 
Ueberdruck wurde pfeifend abgeführt. Der Hochdruckred ucirer wird 
für Bierpression mittels flüssiger Kohlensäure, die jetzt sehr billig ge- 
worden ist, eine grofse Zukunft haben. 

K. T. Petrovitsch^ Braumeister der Exportbrauerei Glück auf in 
Ueckendorf-Gelsenkirchen, hatte seine verstellbare Universal-Hefe- und 
Bier-Ablafs-Spundbüchse für Gährbottiche und Lagerfässer ausgestellt. 
Diese verstellbare Universal-Spundbüchse hat den Zweck, das Spund- 
loch am Gährbottich unnöthig zu machen und das Zapfenloch gleich- 
mäfsig sowohl für das Abziehen des Bieres, als auch für das Heraus- 
lassen der Hefe und Mischen des Bieres und Satzes mittels geprefster 
reiner Luft zu bewirken. Dieselbe besteht: 1) Aus der zum Heraus- 
uud Hineinschrauben eingerichteten, mit Skala versehenen Büchse^ 2) aus 
dem Mutterringe, welcher mittels sechskantiger Mutter im Gährbottich- 
boden in der V^eise befestigt wird, dafs der obere Rand der Büchse 
mit dem Bottichboden ganz gleich steht; 3) aus dem Schlauch bezieh. 
Luftschlauch nebst zwei Schlauch verschraubungen, von denen die eine 
zum Befestigen des Luftschlauches und die andere zum Befestigen des 
Bierschlauches dient, und endlich 4) aus dem Doppelventil. Der Hahn 
fuuctionirt wie folgt: Ist der Mutterring im Gährbottich befestigt, so 
dreht man die Büchse so weit, als es geht, in den Bottich hinein, ver- 
sieht denselben mit Doppelventil und schlaucht das Bier zum Bottich; 
hierauf dreht man den Schlauchhahn in die Büchse und versieht den- 
selben mit der zum Luftschlauch passenden Schlauchverschraubung, 
bringt den Schlauch mit der vorhandenen Luftpumpe in Verbindung, 
öffnet den Schlauchhahn langsam, läfst so viel Luft in den Bottich ein- 
dringen als erforderlich, um das Bier genügend in Bewegung zu bringen 
und gibt Satz. Der Satz wird vorerst in einem SchäfFel mit Bier auf- 
gelöst, indem man denselben mit einem Besen durchpeitscht, sodann 



110 Techiiidche Neuerungen auf dem (jebiete der Brauiudustrie. 

den Lufthahn aufreibt und den Satz der durch den Luftdruck ent- 
sprudelnden Würze langsam zugiefst. Nach stattgehabtem Gährprozesse 
schraubt man den Schlauchhahn (welcher inzwischen an einen anderen 
Bottich gebracht worden) wieder in die Büchse, versieht denselben mit 
der zum Bierschlauche passenden Verschraubung, nimmt das Doppel- 
ventil aus der Büchse und öffnet den Schlauchhahn, wodurch das Bier 
entweder selbsthätig oder mittels Würgelpumpe in den Lagerkeller zum 
Lagerfasse gefafst werden kann. Durch Retourschraubeu der Büchse 
kann der letzte Tropfen Bier von der Hefe abgelassen werden. Ist das 
Bier abgeschlaucht, so entfernt man den Hahn und stellt die Hefe- 
wanne unter den Bottich, dreht die Büchse, an welcher eine Scala mit 
Centimetermafs angebracht, so weit zurück, als die oberste Hefeschichte 
lagert, und streift die letztere mittels Krücke ab; dieses wiederholt 
sich bei jeder Hefeschichte. 

Zu jedem Gährbottich ist eine vorstellbare Universal-Spundbüchse 
erforderlich, jedoch genügt für etwa 30 Bottiche ein Hahn mit einer 
Bier- und Luftschlauchverschraubung, um ungestört arbeiten zu können. 

Ein anderer sehr einfacher und äufserst zweckmäfsiger Keller- 
apparat, den neuesten Abfüllhahn unter Luftgegendruck, hatte nebst 
zahlreichen anderen praktischen Hilfsapparaten für den Brauereibetrieb 
der Braumeister Osivald Kropf in Nürnberg als seine jüngste Erfindung 
ausgestellt. Der Kropf sehe Hahn ist der erste Apparat, welcher mittels 
eines einzigen Reibers (Wirbel) durch eine kleine Drehung das Bier 
mit Voi'druck ins Fafs bringt und während des Bierzulaufes den Gegen- 
druck in beliebiger Stärke regulirt. 

Die Vortheile dieses neuen Abfüllhahnes sind daher: Das Bier wird 
vom Mutterfasse ohne jeden Verlust an Kohlensäure und Bier in das 
Transportgebinde gebracht, wodurch dasselbe haltbarer wird und längere 
Zeit am Zapfen Trieb hält, so dafs sich der Hahn in Kürze bezahlt 
macht. Nur auf diese Weise kann man Bier mit hohem Kohlensäure- 
druck im Lagerfasse auf Fässer derart abfüllen, dafs während des üeber- 
füllens die Spannung des kohlensauren Gases nicht verringert wird und 
dasselbe sich durch Kohlensäurereichthum auszeichnet. Das häufige 
Heben des Fafsgelägers ist ganz ausgeschlossen; man kann die Biere 
stärker spunden und das Abfüllen unterbrechen, da auch theilweise ab- 
gefafste Fässer keine Kohlensäure durch den Druck verlieren. Jedes 
Nachfüllen der Fässer ist hierdurch erspart, da durch den Gegendruck 
das Bier schaumfrei in das Fafs tritt und dasselbe sofort zugeschlagen 
wird. Eine allenfalls nöthige Reinigung des Hahnes von Werg uud 
Pech, die bei allen bisherigen Apparaten sehr zeitraubend und nur durch 
Dampfdruck ermöglicht wurde, ist durch das einfache Abschrauben des 
Schaftes auf die leichteste, schnellste und gründlichste Art zu bewerk- 
stelligen und sonach die Gefahr des Platzens der Fässer vollkommen 
aufgehoben. Der Hahn kann vermöge seiner Einfachheit von jedem 



Technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauindustrie. 111 

Laien leicht bedient werden, da die ganze Handhabung desselben in 
einer Viertelsdrehung von rechts nach links und retour besteht. In 
wenigen Seeunden wird durch den einzigen Reiber (Wirbel), den der 
Hahn besitzt, schlechte oder warme Luft, wenn nöthig, ausgelassen, Vor- 
druck mit reiner, kalter Luft erzeugt und Bier unter fortwährendem, 
beliebig regulirbarem Gegendrucke bei gleichmäfsig starkem Einlaufe 
eingeführt, nach dem Vollsein wird obige Drehung nur entgegengesetzt 
ausgeführt. 

Ein neues Verfahren zum Spülen von Flaschen u. s. w. war von 
G. Reininghaus in Mainz vorgeführt. Bei dem vorliegenden Spülapparate 
benützt man einen geprefsten Luftstrom, welchen eine Pumpe oder ein 
Gebläse erzeugt. 

Der zu reinigende Gegenstand wird mit geeigneter Spülflüssigkeit 
versehen und der Luftstrom eingeleitet, welcher bei geringer Kraft an- 
gewendet eine reinigende intensive Wirkung ausübt. 

Bei Flaschenreinigung wird nach und nach die ganze Spültlüssig- 
keit aus der Flasche herausgedrückt und dieselbe durch den den Hals 
umschliefseuden Stülp nach dem Spülbassin zurückgeführt. 

Eine mittelgrofse Pumpe genügt, um in einer Batterie von 10 bis 
12 Flaschen den nöthigen Luftstrom zu erzeugen. 

Ebenso war von G. Reininghaus in Mainz eine Neuerung an Spund - 
dauben für Fässer ausgestellt. 

Die Spundlöcher der Fafsdauben bei Bierfässern werden gewöhn- 
lich, um dieselben dauerhafter zu erhalten, durch eine Metallbüchse 
ausgebüchst, welche in die Fafsdaube eingeschraubt wird. Es ist nun 
ein bekannter Uebelstand, dafs beim Pichen die um die Büchse liegenden 
Holztheile mehr oder weniger verkohlen und die Fässer dadurch un- 
dicht werden. 

Die ausgestellte Spunddaube soll dies vermeiden. Ein weiterer 
Vortheil derselben ist, dafs man Lager- und Transportfässer schnell und 
billig repariren kann, indem der schadhafte Theil einer Daube aus- 
geschnitten und durch die eiserne Spunddaube ersetzt wird. 

Von Hoz und Kempter in Constanz war ein Turbinen-Hefeaufzieh- 
und Lüftungsapparat vorgeführt. Der Apparat besteht aus einem conischen 
Gefäfse, in dem sich ein ähnlich geformter Einsatz- oder Circulations- 
Cylinder befindet, welcher nicht bis auf den Boden reicht und Schlag- 
leisten besitzt. Oben auf dem Blechn^antel ist lose aufgelegt ein durch- 
löcherter Boden. An der durchgehenden Welle befindet sich eine 
Flügelschraube, welche durch die Handkurbel bewegt wird. — In den 
Apparat wird das für einen Bottich benöthigte Quantum Hefe und 
Würze gebracht und die Kui-bel in rasche Drehung versetzt, wodurch 
die Flügelschraube wie auch der Inhalt des Apparates in Rotation ge- 
langt. Durch diese Rotation wird das Gemenge von Hefe und Würze 
beim Anprall an die Schlagleisten innigst gemischt und gleichzeitig inner- 



112 Technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauindustrie. 

halb des Circulationscylinders nach unten, sowie von da aus ringsherum 
zwischen Circulationscjlinder und äufserer Gefäfswand in die Höhe ge- 
drückt. Diese im äufseren Zwischenräume aufsteigende Masse gelangt 
oben über den Rand des Circulationscylinders wieder nach innen, d. h. 
nach der Mitte des Apparates, auf den durchlöcherten Boden und er- 
giefst sich durch denselben in feiner Vertheilung mit freiem Falle regen- 
artig zu der unten in Mischung befindlichen Masse zurück. Dieser 
ununterbrochene Kreislauf vollzieht sich, so lange gedreht wird, und ist 
zu einer innigen Mischung und Lüftung etwa 1 bis 2 Minuten erforder- 
lich, worauf der Apparat durch den am Boden betindlichen Hahn ent- 
leert wird. 

Es erfolgt also im unteren Theile des Apparates die Mischung und 
im oberen die Lüftung und zwar in einer sehr intensiven Weise. Zur 
Reinigung ist es nur erforderlich, die zw^ei seitlichen Klemmschrauben 
von Hand zu lösen, worauf der ganze Mechanismus — Rührwerk und 
Circulationscjlinder — gleichzeitig herauszuheben und mit der Bürste 
überall leicht zugänglich ist. — Der Apparat ist für etwa 40' Hefe und 
Würze berechnet (inclus. Steigraum etwa 80'). 

Dieselbe Specialfirma Hoz und Kempter in Constanz hatte aufser 
ihren Kühlapparaten noch ein reiches Sortiment verschiedener Pich- 
apparate ausgestellt, darunter eine neue Heifsluft-Pichmaschine für Lager- 
und Transportfässer. Die Transportfässer werden mit dem Spundloche 
nach unten auf die seitlichen Arme gelegt, die Lagerfässer ebenfalls 
mit dem Spund loche nach unten vor den mittleren Stutzen. Das ver- 
schiebbare grofse, gebogene Rohr, welches beim Pichen von Lager- 
fässern frei durchs Thürchen ins Fafs ragt, besitzt im vorderen Theile 
doppelte Wandung, deren Zwischenraum mit Isolirmasse ausgefüllt ist. 
Es wird hierdurch jede Beschädigung der Thürstücke vermieden. In 
dem ausgemauerten Ofen wird ein Koksfeuer unterhalten. Das an der 
Maschine befindliche Gebläse prefst Luft durch den glühenden Koks in 
die aufgelegten Transportfässer oder das vorgelegte Lagerfafs. Diese 
in Glühhitze befindliche Luft bringt das alte Pech sehr rasch zum 
Schmelzen und Auslaufen, worauf die Fässer mit frischem Pech aus- 
gegossen werden. 

Fleischer und Mühlich in Frankfurt a. M. hatten einen Abseihbier- 
Klärapparat (sogen. Fafsgeläger-Reinigungsmaschine) ausgestellt, welche 
den Zweck hat, das sogen. Restbier, auch Abseihbier genannt, dem 
Bierbrauer wieder dienstbar zu machen, so dafs bei Anwendung dieses 
Geräthes der betreffenden Brauerei jährlich ein namhafter Gewinn er- 
wächst. In dem conisch erweiterten Stutzen, woran die Filtersäcke 
befestigt sind, ist ein zweiter trichterförmiger Metallkörper eingesetzt, 
welcher das von oben aus dem Reservoir kommende Bier zwingt, sich 
ringförmig an den Innenwänden des Sackes ganz gleichmäfsig zu ver- 
theilen, wodurch eine gröfsere Leistungsfähigkeit erzielt wird. Auch 



Pregel's Scheibenkuppelung. 



113 



wird das Bier vor dem plötzlichen Einsturz, wie bei dem alten System 
bewahrt, wodurch nur die im Filtersack befindlichen Hefentheile un- 
nöthig aufgerüttelt werden. Eine weitere Verbesserung besteht in der 
Auflage von Gummi auf dem conischen Stutzen zur Befestigung der 
Säcke. Durch diese Gummiauflage wird eine absolute dichte Verbindung 
zwischen Filtersack und Stutzen hergestellt, so dafs kein ungeklärtes 
Bier nach oben entweichen kann. Ferner ist der Bierauslauf nicht 
seitlich am Apparate, sondern im conisch gearbeiteten Boden desselben 
angebracht, wodurch der letzte Tropfen ausfliefsen kann und der Apparat 
auch leicht zu reinigen ist. 

Hiermit dürften die wesentlichen Neuerungen, welche auf der Stutt- 
garter Fachausstellung für Brauwesen zur Ausstellung gelangt waren 
und welche gleichzeitig ein Bild des gegenwärtigen Standes der Technik 
der Brauindustrie vorführen sollten, in ihren wichtigsten Objecten er- 
schöpfend besprochen sein und glauben wir damit den Bedürfnissen der 
Leser dieses Blattes, soweit sich dieselben für diesen speciellen Zweig 
der Technologie besonders interessiren, vollkommen entsprochen zu haben. 



Th. Pregel's Scheibenkuppelung. 

Mit Abbildung. 

Leitender Grundsatz bei der Ausführung dieser Wellenkuppelung 
war, eine möglichst centrische Einstellung der Wellenmittel und dabei 
einfache Sicherung der Kuppelungsschrauben gegen Abscheren mittels 
an- und eingedrehter Reibungsringe, leichtes Lösen oder Lostreiben der 
Kuppelungsscheiben durch einige Druckschrauben, namentlich aber ein 
durch die Freilegung der sonst durch eine Blechkapsel verdeckten 
Schraubenmuttern erleichtertes Anziehen derselben zu erreichen. 





Beachtenswerth ist besonders dieser letztere Umstand, weil dadurch 
der gewöhnlich auf einer Leiter stehende Arbeiter durch die bequeme 
Arbeitslage gegen Ausgleiten gesichert erscheint, was bei den älteren 
Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 3. 1889I1II. 8 



114 Berechnung der Antriebstheile von Bohrmaschinen. 

Scheibenkuppelungen, wo ein fester Bordrand die Muttern überdeckt, 
nicht der Fall ist, wo besonders bei kleineren Abmessungen die Muttern 
beinahe ganz unzugänglich sind. 



Ueber die Berechnung der Antriebstheile von 
Bohrmaschinen. 

Mit Abbildungen. 

Nicht nur für den Erbauer von Bohrmaschinen, sondern überhaupt 
für jeden Betriebstechniker ist die Wahl zweckentsprechender Ge- 
schwindigkeitsverhältnisse der im Betriebe befindlichen Bohrmaschinen 
von hoher Wichtigkeit. Namentlich seit der allgemeineren Einführung 
der Spiralbohrer gewinnt diese Frage an Bedeutung. 

Es dürfte daher die Besprechung einer einfachen Bestimmungsweise 
dieser Geschwindigkeitsverhältnisse erwünscht sein. 

Schon früher ist in den Mütheilungen des Technologischen Gewerbe - 
Museums, 1887 Bd. 3 Nr. 56 S. 156, dieser Gegenstand von C. Pfaff be- 
handelt worden. 

Erfahrungsmäfsig beträgt die Geschwindigkeit der äufsersten Bohrer - 
kante für härtere Metalle, wie Gufseisen, 50'"'^, für das weichere 
Schmiedeeisen annähernd 100°i'n für 1 Secunde. Da nun die Gröfse 
des Bohrervorschubes von der Festigkeit des Bohrers abhängt, so folgt 
daraus, dafs bei geringer Zahl von Spindelumdrehungen das Bohren 
kleiner Löcher verhältnifsmäfsig mehr Arbeitszeit erfordert als das 
Bohren gröfserer Löcher. 

Bezeichnet d den Bohrerdurchmesser, n die minutliche Umlaufszahl 
und V die Geschwindigkeit des Bohrerumfanges in ""'"sec, so folgt 

{nd.n') : 60 = v"""^ die Geschwindigkeit, 
demnach dn = (60.v) : 7i^=C 

Constante, weil v unveränderlich angenommen ist. 

d.n = C entspricht aber der Gleichung der gleichseitigen Hyperbel. 
Es ist daher ^/n =:(/!«!, 

wenn n, die Umlaufszahl für die Bohrung rfj bei gleichbleibender Schnitt- 
geschwindigkeit V ist. 

Zeichnet man daher eine gleichseitige Hyperbel (Fig. 1) auf eine Stand- 
linie ox', auf welcher die Bohrungen rf"^"" aufgetragen werden, auf Grund 
einer beliebig angenommenen Geschwindigkeit r, so ergeben die Ordi- 
naten der einzelnen Punkte sofort die zugehörigen Umlaufszahlen n. ^ 



1 Die Aufzeichnung der gleicliseitigen Hyperbel erfolgt, indem man z. B. 
für d = 20 die Umlaufszahl n = o bestimmt, dieselbe als Strecke in beliebigem 
Mafsstabe aufträgt, so zwar, dafs (20,a) = (60/) = »? ist, das Dreieck 0,(60)/' 
zeichnet und den Schnittpunkt g der schrägen Seite mit der o-Linie auf die 
Lothrechte 60 überträgt, so ist die Strecke (60,6) = n die gesuchte Umlaufszahl 
bezieh, der Hypcrbelpunkt. 



Berechnung der Antriebstheile von Bohrmaschinen. 



115 



Es verhält sich zum Beispiel: 

6 : a = 20 : 60, d. h. es ist 
a . 20 = 6 . 60 
o = 6 (60 : 20) oder 
a = S .b. 
Ebenso folgt für d = 100mm ^ = 10, entsprechend für d = 10mm 
n = 100. Daraus ergibt sich die Schnittgeschwindigkeit: 

V = {nd . n) : 60 

V =: (3,14 . 10 . 100) : 60 = 52mm. 

Ist der Mafsstab so gewählt, dafs einer minutlichen Umdrehung 
1mm Ordinate entspricht, so werden in derselben Hyperbel für die Ordi- 
nate 1mm und für die doppelte Schnittgeschwindigkeit zwei Umdrehungen 
entsprechen. 

Hiernach ergeben sich die den vorbezeichneten Bohrungen von 
5 bis 100mm zugehörigen Umlaufszahlen. 

d- 5 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100mm 
für Gufseisen . . n = 200 100 50 33 25 20 16,7 14,3 12,5 11 10 
und Schmiedeeisen n = 400 200 100 66 50 40 33,4 28,6 25 22 20 in d. Minute . 

Soll nun eine Bohrmaschine entworfen, oder eine im Betriebe be- 
findliche untersucht und abgeändert werden, so wird man einer leicht - 
gebauten die gröfseren, einer schweren Bohrmaschine jedoch möglichst 
alle Umlaufszahlen zuweisen, weil in schweren Werkstücken nur zu 
oft schwache Bohrungen 
(Vorbohren oder Oellöcher) 
vorkommen, sofern die Rä- 
dertriebwerke der Bohr- 
maschine einen derartigen 
Schnellgang zulassen. Um 
aber möglichst allen Boh- 
rungen zweckentsprechende 
Geschwindigkeiten zuzu- 
weisen, wird auf der Vor- 
gelegewelle ein zweiter Satz 
Antriebscheiben vorgesehen, 
deren Betrieb bei geschick- 
ter Wahl der Durchmesser 
ein und derselbe Riemen 
übernehmen kann. Dadurch 
werden die Umlaufszahlen 
der Bohrspindel verdoppelt, 
so dafs hiermit bei einer 
vierstufigen Scheibe ohne Räderwerk acht verschieden abgestufte Um- 
laufszahlen entstehen. 

Die Riemengeschwindigkeit ist für die zusammenlaufenden Scheiben />i 
und Z>4 (Fig. 2) gleich der Umfangsgeschwindigkeit 




- m=^ 



woraus * 

"'4 



116 Berechnung der Antriebstheile von Bohrmaschinen. 

— (;r/>in) = g^(^ß4 .714) oder 

Z), n = i>4n<l ,. .,. 
n n diviQirt, entsteht 

sowie Z>4n = />, ni\ ' 

^_/>4 n^ 

/)4-2>ini 

-7)4" K n, 
das Scheibenverhältnifs oder die üebersetzung folgt. 

Ist das Geschwindigkeitsverhältnifs für Löcher in Schmiedeeisen 
von 5 bis 40'"°i angenommen 

n4 _ 400 _ 200 _ 

so ist das Scheibenverhältnifs i = Ys = 2,83 gefunden. 

Das Verhältnifs der Scheibenunterschiede ist hingegen: 

Wird dieses Verhältnifs durch die um 1 abgeminderte Stufenzahl a 
dividirt, so erhält man eine Verhältnifszahl a?, weiche die Berechnung 
der Zwischenstufen ermöglicht, ohne dafs man ihre eigentlichen Durch- 
messer zu kennen braucht. 

Ist daher 

i-1 

x=. j 

a — 1 

so entstehen die folgenden Zwischenübersetzungen: 

1 83 
Sobald X = -^ = 0,61 ist (d. \. x = 2,83 und a = 4), 

(i>i : i>4) = (i : 1) = (2,83 : 1) = 2,83 

{D^ : D3) = {i — x) ■.{i — 2x') = (2,22 : 1,61) = 1,38 
(/>3 : aj = (i — 2x}:{i — x) = (1,61 : 2,22) = 0,725 
(D4 : Z)i) = (1:0 = (1 : 2,83) = 0,353 

«3 = 1,38 . n. 
Ist hingegen n,/^ = 400 die gröfste Umlaufszahl, 
also D^n = Dj^ .n^ 

und n = ^.n4=^ = 0,353. 400, 

daher die gesuchte Umlaufszahl der Deckenwelle 

n = 141,2 V) 140. 
Mit dieser Umlaufszahl n = 140 folgen die Spindelumdrehungen 



entsprechend Bohrungen in Gufseisen von 
in Schmiedeeisen von 



z. B. 



"4 


"3 


"'2 


"1 


396 


193 


102 


49,5 


— 


5 


10 


20mm 


5 


10 


20 


40mm 



Berechnung der Antriebstheile von Bohrmaschinen. 



117 



Diese Spindelumdrehungen sind aber für Löcher von 15, 25 und 
35mm Durchmesser nicht gut passend. 

Entnimmt man aus der Hyperbel (Fig. 1) die der Bohrung d = 16'^'^ 
entsprechende Umlaufszahl n^ = 67 und setzt man Uq statt n als Um- 
laufszahl der Deckenwelle (Fig. 2), so erhält man 

n„ = (Z>2 : /Jg) . «6 = 1,38 . ng 
Hq = 1,38 . 67 = 92,5. 

Rundet man dies ab auf uq =: 90, so entstehen die Spindel- 
drehungen 



255 

für Bohrungen in Gufseisen ei = 4 
und in Schmiedeeisen d= 8 



«7 


"6 


"5 


124 


65 


32 


8 


11,4 


32,5min 


16 


23 


65. 



Das Uebersetzungsverhältnifs y 
maschine wird nach der verlangten 
kleinsten Umlaufszahl der Bohrspindel 
bestimmt, wobei das Deckenvorge- 
lege für den langsamen GangWQ = 90 
eingestellt wird und Wiederholungen 
von Umlaufszahlen zu vermeiden sind. 

Ist n^g := 6 die kleinste Spindel- 

. , w. 32 ^ „„ 
drehung, so wird — ^ = -^ = 5,33 = y 

die Räderumsetzung. Werden, wie 
üblich, die Räderpaare gleich ge- 
macht, so ist die Uebersetzung eines 
Radpaares Yy = 2,31. 

Durch Hinzunahme eines Räder- 
vorgeleges und eines doppelten Satzes 
Riemenscheiben auf der Decken- 
welle werden der Bohrspindel die 
folgenden 16 Umlaufszahlen ertheilt. 



im Rädervorgelege einer Bohr- 




n:rl40 


«0 = 90 


ohne Räder 


mit 
Rädervorgelege 


ohne Räder RäderwJgelege 


396 
193 
102 
49,5 


74 
36,2 
19 
9,3 


255 

124 

65 

32 


47,8 

23,2 

12,1 

6 



Eine Bohrmaschine mit Rädertriebwerk ist für hohe Umlaufszahlen 
ungeeignet. 



118 Guibal's Ventilator mit Einlaufs-Conusen. 

Seilers hat die in Fig. 3 angedeutete Anordnung mit Winkelriemen- 
trieb und seitlich stehendem Rädervorgelege angewendet, wobei Winkel- 
räder vermieden sind. 

Indem hierbei das Rädervorgelege nur bei mittleren und kleinen 
Umlaufszahlen eingerückt wird, umgeht man in einfacher Weise zu 
grofse Zahnkreisgeschwindigkeiten, während man der Bohrspindel die 
höchsten Umlaufszahlen ertheilen kann. Pregel. 



Guibal's Ventilator mit Einlaufs-Conusen. 

In der Oesterr eichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen^ 1888 
Nr. 51 S. 671, berichtet A. Käs über Versuche, welche an einem Guibal- 
Ventilator der Grube Heinitz bei Saarbrücken angestellt wurden und 
die zufolge der hierbei in Anwendung gebrachten beiderseitigen Seiteu- 
Einlauf-Conuse, mit einer in den Flügelraum hineinreichenden Zwischen- 
wand, einen höheren Wirkungsgrad ergaben, was mit Recht der rich- 
tigeren Lufteinführung zugeschrieben wird. Der in einem gemauerten 
Gehäuse eingebaute Ventilator von ll^" Raddurchmesser und S'" Flügel- 
breite hat zwei Eintrittsöffnungen von je 4fi°i,93 Querschnitt und saugt 
die Luft von einem Wetterschacht von 15'it" freier Oeffnung. 

Versuclisnummer 4 5 6 
Minutliche Umlaufszahl des Flügelrades n 39,4 45,9 50,5 
Druckverminderung h in Millimeter Wasser- 
säule 45 60 73,4 

Secundliche Wettermenge Q in Cubikmeter 
(auf 00 C. und Normal-Barometerstand 

bezogen) 47,81 55,53 60,41 

Nutzleistung iVe = 0,01333. Q.A .... 28,7 44,4 59,1 
Indicatorleistung Ni in Pferdestärken . . 43,8 67,7 89,7 

Wirkungsgrad rj = ~ 0,66. 

Wird für einen mittleren Zustand der Grubenwetter das specifische 
Gewicht y = 1,2'^/cbm angenommen, so ergibt sich bei radialem Auslaufe 
der Flügelenden der Coefficient 

C = 0,0183 (n.D: Yä), 
sofern n minutliche Umlaufszahl, D Flügelraddurchmesser in Meter und 
h Manometerstand in Millimeter Wassersäule bedeutet. 
Der manometrische Wirkungsgrad ist dann 
Ä = (1:C2), 
d. h. je richtiger die Construction in theoretischer Hinsicht ist, desto 
mehr mufs sich K der Einheit nähern. 

Für den Gutfta/- Ventilator in Heinitz ist daher 
C = 0,2013 (n : YÄ), 
demnach C und der manometrische Wirkungsgrad K für die Versuchsreihe 

1 Ueber Grubenventilatoren vgl. 1888 267 ^ 1 und 1889 272 * 73. 



Kohn's galvanisches Element. 



119 



Nr. 4 5 6 Mittel 

Coefficient C 1,18 1,19 1,19 1,19 

Manometrischer "Wirkungsgrad K 0,72 0,71 0,71 0,715 

d. h. die tangentiale Flügelradgeschwindigkeit mufste zur Erzeugung 

der beobachteten Druckverminderung um 19 Proc. gröfser sein, als es 

ein theoretischer Ventilator erfordern würde. Pr. 



M. Kohn's galvanisches Element. 

Mit Abbildungen. 

Die üebelstände, welche sich bei nur selten benutzten galvanischen 

Elementen zeigen, von denen man jedoch während des Gebrauches eine 

grofse Constauz fordert, will der Inspector der Südbahn, Moritz Kohn 

in Wien, nach der Zeitschrift für Elektrotechnik^ 1889 S. 127, durch 

folgende Anordnung umgehen. 

In das Glasgefäfs A ist oben ein Schraubengewinde eingeprefst; 
auf den Hals und auf den ßand des Glases wird je ein Kautschukring h 
gelegt, worauf dasselbe mit der entsprechenden Flüssigkeit gefüllt wird. 
Die negative Elektrode B^ welche zugleich den Deckel des Glasgefäfses 
bildet, ist eine Scheibe aus Blei, Kupfer, Kohle, Eisen, Siliciumeisen 
u. s. w., durch deren Mitte die Verbindungs- 
schraube o für den Zinkpol C isolirt geführt 
ist. Diese Isolirung wird durch einen kleinen 
Cylinder und Ring aus Kautschuk bewirkt. 
Der obere Theil des amalgamirten Zinkpoles 
ist kegelförmig und enthält die Schrauben- 
mutter für die Schraube a. In die Thonzelle />, 
welche vom Boden bis beiläufig zur Mitte 
und vom oberen Rande bis etwa lOi^in nach 
abwärts aufsen und innen glasirt oder in 
Wachs, Paraffin u. dgl. getränkt ist, wird 
verdünnte Schwefelsäure und etwas Queck- 
silber gegeben. Aufserdem benöthigt man 

einen conisch geformten, in der Mitte durch- -v ^_ 

lochten Stöpsel b aus Kautschuk. Schliefslich 
ist noch eine Schraubenmutter aus Zinnblech d erforderlich, an welche 
3 Messingfüfschen angelöthet sind, von denen eines e als Verbindungs- 
klemme für die negative Elektrode dient. 

Um das Element zusammenzustellen, wird der Kautschukstöpsel 
auf den Zinkcylinder gesteckt, in welch letzteren sodann die durch die 
negative Elektrode isolirt geführte Verbindungsschraube a eingedi-eht 
wird. Hierauf gibt man den Zinkpol sammt dem Kautschukstöpsel in 
die Thonzelle, legt den Verbindungsdraht f unter den Kopf der Ver- 
bindungsschraube a und zieht diese mäfsig fest an. Durch dieses An- 




120 Guerin's Erdleitungsprüfer für Blitzableiter. 

ziehen wird der Kautsehukstöpsel nicht nur an das Zink, sondern auch 
an die Thonzelle und an die innere Fläche der negativen Elektrode 
luftdicht angeprefst. Nunmehr wird die Thonzelle mit beiden Elektroden 
in das Glasgefäfs gestellt und dieses durch Drehung der Schrauben- 
mutter d bezieh, in Folge der hierdurch bewirkten Pressung der nega- 
tiven Elektrode an die Kautschukringe luftdicht verschlossen. Dabei 
wird auch eine metallische Verbindung der Schraubenmutter bezieh, 
der Klemme e mit der negativen Elektrode hergestellt. 

Wenn Schraubenmuttern aus Steingut, Porzellan oder Hartgummi 
verwendet werden, so mufs eine besondere metallische Verbindung für 
die negative Elektrode angebracht werden. Ebenso sind besondere 
Contacte nothwendig, wenn bei Elementen mit Salpetersäure nicht 
Eisen-, sondern Kohlenscheiben verwendet werden, deren äufsere 
Flächen mit Paraffin getränkt werden müfsten, um das Entweichen der 
Gase zu verhüten. 

Um das Element in Thätigkeit zu setzen, wird dasselbe gestürzt 
und auf die Füfschen gestellt. 

Ist das Element erschöpft oder will man blofs die Gase und Dämpfe 
entweichen lassen, so wird die Schraubenmutter gelöst. 

Die leichte Handhabung und der lange Zeit ziemlich gleich bleibende 
Widerstand dieser Elemente, sowie der Umstand, dafs weder das Zink 
noch die Lösungselektroden während der Ruhe angegriffen werden, 
dürfte die Anordnung für die angegebenen Zwecke empfehlen. 



Guerin's Erdleitungsprüfer für Blitzableiter. 

Mit Abbildungen. 

Der Widerstand W der Erdleitung pflegt bei Blitzableitern in ähn- 
licher Weise wie bei Telegraphenleitungen mit Hilfe zweier Hilfserd- 
leitungen gemessen zu werden, so dafs man, wenn die Widerstände der 
beiden letzteren W und W" sind, zunächst W-[- FF', W-{- W" und 
fF' + W" bestimmt und daraus JF ermittelt. Der Hauptmann Gue'rin der 
technischen Abtheilung der französischen Artillerie, der mit der Ausführung 
der Blitzableiter auf den militärischen Gebäuden betraut ist, hat nach 
dem Genie civü^ 1889*8.396, ein Prüfungsinstrument angegeben, mit 
welchem die Messungen mit hinreichender Genauigkeit ausgeführt werden 
können, das sich aber au Ort und Stelle leicht handhaben läfst, ohne 
dafs der Messende ein hohes Mals von Geschick und Erfahrung zu be- 
sitzen braucht. 

Die Messung beruht auf der bekannten Verwendung der Wheatstone- 
sehen Brücke. Besitzen in Fig. 1 die vier Seiten der Brücke die Wider- 
stände tüj, w.^^ tt'3 und u'4, und liegt in der Diagonale A D die Batterie 6, 
so bleibt das in der Diagonale BC enthaltene Galvanometer G stromlos, 
sofern tu, : w^ = iV) '■ w.^. Gewöhnlich nimmt man n'.^ und 1^3 unver- 



Guerin's Erdleitungsprüfer für Blitzableiter. 



121 



änderlich, und mifst w^ (=X) durch Veränderung von w^. Nach 
Schwendler besitzt dabei das Galvanometer die gröfste Empfindlichkeit 
wenn w'^ + tu^ = m?2 + "'s ist; im Allgemeinen also, wenn alle vier 
Widerstände einander gleich sind. 

Man kann aber auch beim Messen des Widerstandes w^ = X als 
veränderlichen Widerstand W=w^ wählen, und dann mufs iü^:X = 

Fig. 2. 





W2 : W sein und zur Erreichung der gröfsten Empfindlichkeit noch 
ti\ -{- X = u'2 -j- W. Hieraus findet sich dann X= W und w^ = Wj. 

Wenn nun aber X und W sehr grofs im Vergleiche mit w^^ und 1^2 
sind, so nimmt fast der ganze Strom von b den Weg ABD^ und das 
Galvanometer G erhält nur einen sehr schwachen Stromzweig; da man 
weiter im Freien unmöglich Spiegelgalvanometer verwenden kann, so 
wird es sich empfehlen, bei Blitzableiterprüfungen w^ und w-i zwar 
unter sich gleich zu machen, sie aber jederzeit proportional mit W 
wachsen zu lassen, so dafs also w^ : X=iW2: W= C bleibt, worin C eine 
unveränderliche Gröfse ist. 

Dies ist nun der Gedanke, von welchem sich Guerin bei der Her- 
stellung seines Mefsinstrumentes hat leiten lassen und welchen er ge- 
schickt in folgender Weise durchgeführt hat. 

Jeder der Widerstände lo^, 1^2 ^^^ ^ besteht aus acht Rollen; in 
W haben diese der Reihe nach 1, 2, 2, 4, 10, 20, 40 und 80 Ohm Wider- 
stand, in tü^ und ^2 dagegen nur den zehnten Theil davon, also 0,1, 0,2, 
0,2, 0,4, 1, 2, 2, 4; in W kann man daher im Ganzen 159, in il\ und 
M?2 aber 15,9 Ohm einschalten. Die Ausschaltung der einzelnen Rollen 
erfolgt aber nicht durch Stöpselung, sondern dadurch, dafs — wie es. 
in Fig. 1 angedeutet ist — eine Feder m auf einen Contact n aufge- 
drückt wird und einen kurzen Schlufs zur Rolle herstellt. Wird nun 
eine Rolle in W ausgeschaltet, so mufs gleichzeitig auch die entsprechende 
Rolle in w^ und in 1^2 ausgeschaltet werden. Deshalb sind acht Gruppen 
zu je drei zusammen gehörigen Rollen gebildet, und es sind die drei 
zugehörigen Federn m, wie Fig. 2 erkennen läfst, so neben einander 
gestellt, dafs sie von einer am Hebel h befestigten Ebonitwalze g zu- 



122 Giarin's Erdleituugsprüfer für Blitzableiter. 

gleich auf ihre Contacte n aufgedrückt werden, sobald der vorstehende 
Stift e des Hebels h von einem Vorsprunge der um eine Achse dreh- 
baren Scheibe S erfafst und der Hebel /* sammt g und den drei Federn m 
nach rechts geschoben wird. 

Die acht Gruppen der Widerstandsrollen sind symmetrisch zu beiden 
Seiten der Achse der acht Scheiben S angeordnet. Mittels eines Hand- 
griffes läfst sich aber unmittelbar nur der Theil der Achse drehen, auf 
welchem die vier Scheiben sitzen, welche den Einern des Widerstandes W 
entsprechen; der Theil mit den vier den Zehnern entsprechenden 
Scheiben wird von dem ersteren Achsentheile aus in derselben Weise 
schrittweise in Umdrehung versetzt, die ganz gewöhnlich in Zählwerken 
benutzt wird. 

Man kann indessen auch zwei besondere Achsen anwenden und 
jede unabhängig von der anderen mittels einer Kurbel drehbar machen. 

In beiden Fällen wird auf jeden der beiden Achsentheile bezieh. 
Achsen noch ein als Zeiger dienendes Rad aufgesteckt, von denen das 
eine auf dem Umfange die zehn Ziffern bis 9 trägt, das andere da- 
gegen die und die 15 Zehner von 10 bis 150. Durch ein im Gehäuse 
angebrachtes Fensterchen können stets zwei Ziffern erblickt und aus 
ihnen abgelesen werden, wie viel bei der derzeitigen Stellung der beiden 
Achsen Widerstand in W eingeschaltet ist; den Widerstand in w^ und 
M"2 findet man dann durch Division mit 10. 

Wie die Vorsprünge auf den acht Scheiben S zu gestalten sind, 
damit sie stets richtig bei jeder Stellung der Achsen die entsprechenden 
Rollen kurz schliefsen, ist sehr leicht aufzufinden. 

Um auch Widerstände über 159 Ohm messen zu können, sind noch 
drei Hilfswiderstände zu 150 bezieh. 15 und 15 Ohm vorhanden, die 
sich durch den Druck auf einen Knopf in die Stromkreise bringen lassen, 
so dafs man dann mit gleicher Empfindlichkeit und Bequemlichkeit bis 
309 Ohm messen kann. 

Vier Klemmen am Apparate dienen zur Einschaltung des zu messenden 
Widerstandest (d. h. der Erdplatten) und der Batterie ft; zwei andere 
Klemmen dagegen gestatten, die Rollen W^ unter Ausschaltung des 
Galvanometers, als gewöhnlichen Widerstand zu benutzen. 

Gui'rin gibt nun ferner noch seinem Blitzableiterprüfer nicht einen 
gewöhnlichen Stromschliefser J bei, sondern er rüstet ihn mit einem 
Unterbrecher und Stromumkehrer aus. Die Erfahrung hat nämlich ge- 
lehrt, dafs die vorhandenen Erdströme, welche die Galvanometernadel 
je nach der Richtung, in welcher sie durch die Windungen hindurch- 
geführt werden, nach rechts oder nach links ablenken, die Nadel ruhig 
auf Null stehen lassen, wenn ihre Richtung in den Windungen mittels 
eines Stromumkehrers in entsprechend rascher Folge umgekehrt wird. 
Der Unterbrecher und Umkehrer enthält einfach zwei Contactfedern, 
welche durch ein Uhrwerk mittels zweier Stufenscheiben gleichzeitig 



Blitzschutzvorrichtungen für Telegraphen. 123 

auf und nieder bewegt werden und dabei in naheliegender Weise die 
beiden X einschaltenden Erdplatten zwischen D und C umschalten, vor 
jeder ümschaltung aber den Strom der Batterie b unterbrechen. 

Dieser Unterbrecher und ümkehrer wirkt aufserdem noch vortheil- 
haft, indem er die Polarisation der Batterie und der Erdplatten verzögert. 



Die Blitzschutzvorrichtungen für Telegraphen von Czeija 
und Nissl und von Pawluk. 

Mit Abbildung. 

In dem von Dr. A. v. Urbanitzky in der Zeitschrift für Elektrotechnik^ 
1889 "■ S. 122, erstatteten Berichte über die Blitzschutzvorrichtungen und 
die Blitzableiterprüfungsapparate auf der Jubiläums-Gewerbe- Ausstellung 
in Wien 1888 wird bemerkt, dafs in denselben ein besonders bemerkens- 
werther Fortschritt nicht zu verzeichnen ist und betont, dafs den Blitz- 
schlägen und den durch dieselben Jahr für Jahr bewirkten Schäden 
noch lange nicht jene Aufmerksamkeit zugewendet wird, welche sie 
schon der ökonomischen Seite wegen verdienen. Von Prüfungsapparaten 
werden (a. a. 0.* S. 179) nur diejenigen von Carl König beschrieben, von 
Schutzvorrichtungen dagegen die von Czeija und Nissl in Wien (a. a. 0. 
*S. 124) und von dem Telegraphencontroleur J. Pawluk (a. a. 0.""S. 126). 

Der Apparat von Czeija und Nissl ist zum Schutze der Umschalter 
in Telephon- Vermittelungsämtern bestimmt; sämmtliche Luftlinien lassen 
sich durch eine einzige Kurbeldrehung unmittelbar mit der Erde ver- 
binden. Dieser Telephon-Blitzableiter besteht aus einer Messingstange, 
in die der Länge nach eine Nuth eingefräst ist. In diese Nuth werden 
ebensoviele mit Seidenband ganz bedeckte Messingplättchen eingelegt, 
als Linien eingeführt werden sollen. Damit die Handhabung nicht zu 
umständlich wird, geht man dabei nicht über 50 Linien, sondern stellt 
lieber einen zweiten Apparat auf. Je eine Schraube hält je zwei der 
genannten Blättchen an den zusammenstofsenden Enden fest. Auf 
jedem dieser in Seidenband gehüllten Plättchen ruht eine Feder auf, 
welche die Fortsetzung einer Aufsenleitung bildet und diese mit dem 
Hauptumschalter verbindet. Die Messingstange ist drehbar gelagert und 
an einem Ende mit einer Kurbel versehen. Bei der jetzigen, nur Raum- 
ersparnifs bezweckenden Anordnung sind die Leitungen an abwechselnd 
in zwei Reihen stehende, messingene Klemmen geführt, deren jede durch 
einen in der hohlen Grundplatte liegenden Draht mit einer auf der 
anderen Seite der Messingstange liegenden gleichen Klemme verbunden 
ist und von der die Leitung nach dem Umschalter weiter geht. Auch 
die letzteren Klemmen sind in zwei Reihen angeordnet und die Federn 
nach den in Seidenband gehüllten Plättchen gehen abwechselnd von 
einer Klemme auf der einen und einer auf der anderen Seite der 



124 I31itzsclmtzvorriclilungen l'tlr Telegraphen. 

Messingstange aus, stets aber von einer Klemme in der der Stange am 
nächsten liegenden Reihe. Hält man es bei sehr heftigen Gewittern 
für geboten, den Telephonverkehr trotz dieser Blitzschutzvorriehtung 
einzustellen, so genügt eine Drehung der Walze durch die Kurbel, um 
sofort alle Linien an die Erde zu legen; die Federn gelangen nämlich 
hierdurch von den Seidenisolirungen auf die blanke Mantelfläche dei- 
Walze und setzen dadurch die Aufsenleitungen mit der Erdleitung in 
ununterbrochene metallische Verbinduns. 

In Pawluk^s Schutzvorrichtung werden die Leitungen an eine Reihe 
von kurzen Messingschienen geführt 5 jede Schiene ist an der Unterseite 
des lOofnm langen, TOi^ii breiten und 14mQi hohen Holzklötzchens durch 
eine Messingspirale mit einer der an der anderen Langseite des Klötz- 
chens in einer Reihe aufgeschraubten Schienen verbunden, von denen 
aus die Leitungen nach den Telegraphen weiter geführt werden. In der 
Mitte zwischen den beiden Schienenreihen läuft 
eine lange Messingschiene, welche Pawluk die all- 
gemeine Entladungsschieue nennt. Von jeder Lei- 
tungsschiene reicht eine gebogene Feder bis über die 
Mittelschiene und legt sich mit einem an ihr be- 
festigten, abgerundeten Kohlenstücke auf die Mittel - 
schiene auf, doch ist zwischen beide ein isolirender 
Papierstreifen dazwischen geschoben. An dem 
einen Ende ist die Mittelschiene sägezahnartig aus- 
gefeilt, und es steht ihr hier das ebenso gestaltete 
Ende der Erdschiene in 1°^" Entfernung gegenüber. 
Das andere Ende der Erdschiene ist im rechten Winkel umgebogen 
und auf ihr ruht, seitwärts von der gezahnten Stelle und diese nicht 
verdeckend, auch eine Feder mit ihrem Kohlenstücke und ebenfalls mit 
zwischengelegten Papierstreifen. Jede Feder läfst sich mittels eines 
Ebonitknopfes emporheben, wenn der Papierstreifen ausgewechselt 
werden soll. Die Mittelschiene und die Erdschiene sind mit Klemm- 
schrauben zur Einschaltung eines Weckers nebst Batterie versehen. Durch 
Einstecken eines Stöpsels lassen sich zwei benachbarte Leitungsschieneu 
unter sich und mit der Erde in Verbindung setzen; im letzteren Falle 
reicht der Stöpsel bis auf eine mit der Erdleitung verbundene Schiene 
an der Unterseite des Brettes. 

Gehen nun nur schwache atmosphärische Entladungen durch den 
Blitzableiter, so durchbohren diese das Papier ihrer Leitung, gehen 
dann durch den Wecker und mahnen durch dessen einmaliges An- 
schlagen an die Auswechselung des durchbohrten Streifens. Stärkere 
Entladungen durchbohren auch den die Feder der Mittelschiene gegen 
die Erdschiene isolirenden Streifen und bringen den Wecker dauernd 
zum Ertönen. Noch stärkere Entladungen vertheilen sich auf diese 
beiden Wege und springen zugleich zwischen den Zähnen über, und 




Magnetelektrische Klingel fiir einzelne Schläge. 



125 



diese Vertheilung wird als Vorzug dieses Blitzableiters geltend gemacht. 
Die Anwendung der Kohle verhindert ein Zusammenschmelzen der 
Theile. A. a. 0. werden ein paar Fälle erwähnt, wo der Blitzableiter 
sich besonders gut bewährt hat. 



Cox-Walker's und Swinton's magnetelektrische Klingel für 

einzelne Schläge. 

Mit Abbildung. 

Namentlich für Eisenbahnen, Bergwerke und andere die Benutzung 
galvanischer Batterien nicht wünschenswerth machende und grofse Ein- 
fachheit fordernde Verhältnisse liefern Cox- Walker in Darlington und 
A. A. Campbell Swinton in London magnetelektrische Klingeln, welche 
sich als Einzelnschläger gut zum Signalisiren eignen. Sowohl in der 
Klingel, als in dem zugehörigen Geber wird ein Siemens^ scher Cylinder- 
Inductor mit J-förmigem Kerne verwendet. Im Geber liegt derselbe 
nach Telegraphic Journal^ 1888 S. 125 und 521 und dem Londoner Elec- 
trical Engineer vom 3. Mai 1889 "'' S. 351 auf wagerechter Achse zwischen 
den Schenkeln des ebenfalls wagerechten kräftigen Stahlmagnetes; an 
der Achse ist ein Druckknopf angebracht, so dafs durch den Druck des 
Fingers der Inductor in rasche Umdrehung versetzt werden kann, 




worauf ihn eine kräftige Feder in seine Ruhelage zurückführt. Bei 
Klingeln für dauerndes Läuten wird der Inductor mittels einer Kurbel 
ringsum gedreht. In der Klingel steht bei der durch die Abbildung 
erläuterten neuesten Ausführung der aus mehreren Lagen bestehende 



126 



Immisch's elektrische Locomotive für Bergwerke. 



kräftige Stahlmagnet und der Inductor aufrecht, und es ist an dem lu- 
ductor ein Klöppel angebracht, welcher einen kräftigen Schlag gegen die 
punktirt angedeutete 152°!°^ Glocke ausführt, wenn ein Strom die Inductor- 
rolle durchläuft. Bei der derzeitigen Bewickelung des Inductors arbeitet 
die Klingel gut in gewöhnlichen Leitungen bis zu 1000 Ohm Wider- 
stand, und vermag selbst in Leitungen von 2000 Ohm noch zu arbeiten. 
Diese Klingeln sind mit gutem Erfolge auf der Cambrian RaiUcay 
und verschiedenen Bergwerken im Norden Englands eingeführt worden. 



Immiscli's elektrische Locomotive für Bergwerke. 

Mit Abbildungen. 

Die von Immisch und Comp. (vgl. 1889 271 45) für die Whamcliffe 
Silkstone Kohlenwerke gebaute und daselbst (nach Iran vom 8. Februar 
1889, *S. 138) bei 0^,53 Spurweite in einem Stollen von 1^,22 Höhe 
und l'",o7 Breite laufende elektrische Locomotive ist für den Betrieb 
mit Speicherbatterien eingerichtet;, ihr Gesammtgewicht in arbeitsfähigem 
Zustande sollte 2^,5 nicht übersteigen. Mit ihr wurden von E. ß. Walker 
auf einer Bahn über Tage Versuche angestellt; die Bahn hatte nur auf 
einer kurzen Strecke keine Steigung, auf 1821^ 1:70, auf 137°^ 1:40, 
auf 228m 1 : 25 und auf 182^ 1 : 40. Auf der Steigung 1 : 70 vermochte 
die Locomotive einen Zug von 20 geladenen Wagen von zusammen 
11^ Gewicht gerade in Bewegung zu setzen, während mit 15 Wagen 
von 8^,5 Gewicht eine Geschwindigkeit von 4'^'",8 in der Stunde er- 

Fig. 1. 




reicht wurde, wobei die Stromstärke 45 Ampere bei 100 Volt betrug. 
Auf der Steigung 1:40 war die höchste Ladung 8 Wagen, auf der 



Immisch's elektrische Locomotive für Bergwerke. 127 

1 : 25 aber 6 Wagen, wobei die Greschwindigkeit ein wenig über 3'''",2 
mafs. Auf der wagerechten Strecke konnte die Locomotive 30 Wagen 
ziehen, bei 45 Ampere. 

Wie die Textfig. 1 sehen läfst, ruht der Rahmen auf Federn aufser- 
halb der Räder auf den Achslagern. Um möglichste Gleichmäfsigkeit 
zu sichern, sind 4 Sätze von Speicherbatterien vorhanden, die vor und 
hinter den Rädern und auf dem Rahmen untergebracht sind. Die Rad- 
achsen haben 914°i°i Abstand, und die Räder sind gekuppelt, damit das 
Gewicht möglichst für das Anhaften ausgenützt wird. Der Rahmen 
hat 3^,10 Länge und 0^,72 Breite^ die Puffermitte liegt 226mm über 
dem Geleise. 

Die Speicherbatterie besteht aus 44 abgeänderten JafAam-Elementen^ 
jede Zelle mifst 250 X 165mm bei 280mm Höhe. Die Zellen sind mit 
Blei bekleidet und stehen zu 3 in hölzernen Trögen. Jede Zelle ent- 
hält 19 Platten von 175 X 106 X 5'^'»,5 und besitzt ein Leistungsvermögen 
von 150 Ampere-Stunden; das Gewicht beträgt 24'^. Die Entladung er- 
folgt bei 25 bis 50 Ampere und beim Anlaufen gelegentlich mit 65 Ampere. 
Nimmt man im Mittel 40 Ampere, so kommen bei diesen Speicher- 
zellen auf 1 BP etwa 227^ Gewicht und auf 1 IP-Stunde 608"^. 

Der unter dem Wagenboden und zwischen den Rädern unter- 
gebrachte Motor (Textfig. 2) hat im Wesentlichen die gewöhnliche 
Im/n«scÄ-Anordnung (vgl. 1887 265 * 106. 1889 272 "■ 123). Der Anker 
hat 254™in Durchmesser und ist aus Draht Nr. 12 S. W. G. gewickelt; 
der Widerstand mifst 0,23 Ohm. Der Stromabgeber hat 48 Abtheilungen. 
Das Feld besteht aus doppelten Hufeisen, ist aus Draht Nr. 9 S. W G. 
gewickelt und besitzt 560 Windungen; Widerstand 0,14 Ohm. Bei 
1000 Umdrehungen hat der Strom 45 Ampere mit 100 Volt Klemmen- 
spannung. Das Gewicht des Motors beträgt 203"^; er gibt bei 800 Um- 
drehungen in der Minute 4 W. Auf der Ankerwelle sitzt ein kleines 
Getriebe aus Phosphorbronze; dieses steht mit 4 Stahltrieben im Ein- 
griffe, die in derselben Ebene angeordnet sind und um 90" von ein- 
ander abstehen. Diese Triebe haben Kanonenmetallfutter und laufen 
auf Stiften, die von einer Gufseisenscheibe getragen werden. Die Scheibe 
dreht sich auf einem Zapfen aufserhalb der Motorlager. Auf der Aufsen- 
seite, aber in derselben Ebene mit den Trieben ist ein ringförmiges 
Gufsstüek von Kanonenmetall befestigt, mit nach innen gerichteten 
Zähnen. Die Stahltriebe greifen in den Ring ein, welcher als Stütze 
für sie dient, wenn die Motorwelle umläuft. Die Kraft wird von der 
Gufseisenscheibe mittels eines auf der Innenseite neben dem Motor auf- 
gekeilten Kettentriebes übertragen, und eine Stahlkette verbindet diesen 
Trieb mit einem ihm entsprechenden Rade, das auf eine der Achsen 
aufgesteckt ist, während die andere Achse mit dieser durch zwei Stangen 
gekuppelt ist. Die Fig. 2 zeigt den Motor mit einer Riemenscheibe an 
Stelle der die Gesehwindiskeit vermindernden Uebertragung, welche im 



128 



Kapp's Inductor-Regulator für Wechselstrom-Anlagen. 



vorliegenden Falle wegen des beschränkten Raumes und des grofsen 
Gesehwindigkeitsuntersehiedes zwischen Motorwelle und Triebachse an- 
gewendet werden mufste. 

Fig. 2. 




Zur Umkehrung der Bewegungsrichtung dient ein Umschalter, der 
die Pole des Feldes umkehrt. Zur Geschwindigkeitsregulirung sind 
Widerstandsrollen vorhanden. Auch eine Bremse ist vorhanden. Die 
Ladung der Speicherbatterien besorgt eine imwi/scA-Dynamo, die mittels 
Riemen von einer IF<//ans-Dampfmaschine getrieben wird. 



G. Kapp's Inductor-Regulator für Wechselstrom-Anlagen. 

Mit Abbildung. 

Für elektrische Anlagen mit Wechselstrombetrieb wendet Gisbert 
Kapp als Regulator zur Erzeugung unveränderlicher Spannung an den 
einzelnen Verbrauchsstellen für jeden Verbrauchsstromkreis einen be- 
sonderen kleinen Inductor an, der die Spannung in der Verbrauchsstelle 
gerade um soviel erhöht, als sie zufolge des Leitungswiderstandes im 
Stromkreise vermindert wird. Die primäre Rolle dieses Inductors wird 
mit den Klemmen der Dynamo verbunden, die secuudäre dagegen ist 
in eine Anzahl Abtheilungen getheilt, von denen mittels eines Kurbel- 
umschalters gerade die nöthige Anzahl eingeschaltet werden kann. 

Ein solcher Regulator ist nach den Industries vom 12. April 1889 
* S. 353 z. B. in einer Anlage für eine elektrische Hausbeleuchtung 
angewendet worden. Inductor und Umschalter sind auf einem gemein- 
schaftlichen Brette angebracht. Hier sollte die Möglichkeit zu einer 
Erhöhung und Erniedrigung der Spannung im Lampenstromkreise be- 
schaut werden. Die secundäre Rolle erhielt daher 7 Abtheilungen und 



Zur Technologie des Glases. 



129 



der Umschalter 7 Contacte; steht die Kurbel in ihrer Ruhelage, so sind 
alle 7 Abtheilungen ausgeschaltet und der Lampenstromkreis empfängt 
blofs den Strom aus der secundären Rolle des Hauptstromumsetzers. 
Wird die Kurbel nach links 
herum auf die Contacte 1 
bis 5 gestellt, so werden 1 
bis 5 Abtheilungen des Re- 
gulators in gleichem Sinne 
wie im Hauptinductor ein- 
geschaltet und die Lampen 
erhalten beziehentlich 2 bis 
10 Volt mehr Spannung. 
Dreht man dagegen die 
Kurbel rechts herum auf 
den nächsten oder zweit- 
nächsten Contact, so wird 
eine bezieh, zwei Abthei- 
lungen des Regulatoi's ein- 
geschaltet und die Span- 
nung um 2 bezieh. 4 Volt 
erniedrigt, weil diese Ab- 
theilungen in einem der 

secundären Rolle des Hauptstromumsetzers entgegengesetzten Sinn 
gewickelt sind. Die primäre Rolle des Regulators liegt in einem Neben- 
schlüsse zum Verbrauchsstromkreise, sie kann aber durch einen Um- 
schalter ausgeschaltet werden, wenn der Regulator nicht gebraucht wird. 




Zur Teclinologie des Glases. 

(Schiurs des Berichtes S. 82 d. Bd.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 6. 

Im Verein zur Befördervng des Geioerbefleifses zu Berlin hielt 
Dr. 0. Schott-Jena, einen Vortrag über Glasschmelzerei für optische und 
andere wissenschaftliche Zwecke. Verfasser entwirft zunächst ein Bild 
von der Entstehung der glastechnischen Versuchsstation, sowie der in 
Gemeinschaft mit Abbe und Dr. Zeifs in Jena begründeten Fabrik optischer 
Gläser. Diese sind aus dem Bestreben hervorgegangen, neue Glassorten 
zu schmelzen, die für optische Zwecke geeigneter sind als die bisher 
verwendeten. Dies konnte geschehen durch Ausdehnung der Schmelz- 
versuche auf eine Reihe von neuen Körpern, wie Borsäure, Phosphor- 
säure, Lithium, Zink, Cadmium, Cer, Didym, Erbium, ThalHum, Wis- 
muth, Antimon, Molybdän u. s. w. Der für die Versuche verwendete 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 3. 1889iIII. 9 



130 ^ur Technologie des Glases. 

Ofen war der von Fleischer-^ Verfasser beschrieb die Einrichtung des- 
selben. In erster Linie wurde getrachtet, die chromatischen Differenzen 
der sphärischen Aberration zu beseitigen. Die Möglichkeit dazu war 
gegeben durch die Borsäure, welche eine specifische Contraction des 
blauen, bezüglich Erweiterung des rothen Endes des Spectrums ver- 
anlafst, durch das Fluor, das Kalium und Natrium, welche in umge- 
kehrtem Sinne ihre Wirkung geltend machen. Bei allen übrigen Elementen 
ist der Gang der Dispersion der gewöhnliche, wie bei den Silicatgläsern. 
Da die Flintgläser eine Drehung nach dem blauen Ende des Spectrums 
zeigen, so ist in diese Borsäure einzuführen; thatsächlich wurde die- 
selbe die Grundlage für Flintgläser, die eine Verminderung des secun- 
dären Spectrums geben sollen. Für Crowngläser wäre der Gehalt an 
Kalium zu erhöhen; da man davon aber nicht mehr als 30 Proc. in das 
Glas einführen kann, wurden Versuche mit Fluor angestellt; letzteres 
läfst sich in grofser Menge in Phosphatgläser einführen. Da man aber 
von silicatischen Schmelzgefäfsen absehen mufste wegen der Entwicke- 
lung von F'luorsilicium, und selbst aus Platingefäfsen Fluorverbiudungen 
entweichen, mufste von weiteren Versuchen abgesehen werden. 

Die Phosphorsäure gibt mit vielen Metalloxyden Gläser, deren 
Dispersion gering und deren Brechungsexponent grofs ist; diese mit 
Borsäure- Flintgläsern combinirt können Fernrohrobjective geben, bei 
denen fast das ganze secundäre Spectrum verschwindet. 

Bei Boraten und Phosphaten dürfen die Alkalien nur in sehr ge- 
ringer Menge verwendet werden, da sonst eine Zerstörung der Politur 
durch Einflufs der Atmosphärilien unvermeidlich ist. Durch Zusatz 
gröfserer Procentsätze von Thonerde, Zinkoxyd u. s. w. konnten hygro- 
skopische Gläser brauchbar gemacht werden. Da die Grenzen der Zu- 
sammensetzung, innerhalb welcher glasige Erstarrung vor sich geht, 
enge gezogen sind, konnten viele Elemente bei solchen Gläsern nicht 
angewendet werden, deren Zusatz in optischer Hinsicht sehr wünschens- 
werth wäre. Für Phosphate gab die Beobachtung, dafs Magnesia, Thon- 
erde und Kali die geringste Dispersion liefern, zur Herstellung eines 
Crownglases Veranlassung, dessen Dispersionswerth weit unter dem der 
bisher angewendeten Glasflüsse stand. Baryt und Phosphorsäure geben 
Crowngläser mit niedriger Dispersion und Abstufungen im Brechungs- 
index von 1,55 bis 1,59. 

Die Herstellung von schlierenfreien Gläsern war besonders schwierig; 
Porzellantiegel mit Kührvorrichtung erwiesen sich als unbrauchbar; selbst 
ein Platintiegel von 3' Inhalt ging zu Grunde. Platingefäfse lassen sich 
nur für Borat, nicht für Phosphatgläser anwenden, da letztere das Platin 
metallisch lösen und bei der Abkühlung in grauem Zustande ausscheiden. 
Zur Abkühlung der geschmolzenen Gläser \\nirde eine ganz neue Methode 
eingeführt: Statt wie bisher die Kühlung durch Ausstrahlung und Mit- 
theilung eines im Mauerwerke gesammelten gröfseren Wärmevorrathes 



Zur Technologie des Glases. 131 

zu bewirken, wurde dieselbe durch automatische Reguliruug einer sich 
stetig vermindernden Wärmequelle bewirkt. Ein cylindrischer Kupfer- 
kessel — das Kühlgefäfs — liegt im Strome einer grofsen Gasflamme 
und steht in Verbindung mit einem Quecksilbei-dampfdruckthermometer. 
Man kann dadurch eine bestimmte Temperatur beliebig lang andauern 
lassen und auch den Abfall der Temperatur beliebig lange ausdehnen; 
dies ist in diesem Falle sehr wichtig: Die Maximaltemperatur, bei der 
jedes Glas die vorhandene Spannung auslöste, war 465^ C, die Minimal- 
temperatur, unterhalb welcher jedes Glas vollkommen erhärtet, ist 
3700 C. Das Intervall 370« bis 465» C. umfafst also die Erstarrungs- 
temperaturen aller bekannten Gläser. Dieser Abfall von 95^ C. wurde 
von wenigen Tagen auf 4 Wochen ausgedehnt, und es wurden Kühlungs- 
resultate erhalten, die weitaus günstiger sind, als alle bisherigen. 

Hierauf wurden die Einrichtungen und Operationen des Betriebes 
besprochen. Der Vortragende hat an der i*üfscÄ''schen Wechselhaube 
eine Neuerung eingeführt, die gestattet, den Wechsel des Gasstromes 
mit Gas und Luft gleichzeitig vorzunehmen. In den glühenden Hafen 
werden Glasbrocken eingeworfen, nachdem diese geschmolzen, wird der 
Glassatz in mehreren Parthien zugefügt; vor Zusatz der letzten Parthie 
wird zweckmäfsig „geblasen''. Das Lauterschüren dauert 6 bis 8 Stunden 
und ist mit grofser Vorsicht durchzuführen. Nach dem Abfeinen wird 
der eigenthümlich construirte Rührer in das Glas gebracht, hier längere 
Zeit gelassen und nach Verlauf einer Stunde zum Durchmischen der 
Masse auf und ab bewegt. Nachdem die Masse durch Abkühlung zäh- 
flüssig geworden, zieht man den Hafen aus dem Ofen und bringt ihn 
in den Temperofen, woselbst er nach 3 Tagen völlig abgekühlt ist. Die 
Bruchstücke des Glases werden sorgfältig sortirt und die brauchbaren 
in Chamottekapseln bis zum beginnenden Schmelzen erhitzt, um ihnen 
passende Formen zu geben, und schliefslich nach zehn- bis zwölftägigem 
Abkühlen geschliffen und auf Schlieren u. s. w. geprüft. Zum Schlüsse 
sprach der Vortragende noch über seine Beobachtungen über Thermo- 
meterglas (vgl. 1886 260 94 und Sprechsaal, Jahrg. 21 S. 920, 939, 958 
und Jahrg. 22 S. 118). 

F. Mylius gibt ein neues Verfahren zur Prüfung des Glases durch 
Farbreactionen an (Zeitschrift für Instrumentenkunde, 1889 S. 50). Nach- 
dem Verfasser sich überzeugt hatte, dafs eine Mischung von klarer 
Stärkelösung mit reiner, wässeriger Jodlösung durch Glaspulver sofort 
gebläut wird (JK gibt Veranlassung zur Bildung von Jodstärke), schritt 
er zur Ausbildung einer Methode, durch die die Oberflächenbeschaffen- 
heit der Gläser in schärfster Weise geprüft werden kann. Als Grund- 
lage dieser Methode diente die Thatsache, dafs feuchter Aether durch 
seinen Wassergehalt zerstörend auf die Gefäfswände einwirkt (vgl. 
Weber, 1889 273 41), indem dem Glase Alkalisilicat entzogen wird, 
das sich auf der Oberfläche ansetzt. Um nun das lösliche Silicat dem 



132 '^ui' Technologie des Glases. 

Auge sichtbar zu machen, wird dasselbe mit ätherischer Eosinlösung 
in Berühruno; gebracht. Die angegrillene Stelle des Glases färbt sich 
durch Bildung des Kali- oder Natronsalzes von Eosin purpurroth. Bei 
Anwendung von Jodeosin, das besonders empfehlenswerth, spielen sich 
folgende Reactionen ab: 

I. Na,0(Si0.2)x + H.^0 = 2NaH0 + xSiO, 
IL 2NaH0 + C.^oH.JjOg = C2oHfiNa.,J405 + H.^0. 

Man sollte eigentlich die zu prüfenden Glasgegenstände mehrere 
Stunden mit wasserhaltigem Aether stehen lassen und diese Flüssig- 
keit für einige Minuten durch ätherische Eosinlösung ersetzen. Zweck- 
mäfsiger ist es aber, die Eosinlösung sogleich zuzufügen; diese w^ird 
hergestellt durch Schütteln von käuflichem Aether mit Wasser bei ge- 
wöhnlicher Temperatur und durch Zusatz von 0",1 Jodeosin zu lOO'^^ 
dieser Flüssigkeit. 

Glasgegenstände, deren Oberfläche geprüft werden sollen, müssen 
durch sorgfältiges Abspülen mit Wasser, Alkohol und Aether von den 
anhaftenden Verwitterungsproducten gereinigt werden, und kommen so- 
gleich mit Eosinlösung in Berührung. Es ist vortheilhaft, die Ein- 
wirkung jedesmal 24 Stunden andauern zu lassen. Der Glasgegenstand 
wird dann mit Aether abgespült. Je nach der Angreifbarkeit ist nun 
die Oberfläche mit einer mehr oder weniger intensiv gefärbten Schicht 
bekleidet, welche gewöhnlich durchsichtig, nur bei sehr schlechten 
Gläsern undurchsichtig trübe erscheint. Die bleihaltigen Gläser er- 
scheinen besonders stark angegritfen. In der Originalabhandlung sind 
zur Erläuterung des Textes Farbentafeln beigegeben. Verwitterungs- 
erscheinungen geben sich durch solche Prüfung deutlich kund. Ein Glas- 
rohr nach Warburg (Wiedemanris Annalen^ Bd. 21 S. 622) der Elektro- 
lyse unterworfen, zeigt sich an der Berührungsstelle der Anode gegen 
Eosinlösung unempfindlich, an der der Kathode wird es stark gefärbt. 
Durch mehrtägige Behandlung von schlechtem Glase mit Wasser und 
nachheriges Erhitzen auf 300 bis 4000 C. kann diesem eine völlig wider- 
standsfähige Oberfläche gegeben werden. Das beste Glas färbt sich 
auf frischen Bruchflächen mit Eosinlösung sogleich, ein Beweis, wie 
locker die Bestandtheile des Glases mit einander verbunden sind. 

Gasofen zu Probeschmelzungen für Flüsse und Glasuren. Nach H. Röfsler 
ist in den kleinen Ofen ein durchloch ter, unten abgerundeter Schmelz- 
tiegel a CFig- 1) eingesetzt, welcher von oben gefüllt wird, ohne dafs 
man denselben aus dem Ofen zu nehmen braucht, während der ge- 
schmolzene Flufs durch das Loch am Boden in ein untergestelltes Ge- 
fäfs mit Wasser läuft. — Trotz der Kleinheit des Apparates kann man 
doch in der Stunde mehrere Kilogramm Flufs schmelzen, und der Gas- 
verbrauch ist nur ein sehr geringer. Was den Ofen aber besonders 
brauchbar macht, ist eine einfache Vorrichtung, um die Masse erst 
dann abfliefsen zu lassen, wenn sie vollständig gleichmäfsig durch- 



Zur Technologie des Glases. 133' 

geschmolzen ist. Auf dem Boden des Tiegels liegt nämlich eine Kugel 
von Porzellan, welche, sobald die ganze Masse in Flufs ist, in der 
Schmelze in die Höhe steigt, wodurch die Oeflnung frei wird, und alles 
durchfliefst. Hierauf setzt sich die Kugel wieder auf die Oeffnung und 
verschliefst sie so lange, bis die frische Füllung ganz lauter geschmolzen 
ist. Das Gas kommt durch das Rohr b des ßunserischeu Brenners und 
tritt, mit Luft gemischt, aus den Löchern des eisernen Hohlringes e, 
wo es angezündet wird. Die Flamme schlägt zunächst um den Tiegel 
herum und dann zwischen dem inneren, aber offenen, und dem äufseren 
Mantel wieder herunter nach dem Schornsteine 5. Dieser wird, wenn 
der Ofen mitten im Zimmer zu stehen hat, durch den Gasbrenner v 
angewärmt, kann aber durch jeden gut ziehenden, gemauerten Schorn- 
stein ersetzt werden. Selbst strengflüssigere Bleiglasuren lassen sich in 
diesem Ofen schmelzen (Sprechsaal^ 1888 Jahrg. 21 S. 883). 

Eine nicht uninteressante und für unsere Zeit charakteristische Er- 
scheinung der Industrie ist Ashley's automatischer Flaschenblasapparai und 
die damit verbundene Bewegung. Die Erfindung bezweckt, bei der Her- 
stellung von Wein-, Bierflaschen u. s. w. die Arbeit der Menschenhände 
durch die von Maschinen zu ersetzen, würde also für die Glasindustrie 
etwa das bedeuten, was die Erfindung der mechanischen Webstühle für 
die Textilindustrie. Die Bekanntmachung des neuen Apparates wurde 
mit grofser Reclame durchgeführt. Mit Hilfe des neuen Apparates sollte 
man im Stande sein, den Arbeitspreis für das Grofs Flaschen von 
3 Schilling und 10 Pence auf 3 Pence (24 Pfg.) zu reduciren, 3 Arbeiter 
sollten im Stande sein, 80 Grofs Flaschen in einem Tage fertig zu 
stellen. Nach englischen Journalen soll sich eine Gesellschaft zur Aus- 
beutung der neuen Erfindung mit 600 000 Pfd. Sterl. Actienkapital ge- 
bildet haben 5 man sprach schon von einer Umgestaltung des Betriebes 
der Glasfabriken von ganz Europa. Die deutschen Fachmänner ver- 
hielten sich gleich anfangs der neuen Erfindung gegenüber sehr reservirt« 
so brachte der Sprechsaal mehrmals Artikel , in denen starke Zweifel 
über die Leistungsfähigkeit der Maschine ausgedrückt wurden {Sprech- 
saal^ Jahrg. 21 S. 165, 203, 244, 338, 619). Trotzdem dauerte die Be- 
wegung in England fort, und es war zwei Gesellschaften bereits ge- 
glückt, dem Betriebe fernstehende Kapitalisten zu namhaften Beiträgen 
zu bewegen. 

Der Apparat soll etwa folgender Weise functioniren : Das ge- 
schmolzene Glas fliefst in eine Form, die nur das für eine Flasche er- 
forderliche Quantum Glas aufnimmt; an dem unteren Theile des Be- 
hälters findet sich der Theil für den Flaschenhals und in diesen dringt 
ein hohler Stempel, der comprimirte Luft in die Glasmasse treibt, so 
dafs der Hals der Flasche sammt dem Wulste, dem Kragen, gebildet 
wird. Im geeigneten Momente wird der Apparat umgestürzt, so dafs 
der Hals nach oben kommt, ein Stempel, der das Eindringen der Glas- 



134 ^'^"' Technologie des Glases. 

masse in den Bauch der Hohlform verhindert hat, weicht bis zum Boden 
der Flasche zurück, und das Glas wird nunmehr durch die nach- 
strömende Luft zur vollständigen Flasche ausgeblasen. — Dem Fach- 
manne wird sofort auffallen, dafs ein wichtiges Moment der Flaschen- 
bildung, nämlich das Marbeln, ganz aufser Acht gelassen ist; ohne 
Bearbeitung auf der Motze ist es nach bisherigen Erfahrungen nicht 
möglich, eine in der Wandung gleichmäfsige Flasche zu erzielen. 

Da bald viele Actionäre einsahen, dafs sie durch die schwindel- 
haften Anpreisungen irregeführt wurden, und die eingezahlten Beträge 
zurückforderten, endete die Actienunternehmung mit einer Auflösung 
der European and American Machine-Made Bottle Company. Dadurch 
liefs sich der Erfinder aber dui-chaus nicht abschrecken, schreitet zu 
weiteren Verbesserungen des Apparates und hat in vielen Ländern, so 
auch in Deutschland, um Patentertheilung nachgesucht. Nach Erthei- 
lung des deutschen Patentes soll der Apparat eingehend beschrieben 
werden. 

Die Glasgalle, welche besonders in Fabriken von ordinärem Hohl- 
glase, die mit billigen Materialien arbeiten, sich in unangenehmer Weise 
bemerkbar macht, soll sich bei Anwendung der Glasschmelzwanne von 
Oswald Lippert (Fig. 2) von dem übrigen Glase unschwer trennen lassen. 
Das Material wird bei d in den Raum a eingeführt. Die neuen Auf- 
lagen verdrängen die schon halb geschmolzene Masse in der Pfeil- 
richtung durch e f in die Galle-Absonderungsräume b. Da nun bekannt- 
lich die Galle sofort nach oben steigt, sobald die Flamme keinen Einflufs 
ausübt, und die Temperatur etwas herabgedrückt ist, sondert sich die- 
selbe ab und kann leicht abgelassen werden. Nachdem die Glasmasse 
in b von der Glasgalle gereinigt ist, tritt dieselbe bei g in den Schmelz- 
raum a hinüber, in welchem die sogen. Blankschmelze vollzogen wird, 
um bei h in den Verarbeitungsraum / zu gelangen und in i verarbeitet 
zu werden (D. R. P. Kl. 32 Nr. 45 063 vom 13. Mai 1888). 

Um dünne Glas- oder Basaltplatten unter Abschlufs kalter Luft 
giefsen, auswalzen und abkühlen zu können, ist nach dem Verfahren 
von Josef Trassel in Oberwarmensteinach und Heinrich Lindner in Fichtel- 
berg (D. R. P. Nr. 44 517 vom 16. Juli 1887) die Einrichtung (Fig. 3) 
getroffen, dafs dieselben mit den von der Aufsenluft abgeschlossenen 
Kanälen B und K in Verbindung gebracht werden, welche zeitweise 
direkt oder durch abziehende Feuergase auf Glühhitze erwärmt werden, 
in welchen Kanälen die Formwagen W und iV eingebracht werden, die 
entweder eine grofse Zahl senkrechter oder schräger Einzelformen oder 
eine einzelne wagerechte Form enthalten. 

Apparat zum Herausheben und Einsetzen von Glaswannen aus dem 
Ofen bezieh, in denselben von der Socie'te des Manufactures de Glaces u. s. w. 
in Brüssel (D. R. P. Kl. 32 Nr. 40 718 vom 17. December 1886). Die 
Trommel M (Fig. 4) ist mit Rillen für zwei Ketten X und V versehen. 



Zur Technologie des Glases. I35 

Das eine Ende der Ketten ist an je einem Ende der Trommel befestio't, 
während das andere Ende bei V und Y an den Enden des Waoeus T 
angreift. Dieser Wagen ist an dem Ende, welches dem Ofen zuge- 
kehrt ist, mit einer Zange zum Erfassen der Glaswannen ausgerüstet 
und wird einestheils durch die mit den Rädern m versehene Achse Z 
getragen, anderentheils dadurch gestützt, dafs die Schenkel T in dem 
Zwischenraum zwischen der Trommel M und einer darunter liegenden 
Walze hindurchgehen. Walze O und Trommel M liegen in einem 
Rahmen Ä, welcher an einem Kolben sitzt, der im Cylinder E durch 
Dampf, Wasser oder Luft passend auf und ab bewegt werden kann. 
Auf diese Weise kann der linke Theil von T auf und nieder bewegt 
werden. Durch zwei kleine Kolben, welche in dem Cjlinder F sich 
verschieben, wird die Trommel M gedreht, wodurch der Wagen T vor- 
und rückwärts bewegt wird. 

Einrichtung an einer mit der Glasbläserpfeife verbundenen Luftpumpe^ 
um den Druck nach beendetem Blasen aufzuheben-^ von R. E. Donovan^ 
F. Hazlett und /. Johnston in Dublin (D. R. P. Kl. 32 Nr. 42 230 vom 
16. Juli 1887). Die nach dem Hochziehen in der Kammer a (Fig. 5) 
und der Pfeife b vorhandene atmosphärische Luft wird einerseits durch 
den auf dem unteren Ende von b gefangenen Glasklumpen und anderer- 
seits durch Niederdrücken der Kappe gh der hohlen Kolbenstange d 
in n, h und d eingeschlossen, hierauf durch Abwärtsbewegen des Kolbens e 
verdichtet und in die weiche Glasmasse eingeprefst. Nach Vollendung 
des Gegenstandes entfernt der Arbeiter seine Hand vom Knopfe ^, wo- 
rauf die verdichtete Luft, deren Spannung durch die Hitze des ge- 
schmolzenen Glases noch vermehrt wurde, die Knagge gf hebt und 
durch die Löcher der Hülse gh entweicht, so dafs Druckausgleich 
zwischen der Innen- und Aufsenseite des gefertigten Gegenstandes her- 
gestellt wird. 

Ein neues Verfahren zur Herstellung von Ballons aus Glas mit in- 
nerem Luftzuführungsrohre für Erdöl- u. dgl. Lampen beschreiben August 
Walther und E. Kaiser zu Moritzdorf in Sachsen. Die Erfindung be- 
zweckt, die bisher gebräuchlichen Oelbehälter durch die vollkommen 
dichten und bedeutend reinlicheren Behälter aus Glas zu ersetzen (D.R.P. 
Kl. 32 Nr. 45 979 vom 18. Januar 1888. Oesterreichisches Patent Kl. 4 
vom 1. November 1888) (Fig. 6 und 7). Zur Herstellung des Glas- 
ballons B mit Innenrohr R dienen die aus Untertheil U und den beiden 
Obertheilen O bestehende, auf dem Gestelle G gelagerte Form, sowie 
die mittels des Tritthebels H im Gestelle G senkrecht bewegbare Spindel 5. 
Der Glasmacher entnimmt mit seiner Pfeife P aus dem Glasofen ein 
Kölbchen oder eine Birne Rohglas, setzt sie auf die Spindel S auf, und 
bewegt während des Blasens diese allmählich aufwärts, so dafs schliefs- 
lich das Rohr R gebildet wird. Gleichzeitig erhielt auch der Ballon 
in der Form seine Gestaltung. Durch Umschlagen von wird der 



136 7mi' Technologie des Glases. 

Ballon aus seiner Form befreit, und es erübrigt nur noch, die Ränder ab 
und c d abzusprengen und die Fülldose D aufzusetzen. 

Eine mechanmhe Schere zum Formen von Flaschenmündungen (Fig. 8) 
wurde von fV. Blumberg in Düsseldorf beschrieben (D. R. P. Nr. 45062 
vom 1. Mai 1888). Am Ende der rotirenden Spindel C ist eine Seheibe J 
befestigt, in welcher sich die Formrollen IS radial bewegen können, 
während sie gleichzeitig mit ihr um ihre eigenen Achsen rotiren. Die 
radiale gegenseitige Näherung bezieh. Entfernung der Rollen wird mittel- 
bar von der Achse 6' regiert, indem diese mittels Schneckengetriebes RS 
ein Excenter T in Drehung versetzt, das durch Schubstangen V einen 
Winkelhebelmechanismus und einen auf der Achse C verschiebbaren 
MufF X die Verschiebung der Formrollen in der Scheibe J bewirkt. 

Grofse Vortheile vor anderen Maschinen zu gleichem Zwecke soll 
die Maschine zum Auswalzen von Flaschenmündungen von Klein und 
Herb in Burbach bei Saarbrücken bieten (D. R. P. Nr. 44619 vom 
18. November 1887). Zur Herstellung von Flaschenmündungen mit 
innerem Gewinde wird der während des Auswalzens feststehende Dorn e 
(Fig. 9) angewendet, dessen Gewinde durch das um die ebenfalls fest- 
stehende Flasche rotirende und formgebende Walzenpaar cc in die Glas- 
masse eingeprefst wird, worauf, entweder durch den Conus t (Fig. 10) 
oder, bei Fufsbetrieb, durch das Zusammenwirken devTheüe iklmnopq r$ 
der Dorn selbsständig aus der Flaschenmündung herausgeschraubt wird. 
Durch diese Maschine lassen sich enge, weite, sowie mit Schrauben- 
gewinde versehene Flaschenmündungen herstellen. Die mit Schrauben- 
gewinde versehenen Flaschen sollen eine Verkapselung mit Draht er- 
sparen, indem der abgerundete Schraubengang den Kork derart festhält, 
dafs die durch Kohlensäure u. s. w. hervorgerufene innere Spannung 
der Gase denselben nicht herauszutreiben im Stande ist. 

Henri Leufant in Paris stellt Brillengläser und andere optische Glas- 
gegenstände her durch Blasen derselben in Formen, deren vielflächige 
Innenwandung der einen Fläche des zu formenden Gegenstandes ent- 
spricht. Dadurch wird eine nochmalige Erweichung der Glasmasse 
überflüssig. Die Gläser haben nunmehr, wie z. B. in der Abbildung 
(Fig. 10) dargestellt, auf der einen Seite eine so gebogene Fläche abc^ 
dafs sie nur auf der anderen Seite abgearbeitet zu werden brauchen 
(D. R.P. Kl. 32 Nr. 42596 vom 23. Juni 1887). 

Herstellung von Metallglanzätze auf Glas oder keramischen Gegenständen 
von Reich und Comp. (D. R. P. Nr. 44949 vom 24. August 1887). Zur 
Herstellung einer hellgelben, grünen bis dunkelbraunen Metallglanzätze 
vom Silberglanze bis zum tiefsten Goldgianze setzen Reich und Comp. 
die auf gewöhnliche Weise geätzten Gegenstände dem Einflüsse re- 
ducirender Gase aus. Trägt man z. B. auf Glas ein Gemenge von 1 Th. 
Chlorsilber und 5 Th. ungebrannter Gelberde, trocknet, brennt den 
Scherben in der Mullel bei schwachem Farbenfeuer, wischt dann die 



Zur Technologie des Glases. 137 

Erde ab und brennt zum zweiten Male etwa 5 bis 6 Minuten, indem 
man den Scherben der Einwirkung von Kohlengasen aussetzt, so erhält 
man eine grünlich-bräunlich durchscheinende, goldglänzende Fläche, 
während das Glas nach dem ersten Feuer nur einen schwach gelblichen 
Anflug zeigte. Hat man statt der Gelberde ungebrannten Ocker ver- 
wendet, so sind die Farben noch intensiver. Ein Gemenge von 1 Th. 
Chlorsilber und 20 Th. Gelberde erzeugt nach dem Brennen einen kaum 
erkennbaren gelben Anflug. Wird derselbe in einer Kohlenoxydgas- 
atmosphäre 5 bis 6 Minuten lang schwach erhitzt, so erhält man ein 
stark gelb durchscheinendes glänzendes Glas (vgl. 1887 266 364). 

Ein ^^verbessertes Verfahren^ Glas zu decoriren'-'-^ ist von R. E. Frank an- 
gegeben und ihm patentirt. Die zu ornamentirende Fläche wird mit einem 
lichtempfindlichen Firnisse überzogen, das Bild oder Muster aufgelegt, 
und das Ganze dem Lichte exponirt. Nach genügender Einwirkung 
wird die Fläche mit färbenden Oxyden oder Emails eingestaubt, die 
verschieden stark auf der Fläche haften, je nach der Einwirkung des 
Lichtes auf dieselbe. Als Firnifs kann folgende Mischung dienen : 500 Th. 
filtrirtes Wasser, 1 Th. Gelatine, 10 Th. Gummitraganth, 3 Th. Quitten- 
kerne, 40 Th. Chromsalz (Kaliumbichromat). Die Proportionen variiren 
je nach der Temperatur, Feuchtigkeit u. s. w. Die Oxydschicht wird 
durch einen Ueberzug von dickem Terpentin geschützt, und der Ueber- 
schufs an Firnifs durch Essig weggenommen. Nach dem Trocknen und 
Ausbessern wird der Gegenstand noch mit Oxyden colorirt, und in 
einem Ofen gebrannt (Näheres Hannover' sches Gewerbeblatt.^ 1889 S. 90). 

Maschine zum Aufreihen von Perlen von Haller und Berthold in Buch- 
holz, Sachsen (D. R. P. Kl. 32 Nr. 40914 vom 9. März 1887). Eine 
Nadel n von ungefähr 1°^ Länge besitzt oben eine Oese (Fig. 12) und 
ist unten schraubenförmig gebogen. Die Nadel wird oben an einer 
Spindel b festgeklemmt und wird durch diese Spindel gedreht. Der 
schraubenförmige Theil der Nadel taucht hierbei in den Perlenbehälter c 
und nimmt nach und nach die Perlen auf, die sieh auf dem Schafte 
der Nadel aufreihen. Ist die Nadel mit Perlen besetzt, so wird sie 
von der Spindel b abgenommen, an der Oese wird ein Faden befestigt, 
und dann werden die Perlen auf diesen geschoben. 

Eine andere Perlenaufreihmaschine von denselben Erfindern datirt 
vom 6. December 1887 (D. R. P. Kl. 32 Nr. 44 620). Die Perlen werden 
von einer rotirenden Spirale b oder einer anderen geeigneten Trans- 
portvorrichtung gegen das vordere Ende der nicht rotirenden, mit dem 
Faden t verbundenen Nadel n getrieben, von denen die zufällig mit der 
Oellhung auf die Nadel treflenden auf dieselbe und darüber hinweg auf 
den Faden gelangen, so dafs die Maschine ohne Unterbrechung die 
Perlen auf den Faden reihen kann. Die Nadel n wird abwechselnd 
von den Zangen d^ d^ d^ erfafst, nachdem die rotirenden Bürsten ey e^ e^ 
von den betreffenden Stellen der Nadel die Perlen weggeschoben haben. 



138 Zur Technologie des Glases. 

Die Spiralen Sj «2 «3 s^ transportiren die Perlen von einer Bürste zur 
anderen. 

Die bisher angewendete Methode zum Schleifen von Glasperlen, 
die darin besteht, dafs die abgesprengten Glasrohrstücke auf Draht auf- 
gezogen und vom Schleifer an die Schleifscheibe angedrückt werden, 
erfordert bei einem gröfseren Fabriksbetriebe eine nicht geringe An- 
zahl geschickter Arbeitskräfte; um diesem Uebelstande zu begegnen, 
bringt Emanuel Boessler in Wiesenthal (Oesterreichisches Patent Kl. 32 
vom 19. November 1888. D. R. P. Nr. 44712 vom 2. März 1888) ein 
neues Verfahren zur Anwendung, nach welchem es möglich ist, das 
Schleifen vollkommen automatisch durchzuführen. Der wesentliche Theil 
des Apparates besteht in einer an ihren Rand- und Seitenflächen mit 
concentrischen Ringkanälen versehenen Schleifscheibe o (Fig. 14), die in 
einem mit Wasser gefüllten Troge cdef rotirt. In den letzteren Averden 
die rohen Glasperlen eingefüllt, und gelangen auf die zwei in den Trog 
eingebauten, gegen die Schleifscheibe geneigten Rutschflächen ghi^ 
welche mit kleinen Löchern versehen sind. Durch die Reibung, theils 
gegen die Scheibe, theils gegen einandei-, werden die Perlen abgeschliffen, 
und fallen, wenn sie genügend klein sind, durch die Löcher in den 
Trog cdef. 

Bürette und Pipette mit Patenthahn von Greiner und Friedrichs [Zeit- 
schrift für analytische Chemie^ Bd. 27 S. 470). Die Bürette unterscheidet 
sich von den gewöhnlichen Glashahnbüretten dadurch, dafs sie neben 
der Ausflufsspitze ein zweites Röhrchen trägt, welches im rechten Winkel 
nach hinten gebogen ist, und mit dem Reservoir für die Titerflüssigkeit 
verbunden wird. Durch den mit zwei schrägen Bohrungen versehenen 
Hahn 1 kann jedes der beiden Röhrchen mit dem Inneren der Bürette 
verbunden werden. 

Die Pipette ist ein cylindrisches Gefäfs, welches am unteren ver- 
engten Ende den zweimal schräg gebohrten Hahn, die Auslaufspitze 
und das gebogene Zuflufsrohr trägt, genau so, wie bei der eben be- 
schriebenen Bürette, oben aber in eine offene Röhre ausläuft; letztere 
trägt mittels eines Stopfens eine flache, doppelt tubulirte Glasglocke 
(genau wie die des Hüfnefschen Apparates zur Bestimmung des Stick- 
stoffes im Harn), in die sie ziemlich hoch hineinragt. Die Pipette wird 
gefüllt, indem man durch das Zuflufsrohr die Flüssigkeit eintreten läfst, 
bis sie in die Glocke überzufliefsen beginnt. Der Ueberschufs kann 
durch eine zweite Tubulatur der Glocke entleert werden. 

R. Zsigmondy. 

1 Vgl. 1887 263 481. 



Müller- Jacobs, über die sogen. Resinatfarben. 139 

Ueber die sogen. Resinatfarben; von A. Müller- Jacobs. 

Vor mehreren Jahren machte Verfasser dieses die Beobachtung, dafs 
die Niederschläge, welche durch Ausfällen wässeriger Harzseifenlösungen 
mit beliebigen Metallsalzen erhalten werden, sich mit sämmtlichen Anilin- 
farbstoffen basischen Charakters zu besonderen Molekularverbindungen 
vereinigen lassen. 

Die auf solche Art gefärbten harzsauren Metalloxyde sind seither 
unter dem Namen „Resinatfarben'' in die Industrie eingeführt worden. 
Im Nachstehenden möge es mir nun gestattet sein. Näheres über die- 
selben mitzutheilen, da solche ihrer leichten Darstellbarkeit, ihrer merk- 
würdigen Eigenschaften und ihrer vielseitigen Anwendbarkeit wegen 
wohl ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürften. 

Darstellung der Resinatfarben. 

Man bereitet sich zunächst eine Harzseifenlösung, indem man 
100 Gew.-Th. helles Colophonium mit 10 Gew.-Th. trockenem kaustischen 
Natronhydrat (96 Proc), 33 Gew.-Th. krystallisirtem kohlensauren Natron 
(Na2C03 -f- 10 aq) und 1000 Gew.-Th. Wasser während einer Stunde 
unter Umrühren kocht und hierauf die Temperatur der Lösung durch 
Zugabe fernerer 1000 Th. kalten Wassers auf etwa 50° C. abkühlt. 

Dieser Seife wird nun die filtrirte Lösung eines basischen Anilin- 
farbstofFes, z. B. von Fuchsin, Methylviolett, Brillantgrün, Safranin, 
Chrysoidin, Auramin, Methylenblau, Rhodamin u. s. w,, und zwar je 
nach der gewünschten Intensität von 5 bis 15 Proc. vom Gewichte des 
angewandten Harzes zugegeben. 

Bei niedrigerer Temperatur und zu hoher Concentration der Seifen- 
lösung scheiden sich die betreffenden Farbbasen als harzige Abietate 
(Resinate) aus, was unbedingt zu verhüten ist. Die so dargestellte 
alkalische Farbmischung wird nun mit kleinen Portionen der verdünnten 
wässerigen Lösungen eines Metallsalzes versetzt und zwar unter stetem 
Umrühren, bis vollständige Fällung eingetreten ist, was leicht durch Ein- 
tauchen eines Streifens Filtrirpapier in die Flüssigkeit erkannt wird. Ein 
geringer Ueberschufs an Metallsalz erleichtert das nachträgliche Filtriren 
und Auswaschen. — Bei der Fällung z. B. mit Zink verwende ich für 
obige Quantität Harz etwa 55 Th. Zinksulfat, gelöst in 1000 Th. Wasser. 

Es sei noch bemerkt, dafs die mechanische Beschaff'enheit des Nieder- 
schlages wesentlich von der Menge des angewandten Wassers abhängt. 

Das Präcipitat wird nunmehr auf Filtertücher gebracht und sorg- 
fältig ausgewaschen, was übrigens auch mittels Filterpressen geschehen 
kann, wobei harte Kuchen mit 18 bis 25 Proc. Resinatfarbgehalt erzielt 
werden, ein Beweis für die aufserordentlich feine Beschaffenheit der 
wässerigen Paste. Eine Ausnahme in dieser Richtung machen die Mag- 
nesiumresinatfarben, welche, wenn sie nicht aus sehr verdünnter Lösung 



140 .Müller-Jacobs, über die soyen. llesinatrarben. 

gefällt werden, harzig zusainmeabacken. Diese Niederschläge werden auf 
Filtertüchern gewaschen und bei möglichst hoher Temperatur getrocknet. 
Von hier gelangt die Waare, falls sie nicht als wässerige Paste 
verwendet wird, in Trockenräume, die auf 40 bis 500 C., für Magnesium- 
niederschläge auf 70^ C. erwärmt sind und bleibt darin so lange, bis 
kleine Proben bei mehrmaligem Wägen in Zwischenräumen von einigen 
Stunden keine Gewichtsabnahme mehr zeigen. 

Eigenschaften der Resinat färben. 

Dieselben stellen im trockenen Zustande äufserst leichte Stücke oder 
zart anzufühlende, amorphe, pulverige Niederschläge von ungemeiner 
Farbenfrische und Schönheit dar. Mehr noch als die gewöhnlichen 
Harze werden sie durch Reiben stark elektrisch. Luft und Feuchtigkeit 
beeinflussen sie in keiner Weise. Sie geben weder an kaltes noch an 
heifses Wasser irgend welche nennenswerthen Mengen des aufgenom- 
menen Farbstoffes ab. Schwache Säuren und Alkalien sind ebenfalls 
gänzlich ohne Wirkung und selbst starke Lösungen von unterchlorigsauren 
Salzen vermögen die Farbkörper erst nach längerer Zeit etwas anzugreifen, 
vorausgesetzt, dafs solche nicht zuvor dem Lichte ausgesetzt wurden, 
in welchem Falle sie durch Oxydationsmittel leicht zerstört werden. 

In Alkohol sind sie mehr oder weniger löslich, und zwar hängt 
diese Eigenschaft innig mit der zum Abietat verbundenen metallischen 
Basis zusammen. Während sich nämlich die ungefärbten oder gefärbten 
Abietate des Aluminiums, des Berylliums, Eisens, Nickels, Maugans und 
des Kupfers nur wenig in Alkohol lösen, sind die Zink-, Blei-, Cad- 
mium- und Silbersalze schon bedeutend löslicher. Die Calcium-, Strontium- 
und Bariumsalze lösen sich ziemlich gut, sehr leicht löslich ist das Mag- 
nesiumsalz. 

In Benzol und seinen Homologen, ferner in Aether, Chloroform, 
Acetal und vielen ätherischen Oelen lösen sie sich im trockenen Zu- 
stande im Verhältnisse von 1 : 1 und bilden damit je nach der Menge 
des Lösungsmittels mehr oder Aveniger dickflüssige Firnisse, welche auf 
glatter Oberfläche rasch zu einem glänzenden, harten, transparent ge- 
färbten Ueberzug einti'ocknen. An sich allein wird dieser leider in 
kurzer Zeit sprüngig und fällt ab. — Die innere Natur und Haltbarkeit 
solcher Schichten hängt ebenfalls wesentlich ab von der metallischen 
Basis der Resinatfarbe. 

Die Präcipitate sind fernerhin leicht löslich in Alkohol-, Benzin- 
oder Terpentinöllirnissen, in schmelzendem Wachs, in Harzen, Palmitin- 
und Stearinsäure, in Oelsäure und deren Homologen, in ranzigen Oelen 
und gekochtem Leinöl. Ihre Löslichkeit nimmt mit höherem Farbstoff- 
gehalte — der überhaupt 20 Proc. vom Gewichte des Harzes nicht 
übersteigen darf — ab. In Terpentinöl und den Kohlenwasserstoffen 
der Erdölreihe (C,oHi^), z. B. in Benzin, sind sie völlig unlöslich. 



Müller-Jacobs, über die sogen. Resinatfarben. 141 

Einige der Metallresinate, z. B. die Aluminiiimsalze, zersetzen sich 
in Lösung, selbst bei Lichtabschlufs, in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit 
unter Abseheidung von Metalloxyd- oder Oxydhydrat, während andere, 
wie das Zink-, Blei-, Calcium- und Magnesiumresinat, sich unbegrenzte 
Zeit unverändert halten. 

Etwas über 100*^ erhitzt, beginnen die Farbkörper ohne Zersetzung 
zu schmelzen; bei höheren Temperaturen tritt Zersetzung ein. In 
offener Flamme verbrennen sie, ähnlich dem gewöhnlichen Colophonium 
mit rufsender Flamme unter Hinterlassung des entsprechenden Metall- 
oxydes. Dem Lichte widerstehen die Resinatfarben ziemlich gut, weit 
besser als die ebenfa 11s benzollöslichen direkten Verbindungen der 
Anilinfarbbasen mit Oelsäure, Palmitinsäure, Stearinsäure und Abietin- 
säure. Am ungünstigsten zeigte sich stets Brillantgrün (Sulfat des 
Tetraäthyldiamidotriphenylcarbinols) und zwar in allen Metallcombina- 
tionen; sehr gut dagegen Methylviolett, Safranin, Chrysoidin, Auramin(?) 
und namentlich Rhodamin (Chlorhydrat des Diäthylamidophenolphtaleins), 
abgesehen von der hervorragenden Brillanz dieses Farblackes. An Alu- 
minium- oder Chromabietat gebunden, bleichen sie im Allgemeinen leichter 
aus als in Vereinigung mit Zink- oder namentlich mit Magnesiumabietat. 

Durch Einwirkung des Lichtes namentlich auf dünne Schichten 
verlieren die Farben ihre Löslichkeit in Benzol vollständig und ver- 
halten sich in dieser Beziehung ähnHch den Harzen, vornehmlich dem 
Asphalt. Es kann dabei als sicher angenommen werden, dafs das Licht 
zunächst den Molekularzusammenhang aufhebt und die Verbindung in 
freien Farbstoff und Metallabietat zerlegt, welches letztere nun noch 
weiter verändert wird. Der frei gemachte Farbstoff kann jetzt durch 
warmes Wasser oder Alkohol, durch Säuren oder Alkalien, durch unter- 
chlorigsaure Salze oder andere Oxydationsmittel — überhaupt durch jede 
Substanz, die ihn im gewöhnlichen Zustand lösen oder zerlegen würde, 
abgezogen werden. An den belichteten Stellen verliert z. B. Papier, 
das mit einem Resinattirnifs überzogen ist, seine Farbe durch Einlegen 
in verdünnten Alkohol oder in Eau de Javelle, während der nicht 
insolirte Theil unaugegriffen bleibt. 

Diese Lichtreaction tritt bei den alkohollöslichen Metallabietaten 
weit schneller ein als bei den anderen; aber auch die optische Natur 
des Farbstoffes spielt dabei eine wichtige Rolle. In einer weiteren, ge- 
trennten Abhandlung „über die Verwendung der Resinatfarben zur 
photographischen Reproduction*-' werde ich Gelegenheit haben, auf diese 
Verhältnisse näher einzutreten. 

Verwendung der Resinatfarben. 
Wie aus den oben beschriebenen Eigenschaften dieser Körper er- 
hellt, können solche sowohl im teigförmig-wässerigen, wie im trockenen 
Zustande zu den verschiedensten Zwecken angewandt werden. 



142 Müller-Jacobs, über die sogen. Resinatfarben. 

Zunächst zur Darstellung transparenter Oel- oder Benzinfirnisse. 
Die Resinatfarben werden in einer zur Erreichung der gewünschten 
Intensität geeigneten Menge den Rohfirnissen einfach direkt oder in 
benzolischer Lösung beigegeben, wodurch gleichzeitig noch der sogen. 
„Körper" der Firnisse erhöht wird. Ich verwende hierzu gewöhnlich 
Zink-, Eisen-, Kupfer- oder Magnesiumresinate mit nicht über 8 bis 
12 Proc. Farbstoflgehalt vom Gewichte des Colophoniums. Durch Zu- 
gabe von Kautschuk- oder Guttaperchalösungen wird die Elasticität und 
Dauerhaftigkeit der Firnisse wesentlich erhöht. Eine derartige Zu- 
sammenstellung von besonderer Güte ist folgende, welche sowohl für 
sich allein, als auch als Zugabe zu anderen Firnissen benutzt werden 
kann: Man löse 30 Th. Magnesiumresinatfarbe in 80 Th. Benzol und 
20 Th. Chloroform und vermische mit 150 Th. einer 1 1/2 procentigen, 
durch Erhitzen geklärten Lösung von Kautschuk in Schwefelkohlenstoff 
und Benzol. 

Derartige Firnisse eignen sich vortrefflich zur Decoration glänzender 
Metalloberflächen (Zinnfolie), von Holz, Papier, Leder, Glas u. s. w. 
In vielen Fällen, namentlich für Holzanstriche sind die schon an sich 
gefärbten Metall resinate des Eisens, Chroms, Kupfers, Mangans u. s. w. 
in Combination mit Bismarckbraun oder anderen Farbstoffen vorzuziehen, 
einerseits aus Billigkeitsrücksichten, andererseits um dadurch die Licht- 
echtheit zu erhöhen. Sehr hübsche dunkelbraune bis schwarze Nuancen 
werden durch geeignete Mischungen von Resinatfuchsin, -grün oder 
-blau, -chrysoidin oder -auramin erhalten und eignen sich zu gewöhn- 
lichen Drucker- und Lithographentinten, zu Schnellwichse u. s. w. 

Mit den verdünnten benzolischen Lösungen der Resinatfarben lassen 
sich ferner Textilstoffe, einzeln oder gemischt, in einem Bade färben — 
leider nur für helle, zarte Töne — und diese Methode wird für Seide, 
Seidenbänder und Satin, sowie für Kunstblumen, die nicht abfärben 
dürfen, hier bereits im Grofsen, sowie in der Hausindustrie — zum Um- 
färben — umfangreich benutzt. 

Weiterhin lassen sich die Körper zum Färben und Drucken von 
Kautschuk und Kautschukwaaren, von Celluloid, von Wachstuch und 
Linoleumteppichen benutzen, ebenso zum Färben von Bleiweifs, Zink- 
weifs, Zinksulfid, Schwerspath, Kreide u. s. w. 

Im ungetrockneten, pasteförmig-amorphen Zustand eignen sie sich 
zur Fabrikation von Farbstiften, mit Thragant, Gummi, Stärke oder 
Albumin versetzt für den Tapetendruck u. s. w., M'obei gleichzeitig er- 
wähnenswerth erscheint, dafs dieselben durch Einwirkung der Dämpfe 
ihrer Lösungsmittel in den gelösten, transparenten Zustand übergehen^ 
in welchem sie sich auf jeder Fläche firnifsartig befestigen. 

New York im Juni 1889. 



Kleinere Mittheilungen. 



143 




Bogenfeile zur Herstellung innerer Schlitze, 

Während man zum Einschneiden des Mittelbruches der Schlüsselbärte und 
der äufseren Einschnitte oder Reifen die gewöhnliche Bogenfeile oder Metall- 
säge benutzen kann, stand bisher zur Herstellung der inneren, in den Mittel- 
bruch des Bartes einmündenden Einschnitte nur ein höchst unvollkommenes 
Werkzeug zu Gebote. Mit der Spitze einer ganz kleinen Flachfeile mufste 
man diese inneren Einschnitte, besonders im Beginne der Arbeit, mehr ein- 
kratzen als einfeilen. 

Die Maschinenfabrik von Wilh. Hartmann und Comp, in Fulda, welche seit 
einigen Jahren die wegen ihrer eigenthümlichen hervorragenden Härte „Diamnnt- 
Metallsägen" genannten Bogenfeilen liefert, hat nun neuerdings das Ein- 
schneiden der inneren Bartreifen dadurch zu einer 
leichten und bequemen Arbeit gemacht, dafs sie Säge- 
blätter von der in Fig. 1 und 2 veranschaulichten 
Einrichtung anfertigte. Diese Blätter, welche in jeden 
Sägebogen eingespannt werden können , sind aus 
gewöhnlichen flachen Sägeblättern entstanden, von 
denen man einen dreieckigen, die Zähne enthalten- 
den Theil a^ gegen den Rest a winkelrecht abge- 
bogen hat. Es entsteht auf diese Weise ein Blatt 
ähnlich demjenigen, welches man bei der Holzbear- 
beitung zum Ausschneiden des Grundes von Zinken- 
schlitzen verwendet. 

Die Anwendungsweise der neuen Säge wird aus 
Fig. 3 ersichtlich. Den vorderen flachen Theil a^ führt 
man in den Mittelbruch b des Schlüsselbartes ein 
und beginnt nun, mit der Spitze des gezahnten Drei- 
eckes oj zu arbeiten. Da der an dieser Spitze lie- 
gende Winkel sehr klein ist, so kommt, auch wenn 

der Mittelbruch b, wie üblich, nur eng ist, sogleich eine ziemlich lange Reihe 
von Zähnen zur Wirkung, die man bei langsamer Hin- und Herbewegung des 
Werkzeuges so weit anwachsen läfst, dafs der Reifen oder Einschnitt, welcher 
bekanntlich der im Schlosse angebrachten Besatzung zu entsprechen hat, in 
der gewünschten Tiefe entsteht. Da die Blätter nach demselben Verfahren 
wie die gewöhnlichen glatten Diamantstahlsägen gehärtet sind, mufs jeder 
Druck auf den Sägebogen vermieden werden. Sonst springen leicht die glas- 
harten Zähne aus, welche bei richtiger Behandlung ungemein schnell in Eisen 
und weichen Stahl einschneiden. 

Auch im Maschinenbau dürfte sich für das neue Werkzeug hier und da 
eine geeignete Verwendung finden; vielleicht läfst es sich zum Ausschneiden 
des Grundes von Schlitzen in Fällen, in denen die Benutzung des Kreuz- 
meifsels nicht zulässig ist, verwenden. G. 

D. Kuhnliardt's Vielfachtelegrapli ohne synchrone Laufwerke. 

Während in der absatzweisen mehrfachen Telegraphie die Einrichtung imd 
Schaltung der einzelnen Apparatsätze kaum wesentlich von der für das ein- 
fache Telegraphiren erforderlichen Einrichtung und Schaltung abzuweichen 
braucht, wird das Mehrfach-Telegraphiren dadurch erschwert, dal's die einzelnen 
Apparatsätze in regelmäfsiger Folge mit der Telegraphenleitung verbunden 
werden müssen, was gewöhnlich durch synchron laufende Triebwerke bewirkt 
wird, welche in jedem der beiden Aemter einen Vertheilerarm in Umdrehung 
versetzen. Einen Versuch, ohne Verwendung von synchron laufenden Trieb- 
werken bewegter Vertheiler, einen Vielfachtelegraphen, und zwar einen sol- 
chen für Huypes Typendrucker, betriebsfähig zu machen, hat bereits im J. 1876 
M. Koch in Chur gemacht (vgl. 1877 326 500; 1878 228 "• 515). Ein neuerer 
Vorschlag dazu ist von Datid Kuhnhardt in Aachen (*D. R. P. Kl. 21 Nr. 44585 
vom 1. Juni 1887) ausgegangen. Kuhnhardt beabsichtigt, die Ein- und Aus- 
schaltung jedes einzelnen Morse- Apparatsatzes zur rechten Zeit auf elektrischem 



144 Bücher- Anzeigen. 

Wege zu bewirken und entsendet daher vor und nach jedem Morse-Zeichen 
einen Strom, dessen Richtung derjenigen der Telegraphirströme entgegengesetzt 
ist; natürlich werden diese beiden Ströme unabiiängig von den Telegraphir- 
strömen und durch besondere Hilfsmittel entsendet, also auch dann, wenn 
etwa einmal nach der Einschaltung eines Apparatsatzes in der Zeit, während 
welcher er an der Leitung liegt, gar kein Zeichen telegraphirt werden sollte. 
Die Morse-Strome lafst Kuhnhardt nicht durch die Hand des Telegraphisten 
entsenden, sondern dieser hat stets nur eine dem zu telegraphirenden Buch- 
staben ents])rechende Taste zu drücken, welche dann gedrückt bleibt, bis in 
der bekannten Weise die erforderlichen Ströme durch unter der Taste hin- 
streichende Contact machende Nasen entsendet sind. Die Nasen und die Tasten 
mit ihren Contaclfedern sind unter (bezieh, neben) einander auf einem stehenden 
Kegel (bezieh, auf einer wagerechten Walze) angebracht. Auf dem Kegel (bezieh, 
der Walze) sind so viele Sätze Tasten und Contacttheile angebracht, als im 
empfangenden Amte in regelmäfsiger Abwechselung Empfänger an die Linie 
gelegt werden soll. Im empfangenden Amte braucht Kuhnhardt für jeden 
Apparatsatz nicht weniger als fünf Elektromagnete und für alle Sätze zu- 
sammen noch ein gemeinschaftliches Relais mit zwei Elektromagneten, und 
diese Häufung von Apparaten macht seinen Vorschlag zweifellos unausführbar. 
Vergleicht man damit die Einfachheit der von Koch, gegebenen Lösung, so 
drängt sich die Vermuthung auf, dafs die Aufgabe sich sicher in der einfachsten 
Weise dadurch wird lösen lassen, dafs man im empfangenden Amte einen 
Walzenumschalter aufstellt, der zur rechten Zeit durch einen den Telegraphir- 
strömen entgegengesetzten Strom (oder in einer anderen geeigneten Weise) 
um einen Schritt gedreht wird und dadurch den nächstfolgenden Empfänger 
mit der Telegraphenleitung verbindet, den bisher mit ihr verbunden gewesenen 
aber abschaltet. E. Z. 



Bücher-Anzeigen. 

Verzeichniss der technischen Hochschulen, Kunstakademien und Kunst- 
schulen, Bergakademien und höheren Militär- und Marine-Bildungs- 
anstalten und der verschiedenen gewerblichen Fachschulen, als: 
Gewerbe-, Bau- und Maschinenbauschulen, Berg- und Seemauns- 
Schulen, Weberei-, Wirkerei-, Färberei- und anderer Schulen der 
Industrie, Städtische Handwerker- und Fortbildungs-Schulen etc. etc. 
des Deutschen Reichs, Oesterreich-Ungarns und der Schweiz, sowie 
einer grossen Anzahl ähnlicher Lehranstalten der übrigen Staaten 
des europäischen Continents, herausgegeben von A. Seydel. Verlag 
der Polytechnischen Buchhandlung in Berlin W., Mohrenstrasse 9. 
Preis 4 Mark. 

Das Heftchen enthält eine Zusammenstellung der aufgeführten Lehr- 
anstalten unter namentlicher Aufführung des Leiters und der Fachlelirei". 



Verlag der J. ü. Cotta'schen Buchhandlung Nnchfolger in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart. 



üeber Rauhmaschinen. I45 

lieber Rauhmaschinen. 

(Patentklasse 8. Fortsetzung des Berichtes Bd. 268 S. 299.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 7 und 8. 

Beim Rauhen wollener und baumwollener Zeuge kommt es be- 
kanntlich darauf an, einen dichten Besatz oder Stapel bei möglichster 
Schonung des Stoffes und einem geringen Verlust durch Ausflocken zu 
erzielen; dementsprechend also ein zu festes Anliegen des Stoffes gegen 
die Karden zu vermeiden. 

Gustav Marcel Bauche und Henry Alexandre Bauche in Paris wollen 
bei ihrer durch D. R. P. Nr. 45 752 vom 16. März 1888 geschützten und 
in den Fig. 1 bis 3 Taf. 7 dargestellten Rauhmaschine eine schöne 
und dichte Decke bei möglichster Schonung des Stoffes dadurch er- 
reichen, dafs sie die Rauhwalzen in rotirenden Scheiben in verstell- 
bare Lagerschalen einlegen, welche auf Federn ruhen, durch deren 
Spannung die elastische Lagerung der Rauhwalzen bezieh, die auto- 
matische Bremswirkung der Lagerschalen auf die Walzen je nach der 
Natur des zu behandelnden Stoffes regulirt wird. 

1 sind die mit Kratzen bezogenen Rauhwalzen, von denen beispiels- 
weise je drei auf einem Paar Scheiben B gelagert sind. Die Anzahl 
der Scheibenpaare und demgemäfs auch die Zahl der Rauhwalzen kann 
geändert werden. 

Das zu rauhende und in den genannten Figuren durch eine punk- 
tirte Linie a—a angegebene Gewebe wird in der ersichtlichen Pfeil- 
richtung über Leit- oder Führungswalzen b geführt, die es in die Nähe 
der die Rauhwalzen tragenden Scheiben Äj Bo B^ B^ bringen. Die 
Vorrichtungen zur Zuführung des Stoffes können beliebige sein; in der 
vorliegenden Maschine ist P eine Holztrommel, um welche das Gewebe 
herumläuft; B ist eine Schraubenspindel zum Anspannen und Nach- 
lassen eines als Bremse wirkenden Riemens, durch die der Widerstand 
genannter Trommel gegen den Anzug des Gewebes vermehrt oder ver- 
ringert werden kann. Q ist ein Rad, in dessen Zähne die Klinke S 
«ingreift, V eine Hemmwalze für das Gewebe. Am anderen Maschinen- 
ende befindet sich die Zugwalze H^ gegen welche eine Druckwalze 
wirkt. Zwischenrad J überträgt den Antrieb auf die Abzugswalze H. 
MO ist die Faltvorrichtung für das gerauhte Gewebe. 

Beim Herankommen des Gewebes an die Scheiben B^ wird das- 
selbe zum ersten Male der Einwirkung der Rauhwalzen unterworfen, 
geht dann auf der anderen Seite der Scheiben nach unten, um ein 
zweites Mal von den Rauhwalzen getroffen zu werden. Die Scheiben B 
erhalten ihre Bewegung von der Antriebswelle. 

Die Achsen A der Rauhwalzen ruhen in den verstellbaren Lager- 
schalen 2^3 in den Scheiben B^ während die Lagerschalen selbst wieder 
auf Federn K aufsitzen. Die Federung der letzteren, welche nach Art 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 4. 1889i'III. 10 



14G Ueber Kauhmaschiuen. 

der Zeichnung sektoravtig gestaltet sein können, wird durch denjenigen 
Widerstand hervorgerufen, welchen das Gewebe bei seiner Berührung 
mit den Karden der Rauh walzen dem letzteren darbietet, so dafs die- 
selben nur der der Feder innewohnenden Elasticität entsprechend in 
das zu rauhende Gewebe eintreten, welche mau je nach Mafsgabe des 
zu bearbeitenden Gewebes reguliren kann. 

Aus Vorstehendem ergibt sich, dafs jede Rauh walze / der com- 
binirten Einwirkung einer selbsthätig verschiebbaren Bremse und einer 
sektorartig gestalteten Feder K unterliegt, die durch Druck auf die 
Achse A der Rauhwalzen wii-kt. Genannte Bremse wird durch die 
beiden über einander liegenden Lagerschalen 2 und o gebildet, von 
denen immer die obere 5 durch eine auf die Scheiben B aufgeschraubte 
gebogene Platte 6 auf die Achse der Rauhwalze gedrückt wird. Ueber 
jeder Lagerschale 5 ist zum Einbringen von Schmieröl eine Aus- 
sparung 9 vorgesehen, deren Boden mit Baumwolle belegt sein kann 
und welche durch ein Kanälchen 10 mit der Achse der Rauhwalze in 
Verbindung steht, so dafs Schmiervorrichtung und Lagerschale ein 
Stück bilden. Die unteren Lager schalen tragen je einen mit Gewinde 
besetzten Zapfen ö, auf welchem eine als Zahnrad ausgebildete, sich 
gegen Feder K anlegende Mutter 4 sitzt. In letztere greifen die Zähne 
eines Getriebes 7 ein, durch dessen Drehung nach rechts oder links 
die Muttern 4 entweder nach ein- oder auswärts geschoben und da- 
durch der Druck gegen die Federn K vermehrt oder vermindert wird, 
was zur Folge hat, dafs die Lagerschalen 2 mehr oder weniger fest 
gegen ihre Achsen A angeprefst werden, so dafs sich die Rauhwalzen 
mehr oder weniger schwer drehen. Nach Mafsgabe des auftretenden 
Widerstandes dringt hierbei das Gewebe in den Kratzenbeschlag ein, 
ohne dafs es verschoben wird. 

Die Drehung des Zahn triebe s 7 kann durch Einstecken eines 
Bolzens in die hinter den Zähnen liegenden Bohrungen 8 bewirkt werden. 

Bei der Berührung einer Rauh walze i mit dem Gewebe durch 
Drehung der Seheiben Ä, B^ erleidet die Rauhwalze einen radialen 
Druck, der die Feder K in der Weise biegt, dafs die Kratzen nur in 
der das Rauhen richtig bewirkenden Weise ohne Verschiebung des Ge- 
webes auf letzteres einwirken, woraus folgt, dafs, wenn mau durch 
Drehung des Triebes 7 in der einen oder anderen Richtung die Feder K 
mehr oder weniger anspannt, man auch das Gewebe mehr oder weniger 
bearbeiten kann, da dann die Bremswirkung der Lagerschalen eine mehr 
oder weniger starke ist. 

Die Berührung des Gewebes mit den Kratzen erfordert eine äufserst 
genaue Einstelkmg des letzteren. Dieselbe erfolgt im vorliegenden Falle 
durch zwei Zahnstangen in folgender Weise: Die beiden verschiebbar 
angeordneten Schienen E E^ (Fig. 1 Taf. 7) sind an den Enden der 
einen Seite mit Zähnen besetzt und können in am Gestelle angebrachten 



Ueber Rauhmaschinen. I47 

Backen nach vor- oder rückwärts verschoben werden. Eine durch die 
Maschine hiudurchgeführte Welle trägt an jedem Ende ein Zahnrad, 
das sich auf den genannten Zähnen L L^ der Zahnstangen abwälzt. Auf 
jeder der beiden Schienen E E^ sind durchgehende Führungs- oder Leit- 
walzeu b angebracht, die sich nach Mafsgabe des gesonderten Angriffs 
der Rauhwalzen parallel mit den Schienen verschieben. Ein zu beiden 
Seiten des Maschinengestelles angebrachtes Handstellrad dient zur Ein- 
stellung der gesammten Vorrichtung, ohne dabei von der Anzahl der 
die Rauhwalzen tragenden Scheiben abhängig zu sein. 

Bei der dargestellten Rauhmaschine von Bauche sind sämmtliche 
Lagerschalen nur von einer Feder, die drei Sektoren bildet, unterstützt. 
An Stelle von nur einer Feder kann auch für jede Rauhwalze eine be- 
sondere Feder gewählt werden, und zwar wird dies immer dann der Fall 
sein müssen, wenn jede Rauhtrommel eine grofse Anzahl Rauhwalzen 
trägt. Eine derartig ausgeführte Rauhmaschine zeigt uns das Amerika- 
nische Patent Nr. 344981 von Frederick Ott in Philadelphia. Die Lager 
der einzelnen Rauhwalzen ruhen auf Spiralfedern, und der Antrieb der 
Rauhwalzen erfolgt nicht wie bei der vorbeschriebenen Maschine durch 
den Widerstand, welchen die Karden bei Umdrehung der Rauhtrommel 
im Zeuge finden, sondern unter Vermittelung von Reibungsrollen, welche 
auf den Lagerachsen der Rauhwalzen sitzen und sich bei Drehung der 
Trommel auf einem dieselben umschliefsenden Geleise abwälzen. Die 
Führung des Stoffes durch die Maschine geschieht in solcher Weise, 
dafs die Rauhwalzen denselben nur leicht berühi*en. Die Leitwalzen für 
denselben werden positiv bewegt. 

Die besondere Einrichtung der Rauhmaschine ergibt sich aus den 
Fig. 4, 5 und 6 Taf. 7. In den beiden Gestellwänden f ist die Welle a 
gelagert, welche die zwei Armkreuze c trägt, in deren Armen auf den 
Spiralfedern g die Lagerschalen d für die Rauhwalzen b ruhen. Die 
auf den Achsen der letzteren sitzenden Reibungsrollen h wälzen sich, 
sobald die Trommel ac mittels des Riementriebes ik in Umdrehung 
versetzt wird, auf den in die Seitenwände f des Gestelles eingesetzten 
Geleisen e ab und erhalten dadurch ihre Umdrehung. Der in punktirten 
Linien angegebene Stoff läuft durch die Zuführwalzenpaare Im und no 
in die Maschine ein und gelangt von letzteren über die Stege p p^ nach 
der ersten Leitwalze q und von da über die Leitwalzen ?i ^2 • • "°^ ^^^ 
^tegjJi3 wieder nach aufsen zu den Abzugswalzenpaaren ?j mj und nj Oj . 
Zwischen je zwei Leitwalzen q kommt der Stoff mit den Rauhwalzen 
in Berührung, die Leitwalzen q werden, wie bereits erwähnt, zwang- 
läufig in Umdrehung versetzt, und zwar erfolgt dieses durch die beiden 
über die Rollen r laufenden Riementriebe s und t. 

Die Hauptwelle a macht nach Angabe des deutschen Wollengewerbes 
100 bis 120 Umdrehungen. 

Die Rauhwalzen können anstatt durch Reibungsrollen auch durcl\ 



148 Ueber Rauhmaschinen 

Zahngetriebe in Umdrehung versetzt werden, oder es können auch so- 
wohl die Riementriebe für die Stoffleitrollen, als auch die auf den Rauh- 
walzen sitzenden Triebrollen unabhängig von einander bewegt werden, 
wie es z. B. bei den Maschinen von Grosselin pere et fils in Sedan (1888 
268 299) der Fall ist, und hierdurch beliebige Wirkungsgrade erzielt 
werden. 

Wesentlich verschieden von den bisher betrachteten Rauhmaschinen 
ist die Maschine von Edward Michaelis^ Alfred Smelhurst und Charles 
Wood in Cable Mills (Oldham Road), Manchester, England. Bei der- 
selben erfolgt das Rauhen nicht durch eine Rauhtrommel, deren Um- 
fang mit Karden besetzt ist, oder durch Rauhwalzen, sondern durch 
Rauhtrommeln, welche mit Kardenträgern versehen sind, die gegen die 
rotirenden Ti'ommeln eine regulirbare Hin- und Herbewegung in senk- 
rechter Richtung zu Radialebenen der Trommeln besitzen. 

Die durch das D. R. P. Nr. 46357 vom 8. Juli 1888 geschützte 
Maschine ist in den Fig. 7 bis 9 Taf. 7 u. 8 wiedergegeben. In dem Ge- 
stelle a ist die Hauptwelle b mit ihrer festen und losen Riemenscheibe b^ b^ 
gelagert; zwei Reibungsräder cc^ geben die Bewegung der Welle an 
die Reibungsrollen d d^ weiter und drehen so die Wellen e Cj , deren 
Geschwindigkeit durch Anwendung der Schraubenstellung f^ f^ geregelt 
werden kann, welche den Reibrollen dd^ ihre Stellung näher oder 
weiter von dem Mittelpunkte der Scheiben c q geben. Die Kegelrad- 
getriebe ^2 g-i vermitteln von der Welle e^ aus die Drehung der Achsen g^ 
und der auf ihnen befestigten Rauhtrommeln g g^. Jede Trommel be- 
steht aus zwei Scheiben h (Fig. 9 Taf. 7), welche auf der Achse g^ 
festsitzen, und jede Scheibe hat vier Schlitze Äj, symmeti-isch nahe der 
Peripherie vertheilt. Diese sind gewöhnlich geradlinig und werden von 
dem sie rechtwinkelig schneidenden Durchmesser der Rauhtrommeln 
halbirt, können aber auch etwas gekrümmt angeordnet sein. In jedem 
Schlitze gleitet ein Schlitten i, welcher die Karden j trägt und mit dem 
entsprechenden Schlitten i an der gegenüberliegenden Seite der Trommel 
fest verbunden ist. Diese Schlitten erhalten eine gleitende Bewegung 
durch die Winkelhebel /c, die ihre Drehpunkte in den Zapfen k^ der 
Scheibe h haben. Ihre Bewegung erhalten die Winkelhebel durch eine 
Profilscheibe /, auf deren Umfang die an dem einen Winkelhebelarme um 
Zapfen k^ drehbaren Rollen ftg laufen, so dafs eine schwingende Be- 
wegung der Wiukelhebel erzielt wird. Nach der Anzahl der Er- 
höhungen auf dem Umfange der Profilscheibe richtet sich die Anzahl 
der Hebelschwingungen bei einer Umdrehung der Scheiben h. Der 
Paarschlufs zwischen den Rollen k^ und der Profilscheibe / wird durch 
die feste Verbindung je zweier gegenüberliegender Rollenzapfen er- 
reicht. Diese Verbindungsglieder sind in Fig. 9 Taf. 7 punktirt an- 
gegeben und enthalten in ihrer Mitte eine OefFnung für den freien Durch- 
gang der Achse g^. Aufserdem hat jedes einen Kopf m mit verstellbarem 



lieber Rauhmaschinen. I4.9 

Lager zum genauen Einstellen. Die zweiten Arme der Winkelhebel k 
greifen an Zapfen t^ der Kai-denträger i mit Spielraum an und bewegen 
sie so in ihren Schlitzen Aj hin und her. Zweckmäfsig wird man an 
jedem Trommelende, d. h. neben jeder Seheibe h eine solche Profil- 
scheibe anbringen, um einen gleichmäfsigen Antrieb der einzelnen 
Kardeuträger zu sichern. Jede dieser Scheiben ist dann an der Nabe 
eines auf der Achse ^3 lose drehbaren Zahnrades n befestigt. Diese 
Zahnräder n erhalten ihren Antrieb von der Welle e aus mittels der 
Räder e^ 0^ und es wird auf diese Weise die Relativdrehung der 
Räder n gegen die Scheiben h sich zusammensetzen aus den beiden Dreh- 
bewegungen gegen das feste Gestell a. 

Der zu behandelnde Stoff gelangt in der Richtung des Pfeiles (Fig. 7) 
in die Maschine, läuft über die Rollen jo zur ersten Rauhtrommel ^|, über 
die Rollen r^ (nochmals) zur zweiten Berührungsstelle mit dieser Trommel 
und dann in gleicher Weise über die Rolle jOj an die zweite Trommel 
über r zu dieser zurück und über die Rollen f^ zur Faltvorrichtung S. 
Diese erhält ihre Bewegung von der Kurbel der Scheibe 5|, die von 
der Rolle 63 der Achse h getrieben wird. Die Führungsrollen rr^ werden 
durch Riementrieb von der Rolle 64 aus bewegt. 

Um die Kardenzähne bequem schleifen zu können, sind die Lager t 
der einen Rauhtrommel g^ durch Schrauben t^ verschiebbar angeordnet. 
Durch eine Verschiebung dieser Lager kommt die Trommel in Folge 
des Eingriffs zwischen e^ und g^ in eine der Trommel g gleichgerichtete 
Bewegung. Allenfalls kann man die Kardenzähne durch Herausnehmen 
der Beschläge gleichgerichtet einsetzen. Natürlich mufs hierbei die 
Welle Ol gesenkt, d. h. aufser Betrieb gebracht werden. 

Der im vorliegenden Falle angewendete Mechanismus zur Bewegung 
der Kardensektoren kann auch durch jeden anderen ersetzt werden. 

Aus der Combination der Bewegungsrichtungen und Geschwindig- 
keiten der Trommeln gegen die des Zeuges und die der Karden relativ 
zu der der Trommeln ergeben sich eine grofse Anzahl von Wirkungs- 
graden der Maschine. Der höchste Grad von Wirkung der Karden 
wird offenbar erzielt, wenn beide Trommeln entgegengesetzt der Zeug- 
richtung sich bewegen. Der niedrigste, wenn sie sich mit der Zeug- 
richtung umdrehen, da in diesem Falle nur die Bewegung der Karden 
gegen die der Trommeln zur Geltung kommt. Durch Aenderung der 
Relativgeschwindigkeit der Karden gegen die Trommeln kann gemäfs 
der Art des Stoffes jeder beliebige Grad von Aufrauhung erzielt werden. 
Auf demselben Grundgedanken, wie die im letzten Berichte (1888 
268 305) erwähnte Hansori sehe Rauhmaschine beruht die in Fig. 10 
Taf. 7 wiedergegebene und durch das Amerikanische Patent Nr. 358136 
geschützte Maschine von Joseph Woelfel in Philadelphia. Der. Rauh- 
prozefs erfolgt durch eine Anzahl sternförmiger Rauhtrommeln a, deren 
mit Karden besetzte Arme zwischen Führungsstäben hindurchgreifen. 



150 üeber Rauhmascliinen. 

über welche das Zeug geführt wird. Diese Führungsstäbe b sind nicht, 
wie bei der Maschine von Hangon^ fest in den beiden Seitenwänden 
des Gestelles gelagert, sondern es ruht jeder in zwei Lagern rf, die 
mit Hilfe von Stellschrauben c in Führungsschlitzen e derart verstellt 
werden können, dafs die Stäbe einander genau parallel zu stehen 
kommen und aufserdem das Gewebe u. s. w. mehr oder weniger stark 
von den Rauhkarden getroffen wird. Das Gewebe läuft in Richtung der 
eingezeichneten Pfeile über die Führungswalzen gh zu den Stäben 6, 
zwischen welchen es seine Bearbeitung erfährt, und geht von da über 
die Leitwalze k nach der Führungsrolle t, welche es einer rotirenden 
Bürste / zuführt, die den Flor niederstreicht und etwaigen Staub ent- 
fernt. 

Die Rauhwalzen selbst werden ebenfalls durch eine rotirende 
Bürste n von den ihnen anhaftenden Fasern u. s. w. befreit, und zwar 
erfolgt dies unterhalb der Arbeitsstellen der Karden. Das Schutzblech o 
fängt den von der Bürste n abgelösten Abfall auf. 

Zum Schlüsse sei noch einer StotFklemme Erwähnung gethan, welche 
das umständhche Aneinandernähen einer Anzahl Gewebestücke, wie es 
in der Appreturtechnik entweder durch Hand oder mit der Maschine 
gebräuchlich ist, ersetzen soll. Diese StotFklemme rührt von Alfred 
F. Binsmore in Boston, Massachusetts, her und ist durch das Amerika- 
nische Patent Nr. 356455 geschützt. Fig. 12 Taf. 7 zeigt diese Stotf- 
klemme im Querschnitt und Fig. 11 Taf. 7 veranschaulicht deren An- 
wendung. Die Verbindung der beiden Stoffstücke erfolgt mit Hilfe der 
beiden Leisten a und b in der Weise, dafs die Enden der StofFstücke 
auf die auf der Leiste o befindlichen Nadeln c aufgedrückt und auf 
denselben durch die Leiste 6, welche mit den Nadeln entsprechenden 
Aussparungen d versehen ist, gehalten werden. Das Zusammenpressen 
der Stoff klemme a b geschieht einestheils durch die auf der einen Seite 
auf die Stäbe aufgeschobene Kappe e, welche in ihrer Lage durch eine 
Druckschraube gehalten wird; anderentheils durch die Kappe /", welche 
-die beiden anderen Stirnenden der Stäbe ab aufnimmt. Eine in diese 
Kappe eingeführte Schraube g verschiebt den Stab b gegen a in Folge 
ihrer Wirkung auf die schräge Fläche h und prefst hierdurch den erst- 
genannten Stab um so fester auf den zweiten, je fester die an ihm 
sitzenden schrägen Gleitstücke i unter die schräggeschnitteneu Nasen k 
gedrückt werden. , 

Um den Stoff vor einer Beschädiguna; durch die Klemme zu schützen, 
sobald dieselbe eingewickelt wird, ist auf dem Stabe a ein Ueberzug / 
angeheftet, welcher auf dem Stabe b durch die Knöi)fe m gehalten wird. 

H. Glafey. 



Gad, über Keuerungen in der Tiefbohrtechnik. 151 

Neuerungen in der Tiefbohrtechnik; von E. Gad 
in Darmstadt. 

Mit Abbildungen auf Tafel 8. 

Die in meinem früheren Berichte (D. p. J., 1889 271 295) als bevor- 
stehend erwähnte IV. Bohrtechniker-Versammlung hat am 9. bis 11, Juni 
1889 zu Budapest stattgefunden. 

Es kam daselbst ein sehr interessanter Bericht des Herrn Berg- 
ingenieur Gnstav Dehnhardt zum Vortrage über die Tief bohrung Jessenitz^ 11.^ 
welche bei Lübtheen in Mecklenburg mittels des combinirten Bohr- 
systems in der Zeit vom 18. März bis 8. August 1886 bis 451™,5 Teufe 
durchgeführt worden ist. 

Nachdem durch Kies und Gerolle abwechselnd mit Schappe und 
22^^,5 starker Geröllstampfe unter Wasserspülung, bei gleichzeitigem 
Einpressen einer Röhrentour von 26'^™,2 äufserem Durchmesser, die Teufe 
von 135™,5 erreicht war, ging man behufs Durchbohrung der daselbst 
angetroflenen Gypsschicht zunächst zur Anwendung der Stofsbohrung 
mit Fabian schem Freifallinstrument über. Da man aber nach Arbeit 
von zwei Schichten mit der Teufe von 137™,9 glaubte festgestellt zu 
haben, dafs der angetroffene Gyps zu dem erwarteten Hauptlager ge- 
höre, so hofl'te man mit der Diamantbohrung noch günstigere Resultate 
zu erzielen. Diese Hofinung ging in Erfüllung. Das Bohren mit 17c'",5 
starker Federringkrone, sowie das Verrohren mit gleich starker Röhren- 
tour machte bis 181^ Teufe sehr gute Fortschritte, ohne Nachfall 
zu ergeben. Die Bohrkerne kamen tadellos zu Tage. Von 181°^ bis 
260"^, woselbst man das Steinsalzlager erreichte, fand ein Vorbohren 
mit 7-™,5-Krone und Erweiterung mit 12'^™,5-Krone, sowie Verrohrung 
bis zu Tage mit 12^^,5 starken Röhren statt. Bei Fortsetzung der 
Bohrung durch Salz mit 7cm^5-Krone führte die Laugespülung einige 
unwesentliche Klemmungen des Bohrapparates herbei, worauf besondere 
Sorgfalt auf Reinhaltung des Gestänges und des Bohrapparates ver- 
wandt wurde. Bei 360™,7 bis 414'^,5 Teufe traf der Bohrer das er- 
wartete Kalisalz, weiterhin bis zu 451™, 4 das ältere Steinsalzlager. Von 
Gyps, Stein- und Kalisalzen wurden etwa 90 Proc. Kerne gefördert. 
Der Durchmesser der Salz- und Kalibohrkerne betrug 4^^% im Gesammt- 
gewicht von 278'^',45. 

Die zur Arbeit gebrauchten Doppelschichten vertheilen sich wie 
folgt: 

1) Auf das Einlassen, Bohren und Ziehen des Gestänges . 65,8 

2) Aufarbeiten des Kachfalles und verlorene Kerne ... 8,4 

3) Herstellung und Reparatur der Werkzeuge 13,9 

4) (Verrohrungen) Erweiterungen 11,0 

5) Verrohrungen 10,3 

6) Wiederinbetriebsetzen des Bohrloches nach Unfällen 6,5 

Summa 115,9 

Doppelschichten 



152 Gad, über Neuerungen in der Tief bohr technik. 

Der Fortschritt in 24 Stunden war: 

1) In Berücksichtigung der ganzen Arbeitszeit von 115,9 Doppel- 
schichten: 3'n,92. 

2) In Betracht der auf das Bohren verwendeten Zeit: 6™,81. 
Diese sehr glücklich verlaufene Diamantbohrung spricht durchaus 

dafür, diese Methode möglichst allgemein vor dem Schachtabteufen in 
Anwendung zu bringen, um die so wichtigen Deckgebirge klar zu legen 
und so für das folgende Schachtabteufen viel Geld zu ersparen. 

Wesentlich zur Klärung der Frage betreffs zweckmäfsiger Anwend- 
barkeit der Diamantbohrinelhode wird übrigens der inzwischen erschienene 
III. Band der Tiefbohrkunde von Tecklenburg beitragen, welcher gerade 
dieses Feld behandelt. Ich habe diesen Theil des verdienstvollen Werkes 
in D. p. J., S. 48 d. Bd. besprochen. 

Herr Fauck stellte in der Bohrtechniker- Versammlung ein neues 
Bohrverfahren in Aussicht , worüber er u. a. auch schon öffentlich im 
Wiener ßergwerksverein am 7. Februar 1889 gesprochen hatte und dessen 
Patentirung in nächster Aussicht steht. Es handelt sich um die von 
ihm bereits erprobte Durchführung der Wasserspülung ohne Hohl- 
gestänge, indem die Sicherheitsröhren als Spülröhren verwendet werden. 

Grofse Vortheile dürften sich an dieses Verfahren knüpfen; so könnte 
man unter Beibehaltung des gewöhnlichen Bohrgestänges das Löffeln voll- 
ständig entbehren und die Verrohrung stets freigespült und gängig er- 
halten. 

Ein fernerer Gegenstand von bedeutendem Interesse, besonders für 
die Verhältnisse des Oesterreich -Ungarischen Kaiserreichs, wurde von 
Herrn Julius Noth auf die Tagesordnung gebracht, indem er auf die 
Entwickelungsfähigkeit der Erdölausbeute in der südlich der Karpathen 
in Ungarn gelegenen Oelregionen hinwies, welche bei rationellen Ab- 
bohrungen mindestens dieselben Ergebnisse versprächen, als die am 
Nordabhange der Karpathen in Galizien betriebenen Oelbrunnen. 

Die nächste Bohrtechniker- Versammlung, die fünfte, ist für das 
nächste Jahr im September in Prag in Aussicht genommen. 

Von den mannigfachen Bohrungen, welche neuerdings ausgeführt 
bezieh, in Betrieb gesetzt sind, verdienen folgende besondere Erwähnung: 

Im Herzoglich Anhaltischen Salzbergwerke Leopolüshall ist am 15. Mai 
1889 nach Arbeit von 1 Jahr und 5 Monat die durchaus gelungene 
Abbohrung eines Schachtes nach dem Kind-Chaudron sehen Verfahren 
zur Vollendung gekommen, welche Arbeit Herr Ingenieur E. Hülsbruch 
im Auftrage der Bohrunternehmer Hantel und Lueg in Düsseldorf seit 
dem December 1887 geleitet hat. 

Der Schacht wurde bis 104"^ Teufe von Hand abgeteuft und steht 
jetzt bis lOO"" bei 4f",65 Durchmesser in Mauerung. 

Als bei 104"! auf der Berührungsfläche zwischen blauen Letten und 
Gyps etwa Ißcbm Wasser in der Minute angefahren wurden, stellte man 



Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 153' 

das Abteufen von Hand ein und ging zum Kind-Chaudron sehen Bohr- 
verfahren über. 

Um den Schacht von den in ihm befindlichen Einstrichen, Bühnen,- 
Pumpen u. s. w. frei zu machen, wurden die Wasser durch einen Beton- 
pfropfen abgesperrt, welcher den Schacht bis zu 95"" Teufe auffüllte. 
Nach Freilegung des Schachtes begann im December 1887 die Bohrung 
mit einem Vorbohrer von 2°i,5 Durchmesser und 160001^ Gewicht. 

In Teufe von 95°^ bis 129", also im Ganzen in Si^ wurden durch- 

s unken: 

Beton 9m 

Blaue Letten und Gyps .... 3 

Gyps und Anhydrit 22 

Summa Sim. 

Diese Abbohrung dauerte 74 Tage mit 011,46 durchschnittlichem 
Fortgange im Tag und einer Maximalleistung von 0^,98 in Gyps an 
einem Tage. Gewöhnlich fand der Kindische Freifallapparat mit Bohr- 
cylinder und Schwengel Anwendung, wobei durchschnittlich 17 Schläge 
in der Minute bei 35 bis 40cm Hub erfolgten. 

Nachdem etwa 16™ abgebohrt waren, verursachte der Bruch des 
Bohrschaftes einen Aufenthalt von 128 Tagen. Herbeigeführt wurde 
der Bruch durch aufsergewöhnlich ungleichmäfsige Beanspruchung, da 
beim Verlassen des Schachtes Holz- und Eisentheile in demselben ver- 
blieben waren. Der Bruch trat an einer ganz ungewöhnlichen Stelle 
ein. Die vorhandenen Fanggeräthe reichten nicht aus, und während 
ein besonderer Fänger construirt und angefertigt wurde, setzte sich der 
Gjpsschlamm um das Bruchstück so fest, dafs dieses bei einem Ge- 
wichte von 8000"^ mit dem Fänger trotz einer Anwendung von 50000*^ 
Zugkraft nicht los zu machen war. 

Man sah sich daher genöthigt, die Fangarbeit einzustellen, das» 
Bruchstück dagegen mit dem Erweiterungsbohrer freizubohren, wobei 
man noch mit einigen Djnamitschüssen nachhelfen mufste. 

Die Erweiterung des Vorschachtes von 2m,5 Weite fand mit einem 
Bohrer von 4m,3 Durchmesser und 18 000^ Gewicht statt, theils mit der 
Rutschschere, theils mit dem Kindischen Freifallinstrumente, bei durch- 
schnittlich 15 Schlägen in der Minute und etwa 30cm Hub. Durch- 
geführt wurde die Erweiterung 31m tief bis zu 126m Teufe, woselbst 
sich der Anhydrit völlig dicht und abschlufsfähig bewies. Es hatten 
dies schon vorausgegangene Versuchsbohrungen vermuthen lassen. Diese 
Durchbohrung von 31™ mit dem grofsen Bohrer hatte 100 Arbeitstage 
beansprucht, so dafs sich eine Durchschnittsleistung von 0™,31 im Tage 
bei einem gröfsten Tagesfortschritte von 0m,48 ergab. 

Da sich bei der Schachterweiterung die blaue Lette als nicht ständig 
genug zeigte, so wurde zur Sicherung der Schachtwandung eine schmiede- 
eiserne Röhrentour von 10™ Höhe, 4m,33 lichter Weite und 30mm Wand- 
stärke eingebaut, welche mit 108™ Teufe mit dem Fufse in Gyps auf- 



154 Gad, über Neuerungen in der Tief bohrtechnik. 

steht und nach oben noch 2"^ in die Schachtmauerung hineinragt. Diese 
Verrohrung erforderte 35 Tage. 

Nach Fertigstellung des gebohrten Schachtes erhielt derselbe eine 
eiserne Verrohrung von hO^ unter Wasser, aus einzelnen Ringen von 
3'^,65 lichtem Durchmesser, l'",5 Höhe und von oben nach unten wach- 
senden Wandstärken von 33 bis 45i"™. Das Einhängen der Verrohrung 
war nach 48 Tagen beendigt. Dann erfolgte die Ausfüllung des Zwischen- 
raumes zwischen dieser Verrohrung und dem Schachtstofs mit Beton 
mittels eines besonders zu diesem Zwecke construirten Betonlöffels ; dies 
war in 11 Tagen durchgeführt, worauf die Arbeit etwa 6 Wochen bis 
zur Verhärtung des Betons ruhte. Nachdem alsdann das Abpumpen 
des Wassers stattgefunden hatte, konnte festgestellt werden, dafs die 
Absperrung des Wasserzudranges von IQcbm Wasser in der Minute voll- 
ständig gelungen war, so dafs einem weiteren Abteufen auf trockener 
Sohle von Hand nichts im Wege stand. Sämmtliche Arbeiten wurden 
in 3 Schichten zu 8 Stunden Tag und Nacht, auch Sonntags, betrieben. 
Bei den Bohrarbeiten arbeiteten in jeder Schicht 6 Mann aufser dem 
Maschinenführer, Kesselwärter und den Schmieden zur Anfertigung von 
Reparaturen. 

In den Brucher Kohlenwerkeu bei Ossegg in Böhmen hat der 
Bohrmeister Herr Julius Thiele in der Zeit vom 12. November 1888 bis 
zum 2. März 1889, also in 112 Tagen, eine sehr glückliche Bohrung 
mit den einfachsten Mitteln niedergebracht. Mit Löffelbohrer, Spiral- 
bohrer und Schmantbüchse am steifen Gestänge wurden von einem 4™ 
tiefen, 2^ weiten Bohrschacht aus durch drehendes Bohren mittels eines 
Handkrahnes und Menschenkraft 388in,6 Teufe erreicht, in abnehmenden 
Weiten des Bohrloches von 220 bis 75"^ Durchmesser. Allerdings 
. führte die Arbeit durch günstige Braunkohlenlette mit etwa 15 Sphäro- 
sideritschichten von 100 bis 400"°' Mächtigkeit, welche aber auch an- 
dererseits eine durchgehende Verrohrung beanspruchte, die mit patent- 
geschweifsten Röhren von 220, 156, 120, 95 und 76"°' Stärke durchgeführt 
wurde. Der Grundwasserspiegel lag 56°' unter der Oberfläche. Das 
Resultat bestand im Anfahren eines etwa 32"' mächtigen Braunkohlen- 
flötzes. In Tag- und Nachtschichten waren im Ganzen 26 Mann be- 
schäftigt, und diese erreichten stündlich einen durchschnittlichen Bohr- 
fortschritt von 0°',14, welcher sich in einer Stunde auf 8°' steigerte. 
Die ganze Bohrung kostete nur 8351 M., von denen 280 M. auf Be- 
schaffung des Handkrahnes, sowie 100 bis 140 M. auf Bohrer und 
Schmantbüchsen entfielen. 

Seit Anfang April 1889 wird bei Gleiwitz sehr eifrig nach Kohle 
gebohrt. Der preufsische Fiskus hatte zunächst im dortigen Kreise 
4 Bohrungen bei Schönwald, Nieboro^vitz, Deutsch-Zernitz und Gieralto- 
witz unter Oberleitung des Herrn Oberberginspektor Köbrich mit dem 
oeübten Personal und dem bewährten Geräth von Schönebeck begonnen. 



Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 155 

wozu im Mai noch eine fünfte Bohrung bei Sczyglowitz getreten ist. 
Die Versuche haben unter den bäuerlichen Besitzern der Umgegend ein 
förmliches Kohlenfieber entfacht, das sich in 10 oder 12 verschiedenen 
Bohrunternehmungen, oft mit recht unzulänglichen Mitteln, äufsert. In- 
zwischen ist Anfang Mai in einem dem belgischen Grofsindustriellen 
Suermondt gehörigen Bohrloche bei Trynek in dortiger Gegend in 181°^ 
Tiefe Steinkohle gefunden worden, welche abbauwürdig zu sein scheint. 

Der Fortgang der von der Königl. Württembergischen Regierung 
veranlafsten Tief bohrung bei Sulz am Neckar ist im vergangenen Jahre 
ein recht guter gewesen, indem das Bohrloch die Tiefe von 700°^ er- 
reicht hat. Es ist eine mächtige Schicht des Rothliegenden getroffen. 

Von den Tief bohrungen, welche in Berlin auf dem Alexanderplatze, 
gegenüber dem Polizeipalaste, Luisenufer 11, Friedrichstrafse 8, Lützow- 
strafse 74, Wedding, Paulstrafse 6, Leibnitzstrafse 87, in Charlotten- 
burg und Lichterfelde vor Jahr und Tag auf Veranlassung des glück- 
liehen Soolefundes im Admiralsgarten in Betrieb gesetzt wurden, waren 
Anfang Mai 1889 die am Alexanderplatz, am Luisenufer, in der Lützow- 
strafse und in Moabit auf Soolquellen fündig geworden. Die gröfste 
Tiefe war in Lichterfelde mit 333°^ erreicht, und dafs die mit 260™ 
angebohrten, aber damals noch nicht durchsunkenen Tlione dem Unter- 
oligocän angehören, findet darin Bestätigung, dafs aus der gleichen 
Formation in Moabit mit dem Bohrkerne die Versteinerung Natica hau- 
toniensis gefördert ist. 

Einen bedeutenden Erfolg hat Herr Olaf Terp vor kurzer Zeit als 
sachverständiger Bohrtechniker durch Begutachtung einer Tiefbohrung 
bei Bunzlau erzielt. Am 11. Mai 1889 wurde derselbe zur Untersuchung 
des Standes eines Bohrloches herangezogen, welches mit 400°^ Tiefe 
das gesuchte Trinkwasser nicht erschlossen hatte und dessen Aufgabe 
in Folge dessen in Frage stand. Es stellte sich heraus, dafs bereits 
bei einer Tiefe von 136°^ ein poröser, grobkörniger, weicher Sandstein 
vorhanden ist, welcher grofse Wassermengen, etwa 2chm in der Minute, 
abgibt, die auch durch eigenen Druck über der Erdoberfläche aus- 
strömen würden, wenn dies nicht eine 35°^ unter Tage mit dem Bober 
in Verbindung stehende Schliefersandschicht durch Aufsaugen verhin- 
derte. Dafs das aufsteigende Wasser aber Zutritt zu der oberen ab- 
leitenden Schicht fand, ist dem verhängnifsvollen Umstände zuzuschreiben, 
dafs undicht genietete Blechröhren statt patentgeschweifster Bohrröhren 
mit Verschraubung zur Bekleidung verwandt worden waren. Das ganz 
zweck- und nutzlose Tieferbohren von 136 bis 400™ mit einem Kosten- 
aufwande von etwa 25000 M. war mithin vielleicht die Folge einer 
falschen Sparsamkeit. 

Ich habe schon in meinem Artikel: ^^Der neueste artesische Brunnen 
zu Paris'' {D. p. J., 1888 270 252) auf die grofse Wichtigkeit einer 
sorgfältigen Absperrung der höheren wasserableit enden Schichten durch 



156 Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 

gute Verrohrung bei artesischen Brunnen hingewiesen. Jener Brunnen 
auf dem Hebert-PIatz zu Laehapelle im Nordtheile von Paris, welcher 
im Oktober 1887 718°i Tiefe die wasserreiche Grünsandschicht erreicht 
hatte, läfst zur Zeit seine im Tage mit 3000cbm bemessene Wasser- 
menge in einem Kanäle mit 4:^ unter Tage abfliefsen. Dieses Wasser- 
quantum bleibt indefs weit hinter dem zu erwartenden Resultate zurück, 
und es hat sich herausgestellt, dafs der gröfste Theil sich in den durch- 
sunkenen Klüften der 583'" mächtigen Kreideschichten und den durch- 
lässigen, 135™ mächtigen Tertiärformationen verliert, was nur an der 
Undichtigkeit der Verrohrung liegen kann. Der Muuizipalrath von Paris 
hat nun im Mai 1889 die Mittel zur völligen Herstellung dieses Brunnens 
bewilligt und den Plan des Bohrunternehmers desselben, des Herrn Ed. Lipp- 
mann in Paris, zur Ausführung einer ausreichenden Dichtung des ganzen 
Brunnens angenommen. 

Gelegentlich der Erweiterung der Wasserwerke für die Stadt Crefeld 
wurden in letzter Zeit unter Leitung des Wasserwerksinspektors 
Herrn Zschau Tiefbohrungen ausgeführt, bei denen einige technische 
Einzelheiten durchaus neu waren und für die Zukunft hohe Beachtung 
verdienen. 

Es handelte sich zunächst um eine grofse Anzahl von Versuchs- 
bohrungen in den gröfstentheils zum Tertiär gehörigen Schichten zwischen 
Crefeld und dem Rheine behufs Ermittelung der günstigsten Brunnen- 
bohrstellen. Zu dem Zwecke wurden Schlagbrunnen (Fig. 1 und 2) durch 
Rammen von Röhren mit der einen Seiher tragenden Stahlspitze unter 
theilweiser Wasserspülung niedergetrieben. Die Construction der dazu 
verwendeten Pumpen kam dabei nicht in Betracht, falls nur deren Aus- 
führung eine durchaus sorgfältige war und die Ventile besonders tadellos 
schlössen. Eine Spülung erfolgte in der Regel bei jedem Aufsetzen eines 
neuen Röhrenstückes und begann mit dem im Schachte angesammelten 
Grundwasser, nachdem eine zweite, engere Röhrentour innerhalb des 
äufseren Röhrenzuges bis zur Bohrsohle geführt und oben mit den 
Pumpen verbunden war. Nach dem Verbrauche des meist nur geringen 
Wasservorrathes im Schachte fand das Pumpen dennoch, und zwar mit 
Luft Fortsetzung. Dies führte zu folgenden überraschenden Resultaten: 
Vor dem Ausspülen stand Grundwasser in den Rammröhren meist in 
einer gewissen Höhe, während der Boden mit Schlamm, Sand und 
solchen Partikeln erfüllt war, wie die Seiheröffnuugen durchzulassen im 
Stande waren. Das eingeführte Spülrohr nahm sodann Wasser auf, 
welches eine Strecke von mehreren Metern unter Tage blieb. Ein durch 
die Wasserpumpen ausgeübter Luftdruck hatte nunmehr erst die auf 
dem Wasser ruhende Luftsäule zusammenzupressen, ehe die Wasser- 
säule diesem Drucke nach unten weichend nachgeben mufste. Sobald 
darauf das Wasser unten aus dem Spülrohre herausgedrängt war, strömte 
die zusammengedrückte Luft nach und dehnte sich bei dem Austritte 



Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 157 

aus dem Rohre plötzlich aus, wobei sie den Bohrschmant kräftig auf- 
wühlte und hoch oben zum Rammrohre herausschleuderte. Mit zu- 
nehmender Tiefe wuchs der Druck, z. B. bei 20°^ Tiefe bis auf 2^^ 
Das ausgespritzte Material gab völlig ausreichenden Anhalt zur Fest- 
stellung der durchsunkenen Schichten. 

Dieses Ausspülen und Ausblasen griff überdies die Bohrwand aufser- 
halb des Seihers kräftig an und lockerte dieselbe wesentlich zu einem 
erleichterten Fortgange der Rammarbeit. Der Bohrfortschi-itt betrug 
mindestens 6^ im Tage, mitunter bis zu 12™, je nachdem in zähem Thon 
oder in günstigem Sand und Kies gearbeitet wurde. In ersterem Falle 
ging man nur etwa 20°^ tief, während man anderenfalls bis 40°i tief 
bohrte. 

Die Wasserbrunnen (Fig. 3), deren im Ganzen 17 in Aussicht sind, 
fanden bereits zum Theil an besonders günstig erscheinenden Stellen ihre 
Ausführung. Bemerkenswerth hierbei war die Construction des Schuhs 
an der Verrohrung. Dieser trug einen inneren Verstärkungswulst, wäh- 
rend sein geschärfter unterer Rand sich unten bis auf l°i,60 erweiterte, 
so dafs derselbe 40^™ über die 1™,20 äufseren Durchmesser betragende 
Verrohrung überstand. Diese Erweiterung hatte den sehr wichtigen 
Zweck, während des Niederpressens der Verrohrung durch Wagen- 
winden einer Kiesschicht von 20^™ Stärke Raum zu schaffen, die wäh- 
rend des Niederganges stets nachgefüllt wurde. Dadurch erfolgte ein 
Schutz der Rohrwand vor der Berührung mit den zähen Thonschichten, 
welche sonst so oft das Versenken von Verrohrungen erschwert. 

Die Sackbohrer (Fig. 4 und 5) dienten zum Ausschöpfen des Bohr- 
materials in den Futterrohren. 

Die Hebervorrichtung (Fig. 3 und 6), aus etwa 30cm starken Röhren 
gefertigt und mit Windkesseln versehen, holt 4™ tief alles Wasser auf 
und leitet das Wasser sicher auf weiten Entfernungen nach dem Sammel- 
brunnen, von dem es in das Hochreservoir gepumpt wird. Von Zeit 
zu Zeit mufs die Luft aus dem Windkessel entfernt werden. 

Die Abzweigungsröhren (Fig. 6) von dem Hauptstrange nach dem 
Brunnen sind aus Kupfer, damit sie federn und beim Setzen des Mauer- 
werks nicht brechen. 

Mit grofsem Intei-esse wird man die projektirte Tiefbohrung in 
Teplitz verfolgen können, welche auf Grund des Stadtverordneten- 
Beschlusses vom 29. April 1889 gemäfs der Vereinbarung mit den Be- 
sitzern der inundirten Dux-Ossegger Schächte an den Bohrtechniker 
Herrn A. Fauck übergeben ist und am 1. Juli 1889 begonnen werden 
mufs. Die Aufgabe ist, mit einer Tiefbohrung bis zu 500™ Teufe, 
bei oberem Minimaldurchmesser von 60^™ und unterem Minimaldurch- 
messer von 15^™, eine möglichst reichlich ausströmende Thermalquelle 
zu erschliefsen. Man wünscht die grofsen Kosten des Abpumpens des 
Heilwassers, wie es jetzt betrieben wird, und wohl auch das damit ver- 



158 Gad, über Neuerungen in der Tief bohrteclmtk. 

bundene Vorurtheil zu vermeiden. Das Bohrloch selbst soll im Kur- 
garten und zwar zwischen der Jubiläumssäule und dem Theater in Au- 
griti" genommen werden, ein Platz, der nach anderen als geologischen 
Rücksichten gewählt zu sein scheint. 

Zwei gelungene Schachtabteufungen nach der /*oe<scA'schen Gefrier- 
methode sind folgende: 

Die erste Arbeit kam im Kohlenwerke Houssu, Haine-Saint-Paul 
in Belgien am 12. December 1887 zum Abschlüsse. Es war ein Schacht 
von 60"^ Tiefe, dessen Abteufung bereits 800000 M. Kosten verursacht hatte 
und durch schwimmende Sandschichten völlig in Stillstand gekommen 
war, als Herr Poetsch das Werk iu die Hand nahm. Nach dem Abpumpen 
des Wassers wurde eine Erweiterung des Schachtes 54"^ tief von 4^^ 
Durchmesser auf 6"^ durchgeführt. Dann erfolgte in dem Triebsaude 
auf der Schachtsohle das Niederbringen von 20 schmalen Bohrlöchern 
auf weitere 22"^ Tiefe. Als darauf die Gefrierröhren in Thätigkeit ge- 
setzt wurden, trat der unerfreuliche Umstand ein, dafs nur die eine 
Schachthälfte zum Gefrieren zu bringen war. Als Erklärung stellte 
sich alsbald heraus, dafs Condensationswasser, welches von der Hebe- 
maschine eines benachbarten Schachtes durchsickerte, die Erkältung 
verhinderte. Diesem Uebelstande wurde alsbald abgeholfen. Mit T?"!^ 
Teufe traf man auf festen Thon und bekleidete nunmehr den Schacht 
mit gufseisernen Röhren, welche eine 0™,25 starke Cementhinterfülluug 
erhielten. Die von Herrn Poetsch ausgeführten Arbeiten verursachten 
80000 M. Kosten, das Doppelte von dem, was ohne den Unfall mit dem 
Condensationswasser erforderlich gewesen wäre. 

Das zweite derartige Unternehmen wurde in der Zeit vom 1. Juni 
1886 bis zum 5. Juli 1888 im Kalisalzbergwerk zu Jessenitz bei Lübtheen 
in Mecklenburg durchgeführt. Hier war ein 5^ weiter Schacht 80"° 
tief durch klüftiges und wasserführendes Gestein, Kalk, Gyps und An- 
hydrit, herzustellen und mit Eisen zu bekleiden. Die Vorarbeit bestand 
in Abbohrung von 20 Bohrlöchern 70 bis 100'" tief, theils mit Köbrich- 
schem Freifallinstrument und Meifselbohrer, theils mit Diamantbohrung 
von einem 7^ tiefen, 9"\28 weiten Bohrschacht aus, in welche Bohr- 
löcher die Gefrierröhren geleitet wurden. Die Herstellung des Frost- 
cylinders von 9"^ Durchmesser und 77"^ Tiefe war in 108 Tagen mit 
80000 Calorien stündlicher Leistung erreich t, worauf die Abteufung de& 
Schachtes wie in festem, trockenem Gestein vor sich ging. 

Andere Ausführungen stehen jetzt in England in Aussicht. 

In der diesjährigen Ausstellung für Unfallverhütung in Berlin bietet 
der Poelsch^chü „Gefrierungsschacht^' einen der anziehendsten und be- 
lehrendsten Gegenstände der Ausstellung überhaupt. 

Ein sehr wichtiger Fortschritt in Bezug auf das Stollen- bezieh. 
Tunnelbohren ist die Uebertragung des Poetsch^ sehen Gefrierverfahrens 
auf diese Arbeit. Herr Poetsch hat persönlich auf dem Allgemeinen 



Tj'pen-Stauzapparat. 159- 

Bergmanustag zu Wien im September 1888 eingehend seine Vorsehläge 
zum Vortrage gebracht, wonach 1°^ Tunnel von 6°^^ Höhe und 6°^ 
Breite, fertig in Eisen ausgebaut, etwa 3000 bis 4000 M. Kosten bean- 
spruchen soll. 

In Bezug auf das maschinelle Stollenbohren überhaupt läfst sich 
schon jetzt die Ueberzeugung aussprechen, dafs die nächste Zukunft 
einen wichtigen Wandel insofern bringen wird, als neben dem alten 
Verfahren mit Vorbohren von Schufslöcheru und Absprengen des Ge- 
birges ein neues Abbohren von Strecken im vollen Querschnitte immer 
mehr Eingang finden würd. 

Von den alten Gesteinsbohrmaschinen hatte man besonders zwei 
Gruppen zu unterscheiden , die der Stofsbohr- und die der Drehbokr- 
Apparate. Die Zahl der ersteren Constructionen ist sehr grofs, doch 
haben sich nur wenige im praktischen Gebrauche erhalten, von denen 
bei uns in Deutschland und Oesterreich die von Frölich^ Meyer ^ Jäger. 
Schräm und Ferroux zu nennen sind. Diesen steht von Drehbohr- 
maschinen eigentlich nur das System Brandt gegenüber, welches bisher 
durch kein weiteres überholt ist. 

Neuerdings auf den Mansfelder Gruben stattgehabte Concurrenz- 
versuche zwischen den S^^stemen Frölich und Brandt haben in Bezug 
auf Gestehungskosten und Fortschritte wesentliche Unterschiede nicht 
ergeben; in mildem Gebirge stellte sich beiderseitig der laufende Meter 
auf etwa 100 M., in festem Gebirge auf etwa 130 M., während der 
Fortschritt im Maximum 6^,5 in 2-1: Stunden betrug. Die Brandt^sche 
Drehbohrmaschine wird mit Wasserturbine getrieben und eignet sich 
daher für tiefe Schächte, wo natürlicher, wenn auch geringer Wasser- 
druck vorhanden ist, während die Frölich''sche Stofsbohrmaschine ilirer 
Triebkraft durch comprimirte Luft wegen bei Stollenläugen bis 3000°^ 
vortheilhaft zur Verwendung kommt, weil das Auspuffen der geprefsten 
Luft noch die nöthige Ventilation besorgt. (Schlui's folgt.) 



Typen-Stanzapparat. 

Mit Abbildungen auf Tafel 9. 
Man hat bekanntlich seit Langem versucht, die gebräuchliche Her- 
stellung der Druckschriften und des Drucksatzes dadurch zu umgehen, 
dafs man einerseits alle diese Arbeiten auf rein mechanischem Wege 
vornahm, oder andererseits die Typen eines zu bildenden Drucksatzes 
mittels Stahlstempel in eine bildsame Masse, etwa Blei, einschlug und 
die so hergestellte Druckform entweder stereotypirte oder unmittelbar 
benutzte. Derartige Constructionen fallen natürlich, namentlich wenn 
sie alle beim Handsatze nöthigen Hantirungen, wie Ausschliefsen des 
Satzes u. s. w., vereinigen sollen, sehr complicirt aus, und diese Viel- 



160 Typen-Stanzapparat. 

theiligkeit in Verbindung mit dem hohen Preise solcher Maschinen und 
die in der Verwendung eines Schriftsatzes liegende Beschränkung sind 
Veranlassung gewesen, dafs diese, namentlich auch von amerikanischer 
Seite gepflegten Constructionen sich meist nur eines kurzen Daseins zu 
erfreuen hatten und für die Praxis interessante Versuche blieben, welche 
aber keine schnellere und billigere Herstellung einer Druckform brachten. 

Von diesen complicirten Maschinen unterscheidet sich vortheilhaft 
ein von dem Belgier A. J. Engelen in St.-Josse ten Noode bei Brüssel 
construirter einfacher kleiner Apparat, der zwar schon einige Jahre be- 
kannt ist (D. R. P. Nr. 34214 vom 16. Juni 1885), in neuerer Zeit aber 
Verbesserungen erfahren und erhöhtere praktische Bedeutung gewonnen 
hat (Zusatzpatent Nr. 43 762 vom 4. Oktober 1887). Der Apparat, der 
von der Maschinenfabrik Gustav Maack in Köln-Ehrenfeld ausgeführt 
wird, stanzt den Satz mittels stählerner, vertieft geschnittener Matrizen- 
stempel in schrifthohe und mit dem Kegel der betreffenden Schrift über- 
einstimmende Holzplättchen in die obere Hirnfläche erhaben, und die 
so hergestellten Typen werden dann in Rahmen zu Formen vereinigt, 
welche für den Druck wie die gebräuchlichen Druckformen behandelt 
werden. Als Typenmaterial eignet sich hierzu besonders mit Oel, Fett, 
W^alrath imprägnirtes Holz, gehärtetes oder mit Kautschuk, Harz oder 
Lack überzogenes Holz, Blei, Celluloid, Holzstoff, Papiermasse u. s. w. 

Der in den Fig. 4 bis 8 Taf. 9 dargestellte Apparat besteht im 
Wesentlichen aus einer Platte A von der Form eines Kreissectors, 
welche von Füfsen getragen und wagerecht auf einen Tisch gestellt 
wird. An der Spitze trägt die Platte eine senkrechte Büchse, welche 
dem unter gelinder Reibung darin drehbaren Bolzen B als Lagerung 
dient. An diesem Bolzen B ist oben parallel zur Platte A der stählerne 
Sector D mittels der federnden Arme E befestigt, an dessen Unter- 
seite (Fig. 6j die Typen und verschiedenen Druckzeichen, welche in 
Relief hergestellt werden sollen, vertieft angeordnet sind. Unterhalb 
der Grundplatte A ist mit dem Drehbolzen B noch der Arm C ver- 
bunden, dessen Vorderende derart aufgebogen ist, dafs es um den Rand 
der Platte herumgreift und so, wie Fig. 5 und 7 zeigen, einen Zeiger 
bildet, der auf der am Rande von A angebrachten Buchstabenscala 
spielt. Die Reihenfolge dieser Buchstaben steht dabei, ähnlich wie 
bei Typenschreibmaschinen (vgl. Becher^ 1887 266*530), in solcher 
Beziehung zu den vertieften Typen des Sectors Z), dafs sich bei Ein- 
stellung des Zeigers C von Hand auf ein Zeichen der Platte A das ent- 
sprechende Zeichen des Sectors D sich über der Mittellinie der Platte A 
befindet. 

In dieser Mittellinie von A gleitet nun in einer Nuth das zur Her- 
stellung der Typen dienende, in einem Schlitten F gelagerte Holz- 
klötzchen, das eine Feder O beständig gegen die Spitze des Sectors 
vorzuschieben trachtet. Der Abstand des Sectors D von der Platte A 



Typen-Stanzapparat. 161 

genügt dabei für den Durchgang des Holzes. Drückt man nun den 
Sector D auf das Holzklötzchen herab, was bei der Biegsamkeit der 
Arme E möglich ist, so wird bei einem genügenden Drucke das ein- 
gestellte Zeichen auf dem Holze gestanzt werden. Zur Ausübung dieses 
Druckes ist an der Platte A ein Bügel G befestigt, in dessen über der 
Mittellinie von A befindlicher Oefinung ein Stempel H mit Hilfe eines 
um den Bolzen K im Bügel G drehbaren Hebels J nach abwärts be- 
wegt werden kann. Im Stempel H selbst sitzt wieder ein kleiner, zu- 
gespitzter Centrirstift Ji, der durch eine Feder nach abwärts gedrückt 
wird. Dieser Stift tritt beim Senken des Stempels H in das gegenüber 
jeder Type befindliche Centrirloch ein und legt damit die Stellung des 
Sectors />, welche mittels des Zeigers (' ungefähr bestimmt wurde, ge- 
nau fest. 

Der Niedergang des Sectors D wird durch den auf der Platte an- 
gebrachten Bügel N begrenzt und dadurch auch die Tiefe der Stanzung 
bestimmt. Dieser Bügel, an dem noch Führungstheile für das Holz 
sitzen, enthält auch die verschiebbare Arretirung P, an welcher das 
von der Feder O vorgeschobene Holzklötzchen Anlage findet. Die 
Arretirung wird dabei von einer Feder Q^ die stärker als die Feder 
ist, in ihrer Lage erhalten, wird aber beim Niedergange des Sectors D 
durch dessen schräge Fläche zurückgeschoben. Der Eindruck des Sectors 
in das Holz bewirkt nun, dafs der gestanzte Theil des Klötzchens, so- 
bald der Sector sich hebt, unter der Arretirung hinweggeht, während 
der durch das Stanzen hinter der Type gebildete Absatz gegen die 
Arretirung stöfst und das Klötzchen in der zum Stanzen des nächsten 
Zeichens erforderlichen Stellung hält. 

Bei der neueren Ausführung ist diese Arretirung P durch eine 
Arretirung z (Fig. 8) ersetzt, welche durch einen vorstehenden Rand 
am Sectorrande selbst gebildet wird. Wenn der Sector in seiner höchsten 
•Stellung steht, so kann das Holzklötzchen unter dem Eande D her- 
gleiten, nicht aber unter der Arretirung z. Es legt sich deshalb in 
Folge der Wirkung der Feder mit seiner Stirnfläche gegen die 
Arretirung z. Wenn nun durch Niederdrücken des Sectorrandes D das 
Zeichen gestanzt wird, so vermindert sieh an dieser Stelle die Höhe 
des Holzklötzchens um so viel, dafs nach dem Zurückgehen des Sector- 
randes in seine höchste Stellung die gestanzte Fläche unter dem An- 
sätze z durchgeht, bis der hinter dem gestanzten Zeichen entstandene 
Absatz des Holzklötzchens sich gegen die Arretirung z anlegt, wie es 
Fig. 8 zeigt. 

Das Klötzchen wird so durch die Feder um die Breite des ge- 
stanzten Zeichens vorgeschoben und steht nun in der Lage, welche für 
das Stanzen des folgenden Zeichens erforderlieh ist. 

Da die Höhe der Arretirung z klein ist, ebenso wüe auch die Höhe 
des Absatzes, welche sich hinter zuletzt gestanzten Zeichen bildet, so 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 4. 1889(111. 11 



162 Typen-Stanzapparat. 

ist es nothwendig, die Höhe, bis zu welcher der Sector nach dem 
Stanzen zurückgeht, genau zu begrenzen. Diesem Zweclce dient die 
Schraube X^ gegen welche der Sector in Folge der Federung seiner 
Arme E beim Zurückgehen anschlägt. Die Schraube läfst sich genau 
auf die erforderliche Höhe einstellen. Der Hub des Sectors nach 
unten wird wieder durch Aufschlagen auf den Bock N begrenzt. Der 
als Arretirung dienende Rand z bildet beim Stanzen eine Querrinne 
auf dem Holzklötzchen und mufs, damit die Rinne nicht zu breit wird, 
abgeschärft sein. 

Damit die Anfangsbuchstaben der einzelnen Zeilen genau unter 
einander zu stehen kommen, empfiehlt es sich, bei Beginn einer neuen 
Zeile jedesmal eine Ausschliefsung zu stanzen , ebenso ist dafür Sorge 
zu tragen, dafs der letzte Buchstabe der Zeile nicht zu nahe an die 
Kante kommt. Das Justiren erfolgt, indem die Klötzchen zwischen den 
einzelnen Worten aus einander geschnitten und die nöthigen leeren 
Klötzchen (Spatien) eingeschoben werden. Das Zerschneiden wird in 
der Weise vorgenommen, dafs man die Klötzchen flach auf eine ge- 
neigte Ebene legt, so dafs der Arbeiter die gestanzten Typen lesen und 
die Punkte bezeichnen kann, wo die Schnitte mit dem transversal 
zum Holz angeordneten und um ein Ende drehbaren Messer geführt 
werden sollen. Dieses Messer kann auf der Platte der Stanzmaschine 
drehbar befestigt sein. 

Der Schlitten des Holzklötzchens mufs stets leicht und frei gehen, 
ist dies nicht der Fall und zeigen sich Unregelmäfsigkeiten in der 
gleichen Entfernung der Buchstaben von einander, so mufs der Schlitten 
durch Lösen der ihn haltenden Spiralfeder frei gemacht und heraus- 
genommen werden. Das Reinigen desselben und seiner Bahn geschieht 
mit einem weichen Lappen, der mit ein wenig Erdöl getränkt ist, und 
darauf folgendem Nachpoliren mit einem trockenen Lappen. Schmier- 
material darf nicht angewendet werden, ausgenommen, aber nur selten, 
an den Scharnieren und Drehpunkten mit Oel bester Qualität. Ueber- 
haupt ist der Apparat so viel als möglich vor Staub zu schützen und 
deshalb nach Beendigung der Arbeit gut zuzudecken. 

Wenn nach einiger Zeit die Buchstaben nicht mehr scharf und 
rein kommen, so ist das ein Zeichen, dafs sich in den Matrizen Holz- 
theile festgesetzt haben. Der Stahlbogen mufs dann herausgenommen 
werden und wird mit den Matrizen nach oben auf einen Tisch gelegt 
und mit einer kleinen harten Bürste ausgebüi-stet. Es empfiehlt sich, 
dann noch mit einer Lupe nachzusehen, ob sich noch Holzsplitterchen 
versteckt vorfinden, welche mit einer feinen Nadel herauszustechen sind. 
Da sich beim Stanzen meist an den oberen Kanten der Holzklötzchen 
ein Grat bildet, so ist es zweckmäfsig, an der Seite der Maschine einen 
Bogen feines Sandpapier auf dem Tische zu befestigen, um nach Be- 
endigung einer Zeile den Grat darauf abzuschleifen. Sobald eine Zeile 



Zugfestigkeitsprüfer für Papier, Gespinnste u. dgl. 163 

gestanzt ist, ist sie durchzulesen, von etwa darin vorkommenden Fehlern 
durch Ausschneiden und Richtigstanzen zu befreien und in der ano-e- 
gebenen Weise auszuschliefsen. 

Zum Waschen der Formen darf nur Terpentin zur Verwendung 
kommen, und zum Druck ist starke, aber fein vertheilte Farbe in ge- 
ringer Menge am geeignetsten. Von einer Form sollen bei sorgfältiger 
Behandlung 25000 Bogen gedruckt werden können, was dadurch er- 
klärlich wird, dafs die in die Poren des Holzes eindringende fette Farbe 
dasselbe conservirt (^Archiv für Buchdrucker kunst^ 1889 Heft 5), 

Nach dieser Methode wird stets mit neuer Schrift gedruckt. Die 
Haarstriche der Buchstaben kommen zwar nicht so zart wie bei Metall- 
typen, das Lesen macht indefs einen wohlthuenden Eindruck auf die 
Augen. Im Archiv für Buchdruckerkunst wird ferner bemerkt, dafs die 
Nr. 27 des bei Franz Greven in Köln gedruckten und in dessen Verlag 
erscheinenden Witzblattes y^Alaaf Köln'-'- bezüglich des glatten Textes 
(etwa 71I2 Seiten) ganz auf dem £'n^e/en'schen Stanzapparate hergestellt, 
und das Aussehen der Nummer sowohl bezüglich des Satzes wie auch 
des Druckes nur zu loben ist. Besonders gibt die Nummer den Be- 
weis, dafs die gestanzten Holzzeilen sich in Massen an einander stehend 
besser drucken als vereinzelt. 

Die Leistungsfähigkeit der Maschine wird je nach der Gewandtheit 
des sie Bedienenden zu 2000 bis 3000 Buchstaben in der Stunde an- 
gegeben. Ihr Gewicht beträgt Ib^ und ihr Preis 350 M, Dieser ist 
im Vergleiche zu den Matrizenstanz-, oder den Setz- und Ablege- 
maschinen natürlich ein niedriger. Nach einer angestellten Rechnung 
würden für ein Jahr von 350 Tagen 700000 Holzplättchen im Werthe 
von 2450 M. (für 1000 3 M. 50 Pf.) gebraucht. Für Setzen und Stanzen 
sind 5600 M. in Ansatz gebracht, zusammen also 8050 M. Da sich die 
Herstellung eines gleichen Quantums Handsatz einschliefslich der Kapital- 
zinsen für das Schriftmaterial auf 12000 M. belaufen würde, so würde 
sich eine Ersparnifs von 33 Proc. ergeben, die sich durch den geringen 
Lokalzins und andere Nebenumstände bis zu 40 Proc. steigern könnte. 
Ein beachtenswerther Vortheil liegt auch darin, dafs die Anschaffung von 
Setzkasten, Regalen und manchen anderen Geräthen und der von diesen 
in Anspruch genommene grofse Raum wegfällt. Kn. 



Zugfestigkeitsprüfer für Papier, Gespinnste u. dgl. 

Mit Abbildungen auf Tafel 9. 

Zugfestigkeitsprüfungen geben nicht allein Aufschlufs über die Festig- 
keitseigenschaften des fertigen Erzeugnisses, sondern ermöglichen auch 
ein Urtheil über die bei der Herstellung derselben angewendeten Ar- 
beitsmethoden, ob dieselben von Vortheil oder Nachtheil für die Ver- 



164 Zugfestigkeitsprüfer für Papier, Gespinn ste u. dgl. 

änderung der Festigkeitseigenschaften des angewendeten Rohmaterials 
gewesen sind. In neuerer Zeit finden Zugfestigkeitsprüfungen eine 
immer gröfsere Aufnahme und ist deren Vornahme besonders bei Be- 
hörden und grofsen Gesellschaften für Lieferungen zum Theil Beding- 
nifs. Die Folge davon ist, dafs man auch bemüht gewesen ist, die 
Apparate zur Ausführung derartiger Prüfungen möglichst zu vervoll- 
kommnen, gleichzeitig aber auch derart zu vereinfachen, dafs ihre 
Handhabung eine möglichst leichte ist. Es sei deshalb gestattet, im 
Nachstehenden Zugfestigkeitsprüfer, welche für Prüfungen von Papier, 
Gespinnsten, Geweben u. dgl. Anwendung finden, einer näheren Be- 
trachtung zu unterziehen. 

Der erste hier zu nennende und in den Fig. 9 bis 11 Taf. 9 dar- 
gestellte Apparat rührt von Alexander Wendler her und ist Gegenstand 
des D. R. P. Kl. 42 Nr. 39189 vom 6. Oktober 1886. Derselbe gestattet 
ein direktes Ablesen der Dehnung und Bruchbelastung und hat die 
nachfolgende Einrichtung. 

Der Apparat besteht im Wesentlichen aus zwei parallelen, auf 
Metallblöcken ruhenden Schienen, auf welchen ein kleiner zweirädriger 
Wagen läuft. Die Achse dieses Wagens ist auf der einen Seite mit 
der kräftigen Spiralfeder R verbunden, auf der anderen Seite sitzt die 
Klemme f. Hier wird bei der Prüfung ein Ende des Versuchsstückes ein- 
gespannt. Das andere Ende wird von der gleichartigen Klemme d ergritten 
und durch Antrieb der Schraubenspindel H bis zum Reifsen gespannt. 

Nach dem Einspannen und bevor der Versuch beginnt, mufs die 
Länge des Versuchsstückes genau ermittelt werden, und es mufs der 
feststehende Nullstrich des Mafsstabes M mit dem beweglichen Null- 
strich der Marke 9, und andererseits der Nullstrich von Mafsstab h mit 
dem von Marke n zusammenfallen. Um die erstgenannten Nullpunkte 
in Uebereinstimmung zu bringen, hält man durch Anziehen der Schraube / 
die Zugfeder auf dem Punkte fest, welchen sie im Zustande der Un- 
thätigkeit einnimmt, und rückt das auf der Schiene gleitende Metall- 
stück g hart an den mit einem Kniestücke an der Wagenachse be- 
festigten Schlepper c an. Jetzt bezeichnet der Nullstrich auf g die 
Stelle, auf welcher bei vollständig mangelnder Kraftwirkung der Null- 
strich des Mafsstabes M stehen mufs. Durch Schrauben kann der Mafsstab, 
falls er nicht schon dort stehen sollte, an diese Stelle gerückt werden, 
von welcher die Abmessung der Kraftwirkung ihren Anfang nimmt. 

Um die Nullstriche des Mafsstabes h und der Marke n in Ueber- 
einstimmung zu bringen, kann man die Verbindung der Schraubenspindel fl 
mit der Schraubenmutter im Zahnrade E lösen, so dafs sich erstere 
ohne Zeitverlust verschieben läfst. Diese Loslösung geschieht in ein- 
facher Weise durch eine Drehung der am Rade E befindlichen Kapsel G 
um etwa 450, wobei die Spindel vom Eingrifle des zweitheilig aus- 
geführten Muttergewindes befreit wird. Dann verschiebt man die 



Zugfestigkeitsprüfer für Papier, Gespinnste u. dgl. 165 

Spindel H mit dem Querstücke K so lange, bis die Nullstriche von h 
und n zusammenfallen, und macht dann durch Wiedereinsetzen der 
Mutterschraubentheile auch die zweite Klemmvorrichtung unbeweglich. 

Nun kann man das Versuchsstück zwischen f und d fest und straff 
einspannen. Die wellig gestalteten Klemmbacken beider Mäuler sind 
mit feinem Leder überzogen, so dafs stärkste Reibung entsteht und der 
einmal eingespannte Gegenstand nicht wieder herausgleiten kann. Sitzt 
derselbe mit mäfsiger Spannung fest, so löst man auch die Hemmung 
der Feder R und bewirkt die Spannung durch Drehung des Rades E' 
oder, bei genaueren Untersuchungen, durch Drehung der Kurbel F. 

Wenn das Versuchsstück reifst, verharrt nicht allein Spindel fi, 
sondern auch der Wagen mit Feder R fest auf dem zuletzt innegehabten 
Platz. Dies wird dadurch erreicht, dafs in die Zahnstange k zwei Sperr- 
klinken s und Sj eingreifen. So lange die Feder angezogen wird, gleiten 
sie lose über die Verzahnung, fassen aber sofort ein, wenn die Feder 
nach Ueberwindung des vom Versuchsstücke gebotenen Widerstandes 
zurückschnellen will. Um störende Erschütterung zu verhüten, sind die 
beiden Sperrklinken differenzirt. Wenn nämlich die eine Klinke sich 
fest gegen einen Zahn stemmt, ruht die andere locker auf dem schrägen 
Rücken eines anderen Zahnes. Der Rückgang der Feder nach erfolgtem 
Risse wird dadurch auf kleinste Mafse verringert. 

Auf dem Mafsstabe M ergibt jetzt der Abstand der beiden Null- 
striche die Gröfse der zum Zerreifsen des Versuchsstückes aufgewendeten 
Kraft. So viele Einheiten dort notirt sind, so viele Kilo waren zum 
Zerreifsen erforderlich. Die Marke n notirt auf der Scala h die Gröfse 
der Dehnung in Procenten. An beiden Stellen gibt also der Apparat 
direkte und absolute Gröfsen, welche eine Umrechnung entbehrlich 
machen. Wie man aus dem ermittelten Kraftwerthe die Reifslänge 
berechnet , ist mehrfach erläutert worden und kann wohl als bekannt 
gelten. 

Die Dehnung wird durch folgende Vorrichtung ermittelt. 

Wenn die Feder R dem Zuge des von der Schraubenspindel be- 
wegten Prüfungsstückes folgt, stöfst der Schlepper c die Marke g vor 
sich her. Stand letztere beim Beginne der Spannung auf dem Null- 
punkte der Scala M, so mufs ihr Stand nach erfolgtem Risse den Werth 
der angewendeten zum Dehnen und Zerreifsen des Stückes erforder- 
lichen Kraft angeben. 

Genau den gleichen Weg wie das auf der Schiene sich bewegende 
Gleitstück g legt aber auch das gleichartige, damit verbundene Gleit- 
stück, auf welchem Scala h befestigt ist, zurück. Es begleitet also 
beim Antriebe der Spindel die Marke n ein gutes Stück. Die Marke n 
aber, welche am Querstücke K festsitzt und dem unelastischen Zuge 
der Schraubenspindel folgt, mufs noch einen um so viel längeren Weg 
zurücklegen, als das Stück sich unter der Spannung dehnt. Der Ab- 



166 Zugfestigkeitsprüfer für Papier, üespinnste u. dgl. 

stand der beiden Nullstriche von g und n ergibt also das Mafs der 
Dehnung, und zwar in Millimeter. War z. B. die Einspannlänge 250ii°^ 
und der Dehnungszeiger n gibt am Mafsstabe h 5™"", so haben wir auf 
250™ni Einspannlänge 5"^™ Dehnung, also 2 Proc. 

Dem Appai-ate sind mehrere Zugfedern beigegeben, von denen die 
schwächeren für feine leicht zerreifsbare Objekte, die stärkeren dagegen 
für stärker zu belastende Versuchsstücke anzuwenden sind. 

Um die Federn auszuwechseln, zieht man die am Wagen befestigte 
Federbrücke o gegen den Wagen an. Dadurch wird eine kleine Spiral- 
feder, welche zwischen Wagen und Brücke die Zugstange unischliefst, 
zusammengeprefst, zwei Ausschnitte im Lager der Brücke gleiten au* 
ihrem Schutze von zwei vorragenden Schraubköpfen heraus, und durch 
eine Viertelsdrehung der Brücke kann man diese selbst und die Feder 
vom Wagen loslösen. Nun zieht man den Wagen nebst der Führungs- 
stange aus der cylindrischen Oeffnung der Gestellwand C heraus, nimmt 
die Feder ab und setzt die andere ein, indem man dieselben Hantirungen 
in umgekehrter Reihenfolge ausführt. 

Zur Nachprüfung der Federkraft wird jedem Apparate die ober- 
halb von Aufrifs und Grundrifs gezeigte Vorrichtung beigegeben, welche 
eine Art Wage darstellt, au deren einem Balken (L) die Feder zieht, 
während an einem anderen, rechtwinkelig dazu stehenden Balken L2 
mittels des Hakens t Gewichte angehängt werden. Um diese Vorrich- 
tung anzubringen, wird die an der Spindel H befindliche Klemme d 
entfernt, die Verbindungsschraube q gelöst, das noch aus dem Quer- 
stücke vorragende Ende der Spindel zurückgeschoben und die Verbin- 
dungsschraube wieder angezogen. An Stelle des Prüfungsstückes tritt 
die Stange r, welche mit einem Ende statt der Klemme f am Wagen e 
befestigt wird, mit dem anderen, als Haken ausgebildeten Ende am 
Hebel Lj ansetzt. 

Die Feder mufs regelrecht eingelegt sein, der zugehörige Kräfte- 
bezieh. Millimetermafsstab mufs mit seinem Nullpunkte unter der Marke 
des Gleitstückes stehen. Werden an dem wagerechten Schenkel L2 
Gewichte angehängt, so wird sich die Feder ausdehnen und demzufolge 
sich der senkrechte Schenkel L^ an das Querstück K legen. Durch 
Drehung des Handrades E bei eingerückter Mutter bewegt man das 
Querstück mit gespannter Justirvorrichtung nach dem Handrade zu, bis 
der obere Schenkel Lj wieder senkrecht einsteht, d. h. bis sich die 
Feder der Hebelbelastung entsprechend ausgedehnt hat. 

Beim Anhängen der verschiedenen Gewichte mufs die Feder sieh 
jedesmal bis zu einer bestimmten Stelle ausdehnen, welche mit dem 
entsprechenden Kräftemafsstabpunkte zusammenfällt. Sollte dies im 
Laufe der Zeit nicht mehr der Fall sein, so ist es nöthig, sich eine 
Correctionstabelle anzufertigen. Mit Hilfe dieser leicht herzustellenden 
Tabelle erzielt man dieselben Ergebnisse wie vorher. 



Zugfestigkeitsprüfer für Papier, Gespinnste u. dgl. 167 

Die Wendler sehen Apparate, mit deren Vertrieb sich die Firma 
Fromme und Kroseberg in Berlin befafst, sind vielfach eingeführt, unter 
anderem besitzt die Kgl. Prüfungsanstalt zu Charlottenburg deren fünf 
und die Kaiserl. Reichsdruckerei einen solchen. 

Der zweite hier zu nennende Festigkeitsprüfer rührt von M. M. 
Schlumberger^ Sohn und Comp, in Mühlhausen i. E. her und ist in deren 
Etablissement in Anwendung gekommen. Das Bulletin de la socie'te' de 
Mulhouse gibt von dem in den Fig. 12 bis 14 Taf. 9 dargestellten Apparat 
folgende Beschreibung: Das Versuchsstück wird in die beiden Klem- 
men Äj ^2 eingespannt, deren eine h.2 mit einer Stange in Verbindung 
gebracht ist. welche einen Kolben k trägt, der sich in einem mit dem 
auf der Fundamentplatte c angeordneten Lagerstücke 0.2 verbundenen 
Cylinder führt. Die Kolbenstange ist über diesen Cylinder hinaus um 
die Länge des letzteren verlängert und besitzt an ihrem Ende eine 
Scheibe, welche einer Spiralfeder l als Widerlager dient, die den Kolben 
umgibt und sich gleichzeitig gegen dessen Träger öq anlehnt. Die 
zweite Klemme h^ trägt eine Spindel e, welche in einem als Mutter 
ausgebildeten, im Lager Oj angeordneten Futter ihre Führung erhält 
und mit Hilfe desselben von der Kurbel f aus unter Vermittelung des 
Triebes g und des auf der Mutter sitzenden Zahnrades d in der einen 
oder anderen Richtung bewegt werden kann. Die beiden Lager- 
ständer Äj Ä-2 sind durch zwei Traversen b^ b.^ , deren erste zwei Gleit- 
bahnen trägt, in welchen sich der Mafsstab, auf welchem die Dehnung 
und Belastung abzulesen ist, führt, verbunden. 

Beim Verwenden des Apparates wird nach dem Einspannen des 
Versuchsstückes der Mafsstab an die Klemmbacke ^2 herangeschoben 
und somit die Marke m mit dem Nullpunkte der Scala n, welche die 
Belastung angibt, in Uebereinstimmung gebracht und die Stellung des 
am Wagen ä, sitzenden Nonius auf der Scala p vermerkt. Beim Drehen 
der Kurbel (also einem Anspannen des Versuchsstückes), wird der 
Wagen ^2 den Mafsstab vor sich herschieben und ihn beim Bruche 
desselben stehen lassen, während er zurückgehen wird. Damit das 
letztere nicht plötzlich erfolgt, ist der den Kolben k enthaltende Cylinder 
mit Oel gefüllt, welches bei Bewegung des Kolbens von rechts nach 
links der Zeichnung durch ein im Kolben vorgesehenes Ventil denselben 
passiren kann, beim Bruche des Versuchsstückes aber ein Zurück- 
schlagen des Wagens Aj, wie es die Feder l veranlafst, verhindert. 

Der Weg des Wagens (Klemme) h^ ergibt sich aus der Belastung 
der Feder /, und es wird somit der Mafsstab n mit Hilfe von m die 
Anzahl der Kilogramm anzeigen; die Scala j) dagegen, auf welcher 
sich der Nonius um ein Stück bewegt, welches gleich ist Belastung 
und Dehnung, der Mafsstab sich aber auch um den Betrag der Belastung 
verschiebt, wird direkt die Dehnung angeben. 

Auf der mit Papier umspannten Trommel q werden gleichzeitig 



168 Nicholson's MutterntVäsmaschine. 

Dehnung und Belastung des Versuchsstückes graphisch linear aufge- 
zeichnet werden. 

Soll der Apparat für viele Versuche Verwendung finden, so wird 
der Kurbelantrieb fg durch einen Maschinen trieb mit selbsthätiger Aus- 
rückung ersetzt. 

Ein dritter hierher gehörender Apparat des durch den Bau von Zug- 
festigkeitsprüfern bekannten Oskar Leuner in Dresden ist 1888 270 * 165 
bereits beschrieben und sei auf denselben hiermit verwiesen. 

H. Glafey. 

T. Hateley's G-rundgewinde-Schiieidiiiaschiiie. 

Mit Abbildung auf Tafel 9. 

Die Verwendung gewöhnlicher freistehender Bohrmaschinen mit 
Zahustangengetriebschaltung zum Schneiden von Grundgewinden in 
gröfseren Werkstücken hat Verbi-eitung aus dem Grunde nicht gefunden j 
weil die Schneidbohrer bei dieser Arbeit aufserordentlich gefährdet sind. 
Durch Einschaltung von den Widerstand begrenzenden Einrichtungen 
(vgl. J. Hartnefs^ 1886 261 ""' 241) hat man diese Unzuträglichkeit zu 
beheben gesucht. 

Erfolgreicher ist die Sicherung der Gewindeschneidbohrer durch 
entsprechende Ausgestaltung von besonderen zum Gewindeschneiden 
geeigneten Maschinen zu erreichen, indem hierbei leicht die Triebkraft 
in ein bestimmtes Verhältnifs zur Festigkeit des Werkzeuges gebracht 
werden kann. Nach dem Englischen Patent Nr. 6653 vom 26. Januar 
1889 besteht die Maschine von T. Hatcleij aus der Triebwelle A mit 
einem verschiebbaren Reibungskegelpaar D (Fig. 15), welches zwischen 
den Lagerstellen B liegt. Durch irgend ein bekanntes Mittel wird je 
nach dem Drehungssinne einer dieser Reibungskegel an die Kegel- 
scheibe F mit bestimmter Druckkraft angeprefsfc , wodurch die Hohl- 
spindel E und damit auch die den Gewindebohrer tragende Spindel L 
in Drehung versetzt wird. Der die Hohlspindel E umfassende Gewichts- 
hebel Mi\ hält die Spindeln E und L in der Schwebe und sichert auch 
hiermit das Werkzeug, während die im Lagerrahmen H angeordneten 
Stützrollen I nur die Bundreibung der Kegelscheibe F herabzumindern 
bestimmt sind. 

Nicholson's Mutternfräsmaschine. 

Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 9. 

Um die Kopfflächen von Muttern und Schraubenbolzen mittels 

Messerfräser zu bearbeiten, hierbei aber die sonst durch das Einspannen 

der Werkstücke verlorene Zwischenzeit zu gewinnen und für die selbs- 

thätige Bearbeitung nutzbar zu machen, bauen Nicholson und Watern^anJ 



Nicholson's Mutternfräsmaschine. 



169 



Providence, R. I., Amerika, eine Maschine mit zwei Spindeln, von 
welchen nur je eine auf einmal kreist, während die andere, stillstehende 
zur Aufnahme des Werkstückes bereit steht, so dafs jeder Aufenthalt 
möglichst beschränkt wird (Textfigur). 

Nach American Machinist ^ 1889 Bd. 12 Nr. 18 ""' S. 5, schwingt in 
Ringlagern ein Spindelstück (Fig. 18); dasselbe wird mittels eines Griff- 




kreuzes gewendet und durch einen Federriegel festgestellt, so dafs 
immer nur eine Spindel in die Achse des Werkstückhalters föllt, 
während die andere darüber steht. Dadurch bethätigt der lothrecht von 
einer gröfseren Deckenscheibe herablaufende Betriebsriemen nur die 
untere Spindel, während die obere freiliegt und stillsteht. 

Der Stahlhalter (Fig. 16) erhält keine Drehung, sondern blofs achsiale 
Längs Verschiebung in einem Führungslager durch ein besonderes Riemen- 
und Schneckentriebwerk mittels einer Daumenscheibe. Tritt der Leit- 
stift in den kleineren Absatz der Daumenscheibe ein, so wird der kolben- 
artige Messerhalter durch ein Gegengewicht zurückgestellt und so lange 
in dieser Stellung gehalten, bis der höhere Absatz der Daumenscheibe 
bei fortschreitender Drehung wieder eintrifft. Während dieses Zeit- 
raumes wird die Wendung des Spindellagers vorgenommen und das 
während des Arbeitsganges vorher bereits aufgespannte Werkstück in 
den Wirkungsbereich der Formmesser gebracht. Die Arbeitsgeschwin- 
digkeit wird durch eine Stufenscheibe am Schneckentriebwerk des Messer- 
halters geregelt und dadurch die Länge der Arbeitsperiode eines Werk- 
stückes bemessen. In Fig. 17 ist der Aufspannbolzen für Mutternbearbeituug 
dargestellt, während gewöhnliche Kopfbolzen in die Hohlspindeln ge- 
schoben und mittels selbstspannender Futter gehalten werden. Pr. 



170 Neuere ■Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 

Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 

Mit Abbildungen auf Tafel 9. 

Spritzkühler für Condensationswasser von See. In einer der letzten 
Sitzungen des Gewerbevereins für Nordfrankreieh haben die Gebr. See 
in Lille die Vorzüge ihres Condensationswasser-Spritzkühlers gegen- 
über den in Zuckerfabriken viel verbreiteten Reisig-(Gradir-)Kühlern 
auseinandergesetzt {Sucrerie indigene , Bd. 32 Nr. 8 S. 195 vom 19. Fe- 
bruar 1889). 

Wie Fig. 1 zeigt, besteht der Spritzkühler in einer gufseisernen, 
mit vielen Löchern versehenen Büchse, in welche das heifse Wasser 
durch die Kreiselpumpe gedrückt wird, so dafs es daraus unter Druck 
in Gestalt einer Wassergarbe hinausbefördert wird. Das Wasser er- 
fährt dadurch eine Abkühlung bis unter die umgebende Temperatur. 
Die Kosten der Einrichtung sind unbedeutend, die Unterhaltungs- 
kosten Null. 

Die oben genannte Gesellschaft hat den Herren See für den Wett- 
bewerb 1888 eine silberne Medaille ertheilt. Man erwartet, da auch 
• der Wasserverlust geringer sein soll, zahlreiche Anwendungen in Zucker- 
fabriken. 

Eine neue Art der Vacuumeinrichtung wurde W. Greiner in Braun- 
schweig patentirt (*D. R.P. Nr. 31022). 

Es wird namentlich die Beseitigung zweier Arten von Verlusten 
beim Kochen im Vacuum durch diese Vacuumbeheizung angestrebt. 

Das Kochen mit gespannten, also heifsen Dämpfen bewirkt be- 
kanntlich : 

a) an den Wandungen der Heizkörper Zersetzungen in der Füll- 
masse ; 

b) bei der grofsen Differenz zwischen Dampf- und Füllmassen- 
temperatur ein Ueberreifsen von Zuckertheilchen aus dem Kochraume 
heraus nach dem Condensator hin, welche nur zum Theil wiedergewonnen 
werden können. 

Als die gemeinschaftliche Ursache ist die zu hohe Temperatur des 
Heizdampfes bekannt. Ueber beide täuscht man sich gern hinweg. 
Ersteren verschweigt man, dem anderen sucht man mit dem Saftfänger 
beizukommen. 

Es gibt nach W. Greiner aber nur ein naturgemäfses Mittel, die ge- 
nannten Verluste zu vermeiden oder doch auf ein sehr kleines Mafs 
zurückzuführen, und das ist ruhiges, langsames Kochen. 

Unter Berücksichtigung einer mittleren Heizdampftemperatur von 
etwa 115 bis 120» C. bedarf man freilich des langsameren Kochens wegen 
gröfserer Füllmassenräume und erweiterter, den Bedingungen entspre- 
chend gestalteter Heizfläche. Da dieser Dampf ein 2,2 mal gröfseres 
Volumen hat als der Dampf von 145» C, so müssen andere Verhält- 



Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 171 

nisse zwischen der Heizflächeoeinheit und den Dampfdurchgangsquer- 
schnitten eingeführt werden, — andere, als man bis jetzt bei den 
Schlangen gewohnt war. 

In dem (rretncr''schen Systeme von Heizkörpern ist es möglich ge- 
worden, Heizdampf von geringer Spannung zu verwenden und trotz 
des grofsen Volumens dieser Dämpfe durch reichlich bemessene Quer- 
schnitte die Heizkörper so mit Dampf zu füllen und gefüllt zu erhalten, 
dafs ein Spannungsverlust kaum eintritt, beispielsweise mit Rückdampf 
zu kochen. 

Wenn man ferner das schnelle Ab- und Ausfliefsen des Condens- 
wassers in Betracht zieht, so wird man die Richtigkeit dieses Systemes 
anerkennen. 

Im Allgemeinen wird man sich mit gedrosseltem direkten Dampfe 
behelfen müssen, da besondere Kessel für die Beheizung des Vacuums 
selten zur Disposition stehen werden. Man mufs sich dabei an den Er- 
folgen des verlustfreien Kochens genügen lassen. 

Am besten jedoch wird Heizdampf verbraucht, welcher in möglichst 
dünnwandigen Kesseln unter geringer Spannung erzeugt und verwendet 
wird und in welche das Condenswasser von selbst zurückfliefst. Dieses 
System der einfachen Dampfheizung, welches gar keine Wärmeverluste 
in sich trägt, ist in Groningen und Wegeleben eingerichtet, wo es sich 
nun bereits zwei Campagnen hindurch bestens bewährt hat. Eine Reihe 
älterer Kessel ist hier verwendet worden. 

Einen Regen-Gegenstrom-Condensator liefs F. Schultze in Berlin 
patentiren (D. R. P. Kl. 89 Nr. 46 014 vom 21. März 1888). 

In den in Fig. 2 Taf. 9 dargestellten zusammengesetzten cylindri- 
schen Körper K K strömt bei B der Brüden ein. Letzterer umspült 
den in K lose eingehängten Cylinder CC und tritt bei P in denselben 
ein, dem Luftpumpenanschlusse L zustrebend. Das Kühlwasser wird 
bei W eingeführt, verbreitet sich in einem noch näher zu beschreibenden 
Napfe N N^ fällt durch dessen Boden zertheilt herab und nimmt wäh- 
rend des Fallens die Wärme des Brüdens auf, um schliefslich im Fall- 
rohre F herabzusinken. 

Der eintretende Brüden trifft also den von innen gekühlten Cy- 
linder C, mufs dann das zwar schon erwärmte, aber doch minder heifse 
Wasser bei P durchstreichen und zieht nun dem stetig kälteren frei 
fallenden frischen Wasser aufwärts entgegen. 

So ist der vollkommene Gegenstrom hergestellt, und die zur Luft- 
pumpe geführten nicht condensirten Brüden oder nicht condensirbaren 
Gase verlassen den Condensator an dessen kühlstem Theile. 

Die Vorrichtungen für die thunlichste Ausnutzung des Kühlwassers 
sind nun folgende: 

Um auf dem Napfe iV das Spritzen eines einfallenden Wasser- 
strahles zu vermeiden, wird das Wasser von unten eingeführt und dessen 



172 Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 

weiteres Emporsteigen durch eine vor die Mündung des Rohres gehaltene 
Platte verhindert. 

Der im Boden concentriseh ausgeschnittene Napf N liegt indirekt 
(durch eine elastische Zwischenlage geschieden) auf dem erweiterten 
Rande mm des Wasserrohres. Durch mehrere Schrauben s kann der 
Napf wagerecht eingestellt werden. 

Der Boden des Napfes enthält Röhrchen, welche in Kreisen Vy r.^ . . . 
stehen und zugleich in jedem Kreise verschiedene Höhen haben, gleich- 
viel in welcher Folge. Durch diese Röhrchen fällt das Wasser regen- 
artig aus dem Napfe iV in den Condensationsraum ab. Das Hervor- 
ragen der Röhrchen, auch der kürzesten, aus dem Boden des Napfes 
hat den Zweck, ein festes Aufsitzen von etwa mitgeführten Theilen 
(Blättern u. s. w.) zu verhindern, indem das von unten nachströmende 
Wasser solche Theile stets abhebt, während ein einfach gelochter Boden 
des Napfes bald verstopft sein würde. 

Die verschiedeneu Höhen der Röhrchen bewirken, dafs bei geringer 
Verdampfung, also auch bei entsprechend geringem Wasserbedarfe, ein 
geringer Theil Wasser zugelassen werden kann, und dieser dennoch, 
durch den Kreis der niedrigsten Rohre abfallend, einen geschlossenen 
Kranz von fallenden Wasserstrahlen unterhalb des Napfes bilden mufs. 
Bei Mehrbedarf und gröfserem Wasserzuflusse steigt der Wasserspiegel 
im Napfe, und ein zweiter Kreis von Röhrchen tritt in Thätigkeit; 
dieser letztere Zweck der Röhrchen könnte auch durch Etagenbleche 
erreicht werden. 

Der Napf iV ist zum Auswechseln eingerichtet. 

Ueber die Arbeit mit und ohne Knochenkohle wurde von Herherger 
in Waghäusel eingehend berichtet {Zeitschrift des Vereins für Rüben- 
zuckerindustrie des Deutschen Reiches^ 1889 Bd. 39 S. 279). 

In einer sehr treffenden Kennzeichnung der vielfach unrichtig be- 
gründeten Anschauungen über diese beiden Arbeitsweisen bezeichnet der 
Verfasser als Grund derselben vorzugsweise die meist zum Vergleiche 
benutzte unrationelle Knochenkohlenarbeit, nämlich diejenige mit un- 
bedeutenden Mengen Knochenkohlen und mit unrichtiger Verwendung 
der Absüfswasser, in Vergleich zu welcher allerdings die gänzliche 
Weglassung der Knochenkohle berechtigt sei. Reichlich und richtig 
angewandte Knochenkohle werde dagegen, namentlich so lange die 
Käufer reinen und weifsen Zucker zum Verbrauche beanspruchten, einst- 
weilen nicht entbehrt und auch bei den jetzt reicheren und reineren 
Rübensäften durch die Nichtfiltration mit Anwendung von schwefliger 
Säure nicht ersetzt werden. 

Das Wesen der richtig verstandenen und gut geleiteten Knochen - 
kohlenfiltration bestehe nicht sowohl in einer Aufbesserung des Reinheits- 
quotienten, welche vielfach nur 1 bis 2 Proc. betrage, als in dem Um- 
stände, dafs das spätere Verhalten der filtrirten Producte in Bezug auf 



Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken, 173 

Ausbringung und Beschaffenheit ein so verschiedenes von dem des un- 
filtrirten zeigt, dafs anzunehmen sei, es bestehe das Wesen der Knochen- 
kohlenfiltration in erster Linie in einer qualitativen Veränderung in der 
Zusammensetzung der Nichtzuckerstoffe, und erst in zweiter Linie in einer 
quantitativen Absorption derselben. Daher könne sehr wohl eine grofse 
Verbesserung der Farbe, des Geschmackes und des Krystallisationsver- 
mögens von einer nur geringen Aufbesserung des Reinheitsquotienten 
begleitet sein. Die Beschaffenheit und Eigenthümiichkeit eines Saftes 
sei durchaus nicht ausschliefslich nach dessen Reinheitsquotienten zu 
beurtheilen, vielmehr auch die Natur des Nichtzuckers in Betracht zu 
ziehen. 

Bestimmte Versuche, welche zu einem strengen, anwendbaren Ver- 
gleich zwischen beiden Arbeitsweisen führen können, sind trotz der seit 
Jahren dauernden Erörterungen über diesen Gegenstand nicht angestellt, 
oder wenigstens nicht veröffentlicht worden, und die allgemeinen Be- 
richte über den Erfolg der Nichtfilti-ation entbehren so lange der be- 
weisenden Grundlage, als solche einwandsfreie Vergleichsversuche nicht 
vorliegen. Der Verfasser theilt daher zur Ausfüllung dieser fühlbaren 
Lücke die Ergebnisse eines derartigen, vor einigen Jahren in Waghäusel 
ausgeführten Versuches mit, welcher derartig angelegt war, wie es ein 
richtiger Vergleich nach den unbestreitbar richtigen Grundsätzen er- 
fordert, d. h. sie schliefseu alle anderen Faktoren, die das Ergebnifs zu 
Gunsten der einen oder anderen Arbeitsweise verschieben könnten, aus, 
indem sie ein gleiches Rübenmaterial verwenden, die gleichen Kalk- 
mengen verbrauchen, mit derselben Scheidung und derselben ersten und 
zweiten Saturation arbeiten und erst dann auseinandergehen, wo sich 
beide Verfahren im Prinzipe unterscheiden. Wo bei der Knochenkohlen- 
arbeit die Filtration des Dünn- und Dicksaftes über ein angemessenes 
Quantum Kohle eintritt, da tritt bei der Nichtfiltration die ihrem Wesen 
eigene dritte Schwefligsäuresaturation, verbunden mit einer Filtration 
durch Pressen und über Kies, für welch letzteren indessen auch ein ge- 
ringes, ihm gleich zu achtendes Quantum Knochenkohle, das also rein 
mechanisch wirkt, eingestellt werden kann. 

Die in den Versuchen zu Tage tretenden niedrigen Zahlen erklären 
sich bald, wenn man in Betracht zieht, dafs die Versuche volle 5 Jahre 
hinter der Gegenwart zurück liegen, und wenn man weiter in Erfahrung 
bringt, dafs die Fabrik bis in die letzten Jahre hinein mit einer äufsei'st 
mittelmäfsigen Rübenqualität hat arbeiten müssen, bis es ihr gelungen 
ist, durch geeignete Samen aus wähl und Selbstzucht dem auch für süd- 
deutsche Verhältnisse noch ungünstigen Boden eine lohnende Rüben- 
qualität abzuringen, obwohl, wie bekannt, der süddeutsche Roh- 
zuckerfabrikant nie mit den Zahlen hat rechnen können, wie sie in 
Norddeutschland allenthalben gang und gebe waren. 

Gerade deshalb zeigen aber die Versuche um so schlagender, dafs 



174 



Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 



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176 Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 

bei einer relativ nicht so guten Rübenqualität der Unterschied zwischen 
Filtration und Nichtfiltration ein recht in die Augen springender ist. 

Die Versuche wurden doppelt in zwei verschiedenen Perioden der 
Campagne 1883,'84 angestellt, und zwar wurde in der Zusammenstel- 
lung stets der Versuch über die Arbeit mit schwefliger Säure mit der 
darauf folgenden Betriebswoche verglichen. Das Rübenmaterial war um 
diese Zeit — und die Zahlen ergeben das ebenfalls — von nahezu 
gleichem Zuckergehalte und gleichem Quotienten. Beide Arbeitsweisen 
sind nach dem damals noch hier üblichen Verfahren der getrennten 
Scheidung und Saturation ausgeführt. Man arbeitete natürlich mit 
gleichen Kalkmengen, und zwar l^j^ Proc. Aetzkalk, der nach der für 
hiesige Verhältnisse am besten bewährten Methode in der Weise ver- 
theilt wurde, dafs etwa 1,5 Proc. auf die Scheidung und 1/4 Proc. auf 
die zweite Saturation kam. 

Bei der Arbeit ohne Knochenkohle geschah die dritte Saturation 
mit schwefliger Säure bis auf 0,02 Proc. Alkalität. Was die Verarbei- 
tung bei dem Versuche mit schwefliger Säure anbetrifft, so ging die- 
selbe wie überall anderwärts von Statten. Der von der dritten Satu- 
ration kommende Dünnsaft lief durch Filterpressen, wurde in den 
Verdampf körpern zu Dicksaft concentrirt und lief von da, um von der 
beim Verdampfen ausgeschiedenen Substanz mechanisch filtrirt zu werden, 
über Filter, die — da die Anwendung des Kieses versagt war — mit 
Knochenkohle gefüllt waren, deren geringes Quantum in Bezug zur 
ganzen Verarbeitung indessen als verbessernd gar nicht in Betracht 
kommen konnte. Der so rein mechanisch filtrirte Dicksaft wurde als- 
dann im Vacuum verkocht. Die hierbei gemachten Beobachtungen 
waren kurz folgende: Die Verdampfung der Säfte in den Verdampf- 
körpern ging augenscheinlich etwas langsamer vor sich, ebenfalls brauchte 
beim Verkochen derselben im Vacuum jeder einzelne Sud etwas mehr 
Zeit als bei solchen, die der Knochenkohlenfiltration entstammten. Die 
erhaltene Füllmasse erwies sich kurz und auch mit gut ausgebildetem 
Korne, freilich zeigte sie eine bedeutend dunklere Farbe als die hellgelben 
Massen der Knochenkohlenarbeit. Was natürlich der Füllmasse anhaftete, 
war auch an dem Zucker auszusetzen, der nicht die rein gelblich-weifse 
Farbe der filtrirten Producte, sondern die den meisten geschwefelten 
Producten mehr oder minder anhaftende unreine Schattirung zeigte. 

Die normale Ai'beit mit Knochenkohle ging wie gewöhnlich vor 
sich. Man arbeitete mit 12 Proc. Knochenkohle, liefs die DünnsaftHlter 
auf die Dicksaftfilter übersteigen und sandte die Absüfswasser in die 
Kalklöschstation. (S. Tabelle S. 174 und 175.) 

Da die Versuche zur Genüge für sich selbst sprechen, so ist es 
wohl kaum nöthig, einen weiteren Commentar an dieselben zu knüpfen. 
Nur so viel sei erwähnt, dafs sich also nach dem aus beiden Versuchen 
berechneten Mittel ein gleiches Rübenmaterial auf 100^ Füllmasse 



Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 177 

a) bei der Arbeit ohne Kohle 64,9 Proc. eiues Zuckers v. 94,3 

b) ^ ,, -, mit ,. 68,2 ,. „ „ ,, 94,7 
ergab; oder dafs aus 100*^ Rüben entfielen: 

a) b.d. Arbeit ohne Kohle: 8.49 l.Prod.. 1.21 II. Prod.. in Sa. 9.70 Zucker, 2.92 Proc Melasse 

b) ., ,. .. mit .. 8.98 .. 0,99 .. ., .. 9,97 .. 2.48 

Unterschied: —0.49 l.Prod. +0.22 11. Prod., _0,27Zucker. +0.44 Proc. Melasse 

Die Versuche zeigen also, dafs bei der Arbeit ohne Kohle einem 
Mindergewinne von 0,49 Proc. I. Product für lOO"^ Rüben ein Mehr- 
gewinn von 0,22 Proc. II. Product und 0,44 Proc. Melasse gegenüber- 
steht. Bei einer täglichen Verarbeitung von 5000 Centner Rüben würde 
mithin der Ausfall von 24,5 Centner I. Product durch einen Mehrgewinn 
von 11 Centner II. Product und 22 Centner Melasse und durch die se- 
ringeren Filtrationsspesen zu decken sein. 

Sicherlich dürfte Jeder auf den ersten Blick sehen, dafs die Preis- 
differenz in dem Werthe der auf beiden Seiten erzielten Producte eine 
mehr als hinlängliche ist, die gröfseren Verarbeitungskosten der Knochen- 
kohlenarbeit zu decken; ein Umstand, der also unter den obwaltenden 
Bedingungen sicherlich zu Gunsten der oben genannten Arbeitsweise 
spricht. Wenn man nun auch andererseits wieder zugeben mufs, dafs 
in Folge besseren Rübenmaterials und anderer Arbeit sich das Verhält- 
nifs in den Ausbeuten beider Arbeitsweisen für die Kichtfiltration 
günstiger stellen wird und mufs, als die obigen Versuche ergeben haben, 
so wird man doch immer, auch beim besten Rübenmateriale, den Mehr- 
aufwand, der bei der Knochenkohlenarbeit aus den Filtrationsspesen be- 
steht, mit Leichtigkeit durch die Mehrproduction an I. Product, die 
nothgedrungen eintreten mufs, decken können. Freilich wird man bald 
mit dem Einwurfe bereit sein, um eine erfolgreiche Arbeit ohne Knochen- 
kohlen bei den Versuchen zu erzielen, hätte man mit bedeutend mehr 
Kalk arbeiten müssen, man hätte mindestens 3 bis S^j Proc. verwenden 
sollen. Ganz abgesehen nun davon, dafs früher in der That mit solchen 
Kalkmengen auch bei der NichtfiJtration gearbeitet wurde, so ist doch 
wiederum nicht zu verkennen, dafs diese hohen Kalkmengen sicherlich 
auch bei der Knochenkohlenfiltration den gleichen wohlthätigen Einflufs 
ausgeübt haben würden : hätte man sie hier angewandt, so wäre ein 
richtiger Vergleich nicht möglich. 

Wie dem auch sein mag, so viel geht aus den augeführten Ver- 
suchen zur Evidenz hervor, dafs bei schlechtem Rübenmaterial die 
Knochenkohlenarbeit unstreitig nicht nur die bessere, sondern auch die 
rentablere ist, da sie allein wieder gut machen kann, und, wenn richtig 
und sachgemäfs angewandt, auch wieder gut macheu wird, woran der 
Boden bezieh, eine schlechte Saftreinigung der Rüben gefehlt haben. 

B. Jelinek in Prag und M. Taussig in Sedlitz bei Kuttenberg ist ein 
Verfahren zum gleichmäfsigeu Anwärmen und Auslaugen von Rübeu- 
schuitzeln patentirt worden (D. R. P. Kl. 89 Nr. 46023 vom 27. Mai 
1888), welches im Wesentlichen darin besteht, dafs man den Saft eines 

Dingler's polvt. Journal Bd. 273 Nr. 4. 1889,111. 12 



17S 



Neuere Verrahren uiul Apparate für Zuckerfabriken. 



Ditruseuvb einmal oder mehrmals durch den Calorisator und den DifFuseur 
eirkuliren läfst. Bei dem bisherigen Verfahren werden die Säfte in den 
Calorisatoren oder in den Vorwärmepfannen (oder auch durch Anwärme- 
injectoren) bedeutend höher erwärmt, als die Temperatur des Dilfuseurs 
sein soll, wenn die Mischung des erhitzten Saftes mit den Schnitzeln 
stattgefunden hat. In Folge dessen werden diejenigen Schnitzel, welche 
vom heifsen Safte zuerst getroffen werden, verbrüht, während die 
übrigen Schnitzel kalt bleiben und daher nicht genügend extrahirt 
werden. Die Cirkulation wird hier durch Uentrifugalpumpen oder auch 
andere Pumpen (eventuell Injectoren) hervorgerufen. 

Die Wichtigkeit der vollkommenen Gleichmäfsigkeit der Tempe- 
raturen in jedem Gefäfse ist wohl bisher nicht genügend beachtet wor- 
den, doch bleibt es fraglich, ob die Erzielung derselben nicht auf einem 
zu umständlichen Wege angestrebt wird. 

H. J. Vrabec in Wegstädtl hat nach Beobachtungen in 14 böhmischen 
Zuckerfabriken einen Vergleich zwischen der DiffUsionsarbeit aufgestellt 
{Böhmische Zeilschrift für Zuckerindustrie ^ Bd. 13 Heft 5 S. 828), wie 
dieselbe im Vorjahre unter dem früheren und in diesem Jahre unter 
dem neuen österreichischen Zuckergesetze (vgl. 1888 270 89) ausgeführt 
worden ist. Es zeigt sich darin, wie abhängig die Arbeitsweise von 
der Besteuerungsart ist und wie viel richtiger dieselbe geworden ist, 
seit sie sich nicht mehr allein auf die zu erzielenden Steuervortheile 
zu richten hat. 



1887,88 



1888:89 



Die DitTusionsbatterie enthielt Körper . . 

davon in Thätigkeit 

Auslangeraum 1 Körpers 

„ im Durchschnitt .... 

Aaslaugezeit 

„ im Durchschnitt . . . . 

Füllung für l'il Aaslaugeraum .... 

„ im Durchschnitt 

Täglich abgefertigte Diffaseure .... 

„ im Durchschnitt 

Tägliche Rübenverarbeitang pr. Batterie . 

„ „ „ Zuckerfabr. 

„ „ im Durchschnitt 

„ Verarbeitung pr. l'i' Auslaugeraum 

„ „ im Durchsciinitt . 

Abgezogene Saftmenge vom Inhalt . . . 

„ „ im Durchschnitt . 

„ „ pr. lüük Rübe . . 

„ „ im Durchschnitt . 

Der abgezogene DitTusionssaft hatte . . 

Durchschn. Zusammensetzung des Saftes . 

„ Quotient des Rübensaftes . . 

Aufbesserung des Quotienten 

Die aasgelaugten Schnitte polar 

„ „ „ im Durchschnitt 
Auslaugetemperatur 



9 

8 

710-11471 

9221 

25,6 Min. 

25,6 „ 

57,5 -68,1k 

63,9k 

450 

450 

2079—3393 MC. 

2079 -4590 „ 

2840 iMC. 

3236 -3832k 

3593k 

9.') -114,61 

102,21 
149 -177,7 

161 

8,7-11,3 S 

9,82-8,31—84,5 

83,4 

1,1 

0,34—0,65 

0,5 
81—900 c. 



10-14 

9-11,5 

1700-37831 

26791 

43,3—82 Min. 

62,2 Min. 

44,9-58,7k 

52,3k 

200—308 

241 

2700—4222 MC. 

2700—5778 „ 

3739 MC. 

935— 1748k 

1229k 

51,8-83,81 

65,01 

108,8-142,9 

124,6 

10,0—12,8 S 

11,5-9,85-85,6 

83,0 

2,6 

0,10—0,30 

0,204 
63—850 C. 



Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimraung. 179 

Vorstehende Tabelle enthält den Vergleich der beiden Arbeits- 
methoden. (Schlui's folgt.) 



Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestim- 
mung; von Constantin Klinge. 

(Mit Abbildungen auf Tafel 11.) 
Dank der Anregung, welche Paterno und Nasini ^^ sowie Victor 
Meyer- gegeben, hat die Raoult'sche Methode der Molekulargewichts- 
bestimmung im Laufe der letzten zwei Jahre gewaltige Fortschritte 
erfahren. 

Trotzdem die diesbezügliche Literatur leider verschiedene Wider- 
sprüche, sowie bis jetzt noch offen stehende Fragen aufzuweisen hat, 
so ist doch durch zahlreiche Forscher, welche sich mit diesem Thema 
eingehend beschäftigt haben, theils durch wissenschaftliche Grundlagen, 
theils durch praktische Verbesserungen bezieh. Vereinfachungen des 
Verfahrens, die Methode gegenwärtig auf einen Staudpunkt der Ent- 
wickelung gelangt, welcher jedem Chemiker in einer grofsen Anzahl von 
Fällen gestattet, sich dieser Methode der Molekulargewichtsbestimmung 
ohne gröfsere Schwierigkeiten und mit geringen Hilfsmitteln zu bedienen. 
Die Fülle von Arbeiten, welche über diesen Gegenstand in den 
verschiedensten Zeitschriften veröffentlicht worden sind, haben den Ver- 
fasser bewogen, eine einheitliche Darlegung der Methode, so weit das 
bis jetzt überhaupt durchführbar ist, zu geben. 

Bei Abfassung der nachstehenden Abhandlung ist das Hauptgewicht 
auf eine eingehende Besprechung der praktischen Anwendung der 
Methode gelegt worden, um allen denjenigen, welche in Zukunft der- 
artige Molekulargewichtsbestimmungen auszuführen gedenken, einen 
kurzen Leitfaden an die Hand zu geben, woher denn auch von der Be- 
sprechung einiger theoretischer Fragen, welche in das Bereich der 
mathematischen Physik gehören und zur Zeit zum Theil auch noch 
keine genügende Beantwortung gefunden haben, Abstand genommen 
worden ist. 

Der Abhandlung liegen die Arbeiten von: F. 31. Raoult., Paterno., 
van fHoff., Victor Meijer^ K. Auwers., Ostwald., Beckmann., Hollemann., 
Hentschell., Fabinyi und Eykmann zu Grunde. 

L Theoretischer Theil. 
Das Prinzip der Methode beruht auf der Beobachtung, dafs der 
Erstarrungspunkt irgend eines lösenden Mediums bei Gegenwart einer 
in demselben gelösten fremden Substanz herabgedrückt wird. 

1 Berichte, XIX, 2530. 

2 Berichte. XXI. 539. 



180 Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestiramung. 

Umfassende üntersuehungeu, welche früher von Bladgen^^ Rüdorff^ 
und Coppet^ mit wässerigen Lösungen, in neuester Zeit von Raoult*' auch 
mit einer Reihe von anderen lösenden Medien angestellt worden waren, 
hatten zur Erkenntnifs bestimmter Gesetzmäfsigkeiten bezüglich des 
Einflusses geführt, welchen die chemische Natur und die Menge eines 
gelösten Körpers auf den Erstarrungspunkt des Lösungsmittels ausüben, 
und auf dieser Grundlage arbeitete Raoult eine neue Methode der Mole- 
kulargewichtsbestimmung aus. 

Leber die Gesetze, durch welche Raoult seine Methode begründet, 
hat K. Auwers'' folgende kurze Zusammenstellung gegeben: 

Die Erniedrigung des Erstarrungspunktes (Depression), welche ein 
Lösungsmittel durch Auflösen eines festen, flüssigen oder gasförmigen 
Körpers erfährt, ist innerhalb gewisser Grenzen und unter gewissen 
Bedingungen der Menge des gelösten Körpers direkt, der Menge des 
Lösungsmittels aber umgekehrt proportional. 

Bezeichnet man mit C die Depression, welche durch P'^ Substanz 
in L§ Lösungsmittel hervorgebracht werden, mit A dieselbe Gröfse für 
1" Substanz und lOOfe' Lösungsmittel, so gilt die Gleichung: 

P . 100- 

Multiplicirt man die Gröfse A^ welche Raoult den Depressions- 
coefficienten (coefficient d'abaissementj der betreftenden Substanz für 
das betreffende Lösungsmittel nennt, mit dem Molekulargewicht der ge- 
lösten Substanz M^ so erhält man nach der Gleichung 

M.A=T 
die sogen, molekulare Depression des fraglichen Körpers. Für jeden 
Körper ändert sich der Werth von A und folglich auch von T mit der 
Natur des Lösungsmittels: dagegen ergab sich aus den genannten Unter- 
suchungen, besonders denen von Raoult^ dafs bei Anwendung desselben 
Lösungsmittels der Werth von T für gröfse Klassen chemisch analog 
zusammengesetzter Stoffe einen constanten oder doch annähernd eon- 
stanten Werth annimmt, mit anderen Worten, dafs Verbindungen von 
analoger chemischer Constitution gleiche Molekulardepressionen besitzen. 

Raoult fand jedoch noch allgemeinere, umfassendere Gesetzmäfsig- 
keiten auf. Berechnet man nämlich nicht die Depression, welche 1" 
Substanz in 100? Lösungsmittel hervorruft, also die Gröfse A^ sondern 
diejenige Depression, welche durch Auflösung von einem Molekül der 
betreffenden Substanz in 100 Molekülen des Lösuns-smittels bewirkt 



3 Phil, trans.. LVIII. 277. 

i Pogo. Ann. CXIV. (J3. CXVI, 55. 

5 Ann. chim. pht/s.. [4] XXIII. 366. XXV. 5<)'2. XXVI. 98. 

6 ^nn. chim. phys.. [5] XX. 217. XXVIII. 133. [6| II. (5i). 03. 99, lli 
IV, 401. VII [. 289. 317. Compt. rend.. CII, 1307. 

< Berichte. XXI. 701. 



Die Raoulfsche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 181 

wird, so erhält man, wenn M, wie früher, das Molekulargewicht des 
gelösten, Mi dasjenige des lösenden Körpers ausdrückt, die Gleichung: 

M T 

Aus derselben ei-gibt sich zunächst unmittelbar, dafs die neue 
Gröfse Jj einen coustauten Werth besitzt, so lange T constant bleibt. 
Führt man aber diese Rechnungen für eine Anzahl verschiedener 
Lösungsmittel durch, so gelangt man zu dem höchst bemerkenswerthen 
Ergebnisse, dafs, obwohl die Gröfse J, wie erwähnt, von einem Medium 
zum anderen ihren Werth ändert, und zwar in erheblichster Weise, 
die Gröfse Tj dennoch mit grofser Annäherung constant bleibt. Be- 
zeichnet man mit ?], t.j^ fg .... die Werthe von T für eine Anzahl 
beliebiger Lösungsmittel, mit »»j, m,, m^ . . . . die Molekulargewichte 
der letzteren, so gilt mithin: 

lL^il^ii = j Const. 
mj nio '«3 

Der Werth der Constanten schwankt nach den Versuchen von Raoult 
zwischen 0,590 und 0,650 und ist im Mittel gleich 0,630 zu setzen. In 
Worten lautet das Gesetz^: Löst mau 1 Molekül einer beliebigen Sub- 
stanz in 100 Molekülen eines beliebigen Lösungsmittels, so wird der 
Erstarrungspunkt des letzteren um 0,630 herabgedrückt. 

Dieses Gesetz bezeichnet Raoult mit dem Namen des ..allgemeinen 
Gesetzes der Erstarrung" (loi generale de la congelation). Dieses Ge- 
setz gilt zunächst für das Temperaturintervall bis 800 Q^ (j^ der 
Schmelzpunkt aller der von Raoult benutzten Lösungsmittel innerhalb 
dieser Grenzen lag, während noch zu untersuchen bleibt, ob das Gesetz 
seine Gültigkeit behält auch für Medien, welche einen höhei-en oder 
niedrigeren Schmelzpunkt besitzen. 

Aber auch innerhalb des bezeichneten Intervalls gilt das Gesetz 
nicht ausnahmslos. Bei seiner soeben gegebenen Formulirung ist still- 
schweigend die Voraussetzung gemacht, dafs der Werth von T bei 
gleichbleibendem Lösungsmittel nicht allein innerhalb grofser Körper- 
klassen constant bleibe, wie dies oben als der Wirklichkeit entsprechend 
ausgeführt ist, sondern dafs diese Constanz überhaupt für alle Körper 
gelte. Zieht man nur die organischen Verbindungen in den Kreis der 
Betrachtung, so scheint es in der That eine Reihe von Lösungsmitteln 
zu geben, welche letzterer Forderung genügen, d. h. sämmiliche orga- 
nische Substanzen zeigen in ihnen die nämliche molekulare Depression. 
Bei einer Reihe anderer Medien ist die Bedingung wenigstens für die 
weitaus überwiegende Mehrzahl der Substanzen erfüllt, während eine 
kleine Menge von Körperu — regelmäfsig Alkohole, Phenole und 
Säuren — in denselben Depressionen hervorrufen, welche nur halb so 
grofs sind wie die .,normalen'' der übrigen Substanzen. 

8 Ann. chim. phys.. [6] II. 92. 



182 l->if Kauultbclie Methode der ilolekulargevviclitsbestiiumuiig. 

Ein gäuzlich abweichendes Verhalten von allen übrigen untersuchten 
Lö^^ungsmitteln, die siimmtlich in der erwähnten mehr oder weniger 
vollkouinienen Weise dem allgemeinen Gesetz der Erstarrung gehorchen, 
zeigt jedoch das Wasser, das ja auch in vielen anderen Beziehungen 
eine besondere Stellung einnimmt. Allerdings besitzen, nach den bis 
jetzt vorliegenden Erfahrungen, alle organischen Substanzen im Wasser 
eine annähernd gleiche molekulare Depression J", allein aus derselben 
berechnet sich nicht der normale Werth T^ =0,63, sondern ein Werth, 
der etwa zwischen 0,920 und 1,27^ schwankt. 

Noch weniger trifft das allgemeine Gesetz auf wässerige Lösungen 
anorganischer Substanzen zu, indem bei diesen T für jede Klasse von 
Salzen einen besonderen Werth annimmt. Da es sich jedoch in erster 
Liuie darum handelt, die Methode zur Molekulargewichtsbestimmuug 
organischer Substanzen, welche ja, wie gesagt, dem Raoult schftxx Ge- 
setze unterworfen sind, nutzbar zu machen, so soll auf die soeben er- 
wähnten abnormen Verhältnisse nicht weiter eingegangen werden, zumal 
dieselben zur Zeit noch keine genügende Beurtheilung zulassen. 

Wie schon oben bemerkt, rufen verschiedene organische Substanzen 
in einigen Lösungsmitteln Depressionen hervor, welche nur halb so grofs 
sind wie die normalen der übrigen Substanzen. — Demgemäfs gibt auch 
Hnoult für jedes Lösungsmittel stets zwei Werthe der molekularen De- 
pression T an. 

T 
normal anormal 

Wasser 19 9,5 

Benzol 49 25,0 

Eisessig 39 18.5 

Naphtalin 82 41,0 

Die Substanzen, welche anormale Depressionen zeigen, existiren 
nur in kleiner Zahl, und meist ist dieselbe nicht gleich für die ver- 
schiedeneu Lösungsmittel; die Essigsäure bietet eine sehr kleine Zahl 
von Ausnahmen dar, während das Benzol die Hälfte der normalen 
Depression für die Alkohole, die Säuren und die Phenole nach den 
Untersuchungen von RaouU und auch für die Oxime nach denjenigen 
von Beckmann-^ ergibt, und ist es erwähnenswerth, dafs diese Körper, 
welche in jedem Lösungsmittel normale und anormale Depression her- 
vorrufen, wohlbestimmten Gruppen angehören, ii' 

Das Raoult sehe Gesetz, welches sich lediglich auf eine experimentelle 
Grundlage stützt, ist rein empirisch, und seine Gültigkeit, wie es sich 
schon am Wasser gezeigt hatte und neuerdings aus den Arbeiten von 
HenlscheU^^ hervorgeht, keineswegs allgemein. 

Nach Oslwald^'i würde der Satz von Haotdt dann allgemeine Gül- 

9 Berichte, XXI, 766. 

10 Raoult, Ann. chim. phys., [6] II, 88. Paferno. Berichte. XXIL 465. 

11 Zeitschr. für phys. Chem., II, 306. 

12 Zeitschr. für phys. Chem.. II, 311. 



Die Raoult'sche Methode der Molekiilareewicbtsbesiimmung. 



183 



tigkeit habeu, -neun die molekulare latente Schmelzwärme dem Quadrat 
der absoluten Schmelztemperatur proportional wäre: dies scheint that- 
sächlich in einigen Fällen stattzufinden, aber nicht in allen. 

Dagegen hat van t'Hoß^^ der Methode eine sichere wissenschaft- 
liche Grundlage gegeben. 

Derselbe beweist durch die homologen Beziehungen, welche das 
Losen und Verdampfen der Körper in Bezug auf ihre molekularen Ver- 
hältnisse zeigen, dafs die molekulare Depression eines Lösungsmittels 
in einfacher Beziehung zur latenten Schmelzwärme dieses Lösunos- 
mittels steht. 

Bezeichnet man mit T die absolute Erstarrungstemperatur (also 
Erstarruugstemperatur -f- 273) des Lösungsmittels und mit TT' die latente 
Schmelzwärme desselben, so läfst sich nach der Formel 

0,02. -pp = f 

die molekulare Depression berechnen. 

Diese Formel ist thermodynamisch begründet und daher allgemein 
gültig 1^. 

Die nach dieser Formel von van l Hoff berechneten Werthe stimmen 
thatsächlich mit denjenigen, welche Raoult^^ durch zahlreiche Versuche 
festgestellt hatte, vollkommen übereiu. 



Lösungsmittel 


Gefrierpunkt rLat„S.hme^- 


0.02. P j Mol. 
IT 1 Depression 


Wasser 

Essigsäure 

Ameisensäure .... 

Benzol 

Kitrobenzol 


273 

273 -f 16,7 
273 -t- 8.5 
273 -i- 4.9 
273 4- 5,3 


79 

43.2H 
55,6 *t 
29.1 f 
22.3 1 


18.9 
38,8 
28.4 
53.0 
69.5 


IS. 5 
38.6 
27.7 
50.0 
70.7 



""■ Berthelot. Essai de mecanique chimique. 

f Pelterson. Journal für praktische Chemie (2) XXIV, 129. 

Für ein bei 38^ schmelzendes Phenol berechnete Eykmann^^ nach 
der van t Hoff' scheu Formel die Constante J=76. während die mole- 
kulare Depression des Phenols, aus der iJaoM/fscheu Formel (0,62 X Mole- 
kulargewicht des Phenols) berechnet, blofs 58,3 beträgt. Zahlreiche Ver- 
suche, welche Eykmann mit Phenol gemacht hat, um experimentell die 
molekulare Depression dieses Körpers festzustellen, haben zu einem 
Werthe geführt, der mit dem van f Ho ff' sehen übereinstimmt. 

Für Naphtalin gibt /?ao«7f i- die molekulare Depression T=S2 an, 
während nach der ran t'Hoff'schen Formel sich dieser Werth auf 69.4 

13 Zeitschr. für phys. Chem.. I. 497. 
1-1 Zeitschr. für phys. Chem.. IL 311. 

15 Ann. chim. phys.. [5] XXVIII. [6J XI. 

16 Zeitschrift für^phys. Chem.. III, 113. 
1< Compt. rend.. CIl'. 1307. 



184 Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestiramung. 

berechnen läfst. R. Fabinyi i^ erhält nun für Naphtalin einen Werth 
T= 70, welcher sich dem Äaow/rschen nähert, jedoch erweist sich um- 
gekehrt aus den Untersuchungen Eykmanns i*^, dafs die molekulare De- 
pression des Naphtalins mit dem aus der van CBol]"schen Formel be- 
rechneten Werthe übereinstimmend ist. 

Diese Widersprüche können zum Theil darin eine Erklärung finden, 
dafs Raoult mit einer willkürlich gewählten Concentration des Lösungs- 
mittels arbeitete und seine Werthe für die molekularen Depressionen 
daher immer die gleichen bleiben, unabhängig von der Concentration 
des lösenden Mediums. 

Durch die van fHoffsche Relation ändert sich die molekulare 
Depression eines Lösungsmittels stetig mit der Concentration desselben, 
da der Erstarrungspunkt, welcher ja mit der Concentration immer 
wechselt, ein Hauptfactor der Formel ist. 

Ueberhaupt spielt die Concentration des Lösungsmittels bei der 
praktischen Durchführung der Methode eine äufserst wichtige Rolle. 
Die Äaou/t''schen Gleichungen gelten nur für sehr verdünnte Lösungen. 

Bei zunehmender Concentration des Lösungsmittels ergibt sich meist 
ein gleichmäfsiges Ansteigen der Molekulargewichte. Diese Verhält- 
nisse hat Beckmann'^o durch Curventafeln veranschaulicht, in welchen 
die beobachteten Depressionen als Abscissen, die Molekulargewichte als 
Ordinalen eingetragen sind (Fig. A und B Taf. 11). 

Dieses Ansteigen der Werthe ei-klärt Beckmann'^ ^ aus der Veränder- 
lichkeit der molekularen Depressionen mit der Erstarrungstemperatur, 
auf welchen Umstand vorhin schon aufmerksam gemacht wurde. 

Andererseits aber darf die Verdünnung auch nicht unter ein gewisses 
Maafs herabsinken 22^ wenn man zu normalen Werthen gelangen will. 

So gibt beispielsweise RaouW^^ als Grenzen für die regelmäfsigen 
Werthe, bei Anwendung von Benzol als Lösungsmittel, Depressionen 
an, welche zwischen 0,50 und 2,50 liegen, doch hat neuerdings Beck- 
mann'-^ bei Depressionen von 0,2^ und weniger schon brauchbare Werthe 
erhalten. 

Eine Hauptbedingung für die Anwendbarkeit der RaoulC s,c\\Qn 
Methode ist, dafs zwischen der gelösten Substanz und dem lösenden 
Medium keine chemische Wirkung stattfindet. '^5 Ausgenommen sind 
hierbei die Fälle, in denen die gedachte Wirkung sich auf ein einfaches 
Zusammentreten der beiden Körper nach bekannten Gewichtsverhält- 



1^ Zeitschr. für phys. Chem.^ III, 38. 
19 Zeitschr. für phys. Chem., III, 113. 
'^0 Zeitschr. für phys. Chem..^ II, 719. 

21 Zeitschr. für phys. Chem..^ II, 740. 

22 Aiiicers^ Berichte., XXI, 705. 

23 Ann. chim. phys.., [G] VIII, 259. 

24 Zeitschr. für phys. Chem., II, 718. 

25 Auicers.^ Berichte., XXI, 705. 



Die Raoult'sche 3Iethode der Molekulargewichtsbestimmung. 185 

nissen beschränkt, wie z. B. bei der Auflösung eines der Hydratbildung 
fähigen Körpers in Wasser oder einer organischen Base in Eisessig 
u. s. w. Mau hat in diesen Fällen nur die Menge l des Lösungsmittels, 
welche von den P§ gelöster Substanz fixirt werden, entsprechend in 
Rechnung zu tragen, wodurch die Gleichung 

C.L 



A = 



in die Form 



.4 = 



P .100 
C.(L — l) 



... ., (P + l). 100 

übergeht. 

Hiermit mögen die Gesetzmäfsigkeiten, aufweiche sich die Methode 
stützt, sowie die Bedingungen, unter welchen dieselben zutreffen, p-e- 
nügend skizzirt sein. 

Bemerkt sei noch, dafs Baoulfi^ bei der Untersuchung von etwa 
loO organischen Verbindungen nur zweimal zu Ergebnissen gelangte. 
die mit der gebräuchlichen Formulirung der Körper in Widerspruch 
standen : für Jodoform und Morphin fand er nämlich die Molekulargewichte 
doppelt so grofs, als dieselben allgemein angenommen werden. 

Aus den neueren Untersuchungen von Paterno'^-'^ ergibt sich jedoch, 
dafs die durch das Jodoform bewirkte Depression des Benzols als normal 
angesehen werden mufs und dafs, wenn sie sich wirklich von der 
Norm entfernt, dies im entgegengesetzten Sinne erfolgt, um eine höhere 
molekulare Complexität anzunehmen, und sie würde höchstens beweisen, 
dafs das Jodoform eine theil weise Zersetzung erleidet, was auch that- 
sächlich der Fall zu sein scheint. Ueberhaupt sind alle Abnormitäten 
höchst wahrscheinlich auf Dissociationserscheinungen zurückzuführen. 

H. Praktischer Theil. 

Will man das Molekulargewicht eines beliebigen Körpers mittels 
der Raoulf sehen Methode bestimmen, so wird es sich empfehlen, die 
molekulare Depression T des gewählten Lösungsmittels zuerst theoretisch, 
mit Hilfe der van t Hoff" sehen Formel, zu berechnen, und dann die- 
selbe Gröfse durch Versuche mit Substanzen von bekanntem Molekular- 
gewichte experimentell festzustellen. 

Ist dies geschehen, so findet man das Molekulargewicht jeder Sub- 
stanz, indem mau durch eine Reihe von Versuchen den Depressions- 
coefficienten ^ bestimmt und mit dem gefundenen Werthe in Jdividirt2^: 

T 

Mit der Raoult'sehen Methode erhält man im Allgemeinen keine 



26 Auwers. Berichte. XXI. 704. 

2T Berichte. XXII. 465. 

2*^ Autcers. Berichte. XXI. 704. 



186 iJie Kaoult sehe Methucie der Molekulargewichtsbeslinimung. 

absolut genauen Werthe für die Molekulargewichte, sondern nur Nähe- 
rungswerthe. 

Was die Schärfe der Resultate anlangt, die man mit der Methode 
zu erreichen vermag, so bemerkt K. ylwu-^rs^«, dafs dieselbe wesent- 
lich durch zwei Punkte bestimmt wird: erstens durch die Strenge, in 
der das /{aouU'sche Gesetz überhaupt gültig ist, und zweitens durch den 
Grad der Genauigkeit, mit dem man den Erstarrungspunkt der Lösungen 
zu bestimmen vermag. 

Der erste Punkt braucht nach dem, was im theoretischen Theile 
gesagt worden ist, nicht näher erörtert zu werden: was jedoch den 
zweiten Punkt anbelangt, so ist die Genauigkeit der Resultate einerseits 
von der Wahl des Apparates, andererseits aber von der Wahl und Cou- 
centration des Lösungsmittels abhängig. 

Die Apparate. 

Das von Raoult ursprünglich angewandte Verfahren hat auf Grund 
neuerer Untersuchungen über diesen Gegenstand mannigfache Abände- 
rungen erlitten, und sind namentlich in der letzten Zeit verschiedene 
Ai)parate zur Bestimmung des Molekulargewichtes aus der Gefrierpunkts- 
erniedrigung in Vorschlag gebracht worden, deren Einrichtung und Hand- 
habung jetzt näher bespi'ocheu werden soll. 

Apparat von Auwers^^ (Fig> 1 Taf. 11). Der untere Theil eines Glas- 
mantels, wie er zur UmhüUuug von Dampfdichteapparateu dient, wird ab- 
gesprengt, und dieses Gefäfs, etwa 4,5 bis 5cm ^yeit und 13 bis 16^°» hoch, 
durch einen \ierfach durchbohrten Korkstopfen verschlossen. In die mitt- 
lere Bohrung wird das Thermometer eingesetzt, und zwar so tief, dafs 
seine Kugel sich in der Mitte der Flüssigkeit beiludet. Hinter dem Ther- 
mometer befindet sich eine Röhre mit Chlorcalcium, um die bei der Ab- 
kühlung des Apparates einströmende Luft zu trocknen. In der Bohrung A 
steckt eine kurze, weite Glasröhre, die ihrerseits durch einen kleinen 
Kork verschlossen ist; diese Röhre wird nur geöffnet, wenn durch sie 
ein Krystall von Eisessig in die Flüssigkeit geworfen wird, um die Er- 
starrung einzuleiten. In die Bohrung ß ist gleichfalls eine kurze Glas- 
röhre eingesetzt, in der sich der Stab der Rührvorrichtung aus Glas auf 
und ab bewegt. Um den kleinen Zwischenraum zwischen Röhre und 
Stab — in der Skizze der Deutlichkeit halber weiter gezeichuet als in 
Wirklichkeit — von der Luft abzuschliefsen, was durchaus nothwendig 
ist, wenn man eine Reihe von Versuchen mit derselben Lösung anstellen 
will, wird ein kleiner Ballon aus sehr dünnem Gummi mit Ansatzstück, 
wie sie gelegentlich zu Vorlesungszwecken benutzt werden, in den man 
oben ein Loch »eschnitten hat — oder ein sehr dünnwandiger, weiter 



29 Berichte. XXI, 708. 

30 Berichte. XXI. 711. 



Die Raoult'sclie Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 187 

Gummischlauch — über Röhre und Glasstab gezogen und an denselben 
so befestigt, dafs er den Bewegungen des Rührers folgen kann, ohne 
dieselben zu hindern oder selbst gespannt zu werden. Zur sicheren 
Befestigung werden über Röhre und Glasstab kurze, dicke, eng anlie- 
gende Stückchen Gummischlauch gezogen und an ihnen der Ballon mit 
Seide festgebunden. Der ganze Apparat wird in eine Klammer an 
einem Stativ eingespannt. In eine zweite, höher betiudliche Klammer ist 
ein Stückchen Holz eingespannt, an welchem um ein Paar Nägel zwei 
Rollen drehbar sind, die man sich aus eingekerbten Korkstückchen 
herstellen kann, üeber die Rollen läuft ein seidener Faden, der 
mittels eines Platinöhres an dem Stab des Rührwerkes befestigt ist: 
durch eine passende Uebertragung kann man das Rührwerk mit einer 
kleinen Turbine in Verbindung setzen, oder man bewegt dasselbe 
während des Versuches mit der Hand, was die Beobachtung in keiner 
Weise stört. 

Zur Messung der Temperatur wird ein gewöhnliches Thermometer 
benutzt, welches von bis 50^ in ^'^^ Grade getheilt ist. Die Ablesung 
geschieht mit einer Lupe, die in passender Entfernung vor der Scala 
an einem kleinen Stativ einges])annt wird. 

Mittels einiger Uebung gelingt es, Auge, Lupe und Theilung stets 
in die gleiche Lage zu einander zu bringen: nöthigenfalls kann die Ab- 
lesung auch mit einem Fernrohre geschehen, was anfangs zur Controle 
der direkten Ablesungen empfehlenswerth ist. — Die Körperwärme des 
in grofser Nähe betindlichen Beobachters kann keinen merklichen Ein- 
flufs auf die Angaben des Thermometers ausüben, da nach den Beob- 
achtungen von HaouU^ selbst wenn die Temperatur der Gesammtumge- 
bung des Apparates w^ährend des Erstarrungsprozesses um 200 geändert 
wird, die Ditl'erenzen in den Angaben nie mehr als 0,01*^ betragen. Der 
mögliche Fehler der Ablesung beträgt etwa 0,005 bis 0,01": hierzu kann 
noch ein möglicher Fehler der Theilung treten, dessen Betrag etwa 
eben so hoch geschätzt werden darf. Die Bestimmung des Erstarrungs- 
punktes kann also, was die beiden erwähnten Fehlercjuellen anlangt, im 
ungünstigsten Falle bis zu Ji ^lO^o fehlerhaft ausfallen. Jedoch darf 
angenommen werden, dafs diese extremen Fälle nur äufserst selten vor- 
kommen; der durchschnittliche Fehler würde vielmehr ^h ^-Ol" nicht 
übersteigen. Auch müssen jedesmal eine Reihe von Controlbestimmungeu 
angestellt werden, um etwaige Fehler der Einzelbestimmungen möglichst 
auszugleichen. 

Jedenfalls ist aber, falls man nicht in der Lage ist, geprüfte Thermo- 
meter mit feinerer und weiterer Theilung zu benutzen, auf eine mög- 
lichst genaue Ablesung des Thermometers das gröfste Gewicht zu legen, 
da schon eine verhältnifsmäfsig kleine Ungenauigkeit hierbei den Werth 
einer Bestimmung gänzlich illusorisch machen kann. Die Versuche 
wurden von Auxi-ers in folgender Weise anoestellt: In das Gefäfs wurden 



188 Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 

etwa 100s Eisessig 31 abgewogen — es genügt, bis auf zehntel Gramme 
zu wägen — und darauf der Apparat in ein grofses Becherglas mit 
Wasser gesenkt, dessen Temperatur sieh etwa 1 bis 20 unter der jedes- 
maligen Erstarrungstemperatur befand, also im Mittel etwa 140 betrug. 
Unter beständigem Rühren wurde der Eisessig langsam bis etwa ^^ bis 
^'2^ unter seinen Erstarrungspunkt abgekühlt und darauf durch einen 
eingeworfenen Krystall die Erstarrung eingeleitet. Zunächst sank der 
Quecksilberfaden noch um 2 bis 3 zehntel Grade, darauf stieg er erst 
rasch, dann langsamer, um nach kurzer Zeit seinen höchsten Stand zu 
erreichen, auf dem er lange Zeit unbeweglich verharrte; danach begann 
er äufserst langsam zu sinken. Während der ganzen Operation wurde 
das Rührwerk bewegt. Man braucht das Sinken des Quecksilbers nicht 
abzuwarten, sondern kann den Versuch unterbrechen, sobald man sicher 
ist, dafs sich die Kuppe des Quecksilbers fest eingestellt hat. Dieser 
höchste Stand des Thermometers wurde nach Raoult als der wahre Er- 
starrungspunkt angenommen. — Nach Beendigung des Versuches wurde 
der Apparat auf ein Wasserbad gesetzt, doch so, dafs er nicht von den 
Dämpfen umspült werden konnte ; der Eisessig, von dem nur ein kleiner 
Theil erstarrt war, wieder völlig aufgethaut und nun sofort die zweite 
Bestimmung des Erstarrungspunktes des Eisessigs in der nämlichen 
Weise wie die erste vorgenommen u. s. f. Hierbei zeigte es sich, dafs 
der fragliche Punkt in der Regel bei der zweiten Bestimmung gegen- 
über der ersten um 0,01 0, 0,02", auch 0,030 herabgedrückt w^ar; in 
einigen Fällen zeigte sich auch bei der dritten Bestimmung eine noch- 
malige kleine Depression gegenüber der zweiten, die jedoch nie mehr 
als 0,0050 betrug. In anderen Fällen ergaben die beiden ersten Be- 
stimmungen denselben oder fast denselben Werth für den Erstarrungs- 
punkt, alsdann trat die stärkere Depression bei der dritten Bestim- 
mung auf. 

In allen Fällen ergab jedoch meist die dritte, spätestens die vierte 
Bestimmung einen Werth, der nun bei allen weiteren zur Controle 
unternommenen Bestimmungen sich als völlig constant erwies. 

Es mag dahin gestellt bleiben, wie diese anfänglichen Unregel- 
mäfsigkeiten zu erklären sind, bei denen jedenfalls die' Feuchtigkeit, die 
zu Anfang jeder Versuchsreihe an den Wänden des Apparates und im 
Inneren des Ballons haftet, eine wesentliche Rolle spielt : aus der That- 
sache ergab sich die praktische Regel, nie früher Substanz in den Ap- 
parat zu bringen, bevor nicht der Eisessig einen constanten Erstarrungs- 
punkt zeigte. Sobald dies der Fall war, wurde eine abgewogene Menge 
Substanz — es genügt, bis auf Milligramme zu wägen — in den Apparat 
gebracht, durch Rühren aufgelöst, nöthigenfalls unter gleichzeitigem, 
gelindem Erwärmen, und darauf wie beim reinen Eisessig in der Regel 

31 Auwers hat mit Eisessig die besten Resultate erzielt und daher den- 
selben ausschliefslich als Lösungsmittel angewandt. 



Kleinere Mittheilungen. 189 

dreimal hinter einander der Erstarrungspunkt des Gemisches bestimmt. — 
Die erhaltenen Werthe zeigten zwischen der ersten und dritten Be- 
stimmung eine DitFerenz von höchstens 0,010. Hierauf wurde eine neue 
Menge Substanz zugegeben und abermals in der Regel drei Versuche 
angestellt, die mit derselben Annäherung unter einander übereinstimmten. 
Bei dieser zweiten Reihe von Versuchen wurden sämmtliche Depressionen 
auf den Erstarrungspunkt bezogen, der sich bei der letzten Bestimmung 
der ersten Reihe ergeben hatte. Was die Zeit anlangt, die diese Ver- 
suche in Anspruch nahmen, so erforderte eine einzelne Bestimmung 
etwa 10 Minuten^ eine ganze Reihe von gewöhnlich 11 zusammen- 
gehörigen Bestimmungen liefs sich mit den dazu nöthigen Vorbereitungen 
und Wägungen bequem in 3 bis 4 Stunden ausführen. 

Die Schärfe der Resultate, welche Auwers mit seinem Verfahren 
erzielt hat, sind aus folgendem Versuchsbeispiele 3^ ersichtlich. 
In der Tabelle bedeutet: 

E den Erstarrungspunkt der Lösungen, 
C die beobachtete Depression, 

A die für Is Substanz und 100? Eisessig berechnete Depression, 
M das daraus berechnete Molekulargewicht. 
Die Zahlen sind mit Hilfe des von Baoitlt für die molekulare De- 
pression des Eisessigs aufgestellten Werthes T =S9 berechnet. 
Naphtalin^ C^qE^^ M= 128. 
Erstarrungspunkt des Eisessigs: 16,1000. 



Angewanc 


It: lg,7865 ] 


S^aphtaliu 


in 101g,0 ] 


Eisessig. Gefunden : 




E 
15,5950 
15,5950 
15,5950 


C 

0,5050 
0,5050 
0.5050 


A 
0,2860 
0.2860 
0,2860 
0,2860 


136 
136 
136 
136. 


Zugesetzt; 


: 0?,7937 Naphtalin. 


Gefunden : 






E 
15,3800 
15,3800 
15,3800 


C 
0.2150 
0.2150 
0.2150 


A 
0.2740 
0.2740 
0.2740 
0,2740 


M 
142 
142 
142 
142. 




Theorie 
M = 128 


Mittel der Versu 
il/ = 139. 


iche 

(Schlafs folgt.3 



Regeln für die Erhaltung anfgefundener Alterthümer. 

Das preufsische Cultusministerium hat vor kurzem eine Reihe von Regeln 
für die Erhaltung von Alterthümern veröffentlicht, welche den Zweck haben, 
eine Anleitung zu der ersten Behandlung der Alterthümer bei der Auffindung 
derselben zu geben, damit sie nicht von vornherein so sehr beschädigt werden, 
dafs eine spätere Behandlung nicht mehr von Erfolg ist. Wir glauben, dafs 

32 Berichte. XXL 715. 



190 Kleinere JMittheilungen. 

unseren Lesern die Mittheilung der gedachten Regeln willkommen sein wird, 
und geben dieselben daher nachstehend wieder: 

1) Holz muls vor zu schnellem Trocknen und Zerreil'sen an der Luft 
durch Lagerung in Wasser oder Bedecken mit feuchtem Moor, Rasen, Moos 
geschützt und zum Transport mit einer dicken Schicht von Moos oder Heu 
umgeben und mit 8troh dicht umwickelt werden. — Erhaltung: Tränkung mit 
einem Gemisciie von Erdöl und Anstreiclierlirnifs (Rezept 1) • unter mög- 
lichster Beibehaltung der das Austrocknen aufhaltenden Hüllen. Kleinere 
Gegenstände werden mit der Harzlösung (Rezept II) getränkt oder können 
aucii (aber nicht solche von Eichenholz) in einer starken Alaunlösung gekocht 
werden. 

2) Knocheu^ Zähne^ Hirschhorn^ Elfenbein^ Koralle dürfen ebenfalls nur ganz 
allmählich trocknen. Sehr mürbe Stücke sind in der umgebenden Erde zu be- 
lassen und erst nach der Erhärtung durch die Tränkung herauszuschälen. — 
Erhaltung: Tränkung mit der Harzlösung (Rezept H). 

3) Leder und Gewebe sind ebenfalls nur allmählich zu trocknen. — Erhal- 
tung: Tränkung mit der Harzlösung (Rezept II). Wenn es bereits hart und 
brüchig ist, mit der Mohnöl-Benzinraischung (Rezept III). 

4) Bronze ist höchst vorsichtig zu behandeln, da sie oft sehr mürbe und 
brüchig ist. Auf Spuren von anhaftendem Holze, Haaren und Gewebe ist 
sorgfältig zu achten, ebenso auf das Vorkommen von Einlagen in Gold, Silber, 
Knochen, Koralle, Glastlufs (Email), Bernstein. — Reinigung durch behutsames 
Abspülen in lauw-armem Wasser; wenn die Patina fester ist und ersteres nicht 
genügt, durch Einlegen in Seifenwasser oder sehr dünne Lösung von reiner 
Pottasche und nachheriges Abspülen in lauwarmem Wasser oder Bürsten mit 
ganz weichen Bürsten oder Haarpinseln. — Erhaltung: Schön grüne, feste 
Patina erfordert keine weitere Behandlung. Sehr mürbe und lose aufsitzende 
Patina wird mit der Harzlösung (Rezept 11) getränJvt, trübe, aber feste Patina 
mit der Mohnöl-Benzinmischung (Rezept III) und darin mit anfangs weicheren, 
später mit härteren Bürsten gebürstet. Stücke mit krystallinischer Patina 
(Salzpatina) müssen in temperirtem Wasser, dem etwas chemisch reine Soda 
(Natrum carbonicum) zugesetzt ist, ausgelaugt, in reinem lauwarmem Wasser 
abgebürstet und abgespült und nach dem Trocknen mit der Harzlösung ge- 
tränkt wei'den. Einzelne später ausblühende Stellen werden mit dünnem Fisch- 
leime oder der Schellacklösung (Rezept V) betupft. 

5) Gold ist nur von anhaftenden Verunreinigungen durch Abspülen mit 
lauwarrtiem Wasser zu reinigen. 

6) Silber ist sehr vorsichtig zu behandeln, da es häufig sehr mürbe und 
brüchig ist. — Reinigung wie Bronze. - Erhaltung: Feste, noch ganz metal- 
lische Stücke sind in dünner Ammoniaklösung zu waschen, dann in lau- 
warmem Wasser abzuspülen und vorsichtig zu erwärmen, um das Ammoniak 
wieder zu entfernen. Brüchige Stücke sind nach vorsichtiger Reinigung (Ab- 
spülen in lauwarmem Wasser) mit der Harzlösung (Rezept II) zu tränken 
und zu weiterer Behandlung einem erfahrenen Gold- oder Silberarbeiter 
(Hofgoldschmied P. Te/pe, Berlin C, Holzgartenstrafse Nr. 8, ist zu empfehlen) 
zn ül)ergeben. 

7) Blei und Zinn sehen knochenähnlich, weifslich grau aus und sind meist 
aufserordcntlich mürbe und zerbrechlich. Sie sind in warmem Wasser abzu- 
spülen und ganz vorsichtig zu trocknen. — Erhaltung: Tränkung mit der 
Harzlösung (Rezept II). 

8) Eisen. Abbröckelnde Eisentheile, wenn es auch nur Rost ist, müssen 
sorgfältig aufbewahrt und mit Fischleim oder Hausenblase wieder angekittet 
werden. Vollständig gut erhaltenes Eisen mit schwarzblauem „Edelröste" ist 
abzuspülen und mit einem die Luft abhaltenden dünnen Ueberzuge (erwärmtes 
weifses Wachs oder ParalTm in Benzin u. s. w. gelöst [Rezept IV]) zu ver- 
sehen. Gerostetes Eisen mufs mit Gaze umhüllt und in lauwarmem Wasser, 
dem etwas chemisch reine Soda (Natrum carbonicum) oder ungelöschter Kalk 
zugesetzt ist, ausgelaugt werden, bis das täglich zu erneuernde Wasser keinen 



1 Die „Rezepte" siehe weiter unten. 



Kleinere Mittheilungen. 191 

braunen Niederschlag mehr gibt. Die Gegenstände werden hierauf getrocknet, 
6 bis 8 Tage in absoluten Alkohol gelegt und bei gelinder Wärme wieder 
allmählich getrocknet. Grölsere Stücke werden alsdann in einer Mischung von 
Leinöl oder Firnils und Erdöl zu gleichen Theilen, am besten auf dem Wasser- 
bade gekocht oder in erwärmtem Zustande wiederholt mit dieser Mischung 
getränkt. Kleine Gegenstünde dagegen werden mit der Harzlösung (Rezept II) 
getränkt. Zeigen sich Spuren von Einlagen (Tauschirung u. s. w.), so sind 
die Gegenstände zunächst nur in reinem Wasser auszulaugen und dann einer 
bewährten Anstalt zur weiteren Behandlung zuzusenden. (Das Römisch-Ger- 
manische Museum in Mainz ist darauf eingerichtet, für andere Institute solche 
Arbeiten zu übernehmen.) Ganz durchgerostete Stücke sind, wenn sie nicht 
zu bröckelig sind, ebenfalls in Gaze zu hüllen, vorsichtig einige Tage eist in 
Wasser, später in Alkohol auszulaugen und dann allmählich zu trocknen; die 
etwa abgebrochenen Theile werden darauf mit Hausenblase oder Fischleira 
angekittet und die Gegenstände schliefslich ebenfalls mit Leinölßrnifs und 
Erdöl oder noch besser mit einer Lösung von gebleichtem Schellack in Al- 
kohol, dem ein ganz geringes Quantum von Ricinusöl (Rezept V) zugesetzt 
ist, getränkt. Drohen dergleichen Stücke schon gleich nach der Auffindung 
zu zerfallen, so tränke man sie sogleich mit obiger Schellacklösung (Re- 
zept V), hülle sie in Gaze und bewahre sie an einem warmen trockenen 
Orte auf. Die Tränkung ist dann mehrfach zu wiederholen, auch noch nach 
längerer Zeit. 

9) Thovgegenstände wei'den vorsichtig getrocknet, bis der Thon wieder fest 
ist, dann mit weichen Stielbürsten abgebürstet, mit reinem Wasser mittels 
eines Schwamnies abgespült, wieder getrocknet und abgebürstet; dabei wird 
aber sorgfältig auf Bemalung geachtet, damit durch das Abbürsten nicht die 
etwa zum Vorschein kommenden Erdfarben mit abgebürstet werden. Zum 
Kitten bedient man sich des Fischleimes, am besten des amerikanischen oder 
des kaltflüssigen Leimes (Rezept VI). Zum Ergänzen und Ausfüllen der Fugen 
der Steinpappe (Rezept VII). — Erhaltung: Sehr mürbe Stücke werden mit 
Belmont3'löl getränkt oder in Ermangelung dessen mit der Harzlösung (Re- 
zept II). Die Glättung wird durch Tränkung der Oberfläche mit Mohnöl- 
ßenzinlösung (Rezept III) und vorsichtiges Bürsten nach dem Trocknen wieder 
hervorgerufen, ebenso die farbigen Verzierungen. 

10) Glas. Farbiges Glas wird in lauwarmem -Wasser vorsichtig abgespült. — 
Erhaltung: Tränkung mit Mohnöl-Benzinlösung (Rezept III), bei starker Ver- 
witterung mit der Harzlösung (Rezept II). Zum Kitten wird Fischleira oder 
Hausenblase angewendet. Weifses Glas mit irisirender Schicht erfährt, wenn 
nicht schon gänzlicher Zerfall droht, jetzt gewöhnlich keine Behandlung. 

11) Bernstein wird wie Glas behandelt. — 

Die „Rezepte", welche für die Bereitung der besonderen Erhaltungsmittel 
gegeben werden, sind folgende: 

I. Firnifs-Erdölmischung. Bester Anstreicherfirnifs, bestes gereinigtes Erdöl 
zu gleichen Theilen zu mischen. 

IL Harzlösung. 15g Dammarharz werden in 130g reinsten Benzins gelöst, 
dieser Lösung ein Gemenge von 20g gebleichten Mohnöls und 150g Terpentin- 
spiritus bester Qualität hinzugesetzt. Letzteres Gemenge ist als solches (nicht 
die Substanzen einzeln) der Lösung hinzuzusetzen. Bei längerem Stehen wird 
die Lösung dick, sie mufs dann zum Gebrauche wieder mit Benzin, dem etwas 
Terpentinspiritus zugesetzt ist, genügend verdünnt werden. 

III. Mohnöl-Benzinmischung. 20g gebleichten Mohnöls werden mit 270g 
besten gereinigten Benzins gemischt. 

IV. Eisensalben, a) Weifses Wachs wird in Benzin oder Terpentinspiritus 
gelöst, b) Paraffin wird in Benzin oder Terpentinspiritus gelöst, c) Virginia- 
Vaseline, d) Belmont_ylöl (zu haben bei Polborn. Berlin S, Kohlenufer Nr. 2, 
e) Cerotine (zu haben bei Dr. Jacobsen. Berlin N, Sellerstrafse Nr. 26). 

V. Schellacklösung. Gebleichter Schellack wird in einer reichlichen Menge 
Alkohol gelöst und der recht dünnflüssigen Lösung ein ganz geringes Quantum 
(einige Tropfen) Ricinusöl zugesetzt. 

VI. Kaltflüssig-er Leim für Knochen und Thongegenstände als Nothbehelf 



192 Kleinere Mittheilungen. 

für Fischleim zu verwenden. In eine dünnflüssige, warme Lösung Cölner 
Leim wird etwa das Doppelte ihres Volumens arabisches Gummi eingerührt, 
bis die Masse die Consistenz des Honigs hat, und dann ein wenig Glycerin 
zugesetzt. 

VIL Steinpappe. 5(X)g Cölnischer Leim werden ziemlich dick eingekocht, 
hierin drei Bogen starkes weil'ses Flieispapier oder vier Bogen weifses Seiden- 
papier, das vorher in mögliclist kleine Stücke zerzupft wird, zerrührt, bis das 
Ganze einen gleiclimäl'sigen Brei bildet. Man kocht denselben dann gut durch, 
fügt unter stetem Umrühren und Kneten mittels eines dicken Stabes 2^,5 recht 
fein gesiebte, trockene Schlemrakreide und, nachdem dies Gemisch tüchtig 
durchgearbeitet ist, 80" Leinöl hinzu, welches ebenfalls durch tüclitiges Kneten 
wieder gleichmäl'sig vertheilt werden mufö. Um das Faulen des Leimes zu 
verzögern, setzt man dem Gemische zuletzt noch 50S venetianischen Terpentin 
zu, doch ist dies nicht gerade dui-chaus erforderlich, tüchtiges gleicbmäfsiges 
Durchkneten der Masse ist die Hauptsache. 

Die in Wandtafelform gedruckten Regeln schliefsen mit der Warnung, 
dafs, da Erdöl, Terpentin, Alkohol und namentlich Benzin sehr leicht, letzteres 
schon bei verhältnifsmäfsig niederen Hitzegraden, entzündlich sind, mit diesen 
Stoffen nur in einem Räume gearbeitet werden dürfe, in welchem sich kein 
hellbrennendes Feuer befindet. Die Erwärmung der zu behandelnden Gegen- 
stände dürfe, wenn nicht ein besonderer Raum mit passender Feuerungs- und 
Trockenanlage vorhanden sei, nur in abgeschlossenen Röhren von Kachelöfen 
geschehen. Am besten seien solche Oefen, welche von einem Kebenraume 
aus geheizt werden. 

Goolden's feuersichere Widerstandsralimen. 

Für die Prüfungszwecke und die Regulirung elektrischer Ströme fertigen 
Goolden und Comp, feuersichere Rahmen für Drahtwiderstände an. Die kleineren 
haben nach dem Etectrician, 1889 Bd. 23* S. 203, eine Weite von 305mm und 
eine dem nöthigen Widerstände entsprechende Länge bis zu 860mm. Sie be- 
stehen aus einem Gufseisenstück oben und unten und zwei diese beiden Stücke 
verbindenden Eisenstäben zur Seite. Die beiden Längsstücke sind hohl und 
in ihre Höhlungen sind Schieferplatten eingesetzt, die durch durchgehende 
Bolzen befestigt sind. Der eine Rand jeder Platte steht über das Gufsstück 
vor und an ihm sind mittels durch den Schiefer gehender messingener Schrauben 
und Muttern die Enden der Widerstandsspiralen befestigt. Im unteren Gufs- 
stücke ist ein kreisbogenförmiger Schlitz angebracht, in welchem von der 
Schieferplatte her Contactsäulchen stehen, so dafs mittels einer Contactkurbel 
mehr oder weniger Widerstände eingeschaltet werden können. 

In der gröl'sei'en Form tragen die beiden gufseisernen Rahmenstücke oben 
und unten je 10 in der Gufsform eingesetzte Schmiedeisenstifte; auf letzteren 
sind durch geschlitzte Stifte Isolatoren befestigt, woran die Enden der Wider- 
standsdrähte befestigt sind; die Enden von je 2 benachbarten Drähten sind 
durch ein Verbindungsstück vereinigt, von dem ein Draht nach dem in der 
Mitte des Rahmens angeordneten Kurbelumschalter geführt ist; der Umschalter 
enthält auf einer auf ein eisernes, an den seitlichen Verbindungsstangen be- 
festigtes Querstück aufgeschraubten Schieferplatte die nöthigen Contaetstücke. 
Die Weile des Rahmens mifst 457mm ^ die Länge bis zu lm.83. Die Wider- 
standsdrähte bestehen aus Platinoid, Keusilber, verzinntem oder galvanisirtem 
Eisen, je nach dem Zweck. 

Die kleineren Rahmen reichen bis etwa 1000 oder 2000 Watt aus, ohne 
sich zu erwärmen, die gröfseren bis etwa 8000 bis 10000 Watt. 



Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart. 



Neuerungen in der Aufbereitung. 193 

Neuerungen in der Aufbereitung. 

.Mit Abbildungen auf Tafel 10. 

Julius Miehe in Neuhofwäsehe und Heinrich Zeitner in Friedrichs- 
grube haben einen schwingenden Muldenherd construirt, welcher bei- 
spielsweise zur weitereu Verarbeitung der Rückstände aus den Fein- 
setzmaschinen, der Schlämme von den Planherden und ähnlichen Gutes 
in der Hauptwäsche der Friedrichsgrube (Schlesien) in Benutzung ge- 
nommen ist. Der in Fig. 1, 2 und 3 dargestellte Apparat besteht aus 
dem muldenförmigen Herde A^ der Aufhängevorrichtung B B^ und der 
excentrischen Bewegung C. 

Der Herd wird durch die Excentervorrichtung in schwingende Be- 
wegung versetzt: die Geschwindigkeit richtet sich nach der Korngröfse 
des zu waschenden Gutes. Bei feinen Schlämmen werden etwa 
150 Schwingungen erforderlich. 

Das zu verarbeitende Gut wird bei c über die ganze Breite des 
Herdes A unter Wasserzuführung, am besten aus einem Vorschlämm- 
kasten, aufgetragen. Durch die vom Hei-de ausgeführten Schwingungen 
entstehen auf denselben Wellen, welche das Leichte über die Herd- 
fläche führen, während das specifisch Schwerere auf dem Boden von 
A nach den Austragungen d und e gelangt und seitlich abfliefst. Die 
Austragungen sind durch die Rinnen ff^^ welche an Schrauben g g^ 
hängen, durch letztere stellbar. Der muldenförmige Boden ist für diese 
Austragungen nöthig, weil je nach dem Material das specifisch Leichtere 
abgeschieden werden kann. Die Schwingherde können über einander 
augeordnet werden und richtet sich deren Länge und Breite nach der 
beanspruchten Leistung (vgl. D. R. P. Nr. 40419 vom 9. Oktober 1886). 

Ein dachförmiger Waschherd (Fig. 4, 5 und 6) ist Georg Scherbentng 
in Lipine (Oberschlesien) unter Nr. 46 760, gültig vom 19. Oktober 
1888 ab, in Deutschland patentirt M'ordeu. 

Der Herd besteht aus einem je nach der Dichtigkeit und Schwere 
des aufgegebenen Materials verschieden breiten Tuche ohne Ende f, 
welches aus Zinkblech, Gummituch, Leinwand o. dgl. besteht und über 
eine Anzahl Führungs- und Laufrollen von verschiedenem Durchmesser 
mittels Riemen- oder Zahnradverbindung fortbewegt werden kann. Die 
Anordnung der Rollen ist folgende: In zwei hölzernen oder eisernen, 
gleich oder ungleich langen Rahmen b sind mehrere Führungsrollen r 
fest gelagert. 

Die beiden Rahmen sind dann auf ein hölzernes oder eisernes Unter- 
gestell a so aufgelegt, dafs zwei Hauptrollen r^ auf den entgegen- 
gesetzten Enden desselben ihren Stützpunkt finden und um ihre Achse 
eine Drehung jedes einzelnen Rahmens b ermöglichen. Die einander 
zugekehrten Enden der beiden beweglichen Rahmen b können zwischen 
schmiedeeisernen, durchlochten Führungen c durch Vorstecker d mit 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 5. 1889illl. 13 



]^94 Neuerungen in der Aufbereitung. 

Splinten, durch Zahnstangen oder in anderer zweckdienlicher Weise 
höher oder niedriger festgestellt werden. Zwischen den an a fest- 
sitzenden Winkeleisenschienen e werden die Rahmen b seitlich geführt. 
Das über sämmtliche Rollen geführte Tuch ohne Ende t erhält durch 
diese Einrichtung in der Längsrichtung zunächst eine unter beliebigem 
Winkel verstellbare dachförmige Theilung. 

Der ganze Apparat ist nun noch in seiner Querrichtung verstellbar, 
so dafs er auch in dieser Richtung eine beliebige Steigung gegen die 
Wagerechte erhält. Diese Verstellbarkeit wird hier dadurch erreicht, 
dafs das Untergestell a auf einer Seite bei f (Fig. 5) scharnierartig ge- 
lagert ist, so dafs durch Drehen der Spindel s die andere Seite hoch- 
gehoben werden kann. 

Statt dieser Einrichtung läfst sich die Querverstellung auch durch 
auf einer Seite untergelegte Keile, durch Zahnstangengetriebe oder auf 
sonstige Weise erzielen. 

Wie leicht ersichtlich, erfährt das Tuch ohne Ende damit auf 
jeder Seite die stärkste Steigung in der Diagonale xxj^zij jedes Flügels 
(Fig. 6). 

Die erzführende Trübe wird auf den einen Flügel der dachförmigen, 
schräg geneigten Ebene nahe dem Gipfel in der Nähe des höchsten 
Punktes des Herdes mittels eines der üblichen Vertheilungsapparate auf- 
gegeben, während das Tuch ohne Ende durch Drehung der Rollen rri 
eine der herabfliefsenden Trübe entgegengesetzte Bewegung erhält, wie 
die Pfeile in Fig. 4 und 6 anzeigen. Auf jeden Flügel kann ferner 
nahe dem Gipfel durch ein über die ganze Breite des Tuches reichendes 
Brauserohr gg klares Wasser aufgegeben werden, während andere 
starke Wasserstrahlen durch Rohre h einzeln auf beliebige Stellen der 
Ebene vertheilt wirken können. 

Die Arbeitsweise des Apparates ist folgende: 

Die schwersten, in der Trübe suspendirten Theilchen bleiben gleich 
in der Nähe der Aufgabestelle v auf dem Tuche ohne Ende haften und 
werden über den höchsten Punkt der Ebene hinweg dem entgegen- 
gesetzten, gewöhnlich kürzeren Flügel als Aufgabegut zugeführt. Die 
aus den Brauserohren gg ausströmenden, verhältnifsmäfsig schwachen 
Wasserstrahlen sondern nun auf jeder Seite die leichteren Bestand- 
theile von den si)ecifisch schwereren ab und bewirken eine fächer- 
förmige Vertheilung der in der Trübe aufgegebenen Massen nach dem 
specidschen Gewichte über die ganze Ebene hin, indem die leichtesten 
und feinsten Mehle dem tiefsten Punkte zugeführt werden. Diese Art 
der Vertheilung ist durch strichpunktirte Linien in Fig. 6 angedeutet. 

Die stärkeren Wasserstrahlen, die aus Rohren h mehr an dem tief- 
liegenden Ende jedes Flügels immer auf einen beliebig kleinen Sonder- 
theil der Ebene aufgespritzt werden, spülen dann Producte von ganz 
bestimmter Beschaffenheit in gesonderte Rinnen «, . . . i^■ unter der 



Neuerungen in der Aufbereitung. 195 

Ablaufkante des Tuches ab und führen so eine mehrfache Theilung des 
Ganzen und eine Anreicherung der erzführenden Bestandtheile herbei. 

Der in der Fig. 7 dargestellte Apparat von Hering und Hardt soll 
namentlich dazu dienen, die bei der Aufbereitung fallenden Schlämme 
so zu klassiren, dafs Fertigproducte, Halbproducte und taube Trübe 
entstehen. 

Der Apparat besteht aus einem schmalen, verhältnifsmäfsig hohen 
und langen Kasten aus Blech oder Holz, welcher nach oben durch eine 
mehr oder weniger geneigte Decke i i fest verschlossen und nur am 
Ende der geneigten Decke bis zum Abflüsse q offen ist. Nach unten 
zu besitzt der Kasten Spitzkasten (Trichter) l^ Z., . . . als Enden von Ab- 
theilungen P[ P2 • • -i die durch die angebrachten Querwände A-j /c., . . . 
innerhalb des Kastens gebildet werden. Diese Querwände können senk- 
recht oder entweder der Eintragseite oder der Austragseite zu geneigt 
stehen oder auch in passender Weise und Richtung gekrümmt sein; sie 
können fest angebracht oder in der einen oder anderen passenden 
Weise verstellbar oder drehbar angebracht sein. 

Diese Querwände k^ Ä2 . - . endigen nach oben in eine gedrehte 
Ebene, die parallel zur geneigten Decke i des Kastens so liegt, dafs die 
am unteren Ende der geneigten Decke i eingeführte Trübe in diesem 
Spielräume emporsteigen mufs. Die Decke i kann flach oder in der 
einen oder anderen Richtung gebogen, im Apparate fest oder in passender 
Weise drehbar bezieh, verstellbar angeordnet werden. 

Die Trübe läuft durch eine Rinne a über eine Vertheilungsplatte b 
in den Trichter c ein. Vor b^ wie auch in c, sind je ein oder mehrere 
Siebe d bezieh, rf, angebracht, um die Vertheilung der Trübe zu ver- 
vollkommnen, sowie auch, um die Gleichmäfsigkeit derselben zu be- 
wirken. Durch den an den Trichter c anschliefsenden schmalen Kanal e 
wird die Trübe in den Waschkasten am unteren Ende der geneigten 
Decke 1 eingeführt. Kurz unter diesem Eintritte wird aus g durch einen 
schmalen Spalt f Klarwasser zugeführt. Der Spalt f reicht über die 
lichte Breite des Kastens; das Klarwasser wird unter gröfserem Drucke 
gewöhnlich in einer zur geneigten Decke parallelen Richtung zugeleitet^ 
doch kann dies unter Umständen auch in einer zweckentsprechenden 
anderen Richtung geschehen. Hierdurch werden die Schlämme ver- 
waschen, das specifisch Schwere sondert sich leichter aus dem Strome 
ab und fällt in die ersten der Abtheilungen p, /?,..., während die 
leichteren Theilchen vom Wasserstrome weiter nach oben getragen 
werden und in den entsprechend weiter liegenden Abtheilungen zum 
Niederschlage gelangen. 

Es ist augenscheinlich, dafs beim Emporsteigen der Trübe unter 
gröfserem Drucke eine Trennung nach dem specifischen Gewichte 
wesentlich befördert wird, und dafs die Klarwasserzuführung in der an- 
gegebenen Weise die Reinheit der abgetrennten Masse noch mehr erhölit. 



196 Neuerungen in der Aufbereitung. 

Die sich ausscheidenden Erzeugnisse legen sich in den Abthei- 
lungen ;)| P2 • • • ^^ ""^ werden aus diesen durch die Ablafsrohre mj »«2 . . . 
von Zeit zu Zeit oder geeignetenfalls auch beständig abgelassen und 
besonders aufgehängt; die taube Trübe oder das specifisch Leichteste 
oder bezieh. Feinste fliefst dagegen stetig bei q ab. 

Wie ersichtlich, ist der Apparat ein coutinuirlich wirkender Wasch- 
apparat, der weiter keine Kraft gebraucht, als zum Heben der Massen 
und Flüssigkeiten erforderlich ist (D. R. P. Nr. 47 024 vom 12. August 
1888). 

Ein anderer Apparat zum Aufbereiten von Schlamm, erfunden von 
J. Nastainzik in Beuthen (Obei'schlesien), ist in Fig. 8 dargestellt. Der- 
selbe besteht im Wesentlichen aus zwei communicirendeu Behältern A ^j 
und B nebst dem Gutaufgabetrichter b und den am Boden von B ein- 
gesetzten Röhren /?, durch welche das von A durch J, kommende 
Wasser fliefst und eine wallende Bewegung im Schlammrumpfe ß her- 
vorbringt, wodurch die specifisch leichten Theile oben bei e abfliefsen 
und das schwere Gut durch den nach Bedürfnifs mittels Schiebers d 
YAi stellenden Schlitz f auf eine rauhe und verstellbare Herdfläche C 
lliefst und darauf nach seiner specifischen Schwere abgesetzt wird. 

Fig. 9 und 10 zeigen die von 0. Bilharz in Freiberg i. S. erfundene 
Bolzenmühle zur Zerkleinerung von Erzen (D. R. P. Nr. 45 780 vom 
21. April 1888). 

Dieser Mahlapparat besteht im Wesentlichen aus einer aufgerän- 
derten, nach dem Centrum zu geneigten runden Schale a, welche im 
Centrum eine AbflufsöfFnung hat. Diese Schale hat eine auswechsel- 
bare Hartgufseiulage c?, ist äufserlich mit einem Zahnkranze versehen, 
in welchen ein Getriebe eingreift, und rotirt mittels Rollen auf 'einer 
kreisrunden Schienenbahn. Eine durch die im Centrum befindliche Ab- 
flufsöfFnung hindurchreichende stehende Welle b trägt eine au derselben 
mittels Stellringe höher oder tiefer zu stellende Scheibe c mit zahlreichen 
Löchern. In dieselben werden Stahlbolzen stehend eingestellt, so dafs 
sie sich frei auf und nieder bewegen; dieselben üben durch ihr Eigen- 
gewicht einen Druck auf die Hartgufseiulage d aus. 

Der Scheibe c mit ihren Stahlbolzen wird eine raschere Drehung 
gegeben als der Schale a, und zwar in entgegengesetztem Sinne. An 
der Peripherie der letzteren sind feststehende Aufgabegefäfse e an- 
gebracht, welche die zu trennenden Substanzen regenartig auf die 
Schalenwand abfliefsen lassen, wonach sie von den Stahlbolzen gefafst, 
um je nach dem Grade der Widerstandsfähigkeit mehr oder weniger 
zerrieben zu werden. 

Das auf diese Weise durch die Stahlbolzen hindurchgelangte Gut 
wird durch die Mitte der Schale mittels einer Lutte der Sej)aralions- 
trommel f zugeführt, in welcher die Trennung des Stoffes nach Korn- 
sröfse auf einfache Weise bewirkt wird. 



Anwendung des polarisirten Lichtes in der optischen Telegraphie. 197 

Ein Pochwerk (Fig. 11), bei welchem zwar die Einrichtung der 
Pochstempel und die Art und Weise, dieselben anzuheben und nieder- 
fallen zu lassen, nichts Neues bieten, ist von Wilhelm Schwamborn in 
Deutz-Cöln construirt worden (D. R. P. Nr. 46031 vom 20. Juli 1888). 
Das Eigenthümliche der Einrichtung besteht darin, dafs die Pochstempel 
auf eine cylinderförmige Sohle aufschlagen, welche sich um eine wage- 
rechte Sohle a dreht. 

Die Sohle A selbst besteht aus einem Kerne b mit sechseckigem 
oder anderem passenden Querschnitte. Der Kern 6 sitzt auf der Achse a 
fest, und es ist um denselben ein ringförmiger Mantel oder Cylinder A^ 
dessen lichte Oetfnung dem Kernquerschnitte entspricht, aufgezogen. 
Das Holzfutter c bildet eine elastische Zwischenlage zwischen dem 
Kerne und dem am besten aus Gufsstahl oder Hartgufs bestehenden 
Mantel. 

Die bewegliche Sohle kann aber- auch zweckmäfsige andere Ein- 
richtungen haben, gerade so, wie eine Walze eines beliebigen Erzwalk- 
werkes. 

Der Mantel von A^ dessen Breite der Anzahl der neben einander 
angeordneten, nach einander wirkenden Pochstempel entspricht, ist an 
beiden Seiten mit ringförmigen Schutzblechen d versehen. 

Die von dem Amerikaner W. L. Card erfundene Vorrichtung (D. R.P. 
Nr. 45832 vom 17. Mai 1888) zum Scheiden metallischer Theilchen vor 
ihrer Gangart, die namentlich für Aufbereitung von Edelmetallen be- 
stimmt ist, besteht im Wesentlichen aus einem Desintegrator A (Fig. 12), 
einem unterhalb desselben geneigt angeordneten Rüttelsiebe B^ einem 
Separator C mit seitlicher Rüttelbewegung und einem Gebläse D zur 
Erzeugung eines den Separator (Erzbett) in aufsteigender Richtung 
durchdringenden Windstromes. (Fortsetzung folgt.) 



Ueber die Anwendung des polarisirten Lichtes in der 
optischen Telegraphie für militärische Zwecke. 

Mit Abbildungen. 

Die neuesten Untersuchungen des Ingenieurs Raoul Ellie^ vormaligen 
Zöglings der Ecole centrale^ sind der Gegenstand eines ausführlichen 
Berichtes im Genie civil ^ 1889 S. 6, dem wir in Folgendem das Wich- 
tigste entnehmen. 

Der heutzutage am häutigsten in Anwendung kommende optische 
Telegraph für mittlere oder gröfsere Entfernungen besteht im Wesent- 
lichen aus einer im Brennpunkte einer Objectivlinse oder eines Hohl- 
spiegels angeordneten Lichtquelle. Ein mit dem Instrumente verbundenes 
Fernrohr dient zum Richten des Lichtsignals auf die Station, mit welcher 
man sich in telegraphische Verbindung zu setzen wünscht, und zugleich 



198 Anwendung des polarisirten Lichtes in der optischen Telegraphie. 

zum Beobachten der von dieser Station gegebenen Zeichen. Das Signal 
selbst ist nur in dem Orte des konjugirten Bildes der Lichtquelle sichtbar. 

Bringt mau die Lichtquelle in geeignetem Abstände von einer Linse 
oder zwei planconvexen Linsen an, so lassen sich die von ihr aus- 
gehenden Strahlen im Brennpunkte des Objectivs vereinigen. Das von 
dieser Stelle ausstrahlende Lichtbündel läfst sich so ansehen, als käme 
es aus der Lichtquelle selbst, die man nun mit Hilfe eines Diaphragmas 
abgrenzen kann. 

Die Sisnale bestehen aus Lichtblitzen und lanuen oder kurzen Ver- 
dunkelungen, welche dadurch hervorgebracht werden, dafs man die 
Lichtstrahlen mit Hilfe eines beweglichen Schirmes längere oder kürzere 
Zeit unterbricht. Ein kurzer Lichtblitz entspricht dem Punkte, ein 
längerer Lichtblitz dem Striche des iWorse'schen Alphabetes. Im Uebrigen 
sind für die optische Zeichengebung folgende Regeln eingeführt: 

1) Ein Strich ist gleich vier« Punkten. 

2) Der Raum zwischen zwei Signalen, welche einen Buchstaben 
oder eine Ziffer bilden, ist gleich einem Punkte. 

3) Der Raum zwischen zwei Buchstaben eines Wortes oder zwei 
Ziffern einer Zahl entspricht vier Punkten oder einem Striche. 

4) Der Raum zwischen zwei Worten oder zwei Zahlen entspricht 
acht Punkten oder zwei Strichen. 

Der Signalempfänger schliefst aus dem Unterschiede in der Dauer 
der Lichtblitze und Verdunkelungen auf den signalisirten Buchstaben 
des Alphabetes. Die Signale müssen, um sie leicht von einander unter- 
scheiden zu können, rasch und taktmäfsig dargestellt werden. Die 
Schirmvorrichtuug ist daher bei dem Apparate ohne Beleuchtungslinse 
so nahe wie möglich an der Lichtquelle, bei dem Apparate mit Be- 
leuchtungslinse sehr nahe am Brennpunkte des Objektivs anzubringen. 
Ein Apparat der letzteren Art läfst einen kleinen und leichten Schirm 
zu und gestattet daher ein sehr schnelles Signalisiren. Allein diese 
Schnelligkeit hat eine Grenze, welche von der Dauer des Lichteindrucks 
im Auge abhängt. W^ürde man zu schnell signalisiren, so würden die 
Eindrücke der Lichtblitze in einander verschwimmen. Nach Mangin 
sollte das Maximum der Geschwindigkeit die Hälfte der bei der elek- 
trischen Telegraphie erreichbaren Geschwindigkeit nicht übersteigen. 

Bei Anwendung der Polarisation für die Zwecke der optischen 
Telegraphie hat EUie darauf Bedacht genommen, die Transmissions- 
geschwindigkeit durch gleichzeitige Hervorbringung der Signalelemente 
eines Buchstabens zu erhöhen. Sein Apparat kann Licht entsenden, 
welches in einer wagerechten oder senkrechten Ebene polarisirt ist, 
sowie auch natürliches Licht. Als Empfangsajjparat bedient man sich 
eines Fernrohrs, welches ein Rochon sches Prisma als Analyseur ent- 
hält. Bei einem polarisirten Signal kann man den liuchon so anordnen, 
dafs mau nur ein einziges Signal rechts oder links wahrnimmt, während 



Anwendung des polarisirten Lichtes in der optischen Telegraphie. 199 

man mit uatürlichera Lichte ein Signal doppelt sieht. Man kann also 
nach Ellie drei elementare Signale erzeugen und z. B. den Punkt des 
3for»Y'schen Alphabetes durch das Signal links, den Strich durch das 
Doppelsignal, und die Trennung der Buchstaben durch das Signal rechts 
darstellen. Es scheint leichter zu sein, die Signale der Lage als der 
Zeitdauer nach zu unterscheiden. Jedenfalls erfordert die von der Zeit 
unabhängige Manipulation, wobei nur drei Tasten niederzudrücken sind, 
keine besondere Uebung, und geht auf diese Weise die Signahsiruug 
rascher als mit dem gewöhnlichen Apparate vor sich. 

Die nachstehende Figur dient zur Veranschaulichung des Ellie'schen 
Systemes. S ist die Lichtquelle, E die Beleuchtungslinse, die Objectiv- 
linse. Zwischen diesen sind zu beiden Seiten ihres gemeinschaftlichen 






Brennpunktes Sj zwei isländische Doppelspathe J und J^ von gleicher 
Dicke und gleichem Hauptschnitte in umgekehrter Lage angeordnet. Ein 
von der Linse E herkommender Lichtstrahl (Strahlenbündel) wird durch 
den Doppelspath J in zwei senkrecht zu einander polarisirte Strahlen 
zerlegt. Der ordentliche Strahl bleibt in der Hauptachse : er ist in der 
Ebene des Hauptschuittes — dieselbe mag hier wagerecht angenommen 
werden — polarisirt, der aufserordentliche Strahl wird seitwärts abgelenkt. 
Diese Ablenkung ist aber nicht für alle Farben des Spectrums die gleiche. 
Für die gelben Strahlen ist ihr Werth = e.fan^ 6^^ 13' 42", wenn e die 
Dicke des Doppelspaths und 6^ 13' -42 " den Ablenkungswinkel der Achse 
des Strahleukegels im Späth bezeichnet. Uebrigens ist dieser Strahl in 
der auf dem Hauptschnitte senkrechten Ebene polarisirt. Aber der 
zweite Doppelspath J^ führt denselben in die Achse des Apparates zu- 
rück, so dafs er mit dem gewöhnlichen Strahle zusammenfällt und nun 
beide Strahlen in geometrischem Sinne auf gleiche Weise wirken: sie 
haben augenscheinlich den nämlichen virtuellen Brennpunkt in 53. 

Es ist nun möglich, in 5j und S-i zwei kleine Schirme anzubringen, 
welche den einen oder den anderen Strahl, oder beide zusammen, 
äquivalent einem Strahle natürlichen Lichtes, durchlassen werden. Die 
Apparate haben daher drei Tasten, wovon die beiden äufseren die zwei 
Schirme, jeden für sich allein, bewegen, während die mittlere ihnen 
eine gemeinschaftliche Bewegung ertheilt. Es empfiehlt sich, ein mit 



200 AiiweiRhuig dos pularisirleu Lichtes in der uptischen Telegraphie. 

zwei Oeffnungen durchbohrtes verschiebbares Diaphragma in Si und S2 
anzubringen, mit dessen Hilfe sich, wenn man es wünscht, das Sicht- 
barkeitsfeld abgrenzen läfst. Dasselbe ist unerlälslich, wenn man sich 
des Sonnenlichtes bedient, und dient auf alle Fälle zur Regulirung. Mit 
dieser Anordnung ist man im Stande, zwei Depeschen gleichzeitig in 
der nämlichen Richtung abzusenden. Jeder der beiden Telegraphirenden 
bedient sich alsdann nur einer Taste und läfst immer eines und das- 
selbe Strahlenbündel spielen. Auf der Empfangsstation hat jeder der 
beiden Beobachter ein Fernrohr, dessen Analyseur ein einziges Bild 
gibt. Aber beide Analyseurs sind so angeordnet, dafs der eine Beob- 
achter die von dem anderen empfangenen Signale nicht wahrnimmt. 

Ein Uebelstand haftet an der Anwendung der Polarisation, be- 
sonders mit zwei Doppelspathen, nämlich die erhebliche Schwächung 
der speciflschen Lichtstärke im Vergleiche mit einem gewöhnlichen 
Apparate, als Folge der Reflexion des Lichtes beim Durchgange durch 
die beiden Krystalle. Die Verdoppelung vermindert gleichfalls bei Ent- 
sendung eines einzigen Strahles die Intensität des von dem Objectiv 
ausstrahlenden Lichtes um die Hälfte. Diesem liefse sich durch Be- 
nützung einer intensiveren Lichtquelle, statt der Erdöllampe z, B. einer 
elektrischen Lampe, abhelfen. 

Bei Anwendung der Doppelspathe müssen die Bilder 5^ und S2 der 
Lichtquelle hinreichenden Abstand von einander haben, so dafs sie sich 
nicht, auch nicht zum Theil, vermischen. Die Gröfse dieser Bilder mufs 
zu der sphärischen Aberration der Objectivlinse in richtigem Verhält- 
nisse stehen. Das kleinste der von Ellie angewendeten Objective ist 
eine planconvexe Linse von 16^°" Durchmesser und 44^" Brennweite 
für die centralen Strahlen. Bei Anwendung homogenen Lichtes — um 
die ganze Linsenfläche auszunützen — mufs für diesen Durchmesser der 
kleinste Durchmesser des Bildes der als ebene Fläche angenommenen 
Lichtquelle gleich sein dem Durchmesser des Schnittes des Randstrahlen- 
kegels mit der kaustischen Fläche. Für obiges Objectiv beträgt der- 
selbe ungefähr Idi'^,5. Bei weifsem Lichte ist dieser Werth, um der 
Abweichung der Brechbarkeit Rechnung zu tragen, bis zu ungefähr 
2mm^5 2u vergröfsern. Hieraus leitet man die den Doppelspathen zu 
gebende Dicke ab: 



e = 



9 ^ 

■> =23'"'". 



lang 60 13' 42' 

Bei einem ähnlichen und gröfseren Objectiv bedarf es verhältnifs- 
mäfsig gröfserer Doj)pelspathe. Es gibt indessen wegen der Seltenheit 
und Kostspieligkeit grofser Exemplare eine Grenze, welche nicht über- 
schritten werden kann. In diesem P'alle wäre die Wahl eines Objectivs 
von sehr geringer sphärischer Abweichung, z. B. Mangins Reflector- 
linse, vorzuziehen. 

Aber selbst bei Anwendung eines vollkommenen optischen Systems 



Anwendung des polarisirten Lichtes in der optischen Telegraphie. 201 

würde die Einschaltung von Doppelspathen Abweichungen hervorrufen. 
Zieht man zunächst nur das homogene Licht in Betracht, so zeigt e& 
sich, dafs hauptsächhch der aufserordeutliche Strahl merkbare Aende- 
rungen erleidet. So verwandelt sich z. B. die Kegelfläche der Kand- 
strahlen in eine Fläche ziemlich complexer Natur. Es dürfte wohl 
genügen, die Längsabweichungen für diejenigen Strahlen zu berechnen, 
welche den Krystall in der Ebene des Hauptschnittes, und für diejenigen, 
welche ihn in der auf letzterer senkrechten Ebene durchlaufen, indem 
man den Brennpunkt der gewöhnlichen Centralstrahlen als Fixpunkt 
betrachtet. Es bezeichne: 

e die Dicke des Doppelspathes, 

i den halben Winkel an der Kegelspitze der einfallenden Randstrahlen ; 

a und b die Geschwindigkeiten des ordentlichen und des aufser- 
ordentlichen Strahls, wenn die Einfallsebene senkrecht, o^ und b^ die 
Geschwindigkeiten, wenn sie parallel zur Hauptachse des Krystalls ist. 
Für die der Linie D des Sonuenspectrums entsprechende Lichtgattung 
findet man 

a = 0,60297, 6 = 0,67273; 

6 = 450 23' 20" der Winkel, welchen die Achse des Krystalls mit 
der Eintrittsfläche bildet; 

6^, bestimmt durch die Gleichung 

62 
fang «i = — tang 50« 50' 22": 

R Ablenkungswinkel der Achse des conischen Strahlenbündels im 
Doppelspath, bestimmt durch die Relation 

tang R = — „- , f„ , 

^ a* tang e -f" ^ 

woraus i? = 6° 13' 42" für die Linie ß. 

ab 



A/a2 sin'^ £ -f- 62 cos2 e 



0,63545 



a 6 

61 = „, = 0,64211 

Va2 5/n2 fci -\- b'^ cos'^ e^ 

Nimmt man für die Dicke des Spathes obigen Werth e = 23°^°^ und 
den Winkel « = 100, so ergibt sich, indem man die Abstände auf der 
Seite der ßeleuchtungslinse als positiv bezeichnet: 

Abstand der Centralstrahlen und der ordentlichen Randstrahlen : 

.^ .^ . . -a\ = - Onin.^135. 

tangt VI — a' smt J 
Abstand in der Richtung der Achse des Apparates: der ordentlichen 
und aufserordentlichen Centralstrahlen im Hauptschnitte: 

der ordentlichen und aufserordentlichen Centralstrahlen in dem zum 
Hauptschnitte senkrechten Schnitte: 



202 Anwendung des polarisii-ten Lichtes in der optisclien Telegraphie. 



r ü — « = + 2"!"' 438: 

|_o, cos n J ' ' ' 

ralstrahlen und der aufserordeu 
ö^ lang i cos R VI — Oj '^ sin'^ i J 



der ordentlichen Centralstrahlen und der aufserordeutlichen Randstrahlen 
im Hau])(schnitte: 



der ordentlichen Centralstrahlen und der aufserordeutlichen Randstrahlen 
in dem zum Hauptschnitte senkrechten Schnitte : 



[}ß sin i "j 

b, lang i cos H Vi — b'^ sin'^ i J 



2n>"',300. 
), lang i cos 

Man kann indessen, ohne sich mit der vollständigen Untersuchung 
des Querschnittes der aufserordeutlichen Fläche zu befassen, nach den 
vorstehenden Resultaten voraussehen, dafs dieser Schnitt in senkrechtem 
Sinne in die Länge gezogen ist, -w&un die schneidende Ebene dem 
Brennpunkte der ordentlichen Strahlen nahe liegt. Näher der Beleuch- 
tungslinse wird das Bild eines Punktes rund; dann verlängert es sich 
in wagerechtem Sinne, während zugleich das ordentliche Bild nach allen 
Richtungen sich erweitert. Es ist aber von Belang, dafs die ordent- 
lichen Strahlen auf dem Diaphragma zu einem klaren Bilde sich ver- 
einigen, damit das aufserordentliche Bild sich nicht allzusehr erweitere. 
Der zweite Späth verdoppelt diese Abweichungen. Diese Ergebnisse 
finden auf experimentellem Wege ihre Bestätigung, wenn man sich 
einer achromatischen Beleuchtungslinse bedient und die Lichtquelle in 
hinreichender Entfernung anbringt. 

Es gibt auch chromatische, im Verhältnisse zu den genannten je- 
doch nur schwache Abweichungen. Für die den Linien C und F des 
Sonnenspectrums entsprechenden Lichtgattungen z. B. läfst sich R leicht 
berechnen. Für C erhält man R=zQ^ h' 50", für F ergibt sich R = 
6^ 23' 22". Die transversalen Abstände der entsprechenden Brennpunkte 
bezüglich der Achse des Apparates sind 2"i°i,5101 und 2'"m,5789. Unter- 
schied = 0mQi,0688, stets unter der Annahme, dafs e = 23"im. 

Es wurde endlich angenommen, sämmtliche Strahlen des polarisirten 
Lichtbündels seien in der nämlichen Ebene polarisirt, was jedoch nicht 
streng genau ist. Wie gering übrigens diese Ursache des Verlustes ist, 
davon kann man sich überzeugen, wenn man aus hinreichender Ent- 
fernung das Objectiv mit einem ÄocAon'schen Fernrohr betrachtet. Eines 
der Bilder des Objectivs erscheint alsdann sehr lichtschwach und sogar 
von einem schwarzen Kreuz durchzogen. 

Der Glanz eines polarisirten Signals ist ohne Analyseur halb so 
grofs als der eines Doppelsignals. Mit Rochons Prisma haben alle 
Signale den gleichen Glanz. Aber es ist leicht, den Hintergrund halb 
so lichthell zu machen, wodurch die relative Sichtbarkeit ungefähr die- 
selbe wird wie mit einem gewöhnlichen Apparate. Zu diesem Zwecke 
braucht man nur im Brennpunkte der Objectivlinse ein Diaphragma 



Miller-Hauenfels' Theorie der Aetherbewegungen. 203 

mit kleiner Oetfnung anzubringen. Zwischen diesem und dem Oeular 
schaltet man das Rochon'sche Prisma ein. Man sieht alsdann zwei 
Bilder der Oeffnung, welche aber nicht über einander greifen dürfen. 
Die Helligkeit des Hintergrundes ist dabei nur halb so grofs als ohne 
Diaphragma, während das polarisirte Signal die absolute Lichtstärke bei- 
behält, wodurch es deutlicher sichtbar ist. Bei Nacht müfste man das 
Diaphragma schwach beleuchten, etwa mit Hilfe eines in der Nähe an- 
gebrachten und auf galvanischem Wege glühend gemachten Platindrahtes. 

Etile hat mit den in Rede stehenden Apparaten im September 1887 
mehrere Versuche angestellt, wozu er sich des Sonnenlichtes bediente. 
Ein Versuch mit beiden Apparaten auf 5*^™ Entfernung gelang sehr gut. 
Dank der Intensität der Lichtquelle wirkte das Signal auf das Auge 
beinahe blendend. Man konnte es beobachten, indem man einfach den 
liochon vor das Auge brachte. Der entscheidendste Versuch wurde auf 
20km Entfernung angestellt. In neuester Zeit bedient sich Ellie einer 
Erdöllampe. Auf 5*^™ Entfernung ist das Signal dem blofsen Auge nicht 
sichtbar, durch ein Fernrohr mit 20facher Vergröfserung Jedoch leicht 
zu unterscheiden. 

Es verdient hervorgehoben zu werden, dafs das Geheimnifs der 
Correspondenz jedem gegenüber, der nicht im Besitze eines liochon ist, 
gewahrt bleibt: und hierin liegt auch hauptsächlich der Grund, warum 
das Prinzip der Polarisation in der optischen Telegraphie für militärische 
Zwecke eingeführt ist. Es läfst sich allerdings nicht in Abrede stellen, 
dafs der entsendete Lichtstrahl in Folge von Reflexionen wohl die Hälfte 
seiner Intensität einbüfst, dagegen aber ist zu bemerken, dafs der 
Analyseur den Glanz des Hintergrundes um die Hälfte vermindert. 
während das Signal selbst nur sehr wenig geschwächt wird. 



Richtigstellung der in bisheriger Fassung unrichtigen 
mechanischen Wärmetheorie und Grundzüge einer all- 
gemeinen Theorie der Aetherbewegungen; von 
V. Miller-Hauenfels/ 

Verfasser erklärt es in der wie vorstehend betitelten Studie als eine 
willkürliche Annahme, dafs die innere Wärme blofs von dem Anfangs- 
und Endzustande eines Körpers abhänge, indem er die Unzulässigkeit 
speciell hei den Gasen durch Gegenüberstellen der Resultate nachweist, 
welche entweder aus der Theorie gefolgert oder durch das Experiment 
gewonnen wurden. Bei der Aufstellung; eines neuen Ausdrucks für die 
innere Wärme bemerkt der Verfasser, dafs wir bei der Erwärmung des 
Constanten Volumens eines Gases zweierlei wahrnehmen: Erstens eine 



1 Wien 1S89. Verlaor von Manz. 



204 Millei'-Haiienlels' Theorie der Aetlierbewegungen. 

Erwärmuug unserer Hand und zweitens ein Wachsen der Spannung. 
Dann fährt er fort: .,Da hier deutlieh zweierlei Wirkungen auf dasselbe 
Sinnesorgan (das Gemeiugefühl, zugleich Tastsinn) erfolgen, so werden 
wir auch nothwendig annehmen müssen, dafs jede derselben ihren beson- 
deren Energieaufwand erfordere.-' Verfasser nimmt daher an, dafs stets 
ein und dieselben Nerven Temperatur und Druck empfinden, während 
dies von mediciuischer Seite nicht als allgemein gültig betrachtet wird. 
Diesen Einwand ahnt der Verfasser selbst, da er am Schlüsse des ersten 
Theils in einem Anhange darauf zurück kommt, indem er trotz dieses 
Einwandes die doppelte Energieannahme zu rechtfertigen sucht. 

In der allgemein mathematischen Ausdrucksweise für das Wärme- 
increment ist die Temperatur vernachlässigt, weil bei ihrer Aufstellung 
die bisherige Voraussetzung einer allgemein gültigen Abhängigkeit 
zwischen Temperatur, Druck und Volumen zu Grunde gelegt wurde. 
Diese Vernachlässigung sei unstatthaft, weil sie in einem besonderen 
Falle mit der Erfahrung im Widerspruche stehe, auch werde man unter 
obiger Annahme auf allgemein nicht integrabele Werthe geführt. 

Vorläufig sieht der Verfasser von jeder Annahme über den Bau 
der Moleküle und deren inneren, uns unsichtbaren Bewegungsweise ab 
und fafst die durch die Wärme an den Körpern hervorgebrachten Er- 
scheinungen einfach nur als das Ergebnifs anziehender und abstofsender 
Kräfte auf. Nunmehr werden die Unterschiede zwischen der Massen- 
und Molekularanziehung hervorgehoben und darauf der Nachweis ge- 
liefert, dafs die Molekularanziehung und ihre Unterarten, insbesondere 
die Krystallisation ebenfalls dem Gesetze für Centralkräfte unterliegen. 

Die eigenartige Aufstellung der allgemeinen Temperaturgleichung 
fühlt selbst der Verfasser, indem er sagt: Allfällige Zweifel gegen die 
Richtigkeit dieser Formel werden dadurch behoben, dafs sich dieselbe 
später aus der allgemeinen Wärmegleichung ableiten lasse. Letztere 
erleidet je nach dem Aggregatzustande gewisse Kürzungen. Absicht- 
lich wurde die sogen, absolute Temperatur vermieden, weil dieser Be- 
griff" nur für Gase zulässig sei und in diesem Falle als Verdampfungs- 
temperatur eines als vollkommen gedachten Gases zu bezeichnen wäre. 

Bei den Gasen ergibt sich die Abweichung von dem iWarto«e'schen 
Gesetze als eine Zusammenwirkung dreier Kräfte, der Massen- und 
Molekularanziehung und der Cohäsionskraft. 

Die Ausdehnungscurven, d. h. die Beziehung zwischen Volumen 
und Temperatur, bestehen nach des Verfassers Ableitungen bei Gasen 
und Flüssigkeiten aus Hyperbelzweigen, bei starren Körpern jedoch 
aus einem Parabelstück. — Bei dem Versuche, ein Bild von der Tem- 
peraturfunction in den drei Aggregatzuständen zu erhalten, dehnt der 
Verfasser das Dulung-Petü''s(ihe Gesetz der constanten Atomwärme bei 
starren Körpern zunächst auf Gase aus und findet hier als Constante 
3,431, welche Zahl mit Rücksicht auf die von ihm aufgestellte Formel 



Gollner, zur Festigkeitslehre. 205 

für die specifische Wärme bei constantem Drucke der Wahrheit näher 
komme als die Zahl 6, . . . welche für starre Körper gefunden worden 
ist. Auch bei den Flüssigkeiten gelte das Gesetz der constanten Atom- 
wärme, das sich aber direkt nicht erkennen lasse, weil das zweite Glied 
in der soeben erwähnten Formel zu sehr vorherrsche. Es bestehe dem- 
nach kaum mehr ein Zweifel, dafs das Gesetz der constanten Atom- 
wärme ein wirkliches Naturgesetz sei, und es sei sehr wahrscheinlich, 
dafs die Temperaturfunction einen für alle Körper und alle Aggregat- 
zustände gemeinsamen Bau besitze. Die Ursache des eigenthümlichen 
Verhaltens bei Aeuderung des Aggregatzustandes, wie es sich in Ueber- 
schmelzung u. s. w. zu erkennen gibt, ist in dem Bestreben zu suchen, 
dem Tem))eraturgesetze um jeden Preis gerecht zu werden. 

Nachdem noch eiumal ausdrücklich hervorgehoben worden ist, dafs 
die Cohäsion bei jedem der drei Aggregatzustände einen positiven Werth 
besitze, wird die Frage ventilirt, ob denn in der Schöpfung nicht auch 
ein „Etwas" existiren könnte, bei welchem die Cohäsion negativ wäre. 
Ein solches Gebilde, welches sich im Weltall körper- und umfanglos 
verbreiten mufs, ist in dem Aether repräsentirt. Nunmehr wird der 
feste Boden der naturwissenschaftlichen Erkenntnifs völlig verlassen. 
Der zweite, gröfsere Theil des Buches ist lediglich eine mathematisch- 
philosophische Ausarbeitung der Grundzüge einer allgemeinen Theorie 
der Aetherbewegungen. So interessant auch dieser Theil ist, so würde 
hier ein näheres Daraufeingehen zu weit führen, zumal es sich schliefs- 
lich doch nur um ein „Glauben oder Nichtglauben"^ handeln kann. 
Momentan müssen wir unsere gröfsere Aufmerksamkeit noch dem ersten 
Theil des Buchs zuwenden. Erst wenn hier eine völlige Einigung statt- 
gefunden hat, sind wir berechtigt, weiter zu gehen, um dem rascheren 
Gedankenfluge des Verfassers zu folgen. 

So oft wir auch den ersten Theil des Buchs betrachten, immer 
kommen wir wieder auf die erste Hypothese zurück und können uns 
mit derselben bis jetzt noch nicht ganz befreunden, zumal die oft eigen- 
artige Ableitung specieller Formeln an einigen Stellen den Eindruck 
macht, als ob das Resultat nur erreicht worden wäre, weil es schon 
vorher bekannt war. — Wenn wir demnach nicht vollständig mit dem 
Verfasser einverstanden sind, so sei damit sein Verdienst in keiner Weise 
geschmälert, die mechanische Wärmetheorie von einer neuen, allge- 
meineren Seite aus betrachtet zu haben, was für die Theorie selbst nur 
fruchtbringend ist, indem dadurch neue Gedanken angeregt werden. 



Zur Festigkeitslehre; von Prof. H. Gollner. 

Die experimentelle Festigkeitslehre ist neuerdiugs durch eine von Prof. 
liach durchgeführte Arbeit i bereichert worden, welche einerseits eine 

1 Zeilsckrift des Vereins deutscher Lipeiiieure^ 1889 S. 137. 



206 Gollner, zur Festigkeitslehre. 

Ueberprüfung dei* alten und neueren Theorie der Dreluingsfestigkeif^ 
andererseits die Ermittelung der zulässigen Inanspruchnahme von Stäben 
zum Zwecke hatte, welche, auf Drehfestigkeit beansprucht, das U-, H , 
-{--Profil besitzen. 

Bach verwendet für seine interessanten Untersuchungen Probestäbe 
aus Gufseisen^ obwohl sich dieses Material wegen der Veränderlichkeit 
des Elasticitäts-Modulus nicht vollkommen eignet für Untersuchungen, 
deren Ergebnisse zur Controle von Theorien verwerthet werden sollen, 
weil erstens die Herstellung solcher Probestäbe verhältnifsmäfsig billig 
ist, und weil zweitens die angedeutete Veränderlichkeit des Schub- 
Elasticitäts-Modulus nicht so bedeutend ist, als dafs die Versuchs- 
ergebnisse und deren Vergleichungen mit den Ergebnissen der Theorie 
— welche allerdings die Unveränderlichkeit des bezeichneten Modulus 
voraussetzt — nicht noch als Näherungswerthe aufgefafst und ver- 
werthet werden könnten. 

Ueber die Veränderlichkeit des Schub -Elasticitäts-Modulus des 
Materiales in einem bearbeiteten cylindrischen Gufseisen-Probestab gibt 
folgende Zusammenstellung Aufschlufs, deren Werthe von einer durch 
den Referenten erledigten einschlägigen Untersuchung mit Probestäben 
aus böhmischem Maschinen- Gufseisen herrühren. Es sei noch bemerkt, 
dafs bis zu einer gewissen Grenze der Inanspruchnahme dieses eigen- 
artigen Materiales, die auch als eine Art Fliefsgrenze bezeichnet werden 
könnte, mit genügender Annäherung für gewisse Inanspruchnahme- 
Grenzen mehrerer Schub-Elasticitäts- Module sichergestellt werden können, 
deren Werthe mit der Erhöhung der Inanspruchnahme abnehmen. 

Die bis zu der obenbezeichneten „Fliefsgrenze''^ ermittelten Schub- 
Elasticitäts-Module haben folgende Werthe: 

Probestab: Durchmesser (/ = 6cm,98, Probelänge / = 40cm,0, Dreh- 
moment Md in Kg. ^^^ absolute Verdrehung (3~o in cm, specifischer Dreh- 
winkel im Bogenmafs (für / = 4, = 1) Ö = {Ö^):^l)^ Inanspruchnahme 
der Drehfestigkeit ffd'''S Schub-Elasticitäts-Modulus G->'. 

Md = 0-7 500, 7 500-15 000, 15 000-22 500, 22 500-30 000 

Z<z = 0-112,4, 112,4-224,8, 224,8-337,2, 337,2—449,6 

So = 0.0102, 0,0228, 0,0370, 0,0560 

d' =0,000072, 0,000163, 0,000264, 0,000401 

G = 440,000, 395,000, 365,000, 321,000. 

In Folge der Inanspruchnahme mit 449'it,6 auf Drehung ist die 
Fliefsgrenze des Probemateriales erreicht. Die Festigkeitsgrenze Ka 
liegt bei 14G0",9. Die Zugfestigkeit Ä/t desselben Materiales wurde 
mit 1375",1 ermittelt, daher Ka : K^ = 1,06. 

Nach Gegenüberstellung der Hauptergebnisse der alten und neueren 
(von de Saint Venant herrührenden) Theorie auf Drehung beanspruchter 
Körper und zwar dafs im Sinne der alten Theorie die gröfste Inan- 



Gollner, zur Festigkeitslehre. 207 

spruchnahme (Tmay.) in jenen Querschnittspunkten eintrete, welche am 
weitesten von der Stabachse abstehen, dafs nach den Ergebnissen der 
Theorie nach de Saint Venant die gröfste Schubspannung in denjenigen 
Umfangspunkten des Querschnittes eintritt, welche der Stabachse am 
nächsten liegen, werden die Resultate der neueren Theorie für fünf 
Querschnittsformen übersichtlich zusammengestellt, welche den kreis- 
und kreisringförmigen, den elliptischen und elliptisch-ringförmigen um- 
fassen; an diese gewöhnlichen Querschnittsformen reiht sich die ana- 
lytische Behandlung des gleichseitigen Dreieckes und Sechseckes als 
Querschnittsform für auf Drehung beanspruchte stabförmige Körper. 

Es werden hierbei hauptsächlich zwei Gleichungen aufgestellt und 
entsprechend specialisirt; die eine bezieht sich auf den Werth der 
maximalen Inanspruchnahme (Tmax), die zweite behandelt die Beziehung 
des specifischen Verdrehungswinkels 8 zu den mafsgebenden Gröfsen. 

Bezeichnet (p und ip je einen Coefficienten, das kleinere der 
beiden Haupt-Trägheitsmomente des Stabquerschnittes, 0p das polare 
Trägheitsmoment desselben, Md das Drehmoment, F die Gröfse des 

Stabquerschnittes, ist endlich 6 = p, gleich dem Radius des Vollkreises 

und der halben kleinen Achse der Vollellypse, sowie dem äufseren 
Radius bezieh, der äufseren kleinen Halbachse des Ellypsenringes, so 
nehmen die Gleichungen für Tmax und S folgende allgemeine Form an: 

Tmax = cp.^.b und § = ^p. — .—. 

Es folgen im Weiteren die Sonderwerthe der Coefficienten (p und ip 
für die bezeichneten Querschnittsformen, wobei hervorzuheben ist, dafs 
nach Venanfs, Theorie für den rechteckigen Querschnitt der Werth 
yj=:f(b:h) ist. Dieser Werth ip variirt zwischen 42,68 und 38,5 für 
die Grenzwerthe ä : 6 = 1 : 1 und ä : 6 = 8 : 1 , wofür der abgerundete 
Werth i// = 40,0 eingeführt wird. 

Bach erörtert das zur Verfügung stehende Versuchsmaterial zur 
Prüfung der Theorie nach de Saint Venant für die verschiedenen Quer- 
schnittsformen und erwähnt hierbei das von Bauschinger gelieferte Ma- 
terial durch Untersuchung von 10 gufseisernen Wellen, von welchen 
je zwei den kreis- und ellypsenförmigen, den quadratischen und recht- 
eckigen Querschnitt (6 : A = 1 : 2 und 1 : 4) nachweisen. 

de Venant's Theorie liefert für die bezeichneten Stäbe der Reihe 
nach folgende Verhältnisse der specifischen Verdrehungswinkel für 

d 

(^=1=1) und zwar: 

Sa:§b:öc:öd:de=l: 1,25 : 1,13 : 1,40 : 9,1 
Nach Bauschinger wurde gemessen = 1 : 1,24 : 1,20 : 1,47 : 9,65 
Grashofs Gleichungen ergaben = 1 : 1,25 : 1,43 : 1,79 : 12,30. 
Bauschinger hat noch Stahlwellen von kreisförmigem und quadratischem 



208 



Gollner, zur Festigkeitslehre. 



Querschnitte auf Drehfestigkeit erprobt uud für 13 Wellenpaare den 
folgenden mittleren Verhältnifswerth 5\ : ö-i^^ '■ 0,696 festgestellt. 
Die alte Theorie würde ergeben: =1:0.589 
die neuere Theorie : 1 : 0,833. 

Die ältere Theorie liefert demnach zu geringe Formänderungen; 
diese DifFerenz wird um so gröfser, je mehr sich der Querschnitt von 
der Kreisform entfernt. 

Die nun von Bach in neuerer Zeit durchgeführten Drehversuche 
mit Probestäben aus Gufseisen (unbearbeitet) und von rechteckigem, 
kreis-, kreisringförmigem und hohl quadratischem Querschnitte liefern 
folgende Durchschnittswerthe betreffend jTmax und das Verhältniss Ka : Äj, 
welche als sehr instructive Versuchsergebnisse zu bezeichnen und in 
der fola;enden Tabelle übersichtlich zusammens-estellt sind. 



Querschnittsform 



b:h 



quadratisch 
rechteckig 



1:1 
1:2,5 
1:5 
1:9 



Kd : lU 



2228 
2529 
2366 

2508 



1,42 : 1 
1,60 : 1 
1,50 : 1 
1,59 : 1 



Bach weist weiters nach, dafs die neuere Theorie die Beziehung 
zwischen Tmnx und den Wertheu b und h für den rechteckigen Stabquer- 
schnitt nicht vollkommen richtig darstellt'^, wobei allerdings noch auf 
die Beschatienheit des Probemateriales Rücksicht zu nehmen sein wird, 
wenn obige Verhältnifswerthe für Ka : Kz zur Controle der Fenanfschen 
Gleichung Tjnax = 'ip (Md'-b'^h)^ wobei yj = 4^5 ist, verwerthet werden. 

Die ältere Theorie liefert hingegen für Tmax ganz unbrauchbare 
Werthe, wenn nämlich die Gleichung Tmax = QMd'- bh ('Vft'^ -f- A'^) aus- 
genützt wird. Die mittleren Versuchsergebnisse mit den Probestäben 
von kreis-, kreisringförmigem und hohlquadratischem Querschnitte be- 
treffend dieselben Gröfsen Tmnx und Kd : Kz. sind in der folgenden Ta- 
belle enthalten: 



Querschnittsform 


Durchmesser 


, Seitenlänge 


T'max'^'' 


Kd : K, 


aufsen 


innen 


kreisförmig 


10,3cm 


— 


1618 


1,02 : 1 


kreisringförmig . . . 


10,2cm 


7,0cm 


1234 


0,82 : 1 


hohlquadratisch . . . 


6,2cm 


3,2cm 


1788 


1,13 : 1 



Eine Vergleichung der Drehungsfestigkeit für Probestäbe mit voll- 
und liohl(|uadratischem, sowie von kreis- und kreisringförmigem Quer- 
schnitte hat das interessante Ergebnifs geliefert, dafs für beide Quer- 
schnittsgruppen der Vollquerschnitt um 25 Proc. widerstandsfähiger ist 

2 Vgl. § 341 insbesondere S. KiU von Bach's Elasticität und Festigkeit. (S. 
I)ücheranzeige S. 240.) 



Gollner, zur Festigkeitslehre. 209 

als der zugehörige Hohlquersehnitt. Hieraus folgert Bach mit Recht, 
dafs die Ausmitzung der Fo//quersehnitte eine günstigere ist, als bisher 
angenommen wurde. 

Die „Rippenquerschnitte'', welche allerdings im modernen Maschinen- 
bau als auf Drehfestigkeit beanspruchte Querschnitte von Maschineu- 
elementeu immer seltener verwendet werden, besonders wenn diese aus 
Gufseisen hergestellt werden sollen, erweisen sich als instructive Yer- 
suchsobjecte an Verdrehungs-Probestäben, über dei'en zahlreiche Er- 
gebnisse nachgelesen werden mufs. Es sei hier nur hervorgehoben, 
dafs schon die Art des Entstehens der ersten Brüche, ferner die Aen- 
derung der Widerstandsfähigkeit der schon angebrochenen Probestäbe 
bemerkenswerthe Resultate sind und dafs endlich auch das Verhältnifs 
der Festigkeit des Rippenquerschnittes zum rechteckigen Querschnitte 
von gleichen Hauptdimensionen (6 und h) je nach der Querschnittsform 
ein eigenartiges wird. 

So hat Bach sicher gestellt, dafs a) die U-Querschnitte gegenüber 
Inanspruchnahme auf Drehfestigkeit an sich von geringer Widerstands- 
fähigkeit sind, dafs b) derselbe Querschnitt nicht wesentlich mehr 
widersteht, als der aus dem Stege des Querschnittes gebildete recht- 
eckige Querschnitt; c) die Gleichung für Jmax als Ergebnifs der neueren 
Theorie für den in Rede stehenden Querschnitt nicht brauchbar ist; 
d) als mafsgebend die Festigkeitsgleichung Md = "^l^b-h . Jmax vorläufig 
angenommen werden kann. 

Für die H- Probequerschnitte ist folgendes mafsgebend: a) die 
Gleichung nach de Saint Venant für Tmax ist auch für diese Quer- 
schnitte nicht brauchbar; b) es mag bis auf Weiteres benutzt werden: 
A/d ^ '^., T'maxs'^ (A -f-.2io), wenn bedeutet: s die Stegstärke sowie die 
Flanschenstärke, ferner bo=:(b — s), wobei b die Breite der Flansche 
bezeichnet. 

Für den -j-'P^'obequerschnitt kann genommen werden: 
iMd = '^,TraaxsHh + hi-s). 
hierbei bedeuten h und h^ die Höhen, s die Stärke der beiden Rippen. 

Ein besonderes Interesse bieten weiters die abgebildeten Bruch- 
stücke hinsichtlich der Form der Brüche, der Lage der Bruchlinien, 
ferner die Beobachtungen, aus welchen die Art der Entstehung der 
Bruchlinien abzuleiten wäre. 

Die Probestäbe mit den einfachen Querschnitten sind durchaus 
plötzlich und ohne vorherige Anzeichen gebrochen. Bei den Stäben 
mit voll- und hohlquadratischem Querschnitte scheint der Bruch in der 
Mitte der Flächen (und nicht an den Kanten) begonnen zu haben; das 
Umgekehrte scheint für die Probestäbe mit rechteckigem Querschnitte 
zutretfend zu sein. Ge'naue einschlägige Beobachtungen und solche 
Ergebnisse wären für die Controle der de Saint Venant scheu Gleichungen 
von entscheidender Wichtigkeit. 

Dinglers polyt. Journal Bd. 273 Nr. ö. 1889;lll. 14 



210 



Gollner, zur Festigkeitslehre. 



Bei den Probestäben mit sogen. Rippenquerschnitten treten die 
Brüche zuerst in den (Querrippen) Flanschen ein, wobei das Dreh- 
moment sinkt. Dieses kann wieder gesteigert werden, so dafs der 
Probestab mit eingerissenen Querrippen ividerstandsfähiger ist als im 
unverletzten Zustande. Der Bruch des Steges erfordert in der Regel 
ein gröfseres Drehmoment, als jenes ist, welches zum ersten Einreifsen 
der Flanschen erforderlich war. 

Es ist wohl richtig, vorauszusehen, dafs sich dieselben Probestäbe 
im „bearbeiteten'' Zustande gegenüber der Inanspruchnahme auf Dreh- 
festigkeit anders verhalten hätten als im unbearbeiteten Zustande, in 
welchem sie durchaus der Probe unterworfen wurden. 

Von Interesse ist überhaupt die Kenntnifs des Einflusses der Gufs- 
haut auf die verschiedenen Festigkeitsarten. Bach ermittelt für Probe- 
stäbe im bearbeiteten und unbearbeiteten Zustande folgende Verhältnifs- 
werthe für die Biegefestigkeiten (Ab): 

a) quadratischer Probequerschnitt 2765 : 2295 = 1,17, 

b) H- „ 2254:2026 = 1,11, 

ferner für die Biegefestigkeit (Ab) zur Zugfestigkeit K^ desselben Ma- 
teriales im bearbeiteten Zustande: 

c) (juadratischer Probequerschnitt Eb : Kz = 1,73 : 1, 

d) H- „ Zb :Ä= = 1,45:1- 

Diese Angaben, welche zunächst erkennen lassen, dafs der Einflufs 
der Gufshaut von der Querschnittsform abhängig ist, sollen durch die 
folgenden ergänzt werden, die vom Referenten durch einschlägige Unter- 
suchungen mit gutem böhmischen Maschinen-Gufseisen gewonnen 
wurden, wobei die wichtigsten Arten der statischen Festigkeitsarteu 
berücksichtigt wurden. 

Die Biegestäbe erhielten rechteckigen Probequerschnitt (A : ft = 9 : 5), 
alle übrigen, also jene für Zug, Druck, Drehungs- und Abscherproben, 
den Arejsförmigen Probequerschnitt. 

Die folgende Tabelle zeigt die Mittelwerthe der mafsgebenden 
Gröfsen in übersichtlicher Zusammenstellung: 



B 

o 
S 

N 


Zustand 


Zug- 
festigkeit 
Z^at 


Druck- 
festigkeit 
/fj.at 


Biege- 
festigkeit 
ifb^t 


Dreh- 

festigkeil 

/i.iat 


Scher- 
festigkeit 
ÜT^at 


a 


Beai'beitet .... 


1237,5 


6188,7 


2202,3 


1562,7 


1233,2 


6 


Unbearbeitet . . . 


1375,1 


7295,0 


1961,0 


1791,6 


1256,6 


a 
b 


Verliältnifs .... 


Ü,90 


0,85 


1,12 


0,87 


0,98 


Bearbeitet 


K, = 1,00 


5,00 Kz 


1,78 Kz 


1.26 Kz 


0,99 Kz 


Uni 


jearbeitot 


if, = 1,00 


5,30 Kz 


1,43 Kz 


1,30 üTs 


0,91 Kz 



Diese Tabellenwerthe lassen erkennen: 

1) dafs mit Ausnahme der Scherfestigkeit alle übrigen statischen 



Controlapparate für den Betrieb elektrischer Beleuchtungsanlagen. 211 

Festigkeiten im bearbeiteten und unbearbeiteten Zustande desselben 
Gufseisens gröfser sind als dessen Zugfestigkeit- 

2) dafs mit Ausnahme der jß/e^cfestigkeit alle übrigen statischen 
Festigkeiten desselben Gufseisens in Folge des Einflusses der Gufshaut 
herabgedrückt werden; 

3) dafs die Gröfse des Einflusses der Gufshaut auf die Veränderung 
der Festigkeiten bei gleicher Querschnittsform für die einzelnen Festig- 
keitsarten ein verschiedener ist und überhaupt von der Form des 
Querschnittes abhängig ist. 



W. E. Fein's Controlapparate für den Betrieb elektrischer 
Beleuchtungsanlagen. 

Mit Abbildungen. 

Um ein« vollkommen gleichmäfsiges Licht der Bogen- und Glüh- 
lampen und zugleich eine möglichst lange Brenndauer der letzteren zu 
erzielen, mufs die Klemmenspannung der Dynamomaschine möglichst 
unveränderlich erhalten wei'den. Soll deshalb, namentlich bei Anlagen 
mit einem Betriebsmotor mit veränderlicher ümlaufszahl, der Wärter 
so oft als nur thunlich die Spannung seiner Maschine an einem Volt- 
meter beobachten, so ist dies umständlich und unzuverlässig, v^^eil ja die 
Scalen dieser Mefsinstrumente sich nicht leicht in so grofsen Dimensionen 
ausführen lassen, dafs ihr Ablesen mit Sicherheit von einiger Entfernung 
aus erfolgen kann. Man hat schon mehrfach sogen. Spannungswecker 
hergestellt, die jede die normalen Grenzen in einer unzulässigen Weise 
überschreitende Spannungsänderung der Dynamomaschine durch ein von 
Ferne sichtbares oder hörbares Signal selbsthätig anzeigen und dem 
Maschinisten bestimmt angeben, ob und in welcher Weise er die Touren- 
zahl seiner Dynamomaschine zu verändern bezieh. Widerstände ein- 
oder auszuschalten hat. 

W. E. Fein in Stuttgart erreicht dies durch die im Nachfolgenden 
beschriebenen und abgebildeten Apparate und verwendet für gröfsere 
Beleuchtungsanlagen gewöhnlich zwei derartige Apparate, von welchen 
der eine im Maschinenräume, der andere im Bureau des Betriebsbeamten 
aufgestellt wird, damit auch dieser die Spannung und zugleich die dies- 
bezügliche Thätigkeit des Maschinisten controliren kann. Für solche 
Fälle, wo dies nicht fortwährend möglich ist, kann der Spannungs- 
wecker mit einem Registrirapparate in Verbindung gebracht werden, 
welcher selbsthätig aufzeichnet, ob und wann die Spannung der Ma- 
schine zu hoch oder zu nieder geworden ist, was besonders für Be- 
leuchtungsanlagen, welche die ganze Nacht hindurch im Betriebe sind, 
sehr zu empfehlen ist. 



212 Controlapparate Idr den Betrieb elektrischer Bclenclitungsanlagen. 



Nachstehende Figur zeigt die innere Einrichtung des Spanuungs- 
weckers. Der Zeiger Z des Voltmeters F ist mit zwei Contactfedern ver- 
sehen, welche zwischen den beiden Contaclschrauben / und 2 spielen; 
diese sind in entsprechend weiten Grenzen verstellbar und lassen sich 

dadurch leicht auf die ge- 
wünschte Maximal- und Mini- 
malspannung einstellen. Sie 
stehen mit den beiden Glüh- 
ampen G^ und (r., derart in 
Verbindung, dafs entweder die 
eine oder die andere zum Bren- 
nen kommt, je nachdem der 
Zeiger des Voltmeters nach 
rechts oder links ab- 
gelenkt wird, d. h. je 
nachdem die Span- 
nung der Maschine 
zu hoch oder zu 
niedrig geworden 
ist, bei normaler 
Spannung berührt 
keine der beiden 
Federn ihre Con- 
tactschraube. Vor 
den beiden Glüh- 
lampen sind in 
dem den ganzen 
Apparat bedecken- 
den Metallgehäuse zwei kreisrunde Ausschnitte angebracht und in die- 
selben Glasscheiben eingesetzt, wovon die eine roth, die andere grün 
gefärbt ist; aufserdem ist jede Scheibe, behufs Ausschliefsuug jeder Ver- 
wechselung oder Täuschung beim Beobachten derselben, noch mit einer 
Inschrift versehen, welche beim Erglühen der Lampe weithin sichtbar 
wird; die grüne linke Scheibe zeigt die Inschrift: „Tourenzahl zu klein", 
wenn die Spannung der Maschine zu niedrig geworden ist, wogegen 
rechts die Inschrift: „Tourenzahl zu grofs-"- in rothem Lichte erscheint, 
im Falle die Spannung die zulässige Gröfse übersteigt. Das Metallgehäuse 
des. Apparates ist nicht fest, sondern durch die beiden Scharniere rj und r-^ 
mit der gufseisernen Grundplatte verbunden, so dafs mau zur inneren 
Einrichtung leicht gelangen kann, im Falle ein Auswechseln der Glüh- 
Iami)en mit der Länge der Zeit nothwendig wird. 

In den Stromkreis beider Glühlampen ist ferner der Wecker I ge- 
schaltet, welcher mit dem Erglühen der einen oder anderen Lampe ein 
hörbares Signal gibt, und zwar so lange, bis der Wärter seine Dynamo 




Lockwood"s Anordnung zum Schutze der Telephonleitungen. 213 

wieder auf die richtige Umdrehungsgeschwindigkeit gebracht oder Ab- 
hilfe mittels seines Stromregulators geschaffen hat 5 ein ]S'ichtbeachten 
des Signals erscheint daher vollständig ausgeschlossen, besonders da 
erforderlichenfalls mit dem Apparate noch ein zweites Läutewerk ver- 
bunden werden kann, das sich in jedem beliebigen anderen Räume auf- 
stellen läfst. 

Damit die Contacte dieses Weckers nicht schadhaft werden können 
und dessen Selbstunterbrechung das Brennen der Lampen nicht stört, 
ist parallel zu dem Elektromaguete desselben der aus Neusilberdraht 
hergestellte, unter dem Elektromaguete befindliche Widerstand W ge- 
schaltet, und so bemessen, dafs nur ein ganz geringer Theil des Stromes 
durch das Läutewerk selbst seht. 

Da das Voltmeter T' keine Stahlmagnete, sowie keine verstellbaren 
Gegengewichte oder Federn besitzt, so wird auch die Richtigkeit seiner 
Angaben durch äufsere Einwirkungen nicht beeinflufst. 

Für manche Fälle, besonders zur Coutrole des Maschinenwärters 
genügt schon ein hörbares Signal: dann verwendet Fein einen etwas 
einfacheren Apparat. An demselben wird der Wecker L und die 
beiden Glühlampen G, und G.^ durch eine Lampe und zwei Läutewerke 
von verschiedenem Klange ersetzt; von letzteren kommt das eine oder 
das andere in Thätigkeit, je nachdem die Spannung der Maschine zu 
hoch oder zu niedrig wird. 



Lockwood's Anordnung zum Schutze der Telephonleitungen 
gegen Induction aus anderen Leitungen. 

Mit Abbildung. 
T. D. Lockwood in Boston hat sich kürzlich eine Anordnung paten- 
tireu lassen, welche die schädlichen inducirenden Einwirkungen von 
Licht- und Motoren-Leitungen beseitigen soll und nicht, wie andere 
dasselbe bezweckende Anordnungen, das Telephoniren schwächt, son- 
dern eher noch verbessert. In der zugehörigen Abbildung ist L eine 
Telephonleitung, welche dem Einflüsse einer 
mit Wechselströmen arbeitenden elektrischen 
Leitung ausgesetzt ist. Von ihr wird vor dem 
Telephone T bei x eine Abzweiguno; zur 
Erde E angelegt, in welche ein Elektro- 
magnet e von geringem Widerstände, aber 
hoher Selbstinduction eingeschaltet ist. Wäh- 
rend nun aber die von der Lichtleitung indticirten Ströme in Folge der 
verhältnifsmäfsig geringen Anzahl ihrer Richtungs- bezieh. Stärken- 
wechsel einerseits und in Folge des geringen Widerstandes von e der 
Hauptsache nach ihren Weg über den Elektromagnet e nehmen, gehen 




214 



Warnungssignale für eine bestimmte Fahrtrichtung. 



die Telephonströme wegen des hohen Widerstandes, welchen die hohe 
Selbstinduction von e so raschen Stromänderungen, wie sie die Grund- 
lage der telephonischen Uebertragung bilden, entgegensetzt, im Wesent- 
lichen über T zur Erde E^ d. h. die störende Wirkung der durch die 
Lichtleitung inducirten Ströme auf T wird erheblich verringert. Das 
als Geber benutzte Mikrophon M wird durch die aus der Lichtleitung 
inducirten Ströme nicht gestört, und deshalb kann die secundäre Win- 
dung seines Inductors in die Leitung L vor x eingeschaltet werden; 
es wird dadurch die Wirksamkeit des Gebers erhöht. 

In Mittelstationen kann natürlich eine Abzweigung x E zur Erde 
nicht angebracht werden; in ihnen wird daher der Elektromagnet e in 
eine Nebenschliefsuug zum Telephon gelegt und kann mittels eines Um- 
schalters ausgeschaltet werden. 

Lockwood hat gefunden, dafs für gewöhnlich ein Elektromagnet 
mit Eisenkern und Eisenhülle und von ungefähr 10 Ohm Widerstand 
genügt. 



Warnungssignale und Schienencontacte für eine bestimmte 

Fahrtrichtung. 

Mit Abbildung. 

Wenn an eingeleisigen Nebenbahnen unbewachte Wegübergänge 
durch elektrische Läutewerke geschützt werden sollen, welche durch 
neben den Schienen angebrachte, durch die Räder des fahrenden Zuges 
in Thätigkeit versetzte Contacte zum Läuten gebracht werden, so sind 
diese Contacte so einzurichten, dafs sie den Strom nur schliefsen, wäh- 
rend der Zug in der einen Richtung fährt, damit der sonstige Verkehr 
nicht durch Warten auf einen Zug aufgehalten wird , der bereits über 
den üebergang hinaus ist. 

Zu diesem Zwecke hat der Eisenbahn-Telegraphenaufseher H.Seseman 
in Erfurt den Contact in folgender Weise ein- 
gerichtet. In einem in genügender Entfernung von 
der Schiene auf einer Eisenplatte befestigten Kugel- 
lager wird eine Welle c gelagert, auf welche neben 
der Schiene ein kleines Stahlrädchen drehbar auf- 
gesteckt ist, worüber die Räder laufen; auf dem 
anderen Ende der Welle c dagegen sitzt eine eben- 
falls drehbare Rolle £", welche, wenn die Räder 
auf das Rädchen wirken, je nach der Fahrtrichtung 
links oder rechts in dem Ausschnitte F einer Füh- 
rungsplatte emporgeht und dabei einen der beiden, 
durch die Federn k und k^ zurückgehaltenen Con- 
tact i und i'i auf seinen Ambofs legt und so einen elektrischen Strom- 
kreis schliefst und das Läutewerk auslöst. Auch das Stahlrädcheu 




Warnungssignale für eine bestimmte Fahrtrichtung. 215 

liegt in dem Ausschnitte einer Führuugsplatte, die jedoch, F entgegen- 
gesetzt, die geneigten Flächen oben liegen hat. Eine auf c wirkende 
Feder zieht E beständig im Ausschnitte F nach unten. 

Der abgebildete Contact vermag zwei Läutewerke für zwei zu 
beiden Seiten des Contactes liegende Uebergänge auszulösen, bei jeder 
Fahrtrichtung jedoch stets nur eines und zwar das in der Richtung der 
Fahrt liegende. Auch würde ein solcher Contact dem Weichensteller, 
welcher weit entfernt liegende oder nicht sichtbare Weichen zu be- 
dienen hat, die Vor- oder Rückwärtsbewegung eines Zuges an den frag- 
lichen Stellen bestimmt anzeigen können. In verwandter Weise würde 
der eine der beiden Contacte für die selbsthätige Controle der Fahr- 
geschwindigkeit benutzt werden können. 

Liegt blofs auf der einen Seite des Contactes ein Uebergang, so 
ist blofs ein Läutewerk nöthig, aber es mufs auf jeder Seite des Ueber- 
ganges in geeigneter Entfernung (1300"i bis 1500°^) ein Schienencontact 
angebracht werden, dieser braucht aber nur einen einzigen Contactstift. 

Siemens und Halske in Berlin verwenden für derartige Fälle ihren 
Schienendurchbiegungs-Quecksilbercontact (vgl. 1888 261 * 374). Sie 
lassen dabei nach der Elektrotechnischen Zeitschrift^ 1889 S. 40, alle 
Läutewerke etwa 2 Minuten lang läuten, aber nur alle 6 bis 7 Secunden 
einen Schlag geben, damit dasselbe beim Verkehre von 15 Zügen täg- 
lich doch nur jeden Tag einmal aufgezogen zu werden braucht. Das 
Spindelläutewerk wird zu besserem Schutze gegen muth willige Angriffe 
etwas höher gebaut. Es gibt nach jeder Auslösung 2 Schläge. Die 
erste Auslösung geschieht durch den Schienencontact. Dabei zieht das 
Läutewerk ein Neben werk auf, dessen Ablaufen durch ein Pendel werk 
verlangsamt wird. So lange das Nebenwerk läuft, hält es die elek- 
trische Leitung unterbrochen; zum vollständigen Ablaufen braucht es 
8 bis 10 Minuten, und deshalb kann auch ein langsam fahrender Zug 
beim Hinwegfahren über den in der Fahrtrichtung hinter dem Läute- 
werke liegenden zweiten Schienencontact hinwegkommen, ohne das 
Läutewerk noch ein zweites Mal auszulösen. Das Nebenwerk löst 
immer nach Ablauf von 6 bis 7 Secunden das Läutewerk mechanisch 
aus, so dafs es 2 Schläge gibt; dies geschieht für die Dauer von 2 Mi- 
nuten. Mit dem so gegebenen hörbaren Warnungssignale kann auch 
noch ein sichtbares verbunden werden, das hauptsächlich dazu bestimmt 
ist, den Locomotivführer des vorüberfahrenden Zuges davon in Keuntnifs 
zu setzen, dafs das Läutewerk das Warnungssignal wirklich gegeben 
hat. Dieses sichtbare Signal erscheint, wenn das Warnungssignal durch 
den Einflufs des Nebenwerkes beginnt, und verschwindet wieder, wenn 
der Zug vorüberfährt, oder wenn er vorübergefahren ist. 



216 



Wagner's Mikrophon. 



Westinghouse's Umsclialter für elektrische Lichtleitungen. 




Mit Abbildung. 

Der nebeustehend abgebildete Um- 
.schalter wird von der fVestinghouse Company 
in ihren Lichtanlagen verwendet, wo die- 
selbe Dynamomaschine abwechselnd mit 
zwei verschiedenen Stromkreisen ver- 
bunden werden soll. Die beiden von der 
Dynamo kommenden Poldrähte werden 
an die beiden in der Mitte des Um- 
schalters links und rechts sichtbaren 
Klemmen geführt. Die beiden oben lie- 
genden Klemmen nehmen die Leitungen 
des einen Stromkreises auf, die unteren 
diejenigen des anderen. Bei der gezeich- 
neten Lage des Umschalterhebels wird 
also der Strom dem ujateren Stromkreise 
zugeführt. Soll der obere den Strom be- 
kommen, so wird der Griff rasch nach 
oben bewegt und die beiden Klingen am 
Hebel in die beiden oberen Zangen hin- 
eiugedrückt. Der Handgritf besteht natür- 
lich aus einem isolirenden Stoffe. 



H. J. Wagner's Mikrophon. 



In 



Mit Abbildung. 

dem Mikrophon der Geraer Elektrotechnischen Fabrik H. J. 
Wagner in Cuba bei Gera (*D. R. P. Kl. 21 
Nr. 444-65 vom 21. Januar 1888) wird der 
Körper durch die dem Mikrophon bei- 
gegebene Inductionsspule gebildet, deren 
vordere, vergröfserte Flanschenscheibe b 
die Platte g und den Schalltrichter f trägt, 
während auf den hinteren Flanschet eine 
Schlufsscheibe l aufgeschraubt ist, welche 
den Hohlraum der Spule luftdicht ab- 
schliefst. Im Inneren der Spule ist ein 
Weichgummicy linder k angebracht, gegen 
dessen nach aufsen gebauchten Boden 
sich ein in der Spule dicht eiugeschliffener 
Contact i anlegt. Ein an der Platte g 




Die Raoiüt'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmiing. 217 

sitzender Contaet h steht mit dem Contacte i in Berührung. Die in 
dem zwischen der Platte g und der Flansehenscheibe b betindlichen, 
luftdicht abgeschlossenen Räume m enthaltene Luft wirkt als Dämpfer 
für die Schwingungen der Platte. Dieses Mikrophon ist gleich gut für 
lange und kurze Entfernungen zu benutzen. In ihm sind die Contacte 
besonders gut gegen Verstaubung und Beschädigung von aufsen ge- 
schützt. Da es in jeder Stellung gut arbeitet, läfst es sich bequem 
tragbar machen. 



Die Raoult'sche Methode der Molekiilargewic]itsl)estim- 
mung; von Constantin Klinge. 

(Fortsetzung der Abhandlung S. 179 d. Bd.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 11. 

A. F. HoUemann^^ hat ein noch einfacheres Verfahren in Anwen- 
dung gebracht. 

Das Gefäfs, worin sich die auf ihren Gefrierpunkt zu untersuchende 
Flüssigkeit befindet, ist ein weites Probirrohr (etwa 2^°^ Durchmesser); 
es wird durch die Klemmschraube eines Stativs festgehalten. Im Probir- 
rohre hängt ein in ijo Gi'ade getheiltes, emptindliches Thermometer; 
weiter ist noch ein Rührer (ein am unteren Ende umgebogener Glas- 
stab) darin befindlich. Als Kühlgefäfs wird ein mit Eiswasser gefülltes 
Becherglas benutzt, das am selben Stativ auf einem mit Drahtnetz ver- 
sehenen Ring steht und während des Versuches auf und ab gehoben 
wird, wogegen die relative Lage von Probirrohr und Thermometer un- 
verändert bleiben. 

Bei Ausführung eines Versuches kühlt man die zu untersuchende 
Flüssigkeit (wovon 30 bis 40§ ausreichen) ungefähr ab bis 0,5" unter 
den Gefrierpunkt des Lösungsmittels; der Rührer wird dabei mit der 
Hand in Bewegung gehalten. Danach wird das Becherglas mit Eis- 
wasser ganz vom Probirrohre weggenommen. Durch Reiben mit dem 
Rührer an der Glaswand , oder sicherer durch Einbringen eines mini- 
malen Krystallflitterchens wird jetzt die Krystallisation eingeleitet. So- 
bald diese eintritt, sieht man die Temperatur, die bis dahin noch stets 
sinkend geblieben ist, plötzlich steigen. Man wartet einige Augen- 
blicke, rührt die Flüssigkeit nun um und liest die Temperatur ab mit 
einer kleinen fFo//as/on"schen Lupe, wie sie auch sonst im Laboratorium 
oft benutzt wird. Dies wird in kurzen Intervallen noch zwei- bis dreimal 
wiederholt, vor jeder Ablesung erst gerührt, um sich zu überzeugen, 
dafs Constanz der Temperatur eingetreten ist. 

Man thaut jetzt die Kryställchen wieder auf, das Probirrohr mit 
der Hand oder mit ein wenig lauwarmem Wasser erwärmend, und 

33 Berichte^ XXI, 860. 



218 Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 



^viederholt dann in derselben Weise die Gefrierpunktsbestimmuug noch 
zweimal. Die drei so erhaltenen Gefrierpunktszahlen differireu dann 
höchstens um '^ loo Grad. 

Als Beweis, dafs dieses höchst einlache Verfahren für den Zweck 
ausreicht, gibt Hollemann die folgenden Molekulargewichtsbestimmungen, 
die danach ausgeführt worden sind, an : 







Gefiierpunkts- 
Erniedrigui:i; 








1) Benzamid 


1,96 


0,62; 


0,61; 0,61 


0,31 


126 


121 


2) Phtalsäiireanliydrid 


1,57 


0,35; 


0,35; 0,35 


0,23 


169 


148 


3) Acetoiihenon .... 


1,82 


0,55; 


0,55; 0,55 


0,30 


130 


120 


4) Naplitalin 


1,87 


0,54; 


0,55; 0,55 


0,29 


134 


128 



Die Ausführung einer Molekulargewichtsbestimmung nach diesem 
hier beschriebenen Verfahren dürfte, das Herstellen der Lösung, wie 
auch die Gefrierpunktsbestimmung des Lösungsmittels selber mitgerechnet, 
kaum mehr als '^[^ Stunden in Anspruch nehmen. 

Auf Veranlassung des Herrn Prof. Engler habe ich mich längere 
Zeit mit der i?ao«/f sehen Methode beschäftigt. Durch die von mir ge- 
machten Beobachtungen wurden schliefslich die beiden eben angegebenen 
Verfahren gewissermafsen mit einander vereinigt und die Versuche in 
folgender Weise angestellt: 

Der Mantel zur Aufnahme der Flüssigkeit erhielt die Gröfse, dafs 
50s Lösungsmittel denselben ungefähr bis zur Hälfte füllten. 

Zum Schutze gegen die Feuchtigkeit der Luft wurde der Mantel 
mit einem doppelt durchbohrten Kork verschlossen. In die eine Bohrung 
wurde ein in zehntel Grade getheiltes Thermometer, in die andere ein 
Rührwerk, welches genau in der von Auwers angegebenen Weise aus- 
geführt war, gesteckt. Der ganze Apparat wurde in ein grofses Becher- 
glas mit Wasser gesenkt, dessen Temperatur sich etwa 20 unter der 
jedesmaligen Erstarrungstemperatur des Lösungsmittels befand, und die 
Versuche unter Einhaltung der von Auwers angegebenen Vorschriften 
angestellt. Nur habe ich den Krystalleinwurf ganz weggelassen, da 
beim Abkühlen des Lösungsmittels (Eisessig oder Phenol) auf etwa 0,50 
unter seinen Erstarrungsi)unkt die Erstarrung von selbst vor sich geht 
und man ganz normale Werthe erhält. — Auf diese Weise wurde 
erreicht, dafs zwischen den drei Gefrierpunktszahlen fast niemals 
sich eine Temperaturdifferenz ergab, so dafs in der Folge schon der 
erste beobachtete Werth als brauchbar angenommen werden konnte. 
Ich neige mich daher zu der Ansicht, dafs diese Differenzen bei 
Auwers durch den Krystalleinwurf, bei Eolleinnnn dagegen durch den 
Umstand, dafs ein offenes Gefäfs angewandt wird, hervorgerufen werden. 



Die Raoult"sche Methode der MolekulargewichtsbestimmuDg. 219 

Für meine Resultate mag das folgende Yersuchsbeispiel sprechen: 
Trijilienylpyridin^ Cy^H^-l^^ iVi = 307. 
Erstarrungspunkt des Phenols: 39,000. 
Angewandt: 0?,3235 Triphenylpjridin in 52?,0 Eisessig. 
Gefunden : 



E 
33,840 
33,830 
33.830 


C 

0,160 
0,170 
0,170 


A 
0,2570 
0,2730 
0,2730 


3/ 
311 
296 
296 




Mittel 


0,2680 


300. 



Erstarrungspunkt des Phenols: 39,100. 

Angewandt: 0?,2050 Triphenylpjridin in 52?,8 Eisessig. 

Gefunden : 

E C A M 

38.9600 0,1400 0.2590 309 

38.9600 0.1400 0.2590 309 

38,9600 0,1400 0,2590 309 

Mittel 0,2590 3Ü97 

Theorie Mittel der Versuche 

3/ =307 i¥ = 304,5. 

Handelt es sieh um die Bestimmung des Molekulargewichtes einer 
Substanz in einem Lösungsmittel, dessen molekulare Depression T schon 
bekannt ist, so wird man bei Anwendung eines der drei eben be- 
schriebenen Verfahren in den meisten Fällen befriedigende Werthe er- 
halten. 

Hentschell^ welcher Versuche über das gegenseitige Verhalten von 
Benzol und Eisessig angestellt und zu seinen Bestimmungen ausschliefs- 
lich Substanzen von flüssigem Aggregatzustande verwendet hat, be- 
nutzt einen Apparat ^^ (Fig- 2), der von dem ^Mioers'schen abweicht. 

Zu genaueren Bestimmungen ist es, zumal wenn man das leicht- 
flüchtige Benzol als Lösungsmittel benutzt, unbedingt nöthig, im abge- 
schlossenen Räume zu arbeiten, namentlich, wenn man durch Ausführung 
einer Reihe von Bestimmungen das Verfahren in die Länge zieht. Die 
Bewegung der theilweise erstarrten Flüssigkeit wird durch das Wirbeln 
eines an der Glasbläserlampe hergestellten Flügelrades erzielt, dessen 
Stiel A den Stöpsel des Versuchsgefäfses durchsetzt, wobei durch ein 
eingeschobenes Glasröhrchen für leichte Führung gesorgt ist; diese 
Achse des Flügelrades steht etwas schief, so dafs das flügeltragende 
Ende des Stieles genau im Mittelpunkte der Gefäfskuppel steht. Die 
drehende Bewegung des Flügelrades wird dadurch bewirkt, dafs man 
leise an dem aufgekitteten Glasrohre B entlang fährt; ist alles sorgfältig 
eingerichtet, so genügt diese Bewegung, um den Inhalt des Gefäfses 
heftig durch einander zu wirbeln. 

Da es sich meist um Reihen von Bestimmungen handelt, so wird 



34 Zeitsr.hr. für phys. Chem.., II, 306. 



22U i-'ie iiauull sehe Metliude der Jlulekulargewiclitsbesliinmung. 

die zu untersuchende Flüssigkeit in ein mit eingeschliffenem Tropfrohre 
versehenes Flaschchen gethan, welches nach jedesmaligem Eintragen 
von Flüssigkeit zurückgewogen wird. 

Das Eintragen geschieht durch den mit Kork verschlossenen Stutzen C. 
Die Beobachtung des Erstarrungspunktes kann in zweierlei AA^eise ge- 
schehen. Mau läfst entweder die Lösung erstarren und beobachtet unter 
beständigem Umrühren den Wärmegrad des Thermometers, bei welchem 
eine eben noch sichtbare Wolke von Krystalleu übrig geblieben ist, 
oder man läfst vor dem Eintragen der zu untersuchenden Flüssigkeit 
einen Theil des Lösungsmittels oder der bereits gewonnenen Lösung er- 
starren, um nun erst von jener Flüssigkeit zuzutropfen; bei gleich- 
mäfsigem Rühren sinkt die Temperatur jetzt sehr rasch und stellt sich 
um so genauer auf den Erstarrungspunkt ein, je zarter der Flor von 
Kr^'stallen ist, welcher nach Zusatz der Versuchsflüssigkeit dem Ver- 
thauen widerstanden hat. Natürlich ist der Versuch mifsglückt, Avenn 
alle Krjstalle nach dem Eintragen verschwinden, und wird dann die 
Bestimmung des Schmelzpunktes nach dem zuerst angeführten Verfahren 
nachgeholt. Das zweite Verfahren eignet sich besonders bei Benutzung 
von Eisessig als Lösungsmittel; das Verfahren beruht auf dem aufser- 
ordentlichen Ueberwiegen der latenten Schmelzwärme gegenüber der 
specifischen Wärme. 

Bei Bestimmung der Schmelzpunkte der Lösungsmittel selbst thut 
man gut, dieselben vorsichtig überkalten zu lassen, worauf sie in ihrer 
ganzen Masse in kleinen, leichtlöslichen Krystallen erstarren, anderen- 
falls scheiden sich leicht Krusten an den Wänden des Gefäfses ab, 
welche genaue Bestimmungen unmöglich machen 5 mit Zunahme des ge- 
lösten Körpers hört diese Krustenbildung auf. 

Man hält zweckmäfsig doppelwandige Staudgefäfse (vgl. D D auf 
Fig. 2) bereit, welche man trocken als Schutzmittel zur Abhaltung 
von warmer Zimmerluft oder, mit Eiswasser gefüllt, zur Kühlung der 
Lösungen benutzt. 

Bezüglich der Resultate sei auf die Originalarbeit ^5 verwiesen. 

Für sehr genaue Untersuchungen, z. B. bei Bestimmung der mole- 
kularen Depression eines Lösungsmittels, leistet ein von Beckmann^^' 
construirter Apparat (Fig. 3) vortreffliche Dienste. Das Gefäfs A^ 
welches die zu prüfende Flüssigkeit aufnimmt, besteht aus einem stark- 
waudigen grofsen Probirrohre, welches seitlich einen Stutzen trägt, be- 
hufs Einfüllung der Substanz. Um eine Bestimmung auszuführen, gibt 
man in das zuvor mit einigen scharfkantigen Platinschnitzeln beschickte 
und tarirte Probirrohr, welches bis zum Stutzen etwa 25cc fafst, unge- 
fähr 15^ Lösungsmittel, trocknet den oberen Theil des Rohres mittels 
Filtrirpapier und wägt nun bis auf Centigramme geuau. Nachdem der 

35 Zeüschr. für phys. Chem., II, 308. 

36 Zeüschr. für phys. Chem.., II, 638. 



Die Raoulfsche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 221 

aus dickem Platindrahte bestehende Rührer eingelassen ist, wird das 
Thermometer mittels Kork aufgesetzt. Um das Probirrohr befestigt 
man zunächst mit Kork einen weiteren Cylinder Ä, der als Luftmantel 
dient, erst dieser wird in das Batterieglas C eingesenkt, welches mit 
Kühlflüssigkeit gefüllt ist. 

Zweckmäfsig hält man die Temperatur in dem Batterieglase etwa 
2 bis 50 unter dem Erstarrungspunkte der zu prüfenden Flüssigkeit. 
Bei Arbeiten mit Eisessig, dessen Schmelzpunkt bei rund 160 Hegt, läfst 
sich eine zu hohe Temperatur durch Einwerfen von Eisstüeken und 
Umrühren mit dem äufseren Rührer herabdrücken. Ohne Luftmantel 
wäre das natürlich während der Arbeit nicht statthaft. Wird Benzol, 
welches bei rund 5,5^ schmilzt, verwendet, so füllt man das äufsere 
Gefäfs zum grofsen Theile mit Eisstücken und läfst es dann voll Wasser 
laufen. Die Sorge um die äufsere Temperatur fällt hier bei genügend 
vorhandenem Eise fort, bis der Gefrierpunkt der zu prüfenden Lösung 
unter 2^ sinkt. Wird stärkere Abkühlung nothwendig, wie es bei An- 
svendung von Wasser als Lösungsmittel von vornherein der Fall ist, 
so gibt man zu der Mischung von Eis und Wasser im äufseren Gefäfse 
unter Umrühren so viel Kochsalz, bis die gewünschte Temperatur er- 
reicht ist. Ein beständiges Sichtbarbleiben des Gefriergefäfses ist ganz 
überflüssig. Nach einiger üebung braucht man die äufsere Temperatur 
gar nicht mehr mit dem Thermometer zu controliren; die Schnelligkeit, 
mit welcher die Temperatur im inneren Gefäfse sinkt, genügt zur Be- 
urtheiluug. 

Nach dem Abkühlen der Flüssigkeit unter ihren Gefrierpunkt wird 
für den Beginn der Krystallabscheidung Sorge getragen und das bei 
beständigem Rühren nun rasch steigende Quecksilber des Thermometers 
gibt in seinem höchsten Stande den Gefrierpunkt an. Auch bei diesem 
Verfahren wird das Einwerfen von Krystallen, um die Erstarrung ein- 
zuleiten, weggelassen. Um die Möglichkeit einer Abkühlung des Lösungs- 
mittels zu beschränken, ist das Probirrohr mit Platinschnitzeln be- 
schickt und mit einem auf und ab gehenden, Erschütterungen erzeugenden 
Rührer versehen worden. Bei Anwendung von Benzol hat dies den 
Erfolg, dafs der Quecksilberfaden nur wenige Hundertstel-Grade unter 
den Gefrierpunkt sinkt, um sich in Folge einer geringen feinpulverigeu 
Krystallabscheidung alsbald sehr genau auf den Gefrierpunkt einzu- 
stellen. 

Eisessig läfst sich unter diesen Bedingungen etwas stärker, bis zu 
0,50, Wasser bis zu lo überkühlen. Für die Bestimmung des Gefrier- 
punktes der reinen Lösungsmittel ist die in den letzteren beiden Fällen 
auftretende stärkere Eisabscheidung ohne Belang: wie für concentrirtere 
Lösungen der entstehende Fehler leicht vermieden wird, soll sogleich 
erörtert werden. 

Nachdem der Gefrierpunkt des Lösungsmittels auf diese Weise be- 



222 Die Raonlt'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 

stimmt und nach Aufthauen des abgeschiedenen Eises durch wieder- 
holte Bestimmung auf seine Constanz geprüft worden ist, wird die zu 
untersuchende Substanz durch den Stutzen eingeführt und nach erfolgter 
Lösuno- — dem Stutzen anhaftende Partikeln können durch Neigen weg- 
o-espült werden — der Gefrierpunkt aufs Neue zweimal bestimmt. 
Durch Subtraction erfährt man ohne Weiteres die stattgehabte Erniedri- 
gung. Nach Zufügung einer weiteren Menge Substanz kann sofort die 
Bestimmuno- für höhere Concentrationen angeschlossen werden. Bei der 
Untersuchung von Lösungen tritt mit steigender Conceutration immer 
mehr die Nothwendigkeit hervor, eine stärkere Ueberkühlung möglichst 
zu vermeiden, d. h. die Menge des ausfrierenden Lösungsmittels thun- 
lichst zu beschränken. Da nur dieses sich ausscheidet, mufs mit dessen 
Entfernung die zurückbleibende Lösung concentrirter werden und einen 
immer niedrigeren Schmelzpunkt zeigen. Die möglichen Fehler werden 
bei obio^em Verfahren um so gröfser, wenn, wie das besonders bei Eis- 
essig und Wasser der Fall ist, durch die gelöste Substanz die Krystall- 
abscheidung in höherem Mafse, unter Umständen um viele Grade, hint- 
angehalten wird. Aber auch in diesen Fällen kann man ohne Einbringen 
von fertigem Eise einen hohen Grad von Genauigkeit erreichen. Nach- 
dem Eisausscheidung durch Abkühlung ohne Luftmantel bei kräftigem 
Umrühren hervorgerufen ist, läfst man während kurzer Ruhe am Boden 
des Gefriergefäfses eine ganz dünne Schicht des Lösungsmittels anfrieren, 
thaut sodann die in der Flüssigkeit schwebende feinzertheilte Abbchei- 
dung, welche viel leichter zergeht als die dünne Eiskruste, fast völlig 
auf, sistirt weitere Erwärmung durch Einsetzen in Luftmantel und 
Kühlflüssigkeit und führt, wenn das Thermometer zu sinken beginnt, 
die Bestimmung wie früher aus. Durch einige üebung gelingt es leicht, 
den Versuch so zu leiten, dafs bei einer Ueberkühlung von 0,1^ und 
weniger Graden bereits genügend feinzertheiltes Eis ausgeschieden ist, 
um das Thermometer wieder aasteigen zu lassen. 

Zur Vermeidung grober Täuschungen verlasse man sich bei diesen 
Versuchen nie allein auf den Gang des Quecksilberfadeus, sondern 
betrachte die Beobachtung nicht eher als sicher, bis man sich 
von der wirklich erfolgten Abscheid ung fein zertheilten Eises über- 
zeugt hat. 

Zum Einbringen fester Substanz in den A])parat dient ein einseitig 
zugeschmolzenes Glasrohr von einem Durchmesser, dafs es bequem 
durch den Stutzen geht. Für die Einführung von Flüssigkeiten empfiehlt 
sich überaus der nachstehend abgebildete (Fig. 4), leicht aus Glas her- 
zustellende Api)arat, welcher nur eine Modilication des Sprengel-Ostwald- 
schen Pyknometers 3' darstellt. Der Apparat wird gefüllt, indem man 
die Kapillare, welche unten am cylindrischen Gefäfse angeschmolzen 



37 J. /. pr. Chevi., [2] 16, 396. 



Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 223^ 

ist, in die Flüssigkeit eintaucht, das obere Knierohr zum Schutze gegen 
Feuchtigkeit mit einem Chlorcaiciumrohre verbindet und nun ansaugt. 
Die Entnahme von Substanz geschieht durch Einblasen, während die 
Kapillare in den Stutzen geschoben ist. Eines vollkommenen Abtropfens 
halber ist die Kapillare an der Mündung abwärts gebogen und schief 
angeschlitfen. 

Auch sehr leicht flüchtige Flüssigkeiten können vor einem Ver- 
dunsten bewahrt werden, wenn man die Kapillare recht eng nimmt 
und das obere Rohr, wie in der Figur, an einer Stelle kapillar auszieht. 

Was aber den Apparat besonders vor den vorhergehenden aus- 
zeichnet, ist das empfindliche, von Beckmann eigens für den Apparat 
construirte Thermometer (Fig. 3 /)), welches durch Billigkeit, Hand- 
lichkeit, Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit bei allen hier in Betracht 
kommenden Temperaturen von — 60 bis -\- 60^ ausgezeichnet ist. ^8 

(Schlufs folgt.) 



Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken. 

(Schlufs des Berichtes S. 170 d. Bd.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 9. 

Ueber das Vorkommen und die Anhäufung der Raffinose in den 
Säften und Producten der Rübenzuckerfabrikation veröffentlicht J. Ceck 
in Dobrowitz Untersuchungen (Oesterreichisch-Ungarische Zeitschrift für 
Zuckerindustrie, Bd. 18 Heft 1 S. 26. Vgl. 1889 272 130, 132). 

Die Untersuchung erstreckte sich auf jene Säfte der Rohzucker- 
fabrikation, welche nach Beendigung der einzelnen Operationen des 
Zuckergewinnungsprozesses einer anderen Station zugeführt werden, 
also eine chemische oder mechanische Umwandlung vollständig durch- 
gemacht haben. Es waren dies: 

1) der DifFusionssaft von der Batterie, 

2) der aussaturirte Rübensaft, 

3) der über Spodium filtrirte Dünnsaft, 

4) der filtrirte Dicksaft, 

5) die Füllmasse, 

6) das aus der Füllmasse ausgeschleuderte (I.) Product, und 

7) der von den Centrifugen ablaufende Syrup (H. Product), deren 
direkte Polarisationszahlen mit jenen nach der Inversionsmethode ge- 
fundenen in Betracht gezogen werden sollten. 



38 Der ülastechniker F. 0. R. Goftz-e in Leipzig liefert dieses Thermometer 
aus Jenaschem Normalglase zum Preise von 25 M. Derselbe fertigt auch die 
obigen Apparate, welche übrigens mit den Hilfsmitteln eines jeden Labora- 
toriums leicht hergestellt werden können. 



224 



Keuere Veiiahruii uiul Apparate für Zuckerfabriken. 











Zucker nach 








Trocken- 


Direkte 


der 






Nummer 








Differenz 






substanz 


Polarisation 


Inversions- 
methode 




Diffusionssaft 


1 


12,0 


10,23 


10,15 


0.08 




2 


12,4 


10.45 


10,45 


0.00 




3 


13,5 


11,82 


11,67 


o;i5 




4 


12,6 


11,05 


11,07 


-0.02 




5 


12,5 


10,20 


10,11 


0i09 




6 


12,0 


9,93 


9,90 


0.03 




7 


13,0 


11,07 


10,82 


0,25 




8 


12,7 


11,02 


10,93 


0,09 


Aussaturirter 


1 


12.3 


10,94 


10,96 


-0.02 


Saft 


2 


11,7 


10,59 


10,53 


0,06 




3 


13,4 


12,25 


12,05 


0,20 




4 


13,4 


12,25 


12.23 


0,02 




5 


12,6 


11,90 


11,75 


0,15 




6 


12,2 


11.34 


11.24 


0,10 




7 


12,4 


11,28 


11,34 


-0,06 




8 


13,2 


12,18 


12,00 


0,18 


Filtrirter 


1 


13,5 


12,45 


12,43 


0,02 


Diinnsaft 


2 


12,8 


11,73 


11,74 


—0,01 




3 


11,6 


10,52 


10,44 


0,08 




4 


11,5 


10,51 


10.45 


0,06 




5 


12,4 


11,21 


11,14 


0,07 




6 


12,6 


11.27 


11,25 


0,02 




7 


11,7 


10,72 


10,65 


0,07 


Dicksaft 


1 


49,0 


44,9 


44,63 


0,27 




2 


52,0 


47,8 


47,64 


0,16 




3 


49,4 


45,5 


45,14 


0,36 




4 


47,2 


43,25 


42,98 


0,27 




5 


50,1 


45.95 


45,53 


0,42 




6 


47,6 


43,4 


43,07 


0,33 




7 


46,2 


42,1 


41,79 


0,31 


Füllmasse 


1 


93.82 


87,5 


87,02 


0,48 




2 


93,56 


86,3 


85,89 


0,41 




3 


93.59 


86.6 


86,08 


0,58 




4 


92^90 


86,0 


85,42 


0,58 




5 


93,25 


87,2 


86,70 


0,50 




6 


92.93 


86,7 


86,03 


0,67 


I. Product 


1 


99,32 


98,5 


98,48 


0,02 




2 


98.87 


97,9 


97,81 


0,09 




3 


98,94 


97,8 


97,73 


0,07 




4 


98.89 


97,6 


97.54 


0.06 




5 


98,95 


97,9 


97.80 


0,10 




6 


98,72 


97,5 


9747 


0,03 


Ablaufsyrup 


1 


80,3 


67,0 


65.99 


1.01 




2 


80,95 


68,4 


67,47 


0,93 




3 


80,15 


67,7 


66,51 


1,19 




4 


81,20 


68,1 


67,01 


1,09 




5 


81.35 


68,4 


67,15 


1,25 




G 


81.70 


68,9 


67,46 


1,44 



teuere Vert'ahren und Apparate für Zuckerfabriken. 225 

Diese und eine weitere Reihe von angeschlossenen Versuchen be- 
stätigen nicht die Wahrnehmung Pellets^ sie spreclien im Gegeutlieile 
für die Ausführungen Dr. v. Lippmann s^ also für dessen Anschauung, 
dafs die Raffinose bereits in der Rübe vorkommt: sie beweisen ferner, 
dafs die heutige Fabriksmanipulation mit den Säften eine Bildung der 
Raffinose aus dem Rohrzucker nicht verursachen kann. 

Um höhere Ausbeuten aus den Füllmassen zu erzielen, empfiehlt 
Svoboda in Pecek die Abkühlung sorgfältiger zu regeln {Böhmische Zeit- 
schrift für Zuckerindustrie ^ Bd. 13 Heft. 5 8. 357), und zwar in folgender 
Weise: 

Man läfst die Füllmasse in 11™ lange, 0^,65 hohe, 2^,3 breite 
Reserven ab, zwischen denen sich ein ebenso langer Schneckentrans- 
porteur befindet, der die Füllmasse der Maische zuführt. In diesen 
Reserven behält die Füllmasse aber noch nach 12 Stunden eine der- 
artige Tempei'atur, dafs man eine raschere Abkühlung bewirken mufs. 

Zu diesem Behufe wird die offene Rinne des Schneckeutransporteurs 
mit einem Mantel mit Gegenstrom-Kühlung versehen, wobei die Füll- 
masse, schraubenartig in dünnen Schichten vorwärts geschoben, wieder- 
holt mit den kalten Wandungen der Rinne in Berührung kommt. 

Bei einer solchen Einrichtung kann die Füllmasse auf einen be- 
liebigen Wärmegrad abgekühlt werden, in Folge dessen eine 3 bis 4 Proc. 
höhere Ausbeute an erstem Producte entfällt. 

Ein Verfahren zur Entzuckeruug von Melassen oder anderen Zucker- 
lösungen mittels Calciumoxychlorides oder basischen Chlorcalciums 
wurde C. Böge! in Brieg patentirt (D. R. P. Nr. 46019 vom 25. Februar 
1888). 

Dieses Verfahren der ZuckergeM-innung aus Melasse oder anderen 
wässerigen oder alkoholischen Zuckerlösungen beruht auf der Thatsache, 
dafs, wenn man in eine mit Kalk gesättigte Zuckerlösung Calciumoxy- 
chlorid oder basisches Chlorcalcium einführt, die auf solche Weise zu- 
geführte Kalkmenge ausreicht, allen in der Auflösung enthaltenen 
Zucker als in Wasser unlöslichen Zuckerkalk niederzuschlagen. Um 
auf billige Weise Aetzkalk im Status nascendi zu erhalten, wird ein 
basisches Chlorcalcium, welches wasserärmer ist als das durch Kochen 
von Chlorcalcium mit Wasser und Kalk erhaltene, in folgender Weise 
dargestellt: Man nimmt Chlorcalcium in Pulverform, mischt es mit ge- 
pulvertem gebrannten Kalk und bespritzt das Gemenge mit Wasser. 
Die Operation geschieht am besten auf einem Kollergange, um eine 
recht innige Vermischung hervorzubringen. 

Auf der Eigenschaft, sich im kalten Wasser in Chlorcalcium und 
Calciumoxydhjdrat zu zersetzen, beruht nun die Anwendung des basi- 
schen Chlorcalciums zur Gewinnung des Zuckers aus Melasse oder 
Syrupen und Pflanzensäften. Gibt man nämlich in eine kalte, mit Kalk 
gesättigte wässerige Zuckei'lösung, deren Concentration nicht zu hoch 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 3. 1889/111. 15 



226 Meuere Verlaine ii und Apparate lur Zuckerl'abrikeii. 

ist (also etwa 5 bis 12'' Zucker in l'''j auf einmal oder allmählich dieses 
Pulver von basischem Chlorcalcium unter stetem Umrühren hinzu, und 
zwar wegen der bedeutenden Wärmeeutwickelung in einem Gefälse mit 
Kühlvorrichtung, so fällt fast sämmtlicher Zucker der Lösung als un- 
löslicher Zuckerkalk nieder; die Flüssigkeit trennt man vom Nieder- 
schlage mittels irgend einer mechanischen Filtrirvorrichtung und reinigt 
den gesammelten Niederschlag des unlöslichen Zuckerkalkes mittels 
Auswascheus mit heifsem Wasser und verarbeitet dann den so gerei- 
nigten Zuckerkalk in bekannter Weise auf Zucker. Die Laugen werden 
calcinirt und das so erhaltene Chlurcalcium wieder zur Darstellung von 
basischem Chlorcalcium verwendet, bis durch die wiederholte Benützung 
ein Umkrystallisiren des Chlorcalciums nothwendig wird. 

Es ist aber nicht nothwendig, den ganzen Zucker der Lösung durch 
Zusatz und Zersetzung von basischem Chlorcalcium auszuscheiden, son- 
dern man kann auch wie folgt verfahren: Man setzt nur so viel basisches 
Chlorcalcium zu der mit Kalk gesättigten Zuckerlösung, dafs ungefähr 
50 Proc. des Zuckers der Lösung ausgefällt werden; hierauf trennt man 
mittels Filterpressen die Flüssigkeit vom Zuckerkalke; die Mutterlauge 
erhitzt man zum Sieden und gibt kurz vor dem Beginne des Kochens 
Natron oder Kali hinzu. Dadurch wird Chlornatrium bezieh. Chlor- 
kalium gebildet, welches in Lösung bleibt, während der andererseits 
gebildete Zuckerkalk unlöslich sich ausscheidet; der so erhaltene Zucker- 
kalk wird ebenfalls mittels Filterpressen von der Flüssigkeit getrennt, 
gereinigt und auf bekannte Art auf Zucker verarbeitet. Die Mutter- 
lauge, falls man Melasse oder Syrupe verarbeitet hat, enthält regel- 
mäfsig etwas Chlorcalcium und Spuren von Zucker, aus welchem Grunde 
man dieselbe zur Verdünnung der Melasse oder Syrupe statt Wasser 
anwendet. Die Wiederbenützung geht so lange, bis die Flüssigkeit zu 
salzhaltig ist. 

Patent- Ansprik/ie: 1) Verfahren zur Entzuckerung von Melasse oder 
anderen Zuckerlösungen mittels Calciumoxychlorid.s oder basischen Chlor- 
calciums, darin bestehend, dafs man wässerige oder alkoholische Zucker- 
lösungen oder Zuckerkalklösuugen zur Fällung von Zuckerkalk mit 
basischem Chlorcalcium versetzt. 2} Herstellung des zu dem unter 1) 
angegebenen Verfahren erforderlichen basischen Chlorcalciums durch 
Vermischen von gebranntem Kalke und Chlorcalcium in Pulverform und 
Bespritzen des Gemisches mit Wasser. 

Ein Verfahren und Apparat zur Darstellung von Kafliuade aus 
Sandzucker wurde N. Tscherikowski in Smiela (Rufsland) patentirt (D. K. P. 
Kl. 89 Nr. 46745 vom L December 1887). 

Diese.'^i Verfahren bezweckt die Herstellung von Kaftinade aus remem 
weifsen Krystallsandzucker oder Zuckermehl, ohne dafs es nöthig wäre, 
den zu verarbeitenden Zucker zu lösen, die Zuckerlösung zu klären, zu 
liltriren und einzuk(jchen. 



Neuere Verjähren und Apparate für Zuckerfabriken. 227 

Das Verfahreo besteht wesentlich darin, den Sandzucker oder das 
Zuckermehl durch Einwirkung direkten Dampfes von 2 bis 3at Span- 
nung in der Zeit von li,, bis 3 Minuten in einen füllmasseartigen, un- 
gefähr 100" C. heifsen Zuckerbrei umzuwaudehi, der noch Krvslalle 
enthält, und alsdann diesen Brei schnell auf 29 bis 33« C. abzukühlen. 

Behufs Ausführung des Verfahrens bringt Tscherikowski den zu raf- 
tinirenden Sandzucker oder das Zuckermehl in einen Maischapparat der in 
der Fig. 3 Taf. 9 im Längsschnitte dargestellt ist. Dieser Maischapparat 
besteht aus einer wagerechten, mittels Zapfen M und IS in Gestellböcken D 
drehbar gelagerten Trommel F, die mit Einfüllloch L und Luft- und 
Probirhahn n versehen ist. Dem Einfüllloche L diametral oeaenüber 
ist die Trommel F mit mehreren Ablafsöflnungeu a versehen welche 
in einer Reihe hinter einander liegend, durch einen mit Handgritfen F^ 
ausgerüsteten Schieber h verschlossen und geöffnet werden können. An 
der inneren Trommelwand sind Rührschaufeln Z angeordnet. Der 
Zapfen M der Trommel ist hohl, und durch denselben geht ein Rohr P 
hindurch, in die Trommel hinein bis zur gegenüberliegenden Stirnwand 
derselben. Das Rohr P ist innerhalb der Trommel perforirt, am hinteren 
Ende geschlossen und wird durch einen am Gestelle D befestigten 
Arm k festgehalten, so dafs es sich bei der Drehung der Trommel nicht 
mitdrehen kann. Durch einen Dreiwegehahn G steht das Rohr P mit 
einer Dampfleitung und einem ins Freie führenden Condensationswasser- 
Ableitunosrohre in Verbinduuo-. 

Die Trommel F wird etwa bis zu zwei Drittel ihres Inhaltes mit 
zu raftinirendem Sandzucker angefüllt und das Einfüllloch mit dem 
Deckel m verschlossen. Die Trommel wird alsdann in Umdrehung ver- 
setzt, das in der Dampfleitung etwa vorhandene Condensatiouswasser 
durch den Hahn G in die Condensationswasserleitung abgelassen und 
hierauf der Hahn G so eingestellt, dafs der Dampf in das Rohr P und 
durch dieses in die Trommel F eintritt. Mau läfst den Dampf, welcher 
eine Spannung von 2 bis m haben mufs, nur 1,5 bis 3 Minuten lang 
auf den Zucker einwirken und erhält dadurch einen füllmasseartigen 
Brei, welcher sich von gewöhnlicher Füllmasse dadurch unterscheidet, 
dafs der Zucker nicht vollständig aufgelöst ist, sondern die Krystalle 
zum Theil intact erhalten sind. Der Zuckerbrei, welcher hierbei eine 
Temperatur von 97 bis lOOO C. annimmt, wird alsdann aus der Trommel 
abgelassen, indem man durch Oeffnen des Schiebers b den Zuckerbrei 
durch die Abflufsöffnungen a hindurch in die unter denselben befind- 
lichen Formen Q abfliefsen läfst. 

Im Anfange, so lange durch Erfahrung und Uebung der Zeitpunkt 
des Ablassens der fertigen Zuckermasse noch nicht festgestellt ist, 
nimmt man zuvörderst durch den Hahn n eine Probe, zu welchem 
Zwecke der Dampfhahn G geschlossen, der Cylinder mit dem Hahne n 
nach unten gekehrt und letzterer geöffnet wird. Fliefst die Füllmasse 



228 Neuere Veii'ahren und Apparate für Zuckerfabriken. 

durch den Hahn in Gestalt eines weifsen Breies heraus, so sieht mau 
die Operation als beendet an. 

Die Formen Q sind an der Spitze geschlossen und stehen auf einem 
\\'agen, welcher aus einem auf Rädern ruhenden Kasten R besteht, der 
die Zuckerformen Q enthält, oben durch einen Deckel r geschlossen 
und mit Wasser angefüllt ist zum Kühlen der Formen. Nachdem 
sämmtliehe Formen des Wagens gefüllt sind, befördert mau deu Wagen 
in jene Fabrikabtheiluug, in welcher die endgültige Abkühlung der 
Zuckermasse durch rasche künstlich geregelte Kühlung vorzunehmen 
ist. Zu diesem Zwecke ist an der einen Seite des Kastens U ein Rohr 5 
mit einem Trichter s angebracht; von diesem Rohre aus durchlaufen 
den Kasten quer zwischen den Formenreihen die perforirten Röhrcheu q. 
In den Trichter s läfst man nun kaltes Wasser eiufliefsen, welches sich 
durch die Röhrchen q im Kasten vertheilt. Die Ableitung des Wassers 
geschieht durch das Ueberlaufrohr /. In l^/^ bis 3 Stunden, je nach 
der Temperatur des kühlenden Wassers und dem Umfange der zu 
kühlenden Formen, erstarrt die Zuckermasse so weit, dafs sie auf die 
Centrifuge zur Ausschleuderung des zwischen den Krystallen befind- 
lichen Sjrups gebracht werden kann. 

Nach dem Ausschleudern ist der Zucker nur noch zu trocknen; 
man hat dann verkaufsfähige Waare. 

Ueber dieses Raffiuations verfahren Tscherikowsky's berichtet J.Bocquin 
(Journal des fahr, de sucre^ Bd. 30 Nr. 5 vom 30. Januar 1889) nach 
seinen im November 1888 in der dem Grafen ßobrinsktj gehörigen Raf- 
finerie Smela gemachten Wahrnehmungen. 

Die Brode waren von ö'/^ bis 7^12 Pfund russisch, und vorzugsweise 
zur Ausfuhr nach Persien und Mittelasien bestimmt. 

Es werden durch das Tcherilwivski/ sehe Verfahren alle fehlerhaften 
Brode, alle (reinlichen) Abfälle von Raffinade, geschnittenem oder ge- 
brochenem Zucker der gewöhnlichen Verfahren ausgenutzt. Alles dies 
geht erst durch einen Carr^schen Zerkleiuerer oder eine Mühle mit glatten 
Steinen, um ein gleichmäfsiges Mehl zu erhalten. Dieses Mehl fällt 
durch einen Trichter in einen Mischer. In diesem Mischer wird aus 
dem Zuckermehle Raftinadefüllmasse in folgender Weise hergestellt. 
Man öffnet das Mannloch, setzt den Fülltrichter auf und bringt eine 
Ladung von 40 Broden ein. Dann schliefst man das Mannloch, öffnet 
den Luft- und den Dampfhahn, verjagt die Luft mittels Dampf, schliefst 
den Lufthahn wieder und setzt das Rührwerk in Bewegung, welches 
40 Umdrehungen in der Minute macht. Den Dampfdruck lüfst man 
bis 2at steigen und das Umrühren 2 bis 3 Minuten dauern, worauf die 
Ladung des mit Gegenklingen versehenen Mischers in eine gleichförmige, 
der fertigen Raffinadefüllmasse ähnliche Masse umgewandelt ist. Man 
stellt nun das Rührwerk still und füllt die Formen. Die Formen stehen 
je in einem gemeinschaftlichen Kühlkasten, worin Wasser von 50 R. 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 229 

enthalten ist. Das Ausfüllen gcbchieht bei 80 bis Sl« R. Nach 25 bis 
30 Minuten ist der Inhalt der Formen auf 24 bis 270 R. erkaltet und 
fest geworden^ alsdann kommen die Formen in Schleudertrommeln, zu 
40 in zwei Reihen, die Spitze nach innen. Bei Umdrehung der Schleuder 
wird der Syrup durch den mit einer Filzscheibe bedeckten Boden 
hinausgeschleudert, und das Brod kann nach 30 bis 40 Minuten heraus- 
genommen werden. Der Syrup beträgt 16 Proc, ist weifs und wird 
direkt verkocht. Die mit einer Papierkappe bedeckten Brode werden 
senkrecht in einer Trockenkammei-, System TikUein^ aufgestellt. Diese 
Trockenkammern sind Cy linder von l'^,10 Durchmesser, mit Deckeln 
vom selben Durchmesser, die mittels Ketten und Rollen bewegt werden 
und luftdicht schliefsen. In eine Kammer kommen 150 Formen, der 
Deckel wird geschlossen und innerhalb der Kammer durch eine Luft- 
pumpe eine Luftleere von lOO^nm erhalten. Dadurch wird Luft ein- 
gesaugt, welche vorher durch einen Dampfröhrenkörper geht und heifs 
und trocken in die Kammer gelangt. Die Temperatur in der Kammer 
steigt von 38 auf 53 bis 550 ß. Die Luftzu- und -ableitungsröhren haben 
50mm Durchmesser, das Trocknen dauert 30 bis 35 Stunden, worauf 
die Brode wie gewöhnlich behandelt werden. 

Das Verfahren von Tcherikowsky kann nach Bocrjuin in der Roh- 
zuckerfabrik in Anwendung kommen. Man braucht nur sehr weifse 
Krystallzucker zu machen und zu feinem Mehl zu mahlen, was sehr 
leicht durch eine Cylindermühle oder einen (?rtrr sehen Zerkleinerer ge- 
schieht. Man- erzielt das gleiche Product ans sehr weifsem Krystall- 
zucker, wie aus Abfallbroden der gewöhnlichen Raffinerie, sowie auch 
aus ifß Lompskrystallen und '^'3 verdorbenen Raftineriebroden. 

Stammer. 



lieber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

(Patentklasse 6. Fortsetzung des Berichtes Bd. 272 S. 29.) 

I. Rohmaterialien und Malz. 
Lkber die Resultate der Anbauversuche der deutschen Kartoffelkultur- 
station im J. 1888 erstattete der Vorsteher dieser Station, Dr. r. Ecken- 
brecher., in der Generalversammlung des Vereins der Spiritu.tfnhrikanten 
in Deutschland Bericht {Zeitschrift für Spiritusindustrie., Bd. 9 Ergänzungs- 
heft S. 36 und 68). Wir können auf die sehr umfangreiche, mit Sach- 
kenntnifs und grofsem Fleifse ausgeführte Zusammenstellung hier nicht 
näher eingehen, um so mehr, als von den Versuchen eines Jahres und 
noch dazu des ersten Versuchsjahres, bei der grofsen Schwierigkeit, 
welche eine derartige, umfangreiche Versuchsanstellung in der Organi- 
sation und Ausführung bereitet, definitive Resultate unmöglich erwartet 
werden können. Ebenso können wir auf den Bericht über vergleichende 



2oU Uebcr Furlächrille iu der bpiriluölabrikaiiuii. 

AnOauversuchc mit verschiedenen Karloß'elspielarten^ ausgeführt im J. 1888 
in Emersleben, mitgetheilt von F. Heine in der angeführten Zeitschrift 
S. 97, sowie ferner auf die Mittheilung von W. Paulsen (S. 107) über 
PaithenH Pßanzincthocle der Karlo/J'ein^ ähnlich der von Gülicli^ hier nur 
auiinerksain machen. 

Das Thermomcler zur Mietenconlrole empfiehlt W. Martin in der 
Zeilschrift für Spirilusindustrie^ Bd. 12 S. 14. Derselbe hat bei Mes- 
sungen in der Temperatur der Kartollelmieten grofse Schwankungen 
von 6 bis 250 gefunden. In. den Mieten mit etwa 60 waren die Kartoffeln 
gesund, in denjenigen mit hoher Temperatur dagegen stark gekeimt und 
im Beginne zu faulen, so dafs eine schnelle Verarbeitung dieser Kartoffeln 
geboten war. Eine Temperatur von etwa 6^ hält der Verfasser für die 
geeignetste. Er empfiehlt dringend, die Temperatur in den Mieten öfter 
zu ermitteln, um, wo die Temperatur zu hoch ist, durch geeignete 
Mafsregeln dem Verderben der Kartoffeln rechtzeitig vorbeugen zu 
können. 

Ueber das Verarbeiten von int Herbst eingefrorenen Kartoffeln im Früh- 
jahre macht G. Heinzeinwnn in der Zeitschrift für Spiritusindustrie^ Bd. 12 
S. 137, Mittheihing. Danach liefsen sich Kartoffeln, welche im Herbst 
eingefroren und im April wieder ausgegraben wurden, noch ohne grofse 
Schwierigkeiten und mit gutem Erfolge verarbeiten. Die eingefrorenen 
Kartoffeln stellten Stärkeklumpen von mehr oder weniger trockener 
Beschaffenheit dar, welche noch lose von der eingeschrumpften Kartoffel- 
schale umhüllt wurden. Die Stärke war theilweise noch weifs, theil- 
weise grau bis braun gefärbt und zeigte unter dem Mikroskop aesunde 
und durch Pilze verletzte Körner; das Zellgewebe schien zum Theil 
zersetzt zu sein. Die Kartoffeln wurden durch Sieben von Erde be- 
freit, da beim Waschen ein grofser Theil der Stärke verloren gegangen 
wäre. Es erwies sich als zweckmäfsig, das Dämpfen genau in der- 
selben Weise wie beim Mais oder Getreide vorzunehmen, d. h. den 
Dampf von Anfang an nur von unten in den Henze^schen Apparat ein- 
zuführen, wähi-end man oben etwas Dampf abblasen liefs. Dämpfzeit 
etwa 2 Stunden bei 4 bis 4*^1,5. Ferner war eine Entschalung der 
Maische nothwendig, wobei sich der Müller sehe Apparat sehr bewährte. 
Die enttrebertc Maische war sehr dünnflüssig und gebrauchte deshalb 
nur sehr geringen Steigraum, da ein Steigen und Fallen der Maische 
während der Gährung nicht stattfand. Der Inhalt der Gährbottiche be- 
trug im Durchschnitt 3333' und zu diesen wurden verarbeitet etwa 3^' 
gesunde, 25''' erfrorene Kartoffeln und 2001^ Grünmalz, einschliefslich 
Hefe. Die Maische zeigte nach dem Abstellen im Gährbottich 25 bis 
260 B. und enthielt noch unaufgeschlossene Stärkekörner. Die Ver- 
gährung diesei- Maische war nicht gut, was Verfasser darauf schiebt, 
dafs es der Hefe an stickstoff"haltigen Nährstoffen mangelte. Die Aus- 
beute war jedoch besser, als man erwarten konnte, denn es wurden im 



lieber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 231 

Durchschuitt von einer bis zur anderen amtlichen Abnahme, wobei 
stets 2/3 des Maischmaterials an gefrorenen Kartoffeln verarbeitet wurde, 
9,7 Proe. vom Maischraum erzielt. Von einer Maische, deren Alkohol- 
gehalt nach Analyse 10,2 bis 11,7 Proc. betrug, wurde eine Probe, 
nachdem der Alkohol verdunstet war, zunächst mit etwas Diastase, 
dann von Neuem mit Hefe in Gährung versetzt; es wurden noch 
3 Vol. -Proc. Alkohol gebildet. Die chemische Untersuchung dieser 
Maische hatte noch 5,1 Proc. Maltose und 2,67 Proc. Dextrin ersehen. 
Die Qualität des Alkohols war dieselbe wie die des gewöhnlichen Roh- 
spiritus. Die Abfälle und Treber wurden vom Vieh gern und mit 
Vortheil aufgenommen. Ob sich in allen Fällen eingefrorene Kartoffeln 
so gut halten werden, mufs dahingestellt bleiben: Boden- und Witte- 
ruugsverhältnisse spielen dabei gewifs eine grofse Rolle. 

üeher das Mälzen von Mais und Gerste auf pneumatischem Wege 
nach Galland theilt Schrohe in der Zeitschrift für Spiritiisindustrie, Bd. 12 
S. 45, die Erfahrungen mit, welche man mit der pneumatischen Mälzerei 
nach Patent Galland in der Brennerei der Distilleric Franco Argentine 
in Conchitas bei Buenos- Ayres (vgl. 1889 271 281) gemacht hat. Danach 
functionirt die Anlage in jeder Weise vorzüglich und zur gröfsten Zu- 
friedenheit, lieber denselben Gegenstand mit besonderer Berücksich- 
tigung der verschiedenen Systeme der pneumatischen Mälzerei (vgl. 1888 
269 275) berichtete Verfasser auch in der Generalversammlung des 
Vereins der Spiritusfahrikanten (Ergänzungsheft S. 51). 

Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs die pneu- 
matische Mälzerei für die gröfseren Prefshefefabriken, welche Tag und 
Nacht arbeiten, mit Vortheil Verwendung findet: ob dieselbe auch für 
die Spiritusfabrikation sich brauchbar erweisen wird, wird davon ab- 
hängen, ob es möglich sein wird, die Bewegung des Apparates wäh- 
rend der Nacht oder wenigstens für einen Theil der Zeit zu umgehen; 
Erfahrungen darüber liegen noch nicht vor. 

Ueber das Verhältnifs zwischen Proteinkörpern und Amiden in einigen 
aus böhmischen Gerstenmalzen bereiteten Auszügen veröffentlicht J. Bana- 
mann in der Altgemeinen Brauer- und Hopfenzeitung, 1889 Nr. 1 (auch 
Wochenschrift für Brauerei, Bd. 6 S. 5) Untersuchungen, aus denen wir 
hier nur das auch für die Spiritusfabrikation Wichtige mittheilen. Danach 
entsprach die Menge des löslichen Stickstoffs in den verschiedenen Malz- 
sorten nicht dem Gesammtstickstoffe des Malzes. Das Verhältnifs des 
Protein- und Pepton-Stickstoffs einerseits zum Amidstickstoff anderer- 
seits im löslichen Stickstoff war ein sehr verschiedenes, indem bei den 
verschiedenen Malzsorten von 100 Th. löslichen Stickstoffs in minimo 
37,261, in maximo 52,941 Th. in Form von Protein und Peptonen ge- 
funden wurden. Die schon bekannte Beobachtung, dafs durch längeres 
Wachsen des Malzes der Amidstickstoff eine Zunahme erfährt, fand auch 
bei diesen Versuchen eine Bestätiguns. 



232 



Ueber Fortscliritte in der Spiritusfabrikation. 



Im Auschlusye hieran wollen wir kurz über die sehr interessanten 
älteren Untersuchungen Lintntr's (^Zeitschrift für Spiritusinduslrie^ Bd. 6 
S. 979) berichten. Lintner untersuchte 15 Malzproben und erhielt dabei 
folgende Zahlen: 



Nummer 


Gerste 

(Stickstollprocente 

der Trocken- 


Malz 

(StickstolTprocente 

dei Trocken- 


Lösliches Eiweils 

(StickstolTprocente 

der Trockensubstanz 


Maltosezuwnchs 
in lOOcc Versuchs- 
flüssigkeit 




substanz) 


substanz) 


des Mnizes) 


1 


1,926 


1,756 


U.2(I3 


0.609 





1.438 


1,516 


0.224 


0,665 


3 


l,ti77 


1,880 


0,245 


0,758 


4 


1,432 


1,718 


0.258 


0,802 


5 


1,168 


1,381 


U.258 


0,810 


6 


1,760 


1,754 


0,254 


0,819 


7 


1.591 


1,414 


0.282 


0,906 


8 


1.459 


1,785 


0.271 


0,910 


9 


1,696 


1,598 


0^290 


0,977 


10 


1,537 


1,477 


0,349 


1,088 


11 


1,424 


1,646 


0,314 


1,106 


12 


2,150 


2,170 


0.312 


1.203 


13 


1,357 


1,394 


0,367 


1.318 


14 


1,424 


1,800 


0,381 


1,420 


15 


1,795 


1,760 


0,428 


1,616 



Aus diesen Zahlen ergibt sich folgendes: 1) Die diastatische Wirkung 
des Malzes steht nicht, wie man bisher vielfach glaubte, im Zusammen- 
hange mit dem StickstolFgehalte der Gerste, aus welcher das Malz her- 
gestellt wurde;, dagegen bilden 2) die löslichen Eiweifsstoti'e des Malzes 
ein Mafs für die diastatische Wirkung desselben. Dafs unter Umständen 
eine stickstoffreiche Gerste ein sehr wirksames Malz geben kann, ist 
aus obiger Zusammenstellung zu ersehen^ es spricht daher nichts gegen 
die Anwendung stickstoffreicher Gerste für Brennereizwecke, nur darf 
man nach Lintner's Untersuchungen nicht glauben, dafs eine stickstofl- 
reiche Gerste auch stets ein gutes Malz geben mufs. 

Eine einfache Vorrichtung zum Waschen des Malzes beschreibt B. Bahr- 
Bomsdorf in der Zeitschrift für Spiritusindustrie.^ Bd. 12 S. 8. Dieselbe 
wurde hergestellt aus einem kupfernen Hefental'seiusatz, in welchen ein 
herauszunehmender, durchlöcherter Boden, S^°^ von dem unteren ent- 
fernt, eingesetzt wurde; an dem unteren Boden wurde ein Wasser- 
abflufs- und Zuflufsrohr angebracht. Das Malz wird hineingeschüttet, 
Wasser hinzugefügt und kräftig durchgerührt. Dann lülst man von unten 
Wasser eintreten und das mit dem Schmutze beladene Wasser durch 
ein im oberen Theil angebrachtes Abflufsrohr abfliefsen imd setzt dies 
80 lange fort, bis das Wasser nicht mehr schmutzig erscheint. Das 
Prinzip dieses Apparates ist jedenfalls ein richtiges, wie es auch bei 
den Quellstöcken zur Anwendung kommen sollte. Der Zutritt des 
Wassers von oben und der Abflufs von unten ist entschieden zu ver- 
werfen, denn bei dieser Einrichtung liltrirt das mit Schmutz beladene 



Oeber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 233 

Wasser wieder durch die Gerste bezieli. durch das Malz hindurch und 
A'erunreiniat dieses von Neuem. Dafs das Waschen des Malzes em- 
pfehlenswerth, bei mangelhaftem, mit Pilzen behaftetem Malz, besonders 
für die Malzmenge, welche zur Hefebereituug verwendet wird, sogar 
sehr erwünscht ist, ist bekannt. 

II. Dämpfen und Maischen. 

Ueber das Dämpfen mit dem Henze sehen Apparate macht K. Kruis 
in der Oesterreidmch- Ungarischen Brenner eizeüung., Bd. 13 8. 2, sehr be- 
achtenswerthe Mittheilungen. Der Verfasser bespricht die verschiedenen 
Constructionen, welche der ^enze'sche Apparat in den 16 Jahren seit 
seiner Erfindung erhalten hat, von denen die rein conische Form, wie 
sie H. Paucksch in Landsberg baut, oder diejenige, welche aus einem 
langgedehnten Conus mit einer nur kurzen cylindrischen Zarge besteht, 
entschieden den Vorzug vor der cylindrischen Form verdient, da bei 
den couischen Formen in allen Fällen zwei Dampfeinströmungen ge- 
nügen, um eine gleich mäfsig fortschreitende Durchkoehung und gute 
Aufschliefsung zu erreichen. Bei den Dämpfern mit conischer Form 
ist eine geringere Dauer des Dämpfens ausreichend, und dieselben liefern 
daher durchweg eine lichtere Maische, woraus auf eine geringere Zer- 
setzung des gährungsfähigen Materials während der Dämpfzeit ge- 
schlossen werden kann. Der Verfasser bespricht eingehend die ver- 
schiedene Arbeitsweise mit den Apparaten verschiedener Construction, 
sowie die verschiedenen Zerkleiuerungsvorrichtungen und macht noch 
besonders in Bezug auf die Armatur darauf aufmerksam, dafs es sehr 
wünschenswerth ist, alle Ventile von einer Stelle aus erreichen und 
von derselben Stelle aus auch die Ablesungen am Manometer vornehmen 
zu können. 

Ein einfaches Dampfmaischholz., welches als Vorzüge Billigkeit (Preis 
6,50 M.), gute Haltbarkeit und bequeme Handhabung besitzen soll, be- 
schreibt Heinrich Konkart in Rondsen bei Graudenz in der Zeitschrift 
für Spiritusindustrie., Bd. 12 S. 92. Die Verwendung eines Dampfmaisch- 
hulzes zum Anwärmen des Hefegutes empfiehlt C. Besage in Czerbienschin 
in der Zeitschrift für Spiritusindustrie., Bd. 12 S. 52. 

Ueber die Nachtheile des Kühlschiffes berichtet A. Schneider-'Sedlitz 
in der Zeitschrift für Siiritusindustrie., Bd. 12 S. 107. Es ist dem Ver- 
fasser nicht gelungen, bei Verwendung des Kühlschifies bakterienfreie 
Maischen zu erzielen. Nachdem das Kühlschiff durch einen Gährbottich- 
kühler einfachster Art ersetzt war, wurde eine um 2*^" Sacch. bessere 
Vergährung erreicht. Entgegen dieser Ansicht hält Schultz in Bärfelde 
(^Zeitsc/irift für Spiritusinduslrie., Bd. 12 S. 124) das Kühlschitf sehr wohl 
für brauchbar, da es ihm gelungen ist, damit eine Vergährung bis auf 
0,5° Sacch. zu erreichen. Bei Ersatz des Kühlschiffes durch Kühl- 
bottiche kommt, wie Verfasser bemerkt, auch der Wasserverbrauch in 



234 Ueber Fortschritte in der Spiritiisl'abrikatioii. 

Frage. Die Kedaction der genannten Zeitschrift bemerkt dazu, dafs die 
Uehelstände des Kühlschiffs sich besonders in der heifsen Jahreszeit 
geltend machen, während im Winter und Frühjahr das Kühlschiff dem 
Kühlbottich als gleichwerthig zu erachten ist. Ferner bietet die Gähr- 
bottichkühlung, deren geringer Wasserbedarf wohl stets zu decken sein 
wird, ein vorzügliche^ Mittel, um die Kühldauer abzukürzen und da- 
durch die Gefahren des Kühlschiffs zu vermeiden. In einer weiteren 
Abhandlung S. 144 gibt Schneider zu, dafs sein Kühlschiff sehr ungünstig, 
nämlich in der Nähe von Stallungen gelegen war, so dafs es unmöglich 
war, damit bakterienfreie Maische zu erzielen. Er berechnet sich zu 
Gunsten der Wasserkühlung, nach Abzug der Kosten für Einrichtung, 
einen Gewinn von 2872,3 M. für die Campagne. 

Im Anschlüsse hieran weist H einzelmann noch darauf hin, dafs die 
Gährbottichkühlung es ermöglicht, die Maische bedeutend wärmer ab- 
zustellen, so dafs dieselbe nur verhältnifsmäfsig kurze Zeit auf dem 
Kühlschiffe zu verweilen haben wird. Endlich bemerkt Schrohe S. 123, 
dafs für die Prefshefefabrikation das Kühlschiff schwer zu ersetzen sein 
dürfte, da hier die Lüftung der Maische, welche auf dem Kühlschiffe 
stattfindet, unentbehrlich ist. 

Welche Vortheile bietet dax Hesse'sche Verfahren^ die Maische am zweiten 
Tage zu erwärmen und mittels der Kühl- bezieh. Wärm schlangen zu be- 
wegen ? 

Bekanntlich bezweckt das Verfahren von Hesse (vgl. 1889 271 284) 
in erster Linie eine möglichste Beschränkung des Steigraumes, indem 
über 50 Proc. des sonst gebrauchten Steigraumes mit Maische befüllt 
werden. Die Hauptpunkte des Verfahrens sind kurz folgende: 

1) Die Vergähruug darf bis zum zweiten Tage nicht zu stürmisch sein. 

2) Die Hauptgährung wird durch Erwärmen der Maische am zweiten 
Tage mittels heifsen Wassers, welches durch die beweglichen Gähr- 
bottichkühlschlangen geleitet wird, schnell hervorgerufen. 

3) Die Maische mufs während der Giilirung auf einer Temperatur 
von 29 bis 30^ durch Abkühlung mittels kalten Wassers erhalten werden. 

4) Die Maische wird mit lauem Wasser bei fallender Gährung so 
weit verdünnt, dafs die Bottiche während der Nachgährung bis zum Kande 
gefüllt sind. 

Dem Verfahren liegt der Gedanke zu Grunde, die Hauptgährung 
zu einer Zeit schnell eintreten zu lassen, in welcher sie fortwährend 
beol)achtet werden kann, also bei Tage, ferner die während der Zucker- 
bildung entstandene Maltose schnell durch Gährung aus der Maische zu 
entfernen, um dann möglichst viel Zeit für die Nachgiihrung, also für 
die Dextringährung zu gewinnen. Vergleichende Versuche, welche 
Heinzelmann nach dem ^esse'schen Verfahren mit und ohne Bewegung 
des Kühlers ausführte und worüber er in der Zeitschrift für Spirilus- 
industrie., Bd. 12 S. 123, berichtet, ergaben für die mit der Bewegung 



üeber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 235 

des Kühlers verarbeitete Maische eine Mehrausbeute von 0,64 Proc. 
Alkohol vom Maischraume: im Allgemeinen veranschlagt der Verfasser 
die Mehrausbeute an Alkohol auf 0,50 bis 0,75 Proc, Als ein Mangel 
des Verfahi-ens wird hervorgehoben, dafs die Maschine zur Beweguns; 
des Kühlers 12 Stunden in Betrieb bleiben mufs. Nach neueren Er- 
fahrungen soll es jedoch gelungen sein, die Zeit, in welcher die Kühl- 
schlange bewegt werden mufs, auf 6 Stunden zu beschränken. Ferner 
ist man bestrebt, die Bewegung des Kühlers durch das Kühlwasser selbst 
zu bewirken. Derartige Constructionen sind schon mehrfach, so auch 
von G ontar d-'Mockau. angegeben (Zeltschrift für Spiritusinduslrie^ Bd. 12 
Ergänzungsheft S. 149, wo auch Delbrück Mittheilungen darüber macht). 
Wenn es auch dahingestellt sein mufs, ob diese Frage durch die bisher 
angegebenen Constructionen schon vollständig für die Praxis seJöst 
ist — denn Gontard erreicht mit seinem Apparate nur eine Hubhöhe 
von 12 bis 15*^°\ während nach Hesse die Hubhöhe fast Q'^^h betragen 
soll, in welchem Falle der Wasserverbrauch wohl ein zu grofser sein 
würde — so ist doch anzunehmen, dafs es der Technik gelingen wird, 
diese Schwierigkeiten bald zu beseitigen. 

Wie viel Grüivnalz ist zur Umwandelung eines Kilogramms Stärke in 
Maltose und Dextrin erforderlich? Zur Entscheidung dieser Frage hat 
J. E. Brauer Versuche ausgeführt {Zeilschrift für Spiritusindustrie, Bd. 12 
S. 131), indem er 500? Primastärke verkleisterte und mit verschiedenen 
Malzmengen (Gemisch aus i., Roggen-, 1/4 Gerste- und i^ Hafermalz) 
versetzte und nach Beendigung der Reaction mit Jod prüfte. Aus den 
Resultaten dieser Versuche berechnet er die für 50^ Kartoffeln, ent- 
sprechend lO"^ Stärkemehl, erforderliche Menge Malzgetreide und kommt 
zu dem Schlüsse, dafs mindestens 1^,5 Malzkorn, entsprechend 2'^',25 
Malz, auf 50"^ Kartoffeln verwendet werden müssen. Die Redaction der 
Spirituszeitschrift macht darauf aufmerksam, dafs bei dieser Umrech- 
nung ein Fehler stattgefunden hat, indem der Verfasser den Wasser- 
gehalt der verwendeten Stärke, welcher ungefähr 20 Proc. beträgt, un- 
berücksichtigt gelassen hat, so dafs er in Wirklichkeit nicht 500?, 
sondern 400? Stärke zu seinen Versuchen verwendet hat. Dafs man 
aber die trockene Stärke für die Umrechnung zu Grunde legen mufs, 
ist selbstverständhch, da der procentische Stärkegehalt der Kartoffeln 
sich natürlich auf wasserfreie Stärke bezieht. Die Zahlen des Ver- 
fassers sind daher durchweg zu niedrig und nach der entsprechenden 
Umrechnung ergibt sich als Minimalgabe l'^',88 Malzgetreide, entsprechend 
2^8 Grünmalz, für 50^ KartofTeln. ^ 

Ueber das Entsc/wlen der Maische und die dazu construirten Apparate 
berichtet Prof. Delbrück in der Generalversammlung des Vereins der 
Spiritusfabrikanten in Deutschland (Zeitschrift für Spiritusinduslrle^ Bd. 12 
Ergänzungsheft S. 148). Eine gewisse Menge von Trebern ist in der 
Maische nothwendig, denn die Hefe bedarf eines Stoffes, welcher sich 



23t5 lieber Fortschritte in der öpiritusl'abriliation. 

zwischen sie lagert, woran sie sich reibt oder stöfst, und hierzu sind 
die Treber sehr geeignet. Ein Uebermafs von Trebern ist andererseits 
aber von Nachtheil, weil dadurch die durch die Versuche von Delbrück 
und Foth (vgl. 1887 263 530) als nothwendig erwiesene Bewegung der 
Maische leidet. Von diesen Gesichtspunkten aus sind die Ei-folge der 
Maischeentschalung zu beurtheilen. Die Entschalung wird nur da am 
Platze sein und befriedigende Resultate liefern, wo ein Uebermafs von 
Trebern vorhanden, also die Entfernung eines Theiles der Treber er- 
wünscht ist. Dieser Fall liegt vor einmal bei sehr dicken Maischen, 
andererseits bei Verarbeittmg sehr dickschaliger Kartot!eln. In diesen 
Fällen werden die Eut.schalungsapparate stets gute Dienste thun. Es 
kann hiernach aber nicht Wunder nehmen, dafs die Antwort auf die 
Frage, wie sich die Entschaluugapparate bewährt haben, im Allgemeinen 
sehr verschieden ausfallen mufs; denn es ist sehr wahrscheinlich, dafs 
die Enttreberungsapparate vielfach angewendet werden, wo sie gar 
nicht hingehören. Der Enttreberungsapparat hat nur dort einen Sinn, 
wo so viele Treber in der Maische sind, dafs durch sie ein unver- 
hältnifsmäföiger Raum in Anspruch genommen oder die Gährung ge- 
hemmt wird. In dünner Maische verwendet, gewähren die Enttreberungs- 
apparate sicherlich keinen Nutzen. Auch bei höheren Concentrationen 
der Maische können die Apparate zuweilen überflüssig sein, so be- 
sonders bei der Verarbeitung sehr dünnschaliger Kartoffeln. Nach den 
dem Verein zugegangenen Mittheilungen sind bis jetzt im Ganzen 
über 300 Entschalungsapparate im Gebrauche und zwar 297 Apparate 
von Eberhard- Müller in Bromberg, 5 Apparate von C. G. Böhm in Freders- 
dorf und 3 Apparate von Vof$ in Neuenburg in Westpreufsen. Ueber 
die Frage, wie sich die einzelnen Constructiouen in der Praxis bewährt 
haben, äufsert sich Delbrück in folgender Weise. An der Spitze steht 
der Müller aoXxe, A])parat. Im Grofsen und Ganzen sollen die Resultate 
günstig gewesen sein, nur soll der A]ii)arat leicht reparaturbedürftig 
sein; doch wird vom Fabrikanten mitgetheilt, dafs er, um diesem Fehler 
zu begegnen, jetzt Gufsstahl im Inneren zur Verwendung bringt. Als 
ein weiterer üebelstand werden die grofsen Dimensionen des Apparates 
und die dadurch hervorgerufene Schwierigkeit des Aufsteilens in der 
Brennerei bezeichnet (vgl. 1889 272 36); doch sollen auch in dieser 
Beziehung Verbesserungen angebracht sein und jetzt Apparate in kürzerer 
Form geliefert werden. Ueber den Ai)parat von Böhm lautet das Urtheil 
nach den Beobachtungen der Vereinstechniker Ueinzelmnnn und Stenglein 
günstig. Der Apparat ist kleiner als der 37»7/('r"sche, so dafs er über 
dem Vormaischbottich angebracht werden kann, inid also die heraus- 
gedrückten, flüssigen Theile direkt bei der Entschalung in den Maisch- 
bottich zurückfliefsen. Nach Delbrück^ Ansicht würde es günstig sein, 
die Apparate so zu liefern, dafs man die Maische durch den Apparat 
hindiirelii)umpen kann, so lange dieselbe noch warm ist; denn nach er- 



Kieiiiere Miilheilungen. 237 

folgter Abkühlung is^t jede VerzögeruDg der Gähvthätigkeit, jedes Duvch- 
pumpen durch Apparattheile, die nicht unbedingt reiniguugsfahig sind, 
sehr bedenklich. Es würde sich empfehlen, die Construction so zu 
machen, dafs die süfse Maische enttrebert \A'ird, so lauge sie noch im 
Maischbottich bei 62,5» steht. Der Apparat von T'o/s, dessen nähere 
Beschreibung nicht vorliegt, ist in drei Brennereien eingeführt und soll 
nach Mittheiluusen von Dams gut fuuctioniren. (Fortsetzung folgt.) 



üeber elektrolytische Zerlegung durch Wechselströme. 

J. Chappuis und G. Maneuviier theilen in den Comptes rendus ^ 1888 Bd. Iü7 
S. 31, folgende Erfahrungen über die Elektrolyse durch Wechselströme mit. 
Nimmt man in dem Platindraht-A^oltameter statt des angesäuerten AVassers 
eine concentrirte Kupfervitriollösung, so geben Ströme von 2.5 Ampere mitt- 
lerer Stärke, welche vorher reichliches Knallgas lieferten, in dem Sulfat aufser 
einer starken Erwärmung nichts mehr. A'erkleinert man aber alsdann Durch- 
messer und Länge der Elektroden bis zu bezieh. Otnm^l und 20mm (ungefähr 
6qnim Oberfläche), so entsteht auf einmal eine Gasentwickelung und Kupfer- 
ausscheidung. Ebenso gut gelingt die Elektrolyse mit Kupferelektroden von 
derselben Dimension. Man sieht beim Durchgang der Ströme einen Strom 
feiner Glasbläschen gleichzeitig mit einer braunrothen Wolke Kupferpulvers 
aufsteigen, und die Elektroden selbst nehmen rasch das Aussehen schwam- 
migen frischreducirten Kupfers an. 

Aus den Versuchen beider Physiker scheint im Ganzen hervorzugehen, 
dafs es bei der Elektrolyse durch Wechselströme immer möglich ist, eine Art 
Gleichgewicht zwischen der Geschwindigkeit der Zerlegung des Elektrolyten und 
der Geschwindigkeit der Wicderrereinigung seiner Elemente zu bewerkstelligen. 
Ist dieses Gleichgewicht einmal hergestellt, so hört die eigentliche Elektrolyse 
auf. Dann aber werden alle Umstände, welche die Geschwindigkeit der Zer- 
legung über die der Wiederverbindung vorherrschen lassen, die Producte der 
Elektrolj'se wieder zum Vorschein bringen, dagegen alle diejenigen, bei welchen 
das Umgekehrte der Fall sein wird, dieselben ton 2\euem verschwinden lassen. 
Unter den die Elektrolyse beschleunigenden Umständen nimmt die Strom- 
dichte., d. h. das Yerhältnifs der mittleren Stromstärke zur Oberfläche der 
Elektroden den ersten Rang ein. Es ist einleuchtend, dafs durch die Ver- 
mehrung der den Elektrolyten durchströmenden Elektricitätsmenge einerseits, 
und die Verminderung der Elektrodenfläche andererseits die Schnelligkeit der 
Zerlegung gröfser, als die der Wiederverbindung gemacht und das Auftreten 
der Producte der Elektrolyse begünstigt wird. Die Versuche haben dieses 
bei der Elektrolyse des Wassers bestätigt. Ebenso ist es begreiflich, dafs 
die Elektroden und der Elektrolj't vermöge ihrer chemischen Verwandtschaften 
oder ihrer physikalischen Eigenschaften auf die Schnelligkeit der Wieder- 
verbindung einen Einflufs haben können. Die Leichtigkeit der Elektrolyse 
mufs also auch von der Natur der Elektroden und des Elektrolyten abhängen. 
Und dieses haben die vergleichenden Versuche der Herren Chappuis und Ma- 
neurrier bei der Elektrolvse des Wassers und des Kupfervitriols mittels Elek- 
troden aus Platin und Kupfer bewiesen. 

Es läfst sich endlich voraussehen, dafs die mehr oder weniger grofse 
Geschwindigkeit der Stromwechsel unter gleichen übrigen Umständen eine 
wichtige Rolle im Auftreten und Verschwinden der elektrolytischen Erschei- 
nungen spielen mufs. Denn angenommen, die Aufeinanderfolge der beiden 
Ströme wäre so langsam, dafs die Producte der Elektrolyse des ersten Stromes 
schon vor Erscheinung derjenigen des umgekehrten Stromes, sei es durch 
direkte Lösung oder durch Diffusion, verschwunden sein würden, so wäre 
eine Wiederverbindung nicht mehr möglich: jeder der Wechselströme würde 
sich in dem Voltameter. einer nach dem anderen, verbalten, wie ein stetiger 



2oS Kleineie Miltlieilungeu. 

Strom von kurzer Dauer. Man sieht also, dals die Verlangsaraung des Strom- 
wechsels unter gleichen übrigen Umständen das Auftreten der Elektrolyse 
erleichtern, die Beschleunigung desselben aber das Umgekehrte bewirken mul's. 
Direkte Versuche haben dieses bestätigt. 

Die Anwendung dynamo-elektrischer Maschinen mit yetrennttm Erreger 
gestattet die Geschwindigkeit des Strom wechseis, unbeschadet der mittleren 
Stärke und Dichte der Ströme, zu ändern. In der That wurde einerseits 
durch Steigerung der Geschwindigkeit der Maschine von 1500 Umdrehungen 
in der Minute auf 2600 die Zahl der Stromwechsel von 100 auf 173 in der 
Secunde gebracht; andererseits konnte durch geeignete Aenderung der Inten- 
sität des magnetischen Inductionsfeldes mittels des Erregerstronies die mittlere 
Stärke der inducirteu Ströme constant erhalten werden. 

Folgendes ist das Ergebnifs zweier unter diesen Bedingungen angestellter 
Versuche. 

1) Wenn die Maschine mit ihrer gewöhnlichen Geschwindigkeit, d. h. 
2000 Umdrehungen in der Minute und 133 Stromwechseln in der Secunde 
umläui't, so stellt man durch geeignete Regelung der Stromstärke den Gleich- 
gewichtszustand her, wobei alle Gasentwickelung im Voltameter aufhört. 
Mindert man in diesem Augenblicke die Geschwindigkeit bis zu 1500 Um- 
drehungen, so sieht man das Gas wieder erscheinen und sich reichlich an 
den Elektroden entwickeln. 

2) Wenn die Maschine mit ihrer gewölmlichen Geschwindigkeit im Gang 
ist, leitet man durch Regelung der Stromdichte eine kräftige und regelmäfsige 
Gasentvvickelung ein. Steigert man nun die Geschwindigkeit auf 2600 Um- 
drehungen, so hört die Gasentwickelung sofort auf. In dem einen oder dem 
anderen Falle läfst sich übrigens die Wirkung dieser Geschwindigkeits- 
änderung durch entsprechende Aenderung der Stromdichte aufheben. Ebenso 
kann man beim ersten Versuch durch Vergröl'serung der Elektrodentläche das 
Gas verschwinden, beim zweiten Versuch durch Verminderung dieser Fläche 
wieder ei'scheinen lassen. 

Man sieht also, dafs die Geschwindigkeitsänderungen der Stromwechsel 
und die Dichtigkeitsänderungen der Ströme die Elektrolyse in entgegen- 
gesetztem Sinne beeinflussen, und dafs man die Elektrolyse mit Strömen von 
mittelmäfsiger Dichte erzielen kann, wenn man nur die Stromwechsel hin- 
reichend verlangsamt. So erklärt es sich, dafs de la Rive schon im J. 1837 
das angesäuerte Wasser durch die wechselnden Ströme der damals erfundenen 
magnet-elektrischen Maschinen leicht zerlegen und an grofsen Platinelektroden 
bis zu 8qc Oberfläche Knallgas erzeugen konnte. Für ihn scheint die Be- 
seüiyuny der Gase schwer gewesen zu sein, während die Schwierigkeit für 
uns darin besteht, sie zum Vorschein zu bringen. Dieser Unterschied kommt 
daher, dafs der Elektromotor, dessen sich de la Rire bedient hat, höchstens 
50 Wechsel in der Secunde bewirkte , während unsere , Dynamomaschinen 
deren mindestens 100 hervorbringen. 

C. V. Boys' Versuche mit Seifeiiblasen. 

In der physikalischen Abtheilung der Royal Society stellte nach Engitietring^ 
Mai 1888 S. 488, C. V. Boys eine Reihe sehr lehrreicher Versuciie mit Seifen- 
blasen an, um zu beweisen, dafs es der Einflufs einer zwischenliegenden Luft- 
schicht ist, welche die thatsächliche Berührung zweier Seifenblasen von 
gleichem Stolfe verhindert. Er liefs zunächst eine Seifenblase zwei senkrecht 
und parallel einander gegenüberstehenden Drahtringen sicii anhängen und er- 
zeugte in ihrem Inneren eine zweite, kleinere Blase. Durch Entfernung beider 
Ringe von einander wurde die äufsere Blase in ähnlicher Weise, wie dieses 
schon Plateau an seinen „GleichgewicKtsiiguren" gezeigt hat, zu einem Cylinder 
aus einander gezogen. In diesem Cylinder rollte die kleinere Blase, wenn 
der eine oder der andere Drahtring gehoben wurde, von einem Ende bis zum 
anderen. Wurde die innere Blase mit Wasserstoffgas statt mit Luft gefüllt, 
so rollte sie auf der oberen Seite des Cylinders. Bei dem nächsten Versuche 
zog Boys die äufsere Seifenblase zwischen beiden Drahtringen so weit in die 
Länge, dafs ihr äiiuatorialer Durchmesser bis zu dem der Ringe sich ver- 



Kleinere Mittheüungeii. 239 

kleinerte. Hatte nun die innere Blase einen grölseren Durchmesser als die 
Ringe, so wurde sie durch die Seiten der äul'seren Blase in Eiform gedrückt, 
zum Beweis, dafs beide Blasen trotz des verhältnifsmäfsig starken Druckes 
sich nicht vereinigten. Um diese Eigenschaft auch noch auf einem anderen 
Wege zu zeigen, legte Boys eine Seifenblase auf einen Drahtring von bedeutend 
kleinerem Durchmesser als die Blase selbst; dann spannte er durch Eintauchen 
in Seifenbrühe ein Flüssigkeitshäutchen über einen anderen Drahtring. Mit 
diesem Häutchen zwängte er jene Seifenblase durch den Ring, wobei die 
Blase ganz aus ihrer Form kam. Sehr hübsch nahm sich folgendes Experi- 
ment aus. Innerhalb einer luftgefüllten Seifenblase, welche an einem Faden 
eine kleine Papiergondel trug und auf einem Drahtringe ruhte, wurde eine 
mit Gas gefüllte kleinere Blase erzeugt, welche nun die erstere von dem 
Ringe löste und bis zur Decke des Hörsaales mitnahm. 

Als ein interessanter Beweis der Ditfusion der Gase diente folgender Ver- 
such. Eine Seifenblase wurde mittels Adhäsion einem befestigten Ringe an- 
gehängt, und innerhalb derselben eine mit einer Mischung von Gas und Luft 
gefüllte kleinere Blase erzeugt, welche sofort au die höchste Stelle der äul'seren 
Blase schwebte. Ueber das Ganze wurde eine Glasglocke gedeckt, in welche man 
Leuchtgas einströmen liefs. Nach wenigen Secunden sah man die innere 
Seifenblase auf den Boden der äufseren herabsinken, zum Beweis, dafs durch 
das Häutchen der letzteren DitYusion stattgefunden, in deren Folge das speci- 
lische Gewicht ihrer Füllung abgenommen hatte, um die Diffusion noch an 
einem anderen Beispiele darzulegen, wurde eine mit SauerstoÖ'gas gefüllte 
Seifenblase wenige Secunden in eine Glasglocke getaucht, welche Aetherdämpfe 
enthielt. Als die Blase herausgenommen und einem Lichte genähert wurde, 
verpuffte sie mit einer Flamme, zum Beweis, dafs in der kurzen Zeit, wo ihi'e 
Oberfläche den Aetherdünsten ausgesetzt war, in Folge eingetretener Dilfusion 
ein explosives Gemenge von Sauerstoff und Aetherdampf die Stelle des reinen 
Sauerstoffes eingenommen hatte. 

Die elektrisclie Beleuclituiig der Pariser Ausstellung. 

Kach den Mittheilungeu, welche //. Fontaine in einem Vortrage der inter- 
nationalen Gesellschaft der Elektriker gemacht hat (vgl. Industries vom 19. April 
1889 ■"■ S. 378), sind die Gesammtkosten, welche die jetzige Pariser Ausstellung 
der französischen Regierung und der Stadt Paris verursacht, auf lOOÜUÜÜÜ M. 
zu schätzen. Von den 50 000 Ausstellern werden im Mittel 2100 M. gezahlt, 
so dafs die Kosten im Ganzen auf 160000000 M. steigen. Die Einnahmen 
aus Ausstellungen hängen u. a. von der Zahl der Stunden ab, während welcher 
dieselben besucht werden können. Ohne künstliche Beleuchtung würde die 
Stundenzahl der Pariser Ausstellung 1620 betragen, durch die elektrische Be- 
leuchtung erhöht sich dieselbe auf 2520, und es vermindern sich dadurch die 
stündlichen Kosten von 100000 auf ein wenig über 60000 M. Trotzdem hat 
die Verwaltung die elektrische Beleuchtung nicht auf eigene Kosten hergestellt, 
auch bezahlt sie für das Licht nicht einen festen Preis, wie für Wasser, Dampf, 
Gas u. s. w., sondern sie überläfst den Ausstellern die Hälfte der Einnahmen 
von Abendbesuchern, für die der Eintrittspreis in der Woche 1,6 M., Sonntags 
0,8 M. beträgt, bis zum Betrage von 2 880 000 Mk., darüber hinaus nimmt 
der Staat mehr. 

Die Beleuchtung ist einer Reihe von Firmen überlassen worden und 
bietet prächtige Gelegenheit zu Vergleichen. Die Maschinenhalle mit 77000'ini 
Bodentläche und 2000000cbm Inhalt wird von Bogenlampen von verschiedener 
Gröfse erleuchtet. Die gröfsten (von 60 Ampei-e, mit 25mm Kohlen) hängen 
in 1 Gruppen zu 12 Lampen dicht unter dem Dachlirst. Ferner sind 86 Lampen 
von 25 Ampere in 5 Längsreihen vertheilt und hängen etwa I5m über dem 
Boden. Die Seitengallerien der Maschinenhalle und die anliegenden Räume 
erhalten 276 Lampen zu 8 Ampere in 5Qi Höhe über dem Boden. Aufserdem 
liefern Woodtiouse und Rawson 8 Glülilampen zu 200, Garnot 10 zu 250, Jarriant 
360 zu 8 und Cromptou 160 zu 8 Kerzen. 

Der den Eisenbahnausstellungen eingeräumte Nebenraum von nahezu 
öOOOqm Bodentläche wird durch 5 Larapen zu 25 Ampere und 30 zu 8 Ampere 



240 Bücher- Anzeigen. 

von Borssat orleucUtet, wälirend der grol'se Mitteldom von der Soc'iete Gramme 
mittels 48 Gliililampen von 50Ü Kerzen beleuchtet wird. Vei-schiedene andere 
Nebenräume und Höfe erhalten eigene Anlagen. Die offenen Räume werden 
vorwiegend mit Gleichstrom und Jablochkoß'-lierzen beleuchtet, worein sich 
die Pariser Edison Co.^ die Rothschild- Deprez-Gvmppt'^ Ducommun und die Societe 
C Eclairage Electriqut theilen. Der gi'ol'se Springbrunnen wird von der Pariser 
Gramme Co. mit 48 Bogenlampen erleuchtet, die etwa 25Ü iP brauchen. Ein 
zweiter Springbrunnen wird mit 18 Bogenlampen zu 60 Ampere beleuchtet. 
Fontaine gibt folgende Zusammenstellung, in der 1 Carcel = 10 Kei'zen 
gesetzt sind; streng genommen ist 1 Carcel nur = 9,6 Kerzen, wodurch die 
iJchtmenge auf etwa 1700000 Kerzen herabsinkt. 

51 Bogenlampen zu 60 Ampere 510 000 Kerzen 

100 „ „ 25 „ 350 000 

10 „ „15 „ 20 000 

726 „ „ 8 „ 726 000 

97 JahlochkotT-Kerzen .... 38800 

16 Sonnenlampen 16 000 „ 

72 Glühlampen zu 500 Kerzen 36 000 

10 „ „ 250 „ 2 500 

3500 „ „ 10 „ 35 000 

6500 „ „ 5 „ 32 500 

Summe 1 766 800 Kerzen. 
Noch weiter ins Einzelne gehende Mittheilungen enthält der EUctrician.^ 
Bd. 23 S. 5. 



Bücher-Anzeigen. 

Musterbucll für Eisenconstructioiieil von C. Scharoiosky. Erster Theil. 

4. Lieferung. Leipzig. Spamer. 1,50 Mk. 

Die lange erwartete Schluislieferung enthält als Schlufs der Abtheilung 
über Dächer die flachen Kuppeldächer und als vierte Abtheilung die Treppen, 
und zwar die Treppenconstructionen, die eisernen Wangen und Podestträger. 
In der fünften Abtheilung werden die Fufswegbrücken nach Constructions- und 
Gröfsenverhältnissen besprochen. Der lehrreiche Anhang zeigt die Anwendung 
an einem durchgeführten Beispiele für ein Geschäfts- und Wohnhaus. Die 
Ausstattung ist ebenso vorzüglich wie bei den vorhergehenden Lieferungen 
und die ebenso gewählten als unterrichtenden Abbildungen verdienen alle 
Anerkennung. 

Das nunmehr in seinem ei-sten Theile, der als abgeschlossenes Werk an- 
gesehen werden kann, fertige Musterbuch, sollte in jedem Baugeschäfte zu 
finden sein; es wird sich als Ratligeber für die gewöhnlich vorkommenden 
Verwendungen des Eisens bei Bauten vollständig ausreichend erweisen und 
sich in kui'zer Zeit wegen seiner praktischen Verwendbarkeit unentbehrlich 
machen. 

Richtigstellung der in bisheriger Fassung unrichtigen mechanischen 
Wärmetheorie und Grundzüge einer allgemeinen Theorie der Aether- 
bewegungen, von v. Miller- Hauenfeh. Wien. Monz' Verlag. (Vgl. 

5. 20a dieses Heftes.) 

Elasticität und Festigkeit. Die für die Technik wichtigsten Sätze und 
deren erfahningsmäfsige Grundlage von C Bach. Erste Lieferung. 
Berlin. Jul. Springer. 210 S. 8 Mk. (Vgl. S. 206 dieses Heftes.) 



Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stut^art. 



Blinden-Schreibapparate. 241 

Blinden - Schreibapparate. 

Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 12. 

Die Schreibapparate für Blinde lassen sieh bekanntlich insofern in 
zwei Klassen theilen, als sie entweder auf die Anwendung der Braille- 
Schrift berechnet sind oder in irgend einer Weise die Herstellung ge- 
wöhnlicher Schriftzeichen ermöglichen. Die Ausführung und Verbreitung 
der ÄrmV/e- Schrift bezieh, den die letztere und die gewöhnliche Schrift 
zulassenden Maulef sehen Schreibapparat haben wir in unserem letzten 
Berichte besprochen (vgl. 1888 267 202) und es sei daher heute auch 
einiger kleiner Apparate gedacht, welche für diejenigen Blinden be- 
stimmt sind, denen ihr Augenlicht in späteren Jahren verloren gegangen 
ist und denen die ^raj7/e-Schrift nicht geläufig ist. 

Ein kleiner, sehr einfacher derartiger Schreibapparat ist der von 
F. A. Boudard in Paris, Bectographe genannt, welcher, ohne die Viel- 
seitigkeit des Maulef scheu Apparates zu besitzen, doch in seiner Ein- 
fachheit Vortheile darbietet, welche ihn für viele Fälle geeignet machen 
werden. Der Apparat besitzt eine Grundplatte aus Holz, Pappe u. s. w., 
von einer Dicke von 3 oder 4"°^ und von rechteckiger P'orm, deren Ab- 
messungen der zu verwendenden Papiergröfse entsprechen. Diese 
Platte ist mit in der Schreibrichtung verlaufenden Nuthen versehen, 
deren Tiefe etwa 0°^'^,5 beträgt und deren Breite der Höhe der zu 
schreibenden kleinen Buchstaben (m, r u. s. w.) entspricht, also etwa 
gmm. Diese Nuthen stehen genügend weit von einander ab, um eine 
freie Entfaltung mittlerer und grofser Buchstaben, wie z. B. g, Z, zu 
ermöglichen. 

Ueber dieser Grundplatte ist eine zweite Platte von l°i"\5 Dicke 
m Scharnier drehbar angebracht, welche dadurch einen gitterartigen 
Anblick gewährt, dafs sie mit langgezogenen, rechteckigen Ausschnitten 
versehen ist, deren Entfernung unter einander bezieh, deren Länge mit 
den oben genannten, in der Grundplatte vorhandenen Nuthen überein- 
stimmt. Nach links laufen diese Ausschnitte, deren Kanten zum leichten 
Einführen des Schreibstiftes verbrochen sind, in eine dreieckige Kerbe aus. 
Um den Apparat zu gebrauchen, stellt man ihn auf einen Tisch, 
hebt die gitterartige obere Platte auf und legt das zu beschreibende 
Papier auf die Grundplatte, derart, dafs es gegen die Scharniere zur 
Anlage kommt. Dann schlägt man das Gitter wieder nieder und regelt 
mit den Händen die seitliche Lage des Papierblattes. Nun kann das 
Sehreiben beginnen, indem man den Zeige- oder Mittelfinger in die 
links befindliche, dreieckige zur Bezeichnung der Zeile dienende 
Kerbe einlegt, und den Schreibstift in den rechteckigen Längsausschnitt 
des Gitters einführt, wobei zur Bestimmung des Zeilenanfanges die 
rechte Hand den in der Kerbe liegenden Zeigefinger der linken Hand 
berührt. Diese Lage der linken Hand mufs der Blinde natürlich bis 

Dingler's polyt. Journal Bd. 1>73 Nr. 6. 1889,111. 16 



242 



Blinden-Schreibapparaie. 



zur Beendigung der Zeile beibehalten, um nicht in eine falsche Zeile 
zu gerathen. 

Indem nun so der Blinde, vom linken Zeigefinger ausgehend, zu 
schreiben beginnt, zeigt ihm die in der Grundplatte beliudliche Nuthe^ 
welche bequem durch* das Papier hindurch zu fühlen ist, an, wie grofa 
die kleinen Buchstaben zu schreiben sind, während der rechteckige 
Längsausschnitt eine Begrenzung der gröfseren Buchstaben, wie b, h, P, 
gibt. Dabei gelangt man nach kurzer Uebung dahin, am Schlüsse der 
Worte den Schreibstift vom Papiere ein wenig abzuheben, zur Bildung 
der Wortzwischenräume. Das Ende einer Zeile wird durch die rechts- 
seitige Begrenzung des Längsausschnittes angezeigt, und man legt dann 
zur Bestimmung der nächsten Zeile den linken Zeigefinger in die nächste 
Kerbe. Ist auf diese Weise die ganze Seite beschrieben, so hebt man 
die obere, gitterartige Platte des Apparates auf, wendet das Papier 
und legt es jetzt derart wieder ein, dafs es nicht gegen die Scharniere 
antrifft, sondern gegen die untere Kante der Grundplatte. Durch diese» 
Mittel kommen die Zeilen der Rückseite zwischen die Zeilen der Vorder- 
seite zu stehen, so dafs beide Seiten selbst dann leicht lesbar bleiben, 
wenn der Schreibstift etwas stark aufgedrückt wurde. 

Das Arbeiten mit dem Apparat ist leicht, derart, dafs es ohne be- 
sondere Vorübung gelang, im Dunklen eine ganze Seite zu schreiben, 
welche vollkommen lesbar war {^Bulletin de la Socie'te d' Encouragement^ 
1888 S. 411). 

Ein ähnlicher Apparat ist neuerdings von einem Oesterreicher 
Namens Costel angegeben, welcher Apparat sich ebenfalls aus einem 
kleinen, die Hand des Blinden stützenden Pulte mit im Scharnier be- 
weglicher Oberplatte 
,_^-^^;i^'\ zusammensetzt. Diese 

Oberplatte besitzt 
ebenfalls einen recht- 
eckigen Längsaus- 
schnitt zum Einführen 
des Schreibstiftes^ 
während indefs beim 
Apparat von Boudard 
so viel Ausschnitte 
vorhanden sind, als 
Linien zu schreiben 
sind, besitzt hier die 
Oberplatte, wie die 
Textfigur zeigt, nur einen einzigen Ausschnitt, und es mufs demgemäfs 
hier das zu beschreibende Papier bewegt werden. Zu dem Zwecke ist 
oben der kleine Holzcy linder gelagert, auf dem das Papier befestigt ist 
und welcher mittels eines gekerbten Rädchens und Sperrfeder in seinei* 




Blinden-Schreibapparate. 243 

jeweiligen Lage gehalten wird. Unterhalb des Längsaussehnittes ist als 
Führung für die Hand ein kleines Lineal in entsprechendem Abstände 
mittels ansitzender Zapfen befestigt. 

Der Längsausschnitt hat eine der zu schreibenden Schrift ent- 
sprechende Höhe, und in demselben gleitet ein mit Knopf ausgerüsteter 
Schieber, welcher, indem er mit der linken Hand der Schrift nach- 
geschoben wird, die Stelle anzeigt, wo im betreffenden Augenblicke ge- 
schrieben worden ist, um so eine Verwirrung der Schrift zu vermeiden. 
Ob die Grundplatte hier auch wie beim Apparate von Boudard mit einer, 
der Höhe der kleinen Buchstaben entsprechenden Längsnuth versehen 
ist, läfst unsere Quelle nicht erkennen. Die Zeilenlänge ist natürlich 
durch den Längsausschnitt der Oberplatte bestimmt, und man hat nach 
Beendigung einer Zeile nur nöthig, den kleinen Schieber an das linke 
Ende zurückzuführen und den Papiercylinder zur Einstellung der neuen 
Zeile um eine dem Abstand der Kerben entsprechende Gröfse zu drehen. 
Nach Beendigung der Seite wendet man das Papier, auf dem übrigens 
auch mit Tinte geschrieben wei'den kann, indem der kleine Schieber 
einen gewissen Abstand vom Papiere hat, um die Schriftzeichen nicht 
zu verwischen. Wie beim Apparate von Boudard kann auch beim 
Schreibapparate von Costel auf mehreren Papierlagen geschrieben werden. 

Wie ein Vergleich mit dem Maulef soh^w Schreibapparate zeigt 
(vgl. 1888 267 205), besitzen beide Apparate Boudard und Costel zu- 
folge der Verwendung flacher Schrift nicht die schätzenswerthe Eigen- 
schaft, ein Nachlesen des Geschriebenen seitens des Blinden zu ermög- 
lichen; bei der Einfachheit und Billigkeit der Apparate werden sie indefs 
doch in vielen Fällen gute Dienste leisten können und mit dazu bei- 
tragen, das Schicksal der Blinden zu erleichtern {Bulletin de la Sooiete 
d' Encouragement^ 1889 S. 165). 

Zum Schlüsse sei noch eine Schreibmaschinenconstruction für Braille- 
schrift von B. Stockbauer und F. Woerz in Haspe genannt (D. R. P. 
Nr. 45947 vom 16. August 1887). Diese Maschine besitzt als wesent- 
lichen Theil sechs auf einer Achse d (Fig. 1 bis 3 Taf. 12) gelagerte 
Hebel rf, bis rfg, welche am einen Ende Tasten a und am anderen je 
einen Druckstift e tragen, und zwar sind die sechs Druckstifte in der 
bekannten Punktschriftform zusammengestellt, wie Fig. 3 zeigt. Die 
Druckstifte e erhalten in zwei Platten Führung, und ihnen gegenüber 
befindet sich die mit sechs entsprechenden Aushöhlungen versehene 
Matrize g. Zwischen diese und die eine Platte g^ wird das zu be- 
schreibende Papier eingelegt, dessen Transport entweder von Hand oder 
durch eine besondere mechanische Vorrichtung erfolgen kann. Zum 
Schreiben werden nun 1, 2 bis alle 6 Tasten niedergedrückt, entsprechend 
der Punktgruppirung des zu schreibenden Buchstabens, wobei sich die 
Druckstifte e heben und in die Aushöhlungen der Matrize g eintreten, 
so den Buchstaben erhaben in Ärat7/e- Schrift auf dem Papiere erzeugend. 



244 Slrolilmt-Nähmaschine. 

In der Patentschrift ist noch eine vieltheiligere Maschine dargestellt, 
bei welcher für jeden Buchstaben oder für jedes Zeichen eine besondere 
Anschlagtaste vorhanden ist. Diese Anordnung bedingt natürlich die 
Verwendung weiterer Zwischenmechanismen, welche die Maschine, die 
wohl mehr für den Verkehr der Sehenden mit den Blinden geeignet 
sein dürfte, complicirter machen. Die Anordnung der Druckstifte und 
Matrize bleibt im Uebrigen dieselbe. Kn. 



Strohhut-Nähmaschine von Ernst Köckritz, Clemens Köck- 
ritz und Franz Schüller in Radeberg bei Dresden. 

Mit Abbildungen auf Tafel 13. 

Die Bildung des Hutdeckels erfolgt bei dieser durch D.R.P. Kl. 52 
Nr. 43456 vom 26. April 1887 geschützten Nähmaschine selbsthätig 
unter Benutzung eines mit dem Werkstücke in lösbare Verbindung ge- 
brachten Formkörpers n, welcher in einem nach allen Seiten frei- 
schwingenden Rahmen a^d? aufgehängt ist, dadurch, dafs dieser Form- 
körper vom StotFschieber der Nähmaschine aus unter Vermittelung des 
Werkstücks in Umdrehung versetzt wird und hierbei gleichzeitig an 
einer Schiene o gleitet (Fig. 1 Taf. 13). 

Die Bildung des Seitenstücks des Hutes geschieht selbsthätig da- 
durch, dafs, sobald der Hutdeckel den gewünschten Durchmesser er- 
reicht hat, das Werkstück durch Anstofsen einer am schwingenden 
Rahmen abx sitzenden Nase v^ gegen einen an der Gleitschiene o 
befindlichen Anschlag xc (Fig. 2 Taf. 13) um einen einstellbaren Winkel 
geneigt und in die für das Nähen des Seitenstücks erforderliche Lage 
gebracht wird, während gleichzeitig der Formkörper n aufser Berührung 
mit der Gleitschiene o kommt und der an der letzteren sitzende An- 
schlag w aus der Bewegungsrichtung des das Werkstück tragenden 
Rahmens entfernt wird (Fig. 3 Taf. 13). 

Die selbsthätige Bildung der Hutkrempe wird dadurch ermöglicht, 
dafs der den Formkörper n tragende Rahmen abx in einer solchen 
Lage aufgehängt werden kann, dafs der Formkörper, nachdem das Werk- 
stück um den für die Bildung des Seitentheils erforderlich gewesenen 
Winkel zurückgedreht worden ist, wieder mit der Schiene o in Be- 
rührung kommt. 

An dem Winkeleisenkörper a sitzt verschiebbar eine Flacheisen- 
schiene 6, mit welcher durch ein Querstück c das Rohr d verbunden 
ist. Am unteren Ende ist dieses Rohr zu einem Gelenk e ausgebildet 
(Fig. 5 Taf. 13), an welchem bei f eine Platte g befestigt ist, die dem 
Hutkörper als Stützpunkt dient und durch den federnden Haken //, der 
sich auf einem mit der Platte g verbundenen Stabe i verschiebt und die 
Schiene b umfafst, in jede beliebige Schrägstellung gebracht werden 



Strohhut-Nähmaschine. 245 

kann. An einer über e geschobenen drehbaren kleinen Muffe k wird 
der Hutanfang befestigt. Das Rohr d wird von einem Rohre / um- 
geben, welches sich um d drehen kann, sobald ein Ansatz m der Muffe /r, 
wie in Stellung Fig. 2, in einen entsprechenden Ausschnitt des Rohres 
eingreift. Auf dem Rohre / sitzt der elliptische Formkegel n, welcher 
an der Stange o gleitet. In dem inneren Rohre d belindet sich eine 
Stange p, in deren Kopf p^ das Ende eines kleinen, auf c drehbaren 
Hebels q eingreift, der mit seinem anderen Ende an das Hauptgestell o 
sich anlegt. Das untere Ende p^ ^^^' Stange p wirkt durch die Feder r 
(Fig. 4 und 5 Taf. 13) auf das Gelenk e des Rohres d. Befindet sich 
der Apparat in einer Stellung, wie Fig. 1 zeigt, so ist diese Wirkung 
aufgehoben, da dann der Hebel q die Stange p nach oben zieht, wobei 
die Nase 5j eines Hebels unter den Kopf p^ greift und die Stange stützt. 
Mit c ist ein Ausatz t verbunden, der sich auf die Nase eines auf dem 
Hauptkörper a gelagerten Hebels u legt, welche durch den in ihn ein- 
greifenden Arm i'i des Hebels v bewegt wird, sobald an den Arm r^ 
des Hebels v angestofsen wird. Wird die Nase von u unter t weg- 
gezogen, so können die Schiene b und die mit ihr verbundenen Rohre 
in den Schlitzen des Hauptkörpers a nach abwärts gleiten. Hebel- 
arm Wi stöfst, wenn der Apparat aus der Stellung in Fig. 1 in die in 
Fig. 2 gelangt, an die Platte lo einer auf Schiene w befindlichen An- 
stofsvorrichtung. Nach oben endigt der Hauptkörper a in eine Flach- 
schiene X, auf der sich eine Aufhängevorrichtung J befindet, mittels 
welcher der ganze Apparat auf die Schiene z bezieh, z^ so gehängt 
wird, dafs er nach allen Seiten frei schwingen kann. Zg ist ein Ge- 
wicht zum Ausgleichen der Massen. Die Schienen 2 und z^ werden 
von den beiden Ständern A und A^ gehalten, die auf den Tisch B einer 
Nähmaschine aufgeschraubt werden, z^ ist durch ein Zwischenstück r., 
so angeordnet, dafs es höher oder tiefer gestellt werden kann. 

Die Wirkungsweise der ganzen Vorrichtung ist nun folgende: In 
der ersten Stellung Fig. 1 wird der Hutboden fertig genäht. Zu diesem 
Zwecke wird ein kleiner Strohhutanfang bei k eingeklemmt und die 
Nähmaschine C in Thätigkeit gesetzt. Der Stotfschieber F derselben 
wirkt nach jedem Stich an der Peripherie des Strohhutanfanges fort- 
schiebend. Hierdurch wird derselbe und mit ihm das äufsere Rohr, 
welchem durch den Knaggen m die Bewegung mitgetheilt wird, in Um- 
drehung versetzt. Durch den Formkörper /(, welcher sich mit dreht 
und hierbei an der Schiene o gleitet, wird diese Bewegung in eine 
entsprechende elliptische verwandelt, so dafs der Hutboden eine ellip- 
tische Form erhält. Die Gröfse des Hutbodens hängt von der Ein- 
stellung der Anstofsvorrichtung w ab. Hat derselbe die gewünschte 
Gröfse erhalten, so hat sich die ganze Vorrichtung, wie in Fig. 2 ge- 
zeigt, eingestellt, wo eine Umlegung der die Hutplatte tragenden Theile 
um 900 bevorsteht. 



246 Gad, über Neuerungen in der Tierbohrlechnik. 

Stöfst jetzt Arm i"2 des Hebels v (Fig. 2) an die Platte iv der An- 
stofsvorrichtung, so geschieht folgendes: Die Nase des Hebels u wird 
unter t weggezogen und die mit der Schiene b verbundenen Rohre 
machen eine Bewegung nach abwärts. Das äuCsere Rohr l wird hier- 
bei durch den Haken G^ (Fig. 4), der sich in das Halslager einlegt, 
zunächst so lange zurückgehalten, bis das Gelenk e des inneren Rohres (/ 
aus dem Rohre / herausgetreten ist. Ist dieses geschehen, so drückt 
die Feder r auf die Stange p, so dafs deren unteres Ende P2 auf e 
drückt und das Gelenk nebst dem unter der Platte g befestigten Hut- 
boden G um 900 umgeklaj^pt wird, womit die dritte Stellung (Fig. 3) 
eingenommen wird. 

Bei der Anstofsvorrichtung geschieht hierbei gleichzeitig folgendes: 
Die senkrecht zur Bildebene stehende Platte iv (Fig. 1 und 2) mufs, 
damit die Vorrichtung noch weiter nach links ausschwingen kann, in 
die Ebene zurückklappen. Dies geschieht dadui-ch, dafs beim Sinken 
der Rohre ein Arm J (Fig. 4) auf den Arm K der Anstofsvorrichtung 
drückt. Dadurch wird eine an der Platte ic sitzende Nase aus einem 
im Arme K vorgeseheneu Ausschnitte gelöst, so dafs die Spiralfeder N 
die Platte iv in die Ebene zurücklegen kann. 

Hierauf wird in der dritten Stellung (Fig. 3) die Seitenwand des 
Hutes fertig genäht. Ist dieses geschehen, so ist noch die Krempe 
zu nähen. 

Zu diesem Zwecke wird die Vorrichtung wieder zusammengeschoben, 
wie in Stellung Fig. 1, und mittels der Vorrichtung J auf die um die 
gewünschte Kopfhöhe höher eingestellte Schiene Zj gehäugt. Es wird 
nunmehr die Krempe in ganz derselben Weise wie der Hutboden fertig- 
gestellt. Ist derselbe vollendet, so wird der Hut herausgenommen, ein 
neuer Anfang eingesetzt und der Nähprozefs beginnt von Neuem. 

H. G. 

Neuerungen in der Tiefbohrtechnik; von E. Gad 
in Darmstadt. 

(Schlufs des Berichtes S. 151 d. Bd.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 8 und 12 

Zur Zeit haben die Herren T. H. IM, Middlesbrough, A. L. Stevenson, 
Durham, und li. Cloug/t, Willington, Durham, eine sehr vervollkommnete 
Drehbohrmaschine (Fig. 9 und 10 Taf. 8) in den Betrieb gebracht, welche 
das Englische Patent Nr. 2928 vom 27. Februar 1888 erhalten hat. Es 
handelt sich hierbei hauptsächlich um die Verbesserungen des Englischen 
Patents Nr. 9985 vom Jahre 1885 derselben Erlinder, dafs die damalige 
Wasserturbine durch schwingende Cjlinder für comprimirte Luft er- 
setzt ist, und dafs diese Cylinder zur Abbalancirung der vorderwichtigen 
Bohrslanue dienen. 



Gad. über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 247 

Der Drehbohrer a ist voru au der Bohrspindel b befestigt. Die Bohr- 
spindel überkommt die Drehung durch das Getriebe c, rf, e und f. Das 
Triebrad c treibt die Bohrspindel mittels Keil und Nuthe, so dafs die 
Bohrspindel während der Drehung fortschreiten kann. Die Schrauben- 
mutter g pafst auf das äufsere Schraubengewinde der Bohrspindel und 
wird durch das Getriebe h in eine Drehung A-on geringerer Geschwin- 
digkeit gesetzt, als die Hülse des Rades c hat. Die Schraubenmutter g 
ist aus zwei Theilen gefertigt und kann mithin abgenommen werden, 
um die Bohrspindel zurückzustellen. Das Bohrgetriebe ruht mit der 
Platte t, durch die Flansche k gehalten, auf dem Vorderende der Bohr- 
stange /, so dafs sich jede Winkelstellung in wagerechter Richtung 
zwischen Bohrspindel und Bohrstange annehmen läfst. Das Kegelrad f 
sitzt fest vorn an der Spitze der Bohrstange /, welche ihrerseits die 
Drehung von den mit comprimirter Luft arbeitenden, schwingenden 
Ojlindern m erhält. Die Bohrstange kann frei durch die Hülse n mit 
dem gezahnten Segment o gleiten. Die Mutterschraube p correspondirt 
mit dem äufseren Schraubengange der Bohrstange, so dafs eine Drehung 
■der Mutterschraube die Bohrstange in wagerechter Richtung bewegt. 
Das Zahnrad q ist im Inneren mit einer Feder versehen, wodurch die 
Bohrstange in der ersteren freie Längsbewegung hat. Mit Hilfe des 
Hebels r und des Schneckenrades s kann man das Rad q und damit 
-die Bohrstange in jede gewünschte Stellung drehen. 

Die Hülse n ist am oberen Ende des gegabelten Pfeilers i gelagert, 
■welcher bei u auf dem Luftreservoir v aufsteht. Die Schneckeuwelle w 
dient dazu, mittels eines Hebels durch Eingreifen in die Zähne des 
Segmentes o die Bohrstange in lothrechter Richtung umzustellen. Durch 
die Schneckenwelle x nebst Hebel y am unteren Theile des Pfeilers t 
wird der Azimuth der Bohrstange geändert. 

Es ist auch eine Bewegungsvorrichtung für das ganze Fahrzeug 
unter Benutzung der Kraftcylinder vorgesehen. Zu dem Zwecke führt 
die endlose Kette :; über ein Klauenrad an der Bohi'stange /, und diese 
ist durch ein Hebelwerk mit dem Getriebe zur Bewegung der Rad- 
Achsen einzustellen. 

Diese Maschine leidet, wie fast alle Gesteinsbohrmaschinen an einer 
gewissen Complicirtheit. Im Ganzen sind die Stofsbohrmaschinen ein- 
facher gehalten, weil man bei diesen meist auf die selbsthätige Vor- 
schubeinrichtung verzichtet. 

Die englische Stofsbohrmaschine von James Mc Culloch^ Manchester, 
welche bereits am 16. August 1887 unter Nr. 11 192 in England pateutirt 
war, hat auch neuerdings in Amerika am 26. Februar 1889 das Patent 
Nr. 398 637 erhalten. 

Eine speciell für Kohlengewinnung bestimmte Handbohrmaschine 
ist in Amerika dem Herrn Josef Noice^ What Cheer, Jowa, am 2. April 
1889 unter Nr. 400 593 patentirt worden. 



248 Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 

Bei aller Vollkommenheit der Gesteiiisbohrmaschinen alter Art 
scheint, wie gesagt, deren Gebrauch doch zurückgedrängt zu werden. 
Die hauptsächlichen mit dem Systeme untrennbar verbundenen Nach- 
theile sind folgende: 

1) In Schlagwettergruben ist jede Sprengung gefährlich. 

2) Das Beräumen nach dem Absprengen setzt den kostspieligen 
Apparat auf die halbe Arbeitszeit still. 

3) Um den maschinellen Betrieb lohnend zu machen, wird ein mög- 
lichst festes, also geradezu ungünstiges Gestein verlangt. 

Alle diese Nachtheile kommen in Fortfall, wenn es gelingt, die 
maschinelle Arbeit des Stollenbohrens als Schrämmarbeit in fortdauerndem 
Betriebe zu erhalten, wobei also die Schüttmassen während des Fort- 
ganges beseitigt werden müssen. 

Die Idee, einen vollen Stollen von 2"\1 bis 2'",2 Durchmesser zu 
bohren, beschäftigt eine Reihe von Ingenieuren schon seit langer Zeit. 
Dennoch hat von allen Constructionen bezieh, Projekten erst die Stan- 
ley^ sehe Streckenbohrmaschine allgemeine Beachtung gefunden. Herr 
W. Scholz in Aachen gibt in der Zeitschrift Glückauf vom 9. Januar 
1889, S. 18, eine Beschreibung dieser Maschine, wie er sie während der 
Jubiläumsausstellung in Newcastle 1887 in Thätigkeit gesehen hat, wo- 
von das Wichtigste folgt: (Vgl. 1888 271 67.) 

Die Maschine ist in den Fig. 11 und 12 Taf. 8 dargestellt. Der Bohr- 
kopf o mit zwei wagerechten Armen 6, welche mit Stahlschneiden c be- 
setzt sind, bohrt einen Kern von etwa l"i,6 Durchmesser und 1"^ Länge 
aus. Die Bohrspindel d erhält die Bewegung durch das Getriebe f, ^, g^ h 
von der W^elle i übertragen, welche mittels Pleuelstangen von der auf 
dem Bohrwagen stehenden, durch geprefste Luft getriebenen Zwillings- 
maschine k gedreht wird, unter Ausgleich durch das Schwungrad /. 
Die Bohrspindel d ist hinten mit einem Schraubengewinde versehen, 
das durch die feste, zweitheilige Mutter m geht. Bei jeder Umdrehung 
der Bohrspindel rückt also der Bohrkopf um die Ganghöhe des ge- 
dachten Schraubengewindes vor. Ist letzteres soweit aus der Mutter 
herausgeschraubt, dai's kein weiterer Vorschub mehr möglich ist, so 
schiebt man, nach vorheriger Aufklappung der Mutter hj, entweder die 
Bohrspindel nebst Bohrkopf zurück, oder den Bohrwagen vor, um letz- 
teren dann nach Schliefsung der Mutter von Ort wegzufahren. Um 
den Bohrwagen wähi'end des Bohrens festzustellen, sind die ausschraub- 
baren Spreizen n angebracht, welche selbstredend bei jeder Verschiebung 
des Bohrwagens gelockert werden müssen. 

Der Preis der beschriebenen Maschine beträgt 4000 M. Stanteij 
construirt aber noch eine andere Maschine für 5000 M., welche unter 
Fortfall des Schraubengewindes an der Bohrspindel einen selbsthätigeu 
Vorschub des Bohrwagens besitzt. Bei der letzteren Einrichtung ist 
allerdings mehr Platz hinter dem Bohrkopfe zur Fortschntfung des Bohr- 



Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrtechnik. 249" 

mehls während der Arbeit. Die Wegräumung des Kerns ist aber auch 
nicht ohne Zurückschieben der Maschine möglich. Es geht hieraus 
hervor, dafs die Stanley sehe Maschine in ihrer beschriebenen Form die 
gestellte Aufgabe noch keineswegs löst. In festem Gebirge leistet sie 
nichts, kann also bei wenig mächtigen Flötzen das Hangende und 
Liegende nicht mit ausbohren und ist auch nur dort zu gebrauchen, 
wo z. B. in mächtigen Flötzen der Kern der Kohle auch noch nach 
dem Abbohren hält. Die angegebene Leistung, dafs 2 Mann in acht- 
stündiger Schicht in der Nuneaton-Grube bei Nuueaton, Warwickshire, 
4qi abgebohrt haben, als äufserste Leistung 1^^ Strecke in 45 Minuten, 
läfst auf sehr günstige Gebirgsverhältnisse an der Arbeitsstelle schliefsen. 

Die Slanleij'äche Maschine ist indefs bereits durch die von ßeaumont 
und Enylish überholt, bei der die Fortschatfung der Trümmermassen 
vom Ortsstofse selbsthätig ohne Unterbrechung der Bohrarbeit erfolgt. 
In Thätigkeit war letztere Maschine schon aufser in Steinkohlenwerken, 
auch in Versuchsstrecken für den Kanaltunnel. 

Auch die österreichische Streckenbohrmaschine der Herren Hziha 
und Heska ist vollkommener. Für dieselbe ist Antrieb mit geprefstem 
Wasser vorgesehen. Die durchbrochene, mit Messern besetzte Bohr- 
scheibe am Ende des Prefskolbens erhält ihre Drehbewegung durch 
zwei Wassersäulenmaschinen. Festgestellt wird die Maschine durch 
sechs hydraulische Pressen mit Pistons. Bei der Drehung unter Vor- 
schub durch den Prefskolben schaben die Messer concentrische Ringe 
aus dem Gestein. Die ringförmigen Kerne fallen zerbröckelt auf die 
Stolleusohle, von wo sie während der Arbeit fortgeschaufelt werden, 
während zugleich Wasser den Schabsand fortspült. Ein Nachrücken 
des Maschinengestelles wird erforderlich, sobald der Bohrfortschritt dem 
Hube des Prefskolbens entsprochen hat. 

Der Tiefbohr-Ingenieur Herr Olaf Terp in Breslau hat neuerdings 
ein Verfahren patentiren lassen bezieh, im Auslande zum Patent an- 
gemeldet, welches die Erhöhung der Ergiebigkeit von Erdöl-Bohrlöchern 
und Schächten bezweckt. Er geht von der Ansicht aus, dafs die oft 
bedeutende Abnahme des Oelzuflusses zu der Brunnensohle nach ver- 
bal tnifsmäfsig kurzer Zeit keineswegs auf dem Versiegen der Quelle 
überhaupt beruhe, sondern durch Paraftinbildung au den AusflufsöfFnungen 
und Verstopfung der Gesteinsklüfte herbeigeführt werde. Der Vorgang 
hierbei wird folgendermafsen gedacht: Wenn in einem Bohrloche da& 
ölführende Gestein (gewöhnlich poröser Sandstein) angebohrt wird, SQ 
bildet sich in demselben Augenblicke eine ganz dünne Paraffinerstarrungs- 
kruste auf der Sohle und an den Wänden des Bohrloches in Folge des 
Zutritts von Kälte und Feuchtigkeit. Diese Paraffinkruste wird bei 
jedesmaligem Abpumpen des Oeles bezieh. Leerpumpen des Bohrloches 
um ein klein wenig dicker, mit der Zeit aber so dick, dafs der Oel- 
zuflufs zum Bohrloche ganz bedeutend durch die klebrige und zähe 



250 Gad, über Neuerungen in der Tiefbohrteclniik. 

Substanz gehemmt wird. Dazu kommt, dafs die an das Bohrloch zu- 
strömenden Gase und zufliefsenden Oele stets ganz feine Sandkörner 
und Gesteinspartikelchen mitführen, welche an der Aufsenseite der 
Paraffinschicht haften bleiben und die Undurchlässigkeit verstärken. 
' Schliefslich fallen wohl auch von oben Gesteinsstücke in das Bohrloch 
und das Tageswasser setzt losgespülte Thon- und Schiefertheile u. dgl. 
auf der Sohle ab. so dafs mit der Zeit eine vollständig-e Vertheeruns:, 
Verschlammung und Verstopfung des ölführenden Gesteins und Ab- 
sperrung des Oelzuflusses erfolgt. 

Bestärkt wird die Wahrscheinlichkeit dieses Vorganges allerdings 
durch die Thatsachen, dafs oft nach dem Versiegen von drei mit etwa 
30°i im gegenseitigen Abstände gebohrten Brunnen ein vierter nachträglich 
in der Mitte der ersteren gesunkener ergiebig wird, ebenso dafs ein 
Tieferbohren in frisches ölführendes Gestein um einen halben oder ganzen 
Meter oft die geschwundene Productivität einer Bohrung hebt, welchen 
Erfolg auch wiederholtes Torpediren für einige Zeit aufzuweisen hat. 

Terp'a Vorschläge sind nunmehr zweierlei Art, indem er einmal 
der Bildung einer Paraffinkruste in einem neuen Bohrloche durch Er- 
wärmung desselben vorbeugen, zweitens eine schon gebildete Kruste 
aus einem alten Brunnen durch Ausbürsten entfernen will. 

Dem ersten Zwecke soll die Vorrichtung Fig. 9 Taf. 12 dienen. 
Ueberhitzter Dampf oder heifses Wasser wird durch ein Rohr zur Bohi*- 
lochsohle geführt, daselbst in einem Schlangenrohre zur Erzielung einer 
gröfseren Wärmefläche circulii'en gelassen und von dort durch ein Steig- 
rohr wieder zur Oberfläche geleitet, woselbst das Coudensationswasser 
zum Kesselspeisen zu benutzen ist. 

Auch möchten wohl erhitzte Körper, welche man mit Hilfe von 
Drahtseilen oder Ketten niederführt, oder elektrische Ströme von ent- 
sprechend grofser Widerstandsfähigkeit, die man durchleitet, eine hin- 
reichende Erwärmung bewirken. 

Zur Erreichung des zweiten Zweckes ist der Apparat Fig. 10 Taf. 12 
bestimmt. Es handelt sich dabei um eine Reinigung der Bohrlochswand 
mit einer Drahtbürste am Hohlgestänge, unter Spülung mit heifsem 
Wasser. Es drängt sich hierbei allerdings das Bedenken auf, dafs ein 
solches Ausbürsten eine Bohrlochswandung von der Glätte eines Kanonen- 
rohres oder Lampencylinders beanspruchen möchte. 

Neuerdings hat Herr Terp nun seinen Erwärmungsapparat eben- 
falls zur Gewinnung von Erdwachs (Ozokerit) in Vorschlag gebracht. 
Zur Zeit wird dieser Stoff noch auf kostspielige bergmännische Weise 
gewonnen, wobei viele Lagerstätten in feinen Klüften u. s. w. ihrer ge- 
ringen Mächtigkeit wegen unberücksichtigt bleiben. Die Gewinnungs- 
methüde, das Wachs, welches bei 50" schmilzt, durch 200 bis 300" 
heifse Dämpfe flüssig zu machen und dann wie gewöhnliches Erdöl 
abzupumpen, hat viel Verlockendes; es ist nur die Frage, ob es geht. 



Edoux" Fahrstuhl auf dem Eiffelthurm. 251 

Was neue Tiefbohrapparate betrifft, so ist in Bezug auf Diamaut- 
bohrung als sehr bemerkenswerthe Erfindung zu bezeichnen, dafs es 
einem Schweden. Herrn P. A. Craelius in Engelsberg, gelungen ist, eine 
Diamantschürf bohrmaschiue füv Handbetrieb herzustellen. Dieselbe (Fig. 11 
Taf. 12) schliefst sich durchaus an die bekannten amerikanischen Apparate 
an, ist nur noch leichter construirt, da gerade die zum Versuche ge- 
langten amerikanischen Maschinen sich für die betretTenden schwedischen 
Bergwerksverhältnisse als noch zu platzraubend erwiesen hatten. 

Im Laufe des Jahres 1888 haben acht dergleichen Maschinen in 
2375 Schichten 2613^,17 abgebohrt, d. h. über 1™ für die Schicht, was 
in Anbetracht des harten Gesteins beträchtlich ist, etwa das 15 fache der 
anderweitigen Bohrarbeiten bei bedeutend geringeren Kosten. 

Ein Erdbohrer zum Vorbohren von Löchern für Pfosten ist von 
Herrn Nelson Neicman^ Springfield, Illinois, erfunden und am 9. April 
1889 unter Nr. 400939 für die Vereinigten Staaten von Nordamerika 
patentirt. Der Bohrkopf besteht aus einem Stück Metall, welches in 
zwei entgegenstehende Blätter von concaver bezieh, convexer Form ge- 
bogen ist, deren jedes für sich unten in eine abgerundete Schürfe übergeht. 
Der Bohrkopf ist an einem gewöhnlichen Stiel mit Griff befestigt. 



Edoux' Fahrstuhl auf dem Eiffelthurm. 

Mit Abbildungen auf Tafel 12. 

Von der zweiten Plattform bis zur Spitze des Eiffelthurmes, für 
eine Förderhöhe von 160^,4 ist nach Edoux' System ein Fahrstuhl mit 
zwei Kammern angenommen, welche sich in halber Förderhöhe (80™,2) 
gleichstellen, i Beide sind mit über Rollen laufende Kabel derart ver- 
bunden, dafs dem Aufstieg der einen Kammer in der oberen Weghälfte 
die Niederfahrt der anderen in der unteren Hälfte entspricht. Weil 
aber die eine mittels Druckkolben gehobene Kammer A nur die obere 
W^eghälfte von 80'^,2, dagegen die an Kabeln hängende Kammer B nur 
die untere Förderhöhe befährt, so ist an der Zwischenplattform ein 
Umsteigen der Fahrgäste aus einer Kammer in die andere erforderlich. 
Diese Anordnung bietet den grofsen Vorzug einer vortheilhaften Ge- 
wichtsausgleichung, Einfachheit und Sicherheit des Betriebes. 

Die hierbei zu erfüllenden Bedingungen hat A. Käs in der Oester- 
reichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen^ 1889 Bd. 37 Nr. 3"-"S. 25, 
dargelegt, deren gedrängte Wiedergabe hier gestattet sei. 

An der Thurmspitze, in H =z 160™,4 Höhe, ist der Sammelkasten S 
(Fig. 4 und 5) für das Druckwasser, an der Wechselstelle in der Höhe 
V2 H ist der Behälter W für das Rücklaufwasser angeordnet. Aus diesem 

1 Vgl. Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure. 1888 Bd. 32 * S. 1016 
und 1042. 



252 Edoux' Fahrstuhl auf dem Eill'elthurni. 

entnehmen die tieferliegenden Prel'spumpen das Betriebswasser und heben 
es nach S. Die Rohrleitungen r und q stellen die Verbindung der beiden 
Treibröhren mit den Behältern S und Wher. Da sieh die Gewichte der 
beiden Fahrkammern ausgleichen, so bleibt die Nutzlast Q^ das Eigen- 
gewicht der Treibkolben G, das Gewicht des überhängenden Kabels 
(p in 1"^ für 1"! Länge) und die Wassersäule (7 = 1000'' für Icbm) jq 
Rechnung zu ziehen, wobei jy der Wirkungsgrad beim Kolbenfall und 
(f beim Kolbenaufstieg und f die Summe der Kolbenquerschnitte ist. 

Bestimmung des Kabelgexjcichles. 

a) Bedingung für die Auffahrt zur Wechselstelle. B ist belastet, A ist 
leer, Rohrleitung q otFen. Beim Anhub (Fig. 4) 

t;G = H.p-j-Q 1) 

beim Hubende an der Wechselstelle (Fig. 5) 

rjG = 0,^.y.H.f+0 2) 

durch Gleichstellung folgt 

p = 0,5.y.f 3) 

b) Bedingung für die Auffahrt von der Wechselstelle zur Thurm- 
spitze. Kammer^ ist belastet, Ä ist leer, die Rohrleitung 7 geschlossen, 
r aber offen. 

Beim Anhub (Fig. 5) 

q).y.f.H=G^Q 4) 

beim Hubende an der Spitze (Fig. 4) 

(p(0,5;'.^^+;).^):=ö + (? 5) 

Aus der Gleichsetzuug folgt Gl. 3) 

P^O.hy.f. 
Soll daher für diesen Fall die treibende Kraft gleichbleibenden 
Werth behalten, so mufs das Kabelgewicht der Längeneinheit (l"") 
gleich dem Gewichte einer Wassersäule sein, welche bei derselben 
Einheit die halbe Fläche der Treibkolben zum Querschnitte hat, 

p = y{0,hn 

Bestimmung des Treibkolbengesammtgeivichtes G. 
Bedingung für die Anfangsstellungen im Aufhube 

t]G-p.H=Q 1) 

und cp.y.f.H—G = Q 4) 

oder wenn für yf:=2p 3) 

gesetzt wird 

cf .2p.H — G = Q 4a) 

Bei Gleichsetzung von 4a) und 1) folüt 

«^W^-"-« «) 

während sich die Gesammtfläche der beiden Treibkolben aus Gl. 2) 
ergibt, wie folgt: 



Higginson's Regulator. 253 

2iriG- Q) 

oder aus 3): 

Wird dieser Werth für die Kolbenfläche in Gl. 7) gesetzt und das 
so gefundene p in die Gl. 6) eingeführt, so erhält man eine unmittel- 
bare Beziehung zwischen Kolbengewicht G und Nutzlast Q. 

G = rzr-- ■' 8) 

Werden sämmtliche Widerstände \eruachlässigt, also jj = (f=l 
gemacht, so folgen als Näherungswerthe 

G = SQ 8) 

und p = — o- 4a) 

Die Verhältnisse des £c/oMa?"schen Aufzuges am Eiftelthurme in 

Rechnung gebracht, erhält man bei einer Förderhöhe H = 160™,4, Hub 

der Treibkolben 0,5 Jff = 80'i\2, Nutzlast oder Besetzung einer Kammer 

mit 60 Fahrgästen Q z= AOOO^ ^ und da die zwei gleichen Treibkolben, 

von denen jeder c?=32cm Durchmesser hat, ein Gesammtgewicht 

(r = 19200*^ besitzen, und da ferner das Gewicht eines Meters Kabelseil 

P . 

zu j = 20'^ angegeben ist, demnach Gesammtgewicht der vier Seile 

p = SO'' für 1™ Länge, der Wirkungsgrad beim Kolbenfall ?; := 0,876 
und für den Auf hub qj = 0,904, wegen verminderter Rollenzapfenreibung 
angenommen wird, so folgt durch Rechnung für ^ = 19205'^, für 
/" = 0,16'im^ entsprechend für einen Treibkolben 0,5 /" = 0,08^11^ oder 
d = 32cm und für p = 0,5 . 1000 . 0,16 = 80^. Pr. 



J. Higginson's Regnlator. 

Mit Abbildung auf Tafel 1'2. 

In der Peel Mill Spinning Comp, in Bur}', England, ist nach Industries 
vom 12. April 1889 "' S. 340 an der 1300 HP Betriebsdampfmaschine ein 
Regulator mit offenen Stangen angebracht, an dessen Stellzeug eine 
i^Uiecksilberwage eingeschaltet ist. 

Mit dem Zapfen A (Fig. 8) des Hülsenhebels schwingt eine W^age 
mit zwei Gefäfsen By und B^^ welche durch die Rohre C und D ver- 
bunden sind. 

Durch dieselben tritt in der Tiefstelluns der Regulatorhülse das 



254 



Haas' Triebwerkskuppelung für Hobelmaschinen. 



Quecksilber in das Gefäfs 5,, wodurch ein, einem verstärkten Hülsen- 
widerstand entsprechendes Uebergewicht hervorgerufen wird. Wenn 
aber in Folge einer durch die erhöhten Umläufe der Maschine bedingte 
Hülseuverschiebung eintritt, so entsteht durch das Ueberfliefsen des 
Quecksilbers nach dem Gefäfse B^ eine Drehkraft von wechselnder 
Stärke, welche in ihrer Wirkung einer Aenderung des mittleren Be- 
lastungsgewichtes gleichkommt. 

Hiernach wird dieses Gewicht in der Hochstellung durch die Queck- 
silberwage entlastet, in der Tiefstellung der Kugeln aber stärker be- 
lastet. Zur Regelung der Durchflufsdauer des Quecksilbers dient der 
Hahn C. Mittels in den Gefäfsen B^ oder B^ eingelegten Eisenstücken 
kann eine Kraft von bleibender Stärke hinzugefügt werden, während 
die angewendete Quecksilberfüllung die Wirkuugsstärke der veränder- 
lichen Kraft bedingt. 



M. Haas' Triebwerkskuppelung für Hobelmaschinen. 

xMit Abbildungen im Texte und auf Tafel 12. 

Um eine scharfe Hubbegrenzung des Hobeltisches bei fortlaufender 
Antriebswelle zu erhalten, schaltet man eine ausrückbare doppelseitige 
Klauenkuppelung ein, welche, durch geeignete Räderwerke verbunden, 
den Vor- und Rücklauf des Hobeltisches hervorbringt. 

Das D. R. P. Nr. 39 771 vom 24. September 1886 bezweckt einen 
stofsfreieu Gang dieser Einrichtung bezieh, eine von den Schwungmassen 
des Triebwerkes unabhängige Tischbewegung am Hubwechsel. 

Zur Erklärung dieser Vorrichtung diene die in Fig. 1 bis 7 dar- 
gestellte einfache Ausrückkuppelung. 

Fig. 6. Fig. 4. Fig. 5. Fig. 7. 



Fig. 3. 




^ Fig. 1. 



Fig. 2. 



TilTin's Schraubenschneidmaschine. 255 

Auf der Welle a ist eine Schwungscheibe frei, d. i. ohne Keil auf- 
geschoben, so dafs bei auftretenden gröfseren Widerständen diese Scheibe 
die Welle a überholen kann. Die für den gewöhnlichen Betrieb er- 
forderliche Reibung zwischen Welle und Nabenbohrung des Schwung- 
rades (Fig. 7) wird durch die Stirnscheibe s (Fig. 6), welche mittels 
Nase in der Stirnfläche des Wellenendes einsetzt, vermöge der Schraube u 
geregelt. 

Auf der Welle a verschiebt sich an einem Längskeil die Zahn- 
kuppelung c (Fig. 1 und 2), rückt dadurch die Zahnscheibe d (Fig. 4), 
treibt durch Vermittelung federnder Zwischenglieder das Zahnstangen- 
getrieb b und hiermit den Hobeltisch. Der hintere cylindrische Theil der 
Zahnscheibe d ist, wie Fig. 5 zeigt, abgeflächt. Auf die Fläche f legt 
sich die Nase l eines kleinen Hebels i (Fig. 2 und 3), dessen Dreh- 
zapfen in einem auf das Getriebe b geschraubten Formringe h (Fig. 3) 
liegt, in welchem auch eine kleine Drahtfeder k eingesetzt ist. Dieser 
Federstift drückt den Hebel i beständig auf die Fläche f und bringt 
dadurch während der Auslösung der Kuppelung am Hubende des Tisches 
die Scheibe d in eine bestimmte Lage zur Scheibe h. Wenn nun un- 
mittelbar nach erfolgter Einrückung die Zahnscheibe c einsetzt und (/ 
kuppelt, so hebt diese zuerst den Hebel e, welcher die Drahtfeder k 
zusammendrückt, und erst dann im weiteren Verlaufe der Drehung wird 
der Mitnehmerstift g die Scheibe h bezieh, das Getriebe b für die Zahn- 
stange treiben. 

Aufserdem ist noch eine federnde Verbindung der Zahnstange mit 
dem Hobeltische von iM. Haas zu erwähnen, welche nach Vhland's 
Technischer Rundschau^ 1889 Bd. 3 Nr. 29 S. 189, in Folgendem besteht. 

An die untere Tischfläche (Fig. 6 und 7 Taf. 12) sind je zwei Stahl- 
bänder a angeschraubt, welche vermöge ihrer V-förmigen Kröpfungen 
die durch die Zahnstange gesteckten Bolzen b übergreifen und dadurch 
die Zahnstange c an die Tischleiste mit einer bestimmten Kraft an- 
pressen. Irgendwo in der Tischmitte greift ein Mitnehmerstift d der 
Zahnstange in ein Schlitzloch der Tischplatte ein und treibt dieselbe 
erst beim Anschlag desselben. 

Dies bedingt aber einen todten Hub von der Gröfse der Schlitz- 
lochlänge, während welchem die Zapfen b der Zahnstange die beiden 
Ueberlegbänder a, o spannen, wodurch vermöge der verstärkten Reibung 
zwischen Zahnstange und Tischleiste ein sanfter Anhub ermöglicht wird.- 

Pr. 



Tiffin's Schraubenschneidmaschine. 

Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 12. 

Von der National Machinery Co. in Tiffin, Ohio, wird nach Ame- 
rican Machinist., 1889 Bd. 12 Nr. 16 * S. 3, eine Schraubenbolzen-Schneid- 



256 



Tillin's 8chraub'Jiischneidmaschiiie. 



maschine gebaut, deren Verbesserung in einem rasch wirkenden Aus- 
rüekschlols besteht, wodurch es möglich wird, Gewinde von ganz 
bestimmter Länge an Schraubenbolzen zu schneiden. 

Wie aus dem Schaubilde leicht zu ersehen ist, liegt zwischen dem 
Schneidkopfe und dem Spindellager eine Kuppelungshülse, welche ver- 
möge des am Winkelarme angehängten Zapfenringes sich verschieben 
läfst, wobei in deren Rechtsstellung durch dessen Eingriff die Mitnahme 
des Kopfes und demzufolge der Vorschub der Gewindestähle erfolgt. 
Diese Einstellung wird durch den Handhebel L (Fig. 12) erhalten und 
dadurch gesichert, dafs die Gelenkpunkte vom Hebel /), Lenkerschiene F 
und Zapfen ring H in eine durch den Hebeldrehpunkt C gehende gerade 
Linie fallen. In dieser gestreckten Lage der Verbindungsglieder /), F 
und H vermag die an der Zugstange R angreifende Spiralfeder nicht 
zu wirken und es ist hierdurch der Schlufs einzig durch die Rechtslage 
des Handhebels L erreicht. 

An dem Handhebel L ist ferner eine drehbare Nufs iV angebracht, 
durch welche sich die am Einspannschlitten angehängte Steuerstange M 
schiebt und die stellbaren Anschläge P und trägt. 




X-^ 



Wenn nun in Folge der links gerichteten Schlittenbewegung der 
Anschlag P an dem Hebel A', L trifft, so genügt ein einziger Ruck, um 
■die gestreckte Zwangslage der Glieder i), F und H zu stören und da- 
durch die Feder auf R wirken zu lassen. Diese schwingt den Hand- 
hebel in die punktirt gezeichnete Linksstellung bis an den Anschlag 0, 



Kreissäge-Schärfmaschinen. 257 

während gleichzeitig die Auslösung der Kuppelung und hiermit das 
Zurückschieben der Gewindstähle im Schneidkopfe vor sich geht. 

Um aber die Schlufsstellung des Hebels L zu sichern bezieh, die 
Lage der Glieder Z), F und H hierfür zu regeln, ist die Stellschraube S 
vorgesehen, welche auf die untere Nase B des Handhebels L triflft. 

Bemerkenswerth ist noch die Einspannvorrichtung (Fig. 13) für den 
Schraubenbolzen, deren achsiale Einstellung dadurch erleichtert wird, 
dafs die rechts- und linksgängige Backenspindel in einer Hülse lagert, 
welche im eigentlichen Schlittenauge verschiebbar ist. Die grobe 
Spiralnuth dient für den Einsatz der Stellschraube und Feststellung 
•der Spindelbüchse. Pr. 



Kreissäge-Schärfmaschinen. 

Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 13. 

Sowohl in Holz- als auch in Melallsägewerken bietet eine Schärf- 
maschine unzweifelhaft Vortheile gegenüber dem Nachschärfen mittels 
Hand dar. Je nach der Gröfse einer Werksanlage wird eine einfache 
oder eine Maschine mit selbsthätigem Betriebe zu wählen sein. In 
folgendem werden einige neuere Maschinen, welche vorzugsweise zum 
Schärfen von Kreissägeblättern eingerichtet sind, beschrieben. 

Das Werkzeug, ein kreisendes Schleifrad, seltener eine hin und 
her gehende Feile, darf die Schleiffläche des Zahnes nur mit einem 
Drucke bestreichen, welcher eine Erhitzung der Arbeitsstelle vollständig 
ausschliefst. Deshalb sind auch manche Schleifmaschinen mit Pumpen 
zum Nafsschleifen vorgesehen, sofern wegen ungleicher Zahntheilung 
des Sägeblattes ein unvermuthet stärkerer Angriff zu befürchten steht. 
Je nach der Zahnlücke wird sich nicht nur der Formquerschnitt des 
Schleifrades richten, sondern auch dessen Achsenlage zum eingespannten 
Sägeblatt. Die Schleiffläche des Sägezahnes wird radial bei Metall- 
sägen, manchmal nach einem gewissen Zugkreise bei Holzsägen ge- 
richtet, also etwas unterschnitten sein. Immer sollte aber die Ebene 
der Schleiffläche etwas schräg gegen die Sägeblattebene angestellt sein, 
wobei zur Aufhebung des dadurch bedingten Seitendrucks abwechselnd 
«in rechts und links geschränkter Zahn auch nach rechts und links zu 
schärfen wäre. 

Hieraus folgen von selbst die Bedingungen für den Bau solcher 
Maschinen. 

A. Ransome's Schärfmaschine. 

Das mit 700 minutlichen Umläufen kreisende Schleifrad lagert in 
einem Bügelrahmen (Fig. 1), welcher um Zapfen, die in einem stell- 
baren Ringe liegen, schwingt. Hierdurch kann die Achse des Schleif- 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 6. 1889I1II. 17 



258 



Kreissäge-Schärfmaschinen. 



Fig. 1- 



rades bequem in Sehrägstellungen zur Wagerechten verlegt werden, 
indem Kreissehlitze und Stellschrauben die Verstellung dieses Bügel- 
rahmens am Gestellbocke ermöglichen. 

Ein Gegengewicht hebt 
beständig den Bügelrahmen, 
während mittels eines Hand- 
grifles und mit leichtem An- 
drucke das Schleifrad an da& 
Sägeblatt geführt wird, wo- 
bei eine Stellschraube am 
Hebellager den Hub begrenzt. 
Der Betrieb des Schleifrades 
erfolgt mittels eines über Leit- 
rollen geführten schmalen 
Riemens, und erfordert eine 
halbe Pferdestärke, während 
die Einstellung des Sägeblattes 
und die eigentliche Schaltung 
des Werkzeuges, wie schon be- 
merkt, mit Handbetrieb durch- 
geführt wird. Zum Schärfen 
von geraden und Bandsäge- 
blättern ist die am Gestellfufse 
liegende Backenvorrichtung am 
Tisch Winkel anzuschrauben. 
Das Gewicht dieser Maschine 
ibt zu ÖUU'- angegeben (Revue industrielle^ 1889 ^' S. 229). 

Heiherington s Schärfmaschine. 

Auf dem wagerechten Tischwinkel (Fig. 2) ist der Bolzenschlitten 
entsprechend der Gröfse des Kreissägeblattes stellbar, der Bolzen mit 
der Kreissäge wird aber vermöge einer Umwickehmgsschnur und durch 
ein angehängtes Gewicht beständig in einer Richtung zu drehen ge- 
sucht, daran aber durch einen Stellzahn gehindert. Wird dieser durch 
irgend ein Mittel zeitweilig aus dem Sägezahne zurückgehoben, so wird 
sich das Kreissägeblatt so lange drehen, bis dieser oder irgend ein 
zweiter Stellzahn wieder in Eingriff kommt. Hiermit ist die Grund- 
lage einer selbsthätigen Schaltung angedeutet. 

Der Lagerschlitten mit dem Schleifrade wird mittels eines Kurbel- 
triebwerkes an dem stehenden Führungsbocke in lothrechte Hubbewegung 
versetzt, so dafs der Seitenumfang des kreisenden Schleifrades längs 
dem Sägezahne geführt wird. Nach jedem einfachen Aushube erfolgt 
mittels Anschlag des Lagerschlittens die Auslösung des vorbeschriebenen 
Stellzahnes, hiermit die Schaltung des Sägeblattes. Dieser Maschine 




Kreissäae-Schärfmascliinen. 



259 



Fis. '2 




ist eine kleine Fächerpumpe zum Nafsschleifen beigegeben (Industries^ 
1889 S. 224). 

J. Hill's Säge-Schärfmaschine. 

Die hohle Standsäule (Fig. 3) trägt seitlich einen in der Lothrechten 
stellbaren Schlitten mit dem Schaltwerk bezieh, dem Aufspanndorn 
für das Kreissägeblatt. Die absatzweise erfolgende Verdrehung oder 
Schaltung der Kreissäge erfolgt mittels eines Schneckenradtriebwerks und 
fein gezahntem Schaltrade, dessen Sperrkegel von einem Schlitzhebel 
vermöge einer schwachen Verbindungsstange bethätigt wird. Durch 
Verschiebung des Stangenzapfens im Hebelschlitze wird die Schaltungs- 
gröfse der Zahntheilung der Kreissäge entsprechend gemacht. Dieser 
Winkelhebel wird durch einen Kurbelzapfen in Schwingungen versetzt, 
welcher im Schlitze des anderen Hebelschenkels einsetzt. Auf diesem 
Kurbelzapfeu ist aber frei eine eigenartige Hebelstange aufgeschoben, 
welche gleichsam die Verbindung zwischen diesem Kurbelzapfen und 
einem federnden Hebel herstellt, der die Fortsetzung des um Schild- 
zapfen schwingenden Lagers des Schleifrades ist. 

Hierdurch wird dieses Schleifrad in auf- und absteigende Schwingungen 
versetzt, welchen vermöge des federnden Zwischenhebels eine gewisse 
Druckkraft zugemessen ist. Die Hubgrenzen dieser Schwingungen werden 
durch zwei Stellschrauben im feststehenden Gabellager geregelt. Der 
Betrieb des Schleifrades und des Schalt- und Hubwerkes erfolgt von 
gleicher Welle aus, das Schleifrad mit Riemen, das Letztere mittels 
Zahnradgetriebes. 



260 



Kreissäge-Schärfmasclünen. 



Das Verstelleo des Kreissägeschlittens mit dem angeschlossenen 
Schaltwerke wird vom hinteren Handrade durch Vermittelung eines 

Fig. 3. 




Zahnstangengetriebes beM'erkstelligt (Industries^ 1888 ■"S. 149 bezieh. 
Engineering, 1889 Bd. 67 '' S. 277). 

C. F. Eax^ selbsthätige Kreis- und Blattsägen-Schärfmaschine. 

Diese Maschine arbeitet mit einem Schleifrade und mit einer Feile 
zugleich, oder beliebig mit je einem dieser Werkzeuge allein. Nach 
dem D. R. P. Nr. 41954 vom 29. März 1887 sind auf dem Gestellrahmen 
(Fig. 6 und 7 Taf. 13) zwei wagerechte Stöfselführungen vorgesehen, 
in denen der Feilenschlitten und der Lagerschlitten mit dem Schleif- 
rade durch Vermittelung von zwei Räderpaaren und wagerecht liegenden 
Kurbelscheiben derart bewegt werden, dafs der Feilenschlitten fünfmal 
so viel Hübe macht, als in gleicher Zeit der Schleifradschlitten. 

Von der ersten stehenden Kurbelwelle zweigt mittels Winkelräder 
das Triebwerk für die Schaltung ab, indem am Fufse der vorderen 
stehenden Welle eine wagerechte Daumenscheibe ein Hebelwerk be- 
thätigt, welches im oberen Theile den Sperrhaken trägt. In Folge der 
knappen Abmessung des steuernden Daumens erfolgt der Vorschub des 



Peacock's Schleiimaschine für Rundlöclier. 261 

Sägeblattes um einen Zahn möglichst rasch am Hubwechsel der Schlitten, 
sowie es selbstverständlich ist, dafs die Vorschubgröfse regelbar sein 
mufs. Bemerkenswerth ist noch die Aufspannvorrichtung für das Säge- 
blatt. Der Aufspannrahmen ist um die vordere stehende Steuerwelle 
in Schräglagen zur Hubriehtung der Stöfsel stellbar, so dafs der Schleif- 
fläche des Sägezahnes eine beliebige Neigung zur Blattebene gegeben 
werden kann, während durch Verstellung des Spannbolzens nicht nur 
gebührende Rücksicht auf den Blattdurchmesser der Säge genommen 
wird, sondern vermöge der feinen Stellspindel auch der Andruck an 
die Werkzeuge gehörig zu bemessen ist. 

Aufserdem wird die schärfende Feile beim Rücklaufe aus dem Ein- 
griffe gehoben, was mittels eines federnden Schlofsgrifffes und ent- 
sprechender Anschläge erfolgt. Pr. 



R. Peacock's Schleifmaschine für Rundlöcher. 

Mit Abbildungen auf Tafel 13. 

Zum Ausschleifen bezieh. Richtigstellen von Bohrungen mittels des 
Schleifrades baut Peacock in Manchester eine Maschine mit doppelt 
excentrisch gelagerter Schleifspindel, wodurch es möglich wird, die 
Berührungslinie des kreisenden und zugleich achsial schwingenden 
Schleifrades in beliebig grofsen Kreisen zu führen. 

Nach dem Enghschen Patent Nr. 696 vom 24. Januar 1888 bezieh. 
Engineering vom 20. April 1888, Bd. 45 S. 399, sind auf dem stellbaren 
Lagerschlitten (Fig. 8} ein Seil- und ein Kurbeltriebwerk angeordnet, 
während im eigentlichen Spindellager eine Büchse A sich vermöge eines 
Schneckentriebwerkes langsam um ihre Achse dreht. Um dieselbe 
Achse dreht sich, durch den Längs- und Verschiebungskeil H mit- 
genommen, die Büchse 6, welche zwischen Bunden den Hebel K fafst, 
welcher durch das Kurbeltriebwerk /, m der Büchse b eine schwingende 
Längsbewegung ertheilt und zugleich vermöge eines Gegengewichtes p 
das ganze Spindelwerk entlastet. 

In der Büchse b (Nebenfigur zu Fig. 8) ist eine zweite Büchse f, 
durch ein Handrad mit Gegenmutter f excentrisch stellbar, während 
zu c excentrisch die durch die Seilrolle i getriebene Schleifspindel d 
mit dem Schleifrad E lagert. Hierdurch wird die kreisende Schleifrolle 
mit einem berührenden Element im Kreise herumgeführt, dessen der 
Lochgröfse entsprechender Durchmesser durch die excentrische Ein- 
stellung durch das Handrad f bestimmt wird. 



262 Hub der direkt wirkenden Fürderraasclüuen. 

Ist der grofse Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen 
zweckmäfsig? Von A. Bauer, Professor an der Berg- 
akademie in Leoben.' 

Die neueren eincylindrigen oder Zwillingsbetriebs-Dampfmaschinen 
erhalten einen Hub, der von dem zweifachen Cvlinderdurcbmesser in 
der Kegel nur wenig abweicht. Dies Verhältnifs laTst sich zwar nicht 
rechnungsmäfsig ableiten, hat sich aber im Laufe der Jahre als zweck- 
mäfsig herausgestellt. Einzelne Maschinenfabriken, insbesondere ameri- 
kanische, vergrülsern den Hub eincylindriger Maschinen bis zum Di'ei- 
fachen der Cjlinderbohrung. 

g 

Direkt wirkende Zwillings-Fördermaschinen zeigen ein Verhältnifs -j^ 

welches zwischen 2 und 4 schwankt, ja bei einzelnen noch über letzteres 
Mafs hinausgebt. Insbesondere sind es belgische und französische Ma- 
schinen, die einen aufserordentlich grofsen Hub besitzen- sie zeichnen 
sich in Folge der geringen Gröfsen ihrer Steuerungsbestandtheile durch 
die Leichtigkeit aus, mit welcher das Umsteuern vor sich geht, und fallen 
auf durch ihre schlanken Formen. 

Zwei Umstände sind es hauptsächlich, welche zu Gunsten des 
grofsen Hubes angeführt werden: die geringe Kraft, welche das Ein- 
greifen in die Steuerung erfordert, und die gröfsere Kolbengeschwindig- 
keit, welche erreicht wird. Auch werden manchmal die geringeren 
Dampfverluste hervorgehoben, welche diese Maschinen in Folge ihres 
kleineren Cylinderdurchmessers besitzen sollen. 

Die Umdrehungszahl der Maschine wird durch die Fördergeschwin- 
digkeit und durch die Gröfse der Treibkörbe bestimmt; aus dem Durch- 
messer der letzteren und aus der Förderlast ergibt sich auch die an 
der Maschinenwelle für jede Umdrehung erforderliche Arbeitsleistung. 
Zum Vergleiche werden nun zwei Maschinen gewählt, welche für die- 
selbe Förderanlage bestimmt und mit vollständig gleichen Treibkörben, 
Seilen u. s. w. ausgerüstet sind; ihre Umdrehungszahlen und elFectiven 
Arbeiten für den Hub sind daher in gleichen Zeitabschnitten des Auf- 
zuges dieselben. Dies gilt auch für den mittleren Ueberdruck p ihrer 
Indicator- Diagramme, wenn beide mit einerlei Anfangsspannung und der- 
selben Damj)fvertheilung arbeiten. 

Einstweilen werde angenommen, dafs der NutzefTect, das Verhält- 
nifs zwischen gebremster und indicirter Leistung, bei beiden Maschinen I 
und n den gleichen Werth besitze, so dafs nicht nur die effectiven, 
sondern auch die indicirten Leistungen für jeden Hub dieselben sind und 



1 Nach einem uns vom Herrn Verfasser freundlich eingesandten Separat- 
abdrucke aus der Ocsterreichisclien Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 37. Jahr- 
gang, 1889. 



Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen. 263 

-^— p Sj = -— -^ p s,^ ist. liiS wird also : f{Sy=z /., s.^ sein, d. h, bei beiden 

Maschinen durchläuft der Kolben denselben Raum. Hierin bezeichnet d 

71 d 
den Durchmesser, s den Hub und f=—^ den Querschnitt des Cjlinders. 

Der Einflufs des Kolbenstangenquerschnittes wird bei dieser angenäherten 
Rechnung vernachlässigt. 

In gleichen Kurbelstellungen besitzen die Maschinen Kolbengeschwin- 
digkeiten (c), die sich zu einander verhalten wie die Hübe Sj und S2; 
von diesen Stellungen ausgehend, werden daher die Kolben in darauf- 
folgenden gleichen Zeiten denselben Raum hinter sich lassen. Beide 
Maschinen bedürfen daher in entsprechenden Kurbelstellungen dieselben 
Aus- und Einströmungscjuerschnitte, also genau die gleiche äufsere und 
innere Steuerung, z. B. denselben Schieber mit dazu gehörigem Hube. 

Die Maschine mit langem Hube ist daher nicht leichter umzusteuern 
als diejenige mit kurzem, letztere wird im Gegentheile bei Coulissen- 
steuerungen eine geringere Kraftanstrengung von Seite des Wärters er- 
fordern, weil sie kürzere und leichtere Excenterstangeu besitzt. Die 
irrige Anschauung, welche in dieser Hinsicht ziemlich allgemein ver- 
breitet ist, dürfte auf die veraltete und unrichtige Constructionsregel 
zurückzuführen sein, dafs die Ein- und Ausströmungsquerschnitte zur 
Kolbenfläche in einem bestimmten Verhältnisse stehen sollen, welches 
je nach der Umdrehungszahl der Maschine ein verschiedenes ist. 

Die gröfsere Kolbengeschwindigkeit langhubiger Fördermaschinen 
ist nicht mit den gleichen Vortheilen verknüpft, wie diejenige gewöhn- 
licher Betriebsmaschinen. Eine der letzteren Gattung, welche früher 
mit 30 bis 35 Umdrehungen lief, wird bei einer Verdoppelung ihrer 
Kolbengeschwindigkeit bei gleichem mittleren Ueberdrucke auch die 
doppelte Leistung geben — bei der Fördermaschine sind Geschwindig- 
keit und Leistung von vornherein festgelegt. Eine gröfsere Kolben- 
geschwindigkeit gibt im Zusammenhange mit höherem Dampfdrucke 
und weiter gehender Expansion einen ruhigeren Gang; nun sind aber 
auch die neueren Fördermaschinen meist mit Steuerungen versehen, 
welche für die kleinsten Füllungen keine günstige Dampfvertheilung 
mehr geben. Eigentliche Präcisionssteuerungen werden — und wie ich 
glaube mit Recht — zu Gunsten der Betriebssicherheit und Einfachheit 
gern vermieden. Es mufs an dieser Stelle bemerkt werden, dafs auch 
bei neueren Fördermaschinen die Regelung häufig nicht durch Verände- 
rung der Expansion, sondern durch Drosselung des Dampfes bewerk- 
stelligt wird; die Schuld liegt hierbei weniger auf Seite des Wärters, 
als auf jener der ausführenden Maschinenfabrik. Weil die Bewegung 
des Steuerhebels einen zu grofsen Kraftaufwand erfordert, benützt der 
Maschinist denselben lediglich zur Umsteuerung, stellt ihn auf volle oder 
nahezu volle Fülhmg und regelt mit der Drossel. Wer selbst versucht hat, 



264 Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen. 

wie schwer die Steuerhändel meistens zu bewegen sind, wird einsehen^ 
dafs das andauernde Ueberwinden dieses Widerstandes während der 
ganzen Fahrt von dem ohnedies in jeder Hinsicht sehr in Anspruch ge- 
nommenen Maschinenwärter kaum zu verlangen ist. Soll der Gang der 
Maschine wirklicli durch die Expansionsänderung beherrscht werden, 
so mufs die Verstellung der Steuerung keinen besonderen Kraftaufwand 
erfordern, weil sie ja während der ganzen Fahrt vorgenommen werden- 
soll und nicht wie bei Locomotiven nur innerhalb bestimmter Zeiträume. 
Um die mafsgebenden Umstände zu überblicken, werde angenommen, 

dafs bei den verü,lichenen Maschinen ^ = 2 und -7^ = 4 sei — Verhält- 

(/, (/., 

nisse, welche bei Fördermaschinen nach unten und oben nur selten über- 
schritten werden. Es folgt hieraus weiter : 

d^^ = (2d2}^^ also: t/j = 1,26 (/., "od f^ =1,6/12, sowie: «2 = 1:6*1 
und C) =: 1,6 c^. Die hin und her gehenden Massen des G^pstänges werden 
bei der kurzhubigen Maschine etwas gröfser als bei der mit grofsem 
Kolbenwege, was insbesondere in dem schwereren Kolben und Kreuz- 
kopfe liegt. (Die Kolbendrücke verhalten sich zu einander wie 1,6 : 1.) 
Ihr Einflufs wächst aber mit dem Quadrate der Kolbengeschwindigkeit, 
so dafs der sogen. Beschleunigungsdruck, das ist jener Theil des Dampf- 
druckes, welcher in einer bestimmten Kurbelstellung zur Bewegung der 
Massen aufgewendet, oder von denselben bei ihrer Verzögerung abge- 
geben wird, bei der Maschine I entschieden kleiner ist, als bei der 
zweiten Maschine. Da nun die erstere aufserdem einen gröfseren Kolben- 
druck besitzt, haben bei ihr die hin und her gehenden Massen einen 
viel oeriuo-eren Einflufs. Diese bewirken aber gerade bei Maschinen 
von stark wechselndem Dampfdrucke, also hoher Expansion, den Aus- 
gleich der Kräfte, weshalb in dieser Hinsicht die Construction der 
Maschine II, der lange Hub, vorzuziehen ist. Es ist aber ofl nicht 
möglich, diese Gesetze einzuhalten; man denke z. B. nur an die Wende- 
Walzenzugmaschinen, welche mit hoher Kolbengeschwindigkeit und 
grofser Füllung arbeiten, dabei aber bedeutende hin und her gehende 
Massen besitzen. Bei Fördermaschinen sind nun die Verhältnisse nicht 
derart, dafs eine kleinere Kolbengeschwindigkeit auch unbedingt einen- 
unruhigen Gang nach sich ziehen müfste. 

Andere Vorzüge als den besseren Kräfteausgleich besitzt aber der 
grofse Hub bei Fördermaschinen nicht. Die Eigenwiderstände der Ma- 
schine I können nur unbedeutend gröfser sein als jene der Maschine IL 
Die Wege der hin und her gehenden Theile des Gestänges, also auch 
der entsprechenden Keibungen stehen bei beiden Maschinen im Ver- 
hältnisse 1:1,6, die normal zur Führung gerichteten Componenten des 
Kolbendruckes haben das umgekehrte Verhältnifs, nämlich 1,6 : 1. Die 
Gewichte der geradlinig bewegten Theile: des Kolbens, Kreuzkopfes 
u. s. w. und die Kolbenreibung betragen in ihrer Gesammtheit bei der 



Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen. 265 

Maschine I aber jedenfalls weniger als das 1,6 fache der gleichen VVerthe 
von der zweiten Maschine, so dafs also erstere dnrch die Reibung dieser 
Theile bei jedem Hube eine kleinere Arbeit verliert als letztere, wäh- 
rend an den Zapfen und am Kurbellager das Entgegengesetzte eintritt. 
Alles zusammen genommen, kann der Nutzeffect der Maschine mit 
kurzem Hube nicht wesentlich kleiner sein, als jener mit grofsem 

g 
Kolbenwege. Geht man unter das Verhältnifs -^ = 2 herab, so wird 

derselbe wegen der zunehmenden Zapfenreibung jedenfalls ziemlieh rasch 
sinken. 

Wäre die Entfernung zwischen dem Cylinderdeckel und dem in 
seiner äufsersteu Stellung betindlichen Kolben bei beiden Maschinen 
gleich grofs, so würden sich die entsprechenden Antheile an den schäd- 
lichen Räumen wie die Kolbenflächen, also wie 1,6 : 1 verhalten. Wegen 
der gröfseren Länge mufs aber der Maschine H auch ein gröfserer 
Deckelspielraum gegeben werden, so dafs sich diese Umstände gegen- 
seitig wieder ausgleichen. (? d. R.) 

Der Verlust durch Dampf lässigkeit des Kolbens ist bei der Maschine I 
jedenfalls gröfser, weil ihr Durchmesser das 1,25 fache desjenigen der 
zweiten Maschine beträgt. Die neuereu Versuche haben aber gezeigt, 
dafs dieser Verlust bei guter Ausführung überhaupt sehr klein ist und 
von dem Abkühlungsverluste der Innenseite des Cylinders um ein Viel- 
faches übertroffen wird. Dieser hat bekanntlich darin seine Ursache, 
dafs die Überfläche des Cylinders und Kolbens eine Temperatur besitzt.^ 
welche zwischen der des Einlafs- uud Ausputfdampfes liegt. Während 
der Einströmung und eines Theiles der Expansion schlägt sich aus dem 
Dampfe Wasser nieder, welches noch gegen Ende der Expansion oder 
beim Beginne der Ausströmung auf Kosten der Wärme der Cylinder- 
wand wieder theilweise verdampft, wovon hauptsächlich die Erniedri- 
gung dieser Temperatur herrührt. Unter den gemachten Voraussetzungen 
wird bei beiden Maschinen das Condensiren des Dampfes bis zur gleichen 
Kurbelstellung dauern, also während eines Kolben weges as^ bezieh, cis.^. 
Zum angenäherten Vergleich des Verlustes kann hierbei die Oberfläche O 
benutzt werden, auf welcher die Condensation stattflndet, da alle anderen 
Umstände, die auf die Menge des niedergeschlagenen Wassers von Ein- 
flufs sind, sich bei beiden Maschinen gleichen. Nun sind: 

Ol — — 7 \- nd^a *-i und 0., = , ^ -j- n d.^ a .s ; 

da die Fläche des Kolbens I gröfser ist als jene des zweiten, wird es 
von dem Verhältnisse a abhängen, welche der beiden Oberflächen einen 

höheren Werth erreicht. Bei den gewählten Maschinen | -^ = 2, 3^ = 4 1 

wird Oy^^O-i^ wenn c^ =; 0,36 ist. Ist u gröfser als 0,36, so wird 
0^ <i O2, indem die Mantelfläche gegenüber der Oberfläche des Deckels 



26G Hub der direkt wirkenden Fördermascliineu. 

und Kolbens das Uebergewicht erhält und die Maschine mit langem 
Hube wird für den Hub, also auch für die indicirte Pferdekraft und 
Arbeitsstunde einen gröfseren Dampfverlust besitzen als die Maschine I. 
Arbeiten die Maschinen mit gröfserer Füllung und ungeheiztem Cy- 
linder, so beginnt das Nachdampfen erst beim Auspuffe, der Coefticient a 
wird also angenähert gleich 1 und das Verhältnifs Oj : 0~^ = 12,5 : 14. 
Besitzen die Cylinder Dampfmäntel, so hört die Condensation bei kleiner 
Füllung schon vor Ende der Expansion auf, doch dürften bei Förder- 
maschinen so geringe Füllungen selten verwendet werden, dafs dies 
schon vor Erreichung von 0,36 des Kolbenweges der Fall ist. Aufserdem 
bewirkt die weiter unten besprochene Abkühlung während des End- 
laufes eine Verlängerung der Condensationsperiode, so dafs im Allge- 
meinen die Maschine mit kurzem Hube einen kleineren Dampfverbrauch 
für die gleiche Zeit und Leistung besitzen wird, als jene mit grofsem 
Kolbenwege. Da nun der Abkühlungsverlust einen sehr bedeutenden 
Einflufs übt und bei stetig laufenden Auspuffmaschinen mit Expansion 
den nutzbaren Dampf verbrauch um 25 bis 50 Proc. erhöht, wird mit 
Rücksicht auf das Verhältnifs der Nutzeffecte die Maschine I mit kurzem 

Hube 1-^ = 2) höchstens gleich viel Dampf brauchen als die Maschine H, 

g 

bei welcher ^ = 4 ist. 
a 

Die hier gefundenen Ergebnisse werden manchen befremden, nach- 
dem ja doch bekannt ist, dafs gerade die Erhöhung der Kolben- 
geschwindigkeit den Abkühlungsverlust sehr herabdrückt. Versuche, 
bei welchen eine und dieselbe Maschine mit verschiedenen Umdrehungs- 
zahlen, also auch verschiedener Kolbengeschwindigkeit arbeitete, zeigten, 
dafs die Verluste für die Stunde und indicirte Pferdekraft sich unter 
sonst gleichen Umständen angenähert wie die reciproken Kolben- 
geschwindigkeiten verhielten. Mafsgebend für den Abkühlungsverlust 
sind bei einerlei Dampfdruck und gleicher Dampfvertheilung die Ober- 
fläche und die Zeit, innerhalb welcher die Abkühlung vor sich geht. 
Läuft die Maschine nur mehr mit halber Geschwindigkeit, so ist für 
einen Hub die doppelte Zeit erforderlich. Nun bleibt die während des 
Hubes geleistete Arbeit — wenigstens näherungsweise — ungeändert, 
während der Abkühlungsverlust dieser Periode entsprechend der längeren 
Zeitdauer steigt, und zwar schätzungsweise auf den doppelten Betrag, 
weshalb der verbal tnifsmäftiige Verlust gröfser wird. Bei Fördermaschinen 
bleibt die Dauer eines Hubes und die Arbeit, welche der Dampf wäh- 
rend desselben leistet, auch bei der Wahl einer anderen Kolben- 
geschwindigkeit, eines gröiseren oder kleineren Hubes ungeändert, so 
dafs der Verlust für die Arl)L'itseinheit beinahe ausschliefsiich nur von den 
Veränderungen der abkühlenden überlläche beeiuflufst wird. Auch bei 
Betriebsmaschinen sind ähnliche Betrachtungen am Platze; insbesondere 



Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen. 267 

bei starken inneren Abkühlungen (bei Condeusationsmaschinen) ist ein 
zu grofser Hub nicht zweckmäfsig. 

Es ist bekannt, dafs die Fördermaschinen gegenüber anderen Motoren 
häufig einen sehr grofsen Dampfverbrauch ausweisen: die Ursache Hegt 
einerseits in der schlechten Dampfvertheilung, insbesondere dem hohen 
Gegendrücke und der geringen Expansion, andererseits zeigen diese 
Maschinen aber aufserordentliche Dampfverluste ^ indem der wahre 
Dampfverbrauch manchmal das Doppelte oder sogar noch mehr des 
nutzbaren, aus dem Diagramm bestimmten beträgt. Da die Dampf- 
lässigkeit verhältnifsmäfsig geringfügig ist, müssen diese Verluste der 
Abkühlung zugeschrieben werden, welche, wie mau häufig annimmt, 
während des Stillstandes der Maschine in so ungünstiger Weise wirkt. 
Die Wärmeabgabe der Dampfleitung und des Cjlinders au ihre Um- 
gebung sind jedoch nicht so bedeutend, dafs durch sie allein die schlechte 
Wirkungsweise zu erklären wäre, insbesondere bei sorgfältiger Um- 
hüllung dieser Theile. Dies zeigen alle in neuerer Zeit an Dampflei- 
tungen gemachten Versuche. Die Innenwand des Cyliuders kann auch 
dann, wenn die Verbindung mit dem Ausström ungsraume hergestellt 
ist, keine erhebliche Wärme ableiten, weil keine Circulation vorhanden 
ist. Der einzige Verlust, welcher eintreten kann, wird durch das Ver- 
dampfen des im Cylinder befindlichen Wasserrestes herbeigeführt. 

Ein Umstand ist es, dem meiner Ansicht nach ein wesentlicher 
Antheil an der ungünstigen Wirkungsweise zugeschrieben werden mufs: 
der verhältnifsmäfsig lange Endlauf. 

Dieser nimmt bei gröfseren Fördergeschwiudigkeiten einen be- 
nierkenswerthen Bruchtheil der ganzen Förderzeit ein, und zwar bei 
Schächten von geringerer und gröfserer Teufe. Bei ersteren aus dem 
Grunde, weil bei ihnen die Zeit eines Aufzuges überhaupt nicht grofs ist, 
bei letzteren, weil das niedergehende Seil einen bedeutenden Eiuflufs übt. 

Der Endlauf, bei welchem die Maschine nicht mehr als Motor wirkt, 
vollzieht sich je nach der Art der Steuerung in verschiedener Weise. 
Bei Coulissensteuerungen mit nur zwei Excentern ist die Dampfverthei- 
lung in der Mittellage der Coulisse derart, dafs eine sehr frühe Voi-aus- 
strömung mit einer hohen Compression und frühzeitigen Voreinströmung 
vereint ist. Insbesondere bei geschlossenem Absperrventil sinkt die 
Spannung am Ende der Expansion meist unter die atmosphärische, so 
dafs beim Beginne der Vorausströmung Luft aus dem Auspuffrohre in 
den Cylinder gesaugt wird, welche bis zum Hubwechsel nachströmt. 
Die durch die Compression hervorgerufene Spannung kann eine be- 
deutende Höhe erreichen, was besonders dann der Fall ist, wenn der 
Schieber wegen sehr grofser äufserer Deckung den Einströmungskanal gar 
nicht öffnet, weil dabei die Compression bis zum Hubwechsel dauert. 
Die tödte Lage der Coulisse wird deshalb auch seltener verwendet. 

Ist die Steuerung der Drehungsrichtuns entsprechend gestellt, der 



2(>ö Hub der direkt wirkenden Furdermaschinen. 

Hebel also ganz oder theilweise ausgelegt und das Absperrventil oder 
die Drossel geschlossen, so bildet sich zu Ende der Expansion im Cy- 
linder ein theilweises Vacuum, so zwar, dafs beim Beginne der Aus- 
strömung Luft eintritt, welche beim Rückgange des Kolbens wieder 
hinausgeschoben wird. Der Endlauf der Maschine vollzieht sich bei 
Ceulissensteuerungen meist in dieser Weise. Die zur Entleerung des 
Cyliuders aufgewendete Arbeit, welche von den bewegten Massen und 
vom niedergehenden Seile bestritten wird, und die zu Beginn der Förde- 
rung vom Dampfe geleistet werden mufste, wird hierbei zerstört, d. h. 
durch die hereinstürzende Luft in Wärme verwandelt und mit dieser 
wieder fortgeführt. 

Aber auch in anderer Weise wirkt der Endlauf schädlich auf den 
Dampfconsum. Das Ein- und Ausströmen der Luft kühlt die Cylinder- 
wand ab, was zur Folge hat, dafs beim nächsten Aufzuge eine beträcht- 
liche Condensation des Admissionsdampfes eintreten mufs. Ist auch das 
Auspuffrohr zu Beginn des Endlaufes mit Dampf von atmosphärischer 
Spannung gefüllt, so wird dieser, insbesondere bei niederer Aufsen- 
temperatur, durch die nachgesogene Luft condensirt, so dafs nach einigen 
Drehungen der Maschine und kurzer Leitung direkt kalte Luft in den 
Cylinder gelangt. In dieser Hinsicht ist während des Endlaufes das 
Fahren mit geschlossenem Admissionsventile und ganz ausgelegter Steue- 
rung am schlechtesten. 

Werden die Ein- und Auslafsorgane von getrennten Mechanismen 
bewegt, so können unter Umständen die Verluste des Endlaufes herab- 
gezogen werden. Die bekannte Steuerung von Kraft- Brinlmont z. B. 
gelangt in zweierlei Ausführung zur Verwendung: in der Mittellage 
zwischen Vor- und Rückwärtsgang bleiben stets beide Einlafsventile 
geschlossen, die Auslafsventile werden bei dieser Stellung entweder 
ebenfalls geschlossen gehalten, oder sie sind — und zwar jedes während 
der ganzen Drehung — etwas geöffnet. Bei der ersten Anordnung 
arbeitet der Cylinder während des Endlaufes gerade so, als wenn er 
überhaupt keine Ventile hätte und die im schädlichen Räume enthaltene 
Dampfmenge wird abwechselnd comprimirt und expandirt. Jede Cy- 
linderseite mufs dabei mit einem verläfslich arbeitenden Sicherheits- 
ventile ausgestattet werden, damit bei der ersten Compression nach dem 
Einstellen der Steuerung in die todte Lage der zusammengedrückte 
Dampf ins Freie gelassen wird, wobei also das Sicherheitsventil gleichsam 
die Rolle des Ausströmungsventiles übernimmt. Mit dieser Anordnung 
sind keine wesentlichen Verluste verbunden, aber der Nachtheil, dafs 
die Maschine, wenn sie bei einer gewissen Kurbelstellung zur Ruhe 
kommt, sich nach dem Lüften der Bremse wieder von selbst etwas be- 
wegen kann, und zwar in Folge des eingeschlossenen Dampfes. Bei 
der zweiten Anordnung stehen beide Cylinderseiten während des End- 
laufes fortwährend mit dem Auspuffrohre in Verbindung. Das gleiche 



Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen. 269 

Volumen, welches auf der einen Kolbenseite angesaugt wird, schiebt 
die andere Seite hinaus, so dafs der Dampf (von atmosphärischer Span- 
nung) durch die geötTneten Auslafsventile von einer Kolbenseite auf die 
andere wechselt. Stofsen aber die Auspuffräume beider Cylinderseiten 
unter einem spitzen Winkel zusammen, wie es eine gute Führung des 
abströmenden Dampfes verlangt, so wird ein theilweises Rückströmen 
und Einziehen von äufserer Luft stattfinden. Das Gleiche tritt ein, wenn 
die rückwärtigen und vorderen Auslafsventile beider Maschinen — der 
linken und rechten — mit einander verbunden sind. Ist die Eröffnung 
der Ausströmungsventile in der todten Lage der Steuerung nur eine ge- 
ringe, so wirkt der Cjlinder aufserdem nach Art eines Luftkataraktes 
bremsend auf die Maschine. 

Es liegt wohl auf der Hand, dafs die Abkühlungsverluste von der 
Gröfse der inneren Oberfläche wesentlich beeinflufst werden; da beim 
Hubwechsel das Maximum der eingesogenen Luft vorhanden ist, mufs 
die Oberfläche entsprechend der Todtlage der Kurbel bestimmt werden, 
so dafs bei beiden verglichenen Maschinen ein gegenseitiges Verhältnifs 
derselben von 12,5 : 14 vorhanden ist, weshalb die Maschine H auch in 
dieser Hinsicht ungünstiger arbeitet. 

Alles zusammengenommen, kann wohl ausgesprochen werden, dafs 
der Dampfconsum beider Maschinen höchstens gleich sein wird, wenn 
er nicht bei der Maschine I ein niedrigerer ist. Zieht man noch das 
gröfsere Gewicht, also den höheren Preis der Maschine mit langem Hube 
und die bedeutenderen Kosten ihres Fundamentes in Betracht, so mufs 
der Maschine mit mäfsigem Verhältnisse zwischen Kolbenhub und Cy- 
linderbohrung entschieden der Vorrang eingeräumt werden. 

Die Achse der Maschine wird wohl beim kurzen Hube durch den 
gröfseren Dampfdruck stärker in Anspruch genommen; bei der gewöhn- 
lichen Entfernung beider Kurbellager von einander bestimmt sich aber 
die Stärke im Lager ohnedies weniger nach der Biegungsbeanspruchung, 
welche die Schubstangenkraft an dieser Stelle hervorruft, als mit Rück- 
sicht auf die Wellenstärke in der Mitte der Maschine, indem starke 
Querschnittsveränderungen vermieden werden müssen. 
g 

Das Verhältnifs 3 = 2 ist also dann empfehlenswerth, wenn die 

Fördermaschine mit ungeheizten Mänteln, mit mittlerem Dampfdrucke 
und mäfsiger Expansion arbeitet. Ueber dasselbe hinauszugehen, etwa bis 

s 

- = 3 ist nur dann am Platze, wenn hohe Spannungen und kleine Fül- 
lungen zur Anwendung gelangen, wenn der Cylinder ein Dampf hemd 
besitzt und die Steuerung derart construirt ist, dafs beim Endlauf keine 

bedeuteuden Abkühlungen stattfinden. Das Verhältnifs , aber noch 
gröfser zu nehmen, ist durch nichts gerechtfertigt. 



270 Hub der direkt wirkenden Fördermaschinen. 

Nachdem in dieser kleinen Studie auch etwas näher auf das un- 
o-üDstio-e Arbeiten der Fördermaschinen eingegangen wurde, sollen zum 
Schlüsse auch noch jene Mittel besprochen werden, welche den grofsen 
Dampfeonsum derselben herabzudrücken im Stande sind. Dafs diese 
Maschinen mit Expansion arbeiten sollen, dafs bei ihnen unter Um- 
ständen sogar das Verbundsystem am Platze ist und auch schon mit 
Erfolo- Verwendung fand, wurde schon öfter hervorgehoben. Conden- 
sation dürfte nur bei flottem Betriebe und dann gerechtfertigt sein, 
wenn während des Endlaufes keine Verbindung zwischen den Cylindern 
und dem Ausblaseraume (dem Condensator) hergestellt ist, weil sonst 
zu grofse Wärmeverluste mit in den Kauf genommen werden müssen. 

Weil aber die Condensation auch bei Eincylindermaschinen nicht 
von jenen Erfolgen begleitet ist, als man früher erwartete, ist ihre An- 
wendung bei reinen Zwillings-Fördermaschinen ohne Verbundwirkung 
nicht empfehlenswerth, denn die verhältnifsmäfsig geringen durch sie 
erzielten Vortheile werden hier durch den Nachtheil der verwickeiteren 
Bauweise meistens aufgewogen. Das Folgende bezieht sich daher auch 
nur auf Auspuff-Zwillingsmaschinen. 

Während der Fahrt soll die Maschine in erster Linie durch die 
Expansion geregelt werden und die Steuerung deshalb leicht zu be- 
herrschen sein; die Drossel soll erst später und die Bremse nur zu 
allerletzt Verwendung finden. Besitzt die Maschine Coulisseusteuerung, 
so soll beim Endlaufe eine solche Dampfvertheilung vorhanden sein, 
bei welcher Arbeitsverluste möglichst vermieden sind und die aus dem 
Auspuffrohre angesaugte Luftmenge auf das geringste Mafs gebracht 
wird. Dabei darf die Spannung am Ende der Expansion — beim Be- 
ginne der Vorausströmung nicht viel von der atmosphärischen abweichen, 
es soll abwechselnd dasselbe Volumen comprimirt werden und expan- 
diren. Dies wird bei geschlossenem Absperrventil dann der Fall sein, 
wenn Admission und Expansion beim Vorwärtsgange des Kolbens den- 
selben Weg einnehmen, als Compression und Voreinströmung beim Rück- 
laufe desselben, wobei eine zu hohe Spannung durch eine genügend 
frühe Eröffnung der Einströmung verhindert werden niufs. Unvermeid- 
lich ist es dabei, dafs bei der Vorausströmung ein Ansaugen und bei 
der Ausströmung ein Hinausschieben von Luft stattfindet, weshalb diese 
Perioden möglichst abgekürzt werden sollen. Bei Ventilsteuerungen mit 
Gegenhebeln kann sich der Endlauf auch bei vollständig geschlossenen 
Ein- und Auslafsorganen vollziehen, was bei Schiebersteuerungen nicht 
leicht durchführbar ist; in beiden Fällen müssen aber Sicherheitsventile 
zur Anwendung gelangen. Dies sind jene Verhältnisse, welche anzu- 
streben sind; wie weit dies bei den einzelnen Steuerungen möglich ist, 
ohne dafs hierdurch die Dampfvertheilung während des eigentlichen 
Arbeitens der Maschine verschlechtert wird, mufs eine specielle Unter- 
suchung derselben zeigen. 



Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 271 

Steuerungen, bei welchen man die Dampfvertheilung der todten 
Lage vollständig in der Hand hat, wie die Kraff sehe Ventilsteuerung^ 
sind den anderen vorzuziehen, weil man bei ihnen die Arbeits- und 
Abkühlungsverluste während des Endlaufes sehr herabziehen kann. 
Dieser kann sich dabei entweder bei vollständig geschlossenen Ein- und 
Auslafsventilen vollziehen, oder es können die Ein- oder Auslafsorgane 
offen gehalten werden. 

Sind die Auslafsventile allein offen, so mufs das Ueberströmen des 
Dampfes von der einen zur anderen Kolbenseite erleichtert und da& 
Eindringen von Luft durch das Auspuffrohr vermieden werden. Es 
wäre dabei zweckmäfsig, die Dampfableitung eines Cylinders oder beider 
zusammen durch einen leichten, genieteten Sammelraum zu erweitern.^ 
der vor Wärmeverlusten geschützt ist und von welchem das gemein- 
schaftliche Auspuffrohr abzweigt. 

Vollzieht sich der Endlauf und Stillstand der Maschine bei offenen 
Einlafsventilen mit gedrosseltem Absperrventil, so stellt sich dabei in 
den Cjlindern die volle Kesselspannung ein, wodurch die Abkühlung 
der Innenwand vollständig vermieden wird. Dies ersetzt theilweise 
einen Dampfmantel, nur mufs für eine selbsthätige Entfernung des 
Condensationswassers gesorgt werden und eine Einrichtung vorhanden 
sein, welche es gestattet, den Dampf nach Schlufs des Absperrventilea 
hinauszulassen. Diese Construction ist aber hinsichtlich der Betriebs- 
sicherheit nicht über jeden Zweifel erhaben. 

Wie bei allen Maschinen, welche starken Abkühlungsverlusten aus- 
gesetzt sind, empfiehlt sich auch bei P'ördermaschiueu die Anwendung 
eines Dampfmantels. 

Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestim- 
mung; von Constantin Klinge. 

(Schluls der Abhandlung S. 217 d. Bd.) 
Mit Abbildungen auf Tafel 11. 

Dem Thermometer eigenthümlich ist das besonders (Fig. 5) abge- 
bildete, an die Kapillare angeschmolzene, nach abwärts gebogene Queck- 
silberreservegefäfs. 

Der Quecksilbervorrath in dem Thermometer ist so grofs, dafs davon 
beim Eintauchen in Eis die Kapillare bis zum oberen Theile der Scala 
gefüllt wird. Gesetzt nun, man wolle Gefrierpunktsbestimmungen in 
Eisessig ausführen, so mufs so viel Quecksilber aus der Kapillare ent- 
fernt werden, dafs bei 160 und darunter Ablesungen gemacht werden 
können. Zu dem Behufe taucht man das Instrument in Wasser von 
170 bis 180 mj(j schleudert darauf das aus der Kapillare ausgetretene 
Quecksilber durch einen kurzen Stofs nach abwärts auf den Boden des 
Reservegefäfses. Beim Abkühlen wird nun die Temperatur auf der 



272 Uie Kaoullsclie Methode der iMolekulargewiclilsbestimmuug. 

Scala ablesbar werden, wenn nickt, wird das Ausschleudern wiederholt. 
War zu viel Quecksilber entfernt, so läfst sich der Schaden schnell 
wieder gut machen, indem man durch leichtes seitliches Anklopfen an 
das Reservegefäfs Qaecksilbertrö])fchen in die Nähe der Kapillare ver- 
spritzt und diese mit dem durch Wärme überzutreibenden Quecksilber- 
faden zusammenfliefsen läfst, bis derselbe beim Abkühlen die gewünschte 
Länge zeigt. Die Vereinigung des gesammten Quecksilbervorrathes ge- 
schieht leicht, indem man das Thermometer umkehrt, etwas Quecksilber 
in das Reservegefäfs treten läfst und nun leicht nach unten aufstöfst. 
Ein Zurückfallen des abgetrennten Quecksilbers ist bei der getroffenen 
Anordnung natürlich ausgeschlossen, aber auch ein Loslösen des Queck- 
silbers von der Kapillare, wenn es theilweise in das Reservegefäfs über- 
getreten ist, findet beim Arbeiten niemals statt; man kann also ohne 
Entfernung des Thermometers schwerlösliche Körper sonder Bedenken 
durch Erwärmen und Rühren in Lösung bringen. Bei wagerechter Lage 
des Thermometers haftet natürlich das Quecksilber weniger fest. 

Die Scala ist in i|j(,q genaue Celsiusgrade getheilt, aber mit will- 
kürlicher Bezifferung versehen und umfafst etwa sechs Gi*ade. Um die 
Kapillare, den theuren Theil des Listrumentes, für die Ablesung völlig 
auszunutzen, ist zwischen dieselbe und das Quecksilbergefäfs ein längerer 
Olasstiel eingeschaltet. Das Quecksilbergefäfs ist ziemlich grofs und 
stark im Glase ausgeführt worden, um einen leichten und sicheren Gang 
des Quecksilberfadens zu erreichen. 

Nach diesem Verfahren sind bereits Hunderte von Versuchen aus- 
geführt worden, und gehören die Resultate 3'' wohl zu den genauesten, 
welche bis jetzt mit Hilfe der RaoulCschen Methode erzielt woi'den sind. 

Ein äufserst einfaches Verfahren hat ferner Eykmann^^ in Voi'schlag 
gebracht. Der Apparat (Fig. 6) besteht aus einem kleinen Kölbchen 
von etwa lO^c Inhalt, worin ein kleines Thermometer, über etwa 50 
in Zehntel getheilt, eingeschliffen ist. Nachdem vorher mit dem Appa- 
rate der Gefriei-punkt des Lösungsmittels festgestellt worden ist, -wird 
in das Kölbchen etwa 0,002 Grammmolekül (bis auf mg genau ge- 
wogen) der Substanz hineingebracht, ferner etwa bis zur Höhe d (ent- 
sprechend 6 bis 88) Lösungsmittel eingegossen, das Thermometer ein- 
gesetzt und die Gesammtmenge des Lösungsmittels -f- Substanz durch 
Wägung des ganzen Apparates, dessen Tara bekannt ist, bestimmt. 
Nachdem die Substanz sich gelöst hat, wird der Lihalt zur partiellen 
Krystallisation gebracht und sodann durch Erwärmen wieder so weit 
aufgethaut, bis nur noch wenige Kr^^stallnadeln in der Flüssigkeit 
schweben, wobei man Sorge trägt, dafs die Temperatur nicht erheblich 
über den Gefrierpunkt des Gemisches steigt. Durch Hin- und Her- 
schwenken des Aj)parates, welchen man bequem zwischen drei Fingern 

39 Beckmann, Zeitschr. für phys. Chem.^ IL 717. 

40 Zeitschr. für phya. Chem., II. 964. 



Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 273 

(bei r/, 6, c) fafst, wird der Inhalt sanft geschüttelt. Die Temperatur 
geht zunächst einige Zehntel unter den wahren Gefrierpunkt herab, um 
sodann unter theilweisem Ausfrieren des Lösungsmittels schnell zu 
steigen und nachher wieder zu sinken, wobei das genügend lange con- 
stant bleibende Maximum zu notiren ist (^/loo Grrade sind zu schätzen, 
w^o nöthig unter Anwendung einer Lupe). Durch Wiederaufthauen 
u. s. w. kann die Bestimmung öfters wiederholt werden, was nur wenige 
Minuten in Anspruch nimmt. Bei richtigem Handhaben bekommt man 
Resultate, die höchstens um ein paar Yioo'C^rade differiren. Erfolgt die 
anfängliche Krystallisation des Lösungsmittels nicht ohne Weiteres von 
selbst, so wird dieselbe durch kurzes Eintauchen in eine kleine Menge 
eines Kältegemisches hervorgerufen. Die Luft, worin das Schütteln vor- 
genommen werden soll, kann, wo nöthig, mittels eines mit kaltem 
Wasser beschickten Kalorimetergefäfses abgekühlt werden, oder auch 
der ganze Apparat in eine weite Reagensröhre hineingesteckt und 
mittels Glaswollepfropfen oben und unten festgehalten, zu gleichem 
Zwecke in kaltes Wasser getaucht werden. Als Vorzüge des Verfahrens 
mögen hervorgehoben sein, dafs das Einwerfen von Krystallen und 
das Oeffnen des Apparates während der Operation, sowie die Rührvor- 
richtung umgangen werden, so dafs die Bestimmung mit derselben Menge 
Substanz ohne irgend welchen schädlichen Einflufs öfters wiederholt 
werden kann. 

Die molekularen Depressionen von Phenol ^^ und Naphtalin^a sind, 
unter Anwendung dieses Verfahrens, von Eykmann festgestellt worden. 

Der Vollständigkeit halber sei noch ein Apparat erwähnt, welchen 
R. Fabinyi zur Bestimmung der molekularen Depression des Naphtalins 
in Benutzung gezogen hat. Da derselbe jedoch schwerlich allgemeine 
praktische Anwendung finden dürfte, so sei bezüglich näherer Angaben 
auf die Originalarbeit (Zeitschr. für phys. Chem.^ III, 38) verwiesen. 

Zum Schlüsse sei noch ein Apparat von Ciamician^^ beschrieben, 
welcher gestattet, das Raoulf sehe Gesetz einem gröfseren Publikum zu 
demonstriren, und daher zu Vorlesungszwecken empfehlenswerth ist. 

Der Apparat (Fig. 7), der im Wesentlichen aus einem Luftthermo- 
meter besteht, ist schon aus der Zeichnung leicht verständlich. Ein 
gröfseres Reagensglas von ungefähr 16cm jjöhe und 2cm^5 Durchmesser, 
zur Aufnahme der Lösungen bestimmt, befindet sich in einer Kälte- 
mischung, die, weil die Versuche mit wässerigen Lösungen ausgeführt 
wurden, aus Schnee und etwas Kochsalz bestand. In die zu unter- 
suchende Lösung taucht, in der aus der Zeichnung ersichtlichen Weise, 
ein Luftthermometer, dessen cylindrisches Gefäfs eine Länge von 12cm 
und einen Durchmesser von lcm^5 besitzt; letzteres ist an ein enges, 

41 Zeitschr. für phys. Chem.^ II, 965. 

42 Zeitschr. für phys. Chem., III, 113. 

43 Berichte, XXII, 'Sl. 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 6. 1889/III. lg 



274 Üie Raoultsche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 

zweimal rechtwinklig gebogenes Glasrohr von etwa l^^^b Lichtweite, 
welches in ein Becherglas mit gefärbtem Wasser taucht, angeschmolzen. 
Das etwa 70^" lange Rohr ist an zwei Stellen kugelförmig angeblasen, 
die obere Kugel sichert vor einem Zui-ücksteigen der Flüssigkeit bei zu 
starker Abkühlung, die untere verhindert das Auftreten der Luft bei 
zu starker Erwärmung. 

Mau beginnt die Versuche mit der Bestimmung des Gfefrierpunktes 
des Wassers; beim Eintauchen des Reagensrohres A in die Kälte- 
mischung und lebhaftem Rühren mit dem Rührer a steigt das gefärbte 
Wasser sehr rasch in dem engen Rohre, und da in der Regel Ueber- 
kaltung eintritt, sinkt bei der beginnenden Eisbildung die Säule plötz- 
lich auf eine bestimmte Höhe, auf welcher sie dann unverändert stehen 
bleibt. Auf diese Weise wird die Erscheinung sehr schön auch von 
der Ferne sichtbar, und man liest den Stand des gefärbten Flüssigkeits- 
fadens entweder auf einer papierenen Scala ab oder markirt ihn durch 
einen Gummiring. 

Macht man jetzt den Versuch mit verschiedenen Lösungen, die in 
dem gleichen Volumen Wasser (etwa 100'^'^) molekulare Mengen ver- 
schiedener organischer Verbindungen enthalten, so stellt sich bei den 
einzelnen Bestimmungen die Flüssigkeitssäule ziemlich genau auf der- 
selben Höhe ein, und zwar natürlich höher als bei Anwendung von 
reinem Wasser. Die Differenz betrug bei den Versuchen von Ciamician 
mit Lösungen von je 348,2 Rohrzucker, 188,2 Mannit, 58,8 Aceton, 6?,0 
Eisessig gelöst in lOO'^c Wasser mehrere Centimeter und war daher 
auch von der Ferne recht gut bemerkbar. Die Lösungen können wäh- 
rend der Vorlesungen bereitet werden, und es läfst sich somit auf diese 
Weise recht schön zeigen, dafs isotonische Lösungen dieselbe Gefrier- 
punktserniedrigung besitzen. 

Lösungsmittel. 

Als lösende Mittel benutzte Raoult im Laufe seiner Untersuchungen 
Wasser, Benzol, Nitrobenzol, Aethylenbromid, Ameisensäure, Essigsäure, 
Thymol und Naphtalin. 

In neuerer Zeit sind folgende Lösungsmittel in Anwendung ge- 
bracht worden. ,. , rx ■ .,. 

Mol.;^ Depression f 

Wasser 19 

Benzol 49 

Eisessig 39 

Phenol 76 

Naphtalin 10 (80). 

Da die Zahl der organischen Verbindungen, welche hinreichend in 
Wasser löslich sind, eine relativ geringe ist, so kann das Wasser als 
Lösungsmittel keine ausgedehnte Anwendung finden ^f und würde das- 
selbe vornehmlich bei der Bestimmung des Molekulargewichtes von 
Alkoholen, Phenolen und Säuren zu gebrauchen sein. ^^ Raouh schreibt 

»4 Auwers.^ Berichte, XXI, 705. 



Die Raoult'sche Methode der Molekulargewichtsbestimmung. 275 

vor, bei Anwendung von Wasser die Concentration so zu wählen, dafs 
die Depression etwa 1" beträgt. Da nun die molekulare Depression 
des Wassers 19 beträgt, so ergibt sich durch einfache Rechnung, dafs, 
um diesen Vorschriften Raoulfs zu genügen, ziemlich grofse Substanz- 
mengen erforderlich sind, namentlich wenn das Molekulargewicht der 
zu untersuchenden Substanz ein sehr hohes ist. Dagegen empfiehlt sich 
das Wasser durch seine stark dissociirenden Eigenschaften. *^ .Bedeutend 
günstiger liegen die Verhältnisse beim Benzol, welches in seiner Hand- 
habung das bequemste und die relativ gröfsten Erniedrigungen liefernde 
Lösungsmittel ist. Bei seiner geringen dissociirenden Kraft ist bisweilen 
starke Verdünnung erforderlich, um zu normalen Werthen zu gelangen. 
Alkohole, Phenole und Säuren rufen in Benzol anormale Depressionen 
hervor. Für diese Körperklassen gibt Raoult die molekulare Depression 
des Benzols T=2b an. 

Die allgemeinste Anwendung hat Eisessig gefunden. Auch dieser 
wirkt stark dissociirend und liefert meist normale, von der Concentration 
unabhängige Werthe. Ein günstiger Umstand liegt ferner darin, dafs 
man in Folge der hohen Erstarrungstemperatur des Eisessigs mit ihm 
bei Temperaturen arbeiten kann, welche von der mittleren Zimmer- 
temperatur wenig oder gar nicht abweichen. Hierzu kommt, dafs es 
im Allgemeinen nicht nöthig ist, den Eisessig für diese Bestimmungen 
absolut wasserfrei anzuwenden. Auivers^^ empfiehlt daher, wo es nur 
irgend angängig ist, in erster Linie Eisessig als Lösungsmittel zu benutzen. 

Phenol, das neben seiner Billigkeit und leicht zu habender Rein- 
heit eine grofse Lösungsfähigkeit für die meisten Körper besitzt, ist 
von Eykmann ^^ mit grofsem Erfolge als Lösungsmittel angewandt worden. 

Für die molekulare Depression des Naphtalins sind zwei verschie- 
dene Werthe aufgestellt worden, und zwar T=70 {Eykmann) und 
T = 80 (Fabinyi)^ doch dürfte wohl der kleinere Werth als richtiger 
angenommen werden, da derselbe mit dem aus der van f Hoff' sehen 
Formel berechneten Werthe übereinstimmt. 

Es ist schon im theoretischen Theile darauf hingedeutet worden, 
welche wichtige Rolle die Concentration des Lösungsmittels bezüglich 
der Schärfe der Resultate spielt. — Um sich daher vor Täuschungen 
zu sichern, erscheint es immer gerathen, sich durch den Versuch ein 
Urtheil über die Abhängigkeit der Werthe von der Concentration zu 
bilden. Man führt eine Versuchsreihe aus, welche sich über Depressionen 
von etwa 0,2 bis 2 oder mehr Graden erstreckt. Ob gröfsere Ab- 
weichungen der niedrigsten Werthe auf Versuchsfehlern beruhen, wird 
durch Betrachtnnff der folgenden Werthe sofort ersichtlich. Je höher 



■lö Beckmann^ Zeitschr. für phvs. Chem.^ II, 742. 

46 Berichte, XXI, 708. 

4^ Zeitschr. Jür phys. Chem., II, 964. 



276 Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 

die Gehalte sind, um so leichtei* fallen durch theilweises Ausfrieren des 
Lösungsmittels die Erniedrigungen zu grofs aus. ^^ 



Die Resultate, welche bis jetzt durch die Methode erzielt worden 
sind, ergeben, dafs dieselbe nicht dazu dienen kann, etwa zwischen 
zwei nahe bei einander liegenden Formeln von wenig verschiedener 
procentischer Zusammensetzung eine Entscheidung zu treffen, wie dies 
häufig durch eine Dampfdichtebestimmung möglich ist. Dagegen wird 
die RaouWsche Methode in einer grofsen Anzahl von Fällen, in denen 
eine Dampfdichtebestimmung unmöglich ist, als einzig überbleibendes 
Mittel zur Bestimmung der Molekulargröfse treffliche Dienste leisten, 
namentlich wenn es sich darum handelt, zwischen irgend einer Formel 
und einem Multiplum oder Submultiplum derselben zu entscheiden."*^ 

Die Bedeutung der Methode wird am besten durch die Worte 
Victor Meyer's^^: „Die HaouU'sche Methode der Molekulargewichts- 
bestimmung ist ohne Zweifel die bedeutungsvollste Bereicherung, welche 
der Vorrath an physikalischen Hilfsmitteln, über den die chemische 
Forschung verfügt, seit der Entdeckung der Dulong-Petif scheu Methode 
der Atomgewichtsbestimmung erfahi'en hat'\ charakterisirt. 



Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur 
und erhöhten Druck bei Gegenwart von Wasser; von 

H. Taufs. 

(Aus dem ehem. techn. Laboratorium der technischen Hochschule in Graz.) 

Die immer weiter sich ausbreitende Anwendung des reinen Zell- 
ßtoffes, der Cellulose aus Holz, zur Erzeugung von Papier, die immer 
mehr oder weniger geheimnifsvolle Fabrikation desselben nach den ver- 
schiedensten Patenten und Vorschriften, wobei die gröfsere oder ge- 
ringere Ausbeute, die Reinheit des gewonnenen Productes von Factoren 
abhängig ist, die heute noch nicht genügend aufgeklärt sind, macheu 
es wünschenswerth , Angaben über das Verhalten des Holzes gegen 
höhere Temj)eraturen und höheren Druck 1) bei Gegenwart von Wasser, 
2) von verdünnten Säuren, 3) von Natronlauge, 4) von saurem schwef- 
ligsauren Kalke zu erhalten. Ebenso wünschenswerth ist es aber 
auch, die Angreifbarkeit der reinen Cellulose unter denselben Bedin- 
gungen festzustellen und so, durch Gegenüberstellung beider Resultate, 
Aufschlüsse über die Zersetzungsproducte der sogen, inkrustirenden 
Substanzen zu erfahren. 



48 Beckmann, Zeitschr. für phys. Chem.^ H, 743. 

49 Auwers^ Belichte^ XXI. 719. 

50 Berichte, XXI, 53'J. 



Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 277 

Nach den bis jetzt bekannt gewordenen Untersuchungen enthalten 
die verschiedenen Hölzer wechselnde Mengen von Cellulose und holz- 
inkrustirenden Substanzen. 



So enthält: 












Holzarten* 


Wasser 


Wasserextract 


Harz 


Zellstofif 


inkrust. Subst. 


Birken . . . . 


12.48 


2.65 


1.14 


55.52 


28.21 


Buchen . . . . 


12.57 


2.41 


0.41 


45^47 


39,14 


Bucbsbaum . . 


12,90 


2.63 


0.63 


48,14 


35,70 


Ebenholz . . . 


9.40 


9.99 


2.54 


29,99 


48,08 


Eichen . ' . . . 


13,12 


12,20 


0.91 


39.47 


34.30 


Erlen . . . . 


10.70 


2.48 


0.87 


54.62 


31.33 


Inajak . . . . 


10.88 


6.06 


15,63 


32.22 


35.21 


Linden .... 


10.10 


3.56 


3.93 


53.09 


29.32 


Kastanien . . . 


12,03 


5.41 


1.10 


52.64 


18.82 


Kiefer .... 


12.87 


4.05 


1.63 


53.27 


28.18 


Mahagoni . . . 


12^39 


9,91 


1.02 


49.67 


27.61 


Pappel (schwarzj 


12.10 


2.88 


i;37 


62.77 


20.88 


Tannen .... 


13.87 


1.26 


0.97 


56.99 


26.91 


Teak 


11,05 


3.93 


3.74 


43.12 


38.16 


Weiden .... 


11.66 


2.65 


1.23 


55,72 


28,74. 



■■ Wagnei\ Chem. Technologie^ 519. 

Ueber das Verhalten der Cellulose gegen erhöhte Temperatur und 
Druck bei Gegenwart von Wasser sind schon vielfach Untersuchungen 
angestellt worden. Mulder ^ fand schon, dafs sich beim Erhitzen von 
Cellulose mit Wasser über 200" etwas Gljcose bildet, Hoppe-Seyler\ 
der reines schwedisches Filtrirpapier mit Wasser in Glasröhren ein- 
schmolz und auf etwa 200^ durch 4 bis 6^ erhitzte, fand, dafs Papier 
sich stark bräunte, eine gelbe Farbe annahm ; in der Flüssigkeit schwammen 
metallisch glänzende Blättchen. Es entwich beim Oeffnen der Röhre 
Kohlensäure. Die Flüssigkeit destillirt, lieferte Ameisensäure, Essig- 
säure, als Rückstand (über Schwefelsäure verdunstet) blieb ein Syrup, 
in welchem Brenzcatechin leicht nachzuweisen war. Williams 3 fand 
darin Furfurol. Münk * fand beim Erhitzen mit Wasser auf hohe Tem- 
peratur einen redncirenden, nicht gährungsfähigen Körper. 

Ueber das Verhalten der inkrustirenden Substanzen gegen höhere 
Temperaturen und höheren Druck bei Gegenwart von Wasser ist bis 
jetzt noch wenig bekannt. Die ersten Untersuchungen über ,,inkrusti- 
rende Materie'' rühren von Payen'^ her, später haben sich damit be- 
schäftigt Schulze^ Fremy^ Terrail u. s. w. Erdmann^ nennt das mit 
Alkohol, Aether, verdünnter Essigsäure erschöpfte Holz von Pinus abies 
Glucolignose und gibt an, dafs sich dasselbe beim Kochen mit Säure 
in Lignose und Traubenzucker zersetze. Fr. Beute'' wiederholte die 
letzteren Untersuchungen, bezweifelt nach seinen Resultaten die Erd- 

J Journ. f. prakt. Chem.^ 63. 565. 

2 Bert. Btr.^ 4, 15. 

3 Chem. News^ 265, 281 bis 293. 

4 Zeitschrift f. phys. Chemie., I S. 357. 

5 Näheres siehe Sachse. Kohlenhtidrale. 

6 Ann. Chem. Pharm., 138 S. 5, 223. 
"i Berl. Ber. 



278 Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 

mann sehe Anaahme, dafs die Glucolignose ein chemisches Individuum sei, 
und ermittelte, dafs sich 25 Proc. der Glucolignose bei der Zersetzung 
mit HCl iu der Flüssigkeit als Traubenzucker wiederfanden, Thomson^ 
löste aus dem Holze verschiedener Laubbäume mittels kalter verdünnter 
Natronlauge wechselnde Mengen (8 bis 26 Proc.) einer der Cellulose iso- 
meren Substanz, welche er Holzgummi nennt; dasselbe wird durch ver- 
dünnte Schwefelsäure nicht in Zucker übergeführt. Friedrich Koch"^ erhält 
ein Holzgumrni, das beim Kochen mit verdünnten Säuren eine bisher 
unbekannte, leicht und schön krjstallisirende, schwach rechts drehende 
Zuckerart liefert, welche selbst der alkoholischen Gähruno- fähig- ist und 
mit Phenylhydrazin eine bei 160*^ schmelzende Verbindung liefert. 

Als Kennzeichen des Vorhandenseins von inkrustirender Substanz 
im Holze oder im Holzschliffpapiere oder der Holzcellulose dienen ge- 
wisse Farbenreactionen, hervorgerufen durch salzsaures Anilin, nach 
Runge und Hoffmann^ schwefelsaures Anilin, Phloroglucin in Verbindung 
mit Salzsäure nach Wiesner ^ durch Phenol in Verbindung mit Salzsäure 
nach Höfinel^ durch Orcin, Resorcin u. s. w. 

Nach Max Singer 'o^ der diese Holzstoffreactionen auf ihre Empfind- 
lichkeit prüfte, ist das sicherste und beste das Phloi-ogluciu in Verbin- 
dung mit Salzsäure. Später veröffentlichte Ihl^^ mit den Farbenreac- 
tionen der Phenole mit Kohlenhydraten eine ganze Reihe von Reagentien 
auf holzinkrustirende Substanz. Er verwendet dazu alkoholische Lö- 
sungen von Phenolen, bringt sie kalt oder erwärmt gleichzeitig mit Salz- 
oder Schwefelsäure auf das Papier. So gibt dann Orcin mit Salzsäure 
auf Holz eine prachtvoll dunkelrothe Färbung; reine Cellulose wird 
nicht verändert, Resorcin und Salzsäure färbt Holz und Holzstolipapier 
dunkelgrün, reines Cellulosepapier wird rothviolett, Pyrogallussäure und 
Salzsäure färben blaugrün, Carbolsäure und Salzsäure gelbgrün. Phloro- 
glucin und Salzsäure färben Holz und Holzstoffpapier blauviolett, reine 
Cellulose wird nicht gefärbt. 

Aehnliche Reactionen geben diese Phenole auch mit Zuckerarten, 
so wird Phloroglucin mit Rohrzucker bei schwachem Erwärmen intensiv 
gelbroth, ebenso Traubenzucker, Dextrin wird gelb, Dextrose roth. 

In einer nachfolgenden Mittheilung führt IM '"•* alle diese Reactionen 
auf Färbungen von Gummisubstanzen, Zersetzungsproducte der Zucker- 
arten zurück. Die Färbungen sind nach Seliwanoip-^ wenig beständig; 
mit Ausnahme der Rohrzuckerfärbung verschwinden alle beim Ver- 
düDDen mit Wasser. 



H Journ. f. prakt. Chem., 19 n. F. 116. 
9 Bert. Ber. R. 20, 145. Pharm. Zeitsch. f. Rußland. To. 
lü Manatihefle f. Chem..^ 1882, 3!)(3. 

11 Cliem. Zeug., 8, 457. 

12 Chem. Zeitq., 87, 24. 77. 19. 

13 Chem. Zeitg., 87, 24. 181. 



Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 279 

In neuester Zeit schlägt Wurster ^^ (selbst zur quantitativen Be- 
stimmung) als Reagens auf HolzsehlifFpapier das Dimethjlparaphenylen- 
diamin vor, welches dabei fuchsroth gefärbt wird. — Als Ursache der 
Färbungen mit Phenolen führt Singer ^'^ einen geringen Gehalt von 
Vanillin und Coniferin im Holze an. Durch Auskochen von Fichten- 
holz mit destillirtem Wasser erhält er wässerige Extracte, die deutlich 
nach Vanillin riechen und die alle Holzstofi'reactionen zeigen. Doch liefs 
sich in dem rückständigen Holze trotz monatelangem Auskochen keine 
Abnahme der Färbung wahrnehmen. Aehnlich wie Fichtenholz gibt 
auch Rothbuchenholz solche Auszüge, Singer erhielt mit reinem Vanillin 
alle die Holzstotfreactionen, gibt aber an, dafs die Nuancen nicht immer 
übereinstimmen. So gibt Vanillin mit Phloroglucin und Schwefelsäure 
eine ziegelrothe, mit Resorcin und derselben Säure eine zinnoberrothe 
Färbung, während verholzte Gewebe mehr violett bis blauviolett ge- 
färbt werden. Die Blaufärbung der Holzsubstanz mit Phenol führt 
Singer auf einen Gehalt an Coniferin zurück, gibt aber auch hier an, 
dafs die höchstempfindliche Reaction auf Coniferin nach Kübel ^ eine 
Rothviolettfärbung desselben mit Schwefelsäure, weder im Holze noch 
im Cambium, das reichlich Coniferin enthält, eintrat, und hat die An- 
sicht, dafs die Anwesenheit gewisser Körper jene Coniferinreactionen 
bald zu verhindern, bald zu verändern im Stande ist. 

Nachdem ich mich seit längerer Zeit schon damit beschäftigt habe, 
die aus einer Fabrik stammenden Sulfitabfallslauge enthaltenen Körper 
zu studireu, habe ich dabei die Beobachtung gemacht, dafs diese Laugen 
stets mit Phloroglucin und Salzsäure die Reaction auf inkrustirende 
Substanzen zeigten, freilich nur dann, wenn ich reines schwedisches 
Filtrirpapier mit der Lauge, oder besser mit einem ätherischen Aus- 
zuge aus derselben tränkte und trocknete. Es trat dann jedesmal die 
violette Reaction ein, wenn das Papier mit Phloroglucin und Salzsäure 
betupft wurde. Der weitereu Untersuchung jedoch waren der Gehalt 
an Kalk und an schwefliger Säure sehr hinderlich. Da durch Singer 
schon bekannt geworden, dafs ein Kochen mit destillirtem Wasser ein 
theilweises Auslösen der inkrustireuden Substanzen herbeiführt, so lag 
der Gedanke nahe, die lösende Wirkung des Wassers durch höheren 
Druck zu verstärken. 

Meine Versuche theilen sich nun wie folgt ein : 

1) Auskochuugen von reiner Cellulose und von Holz (Buchenholz und 
Fichtenholz) mit destillirtem Wasser durch 3'^ bei gewöhnlichem Drucke. 

2) Auskochungen von reiner Cellulose und von Holz (Buchenholz 
und Fichtenholz) mit destillirtem Wasser durch 3^ bei höherem Drucke 
von 5at. 

3) Auskochungen von reiner Cellulose und von Holz (Buchenholz 

» Berl. Ber.. 87, 808. 
15 Monatshefte, 1882, 396. 



280 Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 

und Fichtenholz) mit destilhrtem Wasser durch 3'' bei höherem Drucke 
von 10'". 

4) Auskochungen von reiner Cellulose und von Holz (Buchenholz 
und Fichtenholz) mit destillirtem Wasser durch 3'' bei höherem Drucke 
von 20"'. 

Als Material verwendete ich einerseits reines schwedisches Filtrir- 
papier, andererseits feine Späne von Buchenholz und Fichtenholz. Die 
Auskochungen bei gewöhnlichem Drucke wurden in einem Glaskolben 
vorgenommen. Der höhere Druck wurde erzielt in einem Hoehdruck- 
digestor nach Müncke^ worin sehr leicht ein Druck von 22'^' erreicht 
werden konnte. 

Ich erhielt dabei stets eine mehr oder weniger gelblich gefärbte 
klare Lösung, welche sich an der Luft, jedoch langsam, bräunte und 
beim Eindampfen einen schwarz gefärbten, harzartigen, in Alkali leicht 
löslichen Körper ausschied. 

Diese Lösungen wurden durch Filtriren, wiederholtes Auspressen 
mit Wasser vollkommen vom Rückstande getrennt und dann weiter 
untersucht. Sie enthielten wechselnde Mengen von Trockenrückstand, 
reducirtenalleFeA/m^''schen alkalischen Kupferlösungen, liefsen mit Aether 
einen geringen Antheil ausschütteln; derselbe zeigte mit Phloroglucin 
und Salzsäure wechselnde Farbenreactionen. Die Menge des Trocken- 
rückstandes erhielt ich durch Eindampfen, vorsichtiges Trocknen bei 
1000 durch 3'' und Wägen. Der Gehalt an Zuckerbestandtheilen wurde 
nach Fehling mit der S chwarz" scheu ^'" Abänderung bestimmt und als 
Dextrose berechnet. Die Farbenreactionen mit den Phenolen wurden 
so durchgeführt, wie ich schon früher erwähnte, oder ich liefs einen 
Theil der ätherischen Lösung in einem Porzellanschälchen eintrocknen, 
brachte die alkoholische Lösung des Phenols dazu, vertrieb den Alkohol 
auf dem Wasserbade. Der Zusatz eines Tropfens concentrirter Salz- 
säure, oder oft auch schon der Dampf derselben genügte, um sofort die 
prachtvollsten Farbenreactionen hervorzurufen. Als Phenol benutzte 
ich der gröfsten Mehrzahl nach das Phloroglucin. 

Die auftretenden Farben zeigten dabei ganz charakteristische 
Nuancen. Während die Auszüge der Cellulosekochungen stets rothe 
Färbungen ergaben, die der IhCschen Reaction auf Dextrose vollkommen 
gleichen i^, erhielt ich mit den Auszügen der Holzauskochungeu stets 
blauviolette Färbungen, in ihrer Nuance vollkommen mit der direkten 
Reaction auf Holzspäne übereinstimmend. 

Nach diesen Bemerkungen stellen sich nun meine Untersuchungs- 
resultate wie folgt zusammen: 

16 Ann. Chem. Pharm.., 84, 84. 

'" Um möglichst gleiche Verhältnisse zu haben, habe ich lOf! reine Dextrose 
mit destillirtem Wasser bei 5'it durch 3h erhitzt; Lösung larbte sich gelb, liefs 
mit Aether kleinen Antheil ausschütteln, der mit Phenol und HCl deutliche 
schöne Rothfärbung ergab. 



Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 281 

I. Auskochung von Cellulose und Holz bei normalem Drucke. 

20s Cellulose, mit 1' destillirtem Wasser ausgekocht, ergaben sehr 
geringe, nicht wägbare Mengen Extract, doch liefs sich mit der coa- 
centrirten Lösung deutlich die Kupferoxjdulausscheidung aus Fehling- 
scher Lösung erkennen. Phloroglucin und Salzsäure ergaben Rothfär- 
bung. Mit der gleichen Substanz wiederholt ausgeführte Kochungeu 
ergaben dieselben Resultate. 

208 Buchenholz, dreimal hinter einander durch je 3^ mit 1^ destil- 
lirtem Wasser ausgekocht, ergaben: 

Trockenrückstand 12 3 Summe 

für 20g 0,760g 0,440g 0,250g 1.450g 

„ 100g 3,80g 2,20g 1,25g 7,25g 

davon ist Zucker: 

aus 20g 0,313g 0,140g 0,020g 0,473^ 

„ 100g 1,565g 0,700g 0,100g 2,365g 

Mit Phloroglucin und Salzsäure tritt deutliche Rothfärbung ein. 

20? Fichtenholz mit 1' destillirtem Wasser durch 3^ ausgekocht, 
ergaben : i^ 

Trockenrückstand 1 

für je 20g . . . 0,236g 
„ „ 100g . . . 1,180g 
davon ist Zucker: 

aus 20g . . . . 0,035g 
„ 100g .... 0,1758 

Reaction mit Phloroglucin und Salzsäure wie vorher. 

Die Behandlung mit Wasser bei normalem Drucke ergab, dafs aus 
der reinen Cellulose Spuren von Zucker ausgelöst werden können (selbst 
aus dem reinsten schwedischen Filtrirpapiere); dafs aber eine, wenn 
auch oft nach längerem Warten erst auftretende Rothfärbung des Pa- 
pieres mit Phloroglucin und Salzsäure durchaus nicht mafsgebend ist 
für das Vorhandensein von holzinkrustirenden Substanzen, sondern auf 
einen geringen Zuckergehalt zurückzuführen ist. 

Aus Buchenholz löst kochendes Wasser gröfsere Mengen 7,08 Proc. 
aus, wovon 2,37 Proc. Zuckersubstanzen sind. Aus Fichtenholz wird 
viel weniger ausgelöst. 

Die gesammten wässerigen Auszüge gaben mit Phloroglucin und 
Salzsäure rothe Färbungen, gleich der Dextrosereaction. 

IL Auskochungen von Cellulose und Holz unter Druck von ö^^. 
20g Cellulose ergaben, mit l' Wasser 3h erhitzt: 

Trockenrückstand 12 3 Summe 

für 20g .... 0,148g 0,080g 0,049g 0,277g 

„ 100g .... 0,740g 0,400g 0.245g 1,385g 



J8 Ich habe bei den Auskochungen von Fichtenholz die Wiederholungen 
nicht ausgeführt, weil sie von keinem wesentlichen Einlluis auf das Resultat 
waren. 



282 Verhalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 

davon ist Zucker: 

aus 20g .... 0,021g 0,0025g 0,0012g 0,0247g 

„ 100g .... 0,105g 0,0125g 0,0060g 0,1235g 

Mit Phlorogluciu und Salzsäure tritt deutliche Rothfärbung ein. 
20g Buchenholz durch 3'^ mit 1' Wasser erhitzt, ergaben: 



Trockenrückstand 1 
für 20g .... 4,320g 
„ 100g .... 21,60g 


2 
0,800g 
4,00g 


3 
0,250g 
1,25g 


Summe 
5,35g 
26,75g 


davon ist Zucker: 








aus 20g .... 1,971g 
„ 100g .... 9,85g 


0,237g 
1,185g 


0,030g 
0,150g 


2,238g 
11,190g 


20g Fichtenholz ergaben un 


ter den gleichen Verhältnissen: 


Trockenrückstand 1 
von 20g ... . 3,08g 
„ 100g .... 15,40g 


2 
0,613g 
3,065g 


3 
0,142g 
0,710g 


Summe 

3,835g 

19,175g 


davon ist Zucker: 








aus 20g .... 1.60g 
„ lOUg .... 8,00g 


0,20g 
1,00g 


0,015g 

0,075g 


1,815g 
9,075g 



Mit Phloroglucin und Salzsäure treten blaue bis blauviolette Farben auf. 

Die Behandlung von Cellulose und Holz unter Druck ergab, dafs 
die Cellulose bei 5'*' noch wenig angegriffen wird, selbst wiederholtes 
Auskochen lieferte nur 1,38 Proc. des angewandten Materiales als ge- 
lösten Antheil, dafs aber vom Buchen- wie vom Fichtenholze beträcht- 
liche Mengen ausgezogen M^erden, von ersterem 26,75 Proc, von letz- 
terem 19,17 Proc. und dafs fast die Hälfte des gelösten Antheiles als 
Zuckersubstanz enthalten ist, von Buchenholz 11,19 Proc, von Fichten- 
holz 9,072 Proc. 

Durch diese Behandlung werden auch die, charakteristische Farben- 
reactionen gebenden, inkrustirenden Substanzen gröfstentheils in die 
lösliche Form übergeführt. Die Nuancen gleichen ganz denen bei der 
direkten Prüfung aus Holzbestandtheilen erscheinenden. 

Ich habe in diesem Falle nicht nur die Reaction mit Phloroglucin 
und Salzsäure, sondern auch alle anderen früher angegebenen Phenole 
zur Prüfung verwendet. Es ergaben alle die bezeichneten Farben- 
reactionen auf holzinkrustirende Substanzen. 

III. Auskochungen von Cellulose und Holz unter Druck von /ö"'. 

10« i** Cellulose mit 1' Wasser durch 3'' erhitzt, ergaben: 

Trockenrückstand 12 3 Summe 

für 10g .... 0,944g 0,384g 0.020g 1,348g 

„ 100g .... 9,44g 3,84g 0,20g 13,48g 

davon ist Zucker: 

aus log .... 0,394g 0,145g 0,010g 0,549g 

„ 100g .... 3,94g 1,45g 0,10g 5,49g 

Mit Phloroglucin und Salzsäure trat deutliche Dextrosereaction ein. 

ly Um die Zersetzung vollkommen zu machen, habe ich nur 10g Cellulose 
angewandt. 



Verbalten von Holz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 283 

lOs Buchenholz mit 1' destillirtem Wasser durch 3'^ erhitzt, ergaben : 

Trockenrückstand 12 3 Summe 

von 10g .... 1,368g 0,412g 0,061g 1,841g 

„100g .... 13,68g 4,12g 0,61g 18,41g 

davon ist Zucker: , 

aus 10g .... 0,424g 0,086g 0,021g 0,531g 

„ 100g .... 4,24g 0,86g 0,21g 5,31g 

10s Fichtenholz unter denselben Verhältnissen ergaben: 
Trockenriickstand 12 3 Summe 

von 10g .... 1,178g 0,312g 0,120g 1,610g 

„ 100g .... 11,78g 3,12g 1,20g 16,10g 

davon ist Zucker: 

aus 10g .... 0,340g 0,085g — 0,425g 

„ 100g .... 3,40g 0,85g — 4,25g 

Mit Phloroglucin und Salzsäure erscheinen blauviolette Farben. 

Bei der Behandlung unter Druck von lO^t zeigte sich, dafs die 
Cellulose sich ziemlich stark zersetzt, in der Lösung fanden sich 
13,48 Proc, wovon 5,49 Proc. Zuckersubstanzen sind. 

Auch aus dem Holze lösten sich noch beträchtliche Mengen, doch 
sinkt der Zuckergehalt. Nur 1/4 bis ^j^ der Gesammtmenge ist Zucker- 
substanz. 

IV. Auskochung von Cellulose und Holz unter Druck von W^^. 
Dabei zeigte sich die Cellulose vollkommen verändert, sie vs^urde 
gallertig, trocknete dann zu einer sehr harten Masse aus, die sich 
pulvern liefs. Nachdem ich "einen Theil fein gerieben, gut gewaschen 
und bis zum constanten Gewichte getrocknet hatte, unterwarf ich ihn 
der Elementaranalyse und erhielt, auf aschenfreie Substanz gerechnet: 

C 42,37 Proc. 

H 6,30 „ 

51,33 „ 

100,00 Proc. 
Die Cellulose hatte Wasser aufgenommen; das hydratisirte Product 
ähnelte der Zusammensetzung der Hydrocellulose, für welche Girard"^^ 
die Formel C12H22O11 aufgestellt hat, entsprechend 42,10 Proc. C, 
6,43 Proc. H, 51,47 Proc. 0. Girard stellte dieselbe dar durch längere 
Behandlung von reiner Cellulose mit Schwefelsäure. In der Lösung 
fand sich nur ein sehr geringer Zuckergehalt. Mit Phloroglucin und 
HCl trat Rothfärbung ein. 

10g Buchenholz, dem sehr hohen Drucke unterworfen, wurden eben- 
falls braun und ergaben Lösungen mit dem Trockenrückstand : 
für 10g ... . 0,326 
„ 100g .... 3,336 
davon ist Zucker: 

aus 10g ... . 0,14 
„ 100g .... 1,408 

•-'*! Berl. Ber.^ 9, 65. 



284 Verhalten von Jlolz und Cellulose gegen erhöhte Temperatur. 

Mit Phloroglucin und Salzsäure zeigten sich blauviolette Farben- 
nüancen. 

Bei diesem hohen Druck tritt natürlich schon eine theilweise Zer- 
setzung des gebildeten Zuckers ein, daher die Menge desselben in der 
Lösung sehr gering ist.* Eine Hydratisirung der Cellulose im Holze 
unter gleichzeitigem Gallertigwerden konnte hier nicht beobachtet 
werden. 



Ich habe bei den Berechnungen der Zuckersubstanzen stets an- 
genommen, dafs sich Dextrose bildet. Aus der reinen Cellulose entsteht 
auch nach F/ecAs/^ 21 Dextrose. Der Zucker aus den Holzbestandtheilen, 
welcher bei Ö^t Druck (und höherem Druck) entsteht, zeigte aber von 
der Dextrose abweichende Farbenreactionen. Ich versuchte gröfsere 
Mengen desselben darzustellen, indem ich die Behandlung von Holz 
unter Druck von 5^^ öfter wiederholte, die Extractlösungen eindampfte 
und auf Zucker verarbeitete. Durch Fällen mit Alkohol wurde stets ein 
dextrinartiger Körper abgeschieden. Filtrirte ich, um zu entfärben, 
über Knochenkohle, so erhielt ich eine ziemlich reine Zuckerlösung 
(Bestimmung des Zuckers nach Fehling ergab die gesammte Menge 
Trockensubstanz). Die Lösung zeigte nur schwache Rechtsdrehung; 
durch Phenylhydrazin schied sich eine schöne gelbe Krystallverbindung 
ab, die den Schmelzpunkt 1830 zeigte, gegen 204^ des von Fischer^"^ dar- 
gestellten Glucosazon. Der Zucker ist gährungsfähig. Es mufs nacH 
diesem angenommen werden, dafs neben .der Dextrose noch eine andere 
Zuckerart entsteht. 

Die Farbenerscheinungen, die Reactionen auf inkrustirende Sub- 
stanzen wurden von Singer^ wie schon erwähnt, auf einen minimalen 
Gehalt an Vanillin und Coniferin zurückgeführt. Ich habe alle die 
wässerigen Auszüge auf Vanillin untersucht. Ich konnte keinerlei 
Geruch wahrnehmen, selbst wenn ich sie destillirte, wobei das Vanillin 
mit den Wasserdämpfen übergehen mufste. Weder die ursprüngliche 
Lösung, noch das Destillat gaben an Aether Vanillin ab, obwohl der 
ätherische Rückstand die prachtvollsten Farbenerscheinungen zeigte. 
Auch eine Oxydation mit sauerm chromsaurem Kali und Schwefelsäure 
lieferte kein Vanillin. 

Dafür gleichen diese Farbenreactionen ungemein den 7/i/'schen 
Reactionen auf Kohlenhydrate, sind ebenso schön, auch ebenso unbe- 
ständig gegen Wasser. 

Ich bin durch diese Untersuchungen zu folgenden Resultaten gelangt: 

Cellulosepapier, selbst reinstes Filtrirpapier, gibt beim Kochen mit 
destillirtem Wasser unter gewöhnlichen Druckverhältnissen Spuren von 
Zucker ab. Durch höheren Druck vermehrt sich der Zuckergehalt in 

21 Zeitschr. f. physiol. Ch., 75, 23. 540. 
32 Berl. ßer., 17, 579. 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 285 

der Lösung, aber erst bei 20^^ Druck hydratisirt sieh die Cellulose voll- 
kommen und geht in Hydroeellulose C^^^ii^ii über. 

Eine Rothfärbuug des Papieres mit Phloroglucin und Salzsäure 
rührt von dem Zucker her, ist aber kein Beweis für das Vorhandensein 
inkrustirender Substanzen. 

Holz gibt beim Kochen mit destillirtem Wasser in offenen Gefäfsen 
ziemlich beträchtliche Mengen lösbarer Körper an dasselbe ab. Bei 
gesteigertem Drucke vermehrt sich die lösende Wirkung des Wassers 
bedeutend und erreicht bei S^t Druck das Maximum. Ueber 5^^ ver- 
ringert sie sich ^neder. Unter den günstigsten Verhältnissen werden 
dem Buchenholze 26,75 Proc, dem Fichtenholze 19,17 Proc. entzogen. 
Davon sind im erstereu Falle 11,19 Proc, im zweiten Falle 9,07 Proc. 
Zuckersubstanz. Diese ist nicht Dextrose allein. Neben dem Zucker 
finden sich noch dextrinartige, durch Alkohol fällbare Bestandtheile in 
den Extracten. Aus allen Auszügen des Holzes lassen sich durch 
Aether braun gefärbte Zersetzungsproducte ausziehen, welche nach dem 
Verdunsten des Aethers mit Phenolen und Salzsäure prachtvolle Farben- 
reactionen ergeben. Die Auszüge bei höherem Druck zeigen Erschei- 
nungen, die vollkommen mit jenen übereinstimmen, welche als Nach- 
weisungen von holzinkrustireuder Substanz direkt auf der Holzfaser 
hervorgebracht werden können. Die wässerigen wie die ätherischen 
Flüssigkeiten und Rückstände nach Eintrocknen oder Verdunsten haben 
keinen Vanillingeruch, zeigen keine anderweitige Reaction auf dasselbe. 
Dafür gleichen alle diese Farbenerscheinungen ungemein den /Ärschen 
Reactionen der Phenole und Salzsäure mit den Zersetzungsproducten 
von Kohlenhydraten; sie dürfen daher nicht auf einen Gehalt der holz- 
inkrustireuden Substanzen an Vanillin oder Coniferin, sondern müssen 
auf die Umwandlung der Holzsubstanz in Kohlenhydrate und deren 
Zersetzungsproducte zurückgeführt werden. 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

(Patentldasse 6. Fortsetzung des Berichtes S. 229 d. Bd.) 

III. Gährung und Hefe. 

Ueber den Einflufs der Kohlensäure auf das Wachsthum und die Gähr- 
thätigkeit der Hefe und ihre Bedeutung für die Conservirung des Bieres 
von Georg Foth (1889 272 475). 

Erfahrungen über die Schaumgährung theilt £?esse-Czerbienschin in 
der Zeitschrift für Spiritusindustrie., Bd. 12 S. 13, mit. Die Vermuthung, 
dafs die Schaumgährung verschiedene Ursachen haben kann, fand Ver- 
fasser bestätigt. In einer Brennerei, in welcher ein Röhrenkühler von 
Venuleth und Ellenberger benutzt wurde, trat stets Schaumgährung auf. 



286 üeber Fortschritte in der Spiritusfabrikaiion. 

wenn die Rohre nicht sehr sorgfältig gereinigt wurden 5 dieselbe konnte 
aber stets mit Sicherheit beseitigt werden, sobald die Reinigung mit 
gröfster Sorgfalt ausgeführt wurde. In einer anderen Brennerei dagegen 
waren alle wiederholten Bemühungen, durch peinlichste Reinigung 
sämmtlicher Appai-ate die Schaumgährung zu beseitigen, ohne jeden 
Erfolg. Der Verfasser beobachtete verschiedene Formen der Schaum- 
gährung. So trat bei Verarbeitung stark säurehaltiger, zum Theil er- 
frorener Kartoffeln, welche nur schwach oder kürzere Zeit gedämpft 
wurden, der Schaum nicht wie gewöhnlich bei 250 auf, sondern so- 
gleich nach der Angährung, nachdem der Bottich sich etwa um einen 
Grad erwärmt hatte, bildete sich ein dicker, zäher, dunkel gefärbter 
Schaum, welcher gegen Oel beinahe gar nicht, gegen Erdöl auch nur 
sehr schwach reagirte. Diese Art der Schaumgährung blieb aber so- 
fort und mit Sicherheit aus, wenn die Kartoffeln besser gedämpft wurden. 
Durch sehr concentrirtes Einmaischen, in diesem Falle durch Erzeugung 
einer sehr consistenten Maische aus stärkearmen Kartoffeln dadurch, 
dafs man absichtlich mangelhaft zerkleinerte und die Treber nicht ent- 
fernte, trat der Schaum bei der Hauptgährung zwar in verminderter 
Menge auf, konnte aber niemals ganz unterdrückt werden. Ein Wechseln 
der Mutterhefe, bezogen aus einer Brennerei, in welcher niemals Schaum- 
gährung vorkam, hatte nur für die ersten 2 bis 3 Bottiche Erfolg. Auch 
das Unterlassen des Versteilens der Hefe war ohne Einflufs auf die Art 
der Gährung. Der Verfasser schliefst aus seinen Versuchen, dafs es 
Fälle gibt, in denen die Schaumgährung durch keines der sonst ge- 
bräuchlichen Mittel beseitigt werden kann. Wohl aber ist bei An- 
wendung dieser Mittel eine bedeutende Abnahme der schäumenden 
Gährung zu bemerken, so dafs man bei richtiger Gährungsführung be- 
quem und ohne jeden Verlust durch Uebergähren arbeiten kann. Auf 
eine Anfrage, nach welcher die Ursache der Schaumgährung in der 
Hefebereitung zu liegen schien, wird in der genannten Zeitschrift, S. 21, 
Einhaltung der richtigen Temperatur von 47,50 für die Säuerung, pein- 
lichste Reinlichkeit, richtige Hefeuführung und sorgfältiges Waschen 
der Gerste und des Malzes empfohlen. Mit Bezug auf dieselbe Frage 
empfiehlt fV. Mann^ S. 27, längeres Dämpfen und Abtödten des Milch- 
säurefermentes nach dem Säuern der Hefe, bemerkt jedoch, dafs dieses 
Verfahren bei ihm wenig Erfolg gehabt hat. Endlich wird S. 58 eben- 
falls in Beantwortung einer Anfrage darauf aufmerksam gemacht, dafs 
ein Zusatz von Oel zur Beseitigung des Schaumes der Genehmigung 
der Steuerbehörde bedarf, dafs diese Genehmigung aber voraussichtlich 
ertheilt werden wird. 

Ueher Milchsäure und Reinlichkeit der Gährung bringt Ig. Krieser in 
der Zeitschrift für Spiritus- und Prefshefeindu$trie ., Bd. 10 S. 3, einen 
ausführlichen Aufsatz, welcher zwar nicht über neuere Untersuchungen 
berichtet, aber eine sehr beachtenswerthe Zusammenstellung der be- 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 287 

kannten Erfahrungen enthält. Als vielleicht nicht allgemein bekannt 
und wohl auch nicht genügend beachtet wollen wir hier nur die Mit- 
theilung hervorheben, dafs als Ursache für die bei einem üebermafse 
von Milchsäure so oft eintretende schlechte Vergährung neben der ünter- 
di-ückung der Hefe durch das Milchsäureferment auch besonders die 
schädigende Wirkung herangezogen wird, welche die Milchsäure auf 
die Diastase ausübt, wodurch die so unentbehrliche Nachwirkung der 
Diastase beeinträchtigt wird. 

Ueber Hefeverfahren^ insbesondere über die Bereitung verschiedener 
Hefearten als Schlämpehefe, Darrmalzhefe, Hafer-, Roggen-, Malzhefe, 
Fischer'sche Hefe u. s. w. schreibt Wilhelm Keller in der Zeitschrift für 
Spiritus- und Prefshefeindustrie^ Bd. 9 S. 523. 

Die Bereitung einer continuirlichen Kunsthefe zur Prefshefefabrikation 
wird in der Zeitschrift für Spiritusindustrie^ Bd. 12 S. 8, beschrieben. 

Erfahrungen mit den Hefeverfahren mit kurzer Säuerungszeit und mit 
Andampfen des invertirten Hefenguts bis 75^ theilt Johann Ernst Brauer 
in der Zeitschrift für Spiritusindustrie^ Bd. 12 S. 77, mit. Derselbe fand 
das Verfahren von Boehme-Gurzno (vgl. 1889 271 330), bei welchem 
die reine Säuerung durch Innehaltung der normalen Säuerungstemperatur 
während einiger Stunden am Maischungstage und darauf durch sofortige 
Abkühlung des Hefegutes auf die Anstelltemperatur erzielt wird, sehr 
brauchbar, besonders bei mehrfachem Betriebe, während dasselbe bei 
einfachem Betriebe unbequem sein soll, weil die Kühlung des Hefen- 
gutes nach Beendigung des Betriebes erfolgen mufs, wo es oft an Wasser 
und an Arbeitern mangelt. Das Verfahren des Verfassers (vgl. 1888 
269 328), welches die reine Säuerung durch Andampfen des Hefen- 
gutes mittels eines Dampfmaischholzes oder einer Dampfschlange bis 
750 (nach vier- bis fünfstündiger Zuckerbildungsdauer), um während 
der Nacht die normalen Säuerungstemperaturen von 52,50 bis 47,5^ 
innehalten zu können, bewerkstelligt, soll namentlich dann vortheilhaft 
sein, wenn schlechtes Maischmaterial, z. B. verfaulte Kartoffeln, zur 
Verfügung steht. Die Befürchtung, dafs das Milchsäureferment durch 
die Temperatur von 75^^ nachtheilig beeinflufst wird, ist nach den mit- 
getheilten Versuchen des Verfassers unbegründet, denn derselbe hat bei 
seinem Hefeverfahren bis 59,8 Proc. Alkohol vom Kilogramm einge- 
maischter Stärke und eine durchschnittliche Vergährung der Maischen 
während der Campagne von 1,6^ B. erzielt. 

Ein Verfahren zur Bereitung von Hefe mit kurzer Sduerungszeit be- 
schreibt A. Schneider in der Zeitschrift für Spiritusindustrie^ Bd. 12 S. 116. 



288 Büclier- Anzeigen. 



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Elemente der Festigkeitslehre in elementarer Darstellung mit zahl- 
reichen, theilweise gelösten Uebungsbeispielen und bewährten Con- 
struetionsregeln von Dr. J. J. lohnen. Weimar. B. J. Voigt. 
Der, übrigens recht gut durchgearbeitete, die Festigkeitslehre entwickelnde 
Theil des Lehrbuches bietet keine besondere Eigenthünalichkeiten. Die zahl- 
reichen, gut ausgewählten und methodisch angeordneten Aufgaben, welche je 
am Schlüsse der Abschnitte sich befinden, machen das Werk entschieden 
werthvoll, um so mehr, als der Verfasser Gelegenheit nimmt, auch solche 
Nebenumstände, welche, obschon nicht unmittelbar der Festigkeitslehre zu- 
gehörig, doch für das Verständnifs der Aufgabe von Wichtigkeit sind, in 
Betracht zu ziehen. Zwar läfst sich über einzelne Annahmen, die der Ver- 
fasser zu Gunsten einfacher Grundbedingungen macht, streiten, doch thut 
dies den hervorgehobenen Vorzügen keinen Eintrag. 

Graphisclie Behandlung der Schiebersteuerungen nach Zeuner's Dia- 
gramm von P. Kirchhof. 42 Seiten. 8 lithographirte Tafeln. Mitt- 
weida. H. Schlüter. 

Auf Grund 12j ähriger Erfahrung behandelt der Verfasser in elementarer 
Weise seine Aufgabe zunächst als Unterrichtsmittel für seine Schüler, jedoch 
auch mit Rücksicht auf die Verwendung für die Praxis, insbesondere für den 
Entwurf von Steuerungen. Die Methoden zur Einführung der endlichen Längen 
der Zugstangen haben ihre Würdigung gefunden. Wenngleich wir nicht 
sehr für das Zewner'sche Verfahren eingenommen sind , insbesondere nicht 
bei etwas verwickelten Kanalverhältnissen, so können wir doch dem voi'- 
liegenden Werke wegen seiner kurzen und klaren Darstellungs weise unsere 
Anerkennung nicht versagen. 

Der Bau, Betrieb und die Reparaturen der elektrischen Beleuchtungs- 
anlagen. Ein Leitfaden für Monteure, Werkmeister, Techniker etc. 
Herausgegeben von Grünwald. II. Aufl. 181 Seiten. Halle a. G. 
W. Knapp. 3 Mk. 

Nach einer kurzen, auf das Nöthigste beschränkten theoretischen Einleitung 
geht der Verfasser zu dem Haupttheile seiner Aufgabe, die praktische Seite 
des Beleuchtungswesens seinen Lesern, denen ja die Hantirung solcher An- 
lagen zufällt, klar zu machen. Die Behandlung ist so sorgfältig, dafs der 
Praktiker, der sich den Stoff angeeignet hat, schwerlich in Verlegenheit ge- 
rathen wird, oder doch sich aus dem Werke stets Rath holen kann. Eine 
angenehme Zugabe bilden die am Schlüsse des Werkes befindlichen Tabellen. 

Leitfaden der praktischen Haustelegraphie. Das Wissenswertheste aus 
dem Gebiete der Haustelegraphie, insbesondere die Herstellung, 
Unterhaltung und Reparatur elektrischer Telegrapheneinrichtungen. 
Für Mechaniker, Uhrmacher, Schlosser und verwandte Berufszweige, 
bearbeitet von M. Lindner. 72 Seiten. Mit 72 Abbild. Halle a. S. 
W. Knapp. 1,50 Mk. 

Die in dem Titel angegebene Bestimmung des Werkchens, als praktisches 
Hilfsmittel zu dienen, ist in ausreichendem Mafse und in geschickter Weise 
erreicht worden. Da der Verfasser naturgemäfs voraussetzt, dafs die Apparate 
aus einer zuverlässigen elektrotechnischen Fabrik bezogen werden , so be- 
schreibt er dieselben nicht weiter, als zum Verständnifs erforderlich ist und 
legt mit Recht das Hauptgewicht auf gute Anlage und Handhabung der 
Haustelegraphen. 



Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stiittsart 



Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 289 

Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 

(Patentklasse 21. Fortsetzung des Berichtes Bd. 272 S. 163. i) 
Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel H. 

1) H. C. Bull und Comp, und Henry Clay Ball in London ordnen 
nach ihrem Englischen Patente Nr. 10 200 vom 21. Juli 1887 die Feld- 
magnete ^, wie die beiden Schnitte Fig. 1 und 2 sehen lassen, in drei 
Gruppen., jede zu drei Magneten, um den Umfang eines sich drehenden 
eisernen oder stählernen Cylinders B an, welcher mit irgend welcher 
Bewickelung nicht versehen ist und mit seinen Endzapfen in den gegen 
die Grundplatte E isolirten Lagern b ruht. Die frei durch den Cy- 
linder B gehende Welle C der Maschine (Dynamo, oder Motor) liegt 
in den Lagern D und trägt an einer Seite die Scheibe rf, welche mit 
einem Stifte rfj von nicht leitendem Material versehen ist, der in eine 
Scheibe b.i greift, die mit dem Lagerhalse des einen Deckels b des 
Cylinders B aus einem Stücke gegossen ist. Auf diese Weise ist B 
vollständig isolirt. Jeder einzelne Magnet A ist eigen thümlich gebildet^ 
er besteht aus einem metallischen Kerne Oj und daneben aus nicht 
leitendem Material Oj; darum ist eine Spule a^ von Draht mit zur 
Achse C parallel laufenden Windungen gewickelt. Aufserhalb dieser 
Spule, und zwar auf der Seite des nichtleitenden Materials, ist die zweite 
metallische Hälfte a^ des Kernes angebracht. Von links nach i-echts hin 
kommt also zuerst Metall, dann die eine Seite der Windungen, dann 
das isolirende Material, dann wieder Metall und endlich die zweite Seite 
der Windungen. Die Theile des Kernes werden durch Klammern a, 
von denen sie isolirt sind, getragen und mittels derselben an den 
Seitenständern F befestigt, welche auf der Grundplatte E festgemacht 
sind. Der Kern a^ ist auf der Aufsenseite mit Nuthen zur Aufnahme 
der Spule a^ vei'sehen. Der ganze erzeugte bezieh, verbrauchte Strom 
geht durch die Spule. Ebenso ist auch der äufsere metallene Theil a^ 
des Magnetes mit Nuthen versehen, damit er über die Wickelung a^ 
pafst. Die inneren, wirksamen Flächen der Magnete A sind ausgebohrt, 
so dafs die Aufsenfläche des Cylinders B sich ganz nahe an ihnen 
bewegt, ohne sie zu berühren. Durch diese Anordnung der Magnete 
sind die elektrischen Kraftlinien gezwungen, sich nur in einer Richtung 
zu bewegen, so dafs dadurch gleichzeitig der Commutator an der Dy- 
namo bezieh, dem Motor erspart wird. 

Da der Cylinder B ohne Wickelung ist, so kann derselbe sehr rasch 
gedreht werden, und hat dabei in den Spulen Strom zu erzeugen. 

2) L. Hanson in Halifax stellt die Schenkel a der Elektromagnete 
(Fig. 3) aus weichen Eisendrähten her; die Enden derselben werden in 



1 Vgl. auch Immisch 1889 273 ■"■126; Kapp 1889 273*128; Sandwell 1889 
273 27. 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 7. 1889/111. 19 



290 Neueningen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 

geeignete Formen eingelegt und diese hierauf mit flüssigem Eisen aus- 
geo-ossen, welches, die Drähte innig verbindend, die Polstücke b bezieh, 
den Buo- oder das Joch b^ bildet. In b^ brauchen die Drähte der beiden 
Schenkel nicht getrennt zu sein. (Englisches Patent Nr. 10240 vom 
22. Juli 1887; Zusatz zu Nr. 15 230 vom Jahre 1886.) 

3) 5. Z. de Ferranli in London erhielt das Englische Patent Nr. 12418 
vom 13. September 1887 auf Verbesserungen in der Fortleitung des 
elektrischen Stromes und der Verwendung desselben als bewegende Kraft. 

Die Verbesserung in den Leitungen besteht darin, dafs er einen 
elektrischen Leiter bezieh, ein Kabel mittels Lederriemen an Drähten 
aufhängt, deren jeder mit seinen beiden Enden au zwei Isolatoren be- 
festigt ist, die auf zwei benachbarten Stangen angebracht sind. Jeder 
Lederriemen wird um das Kabel herum gelegt und sein Ende wird 
durch einen über dem Kabel im Riemen angebrachten Schlitz gesteckt. 

Bei der Verwendung von Wechselströmen als Betriebskraft führt 
Ferranti nach Fig. 4 und 5 die Wechselströme durch einen aus zwei 
Elektromotoren gebildeten Apparat. Der Hauptmotor hat keinen Com- 
mutator uud ist so eingerichtet, dafs, wenn er mit geeigneter Geschwin- 
digkeit umläuft, diese Geschwindigkeit immer aufrecht erhält und sich 
mit den Wechseln des durch ihn gehenden Stromes in Uebereinstim- 
mung hält. Der zweite Motor ist viel kleiner, mit Commutator ver- 
sehen und kann sich sofort in Thätigkeit setzen, sobald der Strom durch 
ihn hindurchgeht. Sein Anker ist entweder mit dem des ersten Motors 
durch Räder gekuppelt, oder beide sitzen auf derselben Welle, so dafs, 
wenn anfänglich der Stromkreis geschlossen wird, der kleine Motor 
zunächst den Hauptmotor treibt und ihn in diejenige Geschwindigkeit 
versetzt, bei welcher er in üebereinstimmung mit dem ihm aus der 
Leitung gelieferten Strome arbeitet. 

Der in Fig. 6 skizzirte Motor hat ebenfalls keinen Commutator uud 
ersetzt für den gedachten Zweck die beiden in Fig. 4 uud 5 dargestellten 
Motoren. Der ringförmige Anker iV ist innerhalb eines Ringes an- 
gebracht, welcher zwischen Rollen P ruht, die mit Flanschen versehen 
und an seinem Umfange in angemessenen Abständen vertheilt sind. 
Der Anker bewegt sich zwischen zwei im Kreise angeordneten Reihen 
von Elektromagneten (?,(?, welche abwechselnd Nord- und Südpol 
haben und von der zum Ringe concentrischen Welle R getragen 
werden. In seiner drehenden Bewegung kann der Anker mittels eines 
Bremsbackens S angehalten werden. Um die Maschine in Gang zu 
setzen, werden die Wechselströme mit Hilfe der Drähte a und b in den 
Anker geleitet, während der Anker gleichzeitig mit der Hand in Um- 
drehung gesetzt wird; diese Bewegung wird durch <len Strom unter- 
stützt, uud die Magnete mit ihrer Welle bleiben hierbei in Ruhe. Wird 
nun die Bremse S allmählich gegen den Ring geprefst, so wird auch 
der Anker allmählich zur Ruhe gelaneen, wobei aber die Magnete mit 



Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 291 

ihrer Welle allmählich in Bewegung kommen; ihre Geschwindigkeit 
nimmt in dem Alalse zu, wie die des Ankers abnimmt, und wächst so 
lange, bis dieser zur Ruhe gekommen ist, wobei dann die Welle die- 
jenige Geschwindigkeit besitzt, welche der Strom selbst ihr ertheilt. 
Die hierbei der Welle ertheilte motorische Kraft kann durch Riemen- 
übertragung 0. dgl. nutzbar gemacht werden. 

4) Eine Dynamomaschine ohne Magnetkern ist von L'ppenborn und 
später von Prof. Forbes angeregt (vgl. Centralblatt für Elektrotechnik^ 
Bd. 8 S. 794: Bd. 9 S. 305) und von R. Eickemeyer in New York zuerst 
ausgeführt worden. Fig. 7 ist eine Längenansicht nach Fortnahme der 
einen Eisendecke, Fig. 8 und 9 sind Querschnitte derselben. Der Anker 
liegt innerhalb der Magnetisirungsspulen, die durch die Seitentheile oder 
den Mantel zusammen gehalten werden, welcher den Anker möglichst 
dicht umschliefst und nur die eisernen Verbindungsstücke der Magnet- 
kerne anderer Maschinen ersetzt. Die Vortheile dieser Anordnung sind 
folgende. Die Magnetisirung des Ankers erfolgt unmittelbar durch die 
umgebenden Drahtwinduugen; die Kraftlinien nehmen daher ihren An- 
fang im Eisenkerne des Ankers, und es wird in Folge dessen nahezu 
der ganze Magnetismus, bis auf einen ganz geringen, kaum nachweis- 
baren Theil, nutzbar gemacht. Wird der Eisenumhüllung überall ge- 
nügender Querschnitt gegeben, so können in der Aufsenseite keine 
Kraftlinien auftreten, und überdies würden sie, wenn sie überhaupt auf- 
treten wüi'den, nicht als eigentlicher Verlust an Magnetismus betrachtet 
werden können, da sie den Eisenkern des Ankers bereits durchlaufen 
haben. 

Der Anker Fig. 10 ähnelt in seiner Wickelung dem schon früher 
von /?. Alioth und Comp, in Basel ("D. R. P. Kl. 21 Nr. 34783 vom 
17. März 1885; vgl. 1887 265 "• 436) benutzten. Bei der in Fig. 7 ab- 
gebildeten Maschine hat der Anker 44 Abtheilungen, jede mit vier Win- 
dungen; die Abtheilungen haben die in Fig. 11 dargestellte Form und 
werden auf entsprechenden Holzrahmen vorher gewickelt, alsdann mit 
Schellackfirnifs gut getränkt und nachdem sie getrocknet sind, mit 
Seidenband zusammen gehalten, worauf sie nach nochmaligem Firnissen 
und Trocknen auf dem cylindrischen Ankerkern befestigt und durch 
Bänder zusammengehalten werden. Durch diese Anordnung wird der 
Anker in allen Abtheilungen vollkommen gleichwerthig, alle Windungen 
jeder Abtheilung und die Abtheilungen selbst sind parallel, und da sie 
sich auf den Stirnflächen des Ankerkernes nicht über einander legen, 
so wird weniger Raum beansprucht, auch ist die Gefahr des Durch- 
schlagens geringer als bei anderen Wickelungsmethoden; endlich ist 
auch die Herstellung der Wickelung einfach. — Nach angestellten Ver- 
suchen ist die Materialausnutzung bei dieser Maschine sehr günstig; 
auch soll die Maschine nur sehr geringe Funkenbildung zeigen. {^Central- 
blatt für Elektrotechnik, 1888 "S. 477; vgl. auch -'8.681.) 



292 Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 

5) ^'icola Tesifi hat iu einem vor einiger Zeit in dem American 
Institute of Electrical Eugineers (vgl. Transactiuns of the Institute^ Bd. 5 
* S. 308 und 325) gehaltenen Vortrage einen neuen Motor angegeben, 
welcher mit Wechselströmen arbeitet und auf der elektrodynamischen 
Wirkuno- beruht, welche zwei mit ihren Achsen rechtwinklig zu ein- 
ander gestellte, von Wechselströmen durchlaufene Spulen auf das mag- 
netische Feld ausüben. Mittels solcher Motoren will Tesla die Wechsel- 
ströme zur Vertheilung von Elektricität und zur Kraftübertragung nutzbar 
machen. 

In den Dynamomaschinen werden Wechselströme erzeugt und mit 
Hilfe des Commutators, der eine wesentliche Veranlassung für häutige 
Betriebsstörung ist, in Gleichstrom umgewandelt. Dieser Gleichstrom 
kann nicht unmittelbar im Motor Verwendung finden, sondern er mufs 
wieder mit Hilfe eines ähnlichen Mittels in seinen ursprünglichen Wechsel- 
strom-Zustand zurückgeführt werden. Die Thätigkeit des Commutators 
ist daher nur eine rein äufserliche, die innere Arbeit der Maschine iu 
keiner Weise beeinflussende, und während hiernach alle Maschinen 
thatsächlich Wechselstrommaschinen sind, erscheint der Gleichstrom nur 
im äufseren Stromkreise, auf seinem Wege vom Stromerzeuger zum 
Motor. In Hinblick auf diese Thatsache empfehlen sich die Wechsel- 
ströme als eine mehr unmittelbare Anwendung der elektrischen Arbeits- 
kraft, während die Anwendung von Gleichstrom nur dann gerechtfertigt 
erscheinen würde, wenn die Dynamomaschine denselben unmittelbar 
erzeugt, und wenn der Motor unmittelbar durch ihn betrieben werden 
könnte. 

Die Thätigkeit des Commutators an einem Motor beschränkt sich 
aber nicht blofs auf die soeben besprochene Umkehrung der Ströme, 
sondern er veranlafst auch eine selbsthätige, fortschreitende Verschie- 
bung der Pole in dem einen der magnetischen Glieder des Motors. 
Könnte man also die Umwandlung der Wechselströme des Stromerzeugers 
und ebenso die Rückverwandelung des Gleichstromes im Motor um- 
gehen, so würde, um eine Drehung des Motors zu veranlassen, noch 
immer die fortschreitende Verschiebung der Pole eines seiner magneti- 
schen Glieder nothwendig sein. 

Um diesen Zweck durch die unmittelbare Wirkung der Wechsel- 
ströme zu erreichen, verwendete Tesla bei seinen ersten Versuchen 
einen Trommelanker, der mit zwei rechtwinklig zu einander liegenden 
Spulen {€ C und 6', 6'i) versehen war, deren Enden in der gewöhnlichen 
Weise mit zwei Paaren isolirter Contactringe verbunden wurden. Ein 
aus dünnen, gegen einander isolirten Eisenblechen hergestellter Ring 
wurde ferner mit vier S])ulen f,,c.2, C3 und c^ bewickelt, von denen je 
zwei einander gegenüberstehende so mit einander verbunden wurden, 
dafs sie freie Pole an einander gerade entgegengesetzten Stellen des 
Ringes erzeugten. Die übrig bleibenden freien Enden der Spulen wurden 



Neuerungen an Elektromotoren (^Dynamomaschinen). 293 

mit den Contactringeu des Ankers im Stromerzeuger verbunden, so 
dafs zwei unabhängige Stromkreise entstanden, wie in Fig. 12 ange- 
deutet ist. 

Da das magnetische Feld des Erzeugers unabhängig erregt wird, 
so erregt die Umdrehung des Ankers in den Spulen 6" C Ströme, die in 
bekannter Weise in Stärke und Richtung wechseln. Während bei der 
in Fig. 13 abgebildeten Stellung der Strom in den Spulen C C Null ist, 
besitzt der in den Spulen 6\ 6'i seine gröfste Stärke, die Verbindungen 
aber sind so gewählt, dafs der Ring durch die Wirkung der Spulen 6\ C^ 
so mao-netisirt wird, wie es die Buchstaben iV und S in Fig. 13 an- 
deuten ; die magnetisirende Wirkung der Spulen Cj, Co ist gleich Null, 
da diese Rollen in dem Stromkreise der Spule C liegen. 

Ist die Drehung der Ankerspulen um \ Umdrehung in der Pfeil- 
richtuuü weiter fortgeschritten (Fig. 14), so erzeugt die Spule Cj einen 
Strom von der nämlichen Richtung, jedoch schwächer wie vorher, 
welcher die Pole «j, Sj auf dem Ringe hervorruft; die Spule C da- 
o-eaen «ibt ebenfalls einen Strom von derselben Richtung und erregt die 
Pole n, s auf dem Ringe; hieraus ergibt sich dann für letzteren die 
Polarität N S, welche um ^^ Umdrehung in der Pfeilrichtung gegen die 
in Fig. 18 vorhandene Lage IS S vorgeschritten ist. 

Bei vollendeter Vierteldrehung des Ankers hat die Spule C ihren 
stärksten Strom, Cj dagegen befindet sich in ihrer neutralen Stellung 
und ist stromlos; die Polarität N S des Ringes stimmt daher jetzt mit 
HS in Fig. 14 überein, ist also nunmehr ebenfalls um 1/4 Umdrehung 
gegen Fig. 13 fortgeschritten. Bei vollendeter Halbdrehung des Ankers 
ist der Strom in C Null, dagegen in C^ am stärksten ; die Polarität des 
Ringes rührt von C^ allein her und ist jetzt gerade entgegengesetzt zu 
Fig.'' 13. 

Bei der folgenden halben Umdrehung des Ankers wiederholen sich 
dieselben Erscheinungen wie vorher, jedoch unter entgegengesetzter Lage 
der Pole S und N. 

Während einer ganzen Umdrehung des Ankers durchlaufen also die 
Pole des Ringes den ganzen Kreisumfang, und da jede Umdrehung das 
nämliche Spiel erzeugt, so entsteht ein schneller Wirbel der Pole. 
Werden die Verbindungen bei einem der Stromkreise des Ringes um- 
gekehrt, so drehen sich seine Pole im entgegengesetzten Sinne. 

Diese Drehung der Pole läfst sich auf verschiedene Arten beweisen. 
Wird z. B. eine, auf einem Zapfen leicht drehbare Stahlscheibe in die 
Nähe des Ringes gebracht, so wird dieselbe in schnelle Umdrehung ver- 
setzt, deren Richtung mit der Stellung der Scheibe wechselt, und zwar 
ist, falls die Scheibe sich innerhalb des Ringes befindet, ihre Um- 
drehungsrichtung entgegengesetzt zu der, welche sie aufserhalb des 
Ringes annimmt (vgl. Fig. 12); dagegen bleibt sie in Ruhe, sobald sie 
in eine, zum Ringe symmetrische Stellung gebracht wird. Diese Er- 



294 Neuerungen an Elektromotoren (Djnaraoraaschinen). 

scheinungen erklären sich durch folgendes: Sobald sich ein Pol nähert, 
erzeugt er in dem nächstgelegenen Punkte der Scheibe einen entgegen- 
gesetzten Pol, so dafs dieser Punkt der Scheibe angezogen wird. Da 
sich nun der Pol des Ringes von der Scheibe entfernt, so wird eine 
tangentiale Wirkung auf dieselbe ausgeübt, die sich fortwährend wieder- 
holt, so dafs eine Drehung der Scheibe eintritt. Ist aber die Scheibe 
symmetrisch zum Ringe angeordnet, so sind solche Tangentialkräfte auf 
beiden Seiten der Scheiben thätig und heben sich auf, so dafs dieselbe 
in Ruhe verbleibt. Die Wirkung wird durch die magnetische Trägheit 
der Scheibe bedingt, daher ist eine Scheibe aus gehärtetem Stahle vor- 
zuziehen. Mit einer solchen Scheibe kann man allen Uiiregelmäfsig- 
keiten in der Wirkung nachspüren. Hält man Eisenfeilspäne auf einem 
Papiere aufsen nahe an den Ring, so gerathen sie in schwingende Be- 
wegung und bleiben an der Stelle, wenngleich man das Papier vor und 
zurück bewegt; hebt man das Papier in eine gewisse Höhe, so werden 
sie weggeworfen, stets in einer der Drehung der Pole entgegengesetzten 
Richtung. Legt man das Papier flach auf den Ring und gibt plötzlich 
Strom, so sieht man den magnetischen Wirbel ganz leicht. 

Die Drehung der Pole erzeugt natürlich entsprechende Inductions- 
wirkungen und kann zur Erzeugung von Strömen in einem geschlossenen 
Leiter nutzbar gemacht werden, welcher sich innerhalb des Wirkungs- 
kreises der Pole befindet. Hierzu ist es zweckmäfsig, den Ring mit 
zwei über einander gelegten Spulen zu bewickeln, von denen die eine 
den primären, die andere den secundären Stromkreis bildet, wie in 
Fig. 15 angedeutet ist. Der magnetische Kreis mufs, um die beste 
ökonomische Wirkung zu erzielen, geschlossen sein. 

Die auf die secundären Spulen ausgeübte Inductionswirkung wird 
liauptsächlich eine Folge der Verschiebung oder Bewegung der mag- 
netischen Thätigkeit sein; doch werden in den Stromkreisen auch Ströme 
in Folge der Veränderung in der Stärke der Pole erzeugt werden. 
Letztere Wirkung kann jedoch durch geeignete Anordnung des Strom- 
erzeugers und durch geeignete Bestimmung der magnetisirenden Wir- 
kung der primären Spulen beseitigt werden. Wird die Stärke der 
Pole unveränderlich erhalten, so wird die Wirkung des Apparates eine 
vollkommene sein, und es wird sich damit dasselbe leisten lassen, als 
wenn die Polverschiebung mit Hilfe eines Commutators mit unendlich 
vielen Abtheilungen oder Streifen bewirkt wurde. 

Die Anwendung dieser Grundsätze hat zum Baue zweier Grund- 
formen von Motoren geführt. Die eine derselben hat eine verhältnifs- 
mäfsig geringe Drehwirkung bei der Ingangsetzung, arbeitet aber mit 
vollkommen gleichbleibender Geschwindigkeit bei allen Belastungen 
und wird „synchron*' genannt. Die zweite Gattung hat eine starke 
Drehkraft beim Angehen und ist in ihrer Geschwindigkeit abhängig von 
der Belastung;. Diese Motoren können auf drei verschiedene Weisen 



Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 295 

betrieben werden: 1) durch die Wechselströme der Quelle allein, 
2) durch die vereinigte Wirkung dieser Ströme und inducirter Ströme, 
S) durch vereinigte Wirkung von Wechselströmen und Gleichstrom. 

Die einfachste Form des synchronen Motors ist in Fig. 12 dar- 
sestellt und besteht in einem, aus dünnen Platten hersestellten, mit 
polartigen Hervorragungen versehenen Ring, der mit vier in der vorher 
beschriebenen Art verbundenen Spulen bewickelt ist. Eine eiserne, 
runde Scheibe, von der auf zwei gegenüberstehenden Seiten ein Stück weg- 
geschnitten ist, dient als Anker; sie kann sich innerhalb des Ringes 
möglichst dicht an dessen Polen drehen. Diese Scheibe wird in Folge 
des Bestrebens, sich immer in die Stellung zu bringen, in welcher sie 
die gröfste Zahl der Kraftlinien fassen kann, der fortwährend sich ver- 
schiebenden Polarität unmittelbar folgen und wird dabei synchron mit 
dem Anker des Stromerzeugers bleiben. In der Anordnung nach Big. 12 
gibt der Anker bei jeder Umdrehung zwei Stromwechsel in jedem 
Stromkreise. Würde der Anker bei jeder Umdrehung eine gröfsere 
Zahl von Strömen liefern, so würde die Geschwindigkeit des Motors 
entsprechend zunehmen. Da die auf die Scheibe ausgeübte Anziehung 
dann am gröfsteu ist, wenn sich die Scheibe in nächster Nähe der Pole 
befindet, so wird ein solcher Motor bei allen Belastungen innerhalb der 
Grenzen seiner Leistungsfähigkeit immer dieselbe Geschwindigkeit bei- 
behalten. 

Um das Angehen des Motors zu erleichtern, kann die Scheibe 
mit einer in sich selbst geschlossenen Spule versehen werden. Die 
in der Spule beim Anlassen erzeugten Ströme erregen zunächst die 
Scheibe sehr kräftig, so dafs die vom Ringe auf sie ausgeübte Anziehung 
verstärkt wird, und da in dieser Spule so lange Ströme erregt werden, 
als die Geschwindigkeit des Ankers noch geringer ist als die der Pole, 
so kann ein solcher Motor eine beträchtliche Leistung geben, auch wenn 
die Geschwindigkeit unter der normalen ist. Da die Polstärke sich nicht 
ändert, so werden in der Spule keine Ströme mehr erzeugt, wenn der 
Motor mit normaler Geschwindigkeit läuft. 

Anstatt die Spule in sich selbst zu schliefsen, können ihre Enden 
auch mit zwei isolirten Schleifringen verbunden werden, denen ein Gleich- 
strom von einem passenden Erzeuger zugeführt wird. Die zweck- 
mäfsigste Art, einen solchen Motor anzulassen, besteht darin, dafs man 
zunächst die Spule in sich schliefst, und zwar so lange, bis die normale 
Geschwindigkeit ganz oder nahezu ganz erreicht ist, worauf der Gleich- 
strom zugeführt wird. Die Scheibe darf, wenn der Motor überhaupt 
angehen soll, durch den Gleichstrom nur so weit erregt werden, dafs 
die magnetisirende Wirkung des Ringes noch überwiegt. Die Drehung 
eines solchen Motors kann nicht durch Umkehrung des durch die Spule 
gesendeten Gleichstromes umgekehrt werden. 

Der Synchronismus solcher Motoren kann am besten durch folgenden 



296 Neuerungen an Elektronaotoreii (Dynamomaschinen), 

Versuch bewiesen werden. Bei einem Motor mit feststehendem Feld- 
magnete, zwischen welchen sich der Anker dreht, wie in Fig. 16, wird 
durch die Verschiebung der Pole des Ankers eine Drehung des letzteren 
im entgegengesetzten Sinne hervorgebracht; hieraus folgt, dafs, wenn 
die normale Geschwindigkeit erreicht ist, die Ankerpole eine feste Stel- 
lung gegen den Feldmagnet einnehmen werden, wobei letzterer durch 
Induction magnetisirt wird, mit einem bestimmten Pole an jedem Pol- 
stücke. V^ird dem Feldmagnete beim Angehen des Motors ein Stück 
weichen Eisens genähert, so wird es in Folge der Umkehrungen in der 
Polarität des Magnetes mit schnellei', schwingender Bewegung angezogen, 
die Schwingungen werden aber mit zunehmender Geschwindigkeit des 
Motors allmählich seltener, bis sie zuletzt ganz aufhören. Dann wird 
das Eisen zwar schwach, aber gleichmäfsig angezogen, und beweist, 
dafs der Synchronismus erreicht und der Magnet durch Induction er- 
regt ist. — Ebenso wird sich die Scheibe, wenn sie dicht an den Anker 
gehalten wird, so lange drehen, als die Geschwindigkeit der Drehung 
der Pole diejenige des Ankers übersteigt; ist aber die normale Ge- 
schwindigkeit erreicht, so steht die Scheibe still, weil sie dauernd an- 
gezogen wird. 

In synchronen Motoren ist es wüuschenswerth, die Menge des ver- 
schiebenden Magnetismus unveränderlich zu erhalten, besonders wenn 
die Magnete nicht mit entsprechenden Unterabtheilungen versehen sind. 
Um eine Drehwirkung in diesen Motoren zu erlangen, mufste die Anord- 
nung so getroffen werden, dafs, während die Pole des einen Gliedes des 
Motors durch die Wechselströme der Quelle verschoben werden, die auf 
dem anderen Gliede desselben erzeugten Pole stets in demselben Verhält- 
nisse zu den ersteren verbleiben, ohne Rücksicht auf die Geschwindig- 
keit des Motors. 

Dies ist der Fall bei einem Gleichstrommotor; bei einem synchronen 
Motor, wie der beschriebene, ist diese Bedingung dagegen nur erfüllt, 
wenn die Geschwindigkeit die normale ist. 

Der Zweck ist durch Anbringung eines entsprechend abgetheilten 
cylindrischen Eisenkernes innerhalb des Ringes erreicht worden, der 
mit mehreren in sich selbst geschlossenen Spulen bewickelt ist. Ob- 
wohl zwei rechtwinklig zu einander gestellte Spulen wie in Fig. 17 ge- 
nügen, ist es doch vortheilhafter, mehrere anzuwenden. In Folge dieser 
Anordnung werden, sobald die Pole des Ringes verschoben werden, in 
den geschlossenen Ankerspulen Ströme erzeugt, die an oder nahe bei 
den Punkten der gröfsten Dichte der Kraftlinien am stärksten sind und 
Pole auf dem Anker erzeugen, die — wenigstens theoretisch — recht- 
winklig zu denen des Ringes liegen. Da nun diese Wirkung, so weit 
die Stellung der Pole in Betracht kommt, vollständig unabliäniiig von 
der Geschwindigkeit ist, so wird ein beständiger Antrieb auf den Um- 
fang des Ankers ausgeübt. In mancher Beziehung ähneln diese Motoren 



Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 297 

den Gleichstrommotoren. Wird die Belastung vermehrt, so vermindert 
sieh die Geschwindigkeit und auch der Widerstand des Motors und es 
geht mehr Strom durch die erregenden Spulen, vv'odurch der Trieb ver- 
gröfsert wird. Wird die Belastung weggenommen, so wächst die elektro- 
motorische Gegenkraft und es geht weniger Strom durch die primären 
oder erregenden Spulen. Ohne jede Ladung ist die Geschwindigkeit 
derjenigen der verschiebenden Pole des Feldmagnetes nahezu gleich. 

Eine besonders bezeichnende Eigenschaft derartiger Motoren ist die 
Leichtigkeit, mit welcher ihre Bewegung umgekehrt werden kann. Es 
ist dies eine Folge ihrer eigenthümlichen Wirkung. Angenommen, der 
Anker sei in Bewegung und es werde die Drehungsrichtung der Pole 
umgekehrt: Der Apparat stellt alsdann eine Dynamo dar, in welcher 
die zu ihrem Betriebe nöthige Kraft das im Anker aufgespeicherte 
Moment ist und deren Geschwindigkeit die Summe der Geschwindig- 
keit des Ankers und der der Pole darstellt. 

Da nun die Kraft zur Bewegung einer solchen Dynamo nahezu 
proportional der dritten Potenz der Geschwindigkeit sein würde, würde 
schon aus diesem Grunde die Ankerbeweguug schnell umkehren. Aber 
gleichzeitig mit der Umkehruug tritt noch ein anderes Element in Thätig- 
keit; sobald nämlich die Bewegungsrichtung der Pole gegen die des 
Ankers umgekehrt wird, wirkt der Motor als ein Stromumsetzer (Trans- 
formator), in welchem der Widerstand des secundären Stromkreises 
ganz aufserordentlich vermindert wird durch Erzeugung einer zusätz- 
liehen elektromotorischen Kraft in diesem Stromkreise. Die Umkehrung 
erfolgt aus diesem Grunde augenblicklich. 

Will man unveränderliche Geschwindigkeit und zugleich eine ge- 
wisse Drehwirkung beim Angehen sichern, so erreicht man dies unter 
anderem dadurch, dafs man zwei Anker, einen für Drehung und den 
anderen für Synchronismus, auf derselben Achse befestigt und dem einen 
oder dem anderen das Uebergewicht gibt. Oder es kann ein Anker 
für Dreh Wirkung bewickelt, ihm aber eine gröfsere oder kleinere Nei- 
gung zum Synchronismus durch die besondere Einrichtung des Eisen- 
kernes gegeben werden. 

Die erforderlichen Stromphasen in den beiden Stromkreisen kann 
man — allerdings umständlicher — auch anders als durch zwei recht- 
winklig zu einander gestellte Spulen erlangen. Jede der gegen- 
wärtig gebräuchlichen Dynamo kann leicht für diesen Zweck geschickt 
gemacht werden, indem man Verbindungen nach geeigneten Punkten 
der erzeugenden Spulen herstellt. In Ankern mit geschlossenem Strom- 
kreise, wie sie bei Gleichstrommaschinen üblich sind, wird dies am 
besten erreicht, wenn man vier Abzweigungen von ebenso viel gleich- 
weit entfernten Punkten oder Streifen des Commutators macht und jede 
Ableitung mit einem isolirten Schleifringe auf der Welle verbindet. Es 
ist dann jeder der Motorstromkreise mit zwei einander genau gegen- 



298 Neuerungen au Elektromotoren (Dynamomaschinen). 

überliegenden Streifen des Commutators verbunden. Bei einer solchen 
Anordnung kann der Motor auch mit halbem Potential arbeiten und in 
Dreidrahtleitungen, wenn man die Motorstromkreise in richtiger Ord- 
nung mit dreien der Contactringe verbindet. 

Mehrpolige Maschinen werden für den gedachten Zweck geeignet 
gemacht, wenn man auf dem Anker zwei Reihen von Spulen so wickelt, 
dafs die eine Reihe derselben den stärksten Strom erzeugt, wenn die 
andere genau oder nahezu in ihrer neutralen Stellung ist, wobei beide 
Spulenreihen gleichzeitig oder nach einander der inducireuden Wirkung 
der Feldmagnete ausgesetzt sind. 

Im Allgemeinen werden die Stromkreise im Motor ähnlich ange- 
ordnet. Am einfachsten und zweckmäfsigsten ist es aber, primäre Strom- 
kreise auf feststehenden Theilen des Motors anzuordnen und dabei Schleif- 
contacte zu vermeiden. Die Magnetspulen werden dann abwechselnd 
zu den beiden Stromkreisen verbunden, also die Nummern 1, 3, 5 u. s. w. 
zu dem einen, 2, 4, 6 u. s. w. zu dem anderen. Die Spulen derselben 
Reihe werden entweder alle in derselben Weise, oder abwechselnd in 
entgegengesetztem Sinne verbunden; im letzteren Falle wird ein Motor 
mit der halben Polzahl erhalten. 

Die Anwendung mehrpoliger Motoren bietet bei einer derartigen 
Einrichtung der Maschinen den bei dem Gleichstrombetriebe nicht er- 
reichbaren Vortheil, dafs der Motor genau mit der vorher bestimmten 
Geschwindigkeit läuft, unbeeinflufst von Unvollkommenheiten der Aus- 
führung, von der Belastung und innerhalb bestimmter Grenzen auch un- 
beeinflufst von der elektromotorischen Kraft und der Stromstärke. 

Für eine Anlage zur allgemeinen Vertheilung des Stromes empfiehlt 
Tesla folgenden Plan zu Grunde zu legen. In der Centralstation ist ein 
Stromerzeuger mit einer beträchtlichen Anzahl von Polen zu verwenden. 
Die von demselben getriebenen Motoren sollen „synchrone" sein, aber 
genügende Drehwirkung beim Angeheu besitzen. Unter Beobachtung 
bestimmter Bauregeln mag die Geschwindigkeit jedes Motors nahezu im 
umgekehrten Verhältnisse zu seiner Gröfse stehen, und die Polzahl soll 
dementsprechend gewählt werden. Nur bei ausnahmsweisen Anforde- 
rungen soll man von dieser Regel abgehen. Mit Rücksicht hierauf ist 
es vortheilhaft, jeden Motor mit einer gröfseren Zahl von Polvorsprüngen 
oder Spulen zu versehen; deren Zahl soll vorzugsweise ein Vielfaches 
von 2 oder 3 sein. Durch einfache Veränderung der Verbindung der 
Spulen kann man dann den Motor für verschiedene Anforderungen 
zweckentsj)rechend machen. 

In den jetzt gebräuchlichen Stromumsetzern (Transformatoren) 
werden die Ströme im secundären Stromkreise durch Veränderung der 
Stärke der primären oder erregenden Ströme erzeugt. Findet hier eine 
Proportionalität zum Eisenkerne statt, so wird die auf die secuudäre 
Spule ausgeübte Inductionswirkung proportional sein der Summe der 



Neuer Uligen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 



299 



in der Zeiteinheit stattfindenden Stärkenäuderungen in dem erzeugenden 
Strome. Hieraus folgt, dafs für eine gegebene Aenderung die Verlänge- 
rung des primären Stromes einen entsprechenden Verlust zur Folge 
haben wird. Um schnelle Veränderungen in der Stromstärke, wie sie 
für wirksame Induction erforderlich sind^ zu erhalten, mufs eine grofse 
Zahl von Schwingungen angewendet wei'den. Hierdurch werden aber 
die Kosten erhöht, und die Nutzwirkung des Erzeugers wird verringert; 
es wird mehr Arbeitskraft durch Erhitzung des Kernes verloren und die 
Leistung des Umsetzers verriugei-t, weil der Kern, in Folge der zu 
schnellen Umkehrungen, nicht vollständig nutzbar gemacht wird. Durch 
Anwendung von Teslas Verschiebung der Pole in einem Umsetzer 
werden diese Nachtheile vermieden. 

In Fig. 18 ist nach Power-Steam vom Mai 1889 "• S. 10 ein Wechsel- 
strommotor von Tesla ohne Commutator abgebildet. Er enthält eine 
Reihe von Feldmagneten 
mit zwei Gruppen von 
Spulen, deren Enden an 
zwei Klemmschrauben 
geführt sind, in denen 
der Betriebsstrom zuge- 
führt wird. Letzterer 
wird der gewöhnlichen 
Beleuchtungsanlage ent- 
nommen, aber unter An- 
wendung einer Rücklei- 
tung, welche es möglich 
macht, dafs gleichzeitig 
zwei Wechselströme 
durch das Feld geleitet 
werden. Der Anker ähnelt dem gewöhnlichen Siemens- Trommelanker 
ohne Commutator, seine Wickelung ist aber einfacher, besteht aus nur 
wenigen Windungen verhältnifsmäfsig dünnen Drahtes und ist in sich 
geschlossen. Dieser Motor ist gedrängter als ein mit unmittelbarem Strome 
arbeitender Motor und leichter im Vergleiche zu der gelieferten Kraft. 

6) Die Schmjler-Compamj (vgl. 1884 254 "'■ 471) gibt dem Anker 
(Fig. 19), welcher die Trommelform hat und aus Ringen von Eisenblech 
zusammengesetzt ist, vier Spulen, die durch Holzstreifen von einander 
getrennt sind. Der Anker ist zwecks guter Ventilation an den Enden 
oiYen. Jede Spule besteht aus zwei einander im Durchmesser gegen- 
über liegenden Wickelungen, deren innere Enden verbunden sind, um 
die richtige Stromrichtung zu sichern. Hierdurch bleiben die beiden 
Enden an der Aufsenseite frei, und es ist nicht nöthig die ganze Spule 
zu erneuern, falls das innere Ende bricht. Bei dieser Art der Verbin- 
dung und unter Benutzung eines Commutators geht der Strom beständig 




300 Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 

in Parallelschaltung durcli zwei Spulen und durch eine Spule in Hinter- 
einanderschaltung, während die vierte zwischen den Bürsten ausgeschaltet 
ist. Man hat noch den Vortheil, dafs, falls eine Spule beschädigt wird, 
die Verbindung mit ihrer Naclibarin aufgehoben werden und die Maschine 
nnit geringerer Bela.^tung weiter arbeiten kann. Die Enden der Spulen 
sind mit einem isolirten Ringe verbunden, von welchem parallel zur 
Welle liegende Drähte nach dem Commutator geführt sind. {Etcclrical 
World durch Electricol Engineer vom 19. Oktober 1888 * S. 329.) 

7) Nach dem von G. E. ( (thnnvUaa in Nanteuil-le-Haudoie, Frank- 
reich (*D. K. P. Nr. 43910 vom 25. Februar 1886) gemachten Vorschlage 
werden die homologen Spulen, d. h. die in gleicher Weise inducirten 
Spulen einer Dynamo mit Ringanker und mehr als zwei Polen in fol- 
gender Weise geschaltet. Zunächst werden so viel Gruppen angeordnet, 
als Polpaare vorhanden sind, wobei die einzelnen Spulen der Gruppen 
hinter einander geschaltet sind; ebenso werden auch die Gruppen selbst 
hinter einander geschaltet. Liegen bei einem Felde mit erregenden viei' 
Polpaaren auf dem Anker im Kreise herum auf einander folgend die 

Spulen 7 ', ^1 S^, 'l\ t^ 8'^, 'l\ "2'i <S'3, 1\2^ 8\ so 

sind z. B. die Spulen 7\ 7\ 7\ 7^ und die Spulen 8\ 8\ 8% 8^ in Hinter- 
einanderschaltung zu je einer Gruppe vereinigt, während durch die Ver- 
bindung von 7^ mit S' die Gruppen hinter einander geschaltet werden. 
Auf dem Stromsammler sind ebenso viel Streifen als Spulen angebracht, 
welche in gleicher Weise wie letztere eingetheilt und geschaltet sind, 
also /i, /2, /3^ '/J und 8\ S'^ 8'\ 8^ unter einander. Durch diese Schal- 
tung wird erreicht, dafs nur je eine Spule jeder Grupj)e mit je einem 
Streifen des Stromsammlers verbunden zu werden braucht, während 
zwischen den anderen Spulen und Streifen keine Verbindung erforder- 
lich ist. 

Diese Schaltung kann mit einigen Abänderungen auch auf Trommel- 
ankern angewendet werden. 

8) Henrion's Dynamo xind liegulatoren. Zur Beleuchtung der jetzigen 
Pariser Ausstellung (vgl. 1889 273 239) hat die von Krizih (jetzt in 
Prag) angegebene sogen. Pilsen-Lampe (vgl. 1882 243 428. 1884 251 
* 68) in einer grofsen Zahl (etwa 160) Verwendung gefunden. In der 
Maschinenhalle sind im Schiffe vier solcher Lampen zu 24 Ampere, 
sechs zu 8 Ampere in der unteren und zwei in den oberen Gallerien ; 
die vier ersteren und die vier Paare der letzteren sind parallel geschaltet, 
wobei jedem Paare etwas mehr als 2 Ohm und jeder grofsen Lampe 
5 Ohm Widerstand zugeschaltet sind. Als Motor dient eine 24pferdige 
dopi)elcjlindrige Lenoir-Gasmaschine, die 150 Umdrehungen macht und 
die Dynamo mit 680 Umdrehungen mittels Riemen treibt; letztere liefert 
150 Ampere bei 110 Volt und wiegt im Ganzen 16801^. Diese Lam])e 
wird für Frankreich von Fabiiis Umrion und Comp, in Nancy geliefert. 
Die von derselben Fabrik gebaute, in Fig. 20 abgebildete Dynamo er- 



Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 



301 



zeugt den Strom für die Pilsen-Lampen in der Maschinenhalle; sie ist 
(nach dem Engineer vom 21. Mai 1889 * S. 457) eine Vierpolmaschine 
mit gemischter ^Yickelung und besitzt einen Gramme s^ahen Scheiben- 

Fig. 20. 




anker. Fufsplatte, Feldelektromagnetträger und Lager sind in einem 
Stücke gegossen. Der Anker, welcher auf einen weichen Eisendraht- 
kern gewickelt ist, ist an einer Kupferscheibe befestigt, deren Rand so 
gebogen ist, dafs er den inneren Rand der Spule umfafst. Letztere ist 
dann centrirt und wird durch Kupferarme in ihrer Stellung erhalten, 
die an einem Ende an die Scheibe angenietet sind. Die Verbindung 
der sich im Durchmesser gegenüber liegenden Spulen, Avelche in einer 
Vierpolmaschine beständig das nämliche elektrische Potential besitzen, 
ist in gewöhnlicher Weise durch eine Reihe von Messingringen her- 
gestellt, welche gegen einander isolirt sind und neben einander längs 
der Welle zwischen Anker und Commutator angebracht sind: jeder 
Ring bildet eine obere und untere Verbindung zu einem Paare gegen- 
überliegender Spulen. Diese Ringe nehmen eine nahezu der Länge der 
Feldmagnete gleiche Länge des Schaftes ein, so dafs der Commutator 
und die Bürsten ganz frei liegen. Es sind blofs zwei Gruppen von 
Bürsten vorhanden; diese stehen um 90^ von einander ab und lassen 
sich mit einander auf einem beweglichen Rahmen drehen. Jede Gruppe 
enthält zwei Bürsten und jede derselben kann unabhängig von der anderen 
auf den richtigen Druck eingestellt werden. Nachdem die Bürste li 
(Fig. 21) in den Halter eingesteckt und in ihm durch die Schraube N 
festgemacht ist, kann sie durch Bewegung des Handgriffes H gegen die 
F'eder S von dem Commutator C entfernt werden oder auf ihn aufgelegt. 



302 Neuerungen an Elektromotoren (Dynamomaschinen). 

unter entsprecheoder Regulirung des Druckes; in der ihr ertheilten 
Stellung wird dann die Bürste durch Einschrauben des Handgriffes selbst 
festgemacht. 

Jede Dynamo mit guter gemischter Wickelung besitzt doch nur bei 
einer bestimmten Geschwindigkeit die richtige Wickelung. Daher wird 
bei Beleuchtung von Fabriken, wo die Maschine von der Fabriksmaschine 
oder Betriebswelle aus getrieben wird, eine weitere Kegulirung der Ge- 
schwindigkeit nöthig. Einen guten Regulator hat Henrion entworfen 
und schon bei vielen Anlagen mit Erfolg angewendet. Derselbe ist in 
Fig. 22 abgebildet; seine Aufgabe ist die selbsthätige Einschaltung von 
Widerständen in die Nebenschlafswindungen der Feldmagnete bei zu 
grofser Geschwindigkeit und umgekehrt. Durch Geschwindigkeitsände- 
rungen herbeigeführte Aenderungen in der Stärke des durch die Maschine 
in den Lampenstromkreis gelieferten Stromes werden also durch Wider- 
standsrollen von richtiger Gröfse ausgeglichen. In erster Linie wird 
auf mechanische Weise einem zwei Sperrkegel R tragenden Hebel eine 
hin und her gehende Bewegung ertheilt. In Fig. 22 geschieht dies 
durch einen Riemen, der von der Dynamowelle oder einer anderen 
Welle um die am unteren Ende sichtbare Rolle gelegt ist; in dieser 
Rolle ist in einiger Entfernung vom Mittelpunkte ein Stift angebracht, 
welcher in einen Schlitz im unteren Ende des Hebels hineinragt und 
somit den Hebel hin und her bewegt. Am oberen Ende des Hebels 
befindet sich der Zapfen für einen doppelten Sperrkegel, der sich frei 
um den Zapfen drehen kann und für gewöhnlich in seiner Gleich- 
gewichtslage erhalten wird. Auf derselben Achse mit dem Hebel, jedoch 
nicht drehbar mit demselben, sitzen zwei Sperrräder'-, die fest mit ein- 
ander und mit einem Contactarme C verbunden sind ; ihre Zähne sind 
aber entgegengesetzt geschnitten. Die Pole zweier über dem Doppel- 
sperrkegel liegenden Elektromagnete 5, S sind der Krümmung desselben 
entsprechend ausgenommen; geht ein Strom durch einen der Elektro- 
magnete, so zieht er den unter ihm liegenden Sperrkegel an sich heran 
und legt dadurch den anderen in die Zähne seines Sperrrades ein; bei 
der Drehung des Hebels wird daher das eine Sperrrad um einen Zahn 
fortgeschoben und der Umschalterarm C mitgenommen, also Widerstand 
ein- oder ausgeschaltet. Die beiden Klemmschrauben (4- und — ) der 
Maschine, deren Potential bei veränderlicher Geschwindigkeit unverändert 
erhalten werden soll, sind unmittelbar mit dem oben liegenden Solenoid A 
aus dünnem Drahte verbunden. Bei regelrechter Thätigkeit der Maschine 
wird der Eisenkern des Solenoids in einer bestimmten Lage in der 
Rolle A erhalten; wächst aber das Potential der Dynamo, so wird der 
Kern nach unten gezogen und schliefst so einen Stromweg nach dem 
linken Elektromagnete 5; nun ist aber der Kern selbst durch ein bieg- 



'^ In Fig. 22 ist nur das eine D gezeichnet. 



Neue Erscheinungen auf dem Gebiete des Rettungswesens. 303 

sames Glied mit dem einen Pole der Maschine verbunden, der andere 
Pol dagegen mit den inneren (unteren) Enden der Rollen S, S • daher 
geht bei der Zunahme des Potentials ein Strom durch den linken 
Elektromagnet S, zieht den linken Sperrkegel an, legt den rechten in 
sein Sperrrad und dreht den Contactarm C nach links, so dafs mehr 
Widerstand in den Nebenschlufsstromkreis der Feldmagnete eingeschaltet 
wird und dadurch das Potential wieder vermindert wird. Beim Fallen 
des Potentials geht der Kern an den oberen Contact hinauf, der rechte 
Elektromagnet S kommt zur Wirkung, C wird nach links bewegt und 
eine entsprechende Zahl von Widerstandsrollen ausgeschaltet. 

Eine gleiche Anordnung hat Henrion auch einem selbsthätigen 
Regulator der Bürstenstellung gegeben. Die Stellung der Bürsten auf 
dem Stromsammler (Commutator) hängt blofs von dem von der Dynamo 
gelieferten Strome ab: deshalb ist das in Fig. 23 oben sichtbare, die 
Regulirung vermittelnde Solenoid A aus dickem Drahte gewickelt und 
vom Hauptstrome durchlaufen. Der Kern dieses Solenoids spielt 
wieder zwischen einem oberen und einem unteren Contacte, welche 
genau wie in Fig. 22 mit zwei Solenoiden S aus feinem Drahte ver- 
bunden sind. Die beiden entgegengesetzt geschnittenen Reihen von 
Sperrradzähnen sind auf einem Yiertelkreisbogen angebracht und mit 
dem hin und her beweglichen Rahmen verbunden, der die Bürsten trägt: 
das Ganze wird selbsthätig vorwärts und rückwärts geschoben, wenn 
die Stromstärke zu- oder abnimmt. In diesem Regulator wird die 
schwingende Bewegung dem Hebel, welcher die beiden Sperrkegel 
trägt, durch das in Fig. 24 sichtbare grofse Zahnrad mitgetheilt. Ein 
an der Stirnfläche dieses Rades sitzender Stift wirkt in einem Schlitze 
des Hebels. Das grofse Zahnrad wird durch ein kleineres in Umdrehung 
versetzt, welches seinerseits durch eine in Fig. 24 nicht sichtbare, auf 
derselben Achse hinter dem Apparate sitzende Schnurscheibe getrieben 
wird. 



Neue Erscheimmgeii auf dem Gebiete des Rettungswesens. 

Mit Abbildungen auf Tafel 15. 

Von den Apparaten zur Rettung in Wassersgefahr erregt zunächst 
ein Geschofs zum Werfen von Rettungsleinen unser Interesse, welches 
unter Nr. 40063 Armand Eugene Marie du Bourblanc in Paris patentirt 
worden ist. Dasselbe wird durch ein Geschütz oder eine Handfeuer- 
waffe abgeschleudert, um einem in Gefahr gerathenen Schiflfe eine 
Rettungsleine zuzuführen. 

In der Zeichnung zeist Fis:. 1 einen Längsschnitt durch das Ge- 
schofs, Fig. 2 die Ansicht desselben im Laufe einer Handfeuerwaffe. 

Das Geschofs besteht aus dem Metallcylinder A. welcher der Länge 
nach durchbohrt ist. um die mit der Spiralfeder F umwickelte Stange BC 



304 Neue Erscheinungen auf dem Gebiete des Rettungswesens. 

aufzunehmen. Die Spiralfeder findet in der Erweiterung G des Cylinders 
Platz und legt sich gegen die durch die Schraube D gehaltene Scheibe E 
der Stange. Mit der Stange BC ist ein Ring I verbunden, in welchen 
die Oese J einer Stange H greift, an deren Querst tick L das Ende der 
Rettungsleine befestigt ist. 

Der Cjlinder A liat eine seitliche Rinne, in welche die Stange H 
gelegt wird, wenn das Geschofs in den Lauf des Geschützes oder Ge- 
wehrs eingeführt wird. 

Hat das Geschols den Lauf verlassen, so legt sich die Stange B 
nach hinten und zieht die Leine R nach sich. Die Feder F dient dem 
Zwecke, den harten Schlag beim Auffallen des Geschosses und eine 
Beschädigung des Schiffes u. s. w. zu vermeiden. Ein Geschofs, welches 
durch ein Geschütz geworfen wird, hat ein Gewicht von 4 bis 6^^ wäh- 
rend ein durch eine Handfeuerwaffe geschleudertes Geschofs nur etwa 
100 bis 200g wiegt. 

Eigenartig ist auch die F. W. Brewstcr in Westminster, England, 
unter Nr. 40175 patentirte Rettungsleiter für Schiffbrüchige construirt. — 
Die Seile i dieser Leiter sind durch die Schwimmkörper 2 schwimm- 
fähig gemacht. Letztere bestehen zweckmäfsig aus einer Hülle oder 
einem Sack 5 aus starkem Segeltuche oder dünnem Blech u. s. w. Sie 
können eine Ausfüllung 4 aus gebranntem Kork erhalten und werden 
in passenden Abständen von einander auf dem Seile / festgehalten, 
z. B. durch Knoten 5, welche in das Seil geschlagen sind und im In- 
neren der Schwimmkörper fest anliegen. Zwei oder mehr solcher 
schwimmfähig gemachten Seile sind durch Querseile oder Querverbin- 
dungen 6 aus Holz 0. dgl. derart mit einander verbunden, dafs eine 
Boje entsteht, an welcher schiffbrüchige Personen einen passenden Halt 
für ihre Rettung finden können. 

Zweckentsprechend dürfte sich auch das dem Engländer Robert Dawson 
Kay in Warrington unter Nr. 42 859 patentirt>e Ventil an Rettungsapparaten 
erweisen. In der Zeichnung Fig. 4 bis 9 ist dasselbe in der Anwendung 
für Rettungsapparate, die, um den Hals getragen und mit Luft gefüllt, 
die Gefahr des Ertrinkens beseitigen sollen, dargestellt, a ist ein ring- 
förmiger Luftbehälter aus wasserdichtem Zeuge, welcher mittels des 
elastischen Bandes g kragenartig am Halse gehalten wird. An a be- 
findet sich die Gummiröhre 6, welche an ihrem freien Ende von der 
Gummikappe c umschlossen wird. In c ist nun das Ventil d so ein- 
geschoben, dafs es einestheils, auf der Röhre b aufsitzend, sie zusammen- 
drückt, d. h. in unbenutztem Zustande letztere schliefst, und anderen- 
theils mit der Kajjpe c abschliefst. Das Ventil selbst besteht aus zwei 
an einem Stifte e beweglichen Theilen rf, und rfj, welche durch die 
auf e sitzende Feder f das Rohrende b geschlossen erhalten. Zum Auf- 
enthalt im Wasser setzt man den Apparat dadurch in Thätigkeit, dafs 
man cd mit dem Munde eriireift und zusammendrückt. Hierdurch wird 



Neue Erscheinungen auf dem Gebiete des Rettungswesens. 305 

das Rohr & geöffnet, und man kann den Luftbehälter a soweit aufblasen, dafs 
er seinen Zweck, als Träger im Wasser zu dienen, zu erfüllen vermag. 

Die Erfindung des Charles Joseph Pigeon und Louis Justin Tristan 
Lacroix in Paris — P. R. Nr. 44965 — betrifft eine für den Fall eines 
Schiffbruches zu benutzende Rettungsvorrichtung, welche für gewöhn- 
lich als Matratze für die Schiffsbetten dienen soll. Dieselbe besteht aus 
einer Anzahl geeigneter luftdicht geschlossener Cylinder A (Fig. 10, 11 
und 12). Letztere sind entweder aus einem mit einer Leinwandhülle 
umgebenen Kautschukrühre oder aus einer von zwei mit Kautschuk ge- 
tränkten Geweben eingeschlossenen Kautschukplatte hergestellt. Diese 
so gebildeten C^'linder werden neben einander durch Nähte vereinigt 
und aufserdem, falls die Vorrichtung als Matratze dienen soll, in einen 
gemeinsamen leinenen Ueberzug untergebracht. Um jeden der Cylinder 
nach Bedarf mit Luft o. dgl. anfüllen oder von dieser entleeren zu 
können, ist an dem einen Ende derselben ein Hahn C vorgesehen. 
Zwischen den beiden centralen Cylindern ist ein wasserdichter Sack E 
angebracht, welcher die Gestalt des unteren Theiles eines Nachens be- 
sitzt und in wasserdichter Weise mit zwei wasserdichten Beintheilen FF 
verbunden ist. Letztere endigen in Fufstheile, deren Sohle durch eine 
Bleiplatte beschwert wird. Beim Gebrauche als Rettungsmittel nimmt 
man, nachdem die mittleren Cylinder aus einander geschoben worden, 
in dem Sack und den Beintheilen Platz, schnallt einen an dem Sack 
vorgesehenen Riemen um den Leib, um das Eindringen des Wassers 
zu hindern, und legt um die Schultern ein Band J, welches gestattet, 
den Apparat bis zum Sturze in das Wasser leichter zu tragen. Die 
Bleiplatten bringen den Apparat immer in seine richtige Lage, so dafs 
der Obertheil und der Kopf des Schiffbrüchigen stets über Wasser bleiben. 
Die Rettungsmatratze ist an den Seiten mit Ringen oder Stricken K 
versehen, welche fest mit einem den ganzen Umfang des Röhrensystems 
schützenden Kabel J verbunden sind. Diese Ringe oder Stricke ge- 
statten, die Matratzen an einander zu koppeln, so dafs in letzterem 
Falle ein un versenkbares Flofs gebildet wird. 

Bei der durch die Fig. 13 und 14 gekennzeichneten Abänderung 
bestehen die mittleren Cylinder je aus drei kürzeren Cylindern LMiV, 
welche derartig angeordnet sind, dafs in dem Mittelpunkte ein leerer 
Raum entsteht, sobald die Cylinder MM^ welche mit den hinteren 
Cylindern NN durch ein Scharnier von Stoff verbunden sind, umge- 
klappt werden. Die aus Cylindern zusammengesetzte Matratze eignet 
sich auch sehr gut zu Feldbetten. Der Schwefel der Kautschukcylinder 
übt auf den Menschen keine schädlichen Einwirkungen aus, vielmehr 
bekämpft derselbe mit Erfolg die Ansteckungsstoffe des Typhus, der 
Cholera und anderer Krankheiten. 

Auch der John Beynard Hargin in Elizabeth, New Yersey, Nord- 
amerika, unter Nr. 46639 patentirte Gegenstand bezieht sich auf eine 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 7. 1889/III. 20 



306 Neue Erscheinungen auf dem Gebiete des Rettungswesens. 

Luftmatratze, die, leicht aufgeblasen, in Verbindung mit anderen als 
Rettungsflofs Verwendung finden kann. Der innere Raum dieser Matratze 
ist durch Querwände in mehrere luftdichte Abtheilungen getheilt, von 
denen jede durch Schläuche g (Fig. 15, 16 und 17) mit der Luftkammer 
eines Blasebalges verbunden ist. Letzterer zieht bei der Aufwärts- 
bewegung der Klappe G die Aufsenluft durch Ventile e und Oelfnungen e^ 
und €2 in die Punipenkammer und prefst dieselbe bei seiner Abwärts- 
bewegung durch Ventile in die Luftkammer F und von da durch 
Ventile g in die Abtheilungen. Zur Verbindung dieser Luftmatratze 
mit anderen gleichartigen sind auf jeder Seite derselben je zwei Bügel 
äuge bracht, dei-en Kuppelung dadurch erfolgt, dafs die mit schrägen 
Anlaufflächen U (Fig- 18 und 19) und Durchbohrung /j versehene Nase t 
zwischen zwei im anderen Bügel befindliche Bolzen Sj geprefst wird, 
die durch Spiralfedern s., in die Durchbohrung der Nase gedrückt werden. 
Die Lösung der Verbindung erfolgt durch einen Keil ir, der zwischen 
zwei an den Bolzen befestigte Niete vv gedrückt wird und dadurch 
erstere aufser Eingriff mit der Durchbohrung der Nase bringt. 

Zur Verhütung von Menschenverlusten auf See, welche durch Ueber- 
bordfallen aus den Masten oder durch Sturzseen, welche die Leute von 
Deck über Bord schlagen, herbeigeführt werden, dient die Wilhelm Küpper 
und der Firma J. U. Rösing im Nordseebad Wangerooge unter Nr. 46069 
patentirte Nachtrettungsboje. Läfst man diese Boje, welche am Heck 
eines Schiffes befestigt ist, sobald der Ruf ertönt: „Mann über Bord'-', 
ins Meer fallen, so bewirkt der ziemlich hohe Fall, dafs dieselbe zu- 
nächst ganz untertaucht. Hierbei füllt sich der Raum b (Fig. 20 und 21) 
durch die unten angebrachten Oeffnungen c mit Wasser, während die 
in diesem Räume befindliche Luft durch die Röhren d entweicht. 
In dem Räume h befindet sich der Schwimmer /, der an der Zünd- 
stange f befestigt ist, welche letztere durch die Führungen gk bis 
unter den Abdruckhebel h hinaufreicht. Gleich nachdem die Nacht- 
rettungsboje aus dem Wasser zur Oberfläche emporgeschnellt ist, wird 
sich durch das hinlänglich in den Raum b eingedrungene Wasser der 
Schwimmer / mit der Zündstange f heben und den Abdruckhebel /* 
des bis dahin luftdicht verschlossenen Zündapparates i zum Abdrucke 
bringen. Letzterer in den Fig. 22 bis 29 dargestellte Apparat ist in 
folgender Weise eingerichtet: Fig. 26 stellt den Apparat in gespanntem, 
also zum Zünden bereiten Zustande dar. Dadurch, dafs der Schlitten a 
in die bezeichnete Lage gebracht worden ist, wurde die Feder 6 an- 
gespannt und ebenso die Feder c, welche gegen die Zündholzbehälter d 
und diese gegen die Reibfläche drücken. Der Schlitten a ist in einer 
senkrechten Führung t und die Zündholzbehälter d in einer wagerechten 
Führung q verstellbar. In vorbezeichneter Stellung docken sich die 
Löcher f im Schlitten und in der Führung Fig. 26, und durch einen 
eingesteckten Stift werden die Federn b und c in Spannung gehalten. 



yeiie Erscheinungen auf dem Gebiete des Rettungswesens. 307 

Sobald sich mm die Schwimmerstange aufwärts bewegt, zieht sie 
den Stift aus den Löchern ff (Fig. 25), und der Schlitten a wird mit 
Hilfe der Feder in die in Fig. 22 bezeichnete Stellung gebracht. Die 
kleinen Zündholzbehälter d werden mit Hilfe der Feder c durch die 
Oeffnungen g hinaustreten; sie werden jedoch durch einen kleinen 
Knasgen vor dem gänzlichen Herausfallen behütet. Durch die ent- 
standene Reibung der Zündhölzer an der Reibfläche haben sich erstere 
entzündet, und indem sie durch die Oeffnungen g treten, entzünden sie 
auch die präparirten Kerzen h. Die beiden Knaggen i und ä begrenzen 
den Hub des Schlittens, um ein genaues Functioniren zu sichern. Ein 
kleiner mit dem Schlitten o verbundener Mitnehmer r ist mit einer 
Stange s (Fig. 20 bis 29) verschraubt, welche zu einem Tellerventil v 
führt. Sobald nun der Zündapparat ausgelöst wird, geht der Mit- 
nehmer r sammt der Stange $ in die Höhe und öffnet das Tellerventil. 
Durch das Oeffnen des Tellerventils im Schornsteine n (Fig. 20 und 21) 
wird ermöglicht, dafs die durch das Licht sich entwickelnde heifse und 
verbrauchte Luft aus unten offenen und am Schornsteine angebrachten 
Rohren o ausströmen kann, während durch die in den Tubus rj ofi'en 
mündende Röhre p bewirkt wird, dafs immer frische Luft den Kerzen 
zuströmt. Der Raum b (Fig. 20) wird sich nur bis zur Aufsenwasser- 
linie mit Wasser füllen, während oberhalb der Wasserlinie stets von 
aufsen durch die Röhren d frische Luft einströmen kann, welche Luft 
dann durch die Röhre p zunächst in den Raum des Tubus q. von hier 
in den Raum t und mit diesem in Verbindung stehenden Raum u weiter 
geführt wird und so das gute Brennen der Kerzen sichert. 

Die Wellen werden dadurch geebnet, dafs im unteren Theile des 
Luftraumes f, rings umlaufend, ein Oelbehälter ic angebracht ist, dessen 
Inhalt von dem Moment an, dafs die Nachtrettungsboje ins Wasser 
fällt, langsam durch die Röhren z ausströmt (1888 267 * 113). 

An zwei entgegengesetzten Seiten der Nachtrettungsboje sind die 
Oesen m (Fig. 20) angebracht, an welchen durch 2°^ lange Taue n zwei 
besonders construirte Rettungsgürtel befestigt sind. Diese Rettungsgürtel 
sind so eingerichtet, dafs die beiden Hälften eines Gürtels in dem 
Scharnier A der Fig. 10 bis 12 leicht offen gehalten und zugeklappt 
werden können. Erreicht nun der Verunglückte den Gürtel, so wird 
es ihm ein Leichtes sein, in die Oeffnung hineinzuschwimmen, die Hälften 
zusammenzuhalten und den leicht beweglichen Haken D über den 
Knopf E zu schieben und auf diese Weise den Ring zu schliefsen. Damit 
ist aber der Mann auch schon gleichsam gerettet, denn einestheils wird 
es ihm nun selbst im erschöpften Zustande möglich sein, sich über 
Wasser zu halten, anderentheils wird man von Bord aus oder aus den 
Masten des Schiffes das 3i., Stunden brennende Licht im Auge behalten 
haben und bereits zurüeksegeln oder zurückdampfen, um den Mann 
wieder aufzunehmen. 



308 Neuere Wägemaschinen. 

Der in Fig. 32 bis 34 dargestellte Apparat, welcher Dr. Josef 
Rudolf xj in Szegedin, Ungarn, unter Nr. 40981 patentirt worden ist, dient 
dazu, die Thätigkeit der Lunge bei in Wasser, Rauch oder schlagenden 
Wettern Verunglückten zu unterstützen. Es wird dies durch zwei Blase- 
bälge erreicht, welche durch Ansaugen der in der Lunge betindlichen 
Luft das Ausathmen, durch Einpressen reiner Luft die Einathmung er- 
setzen bezieh, unterstützen. 

Die Maske o wird über Mund und Nase aufgesetzt und dabei das 
Mundstück b zwischen die Zähne, oder wenn diese fest auf einander 
geprefst sind, zwischen die Lippen gebracht. Die beiden Flanschen / 
und wi, welche excentrisch an den Rohren in ihren Mittelpunkten um 
einen Stift drehbar befestigt sind, werden so gestellt, dafs die Verbin- 
dung der Rohre e und n stattfindet. Darauf wird durch Hochziehen 
der Blasebälge Luft angesaugt, welche bei dieser Anordnung aus den 
Lungen und dem Luftbehälter zuströmen mufs. Darauf werden die 
Flanschen um 900 gedreht, der Apparat also von dem Luftbehälter ab- 
geschlossen, und die in den Blasebälgen befindliche Luft wird durch 
Zusammendrücken derselben in die Lungen geprefst. Alsdann werden 
die Scheiben in ihre vorherige gegenseitige Stellung gebracht, durch 
Heben der Bälge Luft angesaugt, die Flanschen zurückgedreht und die 
Luft in die Lungen geprefst u. s. w. In einem der Blasebälge ist au 
einem Stabe ein Schwämmchen g befestigt, auf welches Ammoniak durch 
eine dicht verschliefsbare Oeffnung h geträufelt wird. Dadurch wird 
die zur Lunge zu führende Luft mit Ammoniakgas geschwängert, was 
einen günstigen Reiz auf die inneren Organe ausübt. Dicht an jedem 
Balge befindet sich je ein Zeiger j, welcher erkennen läfst, wie weit 
der betreffende Balg comprimirt wurde; an einem der Zeiger ist ein 
Schallsignal k angebracht, damit die den Verunglückten behandelnden 
Feuerwehrleute sich unter einander und mit den Aufsenstehenden ver- 
ständigen können. Sfd. 

Neuere Wägemascliineii. 

Mit Abbildungen. 
Zählwage von Vincent und Vialalton. 

Zur Bestimmung der Anzahl gleichartiger kleiner Gegenstände, wie 
Knöpfe, Schreibfedern, Perlen u. dgl., bedient man sich mit Vortheil 
des Wägeverfahrens, mittels dessen eine bestimmte Menge abgezählter 
Gegenstände mit der übrigen Menge verglichen wird. 

Zu solchem Zwecke werden aber besondere Wagen benützt, von 
welchen eine der neuesten nach ühland^s Industrielle Rundschau^ 1888 
Nr. 10 * S. 91, die oben benannte ist. 

Dieselbe besteht aus einem Doppelhebel, dessen langer Schenkel 
mit 'J'heilstrichen versehen ist, welche die Uebersetzungszahl angeben 



Neuere Wägemaschinen. 



309 



im Verhältnisse zu jeaem kurzen Hebelarme, an dem die grofse Wäge- 
schale hängt, während am linken glatten Hebel ein Laufgewicht gleich- 
zeitig und gegensätzlich zur Zählschale am Strichhebel sich verschiebt. 

Dies wird mittels zweier über Rollen laufender Kettchen erreicht, 
und zwar ist die Zählschale am unteren, das Laufgewicht aber am 
oberen Kettenzug angehängt. Die auf gemeinschaftlicher Achse be- 
findlichen Röllchen sind aber im Verhältnisse der Hebellänge bezieh, 
der laufenden Gewichte bemessen, so dafs bei deren Verschiebung be- 
ständig das Gleichgewicht von selbst hergestellt wird. Nun ist aufser- 
dem die leere Wägeschale ebenfalls durch ein Gegengewicht ausge- 
glichen. 

Wird nun eine abgezählte Menge in die Zählschale gelegt, die 
übrige Menge aber in die Wägeschale geworfen, so wird bei erreichter 
Gleichgewichtslage die bekannte Zahl in der kleinen Schale, mit der 
am Strichhebel abgelesenen Uebersetzungszahl multiplicirt, die Anzahl 
Gegenstände in der Wägeschale ergeben. 

Brückenwage für 20^ von Monchicourt und Rondet (Fig. 1). 
Die Uebersetzungen dieser Brückenwage i sind nach Annales in- 
dustrielles^ 1888 Bd. 20 •"• S. 14, derart vertheilt, dafs genau (1 : 100) auf 

Fig. 1. 




die Brückenhebel und (1 : 10) auf die Schnellwagenhebel entfällt, so 
1 Vgl. Guillaumin^ 1888 269 * 496. 



310 Neuere Wägemaschineu. 

dalö die Gesammtübersetzuug (1 : 1000) wird. Die Hebelläuge sind 
135mm fiii- den Laslarm und demgemäfs 1350"i"' für die Hebellänge bis 
zur Taraschale, während genau 1000°i°i für die Eintheilung, welche 
genau nach Centimetern erfolgt, frei bleiben. Auf sauber abgedrehten, 
parallelen Hebelstangen verschieben sich zwei Laufgewichte, deren 
scharfe Bordränder an dem Strichhebel gleiten. Der Strichhebel selbst 
ist auf einer besonderen Leitspindeldrehbank eingetheilt. 

Die Bestimmung der Laufgewichte erfolgt nach folgendem Ver- 
fahren: Wird das Laufgewicht P (Fig. 2) zuerst in die Nullstellung ge- 
Fi?- 2. bracht, so mufs zur Herbeiführung 

h- h >i des Gleichgewichtes ein bekanntes 

\' '*T I "■ ' Gewicht </ in die Taraschale ge- 

; 1 i I legt werden. Wird hiernach das 

I in I Taragewicht o entfernt und das 

' Gleichgewicht durch Verlesung 
des Laufgewichtes P in die Endstellung der Theilung / wieder her- 
gestellt, so erhält man zwei Bedingungsgleichungeu, aus welchen die 
Gröfse des Laufgewichtes leicht berechnet werden kann. 

= Pl + qL — Ql (1) 

o=pa+i)-Qi 

P = -1'<1 (3) 

r -I QK A 

Nun ist -T = L-^:^ = 1,35 und y = 10'^, so folgt f = 13 1^,5, das Ge- 
wicht des gTofsen Läufers, und für ein bekanntes Laufgewicht folgt die 
Theilungslänge 

l = Lj, (4j 

z. B. für q = l und P = lo^,h wird, da L = 1350 ist, / = lOO^i^ = 
lOcm sein. 

Nun ist 1000 q die Brückenlast, folglich entspricht einer Strecke 
von lOcm eine Last von 1000*^ oder l^ni einer solchen von lOO"^. 

Da nun das kleine Laufgewicht f = 135^, der hundertste Theil des 

P 

grofsen, also p^= ^j- ist, so entspricht eine diesbezügliche Verschiebung 

von 1''" einer wirklichen Last von l"^. 

Mit diesen beiden Laufgewichten ist man demnach im Stande, eine 
Brückenlast von 10' zu verwiegen. Uebersteigt jedoch die Brücken- 
last diese Grenze, so wird einfach an die Taraschale ein Gewicht von 
10"^ angehängt und mit P und p bis 20' weiter gewogen. 

B. Trayvous Schnelhvage. 
Die scheinbar sehr einfache Bedingung, dafs eine tragbare Schnell- 
wage unbelastet ins Gleichgewicht zu bringen sei, d. h. dafs die Unter- 



Neuere Wägemaschinen. 



311 




suchung ihrer Genauigkeit ohne Zuhilfenahme von Gegengewichten 
möglich werde, dafs also die Eintheilung des Hebels von Null aus be- 
ginne, diese Aufgabe ist erst in neuerer Zeit gelöst worden, und ist als 
eine gelungene Lösung die Wage Trayvous zu bezeichnen, welche in 
der Revue industrielle vom 19. Mai 1888, '"'S. 106, beschrieben worden ist. 

Der lange Strichhebel ist nach der entgegengesetzten Seite der 
Aufhängepunkte verlängert, die von Null aus beginnende Eintheilung 
des kurzen Hebels aber 
so getroffen, dafs das 
auf die Nullstellung ein- 
gestellte Laufgewicht 
(Fig.3) den langen Strich- 
hebel leer ins Gleich- 
gewicht bringt, während 
die von Null bis 10'^ rei- 
chende Eintheilung des 
kurzen Hebels für kleine Lasten zureicht. 

Die Wage besitzt zwei Hängeringe, welche nach entgegengesetzter 
Richtung umschlagen und dadurch zwei verschiedene Hebelübersetzungen 
darbieten; deshalb ist Fig. 4. 

der Lasthaken in einer 
Schleife nach beiden 
dieser Richtungen be- 
quem umzulegen (Fig. 4). 
Dementsprechend ist die 
Eintheilung des langen 
Strichhebels für die kleine 
Uebersetzung (Fig. 4) 
von 10 bis 40^ auf einer Seite, und für die grofse Hebelübersetzung 
(Fig. 3) von 40 bis 100^ auf der anderen Seite des Strichhebels an- 
geordnet. 

Hierdurch wird nicht nur die Untersuchung der Wage erleichtert, 
sondern auch vermöge der breiteren Strichtheilung die Genauigkeit der 
Wägung erhöht. 

Eill's selbsthätige Getreidewage (Fig. 5). 

Die allzurasche Thätigkeit der schliefsenden Gefäfsklappe oder das 
zu energische Hochdrehen der Kippschale einer Getreidewage kann 
Veranlassung sein, dafs ein Rest schon abgewogenen Getreides ab- 
gefangen wird, zur erneuerten Abwägung gelangt und dadurch die Rich- 
tigkeit der Messung beeinflufst wird. 

Dies ist um so bedeutungsvoller, weil dieser fehlerhafte Vorgang 
gar nichts mit der Genauigkeit der Wage zu thun hat und lediglich 
davon abhängt, ob das zur Verwiegung gelangende Getreide mehr oder 




812 



Neuere Wägemaschinen. 



weniger das Bestreben rascher Bewegung besitzt, d. h. in Folge ver- 
stärkter Reibung oder Anhaftungsfähigkeit längere Zeit zur Entleerung 



Fig. 5. 




braucht, als demselben durch die Wägethätigkeit zugewiesen ist. Es 
wird selbstverständlich jede Wage diesbezüglich zu regeln sein, doch 
darf nicht übersehen werden, dafs bei feuchtem, staubigem Getreide 
dieser Fall unversehens eintreten kann. Darin ist auch die Schwierig- 
keit der Herstellung einer sicher wirkenden selbsthätigen Mehhvage be- 
gründet (vgl. Reuther und Reixert, 1888 269 * 309). 

Dem bereits abgewogenen Getreide Zeit zur Entleerung zu lassen, 
ohne deshalb die Wägegeschwindigkeit herabzumindern, scheint Ver- 
anlassung zur Bauart der Hiltschen Wage gewesen zu sein. 

Diese von The Pratt und Whitney Co.^ Hartford, Conn., Amerika, 
gebaute Wägemaschine besteht nach American Machinist ^ 1888 Bd. 11 
Nr. 4^ * S. 1, aus zwei Gerüstständern, deren obere Querverbindung den 



Neuere Wägemaschinen. 313 

Einlauftrichter C bildet. An dem Doppelhebel /* ist der Gewiehts-_ 
balken H mit den Gewichtsstücken q^ sowie gegensätzlich ein Rahmen 
angehängt, zwischen welchen in Zapfen lagernd das Wägegefäfs derart 
schwingt, dafs abwechselnd eine der beiden unteren Mündungen frei- 
liegt, die andere aber über eine Blechmulde zu stehen kommt und da- 
durch verschlossen bleibt. 

Die Wägeschale ist durch eine stehende Scheidewand in zwei 
gleich grofse Abtheilungen getheilt, von welchen immer nur jene unter 
dem Einlaufe steht, deren untere Mündung abgeschlossen ist. 

Deshalb besitzt der Hängerahmen zwei solcher Blechmulden, die, 
zwischen sich einen freien Raum lassend, zugleich Querverbindungen 
desselben bilden. Durch das Uebergewicht der gefüllten Abtheilung und 
behufs der Entleerung neigt sich das frei gewordene Wägegefäfs nach 
der gefüllten Seite, wodurch die untere Auslafsöffnung frei gelegt wird. 
Schon bei einer theilweisen Entleerung beginnt das Heben des Wäge- 
gefäfses, während dasselbe vermöge des Schliefshakens / und des An- 
schlagklötzchens m in der eingenommenen Schräglage dauernd erhalten 
wird. Um hierbei das Pendeln der Wägeschale zu verhindern, dient 
der am Gestellarme n drehbare Einlegehebel o, dessen Einschnitt sich 
an einem an der Hängeschiene angebrachten Zapfen anlegt. 

Ist die Schale in die Höchststellung gelangt, so läfst der abwärts 
drehende Wagehebel h einen Gewichtshebel k frei, welcher die Ein- 
lafsklappen bethätigt. Dementsprechend wird vor beendeter Schalen- 
füllung und im Niedergange der Schale dieser Hebel h vermöge einer 
Stellschraube g den Gewichtshebel k hochdrehen und dadurch die innere 
Klappe c schliefsen, so dafs durch einen kleinen Ausschnitt derselben 
nur ein schwacher Strahl behufs genauer Einstellung nachfliefsen wird, 
Ist dies erfolgt, so beendet die Aufsenklappe d den vollständigen Ver- 
schlufs der Einlauföffnung. Der Schliefshaken l der niedergehenden 
Hängeschiene stöfst an den Gestellarm n an, hebt sich über das An- 
schlagklötzchen m, wodurch das frei gewordene Wägegefäfs sich nach 
der schweren, gefüllten Seite neigt, wodurch die untere Ausströmungs- 
öffnung freigelegt wird und die Entleerung stattfindet. 

Zur Regelung der Wägegeschwindigkeit ist sowohl die Stellschraube ^, 
als auch das Schiebegewicht k vorgesehen, während zur Richtigstellung 
der Füllungsmenge das am inneren Wagenhebel angeordnete Schiebe- 
gewicht p dient. 

Das Zählwerk t wird von der Einlafsklappenwelle bethätigt, die 
Einströmung durch Hand aber mittels Schliefshaken a, h abgestellt, 
während vermöge einer im Zählwerke angebrachten Abstellungsvorrich- 
tung s nach r der Einlauf nach einer vorbestimmten, abgewogenen Ge- 
treidemenge selbsthätig unterbrochen und der Betrieb der Wage hier- 
durch endgültig eingestellt wird. Pr. 



314 



Mefswerkzeuge. 



Mefswerkzeuge. 

Mit Abbildungen. 

a) Lochlehren. D. G. Brown und W. Lancaster in Philadelphia bauen 
nach dem Englischen Patent Nr. 13 703 vom 10. Oktober 1887 die in 
Fig. 1 dargestellte Mefövorrichtung, bei welcher die auf 
die Mittelschraube D aufzuschraubende Büchse A zur Ver- 
meidung jeden todteu Ganges gespalten und mittels der 
Schräubchen C gespannt wird. Die mit der Mittel- 
schraube D fest verbundene Hülse F ist an ihrem ab- 
geschrägten Rande in 25 Theile getheilt, so dafs mit der 
Ganggröfse der Mittelschraube, welche ^;,q eines Zolles 
beträgt, es möglich wird, ein Tausendstel eines Zolles 
(0,026ßim) zu messen. 

b) J. Tickeil in Cleveland, Ohio, hat nach American 

Machinist, 1888 Bd. 11 Nr. 10 S. 2, die Lochlehre zum 

Verlängern eingerichtet, indem in die Mefshülse A mittels 

der Schraube L die Stifthülse H derart eingeschoben 

'{ ^ wird, dafs sie aus der Hülse A mehr 

:Pv I ^r^^T?^-- oder weniger herausragt. Um nun die 

geradlinige Verschiebung jedesmal ab- 
lesen zu können, sind in der Hülse A 





^ drei Schlitze mit entsprechenden Thei- 



^-::^ 



fiiiiiiM fi^ 



Fig. 2. 



Fig. 1. 



lungen in verschiedener Höhenlage 
vorgesehen, von welchen in der Fig. 2 
nur der mittlere sichtbar ist. M ist 
die GrilFscheibe, an welcher die mittlere 
Mefsschraube steckt. 

c) W. Haddoxiis Mefsvorrichtung. 
Um Höhenabsätze an Werkstücken un- 
mittelbar am Hobeltisch genau zu be- 
stimmen oder Dicken und Innenabstände messen zu können, dient das 
mit Fühlhebel ausgerüstete, von Baddow in Newton, Mass., Amerika, 
gebaute Mefswerkzeug. Dieses besteht nach American Machinist, 1888 
Bd. 11 Nr. 27 S. 6, aus einem Böckchen ^ (Fig. 3), der Mefsschraube />, 
deren am Bügel geführte Mutter zwei Verlängerungen besitzt, von denen 
die eine den Drehzapfen für den Fühlhebel ß, die andere C die Marke 
für den Fühlhebel und zwei Abschärfungen enthält, welche zum Ablesen 
der Messungen auf der Theilschiene dienen. 

Beim Messen von Dicken wird der Schieber E unter den Fühlhebel 
gebracht und zwar sind diese Bestand! heile derart eingerichtet, dafs die 
Ablesungen an der Scala bei Stärkenmessungen von der oberen Kante 
von 6\ hingegen bei Abmessungen von Hohlräumen von der unteren 
Armkante erfolgen. 



Ertrag der Berg- und Hüttenwerke Rufslands. 



315 



d) Enos' Neigungswagserwage (Fig. 4). Das gebogene Glasrohr besitzt 
an einem Ende eine kleine Blase, in welcher Luft abgefangen wird. 



Fifr 4. 



Fi2. 3. 




Fig. 5. 

Wünscht man bei vvagerechter Lage dieses Instrumentes eine längere 
Luftblase im Rohr zu haben, so wird dieses mit dem Blasenende zuerst 
hochgestellt, dann langsam gesenkt, damit die Luft in das Rohr treten 
kann. Ebenso wird durch rasche Kippbewegung Luft in der Blase ab- 
gefangen und dadurch die Luftblase im Rohr für Winkelmessungen ent- 
sprechend verkürzt. Knapp um das Rohr ist eine Gradtheilungsschiene 
angelegt. (^Scientific American vom 3. März 1888.) 

e) Wasserwage. In den Werkstätten von Bement und Miles in Phila- 
delphia wird nach American Machinist., 1888 Bd. 11 Nr. 17 S. 6, die in 
Fig. 5 dargestellte Wasserwage verwendet, bei welcher die Glasröhre 
in die mittlere Aussparung des Richtscheites mittels feiner Schräubcheu 
eingestellt wird. 



Ertrag der Berg- und Hüttenwerke Rufslands im J. 1886. 

Dem kürzlich erschienenen statistischen Tabellenwerke über den 
Stand der Montanindustrie in Rufsland im J. 1886, welches Bergingenieur 
S. Kulibin nach officiellen Quellen zusammengestellt hat, entnehmen wir 
die nachstehenden Daten. 

Gold. Verwaschen wurden im J. 1886 rund 201/4 Millionen Tonnen 
goldhaltigen Sandes und Quarze. Dabei wurden 31246'^',874 Gold aus 



316 Ertrag der Berg- und Hüttenwerke Rulslands. 

dem Sande und 2205'^,299 aus dem Gesteine gewonnen, somit im Ganzen 
um rund 434*^ mehr als im J. 1885. Die gröfste Ausbeute an Wasch- 
gold ergab sich iu Sibirien im Olekminsker Bergbezirk (7646'^,763j, am 
Amur (5657^,670) und im Perm'schen Gouvernement (5008^,253). In 
der Production von Berggold stehen dagegen die Gouvernements Oren- 
burg mit 1120'<,067 uud Perm mit 524'^',2 obenan. Der Goldgehalt des 
verarbeiteten Sandes betrug im Mittel Immg^ßj Gold für 1000^ Sand und 
erreichte 8ni°i?,22. Betrieben wurden 1446 Goldwäschen und Bergwerke, 
mit 73612 Arbeitern. Die Laboratorien in Irkutsk, Barnaul und Jeka- 
terinburg gewannen aus dem ihnen zum Einschmelzen eingeschickten 
Gold und Silber 28174*^,583 chemisch reines Gold. — Bemerkenswerth 
ist, dafs im J. 1886 der Anfang einer Gewinnung des Goldes auf 
chemischem Wege gemacht wurde durch eine specielle Anlage in 
Uspensk im Lande der Oi-enburger Kosaken. 

Platin. Die Ausbeute an Platin beschränkt sich bekanntlich auf 
das Gouvernement Perm. Daselbst wurden an 83 Fundorten 4317'^,148 
gewonnen, um 1732"^ mehr als im Vorjahre; überhaupt die bedeutendste 
Production des letzten Jahrzehnts. 

Silber. Auf 11 Hüttenwerken wurden rund 27 700^ Silbererze ver- 
schmolzen und 13272'^,989 Silber erzeugt, um 2012'*^ mehr als im Vor- 
jahre. Der Löwenantheil fällt auf den Bergbezirk des Altai (10044'^,5). 
Nach der angestellten Probe enthielt das erzeugte Silber 12492*^,434 
chemisch reines Metall; fügen wir die dem Kohgolde entzogeneu 
2476'<,634 Silber hinzu, so erhalten wir eine Gesammtausbeute von 
14969'^',068 chemisch reinem Silber. 

ßlei wurde als Neben product der Silberschmelze auf 11 Hütten- 
werken gewonnen, und zwar 777'^,470, um 61/4' mehr als im Vorjahre, 
aber weniger als in den 70er Jahren. 

Kupfer. An der Kupferproduction betheiligten sich 20 Hütten 
(davon je 8 im Ural und im Kaukasus), welche aus rund 100 400' Erz 
4571'^,283 Kupfer erzeugten, um 150' weniger als im J. 1885. Davon 
kamen auf den Ural 2452^,960 und auf den Kaukasus 1545^,832. Die 
bedeutendsten Kupferhütten sind die von Bogoslowsk und Wyja im Ural 
(1176 und 829') und Kedabek im Kaukasus (852'). Der' grofsartige 
Aufschwung der Kupfergewinnung in der ganzen Welt (von 152000' 
im J. 1883 auf 262000' im J. 1886) hatte ein Sinken des Kupferpreises 
auf dem Weltmarkte zur Folge und dadurch eine Verstärkung der Con- 
currenz des ausländischen Kupfers mit dem russischen im Lande selbst. 
Dies veranlafste die Regierung, den Zoll auf importirtes Kupfer auf 
2,5 Rubel Metall für das Pud a92,60 Rubel Metall für die Tonne) zu 
erhöhen. 

Zink. Im Gouvernement Petrikau (Polen) arbeiteten vier Hütten- 
werke, welche aus 38181',5 Erz 4195',776 Zink erzeugten, um 390' 
weniger als im Vorjahre. Aus dem gewonnenen Metalle wurden 



Ertrag der Berg- und Hüttenwerke Rufslands. 317 

3213t,067 Zinkbleche ausgewalzt und 738t Zinkweifs dargestellt. Die 
bedeutendste Hütte ist Paulina mit einer Production von fast 2900' Zink. 

Zinn. Das einzige Hüttenwerk, welches Zinn producirt, ist Pitka- 
rauta, Gouvernement Wyborg, und selbst da ist die Gewinnung eine 
unbedeutende, nämlich 17'. 

Kubalt. Im Daschkessan-Bergwerke , Gouvernement Jelisawetpol 
(Kaukasus), sank im J. 1886 die Förderung der Erze auf 1^,9. Das Berg- 
werk gehört den Gebr. Siemens. 

Quecksilber. Bei Nikitoffka, Station der Kursk-Asoff-Bahn, wurden 
2818f,097 Zinnober gebrochen, aber nicht weiter verarbeitet, da die hierzu 
erforderlichen Oefen noch im Bau begriffen waren. Das Werk gehört 
der Firma Auerbach und Comp. 

Mangan. Im Gouvernement Kutais wurden 69377,5, in den Gouverne- 
ments Tiflis, Jekaterinoslaw und Perm 5022, insgesammt 74 399' Man- 
ganerz gewonnen, um 13867' mehr als im Vorjahre. Der gröfsere Theil 
(54440',6) wurde über Batum oder Poti fast ausschliefslich ins Ausland 
versandt. 

Kohle. An Steinkohlen wurden 3971651',654 gefördert; hiervon 
kommen 1942000' auf das Königreich Polen, 1571000' auf das Becken 
des Donetz, 233000' auf das Moskauer Bassin, 198000' auf den Ural. 
Den gröfsten Ertrag weisen die Gruben Georg und Ignaz im Gouverne- 
ment Petrikau, Eigenthum der Bergwerksgesellschaft von Kramsta, mit 
426000 und 250000', auf. 

Änthracit wurde ausschliefslich im Donetz-Becken gefördert, und 
zwar 5369041,079. 

An Braunkohle wurden nur 67909',580 gewonnen, hauptsächlich in 
Polen und im Moskauer Bassin (je 23590'). 

Die Zunahme der Gesammtgewinnung fossilen Brennmaterials be- 
trug 308000' oder 71/4 Proc, eine Folge des Bestrebens, die Zollgebühren 
auf ausländische Kohlen zu erhöhen. Dieselben waren im J. 1884 schon 
auf 2 Kopeken Gold für das Pud oder 122 Kopeken für die Tonne für 
die Zufuhr über die Schwarzmeerhäfen gestiegen und wurden 1886 auf 
3 Kopeken Gold für das Pud oder 183 Kopeken für die Tonne erhöht. 
Seitdem (1887) ist auch die Einfuhr ausländischer Kohlen über die 
preufsisch-russische Grenze und über die Baltischen Häfen mit 2 bezieh. 
1 Kopeken oder 122 bezieh. 61 Kopeken für die Tonne besteuert worden. 

Unsere Quelle fügt im Speciellen über den Brennmaterialverbrauch 
der russischen Eisenbahnen einige Notizen bei: Die Länge der Bahnen 
betrug 26 150km, ausschliefslich Finnland und Transkaspien. Verbraucht 
wurden 8010' Holzkohle, 5514222cbm Holz, 112277',136 Änthracit, 
1 035364',616 Steinkohle, 17 163',292 Steinkohlenbriquetts, 3665',090 Koks, 
33048',845 Torf und 94815',712 Naphta. Denkt man sich die einzelnen 
Posten durch Cubikmeter Holz nach Mafsgabe des Heizwerthes ersetzt, 
so erhält man als Resultat, dafs dem mineralischen Brennmateriale 



318 Ertrag der Berg- und Hüttenwerke Rufslands. 

7018862cbin Holz bei gleichem Heizeffecte entsprechen, gegenüber 
5500168c'j°i vegetabilischen Brennmateriales, d, h. 56 Proc. bezieh. 
U Proc. 

Naphta. Gewonnen wurden 1 972 330^984 Naphta (Zunahme gegen 
das Vorjahr G9915') und 134316^ Erdwachs, hiervon rund 1950000' im 
Gouvernement Baku und 17500' im Kuban-Gebiete. Die weitere Ver- 
arbeitung ergab 1003^,766 Benzin, 619775',072 Leuchtöle (Zunahme 
60600') und 41378t,911 Schmieröle. 

Roheisen. In 128 Hüttenwerken wurden rund 1041800' Erze und 
43 808' Schlacken und Abfälle verschmolzen und 532094',750 Roheisen 
(Zunahme gegen 1885: 4570') gewonnen. Davon wurden 442260' oder 
83,5 Proc. mit Holzkohle, 12,8 Proc. mit m.ineralischem und 3,7 Proc. 
mit gemischtem Brennmaterial erblasen. Von den 192 Hochöfen arbeiten 
107 mit Winderhitzung. Die gröfste Production weist das Uralgebiet 
auf, 344 000' Roheisen, geliefert von 61 Hütten mit 106 Hochöfen. Nach 
Gouvernements geordnet folgen sich : Perm mit 240114', Ufa mit 55 102"^ 
und Jekaterinoslaw mit 46994' Roheisenproduction. — Die Einfuhr aus- 
ländischen Roheisens (260000') hat im J. 1886 um 65 500' gegenüber 
1885 zugenommen 5 vermuthlich hat darauf die für das Jahr 1887 in 
Aussicht genommene Erhöhung des Zolles auf Roheisen von 15 Kopeken 
auf 25 Kopeken Gold beim Seetransport und 30 Kopeken Gold für das 
Pud (9,16 bezieh. 15,25 bezieh. 18,32 Rubel für die Tonne) Einflufs 
gehabt. 

Schweifseisen. In 190 Hütten mit 497 Frischherden, 622 Puddelöfen, 
473 Schweifsöfen und 450 Glühöfen wurden gewonnen 78007',129 ge- 
frischtes und 373419',709 gepuddeltes Eisen. Aufserdem ergaben sechs 
Schachtöfen in Finnland durch die Rennarbeit (direkt aus den Erzen) 
668',484 Eisen. Das gesammte Rohmaterial ergab bei weiterer Bear- 
beitung 363002',716 fertiger Handelswaare, worunter 248000' Flach- 
und Faconeisen, 91800' Bleche, 19600' Kessel-, Schilfs- und Panzerbleche, 
im Ganzen um 720' mehr als im Vorjahre. Auch hierin hat das Ural- 
gebiet die gröfste Production, rund 200000'. Unter den Gouvernements 
steht das Gouvernement Perm mit 155000' den anderen weit voran. 
Es folgen die Gouvernements Petrikau mit 41000' und St. Petersburg 
mit 28500'. 

Stahl. Mit der Stahlbereitung beschäftigten sich 34 Hütten mit 
17 Convertern, 67 Martinöfen, 31 Cementiröfen und 282 Tiegelöfen. 
Hergestellt wurden 241 790',569 Stahl, und zwar 1620',132 Cementstahl, 
5775',980 Puddelstahl, 67831',955 Bessemerstahl, 116 615',592 Martinstahl 
und 4476',490 Tiegelstahl; bei rund 48000' fehlt die Angabe der Art 
der Gewinnung. Aus diesem Material wurden u. A. 114000' Schienen 
und 9219' Bleche ausgewalzt. Die Zunahme gegen 1885 betrug 49000'. 
Am meisten Stahl produciren die Gouvernements St. Petersburg (74059'), 
Jekaterinoslaw (46118') und Warschau (25 956'). 



Ertrag der Berg- und Hüttenwerke Rul'slands. 319 

Gufs- und Schweifseisenwaaren^ Maschinentheile u. s. w. Die Hütten- 
werke Rufslands lieferten 1886: 63485t,177 Gufseisenwaaren , 1444^,454 
emaillirtes Geschirr, 51 774^,706 sonstige schweifseiserne und stählerne 
Waaren, darunter 14087t Draht und Drahtnägel ^ endlich 1004^,143 
Kupfer- und Bronzewaaren, Maschinentheile u. dgl. Nicht eingerechnet 
sind 432 Waggons, die zum Theil neu hergestellt, zum Theil reparirt 
wurden, drei Dampfschiffe, ferner Gewehrläufe, Stahlgeschosse, Sicheln 
u. dgl. Im gleichen Zeiträume stellten die 1075 der Metallindustrie 
dienenden Fabriken Rufslands, welche sich nicht zugleich mit metal- 
lurgischen Prozessen beschäftigten. Eisen- und Metallwaaren im Werthe 
von 86,5 Millionen Rubeln her, darunter die Maschinenfabriken Waaren 
im Werthe von 41 1/4 Millionen Rubeln. — Auf diesen Fabriken finden 
85446 Arbeiter Beschäftig-ung. 

Kochsalz. Steinsalzlager wurden hauptsächlich im Gouvernement 
Jekaterinoslaw ausgebeutet, sie ergeben von Jahr zu Jahr immer gröfsere 
Mengen Steinsalz, 1886: 230071^,321. Noch mehr Salz (rund 6290000 
producirten die Salzgärten in den Gouvernements Taurien, Astrachan u.a., 
welche zur Abscheidung von Salz aus dem Meer- und Seewasser dienen. 
Dagegen geht die Gewinnung von Salz aus den Soolen, speciell im 
Gouvernement Perm, zurück (1886: 339 569^,505, in Perm davon 217 000^ 
in Folge der grofsen Entfernung der Quellen von den Verkehrscentren 
und des dadurch bedingten theuren Transports. — Zunahme der Pro- 
duction gegen 1885: 63 650t. 

Glaubersalz. Gewonnen wurden 4466t,220 in den Gouvernements 
Tiflis, Wologda, Tomsk (hier die Seen von Mormjschansk, welche allein 
2685t,714 lieferten) und dem Kubangebiete. 

Schwefel. In Kchint (Daghestan) wurde aus 9828t Schwefelerz 
1180t Schwefel erschmolzen. 

Porzellanerde. Hauptsächlich im Gouvernement Tschernigoff wurden 
5589t Kaolin gefördert. 

Phosphorite kommen vor im Flufsgebiete des Dnjestr (Gouverne- 
ments Podolien und Bessarabien) und in den Gouvernements Kostroma 
und Kursk. Die Gröfse der Production läfst sich nicht genau angeben, 
doch kann man annehmen, dafs im Dnjestrthale 18000t gewonnen 
wurden, ^wovou der gröfste Theil zur Ausfuhr gelangte. Der Gehalt an 
Phosphorsäure beträgt 23 bis 38 Proc. Die Ausbeute in Kostroma und 
Kursk ist geringer. 

Die Zahl der Arbeiter an den Hüttenwerken betrug 356283 (6964 
mehr als im Vorjahre); davon waren 197488 in den Eisenhütten und 
zugehörigen Bergwerken, 74950 auf den Gold- und Platin waschen, 
33 158 in den Kohlengruben angestellt. Auf den Ural kommen 196 573 Ar- 
beiter, auf Süd- und Südwestrufsland 46681, auf Ostsibirien 28391, Mittel- 
rufsland 24484, Polen 20999 Mann. 

Verletzungen erhielten 721 Arbeiter, und zwar 181 mit tödtlichem 



320 Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

Ausgange. Ungünstig stellt sich der nördliche Bezirk durch die grofse 
Zahl allerdings sehr leichter Verletzungen (von 10130 Mann wurden 
185 verletzt, 6 starben) und der südliche durch die grofse Zahl der 
schwer Verletzten (86 Verletzungen, wovon 62 mit tödtlichem Aus- 
gange). 

Zahl der Motoren. Die Hüttenwerke Rufslands verfügen über 
1196 Wasserräder mit 26 902 HP, 55 Räder ohne Angabe der Leistung, 
200 Turbinen mit 11471 HP, 1690 Dampfmaschinen und Locomobilen 
mit 61935 W und 22 Dampfmaschinen ohne Angabe der Arbeitskraft. 

D. 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

(Patentklasse 6. Fortsetzung des Berichtes S. 285 d. ßd.) 

IV. Destillation und Rectißcation. 

Ueber die Reinigung des Spiritus ., über die Gewinnung des Spiritus 
direkt aus der Maische und über die Schädlichkeit der Verunreinigungen 
des Spiritus wurden bei Gelegenheit der Referate über den Reinigungs- 
zwang in chemischer, technischer und hygienischer Beziehung in der 
Generalversammlung des Vereins der Spiritusfabrikanten (Bd. 12 Er- 
gänzungsheft S. 31) Mittheilungen gemacht, denen wir hier das Folgende 
entnehmen. Ueber den Gehalt des Spiritus an Fuselöl, Aldehyd und 
Säure berichtet Hayduck nach Untersuchungen von Gronoio. Von 
22 Proben erwies sich nur eine als aldehydfrei, alle anderen zeigten 
mehr oder weniger starke Reaction. In allen Fällen zeigte der Roh- 
spiritus eine saure Reaction, jedoch betrug der Gehalt an Säure, auf 
Essigsäure bezogen, ungefähr 0,01 Proc, nur in einem Falle 0,1 Proc. 
Die Säure erwies sich als Ameisensäure, nicht, wie man vielfach an- 
nimmt, Essigsäure. Der Fuselölgehalt, bezogen auf 100 Proc. Alkohol, 
schwankte bei 38 Proben Kartoffelspiritus zwischen 0,02 und 0,42 Proc, 
bei 8 Proben Kornspiritus zwischen 0,4 und 0,6 Proc; eine neunte Probe 
Kornspiritus von 94 Vol.-Proc. Alkohol enthielt nur 0,2 Proc. Fuselöl. 
Bei der Untersuchung mehrerer aus einer Brennerei stammender Proben 
zeigte sich die Gesetzmäfsigkeit, dafs der Spiritus um so weniger Fuselöl 
enthielt, je hochprocentiger er war; bei Proben aus verschiedenen Bren- 
nereien traten hierin jedoch vielfach Ausnahmen ein (vgl. hierüber auch 
1889 272 87). Ueber die Entstehung des Fuselöles konnte nichts 
Sicheres ermittelt werden. Theilweise bildet sich dasselbe bei der 
Gährung durch den Einflufs der Hefe (vgl. die Untersuchungen von 
Ordonneau und von Claudon und Morin.^ 1887 265 330 und 1888 268 
182), theilweise entstehen Verunreinigungen auch durch die Destillation, 
wie z. B. das Fui-furol und Acetal. Ein Einflufs der Construction der 
Brennapparate auf den Gehalt an Fuselöl konnte nicht festgestellt werden. 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 321 

in höherem Grade wie die Construction scheint die Art und Weise, wie 
der Apparat geführt wird, von Einflufs zu sein. Eine Untersuchung 
von 2 Proben Maische auf Fuselöl ergab, auf 100 Proc. Alkohol be- 
zogen, einen Gehalt von 0,352 bezieh, von 0,305 Proc; die aus den- 
selben Brennereien stammenden Rohspiritusproben enthielten 0,1 bis 
0,2 Proc. Fuselöl. Es scheint demnach ein grofser Theil des in der 
Maische enthaltenen Fuselöls nicht in den Rohspiritus zu gelangen. Die 
Resultate der Rohspiritusuntersuchungen ergaben, dafs derselbe schon 
durch richtig geleitete Destillation in einem sehr reinen Zustande ge- 
wonnen werden kann; doch besitzt derselbe immer einen sehr unan- 
genehmen, wahrscheinlich von flüchtigen, aus den Rohstoffen stammenden 
Substanzen herrührenden Geruch. Dieser schlechte Geruch kann fast 
vollständig durch Behandlung des Spiritus mit Kohle beseitigt werden, 
so dafs man dann ein Product erhält, welches wahrscheinlich allen 
Anforderungen der Reinheit, sowie auch des Geruches und Geschmackes 
entspricht. Die Verwendung der Kohle zur Reinigung verdient daher 
jedenfalls grofse Beachtung und dieses um so mehr, als die vielfach 
geäufserte Ansicht, dafs durch die Einwirkung der Kohle auf Spiritus 
Aldehyd gebildet wird, sowie andererseits, dafs durch die Kohle das 
eigentliche Fuselöl nicht entfernt wird, durch diesbezügliche Versuche 
nicht bestätigt wurde. Es zeigten diese Versuche vielmehr bei Ge- 
mischen von Alkohol mit Bestandtheilen des Fuselöls nach der Behand- 
lung mit Kohle stets eine Abnahme des letzteren, allerdings kein gänz- 
liches Verschwinden desselben. Eine Bildung von Aldehyd konnte 
ebenfalls nicht constatirt werden; es fand im Gegentheile eine be- 
deutende Verminderung daran statt. Verfasser kritisirt nun einige der 
bekanntesten Reinigungsverfahren, mit welchen Versuche angestellt 
wurden. Das Verfahren von Bang und Rufßn (vgl. 1889 272 34) ist 
jedenfalls rationell; es fragt sich jedoch, ob dasselbe sich für den Be- 
trieb kleinerer Brennereien eignen würde. Durch das Verfahren von 
Grote und Pinette (vgl. 1888 269 329) gewonnener Spiritus zeigte zwar 
einen geringeren Fuselgehalt, war aber keineswegs fuselfrei. Weiter 
wurden Proben untersucht, welche nach dem Verfahren von Traube 
dargestellt waren (vgl. 1889 272 34). Die eine Probe aus Daher ent- 
hielt noch 0,37, eine andere aus Braunschweig 0,39 Proc. Fuselöl. Von 
einer vollständigen Entfuselung war also hier keine Rede; doch waren 
beide Proben vollständig frei von Aldehyd und zeichneten sich in sehr 
vortheilhafter Weise durch einen viel besseren Geruch und Geschmack 
vor allen anderen Proben aus. Von den genannten Reinigungsmethoden 
hat nach Ansicht des Verfassers wohl die meiste Aussicht auf An- 
wendung im kleineren Betriebe die Verwendung der Kohle, da diese 
bereits seit langer Zeit sich bewährt hat und noch den grofsen Vor- 
theil besitzt, dafs sie keine kostspieligen Betriebseinrichtungen erfordert. 
Doch glaubt der Verfasser bei den günstigen Resultaten, die er bei der 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 7. 1889/111. 21 



322 lieber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

Untersuchung von Rohspiritusproben, welche doch nur einen verhält- 
nifsmäfsig geringen Fuselölgehalt besafsen, erhielt, die Hoffnung aus- 
sprechen 7Ai können, dafs es mit einem brauchbaren Destillirapparate 
bei richtio^er Leitung der Destillation schon ohne weitere Reinigungs- 
mittel o-elingeu wird, einen Spiritus in der Breunerei zu erzeugen, 
welcher allen gesetzlichen Anforderungen der Reinheit genügen wird. 

Delbrück weist darauf hin, dafs es in erster Linie darauf ankommen 
wird in den Brennereien direkt Sprit aus der Maische zu gewinnen. 
Dafs dieses möglich sein wird, unterliegt keinem Zweifel, denn die 
Versuche haben gezeigt, dafs man mit guten Brennapparaten sehr wohl 
einen hochprocentigen und fuselarmen Si)rit erzeugen kann. Es wird 
aber weiter darauf ankommen, dem Sprit auch den schlechten Geruch, 
der für den Consum das Ausschlaggebende ist, zu nehmen. Hierzu 
dürfte die Filtration über Kohle, indem man an den Brennapparat ein 
Kohlefilter anschliefst, geeignet sein. Die Kohle, welche voraussichtlich 
schnell unbrauchbar werden würde, könnte durch überhitzten Dampf 
wohl leicht regenerirt werden, 

Zuntz geht auf die Versuche über die Schädlichkeit des Fuselöls 
näher ein und erwähnt besonders die Versuche von Strafsmann ^ über 
welche wir bereits berichtet haben (1889 272 89). Aus allen bisherigen 
Erfahrungen zieht er vorläufig den Schlufs, dafs man nicht berechtigt 
ist, eine Fuselölmenge von 0,3 bis 0,4 Proc. auf 100 Proc. Alkohol für 
besonders schädlich zu halten. 

Ueber das Eni fuselurigsver fahren von J. Traube (vgl. 1889 272 34) 
liegen mehrere Aeufserungen in der Zeitschrift für Spiritusinduslrie, Bd. 12 
S. 7, 108, 116 und Ergänzungsheft 63, vor. Zunächst berichtet r. Diest- 
Daber, über die Resultate seiner Versuche mit diesem Verfahren, welche 
sehr günstig lauten. Veranlafst durch die Mittheilung Bayduck^^ dafs 
die Untersuchung zweier Proben von nach Traul/e's Verfahren ge- 
reinigtem Spiritus noch 0,37 bis 0,39 Proc. Fuselöl ergeben habe, be- 
hauptet Traube^ dafs diese Verunreinigung nicht eigentliches Fuselöl 
gewesen sein könne, und dafs das zur Prüfung benutzte Verfahren von 
Jiöse aufser Fuselöl auch andere Verunreinigungen angäbe. Er erklärt, 
im Stande zu sein, aus einem Gemische von reinem Alkohol und einer 
bestimmten Menge Fuselöl das letztere nach seinem Verfahren voll- 
ständig wieder abzuscheiden. Wenn die Versuche in Daher und in 
Braunschweig noch nicht ganz befriedigende Resultate ergeben haben, 
so läge dieses daran, dafs einmal die ersten Apparate nicht ganz nach 
Wunsch construirt, und dafs andererseits, wie dieses in Braunschweig 
der Fall war, die Vorrichtungen noch nicht derart gewesen seien, um 
die nöthige Zahl von Abhebungen^ welche im Interesse der absoluten 
Reinigung nothwendig sind, erzielen zu können. Hierzu würden vielleicht 
20 bis 25 Abhebungen nothwendig sein. Nach dem Verfasser ist es mög- 
lich, 20 bis 30 Abhebungen innerhalb li|2 Stunden, bei vollkommener 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 323 

Construction sogar in noch kürzerer Zeit, zu machen, so dafs es auch 
für kleinere Brennereien möglich sein würde, auf diese Weise eine 
vollständige Entfuselung vorzunehmen. Verfasser ist überzeugt, auch 
den ersten Ansprüchen der Raffineure durch den alleinigen Effect seines 
Verfahrens genügen zu können, läfst es aber dahingestellt, ob dieses in 
allen Fällen zweckmäfsig sein würde, oder ob nicht vielmehr die ab- 
solute Entfuselung durch Combination seines Verfahrens mit anderen 
noch besser zu erreichen sein würde. In Daher z. B. habe die Ver- 
bindung mit einer Rectificationscolonne eine ganz erhebliche Verbesse- 
rung der Waare ergeben. Dieses bestätigt v. Diest an einer anderen 
Stelle, indem er anführt, dafs eine in Regen walde von Birner unter- 
suchte Probe als fuselfrei bezeichnet wurde und dafs nach der neuer- 
dings dem Apparate gegebenen Gestaltung ein völlig fuselfreier Sprit 
von guter Qualität und zwar bis zu 95 Proc. von der angewandten 
Rohwaare erhalten wurde. Die Redaction der Spirituszeitschrift be- 
merkt hierzu, dafs der erzielte Reinheitsgrad auch der mit der Colonne 
bewirkten Rectification zugeschrieben werden könne, worauf Traube an 
einer anderen Stelle nochmals hervorhebt, dafs die Colonne nicht noth- 
wendig ist, sondern dafs es nach seinem Verfahren gelingt, selbst bei 
einer Füllung von nur wenigen hundert Litern Rohspiritus bis etwa 
95 Proc. der angewandten Rohwaare als völlig fuselfreien Sprit von 
guter Qualität zu erhalten. — P'afst man alle diese Ausführungen zu- 
sammen, so mufs man wohl die Frage nach der Brauchbarkeit des 
Traube sehen Verfahrens zur Zeit als eine noch nicht vollständig ge- 
löste bezeichnen. 

Verfahren zur Reinigung von Rohalkoholen mit Hilfe der Alkalibisulfite ^ 
allein oder im Gemische mit neutralen Alkalisulfiten -^ von la socie'te francaise 
des alcools purs in Paris (D. R. P. Nr. 46627 vom 13. Mai 1888 ab). Das 
Verfahren ist gekennzeichnet durch: a) Die Eliminirung des Gesammt- 
gehaltes an Aldehyd und Aceton als Vorlauf und Umwandelung des- 
selben in Aldehydsulfite bezieh. Acetonsulfit mittels einer concentrirten 
Bisulfitlösung; b) bei Gegenwart von Butylaldehjd im Rohalkohol in 
Aldehydsulfit durch Zusatz von neutralem Sulfit zu dem Alkalibisulfit; 
c) die Destillation der nach a) oder b) erhaltenen Gesammtmasse zur 
Trennung des Alkohols von den Aldehyd- und Acetonsulfiten, welche 
im Rückstande verbleiben; d) nochmalige Destillation des unter c) er- 
haltenen Destillates in Gegenwart einer Base, wie Natron, Kali, Kalk 
behufs Bindung der unter c) mit übergegangenen schwefligen Säure und 
Gewinnung chemisch reinen Alkohols im Destillat; e) die Destillation 
der bei der Fractionirung verbleibenden, schwerer flüchtigen Fraction 
nach der einer bekannten Arbeitsweise. (Die Verbinduogen der Aldehyde 
und des Acetons können zur Gewinnung dieser Stoffe benutzt werden.) 

Zur Beurtheilung und Controle des Destillationsbetriebes empfiehlt 
Carl Huber in den Berichten der österreichischen Gesellschaft zur Förderung 



324 lieber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

der chemischen Industrie^ Bd. 10 S. 145, die Feststellung der Temperatur 
an allen charakteristischen Stellen des Apparates. Aus diesen Daten 
kann man unter Zuhilfenahme der latenten Wärme des Alkohols (210) 
und des Wassers (550), sowie der specifischen Wärme, des Alkohols 
(0,7) und derjenigen der Alkoholdämpfe (0,45) und endlich aus der 
stündlichen Verarbeitung an Maische, sowie aus der stündlichen Produetion 
von Spiritus durch Rechnung finden: a) den Verbrauch an Wasser, 
b) den Verbrauch an Dampf, c) die Menge des gebildeten Lutterwassers, 
d) die Menge der erzeugten Schlampe. 

V. Schlampe. 

Füllerungsversuche über die beste Verwerthung wasserreicher Futter- 
mittel.^ insbesondere der Schlampe der Kartofjelspiritus- und Kornbrannt- 
wein-Brennereien. 

Hierüber berichtet Prof. Märcker in der Generalversammlung des 
Vereins deutscher Spiritusfabrikanten {Zeitschrift für Spiritusindustrie.^ Bd. 12 
Ergänzungsheft S. 42). Im Winter 1887 bis 1888 wurden umfangreiche 
Fütterungsversuche von praktischen Landwirthen unter Mitwirkung der 
Versuchsstation Halle zur Ausführung gebracht. Die Versuche erfolgten 
nach einem einheitlichen, von Prof. Märcker entworfenen Plane und 
unter strenger, analytischer Controle durch die Versuchsstation. Durch 
die Versuche sollten vor Allem zwei Fragen entschieden werden, nämlich 
erstens, wie man die Schlampe verhältnifsmäfsig am besten ausnutzt., und 
zwar in der Richtung, dafs man genau die Grenze festzustellen hat, 
bis zu welcher die Schlampe von den Thieren noch vortheilhaft ver- 
werthet wird — zweitens, wie man bezüglich des Gehaltes an Nährstoffen., 
sowohl stickstoffhaltigen wie stickstofffreien., die Rationen einzurichten hat., 
um die höchste Rente und die beste Ausnutzung des Grundfutlers zu er- 
zielen. Nachdem der Verfasser zunächst die Nachtheile, welche ein 
Uebermafs von Wasser in der Ration durch Schädigung der Produetion 
im Gefolge hat, des Näheren dargelegt hat (vgl. hierüber unser Referat 
1888 269 331), geht derselbe näher ein auf die Zusammensetzung der 
Schlampe. Die zu den Versuchen verwendete KartofT'elschlämpe ent- 
hielt im Durchschnitt zahlreicher Analysen etwa 7 Proc. Trocken- 
substanz; diese besteht zu etwa 25 Proc. aus stickstotFhaltigen und zu 
50 Proc. aus stickstofffreien Stoffen, so dafs sich einschliefslich des 
Fettes, welches etwa 3 bis 4 Proc. der Trockensubstanz ausmacht, ein 
NährstoffVerhäJtnifs von 1 :2 berechnet, ein Verhältnifs, wie es nur in 
Kraftfuttermitteln, z. B. den Oelkuchen, vorkommt. Es ist also die 
Trockensubstanz der Schlampe als ein sehr intensives Nährmittel zu 
bezeichnen und die Erfolge, welche man mit derselben erreicht, ent- 
sprechen auch denjenigen der Kraftfuttermittel vollständig. Dazu kommt 
noch die hohe Verdaulichkeit der stickstoffhaltigen Stoffe, welche sich 
nach den zahlreich ausgeführten Bestimmungen im Durchschnitt zu 82, 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 325 

in maximo zu 88 Proc. ergaben. Die stickstofffreien Stoffe sind zu 
etwa 85 Proc. in Wasser löslich und dadurch für die Production des 
Thierkörpers ausgezeichnet zu verwerthen. Eine der interessantesten 
Erfahrungen, die bei den Versuchen gemacht wurden, ist die, dafs man 
in Form von Schlampe den Thieren weit gröfsere Wassermengen zu- 
führen kann, ehe die Production geschädigt wird, als in Form von an- 
deren wasserreichen Futtermitteln, in denen Wasser in kaltem Zustande 
oder auch in anderem Verhältnisse zu den sonstigen Nährstoffen den 
Thieren geboten wird. Denn während z. B. bei Versuchen an Mast- 
thieren mit Diffusionsrückständen schon bei einer Gabe von 35 bis 40"^ 
Wasser für das Thier von etwa 600"^ Lebendgewicht eine Schädigung 
der Production eintrat, mithin also 30 bis AO^ Wasser als die Grenze 
der Wassergabe bezeichnet Averden müssen, konnten bei der Schlampe 
651^ Wasser in der Ration gegeben werden, ehe ein Sinken der Production 
hervortrat. Bei Verabreichung von Schlampe kann man also den Thieren 
sehr grofse Wassermengen zumuthen und erreicht damit doch eine zu- 
friedenstellende Production. Aber eine gewisse Gi'enze hat die Schlämpe- 
gabe auch, und um diese festzustellen wurden Versuche mit verschiedenen 
Schlämpemengen, denen in der Ration Wassergaben von 55 bis 72*^,5 
entsprachen, ausgeführt. Bei diesen Versuchen sind aus einander zu 
halten diejenigen, welche mit Maatthieren und andererseits diejenigen, 
welche mit Milchkühen ausgeführt wurden. Bei einem Versuche mit 
Mastochsen ^ ausgeführt von Amtsrath Wagner in Warmsdorf, wurden 
z. B. folgende Resultate erhalten: 

bei 55k Wasser in der Ration = 0^,914 Lebendgewichtszunahme 

„ 65k „ ^, .. ., =ik.i41 

„ 72,k5 „ „ „ „ =0k.845 

Durch die hohe Schlämpegabe fand also eine sehr erhebliche, etwa 
26 Proc. betragende Verminderung in der Lebendgewichtsproduction 
statt und man mufs nach diesen Erfahrungen sagen, dafs die äufserste 
zulässige Schlämpegabe für Mastochsen bei höchstens 70' liegt. Bis zu 
dieser Gabe wird die Schlampe noch in einer, ihrem Nährstoffgehalte 
entsprechenden Weise zur Wirkung gelangen. Zwar erreicht man auch 
durch hohe Schlämpegaben noch einen hohen Masterfolg, jedoch einen 
verhältuifsmäfsig geringeren und damit in Verbindung eine Verringerung 
der Rente. So betrug z. B. in Warmsdorf bei der mittleren Schlämpegabe 
die Rente 21,7 Pf. für Tag und Stück; durch die hohe Gabe sank die- 
selbe auf 8,2 Pf. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den Milchkühen. 
Hier gaben die höchsten Schlämpegaben das beste Resultat in Bezug auf 
den Milchertrag und es fand durch die hohe Wassergabe auch nicht ein 
ungünstiger Einflufs auf die Beschaffenheit der Milch statt: denn es 
zeigte dieselbe den gleichen Gehalt an Trockensubstanz und Fett wie 
bei der geringen Gabe. Während nun aber durch die Erhöhung der 
Schlämpegabe eine Steigerung des Milchertrages von beispielsweise 1^ 
beobachtet wurde, fand in Bezug auf das Lebendsewicht bei den Milch- 



326 Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

küheu genau dasselbe statt wie beiden Mastthieren; mit Erhöhung der 
Sehlämpegabe verminderte sich die Lebeudgewiehtszunahme, denn es 
betrug dieselbe z. B. in einem Versuche bei der kleinsten Wassergabe 
0'',586 Zunahme, bei der höchsten jedoch nur noch Oi^'iOg. Die An- 
regung, welche durch grofse Wassermengen für die Milchproduction 
gegeben wird, geschieht also auf Kosten des Lebendgewichts. Gibt man 
gleiche Nährstoffmengen bei schwacher und bei starker Schlämperatiou, 
so bekommt man durch die starke Gabe mehr Milch, aber weniger 
Lebendgewicht, durch die schwache mehr Lebendgewicht und weniger 
Milch. Ob das Eine oder das Andere vortheilhafter ist, mufs die Rech- 
nung für den speciellen Fall ergeben. Die günstigen Erfolge, welche 
hohe Schlämpegabeu auf die Milchproduction ausüben, treten jedoch 
nur dann zu Tage, ivenn daneben hohe Gaben an verdaulichen^ stickstoff- 
haltigen Stoffen verabreicht werden. Es zeigte sich dieses sehr deutlich 
bei einem von Amtsrath Oesterreich in Siegersleben ausgeführten Ver- 
suche, [)ei weichem durch einen unbeabsichtigten Zufall neben der 
höchsten Schläm])egabe eine geringere Menge Protein verabreicht wurde. 
Dies hatte im Gefolge, dafs der Milcherti-ag, welcher bei der geringsten 
Sehlämpegabe 141^,19 betrug und welcher durch die höhere Gabe auf 
141^,49 gesteigert wurde, durch die höchste Sehlämpegabe in Folge der 
unzureichenden Menge von Protein auf 12'',63 herabsank. Aus diesen 
Beobachtungen folgt, dafs man die Rationen in den Brennerei- Wirthschaften 
sehr stickstoffreich einrichten mufs^ reicher als dies bisher geschehen ist, 
wenn man rentabel arbeiten will. 

Endlich richteten sich die Versuche darauf, festzustellen, wie grofs 
man die Gaben von stickstoffhaltigen und stickslolffreien Nährstoffen 
bemessen müsse, um die höchste Production zu erzielen. Nach den 
Wolffschen Normen werden für 500*^ Lebendgewicht l'^',25 verdauliche 
stickstoffhaltige Nährstoffe erfordert, und auf dieser Grundlage hat man 
bisher allgemein die Kationen aufgebaut. Es wurde nun versucht, die 
siicksloffhaltigen Nährstoffe bis auf 2*^ zu steigern, und das Resultat dieser 
Versuche war ein aufserordentlich günstiges, denn nicht in einem ein- 
zigen Falle ist diese bedeutende Erhöhung ohne Erfolg gewesen. Ueberall 
ist die extremste Stickstoffration die allerbilligste gewesen, sie hat sich 
gröfstentheils durch die Production selbst bezahlt gemacht, und wo dieses 
nicht der Fall war, durch die viel billigere Erzeugung des Düngers. 
Je stickstoffreicher die Ernährung, um so billiger wird der Dünger 
producirt. Als Beleg für diese Schlufsfolgerungen möge aus den vielen 
übereinstimmenden Versuchen nur der eine von Amtsrath /Umpan in 
Schlanstedt ausgeführte hier mitgetheilt werden: 

Sticksiüirh.iltitjp Niilir- Lebendpewichtsziinnhme Heute pro Tag und 

stoiTe in der Ration pro Tae und Sliicl< Stiicii 

k k Pf. 

1,60 1,1 !)6 4,4 

1,85 1,279 12,6 

2,09 1,303 16,7 



Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 327 

In einer anderen Versuchsreihe fand nun eine einseitige Vermehrung 
<ier stickstofffreien Nährstoffe statt. Das Resultat war hier das umgekehrte, 
indem auch nicht in einem einzigen Falle von allen 15 zur Ausführung 
gelangten Versuchen durch eine Vermehrung der stickstofffreien Nähr- 
stoffe über das jetzt gebräuchliche Mafs hinaus ein günstiger Erfolg er- 
zielt wurde. Bei den meisten Versuchen fand überhaupt keine Erhöhung 
der Production statt ^ aber auch bei den Versuchen, bei welchen eine 
Mehrproduction an Milch oder Lebendgewicht erzielt wurde, machte 
sich diese in keinem Falle bezahlt. Es ergibt sich aus diesen Versuchen, 
•dafs die Wolff'schen Zahlen über das Quantum stickstofffreier Nährstoffe 
für die Praxis durchaus zutreffend sind, während die Normen für die 
stickstoffhaltigen Stoffe, wenigstens bei sehr wasserreicher Ernährungi 
zu gering bemessen sind. Als die wichtigsten Resultate aller Versuche 
ergeben sich folgende Sätze: 1) Die Darreichung extremer Schlämpe- 
gaben ist weder vortheilhaft für die Production, noch auch rentabel. 
2) Die Thiere können in Form von heifser Schlampe innerhalb gewisser 
Grenzen mehr Wasser vertragen als in Form von anderen kalten, wasser- 
reichen Futtermitteln. 3) Hierzu ist jedoch unerläfsliche Voraussetzung, 
dafs beim Verfüttern wasserreicher Futtermittel die Ration einen sehr 
hohen Stickstoffgehalt besitzen mufs. 4) Als zweckmäfsige Höhe der 
Oabe von stickstoffhaltigen Nährstoffen ist zwar noch nicht die extremste 
zu empfehlen, wohl aber ist zu erwarten, dafs l^^b stickstoffhaltige, 
verdauhche Nährstoffe auf SOOi^ Lebendgewicht nicht zu viel sein werden, 
keinerlei Uuzuträglichkeiten hervorrufen und die höchste und billigste 
Production leisten werden. (Der Referent kann noch hinzufügen, dafs 
die in noch gröfserem Umfange im W^inter 1888 bis 1889 ausgeführten 
Fütterungsversuche die Resultate der vorjährigen Versuche durchweg 
bestätigt haben.) 

In der an den Vortrag sich schliefsenden Debatte bemerkt Professor 
Märcker auf eine Frage, bei welcher Temperatur man die Schlampe 
verfüttern solle, dafs er es für zweckmäfsig halte, dieselbe so heifs wie 
möglich zu verabreichen (iVewÄauss-Selchow gibt 50 bis 600 als die ge- 
eignetste Temperatur an), v. BockelbergSchönow berichtet über seine 
Erfahrungen, welche er bei der Verfütterung der Süfsmaische oder Kunst- 
schlampe (vgl. 1888 269 332), einem Futtermittel, welches bei der 
jetzigen Steuergesetzgebung sehr an Bedeutung gewinnt, gemacht hat. 
Er hat Anstofs genommen an der dünnen Beschaffenheit dieses Futters, 
hervorgerufen durch einen gröfseren Malzzusatz, und hält dasselbe daher 
für geringwerthiger. Märcker macht auf das Unzutreffende dieser Ansicht 
aufmerksam^ durch das Malz wird die Stärke gelöst, daher die Masse 
dünnflüssiger, die Nährstoffe bleiben natürlich dieselben, werden im 
Gegentheile durch mehr Malz noch vermehrt. Im weiteren Verlaufe 
der Debatte wird noch das Aufkochen der Süfsmaische, um dieselbe 
haltbar und bekömmlich zu machen, als dringend nothwendig bezeichnet. 



328 Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 

(Der Referent möchte noch hinzufügen, dafs bei einem in diesem Jahre 
ausgeführten Versuche an Milchkühen die Süfsmaische ein überraschend 
günstiges ResuUat ergeben hat. Als ein Theil der DifFusionsrückstände 
durch Süfsmaische ersetzt wurde, fand bei gleichbleibenden Nährstoft- 
meugen eine bedeutende Steigerung im Milchertrage statt.) 

In der Zeitschrift für Spiritusindustrie ^ S. 65, 72, 81, werden noch 
andere Futtermischungen als Ersatz für die Schlampe mitgetheilt, ver- 
anlafst dadurch, dafs die Verfütterung von Süfsmaische bei hohen Kartoffel- 
preisen sich nicht rentiren soll. 

Auf eine Verfälschung der getrockneten Schlampe durch Keishülseny 
welche Prof. Schulze in letzter Zeit mehrfach feststellen konnte, wird 
in der Zeitschrift für Spiritus- und Prefshefeindustrie^ Bd. 9 S. 501, auf- 
merksam gemacht. Dafs durch die Beimengung der für die Ernährung 
ganz werthlosen Reishülsen eine bedeutende Verringerung des Nähr- 
werthes der getrockneten Schlampe verursacht wird, liegt auf der Hand. 

Die Frage, ob eventuell im Futter des Milchviehs enthaltene flüchtige 
Fettsäuren in die Milch übergehen^ erörtert Prof. WeisU in der Zeitschrift 
für Spiritusindustrie ^ Bd. 12 S. 8 (daselbst nach Der Landwirth). Be- 
kanntlich beobachtet man bei manchen Futtermitteln einen ungünstigen 
Einflufs auf den Geschmack der Milch. Zu diesen Futtermitteln ge- 
hören unter anderen auch solche, welche Säuren enthalten, wie z. B» 
Schlampe, Sauerfutter u. s. w., und bei diesen will man auch vielfach 
gefunden haben, dafs die Milch der mit ihnen ernährten Thiere leicht 
säuert. Dieses hat zu der Vermuthung geführt, dafs die Säure dieser 
Futtermittel direkt in die Milch übergehe und das Säuern derselben, 
sowie den schlechten Geschmack verursache. Exacte Versuche von 
Soxhlet haben jedoch gezeigt, dafs diese Ansicht unrichtig ist und dafs 
die ungünstige Wirkung auf die Milch vielmehr darauf zurückzuführen 
ist, dafs die genannten Futtermittel, welche reich an Spaltpilzen sind, 
die Stallluft mit diesen stark iuficiren, und dafs nun aus der Stallluft 
beim Melken die Pilze in die Milch gelangen und die geringere Halt- 
barkeit derselben verursachen. Aehnlich dürfte es sich nach Weiske''s 
Ansicht bezüglich des Geruchs und Geschmacks der Milch verhalten, 
denn wenn auch manche Futtermittel sehr beträchtliche Mengen von 
Säuren, darunter auch übelriechende, flüchtige Fettsäuren, enthalten 
(z. B. die gesäuerten Diffusionsrückstände nach Untersuchungen des 
Referenten bis zu einem Drittel der Trockensubstanz auf Milchsäure 
berechnet), so ist doch anzunehmen, dafs unter normalen Verhältnissen 
diese Säuren im Thierkörper verbrannt werden und nichts davon in 
die Milch gelangt. Diese Annahme fand Weiske durch eiaen Versuch 
bestätigt. Er gab einer Ziege täglich 1*-' Buttersäure unter den nöthigen 
Vorsichtsmafsregeln, so dafs nichts von dem Buttersäuregeruche in die 
Stallluft gelangen konnte. Der Geruch und Geschmack der Milch blieb 
vollständig rein und frei von Buttersäure. Auch die chemische Prüfung 



üeber Fortschritte in der Spiritusfabrikation. 329 

der Milch ergab in derselben keinen gröfseren Säuregehalt als bei 
normaler Fütterung. Verfasser schliefst daraus, dafs, sofern nicht zu 
grofse Quantitäten von organischen Säuren zur Aufnahme gelangen und 
sofern durch die Säureaufuahme keine Verdauungsstörungen, sowie andere 
der Gesundheit nachtheilige Folgen eintreten, ein Uebergaug dieser 
Säuren in die Milch nicht stattzufinden scheint, sondern vielmehr auch 
hier die verunreinigte Stallluft als die Ursache der schlechten Beschaffen- 
heit der Milch anzusehen sein dürfte. 

Ueber den Glyceringehalt der Branntweinachlämpe veröffentlicht Bans 
Graf V. Torring in den Landwirthschaftlichen Versuchsstationen^ 1889 Bd. 36 
S. 23, eine umfangreiche Arbeit. Der Verfasser prüfte nach einer von 
ihm ausgearbeiteten Methode (ähnlich der von Dietz^ vgl. 1888 268 128) 
7 Proben Schlampe auf ihren Gehalt an Glycerin und fand im Durch- 
schnitte auf 1^ Schlampe 2?,520 oder auf lOOs Schlämpetrockensubstanz 
3?,12 Glycerin. Diese Zahlen bleiben erheblich unter denen, welche 
sich aus dem Alkoholgehalte der Maischen auf Grund der von Pasteiir 
ermittelten Zahlen berechnen lassen. Diese Differenz ist wohl dadurch 
zu erklären, dafs ein Theil des Glycerins durch Nebengährungen wieder 
zerstört wird. Möglicherweise bildet sich durch diese Zersetzung des 
Glycerins der im Rohspiritus enthaltene Propyl- und ßutylalkohol. In 
der getrockneten Schlampe fand Verfasser, auf wasserfreie Substanz 
berechnet, nur 1,9 Proc. Glycerin, während 100 Th. Trockensubstanz 
der frischen Schlampe 2,57 bis 3,92 Th. Glj^cerin enthielten. Es geht 
also beim Trocknen fast die Hälfte des Glycerins verloren. Verfasser 
berechnet die Menge Glycerin, welche die Thiere in den üblichen 
Schlämpegaben erhalten, und glaubt nach den bis jetzt vorliegenden 
Beobachtungen über die Ausnutzung und Bekömmlichkeit des Glycerins, 
dafs diese Mengen, besonders in der grofsen Verdünnung, nicht nur 
ohne Nachtheil für die Gesundheit der Thiere sein werden, sondern 
auch voll zur Ausnutzung gelangen, d. h. eine ihrem Verbrennungs- 
werthe entsprechende Menge Wärme liefern werden. Da nun 100 Th. 
Glycerin dieselbe Wärmemenge liefern wie 110 Th. Stärke und da 
andererseits das Glycerin leicht löslich und resorbirbar und vollständig 
verdaulich ist, so hält Verfasser dasselbe für einen sehr werthvollen 
Bestandtheil der Schlampe. Andererseits macht Verfasser darauf auf- 
merksam, dafs in Folge des Gehaltes der Schlampe an Holzfaser und 
incrustirenden Substanzen die Annahme, dafs die gesammten stickstoff- 
freien Extractstoffe der Schlampe den Werth der Stärke besitzen, un- 
zutreffend sei und eine ungerechtfertigte üeberschätzung des wirklichen 
Nährwerthes dieser Stoffe in sich schliefsen. (So viel dem Referenten 
bekannt ist, bringt man auch nur 85 Proc. der stickstofffreien Stoffe als 
verdaulich in Rechnung.) 

Die Frage, weshalb sich auf Maismaischen ^ welche mittels Hochdruck 
hergestellt sind ^ kein Oel absondert^ während bei Maischen, nach altem 



330 üeber Fortschritte in der Bierbrauerei. 

Verfahren bereitet, eine bedeutende Oelabsonderung stattfindet, wird in 
der Zeilschrift für Spiritusindustrie^ Bd. 12 S. 144, von Heinzehnann dahin 
beantwortet, dafs das Oel sich hauptsächlich in den Zellen des Embryo 
vorfindet, und dafs durch das Zerkleinern des Maiskorns durch Schroten 
der Embryo von den Umhüllungen befreit und dadurch das Oel blofs- 
gelegt wird. Beim Dämpfen unter Hochdruck ohne Zerkleinerung findet 
eine solche Freilegung der ölhaltigen Zellen wahrscheinlich nicht in 
dem Mafse statt. Jedenfalls aber ist eine Zersetzung des Oeles, wie 
der Fragesteller sie vermuthet, nach den Versuchen, welche Heinzelmann 
durch Erhitzen von Maisöl mit Wasser unter hohem Drucke ausgeführt 
hat, nicht zu befürchten. (Fortsetzung folgt.) 



üeber Fortschritte in der Bierbrauerei. 

Ueber die Reinigung der Abgang swüsser aus der Brauerei von Franz 
Schicackhöfer {Millheilungen der österreichischen Versuchsstation für Brauerei 
und Mälzerei in Wien^ IL Heft, Wien 1889. Wochenschrift für Brauerei^ 
1889 Bd. 6 S. 313). 

Im Laufe des vorigen Jahres wurden in Niederösterreich eine ganze 
Reihe von Fabriken wegen ungenügender bezieh, ganz unterlassener 
Reinigung ihrer Abgangswässer und Auslaufenlasseu in ein öffentliches 
Gerinne von Seite der Behörde beanstandet. Darunter befinden sich auch 
zwei gröfsere Brauereien. Die chemische und bakteriologische Unter- 
suchung der Abwässer derselben fiel dem Laboratorium der Versuchs- 
station an der k. k. Hochschule für Bodenkultur zu. 

Beide Brauereien besitzen Reinigungsanlagen, in welchen Kalkmilch 
als Desinfectionsmittel in Anwendung kommt. Die eine Brauerei hat 
hierfür eine eigene maschinelle Einrichtung mit Rührbottichen und ge- 
schlossenen Filtern, die andere hingegen nur eine Sedimentäranlage, 
bestehend aus langen, mehrfach gewundenen gemauerten Kanälen von 
geringem Gefälle, in welchem der durch die Kalkfällung erzeugte Nieder- 
schlag zum Absitzen gebracht wird. 

Der Verfasser theilt in dem Originalaufsatze nur die Resultate mit, 
welche er bei Untersuchung des Abwassers aus der Brauerei mit 
maschineller Einrichtung erhielt. Die bei dem Abwasser der anderen 
Brauerei erzielten hält Verfasser nicht für mafsgebend, da die kommissio- 
nelle Erhebung und Probenahme in der Brauerei nach dreitäüisem 
Regenwetter stattfand, wodurch das in der olFenen Reinigungsanlage 
sich befindende Abwasser stark verdünnt wurde und somit reiner er- 
schien, als es in Wirklichkeit sein konnte. 

Bezüglich der erhaltenen Zahlen auf das Original verweisend be- 
gnügen wir uns hier damit, das Gesammtergebnifs der Untersuchung 
mitzutheilen wie folgt: 



üeber Fortschritte in der Bierbrauerei. 331 

Die Reinigung der Brauereiabwässer mit Aetzkalk. erfüllt ihren 
Zweck nur unvollständig. Eine ausgiebige Wirkung ist nur bezüglich 
der suspendirten Stoffe und des Bakteriengehaltes zu verzeichnen. Auf 
die gelösten Stoffe (mit Ausnahme der Phosphorsäure) wirkt die Kalk- 
fällung so gut wie gar nicht und ist summarisch sogar eine Zunahme 
dieser Substanzen wahrzunehmen. Der organische Antheil dieser letzleren 
gibt einen guten Nährboden für die Mikroorganismen ab und wenn 
neuerdings eine lufection durch Luft, Staub und Boden stattfindet, wie 
das in einem offenen Gerinne der Fall ist, so gehen diese Wässer (bei 
geringem Kalküberschusse. D. Ref. Vgl. König ^ Die Verunreinigung 
der Gewässer u. s. to. S. 237. Berlin J. Springer 1887) in der wärmeren 
Jahreszeit alsbald wieder in Zersetzung über. Die dadurch entstandene 
Kalamität wird um so gröfser, je weniger Wasser das offene Gerinne führt. 

Nach Schwackhöfer ist die Kalkfällung und nachfolgende Filtration 
leider das einzige zweckmäfsige Verfahren der Abwasserreinigung, 
vi^elches man bis heute kennt. Zusätze von Eisenchlorid, Mauganchlorür, 
Alaun u. s. w. vertheuern die Verfahren und bleiben ohne erheblichen 
Erfolg. 

Die Beseitigung der Abwässer aus der Brauerei bespricht Prof. Friedrich 
Zajicek {Allgemeine Brauer- und Hopfenzeitung ^ 1889 Bd. 29 S. 605, aus 
dem 18. Jahresberichte der I. österreichischen Brauerschule an der 
landwirthschaftlichen Lehranstalt Francisco- Josephiuum in Mödling 
1887/88). In einem längeren Aufsatze verbreitet sich Verfasser über 
die zu dem Zwecke der Ableitung der Abwässer dienenden Einrich- 
tungen in den einzelnen Brauereigebäuden, so in der Malztenne, dem 
Sudhause, dem Gähr- und dem Lagerkeller, dann über die Ableitung 
der Abwässer durch entsprechend angelegte Kanäle, endlich über Be- 
seitigung der schädlichen Sinkstoffe des Kaualwassers. 

Die ziceite mährische Braugerste- Ausstellung in Brunn. Bericht er- 
stattet an den Centralausschufs der k. k. mährisch-schlesischen Ackerbau- 
gesellschaft von Prof. Dr. A. Zoebl (im Auszuge: Allgemeine Brauer- und 
Eopfenzeitung, 1889 Bd. 29 S. 853). 

Die mährisch-schlesische Ackerbaugesellschaft hat in der richtigen 
Erwägung der grofsen Bedeutung der Braugersteproduction für Mähren 
und in der Absicht, die Gerstenkultur zu heben, die Veranstaltung von 
Gerstenausstellungen beschlossen, deren erste im August des Jahres 1886, 
die zweite 1887 in Brunn stattfand. 

An der zweiten Ausstellung betheiligten sich 808 Aussteller mit 
975 Gerstenproben. 

Wir entnehmen der umfangreichen mit zahlreichen Tabellen aus- 
gestatteten Abhandlung lediglich die folgende Uebersicht, welche die 
von Prof. F. Schindler., Prof. S. Adametz und Prof. E. Fischer ermittelten 
Grenzwerthe und Durchschnittsergebnisse der Qualitätszahlen für 20 mit 
den ersten Preisen ausgezeichnete Gerstenproben enthält. 



332 



Ueber Fortsclirittc in der Bicrbraueiei. 



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lieber Fortschritte in der Bierbrauerei. 333 

Es übertraf also unter den mit ersten Preisen ausgezeichneten 
Gersten die Hannagerste alle übrigen im Hektolitergewiehte und in der 
Vollkörnigkeit auch bezüglich des Proteingehaltes verhielt sie sich am 
günstigsten. Im Extractgehalte war die Goldmeloneugerste die beste ^ 
am dünnspelzigsten war die Pfauengerste, welche auch zu den grofs- 
körnigsten zählte. Durch Grofskörnigkeit zeichneten sich auch einzelne 
Nummern der Goldmelonen-, Oregon- und Chevaliergerste aus. 

Ein Vergleich der für die „hochfeinen" Gersten erhaltenen Durch- 
schnittswerthe mit jenen der nächst besten „feinen" zeigt die ersteren 
überlegen in Korngröfse und auch im Hektolitergewiehte^ um ein Ge- 
ringes ist bei den „hochfeinen" Gersten auch das Verhältnifs der Länge 
und Breite der Körner günstiger. Dagegen ergeben sich bezüglich der 
übrigen Eigenschaften keine nennenswerthen Unterschiede. Immerhin 
zeigt der bedeutende Unterschied in der Korngröfse, dafs die Preisrichter 
auf diese Eigenschaft ein grofses Gewicht legen. Ein anderes schwer 
in die Wagschale fallendes Beurtheilungsmoment war die Farbe der 
Körner, welche allerdings in den vorliegenden Untersuchungsresultaten 
nicht zum Ausdrucke gelangt. 

Ein Rückblick auf die bei beiden Ausstellungen erzielten Resultate 
zeigt, dafs unter den Eigenschaften der Gerste — ausreichende Wachs- 
thumsbedingungen vorausgesetzt — die Gröfse und Gestalt des Kornes noch 
die gröfste Constanz in der Vererbung zeigen, während die übrigen Eigen- 
schaften von den äufseren Vegetationsverhältnissen (Klima, Boden) beein- 
flufst werden. »In dem günstigen Zusammenwirken dieser Factoren liegt 
ohne Zweifel das Schwergewicht für die Production vorzüglicher Braugerste, 

Ueber die Resultate der im J. IS88 in Schleswig- Holstein ausgeführten 
Anbauversuche mit Braugerste macht Dr. A. Emmerling {Zeitschrift für 
das gesammte Brauwesen^ 1889 Bd. 12 S. 135) Mittheilung. Da über die 
Beziehungen der Qualität zu den inneren Eigenschaften der Gersten- 
körner mit Rücksicht auf den laudwirthschaftlichen praktischen Zweck 
dieser Versuche eingehendere Untersuchungen nicht unternommen wurden, 
so begnügen wir uns hier mit dem Hinweise auf den Bericht. Nur das 
eine liefs sich in Uebereinstimmung mit dem vorjährigen Ergebnisse 
(vgl. 1888 270 279) feststellen, dafs die geringeren Qualitäten im 
Durchschnitte die gröfste Zahl der glasigen und die geiüngste Zahl der 
mehligen (inclusive halbmehligen Körner) enthalten, wie folgende Zu- 
sammenstellung lehrt: 

Durchschnittliche Procentzahlen der mehligen und glasigen 
Qualität: glasig Körner: mehlig halbmehlig 

über mittel 25,3 6,4 68,2 

mittel 26,4 4,7 69,0 

unter mittel 29,0 3,5 67,5 

71,0 



334 Ueber Fortschritte in der Bierbrauerei. 

Gleichfalls mehr landwirthschaftliches Interesse beanspruchen die unter 
der Leitung des Prof. Märcker in der Provinz Sachsen ausgeführten Gersten- 
culturversuche {Altgemeine Brauer- und Hopfenzeitung.^ 1889 Bd. 29 S. 1164). 

Ueber das Wasserbinden der Malztrockensubstanz beim Lagern^ beim 
Einteigen und beim Maischen., und im Zusammenhange damit über die 
indirekten Ejctractbestimmungsmvthoden von Dr. W. Schnitze {Miltheilungen 
der österreichischen Versuchsstation für Brauerei und Mälzerei in Wien.^ 
II. Heft. — Zeitschrift für das gesummte Brauwesen.^ 1889 Bd. 12 S. 126). 
Die Resultate seiner umfangreichen Arbeit, welche in innigem Zusammen- 
hange mit einer 1884 Bd. 7 S. 53 letztgenannter Zeitschrift erschienenen 
Untersuchung von Franz Heim steht (vgl. auch Zeitschrift für das ge- 
sammte Brauwesen, 1889 Bd. 12 S. 85, 164, 179), fafst Dr. Schultze in 
folgenden Sätzen zusammen: 

I. Wenn trockenes Malzschrot mit Wasser eingeteigt vrird, so bindet 
das Malzschrot einen Theil des Wassers. 

II. Die Wasserbindung durch trockenes Malzschrot ist die Ursache 
der beim Einteigen frei werdenden Wärme. 

Aus I und II folgt: 

1) Da 100 Gew.-Th. Versuchsmalz, bestehend aus 98,2 Trockensub- 
stanz und 1,8 sogen. Feuchtigkeit, 4,21 Th. Wasser binden, so dürfen 
1,8 Th. sogen. Feuchtigkeit, welche bereits vor dem Einteigen vorhanden 
waren, nicht als blofs adhärirendes, sondern diese müssen als ge- 
bundenes Wasser angesehen werden. Jede Malztrockensubstanz hat 
ein gewisses wasserbindendes Vermögen. Bei Malzsorten mit Wasser- 
gehalten, die über das wassei-bindende Vermögen derselben hinaus- 
gehen, ist zwischen dem gebundenen und dem freien Wasser zu unter- 
scheiden. 

2) Es erklärt sich jetzt, warum bei Trockeugehaltsbestimmungen 
das Wasser aus dem Malze so schwer völlig zu entfernen ist. 

3) Wenn gut ausgedarrtes Malz an der atmosphärischen Luft lagert, 
so absorbirt und bindet es Feuchtigkeit; hierbei wird Wärme im lagernden 
Haufen frei. 

4) Kommt Malzschrot zur Einmaischung, dessen wasserbindendes 
Vermögen bereits während der Lagerung durch atmosphärisches Wasser 
gesättigt worden ist, so kann beim Einteigen keine Wärme mehr frei 
werden. 

5) Bei dem in früheren Zeiten üblichen Einsprengen des Malzes 
mit 5 bis 10 Proc. Wasser unmittelbar vor dem Zermahlen auf ge- 
wöhnlichen Malzmühlen hat jedenfalls dann eine Wasserbindung statt- 
gefunden, wenn das Wasserbindungsvermögen des betretfenden Malzes 
nicht bereits während der Lagerzeit gesättigt worden war. Die alten 
Brauer haben dann thatsächlich, wenn auch nicht absichtlich die Wasser- 
bindung im Maischbottiche schon auf der „Einspi'enge'-' vorweg ge- 
nommen. Unter diesem Gesichtspunkte verliert die Methode des Ein- 



Kleinere Mittheilungen. 



335 



sprengens für den heutigen Brauer, der dieselbe in Folge Einführung 
der Quetschmühlen nicht mehr anwendet, das Befremdende. (Das „Ein- 
sprengen" wird auch heutzutage zuweilen noch angewendet, wenn es 
sich darum handelt, die Hülsen des Malzes durch Befeuchten geschmei- 
diger zu machen, so dafs sie auf der Schrotmühle weniger stark zer- 
kleinert werden und nachher beim Abläutern eine bessere Filtrirschicht 
abgeben können. D. Ref.) 

III. Wird eingeteigtes Malzschrot gemaischt, so findet während des 
Maischens eine abermalige Wasserbindung statt. 

100 Gew.-Th. des Versuchsmalzes = 98,2 Gew.-Th. Trockensub- 
stanz banden 

a) als sogen. Feuchtigkeit 1,80 Th. Wasser = 1,83 Proc. der Malztrockensiibst. 

b) beim Einteigen . . . 4,21 „ „ = 4,58 „ „ „ 

c) beim Maischen . . . 1,11 „ „ = 1,13 » « u 

insgesammt 7,12 Th. Wasser = 7,24 Proc. der Malztrockensubst. 

IV. Das gesammt gebundene Wasser geht theils in die Substanz 
des Würzeextractes, theils in die Substanz der Trebern ein. 

V. Die allgemein gebräuchliche Annahme, dafs 100*^ Malzschrot 
den Raum von 75^ einnehmen, oder mit anderen Worten, dafs das 
specifische Gewicht des Malzschrotes = 1,3333 und sein specifisches 
Volumen = 0,75 sei, ist falsch. (Fortsetzung folgt.) 



J. Comstock's Cirkelmesser-ScMelfmaschine. 

Das auf einen Bolzen gespannte Scheibenmesser dreht sich mittels eines 
Winkelrades in langsamer Gangart, während die Schleifscheibe vermöge Räder- 
umsetzungen rascher kreist. Den verschiedenen Messergröfsen entsprechend, 




«5 



wird die Schleifscheibenwelle sammt ihren Lagerbüchsen im Lagerbocke ver- 
schoben, während das Vorderlager selbst in der Höhe einstellbar ist, um die 
Zuschärfungswinkel zu regeln , weil sonst die Schrägstellnng des Aufspann- 
dornes zur Schleifradwelle unveränderlich ist. 

Die elektrische Stadtbahn in Budapest. 

1^- Ueber die am 22. Juli d. J. eröffnete und am 30. dem öffentlichen Ver- 
kehr übergebene elektrische Stadtbahn in Budapest bringt der Elelttrotechniker^ 
1889 Bd. 8 S. 138, folgende Mittheilungen; 



336 Kleinere Mittheilungen. 

Die Bahn ist durchwegs mit eisernem Oberbau ausgeführt. Die Schienen 
sind symmetrische Doppelschienen. Unter dem einen Schienenstrange belindet 
sich die unterirdische Stromzuleitung in einem eiförmigen Betonkana], welcher 
oben aufgeschlitzt ist und mit dem Schlitze zwischen den Doppelschienen in 
Verbindung steht. Die elektrische Stromzuleitung vermitteln zwei gegenüber 
stehende Winkeleisen, welche in dem Betonkanal mitteis Isolatoren befestigt 
sind; die im Strafsenpllaster liegenden Faiirschienen werden zur Stromzuleitung 
nicht benutzt. In diesem unterirdischen Kanäle läuft unter jedem Wagen ein 
sogen. Contactschitf , welches den Strom von der beschriebenen Leitung zur 
Wagenmaschine führt. 

Die Weichen des beschriebenen Oberbaues mufsten natürlich für den voi*- 
liegenden Zweck besonders eingerichtet werden; sie sind einfach und zweck- 
mäfsig. Selbstredend raufste jede einzelne Weiche nach ihrer Verlegung ganz 
genau ausgerichtet, nachgearbeitet und ausprobirt werden. Die Aufstellung 
und Ausrichtung der Weichen konnte bei der Neuheit der Construction mit 
dem auf letztere noch nicht eingeübten Arbeiterpersonal nur sehr langsam 
vor sich gehen. Die Weichen werden von den Wagen selbsthätig gestellt. 
Bis die Weichen ganz geläufig gehen, wird jedoch die Stellung mit der Hand 
vorgenommen. 

Die Wagen unterscheiden sich äufserlich fast in Nichts von den üblichen 
Strafsenbahnwagen, nur dafs sie durchwegs haltbarer und demzufolge auch 
etwas schwerer sind. Zwischen den Wagenachsen unter dem Wagenkasten 
liegt die secundär getriebene Dynamomaschine, welche durch den durch das 
Contactschitf ihr zugeführten elektrischen Strom in Bewegung gesetzt wird. 
Die Umdrehungen der elektrischen Maschine werden mittels elastischer Stahl- 
spiralschnüre auf die Wagenachsen übertragen. Die Maschine wird durch den 
Ausschalter, welcher an jedem Wagentritte angebracht ist, ein- bezieh, aus- 
geschaltet. Es geschieht dies durch Einstecken eines Schlüssels, welcher die 
Form einer Kurbel hat. Je nachdem die Einschaltung erfolgt, fährt der 
Wagen langsamer oder schneller, vor- oder rückwärts. Durch allmähliche 
Einschaltung oder Ausschaltung wird ein sanftes Anfahren oder Stehenbleiben 
des Wagens bewirkt. Doch kann durch schnelles Ausschalten auch ein sehr 
schnelles Stehenbleiben des Wagens veranlafst werden. Im Falle von Gefahr 
kann sogar durch Anwendung von Gegenstrom der Wagen fast augenblicklich 
zum Stehen gebracht werden. Die Ausschaltung wird vom Wagenführer mit 
der linken Hand bewirkt, während er mit der rechten Hand die Bremse 
handhabt. Da der Wagenführer den Ausschalter und die Bremse nicht aus 
der Hand lassen soll, so ist die Anordnung getroffen, dafs er die Signal- 
glocke, welche an jedem Perronende angebracht ist, mit dem Fufse in Be- 
wegung setzt. 

Die Bahn erhält den elektrischen Strom von einer Centralstelle. Die 
Centralstelle ist die erste derartige gröfsere elektrische Centralstelle in der 
Monarchie und jedenfalls die erste ungarische Anstalt für elektrische Kraft- 
übertragung, wie denn überhaupt eine elektrische Bahn in dem Umfange des 
genehmigten Netzes und in der beschriebenen Vollkommenheit der Anordnung 
noch nirgends vorhanden ist. 

Die Centralstelle hat vorläufig drei Dampfkessel, drei Dampfmaschinen 
zu je lüü H* und dem entsprechend drei Dynamomaschinen, welche nach 
Belieben einzeln in die Kabel der einzelnen Linien oder mittels Parallel- 
schaltung gemeinschaftlich in das verbundene Kabelnetz arbeiten können. 



Verlag der J. ü. Cotta'schen Uuchhandlung Nachfolger in Stuttgart. 
Druck von Gebrüder Kröner in Stuttgart. 



Neuerungen an Oefeu für verschiedene gewerbliche Zwecke. 33^7 

Neuerungen an Oefen für verschiedene gewerbliche Zwecke. 

Mit Abbildungen auf Tafel 16 und 17. 

Emaillirofen von Friedrich Siemens. Derselbe ist mit zwei oder 
mehr Ofenkammern 0^ ausgestattet, welche die Muffel vertreten. Ein 
stetiges Emailliren wird dadurch ermöglicht, dafs mittels einer Rege- 
nerativgasfeuerung immer mindestens eine Ofenkammer von innen (nicht 
von aufsen) erhitzt und mindestens eine andere zum Emailliren benutzt 
wird und die beiden so bezeichneten Vorgänge in regelmäfsiger Weise 
zwischen den zwei paarweise zusammengehörigen Ofenkammern ab- 
wechseln. 

In den Fig. 1 bis 8 sind zwei verschiedene Ausführungsformen von 
Emailliröfen mit Regenerativgasfeuerung dargestellt, welche gestatten, 
dafs ohne Unterbrechung emaillirt wird. Es wird dies nach Fig. 1 bis 4 
durch zwei derart vereinigte selbständige Oefen mit Regeneratoren 
ohne Zugumkehr erreicht. Hierbei gestattet nur eine Gaswechselklappe 
und eine Luftwechselvorrichtung den Ofenbetrieb so einzurichten, dafs 
in der Kammer des einen Ofens ohne Flamme emaillirt, während 
die Kammer des zweiten Ofens 0^ zu gleichem Zwecke vorgewärmt 
wird. Der Betrieb der beiden Oefen wird demnach wie derjenige eines 
einzigen Ofens mit zwei getrennten Kammern geführt. Wird z. B. in 
der Ofenkammer Oj emaillirt, so wird die Ofenkammer gleichzeitig 
vorgewärmt. Die Stellung der Regelungs- bezieh. Wechselklappen ist 
dann derart, dafs Luft- und Gaszutritt zu Ofenkammer Oj , sowie ihr 
Schornsteinzug offen, die entsprechenden Regelungsmittel der Ofen- 
kammer aber geschlossen sind. In letzterer herrscht also vollkommene 
Ruhe. Durch entsprechende Umstellung der Wechselklappen und des 
Schornsteins wechseln die Ofenkammern und unter übrigens gleichen 
Umständen ihre Thätigkeit. 

In der dieser Construction entsprechenden Zeichnung ist das Gas- 
regulirungsventil mit B bezeichnet. Gas wechselklappe mit K^ die Zu- 
führungskanäle mit g bezieh, g^^ die Luftzuführungskanäle mit / bezieh, /j, 
der Gasfuchs mit G bezieh. Gj, der Luftfuchs mit L bezieh. Z<i, der 
Abgangsfuchs der Verbrennungsproducte mit V bezieh. }\. Die Luft- 
zuführungskanäle l bezieh, /j, sowie die Abzugskanäle v bezieh, v^ nach 
dem Essenkanal 5 sind behufs Regulirbarkeit mit Schiebern Sj $2 bezieh. 
«3 «4 versehen. 

Fig. 5 bis 8 stellen die zweite Ausführungsform von Emailliröfen 
mit Regenerativgasfeuerung dar, welche ebenfalls gestattet, dafs ohne 
Unterbrechung emaillirt wird. 

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Ausführungsformen 
liegt darin, dafs, während der in Fig. 1 bis 4 dargestellte Ofen Rege- 
neratoren ohne Zugumkehr, sogen. Gegenstrom- oder Leitungsregene- 
ratoren besitzt, der in den Fig. 5 bis 8 dargestellte Ofen mit Regene- 

Dingler's polyt. Journal Bd. 273 Nr. 8. 1889|HI. 22 



338 Neuerungen an Oefen für verschiedene gewerbliche Zwecke. 

ratoren mit Zugumkehr, sogen. Oberflächenregeneratoreo, versehen ist. 
Der letztgenannte Ofen besitzt zwei Ofenkammern 0^ und unter 
diesen angeordnet zwei Oberflächenregeneratoren R H^ zum Vorwärmen 
der Verbrennungsluft, während das Gas unvorgewärmt durch das Re- 
gulirungsventil V und den in der Trennwand beider Ofenkammern ge- 
legenen Gaskanal g zu- und aus dem Gasfuchs G ausströmt. Die 
Brennluft tritt durch die Luftwechselklappe K ein, durchströmt den 
einen Regenerator Ä, wird dort vorgewärmt und gelangt heifs durch 
die Füchse L in die Ofenkammer O, wo sie im Flammenfuchs F mit 
dem Gas zusammentrifft und mit diesem als Heizflamme nach der 
Ofenkammer Oj abzieht; in dieser hat die Heizflamme freien Raum 
zu unt^ehinderter Entwickelung, beschreibt ein doppeltes, nahezu in 
einer Wagerechtebene gelegenes Hufeisen, vollendet dort das active 
Stadium ihrer Verbrennung und gibt strahlende Wärme an die Ofen- 
kammerwandungen ab; die Verbrennungsproducte entweichen durch 
die Füchse Lj nach dem Regenerator Ä|, geben dort ihre Wärme durch 
Berührung ab für spätere Vorwärmung der Brennluft und gelangen 
dann, die Klappe K passirend, nach dem Essenkanal 5, dessen Zug- 
wirkung durch den Schieber s geregelt wird. Während also die Ofen- 
kammer Ol erhitzt wird, wird in der Ofenkammer ohne Flamme 
unter ausschliefslicher Benutzung der von den Kammerwandungen aus- 
o-estrahlten Wärme emaillirt. 

Ist die Beschickung gar gebrannt, entfernt man sie aus dem Ofen O 
und legt die Luftklappe K auf die andere Seite, dann kehren sich die 
Verbrennungsvorgänge im Ofen in bekannter Weise um. Die Heiz- 
flamme wird durch den Essenzug nach Ofenkammer gebracht und 
Ofenkammer 0^ ist zum Einbringen einer neuen Beschickung bereit. 
Ein solcher Ofen mit Oberflächenregeneratoren ist sehr leistungsfähig, 
weil man die Temperatur der Heizflamme durch die Oberflächen- 
regeneratoren erheblich steigern kann. Er ist deshalb für gröfsere 
bezieh, dickere zu emaillirende Stücke, wie Gährbottiche, Badewannen, 
Waschkessel bestimmt. Ein Uebelstand, welcher für feinere Waare in 
Betracht kommen könnte, ist der, dafs in dem beschriebenen Ofen die 
zur Verbrennung strömende heifse Brennluft die mit der Beschickung 
besetzte Ofenkammer passirt. Obgleich diese Luft fast ebenso heifs 
wie die Ofenwandungen und staubfrei ist, auch der Wirkung der strah- 
lenden Wärme auf die Beschickung kein Hindernifs bietet, so könnte 
doch für kleinere Waaren erster Güte vollkommene Ruhe in der Ofen- 
kammer erwünscht sein, derart, dafs das Arbeiten in derselben dem- 
jenigen in einer von aufsen beheizten Muffel genau entspricht. Diesen 
Bedingungen wird durch die in den Fig. 1 bis 4 dargestellte Ausführungs- 
form eines Emaillirofens genügt. (D. R. P. Nr. 45838 vom 15. Juli 1888.) 
Da bei dem vorstehend gekennzeichneten Emaillirofen die Zeit zur 
Aufspeicherung der Wärme während des Anheizens der Arbeitskammer, 



Neuerungen an Oefen für verschiedene gewerbliche Zwecke. 339 

sowie die aufgenommene Wärmemenge die für die Leistung des Ofens 
bestimmenden Factoren sind, so mufs eine erhebliehe Steigerung der 
Ofenleistung eintreten, wenn die Aufnahme- bezieh. Abgabezeit ver- 
mindert und die ausgetauschte Wärmemenge gleichzeitig vermehrt 
werden kann. Da nun Aufnahme- und Abgabezeit, sowie die dabei in 
Frage kommende Menge von Wärme in bedeutendem Mafse von den 
Abmessungen der den Wärmeaustausch vermittelnden Oberfläche ab- 
hängen, so wird durch Vergröfserung der Innenfläche der Arbeits- 
kammer eine Steigerung der Ofenleistung unmittelbar herbeigeführt 
werden. Diese Oberflächen vergröfserung bewirkt Siemens nach dem 
Zusatzpatente Nr. 46742 vom 25. September 1888 dadurch, dafs er die 
Innenflächen gewellt herstellt oder Längsrippen, Querrippen, Buckel 
oder sonstige Vorsprünge in den Innenflächen der Arbeitskammern 
anbringt. 

Rivas Schachtofen zum Brennen von Gyps. Der obere Theil des 
dem Alberto Riva in Mailand patentirten Schachtofens zum Brennen 
von Gyps (D. R. P. Nr. 45 969 vom 30. Mai 1888) unterscheidet sich nur 
wenig oder gar nicht von bekannten Kalköfen, der untere Theil besteht 
aus einem Lufterhitzungsapparat, welcher eine genügende Menge Luft 
auf 3000 c. erhitzt. Dieser Temperaturgrad ist erforderlich, um Gyps 
zu brennen, denn, obwohl der letztere schon bei viel niederer Tem- 
peratur sein Wasser verliert, so mufs doch die Luft, welche in die 
Gypsmasse einströmt, eine höhere Temperatur haben, um die verschie- 
denen Wärmeverluste, welche beim Brennen vorkommen, zu ersetzen. 

Der Lufterhitzungsapparat (Fig. 9 und 10) besteht aus einer Feu- 
erung a und einem System von Heizröhren, durch welche die Ver- 
brennungsgase hindurchziehen. Diese Heizröhren sind vorn und hinten 
in Wänden äA, gelagert und in Abtheilungen angeordnet, welche durch 
senkrechte Scheidewände b (Fig. 10) und wagerechte Platten b^ ge- 
bildet werden. Solcher Abtheilungen sind im Ganzen 12 vorhanden. 
Die rechts und links gelegenen Abtheilungen sind von unten nach oben 
mit I, II, III, IV und die mittleren vier Abtheilungen von oben nach 
unten mit V, VI, VII, VIII bezeichnet. 

Die Verbrennungsgase strömen nun aus dem Feuerraum zunächst 
durch die Röhren in den Abtheilungen VII und VIII von vorn nach 
hinten, dann durch die Röhren der Kammern IV und V von hinten 
nach vorn, dann links und rechts durch die Röhren der Kammern IV 
und III von vorn nach hinten und schliefslich durch die Röhren der 
Kammern II und I von hinten nach vorn und durch Kanäle d zum 
Schornstein. Unter den Feuerungsrost wird durch seitliche Kanäle c 
Luft eingeblasen. Die Kanäle e sind zu beiden Seiten der Feuerung 
von Kanälen e abgezweigt, durch welche Luft mit Hilfe eines Ven- 
tilators eingeblasen wird. Die Kanäle c münden in die Abtheilungen I. 
Die durch e eintretende Luft strömt durch die Abtheiluneen I von vorn 



340 Neuerungen an Oelen lur verschiedene gewerbliche Zwecke. 

nach hinten, tritt iu die Abtheilungen 11, durchströmt diese von hinten 
nach vorn, durchströmt dann die Abtheiluugen III von vorn nach 
hinten, dann die Abtheilungen IV von hinten nach vorn, tritt dann vorn 
in die Abtheilung V ein und hinten aus derselben aus, um die Ab- 
theilung VI von hinten nach vorn, dann die Abtheil uug VII von vorn 
nach hinten und schliefslich die Abtheilung VIII von hinten nach vorn 
zu durchströmen. Auf diesem Wege hat sich die Luft bis auf 3000 C. 
erhitzt. Sie strömt nunmehr senkrecht nach oben und tritt durch 
Kanäle f und Schlitze g zu den im Ofenschacht befindlichen Gy])sstücken. 

In die Kanäle c sind Schieber Cj (Fig. 10) eingeschaltet, durch 
welche die Menge der unter dem Rost einströmenden Luft regulirt wird. 

An das untere Ende des Ofenschachtes schliefst sich ein Trichter k 
an, welcher in ein schräg liegendes Ablaufrohr k^ ausmündet, das am 
Ende mit einer Thür k^ verschlossen ist. Der im Ofenschacht in faust- 
grofsen Stücken liegende Gyps wird durch das RohrA-j, das aus Gufs- 
eisen besteht, von Zeit zu Zeit ausgesogen und oben wird in den Ofen 
eine gleich grofse Menge rohen Gypses aufgegeben. Um ein etwaiges 
Versacken des Ofens durch Aufblähen der Gypsstücke leicht beseitigen 
zu können, sind zwei einander gegenüberliegende OefFnungen ii vor- 
gesehen, durch welche man mit einer eisernen Stange den Gyps auf- 
stofsen kann. 

Glühofen der Well's Bustless Iron Co. (New York). Die genannte 
Gesellschaft bringt (vgl. Uhland., Prakt. Maschinenconstructeur .^ Nr. 35 
S. 238) Stahl- und Eisenerzeugnisse auf den Markt, welche durch eine 
schwarze Oxydschicht vor dem Rosten geschützt sind. Zur Herstellung 
dieser Oxydsehicht müssen die betreffenden Gegenstände einem beson- 
deren Glühprozesse ausgesetzt werden, bei welchem von Well construirte 
Oefen benutzt werden (Fig. 11 bis 16). Die betreffenden Gegenstände 
von Eisen und Stahl finden in einer Menge von etwa 12000 engl. Pfd. 
in der Heizkammer desselben Platz und werden im Laufe von 12 Stunden 
allmählich auf starke Rothglut erhitzt. Nach dem Eintritt der Roth- 
glut wird bei geschlossenem Essenschieber ein Gemisch von Dampf 
und Kohlensäuregas in die Kammer gebracht, welchem Gasgemenge 
die Gegenstände noch etwa 5 Stunden ausgesetzt werden, worauf sich 
die gewünschte Oxydschicht bilden soll. Der Ofen wird durch Gase, 
welche mit einem i>?emens-Generator erzeugt sind, geheizt. Dieselben 
treten durch eine unterhalb der geschlossenen Dampfdüse H (Fig. 12) 
gelegene Klappe ein und entnehmen die geringe Menge der zur Ver- 
brennung erforderliehen Luft aus einem Ventil über H. Die innige 
Mischung von Luft und Gas geschieht beim Durchgang durch die durch- 
löcherte Wand P (Fig. 12, 14 und 15). Alsdann gelangen die Gase in 
die Verbrennungskammer hinter P und nehmen ihren Weg durch den 
Kanal (Fig. 14), um durch die in der Decke des letzteren befind- 
lichen Oelfnuugen h in die darüber liegende Heizkammer zu gelangen. 



Neuerungen an Rotationsdnickpressen. 341 

Auf der entgegengesetzten Seite der letzteren gehen die Gase durch 
eine zweite Serie Oeffnungen ä, nachdem sie die zu erhitzenden Gegen- 
stände gleichmäfsig umspült haben, in den Kanal E und entweichen 
endlich in den Kamin F (Fig. 13). Nachdem Rothglut erreicht ist, 
werden die Einlafsschieber für Gase und Luft geschlossen, und während 
man den Essenschieber D geschlossen hält, wird durch die Düse H 
Dampf eingelassen, welcher sich mit der vorhandenen Kohlensäure 
mischt. 

Stroekmer's Koksofen^ welcher in Fig. 17 bis 19 dargestellt ist, be- 
sitzt die eigen thümliche Einrichtung, dafs die vom Theer und Ammoniak 
befreiten Gase theils in Hohlräume der Ofenwände treten behufs Ver- 
brennung mit zugeführter Luft, theils in die Oefen selbst, wo sie Kohlen- 
stotf absetzen und Ammoniak entführen. (D. R. P. Nr. 46 595 vom 
17. Juli 1888.) (Fortsetzung folgt.) 

Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 

Patentklasse 15. Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 18. 

Die Rotationsdruckmaschinen, deren grofse Vortheile in der Ver- 
wendbarkeit endlosen Papieres und stetigen Drehung der Druckcylinder 
liegen, sind bekanntlich amerikanisch-englischen Ursprunges und ver- 
hältnifsmäfsig jungen Alters, haben aber wohl von allen Druckmaschinen 
zufolge des grofsen Aufschwunges des Zeitungswesens die bedeutendste 
Entwickelung durchgemacht. In Deutschland war die Augsburger Ma- 
schinenfabrik diejenige Firma, welche 1872 den Rotationsmaschinenbau 
zuerst in die Hand nahm (vgl. 1882 244 "429), und diese Augsburger 
Maschinen sind auch insofern bemerkenswerth, als sie die ersten Ma- 
schinen waren, die dauernd zum Werkdruck (^Pierers Lexikon und 
Meyers Conversationslexikon) und ferner zum Illustrationsdrucke (^HaU- 
berger sehe Illustrirte Blätter) verwendet wurden. Bald folgten auch 
Koenig und Bauer in Oberzell bei Würzburg u. A. 

Die Rotationsmaschine hat bekanntlich die Beschränkung au sich, 
dafs ein und dieselbe Maschine stets das gleiche Format liefert und das 
Papier für dieselbe in entsprechender Breite angefertigt werden mufs. 
Die Maschine kann daher immer nur zur gleichen Arbeit bezieh, zu 
Arbeiten gleichen Formats verwendet werden, welcher Nachtheil für 
Zeitungsdruck nicht hervortritt, da hier zu einem Wechsel des Formates 
eine Veranlassung nicht vorliegt, hingegen bei Werkdruck bemerkbar 
wird. Diese Einseitigkeit der Rotationsmaschine hat ihre unangenehme 
Seite für die liefernde Maschinenfabrik, da diese bei der grofsen Ver- 
schiedenheit der Zeitungsformate selten in der Lage sein wird, die be- 
tretfende Maschinengröfse in einer gröfseren Reihe von Exemplaren 
auszuführen, .sondern häutig zur Neubeschaffung von Modellen wird 
schreiten müssen. Diese Verhältnisse haben naturgemäfs den Anlafs 



342 



Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 




Neuerungen an Rotationsdruekpressen. 343 

gegeben, auf den Bau von Rotationsmasehinen hinzuwirken, welche die 
Benutzung verschiedener Formate bezieh, einen Wechsel des Formates 
gestatten, und war es hier Jules Derriey in Paris, welcher 1876 die Be- 
schreibung einer derartigen Maschine veröffentlichte. Die Maschine, 
welche auf der Pariser Ausstellung 1878 vertreten war, bewirkte den 
Wechsel des Formates durch Schneiden des Papieres vor dem Drucke 
und mittels Einlaufwalzen mit veränderlicher Geschwindigkeit, scheint 
indessen nur ein Ausstellungsdasein geführt zu haben. 

In neuerer Zeit haben nun Koenig und Bauer diese Frage wieder 
aufgenommen, und ist es dieser Firma gelungen, eine Rotationsmaschine 
für wechselnde Formate zu bauen, welche den an eine derartige Maschine 
zu stellenden Anforderungen in der vollkommensten Weise entspricht. 
Der Wechsel des Formates wird ebenfalls mittels Einlaufwalzen mit 
veränderbarer Geschwindigkeit erreicht, die genaue Führung der ab- 
geschnittenen Bogen beim Schön- und Widerdruck und zum Ausleger 
aber erfolgt unter Vermeidung von Bändern oder Greifern auf pneu- 
matischem Wege. Diese Einrichtungen sind der Firma unter Nr. 36 459 
vom 10. November 1885 patentirt. 

Die Textfigur gibt eine perspectivische Ansicht der ganzen Maschine, 
an deren vom Beschauer abgewendeten Gestellseite ganz rechts die für 
den Wechsel des Formates getroffene Einrichtung angeordnet ist, welche 
in den Fig. 1 bis 4 Taf. 18 gesondert zur Darstellung gebracht ist. Das 
zu bedruckende Papier wickelt sich in bekannter Weise von der Papier- 
rolle ab und wird zwischen Leitwalzen, den Einlaufwalzen E E^ und 
den Schneidcylindern 5 S^ hindurchgeführt, wobei das Abschneiden der 
einzelnen Bogen bezieh, das Umstellen der Maschine für ein anderes 
Format in folgender Weise bewirkt wird. Die Schneidcylinder, von 
denen der eine S das Schneidmesser oder vielmehr Perforirmesser, der 
andere S^ die Nuth enthält, werden durch Zwischenräder vom Druck- 
cylinder aus getrieben, haben somit dieselbe Umfangsgeschwindigkeit 
wie dieser, und da aufserdem der das Schneidmesser enthaltende Cj- 
linder 5 den gleichen Durchmesser wie der Druckcylinder hat, so wird 
bei jeder Umdrehung des letzteren ein Bogen abgeschnitten. Würden 
die Einlaufwalzen E Ei dieselbe Umfangsgeschwindigkeit haben wie 
SSy^ SO müfsten selbstredend Bogen abgeschnitten werden, welche in 
ihrer Länge genau dem Umfange des oberen Schneidcylinders S bezieh, 
des Druckcylinders entsprechen. Verringert man dagegen die Geschwin- 
digkeit der Walzen EE^^ so dafs das Papier langsamer von der Rolle 
abgewickelt und durch die sich nur im Moment des Schnittes berührenden 
Schneidcylinder geführt wird, so werden, wie leicht ersichtlich, ent- 
sprechend kleinere Bogen abgeschnitten. Man hat es sonach in der 
Hand, durch Aenderung der Geschwindigkeit der Walzen E E^ beliebige 
Formate herzustellen, indem man die Walze E mit einem gröfseren oder 
kleineren Wechselrade W versieht. 



344 Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 

Zu dem Zwecke ist auf den Zapfen des Cylinders 5^ ein schwin- 
gender, mittels Schlitz g und Stift /* in verschiedenen Lagen festzu- 
stellender Arm f aufgesteckt, welcher das auf einem Stifte sich drehende 
Zwischenrad Z trägt. Dieses doppelt breite Rad ist sowohl mit dem 
Rade des Cylinders S als auch mit dem Wechselrade W in Eingriff 
und überträgt mithin die Bewegung von 5, auf E. 

Fig. 1 stellt die Vorrichtung für das gröfste Format dar. In diesem 
Falle ist das kleinste Wechselrad W aufgesteckt und steht der Arm f 
in seiner äufsersten Stellung rechts. 

Um schnell den richtigen Eingriff" der Zahnräder bei jedem Wechsel 
des Formates zu linden, ist an der Seitenwand der Maschine eine Scala k 
angebracht, welche so viele Stationslöcher enthält als Formate gedruckt 
werden sollen. Durch Einstecken eines Stellstiftes i in das entsprechende 
Loch ist der Arm f sofort in die für das gewünschte Format erforder- 
liehe Lage gebracht. 

Hat z. B. das Druckcylinderrad bezieh, das Rad an S 60 Zähne 
und das Rad an E 30 Zähne, so wird (wenn man den halben Umfang 
des Druckcylinders als kleinstes Format annimmt) das Wechselrad W 
für diesen Fall 60 Zähne haben müssen, dagegen für das gröfste Format, 
welches gleich dem Umfange des Druckcylinders weniger der Ausspa- 
rung l (Fig. 5) ist, ein Wechselrad mit 32 Zähnen erforderlich sein. 
Man kann demnach durch abwechselndes Einschalten von Wechselrädern, 
deren Zähnezahl von 32 bis 60 immer um 1 wächst, 29 verschiedene 
Längenformate herstellen. 

Die Zuführung der einzelnen abgeschnittenen Bogen mufs selbst- 
verständlich, um ein genaues Register zu erzielen, eine durchaus exaete 
sein. Es wird dies dadurch erreicht, dafs die gleichmäfsig gespannten 
Bänder zwischen Schneid- und Druckcylinder mittels Walzen, welche 
durch Zwischenräder mit dem Druckcylinderrade in Verbindung stehen, 
mit der Umfangsgeschwindigkeit des Druckcylinders getrieben werden. 
Aufserdem ist es für die registerhaltige Zuführung der Bogen nach 
dem Druckcylinder erforderlich, bei dem Umstellen der Maschine für 
ein anderes Format jedesmal die Schneidcylinder so einzustellen, dafs 
der abgeschnittene Bogen genau an der Stelle eintrifft, wo er vom 
Druckcylinder übernommen wird. Um diese genaue und feine Einstel- 
lung zu ermöglichen, sind die äufseren Schneidcylinderräder S Sy nicht 
direkt auf den Zapfen aufgekeilt, sondern sitzen jedes auf einem mit 
dem Zapfen fest verbundenen Frictionsconus, auf welchem sie mittels 
Schraube fest aufgeprefst werden können (Fig. 3). Nach Lösen dieser 
Schrauben kann man die Schneidcylinder mittels eines auf der ver- 
längerten Achse von S mit Nuth und Feder sitzenden Schneckenrades r.^ 
(Fig. 3 und 4) und einer am Rade S gelagerten Schnecke rg, sowie der 
inneren, auf den Achsen von S und S, festsitzenden Räder S.^S^ be- 
liebig gegen die hierbei still stehen bleibenden eigentlichen Triebräder SSi 



Neuerungen an Rotationsdi'uckpressen. 345 

verstellen. Fig. 3 und 4 veranschaulichen zugleich die eine genaue Ein- 
stellung sichernde Scala d und den Zeiger d^^ erstere am Triebrade 5, 
letzterer am Schneckeurade r, angebracht. 

Diese Einrichtung zum Wechseln des Formates hat bei der in der 
Reichsdruckerei in Berlin aufgestellten, für Werk- und Tabellendruck 
bestimmten Maschinen insofern später eine Abänderung erfahren, indem 
die Scala k in Fig. 1 zu einer Scalenplatte k^ ausgebildet und der Arm f 
in seiner Länge veränderbar gemacht ist. Die Mannigfaltigkeit der 
möglichen Formate ist damit natürlich sehr gesteigert. 

Die Eingangs genannte pneumatische Führung der so abgeschnittenen 
Bogen durch den Schön- und Widerdruck nach dem Falz- oder Ablege- 
apparate, ohne Anwendung von Bändern oder Greifern, ist in Fig. 5 
dargestellt. Die Anordnung besteht im Wesentlichen erstens aus einem 
stetig wirkenden, ganz unabhängig von dem Bewegungsmechanismus 
der Maschine betriebenen Luftverdünnungsapparat, zweitens aus einem 
denselben mit den beiden Druckcylindern verbindenden Rohrsysteme, in 
welchem durch ersteren eine dauernde Luftverdüunung erzeugt wird, und 
drittens aus einer doppelten Hahnsteuerung, welche bewirkt, dafs das 
Papier abwechselnd angesaugt und durch Unterbrechen des Saugens, 
sowie gleichzeitige Luftzuführung wieder abgegeben wird. 

Die Druckcylinder D D^ , welche in einer Wagerechtebene liegen, 
währenü die beiden Flattencylinder P P, im Winkel zur Centrallinie 
der Druckcylinder gestellt sind, tragen jeder in einer Vertiefung eine 
um Zapfen drehbare Stange m bezieh. OTj, welche, gleichzeitig mittels 
eines Hebelarmes das Festklemmen des Druckfilzes bewirkend, das 
Werkzeug zum Festhalten des Papierbogens auf dem Druckcylinder 
bildet. Dieselbe ist mit einer der Breite des gröfsten Formates ent- 
sprechenden durchlaufenden Nuth n versehen, welche durch gleichmäfsig 
vertheilte Stege in mehrere längliche Saugschlitze abgetheilt wird, um 
das Hineinsaugen des Papieres zu verhüten. Unterhalb der Nuth n ist 
die Stange durch den einen Zapfen hindurch bis zur Mitte ausgebohrt 
und an dieser Stelle diese Bohrung o durch einen länglichen Schlitz mit 
der Nuth n in Verbindung gesetzt. Die Bohrung o steht durch ein ge- 
bogenes Rohr p mit einer durch den Zapfen der Druckcylinderwelle 
gehenden Bohrung q in Verbindung, an welche sich wieder ein durch 
eine Stopfbüchse gestecktes, nach dem Steuerungshahne r führendes 
Rohr s anschliefst. Die beiden Hähne r r^ sind durch ein Rohr l mit 
einander verbunden, in welches schliefslich das von dem Luftverdün- 
nungsapparate abgeleitete Rohr tt mündet. 

Die Hahnkegel, welche, wie aus der Zeichnung deutlich erkennbar, 
mit einem gerade durchgehenden und einem im Winkel in diesen mün- 
denden Kanal versehen sind, werden mittels der Excenter v Vj und der 
zweiarmigen Hebel tüte,, welche an ihrem oberen Ende eine Rolle und 
an ihrem unteren ein in das Zahnrädchen z eingreifendes Zahnsegment 



346 Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 

tragen (vgl. auch die Textfigur), abwechselnd in eine kurze Drehung 
versetzt, wodurch einmal die Verbindung der Stange m mit dem Saug- 
rohre u hergestellt, das andei-e Mal dieselbe geschlossen und dagegen 
bei y der äufseren Luft Eintritt gewährt wird. 

Fig. 5 zeigt die Stellung der Druckcylinder, bei welcher der von 
den Schneidcylindern kommende Bogen an die obere, geschlitzte Fläche 
der Stange m angesaugt wird, während der vorhergehende, bereits um 
D und Dl herumgeführte Bogen von wjj losgelassen bezieh, abgestofsen 
und dem Ausgangsbändersysteme übergeben wird. 

Diese Hahnsteuerung arbeitet sehr zuverlässig, so dafs die Ueber- 
führung der Bogen von dem einen Cylinder auf den anderen augen- 
blicklich erfolgt und die Maschine mit einer Geschwindigkeit laufen 
kann, welche die Herstellung von etwa 10000 auf beiden Seiten be- 
druckten Exemplaren in der Stunde ermöglicht. — Eine wesentliche 
Bedingung für das gute Arbeiten der pneumatischen Vorrichtung bildet 
dabei natürlich eine glatte, faltenlose Papierrolle. 

Auch dieser Theil der Rotationsmaschine hat in neuerer Zeit Ver- 
besserungen erfahren, und zwar betrifft dies den Steuerungsapparat, 
indem die Hähne rr^ durch Ventile ersetzt sind, deren Anbringungs- 
stelle und Antrieb im Wesentlichen gleichartig ist. Die Maschine der 
Reichsdruckerei besitzt bereits eine derartige Ventilsteuerung, während 
unsere Textfigur noch eine Maschine mit Hahnsteuerung zeigt. 

Eine weitere Vervollkommnung hat die Maschine erfahren durch 
Anordnung einer Abschmut trolle für Werk- und Illustrationsdruck, welche, 
wie die Textfigur erkennen läfst, auf einem Wagen gelagert ist, der 
auf die Grundplatte der Maschine ungefähr in die Mitte der letzteren 
hineingeschoben wird. Das Papier wird über den Widerdruckcylinder 
geleitet und wickelt sich nachdem wieder auf eine Achse auf, welche 
in Lagern eines gleichen Wagens am Ende der Maschine (Textfigur 
links) ruht. Bei der Schnelligkeit, mit der die Maschine zu arbeiten 
bestimmt ist, und welche zwischen 8000 bis 14000 Exemplaren in der 
Stunde (gewöhnlich 12000) liegt, schien es für Werk- und Illustrations- 
druck unerläfölich, Vorkehrungen gegen das Abschmutzen zu treffen, 
die Schwierigkeit aber lag darin, da der Bogen unmittelbar an den 
Druckcylinder angesaugt wird, das Abschmutzpapier zwischen beiden 
hindurchzuführen ohne die Saugwirkung auf den Bogen zu beeinträch- 
tigen. Dem ist man dadurch begegnet, dafs das Abschmutzpapier, ehe 
es den Widerdruckcylinder erreicht, durch eine Perforirvorrichtung geführt 
und an der Ansaugstelle gelocht wird, so dafs für den mit dem Schön- 
drucke versehenen Bogen die Verbindung mit dem Saugapparate her- 
gestellt wird. Bei der Maschine der Reichsdruckerei hat eine Benutzung 
der Abschmutzrolle bis jetzt nicht stattgefunden. 

Bei dieser für alle feineren Arbeiten bestimmten Maschine sind 
naturgemäfs auch möglichst vollkommene Farbwerke vorgesehen, welche, 



Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 347 

wie die Textfigur zeigt, unterhalb des Schöndruek- und oberhalb des 
Widerdruckcylinders liegen. Sie enthalten je vier Auftragwalzen grofsen 
Durchmessers und fünf Nacktcjlinder verschiedenen Durchmessers mit 
seitlicher Bewegung, nebst allen dazu gehörigen Masse- und Vertheilungs- 
walzen. 

Die fertig bedruckten Exemplare werden entweder zu fünf oder 
zehn Stück auf einer Trommel gesammelt und dann packweise aus- 
gelegt (Maschine der Reichsdruckerei), oder zur Verhütung des Ab- 
schmierens durch einen pneumatischen Ausleger einzeln ausgelegt, welcher 
eine vierte wesentliche Vervollkommnung der Maschine bildet (Maschine 
von C. G. Naumann in Leipzig). Dieser Ausleger ist auf der Textfigur 
ganz links unten, direkt über dem Ausführungstuche, durch das Gestell 
hindurch sichtbar und besteht aus fünf schmalen, mit Saugschlitzen ver- 
sehenen Scheiben von dem doppelten Durchmesser der Druckcylinder, 
die auf einer hohlen, mit den Schlitzen und der Luftpumpe in Verbin- 
dung stehenden Welle sitzen, und zwar so, dafs die beiden äufseren je 
nach der Breite der Papierrolle enger zusammen oder weiter aus ein- 
ander gerückt werden können (^Journal für Buchdruckerkunst^ 1888 Nr. 34). 
Diesen Scheiben werden die Bogen, sowie sie den Widerdruckcylinder 
verlassen, durch Bänder, die nur im Mittelstege und an den Rändern 
doppelt laufen, zugeführt, und, sobald sie dieselben berühren, an ihrem 
Vorderrande angesaugt und so lange festgehalten, bis sich die Scheiben 
um ihren halben Umfang gedreht haben, worauf die Saugwirkung auf- 
hört und sie mittels leicht gebogener dünner Rundstäbe, die nur einen 
kleinen Weg zwischen den Scheiben auf und nieder machen, auf ein 
unterhalb der letzteren angebrachtes endloses Tuch ausgelegt werden. 
Haben sie sich hier in genügender Menge angesammelt, so wird das 
Tuch mittels einer nur einen Handgriff erfordernden übersetzten Kurbel- 
bewegung rasch nach vorn geschoben und der Stofs weggenommen. 

Die im Vorstehenden beschriebene Maschine, welche zur Zeit ohne 
Nebenbuhlerin dasteht und zur vollen Zufriedenheit ihrer Besitzer ar- 
beitet, zeigt, in welch grofsartiger Weise Koenig und Bauer die Aufgabe, 
eine Rotationsmaschine für wechselnde Formate zu schaffen, gelöst haben. 
Die Maschine, deren Preis alles in allem etwa 40000 M. beträgt, ist 
natürlich mit der Sorgfalt ausgeführt, welche an Koenig und Bauer sehen 
Maschinen bekannt ist, und ist bis jetzt in fünf Exemplaren in Arbeit 
bezieh, zur Ausführung gelangt: die erste und fünfte für C. G. Naumann 
in Leipzig und die übrigen drei für die deutsche Reichsdruckerei in 
Berlin, für die österreichische Hof- und Staatsdruckerei in Wien und für 
die Druckerei des heiligen Synods in St. Petersburg. 

Eine Rotatiousmaschine für wechselnde Formate ist auch von 
J. Missong in Höchst a. M. construirt worden C"D. R.P. Nr. 43544 vom 
15. December 1886). Dieser Construction scheint die genannte Koenig 
und Bauer sehe Maschine zum Ausgangspunkte gedient zu haben und 



348 Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 

soll auch dieselbe die Einstellung des Schneidapparates beim Wechsel 
des Formates und die Führung der abgeschnittenen Bogen zum Schön- 
druckcy linder mittels Bänder vermieden werden. Auch würden damit 
eine Reihe von Zwischenrädern für den Antrieb der Band walzen ent- 
behrlich, wodurch das Geräusch der Maschine und auch die Länge der 
letzteren verringert würde. Die Führung des Bogens erfolgt demgemäfs 
bei dieser Construction in der Weise, dafs der Bogen unmittelbar nach 
dem Schnitte am hinteren Rande (vor der Schnittlinie) an den unteren 
Schneidcyünder angesaugt und von diesem an den Schöndruckcylinder 
unmittelbar übergeben wird. 

Die Fig. 6 Taf. 18 zeigt ein schematisches Bild der ganzen Maschine. 
Das zu bedruckende endlose Papier a wird von der Rolle R durch die 
Leitwalzen /j /2 geführt, von den Speisewalzen L; L.,, welche das Papier 
ruckweise verschieben, erfafst und entsprechend der Bogenlänge durch 
die einen Zwischenraum lassenden Schneidcyllnder C| C-, geführt, und 
in die in der Figur dargestellte senkrechte Lage gebracht. Nachdem 
so das Papier um die Formatlänge zwischen den Schneidcylindern sowie 
dem unteren Schneidcyünder C^ und dem Schöndruckcylinder S hin- 
durchgeschoben ist, erfolgt das Abschneiden des Papierbogens, und in 
demselben Augenblicke wird derselbe am hinteren Rande (vor der 
Schnittlinie) an den unteren Schneidcyünder C\ angesaugt und so lange 
gehalten und geführt, bis die Uebergabe au den Schöndruckcylinder S 
erfolgt, während gleichzeitig der vordere Rand des endlosen Papieres 
mittels einer gemeinsamen oder einer getrennten Saugvorrichtung eben- 
falls angesaugt und zwischen Cj und 5 eingeführt wird. In der ge- 
zeichneten Stellung wird somit das Abschneiden des unbedruckten Bogens 
bewirkt, alsdann erfolgt die Uebergabe des Bogens an den Schöndruck- 
cylinder S, welcher ihn mit dem Schöndruck versieht und dann dem 
Widerdruckcyünder W übergibt, wobei die Theile wieder die in der 
Fig. 6 gezeichnete gegenseitige Stellung einnehmen. Nach dem Wider- 
drucke erfolgt das Loslassen des beiderseitig bedruckten Bogens und 
Erfassen seitens des ebenfalls mit Saugvorrichtung versehenen Führungs- 
cyünders f^ worauf der Bogen zwischen den Bändern xy nach dem 
Falz- oder Auslegeapparate geführt wird. 

Die obere Speisewalze Z-j ist eine gewöhnliche cylindrische Walze, 
welche durch ihr Eigengewicht und eine elastische Feder gegen die 
untere Speisewalze L^ geprefst wird und im Berührungsfalle mit der 
Arbeitsfläche der letzteren das Vorziehen des Papieres bewirkt. Die 
untere Speisewalze Lj dagegen besteht aus mehreren gegen einander 
verstellbaren Scheiben Oj a.^ (Fig. 7 und 8), von denen wechselsweise 
eine fest und die andere lose auf einer gemeinsamen Achse d sitzen. 
Die auf der Achse d festsitzenden Scheiben Oj sind mit einem Schütze b 
und die losen Scheiben a,, mit einer Nabe c (Fig. 7) versehen, durch 
welche eine runde Stange e lose hindurchgesteckt ist, auf welcher auf 



Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 349 

einer Seite ein Zahnrad z^ fest aufgekeilt ist, während auf deren anderen 
Seite ein Zahnrad Sg sitzt, welches, durch Nuth und Feder gegen 
Drehung auf der Stange e gesichert, in achsialer Richtung verschieb- 
bar ist. 

Die Zahnräder Zj und z^ stehen in Eingriff mit den auf der Welle d 
festsitzenden Zahnrädern Z2 und z^ , und durch diese beiden Räder- 
paare Zj und Zo, und Z3 und z^ wird die Verstellung der Scheiben a^ 
und «2 gegen einander bewirkt. 

Das Feststellen der Stange e und mit dieser der Scheiben a^ und a.^ 
wird durch die Mutter m bewirkt. Die Stange e ist an beiden Enden 
mit einem Vierecke für eine kleine Kurbel versehen. Der Zeiger z zeigt 
auf einer Scala die Länge des von der oberen Speisewalze L2 berührten 
ümfanges der unteren Speisewalze L^ , d. i. die Länge des jeweiligen 
Formates, an. 

Beim Wechseln bezieh. Einstellen des Formates wird die Mutter m 
gelöst und mittels auf die Stange e gesteckter Kurbeln die Scheiben Oj 
und 02 so gegen einander verstellt, bis der Zeiger z die gewünschte 
Formatlänge anzeigt, worauf die Mutter m wieder angezogen wird. 

Die Mantelfläche der gegen einander verstellbaren Scheiben a^ a.^ . . . 
der Speisewalze L^ ist somit in ihrem Umfange in zwei Hälften ab- 
gesetzt in der Weise, dafs die eine Hälfte mit dem gröfseren Radius 
von der oberen gewöhnlichen Speisewalze Lj berührt und demnach das 
Papier je nach der gegenseitigen Stellung der Scheiben a^ a^ mehr oder 
weniger ruckweise vorgeschoben wird. Dieses ruckweise Vorschieben 
des Papieres ermöglicht, dafs dasselbe mit der Umfangsgeschwindigkeit 
der Druck- und Schneidcylinder zugeführt wird, und somit auch das 
Ansaugen des vorderen Papierbogenrandes an den unteren Schneidcylinder. 
Die Formatlänge kann bis auf die Hälfte des Maximalformates reducirt 
werden, und wenn die obere Speisewalze £2 durch die gleiche Walze 
wie Z,j ersetzt wird, so kann man die Formatläuge beliebig verringern. 

Die Steuerung für die verschiedeneu Luftzu- und Abführungen er- 
folgt mittels eines Flachschiebers, welcher durch eine unrunde Scheibe 
bethätigt wird, wobei die letztere auf einer Welle sitzt, welche die 
gleiche Anzahl Umdrehungen macht wie die Druckcylinder. 

Die beschriebene Führung des Papieres läfst sich mit entsprechenden 
Abänderungen auch für Schön- und Widerdruckmaschinen mit hin und 
her gehendem Typenfundamente verwenden (vgl. ferner 1889 271*566), 
wobei sich die Einschaltung eines über dem Schöndruckcylinder liegenden 
Führungscylinders zwischen dem unteren Schneidcylinder und dem Schön- 
druckcylinder nothwendig macht, um Platz für den in die senkrechte 
Lage gebrachten Papierbogen zu gewinnen, weil bei unmittelbarer Ueber- 
gabe an den Schöndruckcylinder die Höhe zwischen dem hin und her 
gehenden Typenfundament und der Druckcylindermitte für das gröfste 
Format nicht ausreicht. 



350 Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 

Eine weitere Neuerung im Rotationsmasehinenbaue liegt von Seiten 
der bekannten Firma J. H. Buccton^ D. Braithwaite und M. Smith in 
Manchester, England, vor, und zwar betreffs der Einfügung wichtiger 
Nachrichten, wenn die cylindrischen Platten bereits gegossen und auf- 
geschraubt sind. Nach dem Archiv für Buchdruckerkunst ^ 1889 Heft 4, 
werden zu diesem Zwecke in England und Amerika beispielsweise 
folgende Verfahren angewendet. Handelt es sich darum, bei Wettrennen 
die Namen der Sieger nachträglich noch den Stereotypplatten der 
Rotationsmaschinen einzuverleiben, so werden die Platten an den be- 
treffenden Stellen hochgegossen, so dafs sie hier schwarze Felder drucken. 
Sobald nun die betreffenden Namen gemeldet werden, schlägt man sie 
mittels Stahlstempel ein, so dafs dieselben weifs auf schwarzem Grunde 
erscheinen. Zuweilen stellt man die „Letzten Nachrichten'^ auch wohl 
als schmale Stereotypleiste her, welche in irgend einen Steg des 
Stereotypcy linders eingeschoben wird, falls man es nicht vorzieht, in 
einen der geraden genutheten Stege des Stereotypcy linders einen mit 
der gesetzten Zeile ausgestatteten Setzkasten einzuschieben. 

Dieses Verfahren soll nach Printer s Register in der Druckerei der 
Midland Press in Wolverhampton in Anwendung sein, und ist der ge- 
nannte Setzkasten ein kleines flaches Kästchen, dessen dünner Boden 
der Rundung des Schriftcylinders angepafst und genau so stark ist, dafs 
das Bild der eingefügten Schrift mit dem Bilde der Schrift der Stereotyp- 
platte in ein und dieselbe cylindrische Ebene fällt. Da die Dicke der 
gekrümmten Stereotypplatten nur 9 bis 12'»'" beträgt, also etwa halb 
so viel als die Schrifthöhe, so müssen die zu solchem Satze bestimmten 
Lettern vorher durch Abhobeln auf entsprechende Höhe gebracht werden. 
Es ist indefs nicht immer zu erreichen, dafs die Bildflächen der Lettern 
genau in die Druckfläche des Stereotypcylinders fallen, so dafs deren 
Druck nicht immer regelmäfsig wird, wenn er auch deutlich und gut 
lesbar bleibt. 

Bei den lediglich von Typen gedruckten Zeitungen hat es sich als 
zu umständlich erwiesen, späte Nachrichten dadurch einzufügen, dafs 
man eine ganze Columne vom Cylinder abnimmt, in den Setzersaal 
bringt, daselbst aus einander nimmt, von Neuem wieder setzt und dann 
auf die Maschine schraubt. Dieses Verfahren verlangt meist mehr Zeit 
als wenn man nur eine Stereotypplatte auszuwechseln hätte. 

Man ist daher in neuerer Zeit dazu übergegangen, noch einen be- 
sonderen kleinen Nebenformencylinder in der Maschine anzuordnen, der, 
gewünschten Falles mit einem besonderen Farbwerke ausgestattet, er- 
möglicht, die „Letzten Nachrichten" in anderer Farbe, z. B. in Roth, 
einzudrucken, wie das von Alauzet in Paris bewirkt wird. Dieses Ver- 
fahren, zu Reclamezwecken einzelne Theile oder Annoncen der Zeitung 
farbig zu drucken, scheint überhaupt neuerdings in Frankreich eine 
ausgedehntere Anwendung zu finden, und wird theilweise auch der in 



Neuerungen an Rotationsdruckpressen. 351 

einer zweiten Farbe druckende Theil der Schriftform oder der Stereotyp- 
platte in dieser beweglich angeordnet, derart, dafs er mittels Curven- 
scheiben, Hebel u. s. w. über die übrige Druckformfläche herausgehoben 
und besonders eingefärbt wird, worauf er in die Druckform wieder 
zurücktritt und nun mit der ganzen Form wie sonst gedruckt wird. 

Die weiter oben genannte Neuerung von J. H. Buccton^ D. ßrailh- 
waite und M. Smith in Manchester betrifft nun ebenfalls die Anordnung 
eines solchen Nebenformencylinders zum Eindrucken der „Letzten Nach- 
richten" (*D. R. P. Nr. 45850 vom S.März 1888), und ist dessen An- 
ordnung, sowie Befestigung und Anordnung seiner Typen in Fig. 9 bis 13 
zur Darstellung gebracht. Dieser Nebenformcyliuder ß ergänzt die auf 
dem Hauptcylinder A nicht ausgefüllten Theile des Letternsatzes bezieh, 
der Zeitungsspalten und ist in der Rotationspresse, wie Fig. 9 und 10 
zeigen, angeordnet. C bezeichnet darin den Cylinder, über den sich das 
Papier bewegt; E sind die Färb walzen für den Nebenformen- und für 
den Hauptformencylinder A. Das Farbwerk kann natürlich auch ge- 
trennt werden, so dafs der Nebenformcylinder ein eigenes Farbwerk, 
eventuell in einer zweiten Farbe, erhält. Der Cylinder ß wird mittels 
eines Excenters T an den Papiercylinder C entsprechend angeprefst und 
mittels der Theile UI in der Druckstellung festgestellt. Zur Aufnahme 
der Typenkästen besitzt der Nebenformcylinder am Umfange parallel 
der Achse verlaufende schwalbenschwanzförmige Ausschnitte, in welche 
die Kästen mit entsprechenden Ansätzen K eingeschoben werden. 

Die Einrichtung dieser Typenkästen zeigen Fig. 11 und 12. Der 
Kasten ist segmentförmig gestaltet und besteht aus dem Segmentringe F 
mit Schwalbenschwanzkörper fi, aus den bei M ausgeschnittenen Seiten- 
wänden F und aus den schmalen Stirnwänden R Äj , von denen die 
letztere drehbar angeordnet ist und von der mit Hakennase n versehenen 
Feder P geschlossen gehalten wird. Der Kasten ist ferner mit einer 
Ausbuchtung versehen, zur Aufnahme der Feder P des auf dem Cy- 
linder B ihm benachbarten Typenkastens, so dafs die einzelneu Typen- 
segmente auf dem Nebenformencylinder eine fortlaufend sich an einander 
schliefsende Druckfläche bilden können. Die einzelnen Typen sind 
natürlich keilförmig gestaltet und werden durch eingelegte gekerbte 
Regletten H^ deren Gestalt aus Fig. 13 ersichtlich ist, in Linien gehalten. 
Die Regletten H greifen mit ihren Ansätzen S in die seitlichen Nuthen M 
der Wände F und sichern im Vereine mit den Ausfüllstücken iV die 
Lage der Typen im Segmentkasten. Die Anordnung macht natürlich 
ein sorgsames Schliefsen des Satzes nöthig, wenn das bei der schnellen 
Umdrehung stets drohende Herausfallen von Satztheilen verhütet werden 
soll. Die Befestigung der Typensegmentkästen auf dem Nebenformen- 
cylinder erfolgt einerseits mittels der Schwalbenschwänze Ä", anderer- 
seits mittels einer ebenfalls mit schwalbenschwanzförmigen Ausschnitten 
versehenen, am Cylinder ß drehbaren Ringplatte. Sind durch diese 



352 



Neville's Hobelmaschine. 



die Kästen eingeschoben, so wird diese Ringdeckplatte entsprechend 
verdreht und mittels eines Federstiftes in ihrer Lage gesichert. En. 



J. G. Neville's Hobelmaschine. 

Mit Abbildung. 

Diese eigenartig zusammengestellte Hobelmaschine weist bemerkens- 
werthe Eigenthümlichkeiten auf, durch welche eine Fertigstellung schwerer 
Gufsstücke mit möglichst wenig Umspannungeu angestrebt wird. Zu 
diesem Behufe ist die nach Industries vom 21. September 1888 * S. 280 in 
der Textfigur dargestellte und von Julius G. Neville in Liverpool gebaute 
Maschine mit zwei Hobelsupporten ausgerüstet, von welchen der eine zum 




Querhobeln mit selbständigem Antriebe eingerichtet ist. Die im Quer- 
balken gelagerte starke Schraubenspindel trägt an ihrer Verlängerung die 
Antriebsriemenscheiben in bekannter Anordnung für zwei Riemen, während 
die Ausrückstange über den Querbalken der Hobelmaschine gelegt ist. 
Durch diese wird nicht nur die Schnittbewegung des Supports geregelt, 
sondern auch der Hobeltisch nach jedem Querhube mittels des fein- 
zähnigen Schneckenrades um die Spandicke vorgerückt. 

Die Tischbewegung für das Langhobeln ist mittels eines schweren 
Schneckentriebwerkes und Zahnstangengetriebe mit raschem Rücklaufe 
durchgeführt. Auf dieser Schneckenwelle sitzt das früher erwähnte 
Schneckenrad für die Steuerung des Hobeltisches, deren Schnecke beim 
Langhobeln ausgehoben wird. Zum Seitenhobeln ist ein besonderer 
Ständer an das Bett angeordnet, dessen Supportschlitten selbsthätige 
Höhenverstellung von den Umsteuerungstheilen des Hobeltisches erhält. 

Aufser diesen zum Hobeln bestimmten Theilen ist auf dem Quer- 
balken noch ein vom Hobelwerke unabhängiges Bohrwerk angebracht 



Heineiiiann's Hobelmaschinen für das Kleingewerbe. 



353 



mit welchem 406™'i^ tiefe Löcher gebohrt werden können. Die Ab- 
messungen dieser 28^,5 schweren Maschine sind : 

Tischlänge 6096^"™, innere Ständerentfernung 1830™% Verschiebung 
des seitlichen Einzel. Ständers längs des Bettes 3048°^™, Höhenverstellung 
des Stichelkastens 1830™% Theilung des Autriebschneckenrades 63™™,5. 

Pr. 



Heinemann's Hobelmaschinen für das Kleingewerbe. 



Mit Abbildungen. 



Von Gebr. Heinemann in St. Georgen, Schweiz, war in München 
1888 eine kleine Hobelmaschine mit freier Arbeitsseite (vgl. Detrick 
und Harvey., 1888 267*161) ausgestellt, die für Handbetrieb eingerichtet 
ist, und sich recht gut für das Kleingewerbe eignet. 



Fia. 1. 



Fis. 2. 




Nach Uhland's Technische Runduiiau, 1889 Bd. 3 Nr. 29*8. 190, 
beträgt die Hobellänge derselben 350™™, die Tischbreite 225™™, die 

Oingler-s polyt. Journal Bd. 273 Nr. 8. 1889 III. 23 



354 



Brownell's Rollendrucklager für Bohrspindeln. 



durch die freie Arbeitsseite ermöglichte Hobelbreite aber bis 350°"% 
die Werkstückhühe 120'n«i. Das Gewicht der Maschine erreicht 215''. 

Wie aus dem beigegebenen Schaubilde (Fig. 1) zu ersehen ist, 
überragt der Arm mit der Supportführung den Hobeltisch, an welchem 
seitlich eine kleine Schraubstockeinrichtung angeschraubt wird. Um 
den Stofs beim Schnittbeginu zu mildern, welcher durch die lebendige 
Kraft des gleichmäfsig kreisenden Schwungrades bedingt wäre, ist eine 
federnde Ausrückkuppelung von M. Haas (D. R. P. Nr. 39771) im Trieb- 
werk eingeschaltet (vgl. 1889 273*254). Mit Vortheil werden an solchen 
kleinen Hobelmaschinen noch Fräsevorrichtungeu angeordnet, wodurch 
für das Kleingewerbe aufserordentlich nützliche Hilfsmaschinen ent- 
stehen. 

Eine solche Hobelmaschine mit Fräsewerk ist im Schaubilde, Fig. 2, 
dargestellt, welche ebenfalls von Gebr. Heinemann herrührt. Dieselbe 
ist für Fufsbetrieb eingerichtet und mit Haas federnder Kuppelung 
versehen. Das Fräsewerk wird an den Hobelsupport aufgeschoben und 
mittels Schnurtrieb mit zweierlei Geschwindigkeit bethätigt. Hierbei 
wird der Tisch in der Längsrichtung mittels einer Schraubenspindel 
durch Handkurbel A geschaltet, wähi'end die Querschaltung des Fräsers 
durch die Spindel B im Querstück vermittelt wird. Die Abmessungen 
dieser Maschine sind 550mm^ 330 und 220 Hobellänge, Breite und Höhe, 
deren Gewicht 350"^. 



G. L. BrowneU's Rollendrucklager für Bohrspindeln. 

Mit Abbildung. 

Um die Ringflächeni'eibuug an der 
Berührungsstelle zwischen Bohrspindel und 
Druckspindel zu vermindern, wird nach 
American Machinist ^ 1888 Bd. 11 Nr. 42 
S. 1, in den Bohrmaschinen von Currier 
und Synder (vgl. 1888 268*20) das Rollen- 
lager von Brownell in Worcester, Mass., 
Amerika, eingeschaltet. 

Die Eigenthümlichkeit desselben be- 
steht in einem freien dreieckförmigen Rah- 
men, an dessen Zapfen drei Kegelrollen 
frei umlaufen. Die Richtungen der kegel- 
erzeugenden schneiden sich in der Bohr- 
spindelachse, liegen an einer schrägen 
Ringplatte eines den Rolleukörper öldicht 
umschliefsenden Gehäuses auf, welches mit 
der Bohrspindel kreist und werden von 




Kammen'orwänner und Kühlei* „Sj'stem Klein". 



355 



einem gleichfalls kegelförmigen Stahlring überdeckt, der an der hohlen 
Druckspindel sitzt. 

Hierdurch wird die gleitende Ringflächen- oder Bundreibung in 
eine rollende umgewandelt, wobei natürlich ein Walzprozefs sich ab- 
spielt, dessen Wirkungen nur durch die hohe Härte der reibenden 
Flächen erst nach längerer Betriebsdauer ersichtlich wird, und die in 
einer Verdichtung des Rollenmaterials bezieh, einer wellenförmigen 
Streckung der Druckringe bestehen. Die Dreirollenunterstützung hat 
aber den Vorzug einer gleichmäfsigeren Druckübertragung gegenüber 
vier oder mehreren Rollen, da in Folge des vorhandenen Spielraumes 
die Einstellung des Zapfenrahmens selbsthätig vor sich geht, weil die 
radial nach aufsen wirkenden drei Druckcomponenten sich das Gleich- 
gewicht halten müssen, was bei vier Rollen nicht der Fall zu sein 
braucht, indem hierzu schon zwei Rollenkräfte genügen, so dafs zwei 
gegenüberliegende Rollen gänzlich unbelastet sein können, während 
zwei davon den ganzen achsialen Druck zu übertragen haben. 

Die hohe Umlaufszahl der auf schwachen Zäpfchen laufenden 
Rollen dürfte störend sein und den praktischen Werth dieser zweifellos 
kraftsparenden Einrichtung sehr in Frage stellen. Die Rollenzäpfchen 
sind aber unumgänglich erforderlich, um den Abstand der Druckrollen 
zu sichern, dadurch wird eine langsame Relativverdrehung des Dreieck- 
rahmens hervorgerufen, welche bei der geringsten Verbiegung der Zäpf- 
chen eine nicht unbeträchtliche Zapfenreibung bedingt. Pr. 



Kammervorwärmer und Kühler „System Klein". 

Mit Abbildungen. 
Es ist allgemein bekannt, dafs sich Rippenheizkörper vorzüglich 
zum Ueberführen von Wärme aus Dampf in Luft oder Wasser eignen. 

Kig. 1. 




356 



Kamiuervorwärmer und Kühler „System Klein" 



Wenn man die Heizkörper als flache hohle Kasten ausführt und auf 
die Ränder derselben Leisten giefst, so kann man diese Kasten zu 
einemygrofsen Körper zusammensetzen und man erhält dabei zweierlei 
Kammern. 

Die eine Serie der Kammern ist ringsum zugegossen. Dieselben 
werden mit Dampf gefüllt. Die übrigen Kammern entstehen durch die 
Nebeneinanderreihung der hohlen Kasten, die mit Wasser gefüllt werden. 
Die unter sich gleichen flachen Kasten werden zu einem lang gestreckten 
Apparate zusammengebaut, die Wärmeüberführung von Dam])f in 
Wasser ist hierbei eine aufserordentlich grofse. Auf l'i"' Heizfläche 
bezieh. Kühlfläche wird 70^ Dampf in der Stunde coudensirt, wobei 
die Rippen an den Wänden noch als Kühlfläche gerechnet sind. 

Die Hohlkörper sind wie eine Filterpresse zusammengesetzt und 
können daher leicht oeveinigt werden. Man kann auch zwei Apparate 



Fi2. 2 



Flg. 3. 



*-Wasseraasfflff 





über einander setzen, um Raum zu 
ersparen, wie Fig. 2 zeigt. Des- 
gleichen kann man die Platten auch 
auf einander legen, wie Fig. 3 dar- 
stellt. 

Diese Apparate dienen zum An- 
wärmen von Kesaehpeiaeivasser^ Zucker- 
säften u. s. w., zum Kühlen von Spiritus^ Schlampe^ Anilinöi u. dgl. 

Vielfache Verwendung finden diese Apparate bei der Speiseuasser- 
reinigung nach System Spengler. Bei dieser Art der Reinigung wird 
das mit Chemikalien versetzte Wasser erhitzt und dann in einer Filter- 
presse filtrirt. Zum Erhitzen des Wassers nahm man früher Rnhren- 
vorwärmer. Dieselben waren aber sehr theuer, nahmen viel Platz in 
Anspruch und konnten nur schwer gereinigt werden. Zu dem vor- 
genannten Zwecke wird das Gestell der eigentlichen Filterpresse länger 



Kammervorwärmer und Kühler „System Kl ^lu 



357 



gemacht und werden die Heizplatten an die hohle Kopfwand vor die 
Filterplatten gesetzt. (Man kann auch den Vorwärmer über die eigent- 
liche Filterpresse, ähnlich Fig. 2 setzen.) Die Wärmeplatten haben die 
gleiche Gröfse wie die Filterplatten, nur sind dieselben etwas dicker. 
Dieselben werden mit der gleichen Spindel der Filterpresse zugespannt 
(Fig. 4). 

Eine solche Presse mufs alle 8 Tage gereinigt werden, dabei kann 
man die Wärmplatten ruhig sitzen lassen. Erst bei dem sechstmaligeu 

Fie. 4. 




VttSSER-AUSTfilir 



^.nLTERKSMMCRf.l.--MHE'2Ka*MERN....»; 



Oeffnen der Presse werden auch die Wärmplatten aus einander ge- 
schoben und gereinigt. 

Die meiste Verwendung werden die beschriebenen Apparate in 
Zukunft als Oberßächencondensatoren finden. 

Wenn man dieselben grofs genug macht und entsprechend Wasser 
hindurch laufen läfst, so wird aller Dampf condensirt. Es erübrigt 
dann nur noch, eine Luftpumpe an den Apparat zu setzen und der 
Oberßächencondensator ist fertig. 

Ein solcher Apparat wird nach dem Gegenstromprinzip ausgeführt, 
d. h. das Wasser tritt an der Stelle in den Apparat ein, wo die Luft 
und das Condensat abgesogen werden und es tritt da aus, wo der 
frische Dampf einströmt. Die Folge davon ist, dafs das Condensat und 
die Luft den Apparat mit einer niederen Temperatur verlassen als der 
des abgehenden Kühlwassers oder mit anderen Worten, das Vacuum 
wird höher als es der Temperatur des abgehenden Kühlwassers ent- 
sprechen würde. 

Das abgehende Kühlwasser verläfst den Apparat mit einer Tem- 
peratur von etwa 65^ C. Man braucht auf 1' Condensat 9^ Kühlwasser. 
Bei gewöhnlichen Einsprilzcondensatoren braucht man dagegen das 20- 
bis 25 fache. Das Kühlwasser wird nicht von Fett verunreinigt und 
kann defswegen für gewerbliche Zwecke als Kesselspeisewasser sehr 
vortheilhaft verwendet werden. 

Der Oberflächencondensator kann auch an einem Vacuumapparat 
angewendet werden (Fig. 5). Derselbe braucht weniger Wasser als 
ein Einspritzcondensator und darf das Kühlwasser unrein sein. Bei 



358 



Karamervorwärmer uml Kühler „System Klein". 



Fi?. 5. 




QberFlächen Condensator 




1 rr ijL^ 

3lllilllllllllillllllHillllllllllllllllllllillllllllllilll i 



sehr grofsen Anlagen werden auch mehrere Condensatoren neben ein- 
ander gestellt und mit einander durch Röhren mit Absperrventilen 
verbunden. 

Man kann dann nach Belieben ein oder das andere System aus- 
schalten (Fig. 6). 



LiifKOSl. 




lll'|&3<— . 



Hie und da stellt man auch 2 Condensatoren hinter einander auf, 
wenn man als Kühlwasser aufser reinem Wasser noch Abwasser ver- 



l^asseraustrltt. 



Fig. 7. 
iVasserubertn tf r... OßmpfeinMtt. Misseraustritt 

ihn 



ipfeintrilt 




Kammervorwärmei" und Kühler „Sjstem Klein". 



359 



wenden will. Es liefert dann der eine Condensator für sich reines, sehr 
heifses Wasser, welches zum Kesselspeisen u. s. w. verwendet wird, 
während von dem zweiten Condensator das weniger warme, unreine 
Abwasser unbenutzt fortläuft. 



Fig. 8, 




Die Reinigung des Apparates geht sehr leicht von statten, während 
die älteren Oberflächencondensatoren mit Röhren hier zu viel Zeit er- 
fordern. Man kann sich auch einen Satz Reserverahmen (Fig. 7) halten 
und beansprucht deren Einwechselung behufs Reinigung der ersten 
Rahmen keine nen- 



nenswerthe Zeit. 

Um zu verhüten, 
dafs jemals Luft in den 
zellenartigen Apparat 
in den Stofsfugen ein- 
treten könnte, wird 
der ganze Apparat in 
ein Wasserbad gesetzt 
(Fig. 8). Sollte an 
der Verdichtung je- 
mals eine schadhafte 
Stelle entstehen, st^ 
würde nur Wasser in 
den Dampfraum rin- 
nen, das durch die 
Brüdenpumpe weg- 
genommen würde und 
nicht schaden könnte. 

Ein solcher Oher- 
ßächencondensator^ 
der sehr gut functio- 
nirt, ist vor Kurzem für den Norddeutschen Lloyd in Bremen aufgestellt. 




,^,'>:| 
J>^ 



360 Bernstein's Glühlampenanordnung. 

In Fällen, in denen man auch diesem geringeren Wasserbedarf 
nicht genügen kann, mufs man einen Verdunstapparat zu Hilfe nehmen. 
Nach Vereinbarung mit Herrn Professor Linde in Wiesbaden darf die 
Maschinen- und Armaturfabrik^ vorm. Kiein^ Schanzlin und Becker^ dessen 
bewährtes Patent auf Verdunstanlagen zum Kühlen anwenden (Fig. 9). 
(Das Patent Linde stimmt zwar in dem Prinzip mit dem Patent Theisen 
überein, doch ist das Erstere 2 Jahre älter als das Letztere.) Das zu 
kühlende Wasser wii*d in Tröge gebracht, in denen Seheiben rotiren, 
an welchen Luft vorbei geblasen wird. Das Wasser geht von einem 
Trog zum anderen, wird immer kühler und das kälteste Wasser wird 
alsdann nach dem Condensator gedrückt (1888 267 * 585), 

Es findet auch hier Gegenstrom statt, wobei nur kaltes Wasser an 
den letzten Dampfproducten des Condensators vorbeigeht und das Va- 
cuum erhöht wird. 



A. Bernstein's Glühlampenanordnung. 

Mit Abbildungen. 

Die Hintereinanderschaltung oder Reihenschaltung der elektrischen 
Glühlampen ist zuerst von Alexander Bernstein in London zur Durch- 
führung gebracht worden; bei ihr arbeitet die Anlage mit constantem 
Strom, bei der Nebeneinanderschaltung oder Parallelschaltung der 
Lampen dagegen mit constanter Spannung. Bei der Reihenschaltung 
sind die Kraftverluste geringer, die Leitungen in den Häusern billiger 
und die Anwendung dickerer Kohlenstäbe wirkt auf das Auge an- 
genehmer, als die bei der Parallelschaltung benutzten dünnen Fäden 
(vgl. 1888 269 167). Bei der Reihenschaltung sind keine Schmelzdrähte 
nöthig, aber die vorhandene höhere Spannung macht eine bessere Iso- 
lation erforderlich. 

Zur Erzeugung eines eonstanten Stromes (von 10 Ampere) bedient 
man sich am besten einer gut construirten Dynamo mit (rramme'schem 
Commutator, welche unmittelbar von einer Dampfmaschine getrieben 
wird. Beseitigt man an dieser Dampfmaschine den Centrifugalregulator, 
so regulirt sich die Geschwindigkeit der Maschine von selbst, je nach 
der Anzahl der Lampen im Stromkreis, d. h. wenn diese Anzahl grofs 
ist, dann läuft die Dampfmaschine rasch, wird die Anzahl der Lampen 
verringert, so verringert sich auch von selbst die Umdrehungszahl der 
Dampfmaschine. In vielen Fällen ist diese Regulirung genügend, wenn 
jedoch die Anzahl der auszuschaltenden Lampen sehr grofs ist, so mufs 
die Dampfmaschine mit einem elektrischen Regulator versehen sein; 
alsdann ist die Regulirung vollkommen. 

Diese Einrichtung bietet folgende Vortheile: 1) die Dampfmaschine 
arbeitet bei grofser Belastung ebenso wie bei kleiner mit dem höchsten 
unveränderlichen Grade der Expansion, daher mit der gröfsten erreich- 



Bernsteins Glühlampenanoidnung. 



361 



baren Oekonomie^ 2) die Abnutzung der Maschine ist wesentlich ver- 
ringert, indem die Maschine bei geringer Last eine verhältnifsmäfsig 
geringe Tourenzahl macht; 3) die Bürsten am Commutator der Dynamo- 
maschine können immer in der normalen funkenlosen Lage verbleiben, 
da sowohl der Strom in den Feldmagneten wie im Anker constant bleibt. 

In der neuesten Form seiner Glühlampe (vgl. 1886 261 * 24. 1888 
269 " 168) hat Bernstein in wesentlich einfacherer Weise als früher 
(vgl. 1887 264 190 und 1888 269 '"' 167. 1887 264 '' 609) die Unter- 
brechung der Leitung innerhalb der Lampe beim Brechen des Kohlen- 
stabes und beim Herausheben der Lampe aus ihrem Halter verhütet. 

Der leuchtende Körper hat (vgl. Zeitschrift für Elektrotechnik^ 1889 
* S. 233) jetzt die Form eines geraden Kohlenstabes o, welcher an den 
Enden der Zuleitungsdrähte b und 6, befestigt ist. Diese Drähte sind 

Fig. 1 Flg. 2. 





so gebogen, dafs sie sich an der etwas verstärkten Stelle c fast be- 
rühren, d und d^^ sind zwei Hülsen aus isolirendem Material, welche 
die Zuleitungsdrähte umgeben; diese Hülsen werden durch eine Spiral- 
feder e aneinander gedrückt, doch kann diese Spiralfeder auch weg- 
bleiben, wenn man einen der Drähte b und 6j federnd macht. 

So lange nun die Kohle o unverletzt ist, verhindert diese selbst 
ein Berühren der Drähte bei c; entsteht jedoch ein Fehler in der Kohle, 
so dafs der Strom an dieser Stelle eine Verzehrung der Kohle bewirkt, 
so drückt die Feder e die Zuleitungsdrähte langsam zusammen, bis an 
der Stelle c der Kurzschlufs in der Lampe hei'gestellt wird. Dabei ist 
aufserdem die Bildung eines Lichtbogens in der Lampe, mit den dadurch 
entstehenden Nachtheilen, vollständig vermieden. 



362 Bernsteins Glühlampenauordaung. 

Diese Lampen werden meist von 16 bis 50 Kerzen hergestellt. 
Eine gröfsere Kerzenstärke, z. B. zur Beleuchtung von Plätzen, beschafft 
man durch Gruppirung mehrerer solcher Lampen in einer Laterne. 
Es ist dies besser als die Anwendung einzelner Lampen von sehr hoher 
Kerzenstärke, da letztere Lampen meist keine sehr lange Lebensdauer 
haben und aufserdem das Versagen einer Lampe das Erlöschen der 
Laterne zur Folge hat. Der Ersatz von kleinen Bogenlampen durch 
derartige Glühlampen ist von grofsem Vortheil^ die jetzt in Deutschland 
beliebte parallele Anordnung kleiner Bogenlampen ist ganz unvortheil- 
haft, weil ein sehr grofser Betrag der Leistung der Dynamomaschine 
in den Ausgleichungs- Widerständen nutzlos verschwindet und überdies 
die Beleuchtungswirkung dieser kleinen Bogenlampen nur ein sehr 
geringer ist. 

Bei diesen Lampen für Reihenschaltung wird eine Unterbrechung 
des Sti'omes beim Herausnehmen einer Lampe aus dem Halter dadurch 
verhindert, dafs eine Entfernung der Lampe nur dann möglich ist, 
wenn vorher ein Kurzschlufs im Halter selbst hergestellt ist; ferner 
kann dieser Kurzschlufs auch nur dann aufgehoben werden, wenn sich 
eine Lampe in dem Halter befindet. 

Der Halter ist in Fig. 2 dargestellt. Eine Platte aus isolirendem 
Material h trägt zwei Metallhülsen i und tj , in welche die quadi*a- 
tischen Stifte g und g^ (Fig. 1) der Lampenkappe n hineinpassen. Um 
einen guten Contact zwischen den Stiften und den Metallhülsen zu er- 
zielen, sind die vordem Wände der letzteren durch zwei Blattfedern A- 
und k^ ersetzt. Die Zuleitungsdrähte werden durch Schrauben an den 
Metallhülsen befestigt. Das S-förmige Stück m, welches von aufsen 
durch einen Griff gedreht werden kann, hat im Halter einen Kurzschlufs 
herzustellen, indem es sich in wagerechter Lage an die beiden auf den 
Innenseiten der Metallhülsen i und ij angebrachten Blattfedern anlegt; 
die an i befindliche ist unten etwas umgebogen, an der Blattfeder Äj 
aber ist unten ein Stift angebracht, welcher nach der Herstellung des 
Kurzschlusses und dem Herausziehen der Stifte g und j, aus i und i, 
eine Drehung des Stückes m verhindert; es kann daher dann ein 
Oeffnen des Stromkreises nicht stattfinden. 

Wird jedoch die Lampe in den Halter eingesetzt, so heben g und ^i 
die Blattfedern k und Äi, der an letzterer befindliche Stift kommt jetzt 
aufserhalb des Bereiches von m, und m kann in die Stellung Fig. 2 
gedreht werden. Während dieser Stellung geht der Strom durch die 
Lampe. Jetzt aber kann die Lampe aus dem Halter nicht entfernf 
werden, weil das S-förmige Stück m über den Kopf des Stiftes f 
(Fig. 1) an der Lampenkappe n hinüber greift. Dagegen kann nach 
Belieben der Strom an- und abgedreht werden. Will man die Lampe 
entfernen, so mufs zuerst das Stück m wieder in die wagerechte Lage 
gedreht werden, d. h. Kurzschlufs im Halter hergestellt sein. 



Mix und Genest's neuere Telephon-Einrichtungen. 363 

Sollen ganze Gruppen von Lampen zugleich ausgeschaltet werden, 
so verwendet man einen gewöhnlichen Umschalter zur Herstellung des 
Kurzschlusses in der Leitung. 

Es empfiehlt sich, an der Dynamomaschine ein Amperemeter ein- 
zuschalten. 

Für die Strafsenbeleuchtung bietet diese Einrichtung gegenüber 
der Anwendung von Bogenlampen noch den grofsen Vortheil, dafs man 
von der Centralstelle aus nach Belieben die gesammte Beleuchtung zu 
solchen Zeiten verringern kann, in denen eine helle Beleuchtung der 
Strafsen nicht erforderlich ist, was bei Anwendung von Bogenlampen 
nicht möglich ist. Hierdurch wird erheblich an Kosten erspart. 



Neuere Telephon-Einrichtungen von Mix und Genest. 

Mit Abbildungen. 

In den letzten Jahren haben sich in Deutschland in den telepho- 
nischen Sprecheinrichtungen manchei'lei Aenderungen vollzogen^ es sind 
namentlich handlichere und weniger Raum einnehmende, dabei aber 
eher leistungsfähigere Apparate eingeführt worden. Auch in den im 
Betrieb der Deutschen Reichs-Telegraphenverwaltung stehenden städ- 
tischen Telephonanlagen macht sich dies merkbar. Die vor einigen 
Jahren ausschliefslich benutzten, grofsen und schweren Telephone sind 
verdrängt worden; das zum Sprechen benutzte durch Mikrophone, das 
zum Hören benutzte aber durch ein Paar leichtere und Fig. i. 
bequemere Telephone, die nach ihrer Gestalt allgemein 
als Lö/fel-Telephone — reichsamtlich als „Fernhörer" — be- 
zeichnet werden. 

Ein solches Löffel-Telephon, wie es von Mix und Genest 
in Berlin ausgeführt wird, zeigt Fig. 1 ; dasselbe wird zweck- 
mäfsig an dem am eigentlichen Telephon befindlichen Haken 
aufgehängt und die Leitungsschnur tritt unten am Bug des 
Hufeisenmagnetes heraus. ^ Die Löffel-Telephone werden 
links und rechts an dem Kasten angehängt, der jetzt eine 
wesenthch kleinere und gefälligere Form hat erhalten können, 
selbst — z. B. auch von Mio; und Genest — als ein künst- 
lerisch ausgestattetes Gehäuse ausgeführt worden ist, be- 
sonders für Haustelephonanlagen. 

1 Die umgekehrte Anordnung hatten Siemens und FJalske für ihre Löffel- 
Telephone gewählt. Die Löffel-Telephone von Mix und Genest unterscheiden 
sich von den iStemen*'schen sonst nur noch durch die Art und Weise, wie das 
die Sprechplatte tragende Mundstück auf den mit den Drahtrollen und einem 
Schraubengewinde versehenen Hufeisenmagnet aufgeschraubt, damit zugleich 
der Abstand zwischen Magnetkernen und Sprechplatte bestimmt und dann die 
Theile in ihrer gegenseitigen Lage festgehalten werden. 




364 'Mi-"^ 111(1 Geneet's neuere Telephon-Einrichtungen. 

Aufser den Lötfel-Telephonen werden nicht selten auch solche mit 
stabförmigem Magnet benutzt. 

Wenn nun die Apparate in einem an der Wand hängenden Ge- 
häuse untergebracht werden, so bleibt immerhin eine gewisse Un- 
bequemlichkeit im Gebrauche derselben, denn man mufs sich von einem 
bequemen Sitze erheben, zu einem, wenn auch nur einige Schritte ent- 
fernten Sprechapparate gehen und das Gespräch stehend, in einer mehr 
oder weniger gezwungenen Stellung führen; darin liegt für jeden eine 
Unbequemlichkeit, für viele ist es ein Opfer, für manchen, z. B. für 
Kranke, Gelähmte u. dgl., eine Unmöglichkeit. 

Daher schritt man zur Herstellung von Tischgehäusen, die mit den 
in ihnen untergebrachten Apparaten auf dem Tische aufgestellt werden 
können. Damit war indessen die Unbequemlichkeit nicht ganz beseitigt, 
da man meistens nahe an dem Mikrophon sprechen und dieses an sich 
heranziehen oder lauter sprechen mufste. Besser vermindert man die 
genannten Unzuträglichkeiten durch die seit einiger Zeit in Gebrauch 
kommenden tragbaren Sprechapparate, welche namentlich auch in 
hübscher Form und Ausstattung von der Aktiengesellschaft Mix und Genest 
in Berlin in den Handel gebracht werden. Der Sprechappai-at, den die 
genannte Firma zuerst vor 3 Jahren zum Gebrauche in den Telephon- 
Vermittelungsämtern baute, hat jetzt die aus Fig. 2a und b ersichtliche 
Anordnung: einen Durchschnitt der älteren Ausführung zeigt Fig. 3. Dieses 
f'S- -a Fi2- -h tragbare Mikrotelephon 

besteht aus einem Löffel- 
Telephon, an dessen Griff 
mittels eines gebogenen 
Metallrohres ein Mikro- 
phon von Mix und Genest 
(vgl. 1887 265 * 266. 
1889 272 477) derart be- 
festigt ist, dafs, während 
man die Muschel des 
Telephons an das Ohr 
legt, das Mikrophon mit 
seiner Sprechplatte sich 
unmittelbar vor dem 
Munde befindet. Das 
1^ Umschalter ohne UmschniieT Lölfel-Telephon unter- 

scheidet sich nicht von dem oben erwähnten. Das jetzige Mikrotelephon 
ist entweder nach Fig. 2b angeordnet oder es ist nach Fig. 2a an der 
inneren Seite des Griffes noch ein federnder Contact angebracht, der den 
Sprechapparat einschaltet und die Mikrophonbatterie schliefst Der aus 
dem Griffe heraustretende Contacthebel schliefst sich beim Halten des 
Telephons ganz mühelos von selbst. Das Mikrophon ist bezüglich der 




Mix und Genest's neuere Telephon-Einrichtungen. 365 

Bewegung seiner Theile gegen einander etwas anders eingerichtet als an 
den feststehenden Apparaten, wodurch es befähigt wird, in jeder Lage — 
sosar während der Bewegung — ohne Nebengeräusche gut und klar zu 
sprechen. Die Leitungsschnüre treten aus dem gebogenen Rohre heraus. 

In Fig. 3 ist das Mikrophon unten verschiebbar in einem Schlitze 
des Messingbügels C angeordnet. Die früher aus Tannenholz gefertigte, 
durch Lackanstrich segen Feuchtiskeit seschützte Sprech- ^ 

platte m ist jetzt auf beiden Seiten mit Glimmer belegt, 
und zwischen dem Mundstück F und der Messingdose D 
eingeklemmt. Auf der Platte sind nur die beiden Kohlen- 
lager b.b befestigt, welche mit den Stromzuführungsdrähten 
in leitender Verbindung stehen. Zwischen beiden war 
früher die Kohlenrolle K gelagert, welche durch die 
Bremsfeder f gegen die Platten gedrückt wurde: jetzt 
erhalten die Mikrophone drei Kohlenrollen. Die Fort- 
setzung des schon erwähnten Messingwinkels C trägt das 
beim Hören zu benützende Telephon, welches, dem be- 
sonderen Zwecke entsprechend, mit seitlicher HöröflFnung 
eingerichtet wurde. 

Die conisehe Messingbüchse E. welche die Eiseu- 
blechplatte i\ und das Mundstück trägt, ist auf der 
Innenseite mit einem Mutter- m p 

gewinde versehen und auf die 
Platte R aufgeschraubt. Ver- 
mittels dieses Gewindes erfolgt 




zugleich die Regulirung des 
Telephons, d. h. die mehr oder minder grofse Annäherung der Platte A 
an die Magnetkerne. Ein bei s angebrachter kleiner Druckhebel mit 
Schraube dient dazu, die Theile R und E in der einmal ermittelten gün- 
stigsten Stellung festzuhalten. Den Hufeisenmagnet h und den Messing- 
bügel C umgibt ein aus Ebenholz hergestellter Handgriff H: die Ent- 
fernung der Telephonöffnuug von dem Bügel C liefs sich früher nach 
Lüftung der Schraube 5-2 ändern, damit das Instrument jeder Kopfform 
angepafst werden kann. Neuerdings erscheint diese Verschiebbarkeit 
überflüssig. 

Die vom Mikrotelephon ausgehende vierfache Leitungsschuur endet 
an einem Verbindungsstöpsel, welcher mit seinem rechteckigen vorderen 
Ende in eine entsprechend geformte Oetfnung des Stöpselkastens hinein 
gesteckt wird. Die weitere Ausführung ist nun verschieden, insofern 
entweder Tischsehäuse angewendet werden, welche sämmtliche zum Be- 
trieb erforderliche Apparate enthalten, oder auf den Tisch zu stellende 
Untersätze, welche nur einige der erforderlichen Apparate aufzunehmen 
bestimmt sind. Einen Apparat ersterer Art zeigen die Fig. -i bis 6 in 
perspectivischer Ansicht und in zwei Durchschnitten. K ist ein reich aus- 



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Mix und Genest s neuere Telephon-Einrichtungen. 



H'ig. 4. 



gestatteter Kasten von Nufsbaumholz mit Bronzebeschlägen und Füfsen, 
aus dessen schmalen Seitentheilen unten zwei halbkreisförmige, mit Tuch, 
Plüsch o. dgl. belegte Flächen ^j und A2 hervorragen, deren eine dem 

Mikrophon als Auflager 
dient, während der Griff 
des Te