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Full text of "Drei jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika; eine Geschichte der deutschen in den Vereinigten Staaten"

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RUDOLF GRONAU 

DREI JAHRHUNDERTE DEUTSCHEN LEBENS 
IN AMERIKA 



Frühere Werke von RUDOLF GRONAU 

GESCHICHTE DER SOLINGER KLINGENINDUSTRIE. 
Mit Illustrationen. Stuttgart 1885. 

VON WUNDERLAND ZU WUNDERLAND. Landschafts- 
und Lebensbilder aus den Staaten und Territorien der Union. 
Mit 50 Lichtdruckbildern nach Originalzeichnungen des 
Herausgebers. 2 Bände Großfolio. Leipzig 1885 und 1886. 

UNTER'M STERNENBANNER. Landschafts- und Lebens- 
bilder aus den Staaten und Territorien der Union. Mit 
50 Lichtdruckbildern nach Originalzeichnungen des Heraus- 
gebers. 2 Bände Großfolio. Leipzig 1887. 

FAHRTEN IM LANDE DER SIOUX-INDIANER. Leipzig 1886. 

DAS BUCH DER REKLAME. Geschichte, Wesen und Praxis 
der Reklame. Mit 150 Abbildungen. Ulm und Leipzig 1887. 

IM WILDEN WESTEN. Eine Künstlerfahrt durch die Prärien 
und Felsengebirgc der Union. Mit vielen Abbildungen. 
Braunschweig 1890. 

AMERIKA, DIE GESCHICHTE SEINER ENTDECKUNG 
VON DER ÄLTESTEN BIS AUF DIE NEUESTE ZEIT. 
Eine Festschrift zur 400jährigen Jubelfeier der Entdeckung 
Amerikas durch Christoph Columbus. 2 Bände mit 
545 Bildern und 37 Karten. Leipzig 1890—1892. 

OUR WASTEFUL NATION. A story of American prodigality 
and the abuse of our national resources. With illustrations. 
New York 1908. 



DREI JAHRHUNDERTE 

DEUTSCHEN LEBENS 

IN AMERIKA 



EINE GESCHICHTE DER DEUTSCHEN IN DEN 
VEREINIGTEN STAATEN 



VON 



RUDOLF GRONAU 



MIT 210 ILLUSTRATIONEN 




Of TH€ A 

UNIVERSITY I mmm^\ 



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BERLIN 1909 
DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN) 






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Alle Rechte, auch das der Übersetzung 
in fremde Sprachen, vorbehalten. 

Da zahlreiche der in diesem Buch ent- 
haltenen Abbildungen und Abschnitte 
gesetzlich geschützt sind (in den Ver- 
einigten Staaten durch Copyright), so 
wird vor unbefugter Benützung der- 
:: selben ausdrücklich gewarnt. :: 



Vorwort. 

Seit drei Jahrhunderten wälzt sich au$ D^tschlands Gauen ein Strom 
von Auswandrern nach der Neuen Welt, je nach* den' im alten Vaterland ob- 
waltenden politischen oder wirtschaftlichen Verhältnissen bald gleichmäßig 
fließend, bald nachlassend, um dann plötzlich wieder mächtig anzuschwellen 
und den Charakter einer wahren Völkerwandrung anzunehmen. 

Fragte man die in der Heimat Zurückgebliebenen, was aus ihren nach 
Millionen zählenden ausgewanderten Landsleuten in der Fremde geworden, 
so vermöchten gewiß nur sehr wenige eine befriedigende Auskunft zu geben. 
Man verhielt sich in Deutschland gegenüber dem Schicksal seiner ausgewan- 
derten Söhne bisher recht gleichgültig, indem man sich an die durchaus falsche 
Vorstellung gewöhnte, daß dieselben für ihr Vaterland wie für das deutsche 
Volkstum verloren seien. Man betrachtete sie als Faktoren, mit welchen man 
nicht länger rechnen dürfe. Man weiß nicht, was sie da draußen erlebten und 
verrichteten, ob sie im Elend verkamen oder es verstanden, eine achtung- 
gebietende Stellung zu erringen. 

Und die Ausgewanderten selbst? — Obwohl sie die Erfolge vieler ihrer 
Brüder vor Augen sehen, so sind auch sie über das, was die Gesamtmasse 
der Deutschen in Amerika leistete, doch nur oberflächlich unterrichtet. Weder 
sie, noch die neben ihnen wirkenden Amerikaner anderer Abstammung wissen, 
wie ungeheuer viel die großartig entwickelten V^ereinigten Staaten von Amerika 
der rastlosen Arbeit, dem unermüdlichen Fleiß und der Intelligenz der Deut- 
schen verdanken. — 

An Geschichtswerken, welche die Vergangenheit Amerikas, den Ursprung 
und die Entwicklung der Vereinigten Staaten behandeln, ist zwar kein Mangel. 
Aber gegen diese Werke ist von vielen klarblickenden, nach historischer Wahr- 
heit strebenden Forschern mit vollem Recht der Einwand erhoben worden, daß 
sie die Geschichte nur eines Teiles des amerikanischen Volkes, und zwar des 
aus England eingewanderten berücksichtigen, während auf die Vergangenheit 
und Leistungen der anderen Völkerelemente, die zum Aufbau der amerikanischen 
Nation beitrugen, entweder gar nicht oder nur sehr oberflächlich einge- 
gangen sei. — 

Beim Prüfen dieser Angelegenheit kann der mit der Entwicklungsge- 
schichte Amerikas Vertraute sich der Erkenntnis nicht entziehen, daß jener 



— VI — 

Einwand durchaus zutrifft. Fast alle in den vorhandenen Geschichtswerken 
geschilderten Ereignisse sind vom Gesichtswinkel des Anglo-Amerikaners, 
speziell des Neu-Engländers aus gesehen und beschrieben. Was andere Völker- 
elemente zur amerikanischen Kultur, zum Aufbau der Nation beitrugen, welche 
hervorragenden Männer sie lieferten, welche Taten dieselben verrichteten, was 
sie an Großem, Bleibendem schufen, blieb entweder unberücksichtigt oder 
wurde nur mit flüchtigen Strichen angedeutet, oft sogar absichtlich entstellt. 
Infolgedessen bildet sich bei den Lesern solcher Werke die irrige Anschauung, 
als ob die Anwesenheit der zahlreichen, nicht angelsächsischen Stämme auf 
amerikanischem Boden für die dort entstandene Kultur gar nichts bedeutet habe, 
und den Angelsachsen allein das Verdienst gebühre, das Material zum 
Aufbau der amerikanischen Nation geliefert und die Kultur derselben geschaffen 
zu haben. 

So wenig aber eine Schilderung des Mississippi Anspruch auf Voll- 
ständigkeit erheben dürfte, die es unterließe, auch seine Hauptarme, den 
Missouri und Ohio zu beschreiben und ihre Bedeutung für die Größe und den 
Charakter des ganzen Strom Systems darzulegen, ebensowenig können so ein- 
seitig aufgefaßte Geschichtswerke wie die bezeichneten Anspruch auf den Titel 
einer „Geschichte des amerikanischen Volkes" erheben. 

Diese muß noch geschrieben werden. Und zwar unter gerechter Be- 
rücksichtigung aller verschiedenen Rassen- und Völkerelemente, aus denen sich 
das Volk der Vereinigten Staaten zusammensetzt und die in irgendeiner be- 
sonderen Weise zur amerikanischen Kultur beitrugen. 

Das kann erst geschehen, wenn das erforderliche historische Material in 
Spezialwerken niedergelegt ist, die den Anteil der Deutschen, Iren, Schotten, 
Holländer und Skandinavier, der romanischen und slavischen Völker, der Is- 
realiten, der indianischen, afrikanischen und mongolischen Rassen feststellen. 
Durch ausgedehnten Gebrauch solcher Spezialwerke kann die zu schreibende 
Geschichte der amerikanischen Nation an Interesse, Mannigfaltigkeit und Farben- 
reiz nur ungemein gewinnen. — 

Wie zu dem in der Bundeshauptstadt Washington gen Himmel ragenden 
Monument zu Ehren des Begründers der Union, George Washington, fast alle 
Nationen des Erdballs Bausteine beitrugen, so mögen die in den Vereinigten 
Staaten ansässig gewordenen Vertreter solcher Nationen dies auch tun zu dem 
erhabenen Ruhmestempel der amerikanischen Geschichte. — 

Der Verfasser dieses Buches bietet einen solchen Baustein, in der Über- 
zeugung, daß die nach Millionen zählenden Abkömmlinge des deutschen Volkes, 
welche seit frühen Tagen in das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten von 
Amerika einströmten, in jeder Beziehung ein gewaltiger Faktor waren, der nicht 
übersehen werden sollte. 

Berlin, im Sommer 1909. 

Rudolf Gronau. 



Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

Vorwort V 

Verzeichnis der Abbildungen IX 

I. Teil: Die Deutschen während der Kolonialzeit. 

Die ersten deutschen Flugblätter über Amerika und die Vorläufer 

der deutschen Auswanderung dorthin 3 

Die ersten Deutschen in den nordamerikanischen Kolonien. 

Die deutschen Gouverneure von Neu-Niederland und Neu-Schweden .... 11 
Jakob Leisler. Die stürmischste Periode in der Geschichte der Kolonie New York 26 
Augustin Herrman, der erste deutsche Kartograph; Johann Lederer, der erste 
deutsche Forschungsreisende in Nordamerika 41 

Die deutschen Sektenniederlassungen des 17. und 18. Jahrhunderts. 

Die Ursachen der Sektenauswanderung 46 

Die Mennoniten und die Gründung Germantowns 49 

Die Labadisten und Rosenkreuzer 70 

Die Tunker und das Kloster Ephrata 75 

Die Salzburger in Georgia 81 

Die Mährischen Brüder oder Herrnhuter 85 

Die Masseneinwanderung der Pfälzer im 18. Jahrhundert 97 

Die Pfälzer in Karolina und Virginien. — Die Pfälzer in der Kolonie New York. 
— Die Niederlassungen der Pfälzer und Elsaß-Lothringer in Louisiana. — 
Die Pfälzerniederlassungen in Neu-England. 

Die Käuflinge oder Redemptionisten und das Entstehen der „Deutschen 

Gesellschaften" 116 

Die kulturellen Zustände der Deutschamerikaner während der 

Kolonialzeit 124 

Der Franzosenkrieg 152 

Gegner und Freunde der deutschen Ansiedler 170 

Der Anteil der Deutschen am amerikanischen Unabhängigkeitskriege. 

Der Freiheit Morgengrauen 177 

Deutsches Heldentum und deutsche Opferwilligkeit im Freiheitskrieg .... 185 

Nikolas Herchheimer und die deutschen Helden von Oriskany \96 

Generalmajor Peter Mühlenberg 205 

Der Soldatenhandel deutscher Fürsten und die deutschen Söldlinge im eng- 
lischen Heer 208 



— VIII — 

Seite 

Die deutschen Ansiedler im Kampf mit den indianischen Verbündeten der Briten 216 

Generalmajor Johann von Kalb 222 

Generalmajor Friedrich Wilhelm von Steuben, der Schöpfer des amerikanischen 

Heeres 226 

Die deutschen Truppenabteilungen im französischen Hilfsheer ...... 242 

II. Teil: Die Deutschamerikaner seit Aufrichtung der Union. 

Der Anteil der Deutschen an der Erschließung und Besiedlung der 
westlich von den Alleghany's gelegenen Gebiete. 

Die deutschen Ansiedler im Stromgebiet des Ohio 249 

Die deutschen Ansiedler im Mississippital 260 

Deutsche Pioniere des fernen Westens 273 

Deutsche Kommunistengemeinden 285 

Staatenpläne 296 

Die politischen Flüchtlinge der deutschen Revolutionszeit 301 

Der Anteil der Deutschamerikaner an den Kriegen der Vereinigten 

Staaten im 19. Jahrhundert 308 

Die Deutschamerikaner im politischen Leben der Vereinigten Staaten 332 

Karl Schurz 338 

Die kulturellen Bestrebungen der Deutschamerikaner während des 
19. Jahrhunderts und ihr Einfluß auf die amerikanische Be- 
völkerung. 
Die Gründung der deutschen Turnvereine und ihr Einfluß auf die körperliche 

Entwicklung der amerikanischen Bevölkerung 349 

Der Einfluß des deutschen Erziehungswesens auf die Lehranstalten der Ver- 
einigten Staaten 355 

Die deutschamerikanischen Landwirte und Forstleute der Neuzeit 370 

Der Anteil der Deutschen an der Entwicklung der amerikanischen Industrie . 381 
Der Anteil der Deutschen an der Entwicklung des amerikanischen Verkehrs- 
wesens 411 

Deutschamerikanische Techniker und Ingenieure 423 

Die deutsche Presse in den Vereinigten Staaten 441 

Deutsche Gelehrte in den Vereinigten Staaten 446 

Der Einfluß des deutschen Ärztetums auf die amerikanische Heilkunde . . . 458 

Deutschamerikanische Schriftsteller 461 

Die deutschamerikanische Dichtung des 19. und 20. Jahrhunderts 468 

Deutsches Lied und deutscher Sang in Amerika 498 

Deutsche Einflüsse im Musikleben Amerikas 505 

Das deutsche Theater in Amerika 517 

Die deutsche Oper in Amerika 522 

Deutschamerikanische Maler, Bildhauer und Baumeister 530 

Ehrendenkmäler des Deutschamerikanertums 578 

Die neueste Zeit 585 

Der deutschamerikanische Nationalbund 605 

Die Quellen zur Geschichte des deutschen Elements in den Ver- 
einigten Staaten 613 

Register 632 



Verzeichnis der Abbildungen. 



I. Teil. 

Seite 

Titelblatt des im Jahre 1497 zu Straßburg gedruckten ersten deutschen Flugblattes, 

welches die Entdeckungen des Columbus meldet 3 

Titelblatt der ersten deutschen Ausgabe von Amerigo Vespuccis Reisebeschreibungen 4 

Titelblatt der zweiten deutschen Ausgabe von Vespuccis Reisebeschreibungen ... 5 
Stelle aus Waldseemüllers „Cosmographiae introductio", wo vorgeschlagen wird, die 

Neue Welt „Amerika" zu nennen 6 

Titelblatt des als „Neue Zeitung aus Jucalan" bekannten deutschen Flugblattes . . 7 

Neu-Amsterdam zur Zeit Minnewits . . 11 

Peter Minnewit ersteht von den Indianern die Insel Manhattan 15 

Das Siegel der Kolonie Neu Niederland oder Neu-Belgien 18 

Titelblatt der Argonautica Gustaviana, der ersten in deutscher Sprache gedruckten 

Auswanderungs-Flugschrift 19 

Unterschriften der deutschen Gouverneure von Neu-Niederland und Neu-Schweden . 24 

Das Fort Dreifaltigkeit 25 

Leislers Wohnhaus in Alt New York 26 

Neu-Amsterdam zu Leislers Zeit . 31 

Das Stadthaus zu New York, in dem Leisler prozessiert wurde 37 

Leislers Grabstätte auf dem ehemaligen Friedhof der holländischen Gemeinde zu 

New York 39 

Leislers Siegel und Unterschrift 40 

Porträt Augustin Herrmans 41 

Namenszug Augustin Herrmans 43 

Indianer aus Virginien ... 45 

Plünderung eines Dorfs im Dreißigjährigen Krieg 46 

William Penn 49 

Namenszug von William Penn 50 

Namenszug von Pastorius 51 

Pastorius' Gruß an die Nachkommenschaft 55 

Der Protest der Deutschen von Germantown gegen die Sklaverei 58 59 

Altes Haus in Germantown, in dem der Protect gegen die Sklaverei verfaßt und 

geschrieben wurde 62 

Titelblatt der ersten mit deutschen Lettern in Amerika gedruckten Zeitung .... 66 

Titelblatt der ersten in Amerika gedruckten deutschen Bibel 67 

Christoph Saurs Wohnhaus und Druckerei • 68 

Das Siegel von Germantown . "^ 

70 

Johannes Kelpius '" 

Kelpius' Höhle '^^ 



— X — 

Seite 

Konrad Beissel . 75 

Ein Liebesmahl der Tunker 76 

Eine Klosterschwester von Ephrata 77 

Die Handpresse des Klosters Ephrata 78 

Titelblatt des in Ephrata gedruckten Märtyrerspiegels 79 

Pastor Johann Martin Bolzius 81 

Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf 85 

Ansicht von Bethlehem im Jahre 1830 87 

Das Schwesternhaus der Herrnhuter in Bethlehem, Pennsylvanien 88 

Herrnhuter Missionare unter den Indianern 91 

Johann Heckewelder 95 

Der Friedhof der Herrnhuter zu Bethlehem 96 

Der Brand der Stadt Worms 97 

Greueltaten französischer Soldaten im 17. Jahrhundert 98 

Ein Häuptling der Mohawk-Indianer 105 

Ein Pfälzer des Mohawktals im 18. Jahrhundert 108 

Beim Bau der Heimstätte 124 

Eine befestigte Niederlassung -des 18. Jahrhunderts 125 

Angriff auf eine befestigte Ansiedlung . 126 

Die Verteidigung einer verpalisadierten Ansiedlung im 18. Jahrhundert 129 

Eine befestigte Ansiedlung zur Winterszeit 131 

Eine entstehende Ansiedlung . 132 

Eine Waldkirche 135 

David Rittenhausen 144 

Heinrich Melchior Mühlenberg 149 

Die letzte Zuflucht 151 

Indianische Kundschafter beschleichen unter Wolfsmasken ein Lager von Ansiedlern 152 

Ein Indianer mit den Zeichen seiner Kriegstaten geschmückt 155 

Die Abschlachtung einer Ansiedlerfamilie durch Indianer 158 

Heinrich Bouquet 164 

Die Heimkehr aus indianischer Gefangenschaft 167 

Indianischer Tomahawk 169 

Benjamin Rush 170 

Namenszug von Peter Zenger 178 

A. Hamilton . . 179 

Der Ruf zu den Waffen 185 

Daniel Morgan, der Führer der virginischen Scharfschützen 187 

Marie Heis (Molly Pitcheri in der Schlacht bei Monmouth 191 

Versorgung der Soldaten im Winterlager von Valley Forge durch die Herrnhuter . . 194 

Michael Hillegas, erster Schatzmeister der Vereinigten Staaten 195 

Herchheimers Wohn- und Sterbehaus im Mohawktal 196 

Namenszug von Nikolas Herchheimer 197 

Ein Originalbrief des Generals Nikolas Herchheimer 198 

Bronzetafel am Schlachtendenkmal bei Oriskany 199 

Herchheimers Grabstätte im Mohawktal 204 

Generalmajor Peter Mühlenberg 205 

Namenszug Peter Mühlenbergs 207 

Vom Herde weg in ferne Lande 208 

Ein Anhalt-Zerbstsches Werbeplakat aus dem 18. Jahrhundert 211 

Thayendanegea 216 

Das Wyomingtal 217 



— XI — 

Seite 

Ein indianischer SI<alp 220 

Eine zerstörte Heimstätte 221 

Johann von Kalb 222 

Friedrich Wilhelm von Steuben 226 

Friedrich Wilhelm von Steuben, der Generalinspektor der amerikanischen Armee 231 

Titelblatt von Steubens „Regulations" 235 

Steubens Ruhestätte in der Grafschaft Oneida, N. Y 240 

Steubens Blockhütte in der Grafschaft Oneida, N. Y 241 

Die Kapitulation der englischen Armee bei Yorktown 242 

IL Teil. 

Die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 

am 4. Juli 1776 249 

Cumberland Gap 252 

Ein Trapper des 18. Jahrhunderts 253 

Ein Fort des 18. Jahrhunderts 256 

Ein Flachboot auf dem oberen Ohio 257 

Cincinnati im Jahre 1802 258 

Fort Washington am Ohio 259 

Amerikanische Flußdampfer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 260 

Die Unterzeichnung des Louisiana-Vertrags 261 

Eine Eisenbahn im Mohawktal im Jahre 1835 263 

Einwandrer auf ihrem Zug gen Westen 266 

Ansiedler beim Errichten ihrer Heimstätte 267 

Sioux-Indianer 269 

Überfall einer Auswandrerkarawane 270 

Abgeschlachtet! 271 

Astoria im Jahre 1812 273 

Johann Jacob Astor 274 

Johann August Sutter 277 

Fort Sutter 279 

Neu.Harmonie im Jahre 1832 286 

Ansicht von Ökonomie (Economy) am Ohio im Jahre 1900 287 

Die Kirche der Harmoniten in Ökonomie . . • 289 

Rapps Wohnhaus in Ökonomie 290 

Deutsche Einwanderer auf dem Zuge nach Neu-Braunfels 299 

Auszug eines New Yorker Regiments während des Bürgerkriegs 308 

Johann Anton Quitmann 309 

Generalmajor Franz Sigel 316 

Reiterstatue des Generalmajors Franz Sigel in New York . 317 

Szene aus der Schlacht bei Gettysburg 321 

Die Erstürmung der Missionary Ridge 322 

Die Erstürmung des Lookout Mountain 323 

Ch. Gustav Memminger, Finanzminister der südstaatlichen Regierung 327 

Admiral Winfield Scott Schley 329 

Friedrich August Mühlenberg, Vorsitzender im Abgeordnetenhause des Bundeskongresses 332 

Karl Schurz 343 

Das Deutsche Haus in Indianopolis, Indiana, der Sitz des Turnlehrerseminars des 

Nordamerikanischen Turnerbundes • • 349 

Römischer Wagenlenker 354 



— XII — 

Seite 

Benjamin Franklin 355 

Kuno Franci<e . 360 

Das deutschamerikanische Lehrerseminar in Milwaukee, Wisconsin 368 

Die Landwirtschaft 370 

Westliche Farmer bei der Mais- und Kürbisernte 371 

Ernte im fernen Westen 375 

Ernte im fernen Westen . 376 

Die erste von Johann August Roebling im Jahre 1848 zu Trenton, New Jersey, angelegte 

Drahtseilfabrik . . 381 

Die heutigen Drahtseilfabriken der Firma John A. Roeblings Sons Company zu Trenton, 

New Jersey . 384 

Die Anheuser-Busch Brauerei zu St Louis, Missouri 389 

Die Pabst Brauerei in Milwaukee, Wisconsin 391 

Die Joseph Schlitz Brauerei in Milwaukee, Wisconsin 395 

Die Konservenfabriken der Firma H. J Heinz Company in Pittsburgh, Pennsylvanien 397 

In der Konservenfabrik H. J Heinz & Co., Pittsburgh, Pennsylvanien 399 

Die Lederfabriken der Firma Robert H. Foerderer, Philadelphia, Pennsylvanien . . 400 
Die Dixie-Gerbereien der Lederriemenfabrik Charles A. Schieren Company (New York) 

zu Bristol, Tennessee 401 

De Pianofabrik der Firma William Knabe & Co. in Baltimore, Maryland . . . 402 

Heinrich Steinway, der Begründer der Pianofabrik Steinway & Söhne in New York 403 

Die Pianofabriken der Firma Steinway & Söhne in Steinway, Long Island, New York 404 

Die Pianofabrik der Firma Steinway & Söhne an Park Avenue u 53. Straße in New York 405 
Die Spinnereien der von Stöhr, Arnold und Hirsch gegründeten Botany Worsted Mills 

zu Passaic, New Jersey 406 

Der Segler „Deutschland" der „Hamburg-Amerika-Linie" 411 

H. H. Meier, Gründer des „Norddeut chen Lloyd" 412 

Lloyddampfer Kaiser Wilhelm II ..... 413 

„Kronprinzessin Cecilie", ein moderner Dampfer des Norddeutschen Lloyd .... 415 

Die Pieranlagen des Norddeutschen Lloyd in Hoboken ... 416 

Die Pieranlagen der Hamburg-Amerika-Linie in Hoboken, New Jersey 417 

Eme Rennjacht der Herreshoffs im Kampf um den Amerikabecher 419 

Heinrich Hilgard-Villard 421 

Der erste Lloyddampfer „Bremen" im Jahre 1858 • . 422 

Roeblings Hängebrücke über den Niagara 423 

Adolf Bonzanos Kinzua-Brücke während ihres Baus 427 

Johann August Roebling 431 

Roeblings Hängebiücke über den East River zwischen New York und Brooklyn . . 434 

Lindenthals Eisenbahnbrücke über die Höllengasse bei New York 437 

Ludwig Johann Rudolf Agassiz ... . ... . . • • 446 

Franz Lieber 452 

Frauenfigur Von Henry Linder, New York 468 

Die von Sr. Maj. Kaiser Wilhelm II. dem Nordöstlichen Sängerbund gestiftete Silber- 
statuette . 503 

Die alte Herrnhuter Kirche zu Bethlehem in Pennsylvanien 505 

Leopold Damrosch 508 

Theodor Thomas 509 

Karl Zerrahn 511 

Anton Seidl 522 

Malerei, Architektur und Poesie 530 

Washingtons Übergang über den Delaware. ...,..,... 531 



— XIII — 

Seito 

Die Westfahrer .535 

Büffeljagd 539 

Mount Corcoran 541 

Der Kampf um die Palisaden 543 

Ein sichrer Schuß 545 

Der französische Entdecker La Salle schließt einen Vertrag mit den Miami-Indianern 547 

Ein Renkontre in den Felsengebirgen 549 

Sonnenuntergang der roten Rasse 550 

Losgelassen 551 

Ein Monarch der amerikanischen Wildnis 552 

Ein König der Felsengebirge • 553 

Ahasver 554 

Hochzeit in der Bretagne 555 

Die beiden Schwestern 557 

Die heilige Familie 561 

Unsere Frau der immerwährenden Hilfe 562 

Der kreuztragende Christus und Maria 563 

Das Schicksal der roten Rasse 564 

Denkmal des Generalmajors Friedrich Wilhelm von Steuben in Washington . . . 565 

General Grant 567 

Die Kongreßbibliothek zu Washington, D. C 569 

Korridor in der Kongreßbibliothek zu Washington, D. C 570 

Treppenaufgang in der Kongreßbibliothek zu Washington, D. C 571 

Die Lesehalle der Kongreßbibliothek zu Washington, D. C 572 

Das Waldorf Astoria Hotel in New York 575 

Das Gebäude der „Times" in New York 576 

Das Mary Drexel-Heim in Philadelphia 578 

Das Isabella-Heim in New York 583 

Der Bannerträger 585 

Blick auf den Dachgarten des Hotels Astor in New York 591 

Die Einfahrt des Prinzen Heinrich von Preußen an Bord des Lloyddampfors „Kronprinz 

Wilhelm" in den Hafen von New York am 23. Februar 1902 599 

Die Feier des Deutschen Tages auf der Weltausstellung zu Chicago am 15. Juni 1893 601 
Das Gebäude der „Deutschen Gesellschaft" zu Philadelphia, die Geburtsstätte des 

Deutschamerikanischen Nationalbundes . . . • 605 

Dr. Charles John Hexamer 609 

Die Freiheitsstatue im Hafen von New York 613 



Register 632 



I. Teil. 

Die Deutschen während der Kolonialzeit. 




^m fc^on ^abfc^lcfcn vonctUc^crt inßlen 

Tie ^do m ^urtsen 5pten futiöen fynö ^urcß'^c 
r ümg von ^ifpama*viit> fagr vö ßro^eti wuti 




Die ersten deutschen Flugblätter über Amerika 
und die Vorläufer der deutschen Auswanderung 

dorthin. 

Die glückliche Heimlcehr des Genuesen Christoph Columbus von 
seiner ersten großen Entdeckungsreise war ein Ereignis, dessen Bedeutung von 
allen Kulturvölkern der damaligen Zeit sofort empfunden v^urde. Man erkannte 
instinktiv, daß die gelungene Fahrt für die ganze Menschheit von höchster Wich- 
tigkeit sei und gewaltige Umwälzungen zur Folge haben müsse. Welch tiefen 
Eindruck die Kunde in der Gelehrtenwelt erregte, kann man am besten aus fol- 
gendem Brief des spanischen Geschichtschreibers Peter Martyr an seinen 
Freund Pomponius Laetus ermessen: „Du schreibst, mein lieber Pomponius, 
daß Du beim Eintreffen meiner die Entdeckung der entgegengesetzten Welt 
betreffenden Nachricht vor Entzücken aufgesprungen seiest und Dich der 
Freudentränen nicht hättest erwehren können. Das zeigt, daß Du als Gelehrter 
die Größe und Tragweite der neuen Entdeckung wohl zu würdigen weißt. In 
der Tat, auch ich kenne keine Speise, die erhabenen und genialen Geistern will- 
kommener sein könnte, als diese. Ich fühle eine wunderbare geistige Erregung 
in mir, wenn ich mit den aus jenen Gegenden zurückgekehrten Männern rede. 
Es ist, als ob ein Armer plötzlich zu Reichtum gelange. Unsere durch die 

Kopfleiste: Titelblatt des im Jahre 1497 zu Straßburg gedruckten ersten deutschen 
Flugblattes, welches die Entdeckungen des Columbus meldet. Nach dem Exemplar der 
New Yorker Stadtbibliothek. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



1' 



4 — 



kleinen täglichen Sorgen und gesellschaftlichen Pflichten herabgezogenen Ge- 
danken werden erhoben und geläutert durch das Nachsinnen über so herrliche 
Ereignisse.'' 

Selbst in dem nüchternen England wurde die Tat des Columbus als etwas 
Unerhörtes, Göttliches gepriesen. Schrieb doch Giovanni Caboto (Johann 
Cabot), der von England aus im Jahre 1497 eine Fahrt nach dem Westen unter- 
nahm und dabei das FesÜand von Nordamerika entdeckte: „Als die Nachricht 
^^ ^^ eintraf, daß Christoph Co- 

X>0UQtrtttaSnatAnt|f>t9l0ltbifttt(|iI lumbus, der Genuese, die 
rtnJ^)fhgmmtm4gtw^cn/^m•c^^majlfioilK^Wmg Küsten Indiens entdeckt 
ronpoitigal/irwtlxtftnljd) afimX>m, h^be — wovon im ganzen 

Reich des damals regieren- 
den Königs Heinrich VIT. 
gesprochen wurde, indem 
alle voll größter Bewun- 
derung erklärten, es sei 
mehr ein göttliches als 
menschliches Wagnis, auf 
nie zuvor befahrenen We- 
gen vom Westen aus nach 
den im Osten gelegenen 
Gewürzländern zu segeln, 
— da entbrannte in mei- 
nem Herzen ein heißes 
Verlangen, gleichfalls eine 
große Tat zu verrichten." 
Auch in Frankreich 
und Deutschland erkannte 
man die Bedeutung des 
Ereignisses. Deutschland 
war schon damals das 
Land der Denker und Ge- 
lehrten. Martin Behaim, 
Schöner, Reisch, Münster, 
Pirckheimer u. a. verfolg- 
ten mJt scharfen Blicken 
die in Afrika und Asien 
gemachten geographischen Entdeckungen und trugen dieselben auf ihre Welt- 
karten und Erdkugeln ein. 

Der Brief, den Columbus am 3. März 1493 nach seiner Ankunft in Lissa- 
bon an Raphael Sanchez, den Schatzmeister des spanischen Königspaares, ge- 
sandt hatte, fand in lateinischen und italienischen Ausgaben Verbreitung und 
wurde auch in deutscher Übersetzung in Straßburg, wahrscheinlich auch an 




Titelblatt der ersten deutschen Ausgabe von Amerigo 
Vespuccis Reisebeschreibungen. 

Nach dem Exemplar der New Yorker Stadtbibliothek. 



5 — 



fulr unD (fliiöf n fa ym härRlirtim 

crfunben fvnr *^urc^ ^en Tkuntcj Von potm^ÄÖT. 



andern Orten gedruckt. Alan kennt bis jetzt siebzehn verschiedene Ausgaben 
dieses Columbusbriefes in spanischer, lateinischer, itaUenischer und deutscher 
Sprache. Es ist nicht ausgeschlossen, daß außerdem manche andere gedruckt 
wurden, von denen wir keine Kunde mehr besitzen. 

Noch größeres Aufsehen erregten die Reisebeschreibungen des A m e r i g o 
V e s p u c c i. Sie versetzten ganz Europa in Erregung, da sie im Gegensatz 
zu dem Brief des Colum- 
bus, der nur die Entdeck- 
ung einiger Inseln gemel- 
det hatte, die Entdeckung 
einer „neu gefunden Re- 
gion" verkündigten, „die 
wohl eine Welt genannt 
mag werden". Dazu war 
in Vespuccis Schilderun- 
gen das Interessante her- 
vorgehoben und in pi- 
kanter Weise ausgemalt; 
die Beschreibungen des 
Völker-, Tier- und Pflan- 
zenlebens waren neu und 
fesselten um so mehr, als 
man außer dem mageren 
Brief des Columbus noch 
nichts über die Neue 
Welt erfahren hatte. Co- 
lumbus, um das Geheim- 
nis des neuen Seeweges 
nach Indien zu bewahren, 
vermied absichtlich jede 
weitere Mitteilung über 
seine Entdeckungen. Da- 
durch, wie auch durch 
den Umstand, daß Ves- 
puccius fälschlich angab, 
die erste seiner angeb- 
lich vier Reisen im Jahre 
14Q7 vollführt zu haben, 

wobei er konsequent die Namen der Befehlshaber verschwieg, an deren 
Forschungsreisen er sich beteiligte, gelangten die den Unternehmungen fem- 
stehenden italienischen, deutschen und französischen Geschichtschreiber jener 
Zeit zu der irrtümlichen Anschauung, Vespuccius sei der Leiter jener Expedi- 
tionen gewesen und habe das Festland der neuen Welt entdeckt. Unter diesem 




Titelblatt der zweiten deutschen Ausgabe von Vespuccis 
Reisebeschreibungen. 

Nach dem Exemplar der New Yorker Stadtbibliothek. 



— 6 — 

Eindruck stand auch der um das Jahr 1481 in Freiburg in Baden geborene Ge- 
lehrte Martin Waldseemüller, der in der lothringischen Stadt St. Die 
lebte und an dem vom Herzog Rene II. errichteten „Vogesischen Gymnasium" 
Geographie und Naturwissenschaft lehrte. 

Waldseemüller war zugleich mit einer Neuausgabe des Atlas von 
Ptolemäus beschäftigt, in welcher alle in der Neuen Welt gemachten Entdeckungen 
berücksichtigt werden sollten. Ferner schrieb Waldseemüller einen Leitfaden 
für den Unterricht in der Erd- und Himmelskunde. 

Während er mit diesen Arbeiten beschäftigt war, erhielt der Herzog ein 
Exemplar der Vespuccischen Reisebesdireibungen. Dieselben erfüllten Wald- 
seemüller mit solcher Begeisterung, daß er die Reisen Vespuccis in seinem am 
25. April 1507 gedruckten Lehrbuch „Cosmographiae introductio" ausführlich 
besprach und im neunten Abschnitt den Vorschlag ausbrachte, die bis dahin 
noch namenlose Welt zu Ehren ihres Entdeckers, Amerigo Vespucci, „Amerika" 
zu nennen. Der betreffende Satz lautet verdeutscht: „Nun wahrlich, da diese 

ivT-.of r , . . ^ «- Regionen weiter 

Niic,?o&:hfpartcsfuntlatmsJuftraw/&:aIä durchforscht sind, 

quarta pars per Ammcuyefputmcvtmfequenti „„^ da ein anderer 

J^DUs audietur )inuenta eit/qua non Video cur quis tt jj. ■^ a 

«. , - . . ^ r ■ . ... Erdteil von Ameri- 

Jiure vetet ab Amenco inuentore lagacis ingenij VI 

AmcriV roAmcriPcnquafiAmerici terra /uue Amencam , ,, , 

ca dicendätc! &: Europa &: Afia a mulieribus fua for ^'^^ '^"'^'' Z'^ T' 

titarmtnomina.Eiusrim&gentis mores ex bis bi ^^" nachstehenden 

nis Americi nauigationibus quae fequunt liquide ^^^^*^" ersehen wer- 

intelligidatun <^e" "^^g' so kenne 

ich keinen Grund, 
Stelle aus Waldseemüllers „Cosmographiae introductio", wo vor- . , , 

geschlagen wird, die Neue Welt „Amerika" zu nennen. warum er nicnt ge- 

rechterweise Ameri- 
gen genannt werden sollte, das ist das Land des Amerigus, oder America, nach 
seinem Entdecker Americus, einem Manne von scharfem Verstände; haben doch 
Europa und Asien beide ihre Namen nach Weibern erhalten." 

Waldseemüllers Vorschlag fand bei vielen Geographen der damaligen Zeit 
Anklang. Da Columbus bereits im Jahre 1506 gestorben war, und niemand 
auftrat, um den wissenschaftlichen Irrtum zu berichtigen, so fand der von dem 
deutschen Gelehrten vorgeschlagene Name rasch Annahme. Schon 1510 konnte 
der dem „Vogesischen Gymnasium" angehörende Walter Lud in seiner 
„Grammatica Figurata" mit Stolz erklären, „daß St. Die jetzt eine in der ganzen 
Welt bekannte Stadt sei, weil sie America den Namen gegeben habe". 

Es war die einzige Großtat, durch die das Gymnasium bekannt wurde, 
denn als Herzog Rene starb, löste sich die kleine Gelehrtengemeinde auf. Wald- 
seemüller zog nach Straßburg, wo er bei Jean Grüninger die fünfte Ausgabe 
seiner „Cosmographiae introductio" drucken ließ. Nachdem der Straßburger 
Jean Schott die Druckerpresse und den Typenvorrat des „Vogesischen 
Gymnasiums" erworben hatte, gab Waldseemüller hier auch im Jahre 1513 die 



— 7 — 

von jenem Gymnasium geplante Neuausgabe des Atlas des Ptolemäus heraus. 
Inzwischen hatte er seinen Irrtum bezüglich des Entdeckers der Neuen Welt er- 
kannt, denn er trug auf die schöne, dem Atlas beigegebene Karte von Amerika 

^mt Jtittung.Don btralanbt.basWt 

epomcrfUnöen ^aDm ymi fzutere genant >crtt4ii. 




Titelblatt des als „Neue Zeitung aus Jucatan" bekannten deutschen Flugblattes. 

Nach dem Exemplar der New Yorker Stadtbibliothek. 

an der Stelle, wo Columbus zuerst seinen Fuß auf das Festland der Neuen Welt 
gesetzt hatte, folgenden Satz ein: „Hec terra adjacentibus insulis inventa est 
per Columbu ianuensem ex mandato Regis Castelle", „Dies Land imd die be- 
nachbarten Inseln wurden durch Columbus unter der Regierung des Königs von 



Kastilien entdeckt''. Über die Reisen des Vespucci findet sich im ganzen Atlas 
kein Wort. Aber der frühere Irrtum konnte nicht wieder gutgemacht werden. 
Der Name Amerika hatte sich bereits so eingebürgert, daß er trotz aller Be- 
mühungen, ihn durch die passendere Bezeichnung „Columbia" zu ersetzen, der 
Neuen Welt bis heute verblieb. 

Den Reisebeschreibungen Vespuccis folgten zahlreiche „Newe Zeitungen", 
welche die Entdeckungen der Portugiesen in Südamerika, die kühnen Erobe- 
rungszüge der Spanier in Yucatan, Mexiko und Peru schilderten. Sie umfaßten 
meist nur wenige Seiten. 

Von solchen, aus leicht erklärlichen Gründen, der Verzettelung unter- 
worfenen Flugblättern haben sich leider nur wenige erhalten. Von diesen nenne 
ich die wahrscheinlich im Jahre 1520 gedruckte „Copia der Newen Zeytung 
auß Presillg Landt" (Brasilien); die „Nev/e Zeittung von dem Lande, das die 
Spanier funden haben im 1521 jare, genannt Yucatan". Von den mexikanischen 
Eroberungszügen erzählen Flugschriften, die im Jahre 1520 bei „Friyderichen 
Peypus in Nürmberg", 1522 in Augsburg, 1534 bei Georg Ulricher in Straß- 
burg und 1550 bei Philipp Ulhart in Augsburg erschienen. Über den Raubzug 
Pizarros berichtet ein 1535 gedruckter Brief, der mit den Worten anhebt: „Item 
es ist vor etlichen Jaren durch Kay. May. beuelch (auf Befehl Sr. Majestät des 
Kaisers) außgefaren auß Hispania ein hispanischer Her Francisco de 
Pysaria . . ." usw. 

Im Verein mit den von den Geographen und Geschichtsschreibern in um- 
fangreichen Erdbeschreibungen niedergelegten Nachrichten übten diese neuen 
Zeitungen einen ungeheuren Eindruck auf das deutsche Volk. Man verschlang 
die Beschreibungen der mit goldenen Schätzen und seltsamen Götzenbildern 
gefüllten Tempel und Paläste der Inkas und Montezumas; staunend las man 
von den volkreichen Städten Tenochtitlan, Cholula, Tlaskala und Cuzko, von 
ihren großen Märkten und Festen. Man hörte von der Fahrt des Ritters Ponce 
de Leon nach Bimini, wo eine Quelle existiere, deren Wasser ewige Jugend ver- 
leihe. Man vernahm vom Eldorado, einem indianischen König, dessen Körper 
tagtäglich derart mit Goldstaub bedeckt werde, daß er einer Goldfigur 
gleiche. 

Es bedurfte nicht mehr, um das Wunderfieber und die Lust zu Abenteuern 
bei den Deutschen zu erregen. Diese beiden Neigungen steckten ihnen von 
jeher im Blute. Seit den frühesten Tagen des Mittelalters zogen fahrende Ritter, 
Reisige und Minnesänger von Burg zu Burg, von Hof zu Hof, um Speere zu 
verstechen oder beim Klang der Saiten die Gunst hoher Herren und schöner 
Frauen zu gewinnen. Neben ihnen gab es viel anderes ruheloses Volk: fahrende 
Gaukler, Spielleute, Schüler und Fräulein, fahrende Ärzte und Quacksalber, und 
nicht zuletzt der unabsehbare Troß der Landsknechte, die ihre Dienste bald 
diesem, bald jenem Herrn verkauften. Deutsche Landsknechte fochten in fast 
allen europäischen Kriegen. Wenn einer dieser rauhen Söldlinge, Nikolaus 
Schmid von Regensburg, der für Philipp II. von Spanien in Marokko focht, 



— 9 — 

in seiner poetisclien Beschreibung der Kriege in selbstbewußtem Tone 
singt: 

Uns Deutsche braucht man zu dem Spiel 
Wan man einen Krieg will fangen an. 
Ohn uns wird nichts gerichtet außj 
Wo wir nicht sein dabei im Strauß . . . 

SO bezeichnete er die damalige Zeit in der zutreffendsten Weise. 

Es konnte nicht ausbleiben, daß diese allzeit abenteuerlustigen Lands- 
knechte durch die Nachrichten über die neuentdeckte Welt und deren Schätze 
mächtig angezogen wurden. Besonders diejenigen, welche unter den Fahnen 
des zum Erben des spanischen Thrones, und im Jahre 1519 auch zum deutschen 
Kaiser ausgerufenen Karls V. gen Spanien zogen. Dort kamen sie in Berührung 
mit jenen Abenteurern, die für diesen Herrscher die Länder der Neuen Welt er- 
oberten. Mit Sicherheit dürfen wir annehmen, daß viele dieser deutschen Lands- 
knechte sich für die Eroberungszüge in Amerika anwerben ließen. Leider 
wissen wir nur wenig über die Beteiligung solcher Deutschen. Daß sie aber 
keineswegs gering veranschlagt werden darf, geht daraus hervor, daß unter 
den 3000 Soldaten des Pedro de Mendoza, der im Jahre 1534 nach dem süd- 
amerikanischen „Silberstrom", dem L.a Plata, zog, sich 150 Deutsche befanden. 
Einer derselben war Ulrich Schmidel aus Straubing. Er verweilte 
19 Jahre lang am La Plata und nahm an fast allen von Mendoza unternommenen 
Eroberungszügen teil. Als er nach zahllosen Abenteuern endlich wieder in die 
Heimat zurückkehrte, schrieb er seine: „Warhafftige Historien Einer Wunder- 
baren Schiffart, welche Ulrich Schmidel von Straubing von Anno 1534 biß 
Anno 1554 in Americam oder Neuwewelt, bey Brasilia und Rio della Plata 
getan. Was er in diesen neuntzehn Jahren außgestanden, und was für selt- 
zame Wunderbare Länder und Leut er gesehen" usw. 

Noch absonderlichere Erlebnisse bestand der aus Homburg in Hessen 
stammende HansStade. In Brasilien geriet er in die Gefangenschaft „der 
wilden, nacketen, grimmigen Menschenfresser Leuthen", deren Sitten er in einem 
1556 zu Frankfurt a. M. gedruckten Büchlein höchst anschaulich beschrieb. 

Sicher befanden sich auch viele deutsche Landsknechte bei jenen Expedi- 
tionen, die in den Jahren 1528 bis 1546 von den Augsburger Kaufherren Welser 
ausgesandt wurden, um Venezuela zu erobern. Diese Expeditionen, von denen 
die erste 50 Bergleute aus dem Erzgebirge mit sich führte, wurden sämtlich von 
deutschen Rittern befehligt. Von der am Karabischen Meere gelegenen Ortschaft 
Coro aus drangen sie in überaus waghalsigen Entdeckerzügen durch die tropi- 
schen Niederungen des Zuliagebietes bis auf die kalten Hochebenen Kolumbiens, 
in südlicher Richtung bis zu den oberen Nebenflüssen des Orinoco. Niko- 
laus Federmann schrieb über diese oft mehrere Jahre währenden Fahrten 
seine berühmte „Indianische Historia". Der Junker Philipp von Hütten 
sandte gleichfalls hochinteressante Reisebriefe an seine in der Heimat zurück- 
gebliebenen Angehörigen. 



— 10 — 

Alle diese Flugblätter, Zeitungen und Reiseschilderungen, zu denen sich 
noch viele in Erdbeschreibungen enthaltene umfangreiche Mitteilungen gesellten, 
erregten im deutschen Vollce das lebhafteste Interesse für die Neue Welt. Die 
Folge war, daß im 17. und 18. Jahrhundert die auswanderungslustigen Deut- 
schen sich nicht mehr atisschließlich nach Ungarn, Siebenbürgen, Polen und 
Rußland wendeten, sondern sich auch an der Besiedelung der Neuen Welt be- 
teiligten. 



"^' Tort nieuw tAtnßerdanL av icMMwatans 




Die ersten Deutschen in den amerikanischen 

Kolonien. 

Die deutschen Gouverneure von Neu-Niederland und 

Neu-Schweden. 

Wie deutsche Soldaten, Seefahrer, Handwerker und Kaufleute in der Ge- 
folgschaft der Spanier und Portugiesen nach den neuweltlichen Kolonien der- 
selben verschlagen wurden, so kamen auch zahlreiche Deutsche im Dienst der 
Holländer und Schweden nach der Ostküste von Nordamerika. 

Es war im Jahre 1609, als der im Sold der „Niederländisch Ostindischen 
Compagnie" stehende Seefahrer Henry Hudson jenen herrlichen Strom ent- 
deckte, der späterhin mit seinem Namen belegt wurde. Diesen Strom genauer 
zu erforschen, war aber nicht dem berühmten englischen Kapitän, sondern dem 
aus Kleve gebürtigen Hendrik Christiansen beschieden. Auf einer 
Handelsreise nach Westindien hatte dieser Deutsche die Mündung des majestäti- 
schen Stroms gesehen und war von dem Anblick so eingenommen worden, daß 
er wieder und wieder zurückkehrte und insgesamt elf Fahrten dorthin vollführte. 

Die erste dieser Reisen machte er in Gemeinschaft mit dem Kapitän Adrian 
Block. Sie diente hauptsächlich Erkundigungszwecken. Aber die Bedeutung 
der Gegend für den Pelzhandel scheint beiden sofort aufgegangen zu sein. 



Kopfleiste: Neu-Amsterdam zur Zeit Minnewits. 
Kupferstich. 



Nach einem gleichzeitigen 



— 12 — 

Denn nach ihrer Rückkehr bildete sich in Amsterdam und Hörn eine Kaufmanns- 
gesellschaft, die im Jahre 1614 eine kleine Flotte ausrüstete, um am Hudson den 
Grund zu einem Kolonialreich zu legen, das den Namen „Neu-Nieder- 
1 a n d^' empfangen sollte. 

Zwei der jener Flotte angehörenden Schiffe wurden von Christiansen und 
Block befehligt. Der erste führte die „Fortuna", Block den „Tiger". 

Christiansen erkannte bald die Notwendigkeit und die Vorteile eines stän- 
digen Stützpunktes für den Tauschhandel mit den Urbewohnern und legte auf der 
Südspitze der von den Manhattanindianern bewohnten, 13 engl. Meilen langen 
Manhattaninsel einen aus mehreren Blockhütten bestehenden Handelsposten an. 

Später richtete er sein Augenmerk auch auf die Gegend, wo der Mohawk- 
fluß sich mit dem Hudson verbindet und gründete auf einer unweit dieser 
Stelle gelegenen Insel eine zweite, befestigte Station, die er Fort Nassau taufte. 
Zur Verteidigung dieses m.it Gräben und Palisaden umgebenen, aus Wohn- 
stätten und Lagerhaus bestehenden Postens dienten zwei Kanonen und elf 
Drehbrassen. Der häufigen Überschwemmungen wegen wurde diese Station 
später auf das westliche Stromufer verlegt und bildete als „Fort Oranien" den 
Keim der heutigen Stadt Albany. 

Leider sind wir über die weitere Tätigkeit Christiansens, des ersten in der 
Kolonialgeschichte der heutigen Vereinigten Staaten genannten Deutschen, nur 
wenig unterrichtet. Wir wissen nur, daß er dem Pelzhandel, der Haupteinnahme- 
quelle der Kolonie Neu-Niederland, die Wege ebnete, indem er die an beiden 
Ufern des Hudson und am Ausfluß des Mohawk wohnenden Indianer besuchte 
und in regelmäßige geschäftliche Beziehungen zu ihnen trat. Daß die Holländer 
selbst Christiansen als den eigentlichen Erforscher der Hudsongegenden be- 
tracheteten, geht aus folgender Stelle der von dem zeitgenössischen Lehrer 
Nikolas Jean de Wassenaer stammenden „Geschichte der denkwürdigsten Er- 
eignisse" hervor: „Dieses Land (Neu-Niederland) wurde zuerst von dem ehren- 
werten Hendrik Christiansen von Kleve befahren . . . Hudson, der berühmte 
englische Seefahrer, w^ar auch dort gewesen." 

Leider fand Christiansen einen vorzeitigen Tod. Und zwar durch die 
Hand eines jungen Indianers, den er einst mit nach Holland genommen hatte. 
Die Beweggründe zu der Tat sind nicht bekannt, daß es sich aber um einen 
Mord handelte, dürfte daraus zu schließen sein, daß der Indianer von den Leuten 
Christiansens standrechtlich erschossen wurde. 

Als im Jahre 1623 die „Niederländisch-Westindische Gesellschaft" einen 
Freibrief für Neu-Niederland erhielt, ernannte sie, nachdem ihre Interessen von 
den beiden Holländern Cornelius May und Willem Verhulst mit wenig Glück 
vertreten worden waren, im Jahre 1626 den aus Wesel gebürtigen Peter 
M i n n e w i t zum Direktor der jungen Kolonie. 

Leider wissen wir über das Vorleben dieses bedeutenden Mannes nur, daß 
er in seiner Vaterstadt Diakon der reformierten Kirche gewesen war. Von 
Wesel hatte Minnewit sich nach den Niederlanden gewendet, als die Stadt 



— 13 — 

während des klevischen Erbfolgekrieges von den Spaniern eingenommen wurde. 
Von Holland aus unternahm Minnewit im Dienst hervorragender Handelshäuser 
Reisen nach Ostindien und Südamerika. Auf diesen erwarb er sich den Ruf 
eines so tüchtigen Beamten, daß die vorsichtigen Leiter der Niederländisch-West- 
indischen Gesellschaft ihn für den schwierigen Posten erkoren, der von seinem 
Inhaber so mannigfache Fähigkeiten erheischte. 

Bereits die erste Maßregel, die Minnewit nach seiner am 4. Mai 1626 er- 
folgten Ankunft in seinem Verwahungsbereich traf, stellt seiner Umsicht das 
beste Zeugnis aus. Obgleich die Niederländer kraft der in ihrem Auftrag ge- 
schehenen Entdeckung und Besiedelung alles Land am Hudson beanspruchten, 
so waren doch Gerüchte im Umlauf, daß die Engländer auf Grund der im 
Jahre 1497 von John Cabot gemachten Entdeckungen Anspruch auf die ganze 
Ostküste Nordamerikas von Neufundland bis Florida erhöben. Es galt nun, 
solchen vagen Ansprüchen einen einwandfreien Besitztitel gegenüberzustellen. 
Aus diesem Grunde, und um in der Ausdehnung des Handelspostens unbe- 
schränkt zu sein, schloß Minnewit mit den die Insel bewohnenden Indianern 
einen Vertrag, durch welchen die Insel in den Besitz der Niederländisch-West- 
indischen Gesellschaft überging. 

Die einzige, auf unsere läge gekommene Urkunde, welche über diese 
hochinteressante Episode in der Kolonialgeschichte Amerikas berichtet, besteht 
in einem Brief, der von dem Stadtschreiber der Stadt Amsterdam an die im Haag 
residierenden Herren der Generalstaaten gerichtet ist. Derselbe lautet verdeutscht : 

Hochmächtigste Herren ! 
Hier ist gestern das Schiff „das Wappen von Amsterdam" angekommen, 
welches von Neu-Niederland aus dem Muritius Fluß am 23. September ab- 
gesegelt ist. Es berichtet, daß unser Volk daselbst guten Mutes ist und in 
Frieden lebt. Die Frauen haben auch Kinder daselbst geboren; man 
hat die Insel Manhattes von den Wilden für einen Wert 
von 60 Gulden gekauft; sie ist 1 1 000 iVl o r g e n groß. Sie 
säten all ihr Korn um die Mitte des Mai und ernteten es Mitte August. Wir 
haben Proben des Sommer-Getreides, wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, 
Buchweizen, Canarisamen, Böhnchen und Flachs. Die Ladung des ge- 
nannten Schiffes besteht aus 7246 Biberfellen; 178il. Otterfellen; 675 Otter- 
fellen; 48 Minkfellen; 36 Wildkatzenfellen; 33 Minkfellen;. 34 Rattenfellen. 
Viele Stämme von Eichen und Nußbaum. Hiermit mögen Eure hochmächtigen 
Herren der Gnade des Allmächtigen empfohlen sein. 

In Amsterdam, den 5. November 1626. 

Euer Hochm. Dienstwilligster 
V. Schaaben. 

Nachdem Minnewit so den Ansprüchen der Niederländer eine feste Grund- 
lage gegeben, traf er Vorkehrungen zum Schutz der Insel, indem er auf ihrer 
Südspitze ein Fort aufführen ließ. Die Lage war glücklich gewählt. Denn 



— 14 — 

auf seiner Westseite wurde das Fort vom Hudson, auf der Ostseite vom 
Mauritiusfluß, dem heutigen East River bespült. Gegen Norden konnte es 
durch einen befestigten Graben leicht verteidigt werden. Die Angaben über 
die Bauart des Forts widersprechen einander. Einige besagen, es sei von 
hohen, mit Palisaden besetzten Erdwällen umgeben gewesen, während andere 
Nachrichten von Steinmauern reden. Das aus Stein aufgeführte „Kontor" oder 
Geschäftshaus der Gesellschaft lag in der Mitte des Forts. Ein Teil dieses 
Hauses diente gleichzeitig als Lagerraum und Kaufladen. Die Holzhütten der 
Ansiedler und Bediensteten, etwa dreißig an der Zahl, lagen am Ufer des East 
Rivers. Der ganze Handelsposten führte den Namen Neu- Amsterdam. Der 
übrige Teil der Insel Manhattan war mit dichten Wäldern bedeckt, in deren 
Dunkel Hirsche, Panther und Bären hausten. Zwischen den Felsgraten dehnten 
sich zahlreiche Sümpfe, ferner ein kleiner See, an dessen malerischem Strand 
die Wigwams der Rothäute lagen. Ohne Zweifel muß der damalige Anblick 
der herrlich grünen Insel inmitten der von indianischen Kanus belebten Bai 
eines der großartigsten Landschaftsbilder gewesen sein, welche die Neue Welt 
zu bieten vermochte. 

Unter der umsichtigen Leitung Minnewits, der es sich angelegen sein ließ, 
mit den Indianern in Frieden auszukommen, entwickelte sich der Handel von 
Neu- Amsterdam so rasch, daß die Ausfuhr an Pelzen, die im Jahre 1624 einen 
Wert von nur 25 000 Gulden besaß, im Jahre 1631 bereits auf 130 000 Gulden 
stieg. Minnewit war aber auch darauf bedacht, alle Flilfsquellen der jungen 
Kolonie zu entwickeln. Jede Bucht, jeder Strom wurden gründlich erforscht. 
Und zwar erstreckten sich diese Streifzüge über Long Island hinaus bis zur 
Narragansett Bai. 

Nordöstlich der letzteren lag die im Jahre 1 620 gegründete englische Kolonie 
New Plymouth, deren Bewohner gleichfalls mit den Indianern der Narragansett 
Bai Handel trieben. 

Minnewit gab sich große Mühe, mit jenen englischen Nachbarn freund- 
schafdichen Verkehr zu gewinnen. Er sandte mehrere von Geschenken be- 
gleitete Briefe an den Gouverneur Bradford, in welchen er ihm Grüße über- 
mittelte und einen Warenaustausch vorschlug. Der Engländer erwiderte zwar 
diese Höflichkeiten, benutzte aber gleichzeitig die Gelegenheit, das Recht der 
Niederländer, mit den Indianern der Narragansett Bai Handel zu treiben, an- 
zuzweifeln. Ja, er ließ wissen, daß die englischen Schiffe vom König Befelil 
erhalten hätten, alle fremden Fahrzeuge, die an den bis zum 40. Breitengrad 
reichenden Küsten angetroffen würden, aufzugreifen und ihre Insassen ge- 
fangen zu nehmen. Da Neu-Niederland nördlich vom 40. Breitengrad lag, 
so ließ die Mitteilung sich nicht anders auslegen, als daß England die An- 
sprüche der Niederländer auf das Hudsongebiet nicht anerkenne. 

Minnewits Antwort lautete höflich aber bestimmt: „As the English claim 
authority under the King of England, so we derive ours from the States of 
Holland and will defend it." 



^i-.f wr>;4\b-< 



— 17 — 

Obgleich die Versicherungen gegenseitigen Wohlwollens zwischen den 
beiden Gouverneuren fortgesetzt wurden, hielt Minnewit es doch für geraten, 
die niederländische Regierung um Verstärkung seiner Garnison zu bitten, damit 
er etwaige feindliche Angriffe zurückweisen könne. Ehe sein Gesuch in Holland 
eintraf, hatten die Niederlande aber bereits mit Karl 1. von England ein Über- 
einkommen geschlossen, wonach sämtliche Häfen des Königreiches wie der 
englischen Kolonien holländischen Schiffen offenstehen sollten. 

War dadurch den drohenden Verwicklungen einstweilen vorgebeugt, so 
bereiteten hingegen andere von den Direktoren der Niederländisch-West- 
indischen Gesellschaft getroifene Maßregeln Minnewit neue Verlegenheiten. 
Obwohl Neu-Niederland von Jahr zu Jahr Fortschritte machte, so war es 
noch nicht imstande, sich selbst zu erhalten. Die Einnahmen deckten nictit 
die Ausgaben. 

Besonders die landwirtschaftlichen Zustände ließen viel zu wünschen übrig. 
Das war darauf zurückzuführen, daß die Westindische Gesellschaft weit inten- 
siver die Interessen des Handels als die der Besiedlung betrieb. Überdies 
konnten wirkliche Ackerbauer nur schwer dazu bewogen werden, ein sicheres 
Auskommen im gesegneten Holland gegen ein ungewisses Dasein in einem 
unbekannten, von Wilden bewohnten Lande zu vertauschen. 

Um nun die Besiedlung Neu-Niederlandes zu fördern und auch die Privat- 
spekulationen zu ermuntern, nahmen die Direktoren der Gesellschaft am 7. Juni 
1628 einen Freibrief an, in welchem allen denjenigen, die sich zur Gründung 
von Ansiedlungen in Neu-Niederland entschlössen, die weitestgehenden Ver- 
günstigungen zugesichert wurden. 

Wer eine Niederlassung mit wenigstens 50 erwachsenen Personen gründe, 
solle berechtigt sein, innerhalb der Kolonie am Ufer irgendeines schiff- 
baren Stromes einen Streifen Landes von 16 Meilen Länge auszusuchen, 
wenn das gewählte Stück auf einer Seite des Stromes lag. Aber man durfte 
auch zwei, auf beiden Ufern gelegene Streifen von je acht Meilen Länge be- 
setzen. Nach dem Innern hin war die Ausdehnung unbegrenzt. Wer mehr 
als 50 Ansiedler brachte, dessen Ansprüche auf Land erhöhten sich der Kopfzahl 
der Personen entsprechend. Auf solchen ,.Patronaten", die als unumschränktes 
erbliches Eigentum zuerkannt wurden, standen den Besitzern alle Jagd- und 
Fischereigerechtsame, sowie die Gerichtsbarkeit über sämtliche dort wohnende 
Kolonisten zu. Entstand auf einem Patronat eine Stadt, so hatte der Patron 
das Recht, ihre Behörden zu ernennen und einzusetzen. 

Da obendrein den Patronen für zehn Jahre lang alle Abgaben und Steuern 
erlassen wurden, so beeilten sich natürlich viele, deren Mittel zum Erfüllen der 
Bedingung ausreichten, von so verlockenden Vergünstigungen Gebrauch zu 
machen. Die ersten v/aren mehrere Direktoren der Gesellschaft. Schon als 
der Freibrief in Beratung war, belegten sie die schönsten und wertvollsten 
Landstriche für sich. Der Diamantenhändler Kilian van Rensselaer sicherte 
sich am Hudson ein Gebiet, welches die späteren Grafschaften Albany und 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 2. 



— 18 — 



Rensselaer umfaßte. Michael Paiiw belegte Staten Island und einen Streifen 
der New Jersey Küste. Andere Direktoren setzten sich am untern Hudson 
und nördlich von der Insel Manhattan fest. Natürlich führte diese Handlungs- 
weise zu Eifersucht und Streit innerhalb der Gesellschaft. Das Verhältnis 
wurde noch gespannter, als die Herren der neugeschaffenen Besitzungen ent- 
gegen der ausdrücklichen Bestimmung, daß der Pelzhandel Reservatrecht der 
Gesellschaft bleiben solle, auf eigene Faust mit den Indianern Pelzhandel zu 
betreiben begannen, was einen bedeutenden Rückgang in den Einnahmen des 
Gesellschaftpostens Neu-Amsterdam zur Folge hatte. 

Wie das bei solchen Vorgängen zu geschehen pflegt, so erhoben die- 
jenigen, welche ihre Besitztümer nicht so ergiebig oder wertvoll wie jene der 
andern wähnten, gegen Gouverneur Minnewit die durchaus ungerechte Be- 
schuldigung, daß er bei der Verteilung der Besitzungen andere Patronatsherren 

bevorzugt habe. Das Gezänk wurde schließ- 
lich so unerquicklich, daß Minnewit froh war, 
als im August des Jahres 1631 seine Ab- 
berufung erfolgte. 

Sowohl für Neu-Niederland wie für die 
spätere Kolonie New York hatten die Bestim- 
mungen des Freibriefes viele üble Folgen. Es 
wurde auf dem Boden der Neuen Welt ein 
Feudaladel geschaffen, der für das Aufblühen 
eines kräftigen Bürgertums überaus hinderlich 
war und durch seine Anmaßungen schwere 
Kämpfe mit den wirklichen Kolonisten ver- 

Das Siegel der Kolonie Neu-Nieder-^ . v. . .... 

laad oder Neu-Belgien. War Peter Minnewit dem verhängnis- 

vollen Fehler der Niederländisch-Westindi- 
schen Gesellschaft zum Opfer gefallen, so war aber seine Rolle auf dem Boden 
der Neuen Welt noch nicht abgeschlossen. Er trat in die Dienste der schwedi- 
schen Regierung, die sich gleichfalls mit Kolonisationsplänen trug. 

Die Anregung hierzu hatte Willem Usselinx, einer der Gründer der 
Niederländisch-Westindischen Gesellschaft gegeben. Demselben schwebte der 
Aufbau eines großen niederländischen Kolonialreiches vor, welches demjenigen 
der Spanier die Spitze bieten und sein Handelsmonopol brechen sollte. Als er aber 
mit seinen kühnen Plänen im Direktorenrat nicht durchzudringen vermochte, 
wandte er sich an den hochstrebenden König Gustav Adolf von Schweden. 
Dieser griff die Pläne Usselinx' begierig auf und gründete am 10. November 1624 
die „Australische Gesellschaft". Um den Handel Schwedens mit außereuropä- 
ischen Ländern zu fördern, erteilte er derselben die wertvollsten Vergünstigungen. 
Als er sich selbst mit 400 000 Reichstalern an die Spitze stellte, erwachte in 
Schweden ein förmliches Kolonisationsfieber. Die vornehmsten Edelleute, 
Offiziere, Bischöfe und Gelehrte beeilten sich, ihren Namen in die Listen 




— 10 — 



der Gesellschaft einzutragen. Dieselbe änderte ihren 
Seilschaft" um und nahm ihren Sitz in Gothenburg. 
ganz im Sinne Usse- 



Titel bald in „Süd-Ge- 
Dort reiften ihre Pläne 



linx' zu einer der eigen- 
artigsten Kolonialunter- 
nehmungen aller Zei- 
ten aus. Man wollte 
alle germanischen Völ- 
ker für dieselbe gewin- 
nen. VornehmUch die 
Deutschen, mit denen 
man die herzlichsten 
Beziehungen unterhielt. 
Von vornherein wur- 
den zu diesem Zweck 
alle Veröffentlichungen 
der „Süd-Gesellschaft" 
auch in deutscher 
Sprache gedruckt. Zu- 
nächst die in den 
Jahren 1624 und 1626 
in Stockholm durch 
„Christoffer Reusner' 
gedruckten Vertrags- 
briefe. 

Zwar geriet das 
Unternehmen durch 
den Kriegszug Gustav 
Adolfs nach Deutsch- 
land etwas ins Stocken, 
aber der König be- 
schäftigte sich unaus- 
gesetzt mit den großen 
Plänen. So ordnete er 
den Erlaß eines Auf- 
rufs an die Deutschen 
zur Beteihgung an. 
Dieses vom Kanzler 
Oxenstierna verfaßte 




ARGONAVTICA GVSTAVIANAj 

Ion t)eir W^mtn ^ctf0t mt> 

@o i>on t>m ^rtlanbt 2(IIfrt>urc^kucl^«jjftrn/©ro|]m4cf* 

tigf^m mi ©Ugtfidbfftcti ^ürfJen onnD ^rrm / i)mn G v s T A V O 

ADOLPHO MAGNO, Co- etljwbfn / ©othftt cnBlCfnCfti Ädnig / ©roß; 

gOrflfti in ginnlanCt / Xitr^oqtn ju (thtfitn vrtt) ^rtkn / i^rnn jit ^ngfr* 

r;anl<u;6c,'tf . 3lB<tglcnciir6igpni ®«(igfftii 3lnBmcf tn»/ 

Curd} jnncljtungrinrt 

^enerafganöei c o M p A G N IE, 

Socicrcto&fr®<ffllf(:f)a|ff/ 

SnbrroiXeic^ t?nb iantxm ^utcxfdbmfontctba^xm^ufff 

nehmen onD ^for/au^ t)of)f m Vnfiant>t mt^'^at^/ vor twnia ^^tm 

JU fliffunangffoiigtii: 

^iit tm Ktiigcn it5eld}e \id)in @ K. "iTi. SreunDfcfeaffi / dcvotion , otxr Vtv» 

lün\>m%b<<^(bn\ I vnb rirf?Ci:(fcB^roffni90ort^fit9/ frfpfoflatelKljfrÖflfgfn^fit/gfbraudjcn 

«0Ucn/iu»nfrmt6li<l«'n'?!ui|ent!3n)mm(n/au^5^ni9li(l){r5Jiiler9f<ji/jun(i3un9»nftön«6</' 

mili<it)<li(tnotitn.wbrnu b<mfitti(rltitPtnrcc:miiitlt inieini vttUi\)unit<f 

Matiäiflcni fow^tfc?« vnbviUi^ tu QD<uf j<rict«( 

retr&tnfcU 

!Öarau0 itnn ein UbW(t)er tlarett/ grün Dlicben/ vmb )iu frinr m '^tf)ufffatfam(tt 

©mcfjtcnB'IBiflVnfcfjafft&iVf«i3ofbtt>idjtigcn'nJfrfft<cinnfbmfn/cnön>icD,»IT<lt><nicf>tijU 

(Wianri<fiftll'(if«nNrn()u(l)Di<f(Scri5B/(S6rlftl(<li/()orbrüf)mli*/D!(*miiJ(yi|5»nch(>cf)nüiilicI)/ 
aii<fei>riuiuurli(tenC«^gr9{^digi<.ulicicofip |urgDll9ri>crrtib<nliiii/ 

Äalxp aucfj juglf id) txrnünfff ia craf^lcn xmnt) crmf ffoi rtwg : Ob )bnu rnP Tf n ff mi^f n ' »ff 

C5tjo><»cb«tCondiiioDrrpiim«rf«Bfiliicit<r/tii<ffBbiCTili(tiiuiin<((it>t«fc«oOOTlMt(oii' inifatt:>ufimtr,ot<mi jo 
(KtKS löf ll'lxl^"o''lBia>»«l Tltro« Jä^fsEaflt/ imrA (infrtrfituBgfcintB TIgitune onC f m(t ^(irli'di polt 

crica^n atibxümocbtt 

Sa«föbfrfä'•«ün■f)an^t^3rten•^rf)l«en1f(3cf)rtffrfn/Wr^fBacf)f6ffrfffcnDf/ 

aU()i<rfc<i;famcneortan&<n,foicI)(8rcir6ci(ni(l)|7fcl5tnD< <5<iic«i3<ii. 
I. Regum 9. 
tönt) (Salomo ma4tc 2(uc^ ©d)iff<iu(f!ton(*5<b<r/6i(l)ti)^ict()(^iamCOf(r6tft®(l)i(ff. 
SRftr« im iantK etr (E^eml«r : COnB JOixam Kr Äini^ ju ?r)ro fantr< f<int Äntdj« rm 

»n»famm9<n£)pl^ir/ »nt fiol<tcnMfri6|l ^icrtjunetrisnCjTOaniiig (immer 0«l£i<«/ »oft 




(Bebrucf t ^ii ;?röncf furf am 5>5?ar>n/acpCafpar 5?6btf In/ 

3m>(>''^r(>nrri I Ä } j. Mcnfcjunio. 
97?« bB fcw 9Hlfa::mZ-: .':'■'. 

Titelblatt der Argonautica Gustaviana, der ersten in deutscher 
Sprache gedruckten Auswanderungs-Flugschrift. 



Schriftstück lag im No- 
vember 1632 zur Unterzeichnung durch den König bereit. Unglück- 
licherweise wurde aber dem Leben des letzteren in der am 16. November 1632 
stattfindenden Schlacht bei Lützen ein vorzeitiges Ziel gesetzt. — 



— 20 — 

Sobald die dadurch verursachte Verwirrung sich gelegt hatte, ließ Oxeii- 
stierna im April 1633 bei „Christoph Krausen zu Heilbrunn" mehrere Flug- 
schriften und im Juni bei „Caspar Rödteln zu Frankfurt am Mayn" den Auf- 
ruf erscheinen. Wohl in der Voraussetzung, daß man den Deutschen mit nichts 
so sehr imponieren könne als Gründlichkeit, ließ Oxenstierna seiner 120 Folio- 
seiten umfassenden Schrift einen Titel voransetzen, dessen ungeheure Länge ge- 
wiß auch in jenem, an Weitschweifigkeiten gewöhnten Zeitalter manchem Leser 
den Atem benommen haben mag. Zur Erheiterung unseres Kürze des Aus- 
drucks liebenden Geschlechts möge hier der Titel m einer verkleinerten Fak- 
similiewiedergabe eine Stelle finden. 

Die von Friedrich Kapp treffend als „das erste in deutscher Sprache er- 
schienene „Auswanderungspamphlet" bezeichnete Schrift war eine Sammlung 
aller das Unternehmen der „Süd-Gesellschaft" betreffenden Veröffentlichungen. 
Sie legte in klarer Weise sämtliche Vorteile dar, welche solchen erwachsen 
müßten, die sich mit ihrem Geld an dem Unternehmen beteiligen wollten. 

Es wird ausgeführt; 

I. „Daß Schweden und Teutschland so gut Fug vnd Recht für Gott vnd 
aller Welt, auch so viele gute vnd bequeme, allerhand behörliche Mittel habe, 
eine solche Seefahrt vnd Handelsgesellschaft anzurichten, als einig andter Landt 
in Europa : Vnd nichts mehr mangele, als daß man sich nur selbst recht erkennt, 
vnd die von Gott verliehenen vnd gewiesenen Mittel vernünftig vnd mit gutem 
Willen und Ernst gebrauche." 

II. „Daß Sothane Compagny nicht allein vor allen andern Nationen in 
Europa, sondern auch vor alle andere Particulier Handlungen in Schweden 
vnd Teutschlandt vielfältige vnd vberaus große Vorteile, vnter andern auch in 
Zöllen, haben werde: — so daß solches respectiue 20. 30. 50 bis 100 pro cento 
außträgt." 

III. „Daß männiglich so theil mit daran zu haben begehret, bey dem 
Gelde so er in diese Gesellschaft leget, sich viel weniger Gefahr zu besorgen 
habe, als wenn er es an andern Handlungen, Landgütern, Häusern, u. s. w. 
anleget, oder auff Zinsen, Wechsel, v. s. w. außßgethan hätte: Ja daz es ihme 
besser versichert sey, als wenn er es baar oder an Kleinodien in seynem Beutel 
und Kasten hette." 

IV. „Daß er aber unter dessen vielfältig mehr Gewerb und Gewinn davon 
gewarten als in einiger andern Handthierung; so auch das, wohlbedachter Weise 
davon zu reden, von einem Thaler in dieser Compagny mehr Gewinn ver- 
hoffenlich vnd ordinaire zu erlangen seyn wirdt, als von 10 Thalern in andern 
Handlungen, vnd 20 Thalern an Landtgütern." 

V. „Daß niemandt so Lust hiezu trägt, deßwegen sich auff koufman- 
schafften verstehen, Reyßen auff sich nehmen, oder das geringste seinem Beruff 
zuwider, er sei wes Standts oder Condition er auch jmmer wolle, handeln dürfe; 
Sondern seines ordentlichen Wesens einen Weg wie den andern abwarten, 
dieses als eine Zweckmühle betrachten könne." 



— 21 — 

Als weiterer, aus dem Unternehmen entspringender „Haubtnutz" sei die 
„Fortpflanzung des heiligen Evangelij" und die „Wohlfahrt aller Europeischen 
Landen" anzusehen. „In deme viel mehr Europeische Waaren verführet (ver- 
schifft) werden könne als jetzo." Zuletzt wird nicht unterlassen, darauf hin- 
zuweisen, daß „eine sehr große Wohlthat widerfahre den Leuten, die wegen 
der großen Verfolgung und Verwüstung, die in Teutschland vnd andern Orten 
in diesen Jahren entstanden, und deß großen Krieges, so vber gantz Europam, 
mit dem eußersten Vntcrgang und Verderben vieler Ländter vnd Städte, sich 
außbreitet, nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen, damit sie noch jhres 
Lebens, vnd der wenigen Mittel, so jhnen etwa vberblieben, vnd jhrer Töchter 
und Weiber Ehr, für Gewalt versichert seyn mögen." — 

Der Aufruf bewirkte, daß zunächst die vier oberdeutschen Kreise sich am 
12. Dezember 1634 in Frankfurt zur Unterstützung des Unternehmens bereit 
erklärten. Desgleichen sandten die Städte Emden, Stettin und Stralsund, ferner 
der Herzog von Pommern sowie Livland zustimmende Antworten. Aber die 
gerade jetzt mit vernichtender Gewalt einherbrausenden Stürme des Dreißig- 
jährigen Krieges verhinderten, daß die große Masse des deutschen Volkes dem 
Vorhaben die erforderliche Aufmerksamkeit schenken konnte. Auch in Schweden 
machte das Unternehmen infolge des Krieges nur langsame Fortschritte. Willem 
Usselinx war am 1. Mai 1633 vom Kanzler Oxenstierna zum Generaldirektor 
der „Süd-Gesellschaft" ernannt und obendrein im Jahre 1635 zum schwedischen 
Minister erhoben worden. Als solcher bemühte er sich, auch in Holland und 
England Stimmung für seine Pläne zu machen, hatte aber nur wenig Erfolg. 
Erst als einer seiner Agenten, Peter Spiering, in Amsterdam mit Peter Minnewit, 
dem früheren Gouverneur von Neu-Niederland, zusam.mentraf, begannen die seit 
zwölf Jahren genährten Hoffnungen sich zu verwirklichen. Minnewit bot in 
einem vom 15. Juni 1636 datierten, von Spiering nach Schweden gebrachten 
Brief der dortigen Regierung seine Dienste an und erklärte sich bereit, eine Reise 
nach „gewissen, bei Virginien und Neu-Niederland gelegenen Gegenden zu 
machen, die ihm wohl bekannt seien, ein sehr gutes Klima besäßen und Nova 
Suedia genannt werden möchten". Für diese Expedition sei ein mit zwölf 
Kanonen, genügender Munition und 20 bis 25 Mann versehenes Schiff erforder- 
lich. Als Ladung könne es für 10 bis 12 000 Gulden Beile, Äxte, Decken und 
andere Tauschgegenstände mit sich nehmen, wogegen es 4500 bis 6000 Biber- 
felle heimbringen werde. Die durch diesen Brief eingeleiteten Unterhandlungen 
führten zu einem Vertrag, wonach Minnewit und seine niederländischen Freunde 
die Kosten der Expedition zur Hälfte bestritten, während die schwedische 
Regierung die andere Flälfte trug. Die Expedition wurde aber in einem größeren 
als dem von Minnewit vorgeschlagenen Umfang ausgerüstet. Ihre Kosten be- 
liefen sich auf 36 000 Gulden; zugleich stellte man zwei Schiffe sowie eine 
größere Zahl von Personen zur Verfügung. 

Es war im Herbst 1637, als Minnewit mit dem „Kalmar Nyckel" („Schlüssel 
von Kalmar") und dem „Gripen" („Greif") von Gothenburg absegelte. Im 



— 22 — 

März 1638 liefen die beiden Fahrzeuge in den Delaware ein, fuhren diesen Fluß 
eine Strecke aufwärts und gingen an der Mündung des Minquas Creek vor 
Anker. Hier erw^arb Minnewit am 29. März an der Stelle, wo heute die Stadt 
Wilmington liegt, von den Häuptlingen der Minquaindianer gegen mehrere 
Decken, kupferne Kessel und andere Kleinigkeiten das ganze, zwischen Bomtiens 
Udden und dem Einfluß des Schuylkillflusses gelegene Westufer des Delaware. 
Dem Innern zu blieb die Ausdehnung des Landes unbegrenzt. Zwar erhoben 
die Neu-Niederländer, als sie von dem Handel erfuhren, Einspruch gegen die 
Besitznahme; Minnewit aber schlug den Protest mit dem Hinweis darauf, daß 
das Land unbewohnt sei, in den Wind und baute ein Fort, das er zu Ehren der 
jungen schwedischen Königin Christina nannte. 

Durch reiche Geschenke an die Indianer zog Minnewit den Pelzhandel so 
an sich, daß die am Delaware Handel treibenden Niederländer den Abgang 
bald empfindlich bemerkten. Zornentbrannt sandte William Kieft, der damalige 
Gouverneur in Neu-Amsterdam am 26. Mai 1638 einen Brief an Peter Minnewit, 
worin er ihn darauf aufmerksam machte, daß man den Delaware oder Südfluß 
seit vielen Jahren als zu Neu-Niederland gehörig betrachtete und entschlossen 
sei, dieses Gebiet zu verteidigen. Minnewit, der die Schwäche seiner Nachbarn 
nur zu gut kannte, ließ auch diesen Protest unbeachtet. Ja, er trat, um die 
Sicherheit des Fortes Christiha unbesorgt, mit seinen beiden Schiffen eine Reise 
nach Westindien an, um Tabak einzukaufen. Auf dieser Fahrt kam Minnewit 
aber während eines Orkanes ums Leben. 

Unter den hervorragenden Personen, welche der Kolonialgeschichte Nord- 
amerikas so hohen Glanz verleihen, war Peter Minnewit zweifellos eine der be- 
deutendsten. Er war kein Abenteurer oder Phantast, sondern ein umsichtiger, 
praktisch denkender und handelnder Mann, der seinen schwierigen Posten mit 
Geschick ausfüllte und unermüdlich tätig war. Wo es nottat, zeigte er Ent- 
schlossenheit und Festigkeit des Charakters. Im Verkehr mit den Urbewohnern 
verstand er es in hohem Grade ihr Vertrauen zu gewinnen. Anstatt sie ge- 
waltsam zu vertreiben, behandelte er sie als Menschen, die auf den von ihnen 
bewohnten Boden Anrecht besäßen. Aus diesem Grunde suchte er die be- 
gehrten Landstriche auf gütlichem Wege durch gegenseitiges Übereinkommen 
zu erwerben. Deshalb blieben auch Neu-Niederland sowohl wie Neu-Schweden 
unter seiner Verwaltung von Indianerunruhen verschont. 

Die beiden Schiffe, mit welchen Minnewit nach Westindien gesegelt war 
und die dem Orkan glücklich entrannen, kehrten reichbeladen nach Schweden 
zurück. Dort ernannte man zum Nachfolger Minnewits den Leutnant Peter 
H o 1 1 e n d e r. 

Dieser traf im April 1640 in Fort Christiana ein. Aber er vermochte nicht, 
sich gleich seinem Vorgänger bei den nördlichen Nachbarn Respekt zu ver- 
schaffen, denn bald begannen die Niederländer, in Neu-Schweden einzudringen. 
Auch englische Kolonisten von New Haven kamen den Delaware hinauf, trieben 
mit den Indianern Handel und schlössen mit ihnen Landkäufe über Gebiete ab, 



— 23 — 

die lange zuvor auf die gleiche Art von den Schweden erworben waren. Ob- 
wohl Hollender die Eindringlinge prompt entfernte, so hielt man es in Schweden 
doch für geraten, eine kraftvollere Person an seine Stelle zu setzen. Die Wahl 
fiel auf den deutschen Edelmann Johann Printz von Buchau, einen 
Oberstleutnant der West-Oothischen Reiter. Das war ein Mann von festem 
Charakter und gewaltigem Körperbau. Sein Gewicht belief sich auf 350 Pfund; 
an Trinkfestigkeit übertraf ihn keiner. 

Die erteilten Weisungen empfahlen ihm, mit seinen holländischen Nach- 
barn wennmöglich gutes Einvernehmen zu unterhalten, feindliche Angriffe da- 
gegen mit Gewalt zurückzuweisen. Johann Printz (mit diesem Namen unter- 
zeichnete sich der neue Gouverneur) traf am 15. Februar 1643 im Eort Christina 
ein, begleitet von zahlreichen Personen, unter denen sich viele Deutsche, meist 
Pommern und Westpreußen, befanden. Seine Residenz „Printzhof" schlug er 
auf einer mehrere Meilen nördlich von Christina, im Delaware gelegenen Insel 
auf, die er obendrein durch das aus schweren fiolzstämmen erbaute Fort Neu- 
Gothenburg befestigte. Die Ansiedler trieben Ackerbau und pflanzten Tabak. 
Im Tauschhandel mit den Indianern zeigten sie sich so erfolgreich, daß die 
Holländer klagten, die Schweden verdürben den ganzen Handel. Nichtsdesto- 
weniger blieb das Verhältnis zwischen den beiden Gouverneuren erträglich ; ja, 
man wechselte Briefe miteinander und tauschte die von Europa kommenden 
Nachrichten aus. 

Als Johann Printz im Jahre 1647 seinen dritten Bericht nach der Heimat 
sandte, konnte er die Lage der Kolonie als vorzüglich bezeichnen. Den früheren 
Befestigungen hatte er die Forts Elfsborg und Neu-Korsholm hinzugefügt. 

Um die gleiche Zeit, wo dieser Bericht in Schweden eintraf, vollzog sich 
aber in der Verwaltung von Neu-Niederland ein bedeutungsvoller Wechsel: an 
Stelle des friedliebenden Gouverneurs Kieft trat im Mai 1647 der rücksichtslose, 
kriegerisch gesinnte Peter Stuyvesant, welcher sofort nach seiner Ankunft alles 
zwischen den Vorgebirgen Henlopen und Cod gelegene Land als holländisches 
Gebiet reklamierte. Im Mai 1651 sandte er sogar ein bewaffnetes Schiff nach 
dem Delaware. Er selbst zog mit 120 Mann über Land nach dem von den 
Holländern an der Nordgrenze von Neu-Schweden erbauten Fort Nassau, fuhr 
von dort mit vier stark ausgerüsteten Fahrzeugen den Delaware hinab und legte 
auf dem Westufer, zwischen den beiden schwedischen Forts Christina und Elfs- 
borg die kleine Festung Casimir an. Zugleich ließ er die schwedischen Grenz- 
pfähle niederschlagen und von allen in den Fluß einfahrenden Schiffen Zölle 
erheben. Gouverneur Printz fühlte sich mit seiner Handvoll Soldaten nicht im- 
stande, diese Gewaltakte abzuwehren. Auf das gute Einvernehmen zwischen 
dem schwedischen Königshause und den Generalstaaten hinweisend, lud er Stuy- 
vesant zu einer Besprechung ein. Das Ergebnis bestand in dem Übereinkommen, 
fortan freundschaftliche Beziehungen miteinander unterhalten zu wollen. 

Printz erstattete über die Vorfälle Bericht nach Schweden und ersuchte, um 
Wiederholungen vorbeugen zu können, um Zusendung von Soldaten und Waffen. 



24 — 



vM^r JjtrKiuyiz (^i/rec^ teZy^' 






Auch betonte er die Notwendigkeit stärlceren Nachschubes an Einwanderern. 
Gleichzeitig bat er um seine Ersetzung durch eine jüngere Kraft, da er alt und 
schwach geworden sei und nach dreißigjährigem Dienst sich nach Ruhe sehne. 
Mehrere Jahre verstrichen, ohne daß auf diesen Bericht eine Antwort ein- 
traf. In der Befürchtung, von der Heimat vergessen zu sein, beschloß Printz 
endlich, sich persönlich nach dem Stand der Dinge umzusehen. Er begab sich 
auf einem holländischen Schiff nach Europa und traf im April 1654 in Schweden 
ein. Dort erfuhr er zu seinem Staunen, daß bereits im Jahre 1649 ein Schiff 
mit 400 Auswandrern, 19 Kanonen und vielen Vorräten nach Neu-Schweden 

abgegangen sei. Es hatte 
aber an der Küste von Porto 
Rico Schiffbruch gelitten und 
war von den Spaniern ge- 
plündert worden. Von sei- 
ner Besatzung kehrten nur 
wenige Personen erst nach 
Jahren nach Schweden zu- 
rück. Eine Ersatzexpedition 
unter dem Befehl des Handels- 
kammersekretärs Johann 
R i s i n g aus Elbing war 
kurz vor dem Eintreffen des 
Gouverneurs nach Amerika 
abgegangen. Sie zählte mehr 
als 100 Familien und traf 
am 21. Mai 1654 an der 
Mündung des Delaware ein. 
Da das von den Holländern 
errichtete Fort Casimir von nur einem Dutzend Soldaten besetzt war, so forderte 
Rising dieselben zur Übergabe auf. Diesem Befehl kam die Besatzung nach, 
worauf die Schweden ihre Flagge aufzogen und das Fort zum Andenken an 
den Tag seiner Eroberung Trefaldighets Fort (Dreifaltigkeitsfeste) nannten. 

Dieser Akt entflammte den Zorn der Neu-Niederländer. Der grimme 
Stuyvesant schwur, die Unbill bitter zu rächen. Als am 12. September das von 
Schweden kommende Schiff „Gyllene Hajen" irrtümlicherweise in die Mündung 
des Hudson anstatt in den Delaware einlief, bemächtigte der alte Haudegen sich 
des Fahrzeugs und ließ es samt der Ladung verkaufen. Gleichzeitig traf er 
Vorbereitungen, Neu-Schweden zu überfallen. Hierfür stellten ihm die Direk- 
toren der „Westindischen Gesellschaft" das mit 36 Kanonen und 200 Mann aus- 
gerüstete Kriegsschiff „De Waag'' („Die Wage'') zur Verfügung. Er selbst 
rüstete außerdem sechs Fahrzeuge mit zusammen 24 Kanonen und 700 Mann 
Besatzung aus und erschien mit dieser ansehnlichen Macht am 27. August 1665 
im Delaware. Das nur von 47 Mann verteidigte Dreifaltigkeitsfort zwang er 




Unterschriften der deutschen Gouverneure von Neu- 
Niederland und Neu-Schweden. 



25 



rasch zur Kapitulation. Dann umzingelte man das Fort Christina, wo Rising 
und 30 Soldaten sich aufhielten. Da zwischen den Königreichen Schweden und 
den Niederlanden fortgesetzt freundliche Beziehungen bestanden, so wollten so- 
wohl Stuyvesant wie Rising Blutvergießen vermeiden. Man verlegte sich aufs 
Parlamentieren. Als Rising nach zwölftägiger Belagerung nicht nachgab, stellte 
Stuyvesant das Ultimatum, Fort Christina sofort zu räumen, widrigenfalls er es 
bombardieren werde. Die Nutzlosigkeit weiteren Widerstandes erkennend und 
hoffend, daß die Ansprüche auf das Land am Delaware am besten zwischen den 
Regierungen der Mutterländer geregelt werden würden, unterzeichnete Rising 
am 15. September einen Vertrag, der ihm freie Rückfahrt nach Europa, der schwe- 
dischen Regierung das Eigentumsrecht auf sämtliche Waffen, den schwedischen 
Ansiedlern das Verbleiben auf ihren Gütern sicherte. Den Soldaten ließ man 
die Wahl, entweder in Amerika zu bleiben oder nach Europa zurückzukehren. 

Von seinen Beamten begleitet, traf Rising im April 1656 in Schweden ein, 
um über den Verlust der Kolonie zu berichten. An diplomatischen Bemühungen, 
die Niederlande zur Herausgabe derselben zu veranlassen, ließ König Karl X. 
es nicht fehlen. Aber er war zu sehr in kriegerische Unternehmungen gegen 
Polen und Dänemark verstrickt, als daß er seinen Reklamationen den nötigen 
Nachdruck hätte verleihen können. Die Unterhandlungen schleppten sich jahre- 
lang hin und wurden endlich, als Neu-Niederland mitsamt Neu-Schweden im 
Jahre 1664 von den Engländern genommen wurden, ganz fallen gelassen. 

Ob Stuyvesant, als am 28. August jenes Jahres die Eeuerschlünde der vor 
Neu-Amsterdam erschienenen englischen Fregatten sein Fort bedrohten, und er 
zur Übergabe aufgefordert wurde, sich seines ehemaligen Nachbarn Rising 
erinnert haben i — — , bequemen, die 



mag, dem er 
neun Jahre zu- 
vor in gleicher 

Weise mit- 
gespielt hatte? 
Möglich ist's, 
denn seine Lage 
warjenerRisings 
verzweifelt ähn- 
lich. Was half's. 
Er mußte sich 




weiße Flagge 
aufziehen zu las- 
sen. Als er da- 
zu das Zeichen 
gab, knirschte 
er in seinen 

grauen Bart: 
„Lieber hätte 
ich mich be- 
graben lassen." 



Schlußvignette: Das Fort Dreifaltigkeit. 
„Neu-Schweden". 



Nach einer Abbildung in Campanius' 




Jacob Leisler; die stürmischste Periode in der Geschichte 
der Kolonie New York. 

Es war am 27. April des Jahres 1660. Die Bäume und das Unterholz 
der mächtigen Wälder, welche die Ufer der herrlichen Bai von New York um- 
gürteten, begannen eben, sich mit smaragdnem Frühlingsgrün zu schmücken. 
Ein wunderbar weicher Südwind, von den Küsten Karolinas und Virginiens 
kommend, schwellte die Segel eines holländischen Fahrzeuges, das nach langer, 
stürmischer Seereise nunmehr seinem Ziel nahe war und ihm geräuschlos wie 
ein gewaltiger Schwan entgegenglitt. 

Mit derselben hoffnungsfrohen Erwartung, mit welcher noch heute 
tausende und abertausende Einwandrer dem aus den Fluten emportauchenden 
Häusermeer von Groß-New York entgegenblicken, so hafteten die Augen der 
damals Kommenden auf dem majestätischen Bild der waldumsäumten, durch 
den Zusammenfluß des Nord- oder Hudsonstroms mit dem Ostfluß gebildeten 
Bai, in deren stillen Buchten Scharen von Wildenten und anderen Wasserge- 
flügels sich tummelten. Da und dort kräuselten blaue Rauchwölkchen am Strande 
empor. Bei schärferem Zusehen vermochte man leichtgebaute Hütten aus Baum- 
rinde zu entdecken, vor denen braunrote, mJt Fellen und bunten Wolldecken 
bekleidete Menschen lagen. Flinke überaus zierliche Boote glitten vorüber. 
In ihnen saßen dieselben braunroten Menschen, die ihre Köpfe mit Adlerfedern 
geschmückt hatten und als Waffen Bogen und Pfeile, Keulen und Speere 
führten. 



Kopfleiste: Leislers Wohnhaus in Alt New York. 



— 27 — 

Im Hintergrund der Bai wurde jetzt eine schmale, langgestreckte Insel 
sichtbar. Auf ihrer Siidspitze lagerten mehrere hundert Holzhäuser um eine mit 
hohen steinernen Wällen umgebene Befestigung, über welcher die Flagge der 
„Niederländisch-Westindischen Gesellschaft" wehte. 

Im Dienst dieser Gesellschaft stand auch ein junger, in das malerische 
Gewand damaliger Soldateska gekleideter Kriegsmann, der vom Bug des Schiffes 
aus seine strahlenden Blicke über die fremde, vom Schimmer wilder Romantik 
überflutete Landschaft schweifen ließ. Ein Deutscher war's, ein Sprößling der 
alten Handelsstadt Frankfurt a. M., den die Lust zu Abenteuern in die Fremde 
getrieben hatte. Jetzt öffnete sich vor ihm die „Neue Welt", von deren Schätzen, 
seltsamen Menschen und Tieren er soviel hatte erzählen hören. 

Wie lange Jakob Leisler — das war der Name des Frankfurters — 
nach seiner Ankunft in Neu-Amsterdam im Sold der „Niederländisch-West- 
indischen Gesellschaft" blieb, wissen wir nicht. Vermutlich nahm der Dienst 
ein Ende, als vier Jahre nach Leislers Ankunft eines Morgens mehrere englische 
Kriegsschiffe in der Bai erschienen, Neu-Amsterdam samt Neu-Niederland mit 
Waffengewalt dem englischen Reiche einverleibten und Stadt wie Land dem Her- 
zog York zu Ehren New York tauften. 

Über Leislers Lebenslauf während der nächsten zwanzig Jahre wissen wir, 
daß er sich dem Handel v/idmete und zu Wohlstand kam. Sein Vermögen wuchs 
durch einen Ehebund mit Elsie, der Witwe des Kaufherrn van der Veen. Als 
Mann von generöser Veranlagung zeigte er sich häufig; so erkaufte er eines 
Tages die Freiheit einer Hugenottenfamilie, die nicht imstande gewesen war, 
das Geld für ihre Seereise aufzubringen, und damaliger Sitte gemäß dasselbe 
durch langjährige Dienstbarkeit hätte abtragen müssen. Unzweifelhaft gehörte 
Leisler zu den beliebtesten Persönlichkeiten der Stadt. Das ergibt sich daraus, 
daß, als er während einer im Jahre 1678 unternommenen Handelsreise nach 
Europa maurischen Seeräubern in die Hände fiel, der damalige Gouverneur von 
New York eine Sammlung durch die ganze Kolonie eröffnete, um Leisler los- 
zukaufen, was glücklich gelang. 

Seiner soldatischen Neigung hatte Leisler nicht entsagt. Er war in die 
sechs Kompagnien zählende Bürgerv/ehr eingetreten und im Jahre 1684 ihr 
Seniorkapitän. Daß er als solcher die Achtung des größten Teiles der Mit- 
bürger genoß, zeigte sich, als im Jahre 1689 ein Ereignis eintrat, das sämtliche 
Kolonien in die heftigste Erregung versetzte. Der furchtbare Streit über reli- 
giöse Glaubensfragen, der damals ganz Europa erschütterte, stellte auch in 
England alle Verhältnisse auf den Kopf. Die Mehrheit des englischen Volkes 
hatte sich dem Protestantismus angeschlossen; König Karl II. aber und sein 
Nachfolger, James IL, blieben Katholiken, welche mit aller Macht die Wieder- 
herstellung der römischen Kirche in England anstrebten. Die dadurch ent- 
stehenden scharfen Reibungen zwischen Volk und Regierung führten schließlich 
zur Revolution. Als auf Bitten der englischen Edelleute Wilhelm der Oranier 
den Protestanten zu Hilfe eilte und mit einem starken Heer in England landete, 



— 28 — 

floh James 11. nach Frankreich. Er wurde vom Parlament seines Thrones ver- 
lustig erklärt und der Oranier als Wilhelm III. zum König ausgerufen. 

In jenen Tagen langwieriger Schiffahrt drang die Kunde selbst so wich- 
tiger Ereignisse nur langsam nach Amerika. Sie kam anfangs in Form unver- 
bürgter Gerüchte, die von den Beamten, die ihre Stellen dem entthronten König 
verdankten, schleunigst unterdrückt wurden. Die an Geschäftsleute gerichteten 
Mitteilungen wurden unterschlagen, um „Ruhestörung durch Verbreitung so 
seltsamer Neuigkeiten zu verhüten". 

Gründe zur Befürchtung von Ruhestörungen waren allerdings in den 
Kolonien genug vorhanden. Die Mehrheit der Bevölkerung bestand aus Puri- 
tanern und protestantischen Sektenanhängern, von denen viele wegen ihres 
Glaubens die Heimat verlassen hatten. Die den Kolonien vorstehenden Be- 
amten hingegen waren meist katholisch; die religiösen Streitigkeiten waren da- 
durch törichterweise auch auf den Boden der Neuen Welt übertragen worden. 
Dazu kam, daß manche Beamten sich durch ihren Despotismus verhaßt ge- 
macht hatten. 

Als in den Monaten März und April 168Q endlich verbürgte Nachrichten 
über den Regierungswechsel nach Boston drangen, entstand dort ein Aufruhr, 
währenddessen das Volk den Gouverneur Andros gefangennahm und ihn so- 
wohl wie 50 seiner Anhänger nach Europa sandte. Als Nicholson, Andros' 
Stellvertreter in New York, davon hörte, flüchtete er mit den öffentlichen Kassen 
in das Fort. 

In New York gestaltete sich jetzt die Lage zu einer höchst eigentümlichen. 
Die von der „Niederländisch-Westindischen Gesellschaft" eingesetzten Groß- 
grundbesitzer hatten sich während der letzten 60 Jahre zu einer förmlichen Kaste 
von Aristokraten zusammengeschlossen. Sie herrschten nicht bloß auf ihren 
ausgedehnten Besitztümern, den „Manors" im Feudalstil, sondern betrachteten 
auch die Besetzung höherer Ämter in den Kolonien mit Personen ihres Kreises 
als ein ihnen zukommendes Vorrecht. Sie bildeten einen förmlichen Ring, der 
stets bemüht war, Einfluß auf den jeweiligen Gouverneur zu gewinnen und ihn 
sowie das übrige Beamtentum den Interessen des nach weiteren Vergünstigungen 
und Landschenkungen lüsternen Ringes geneigt zu machen. Das war um so 
leichter, als die meisten Gouverneure infolge des in England geführten ver- 
schwenderischen Lebens bankerott waren, und die ihnen anvertrauten Posten in 
den Kolonien als günstige Gelegenheiten zum Aufbessern der zerrütteten Ver- 
mögensverhältnisse betrachteten. Für das gewöhnliche Volk, den sogenannten 
„rabble", bekundeten die dem Gouverneur schweifwedelnden Aristokraten natür- 
lich unbegrenzte Verachtung. Sie hielten es nur mit der Regierung, von der 
allein ja weitere Vergünstigungen als Belohnung für die erwiesene Loyalität zu 
erwarten standen. 

Das bedrückte, seiner unwürdigen Stellung bewußte Volk brachte sowohl 
der Regierung, ihren hochmütigen Vertretern wie den Aristokraten mühsam ver- 
haltenen Haß entgegen. Wären der Regierungswechsel in England und die Vor- 



— 29 — 

gänge in Boston allein hinreichend gewesen, um die Explosion zu erzeugen, so 
ward dieselbe durch verschiedene andere Gerüchte noch beschleunigt. Man 
munkelte, der Vizegouverneur wolle die Kolonie für James II. behaupten und 
zu diesem Zweck aus Canada Franzosen herbeiziehen. Eine französische Flotte 
sei bereits von Europa unterwegs; sämtliche Protestanten in New York sollten 
in einer erneuten Bartholomäusnacht ausgerottet und die Stadt an allen vier 
Ecken angezündet werden. Da in jenen Zeiten grausamster Religionsverfol- 
gungen und überraschender Staatsstreiche solche Anschläge keineswegs zu den 
Unmöglichkeiten gehörten, so entschlossen sich die beunruhigten Bürger, den- 
selben zuvorzukommen und Stadt und Provinz für den Oranier zu bewahren. 

Zum Durchführen dieses Plans bedurfte man eines entschlossenen Leiters. 
Als die Bürger Umschau hielten, erschien niemand so geeignet, als der Senior- 
kapitän der Bürgerwehr: Jakob Leisler. Sobald sein Name in der am 31. Mai 
1689 statthabenden Bürgerversammlung in Vorschlag gebracht wurde, erscholl 
aus hundert Kehlen der Ruf: „Zu Leisler! Zu Leisler!" und unter Trommel- 
schlag zog die Menge nach dessen Haus, um ihm ihren Willen kundzugeben. 
Leislers Haus, das erste aus Ziegeln aufgeführte Wohngebäude der Stadt, lag 
östlich vom Fort. Leisler war daheim, als die Menge sich heranwälzte und 
stürmisch verlangte, daß er die Stadt schütze und m.it seiner Bürgerwehr das 
Fort besetze. Leisler, die Bedeutung eines solchen Schrittes klar erkennend, 
lehnte die Forderung ab und ermahnte die Bürger, die Entwicklung der Dinge 
abzuwarten. Davon wollte aber die erregte Menge nichts wissen; sie teilte sich 
in zwei Haufen, von dener einer vor das Stadthaus zog und dem gerade mit 
seinem Anhang beratenden Vizegouverneur Nicholson die Schlüssel des Forts 
abverlangte. Der zweite Haufe marschierte inzwischen ins Fort und besetzte 
es, ohne daß die dort befindlichen Soldaten Widerstand leisteten. 

Nachdem so die Würfel ins Rollen gekommen, machte die Notwendigkeit, 
daß eine tüchtige, für die Aufrechterhaltung der Ordnung bürgende Person an 
die Spitze der Bewegung trete, sich um so dringender geltend. Als der Ruf 
nach Leisler aufs neue ertönte, glaubte dieser das Verlangen seiner Mitbürger 
nicht länger ablehnen zu dürfen. Er erklärte sich in einer öffentlichen An- 
sprache zur Übernahme der provisorischen Regierung bereit und versprach. 
Fort wie Stadt für Wilhelm den Oranier zu halten und gegen alle Anschläge 
der früheren Regierung zu schützen. Bei Übernahme seines Amts mag Leisler 
von der Hoffnnug geleitet worden sein, daß er, der durch seine Heirat mit Elsie 
van der Veen zu den Aristokratenfamilien, den van Cortlandts, Bayards, Phi- 
lipses u. a. in verwandtschaftliche Beziehungen getreten war, ein Vermittler 
zwischen den beiden feindlichen Parteien werden könne. 

Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Denn mit dem Augenblick, 
wo Leisler sein Amt antrat, begannen die Aristokraten ihn als einen Demagogen 
zu hassen und zu bekämpfen. Das Glück schien Leisler zu begünstigen, denn 
als er am 3. Juni die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten tatsächlich über- 
nahm, floh Vizegouverneur Nicholson auf ein im Hafen liegendes Schiff und 



— 30 — 

verließ die Kolonien auf Nimmerwiedersehen. Seine Anhänger zogen sich nach 
Albany zurück, um von dort aus einen wütenden Intriguenkrieg wider Leisler 
und die Volkspartei zu eröffnen. 

Als in New York die offizielle Nachricht von der Thronbesteigung Wil- 
helms eintraf, sandten Leisler und die Bürger eine Ergebenheitsadresse nach 
England. Gleichzeitig veranstalteten sie eine öffentliche Huldigungsfeier. Es 
spricht in hohem Grade für die Friedliebe und das Rechtsgefühl Leislers, dal> 
er den Bürgermeister Stephanus van Cortlandt sowie den Stadtrat, lauter der 
Aristokratenpartei angehörige Personen, einlud, an der Feier teilzunehmen. Den 
Bürgermeister ersuchte er sogar, die Huldigungsschrift zu verlesen. Aber die 
hohen Herren hielten sich fern. Sie veranstalteten auf eigene Faust eine Feier 
in Albany, gelegentlich welcher sie „die meuterischen Vorgänge in New York"' 
aufs heftigste mißbilligten. Im Aufleben der Volkspartei das Ende ihrer Will- 
kürherrschaft ahnend, entschlossen sie sich zur äußersten Kraftanstrengung, um 
ihre Vorzugsstellung zu behaupten. Was sie dabei nicht durch Gewalt er- 
zwingen konnten, suchten sie durch Verdächtigungen herbeizuführen. Man 
beschuldigte in Briefen und Vorstellungen an die Regierung in England die in 
New York aufgerichtete Volksverwaltung der verwerfhchsten Absichten, nannte 
Leisler einen „fremdländischen Plebejer" und „Volksaufwiegler", der eine 
Meuterei angezettelt habe, um während seiner Amtszeit für die auf seinen 
Schiffen ankommenden Waren keine Einfuhrzölle bezahlen zu müssen. Die 
Wut wuchs, als Leisler am 16. August durch einen über 400 L'nterschriften 
tragenden Beschluß des Sicherheitsausschusses auch zum provisorischen Be- 
fehlshaber der Provinz New York ernannt wurde, und nun, durch die Opposi- 
tion seiner Gegner erbittert, die bisherigen Stadtbehörden ihres Amtes entsetzte 
und Neuwahlen anordnete, in denen ausschließlich Männer des Volkes mit der 
Leitung der öffentlichen Geschäfte betraut wurden. Während die Vorstände 
der benachbarten Kolonien die Neuordnung anerkannten und mit Leisler offiziell 
in Verkehr traten, fuhren die in Albany versammelten Aristokraten fort, die „aus 
hergelaufenem Gesindel" bestehende Leislersche Regierung anzuschwärzen. Sie 
gehe nur darauf aus, die öffentlichen Kassen zu bestehlen und die Regierung urn 
die Zölle zu betrügen. Selbstredend weigerten die Aristokraten sich, Leisler 
und die Beamten der Volkspartei anzuerkennen. Desgleichen erklärten sie die 
Absetzung der bisherigen Beamten als eine unrechtmäßige Maßnahme. Oben- 
drein forderten sie die Bewohner der Kolonie auf, Leisler sowie den Männern 
seiner Regierung als Usurpatoren den Gehorsam zu verweigern. 

Der so Herausgeforderte glaubte, die ihm gebührende Anerkennung seiner 
provisorischen Herrschaft erzwingen zu müssen. Zu diesem Zweck sandte er 
seinen Schwiegersohn, Major Jakob Milborne, mit einer Anzahl Soldaten nach 
Albany, damit er das dort von seinen Gegnern gehaltene Fort besetze und die 
Unbotmäßigen unterwerfe. Leider war die ausgeschickte Macht für einen solchen 
Handstreich viel zu gering. Die Aristokraten waren auf der Hut und vertei- 
digten Fort und Stadt so erfolgreich, daß Milborne un verrieb teter Dinge zurück- 



— 31 



kehren mußte. Die Folge war, daß die Aristokraten um so kühner wurden und 
der Leislerschen Regierung überall Hindernisse in den Weg legten. 




Bereits war der Monat Dezember gekommen, als in Boston ein Brief des 
Königs Wilhelm mit der Aufschrift eintraf: „An Francis Nicholson oder den- 
jenigen, welcher zurzeit in Sr. Majestät Provinz New York für die Aufrecht- 
erhaltung des Friedens und die Beobachtung der Gesetze Sorge trägt." 



N 



— 32 — 

Durch ihre in Boston unterhaltenen Kundschafter erfuhren die Aristokraten 
von Albany zuerst von der Ankunft des Briefes und setzten Himmel und Erde 
in Bewegung, um in seinen Besitz zu kommen, hoffend, daß der Brief manche 
ihnen nützliche Nachrichten enthalte. Ihrer drei schlichen sich heimlich nach 
New York, um den von Boston kommenden Boten abzufangen und zur Heraus- 
gabe des wichtigen Schriftstückes zu bewegen. Aber Leislers Anhänger waren 
gewarnt und führten den Boten sofort ins Fort, wo Leisler das Schriftstück ent- 
gegennahm. Durch dasselbe wurde Nicholson oder derjenige Mann, welcher 
an seiner Stelle stehe, ermächtigt, den Oberbefehl über die Provinz zu über- 
nehmen und mehrere Räte zu ernennen, die ihm beim Führen der Geschäfte zur 
Hand gehen sollten. Leisler entsprach dieser Vorschrift, indem er am 11. De- 
zember 1689 den Titel eines Vizegouverneurs annahm und einen aus neun Per- 
sonen bestehenden Rat einsetzte. 

Dieser Schritt entflammte die Wut der Aristokraten aufs höchste. Sie 
zettelten mit Hilfe ihrer in New York wohnenden Genossen einen öffentlichen 
Tumult an und suchten sich während desselben der Person Leislers zu be- 
mächtigen. 

Aber der kühne Anschlag mißlang. Die beiden Hauptanstifter, der frühere 
Stadtrat Bayard, sowie der Aristokrat Nicholson wurden gefangen und vom Ge- 
richtshof wegen Angriffs auf die der Provinz vorgesetzte Behörde zum Tod 
verurteilt. Leisler ließ sich durch die in erbärmlicher Feigheit gegebene Ver- 
sicherung der beiden, daß sie in törichter Verblendung gegen ihn aufgetreten 
seien und in Zukunft sich aller Feindseligkeiten enthalten wollten, bestimmen, 
das Todesurteil aufzuheben. Er gab aber Befehl, die Gefangenen bis zum Ein- 
treffen des vom König ernannten Gouverneurs in Gewahrsam zu halten. 

Der deutsch-amerikanische Geschichtschreiber Friedrich Kapp rügt diesen 
Gnadenakt Leislers als dessen größten politischen Fehler, da er eine der Ur- 
sachen seines Unterganges geworden sei. Leisler habe dem Gefühl die Ober- 
herrschaft über den Verstand eingeräumt und schwächliches Mitleid über poli- 
tische Logik gesetzt. Er hätte rücksichtslos durchgreifen und die Verfolgung 
seiner Gegner bis zu ihrer völligen Vernichtung fortsetzen müssen. Dieser An- 
schauung kann man entgegensetzen, daß es Leisler zu einem solchen Krieg gegen 
die über die ganze Provinz und auch in den benachbarten Kolonien stark ver- 
breitete Aristokratenpartei doch an Machtmitteln fehlte. Zudem hätte er durch 
Heraufbeschwören solcher Kämpfe zweifellos den Verdacht auf sich geladen, ein 
Gewahherrscher, ein Usurpator zu sein. Diesen Verdacht wollte und mußte er 
vermeiden und darum die Bestrafung der Schuldigen, hochangesehener Per- 
sonen, der Regierung des Mutterlandes überlassen. 

Übrigens zeigte es sich bereits im Januar 1690, daß die Besorgnis der New 
Yorker, der verjagte König James IL möge mit Hilfe der Franzosen die Wieder- 
herstellung seiner Herrschaft versuchen, nicht unbegründet gewesen sei. In Europa 
mußte Wilhelm einen heftigen Krieg gegen die Heere des französischen Königs 
Ludwig XIV. führen. Von Kanada aus unternahmen die Franzosen unter 



— 33 — 

Frontenac drei Vorstöße gegen die Kolonien, wobei sie mit mehreren hundeil 
Indianern bis nach Shenectady vordrangen, diesen Ort niederbrannten und den 
größten Teil seiner Bewohner töteten. 

Leisler fiel die schwierige Aufgabe zu, die Franzosen zurückzuwerfen. 
Er raffte sofort alle verfügbaren Soldaten zusammen und sandte dieselben nach 
Albany, dessen Fort ihnen nun bereitwilligst eingeräumt wurde. Ferner er- 
richtete er, um einem neuen Überfall vorzubeugen, fünfzig Meilen von dem Ort 
entfernt einen starken Außenposten und lud endlich Vertreter sämtlicher von den 
Franzosen bedrohten Neu-Englandstaaten nach New York ein, um über gemein- 
same Schritte zur Züchtigung der Feinde zu beraten. Diese am 1. Mai 1690 
abgehaltene Versammlung war insofern von hoher Bedeutung, als die Kolonien 
sich zum erstenmal zu gemeinsamem Handeln, zur Ausrüstung eines Heeres und 
einer Flotte entschlossen. 

Die Kolonien New York. Connecticut, Plyniouth, Massachusetts und Mary- 
land verpflichteten sich, zusammen 850 Mann aufzubringen. Im Verein mit 
1600 Mohawkindianern sollten dieselben über Land nach Canada vordringen. 
Gleichzeitig sollte eine 32 Schiffe zählende Flotte den St. Lorenzstrom hinauf- 
fahren und Quebek angreifen. Dieser groß angelegte Plan, das erste von den 
Kolonien auf eigene Kosten und Verantwortung ins Werk gesetzte gemein- 
schaftliche Unternehmen, kam tatsächlich zur Aufführung. Leider erwiesen sich 
aber die mit der Führung von Heer und Flotte betrauten Personen, Winthrop 
und Philipps, so wenig als tatkräftige Männer, daß der Zweck der Expedition 
fast vollständig verloren ging. Nur Leisler hatte einigen Erfolg, indem er sechs 
französische Schiffe, die sich bis vor den Flafen von New York wagten, kaperte. 
Trotz dieses Erfolgs säumten die Gegner Leislers nicht, ihn allein für das Miß- 
lingen des Unternehmens, welches den Kolonien bedeutende Kosten verursacht 
hatte, verantwortlich zu machen. War dasselbe doch auf seine Anregung zu- 
rückzuführen! Desgleichen benützten sie jede andere Gelegenheit, um das An- 
sehen Leislers zu untergraben und die Zahl seiner Anhänger durch Ver- 
sprechungen und Bestechung zu vermindern. 

So kam das Jahr 1691 heran. Es war gegen Ende Januar, als ein von 
England kommendes Schiff die Nachricht brachte, daß Oberst Henry Sloughtei 
vom König zum Gouverneur von New York ernannt worden sei. Derselbe 
befinde sich mit mehreren Fahrzeugen und zahlreichen Truppen unterwegs, um 
die Regierung der Provinz zu übernehmien. Ein schwerer Sturm hatte die kleine 
Flotte zerstreut und Sloughter genötigt, mit seinem Fahrzeug den Schutz der 
Bermudas aufzusuchen. Überbringer dieser Botschaft war Major Richard 
Ingoldsby, der Befehlshaber der auf den Schiffen befindlichen Truppen. 

Kaum war die Ankunft dieses Mannes bekannt geworden, als die Feinde 
Leislers ihn an Bord des Schiffes besuchten und mit Höflichkeiten überschütteten. 
Natürlich versäumten sie nicht, die augenblickliche Lage in New York und die 
Volksregierung in den schwärzesten Farben zu schildern. Infolgedessen wurde 
Ingoldsby so gegen Leisler eingenommen, daß er dessen Einladung, in seinem 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 3 



— 34 — 

Hause Quartier zu nehmen, barsch abschlug und die sofortige Übergabe der 
Stadt und des Forts verlangte. Zum Erfüllen dieses Verlangens konnte Leisler 
sich aus guten Gründen nicht entschließen. Als er nämlich Ingoldsby um dessen 
Legitimationen und Vollmachten ersuchte, vermochte dieser nichts weiter als 
sem Offizierspatent vorzuzeigen. Daraufhin das Fort auszuliefern, fühlte Leisler 
sich nicht berechtigt, zum.al die Möglichkeit eines Betrugs keineswegs ausge- 
schlossen war. In der Uniform des englischen Majors konnte sich sehr wohl 
ein Anhänger des vertriebenen Königs James IL verstecken. Indem Leisler sich 
weigerte, dem Offizier das Fort zu überliefern, folgte er nur dem Gebot der 
Klugheit. Aber Ingoldsby, ein hochfahrender, von seiner Würde sehr einge- 
nommener Mann, fühlte sich in seiner Soldatenehre arg verletzt. Von den 
Aristokraten überdies aufgehetzt, beschloß er, die Übergabe des Forts mit 
Waffengewalt zu erzwingen. 

Die jetzt in hellen Haufen nach New York zurückkehrenden Feinde Leislers 
schürten das Feuer. Dazu hatten sie reiche Gelegenheit, als Ingoldsby bei 
einem der Ihrigen, Frederick Philipse, Wohnung nahm. 

Die ersten Schritte Ingoldsbys bestanden in der Besetzung des Stadt- 
hauses und dem Erlaß eines öffentlichen Aufrufs an das Volk, seine Treue zur 
königlichen Regierung dadurch zu bekunden, daß es ihn beim Begründen einer 
geordneten Verwaltung unterstütze. Diejenigen, welche ihm Hindernisse in 
den Weg legten, hätten zu gewärtigen, als Rebellen betrachtet und behandelt 
zu werden. 

Diesen Aufruf beantwortete Leisler am 3. Februar mit einem öffentlichen 
Protest, in welchem er erklärte, daß man wohl Nachrichten über die Ernennung 
des Hauptmanns Henry Sloughter zum Gouverneur besitze, daß derselbe aber 
bisher niemandem Befehle oder Weisungen betreffs der Regierung von New York 
erteilt habe. Nichtsdestoweniger maße Ingoldsby, aufgereizt durch gewisse 
Gentlemen, sich allerlei Rechte an, gegen die im Namen des Königs Widerspruch 
erhoben werden müsse. Für jeden Gewaltstreich und etwa dadurch hervor- 
gerufenes Blutvergießen sei Ingoldsby verantwortlich. 

Dieser Protest hielt die rasche Entwicklung der Dinge nicht auf. Im 
Gegenteil, dieselben nahmen eine Gestaltung an, wie New York sie nie vordem 
erlebte und wohl niemals wieder erleben wird. Zwei Parteien, jede auf ihre 
Königstreue pochend, standen auf einem sehr engen Räume einander feindlich 
gegenüber, nicht geneigt, in ihren vermeintlichen Rechten das Geringste nach- 
zugeben. Zwischen den beiden Parteien befanden sich die irregemachten Bürger, 
nicht wissend, wie sie sich verhalten und wem sie sich anschließen sollten. 

Wäre Gouverneur Sloughter in diesem kritischen Augenblick eingetroffen, 
so hätte die Lage sich vielleicht noch zum Guten gewendet. Aber leider ver- 
strichen Wochen, ohne daß das von Leisler sehnsüchtig erwartete Schiff des 
Gouverneurs auftauchte. Unterdessen spitzten sich die Dinge im.mer mehr zu. 
Aufgestachelt von den Aristokraten und dreist gemacht durch Leislers passives 
Verhalten, begann Ingoldsby das von jenem gehaltene Fort förmlich zu be- 



-- 35 — 

lagern. Er ließ alle dorthin führenden Straßen sperren, verbot jedermann, 
Nahrungsmittel nach dem Fort zu bringen und befahl die Beschießung sämt- 
licher Boote, die dem Fort sich nähern oder von dort abfahren würden. 
Leisler beantwortete diese brutalen Feindseligkeiten damit, daß er einige Sol- 
daten, die dem Fort herausfordernd sich näherten und die Posten ver- 
höhnten, aufgreifen und einsperren ließ. In blinder Wut befahl Ingoldsby nun 
die Erstürmung zweier nahegelegener Blockhäuser sowie die Beschießung des 
Forts. Acht grobe Geschütze wurden aufgepflanzt und die kleine Festung 
mit Kugeln überschüttet. Ob die Insassen des Forts Verluste erlitten, ist aus 
den vorhandenen Zeugenaussagen (dieselben finden sich in der von der 
New York Historical Society im Jahre 1868 veranstalteten Sammlung Leislerschen 
Dokumente) nicht ersichtlich. Aus einer geht aber hervor, daß durch einen 
Unfall beim Abfeuern der Geschütze drei Soldaten Ingoldsbys umkamen und 
fünf Verwundungen erlitten. Außerdem wurde ein Mann durch einen Schuß 
getötet, von dem nicht festgestellt werden konnte, ob er von Ingoldsbys Soldaten 
oder aus dem Fort abgefeuert war. 

Obwohl nach den gleichen Zeugenaussagen Leisler in wenigen Augen- 
blicken die ganze Stadt hätte in Trümmer schießen können, so enthielt sich 
dieser doch solcher Maßnahmen. Er sandte vielmehr am 12. März einen Brief 
an Gouverneur Sloughter nach Bermuda, in welchem er schrieb, daß infolge 
seiner Abwesenheit und infolge der Ausschreitungen Ingoldsbys die Dinge so 
in Unordnung geraten seien, daß er zu Gott flehe, seine Exzellenz baldigst 
in New York erscheinen zu lassen. 

Ob dieser Brief in den Besitz des Gouverneurs gelangte, ist ungewiß. 
Der letzte traf endlich am 19. März 16Q1 auf dem Admiralschiff „Archangel" 
im Hafen ein. Natürlich wurde er von dem auf der Lauer liegenden Ingoldsby 
und den Häuptern der Aristokratenpartei sofort eingeholt, im Triumph nach der 
Stadt geleitet und gleichfalls im Hause eines Aristokraten einquartiert. Sloughter, 
ein Mann von schwachem., unselbständigem und leichtfertigem Charakter, 
Schmeicheleien sehr zugängig, durch verschwenderische Lebensweise finanziell 
und moralisch heruntergekommen, und gleich allen Standespersonen jener Zeit 
geneigt, das Volk als rechtlos und nur für die Zwecke der Aristokratie existierend 
zu betrachten, wurde das willenlose Werkzeug der Aristokraten. Diese über- 
schütteten ihn so mit Klagen über die durch den Despoten Leisler erduldeteji 
Vergewaltigungen, daß er noch am. Abend seiner Ankunft Leisler und seine 
Räte für abgesetzt erklärte. Gleichzeitig bildete er aus den Häuptern der 
Aristokraten einen neuen Rat, in welchem die noch im Fort gefangengehaltenen 
Bayard und NichoUs Ehrenämter erhielten. Damit war der LIntergang Leislers 
besiegelt. 

Leisler hatte dem Gouverneur gleich nach seiner Ankunft durch mehrere 
Abgesandte seine Hochachtung entbieten lassen und ihn ersucht, Bestimmungen 
zur ordnungsmäßigen Übergabe des Forts zu treffen. Wie sehr Sloughter aber 
bereits von den Feinden Leislers beeinflußt war, ergibt sich daraus, daß er 



— 36 — 

dessen Abgesandte verhaften ließ und dem Major Ingoldsby nachstehenden 
schrifthchen Befehl ausfertigte: 

„Sir! Ich befehle Ihnen hierdurch, mit Ihrer Kompagnie Fußsoldaten 
vor das Fort dieser Stadt zu marschieren und abermals dessen sofortige 
Übergabe zu verlangen. Sollten, nachdem Sie im Besitz desselben sind, 
Kapitän Leisler und diejenigen Personen, welche man seine Räte nennt, sich 
nicht ergeben, so verhaften Sie dieselben im Namen Sr. Majestät und bringen 
sie alle vor mich und meinen Rat. 

Ihr Freund 

H. Sloughter." 
New York, 20. März 1691. 

Dieser Befehl gab dem erbitterten Ingoldsby erwünschte Gelegenheit, sich 
an Leisler zu rächen. Sobald Leisler ihn und sei]ie Soldaten in das Fort ein- 
gelassen, erklärte er Leisler und dessen Räte für verhaftet und schleppte sie vor 
den Gouverneur ins Stadthaus. 

Aus einem Brief, der gleichfalls in der von der New York Historical Society 
herausgegebenen Sammlung abgedruckt ist, geht hervor, welch schmachvoller 
Behandlung Leisler seitens der Aristokraten in Gegenwart des Gouverneurs aus- 
gesetzt wurde. 

„Nachdem Se. Exzellenz nur wenige Worte an ihn gerichtet hatte, ließ 
sie es ruhig geschehen, daß man Leisler ins Gesicht spuckte, ihm Perücke, 
Schwert, Gürtel und einen Teil der Kleider abriß. Sie behandelten ihn gleich 
wütenden Furien, legten ihn in Ketten und warfen ihn in ein schmutziges, mit 
Gestank erfülltes unterirdisches Loch." 

Leisler hatte seine Verhaftung widerstandslos geschehen lassen in der 
festen Zuversicht, der Gouverneur wie die Regierung in England würden sein 
durchaus korrektes Verhalten aus den Gerichtsverhandlungen erkeimen und 
ihm volle Genugtuung geben. Aber er unterschätzte den fanatischen Haß seiner 
Gegner, die nur noch ein Ziel, die gänzliche Vernichtung Leislers kannten. Sie 
schlugen Sloughter vor, die Prozessierung ihres Feindes einem Spezialgerichts- 
hof zu überweisen. Diesem Vorschlag kam der Gouverneur um so be- 
reitwilliger nach, als er dadurch der Verantwortung für den Schieds- 
spruch enthoben wurde. Natürlich war dieser Gerichtshof aus lauter Feinden 
Leislers zusammengesetzt. Obwohl dieser die Kompetenz desselben bestritt 
und in England prozessiert zu werden verlangte, so wurde das Verfahren 
gegen ihn dennoch „wegen gewaltsamer Auflösung des Rates des früheren 
Vizegouverneurs Nicholson, wegen unrechtmäßiger Aneignung der höchsten 
Macht, wegen unbefugter Erhebung der Steuern, wegen Rebellion gegen den 
König" usw. eingeleitet. 

In der obenerwähnten Dokumentensammlung befindet sich ein Blatt, auf 
dem eine ungenannte Person, unzweifelhaft Leisler selbst, Bemerkungen in 
holländischer Sprache über eine Gerichtssitzung niedergeschrieben hat. Dies 



37 



Blatt gewährt Einblick in die geradezu frivole Behandlung, der Leisler unter- 
worfen wurde. Es möge hier eine Stelle finden. 

„Was geschehen ist, als ich vor Gericht erschien. Ein Schriftstück wurde 
mir vorgelesen. Ich antwortete, daß ich dasselbe nicht verstehe und bat um 
einen Dolmetscher. Stephanus van Cortlandt, der von der Volkspartei abge- 
setzte Bürgermeister von New York, erklärte, daß ich des A.ufruhrs beschuldigt 
sei. Ich brauche nur zu sagen, ob ich mich schuldig bekenne oder nicht. 
Sie alle suchten mich zu der ersten Erklärung zu bereden. Ich antwortete, daß 




Das Stadthaus zu New York, in dem Leisler prozessiert wurde. 



Nach einem alten Stich. 



ich mich nicht schuldig bekennen könne in einem Fall, in dem ich vom König 
und seinem Gerichtshof sicher freigesprochen würde. Sie schrien mich unter 
größtem Lärm an, ich solle englisch reden und jeder beschimpfte mich. Ich 
ersuchte aufs neue um einen Dolmetscher und fragte, wem ich Rede zu stehen 
habe; ich sei bereit, ihnen allen zu antworten. Desgleichen, daß sie sich 
schämen sollten, einen Spott aus ihrem Gerichtshof zu machen; es scheine für 
sie einem Sport gleichzukommen, einen Mann abzuurteilen oder ihn zu töten. 
Der Richter fragte, was ich gesagt habe. Aber Cortlandt übersetzte das 
Gesagte in einer sehr nachteiligen, falschen und verkehrten Weise. 



— 38 — 

Sie sagten, ich solle mich der Gnade des Gerichtes unterwerfen, worauf 
ich entgegnete, daß ich keine Gnade suche, da ich wohl wisse, dieselbe hier 
nicht finden zu können, wo jeder ,kreuziget ihn, kreuziget ihn!' rufe. 

Der Gerichtsbeamte packte mich darauf gewalttätig an, ergriff sein Schwert 
und drohte, mich zu erstechen. Ich entblößte meine Brust und sagte, er sei ein 
Feigling und wage nicht, das zu tun. Ein Kinderspielzeug passe ihm besser 
als das Schwert . . ." 

Hier brechen die Aufzeichnungen ab. Daß von einem Gerichtshof wie 
dem hier geschilderten v/eder Gerechtigkeit noch Gnade zu erwarten seien, 
war gewiß. Und in der Tat verhängte derselbe am 15. April über Leisler, seinen 
Schwiegersohn Milborne sowie sechs Mitglieder des von Leisler eingesetzten 
Rats wegen Hochverrates das Todesurteil. Zugleich wurde die Einziehung 
ihres Vermögens verfügt. — 

Unter allen nicht zur aristokratischen Partei gehörenden Bewohnern der 
Kolonie New York erregte der ungerechte Spruch Erbitterung und Bestürzung. 
Man bestürmte den Gouverneur durch Bittschriften, die Verurteilten zu be- 
gnadigen. Aber die Feinde Leislers wußten es einzurichten, daß die Bittgesuche 
gar nicht in die Hände des Gouverneurs gelangten. Nur zu einem Zugeständnis, 
zur Begnadigung der sechs Räte ließen sie sich herbei. Der Tatsache vergessend, 
daß Leisler in hochherziger Weise zwei der Ihrigen, Bayard und Nicholls, ge- 
schont, drängten sie angesichts der von Tag zu Tag im Volke wachsenden 
Gärung auf schnelle Vollstreckung des Urteils, damit der Sieg ihnen nicht im 
letzten Augenblick entschlüpfe. Um den Schein zu wahren, veranlaßten sie 
die anfangs Mai in New York zusammentretende, fast nur aus Mitgliedern der 
Aristokratenpartei bestehende gesetzgebende Körperschaft der Provinz zur Ab- 
gabe eines Beschlusses, durch welchen Gouverneur Sloughter zur Bestätigung 
des „von allen loyalen Bürgern gebilligten'' Todesurteils aufgefordert wurde, 
da „das Urteil zur Unterdrückung des in der Provinz umgehenden revolutio- 
nären Geistes wesentlich beitragen werde". 

Trotzdem zögerte Sloughter, der die ganze Haltlosigkeit des Prozesses, 
den fanatischen Haß sowie die Selbstsucht der Feinde Leislers durchschaute, 
das Todesurteil zu unterzeichnen. Er erklärte, vorher nach England über den 
Fall berichten zu wollen. Das mußten die Aristokraten unter allen Umständen 
verhüten, da dann eine Aufdeckung ihres schandbaren Treibens zu befürchten 
stand. Sie machten deshalb den Gouverneur während eines großen Gelages 
sinnlos betrunken und ließen ihn so unter Versprechen einer großen Summe 
Geldes das Todesurteil Leislers und Milbornes unterzeichnen. 

Als den beiden das Lirteil verkündigt wurde, protestierten sie gegen die 
Vollstreckung, bis der Entscheid des Königs gehört worden sei. Aber ihr 
Protest blieb unbeachtet. Noch ehe der Gouverneur seinen Rausch ausge- 
schlafen hatte, wurden in der Frühe des 16. Mai 1691 Leisler und Milborne auf 
den Richtplatz geschleppt und am Galgen gehängt. Die Leichen wurden über- 
dies noch geköpft. Von welch grauenhafter Rachgier Leislers Feinde besessen 



— 39 



waren, ergibt sich aus den Zeugenaussagen einer Frau Latham. Sie erklärte, 
daß der Henker, nachdem er die Leiche Leislers geköpft hatte, dieselbe öffnete, 
um das Herz herauszunehmen, für welches ihm eine den Aristokraten ange- 
hörende Dame eine hohe Belohnung versprochen habe. An dieser Freveltat 
wurde der Henker nur durch den Einwand eines iMannes verhindert. 

Die Leichen der Gerichteten begrub man auf einem dem Galgen gegen- 
übergelegenen Grundstück der Familie Leislers, wo heute Park Row und 
Spruce Street zusammentreffen. 

Die Aristokraten schwelgten in Freude über ihren Sieg. Am Herzen des 
Gouverneurs aber nagte das Gewissen, daß er bei dem zwiefachen Justizmord 
mitgeholfen. In einem 
Berichte der Ältesten der 
holländischen Kirche zu 
New York an die Regie- 
rung heißt es, daß er keine 
ruhige Stunde mehr ge- 
habt habe und in Trüb- 
sinn verfallen sei. 

Die Magistratsper- 
sonen suchten diesen Trüb- 
sinn zu zerstreuen, indem 
sie den Gouverneur häufig 
total betfunken machten. 
Aber sobald der Rausch 
ausgeschlafen war, be- 
mächtigten Reue und Ver- 
zweiflung sich seiner aufs 
neue. Von seinen Ge- 
nossen keinen bessern 
Trost in seinen Klagen 
empfangend, als Judas 

von den Hohenpriestern empfing, stürzte er von einer leidenschaftlichen 
Zerstreuung zur andern, bis er plötzlich an einer Herzkrankheit starb. 

Wie die Wahrheit stets zum Durchbruch kommt, so sollte auch dem 
Andenken Leislers Gerechtigkeit werden. Angesehene Männer, darunter der 
spätere Gouverneur Lord Bellemont, der die grenzenlose Selbstsucht der Aristo- 
kraten erkannte, unterstützten die von den Hinterbliebenen der Ermordeten beim 
König erhobenen Beschwerden über das L^rteil, sowie die Gesuche um Rückgabe 
der eingezogenen Besitztümer.- Allerdings bedurfte es jahrelanger Kämpfe, 
bis Leislers Sohn in sein väterliches Erbe eingesetzt wurde und vom englischen 
Parlament das Erkenntnis erwirkte, daß das über Leisler und Milborne gefällte 
Urteil für ungültig und beider Verhalten als gesetzmäßig und loyal anzu- 
erkennen sei. 




Leislers Grabstätte auf dem ehemaligen Friedhof der 
holländischen Gemeinde zu New York. 



— 40 — 

Dieses Erkenntnis erregte bei den Bürgern von New York hohe Be- 
friedigung. Sie beschlossen, der Ehrenerklärung der Gerichteten durch feier- 
liche Überführung ihrer Überreste zum Friedhof der holländischen Gemeinde 
auf sichtbare Weise Ausdruck zu verleihen. Diese Feierlichkeit erfolgte am 
20. Oktober 1698 unter Teilnahme von 1500 Personen, die sich trotz eines 
starken Schneesturmes vcm diesem Akt der Pietät nicht abhalten ließen. — 

Aus den Gräbern der Gemordeten aber stieg der Geist der Vergeltung 
empor. Er lebte fort in der Volkspartei, die sich ihrem gesunkenen Führer 
zu Ehren fortan die „Leislersche Partei^' nannte und stetig an Boden gewann. 
Bei den Wahlen des Jahres 1699 gaben die I.eislerianer bereits 455, ihre 
Gegner nur 177 Stimmen ab; in der gesetzgebenden Körperschaft, der Assembly, 
eroberten sie von 21 Sitzen deren 16. Schärfer und schärfer wurde ihr Wider- 
stand gegen die Aristokraten und deren angemaßte V^orrechte. Von New York 
aus verpflanzte sich die Bewegung während der ersten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts über alle anderen, ähnlichen Bedrückungen ausgesetzten englischen 
Kolonien der Ostküste Nordamerikas und führte endlich zu jenem großartigen 
Freiheitskriege, aus welchem der Bund der Vereinigten Staaten hervorging. 
Jakob Leisler, der Frankfurter, darf mit vollem Recht als der erste Märtyrer 
dieses gewaltigen, zu seinen Lebzeiten anhebenden Freiheitskampfes gelten. 

Leislers Verdienst ist es ferner, bei den Bewohnern der Kolonien zuerst 
das Bewußtsein der Interessengemeinschaft erweckt zu haben, indem er Ver- 
treter sämtlicher Kolonien nach New York berief, um sie zu gemeinsamen Maß- 
regeln gegen die Franzosen zu veranlassen. 

Die am 1. Mai 1690 unter seinem Vorsitz in New York abgehaltene Zu- 
sammenkunft von Vertretern mehrerer Kolonien war der Vorläufer jenes großen 
Kongresses, welchem 86 Jahre später das bedeutsamste und folgenreichste 
Dokument der Menschheit, die LInabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 
von Nordamerika entsprang. 





C^i 



Schlußvignette: Leislers Siegel und Unterschrift. 




Augustin Herrman, der erste deutsche Kartograph; 
Johann Lederer, der erste deutsche Forschungsreisende 

in Nordamerika. 

Neben deutschen Soldaten kamen auch deutsche Handwerker schon früh- 
zeitig nach der Neuen Welt. Wegen ihres, in langen Dienstjahren erworbenen 
gründlichen Könnens wurden sie überall so geschätzt, daß sie mit Sicherheit 
darauf rechnen konnten, auch in der Fremde gutes Auskommen zu finden. 

Meist kamen die deutschen Handwerker über holländische, englische oder 
spanische Häfen. Zu den über Spanien Auswandernden gehörte der Buch- 
drucker Johann Crom berger, der bereits im Jahre 1538 in der Stadt 
Mexiko eine Druckerei gründete und die dort hergestellten Werke mit dem 
Zusatz versah : „Impressa en la gran ciudad de Mexico en casa de Juam Crom- 
berger." — 

Im ersten Kapitel seiner „History of the German Element in Virginia" 
führt Hermann Schuriclit zahlreiche Beweise dafür an, daß auch in Jamestown, 
der ersten englischen Ansiedlung von Virginien, manche deutsche Handwerker 
lebten. Dieselben mögen auf Grund jener Empfehlung dorthin gebracht worden 
sein, welche Kapitän John Smith, der Deutschland durch Augenschein kannte, 
an den Rat der Kolonie richtete : „to send to Germany and Poland for laborers." 

Deutsche Handwerker zur Auswanderung nach Nordamerika zu bewegen, 
fiel nicht schwer. Die politischen und wirtschaftlichen Zustände Deutschlands 
waren durch den Dreißigjährigen Krieg so traurig geworden, daß Tausende ins 
Ausland flüchteten. Die meisten wandten sich nach den Niederlanden oder 



Kopfleiste: Porträt Augustin Herrmans. 



— 42 — 

England, wo die Erwerbsmöglichkeiten am günstigsten lagen. Besonders die 
in Amsterdam und London bestehenden Kolonisationsgesellschaften waren stets 
bereit, tüchtige Handwerker anzuwerben und nach den in der Neuen Welt ge- 
gründeten Niederlassungen zu schicken. 

Neben solchen Handwerkern begannen auch bereits den gebildeten Klassea 
angehörende Deutsche in den Kolonien aufzutauchen. Johann Huygen 
aus Wesel, der Schwager Peter Minnewits, des Generaldirektors von Neu- 
Niederland, hatte den wichtigen Posten eines Eagerverwalters in Neu-Amster- 
dam inne. Peter Petersen Bielefeld, offenbar auch ein Deutscher, 
war der erste Beirat. Dr. Lubbertusvan Dinklage, einer der fähigsten 
Beamten der „Niederländisch-Westindischen Gesellschaft'^ brachte es zum Vize- 
direktor. Als Notar amtete um das Jahr 1650 Tielman van Vleck aus 
Bremen in Neu-Amsterdam. Erster lutherischer Pfarrer war Johann Ernst 
Gutwasser. Ihm folgte im Jahre 1669 der Schlesier Jakob Eabricius. 
Paulus van der Beek aus Bremen, Wilhelm T r o p h a g e n aus dem 
Detmoldischen und Hans Kierstede aus Magdeburg waren als Ärzte in 
Neu-Amsterdam tätig. Unter den Handeltreibenden erfreuten sich Paul 
Schrick aus Nürnberg, Gysbert Opdyck aus Wesel, Hieronimus 
E b b i n g aus Hamburg und vor allem der Hamburger NikolausdeMeyer 
großen Ansehens. Meyer besaß eine Brauerei, eine Windmühle und eine ganze 
Anzahl Bauerngüter. Nachdem er mehrere städtische Ämter bekleidet hatte, 
wurde er 1676 Bürgermeister. 

Über umfassende Bildung verfügte auch der Landvermesser A u g u s t i n 
H e r r m a n. Von protestantischen Eltern in Prag geboren, hatte er an der 
dortigen Hochschule studiert und später an den Kriegszügen Gustav Adolfs 
teilgenommen. Um das Jahr 1630 kam er nach Virginien, von wo er später 
nach Neu-Amsterdam übersiedelte, um dort seine reichen Kenntnisse in den ver- 
schiedensten Richtungen zu verwerten. Gouverneur Stuyvesant ernante ihn im 
Jahre 1647 zu einem der neun mit der Verwaltung der Kolonie betrauten Räte. 
Wichtige Dienste leistete Herrman ferner als Landvermesser. Wahrscheinlich 
entstammen die in Van der Donks „Beschreyvings van Niew Nederland" (ge- 
druckt 1655 in Amsterdam) enthaltene Karte von Neu-Niederland sowie die in 
demselben Buch enthaltene älteste Ansicht von Neu-7\msterdam seiner Hand, 

Schon im Jahre 1659 befürwortete Herrman die kartographische Auf- 
nahme Neu-Niederlands und der englischen Grenzgebiete. 

Stuyvesant bestimmte ihn neben Waldron zum Spezialkommissar, um in 
dem Grenzstreit zwischen Neu-Niederland und der südlich davon entstandenen 
englischen Kolonie Maryland die Ansprüche der Niederländer zu verteidigen. 
Herrman stellte sich dabei auf den Standpunkt, daß das Patent des Lord Balti- 
more denselben nur zum Besetzen solcher Landstriche berechtige, die nie zuvor 
von Europäern bewohnt worden seien. Diese Auslegung sagte aber den Be- 
hörden Marylands so wenig zu, daß sie vorschlugen, die Entscheidung den 
Regierungen der beiden Mutterländer zu überlassen. 



Of THE 

UNIVERSITY 

GF 




— 43 



Vor seiner Rückkehr nach Neu-Amsterdani besuchte Herrman verschie- 
dene Teile der englischen Kolonien Maryland und Virginien. Die Schönheit 
Marylands entzückte ihn so, daß er im Jahre 1660 dem Lord Baltimore anbot, 
eine genaue Karte der Kolonie anfertigen zu wollen, wenn man ihm als Ent- 
schädigung hierfür ein gewisses, in Maryland gelegenes Stück Land abtrete. Da 
zwischen Maryland und Virginien gleichfalls Grenzstreitigkeiten bestanden, die 
nur auf Grund guter Karten entschieden werden konnten, so kam das Angebot 
Herrmans sehr gelegen. Herrman siedelte nach Maryland über und erlangte im 
Jahre 1666 durch einen Beschluß der dortigen Legislatur samt seinen Kindern 
das Bürgerrecht. 

Die von ihm angefertigte Karte wurde in England von dem berühmten 
Kupferstecher William Frithorne gestochen. Sie war so vorzüglich, daß der 
König sie als die beste bezeichnete, die er je gesehen habe. Sie trägt auch das 
Porträt ihres Urhebers mit der Unterschrift: „Augustine Herrman, Bohemian". 
Ferner eine mit den Figuren eines Indianers und einer Indianerin geschmückte 
Vignette mit der lateinischen Inschrift: „Virginien und Maryland, wie sie an- 
gepflanzt und bewohnt waren im Jahre 1670. Vermessen und gezeichnet von 
Augustin Herrman aus Böhmen. '^ 

Das Land, welches Herrman als Entschädigung für seine Arbeit erhielt, 
maß 5000 Acres und lag am Elk River in der heutigen Grafschaft Cecil. Durch 
Ankauf anderer Grundstücke vergrößerte Herrman dieses Besitztum später um 
weitere 15000 Acker und teilte das Ganze in die Güter: „Bohemia Manor", „St. 
Augustine Manor", „Little Bohemia Manor" und „The three Bohemian Sisters". 

Wichtige Dienste leistete Herrman später bei der Festlegung der Grenze 
zwischen Maryland und Pennsylvanien. Er starb n.ach dem Jahre 1684 und 
wurde im Garten seiner Besitzung Bohemia Manor begraben. 




Namenszug Augustin Herrmans. 

Um dieselbe Zeit, wo Herrman in Maryland tätig war, beschäftigte sich 
ein anderer junger deutscher Gelehrter, Johann L e d e r e r , mit der Er- 
forschung Virginiens. Er war im Jahre 1668 nach Jamestown gekommen und 



— 44 — 

dort mit dem Gouverneur Berkly bekannt geworden. Dieser betraute ihn mit 
der Aufgabe, die im Westen von Virgin ien aufragenden unbekannten Gebirge 
zu erforschen und zu sehen, ob sie einen Paß besäßen, durch den man nach 
dem Indischen Ozean gelangen könne. 

Columbus war bekanntlich in dem Glauben gestorben, daß die von ihm 
entdeckten Länder Teile Asiens und der ostindischen Inselwelt seien. Erst all- 
mählich drängte sich seinen Nachfolgern die Überzeugung auf, daß man einen 
neuen Erdteil vor sich habe, der den ganzen, zwischen der arktischen und der 
antarktischen Zone gelegenen ungeheuren Raum ausfülle und gleich einem Wall 
den Weg nach Indien versperre. 

War das Staunen über diese „Neue Welt" begreiflicherweise groß, so hoffte 
man aber, daß der gewaltige Erdteil irgendwo einen Durchlaß besitze, durcli 
den man nach Indien kommen könne. Das Auffinden einer solchen Wasser- 
straße war der Traum eines Baiboa und Cortes, der beiden Cabots, eines Verra- 
zano, Cartier, Hudson und zahlreicher anderer Entdecker. Aber keinem hatte 
sich dieser Traum erfüllt. Nichtsdestoweniger blieb der Glaube an die Existenz 
einer Durchfahrt bis ins 17. Jahrhundert lebendig. Gouverneur Berkley nahm 
an, daß der Indische Ozean sich bis an die Westseite der Virginien durchziehen- 
den Gebirge erstrecke. Bestätigte sich diese Annahme, so m.ußte Virginien die 
Durchgangsstation für den Mandel zwischen Europa und Asien werden. 

Von dem heißen Wunsch beseelt, über diesen Punkt Klarheit zu schaffen, 
drang Lederer während der Jahre 1669 und 1670 dreimal bis in die Appalachen- 
gebirge vor. Seine in lateinischer Sprache niedergeschriebenen, von dem Gou- 
verneur Talbot von Maryland im_ Jahre 1671 ins Englische übertragenen Reise- 
schilderungen kamen im Jahre 1672 in London zum Druck. Sie enthalten höchst 
anschauliche Beschreibungen der durchquerten Wildnis und gewaltigen Ge- 
birge. Zugleich wertvolle Beobachtungen über die unterwegs angetroffenen 
Indianer und Tiere. 

Trotz aller Anstrengungen war es Lederer aber nicht beschieden, die vielen 
parallel laufenden Gebirgsketten der Appalachen zu überschreiten. Hatte er 
eine glücklich erklommen, so sah er dahinter andere, noch höhere aufragen, die 
er nicht zu übersteigen verm.ochte, da ihm Proviant und Ausrüstung fehlten. 

Nach Beendigung seiner überaus mühevollen Wanderungen zog Lederet" 
folgenden Schluß: „Diejenigen befinden sich in großem Irrtum, welche an- 
nehmen, daß der Erdteil Nordamerika zwischen dem Atlantischen und dem In- 
dischen Ozean nur acht bis zehn Tagereisen breit sei.'' 

Aus mancherlei y\ndeutungen der Indianer glaubte er aber schließen zu 
dürfen, daß sich nordwestlich von den Appalachen große Wasser befänden: 
„Vielleicht ein Arm des Indischen Ozeans oder die Bai von Kalifornien." — Es 
waren unbestimmte Nachrichten über die fünf großen Binnenseen, die um die- 
selbe Zeit von französischen Pelzhändlern zuerst erforscht wurden. 

Durch Lederers Entdeckungen angeregt, sandte Gouverneur Berkley später 
noch den deutschen Kapitän Henry Batte auf eine Forschungsreise in die west- 



— 45 — 



liehen Gebirge. Aber auch diesem glückte es nicht, die wilden Ketten zu über- 
steigen, zumal die indianischen Führer aus Furcht vor den westlich wohnenden 
Stämmen sich weigerten, weiter zu gehen. Die Expedition kehrte zurück, ohne 
den Berichten Lederers etwas Neues hinzufügen zu können. 

Lederer erwuchs aus seinen mühevollen Wagnissen kein Dank. Seine 
Begleiter, die ihn auf seiner zweiten Expedition schmählich im Stich gelassen 
hatten, verbreiteten, um ihre eigene Feigheit zu bemänteln, allerlei ungünstige 
Nachrichten über ihn. Obendrein hetzten sie die Bewohner Virginiens durch 
die erlogene Behauptung auf, die Kosten der zwecklosen Reisen müßten von 




Indianer aus Virginien. 

Nach einem Kupferstich des 17. Jahrhunderts. 

den Kolonisten bestritten werden. Infolgedessen nahmen die letzteren eine so 
drohende Haltung gegen Lederer an, daß er nach Maryland floh, wo er in dem 
Gouverneur Talbot einen neuen Beschützer fand. 

Aus in den Archiven von Maryland entdeckten Aufzeichnungen wissen 
wir, daß Lederer in der alten Hansastadt Hamburg geboren war. Im Jahre 
1671 lebte er im Calvert County der Kolonie Maryland. Er hatte dort das 
Bürgerrecht und von den Behörden die auf 14 Jahre ausgedehnte Erlaubnis er- 
worben, mit den im Südwesten der Kolonie hausenden, von ihm entdeckten In- 
dianerstämmen Pelzhandel treiben zu dürfen. 

Über die weiteren Schicksale dieses ersten deutschen Forschungsreisenden 
in Nordamerika ist leider nichts bekannt. 




Aus Stike „Deutsche Geschichte ' 



Die deutschen Sektenniederlassungen des 17. und 

18. Jahrhunderts. 

Die Ursachen der Sektenauswanderung. 

Kein Land der Erde erlitt jemals schrecklichere Heimsuchungen, als 
Deutschland während des 17. Jahrhunderts. Gleich einem verheerenden Sturm- 
wind brauste zunächst der durch religiösen Zwiespalt heraufbeschworene 
Dreißigjährige Krieg durch alle Gauen, und ließ sie in einem solchen Zustande 
gänzlicher Zerrüttung zurück, daß Deutschland im wahren Sinne des Wortes 
einer großen Wüste mit einigen Kulturoasen darinnen glich. In Württemberg 
gingen in den Jahren 1634 bis 1641 über 345 000 Menschen zugrunde. In 
Sachsen wurden innerhalb der beiden Jahre 1631 und 1632 943 000 Personen 
erschlagen oder durch Seuchen weggerafft. Die blühende Pfalz, welche vor 
dem Krieg 500 000 Bewohner besaß, zählte zur Zeit des Friedensschlusses nur 
noch 43 000, darunter bloß 200 Bauern. Im preußischen Henneberg vernichtete 
der furchtbare Glaubenskrieg 68, im Eisenacher Oberland 90 "/.. aller Bewohner. 
In Meiningen waren in 19 Dörfern von 1773 Famihen nur noch 316 übrig. Im 
Nassauischen gab es Orte, die bis auf eine oder zwei Familien ausgestorben 
waren. Man nimmt an, daß Deutschlands Bevölkerung in jener Zeit sich von 
17 auf nur 4 Millionen verminderte. 

Dieser entsetzlichen Einbuße an Menschenleben entsprach der Verlust an 
Eigentum. Nach Hunderten zählten die zerstörten Ortschaften. In Württem- 
berg lagen 8 Städte, 45 Dörfer, 158 Schulhäuser und Pfarrhäuser, 65 Kirchen 

Kopfleiste: Plünderung eines Dorfs im dreißigjährigen Krieg. Nach einer gleich- 
zeitigen Radierung. 



— 47 — 

und 36 000 Wohnhäuser in Asche. 80"/,, aller Pferde, Rinder, Schafe und 
Ziegen waren zugrunde gegangen. Bedeutende Teile des Reiches, die sich 
früher des blühendsten Wohlstandes erfreuten, blieben unbebaut, weil es an 
Saaten, Zugtieren und Werkzeugen fehlte, um die Felder zu bestellen. Die 
ganze Landwirtschaft war so zugrunde gerichtet, daß die Bevölkerung, trotz- 
dem sie so schrecklich zusammengeschmolzen war, sich kaum zu ernähren ver- 
mochte. 

Als Schleppenträgerinnen der Kriegsfurie folgten Hungersnot und Pesti- 
lenz. Von wahnsinniger Verzweiflung ergriffen mordeten Eltern ihre eigenen 
Kinder, um deren Fleisch zur Sättigung zu benutzen. In Hessen und Sachsen, 
im Elsaß und an andern Orten hörte man von Menschenfressern, die Jagd auf 
Lebende machten, um sie zu verzehren. 

In der Schrift „Excidium Germaniae" heißt es: „Man wandert bei zehn 
Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh. In allen Dörfern sind 
die Häuser voll toter Leichname und Äser gelegen; Mann, Weib, Kinder und 
Gesinde, Pferde, Schweine, Ochsen und Kühe neben- und untereinander, von 
Pest und Hunger erwürget, von Wölfen, Hunden, Krähen und Raben gefressen, 
weil niemand gewesen, der sie begraben." 

Manche der Überlebenden, obdachlos und ohne Existenzmittel, scharten 
sich zu Räuberbanden zusammen, zogen sengend und plündernd von Hof zu 
Hof, nahmen den Bewohnern das letzte und boten den ohnmächtigen Regie- 
rungen Trotz. 

Noch waren diese furchtbaren Leiden, welche der große Krieg den deut- 
schen Landen geschlagen hatte, nicht verwunden, so kamen die Kriege gegen 
die Polen, Schweden, Türken und Franzosen. Nebenher gab es endlose Streitig- 
keiten der Reichsstände untereinander. Um das Elend voll zu machen, be- 
gingen die an verschwenderische Hofhaltung, glänzende Gelage und große 
Jagden gewöhnten großen und kleinen Landesherren an dem gewöhnlichen 
Volke die ärgsten Bedrückungen. Auf ihr Gottesgnadentum pochend und ihre 
Länder als persönliches Eigentum betrachtend, zwangen sie ihre Untertanen in 
ein entwürdigendes, von völliger Leibeigenschaft kaum noch zu unterscheidendes 
Knechtschaftsverhältnis. 

In dieser langen Zeit des Leidens und des materiellen Elends schwand 
einem großen Teil des deutsclien Volkes eine seiner edelsten Eigenschaften : der 
unternehmende kühne Mannesmut, der es seit den Tagen, wo es zum ersten 
Male in den Bereich der (jeschichte trat, in so hoher Weise ausgezeichnet hatte. 
Aus dem freien deutschen Manne wurde ein ängstlicher, in sein Schicksal er- 
gebener Spießbürger, der kaum noch Verständnis für das Entwürdigende seiner 
Lage besaß, sondern Trost für seine Leiden tatenlos in der Religion suchte. 
Aber auch das war ihm häufig erschwert. Nach dem Dreißigjährigen Kriege 
war€n in Deutschland drei Bekenntnisse, das katholische, lutherische und refor- 
mierte, anerkannt worden. Aber ihre Anhänger und Priester befehdeten auch 
nach dem Kriege einander fort und fort. Besonders die an den zahlreichen 



— 48 — 

Fürstenhöfen angestellten Hcfgeistliclien und Beichtväter suchten auf die Landes- 
herren Einfluß zu gewinnen und sie zu veranlassen, das von ihnen vertretene 
Bekenntnis zur Staatsreligion zu machen. Dies gelang in manchen Ländern, 
und so kam es, daß in Gegenden, deren Herrscher katholisch geblieben waren, 
die Lutheraner und Reformierten in der Ausübung ihrer Andachten behindert 
wurden; in Ländern hingegen, wo die Lutheraner oder Reformierten Ober- 
wasser besaßen, waren die Katholiken und Reformierten oder die Katholiken 
und Lutheraner allerlei Bedrängnissen ausgesetzt. 

In verschiedenen Teilen Deutschlands hatten sich aber auch Sekten ge- 
bildet, die sich sowohl von den Katholiken wie von den Reformierten und Luthe- 
ranern absonderten und darum sowohl von den Geistlichen wie von der Regie- 
rung verfolgt wurden, da man der immer größer werdenden religiösen Zer- 
splitterung vorbeugen wollte. 

Diese Sekten waren die Mennoniten, Labadisten, Pietisten, Herrnhuter, 
Schwenkfeldianer, Tunker und andere mehr. Sie strebten meist eine Wieder- 
herstellung des schlichten, innigen Gemeindelebens an, wie es die ersten Christen 
geführt hatten. Da sie von berufsmäßigen Predigern nicht viel hielten und 
auch die Beständigkeit der Kirche als Organisation nicht anerkannten, so zogen 
sie sich natürlich den Zorn der Geistlichkeit zu. Den Regierungen erschienen 
sie verdächtig, weil sie Neigungen bekundeten, die man als gefährlich für die 
bestehenden Staatsformen betrachtete. Namentlich war es der von einigen 
Sekten vertretene kommunistische Gedanke der gemeinsam füreinander arbeiten- 
den Brüder und Schwestern, den man nicht dulden zu dürfen glaubte. Da die 
Sektierer sich obendrein weigerten, Kriegsdienste und Kriegssteuern zu leisten, 
weil Christus das Führen des Schwertes und das Töten von Menschen verboten 
habe, so wandte sich der Groll der ausschließlich auf militärischer Gewalt be- 
ruhenden Regierungen gegen sie. 

Die Verfolgungen, denen die Sektierer sich infolgedessen ausgesetzt sahen, 
nahmen in manchen Ländern so grausame Formen an, daß viele, um der Ein- 
kerkerung oder den drohenden Leibes- und Lebensstrafen zu entgehen, sich zur 
Auswanderung entschlossen. 

Die Anregung dazu kam durch englische und holländische Puritaner und 
Quäker, von denen viele gleicher Bedrängnisse wegen nach der Neuen Welt ge- 
zogen waren. Von ihnen, mit denen man Fühlung hielt, erfuhr man, daß 
Amerika, insbesondere Pennsylvanien, ein duldsames Land sei, wo jedermann 
seinen religiösen Anschauungen ungehindert leben könne und auch der Bauer 
darauf rechnen dürfe, des Lohnes für seine Arbeit teilhaftig zu werden. 



Die Mennoniten und die Gründung Germantowns. 




Die ersten deut- 
schen Sektierer, welche 
sich von der Scholle 
lösten, um in der Fremde 
ungehindert ihren reli- 
giösen Anschauungen 
leben zu können, waren 
Mennoniten, Anhänger 
des um das Jahr 1492 
in dem friesländischen 
Dorfe Witmarsum ge- 
borenen Menno Si- 
mon. Derselbe wai ur- 
sprünglich Priester der 
katholischen Kirche, 
hatte sich aber von der- 
selben losgesagt und 
predigte in reformato- 
rischem Sinne. Seinen 
Anhängern empfahl er 
Sittlichkeit, Herzens- 
milde und Reinheit ; sich 
der Verfolgung Anders- 
gläubiger, des Tragens 
und Gebrauchens von 
Waffen, ja, jeder Gegen- 
wehr zu enthalten ; auch 
das Klagen vor weltlichen Gerichten, das Schwören von Eiden, die Teilnahme 
an weltlicher Regierung und unnötigen Aufwand in Kleidung und Lebensweise 
zu unterlassen. Hinsichtlich der Auffassung der Gottheit Christi stimmte er 
mit den Wiedertäufern überein, beobachtete die Fußwaschung als religiöse 
Zeremonie und erteilte die Taufe nur als bloßes Symbol innerer Sinnesänderung. 
Seine Anhänger, die Mennoniten, bildeten diese Grundsätze noch weiter 
aus. Das irdische Leben lediglich als eine Vorbereitung für das Jenseits be- 

Cronaii, Deutsches Leben in Amerika. 4 



William Penn. 



— 50 — 

trachtend, sonderten sie sich, um den Versuchungen dieser Welt zu entgehen, 
soviel als möglich von den Gemeinwesen ab. In ihren Ehebündnissen be- 
schränkten sie sich ausschheßlich auf Mitglieder der eignen Kreise. 

Da von allen Sektierern die Mennoniten den unchristlichen Charakter der 
Kirchen, wie des nur auf militärischer Gewalt beruhenden Staatswesens am 
schärfsten kritisierten und obendrein sich weigerten, Kriegsdienste und Kriegs- 
steuern zu leisten, so wurden sie auch mit der größten Erbitterung verfolgt. 

Schon der Gründer der Sekte, Menno Simon, wurde für vogelfrei erklärt. 
Wer seinen Kopf einliefre, sollte als Belohnung einen Karlsgulden und außer- 
dem, welche Verbrechen er immer begangen habe, völlige Straflosigkeit erhalten. 
Unter diesem Bann floh Menno Simon von Ort zu Ort, vom Rhein bis zu den 
Ostseeländern, bis endlich im Jahre 1561 der Tod ihn seinen Verfolgern ent- 
rückte. Seine Anhänger aber mußten den furchtbaren Haß derselben vollauf 
verspüren. In den Niederlanden marterten die fanatischen Spanier ihrer 6000 
zu Tode; in Süddeutschland und in der Schweiz hauchten über 3000 unter den 
Richtschwertern oder auf den Scheiterhaufen ihre letzten Seufzer aus. Die ent- 
setzlichen Leiden dieser Märtyrer wurden von Tieleman Jans van Braght In 

einem dickleibigen Folianten „Het Bloedig 
Toneel cf Martelaars Spiegel", „Der 
blutige Schauplatz oder Märtyrer-Spie- 
gel" beschrieben. 

., ,.,.,,. n Erst nach 157Q ließen die wüte^i- 

Namenszug von William Penn. 

den Verfolgungen in Holland und Nord- 
deutschland nach; in andern Ländern hingegen wurde den Mennoniten bis ins 
18. Jahrhundert hinein zugesetzt. Die Anzeige eines Mennoniten wurde mit 
fünf Gulden belohnt; die Sektierer selber bedrohte man mit Einziehung ihres 
Vermögens, körperlicher Züchtigung und Gefängnisstrafe. Trotzdem bildeten 
sich in Lübeck, Emden, Frankfurt a. M., Krefeld und Krisheim bei Worms 
Mennonitengemeinden, die mit den nach ähnlichen Glaubenssatzungen lebenden 
Quäkern in Holland und England nicht nur geheimen Verkehr unterhielten, 
sondern bisweilen auch den Besuch von Predigern derselben empfingen. Einer 
jener englischen Quäkermissionare, welche Deutschland bereisten, warW i 1 1 i a m 
Penn. Auf seinen in den Jahren 1671 und 1677 unternommenen Missions- 
reisen kam er auch nach Krefeld, Frankfurt a. M. und Krisheim, wo er vor den 
dortigen Mennonitengemeinden predigte und bei all seinen Hörern einen tiefen, 
nachhaltigen Eindruck hinterließ. 

Penns Vater, ein Admiral in englischen Diensten, hatte seinem Sohne eine 
auf 16 000 Pfund Sterling lautende Forderung an die Regierung hinterlassen. 
William entschloß sich, an Stelle baren Geldes eine bedeutende Strecke Landes 
anzunehmen, die in Nordamerika, westlich vom Delaware, lag. Zum Gedächt- 
nis an seinen Vater und im Hinblick auf den ungeheuren Waldreichtum des 
Landes nannte William Penn sein Besitztum Pennsylvanien. 




— 51 - 

Der Verfolgungen seiner Glaubensgenossen gedenkend, beschloß er, dieses 
Besitztum zu einem Zufluchtsort für alle zu machen, die in Europa wegen ihres 
Glaubens bedrängt wurden. Nachdem er durch seinen berühmten Vertrag mit 
den Indianern bei Schackamoxon Pennsylvanien zu einer wirklichen Stätte des 
Friedens gemacht hatte, veröffentlichte er eine in englischer, deutscher und 
holländischer Sprache gedruckte Beschreibung von Pennsylvanien. Die deut- 
schen Ausgaben erschienen in Amsterdam und Frankfurt unter dem Titel : „Eine 
nachricht wegen der Landschaft Pennsylvania in America: welche jüngstens 
unter dem Großen Siegel in Engelland an William Penn Sambt den Freiheilen 
und der Macht so zu behörigen guten Regierung derselben nötig, übergebeii 
worden.'* 

Diese Schrift enthielt zugleich die Einladung an alle wegen ihrer religiösen 
Anschauungen Verfolgten, nach der jenseits des Ozeans errichteten Freistätte 
zu kommen. Die Emladung wurde von den Mennoniten in Frankfurt, Krefeld 
und Krisheim freudig aufgenommen, zumal die Bedingungen, unter welchen 
Penn Grundstücke zum Kauf anbot, äußerst günstig waren. Er verkaufte je 
5000 Acker für 100 Pfund Sterling und 100 Acker für 40 Schilling neben Zahlung 
einer Erbpacht von 
1 Schilling für 100 ^^^ /) r^^ 

.^n w^, ^ ^=^^^A^a^^ 9a/^rU, 

bis zu 200 Acker 
Land für einen jährli- 
chen Zins von IPenny Namenszug von Pastorius. 
den Acker pachten. 

Mehrere Mitglieder der Frankfurter Gemeinde traten zu der sogenannten 
„Frankfurter Gesellschaft" zusammen und erwarben 25 000 Acker. Die Kre- 
felder Gemeinde sicherte sich 18 000 Acker. Beim Abschluß des Kaufvertrages 
bedienten die Frankfurter sich eines jungen Rechisgelehrten, namens Franz 
Daniel Pastorius. Derselbe war am 26. September 1651 zu Sommer- 
hausen in Franken geboren. Nach Beendigung seiner Studien auf den Uni- 
versitäten Straßburg, Basel und Jena hatte er eine längere Reise durch Deutsch- 
land, Holland, England, Frankreich und die Schweiz gemacht und war im No- 
vember 1682 nach Frankfurt gekommen, wo er in Beziehungen mit der dortigen 
Pietistengemeinde trat. 

„Weilen ich nun," so erzählt Pastorius in seinen Aufzeichnungen, „alldar 
von meinen Bekannten Pennsylvanien zum öfteren sehr rühmen hörte und ver- 
schiedene Relationsschreiben davon zu lesen bekam, auch einige Gott fürchtende 
Menschen sich bereits dorthin zu transportieren entschlossen und allschon zu- 
sammengepackt hatten, entstund eine nicht geringe Begierde bey mir, in ihrer 
Gesellschaft mit über zu segeln und daselbst nach überdrüssig gesehenen und 
gekosteten europäischen Eitelkeiten nebenst ihnen ein still und christlich Leben 
zu führen. Verehrte und schickte derowegen meine Bücher u. s. w. an meinen 

4* 




— 52 — 

Bruder Joh. Samuel und erlangte endlich nach mehrmaliger Briefwechselung 
meines verehrten Vatters Vervvilligung sammt 250 Reichsthalern, worauf ich dann 
nach Krisheim reisete und mich sofort ganz reisefertig machte." 

Am 2. April fuhr Pastorius von Frankfurt den Rhein hinab, verweilte 
kurze Zeit in Köln und begab sich dann nach Krefeld, wo er mit mehreren Mit- 
gliedern der dortigen Mennonitengemeinde Unterredungen hatte und von den- 
selben erfuhr, daß sie gleichfalls bereit seien, nach Pennsylvanien überzusiedein. 
Pastorius versprach, für ihre Ankunft alles vorzubereiten und begab sich über 
Rotterdam und London nach Oravesend, von wo er am 6. Juni mit dem Schiff 
„America" nach Philadelphia segelte. Als er dort am 20. August landete, be- 
stand dieser „Ort der Bruderliebe" erst aus wenigen notdürftig hergerichteten 
Blockhütten. 

„Das Übrige war Wald und Gestrüpp, worin ich mich mehrere Male ver- 
lor. Was für einen Eindruck solch eine Stadt auf mich machte, der ich eben 
London, Paris, Amsterdam und Gent besucht hatte, brauche ich nicht zu be- 
schreiben." 

Dem Beispiel der Bewohner dieser Ansiedlung folgend, erbaute Pastorius 
sich ein bescheidenes, für die erste Unterkunft genügendes Häuschen, dessen 
Fensteröffnungen er, da Glas nicht zu haben war, mit ölgetränktem Papier ver- 
klebte. Altem deutschem Brauch folgend, setzte er über die Haustür den von 
ihm ersonnenen Spruch: 

„Parva domus sed amica bonis, procul este profani." 
„Klein ist mein Haus, doch Gute sieht es gern, 
Wer gottlos ist, der bleibe fern." — 

Mit William Penn häufig verkehrend und von diesem hochgeschätzt, er- 
wartete Pastorius in seinem kleinen Nothause die Ankunft der Krefelder Ein- 
wanderer. 

Von der Krefelder Gemeinde hatten sich zunächst 13 Familien zur Über- 
siedlung nach Pennsylvanien entschlossen. Es waren die Familien von H e r - 
mann,AbrahamundDirk(Dietrich)opdenGraeff,Lenert 

(Leonhard) Arets, Tünes (Anton) Kunders, Reinert (Rein- 
hard) Tisen oder Theißen, Wilhelm Strepers, Jan (Jo- 
hann) Lensen, Peter Keurlis oder Kuirlis, Jan Simens, 
Johann Bleickers, Abraham Tünes oder Tünies und Jan 
Luken oderLuyken. Zusammen bildeten diese Personen eine Schar von 
33 Köpfen. 

Am 18. Juni befanden sich die Auswanderer in Rotterdam, gingen von 
dort nach England und schifften sich am 24. Juli 1683 auf der „Concord" in 
Gravesend zur Überfahrt nach Amerika ein. Entlang der Küste Englands ging 
die Fahrt äußerst langsam von statten, denn man behielt dieselbe drei Wochen 
lang in Sicht. Nach weiteren 49 Tagen erblickten die Reisenden die Gestade 
der Neuen Welt und betraten am 6 Oktober (dem 16. Oktober gegenwäriiger 
Zeitrechnung) den Boden derselben. 



— 53 - 

Von Pastorius und Penn freudig betT^rüßt, schritten die deutschen Pilger 
nach iiurzem Verweilen zur Auswahl eines geeigneten Platzes für die zu grün- 
dende Niederlassung. Man entschied sich für einen zwei Stunden von Phila- 
delphia in der Nähe des Schuylkillflusses gelegenen Landstreifen, auf dem 
William Penn „am 24. Octobris durch Ihomas Fairman 14 Lose oder Erbe ab- 
messen ließ, umb welche oberwähnte 13 Familien am 25. dito durch Zettel das 
Los zogen und sofort anfingen, Keller und Hütten zu machen, worinnen sie 
den Winter nicht sonder große Beschwerlichkeiten zubrachten. Den Ort nannten 
wir Germantown, welches der Teutschen-Statt bedeutete. Etliche gaben ihm 
den Beynamen Armentown, sindemahl viel der vorgedachten Beginner sich 
nicht auf etliche Wochen, zu geschweigen Monaten, provisioniren kunnten. Und 
mag weder genug beschrieben noch von denen vermöglicheren Nachkömmlingen 
geglaubt werden, in was Mangel und Armuth, anbey mit welch einer Christ- 
lichen Vergnüglichkeit und unermüdetem Fleiß diese Germantownship be- 
gunnen sey." 

Zunächst hatten die deutschen Ansiedler einen schweren Kampf gegen 
die schier unbezwinghche Wildnis zu führen, die sich dicht an ihre Hütten 
drängte, und deren Ende gen Westen hin noch kein Weißer erreicht hatte. „Man 
wende sich," so schrieb Pastor ius an seine in Deutschland zurückgebliebenen 
Angehörigen, „hin, wo man wolle, da heißet es: ,ltur in antiquam sylvam', und 
ist alles mit Holtz überwachsen, also daß ich mir offt ein paar Dutzet starke 
Tyroler gewünschet, welche die dicke Aychen-Bäume darnieder geworffen 
hätten." In diesem Kampf mit der Wildnis bedurfte es, wie Pastorius an einer 
anderen Stelle gesteht, „gedachten William Penns offtmaliger dringender Assi- 
stenz, zumal wir wegen ermangelnder sattsamer Experienz in solcherlei Sachen 
vieles gethan haben, was wir hernach theils selbst ändern, theils der klügeren 
Nachfahren Verbesserung anbefehlen müssen." 

Mit der Zeit wurde das Aussehen der Ortschaft doch ein wohnliches. Sie 
war durch eine breite, von mehreren Querstraßen durchschnittene und auf beiden 
Seiten mit Pfirsichbäumen besetzte Straße in zwei Hälften geteilt. Ein kleines 
hölzernes Kirchlein erstand 1686. Die Wohnhäuser lagen inmitten großer 
Blumen- und Gemüsegärten, deren fruchtbarer Boden die auf ihn gewendete 
Mühe so reich lohnte, daß man mit den gewonnenen Erzeugnissen sowohl den 
Bedarf der Bewohner decken wie auch den Markt von Philadelphia versorgen 
konnte. Ja, nach mehreren Jahren konnte man den Überfluß an Getreide und 
Vieh nach Barbados verhandeln „umb Brandwein, Syrup, Zucker und Salz". 

Mit den Eingeborenen, die Pastorius als „starke, hurtige und gelenke 
Leute" schildert, die „sich einer aufrichtigen Redlichkeit befleißigen, genau über 
ihren Versprechen hielten und Niemanden betrogen oder beleidigten", kam man 
gut aus. Man unterhielt sogar mit ihnen einen einträglichen Handel. „Der 
wilden Leute ihre Kaufmannschaften," so erzählt Pastorius weiter, „ist von 
Fischen, Vögeln, Hirschhäuten und allerlei Pelzwerk von Bibern, Ottern, 
Füchsen, u. s. w. Bißweilen vertauschen sie's gegen Getränk, bißweilen ver- 



— 54 — 

kauffen sie's umb ihr Landgeld, welches nur langlichte an Faden angeschnürte 
Corallen aus Meer-Muscheln geschliffen (Wampumperlen) theils weis, theils 
braunlecht." Das im Handel mit den Indianern erworbene Pelzwerk verschiffte 
man nach England. 

Fleiß, Sparsamkeit und Genügsamkeit bildeten die Tugenden, durch welche 
die Ansiedler vcn Germantown sich auszeichneten und die Achtung aller Um- 
wohner erwarben. Besondere Sorgfalt wendeten sie auf den Anbau von Flachs 
und Wein, die hoch in Ehren gehalten wurden. Der Flachs hatte Bedeutung, 
weil die Krefelder Leineweberei betrieben. Dies Gewerbe setzten sie in der 
Neuen Welt fort und stellten allerlei Zeuge her, die wegen ihrer Güte und Halt- 
barkeit überall willige Abnehmer fanden. Als Rheinländer waren sie Freunde 
des Frohsinns und wußten den Wein als Quelle desselben zu schätzen. So 
währte es nicht lange, daß sich um die Fenster und Türen ihrer Hütten schwer- 
tragende Reben rankten, andere sich zu schattigen Lauben verbanden. Gewiß 
war es ein sinniger Gedanke, daß Pastorius beim Entwurf eines Ortssiegels in 
dasselbe ein Kleeblatt zeichnete, dessen drei Blätter den Weinstock, den Flachs 
und die Weberei darstellen sollten, was durch die Umschrift: „Vinum, Linum 
et Textrinum" („Wein, Lein und Webeschrein'') Ausdruck fand. Dadurch 
wurde zugleich die Mission der Deutschen in Amerika, die Förderung des Acker- 
baues, des Gewerbes und des heiteren Lebensgenusses in der glücklichsten 
Weise angedeutet. 

Welch glückliche Stunden mögen die Väter der deutschen Auswanderung 
in Germantown verlebt haben, wenn sie abends nach vollbrachter Arbeit auf 
den nach heimischer Art zu beiden Seiten der Haustür angebrachten Bänken 
saßen, von Bienen umsummt, von Tauben umflattert und vom Wohlgeruch der 
Blumen umwallt, die den aus Deutschland mitgebrachten Sämereien entsprossen ! 
Wie oft mögen sie da der fernen Heimat gedacht haben, in der sie nur Kümmer- 
nisse und Verfolgung erlebt hatten, die ihnen aber trotzdem heilig und teuer 
blieb! Die Anhänglichkeit an dieselbe bekundeten sie, indem sie drei neue Ort- 
schaften, die der Zuwachs später notwendig machte, Krefeld, Krisheim und 
Sommerhausen tauften. 

Unter den alltäglichen Arbeiten vergaßen die Bewohner der deutschen 
Stadt nicht die Pflege des Geisteslebens. Den Mittelpunkt desselben bildete 
Pastorius, der die Errichtung einer Schule durchsetzte und persönlich eine 
Abendklasse leitete, in der er den reichen Born seines Wissens allen erschloß, 
die auf Vertiefung ihrer Kenntnisse bedacht waren. Der in jeder Beziehung 
merkwürdige Mann fand neben der Erledigung seiner Berufspflichten auch noch 
Zeit, schriftstellerisch tätig zu sein. Von seiner Vielseitigkeit und Gemütstiefe 
zeugt gewiß die Tatsache, daß er nicht weniger als 43 Bände mit Aufsätzen 
über Rechtskunde, Naturwissenschaft, Geschichte, Landwirtschaft, Theologie, 
Gedichten, Sinnsprüchen und philosophischen Betrachtungen fülle. Wie warm 
in seinem Herzen echte Liebe für das Vaterland und für. seine Landsleute glühte, 
geht aus seinem berühmten, in lateinischer Sprache geschriebenen „Gruß an die 




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— 56 - 

Nachkommen" hervor, mit dem er das Grundbuch von Germantov^n eröffnete. 
Der um die deutsch-pennsylvanische Geschichte hochverdiente Oswald Seiden- 
sticker, dessen Hauptwerk „Die Gründung von Germantown", eine Perle echter, 
gemütstiefer Geschichtsschreibung ist, um die jedes Volk das Deutschamerikaner- 
tum beneiden dürfte, übersetzte denselben folgendermaßen : „Sei gegrüßt, Nach- 
kommenschaft! Nachkommenschaft in Germanopolis ! Und erfahre zuvörderst 
aus dem Inhalt der folgenden Seite, daß deine Eltern und Vorfahren Deutsch- 
land, das holde Land, das sie geboren und genährt, in freiwilliger Verbannung 
verlassen haben — oh, ihr heimischen Herde! — um in diesem waldreichen 
Pennsylvanien, in der öden Einsamkeit minder sorgenvoll den Rest ihres Lebens 
in deutscher Weise, d. h. wie Brüder, zu verbringen. Erfahre auch ferner, wie 
mühselig es war, nach IJberschiffung des Atlantischen Meeres in diesem Striche 
Nordamerikas den deutschen Stamm zu gründen. Und du, geliebte Reihe der 
Enkel, wo wir ein Muster des Rechten waren, ahme unser Beispiel nach; wo 
wir aber von dem so schwierigen Pfade abwichen, was reumütig anerkannt 
wird, vergib uns; mögen die Gefahren, die andere liefen, dich vorsichtig machen. 
Heil dir, Nachkommenschaft! Heil dir, deutsches Brudervolk! Heil dir auf 
immer!'") 

Bereits im Jahre 16Q1 erhielt Germantown städtische Gerechtsame. Daß 
die Bewohner Pastorius zum Bürgermeister erwählten, war der Ausdruck der 
von allen gegen ihn empfundenen Dankbarkeit. Zugleich bekleidete er das Amt 
eines Friedensrichters. Als er am 2. Juni ein Ratsbuch beschaffte, eröffnete er 
dasselbe mit einigen seinen Gerechtigkeitssinn kennzeichnenden Sprüchen. 

„Lasset die Forcht des Herrn bey Euch seyn und nehmet nicht Geschenke. 
Beleidigt keine Wittib noch Waisen. Schaffet dem Armen Recht und helffet dem 
Elenden und Dörftigen. Richtet recht zwischen Jedermann; sehet keine Person 
an, sondern höret den Kleinen wie den Großen. In euren Wahltagen setzet zu 
Häuptern übers Volk redliche, weise, erfahrene und verständige Leute, die wahr- 
hafftig und dem Geitze feind sind.'^ 

Wie wohl würde es um die amerikanische Nation stehen, wenn alle 
Richter sich bestrebten, gleich einem Pastorius solchen Grundsätzen gerecht 
zu werden. 

') Der lateinische Originaltext lautet: 

Salve Posteritas! 
Posteritas Germanopolitana! 
A ex argumento in sequentis paginae primibus observa, Parentes ae Majores Tuos Alemaniam 
Solum quod eos genuerat, alueratque diu, voluntario exilio deseruisse, (oh! Patrios 
Focos!) ut in Silvosa hac Pennsylvania, deserta Solitudine, minus soliciti residuum Aetatis 
Germane, h. e. instar Fratrum, transigerent. Porro etiam inde addiscas, quantae molis erat, 
exant lato jani mari Atlantico, in Septentrionali isthoc Americae tractu, Germanam condere 
gentem. Tuque Series dilecta Nepotum! ubi fuimus exemplar honesti, nostrum imitare 
exemplum; Sin autem a semita tarn difficili aberravimus, quod poenitenter agnoscitur, ignosce; 
Et sie te faciant aliena pericula cautam. Vale Posteritas! Vale Gernianitas! Aeternum Valc! 



— 57 — 

Als Richter hatte Pastorius kaum etwas zu tun. Mitunter vergingen 
Monate, ehe er Anlaß fand, einen Bewohner von Germantown in eine gelinde 
Geldstrafe zu nehmen. Seiden sticker, welcher die Gerichtsakten von German- 
town einer Durchsicht unterzog, nennt dieselben trocken und langweilig, fügt 
aber hinzu: „Glücklich die Gemeinde, deren Gerichts-Annalen langweilig sind!" 

Unzweifelhaft ist auch eine Großtat der ersten deutschen Ansiedler in 
Amerika auf den hochherzigen Pastorius zurückzuführen: der erste in der 
zivilisiertenWelt erhobene Protest widerdieSklaverei, 
die unfreiwillige Knechtschaft. Die Einfuhr von Negersklaven 
in die an der Ostküste von Nordamerika gelegenen holländischen und eng- 
lischen Kolonien wurde bereits seit Anfang des 17. Jahrhunderts betrieben, ohne 
daß die für allgemeine Menschenrechte eintretenden Puritaner und Quäker den 
Menschenhandel als eine Ungerechtigkeit empfanden. Erst als William Penn 
für seine Provinz den ,, Frame of Government" entw^arf, und das Dokument 
seinem Freunde Benjamin Furley, einem in Rotterdam geborenen Quäker, der 
zugleich Agent der Frankfurter Gesellschaft war, zur Begutachtung vorlegte, 
hatte dieser ihm den Vorschlag unterbreitet: „Faßt keine Schwarze direkt ein- 
geführt werden. Und wenn solche aus Virginien, Maryland oder sonst woher 
mit Familien kommen, welche dieselben früher irgendwo kauften, so laßt die- 
selben (wie nach der Verfassung von West Jersey) nach acht Jahren frei 
erklären." 

Aber die Handelsgesellschaft, welcher Penn angehörte, und die gleich 
allen anderen Kolonisten englischer und holländischer Abkunft Sklaven hieU, 
wollte diesem Vorschlag Furleys nur so weit entgegenkommen, daß sie in eine 
Freilassung ihrer Sklaven nach 14jähriger Dienstzeit derselben willige, wenn 
dieselben sich verpflichteten, nach erfolgter Freilassung zwei Drittel aller Er- 
zeugnisse des ihnen zugewiesenen Landes an das Warenhaus der Gesellschaft 
abzuliefern, anderenfalls sie in dienendem Verhältnis bleiben müßten. 

Den Deutschen, welche in ihrer eigenen Heimat den Druck der Obrigkeit 
schwer empfunden hatten, schien die Sklaverei höchst ungerecht, indem sie gegen 
die Lehren der christlichen Religion verstoße. Deshalb beschäftigten sie sich 
sehr lebhaft mit dieser Frage und ließen ihren von Pastorius in englischer Sprache 
niedergeschriebenen Protest im Februar 1688 der Monatsversammlung der 
Quäker verlesen. Das denkwürdige Schriftstück hat verdeutscht folgenden 
Wortlaut: 

„An die Versammlung bei Richard Worrells. 

Hier folgen die Gründe, warum wir gegen den Handel in Menschen- 
leibern sind. Ist irgend jemand, der in gleicher Weise behandelt, das heißt ver- 
kauft und zeidebens als Sklave gehalten werden möchte? — Wie zaghaft und 
schwachherzig gebärden sich viele auf See, wenn ihnen ein fremdes Schiff be- 
gegnet, — fürchtend, es möge ein türkisches sein, und sie möchten gefangen- 
genommen und in der Türkei als Sklaven verkauft werden. Wohlan, ist Euer 



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üermantown gegen die Sklaverei. 

zu Philadelphia aufbewahrten OriRin:ilhandschrift. 




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— 60 — 

Verfahren besser als das der Türken? Im Gegenteil, es steht denen weit übler 
an, welche vorgeben, Christen zu sein. Denn wir hören, daß die meisten Neger 
gegen ihren Willen und gegen ihre Zustimmung hierhergebracht werden, und 
daß viele von ihnen gestohlen wurden. Nun, obgleich sie schwarz sind, können 
wir doch nicht einsehen, daß dieser Umstand irgendwelche größere Berechti- 
gung verleiht, sie als Sklaven zu halten, als wenn man es mit weißen Menschen 
zu tun hätte. Man sagt, wir sollten allen Menschen ohne Unterschied des Ge- 
schlechts, der Rasse oder Hautfarbe, so begegnen, wie man selbst behandelt zu 
werden wünscht. Doch sind die, welche Menschen rauben und jene, welche 
sie kaufen und verkaufen, nicht alle gleich? — Hier herrscht Freiheit des 
Glaubens, was recht und vernünftig ist. Aber hier sollte auch Freiheit des 
Körpers herrschen, ausgenommen für Übeltäter, was ein andrer Fall ist. Aber 
wir protestieren dagegen, Leute wider ihren Willen herzubringen. In Europa 
sind viele ihres Glaubens wegen unterdrückt. Hier dagegen sind die, welche 
wegen ihrer schwarzen Farbe unterdrückt werden. 

Wir wissen, daß die Menschen keinen Ehebruch begehen sollen. Aber 
manche machen sich dieser schweren Sünde in andrer Form schuldig, indem 
sie Frauen von ihren Männern trennen und anderen überliefern. Manche ver- 
handeln obendrein die Kinder dieser armen Geschöpfe an andere Leute. Oh, die 
Ihr solche Dinge tut, überlegt, ob Ihr in der gleichen Weise behandelt werden 
möchtet, und ob es sich mit wahrem Christentum verträgt. Ihr überbietet 
Holland und Deutschland in solchen Dingen. Es bringt Euch in allen europä- 
ischen Ländern in Verruf, wenn sie dort hören, daß die Quäker hier Menschen 
in der gleichen Weise wie das Vieh verkaufen. Aus diesem Grunde zeigen 
manche keine Neigung, hierherzukommen. Denn wer könnte solches Tun ver- 
teidigen oder befürworten? Wir können es nicht; es sei denn, daß Ihr uns über- 
zeugt, daß Christen ein Recht haben, so zu handeln. Sagt, was könnte uns 
Schlimmeres widerfahren, als wenn Menschen uns rauben oder stehlen wollten, 
um uns von unseren Angehörigen zu trennen und als Sklaven in fremde Länder 
zu verkaufen? Einsehend, daß dies nicht die Art ist, in der wir mit uns ver- 
fahren sehen möchten, protestieren wir gegen diesen Menschenschacher. Und 
wir, die wir bekennen, daß es ungesetzlich ist, zu stehlen, müssen es gleichfalls 
unterlassen, Dinge zu kaufen, von denen wir wissen, daß sie gestohlen wurden. 
Wir sollten dagegen helfen, daß dieser Raub und Diebstahl unterdrückt werden. 
Die Sklaven aber sollten aus den Händen ihrer Räuber erlöst und in gleicher 
Weise freigegeben werden, wie in Europa. Dann wird Pennsylvanien einen 
guten Ruf erlangen, wohingegen es jetzt dieser Ursache wegen in anderen 
Ländern berüchtigt ist. Wir sollten dies um so mehr tun, als die Europäer be- 
gierig sind, zu erfahren, in welcher Weise die Quäker ihre Provinz regieren. 
Viele dieser Europäer beneiden uns. Wenn dies aber wohlgetan ist, was wäre 
dann vom Übel? 

Falls es diesen als dumm und hinterlistig verschrienen Sklaven einmal in 
den Sinn käme, sich zu vereinigen und für ihre Freiheit zu kämpfen und dann 



- 61 - 

ihre Herren und Herrinnen in der gleichen Weise zu behandeln, wie diese sie 
behandelten, werden dann diese Herren und Herrinnen zum Schwert greifen 
und diese armen Sklaven bekämpfen? Manche würden, wie wir glauben, nicht 
zögern, dies zu tun. Aber hätten diese Neger nicht ebensogut das Recht, für 
ihre Freiheit zu kämpfen, als wie Ihr das Recht zu haben glaubt, sie als Sklaven 
zu halten? 

Nun erwägt diese Angelegenheit wohl, ob sie gut oder böse ist. Falls 
Ihr es für recht befindet, die Schwarzen in solcher Weise zu behandeln, so bitten 
und ersuchen wir Euch hiermit liebevoll, uns darin zu belehren, was bis heute 
nie zuvor getan wurde, nämlich, daß es Christen ziemt, so zu verfahren. Einst- 
weilen werden wir uns über diese Angelegenheit zufriedengeben, und gleich- 
falls unsere guten Freunde und Bekannte in der Heimat beruhigen, für welche 
es ein Schrecken und Abscheu ist, daß Menschen derart in Pennsylvanien be- 
handelt werden. 

Dies ist von unsrer Versammlung in Germantown, abgehalten am 18. des 
2. Monats 1688. Zu übergeben an die Monatsversammlung bei Richard Worrells. 
Garret Hendericks. Derick up de Graeff. Francis Daniell Pastorius. 
Abraham up den Graeff." 

Die Monatsversammlung der Quäker fand das Dokument zu wichtig, als 
daß sie sich für zuständig hielt, einen Beschluß zu fassen. Sie überwies das 
Schriftstück der „Vierteljahrsversammlung', die dasselbe aus den gleichen 
Gründen am 4. April an die „Jahresversammlung" weitergab. Diese drückte 
sich am 5. Juli mit der Erklärung um die heikle Frage herum: „Es wurde hier 
eine von mehreren deutschen Freunden verfaßte Schrift eingereicht, welche die 
Frage der Gesetzlichkeit oder Ungesetzlichkeit des Kaufs und Haltens von Negern 
betrifft. Man kam dahin überein, daß es dieser Versammlung nicht zustehe, ein 
positives Urteil über diese so viele andere Dinge berührende Frage abzugeben. 
Aus diesem Grunde unterließ man es, auf die Angelegenheit einzugehen." 

Damit wurde das denkwürdige Schriftstück zu den Akten gelegt. Erst 
volle 1 55 Jahre später wurde es von dem Geschichtsforscher Nathan Kite wieder 
aufgefunden und am 13. Januar 1844 in der Quäkerwochenschrift „Friend" zum 
Abdruck gebracht. Das Original, ein stark verwitterter Bogen in Folioformat, 
befindet sich noch heute im Besitz der Quäkergesellschaft der Friends in Phila- 
delphia. 

Wenngleich der menschenfreundliche Pastorius die Abschaffung der 
Sklaverei nicht erlebte, so durfte er sich doch versichert halten, daß seine An- 
regung einst Früchte tragen werde. Bereits im Jahre 1711 kam in Pennsylvanien 
ein Gesetz zur Annahme: „An act to prevent the Importation of Negroes and 
Indians into the province." Es wurde zwar von der englischen Regierung so- 
fort für ungültig erklärt, aber schon 1715 begannen die Quäker ernstlich sich 
gegen den überseeischen Sklavenhandel auszusprechen. 1730 gingen sie schon 
so weit, das Kaufen importierter Sklaven zu mißbilligen. 



— 62 — 

Unterdessen war, was an dem edlen Pastorius sterblich, längst zu Staub 
zerfallen. Er schied gegen Ende des Jahres 1719 aus dem Leben und wurde 
auf dem alten Quäkerfriedhof von Germantown begraben. Kein Nachweis ist 
vorhanden, an welcher Stelle die Gebeine des edlen Mannes ruhen, von dem sein 
berühmter, ihm im Tode vorausgegangener Zeitgenosse und Freund William 
Penn einst sagte: „Vir sobrius, probus, prudens et pius, spectatae inter in- 




Altes Haus in Germantown, in dem der Protest gegen die Sklaverei verfaßt und 

geschrieben wurde. 

Nach einer alten Zeichnung. 

culpataeque famae'*; „Nüchtern, rechtschaffen, weise und fromm, ein Mann von 
allgemein geachtetem und unbescholtenem Namen". 

Auch nach Pastorius' Tode flössen die Jahre in Frieden über die deutsche 
Stadt hinweg. Keine Indianerkämpfe, Religionsstreitigkeiten oder Parteifehden 
wurden hier ausgefochten. Mit den benachbarten Quäkern, denen sich viele 
Mennoniten von Germantown förmlich anschlössen, unterhielt man die beste 
Fühlung. Zuwanderung aus Deutschland und den benachbarten Kolonien ließ 



— 63 — 

das Städtchen Germantovvn rasch emporblühen. Von diesem Zuwachs erwies 
sich keiner so wertvoll wie die Einwanderung eines aus Laasphe in Westfalen 
stammenden Mannes, C h r i s t o p h S a u r , der im Jahre 1727 in Germantown 
anlangte. 

Nicht an Gelehrsamkeit, sicher aber an Vielseitigkeit war er dem edlen 
Pastorius über. Sagt doch eine handschrifthche Notiz von ihm: „Er ist ein 
sehr ingenieuser Mann, ein Separist, der auf die 30 Handwerke ohne Lehrmeister 
erlernet. Denn als ein Schneider ist er dahin nach Amerika gereiset und nun 
ein Buchdrucker, Apotheker, Chirurgus, Botanicus, groß und klein Uhrmacher, 
Schreiner, Buchbinder, Concipient der Zeitungen, der sich alle seine Buch- 
druckerwerkzeuge selbst verfertigt; ziehet auch Bley und Drat, ist ein Papier- 
müller, u. s. W." 

In keiner seiner vielen Beschäftigungen erzielte Christoph Säur so große 
und nachhaltige Erfolge wie in der Druckerei. 

Die nach Pennsylvanien gekommenen deutschen Sektierer verfaßten zahl- 
reiche religiöse Erbauungsschriften, die sie in Philadelphia bei Andreas Brad- 
ford, Samuel Keimer und Benjamin Franklin drucken ließen. Sie mußten es 
sich allerdings gefallen lassen, daß ihre Andachtsbücher mit lateinischen Lettern 
gedruckt wurden, da gotische Typen bisher nicht nacli Amerika gebracht waren. 
Seidensticker zählt in seiner Monographie: „German printing in America" 
eine ganze Reihe solcher mit römischen Typen gedruckten Bücher auf. Welchen 
Wert die amerikanischen Drucker auf die Kundschaft der Deutschen legten, geht 
daraus hervor, daß Bradford im Jahre 1730 einen deutschen Kalender erscheinen 
ließ unter dem Titel: „Der Teutsche Pilgrim, mitbringend seinen sitten Ca- 
lender. Auf das Jahr nach der gnadenreichen Geburt unseres Herrn und Hey- 
iands Jesu Christ MDCXXXI." 

Benjamin Franklin wagte sich sogar an die Herausgabe einer deutschen 
Ausgabe seiner „Pennsylvania Gazette". Er kündigte dieselbe am U. Juli 1732 
mit folgenden Worten an: „Am nächsten Samstag wird die Philadelphische 
Zeitung, ein Blatt in Hochdeutsch, herausgegeben werden. Dieselbe wird alle 
vierzehn Tage Samstags erscheinen. Auf dem Lande wohnende Subskribenten 
können sie um zehn Uhr in Empfang nehmen. Anzeigen werden vom Drucker 
der Zeitung wie auch von Herrn Louis Timothee, Sprachlehrer angenommen, 
welcher dieselben übersetzt. 

Diese Zeitung war mit römischen Lettern gedruckt. Eine Kopie der 
zweiten Nummer vom 24. Juni 1732 befindet sich in den Sammlungen der 
Historical Society of Pennsylvania. Gleich an der Spitze dieser Zeitung läßt 
Franklin sich folgendermaßen vernehmen: „Wiewohl ich geglaubt hätte, daß 
sich unter denen teutschen Einv/ohnern dieses Landes mehr Liebhaber sollten 
gefunden haben, die dieses zumahl vor junge Personen so nützliche Werk, die 
Ausgabe der Zeitungen nehmlich, befördern, und dazu mit anstehen würden; 
so erstreckte sich doch die Anzahl derer, die sich dazu unterschrieben haben, vor 
jetzt nicht über 50. Nichtsdestoweniger habe ich auf meiner seilen nicht er- 



— 64 — 

mangeln wollen, damit einen Anfang zu machen, der Hoffnung lebend, daß sich 
noch mehrere einfinden werden, selbiges zu befördern, sonsten ich mich ge- 
nöthigt sehen würde, bald wieder damit aufzuhören." 

Da diese Ermunterung ohne Wirkung blieb, so stellte Franklin den Druck 
der „Philadelphischen Zeitung" wieder ein. Die geringe Teilnahme der deut- 
schen Bevölkerung an diesem Unternehmen erklärt sich dadurch, daß Franklin 
wiederholt Äußerungen getan hatte, aus denen starke Abneigung gegen 
alles Deutsche hervorleuchtete. 

Dem scharfen Blick Christoph Saurs entging es nicht, daß er sich eine 
lohnende Existenz gründen könne, wenn er in Germantown eine Druckerei er- 
öffne und bei der Vervielfältigung der von seinen Landsleuten verfaßten Schriften 
gotische Lettern verwende, die aus alter Gewohnheit von den Deutschen bevor- 
zugt wurden. Wie richtig er rechnete, beweist die Tatsache, daß fortan fast 
alle Werke der deutschen Sektierer in und um Germantown bei ihm verlegt 
wurden. 

Die Frage, ob Säur auch die ersten deutschen Lettern nach Amerika 
brachte, ist noch offen. Die Ansicht Seidenstickers, dies sei der Fall gewesen, 
wurde neuerdings durch den Fund eines im Besitz des Herrn JuHus Sachse in 
Philadelphia befindlichen, nut gotischen Lettern gedruckten Büchleins hinfällig, 
das die Jahreszahl 1728 trägt. 

Seidensticker erwähnt in einem für den „Deutschen Pionier" geschriebenen 
Aufsatz über „Deutsch-amerikanische Inkunabeln" mehrere Überlieferungen, wie 
es in Germantown zur Einrichtung einer deutschen Druckerei gekommen sei. 
Nach einer derselben hätten die aus Westfalen stammenden Tunker eine Drucker- 
presse nebst Lettern von ihren in der Heimat zurückgebliebenen Glaubens- 
genossen zugeschickt erhalten. Einer anderen Überlieferung zufolge habe der 
Tunker Jacob Gaus Presse und Lettern mitgebracht, um für die deutschen 
Sekten in Pennsylvanien religiöse Schriften zu drucken. Da er dazu nicht ge- 
schickt genug gewesen sei, habe er den Apparat müßig stehen lassen, der später 
von Christoph Säur erworben worden wäre. 

Unzweifelhaft nahm die deutsche Druckerei in Nordamerika erst mit Säur 
ihren Aufschwung. Er ergriff den neuen Beruf mit förmlicher Begeisterung, 
überzeugt, durch die Gründung einer deutschen Druckerei ein gottgefälhges 
Werk zu verrichten. So schrieb er in einem vom 17. November 1738 datierten 
Brief: „Womit finde ich Worte, den guten Gott zu loben? Ich bin ihm hoch 
verpflichtet! Mein Alles sey zu seinem Dienst und Verherrlichung seines Namens! 
Dieses war in Schwachheit meine Begierde und Verlangen vor das viele Gute, 
so mir die Zeit meines Hierseyns und meines gantzen Lebens wiederfahren. 
Darum habe ich auch gewünschet, eine deutsche Druckerei im Lande mir anzu- 
legen, die mir . . . gekauft und hierher befördert. Nun könnte man kein be- 
quemer Vehiculum finden, solches durchs ganze Land bekannt zu machen, als 
zuerst einen Calender zu drucken." 



— 65 — 

Dieser Kalender erschien unter dem Titel : 

Der Hoch-Deutsch 

Amerikanische Calender 

auf das Jahr 

nach der gnadenreichen Geburt unseres 

Herrn und 

Heylands Jesu Christi 

1739. 

Er enthielt neben den üblichen Mitteilungen allerhand nützliche Be- 
lehrungen über Pflanzenkunde, Gesundheits- und Krankheitspflege, Geschichte, 
Länder- und Völkerkunde und dergleichen mehr. Dem Kalender folgte noch im 
selben Jahre ein von den Klosterbrüdern zu Ephrata zusammengestelltes, 
792 Seiten umfassendes Gesangbuch. Dasselbe war „allen in der Wüsten 
girrenden und einsamen Turteltäublein" gewidmet und trug den wunderlichen 
Titil: „Zionitischer Weyrauchs-Hügel oder Myrrhen-berg, worinnen allerley 
liebliches und wohlriechendes, nach Apotheker-Kunst zubereitetes Rauch-Werk 
zu finden." 

Es bezeugt gewiß den Wagemut Saurs, daß er, nachdem dieses Werk 
kaum fertig war, schon zur Herausgabe einer deutschen Zeitung schritt. Die- 
selbe erschien am 20. August 1739, hatte vier doppelspaltige Seiten von 13 Zoll 
Höhe und 9 Zoll Breite und trug den Titel : „Der Hoch-Deutsch Pennsylvanische 
Geschichtsschreiber oder Sammlung wichtiger Nachrichten aus dem Natur- und 
Kirchenreich." 

Dieser Erstling der deutsch-amerikanischen Zeitungspresse sollte dem 
ursprünglichen Plan des Herausgebers zufolge viermal im Jahre erscheinen. 
Die Zeitung schlug aber gleich mit ihrer ersten Nummer so gut ein, daß Säur 
sich entschloß, sie jeden Monat erscheinen zu lassen. Im Jahre 1748 konnte sie 
bereits halbmonatlich erscheinen. Drei Jahre später belief sich die Auflage 
bereits auf 4000 Exemplare, die über das ganze östliche Pennsylvanien Ver- 
breitung fanden. 

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Säur seine Zeitung nicht nur druckte, 
sondern auch selbst zusammenstellte. Er befleißigte sich dabei der größten Ge- 
wissenhaftigkeit. Nichts war ihm so peinlich, als wenn in seine Zeitung Nach- 
richten hineingerieten, die sich später als falsch erwiesen. 

Für die Uneigennützigkeit Saurs im Verkehr mit seinen Abnehmern zeugt 
die Tatsache, daß er, obwohl dieselben statt der ursprünglich angekündigten 
vier Nummern jährlich zwölf erhielten, den Subskriptionspreis von 3 Schillingen 
(40 Cents) unverändert beibehielt. Daran wurde auch nicht gerüttelt, als später 
das Blatt halbmonatlich und endlich als „Germantowner Zeitung" wöchentlich 
herauskam. Als Grund hierfür gab Säur die Erklärung, daß den größeren Aus- 
lagen für Zusammenstellen, Druck und Papier auch größere Einnahmen aus 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



— 66 — 



den Anzeigen gegenüberständen und daß ein ehrlicher Mann sich nicht doppelt 
bezahlt machen dürfe. 

Im Jahre 1742 schritt Säur zu dem in Anbetracht damaliger Verhältnisse 
erstaunlichen Unternehmen, eine deutsche Bibel zu drucken, wozu er neue Typen 
aus Frankfurt a. M. bestellte. Bereits im Sommer 1743 konnte der 1272 Seiten 

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auSjubreiUn/ ober ÜCuljm. unb iXtu^enju 
fticben, fonömi nxnl man e^mabfen wxi 
fprpfl^en, Mc nütjlu^ftpunö nricfittgfTe @c< 
ffbirf^feu. '3?Sf^<^'^bf'''?n betont .uiTnarffjfa, 
unö (pxihi mnt 6enc!müröigc Gcfrfpif^'^f/ 
wannfieDert^DJcnff^en juObrcnunb (5Je* 
fiffjtf fomnieri,bffter« tifffern^irtörucf uni^ 
OTacl^ömcfm megm . afs^ ^inge Me ba 
topdcb Poi'fDminm; fo roßHe riioa bann. 
hirrm\t fiiun. Anfang mocbiTi, n-uf folr^en 
^?i fl5)P n t5Lf|"fr 3^11 fo j-n bieffinurib aabeta 



bm. ta-jö Öffnung es! n)erb(>ntcl?t of)ne eihi# 
gen ?f?a(jm, -memgft bev 2lufn?ech.ing unJ> 
bei ^^u.f[fcfxiuenä bek7 emtgen, bieejffeffn 
fcbaffen. 2lud) motzten n)ol;[ fünfftiö ^l* 
ntgcanm^rcfungen unb ber^eit bienliff)« 
•fragen er nf tli rben©e:Ti iit b em junT92atl)|im 
ncn, (sber aurf? mobleinige aufricf^tige 5ini 
tt>ort t)arauf|useben/\n bergleicbcnSam'/ 
lung ^»erQU&gegeben lüer^cn beriefet 
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l>or rrmi^ 5ci[)ren hörte vi\o.n, baJ5 ^er 
perfianer unb bcr^rürftegröfCenilTicg 
bfl((en ; faumibftfte(i>erP(nrfianermif'6nn 
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t)en ^Jurc^en ; ba(b lucn öpfe ful? (W ^[^^^^ 
uin, un^fifgtmöie'cJürfEmMc^öc^neye'" 
funoc^ bey^erfcit^ mitfinancSeiju ^l(ic 
älfoau(^()piÄavpr ;mt ^em'Cur^m 



en 



■codi 



Titelblatt der ersten mit deutschen Lettern in Amerika gedruckten Zeitung. 

starke Quartband den Subskribenten ausgeliefert werden, wobei Säur das Exem- 
plar um zwei Schillinge billiger als den ursprünglich auf 14 Schillinge festge- 
setzten Preis abgab. „Für Arme und Bedürfftige'', so kündigte er ip seiner 
Zeitung an, „ist kein Preis". 

Für die Geschichte der Buchdruckerkunst in Amerika ist die Saursche Bibel 
insofern von besonderer Wichtigkeit, als sie die erste in europäischer Sprache 



BIBLIA, 





iüe0 unt) üeue0 



tUvunU, 



. Sarnn ^ucßer«/ 

^it itM Sapitef^ tnt^tn (Summarien ^ au* 

Mfl einem mf)mQ 

Se^ dritten unb Werten Sdnd^i (£frd un5 beg 

brimn ^ud)^ ber 501accab(Jer, 



^ermantorDn: 

©ebrucft kn |5briftop& ^aur^ 1743. 

Titelblatt der ersten in Amerika gedruckten deutschen Bibel 



— 68 — 

auf der westlichen Erdhälfte hervorgebrachte Bibel ist. Ihr ging nur eine im 
Jahre 1663 in der Sprache der Massachusettsindianer gedruckte Bibel voraus, 
welche von dem Missionär Eliot hergestellt war. Eine englische Bibelausgabe 
erschien in Amerika erst 40 Jahre nach der deutschen. 

In den Jahren 1763 und 1776 veranstalteten die Söhne Saurs noch zwei 
Neuauflagen der Bibel. Der Gesamtverlag umfaßte, bevor im Revolutions- 
krieg schweres Unglück über die Saursche Familie hereinbrach, 150 Werke des 
verschiedensten Inhalts. Saurs Druckerei befand sich in einem höchst beschei- 
denen Hintergebäude seines in Germantown gelegenen Wohnhauses. Leider 




Christoph Saurs Wohnhaus und Druckerei. 

mußten beide Gebäude in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einem Neubau 
weichen. Dem eifrigen Betreiben des wackem Druckers Christoph Säur ist 
die Errichtung der Germantown Academy zu danken, die im Jahre 1761 er- 
öffnet wurde und noch heute besteht. Ihr Lehrpersonal bestand zunächst aus 
einem deutschen und einem englischen Lehrer, sowie einem Hilfslehrer. 

Daß im Jahre 1690 in Germantown auch die erste Papierfabrik in Amerika 
errichtet wurde, möge nebenbei bemerkt sein. 

So knüpfen sich an den Namen Germantown mancherlei Vorgänge, die 
nicht bloß für die Geschichte des Deutschtums in Amerika, sondern überhaupt 
für die Kulturgeschichte der Neuen Welt von hervorragender Bedeutung sind. 
Kein Historiker, der es unternehmen wollte, die kulturelle Entwicklung 



— 69 — 

Amerikas, insbesondere der großen transatlantischen Republik, zu schildern, 
dürfte versäumen, Germantowns und seiner Gründer zu gedenken. 

Germantown blieb nicht die einzige Mennonitenniederlassung der Neuen 
Welt. Durch den Erfolg ihrer Glaubensgenossen angeregt, kamen bald andere 
Mennoniten aus Deutschland, England und der Schweiz. Besonders stark war 
ihr Zuzug während der Jahre 1709, 1717 und 1726. Ihr Hauptsitz wurde der 
pennsylvanische Kreis Lancaster, von wo die Mennoniten sich später über andere 
Teile Pennsylvaniens sowie über West-Virginien, Virginien, Ohio, Tennessee, 
Indiana und Illinois ausbreiteten. 

Nach 1730 erhielt die Sekte wenig Zufluß aus Europa. Erst in den Jahren 
1873 bis 1878 schnellte ihre bereits 60 000 betragende Kopfzahl um nahezu 
100 000 empor. Dieser gewaltige Zuwachs bestand aus Mennoniten, die im 
18. Jahrhundert nach Westpreußen und später, um der Militärpflicht zu ent- 
gehen, nach Rußland ausgewandert waren, wo man ihnen nicht nur volle 
Glaubensfreiheit, sondern auch Befreiung vom Militärdienst und Kriegssteuern 
zugesichert hatte. Als die russische Regierung im Jahre 1871 diese Freiheiten 
aufhob, verkauften die Sektierer ihre blühenden Wohnsitze, um nicht genötigt 
zu sein, durch das Tragen von Mordwaffen gegen ihr Gewissen handeln zu 
müssen. Sie wandten sich nach den noch wenig besiedelten, in ihrem land- 
wirtschaftlichen Charakter den südrussischen Steppen ähnlichen Staaten Kansas, 
Nebraska, Minnesota, Dakota und Kanada, wo sie, deutsches Wesen und 
deutsche Sprache treu bewahrend, durch Fleiß, rechtschaffenes Leben sowie 
durch ihre Erfolge die Achtung aller Amerikaner erwarben. 




Schlußvignette: Das Siegel von Germantown. 



Die Labadisten und Rosenkreuzer. 



Das von den Kre- 
felder Mennoniten ge- 
gebene Beispiel veranlaßte 
viele der in Deutschland 
schweren Bedrängnissen 
ausgesetzten Sekten zur 
Nachfolge. Noch war kein 
Jahr seit der Landung 
der Krefelder in Phila- 
delphia verstrichen, als in 
Friesland die Labadisten 
sich zur Übersiedlung 
nach Amerika anschickten. 
Sie waren Anhänger des 
im Jahre 1610 geborenen 
französischen Jesuiten d e 
1 a B a d i e , der nach 
seinem Übertritt zum Pro- 
testantismus in Frankreich, 
der Schweiz, den Nieder- 
landen, in Norddeutsch- 
land und Holstein mehrere 
Gemeinden gegründet 
hatte. Eine in dem friesi- 
schen Städtchen Wieward 
bestehende Labadistenge- 
meinde sandte bereits im 
Jahre 1679 zwei erprobte 
Männer, Petrus Schlü- 
ter oder Sluyter, und 
Jaspar Dankers, nach 
Amerika, um dort einen 
Landstreifen anzukaufen, der sich für eine Niederlassung eigne. Die beiden 
entschieden sich für ein 3750 Acker großes Grundstück an dem in Maryland ge- 
legenen Bohemiafluß, welches zum Besitz des in einem früheren Abschnitt er- 
wähnten Landvermessers Augustin Herrman gehörte. 




Johannes Kelpius. 

Nach einer alten Malerei im Besitz der Historical Society of Pennsylvania 



Der Kaufakt wurde am 11. August 1684 vollzogen. Als bald darauf 
die 100 Köpfe starke Hauptschar der Labadisten eintraf, begann dieselbe sofort 
mit dem Bau eines Klosters. Seine Insassen entschlossen sich, in Gütergemein- 
schaft zu leben. Niemand durfte — auch im Fall seines Austritts — etwas 
vom Gesamtvermögen beanspruchen. 

Da Trennung der Geschlechter und strenge Enthaltsamkeit zu den Grund- 
sätzen der Labadisten gehörte, so wurden der Sektierer im Lauf der Jahre immer 
weniger. Bereits um das Jahr 1724 war die ganze Kolonie ausgestorben, ohne 
irgendwelchen Einfluß auf die Kultur Amerikas ausgeübt zu haben. 

Ebenso unfruchtbar blieb der Zuzug einer anderen Schar von Sektierern, 
die am 23. Juni 1694, 40 Personen stark in Philadelphia anlangte und großes 
Aufsehen erregte. Ein Teil der Ankömmlinge war in grobe Pilgergewänder 
gekleidet; andere trugen die Talare der deutschen Gelehrten und Studenten 
oder die bunte Tracht mitteldeutscher Landbewohner. Nicht minder erregte 
es Befremden, als bei Anbruch der Dunkelheit die seltsamen Gäste hinauszogen 
und auf einem Hügel unter geheimnisvollen Zeremonien ein St. Johannis- oder 
Sonnewendfeuer entzündeten, wohl das erste, welches auf der westlichen Erd- 
hälfte emporflammte. 

Die seltsamen Gäste waren sogenannte „Rosenkreuzer", die in den Wild- 
nissen Amerikas eine theosophische Gemeinde gründen wollten. Ihr Führer 
war Johann Kelpius, „Dokter der Freien Künste und Weltweisheit". 

In der Stadt der Bruderliebe bewies man den Fremdlingen großes Ent- 
gegenkommen. Ein Bürger, Thomas Fairman, schenkte ihnen sogar ein 
175 Acker großes Grundstück, das in der wildromantischen Einöde am 
Wissahickonbach lag. Dorthin siedelten die Mystiker über und bauten auf dem 
höchsten Punkt des Landes ein großes Blockhaus, dessen Seiten genau nach 
den vier Hauptpunkten des Kompasses gerichtet v/aren. 

Es umschloß einen für die gemeinschaftlichen reli.giösen Übungen be- 
stimmten Saal sowie eine Anzahl zellenartiger Kammern, die den Theosophen 
als Wohnung dienten. Auf dem Dach erhob sich ein Observatorium, wo die 
frommen Brüder mit einem Fernrohr beständig Ausschau hielten, ob am Firma- 
ment gewisse Zeichen das Nahen des sehnsüchtig erwarteten himmlischen Bräuti- 
gams und den Anbruch des tausendjährigen Reiches verkünden möchten. Da 
diese Ereignisse ihrer Meinung nach jederzeit eintreten konnten, so sollte der 
himmlische Bräutigam sie nicht unvorbereitet finden. Außer dem Observatorium 
besaß das Tabernakel — so nannten die Einsiedler ihr Blockhaus — noch eine 
Besonderheit : das hoch an einer Stange aufgerichtete Zeichen der Rosenkreuzer, 
ein in einem Kreise stehendes Kreuz, das uralte Symbol des Sonnenjahres. 

Nachdem die Theosophen für ihr Haus gesorgt, begannen sie das um- 
liegende Land zu bestellen. Außer Getreide und Gemüse zogen sie allerhand 
Heilkräuter, deren Samen sie aus Deutschland mitgebracht hatten. 

Den größten Teil ihrer Zeit verbrachten die Rosenkreuzer mit frommen 
Betrachtungen. Zu stiller Einkehr, zum Grübeln über die Rätsel des Lebens 



— 72 — 

und die Geheimnisse des Jenseits waren die Wälder am rauschenden Wissaliickon 
allerdings wie geschaffen. Z.wischen ragendem Geklipp und unter tausend- 
jährigen Eichen, Buchen und Fichten gab es überall Plätze, die durch ihre 
Weltentrücktheit und Stille zu philosophischen Betrachtungen einluden. Höchst 
selten wurden die frommen Einsiedler durch Besucher gestört, denn die Be- 
wohner der Umgegend hielten sich in scheuer Ehrfurcht fern, zumal sie glaubten, 
daß die Einsiedler im Besitz geheimnisvoller Kräfte seien, die „weiße Magie" 
verstünden, Umgang mit unsichtbaren Geistern hielten und ihre Seele nach 
Wunsch vom Körper loszulösen vermöchten. 

In der Tat gab es bei den Rosenkreuzern manches, was befremden konnte. 
Schon der Name, den die Theosophengemeinde sich zugelegt hatte, war seltsam 
genug. Er war den Versen 1 und 6 des 12. Kapitels der Offenbarung Johannis 
entlehnt, wo es heißt: „Es erschien ein großes Zeichen am Himmel: ein Weib 
mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen. Auf ihrem Haupt 
trug es eine Krone von zwölf Sternen." Und weiter: „Dies Weib entfloh in 
die Wüste, wo es eine von Gott hergerichtete Stätte hatte, daß sie daselbst 
ernähret würde tausend zweihundert und sechzig Tage." Nach diesen Versen 
nannten die Theosophen sich ,.Das Weib in der Wüste". Sie verstanden unter 
diesem Namen eine Gemeinschaft von Auserwählten inmitten der Wüste der vom 
wahren Glauben abgewichenen Christen. 

In dieser Wüste warteten sie der Wiederkunft Christi. Mit welch heißer 
Inbrunst Kelpius diesem Ereignis entgegensah, bekundet folgende seiner noch 
erhaltenen Dichtungen : 

„O quälende Liebe! O süßeste Plag! 
Verlege, verschiebe nicht länger den Tag! 
Verkürze die Zeiten, laß kommen die Stund! 
Denk an den getreuen, gnädigen Bund! 
Und mache denselben für alle Welt kund!" . . 

Aber Jahr auf Jahr rollte dahin, ohne daß der Seelenbräutigam erschien. 
Verzagend ließen manche Brüder in ihrem frommen Eifer nach und zogen nacli 
Germantown, um wieder am bürgerlichen Leben teilzunehmen. 

Auch die Zurückgebliebenen wurden lässiger in ihren religiösen Übungen. 
Ja, sogar das Observatorium, auf dem man so lange Wacht gehalten, verein- 
samte. Nur Kelpius harrte mit wenigen Gestählten aus, obwohl ihre Ungeduld 
sich häufig zu förmlicher Seelenqual steigerte. Einzelne seiner Gesänge legen 
davon Zeugnis ab. Tief niedergeschlagen brach er in die Worte aus: 

„So manches kummervolle Jahr 

Hab ich nun dein geharret, 

Doch ach! umsonst, ich furcht' fürwahr, 

Ich werd' doch eingescharret, 

Eh ich dich seh'. 

Eh denn ich steh' 

Geschmückt zu deiner Rechten 

Gekrönt mit den Gerechten." 



— 73 — 

In dem Wahn, in seiner Selbstlcasteiung noch nicht genug getan zu haben, 
Heß Kelpius in der Nähe einer noch heute seinen Namen tragenden Quelle eine 
künstliche Höhle herrichten, in die er sich mit seinen Büchern und wissenschaft- 
lichen Apparaten zurückzog, um völlig ungestört seinen Gedanken nachhängen 
zu können. Aber infolge des langen Verweilens in diesem halbunterirdischen 
feuchten Raum zog der dürftig gebaute, durch frugales Leben geschwächte 
Gelehrte sich eine starke Erkältung zu, die in Schwindsucht überging. 

Kelpius hatte gehofft, daß er nicht dem Tode verfallen, sondern von Gott 
„überschattet" und gleich Elias zum Himmel emporgetragen werde. Die drei 
letzten Tage vor seinem Tode verbrachte er mit inbrünstigen Gebeten und unter 
Anrufung des Herrn. Als aber kein Zeichen ankündigte, daß sein Sehnen 
erfüllt werde, brach er in tiefe Klagen aus, daß ihm nicht beschieden 
sei, was er so inbrünstig erstrebt habe. „Nichts bin ich als irdischer Staub; 
und zum Staube werde ich zurückkehren. Es ist bestimmt, daß ich sterben 
soll gleich allen andern Adamskindern!" 

Kurz vor seiner Auflösung berief er, wie in den an allen religiösen Vor- 
gängen Amerikas Anteil nehmenden „Hallischen Nachrichten" (p. 1265) aus- 
führlich erzählt ist, seinen Diener und Freund Daniel an sein Lager und über- 
gab ihm eine versiegelte Schachtel mit dem Befehl, dieselbe unverzüglich in 
den Schuylkillfluß zu werfen. Daniel aber dachte, daß die Schachtel einen 
Schatz enthalte, der ihm von Nutzen sein könne. Deshalb habe er den Befehl 
nicht erfüllt, sondern die Schachtel am Ufer versteckt. Als er zu dem Sterbenden 
zurückkam, habe dieser ihm scharf in die Augen geschaut und ihm die Nicht- 
erfüllung des Befehls vorgehalten, worauf Daniel tief erschrocken über die 
Allwissenheit seines Herrn schleunigst an den Fluß zurückkehrte und die 
Schachtel ins Wasser warf. Kaum kam sie mit demselben in Berührung, als sie 
unter Blitz und Donner zersprang. Als Daniel an das Bett des Sterbenden 
zurückkehrte, rief dieser „Es ist vollbracht!" Gleich darauf, im April 170S, 
hauchte Kelpius, kaum 35 Jahre alt, seine Seele aus. Die wenigen Über- 
lebenden seiner Gemeinde begruben ihn unter geheimnisvollen Zeremonien bei 
Sonnenuntergang. Als die letzten Strahlen über das Gelände glitten, ließen 
sie den einfachen Sarg unter den feierlichen Klängen des „De Profundis" in 
die Gruft hernieder, aus der im selben Augenblick eine bereitgehaltene weiße 
Taube sich himmelwärts in die Lüfte schwang. Mit gefalteten Händen sahen 
die Trauernden ihr nach, dreimal die Worte rufend: „Gott gebe ihm eine 
selige Auferstehung!" 

Nach Kelpius Tode ließ die Auflösung der Theosophengemeinde sich 
nicht länger verhüten. Ein Glied nach dem andern fiel ab. Manche gerieten, 
wie die Chronik des benachbarten Klosters Ephrata berichtete, „ans Weib", 
andere schlössen sich den um jene Zeit ins Land einwandernden Mährischen 
Brüdern oder Herrnhutern an oder zogen mit Conrad Beissel, dem merkwür- 
digen Begründer der Sekte der „Erweckten" nach den Wildnissen am Conestoga. 

Der letzte Rosenkreuzer hieß Conrad Matthäi. Man sah ihn nur selten; 



— 74 — 



dann aber verfehlte seine Erscheinung nicht, auf alle tiefen Eindruck zu machen. 
Er trug stets ein aus grobem ungefärbtem Zeug hergestelltes Pilgerge- 
wand, das bis auf die mit Sandalen bekleideten Füße reichte. In den Händen 
trug er einen langen Pilgerstab, auf den von weißen Locken und einem wallenden 
Bart umgebenen Haupt einen breitkrämpigen Hut, an dessen Vorderseite eine 
Pilgermuschel befestigt war. Die Augen des ehrwürdigen Eremiten leuchteten 
stets in eigentümlichem überirdischem Feuer; über der ganzen Erscheinung 
ruhte der Hauch des Weltentrückten. 

Im August des Jahres 1748 erlag auch dieser letzte Theosoph dem All- 
bezwinger Tod. Sein Wunsch, zu Füßen seines Meisters Kelpius begraben zu 
werden, wurde von der zionitischen Brüderschaft Ephratas erfüllt. 

So ruhten nan alle im Schatten ihres zerfallenen Tabernakels, die Brüder 
einer Gemeinde, in deren Herzen das heilige Feuer m-ittelalterlicher Schwärmerei 
noch einmal in hellen Flammen emporgeflackert war. Durchdrungen von der 
Überzeugung, daß die Verheißung der Bibel in Erfüllung gehen und eines Tages 
das tausendjährige Reich anbrechen werde, hatten sie in den Wildnissen 
Amerikas ein an Mühseligkeiten und Entbehrungen reiches Leben geführt. Sich 
als Fremdlinge auf dieser Erde betrachtend, schlummerten sie, an ihrem Glauben 
unverrückt festhaltend, in die Ewigkeit hinüber. 



.r^.' 








Schlußvignette: Kelpius' Höhle. 



Die Tunker und das Kloster Ephrata. 




Fast gleichzeitig mit den Mennoniten er- 
schienen in Pennsylvanien die Tunlcer oder Dunker, 
die ihren Namen davon erhielten, daß sie die Taufe 
durch dreimaliges Untertauchen oder Tunken des 
ganzen Körpers vollziehen und diese Handlung als 
die allein richtige Taufe betrachten. In ihren 
sonstigen Ansichten sind sie den Mennoniten eng 
verwandt. Die Sekte nahm im Jahre 1708 in 
Schwarzenau bei Berleburg ihren Ursprung. Es 
fanden sich daselbst acht Personen im Hause des 
Alexander Mack zusammen, um in sorgfältigem 
Studium der Bibel den wahren Glauben zu suchen, 
den ihrer Meinung nach die Kirchen nicht zu er- 
fassen vermocht hatten. Eine Zweiggemeinde ent- 
stand in Marienborn; beide Gemeinden aber zogen, 
als die Regierung die in den Flüssen vorgenom- 
menen Taufakte nicht länger gestatten wollte, in 
den Jahren 1719 und 1729 nach Pennsylvanien, 
in die Nähe von Germantown. Zweigniederlassun- 
gen entstanden später in Maryland, Virginien, Ohio, 
Indiana, Kansas, Missouri und Texas. Im Jahre 1896 zogen 2500 Tunker nach 
Norddakota, um neue Kolonien zu gründen. Die Gesamtzahl der Tunker, die 
in Deutschland völlig ausgestorben sind, beläuft sich in den Vereinigen Staaten 
auf über 100 000. Sie unterhalten 1100 Kirchen, 10 Colleges und über 
2500 Pfarrer. 

In Tracht und Lebensweise nahmen sie seit ihrem Verweilen in Amerika 
mancherlei EigentümHchkeiten an. Stoff, Farbe und Schnitt der Kleidung, die 
Tracht des Haares und Bartes werden auf den Jahresversammlungen genau 
bestimmt. Diese Vorschriften erstrecken sich auf die geringfügigsten Kleinig- 
keiten, ob z. B. die Kleider durch Knöpfe oder Haken zu schließen und wie 
die Haare zu scheiteln sind. Die Erörterung solcher Fragen führte bisweilen 
zu Disputen, ja zur Absonderung einzelner Gemeinden, die dann für sich neue 
Sekten bildeten. So zweigte sich die nach ihrem Führer Jacob Amman 
genannte Amisch Sekte ab, welche wiederum in mehrere Gruppen zerfällt. 



Konrad Beissel. 

Nach einer gleichzeitigen Silhouette. 



— 76 — 

Schon bald nach der Ankunft der Tunker in Pennsylvanien trennte sich 
von ihnen eine kleine Schar von Mystikern, die gleich den Labadisten und Rosen- 
kreuzern streng religiöses Leben auf die Spitze trieben. Ihr Oberhaupt war 
der Pfälzer Konrad Beissel aus Ebersbach (geb. im März 1696). Sie 
zogen sich in die Einsamkeit am Cocalicofluß zurück und bauten dort im 
Jahre 1735 ein Kloster, das unter dem Namen Ephrata weithin bekannt wurde. 
Es bestand aus einem großen Versammlungshause, dem Brüderhaus Bethanien 
und dem Schwesternhaus Saron. Die Gebäude standen im Dreieck zueinander. 
Das Zölibat war den Insassen des Klosters, deren Zahl sich auf etwa 300 belief, 
nicht streng vorgeschrieben, aber sehr bevorzugt. Sämtliche Angehörigen, aucli 




Ein Liebesmahl der Tunker. 



die verheirateten Familien, die sich in eigenen Hütten in der Nähe des Klosters 
ansässig machten, verpfHchteten sich zur Gemeinsamkeit alles Eigentums, trugen 
im Sommer weißleinene, im Winter weißwollene Ordensgewänder, lebten von 
Pflanzenkost und Quellwasser und schliefen in engen Zellen auf Bretterbänken 
mit einem Holzklotz als Kopfkissen. Ein Schrank und ein Stundenglas vollen- 
deten das Mobilar. Nächtliche Gebetversammlungen, Liebesmähler und Fuß- 
waschungen waren für ihren Gottesdienst bezeichnend. Der Samstag wurde als 
Sabath streng gefeiert, wohingegen man am Sonntag gewöhnliche Arbeiten ver- 
richtete, Vom Volk wurden sie daher die „Siebentäger" genannt. Unter den 
Brüdern gab es verschiedene Männer und Frauen, die große Kenntnisse sowie 
Fertigkeit in Musik und Dichtkunst besaßen. Mit ihnen gründete Beissel einen 



77 — 



Chor, dessen Leistungen von allen Zeitgenossen, die das Kloster besuchten, 
sehr gerühmt wurde. Man bemühte sich in dem Gesang das Wehen und 
Klingen der damals sehr beliebten Äolsharfen nachzuahmen. Ein Engländer, 
der das Kloster besuchte, schreibt • „Die Schwestern saßen da mit zurückgelegten 
Häuptern. Die Mienen der infolge des strengen Lebenswandels bleichen und 
abgezehrten Gesichter waren feierlich und klagend. Die Kleidung war schnee- 
weiß und sehr male- ,^____ 

risch. Der Gesang der - - ' ■"-■ ' ' ■ l>ii 

Schwestern schien von 
Instrumenten zu kom- 
men; die Lippen wur- 
den kaum geöffnet, aber 
die süßen sanften Töne 
klangen so, daß sie 
bis in die tiefste Seele 
drangen. Dabei war 
der Gesang von einem 
bewundernswertenAus- 
druck, einer seltenen 
Bestimmtheit in Zeit- 
maß und Betonung. 
Ich war nahe daran, 
mich in einer Geister- 
welt zu glauben." Alle 
von diesem Chor ge- 
sungenen Lieder waren 
von Beissel oder ande- 
ren Mitgliedern des 
Ordens gedichtet und 
in Musik gesetzt. 

Um das Jahr 1740 
schaffte das Kloster 

auch eine Drucker- 
presse an, auf welcher 

zahlreiche religiöse 
Bücher in deutscher 

und englischer Sprache hergestellt wurden. Man hatte diese Erbauungsbücher 
früher bei William Bradford und Benjamin Franklin in Philadelphia, später bei 
Christoph Säur in Germantown drucken lassen. Als Beissel aber mit letzterem 
wegen religiöser Fragen in Meinungsverschiedenheiten geriet, erbauten die 
Ephratenser nicht nur eine eigne Papiermühle, sondern schafften auch eine Presse 
an, die noch jetzt im Museum der Flistorischen Gesellschaft zu Philadelphia 
aufbewahrt wird. 




Eine Klosterschwester von Ephrata. 

Aus einer im Kloster angefertigten Handschrift. 



— 78 



Aus dieser Presse gingen viele mit. absonderlichen Titeln versehene Bücher 
hervor, wie z. B. die Liedersammlungen : „Das Gesang der einsamen und ver- 
lassenen Turteltaube, nämlich der Christlichen Kirche. Von einem friedsamen 
und nach der stillen Ew^igkeit wallenden Pilger'*; „Ein angenehmer Geruch der 
Rosen und Lilien, die im Thale der Demuth unter den Dornen hervorwachsen — 
geistliche Lieder der Schwestern"; ferner „Das Paradisische Wunderspiel*' u. a. m. 
Das bedeutendste Erzeugnis der Presse zu Ephrata war ein mächtiger 
Großfolioband von 1514 Seiten, eine Übersetzung des im Jahre 1660 von Tile- 
mann Jans vom Braght in Holland geschriebenen „Märtyrerspiegels". Dieses 
Buch galt den Mennoniten als besonders wertvoll, weil es die Leidensgeschichte 
vieler Glaubensgenossen enthielt, die in den Niederlanden, der Schweiz und in 

Süddeutschland den Märtyrer- 
tod auf flammenden Scheiter- 
haufen oder durch das Richt- 
schwert erlitten hatten. 

Das Werk wurde in 
Ephrata zunächst von dem 
Bruder Peter Miller aus dem 
Holländischen ins Deutsche 
übersetzt. Über seine tech- 
nische Herstel- 
lung berichtet die 

„Chronik von 
Ephrata" folgen- 
dermaßen : 

„Nach geen- 
detem Mühlenbau 
wurde der Druck 
des Marterbuchs 
vor die Hand 

genommen, zu welcher wichtigen /Xrbeit fünfzehn Brüder ausgesetzt wurden, 
davon neun ihre Arbeit in der Druckerei hatten, nämlich ein Corrector, 
welcher auch Übersetzer war, vier Setzer und vier Preßleute ; die übrigen fanden 
ihre Arbeit in der Papiermühle. Mit diesem Buche hat man drey Jahre zu- 
gebracht, doch nicht anhaltend, weilen es oft an Papier gebrach. Und weilen 
während der Zeit sonst wenig Geschäfte im Lager (im Kloster) war, so ist 
darüber der Brüder Haushaltung tief in Schulden geraten, welche aber durch 
den starken Abgang des Buches bald getilgt wurden. Das Buch wurde in 
groß Folio gedruckt, enthielt sechzehn Buch Papier und war die Auflag 
1300 Stück. In einem mit den Mennoniten gehaltenen Rat war der Preiß auf 
20 Schilling auf ein Exemplar gesetzt, welches sie kann überzeugen, daß man 
zu desselben Druck gantz andere Ursachen als Gewinnsucht gehabt." — 

Ein Teil der Auflage dieses Märtyrerspiegels verfiel übrigens während des 




Die Handpresse des Klosters Ephrata. 

Jetzt im Besitz der Historischen Gesellschaft zu Pennsylvanien 






— 79 — 

Unabhängigkeitskrieges einem seltsamen Schicksal. Er wurde von den amerika- 
nischen Soldaten beschlagnahmt und zu Papierpfropfen für die Gewehre ver- 
arbeitet. 

Auch die mittel- 
alterliche Miniatur- 
malerei lebte in Eph- 
rata wieder auf. Vor- 
nehmlich unter den 
Ordensschwestern gab 
es manche vorzügliche 
Kalligraphen,die pracht- 
voll ausgeführte Manu- 
skripte für das Kloster 
anfertigten und die 
Wände des Versamm- 
lungssaales mit großen 

Erakturschriften und 
allegorischen Bildern 
verzierten. 

Nach dem am 
6. Juli 1768 erfolgten 
Tode Beissels fiel die 
Leitung des Klosters 
an Peter Miller, 
ehemaligen Doktor der 
Theologie an der Uni- 
versität zu Heidelberg. 
Er stand bis zu seinem 
1796 eintretenden Tode 
dem Kloster vor, daß 

dann aber verfiel 
und im Jahre 1814 
ganz einging. Ein bei 
Waynesboro gegründe- 
tes Zweigkloster erhielt 
sich bis in die neueste 
Zeit, besaß aber im 
Jahre 1890 nur noch drei hochbetagte Insassen. Von der Sekte der Sieben- 
täger sind in Pennsylvanien noch geringe Reste in den Grafschaften Franklin 
und Lancaster vorhanden. 

Gleich den bisher beschriebenen Sekten fanden auch die nach dem 
schlesischen Edelmann Kaspar Schwenkfeld von Ossing (geb. 1490, gest. 1561) 
benannten Schwenkfelder in Pennsylvanien eine Zuflucht. Schwenkfeld hatte in 



ober 

eprlßfen Iprijten/ 



1/ 

©ic um M Seu^nug 3^/u ihxß ee(i3inac()er^ mtn 

gelttten mmmb feynb gcro&rft mxUni Don SCbrifri Beiran 
51^ auf i)a0 3al)r i66o. 

Ift unb in <pollänbirc<)fr ©prad; heraus gegeben ^'"Sjnuiim geianu 

üon T. J. V. BRACH T. 

<niin ahn forflfältigff inö ^ocbieutfctje übenXjt unb aum fmenmaf anö C^t gebrockt, 




EPHRATAinPenfylvanien, 

^rugjin b ^erlagg Der ^rui)frfct)affr. Anno MDCCXLVm . 

Titelblatt des in Ephrata gedruckten Märtyrerspiegels. 



— 80 — 

Köln den Titel eines Doktors der Rechtswissenschaften und Philosophie er- 
worben. Seine Ansichten über die Lehre vom Abendmahl wichen von den- 
jenigen Luthers ab; so lehrte er, daß der Körper Christi ebenfalls göttlicher 
Natur sei. Dieser und einiger andern Besonderheiten wegen wurden er und 
seine Anhänger sowohl von den Lutheranern wie von den Katholiken verfolgt; 
ja, Kaiser Karl VI. forderte im Jahre 1725 die Schwenkfelder unter harten Straf- 
androhungen auf, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Die 
Sektierer aber zogen vor, nach der Neuen Welt überzusiedeln, wo sie, 184 Köpfe 
stark, am 22. September 1734 eintrafen. Ihre Niederlassungen befinden sich 
noch jetzt in den pennsylvanischen Grafschaften Berks, Montgomery und Lehigh. 
Wegen ihres Fleißes und ihrer Sparsamkeit sind die Schwenkfelder be- 
kannt. Schönere Farmen als die ihrigen gibt es im ganzen Lande nicht. Ihr 
Eigentum vererbt sich von Generation auf Generation. Niemals wird es zu- 
gelassen, daß ein Schwenkfelder bettelt oder gar in ein Armenhaus geht. Um 
dies zu verhüten, legten sie einen Armenfonds an, der aber selten in Anspruch 
genommen wird. Schon lange, ehe im Staate Pennsylvania das Volksschul- 
system eingeführt wurde, besaßen sie auch einen Schulfonds, aus welchem sie 
die Kosten der Erziehung ihrer Kinder bestritten. 



Die Salzburger in Georgia. 



Zu den religiösen 
Flüchtlingen zählten 
auch die protestanti- 
schen Salzburger, 
welche im Jahre 1734 
nach Georgia kamen. 
Sie waren Nachkom- 
men der im 13. Jahr- 
hundert in Südfrank- 
reich entstandenen Sekte 
der Waldenser, welche 
dort bekanntlich äußerst 
harten Verfolgungen 
ausgesetzt gewesen und 
endlich zur Aufgabe 
ihrer schönen Heimat 
Savoyen gezwungen 
worden war. Ein Teil 

dieser Flüchtlinge 
wandte sich nach den 
Tiroler und Salzburger 
Alpen, wo sie deutsche 
Sprache und Sitten an- 
nahmen, tüchtige luthe- 
rische Prediger erhielten 
und Luthers Bibel und 
Schriften lasen. Durch 
Fleiß und Genügsam- 
keit brachten sie es zu 
großem Wohlstand. 
Ein dauerndes Asyl war ihnen aber auch dort nicht beschieden. Die 
religiösen Verfolgungen begannen aufs neue. Ihre Prediger wurden vertrieben 
oder ins Gefängnis geworfen, einer sogar enthauptet. Im Jahre 1684 erließ 
der Erzbischof von Salzburg den Befehl, sämtliche Protestanten, die sich wei- 
gerten, in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren, des 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 6 




Pastor Johann Martin Bolzius. 



^ 82 — 

Landes zu verweisen. Es bedurfte der Vorstellungen aller protestantischen 
Fürsten Deutschlands, daß jene Verfügung den Beschlüssen des Westfälischen 
Friedens zuwiderlaufe, um den Widerruf jener Maßregel zu veranlassen. 

Dieselbe lebte aber in voller Härte wieder auf, als im Jahre 1727 Graf 
Leopold von Firmian Frzbischof von Salzburg wurde. Die Wiederherstellung 
der früheren Glaubenseinheit seines Erzbistums betrachtete er als sein höchstes 
Ziel. Wer nicht freiwillig dem Protestantismus entsagte und keine feste Wohn- 
stätte besaß, mußte innerhalb einer Woche das Land verlassen. Den Haus- 
besitzern und Landwirten gewährte man eine Frist von einem bis drei Monaten. 
Hatten sie innerhalb dieser Zeit nicht ihre Rückkehr zur römischen Kirche an- 
gekündigt, so sollten sie aller Bürgerrechte verlustig sein und der Acht verfallen. 

Die Proteste und Drohungen der reformierten Fürsten Deutschlands 
blieben diesmal ohne Wirkung und so begann im Dezember 1731 der Auszug 
der Protestanten aus Salzburg. Ihrer 30 000 verließen die ihnen so liebge- 
wordenen Gebirge, ohne zu wissen, wo sie neue Heimstätten finden würden. 

Aber es öffneten sich an anderen Orten Deutschlands, in Schwaben, 
Franken und Preußen, wohin die Kunde von dem Schicksal und guten Ruf 
der Auswandrer gedrungen war, tausend Arme, um sie gasthch aufzunehmen. 

Ihre Wanderung nahm den Charakter eines Triumphzuges an. Näherten 
sie sich einer protestantischen Stadt, so zogen die Prediger und Behörden an 
der Spitze der Einwohnerschaft den Fremdlingen entgegen und geleiteten sie 
unter dem feierlichen Geläute der Glocken in den Ort. Hier bewirtete man die 
Wandrer und erbaute sie durch zu ihren Ehren veranstaltete Kirchenfeierlich- 
keiten. Man stritt sich darum, wer sie beherbergen dürfe. Zum Andenken an 
ihren Durchzug prägte man silberne Denkmünzen. Mehrere protestantische 
Fürsten, vor allen der edle König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, boten 
ihnen Ländereien an. 

Eine in warmen Worten gehaltene Einladung zur Übersiedelung nach 
Amerika kam auch aus der südlich von Virginien und Karolina gegründeten 
englischen Kolonie Georgia. Die Leiter derselben hatten im Juni des 
Jahres 1732 von der englischen Regierung die Genehmigung zur Organisierung 
der Kolonie unter der Bedmgung empfangen, daß man daselbst „den armen 
Bewohnern Englands wie auch den bekümmerten Salzburgern und andern 
Protestanten eine Zuflucht eröffne". . 

Man hatte in England von dem traurigen Schicksal der Salzburger durch 
den Augsburger Pfarrer Samuel Urlsperger Kunde erhalten, und an demselben 
herzlichen Anteil genomen. Als man den Salzburgern sogar Schiffe zur freien 
Überfahrt zur Verfügung stellte und die „Society for the Propagation of 
Christianity" in London die Reisekosten der Auswandrer bis Rotterdam zu 
tragen übernahm, entschlossen sich zunächst 50, insgesamt 91 Köpfe zählende 
Familien, der Einladung zu folgen. Sie versammelten sich in Berchtesgaden, 
und begaben sich dann unter der Führung des Freiherrn von Reck zunächst 
nach Rotterdam, wo sie am 27. November 1733 eintrafen. Hier gesellten sich 



- 83 — 

die vom Waisenhaus in Halle entsandten Pastoren Johann Martin 
Bolzius und Israel Christian Gronau zu ihnen, um der kleinen 
Gemeinde fortan als geistliche Berater zu dienen. 

Die Ankunft der Salzburger in Georgia am 12. März 1734 gestaltete sich 
zu einen förmlichen Festtag. Die Neulinge wurden mit Kanonensalven begrüßt 
und aufs herzlichste bewillkommt. Sie fanden unter den Bewohnern der ein 
Jahr zuvor angelegten Stadt Savannah auch bereits einige Deutsche. Der 
menschenfreundliche Leiter der Kolonie, General Oglethorpe, stellte den Salz- 
burgern anheim, ein ihnen zusagendes Stück Land zur Anlage einer Ortschaft aus- 
zuwählen. Sie entschieden sich für einen 24 englische Meilen von Savannah 
entfernten Platz, der an einem Nebenfluß des Savannah inmitten ungeheurer 
Fichtenwälder lag. 

Dort schlug man Zelte und Blockhütten auf und nannte diese Ansiedlung 
Ebenezer, „bis hierher hat der Herr geholfen". 

Leider machte der ungesunde Charakter der Gegend bald eine Verlegung 
der Ansiedlung an eine günstigere Stelle nötig. Diese fand sich direkt am 
Ufer des Savannah, wo nun die Niederlassung Neu-Ebenezer entstand. Die 
Entwicklung dieser Ortschaft hat mit derjenigen von Germantown viel Gemein- 
sames. Auch hier gab es manches Ungemach, aber die an harte Arbeit Ge- 
wöhnten ertrugen dasselbe mit christlicher Geduld und in der Zuversicht, daß 
ihrem Fleiß, ihrer Ausdauer der Lohn nicht fehlen könne. 

Bald stellte sich Verstärkung ein; 75 andere Salzburger langten im 
Jahre 1735 an, denen sich später noch mehrere kleine Nachschübe zugesellten. 
Im Jahre 1741 betrug die Bevölkerung von Ebenezer bereits 1200 Köpfe. 

Das Leben in Ebenezer war von arkadischer Einfachheit. Neben dem Acker- 
bau trieb man Viehzucht; als besondere Spezialität auch Seidengewinnung. 
Letztere war durch den Piemontesen Nicolas Amatis im Jahre 1739 nach Georgia 
übertragen worden. Pastor Bolzius bewog die Salzburger, die Seidenkultur 
aufzunehmen. Er sorgte für die Anpflanzung von Maulbeerbäumen und be- 
gründete dadurch in Ebenezer eine gewinnbringende Industrie, die um so 
lohnender wurde, als die englischen Kolonisten nach mehreren Mißerfolgen die 
Seidenkultur aufgaben. Bereits im Jahre 1751 sandten die Bewohner von 
Ebenezer 1000 Pfund Kokons und 74 Pfund Rohseide nach England, wofür sie 
110 Pfund Sterling erzielten. Um diese Industrie zu fördern, schenkten die 
Behörden jeder derselben sich zuwendenden Frau eine Haspelmaschine. Ferner 
bewilligten sie zwei Pfund Sterling zum Ankauf von Seiden würmern und An- 
pflanzen von Maulbeerbäumen. Auch der Anbau von Indigo wurde von den 
Salzburgern betrieben. 

Die beiden Pastoren Bolzius und Gronau erwiesen sich als echte Väter 
ihrer Gemeinde. Sich nicht bloß auf die geistliche Fürsorge beschränkend, 
nahmen sie an allen weltlichen Angelegenheiten lebhaften Anteil. Sie sorgten 
für den Bau einer Kirche, einer Schule und eines Waisenhauses. Das letzte 
richteten sie so vorzüglich ein, daß es den berühmten englischen Methodisten 

6* 



— 84 — 

George Whitfield geradezu begeisterte und ihm als Vorbild für seine Waisen- 
anstalt Bethesda diente. 

Der wackere Bolzius diente seiner Gemeinde 32 Jahre. Mit der Heimat, 
insbesondere mit dem in Augsburg wohnenden Prediger Samuel Urlsperger 
unterhielt er regelmäßigen schriftlichen Verkehr. Urlsperger redigierte seine 
Berichte über das tägliche Leben in Ebenezer mit großer Sorgfalt und gab sie 
unter dem Titel „Ausführliche Nachrichten von der königlich Großbritannischen 
Kolonie der Saltzburgischen Emigranten in America" in Buchform heraus. Sie 
bildeten die wichtigste Quelle zur Geschichte der Salzburger in Georgia. 

Aus ihr ist zu ersehen, daß auch die Salzburger Anstoß an der Einfuhr 
von Negersklaven in die englischen Kolonien nahmen. Wenn sie auch nicht, 
wie die Bewohner von Germantown gegen die Sklaverei öffentlichen Protest 
erhoben, so gaben sie ihre Abneigung doch so deutlich zu erkennen, daß sie 
die Opposition ihrer anglo-amerikanischen Nachbarn erregten. Um ihr Ge- 
wissen zu beruhigen, riefen sie die Meinung ihres Beraters Urlsperger in Augs- 
burg an. Dieser erwiderte folgendes: „Wenn ihr Sklaven nehmt als Christen 
und in der Absicht, sie als Christen zu erziehen, so wird diese Handlung kehie 
Sünde sein, sondern mag euch Segen bringen." 

Die Kolonie der Salzburger erhielt sich bis ins 19. Jahrhundert. Ihre Be- 
wohner kennzeichneten sich durch Fleiß, Eintracht, Redlichkeit und freundUches 
Wesen. Man sah unter ihnen weder Trunkenbolde noch Müßiggänger. Bis 
zum Jahre 1824 wurde in Ebenezer deutsch gepredigt. Als kein Zuzug mehr 
aus Deutschland erfolgte, ging die Kolonie allmählich im Amerikanertum auf. 
Aber noch heute verraten die Namen und Gesichtszüge zahlreicher in Ebenezer, 
Savannah und benachbarten Orten lebender Familien ihren echt deutschen 
Ursprung. 




Die Mährischen Brüder oder Herrnhuter. 



Im Gegensatz zu den bisher genannten Sekten, die als Verfolgte nach 
Nordamerika kamen, erschienen im Jahre 1735 Angehörige der großen 
Missionssekte der Mährischen Brüder oder Herrnhuter als freiwillige Send- 
boten. Die aus den hussitischen Bewegungen in Böhmen und Mähren hervor- 
gegangenen Mährischen Brüder strebten gleich ihrem am 6. Juli 1415 zu Kon- 
stanz dem Flammentod verfallenen Stifter Johann Hus die Wiederherstellung 
der ursprünglichen Einfachheit und Reinheit der Apostolischen Kirche an. 

Während der ganzen Dauer des 17. Jahrhunderts aufs fürchterlichste ver- 
folgt, fanden sie zusammen mit Angehörigen der Böhmischen Brüder und der 
Sekte der Schwenkfelder endlich im Jahre 1723 eine Zufluchtsstätte auf den Be- 
sitzungen des berühmten Pietisten Graf NikolausLudwigvonZinzen- 
d o r f. Derselbe gründete im Jahre 1727 in Sachsen das Dorf Herrnhut, welches 
als Stammgemeinde der Herrnhuter weltbekannt wurde. 



Kopfleiste: Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. 



— 86 — 

Die Herrnhuter verbanden gewisse klösterliche Einrichtungen mit christ- 
hchem Familienleben. Daneben faßten sie den Entschuß, durch eifrige Missions- 
tätigkeit unter heidnischen Völkern für die Ausbreitung des Reiches Gottes zu 
wirken. 

In dieser Absicht begaben sich bereits im Jahre 1732 zwei Brüder nach 
Westindien, um auf der Insel St. Thomas die dorthin verkauften Negersklaven 
zum Christentum zu bekehren. Im Frühling 1735 kamen zehn andere Herrn- 
huter unter der Führung des Professors A.G. Spangenberg nach Georgia, 
um ihr Leben der Rekehrung der dortigen Schwarzen und Indianer zu weihen. 
Sie ließen sich in der Nähe der von den Salzburgern gegründeten Ortschaft 
Ebenezer nieder, bauten am Ogeghenfiuß eine Schule und begannen sofort mit 
ihrer Missionstätigkeit. In dieser wurden sie bereits im folgenden Jahre durch 
25 andere Brüder unterstützt, die unter Leitung des Bischofs DavidNitsch- 
m a n n aus Herrnhut kamen. 

Aber ihre christliche Aufopferung fand keineswegs den Beifall der nicht- 
deutschen weißen Ansiedler. Diesen war an der Bekehrung und Aufklärung 
der Neger und Rothäute, die man kaum als Menschen betrachtete, aus sozialen 
und wirtschaftlichen Gründen nichts gelegen. Ebensowenig hatte für sie das 
Gelübde der Sektierer, niemals Waffen zu tragen, eine Bedeutung. 

Als nun zwischen den Kolonisten von Georgia und den in Florida an- 
sässigen Spaniern ein Krieg ausbrach und die Herrnhuter sich weigerten, an 
demselben teilzunehmen, sahen sie sich solchen Mißhelligkeiten ausgesetzt, daß 
sie die Kolonie verließen und nach Pennsylvanien zogen. Hier bauten sie am 
Ufer des Lehighflusses eine bescheidene Blockhütte, in der die Brüder im Jahre 
1741 gemeinsam die Feier des Weihnachtsfestes begingen. Bei ihnen befand 
: sich Graf Zinzendorf selbst, der aus Deutschland herübergekommen war, um 
' an der Gründung neuer Missionen mitzuwirken. Er war es auch, der an jenem 
durch fromme Gesänge verschönten Abend den Ort, wo die neue Niederlassung 
entstehen sollte, Bethlehem taufte. 

In der Folgezeit wurde Bethlehem nicht bloß der Hauptsitz der Herrn- 
huter, sondern auch der .\usgangspunkt ihrer ganzen Missionstätigkeit in 
Amerika. Schon innerhalb der nächsten 20 Jahre kamen über 700 Herrnhuter 
hierher, um an den frommen Werken mitzuhelfen. Die erste Verstärkung langte 
im Juni 1742 unter Bischof Spangenberg an. In den Annalen der Gemeinde 
wird von ihr als der „First Sea Congregation" gesprochen. Ihr folgte im No- 
vember 1743 die zweite Kongregation, darunter 30 junge Ehepaare, welche 
kurz vor ihrer Abreise in Herrnhut den Bund fürs Leben geschlossen hatten. 
Ein Teil dieser Neulinge wurde in der benachbarten Niederlassung Nazareth 
untergebracht, die man von dem Engländer Whitefield kaufte. Ein dichter Ur- 
wald trennte die beiden Ortschaften. Aber die Männer schlugen mit der Axt 
einen Pfad durch die Wildnis und begannen dann an beiden Orten mit dem 
Aufbau fester Wohnstätten und Bethäuser. In ihrer Tätigkeit strebten die Herrn- 
huter, sich von der Außenwelt möglichst unabhängig zu machen. Sie strichen 



87 



eigenhändig die zum Hausbau benötigten Ziegel, brannten Kall« und bereiteten 
den Mörtel. Außer Getreide und Obst zogen sie Hanf und Flachs, züchteten 
Vieh und fertigten aus der gewonnenen Wolle ihre eigenen Kleider. Sie gerbten 
die Häute der geschlachteten Tiere und verarbeiteten dieselben zu Schuhen und 
Stiefeln. Sie brauten ihr eigenes Bier, machten Stärke und Mehl, richteten Färbe- 
reien, Bleichereien, Baumwollspinnereien ein, desgleichen Werkstätten, in denen 
sie sämtliche beim Landbau und zum Ausüben der verschiedenen Industrien 
nötigen Werkzeuge und Maschinen herstellten. Die gröberen Arbeiten und 
das Bestellen der Felder lagen den Brüdern ob. Die Schwestern besorgten den 
Haushalt und das Anfertigen der Kleider. Unermüdlich regten sich die fleißigen 





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Ansicht von Bethlehem im Jahre 1830. 

Hände. Das Surren der Spinnräder verstummte nur an solchen Tagen, wo die 
Glocke zur Andacht oder zu einem gemeinschaftlichen Liebesmahl rief. 

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Bethlehem zu einer Musternieder- 
lassung. An Stelle der ursprünglichen Blockhütten traten bequeme Steinhäuser 
von einfacher aber malerischer Bauart. Die breiten Straßen wurden peinlich 
sauber gehalten. Rmgs um die Ortschaft dehnten sich lachende Felder, deren 
Saaten reiche Ernten ergaben. Das ganze Leben der Herrnhuter entsprach der 
biblischen Mahnung: „Betet und arbeitet, damit ihr nicht in Anfechtung fallet!" 

Um der letzteren vorzubeugen, unterlag der Verkehr der Geschlechter 
strengen Regeln. Sowohl die Knaben und Mädchen wie auch die unverheirateten 
Jünglinge und Jungfrauen wohnten in abgesonderten Häusern, wo sie den von 
den Ältesten der Gemeinde erlassenen Vorschriften unterstanden. Die Jung- 



frauen durften nicht an der Behausung der Junggesellen, diese wieder nicht an 
der Wohnung der „Schwestern'' vorübergehen. Begegneten sie einander auf 
der Straße, so war es nicht erlaubt, einander anzusehen. Die Schwestern durften 
den Namen keines Bruders erwähnen, und so wuchsen beide Geschlechter auf in 
völliger Unkenntnis voneinander. Erreichten Jünglinge und Mädchen das 
heiratsfähige Alter, so sorgten die Gemeindevorsteher dafür, daß geeignete Paare 
sich ehelich verbanden. Die solchen Bündnissen entspringenden Kinder blieben 
bis zum vollendeten zweiten Jahre unter der Obhut der Eltern, mußten dann 
aber der Gemeinde übergeben werden, welche die weitere Erziehung übernahm. 




Das Schwesternhaus der Herrnhuter in Bethlehem, Pennsylvanien. 

Durch Bezug der besten Erzeugnisse der deutschen Literatur hielt man 
mit dem Vaterlande Fühlung. Mit besonderer Vorliebe pflegte man Musik, be- 
schränkte sich aber nicht auf die Wiedergabe der herrlichen Reformationslieder, 
sondern bemühte sich, auch die schwierigen Werke hervorragender Tonkünstiei 
in mustergültiger Weise aufzuführen. Die Liebe zu Musik und Gesang lebte 
so kräftig in aller Brust, daß Bischof Spangenberg eines Tages schrieb: „Nie- 
mals, seitdem die Welt geschaffen, wurden so liebhche und fromme Lieder für 
Hirten, Ackerleute, Schnitter, Drescher, Spinnerinnen, Näherinnen, Wäsche- 
rinnen und andere Arbeiter erfunden und gesungen als hier. Man könnte aus 
solchen Gesängen ein ganzes Buch zusammenstellen." 



— 89 — 

Während so ein Teil der Brüder und Sciiwestern der Gemeinde dauernde 
Heimstätten schufen, zogen andere hinaus in die völlig unbekannte Wildnis, um 
unter den Ureinwohnern das schwierige Missionswerk zu beginnen. Es er- 
heischte seitens derjenigen, die sich ihm unterziehen wollten, hervorragende 
Eigenschaften: Mut, Ausdauer, Geduld, Vorsicht und beispiellose Hingabe. 
Schon die Reise und der lange Aufenthalt in der Wildnis stellten an die Körper- 
kraft die größten Anforderungen. Daneben mußten Entbehrungen aller Art und 
zahllose unbekannte Gefahren ertragen werden. Ferner galt es, die Feindschaft 
und Abneigung der den Bleichgesichtern voll Argwohn gegenüberstehenden 
Indianer zu überwinden und ihr Vertrauen zu gewinnen, was nur in engem 
Verkehr mit ihnen geschehen konnte, indem man in ihren Dörfern lebte, ihre 
Gewohnheiten annahm und ihre Sprache erlernte. War das gelungen, so galt 
es die noch schwierigere Aufgabe zu lösen, die Jahrtausende alten religiösen An- 
schauungen der Indianer durch die ihnen kaum verständlichen Lehren des 
Christentums zu ersetzen. 

Zu diesen Schwierigkeiten gesellten sich andere, die niemand vorausgesehen 
hatte: der geheime oder offne Widerstand gewisenloser weißer Händler, welche 
die Indianer mit Branntwein versorgten und dieses gewinnbringende Geschäft 
durch die zur Nüchternheit mahnenden Missionare gefährdet glaubten. Zu 
alledem kam endlich noch die Eifersucht der englischen Landeskirche, welcher 
die Missionsarbeit der Herrnhuter ein Dorn im Auge war. 

Will man ein treues Bild all dieser von den Herrnhutern zu überwindenden 
Widerwärtigkeiten gewinnen, so braucht man nur Loskiels „Geschichte der 
A^ission der Evangelischen Brüder unter den Indianern in Nordamerika" (Barby 
1789), zu lesen. Sic enthält unter anderem die Erlebnisse jener Herrnhuter, 
welche die in dem Dorf Schekomeko lebenden Mohikaner bekehrten. 

Schekomeko lag in der Kolonie New York, östlich vom Hudson. Der 
Herrnhuter ChristianHeinrichRauch war der erste, welcher sich unter 
den hier wohnenden Wilden niederließ. Als er ihnen das Wesen Gottes zu 
erklären suchte, lachten sie ihm ins Gesicht und verspotteten ihn. Erst nach 
wochenlangen Bemühungen gelang es, zwei Mohikaner, die mit den Weißen 
bereits häufiger in Berührung gekommen waren, für die christlichen Lehren 
empfänglich zu machen. Das erbitterte die anderen so, daß sie drohten, den Mis- 
sionar zu ermorden. Aber dieser blieb nicht nur standhaft, sondern suchte durch 
die beiden Bekehrten auf deren Stammesgenossen noch kräftiger einzuwirken. 

Vornehmlich Tschup, der ältere Mohikaner, zeigte sich darin sehr ge- 
schickt. Wollte er seinen Stammesgenossen etwas recht deutlich machen, so 
bediente er sich der Bilderschrift. So zeichnete er beispielsweise auf ein Stück 
Baumrinde ein Herz, aus welchem auf allen Seiten Zacken und Stacheln hervor- 
gingen und sagte: „Seht, so ist ein Herz, in dem der böse Geist wohnt; alles 
Böse kommt von innen heraus." Mit solchen Darstellungen machte Tschup 
einen stärkeren Eindruck, als der Missionar mit seinen Reden. 

Allmählich gelang es, unter den Mohikanern Anhänger für den Christ- 



— 90 — 

liehen Glauben zu gewinnen. Es entstand der Keim zu einer kleinen Gemeinde, 
die im August 1742 den Besuch des Grafen Zinzendorf empfing sowie den Bei- 
stand zweier andrer Brüder, der Missionare Büttner und M a c k erhielt. 

Je mehr die Zahl der Bekehrten wuchs, desto häufiger v/urden aber auch 
die Zeichen der Mißgunst, womit die in den benachbarten An Siedlungen wohnen- 
den Weißen die Bemühungen der Herrnhuter beobachteten. Die Brüder er- 
fuhren durch die Indianer, daß man ihnen eine Menge Rum versprochen habe, 
wenn sie die Missionare totschlagen wollten. Gleichzeitig hörten sie von aller- 
hand in den Ansiedlungen umlaufenden Verdächtigungen. Die Herrnhuter 
seien verkappte Papisten und französische Spione, welche das Land auskund- 
schaften und mit Hilfe der Indianer bei der ersten passenden Gelegenheit den 
Franzosen in die Hände spielen wollten. 

Diese absurden Behauptungen wurden mit solcher Bestimmtheit verbreitet, 
daß die Behörden der Kolonie sich beunruhigt fühlten. Sie luden die Missionare 
unzählige Male zum Verhör vor, schleppten sie von einem Richter zum andern, 
endlich sogar vor den Gouverneur. Der Umstand, daß die Herrnhuter, den 
Satzungen ihrer Gemeinschaft entsprechend, sich weigerten, den ihnen abge- 
forderten Treueid gegen das englische Königshaus zu schwören, wurde von 
ihren Widersachern in der schlimmsten Weise ausgebeutet. Sie erwirkten bei 
der gesetzgebenden Körperschaft der Kolonie eine Verordnung, wonach alle 
Personen, die aus irgendeinem Grunde sich weigerten, den Eid der Treue zu 
leisten, des Landes verwiesen werden sollten. Durch eine zweite Verordnung 
wurde den Herrnhutern als verdächtigen Personen verboten, ihr Bekehrungs- 
werk fortzusetzen. 

Müde dieser Belästigungen,^) während welcher einer der Brüder sieben 



^) Welch engherziger Geist die Behörden erfüllte, ergibt sich aus folgender Recht- 
fertigung, welche der damalige Gouverneur der Kolonie New York als Antwort auf eine 
vom Grafen Zinzendorf bei der Regierung in London eingereichten Beschwerde im Mai 1746 
einsandte. Dieselbe lautet: „Seit einiger Zeit wird die Kolonie von verdächtigen Subjekten 
und strolchenden Predigern heimgesucht, welche das Volk verführen und sich für besser 
als andere halten. Sie stehen sogar im Verdacht, päpstliche Emissäre zu sein und Auf- 
stände unter Seiner Majestät getreuen Untertanen zu beabsichtigen. Sie wollen die 
Indianer und Neger bekehren; als ob man Menschen trauen könnte, die sich mit Schwarzen 
abgeben. Diese Mährischen Brüder haben sich vor allem in Pennsylvanien festgesetzt, wo 
das Übergewicht der Deutschen bereits so groß ist, daß sie bald die englische Bevölkerung 
verdrängen werden. Sie machen jetzt auch in unserem Staat Proselyten, sind dabei ehr- 
geizige, eitle Menschen, welche, statt bei dem erlernten Handwerk zu bleiben, den Pfarrer 
spielen und mit ihren unverständlichen Lehren die Massen bethören. Vor ihnen muß man 
sich ganz besonders hüten. In Schekomeko ließen sich einzelne Herrnhuter dauernd nieder, 
heirateten Indianerinnen und erregten dadurch den Argwohn sowie die Eifersucht der be- 
nachbarten Weißen. Wir fürchten um so mehr, daß sie die Indianer verführen möchten, 
als sie ohne Erlaubniß der Behörde ins Land kamen und dem König den Treueid nicht 
leisten wollen. Daraus geht hervor, daß sie Böses im Schilde führen, daß sie verkappte 
Papisten sind und daß ihnen recht geschehen ist auf Grund des königlichen Befehls, wo- 
nach kein Weißer unter dem Vorwand der Bekehrung der Indianer unter diesen wohnen 
darf." (Documentary History of the State of New York, 1022-1027.) 




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— 93 - 

Wochen lang in Haft gehalten wurde, entschlossen sich die Hermhuter endlich, 
mit den bekehrten Indianern nach Pennsylvanien überzusiedeln. In der Nähe 
von Bethlehem legten sie im Jahre 1746 das Indianerdorf Onadenhütten an, wo 
die Rothäute unter der Leitung der Herrnhuter sich dem Ackerbau widmeten. 
Für religiöse Zwecke diente ein aus Baumrinde gezimmertes Kirchlein. Auch 
baute man zwei Schulen, in denen die indianische Jugend je nach ihrem Ge- 
schlecht von herrnhutischen Brüdern und Schwestern Unterricht empfing. Im 
Jahre 1749 zählte Onadenhütten bereits 500 Bewohner. 

Ähnliche Mißhelligkeiten wie die Brüder in Schekomeko erlebte der 
Missionar David Zeisberger unter den Delawaren und Irokesen. Er 
hatte bei denselben freundliche Aufnahme gefunden, wurde aber im Jahre 175Ö 
von einem weißen Schnapshändler bei den Onandagas schrecklich mißhandelt. 

Im Jahre 1772 drang Zeisberger als einer der ersten Weißen in das heutige 
Ohio vor, und gründete am Tuscarawasfluß das große Indianerdorf Schönbrunn. 

Von hohem Interesse sind die Verordnungen, welche dieser ersten christ- 
lichen Niederlassung in Ohio gegeben wurden. Sie lauten: 

1. Wir erkennen und verehren keinen anderen Gott als ihn, der uns er- 
schaffen und mit seinem kostbaren Blut erlöset hat. 

2. Der Sonntag ist der Ruhe nach der Arbeit und dem Gottesdienst 
geweiht. 

3. Wir wollen Vater und Mutter ehren und in Alter und Not unterstützen. 

4. Ohne Erlaubnis unsrer Lehrer ist niemandem die Niederlassung unter 
uns gestattet. 

5. Diebe, Mörder, Trunkenbolde, Ehebrecher und Wüstlinge werden nicht 
unter uns geduldet. 

6. Wer an Tänzen, heidnischen Opfern und Festen teilnimmt, ist von 
unsrer Gemeinde ausgeschlossen. 

7. Ebenso, wer bei der Jagd heidnische Zaubersprüche anwendet. 

8. Alle Gaukelkünste, Lügen und Tücken Satans seien verbannt. 

9. Unseren Lehrern wollen wir Gehorsam erzeigen, ebenso den National- 
helfern (so wurden solche Indianer geheißen, die sich durch gesitteten Lebens- 
wandel besonders auszeichneten), die ernannt sind, Ordnung in- und außerhalb 
der Stadt aufrecht zu halten. 

10. Trägheit, Verleumdung und Gewalttätigkeiten seien aus unserer Mitte 
verbannt. — Wir wollen in Frieden und Eintracht wohnen. 

1 1 . Wer eines anderen Herde, Güter oder Effekten schädigt, soll Schaden- 
ersatz leisten. 

12. Ein Mann soll nur ein Weib haben, es lieben und für es und ihre 
Kinder sorgen. Zugleichen soll ein Weib nur einen Mann haben und ihm ge- 
horchen. Es soll für die Kinder Sorge tragen und reinlich sein in allen Dingen. 

13. Rum oder geistige Getränke dürfen nicht nach unserer Stadt gebracht 
werden. Kommen Fremde oder Händler mit solchen an, so sollen die Helfer 



- 04 - 

diese Dinge in Besitz nehmen, sorgfältig aufbewahren und sie ihnen erst bei 
der Abreise wieder zustellen. 

14. Kein Einwohner soll bei Händlern Schulden machen oder Güter in 
Kommission nehmen für Händler ohne Zustimmung der Nationalhelfer. 

15. Ohne Erlaubnis des Kirchenvorstandes oder der städtischen Verwalter 
darf niemand sich auf Reisen oder einen langen Jagdzug begeben. 

16. Ohne Erlaubnis und den guten Rat ihrer Eltern dürfen junge Leute 
sich nicht verheiraten. 

17. Wenn die städtischen Helfer oder Verwalter die Hilfe der Einwohner 
zu öffentlichen Bauten und Arbeiten, wie Versammlungsorte und Schulen, für 
Klären und Einzäunen von Land und dergleichen fordern, so sollen sie Gehor- 
sam finden. 

18. Alle für das Gesamtwohl notwendigen Beiträge sollen freudig ge- 
leistet werden. 

Diesen Verordnungen wurden später noch die folgenden hinzugefügt : 

19. Wer in den Krieg gehen, das heißt Menschenblut vergießen will, kann 
fürder nicht unter uns wohnen. 

20. Wer von Kriegern Kriegsartikel kauft mit dem Vorwissen, daß die- 
selben gestohlen oder erplündert, muß uns verlassen. Denn es ist dieses nicht 
anders, als eine Ermutigung zu Mord und Diebstahl. 

Diese Verordnungen, die alljährlich in öffentlicher Versammlung verlesen 
wurden, weckten in den Bewohnern jenes Gefühl der Solidarität, das später auch 
für die Ansiedlungen der Weißen in jenen Gegenden bezeichnend und für die 
kulturelle Entwicklung der Vereinigten Staaten von so außerordentlicher Be- 
deutung werden sollte. 

Das tägliche Leben in den christlichen Indianerdörfern glich, wie nicht 
anders zu erA^arten, dem der Herrnhuter in Bethlehem. Die im Ackerbau und 
in Handwerken unterrichteten Indianer erwiesen sich meist als sehr gelehrige 
Schüler. Auch für Musik und Künste zeigten sie sich empfänglich. 

In Gemeinschaft mit Zeisberger wirkten die Missionare JohannGeorg 
Jungmann, Johann Ettwein, Johann Heckewelder, Jo- 
hann e s R o t h u. a. Sie gründeten später in dem fruchtbaren Tal des Muskin- 
gum die christlichen Indianerdörfer Gnadenhütten, Salem und Lichtenau. In 
diesen von Mohikanern und Delawaren bewohnten Stätten wurden die ersten 
weißen Kinder in Ohio geboren, in Gnadenhütten am 4. Juli 1773 dem Missionar 
Roth ein Sohn, am 16. April 1781 in Schönbrunn dem Missionar Heckewelder 
eine Tochter. 

Später entstanden noch die Missionen Friedenshütten, Gnadental und 
Scham okin-Gnadenhütten. 

Gnadenhütten erlangte während des Unabhängigkeitskrieges eine traurige 
Berühmtheit. Es wurde Schauplatz wahrhaft barbarischer Greuehaten, die von 



05 - 



weißen Grenzbewohnern hier verübt wurden. Böswillige Menschen hatten aus- 
gesprengt, die christlichen Indianer seien an einigen von den Wyandots ver- 
übten Mordtaten beteiligt gewesen. Ohne diesen Verleumdungen auf den 
Grund zu gehen, überfiel eine unter der Führung des Obersten David Williamson 
stehende Bande von Mordbrennern den Ort Gnadenhütten, und schlachtete da- 
selbst am 5. März 1782 93 indianische Bewohner ab, darunter zahlreiche Frauen 
und Kinder. Mit den Skalpen der Getöteten zogen die Mörder triumphierend 
in Pittsburg ein, ohne daß einer der Barbaren wegen der verübten Greuel von 
den Behörden zur Rechenschaft gezogen worden wäre. 

Zeisberger flüchtete mit einer kleinen, dem Blutbad entronnenen Schar 
von Indianern nach Michi- 
gan. Hier gründete er am 
St. Clairsee das Dorf Neu- 

Gnadenhütten. Später, 
nachdem die Zeiten ruhiger 
geworden und der Bundes- 
kongreß den christlichen 
Indianern als Sühne für 
die an ihnen begangenen 
Schandtaten 10 000 Acker 
Landes geschenkt hatte, 
kehrte Zeisberger an den 
Muskingum zurück und 
gründete auf den den Indi- 
anern angewiesenen Lände- 
reien das Dorf Goschen. 
Zeisberger starb hier am 
7. November 1908 im Alter 
von 87 Jahren, von denen 
er 60 unter den Urbe- 
wohnern Amerikas zuge- 
bracht hatte. 

Er sowohl wie Heckewelder hinterließen zahlreiche literarische Werke, 
darunter Lehr- und Wörterbücher der Sprache der Onondagas, Delawaren und 
Mohikaner. Desgleichen höchst anschauliche Schilderungen ihrer eigenen Er- 
lebnisse, die wegen der in ihnen niedergelegten Beobachtungen wahre Fund- 
gruben für den Freund der Völkerkunde bilden. 







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Johann Heckewelder 



Die Einwanderung der deutschen Sektierer hatte für die amerikanischen 
Kolonien, insbesondere für Pennsylvanien, zur Folge, daß sie sich weit kräftiger 
als alle anderen entwickelten. Pennsylvanien verlor dadurch auch am raschesten 



— 96 



den streng puritanischen Charakter, der den Neu-Englandkolonien solange an- 
haftete. An Stelle der dort herrschenden Unduldsamkeit und Strenge waltete 
bei den deutschen Sektierern weitgehende, freundlich geübte Toleranz. Für 
ihre freiere, freudigere Lebensauffassung zeugte namentlich die Pflege, welche 
sie der Musik, dem Gesang und der Geselligkeit zuteil werden ließen. 

Im großen Ganzen kann man die schönen Worte, welche der berühmte 
Historiker Bancroft auf die nach Georgia eingewanderten Salzburger anwendete, 
mit vollem Recht auf alle während des 17. und 18. Jahrhunderts nach Amerika 
gekommenen deutschen Sektierer ausdehnen: 

„Sie waren ein edles Heer von Märtyrern, die in der Kraft Gottes aus- 
zogen und im Glauben an das Evangelium unter den größten Schwierigkeiten 
und heftigsten Verfolgungen triumphierten. Sie scharten sich um kein anderes 
Panier als um das des Kreuzes, und keine anderen Führer schritten ihnen voran, 
als ihre geistlichen Lehrer und der Herzog ihrer Seligkeit.'' 




Schlußvignette: Der Friedhof der Herrnhuter zu Bethlehem. 







Die Masseneinwanderung der Pfälzer im 18. Jahr- 
hundert. 

Der anfangs dünne Strom Deutscher, die nicht aus reHgiösen Gründen, 
sondern in dem Verlangen, ihre Lage zu verbessern, nach Nordamerika aus- 
wanderten, gewann in dem gleichen Grade an Stärke, in welchem die politischen 
und wirtschaftlichen Zustände ihrer Heimat sich verschlechterten. 

Wie entsetzlich Deutschland durch den Dreißigjährigen Krieg gelitten 
hatte, schilderten wir in einem früheren Abschnitt. Alle Schrecken jener grauen- 
haften Zeit wiederholten sich während der Kriege, die Deutschland zu Ende des 
17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts mit Ludwig XIV. von Frankreich führen 
mußte. Der Streit über die Erbfolge in der Pfalz bildete die Hauptveranlassung 
zu diesen Kriegen. y\ußerdem war der Gallier darüber ergrimmt, daß die aus 
Frankreich vertriebenen Hugenotten bei den Pfälzern Aufnahme gefunden hatten. 

Der Durst nach Rache wie das Verlangen, den Deutschen einen Angriff 
auf Frankreich von der Pfalz aus zu erschweren, veranlaßte Ludwig, seinen 
Generälen den Befehl zu geben, die Pfalz in eine Wüste zu verwandeln. 

Diesem unerhörten Auftrag folgend, brachen die französischen Heere im 
Jahre 1688 ohne vorhergegangene Kriegserklärung in das Land ein. Unzählige 
blühende Dörfer gingen in Flammen auf. Heidelberg, Mannheim, Speier, 
Worms, Alzey, Oppenheim, Kreuznach, Gernsheim, Ladenburg und viele andere 
Orte sanken in Asche. Die Kaisergräber im Dom zu Speier wurden aufgerissen 
und geplündert. Mit Blut und Flammen schrieben die französischen Mord- 
brenner Melac, Turenne und de Lorges in das Buch der Geschichte ihre Namen 
ein, Namen, an die der Fluch von Tausenden sich heftete. 

Der Überfall erfolgte mitten im Winter. Tiefer Schnee erschwerte die 
Flucht der unglücklichen Pfälzer, von denen viele, die den Mordbrennern ent- 
kamen, erfroren oder infolge der furchtbaren Entbehrungen zugrunde gingen. 

Zu den Schrecken, welche die Pfälzer in jener Zeit erlebten, gesellten sich 
obendrein Bedrückungen und religiöse Verfolgungen durch die eigenen Landes- 



Kopf leiste: Der Brand der Stadt Worms. Nach einem gleichzeitigen Stich. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



— 98 — 

Herren. Bereits viermal hatten sie während der letzten hundert Jahre mit dem 
viermal eintretenden Fürsten Wechsel ihren Glauben wechseln müssen. Denn 
„cujus regio, ejus religio" erklärten die Fürsten und zwangen ihre Untertanen 
zur Annahme jener Glaubensform, der sie selber anhingen. Diesem Zwang nach- 
gebend, waren die Pfälzer zuerst vom Katholizismus zum Luthertum überge- 
treten, dann wurden sie reformiert, wieder lutherisch und zuletzt noch einmal 
reformiert. Im Jahre 1600 kam Kurfürst Johann Wilhelm ans Regiment, der, 
selbst Katholik, nunmehr die Pfälzer gewaltsam wieder katholisch machen wollte. 
Genußsucht, Veschwendung, Ausbeutung des Bürger- und Bauernstandes waren 




Aus Stake, Deutsche Geschichte. 

Greueltaten französischer Soldaten im 17. Jahrhundert. 

Nach einem gleichzeitigen Stich. 



für diesen in Düsseldorf hofhaltenden Schwachkopf bezeichnend. Er äffte in 
seiner Leben weise und Prachtentfaltung nicht nur Deutschlands größten Feind, 
Louis XIV., nach, sondern setzte sich gleich diesem bei Lebzeiten sein eignes 
Denkmal, das noch jetzt auf dem Marktplatz zu Düsseldorf zu sehen ist. 

Die Inschrift sagt, die „grata civitas" habe dem Fürsten dies Denkmal ge- 
setzt. Wie wenig Ursache aber seine Untertanen zur Dankbarkeit hatten, geht 
daraus hervor, daß um das Jahr 1708 Tausende von armen Pfälzern, die nicht 
vermochten, die ewig leeren Kassen des Verschwenders zu füllen, den Entschluß 
faßten, nach Amerika überzusiedeln. In diesem Vorsatz wurden sie nicht nur 
durch die beständig drohende Franzosengefahr bestärkt, sondern auch durch 



— 99 — 

ihre bereits jenseits des Weltmeeres wohnenden Landsleute ermutigt. Zudem 
machte ein massenhaft unter den Pfälzern verteiltes Werkchen, das sogenannte 
„Goldene Buch", dessen mit dem Bilde der Königin Anna von England ge- 
schmücktes Titelblatt in Gold gedruckt war, durch seine verlockenden Schilde- 
rungen der englischen Kolonien Nordamerikas tiefen Eindruck auf die armen 
Menschen. 

Die erste Pfälzerschar, die zum Wanderstabe griff, stand unter der Eührung 
des lutherischen Pfarrers josuavon Kocherthal. Zehn Familien mit 
21 Kindern umfassend, zog sie im Jahre 1708 über Holland nach London. Die 
englische Regierung, auf die Besiedelung ihrer überseeischen Besitzungen be- 
dacht, beschloß die um Unterstützung bittenden Pfälzer an den Ufern des Hud- 
son anzusiedeln, wo sie, wie es in den offiziellen Dokumenten heißt, „beim Er- 
zeugen der Bedarfsgegenstände für die Flotte und als Grenzwächter gegen die 
Franzosen und Indianer verwendet werden können". 

Da Kocherthal sich bereit erklärte, als Seelsorger bei seiner kleinen Herde 
zu bleiben, so bewilligte die Regierung ihm eine Unterstützung sowie 500 Acker 
Landes. 

Die Überführung der durch verschiedene Nachzügler auf 55 Köpfe an- 
gewachsenen Schar geschah auf einem Kriegsschiff, das gleichzeitig den neu- 
ernannten Gouverneur der Kolonie, Lord Lovelac, nach New York brachte. 
Dieser wies den Pfälzern einen an der Mündung des Quassaickbaches am West- 
ufer des Hudson gelegenen Landstrich an, der durch seine wunderschöne, an 
die herrlichsten Strecken des Rheines erinnernde Umgebung das besondere Wohl- 
wollen der Pfälzer erregte. Hier gründeten sie eine Niederlassung, die sie in 
Erinnerung an den Stammsitz des damals über die Pfalz regierenden Fürsten- 
geschlechts Neuburg hießen. 

Wenngleich diese Ansiedlung infolge der bitteren Armut der Pfälzer nicht 
recht gedieh, so rief die Kunde von der freundlichen Aufnahme und Unter- 
stützung, die den Pfälzern von der englischen Regierung gewährt worden war, 
in der Pfalz große Erregung hervor. Diese wurde von englischen Spekulanten 
benutzt, die Auswanderungslust noch mehr anzufachen, wozu obendrein der 
furchtbar kalte Winter von 1708 bis 1709, währenddessen alle Feldfrüchte und 
Reben der Vernichtung anheimfielen, und der Wein in den Fässern gefror, nicht 
wenig beitrug. 

Es war im Frühling 1709, als der Rheinstrom Schauplatz einer außer- 
ordentlichen Begebenheit wurde. Ganze Flotten von Flößen, Kähnen und 
Booten glitten den schönen Strom hinab, alle beladen mit unglücklichen 
Menschen, die das Geringe, was ihnen geblieben, in Bündeln, Kisten und Kasten 
mit sich führten. Vom Oberrhein schifften die Auswandrer nach Holland, setzten 
von da nach England über und zogen nach London, um von der englischen 
Regierung die Weiterbeförderung nach Nordamerika zu erflehen. 

In London erschrak man über die Menge der Ankömmlinge, auf die man 
in keiner Weise vorbereitet war, und die man bald nicht mehr unterzubringen 



— 100 — 

vermochte. Nachdem sämtHche leerstehende Wohnungen mit solchen Hilfe- 
suchenden gefüllt waren, mußte man 1400 in einem Warenlager einquartieren. 
Mehreren Tausend anderen verschaffte man in einem auf der schwarzen Heide 
(Black heath) aus 1000 Armeezelten errichteten Notlager Unterl^unft. 

Ein damals in London gedrucktes Flugblatt gibt über das Leben der hier 
Versammelten folgende Mitteilungen: „Ihre Zeit verbringen sie mit Arbeit und 
Gottesdienst. Sie haben morgens und abends Gebete mit Psalmengesang, und 
jeden Sonntag eine Predigt, wobei alt und jung sehr ernst und ergeben zu sein 
scheinen. Einige beschäftigen sich mit dem Anfertigen billiger Spielsachen, 
welche sie der täglich sie besuchenden Menge für ein Geringes ablassen. Sie 
geben sich mit sehr gewöhnlicher Nahrung zufrieden. Ihr Brot ist braun, und 
das von ihnen genossene Fleisch von der m.inderwertigsten Sorte. Aber sie 
verzehren dasselbe unter Zugabe einiger Wurzeln und Kräuter in Frohsinn und 
Dankbarkeit. Viele von ihnen wandern Sonntags zu ihrer Kirche in Savoy, um 
dort durch ihre eignen Priester die Sakramente zu empfangen. Manche der 
jüngeren treten in den Bund der Ehe ein, wobei die Frauen Rosmarin, die 
Männer Lorbeer in den Haaren tragen. Ehebruch und Unzucht werden sehr 
verabscheut. Bei einem Begräbnis schreiten alle singend hinter dem Sarge, und 
wenn sie am Grabe stehen, wird der Sarg nochmals geöffnet, damit jeder nocii 
einen letzten Blick auf den Toten werfen kann. Nachdem, man diesen beigesetzt, 
gehen alle unter Seufzen davon. Die Leichen erwachsener Personen werden 
auf einer Bahre, diejenigen von Kindern auf dem Kopf getragen. Im ganzen 
erweisen sie sich unschuldig, arbeitsam, friedfertig, gesund und klug, so daß 
sie eher ein Segen als eine Bürde für jenes Land sein dürften, in dem sie an- 
gesiedelt werden sollen.'' 

Insgesamt waren im. Oktober 1709 gegen 14 000 Pfälzer in London ver- 
sammelt. Unter den Männern befanden sich 1838 Landwirte und Winzer, 
78 Bäcker, 477 Maurer, 124 Zimmerleute, 68 Schuhmacher, 99 Schneider, 
29 Metzger, 45 Müller, 14 Gerber, 7 Strumpfwirker, 13 Sattler, 2 Glasbläser, 
3 Hutmacher, 8 Kalkbrenner, IS Schullehrer, 2 Graveure, 3 Ziegeidecker, 2 Silber- 
schmiede, 35 Schmiede, 3 Hirten, 48 Grobschmiede, 3 Töpfer, 6 Türmer, 1 Bar- 
bier und 2 Ärzte. 

Die Anwesenheit so vieler, meist mittelloser Menschen gestaltete sich für 
das damalige London zu einer ernsten Sache. Man besaß nicht Schiffe genug, 
um eine so große Menge zu befördern. Die anfangs glänzend eintretende Wohl- 
tätigkeit erlahmte allgemach, so daß bei Einbruch des Winters die Not immer 
größer wurde und infolge derselben gegen tausend Personen starben. Da dem 
Zustande ein Ende bereitet werden mußte, so schaffte die Regierung mehrere 
Tausend der Unglücklichen nach Holland und Deutschland zurück; 3800 brachte 
man nach Irland, um die dortigen Webereien zu heben; 600 sandte man nach 
Karolina und Virginien, und mehr als 3000 zu Anfang des Jahres 1710 mit dem 
an Stelle des verstorbenen Lord Lovelac neu ernannten Gouverneur Hunter nach 
New York. 



— 101 — 

Der besseren Übersicht wegen wollen wir die Schicksale der nach Amerika 
beförderten Pfälzer in besonderen Abschnitten schildern. 

Die Pfälzer in Karolina und Virginien. 

Zur selben Zeit, wo die Pfälzer ihre verwüstete Heimat verließen, sandte 
eine im Kanton Bern in der Schweiz bestehende kleine Mennonitengemeinde 
zwei Bevollmächtigte nach London, den Freiherrn Christoph von 
Graffenried und F r a n z L u d w i g M i c h e 1. Sie hatten den Auftrag, 
von einer dort bestehenden Kolonialgesellschaft ein Stück Land in Amerika 
zu erwerben, wohin die Mennoniten übersiedeln könnten. Die beiden Männer 
kauften von der „Karolina-Gesellschaft" einen 10 000 Acker großen Landstrich 
zwischen Kap Fear und dem Neusefluß, überdies sicherten sie sich das Anrecht 
auf weitere 100 000 Acker. 

Um für diese ausgedehnten Besitzungen Ansiedler zu gewinnen, machte 
Graffenried der englischen Regierung den Vorschlag, mehrere Hundert der in 
London weilenden Pfälzer dorthin überzuschiffen. Die Regierung ergriff in 
ihrer Notlage freudig das Angebot und stellte, nachdem die künftigen Beziehun- 
gen der Pfälzer zu Graffenried genau geregelt waren, zwei Schiffe zur Ver- 
fügung, auf denen im Oktober 1709 650 Pfälzer nach Nordkarolina segelten. 
Dort gründeten sie am Zusammenfluß der Neuse mit der Trent die Ansiedlung 
Neu-Bern. 

Graffenried hielt aber nicht die gemachten Versprechungen. Als seine 
Erwartungen in bezug auf die zu gewinnenden Reichtümer sich nicht rasch 
genug erfüllten, wandte er der Niederlassung den Rücken und kehrte nach 
Europa zurück. Sein Besitztum verpfändete er an den Engländer Thomas 
Pollock. So kam es, daß die Pfälzer die Besitztitel für die ihnen versprochenen 
Ländereien erst mehrere Jahre später erhielten. 

Während der im Jahre 1711 zwischen der Kolonie Karolina und den 
Tuscarora Indianern entbrannten Streitigkeiten litten die Pfälzer schwer durch 
einen indianischen Überfall, währenddessen 112 der Ihrigen niedergemacht 
wurden. Dieses Ereignis bewog manche der Überlebenden, Karolina zu ver- 
lassen und einer vom Gouverneur Alexander Spotswood erlassenen Einladung 
folgend, nach Virginien zu ziehen. 

Mit diesen Deutschen gründete Gouverneur Spotswood auf einer vom 
Rapidanfluß gebildeten Halbinsel die Niederlassung Germanna. Es scheint aber 
nicht, daß der Gouverneur die Förderung derselben sich sehr angelegen sein 
ließ, denn sie befand sich noch mehrere Jahre nach ihrer Gründung in ziemlich 
verwahrlostem Zustande. Das erhellt aus einer drastischen Beschreibung, die 
von John Fontaine und John Clayton, zwei Bürgern der Ortschaft Williams- 
burg, im Jahre 1714 geliefert wurde. Auf einer Reise begriffen, stiegen sie in 
Germanna bei dem deutschen Pastor Johann Heinrich Hager ab. 
Derselbe war kurz zuvor mit vierzig deutschen Bergleuten angekommen, die 



— 102 — 

Freiherr von Graffenried für den Gouverneur Spotswood angeworben hatte, da- 
mit sie für denselben in Virginien Bergwerke und Eisenschmelzhütten anlegen 
sollten. Die beiden Reisenden schrieben über ihren Besuch folgendermaßen: 
„Wir begaben uns zunächst zur Wohnung des deutschen Pastors, fanden dort 
aber nichts zu essen und lebten deshalb von unseren eignen Vorräten. Da unser 
Lager nur aus einer Schütte Stroh bestand, und keineswegs bequem war, so 
erhoben wir uns bereits bei Tagesanbruch und wanderten trotz starken Regens 
durch den Ort, welcher ringsum mit dicken, für eine Fhntenkugel undurch- 
dringUchen, eng aneinander in die Erde eingerammten Pfählen verpalisadiert ist. 
Es halten sich hier nur neun Familien auf. Ihre neun Hütten bilden eine Reihe. 
Vor jedem Hause, 20 Fuß entfernt, liegen die Ställe für die Hühner und Schweine, 
so daß der Raum zwischen diesen Ställen und den Häusern eine Straße bildet. In 
der Mitte des von den Palisaden umschlossenen fünfseitigen Raums steht ein 
fünfeckiges Blockhaus, dessen fünf Seiten mit jenen der Palisaden Umfassung 
korrespondieren. Die Wände des Blockhauses enthalten Schießscharten, von 
denen aus man die ganze Gegend überschauen kann. Diese Hütte dient als 
Zufluchtsort für den Fall, daß die Palisaden nicht länger gegen die Indianer 
verteidigt werden könnten. Sie dient zugleich auch kirchlichen Zwecken. Ein- 
mal täglich gehen die Bewohner zum Gebet, zweimal Sonntags zur Predigt. 
Wir wohnten dem in deutscher Sprache abgehaltenen Gottesdienst bei. Ob- 
wohl wir die Predigt nicht verstanden, bemerkten wir doch, daß alle sehr 
ergeben waren und ihre Psalmen vortrefflich sangen. Die Ansiedlung liegt 
30 Meilen von jeder andern menschlichen Wohnstätte entfernt. Ihre Bewohner 
leben in recht kümmerlichen Verhältnissen. Infolge mangelnder Lebensmittel 
waren wir genötigt weiterzuziehen.'* 

Aus dieser Schilderung ergibt sich, daß die Ansiedler von Germanna 
wenig Ursache hatten, dem Gouverneur Spotswood für zuteil gewordene Förde- 
rung dankbar zu sein. 

Aus anderen Quellen wissen wir, daß er ihnen für die in seinen Plantagen 
und Bergwerken geleisteten Dienste große Summen schuldig blieb und ihnen 
als Entschädigung Landstücke am Robertson, einem Nebenfluß des Rapidan, 
übertrug. 

Die meisten Deutschen verließen im Jahre 1718 nebst ihrem Pastor und 
dem Lehrer Johann Holtzklau Germanna und gründeten im Fauquier 
County die Niederlassung Germantown. Hier erbauten sie eine Kirche, welcher 
Hager bis zu seinem im Jahre 1737 erfolgten Tode vorstand. 

Germanna existierte noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts, aber es 
bestand damals nur noch aus dem Wohnhaus des Gouverneurs und anderthalb 
Dutzend halbverfallenen Hütten, in denen vormals Deutsche gelebt hatten. 

Die von deutschen Bergleuten angelegten Eisen minen und Schmelzhütten 
lagen einige Meilen von Germanna entfernt, in der sogenannten „Wildnis". 
Sie waren die ersten ihrer Art in Nordamerika und werden noch heute von der 
„Wilderniß Mining Co." ausgebeutet. 



— 103 — 

Die Pfälzer in der Kolonie New York. 

Schon bald nach seiner Ankunft in New York, im Mai des Jahres 1709, 
war Gouverneur Lovelac, der Protektor der unter Leitung des Pfarrers Josua 
von Kocherthal am Hudson gegründeten Pfälzerkolonie Neuburg, gestorben. 
Zu seinem Nachfolger wurde der Oberst Robert Hunter erwählt. Dieser erhielt 
den Auftrag, 3000 der noch in London weilenden Pfälzer nach New York mit- 
zunehmen und gleichfalls am Hudson anzusiedeln. 

Die Einschiffung erfolgte im April 1710. Man brachte die Pfälzer auf 
zehn Schiffen unter, um deren Einrichtung und Verproviantierung es aber so 
jämmerlich bestellt war, daß während der Überfahrt 470 Personen starben. 
Da man in New York die Einschleppung einer ansteckenden Seuche befürchtete, 
so hielt man die Einwanderer wochenlang in einem auf Gouverneurs Island 
errichteten Notlager zurück. Hier starben noch 250 Personen, so daß der 
Gesamtverlust sich auf 720 belief. 

Als endlich die entsetzliche Quarantäne aufgehoben wurde, glaubten die 
Pfälzer das Schlimmste überstanden zu haben. Aber der ihnen beschiedene 
Leidenskelch war noch lange nicht leer, denn nachdem Gouverneur Hunter sie 
endlich südöstlich von den Catskillgebirgen in zwei zu beiden Seiten des 
Hudson gelegenen Lagern, dem East- und West Camp untergebracht hatte, be- 
gann für die Ärmsten eine mehrere Jahre währende Zeit schwerer Bedrückung. 
Anstatt daß man sie die Rechte heutiger Einwandrer hätte genießen lassen, 
behandelte man sie als eine Art von Kronbauern, die verpflichtet seien, die 
ihnen gewährten Unterstützungen sowie die Kosten der Überfahrt und Ver- 
pflegung durch ihre Arbeit auf Heller und Pfennig abzutragen. Sie wurden 
angehalten, Teer zu bereiten und Hanf zu bauen, damit die englische Regierung 
nicht länger genötigt sei, diese für die Marine unentbehrlichen Gegenstände aus 
dem Ausland zu beziehen. 

Das East Camp lag im Besitztum des Schotten Robert Livingston, eines 
Abenteurers schlimmster Sorte, wie es deren in den Kolonien nicht wenige gab. 
Als Indianeragent, Steuerbeamter und Armeelieferant hatte Livingston durch 
zahllose Betrügereien sich ein großes Vermögen erworben und dieses zum 
Ankauf eines 16 englische Meilen langen und 24 Meilen breiten, am Hudson 
liegenden Besitztums verwendet. Es war mit allen Rechten einer jener von 
den Holländern geschaffenen Baronien ausgestattet. Dieses „Manor" besiedelte 
Livingston mit Leuten, die zu arm waren, um mit eigenen Mitteln ein Heim zu 
schaffen. Durch rücksichtsloses Ausbeuten ihrer Arbeitskraft suchte er sein 
Besitztum zu verbessern und dessen Wert zu erhöhen. 

Livingston gehörte auch zu jenen Schurken, die im Jahre 1691 den 
wackeren Jakob Leisler an den Galgen gebracht halten. Nach der Beseitigung 
dieses Volksmannes war es ihm gelungen, Mitglied des Kolonialrats zu werden. 
Aber -seine Unternehmungen waren meist so schmutziger Art, daß der Vize- 
gouverneur Naufan ihn im Jahre 1702 seines Postens enthob und sogar die 



— 104 — 

Beschlagnahme seines Vermögens anordnete. y\ber der schlaue Fuchs ver- 
stand es, sich bei der Londoner Regierung weißzuwaschen und bei den Nach- 
folgern des ihm unbequemen Beamten in Gunst zu setzen. 

Obwohl dieser Mann bei allen bessergesinnten Bewohnern der Kolonie 
New York im schlechtesten Ruf stand, übertrug man ihm die Verpflegung der 
am Hudson angesiedelten Pfälzer. Dieselben hätten in keine schlimmeren Hände 
geraten können. Denn Livingston hatte sich um die für jene Kolonisten be- 
stimmten Lieferungen nur beworben, um daraus neue Reichtümer zu gewinnen. 
Daß es sich dabei um keine geringen Summen handelte, ergibt sich aus ver- 
schiedenen noch vorhandenen Rechnungen, welche Livingston bei der Kolonial- 
regierung einreichte. Aus denselben veranschlagte Samuel Cobb in seiner 
„Story of the Palatines", daß Livingston während des vom 10. November 1710 
bis zum September 1712 reichenden Zeitraumes für die Verpflegung der Pfälzer 
über 26 000 Pfund Sterling erhielt! Daß der größte Teil dieser Summe als 
reiner Gewinn in die Taschen des Gauners floß, ist selbstverständlich. 

Liest man die in der dokumentarischen Geschichte des Staates New York 
abgedruckten Beschwerden, die sowohl von den Pfälzern wie von den ihnen vor- 
gesetzten Aufsehern gegen Livingston vorgebracht wurden, so erfaßt einen noch 
heute tiefer Grimm über die von ihm begangenen Schuftereien. 

Nicht bloß waren sämtliche durch ihn gelieferten Nahrungsmittel von 
der allerschlechtesten Beschaffenheit, sondern auch hinsichtlich der zu liefernden 
Menge wurden die gemeinsten Betrügereien verübt. Die Fässer, welche das 
Mehl enthielten, wogen an Holz stets vier bis fünf Pfund mehr als auf den 
Rechnungen angegeben stand. Selbstverständlich enthielten sie ebenso viele 
Pfund Mehl weniger. Dem Pökelfleisch war so viel Salz beigemengt, daß 
dasselbe ein Achtel des ganzen Inhalts der Fässer betrug und das Fleisch 
ungenießbar machte. 

In dem „Verzeichnis der Beschwerden", welches von den Pfälzern der 
Regierung eingereicht wurde (abgedruckt in der Documentary History of New 
York, III. 423) heißt es über den Winter des Jahres 1712: „Der Winter war 
äußerst streng. Wir besaßen weder Lebensmittel noch Kleider. Infolgedessen 
herrschte überall die größte Bestürzung. Von allen Seiten, besonders von 
den Lippen der Frauen und Kinder ertönten die jämmerlichsten und herz- 
brechendsten Klagen, die jemals von unter den kümmerlichsten Verhältnissen 
und den unglücklichsten Zuständen lebenden Personen vernommen wurden. 
Zuletzt, gegen ihren Willen, sahen sich diese Leute der bitteren Notwendigkeü 
ausgesetzt, die Hilfe der Indianer anzurufen." 

So war die Lage der Unglücklichen, denen man vor ihrer Überführung 
nach den Gestaden der Neuen Welt versprochen hatte, daß sie daselbst auf 
eigene Füße gestellt und mit allem Nötigen zur Begründung blühender An- 
siedlung versorgt v/erden sollten. 

Es konnte natürlich nicht ausbleiben, daß die Ärmsten der Bedrückungen 
müde wurden und sich weigerten, weiterzuarbeiten. 



— 105 — 

Als darauf Gouverneur Hunter sie durch Soldaten zur Wiederaufnahme 
der Arbeit zwingen wollte, faßten sie den Entschluß zu fliehen. Im Tal des 
Schcharie lebten mehrere Indianerhäuptlinge, die während eines Besuchs in 
London die Pfälzer in ihrem Notlager gesehen und ihnen, als sie vernahmen, 
daß dieselben keine Heimstätten besaßen, Land zum Geschenk angeboten hatten. 
Jetzt erinnerte man sich dieses Geschenkes und bat durch Abgesandte die 




Ein Häuptling der Mohawk-Indianer. 

Indianerhäuptlinge um die Erlaubnis, sich auf deren Gebiet ansiedeln zu dürfen. 
Als die Häuptlinge die Schenkung nochmals ausdrücklich wiederholten, machten 
die Pfälzer sich trotz aller Einsprüche des englischen Gouverneurs, der die 
Ärmsten weiter auszubeuten dachte, im März 1713 auf den Weg nach dem 
Schoharietal. Vierzehn Tage nahm die Wanderung in Anspruch. Sie wurde 
dadurch erschwert, daß man kein einziges Zugtier, keinen Wagen besaß, um 
das Gepäck, die Frauen, Kinder und Kranken fortzuschaffen. Alle Gegenstände 



— 106 — 

mußten auf dem Rücken getragen werden. Dazu lag weit und breit tiefer 
Schnee, der das Vorwärtskommen fast unmöglich machte. Als endlich die 
armen Wanderer in dem schönen Tale ankamen, besaßen sie nichts, wovon sie 
hätten leben können. Zweifellos wären sie verhungert, wenn die Indianer 
sich ihrer nicht erbarmt und sie zum Frühjahr mit Wildbret versorgt 
hätten. 

Kaum wurden jemals Niederlassungen unter schwierigeren Verhältnissen 
begonnen, als diese pfälzischen im Schoharietal. Da man keine Pflüge besaß, 
so riß man die Erde mit Sicheln auf und säte in diese rohen Furchen den 
Scheffel Weizen, den man mit dem letzten Gelde in dem 20 Meilen entfernten 
Örtchen Schenectady kaufte. Die Häuser baute man aus rohen Baumstämmen. 
Die Kleider und Mützen fertigte man aus den Fellen erlegter Tiere. So schleppten 
sich die Ärmsten hin bis zum Herbst, wo die erste Ernte 83 Scheffel ergab. 
Dies gewonnene Getreide zerstampfte man in Ermanglung einer Mühle auf 
Steinen. Bereits im nächsten Sommer begannen aber die Ansiedlungen einen 
wohnlicheren Ausdruck zu gewinnen. Sieben kleine, nach den Führern der 
Pfälzer benannte Dörfchen entstanden: Weisersdorf, Hartmannsdorf, Brunnen- 
dorf, Schmidtsdorf, Fuchsdorf, Gerlachsdorf und Kneiskerndorf. Von diesen 
bestehen das letztgenannte, sowie Hartmannsdorf noch heute. 

Die Erbauer dieser Dörfer begannen eben voll neuer Hoffnung der Zu- 
kunft entgegenzusehen, als plötzlich die Nachricht eintraf, daß Gouverneur 
Hunter das Land am Schoharie mehreren Spekulanten übertragen habe, mit denen 
die Pfälzer sich auf die eine oder andere Weise abfinden müßten. Unter diesen 
Spekulanten befand sich der berüchtigte Livingston. Die Kunde traf die 
Pfälzer gleich einem Donnerschlag; bedeutete sie doch eine Kriegserklärung des 
über das Fehlschlagen seiner Pläne ergrimmten Gouverneurs, der an den 
Pfälzeransiedlungen am Hudson finanziell stark beteiligt gewesen war und nun 
fürchtete, durch den Wegzug der Deutschen den größten Teil seines Vermögens 
einzubüßen. Daß die Pfälzer das Land am Schoharie von den Indianern ge- 
schenkt erhalten und nach dem Kolonialrecht, daß dem ersten Ansiedler den 
Besitz sicherte, Anspruch auf dasselbe hatten, darum kümmerte sich Hunter 
nicht. Er fuhr fort, die Pfälzer durch allerlei Nichtswürdigkeiten so zu peinigen, 
daß dieselben in ihrer Not beschlossen, drei zuverlässige Männer nach London 
zu senden, um ihre Beschwerden direkt dem König zu unterbreiten. Die Wahl 
fiel auf Johann Konrad Weiser, Wilhelm Scheff und Wilhelm 
W a 1 1 r a t. Da Hunter ihre Abreise zweifellos verhindert haben würde, so 
begaben die drei sich heimlich nach Philadelphia und schifften sich dort ein. 
Erst nach mancherlei Abenteuern trafen sie in London ein, ohne jegliche 
Mittel, da ihr Fahrzeug unterv/egs von Seeräubern überfallen worden war, die 
sämtliche Insassen ausplünderten. 

In London machten die Abgesandten die übelsten Erfahrungen. Man 
gebot ihnen, ihre Klagen auf dem üblichen Wege durch Vermittlung des 
Kolonialministeriums vorzubringen. Darüber verstrichen Monate, während 



— 107 — 

welcher die ohne Geld und Freunde dastehenden Männer nicht bloß die bittersten 
Qualen der Ungewißheit, sondern Not und Entbehrungen erlitten. 

Wallrat starb an Heimweh. Die beiden andern wurden sogar, da sie 
Schulden gemacht hatten, ins Gefängnis geworfen. Sie wurden aus demselben 
erst nach einjähriger Haft erlöst, nachdem die im Schoharietal zurückgebliebenen 
Landsleute 70 Pfund Sterling zur Deckung ihrer Schulden aufgebracht hatten. 

Während Scheff nach Am.erika zurückkehrte, blieb Weiser noch zwei 
Jahre lang in London, in der Hoffnung, bei der Regierung Gehör zu finden. 
Aber diese Hoffnung scheiterte, als Gouverneur Hunter nach England zurück- 
kehrte und die Pfälzer als Aufwiegler bezeichnete, welche sich widerrechtlich 
auf dem Eigentum anderer niedergelassen hätten. 

Die Kolonialminister nahmen sich nicht die Mühe, die wirkliche Sachlage 
zu untersuchen. Sie schenkten den Darstellungen des Beamten größeren Glauben 
und wiesen den Pfälzer mit seinen Beschwerden ab. 

Als derselbe nach fünfjähriger Abwesenheit im Jahre 1723 nach dem 
Schoharietal zurückkehrte, hatte sich die Lage seiner Landsleute keineswegs ge- 
bessert. Ja, manche waren in Albany ins Gefängnis geworfen worden, weil sie 
einen Bevollmächtigten der Spekulanten mit Prügeln heimgeschickt hatten, als 
derselbe kam, um für die von den Pfälzern bewohnten Ländereien Pacht zu 
erheben. 

Diese Vorkommnisse, sowie Weisers Heimkehr von seiner fruchtlosen 
Reise stellten die Pfälzer vor die Notwendigkeit, neue Entschlüsse zu fassen. 
300 Personen entschieden sich, im Schoharietal zu bleiben. Sie wollten, anstatt 
ihre Familien nochmals den Gefahren einer langen Wanderung durch die 
Wildnis auszusetzen, lieber den Spekulanten die verlangte Pacht oder das Kauf- 
geld für die Ländereien bezahlen. Die anderen hingegen, welche sich dazu nicht 
verstehen konnten, bildeten zwei Abteilungen, von denen eine nach Penn- 
sylvanien zog, während die andere sich dem Mohawk zuwandte, in dessen Tal 
die Mohawk Indianer einen 24 englische Meilen langen Landstrich ohne jede 
Gegenleistung zur Verfügung stellten, damit sie sich dort neue Wohnsitze 
gründen könnten. 

Das Tal des Mohawk zählt zu den lieblichsten Landschaften des mit 
Naturschönheiten reich gesegneten Staates New York. Es verdankt seinen 
Ursprung den überschüssigen Wassern der fünf großen Binnenseen, die vor 
Millionen von Jahren durch diese Rinne ihren Hauptabfluß zum Meere hatten. 
Infolge irgendwelcher geologischer Ereignisse wandten sich diese Fluten später 
dem St. Lorenzstrom zu. Das von ihnen ausgewaschene weite Tal ist aber 
geblieben und wird heute von dem in weiten Schlangenwindungen dahinziehen- 
den Mohawk durcheilt. Nur an einer Stelle stemmen sich dem Fluß trotzige 
Felswände, Überreste eines Gebirgszugs entgegen, als wollten sie ihm den 
Durchgang wehren. Aber der Fluß bricht, zahlreiche Wasserfälle bildend, durch 
die dunklen Gassen, um in dem bald darauf sich wieder erweiternden Tal die 
Reise zum Hudson fortzusetzen. 



— 108 



Als die Deutschen am Mohawk erschienen, bildete seine Umgebung eine 
noch unberührte Wildnis. Sie gehörte zu den gewaltigen Jagdgründen des 
mächtigen Irokesenbundes, dem die Mohawkindianer anhingen. Der Jagd und 
dem Fischfang nachgehend, bewohnten sie zahlreiche, auf den Ufern des Flusses 
liegende Dörfer. 

In diesem Tal, das damals durchaus nicht den lieblichen Anblick darbot, 
den es heute mit seinen saftigen Wiesen, reichen Feldern, blühenden Obstgärten 
und den behäbigen Wohlstand verkündenden Ortschaften gewährt, ließ sich ein 
Teil der vom Schoharie fortziehenden Pfälzer nieder. 

Der an Stelle des ab- 
berufenen Gouverneurs Hun- 
ter tretende Gouverneur Bur- 
net begünstigte ihre Über- 
siedlung, weil dadurch nicht 
nur die Grenze der Kolonit 
New York um 40 Meilen 
weiter gen Westen vorge- 
schoben wurde, sondern die 
deutschen Ansiedlungen auch 
als Vorposten und Stütz- 
punkte bei etwaigen feind- 
lichen Einfällen der in Ca- 
nada sitzenden Franzosen 
gute Dienste leisten konnten. 
Diejenigen Familien,wel- 
che sich entschlossen, nach 

Pennsylvanien zu ziehen, 
bahnten sich unter Führung 
einiger befreundeter Indianer 
einen Weg durch den unge- 
heuren Urwald, der ohne jede 
Lichtung sich vom Schoharie 
bis zum oberen Susquehanna erstreckte. Dort fällten sie hohe Tannen und 
fügten sie zu Flößen zusammen. Diese beluden sie mit ihrer Habe, den Frauen 
und Kindern und schwammen nun, von der Strömung getragen, den Fluß hinab. 
Die Pferde und das Vieh wurden von einigen Männern am Ufer entlang getrieben. 
Unbelästigt von Indianern kamen die Auswanderer nach mehreren Wochen an 
die Mündung des Swatara. Diesen Fluß fuhren sie aufwärts bis sie in das 
liebliche Tal eines Baches gelangten, den die hier wohnenden Delaware-In- 
diander Tulpe wihaki „Der Ort der Schildkröten" nannten. Hier ließen die der 
langen Reise müden Pfälzer sich nieder und gründeten mehrere neue Gemein- 
wesen. Dieselben blühten durch den unermüdlichen Fleiß ihrer Bewohner 
überraschend schnell auf und übten, nachdem durch Verträge mit den Indianern 




-^ 



Ein Pfälzer des Mohawktals im 18. Jahrhundert. 



— 109 — 

und den Behörden der Kolonie Pennsylvanien die Reciite der Pfälzer auf das von 
ihnen bewohnte Land bestätigt waren, eine wahrhaft magnetische Anziehungs- 
kraft auf die in anderen Teilen Amerikas lebenden Pfälzer, sowie spätere An- 
kömmlinge aus. Kaum zwanzig Jahre nach Gründung der Kolonien am Tulpe- 
hocken') betrug die Zahl ihrer Bewohner bereits 50 000! Die Namen von 
über 30 000 sind in einer noch heute im Staatsarchiv zu Harrisburg aufbe- 
wahrten Liste enthalten. 

Da die Kunde von den üblen Erfahrungen, welche die Pfälzer in New York 
erlitten hatten, nach Deutschland gelangte, so mieden die von dort kommenden 
Einwanderer jene Kolonie so viel wie möglich. Die Werke des schwedischen 
Naturforschers Peter Kalm, welcher um jene Zeit Amerika bereiste, enthalten 
darüber folgende interessante Stelle: „Die Deutschen schrieben an ihre An- 
verwandte und Freunde in Deutschland und gaben ihnen den Rat: daß, wenn 
sie nach Amerika hinüber gedächten, sie sich durchaus nicht in New York nieder- 
lassen sollten, wo die Regierung sich so gehässig gegen sie gezeigt hätte. 
Diese Vorstellungen hatten den Nachdruck, daß die Deutschen, welche nachher 
in erstaunlicher Menge nach Amerika sich begaben, New York beständig flohen, 
und Pennsylvanien zum Aufenthalt wählten. Bisweilen trug es sich zu, daß 
sie genötigt waren, auf Schiffen herüberzureisen, die nach New York fuhren. 
Sie traten aber kaum ans Land, da sie schon vor den Augen der Einwohner 
von New York weiter nach Pennsylvanien eilten." 

Wie sehr die Deutschen Pennsylvanien bevorzugten, ergibt sich auch 
aus andern Angaben. Im Jahre 1749 landeten in Philadelphia allein 25 Schiffe 
mit 7049 Deutschen. Während der Zeit von 1750 bis 1752 sollen über 18 000 
angekommen sein. Besonders stark war der Zufluß im Jahre 1759, wo an- 
geblich gegen 22 000 Pfälzer, Badenser und Württemberger in Philadelphia 
den Boden der Neuen Welt betraten. 

Wir können von den Pfälzern am Schoharie und Tulpehocken nicht 
scheiden, ohne eines Mannes zu gedenken, dem das Schicksal einen außer- 
gewöhnlichen Wirkungskreis zuwies : Konrad Weiser. 

Derselbe war ein Sohn des bereits erwähnten Johann Konrad Weiser, 
welcher in seinem schwäbischen Heimatsort Astädt das Amt eines Dorfvor- 
stehers innegehabt hatte. Auch während der Reise nach der Neuen Welt wie 
in den Hungerlagern am Hudson und Schoharie, diente Weiser seinen Lands- 
leuten stets als Wortführer und treuer Berater. Sein noch in Deutschland 
geborener Sohn Konrad hatte am Schoharie in häufigem Verkehr mit den In- 
dianern so große Vorliebe für das Leben in der Wildnis und die Söhne des 
Urwalds gefaßt, daß er der Einladung eines MohawkhäupÜings, sein Wigwam 
zu teilen, folgte und mit Zustimmung seines Vaters in das Lager der Rothäute 
übersiedelte. Im engen Verkehr mit denselben erwarb sich der junge Weiser 
eine vorzügliche Kenntnis der Mohawksprache, so daß er imstande war, bei 



^) So wurde die indianische Bezeichnung umgebildet. 



— 110 — 

allen Verhandlungen seiner Landsleute mit den Rothäuten als Dolmetscher zu 
dienen. Später erlernte Weiser noch die Sprachen verschiedener anderer In- 
dianerstämme und wurde wegen dieser Kenntnisse von den Behörden der 
Kolonien New Yorks und Pennsylvanien bei ihren Beratungen und Vertrags- 
schlüssen mit den Indianern häufig als amtlicher Dolmetscher zugezogen. 
Infolge seiner strengen Unparteilichkeit setzten die Indianer so unbegrenztes 
Vertrauen in ihn, daß sie wiederholt seine Vermittlung in Streitfragen mit den 
Kolonialregierungen anriefen und es ablehnten, an Beratungen teilzunehmen, 
wo Weiser nicht als Dolmetscher fungiere. 

Die ersten größeren Erfolge errang Weiser nach seiner im Jahre 1729 er- 
folgten Übersiedlung nach Tulpehocken. Von dort aus trat er im Jahre 1737 
auf Wunsch der Gouverneure von Pennsylvanien und Virginien eine höchst 
gefahrvolle Reise zum Onondaga See im Westen des heutigen Staates New York 
an, um die dort versammelten Häuptlinge des mächtigen Irokesenbundes zu 
einem Friedensschluß mit ihren alten Erbfeinden, den in Westpennsylvanien und 
Westvirginien hausenden Cherokesen und Catawbas zu bewegen. Das glück- 
liche Gelingen dieses Auftrages hatte zur Folge, daß die bisher als Kriegs- 
schauplatz zwischen den feindlichen Nationen dienenden Gebiete sich nunmehr 
in Ruhe und Frieden entwickeln konnten. 

Im Jahre 1742 nahm Weiser an höchst wichtigen Verhandlungen teil, 
die vom Gouverneur von Pennsylvanien mit 70 großen Häuptlingen anberaumt 
waren, um den Irokesenbund wegen der Mäderrechtlichen Besitznahme einiger 
ihm gehörenden Ländereien zu beschwichtigen und obendrein seinen Beistand 
in dem drohenden Krieg gegen die Franzosen zu gewinnen. Der glückliche 
Ausgang dieser Zusammenkunft wird von allen gleichzeitigen Berichten aus- 
schließlich dem geschickten Vorgehen Weisers zugeschrieben. 

Die wichtigsten Dienste leistete Weiser aber in den Jahren 1745, 1748 
und 1754, wo die Franzosen alle erdenklichen Mittel aufboten, den Irokesenbund 
zu sich hinüberzuziehen. Obwohl die indianischen Lager von französischen 
Emissären schwärmten, machten Weisers Reden doch so tiefen Eindruck, daß 
ein Schutz- und Trutzbündnis zwischen dem Irokesenbund und den englischen 
Kolonien gegen die Franzosen zustande kam. Weiser war damals viele Monate 
unterwegs. Bald reiste er zu Fuß oder zu Pferde auf einsamen Indianerpfaden 
durch die majestätische Wildnis; bald glitt er auf schwankendem Kanu die rau- 
schenden Ströme hinab, zahllosen Entbehrungen und Gefahren mutig Trotz 
bietend. Dies alles tat er lediglich in der Hoffnung, zwischen den Weißen 
und Eingeborenen friedliche Beziehungen herzustellen, damit die Ansiedler 
unbehelligt ihren Arbeiten nachgehen könnten. Beim Ausbruch des Franzosen- 
kriegs wurde Weiser zum Hauptmann ernannt. Als solcher leitete er die Her- 
stellung der Befestigungen, die auf den Höhen der „Blauen Berge" in Penn- 
sylvanien angelegt wurden, um verfolgten Ansiedlern in Stunden der Gefahr 
als Zufluchtsort zu dienen. Tätigen Anteil an dem Franzosenkrieg zu nehmen 
war ihm nicht beschieden. Die jahrelangen Reisen, die damit verknüpften un- 



— 111 — 

säglichen Strapazen hatten seine Kräfte vor der Zeit erschöpft. Aber er erlebte 
noch die Schlacht bei Quebec, die den Untergang der französischen Herrschaft 
in Nordamerika bedeutete. Der Jubel über dieses Ereignis vergoldete den 
Abend seines Lebens, das am 13. Juli 1760 seinen Abschluß fand. 

Konrad Weiser war unstreitig einer der interessantesten Männer seiner 
Zeit. Obwohl er nie regelmäßig Schulunterricht genossen hatte, gebot er 
doch über reiche Kenntnisse. Zugleich besaß er einen scharfen Blick, der ihn 
die jeweilige Lage und die einzuschlagenden Schritte rasch erkennen ließ. Die 
Urbewohner des Landes hatten an ihm einen ebenso warmen Freund, wie die 
gewissenlosen Schnapshändler einen erbitterten Feind. Er war zu oft Zeuge der 
schrecklichen Verheerungen gewesen, welche diese Leute anrichteten, indem sie 
den Eingeborenen gegen schweres Geld gemeinen Fusel zuführten und damit 
ihr Dasein vergifteten. Weiser war auch der erste, welcher sich in energischer 
Weise dafür aussprach, daß diese Übeltäter, wo man sie bei ihrem nichts- 
würdigen Gewerbe erwische, auf dem Fleck gehängt werden sollten. 



Die Niederlassungen der Pfälzer und Elsaß-Lothringer in Luisiana. 

So schwere Drangsale die Pfälzer am Hudson und Schoharie erdulden 
mußten, so waren sie doch noch glücklich zu preisen im Vergleich mit jenen, die 
zusammen mit Elsässern und Lothringern von dem berüchtigten französischen 
Finanzminister John Law verlockt wurden, nach seinen Besitzungen in Louisiana 
zu ziehen. 

John Law, von Geburt Schotte, war ein kühner Abenteurer, der nach dem 
mi Jahre 1715 erfolgten Tod des Königs Ludwigs XIV. von Frankreich dem 
mit der Regentschaft betrauten Herzog von Orleans seine Dienste anbot. Seine 
Vorschläge zur Deckung der von dem verstorbenen König dem Lande aufge- 
bürdeten Schuldenlast von drei Milliarden Francs fanden Gehör. Ein Teil dieser 
Vorschläge bestand in der Ausbeutung des von dem Entdecker La Salle am 
Mississippi gegründeten Kolonialreichs Lousiana. 

Zu diesem Zweck rief Law die mit außerordentlichen Privilegien aus- 
gestattete „Westliche" oder „Indianische Compagnie" ins Leben, deren Teil- 
habern man bedeutende Strecken Landes unter der Bedingung bewilligte, daß 
sie dieselben mit Ackerbauern und Bergleuten besiedeln müßten. 

Law, der Direktor der Gesellschaft, behielt sich selbst ein am unteren 
Arkansas gelegenes Gebiet von zwölf Meilen im Geviert vor. Da man mit 
französischen Ansiedlern schlechte Erfahrungen machte, so beschloß er, sein 
Besitztum mit Deutschen aus Elsaß-Lothringen und der Pfalz zu besetzen. Um 
solche anzulocken, ließ er die Reklametrommel mächtig rühren und in den 
betreffenden Landschaften allerhand überschwengliche Flugschriften verbreiten. 

Eine derselben erschien im Jahre 1720 in Leipzig unter dem Titel: „Be- 
schreibung des an dem großen Flusse Mississippi in Nordamerika gelegenen 



— 112 — 

herrlichen Landes Louisiana." Sie schildert Boden und Klima als „ungemein 
angenehm". Man könne sich den Überfluß des vier Ernten im Jahre ermög- 
lichenden Landes nicht groß genug einbilden. Wild sei in erstaunlichen Massen 
vorhanden und der Pelzhandel äußerst gewinnbringend. Die Hauptsache wären 
aber die Gold-, Silber-, Kupfer- und Bleibergwerke.- Ferner fände man dort 
„Heilmittel für die allergef ährlichsten Blessuren, auch untrügliche vor die Früchte 
der Liebe". (!) 

Da die Rentabilität von Kapitalanlagen in der verlockendsten Weise ge- 
schildert wurde, so erwachte ein ähnliches Spekulationsfieber, wie man es im 
19. Jahrhundert bei der Entdeckung der Goldfelder Kaliforniens und Alaskas 
erlebte. Tausende rüsteten sich zur Reise nach dem gelobten Lande. Da aber 
die wenigen in den französischen Häfen vorhandenen Schiffe nicht ausreichten, 
so blieben viele der Auswanderer in jenen Hafenorten zuriick. Viele Hundert 
gingen während der langwierigen und an Entbehrungen reichen Reise zugrunde. 
Sicher ist aber, daß wenigstens 3000 Deutsche nach Louisiana gelangten, wo 
sie mit allerhand zweifelhaftem, aus Bettlern, Sträflingen und Prostituierten be- 
stehenden Gesindel zusammentrafen, mit dem die Konzessionäre ihre Lände- 
reien zu bevölkern gedachten. 

Sämtliche hierher Geschleppten erlebten in dem „herrlichen Lande Loui- 
siana" schreckliche Enttäuschungen. Denn als im Jahre 1720 der hohle Bau 
der „Indischen Gesellschaft" zusammenbrach und die wilde Spekulation mit 
einem der schlimmsten Krache endigte, derer die Weltgeschichte gedenkt, kamen 
über die Ausgewanderten Zeiten geradezu entsetzlichen Elends. Kein Mensch 
kümmerte sich um sie. Viele verhungerten. Die auf Laws Ländereien versam- 
melten Deutschen schifften auf Kähnen nach der noch im Anfangsstadium be- 
findlichen Niederlassung New Orleans, wo sie von dem damaligen Gouverneur 
Bienville verlangten, daß er sie nach Europa zurückschaffe. Dieser, um die 
Kolonie vor gänzlichem Untergang zu retten, bot alles auf, um die Enttäuschten 
zum Bleiben zu bewegen. Er wies ihnen 20 Meilen oberhalb von New Orleans 
ein 30 Meilen auf beiden Seiten des Mississippi sich hinziehendes Alluvialland 
an, unterstützte sie mit Ackergeräten, Vieh und Vorschüssen und ernannte einen 
früher als Offizier in schwedischen Diensten gewesenen Deutschen, Karl 
Friedrich von Arensburg, zum Amtsrichter und Milizoberhaupt der 
neuen deutschen Ansiedlung. Diese erscheint fortan in den offiziellen Berichten 
unter dem Namen „La Cote des Allemands", kurzweg „aux Allemands". 

„Was es heißt," so schreibt Hanno Deiler in seiner kleinen Monographie 
„Die ersten Deutschen am unteren Mississippi", ,.dort eine Wildnis zu lichten, 
das kann nur der ahnen, der den südlichen Urwald kennt; den Urwald auf 
mannstiefem, schwarzem. Alluvialgrund, den jede Überschwemmung des Missis- 
sippi mit neuem reichen Schlamm bedeckt. Millionenfaches Keimen weckt da 
die südliche Sonne in jedem Fußbreit Boden. Riesige Lebenseichen mit langen 
Moosbärten stehen wie seit Ewigkeiten und spotten der Axt. Dazwischen 
dichtes Gehölz, Gebüsch und Gesträuch und ein wahrer Filz von kriechenden, 



— 113 — 

sich windenden, schlingenden und emporkletternden Pflanzen, unter deren Schutz 
eine Welt von menschenfeindlichem Getier und Gewürme haust. Sengende 
Hitze, Leoparden, Bären, Panther, wilde Katzen, Schlangen, Alligatoren und 
die Miasmen der mit dem Pflug geöffneten jungfräulichen Erde verbanden sich 
mit den das Menschenwerk hassenden Fluten des Mississippi zum Kampf gegen 
die deutschen Kolonisten." 

Auch die Indianer waren eine Quelle beständiger Sorge. Besonders in 
den Jahren 1729 und 1748, als die Natchez und Choctaws mit den Franzosen 
in Fehde gerieten. Aber der unermüdliche Fleiß und die beispiellose Ausdauer 
der deutschen Bauern triumphierten mit der Zeit auch hier über alle Schwierig- 
keiten und ließen auf beiden Ufern des gewaltigen Stromes zahlreiche schmucke 
Hütten und Häuser erstehen, die sich gleich endlosen Perlenschnüren anein- 
anderreihten. Da und dort erhoben sich zwischen diesen Wohnstätten freund- 
liche Kirchlein, weithin sichtbare Fandmarken, zu denen Sonntags sämtliche 
Bewohner pilgerten. Für ihre aus Korn, Reis, Gemüse, Tabak und Indigo be- 
stehenden Erzeugnisse fanden die Deutschen in dem durch Ruderboote leicht 
erreichbaren New Orleans Absatz. 

Die steten Berührungen mit der vorwiegend französischen Bevölkerung 
jener rasch wachsenden Stadt führten im Laufe der Jahrhunderte zur Ver- 
mischung mit dem französischen Element. Und so bildete sich, zumal die Deut- 
schen ohne Zuzug aus der Heimat blieben und weder deutsche Lehrer noch 
Seelsorger empfingen, allmählich ein eigenartiges, deutsch-französisches Kreolen- 
tum, das, wie Deiler hervorhebt, sich eines ganz wunderbaren Kindersegens er- 
freute. Besonders in den beiden am Mississippiufer gelegenen Kirchspielen St. 
Charles aux Allemands und St. Jean Baptiste aux Allemands sitzen diese 
deutsch-französischen Kreolen zahlreich beisammen. Sie haben zwar ihre 
deutsche Sprache verloren, aber man findet unter ihnen noch urgermanische Ge- 
stalten mit kräftigem Körperbau, blauen Augen und blonden Haaren. Auch ge- 
denken sie ihrer deutschen Abstammung noch gern und sagen dabei voll Stolz : 
„Wir sind die Nachkommen jener Deutschen, die aus der Wildnis hier ein Para- 
dies geschaffen, wie Louisiana kein zweites besaß." 

Die Prälzerniederlassiingen in Neu-England. 

Außer den bisher geschilderten Pfälzerkolonien entstand noch eine solche 
in Neu-England, an der Küste des heutigen Staates Maine. Dorthin kamen im 
Jahre 1740 auf Einladung des einem schwedisch-germanischen Adelsgeschlecht 
entsprossenen Kaufmanns Samuel Waldo 40 deutsche Familien, um am 
Ufer des Medomackflusses die Ansiedlung Waldoburg, das heutige Waldoboro, 
anzulegen. Durch die Bemühungen des als Agenten Waldos fungierenden 
Schweizers Sebastian Zuberbühler erhielten sie im folgenden Jahr 
Zuzug aus der Pfalz und Württemberg. Aber die Hoffnungen, welche man auf 
die neue Heimat setzte, erfüllten sich nicht, da Waldo die Einwandrer wahrhaft 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. <> 



— 114 — 

sträflich vernachlässigte und die Behörden der Kolonie ihre Klagen nicht be- 
achteten. 

Für die Betrogenen, denen es vielfach am Nötigsten fehlte, kamen harte 
Tage. Strenge Winter setzten ein, mit Leiden aller Art im Gefolge. Dazu lebte 
man in beständiger Furcht vor einem Überfall der Franzosen und kanadischen 
Indianer. Es herrschte nämlich zwischen den Bewohnern der englischen 
Kolonien und den Franzosen einer jener in der Kolonialgeschichte Amerikas so 
häufigen Grenzkriege, die um so grausamer verliefen, als die Indianer in diese 
Kämpfe mit hineingezogen wurden. 

In der allgemeinen Not erinnerte man sich der so schändlich vernach- 
lässigten Pfälzer und zwang die Männer, an der Belagerung der bei Kap Breton 
angelegten französischen Festung Louisburg teilzunehmen. Nachdem diese er- 
obert worden, ließen sich manche Deutsche mit ihren Famihen dort nieder. Sie 
entgingen dadurch einem von mehreren Banden canadischer Indianer nach 
Massachusetts unternommenen Rachezug, dem die in Waldoburg Zurückge- 
bliebenen zum Opfer fielen. Diese wurden am Morgen des 21. Mai 1746 über- 
rascht, teils niedergemacht und skalpiert, teils in die Gefangenschaft geschleppt. 
Nur wenigen gelang es, nach Louisburg zu fliehen, wo sie bis zum Ende des 
Feldzugs blieben. 

Nach hergestellter Ruhe kehrten einzelne Deutsche nach Waldoburg zu- 
rück. Neuen Zuwachs erhielt der Ort durch 20 bis 30 Familien, die mit vielen 
andern durch einen von der Provinzialverwaltung von Massachusetts nach 
Deutschland entsandten Agenten namens Grell zur Auswanderung nach Neu- 
England bewogen wurden. Manche dieser Neulinge gründeten in Maine die 
Ansiedlung Frankfurt, welche später in dem Ort Dresden aufging. Andere 
zogen im Frühling 1753 in die westlichen Gebiete der Provinz und gründeten 
dort eine Niederlassung, die sie in Erinnerung an die auf langer Seereise und 
in Massachusetts erlittenen Trübsale Leydensdprf tauften. Manche ließen sich 
auch in der Nähe des Forts Massachusetts und bei Braintree nieder, einer un- 
weit von Boston entstandenen Ortschaft, die später den Namen Neu-German- 
town annahm. Am Saco River, angesichts der schönen White Mountains, ent- 
stand ferner unter Leitung des Schweizers Joseph Frey die noch heute bestehende 
Stadt Freyburg. 

Die meisten dieser Ansiedlungen fristeten für lange Zeit ein kümmerliches 
Dasein. Nicht weil es den Bewohnern an Fleiß und Intelligenz gebrach, son- 
dern weil sie von gewissenlosen Spekulanten vielfach mißbraucht und ausge- 
beutet, und von den Behörden in Stunden der Not schmählich im Stich gelassen 
wurden. Besonders war die Art, wie man die Ansprüche der Deutschen auf 
die von ihnen bewohnten Ländereien handhabte, geradezu empörend. Kaum 
hatten sie die angeblichen Eigentümer abgefunden, so tauchten andere mit neuen 
Ansprüchen auf, die befriedigt werden mußten, um Ruhe zu finden. Manche 
Bev/ohner von Waldoburg mußten denselben Grund und Boden zwei- bis drei- 
mal bezahlen, bevor sie denselben wirklich ihr eigen nennen konnten. Müde 



— 115 — 

solcher Widerwärtigkeiten zogen viele in den Neu-Englandkolonien lebenden 
Deutschen nach Nord-Karolina, wo am Buffalo Creek im heutigen Cabarros 
County, sowie in der Hermhuter Kolonie Salem ein friedlicheres Dasein winkte. 
Manche wandten sich nach Pennsylvanien, dessen Behörden im Verkehr mit den 
Einwanderern stets Ehrlichkeit bewiesen hatten, wodurch diese Kolonie zum 
Hauptziel der deutschen Einwanderung wurde. 

Obwohl seit der Einwandrung der Pfälzer nahezu zwei Jahrhunderte 
verstrichen sind, lassen ihre Spuren sich noch heute an vielen Orten feststellen. 
Besonders durch die Namen der von ihnen gegründeten Niederlassungen. 

Im heutigen Staat New York erinnern die Namen folgender Orte an die 
Pfälzer: Newburgh -~ Neuburg; New Paltz Landing — Neu-Pfälzer Landung; 
Rhinebeck ~ Rheinbach; Rhinecliff -^ Rheinfels; West Camp — West Lager; 
Palatine Camp ^ Pfälzer Lager; Germantown; Palatine Bridge = Pfälzer Brücke; 
Neu-Durlach; Palatine Church = Pfälzerkirche ; Mannheim; Oppenheim; Ger- 
man Etats; Erankfort; Herkimer -- Elerchheimer u. a. 

In Pennsylvanien finden wir die Ortsnamen Heidelberg, Womelsdorf, 
Wernersville, Meyerstown, Stougsburg, Straustown, Rehrersbury, Millersbury 
und andere. Sie bildeten einen weiten, gen Westen vorgeschobenen Halbkreis, 
der die von Penn gegründeten Quäkerniederlassungen gegen die Einfälle der 
Indianer schützte. 

Zur selben Zeit, w^o die Pfälzer so an den verschiedenen Punkten des 
nordamerikanischen Kontinents blühende Gemeinwesen schufen, waren aus 
anderen Teilen Deutschlands gekommene Ansiedler nicht weniger eifrig im 
Aufbau neuer Orte. 

In den beiden Carolinas besiedelten sie hauptsächlich die den Gebirgen 
vorgelagerten Hochländer. Namentlich die Orte Orangeburg, Amalia, Sachsen- 
Gotha und Eredericksburg besaßen eine starke, vorwiegend protestantische 
deutsche Bevölkerung. In Sachsen-Gotha betrieb dieselbe hauptsächlich Wein- 
bau und die Zucht von Seidenraupen. Die Stadt Purrysburg am Savannali 
wurde 1732 von dem aus Neuenburg in der Schweiz stammenden Johann 
Peter Purry angelegt. 

In Virginien gründeten die Deutschen Staufferstadt, das spätere Strasburg; 
Schäferstadt, das spätere Sheperdstown ; Müllerstown, das spätere Woodstock; 
Martensburg; Amsterdam; Salem; Frankfurt; Peterstown; Kieselstadt, das 
spätere Keisletown und manche andere, deren deutsche Namen von nachfolgen- 
den Geschlechtern bis zur LInkenntlichkeit entstellt wurden. 

Das erste Haus der zu Maryland gehörigen Stadt Eredericksburg erbaute 
ein deutscher Schullehrer, ThomasSchley,der Ahnherr eines Geschlechts, 
dessen Name durch zahlreiche tüchtige Leute, vor allen den Admiral Winfield 
Scott Schley, den Helden der Seeschlacht bei Santiago de Cuba, berühmt wurde. 



Die Käuflinge oder Redemptionisten und das 
Entstehen der „Deutschen Gesellschaften". 

Es konnte nicht ausbleiben, daß die schnell anwachsende Auswandrung 
nach Amerika Mißstände aller Art erzeugte. Die damaligen Verkehrs Verhält- 
nisse entsprachen durchaus nicht den an sie gestellten Anforderungen. DieZahl der 
für den Massentransport von Menschen eingerichteten Schiffe war sehr gering 
und ihre innere Einrichtung ließ nahezu alles zu wünschen übrig. Auswan- 
derungsbehörden, die sich um die sichere Beförderung und geeignete Ver- 
pflegung der Auswandrer bekümmert hätten, kannte man nicht. Die ganze 
Sorge um die letztern lag ausschließlich in den Händen der holländischen und 
englischen Schiffsreeder, die niemand Verantwortung schuldeten. 

Wer waren diese Reeder? Viele derselben hatten ihre Reichtümer aus 
dem Handel mit Negersklaven gewonnen, die sie durch Raub oder Tausch an 
den Küsten Afrikas erwarben, und nach den in Amerika angelegten europäischen 
Kolonien brachten. Wo die Gelegenheit sich bot, scheuten diese Reeder und 
ihre Kapitäne durchaus nicht, Seeräuberei zu treiben. Um die moralischen 
Grundsätze dieser Herren stand es demnach entschieden schlecht. Es kann 
deshalb nicht sonderlich überraschen, wenn wir diese Händler mit schwarzem 
Menschenfleisch allmählich dazu übergehen sehen, auch einen Handel mit 
weißem Menschenfleisch einzurichten. Dazu bot die zunehmende Auswand- 
rungssucht die herrlichste Gelegenheit. Verstand man, dieselbe auszunutzen, so 
brauchte man nicht die lange Reise nach Guinea zu machen, um dort unter 
Einsatz des eignen Lebens die Sklaven gewaltsam zu rauben. Denn die weißen 
Sklaven liefen den Menschenhändlern freiwillig ins Garn. Als Lockspeise 
diente ein Mittel, das nicht bloß unverfänglich schien, sondern obendrein den 
Stempel gütigen Entgegenkommens, edelgesinnter Beihilfe an der Stirn trug. 
Unter dem Vorwand, solchen auswandrungslustigen Personen, deren Mittel 
zum sofortigen Bezahlen der Überfahrt nicht ausreichten, behilflich zu sein, 
erboten sich die Reeder, anstatt der Barzahlung Schuldscheine anzunehmen, die 
durch in Amerika zu leistende Arbeit abgetragen werden könnten. 

Diese Art, Personen zur Auswandrung zu verlocken, kam bereits in der 
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Anwendung, wie aus einem im Jahre 
1728 geschriebenen Brief hervorgeht, in dem es heißt: „Nun hat uns aber Peter 
Siegfried zum zweiten Mal aus Amsterdam geschrieben, daß er einen Kauf- 
mann in Amsterdam habe, der die Leit nach Benselfania (Pennsylvania) führen 



— 117 — 

wil, wenn sie schon die Fractit nicht haben; wenn sie nur durcheinander die 
halbe Fracht ausmachen können. Wenn auch Leit seien, die nichts haben, 
wenn sie nur im stant seien, daß sie arbeiten können, werden auch mitge- 
nommen; missen darvor arbeiten, bis sie T^ij Bischtolen abverdient haben." 

Solche mit den Auswandrern geschlossene Verträge brachten den 
Reedern so reichen Gewinn, daß sie alles aufboten, die Auswandrung noch 
mehr in Fluß zu bringen. Nicht nur verbreiteten sie die übertriebensten 
Schiiderungen der Vorzüge Amerikas, sondern sandten auch Werber in die- 
jenigen Länder, die vorzugsweise Auswandrer lieferten. Hierzu wählte man 
Leute, die bereits in Amerika gewesen und imstande waren, denjenigen, die ihr 
Glück dort versuchen wollten, Auskunft zu geben. Sie stellten natürlich alle 
in der Neuen Welt herrschenden Zustände im rosigsten Licht dar: jeder Knecht 
sei daselbst ein Herr, jede Magd eine gnädige Frau, der Bauer ein Edelmann, der 
Bürger ein Graf. Das Geld werde haufenweise verdient; die Gesetze, sowie die 
Obrigkeit mache man sich nach Gutdünken. Durch dergleichen Reden gelang 
es den vornehm gekleideten, mit goldenen Ketten, Uhren und Ringen prah- 
lenden und in stolzen Karossen von Flecken zu Flecken, von Stadt zu Stadt 
fahrenden Schleppern, die bei den armen Bewohnern vorhandene Neigung, die 
obwaltenden elenden Verhältnisse mit besseren, ja glänzenden zu vertauschen, 
noch mehr anzufachen. Die einfachen Leute glaubten den feinen Herren, die 
so wohl zu sprechen verstanden, einfach alles; sie glaubten, daß jedermann in 
Amerika sein eigner Herr sei, Land in Fülle erhalte und es in kurzer Zeit bei 
nur geringem Fleiß zu einem Dasein bringen müsse, wie es in Deutschland nur 
dem Edelmann zu führen vergönnt sei. Vermochten sie nicht sofort die Über- 
fahrt zu bezahlen, so sollte das, so versicherten die Schlepper, kein Hindernis 
sein. Der Schiffsherr werde alles bezahlen, ja er sei obendrein bereit, die Kosten 
der Verpflegung sowie andere notwendig werdende Vorschüsse zu leisten. 
Durch solche Vorspiegelungen ließen sich Tausende und aber Tausende armer, 
betörter Menschen zum Unterzeichnen der von den Werbern vorgelegten Ver- 
träge verleiten, um später zu entdecken, daß sie gewissenlosen Schurken zum 
Opfer gefallen waren und das Empfangene mit einem unsinnig hohen Gegen- 
wert, mit den besten Jahren ihres Lebens bezahlen mußten. 

Die ersten Enttäuschungen harrten ihrer schon in den Hafenplätzen, wo 
der Aufenthalt unter allerhand Vorwänden in die Länge gezogen wurde, bis 
diejenigen Auswandrer, die Mittel besaßen, den größten Teil derselben in den 
mit den Reedern im Bunde stehenden Absteigeherbergen verzehrt hatten. Dann 
gab es für die Unglücklichen keinen Ausweg als die den Reedern gegebene 
Verpflichtung, alle Kosten, die während der Überfahrt durch die Verpflegung 
entstehen möchten, durch Arbeit abzutragen. War der Vertrag geschlossen, so 
ging es endlich aufs Schiff, in das mit Menschen vollgepfropfte Zwischendeck, 
von dessen grauenhafter Beschaffenheit die heute nach Amerika fahrenden Aus- 
wandrer sich kaum eine Vorstellung machen können. Aus allen auf uns 
gekommenen Schilderungen jener Zeit ertönt die Klage, daß die Auswandrer 



— 118 — 

„so grausam dicht gepackt wurden, daß ein Kranker des andern Atem hat 
holen müssen, und von dem Gestank, Unreinigkeit und Mangel an Lebensmitteln 
Scharbock, Gelbfieber, Ruhr und andere ansteckende Krankheiten entstanden 
seien." 

In welch entsetzlicher Weise die holländischen Kapitäne ihre Schiffe mit 
Menschen vollpfropften, zeigt ein Beispiel, das unter dem Kapitän de Groot 
stehende Schiff „April'', welches im Jahre 1818 mit Auswandrern nach Amerika 
segelte. Obwohl es nur Raum für 400 Personen besaß, hatte es 1200 aufge- 
nommen. Von diesen starben 115 bereits im Hafen von Amsterdam, während 
300 ins Hospital geschafft werden mußten. 

Stets war die Seefahrt nach unsern heutigen Begriffen außerordentlich 
lang. Sie dauerte ebenso viele Wochen wie heute Tage. Mitunter benötigten 
Schiffe mehrere Monate zur Überfahrt. So befand sich im Jahre 1752 ein 
Schiff 17, ein anderes 24 Wochen auf See. Die Verpflegung war so schlecht 
wie möglich. Manchm.al ließen die Kapitäne unter dem Vorwand, einer 
Hungersnot vorbeugen zu müssen, vom Tag der Abfahrt an nur halbe Rationen 
austeilen, die dazu von der grauenhaftesten Beschaffenheit waren. Es gab meist 
nur Brot und Salzfleisch. Der Lehrer Gottlieb Mittelberger, der im 
Jahre 1750 nach Pennsylvanien fuhr und über seine Reise eine im Jahre 1756 
zu Frankfurt a. M. gedruckte Reisebeschreibung verfaßte, sagt darin: „Man 
kann solches Essen fast nicht genießen. Das Wasser so man verteilet, ist viel- 
mals sehr schwarz, dick und voller Würmer, daß man es ohne Grauen auch 
bei größtem Durst fast nicht trinken kann. Den Zwieback oder das Schiff s- 
brod hat man essen müssen, obgleich an einem ganzen Stück kaum eines 
Thalers groß gut gewesen, das nicht voller roter Würmlein und Spinnennester 
gesteckt hätte." 

Infolge der Überfüllung der Schiffe und der schlechten Beköstigung war 
die Sterblichkeit stets erschreckend groß. Kinder unter sieben Jahren über- 
standen die Reise fast nie. Im Jahre 1775 kam ein Schiff in Philadelphia an, 
von dessen 400 Passagieren nur 50 am Leben geblieben waren. Heinrich 
Keppeles, nachmals der erste Präsident der Deutschen Gesellschaft von Penn- 
sylvanien, erzählt in seinem Tagebuch, daß von 312 Reisegefährten 250 um- 
kamen. Der Menschen Verlust, der im Jahre 1758 mehrere nach Philadelphia 
kommende Schiffe betroffen hatte, wurde auf 2000 Personen veranschlagt. 

Und welchen Roheiten seitens der Schiffsbemannung und des Kapitäns 
waren die Reisenden mitunter ausgesetzt! Ein holländischer Kapitän lief Eng- 
land an und verkaufte 40 kräftige Burschen als Rekruten an englische Werbe- 
offiziere. Ein anderer brachte seine Passagiere anstatt nach Philadelphia nach 
dem Sklaven Staate Delaware und verkaufte sie dort als Sklaven. Starben 
Reisende während der Fahrt, so eigneten die Kapitäne und Matrosen sich ihre 
Hinterlassenschaft an. Alle von den Reisenden beanspruchten ärztlichen und 
anderen Dienstleistungen berechnete man zu unerhörten Preisen, so daß am 
Ende der Fahrt fast alle Reisenden tief in Schulden steckten. Für die Über- 



— 119 — 

fahrt verlangte man anfangs 6 bis 10, später 14 bis 17 Louisdor. Je nach der 
Höhe der Schulden und nach der icörperlichen Beschaffenheit des Reisenden 
richtete sich die Dauer der Dienstzeit, zu der er sich verpflichten mußte. Wie 
gering dabei der Wert seiner Arbeit veranschlagt wurde, geht daraus hervor, daß 
die Dienstzeit mindestens drei Jahre, häufig auch fünf bis acht Jahre brtrug. Für 
Verluste, die den Reedern durch den Abgang verstorbener Passagiere erwuchsen, 
mußten deren Angehörige, oder wenn solche nicht vorhanden, die ganze Reise- 
gesellschaft derart aufkommen, daß die Arbeitszeit, die von den Verstorbenen 
hätte erfüllt werden müssen, von den Überlebenden mit übernommen wurde. 
Kinder mußten so für ihre Eltern, Eltern für ihre Kinder, Reisende für ihre 
Mitreisenden eintreten. Welche Verlängerung der Arbeitsjahre solche Ab- 
machungen bedeuteten, mag man daraus schließen, daß im Jahre 1752 50 Per- 
sonen, die in einem holländischen Schiff nach Philadelphia kamen, so lange ins 
Gefängnis gesperrt wurden, bis sie sich bereit erklärten, die Dienstzeit von mehr 
als hundert Mitreisenden, die unterwegs an Hunger und Schiffskolik starben, 
mitzuerfüllen. 

Es bereitete den Kapitänen keine Schwierigkeiten, die mit solchen „Re- 
demptionisten'* oder Käuflingen geschlossenen Verträge und Schuldscheine in 
Amerika in bares Geld umzusetzen. Denn die Käuflinge waren so außerordent- 
lich billige Arbeitskräfte, daß die Kolonisten sich nach ihrem Besitz drängten. 

War ein mit Einwandrern befrachtetes Schiff in den Hafen eingelaufen, 
so erließ der Kapitän in den Zeitungen eine Anzeige in folgender Eorm: 

„Deutsche Redemptionisten ! 

Das holländische Schiff Jungfrau Johanna, Kapitän H. H. Bleeker, ist 
von Amsterdam angekommen, mit einer Anzahl von Ackerbauern, Tagelöhnern 
und Handwerkern, deren bedungene Zeit verkauft werden soll. Es sind sowohl 
Manns- wie Weibspersonen, auch einige hübsche Knaben und Mädchen. Die- 
jenigen, welche sich mit guten Dienstleuten versehen wollen, werden ersucht, 
sich bei dem Schiffsmeister oder Kapitän zu melden/' 

Unter den Käuflingen befanden sich nicht bloß Ackerbauer, Handwerker 
und Dienstmägde, sondern häufig auch Studenten, Apotheker, Schullehrer und 
Prediger. Der Lehrer Friedrich Schock, der 1793 nach Pennsylvanien kam, 
mußte drei Jahre vier Monate lang die Jugend der lutherischen und reformierten 
Gemeinden zu Hamburg in Pennsylvanien, die ihn ausgelöst hatten, unterrichten, 
bevor er Lohn und die vom Gesetz vorgeschriebene „Freiheitskleidung" erhielt. 

Kamen die Käufer an Bord, so war es den Einwandrern nicht etwa ge- 
stattet, sich ihre Herren auszusuchen oder Wünsche betreffs der zu verrichtenden 
Arbeit geltend zu machen. Auch durften die Angehörigen einer Familie nichts 
gegen eine Trennung voneinander einwenden, wobei es sich sehr oft ereignete, 
daß der Mann von der Frau, die Kinder von den Eltern für Jahre, manchmal 
für immer geschieden wurden. Hatte der Ersteher eines Käuflings dessen 
Schulden beim Kapitän bezahlt, so mußte der Gekaufte seinem neuen Herrn 



— 120 — 

folgen und ihm bis zum Ablauf der Dienstzeit gleich einem Leibeigenen ge- 
horchen. Wurde der Herr seiner überdrüssig oder benötigte ihn aus irgend- 
einem Grunde nicht länger, so konnte er den Käufling anderweitig vermieten 
oder verkaufen. Dies geschah entweder durch Anzeigen in den Zeitungen oder 
auf der „Vendu", der Stelle, wo Sklaven, Vieh und andere Gegenstände feil- 
geboten wurden. Der „Pennsylvanische Staatsbote'' vom 10. Februar 1754 
enthält eine Anzeige, worin Rosina Kost, geborene Kaufmann, aus Waidenburg 
im lichenlohischen, ihren Schwager davon unterrichtet, daß sie „auf der Vendu 
verkauft worden sei, wie daselbst dies Jahr andere mehr pflegten verkauft zu 
werden." Dieselbe Zeitung vom 4. August 1766 hat eine andere Anzeige: „Zu 
verkaufen einer deutschen verbundenen (zum Dienst verpflichteten) Magd Dienst- 
zeit. Sie ist ein starkes, frisch und gesundes Mensch. Hat noch fünf Jahre zu 
stehen.'' Unterm 14. Dezember 1773 steht: „Zu verkaufen ein Junge, der 
noch 5 Jahre 3 Monate zu dienen hat. Er hat das Schneiderhandwerk gelernt 
und arbeitet gut." Bei solchen Weiterverkäufen empfingen die Verkauften 
keine Abschriften ihrer früheren Verträge. Da keine gerichtlichen Eintragungen 
erfolgten, so befanden die Betroffenen sich vollkommen in den Händen ihrer 
neuen Besitzer, die es in der Gewalt hatten, die Dienstzeit des Käuflings über 
den eigentlichen Termin hinaus auszudehnen. Wenn im Fall Meinungsver- 
schiedenheiten über jenen Zeitpunkt entstanden, stand der Käufling mit dem 
Negersklaven an Rechtlosigkeit auf gleicher Stufe. Ohne Einwilligung seines 
Herrn durfte er weder etwas kaufen noch verkaufen. Wurde er ohne schrift- 
liche Erlaubnis von der Wohnung seines Besitzers entfernt angetroffen, so galt 
dies als Fluchtversuch und er verfiel schwerer körperlicher Züchtigung. Per- 
sonen, welche flüchtige Käuflinge verbargen oder ihnen zur Flucht behilflich 
waren, mußten für je 24 Stunden des gewährten Obdachs eine Strafe von 
500 Pfund Tabak entrichten; waren sie dazu nicht imstande, so drohte Prügel- 
strafe. Wer einen flüchtigen Käufling einfing, empfing eine Belohnung von 
200 Pfund Tabak, später Geldsummen bis zu 50 Dollar. Eine solche Belohnung 
ist im „Baltimore American" des 11. April 1817 auf die Ergreifung des 30 Jahre 
alten Moritz Schumacher ausgesetzt, von dem es in der Personenbeschreibung 
heißt: „Er ist ein guter Lehrer, versteht Französich und Latein; ein ausge- 
zeichneter Arbeiter; spricht Englisch unvollkommen." Wiedereingefangenen 
Kauf fingen wurden nicht nur für jeden Tag ihrer Abwesenheit zehn volle Tage 
zu ihrer Dienstzeit zugezählt, sondern sie wurden nicht selten auch furchtbar 
mißhandelt. Hatten ihre Besitzer doch das Recht, jedes Versehen mit Peitschen- 
hieben zu bestrafen. Von diesem Recht machten manche Sklavenhalter so aus- 
giebigen Gebrauch, daß ein Gesetz erlassen werden mußte, wonach für jedes 
Vergehen nicht mehr als zehn Peitschenhiebe verabfolgt werden sollten. 

Je nach der Verschiedenheit der Menschennaturen gestaltete sich auch 
das Dasein der Käuflinge während ihrer Dienstzeit. Manche trafen es gut, 
manche außerordentlich schlecht. Besonders wenn sie in die Hände von Leuten 
fielen, die aus niedrigster Selbstsucht die Kräfte des Käuflings so sehr als mög- 



— 121 — 

lieh auszunutzen trachteten. Dann wurde er bis zur äußersten Erschöpfung 
mit Arbeiten belastet, während man die im gleichen Dienst stehenden Neger 
schonte, da sie ja ihr ganzes Leben dienstpflichtig waren und arbeitsfähig er- 
halten werden mußten. 

Weiblichen Käuflingen gegenüber ließen die Sklavenhalter sich nicht selten 
scheußliche Gewalttaten zuschulden kommen. Dazu forderten die Gesetze 
mancher Kolonien förmlich heraus. In Maryland hatte man beispielsweise im 
Jahre 1663 ein Gesetz angenommen, wonach weiße Mädchen und Frauen, die 
mit Negern oder Mischlingen Ehebündnisse schlössen, samt den aus solchen 
Ehen hervorgehenden Kindern den Besitzern der betreffenden Neger und Misch- 
linge als Eigentum zufielen. Das Gesetz wollte weiße Frauen davon ab- 
schrecken, mit farbigen Personen Ehen einzugehen. Dieses Gesetz machten 
sich nichtswürdige Sklavenbesitzer zunutze; indem sie weiße weibliche Käuf- 
linge, deren Dienstzeit sie erworben hatten, durch Drohungen, List oder Gewalt 
zwangen, sich Negern hinzugeben; denn wenn solchen Vereinigungen Kinder 
entsprangen, so erlangte der Sklavenhalter volles Besitzrecht über das weiße 
Opfer sowohl wie über die Kinder. Die Aufhebung dieses Gesetzes wurde 
erst durch ein außergewöhnliches Vorkommnis herbeigeführt. Lord Baltimore, 
der Gründer von Maryland, hatte, als er im Jahre 1681 diese Kolonie besuchte, 
unter seiner Dienerschaft ein Mädchen, Nellie, das sich verpflichtete, die Kosten 
ihrer Seefahrt durch Dienstleistungen abzutragen. Bevor die vereinbarte Zeit 
abgelaufen war, kehrte Lord Baltimore nach England zurück, verkaufte aber 
vorher den Rest der Dienstzeit Nellies an einen in der Kolonie ansässigen Lands- 
mann. Dieser tat nach zwei Monaten Nellie mit einem seiner Negersklaven 
zusammen und erlangte dadurch auch über das Mädchen dauerndes Besitzrecht. 
Als Lord Baltimore die Begebenheit erfuhr, erwirkte er zwar die Aufhebung des 
Gesetzes vom Jahre 1663, aber er vermochte nicht seiner ehemaligen Dienerin, 
sowie den beiden von ihr geborenen Kindern die Freiheit zu verschaffen. Lange 
Zeit bemühten sich die Gerichte mit diesem Fall, entschieden aber im Jahre 1721, 
daß Nellie und ihre Kinder Sklaven bleiben müßten, da die Verheiratung Nellies 
und die Geburt der Kinder vor der Aufhebung des Gesetzes vom Jahre 1663 
erfolgten. 

Ein noch empörenderer Fall spielte sich in Louisiana ab. Schon während 
Louisiana französisch war, hatte das Käuflingssystem auch dort Eingang ge- 
funden. Aber die Dienstzeit war durch eine am 16. November 1716 vom 
Königlichen Rat erlassene Verfügung auf drei Jahre beschränkt. Erst als im 
Jahre 1803 Louisiana durch die Amerikaner käuflich erworben wurde, ver- 
pflanzten sich die Mißbräuche des Käuflingssystems auch nach diesem Gebiet. 

Dorthin wanderte im Jahre 1818 eine aus Mann, Frau, zwei Mädchen 
und zwei Knaben bestehende Familie, namens Müller aus Langensulzbach aus. 
Unglücklicherweise starb die Frau während der Seereise. Um die noch un- 
gedeckten Kosten der Reise abzuarbeiten, wurde der Mann in New Orleans an 
den Pflanzer Fitz John Miller in Attakapas verkauft. Da er sich nicht von 



— 122 — 

seinen vier Kindern trennen wollte, nahm er diese mit sich. Wenige Wochen 
nach seiner Ankunft in Attakapas erlag der wackere Deutsche dem Fieber. 
Von da ab blieben alle Nachforschungen, welche von den in New Orleans 
wohnenden Verwandten der Famiüe nach dem Verbleib der Kinder angestellt 
wurden, erfolglos. Selbst mehrere zu diesem Zweck unternommene Reisen 
führten zu keinem Ergebnis. Erst 24 Jahre später wurde eines der Mädchen, 
Salome oder Sally, zufällig in New Orleans aufgefunden, wohin sie von Fitz 
John Miller im Jahre 1838 an den Kaffeehausbesitzer Louis Belmont verkauft 
worden war. 

Die von den Verwandten des Mädchens eingeleiteten Schritte zur Be- 
freiung des Mädchens hatten zunächst zur Folge, daß Fitz John Miller mehrere 
gefälschte Dokumente vorbrachte, durch welche er beweisen wollte, daß er das 
Mädchen im Jahre 1822 als die Mulattensklavin Mary (Bridget) von einem ge- 
wissen Anthony Williams in Mobile zum Verkauf erhalten und dem Williams 
eine Abschlagszahlung von 100 Dollar gegeben habe; daß er im Februar 
1823 die Mulattin für 53 Dollar an seine Mutter verkaufte, sie im Jahre 1835 
aber um denselben Preis zurückerstand, und zwar nebst drei Kindern, die in- 
zwischen von ihr mit einem Neger erzeugt worden waren. 

Die Bemühungen zur Befreiung der weißen Sklavin, deren Identität mit 
Salome Müller über jeden Zweifel festgestellt wurde, führten zu einem lang- 
wierigen, großes Aufsehen erregenden Prozeß. Derselbe wurde am 21. Juni 
1845 vom Obersten Gerichtshof von Louisiana dahin entschieden, daß die 
Sklavin Sally Müller von europäischen Eltern geboren und darum zur Freiheit 
berechtigt sei. 

Wie viele ähnliche Fälle, die nicht vor den Richterstuhl gelangten, sich er- 
eignet haben mögen, entzieht sich jeder Berechnung. Sie entflammten aber 
schließlich den Unmut der in den englischen Kolonien ansässigen Deutschen 
derart, daß sie, empört über die Behandlung, die ihren Landsleuten zuteil wurde, 
sich zu Gesellschaften verbanden, deren Ziel in der Abschaffung des furchtbaren 
Menschenhandels bestand. Die erste dieser „Deutschen Gesellschaften'* bildete 
sich am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1764 in Philadelphia. 

Nachdem L u d w i g W e i ß , ein deutscher Rechtsgelehrter, eine eindring- 
liche Ansprache gehalten, schritt man zum Entwurf einer Verfassungsurkunde, 
deren Anfang folgendermaßen lautete: „In nomine Domini nostri Jesu Christi. 
Amen. Wir, Seiner Königlichen Majestät von Großbritannien Teutsche Unter- 
thanen in Pennsylvanien, sind bei Gelegenheit der mitleidswürdigen Umstände 
vieler unserer Landsleute, die in den letzten Schiffen von Europa in dem Hafen 
von Philadelphia angekommen sind, bewogen worden, auf Mittel zu denken, 
um diesen Fremdlingen einige Erleichterung zu verschaffen, und haben mit 
unserem Versprechen und einem geringen Beitrage in Geld manchen Neu- 
kommern ihre Noth etwas erträglich gemacht. Dies hat uns zum Schluß ge- 
bracht, so, wie wir zusammen gekommen sind, eine Gesellschaft zur Hülfe und 
Beistand der armen Fremdlinge Teutscher Nation in Pennsylvanien zu errichten, 



— 123 — 

und einige Regeln festzusetzen, wie dieselbe Gesellschaft von Zeit zu Zeit sich 
vermehren und ihre Gutthätigkeit weiter und weiter ausbreiten möge." 

Die erste Errungenschaft dieser „Deutschen Gesellschaft" bestand in 
einem am 18. Mai 1765 in Kraft tretenden Gesetz, wonach den Einwanderern 
auf den Schiffen mehr Raum gesichert und den schamlosen Betrügereien der 
Proviantmeister vorgebeugt wurde. Ferner wurde bestimmt, daß jedes Schiff 
einen Arzt und die nötigen Arzneien mit sich führen, sowie zu bestimmten 
Zeiten gesäubert und geräuchert werden müsse. Auch wurde verfügt, daß den 
Beamten, welche die Schiffe bei ihrer Ankunft zu besichtigen hatten, vereidigte 
Dolmetscher zur Seite gestellt wurden. 

Die zweite „Deutsche Gesellschaft" trat im Jahre 1765 in Charleston ins 
Leben; dann folgten New York im Jahre 1784 und endlich Baltimore im Jahre 
1817. Man kann diese heute noch bestehenden Gesellschaften sehr wohl die 
Urheber der heutigen Einwandrergesetzgebung nennen, denn sie waren es, die 
nicht nur die Abschaffung des Käuflingswesens, sondern auch die menschen- 
würdige Behandlung der Auswandrer auf den Schiffen und in den Hafenorten 
herbeiführten. Ihnen, wie ihren später entstandenen Tochteranstalten in Cin- 
cinnati, Allentown, Chicago, Milwaukee, Boston, Pittsburgh, Rochester, St. 
Louis, New Orleans, Kansas City, San Francisco, Portland und Seattle gebührt 
darum der volle Dank jener vielen Millionen von Menschen, denen die Früchte 
ihrer mühseligen Bestrebungen zugute gekommen sind. 










Die kulturellen Zustände der Deutschamerikaner 
während der Kolonialzeit. 

Wie aus allen früheren Abschnitten unserer Geschichte hervorleuchtet, be- 
stand das große Heer der während des 17. und 18. Jahrhunderts in die eng- 
lischen Kolonien einwandernden Deutschen aus Ackerbauern und Handwerkern. 
Unter ihnen bildeten die Landwirte die Mehrheit. Das Leben, welches ihrer in 
dem neuen Weltteil wartete, war keineswegs leicht und behaglich, sondern voller 
Mühseligkeiten und Entbehrungen. Galt es doch zunächst, einen förmlichen 
Kampf gegen die das ganze Land bedeckenden Urwälder zu führen, ehe man 
Raum für Hütten und Felder gewann. Denn meist drängten sich die dichten 
Wälder bis hart an die, die bequemsten Verkehrswege darstellenden Ströme und 
Seen, deren Ufer aus mancherlei Gründen zur Anlage von Niederlassungen be- 
vorzugt wurden. Die Klagen der Ansiedler von Germantown über die „grau- 
sam dicken Wälder'' ertönten auch von den Lippen aller späteren Nachkömm- 
linge, welche in dem östlich vom Mississippi gelegenen Gebiet neue Heimsitze 
schufen. 

Nebenher gab es Gefahren der verschiedensten Art zu bestehen. Außer 
Angriffen seitens wilder Tiere drohten solche seitens der Urbewohner des 
Landes, die das Vordringen der Bleichgesichter keineswegs mit freundlichen 
Blicken beobachteten. 

Diese Indianer erwäesen sich ebenso kühn und verschlagen in der Art 
ihrer Kriegsführung, als grausam in der Behandlung ihrer Gefangenen. Das 
waren für die Ansiedler Gründe genug, um auf ihre Sicherheit bedacht zu sein. 
Deshalb bildeten ihre Hütten stets kleine, mit großem Scharfsinn für die Ver- 
teidigung hergerichtete Festungen. 

Wenn möglich, erbaute man sie auf den Rücken abgeholzter Hügel, von 
wo Feinde schnell bemerkt und ihre Annäherung verhindert werden konnte. 
Fanden sich keine zum Bau verwendbaren Steine in der Nähe, so glätteten die 
Ansiedler die Stämme einiger gefällter Bäume und fügten dieselben, einen Stamm 



Kopfleiste: Beim Bau der Heimstätte. 



— 125 — 

über den arideren legend, in sinnreicher Weise zu äußerst festen Hütten zu- 
sammen. Die Tür- und Fensteröffnungen wurden später ausgehauen, der fest- 
gestampfte Fußboden bisweilen mit Dielen bedeckt und die Feuerstelle ausge- 
mauert oder mit Lehm verschmiert, um das Übergreifen der Flammen auf die 
Holzwände zu verhüten. Besaß das Blockhaus ein oberes Stockwerk, so hatte 
das Erdgeschoß außer dem durch eine schwere Tür verschlossenen Eingang 
keine Fenster, sondern nur schmale Schießscharten. Im Innern des Hauses führte 
eine emporziehbare Leiter durch eine Falltür in das obere Stockwerk, welches auf 
allen Seiten mehrere Fuß über das Erdgeschoß vorragte. Im Boden dieses vor- 
springenden Teils befanden sich kleine Luken, durch welche man die Feinde von 




Eine befestigte Niederlassung des 18. Jahrhunderts. 

oben herab beschießen oder mit kochendem Wasser übergießen konnte, wenn 
sie versuchten, die Türe einzustoßen oder das Haus anzuzünden. 

Um zu verhüten, daß das Dach durch feurige Pfeile in Brand gesetzt 
werde, bedeckte man es häufig mit einer dicken Lehmschicht, durch welche das 
Feuer sich nicht durchfressen konnte. Obendrein standen im Innern des Ge- 
bäudes überall Behälter mit Wasser zum Löschen bereit. Ein Brunnen befand 
sich entweder in einer Ecke des Hauses oder in direkter Nähe desselben, damit 
während einer Belagerung den Eingeschlossenen niemals das unentbehrliche 
Wasser fehle. Bisweilen lagen unter dem Boden des Blockhauses geheime Keller, 
welche in Augenblicken größter Not als letzte Zuflucht dienten. 

Da die um jene Zeit benutzten Kugeln die Wände eines solchen Block- 
hauses nicht zu durchschlagen vermochten, so entsprachen diese einfachen Be- 
festigungen ihrem Zweck vollkommen, besonders wenn sie von heldenmütigen 



— 126 — 



miiilin, '/y^^ '^ '■ "&' ii(/f,i 1 111,1 , 




Männern verteidigt 
wurden. Wohl das 
glänzendste Beispiel 
einer solchen Ver- 
teidigung ist die in 
einem anderen Ab- 
schnitt erzählte des 
Pfälzers Christian 
Scheil, dessen im 
Mohawl(tal gelegene 
Hütte im Jahre 1780 
von 48 Indianern und 
16 Engländern be- 
lagert wurde. 
Wo man häufig von solchen feindlichen Überfällen bedroht war, rücl^ten 
die Ansiedler ihre Behausungen so zusammen, daß sie ein Parallelogramm, ein 
Vier- oder Fünfeck bildeten, wie beispielsweise die Ansiedlung Germanna in 
VJrginien oder das von dem Trapper Daniel Boone in Kentucky angelegte 
Boonesborough. Dann stießen die einzelnen Hütten mit ihren Schmalseiten 
derart aneinander, daß die mit Türen und Fenstern versehenen Vorderseiten ge- 



Angriff auf eine befestigte Ansiedlung. 



— 127 — 

meirischaftlich einen Hof bildeten, während die zehn bis zwölf Fuß hohen, nur 
mit Schießscharten versehenen Rückwände die Außenseite der Befestigungen dar- 
stellten. Häufig waren solche Bollwerke obendrein mit Palisaden und Wasser- 
gräben umzogen. An den Ecken der Pahsadeneinfassung erhoben sich turm- 
artige Blockhäuser, von denen aus das vor der Niederlassung liegende Land 
sowie die Palisaden bestrichen werden konnten. Bisweilen stand ein besonders 
starker Hclzturm im Mittelpunkt der Ansiedlung, um, wenn alle anderen Ge- 
bäude den Feinden in die Hände gefallen waren, als letzte Zuflucht 
zu dienen. 

Die beständige Unsicherheit an der sogenannten Indianergrenze nötigte 
die Ansiedler zu unablässigem Kundschafter- und Wachtdienst. Zur Teilnahme 
an demselben war jeder waffenfähige Mann verpflichtet. Obwohl betreffs solcher 
militärischen Leistungen keine bestimmten Gesetze bestanden, so erwartete man 
doch von jedem, daß er der Allgemeinheit gegenüber seine volle Schuldig- 
keit tue. 

Da die Sicherheit aller auf der Schlagfertigkeit jedes einzelnen beruhte, so 
galten Mängel in der Ausrüstung, das Fehlen eines Ladestocks oder Feuersteins, 
Knappheit an Munition als äußerst schimpflich. Wer sich gar ohne triftige Ent- 
schuldigung um den Wacht- oder Kundschafterdienst herumdrückte, erfuhr nicht 
nur die scharfe Verurteilung aller anderen, sondern fand sich auch in sämtlichen 
Gefahren und Arbeitsverrichtungen allein und wurde aus der Gegend förmlich 
herausgeekelt. 

Bemerkten die »Kundschafter oder Wachtposten das Nahen einer Gefahr, 
so gaben sie sofort Warnungssignale. Ihre Art wurde stets genau verabredet. 
So bedeutete im Schoharietal ein vom Fort aus abgefeuerter Kanonenschuß, 
daß die Ansiedler dorthin zu flüchten hätten. Zwei aufeinanderfolgende Schüsse 
verständigten die Ansiedler, daß sie auf dem Weg zum Fort auf Feinde stoßen 
könnten; drei Schüsse hingegen verkündigten, daß das Fort belagert sei, wes- 
halb die Ansiedler sich in den Wäldern verbergen müßten. 

Während einer Belagerung fiel der Befehl über die im Fort versammelten 
Männer demjenigen zu, welcher im Kampf mit Indianern die meisten Erfahrungen 
besaß. Er wies auch jedem seine Stellung an einer bestimmten Schieß- 
scharte an. 

So einfach wie die ersten Behausungen, so einfach war auch ihre innere 
Ausstattung. Ein Tisch, eine Bank, m.ehrere Binsenstühle und die Betten bildeten 
das ganze Mobiliar. Einige eiserne Töpfe, Gabeln und Messer brachte man aus 
dem Osten mit. Getrocknete Schalen von Kürbissen dienten als Schüsseln, 
Teller, Becken und Wasserbehälter. Oder man schnitzte sie aus Holz, um sie 
später bei Gelegenheit durch solche aus Zinn oder Steingut zu ersetzen. In den 
Ecken lehnten die Äxte und Ackerbaugeräte; an den Wänden hingen an Holz- 
pflöcken die Kleider, Hüte, Flinten und Pulverhörner; auf dem Bordbrett lagen 
Bibel und Gesangbuch; neben dem Feuerherd stand das Spinnrad, an welchem 
die Frauen in den Abendstunden sich zu beschäftigen pflegten. 



— 128 — 

Die Kleider fertigte man aus selbstgesponnenen derben Zeugen, dem so- 
genannten „home spun"; für die Beinkleider und Jagdröcke der Männer und 
Knaben verwendete man mit Vorliebe gegerbtes Wildleder, da solche Ge- 
wänder für das Leben in Busch und Wald große Vorzüge besaßen. 

Die allgemein getragenen losen Jagdröcke reichten bis zur Mitte der Ober- 
schenkel und wurden um die Lenden durch einen Gürtel zusammengehalten. 
Der häufige Verkehr mit den Indianern führte dazu, solche Gewänder nach in- 
dianischer Weise mit bunten Stickereien zu schmücken. Desgleichen versah 
man die Säume der Ärmel und Beinkleider mit langen Lederfransen, welche nicht 
bloß als Verzierung, sondern im Notfall als Ersatz für Bindfaden dienten. 

Da die Männer sich auch der äußerst bequemen, leicht herzustellenden 
Mokassins bedienten und anstatt der Hüte Mützen aus Fuchsfell trugen, so ent- 
behrten diese mit Büchsen, Kugeltaschen, Pulverhörnern, Jagdmessern und 
Handbeilen ausgerüsteten Gestalten sicher nicht eines malerischen Anstrichs. 
Manche Hinterwäldler fanden so große Vorliebe für die bequeme indianische 
Tracht, daß sie alle Eigenheiten derselben nachahmten und anstatt der Hosen 
die den Oberschenkel teilweise freilassenden Leggins, ferner das Breechcloth, 
ein zwischen den Beinen durchgezogenes, vorn und hinten über den Gürtel 
fallendes Schamtuch trugen. 

Geschicklichkeit im Gebrauch der Waffen stand, wie an so bedrohten 
Orten nicht anders zu erwarten, bei den deutschen Ansiedlern in höchstem An- 
sehen. Bereits zwölfjährige Knaben führten Büchse, Kugeltasche und Jagd- 
messer. Auch erhielten sie im Fort bestimmte Schießscharten zugewiesen, die 
sie während einer Belagerung verteidigen mußten. Mit Bogen und Pfeilen 
wußten sie vortrefflich umzugehen. Gleich den Männern betrieben sie auch 
allerhand Leibesübungen, die ihnen in dem steten Kampf ums Dasein von 
Nutzen sein konnten: Wettlaufen, Weit- und Hochspringen, Schwimmen, Klettern 
und Ringen. 

Von den Indianern adoptierte man die Kunst, mit Messern zu werfen und 
die Handbeile zu schleudern. Man beobachtete im Walde aufs sorgfältigste die 
Tierstimmen und übte sich im Unterscheiden und Nachahmen derselben, um 
solche Fertigkeiten während der Jagd zum Anlocken der Tiere, im Krieg zu 
Signalzwecken zu verwenden. 

Aus der Geschichte der Deutschen im Mohawktal wissen wir, daß sie an 
die Bewohner des Schoharietals häufig Herausforderungen zu öffentlichen Wett- 
rennen und Ringkampfspielen ergehen ließen, um während derselben ihre per- 
sönliche Kraft und Geschicklichkeit zu erproben. Aus allen benachbarten Aii- 
siedlungen stellten sich dann Zuschauer ein, um solchen Wettkämpfen beizu- 
wohnen. 

Eine der beliebtesten Unterhaltungen bildeten Preisschießen. Sie wurden 
veranstaltet, so oft die Vorräte an Munition dies gestatteten. In bezug auf Treff- 
sicherheit waren die meisten Deutschen ihren Nachbarn irischer, schottischer 
und englischer Abkunft weit überlegen, da sie fast ausschließlich Flinten mit ge- 










Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



UN/VERSITY 

CF 



131 — 



zogenen Läufen, die sogenannten Rifles, führten, während ihre Nachbarn nur 
solche mit glatten Läufen besaßen. Manche genossen als Meisterschützen großen 
Ruf. Aus ihnen rekrutierten sich im Befreiungskriege jene „minute men", deren 
Hauptaufgabe es war, die feindlichen Offiziere wegzuschießen. 

Als diese aus Pennsylvanien und Maryland zusammengezogenen deut- 
schen Scharfschützen sich in Fredericktown und Lancaster versammelten, setzten 
sie die dortigen Bewohner durch Proben ihrer Meisterschaft in Staunen. Auf 
der Brust, den Seiten und dem Rücken liegend fehlten sie ebensowenig ihr Ziel, 
als im Freihandschießen und während des Laufens. Einer der Männer klemmte 
ein fünf Zoll breites, mit einem weißen Stückchen Papier m Größe eines Silber- 
dollars beklebtes Brettchen zwischen seine Beine, worauf ein anderer Schütze 
aus einer Entfernung von 1 50 Fuß aus freier Hand acht Kugeln durch das Papier 
jagte. Ein anderer 
Mann hielt zwischen 
seinen Fingern einen 
hölzernen Ladestock, 
der darauf von einem 
Schützen aus der glei- 
chen Entfernung Zoll 
für Zoll weggeschossen 
wurde. Mehrere Män- 
ner waren bereit, sich 
Äpfel vomKopf schießen 
zu lassen. Die anwe- 
senden ehrsamen Bürger 
weigerten sich aber, 
Zeuge so gefährlicher 
Kunststücke zu sein. 

Wie die Frauen beim Aufschlagen und Herrichten der Heimstätten, bei den 
Feldarbeiten und der Sorge für das Vieh den Männern als treue Helferinnen zur 
Seite standen, so erwiesen sie sich auch in den Stunden der Gefahr meist als 
mutige Bundesgenossinnen. Bestürmten Feinde das Haus, so luden die Frauen die 
Flinten und reichten sie den Männern dar, um es ihnen zu ermöglichen, rascher 
zu feuern. Ging der Vorrat an Kugeln zur Neige, so gössen sie neue; in den 
Augenblicken, wo das Gefecht ruhte, labten sie die Verteidiger mit Wasser und 
Nahrung, pflegten die Verwundeten und beruhigten die angsterfüllten Kinder. 
Ja, wenn es nottat, griffen sie gleichfalls zu den Büchsen und halfen die An- 
greifer durch wohlgezielte Schüsse zurücktreiben. 

Den Frauen lag auch die Verteidigung der Hütten ob, wenn die Männer 
der Feldarbeit nachgingen. Dann stiegen sie oft mit ihren Büchsen zu den 
zwischen den Kronen freistehender hoher Bäume angelegten Beobachtungsposten 
empor, um Ausschau nach Feinden zu halten und beim Ansichtigwerden der- 
selben die Männer durch Alarmschüsse zu warnen. Die aus der Pionierzeit 




Eine befestigte Ansiedlung zur Winterzeit. 



132 



stammenden vergilbten Chroniken der Staaten New York, Pennsylvanien, Vir- 
ginien, Ohio und Kentucky erzählten Dutzende von Beispielen, wo wackere 
Frauen beim Ausüben ihres schweren Amtes wahre Heldentaten verrichteten. 

In ihrer Lebensweise waren die deutschen Grenzv/ächter höchst genüg- 
sam. Kartoffeln, Mais, Bohnen, Erbsen, Kürbisse und Kohl bildeten die Haupt- 
nahrung. Dazu aß man Speck und Wildbret. Als Getränke dienten Wasser, 
iMilch, selbstbereitetes Bier oder Apfelwein. 

Kinderzuwachs wurde freudig begrüßt, bedeutete doch jeder neugeborene 
Knabe eine künftige Hilfe für den Vater bei der Feldarbeit und Jagd; jedes Mäd- 
chen eine Stütze der Mutter im Haushalt. 




Eine entstehende Ansiedlung. 



Große Fürsorge ließen die deutschen Ansiedler ihren Pferden und dem 
Vieh angedeihen. Beide hielt man nur in beschränkter Zahl, bemühte sich aber, 
ihre Leistungs- und Ertragsfähigkeit durch gute Pflege, ausreichendes Futter 
und saubere Stallungen zu erhalten. Gleiche Sorgfalt beobachtete man beim 
Anlegen und Instandhalten der Felder. Schon durch die Art, wie die Deutschen 
den Boden klärten, unterschieden sie sich von ihren englischen, schottischen 
und irischen Nachbarn. Während jene die abgehackten Stämme und das Unter- 
holz an Ort und Stelle vermodern ließen, verbrannten die Deutschen alles über- 
flüssige Holz, wodurch das gerodete Land schon im zweiten Jahre zur Be- 
pflanzung geeignet wurde. 



— 133 - 

Von der Heimat her an eine sorj^^fältige Ausnutzung des Bodens gewöhnt. 
bUeben die Deutschen auch stets darauf bedacht, seine Krtragsfähigkeit durch 
regelmäßiges Düngen zu erhalten. Sie betrieben nie jenen unseligen Raubbau, 
der die Ländereien der anglo-amerikanischen Farmer so schnell erschöpfte, daß 
diese sich nach wenigen Jahren genötigt sahen, neue Gebiete aufzusuchen. 
Während dadurch die Yankeefarmer zu einem unsteten Element wurden, kannten 
die seßhaften, die sie nährende Scholle liebenden Deutschen keinen größeren 
Wunsch, als ihre unter so schweren Mühen der Wildnis abgerungenen Heim- 
stätten auf die Nachkomm.en zu vererben, damit diesen der volle Ertrag der von 
den Vätern geleisteten Arbeit zugute komme. Infolge dieser Pflege liefern die von 
den Deutschen bewirtschafteten Güter in Pennsylvanien und im Mohawktal noch 
heute, nach nahezu 200 Jahren, ebenso große Erträgnisse, wie zu der Zeit, wo 
ihr Boden zuerst gebrochen wurde.^) 

Stets achteten die Deutschen darauf, daß sich neben dem Waldland auch 
ein beträchtliches Stück Wiesengrund befand, wo das Vieh weiden und Obst- 
bäume gepflanzt werden könnten. Die Felder waren immer durch hohe Zäune 
gegen den Einbruch größerer Tiere geschützt. Diese Maßregel erstreckte sich 
oft auch auf die Wälder, um jungen Bäumen Gelegenheit zum Wachstum zu 
geben und dadurch den Abgang des zu verschiedenen Zwecken benötigten 
Holzes zu ersetzen. 

Waren die Bewohner der Wildnis in den Stunden der Gefahr aufeinander 
angewiesen, so unterstützten sie einander auch bei allen schweren Verrichtungen. 
Von jedem Manne erwartete man, daß er seinen Nachbarn beim Hausbau, bei 
der Ernte und dem Einfahren des Holzes hilfreiche Hand biete. Die Frauen und 
Mädchen kamen zusammen, um die Vorräte für den Winter herzurichten. 

Im Herbst, wenn die Ernte vorüber, rüsteten die benachbarten Familien 
gemeinschaftlich eine aus mehreren bewaffneten Männern und einer entsprechen- 
den Anzahl von Packtieren bestehende Karawane aus, welche das im Laufe des 
Jahres gesammelte Pelzwerk nach den größeren Handelsplätzen, wie Albany, 
Lancaster, Hagerstown, Frederick und anderen Orten brachten, wo man es 
gegen Salz, Pulver und Blei, Eisen, Vieh, Mehl, Lebensmittel oder andere not- 
wendige Dinge vertauschte. 



1) Ein sehr günstiges Urteil über die deutschen Bauern Pennsylvaniens lieferte der 
berühmte französische Botaniker Michaud. Er schreibt in seinem Reisewerk beim Besuch 
des Ligonier Tales: 

„Die höhere Kultur des Ackerlandes und der bessere Zustand der Zäune, die das 
Land abtrennen, beweisen zur Genüge, daß hier eine Ansiedlung Deutscher ist; denn bei 
ihnen kündigt alles jenen Wohlstand an, der ein Lohn des Fleißes und der Arbeit ist. 
Sie helfen einander bei der Ernte aus, heiraten untereinander, sprechen stets Deutsch und 
bewahren soviel wie möglich die Sitten ihrer europäischen Vorfahren. Sie leben viel 
besser, als "die"" amerikanischen Nachkommen der Engländer, Schotten und Irländer, sind 
geistigen Getränken nicht so sehr ergeben und besitzen nicht einen so unsteten Geist wie 
diese, der oftmals der nichtigsten Beweggründe halber sie bestimmt, mehrere hundert 
Meilen weiter zu wandern, in der Hoffnung, auf fruchtbareres Land zu stoßen." 



~ 134 — 

Trotz der Abgeschiedenheit, in welcher diese Kulturpioniere lebten, war 
ihr Dasein keineswegs eintönig. Waren die Felder bestellt oder die Ernten ein- 
geheimst, so schlug man die gewaltigen Urwaldstämme nieder, oder man begab 
sich auf die Jagd, um den Tisch mit Fleisch zu versorgen und Pelzwerk zu ge- 
winnen. Herbst und Winter brachten mancherlei Unterhaltungen, bei denen die 
deutsche Frohnatur zum Durchbruch kam. Besonders beim Gewinnen des 
Ciders oder Apfelmosts. 

„Un wann die Geig noch gange isch, 

War'n ganse Nacht ken Ruh; 

D'r Seider hol uns ufgewacht, 

Die Geig die hot uns danze g'macht, 

In Schtiffel oder Schuh; 

Wann Schuh und Schtiffel war'n v'rranzt 

Dann hen m'r in die Schtrümp gedanzt" 

Und daß es auch beim Einholen der Ernten, beim Enthülsen der Mais- 
kolben, dem „Welschkorn-Baschte" heiter zuging, ergibt sich aus folgendem 
Verslein : 

„Am Welschkorn-Baschte war's die Rule (Regel) 

So bei die junge Leut: 

Hot ein'r 'n roten Kolwe (Kolben) g'funne. 

Dann hot'r a'h'n Schmuzer (Kuß) g'wunne 

Vom Mädel bei d'r Seit; 

Die rote Kolwe hen m'r g'schpaart 

Vor Soome (Samen) — S'war so'n gute Art." — 

Hinsichtlich ihrer Gastlichkeit standen die deutschen Grenzbewohner un- 
übertroffen. „In Pennsylvanien könnte man,'' so schreibt Mittelberger, „ein 
ganzes Jahr herumreisen, ohne einen Kreuzer zu verzehren, denn es ist in diesem 
Lande gebräuchlich, daß, wo man samt dem Pferd an ein Haus kommt, man 
den Reisenden fragt, ob er was zu essen haben wolle? Worauf man allzeit ein 
Stück kalt Fleisch, welches gemeiniglich nach Tisch übrig geblieben, dem 
Fremden vorlegt; dazu giebt man noch schön Brod, Butter oder Käß, nebst 
Trinken genug. Will einer über Nacht bleiben, so wird er wieder sammt dem 
Pferd frey gehalten. Kommt Jemand zu Essenszeit in ein Haus, so muß man 
gleich zum Tisch sitzen und mitessen, wie man's trifft." Bot man so dem 
Fremden alles zu seinem Behagen Nötige, so geschah dies in der Zuversicht 
auf gleiches Entgegenkommen, wenn man selbst weite Reisen unternehmen 
müsse. 

Saßen deutsche Ansiedler in genügender Zahl beisammen, um eine Ge- 
meinde bilden und einen Seelsorger unterhalten zu können, so schritten sie zu- 
nächst zum Bau eines Gotteshauses. Das Äußere wie seine innere Ausstattung 
entsprachen fürs erste natürlich durchaus dem rauhen Charrakter der Umgebung. 
Da die Kirchen zur Aufnahme einer größeren Zahl von Menschen von vorn- 
herein geeignet waren, so dienten sie bei feindlichen Überfällen oft auch als Zu- 



— 135 — 

fluchtsstätten. Deshalb waren sie stets aus starken Baumstämmen oder Steinen 
erbaut und die Wände mit Schießscharten versehen. Der Fußboden bestand 
aus festgestampftem Lehm oder war mit Planken belegt. An Stelle des teuren 
Glases verklebte man die Fensteröffnungen mit Ölpapier oder sie blieben, wie 
in der Kirche zu Waldoburg in New England, offen und wurden nur im Winter 
durch vorgespannte Schafhäute geschlossen. Abschnitte hohler Baumstämme 
vertraten bisweilen Kanzel und Taufstein. Drei bis vier schräg gegeneinander- 
gestellte Bäume ersetzten den Turm, von dem die Glocke zur Andacht rief. 

Ein solcher Urwaldtem.pel war die berühmte, von Pastor S t ö v e r in der 
jetzigen Grafschaft Libanon in Pennsylvanien erbaute Bergkirche. Sie war in der 




Eine Waldkirche. 






ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das einzige Gotteshaus auf hundert Meilen 
in der Runde. Pastor Lochmann schrieb über sie im Jahre 1732: „Der 
Hunger nach dem Wort Gottes und der Eifer für den Gottesdienst war in jener 
Zeit groß, denn die Zuhörer kamen von weit und breit zusammen und ließen 
sich durch keine Gefahren abschrecken. Man nahm die Flinte mit zur Kirche, 
um sich unterwegs nicht nur gegen die wilden Tiere, sondern auch gegen die 
noch weit wilderen Indianer zu verteidigen. So lange man Gottesdienst hielt, 
standen mehrere Männer mit geladenen Gewehren vor der Kirche Schildwache, 
denn man war gewarnt durch den Überfall, den eine deutsche Gemeinde durcii 
die Indianer erfahren und wobei, außer einem Knaben, alle die in der Kirche 
waren, schrecklich gemordet wurden.** 



— 136 — 

Solche urwüchsigen, dem Chrarakter der Wildnis entsprechende Kirchen- 
bauten wurden mit der Zeit durch bessere ersetzt, wenn die Gegend sich be- 
völkerte und Sitten und Lebensweise der Ansiedler kultivierter wurden. 

Natürlich schleppten sich manche in der einsamen Lage der Ansiedlungen 
begründete Unbequemlichkeiten lange hin, wie wir beispielsweise aus der fol- 
genden Schilderung Mittelbergers ersehen: „Manche Leute haben zwei, drei, 
vier, fünf bis zehn Stund Weges zur Kirche zu kommen; jedermann aber, männ- 
lich und weiblich, reitet zur Kirche, wann man auch nur etwa eine halbe Stunde 
weit dahin hätte, welches auch bey denen Hochzeiten und Begräbnissen gebräuch- 
lich ist. Man kann zu Zeiten auf dem Land bey ermeldten Hochzeiten oder Leichen- 
begängnissen bis 500 reitende Personen zählen. Man kann sich leicht vor- 
stellen, daß hiebey so wie auch bey Communionen kein Mensch in schwarzen 
Kleidern, Floren oder Mänteln erscheint. Wann jemand, sonderheitlich auf dem 
Lande gestorben, wo man wegen den djirzwi sehen liegenden Plantagen und 
Waldungen weitläufig von einander wohnt, so wird die bestimmte Zeit der Be- 
gräbniß allzeit nur bey denen nechsten vier Nachbarn angezeigt; darnach sagt 
solches jeder wieder seinen nechsten Nachbar an. Auf solche Art wird die 
Leichbestellung in 24 Stunden mehr denn 50 Englische Meilen im Umkreiß be- 
kannt. Es findet sich dann womöglich von jedem Hause eine, wo nicht mehr 
Personen zur Leiche auf die bestimmte Zeit reitend ein. So lang sich nun die 
Leute versammeln, so reicht man denen Anwesenden auf einem großen Zinn 
einen in Stücke zerschnittenen guten Kuchen; nebst diesem giebt man jeder 
Person in einem Kelch einen wohlgewärmten West-Indischen Rum, worunter 
man Citronen, Zucker und Wachholderbeeren thut, welche darinnen kostbar ge- 
halten werden. Nach diesem präsentirt man auch einen warmen und süß ge- 
machten Most zum trinken. Wann nun die Leute beynahe versammelt, und 
die Zeit der Begräbniß heran rücket, so trägt man den Todten auf den gewöhn- 
lichen allgemeinen Begräbnißplatz oder, wo man zu weit davon abwohnet, 
begräbt man solchen etwa nur auf seinem eigenen Felde. Die zuvor versammelte 
Leute reiten alle in der Stille hinter dem Sarge nach, da man manchmal ein-, 
zwei-, drei-, vier- bis fünfhundert reitende Personen zehlen kann. Die Todten- 
Särge werden alle von schönem Wallnusholz und mit einem Glanz-Fürniss ganz 
braun gemacht. Vermögende Leute lassen an demselben vier mit Messing schön 
gearbeitete Handgefäße schlagen, woran man die Särge hält und zur Gruft traget. 
Wenn die verstorbene Person ein Jüngling gewesen, wird solcher von vier 
Jungfern, hingegen eine verstorbene Jungfer von vier ledigen Gesellen zu Grabe 
getragen." 

So war das Leben der Deutschen an den Grenzen der Wildnis während 
des 18. Jahrhunderts ein seltsames Gemisch alter, aus der Heimat mitgebrachter 
Sitten und neuer, dem Charakter der Wildnis angepaßter, vielfach direkt den 
Indianern und Trappern entlehnter Gewohnheiten. Die gleiche seltsame Mischung 
zeigte sich auch in den Lebensanschauungen. Von dem mittelalterlichen Glauben 
an Hexen und Bezauberung, an das Besprechen der Krankheiten, an die Mög- 



— 137 — 

lichkeit, durch allerlei Mittel und Sprüchlein sich „kugelfest**, d. h. unverwund- 
bar machen zu können, hatte man sich noch nicht losgemacht. 

Die Abgeschiedenheit ihrer Wohnstätten, die Unkenntnis der englischen 
Sprache nötigte die Deutschen zum Zusammenhalt, so daß sie gewissermaßen 
eine einzige große Familie, ihre Kolonien förmliche Eilande bildeten, die, als 
sie später von der Flut anglo-amerikanischer Ansiedler umbrandet wurden, die 
deutschen Eigentümlichkeiten lange Zeit bewahrten. Am konservativsten er- 
wiesen sich die deutschen Bauern der pennsylvanischen Grafschaften Berks, 
Bucks, Lancaster, Libanon, York, Adams, Schuylkill, Lehigh, Union, Munroe u.a. 
Diese sogenannten „Deutsch-Pennsylvanier" bedienen sich noch heute eines 
Dialekts, der ein Gemisch pfälzischer, schwäbischer und schweizerischer Mund- 
arten mit einem Einschlag englischer Worte und Wendungen ist und als „Penn- 
sylvanisch-Dutch" eine gewisse Berühmtheit erlangte. 

Im übrigen ergibt sich aus allen geschriebenen und mündlichen Quellen, 
daß die an den Grenzen der Zivilisation lebenden Deutschen ehrliche, offne, 
tatkräftige Menschen waren, die sich bestrebten, den von ihren Vätern empfan- 
genen reinen sittlichen Lehren nach allen Richtungen hin gerecht zu werden. 
Für die zu ertragenden Mühseligkeiten und Gefahren entschädigte das Gefühl 
völliger Unabhängigkeit. Weder war man von Standesinteressen und Kasten- 
geist beengt, noch von despotischen Behörden bevormundet. Da gab's keine 
Steuereintreiber, die, falls man außerstande war, zu zahlen, den Angehörigen 
mitleidslos die Betten unter den Leibern wegrissen, damit aus dem Erlös der 
Landesherr die Kosten seiner Hoffeste, Jagden und Maitressen bestreiten könne. 
Da gab es auch keine geistlichen Zeloten, die Andersgläubigen mit den Schreck- 
bildern einer ewigen Verdammnis und Strafe in einem flammenerfüllten Höllen- 
pfuhl zusetzten. 

Man kannte „neither law nor gospel'*, sondern richtete sich nach den un- 
geschriebenen, allgemein gültigen Menschheitsgesetzen. In vollen Zügen atmete 
man die in breiten Wellen aus den jungfräulichen Wäldern und von den Ge- 
birgen herniederflutende Freiheit, die um so berauschender und köstlicher 
schien, weil man sich ihrer in der alten Heimat niemals erfreut hatte. 

War man dort bedrückt imd auf engen Raum beschränkt gewesen, so stand 
hier die weite Welt offen. Man brauchte nur zuzugreifen, um das schönste 
Stück sein eigen zu nennen. Majestätische Ströme, silberne Bäche, murmelnde 
Quellen traf man überall. Zwischen dichten Wäldern dehnten sich samtgrüne, 
mit tausenden von Blumen durchwirkte Matten. Die Gewässer wimmelten von 
Fischen aller Art, die Forste von Wild jeder Gattung. Die Lüfte wurden bis- 
weilen verfinstert durch unabsehbare Züge von Wandertauben; wilde Trut- 
hühner, und andere wohlschmeckende Waldvögel gab es in Menge. 

Diese Reichtümer auszunutzen, die Freiheit auszukosten, war freilich nur 
solchen kühnen Männern vorbehalten, die in dem Verzicht auf die Bequemlich- 
keiten des zivilisierten Lebens kein Opfer erblickten, Widen\'ärtigkeiten gelassen 
ertrugen und den Gefahren kühn ins Auge blickten. Die deutschen Hinter- 



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wäldler erwiesen sich als solche starke Herzen. Sie, die im alten Vaterland an 
das Regiertwerden gewöhnt gewesen und vor Fürsten und Beamten in aller- 
untertänigster Demut erstorben waren, verwandelten sich auf dem Boden der 
Neuen Welt in kraftvolle, stolze, ihren Wert erkennende Persönlichkeiten, die 
nichts Knechtisches mehr besaßen, sondern sich durch Entschlossenheit, Wage- 
mut und Tatkraft auszeichneten, die Daseins- und Gleichberechtigung ihrer Mit- 
menschen anerkannten und dadurch zur Gründung solcher neuer Gemeinwesen 
fähig wurden, deren Losung lautete : „Einer für alle, alle für einen !*' 



Die Handwerker ließen sich natürlich vorzugsweise in den Städten und 
Ortschaften nieder, wo sie infolge ihrer Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit 
überall lohnende Beschäftigung fanden. 

Dr. Benjamin Rush, einer der her\'orragendsten Männer in Penn- 
sylvanien, der im Jahre 1789 ein überaus M^ertvolles Werkchen über die Deut- 
schen jenes Staates schrieb, rühmt ihnen nach, daß sie sparsam., fleißig und 
pünktHch seien und es darum überraschend schnell zu gutem Auskommen und 
Wohlstand brächten. Ein eigenes, schuldenfreies Haus zu besitzen, sei ihr 
höchster Stolz und erstes Ziel. Er lobt ferner an ihnen, daß sie darauf bedacht 
wären, neben ihren von Deutschland mitgebrachten Gewerben sich m.ancherlei 
mechanische Kenntnisse anzueignen, die in einem neuen Lande nützlich und 
nötig seien. 

Die in den Kolonien obwaltenden Zustände, die den einsamen Ansiedler 
häufig auf seine eigene Findigkeit verwiesen, zwangen auch den Handwerker 
zur Vielseitigkeit. Er mußte imstande sein, in mancherlei Verrichtungen aus- 
zuhelfen. So wurde er ein „Jack of all Trades", der sich überall nützlich zu 
machen verstand und dem guter Lohn nicht fehlte. 

Zur Verwertung der erworbenen Kenntnisse boten sich tausend Gelegen- 
heiten, zumal die Ausübung der Handwerke nicht wie in Europa strengen, von 
Innungen oder Zünften erlassenen Vorschriften und Beschränkungen unter- 
worfen war. Solche Verbindungen von Berufsgenossen kannte man in 
Amerika nicht. „Keine Profession" so schreibt der im Jahre 1750 nach Penn- 
sylvanien gekommene Lehrer Gottlieb Mittelberger „oder Handtirung ist zünftig. 
Jedermann kann handeln oder treiben was er will. So Jemand wollte oder könnte, 
kann er zehnerlei Profession anlegen und darf demselben es niemand wehren." 
Diese Freiheit des Gewerbes hatte große Vorzüge. Sie gestattete jeder- 
mann, seine Neigungen und Fähigkeiten in solchen Berufen zu betätigen, die 
ihm am meisten zusagten und den besten Lohn verhießen. 

Die Bewohner mancher Ortschaften bevorzugten bestimmte Gewerbe. In 
Germantown und Bethlehem beispielsweise die Leineweberei, die Strumpf- 
wirkerei, die Herstellung von Kleiderstoffen und Töpferwaren. In Virginien und 
Pennsylvanien waren Deutsche als Berg- und Hüttenleute tätig. An anderen 



— 139 — 

Orten widmeten sie sich der Seidengewinnung oder dem Herstellen von Hanf, 
Terpentin und Teer. Bereits im Jahre 1684 berichtete William Penn von den 
in Germantown wohnenden Handwerkern: „These Germans have already fallen 
upon flax and hemp.** 

Deutsche Handwerker waren es, welche den Grund zu manchen, heuie 
hochentwickelten Industrien legten. Sie bauten die ersten Schmelzhütten, Hoch- 
öfen, Papiermühlen, Öfengießereien und Gewehrfabriken. 

Der im Jahre 1717 aus Hilspach bei Heidelberg eingewanderte Kaspar 
W i s t a r gründete bei Salem in New Jersey die erste Glasfabrik. Eine zweite, 
die sich ausschließlich mit der Herstellung von Glasflaschen beschäftigte, ent- 
stand in Germantown, (Braintree) Massachusetts. Daß die Glasfabrikation fast 
ausschließlich von Deutschen betrieben wurde, ergibt sich aus einem Brief des 
Lord Sheffield, in dem er über die Glaswerke in Pennsylvanien und New Jersey 
schreibt: „Hitherto these manufactures have been carried on there by German 
workmen." — 

Der deutsche Grobschmied Thomas Rutter oder Rütter aus German- 
town errichtete im Jahre 1716 am Matawny-Bach in der Grafschaft Berks die erste 
Eisenhütte in Pennsylvanien. Zehn Jahre später begann der Mennonite K u r t z 
am Octorora-Bach in der Grafschaft Lancaster Eisen herzustellen. Diesen Bei- 
spielen folgten im Jahre 1745 mehrere Pfälzer zu Tulpehocken. Sie legten die 
Eisenhämmer am Oley- und Tulpehocken-Bach an. JohannHuber erbaute 
im Jahre 1750 bei Brinkersville in der Grafschaft Lancaster einen Hochofen, 
den er zu Ehren seiner schönen Tochter „Elisabeth-Hochofen'' taufte. Der- 
selbe trug die stolze Aufschrift: 

„Johann Huber ist der erste Mann, 
Der das Eisenwerk vollführen kann." 

Das traf zu, wenn damit die Herstellung von Gußwaren gemeint war. 

Der Hochofen war erst kurze Zeit im Betrieb, als eine der interessantesten 
Persönlichkeiten der damaligen Zeit auf der Bildfläche erschien: der deutsche 
Baron FriedrichWilhelmvonStiegel. Derselbe stammte aus Mann- 
heim. Über ein Vermögen von mehreren hunderttausend Talern verfügend, 
hatte er sich aufgemacht, die Welt zu sehen. In Pennsylvanien verliebte er 
sich in die schöne Tochter Hubers, heiratete diese und kaufte gleichzeitig von 
seinem Schwiegervater den „Elisabeth-Hochofen". Der Baron wurde nun zum 
Industriellen. In der Nähe des Hochofens gründete er den Ort Mannheim, 
wo auf seine Einladung zahlreiche deutsche Schmiede und Handwerker sich 
niederließen, mit deren Hilfe er großartige Gießereien und Glaswerke anlegte. 
Die hier hergestellten Ofenplalten waren mit allerhand biblischen Bildern wie 
„Adam und Eva", „Kain und Abel", „David und Goliat" geschmückt. Dabei 
trugen sie die Inschrift: 

„Baron Stigel ist der Mann, 
Der die Oefen machen kann." — 



— 140 — 

Anfangs warfen die Unternehmungen glänzenden Gewinn ab. Stiegeis 
eigner Angabe zufolge belief sich sein jährliches Einkommen auf 5000 Pfund 
Sterling. Aber er führte auch eine sehr verschwenderische Lebensweise, die im 
Verein mit den dem Unabhängigkeitskrieg vorausgehenden schlechten Geschäfts- 
jahren seinen Zusammenbruch herbeiführten. 

Unter den pennsylvanischen Eisenhüttenbesitzern der Kolonialzeit finden 
wir ferner die Deutschen Stedmann, Georg Rock, Georg Ege, 
Peter Grubb, Peter Dicks u. a. 

Den im Jahre 1765 in der Kolonie New York auftretenden Eisenfabrikanten 
PeterHasenclever kann man kühn den ersten Großindustriellen Amerikas 
nennen. 

Hasenclever — ein Andrew Carnegie der Koionialzeit — war im Jahre 
1716 in Remscheid geboren, einem Hauptsitz der Eisenindustrie des Herzogtums 
Berg. Es war ihm nicht unbekannt geblieben, daß England jährlich über 40 000 
Tonnen Stangeneisen aus fremden Ländern bezog, daß aber auch die englischen 
Kolonien in Nordamerika sehr reich an Eisenerzen seien und unermeßliche 
Waldungen besäßen, welche die zum Schmelzen der Erze nötigen Holzkohlen 
liefern könnten. Sein der englischen Regierung vorgelegter Plan, jene Eisen- 
lager auszubeuten, so daß England statt des fremden Eisens solches aus den 
Kolonien beziehen könne, fand Anklang. Es bildete sich eine Gesellschaft, mit 
deren Unterstützung Hasenclever im Jahre 1765 nach Amerika übersiedelte, um 
seine Pläne auszuführen. Nach sorgfältigen Untersuchungen entschied er sich 
für den Ankauf eines bedeutende Eisenlager enthaltenden Landstrichs in der 
Kolonie New York. Derselbe lag auf dem Nordufer des Mohawkflusses unweit 
der Pf älzeran Siedlung German Fiats. 

Mit erstaunlicher Tatkraft schritt Hasenclever dann zur Verwirklichung 
seiner Ideen. Aus Deutschland ließ er 550 Bergleute und Schmiede kommen, 
mit deren Hilfe er Holzkohlenbrennereien, Stampfwerke, Schmelzöfen, Schmieden 
und Potaschsiedereien errichtete. Um seinen Arbeitern gute Unterkunft zu 
bieten, ließ er ferner 200 Häuser erbauen. Desgleichen sorgte er durch Auf- 
stauen mehrerer Bäche für billige und gleichmäßige Wasserkraft; endlich auch 
durch Anlage mehrerer Brücken für gute Verkehrswege. 

Bereits nach sechs Monaten war das Unternehmen imstande, das erste 
Stangeneisen nach England zu liefern. An Güte übertraf dasselbe alles aus- 
ländische Eisen. 

Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die junge Anlage zu einer viel- 
versprechenden Industriestätte, deren Zukunft in glänzendem Licht erschien. 
Leider wurde das Unternehmen gerade in diesem Augenblick von einer Kata- 
strophe betroffen, die ihm den Todesstoß versetzte. Die englischen Teilhaber 
Hasenclevers entpuppten sich als unehrliche Leute. Durch die günstigen Ergeb- 
nisse der ersten Jahre ließen sie sich zu luxuriösem Leben verleiten und belasteten 
zur Bestreitung desselben, als die Einkünfte aus dem amerikanischen Unter- 
nehmen nicht mehr ausreichten, das letztere mit so kolossalen Schulden, daß 



— 141 — 

Hasenclever trotz größter Anstrengungen nicht imstande war, den Zusammen- 
bruch aufzuhalten. Um seinen guten Namen zu retten, sah er sich genötigt 
nach England zu eilen, wo er der Regierung eine Rechtfertigungsschrift über- 
reichte und zugleich einen Prozeß gegen seine Teilhaber anstrengte. Derselbe 
zog sich zwanzig Jahre lang hin. Erst nach Hasenclevers Tode (er starb am 
13. Juni 1793 in Schlesien, wo er andere industrielle Anlagen gegründet hatte) 
fällten die Gerichte die Entscheidung, daß die früheren Teilhaber Hasenclevers 
verurteilt seien, an seine Erben eine Million Taler als Entschädigung auszu- 
zahlen. 

Was aus den von Hasenclever nach Amerika gezogenen Bergleuten und 
Schmieden geworden, ist unbekannt. VermutHch wandten sie sich anderen 
Industriestätten zu und trugen dadurch zur Fortentwicklung derselben bei. 

Ein ähnlicher Großindustrieller der Kolonialzeit war Johann Jakob 
F a e s c h aus Basel. Er baute im Jahre 1772 in New Jersey die Mount Hope 
Hochöfen. Außerdem kaufte er zahlreiche Eisenhütten, darunter die bedeutenden 
Hibernia-Werke. Als der Krieg mit England ausbrach, lieferten diese einen 
großen Teil der von den Freiheitskämpfern benötigten Kanonen und Geschosse. 
General Washington besuchte einst mit seinem Stab den Meister Faesch auf 
dessen Mount Hope-Werken. Als Faesch im Jahre 1799 starb, galt er als der 
größte Hüttenbesitzer und zugleich als einer der reichsten und loyalsten Bürger 
der Vereinigten Staaten. 

Ein besonderer Industriezweig der in Pennsylvanien lebenden Deutschen 
war die Herstellung von Flinten mit gezogenen Läufen. Solche Gewehre waren 
gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Wien von Kaspar Zöllner erfunden worden. 
Um der Kugel beim Abfeuern der Büchse eine gradere Richtung und dadurch 
größere Treffsicherheit zu geben, versah Zöllner die Innenwände der Rohre mit 
mehreren von der Mündung bis zum Ansatz führenden Kanälen. Diese „ge- 
zogenen" Flinten wurden in der Folge erheblich verbessert, indem man statt 
der geraden Kanäle spiralförmige anwandte, wodurch die Kugeln eine rotierende 
Bewegung erhielten und die Stetigkeit ihrer Richtung erhöht wurde. Obendrein 
war es ein wesentlicher Vorzug, daß die Pulvergase nicht wie bei glattläufigen 
Flinten zum Teil verloren gingen, sondern voll ausgenutzt wurden, wodurch 
auch die Tragweite der gezogenen Flinten eine erhebliche Steigerung erhielt. 
Während gezogene Büchsen in den Neu-England-Kolonien beim Ausbruch der 
Revolution tatsächlich noch unbekannt waren, hatten die Deutschen Penn- 
sylvaniens längst mit deren Herstellung begonnen. Der erste Büchsenmacher, 
von dem wir mit Bestimmtheit wissen, daß er gezogene Büchsen lieferte, war 
der Deutsch-Schweizer Martin M e y 1 i n. Er eröffnete in der Grafschaft 
Lancaster eine Bohrmühle. Andere waren Heinrich Albrecht, Deck- 
hardt, Matthäus Roeser, Johan Vonderschmitt und 
Philipp LaFevre. 

Ein Hauptsitz deutscher Büchsenmacher war der Ort Lancaster. Der 
berühmte französische Botaniker Michaux, welcher im Jahre 1801 diesen Ort 



— 142 — 

besuchte, schreibt in seiner „Voyage a l'ouest des monts AUeghany, dans les 
Etats de l'Ohio, du Kentucky et du Tennessee" über Lancaster: „Die Be- 
völkerung besteht aus 4 — 5000 Einwohnern, die fast sämtlich deutscher Ab- 
stammung sind, jedoch verschiedenen religiösen Bekenntnissen angehören. Die 
meisten Einwohner sind Büchsenschmiede, Hutmacher, Sattler und Küfer. Die 
Büchsenmacher von Lancaster sind bereits seit langem berühmt, und die von 
ihnen angefertigten Büchsen sind die einzigen, deren sich sowohl die Bewohner 
des Innern des Landes als auch die Indianerstämme an den Grenzen des Landes 
bedienen." 

Und ein späterer Reisender, Herzog Bernhard zu Sachsen-Weimar-Eisenach 
fügte diesem Urteil hinzu: „Lancaster steht in dem Ruf, daß hier die besten 
Rifles — Kugelbüchsen — in den Vereinigten Staaten gemacht werden. Ich 
kaufte eine für 11 Dollars, um sie als Kuriosität mit nach Hause zu nehmen." 

Deutsche waren es auch, die sich zuerst mit dem Bau musikalischer In- 
strumente beschäftigten. Die erste Kirchenorgel Amerikas wurde im Jahre 1703 
von demOrgelbauer Hein rieh Neering in New York für die dortige St. Trinity- 
gemeinde erbaut. Um das Jahr 1737 lebte der Orgelbauer Mathias 
Zimmermann in Philadelphia. Dorthin brachte auch der deutsche Lehrer 
Gottlieb Mittelberger im Jahre 1748 die erste größere, in Heilbronn 
gebaute und nach Amerika ausgeführte Kirchenorgel. Sie wurde in der 
lutherischen St. Michaels-Kirche zu Philadelphia aufgestellt und unter großen 
Feierlichkeiten eingesegnet. 

„Zu diesem Fest", so schreibt Mittelberger, „erschienen fünfzehn Lutherische 
Prediger nebst dem gesammten Kirchen-Rath von allen Evangelischen Kirchen. 
Die Menge der Zuhörer war unbeschreiblich groß, viele Leute kamen von 
ferne aus dem Lande, solches Orgelwerk zu sehen und zu hören." 

Harttafel und Klein schufen eine Orgel für die Kirche der Herrn- 
huter in Bethlehem. In diesem betriebsamen Städtchen lebte auch die Famihe 
Tanneberger, deren Mitgheder während der Jahre 1740 bis 1760 als 
Orgelbauer florierten. Adam Geib, welcher im Jahre 1760 in New York 
seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, schuf die Orgel der dortigen Gnaden- 
kirche. Seine Söhne befanden sich unter den ersten Pianofabrikanten Amerikas. 

In den Städten fand man schon lange vor dem Unabhängigkeitskriege 
zahlreiche deutsche Kaufleute, welche Gegenstände der verschiedensten 
Art, Spezereien, Schnitt- und Eisenwaren, landwirtschafdiche Geräte, musika- 
lische Instrumente, Bücher, Kleider usw. feilhielten. 

In Philadelphia, wo die Deutschen etwa ein Drittel der ganzen Bewohner- 
schaft ausmachten und ein besonderes, im nordöstlichen Teil der Stadt gelegenes 
Quartier innehatten, bestanden auch mehrere deutsche Apotheken und Gast- 
häuser. Unter den letzteren genossen „Der schwarze Adler", „Das weiße 
Lamm" und „Der König von Persien" großen Ruf. 

Obwohl die Deutschen sich in ihrer Tracht der allgemeinen Bevölkerung 
rasch anpaßten, hielten sie doch zäh an ihrer geliebten Sprache und den aus 



— 143 — 

der Heimat mitgebrachten Gewohnheiten fest. Für die Erhaltung der ersten sorgten 
sowohl die Kirchengemeinden und Schulen, wie die an verschiedenen Orten 
gegründeten deutschen Zeitungen. 

Daß deutsche Drucker sich schon früh in den englischen Kolonien nieder- 
ließen, daß Benjamin Franklin im Jahre 1732 in Philadelphia die erste deutsche 
Zeitung in Amerika herausgab und daß Christoph Säur im Jahre 1739 mit 
seinem „Hochdeutsch-Pennsylvanischen Geschichtsschreiber" folgte, wurde be- 
reits in einem früheren Abschnitt erwähnt. Über die weiteren Erzeugnisse 
der deutsch-amerikanischen Presse während der Kolonialzeit möge bemerkt 
werden, daß im Jahre 1743 auch der Drucker Joseph Crellius in Phila- 
delphia eine deutsche Zeitung gründete. Ebendaselbst ließ Johann Bö hm 
im Jahre 1751 die „Fama" erscheinen. In Gemeinschaft mit Anton Arm- 
brüster veröffentlichte Franklin im Jahre 1755 die „Deutsche Zeitung", 
welcher sich im Jahre 1762 noch der von dem Herrnhuter Heinrich 
Miller hergestellte „Staatsbote" zugesellte. In Lancaster erschien seit 1751 
bei Miller und Holland die „Lancastersche Zeitung". Christoph 
Säur der Jüngere veröffentlichte im Jahre 1764 in Germantown die 
erste periodische Zeitschrift in Amerika, das „Geistliche Magazin". 

Aus Franklins Aufzeichnungen wissen wir, daß die Deutschen außerdem 
viele Bücher aus dem alten Vaterlande einführten und an dem dortigen geistigen 
Leben regen Anteil nahmen. 

Außer Kalendern und Zeitungen verlegten die deutschen Drucker auch 
zahlreiche Bücher. Man kennt die Titel von etwa 2000 deutschen Werken, die 
während des 18. Jahrhunderts in den englischen Kolonien gedruckt wurden. 
Die Mehrheit besteht aus religiösen Erbauungs- und Gesangbüchern. Lehr- 
bücher aller Art sind ebenfalls zahlreich. 

Wissenschaftliche Bildung stand besonders bei den in den Städten leben- 
den Deutschen in hohem Ansehen. Die deutschen Prediger, deren sich in dem 
von 1745 bis 1770 reichenden Zeitraum über fünfzig nachweisen lassen, galten 
allgemein als die gelehrtesten Männer Amerikas. Die Studenten der Havard- 
Hochschule wunderten sich nicht wenig, daß jeder dieser Prediger Latein 
ebensogut wie seine Muttersprache reden konnte, was diejenigen nicht über- 
rascht, welche wissen, daß die Prediger ihre Bildung auf deutschen Uni- 
versitäten empfingen, wohin sie auch ihre Söhne mit Vorliebe schickten. 

Unter diesen Theologen finden wir auch die ersten Gelehrten Amerikas, 
z. B. den hochgebildeten Peter Miller, den letzten Vorsteher des Klosters 
Ephrata, welcher auf Ersuchen Jeffersons die amerikanische Unabhängigkeits- 
erklärung in sieben fremde Sprachen übersetzte und das großartigste in Amerika 
hergestellte Buchdruckerwerk des 18. Jahrhunderts, den berühmten „Märtyrer- 
spiegel" herstellte. 

Ihm reihte sich der berühmte David Rittenhausen aus German- 
town an, der sich sowohl als Philosoph wie als Mathematiker, Astronom und 
Landvermesser auszeichnete und während des Unabhängigkeitskrieges seine 



144 — 



mannigfachen Fähigkeiten in der patriotischsten Weise in den Dienst der großen 
Sache stellte. Man schreibt ihm das Verdienst zu, als erster die annähernde 
Entfernung der Erde von der Sonne festgestellt, sowie als erster in Amerika den 
Durchgang der Venus beobachtet zu haben. Nach Franklins Tode wurde er 
Vorsitzer der Philosophischen Gesellschaft von Philadelphia; auch war er der 
erste Münzdirektor der Vereinigten Staaten. Die Sage erzählt, Rittenhausen 

habe zusammen mit 
einem andern Deutsch- 
Pennsylvanier namens 
Henri lange vor Fulton 
ein kleines Dampfboot 
verfertigt, das auf dem 
Conestogafluß bis Lan- 
caster gefahren sei. Ful- 
ton habe damals als 
Lehrling in Lancaster 
gelebt und aus jenen 
Versuchen der beiden 
Deutsch-Pennsylvanier 
die Anregung zu seinem 
späteren Dampfschiff 
„Clermont" empfangen. 
Rittenhausen verbesserte 
auch den von Thomas 
Gottfried (Godfrey) be- 
reits vervollkommneten 
Schiffsquadranten, so 
daß man die Längen- 
und Breitengrade mit 
Sicherheit bestimmen 
konnte. 

Ein Zeitgenosse 
Rittenhausens war der 
gleichfalls in German- 
town lebende Dr. 
Christoph Witt. Er beschäftigte sich mit Uhren- und Orgelbau, femer legte 
er in Germantown den ersten, in Amerika existierenden botanischen Garten an. 
Von anderen deutschen Gelehrten jener Zeit sind Wilhelm Craemer, 
Johann Christoph Kuntze und H e 1 m u t h hervorzuheben. Der 
erstgenannte erteilte während der Jahre 1753 bis 1775 am College der Stadt 
Philadelphia außer lateinischem und französischem auch deutschen Unterricht. 
Kuntze und Helmuth waren von Beruf Theologen, wirkten später aber gleich- 
falls an dem genannten College mit großem Erfolg als Sprachlehrer. 




David Rittenhausen. 



— 145 — 

Bis auf die Lichtgestalt des edlen P a s t o r i u s zurück, reichen auch die 
ersten Anfänger einer deutsch-amerikanischen Dichtkunst. Der Patriarch von 
Germantown liebte es, seine Lebensanschauungen und Erfahrungen in kurzen 
Epigrammen und Sprüchen niederzulegen. Den lärmenden Nichtigkeiten des 
weltlichen Lebens gegenüber pries er die Schönheit seines blumengeschmückten 
Gartens, er zeigte sich als Philosoph, über dessen Seele beschaulicher Friede 
ausgegossen lag. 

„Ich finde in der weiten Weit 
Nictits denn nur Aufruhir, Krieg und Streit; 
In meinem engen Gartenfeld, 
Lieb, Friede, Ruli und Einigl<eit. 
Mein' Blümlein fechten nimmermehr. 
Was alles ihnen auch geschieht; 
Sie wissen nichts von Gegenwehr 
Kein Waffen man dar jemals sieht. 
Drumb' acht ich ihr Gesellschaft hoch 
Und bin bei ihnen gern allein, 
Gedenke oft, daß Christi Joch 
Will ohne Räch' getragen sein." 

Johann Kelpius und Konrad Beissel, die beiden Halb- 
mönche vom Wissahickon und dem Kloster Ephrata ließen dagegen in den 
Urwäldern Pennsylvaniens glaubensbrünstige Lobes- und Liebesgesänge auf 
den himmlischen Bräutigam und die Himmelsbraut erschallen. So bekennt 
Beissel : 

„Ich bin verliebt, ich kann's nicht hehlen, 

O reine, keusche Himmelsbraut! 

Ich will von deiner Lieb' erzählen. 

Die sich mit mir im Geist vertraut. 

Denn deine Treu hat mich bewogen, 

Daß ich dir gebe alles hin: 

Du hast mich ganz in dich gezogen 

Und hingenommen meinen Sinn." 

Und weiter: 

„Ruft, ihr Sterne, überlaut, daß ich liebe! 
Und ihr Wasser, rufet nach, daß ich liebe! 
Alles, was nur Stimmen hat, sag dem Lamme, 
Viel von meiner Flamme." — 

Aus fast allen Poesien dieses Mystikers klingt ungeduldige Sehnsucht 
nach Zion und dem Gotteslamm. 

„Wann werd' ich doch dies ein anschauen und empfinden? 
Wann werd' ich ganz zerfließen und entschwinden? 
Wann fällt mein Fünklein Gas in sein Lichtfeuer ein? 
Wann wird mein Geist mit ihm nur eine Flamme sein?" — 

Überschriften einzelner Hymnen, wie z. B. „Das paradoxe und seltsame 
Vergnügen der göttlich Verliebten", „Ein verliebtes Girren der trostlosen 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. lU 



— 146 — 

Seele in der Morgendämmerung'' und „Bittersüße Nachts-Ode der sterbenden 
jedoch sich vergnügenden Liebe" lassen erkennen, daß die religiöse Schwärmerei 
dieses Einsiedlers einen bedenklich hohen Grad erreicht hatte. 

Weitaus gesunder muten die Kirchenlieder an, welche von den beiden 
Professoren Johann Christian Kunze und Helmuth gedichtet und in Phila- 
delphia von den Druckern Säur verlegt wurden. Auch die Liederbücher 
der Schwenkfelder und Herrnhuter enthalten gute Dichtungen, wenn- 
gleich auch diese von dem mystisch-pietistischen Geist jener Zeit durch- 
tränkt sind. 

Neben solchen kirchlichen Liedern finden wir bei den Herrnhutem auch 
bereits lyrische Poesien, die das rauhe Leben dieser Kulturpioniere und den 
wilden Charakter ihrer Umgebung reflektieren. Die Majestät des Urwalds, der 
Hinterhalt der Indianer, das Warnungssignal der Klapperschlange, die Be- 
schwerlichkeit der ungebahnten Wege sind in diesen Poesien treffend gezeichnet. 

Abgesehen von diesen vereinzelten lyrischen Dichtungen und manchen 
zur Würze der häuslichen oder ländlichen Arbeit dienenden Liedchen atmeten 
alle während der Kolonialzeit entstandenen deutschen Dichtungen den streng 
religiösen Geist, der das ganze Leben der damals in Amerika wohnenden 
Deutschen kennzeichnete. 

Für Gesang und Instrumentalmusik bekundeten die Deutschen gleich- 
falls große Neigung. Wieder waren es die in Germantown, F.phrata, Bethlehem 
und an anderen Orten lebenden Sektierer, welche im m.eisterhaften Vortrag 
geistlicher Lieder alle andern religiösen Gesellschaften übertrafen. Sowohl 
unter den Insassen des von Kelpius gestifteten Klosters wie des von Beissel 
gegründeten „Ephrata" gab es verschiedene Männer und Frauen, die Fertig- 
keit in Dichtkunst und Musik besaßen und nicht bloß zahlreiche geistliche 
Lieder dichteten, sondern auch Melodien zu denselben schufen. 

Die „Chronik von Ephrata'' bezeichnet selbst voller Stolz den Kloster- 
gesang als ein „Vorspiel der Neuen Welt und ein Wunder der Nachbarn"; 
ferner erwähnt sie, „daß die gantze Gegend durch den Schatz himmlischen 
Lustspiels gerührt" worden sei. In der Tat wurden die in der Nachbarschaft 
des Klosters gelegenen An Siedlungen von der Sangeslust angesteckt, und ihre 
Bewohner ruhten nicht, bis die Klostergemeinde ihnen zwei Brüder als Ge- 
sanglehrer stellte. 

Die in Philadelphia und Germantown ansässigen Jünger Gutenbergs 
sorgten für den Druck geistlicher Lieder, von denen die im Jahre 1730 von 
Benjamin Franklin gedruckte Sammlung „Göttliches Liebes- und Lobes Ge- 
thöne" sowie die von Christoph Säur veranstalteten Sammlungen „Das Paradi- 
sische Wunderspiel", „Das Gesang der einsamen Turteltaube" und „Der 
Zionitische Weyrauchshügel oder Myrrhen-Berg" bei fast allen damals in 
Nordamerika bestehenden deutschen Gemeinden Eingang fanden. 

Auch die Mährischen Brüder oder Herrnhuter pflegten geistliche Musik 
und Gesang und suchten ihren Gottesdienst durch Violinen, Oboen und 



— 147 — 

Trompeten musikalisch auszuschmücken. Ein Posaunenquartett begründeten 
sie bereits im Jahre 1752. 

Die wichtigsten Mittelpunkte der Deutschen bildeten die Kirchengemein- 
den, deren Gründung zu den ersten Betätigungen ihres von tiefer Religiosität 
durchwehten Lebens gehörte. 

Sehen wir von den rasch prosperierenden Genossenschaften der Men- 
noniten und Herrnhuter ab, so war es um die deutschen Gemeinden in der 
ersten Zeit allerdings herzlich schlecht bestellt, da sie sich um ihre geistliche 
Wohlfahrt selber kümmern mußten. Weder die deutschen Landesregierungen 
noch die dortigen Kirchenbehörden nahmen sich ihrer an oder versorgten sie 
mit Predigern. Die ersteren bekundeten für die in die Fremde Auswandernden 
nicht das geringste Interesse, da sie ja mit ihrem Ausscheiden aus dem Unter- 
tanenverband aufhörten, dem Staat Abgaben zu entrichten und nützlich zu sein. 
Die deutschen Kirchenbehörden waren durch die zwischen den einzelnen Be- 
kenntnissen nie zur Ruhe kommenden Zwiste zu sehr in Anspruch genommen, 
als daß sie Zeit gefunden hätten, den fernen Glaubensgenossen Aufmerksamkeit 
zuzuwenden und sie mit Predigern zu versorgen. Aus diesem Grunde mußten 
sowohl die in den Kolonien New York, New Jersey und Pennsylvanien leben- 
den deutschen Lutheraner wie die Reformierten häufig die Dienste dort an- 
sässiger holländischer und schwedischer Pfarrer in Anspruch nehmen, von 
denen manche der deutschen Sprache mächtig waren. 

Aber auch dieser Notbehelf hörte allmählich auf, als nach der Annexion 
Neu-Niederlands und Neu-Schwedens die holländischen und schwedischen 
Regierungen nicht länger imstande waren, für die Aufrechterhaltung ihrer Be- 
ziehungen zu den in den annektierten Provinzen lebenden Stammesgenossen so 
kräftig zu sorgen, wie dies früher geschehen war. 

Zum Glück fanden sich, als das kirchliche Leben der deutschen Aus- 
wanderer in Amerika in Verwahrlosung zu verfallen drohte, einige wackere 
Männer, welche sich die Not ihrer deutschen, in der Fremde weilenden Lands- 
leute zu Herzen nahmen. Obenan unter denselben standen die als Stifter des 
Waisenhauses in Halle berühmt gewordenen Brüder August Hermann 
und Gotthilf August Franke, sowie der Londoner Hofprediger 
Z i e g e n h a g e n. Sie sandten mehrere tüchtige Prediger aus, die sich die 
Bedienung und straffere Zusammenfassung der deutschen Gemeinden in Amerika 
zur Aufgabe stellten. 

Das war allerdings recht schwierig, indem diese Pastoren mehrere, weit 
voneinander entfernte Gemeinden bedienen mußten. Obwohl bereits Tausende von 
Lutheranern in den Tälern des Hudson und Mohawk und in dem benachbarten 
New Jersey wohnten, so gab es im Jahre 1725 doch nur einen berufsmäßigen 
lutherischen Prediger im ganzen Distrikt, den in New York lebenden Pastor 
Wilhelm Christoph Berkenmeyer. Pennsylvanien mit einer 
lutherischen Bevölkerung von 60 000 Köpfen besaß gleichfalls bloß einen 

10* 



— 148 — 

solchen Pfarrer, so daß manche ferngelegene Gemeinden nur ein- bis zweimal 
im Jahre den Besuch desselben empfangen konnten. 

Von den Mühseligkeiten, unter welchen solche Seelsorger ihrem Beruf 
oblagen, kann man sich heute nur schwer eine Vorstellung machen. Häufig 
mußten sie 50 oder 100 Meilen weit über grundlose Pfade und steil abfallende 
Hügel, durch dicke Urwälder, gefährliche Sümpfe und angeschwollene Bäche 
reiten, den schlimmsten Launen des Wetters ausgesetzt. Oft fiel der Regen 
in Strömen nieder; im Sommer erschlafften Roß und Reiter infolge der sengen- 
den Hitze, während zur Winterszeit bittere Kälte das Blut in den Adern er- 
starren machte. 

Welche Anforderungen an die Körperkraft gestellt wurden, ergibt sich 
aus den Aufzeichnungen des im Jahre 1742 von Halle nach Pennsylvanien 
entsandten Predigers Heinrich Melchior Mühlenberg. Das 
Arbeitsfeld dieses hochbegabten, unermüdlich tätigen, mit großer Herzensgüte 
ausgestatteten Mannes erstreckte sich über die Kolonien Pennsylvanien, New 
Jersey und New York. Außerdem besuchte er gelegentlich die Gemeinden in 
Virginien, Karolina und Georgia. Während seiner weiten Reisen mußte er oft 
stundenlang in stockdunkler Nacht zu Pferde zubringen, bei Sturm und Schnee, 
beständig von Gefahren durch wilde Tiere und feindliche Indianer umdroht. 
Keine irdische Vergütung konnte ihn für solche Beschwerden und Mühen 
lohnen. Aber er fand vollkommene Befriedigung in dem Vorrecht, das Evan- 
gelium einer Menge aufmerksamer Zuhörer predigen zu dürfen, von denen 
viele weither kamen, um seinen Worten zu lauschen. 

Mühlenberg gründete zunächst in Philadelphia eine große lutherische 
Gemeinde. Von dort sandte er auch regelmäßige Berichte an die vom Waisen- 
haus zu Halle herausgegebenen „Halleschen Nachrichten". Diese als Quelle 
unserer Kenntnisse für die Zustände des damaligen Deutschtums in Amerika 
unschätzbaren Mitteilungen bewirkten, daß sich das Interesse der kirchlich 
Gesinnten in Deutschland in höherem Maß den Bedürfnissen ihrer jenseits des 
Meeres lebenden Glaubensgenossen zuwandte. Dann auch, daß sich mehrere 
andere Prediger zur Teilnahme an dem Wirken Mühlenbergs entschlossen und 
nach Amerika übersiedelten. In Gemeinschaft mit diesen sowie einigen schwe- 
dischen Pastoren gründete Mühlenberg im August 1748 die erste luthe- 
rische Synode in Amerika, eine die nachdrücklichere Förderung der 
Wohlfahrt der Lutheraner in der Neuen Welt anstrebende Verbindung. 

Was Mühlenberg für die lutherische Kirche leistete, das verrichtete um 
dieselbe Zeit der Deutsch-Schweizer Michael S c h 1 a 1 1 e r für die refor- 
mierte. In seiner Vaterstadt St. Gallen hatten ihm angesehene Stellen offen- 
gestanden. Er schlug dieselben aber aus, um sich der geistlichen Pflege der 
nach Pennsylvanien übersiedelten reformierten Pfälzer zu widmen. In Ge- 
meinschaft mit einigen anderen Geistlichen stiftete er die erste deutsche 
reformierte Synode in Amerika, einen der wichtigsten Kirchenkörper, 
dessen Mitglieder ihn noch heute als ihren Vater verehren. 



149 



Auf Schlatters Anregung kam auch der reformierte Geistliche Philipp 
Wilhelm Otterbein (geboren 4. Juni 1726 in Dillenburg, Nassau) nach 
Pennsylvanien. Nachdem er dort in den Orten Lancaster und Tulpehocken ge- 





Heinrich Melchior Mühlenberg. 



V 



wirkt hatte, siedelte er nach Maryland über und gründete in Baltimore die neue 
Kirchengemeinschaft der „Vereinigten Brüder in Christ o", welche 
später große Ausdehnung gewann. 

Die meisten dieser edlen Gottesstreiter, denen wir auch den im Jahre 
1769 bei Pottstown in Pennsylvanien geborenen Jacob Albrecht, den 



— 150 — 

Stifter der „Evangelischen Gemeinschaft" zuzählen müssen, verfügten über 
gründliche, auf deutschen Hochschulen erworbene Kenntnisse, die sie in den 
in Verbindung mit den Kirchen gestifteten Schulen aufs trefflichste zum Nutzen 
ihrer Landsleute verwerteten. 

Berufsmäßige deutsche Lehrer waren zu Anfang des 18. Jahrhunderts in 
Amerika äußerst selten. Kein Wunder, wurden doch diese Erzieher des Volkes 
damals in Deutschland zu schlecht bezahlt, als daß sie von ihrem kärglichen 
Lohn die beträchtlichen Kosten der Reise nach Amerika hätten erübrigen können. 
Auch die Stellung der wenigen, welchen es gelang, diese Mittel aufzutreiben, 
war eine höchst unsichere. Gleich den Pastoren besaßen sie weder feste Be- 
soldung noch freie Amtswohnungen. Sie waren auf freiwillige Beiträge der 
Gemeindemitglieder angewiesen. 

Um so höhere Anerkennung schuldet das Deutschtum jenen Wackeren, 
die freudigen Herzens ihr reiches Wissen den Landsleuten mitteilten und sie 
dadurch für den Kampf ums Dasein befähigten. Es gab unter diesen Männern 
wahrhaft leuchtende Beispiele. Daß der edle Pastorius in Germantown eine 
Schule einrichtete und an derselben zwanzig Jahre lang eine Abendklasse leitete, 
wurde bereits in einem früheren Abschnitt erwähnt. Er verfaßte auch das erste, 
in Pennsylvanien gedruckte Schulbuch. In ähnlicher Weise machten sich die 
frommen Schwärmer Kelpius und Miller verdient. Johann Thomas 
Schley, derselbe, welcher in Frederick, Maryland, im Jahre 1745 das erste 
Haus erbaute, wird von Schlatter, dem Gründer der Reformierten Kirche in 
Amerika, als der beste Lehrer bezeichnet, den er in der Neuen Welt gefunden 
habe. Er scheue weder Mühe noch Arbeit, um die Jugend zu belehren und die 
Älteren in ihrem Wissen zu bereichern. 

Auch die beiden Pastoren Mühlenberg und Schlatter, welche das Päda- 
gogische Institut der Brüder Franke in Halle durchlaufen hatten, wirkten durch 
ihre gründlichen Bestrebungen auf dem Gebiet der Jugenderziehung äußerst 
anregend. Weiter verdienen die Lehrer Weiß, Brehm und Stiefel rühm- 
lich erwähnt zu werden. Keiner aber mehr als Christoph Dock, „der 
fromme Schulmeister vom Skippack", dessen Andenken man noch heute in Penn- 
sylvanien feiert. 

Derselbe eröffnete im Jahre 1718 an dem genannten Bach eine Schule, 
die er lange Jahre leitete, ohne regelmäßige Bezahlung zu empfangen. Im 
Jahre 1738 gründete er eine zweite Schule in Salford und teilte nun seine Tätig- 
keit so ein, daß er in jeder Schule wöchentlich drei Tage lang unterrichtete. 
53 Jahre lang blieb Dock in seinem erzieherischen Beruf tätig. Seine Lehr- 
methode war so vorzüglich, daß beide Schulen weithin berühmt wurden. Er 
veranlaßte auch die Zöglinge der einen Schule, denjenigen der andern regel- 
mäßige Berichte über ihre Tätigkeit und die gemachten Fortschritte zu senden, 
die er dann persönlich beförderte. Der ganze Unterricht war systematisch ge- 
regelt und darauf berechnet, den Ehrgeiz der Schüler zu wecken. Auf ihr Be- 
tragen wirkte er durch den Erlaß von „hundert nützlichen Regeln". Sie wurden 



— 151 — 

im Jahre 1764 gedruckt und enthalten Anweisungen für das Verhalten der 
Kinder beim Aufstehen, bei den Mahlzeiten, in der Schule, auf der Straße, in 
der Kirche, beim Zubettegehen und vielen anderen Gelegenheiten. Sie sind so 
mustergültig, daß sie noch heute einen Platz in jedem Schulzimmer verdienen. 

Wiederholt wurde Dock, dieser deutsch-amerikanische Pestalozzi, auf- 
gefordert, seine mit so großem Erfolg angewendeten Erziehungs- und Lehr- 
methoden in Buchform herauszugeben. Aber er entschloß sich nur schwer 
dazu, weil seine Bescheidenheit ihm verbot, ein Werk zu seinem eigenen Lob 
zu schreiben. Erst nach langem Zureden seiner Vorgesetzten schritt er im 
Jahre 1754 an die Abfassung seiner „Schulordnung", welche im Jahre 1770 
in dem von Christoph Säur herausgegebenen „Geistlichen Magazin" abgedruckt 
wurde und das erste in Amerika verfaßte Werk über Pädagogik darstellt. 

Für die Schul- und Kirchen Verhältnisse der Deutschen in Pennsylvanien 
ist auch folgende Erklärung bezeichnend, die in einem 1755 dort veröffent- 
lichten Pamphlet enthalten ist: 

„The Germans have schools and meeting-houses in almost every township 
thro' the province, and have more churches and other places of worship in the 
city of Philadelphia itself than those of all other persuasions added together." 

Zieht man auf Grund obiger Darstellungen einen Schluß über den Kultur- 
stand der in den englischen Kolonien lebenden Deutschen, so wird man den- 
selben die Anerkennung nicht versagen können, daß sie fleißig, unermüdlich 
vorwärtsstrebten und auf ihre geistige Fortbildung bedacht waren. Sie bil- 
deten ein Bevölkerungselement, welches das von allen Gutmeinenden rückhalt- 
los gespendete Lob vollauf verdiente. 




^N^^^K«.v 



Schluß Vignette: Die letzte Zuflucht. 




Der Franzosenkrieg. 



Eine seltsame Laune des Geschicks fügte es, daß viele Deutsche, welche 
in der Heimat unter der Brutalität der Franzosen gelitten hatten und infolge- 
dessen ausgewandert waren, sich in der Neuen Welt den gleichen Feinden aber- 
mals gegenübersahen. 

Bei der Aufteilung Amerikas hatten die Franzosen sich am St. Lorenz- 
strom festgesetzt und von dort aus nicht bloß Canada, sondern auch die süd- 
lich von den fünf großen Seen gelegenen Länder am Ohio und Mississippi er- 
forscht. Diese bis zum Golf von Mexiko reichende Ländermasse erhielt zu 
Ehren des Königs Louis XIV. den Namen Louisiana. Eine vom St. Lorenz- 
strom bis zur Mündung des Mississippi reichende Kette von 60 Forts sollte 
dieses gewaltige Kolonialreich gegen die Engländer sichern. 

Die Kolonien der letzteren beschränkten sich auf den schmalen, vom fran- 
zösischen Arkadien bis zum spanischen Florida reichenden Küsten streifen. Nach 
dem Innern hin verliefen die Grenzen unbestimmt und waren durch kein Über- 
einkommen mit den Franzosen festgelegt. Da die Engländer langsam gen 
Westen, die Franzosen hingegen durch das Ohiotal gen Osten vorrückten, so 
war ein Zusammenstoß der beiden um die Vorherrschaft in Amerika rivali- 
sierenden Mächte auf die Dauer unvermeidlich. 

Schon ehe dieser Grenzkrieg ausgefochten wurde, kam es infolge der in 
Europa zwischen den Engländern und Franzosen geführten Feldzüge auch in 

Kopfleiste: Indianische Kundschafter beschleichen unter Wolfsmasken ein Lager 
von Ansiedlern. Nach einer Originalzeichnung von Rudolf Gronau. 



— 153 — 

der Neuen Welt zu blutigen Kriegen. Dieselben nahmen einen wahrhaft grau- 
samen Charakter an, als beide Gegner die ihrem Einfluß zugängigen Indianer- 
stämme zur Teilnahme an dem Kampf aufreizten. Auf Seite der Franzosen 
fochten die Huronen, Ottowas, Aliamis, Illinois und Schaunies. Die Engländer 
bemühten sich, den aus den Mohawks, Oneidas, Onondagas, Cayugas, Senecas 
und Tuscaroras bestehenden Irokesenbund, ferner die Delawaren, Cherokesen 
und Chikasaws auf ihre Seite zu bringen. 

Alle diese Wilden feierten nicht bloß in dem Blut ihrer rothäutigen Gegner, 
sondern auch der weißen Ansiedler wahre Orgien und schleppten tausende 
von Kopfhäuten als schauerliche Trophäen hinweg, um damit ihre Waffen, Ge- 
wänder und Wigwams zu schmücken. 

Insgesamt wurden vier Kriege zwischen den Franzosen und Engländern 
auf dem Boden der Neuen Welt ausgefochten. Der erste erstreckte sich über 
die Jahre 1689 bis 1697. Durch die von Jakob Leisler vorgeschlagenen ge- 
meinsamen Angriffe der englischen Kolonien auf Canada war er bemerkenswert. 

Der zweite Krieg währte von 1702 bis 1713. Deutsche Ansiedler wurden 
durch denselben nicht betroffen. 

Der dritte Krieg erstreckte sich über die Jahre 1744 bis 1748. Das wich- 
tigste Ereignis bildete die Eroberung der bei Kap Breton angelegten französi- 
schen Festung Louisburg. Bewohner der deutschen Ansiedlung Waldoburg 
nahmen daran Anteil. Im weiteren Verlauf des Feldzugs wurden die zurück- 
gebliebenen Bewohner Waldoburgs am 21. Mai 1746 von canadischen Indianern 
überfallen und teils niedergemacht, teils in die Gefangenschaft geschleppt. 

Kaum sechs Jahre nach dem Friedensschluß entbrannte der große Ent- 
scheidungskampf um die Herrschaft in Nordamerika. Von 1754 bis 1763 
während, brachte er sowohl über die am Mohawk und Schoharie wohnenden 
Plälzer wie auch über die am Fuß der Alleghanygebirge lebenden Ansiedler 
schreckliche Heimsuchungen. 

Die erbittertsten Kämpfe spielten sich in dem das Hauptstreitobjekt bil- 
denden Quellgebiet des Ohio ab. Die Franzosen basierten ihre Ansprüche auf 
dasselbe darauf, daß sie den Ohio entdeckt hätten, demgemäß das ganze Ge- 
biet bis zu den die Wasserscheide bildenden Alleghanys zu ihrer Interessen- 
sphäre gehöre. Die Engländer weigerten sich, diese Ansprüche anzuerkennen, 
weil manche aus den englischen Kolonien stammende Bewohner jene Gebiete 
zuerst besiedelt hätten, und weil diese außerdem Besitztum des den Engländern 
verbündeten Irokesenbundes seien. 

In der Tat waren verschiedene verwegene Pelzhändler vom Mohawk 
und von Pennsylvanien aus in das Ohiogebiet vorgedrungen und hatten dort 
Handelsstationen errichtet. Unter diesen Pionieren, die als erste verwegen 
über die Alleghanys hinwegstiegen und den Blick über jene ungeheure Wildnis 
hinwegschweifen ließen, durch welche die Flüsse in westwärts gerichtetem Lauf 
dem sagenhaften Mississippi zueilten, befanden sich zahlreiche Deutsche. 



— 154 — 

Bereits vor dem Jahre 1728 errichtete der Deutsch-Pole Anton So- 
d o w s k y am Südwesten de des Eriesees einen Handelsposten, an dessen Stelle 
heute die Stadt Sandusky steht. Thomas Mehrlin und Johann Sal- 
ling waren die ersten, die im Jahre 1740 in einem aus Büffelhäuten ange- 
fertigten Kanu den Ohio hinabfuhren. Sie wurden in der unbekannten Wildnis 
von Cherokesen überfallen. Mehrlin entkam; Salling aber ward als Gefangener 
in die Dörfer des Stammes am oberen Tennessee gebracht und in den Stamm 
aufgenommen. Drei Jahre lebte er, gleich einem Indianer bemalt und mit 
Ringen durch Nase und Olirea, mit den Söhnen der Wildnis. Später geriet 
er während eines Gefechtes mit den Illinoisindianern in die Gewalt der letzteren 
und kam so nach dem Dorf Kaskaskia, wo eine alte Indianerin ihn als Sohn 
adoptierte. Mit seinen neuen Stammesgenossen vollführte Salling Streifzüge 
durch die westlichen Prärien bis zum Meerbusen von Mexiko, wo seine Adoptiv- 
mutter ihn an eine spanische Handelskarawane verkaufte. Als Dolmetscher 
kam er mit dieser nach Canada, von wo er später nach seinem frühern Wohnort 
Williamsburg in Virginien zurückkehrte. 

Ein anderer deutscher Pionier war der aus Pennsylvanien stammende 
Peter D i e t e. Zusammen mit Jakob D i m m e w trieb er an den Ufern 
des oberen Ohio Pelzhandel. Beide wurden aber von dem französischen Dol- 
metscher Chartier mit 400 Schaunies überfallen und ihrer Boote wie der darin 
befindlichen Ladung beraubt. Man verbot darauf den beiden Abenteurern unter 
Androhung sofortigen Todes, je wieder den Fluß zu befahren. 

Dort, wo heute die Stadt Toledo steht, baute im Jahre 1739 Martin 
Hertel ein Blockhaus. Andere Deutsch-Pennsylvanier errichteten unter den 
Piankeschaws, einem Zweig der Miamis, im heutigen Shelby County in Ohio 
den befestigten Handelsposlen Pickawilleny. 

Um die Besiedelung des Ohiogebietes zu fördern und den dortigen Pelz- 
handel an sich zu ziehen, rief die englische Regierung die aus virginischen und 
Londoner Kaufleuten gebildete „Ohio Gesellschaft" ins Leben. Dieselbe er- 
hielt im Jahre 1748 nicht nur das Anrecht auf ein 500 000 Acker großes Gebiet 
am Monongahela, dem südlichen Quellarm des Ohio, sondern auch das Mo- 
nopol des Tauschhandels mit den am Ohio seßhaften Indianerstämmen. Die 
Gesellschaft übernahm dagegen die Verpflichtung, auf dem ihr zugewiesenen 
Landgebiet binnen sieben Jahren mindestens hundert Familien anzusiedeln und zu 
deren Schutz auf eigene Kosten ein Fort zu bauen. 

Bevor damit begonnen werden konnte, galt es, das nur wenigen ver- 
wegenen Pelzhändlern bekannte Quellgcbiet des Ohio genauer zu erforschen. 
Mit dieser gefährlichen Aufgabe betraute man einen kühnen Hinterwäldler deut- 
scher Abstammung, den am Yadkin wohnenden Trapper Christoph Gist 
oder Geist. Er erhielt die Weisung, zunächst einen über die Alleghany- 
gebirge führenden Paß zu erm.itteln, dann die Stärke der am. Ohio wohnenden 
Indianerstämme auszukundschaften, und drittens eine Karte der von ihm durch- 
wanderten Länder anzufertigen. 



155 



Gist trat seine beschwerliche Wanderung im Oktober 1750 an, überstieg 
zunächst die Blue Ridge, durchquerte dann das Tal des Shenandoah, durch- 
watete die Schneewehen der Alleghanygebirge und drang endlich bis zum Ohio 
vor. Die franzosenfreundlichen Ottawaindianer respektierten ihn zwar als Ab- 
gesandten des Königs von England, ließen ihm sonst aber eine kühle Aufnahme 
zuteil werden. 

Gist wandte sich 
darauf zu den am Mu- 

skingum wohnenden 
Wyandots. Hier traf 
er zu seiner Überra- 
schung einen Pennsyl- 
vanier, George Grog- 
han, der mit der Ab- 
sicht gekommen war, 
die Rothäute für eine 
von den Pennsylvaniern 
geplante Niederlassung 
freundlich zu stimmen. 

Gemeinschaftlich be- 
suchten die beiden 
Abenteurer ferner die 
am Scioto hausenden 
Delawaren, die auf bei- 
den Ufern des Ohio 

sitzenden Schawnes 
oder Schaunies sowie 
die nördlich davon 
wohnenden Miamis. Es 
gelang Gist, die mei- 
sten dieser Indianer- 
stämme zu bewegen, 
Abgesandte zu einer 
großen Beratung zu 
schicken, die mit Ver- 
tretern der Kolonie Vir- 
ginien und der Ohio- 
Gesellschaft in Logstown, einer heute nicht mehr nachweisbaren Pelzhandels- 
station, statthaben solle. Der Hauptzweck dieser Zusammenkunft sollte in der 
Anerkennung der Besitztitel der Ohio-Gesellschaft seitens der Indianer bestehen. 
Die Beratung fand im Juni des Jahres 1752 an der vereinbarten Stelle 
statt. Gist vertrat dabei die Ohio-Gesellschaft; Oberst Frey sowie zwei andere 
Bevollmächtigte vertraten die Kolonie Virginien. Aber die um ihre Zukunrt 




Ein Indianer mit den Zeichen seiner Kriegstaten geschmückt. 



— 156 — 

besorgten Rothäute wollten sich zur Anerkennung irgendwelcher Ansprüche 
oder Besitztitel, gleichviel ob englische oder französische, nicht verstehen. 

„Die Engländer beanspruchen alles Land auf dieser, die Franzosen alles 
Land auf jener Seite des Ohio. Wo bleiben wir Indianer?" Mit dieser Frage 
lehnten sie jede weitere Erörterung der Angelegenheit ab und setzten allen von 
den Weißen vorgebrachten Überzeugungsgründen hartnäckiges Schweigen 
entgegen. 

Die ablehnende Flaltung der Rothäute schreckte die Leiter der Ohio-Ge- 
sellschaft aber nicht von weiteren Bemühungen zur Befestigung ihrer Ansprüche 
ab. Sie sandte sogar Feldmesser aus, welche die geplante Niederlassung am 
Ohio vorbereiten und mit dem Bau eines Forts beginnen sollten. Als geeignetste 
Stelle erkor man eine durch den Zusammenfluß des AUeghany und Monongahela 
gebildete Landzunge. Dorthin schaffte man Kriegsmaterial und Waren für 
den Tauschhandel mit den Indianern. 

Aber die Franzosen erhielten durch ihre indianischen Verbündeten von 
diesen Vorbereitungen Wind und erschienen am 11. April 1754 1000 Mann 
stark mit zahlreichen Geschützen auf einer aus 60 Schiffen und 300 Kanus be- 
stehenden Flotte. Dieser bedeutenden Macht räumte der mit der Verteidigung 
des Platzes betraute Fähnrich Ward das Feld, worauf die Franzosen sofort mit 
dem Bau des starken Forts Duquesne begannen. 

Noch war kein Blut geflossen, aber die Entscheidung ließ nicht lange auf 
sich warten. Als Befehlshaber einer Anzahl virginischer Provinzialtruppen be- 
fand sich der junge Offizier George Washington in der Nähe des heutigen 
Cumberland. Als er erfuhr, daß ein französisches Streifkorps in der Gegend 
sei, rückte er demselben mit seinen Leuten entgegen und ließ beim Ansichtig- 
werden der Feinde sofort das Feuer eröffnen. Damit war der Anlaß zum 
offenen Krieg gegeben, zu einem Krieg, der die ganze Welt in Flammen setzte 
und Europa eine Million Menschen kostete. 

Der rasch entworfene Feldzugsplan der Engländer sah, soweit er den 
Krieg in Nordamerika betraf, die Entsendung von vier getrennt marschierenden 
Expeditionen vor, von denen die erste unter General Edward Braddock das 
Fort Duquesne nehmen sollte. Die zweite Expedition unter General Shirley 
erhielt Befehl, das am Ausfluß des Niagara in den Ontariosee gelegene Fort 
Niagara zu erobern und in Canada einzufallen. Die dritte unter William John- 
son sollte sich der französischen Befestigung Crown Point am Champlainsee 
bemächtigen; während die vierte die Aufgabe hatte, die Franzosen aus Neu- 
Schottland zu vertreiben. 

Von diesen Unternehmungen beansprucht der Zug des Generals Braddock 
insofern unser Interesse, als sein Fehlschlagen für die deutschen Grenz- 
bewohner in West-Virginien und Pennsylvanien äußerst verhängnisvoll wurde, 
Braddock brach mit 2000 Mann im Frühling 1755 nach den Alleghanys 
auf, geriet aber am 9. Juli am Monongahela in einen Hinterhalt und erlitt eine 



— 157 — 

furchtbare Niederlage. Die Hälfte seiner Truppen nebst 63 Offizieren wurden 
getötet oder verwundet. Nur der umsichtigen Leitung George Washingtons, 
welcher sich mit seinen Milizsoldaten der Expedition als Freiwilliger ange- 
schlossen hatte und den Rückzug decivte, war es zu danlcen, daß Braddocks 
Armee nicht gänzlich aufgerieben wurde. 

Infolge dieser Katastrophe waren die zerstreut wohnenden Ansiedler in 
West-Virgin ien und Pennsylvanien den Angriffen der Franzosen und ihrer in- 
dianischen Verbündeten schutzlos preisgegeben. 

Eine wahrheitsgetreue Schilderung der nun hereinbrechenden Schreckens- 
zeit ist nie geschrieben worden, da die einzelnen Episoden derselben sich fern 
von Augenzeugen inmitten der Wildnis zutrugen. Deshalb widmen ihr auch 
die meisten Geschichtswerke nur wenige Zeilen, welche sagen, daß jene 
Regionen mehrere Jahre hindurch von Rothäuten und Weißen aufs furchtbarste 
verwüstet wurden. Wie viele tausend Hütten dabei in Flammen aufgingen, wie 
viele Ansiedler abgeschlachtet, skalpiert oder am Marterpfahl verbrannt, wie 
viele Frauen geschändet, erwürgt oder in eine an scheußlichen Entehrungen 
reiche Gefangenschaft geschleppt wurden, wird verschwiegen. Nur da und 
dort stoßen wir in halbvergessenen Lokalchroniken auf die Schilderungen ein- 
zelner Begebnisse, welche die Greuel jener Schreckenszeit mit unheimlicher 
Schärfe vor Augen rücken. Wir greifen einige heraus, welche deutsche An- 
siedler betrafen. 

Eine halbe Meile von dem durch Herrnhuter gegründeten christlichen In- 
dianerdorf Gnadenhütten entfernt lag der aus mehreren Häusern bestehende 
Weiler Mahoming. Die hier wohnenden herrnhutischen Familien wurden an 
einem schaurigen Novemberabend von Indianern überfallen. Drei Personen 
gelang es, zu entkommen. Alle anderen, neun Männer, drei Frauen und ein 
Kind, fielen unter den Beilen der Rothäute, oder kamen in den Flammen der in 
Brand gesetzten Häuser um. 

Im Lehigh County wurden sämtliche Angehörigen des Ansiedlers Jakob 
Gerhardt abgeschlachtet. Zwei Kinder, die angsterfüllt unter ein Bett ge- 
krochen waren, verbrannten, als die Indianer das Haus anzündeten. 

Im Berks County bewohnte der Ansiedler Friedrich Reichels- 
dorf er ein einsam gelegenes Gut. Im Bewußtsein der bedrohten Lage des- 
selben brachte er seine Angehörigen nach der Ortschaft Neu-Hannover, kehrte 
aber von Zeit zu Zeit zu seinem Gehöft zurück, um nach dem zurückgelassenen 
Vieh und der Ernte zu sehen. Bei einem dieser Gänge war Reichelsdorfer von 
seinen beiden erwachsenen Töchtern begleitet, welche helfen wollten, den 
Weizen zu dreschen. Nach getaner Arbeit wurden in später Abendstunde die 
beiden Mädchen von bangen Ahnungen befallen und vereinigten sich mit ihrem 
Vater zu einem gemeinsamen Gebet, wobei sie den Choral sangen : „Wer weiß, 
wie nahe mir mein Ende.'' Als am folgenden Morgen Reichelsdorfer mit dem 
Einfangen der Pferde beschäftigt war, brachen plötzlich unter gellendem Ge- 
heul einige scheußlich bemalte Indianer auf ihn herein. Von jähem Schrecken 



158 



befallen, ergriff er die Flucht und rannte den nächsten Wohnplätzen zu, um 
bei zwei dort wohnenden deutschen Familien Schutz zu suchen. Als er aber 
in die Nähe der Hütten kam, hörte er das entsetzliche Angstgeschrei ihrer Be- 
wohner und sah, wie zahlreiche Indianer eben dabei waren, die Familien ab- 
zuschlachten. Erst jetzt fielen ihm die eigenen Töchter ein, und er lief in Eile 
zu seiner Wohnung zurück. Schon vom Walde aus sah er, daß Haus, Scheunen 
und Ställe licherloh in Flammen standen, die über die höchsten Bäume empor- 
züngelten. Durch das Knattern der Glut hörte er das erbärmliche Gebrüll des 
verbrennenden Viehs, das scheußliche Geheul der Wilden und das Wehgeschrei 




Die Abschlachtung einer Ansiedlerfamilie durch Indianer. 



seiner Töchter. Von Entsetzen erfüllt, floh Reichelsdorfer nach Neu-Hannover. 
Von dort brach sofort eine Anzahl beherzter Männer zu dem Schauplatz der 
Tragödie auf. Aber als sie dort anlangten, waren die Indianer verschwunden. 
Das ganze Besitztum lag in Asche. Von der ältesten Tochter fand man nur 
wenige halbverkohlte Überreste; die jüngere, obwohl schrecklich verstümmelt 
und skalpiert, lebte noch. Mit ersterbender Stimme bat sie ihren Vater, sich 
zu ihr zu neigen, damit sie ihm den letzten Abschiedskuß geben könne. Wenige 
Minuten später verschied sie in seinen Armen. 

Ähnliche Greuelszenen, von denen jede Kunde fehlt, ereigneten sich auf 
zahlreichen anderen Gehöften. Nachgewiesenermaßen wurden am Ostabhang 
der Blauen Berge über 300 Pfälzer von den Indianern ermordet. Sogar an 



— 159 — 

größere Ortschaften wagten sich die Rothäute.') So fielen sie im November 
1755 die Ansiedlungen der Pfälzer am Tulpehocken an, töteten 15 Personen 
und brannten mehrere Häuser nieder. 

In Tulpehocken sah es damals, wie noch erhaltene Briefe melden, ent- 
setzlich aus. Der Ort war mit Flüchtlingen überfüllt. In manchen Häusern 
drängten sich 50 bis 70 Menschen zusammen. Frauen beweinten den Tod 
ihrer Männer, Männer ihre Weiber, Fltern die Kinder und den Verlust ihrer 
ganzen Habe. Ringsum im Lande stiegen Rauchsäulen auf, welche den Unter- 
gang blühender Heimstätten verkündeten. 

Noch schwerer als die Deutschen in Pennsylvanien und Virginien litten 
die Pfälzerkolonien im New Yorker Mohawktale. Während der ersten beiden 
Kriegsjahre waren sie von den Greueln derselben verschont geblieben, da das 
am Südufer des Ontariosees liegende Fort Oswego gegen den Einbruch der 
Franzosen Schutz gewährte. Nichtsdestoweniger hatten die Pfälzer einen Zu- 
fluchtsort für den Fall der Not angelegt, indem sie das aus Steinen erbaute 
Wohnhaus des Johann Jost Herchheimer mit hohen, an den Ecken 
durch Bastionen verstärkten PaHsaden umgaben. Außerhalb dieser Befesti- 
gung befand sich ein tiefer Wassergraben. Hinter den Palisaden erhob sich 
ein Erdwall, der es den Verteidigern ermöglichte, über die Umzäunung hinweg- 
zublicken und auf die Angreifer zu feuern. Wie nötig diese Vorsichtsmaß- 
regeln waren, zeigte sich, nachdem Fort Oswego den Franzosen in die Hände 
gefallen war. 

Am 11. November 1757 gelang es dem französischen Kapitän Belletre, 
mit 300 Soldaten und Indianern durch die dicken Urwälder unbemerkt in die 
Nähe der auf dem Nordufer des Mohawk gelegenen Pfälzerniederlassungen zu 
schleichen. In der folgenden Nacht, drei Uhr morgens, brach er mit seiner 
Horde über die im tiefsten Schlaf liegenden Ansiedler herein und metzelte alle 
nieder, die nicht schnell genug die Flucht ergreifen konnten. Vom Feuerschein 



') An diese Tatsache knüpft Rev. F. J. E. Schantz im 10. Band der Proceedings der 
Pennsylv. German Society folgende Bemerkung; „Es war die traditionelle Politik der Re- 
gierung, die Deutschen an die Grenzen zu schicken, an die Stellen der Gefahr. Laßt 
der Wahrheit ihr Recht, so wie die Geschichtschreibung von heute sie berichtet. Die früheren 
Geschichtschreiber rühmten, das Verfahren der Quäker den Indianern gegenüber sei so mild 
und edel gewesen, daß infolgedessen nie ein Tropfen Quäkerbluts von Indianern vergossen 
worden sei. Soll ich sagen warum? Weil der Gürtel der Quäkerniederlassungen in einem 
Halbkreis von 50 Meilen von Philadelphia lag. Jenseits dieses Halbkreises lagen die Nieder- 
lassungen der wackeren Deutschen, der Reformierten, Lutheraner, Tucker, Mennoniten und 
Herrnhuter, welche es nachdrücklich verhinderten, daß die Wilden Quäkerblut vergießen 
konnten. Anstatt dessen färbten sich die indianischen Kriegsbeile und Skalpiermesser mit dem 
Blut der Pfälzer. Laß die geopferten Leben von mehr als 300 Männern, Frauen und Kindern 
aus dem Rheinland, welche während der Jahre 1754 und 1763 in den blauen Bergen ab- 
geschlachtet wurden, die wahre Antwort auf die Prahlerei der Quäker geben. Vor 1750 
gab es in Ost-Pennsylvanien viele Niederlassungen, in denen keine andere als die deutsche 
Sprache gehört wurde." 



— 160 — 

der brennenden Hütten und Ställe färbte sich der Himmel bliitigrot. Von den 
flackernden Flammen grell beleuchtet, sah man allerorten kämpfende Männer, 
verzweifelte Frauen und Kinder, die von unbarmherzigen Feinden nieder- 
geschlagen und skalpiert wurden. Viele wurden von dem in panischem 
Schrecken flüchtenden Vieh umgerannt und zertreten. Andere ertranken im 
Fluß, als sie sich auf das jenseitige Ufer retten wollten. 40 Personen wurden 
ermordet, 120 als Gefangene nach Canada geschleppt. Nur diejenigen ent- 
rannen dem Verderben, denen es gelang, das Fort Herchheimer zu erreichen. 
Dieses anzugreifen, wagten die Feinde nicht, da sie glaubten, es habe eine starke 
Besatzung. 

Dem noch erhaltenen von Prahlsucht strotzenden Bericht des französi- 
schen Kapitäns zufolge hätte seine Truppe 1500 Pferde, 3000 Rinder und ebenso- 
viele Schafe, an barem Geld und Wertgegenständen außerdem anderthalb Mil- 
lionen Pfund Sterling erbeutet! Einer englischen Berechnung zufolge bewertete 
sich der Verlust immerhin auf über 50 000 Dollar. 

Am 30. April des folgenden Jahres wiederholte Belletre seinen Raubzug, 
überfiel diesmal aber die auf der Südseite des Mohawk gelegenen Wohnstätten, 
wobei wiederum 33 deutsche Ansiedler ihren Tod fanden. Als jetzt die Feinde 
auch das Fort angriffen, wurden sie von der Besatzung desselben mit einem 
Verlust von zahlreichen Verwundeten und 15 Toten zurückgeschlagen. In 
diesem Kampf leitete der älteste Sohn Herchheimers, Nikolas, der spätere Held 
von Oriskany, die Verteidigung. 

Während dieser furchtbaren Kriegsstürme waren die Ansiedler fast durch- 
weg auf Selbsthilfe angewiesen. Die Kolonialbehörden, besonders in dem ganz 
von Quäkern beherrschten Pennsylvanien, zeigten sich in ihren Bemühungen, 
den Bedrängten Beistand zu leisten, so saumselig, daß es energischer Beschwer- 
den, ja förmlicher Demonstrationen bedurfte, um sie an die Erfüllung ihrer 
Pflicht zu erinnern. Über eine solche Demonstration berichtet die „Phila- 
delphische Zeitung" vom November 1755: „Am Dienstag, den 25., sind un- 
gefähr 600 meistenteils Deutsche aus dem Lande in die Stadt friedlich und in 
geziemender Ordnung gekommen, zu vernehmen, ob sie, ihre Weiber, Kinder, 
Plantagen und Religion länger in Gefahr der unbarmherzigen und blutdürstigen 
Wilden bleiben sollen oder Schutz vom Gouverneur erwarten können.** 

Um ihre Beschwerde so eindrucksvoll als möglich zu machen, brachten 
die Ansiedler mehrere schrecklich verstümmelte und skalpierte Leichen mit, und 
stellten dieselben als Opfer der langsamen, kriegerischen Maßnahmen abge- 
neigten Quäkerpolitik vor den Türen des Assemblyhauses zur Schau. Der 
Gouverneur erklärte sich darauf zwar bereit, alles in seiner Macht Stehende zum 
Schutz der Ansiedler zu tun, aber es verstrichen doch wieder Monate voller 
Schrecken, ehe energische Maßregeln zur Abwehr der Feinde getroffen wurden. 
Erst im Frühling des Jahres 1756 bot man bewaffnete Mannschaften zum 
Schutz der bedrohten Ansiedler auf. Daß sich unter diesen Milizen viele 
Deutsche befanden, ergibt sich aus folgender Notiz der „Philadelphischen Zei- 



— 161 — 

tung" vom 6. März 1756: „Wir haben das Vergnügen gehabt, zu sehen, daß 
unsere teutschen Leute einen ansehnlichen Teil dieser Mannschaft ausgemacht 
haben." 

Die militärische Tüchtigkeit der deutschen Grenzbewohner war auch der 
Regierung in England nicht entgangen. Denn sobald ihr die Niederlage 
Braddoclfs bekannt geworden, erließ sie einen Befehl, aus deutschen und 
schweizerischen Ansiedlern in Pennsylvanien und Maryland ein besonderes 
Regiment zu bilden, „da diese kräftigen, ausdauernden und an das Klima ge- 
wöhnten Leute für den Kampf gegen die Franzosen besonders geeignet seien". 

Beim Zusammenstellen des Regiments ergab sich eine Schwierigkeit: die 
eingemusterten Leute verstanden kein Englisch ! Man sah sich deshalb genötigt, 
dem Regiment, welches den stolzen Namen „ T he Royal American s" 
erhielt. Deutsch sprechende Offiziere zu geben. Mit dem Oberbefehl betraute 
man den in Bern geborenen Heinrich Bouquet, der in verschiedenen 
europäischen Heeren gedient und sich große Erfahrungen angeeignet hatte. 

Die „Royal Americans" beteiligten sich zunächst an der Expedition des 
Generals Joseph Forbes zur Eroberung des Forts Duquesne. Beim Zug über 
die unwegsamen Gebirge bildeten sie die Vorhut und errangen den ersten Er- 
folg, indem sie bei Loyal Hanna die Franzosen nach vierstündigem Gefecht 
mit schweren Verlusten zurückwarfen. 

Mehr noch als diese Schlappe trug ein anderes Ereignis zur Entmutigung 
der Franzosen bei. Dem Herrnhuter Missionar Christian Friedrich 
Post, der seit Jahren unter den Indianern am oberen Ohio wirkte, gelang es 
in kritischer Stunde, durch seine glühende Beredsamkeit die in der Umgebung 
des Forts Duquesne lagernden Rothäute der französischen Sache abwendig zu 
machen und zur Neutralität zu bestimmen. Das war für die nun ihrer Bundes- 
genossen beraubten Franzosen ein so schwerer Schlag, daß sie den Anmarsch 
der feindlichen Hauptarmee nicht abwarteten. Sie sprengten am 24. November 
sämtliche Befestigungen des Forts Duquesne in die Luft und flüchteten auf 
ihren Booten den Ohio hinab. Bereits am folgenden Morgen zogen die Ameri- 
kaner in die zerstörte Festung ein. Nachdem sie wieder aufgebaut war, wurde sie 
zu Ehren des damaligen englischen Staatsmannes Pitt mit dessen Namen belegt. 

Von den späteren Episoden des Franzosenkrieges blieben die deutschen 
Niederlassungen in Nordamerika glücklicherweise verschont. Dagegen er- 
warben sich die „Royal Americans" noch manche Lorbeeren. Ihre Bataillone 
beteiligten sich an den Expeditionen gegen die am Champlainsee gelegene 
Festung Crown Point und die bei Kap Breton gelegene Festung Louisburg. 
Sie waren ferner bei der Einnahme des Forts Niagara; desgleichen in der ruhm- 
reichen Schlacht bei Quebec, wo das Regiment sich sein stolzes Motto „celer 
et audax" erwarb. 

Noch hatten die Kämpfe mit den Franzosen auf dem Boden der Neuen 
Welt nicht ihren Abschluß gefunden, als jenseits der Alleghanygebirge neue 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 11 



— 162 — 

Gewitter heraufzogen. Die an den Grenzen von Karolina und Virginien leben- 
den Cherokesen erhoben mitsamt den ihnen verbündeten Stämmen von 
Tennessee, Alabama und Georgia im Frühjahr 1760 die Waffen und verheerten 
diejenigen Gebiete, welche von den Gräueln des Franzosenkrieges bisher ver- 
schont geblieben waren. Da gab's auch für die „Royal Americans" frische 
Arbeit. Im Verein mit 700 Karolina-Rangers brachen sie in die Jagdgründe 
der Cherokesen ein und bekämpften die Rothäute trotz hartnäckigster Gegen- 
wehr so erfolgreich, daß sie bereits im Juni 1761 um Frieden baten. 

Kaum hatte sich dieser Sturm gelegt, als im Nordwesten ein noch gefähr- 
licheres Unwetter losbrach, ein Indianerkrieg, der unter dem Namen „Die 
Verschwörung Pontiacs" in die Geschichte übergegangen ist. 

Noch ehe Frankreich im Frieden zu Paris (10. Februar 1763) seine ge- 
samten, östlich vom Mississippi gelegenen Besitzungen an England abtrat, 
M'aren Scharen deutscher, englischer, schottischer und irischer Ansiedler in das 
Quellgebiet des Ohio eingeströmt. Gleichzeitig besetzten englische Truppen 
die von den Franzosen geräumten Befestigungen. 

Wie dies bei der Eröffnung jedes neuen Landes zu geschehen pflegt, so 
brachte der plötzliche Wechsel aller Verhältnisse auch hier Mißstände der ver- 
schiedensten Art mit sich. Sie wurden von den Urbewohnern am schlimmsten 
empfunden. 

Die Franzosen hatten es vortrefflich verstanden, die Indianer anzuziehen. 
Beim Tauschhandel ließen sie ihnen, um ihr Vertrauen zu erhalten, volle Ge- 
rechtigkeit widerfahren. Im persönlichen Verkehr behandelten sie dieselben 
als ebenbürtig und trugen keinerlei Bedenken, sich mit ihnen zu ver- 
mischen. 

Die nun ins Land einrückenden Engländer brachten hingegen die ganze 
Rücksichtslosigkeit und Selbstsucht der anglikanischen Rasse mit. Ohne die 
Rechte der Urbewohner zu beachten, bemächtigten sie sich der schönsten und 
wertvollsten Grundstücke, schössen das Wild zusammen und brannten die 
Wälder nieder, wo diese hindernd im Wege standen. Im Tauschhandel wurden 
die Rothäute von gev/issen losen, nur auf schnellen Gewinn bedachten eng- 
lischen Händlern aufs fürchterlichste betrogen. Die britischen Offiziere be- 
gegneten den Häuptlingen mit hochfahrender Geringschätzung und spielten 
sich ihnen gegenüber als die Herren auf. 

Dadurch steigerte sich die den Indianern durch die Franzosen eingeimpfte 
Abneigung gegen die Engländer zu grimmigen Haß. Sämtliche südlich von 
den großen Seen wohnenden, ihre Existenz bedroht sehenden Stämme schlössen 
Schutz- und Trutzbündnisse miteinander. An die Spitze der Bewegung trat 
Pontiac, der oberste Häuptling der Ottawas, ein Mann von hohem Mut, 
scharfem Verstand, glänzender Beredsamkeit und großer Entschlossenheit. 
Er plante, noch ehe die Engländer sich überall festgesetzt hätten, ihre Macht 
mit einem gewaltigen Schlag zu zertrümmern. Zu diesem Zweck forderte er 



— 163 — 

durch Sendboten sämtliche der Verschwörung beigetretenen Stamme zu einem 
gemeinsamen Schlage auf. Alle westlich von den Alleghanygebirgen liegenden 
Forts und Ansiedlungen sollten an einem bestimmten Tage überrumpelt, zer- 
stört, und ihre Besatzungen und Bewohner ermordet werden. Infolge der 
schlauen Vorbereitungen fielen den Rothäuten die Forts Sanduslcy, Le Boeuf, 
Venango, St. Joseph, Quatonon, Miami, Presqu'Isle und Michillimacicinac in 
die Hände. Diejenigen Weißen, welche nicht während der Überrumplung um- 
kamen, wurden ausnahmslos abgeschlachtet. 

Fin gleiches Schicksal erlitten 36 Deutsch-Pennsylvanier, welche unter 
dem Befehl des Hauptmanns Schlosser den mit Palisaden umgebenen Posten 
St. Joseph hielten. Am Morgen des verhängnisvollen Tages erschien eine 
mit Pelzen schwerbeladene Bande Pottawatomi-Indianer vor dem Fort. Sie 
erhielten Finlaß, da sie vorgaben, Handel treiben zu wollen. Als derselbe in 
vollem Gange war, zogen die Indianer plötzlich auf ein verabredetes Zeichen 
ihre in den Pelzbündeln verborgenen Flinten und Tomahawks hervor und 
metzelten die ganze Besatzung nieder, ehe die Überraschten sich zu ernstem 
Widerstand sammeln konnte. Hauptmann Schlosser wurde als Gefangener 
in das am Südufer des Michigansees gelegene Dorf der Pottawatomis ge- 
schleppt. Durch eine ähnliche List bemächtigten sich die Indianer des von 
dem Leutnant Pauly befehligten Forts Sandusky. Pauly war der einzige, 
welchem man das Leben ließ. Aber man stellte ihm in Aussicht, daß er im 
Lager Pontiacs zum Ergötzen der roten Krieger am Marterpfahl sterben solle. 
Tatsächlich wurden die Vorbereitungen für seine Hinrichtung bereits getroffen, 
als ein altes Weib, dessen Mann kurz zuvor gestorben, den Gefangenen nach 
indianischer Sitte zum Gatten begehrte. In seiner Notlage fügte Pauly sich 
dieser Wahl, worauf die jungen Mädchen des Dorfs ihn zunächst in einen 
Indianer verwandelten, indem sie sein Haar bis auf ein Büschel in der Mitte 
des Schädels ausrauften und diese Skalplocke mit Perlen und Federn schmückten. 
Dann warfen sie den Weißen mehrmals in einen Fluß, „um das weiße Blut aus 
Seinen Adern wegzuschwemmen'*. Zum Schluß bemalten sie sein Gesicht und 
die Glieder mit bunten Farben und führten ihn nun unter dem Jubel aller 
Stammesgenossen seiner mit Altersrunzeln bedeckten Gattin zu. Pauly ertrug 
geduldig diese Behandlung in der Hoffnung, es möge sich eines Tages eine 
Gelegenheit zur Flucht bieten. Tatsächlich glückte es ihm wenige Wochen 
später, den Rothäuten zu entrinnen und das Fort Detroit zu erreichen, an dessen 
Verteidigung er später lebhaften Anteil nahm. 

Die Forts Detroit, Pitt und Niagara waren die einzigen, die dem Ver- 
derben entgingen, da ihre Besatzungen glücklicherweise früh genug gewarnt 
worden waren. Aber sie mußten monatelange Belagerungen ertragen, während 
welcher die Eingeschlossenen schreckliche Entbehrungen litten. Gleichzeitig 
mit den eingenommenen Befestigungen gingen Tausende von Ansiedlungen in 
Flammen auf. Sämtliche Niederlassungen in Westvirginien und Westpenn- 
sylvanien wurden zerstört und über 20 000 Personen zur Flucht nach dem 

11* 



— 164 — 

Osten getrieben. Wie viele Ansiedler in jenen Schreckenstagen umkamen, ist 
nie ermittelt worden. 

Sowohl bei der Verteidigung der Forts wie bei der Rückeroberung der 
verwüsteten Stätten hatten die Deutschen wiederum reichlichen Anteil. Manche 
verrichteten dabei wahre Wunder an Tapferkeit. So leistete die nur aus zwölf 
„Royal Americans" bestehende Besatzung der Station Bedford wochenlang 
den weit überlegenen Feinden erfolgreichen Widerstand. Die ebenso kleine 





Heinrich Bouquet. 



Besatzung des Forts Le Boeuf schlug sich, als die Blockhütten durch herein- 
geschleuderte Feuerbrände in Flammen aufgingen, mannhaft durch und ge- 
langte glücklich nach Fort Pitt. 

Dieses wurde durch den wackeren Schweizer Heinrich Bouquet entsetzt. 
An der Spitze von 500 eben aus Havanna zurückgekehrten „Royal Americans" 
befreite er zunächst die in Station Bedford Eingeschlossenen und rückte dann 
behutsam gegen das hart belagerte Fort Pitt vor. 25 Meilen von demselben 
entfernt, am Bushy Run, kamen die Deutschen am 5. August in Fühlung mit 



— 165 — 

den Feinden. Dieselben glaubten Bouquet ein ähnliches Schicksal wie seiner 
Zeit dem englischen General Braddock bereiten zu können. Aber sie hatten 
es diesmal mit Männern zu tun, welchen der Kampf in der Wildnis wohl ver- 
traut war. In guter Ordnung zogen die Deutschen sich auf einen Hügel 
zurück und bildeten auf dem Gipfel desselben aus Proviantwagen und Mehl- 
säcken eine ringförmige Verschanzung, die zu erobern den Wilden trotz aller 
Anstrengungen nicht gelingen wollte. Die erbitterten Kämpfe erstreckten sich 
über zwei Tage. Am ersten währte das Gefecht sieben Stunden und nahm erst 
bei Einbruch der Nacht ein Ende. Obwohl die Weißen sich der größten 
Vorsicht befleißigten, zählten sie am Abend bereits 60 Tote und Verwundete. 
Alle litten entsetzlich unter brennendem Durst, da die geringen Wasservorräte 
bald erschöpft, Quellen auf dem Hügel aber nicht vorhanden waren. Kaum 
graute der Morgen, so begann das Gefecht aufs neue. Da der Wassermangel 
unerträglich wurde, so entschloß Bouquet sich zu einer verzweifelten Tat. Um 
die in den Wäldern verborgenen Indianer aus ihren Verstecken zu locken und 
zu einer Masse zusammenzubringen, in der das Gewehrfeuer der Amerikaner 
größere Wirkung habe, ließ er zwei Kompagnien seiner Leute einen Ausfall 
unternehmen und bald darauf, als ob sie entmutigt seien, eiligst den Rück- 
zug nach der Wagenburg antreten. Was Bouquet erhofft hatte, trat ein. Die 
Indianer stürmten den Fliehenden in gewaltigen Massen nach, wurden aber 
von zwei im Wald versteckten Abteilungen im Verein mit den rasch eine 
Flankenbewegung ausführenden Truppen in ein so vernichtendes Kreuzfeuer 
genommen, daß der Boden sich im Nu mit Hunderten von Leichen bedeckte und 
die Überlebenden von Schrecken erfüllt die Flucht ergriffen. 

Nachdem die Amerikaner ihre Verwundeten gesammelt hatten, setzten 
sie weiter unangefochten ihren Marsch nach Fort Pitt fort und wurden von 
der fast dem Hungertod nahen Besatzung mit lautem Jubel empfangen. 

Dem wackeren Bouquet war später noch die glückliche Ausführung einer 
andern wichtigen Mission beschieden. 

Die englische Regierung hatte die Torheit ihrer bisherigen Indianer- 
politik eingesehen und ließ es nun an Bemühungen nicht fehlen, die Rothäute 
zu versöhnen. Man versprach, daß fortan alle Landkäufe durch die Regierung 
geschehen sollten, damit fernere Betrügereien seitens der Landsspekulanten ver- 
hütet würden. Desgleichen hob man das der Ohio-Gesellschaft bewilligte 
Monopol des Pelzhandels auf, damit die bisher schrecklich geprellten Wilden 
wieder angemessene Preise erzielen könnten. Bouquet erhielt gleichzeitig Auf- 
trag, an der Spitze einer starken Truppenabteilung gen Westen vorzurücken, 
um Friedensverträge mit den Indianern abzuschließen und die Auslieferung der 
in ihren Händen befindlichen weißen Gefangenen zu verlangen. 

Die über das Mißlingen ihrer Erhebung enttäuschten Indianer waren 
zum Entgegenkommen weit mehr geneigt, als Bouquet erwartet hatte. Bereits 
am 12. November 1764 kam mit den Delawaren, Senecas und Schawnes ein 



— 166 — 

Friede zustande, Vv'obei 206 weiße Gefangene, 81 Männer und 125 Frauen 
und Kinder, ausgeliefert wurden. 

Bei der späteren Identifizierung der nach der Ansiedlung Carlisle über- 
führten Befreiten ereigneten sich wahrhaft erschütternde Szenen. Aus viele 
hundert Meilen weiten Entfernungen, aus Pennsylvanien, Virginien und Maryland 
kamen Leute herbei, um zu sehen, ob sich unter den Geretteten Angehörige 
oder Verwandte befänden, die man seit dem Ausbruch der Franzosen- und 
Indianerkriege vermißte. Männer und Frauen, Eltern und Kinder, die einander 
längst als Tote beklagt hatten, fanden sich nach jahrelanger Trennung wieder. 

Nicht immer war die Identifizierung leicht. Manche Kinder hatten 
während der langen Gefangenschaft sowohl ihre Namen wie ihre Muttersprache 
vollkommen vergessen. Da war z. B. ein deutsches Mädchen, Regina Hart- 
mann, die im Alter von neun Jahren von den Wilden geraubt worden war 
und nun als 18 jährige Jungfrau wieder in die Zivilisation zurückkehrte. Ihre 
aus Ostpennsylvania gekommene Mutter erkannte die Vermißte und rief sie 
bei Namen. Aber diese gab durch kein Zeichen Kunde, daß sie sich ihrer 
.Mutter erinnere. Erst als die letztere mit zitternder Stimme die Strophe einer 
alten deutschen Kirchenhymne sang: 

„Allein und doch nicht ganz alleine 

Bin ich in meiner Einsamkeit, 

Denn wenn ich ganz verlassen scheine, 

Vertreibt mir Jesus selbst die Zeit. 

Ich bin bei ihm und er bei mir. 

So kommt mir's gar nicht einsam für" . . . 

da fielen der Tochter, die so oft gemeinsam gesungenen Strophen dieses Liedes 
wieder ein und sie warf sich ihrer alten Mutter weinend an den Hals. 

Nicht alle Gefangenen kehrten freiwillig zu ihren Stammesgenossen zu- 
rück. Manche hatten sich so an das Leben der Rothäute gewöhnt, daß sie 
vorzogen, auch fernerhin bei denselben zu bleiben. Mehrere Mädchen, darunter 
eine Deutsche nam.ens Elisabeth Studebecker, waren Frauen indianischer 
Krieger geworden und benutzten die erste Gelegenheit, um heimlich zu ent- 
fliehen und in die Wigwams ihrer roten Ehegenossen zurückzukehren. 

Der wackere Oberst Bouquet wurde wegen seines tapferen Verhaltens 
zum Brigadegeneral ernannt, eine Anerkennung, die in ganz Pennsylvanien 
freudigsten Widerhall fand. „Sie können sich kaum vorstellen," so schrieb ein 
Offizier an Bouquet von Lancaster aus, „wie dieser Ort durch die Nachricht 
Ihrer Beförderung freudig erregt ist. Die Bewohner sowohl wie die deutschen 
Farmer halten uns in den Straßen auf, um zu fragen, ob es wahr sei, daß der 
König den Hauptmann Bouquet zum General gemacht habe. Und wenn 
v/ir dies bestätigen, marschieren sie hocherfreut weiter. So sehen Sie, daß das 
alte Sprichwort: ,Der Erfolgreiche werde beneidet' für diesmal nicht zutrifft. 
Denn ich bin sicher, daß alle Welt durch die Nachricht Ihrer Beförderung mehr 
erfreut ist, als wenn die Regierung die Stempelsteuer aufgehoben hätte." 




Die Heimkehr aus indianischer Gefangenschaft. 



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169 



Gleich nach Beendigung des Indianerkriegs in Ohio wurde Bouquet nach 
Pensacola in Florida beordert, um den Befehl über die im Süden stehenden 
Truppen zu übernehmen. Leider wurde der tapfere Mann bereits wenige Tage 
nach seiner Ankunft in Pensacola vom Gelben Fieber befallen und von dem- 
selben am 2. September 1765 hinweggerafft. Bouqets Name ist aber für immer 
mit der ruhmvollen Geschichte des aus Deutschen gebildeten Regiments der 
„Royal American s" verbunden. 







Schlußvignette: Indianischer Tomahawk. 



Gegner und Freunde der deutschen Ansiedler. 



Man sollte an- 
nehmen, daß sämtlichen 
in den Kolonien woh- 
nenden Ansiedlern eng- 
lischer, schottischer und 
irischer Abkunft so tat- 
kräftige, fleißige und 
intelligente Nachbarn 
und Mitarbeiter wie die 
Deutschen herzlich will- 
kommen gewesen sein 
müßten. In der Tat 
fehlte es diesen nicht an 
aufrichtigen Freunden, 
welche die tüchtigen 
Eigenschaften der Deut- 
schen lobend anerkann- 
ten und den eigenen 
Stammesgenossen zur 
Nacheiferung anem- 
pfahlen. 

Aber es gab unter 
der anglo- amerikani- 
schen Bevölkerung auch 
viele, welche die unver- 
kennbaren Fortschritte, 
den wachsenden Wohl- 
stand der deutschen 
Ansiedler mit neidischen 
Augen betrachteten und keine Gelegenheit, wo sie die Deutschen verkleinern 
konnten, vorübergehen ließen. Sie glaubten, dieselben als Eindringlinge be- 
trachten zu dürfen, die in den englischen Kolonien nichts zu suchen hätten. 

Derartige engherzige nativistische Regungen traten zuerst zur Zeit der 
Masseneinwandrung der Pfälzer zutage. Hatte deren Menge seinerzeit die 




/y^^yy^PH^L /lu</-/i. 



— 171 — 

Behörden Londons in Bestürzung versetzt, so erregte sie nicht minder das 
Staunen der Kolonialbehörden. Manche der in den Kolonien lebenden Eng- 
länder fühlten sich durch den stetig wachsenden Strom förmlich beunruhigt. 
Sie glaubten die Zeit nicht mehr fern, wo die Deutschen das Übergewicht über 
die englische Bevölkerung erlangen könnten und dasselbe benützen würden, 
um die Kolonien der englischen Krone abwendig zu machen. 

„Die Deutschen kommen", so heißt es in dem Brief eines Engländers an 
die Regierung, „in solcher Stärke, daß sie bald imstande sein werden, uns Ge- 
setze zu geben und die Sprache obendrein." 

Um dem vorzubeugen, drangen die Beunruhigten zunächst darauf, daß 
sämtliche in Philadelphia landenden Pfälzern folgender Eid abgenommen 
wurde: „Wir Unterzeichnete, geboren und zuletzt wohnhaft gewesen in der 
Rheinpfalz, wollen Seiner Majestät dem König Georg 11. sowie seinen Nach- 
folgern, den Königen von Großbritannien wahre und treue Untertanen sein. 
Auch wollen wir den Eigentümern dieser Provinz Treue halten, uns friedlich 
betragen und die Gesetze Englands und dieser Provinz streng beachten und 
halten." 

Manchen Angstmeiern genügte diese Maßregel nicht. Sie unterbreiteten 
der pennsylvanischen Kolonialbehörde Gesetze zur Beschränkung der deutschen 
Einwandrung, angeblich, um zu verhindern, daß aus einer englischen An- 
pflanzung eine Kolonie von Fremdlingen werde. Darüber kam es aber mit 
den klarblickenden Leitern der Kolonie, welche den Wert der pfälzischen Ein- 
wandrung wohl erkannten, zu scharfen Auseinandersetzungen. 

Bereits am 2. Januar 1738 protestierte der damalige Leutnantgouverneur 
George Thomas geilen die dem Kolonialrat eingereichten Vorschläge zur Be- 
schränkung der Einv.'andrung mit folgenden Worten : „Diese Provinz ist seit 
vielen Jahren das Asyl für unglückliche Protestanten aus der Pfalz und anderen 
Teilen Deutschlands. Und ich glaube mit vollem Recht sagen zu können, daß 
der gegenwärtige blühende Zustand der Provinz zum großen Teil dem Fleiß 
dieser Leute zu verdanken ist. Sollten sie durch irgend etwas entmutigt werden, 
ferner hierherzukommen, so darf sicher angenommen werden, daß der Wert 
Eurer Länder sinken und Euer Weg zum Wohlstand viel langsamer sein wird. 
Denn es ist nicht bloß die Oüie des Bodens, sondern die Zahl und der Fleiß 
des Volkes, welche die Blüte eines Landes hervorbringen." 

Denselben erleuchteten Standpunkt nahm im Jahre 1755 ein anderer 
Gouverneur ein, indem er einer im Kolonialrat angenommenen Vorlage zur Be- 
schränkung der pfälzischen Einwandrung seine Unterschrift verweigerte, da 
ein solcher Schritt mit den Interessen der Kolonie, deren blühender Zustand 
in hohem Grade dieser deutschen Einwandrung zu danken sei, in schroffem 
Widerspruch stehe. 

Durch solche Zurechtweisungen ließen sich aber die Nativisten von 
weiteren Angriffen auf die Deutschen nicht abhalten. Weil die letzteren nicht 
von vornherein der englischen Sprache mächtig waren, nicht sofort englische 



— 172 — 

Sitten annahmen, sondern an ihren heimathchen Bräuchen hingen, wurden sie 
als Halbwilde bezeichnet, die durch förmliche Missionsarbeit zu gesittetem 
Leben bekehrt werden müßten. 

Als im Jahre 1751 Pastor Schlatter, der Gründer der deutschen refor- 
mierten Kirche in Amerika, nach Holland reiste, um dort für Deutsche, in den 
englischen Kolonien zu gründende Kirchen und Schulen Geld zu sammeln, 
beutete der schottische Prediger William Smith diese Gelegenheit aus, um in 
London eine „Gesellschaft zur Verbreitung der Gotteserkenntnis unter den 
Deutschen" zu gründen, welche zugleich ihr Augenmerk darauf richten solle, 
unter den „deutschen Heiden in Amerika" englische Freischulen zu errichten, 
damit dieselben rascher anglisiert würden. 

In seiner 1755 in London gedruckten Schrift „A brief State of the province 
of Pennsylvania" erging er sich in den frechsten Schmähungen der Deutschen. 
Sie seien auf dem besten Wege, zu „wood-born savages" (waldgeborenen 
Wilden) herabzusinken. Sie seien schrecklich unwissend; eine große Farm 
zu besitzen, betrachteten sie als den größten Segen in der Welt. >X^enn die 
Franzosen vom Ohio her näher herankämen, würden die Deutschen wahr- 
scheinlich mit denselben gemeinschaftliche Sache machen und die Engländer 
aus dem Lande treiben. 

Besonders waren dem englischen Hetzpfaffen die freundschaftlichen Be- 
ziehungen der Deutschen zu den, berufsmäßige Prediger bekanntlich nicht 
kennenden Quäkern ein Dorn im Auge. „Diese Quäker" so schreibt er, 
„fürchten nichts so sehr, als daß die Deutschen den ordentlichen Geistlichen 
Achtung erweisen. Erfahren sie, daß ein solcher GeistHcher beim Volk wohl- 
gelitten ist, so bedienen sie sich eines deutschen Druckers (hier ist Christoph 
Säur in Germantown gemeint), der ehemals einer der französischen Propheten 
in Deutschland war und bei scharfblickenden Leuten im Verdacht steht, ein 
päpstlicher Emissär zu sein. Dieser greift nun, auf Anweisung der Quäker, in 
seiner ganz in deutscher Sprache gedruckten, von allen Deutschen gelesenen 
Zeitung den Charakter der Prediger an und ärgert dieselben. Dadurch bringen 
die Quäker Zwiespalt in die Gemeinden und ermutigen sie, von Zeit zu Zeit 
Vagabunden und vorgebliche Prediger anzustellen." 

Um die Deutschen von ihrer angeblichen Zuneigung zu den Franzosen 
und Quäkern zu heilen und zu zivilisierten Menschen zu machen, erhob Smith 
den Vorschlag, englisch-deutsche Freischulen unter ihnen zu errichten, damit 
sie durch den kostenlos erteilten Unterricht bewogen würden, ihre eignen, 
mit großen Opfern aufrechterhaltenen Gemeindeschulen aufzugeben. Auf diese 
Weise sollten die Deutschen nicht bloß dem englischen Einfluß unterworfen, 
sondern auch für die englische Hochkirche gewonnen werden. 

Smith ging noch weiter. Er drang darauf, den Deutschen das Stimm- 
recht zu entziehen, bis sie hinlängliche Kenntnis der englischen Sprache und 
Verfassung besäßen. „Was kann," so schrieb er, „unverständiger und un- 
politischer sein, als einem Haufen aufgeblasener und halsstarriger Lümmel, 



— 173 — 

denen unsere Sprache, Sitten, Gesetze und Interessen fremd sind, das Recht 
anzuvertrauen, fast jedes Mitghed der gesetzgebenden Körperschaft zu wählen?" 

Ferner wollte der hochwürdige Herr den Druck und die Verbreitung 
fremdsprachiger Zeitungen, Kalender und sonstiger periodischer Schriften ver- 
boten wissen. Desgleichen sollten alle nicht in englischer Sprache geschrie- 
benen Verträge und Urkunden ungültig sein. 

Als Smith einen ähnlichen Schmähartikel über die Quäker veröffentlichte, 
ließen diese den Hetzpastor verhaften. Trotz aller Proteste mußte Smith 
wegen Beleidigung elf Wochen im Gefängnis zubringen. 

Wie sehr solche Hetzereien selbst die Köpfe klardenkender Leute ver- 
wirrten, ergibt sich aus der peinlich berührenden Tatsache, daß sogar Benjamin 
Franklin in die Angriffe auf die Deutschen einstimmte. Er schrieb am Q. Mai 
1753 an seinen Freund Peter Collinson einen Brief folgenden Inhalts: 

„Ich teile vollkommen Ihre Ansicht, daß in bezug auf die Deutschen 
bestimmte Maßnahmen nötig sind. Denn ich fürchte, daß durch ihre oder 
unsere oder unser beider Unvorsichtigkeit eines Tages große Störungen 
unter uns entstehen könnten. Die, welche hierher kommen, sind im all- 
gemeinen die dümmsten ihrer Nation. Dummheit ist oft mit großer Leicht- 
gläubigkeit verbunden, wenn Schelmerei sie mißbrauchen will; dagegen mit 
Argwohn, wenn Ehrenhaftigkeit sie auf den rechten Pfad leiten möchte. 
Nur wenige Engländer verstehen die deutsche Sprache und können darum 
weder durch die Zeitungen noch von der Kanzel herab Einfluß auf sie 
ausüben und solche Vorurteile beseitigen, welche sie besitzen mögen. Ihre 
Pfarrer haben sehr geringen Einfluß auf dieses Volk, welches wie es scheint, 
sich ein Vergnügen daraus macht, diese Pfarrer zu mißbrauchen und sehr 
geringfügiger Ursachen wegen zu entlassen. An Freiheit nicht gewöhnt, 
verstehen sie von derselben keinen angemessenen Gebrauch zu machen. 
Sie befinden sich unter keiner kirchlichen Kontrolle; betragen sich aber, 
wie zugestanden werden muß, gegenüber der bürgerlichen Regierung er- 
geben genug, was hoffentlich auch ferner so bleiben möge. Ich erinnere 
mich noch, wie sie es bescheiden ablehnten, sich in unsere Wahlen einzu- 
mischen. Jetzt hingegen kommen sie in Haufen, um überall, außer in einer 
oder zwei Grafschaften, den Sieg davonzutragen. Nur wenige ihrer auf 
dem Lande lebenden Kinder verstehen Englisch. Sie beziehen viele Bücher 
aus Deutschland, und von den sechs in der Provinz befindlichen Drucke- 
reien sind zwei ganz deutsch, zwei halb deutsch und halb englisch und 
nur zwei ganz englisch. Sie unterhalten eine deutsche Zeitung. Die 
Hälfte aller deutschen Anzeigen werden, obwohl für die Allgemeinheit be- 
stimmt, in Deutsch und Englisch gedruckt. Die Anzeigetafeln in den Straßen 
tragen Aufschriften in beiden Sprachen, an manchen Plätzen nur in Deutsch. 
In letzter Zeit beginnen sie, alle ihre Bürgschaften und anderen gesetzlichen 
Dokumente in ihrer eigenen Sprache abzufassen. Dies wird, obwohl es 



— 174 — 

meiner Meinung nach nicht sein sollte, von den Gerichten zugelassen, wo 
die deutschen Geschäfte so zunehmen, daß es nötig ist, beständig Dol- 
metscher zu halten. Ich glaube, daß es in ein paar Jahren nötig sein wird, 
solche Dolmetscher auch in der behördlichen Versammlung anzustellen, 
um der einen Hälfte der Gesetzgeber klarzumachen, was die andere sagt. 
Kurz, falls nicht, wie Sie weise vorschlagen, der Strom der Einwanderung 
nach anderen Kolonien abgelenkt werden kann, so fürchte ich, daß die 
Deutschen uns an Zahl bald so überlegen sein werden, daß wir trotz aller 
Vorzüge nicht imstande sein werden, unsere Sprache zu erhalten. Ja, 
unsere Regierung mag fraglich werden." 

Es ist kaum nötig, auf die in diesem Brief enthaltenen Widersprüche 
hinzuweisen. Im ersten Teil nennt der Verfasser die Deutschen unwissend, 
erklärt aber bald danach, daß sie viele Bücher importieren und daß von den 
sechs in Pennsylvanien bestehenden Druckereien zwei ganz und zwei zur 
Hälfte deutsch seien, während es nur zwei englische gäbe. Professor Julius 
Göbel, dem dieser Widerspruch gleichfalls nicht entging, mag mit seiner Ver- 
mutung nicht unrecht haben, daß den Worten Franklins Brotneid des Buch- 
druckers Franklin zugrunde liegen möge. 

Professor M. D. Learned in Philadelphia führte in seiner vor der „Deut- 
schen Gesellschaft** gehaltenen Festrede gelegentlich der am 17. Januar 1906 
begangenen „Franklin-Gedächtnisfeier" aus, die Auslassungen Franklins seien 
deshalb so bitter gewesen, weil er just zuvor von den Deutschen in der Wahl 
geschlagen worden war. 

Daß die Angriffe auf die Deutschen nicht immer den besten Beweg- 
gründen entsprangen, ergibt sich auch aus folgender, in Watsons Annalen II. 275 
abgedruckten Stelle: „Dieselbe Sorte von Politikern schlug im Jahre 1754, 
weil sie sich nicht die Stimmen der Deutschen zu verschaffen wußten, allen 
Ernstes vor, daß die Regierung den Deutschen das Recht, die Mitglieder der 
gesetzgebenden Körperschaft wählen zu helfen, so lange entziehen möge, bis 
sie eine vollständige Kenntnis der englischen Sprache erlangt hätten." 

Natürlich empfanden die Deutschen die ihnen zugefügten Verunglimpfun- 
gen nicht bloß als schwere Beleidigungen, sondern auch als Eingriffe in ihre 
Rechte. Sie wollten sich weder das Recht auf den Gebrauch ihrer Sprache, 
noch das der Erziehung ihrer Kinder in dieser Sprache von einer Clique eng- 
herziger Fanatiker streitigm.achen lassen und setzten darum den „Zivilisierungs- 
versuchen" derselben zähen Widerstand entgegen. Insbesondere bot der so 
übel verleumdete Christoph Säur den ganzen Einfluß seiner Zeitung gegen die 
englischen Freischulen auf, deren Hauptzweck ein politischer sei. Die tückische 
Insinuation, daß die Deutschen es heimUch mit den Franzosen hielten, wies er 
als eine böswillige Verleumdung zurück. 

Infolgedessen führten die im Jahre 1755 in Neu-Providence, (Trappe) 
Ober-Salford, Reading, Tulpehocken, Heidelberg, Vincent, Easton und Lancaster 



— 175 — 

errichteten Freischulen nur eine kurze Existenz. Sie verlcümmerten elend, da 
die angestellten englischen Lehrer kaum Zöglinge erhielten. 

Übrigens zeigt die in einem andern Kapitel erzählte Geschichte des 
Franzosenkriegs klar genug, auf welcher Seite die Deutschen standen. Hatten 
doch viele ihre Heimat verlassen, weil sie durch die Franzosen in Scheuß- 
licher Weise verwüstet worden war. 

Aus den Reihen des wahrhaft gebildeten Amerikanertums erstand später- 
hin den verunglimpften Deutschen ein warmer Fürsprecher, Dr. Benjamin 
R u s h in Philadelphia. 

Dieser zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Pennsylvaniens und zu den 
Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung zählende Mann war während 
des Freiheitskrieges Generalstabsarzt der Kontinental-Armee. Als solcher hatte 
er Gelegenheit, das Deutschtum fast aller Kolonien gründlich kennen zu lernen. 
Empört über die vielen ungerechten Angriffe auf dasselbe, schrieb er ein in 
englischer Sprache gedrucktes Werkchen, das man kühn der von Tacitus ver- 
faßten „Germania" zur Seite stellen darf. Es enthält überaus wertvolle Auf- 
schlüsse über die Kulturzustände der deutschen Einwanderer in Pennsylvanien. 
Trotzdem die meisten bei ihrer Ankunft kaum ein paar Stücke Silber- oder Gold- 
geld mitbrächten, seien viele durch ihren Fleiß und ihre Intelligenz zu Wohl- 
stand gekommen. Die Einrichtung einer Schule und Kirche wären ihre erste 
Sorge. Höchst friedlicher Natur, seien sie im Zahlen der Steuern pünktlich. 
Seit ihrer Teilnahme an der Regierung hätten viele von ihnen sich als ein- 
sichtsvoll und aufgeklärt in der Wissenschaft des Gesetzes erwiesen. Deutsche 
führten den Vorsitz in der gesetzgebenden Körperschaft und säßen als Vize- 
präsidenten im pennsylvanischen Staatsrat. Dieselben Herren wären zu Mit- 
gliedern des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten auserkoren worden. 
Zum Schluß seines überaus anziehenden Werkchens sagt Rush folgendes: „Wäre 
es möglich, das von den deutschen Einwandrern mitgebrachte Besitztum mit 
ihrem jetzigen zu vergleichen, so würde der Gegensatz ein so riesiges Denkmal 
menschlichen Fleißes und menschlicher Sparsamkeit darstellen, wie es kaum 
in irgendeiner Zeit oder in irgendeinem Lande zu finden ist. 

„Bürger der Vereinigten Staaten! Lernt aus diesen Mitteilungen über 
die deutschen Bewohner von Pennsylvanien die Wissenschaft in Ackerbau und 
Industrie wertschätzen als die Grundlage häuslicher Glückseligkeit und 
nationalen Wohlstandes. 

„Gesetzgeber der Vereinigten Staaten! Lernt aus dem Wohlstand und 
der Unabhängigkeit der deutschen Einwohner von Pennsylvanien, wie re- 
publikanische Tugenden, Industrie und Sparsamkeit gefördert werden können. 
Diese sind die Hauptpfeiler, auf welchen die gegenwärtige Verfassung der 
Vereinigten Staaten beruht. 

„Gesetzgeber von Pennsylvanien! Erkennt aus der Geschichte unserer 
deutschen Mitbürger, daß ihr an ihren Sitten, an ihrer Geschicklichkeit einen 
unerschöpflichen Schatz im Herzen des Staates besitzt. Fahrt fort, ihr neu- 



— 176 — 

gegründetes Lehrerseminar (das Franklin College zu Lancaster) zu fördern. 
Scheut keine Auslagen in der Unterstützung ihrer Freischulen. Hadert nicht 
mit ihnen wegen ihres Festhaltens an ihrer Sprache. Sie ist der Kanal, durch 
den das Wissen und die Erfindungen einer der weisesten Nationen Europas in 
unser Land einströmen. Im Verhältnis wie sie in ihrer eignen Sprache unter- 
richtet und aufgeklärt werden, werden sie auch mit der Sprache der Vereinigten 
Staaten vertraut. Ladet sie ein, an der Regierung teilzunehmen. Vor allem 
schützt diejenigen ihrer Sekten, welche Krieg für ungesetzlich halten. Befreit 
sie von dem Druck der abgeschmackten und unnötigen Milizgesetze. 

„Die Ansichten bezüglich der Negersklaven w^urden von einer dieser 
christlichen Sekten entwickelt. Möglicherweise sind diejenigen deutschen Sekten 
unter uns, welche sich weigern, Waffen zu tragen und Menschenblut zu ver- 
gießen, von der Vorsehung als Werkzeuge ausersehen, die Nationen der Erde 
zu einem ewigen Freundschafts- und Friedensvertrag zu vereinigen." 

Wie aus allem hervorgeht, war Rush ein erleuchteter, seiner Zeit weit 
vorausblickender Mann, der nicht nur die wahre Mission des amerikanischen 
Volkes klar erkannte, sondern sich auch der durch die spätere Geschichte be- 
stätigten Tatsache bewußt war, daß den in Amerika eingewanderten Deutschen 
ein Hauptanteil an dem Aufbau und der Entwicklung der neuweltlichen Kultur 
beschieden sein werde. 



Der Anteil der Deutschen am amerikanischen 
Unabhängigkeitskriege. 

Der Freiheit Morgengrauen. 

Bei einem Rückblick auf die ältere Geschichte der deutschen Einwand- 
rung in Amerika wird sofort klar, daß es zwei Hauptbeweggründe waren, 
welche die Deutschen bestimmten, ihr Vaterland zu verlassen und jenseits des 
Ozeans neue Heimstätten zu suchen. In erster Linie wollten sie der durch 
endlose Kriegsläufte und die maßlose Verschwendung der deutschen Fürsten 
verursachten materiellen Not entrinnen. Dann auch hofften sie, die Neue Welt 
werde sich in der Tat als jene Hochburg rehgiöser und politischer Freiheit er- 
weisen, als welche man sie in mündlichen wie schriftlichen Berichten hatte 
rühmen hören. 

Aber die in Amerika bestehenden Verhältnisse entsprachen durchaus nicht 
immer den Erwartungen. Manche erregten sogar den bitteren Unmut der Ein- 
wandrer. Namentlich der tief religiös gesinnten Deutschen. 

Wie sehr die in allen englischen Kolonien bestehende Sklaverei ihren 
Empfindungen widerstrebte, wie energisch sie gegen diese allen Lehren des 
Christentums hohnsprechende Einrichtung eiferten, ist in einem früheren Ab- 
schnitt gezeigt worden. Der im Jahre 1688 erlassene Protest der Bewohner 
von Germantown leuchtet als eine der glänzendsten Ruhmestaten der Deutschen 
in Amerika durch die Jahrhunderte. 

Außer der Sklaverei fand man aber noch andere Mißstände, die Anlaß 
zum Grollen gaben. Die Kolonien w^aren überlaufen von Günstlingen der 
englischen Regierung und bankerotten Höflingen, denen die Krone nicht nur 
die fettesten Ämter, sondern auch ungeheure Strecken wertvollen Landes ver- 
schrieb, damit sie Gelegenheit hätten, in den Kolonien ihre zerrütteten Finanzen 
wieder aufzubessern. Llnter diesen hochfahrenden Aristokraten befanden sich 
viele, die auf alle Landwirte, Handwerker und Gewerbetreibende als eine tief 
unter ihnen stehende Kaste herabblickten. Gehörten solche vom Ertrag harter 
Arbeit Lebenden obendrein fremden Nationen an und waren der englischen 
Sprache wenig oder gar nicht mächtig, so behandelten sie solche mit ver- 
letzender Geringschätzung, als Halbbarbaren. Denn nicht wenige dieser hoch- 
geborenen Drohnen huldigten der Ansicht, daß Unkenntnis der englischen 
Sprache gleichbedeutend mit Unwissenheit sei, und daß der wahre Mensch 
erst mit dem Engländer anhebe. 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 12 



— 178 — 

Das von den Holländern und Engländern nach den Kolonien übertragen^ 
Feudalsystem hatte die Kastenbildung gleichfalls mächtig gefördert, und so 
standen sich, wie wir aus der Geschichte Jakob Leislers erkannten, bereits zu 
Ende des 17. Jahrhunderts zwei Parteien gegenüber, die des Volks und jene 
der mit den Beamten Hand in Hand gehenden, dieselben an Selbstsucht und 
Überhebung noch übertreffenden Geld- und Landaristokraten. 

Daß die Bürger und Ansiedler diese Zustände nicht widerstandslos auf 
die Dauer ertragen würden, daß es über kurz oder lang zu ernsten Kämpfen 
kommen müsse, war unschwer vorauszusehen. In einem früheren Abschnitt 
betonten wir bereits, daß die stürmischen Auftritte zwischen dem Volksmann 
Leisler und den Aristokraten der Kolonie New York recht eigentlich die ersten 
Zusammenstöße in dem bevorstehenden Kampf des amerikanischen Volks für 
seine Unabhängigkeit bedeuteten. 

Einen noch ausgesprocheneren Sieg errang die Volkspartei in dem Pro- 
zeß der Regierung gegen den New Yorker Drucker Peter Zenger. Dieser war im 
Jahre 1710 als 13jäliriger Knabe mit den von Gouverneur Hunter nach Amerika 

überführten Pfälzern 
'^^ ^ nach New York ge- 

kommen. Bald nach 
seiner Landung trat 
er bei dem Drucker 
William Bradford in 
Namenszug von Peter Zenger. die Lehre. Der Be- 

"*'^""""- """ ruf eines Druckers war 

damals mancherlei Einschränkungen unterworfen. Solange die Drucker 
sich auf das Herstellen religiöser Erbauungsschriften beschränkten, legten 
die Kolonialregierungen ihnen keine Hindernisse in den Weg. Kaum 
wurden aber Versuche zur Herausgabe von Zeitungen unternommen, so trafen 
die Behörden schleunigst Maßnahmen, um diese Mittel zur Verbreitung poli- 
tischer Nachrichten und der Volksaufklärung im Keim zu ersticken. So kam 
die am 25. September 1690 zu Boston von Benjamin Harris geplante Zeitung 
„Public Occurences", das erste neuweltliche Unternehmen dieser Art, nicht 
über die erste Nummer hinaus. In Virginien und Maryland wurde das Auf- 
stellen einer Druckerpresse rundweg verboten. In Philadelphia mußte William 
Bradford im Jahre 1692 seine Offizin auf höheren Befehl schließen. Er siedelte 
deshalb nach New York über, wo er nach langem Petitionieren im Jahre 1725 
die Erlaubnis zur Herausgabe der ,,New York Gazette" erwirkte. Allerdings 
nur unter der Bedingung, daß diese Zeitung ausschließlich die Interessen der 
Regierung vertrete. Bei diesem Bradford bestand Zenger eine vierjährige Lehr- 
zeit, nach deren Ablauf er seines Meisters Gehilfe, später sogar sein Geschäfts- 
teilhaber wurde. Im Jahre 1733 trennte Zenger sich von seinem Partner, ver- 
mutlich infolge bestehender Gegensätze in den politischen Anschauungen. 
Denn er gründete eine neue Druckerei und begann gleichzeitig mit der Heraus- 




— 17Q - 



gäbe des „Weekly Journal", welches das erklärte Organ der Volkspartei wurde 
und an der korrupten Regierung scharfe Kritik übte. 

Dieses Vorgehen verwickelte Zenger bald in einen Preßprozeß, den ersten 
in Amerika. Die Ur- 
sache war folgende : 
Als im Jahre 1730 der 
Gouverneur Montgome- 
rie plötzlich starb, über- 
nahm bis zum Eintref- 
fen eines Nachfolgers 
der Älteste des Kolo- 
nialrates, Rip van Dam, 
die i nterimistische Regie- 
rung, wofür er sich das 
volle Gehalt des Gou- 
verneurs auszahlen ließ. 
Als nach dreizehn Mo- 
naten der neue Gou- 
verneur Crosby aus Eng- 
land eintraf, verlangte 
dieser, obwohl er bisher 
nicht die geringsten 
Dienstleistungen getan, 
daß van Dam ihm die 
Hälfte des bezogenen 
Gehaltes ausbezahle. Da 
van Dam sich weigerte, 
diesem Ansinnen zu 
entsprechen, strengte der 
Gouverneur eine Klage 
an. Als der Oberrichter 
Morris gegen ihn ent- 
schied, setzte er densel- 
ben ab und ernannte 
neue, willfährige Rich- 
ter, welche van Dam 
zur Herausgabe der 
Hälfte der streitigen 
Gelder verurteilten. 

Nun stellte Zenger sowohl dem abgesetzten Oberrichter wie auch den 
Anhängern van Dams die Spalten seines Journals zur Verfügung und ver- 
öffentlichte mehrere, die Handlungsweise des Gouverneurs aufs schärfste miß- 
billigende Aufsätze. Der darüber ergrimmte Gouverneur ließ die betreffenden 

12* 





(U/ryvUMT)'}^^ 



— 180 — 

Nummern der Zengerschen Zeitung öffentlich durch den Henker verbrennen 
und Zenger wegen Verbreitung falscher, aufrührerischer Schmähschriften vor 
Gericht fordern. 

In dem nun anhebenden berühmtesten aller amerilcanischen Preßprozesse 
v^äre Zenger zweifellos gleichfalls von den willfährigen Richtern verurteilt 
worden, hätten nicht seine Anhänger ihm in dem ausgezeichneten Juristen 
Andrew Hamilton von Philadelphia einen vorzüglichen Verteidiger zur Seite 
gestellt. Derselbe gab die VeröffentUchung der Aufsätze durch Zenger ohne 
weiteres zu, behauptete aber zugleich, daß die in denselben enthaltenen Aus- 
führungen wahr seien und daß die unumwundene und unbeschränkte Meinungs- 
äußerung, sofern sie als wahr bewiesen werden könne, zu den Rechten jedes 
freien englischen Bürgers gehöre. Der Erklärung des Kronanwaltes, daß der 
Gouverneur als direkter Vertreter des Königs unantastbar sei und nicht in ab- 
fälliger Weise kritisiert werden dürfe, setzte Hamilton entgegen, daß bei der 
Untersuchung gegen eine angebliche Schmähschrift das Gericht den Beweis 
der Wahrheit der tatsächlichen Behauptungen zuzulassen habe, und daß die 
Aufgabe der Geschworenen nicht bloß im Feststellen des Tatbestandes, son- 
dern auch des Rechtes bestehe. Bei der Ausführung dieser Gesichtspunkte be- 
wies Hamilton so glänzend, daß die in den fraglichen Aufsätzen der Regierung 
vorgeworfenen Fehler auf Tatsachen beruhten, daß die Geschworenen den An- 
geklagten unter dem tosenden Beifall der ganzen Bevölkerung, soweit sie nicht 
blind für den Gouverneur Partei ergriffen hatte, als nichtschuldig erklärten. 
Durch den Zengerschen Prozeß war dem amerikanischen Zeitungswesen sein 
höchstes Vorrecht, die Preßfreiheit, erkämpft worden. 

Das durch diesen Sieg in seinem Selbstbewußtsein mächtig gestärkte 
Volk strebte nun auch nach Befreiung von dem auf ihm lastenden materiellen 
Druck, der um so tiefer empfunden und um so unwilliger getragen wurde, als 
er von der eignen Regierung, von den in England lebenden Kaufleuten und 
Fabrikherren über die Kolonien verhängt wurde. 

Kaum war nämlich die Herrschaft der mit den Engländern in scharfem 
Wettbewerb stehenden Franzosen in Nordamerika niedergeworfen worden, so 
erzwangen die in England wohnenden Kaufleute im Parlament Gesetze, welche 
nicht etwa die Bedürfnisse und berechtigten Ansprüche der in Amerika lebenden 
Ansiedler, sondern ausschließlich die Interessen der im Mutterlande verbliebenen 
Kaufherren berücksichtigten. Um diesen möglichst große Einkünfte zu sichern, 
wurde den Ansiedlern das Anfertigen sämtlicher industriellen Erzeugnisse so- 
wie der Handel mit dem Auslande verboten. Sie sollten genötigt sein, alle Ge- 
brauchsgegenstände vom Mutterland zu beziehen, dorthin auch ihre eignen 
Erzeugnisse abzuführen. Keine Pflugschar, kein Wagenrad, kein Hufeisen, 
kein Werkzeug, kein Hut, keine Kleiderstoffe, kein Papier sollten in Amerika 
hergestellt werden dürfen. Es wurde verlangt, daß die Kolonisten die von den 
englischen Krämern für solche Dinge geforderten Wucherpreise bezahlen, für 
die eignen Produkte aber sich mit jenen Angeboten bescheiden sollten, die von 



— 181 — 

den englischen Kaiifleuten festgesetzt würden. Daß diese Angebote stets weit 
unter jenen Preisen blieben, die von den Kolonisten im freien Handel mit an- 
deren Völkern hätten erzielt werden können, ist selbstverständlich. 

Aber damit nicht genug. Man verlangte von den Kolonisten obendrein 
schwere Steuern, ohne ihnen im Parlament zu London, der gesetzgebenden 
Körperschaft, eine eigne Vertretung zuzugestehen. 

Nur ein jeder Manneswürde beraubtes Volk hätte sich solchen von 
Selbstsucht diktierten Verordnungen auf die Dauer gefügt. Von den die freie 
Luft der Wälder und Meere atmenden Amerikanern war dies nicht zu erwarten. 
Am wenigsten von den Abkömmlingen fremder Völker, die keinen besondern 
Anlaß hatten, den ihnen nicht durch nationale Verwandtschaft näherstehenden 
englischen Königen treu zu bleiben. So sehen wir denn auch solche fremd- 
gebornen Kolonisten in den vordersten Reihen jener Unzufriedenen, die gegen 
die ungerechten Bedrückungen Widerspruch erhoben. Bereits im Jahre 1765 
unterzeichneten zahlreiche Deutsche eine Beschwerdeschrift, in der Kaufleute 
und Gewerbtreibende der Stadt Philadelphia mit dem Boykott englischer Waren 
drohten, wenn die Regierung nicht die von ihr eingeführte Stempelsteuer auf- 
hebe. Und bald darauf vereinigten sich solche Deutsche zu der „Patrio- 
tischen Gesellschaft der Stadt und Grafschaft Phila- 
delphia,*' um die Rechte und Freiheiten zu wahren, welche der Provinz in 
früheren Zeiten durch bestimmte Gesetze und Freibriefe verliehen worden seien. 
Sie beteiligten sich auch an jener, von 8000 Personen besuchten Versammlung, 
die am 18. Juni 1774 einen „Korrespondenz-Ausschuß" erwählte, der mit den 
Bewohnern der andern an der Ostküste gelegenen Kolonien gemeinschaftliche 
Maßnahmen zur energischen Abwehr der englischen Übergriffe beraten sollte. 
Unter den Mitgliedern dieses Ausschusses finden wir die Deutschen Peter 
Hillegas, Christoph Ludwig, Paul Engel und Georg 
Schlosser. 

Aber auch die deutschen Bewohner der anderen Kolonien zeigten die 
gleiche entschlossene Gesinnung Unter dem Vorsitz des wackern Pastors 
Peter Mühlenberg faßte der aus lauter Deutschen bestehende Sicher- 
heitsausschuß der virginischen Ortschaft Woodstock folgende, in englischer 
Sprache geschriebene Erklärung: „Es sei beschlossen, daß wir uns bereitwillig 
solchen Verordnungen der Regierung unterwerfen, wie Seine Majestät nach 
den Bestimmungen des Gesetzes für die Untertanen zu erlassen das Recht hat. 
Aber nur solchen allein. Es sei femer beschlossen, daß es das ererbte Recht 
aller britischen Untertanen ist, nur von solchen Vertretern, die sie selbst er- 
wählten, regiert uruTbesteueft zu werden. Ferner, daß wir jede vom britischen 
Parlament in bezug auf die innere Verv/altung Amerikas abzielende Flandlung 
als einen gefährlichen und verfassungswidrigen Eingriff in unsre Rechte und 
Privilegien betrachten. Daß die gewaltsame Ausführung solcher Parlaments- 
akte durch militärische Gewalt notwendigerweise einen Bürgerkrieg verur- 
sachen muß, durch welchen jene Verbindung gelöst würde, die so lange 



— 182 - 

zwischen dem Mutterland und den Kolonien bestanden hat. Es sei endlich 
beschlossen, daß wir mit unseren notleidenden Brüdern in Boston sowohl wie 
in irgendwelchen anderen Teilen Nordamerikas, welche die direkten Opfer 
solcher Tyrannei sind, herzlich sympathisieren und alle geeigneten Maßnahmen 
befürworten, durch welche so schreckliches Unheil abgewendet, unsere Be- 
schwerden beachtet und unsere gemeinschaftlichen Freiheiten gesichert werden 
können." 

Ob diese nicht mißzuverstehenden Erklärungen, die am 4. August in der 
„Virginia Gazette" zum Abdruck kamen und großes Aufsehen erregten, den 
einen Monat später in Philadelphia zusammentretenden ,, Ersten Kontinental- 
Kongreß" beeinflußten, ist nicht mehr nachzuweisen. Aber auch diese Körper- 
schaft faßte ähnlich lautende Beschlüsse. Obendrein ermahnte sie das Volk, 
für den Notfall sich im Gebrauch der Waffen zu üben.') 

Der Geist der Erhebimg ging natürlich auch unter den wackern Pfälzern 
um, die am Mohawk und Schoharia saßen. Sie waren von allen Kolonisten 
der englischen Regierung am wenigsten zu Dank verpflichtet.^ Denn hatte 
diese Regierung sie nicht stets in selbstsüchtiger Weise ausgebeutet und oben- 
drein auf die gefährlichsten Posten an die äußersten Grenzen der Zivilisation 
gestellt, wo sie beständig den Anfällen der Indianer und Franzosen preis- 
gegeben waren? Und hatte die Kolonialverwaltung sich etwa beeilt, in den 
Stunden der Bedrängnis ihnen Hilfe zu senden? 

Seit wann es unter jenen, in steten Kämpfen und Gefahren großge- 
wordenen Bauern gärte, wissen wir nicht. Aber auch sie fanden sich bereits 
am 27. August 1774 an den Ufern des Mohawk zu einer großen Protestver- 
sammlung zusammen, die, als die englische Regierung ihre schroffen Maß- 
regeln verschärfte, den Bostoner Hafen sperrte und den bedrängten Bewohnern 
jener Stadt tätigen und moralischen Beistand versprach. Auch den in New 
York und Albany tagenden Ausschüssen der Freiheitsfreunde ließen sie ihre 
Bereitwilligkeit verkünden, sämtliche vom Kontinental-Kongreß verordneten 
Maßregeln ausführen zu wollen. Diesen Vorsatz bekräftigten sie durch die 
Erklärung: „Wir, die wir durch die Bande der Religion, Ehre, Gerechtigkeit 
und Vaterlandsliebe aufeinander angewiesen sind, vereinen uns in dem. festen 
Entschluß, nie Sklaven werden zu wollen, sondern unsre Freiheit mit Gut und 
Blut zu verteidigen." 

Der leitende Geist dieser Pfälzer war Nikolas Herchheimer, 
der nämliche, welcher sich in den Kämpfen gegen die Franzosen bei der 
Verteidigung des in den German Fiats errichteten Forts rühmlich hervor- 
getan hatte. Er leitete auch die erste, auf den 2. Juni 1775 einberufene Ver- 

^) Die vielbesprochene Unabhängigkeitserklärung der Bürger von Charloite im Be- 
zirk Mecklenburg, Nord-Karolina, bleibt an dieser Stelle unberücksichtigt, da weder der 
genaue Wortlaut ihrer am 31. Mai 1775 gefaßten Beschlüsse feststeht, noch die Namen der 
unter den Unterzeichnern befindlichen Angehörigen der Familie Alexander mit Sicherheit 
als diejenigen deutscher Ansiedler betrachtet werden können. 



— 183 — 

Sammlung: von Abgeordneten aus allen Bezirken des Mohawktals, deren 
wichtigste Maßnahme im Einsetzen eines Sicherheitsausschusses bestand, 
welcher die im Tal wohnenden zahlreichen Anhänger des Königtums, die so- 
genannten Tories, überwachen sollte. Die Organisierung dieser aus fünf 
Bataillonen Milizen, einem Bataillon Scharfschützen, drei Kompagnien Jäger 
und einer Kompagnie Hilfstruppen bestehenden Macht wurde von Herch- 
heimer so geschickt durchgeführt, daß die Abgeordneten der Kolonie New York 
Herchheimer in Anerkennung seiner Verdienste mit dem Befehl über alle westlich 
von Schenectady stehenden Milizen betrauten und ihn zum Brigadegeneral er- 
nannten. Die strengen Anordnungen, welche Herchheimer nun zur Beauf- 
sichtigung der Tories fraf, flößten diesen solchen Schrecken ein, daß sie ihre 
Habseligkeiten packten und Hals über Kopf nach Canada flohen. 

In Pennsylvanien, wo die Behörden schon längst Klage führten, daß die 
früher so friedliebenden Deutschen jetz.t widerspenstig würden, sorgte die im 
Jahre 1764 gegründete „Deutsche Gesellschaft" dafür, daß der Freiheits- 
gedanke auch in die von zahlreichen Deutschen bewohnten wesdichen Teile 
der Kolonie getragen wurde. Sie tat dies durch Verbreitung ein.er gemein- 
schaftlich mit den Vorständen und Predigern der lutherischen und reformierten 
Kirchen Philadelphias verfaßten Flugschrift, welche die Gründe darlegte, die 
den Kontinental-Kongreß bestimmten, die Bevölkerung zum bewaffneten Wider- 
stand gegen die widerrechtlichen Handlungen der Regierung aufzurufen. Die 
bedeutungsvolle Flugschrift hebt mit folgenden Worten an: 

„Wir haben von Zeit zu Zeit täglich mit unseren Augen gelesen, daß 
das Volk in Pennsylvanien, Reiche und Arme, den Entschhiß des Congresses 
apprcbiren. Sonderlich haben sich die Teutschen in Pennsylvanien nahe und 
ferne von uns sehr hervorgethan und nicht allein ihre Milizen errichtet, sondern 
auch auserlesene Corpos Jäger formirt, die in Bereitschaft sind zu marschiren, 
wohin es gefordert wird. Diejenigen unter den Teutschen, welche selbst 
nicht Dienste thun können, sind durchgehends willig nach Vermögen zum 
gemeinen Besten zu contributiren." 

Der von dem Drucker Heinrich Miller veröffentlichte „Staatsbote" 
befürwortete die Empfehlungen der „Deutschen Gesellschaft" mit folgendem 
feurigen, an alle Deutsche gerichteten Aufruf: „Gedenkt daran, wie bitter die 
Knechtschaft war, die ihr in Deutschland erfahren mußtet. Gedenkt und er- 
innert die Eurigen daran, daß ihr nach America gegangen seid, um der Dienst- 
barkeit zu entrinnen und die Freiheit zu genießen. Gedenkt, daß die englischen 
Staatsdiener und ihr Parlament America auf eben den Fuß wie Deutschland 
und vielleicht ärger haben möchten." 

Angeregt durch diese flammenden Worte, begannen manche deutsche 
Pastoren auch von den Kanzeln herab die Sache der Freiheit zu verfechten. 
Daß sie dadurch die Rache der Regierung über sich heraufbeschworen, ist 
selbstverständlich. Und so mußten manche dieser Streiter als heimatlose Flücht- 
linge im Lande umherirren. Unter ihnen befanden sich die Pastoren Helfen- 



— 184 — 

stein von Lancaster, Johann Wilhelm Schmidt von Gemiantown, 
N e V e 1 1 i n g von New Jersey sowie die beiden Söhne des Pastors Peter 
Mühlenberg. Nevelling hatte auf seinen Grundbesitz hohe Anleihen aufgenom- 
men und das Geld dem Kontinentalkongreß überwiesen. Wo die Regierung 
solcher Prediger habhaft wurde, strafte sie dieselben mit monatelanger Kerker- 
haft. Solchem Geschick verfielen beispielsweise die Prediger W e y b e r g und 
S c h 1 a 1 1 e r , deren Häuser obendrein durch britische Soldaten geplündert 
wurden. Das Haus des in der Salzburger Niederlassung Ebenezer angestellten 
Pfarrers Rabenhorst wurde sogar bis auf den Grund niedergebrannt. 

Aber alle diese Maßregeln konnten das Weitergreifen des entfachten Frei- 
heitsgedankens nicht aufhalten. Die prophetischen Worte, welche Andreas 
Hamilton, der Verteidiger des Druckers Zenger, bereits im Jahre 1734 ge- 
sprochen: „Die unterdrückte Freiheit wird sich endlich doch erheben!'' gingen 
in Erfüllung. Und als der virginische Advokat Patrik Henry mit dem zündenden 
Ausruf „Give me liberty or give me death!" die stolze Losung gab, da flogen 
die Freunde der Freiheit allerorten zu den Waffen. Unter den ersten befanden 
sich die Deutschen. 




Deutsches Heldentum und deutsche Opferwilligkeit 
im Freiheitskrieg. 

Eine ungeheure Bewegung durchbrauste sämtliche an der Ostküste von 
Nordamerika gelegenen Kolonien. Man sprach nicht länger über Handel, 
Saaten, Ernten, Jagd und Fischfang. Die Arbeitsräume der Handwerker, die 
Geschäftsräume der Kaufleute verödeten. Nur in den rußigen Werkstätten der 
Waffenschmiede und Büchsenmacher erklangen unablässig die Hämmer, knirsch- 
ten die Feilen und drehten sich die Schleifsteine. Denn, wie der Pfarrer Hel- 
muth in einem an die in Deutschland erscheinenden „Hallischen Nachrichten" 
schrieb: „Durch das ganze Land rüstet man sich zum Krieg. Beinahe jeder 
Mann ist unter den Waffen. Der Eifer, welcher bei diesen traurigen Umständen 
gezeigt wird, läßt sich nicht beschreiben. Wenn hundert Mann verlangt werden, 
stellen sich sofort viel mehr und sind ärgerlich, wenn sie nicht alle genommen 
werden. Quäker und Mennoniten entsagen ihren religiösen Grundsätzen und 



Kopfleiste: Der Ruf zu den Waffen. Nach einem Gemälde von Chapella. 



— 186 — 

nehmen teil an den kriegerischen Übungen. Das ganze Land von Neu-England 
bis Georgia ist eine Seele und in vollkommener Begeisterung für die Freiheit.'* 

Beweise dafür, daß die Deutschen an Begeisterung hinter ihren anglo- 
amerikanischen Mitbürgern nicht zurückstanden, finden sich in Hülle und Fülle. 
Als in der hauptsächlich von Deutschen bewohnten pennsylvanischen Ortschaft 
Reading die jungen, waffenfähigen Männer drei Kompagnien einer Bürgergarde 
bildeten, ließ es den Deutschen Graubärten keine Ruhe. Sie wollten nicht zurück- 
stehen, sondern vereinigten sich zu einer „Kompagnie der alten Männer". Einem 
Bericht des „Pennsylvanischen Staatsboten" zufolge bestand dieselbe aus 80 Hoch- 
deutschen von mehr als 40 Jahren. Viele waren bereits in Deutschland Sol- 
daten gewesen. So hatte z. B. der 97 Jahre alte Hauptmann dieser Veteranen 
in 40jährigem Kriegsdienst 17 große Schlachten mitgemacht. Und der 84 Jahre 
zählende Trommler konnte auf eine fast ebenso bewegte Vergangenheit zurück- 
blicken. 

Wo die Begeisterung so hohe Wogen schlug, ist es selbtverständlich, daß 
die Deutschen auch außerordentlich starke Prozentsätze zu den aus Freiwilligen 
oder „Associators" gebildeten Truppenkörpern stellten, die einem vom Kon- 
gresse erlassenen Aufruf zufolge überall zusammentraten. Nach einem Be- 
schluß vcm 14. Juni 1775 sollten Pennsylvanien sechs, die Kolonien Maryland 
und Virginien je zwei Kompagnien Scharfschützen stellen. Anstatt dessen 
rüstete Pennsylvanien neun Kompagnien aus, von welchen vier ausschließlich 
deutsche Offiziere besaßen. Mehrere Abteilungen derselben befanden sich bereits 
drei Wochen später auf dem Hunderte von Meilen weiten Marsche nach Boston, 
um zu der von George Washington befehligten amerikanischen Hauptarmee zu 
stoßen. Die ersten, welche dort eintrafen, waren die von den Haupdeuten 
Nagel und Daudel befehligten deutschen Scharfschützen der pennsylvanischen 
Grafschaft BerkyJ herrlich gewachsene, wettergebräunte Männer, von denen jeder 
dem preußischen König Friedrich dem Großen für seine Riesengarde willkommen 
gewesen wäre. In ihren aus Flirschleder oder derbem „home spun" gefertigten 
Jagdröcken, den fransenbesetzten Leggins, den indianischen Mokassins und 
der aus einem Fuchs- oder Otterfell gefertigten Pelzmütze boten diese mit Rifle- 
büchse, Tomahawk und Jagdmesser bewaffneten Gestalten unstreitig einen im- 
ponierenden Eindruck dar. Und die in großen Lettern über jeder Brust zu 
lesende Losung „Liberty or Death!" zeugte für die Entschlossenheit, welche 
diese ernsten Männer beseelte. 

Ihnen rückten bald darauf die aus anderen Teilen Pennsylvaniens sowie 
die aus Maryland und Virginien kommenden Scharfschützen nach. Die Virginier 
hatten den später zu großem. Ruhm gelangenden Daniel Morgan als 
Hauptmann. Bevor sie sich am 17. Juni bei Schäferstown (Shepherdstown) 
zum Abmarsch rüsteten, kamen sie dahin überein, daß diejenigen, welche nach 
50 Jahren noch am Leben seien, sich am gleichen Datum an der gleichen Quelle, 
an welcher sie sich versammelt hatten, wieder einfinden sollten. Es waren nur 
vier Männer: Heinrich und Georg MichelBedinger (der erste aus 



187 — 



Virginien, der zweite aus Kentucky), Peter Lauck (aus Winchester) und 
Gotthold Hülse (aus Wheeling), welche dieser Verabredung am 17. Juni 
1825 entsprachen. Aus den echt deutschen Namen dieser Veteranen läßt 
sich mit Sicherheit schließen, daß die Deutschen Virginiens einen großen 
Prozentsatz zu den be- 
rühmten Scharfschützen 
Morgans gestellt haben 
müssen. 

Es war am 10 
August, als Morgans 
Truppe nach einem 600 
Meilen weiten Marsch 
bei der Belagerungs- 
armee vor Boston ein- 
traf. Der gerade auf ei- 
nem Rekognoszierungs- 
ritt befindliche Ober- 
befehlshaber George 
Washington erspähte 
dieAnkömmhnge in der 
Ferne. Im Galopp ritt 
er auf sie zu und sprang, 
als Morgan meldete: 
„Scharfschützen vom 
rechten Ufer des Poto- 
mac!" vom Pferde, um 
mit Freuden tränen im 
Antlitz jeden einzelnen 
der wackern Virginier, 
von denen manche in 
der Nähe seines eignen 
Landgutes wohnten, mit 
kräftigem Händedruck 




zu begrüßen.') 



Daniel Morgan, der tülner der virginischen ScharfsclUitzen. 



^) Die von Kapitän Morgan geführten virginischen Scharfschützen erhielten noch vor 
der Einnahme von Boston Befehl, sich der Expedition Arnolds nach Canada anzuschließen. 
Unter furchtbaren Mühseligkeiten drangen sie mit den anderen Truppen jenes Zuges den 
Kennebec hinauf, und unternahmen mit ihnen am Abend des 30. Dezember 1775 den 
Versuch, die Zitadelle von Quebec zu erstürmen. Bekanntlich mißglückte dieser verwegene 
Anschlag, während dessen Morgans Truppen so schwere Verluste erlitten, daß ihr Führer, 
um seine Schar vor gänzlichem Untergang zu bewahren, es für geraten hielt, sich zu er- 
geben. Morgan wurde später ausgelöst und nahm mit einer anderen Abteilung Scharf- 
schlitzen an den Schlachten bei Monmouth und bei Saratoga und anderen Treffen teil. 



Während der Belagerung der Stadt Boston leisteten diese Scharfschützen 
insofern sehr wichtige Dienste, als sie hauptsächlich die feindlichen Offiziere 
aufs Korn nahmen und dadurch die englischen Regimenter der Führung be- 
raubten. Die Zahl solcher Gefallenen oder kampfunfähig Gewordenen war so 
überraschend groß, daß der englische Abgeordnete Burke im Parlament be- 
stürzt ausrief: „Diese Amerikaner wissen von unsrer Armee weit mehr, als wir 
uns träumen lassen. Sie schließen dieselbe ein, belagern, vernichten und zer- 
malmen sie. Wo unsere Offiziere ihre Nasen zeigen, da werden sie von den 
amerikanischen Riflebüchsen weggefegt.'' 

Da nur die deutschen Grenzbewohner gezogene Riflebüchsen führten, so 
müssen die schlimmen Verluste, welche die Offizierslisten der in Boston be- 
lagerten Engländer erlitten, wohl in erster Linie den deutschen Scharfschützen 
gutgeschrieben werden. Deren Leistungsfähigkeit scheint auch dem Kontinental- 
kongreß nicht entgangen zu sein. Denn er erließ am 25. Mai 1776 den Aufruf 
zur Formierung eines rein deutschen Bataillons, dessen acht Kompagnien zur 
Hälfte aus Pennsylvaniern, zur Hälfte aus Deutschen der Kolonie Maryland be- 
stehen sollten. Die Pennsylvanier begnügten sich aber nicht mit den ihnen 
vorbehaltenen vier Kompagnien, sondern hatten bereits im Juli eine fünfte 
vollzählig. 

Unter seinen einander folgenden Obersten Nikolas Hau segger, 
Baron Arendt und Ludwig Weltner vollbrachte dieses deutsche Ba- 
taillon manche kühne Waffentat. Zunächst beteiligte es sich bei dem Überfall 
der Engländer in Trenton. Später erntete es in den Schlachten bei Princeton, 
am Brandywine und bei Germantown Lorbeeren. Der Brigade des Generals 
Peter Mühlenberg zugeteilt, durchlebte es die schrecklichen Monate im Winter- 
lager zu Valley Forge. Dann fand es als Bestandteil des Expeditionskorps des 
Generals Sullivan in den Quellgebieten des Susquehanna und Mohawk Ver- 
wendung, wo seine Aufgabe darin bestand, die Grenzniederlassungen gegen die 
Überfälle der von Canada hereinbrechenden Engländer und Irokesen zu 
schützen. 

Überaus zahlreich waren die Deutschen auch in den von Pennsylvanien 
gestellten regulären Regimentern, vornehmlich im zweiten, dritten, fünften, 
sechsten und achten. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, daß ein Drittel 
jener von 53 Bataillonen kommenden Abgesandten, die am 4. Juli 1776 in Lan- 
caster, Pa. zusammenkamen, um über gemeinsame Angelegenheiten zu beraten, 
Deutsche waren. 

Zur selben Stunde, wo diese Wackeren schworen, Leib und Leben für die 
Unabhängigkeit des Landes zu opfern, nahm der im Staatshause zu Phila- 
delphia versammelte, aus Vertretern sämtlicher Kolonien bestehende Kongreß 
die Unabhängigkeitserklärung an.^) 



') Es war einer deutschen Zeitung, dem von Heinrich Miller in Philadelphia heraus- 
gegebenen „Staatsboten", vorbehalten, die erste gedruckte Mitteilung über diesen hoch- 



— 189 — 

Auch in den südlichen Kolonien bildeten sich rein deutsche Truppen- 
körper. So brachte beispielsweise der Württemberger Michael Kalteisen 
in Charleston, Süd-Karolina, eine Kompagnie Füsiliere zusammen, die durch- 
weg aus Deutschen bestand und im Jahre 1779 beim Sturm auf Savannah sich 
auszeichnete. 

Leider fehlen über die Beteiligung der Deutschen in den Kolonien Georgia, 
Karolina, Virginien, Delaware, Maryland, New York, Massachusetts und Maine 
sichere Angaben, da fast alle Musterrollen und sonstigen Urkunden bei einem 
im Jahre 1800 im Kriegsministerium zu Washington ausgebrochenen Brande 
untergingen. Sicher ist aber, daß die Deutschen auch in den von jenen Kolonien 
gestellten regulären Regimentern mit stattlichen Zahlen vertreten waren. 

Wollte man die Namen aller Deutschen, die sich durch tapfere Taten vor 
dem Feinde auszeichneten, in einer Liste vereinen, so würde dieselbe manche 
Seiten füllen. Da wären beispielsweise die zahlreichen Mitglieder der aus West- 
falen nach Pennsylvanien eingewanderten Familie Heister. Mehrere dienten 
als Offiziere in pennsylvanischen Regimentern. Von allen mußte Joseph Heister 
die schlimmsten Erlebnisse bestehen. Während der unglücklichen Schlacht auf 
Long Island wurde er gefangen und später auf der berüchtigten Fregatte „Jer- 
sey" und in den Kerkern der Stadt New York furchtbaren Leiden ausgesetzt. 
Nach seiner Auslösung schloß er sich den Freiheitskämpfern aufs neue an, 
schwang sich durch seine Tapferkeit zum Obersten empor und füllte nach er- 
folgtem Friedensschluß noch verschiedene angesehene Stellen aus. ^ 

Von gleichem Schlage war der Pennsylvanier K i c h 1 e i n , der als Haupt- 
mann einer 100 Mann starken Kompagnie jenen Helden angehörte, die nach 
der Schlacht auf Long Island den Rückzug Washingtons deckten, und von 
welcher ein amerikanischer Geschichtsschreiber sagte: „Long Island war das 
Thermopylae des Unabhängigkeitskrieges, und die Deutschpennsylvanier waren 
seine Spartaner!" Von Kichleins Kompagnie fielen 70 Mann. 

Auch der in manchen europäischen Kriegen grau gewordene Hannoveraner 
Georg Gerhard von der Wieden zählt zu den Helden jener großen 
Zeit. Er hatte bereits als Leutnant mit den von Heinrich Bouquet geführten 
„Royal Americans" den Feldzug gegen die Franzosen im Quellgebiet des Ohio 
mitgemacht. Als Oberst trat er später in das 1. virginische Regiment und 
brachte es dank seiner ausgezeichneten Fähigkeiten bis zum Brigadegeneral. 
In den Kämpfen am Brandywine, bei Germantown und vor Yorktown spielte 



wichtigen Akt zu bringen. Die Unabhängigkeitserklärung erfolgte bekanntlich am 4. Juli 1776, 
einem Donnerstag. Da der „Staatsbote" die einzige am Freitag erscheinende Zeitung 
Philadelphias war, so kam sie mit ihrer Mitteilung allen in englischer Sprache gedruckten 
Zeitungen voraus. Die in fetten Lettern gegebene Nachricht lautet folgendermaßen: 

„Philadelphia, den 5. July. Gestern hat der achtbare Congreß dieses vesten Landes 
die vereinigten Colonien freye und unabhängige Staaten erkläret. Die Declaration in 
Englisch ist gesetzt in der Presse: sie ist datirt den 4ten July, 1776, und wird heut oder 
morgen in Druck erscheinen." 



— 190 — 

dieser in amerikanischen Geschichtswerken unter dem Namen „Weedon" er- 
scheinende Mann eine wichtige Roile. 

^ Eine echte Soldatennatur bekundete ferner der deutsche Hauptmann 
Leonhardt Helm, der mit nur zwei Gemeinen die Besatzung des westlichen 
Grenzforts St. Vinciennes bildete. Diese Veste zu nehmen, zogen die Engländer 
in beträchdicher Zahl heran. Daß er sich gegen die gewaltige Übermacht nicht 
behaupten könne, wußte Hauptmann Helm wohl. Aber er pflanzte sich mit 
brennender Zündschnur an einer der von den Wällen herabdrohenden Kanonen 
auf, gebot den anrückenden Feinden Halt und fragte, ob man der Besatzung 
des Forts freien Abzug mit allen Waffen und unter Beobachtung der üblichen 
Kriegsehren bewillige, falls sie das Fort freiwillig übergebe. Dessen waren 
die Engländer nur zu froh. Sie machten aber doch lange Gesichter, als Helm 
mit seinen beiden Leuten erschien. Aber das Soldatenwort war verpfändet, und 
so mußten die Briten zu ihrem großen Ärger die drei Amerikaner ungehindert 
ziehen lassen. 

Auch die südlichen Kolonien hatten ihren deutschen Helden. Alexander 
G i 1 1 o n , ein von kurhessischen Eltern stammender Kaufmann in Charleston, 
stach nn Mai 1777 mit einem wohlausgerüsteten Schiff in See, nahm drei eng- 
lische Kreuzer weg, mietete dann eine französische Fregatte und kaperte mit 
derselben zahlreiche englische Handelsfahrzeuge. Im Frühling des Jahres 1782 
brachte er ein größeres Gesciiwader zusammen und annektierte die Bahama- 
inseln. 

Von besonderem Interesse ist es, daß auch die 150 Mann starke Leibwache 
George Washingtons ausschließlich aus Deutschen der pennsylvanischen Graf- 
schaften Berks und Lancaster bestand. Der ehemalige preußische Major Bar- 
tholomäus von Heer befehligte die kleine, aber auserlesene Schar. Ihr 
Hauptmann war Jakob Mey tinger; als Leutnants dienten Philipp 
S t r ü b i n g und Johann N u 1 1 e r. Die Gründe, welche maßgebend dafür 
waren, diese Leibwache ausschließlich aus Deutschen zusammenzustellen, sind 
nicht bekannt. Die Tatsache hingegen, daß es unter den englisch sprechenden 
Truppen des amerikanischen Heers von im englischen Sold stehenden Spionen 
wimmelte, und daß die königstreuen Tories die verschlagensten Mittel anwen- 
deten, um amerikanische Offiziere und Soldaten zum Verrat militärischer Ge- 
heimnisse, ja zur Gefangennahme und Auslieferung des obersten Befehlshabers 
zu verleiten, hat zu der Vermutung Anlaß gegeben, daß man die Person 
Washingtons weit mehr gesichert glaubte, wenn man ihn mit einer Leibwache 
umgebe, deren Soldaten der englischen Sprache wenig oder gar nicht mächtig 
und darum den Verlockungen der Tories auch weniger ausgesetzt wären. 

Wie immer dem sein mag, gewiß ist, daß die Deutschpennsylvanier 
von jeher als zuverlässige Leute galten. Diesen guten Ruf behaupteten sie auch 
in diesem Falle, denn die deutsche Leibwache schützte den Heerführer während 
aller Fährnisse des sieben Jahre dauernden Krieges. Als nach dem glücklichen 
Ausgang desselben das Heer sich auflöste, wurde auch die Leibwache über- 



-_ 191 _ 

flüssig. Nur der wackere Major von Heer, der Hauptmann Meytinger, ein 
Sergeant, ein Trompeter und acht Gemeine blieL^en bis zum 31. Dezember 1783 
im Dienst. Ihnen fiel die Ehre zu, den obersten Kriegsherrn auf sein in Vir- 
ginien gelegenes Landgut Mount Vernon zurückzugeleiten. Dort angekommen, 
stellten sie sich vor der Front des stattlichen Herrensitzes vor dem Sieger in so 
vielen Schlachten zur letzten Parade auf. Noch einmal erscholl der Kommando- 
ruf, zum letztenmal senkten sich die funkelnden Degen. Dann, nachdem diese 
militärische Ehrung erwiesen war, ritten die wackeren Soldaten schweigend 
von dannen. Denn ihre Herzen waren schwer, daß sie von dem geliebten Feld- 









Marie Hcis (Molly Pitcher) in der Schlacht bei Monmoiith. 

Nach einem Gemälde von D. M, Carter. 



herrn, den sie so viele Jahre beschirmt, dessen Leiden und Lasten sie so lange 
geteilt, für immer scheiden mußten. 

Außer diesen Patrioten berichtet die Geschichte von drei deutsch amerika- 
nischen Heldinnen. E^ie erste war M a r i e H e i s , die Gattin eines als Kanonier 
mit Washington ins Feld gezogenen Freiwilligen. Entschlossen, alle Leiden 
und Freuden ihres Mannes zu teilen, hatte die Frau sich dem gleichen Regiment 
angeschlossen und um das Wohl der Soldaten sich verdient gemacht, indem sie 
den im Kampf Befindlichen Wasser zutrug und die Verwundeten pilegte. Da 
man sie selten ohne ihren mächtigen Wasserkrug (englisch pitcher) sah, so legten 
die Soldaten ihr den Spitznamen .,M o 1 1 y Pitcher" bei. 



— 192 — 

Es war in der Schlacht bei Monmouth, wo Molly Pitcher zu bleibendem 
Ruhm gelangen sollte. Infolge der zweideutigen Haltung des Generals Lee 
drohte die Schlacht einen für die Amerikaner ungünstigen Ausgang zu nehmen. 
Allerwärts zeigten die Reihen der Amerikaner klaffende Lücken. Das Be- 
dienungspersonal der Batterien war bereits so zusammengeschmolzen, daß in- 
folge mangelnden Ersatzes die Mannschaften ihre Tätigkeit fast einstellen 
mußten. Eine Katastrophe schien unvermeidlich, zumal die Briten sich ge- 
rade jetzt zu einem mächtigen Vorstoß anschickten. In diesem Augenblick er- 
schien „Molly Pitcher" auf dem Schauplatz. Die Gefalir erkennend, stellte sie 
schleunigst ihren Krug zur Erde, griff einen Kanonenwischer und bediente 
an Stelle ihres verwundet am Boden liegenden Mannes das Geschütz. Brau- 
sende Beifallrufe erschollen für Molly Pitcher. Von allen Seiten eilten tapfere 
Männer herbei, um die freigewordenen Plätze in den Batterien einzunehmen. 
Und als die Feinde anrückten, wurden sie mit so lebhaftem Kanonenfeuer be- 
grüßt, daß es den Amerikanern gelang, den Angriff abzuschlagen. 

In Süd-Karolina unterzog sich die 18jährige Pflanzerstochter Emilie 
Geiger der gefährlichen Aufgabe, wichtige Mitteilungen des Generals Greene 
an die Generale Marion und Sumter zu überbringen, wobei sie ein weites, durch 
feindliche Patrouillen höchst unsicher gemachtes Gebiet durchreiten mußte. 
Obendrein mußte das Mädchen mit dem Pferde den angeschwollenen Wateree- 
fluß durchschwimmen. Nachdem dies gelungen, fiel die junge Heldin am 
zweiten Tage ihrer Reise feindlichen Kundschaftern in die Hände. Da diese 
aber keine verdächtigen Dokumente fanden, ließ man das Mädchen frei, welches 
nun seinen Ritt fortsetzte und wenige Stunden später die ihm anvertraute Bot- 
schaft ausrichten konnte. 

In West- Virgin ien erzählt man sich noch heute von Elisabeth Zane, 
die mit ihren Brüdern eine an Stelle der heutigen Stadt Wheeling erbaute Block- 
hütte bewohnte. Als Zufluchtsort bei feindlichen Anfällen hatten die wenigen 
dort lebenden Ansiedler aus starken Baumstämmen einen festen Turm errichtet, 
in welchen sie flüchteten, als im September 1777 eine von dem englischen Be- 
fehlshaber des Forts Detroit ausgeschickte Bande von Indianern die kleine 
Niederlassung überfiel. Die Belagerung zog sich bedenklich in die Länge. Die 
Zahl der waffenfähigen Männer sank von 42 auf nur 12 herab. Dazu kam, daß 
das Pulver ausging. Zwar lag noch ein Fäßchen in der Hütte der beiden 
Brüder Zane versteckt. Um desselben habhaft zu werden, mußte man aber eine 
180 Schritt weite Strecke zurücklegen, die von den Büchsen der in den Wäldern 
versteckten Wilden bestrichen wurde. Trotzdem mußte man suchen, das Pulver 
zu erlangen. Als Freiwillige, die es wagen wolle, das Fäßchen zu holen, trat 
die siebzehnjährige Elisabeth Zane vor. Sie begründete ihren Entschluß damit, daß 
das Leben der so sehr zusammengeschmolzenen männlichen Verteidiger der Be- 
festigung zu wertvoll sei, um ein solches aufs Spiel zu setzen. Einwände wollte 
sie nicht gelten lassen, und so öffnete man der jungen Heldin das Tor, das sie 
so ruhig durchschritt, als ob es in der weiten Welt keine Indianer gebe. 



— 193 - 

Da die letzteren nicht wußten, um was es sich handle, so ließen sie es 
ruhig geschehen, daß die Jungfrau die zwischen Turm und Blocithütte gelegene 
Streciie zurücklegte und die Hütte betrat. Erst als sie, das Fäßchen in den 
Armen tragend, wieder erschien, errieten die Rothäute die Bedeutung des Vor- 
gangs und eröffneten von allen Seiten ein lebhaftes Feuer auf die raschen Laufs 
Davoneilende. Aber keine Kugel traf. Wohlbehalten schlüpfte die junge 
Heldin wieder ins Fort, worauf die Indianer, nicht länger auf den Fall der so 
wacker verteidigten kleinen Feste rechnend, wutschnaubend abzogen. 

Außer diesen Beispielen finden sich noch zahlreiche andere, welche die 
opferfreudige Begeisterung bekunden, die in den Flerzen der deutschen Kolo- 
nisten Amerikas lohte. 

Wir müssen zunächst der hochherzigen Frau Margarete Greider' 
geb. Arkularius gedenken, die nicht nur dem Oberbefehlshaber George 
Washington die bedeutende Summe von 1500 Guineen zu beliebiger Verwen- 
dung für das Heer übergab, sondern obendrein mit ihrem Manne, einem 
Bäcker, die Soldaten vier Monate lang mit Brot versorgte, ohne für ihre Dienste 
irgendwelche Entschädigung anzunehmen. 

Jenem wackern Ehepaar stand der in Philadelphia wohnende Bäcker 
Christoph Ludwig nicht nach, ein Mann, der an allen das Wohl und 
Wehe des Landes angehenden Fragen stets lebhaften Anteil nahm. Bereits im 
ersten Stadium der Freiheitsbewegung, als man in einer öffentlichen Versamm- 
lung um freiwillige Gaben bat, um für die Bürgerwehren Flinten beschaffen zu 
können, sprang er, als niemand mit einer Beisteuer den Anfang machen wollte, 
auf und rief: „Herr Vorsitzender, ich bin nur ein einfacher Pfefferkuchenbäcker, 
aber schreiben Sie meinen Nam.en in die Liste mit 200 Pfund." 

Während des Krieges bewies Ludwig immer wieder und wieder seine 
Opferwilligkeit. Seine eignen Interessen hintenan setzend, opferte er sein ganzes 
Vermögen für die große Sache. Für seine Uneigennützigkeit spricht auch ein 
anderes Vorkommnis. Im Jahre 1777 übertrug man ihm die Stelle des Ober- 
bäckers der Armee. Seine Vorgänger im Amt hatten sich die Unerfahrenheit 
der mit der Heeresverwaltung betrauten Personen zunutze gemacht und für 
jeden ihnen überwiesenen Zentner Mehl auch nur 100 Pfund Brot geliefert 
und den Profit eingesteckt. Ludwig klärte die Verwaltung über den unbemerkt 
gebliebenen Betrug auf, indem er darauf hinwies, daß man mit 100 Pfund Mehl 
und dem zum Kneten benötigten Wasser 135 Pfund Brot herstellen müsse. So- 
viel werde er für jeden Zentner Mehl liefern, da er nicht das Verlangen trage, 
sich durch den Krieg zu bereichern. 

Als Ludwig nach Beendigung des Krieges sein Geschäft wieder aufnahm 
und abermals ein stattliches Vermögen erwarb, gab er bei seinem Ableben einen 
letzten Beweis seines Gemeinsinnes, indem er sein ganzes Hab und Gut wohl- 
tätigen Anstalten vermachte und in erster Linie die Mittel zur Gründung einer 
Freischule für arme Kinder stiftete. 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 13 



— 194 — 

Um die Verpflegung der im Felde stehenden Truppen sowie der Verwun- 
deten und Kranken machten sich auch die in Pennsylvanien wohnenden deut- 
schen Sektierer, vor allen die Mennoniten, Herrnhuter und Tunker hochverdient. 
Bekanntlich hielten diese es mit ihren religiösen Anschauungen als unvereinbar, 
Waffen zu tragen, Kriegsdienste zu leisten und Beisteuern für kriegerische 
Zwecke zu entrichten. Auf diese Satzimgen ihres Glaubens sich berufend, 
reichten sie am 5. November 1775 dem Kongreß ein Bittgesuch ein, daß sie von 
allen derartigen Leistungen entbunden werden möchten, sie würden sich da- 
gegen verpflichten, in anderer Weise, durch Lieferung von Lebensmitteln, 
Kleidern, Verbandstoffen und ähnlichen Dingen zum Gelingen der großen 
Sache beizutragen. Nachdem der Kongreß ihnen diese Ausnahmsrechte zuge- 




Versorgung der Soldaten im Winterlager von Valley Forge durch die Herrnhuter. 

standen, kamen die Sektierer ihrem Versprechen in großartiger Weise nach und 
führten von den Erträgnissen ihrer Felder und Hausindustrien dem Heeie wäh- 
rend der ganzen Dauer des Feldzugs gewaltige Mengen zu. Ohne die Beihilfe 
dieser Sektierer wären die im Hungerlager zu Valley Forge verweilenden Sol- 
daten wahrscheinlich der Not erlegen. 

Aber mehr noch. Die Sektierer erwiesen sich auch als echte barmherzige 
Samariter, indem sie in ihren Wohnungen und Versammlungsplätzen zahlreiche 
Verwundete und Kranke aufnahmen und denselben die sorgsamste Pflege zuteil 
werden ließen. Die Gemeindehäuser zu Bethlehem, Lititz und Ephrata waren 
die bedeutendsten Lazarette in den Mittelkolonien und zeitweise mit Verwun- 
deten überfüllt. Nach der Schlacht am Brandywine nahm das Kloster Ephrata 
über 500 Schwerver\vundete auf, von welchen 200 starben und auf dem beschei- 
denen Friedhof des Klosters neben den bereits abgeschiedenen Klosterbrüdern 



— 1Q5 — 

und Schwestern eine Ruhestätte fanden. In der Herrnhuterstation Lititz fanden 
Hunderte von Typhuskranken Unterkunft. Während der Verpflegung derselben 
wurden fünf herrnhutische Brüder, der Prediger S c h m i c k und zwei herrn- 
hutische Ärzte von der tückischen Krankheit weggerafft. 

Noch eines deutschen Mannes müssen wir gedenken, der zwar nicht im 
heißen Kampfe stand oder sich in Werken der Nächstenliebe betätigte, aber auf 
einem der schwierigsten Posten stand, den der junge Bund der Vereinigten 
Staaten zu besetzen hatte. Dieser iVlann war der Kaufmann Michael Hille- 
gas. Ihn erkor man im Jahre 1776 zum Schatzmeister der Bundesregierung. 
Als solcher diente er treu und redlich bis zum Jahre 1789, wo er endlich auf 
seinen Wunsch dieses Amtes entbunden wurde, das um so sorgenvoller ge- 
wesen, als die Regierung während des ganzen Krieges beständig von den 
schwersten finanziellen Verlegenheiten bedrängt war. 




Schlußvignette: Michael Hillegas, erster Schatzmeister der Vereinigten Staaten. 

13* 




Nikolas Herchheimer und die Helden von Oriskany. 



Während der Stürme des Jahres 1775 waren die in den Tälern des 
Schoharie und Mohawk wohnenden Pfälzer nicht müßig geblieben. Beständig 
übten sie sich im Gebrauch der Waffen. Waren sie sich doch der Tatsache wohl 
bewußt, daß sie einen der gefährlichsten Posten innehielten und über kurz oder 
lang einen Angriff der nach Canada geflohenen königstreuen Engländer, der 
Tones, erwarten mußten. Sie waren sich ferner darüber klar, daß die Tories 
in ihrem Rachedurst nicht davor zurückschrecken würden, die in den Grenz- 
gebieten und in Canada umherstreifenden Indianer durch reiche Geschenke und 
Versprechungen auf ihre Seite zu ziehen und als Verbündete in den Kämpfen 
gegen die Amerikaner zu benutzen. Gerüchte, daß englische Abgesandte sich 
in den Lagern der Rothäute, vornehmlich des mächtigen Irokesenbundes, ge- 
zeigt hätten, traten immer bestimimter auf. Daraus ergab sich für die Ameri- 
kaner die zwingende Notwendigkeit, alle Mittel aufzubieten, diese blutdürstigen 
Horden zu bewegen, sich neutral zu verhalten. 

Nikolas Herchheimer, der bewährte Befehlshaber der Milizen im Mohawk- 
tal, erhielt deshalb den Befehl, mit 400 Milizsoldaten das am oberen Susque- 
hannah gelegene Irokesendorf Unadilla aufzusuchen, wo Thayendanegea, der 
den Weißen unter dem Namen Joseph Brant bekannte Kriegshäuptling der 



Kopfleiste: Herchheimers Wohn- und Sterbehaus im Mohawktal. 



- !97 — 

Irokesen, seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Es war im Juni 1777, als 
Herchheimer dort anlangte. Aber alle Bemühungen, den gefürchteten Häupt- 
ling freundlich zu stimmen, schlugen fehl. Denn die Engländer hatten ihn durch 
Zuwendung glänzender Geschenke längst gewonnen und die Sache der Ameri- 
kaner als gänzlich aussichtslos geschildert. Daß dem so sein werde, hatte der 
kriegskundige Wilde nach einem Einblick in die Pläne der Engländer, in denen 
ihm selbst eine wichtige Rolle zugedacht war, erkannt. Die Engländer hatten 
nämlich beschlossen, eine mächtige Flotte von New York aus den Hudson hin- 
aufzusenden und dadurch wie durch einen gleichzeitigen Vorstoß des Generals 
Burgoyne mit 8000 Mann vom Georgsee aus die Neu-Englandkolonien von 
den südlichen Kolonien zu trennen, um sie dann einzeln um so leichter unter- 
werfen zu können. Zur selben Zeit sollte der Oberst St. Leger mit 750 Sol- 
daten und 1000 unter der Führung Thayendanegeas stehenden Indianern von 
Westen her in das Mohawktal eindringen, den Amerikanern in die Flanke fallen 
und dadurch deren Untergang besiegeln. Da ein Mißlingen des meisterhaften 
Plans fast ausgeschlossen schien, so blieben natürlich alle Bemühungen Herch- 
heimers, den Irokesenhäuptling für die Sache der Amerikaner zu gewinnen, ver- 
geblich. 

Kaum war Herchheimer mit sei- ^^ n /^ P / 

nen Truppen ins Mohawktal zurück- /C^CO^^^^ /£^7-<^/f(5^'^^ ^-^ 
gekehrt, so brachten befreundete Onei- Namenszug von Nikolas Herchheimer. 
da-Indianer die Botschaft, daß St. Leger 

sowohl wie General Burgoyne ihren Marsch bereits angetreten hätten. Gleich- 
zeitig habe der Gouverneur Hamilton fünfzehn starke Indianerbanden auf die 
amerikanischen Ansiedlungen losgelassen. 

Ohne Zögern forderte General Herchheimer in einem am 17. Juli er- 
lassenen Aufruf sämtliche Jünglinge, Männer und Greise, die imstande seien 
Waffen zu tragen, auf, sich in dem an Stelle der heutigen Stadt Herkimer 
gelegenen Fort Dayton zu versammeln. Ihrer 800 strömten herbei, entschlossen, 
entweder zu siegen oder zu sterben. Denn jedermann wußte, daß es sich hier 
um einen Kampf bis aufs Messer handle und daß, wenn man unterliege, allen 
ein grauenhaftes Ende unter den Beilen und Skalpiermessern der Wilden, unter 
deri Bajonetten der englischen Soldaten beschieden sei. 

Der erste Angriff der unter dem Obersten St. Leger vereinigten Engländer 
und Indianer mußte auf das im Quellgebiet des Mohawk gelegene, von einer 
kleinen Besatzung unter dem Obersten Gansevoort verteidigte Grenzfort Stanwix 
geschehen. Bereits am 4. August empfingen die Pfälzer die Meldung, daß die 
Feinde vor der Befestigung angekommen seien und mit ihrer Belagerung be- 
gonnen hätten. Es galt nun, nicht nur das Fort zu entsetzen, sondern den 
Feinden womöglich auch eine Niederlage zuzufügen. Zu diesem Zweck sandte 
Herchheimer an den Obersten Gansevoort einen Boten, um ihn von dem An- 
marsch der Pfälzer zu unterrichten und zu einer gemeinsamen Aktion aufzu- 
fordern. Am gleichen Morgen, wo Herchheimer den Belagerern in den Rücken 



— 19S — 

fallen wolle, sollten die Eingeschlossenen einen Ausfall unternehmen und die 
Gegner von vorne fassen. Drei vom Fort abzugebende rasch aufeinanderfolgende 
Kanonenschüsse sollten den Pfälzem anzeigen, wenn man zu dem verabredeten 
Ausfall bereit sei. 

Unglücklicherweise gelang es dem Boten erst am Mittag des verabredeten 
Tages, durch die Linien der Belagerer in das Fort zu schleichen. Inzwischen 
waren auch die Engländer durch ihre indianischen Kundschafter von dem 
Anmarsch der Pfälzer unterrichtet worden. Eiligst legten sie in einer engen, 
von den Pfälzern zu durchschneidenden Waldschlucht mehrere hunderte In- 
















% 



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Ein Originalbrief des Generals Nikolas Herchheimer. 



dianer und eine Abteilung Scharfschützen in den Hinterhalt, um die Anrücken- 
den abzufangen. 

Es war neun Uhr morgens, als die Deutschen in der Nähe der Schlucht 
eintrafen. Kein Laut verriet die im Dunkel der unabsehbaren Urwälder lauernde 
Gefahr. Doch kaum befanden die Deutschen sich in der Mitte der Schlucht, 
als plötzlich von allen Seiten das grauenhafte Kriegsgeheul der Wilden und 
krachende Salven ertönten. Und gleich darauf tauchten hinter allen Büschen, 
Bäumen und Felsen scheußlich bemalte Rothäute auf, um gleich blutgierigen 
Bestien die Überrumpelten zu überfallen. 

Aber die im Kampf mit solchen Gegnern Geübten bewahrten die nötige 
Kaltblütigkeit. Wußten sie doch, daß von ihrem Sieg oder Fall Wohl oder 
Wehe ihrer daheimgebliebenen Frauen und Kinder abhingen. In fester Ent- 




Bronzetafel am Schlachtendenkmal bei Oriskany. 



OF TH- ^ 

OF 



— 201 — 

schlossenheit die Zähne zusammenbeißend und mit der Wut der Verzweiflung 
fechtend, bemühten sie sich, den furchtbaren Anprall der Gegner abzuwehren. 
Es entspann sich ein entsetzliches Handgemenge, in dem indianische Gewandt- 
heit und Schläue mit deutscher, durch harte Hinterwäldlerarbeit gestählter 
Kraft um die Oberhand rangen. Wer icönnte die mit blitzartiger Schnelle 
wechselnden Szenen eines solchen Kampfes beschreiben, die ineinander- 
verschlungenen Knäuel keuchender, blutüberströmter Menschenleiber; die 
schlangenartig sich windenden, in ihrer bunten Bemalung wahrhaft teuflisch 
aussehenden Gestalten der Rothäute, die grimmigen Gesichter und Icraftvollen 
Körper der Hinterwäldler, die sich keinen Fuß breit Bodens abstreiten lassen 
wollten. Jeder hieb, stach oder schoß. Weiße und Rote sanken, von schneller 
Kugel oder blitzendem Stahl ereilt, übereinander. Hier klaffte ein durch einen 
Beilhieb zerspalteter Schädel, dort troffen Ströme Bhites aus einer zerschlitzten 
Kehle oder durchbohrten Brust. 

Gleich beim Beginn des Gefechtes wurde Herchheimers Roß durch eine 
Kugel getötet. Dasselbe Geschoß zerschlug dem General das linke Bein 
unterhalb des Knies. Aber der auf den Boden Gestürzte verlor nicht die Geistes- 
gegenwart. Er ließ sich während des fürchterlichen Gemetzels auf eine kleine, 
die Schlachtstätte überschauende Höhe tragen, von wo er auf einem Sattel 
sitzend und gegen den Stamm einer mächtigen Buche gelehnt, mit weitschallen- 
der Stimme seine Milizen anfeuerte, bis sie den ersten wütenden Ansturm der 
Feinde zurückgewiesen hatten. 

Kaltblütig seine Pfeife in Brand setzend, die in der Nähe einschlagenden 
Kugeln und das Zischen der Pfeile nicht achtend, bemühte der alte Graubart 
sich dann, seine Leute zu einer systematischen Bekämpfung der Gegner an- 
zuhalten. Das war um so notwendiger, als die Indianer, sobald einer der 
Deutschen gefeuert hatte, zu mehreren auf denselben losstürzten und ihn 
niederschlugen, ehe er Zeit fand, seine Büchse wieder zu laden. Um solchen 
Überrumpelungen vorzubeugen, ließ Hcrchheimer je zwei seiner Leute hinter 
jeden der mächtigen Bäume treten. Während der eine seine Flinte lud, stand 
der andere schußbereit. Feuerte dieser, so legte sein Genosse sofort an, um 
die in Erwartung leichten Sieges anstürmenden Feinde niederzuknallen und 
inzwischen seinem Genossen Gelegenheit zu geben, die Büchse wieder zu laden. 
Diese Anordnung bew^ährte sich so vorzüglich, daß nach kurzer Zeit kein 
Indianer mehr wagte, die bisherige Kampfart anzuwenden. 

Während so indianische List und hinterwälderische Erfahrung einander 
die Wage zu halten suchten, während bald da, bald dort die Büchsen krachten 
und der Todesschrei der Getroffenen die Wälder durchhalte, verstrichen Stunden. 
Noch erbitterter gestalteten sich die Kämpfe, als eine vom Oberst St. Leger 
schleunigst entsandte Abteilung von Königsjägern auf dem Kampfplatz erschien 
und die englisch-indianische Streitmacht erheblich verstärkte. Die Mehrheit 
dieser frischen Truppen bestand aus früheren königstreuen Bewohnern des 
A4ohawktals, die durch die scharfen Maßnahmen des von Herchheimer be~ 



— 202 — 

fehligteii Sicherheitsausschusses nach Canada getrieben worden waren, wo sie 
sich den enghschen Regimentern anschlössen. Der bittere politische Zwiespalt, 
der die einstigen Freunde und Nachbarn entfremdet hatte, lohte nun zu rasen- 
dem Brand empor. Die Tories lechzten danach, für den Verlust ihrer Güter an 
den Pfälzern blutige Rache zu nehmen. Diese hingegen waren entschlossen, 
den verhaßten Königsknechten das Wiederkommen für allezeit zu verleiden. 

Es schien, als wollten auch die Elemente an dem tobenden Aufruhr, an 
dem gegenseitigen Morden und Vernichten Anteil nehmen. Die unter den 
Wäldern herrschende Dämmerung verwandelte sich plötzlich in tiefe Dunkel- 
heit. Ein schweres Gewitter war heraufgezogen und entlud sich über den 
im Sturme rauschenden Wipfeln der Urwaldriesen in blendenden Blitzen und 
betäubenden Donnerschlägen. Die gleich einer Sintflut herabströmenden 
Regenmassen, die niederbrechenden Äste zwangen die Kämpfenden zum einst- 
weiligen Einstellen des Gem.etzels. Aber kaum war das Unwetter vorüber- 
gebraust, so hob das Schlachtgetöse aufs neue an und forderte seine 
Opfer. 

Mittag war bereits vorüber. Da endlich dröhnte vom Fort Stanwix her 
der dumpfe Schall drei schnell einander folgender Kanonenschüsse herüber, 
das von den Pfälzern längst ersehnte Zeichen, daß die Besatzung des Forts 
den verabredeten Ausfall unternommen habe. Frischer Kampfesmut durch- 
zuckte die Deutschen und als nun rasselnder Trommelwirbel und schmetternder 
Hörnerschall den Befehl zum Vorrücken gaben, da gestaltete sich ihr Angriff 
zu einem so unwiderstehlichen, daß die bereits mächtig dezimierten Rothäute 
Fersengeld gaben und dadurch auch die englischen Truppen zu eiligem Rück- 
zug zwangen. Als sie im Lager wieder eintrafen, erblickten sie dieses in 
wildester Unordnung. Der Besatzung des Fortes Stanwix war es nämlich ge- 
lungen, bei ihrem Ausfall zahlreiche Zelte zu verbrennen, einen großen Teil 
des Gepäckes und fünf Fahnen zu erbeuten. 

Leider waren die Pfälzer durch den stundenlangen Kampf zu sehr er- 
schöpft und an Zahl aufgerieben worden, als daß sie es hätten wagen dürfen, 
die Verfolgung der Feinde aufzunehmen. Über 240 Deutsche waren ge- 
fallen. Die noch Lebenden hatten fast alle Wunden davongetragen. Da oben- 
drein der Abend nahte, so galt es, zunächst für die rascher Hilfe Bedürftigen zu 
sorgen und sie unter Dach zu bringen. Als die wenigen L^n verwundeten am 
8. August mit ihrer schweren Last in den heimischen Dörfern eintrafen, erhob 
sich überall jammervolles Klagen. Denn es gab im weiten Mohawktal kaum eine 
Hütte, in der man nicht Tote betrauerte oder Verwundete langer Pflege be- 
durften. Wie furchtbar manche Familien gelitten, ergibt sich aus der Tat- 
sache, daß die Wohlhöfers und Müllers je vier, die Walrats drei, die Fuchs 
fünf, die Schells sogar neun ihrer männlichen Mitglieder verloren. 

Auch der wackere General Herchheimer starb an den Folgen seiner Ver- 
wundung. Man hatte ihn auf einer Tragbahre in sein unterhalb der heutigen 
Stadt Little Falls gelegenes Haus gebracht. Dort verfuhr aber der ihn be- 



— 203 - 

handelnde Wundarzt bei der notwendig gewordenen Amputation des zer- 
schossenen Beines so ungeschickt, daß der tapfere Soldat am 17. August 1777 
verblutete. 

Trotz alledem heischte die Lage von den Pfälzern weitere schwere Opfer. 
Denn die Belagerung des Forts Stanwix war noch nicht aufgehoben, der Feind 
noch nicht nach Canada zurückgeworfen worden. 

So scharten sich die übriggebliebenen Männer aufs neue zusammen und 
zogen, durch eine stattliche Zahl inzwischen eingetroffener regulärer Truppen 
unter dem Befehl des Generals Benedikt Arnold verstärkt, zum zweitenmal 
aus, um Fort Stanwix zu entsetzen. Es kam aber nicht zu neuen Kämpfen. 
Denn als die Belagerer durch ihre Kundschafter vom Anmarsch der Pfälzer 
unterrichtet wurden, räumten sie schleunigst das Feld und zogen sich mit 
Hinterlassung sämtlicher Zelte und Kanonen zurück. 

Dieser Rückzug hatte das gänzliche Scheitern des vortrefflich ersonnenen 
englischen Feldzugsplans zur Folge. Denn die beabsichtigte Vereinigung des 
Obersten St. Leger mit General Burgoyne unterblieb. Ja, es gelang den 
Amerikanern, auch dem Heer des letzteren den Weg zu verlegen und es nach 
blutigen Kämpfen bei Saratoga so einzuschließen, daß es 5000 Mann 
stark am 17. Oktober die Waffen strecken mußte. 

Seit ihrem Eindringen in die Kolonie New York hatten die Briten mit 
Einschluß der bei Oriskany und Fort Stanwix kampfunfähig Gewordenen oder 
in Gefangenschaft geratenen Truppen einen Gesamtverlust von nahezu 10 000 
Mann erlitten. Außerdem fielen den Amerikanern 42 Geschütze, mehrere 
tausend Gewehre und bedeutende Vorräte an Munition in die Hände. 

Da obendrein die Anschläge der Engländer gegen die im Hochland des 
Hudson gelegenen Stellungen der Amerikaner mißlangen, so war eine der 
drohendsten Gefahren des jahrelangen Feldzugs zerronnen. 

Daß die wackeren Pfälzer unter Herchheimer zu dieser glücklichen Wen- 
dun.g ihr redlich Teil beitrugen, erkannte der hochaufatmende Oberbefehlshaber 
George Washington mit den Worten an, daß Herchheimer und seine Leute die 
verhängnisvollen Aussichten des Jahres 1777 zuerst ins Gegenteil verwandelt 
hätten. 

In Würdigung dieser Tatsache bewilligte der Kongreß bereits im Oktober 
des Jahres 1777 500 Dollar für ein zu Herchheimers Ehren bestimmtes Denkmal. 
Wenngleich die furchtbaren Kriegsstürme der folgenden Jahre die Aus- 
führung dieses Vorsatzes in den Hintergrund drängten, so erinnerten spätere 
Geschlechter sich aber dieser Dankesschuld und errichteten zunächst auf dem 
Schlachtfeld bei Oriskany einen mächtigen Obelisken, dessen Bronzetafeln 
Szenen aus den dort stattgefundenen Kämpfen sowie die Namen der in der 
Schlacht gefallenen Bewohner des Mohawktals verewigen. Herchheimer ist 
dargestellt, wie er, verwundet auf seinem Sattel sitzend, die brennende Pfeife 
in der Hand, Befehle erteilt. 



— 204 — 

Auch das unweit seines Hauses auf einem niedrigen Hügel gelegene Grab 
Herchheimers wurde im Jahre 18Q6 mit einem hochragenden Obelisken aus 
weißem Marmor geschmückt. Und der Staat New York, der dieses weithin 
sichtbare Denkmal setzen ließ, ehrte den Namen des darunter Ruhenden ferner 
dadurch, daß er sowohl den Ort, wo Herchheimer geboren wurde, wie auch die 
Grafschaft, in der er lebte und sein Leben beschloß, mit Herchheimers Namen 
taufte. 




Schluß Vignette: Herchheimers Grabstätte im Mohawktal. 




Generalmajor Peter Mühlenberg. 

Gedenkt das amerikanische Volk der Helden des Unabhängigkeitskrieges, 
so darf es den Namen des Pastors Peter Mühlenberg nicht vergessen, des 
gleichen Mannes, der im Jahre 1775 mit einer Anzahl gleichgesinnter Bewohner 
der virginischen Ortschaft Woodstock jene aufsehenerregenden Beschlüsse ver- 
faßte, über die bereits ein früherer Abschnitt berichtete und welche als der 
erste öffendiche Widerspruch gegen die widerrechdiche Bedrückung der Kolonien 
seitens der englischen Regierung angesehen werden können. 

Aber der Anteil, den Mühlenberg an diesem papiernen Protest hatte, 
genügte dem freiheitsliebenden Manne nicht. Er beschloß sein Amt nieder- 
zulegen und als Soldat in das Heer der Freiheitsstreiter einzutreten. Als er 
im Januar 1776 dieses Vorhaben seiner Gemeinde verkündigte und die Mit- 
glieder für den folgenden Sonntag zu seiner letzten Predigt einlud, fanden sicli 
in der Kirche zu Woodstock Hunderte aus w^eitem Umkreis gekommene Men- 
schen zusammen, um von dem geliebten Gottesstreiter, der ihnen in Sturm 
und Not so oft beratend und helfend zur Seite gestanden, Abschied zu 
nehmen. Das kleine Kirchlein war bis zur äußersten Fassungskraft ge- 
füllt. Desgleichen drängten sich auf dem es umgebenden Friedhof viele, die 
ihren Seelsorger noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen und von 
ihm Abschied nehmen wollten. Mühlenberg sprach in seiner Predigt über 



Kopfleiste: Generalmajor Peter Mühlenberg. 



— 206 — 

die Pflichten guter Bürger gegenüber dem Vaterlande und schloß mit den 
Worten: „Alles hat seine Zeit, das Predigen und Beten, aber auch das Kämpfen. 
Die Zeit des Kampfes ist jetzt gekommen!" Und damit entledigte er sich auf 
der Kanzel seines Priesterornates und stand da in voller Soldatenuniform. Die 
durch diesen unerwarteten Vorgang überraschten Gemeindemitglieder brachen 
in tosenden Jubel aus. Und als nun draußen die Werbetrommel gerührt 
wurden, da strömten Männer und Jünglinge scharenweise herbei, um sich zum 
Kampf für die Freiheit zu verpflichten. Von Begeisterung fortgerissen, be- 
stimmten Frauen ihre Gatten, betagte Eltern ihre Söhne, sich dem Dienst für 
das Vaterland zu weihen. Und ehe der Abend kam, hatten über 300 Mann 
sich bereit erklärt, den Fahnen der jungen Union zu folgen. 

Mühlenberg hatte in seinen jungen Jahren einem englischen Regiment 
angehört. Da er infolgedessen mit militärischen Dingen vertraut war, so über- 
trug man ihm den Befehl über ein aus Deutschen bestehendes Regiment. 
Mit diesem focht er ein Jahr lang in den südlichen Kolonien Georgia, den 
beiden Karolinas und Virginien so erfolgreich, daß er im Jahre 1777 zum 
Brigadegeneral befördert wurde. 

Seine vier Regimenter zählende Brigade wurde der Hauptarmee Washing- 
tons zugeteilt und deckte nach deren Niederlage am Brandy wine den Rückzug. 
Wie sie hier ihren guten Ruf bewährte, so focht sie auch in den Schlachten 
bei Germantown und Monmouth mit Auszeichnung. 

Nach mancherlei Streifzügen im Süden bot sich Mühlenberg zuletzt noch 
Gelegenheit, der in Yorktown zusammengezogenen englischen Hauptarmee den 
Rückzug nach dem Süden zu verlegen und an ihrer Einschließung in York- 
town teilzunehmen. Mühlenbergs Brigade glückte es während der Belagerung 
durch einen kühnen Bajonettangriff eine der wichtigsten Redouten der Festung 
zu nehmen und dadurch die Kapitulation zu beschleunigen. Die glänzende 
Waffentat trug Mühlenberg den Rang eines Generalmajors ein. 

Nach erfolgtem Friedensschluß bemühte die Gemeinde zu Woodstock sich, 
ihren ehemaligen Pfarrer wieder zu gewinnen. Aber Mühlenberg hielt es für 
unziemlich, dem im blutigen Kriegshandwerk rauh gewordenen Soldaten noch- 
mals den Pfarrer aufzupfropfen. Er wandte sich dem öffentlichen Leben zu 
und war zunächst als zweiter Vorsitzender im Staatsrat von Pennsylvanien, 
später als Abgeordneter im ersten, zweiten und sechsten Bundeskongreß, und 
endlich als Vertreter des Staates Pennsylvanien im Bundessenat mit ausge- 
sprochenem Erfolg tätig. 

Während der Jahre 1788, 1802 bis 1807 stand Mühlenberg an der Spitze 
der zu Philadelphia im Jahre 1764 gestifteten „Deutschen Gesellschaft von 
Pennsylvanien", die sein Andenken noch heute als das eines um das Deutschtum 
hochverdienten Mannes in Ehren hält. 

Der pennsylvanische Geschichtsschreiber Seidensticker zeichnete Mühlen- 
bergs Charakterbild mit folgenden warmen Worten: 



— 207 — 

„Er war von der Natur gewissermaßen zum Soldaten geschaffen und glitt 
in diese Bestimmung, sobald die Gelegenheit sich bot. Sein Mut und seine Enr- 
schlossenheit paarten sich mit der ruhigen Überlegung, welche die Lage richtig zu 
erfassen weiß; und so fand Washington, mit dessen Charakter der seinige 
viele Ähnlichkeit hatte, in ihm nicht allein einen vortrefflichen Offizier, sondern 
auch einen zuverlässigen Ratgeber. In seinem Auftreten war er offen, liebens- 
würdig und anspruchslos. Soll aber ein Zug genannt werden, der sein Leben, 
seine politischen Grundsätze und sein innerstes Wesen kennzeichnet, so war 
es die Liebe zur Ereiheit." 




Schlußvignette: Namenszug Peter Mühlenbergs. 




Der Soldatenhandel deutscher Fürsten und die deutschen 
Söldlinge im englischen Heer. 

Als die englischen Kolonien der vom Mutterland über sie verhängten Be- 
drückungen müde wurden und sich entschlossen zeigten, das englische Joch 
abzuschütteln, fehlte es den Engländern an Truppen, um den Aufstand nieder- 
zuwerfen. Ihre über die Kolonien verteilten Streitkräfte beliefen sich auf nur 
15 000 Mann. Diese Zahl mußte um mindestens 40 000 vermehrt werden, 
sollten die zum Unterdrücken des Aufstandes gemachten Anstrengungen irgend- 
welche Aussicht auf Erfolg haben. Woher diese Truppen nehmen? Die Eng- 
länder liebten es damals so wenig wie heute, die eigne Haut zu Markt zu tragen. 
Man beschloß darum in einer Kabinettssitzung, fremde Hilfstruppen anzu- 
werben und nach Am.erika zu senden. Mit Geld, das wußten die Engländer, 
war alles zu haben. Folglich auch Soldaten. Zuerst wandte König Georg III. 
sich an die Kaiserin Katharina von Rußland mit der Bitte, ihm gegen gute Be- 
zahlung 20 000 Mann für den Dienst in Amerika abzulassen. Aber er erhielt 
von der Herrscherin die verdiente Antwort, sie halte es mit ihrer kaiserlichen 
Würde unvereinbar, einen solchen Handel abzuschließen. In Holland hatten 
die Engländer ebensowenig Erfolg, worauf der König beschloß, in Deutsch- 



Kopfleiste: Vom Herde weg in ferne Lande. Nach einer Zeichnung von F. Darley 
in Lossings History of the United States. 



— 209 — 

land, bei den allezeit geldbedürftigen kleinen Fürsten, von denen mehrere mit 
ihm durch das Haus Hannover verv/andt waren, sein Glück zu versuchen. 

Deutschland war von jeher die Vorratskammer, aus der fremde Herrscher 
mit Vorliebe das Menschenmaterial für ihre Heere bezogen. Schon während 
des Siebenjährigen Krieges fochten deutsche Söldlinge unter Englands Fahnen. 
In Stade hielt sich noch der englische Oberst William Faucitt auf, der jene Söld- 
linge in den englischen Dienst eingemustert hatte. Da er die geeignete Person 
schien, um Verhandlungen mit den deutschen Fürsten anzubahnen, so erhielt 
er am 24. November 1775 dazu förmlichen Auftrag. Nach den damals in 
Deutschland obwaltenden Staatsbegriffen betrachteten die Regenten ihre Sol- 
daten als unbeschränktes Eigentum, mit dem sie nach Gutdünken schalten und 
walten dürften. Besonders die Landgrafen von Hessen machten seit längerer 
Zeit ein förmliches Gewerbe daraus, ihre Untertanen als Soldaten für alle mög- 
lichen und unmöglichen Zwecke zu vermieten. Faucitt richtete deshalb sein 
Hauptaugenmerk zunächst auf Hessen. Der Weg dahin führte von Stade über 
Braunschweig, dessen Herrscher Herzog Karl I. durch seine verschwenderische 
Hofhaltung dem kaum 150 000 Bewohner zählenden Ländchen eine Schulden- 
last von 12 Millionen Taler aufgebürdet hatte. Alljährlich mußte es an Steuern 
Dl. Millionen Taler aufbringen, die meist zum Unterhalt des Hofes, der italieni- 
schen Oper, des französischen Balletts und für andere Zwecke vergeudet 
wurden. Der Theaterdirektor strich jährlich 30 000 Taler ein, weniger seiner 
Leistungen als seiner Kupplerdienste halber. Denn daß Karl I. geistige Leistun- 
gen nicht zu würdigen verstand, geht aus der Tatsache hervor, daß der unsterb- 
liche Lessing, der die Stelle eines herzoglichen Bibliothekars bekleidete, sich 
mit einem Jahresgehalt von 300 Talern begnügen mußte. Neben dem ver- 
schwenderischen Herzog fungierte der Erbprinz Ferdinand als Mitregent. Ohne 
seine Einwilligung konnte nichts geschehen, weshalb Faucitt, der unter dem 
Erbprinzen schon während des Siebenjährigen Krieges gedient hatte, zuerst bei 
ihm anklopfte. Obwohl der Erbprinz mit einer Schwester des englischen Königs 
vermählt war, war er doch Kaufm.ann genug, um die Gelegenheit auszunutzen. 
Unter dem Vorwand, daß die Soldaten das einzige Vergnügen seines Vaters 
seien, und daß dieser sich nur schwer von ihnen zu trennen vermöge, ließ er 
den Obersten eine Weile zappeln. Erst als er gewiß war, sehr vorteilhafte Be- 
dingungen herausschlagen zu können, versprach er, sich bei dem Herzog zu 
verwenden. Dieser, längst vorbereitet, ging nach scheinbarem Zögern auf den 
Handel ein und beauftragte seinen Minister Feranco mit dem Abschluß des 
Vertrags. Dies geschah am Q. Januar 1776. Demzufolge übernahm der Her- 
zog die Verpflichtung, den Engländern 3964 Fußsoldaten und 336 Reiter ohne 
die Pferde zu liefern, wogegen England dem Herzog für jeden Soldaten ein 
Handgeld von 30 Kronen oder 5U1> Talern zahlte. Außerdem wurde verein- 
bart, daß für jeden Soldaten, der im Kriege falle, nochmals derselbe Betrag ent- 
richtet werden müsse, und daß drei Verwundete gleich einem Toten angerechnet 
werden sollten. Als Miete für die Truppen mußte England dem Herzog jähr- 

Cronau, Deutsches Leben in Amerika. 14 



— 210 — 

lieh die Summe von 11 517 Pfund Sterling bezahlen, außerdem das Doppelte 
desselben Betrags für die Dauer von zwei Jahren nach der Rückkehr der Sol- 
daten in ihre Heimat. Die englische Löhnung der Truppen begann zwei Monate 
vor ihrem Abmarsch. 

Nachdem dieser Schacher in Menschenfleisch abgeschlossen war, be- 
gab Faucitt sich nach Kassel. Dort regierte Friedrich II., ein sehr reicher 
Fürst, der den Grund zu dem bei seinem Tod auf 60 Millionen Taler ge- 
schätzten Vermögen hauptsächlich durch den bereits von seinen Vorfahren 
schwungvoll betriebenen Soldaten handel legte. Obwohl sein Ländchen kaum 
300 000 Bewohner zählte, unterhielt er doch ein stehendes Heer von 16 bis 
20 000 Mann, führte in Kassel und Wilhelmshöhe zahlreiche Prachtbauten auf 
und suchte es in bezug auf glänzende Hofhaltung allen andern Fürsten Deutsch- 
lands zuvorzutun. Nachäfferei des Franzosentums und Maitressen Wirtschaft 
waren für seine Regierung bezeichnend. Fs kostete Faucitt keine Schwierig- 
keiten, für seine Vorschläge das Ohr des Landgrafen zu gewinnen. Nur mußte 
er sich, da derselbe nicht wie der Braunschweiger von Geldnot bedrückt war, 
zu erheblich höheren Verpflichtungen verstehen. Zunächst stellte der Landgraf 
die Grundbedingung, daß eine ältere Forderung für Soldatenlieferungen, die 
während des Siebenjährigen Krieges gemacht worden, im Betrag von 
41 820 Pfund Sterling sofort beglichen werde. Dann verlangte er, daß außer 
dem Handgeld für die zu liefernden 12 000 Soldaten die Löhnungen nicht an 
die Soldaten, sondern an ihn zu entrichten seien, da ein großer Teil dieser 
Gelder dann von ihm eingestrichen werden konnte. Ferner mußte sich Eng- 
land verpflichten, für das Darleihen der Truppen eine Summe von 108 281 Pfund 
Sterling jährlich zu zahlen, und diesen Betrag auch für das nach der Rückkehr 
der Hessen in ihr Vaterland folgende Jahr zu leisten. Bezüglich der Toten 
und Verwundeten traf der Landgraf keine Abmachungen, was den Vorteil hatte, 
daß er jahrelang die Löhnung von Soldaten fordern konnte, die längst ge- 
storben oder davongelaufen waren. Endlich behielt sich der Fürst die Beklei- 
dung und Ausrüstung seiner Leute vor, wobei, da er den Betrag in Rechnung 
stellen durfte, abermals ein schöner Gewinn in seine Taschen floß. 

Von Kassel begab sich der englische Bevollm.ächtigte nach Hanau, wo 
Wilhelm von Hessen-Hanau, ein seinen Nachbarn geistesverwandter Fürst resi- 
dierte. Mit diesem schloß Faucitt einen Vertrag auf eine Lieferung von 668 Mann 
ab. Darauf besuchte Faucitt den Hof des Fürsten von Waldeck, der, tief in 
Schulden steckend, die Prediger seines Landes veranlaßte, von der Kanzel aus 
alle waffenfähigen Männer aufzufordern, sich an dem „heiligen Krieg der Eng- 
länder" zu beteiligen. Er selbst ging seinem Lande mit Opfermut voran, in- 
dem er seine beiden Schloßkompagnien dem Engländer verschacherte. 

Nach dem Waldecker kamen die Markgrafen Karl Alexander von Anspach- 
Bayreuth und Friedrich August von Anhalt-Zerbst an die Reihe. Der erste lieferte 
1225, der letzte 1152 Mann. Im ganzen stellten die vorhin genannten Fürsten 
den Engländern ein Heer von 2Q 867 Mann, für welche England insgesamt die 



NprficnjüHnpQltirrtfl&ufrnf^iftfninfanfme^fginieflf» 






h roirb jebermaiTn funb unb^u roijlfn gef^an, bo^ iDer Suli unbSelifben [}ar 

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fönnm jiö) tm SRfid), air^ aiug^biirg, Or tfingen,, SD^cmmingm, unD 0rt)n)dbi[(f)<^all auf bmcn 
SÖcrb'^ldRfn rinfinöcn 

NB. (gäroirbouct), naAbfrOJtannfg.SKos, f in gutta ^anb föcfb gegfben. 

Ein Anhalt-Zerbstsches Werbeplakat aus dem 18. Jahrhundert. 



14* 



— 212 — 

Summe von 1 770 000 Pfund Sterling = 35 400 000 Mark an die deutschen 
Fürsten bezahlte. Von diesen Truppen lieferte Hessen 16 992, Braunschweig 
5723, Hanau 2422, Anspach-Bayreuth 2353, Waldeck 1225 und Anhalt- 
Zerbst 1152. 

Wo man nicht die eignen Soldaten zur Verfügung stellen konnte, suchten 
die Landesherren die nötigen Leute durch Werber herbeizuziehen. Desgleichen 
ließen sie alle wandernden Handwerksburschen, Studenten und Handlungsdiener 
aufgreifen, steckten sie in die Soldaten] acke und beförderten sie mit den übrigen 
auf die Schiffe. Diesem Schicksal verfiel auch der später berühmt gewordene 
Dichter Johann Gottfried Seume, dem es erst nach langen Irrfahrten glückte, 
wieder die deutsche Heimat zu erreichen. 

Zur Ehre des deutschen Namens, der durch deutsche Fürsten in so 
schmählicher Weise besudelt wurde, kann festgestellt werden, daß jener Sol- 
datenhandel in Deutschland nicht ohne Widerspruch blieb. Vor allen war es 
Friedrich der Große, der sich in harten Worten darüber ausließ, indem er 
schrieb: „Wäre der hessische Landgraf aus meiner Schule hervorgegangen, 
so würde er seine Untertanen nicht wie Vieh, das an die Schlachtbank geführt 
wird, an die Engländer verkauft haben. Das ist ein unwürdiger Zug in dem 
Charakter eines Fürsten. Solches Betragen ist durch nichts als schmutzige 
Selbstsucht hervorgerufen." 

Um seine Mißbilligung auch öffentlich auszudrücken, verbot er im Ok- 
tober 1777 den für die Engländer bestimmten Truppen den Durchzug durch 
preußisches Gebiet.^) Dadurch verzögerte sich der Transport der Söldlinge 
so sehr, daß alle Berechnungen der dringend Nachschub benötigenden eng- 
lischen Generäle in Nordamerika zuschanden wurden. Sie wagten infolge- 
dessen nicht, das im Winterlager bei Valley Forge liegende, nur 5000 Mann 
starke amerikanische Heer anzugreifen und ließen so den günstigsten Augen- 
blick zum Unterdrücken des Aufstandes verstreichen. 

Der Abscheu gegen die mit dem Blut und Leben ihrer eignen Untertanen 
handeltreibenden dunklen Ehrenmänner auf Deutschlands Thronen machte sich 
auch in allen anderen Teilen des Reiches geltend. Kant, Herder, Klopstock, 
Arndt und Lessing eiferten gegen den Menschenschacher. Desgleichen sprach 
sich Friedrich Schiller bitter gegen denselben in seinem Drama „Kabale und 
Liebe'' (zweiter Akt, zweiter Aufzug) aus. Er läßt Lady Milford, die Maitresse 
des in dem Drama auftretenden Fürsten, dessen Diamanten voll Verachtung und 
Entsetzen zurückweisen, als sie erfährt, daß die Juwelen mit dem für die ver- 
kauften Soldaten gewonnenen Geld beschafft sind. Auch in anderen Teilen 
Europas wurde der Soldatenhandel lebhaft besprochen. Mirabeau schrieb einen 



^) Friedrich der Große gab seiner aufrichtigen Sympathie für die Sache der ameri- 
kanischen Kolonien auch noch in anderer Weise Ausdruck. Er war der erste, welcher 
deren Selbständigkeit anerkannte. Und um gar keinen Zweifel über seine Stellung auf- 
kommen zu lassen, schickte er dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Armee, George 
Washington, als besonderes Zeichen seiner Bewunderung einen Degen. 



- 213 — 

aufreizenden „Aufruf an die Hessen und andere von ihren Fürsten an England 
verkaufte deutsche Stämme", durch den der Landgraf von Hessen sich so un- 
angenehm getroffen fühlte, daß er alle Exemplare der Schrift, deren er habhaft 
werden konnte, aufkaufen und verbrennen ließ. Zugleich ordnete er die Her- 
ausgabe eines Schriftchens „Vernünftigerer Rat an die Hessen" an, in dem er 
Mirabeaus Aufruf beantwortete und seine Handlungsweise mit einer Berufung 
auf seine feudalen Rechte zu verteidigen suchte. 

Selbst in England wurde der zwischen der Regierung und den deutschen 
Fürsten betriebene Soldatenhandel scharfer Kritik unterworfen. Besonders die- 
jenigen, welche die Klagen der Kolonisten über die ungerechte Bedrückung 
seitens des Mutterlandes für begründet hielten, verurteilten das Verfahren, die 
Kolonisten durch fremde Truppen zum. Gehorsam zurückzuführen, aufs strengste. 
„Wäre ich," so rief der Abgeordnete Chatam im Parlament, „ein Amerikaner, 
wie ich ein Engländer bin, und müßte zusehen, wie ein fremdes Fleer in meinem 
eignen Lande erschiene, so würde ich meine Waffen niemals niederlegen — 
niemals — niemals!" 

Diese Worte entsprachen in der Tat der tiefen Empörung, welche alle in 
Amerika lebenden Ansiedler erfaßte, als sie die Kunde erhielten, daß England 
zu ihrer Unterwerfung deutsche Söldlinge aufgeboten habe. Die beklagens- 
werten Opfer fürstlicher Niedertracht und Habgier hielt man für die Hinder- 
nisse, die sie durch ihre unfreiwilligen Dienste der Sache der Freiheit in den 
Weg legten, keineswegs verantwortlich. Man empfand für sie mehr Mitleid 
als Haß und bemühte sich, sie von der Un Würdigkeit ihrer Stellung zu über- 
zeugen und auf die amerikanische Seite herüberzuziehen. 

Als in der Schlacht bei Trenton 1000 Hessen gefangen wurden, ließ 
Washington dieselben in Philadelphia einquartieren. Zugleich ersuchte er den 
dort bestehenden Sicherheitsausschuß, an die Bürger folgendes Rundschreiben 
zu richten : „Der General hat uns empfohlen, geeignetes Quartier für diese Ge- 
fangenen zu finden. Es ist sein emster Wunsch, daß sie gut behandelt werden 
und während ihrer Gefangenschaft Erfahrungen machen, welche ihren noch im 
Dienst des Königs von Großbritannien stehenden Landsleuten die Augen öffnen. 
Diese armen Geschöpfe erregen unser gerechtes Mitleid. Sie hegen keine Feind- 
schaft gegen uns. Nach den willkürlichen Gebräuchen despotischer deutscher 
Fürsten wurden sie ihrem Vaterland entrissen und an einen fremden Monarchen 
verkauft, ohne daß ihre Neigungen berücksichtigt oder sie selbst in Kenntnis 
gesetzt worden wären." 

Auch die in den Kolonien lebenden Deutschen, denen die schmachvolle 
Stellung ihrer Landsleute besonders zu Herzen ging, ließen es an Bemühungen 
nicht fehlen, die Söldlinge über die Bedeutung des amerikanischen Unabhängig- 
keitskrieges aufzuklären. Sie schmuggelten allerhand in deutscher Sprache ge- 
druckte und auf Tabakspakete geklebte Zettel bei den deutschen Söldnern ein. 
„Ihr braucht euch," so heißt es auf einem dieser Zettel, „keine Sorge zu machen, 
daß das Verlassen des hessischen Sklavendienstes Sünde sei. Nein, es ist viel- 



— 214 - 

mehr eine Tugend, die eine der edelsten ist. Denn der, welcher sich gegen sein 
Gewissen und seine Vernunft zu diesem henkermäßigen Mordhandwerk ge- 
brauchen läßt, verdient wahrlich nicht, ein Mensch zu sein." 

Ein im amerikanischen Heer fechtender deutscher Füsilier erließ sogar an 
seine bei den Engländern dienenden Landsleute folgendes Gedicht: 

„Ihr kämpfet nur für niedern Lohn, 

Für Freiheit kämpft ihr nicht, 

In unserm Heer ist Washington, 

Der nur für Freiheit ficht. 

Kommt zu uns frei von Groll und Trug, 

Und eßt das Freundschaftsmahl, 

Wir haben hier der Hütten g'nug 

Und Länder ohne Zahl." — 

Von dem patriotischen deutschen Bäcker Christoph Ludwig wird erzählt, 
daß er sich als vorgeblicher Überläufer in das auf Staten Island gelegene Lager 
der Hessen begeben und durch seine Schilderung des deutschpennsylvanischen 
Lebens so großen Eindruck bei den Söldlingen gemacht habe, daß ihrer mehrere 
Hundert bei erster Gelegenheit desertierten. Ludwig war es auch, der dem 
Kongreß vorschlug, die deutschen Kriegsgefangenen bei ihren in Philadelphia 
und in anderen deutschen Ansiedlungen lebenden Landsleuten unterzubringen. 
„Zeigt ihnen," so schrieb er, „unsre schönen deutschen Kirchen, laßt sie unsern 
Rindsbraten kosten und unsern Hausrat sehen. Dann schickt sie wieder fort 
zu den Ihrigen und ihr sollt sehen, wie viele uns zulaufen werden!" 

Dieser Vorschlag leuchtete dem Kongreß ein, und als derselbe obendrein 
in einer vom 29. April 1778 datierten Proklamation jedem zu den Amerikanern 
übergehenden Soldaten 50 Acker Land, jedem Hauptmann, der 40 Mann mit 
sich bringe, 800 Acker, 4 Ochsen, 1 Bullen, 2 Kühe und 4 Schweine verhieß, 
ohne daß solche Leute genötigt sein sollten, gegen die Engländer die Waffen 
zu erheben, da nahm, wie die „Philadelphische Zeitung" alsbald berichten 
konnte, „das Ausreißen unter den britischen Truppen außerordentlich überhand. 
Die meisten, die zu uns kommen, sind Deutsche, welche bezeugen, daß die 
ganze deutsche Hilfsannee herüberkommen würde, wenn sie nur Gelegenheit 
dazu hätte". 

Es stand solchen Überläufern vollkommen frei, entweder sofort mit dem 
Bestellen der ihnen überwiesenen Güter zu beginnen, oder, falls sie sich zum 
Waffendienst in der amerikanischen Armee entschlossen, irgendeinem Truppen- 
teil beizutreten. Offiziere, die sich einreihen Ueßen, wurden stets um einen 
Rang befördert. 

Aus sprachlichen Gründen lag der Gedanke nahe, aus solchen Über- 
läufern besondere, von deutschsprechenden Offizieren befehligte Abteilungen zu 
bilden. Ein solches Korps war die vom preußischen Hauptmann Nikolaus 
Dietrich von Ottendorf befehligte leichte Infanterie. Sie wurde später 
durch die Freischärler des im Kampf gefallenen Polen Pulaski sowie des in Ge- 



— 215 — 

fangenschaft geratenen preußischen Hauptmanns Paul Schott verstärkt, 
aber in eine Reiterabteilung verwandelt. Später dem Befehl des französischen 
Marquis Armand de la Rouerie unterstellt, nahm die Abteilung an den Kämpfen 
im Süden, unter andern auch an der unglücklichen Schlacht bei Camden teil. 

Den im britischen Heer dienenden deutschen Söldlingen darf man die An- 
erkennung nicht versagen, daß sie sich tapfer schlugen. Ihre Generäle Riedesel, 
Knyphausen, Heister, Frazer und Philipps, sowie die Obersten Donop, Specht, 
Rlial u. a. erwarben sich durch kühne Waffentaten sogar die Anerkennung der 
amerikanischen Geschichtsschreiber. Frazer, Philipps und Donop büßten an 
der Spitze ihrer Truppen das Leben ein. 

Von den 29 867 deutschen Hilfstruppen sahen nur 17 313 ihr Vaterland 
wieder. Von den 12 554 nicht zurückkehrenden Soldaten fielen 1200 in 
Schlachten; 6354 starben an Wunden und an Krankheiten; 5000 desertierten 
oder wurden gefangen genommen. Diese letzteren wurden hauptsächlich in 
solchen pennsylvanischen und virginischen Ortschaften untergebracht, wo sie 
mit dort wohnenden Landsleuten in stete Berührung kamen : in Lancaster, 
Reading, Lebanon, Winchester und Charlottesville. Dort stellten sich in ihren 
Lagern gar bald die wohlhabenden deutschen Bauern ein, um mit folgenden 
Worten auf sie einzuwirken: „Eure Fürsten haben euch an die Engländer ver- 
kauft und machen sich lustig mit dem empfangenen Sündengeld. Bleibt hier! 
Wir nehmen euch als Ackerknechte. Und wenn ihr ein paar Jahre fleißig seid, 
habt ihr Land, Vieh und Häuser wie wir. Und dann schaut euch unsere Mädels 
an! Sind es nicht wackere deutsche Dirnen? Heiratet sie und gründet mit ihnen 
den eignen Herd!" 

Solche Überzeugungsgründe leuchteten den Gefangenen ein. Ganze 
Scharen entsagten dem rauhen Kriegshandwerk, um, der werktätigen Beihilfe 
ihrer Landsleute gewiß, sich als wohlbestallte Farmer unter denselben nieder- 
zulassen. Mit ihren Nachkommen nahmen viele später auch an der Besiedlung 
von Ohio, Kentucky und Tennessee teil, und halfen dort Ortschaften und Städte 
gründen. 

Von den in die Heimat zurückgekehrten deutschen Offizieren, Feldärzten 
und Feldpredigern schilderten manche ihre Erlebnisse und Beobachtungen in 
Büchern, von denen einige, wie z. B. jenes des beim Ansbach Bayreuthischen 
Regiment angestellten f^eldschers Dr. Johann David Schöpf weite Verbreitung 
fanden. Durch ihre Mitteilungen über Amerika, seine Bewohner, die deutschen 
Niederlassungen und die gewaltigen Hilfsquellen des Landes trugen sie erheb- 
lich dazu bei, die während des Krieges ins Stocken geratene deutsche Aus- 
wandrung nach Amerika aufs neue anzuregen. 

Und so erblühte den Vereinigten Staaten aus den zu ihrer Vernichtung 
über das Weltmeer geschleppten deutschen Söldlingen nach den verschiedensten 
Seiten hin reicher Gewinn. 



Die deutschen Ansiedler im Kampf gegen die indianischen 
Verbündeten der Briten. 



Beging die eng- 
lische Regierung eine 
verächtliciie Handlungs- 
weise, indem sie die 
nur auf ihren Rechten 
bestehenden Kolonien 
mit fremden Hilfstrup- 
pen bekriegte, so machte 
sie sich obendrein eines 
geradezu empörenden 
Frevels schuldig, als 
sie die ihrem Einfluß 
zugängigen Indianer- 
stämme zu Verbünde- 
ten machte und gegen 
die eignen Untertanen 
in den Kampf hetzte. 
Diesen Rothäuten fiel 
die doppelte Aufgabe 
zu, die wesdichen An- 
siedlungen zu zerstören 
und gleichzeitig den 
Amerikanern, während 
sie die von den Küsten 
aus erfolgenden briti- 
schen Angriffe abwehr- 
ten, in den Rücken 
zu fallen und dadurch 
zum Zersplittern ihrer Streitkräfte zu nötigen. Man stachelte die angeborene 
Mordgier der Wilden an, indem man für jede amerikanische Kopfhaut, gleich- 
gültig, ob von einem Mann, Weib oder Kind stammend, eine Belohnung von 
8 Dollar aussetzte. Es bedurfte nicht mehr, um die Indianer zu den kühnsten 




Kopfleiste: Thayendanegea. 



217 — 



Anfällen auf die Kolonisten zu verfiihren. In kleineren und größeren Scharen 
durchstreiften sie alle Grenzgebiete, überfielen sämtliche Niederlassungen und 
richteten grauenhafte Blutbäder an. 

Zum Ausführen ihres teuflischen Werks versicherten die Engländer sich 
in erster Linie der Beihilfe des bereits erwähnten Thavendanega oder Joseph 
Brant. Derselbe beunruhigte mit seinen Banden jahrelang die in den west- 
lichen Teilen von New York und Pennsylvanien gelegenen Niederlassungen und 
fugte ihnen außerordentlich schweren Schaden zu. Niedergebrannte Hütten 
Scheunen, Ställe und Felder, die Leichen skalpierter Ansiedler, geschändeter 
Frauen und ermordeter Kinder bezeichneten ihren Weg. Beim Verüben solcher 
Verbrechen leisteten englische Soldaten und Offiziere, ehemalige königstreu ge- 
bliebene Bewohner der durchzogenen Landstriche hilfreiche Hand. 

Im August des 
Jahres 1777 begleitete 
der Häuptling mit 

1000 indianischen 
Kriegern den eng- 
lischen Oberst St. Le- 
ger auf dessen Zug 
ins obere Mchawk- 
tal. Die geplante Ver- 
wüstung desselben 
scheiterte bekanntlich 
infolge des Kampfes 
bei Oriskany. 

Um die gleiche 
Zeit, wo Thayenda- 
negea gegen die von 

Herchheimer befehligten Pfälzer focht, brachen andere indianische Banden in 
Gemeinschaft mit dem schottischen Kapitän Mc Donald und mehreren hundert 
Tories in das Tal des Schoharie. wurden aber ebenfalls zurückgeworfen. 

Am 1. Juni des folgenden Jahres überfielen 700 Indianer und 400 unter 
dem Befehl des Majors John Butler stehende Engländer die Ansiedlung Cobels- 
viile, wobei die dortige Bürgerwehr in einen Hinterhalt geriet und niedergemacht 
wurde. Von Cobelsville wandten die Rotten sich dem oberen Susquehannah 
zu. Derselbe eilt durch das wunderschöne Wyomingtal. Hier lagen mehrere 
Ortschaften, deren Bewohner glücklich und in Frieden lebten. 

Der größte Teil der männlichen Bevölkerung befand sich in Washingtons 
Armee, so daß die Ansiedlungen fast wehrlos lagen. 

Als die Zurückgebliebenen die erste Kunde von dem Nahen der feind- 
lichen Horden erhielten, flohen die Frauen und Kinder in die im Tal angelegten 
Befestigungen. 300 Männer hingegen, unter ihnen viele Greise und Knaben, 
zogen am 3. Juli mutig den Feinden entgegen, um dieselben zurückzutreiben. 




Das Wyoniingtal. 



— 218 — 

Aber die wackeren Wyominger hatten deren Zahl arg unterschätzt. Nach 
mehrstündigem heldenmütigem Kampf erlagen sie der gewaltigen Übermacht 
und wurden rücksichtslos niedergemacht. Nur 140 entkamen ins Fort. 

Am nächsten Morgen erschienen die grausamen Sieger vor der kleinen 
Befestigung und forderten deren Übergabe. Die Nachrichten über den Verlauf 
der Verhandlungen widersprechen einander. Mehreren Überlieferungen zu- 
folge hätten die Insassen sich ergeben, wären aber von den Wilden samt und 
sonders erbarmungslos ermordet worden. Andere Nachrichten sagen, sie seien 
durch das rechtzeitige Eintreffen von Hilfstruppen vor dem Untergang bewahrt 
geblieben. 

Bei der Verteidigung des Wyomingtales spielte der im Tal ansässige 
deutsche Friedensrichter Hollenbach eine hervorragende Rolle. Leider sind 
die Nachrichten über das sogenannte „Blutbad im Wyomingtal" zu verworren, 
als daß sich der Anteil des Friedensrichters mit Sicherheits feststellen ließe. Einer 
in Rupps „Geschichte von Berks- und Lebanon County" enthaltenen Angabe 
zufolge wäre Hollenbach der liauptheld der Verteidigung gewesen. 

Nach den am Susquehannah verübten Schandtaten wandten die Rothäute 
und Briten sich wieder dem Mohawktal zu, brannten dort am 1. September 
63 Häuser, 57 Scheunen und 5 Mühlen der Pfälzeransiedlung Oerman Fiats 
nieder, und schleppten zugleich 235 Pferde, 239 Rinder, 93 Ochsen und 
269 Schafe fort. Sie wagten nicht, die durch Späher zeitig genug gewarnten 
und in die Forts Herchheimer und Dayton geflohenen Pfälzer anzugreifen. 
Und so kamen jene für diesmal mit einem Verlust von nur zwei Menschen- 
leben davon. 

Um die Grenzbewohner vor weiteren Überfällen zu schützen, sandte 
Washington im Jahre 1779 den General Sullivan mit 5000 iVlann, darunter 
zahlreiche deutsche Scharfschützen aus Pennsylvanien und Virginien, gegen die 
Irokesen. Im Verlauf dieses überaus schwierigen Feldzugs gelang es den 
Amerikanern, die Rothäute und Briten am 29. August bei Newton, in der Nähe 
der heutigen Stadt Elmira, zu schlagen, 40 indianische Dörfer zu vernichten 
und die Feinde über die canadische Grenze zu treiben. 

Aber bereits im folgenden Jahr begannen die Raubzüge in das New Yorker 
Gebiet aufs neue. Da war kaum eine Ortschaft, die nicht unter feindlichen An- 
griffen zu leiden gehabt hätte. In Canajoharie brannte eine aus 500 Indianern 
und Tories bestehende Bande am 2. August 63 Häuser samt Scheunen und 
Ställen nieder, tötete 300 Pferde und Rinder, ermordete 16 Männer und schleppte 
60 Frauen und Kinder fort. Wenige Tage später überfielen 73 India;ier und 
5 Tories die vereinzelt stehenden Häuser im Schoharietal. Am 10. Oktober 
brachen dort unter der Führung des früher im Mohawktal ansässig gewesenen 
Sir John Johnson 1000 Indianer und Tories herein, um die von den Tal- 
bewohnern eingebrachten Ernten zu rauben und alles andere zu zerstören. 

Glücklicherweise waren die Talbewohner auch diesmal durch ausgestellte 
Wachtposten zeitig genug gewarnt worden, und hatten sich in die Forts flüchten 



~ 21Q — 

können. Hier lagen 150 Mann Kontinentaltruppen und 100 Freiwillige, welche 
den Angriffen der Feinde so kräftigen Widerstand entgegensetzten, daß diese 
noch am gleichen Tage abzogen. Aber der Feuerschein von 300 brennenden 
Häusern und Scheunen beleuchtete ihren Weg. 

Vom Schoharie zog Johnson ins Mohawktal, ließ am 18. Oktober Caugh- 
nawaga niederbrennen und sämtliche am Nordufer des Flusses liegende An- 
siedlungen bis Stone Arabia verwüsten. Mehrere kleinere Truppenabteilungen, 
die sich ihm in den Weg stellten, wurden überwältigt und niedergemacht. 

Lagen die Wohnstätten der Ansiedler vereinzelt, so entgingen diese selten 
dem Untergang. Denn nicht jeder war imstande, die Feinde so heldenhaft ab- 
zuwehren, wie dies der wackre deutsche Bauer Johann Christian 
Schell vermochte. Derselbe wohnte eine Stunde nordöstlich von German 
Fiats inmitten einer einsamen Wildnis. Am 6. August 1781 wurde sein Block- 
haus von 48 Indianern und 16 Engländern überfallen. Mit Mühe gelang es 
dem gerade mit Feldarbeiten beschäftigten Ansiedler, sich mit seiner Frau und 
vier Söhnen in das Haus zu flüchten. Zwei Söhne, welche nicht rasch genug 
folgen konnten, fielen den Feinden in die Hände. Schells Blockhaus war aus 
starken Baumstämmen gezimmert und besaß im untern Stockwerk keine Fenster, 
sondern nur schmale Schießscharten. Den einzigen Eingang schloß eine 
schwere Tür. Das obere Stockwerk ragte über das untere einen Meter weit 
vor und hatte in seinem Boden Luken, durch die man Angreifer, falls sie ver- 
suchten die Tür zu erbrechen oder das Haus anzuzünden, beschießen konnte. 
Die Feinde versuchten mehrere Male das Haus zu stürmen, mußten sich aber 
stets vor dem heftigen Feuer der Insassen zurückziehen. Während Schell und 
seine vier Söhne schössen, lud die Frau die Gewehre. In den Abendstunden 
suchte der Führer der Engländer das Haus mit Gfcwalt zu erstürmen und er- 
griff einen Hebebaum, um die Tür zu sprengen. Dabei erhielt er aber einen 
Schuß ins Bein und wurde überdies von Schell, der rasch die Tür öffnete, 
in das Haus hineingezogen und gefesselt. Diese kühne Tat verblüffte die Be- 
lagerer so, daß sie für eine Weile ihre Angriffe einstellten. Bald aber begannen sie 
den Sturm aufs neue, um an den Ansiedlern Rache zu nehmen und ihren 
Führer zu befreien. Als sie von allen Seiten gegen das Haus anrückten, stimmte 
Frau Schell das Schlachtlied der Reformierten an: „Ein' feste Burg ist unser 
Gott." Noch waren die ersten Verse nicht verklungen, als die Angreifer mit 
mächtigen Sätzen ankamen, ihre Flinten durch die Schießscharten des untern 
Stockwerkes stießen und in den Innenraum zu feuern begannen. Frau Schell 
war aber mit einer Axt bei der Hand und führte auf die Flinten so wuchtige 
Schläge, daß die Läufe unbrauchbar wurden. Mehrere gutgezielte Schüsse aus 
den Büchsen Schells und seiner Söhne nötigten die Belagerer zum endgültigen 
Abzug. Sie hatten elf Tote verloren und zählten zwölf schwer Verwundete, von 
denen neun bald darauf starben. Die Feinde schleppten die beiden gefangenen 
Söhne mit nach Canada, von wo sie erst nach Beendigung des Krieges zurück- 
kehrten. Sie fanden ihren Vater aber nicht mehr unter den Lebenden; er war 



— 220 



ein Jahr nach der ersten Heimsuchung zum zweitenmal von Indianern über- 
fallen und so schwer verwundet worden, daß er bald nach der glücklichen 
Abweisung der Rothäute seinen Wunden erlag. 

Ein anderes Beispiel echten Heldenmutes lieferten die wackeren Ver- 
teidiger des virginischen Grenzforts Rice. Dasselbe bestand nur aus mehreren 
Blockhütten. Es wurde im September 1782 von hundert Indianern angegriffen, 

aber von seinen sechs deutschen Insassen Georg 
und Jakob Leffler, Peter Eullenwei- 
der, Jakob Müller, Daniel Reis und 
GeorgFellbaum mit solcher Entschlossenheit 
verteidigt, daß die Feinde schließlich abzogen. Fell- 
baum starb an den im Kampf erhaltenen Wunden. 
Als echte Heldin erwies sich auch die in 
Pennsylvanien wohnende Christiana Zeller. 
Während sie sich eines Tages mit ihren Kindern 
allein in der Behausung befand, sah sie mehrere 
Indianer versichtig heranschleichen. Rasch ver- 
rammelte die Frau die schwere Holztür, stellte sich 
mit einer Axt an die Kelleröffnung und beförderte 
drei Rothäute, die ihre Köpfe durch die Öffnung 
zwängten, um einen Zugang ins Innere auszu- 
spähen, mit wuchtigen Streichen in die glücklichen 
Jagdgründe. 

Ein grelles Licht auf die Kriegführung jener 
schrecklichen Zeit wirft das folgende Ereignis. Im 
Februar 1782 fielen bei einem Kampf zwischen 
Amerikanern und einer englisch - indianischen 
Streiftruppe den ersten neben anderer Kriegsbeute 
acht große Bündel in die Hände. Als man diese 
Bündel öffnete, zeigte es sich, daß sie nicht we- 
niger als 1062 getrocknete Kopfhäute enthielten, 
welche die Indianer während ihrer Streifzüge 
durch New York, Pennsylvanien und Neu- 
England erbeutet hatten. Bei den Skalpen be- 
fand sich ein von dem Engländer James Craw- 
furd an den canadischen Gouverneur Haldi- 
in dem der Gouverneur ersucht wurde, die 
Kopfhäute im Namen der Seneca-Indianer an den König von England zu 
schicken. Auf einem besonderen Zettel war eine Rede des Häuptlings Concio- 
gotchie niedergeschrieben, worin er an den canadischen Gouverneur folgende 
Worte richtete: „Vater, wir wünschen, daß Du diese Skalps an den großen 
König sendest, damit er durch ihren Anblick erfrischt werde und die Über- 
zeugung gewinne, daß seine Geschenke einem dankbaren Volk gemacht 




Ein indianischer Si<alp. 
mand gerichteter Brief, 



— 221 — 

wurden, welches seine Treue durch die Vernichtung der Feinde des Königs 
beweist." Unter diesen schauerlichen, von nur einer einzigen Streiftruppe er- 
oberten Siegeszeichen befanden sich zweifellos die Kopfhäute mancher deut- 
schen Ansiedler, die bei der Verteidigung ihrer Hütten und Angehörigen der 
Blutgier der Rothäute sowie der Barbarei der Engländer, die sich jener Wilden 
zur Kriegführung bedienten, zum Opfer fielen. 

Als endlich der Friede kam, waren weite Länderstrecken, die früher mit 
ihren blühenden Obstgärten, wohlbestellten Feldern und schmucken Wohn- 
stätten eine wahre Augenweide gewesen, in menschenleere Wüsten verwandelt. 
In den deutschen Dörfern am Mohawk und Schoharie stieß man überall auf 
die traurigen Ruinen niedergebrannter Häuser und Scheunen. 500 Witwen 
und 300i0 Waisen beweinten den Tod ihrer Ernährer. 

Während jener Zeit schwerster Gefahren und Bedrängnisse bildeten 
viele der wackern, von Rachedurst erfüllten deutschen Ansiedler sich zu kühnen 
Indianer Jägern aus, von denen manche geeignet gewesen wären, einem Fenimore 
Cooper als Modell für seine Lederstrumpffigur zu dienen. 

Im Mohawktal machte sich Johann Adam Hartmann aus Eden- 
koben in der Pfalz, ein Hüne an Kraft und Gestalt, den Rothäuten gefürchtet. 
In Pennsylvanien, Ohio und Indiana lebt das Andenken der Gebrüder 
Weitzel, des Georg Rufner, des Daniel Bolaus, des Fried- 
rich Behrle, des Peter Niesvanger, des Kaspar Mansker, des 
Michel Steiner und Wilhelm Wells als berühmter Indianertöter fort. 

Über mehrere dieser kühnen Männer müssen wir in einem späteren Ab- 
schnitt ausführlicher berichten. 




Schlußvignette: Eine zerstörte Heimstätte 




/JhjJ(!kd 



Generalmajor Johann von Kalb. 

Es gab unter den Völkern Europas keines, welches die in den fünfziger 
und sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts immer deutlicher werdenden An- 
zeichen der Unzufriedenheit in den englischen Kolonien mit so fieberhafter 
Erregung und Genugtuung beobachtete, wie die Franzosen. Sie hatten gute 
Gründe. Denn war ihnen nicht ihre, von der Mündung des St. Lorenzstroms 
bis zum Mississipi reichende vielverheißende Kolonie Neu-Frankreich, die 
man in mühseligen Entdeckungsreisen, unter blutigen Kämpfen und unge- 
heuren Geldopfern erschlossen hatte, von ihren alten Erbfeinden, den Briten, 
entrissen worden? Den Verlust dieser gewaltigen Ländermassen und die 
Schmach der dabei erlittenen Niederlagen vermochten die stolzen Franzosen 
nicht zu überwinden. Die noch frischen Wunden brannten wie Feuer und 
man dürstete nach einer Gelegenheit, wo man für die erlittene Schmach furcht- 
bare Vergeltung üben könne. 

Die Zeit der Rache schien zu kommen, als die Gegensätze zwischen den 
englischen Kolonien und dem britischen Mutterlande sich immer mehr zu- 



Kopflcistc: Johann von Kalb. 



— 223 — 

spitzten und in offenen Aufruhr auszuarten droliten. Um über die Lage Ge- 
wißheit zu erlangen, schickte die französische Regierung bereits im Jahre 
1767 einen Vertrauten nach Amerika, der zugleich den Auftrag hatte, die 
dortige Bevölkerung im Kriegsfall der Unterstützung Frankreichs zu ver- 
sichern. 

Mit dieser keineswegs ungefährlichen Mission beauftragte man den 
am 20. Juni 1721 in Hüttendorf bei Erlangen geborenen Deutschen Johann 
V o n K a 1 b , einen Mann, der bereits in jungen Jahren in das aus Elsässern und 
Lothringern zusammengesetzte französische Regiment Löwendal eingetreten war 
und sich in mancherlei Kriegszügen zum Obersten emporgeschwungen hatte. 
Eine reiche Heirat erlaubte es ihm später, sich in Paris den besten Gesellschafts- 
kreisen anzuschließen. 

Von Kalb entledigte sich seiner Aufgabe mit vollendetem Geschick. Und 
als nach Ausbruch des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges der feurige 
Marquis de Lafayette eine Expedition ausrüstete, um in Amerika an dem Kampf 
gegen die Briten teilzunehmen, da schloß der von der französischen Regierung 
zum Brigadegeneral erhobene von Kalb sich Lafayette an und trat, in Amerika 
herzlichst willkommen geheißen, in die Armee der Ereiheitsreiter ein. 

Dem zum Generalmajor ernannten tatendurstigen Mann bot sich schon 
bald Gelegenheit, in zahlreichen Gefechten seine Fähigkeiten zu beweisen. 
Aber eine recht eintönige Periode folgte, als er in den Sommermonaten der 
Jahre 1778 und 1779 mit seinen Regim.entern zum Beobachten der in der 
Stadt New York sitzenden Engländer abkommandiert wurde. Es gab dabei 
zwar manche Scharmützel von untergeordneter Bedeutung zu bestehen; aber 
es kam nicht zu einer entscheidenden Schlacht. So wenig die Amerikaner 
stark genug waren, die Engländer aus ihren festen Stellungen zu werfen, so 
wenig glückte es diesen, die Gegner zu vertreiben. 

Der Untätigkeit längst müde, begrüßte es von Kalb mit Ereuden, als er 
im Jahre 1780 den Befehl erhielt, mit 2000 Mann nach der im Süden gelegenen 
Stadt Charleston zu marschieren, wo der von den Engländern eingeschlossene 
General Lincoln der Hülfe dringend bedurfte. Aber schon vor dem Eintreffen 
des Kalbschen Ersatzheeres mußte die Stadt kapitulieren. Da der Zweck der 
Expedition hinfällig gev/orden, so zog von Kalb nach Südkarolina, um die 
Bürgerwehren dieser Kolonie zu einer neuen Südarmee zu vereinigen, die dem 
dort stehenden 12 000 Mann starken englischen Heer das Gegengewicht bilde. 

Das Zusammenschweißen dieser Milizen erwies sich aber als eine fast 
unlösbare Aufgabe. Die Befehlshaber der über die ganze Kolonie verstreuten 
Truppen zogen vor, auf eigne Faust Krieg zu führen, anstatt sich einem 
fremden Offizier unterzuordnen. Forderte von Kalb von den Behörden 
Transportmittel, so kamen diese nie zur Stelle. Versprechungen wurden selten 
erfüllt. Obendrein verursachte die Ve/p/legung der Truppen in dem verarmten 
Lande fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Kurz, alle Zustände waren so 
widerwärtig, daß von Kalb hoch aufatmete, als der Bundeskongreß dem 



— 224 — 

General Gates den Oberbefehl über sämtliche im Süden befindlichen Truppen- 
körper übertrug. 

Aber auch Gates vermochte nicht der trostlosen Zustände Meister zu 
werden. Um die Lage durch einen verwegenen Handstreich zum Abschluß 
zu bringen, faßte Gates den törichten Plan, geradeswegs auf die in Südkarolina 
gelegene Stadt Cam.den zu marschieren und die dort stehenden englischen 
Truppen zu überfallen. 

Dieser Vorsatz war um so gewagter, als der gerade Weg nach Camden 
den ödesten Teil Südkarolinas durchquerte, wo die Verpflegung eines größeren 
Heerkörpers schon in guten Jahren ungeheure Schwierigkeiten verursachen 
mußte. Von Kalb machte auf diesen Umstand aufmerksam und empfahl, falls 
der Plan beibehalten werden solle, auf Umwegen durch fruchtbarere Gebiete 
nach Camden zu marschieren. Aber General Gates ließ sich nicht zur Ände- 
rung seines verhängnisvollen Entschlusses bewegen, sondern brach mit dem 
von vornherein schlecht verproviantierten Heer auf. 

Der wahnwitzige Marsch beanspruchte drei Wochen, während welcher 
die Sonne glühendheiß herniederbrannte und den hungernden und durstenden 
Soldaten fürchterlich mitspielte. Zu Dutzenden, zu Hunderten sanken sie nieder, 
oder suchten ihr Heil in der Flucht. Nicht mehr fern vom Ziel war die Armee 
auf nur 2000 todm.üde, abgezehrte Leute zusammengeschmolzen. Damit wollte 
Gates in der Nacht des 15. August die Engländer überfallen. 

Aber diese waren durch ihre Spione vom Nahen der Gegner längst 
unterrichtet worden und hatten aus weitem Umkreis ihre gesamten Streitkräfte 
zusammengerafft. Den Amerikanern weit überlegen, beschlossen sie, diese un- 
versehens in deren eignem Lager zu überrumpeln. Zu diesem Zweck hatten 
sie sich gleichfalls am Abend des 15. August auf den Weg gemacht. So traf 
es sich, daß beide, gleiche Absichten verfolgenden Armeen während der Nacht 
zusammenprallten. Sofort begann das Kleingewehrfeuer der auf beiden Seiten 
die Vorhut bildenden Schützen. Kaum dämmerte der Morgen, so begann 
der eigentliche Kampf. Aber sein Ausgang konnte keinem Zweifel unter- 
liegen. Standen doch den halbverhungerten, todmüden, an keine Disziplin 
gewöhnten amerikanischen Milizen eine weit überlegene Zahl vorzüglich ein- 
exerzierter, seit Monaten gut verpflegter regulärer Soldaten gegenüber. 

Als die ersten englischen Salven krachten, ergriffen viele der nie zuvor 
an einem Gefecht beteiligt gewesenen amerikanischen Milizen das Hasenpanier. 
Mit ihnen General Gates. Wie eilig er seine Flucht bewerkstelligte, beweist 
die Tatsache, daß er am Abend des unglücklichen Tages in der 80 Meilen 
vom Kampfplatz entfernten Stadt Charlotte zu Bette gehen konnte. 

Der schnöde im Stich gelassene von Kalb, dessen Truppen das Zentrum 
des amerikanischen Heeres bildete, versuchte, die Ehre des Tages zu retten. 
Wiederholt gelang es ihm, die heftigen Vorstöße der Feinde abzuschlagen und 
eine Anzahl Gefangener zu machen. Aber seine linke Flanke, an der die Milizen 
gestanden hatten, war ungedeckt und wurde umgangen. Als die Feinde mm 



— 225 — 

gleichzeitig energische Front- und Rücken angriffe unternahmen, war das Schick- 
sal des Tages entschieden. 

In dem sich entspinnenden Handgemenge erhielt von Kalb einen Säbel- 
hieb über den Kopf. Das Pferd brach tot unter ihm zusammen. Nichtsdesto- 
weniger raffte der Tapfere, nachdem seine Wunde notdürftig verbunden worden, 
seine mit wilder Verzweiflung kämpfenden Leute abermals zusammen und 
trieb die Feinde dreimal zurück. Aber als er an der Spitze seiner schnell 
schrumpfenden iMacht vordrang, streckten ihn mehrere Kugeln zu Boden. Er 
würde in dem über ihn hinwegbrausenden Schlachtgetöse zertreten worden 
sein, hätte sein treuer Adjutant sich nicht über den Verwundeten geworfen, 
um womöglich sein Leben zu retten. 

Nachdem der Kampf, in dem die Amerikaner außer 1000 Gefangenen 
900 Tote und Verwundete einbüßten, beendet war, fand man den aus elf 
Wunden blutenden Generalmajor inmitten eines Haufens von Leichen. Man 
brachte ihn nach Camden und ließ ihm die sorgfältigste Pflege zuteil werden. 
Aber alle Kunst der Wundärzte versagte. Der Tapfere verschied am dritten 
Tage nach der Schlacht. Sein Tod beraubte die amerikanische Armee um 
einen Führer, der es verstanden hatte, sich durch sein zuvorkommendes, offnes 
Wesen in hohem Grade beliebt zu machen. Im Kriegsrat wurden seine prak- 
tischen Ratschläge stets hochgeschätzt und beachtet. Die Untergebenen hingen 
mit Verehrung an ihm. Deshalb wurde auch der Beschluß des Kongresses, 
dem so ehrenvoll Gefallenen ein Denkmal zu errichten, überall mit Zustimmung 
begrüßt. Dieses Monument erhebt sich in den schönen Anlagen der Militär- 
Akademie zu Annapolis und trägt folgende Aufschrift: 

„Dem Andenken des Freiherrn von Kalb, Ritters des königlichen Kriegs- 
verdienstordens, Brigadiers der französischen Armee, Generalmajor im Dienste 
der Vereinigten Staaten. Nachdem er mit Ehre und Ruhm drei Jahre lang 
gedient hatte, gab er einen letzten und glorreichen Bew^eis seiner Hingabe für 
die Freiheit der Menschheit und für die Sache Amerikas in der Schlacht bei 
Camden in Süd Carolina. An der Spitze der regulären Truppen von Mary- 
land und Delaware begeisterte er sie durch sein Beispiel zu Taten der Tapfer- 
keit, wurde mehrfach schwer verwundet und starb am 19. August 1780 im 
59 Jahre seines Lebens. Der Kongreß der Veremigten Staaten von Amerika 
hat ihm in dankbarer Anerkennung seines Eifers, seiner Dienste und seines 
Ruhmes dieses Denkmal errichtet." 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. \0 





Generalmajor Friedrich Wilhelm von Steuben, der 
Schöpfer des amerikanischen Heeres. 

! Unter allen europäischen Offizieren, die beim Ausbruch des amerikanischen 

Unabhängigkeitskriegs ihre Degen dem jungen Staatenbund anboten, war der 
preußische Freiherr Friedrich Wilhelm von S t e u b e n zweifellos der 
bedeutendste. Leistete er doch dem um seine Freiheit ringenden amerikanischen 
Volk Dienste, die jene aller anderen im amerikanischen Heer kämpfenden 
Generale überragen und ihn fast auf die gleiche Stufe mit dem obersten Feld- 
herrn, dem edlen George Washington stellen. 

Steuben war der Sprößling eines alten, im früheren Herzogtum Magde- 



Kopfleiste: Friedrich Wilhelm von Steuben. 



— 227 — 

bürg seßhaften Geschlechts, das bereits manche tüchtige Soldaten hervorge- 
bracht hatte. Aber keinem war so großer Ruhm beschieden, wie Friedrich 
Wilhelm von Steuben, dem am 15. November 1730 in Magdeburg geborenen 
Sohn des preußischen Ingenieurhauptmanns von Steuben. 

Den Traditionen seines Geschlechtes treu, hatte auch er die militärische 
Laufbahn erkoren und nach Durchlaufen der Kriegsschule in der Armee Fried- 
richs des Großen die wechselvollen Stürme des Siebenjährigen Kriegs mit- 
gemacht. Bald gegen die Franzosen, bald gegen die Russen oder Österreicher 
kämpfend, zeichnete er sich dabei so aus, daß der König ihn zum Stabshaupt- 
mann und Flügeladjutanten ernannte. Der mit dem aktiven Felddienst bereits 
völlig Vertraute erhielt dadurch Gelegenheit, sich auch mit den überaus wich- 
tigen Fragen zu befassen, die mit dem Herbeischaffen und Instandhalten der 
Kriegsvorräte sowie der Verpflegung großer Truppenkörper in Zusammenhang 
stehen. So erwarb von Steuben in allen Kriegswissenschaften eine derart um- 
fassende Kenntnis, daß er allen mit kriegerischen Fragen beschäftigten als eine 
Autorität ersten Ranges erscheinen mußte. 

Als eine höchst begehrenswerte Kraft erkannten ihn auch der fran- 
zösische Kriegsminister St. Germain und der als Vertreter des jungen ameri- 
kanischen Staatenbundes in Paris weilende Benjamin Franklin, als sie im 
Jahre 1777 mit dem auf einer Reise durch F'rankreich befindlichen Frei- 
herrn zusammentrafen Franklin hatte den besonderen Auftrag, nach tüch- 
tigen europäischen Offizieren Umschau zu halten, die der amerikanischen 
Sache nützen könnten. Denn das amerikanische Heer, wenn man diese Be- 
zeichnung auf die aus allen Teilen des weiten Landes gekommenen Scharen 
ungeschulter Freiwilliger und an Disziplin kaum gewöhnten Bürgerwehren 
anwenden will, bedurfte einer sachkundigen Organisation und Schulung 
aufs dringendste. Während die an den Kampf mit Indianern gewöhnten 
Hinterwäldler in allen Plänkeleien, wo sie die ihnen vertraute Fechtart an- 
wenden konnten, sich glänzend bewährten, hatten sie in offnen Feldschlachten 
gegen die kriegsgeübten Briten und deren deutsche Hilfstruppen fast stets ver- 
sagt. Da entscheidende Erfolge aber nur durch größere Schlachten herbei- 
geführt werden konnten, so war es unbedingt nötig, die amerikanischen Sol- 
daten in eine solche Verfassung zu bringen, daß man mit ihnen Feldschlachten 
wagen durfte. Woher sollte man solche Offiziere, die der schwierigen Aufgabe 
gewachsen waren, nehmen? In Amerika gab es keine. Naturgemäß wandten 
sich die Blicke nach Europa, wo es erprobte Männer in Menge gab. Vor- 
nehmlich in der Armee des großen Preußenkönigs, die als bestgeschulte der 
ganzen Welt galt und fast allen anderen europäischen Heeren Lehrmeister ge- 
liefert hatte. 

Daß Baron von Steuben alles Zeug habe, die amerikanische Armee auf 
eine höhere Stufe zu bringen, wurde sowohl Franklin wie dem französischen 
Kriegsminister nach kurzer Zeit klar, und beide bemühten sich eifrig, ihn für 
die amerikanische Sache zu gewinnen. Zu ihrer großen Freude fanden sie, daß 

15* 



— 228 — 

es keiner besonderen Überredungskünste bedürfe. Denn Steuben zählte zu jenen 
Offizieren, die den Krieg der amerikanischen Kolonien gegen England nicht 
bloß mit größter Aufmerksamkeit verfolgten, sondern auch den für ihre Unab- 
hängigkeit Streitenden die herzlichste Teilnahme entgegenbrachten. 

Wie tief diese Sympathien waren, zeigt am deutlichsten ein Brief, den 
Steuben, nachdem er mJt Franklin alle Vorbedingungen für seinen Eintritt ins 
amerikanische Heer geordnet hatte und am 1. Dezember 1777 im Hafen von 
Portsmouth, New Hampshiere, gelandet war, an den Kongreß der Vereinigten 
Staaten richtete. 

Der Brief hat folgenden Wortlaut: 

„Der einzige Beweggrund, der mich diesem Weltteil zuführt, ist der 
Wunsch, einem Volk zu dienen, welches einen so edlen Kampf für seine 
Rechte und Freiheit kämpft. Ich verlange Mieder Titel noch Geld. Mein 
einziger Ehrgeiz besteht darin, bei Ihnen als Freiwilliger einzutreten, mir 
das Vertrauen Ihres Oberbefehlshabers zu erwerben und denselben in allen 
Feldzügen ebenso zu begleiten, wie ich während des Siebenjährigen Krieges 
dem Könige von Preußen folgte. Ich möchte gern mit meinem Blute die 
Ehre erkaufen, daß mein Name eines Tages unter den Verteidigern Ihrer 
Freiheit genannt wird." 

Im Kongreß erregte dieser Brief förmliche Begeisterung. Und der da- 
malige Kriegsminister schrieb: „Wir alle beglückwünschen uns zu der An- 
kunft eines in militärischen Dingen so erfahrenen Mannes. Seine Dienste sind 
uns gerade jetzt um so wertvoller, als der Mangel an Disziplin und innerer 
Ordnung in unserem Heer so schwer empfunden und tief beklagt wird." 

Um die damalige Beschaffenheit des Heeres war es in der Tat äußerst 
schlecht bestellt. Kaum, noch 5000 Mann zählend, aller Hilfmittel entblößt, 
nicht imstande, irgendeine größere Waffentat zu v/agen, hatte es in Valley Forge 
ein Winterlager bezogen. Ohne Uniformen, fast nur auf die Gaben angewiesen, 
die ihnen von den Bewohnern der Umgegend zugeführt wurden, verbrachten 
die Freiheitskämpfer in einer Anzahl armseliger Blockhütten die strenge 
Jahreszeit. 

Wie es um die Organisation und Disziplin dieses Heeres bestellt war, 
erfahren wir aus den Angaben, welche Baron von Steuben im elften und zwölften 
Band seiner handschriftlichen Aufzeichnungen niederlegte, die sich in den 
Archiven der „New York Historical Society" befinden. Er schreibt: 

„Die Armee war in Divisionen, Brigaden und Regimenter eingeteilt, die 
von General-Majoren, Brigade-Generälen und Obersten kommandiert wurden. 
Der Kongreß hatte die Zahl der Soldaten für jedes Regiment und jede Kom- 
pagnie festgesetzt; allein die ewige Ebbe und Flut der nur auf sechs oder neun 
Monate angeworbenen Leute, die täglich kamen und gingen, machten den Be- 
stand eines Regimentes oder einer Kompagnie stets so schwankend, daß die 
Worte: ,Kompagnie', ,Regiment', ,Brigade', oder , Division' gar nichts bedeu- 



— 229 — 

teten, am allerwenigsten einen Maßstab für die Berechnung der Stärke eines 
Korps oder der Armee abgaben. Die Zahl ihrer Mannschaften war so un- 
gleich und verschieden, daß es unmöghch war, irgendein Manöver auszuführen. 
Oft war ein Regiment stärker als eine Brigade. Ich sah ein Regiment von 
30 Mann und eine Kompagnie, welche nur aus einem einzigen Korporal be- 
stand! Ein genaues Verzeichnis der Mannschaften eines Regimentes zu erhalten, 
war sehr schwierig, oft geradezu unmöglich. 

Die Stärke der Armee sollte monatlich festgestellt werden. Diese Opera- 
tion geschah folgendermaßen: jeder Hauptman fertigte eine Liste seiner Kom- 
pagnie an, ohne Rücksicht auf die Anwesenden oder Beurlaubten. Er beschwor 
dann vor seinem Vorgesetzten, daß sein Bericht nach bestem Wissen und 
Glauben in Ordnung wäre. Der Musterungsinspektor zählte die Anwesenden 
und schrieb den Beurlaubten ihren Sold auf den Eid des Hauptmatms hin gut. 
Ich bin weit entfernt von der Voraussetzung, daß irgendein Offizier absichtlich 
Betrug verüben wollte; allein ich will den Zustand einer Kompagnie etwas ge- 
nauer prüfen, woraus man dann einen Schluß auf die sogenannte Richtigkeit 
eines derartigen Rapports selber ziehen kann. Die betreffende Kompagnie hatte 
nur zwölf Mann zur Stelle. Ein Mann, der einem 200 Meilen entfernt postierten 
Offizier als Bursche diente, war seit 18 Monaten abwesend. Ferner fehlte ein 
Mann, der seit zwölf Monaten bei einem Quartiermeister als Knecht arbeitete. 
Vier Mann dienten seit ebenso langer Zeit als Gehilfen in den Hospitälern. 
Zwei waren als Fuhrleute, mehrere andere als Bäcker, Schmiede, Zimmerleute 
und Kohlenträger beschäftigt, obwohl alle ursprünglich nur auf neun Monate 
Dienste genommen hatten. 

Stand ein Mann einmal auf der Kompagnieliste, so wurde er bis in alle 
Ewigkeit als Glied derselben geführt, er mußte denn vor den Augen des Haupt- 
manns desertiert oder gestorben sein. Auf Grund dieser Listen wurden aber 
die Stärke der Armee berechnet und Löhnung und Proviant ausgeteilt. Die 
Soldaten waren nach allen Richtungen hin verstreut. Man hätte die Armee als 
eine Erziehungsanstalt für Bediente betrachten können, denn jeder hielt es für 
sein Recht, wenigstens einen Bedienten zu haben. Wir hatten mehr Kommissare 
und Quartiermeister, als alle Armeen Europas zusammengenommen. Der be- 
scheidenste derselben besaß nur einen Burschen, andere verfügten über zwei, 
viele sogar über drei. 

Ein Ding wie militärische Disziplin existierte nicht. Kein Regiment war 
regelmäßig formiert. Das eine hatte drei, andere fünf, acht oder neun Glieder; 
das canadische Regim.ent besaß deren sogar einundzwanzig. 

Jeder Oberst hatte sein eignes Exerziersystem bei sich eingeführt; der 
eine bediente sich des englischen, der andere des französischen, der dritte des 
preußischen. Nur in einem Punkt herrschte Einheit, und das war die Art des 
Marschierens bei Manövern und auf dem Marsch: sie bedienten sich alle des 
Reihenmarsches der Indianer. 

Urlaub und Abschied wurden ohne jede Anfrage bei den höheren Vor- 



— 230 — 

gesetzten bewilligt. Befanden sich die Truppen im Lager, so blieben die Offi- 
ziere nicht bei ihnen, sondern wohnten in oft mehreren Meilen weit entfernten 
Quartieren. Während des Winters gingen die Offiziere meist nach Hause. Oft 
waren ihrer nicht mehr als vier beim Regiment. Sie glaubten, daß ihre einzige 
Pflicht darin bestehe, auf Wache zu ziehen und sich im Kampf an die Spitze der 
Soldaten zu stellen. 

Der amerikanische Soldat kannte seine Waffe gar nicht, hatte deshalb kein 
Vertrauen zu ihr und benutzte das Bajonett höchstens dazu, um sein Beefsteak 
daran zu braten. Den Anzug der Truppen kann ich am leichtesten beschreiben, 
denn sie waren im eigentlichen Sinne des Wortes fast nackend. Die wenigen 
Offiziere, welche überhaupt Röcke besaßen, hatten solche von beliebiger Farbe 
und jedem Schnitt. Bei einer großen Parade sah ich Offiziere in Schlafröcken, 
die aus alten wollenen Decken oder Bettüberzügen gemacht waren. 

Daß es etwas wie die innere Verwaltung eines Regiments gebe, war allen 
unbekannt. Infolgedessen herrschte überall die denkbar größte Unordnung, 
ohne daß für die aufgewendeten großen Mittel irgendwo entsprechende Ergeb- 
nisse zu sehen gewesen wären. 

So wenig die Offiziere über die Zahl ihrer Leute Rechenschaft ablegen 
konnten, ebensowenig vermochten sie dies über deren Waffen, Munition und 
Ausrüstung. Niemand führte Buch oder Rechnung, außer den die verschie- 
denen Artikel herbeischaffenden Lieferanten." 

Durch das Dulden solcher Zustände waren der Korruption alle Tore ge- 
öffnet worden. Zumal da die Kommissare und Quartiermeister von sämtlichen 
durch sie verausgabten Geldern Prozente empfingen. Um ihre Einnahmen zu 
erhöhen, ordneten sie tausenderlei verschiedene Anschaffungen an, die man gar 
nicht benötigte. Ferner sah man beim Erteilen der Aufträge nicht etwa darauf, 
die besten und zweckmäßigsten Dinge zu erlangen, sondern man bestellte die 
teuersten. Obendrein war es jedem Soldaten erlaubt, nach Ablauf seiner neun 
Monate dauernden Dienstzeit sowohl die Liniform wie auch die Waffen und 
anderen von ihm gebrauchten Gegenstände mit nach Hause zu nehmen. Da 
die an ihre Stelle tretenden frischen Truppen neu ausgerüstet v/erden mußten, 
so erwuchsen dadurch unnütze Kosten, die alljährlich viele Millionen Dollar 
betrugen. 

So erklären sich die fürchterlichen Geldnöte, mit denen der Kongreß 
immerfort kämpfen mußte, und welchen er durch Verausgabung von Papiergeld 
zu steuern suchte. Die hinterlistigen Briten benutzten aber auch diesen Um- 
stand, um den Amerikanern Schwierigkeiten zu verursachen. Sie ließen die 
vom Kongreß verausgabten Noten nachahmen, setzten ungeheure Mengen 
dieser Fälschungen in Umlauf und brachten dadurch das Papiergeld in solchen 
Mißkredit, daß jedermann sich scheute, es anzunehmen. Die so bewirkte Ent- 
wertung des Papiergeldes nahm so großen Umfang an, daß 40 Papierdollar 
nötig waren, um einen Silberdollar zu kaufen. Man verlangte 400 bis 600 Dollar 



— 231 — 

für ein Paar Stiefel, und der Monatssold eines Soldaten reichte gerade hin, um 
die Kosten eines Mittagsmahls zu decken. 

Wenn wir dieser Tatsachen gedenicen, so geschieht es, um zu zeigen, daß 




Friedrich Wilhelm von Steubcn, der Gencralinspektor der amerikanischen Armee. 

Freiherr von Steubcn, als er sich in den Dienst der Vereinigten Staaten stellte, 
keineswegs ein nach Gold und Orden lüsterner Landsknecht war. Beides war 
in Amerika nicht zu holen. Im Gegenteil mußten die dort obwaltenden 
trübseligen Zustände jeden kalt berechnenden Glücksritter unbedingt ab- 
schrecken. 



— 232 — 

Vom Kongreß zum Generalinspektor der Armee ernannt und nach seiner 
Ankunft im Lager von George Washington mit aufrichtiger Freude begrüßt, 
begann Steuben sofort eine vielseitige Tätigkeit. Es galt nicht nur, die ganze 
Armeeverwaltung zu ordnen, sondern auch die Mannschaften an regelmäßige 
Übungen, an das Fechten und Manövrieren in größeren geschlossenen Ab- 
teilungen zu gewöhnen, da man sonst weder an das Eingehen von Feld- 
schlachten denken, noch auf entscheidende Siege hoffen durfte. 

Es war keine geringe Aufgabe, die in völliger Freiheit großgewordenen, 
bestimmten Regeln oder gar Befehlen nie unterworfen gewesenen Hinterwäldler 
an Disziplin und Subordination zu gewöhnen. Solche ohne weiteres im ganzen 
Heer einzuführen, war rein unmöglich. Deshalb beschränkte Steuben sich in 
kluger Weise zunächst darauf, aus 120 der besten Soldaten eine Lehrabteilung 
zusammenzustellen, die gleichzeitig eine Stabswache für Washington abgeben 
sollte. Nachdem er dafür gesorgt, daß diese Leute gleichmäßige Uniformen 
und Waffen erhalten und dadurch ein wirklich militärisches Aussehen erlangt 
hatten, exerzierte Steuben sie persönlich zweimal täglich in Gegenwart sämt- 
licher Offiziere ein. Von leichten Übungen schritt er allmählich zu schwierigen, 
bis sie endlich mit allen jenen Bewegungen vertraut waren, die der damaligen 
preußischen Armee zu so überraschenden Siegen verholfen hatten. 

Für die zuschauenden Offiziere und Mannschaften bildeten diese Übungen 
eine Quelle des Staunens. Sie begriffen ihre Wichtigkeit, als sie nunmehr den 
Verlust mancher verlorenen Schlacht auf die Unkenntnis dieser oder jener not- 
wendigen Bewegung zurückführen konnten. Und das sich ihnen darbietende 
Schauspiel fesselte um so mehr, als es auch an gelegentlichen humoristischen 
Begebenheiten nicht fehlte. Besonders wenn der nur gebrochen Englisch 
sprechende Steuben über den schlechten Gang einer Übung in Zorn geriet und 
in einem Gemisch von Englisch, Deutsch und Französisch zu fluchen begann. 
Bemerkte er dann, daß die Soldaten dieses Kauderwelsch nicht verstanden, so 
rief er die Hilfe seines Adjutanten Walker an: „Viens, mon ami Walker, come 
and swear for me in EngHsh — je ne puis plus — I can curse them no more 
— dese fellows will not do what I bid them!" 

Obwohl bei solchen drolligen Szenen manche das Lachen kaum verbeißen 
konnten, so bestrebten sich doch alle, die erteilten Befehle gewissenhaft zu er- 
füllen. Und so wurde die Armee allgemach von einem anderen, nie zuvor ge- 
kannten Geist belebt. 

Wie die Offiziere Steubens Bemühungen auffaßten und beurteilten, ergibt 
sich aus folgendem Brief des Generals Scammel an Sullivan: „Baron Steuben 
geht uns mit einem wahrhaft edlen Beispiel voran. Er bewährt sich in allem, 
von den großen Manövern an bis in die kleinsten Einzelheiten des Dienstes als 
vollendeter Meister. Offiziere und Soldaten bewundern gleichmäßig einen so 
ausgezeichneten Mann, der unter dem großen preußischen Monarchen eine her- 
vorragende Stellung einnahm, und sich jetzt trotzdem mit einer nur ihm eignen 
Würde herabläßt, selbst einen Haufen von zehn bis zwölf Mann als Exerzier- 



— 233 — 

meister einzuüben. Unter seiner Leitung machen Disziplin und Ordnung in 
der Armee ganz außerordentlictie Fortschritte." 

Diese Fortschritte nahmen ein um so lebhafteres Tempo an, als Steuben 
die Soldaten seiner Lehrabteilung anderen Truppenkörpern als Exerziermeister 
zuteilte. Infolge dieser Anordnung war es bald möglich, zu schwierigen 
Übungen zu schreiten. Ja, man war imstande, als im Mai 1778 die Freuden- 
botschaft des zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten geschlossenen 
Bündnisses im Lager eintraf, das wichtige Ereignis durch ein großes Manöver 
zu feiern. Es verlief so erfolgreich, daß Washington gelegentlich des am Abend 
veranstalteten Festmahls darüber seine höchste Freude ausdrückte und 
Steuben ein Handschreiben übergab, das dessen Ernennung zum General- 
major enthielt. 

War das Einüben der Truppen mit vielen Schwierigkeiten verknüpft, so 
verlangte das Durchführen einer tüchtigen Verwaltung der Armee noch weit 
größere Hingabe. Ganze Augiasställe der Korruption mußten gesäubert 
werden, wobei man sich nicht scheuen durfte, die durch Unkenntnis oder Selbst- 
sucht verursachten Mißstände rücksichtslos aufzudecken. Aber auch hier zeigte 
Steuben sich als der rechte Mann, indem er für alle Zweige der Verwaltung 
Vorschriften erließ, wie nur eine damit völlig vertraute Person solche zu geben 
vermochte. 

Um sicher zu sein, daß diese Vorschriften auch befolgt würden, inspiziene 
Steuben von Zeit zu Zeit jede Abteilung der Verwaltung und jedes einzelne 
Regiment. Wie sorgfältig er dabei verfuhr, ersehen wnr aus einer Mitteilung 
seines Adjutanten William North, welcher nach Steubens Tode schrieb: „Ich 
war eines Tages Zeuge, wie Steuben und seine Assistenten eine drei Regimenter 
umfassende Brigade sieben volle Stunden lang inspizierten. Über jeden ab- 
wesenden Mann wurde Auskunft verlangt. Jede Muskete wurde nachgesehen, 
jede Patronentasche geöffnet und sogar die Patronen und Feuersteine gezählt. 
Dann mußten die Tornister abgelegt und ihr Inhalt auf einer Decke ausgebreitet 
und mit dem Verzeichnis des Notizbuches verglichen werden, um zu sehen, ob 
das von den Vereinigten Staaten Gelieferte noch vorhanden sei, und wenn nicht, 
wohin es gekommen. Hospitalvorräte, Laboratorien, kurz alles, mußte der In- 
spektion offenstehen. Da wurde manchem Offizier bange, wenn er über Ver- 
luste oder Ausgaben nicht genaue Rechenschaft ablegen konnte. Diese monat- 
lich wiederkehrenden Inspektionen hatten eine wunderbare Wirkung, nicht allein 
auf die Ökonomie, sondern auch auf den Wetteifer, den sie unter den verschie- 
denen Korps anfachten.'' 

Trotz dieser im amerikanischen Heer bislang unbekannten Strenge und 
Genauigkeit errang Steuben sich bald die Liebe und Zuneigung sämtlicher 
Offiziere und Soldaten. Denn tagtäglich sahen sie, daß der General selbst sich 
in allen Dingen der größten Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit befleißigte 
und besonders darüber wachte, daß sowohl die diensttauglichen Soldaten wie 
die in den Krankenhäusern befindlichen gute Pflege erhielten. 



— 234 — 

Der gewaltige Umschwung, der überall ersichtlich wurde, veranlaßte 
Washington, an den Kongreß zu berichten: „Ich würde unrecht handeln, wollte 
ich über die hohen Verdienste des Freiherrn von Steuben länger schweigen. 
Seine Tüchtigkeit und Kenntnisse, der unermüdliche Eifer, den er seit seinem 
Antritt entwickelte, lassen ihn als einen bedeutenden Gewinn für das Heer er- 
scheinen." 

Und als im Frühling das Heer zu neuen Kämpfen ausrückte, da traten 
bald auch die günstigen Wirkungen der von Steuben angeordneten Übungen 
hervor. Zunächst in den beiden Treffen bei Barren Füll und Stony Point. Noch 
mehr in der Schlacht bei Monmouth, die ohne Steuben s Dazutun zweifellos 
mit einer schweren Niederlage der Amerikaner geendet haben würde. 

Der Verlauf dieser Schlacht war folgender: Die Nachricht, daß Frank- 
reich eine starke Flotte abgeschickt habe, um den Vereinigten Staaten zu Hilfe 
zu kommen, hatte die Briten veranlaßt, die bisher besetzt gehaltene Stadt Phila- 
delphia zu räumen, um sich nach New York zurückzuziehen. 17 000 Mann 
stark, überschritten sie am 18. Juni den Delaware. Um den Abziehenden mög- 
lichst große Verluste zuzufügen, befahl Washington dem die Vorhut des amerika- 
nischen Heeres befehligenden General Lee, den Feinden bei Monmouth in den 
Rücken zu fallen und sie zu einer Schlacht zu nötigen. Lee aber, welcher schon 
damals jene hochverräterischen Umtriebe im Sinne trug, wegen welcher er später 
vor ein Kriegsgericht gestellt wurde, erfüllte seinen Auftrag so unbefriedigend 
und langsam, daß den Briten Zeit blieb, sich nicht nur für den Kampf vorzu- 
bereiten, sondern sogar zum Angriff auf die Verfolger überzugehen. Da Lee 
obendrein seine Offiziere durch allerhand Befehle und Gegenbefehle in Ver- 
wirrung setzte und den linken Flügel durch völlig verkehrte Maßnahmen 
schwächte, so errangen die mächtig vordringenden Briten bald solche Vor- 
teile, daß die Amerikaner sich zum Rückzug genötigt sahen. Derselbe drohte 
in Flucht auszuarten, als Washington, durch von Lees Offizieren abgesandte 
Stafettenreiter herbeigerufen, persönlich auf dem Kampfplatz erschien. Mit ihm 
kam von Steuben. Washington befahl ihm, bevor er sich mit seinen eignen 
Leuten ins Kampfgewühl stürzte, die zurückweichenden Scharen Lees hinter 
der Schlachtlinie zu sammeln und ihm dann wieder zuzuführen. Gelang dies, 
so konnte der Tag noch günstig für die Amerikaner enden. 

Steuben löste die Aufgabe mit so vollendetem Geschick, daß er bald dar- 
auf drei Brigaden ins Feuer senden konnte, wodurch Washington imstande war, 
das Schlachtfeld zu behaupten. Als die Nacht dem Kampf ein Ende machte, 
biwakierten die Amerikaner auf dem Schlachtfelde unter den Waffen. Die 
Briten hingegen verließen in der Dunkelheit ihre Positionen, um den Rückzug 
nach New York fortzusetzen. 

Ein Augenzeuge, Oberst Alexander Hamilton, welcher Steuben beob- 
achtete, als dieser die versprengten Scharen Lees sammelte, erklärte, erst bei 
dieser Gelegenheit habe er die alles überwiegende Bedeutung militärischer 
Disziplin und Manneszucht erkennen lernen. Hatten diese Eigenschaften den 



— 235 



REGULATIONS 



fOR THE 



Tag für die Amerikaner zweifellos gerettet, so bestand der Haupterfolg aber 
darin, daß die amerikanische Armee nunmehr von dem Bewußtsein erfüllt war, 
den Briten auch in der Feldschlacht gleichwertig zu sein. 

Als der Winter von 1778 auf 1779 die gewohnte Ruhe in den Kämpfen 
brachte, benutzte von Steuben diese Zeit zum Ausarbeiten von Vorschriften, 
durch welche die Verwaltung und Disziplin des amerikanischen Heeres zum 
erstenmal gleichmäßig festgestellt wurde. Selbstverständlich lagen diesem 
Reglement, dem ersten, welches für eine 
amerikanische Armee festgestellt wurde, 
jene Vorschriften zugrunde, die im preußi- 
schen Heer eingeführt waren und sich 
dort bewährt hatten. Dabei war aber 
auf die gänzlich anders gearteten Ver- 
hältnisse Amerikas überall Rücksicht ge- 
nommen. 

Die 25 Abschnitte dieses im Felde 
unter außerordentlichen Schwierigkeiten 
entstandenen Buches bildeten die Richt- 
schnur für die Zusammensetzung der 
verschiedenen Truppengattungen, ihre 
Bewaffnung, Exerzitien und Marsch- 
weisen. Ferner gaben sie Anleitungen 
über das Aufschlagen der Lager, das 
Behandeln und In standhalten der Aus- 
rüstung, das Aufstellen und Bedienen 
der Kanonen. Desgleichen fanden der 
Wachtdienst, das Signalwesen, die Ver- 
waltung und Inspektion, die Veranstal- 
tung von Revuen und Manövern, sowie 
die Behandlung der Verwundeten und 
Kranken eingehende Berücksichtigung. 
Für manche Jahrzehnte blieben 
die Vorschriften in Kraft. Erst als die 
Verbesserung der Waffen auch gründliche Änderungen in der Kampfart herbei- 
führte, setzte man an Stelle der von Steuben verfaßten Vorschriften neue, die 
den veränderten Verhältnissen entsprachen. 

Daß Steuben beim Verfassen seines Werkes nicht am Alten klebte oder 
die Reglements der preußischen Armee kopierte, geht daraus hervor, daß er 
eine in Europa bisher ganz unbekannte Truppengattung, die leichte Infanterie, 
ins Leben rief. Sie war in Amerika um so mehr am Platz, als die Ansiedler in 
ihren Scharmützeln mit den Indianern sich an die zerstreute Kampfweise, wo 
jeder einzelne unabhängig von den andern focht, gewöhnt hatten. Sie ent- 
sprach auch durchaus der Beschaffenheit des mit ungeheuren Wäldern erfüllten 



ORDER AND DISCIPLINE 

OF THE 

TROOPS OF THE UNITED STATES, 

By BARON DE STUBEN, 

TO WHiCHARE PREFIXED THE 

LAW^S AND REGULATIONS 

FOR 

GOVERNING and DISCIPLINING 
The MILITIA of t h e UNITED STATES. 

AND THE 

LAWStorFORMINGandREGULATING 

THE 
MILITIA OF TBE STATE of NEW HAMPSHIRE. 



PUBL16HED BV ORDER ÖF THL HOX. CfNERAL-COURT 
O» Tat STATE Ol N[W-HAMPSH1»E. 



PORTSMOUTH: 
PaiNitD BY J. MELCHIR, miNTEK to thb state of 

HE W-HAMFiHIRE, I794. 

Titelblatt von Steubens „Regulations". 



— 236 — 

Landes, in dem freie Ebenen, auf denen, wie in Europa, große geschlossene 
Truppenmassen sich bewegen konnten, zu den Seltenheiten gehörten. 

Die von Steuben geschaffene leichte Infanterie, die sich allen vorkommen- 
den Terrainschwierigkeiten sofort anpaßte, bewährte sich im amerikanischen 
Freiheitskrieg so vorzüglich, daß sie später auch in allen europäischen Heeren 
Eingang fand. Vornehmlich war es der alle Einzelheiten des Unabhängigkeits- 
kampfes sorgfältig studierende Friedrich der Große, der den unbestreitbaren 
Wert der leichten Infanterie erkannte, sie für sein Heer adoptierte und mit ihr 
große Erfolge erzielte. 

Im Kriegsrat Washingtons war Freiherr von Steuben wohl die maß- 
gebendste Person. Aus seinen im Besitz der Historischen Gesellschaft zu New 
York befindlichen Handschriften ist ersichtlich, daß Washington ihn vor Be- 
ginn der einzelnen Feldzüge um Vorschläge ersuchte, wie nach seinem Er- 
messen die Aktionen zu gestalten seien Diese Pläne brachte Steuben sorg- 
fältig zu Papier und sie dienten Washington fast stets als Richtschnur. 

Obwohl Steubens Tätigkeit der Hauptsache nach geistiger Art war, so 
ist es verständlich, daß er den Wunsch hegte, sich auch aktiv am Feldzug 
zu beteiligen und dadurch größeren Ruhm zu erwerben. Er wollte nicht bloß 
der Exerziermeister der Truppen sein, sondern sie auch persönlich im Feuer 
erproben. Diesem durchaus berechtigten Wunsch entsprach Washington, in- 
dem er Steuben mehrmals den Befehl über größere Heerkörper übertrug. Diese 
standen meist in den südlichen Kolonien. Aber es wollte dem wackeren General 
nicht gelingen, den weit überlegenen und besser verpflegten feindlichen Heeren 
größere Siege abzugewinnen. Manche seiner Maßnahmen wurden auch durch 
die Eifersucht einzelner, von krankhaftem Ehrgeiz beseelten Generale vereitelt, 
die den führende Stellen einnehmenden fremdgeborenen Offizieren gar oft die 
größten Schwierigkeiten bereiteten und sie dadurch um die möglichen Erfolge 
betrogen. 

Im Jahre 1781 sollte Steuben aber noch einen besonderen Triumph er- 
leben. Das von General Cornwallis befehligte engHsche Flauptheer hatte sich, 
von allen Seiten bedrängt, in die Festung Yorktown in Virginien zurückziehen 
müssen. Hier wurde es von den schnell herbeieilenden amerikanischen und 
französischen Armeen eingeschlossen. In der Überzeugung, daß der seit 
Jahren ersehnte Entscheidungskampf des ganzen Feldzugs hier endlich aus- 
gefochten werden müsse, und von dem Wunsch getrieben, diese Entscheidung 
mit herbeizuführen, suchte Steuben um ein regelrechtes Kommando nach. Ohne 
Zögern übertrug Washington ihm ein solches, zumal außer Steuben kein General 
des amerikanischen Heeres jemals an der Belagerung einer Festung teilgenom- 
men hatte. Steuben hingegen hatte unter Friedrich dem Großen während der 
Belagerung der Festung Schweidnitz wertvolle Erfahrungen gesammelt. Den 
von Pennsylvanien, Maryland und Virginien gestellten Truppen vorgesetzt, 
bildete von Steuben nun mit diesem Heerkörper das Zentrum der Belagerungs- 
armee. 



— 237 — 

Man behauptet, daß Steuben auch die Pläne zu den Belagerungsarbeiten 
entworfen habe. Wenngleich alle Gründe für diese Behauptung sprechen, so 
läßt sich ihre Richtigkeit aber nicht mit voller Sicherheit nachweisen, da im 
Jahre 1800 ein im Kriegsministerium zu Washington ausgebrochener Brand 
alle den Freiheitskrieg betreffenden Urkunden verzehrte. 

Geschichtliche Tatsache ist es aber, daß am 17. Oktober, dem Tage, wo 
über den Wällen der Festung die weiße Flagge als Zeichen der Unterwerfung 
emporstieg, Steuben den Oberbefehl über die Belagerungsarmee führte und mit 
seinen Streitkräften in den am weitesten vorgeschobenen Gräben stand. 

Die Verhandlungen über die Bedingungen der Übergabe waren noch 
nicht geschlossen, als der ebenfalls in der amerikanischen Armee dienende Mar- 
quis de Lafayette mit seinen Mannschaften kam, um von Steuben im Kom>- 
mando abzulösen. Fr hoffte, daß darm ihm die Fhre zuteil werde, die Ver- 
handlungen betreffs der Übergabe der Festung abzuschließen. Aber zur großen 
Enttäuschung der Franzosen lehnte Steuben die Ablösung ab, indem er sich 
darauf berief, daß es in allen europäischen Heeren Brauch sei, denjenigen 
Offizier, der vom Feinde die Anzeige seiner Unterwerfung entgegengenommen 
habe, auch bis zum Schluß der Verhandlungen auf seinem Posten zu 
belassen. 

Lafayette legte dagegen zwar bei Washington Verwahrung ein, dieser 
aber stimmte Steuben bei. Und so fügte es sich, daß der Oberbefehlshaber 
des letzten großen englischen Heeres im amerikanischen Freiheitskriege seine 
Kapitulation einem Deutschen einhändigte. 

Steubens Truppen zogen auch am 19. Oktober als erste in die gefallene 
Festung ein. Mit ihnen kamen die das französische Hilfsheer repräsentierenden 
Pfälzer des Regiments Zweibrücken. Während diese das französische Banner 
hißten, entfalteten Steubens Truppen das stolze Banner der sieggekrönten Ver- 
einigten Staaten von Amerika. 

In seinem am folgenden Morgen verlesenen Armeebefahl hob Washington 
her\'^or, daß dem wackren Steuben ein großer Anteil an dem errungenen Siege 
gebühre. Ebenso gedachte er, als nach geschlossenem Frieden die Verabschie- 
dung des Heeres erfolgte, in einem besonderen Handschreiben der außer- 
ordentlichen Verdienste, die der General sowohl der amerikanischen Armee wie 
dem Land geleistet habe. 

Auch die Bürger des Landes wollten mit Beweisen ihrer Dankbarkeit 
nicht zurückstehen. Die Staaten New York, New Jersey, Pennsylvanien 
und Virginien verliehen ihm das Ehrenbürgerrecht und verbanden mit dieser 
Auszeichnung sehr beträchtliche Landschenkungen. Jene des Staates New York 
umfaßte 16 000 Acker, die man zw einem besonderen, mit Steubens Namen ge- 
tauften Bezirk erhob. 

Zu solchen Anerkennungen war von Steuben um so mehr berechtigt, als 
er durch seine Intelligenz und rastlose Tätigkeit die amerikanische Armee erst 



— 238 — 

in den Stand gesetzt hatte, wirkliche Schlachten zu schlagen und Siege zu ge- 
winnen. War der edle George Washington der treibende Geist, die Seele der 
großen Freiheitsbewegung, so war Steuben zweifellos die Kraft, die diesem 
Geist die geeigneten Mittel zum Dreinschlagen und Siegen heferte. Deshalb 
zögern klarblickende Geschichtsschreiber auch nicht, Steuben als die wert- 
vollste Hilfe zu bezeichnen, die den um ihre Freiheit ringenden Amerikanern 
aus Europa zuteil wurde. 

Der Kongreß der Vereinigten Staaten hielt Steubens Dienste für zu wich- 
tig, um bei der Auflösung der Armee auch ihn zu verabschieden. Man ahnte 
voraus, daß die Zukunft dem Lande noch schwere Reibungen mit England oder 
anderen europäischen Reichen bringen müsse, weshalb die Errichtung eines 
stehenden Heeres sowie die Gründung einer Militärakademie, wo die künftigen 
Heerführer eine sorgfältige Schulung erhalten könnten, unerläßliche Notwendig- 
keiten seien. Im Auftrag der Regierung arbeitete Steuben sorgfältige Vor- 
schläge für beide Einrichtungen aus. Im Gegensatz zu zahlreichen hochge- 
stellten Personen, die von einem stehenden Heer nichts wissen wollten, weil 
diese Einrichtung den demokratischen Grundsätzen einer Republik gefährUcn 
werden könne, betonte Steuben mit allem Nachdruck, daß jeder Bürger einer 
Republik im Gebrauch der Waffen geübt und für die Verteidigung des Landes 
bereit sein müsse. Deshalb schlug er die Bildung eines 25 000 Mann starken 
stehenden Heeres vor, das aus 21 000 Milizsoldaten, 3000 Bundestruppen und 
1000 Kanonieren und Pionieren zusammengesetzt werden solle. 

Dieser Vorschlag fand nicht nur den Beifall Washingtons, sondern auch 
die Genehmigung des Kongresses. Desgleichen stimmte man Steubens Plänen 
für eine Militärschule zu. Es ist die berühmte Akademie zu Westpoint am 
Hudson, die den Vereinigten Staaten bereits viele bewährte Kriegsmänner 
lieferte. 

Zum lebhaften Bedauern aller patriotisch gesinnten Amerikaner ließ 
Steuben sich bald darauf durch ein Vorkommnis bestimmen, um seine Ent- 
lassung einzukommen. Der Beweggrund war folgender: Als im Jahre 1784 
der damalige Kriegsminister Lincoln abdankte, bewarb Steuben sich um dessen 
Stelle, in der Hoffnung, hier dem Lande weiter nützlich sein zu können. Eine 
den viel jüngeren General Knox begünstigende Gruppe von politischen Draht- 
ziehern, die ihren Mann ins Amt bringen wollte, erhob aber gegen Steuben den 
Einwand, derselbe sei ein „Ausländer'', und es wäre gefährlich, einem solchen 
einen so wichtigen Posten anzuvertrauen. 

Als auf diesen fadenscheinigen Grund hin Knox das Amt tatsächlich er- 
hielt, faßte Steuben diese Bevorzugung eines im Inland Geborenen gegenüber 
einem aus vollster Überzeugung zum Amerikaner Gewordenen als eine Be- 
leidigung, als eine Anzweiflung seiner so oft bewiesenen Hingabe für die Inter- 
essen der Republik auf. Er unterbreitete deshalb am 24. März des genannten 
Jahres dem Kongreß sein Entlassungsgesuch, das am 15. April unter Verleihung 
eines goldenen 'Ehrendegens genehmigt wurde. 



— 239 — 

Leider erlebte der wackre Soldat auch an seinem Lebensabend noch 
mancherlei Verdrießlichkeiten. Während der f eldzüge hatte er, da der stets 
von Geldverlegenheiten bedrängte Kongreß seinen Verpflichtungen betreffs des 
Steuben zugesicherten Gehaltes nur ungenügend nachkommen konnte, einen be- 
deutenden Teil sowohl des eignen Unterhalts wie der Kosten seines Stabs aus 
eigenen Mitteln bestritten. Steubens Guthaben an den Kongreß belief sich zu 
Ende des Krieges auf 70 000 Dollar. 

Ehe der Kongreß an die Erfüllung dieser Verpflichtungen schritt, ver- 
strichen sieben lange Jahre. Inzwischen waren andere, mit den tatsächlichen 
Verhältnissen wenig vertraute Männer ans Ruder gekommen, welche die Forde- 
rungen der von ihnen begünstigten Generale vorschoben und, um Steubens 
Ansprüche nicht bewilligen zu müssen, die Rechtskraft des zwischen dem früheren 
Kongreß und Steuben geschlossenen Vertrags anzweifeln wollten. In heller 
Entrüstung über diesen unwürdigen Versuch sprang der Abgeordnete Page 
aber auf und rief: „Dieser berühmte Veteran bot uns sein Schwert unter so 
großmütigen Bedingungen an und leistete uns so wesentliche Dienste, daß ich 
für den Kongreß erröten würde, falls die Ansichten einzelner Mitglieder zu 
Beschlüssen erhoben v/erden sollten. Es ist des Kongresses unwürdig, daß, 
nachdem er solange die Vorteile dieser Dienste genossen hat, er jetzt ängst- 
lich die Bedingungen untersuchen will, unter denen sie angetragen wurden. 
Ich wäge sie nicht mit den vorgeschlagenen Dollars ab; ich halte sie für be- 
deutender als die höchste Summe, die wir dafür geben können. Wenn es von 
mir abhinge, eine Belohnung für die Opfer vorzuschlagen, die er brachte, um 
nach Amerika zu kommen und unsere Schlachten zu schlagen, so würde ich, 
darauf können Sie sich verlassen, eine viel größere Summe bestimmen, als 
irgendeiner von Ihnen vermutet." 

Erst im Juni 1790 fand die wenig erquickliche Angelegenheit ihre Erledi- 
gung, indem der Kongreß Steuben eine lebenslängliche Pension von 2500 Dollar 
aussetzte. 

Der wackre Veteran bezog dieselbe nur vier Jahre lang. Er hatte seinen 
Wohnsitz in der Stadt New York aufgeschlagen, von wo er sich, begleitet von 
wenigen vertrauten Dienern, zur Sommerszeit auf sein im Herzen des Staates ge- 
legenes Besitztum begab, um dort landwirtschaftlichen Arbeiten und wissen- 
schaftlichen Studien zu leben und in rauschender Waldwildnis die heiße Jahreszeit 
zu verbringen. Eine einfache Blockhütte diente ihm als Obdach. Hier wurde 
der wackre Kämpe im Jahre 1794 von einem Schlaganfall betroffen, infolge- 
dessen er am 25. November verschied. 

Seiner letztwilligen Verfügung gemäß schmückte man seine Brust mit 
dem unter Friedrich dem Großen erworbenen hohen Orden. Dann hüllte man 
die Leiche in den Soldatenmantel, der während des Feldzugs den Körper so 
oft umgeben hatte. Nachdem man den Toten dann in einen einfachen Sarg ge- 
bettet, setzte man diesen unter den uralten Riesenbäumen eines auf dem höchsten 
Gipfel der Grafschaft Oneida gelegenen Haines bei. Über dem Grab errichtete 



~ 240 — 

man aus grauen Quadern ein Denkmal, auf dem der von einem Eichenkranz 
umgebene Name „Steuben" dem Wandrer verkündigt, wer hier ruht. 

Seit jenen, von der ganzen Nation tiefempfundenen Trauertagen ist mehr 
als ein Jahrhundert dahingeflossen, ein Zeitraum, währenddessen die einst von 
Steuben bewohnte Waldwildnis sich in eine mit fruchtbaren Feldern erfüllte 
blühende Landschaft verwandelte. Aber der alte Hain, in welchem Steuben 
seine ewige Ruhe hält, ist geblieben. Aus der Ferne gesehen, mahnt er in seiner 




Steubens Ruhestätte in der Grafschaft üneida, N. Y. 



Wölbung an einen jener gewaltigen Hügel, wie sie in grauer Vorzeit in Skan- 
dinavien über den Ruhestätten berühmter Helden aufgehäuft wurden. Beim 
Fintritt in den Hain umfängt uns grüne Dämmerung. Die morschen Stämme 
und Äste längst vom Sturm gefällter Riesenbäume liegen umher, von Moos 
und Farren überwuchert. Wir befinden uns in einem Rest jenes ungeheuren 
Urwaldes, der vor Ankunft der Bleichgesichter den ganzen Osten bis zum 
Mississippi bedeckte. Inmitten dieses grünen Waldesdunkels ruht Steuben, der 
in seinem Testament bestimmte, daß man keinen der sein Grab umgebenden 
Bäume, wenn sie einst fallen sollten, hinwegräume. Sie wie die vom Sturm 
gebrochenen Zweige sollten als Symbol der die ganze Natur beherrschenden Ver- 
gänglichkeit gelten. 



— 241 — 

Vergänglichkeit! Wie allem Menschenwerk, so ist auch dem heute so 
mächtigen Bund der Vereinigten Staaten von Amerika keine ewige Dauer be- 
schieden. Andere Staatswesen mögen im Lauf der Jahrtausende an ihre Stelle 
treten. Aber solange das amerikanische Volk bestehen wird, solange wird es 
auch den Namen Steubens als das eines edlen Vorkämpfers der Freiheit in dank- 
barer Erinnerung halten. 




Schlußvignette: Steubens Blockhütte in der Grafschaft Oneida, N Y. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



16 




Die deutschen Truppenabteilungen im französischen 

Hilfsheer. 

Deutsche Hilfstruppen befanden sich auch in der Armee, welche dem am 
6. Februar 1778 zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich geschlossenen 
Vertrag zufolge von dem letztgenannten Lande gestellt und auf einer französi- 
schen Flotte nach Amerika gesendet wurde, um an dem Krieg gegen die Eng- 
länder teilzunehmen. Das von dem Marquis Rochambeau befehligte 6000 Mann 
starke Heer landete am 11. JuH 1780 bei New Port in Rhode Island. Seine 
deutschen Teile umfaßten erstens das aus Pfälzern bestehende Regiment „Zwei- 
brücken'\ das bei den Franzosen den Namen: „Regiment Royal Allemand de 
deux Fonts" führte. Zweitens ein Bataillon Kur-Trierscher Grenadiere des 
„Saar-Regiments" („Detachem.ent du regiment La Sarre"). Drittens mehrere 
Kompagnien elsaß-lothringischer Jäger, die den Regimentern „Bourbonnais" 
und „Soissonnais" zugeteilt waren. Viertens einen Teil der Reiterlegion des 
Herzogs von Lauzun. Befehlshaber des Zweibrückschen Regiments waren die 
beiden Prinzen Christian und Wilhelm von Zweibrücke n- 
Birkenfeld. Außer ihnen befanden sich bei den deutschen und fran- 
zösischen Truppenabteihmgen noch folgende höhere Offiziere mit deutschen 
Namen: Major Freiherr Eberhard von Esebeck, Oberst Adam 
Philipp Graf von Custine, Graf Axel von Fersen, der Stabs- 

Kopfleiste: Die Kapitulation der englischen Armee bei Yorktown. Nach dem 
Gemälde Trumbulls im Kapitol zu Washington, D. C. 



— 243 — 

chef des Oberstkommandierenden Marquis du Rochambeau, und Freiherr 
Ludwig von Closen-Haydenburg, der Adjutant Rochambeaus. 

Die deutschen Hilfstruppen kamen mit anderen Abteilungen des fran- 
zösischen Heeres hauptsächlich im Süden zur Verwendung, wo die Generale 
Steuben und Mühlenberg bemüht waren, den in Virginien eingefallenen Ver- 
räter Benedict Arnold unschädlich zu machen und an seiner Vereinigung mit 
dem in Nordkarolina stehenden Lord Cornwallis zu hindern. 

Dieses Ziel wurde leider nicht erreicht; dagegen gewannen die im fran- 
zösischen Hilfsheer stehenden deutschen Abteilungen bei der Belagerung von 
Yorktown hohen Ruhm. 

Dorthin hatte der englische General Cornwallis sich mit seinem aus 
12 000 Engländern und Hessen bestehenden Heer im Jahre 1781 zurückgezogen, 
um für seine Operationen in Virginien einen festen Stützpunkt zu haben. Dabei 
geriet er aber in eine bedenkliche, von seinen Gegnern sofort erkannte Falle. 
Auf verschiedenen Wegen kamen sie in Eilmärschen herbei und schlössen, 
16 000 Mann stark, Yorktown auf der Landseite ein, während eine französische 
Flotte gleichzeitig den Yorkfluß blockierte und die Einkreisung vollendete. 

Am 6. Oktober begannen die Belagerer mit dem Auswerfen der ersten, 
600 Schritt von der Festung entfernten Parallele. Die Amerikaner standen 
dabei auf dem rechten, die Franzosen auf dem linken Flügel. Schon am 
10. Oktober eröffneten sie das Bombardem.ent und zwar mit gutem Erfolg, 
denn mehrere bei Yorktown ankernde englische Schiffe gerieten durch glühende 
Kugeln in Brand und gingen in Flammen auf. 

Am 11. Oktober nahm man die auf 300 Schritt gegen die feindlichen 
Wälle vorgeschobene zweite Parallele in Angriff. Dabei galt es zwei feindliche 
Redouten zu erstürmen. Das geschah am 14. Oktober, und zwar wurde die 
eine von 400 Grenadieren und Jägern der beiden Regimenter „Zweibrücken" 
und „Gatenois" unter Führung des Prinzen Wilhelm von Zweibrücken ge- 
nommen, während die andere den Amerikanern in die Hände fiel. 

Die durch den Prinzen angegriffene Redoute war von 100 Hessen und 
30 Engländern besetzt. Die britischen Rotröcke gaben schon beim ersten An- 
griff Fersengeld. Die Hessen hingegen hielten tapfer stand und fügten den 
Angreifern einen Verlust von 97 Toten und Verwundeten zu. Unter den 
Blessierten befand sich der Prinz, welcher eine Verletzung am Kopf davontrug. 

Während dieser Kämpfe erfolgten auf beiden Seiten die Befehle in deut- 
scher Sprache.^) 



') Man hat wegen der großen Zahl der auf beiden Seiten kämpfenden Deutschen 
die Belagerung von Yorktown „die deutsche Schlacht" genannt. Und in der Tat war die 
Beteiligung der Deutschen an jenen Kämpfen ungewöhnlich stark. Fast der vierte Teil 
der englischen Armee etwa 2500 Mann bestand aus Hessischen und Anspachischen 
Hilfstruppen. Ebenso groß war die Zahl der im französischen Heer dienenden Deutschen. 
In der amerikanischen Armee bestand die von General Steuben und den Untergenerälen 

16* 



— 244 -^ 

Mit der Eroberung der Redouten und der Vollendung der Laufgräben 
war das Schicksal der Festung besiegelt. Ein am Morgen des 16. Oktober 
von den Belagerten unternommener Ausfall führte keine Änderung zu ihren 
Gunsten herbei. 

Am Morgen des 17. Oktober befanden sich auf französischer Seite die 
beiden Regimenter „Zweibrticken" und ,.Bourbonnais", auf amerikanischer Seite 
die Truppen des Baron von Steuben in den Laufgräben. Ihr gegen die Festung 
gerichtetes Geschützfeuer brachte die feindlichen Kanonen nach kurzer Zeit zum 
Schv^eigen. 

Die Fruchtlosigkeit ferneren Widerstands erkennend, entschloß sich Lord 
Comwallis nach einem mißglückten Versuch, über den Yorkfluß zu entweichen, 
zur Kapitulation. Nachdem die Bedingungen vereinbart waren, fiel einer 
Abteilung von Grenadieren des Regiments „Zweibrücken" die Ehre zu, über 
den Wällen der Festung das weiße, mit goldenen Lilien bestickte Banner 
Frankreichs aufzuziehen. 

Die Stärke der kapitulierenden Armee behef sich auf 7000 Soldaten, 
2000 Matrosen, 1500 Tories und 1800 Neger, im ganzen über 12 000 Mann. 
Außerdem fielen 8000 Musketen, 225 Geschütze und bedeutende Vorräte an 
Munition und Proviant den Amerikanern in die Hände. 

Bancroft erzählt, daß die im britischen Dienst stehenden hessischen und 
anspachischen Regimenter beim Strecken der Waffen an dem Regiment „Zwei- 
brücken" vorüberkamen. Da hätten die gefangenen Deutschen vergessen, daß 
sie den Siegern in Waffen gegenübergestanden. Sie wären auf ihre Landsleute 
zugelaufen und hätten dieselben mit Tränen in den Augen umarmt. 

Dem tapfern Prinzen Wilhelm von Zweibrücken erteilte der Befehlshaber 
des französischen Heeres den ehrenvollen Auftrag, zusammen mit dem Herzog 
von Lauzun die Nachricht von dem glorreichen Sieg der verbündeten fran- 
zösisch-amerikanischen Heere nach Frankreich zu bringen. 

Die Übergabe von Yorktown bildete das letzte größere Ereignis des 
amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. In England erkannte man, daß die 
Amerikaner nicht mit Gewalt unterjocht werden konnten. Da auch im eng- 
lischen Volk eine energische Abneigung gegen die Fortführung des ungemein 
kostspieligen Kriegs bemerkbar wurde, so entschloß die Regierung sich endlich 
dazu, ihre Truppen zurückzuziehen und die Unabhängigkeit der Vereinigten 
Staaten anzuerkennen. 

An der glorreichen Gewinnung derselben haben die vielen tausend 
Deutsche, welche unter den amerikanischen Fahnen fochten, unstreitig einen 



Mühlenburg, Gist und Wayne befehligte 3200 Mann starke Division fast ausschließlich aus 
deutschen Farmersöhnen aus Pennsylvanien und Virginien. Daß sich auch unter den übrigen 
amerikanischen Regimentern viele Deutsche befanden, ist sicher. So finden wir, daß von 
den 28000 Mann, welche auf beiden Seiten vor und in Yorktown fochten, fast ein Drittel 
Deutsche waren, welche unter engUschen, französischen und amerikanischen Fahnen 
kämpften. 



— 245 — 

ruhmvollen Anteil. Die unparteiische Geschichtsschreibung wird dieses Anteils 
stets gedenken. Und solange das Andenken an den Unabhängigkeitskampf der 
Vereinigten Staaten lebendig bleibt, solange wird man sich auch der mit 
diesem größten und folgenreichsten Ereignis der neueren Geschichte unlösbar 
verbundenen Namen der Helden Nikolaus Herchheimer, Peter Mühlenberg, 
Johann Kalb und Friedrich Wilhelm von Steuben erinnern. 




II. Teil. 



Die Deutschamerikaner seit Aufrichtung 

der Union. 




Der Anteil der Deutschen an der Erschließung 
und Besiedlung der westlich von den Alleghany's 

gelegenen Gebiete. 

Die deutschen Ansiedler im Stromgebiet des Ohio. 

Von allen Dokumenten und großen Ereignissen der menschlichen Ge- 
schichte haben keine die freiheitlichen Bestrebungen und die Zustände der Völker 
so mächtig beeinflußt, wie die Unabhängigkeitserklärung und die Aufrichtung des 
Bundes der Vereinigten Staaten von Amerika. Die erste bedeutete nicht bloß eine 
entschlossene Lossagung von einem mächtigen Monarchen, dem man unverblümt 
sein Sündenregister vorhielt, sondern zugleich einen geharnischten Protest gegen 
die uralte, bisher unangefochtene Lehre vom Gottesgnadentum der Herrscher. 

Gleich die zu Anfang des Schriftstückes niedergelegten Erklärungen waren, 
von einer weltumwälzenden, alle früheren Anschauungen umstoßenden Be- 
deutung. Sie lauteten: „Wir halten die folgenden Wahrheiten als erwiesen: 
Daß alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen 
unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind. Daß zu diesen Rechten Leben, 
Freiheit und das Streben nach Glück gehören ; daß zur Sicherung dieser Rechte 

Kopfleiste: Die Unterzeichnung der Unabhängigkeitseri<iärung der Vereinigten 
Staaten von Amerika am 4. Juli 1776. Nach dem im Kapitol zu Washington befindlichen 
Gemälde von J. Trumbull. 



— 250 — 

Regierungen unter den Menschen eingesetzt wurden, welche ihre Befugnisse 
durch die Zustimmung der Regierten empfangen; daß, wenn jemals eine Re- 
gierung gegen ihren Zweck verstößt und zerstörend wirkt, das Volk das Recht 
hat, die Regierung zu ändern oder abzuschaffen, eine neue Regierung einzu- 
setzen, deren Grundlage auf solche Prinzipien zu legen und ihre Gewalt in 
solche Formen zu kleiden, wie sie dem Volk zur Förderung seiner Sicherheit 
und Wohlfahrt am zweckdienlichsten scheinen." 

Gleich einem Feuerbrand wälzte sich dieser durch Thomas Jefferson in 
Worte gefaßte, durch George Washington so glänzend in die Tat umgesetzte 
Freiheitsgedanke über die ganze Erde. Er flackerte zuerst in Frankreich auf, 
dem Land, welches den Amerikanern gegen England zur Seite gestanden hatte. 
Dann trieb er die spanischen Kolonien Mittel- und Südamerikas zu ihren erfolg- 
reichen Unabhängigkeitskämpfen. Er fand femer in den Freiheitsbestrebungen 
der westindischen Neger, der südafrikanischen Buren, in den Verfassungs- 
kämpfen fast sämtlicher europäischen Länder ein lebhaftes Echo. 

In Deutschland hatte man den Verlauf der amerikanischen Unabhängig- 
keitskämpfe mit äußerster Aufmerksamkeit verfolgt. Nicht bloß darum, weil 
viele hunderttausend Deutsche Amerika zu ihrer neuen Heimat erkoren hatten 
und zahllose Deutsche in den kämpfenden Heeren standen. Sondern weil auch 
in den Herzen der in Deutschland Zurückgebliebenen eine ungestüme Sehn- 
sucht nach Freiheit brannte. 

Deutschlands Dichter und Philosophen feierten George Washington als 
einen Helden, der den größten aller Zeiten gleichzustellen sei. Das allgemeine 
Staunen wuchs, als Washington nach dem siegreich zu Ende geführten Krieg 
die Regierung der jungen Republik übernahm und dieselbe unter der Beihilfe 
von Männern bewährten Verstandes, unantastbaren Charakters und erprobter 
Vaterlandsliebe zu einem vollendeten Erfolg machte. 

Dieser Erfolg bewirkte natürlich eine starke Zunahme der Einwandrung. 
Verbürgten doch die Vereinigten Staaten den Ankömmlingen volle Gleich- 
stellung in sozialer, und volle Freiheit in religiöser und politischer Beziehung. 
Obendrein waren durch den Krieg dem Gebiet der llnion neue gewaltige 
Ländermassen hinzugefügt worden, die sich bis zum Mississippi erstreckten 
und wo sich den Einwandrern tausend Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer 
materiellen Lage darboten. 

Über die Stärke der deutschen Einwandrung während des vom Ende 
des Kriegs bis zum Jahre 1820 reichenden Zeitraums sind wir nur ungenügend 
unterrichtet. Weder in Europa noch in Amerika stellte man über den Abgang 
und Zuzug von Personen statistische Erhebungen an. Aber aus manchen 
anderen Quellen können wir schließen, daß die deutsche Einwandrung in die 
Vereinigten Staaten während der genannten Periode beträchtlich gewesen ist. 

Die Neuankömmlinge ließen sich entweder in den an der Ostküste bereits be- 
stehenden Ortschaften nieder oder rückten den Kolonisten nach, welche sich zum 
Einmarsch in die jenseits der Alleghany Gebirge liegende Gebiete entschlossen. 



— 251 — 

Die furchtbaren Greueltaten, welche von den verbündeten Briten und 
Indianern v^ährend des Krieges sowohl in jenen Gebieten, wie in den an- 
stoßenden Teilen von New York, Pennsylvanien, Maryland und Virginien ver- 
üb't worden waren, hatten den Zug der Ansiedler dorthin gänzlich zum Stocken 
gebracht. Die Ländereien der „Ohio Compagnie", der „Mississippi Com- 
pagnie" und anderer Kolonisationsgeselischaften lagen brach. Desgleichen die 
großen Besitzungen, welche George Washington als Anerkennung für seine 
während des Franzosenkriegs geleisteten Dienste zugesprochen worden waren. 
Wie sich aus noch erhaltenen Briefen ergibt, hatte Washington bei der Frage 
der Besiedlung seiner Besitzungen in erster Linie an deutsche Ackerbauer ge- 
dacht. Im Februar 1774 schrieb er von Mount Vernon an James Tilghman in 
Philadelphia : „Gewichtige Gründe fordern eine rasche, erfolgreiche und zugleich 
bilHge Kolonisierung dieser Ländereien. Von allen Vorschlägen, die mir unter- 
breitet wurden, versprechen keine bessere Erfolge, als die Besiedlung der Lände- 
reien mit Deutschen aus der Pfalz." 

Aus anderen Quellen wissen wir, daß Washington sich eifrig erkundigte, 
wie dieser Plan ausgeführt werden könne und ob es ratsam sei, einen intelli- 
genten Deutschen nach der Pfalz zu senden, um dort Auswandrer anzuwerben 
und ihre sichere Überführung nach Amerika zu bewirken. In derselben An- 
gelegenheit wandte er sich an den Reeder Henry Riddle und versprach den deut- 
schen Bauern, die für ihn angeworben würden, nicht bloß die Reisekosten bis 
zum Ohio zu bezahlen, sondern sie auch bis zur ersten Ernte mit allem Nötigen 
zu unterstützen und ihnen für vier Jahre den Pachtzins zu erlassen. — Allen 
diesen Plänen machte der Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges ein Ende. 

Auch nach dem Kriege geschah die Besiedlung des Ohiogebietes nur 
langsam. Die unwirtlichen, mit ihren höchsten Gipfeln 2000 m emporsteigen- 
den Ketten der Appalachen- oder Alleghanygebirge bildeten einen Wall, der 
dem Vordringen der Ansiedler gen Westen außerordentliche Hindernisse be- 
reitete. Denn das ungeheure, vom 32. bis zum 49. Grad n. Br. reichende Ge- 
birgssystem bestand nicht etwa aus einem einzigen Rücken, sondern aus zahl- 
reichen parallelen Ketten, die sämtlich mit dichten, an Unterholz reichen Ur- 
wäldern bewachsen waren. Diese zu durchdringen und die Ketten zu über- 
schreiten, hatten bereits die ersten Erforscher dieses Gebirgssystems, die beiden 
Deutschen Johann Lederer und Henry Batte, während der zweiten Hälfte des 
17. Jahrhunderts sich vergeblich bemüht. Überall waren sie auf ein Chaos von 
Steinblöcken und gefallenen Baumriesen gestoßen, über und zwischen welchen 
üppig wuchernde Moose, Schlingpflanzen, Rhododendronsträuche und Balsam- 
tannen dem menschlichen Fuß das Vordringen wehrten, dagegen Bären, Pan-^ 
them, Wölfen, Füchsen und anderen Raubtieren sichere Schlupfwinkel darboten. 

Erst nachdem die Gefahr blutiger Zusammenstöße mit Franzosen und 
Briten geschwunden und es gelungen war, in der Gebirgsmauer einige Pässe 
zu entdecken, kam die Westwärtsbewegung der Ansiedler wieder in Fluß. 

Es standen für dieselben mehrere Wege offen: im Süden das berühmte 



252 



Cumberland Gap, ein von Nordkarolina und Virginien nach Tennessee und 
Kentucky leitender Fingpaß; ferner der vom Potomac zum Monongahela 
führende Saumpfad, den der englische General Braddock im Jahre 1754 zu 




Cumberland Gap. 

Nach einem Gemälde von W. L. Sonntag. 

seinem unglücklichen Vorstoß gegen das französische Fort Duquesne benutzt 
hatte. Drittens der Weg, der von Henry Bouquet im Jahre 1758 bei seiner 
gegen dasselbe Fort gerichteten Expedition gebahnt worden war. Weiter im 



— 253 



Norden gesellte sich dazu das Mohawktal, welches in späteren Zeiten auch den 
Eisenbahnen als wichtigste, zum Westen führende Pforte diente. 

Die Entdeckung des Cumberlandpasses schreibt man dem Virginier 
Walker zu, einem jener kühnen Männer, die sich von dem Gemeinwesen ab- 
sonderten, um in das sie mächtig anziehende geheimnisvolle Innere des nord- 
amerikanischen Kontinents vorzudringen und dort der Jagd auf Pelztiere ob- 
zuliegen. 

Der Pelzhandel bildete bekanntlich während des 17. und 18. Jahrhunderts 
die wichtigste Einnahme- 
quelle der europäischen 
Kolonien in Nordamerika. 
Mit ihm. beschäftigen sich 
tausende undabertausende 
Personen. Ihm verdankten 

zahllose Handelsplätze 
und Ortschaften Ursprung 
und Dasein. Er rief auch 
neue, in Europa ganz 
unbekannte Menschengat- 
tungen hervor: die Trap- 
per, Voyageurs und Pelz- 
händler. 

Schwerlich gab es 
jemals verwegenere Män- 
ner als diese. Zu Fui3, 
zu Roß oder auf schwan- 
ken Rinden booten, meist 
allein, manchmal zu zweit, 
seltener zu mehreren ver- 
eint folgten sie den na- 
türlichen Wegweisern, den 
Strömen, oder schmalen, 
nur geübten Augen erkennbaren Wild- und Indianerpfaden. Ihr ganzes 
Dasein bildete eine ununterbrochene Kette furchbarer Entbehrungen und 
Gefahren. Bald mußten sie mit dem Beil mühsam Wege durch das Dickicht 
bahnen, bald Moräste und Ströme überschwimmen, daneben Hunger und Durst, 
im Sommer glühenden Sonnenbrand, im Winter bittere Kälte ertragen. Be- 
fanden sie sich in Feindesland, so durften sie nicht wagen, die Zeit mit einem 
lustigen Lied zu kürzen oder ein wärmendes Eeuer anzuzünden, um nicht die 
Aufmerksamkeit ihrer gefährlichsten Feinde, der Indianer, zu erregen. Denn 
die letzteren erkannten in den weißen Jägern nicht bloß Konkurrenten, die 
ihnen im Ausbeuten des Jagdreviers Schaden zufügten, sondern sie trugen 
ihnen auch einen unversöhnlichen Rassenhaß entgegen. Wehe dem Trapper, 




Ein Trapper des 18. Jahrhunderts. 



— 254 — 

den das Mißgeschick in die Gewalt eines feindlichen Stammes geraten ließ. Er 
entging nur dann einem grauenhaften Tode, wenn, was bisweilen geschah, eine 
noch unverheiratete oder verwitwete Indianerin ihn zum Gatten begehrte, oder 
wenn eine Frau, die ihre Söhne verloren, ihn adoptierte. Wo keine solche 
Lösung erfolgte, da endete das Leben des Gefangenen am Marterpfahl, unter 
Qualen, die an Entsetzlichkeit hinter den von den Ketzerrichtern des mittel- 
alterlichen Europa ausgeklügelten Torturen nicht zurückblieben. Bestanden 
sie doch in der stückweisen Zerstörung des Körpers unter Schonung der die 
Lebensdauer verbürgenden edlen Teile. Sie begannen mit dem Ausreißen der 
Nägel an den Zehen und Fingern, dem Ausbrechen der Zähne, dem Zermalmen 
der einzelnen Glieder, dem Bloßlegen und Zerstören der einzelnen Nerven, um 
sich zu immer raffinierteren Quälereien zu steigern, die manchmal tagelang 
dauerten, bis der Unglückliche ihnen endlich erlag. 

Unter den Verwegenen, welche solchen Mühseligkeiten und Gefahren mutig 
Trotz boten und als Vorläufer der Kultur in die Wildnis am Ohio eindrangen, be- 
fanden sich auch viele Deutsche. Sie kamen vom Fuß der den Staat Pennsylvanien 
durchziehenden Blauen Berge; sie kamen aus Maryland, Virginien und Karolina. 

Die Taten mancher dieser Wackern sind bis heute nicht vergessen. So 
erzählt man noch heute von Georg Jäger, der, lange bevor der von den 
Anglo-Amerikanern als „Pionier Kentuckys" gefeierte Daniel Boone dort auf- 
tauchte, in der „großen Wildnis'* jagte. Im Jahre 1771 traf er am Kanawha 
mit Simon Kenton, dem späteren Helden des Ohiotals, zusammen und ent- 
flammte durch die Beschreibung der gesehenen Landschaften und ihrem Wild- 
reichtum die Phantasie des jungen Mannes so, daß derselbe sich entschloß, mit 
Jäger dorthin zu ziehen. 

Michael Steiner oder S t o n e r durchstreifte bereits im Jahre 1767 
Tennessee. Im Jahre 1774 ward er in Gemeinschaft mit Daniel Boone aus- 
gesandt, eine Gesellschaft von Landvermessern aufzusuchen und heimzu- 
geleiten, die sich in der Gegend, wo heute die Stadt Louisville steht, verirrt hatte. 

Kaspar Mansker war einer der berühmten „long-hunters'' oder 
„langen Jäger", die im Jahre 1769 von Nordkarolina zu einem Jagdzug in die 
westlichen Regionen aufbrachen und durch deren Schönheit und Wildreichtum 
so gefesselt wurden, daß sie der Heimkehr fast vergaßen. Sie traten erst nach 
einem vollen Jahre den Rückmarsch an und erhielten wegen ihres langen Aus- 
bleibens den obigen Spitznamen. Mansker kreuzte die westUchste Kette der 
Appalachen, die Cumberlandgebirge, unzählige Male. Er war auch der erste 
Weiße, welcher den Cumberlandfluß befuhr. 

Ein ähnlicher Waldsohn war Michael Schuck. Seine aus Deutsch- 
land eingewanderten Eltern waren samt seinen Geschwistern in Nordkarolina 
von Indianern ermordet worden, worauf der allein im Wald zurückgebliebene 
Knabe auf die abenteuerlichste Weise sein Leben fristete. Mit dem Instinkt eines 
Panthers und dem Scharfblick eines Adlers begabt, wuchs er zum echten Trapper 
heran. Außer seinem mächtigen Bau war dieser deutsche Indianer in seinen 



— 255 — 

späteren Tagen durch schneeweiße Haare gekennzeichnet, die weit über die 
breiten Schultern herunterfielen. Beständig mit den Rothäuten kämpfend, drang 
Schuck in jahrzehntelangen Streifzügen bis nach Missouri vor, in dessen un- 
bekannten Wäldern er seinen Geist aushauchte. 

Einen ähnlichen Lebenslauf hatte der berühmte Indianerjäger Ludwig 
W e t z e 1 , ein Sohn des Pfälzers Johann Wetzet, der zu den ersten An- 
siedlern von Wheeling gehörte, aber im Jahre 1787 von Indianern erschlagen 
und skalpiert wurde. Seine fünf Söhne schwuren, den Tod ihres Vaters zu 
rächen. Keiner erfüllte diesen Schwur in so furchtbarer Weise, wie Ludwig, 
der jüngste der Brüder. Mit der Kampfweise der Indianer genau vertraut, 
stellte er sich die Aufgabe, ihrer so viele als möglich umzubringen, unbekümmert 
darum, daß die Regierung sich große Mühe gab, mit den Indianern Friedens- 
verträge abzuschließen. 

Als Wetzel fortfuhr, einen Indianer nach dem andern wegzuschießen und 
infolgedessen die Unruhen kein Ende nehmen wollten, setzte der Befehlshaber 
des an der Stelle der heutigen Stadt Cincinnati erbauten Forts Washington 
einen Preis auf die Festnahme Wetzeis. Er wurde tatsächlich gefangen und 
eingesperrt. Es gelang ihm aber zu entkommen, worauf er die Indianerjagd 
mit neuem Eifer aufnahm.. Abermals gefangen, sollte er erschossen werden. 
Aber nun brachen die Pioniere von beiden Seiten des Ohio in Massen auf, um 
Wetzel mit Gewalt zu befreien. Sie drohten, die ganze Besatzung des Forts 
zu massakrieren, wenn man Wetzel ein einziges Haar krümme. Um Blutvergießen 
zu vermeiden, gab der Befehlshaber des Forts den Gefangenen frei, nachdem 
derselbe sich feierlich zum Einhalten des Friedens verpflichtet hatte. Nach 
mancherlei anderen Abenteuern starb Wetzel später in Texas. 

Solcher Art waren die deutschen Männer, die an der Erschließung des 
Ohiogebietes teilnahmen. Ihnen folgten einzelne Truppen abteilungen, welche 
die von den Franzosen und Engländern erbauten Forts besetzten, an anderen 
geeigneten Stellen neue Befestigungen anlegten und so überall Stützpunkte schufen, 
von wo aus die Besiedlung des Ohiogebiets in gesicherter Weise erfolgen konnte. 

Solche Stützpunkte waren die Forts Pitt, Campus Martins, Steuben, Wa- 
shington, Defiance, Recovery, Sandusky, Detroit, St. Joseph, Adams, Wayne 
und andere. Im Jahre 1803 legte der Artillerieleutnant J. Swearingen, 
der Sohn eines zu Schäferstown in Virginien lebenden Deutschen, an der Mün- 
dung des Chicagoflusses in den Michigansee das Fort Dearborn an, welches mehrere 
Jahre später infolge der Abschlachtung seiner Bewohner durch feindliche In- 
dianer eine traurige Berühmtheit erlangte. 

Diese aus rohen Baumstämmen aufgeführten, mit Holztürmen und Pali- 
saden versehenen Forts dienten zugleich als Stationen für den Pelzhandel wie 
als Niederlagen, wo die Trapper und Ansiedler Waffen, Munition, Fallen, 
Kochgeschirre, Kleider, Ackergeräte und alle anderen Notwendigkeiten gegen 
die erbeuteten Pelze oder den Überschuß ihrer landwirtschaftlichen Erzeug- 
nisse eintauschen konnten. 



— 256 — 

Nachdem auf diese Weise den dringendsten Forderungen der Sicherlieit 
Reclinung getragen war, schritt die Besiedlung des Ohiogebiets rasch vorwärts. 
Troiz der unbeschreibHchen Mühseligkeiten, die das Überschreiten der rauhen 
Gebirgsketten mit sich brachte. 

Eine im Jahr 1784 entworfene Karte Kentuckys zeigt bereits fünfzig 
Forts, acht Niederlassungen und zahlreiche, aus mehreren Blockhütten be- 
stehende „Stationen". Vornehmlich an den Ufern der Ströme entfaltete sich 
reges Leben. Denn die meisten Einwandrer zimmerten, sobald sie die Gebirge 
hinter sich hatten und an schiffbare Gewässer kamen, Flöße oder sogenannte 
„Flachbocte" und „Archen", geräumige Fahrzeuge mit hüttenartigen Aufbauten, 
die den Reisenden nachts und bei unfreundlichem Wetter als Unterkunft 
dienten.^) Die Habseligkeiten und das mitgeführte Vieh waren im Hinterteil 




Ein Fort des 18. Jahrhunderts. 



des Fahrzeugs untergebracht. Zwei mächtige, auf dem Dach der Hütte be- 
festigte Ruder, die „broad horns", dienten dazu, das schwimmende Farmhaus 
im Fahrwasser des Stroms zu halten. So ließ man sich oft wochenlang die 
Flüsse abwärtstragen, bis man an Plätze kam, die dem Geschmack der Reisenden 
zusagten und durch ihre Lage und Umgebung gute Aussichten für die Zukunft 
boten. Dann wurde das Fahrzeug ans Ufer gesteuert, zerlegt und zum Bau der 
Hütten verwendet. Auf solche Weise entstanden am Ohio und seinen Neben- 
flüssen zahlreiche Orte, deren Bevölkerung aus englischen, deutschen, schotti- 
schen, irischen, französischen, holländischen und indianischen Elementen be- 
stand. An vielen Orten zählten Deutsche zu den Gründern. Major Benja- 
min Steitz und Mathias Denman besaßen z. B. im Jahre 1788 den 
größten Teil des Bodens, auf dem Cincinnati erbaut wurde. Einem deutschen 



') Der erste Flachbootschiffer auf dem Ohio war der Deutsche Jakob Joder. Er fuhr 
im Jahre 1757 den Strom hinab. 



257 — 



Helden des Unabhängigkeitskrieges, Major David Ziegler, fiel die Ehre 
zu, im Jahre 1802 als erster Bürgermeister des Dorfs gewählt zu werden. 

Israel Ludlow gründete in Gemeinschaft mit einigen Amerikanern 
im Jahre 1795 Dayton; EbenezerZane (Zahne) 1796 Zanesville und Neu- 
Lancaster. 

Die Namen der in den Staaten Ohio, Indiana, Kentucky und Tennessee 
gelegenen Orte Frankfort, Potsdam, Hannover, Germantown, Berlin, Minster, 
Freiburg, Glandorf, Wirtemberg, Osnaburg, Speier (Spires), Bern, Geneva, 
Saxon, Oldenburg, Hermann, Ferdinand, Betzville, Baumann, Neu-Elsaß, 




Ein Flachboot auf dem oberen Ohio. 

Bremen, Wartburg und viele andere verraten schon durch ihren Klang die 
deutsche Herkunft ihrer ersten Besiedler. Deutsche gründeten auch die Stadt 
Steubenville, deren Namen an den berühmten Organisator des amerikanischen 
Heeres erinnert. 

In der Folge wurden die Täler des Ohio und seiner Nebenflüsse, ins- 
besondere auch die vom Mohawktal nach Buffalo, Cleveland, Pittsburg und 
Detroit führenden Straßen zu einem Hauptsiedlungsgebiet der Deutschen in 
Nordamerika. 

Es war hauptsächlich das junge unternehmungslustige Volk der östlich 
von den Alleghanys bestehenden älteren Niederlassungen, das sich hier an- 
siedelte, um, wie die Väter es getan, im Urbarmachen neuer schöner Land- 
schaften die eigne Kraft zu proben. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



17 



— 258 — 

Gestärkt wurde es später durch stetig wachsende Scharen aus Deutsch- 
land kommender Einwandrer. Gemeinschafthch verHehen diese Deutschen zahl- 
reichen Plätzen jenes eigenartige Gepräge, das die ältere deutsche Einwandrung 
manchen Teilen der Oststaaten aufgedrückt hatte. In friedlichem Wettbewerb 
mit ihren Mitbürgern anglo-amerikanischer Abkunft halfen sie im Lauf der Jahr- 
zehnte die ungeheure, vom Stromsystem des Ohio bewässerte Wildnis in jene 
Gefilde verwandeln, die heute zu den ertragreichsten der ganzen Union gehören. 

Wie die Deutschen im Osten sich vielfach als Pioniere der Industrie und 
des Handels zeigten, so trugen sie auch zur industriellen Entwicklung des Ohio- 
gebiets in reichstem Maße bei. Kaum war Louisiana in den Besitz der Ameri- 
kaner übergegangen, so wendeten sie ihre Aufmerksamkeit derwichtigen Frage zu. 




Cincinnati im Jahre 1802. 

wie die weite Entfernung nach der zum Hauptstapelplatz für alle Ein- und Aus- 
fuhrgüterwerdenden Stadt New Orleans am raschesten zurückgelegt werden könne. 

Der Verkehr mittels der Flöße und Flachboote war äußerst langwierig. 
Obendrein konnte man diese Transportmittel nur für eine einzige Reise fluß- 
abwärts benutzen, da mit solchen Fahrzeugen unmöglich gegen die starke 
Strömung des Mississippi angekämpft werden konnte. Zur Rückfahrt mußten 
die Mannschaften stets leichte Kanus verwenden. 

Auch die Rundreisen der später an Stelle jener Flachboote tretenden Kiel- 
boote gestalteten sich überaus langwierig. Zwischen den beiden äußersten 
Punkten, Pittsburg und New Orleans, dauerten sie gewöhnlich ein volles Jahr. 
Diese lange Zeit wurde auf die Hälfte verkürzt, als der ehemalige Rheinschiffer 
Heinrich Bechtle im Auftrag des in Cincinnati lebenden Kaufmanns 
Martin Baum mehrere Segelbarken baute, die zur Rundreise nicht mehr als 
sechs Monate benötigten. 

Deutsche gaben auch die erste Anregung zur Anlage des die Ohiofälle 



— 259 — 

umgehenden Kanals bei Louisville. Ein Deutscher namens Bernhard 
R o s e f e 1 d t baute ferner das erste Dampfschiff der westUchen Ströme. Es 
erhielt den Namen der Stadt New Orleans und legte seine erste Reise dorthin 
im Jahre 1811 zurück. 

Die Entdeckung der unerschöpflich reichen Kohlen- und Eisenerzlager 
im Ohiogebiet hatte die Übertragung der Eisenindustrie dorthin zur Folge. 
Wie auf der Ostseite der AUeghanygebirge, so halfen die Deutschen auch hier 
diese Industrie mächtig entwickeln. Der bei Strasburg geborene Georg 
An schütz wurde durch Anlage einer Schmelze im Jahre 1792 der Pionier 
der Eisenindustrie Pittsburgs. Der kluge deutsche Geschäftsmann Jakob 
Meyers aus Baltimore errichtete um dieselbe Zeit am Slate Creek in Kentucky 
ein Schmelzwerk, wo außerdem allerlei Bedarfsgegenstände, Werkzeuge, Öfen, 
Kochtöpfe, Geschützläufe und andere Dinge hergestellt wurden. Anfangs litten 
die Arbeiter freilich so sehr unter den Nachstellungen der Indianer, daß die 
Hälfte der Leute stets Waffendienst verrichten mußte. Deutsche namens 
Schreeve gründeten auch im Greenup County einen Hochofen mit Dampf- 
gebläse, der von 1824 bis 1860 in Betrieb war. 

Mit dem immer mächtiger anscl^wellenden Strom der Einwandrung ver- 
breiteten die Deutschen sich über das ganze südlich von den großen Seen 
liegende Gebiet. Sie befanden sich unter den ersten Bewohnern der Städte 
Indianapolis, Louisville, Knoxville, Nashville, Chicago, Peoria und Milwaukee 
und erwarben überall durch Fleiß, Ausdauer und Ordnungsliebe die Achtung 
ihrer Mitbürger. Daß sie durch ihre Erfolge sogar den Neid minder glück- 
licher Mitbewerber herausforderten, erhellt aus manchen, von Nativismus durch- 
tränkten Klagen, denen man in verschiedenen anglo-amerikanischen Zeitungen 
jener Periode begegnet, und wo es heißt, daß die Deutschen im Erobern des 
Handels und Gewerbes unwiderstehlich seien. 




Schlußvignette: Fort Washington am Ohio, 
des 18. Jahrhunderts. 



Nach einer Zeichnung vom Ende 



17'' 




Die deutschen Ansiedler im Mississippital. 

Der erfolgreiche Unabhängigkeitskrieg hatte den Amerikanern zwar den 
Zutritt zu der großen Stroniseele des nordamerikanischen Kontinents, zum 
Mississippi gebracht, aber sie besaßen nicht die volle Kontrolle über diesen 
wichtigen Wasserweg. Sein Westufer sowie sein Mündungsgebiet, das ehe- 
malige Louisiana, waren nach der Verdrängung der Franzosen vom nordameri- 
kanischen Kontinent in den Besitz der Spanier übergegangen, die von freier 
Schiffahrt auf dem „Vater der Ströme" nichts wissen wollten. 

Ungehinderter Verkehr bedeutete aber für sämtliche am Ohio und auf 
dem Ostufer des Mississippi gegründeten amerikanischen Niederlassungen und 
Staaten eine Lebensfrage, da sie sonst ihre Erzeugnisse nicht ausführen konnten. 
Die Lage war unerträglich. Denn der überaus schwierige Transport über die 
Alleghanygebirge verbot sich der ungeheuren Kosten wegen. 

Da, mit Anbruch des IQ. Jahrhunderts, änderten diese Zustände sich 
plötzlich in einer für die Amerikaner überaus günstigen Weise. Spanien mußte 
am 1 . Oktober 1 800 sein ganzes Besitztum am Mississippi an Frankreich zurück- 
geben. Napoleon Bonaparte aber, der seinen bereits in der Luft liegenden 
unvermeidlichen Krieg mit England voraussah, empfand den überseeischen 
Besitz als eine schwere Last, da er außerstande war, Louisiana gegen einen 
englischen Flottenangriff zu schützen. Er beschloß deshalb, sich jenes Riesen- 
reichs in einer Weise zu entäußern, die Frankreich nicht nur materiellen Nutzen 



Kopfleiste: Amerikanische Flußdampfer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 



— 261 — 

bringen, sondern zugleich seinen Gegnern einen argen Strich durch die Rech- 
nung machen sollte. 




("npyright hy Karl Biittr H»0,^. 



Die Unterzeichnung des Louisiana-Vertrags. Bildhauerarbeit von Karl Bitter in New Yori<. 



„Die Engländer'*, so erklärte er seinen Ministern, „streben, die Reich- 
tümer und den Handel der ganzen Welt an sich zu reißen. Um die Völker 
von ihrer unerträglichen kommerziellen Tyrannei zu befreien, ist es nötig, ihren 



— 262 — 

Einfluß durch eine Seemacht zu balancieren, die ihnen eines Tages die Handels- 
suprematie streitig machen kann. Diese Macht sind die Vereinigten Staaten. 
Stärke ich deren Stellung durch Abtreten des Mississippigebiets, so erhält Eng- 
land im Welthandel einen Mitbewerber, der seinen Übermut früher oder später 
dämpfen wird." 

Die mit den Vereinigten Staaten angeknüpften Verhandlungen kamen am 
30. April 1803 zum Abschluß, wodurch Louisiana gegen eine Summe von 
15 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten überging. Durch dieses groß- 
artigste Landkaufgeschäft aller Zeiten wurden die Vereinigten Staaten um ein 
Gebiet bereichert, das demjenigen von Großbritannien, Deutschland, Frank- 
reich, Spanien, Portugal, Italien und der Schweiz gleichkommt und den bis- 
herigen Flächeninhalt der Union verdoppelte. 

Von welch unermeßlicher Bedeutung die Erwerbung Louisianas für die 
Kulturentwicklung der Vereinigten Staaten werden sollte, konnte damals aller- 
dings niemand voraussehen, da man weder die fabelhafte Ausdehnung des 
Mississippisystems, noch die Beschaffenheit der westlich vom Hauptstrom lie- 
genden Ländermassen kannte. 

Vorderhand war für die Amerikaner kein Punkt so wichtig, als der 
durch den Ankauf Louisianas ermöglichte freie Verkehr auf dem Mississippi. 
Das war ein Gewinn, der alles andere überschattete. Denn nun war den west- 
lich von den Alleghanygebirgen entstandenen Staaten die heiß ersehnte Mög- 
lichkeit geboten, mit ihren Erzeugnissen auf dem Weltmarkt zu erscheinen. 

Ihr dadurch bewirkter Aufschwung wurde durch die gleichzeitige Er- 
findung der Dampfboote mächtig gefördert. Kaum hatte Fulton durch seine 
im Jahre 1807 mit dem Dampfer „Clermont" zurückgelegte Fahrt auf dem 
Hudson die Verwendbarkeit der Dampfkraft für die Schiffahrt bewiesen, so be- 
gannen die Flüsse Amerikas sich mit diesen neuen Verkehrsmitteln zu bedecken. 
Das erste Dampfschiff der westlichen Ströme wurde bereits im Jahre 1811 von 
dem Deutschen Bernhardt Rosefeldt in Pittsburgh erbaut und auf den 
Namen „New Orleans" getauft. Sein Führer war gleichfalls ein Deutscher, 
Kapitän Heinrich Schreeve, derselbe, welcher eine Dampfmaschine zum 
Zersägen und Entfernen der die Schiffahrt auf den westlichen Strömen so sehr 
gefährdenden „snags" (losgewaschene, mit ihren Wurzeln und Ästen in den 
Flußbetten verankerte Baumstämme) erfand. Sein Name ist in demjenigen der 
Stadt Shreevesport in Louisiana erhalten. 

Der Dampfer machte noch im Jahr seiner Erbauung die erste Reise den 
Ohio und Mississippi hinab. Es war eine ereignisreiche Fahrt, während der 
man unter anderem ein heftiges Erdbeben erlebte, das damals das untere 
Mississippital heimsuchte. 

Mit dem Aufkommen der Dampfboote und der gleichzeitigen Anlage von 
Schiffskanälen öffneten sich den Einwandrern mehrere neue, bequemere Wege 
zum Westen. Der eine führte von New York den Hudson hinauf bis Albany. 
Dort bestiegen die Reisenden Kanalboote zur Fahrt nach Buffalo, von wo aus 



— 263 — 

Dampfer den Weitertransport über die großen Seen nach den im Westen ent- 
standenen Ansiedlungen vermittelten. 

Den von England kommenden Einwandrern bot sich ein ähnlicher Weg, 
wenn sie den St. Lorenzstrom hinauf bis Toronto reisten und von dort die 
Schiffe benutzten, welche die großen Binnenseen befuhren. 

Eine dritte Verbindung boten jene Dampferlinien, welche von euro- 
päischen und amerikanischen Häfen aus einen direkten Verkehr mit New Orleans 
aufnahmen, wo bequem eingerichtete Flußdampfer die Weiterreise den Mis- 
sissippi und seine Nebenflüsse hinauf ermöglichten. Infolge dieser bequemeren 




Eine Eisenbahn im Mohawktal im Jahre 1835. 

Nach einem gleichzeitigen Stahlstich. 



und billigeren Verbindungen steigerte sich die Einwandrung in die Täler des 
Ohio und Mississippi von Jahr zu Jahr. 

Die Erfindung der Eisenbahnen fügte den bisher bekannten Mitteln zur 
Überwindung räumlicher Entfernungen neue von größter Bedeutung hinzu. 
y" Mit der gleichen Energie, welche die Amerikaner bisher beim Dienstbar- 
machen der Natur, im Ausbeuten ihrer reichen Gaben bekundeten, schritten sie 
nun dazu, ihr Land mit einem förmlichen Netz von Schienengleisen zu 
überziehen. Bei der Anlage solcher Eisenbahnen rechneten sie nicht wie die 
Europäer auf sofortigen Gewinn, sondern bauten die Bahnen oft in ganz un- 
bewohnte Wildnisse hinein, um den Ansiedlern die Möglichkeit zu bieten, nach- 
zurücken und ihre Erzeugnisse zu befördern. 



— 264 — 

Mit dieser Ära der Dampfer und Eisenbahnen hebt recht eigentlich die 
große amerikanische Völkerwanderung an, eine Völkerwanderung, die sich von 
derjenigen des Altertums dadurch unterscheidet, daß sich nicht wie damals 
ganze, im Rücken bedrängte Völkerstämme auf schwächere warfen und sie mit 
Langschwertern und Streithämmern aus ihren Wohnsitzen vertrieben. Es 
waren vielmehr unzählige einzelne Personen, Familien und kleine Haufen, die 
sich von den in Europa und im Osten der Vereinigten Staaten bestehenden 
Gemeinwesen ablösten, um mit Axt und Spaten an der friedlichen Eroberung 
der noch unkultivierten Gebiete der Neuen Welt teilzunehmen. 

Die große Masse der aus Deutschland kommenden Einwandrung jener 
Zeit bestand nach wie vor aus Landlenten und Handwerkern. Neben ihnen 
erschienen von jetzt ab auch Angehörige der gebildeten Klassen in größerer 
Zahl: Männer, die, durch die trostlosen politischen Zustände ihres Vaterlandes 
bitter enttäuscht, in der Fremde günstigere Verhältnisse zu finden hofften. 

Bekanntlich hatte das deutsche Volk zu Anfang des 19. Jahrhunderts 
überaus schwere Kämpfe gegen Napoleon führen müssen, jenen genialen Aben- 
teurer, der sich vom Konsul der französischen Republik zunächst zum Diktator, 
dann zum Kaiser aufwarf und unter Ström.en Blutes ein Weltreich aufzurichten 
suchte. Während der durch ihn heraufbeschworenen furchtbaren Zeit erlitt 
Deutschland seinen tiefsten Fall, indem es unter die Zwangsherrschaft des 
Korsen geriet. 

Aber dieser Fall war notwendig, um dem deutschen Volk den Weg zu 
seiner Wiedergeburt zu zeigen. In allen Schichten rang sich die Erkenntnis 
durch, daß ein Zusammenfassen sämtlicher Kräfte, ein geeintes Deutschland 
nötig seien, um die Fremdherrschaft abzuschütteln. Unter dem gewaltigen 
Druck eiserner Notwendigkeit entwickelte sich ein früher nie gekanntes natio- 
nales Gefühl, das die Herzen der deutschen Dichter und Denker wunderbar 
bewegte und ihnen Töne verlieh, wie sie erhabener nie zuvor erklungen waren. 

,.0h lerne fühlen, welchen Stamms du bist! 
Die angebor'nen Bande knüpfe fest. 
Ans Vaterland, ans teure schließ dich an, 
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen, 
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!" 

So mahnte Schiller in seinem „Wilhelm Teil", diesem geharnischten Protest 
gegen jede Unterdrückung echter Manneswürde. 

Zur selben Zeit sangen Kleist, Schenkendorf, Körner und Arndt ihre be- 
geisternden Freiheitslieder; Fichte hielt seine berühmten „Reden an die deutsche 
Nation"; Ludwig Jahn, der Vater der deutschen Turnerei, Freiherr Karl von 
Stein, Hardenberg und viele andere sorgten für die Kräftigung und Nationali- 
sierung der Jugend. Und als endlich die entscheidende Stunde schlug, da war 
dank der unermüdlichen Arbeit dieser patriotischen Männer das deutsche Volk 
geistig und körperlich so erstarkt, daß es vermochte, in dem großen Jahre 1813 
das entehrende Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. 



— 265 — 

Wohl hätte es für die dabei bewiesene Aufopferung und heldenmütige 
Tapferkeit den tiefsten Dank seiner Fürsten verdient. Aber diese vermochten 
nicht, sich zu gleich hohem Fluge zu erheben. Sie ließen nicht nur ihre vor 
dem Krieg gemachten feierlichen Versprechungen, dem Volk eine Vertretung 
bei der Regierung zu geben, unerfüllt, sondern versuchten alle freiheitlichen 
Regungen des Volkes zu ersticken, v/ährend sie selbst in das widerwärtige, dem 
Geist des 19. Jahrhunderts hohnsprechende Treiben ihrer Väter zurück- 
veriielen. 

Zum Unglück standen die deutschen Fürsten damals unter dem Bann 
des österreichischen Staatskanzlers Clemens Lothar von Metternich, eines jedem 
Fortschritt abgeneigten Finsterlings, dem, wie seinem vom starren Bewußtsein 
absoluter Herrscherrechte erfüllten Kaiser Franz I. alle Ktmdgebungen ver- 
haßt waren, die auf den nationalen Znsammenschluß des deutschen Volkes ab- 
zielten. Beide ahnten, daß eine solche Einigung das Ende der österreichischen 
Vorherrschaft in Deutschland zur Folge haben müsse. 

Auf das Betreiben dieser beiden Männer wurden sämtliche Turnvereine 
und Studentenverbindungen aufgelöst, alle deutsch-national gesinnten Pro- 
fessoren der Universitäten entlassen, alle Zeitungen und Bücher einer scharfen 
Zensur unterworfen. Um Personen ausfindig zu m.achen, die durch ihre An- 
sichten und Lehren dem Absolutismus der Flerrscher gefährlich werden könnten, 
setzte man eine „Zentral-Untersuchungskommission" ein, die sich in ihrer De- 
magogenriecherei der unglaublichsten Überschreitungen schuldig machte, Hun- 
derte von Studenten verhaften und von Festung zu Festung schleppen ließ, bloß 
weil sie vaterländische Lieder gesungen oder die verpönten schwarz-rot-goldenen 
Farben getragen hatten. Es ist bezeichnend für den Fanatismus jenes Aus- 
schusses, daß derselbe sogar Männer wie Blücher, Gneisenau, York, von Stein, 
Fichte und Schleiermacher als revolutionärer Bestrebungen verdächtig er- 
klären durfte. 

In dieser hoffnungslosen Zeit, die jeden patriotisch fühlenden und fort- 
schrittlich veranlagten Mann mit Ekel erfüllen mußte, erschien in Deutschland 
ein Buch, das ungeheures Aufsehen erregte. Sein Verfasser war der Arzt 
Gottfried Duden, welcher im Jahre 1824 eine Reise nach Nordamerika 
unternommen hatte und durch Maryland, Virgin ien und die am Ohio entstan- 
denen Staaten nach Missouri gekommen war. Sechzig Meilen westlich von 
St. Louis erwarb er ein Gut, das er, da er ausreichende Mittel besaß, klären 
und bestellen ließ. Die Mußestunden verbrachte Duden mit der Schilderung 
seiner Reisen, der amerikanischen Verhältnisse und der Jagdromantik der west- 
lichen Wildnis, in der es von Hirschen, Büffeln, Hasen, Präriehühnern usw. 
v/immle. Er beschrieb den neapolitanisch blauen Himmel, die reizvolle Fär- 
bung der herbstlichen Wälder und tausend andere Dinge, die jeden Freund 
_der Länderkunde aufs höchste interessieren mußten. In der Hauptsache getreu, 
zeichneten Dudens Darstellungen sich vor allen früher erschienenen Berichten 
über Amerika durch glänzende Frische und romantische Färbung aus. Ins- 



— 266 — 

besondere ließen sie die in Missouri herrschenden Zustände und Aussichten 
im Gegensatz zu den trostlosen Deutschlands geradezu verlockend erscheinen. 
Dieser, zuerst im Jahre 1829 in Bonn veröffentlichte „Bericht über eine 
Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas" erfreute sich bei allen Ge- 
bildeten einer überraschend günstigen Aufnahme. Ihnen, die in dumpfer Re- 
signation unter der Willkür der Fürsten und der rückschrittlich gesinnten 
Beamtenheere dahinlebten, eröffnete sich urplötzlich der AusbHck auf ein Land, 
dessen jungfräuliche Erde nicht bloß tausendfältigen Lohn für die auf ihn ver- 
wendete Mühe verhieß, sondern wo man sich schrankenloser Freiheit erfreuen 




Einwandrer auf ihrem Zug gen Westen. 

Nach einer Zeichnung von F. O. Darley. 



und die eigenen Ideen über Regierung und Staatsform verwirklichen 
konnte. 

Vielen Familien wurde Dudens Buch zur täglichen Lektüre. Um auch 
wenig Bemittelten die Anschaffung zu erleichtern, ließen Freunde und Begün- 
stiger der Auswandrung zahlreiche billige Ausgaben herstellen und verbreiten. 
Infolgedessen kam ein förmliches Auswandrungsfieber zum Ausbruch. Tausende 
von Leuten, denen „der Duden den Kopf verrückt hatte'', schickten sich zur 
weiten Reise nach Missouri an. 

Es waren nicht bloß Bauern, sondern Männer, die gebildeten, ja ge- 
lehrten Ständen angehörten, nun aber den Schulstaub von sich abwuschen, um 



— 267 — 

im frischen Tau der Urwälder neues Leben zu trinken. Mit ihnen zogen Jüng- 
linge, welche die Feder, nie aber die Holzaxt geführt, Frauen, welche daheim 
den Teetisch serviert, aber nie harte Handarbeiten kennen gelernt hatten. 

Viele dieser Auswandrer blieben, müde der langen Reise, in den Oststaaten 
oder am Ohio. Manche, bitter enttäuscht, verdarben in Elend. Viele aber 
gelangten wirklich ans Ziel und ließen sich im Tal des Mississippi nieder. 
Hier schufen sie, umgeben von anderen Ansiedlern, die berühmten „latei- 
nischen Settlement s", die ihren Namen daher erhielten, weil ihre Be- 
sitzer hochgebildete Leute waren, die Universitätsbildung genossen hatten, 




Ansiedler beim Errichten ihrer Heimstätte. 



Latein verstanden und das Studium der alten Klassiker dem müßigen Dispu- 
tieren in den Wirtshäusern vorzogen. 

Zu diesen „lateinischen Farmern'V) von denen viele tüchtige Landwirte 
wurden, zählten der bayrische Appellationsrat Theodor Hilgard, der 
Forstmeister Friedrich E n g e 1 m. a n n , die Rechtsgelehrten Wilhelm 
Weber und Gustav Körner, die Ärzte Gustav Bunsen, Adolf 



^) Da unter den , lateinischen Farmern" natürlich auch viele Personen waren, die 
von der Landwirtschaft nichts verstanden und nur aus Liebe zur Unabhängigkeit diesen 
mühseligen Beruf gewählt hatten, so erhielt die Bezeichnung später einen etwas spöttischen 
Beigeschmack. Man fand solche lateinischen Settlements" sowohl in i Illinois, Missouri 
und Wisconsin. 



— 268 — 

R e ti ß und Adolf Berchelmann, der Geschichtsprofessor Anton 
Schott, der Prediger Michael Ruppelius, der Schuldirektor Georg 
ß u n s e n und viele andere Gleichgesinnte. Die hier Genannten ließen sich 
sämtlich in dem südöstlich von St. Louis gelegenen Örtchen Belleville nieder, 
das sie zu einer überaus fruchtbaren deutsch-amerikanischen Bildungsstätte um- 
wandelten, von wo viele berühmte Männer ausgingen. 

Die Einwandrung ins Mississippital nahm von Jahr zu Jahr zu. Aus 
Europa, vom Osten und Süden zogen Menschen herbei. Welche Massen sich 
in Bewegung setzten, erhellt am klarsten aus der Tatsache, daß innerhalb der 
Monate Januar, Februar und März 1842 in St. Louis 529 Dampfboote anlegten, 
die insgesamt 30 384 Personen brachten. 

Allerorten wuchsen die Ansiedlungen wie Pilze aus der Erde. St. Louis 
entwickelte sich zu einem Haupthandelsplatz und Zentralpunkt für die Dampf- 
schiffahrt des gewaltigen Mississippisystems. Bereits in der Mitte der vier- 
ziger Jahre zählte die Stadt 40 000 Bewohner. Daß daselbst zwei tägliche 
deutsche Zeitungen bestehen konnten, zeugt für die Stärke der damaligen 
deutschen Bevölkerung. 

Im unteren Strom.gebiet ließen sich die Deutschen hauptsächlich in Mem- 
phis, Vicksburg, Natchez und New Orleans nieder. In der letztgenannten Stadt 
lebten im Jahre 1841 bereits 10 000 Deutsche. 

Am oberen Stromlauf wurden die Städte Altona, Quincy, Keokuk, Bur- 
lington, Davenport, Dubuque, Winona, St. Paul und Minneapolis, an den 
großen Binnenseen Chicago, Milwaukee und Detroit Sitze regen deutschen 
Lebens. Und zugleich Ausgangspunkte neuer Niederlassungen, die an den 
Nebenflüssen des Mississippi und den zahllosen Seen entstanden, die gleich 
tausend blauen Augen aus den Wäldern und Grassteppen von Wisconsin, 
Minnesota, Dakota, Nebraska und Iowa emporglänzen. Manche jener Nieder- 
lassungen kennzeichnen sich durch ihre Namen^) und die Mundart ihrer Be- 
wohner noch heute als schwäbische, fränkische, thüringische, niederdeutsche 
oder schweizerische Gründungen. 

Fast allen war eine ruhige, stete Entwicklung beschieden; denn mit dem 
einzigen Bevölkerungselement, welches Störungen hätte verursachen können, 
den Indianern, wußten die Deutschen im allgemeinen stets in Frieden aus- 
zukommen. 

In der Tat ereignete sich nur ein größerer Indianerüberfall auf eine 
deutsche Ansiedlung : derjenige der Sioux auf N e u - U 1 m in Minnesota. Dieser 
Ort ist eine Gründung unternehmungslustiger Turner aus Chicago, die im 
Jahre 1856 das schöne Tal des Minnesotaflusses als neue Heimat auserkoren. 



^) Solche Orte sind im Staate Missouri: Westphalia, Germantown, Hermann, Neu- 
Hamburg, Dammüiler, Diehlstadt, Altenburg, Biehla, Frohne, Wittenberg, Carola u. a. In Iowa 
finden wir Neu-Wien (New Vienna), Guttenberg, Minden usw. In Illinois Arenzville; in 
Wisconsin Germantown, New Köln, New Holstein, Town Schleswig u. a. 



~ 26Q — 

^ Das hier erbaute Städtchen zählte im Soinnier 1862 bereits 1500 Be- 
wohner, die friedfertig ihren Beschäftigungen nachgingen, ohne zu ahnen, daß 
sie von schwerem Unheil bedroht seien. 

Die mächtigen Sioux oder Dakotas beschritten nämlich, erbittert über die 
von betrügerischen Regierungsagenten an ihnen verübten Gaunereien, den 
Kriegspfad und fielen plötzlich über die im Tal des Minnesota liegendeii An- 
siedlungen her. Sie schlachteten zunächst eine Anzahl vereinzelt wohnender 
Ansiedler ab und wandten sich dann in dichten Scharen gegen das Städtchen 
Neu-Ulm. 




Sioux-Indianer. 



Am IQ. August unternahmen sie einen wütenden Angriff auf den Ort, 
dessen verstreut liegende Häuser für Verteidigungszwecke wenig geeignet 
waren. Zahlreiche Wohnungen gingen in Flammen auf. Ihre Bewohner zogen 
sich, beständig fechtend, in die Mitte des Ortes zurück, wo sie sich hinter 
eiligst errichteten Barrikaden aus Fässern, Betten, Kisten und Ackergeräten 
verschanzten. Der Kampf dauerte ohne Unterbrechung bis in die Nacht hinein. 
Mancher brave Deutsche fiel dabei in der Verteidigung seiner Familie. Als 
der nächste Morgen anbrach, waren die Rothäute verschwunden. Aber bereits 
am 23. August erschienen sie bedeutend verstärkt aufs neue, entschlossen, Neu- 
Ulm und seine Verteidiger gänzlich zu vertilgen. 

Gegen 9 Uhr morgens sah man in der Feme den Rauch brennender 
Hütten emporwirbeln. Bald darauf tauchten ganze Scharen berittener Indianer 



— 270 — 

hinter den Hügeln auf. 250 Deutsche unter der Führung des Richters Flandreau 
stelhen sich ihnen außerhalb des Ortes entgegen. 

Mit fliegender Eile brausten die Sioux auf ihren flinken Ponies heran, in 
ihrem farbigen Aufputz, der bunten Kriegsmalerei, den flatternden Federn und 
hochgeschwungenen Waffen im hellen Sonnenschein ein überaus phantastisches 
Bild darbietend. Ehe sie in Schußweite gelangten, entfalteten die indianischen 
Massen sich gleich einem gewaltigen Fächer und stürmten unter wahrhaft 
teuflischem Geheul auf die Weißen herein. 

Es zeigte sich bald, daß die von dem Richter Flandreau angeordnete 




Überfall einer Auswandrerkarawane. 



Aufstellung der Weißen durchaus verkehrt war, denn die Indianer breiteten 
sich immer weiter aus, um die Deutschen zu umzingeln und auch im Rücken 
anzugreifen. In scharfem Gefecht zogen die letzteren sich deshalb auf den Ort 
zurück, um diesen zu verteidigen. Daß man es mit verschlagenen Gegnern zu 
tun hatte, ergab der weitere Verlauf des Kampfes. Da der Wind vom unteren 
Ende des Ortes kam, so setzten die Sioux die dort stehenden Häuser in Brand 
und rückten unter dem Schutz des aufsteigenden Qualmes Schritt für Schritt 
vor. Die sonst so friedliche Hochebene verwandelte sich in ein einziges Flam- 
menmeer, dessen Ausbreitung die Belagerten auf ein immer kleiner werdendes 
Terrain beschränkte. Zuletzt hatten sie nur noch einen mit Barrikaden um- 
gebenen offenen Platz inne. Von diesem aus verteidigten sie sich während des 



— 271 — 

Restes des Tages und am folgenden Morgen mit solcher Hartnäckigkeit, daß 
die Feinde an einem Erfolg verzweifelten und endlich abzogen. 

178 Gebäude waren verbrannt, viele Familien ganz oder teilweise unter- 
gegangen. Da eine nochmalige Rückkehr der Feinde zu befürchten stand, so ver- 
ließen die Überlebenden am 26. August den verwüsteten Platz, um sich in eine 
der nächsten Ortschaften zurückzuziehen. Der traurige Zug, auf dem man die 
Frauen und Kinder sowie die 56 Verwundeten beförderte, zählte 150 Wagen. 

Insgesamt kamen während der von den Sioux angerichteten Metzelei 




Abgeschlachtet! 

Eine Szene aus den Indianerkriegen des fernen Westens. 

644 Ansiedler und 93 Soldaten ums Leben. Zudem war in weitem Umkreis 
das ganze Land verwüstet. 

Erst nachdem die herbeigezogenen Truppen die Rothäute vertrieben 
hatten, kehrten die Bewohner von Neu-Ulm zurück, um mit dem Wiederaufbau 
ihres Städtchens zu beginnen. Neue Ansiedler traten an die Stelle der Ge- 
fallenen; da die Regierung auch den erlittenen Schaden vergütete, so erholte 
sich die Kolonie rasch wieder und erlangte nach einigen Jahren ihr früheres 
blühendes Aussehen. 



— 272 — 

An der ferneren Entwicklung der im Stromgebiet des Mississippi und an 
den großen Seen gelegenen ungeheuren Ländermassen gebührt den Deutschen 
ein Hauptanteil. Die Chroniken fast aller hier entstandenen Staaten und Städte 
enthalten tausende und abertausende von Namen wackrer deutscher Männer, die 
sich durch fleißige Arbeit und ernstes Streben, durch die Gründung von Schulen 
und Kirchen, Turn-, Musik- und Gesangvereinen, wissenschaftlichen und wohl- 
tätigen Gesellschaften um den Aufbau und die Entwicklung des kultureilen 
Lebens in jenen Staaten und Gemeinwesen hochverdient machten. 




' «i^ol '—■ 






Deutsche Pioniere des fernen Westens. 



Von welcher Beschaffenheit die wesüich vom Mississippi gelegenen Ge- 
biete seien, wußte zur Zeit des Ankaufs von Louisiana niemand zu sagen. Noch 
hatte kein Boot die mächtigen Ströme jenes geheimnisvollen Westlandes be- 
fahren, noch kein Weißer die endlosen Steppen gekreuzt oder die himmelan- 
ragenden Felsengebirge erstiegen. So zeigten denn auch die Landkarten jener 
Zeit zwischen dem Mississippi und Großen Ozean einen gewaltigen weißen 
Fleck, wo die lakonischen Worte standen: „Die große amerikanische Wüste. 
Noch unerforscht." 

Die den Bürgern des jungen amerikanischen Staatenbundes innewohnende 
Energie und Regsamkeit duldeten aber nicht lange diesen Zustand. Bereits im 
Jahre 1803 erhielten die Kapitäne Meriwether Lewis und William Clarke den 
gefahrvollen Auftrag, als Erste in jene Wildnis vorzudringen. Ihre über mehrere 
Jahre sich erstreckende Reise von der Mündung des Missouri bis zu den Ge- 
staden des Großen Ozeans, sowie die bald darauf folgende Forschungsreise des 
Leutnants Zebuion M. Pike nach den Felsengebirgen bezeichneten den Anbruch 
einer glorreichen Epoche geographischer Entdeckungen, wie glänzender und 
segensreicher Amerika sie bisher nicht erlebt hatte. Erfolgte doch in diesem 
bis etwa zum Jahre 1870 reichenden Zeitabschnitt die Erschließung des fernen 
Westens, jenes Gebietes, das mit seinen Prärieen und Gebirgen, seinen unermeß- 

Kopfleiste: Astoria im Jahre 1812. 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 18 



— 274 — 



liehen Reichtümern an Gold, Silber und anderen wertvollen Metallen, seinen 
einzig dastehenden Landschaften und Naturmerkwürdigkeiten das „Wunder- 
land der Neuen Welt'* genannt zu werden verdient. 

Die Schilde- 
rungen der ge- 
nannten drei 
Reisenden, die in 
warmer Begei- 
sterung von den 
reichen Schätzen 
und Schönheiten 
Oregons — so 
wurden die Ge- 
biete amColumbia 
genannt — und 
der noch unter 
spanischer Herr- 
schaft stehenden 
FelsengebirgeCo- 
lorados und Neu- 

Mexikos spra- 
chen, blieben auf 
dieleicht entzünd- 
bare Abenteuer- 
lust der Amerika- 
ner nicht ohne 
Wirkung. Pelz- 
händler und Trap- 
per begannen 
ihren Weg dort- 
hin zu nehmen. 
Sie entflammten 
auch den in New 
York lebenden 
Deutsch-Amerika- 
ner Johann 
Jakob Astor 
zur Gründung der 
„Amerikanischen Pelzhandels-Gesellschaft" und zur Ent- 
sendung zweier großartiger Expeditionen nach Oregon. 

Astor, im Jahre 1763 in dem badischen Dörfchen Waldorf geboren, war 
1784 nach Amerika gekommen. Während der Überfahrt hatte sein guter Stern 
ihm mit einem Landsmann zusammengeführt, der im Pelzhandel ein ansehn- 




— 275 — 

liches Vermögen erworben hatte. Durch ihn ließ Astor sich bestimmen, das- 
selbe Geschäft zu ergreifen. Er tat dies mit solchem Erfolg, daß er nach einigen 
Jahren bereits eigne Handelsexpeditionen ausrüsten konnte. Mit seltenem 
Scharfblick für das Erkennen günstiger Gelegenheiten und das Beurteilen aus- 
wärtiger Verhältnissse begabt, wandte Astor sich hauptsächlich dem Handel 
mit England und China zu. Er war der erste amerikanische Kaufmann, dessen 
Fahrzeuge auf beständigen Handelsreisen den Erdball umschifften. Von New 
York aus segelten dieselben mit amerikanischen Pelzwaren nach England. 
Hatten sie dort ihre Ladung gelöscht, so traten sie, mit englischen Waren be- 
frachtet, die lange Reise um das Vorgebirge der Guten Hoffnung nach Indien 
und China an. Nachdem sie dort ihre Güter abgeliefert, nahmen sie Seide, Tee, 
Gewürze und andere orientalische Kostbarkeiten an Bord, um endlich um die 
Südspitze Südamerikas herum nach New York zurückzukehren. Für solche, 
fabelhafte Gewinste bringende Rundreisen benötigten die Schiffe in der Regel 
zwei Jahre. 

Bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts galt Astor als einer der reichsten 
Männer der Stadt New York. Ohne Frage war er auch einer der kühnsten 
und unternehmungslustigsten. Daß ihm zuerst die große kommerzielle Be- 
deutung der Westküste Amerikas vor die Seele trat, beweist sein wohldurch- 
dachter Plan, in Oregon eine Pelzhandelsstation zu errichten. 

Der Pelzhandel bildete bekanntlich die wichtigste Einnahmequelle Nord- 
amerikas. Mit dem Übergang Canadas an England war er aber nahezu ein 
A4onopol der Hudsons Bai Compagnie geworden, die über ungeheure Mittel 
verfügte und ihre tyrannische Macht bis in die südlich von den großen Seen 
und am oberen Mississippi und Missouri gelegenen amerikanischen Gebiete 
fühlbar machte. Auch im. Mündungsgebiet des von den Amerikanern entdeckten 
und zuerst befahrenen Columbia machte die Hudsons Bai Compagnie den Ame- 
rikanern den Platz an der Sonne streitig. 

Um diese Tyrannei zu brechen, beschloß Astor eine Kette befestigter Han- 
delsstationen zu gründen, die von der Mündung des Missouri bis zu den 
Quellen desselben und von da über die Felsengebirge und den Columbia ent- 
lang bis zur Küste des Großen Ozeans reichen solle. Am Ausfluß des Columbia 
plante Astor eine mit einem Hafen verbundene Hauptniederlage, von wo seine 
Schiffe regelmäßige Reisen nach China und Alaska ausführen könnten. Diese 
Station sollte den Anfang zu ähnlichen Kolonien fleißiger und energischer 
Amerikaner bilden, wie sie im Osten, an den Gestaden des Atlantischen Ozeans, 
bereits in so großer Zahl emporgeblüht waren. 

Die Bundesregierung brachte den Plänen des Deutschamerikaners leb- 
haftes Interesse entgegen. Präsident Thomas Jefferson schrieb persönlich an 
Astor: „Ich betrachte die Anlage von Niederlassungen an der Nordwestküste 
als einen großen öffentlichen Gewinn und sehe mit freudiger Genugtuung die 
Zeit kommen, wo die Nachkommen der ersten Ansiedler sich über die ganze 
Länge jener Küste ausgedehnt und sie mit freien amerikanischen Gemeinwesen 

18* 



— 276 — 

bedeckt haben werden, welche mit uns durch die Bande des Blutes und des 
gemeinschaftlichen Interesses sowohl als durch den Genuß derselben Rechte der 
Selbstregierung verbunden sind." 

Wohl nur um seinen Plänen größeres Gewicht zu verleihen, gründete 
Astor zunächst die „Amerikanische Pelz-Handelsgesellschaft", deren hundert 
Anteile zur Hälfte ihm gehörten, während die andere Hälfte unter verschiedene 
mit dem Pelzhandel vertraute Personen verteilt wurden, jedoch so, daß keiner 
derselben mehr als drei Anteile erhielt. Der auf die Dauer von zwanzig Jahren 
geschlossene Vertrag bestimmte, daß, falls die Gesellschaft innerhalb der ersten 
fünf Jahre sich auflöse, sämtliche Kosten und Verluste des Unternehmens von 
Astor getragen werden sollten. Erst nach Ablauf dieser Zeit partizipierten die 
übrigen Gesellschafter nach Maßgabe ihrer Anteile an Gewinn und Verlust. 

Bald nach der Gründung dieser Gesellschaft rüstete Astor zwei Expedi- 
tionen aus, von denen eine auf dem Seewege um Kap Hörn, die andere über 
Land den Missouri und Columbia entlang bis zur Mündung des letztgenannten 
Flusses vordringen sollte. Für die Seeexpedition wählte er das zehn Kanonen 
führende Schiff „Tonquin". Mit Waren für den indianischen Tauschhandel, 
mit Waffen, Lebensmitteln, Baumaterial und anderen Notwendigkeiten beladen, 
nahm es zugleich eine Anzahl tüchtiger Handwerker und im Verkehr mit In- 
dianern erfahrener Händler an Bord. Das Fahrzeug erreichte im März des 
Jahres 1811 seinen Bestimmungsort, wo mit der Anlage einer befestigten Nieder- 
lassung sofort begonnen wurde. 

Die aus sechzig erprobten Leuten bestehende Landexpedition traf nach 
Überwindung unsäglicher Schwierigkeiten und Entbehrungen einige Monate 
später ein. Immerhin früh genug, um an dem Ausbau des zu Ehren des Ur- 
hebers des ganzen Unternehmens „Astoria" getauften Handelspostens teil- 
nehmen zu können. 

Leider war diesem keine lange Dauer beschieden. Ein Schicksalsschlag 
folgte dem anderen. 

Zuerst kam der tragische Untergang des Schiffes „Tonquin", welches 
während einer Handelsreise an der Insel Vancouver von Eingeborenen über- 
fallen und, nachdem fast alle Weiße niedergemacht waren, von dem letzten 
Überlebenden samt mehreren hundert siegestrunkenen Wilden in die Luft ge- 
sprengt wurde. 

Ein zweites nach Astoria gesandtes Schiff scheiterte an einer der 
Hawaischen Inseln. Um das Unglück vollzumachen, brach im Jahre 1812 ein 
Krieg zwischen England und den Vereinigten Staaten aus, währenddessen die 
letzteren den weit entlegenen Handelsposten Astoria nicht zu schützen ver- 
mochten. 

Das Schicksal der jungen Niederlassung war besiegelt, zumal unter ihren 
Beamten sich mehrere Verräter befanden. Ihr Rädelsführer war ein gewisser 
Mc Dougall, ein früherer Beamter der Hudsons Bai Compagnie. Astor hatte 
ihn durch Bewilligung eines großen Gehaltes an sich gezogen; aber Mc Dou- 



— 277 — 



gall blieb geheim im Dienst der feindlichen Gesellschaft, die ihn in kritischer 
Zeit zum Verderben Astorias benutzte. Er war es nämlich, der, als im Jahre 
1813 ein Angriff der Engländer zu befürchten stand, die Beamten Astorias be- 
wog, in die Dienste der Hudsons Bai Compagnie überzutreten. Als im De- 
zember eine englische Kriegsschaluppe erschien, ergriff die Hudsons Bai Com- 
pagnie gewaltsam Besitz von Astoria, und behauptete sich im Besitz der Station 
bis zum Jahre 1846, wo England seinen Ansprüchen auf das Land am Columbia 
zugunsten der Vereinigten Staaten entsagen mußte. 

Verlief demnach 
das für Astor mit 
schweren Verlusten ver- 
knüpfte Unternehmen 
ohne den gewünschten 
Erfolg, so wird es 
nichtsdestoweniger in 

der Geschichte der 
großartigen kaufmänni- 
schen Unternehmungen 

als ein glänzendes 
Denkmal deutschameri- 
kanischer Tatkraft für 

alle Zeiten bestehen 
bleiben, zumal es in 

Astors berühmtem 
Freund Washington Ir- 
ving einen Chronisten 
fand, dessen klassisch 

geschriebenes Werk 
„Astoria, or anecdotes 
of an enterprise Deyond 
the Rocky Mountains" 
in aller Welt bekannt^ 
geworden ist. 

Wurden so die Anfänge zur Zivilisation und zum Handel der fernen 
Nordwestküste durch einen Deutschen eingeleitet, so ist auch unter den Pionieren 
des Goldlandes Kalifornien ein Deutscher, Johann August Sutter, der 
berühmteste. 

Sutter wurde gleichfalls in Baden, und zwar am 28. Februar 1803 in der 
Ortschaft Kandern geboren. Auf der Kadettenschule zu Thun in der Schweiz 
empfing er eine militärische Erziehung; im Kanton Bern brachte er es zum 
Hauptmann eines Infanteriebataillons. Der Trieb ins Weite führte ihn im Jahre 
1834 nach Amerika, nach St. Louis, dem damaligen Emporium des westlichen 
Pelzhandels, von wo in jedem Frühling zahlreiche Karawanen gen Westen 




Johann August Sutter. 



— 278 — 

zogen, um von Indianern und Trappern Pelze einzutauschen. Andere Kara- 
wanen wandten sich nach Santa Fe, der im Jahre 1605 von den Spaniern ge- 
gründeten „Stadt des heiligen Glaubens". Dieser Ort war seit langer Zeit ein 
Hauptstapelplatz des amerikanischen Handels mit Mexiko, Arizona, Texas und 
Kalifornien. Von den Ufern des Missouri aus führte dorthin jener 800 Meilen 
lange, von blutiger Romantik umwobene Santa Fe Trail, der in der Geschichte 
des fernen Westens hohe Bedeutung erlangte. Die Handelsexpeditionen, welche 
diese berühmte Straße zogen, bestanden aus Hunderten von hochbeladenen Fracht- 
wagen, sogenannten „Prairieschuners". Ihr Eintreffen nach monatelanger Fahrt 
bedeutete für die ganze Bewohnerschaft von Santa Fe ein freudiges Ereignis. 
Die an dem Warenzug beteiligten Händler hingegen atmeten hoch auf, hatten 
sie doch unterwegs nicht selten blutige Kämpfe mit Indianern zu bestehen. 

„Ich zweifle," so schrieb der Amerikaner Gregg in seinem Buch „The 
Commerce of the Prairies", „ob die Kreuzfahrer beim ersten Anblick der Mauern 
der heiligen Stadt in lauteres, rasenderes Jauchzen ausbrachen als diese Händ- 
ler, wenn sie in der Ferne die Türme von Santa Fe sahen. Das Schauspiel war 
des Pinsels eines Malers würdig. Selbst die Pferde schienen die Jubelstimmung 
ihrer Reiter zu teilen und wurden lustiger und wilder. Und welche Erregung 
befiel die Eingeborenen ! „Los Americanos ! Los carros ! La entrada de la cara- 
vana!" Diese Rufe hörte man aus allen Richtungen. Frauen und Kinder drängten 
sich massenweise um die Ankömmlinge, die auf ihr Äußeres besondere Sorg- 
falt verwandten, da sie wußten, daß sie ein Kreuzfeuer schöner, schwarzer Glut- 
augen passieren mußten." 

Und nun wurden die Baumwollfabrikate, die samtnen und seidenen Ge- 
wänder, die glitzernden Perlen, die schimmernden Goldgeschmeide, die Stahl- 
und Eisenwaren verhandelt. Manches Millionenvermögen dankt den glänzenden 
Gewinsten aus jenem Handel seinen Ursprung. Der Verkehr litt häufig unter 
dem launenhaften und despotischen Vorgehen der spanischen und mexikani- 
schen Behörden, welche diese Handelsgelegenheit den verhaßten Amerikanern 
mißgönnten; ja, er wurde bisweilen verboten. Doch die unerschrockenen 
„Gringos" kehrten allen Drohungen zum Trotz immer wieder reichbeladen 
zurück, um stets gute Aufnahme und reißenden Absatz für ihre Waren zu 
finden, deren strotzende Pracht und grelle Farbenbuntheit die Augen und 
Herzen der feurigen Senoras bestach. 

Einer der erfolgreichsten Karawanenführer war der in St. Louis lebende 
Deutsche A. S p e i e r , de&en Handelszüge sich über Santa Fe hinaus bis 
Chihuahua erstreckten. 

Auch auf Sutter übte das mit diesen Handelszügen verbundene aben- 
teuerliche Leben solchen Reiz, daß er drei Jahre lang sich an solchen Karawanen 
beteiligte. Im Jahre 1838 wanderte er mit mehreren Trappern nach Oregon, 
besuchte Vancouver und die Flawaiinseln, kaufte dort ein Fahrzeug und unter- 
nahm eine Handelsexpedition nach dem russischen Alaska. Im Jahre 1840 
segelte er nach Kalifornien, erwarb dort von der mexikanischen Regierung einen 



— 27Q — 

am Sacramentofluß gelegenen Streifen Landes und gründete an derselben Stelle, 
wo heute die Stadt Sacramento steht, die Niederlassung Neu-Helvetia. Zu ihrem 
Schutz baute er eine von hohen Mauern umgebene Befestigung, Fort Sutter, 
für dessen Verteidigung er vierzig Geschütze beschaffte, sowie eine aus kaliforni- 
schen Indianern gebildete Besatzung anwarb. Im Hinblick auf die soldatische 
Erziehung Sutters kann es nicht überraschen, daß die Verwaltung von Neu- 
Helvetia ganz nach militärischen Regeln geschah. Sämtliche Indianer waren 
uniformiert und wurden jeden Abend von einem ehemaligen deutschen Offizier 
unter den Klängen einer A4usikkapelle einexerziert. 

Außer den Indianern und deren Familien standen dreißig Deutsche, Eng- 
länder und Franzosen in Sutters Diensten. Je nach der Jahreszeit schwankte 




Fort Sutter. 

Nach einer gleichzeitigen Zeichnung. 



die Bewohnerschaft von Fort Sutter zwischen 200 bis 500 Personen. Inner- 
halb des Forts lagen verschiedene Werkstätten, Schmieden, Webereien, Gerbe- 
reien, Mühlen und Brauereien. Auf dem Fluß schaukelten ein Zweimaster und 
ein kleineres Fahrzeug. 

Infolge des durch das Fort gewährten Schutzes wurde Neu-Helvetia 
Mittelpunkt eines lebhaften Verkehrs. Der Hauptbesitz Sutters bestand in un- 
geheuren Viehherden; daneben lieferten seine ausgedehnten Weizenfelder reiche 
Erträgnisse. 

Eine wichtige Rolle war Sutter in der politischen Geschichte Kaliforniens 
beschieden. Kalifornien gehörte zwar zu Mexiko, aber seine Bevölkerung be- 
kundete lebhaftes Unabhängigkeitsgefühl, das nicht bloß durch den Zuzug 
zahlreicher amerikanischer Ansiedler, sondern im geheimen auch durch die 



— 280 — 

Regierung der Vereinigten Staaten beständig genährt wurde. Denn die letztere 
wollte verhüten, daß Kalifornien in die Hände der Engländer falle, die das Land 
bereits gierigen Blickes betrachteten. Auch bedurften die Vereinigten Staaten 
für ihren wachsenden Verkehr mit Ostasien, Alaska und den australischen 
Inseln eines guten Hafens, der zugleich den 20 000 amerikanischen Seeleuten, 
die in den arktischen Gewässern dem Walfischfang und der Robbenjagd nach- 
gingen, als Zufluchtsort dienen könne. 

Sutter brachte der Lage volles Verständnis entgegen. Denn als General 
Fremont im Juni 1846 in Kalifornien erschien, holte er die über seinem Fort 
flatternde mexikanische Flagge nieder und hißte an ihrer Stelle das Sternen- 
banner empor. 

Der nun ausbrechende Krieg zwischen Mexiko und der Union verlief be- 
kanntlich zugunsten der letzten, worauf Kalifornien als neues Glied dem Bund 
einverleibt wurde. 

Um jene Zeit galt Sutter als der angesehenste und wohlhabendste Be- 
wohner Kaliforniens. Da plötzlich führte eine seltsame Laune der Glücks- 
göttin einen völligen Umsturz seiner Verhältnisse herbei. 

Beim Bau einer Sägemühle, die Sutter an einem Gebirgsbach anlegen 
ließ, entdeckte der in Sutters Diensten stehende Zimmermann James W. Mar- 
schall am 19. Januar 1848 zahlreiche Körnchen gelben Metalls. Gleich einem 
Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß dieselben Gold sein könnten. 
Er sammelte eine Handvoll und ritt im Galopp zum Fort, um seine Vermutung 
Sutter mitzuteilen. Sorgfältige Untersuchungen ergaben, daß die glitzernden 
Körnchen in der Tat gediegenes Gold waren. 

Man beschloß, den Fund geheim zu halten, aber vergebens. Der Ruf 
„Gold! Gold!" erscholl und verbreitete sich gleich einem Wildfeuer über das 
ganze Territorium. Die Wirkung des Zauberworts war geradezu erstaunlich. 
Ein förmliches Goldfieber ergriff die ganze Bevölkerung. Wenige Wochen, 
nachdem die Kunde San Franzisko und Monterey erreichte, hatten beide Städte 
drei Viertel ihrer Bevölkerung eingebüßt. Sämtliche öffentliche Gebäude ver- 
ödeten. Die Schiffe verloren ihre Besatzungen; die Zeitungen stellten ihr Er- 
scheinen ein, da sowohl Beamte wie Redakteure sich der allgemeinen Wand- 
rung nach den Goldfeldern anschlössen. Die in den Häfen liegenden Schiffe 
konnten nicht auslaufen, da sämtliche Matrosen desertierten. Und auch die 
Kirchen mußten geschlossen werden, da die Herren Prediger gleichfalls den 
Verlockungen des Goldteufeis erlagen. Goldhungrige Personen strömten zu 
Tausenden herbei und überschwärmten das ganze Land. Sutters Arbeiter ließen 
ihn im Stich, um sich gleichfalls auf die Suche nach dem gleißenden Metall zu 
begeben. Seine Besitztitel auf das goldführende Land wurden nicht geachtet. 
Alle Prozesse, die er gegen die Eindringlinge anstrengte, welche seine Äcker 
durchwühlten und ihre Pferde in seine Weizenfelder trieben, blieben vergeblich. 
Sie machten nur die Advokaten reich, ihn selbst hingegen von Tag zu Tag 
ärmer. Obendrein erklärte das Obergericht seine Ansprüche auf das Land für 



— 281 — 

ungültig, weil dieselben nicht in der Hauptstadt Mexiko unterzeichnet seien. 
Sutter mußte zusehen, wie die Bundesregierung sein eignes Land, das er unter 
ungeheuren Mühen Iculturfähig gemacht hatte, für \\(^ Dollar pro Acker an 
Goldgräber verkaufte, welche die fruchtbaren Gefilde in trostlose Wüsteneien 
verwandelten. 

Sutters Bemühungen, von der Bundesregierung Gerechtigkeit und für die 
erlittenen Verluste eine Entschädigung zu erlangen, blieben ohne Erfolg, ob- 
wohl er, um seine Ansprüche persönlich zu betreiben, nach dem Osten über- 
siedelte und während siebenzehn langer Jahre regelmäßig wie ein Uhrwerk im 
Kapitol erschien. Endlich, nach langem vergeblichen Harren schien Hoffnung 
zu winken. Ein mit dem Prüfen seiner Ansprüche beauftragter Ausschuß er- 
kannte deren Rechtmäßigkeit an und berichtete die Entschädigungsvorlage 
günstig ein. Bereits hatte dieselbe glücklich das Repräsentantenhaus passiert 
und lag dem Senat zur Schlußabstimmung vor. Fast alle Senatoren waren zu 
ihren Gunsten. Da hielt unglücklicherweise ein nicht mehr ganz zurechnungs- 
fähiger Senator es für angezeigt, die Verdienste Sutters um die Entwicklung 
Kaliforniens nochmals in einer längeren Rede zu beleuchten. Dabei schwatzte 
der Mann so lange, daß der Senat schließlich der Sache überdrüssig wurde und 
sich vertagte, ohne daß die Angelegenheit zur Erledigung kam. Sutter wäre 
zweifellos in Not und Elend gestorben, hätte nicht der Staat Kalifornien ihm 
im Jahre 1865 eine Pension von 3000 Dollar jährlich auf die Dauer von sieben 
Jahren zugesprochen, und zwar als Entschädigung für Steuern, die Sutter für 
solche Ländereien bezahlt hatte, die ihm von der Bundesregierung genommen 
worden waren. An äußeren Ehrenbezeigungen Sutters ließen kalifornische Mit- 
bürger es nicht fehlen. Man stellte ihn als Gouverneurskandidaten auf, verlieh 
ihm den Titel eines Generalmajors der Milizen und ließ sein lebensgroßes Bild- 
nis anfertigen, um damit den Saal des Staatskapitols zu Sacramento zu 
schmücken. Und als am 9. September 1854 die Mitglieder der Kalifornischen 
Pionier-Gesellschaft sich versammelten, da zollte ein Amerikaner, E. J. C. Kewen, 
Sutter folgenden mit ungeheurem Beifall aufgenommenen Tribut: 

I „Wenn im Kreislauf kommender Jahre die Federn der Geschichtsschreiber 
die Gründung und Besiedlung dieses westlichen Gemeinwesens darstellen, wenn 
sie die Tugenden, die Beschwerden, die Entbehrungen, den Mut, die Un- 
erschrockenheit, die alles dies zustande gebracht, schildern, wenn sie den mäch- 
tigen Anstoß beschreiben, den es auf die Weiterentwicklung freier Regierungs- 
formen und freier Grundsätze ausgeübt, und wenn sie die Annalen mit den 
Namen der heroischen Gründer seines Ruhmes zieren werden, dann wird kein 
Name mit hellerem und dauerndem Glänze leuchten, als der des unsterblichen 
Sutter, des erhabenen Vorbilds kalifornischer Pioniere." 

Sutter starb am 18. Juni 1888 in der Bundeshauptstadt Washington. In 
ihm verlor Amerika zweifellos einen seiner merkwürdigsten Männer, dessen An- 
denken in der Geschichte des Goldstaates Kalifornien für immer fortleben wird. 

Glücklicher als Sutter war ein anderer deutscher Pionier, der Hamburger 



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Karl Maria Weber. Er kam 1836 nach New Orleans und wanderte im 
Frühjahr 1841 nach Kalifornien, wo er in Sutters Dienste trat. Später erwarb 
er im Tal des San Joaquinflusses eignen Landbesitz, auf dem er große Vieh- 
herden züchtete. Nachdem Kalifornien den Vereinigten Staaten einverleibt war, 
gründete Weber die Ortschaft Stockton, die beim Ausbruch des Goldfiebers 
Mittelpunkt des südlichen Minendistrikts wurde und rasch emporblühte. Weber 
sorgte für den Bau von Kanälen und Straßen. Später schenkte er der Stadt alle 
von ihm geschaffenen Anlagen, außerdem sämtliche auf dem Stadtplan zu 
öffentlichen Plätzen vorgemerkten Grundstücke. 

Mit Sutter kam auch der Westfale August L a u f k ö 1 1 e r nach dem 
fernen Westen. Derselbe ließ sich zuerst als Apotheker in St. Louis nieder. 
Als Mitglied einer von Sutter geführten Handelskarawane zog er später gleich- 
falls nach Santa Fe. Dann unternahm er an der Spitze einer 26 Mann starken 
Bande von Delawareindianern auf eigne Faust Handelszüge, die ihn durch das 
Gebiet der Apachen bis an die Mündung des Gila in den Colorado führten. 
Die Abenteuer, welche er auf diesen kühnen Reisen erlebte, die Strapazen, die 
er ertragen mußte, grenzen ans Unglaubliche. Von den Apachen wurde Lauf- 
kötter mehrere Wochen lang gefangen gehalten. Er entging einem grauen- 
haften Martertod nur durch den Nachweis, daß er kein Amerikaner, sondern 
ein Deutscher sei. Als das kalifornische Goldfieber ausbrach, befand Lauf- 
kötter sich unter denjenigen, die nach dem Goldlande zogen. Als hochbetagter 
Greis beschloß er sein Leben in der Stadt Sacramento. 

Ein ebenso merkwürdiger Pionier des fernen Westens war der im Jahre 
1810 zu Marienwerder geborene Hermann von Ehrenberg. Infolge 
seiner Beteiligung an den revolutionären Bewegungen in Deutschland nach 
New Orleans verschlagen, wurde er beim A^usbruch des texanischen Unabhängig- 
keitskriegs mit vielen anderen Deutschen Mitglied der „New Orleans Greys'*, 
einer Kompagnie Freiwilliger, die an jenen Kämpfen lebhaften Anteil nahm. 

Ehrenberg zählte auch zu jenen 600 Texanern, die im Jahre 1835 unter 
General Houston nach sechstägigem Gefecht 2000 Mexikaner aus San Antonio 
vertrieben und im Fort Alamo zur Übergabe nötigten. Während der Kämpfe 
des folgenden Jahres waren die in kleine Abteilungen aufgelösten Texaner 
weniger vom Glück begünstigt. Denn eine ihrer Abteilungen wurde am 
2. März 1836 bei San Patrizio, eine andere am 20. März bei Gilead nieder- 
gemetzelt. Ehrenberg befand sich unter den wenigen, die jenem Blutbade ent- 
kamen. Er schloß sich darauf einer neuen, 700 Mann starken Abteilung an, 
die am 21. April bei San Jazinto der mexikanischen Übermacht eine so furcht- 
bare Niederlage zufügten, daß die Unabhängigkeit von Texas nunmehr ge- 
sichert war. 

Ehrenberg beteiligte sich später als topographischer Ingenieur an der 
Fesdegung der Grenze zwischen Arizona und Mexiko. In Arizona gründete 
er die „Sonora Exploring and Mining Company" und erwarb ausgedehnte 
Ländereien. Um die nähere Erforschung und kartographische Aufnahme 



— 283 — 

Arizonas hat Ehrenberg große Verdienste, die von der Nachwelt anerkannt 
wurden, indem eine am Colorado gegründete Ortschaft seinen Namen erhielt. 

In die Reihe der Pioniere Kaliforniens ist auch der Deutsche Heinrich 
Taschemacher zu stellen, welcher als Zwanzigjähriger bereits im Jahre 
1842 nach San Franzisko kam und daselbst eine sehr angesehene Stellung er- 
rang. In den Jahren 1859 bis 1861 war er Präsident des Stadtrats, und als 
solcher der erste Beamte der städtischen Verwaltung. Als im Jahre 1862 das 
Amt eines Bürgermeisters geschaffen wurde, versah Taschemacher diesen Posten 
noch zwei Jahre fang. 

Die Reihe solcher deutscher Kulturpioniere im fernen Westen ließe sich 
leicht durch zahlreiche Namen vergrößern. Denn als die Kunde, daß weite 
Strecken Kaliforniens im wahren Sinne des Wortes als Goldfelder zu betrachten 
seien, die ganze Welt durchflog, da gesellten sich Tausende und aber Tausende 
von Deutschen und Deutschamerikanern jenen Strömen von Auswandrern zu, 
die entweder zu Schiffe um das sturmumtoste Kap Hörn, oder von den Ufern 
des Mississippi und Missouri aus durch die unermeßlichen Prärieen nach dem 
von einer Wunderglorie umleuchteten Kalifornien zogen. 

Wer sich mit der Geschichte des fernen Westens, der dort entstandenen 
Staats- und Gemeinwesen näher befaßt, stößt auf unzählige deutsche Namen, 
deren Träger sich auf allen Gebieten menschlichen Könnens und Wissens be- 
tätigten und dazu beitrugen, der neuweltlichen Kultur auch in jenen entlegenen 
Landen Heimstätten zu bereiten. Reicht von jenen deutschen Kulturpionieren 
auch keiner an die Bedeutung eines Johann Jakob Astor und Johann August 
Sutter heran, so verdienten aber die merkwürdigen Schicksale mancher dieser 
Deutschen aufgezeichnet und der Vergessenheit entrissen zu werden. 



Deutsche Kommunistengemeinden. 

Seitdem Plato den Gedanken eines Freistaates entwickelte, in welchem 
nur die Gesamtheit Eigentum besitzen dürfe, und jedermann an den aus der 
gemeinsamen Arbeit gew^onnenen Ergebnissen gleichen Anteil haben solle, hat 
es nicht an Versuchen gefehlt, diese Idee zu verwirklichen. Sie war der Traum 
zahlreicher Männer, welche beim Studium der sozialen Verhältnisse zu der 
Überzeugung gelangten, daß die Ansammlung des Besitzes, Grundeigentums 
und Kapitals in den Händen weniger, die damit in der Regel verbundene Aus- 
beutung der Unbemittelten widernatürliche Zustände seien; daß dagegen all- 
gemeines Glück und Zufriedenheit nur dann möglich wären, wenn sämtliche 
Menschen außer gleichen Rechten auch gleiche Pflichten besäßen, alle Klassen- 
unterschiede aufgehoben und der Besitz gemeinschaftlich seien. 

In der Alten Welt führte keiner diese Versuche, solche kommunistische 
Gemeinschaften zu gründen, zu einem befriedigenden Ergebnis. Die Gründe 
dafür lagen teils in dem offenen oder versteckten Widerstand der Regierungen, 
die in solchen Neuerungen Gefahren für die bestehenden Verhältnisse witterten, 
teils in dem Umstand, daß die Verlockungen, welche von benachbarten Städten 
ausgingen, auf die Mitglieder der kommunistischen Niederlassungen zu groß 
waren. 

Deshalb richteten die Gründer solcher Gemeinschaften ihre Blicke nach 
Amerika. Hier waren die Aussichten für ein gedeihliches Entwickeln günstiger, 
da die Ansiedlungen weit genug von den Städten entfernt angelegt werden 
konnten und die Einmischung der Regierung nicht befürchtet zu werden 
brauchte. 

Diese von Europäern auf dem jungfräulichen Boden Amerikas gegrün- 
deten Kommunistenkolonien gehören zu den interessantesten Erscheinungen des 
neuweldichen Kulturlebens. Sie erheischen um so mehr Interesse, als die 
wichtigsten Kolonien von deutschen Auswandrern ins Leben gerufen wurden. 

Die Harmoniten. 

Die berühmteste von allen deutschen Kommunistengemeinden war die 
Gesellschaft der R a p p i s t e n oder Harmoniten. Ihr Gründer, J o - 
hann Georg Rapp, am 1. November 1757 zu Iptingen in Württemberg 
geboren und von Beruf Leineweber, hatte sich den damals weitverbreiteten 



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Pietisten angeschlossen. Als er aber unter diesen nicht die gesuchte Befriedi- 
gung fand, hielt er in Gemeinschaft mit einigen Gesinnungsgenossen in seinem 
Hause Versammlungen ab. Die Teilnehmer gründeten eine zum Urchristentum 
zurückstrebende Sekte, welche durch ihr rasches Wachstum sowie durch die 
Weigerung, die Pfarrer als Diener Gottes anzuerkennen, das Ärgernis der 
Ortsgeistlichen erregte. 

Bald gerieten die Rappisten in Konflikt mit den kirchlichen und welt- 
lichen Behörden. Den Verwarnungen folgten Strafen. Dieselben wurden 
schärfer, je mehr die Regierung durch übertriebene Berichte in dem Verdacht 
bestärkt wurde, daß die neue Sekte revolutionäre Ideen hege und bei ihrer 
raschen Vermehrung gefährlich werden könne. 

Müde des steten Drangsaliertwerdens wanderte Rapp im. Jahre 1803 mit 
seinem Sohne Johannes und zwei Anhängern nach der religiösen Freistätte 
Pennsylvanien aus. Von dort bestehenden separistischen Gemeinden unter- 
stützt, kaufte er bei Pittsburg 6000 Acker Land. Dorthin folgten ihm bald 
700 Anhänger und gründeten eine Niederlassung, die sie nach einer in der 
Apostelgeschichte Kap. 4 Vers 32 zu findenden Stelle „Harmonie" tauften. 

Um dem Urchristentum näherzukommen, schössen sie am 15. Februar 
1805 ihr Vermögen zusammen und vereinten sich zu einer kommunistischen 
Gemeinschaft. Zur selben Zeit faßten sie einen Beschluß, der für den späteren 
Bestand der Gemeinde verhängnisvoll werden sollte. Ihren Anschauungen 
nach war die Ehe zv/ar nicht verboten, aber ein unheiliger, vom wahren Lebens- 
zweck ablenkender Zustand. Deshalb entschlossen sich alle, im Zölibat zu 
leben. Auch die Verheirateten lösten freiwillig die ehelichen Bande, um fortan 
einander nur noch als Brüder und Schwestern zu betrachten. Rapp wurde zum 
geistlichen Vorstand erwählt. Ihm waren ein weltlicher Vorsteher sowie sieben 
Älteste beigeordnet. 

Die zur höheren Ehre Gottes und zum Besten der Gesamtheit verrichtete 
Arbeit wurde von Obmännern vorgeschrieben. Dieselben lieferten sämtliche 
Erträgnisse dem Vorstand ab, welcher dagegen die einzelnen Mitglieder mit 
allen Bedürfnissen versorgte. Nachdem die Harmoniten den Urwald gerodet, 
Wohnungen, Werkstätten und Scheunen gebaut hatten, schritten sie zur Be- 
stellung der Felder. Auf ihrer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wäh- 
renden Arbeit ruhte sichtlicher Segen. Denn wenn auch der Anfang hart und 
mühselig gewesen war, so begannen die auf jungfräulichem Boden angelegten 
Felder doch bald reiche Ernten hervorzubringen. Nachdem dadurch für die 
erste Zeit gesorgt war, wandten sich die Handwerker wieder ihren früheren 
Beschäftigungen zu. Für die Weber beschaffte man Webstühle; für die Schmiede, 
Schreiner und Färber geeignete Werkzeuge; für die Viehzüchter Vieh; für die 
Obstbauer und Winzer Fruchtbäume und Reben. Beim Ankauf dieser Dinge 
scheute man weder Kosten noch Mühe, um von allem das Beste und Voll- 
kommenste zu erhalten. Aus Frankreich bezog man Mühlsteine und Jacquard- 
Webstühle; aus dem bergischen Lande die stählernen Werkzeuge; aus dem 



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Rheingau und vom Kap Weinreben; aus Spanien Schafe; aus England Rinder. 
Alle diese Dinge bemühte man sich nun zu verbessern. Das gelang auch im 
Lauf der Zeit in so hohem Grade, daß die Werkstätten und Maschinen der 
Harmoniten das Staunen aller erregten, welche die Niederlassungen besuchten. 
Das Ganze war eine Musterwirtschaft, wert, als Vorbild bis ins kleinste Detail 
nachgeahmt zu werden. Der vorzüglichen Einrichtung der Musterwirtschaft 
entsprachen ihre Erzeugnisse. Nirgendwo sah man besser gehaltene, fettere 
Herden, nirgendwo fand man wohlschmeckenderes Obst und Feldfrüchte. Die 




Neu-Harmonie im Jahre 1832. 



gewebten Tuche, Leinen- und Seidenstoffe wurden wegen ihrer vorzüglichen 
Beschaffenheit und Haltbarkeit weitberühmt. Die Kolonie litt nur an einem 
Übelstand: sie lag zu entfernt von den Hauptverkehrswegen. 

Als im Jahre 1815 sich eine Gelegenheit bot, die ganze Besitzung günstig 
zu verkaufen, griff man mit beiden Händen zu und erstand für die gelösten 
100 000 Dollar einen im Staat Indiana am Wabash gelegenen 3000 Acker großen 
Streifen Land, wo man den Ort Neu-Harmonie baute. Hier blieb man 
zehn Jahre. Da das Klima aber ungesund war, beschlossen die Rappisten 
nach Pennsylvanien zurückzukehren. Für ihre Ortschaft fanden sie im Jahre 
1824 in dem schottischen Kommunisten R. Owen einen Käufer. Mit den er- 
lösten 200 000 Dollar schufen die Harmoniten ihre dritte und letzte Nieder- 
lassung „Ökonomie" (englisch „E c o n o m y") in Pennsylvanien. Dieselbe 



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lag 25 Meilen westlich von Pittsbiirg auf dem Nordufer des Ohio, inmitten 
einer Landschaft, welche mit ihren grünen Hügeln an den Rheingau erinnert. 
Es währte gar nicht lange, so hatten die Kommunisten auch diese Gegend 
in ein kleines Paradies verwandelt. Durch Schilderungen der Prinzen Bernhard 
von Sachsen-Weimar und Maximilian von Wied, welche auf ihren Amerika- 
fahrten Ökonomie in den Jahren 1826 und 1832 besuchten, ferner durch Be- 
richte der Reisenden Franz Löher und Karl von Scher2ier aus den Jahren 1847 
und 1852 sind wir über die Zustände der Gemeinde während ihrer Blütezeit 
gut unterrichtet. Die genannten Beobachter stellen Rapp das beste Zeugnis 




Ansicht von Ökonomie lEconomyi am Ohio im Jahre 1900. 



aus und rühmen seine Schöpfung als einen der bemerkenswertesten Koloni- 
sation serfolge. 

Prinz Bernhard von Weimar beschreibt Rapp als einen großen 70jährigen 
Mann, dessen Kräfte durch die Last der Jahre nicht vermindert waren. Seine 
von starken Brauen beschatteten Augen sprühten von Feuer und Leben; die 
machtvolle Stimme klang ausdrucksvoll. Alles was er sagte, war durchdacht. 
Löher, welcher Rapp zwanzig Jahre später sah, war überrascht, den 90jährigen 
Mann einem Sechziger gleich mit starkem Geist, blitzenden Augen und raschen 
Gebärden zu finden. Seine Stimme hallte wie Metall und sein Antlitz, vom 
reichsten Silberglanz des Haares und Bartes umgeben, zeigte Ernst, Hoheit 
und Milde. Wenn er sich aufrichtete, war er wie ein Löwe und seine Rede 
floß wie ein tosender Waldstrom. 



— 288 ~ 

Über seine Gemeinde besaß Rapp wunderbaren Einfluß; alle verehrten 
ihn innig und sprachen von ihm stets als ihrem „lieben Vater'*. Seine Anord- 
nungen galten gleich Gesetzen und wurden ohne Widerrede befolgt. 

Bei Wahl und Einteilung der Arbeit trug man den Neigungen der ein- 
zelnen Mitglieder nach Möglichkeit Rechnung. Die Frauen beschäftigten sich 
mit Hausarbeiten und in den Spinnereien. Die Männer trieben Landwirtschaft, 
überwachten die Maschinen und verrichteten die groben Arbeiten. Zu den 
Ernten wurden alle herangezogen. 

Alle Besucher des Orts staunten, wieviel vereinte, verständig geleitete 
Arbeit in kurzer Zeit auszurichten vermochte. Jeder war des Lobes voll über 
den wohldurchdachten Plan, nach welchem nicht nur die ganze Stadt, sondern 
jedes Haus und Geschäft angelegt waren. „Alles griff', so schreibt Löher, 
„wie ein kunstvolles Räderwerk ineinander. Die ganze Einrichtung verdiente 
zum Muster für künftige Anlagen bis ins kleinste gezeichnet und beschrieben 
zu werden." 

Bei sämtlichen Arbeiten bediente man sich der sinnreichsten, durch die 
Gemeindemitglieder in langen Jahren vervollkommneten Maschinen und Werk- 
zeuge. Löher sah eine Dampfdreschmaschine, wie er sie nie zuvor gesehen 
hatte. Dieselbe reinigte nicht nur das Korn und füllte es in unter die Maschine 
aufgehängte Säcke, sondern sonderte auch Kurzstroh und Langstroh. Ein an 
der Maschine angebrachter Ventilator schützte die Arbeiter vor dem Staub. 
Löher beschreibt auch eine Dampfmaschine, welche Wasser vom Ohio herauf- 
hob, welches in Dampf verwandelt, sowohl zum Heizen wie zum Betrieb der 
Mühlen, Webereien, Farbenreiben und manchen anderen Verrichtungen diente. 
Der Dampf wurde darauf wieder in Wasser verwandelt. Dieses lief mit einem 
kleinen Zusatz frischen Wassers in die Kessel zurück und kam, wieder in Dampf 
verwandelt, aufs neue zur Verwendung. 

Durch stetes Nachdenken und Probieren fanden diese schwäbischen 
Bauern überall das Beste und Praktischste heraus. Die im Jahre 1829 auf- 
genommene Seidenspinnerei wurde mit solchem Geschick betrieben, daß man 
blumendurchwirkte Seidenstoffe in sieben Farben herzustellen vermochte. Woll- 
weberei, Branntweinbrennerei und andere Gewerbe bildete man in gleicher 
Weise aus. Der Vertrieb aller überschüssigen Erzeugnisse sowie die Abwick- 
lung der Handelsgeschäfte lagen der von Rapp eingerichteten kaufmännischen 
Abteilung ob. 

Infolge dieser stillen emsigen Arbeit stieg der Wohlstand der Gemeinde 
von Jahr zu Jahr. Ihre Ansiedlung entwickelte sich zu einer wahren Muster- 
wirtschaft. 

Der Ort war nach einem wohldurchdachten Plan angelegt. Alle nach 
schwäbischem Stil erbauten Häuser besaßen einen mit Blumen und Obstbäumen 
bepflanzten Vorgarten Neben der Haustür befand sich eine schattige Ruhe- 
bank. An der Sonnenseite der Häuser reiften an Spalieren köstliche Trauben 
und Früchte; hinter den Häusern befanden sich die Stallungen für das Vieh. 



— 289 



Desgleichen die Hühnerhöfe und Taubenschläge. Alle Straßen waren breit 
angelegt, gepflastert und sauber. Häufig boten sie reizende Fernblicke auf den 
Ohio sowie die den Ort umkränzenden Berge. Und ringsum hörte man nur 
schwäbische Laute. Man konnte wähnen, sich in einem Städtchen am Fuß der 
Schwäbischen Alb zu befinden. 

Die Tracht der 
Männer bestand in 
kurzen Jacken aus 
blauerrt grobem Tuch, 
und Zwillichhosen von 
derselben Farbe. Dazu 
kamen im Winter Filz- 
hüte, im Sommer breit- 
randige Strohhüte. Die 
Frauen trugen die in 
dunklen Farben gehal- 
tene schwäbische Bäue- 
rinnentracht und dunkle 
Strohhauben. 

Im Verkehr unter- 
einander befleißigten 
sich alle brüderlichen 
Entgegenkommens. An 
weltlichen Dingen ge- 
ringen Anteil nehmend, 
trugen sie stets heite- 
res, zufriedenes Aus- 
sehen zur Schau. Doch 
klärten sich ihre Ge- 
sichter auf, wenn das 
Gespräch auf das Jen- 
seits und die dort zu 
erwartenden Seligkeiten 
kam. Rapp verehrten 
sie keineswegs als Pro- 
pheten oder als ein 

Wesen mit übernatürlichen Gaben, sondern als schlichten Christen, der durch 
seinen Glauben und seine Frömmigkeit sich Gott wohlgefällig mache. 

Jeden Sonntag fanden in der Kirche zwei Predigten statt, viermal wöchent- 
lich abends erbauliche Unterhaltungen. Auch veranstaltete man gelegendich 
Konzerte, wobei ein Frauen chor allerhand weltliche Lieder, meist die aus der 
schwäbischen Heimat mitgebrachten Volksweisen zu Gehör brachte. 

Der geistigen Fortbildung dienten ein Museum und eine gut zusammen- 




Die Kirche der Harmoniten in Ökonomie. 



Gronau, Deutsches L hen in Amerika. 



19 



290 



gestellte Bibliothek. Eine eigene Buchdruckerei besorgte die Vervielfältigung 
der von Rapp und anderen gedichteten Lieder. 

In ihrem freudigen Hoffen auf das himmlische Jenseits vergaßen aber die 
Harmoniten das Diesseits, die Forderungen des Lebens. Infolge der freiwilligen 
Ehelosigkeit gab es im Orte keine Kinder. Da man sich nach manchen schlim- 
men Erfahrungen auch gegen fremden Zuzug ablehnend verhielt, so begann es 
an jungem Nachwuchs zu fehlen, der die älter werdenden Mitglieder bei ihren 
Arbeiten hätte ablösen können. Man beachtete dies anscheinend nicht und 
ging neugierigen Fragen, was später mit dem Besitz werden solle, mit den 
Worten aus dem Wege, daß Gott zur rechten Zeit Rat schaffen werde. 

In dieser Zuversicht schied am 




7. August 1847 Georg Rapp, der 
Gründer der Kolonie aus dem Leben. 
Dieselbe Zuversicht beseelte auch 
seine Nachfolger, den milden R o m e- 
lius Langen becher (t 1871) 
und den gelehrten Jakob H e n- 
rici (t 1890). Unter diesen beiden 
begann die einst so blühende Ge- 
meinde, deren w^ise verwaltetes Ver- 
mögen auf Millionen angewachsen 
war, langsam abzusterben. Nicht 
daß sie an Zucht und Ordnung ein- 
gebüßt hätte, sondern weil leise und 
unbemerkt über die Mitglieder das 
Alter kam. Mancher einst kräftige 
Arm wurde untauglich zur Arbeit; 
manches Auge verlor die Sehkraft. 

L^ --'^^^^_ Der Tod begann die einst 800 Köpfe 
starke Gemeinde allmählich zu lich- 
ten und die Mitglieder abzuberufen. 
Infolgedessen mußte ein Gewerbe 
nach dem anderen aufgegeben werden. Je rascher die Mitglieder mit 
zunehmendem Alter vom Tod abberufen wurden, desto mehr vereinsamten die 
Werkstätten, Felder und Weinberge. 

Wer Ökonomie während der letzten Zeit seines Bestehens besuchte, 
empfing den Eindruck, als wandle er durch die Straßen einer ausgestorbenen 
Stadt. Die Türen und Fenster der meisten Häuser waren verschlossen, weil 
ihre Bewohner längst zur ewigen Ruhe getragen worden waren. 

Als Friedhof diente ein mit Tannen und Zypressen bepflanzter Wiesen- 
grund, wo unter einfachen grasüberu^achsenen Hügeln über achthundert Har- 
moniten ruhen. Georg Rapp schläft unter ihnen. Weder seine noch die Grab- 
stätte eines anderen Gemeindemitgliedes ist mit einem Denkstein geschmückt. 



Rapps Wohnhaus in Ökonomie. 



— 291 — 

Wie die Lebenden keine Standesunterschiede Icannten, so wollten sie auch im 
Tode einander gleich sein. 

Das Ende der berühmten Kommunistengememde kam im Jahre 1Q03, wo 
dieselbe auf nur fünf Mitglieder zusammengeschmolzen war. Diese, meist 
hochbetagt, faßten den Beschluß, die bis dahin fortgeführte Gesellschaft auf- 
zulösen und das nach Millionen zählende Vermögen an die Mitglieder zu ver- 
teilen. Natürlich mußten dabei der große Landbesitz sowie die in Ökonomie 
errichteten Gebäude veräußert werden. Die Mitglieder behielten sich nur das 
Eigentumsrecht an die Kirche, das Gemeindehaus und den Friedhof vor. Alles 
übrige wurde von Lnndspekulanten aufgekauft und zum Tummelplatz der rück- 
sichtslos vorwärtsstürmenden, von Gewinnsucht, Ehrgeiz, Not und Sorge ge- 
triebenen Menschen des 20. Jahrhunderts. 

Wo bisher friedliche, herzerquickende Eintracht herrschte, da prallen 
jetzt die beiden großen Gegensätze der Neuzeit, Kapital und Arbeit, aufein- 
ander und regen manchen zu der Frage an, ob der frühere Zustand, der so 
viele mit ihrem Los zufriedene, glückliche Menschen schuf und sie der Sorge 
und Entbehrung entrückte, nicht auch seine Lichtseiten und Vorzüge besaß. 



Die S. paratistenkolonie Zoar. 

Gemeinsamkeit des Besitzes bildete auch das Band der Separatisten- 
gemeinde Zoar in Ohio. 

Dieselbe nahm ihren Ursprung gleichfalls in Schwaben, wo ihre Mit- 
glieder gleich den Rappisten wegen mancher, von den damaligen allgemeinen 
Anschauungen abweichenden Glaubenssätze beständigen Anfeindungen seitens 
der Behörden ausgesetzt waren. Die wichtigsten dieser Sätze waren folgende: 
,,Wir glauben an den dreieinigen Gott. Unsere Richtschnur ist einzig und 
allein die Heilige Schrift. Alle kirchlichen Zeremonien sind unnötig, weshalb 
wir sie unterlassen. Wir beugen uns vor Gott, erweisen aber keinem Sterb- 
lichen außergewöhnliche Ehren. Wir trennen uns von allen kirchlichen Sekten 
— daher der Name Separatisten — da wahres Christentum überall gleich sein 
sollte und die verschiedenen Sekten nur eine Folge leerer Formen sind. Unsere 
Ehen werden durch gegenseitige Zustimmung im Beisein von Zeugen abge- 
schlossen, ohne daß eine kirchliche Sanktion oder Handlung nötig ist. Doch 
muß die Zivilbehörde von dem Vertrag in Kenntnis gesetzt werden. Da ein 
Christ selbst nicht seinen Feind ermorden soll, viel weniger seine Freunde, so 
können wir dem Staat nicht als Soldaten dienen. Wir erachten jedoch die welt- 
liche Regierung als durchaus notwendig, um Ordnung aufrechtzuerhalten, die 
guten Bürger zu beschützen und die schlechten zu strafen. Weil wir keinen 
Eid ablegen, bestätigen wir die Wahrheit durch ein einfaches ,Ja'!" 

Obwohl die Separatisten so dem Kaiser gaben, was des Kaisers, und 
Gott, was Gottes ist, wurden sie doch derart drangsaliert, daß sie sich im 



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Jahre 1817 unter Führung des Lehrers Joseph Michael Bäumler zur 
Auswanderung nach den Vereinigten Staaten entschlossen. Im Tuscarawas 
County des Staates Ohio gründeten sie ein Dörfchen, das sie Zoar nannten, 
weil es ein Zufluchtsort gegen die Sünden der Welt sein sollte, wie es der 
gleichnamige Ort für Lot und seine Familie nach dem Untergang Sodoms ge- 
wesen war. 

Ursprünglich war die Gemeinde keine kommunistische. Die Anregung 
zu gemeinschaftlichem Wirken kam erst, als es manchen armen Mitgliedern 
nicht möglich war, die Kaufsumme für ihre Grundstücke zur festgesetzten Zeit 
zu bezahlen. 

Es war am 15. April 1819, als 53 Männer und 104 Frauen den ersten, 
später in manchen Punkten abgeänderten Gesellschaftsvertrag unterzeichneten. 
In seinen Grundzügen v/ich derselbe von dem der Rappisten nicht wesenthch 
ab. Wie dort Georg Rapp, so nahm hier Bäumler die verantwortliche Stelle 
als Vorsteher der Gemeinde ein. Dieselbe erhielt in den Jahren 1831 bis 1841 
Zuzug aus der Heimat, wodurch die Kopfzahl sich auf 500 steigerte. Der Ge- 
meinde konnte beitreten, wer sich verpflichtete, ein Prüfungsjahr in ihr zuzu- 
bringen, während dessen er für das Allgemeinwohl arbeiten mußte, dagegen 
aber auch mit allem Nötigen versehen wurde. War er nach Ablauf des Probe- 
jahres gesonnen, zu bleiben, so mußte er sein Privateigentum aufgeben. 

Gleich den Rappisten brachten es auch die Mitglieder dieser Gemeinde 
durch unermüdlichen Fleiß zu großem Wohlstand. Zur Zeit ihres Glanzes 
besaß sie 7500 Acker fruchtbaren Landes, vortreffliche Viehherden, ansehnliches 
Barvermögen und unbegrenzten Kredit. Man unterhielt Mühlen, Schmelz- 
hütten, eine Gerberei, Ziegelbäckerei, Sägemühle und dergleichen mehr. 

Solange Bäumler lebte, herrschte schönste Ordnung. Er war der leitende 
Geist, der für alle dachte und die ganze Masse mit sich zog. Als aber nach 
vierzigjähriger Arbeit seine Kraft erlahmte und er am 27. August 1853 aus dem 
Leben schied, fand sich kein gleichwertiger Nachfolger. Die Gemeinde war 
hilflos wie eine Herde, die ihren Hirten verloren. 

Auf die Blütezeit folgte eine Periode des Stillstandes. Dann kam eine 
Zeit, wo durch den Bau einer Eisenbahn Zoar Verbindung mit benachbarten, 
wehlich gesinnten Ortschaften erhielt. Zahlreiche Fremde erschienen, um das 
Wunderdorf zu besichtigen. Das ehemalige Wohnhaus Bäumlers wurde in ein 
Hotel verwandelt. Dadurch traten die bisher in Abgeschiedenheit lebenden 
Separatisten in Berührung mit andersdenkenden Menschen und stellten Ver- 
gleiche an. Es lockerten sich die Bande. Besonders das junge Volk bekundete 
Neigung, sich auf eigene Füße zu stellen und beantragte Auflösung der Ge- 
meinde und Verteilung des Vermögens. Ein solcher Beschluß wurde unter 
Beihilfe schlauer Advokaten am 10. März 1898 wirklich gefaßt und von 136 Mit- 
gliedern unterzeichnet. Bei der Verteilung empfing jedes Mitglied Eigentum 
im Wert von 12 000 Dollar. 



2Q3 



Die Amaniten. 

Eine gleichfalls auf religiöser Grundlage beruhende deutsche Kommuni- 
stenkolonie ist Amana im Staate Iowa. Ihre Mitglieder nennen sich die 
„W ahren Inspirierten". Im wesentlichen stimmt ihre Lehre mit der- 
jenigen der evangelischen Kirche überein. Nur bestreiten sie die Notwendigkeit 
der Kirche selbst, des berufsmäßigen Priestertums, des Abendmahls und der 
Taufe. Sie betrachten sich als Streiter Christi, welche durch ein Leben voller 
Entsagungen und Verleugnungen das Jenseits gewinnen wollen. Als Stifter 
verehrt die Sekte die beiden Männer J. F. Rock und E. L. Gruber, welche 
im Jahre 1714 in Hessen auftraten. Sie lehrten, daß Gott, wie vor alters, so 
auch heute noch Werkzeuge zur Verkündigung seines Willens erlese und mit 
seinem Geist erfülle. Da sie im Gegensatz zu der im Buchstabendienst und 
Formelwesen erstarrten Orthodoxie der damaligen Zeit einem werktätigen 
Christentum voll Herzensfrömmigkeit und aufrichtiger Nächstenliebe das Wort 
redeten, so fanden sie bald Anhänger in Deutschland, der Schweiz und Holland. 
Aber die Kühnheit, mit welcher die Inspirierten gegen die Mißbräuche in 
Kirche und Gesellschaft auftraten, zog ihnen so hartnäckige Verfolgungen zu, 
daß die Gemeinden im Jahre 1843 nach Amerika übersiedelten und in der Nähe 
der Stadt Buffalo im Staat New York die Kolonie Ebenezer gründeten. 

Bereits in der Mitte der fünfziger Jahre wurde diese zu klein. Da Land 
nur noch zu unerschwinglich hohen Preisen zu haben war, außerdem die nahe 
Stadt mit ihren Vergnügungen die jüngeren Leute zu sehr anlockte, so verlegten 
die Inspirierten ihre Niederlassungen nach dem fernen Iowa. Dort schufen sie 
am Iowafluß den Ort Amana, dessen Namen sie dem im 4. Kapitel des Hohen- 
liedes Salomonis enthaltenen Vers entlehnten: „Gehe herein, tritt von der Höhe 
Amana." 

Durch Zuzug neuer Mitglieder wuchs die Sekte allmähUch auf 1800 Seelen 
an, die sich auf die sieben eng benachbarten Dörfer Amana, West-, Süd-, 
Ost-, Mittel- und FI och- Amana und Heimstadt (Homestead) 
verteilen. Ihr Besitz umfaßt 26 000 Acker guten Prärielandes, von dem 10 000 
Acker bewaldet sind. 

Die beiden Hauptleiter der Gemeinde waren während der zweiten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts Christian Metz und Barbara Heinemana 
Landmann. Alle weltlichen Angelegenheiten werden von 13, jährlich neu 
zu wählenden Vertrauensmännern geleitet, die wieder einen Präsidenten er- 
küren. Jedes Dorf verwaltet sich selbst und legt der Gesamtgemeinde einmal 
jährlich Rechnung ab. 

Die Ehe halten sie nicht für verboten, betrachten sie aber als etwas Un- 
heiliges, was vom wahren Lebenszweck ablenke. Deshalb werden Jungverhei- 
ratete Eheleute in die unterste der drei Mitgliederklassen, in die der Kinder 
und weltlich Gesinnten zurückversetzt. Es bedarf dann eines zweijährigen 
reinen Lebenswandels, bis die Ehegatten sich wieder in eine der beiden höheren 



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Klassen, die geistlich Gesinnten und Ältesten emporarbeiten können. Da die 
Sekte der Amaniten demnach durch Geburten vor dem Aussterben bewahrt ist, 
so mag ihr vielleicht ein längeres Bestehen beschieden sein. Jede Familie be- 
wohnt ihr eignes, von einem Garten umgebenes Wohnhaus. Die Mahlzeiten 
werden aber gemeinschaftlich in besonderen Speisehäusern eingenommen, wo- 
bei Männer und Frauen getrennt sitzen. Alle zum Leben erforderlichen Dinge 
sucht man in der Gemeinde herzustellen. Außer landwirtschaftlichen Erzeug- 
nissen bringen die Am.aniten viel Wolle auf den Markt. Ihre Tuche und ge- 
druckten Kattune sind weithin berühmt. Durch Anlage großer Kattun- und 
Tuchfabriken, Mehl- und Sägemühlen, Maschinen Werkstätten, Gerbereien, Sei- 
fen- und Stärkefabriken erwiesen sich die Amaniten auch als Pioniere der In- 
dustrie. Da sie in ihren Betrieben nur das beste Material verwenden und gründ- 
liche technische Kenntnisse mit größter Sorgfalt verbinden, so erfreuen sich alle 
in Amana hergestellten Erzeugnisse eines vorzüglichen Rufes. Das ganze Be- 
sitztum ist nicht nur schuldenfrei, sondern man erzielte auch bedeutende Er- 
sparnisse, die in verschiedener Weise nutzbringend angelegt sind. 

Die Bauart und Einrichtung der Häuser sind echt deutsch. Desgleichen 
die Umgangssprache, in welcher auch der Unterricht in den Schulen geführt 
wird. Dabei wird die Pflege des Englischen keineswegs vernachlässigt. Be- 
sonders Befähigte erhalten die Erlaubnis, anderswo höhere Schulen zu be- 
suchen. Sie finden später als Lehrkräfte in den Schulen Verwendung, deren 
Gesamtunterricht ganz dem Geist der Gemeinde und der Lehre der Inspirierten 
angepaßt ist. 

Indem man den Forderungen der Zeit in gewissem Sinne Rechnung trug, 
die Verwaltung auch nicht ganz auf demokratischer Grundlage einrichtete, 
sondern den Begabten größeren Spielraum zur Betätigung ihrer Individualität 
ließ, befestigte man den Bestand der Gemeinden. 

Erst seitdem in neuerer Zeit das Dorf Heimstadt Eisenbahnstation wurde, 
zeigen sich beim jüngeren Element ähnliche Neigungen, wie sie zur Auflösung 
der Separatistengemeinde Zoar führten. 



B e t h e 1 und Aurora sind die Namen zweier kommunistischer Ge- 
meinden, die von dem in Preußen geborenen Mystiker Keil gegründet wurden. 
Bethel entstand im Jahre 1844 und liegt im Shelby County des Staates Missouri. 
Einen Teil dieser Gemeinde führte Keil im Jahre 1855 nach dem fernen Oregon 
und gründete in dem schönen Tal des Willamette, 29 Meilen südlich von Port- 
land den Ort Aurora. Die Bevölkerung beider Gemeinden bestand aus ein- 
gewanderten Deutschen und aus Deutsch-Pen nsylvaniern. Aber bald nach 
Keils Tode löste sich die Kolonie Aurora auf, wobei die Mitglieder das er- 
worbene Vermögen unter sich verteiUen. 



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Wie aus den obigen Darstellungen ersichtlich ist, bildete bei allen in 
Amerika gegründeten deutschen Kommunistenkolonien die Gemeinsamkeit der 
religiösen Anschauungen ein starkes Band, das die Mitglieder zusammenhielt. 
Es scheint fast, als ob ohne dieses Bindemittel eine kommunistische Vereinigung 
auf die Dauer kaum möglich wäre. Wenigstens gingen alle diejenigen Ver- 
einigungen, auch die nichtdeutschen, denen dieses religiöse Band fehlte, bald 
zugrunde. Daneben hängt, wie die Geschichte aller kommunistischen Nieder- 
lassungen lehrt, ihre Existenz wesentlich von dem Vorhandensein einzelner 
starker Leiter ab, deren Willen die Gesamtheit sich unterordnet. Solche führenden 
Geister waren Beissel, Rapp, Bäumler, Metz und Keil. Ihr Wille konnte, wie 
derjenige Brigham Youngs bei den Mormonen, um so bestimmter zur Geltung 
kommen, als ihre Gefolgschaft aus Menschen von verhältnismäßig geringer 
Bildung bestand, die fleißig und lenksam waren und in ihren Führern höher 
begabte, prophetische Wesen erblickten. Fanden sich nach deren Tod keine ge- 
eigneten Ersatzmänner, so trat, wie die Beispiele Ephrata, Zoar, Bethel und 
Aurora zeigen, langsam aber unaufhaltsam die Auflösung ein. 

Wie die von Anglo- Amerikanern gegründeten kommunistischen Gemein- 
den, so blieben auch die von Deutschen in den Vereinigten Staaten gestifteten 
nicht ohne Einfluß auf das amerikanische Kulturleben. Der unermüdliche Fleiß 
der Mitglieder, ihre Genügsamkeit, ihr stetes Streben nach Verbesserungen 
konnten jedermann zum Vorbild dienen. Die musterhaften landwirtschaftlichen 
und industriellen Einrichtungen wirkten ungemein anregend auf die benach- 
barte Bevölkerung. Nicht minder trug die in Harmonie, Ökonomie, Zoar, 
Ebenezer und Amana geübte Fürsorge für Kranke, Arbeitsunfähige und Alters- 
schwache viel dazu bei, auch im Amerikanertum jenes Gefühl der Barmherzig- 
keit und Wohltätigkeit zu erwecken, das sich während des letzten halben Jahr- 
hunderts in so vielen großartigen philantropischen Stiftungen betätigte. 

Und so sind auch die deutschen Kommunistengemeinden, obwohl sie in 
geistiger Hinsicht ein veraltetes Bauernleben mit religiös-kommunistischem 
Untergrund repräsentierten, nicht ohne günstigen Einfluß auf die neuweltliche 
Kultur geblieben. 



Staatenpläne. 

Die großen Erfolge, welche von ihren nach den Vereinigten Staaten 
übersiedelten Landsleuten allerorten errungen wurden, veranlaßten manche 
hochherzige Deutsche, sich kühnfliegenden Hoffnungen und Plänen betreffs der 
zukünftigen Stellung des Deutschtums in Amerika hinzugeben. Es war ihnen 
nicht entgangen, daß der größte Teil ihrer dorthin ausgewanderten Landsleute 
mit der Zeit die Sitten und Sprache der Anglo-Amerikaner annahm. Dies war 
besonders dort der Fall, wo die Deutschen beständig starken Berührungen mit 
den Anglo-Amerikanern ausgesetzt waren, wie beispielsweise im Mohawktal, 
dessen ursprünglich rein deutsche Niederlassungen im Laufe weniger Genera- 
tionen ihr Gepräge verloren, als die Anglo-Amerikaner nach Beendigung des 
Befreiungskrieges massenhaft in das Tal einströmten. Diese auch an anderen 
Orten gemachten Wahrnehmungen regten bei vielen Deutschen und Deutsch- 
Amerikanern die Frage an, ob es nicht möglich sei, den Fortbestand deutscher 
Sprache und Siite in Amerika zu sichern, indem man den bisher ungeregelten, 
über fast alle Staaten sich ergießenden Strom der deutschen Auswanderung 
nach bestimmten Gegenden lenke, wo er dem Einfluß des Anglo-Amerikaners 
weniger stark ausgesetzt sei. 

In Deutschland waren es besonders der fortschrittliche Pfarrer Fried- 
rich Münch und der Gießener Rechtsanwalt Paul Follenius, welche 
den Plan, deutschem Volksleben auf dem Boden der Neuen Welt eine bleibende 
Heimstätte zu schaffen, mit Wärme verfochten und zuerst auf seine Verwirk- 
lichung ausgingen. Gleichfalls durch die von Gottfried Duden geschriebenen 
Schilderungen mächtig beeinflußt, riefen sie im Jahre 1833 die „Gieß euer 
Auswandrungsgesellschaft" ins Leben, der zahlreiche vermögende 
und wissenschaftlich gebildete Leute beitraten. Viele derselben entschlossen 
sich, das von Duden so verlockend geschilderte Missouri zum Schauplatz ihrer 
Kolonisationspläne zu machen. An der Spitze von mehreren hundert deut- 
schen Familien segelte Friedrich Münch im Frühling 1834 mit zwei Schiffen 
von Bremen ab, um in Missouri einen deutschen Staat aufzurichten. Derselbe 
sollte zwar ein Glied der Union bilden, jedoch eine Staatsform besitzen, welche 
den Fortbestand deutscher Spraclie und Sitten verbürge und echtes, freies, volks- 
tümliches Leben schaffe. Man nahm eine Glocke für die erste zu bauende Stadt 



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mit, desgleichen ein kostbares Fernrohr für die erste zu gründende Hochschule. 
Die rauhe Wirklichkeit machte aber diese romantischen Träume von einem Jung- 
deutschland zunichte. Sie scheiterten an dem unpraktischen Sinn der Führer 
des Zuges, sowie an der Unfähigkeit der einzelnen Teilnehmer, die ungewohnten, 
mit dem Urbarmachen des wilden Bodens verbundenen Beschwerden und Ent- 
behrungen zu ertragen. Auch verloren die Teilnehmer bald ihren Zusammen- 
halt. Es schien in der amerikanischen Luft etwas zu liegen, was jeden, der sie 
einatmete, sofort selbständig und unabhängig machte. 

Münch und Follenius, beide mit eisernem Willen begabt, ruhten nicht, 
bis sie in Missouri angekommen waren. Dort ließen sie sich nieder und 
zwangen der Wildnis durch rastlose Tätigkeit ertragreiche Felder, blühende 
Obsthaine und Weinberge ab. Münch benutzte seine Mußestunden zum Ab- 
fassen zahlreicher Schriften über Religion, Sittenlehre, Land- und Weinbau, von 
denen manche große Verbreitung fanden. Später beschritt er auch das poli- 
tische Gebiet und beteiligte sich als Redner wie Verfasser mehrerer Flugschriften 
an der Bildung der republikanischen Partei, mit der er beim Ausbruch des 
Sezessionskriegs den Staat Missouri für die Union erhalten half. 

Was der Gießener Auswandrungsgesellschaft nicht gelang, vermochten 
auch mehrere deutschamerikanische Gesellschaften nicht durchzuführen. In 
Philadelphia bildete sich im Sommer 1836 eine auf Anteilscheinen begründete 
deutsche Ansiedlungsgesellschaft, die im Gasconade-Bezirk des 
Staates Missouri 12 000 Acker Land kaufte und im Jahre 1838 den Grund zu 
der noch jetzt vorwiegend von Deutschen bewohnten und wegen ihres Wein- 
baus bekannt gewordenen Stadt Hermann legte. 

Eine größere Ausdehnung vermochte die Gesellschaft ihren deutschen 
Kolonisationsplänen aber ebensowenig zu geben, wie die New Yorker Gesell- 
schaft „Germania", die im Jahre 1839 ins Leben trat. Den Gründern 
schwebte gleichfalls der Plan eines völlig deutschen Staates in Nordamerika 
vor, doch waren die Meinungen darüber, wie und wo er verwirklicht werden 
könne, sehr geteilt. Die einen schlugen vor, der Staat müsse zwischen dem 
oberen Mississippi und den großen Seen, also im heutigen Wisconsin, gelegen 
sein. Andere bevorzugten Texas oder das fern am Stillen Ozean gelegene 
Oregon. Einige meinten, der deutsche Staat müsse zur Union gehören, die 
andern wollten seine völlige Unabhängigkeit gewahrt wissen. Da die größere 
Zahl der Mitglieder w^ohl fühlen mochte, daß der Plan, inmitten des anglo- 
amerikanischen Staatenbundes einen rein deutschen Staat aufzurichten, den 
Widerstand der Amerikaner wachrufen müsse, so einigte man sich endlich da- 
hin, Texas zum Versuchsfelde zu machen. 

Texas, ursprünglich zu Mexiko gehörend, war im Jahre 1837 aus dem 
mexikanischen Staatenverband ausgeschieden und bildete eine völlig unabhängige 
Republik. Unter ihren Bewohnern befanden sich bereits mehrere tausend 
Deutsche. Sie hatten an den texanischen Unabhängigkeitskämpfen so lebhaften 
Anteil genommen, daß der Kongreß der jungen Republik ihnen zum Dank einen 



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Freibrief für die Gründung einer deutschen Universität — die Hermanns- 
Universität— gewährte und dieselbe mit einer Schenlcung von 4428 Acker 
Staatsländereien dotierte. In der Grafschaft Austin hatten die Deutschen im 
Jahre 1840 das erste deutsche Städtchen gegründet und demselben den bezeich- 
nenden Namen Industrie veriiehen. 

Nach diesem vielversprechenden Lande segelte am 2. November 1839 die 
erste, von der New Yorker Gesellschaft „Germania" zusammengebrachte Ab- 
teilung von 130 Ansiedlern auf der von der Gesellschaft erworbenen Brigg 
„North". Sie landete wohlbehalten in Galveston, löste sich aber bereits in 
Houston auf, worauf der Führer und diejenigen Mitglieder der Expedition, die 
noch Geld besaßen, mißvergnügt nach New York zurückkehrten. 

Der an und für sich nicht üble Plan, Texas in einen unabhängigen deut- 
schen Staat umzuwandeln, wurde bald darauf von mehreren deutschen Fürsten 
aufgegriffen, die gleichfalls von dem Wunsche beseelt waren, die deutsche Aus- 
wandrung auf einen Punkt zu lenken, wo ihre Nutzbarkeit für das Mutterland 
auf längere Zeit gesichert bleibe. Es bildete sich unter dem Vorsitz des Flerzogs 
von Nassau der „M ainzer Adelsverei n", dem die Herzöge von Mei- 
ningen und Koburg-Gotha, der Prinz Friedrich von Preußen, der Landgraf von 
Hessen-Homburg, die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, Solms-Braunfels, 
Neuwied, Coloredo-Mansfeld sowie verschiedene andere Grafen und Prinzen 
angehörten. Sie planten, so viele deutsche Auswandrer nach Texas zu werfen, daß 
die Deutschen im Laufe der Zeit das Übergewicht erlangen und die Geschicke des 
Freistaats bestimmen könnten. Im Mai 1842 gingen die Grafen Joseph 
von Boos-Waldeck und Viktor von Leiningen nach Texas ab, 
um Ländereien für die zu gründenden Niederlassungen auszusuchen. Sie 
fielen aber Schwindlern in die Hände, die ihnen neben gutem Land auch viel 
schlechtes aufhingen. Im Mai 1844 reiste Prinz Karlvon Solms-Braun- 
fels als Generalbevollmächtigter des Adelsvereins nach Texas ab ; ihm folgten 
bald 150 deutsche Familien, die im Dezember in Lavacca, dem heutigen In- 
dianola, landeten und nordöstlich von der Stadt San Antonio die Niederlassung 
Neu-Braunfels gründeten. Anfangs ging hier alles gut; nach und nach 
stellten sich aber Schwierigkeiten ein, besonders als die Geldmittel des Adels- 
vereins sparsamer zu fließen begannen. Die Übelstände wuchsen, als der Prinz 
abdankte und nach Europa zurückkehrte. Der an seine Stelle tretende Regierungs- 
assessor Freiherr von Meusebach, der nördlich von Neu-Braunfels 
die Niederlassung Friedrichsburg gründete, vermochte trotz größter 
Sparsamkeit die finanziellen Schwierigkeiten nicht zu heben. Sie steigerten sich 
ins Ungeheuerliche, als der Adelsverein im Jahre 1846 die Unklugheit beging, 
den beiden Niederlassungen 2500 neue Auswandrer, aber kein Geld zuzusenden. 
Als die Auswandrer in Lavacca ankamen, fanden sie an dem öden Strande 
weder Unterkommen noch Nahrung. Ebensowenig Beförderungsmittel, um 
die über 200 Meilen weite Reise nach Neu-Braunfels ausführen zu können. Es 
brach eine so furchtbare Not unter den Unglücklichen aus, daß Hunderte an 



— 299 — 

Entbehrungen, Fiebern und Seuchen zugrunde gingen. Die meisten machten 
sich endhch zu Fuß zur Wandrung nach Neu-Braunfels auf. Der lange Marsch 
durch wüste Gegenden unter halbtropischer Sonnenglut war für viele ein Todes- 
marsch. Kaum 1200 Personen erreichten den Bestimmungsort. Dort wuchsen 
die Verlegenheiten von Tag zu Tag, denn bald sahen sich die deutschen Kolo- 
nisten völlig auf sich selbst angewiesen, als der Adelsverein teils aus Mangel 
an Geldmitteln, teils infolge der in Deutschland immer stärker hervortretenden 
Revolutionsbewegungen sich auflöste. Überdies war der Freistaat Texas am 
29. Dezember 1845 dem Nordamerikanischen Staatenbund beigetreten, womit 
die Möglichkeit, Texas in einen unabhängigen Staat unter deutscher Schutz- 




Deutsche Einwandrer auf dem Zuge nach Neu Braunfels. 

Nach einem gleichzeitigen Holzschnitt. 



herrschaft umzuwandeln, als gescheitert betrachtet werden mußte. Die beiden 
Niederlassungen Neu-Braunfels und Friedrichsburg entwickelten sich langsam; 
durch Fleiß und Ausdauer gelang es den dort wohnenden Deutschen, ihre Lage 
allmählich zu verbessern. Als man im Mai 1895 das 50jährige Bestehen von 
Neu-Braunfels feierte, konnten die 1800 deutschen Bewohner des Orts diese 
Feier unter den befriedigendsten Verhältnissen begehen, ein Beweis dafür, daß 
sie durch Ausdauer und Fleiß die zahllosen Schwierigkeiten, die ihnen entgegen- 
standen, glücklich überwunden hatten. 

Heute bildet das deutsche Gebiet die Perle von Texas. Seine lachenden 
Auen, wohlgepflegten Farmen, freundlichen Häuser, guten Straßen und froh- 
sinnige Bevölkerung sind ehrende Denkmäler für die Bestrebungen des Mainzer 
Adelsvereins. 



— 300 — 

Der Plan, innerhalb der amerikanischen Union einen deutschen Staat zu 
gründen, wurde auch später noch von den sogenannten „Achtund- 
vierzigern'' besprochen, wobei man nacheinander auch Arkansas, Florida, 
Michigan, Wisconsin, Minnesota und Oregon als geeignete Staaten in Vorschlag 
brachte. Aber je öfter und eingehender man sich mit solchen Plänen be- 
schäftigte, desto mehr gelangte man zu der Erkenntnis, daß dieselben Utopien 
seien, deren Verwirklichung weder im Interesse der Deutschen selbst noch im 
Interesse der Vereinigten Staaten liege. 



Die politischen Flüchtlinge der deutschen 
Revolutionszeit. 

Verlockte das die ganze Welt ergreifende Goldfieber viele Deutsche zur 
Auswandrung nach Amerika, so wurden noch weit mehr durch die geradezu 
unerträglichen politischen Zustände Deutschlands über das Weltmeer getrieben. 

Die von den deutschen Herrschern in den Stunden schwerster Gefahr ab- 
gelegten Gelübde, dem Volk eine dem modernen Zeitgeist entsprechende Ver- 
fassung und Teilnahme an der Regierung zu gewähren, waren entweder gar 
nicht oder nur in dürftigster Weise gehalten worden. Nach wie vor huldigten 
die Fürsten dem Grundsatz, daß nicht die Herrscher der Völker wegen, son- 
dern die Völker der Herrscher wegen da seien. „Wir sind der Staat!" so 
donnerten sie ihren Untertanen zu. Wer es wagte, die Gültigkeit dieses Satzes 
anzuzweifeln oder gewaltsam an ihm zu rütteln, wurde als Hochverräter in 
den Kerker geworfen. Erinnerten die Untertanen ihre Fürsten an die gemachten 
Zusagen, so empfingen sie die schnöde Antwort, es zieme ihnen nicht, die 
Herrscher an die Erfüllung ihrer Versprechungen zu mahnen; Pflicht der Unter- 
tanen sei es, ruhig abzuwarten. 

Aber mit leeren Vertröstungen ließen die immer stärker werdenden frei- 
heitlichen Bestrebungen sich auf die Dauer nicht eindämmen, und je rücksichts- 
loser die Fürsten in ihren Anstrengungen verfuhren, dieselben zu unterdrücken, 
um so mehr vertieften sich im Volk der Haß und Abscheu gegen die Gewalt- 
herrscher, von denen manche in das widerwärtige, dem Geist des 19. Jahr- 
hunderts hohnsprechende Treiben ihrer Väter zurückgefallen waren. In Kur- 
hessen führte Wilhelm II. im Verein mit seiner zur Gräfin erhobenen Maitresse 
eine wahre Lotterwirtschaft; in Braunschweig verpraßte der sogenannte 
Diamantenherzog mit einer Rotte sittenloser Abenteurer die Einkünfte des 
Landes in schamlosester Weise. In Bayern beschwor König Ludwig I. durch 
sein Verhältnis mit der berüchtigten Tänzerin Lola Montez sowie durch sein 
völlig reaktionäres Regiment den Unmut des Volkes herauf. In Sachsen, 
Hannover und anderen Staaten hatte man ähnliche Gründe zur Mißstimmung. 
Um diesen Zündstoff zu entflammen, bedurfte es nur eines Funkens. Da kam 
im Jahre 1830 die Pariser Julirevolution. Die Kunde ihres Ausbruchs durch- 
zuckte die freiheitsdurstige deutsche Männerwelt gleich einem elektrischen 
Schlag. In Kassel nahm das Volk eine so drohende Haltung an, daß der Kur- 
fürst mit seiner Maitresse flüchtete. In Braunschweig setzte die Menge das 



— 302 — 

Schloß in Brand. Auch in Sachsen und Hannover kam es zu Unruhen, die den 
deutschen Machthabern gleich dem Flammenzucken eines heraufziehenden Ge- 
witters erscheinen mußten. 

Auf dem berühmten „Hambacher Fest", das am 27. Mai 1832 auf der bei 
Neustadt an der Hardt gelegenen Burgruine Hambach abgehalten wurde, er- 
klangen sogar Hochrufe auf „die vereinigten Freistaaten Deutschlands und das 
konföderierte republikanische Europa". Man kam sogar einer unter den 
Burschenschaftlern von Heidelberg, Würzburg, Erlangen und Gießen bestehen- 
den geheimen Verschwörung auf die Spur, die den tollkühnen Plan gefaßt hatte, 
den in Frankfurt a. M. tagenden Bundesrat aufzuheben, und eine Revolution 
sowie den Übergang Deutschlands zur republikanischen Regierungsform her- 
beizuführen. 

Alle diese Kundgebungen bewogen die Herrscher zu ungeheuren An- 
strengungen, um den drohenden Sturm abzuwehren. Die Reaktion begann mit 
Hochdruck zu arbeiten. Zahlreiche Burschenschaftler und Teilnehmer am Ham- 
bacher Fest wurden zum Tode oder zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt. 
Alle Beamte und Professoren, die für Herbeiführung gerechter Zustände, für 
Erlösung von Ausbeutung, Privilegienwirtschaft und Bevormundung, für die 
politische Einheit und geistige Freiheit des deutschen Volkes eingetreten waren, 
wurden ihrer Ämter enthoben, manche sogar des Landes verwiesen. Das 
deutsche Volk erlebte eine wahrhaft jammervolle Zeit. Über allen Gauen lagerte 
die Stille des Friedhofs. Kein fröhlicher Gesang, kein glückliches Lachen er- 
tönte mehr in den Städten und Dörfern. In den finsteren Mienen der nieder- 
gedrückten Untertanen malten sich Haß und Erbittrung gegen die Oberhäupter, 
die mit harter Faust das Lebensglück tausender nach Freiheit dürstender 
Menschen vernichteten. 

Dem Fluch des Volks Hohn bietend, ergingen sich manche Gewalthaber 
in groben Rechtsverletzungen. In Hannover wurde der Absolutismus Staats- 
gesetz; in Nassau nahm Herzog Adolf alles Staatseigentum für sich in An- 
spruch; in Hessen erwarb der Minister Hassenpflug, das willfährige Werkzeug 
des Kurfürsten, sich den Beinamen eines „Hessenfluch". 

Die Folgen dieser Vergewaltigung blieben nicht aus. Die Konservativen 
verwandelten sich in Liberale, die Liberalen in Revolutionäre. Die Luft wurde 
erstickend schwül. Wer konnte, suchte sich den unerträglichen Verhältnissen 
durch Auswandrung zu entziehen, die in immer größerem Maßstab vor sich 
ging. Während des Zeitraums von 1830 bis 1845 verließen alljährlich gegen 
40 000 Deutsche ihr Vaterland, um in Amerika oder anderen Ländern ein 
menschenwürdiges Dasein zu suchen. Die Zahl solcher Auswandrer schwoll 
in die Hunderttausende, als es den Regierungen gelang, die während der Jahre 
1848 und 1849 an vielen Orten ausgebrochenen Volksaustände niederzuschlagen, 
worauf die Urheber und Teilnehmer an diesen Erhebungen aufs bitterste ver- 
folgt wurden. 

Aus der Tatsache, daß viele hervorragende Gelehrte sich direkt oder in- 




UNIVERSITY 

OK 

C^UFORN^^ — 303 — 

direkt an der Revolution beteiligt hatten, zog man den Schluß, daß die Wissen- 
schaft an der Revolution y\nteil habe, was gev^iß nicht bestritten werden kann, 
wenn man unter Wissenschaft Aufklärung versteht. Da die Machthaber durch- 
weg der irrigen Ansicht huldigten, daß ein Volk mit beschränktem Untertanen- 
verstand leichter zu regieren sei als ein gebildetes, so forderten sie die „Umkehr 
der Wissenschaft". Dieses Schlagwort ward von den kirchlichen Dunkelmännern 
aller Bekenntnisse aufgegriffen und eifrig unterstützt. Sich selbst den Regie- 
rungen als die allein zuverlässigen Säulen anpreisend, auf welche die Herrscher 
bauen könnten, halfen sie bei dem traurigen Werk, dem hohen Geistesflug des 
deutschen Volkes neue Fesseln anzulegen. 

Die nun anhebende „Reaktionszeit", die sich bis in die sechziger Jahre 
erstreckte, beraubte Deutschland um 1 V^ Millionen seiner tüchtigsten Bewohner, 
von denen die meisten sich den Vereinigten Staaten zuwendeten. Unter ihnen 
befanden sich Männer wie KarlSchurz, Friedrich Hecker, Franz 
Sigel, Gustav von Struve, Gottfried Th. Kellner, Konrad 
Krez, Georg F. Seidensticker, Karl Heinzen, Gustav 
Körner, Hans Kudlich, Ludwig Blenker, August Willich, 
Karl Eberhard Salomo, Max Weber, Julius Stahel, Her- 
mann Raster und unzählige andere, die bereits in Deutschland Führer des 
Volks gewesen, oder denen später in der Neuen Welt angesehene Rollen vor- 
behalten waren. 

Für die Vereinigten Staaten wurde der ungeheure Verlust, der dem deut- 
schen Volk aus dieser Massenauswandrung erwuchs, ein außerordentlicher Ge- 
winn. Bisher hatte die deutsche Einwandrung aus Ackerbauern, Handwerkern 
und Gewerbtreibenden bestanden. Jetzt aber strömte eine mächtige Flutwelle 
deutscher Geistesarbeit ins Land. Unter ihnen befanden sich Politiker und 
Staatsbeamte, Professoren, Doktoren und Studenten jeder Wissenschaft, Künst- 
ler, Schriftsteller und Journalisten, Prediger und Lehrer, Landwirte und Forst- 
leute, die als politische Flüchtlinge in den Vereinigten Staaten ein Asyl suchten 
und mit warmer Teilnahme willkommen geheißen wurden. 

Es konnte nicht ausbleiben, daß die ungeheure Summe von Wissen, Be- 
geisterung und Idealismus, von politischer und geistiger Emanzipation, die in 
diesen Männern, den sogenannten „ Achtundvierzigern' V) aufgespeichert lag, 
einen gewaltigen Einfluß, insbesondere auf das Deutsch-Amerikanertum aus- 
üben mußte. Bevor derselbe in wohltätiger Weise sich bemerkbar machte, ver- 



^) Die Bezeichnung „Achtundvierziger" bedarf einer Erklärung. Man begreift unter 
dieser Benennung alle Deutsche, die an den freiheitlichen und revolutionären Bewegungen 
während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts teilnahmen. Da jene Bewegungen im 
Jahre 1848 ihren Höhepunkt erreichten, so wurde diese Jahreszahl gewählt, um mit ihr 
alle Träger des revolutionären Gedankens zu bezeichnen. Die Zeit der Einwandrung 
solcher politischer Flüchtlinge in Amerika hat mit jener Jahreszahl nichts zu tun. Viele 
der sogenannten „Achtundvierziger'' kamen bereits in den dreissiger und zu Anfang der 
vierziger Jahre, die meisten erschienen erst in den Jahren 1849 bis 1851. 



— 304 — 

ging allerdings eine gewisse Zeit, denn den Ankömmlingen fiel es keineswegs 
leicht, sich in die ihnen völlig fremden Verhältnisse, in die sie so urplötzlich 
vom Schicksal hereingeschleudert wurden, einzuleben. Wohl waren die deut- 
schen Flüchtlinge und die Amerikaner Träger eines imd desselben Freiheits- 
gedankens. Aber es bestanden in anderen Beziehungen zwischen ihnen doch 
gewaltige Unterschiede, die, bevor sie sich ausglichen, manche Reibungen her- 
beiführten. Unter den deutschen Achtundvierzigern befanden sich viele radikale 
Denker, die für gänzliche Umgestaltung aller sozialen Verhältnisse schwärmten, 
mit allen Behörden, Kirchen und Predigern am liebsten reine Bahn gemacht 
hätten und sich niemals scheuten, diesen Wünschen durch Wort oder Schrift 
Ausdruck zu verleihen. Das Amerikanertum hingegen sowie auch diejenigen 
Deutschamerikaner, die den zahlreichen Sektenniederlassungen entstammten, 
waren von religiösem Leben tief durchdrungen. Sie hatten sich im Lauf der 
Jahrhunderte daran gewöhnt, die Kirche als den Mittelpunkt des geselligen 
und geistigen Lebens zu betrachten, wobei sie selbst in Sitten und Anschauungen 
viel Förmliches und Puritanisches annahmen. Auch die Freierdenkenden unter 
ihnen suchten, teils aus gesellschaftlichen, teils aus geschäftlichen oder politi- 
schen Rücksichten, den äußern Schein möglichst zu wahren. Das Förmliche 
und Zeremoniöse prägte sich natürlich auch in der Tracht und im Benehmen 
dieser Amerikaner aus. Sie werden uns von einem der Achtundvierziger fol- 
gendermaßen beschrieben: „Hohe Zylinderhüte, etwas nach hinten gerückt, 
bedeckten den Kopf, während unbändig steife Vatermörder das glattrasierte, 
völlig bartlose Gesicht umrahmten und Hals und Kopf wie in einer Zange 
hielten. Ein Frack oder Schwalbenschwanz machte das Bild verkörperter Steif- 
heit fertig. Frack und Zylinder legten viele selbst beim Melken, Füttern, 
Pflanzen und Säen nicht ab." 

Diesen steifleinenen Persönlichkeiten erschienen, wie Andrew D. White 
köstlich schildert, die in Joppen, Garibaldihemden und Schlapphüten einher- 
marschierenden Deutschen als rätselhafte, absonderliche Wesen. „Sie trugen 
Barte, während andere Leute glattrasiert waren; sie tranken Bier, während 
andere Leute Whisky genossen; sie rauchten aus bemalten Porzellanpfeifen- 
köpfen, während andere Leute Tonpfeifen qualmten; sie sprachen aus freier 
Kehle, während andere Leute durch die Nase sprachen. Den neuen Ankömm- 
lingen war außerdem das Drama, mit oder ohne Musik, ein Bedürfnis; der da- 
malige Amerikaner und Christenmensch bückte hingegen mit einem gewissen 
Mißtrauen und Schrecken auf alles, was Theater hieß. Ferner fanden die Neu- 
linge am Tanz Gefallen, während in den Puritanerkreisen das Tanzen als ,Unter- 
grabung aller Gottgefälligkeit' verpönt war. Die Achtundvierziger brachten 
auch beharrlich Bacchus und Gambrinus milde Opfer, mit dem Rebenblut vom 
Rhein und von der Mosel und mit dem Gerstensaft von München, Pilsen oder 
Würzburg, wobei sie unerschütterlich nüchternen Sinnes blieben, während bei 
ihren auf der Scholle geborenen Mitbürgern selbst nach der Abstinenzperiode 
der vierziger Jahre, als die ganze Menschheit angeblich nur Wasser trank, 



— 305 — 

Völlerei sehr häufig war. An Sonntagen, nachmittags nach der Kirche, er- 
gingen sich wieder dieselben Deutschen mit Weib und Kind unter Gottes freiem 
Himmel, und störten sich nicht im mindesten daran, daß ihre amerikanischen 
Mitbürger es für eine heilige Pflicht erachteten, sich innerhalb ihrer vier Wände 
zu langweilen und nach dem Montag zu sehnen." 

Da viele dieser „Achtundvierziger" Freidenker waren, so bildete sich bei 
den Amerikanern die Überzeugung, daß durch den Fortzug dieser an gar nichts 
glaubenden „infidels" oder „Meiden" das alte Vaterland nur gewonnen habe. 

Auch in den politischen Ansichten traten schroffe Gegensätze zutage. 
Unter den Achtundvierzigern gab es manche Feuerköpfe, die sich in einem Zu- 
stand hochgradiger revolutionärer Erregtheit befanden und mit gänzlich un- 
klaren sozialistischen und kommunistischen Ideen trugen. Widerspruch er- 
trugen sie nicht, nur ihre Ansichten sollten allein maßgebend sein. Nicht ge- 
ring war die Zahl derer, die eines Sinnes mit dem Dr. Sorge aus Hoboken 
waren, der in einer öffentlichen Versammlung feierlich erklärte : „Meine Herren, 
mein Standpunkt ist einfach der: Ich bin gegen alles Bestehende!" Manche 
dieser Radikalen, deren fähigster Vertreter Karl Heinzen war, gingen so 
weit, die Umänderung der Bundesverfassung und die Abschaffung des Präsi- 
dentenamts zu verlangen, ohne sich recht darüber klar zu sein, was an deren 
Stelle treten solle. Auch eine „Republik der Arbeiter", eine Vereinigung aller 
arbeitenden Klassen zum Zweck ihrer Freimachung vom Kapital, sowie manche 
andere Luftgebüde wurden eifrig befürwortet. Mit der geschichtlichen und 
kulturellen Entwicklung der Vereinigten Staaten, mit der Gesinnung ihrer Be- 
wohner wenig oder gar nicht bekannt, trotzdem sich zu unbarmherzigen Kri- 
tikern der Verhältnisse des Landes aufwerfend, waren sie auch mit der politischen 
Stellung des Deutschtums in Amerika durchaus nicht zufrieden. Demselben, 
so meinten sie, käme die Führung zu. Es schwebte dem Geist vieler dieser Acht- 
undvierziger noch zu mächtig das Traumbild vor, das sie in Deutschland nicht 
hatten verwirklichen können: das Bild eines deutschen Freistaates auf dem 
Boden jener Grundsätze, die zwar noch nicht erprobt waren, für die sie aber 
gekämpft und gelitten, um derentwillen sie die Heimat aufgegeben hatten. Diese 
Träume sollten nun hier verwirklicht werden. Zu diesem Zweck wurde die 
Vereinigung aller in Nordamerika lebenden Deutschen, die sich bisher ihrer 
Überzeugung nach dieser oder jener politischen Partei angeschlossen hatten, 
zu einer rein deutschen Partei angestrebt, die den Namen „Union der freien 
Deutschen" tragen und natürlich unter der Führung der radikalen Achtund- 
vierziger stehen sollte. Die im Jahre 1854 in Louisville, Kentucky, veröffent- 
lichte Platform dieser Feuerköpfe erregte nicht bloß ungeheures Aufsehen, son- 
dern durch ihre radikalen, über das Verständnis jener Zeit weit hinausgehenden 
Forderungen auch große Erbittrung. Manche Achtundvierziger befürworteten 
auch die Gründung rein deutscher Staaten, wobei sie nicht bedachten, daß sie 
damit den Widerspruch aller derjenigen hervorrufen mußten, die in solchen 
Sonderbestrebungen eine schwere Gefahr für den noch im Aufbau begriffenen 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 20 



— 306 — 

Staatenbund erblickten. Wollte man, so betonten die Träger des amerikanischen 
Einheitsgedankens mit Recht, den Angehörigen eines bestimmten Volkes die 
Gründung besonderer Staaten innerhalb der Union zugestehen, so würden über 
kurz oder lang auch die Abkömmlinge anderer Völkerschaften m.it ähnlichen 
Sonderbestrebungen hervortreten. Neben dem von den Deutschen geplanten 
„Neu-Deutschland" würden bald ein „Neu-Irland", ein „Neu-Skandinavien", 
ein „Neu-Polen", ein „Neu-Slawonien'-, ein „Neu-Italien", ein „Neu-Jrdäa*', 
ja wohl gar ein „Neu-Nigritien" oder „Neu-Afrika" entstehen, was unfehlbar 
den Zusammenstoß der so verschiedenen Interessen all dieser Völkereiemente 
und schließlich den Zusammenbruch des ganzen Staatenbundes herbeiführen 
müsse. 

Aus diesen gewichtigen Gründen stemmten sich nicht nur die Ameri- 
kaner, sondern auch die alteingesessenen Deutschamerikaner den radikalen 
Achtundvierzigern entgegen. Solange diese sich damit begnügten, ihre mo- 
dernen Weltverbesserungsideen in den von ihnen gegründeten Zeitungen zum 
Ausdruck zu bringen, ließ man sie ruhig gewähren. Als sie aber begannen, 
„Revolutionsvereine" zu gründen und Geld und Waffen zu sammeln, um mit 
dem allgemeinen Umkrempeln des politischen und sozialen Lebens zu beginnen, 
da spitzten die Dinge sicti zu dem sogenannten „Krieg der Grauen und Grünen" 
zu, indem die vor 1848 emgew änderten, mit den Landesverhältnissen vertrauten 
Deutschen, die „Grauen", es mit den Amerikanern hielten, um gemeinschaftlich 
den „Grünen", d. h. den radikalen Achtundvierzigern, entgegenzutreten. Un- 
vorsichtige Handlungen der „Grünen", wie z. B. der Erlaß des berühmten 
„Louisviller Programms", steigerten die Erregung der „Grauen" und Ameri- 
kaner zur Erbitterung. Blinder Nativismus flackerte überall empor, schließlich 
kam es an mehreren Orten, besonders in Cincinnati und Louisville, zu blutigen 
Zusammenstößen, in denen zahlreiche Menschen ihr Leben verloren. 

Erst allmählich legten sich die hochgehenden Wogen wieder. Unter den 
Radikalen trat Ernüchterung ein, die um so heilsamer wirkte, als sie erkannten, 
daß sie über die Art und den Umfang ihrer Pläne sich selbst im größten Zwie- 
spalt befanden. Mit der Zeit, mit dem Einleben in die neuen Verhältnisse sahen 
auch viele ein, daß die von den „Grauen" gewandelten Wege doch die rechten 
seien. Sie bemerkten ferner, daß manche Einrichtungen, die ihnen anfänglich 
widerstrebten, berechtigt waren und ihrer natürlichen Entwicklung gemäß nicht 
anders sein konnten. Sie lernten auch die guten Seiten des amerikanischen 
Lebens würdigen imd schätzen und reihten sich damit mehr und mehr als 
nutzbringende Glieder der Allgemeinheit ein, um von nun ab zur Hebung des 
Deutschamerikanertums und damit auch zur Hebung der gesamten Bevölke- 
rung der Vereinigten Staaten in großartiger Weise beizutragen. Sie gründeten 
zahlreiche Zeitungen aller Art, riefen gemeinnützige Vereine ins Leben, beklei- 
deten Lehrstellen an Schulen und Universitäten, wurden öffentliche Beamte, 
trieben Literatur, Künste und Wissenschaften und wirkten durch diese Betäti- 
gung ihres reichen Wissens so befruchtend auf das einseitig gebliebene Volks- 



— 307 — 

leben, daß dieses ein ganz anderes, freieres und fortsclirittlicheres Gepräge 
erliielt. 

Auch in den politischen Ansichten der meisten Achtundvierziger vollzog 
sich wohltuender Wandel. Mit der Klärung und dem Reiferwerden ihres Ur- 
teils wandten sie sich mehr und mehr von den fanatischen Verfechtern der 
Arbeiter-Republiken, kommunistischen Niederlassungen, sozialistischen Ideal- 
staaten und ähnlichen Phantasiebildern ab. Sie, die auch in Deutschland die 
Einigung des Vaterlandes angestrebt hatten, lernten erkennen, daß die Wonl- 
fahrt und Zukunft des ihnen zur neuen Heimat gewordenen Landes nicht etwa 
durch Sonderbestrebungen, sondern nur durch vollste Beherzigung des ameri- 
kanischen Wahlspruchs: *'E pluribus unum" („Aus Vielem Eins") gefördert 
und gesichert werden könne. Wie tief diese Überzeugung in den Herzen der 
Achtundvierziger allmählich Wurzeln schlug, zeigte sich bereits in den Jahren 
1860 und 1861, als die südlichen Staaten sich vom Staatenbund trennen wollten. 
In diesem kritischen Augenblick sowie in dem die Feuerprobe des Staaten- 
bundes bildenden Bürgerkrieg befanden die Achtundvierziger sich mit wenigen 
Ausnahmen in den Reihen jener, die mit Schwert und Feder am begeistertsten 
für die Aufrechterhaltung der Union stritten. 

Daß so die Achtundvierziger ein hochbedeutsamer Faktor im amerika- 
nischen Volksleben wurden, ist von vielen mit der Geschichte ihres Landes ver- 
trauten Amerikanern bereitwillig anerkannt worden. „Was dieses Land den 
Achtundvierzigern verdankt", so schrieb Herbert N. Casson im Januarheft 1906 
von Munsey's Magazine, „kann niemals in einem Aufsatz oder Buch erzählt 
werden. Als sie in dieses Land flohen, hatten sie kaum die Absicht, für immer 
zu bleiben. Es war ihr Vorsatz, eines Tages mit einer Armee von 100 000 
gutgeschulter Soldaten nach Deutschland zurückzukehren und alle Könige, 
Priester und Geldsäcke zu verjagen. Zum Glück für dieses Land kehrten jene 
Washmgtons und Franklins einer gescheiterten Revolution nicht zurück. Nach 
einem Dutzend von Jahren jugendlichen Überschäumens ließen sie sich ruhig 
nieder und wurden die besten amerikanischen Bürger." 



20* 




Der Anteil der Deutschamerikaner an den Kriegen 
der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert. 

Hatten die in Amerika ansässig gewordenen Deutschen im Unabiiängig- 
keitskriege ihre Hingabe für die Sache der Freiheit in glänzender Weise be- 
kundet, so ließen sie es auch in den Kriegen, welche die Vereinigten Staaten 
während des 19. Jahrhunderts zu führen genötigt waren, an Beweisen ihrer 
tiefen Ergebenheit für das Land ihrer Wahl nicht fehlen. 

Als im Jahre 1S12 der zweite Krieg mJt England entbrannte und nach 
der Einnahme und teilweisen Zerstörung der Bundeshauptstadt Washington 
die Feinde sich anschickten, auch Baltimore zu überfallen, da spielten beim Ver- 
teidigen dieser Stadt die Deutschen eine hervorragende Rolle. 

Durch die Vorgänge in Washington gewarnt, hatten die Bewohner der 
Stadt sich für das Erscheinen des Feindes wohl vorbereitet. Nicht nur war 
das den Hafeneingang deckende Fort McHenry mit Munition reichlich versorgt, 
sondern auch sämtliche Bürgerwehren standen unter den Waffen. Als die Kunde 
eintraf, daß die 70 Schiffe zählende feindliche Flotte mehrere Meilen von dem 
Fort entfernt, ein 7000 Mann starkes Heer Fußsoldaten und Kanoniere ans Land 
gesetzt habe und deren Angriff auf die Stadt durch ein gleichzeitiges Bombar- 



Kopfleiste: Auszug eines New Yorker Regiments während des Bürgerkriegs. 
Nach einem Gemälde von Thomas Nast. 



— 309 — 



dement des Forts McHenry unterstützen wolle, rückten sofort 3000 Milizen 
unter dem Befehl des im Jahre 1759 zu Frederick, Maryland, geborenen deutsch- 
amerikanischen Generals Johann Stricker den Feinden entgegen. Sie 
mußten zwar vor der beträchtlichen Übermacht langsam zurückweichen, ver- 
hinderten die Rotröcke 
aber doch, einen An- 
griff auf die Stadt aus- 
zuführen. Derselbe 
schlug völlig fehl, als 
der Befehlshaber des 
englischen Heeres, Ge- 
neral Roß, durch die 
Kugel eines Scharf- 
schützen tödlich ver- 
wundet wurde und auf 
dem Rücktransport zu 
den Schiffen seinen 
Geist aufgab. 

Während diese er- 
bitterten, für die Briten 

sehr verlustreichen 
Kämpfe vor sich gin- 
gen, hatte das eng- 
lische Geschwader an- 
gesichts des Forts An- 
ker geworfen und am 
Morgen des 12. Sep- 
tember eine wütende 
Kanonade gegen das- 
selbe begonnen. Sie 

währte 36 Stunden 
lang. Aber der das 
Fort befehligende Ar- 
tilleriemajor Georg 
A r m s t a d t , ein am 
10. April 1780 zu New 

Market geborener Sohn des Hessen-Darmstädters Johann Armstadt, er- 
widerte das entsetzliche Feuer nicht nur kräftig, sondern sandte auch die Be- 
lagerer, als sie in der Nacht vom 13. auf den 14. September einen Sturm gegen 
das Fort wagten, mit blutigen Köpfen zurück. 

Die Verteidigung von Stadt und Fort war so standhaft, daß das feind- 
liche Geschwader, nachdem es die gelandeten Truppen aufgenommen, am 
16. September wieder in See ging, ohne irgendwelche Erfolge errungen zu haben. 




'Johann Anton Quitmann. 



— 310 — 

Es war an jenen Tagen, wo Frances S. Key, durch die Heldentaten der 
deutschen und amerikanischen Milizen begeistert, sein berühmtes Lied „The 
Star spangled banner" dichtete, das zur Nationalhymne der Amerikaner wurde. 

Auch als im Jahre 1846 der Krieg der Vereinigten Staaten mit Mexiko 
ausbrach, stellten die Deutschamerikaner einen beträchtlichen Teil der ins Feld 
rückenden Freiwilligen. In fast allen Großstädten des Westens bildeten sich 
sofort nach dem ersten Aufruf deutsche Freischaren, von denen viele weit früher 
als die amerikanischen kampfgerüstet standen. 

Unter den Offizieren der nach Mexiko ziehenden Armeen befanden sich 
zahlreiche Deutsche, die bereits im alten Vaterlande Felddienste verrichtet hatten, 
wie z. B. August Mohr (Moor), von Gilsea, Samu,el Peter 
Heinzelmann, Christian Steinwehr, Julius Raith, Hein- 
rich Bohlen und Adolf von Steinwehr. Unter den Deutschameri- 
kanern ragte vor allen Johann Anton Quitmann hervor, der 1798 zu 
Rhinebeck, New York, geborene Sohn des aus den Rheinlanden eingewanderten 
Pastors Friedrich Fleinrich Quitmann. Unser Held hatte sich bereits an den 
Unabhängigkeitskämpfen der Texaner gegen Mexiko beteiligt. Präsident Polk 
ernannte ihn zum Brigadegerieral. Als solcher gehörte er der 6000 Mann 
starken Armee Taylors an. 

Als diese im September 1846 die von 10 000 Mexikanern verteidigte Stadt 
Monterey erstürmte, drang Quitmann mit seinen Truppen unter einem wahren 
Kugelregen zum Marktplatz vor und pflanzte auf der Spitze einer dort stehenden 
Kirche das Sternenbanner auf. 

Während des Frühlings 1847 befehligte Quitmann die Landbatterien, 
welche im Verein mit den Schiffen der amerikanischen Flotte die Stadt Vera 
Cruz bombardierten und sie nach viertägiger, schrecklicher Kanonade zur Über- 
gabe zwangen. Am 13. September folgte die Erstürmung der für uneinnehm- 
bar geltenden Festung Chapuhepec durch Quitmanns Truppen. Am folgenden 
Tag eröffnete Quitmann die Beschießung der Hauptstadt Mexiko, in welche 
am 15. die amerikanischen Truppen ihren Einzug hielten. Zum Dank für seine 
vielen hervorragenden Leistungen wurde Quitmann zum Gouverneur der Stadt 
Mexiko ernannt. 

Später, nachdem der Friede wieder hergestellt war, machte Quitmann 
sich noch als Gouverneur des Staates Mississippi und als MitgUed des Ab- 
geordnetenhauses im Bundeskongreß hochverdient. 



Leider existiert bis jetzt kein Werk, welches in übersichtlicher Form 
jenen ungeheuren Anteil schildert, der den Deutschen und Deutschamerikanern 
an der Erhaltung der Union gebührt, als diese durch den furchtbaren Bürger- 
krieg der Jahre 1861 bis 1865 in Frage gestellt wurde. 

Es ist hier nicht der Raum, alle Ursachen zu erörtern, welche zu jenem, 



— 311 — 

die Union bis in ihre Grundfesten erschütternden Riesenkampfe führten. Wir 
müssen auf Spezialwerke verweisen, welche die Vorgeschichte jenes Krieges 
behandeln. Zweifellos bildeten die Sklavenfrage und die Erhaltung der Union 
für hunderttausende von Deutschen die Beweggründe, sich den nordischen Fahnen 
anzuschließen. Waren die Deutschen doch, wie wir aus der Geschichte dei 
Mennoniten von Germantown wissen, von jeher die eifrigsten Gegner der 
Sklaverei gewesen. 

Karl Folien, Franz Lieber, Karl Schurz und manche 
andere Führer der Deutschamerikaner hielten lange vor dem Ausbruch des 
Krieges flammende Reden, in denen sie die Ungerechtigkeit der unfreiwilligen 
Knechtschaft verdammten und auf die schweren Schäden hinwiesen, die durch 
das Beibehalten dieser dem Geist der Neuzeit hohnsprechenden Einrichtung 
dem amerikanischen Volk sowohl in moralischer, politischer und wirtschaft- 
licher Hinsicht erwüchsen. 

Folien, Professor an der Harvard-Universität, war einer der ersten, 
welcher als Mitglied der Anti-Sklaverei-Gesellschaft in den Nordstaaten für die 
Ziele derselben focht und als Abgeordneter dieser Vereinigung bereits im März 
1835 vor der gesetzgebenden Körperschaft von Massachusetts erschien. Im 
Süden bemühte sich der an der Universität von Südkarolina wirkende Professor 
der Geschichte und Staatsphilosophie, Franz Lieber, in gleichem Sinne. 

Es war in jener Zeit höchster Erregung überaus gefährlich und forderte 
viel moralischen Mut, auf die Rednerbühne zu treten, für die Schwarzen Partei 
zu ergreifen und jenen die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, die sie nicht 
hören wollten. Denn oft wurden solche Personen, die für die Sklavenemanzipa- 
tion ihr bestes Wissen einsetzten, mit den gemeinsten Schimpfworten über- 
schüttet, oder sie fielen unter den Streichen von Meuchelmördern oder als 
Opfer blinder Volkswut. 

Auch Folien und Lieber mußten ihr Eintreten für die Sklavenbefreiung 
büßen, indem beide ihre Stellungen verloren Aber bald nach ihnen erschienen 
neue begeisterte Streiter auf dem Plan, die „Achtundvierziger". Diese von 
glühender Freiheitsliebe beseelten Männer forderten, daß die herrlichen, in der 
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung niedergelegten Gedanken von all- 
gemeinen Menschenrechten auch auf die mißbrauchten Neger ausgedehnt werden 
sollten. Und so nachdrücklich sie dafür in Schrift und Wort eintraten, so 
energisch handhabten sie, als wegen dieser Frage der grimmige Kampf ent- 
brannte, das Schwert. 

Von den vielen Aufzeichnungen amerikanischer Zeitgenossen, die den 
Enthusiasmus der Deutschen preisen, führe ich die des Oberleutnants Augustus 
Choate Hamlin, des Historikers des 11. Armeekorps, an. Derselbe schreibt in 
seinem bewundernswerten Buch : „The battle of Chancellorsville" : „Das Land 
hallte von Jubel wider, als bekannt wurde, daß die gesamte deutsche Bevölke- 
rung des Nordens ohne Zögern zum Beistand der gefährdeten Republik herbei- 
eilte. Die geleistete Unterstützung war bewundernswert und verdient den 



— 312 — 

höchsten Dank des Landes. Ebenso bemerkenswert ist, daß alle jene Revolu- 
tionäre, welche sich damals in diesem Lande befanden und unter Kossuth, 
Garibaldi, Sigel und Hecker gefochten hatten, ihre Dienste den Vereinigten 
Staaten anboten. Es war in der Tat ein großartiges Schauspiel, v/ie die ge- 
samte Masse des deutschsprechenden und deutschgeborenen Volks wie ein 
.Mann aufstand, um fest bei der Flagge der Republik zu stehen." 

In der Tat gingen an vielen Orten die Deutschamerikaner ihren Mit- 
bürgern anderer Abstammung mit glänzendem Beispiel voran. Bereits am 
9. Januar 1861 stellte der spätere Brigadegeneral Karl Leopold Mathies 
in Iowa der Bundesregierung eine auf seine Kosten ausgerüstete Kompagnie 
Soldaten zur Verfügung. Ein anderes leuchtendes Beispiel hoher Bürgertugend 
lieferte der berühmte Gelehrte und Staatsmann Dr. Karl Beck, Professor an 
der Universität Harvard. Trotzdem er bereits 60 Jahre alt war, heß er sich 
nicht abhalten, als Gemeiner in eine Kompagnie Freiwilliger einzutreten, mit 
welcher er sich willig allen schweren Pflichten eines Soldaten unterzog. Als 
bei der Einmusterung dieser Kompagnie die militärischen Behörden in Rück- 
sicht auf sein hohes Alter sich weigerten, ihn in die Armee einzureihen, fügte 
Beck sich grollend, entschädigte sich aber dadurch, daß er hundert kräftige 
Leute auf seine Kosten völlig ausrüstete und zum Heer sandte. 

Und als nach der Einnahme des Forts Sumter durch Truppen der Süd- 
staaten Präsident Lincoln am 15. April 1861 den ersten Aufruf für 75 000 Frei- 
wiHige erließ, da erhoben die Deutschen sich in Massen, um für den Schutz 
der Union einzutreten. 

In Cincinnati berief bereits am Morgen des 16. April ein aus hervor- 
ragenden deutschen Männern gebildeter Ausschuß für denselben Abend eine 
deutsche Massenversammlung in die Turnhalle ein. Diese nahm einen so be- 
geisterten Verlauf, und der Zudrang zu den Einschreibelisten war so groß, daß 
bereits am Abend des 18. April das erste deutsche Regiment, die später so be- 
rühmt gewordenen „Neuner von Ohio'' eine vollendete Tatsache war. 
Zehn Tage nach Lincolns Aufgebot stand es, 1200 Mann stark, zur Verfügung 
der Staatsbehörden. 

Das Deutschtum vom Ohio stellte ferner die ausschließlich aus Deutschen 
und Deutschamerikanern zusammengesetzten Infanterieregimenter No. 11, 28, 
37, 47, 58, 67, 74, 106, 107, 108 und 165. Ferner das 3. Kavallerieregiment 
sowie drei Batterien Artillerie. 

In New York war die Opferfreudigkeit der Deutschen nicht minder groß. 
Zunächst entstand, gleichfalls noch im April, das aus lauter deutschen Turnern 
gebildete 20. Regiment, die „United Turner R i f 1 e s". Deutsche Bürger 
bestritten sämtliche Kosten ihrer Ausrüstung. Andere deutsche Regimenter 
des Staates New York waren das 7. oder „Steuben-Regiment" ; das 2Q. oder 
die „A s t o r R i f 1 e s'' ; das 45. oder die „G e r m a n R i f 1 e s" ; das 46. oder 
„F r e m o n t - R e g i m e n t*' ; das 5., 8., 41 . und 52. Infanterieregiment. 
Deutsche bildeten ferner das 54. Regiment schwarzer Jäger; das 86. Regiment 



— 313 — 

oder „Steubensjäger"; das 4. New Yorker Kavallerie-Regiment („Dickeis 
Mounted Rifles") und die Batterie des Obersten Ludwig Blenker. 

Der Staat Pennsylvanien stellte die beiden reindeutschen Infanterie- 
regimenter No. 74 und 75. Außerdem waren die Deutschen im 4., 8., 9., 10., 
11., 14., 15., 16., 18., 21., 27., 48., 50., 51., 56., 65., 79., 89., 96., 97., 98., 
112., 113., 130., 131., 152., 153. und 168. Regiment stark vertreten. 

Die deutsche Bevölkerung des Staates Indiana lieferte das 32, Indiana 
Infanterieregiment; diejenige von Illinois das 82. und das aus „Heckers Jägern" 
bestehende 24. Regiment. Die Deutschen Wisconsins sandten das 9. und 
26. Regiment jenes Staates; die Deutschen Missouris das 3., 4. und 5. Regiment 
Freiwilliger des Staates Missouri. Auch in den von den anderen Bundes- 
staaten aufgebrachten Truppenkörpern bestanden ganze Kompagnien aus Deut- 
schen und Personen deutscher Abkunft. 

Leider existiert keine Statistik, aus der sich die Kopfzahl der Deutschen 
und Deutschamerikaner, die am Bürgerkrieg teilnahmen, nachweisen ließe. 
Auch die im Auftrag der „United States Sanitary Commission" von 
Dr. A. B. Gould auf Grund der in Washington und verschiedenen Staats- 
archiven gemachten Aufstellungen liefern kein genaues Bild. Aber seine „In- 
vestigations in the Statistics of American Soldiers", die in Armeekreisen als die 
zuverlässigste gilt, besagen, daß während des Bürgerkriegs 187 858 in Deutsch- 
land geborene Männer sich als Soldaten in der Bundesarmee befanden. Zu 
diesen kommen noch hunderttausende von Amerikanern, die von früheren Genera- 
tionen deutsches Blut in ihren Adern hatten.') 

Sicher ist, daß das Deutschtum einen größeren Prozentsatz zur Bundes- 
armee stellte, als irgendeine andere Nation. Und der Wert dieses Beitrags er- 
höhte sich dadurch erheblich, daß unter den in Deutschland Geborenen viele 
Tausende waren, die auf deutschen Kriegsschulen und in deutschen Heeren eine 
militärische Ausbildung empfangen hatten.") 



^) Wie groß die Zahl solcher Deutschamerikaner gewesen sein muß, ergibt sich 
aus einer Statistik, die J. G. Rosengarten in seinem bekannten Buch „The German Soidier" 
von der pennsylvanischen Familie Pennypacker lieferte. Der Ahnherr dieser Familie 
war Heinrich Pannebäcker, welcher bereits vor dem Jahre 1699 aus Deutschland ein- 
wanderte und sich am Schippackbach niederließ. Seine Familie war im Unabhängigkeits- 
krieg durch 1 Hauptmann, 1 Fähnrich, 1 Leutnant, 1 Korporal und 1 Gemeinen vertreten. 
Im Krieg von 1812 hatte sie 2 Mitglieder im Feld; im Krieg mit Mexiko 3. Im Rebellions- 
krieg fochten auf selten der Nordstaaten 2 Generalmajore, 1 Generaladjudant, 1 Oberst, 
2 Ärzte, 2 Hauptleute, 1 Leutnant, 5 Sergeanten, 8 Korporale, 1 Musiker und 65 Gemeine. 
In der südlichen Armee dienten 1 Oberstleutnant, 1 Quartiermeister, 4 Hauptleute, 5 Leutnants 
und 28 Gemeine, insgesamt 128 Personen. 

-) Einer neueren, von William Kaufmann gemachten Berechnung zufolge hätten die 
Deutschen rund 216000 Soldaten gestellt. Franz Sigel erwähnt in einem für die „Gartenlaube" 
geschriebenen Aufsatz, daß in „dem deutschen Kontingent über 5000 Offiziere aller Waffen- 
gattungen dienten, ein Teil davon, besonders im Stabe, waren Amerikaner von Geburt; 
außerdem waren unter den von der Nationalregierung direkt ernannten Stabsoffizieren 
(Aides-de-camp, Quartier- und Proviantmeistern, Chirurgen usw.) 69 Deutsche." 



— 314 — 

Die Teilnahme so vieler waffenkundiger Männer war für den Norden von 
um so höherer Bedeutung, als der Süden beim Ausbruch der Feindseligiieiten 
eine weit größere Zahl von Offizieren besaß, die in der Militärschule zu West- 
Point ihre Ausbildung empfangen hatten. 

Von den in die Bundesarmee eingetretenen deutschen Offizieren stiegen 
viele durch ausgezeichnete Taten zu den höchsten militärischen Rangstufen 
empor. So sind die Namen der Generäle Ammen, Ludwig Blenker, 
Louis von Blessing, Heinrich von Bohlen, Adolf 
Buschbeck, Adolf Engelmann, Hagner, Johann Fried- 
rich Hartranft, Franz Hassende übel, Friedrich Hecker, 
J. H. Heinzelmann, August V. Kautz, Knobelsdorff, Jo- 
hann A. Koltes, William C. Küffner, Konrad Krez, Karl 
Leopold Mathies, August Mohr. Julius Raith, Prinz Felix 
Salm, Karl Eberhardt Salomon, Georg von Schack, 
Alexander Schimmel p fennig, Alban Schöpf, Alexander 
von Schrader, Schriver, Schiras, Adolf von Steinwehr, 
Louis Wa gner, Hugo Wangelin, Max Weber, August 
Willich, Isaak Wister sowie diejenigen der Generalmajore Samuel 
Peter Heinzelmann, August Kautz, Peter Joseph Oster- 
haus, G. Pennypacker, Friedrich Salomon, Karl Schurz, 
Franz Sigel, Julius Stahel und Gottfried Weitzel unlöslich 
mit der Geschichte jenes großen Krieges verknüpft. 

Leider ist es unmöglich, den vielen Verdiensten jener Heerführer an dieser 
Stelle in vollem Umfang gerecht zu werden, da der vorliegende Abschnitt da- 
durch zu einem dicken Buch anschwellen würde. Wir müssen uns darauf be- 
schränken, die wichtigsten Taten einzelner Truppenabteilungen und Generäle 
zu skizzieren. 

Zunächst ist der Tatsache zu gedenken, daß schon am 18. April 1861, 
drei Tage nach dem Bombardement des Forts Sumter durch die Südländer, die 
Bundeshauptstadt Washington druch mehrere hundert Deutschamerikaner vor 
der Gefahr bewahrt wurde, den Südstaaten in die Hände zu fallen. Es bestand 
ein Komplott, die Stadt den Konföderierten zu überliefern, wodurch denselben 
ein ungeheurer Vorteil erwachsen wäre, indem dann auch der sezessionistisch ge- 
sinnte Staat Maryland mitsamt der Stadt Baltimore für den Norden verloreii 
gewesen wären. Aber noch im letzten Augenblick rückten fünf zum großen 
Teil aus ansässigen und eingewanderten Deutschen bestehende Kompagnien 
pennsylvanischer Infanteristen und Artilleristen in Washington ein und be- 
setzten das Kapitol. Damit war der Anschlag auf die Stadt vereitelt. In Balti- 
more blieb der dortige deutsche Turnverein treu unionistisch und bewirkte da- 
durch in hervorragendem Maß, daß auch diese Stadt dem Norden erhalten blieb. 

Im fernen Westen war dem durch seine Teilnahme am Aufstand in Baden 
berühmt gewordenen Achtundvierziger Franz Sigel eine wichtige Rolle 
beschieden. 



— 315 — 

Zur Zeit des Ausbruchs des Sezessionskrieges lebte derselbe in Missouri. 
Dieser Staat war den aus der Union ausgetretenen Staaten Mississippi, Florida, 
Alabama, Louisiana, Texas, Virginien, Arkansas, lennessee und den beiden 
Karolinas zwar noch nicht gefolgt, aber ein Handstreich des äußerst zahl- 
reichen sezessionistisch gesinnten Elements stand stündlich zu befürchten. 
Missouri der Union zu erhalten, war von höchster Wichtigkeit. Insbesondere 
war der Besitz von St. Louis von Bedeutung, da hier ein Zeughaus bestand, 
aus dem 40 000 Soldaten sofort mit allem Nötigen ausgerüstet werden konnten. 

Auf dieses Zeughaus hatten die Sezessionisten ihre Blicke gerichtet. Aber 
die in Eile gebildeten Freiwilligenregimenter von St. Louis, mit Ausnahme von 
vier Kompagnien aus lauter Deutschen bestehend, kamen ihnen unter ihren 
Befehlshabern Blair, Lyon,Sigel, Osterhaus, Schäfer und 
Schüttner zuvor und nahmen obendrein am 10. Mai 1861 die in Camp 
Jackson lagernden Sezessionisten gefangen. Dadurch war nicht nur Missouri 
gerettet, sondern den Sezessionisten auch die Möglichkeit genommen, von hier 
aus die der Union treu gebheben en Nachbarstaaten zu beunruhigen. 

Sigel zog darauf mit dem deutschen 3. Regiment und zwei leichten 
Batterien durch ganz Missouri und brachte den Feinden trotz bedeutender 
Übermacht große Verluste bei. Später stieß er zu der Abteilung des Generals 
Lyon, übernahm nach dessen Tod in der unglücklichen Schlacht am Wilsons 
Creek den Oberbefehl über das Heer und führte es in guter Ordnung nach 
Rolla zurück. Dafür ward er zum Brigadegeneral ernannt. In ähnlicher Weise 
deckte Sigel den Rückzug des Generals Hunter aus Springfield. 

Als nach zahlreichen glücklicheren Kämpfen Missouri endlich vom Feind 
befreit war, rückte Sigel in Gemeinschaft mit General Curtis in den Staat 
Arkansas ein. Bei Pea Ridge stieß man am 6. März 1862 auf den 20 000 Mann 
starken Feind. Trotzdem Curtis und Sigel über nur 11 000 Truppen verfügten, 
schritten sie zum Angriff und fügten nach drei Tage dauernden erbitterten 
Kämpfen dem Gegner eine empfindliche Niederlage zu. Die Entscheidung 
wurde durch Sigel herbeigeführt, indem er seine deutschen Regimenter demon- 
strativ, wie zum Abbrechen des Gefechts, hinter die Linien der Artillerie in eine 
gedeckte Stellung beorderte und zugleich die ungeschützten Batterien mit 
blinden Kartuschen feuern ließ, als ob sie ihre Munition aufgebraucht hätten. 

Als nun die Feinde siegesgewiß in geschlossenen Massen heranrückten, 
wurden sie nicht nur mit Kartätschen, sondern auch mit einem vernichtenden 
Schnellfeuer aus den Büchsen der rasch zwischen die Batterien einschwen- 
kenden Deutschen begrüßt. Im Augenblick der Verwirrung brachen die nordi- 
schen Reiter herein, um alles niederzusäbeln, was die Kugeln verschont hatten. 

Für diese Waffentat zum Generalmajor befördert, wurde Sigel darauf 
nach Virginien, dem wichtigsten Schauplatz des Krieges, berufen und dem von 
Pope befehligten 1. Armeekorps zugeteilt. Auf dem rechten Flügel stehend, 
errang Sigel am 29. August am Bull Run manche Vorteile über den ihm gegen- 
über stehenden Jackson. Aber diese gingen wieder verloren, als am zweiten 



316 



Tage der Schlacht die Truppen Popes von der weit überlegenen Macht Jacksons 
umgangen und zum Rückzug genötigt wurden. Sigel deckte mit gewohnter 
Meisterschaft abermals den Rückzug. 

Nach dieser Schlacht befehligte Sigel verchiedene Truppenkörper in Penn- 
sylvanien, und organisierte, als der konföderierte General Lee auf seinem Sieges- 
zug bis Gettysburg 
vordrang, eine 10 000 
Mann starke Reserve- 
armee, um die in den 
Kohlengebieten dro- 
henden Unruhen zu 
verhüten. Im Frühling 
1 864 wurde er mit dem 
Oberbefehl der im 
Shenandoahtal stehen- 
den Truppen betraut. 
Als er aber bei New 
Market durch den weit 
überlegenen Brekkin- 
ridge eine Niederlage 
erlitt, wurde ihm ein 
Reservekorps am obe- 
ren Potamac überge- 
ben, mit dem er die 
wiederholten Angriffe 
des konföderierten Ge- 
nerals Early auf Har- 
pers Ferry und die 
strategisch wichtigen 
Maryland Flights sieg- 
reich abschlug. 

Gleich allen an- 
deren im amerikani- 
schen Heere dienenden 
Generälen fremdländi- 
scher Abkunft hatte 
auch Sigel unter Eifer- 
süchteleien, ja Zurücksetzungen seitens seiner amerikanischen Waffengenossen 
schwer zu leiden. 

„West Point gestaltete," so schreibt Augustus Choate Hamlin, der 
Historiker des 11. Armeekorps, mit erfrischender Offenheit, „alle Dinge seinen 
Interessen und den Wünschen seiner Partei gemäß. Es mag wahrheitsgemäß 
gesagt werden, daß in der Verwaltung der Armee oft Patriotismus von kaltem 




Generalmajor Franz Sigel. 




Reiterstatue des Generalmajors Franz Sigel in New York. 

Modelliert von Karl Bitter in New York. 



— 319 — 

Ehrgeiz überschattet wurde, daß Fehler als Tugenden, und Voreiligkeit als 
Zeichen überlegener Geistesgröße gepriesen wurden. Wenn wir den über der 
Potomacarmee hängenden Schleier der Verborgenheit hinwegziehen und die 
gärende Eifersucht, den versteckten Ehrgeiz, den geilen Argwohn und die Günst- 
lingswirtschaft ihrer Führer untersuchen, so ist es keineswegs angenehm, ein 
solches Bild zu betrachten oder darüber nachzudenken." 

Auch Sigel sah sich in seinen Unternehmungen und Plänen durch solche 
Ränke und Eifersüchteleien so oft gehindert, daß er im Mai 1865 sein Kom- 
mando niederlegte und ins Privatleben zurückkehrte. 

Ähnliche Erfahrungen machte sein gleichfalls als politischer Flüchthng 
nach den Vereinigten Staaten verschlagener Landsmann Karl Schurz. 
Wegen seiner hervorragenden Verdienste um die Erwählung Lincolns war 
Schurz zum Gesandten in Spanien ernannt worden. Diesen Posten legte er 
beim Ausbruch des Krieges nieder, um an den Kämpfen für die Erhaltung der 
Union teilnehmen zu können. Er erhielt zunächst ein Kommando in der Po- 
tomac-Armee. Unglücklicherweise waren die rasch wechselnden Oberbefehls- 
haber derselben fast durchweg unfähige, ihren Aufgaben keineswegs gewach- 
sene Personen. Fremont, Pope, McClellan, Burnside und Hooker erlitten 
Niederlage auf Niederlage, unter denen die am Bull Run, bei Fredericksburg 
und Chancellorsville die schwersten waren. 

An der letztgenannten Schlacht am 2. Mai 1863 war auch die Schurzsche 
Division beteiligt. Sie bildete mit einer von Adolf von Steinwehr und einer 
von dem amerikanischen General Devens befehligten Abteilung das unter dem 
Kommando von O. O. Howard stehende 11. Armeekorps und den rechten 
Flügel der von General Hooker befehligten Hauptarmee. Im Lauf des Tages 
entdeckten Schurz, von Steinwehr und andere Offiziere, daß die von den 
genialen Generälen Lee und Jackson geführte feindliche Armee sich unter Fin- 
gierung eines Rückzugs anschicke, den rechten Flügel der Bundesarmee zu 
umgehen. Obwohl Schurz und Steinwehr das Hauptquartier wiederholt auf 
diese verdächtigen Bewegungen aufmerksam machten und sofortige Gegen- 
maßregeln empfahlen, geschah vom Hauptquartier nichts, um die bedrohte 
Flanke zu schützen. Man wiegte sich in dem Glauben, daß die Rebellentruppen 
sich auf der Flucht befänden. Schurz ließ nun auf eigene Verantwortung die 
Regimenter seiner Division, das 26. Wisconsiner, 58. New Yorker, 82. Illinoiser, 
82. Ohioer und 157. New Yorker Regiment zusammenziehen und Front gen 
Westen nehmen, von wo er einen Angriff der Konföderierten befürchtete. Dieser 
erfolgte kurz nach fünf Uhr nachmittags. Und zwar überrannten die plötzlich 
aus den Wäldern hervorbrechenden 18 000 Mann starken Feinde zunächst die 
ganz unvorbereitete Division des amerikanischen Generals Devens. Diese hielt 
dem fürchterlichen Ansturm nicht stand, floh in verworrener Masse und drohte 
die deutschen Regimenter mit sich zu reißen. Diese, kaum 3000 Mann stark, 
bildeten die einzige kampfbereite Schlachtlinie. 

Das kleine Häuflein stand fest und hinderte Jackson, im Sturm bis zu 



— 320 — 

dem nur zwei Meilen entfernten Hauptquartier vorzudringen. Aber bald um- 
gingen die Massen des Feindes den linken Flügel der Regimenter und begannen 
ihn im Rücken zu bedrohen. Nun entstand auch Unordnung in den deutschen 
Reihen. Vergebens sprengte Oberst Friedrich Hecker vom 82. Illinois- 
Regiment mit der Regimentsfahne vor die Front und feuerte die Seinigen zu 
einem Bajonettangriff auf. Er wurde von dem allgemeinen Wirrwarr fort- 
geschwemmt und stürzte bald darauf schwerverwundet vom Pferde. Erst den 
verzweifelten Anstrengungen der Generäle Schurz und von Steinwehr, 
des Obersten Buschbeck und des Artillerieoffiziers Hubert Dilgcr 
gelang es, die Truppen wieder zum Stehen zu bringen und dem weiteren Vor- 
dringen des Feindes Einhalt zu gebieten. 

Da in den überrannten Divisionen viele Deutsche waren, so hielten die 
dem Heer folgenden englisch-amerikanischen Zeitungsleute sich bemüßigt, 
sowohl Führer wie Mannschaften dieser Abteilungen mit den gröbsten Schmä- 
hungen zu überschütten. Ihre gen Osten gesandten Berichte wimmelten von 
beleidigenden Ausdrücken, unter denen die Bezeichnung „Dutch cowards'' 
einer der gelindesten war. Das Empörendste war, daß manche solcher ano- 
nymen Angriffe von Offizieren ausgingen, die sich im Hauptquartier der Armee 
befanden. Keinem dieser Verleumder kam es bei, die Verantwortung für die 
Niederlage dorthin zu ph-icieren, wo dieselbe infolge grober Fahrlässigkeit ver- 
schuldet wurde. Vergebens verlangten die Generäle Schurz und Schimmel- 
pfennig die Einsetzung eines Untersuchungsgerichts. Ihre wiederholt in drin- 
gendster Form gestellten Anträge blieben seitens des Kriegsministers unbe- 
rücksichtigt. Erst in späteren Jahren nahmen sich berufene Militärschrift- 
steller wie Samuel P. Bates, Theodore Dodge, Generalmajor Abner Doubleday, 
Oberstleutnant Augustus C. Hamlin und andere der mit Unrecht verleumdeten 
deutschen Truppen an und ließen denselben in sorgfältigen Untersuchungen 
über die Schlacht bei Chancellorsville volle Gerechtigkeit widerfahren. Eine 
ausführliche Schilderung der Schlacht lieferte auch Schurz in seinen „Remini- 
scences of a long life". 

Übrigens bot sich den Divisionen Schurz und von Steinwehr, sowie 
manchen anderen deutschen Regimentern noch im selben Jahre Gelegenheit, zu 
zeigen, aus welchem Stoff ihre Truppen gemacht waren. Durch den Erfolg bei 
Chancellorsville kühn geworden, raffte General Lee, der Oberbefehlshaber der 
Konföderierten, sämtliche verfügbaren Streitkräfte zusammen und drang in zwei 
Kolonnen durch das Shenandoahtal den Südostabhang der Blauen Berge ent- 
lang gen Norden vor, wobei er sowohl die Flanken der von Hooker befehligten 
Bundesarmee wie die Hauptstadt Washington beständig bedrohte. 

Da man in Washington das Vertrauen in Hooker verloren hatte, so er- 
setzte man ihn durch den entschlosseneren General Georg G. Meade. Dieser 
nötigte den Feind bei Gettysburg zu einer Schlacht, die sich vom Morgen des 
1 . bis zum Abend des 3. Juli erstreckte. 

Während dieses gigantischen Ringens bildeten die Deutschen am zweiten 



— 321 ~ 

und dritten Tag unter Schurz und von Steinwehr das Zentrum hinter der Fried- 
hofsmauer der berühmten Cemetery Ridge, auf deren strategische Wichtigkeit 
von Steinwehr zuerst aufmerlcsam gemacht hatte. Hier hielten sie auch jene 
fürchterliche Kanonade aus 145 schv/eren Geschützen aus, die Lee am dritten 
Schlachttage dem Sturmangriff seiner Kolonnen vorausgehen ließ. 

Das war ein Feuer, wie die ältesten Soldaten ein gleiches nie zuvor erlebt 
hatten. Der Friedhof war eingehüllt in den Rauch explodierender Granaten 
und in den Qualm der hundert Geschütze, womit die Bundestruppen die Ka- 
nonade erwiderten. Und als nach zweistündiger Dauer dieses entsetzlichen 
Artillerieduells die Konföderierten 15 000 Mann stark aus den Wäldern brachen 
und im Sturmschritt gegen die Bundestruppen vorrückten, da entspann sich ein 




Szene aus der Schlacht bei Gettysburg. 

Nach einem gleichzeitigen Holzschnitt. 

rasender Kampf, Mann gegen Mann, währenddessen die Leiber der toten und 
verstümmelten Menschen und Pferde sich zu förmlichen Hügeln emportürmten. 

Der heftige Anprall scheiterte an dem erbitterten Widerstand der Ver- 
teidiger des Friedhofs. Die Konföderierten wurden in gänzlicher Auflösung 
zurückgeworfen, die Schlacht zugunsten der Bundesarmee entschieden und Lee 
zum Rückzug nach Virginien genötigt. Wie mörderisch der Kampf gewesen 
war, beweisen die Verluste. Die Bundesarmee büßte an Toten, Verwundeten 
und Vermißten 23 000, die Konföderierten 30 000 Mann ein. 

Mit hoher Auszeichnung fochten die deutschamerikanischen Generäle 
und Regimenter auch, am 19. und 20. September 1863 bei Chickamauga 
und am 24. und 25. November 1863 bei Chattanooga in Tennessee. 
Dort errang sich vor allem General August Willich als Befehls- 
haber einer aus neun Regimentern bestehenden Brigade glänzende Lor- 



Cronau, Deutsches Leben in Ameril<a. 



21 



— 322 ~ 

beeren, indem er einen mitten im Ctiattanoogatal aufragenden kegelförmigen 
Hügel, den Orchard Knob, von dem aus die Konföderierten zwei Monate lang 
die Bundestruppen beunruhigt hatten, eroberte. Willich nahm mit seinen 
Truppen auch an der Erstürmung der Missionary Ridge teil und befand sich 
unter den ersten, welche diesen überaus steilen, hartnäckig verteidigten Höhen- 
zug erstiegen. 

An den Kämpfen um Chattanooga hatten auch die von den Generälen 
Schurz, Osterhaus und von Steinwehr befehligten Truppen glorreichen Anteil. 
Vornehmlich an der berühmten „Schlacht in den Wolken", auf den Abhängen 
und dem Rücken des hohen Lookout Mountain, der hauptsächlich durch das 
rechtzeitige Eintreffen des die Feinde im Rücken fassenden Generals Osterhaus 
für die Bundestnippen gewonnen wurde. 




Die Erstürmung der Missionary Ridge. 

Nach einem Gemälde von Arthur Thomas in der Gedächtnishalle zu Columbus, Ohio. 

Osterhaus und Schurz nahmen mit ihren Divisionen ferner an dem denk- 
würdigen Zug Shermans durch Georgia nach Savannah teil und fochten ruhm- 
voll in den Gefechten bei Tunnel Hill, Buzzards Roost, Dalton, Resaca, Ma- 
rietta und Atlanta. 

Der Pfälzer Louis Blenker, der in New York das nach ihm benannte 
8. Freiwilligenregiment organisiert hatte, stand im Juli 1861 in der ersten 
Schlacht bei Bull Run an der Spitze einer aus vier deutschen New Yorker 
Regimentern und dem 27. Pennsylvanischen Regiment bestehenden Brigade, 
die nach dem unglücklichen Ausgang jener Schlacht den Rückzug der von 
General McDowell geführten Armee deckte. Und zwar so nachdrücklich, daß 
die Feinde sowohl von der Verfolgung der geschlagenen Armee wie von einem 
Angriff auf die Bundeshauptstadt Washington absahen. Blenkers deutscher 
Brigade wurde allein die Ehre zuteil, am 23. Juli mit klingendem Spiel und 
fliegenden Fahnen über die lange Potomacbrücke in Washington einzu- 



— 323 — 

rücken. Blenker, darauf zum Brigadegeneral ernannt, organisierte nun die 
„Deutsche Division", die zuerst in dem Sumnerschen Korps Dienste tat und 
später unter Fremont in der Schlacht bei Groß Keys sich auszeichnete. Durch 




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einen Sturz vom Pferde verletzt, nahm Blenker Urlaub, kehrte aber nicht mehr 
zur Armee zurück. 

In glänzendster Weise betätigte sich während des Bürgerkrieges 
auch der Ingenieur Gottfried Weitzel. Von Geburt Rheinpfälzer, 
hatte er sich in Westpoint zum Offizier ausgebildet. Unter Butler diente 

21 * 



— 324 — 

er als Oberingenieur in New Orleans, später bei Banks' unglücklicher 
Red River-Expedition, als Divisionsführer endlich in Butlers Army of the James. 
Beim Anlegen von Befestigungen und beim Brückenbau entwickelte Weitzel 
so hervorragende Fähigkeiten, daß er zum Generalmajor ernannt wurde. Als 
Führer des 25. Armeekorps zog er am 3. April 1865 in Richmond ein, wo er 
am folgenden Tage den Präsidenten Lincoln empfing. 

Am 28. Dezember 1863 lieferte auch der Oberst Bernhard Lai- 
bold t vom 2. Missouriregiment ein Beispiel echt soldatischer Entschlossen- 
heit, indem er, als er mit einem Trupp von Rekonvaleszenten einen Proviantzug 
von Chattanooga nach Knoxville führte, einen Reiterangriff des verwegenen 
Generals Wheeler mit so großem Geschick abschlug, daß er dafür zum Brigade- 
general befördert wurde, 

Mit Wheeler traf Laiboldt noch einmal am 14. August des folgenden 
Jahres zusammen. Er hielt mit 480 Mann seines aus lauter Deutschen be- 
stehenden 2. Missouriregiments die Bahnstation Dalton, deren Behauptung von 
besonderer Wichtigkeit war. Am Nachmittag des genannten Tages umzingelte 
Wheeler mit 3000 Mann Kavallerie diesen Platz und forderte die Besatzung zu 
sofortiger Übergabe auf. Laiboldt beschränkte sich auf folgendes Antwort- 
schreiben: „Sir! Ich wurde hierhergestellt, um diesen Platz zu verteidigen, 
nicht aber, um ihn zu übergeben!" 

Als Wheeler einen zweiten Parlamentär schickte, wurde Laiboldt unge- 
mütlich und ließ Wheeler sagen, er habe ihm schon einmal das Fell gegerbt 
und sei bereit, es auch zum zweitenmal zu besorgen. 

Der sofort entbrennende Kampf währte die ganze Nacht, endete aber 
mit dem Rückzug des Rebellengenerals, desen Reiter überaus schwere Verluste 
erlitten. 

Auch der tapferen Taten des Generalmajors August V. Kautz und 
des Brevet Brigadegenerals William C. Küffner müssen wir gedenken. 
Kautz, bei Pforzheim in Baden geboren, machte bereits den Krieg gegen Mexiko 
mit. Während des Bürgerkrieges wurde er einer der glänzendsten Reiter- 
führer und einer derjenigen, welche diese im Anfang des Krieges stark ver- 
nachlässigte Truppengattung zu hoher Bedeutung brachten. Er befehligte 
gegen Ende des Krieges das 24. Armeekorps und war an über hundert Ge- 
fechten und Schlachten beteiligt. 

Sein Landsmann Küffner, ein Mecklenburger, nahm an einhundertundzehn 
Scharmützeln und Schlachten teil. Er wurde viermal verwundet, darunter 
zweimal schwer bei Shiloh und Corinth. Er war einer der feurigsten und 
tapfersten Deutschen des Westens und ein hochgeachtetes Mitglied der in Belle- 
ville, Illinois, gegründeten „Liga deutscher Patrioten". 

Mit der Schilderung ähnlicher, von deutschen Truppenabteilungen und 
Offizieren im Bürgerkriege vollführten Heldentaten könnte man viele Seiten 
füllen. Aber räumliche Rücksichten fordern zur Beschränkung auf. 

Von den deutschgeborenen Generälen und Generalmajoren starben meh- 



— 325 — 

rere den Heldentod. Die glänzende Laufbahn des Generals Heinrich von 
Bohlen fand am 22. August 1862 in der Schlacht am Rappahannock ihren 
Abschluß, als er seine Truppen zum Angriff führte. Die Generäle Adolf 
Engelmann und J u 1 i u s R a i t h fielen im April 1862 bei Shiloh ; Franz 
Hassendeubel im JuH 1863, während der Belagerung von Vicksburg; 
Johann K o 1 1 e s am 30. August 1862 in der Schlacht bei Bull Run ; M a x 
Weber wurde am 17. September 1863 bei Antietam so schwer ven\'undet, 
daß er auf eine fernere Teilnahme am Kriege verzichten mußte. Der Brigade- 
general Hugo W angelin büßte bei Ringgold den linken Arm ein, trat 
nach Heilung der Wunde aber wieder in die Armee ein und leistete noch in 
Georgia und in Missouri vortreffliche Dienste. 

Die Zahl der Obersten, Majore, Hauptleute und anderen Offiziere, die 
ruhmvoll vor dem Feind fielen, beläuft sich auf viele Hunderte; diejenige der 
gefallenen Soldaten auf viele lausende. Mehrere deutsche Regimenter erlitten 
geradezu ungeheure Verluste. So kehrten zum Beispiel von dem im Herbst 1861 
aus vier Kompagnien der Sigelschen Rifleschützen und sechs Kompagnien der 
deutschen Jäger gebildeten 52. New Yorker Regiment im Oktober 1864 nur 
5 Offiziere und 35 Mann unter Führung des Majors R e t z i u s zurück. Nach- 
dem es neu ausgemustert und auf seine frühere Stärke von 2800 Mann gebracht 
worden, zog es abermals aus, um zu Ende des Krieges nur noch 200 Köpfe 
stark heimzukehren. Nicht weniger als 34 seiner Offiziere waren vor dem 
Feinde gefallen oder kampfunfähig geworden. 

Das aus Turnern gebildete 20. New Yorker Regiment, welches am 
31. März 1861 eingeschworen und zunächst nach der Festung Monroe be- 
ordert wurde, kehrte nach vielen mit Auszeichnung bestandenen Schlachten am 
10. Mai 1863, von 1200 Mann auf nur 462 zusammengeschpiolzen, zurück. 

So enthält auch die Geschichte des Bürgerkrieges glänzende Beweise, 
daß die Deutschamerikaner gleich ihren amerikanischen Mitbürgern als echte 
Patrioten Blut und Leben für die Erhaltung der Union einsetzten. 



In den Reihen der Koniöderierten Armee dienten gleichfalls viele Deutsche, 
die in den Südstaaten groß geworden und mit dem dortigen Leben und den 
dortigen Anschauungen verwachsen waren. Von diesen zeichnete sich be- 
sonders Oberst Johann Andreas Wagner bei der Verteidigung des 
Fcrts Walker in Südkarolina aus. Als die Befestigung am 7. November 1861 
von einer 15 000 Mann starken Armee unter General Sherman sowie der 
IQ Kriegsschiffe zählenden Bundesflotte angegriffen wurde, wurde es von dem 
fast aus lauter Deutschen bestehenden und von Wagner befehligten 1. Artillerie- 
regiment von Südkarolina und einer Division Infanterie unter General Drayton 
verteidigt. Fünf Stunden lang ergoß sich aus 300 Feuerschlünden ein ver- 
heerender Hagel von Kugeln und Bomben über das Fort. Wagner gab den 



— 326 — 

hoffnungslosen Kampf erst auf, als seine sämtlichen Geschütze zerstört und die 
Vorräte an Munition verschossen waren. Beim Rückzug, der in bester Ordnung 
vonstatten ging, nahmen die Deutschen ihre Verwundeten mit sich. In An- 
erkennung seiner Tapferkeit wurde Wagner zum Brigadegeneral und Platz- 
kommandanten von Charleston ernannt. 

Zur Verteidigung dieser Stadt ließ Wagner auf der Nordspitze der den 
Hafen schützenden Morrisinsel das später nach ihm benannte Fort Wagner 
aufführen. Im Juni 1863 versuchten die Unionstruppen dieses zu nehmen. 
Nach einer mehrere Tage dauernden Beschießung liefen sie Sturm, wurden 
aber mit einem Verlust von 1500 Mann zurückgeworfen. Erst im November, 
nach längerem Bombardement, konnte Wagner zur Übergabe gezwungen werden. 

Heros von Borcke ist der Name eines ehemaligen preußischen 
Reiterführers, der im Jahre 1862 in die konföderierte Armee eintrat und dem 
berühmten Reitergeneral Jeb Stuart als Stabschef zugeteilt wurde. Er 
zeichnete sich durch Kühnheit und Tapferkeit derart aus, daß der konföderierte 
Kongreß ihm ein besonderes Dankesvotum widmete. Im Gefecht bei Middle- 
burg wurde von Borcke so schwer verwundet, daß er monatelang zwischen 
Leben und Tod schwebte und aus dem aktiven Dienst ausscheiden mußte. Im 
Winter 1864 — 1865 nahm er eine Mission der konföderierten Regierung nach 
England an, doch blieb dieselbe ohne Ergebnis, da bald darauf der Zusammen- 
bruch der Konföderation erfolgte. Von Borcke kehrte darauf nach Deutsch- 
land zurück, wo er das vielgelesene Buch: „Zwei Jahre im Sattel und am 
Feinde" schrieb. Als er zwanzig Jahre später abermals die Südstaaten be- 
suchte, gestaltete sich seine Reise zu einem förmlichen Triumphzuge. 

Der Hannoveraner Carl Friedrich Henningsen, ein richtiger 
deutscher Landsknecht, brachte es zum Rang eines Brigadegenerals der kon- 
föderierten Armee, fand aber nur wenig Gelegenheit, sich auszuzeichnen. 



Es ist nötig, hier noch zweier Männer zu gedenken, die während des 
Bürgerkriegs überaus verantwortliche Stellen in Staatsdiensten bekleideten, 
der beiden Schatzmeister Francis E. Spinner und C h. Gustav M e m - 
m i n g e r. 

Der Erstgenannte war ein Sohn des im Jahre 1800 aus Tauberbischofs- 
heim in die Vereinigten Staaten eingewanderten Predigers Johann P. Spin- 
ner, der von 1801 bis 1848 der alten Pfälzerkirche zu Herkimer im Mohaw^k- 
tal vorstand. Hier wurde am 21. Dezember 1801 sein Sohn Francis geboren. 
Nachdem derselbe mehrere wichtige Ämter bekleidet und es in der Miliz zum 
Generalmajor gebracht hatte, war er viele Jahre als Kassierer und Leiter der 
Mohawk Valley Bank in Mohawk tätig. Im Jahre 1848 erwählte man ihn zum 
Abgeordneten für den Bundeskongreß, in dem er einer der eifrigsten Befür- 
worter cier Abschaffung der Sklaverei war. 



327 — 



Als der Bürgerkrieg ausbrach, ernannte Präsident Lincoln Spinner zum 
Schatzmeister der Vereinigten Staaten. Aber die Kassen waren leer. Nichts- 
destoweniger glückte es Spinner, durch weise Anordnungen den Finanzen 
wieder eine so gesunde Grundlage zu geben, daß den ersten Anstürmen auf 
die Kasse Rechnung getragen werden konnte. Die von ihm getroffenen Ein- 
richtungen bewährten sich so, daß, trotzdem viele Millionen in Umlauf gesetzt 
wurden, nicht ein einziger Dollar verloren ging. Seiner Gewissenhaftigkeit 
wegen nannte der Volksmund 
Spinner „The Watchdog of the 
Treasury" („Den Wachthund 
des Schatzamts"). Und H. 
McCullogh sagt von ihm in dem 
Buch „Men and conditions of a 
half Century" : „Nie hat ein ver- 
trauenswürdigerer, gewissen- 
hafterer und aufrichtigerer Mann 
ein so schwieriges Amt ver- 
waltet als Francis E. Spinner. 
Vom frühen Morgen bis spät in 
die Nacht stand er an seinem 
Pult, und er war immer der 
letzte, der das Arbeitszimmer 
verließ." 

Während seines dritten 
Amtsjahres machte Spinner den 
ersten Versuch, weibliche Per- 
sonen als Regierungsangestellte 
zu verw^enden. Diese bewährten 
sich vorzüglich, indem sie an 
Pünktlichkeit, Schnelligkeit und 
Ordnung nichts zu wünschen 
übrig ließen. Im Auftrag der 
Regierung besuchte Spinner 
auch Europa, um dortige Geld- 




Ch. Gustav Memminger, 

Finanzminister der südstaatlichen Regierung während des 
amerikanischen Biir)»erl<riegs. 

leute für amerikanische Staats- 
papiere zu interessieren. Er tat dies mit ausgesprochenem Erfolg. Spinner be- 
kleidete seinen verantwortungsvollen Posten 15 Jahre lang. Nach seinem am 
31. Dezember 1890 erfolgten Tod veranstalteten die in Dienst der Regierung 
stehenden weiblichen Angestellten am 10. Januar 1891 in Washington eine 
Massenversammlung, welche die Errichtung eines Standbildes Spinners be- 
schloß. Dasselbe wurde am 29. Juni 1909 in der im Mohawktal gelegenen 
Stadt Herkimer enthüllt. 

Ch. Gustav Memminger, ein armer deutscher Waisenknabe, hatte 



— 328 — 

sich in Charleston zu einer sehr angesehenen Stellung emporgearbeitet. Als 
der Bürgerkrieg ausbrach, berief der Präsident der Südstaaten, Jefferson Davis, 
Memminger als Finanzminister in sein Kabinett. Das war allerdings kein be- 
neidenswerter Posten, denn die finanziellen Hilfsmittel der südlichen Regierung 
waren in noch viel schlechterer Verfassung als jene der Bundesregierung, die 
während des langen Krieges mehrmals dem Bankerott nahe war. Trotz der 
oft unüberbrückbar scheinenden Verlegenheiten bekleidete Memminger sein 
schweres Amt bis zum Jahre 1864, w^o er, die Nutzlosigkeit des ferneren 
Kampfes erkennend, seinen dornenvollen Posten niederlegte. 



Manche Offiziere deutschamerikanischer Abstammung spielten auch in 
den zahllosen Indianerkämpfen, welche die Vereinigten Staaten während des 
19. Jahrhunderts im fernen Westen führen mußten, wichtige Rollen. Vor allen 
der Oberstleutnant F e 1 1 e r m a n und der Reitergeneral George A. Güster, 
der Abkömmling einer während des 18. Jahrhunderts in Pennsylvanien ein- 
gewanderten hessischen Familie Namens Küster. Nach manchen Siegen 
über die Gheyennen, Arrapahoes und Sioux fiel dieser kühne General nebst 
261 seiner Reiter am 25. Juni 1876 am Little Big Hörn River in Montana, wo 
sein tollkühner Mut ihn mitten unter weit überlegene Feinde geführt hatte. In 
demselben Treffen fand sein Bruder, der Oberstleutnant Thomas Güster den 
Soldatentod. 

In einem der Indianerkriege fiel auch der Brigadegeneral Alexander 
von Schrader, ein ehemaliger preußischer Offizier, der sich als Ingenieur 
bereits während des Bürgerkriegs ausgezeichnet hatte. 



Auch im Krieg des Jahres 1898, durch welchen der jahrhundertelangen 
spanischen Willkürherrschaft in der Neuen Welt das längst verdiente Ende be- 
reitet wurde, dienten sov/ohl im Heer wie in der Marine zahlreiche Truppen 
und Offiziere deutschen Namens. Bei dem ersten blutigen Ereignis, der Ex- 
plosion des Schlachtschiffs „Maine" im Hafen von Havanna, gingen 21 Deutsche 
zugrunde. Auf der Verlustliste des 8. Freiwilligenregiments stehen ein Drittel 
mit deutschen Namen. Von 96 Toten des 71. Regiments entstammen gleich- 
falls 20 deutschen Familien. 

Unter den Offizieren, welche auf Porto Rico und den Philippinen fochten, 
zeichnete sich besonders Theodor Schwan aus. Als gemeiner Soldat 
hatte er bereits an der Expedition gegen die Mormonen teilgenommen. Wäh- 
rend des Bürgerkriegs focht er in 20 Schlachten mit, darunter jene von Ghan- 
cellorsville, Gettysburg, in der Wildnis, Spottsylvania, Petersburg usw. Später 
diente Schwan in vielen Indianerkriegen. Seine größte militärische Wirksam- 
keit fällt aber in den spanisch-amerikanischen Krieg. Während desselben be- 



— 329 — 



fehligte er als Brigadegeneral auf Porto Rico die Heeresabteilung, welche von 
der Westküste gegen Mayaguez vormarschierte und am 10. August 1898 bei 
Hormigueros erfolgreich ein blutiges Gefecht gegen eine starke spanische Ab- 
teilung bestand. Auf den Philippinen leitete Schwan die Expedtionen in der 
Provinz Cavite und in Südluzon. Den Rang eines Brigadegenerals erreichte 
auch Johann WalterKlaus oder Clous, der im Stab des Oberstbefehls- 
habers, General Miles, den spanisch-amerikanischen Feldzug mitmachte. Ferner 
der Generalarzt G e - 
orge M. Stern- 
berg, dem der ge- 
samte Sanitätsdienst 
unterstellt war. 

Und unter den 
Helden jenes Krieges 
ragt der Nachkomme 
eines deutschen Schul- 
meisters hervor: Win- 

field Scott 
S c h 1 e y , der Sieger 
von Santiago. Sein Ur- 
ahne war Thomas 
Schley, der im Jahre 
1735 das erste Haus 
der heutigen Stadt Fre- 
derick in Maryland er- 
baute. 

Die Laufbahn we- 
niger Männer ist so 
reich an ehrenvollen 
Taten, wie die des Ad- 
mirals Schley. Am 9. 
Oktober 1839 in der 
Nähe des alten Fa- 
miliensitzes Frederick geboren, durchlief er die Marineakademie in Annapolis. 
Als junger Seeoffizier focht er im Bürgerkrieg ; später wurde er dem Geschwader 
im Großen Ozean zugeteilt. Hier unterdrückte er im Jahre 1864 einen Auf- 
stand chinesischer Kulis auf den Chinchiinseln. 1871 beteiligte er sich an dem 
Angriff auf die Forts am Salu in Korea. Nachdem er dann fünf Jahre im 
Atlantischen Geschwader gedient hatte, befehligte er die beiden Dampfer, welche 
im Jahre 1884 ausgeschickt wurden, um den verschollenen Polarforscher 
A. W. Greeley aufzusuchen. Fs gelang Schley, die auf sechs Mann zusammen- 
geschmolzene Expedition Greeleys zu retten, wofür ihm der Kongreß eine 
goldene Denkmünze stiftete. 1891 verrichtete er höchst wertvolle Dienste in 




Admiral Winfield Scott Schley. 



— 330 — 

Chile. Die Zeit höchsten Ruhms kam für Schley aber im Jahre 1898, als eine 
aus den Kreuzern „Christobal Colon", „Almirante Oquendo", „Maria Theresa", 
„Vizcaya'^ und den Torpedobootzerstörern „Furor", „Terror" und „Pluton" 
bestehende spanische Flotte unter dem Befehl des Admirals Cervera Europa 
verließ und die amerikanische Küste bedrohte. 

In Eile zog man in den Vereinigten Staaten ein „fliegendes Geschwader" 
zusammen und unterstellte dasselbe dem Befehl des Commodore Schley. Dieser 
richtete zunächst mittels schneller Avisos einen ausgedehnten Wachtdienst 
längs der ganzen atlantischen Küste ein. Als die Nachricht eintraf, daß die 
feindliche Flotte in Westindien gesichtet worden sei, galt es, Cervera daran zu 
verhindern, mit seinen Schiffen Havanna, den einzig möglichen Stützpunkt, zu 
erreichen. Während Admiral Sampson mit seiner starken Flotte die Haiti und 
Cuba trennende Windwardpassage sperrte, eilte Schley mit seinem fliegenden 
Geschwader um die Westspitze Cubas durch den Kanal von Yukatan, um auch 
diesen Weg zu verlegen. 

Mangel an Kohlen hatten Cervera gezwungen, den cubanischen Hafen 
Santiago anzulaufen. Dort wurde seine Anwesenheit am 26. Mai durch die 
schnellen Aufklärungsboote Schleys festgestellt, worauf sowohl dessen Ge- 
schwader wie die Flotte Sampsons herbeieilten, um Cervera die Ausfahrt aus 
seinem Zufluchtsort zu versperren. Das gelang. Da aber die nahende Regen- 
und Orkanperiode eine lange Blockade sehr gefährlich machen mußte, so be- 
schloß man in Washington, Cervera durch einen Landangriff aus dem Hafen 
herauszutreiben und zur Schlacht zu zwingen. Es folgte die Überfahrt einer 
17 000 Mann starken amerikanischen Armee unter dem Befehl des Generals 
Shafter. Diese stürmte den Hügel von San Juan und schloß die Stadt Santiago 
dermaßen ein, daß ihre Lage unhaltbar und Admiral Cervera zu einen Durch- 
bruchsversuch genötigt wurde. 

Dieser erfolgte am 3. Juli, zu einer Zeit, wo Admiral Sampson mit dem 
Schlachtschiff „New York" abwesend war, und Commodore Schley den Ober- 
befehl über das ganze amerikanische Geschwader führte. 

Es war 9 Uhr 35 Minuten vormittags, als die spanischen Schiffe den 
Hafen von Santiago plötzlich in voller Fahrt verließen. Voran das Flaggschiff 
Cerveras, die „Infanta Maria Theresa"; hinter ihr in kurzen Abständen die Schiffe 
„Vizcaya", „Cristobol Colon", „Almirante Oquendo" und die Torpedoboot- 
zerstörer „Pluton" und „Furor". 

Sofort flogen auf den amerikanischen Kriegsschiffen die Signalflaggen 
empor, gleichzeitig machte man sich fertig zur Aktion. Augenscheinlich planten 
die Spanier, unter Aufgebot der äußersten Geschwindigkeit den Amerikanern 
zu entrinnen. Aber Schleys „Brooklyn" sowie die „Texas" erwäesen sich als 
ebenbürtige Renner und blieben, aus ihren schweren Deckgeschützen ein ver- 
nichtendes Feuer eröffnend, den westwärts eilenden Spaniern hartnäckig zur 
Seite. Bereits nach 25 Minuten standen die von zahlreichen Granaten getroffenen 
Schiffe „Maria Theresa" und „Oquendo" in hellen Flammen und mußten, 



— 331 — 

um den Untergang ihrer Besatzung zu verhüten, auf den Strand gesetzt 
werden. 

„Vizcaya" und „Cristobol Colon" flohen unter Volldampf weiter, hart 
verfolgt von den Schiffen „Brooldyn", .,Texas", „lova" und „Oregon". Kurz 
nach elf Uhr geriet auch die „Vizcaya" in Brand und lief bei Aserraderos auf 
den Strand. Die beiden Torpedobootzerstörer „Pluton" und „Furor" erlitten 
das gleiche Schicksal. 

Am längsten hielt sich der von der „Brooklyn" scharf verfolgte Kreuzer 
„Cristobol Colon". Es hißte erst gegen ein Uhr nachmittags die weiße Flagge 
und strandete 50 Meilen westlich von Santiago. 

Sämtliche Schiffe, Spaniens letzte Hoffnung, waren in wertlose, rauchende 
Wracks verwandelt. 2000 Gefangene, darunter Admiral Cervera, fielen den 
Amerikanern in die Hände. Während die Zahl der Toten auf spanischer Seite 
über 600 betrug, hatten die Amerikaner nur einen Toten und einen Verwundeten. 
Schleys glänzender Sieg entschied auch das Schicksal der Stadt Santiago, deren 
am 17. Juli erfolgende Kapitulation den Amerikanern weitere 22 000 spanische 
Truppen als Kriegsgefangene überlieferte. 

Es ist hier nicht der Platz, auf die später angestellten häßlichen Versuche 
einzugehen, um Schley den Ruhm des Siegers von Santiago zu entreißen und 
dem Admiral Sampson zuzuwenden. Die Volksmeinung ist über die unerquick- 
lichen Kontroversen, die sich an diese Bemühungen knüpften, hinweggegangen 
und hat den Lorbeerkranz jenem Helden zuerkannt, dem er von Rechts wegen 
gebührt: Winfield Scott Schiey. 



Die Deutschamerikaner im politischen Leben der 
Vereinigten Staaten. 



Es besteht viel- 
fach die Ansicht, als 
hätten die in der Union 
lebenden Deutschen es 
nicht verstanden, in po- 
litischer Hinsicht in 
gleichem Grade wie auf 
anderen Gebieten sich 
Geltung zu verschaffen. 
In der Tat entsprach 
ihre Vertretung im 
Bundeskongreß niemals 
ihrer Zahl und Macht. 
Auch sehen wir sie ver- 
hältnismäßig selten 
höhere politische Ämter 
bekleiden, obwohl die 
Deutschen ihrer allge- 
meinen Bildung nach 
dazu eher berufen 
wären, als manche an- 
dere fremdgeborenen 
Elemente, die sich stets 
einen großen Teil der 
öffentlichen Ämter, be- 
sonders in den Städten, 
zu sichern wissen. 
Die Erklärung für die verhältnismäßig geringe Beteiligung des Deutsch- 
amerikanertums an politischen Ämtern ist in mannigfachen Umständen be- 
gründet. Zunächst ist zu beachten, daß von den in den Vereinigten Staaten 
einwandernden Deutschen nur wenige der englischen Sprache mächtig sind. 
Diese so zu erlernen, daß sie im.stande wären, in dieser fremden Zunge parla- 




Friedrich August Mühlenberg, Vorsitzender im Abgeordneten- 
hause des Bundeskongresses 1789—1791 und 1793—1795. 



— 333 — 

mentarische Kämpfe auszufechten, gelingt nur einzelnen, wogegen dem Irländer 
dies sprachliche Hindernis nicht im Wege steht. Auch ist zu beachten, daß die 
in die Vereinigten Staaten einwandernden Deutschen von vornherein nicht in 
der Absicht kommen, um am politischen Leben teilzunehmen. Sie kommen zu- 
nächst, um sich eine bessere Existenz, als ihnen im alten Vaterland zu erringen 
möglich war, zu suchen. Bei ihrer Ankunft meist nicht mit großen Geldmitteln 
versehen, sind sie genötigt, ihr Auskommen in sichern Berufen zu suchen. Sind 
sie hierin erfolgreich, so entschließen sie sich begreiflicherweise selten dazu, die 
eroberte Stellung aufzugeben und fragliche Erfolge auf dem schwankenden 
Boden der Politik zu suchen, auf dem ihnen obendrein in den Amerikanern und 
Irländem so gewichtige Nebenbuhler gegenüberstehen. Berücksichtigt man, 
daß auch das Deutsche Reich nur wenige berufsmäßige Politiker besitzt, so 
kann die geringe Zahl deutschamerikanischer Politiker kaum überraschen, wenn 
man die obigen Gründe in Erwägung zieht. Dazu kommt, daß bis heute in 
Amerika die berufsmäßigen Politiker, manche verdiente Männer ausgenommen, 
durchaus nicht die Achtung genießen, die in Europa den Parlamentariern, den 
Vertretern des Volks, entgegengebracht wird. Man hat in Amerika soviel von 
gewerbsmäßigen Beute- und Maschinenpolitikern erlebt und erlitten, daß auch 
das bessere Amerikanertum lange Zeit allen Geschmack an der Politik verlor, 
und dieselbe, natürlich zu noch größerem Schaden für die Allgemeinheit, den 
zweifelhaftesten Persönlichkeiten überließ. Diese Abneigung gegen die Politik 
ist auch bei den Deutschamerikanern in hohem Grade vorhanden ; die Mehrzahl 
folgt den Schleichwegen der Politiker ohne Interesse oder voll Widerwillen. Es 
mag hauptsächlich darauf zurückzuführen sein, daß das Deutschamerikanertum 
nur in außergewöhnlichen Fällen sich zu einem einmütigen Handeln bewegen 
läßt; zudem kommt, daß es sich über ein Gebiet verteilt, welches an Ausdehnung 
Deutschland siebzehnmai übertrifft und in 48 Staaten und mehrere Territorien 
zerfällt, die für sich wiederum ihre besonderen Interessen und gesetzgebenden 
Körperschaften besitzen. Da die in diesem ungeheuren Gebiet unter den verschieden- 
artigsten Bedingungen lebenden Deutschen auch nicht wie die auf die Wieder- 
aufrichtung Irlands hoffenden und durch den Katholizismus zusammen- 
gehaltenen Irländer durch Sonderinteressen oder ein gemeinsames religiöses 
Band aneinandergekittet sind, sondern in ihren politischen und religiösen An- 
sichten weit auseinandergehen, so ist auch an die Verwirklichung einer deut- 
schen Partei, welche alle in den Vereinigten Staaten lebenden Deutschen um- 
fasse, nicht zu denken. So wenig ein solcher Traum, der in den Köpfen einiger 
schwärmerischer Achtundvierziger entstand, in Deutschland verwirklicht werden 
könnte, so wenig würde er sich hier herbeiführen lassen. Zumal er von der 
großen Masse der Deutschamerikaner nicht gehegt und von den einsichtsvolleren 
Deutschen nicht befürwortet wird. Versuche zu seiner Verwirklichung würden 
ohne praktische Folgen bleiben. 

In dieser Erkenntnis haben die mit den amerikanischen Verhältnissen ver- 
trauten Deutschamerikaner den Plan einer besonderen deutschamerikanischen 



— 334 — 

Partei nie unterstützt Sie wollen keinen Staat im Staate bilden, sondern sich 
nur als amerikanische Bürger deutscher Abstammung betrachtet wissen. Als 
solche schließen sie sich je nach ihrer Überzeugung einer der bestehenden 
großen Parteien an oder bleiben unabhängig, um derjenigen Partei zum Siege 
zu verhelfen, die für die Durchführung berechtigter Wünsche die beste Aussicht 
darbietet. 

Fälle, wo große Massen des Deutschamerikanertums eine solche unab- 
hängige Stellung einnahmen und durch ihre Unterstützung einer bestimmten 
Partei den Sieg verschafften, waren beispielsweise die Präsidenten\vahlen der 
Jahre 1860, 1892 und 1896. In dem erstgenannten Jahre stimmte fast das ge- 
samte Deutschamerikanertum für Lincoln als den Gegner der Sklaverei; 1892 
unterstützte es Cleveland als den Vertreter des Freihandels, während es in der 
Präsidentenwahl des Jahres 1896 fast einstimmig für Gutgeld und ehrliche 
Finanzwirtschaft eintrat. 

Daß Lincoln seine Erwählung den Deutschen des Westens verdankte, hat 
er oft genug selbst zugestanden. Bis in die Mitte der fünziger Jahre hinein 
hatten die Deutschamerikaner meist demokratisch gestimmt. Dann trat aber, 
durch die machtvollen Reden von Karl Schurz, des in Cincinnati wohn- 
haften Juristen Johann BernhardStallo und anderer deutscher Männer 
bewirkt, ein sichtlicher Umschwung ein. Im Jahre 1860 schieden die Deutschen 
bereits massenhaft aus der demokratischen Partei aus und gingen zu den Repu- 
blikanern über. Durch sie wurden die Staaten Indiana, Illinois, Iowa, Michi- 
gan, Minnesota, Wisconsin und Ohio mit insgesamt 66 Elektoralstimmen für 
Lincoln gesichert. 

Die Bedeutung des deutschen Votums in der Sklavenfrage ist auch von 
vielen großdenkenden Amerikanern stets anerkannt worden. So sprach Charles 
Sumner am 25. Februar 1862 im Senat der Vereinigten Staaten folgende Worte: 
„Unsere deutschen Mitbürger sind in dem langen Kampfe mit der Sklaverei 
nicht nur ernst und treu gewesen, sondern haben die große Frage stets in 
ihrer wahren Natur und Bedeutung gesehen. Ohne sie würde unsere Sache 
bei der letzten Präsidentenwahl nicht gesiegt haben." 

Und Andrew White äußerte sich folgendermaßen: „Die Reden, die die 
deutschen Männer vor Ausbruch des Bürgerkriegs über die großen, unser Land 
bewegenden Fragen hielten, waren voll hoher Gesichtspunkte, voll neuer mäch- 
tiger Ideen, von denen wir alle lernten. Sie behandelten die politischen und 
sozialverderblichen Einflüsse der Sklaverei auf das Land, seine Institutionen, 
die Sklavenhalter und die weiße Bevölkerung. Und ihre Argumente trugen sie 
mit einem Feuereifer der Überzeugung und einer Beredsamkeit vor, die alle An- 
hänger der Union mit fortriß und für die Gestaltung des Kriegs und seinen 
Ausgang von größter Bedeutung war." 

Cleveland wurde im Jahre 1881 durch die Stimmen der Deutschen von 
Buffalo zum Bürgermeister jener Stadt und im folgenden Jahre durch die 
Stimmen der Deutschen des Staates zum Gouverneur von New York erwählt. 



— 335 — 

Und deutsche Bürger des ganzen Landes scharten sich um Clevelands Banner 
in den drei Nationalwahlen, in welchen er als Präsidentschaftskandidat der 
demokratischen Partei figurierte. Seinen großen Triumph im Jahre 1892, wo 
er die Elektoralstimmen der republikanischen Staaten Illinois und Wisconsin, 
teilweise auch von Michigan gewann, verdankte er gleichfalls der Unterstützung 
seitens der Deutschen. 

Zu den Verdiensten der Deutschen gehört es auch, die Reformierung der 
amerikanischen Städteverwaltung angebahnt, am nachdrücklichsten für die 
Tilgung veralteter Gesetze und am kräftigsten für die Erhaltung und Erweite- 
rung der persönlichen Freiheit gekämpft zu haben. Sie taten dies durch Grün- 
dung zahlreicher, in fast allen größeren Städten bestehenden Reformvereine, 
wie z. B. die„IndependentCitizensUnionofMarylan d", deren 
Programm unter anderem folgende Erklärung enthält: „Sie bezweckt zum all- 
gemeinen Besten die Überwachung aller öffentlichen Angelegenheiten sowie die 
Sicherung einer ehrlichen, wirksamen und sparsamen Verwaltung in Stadt und 
Staat. Sie will die Befähigung und den Charakter aller Bewerber um ein Amt 
feststellen, und nach ihrer Erwählung einen Rekord über ihre amdiche Tätigkeit 
anfertigen. Sie will ferner die Grundsätze einer repräsentativen Regierung 
sichern und die bürgerlichen und politischen Rechte ihrer Mitglieder schützen. 
Endlich auch die Aufhebung veralteter und schädlicher Gesetze bewirken und 
die Wohlfahrt des Volks durch alle ehrenhaften und gesetzlichen Mittel 
fördern." 

In vielen Städten war es solchen deutschen Reformvereinigungen beschie- 
den, bei kritischen Wahlgängen die Entscheidung zugunsten solcher Parteien 
und Personen herbeizuführen, deren Grundsätze und Charakter eine Besserung 
der vorhandenen Zustände verbürgten. 

Wie sehr die amerikanischen Politiker mit dem deutschen Votum rechnen, 
zeigt die Tatsache, daß keine der beiden großen Parteien in einen Wahlkampf 
eintritt, ohne vorher sich über die Stimmung und die Wünsche der Deutschen 
genau vergewissert und denselben bei der Abfassung der Prinzipienerklärung 
Rechnung getragen zu haben. 



An hochbegabten Deutschen, die im politischen Leben Amerikas eine an- 
gesehene Rolle spielten, hat es keineswegs gefehlt. Einem Deutschamerikaner, 
Friedrich August Mühlenberg, einem Sohn des berühmten Geist- 
lichen Heinrich Melchior Mühlenberg, fiel die hohe Ehre anheim, im Jahre 
1789 in der ersten Tagung des Bundeskongresses zum Vorsitzenden des Ab- 
geordnetenhauses erw.^hlt zu werden. Er bekleidete diese wichtige Stelle von 
1789 bis 1791 sowie von 1793 bis 1795. Als Vertreter des Staates Pennsylvanien 
gehörte er ferner dem ersten, zweiten, dritten und vierten Bundeskongreß an. 



— 336 — 

Sein Bruder, der berühmte General Peter Mühlenberg, war Ab- 
geordneter Pennsylvaniens im ersten, zweiten und sechsten Kongreß. 1806 
wurde er Bundessenator. 

Als Senatoren fungierten ferner die Deutschen Jakob Schüremann 
(1799 bis 1801), Michael Leib (1804 bis 1806) und Karl Schurz 
(1869 bis 1875). 

Von den zahlreichen deutschgeborenen Abgeordneten gehören Gustav 
Schleicher, Georg Bär, Friedrich Conrad, Adam Seybert, 
David Rütschi, Michael Hahn, Lorenz Brentano, Anton 
Eickhoff, Leopold Maaß, Nikolaus Müller, Robert 
H. Foerderer, Peter V. Deuster, Richard Günther und 
Richard Barthold zu denjenigen, die durch wiederholte Wahl ausge- 
zeichnet und weithin bekannt wurden. 

Der bedeutende Einfluß, den die Deutschamerikaner in Pennsylvanien 
zeitweise ausübten, läßt sich am besten aus der Tatsache erkennen, daß sie mit 
nur einer Unterbrechung jenem Staate während des Zeitraums von 1808 bis 
1839 sämtliche Gouverneure lieferten. Diese waren Simon Schnyder, 
welcher die drei Termine von 1808 bis 1817 ausfüllte; Joseph Heister 
oder H i e s t e r (1820 bis 1823); Johann AndreasSchulze (1823 bis 
1829); Georg Wolf (1829 bis 1835) und Joseph Ritner (1835 bis 
1839). Ihnen gesellten sich später noch die Deutschamerikaner Francis 
Seh unk (1845 bis 1848); William Bigler (1852 bis 1855); John 
F. Hartranft (1873 bis 1879); John A. Beaver (1887 bis 1891) und 
Samuel W. Pennypacker (Pannebäcker) (1903 bis 1906) hinzu. 

Von Gouverneuren deutscher Abstammung wurden ferner Johann 
B r o u c k in New York, Adam Treutlen in Georgia, A. B. Fleming 
in Westvirginia, Franz Hoffmann und Johann Altgeld in Illinois, 
Michael Hahn in Louisiana, Johann Anton Quitmann in 
Mississippi, Eduard Salomon in Wisconsin und Wilhelm Meyers 
in Colorado weiteren Kreisen bekannt. 

Außer den Genannten nahmen viele andere Deutschgeborene und Ab- 
kömmlinge solcher am politischen Leben der Vereinigten Staaten in hervor- 
ragender Weise teil. Beispielsweise Wilhelm Wirt, der als Generalanwalt 
im Kabinett des Präsidenten Monroe saß, und diese Stellung zwölf Jahre lang, 
bis zum Schluß des Amtstermins des Präsidenten Quincy Adams, bekleidete. 
Ferner Gustav Körner, Vizegouverneur des Staates Illinois und Gesandter 
in Spanien; Richter Johann Bernhard Stallo, Gesandter in Italien; 
John Wannamaker, Generalpostmeister unter der Administration des 
Präsidenten Harrison. Generalpostmeister im Kabinett des Präsidenten Roose- 
velt war der in Boston geborene Georg von Lengerke-Meyer, dessen 
Vorfahren aus Norddeutschland stammen. Er hatte im diplomatischen Dienst 
als Botschafter in Rom und St. Petersburg bereits Verwendung gefunden. Er 
bewährte sich in allen Stellen so, daß Präsident Taft bei der Bildung seines 



— 337 — 

Kabinetts ihn übernahm und zum Marineminister ernannte. Taft berief noch 
zwei andere Amerikaner deutscher Abkunft in sein Kabinett. Dem ebenfalls im 
öffentlichen Dienst durchaus erfahrenen Richard Achilles Ballinger 
übertrug er das Ministerium des Innern, und dem aus Texas stammenden 
Charles Nagel das bisher von dem Israeliten Oskar Straus inne- 
gehabte Ministerium für Handel und Gewerbe. 

Bei einer Würdigung des Einflusses der Deutschamerikaner auf das poli- 
tische Leben Amerikas dürfen wir auch zweier deutscher Künstler nicht ver- 
gessen, die durch ihre politischen Karikaturen und Kartons die öffentliche Mei- 
nung jahrelang mächtig beeinflußten. Diese beiden waren die Zeichner 
Thomas Nast und Joseph Keppler. Der erste traktierte seinerzeit 
die für die Korruption der New Yorker Stadtverwaltung verantwortliche 
Tammany-Gesellschaft mit fürchterlichen Geißelhieben und trug dadurch un- 
geheuer zur Beseitigung des Tammanyhäuptlings Tweed und seiner Helfers- 
helfer bei. Während des Bürgerkriegs war Nast als Zeichner für „Harpers 
Weekly" tätig. Seine Bilder und Karikaturen wurden im Norden vom Volke 
geradezu verschlungen. Im Süden hingegen gehörte Nast zu den am meisten 
gehaßten und gefürchteten „Yankees". Nast starb als Generalkonsul der Ver- 
einigten Staaten in Ecuador. 

Keppler begründete die politisch-satirische Wochenschrift „Puck" und 
veröffentlichte in dieser ungemein eindrucksvolle Bilder, von denen viele an 
nachhaltiger Wirkung manche Wahlrede weit übertrafen. 

Keinem von allen bisher genannten Deutschen war aber im. politischen 
Leben Amerikas eine so bedeutende Rolle beschieden, wie dem Rheinländer 
Karl Schurz, dem es dank seiner hervorragenden Fähigkeiten und seltenen 
Charaktereigenschaften gelang, nicht bloß die höchsten, einem nicht in Amerika 
geborenen Mann in der Regierung der Vereinigten Staaten zugängigen Stel- 
lungen, sondern auch einen großen Einfluß auf das amerikanische Volk zu 
gewinnen. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 22 



Karl Schurz. 

Karl Schurz wurde am 2. März 1829 in Liblar bei Köln geboren, 
unweit jener Stelle, wo die Ufer des grüngoldigen Rheins ihre höchsten Reize 
entfalten und sich zum sagenumwobenen, von Ruinen und Burgen gekrönten 
Siebengebirge erheben. 

Wessen Wiege in solcher Umgebung stand, kann kaum etwas anderes 
sein und werden als ein Idealist. Und ein Idealist war Schurz sein Leben lang. 
Der sonnig milde Charakter der Heimat übertrug sich auf sein Gemüt, das 
neben unendlicher Milde und Güte den heiteren Frohsinn, den nie verzagenden 
Optimismus des Rheinländers zeigte. 

Neben diesen anmutenden Eigenschaften verlieh die gütige Natur ihm 
manche andere wertvolle Gaben: einen scharfen, durchdringenden Verstand 
und einen Blick von seltener Klarheit, die ihn alle Verhältnisse rasch erfassen 
ließen. Dazu ein feines Gefühl für die Schönheiten der Schrift und Sprache 
und — last but not least — eine wahrhaft glänzende Rednergabe. Was er 
in späteren Jahren über den großen Virginier Henry Clay schrieb, derselbe 
habe das echte rednerische Temperament, jene Macht nervöser Erregung be- 
sessen, wo der Redner andern wie ein höheres Wesen erscheint und seine Ge- 
danken, seine Leidenschaften und seinen Willen in den Geist und Sinn des Zu- 
hörers hinüberfließen läßt, das galt auch von Schurz. Seine unvergleichliche 
Logik, das Feuer seiner Begeisterung, seine mit einem bestrickenden Wohlklang 
der Stimme verbundene glänzende Ausdrucksweise übten auf alle Höier eine 
so faszinierende Wirkung, daß sie wie verzaubert an seinen Lippen hingen. 

Aber nicht bloß die Umgebung, sondern auch die Verhähnisse modellieren 
den Menschen. Während seiner Studienzeit auf der Universität Bonn zu den 
Schülern des Kunstgelehrten und Idealisten Gottfried Kinkel gehörend, lernte 
er die entwürdigende Lage des unter dem Druck rückschrittlicher Regierungen 
seufzenden deutschen Volkes erkennen. Als in den vierziger Jahren die auf den 
Sturz dieser Regierungen abzielenden Aufstände im Rheinland losbrachen, 
nahmen Kinkel wie Schurz an denselben teil. Nach dem Mißlingen der ge- 
planten Erstürmung des Zeughauses in Siegburg wandten beide sich nach 
Baden. Hier zählten sie zu denjenigen, welche nach dem Abzug des ge- 
schlagenen Revolutionsheeres die Festung Rastatt verteidigten, aber am 23. Juli 
1848 vor einer ungeheuren Übermacht die Waffen strecken mußten. 



— 339 — 

Schurz war einer der wenigen, denen es glückte, sicii durch die Flucht 
langjähriger Gefangenschaft zu entziehen. Seinem zu zwanzigjähriger Zucht- 
hausstrafe verurteilten Lehrer Kinkel verhalf er im November 1850 durch eine 
kühne Tat zur Freiheit. Beide wandten sich nach England, von wo Schurz 
später, dem großen Strom der politischen Flüchtlinge folgend, sich im Sep- 
tember 1852 nach Amerika einschiffte. 

Als er hier eintraf, fand er die Vereinigten Staaten in schlimmer Gärung. 
Norden und Süden standen betreffs der Sklavenfrage einander schroff gegen- 
über. Alle Anzeichen lieikn erkennen, daß diese alte Streitfrage nunmehr zur 
endlichen Entscheidung dränge. Auf welcher Seite Schurz stehen werde, konnte 
keinem Zweifel unterliegen. Schon im Jahre 1858 trat er als englischer Redner 
auf. Seine erste große Rede „The Irrepressible Conflict" wurde überall ver- 
breitet. Noch größeren Erfolg hatte seine berühmte, im Jahre 1860 gehaltene 
Rede „The Doom of Slavery''. Dieselbe fand im ganzen Lande mächtigen 
Widerhall. Besonders deshalb, weil Schurz in der Sklavenfrage Gesichtspunkte 
aufstellte, welche neu und weit mächtiger wirkten, als die bisher ins Feld ge- 
führten rein rechtlichen und menschlichen Argumente. Schurz beleuchtete 
nämlich auch die politisch und sozial verderblichen Einflüsse, welche die Dul- 
dung der Sklaverei auf das Land, seine Einrichtungen und Bevölkerung aus- 
üben müsse und tat dies in so überzeugender Weise und mit solcher Beredsam- 
keit, daß seine Ansprachen an Wirksamkeit staatsmännischen Taten gleich- 
kamen. 

Es war in jenen erregten Zeiten, wo das Geschick ihn mit Abraham 
Lincoln zusammenführte. Beide an großen Eigenschaften gleichen Männer er- 
kannten den gegenseitigen Wert. Es bedurfte keines Schachers, um Schurz zu 
bestimmen, von nun an mit der vollen Begeisterung eines an den Triumph der 
allgemeinen Menschenrechte glaubenden deutschen Akademikers für die Nomina- 
tion und Wahl Lincolns zum Präsidenten einzutreten. 

Schurz tat dies als einer der Gründer der jungen republikanischen Partei. 
Als einer der hervorragendsten Wortführer derselben bewirkte er im Verein mit 
S t a 1 1 o und anderen her\'orragenden Deutschen des Westens einen so ge- 
waltigen Umschwung in der Stellung der im Westen wohnenden Deutschen, 
daß dieselben bei der Präsidentenwahl des Jahres 1860 massenhaft aus der 
demokratischen Partei ausschieden und zu den Republikanern übergingen. Da- 
durch wurden die Staaten Ohio, Indiana, Illinois, Michigan, Wisconsin, Iowa 
und Minnesota für Lincoln gesichert. 

In dankbarer Anerkennung dieser Unterstützung und aus persönlicher 
Wertschätzung ernannte Lincoln nach seinem Amtsantritt Schurz zum Gesandten 
in Spanien, ein außergewöhnliches Zeichen des Vertrauens, da gerade auf diesem 
Posten ein kluger und taktvoller Mann stehen mußte, der es vermochte, die 
Spanier in dem zu erwartenden Krieg zwischen Norden und Süden zum Auf- 
rechterhalten der Neutralität zu bestimmen. 

Sobald Schurz dieses Erfolgs gewiß war, kehrte er schleunigst nach 

22* 



— 340 — 

Amerika zurück, um zur Befreiung der Sklaven auch mit dem Schwert beizu- 
tragen. Als Führer größerer Heerkörper nahm er an den Schlachten am Bull 
Run, bei Chancellorsville, Gettysburg und am Lookout Mountain teil. Er be- 
wies dabei Umsicht und Tapferkeit in solchem Maß, daß er in Anerkennung 
seiner Verdienste zum Generalmajor ernannt wurde. 

Nachdem der Bürgerkrieg vorüber, erhielt Schurz vom Präsidenten John- 
son den Auftrag, die Zustände des Südens zu studieren und ein Gutachten ab- 
zugeben, welche Maßnahmen zur Wiederherstellung der Union dienen könnten. 
Norden und Süden waren durch den Krieg einander völlig entfremdet. Die 
radikalen Elemente der republikanischen Partei, ergrimmt über die Ermordung 
des Präsidenten Lincoln und die furchtbaren, durch den Krieg verursachten 
Opfer, wollten an dem Süden exemplarische Vergeltung üben und ihn unfähig 
machen, im inneren politischen Leben der Union je wieder eine Rolle zu spielen. 
Ihrem Betreiben war es zuzuschreiben, daß die weißen Südländer aller poli- 
tischen und bürgerlichen Rechte entkleidet wurden, die sie vor dem Kriege 
genossen hatten. Darüber waren die stolzen Südländer, die vormals zu den 
Führern und Ratgebern des Volkes gezählt hatten, mit tiefster Bitterkeit erfüllt. 
Aber mehr noch durch den Umstand, daß man die freigewordenen Neger sämt- 
liche Rechte genießen ließ, die man den weißen Bürgern verwehrte. 

Was unter solchen Verhältnissen der beste Kurs gewesen wäre, der im 
Süden hätte eingeschlagen werden sollen, dürfte vielleicht stets eine offene Frage 
bleiben. Schurz erkannte die logischen Resultate des Krieges in jeder Hinsicht 
an. Er empfahl die Einführung und den Schutz der freien Arbeit an Stelle der 
Sklavenarbeit. Aber er wollte auch die früheren Herren der Sklaven ebenso als 
Menschen behandelt wissen wie die Freigewordenen. Er befürwortete deshalb 
die Aufhebung der politischen Entrechtung der weißen Südländer, drang mit 
dieser Empfehlung aber nicht durch. 

Während der nächsten Jahre war Schurz Redakteur verschiedener großer 
Zeitungen. 186Q erfolgte seine Entsendung in den Bundessenat als Vertreter 
des Staates Missouri. 

Der Senat war der Boden, auf dem Schurz seine glänzenden Eigenschaften 
voll entfalten konnte. Er zeigte sich nicht nur als Meister der Rede, sondern 
auch der Debatte Von ihm sagte die „New York Evening Post" am 14. Mai 
1906: „Er war nicht nur der wirkungsvollste Redner der republikanischen 
Partei, sondern der größte Redner, der während unserer Generation im Kongreß 
erschienen ist. Ungleich vielen seiner ausgezeichneten Herren Kollegen bediente 
er sich niemals flacher, bombastischer Redensarten, noch jener ausgetretenen 
Kunstgriffe, mit welchen Demagogen seit undenklichen Zeiten die Ohren des 
Pöbels zu kitzeln suchen. Wie von ihm treffend gesagt worden ist, sprach er 
immer als ein vernünftig denkender Mann zu vernünftigen Männern; stets war 
er über den Gegenstand seiner Rede vorzüglich unterrichtet, und die Folge war, 
daß er stets etwas vorbrachte, was der ernsten Beachtung auch jener Personen 
wert war, die sich in ihren Ansichten von ihm unterschieden." 



— 341 — 

Karl Schurz offenbarte sich schon damals als eine der eigenartigsten Per- 
sönlichkeiten unter den amerikanischen Staatsmännern : als Idealisten edelsten 
Schlages, der, von tiefem Glauben an die hohe Kulturmission der Vereinigten 
Staaten durchdrungen, sich selbst die höchsten Ziele steckte und dieselben zu 
erreichen strebte. „Man mag mir vorwerfen", so äußerte er sich einst, „daß 
meine Anschauungen phantastisch sind; daß die Geschicke, denen dieses Land 
entgegengeht, weniger hehrer Art sind; daß das amerikanische Volk nicht so 
groß ist, wie ich glaube, oder wie es meiner Ansicht nach sein sollte. Ich ant- 
worte darauf, daß die Ideale den Sternen am Himmelszelt gleichen. Niemand 
wird je imstande sein, sie mit seinen Händen zu berühren. Aber der Mensch, 
der wie der Seemann auf der weiten Wüste des Weltmeeres sie zu seinen Füh- 
rern nimmt, wird, wenn er ihnen nur getreulich folgt, sein Ziel sicher erreichen." 

Um jene Zeit saß der während des Bürgerkriegs zu großem Ruhm ge- 
langte General Grant als Präsident im Weißen Hause. Unter seiner Verwaltung 
nahmen Korruption und Ämterschacher so überhand, daß Schurz, angeekelt 
durch diese Zustände, sich von den radikalen Republikanern abwandte und 
eine neue Partei, die der liberalen Republikaner gründen half. Dieselbe setzte 
der Grantschen Administration heftigen Widerstand entgegen und stellte, als 
eine neue Präsidentenwahl nötig wurde, Horace Greeley auf, der aber im Wahl- 
kampf unterlag. 

Größeren Erfolg hatte Schurz bei der Präsidentenwahl des Jahres 1876. 
Er unterstützte dabei den Republikaner Rutherford B. Hayes, weil er diesen in 
der entbrennenden Währungsfrage für den zuverlässigsten der aufgestellten 
Kandidaten hielt. Nach der Einführung Hayes in sein Amt erreichte Schurz 
den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Er wurde als Minister des Innern 
in das Kabinett berufen und bekleidete diesen verantwortungsvollen Posten bis 
zum Jahre 1881. 

Während dieser Periode bahnte Schurz manche wichtige Neuerungen an, 
deren Bedeutung erst in späteren Jahren erkannt und gewürdigt wurden. So 
trat er aufs nachdrücklichste der beispiellosen Wälderverwüstung entgegen und 
mahnte zum Schutz der Forsten. Wenn dafür die der Zerstörung des Wald- 
reichtums schuldigen Spekulanten ihn höhnisch den „Amerikanischen Ober- 
förster" tauften, so ahnten sie nicht, daß dieser Spottname eines Tages einem 
Ehrentitel gleichkommen würde. 

Es gelang Schurz nur schwer, das amerikanische Volk von der Bedeutung 
der Wälder und der Notwendigkeit ihres Schutzes zu überzeugen. Noch 
weniger war es reif für die Anschauung, daß Ehrlichkeit und gesunder Men- 
schenverstand auch für die Forstverwaltung notwendig seien. Den Umschwung 
in der Volksstimmung herbeigeführt zu haben, gehört zu den großen Ver- 
diensten, die Karl Schurz sich um dieses Land erworben hat. 

Energisch befürwortete Schurz auch die bessere Behandlung der schreck- 
lich mißbrauchten Indianer. Er sorgte nicht bloß für die Abschaffung grober 
Mißbräuche in der Indianerverwaltung, sondern auch für die Einhaltung der 



— 342 — 

mit den Stämmen geschlossenen Verträge, ferner für die Errichtung geeigneter 
Schulen, in denen diese „Mündel der Nation'' zu zivilisiertem Leben heran- 
gezogen werden könnten. Die berühmte Indianerschule zu Carlisle, Pa., wurde 
unter seiner Verwaltung gegründet. 

Schurz nahm femer Gelegenheit, die von ihm seit Jahren befürwortete 
Verbesserung des Zivildienstes praktisch zu betätigen. Seitdem unter Präsident 
Andrew Jackson der Grundsatz „Dem Sieger gehört die Beute" in die Politik 
eingeführt worden war, hatte die Beutewirtschaft in erschreckender Weise um 
sich gegriffen. Sie drohte das ganze amerikanische Staatswesen zu vergiften. 
Die schwersten Schäden dieses Systems bestanden darin, daß an Stelle der von 
Vaterlandsliebe und Selbstlosigkeit getragenen Helden der amerikanischen Re- 
volution selbstsüchtige, grundsatzlose und käufliche Berufspolitiker traten, von 
denen die frechsten sich zu „Bossen", das heißt Parteipäpsten aufwarfen, die 
alle Macht an sich rissen und ihre Anhänger für die geleisteten Parteidienste 
mit öffentlichen Ämtern belohnten, ohne nach Befähigung oder Ehrlichkeit zu 
fragen. Es galt der Grundsatz „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch 
Verstand". Diesen Verstand benutzten die Beutepolitiker aber nur dazu, um 
das Volk zu plündern, während sie den öffentlichen Dienst in unzulänglichster 
Weise verrichteten. 

Nicht zum wenigsten waren es die Deutschamerikaner, die, von ihrer 
Heimat her an ein tüchtiges und ehrliches Beamtentum gewöhnt, auf den immer 
notwendiger werdenden Kampf gegen das Beutesystem hindrängten. Als er 
endlich aufgenommen wurde, waren sie es, die ihn in der nachdrücklichsten 
Weise führen halfen. Ihr Vorkämpfer war Schurz, der energisch für die Um- 
gestaltung des Zivildienstes eintrat und mit seinen amerikanischen Gesinnungs- 
genossen befürwortete, daß der bürgerliche Dienst von der Politik vollständig 
getrennt werden und daß Tüchtigkeit und Unbescholtenheit die Vorbedingungen 
sein sollten, um ein öffentliches Amt zu erhalten. Viele Jahre hindurch blieb 
der Kampf vergeblich, denn die Beutepolitiker besaßen ungeheure Macht und 
verstanden es trefflich, allerhand Gründe für ihr eigenes System ins Feld zu 
führen. Sie gaben vor, daß die Zivildienstreformer die Einführung europäischer, 
monarchischer Zustände beabsichtigten, welche eine zünftige Bureaukratie voll 
Überhebung hervorrufen müßten, deren Glieder durch langes Verbleiben in 
den Stellungen einseitig würden und nicht im Einklang stünden mit der jewei- 
ligen, durch die Wahlen bekundeten politischen Richtung sowie den Vertretern 
dieser Richtung in den obersten Ämtern, denen es doch bei ihrer Verantwort- 
lichkeit überlassen bleiben müßte, ihre Untergebenen selbst auszusuchen. Erst 
zu Anfang der achtziger Jahre, nachdem die Betrügereien, Unterschlagungen 
und andere durch öffentliche Beamte hervorgerufene Skandale allzuhäufig 
wurden, konnten die Zivildienstreformer sich der ersten sichtbaren Erfolge 
rühmen. Seit jener Zeit hat ihre Sache so bedeutende Fortschritte gemacht, 
daß nunmehr alle Bundesbeamte mit Ausnahme derer, die vom Präsidenten zu 
ernennen und vom Senat zu bestätigen sind, dem Zivildienstgesetz unterstehen. 




c. 




— 345 — 

Auch im Verwaltungsdienst vieler Staaten, Gemeinde- und Stadtverwal- 
tungen fand die Zivildienstreform Eingang. Überall erkannte man die unge- 
heuren Vorteile der Bewegung, durch deren Anbahnung und Ausbreitung 
Schurz sich Verdienste erwarb, die ihm einen glänzenden Namen in der Ge- 
schichte der Vereinigten Staaten sichern. Wie eng Schurz mit der Bewegung 
verbunden war, ergibt sich daraus, daß er viele Jahre lang den Vorsitz im 
Zivildienstbund führte. 

Nach Ablauf der Hayesschen Administration widmete Schurz sich aufs 
neue der journalistischen Tätigkeit. Er unterbrach dieselbe wieder, als die Prä- 
sidentschaftskampagne des Jahres 1884 heranrückte. 

Es war damals, wo Schurz eine ungeheures Aufsehen erregende Schwen- 
kung unternahm. Er, bisher Republikaner, unterstützte die Wahl des demo- 
kratischen Reformgouverneurs von New York, Grover Cleveland, gegen den 
Republikaner Blaine. Zu diesem Schritt ließ Schurz sich durch den persön- 
lichen Wert des einen und den Minderwert des anderen Kandidaten bestimmen. 

Obwohl er die Notwendigkeit der Organisation zum Zweck der erfolg- 
reichen Durchführung bestimmter Ziele stets anerkannte, verpflichtete er sich nie 
dazu, einer bestimmten Partei anzugehören und mit derselben durch Dick und 
Dünn zu marschieren. Die Losung „My party, right or wrong" („Meine Partei, 
ob recht, ob unrecht!'') stieß ihn ab. Er betrachtete die Parteien nicht als 
Selbstzweck, sondern nur als Mittel zum Zweck. Deshalb focht er, je nachdem 
die Umstände es forderten, bald auf selten der Republikaner, bald auf selten der 
Demokraten oder unabhängiger Vereinigungen. 

Dies Verhalten wurde ihm von vielen zum Vorwurf gemacht. Schurz 
ließ sich aber dadurch nicht beirren, sondern fuhr fort, in allen das Land 
angehenden Fragen seinen eignen Grundsätzen und seiner Überzeugung getreu 
zu bleiben und zu handeln. Es kann deshalb diejenigen, welche mit der Finanz- 
geschichte der Vereinigten Staaten vertraut sind, nicht überraschen, daß Schurz 
im Jahre 1896 als Unabhängiger für die Wahl McKinleys eintrat. Die Gründe 
dafür waren folgende: Unter der Regierung Clevelands machten die westlichen 
Silberminenbesitzer ungeheure Anstrengungen, den Kongreß zur Annahme von 
Gesetzen zu bestimmen, durch welche die sogenannte Silberfreiprägung wieder 
aufgenommen werden sollte, wonach es jedermann gestattet wäre, seine etwaigen 
Vorräte an Rohsilber in Münzen der Vereinigten Staaten umprägen zu lassen. 
Beim niedrigen Stand des Silberpreises hätte die Annahme eines solchen Ge- 
setzes für die über kolossale Vorräte an Rohsilber verfügenden Silberleute unge- 
heuren Gewinn bedeutet; das Land hingegen würde unter dem Zwang, den 
Wert seiner Münzen aufrechtzuerhalten, entsetzliche Verluste erlitten haben, 
wenn es nicht gar dem finanziellen Zusammenbruch zugetrieben worden wäre. 
Als Cleveland dem Verlangen der Silberleute sich entgegenstemmte, kam es 
nicht bloß zu einer tiefen Spaltung unter den Demokraten, sondern auch zu 
einem förmlichen Bruch zwischen dem Präsidenten und dem die Freiprägung 
fordernden Flügel seiner eigenen Partei. Die Silberdemokraten stellten darauf 



— 346 — 

im Verein mit anderen unsicheren Elementen des Westens William Bryan als 
Präsidentschaftskandidaten auf, wogegen die Republikaner McKinley zu ihrem 
Bannerträger erkoren. Dieser fand, als Cleveland eine Wiederwahl ablehnte, 
die Unterstützung aller für ehrliche Finanz Wirtschaft eintretenden Demokraten 
und Unabhängigen. 

Mit dem gleichen Ernst, mit dem Schurz zur Lösung der Sklavenfrage 
beigetragen hatte, beteiligte er sich nun an der Bekämpfung der schwindelhaften 
Finanzpolitiker, die mittels der Silberfreiprägung sich auf Kosten des ameri- 
kanischen Volkes bereichern wollten. Seine während dieses Streites gehaltenen 
Reden verfehlten nicht, durch ihre Logik und überzeugende Gründlichkeit auf 
das ganze Amerikanertum tiefsten Eindruck zu machen. 

Mit gleichem Eifer stritt Schurz gegen die als eine Folge des spanisch- 
amerikanischen Krieges zu betrachtende Expansionspolitik. Trunken von den 
in jenem Krieg errungenen glorreichen Siegen, befürwortete ein großer Teil des 
amerikanischen Volkes die Annexion der den Spaniern entrissenen Philippinen, 
Cubas und Porto Ricos. Darin erblickte Schurz eine schwere Gefährdung jener 
Grundsätze, auf denen die Republik der Vereinigten Staaten beruht. Wenn das 
amerikanische Volk, so argum.entierte er, zu einer Eroberungspolitik übergehe 
und seine Herrschaft gewaltsam über Völkerschaften verhänge, welche derselben 
abgeneigt seien und auf eigenen Füßen stehen wollten, so verfalle es dem Im- 
perialismus und gebe sowohl seine Grundsätze, wie auch seine hohe Mission, 
zu der es vor allen Nationen berufen sei, preis. 

Die dem Lande daraus drohenden Gefahren erschienen Schurz so groß, 
daß er sich entschloß, in den Wahlkämpfen der Jahre 1899 und 1904 die Demo- 
kraten Bryan und Parker gegen die Republikaner McKinley und Roosevelt zu 
unterstützen. 

Gewiß sind diejenigen im Unrecht, welche Schurz wegen seines häufigen 
Parteiwechsels der Unkonsequenz beziehten wollen. Er kehrte einer Partei nur 
dann den Rücken, wenn diese inkonsequent wurde und jene Grundsätze ver- 
ließ, um derentwillen er sich ihr angeschlossen hatte. Er selbst blieb stets seiner 
Überzeugung treu, daß das Wohl des Landes und die Erhaltung der Union 
über alles gehe. 

Mit vollem Recht wurde an seiner Bahre ausgesprochen, daß er den 
wahren Geist des amerikanischen Ideals tiefer, inniger erfaßt habe und ein 
reinerer, ausgeprägterer Amerikaner gewesen sei, als die meisten seiner ameri- 
kanischen Mitbürger. Sein ganzes Leben war eine fortgesetzte Betätigung der 
großen Lehre, ein gewissenhafter, von echtem Patriotismus erfüllter Bürger 
zu sein. 

Und diese Lehre ist nicht ohne Eindruck geblieben. Nach vielen Tausenden 
zählen diejenigen, welche durch das von Schurz gebotene Beispiel dazu be- 
geistert wurden, gleichfalls ihren Grundsätzen und Idealen treu zu bleiben und 
einzutreten für alles, was sie für recht hielten. 

Den gewaltigsten Einfluß übte der seltene Mann naturgemäß auf seine 



— 347 — 

in den Vereinigten Staaten lebenden Landsleute. Vielen galt er als nachahmens- 
wertes Vorbild. Ein erhabeneres hätten sie schwerlich finden können. Denn 
wie Schurz im politischen Leben aus den Reihen seiner Mitmenschen hoch 
emporragte, so lag auch sein bürgerliches Leben vor aller Augen, makellos und 
rein wie lauteres Gold. 

Nie hat man gewagt, ihn der Bestechlichkeit oder einer Unwahrheit zu 
beschuldigen. Jeder wußte, daß strengste Gewissenhaftigkeit und Wahrheits- 
liebe seinen Ehrenschild bildeten, an dem alle Pfeile seiner Gegner wirkungslos 
abprallen mußten. 

Obwohl Schurz nicht versäumt hatte, sich alle besseren Eigenschaften des 
Anglo-Amerikanertums anzueignen, so wurden deutsche Sitten, deutsche Sprache 
und deutsche Ehre von keinem im Ausland lebenden Deutschen heiliger ge- 
halten als von ihm. Er betonte beständig, daß der deutsche Einwandrer sich 
amerikanisieren solle. Aber der für das neue Vaterland ersprießlichste Ameri- 
kanisierungsprozeß bestehe für den Deutschen darin, das beste des amerika- 
nischen Wesens anzunehmen und das beste des deutschen Charakters zu be- 
wahren. Nur so könne er zu der Kultur des großen amerikanischen Sammel- 
volkes seinen pflichtniäßigen Beitrag liefern. Von dieser Überzeugung aus- 
gehend, richtete Schurz bei unzähligen Gelegenheiten an seine hier eingewan- 
derten Landsleute die Mahnung, ihre Ideale und freien Lebensanschauungen, 
ihren Erohsinn, ihre Liebe zu Musik, Kunst und Wissenschaft, vor allem auch 
ihre herrliche Muttersprache zu bewahren und dieselben als kostbare Besitz- 
tümer auf Kinder und Kindeskinder zu vererben. 

Aber nicht bloß durch solche Mahnungen leistete Schurz dem Deutsch- 
tum Amerikas große Dienste. Er hob auch das Ansehen der Deutschen in 
diesem Lande mächtig, indem er sein Leben in echt deutscher, idealer Weise dem 
Dienst der Ereiheit, des Fortschritts, der Humanität und Weltkultur weihte. 

Noch in den letzten Tagen seines Daseins beteiligte er sich an einem 
Aufruf zu einer Massenversammlung der deutschamerikanischen Bevölkerung 
von New York, welche dem Verlangen nach einem Schiedsgerichtsvertrag 
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland Ausdruck verlieh. 

So war Schurz an allen großen Eragen und Bewegungen beteiligt, die 
während der letzten fünfzig Jahre dem amerikanischen Volke zur Entscheidung 
vorlagen. Die Ratschläge, die er dabei erteilte, ließen stets erkennen, daß er 
hoch über der Masse der amerikanischen Staatsmänner stand, daß er zu der 
kleinen Gruppe Auservi^ählter gehöre, zu denen noch die späte Nachwelt voll 
Dankbarkeit emporblicken wird. 

Aber auch die Besten unserer Zeit zögerten nicht, ihm schon zu Leb- 
zeiten die verdiente Anerkennung zu zollen. Als am 2. März 1899 die Elite 
der amerikanischen Bevölkerung der Stadt New York sich zur Feier seines 
70. Geburtstages zu einem glänzenden Festmahl versammelte, da widmete Ex- 
präsident Grover Cleveland dem Jubilar folgende herrliche Worte: „Seine Lauf- 
bahn und sein Leben erteilen uns Lehren, welche nicht zu oft und stark genug 



— 348 — 

betont werden können. Sie illustrieren die Größe selbstlosen öffentlichen 
Dienstes und den Edelmut einer furchtlosen Befürwortung von Dingen, welche 
recht und gerecht sind. Es würde eine traurige Zeit für unser Land kommen, 
wenn unser Volk, im Lichte eines solchen Beispiels, sich weigern sollte, die 
beste Staatskunst in unerschütterlichem Festhalten an der Überzeugung, im 
Sturm sowohl als im Sonnenschein, zu erkennen. Ich glaube, daß die Zukunft 
und das Fortbestehen unserer freien Einrichtungen auf der Pflege der Eigen- 
schaften beruhen, welche den Mann auszeichnen, welcher heute geehrt wird." 

Und am 21. November 1906, als die Besten der Nation in der Carnegie- 
halle der Stadt New York zu einer Schurz-Gedächtnisfeier versammelt waren, 
zollte Cleveland dem verewigten deutschamerikanischen Staatsmann einen 
zweiten glänzenden Tribut, indem er unter anderem sagte: „Diejenigen unter 
uns, welche sich rühnien, angestammte Amerikaner zu sein, sollten nicht ver- 
gessen, daß er (Schurz), der auf solche Weise eine Besserung der politischen 
Ideen und Gepflogenheiten unserer Nation schuf, von ausländischer Herkunft 
war. Und laßt uns ferner mit bewundernder Würdigung gedenken, daß, 
während er niemals ein liebreiches Andenken an sein Vaterland erblassen ließ, 
er zu gleicher Zeit unvergängliche Lorbeeren in seinem neuen Bürgertum erwarb 
und dem Patriotismus seiner Natur durch aufopfernde Ergebenheit und Treue 
gegenüber seiner amerikanischen Zugehörigkeit hellen Glanz verlieh. Wenn 
sein edles Beispiel und seine Verdienste einen naheliegenden Kontrast bieten, 
so sollten sie ganz besonders zu besserer Pflichterfüllung und zu größerer 
politischer Fürsorge diejenigen anreizen, welche auf Grund ihres Geburtsrechts 
einen bevorzugten Platz in unserem Bürgertum beanspruchen. Und wir alle 
sollten uns zu Herzen nehmen die große und eindrucksvolle Lehre, welche 
jedem Amerikaner durch das Leben und die Laufbahn von Carl Schurz ein- 
geprägt wird. Es ist die Lehre vom moralischen Mut, vom einsichtsvollen und 
gewissenhaften Patriotismus, vom unabhängigen politischen Denken, von der 
selbstlosen politischen Affiliation und von der beständigen politischen Wach- 
samkeit." 

Ein anderer Amerikaner, Herbert N. Casson faßte hingegen sein Urteil 
über Schurz in folgende Worte zusammen: „Sowohl als Soldat, wie als Staats- 
mann, politischer Reformer und Schriftsteller genießt Schurz internationalen 
Ruf. Niemals war ein Mann unabhängiger als er und doch so mit allen Fasern 
mit dem Volk seiner Zeit so eng verbunden. Sein Leben war so vielseitig wie 
ein Diamant und ebeUvSo voll von Licht." 

Am 14. Mai des Jahres 1906 fand die irdische Laufbahn dieses bedeu- 
tendsten Mannes, den Deutschland den Vereinigten Staaten bisher geliefert hat, 
ihren Abschluß. 

Karl Schurz ist tot! Aber sein Andenken, seine Lehren und sein Ver- 
mächtnis werden leben, solange es in den Vereinigten Staaten Bürger deutscher 
Herkunft, solange es für die Ehre und Wohlfahrt ihres Landes eintretende 
Amerikaner und solange es eine amerikanische Geschichte geben wird. 




Die kulturellen Zustände der Deutschamerikaner 

während des 19. Jahrhunderts und ihr Einfluß auf 

die amerikanische Bevölkerung. 

Der Einfluß der Deutschamerikaner auf die körperliche 
Entwicklung der amerikanischen Bevölkerung. 

Dem Scharfblick zweier amerikanischer Ärzte waren die ungewöhnhchen 
Erfolge nicht entgangen, welche Friedrich Ludwig Jahn, der Vater der deutschen 
Turnerei, erzielte, indem er zu Anfang des 19. Jahrhunderts Deutschlands Jugend 
durch systematische körperliche Übungen zu einem Geschlecht von wehrhaften, 
mit nationalem Sinn erfüllten Männern erzog, die imstande waren, in den großen 
Jahren des Befreiungskrieges das Joch der napoleonischen Fremdherrschaft 
abzuschütteln. 

Diese Mediziner waren die in Boston lebenden Professoren John G. Coffin 
und John C. Warren, von welchen der letzte an der Harvard-Universität zu 
Cambridge über die Gesetze der Gesundheit las. Durch George Bancroft, 
Daniel Webster und andere hervorragende Geister jener Zeit kräftig unterstützt, 
befürworteten sie die Einrichtung öffentlicher Turnplätze, wo die Studenten 
eine körperliche Erziehung nach deutschem Vorbild empfangen sollten. Warren 
versuchte sogar „Vater Jahn, den hervorragenden Philosophen und Gymna- 



Kopfleiste: Das Deutsche Haus in Indianapolis, Indiana, der Sitz des Turnlehrer- 
seminars des Nordamerikanischen Turnerbundes. 



— 350 — 

stiker", für das Bostoner Gymnasium zu gewinnen. Dieser Plan sclieiterte 
jedoch an der unerschütterlichen Weigerung desselben, sein geliebtes Vater- 
land zu verlassen. 

Dagegen gelang es, drei als politische Flüchtlinge nach Amerika ver- 
schlagene junge Gelehrte zur Übersiedlung nach Massachusetts zu bewegen, die 
Doktoren Karl Beck, Karl Folien und Franz Lieber. Alle drei 
waren echte Gesinnungsgenossen Jahns und als Studenten eifrige Turner ge- 
wesen. Zugleich waren sie hochgebildete, begeisterungsfähige Männer und zur 
Durchführung des geplanten Werks hervorragend geeignet. 

Beck wurde sofort an die von Bancroft und Cogswell gegründete Round- 
Hill-Schule in Northampton, Massachusetts, berufen, wo er nach dem Vorbild 
der Jahnschen Turnschulen die erste Turnanstalt in den Vereinigten Staaten 
einrichtete. Folien gründete im Mai 1826 an der Harvard-Universität ein Gym- 
nasium. Lieber übernahm den Turnunterricht an der Tremont-Schule in Boston, 
und so begannen die drei bedeutendsten deutschen Gelehrten, die je nach 
Amerika dauernd übersiedelten, ihre neuweltliche Laufbahn als aktive 
Turner. 

Beck gab auch dem Turnunterricht in Amerika die erste systematische 
Grundlage, indem er im Jahre 1828 Jahns „Deutsche Turnkunst" ins Englische 
übersetzte, um durch ihre Einführung als Leitfaden für den Turnunterricht in 
Privatschulen Propaganda zu machen. 

In dieser „Abhandlung über Gymnastik" äußerte Beck sich über den 
Wert gymnastischer Übungen folgendermaßen : „Für eine Republik bestehen die 
Vorteile gymnastischer Übungen darin, daß sie die verschiedenen Klassen ihres 
Volkes in einer gemeinschaftlichen Tätigkeit vereinigen und auf diese Weise für 
diejenigen, die durch ihre verschiedene Erziehung und ihre verschiedenen 
Lebensstellungen voneinander weit getrennt sind, ein neues Band bilden." 

Lieber fügte diesem Ausspruch in seinem berühmten Werk über „Poli- 
tische Ethik" hinzu: „Wenn Turnanstalten überall nötig sind, so sind sie es 
ganz besonders in diesem Lande. Das amerikanische Klima mit seinem plötz- 
Hchen Wechesl von Hitze und Kälte, die Leichtigkeit des Reisens ohne körper- 
liche Anstrengungen, unsre freien Institutionen, unsre Abhängigkeit von der 
großen Masse des Volks zur Verteidigung des Landes verlangen gebieterisch 
solche Gymnasien." 

Aus zahlreichen schriftlichen und gedruckten Nachrichten jener Zeit wissen 
wir, daß der Turnunterricht von der studierenden Jugend Amerikas mit Be- 
geisterung aufgenommen wurde und für ihre körperliche Entwicklung die 
besten Folgen hatte. 

Nicht lange blieben die obengenannten Pioniere der Turnerei vereinzelt; 
befanden sich doch in der mächtigen Flutwelle freiheitsliebender deutscher Ele- 
mente, die in dem Zeitraum von 1825 bis 1850 die Vereinigten Staaten über- 
schwemmte, tausende und abertausende von Jünglingen und Männern, die den 
berühmten Turnerwahlspruch „Frisch! Fromm! Fröhlich! Frei!" im Herzen 



— 351 — 

trugen und der Überzeugung lebten, daß ein gesunder Körper die Vorbedingung 
zu einem gesunden Geist bilde. 

Bestrebt, die eigene Spannkraft zu erhalten und auf ihre Kinder zu über- 
tragen, vereinten sich diese Jünglinge und Männer in allen größeren Orten zur 
Pflege körperlicher und geistiger Ausbildung, so wie sie dieselbe im alten Vater- 
lande von Jahn und seinen Aposteln empfangen hatten. 

Der erste deutsche Turnverein auf amerikanischem Boden erstand am 
21. November 1848 in Cincinnati. Und zwar auf Anregung des berühmten 
badischen Freiheitsstreiters Friedrich Hecker. Eine bescheidene Bretter- 
hütte diente als erste Behausung. 

In demselben Monat entstand auch die New Yorker Turnge- 
meinde. Ähnliche Vereine bildeten sich in rascher Folge in Philadelphia, 
Boston, Newark, Baltimore, Peoria, Indianapolis, Louisville, Chicago, St. Louis, 
San Francisco und zahlreichen anderen Städten. 

Leicht war es allerdings nicht, der Turnerei in den Vereinigten Staaten 
einen Boden zu schaffen. Außer materiellem Druck mußten blindem Fremden- 
haß entsprungene Vorurteile überwunden werden. Ja, an mehreren Orten war 
man gezwungen, direkte Angriffe des damals in üppiger Blüte stehenden ameri- 
kanischen Rowdytums mit kräftigen Fäusten abzuwehren. Aber zähe Ausdauer 
führte auch hier zum Ziel. Der jahrelange Kampf wurde siegreich zu Ende 
geführt und deutschen Sitten und Gebräuchen Duldung und Anerkennung 
verschafft. 

Der Gedanke, zwischen den über das ganze Land verstreuten Vereinen 
eine engere Verbindung herzustellen und eine Grundlage zu gemeinschaftlichem 
Handeln zu gewinnen, führte im Oktober 1850 zur Gründung des „Nord- 
amerikanischen Turnerbundes". Die in den verschiedensten 
Städten abgehaltenen Bundes-Turnfeste desselben nahmen einen alle Erwartungen 
übertreffenden günstigen Verlauf und machten auch auf das amerikanische Publi- 
kum guten Eindruck. 

Die bei diesen Festen an die Sieger verteilten Auszeichnungen bestanden 
altgriechischem Vorbild gemäß nur aus einfachen Eichenkränzen und Diplomen; 
eine Sitte, die bis heute streng eingehalten worden ist. 

Den von edler Begeisterung und ungestümer Freiheitsliebe durchglühten 
deutschen Flüchtlingen, welche die Turnvereine Amerikas ins Leben riefen, 
schwebten aber noch höhere Ziele vor. Der Turnerbund sollte nicht bloß der 
körperlichen Kräftigung der Jugend dienen, sondern auch ein Bollwerk poli- 
tischer, religiöser und sozialer Freiheit werden und die Jugend für den Fort- 
schritt auf allen Lebensbahnen begeistern. Zu diesem Zweck kultivierte man 
durch Gründung einer vorzüglich geleiteten „ T u r n z e i t u n g ", durch Er- 
richtung guter Bibliotheken, durch Veranstalten von Diskussions-, Vortrags- 
und Unterhaltungsabenden das sogenannte „geistige Turnen", um den 
Mitgliedern Gelegenheit zu geben, ihren Gesichtskreis zu erweitern und auf 
allen Gebieten menschlichen Wissens unterrichtet zu bleiben. Bereitwilligst 



— 352 — 

stellten sich zahlreiche, geistig hochbegabte Männer in den Dienst dieser hohen 
Sache. Ferner zog man berühmte Literaten, Naturforscher, Künstler und Welt- 
reisende heran. Alfred Brehm, Robert von Schlagintweit, Ludwig Büchner, 
Friedrich Bodenstedt und andere wurden auf diese Weise einem großen Teil 
der deutschamerikanischen Bevölkerung bekannt. So wurden die deutsch- 
amerikanischen Turnvereine zugleich Bildungsstätten, von wo reichster Segen 
über das ganze Land ausströmte. 

Die Zukunft des Turnerbundes berechtigte bereits zu den schönsten Hoff- 
nungen, als plötzlich, zu F.nde der fünfziger Jahre, alle Errungenschaften mit 
einem Schlage in Frage gestellt wurden. Und zwar durch di^ politischen 
Wirren, die wie die Schwüle eines Gewitters dem Bürgerkriege vorausgingen. 

Entschlossen nahmen die Turnvereine Stellung zu den großen Fragen 
jener Zeit und fügten bereits auf den Versammlungen in Buffalo (1855) und 
Detroit (1857) Erklärungen in ihre Grundsätze ein, in denen sie sich gegen die 
Sklaverei, hauptsächlich aber gegen ihre Ausbreitung in freien Territorien er- 
klärten, da die Sklaverei einer Republik unwürdig sei und freien Prinzipien 
schnurstracks zuwiderlaufe. Die Turner müßten Sklaverei, Nativismus und jede 
Art von Rechtsentziehung bekämpfen, welche sich auf Hautfarbe, Religion, Ge- 
burtsort oder das Geschlecht beziehe und sich mit einer weitbürgerlichen An- 
schauung nicht vereinigen lasse. 

In derselben entschiedenen Weise erklärten die Turner sich, als die Süd- 
staaten ihren Austritt aus dem Staatenbunde ankündigten, für die unbedingte 
Aufrechterhaltung der Union. Sie seien bereit, sowohl die bestehende Regierung 
wie die Unzertrennlichkeit der Vereinigten Staaten zu verteidigen und Gut und 
Blut für sie hinzugeben. 

Und als die Entscheidung näher rückte, da wurden Reck und Barren 
beiseite geschoben und die Turnhallen in Kasernen und Waffenhallen verwan- 
delt, wo das Exerzieren begann. 

In einem anderen Kapitel ist erzählt, mit welcher Begeisterung und 
Selbstverleugnung die Turner Lincolns Aufruf zu den Waffen folgten. Die 
Turnplätze verödeten; zahlreiche Vereine gingen ein, weil sämtliche Mitglieder 
als aktive Soldaten unter den Fahnen standen. Auch die Bundesorganisation 
geriet durch den alle Interessen in Anspruch nehmenden Krieg so in Verfall, 
daß sie später, im Jahre 1865, aufs neue ins Leben gerufen werden mußte. 

Aber nachdem die deutsche Turnerei nun auch in Amerika ihre Bluttaufe 
erhalten und die Probe glänzend bestanden hatte, nahm sie rasch wieder glän- 
zenden Aufschwung und hat sich seitdem stetig weiter entwickelt.') 



M Im Jahre 1908 betrug die Zahl der dem „Nordamerikanischen Turnerbund" an- 
gehörigen Vereine 236 mit nahezu 40000 Mitgliedern. Der Gesamtwert des Vereins- 
eigentums belief sich auf 5 160 131 Dollar und das schuldenfreie Vermögen auf 3644037 Dollar. 

Außer diesen Bundesvereinen gibt es eine große Zahl unabhängiger Turnvereine. 



— 353 — 

Zu diesem Aufschwung trug in erster Linie das Bemühen bei, das System 
der icörperlichen Ausbildung zu verbessern. Man grijndete im Jahre 1860 ein 
Turnlehrer-Seminar, das bis 1907 mit dem. in Alilwaukee bestehenden 
Lehrer-Seminar verbunden, dann aber nach Indianapolis verlegt wurde. Es 
stellt sich die Aufgabe, sorgfältig geschulte Fachmänner heranzuziehen, die das 
deutsche System in alle Schichten der amerikanischen Bevölkerung tragen und 
den Tatendrang der Jugend in solche Bahnen lenken sollen, wo er Gutes und 
Nützliches zu stiften vermag. 

Zum Aufschwung der deutschen Turnerei trugen auch die glänzenden 
Bundesfeste bei, die seit der Reorganisation des Bundes in fast allen Teilen der 
Vereinigten Staaten abgehalten wurden. Mit den von tausenden von Jünglingen 
und Männern ausgeführten Massenübungen, den anziehenden Darbietungen der 
Kinder- und Damenklassen, den erstaunlichen Leistungen der Musterriegen ge- 
stalteten sich diese Feste zu mächtigen Demonstrationen, die den Amerikanern 
das Geständnis abnötigten, daß die deutsche Turnerei über der brutalen ameri- 
kanischen Klopffechterei und dem einseitigen Athletentum doch himmelhoch 
erhaben sei. 

Durch die bei allen diesen Festen bewahrte musterhafte Ordnung und 
durch das frische, freie Benehmen sämtlicher Turner und Turnerinnen wurden 
auch die früheren Vorurteile der amerikanischen Bevölkerung rasch in herzliche 
Teilnahme und freundliches Entgegenkommen verwandelt. Zahlreiche junge 
Amerikaner traten deutschen Turngemeinden bei oder gründeten ähnliche Ver- 
einigungen, wobei sie sich der Anleitung deutscher Turnlehrer versicherten. 
Die Bundesregierung, welche den ungeheuren Nutzen der jeden Muskel des 
Körpers gleichmäßig ausbildenden und darum jedem anderen Sport überlegenen 
Turnerei anerkannte, beeilte sich, dieselbe in den Unterrichtsplan der Kriegs- 
und Marine-Akademien zu West Point und Annapohs einzuführen, und zwar 
mit Hilfe deutscher Fachlehrer, die sie vom Seminar des Nordamerikanischen 
Turnerbundes berief.') 

Seitdem folgten fast sämtliche Universitäten und Hochschulen des Landes 
diesem Beispiel und erhoben das Turnen zu einem obligatorischen Unterrichts- 
zweig, von dem nur Krüppel, ganz schwächliche und kranke Personen be- 
freit sind. 

Alle diese Erfolge berechtigen zu der Hoffnung, daß der Nordameri- 



^) Das Turnlehrerseminar des Nordaraerikanischen Turnerbundes ist sowohl das 
älteste wie das einzige in den Vereinigten Staaten, das sich die doppelte Aufgabe stellt, 
Turnlehrer für den Turnerbund, dessen offizielle Sprache die deutsche ist, als auch Turnlehrer 
für die öffentlichen Schulen, deren Hauptsprache Englisch ist, auszubilden. Im Jahre 1907 
waren in 39 amerikanischen Städten 96 vom Turnerbund ausgebildete Turnlehrer tätig. 
Turnunterricht wurde in den öffentlichen Schulen von 60 Städten erteilt, in denen Bundes- 
vereine bestehen. 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 23 



— 354 — 

kanische Turnerbund auch sein höchstes Ziel, die Einführung des obligatorischen 
Turnens in den öffentlichen Schulunterricht, erreichen wird. Wird dann die 
Pflege und Erhaltung der Turnkunst von den Staaten übernommen, so dürfen 
die deutschen Turner sich schmeicheln, ein Stück Kulturarbeit verrichtet zu 
haben, deren Nutzen für das amerikanische Volk sich gar nicht ab- 
schätzen läßt. 




Schlußvignette: Römischer Wagenlenker. Skulpturwerk von Friedrich G. Roth, 
White Plains, New York. 



Der Einfluß des deutschen Erziehungswesens auf die 
Lehranstalten der Vereinigten Staaten. 



Seit langer Zeit 
genießt Deutschland 
den Ruhm, das Land 
der großen Denker, 
Philosophen und Wis- 
senschaftler zu sein. 
Seine Bildungsanstal- 
ten sind die Resultate 
unermüdlicher, über ein 
ganzes Jahrtausend 
sich erstreckenden Ar- 
beit, hingebender Stu- 
dien und der dabei ge- 
wonnenen Erkennt- 
nisse. Infolgedessen 
sind Gründlichkeit und 
gediegene Lehrmetho- 
den die Lichtseiten des 
deutschen Erziehungs- 
wesens. 

Die dem ganzen 
Volke innewohnende 
Liebe zur Wissenschaft 
zeichnete, wie wir in 
einem früheren Ab- 
schnitt dartun konnten, 
auch die während der 
Kolonialzeit nach Amerika gekommenen Deutschen aus, von denen manche, 
wie z. B. der edle Pastorius, die Prediger Mühlenberg und Schlatter, die Lehrer 
Schley, Dock und andere die im alten Vaterland genossenen Unterrichtsmethoden 
auch in den von ihnen gegründeten Schulen anwendeten. Mit welchem Erfolg, 
ersahen wir aus der Geschichte des Lehrers Dock, des „deutschamerikanischen 
Pestalozzi". 




Benjamin Franklin. 



23* 



— 356 — 

Niemand erkannte den Wert dieser Methoden mehr als Benjamin Franklin, 
der große Philosoph und Staatsmann, in dessen Druckerei die Deutschen viele 
ihrer Schulbücher herstellen ließen. Franklin war es auch, der, nachdem er im 
Jahre 1766 auf einer Reise durch Deutschland die vortrefflichen Einrichtungen 
der Universität zu Göttingen kennen gelernt hatte, den Anstoß dazu gab, die 
in Philadelphia bestehende Public Academy in eine nach dem Muster der Göt- 
tinger Universität geleitete Hochschule, die heutige Universität von 
Pennsylvanien umzuwandeln. Das geschah noch vor Beendigung des 
Unabhängigkeitskrieges, im Jahre 1779. Daß seine frühere Abneigung gegen 
die Deutschen sich in das direkte Gegenteil verwandelt hatte, beweist die Tat- 
sache, daß er dem von ihm entworfenen Lehrplan eine von dem Professor 
Wilhelm Craemer geleitete deutsche Abteilung einfügte und so der 
deutschen Sprache Eingang unter den gebildeten Amerikanern verschaffte. 

Franklin unterstützte auch lebhaft die Gründung der von den Deutschen 
Pennsylvaniens geplanten „Franklin- Hochschule" zu Lancaster. Er 
steuerte nicht bloß 1000 Dollar zum Bau derselben bei, sondern unternahm noch 
als 81 jähriger Greis die sehr beschwerliche Reise dorthin, um der Grundstein- 
legung beizuwohnen. 

Außer jener Hochschule unterhielten die in Pennsylvanien lebenden 
Deutschen, namentlich die rasch zu Wohlstand gelangten Mennoniten und 
Herrnhuter, vortrefflich geleitete Schulen. Diejenigen zu Bethlehem und Naza- 
reth bezeichnet Payne in seiner „Universal Geography vom Jahre 1798" als die 
besten ganz Amerikas. 

In Bethlehem bestand seit 1749 auch bereits ein Lehrerinnen-Seminar. 
Wie weit voraus die Herrnhuter damit den Puritanern Neu-Englands waren, 
beweist die Tatsache, daß, als im Jahre 1793 der Vorschlag gemacht wurde, 
eine ähnliche Anstalt in Plymouth, Massachusetts, zu gründen, man dort das 
Projekt bekämpfte, „weil in einer solchen Schule Frauen gelehrter als ihre zu- 
künftigen Ehemänner werden könnten!" 

Ein freierer Geist griff erst Platz, als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun- 
derts zahlreiche geistig hochstehende Amerikaner „Entdeckungsreisen" nach dem 
Lande der großen Denker unternahmen, um dort ihre Studien fortzusetzen oder 
zu vollenden. Sie lernten dabei die Einrichtungen der deutschen Schulen und 
Universitäten so schätzen und lieben, daß sie gleich Franklin für die Umge- 
staltung des amerikanischen Erziehungswesens nach deutschem Muster ein- 
traten. 

Am nachdrücklichsten taten dies die Professoren John Griscom von New 
York, Alexander D. Bache von Philadelphia und Calwin E. Stowe von Ohio. 
Diese hervorragenden Pädagogen bereisten Europa zu dem speziellen Zweck, 
um die dort angewandten Erziehungsmethoden kennen zu lernen. Griscom 
traf während der Jahre 1818 und 1819 mit Pestalozzi zusammen und hatte 
Gelegenheit, die nach dessen System geleitete Anstalt in Hofwyl bei Bern zu 
studieren. Ihre Einrichtungen entzückten ihn dermaßen, daß er schrieb: „Ich 



— 357 — 

kann nur meine Hoffnung aussprechen, daß diese Art der Erziehung, wo land- 
wirtschaftliche und mechanische Fertigkeiten mit literarischem und wissenschaft- 
lichem Unterricht verbunden sind, rasch und in ausgedehntem Maß in den Ver- 
einigten Staaten angenommen werde." 

Seine Beobachtungen veröffentlichte Griscom später in dem zweibändigen 
Werk „Two years in Europe", von welchem der berühmte amerikanische Päda- 
goge Barnard sagt, daß kein Buch einen so mächtigen Einfluß auf das ameri- 
kanische Erziehungswesen ausgeübt habe, als dieses. Thomas Jefferson benutzte 
die darin gegebenen Winke beim Einrichten der Universität von Virginien. 

Alexander Bache, erster Präsident des von Stephen Girard in Philadelphia 
gestifteten „Girard College" verwertete seine während der Jahre 1837 und 1838 
in Preußen gemachten Erfahrungen beim Entwurf der Regeln der von ihm ge- 
leiteten hochberühmten Anstalt. 

Calwin Stowe besuchte Deutschland während des Jahres 1836, und zwar 
im Auftrag der Regierung des Staates Ohio. In dem Bericht, welchen er nach 
seiner Rückkehr erstattete, sagt er über das preußische Schulsystem : „In der Tat, 
ich halte dieses System in seinen großen Zügen für nahezu so vollkommen, als 
menschlicher Scharfsinn und menschliche Geschicklichkeit es zu machen imstande 
sind. Manche Einrichtungen und Einzelheiten mögen noch verbessert werden. 
Natürlich sind auch Änderungen nötig, um es den Verhältnissen anderer Länder 
anzupassen." 

Seinem, die kleinsten Details berücksichtigenden Bericht fügte Stowe eine 
Übersetzung der preußischen Schulverordnungen bei, welche bei der Neu- 
gestaltung der Schulgesetze Ohios als Grundlage dienten. 

Es geschah dies zur selben Zeit, wo auch in anderen Staaten aus Deutsch- 
land eingewanderte Schulmänner, wie Franz Lieber, Karl Folien, 
Karl Beck, Franz Joseph Grund und andere deutsche Lehrmethoden 
an amerikanischen Hochschulen praktisch anwendeten. Sie wurden darin 
später durch zahlreiche in Amerika geborene Gelehrte unterstützt, die in Deutsch- 
land studierten und nach ihrer Heimkehr als Lehrer in amerikanische Schulen 
und Universitäten eintraten, um die gesammelten Erfahrungen den amerikanischen 
Studenten zu übermitteln. 

Professor Ira Remsen, Präsident der berühmten, ganz nach deutschem 
Muster eingerichteten John Hopkins-Universität zu Baltimore, schildert diesen 
Vorgang in folgenden Worten : 

„Seit einem Jahrhundert besuchen Amerikaner deutsche Universitäten, von 
wo sie jenen Geist mitbrachten, der für diese Hauptsitze der Gelehrsamkeit st 
bezeichnend ist. Viele der bedeutendsten Professoren an amerikanischen LJni- 
versitäten und Hochschulen erhielten ihre Schulung in Deutschland und die 
Hörer solcher Männer nehmen viel von dem Geist, den sie dort empfingen, 
auf, um ihn weiter über alle Welt zu verbreiten. Gerade hier wünschte ich 
statistische Angaben einschalten zu können. Es würde nicht nur interessant, 
sondern auch nützlich sein, festzustellen, wie viele Professoren an etwa einem 



— 358 — 

Dutzend der leitenden Universitäten Amerilcas in Deutschland studierten. Und 
ferner zu wissen, wie viele jener, die nicht dort studierten, unter solchen Per- 
sonen arbeiten, die dieses Vorzugs teilhaftig wurden. Soweit ich die Lehr- 
körper mehrerer der wichtigsten Universitäten persönlich kenne, weiß ich, daß 
die meisten ihrer Mitglieder entweder in die eine oder die andere Kategorie 
gehören. Dabei brauchen wir uns nicht auf die größeren Hochschulen zu be- 
schränken. Die gleichen Zustände bestehen auch an vielen kleineren und wenig 
bekannten. Sie beziehen ihre Professoren größtenteils von Universitäten der 
ersten Klasse, und auf diese Weise wird deutsche Gelehrsamkeit über das ganze. 
Land verbreitet. 

Aber es genügt nicht, den Einfluß Deutschlands auf unser akademisches 
Leben nur auf diese Weise festzustellen, da der Prozeß zu unbestimmt wäre. 
Wir kommen weiter, wenn wir zeigen, wie der Einfluß Deutschlands sich in 
bezug auf die Organisierung unsrer Universitäten kundgibt. — Bis zum Jahr 
1876 bildete das „College" (Gymnasium) die höchste Stufe der Erziehungs- 
anstalten unsres Landes. In manchen dieser Colleges befanden sich einige vor- 
geschrittene Studenten, sogenannte „post graduates", für welche keine besonderen 
Vorkehrungen getroffen waren. Sie standen außerhalb des Systems und ihre 
Anwesenheit hatte auf das Lehrpensum der Anstalten geringe Wirkung. Falls 
ein solcher Student höhere als die vom Lehrplan vorgesehenen Arbeiten zu ver- 
richten wünschte, so riet man ihm stets, nach Deutschland zu gehen. Und viele 
wandten sich dorthin. 

Der erste ernstliche Versuch, der in Amerika angestellt wurde, um solche 
vorgeschrittene Studenten zu fördern, geschah seitens der „John Hopkins- 
Universität" zu Baltimore im Jahre 1876. Präsident Gilman, welcher diese 
Universität organisierte, erklärte aufs bestimmteste, daß es der Wille ihrer Be- 
hörden sei, eine wirkliche Universität zu besitzen, die zur Weiterbildung vor- 
geschrittener Studenten geeignet wäre. Die Tatsache, daß so viele derselben 
nach Deutschland zogen, hatte gezeigt, daß ein Verlangen nach höherem Studium 
bestand, als wie es bisher auf den Colleges geboten wurde. Diese Tatsache be- 
stimmte Präsident Gilman, seinen Plan zu fassen. Die Einzelheiten wurden 
nicht von Anfang an genau ausgearbeitet. Alan wählte einen Lehrkörper, mit 
dem der Präsident gemeinschaftlich das gesteckte Problem lösen könne. Drei 
Mitglieder dieser Fakultät waren Engländer, die anderen Amerikaner, welche 
in Deutschland studiert hatten. Auch von jenen Lehrkräften, die späterhin der 
Fakultät zugefügt wurden, hatten die meisten in Deutschland studiert. In 
unseren Bemühungen, den zu uns kommenden vorgeschrittenen Studenten weiter 
zu helfen, fanden wir, daß wir manche der an deutschen Universitäten be- 
stehenden Einrichtungen annahmen. Das kann nicht überraschen, wenn man 
sich vergegenwärtigt, daß die Universitäten Englands damals so wenig wie 
heute für die Bedürfnisse vorgeschrittener Studenten besonders eingerichtet 
waren, und daß die deutschen Universitäten die einzigen in der Welt vorhan- 
denen Vorbilder sind. Wir kamen bald dahin, auf dem Unterricht in metho- 



— 359 -^ 

dischen Untersuchungen als einem der wichtigsten Teile der Arbeiten jedes 
vorgeschrittenen Studenten zu bestehen. Und obwohl wir unsere eigenen 
Regeln für die Anleitung der Kandidaten für Doktoren der Philosophie auf- 
stellten, ähnelten dieselben doch im allgemeinen den Regeln der deutschen Uni- 
versitäten. Über ein Vierteljahrhundert hat die „John Hopkins-Universität" 
die Ideale deutscher Gelehrsamkeit hochgehalten. Sie ist nicht irgendeiner be- 
sonderen Methode der deutschen Universitäten blindlings gefolgt, aber sie hat 
die Wichtigkeit gründlicher Forschung aufs nachdrücklichste betont und damit 
einen starken Einfluß auf die höhere Erziehung Amerikas ausgeübt. Das von 
der „John Hopkins-Universität" gegebene Beispiel wurde von vielen anderen 
Erziehungsanstalten dieses Landes nachgeahmt und die Methoden, welche von 
den neueren Universitäten angenommen v^urden, haben vieles mit jenen der 
„John Hopkins-Universität" gemeinsam. In allen tritt der Einfluß Deutschlands 
klar zutage." 

Dem Vorgang der „John Hopkins-Universität" folgten zunächst die im 
Jahre 1890 gegründete „Universität zu Chicago" und die im Jahre 1891 ge- 
stiftete „Leland Stanford-Universität" Ja San Francisco. Ihnen schlössen sich 
später die älteren Schwestern Harvard in Cambridge, Yale in New Haven und 
Columbia in New York an. Diesen Beispielen folgten zahlreiche andere Hoch- 
schulen, seitdem Deutschland auf den Weltausstellungen zu Chicago und St. 
Louis sein Unterrichts- und Erziehungswesen in umfassender Weise veranschau- 
lichte und dadurch dem Studium aller amerikanischen Pädagogen zugängig 
machte. 

Die Größe und Bedeutung des so vom deutschen Erziehungswesen auf 
die Lehranstalten in Amerika direkt und indirekt ausgeübten Einflusses lassen 
sich natürlich weder statistisch noch anderweitig feststellen. Aber sicher treffen 
die Worte zu, welche eine anerkannte Autorität, Andrew D. White, der ehe- 
malige Präsident der „Cornell-Universität" zu Ithaka, einst sprach: 

„Mehr als irgendein anderes Land hat Deutschland dazu beigetragen, 
die amerikanischen Universitäten zu dem zu machen, was sie jetzt sind: zu 
einem gewaltigen Faktor in der Entwicklung der amerikanischen Kultur." 



Eine ebenso eigenartige wie bedeutungsvolle Neuerung im amerikanischen 
Erziehungswesen wurde in der jüngsten Zeit durch Kuno Francke Pro- 
fessor der deutschen Sprache und Literatur an der Harvard-Universität ein- 
geleitet. Er befürwortete, daß zwischen den Universitäten Deutschlands und 
der Vereinigten Staaten ein regelmäßiger Austausch von Professoren vorge- 
nommen werden möge, damit durch den so bewirkten direkten Gedanken- und 
Meinungsaustausch nicht nur eine innigere Verschmelzung deutscher und ameri- 
kanischer Wissenschaft und eine geistige Verbrüderung zwischen dem deutschen 
und amerikanischen Volke herbeigeführt, sondern zugleich der großen Masse 



— 360 — 



der amerikanischen Studenten das gewährt werde, was gegenwärtig nur einer 
bevorzugten Minderzahl, die den Besuch ausländischer Universitäten nicht zu 
scheuen brauche, zu genießen möglich sei: die persönliche Berührung mit her- 
vorragenden, scharf markierten, wissenschaftlichen Persönlichkeiten, wie sie 
für das deutsche Gelehrtentum so bezeichnend sind. Der deutsche Gelehrte, 

so betonte Francke, setze 
sich ein für seine Sache, 
er gehe auf in seiner Wis- 
senschaft und sei erfüllt 
vom Glauben an dieselbe. 
Viele besäßen eine eigen- 
artige Kampfnatur, die 

Selbständiges leisten 
wolle, sich durch nichts 
beirren lasse und nach 
den höchsten Idealen 
strebe. Die von solchen 
Personen ausgehende An- 
regung müsse sowohl auf 
die Studierenden wie auf 
die Lehrer der ameri- 
kanischen Hochschulen 
einen außerordentlich be- 
lebenden Einfluß ausüben. 
Dieser von Professor 
Francke im Jahre 1902 
erhobene Vorschlag fand 
sowohl diesseits wie jen- 
seits des Ozeans begei- 
sterte Zustimmung. Na- 
mentlich seitens Sr. Maje- 
stät des Kaisers Wilhelm II. 
und des Präsidenten Theo- 
dore Roosevelt, welche die 
Ersprießlichkeit eines en- 
geren freundschaftlichen 
Verhältnisses zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten längst erkannt 
und, jeder nach seiner Weise, seit geraumer Zeit für ein solches gewirkt hatten. Es 
kam infolgedessen im November 1904 zwischen der Universität Harvard und 
dem preußischen Kultusministerium ein ganz dem Sinne des Franckeschen 
Vorschlags entsprechender Vertrag zustande, demgemäß sich Professor Fran- 
cis G. Peabody von der Harvard-Universität im Winter 1905 nach Berlin 
begab, um an der dortigen Universität eine Reihe von Vorträgen über soziale 




Kuno Francke 



— 361 — 

Ethik im allgemeinen und über die sozialen Probleme Amerikas im besonderen 
zu absolvieren. Um die gleiche Zeit reiste der Leipziger Professor Wilhelm 
O s t w a 1 d nach Cambridge, Mass., um an der Harvard-Universität im Auf- 
trag der preußischen Regierung über Naturphilosophie und physikalische Chemie 
Vortrag zu halten. Ihm folgte im Herbst 1906 als zweiter deutscher Austausch- 
professor der Literaturhistoriker Eugen Kühnemann aus Breslau mit Vor- 
trägen über das moderne deutsche Drama. An Stelle Peabodys trat hingegen 
Professor Theodore W. Richards, der im Frühjahr 1907 an der Ber- 
liner Universität einen Kursus über Chemie eröffnete. Diesen Leuchten der 
Wissenschaft schlössen sich in der Folgezeit manche andere namhafte Ge- 
lehrte an. 

Ein ähnliches Kartell wurde bald darauf auch zwischen der Columbia- 
Universität zu New York und dem preußischen Kultusministerium geschlossen, 
aber mit dem Unterschied, daß dank der hochherzigen Stiftung eines früheren 
Studenten der Columbia-Universität, des New Yorker Bankiers James Speyer, 
in Berlin ein permanentes „Amerikanisches I n s t i t u t", verbunden mit 
einer „R o o s e v e 1 1 - P r o f e s s u r" geschaffen wurde. In diesem Institut 
sollen die bedeutendsten Denkmäler der amerikanischen Wissenschaft, Literatur 
und Kunst allmählich gesamm.elt und aufbewahrt werden. 

Als erster Inhaber der „Roosevelt-Professur" begann im Oktober 1906 
Professor JohnW. Burgess mit Vorlesungen über die Verfassungsgeschichte 
der Vereinigten Staaten. Ihm folgten später der Nationalökonom Professor 
Arthur Hadley von der Yale-Universität, Felix Adler, der Gründer 
der „Ethical Culture Society'* und Professor an der New Yorker Columbia- 
Universität und der Geschichtsprofessor Charles Alphonse Smith von 
der Universität von Nordkarolina. Die deutsche Regierung hingegen entsandte 
die Professoren Hermann A. Schumacher aus Bonn (Nationalökonomie 
und Staatswissenschaften), Rudolf Leonhard aus Breslau (Rechtswissen- 
schaften) und Albrecht F. Penck aus Berlin (Geologie). Ähnliche Kar- 
telle wurden auch seitens der Universitäten zu Chicago und Madison, Wisc, 
eingeleitet. 

Obwohl seit der tatsächlichen Verwirklichung des hochinteressanten Ex- 
periments nur kurze Zeit verstrichen ist, liegen für seine Ersprießlichkeit doch 
bereits die glänzendsten Beweise vor. Denn hüben wie drüben drängten sich 
lernbegierige Studenten, Professoren, Lehrer, Journalisten, Staatsmänner und 
andere im öffentlichen Leben stehende Personen zu Hunderten herbei, um die, 
neuen Botschaften gleichkommenden Eröffnungen entgegenzunehmen, welche 
von den beredten Lippen jener, einer befreundeten Nation entstammenden Send- 
linge, flössen. Daß man in der Auswahl der letzteren auf beiden Seiten glück- 
lich gewesen, zeigten die in Berlin wie in Cambridge und New York gehörten 
Worte schmerzlichen Bedauerns, daß man so berufene Vertreter echter Wissen- 
schaft nicht zu dem ständigen Lehrpersonal zählen dürfe. 

„Unser einziges Bedauern ist nur, daß wir ihn nicht beständig hier be- 



— 362 — 

halten können'', so berichtete der mit der Leitimg der preußischen Universitäts- 
angelegenheiten im Kultusministerium betraute Geheimrat Dr. Althoff über 
Professor Peabody nach Harvard. Und dort empfand man in gleicher Weise, 
daß die Besuche der Professoren Ostwald, Kühnemann und anderer Er- 
eignisse waren, die auf die gesamte dortige Studentenschaft tiefe, unauslösch- 
liche Eindrücke hinterließen. 

Da sowohl die amerikanischen wie die deutschen Austauschprofessoren 
während ihres Verweilen s in dem befreundeten Lande auch Besuchsreisen nach 
anderen dort bestehenden Universitäten unternahmen und daselbst Vorträge 
hielten, so blieb ihr befruchtender Einfluß nicht auf einen engeren Kreis be- 
schränkt, sondern erstreckte sich über große Teile der beteiligten Nationen. 

Welche Anregungen diesem fortgesetzten Austausch von Gelehrten ferner- 
hin entsprießen mögen, das läßt sich zurzeit noch nicht absehen. Aber schon 
jetzt darf man die im schönsten Sinne kosmopolitische Idee als einen vollen 
Erfolg bezeichnen, der sowohl für Amerika wie für Deutschland von hoher Be- 
deutung zu werden verspricht. „In dem Austauschgedanken," so äußerte sich 
Professor Kühnemann über das Experiment, „drückt sich in einer edlen Weise 
das Gefühl der Verwandtschaft zwischen dem deutschen und dem amerikanischen 
Volke aus, etwas wie eine Zusammengehörigkeit, die zu dem Bedürfnis führt, 
sich wahrhaft kennen zu lernen und dadurch wahrhaft näherzutreten, dadurch, 
daß man die Lehrer der fremden Jugend das Wesen des eignen Volkes erklären 
hört. Ja, noch mehr, man möchte beteiligt sein am Leben des anderen großen 
Volkes, indem man mitarbeitet an der Seele seiner Jugend. Jeder dieser ins 
Ausland gehenden Professoren — das ist gewiß — kommt zurück als ein Mittel- 
punkt freundschaftlicher Gefühle für die Fremden. Ward je in gleich starker 
Weise der Professor aus der Enge seiner Gelehrten stube hinausgeführt? Ward 
er je stärker daran erinnert, daß auch er ein Glied ist im Dienst der öffentlichen 
geschichtlichen Aufgaben seines Volks? Eine neue Klasse dieser internationalen 
Professoren wird sich bilden, die sich untereinander verbunden fühlen als Mit- 
arbeiter an einem gemeinsamen Werk. Der Austausch von Gelehrten ist ein 
wahrhaft kosmopolitischer Gedanke — nur daß dieser Kosmopohtismus die 
nationale Eigenart nicht auslöscht, sondern geradezu voraussetzt und steigert." 

Und Professor Peabody fügte dem hinzu: „Der Besuch eines Professors 
ist eine vorübergehende Episode eines Semesters. Was von viel größerer Wich- 
tigkeit ist, als die unmittelbare Wirkung eines einzelnen Vorlesungskursus, das 
ist die kumulative Wirkung dieser neuen Gelegenheit auf den Ehrgeiz und die 
Wünsche der jungen Leute. Viel wirksamer, als ein Austausch von Professoren 
an sich, wäre die Möglichkeit, durch den Austausch von Professoren die 
Mehrung des Austausches von Studenten zu fördern und den weiterblickenden, 
unternehmungslustigeren Studenten beider Länder die Erweiterung ihrer Lern- 
gelegenheiten nahezulegen. Der Strom der studentischen Wandrung von den 
Vereinigten Staaten nach Deutschland ist bereits bedeutend, aber er bedarf so- 
wohl der weiteren Ausdehnung wie der Direktion, welche ein frisch vom Mittel- 



— 363 — 

punkt deutscher Wissenschaft gekommener Ratgeber geben könnte. Auf der 
anderen Seite könnte eine Gegenwandrung deutscher Studenten nach den Ver- 
einigten Staaten und in soziale Verhältnisse, in denen Initiative und Fortschritt 
einen von Deutschland so scharf verschiedenen Lauf nehmen, lehrreich genug 
sein, um eine so kühne intellektuelle Entdeckungsreise zu rechtfertigen. Für die 
Veremigten Staaten wenigstens liegt hierin die größte Bedeutung des akademi- 
schen Austausches. Der zunehmende Gedankenaustausch und Verkehr der 
jungen Gemüter in beiden Ländern würde eine Garantie für die Zukunft und die 
Bürgschaft internationaler Duldsamkeit, Freundschaft und Friedensliebe be- 
deuten. In Deutschland erwarten den amerikanischen Studenten viele Lehre*.!, 
die er getrost nach Hause tragen kann, ohne einen Prohibitivtarif auf den wert- 
vollsten deutschen Export fürchten zu müssen. Aber bei diesem Aneignen deut- 
schen Wissens kann der Amerikaner zwei tiefere Lehren erhalten, welche sein 
Land noch sehr notwendig hat. Die erste dieser Lehren betrifft die Natur der 
Universität als einer Schöpfung, nicht des Geldes oder lediglich aus Gebäuden 
bestehend, oder aus ihrer Einrichtung, sondern groß durch die Gelehrsamkeit, 
die sie fördert, durch die Liebe zur Wissenschaft, welche sie erzieht, als eine 
Heimat des Idealismus, die sie darbietet. Die zweite Lehre, die sie erteilt, be- 
steht in der Gelehrtennatur, in der Freude an dem selbständigen, fleißigen und 
zufriedenen Suchen nach Wahrheit, in dem Freisein von Selbstsucht und Ehr- 
geiz, in welchen Eigenschaften sich noch immer der schönste Typus deutschen 
Gelehrtentums kennzeichnet." 

Der an den Universitäten bemerkbare Einfluß deutscher Methoden strahlt 
natürlich auch auf die anderen Lehranstalten und Volksschulen über, die be- 
kanntlich einen großen Teil ihrer Lehrkräfte von den Universitäten beziehen. 

Die ausgezeichneten Ergebnisse des gegenseitigen Professorenaustauschs 
veranlaßten im Jahre 190S den Verwaltungsrat der Carnegie-Stiftung zur Förde- 
rung des Unterrichtswesens mit dem preußischen Kultusministerium Verhand- 
lungen betreffs eines preußisch-amerikanischen Lehreraustauschs einzuleiten. 
Diese Verhandlungen kamen zum Abschluß, und es ward vereinbart, daß 
Preußen einen Oberlehrer und sechs Kandidaten entsenden solle, die in New 
York, Boston, New Haven, Worcester, Chicago und Exeter amtieren sollen. 
Die Vereinigten Staaten sollen zwölf Lehrer nach Preußen schicken, die haupt- 
sächlich in den Universitätsstädten untergebracht werden. Zweifellos dürfte 
auch dieser Austausch von großem erzieherischen Wert sein. 

Der Einfluß deutscher Methoden erstreckt sich selbstverständlich auch 
auf die Kindergärten, jene von dem großen Menschenfreund Friedrich Fröbel 
angebahnte Neuerung, die man mit Recht zu den bedeutendsten Errungen- 
schaften der modernen Pädagogik zählt. 

Es war Fröbel klar geworden, daß zwischen der Kinderstube, in welcher 
das Kind zwanglos schalten und walten darf, und dem unerbittliche Anforde- 
rungen stellenden Schulzimmer ein Übergang fehle, der dem Kind die Ange- 
wöhnung an die Pflichten und Gesetze der Schule erleichtere. Gerade die besten 



— 364 — 

und talentvollsten Kinder, die eine Fülle von Lebenslust bekunden, empfinden 
den schroffen Wechsel von dem einem zum andern am schwersten. Die Kluft 
zu überbrücken, schuf Fröbel den Kindergarten, dessen Lieder, Spiele und 
unterhaltende Beschäftigungen das Kind unbewußt in das ernste Leben hin- 
überleiten. 

Der erste Kindergarten in den Vereinigten Staaten wurde bereits im Jahre 
1858 von der Hannoveranerin Karoline Louise Frankenberg, einer 
Schülerin Fröbels, in Columbus, Ohio, gegründet. Fröbel selbst hatte schon 
im Jahre 1836 in seiner Broschüre „Wiedererweckung zum Leben" auf die Ver- 
einigten Staaten als dasjenige Land hingewiesen, welches vermöge seines frei- 
heitlichen Geistes und reinen Familienlebens am besten dazu geeignet sei, um 
seine Gedanken einer idealen Kindererziehung zu verwirklichen und aus der- 
selben moralischen Nutzen zu ziehen. Wahrscheinlich durch diese Worte ihres 
Meisters angeregt, traf Fräulein Frankenberg 1838 in den Vereinigten Staaten 
ein, um die amerikanische Jugend nach den Theorien Fröbels zu erziehen. Ihre 
gute Absicht fand jedoch kein Entgegenkommen und sie kehrte deshalb schon 
1840 wieder nach Keilhau, dem Wohnsitz Fröbels, zurück, unterrichtete dort 
zunächst zwei Jahre unter der persönlichen Leitung Fröbels, um dann ihren 
Wirkungskreis nach Dresden zu verlegen, wo sie elf Jahre tätig war. Dann 
wandte sie sich wieder den Vereinigten Staaten zu und gründete einen Kinder- 
garten in Columbus, Ohio. Auch sie nmßte alle jene Widerwärtigkeiten und 
Enttäuschungen durchmachen, die sich stets mit einem, bahnbrechenden Pionier- 
leben verknüpfen. Nur mit großer Mühe gelang es ihr, einige Schüler zu er- 
halten, denn die Eltern betrachteten das Anfertigen von Vögeln, Booten, Hüten 
und dergleichen aus Papier, das Formen in Sand und Lehm, das Marschieren 
und Singen lediglich als Spielerei, als die beste Art und Weise, den Kindern die 
Zeit zu vertreiben und sie vor Unheil und Torheiten zu behüten. Daß in diesem 
kindlichen Spiel ein hoher erzieherischer Sinn lag, war den wenigsten klar. In 
ihrem sechzigsten Jahre ward Fräulein Frankenberg infolge eines Unfalls ge- 
zwungen, ihre Schule aufzugeben und nach dem Lutherischen Waisenhaus in 
Germantown, Pennsylvanien, überzusiedeln. In dieser Anstalt führte sie das 
Kindergartenwesen mit großem Erfolge ein. Fräulein Elisabeth Peabody, 
welche als die eigentliche Gründerin des amerikanischen Kindergartenwesens 
gilt, besuchte dort Fräulein Frankenberg öfter, um sich Winke für ihren Kinder- 
garten zu holen, den sie in Boston gegründet hatte. 

Fräulein Frankenberg starb in Germantown im Jahre 1882. 



Wir können diesen Abschnitt nicht schließen, ohne der Bestrebungen zu 
gedenken, die gemacht wurden, um auch den Unterricht in deutscher Sprache, 
Literatur und Kulturgeschichte in die Lehrpläne der amerikanischen Bildungs- 
anstalten einzufügen. 



— 365 — 

Die in die Vereinigten Staaten eingewanderten Deutschen unterhalten seit 
langer Zeit deutsche Schulen, einesteils in dem Wunsch, ihren Kindern und 
Nachkommen die erhabenen Geistesschätze des deutschen Volkes zugängig zu 
machen, dann auch aus praktischen Gründen, die der Verfasser dieses Buches 
in einer im August 1903 von den „Vereinigten deutschen Gesellschaften der 
Stadt New York" ausgesendeten Flugschrift in folgender Weise zusammenfaßte: 
„Unsere öffentlichen Schulen sind diejenigen Anstalten, wo unsere Kinder für 
ihren späteren Kampf ums Dasein ausgerüstet werden sollen. Es muß demnach 
allen Eltern, welchen die Wohlfahrt und Zukunft ihrer Kinder nicht gleichgültig 
ist, daran gelegen sein, daß dieselben seitens der Schulen in erster Linie mit 
solchen Kenntnissen ausgestattet werden, welche die besten und sichersten Garan- 
tien für ihr späteres Fortkommen darbieten. Angesichts der Tatsache, daß die 
Handelsbeziehungen sämtlicher Länder Amerikas mit Deutschland in beständiger 
Zunahme begriffen sind, angesichts der Tatsache, daß in den Vereinigten Staaten 
allein mehrere Millionen Personen sich des Deutschen als Umgangs- und viel- 
fach auch als Geschäftssprache bedienen, angesichts der von vielen amerika- 
nischen Gelehrten zugestandenen Tatsache, daß die Kenntnis des Deutschen 
beim Verfolgen wissenschaftlicher Studien heutzutage geradezu unentbehrlich 
geworden sei, weil unzählige der wichtigsten neueren Werke aller Wissenschafteii 
gerade in dieser Sprache geschrieben sind, angesichts der Tatsache endlich, daß 
von allen europäischen Sprachen Deutsch, die Mutter des Englischen, nach dem 
Englischen die verbreitetste ist und gegenwärtig von etwa 80 Millionen über 
den ganzen Erdball zerstreuten Personen geschrieben und gesprochen wird, 
geben wir unsrer Überzeugung Ausdruck, daß eine gründliche Kenntnis der 
deutschen Sprache für unsere Kinder von größter Wichtigkeit ist, weil diese 
Kenntnis ihre Befähigung zur späteren Teilnahme am wissenschaftlichen Leben 
erhöht und ihre Aussichten auf eine gesicherte Lebensstellung wesentlich 
verbessert." 

Die betreffende Flugschrift erschien als ein Protest gegen von gewissen 
Seiten gemachte Versuche, den deutschen Sprachunterricht durch Vorschieben 
anderer, weit weniger wichtiger Fächer aus den Schulen der Stadt New York 
zu verdrängen. 

Daß das aufgeklärte Amerikanertum an solchen, leider nur zu häufig 
wiederkehrenden Versuchen keinen Anteil hat, beweisen') nicht bloß zahlreiche 



^) Professor Will H. Carpenter von der Columbia Universität zu New York äußerte 
sich über die kommerzielle Wichtigkeit der Kenntnis der deutschen Sprache folgendermaßen: 
„There are almost innumerable instances in America when the value of the possession of 
the German language may be expressed in the most material way, in terms of actual 
dollars and cents. In all our larger eitles there are opportunities in plenty in the legal 
and medical profession that are not readily accorded a lawyer or physician who speaks 
English only. 

In teaching, since German has and is to have an important place in the school 
curriculum, there are opportunities that can only be grasped by one who knows well both 
German and English. In many branches of trade, a knowledge of the two languages is 



— 366 — 

Äußerungen hervorragender amerikanischer Professoren, die sich für den Unter- 
richt in deutscher Sprache erklärten, sondern auch die Tatsache, daß der deutsche 
Sprachunterricht trotz solcher Anfeindungen sich von Jahr zu Jahr mehr auf 
den höheren amerikanischen Lehranstalten einbürgert. Um die Jahrhundert- 
wende wurde festgestellt, daß an den Universitäten 30 000, an den Hochschulen 
und Colleges 100 000, an den öffentlichen Volksschulen 300 000, an den katho- 
lischen Pfarrschulen 125 000 und an Privatschulen 30 000 Zöglinge am deutschen 
Unterricht teilnahmen. Da von vielen Schulen keine Angaben eingelaufen 
waren, so läßt sich annehmen, daß im Jahre 1900 von etwa 15 Millionen 
Schülern mindestens eine Million Deutsch erlernte. 

Fast jede auf Bedeutung Anspruch erhebende Universität und Hochschule 
besitzt jetzt eine besondere Abteilung, wo deutsche Sprache gelehrt und ger- 
manistische Studien betrieben werden. An der Harvard-Universität, deren 
deutsche Abteilung heute bereits zwölf Professoren benötigt und etwa 1500 Teil- 
nehmer an vierzig germanischen Studien gewidmeten Kursen zählt, kam es sogar 
dank der Anregung des Professors Kuno Francke zur Gründung eines „Ger- 
manischen Museums", welches die Kulturentwicklung der germanischen Rasse 
in Deutschland, Skandinavien, Dänemark, den Niederlanden, Deutsch-Öster- 
reich, den deutschen Kantonen der Schweiz und dem angelsächsischen England 
an charakteristischen Denkmälern der Kunst und des Gewerbes veranschaulichen 
soll. Das Ziel, welches Francke sich dabei steckte, ist, dieses Museum zu einem 
Hochstift deutscher Kultur zu gestalten, wo berufene Gelehrte Vorträge über 
deutsche Geschichte, Literatur und Kunst halten und die studierende Jugend 
Amerikas mit den Schätzen der deutschen Kultur bekannt machen sollen. Dieses 
mit dem Anbruch unseres Jahrhunderts eröffnete Museum hat sich in hohem 
Grade der Förderung seitens Seiner Majestät des deutschen Kaisers und mancher 
deutschen Städte zu erfreuen gehabt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß es 
im Lauf der Zeit zu einem mächtigen Denkmal deutschen Geistes auf amerika- 
nischem Boden anwachsen wird. 

Zu Ende des Jahres 1904 entstand auch in New York eine „G e r m a n i - 



necessary to a conduct of the business. This is not alone true of the great importing 
houses which in special cases deal only with Germany, but it is true, also, along vastly 
extended lines of export and Import, in all parts of the country where the industrial and 
commercial importance of modern Germany inevitably creates German connections and 
German correspondence which, again, can only be properly attended to by one who 
knows both the English and German languages. This is true, furthermore, of Insurance 
companies, of banks, and of many other branches of business in which bi-lingual corre- 
spondence-clerks and stenographers are needed as a necessary part of equipment. These 
conditions, too, are increasing, rather than diminishing in numbers and in value, and will 
continue to increase with the dominance of the English and German speaking nations." 

Und Präsident Gilman von der John Hopkins-Universität zu Baltimore sagte: 
„Wie im Mittelalter das Lateinische, so ist heute das Deutsche die Sprache der Gelehrsam- 
keit und Bildung, und kein Student kann auf letztere Bezeichnung Anspruch machen, wenn 
er das Deutsche nicht vollkommen beherrscht." 



— 367 — 

stischeGesellschaftvon Amerik a". Sie stellt sich die Aufgabe, das 
Studium und die Kenntnis deutscher Bildung in Ameriica und amerikanischer 
Bildung in Deutschland zu fördern, und zwar durch Unterstützung des Uni- 
versitätsunterrichts auf diesem Gebiete, durch Veranstaltung öffentlicher Vor- 
träge, durch Herausgabe und Verbreitung geeigneter Schriften sowie durch 
andere Mittel, die dem Gründungszweck entsprechen. Ein Zyklus von Vor- 
trägen über deutsche Kulturgeschichte an der Columbia-Universität während 
des Jahres 1905/06, sowie die Einladung des Dichters Ludwig Fulda und 
des Assyriologen Professor Friedrich Delitzsch zu einer Reihe von 
Vorträgen in verschiedenen amerikanischen Städten bildeten die ersten Taten 
dieser Gesellschaft. Im Jahre 1907 folgten Vorträge der Professoren Hein- 
rich Krämer von der Kunstakademie zu Düsseldorf, des Professors Otto 
H ö 1 z s c h von der Akademie in Posen und von Professor W. Sombart 
aus Berlin. Diesem schlössen sich in der Folge andere namhafte Gelehrte an. 

Ähnliche Ziele verfolgt das in Verbindung mit der „Northwestern Uni- 
versität" zu Chicago gegründete „Germanische Institut". Es will 
gleichfalls in Amerika ein weiteres und tieferes Interesse für die Ergebnisse 
deutscher Gelehrsamkeit und Kultur schaffen und die zwischen den Vereinigten 
Staaten und Deutschland bestehenden Bande enger knüpfen. Es will ferner 
zeigen, inwiefern das deutsche Element das Leben und Streben des amerika- 
nischen Volkes beeinflußte und eine wie große Rolle Deutschland und die 
Deutschen in der Geschichte der Entwicklung Amerikas spielten. Ähnliche 
Ziele erstrebt die im Oktober 1906 in Boston gegründete „Deutsche 
Gesellschaft". 

Alle diese Gründungen sind nicht bloß bedeutsame Symptome für das 
mächtig wachsende Interesse an deutscher Kultur, Kunst, Literatur und Wissen- 
schaft, sondern auch Betätigungen des immer weitere Kreise erfassenden Glau- 
bens, daß zwischen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten und derjenigen 
Deutschlands nicht bloß eine Stammesverwandtschaft, sondern auch eine Wahl- 
verwandtschaft besteht und daß die Zukunft der Weltkultur vorwiegend von 
der geistigen Bundesgenossenschaft beider Völker abhängig sei. 



Daß die Deutschamerikaner in vielen Städten eigne, ganz nach deutschem 
Muster eingerichtete Schulen gründeten, wurde bereits erwähnt. Viele standen 
und stehen noch unter der Leitung tüchtiger, meist in Deutschland ausgebildeter 
Pädagogen, wie Rudolf Dulon, Adolf Douai, Hermann Dor- 
ner, Emil Dapprich, Otto Schönrich, Hermann Schurich t, 
Heinrich Scheib, Georg Adler, Julius Sachs, Maximilian 
Großmann, G. A. Zimmermann, Rudolf Solger, H. H. Fick 
und andere. 



— 368 — 

Eine dieser Erziehungsanstalten, die von Peter E n g e 1 m a n n ge- 
gründete „ D e ti t s c h - F. n g 1 i s c h e Akademie'' zu Milwaukee, erhielt 
eine höhere Mission durch ihre Verbindung mit dem „Deutsch-Ameri- 
kanischen Lehrerseminar", dessen Stiftung von dem im Jahre 1870 
entstandenen „Deutsch-Amerikanischen Lehrerbund" be- 
schlossen wurde. Und zwar aus folgenden Gründen: 
l.Die deutschamerikanische Jugend braucht deutschamerikanische Erzieher. 
2. Die zweisprachige Schule, die Schule der Zukunft, fordert für die Vereinigten 
Staaten Lehrer, die im Deutschen und Englischen gleich vollkommen aus- 
gebildet sind. 




Das deutschamerikanische Lehrerseminar in Milwaukee, Wisconsin. 

3. Die deutsche Pädagogik, die Pädagogik der Humanität, bedarf solcher Ver- 
treter, denen diese Wissenschaft, diese Kunst zu Fleisch und Blut geworden 
ist. Solche Lehrer und Erzieher muß das Seminar des Lehrerbundes bilden, 
wenn es seine Aufgabe richtig erfaßt hat. 

Bei der Gründung des Seminars traf man folgende Bestimmungen : „Daß 
der deutschamerikanische Lehrerbund den Lehrplan für das Seminar und die 
Seminarschule festsetzen, und daß nur mit seiner Einwilligung derselbe ab- 
geändert werden darf, sowie daß im Seminar nur Wissenschaft von ihrem je- 
weiligen Standpunkte aus zu lehren ist, nicht aber Glaubenssätze, und daß 
Geistliche darin nie Lehrer sein können." 



— 369 — 

Die Eröffnung dieses durch freiwillige Beiträge des Deutschamerikaner- 
tums unterhaltenen Seminars erfolgte im Jahre 1878. Der Unterricht ist kosten- 
frei. Der Lehrplan sichert den Seminaristen eine gründliche Ausbildung auf 
allen Gebieten. In politischen und religiösen Fragen herrscht die weitestgehende 
Toleranz. Ein einziger Gedanke leitet die Anstalt: aus ihren ZögUngen echte 
Schulmänner zu machen. 

In der mit dem Seminar verbundenen „Deutsch-englischen Akademie" 
bietet sich den vorgeschrittenen Seminaristen Gelegenheit, sich für ihren Beruf 
praktisch auszubilden. Außerdem besteht ein Abkommen mit den Schulbehörden 
der Stadt Milwaukee, demzufolge die Seminaristen auch in den öffentlichen 
Schulen, wo deutscher Unterricht erteilt wird, sich täglich eine Stunde lang im 
Ausüben ihres künftigen Berufs betätigen können. 

So ist das deutschamerikanische Lehrerseminar eine Musteranstalt, die 
nicht nur dem Deutschamerikanertum zur Ehre gereicht, sondern durch die 
stete Aussendung vorzüglich ausgebildeter Lehrkräfte in hohem Grade be- 
fruchtend auf das Bildungs- und Erziehungswesen der Vereinigten Staaten 
wirkt. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 24 




Copyright by A. Thomas, N. Y. 



Die deutschamerikanischen Landwirte und Forstleute 

der Neuzeit. 

Die überaus günstigen Urteile, welclie von berufenen Männern zu Ende 
des 18. Jahrhunderts über die in Amerika ansässig gewordenen deutschen 
Bauern abgegeben werden konnten, brauchten im 19. Jahrhundert nicht ge- 
ändert zu werden. Der Fleiß, die Stetigkeit und Genügsamkeit, welche den deut- 
schen Landwirt damals auszeichneten, sind geblieben. Zu diesen guten Eigen- 
schaften gesellten sich neue, die durch die fabelhafte, auch das Landleben mäch- 
tig beeinflussende Fortenwicklung der amerikanischen Kultur erzeugt wurden. 

Die jeden schiffbaren Strom befahrenden Dampfer, die mit überraschender 
Schnelligkeit bis. in die entlegensten Winkel des ungeheuren Landes vordrin- 
genden Eisenbahnen, die in den kleinsten Ortschaften entstehenden Zeitungen 
brachten den Bauer in häufigere, engere Berührung mit der Außenwelt, förderten 
seinen Weitblick, seine Tatkraft, machten ihn vielseitiger und gebildeter. Die 
zahllosen Wunderleistungen der landwirtschaftlichen Ingenieurkunst, die kom- 
binierten Mäh-, Binde- und Dreschmaschinen erleichterten sein Dasein und er- 
möglichten es ihm, einen Teil seiner Zeit auch auf seine geistige Fortbildung 
zu verwenden. 

Noch heute ist die „Farm" des deutschamerikanischen Landwirts höchster 
Stelz. Ihrer Verbesserung gilt sein Mühen und Plagen. Da, seitdem die 
Bundesregierung die Indianer auf bestimmte Reservationen beschränkte, keine 
Gefahren mehr sein Haus umdrohen, so konnte er dasselbe geräumiger und 
wohnlicher gestalten. Aus Holz erbaut und mit hellen Farben bemalt, leuchtet 
es aus den wogenden Saaten und blumendurchwirkten Weizenfeldern her- 



Kopf leiste: Die Landwirtschaft. Gemälde von Arthur Thomas in New York. 




24* 



— 373 — 

vor. In der Nähe liegen die weiten Scheunen und die Ställe für die Pferde, das 
Vieh, die Schweine und das Geflügel. Alle Gebäude sind einfach, aber stets 
groß, sauber und in bestem Zustand. Der Bodenbesitz hat sich im Vergleich 
mit demjenigen der Farmer des 18. Jahrhunderts beträchtlich vergrößert, was 
hauptsächlich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß auf den weiten Prärien der 
Boden fast mühelos nutzbar gemacht werden kann, während die Pioniere des 
18. Jahrhunderts beständig einen schweren Kampf gegen die schier übermäch- 
tigen Urwälder führen mußten. Und wenn es dem bedeutenderen Besitz ent- 
sprechend heute auch umfangreichere Strecken Landes umzuackern und größere 
Ernten einzuheimsen gilt, so werden diese Arbeiten durch die ungemein leistungs- 
fähigen landwirtschaftlichen Maschinen vereinfacht, die an Stelle von Pflug, 
Spaten und Dreschflegel traten. 

Den Hauptteil ihrer geistigen Nahrung beziehen die deutschamerikanischen 
Farmer aus in deutscher Sprache gedruckten Zeitungen, die den Bedürfnissen 
der ländlichen Bevölkerung mit großem Geschick angepaßt sind. Sie bringen 
außer politischen und lokalen Mitteilungen zahlreiche Aufsätze, die für den 
Landmann von Interesse sind. Und nicht zuletzt auch Nachrichten aus der 
alten, unvergeßlichen Heimat. 

An der Politik nehmen die deutschen Bauern keinen sonderlich großen 
Anteil. Ohne Erregung lauschen sie den zahlreichen Wanderrednern, die zur 
Wahlzeit von den einzelnen Parteien ausgeschickt werden, um für ihre Kandi- 
daten Stimmung zu machen. Bei den Wahlen selbst lassen die Deutschen sich 
dann meist von ihrer eignen Überzeugung leiten. 

Religiöser Sinn ist bei dem deutschen Farmer auch heute noch vorhanden. 
Sitzen mehrere Dutzend in einer Gegend nachbarlich zusammen, so verbinden 
sie sich zu einer Gemeinde, bauen ein kleines Kirchlein und berufen einen Geist- 
lichen, der sie mit Wort und Sakrament versorgt. Häufig sind Pastor und 
Lehrer in einer Person vereinigt. Ist die Gemeinde stark genug geworden, 
außer dem Pastor einen Lehrer unterhalten zu können, so wird auch für eine 
Gemeindeschule gesorgt. An bestimmten Wochentagen findet dann der Unter- 
richt statt, zu dem die zahlreichen Sprößlinge der Landwirte oft aus weiten Ent- 
fernungen sich einfinden. 

Gesellig sind die deutschen Farmer geblieben. Wenn sie Sonntags nach 
dem Gottesdienst sich vor der Kirche versammeln, so treffen sie Verabredungen 
für den Rest des Tages. Man besucht die Nachbarn, wobei es sich oft ereignet, 
daß zehn bis fünfzehn Familien auf einer Farm sich zum Besuch einfinden, mit- 
samt den Kindern an sechzig, siebzig Köpfe zählend. „Da würde," wie ein 
unter jenen Farmern seit langen Jahren tätiger Geistlicher schilderte, „eine 
deutsche Hausfrau die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und nicht 
wissen, was anzufangen. Aber die Farmerfrau läßt sich nicht aus dem Gleich- 
gewicht bringen. Vorrat an Fleisch und dem nötigen Zubehör ist reichlich vor- 
handen, und die anderen Frauen helfen tüchtig beim Zurichten. So wird denn 
fröhlich getafelt und wacker zugegriffen. Nach dem Essen schmauchen die 



— 374 — 

Familienväter draußen unter den schattigen Bäumen ihre kurzen Pfeifchen und 
tauschen ihre Beobachtungen in Ackerbau und Viehzucht aus. Die Frauen 
halten beim Kaffee ihren gemütlichen Schwatz; die Kinder spielen ihre kind- 
lichen Spiele; die jungen Burschen und Mädchen lassen die alten deutschen 
Volkslieder erklingen oder drehen sich im Tanz. So bietet der Sonntag- 
nachmittag auf der Farm ein Bild echt deutscher Gemütlichkeit und deutschen 
Familiensinns." 

Am dichtesten sitzen die deutschen Farmer in Ohio, Indiana, Illinois, Michi- 
gan, Wisconsin, Minnesota, den beiden Dakotas, Iowa, Nebraska, Missouri und 
Kansas. Meist sind es Bauern aus Westfalen, Hannover, Schleswig-Holstein, 
Brandenburg, Mecklenburg und Pommern, die dort ihren Wohnsitz auf- 
geschlagen haben. Die Süddeutschen bevorzugen mehr die südlichen Staaten, 
namentlich Texas. Wie sogar von Stockamerikanern rückhaltlos anerkannt 
wird, trugen deutscher Fleiß und deutsche Beharrlichkeit in hervorragendem 
Maß dazu bei, jenen Staaten ihre Bedeutung im Bunde der Union zu ver- 
schaffen. 

In Kansas ließen sich während des letzten Drittels des vorigen Jahr- 
hunderts viele deutsche M e n n o n i t e n aus Rußland nieder, welche sich zur 
Auswandrung entschlossen, als die Regierung die ihnen von früheren Regenten 
zugestandene Befreiung vom Militärdienst aufhob. Diese Mennoniten, deren 
erste um das Jahr 1873 anlangten, waren das Erstaunen aller Landagenten, so- 
wohl wegen ihres soliden Reichtum.s und der baren Bezahlung ihrer bedeutenden 
Landerwerbungen, als auch wegen der Sorgfalt, womit sie zur Auswahl ihrer 
neuen Heimstätten schritten. Zu ihnen gesellten sich später viele aus Westfalen 
und Ostpreußen stammende Glaubensgenossen, mit welchen vereint sie zahl- 
reiche Kolonien schufen, von denen die meisten echt deutsche Namen tragen, 
wie Johannestal, Gnadenfeld, Hoffnungsau, Blumenort, 
Brudertal, Grünfeld, Germania. Diese Mennoniten, deren Zahl 
sich auf 150 000 belaufen mag, sind sowohl wegen ihrer Betriebsamkeit und 
Sparsamkeit, wie wegen ihrer Geschicklichkeit im Verkaufen ihrer Produkte be- 
rühmt. Sie gelten allgemein als vorzügliche Bürger. Außerdem sind sie be- 
kannt dafür, daß sie niemals Prozesse führen. 



Wie das Deutschtum der Vereinigten Staaten in den Reihen der amerika- 
nischen Großindustriellen berufene Vertreter besitzt, so auch unter den Land- 
wirten. Besonders im Nordwesten gibt es zahlreiche deutsche Riesenfarmen, 
deren fast militärisch organisierte Bewirtschaftung das Staunen aller europäischen 
Besucher erregte. In Idaho gehören die kolossalen Weizenländereien des 1847 
in Deutschland geborenen Johann P. Vollmer zu den ergiebigsten des 
ganzen Staates. Sie einzuzäunen, erforderte es 250 Meilen Draht. Vollmer ist 
auch der Begründer der „Vollmer-Clearvvater Grain Company", welche zu 



375 



Lewiston und an anderen Orten Idahos bedeutende Mühlen besitzt, die jährlich 
2 Millionen Bushel Weizen zu Mehl verarbeiten. 

Einen hervorragenden Anteil haben die Deutschamerikaner auch an der 
Entwicklung der Obst- und Weinkultur der Vereinigten Staaten. Ein findiger 
Hesse, Johann Schwerdkopf, war es, der bereits während der Kolonial- 
zeit auf Long Island große Strecken unbenutzt liegenden Landes pachtete und 
daselbst Erdbeeren zog Er brachte die bis dahin in Amerika wenig beachtete 
Frucht zu solcher Beliebtheit, daß er seine Erdbeerplantagen von Jahr zu Jahr 
vergrößern mußte. Lange Zeit hatte Schwerdkopf gleichsam das Monopol 
dieser herrlichen, zu einem förmlichen Leibgericht der Amerikaner werdenden 







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Ernte im fernen Westen. 



Frucht, deren Anbau im 19. Jahrhundert einen geradezu fabelhaften Umfang 
annahm und zu einem hochwichtigen Erwerbszweig für die amerikanischen 
Farmer wurde. 

Ein anderer Deutscher, dessen Einfluß auf dem Gebiet der Hortikultur 
sich lange Jahre hindurch in den gesamten Vereinigten Staaten geltend machte, 
war der Württemberger Georg Ell wanger. Er schuf bei Rochester im 
Staat New York die als Mount Hope Nurseries bekannt gewordenen Blumen- 
gärtnereien, legte großartige Baumschulen an, und machte sich auch durch 
Einführen des Zwergobstes, durch verbesserte Pfropfverfahren und andere Neue- 
rungen um die Landwirtschaft hochverdient. Die Stadt Rochester verdankt ihm 
den schönen Highlandpark. 

Deutsche waren es auch, welche zuerst im Tal des Ohio den rationellen 
Weinbau einführten. Von der Mosel und vom Rhein ließen sie Reben und er- 



— 376 — 

fahrene Winzer kommen, um ausgedehnte Versuche anzustellen. Diese fielen 
so gut aus, daß viele sich dem Weinbau zuwandten. Bereits um die Mitte des 
19. Jahrhunderts zählte man im Umkreis von Cincinnati 1200 Weinberge. Der 
hier erzeugte Wein war von solcher Güte, daß m.an sich sogar zum Herstellen 
von Schaumwein verstieg. Hier erschien auch die von Karl Rümelin her- 
ausgegebene „Deutschamerikanische Winzerzeitun g". Leider 
brachten mehrere Jahre des Mißwachses im Verein mit dem ungeheuren Steigen 
der Grundeigentumswerte der vielversprechenden Weinindustrie im Cincinnater 
Distrikt den Untergang. 

Durch ihren Weinbau ist auch die von dem deutschen Arzt Wilhelm 
S c h m ö 1 e im Verein mit seinem Bruder und seinem Freunde W o 1 s i e f f e r 




Ernte im fernen Westen. 



gegründete Kolonie Egg Harbor City in New Jersey bekannt geworden. Dieselbe 
liefert Rotweine von besondrer Güte. 

Auch an die Ufer des Missouri übertrugen die Deutschen den Weinbau. 
Besonders der im Jahre 1837 von der „Deutschen Ansiedlungs- 
Gesellschaft zu Philadelphia" gegründete Ort Hermann ent- 
wickelte sich zu einer echten, zwischen Rebhügeln eingebetteten Winzerstadt, 
deren Charakter an die weinfröhlichen Orte des Rheingaus erinnerte. Michael 
P ö s c h e 1 und Hermann Burkhardt waren daselbst die ersten erfolg- 
reichen Rebenpflanzer. Ein anderer bedeutender Weinzüchter, der auch zahl- 
reiche deutsche und englische Schriften über den Weinbau verfaßte, war der im 
Jahre 1834 eingewanderte Georg Husmann, derselbe, welcher später 
unter den Weinproduzenten Kaliforniens eine Rolle spielte. Von Hermann aus 
breitete der Weinbau sich nach den gleichfalls in Missouri gelegenen Orten 
Marthasville, Augusta und Washington aus. 



— 377 - 

Die Erwerbung Kaliforniens fügte den Vereinigten Staaten ein großes, 
schon bewährtes Weinland hinzu. Hier war der Weinbau bereits im 17. und 
18. Jahrhundert durch spanische Missionare eingeführt worden. Als die Ro- 
manen den Amerikanern weichen mußten, brauchten die letzteren die schon be- 
stehenden Pflanzungen nur weiter zu entwickeln. Das geschah freilich erst, 
nachdem der kalifornische Goldrausch der fünfziger Jahre verflogen war. Um 
jene Zeit kamen infolge der deutschen Revolution des Jahres 1848 auch zahl- 
reiche Weinbeflissene aus den Rheinlanden nach Kalifornien. Viele wandten 
sich der systematischen Förderung des Weinbaus zu. Unter ihnen die Brüder 
Sansewein, Jakob Gundlach, Ch. Bundschu, Julius Dre- 
s e 1 und J. Wi n k e 1 in Sonoma; K a r 1 K r u g , die Brüder Beringer, Wil- 
helm Scheffler, Johann Thomann,j. Schramm, A. Schranz 
und die Gebrüder S t a m e r in St. Helena; der obengenannte Professor Georg 
Husmann in Napa; G. Grözingerin Yountville, Köhler und F r ö h - 
1 i c h , J. H. R o s e und Stern, Lachmann in Los Angeles; J. E. B a 1 d - 
w i n in San Gabriel ; D r e y f u ß in Anaheim ; Scholl, Langenberg, 
Reißer und manche andere. Sie trugen auch in erster Linie dazu bei, durch 
Anpflanzen bester deutscher Reben und durch fachmännische Pflege des ge- 
wonnenen Weins die gegen denselben bestehenden Vorurteile zu bekämpfen. 
Es gelang ihnen, seine Qualität auf eine so hohe Stufe zu bringen, daß er auf 
den Weltausstellungen der letzten Jahrzehnte neben den besten Erzeugnissen 
Europas bestehen und die höchsten Auszeichnungen erringen konnte. 

Sehr viele in Kalifornien seßhaft gewordene Deutsche beteiligten sich auch 
an dem so großartig entwickelten Anbau der Orangen, Zitronen, Limonen, 
Granatäpfel, Pfirsiche, Aprikosen, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Feigen und 
Oliven. Desgleichen an der Zubereitung von Rosinen, gedörrtem und ein- 
gemachtem Obst. 

Einigen der obengenannten deutschen Winzer verdankt die bei Los Angeles 
gelegene, ihrer landschaftlichen Schönheiten wegen berühmte Kolonie A n a - 
heim ihr Entstehen. Rings um dieselbe liegen Fruchthaine in voller Blüten- 
pracht, grüne Auen, Täler und Hügel, lustig rieselnde Bäche und Bewässerungs- 
kanäle, unabsehbare Weingärten und Orangenhaine. Im Hintergrund dieser 
arkadischen Dekoration erheben sich die in scharfen Umrissen gegen den Hori- 
zont abstehenden Gebirgskämme. Die Einzelfarmen von Anaheim, desgleichen 
seine Bewässerungskanäle und Weinberge wurden unter dem Kooperativsystem 
geschaffen. Die äußerst zweckmäßige Anlage des Orts diente vielen anderen 
Ansiedlungen als Vorbild. 

Auch an der Nutzbarmachung der w^sserlosen Wüsten des fernen 
Westens, an ihrer Umwandlung in fruchtbringende Gefilde haben Deutsch- 
amerikaner großen Anteil. Zu den bekanntesten Autoritäten auf diesem Gebiet 
zählt beispielsweise der an der Staatsuniversität von Kalifornien angestellte Pro- 
fessor H i 1 y a r d , ein Sohn des von den „Lateinischen Farmern" gegründeten 
Städtchens Belleville in Illinois. Er hat sich hauptsächlich um die Bewässerung 



— 378 — 

und Fruchtbarmachung der dürren Gegenden in Südkalifornien und Arizona 
große Verdienste erworben. 

Auch unter den Viehzüchtern des fernen Westens, besonders in Texas, 
Kansas und Montana, begegnen wir vielen deutscher Herkunft. In Kalifornien 
gehörten die beiden Deutschen Miller und Lux zu den bedeutendsten. Sie 
kamen als arme Burschen nach Amerika, traten hier im Jahre 1856 in Geschäfts- 
gemeinschaft, kauften in Kalifornien Ranchos für ihre Herden und betrieben ihr 
Geschäft mit seltener Umsicht und Energie. Gegenwärtig besitzt die Firma un- 
geheure Strecken Weidelandes, auf denen hunderttausende von Pferden, Rindern 
und Schafen grasen. Desgleichen betreibt sie die Schweinezucht in großartigem 
Maßstab. 



Besondere V^erdienste erwarb das Deutschamerikanertum sich um die 
amerikanische Forstkultur. 

Es war Karl Schurz, ein Sohn des die Wälder liebenden deutschen Volks, 
welcher sowohl als Senator wie als Sekretär des Innern zum erstenmal amtlich 
das amerikanische Volk darauf aufmerksam machte, welche schwere Schuld es 
durch die teils in Gedankenlosigkeit, teils aus schnöder Habgier betriebene Ver- 
wüstung seiner Wälder auf sich lade. Mit warnenden Worten wies er darauf 
hin, wie wichtig der Wald für die Erhaltung des notwendigsten Lebenselements 
der Landwirtschaft, des Wassers sei, und wie durch das Zerstören der Forste 
die Vereinigten Staaten im Lauf der Zeit einem ähnlichen Schicksal wie Palästina, 
Spanien und andere ihres früheren Waldreichtums beraubten Länder verfallen 
müßten. 

Angesichts des damals noch unerschöpflich scheinenden Holzreichtums 
der Vereinigten Staaten lachte man über die Befürchtungen des „deutschen 
Idealisten". Als aber im Lauf der nächsten Jahrzehnte die mächtigen Forste 
der Alleghanygebirge und der die großen Binnenseen umgebenden Staaten vor 
der zügellosen Gier der Holzhändler gänzlich verschwanden und die nüchterne 
Statistik mit erschreckender Deutlichkeit den raschen Untergang des Waldreich- 
tums verkündete, als der Wasserstand der Seen und Ströme zu sinken und die 
Temperaturverhältnisse ganzer Länderstrecken in ungünstiger Weise sich zu 
ändern begannen, da dämmerte auch in den Köpfen der um die Wohlfahrt ihres 
Landes besorgten Amerikaner die Erkenntnis, wie begründet die Warnungen 
des „deutschen Idealisten" und der mit ihm übereinstimmenden deutschamerika- 
nischen Zeitungen gewesen seien. 

Man begann für den Schutz der Wälder einzutreten, gründete einen 
„National-Forstverein" (die „National Forestry Association") und 
bewirkte durch Eingaben an die Bundes- und Staatsregierungen den Erlaß von 
Gesetzen zum Schutz der bedrohten Wälder. 



— 379 — 

Der Staat New York war der erste, welcher solchen Forderungen ent- 
sprach, indem er nicht nur eine staadiche Forstkommission einsetzte, sondern 
auch eine Waldreservation einrichtete. Am 3. März 1891 entschloß sich auch 
der Bundeskongreß zum Erlaß eines Gesetzes, welches den Präsidenten er- 
mächtigte, Forstreservationen zu schaffen und für immer vom Verkauf an pri- 
vate Personen auszuschließen. Kalifornien, Colorado, New Hampshire, Ohio, 
Pennsylvanien, Minnesota, Wisconsin, Maine und viele andere Staaten folgten, 
so daß das Areal der in den verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten ge- 
legenen Waldreservationen bis November 1908 auf 167 992 208 Acres anwuchs. 
Bei ihrer Auswahl achtet man darauf, daß sie die Quellgebiete großer Ströme 
umfassen, um dadurch den Wasserzufluß zu regeln und Überschwemmungen 
vorzubeugen. 

An dem Verdienst, diese wichtige Anlegenheit in Fluß gebracht zu haben, 
gebührt einigen praktischen deutschen Fachleuten ein Hauptanteil. 

In erster Linie dem aus der Povinz Posen stammenden Forstmann Bern- 
hard F. Fernow, einem der Gründer des „Nationalen Forst- 
vereins" und Redakteur der von demselben herausgegebenen Zeitschrift 
„The Foreste r". Man kann ihn getrost den Vater des amerikanischen 
Forstwesens nennen. Denn seiner Rührigkeit verdankt das Land die Einrich- 
tung einer mit dem Landwirtschaftsministerium verbundenen Forstabteilung, 
deren Vorsteher Fernow von 1886 bis 1898 war. 

Als im letztgenannten Jahre der Staat New York an der Cornell-Universität 
zu Ithaka eine Forstlehrschule gründete, übernahm Fernow ihre Leitung und 
führte sie bis 1903, wo eine kurzsichtige Legislatur der Anstalt die nötigen 
Mittel versagte und dadurch ihren Eingang verschuldete. Gegenwärtig ist 
Fernow als Leiter der an der Universität zu Toronto, Canada eingerichteten 
Forstabteilung tätig. 

Die Universitäten Yale und Harvard, sowie diejenige des Staates Michigan 
gründeten während der Jahre 1900 und 1903 gleichfalls Abteilungen für Forst- 
wesen. Jene zu Yale wird von Professor H e n r y S. G r a v e s , die zu Harvard 
von Richard F. Fischer, jene in Michigan von Filibert Roth be- 
kleidet. Der Schöpfer der Forstwirtschaft des Staates Pennsylvanien ist Dr. J o- 
seph Rothrock, der Nachkomme eines in Pennsyfvanien eingewanderten 
Deutschen. Er studierte sowohl in Berlin und München Forstwissenschaft, und 
hat die dort erworbenen Kenntnisse zum großen Segen für Pennsylvanien ver- 
wertet. In Südkarolina sorgte der Forstmann Dr. C. A. S c h e n c k in den 
ausgedehnten Waldungen der Vanderbiltschen Besitzungen bei Biltmore für eine 
regelrechte Verwaltung. Er richtete auch im Jahre 1898 dort eine Forstschule 
ein, wo angehende Forstleute sowohl theoretischen wie praktischen Unterricht 
empfangen. 

Von großem Einfluß waren ferner die Forstabteilungen, welche seitens 
der deutschen Regierung auf den Weltausstellungen zu Chicago und St. Louis 
dem Studium dargeboten wurden. Durch methodische Gründlichkeit und 



— 380 — 

Wissenschaftlichkeit sich auszeichnend und in überaus klarer Weise den un- 
geheuren, aus einer gesunden Waldwirtschaft entspringenden Nutzen ver- 
anschaulichend, machten diese Abteilungen auf alle mit Nationalökonomie sich 
Beschäftigenden tiefen Eindruck. 

Die Gewohnheit der Deutschen, ihr Heim durch Baum- und Blumen- 
anpflanzungen zu schmücken, rief die heute blühende Kunstgärtnerei ins Leben, 
die sich fast ganz in deutschen Händen befindet. Auch sind viele der schönsten 
Schöpfungen der Landschaftsgärtnerei in Amerika, zahllose öffentliche Parks und 
Friedhofanlagen als die Werke deutscher Gärtner zu betrachten. So verdankt 
beispielsweise der im Jahre 1857 begonnene Zentralpark der Stadt New York 
in der Hauptsache deutschen Gärtnern sein Entstehen. A. Pieper, ein 
Hannoveraner, leitete die gesamten Hoch- und Niederbauten als zweiter Ober- 
ingenieur; A. Torges, ein Braunschweiger, war Leiter der südlichen, und 
W o n n e b e r g , ein Hannoveraner, der nördlichen Division ; B. P i 1 a t , ein 
Österreicher, hatte als Obergärtner das gesamte Agrikulturwesen unter sich; 
Fischer, ein Württemberger, war zweiter Obergärtner; W. Müller, ein 
Kurhesse, erster Architekt ; B i e r i n g e r , ein Bayer, leitete den Bau des Ent- 
und Bewässerungssystems; H. Krause, ein Sachse, und Spangenberg, 
ein Kurhesse, waren die ersten Zeichner. 

Um dieselbe Zeit, im Jahre 1854, verwandelte der geniale Landschafts- 
gärtner Adolf Strauch, der seine Ausbildung unter den berühmtesten 
Meistern der kaiserlichen Gärten zu Schönbrunn und Laxenburg bei Wien er- 
halten hatte, den Spring Grove Friedhof in Cincinnati zu einer herrlichen An- 
lage, die für viele andere amerikanische Friedhöfe vorbildlich wurde. 




Der Anteil der Deutschen an der Entwicklung der 
amerikanischen Industrie. 

Wie schon in dem Abschnitt über die kuhurellen Zustände der Deutsch- 
amerikaner während der Kolonialzeit nachgewiesen wurde, gebührt ihnen an 
der Einführung, dem Aufbau und der Entwicklung der großen Industrien 
Amerikas ein gewaltiger Anteil. Heute gibt es in der Tat kaum einen Ge- 
schäftszweig, in welchem die Deutschen nicht stark vertreten sind. Gewisse 
Zweige des Großhandels und der Wareneinfuhr beherrschen sie nahezu aus- 
schließlich; im Kleinhandel und Handwerk, soviel von letzterem bei den alles 
aufsaugenden und monopolisierenden Bestrebungen der Trusts übriggeblieben 
ist, prosperieren sie entschieden mehr als die Amerikaner und Irländer. 

Es liegt in der Natur der Sache, daß die meisten in die Vereinigten 
Staaten einwandernden Deutschen klein und bescheiden anfangen und sich be- 
mühen, durch kluges, vorsichtiges Ausnutzen der Gelegenheiten, durch Fleiß 
und Sparsamkeit größere Geschäfte aufzubauen Sie sind weniger zu gewagten 
Unternehmungen geneigt, als die Amerikaner, die es lieben, durch kühne Spe- 
kulationen mit einem Schlage Reichtümer zu gevN'innen. Sie bevorzugen den 
langsameren, sichern Weg, wohl wissend, daß dabei ihre meist gut fundierten 
Geschäfte nicht so leicht jähem Wechsel oder gar dem Zusammenbruch aus- 
gesetzt sind. 

Infolge solcher vorsichtigen Eührung ist die Zahl alter deutscher Firmen, 
die sich in steigender Blüte auf nachfolgende Geschlechter vererbten, eine ver- 
hältnismäßig große. Dabei darf man keineswegs glauben, daß es den Deutsch- 



Kopfleiste-. Die erste von Johann August Roebling im Jahre 1848 zu Trenton, 
New Jersey, angelegte Drahtseilfabrik. 



— 382 — 

amerikanern an Weitblick oder Wagemut fehle. Auch sie stellen ihren Prozent- 
satz zu jenen „Kapitänen der Industrie", die im geschäftlichen Leben Amerikas 
die Offiziere, den Generalstab jener Arbeiterarmeen bilden, welche die Reich- 
tümer der Neuen Welt erschließen und zur Entwicklung der letzteren so un- 
geheuer viel beitragen. 

Daß bereits während der Kolonialzeit mehrere deutsche Großindustrielle 
in Amerika existierten, wurde im ersten Teil dieses Werkes gezeigt. Ihnen 
schlössen sich nach der Gründung der Vereinigten Staaten manche andere an, 
wie beispielsweise Johann Jakob Astor, dessen Geschichte unter den 
Pionieren des fernen Westens erzählt ist. Er war der erste Amerikaner, dessen 
Fahrzeuge in regelmäßigen Reisen den Erdball umschifften. Einen bedeutenden 
Teil seines im Welthandel erworbenen Vermögens legte Astor in Landkäufen 
in und um New York an. darauf rechnend, daß mit dem Wachstum der Stadt 
der Wert dieser Grundstücke erheblich steigen müsse. Dieser von Astors Nach- 
kommen in großartigem Maßstab fortgesetzten Politik verdankt die heute weit 
verzweigte Eamilie Astor ihr kaum noch zu berechnendes Vermögen. 

Ein Zeitgenosse Astors war der im Jahre 1761 zu Hagenau geborene 
Kaufmann Martin Baum. Sein Name ist mit der frühesten Entwicklungs- 
geschichte der Stadt Cincinnati eng verbunden. War er es doch, welcher dort 
die erste Zuckersiederei, die erste Eisengießerei, die erste Wollfabrik, die erste 
Dampfmahlmühle errichtete. Gleichzeitig gründete er die „Miami E x p o r - 
t i n g Company", die außer Geldgeschäften ein bedeutendes Transport- 
geschäft betrieb und die Schiffahrt auf den wesÜichen Strömen entwickelte. 

Unter den hervorragendsten Pionieren des Staates Missouri befand sich der 
1810 in Bremen geborene Adolf Meier, ein Mann von seltener Tatkraft 
und Unternehmungslust. Er errichtete in St. Louis die erste, westlich vom 
Mississippi erbaute Spinnerei und Weberei, gründete die Bessemer Hochöfen zu 
Ost-Carondolet sowie zahlreiche andere großindustrielle Anlagen. Außerdem 
war er als Gründer oder Präsident an mehreren der bedeutendsten von St. Louis 
ausgehenden Eisenbahnen beteiligt. 

Die hervorragende Stellung, welche die Deutschamerikaner während des 
18. Jahrhunderts in der Eisenindustrie einnahmen, wurde auch später von ihnen 
behauptet. Dem Großindustriellen Johann Jakob Eaesch, der in New 
Jersey die gewaltigen „Hibernia- und Mount Hope-Werke" be- 
saß, reihten sich die Gebrüder Michael und George Ege an, die in Penn- 
sylvanien zahlreiche Hüttenwerke aufführten. Ebendaselbst schuf der im Jahre 
1791 aus Zweibrücken eingewanderte Clemens Rentgen verschiedene 
Unternehmungen, darunter die „ P i k e 1 a n d W o r k s ", wo er sich der Stahl- 
fabrikation befleißigte und für die amerikanische Marine große Lieferungskon- 
trakte ausführte. Peter Grubb, David Heimbach, Wilhelm 
Müller, G e o r g A n s c h ü t z , S a m u e 1 H e 1 f r i c h , W.Halde- 
mann, Samuel Fahnestock, Gabriel Heister, Peter Kart- 
haus, Johann Probst, Friedrich Geisse nhain er, Bernhard 



— 383 — 

Laiith, Johann Hammer, Konrad Piper, Detmar Basse- 
müller, Martin Diibbs, Benjamin Jakobs, Philipp Ben- 
ner, Georg und Peter Schönberger, Karl Liikens und J o - 
hann Buch w alter sind die Namen deutscher Pioniere, die in Pennsyl- 
vanien in den verschiedensten Zweigen der Eisenindustrie tätig waren. Lukens 
walzte die ersten Dampfkesselplatten; Clemens Rentgen lieferte das erste Rund- 
eisen ; Jakob Baumann gründete die erste, westlich von den Alleghanys gelegene 
Nagelfabrik. In Kentucky wurde der aus Baltimore eingewanderte deutsche 
Geschäftsmann Jakob Meyers der Vater der dortigen Eisenindustrie, indem 
er im heutigen Bath County im Jahre 1791 eine Eisenschmelze und andere 
Fabriken erbaute, wo alles, vom eisernen Kochtopf und Ofen bis zum schweren 
Geschütz, hergestellt wurde. 

Manche der von solchen deutschen Industriellen gegründeten Werke sind 
noch heute in Betrieb; viele andere gingen hingegen im Lauf des 19. Jahr- 
hunderts in größeren Unternehmungen auf. Dies geschah beispielsweise mit 
den in Pittsburg gegründeten Fabriken der aus Trier stammenden Schmiede 
Andreas und Anton Klomann. Ihre Spezialität bestand in der Her- 
stellung von Achsen für Eisenbahnwagen. Beim Schmieden derselben bedienten 
sie sich eines besonderen, von Andreas Klomann erfundenen Verfahrens, dessen 
Vorzüge allenthalben anerkannt wurden. Zu den Abnehmern Klomanns ge- 
hörte auch die „Pittsburg, Fort Wayne und Chicago Bahn", deren Einkäufer, 
Thomas Miller, im Jahre 1859 einen Anteil an der Klomannschen Fabrik er- 
warb. Seinem Betreiben war es zuzuschreiben, daß, als der Bürgerkrieg be- 
deutende, die Errichtung größerer Anlagen nötig machende Aufträge brachte, 
die Firma sich am 16. November 1861 in eine Aktiengesellschaft verwandelte, 
welche den Namen „Iron City Forge Company" annahm. Da der 
Preis für Wagenachsen von zwei Cents das Pfund über Nacht auf zwölf Cents 
emporschnellte, so machte die Gesellschaft glänzende Geschäfte. Leider stand 
es um die Einigkeit der verschiedenen Teilhaber minder gut. Anton Klomann 
wurde im Jahre 1863 ausgekauft; dasselbe geschah später mit Andreas Klo- 
mann, nachdem am 2. Mai 1864 Andrew Carnegie der Gesellschaft beigetreten 
war. Man sagt, daß Carnegie herbeigerufen worden sei, um zwischen den 
uneinigen Parteien Frieden zu stiften. Er habe dabei nach dem Muster jenes 
Richters in der Fabel gehandelt, der den streitenden Parteien die Schale zuspricht 
und als Lohn für seine Mühe den Kern behält. Wie dem immer sein möge, so 
ist gewiß, daß die von den Brüdern Klomann gegründeten Fabriken den An- 
fang jener von Carnegie geleiteten Riesenunternehmungen bildeten, die später 
unter den Namen „Union Iron Mills Company", „Carnegie 
Steel Company" und „United States Steel Corporation" 
Weltruf gewannen. 

In der neueren Geschichte dieser Körperschaft waren übrigens noch zwei 
anderen Amerikaner deutsch-pennsylvanischer Abkunft leitende Rollen be- 
schieden : FI e n r y C. F r i c k und Charles Schwab. Der letzte bekleidete 



384 — 



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ursprünglich einen sehr untergeordneten Posten in einem Stahlwerk Carnegies. 
Durch Energie und unermüdliches Studium arbeitete er sich allmählich zum 

Leiter der berühmten 
„Homestead Werke" 
empor. In den Jahren 
IQÜl bis 1903 stand er 
als Präsident an der 
Spitze der „United 
States Steel Cor- 
pora t i o n". Heute ist 
er Präsident der Stahl- 
werke zu Bethlehem, 
Pennsylvanien. 

Eine ähnliche Be- 
deutung erlangte der im 
Jahre 1869 zu Brooklyn 
geborene E. A u g u s - 
tus Heinze in der 
Kupferindustrie. Durch 
sorgfältiges, sowohl an 
amerikanischen wie deut- 
schen Universitäten be- 
triebenes Studium der 
Bergwissenschaften vor- 
trefflich ausgerüstet, 
wandte er sich im Jahre 
1 889 dem mineralreichen 
Staate Montana zu und 
gründete in der Stadt 
Butte die „M o n t a n a 
Ore Purchasing 
C o m p a n y". Später 
trat Heinze an die Spitze 
der von ihm gegrün- 
deten „United C o p - 
p e r C o.'' 

Von anderen ame- 
rikanischen Großindu- 
striellen ist der am 23. 
November 1906 verstor- 
bene Heinrich Weh- 
rum zu nennen, der Schöpfer der großartigen „Lackawanna Iron 
& Steel Works" zu Buffalo und Seneca, New York. 



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— 385 — 

Die bedeutenden Drahtseilfabriken der Firma „John A. R o e b 1 i n g s 
SonsCompany*'zu Trenton, New Jersey, welche sich mit dem Herstellen 
von Drähten, Drahtseilen und mächtiger Kabel für Hängebrücken beschäftigen, 
verdanken ihren Ursprung dem berühmten Brückenbauer Johann August 
R o e b 1 i n g , dessen Lebensgeschichte in dem Abschnitt „Deutschamerikanische 
Techniker und Ingenieure" ausführlich erzählt ist. Drahtseile wurden bereits 
im Jahre 1820 in Deutschland erzeugt. Roebling war es, welcher diese wenig 
gewürdigte Industrie nach Amerika übertrug und im Jahre 1840 in dem von. 
ihm gegründeten Dorf Germania, dem späteren Saxonbury (Grafschaft Butler 
in Pennsylvanien) die erste Drahtzieherei in Amerika schuf. Als Roebling im 
Jahre 1848 mit seiner Familie nach Trenton, New Jersey, übersiedelte, legte er 
dort sofort eine neue Drahtseilfabrik an, in der er anfangs 25 Mann beschäftigte. 
Aus diesen bescheidenen Anfängen wuchsen im Lauf der Jahre die riesigen 
Anlagen der obengenannten Firma hervor, welche im Jahre 1908 ein Heer von 
über 6000 Arbeitern beschäftigte und den Ruf genießt, nicht allein die bedeu- 
tendste, sondern auch die leistungsfähigste Drahtseilfabrik der Welt zu sein. Die 
Leitung der Fabriken liegt noch heute in den Händen der Söhne Roeblings, 
FerdinandW., Charles G. und Washington A. Roebling, 
sowie deren Nachkommen. 

Der aus Kassel stammende G. Martin Brill wandte sich dem Bau 
von Straßenbahnen zu und gründete in Philadelphia die Firma J. G. Brill Si. 
S o n , die sich zu einer der bedeutendsten Werkstätten Amerikas entwickelte. 
Im Jahre 1887 ließ sich die Firma als die „ J. G. Brill Company" ein- 
tragen, mit Martin Brill als Präsidenten. Seitdem wurden der Gesellschaft 
mehrere andere große Fabriken in Amerika und England durch Ankauf ein- 
verleibt, wie z. B. die ,, B r o w n i e s & American C o m p a n i e s " zu 
St. Louis, die „ G. C. K u h l m a n C a r Company" in Cleveland und die 
„John Stevenson Car Company" in Elisabeth, New Jersey. y\ls 
Martin Brill im Jahre 1906 auf seinem Landsitz bei Philadelphia starb, 
repräsentierten die vereinigten Gesellschaften einen Wert von 57 Millionen 
Dollar. 

J. H. K o b u s c h in St. Louis gründete im Jahre 1887 die „St. Louis 
C a r C o m p a n y ". Sie liefert vollständig ausgestattete Wagen für den Eisen- 
bahn- und Straßenbahndienst. An dem gleichen Ort besteht die von Peter 
J. Pauly im Jahre 1856 gegründete „Pauly Jail Building Com- 
pany". Der Bau und das Einrichten von Gefängnissen bildet ihre Speziali- 
tät. Viele der wichtigsten Sicherheits- und Sanitätsvorkehrungen der heutigen 
amerikanischen Strafanstalten wurden von den deutschen Leitern dieser Gesell- 
schaft erdacht und eingeführt. 

Die Westfalen Wilhelm F. und Friedrich G. Nied ringhaus 
gründeten im Jahre 1857 die „St. Louis Stamping Co.", die sich mit 
der Herstellung von Blech- und Zinkwaren beschäftigt. Später, als die Ge- 
brüder nicht genügend Bleche aus England beziehen konnten, schufen sie groß- 

Cronau, Deutsches Leben in Amerika. 25 



— 386 — 

artige Walzwerke und in neuerer Zeit auf der Ostseite von St. Louis die be- 
deutendsten Emaillewerke der Welt. Granite City, heute eine Stadt von 
10 000 Einwohnern, ist gleichfalls eine Gründung der Gebrüder Niedringhaus, 
deren Unternehmen jetzt als die „National Enameling and Stam- 
p i n g C o." bekannt ist. Wilhelm Niedringhaus war einer der ersten Fabri- 
kanten von Zinkwaren und der erste Fabrikant von Emaillewaren in den Ver- 
einigten Staaten. Er stellte auch die erste Maschine zum Pressen von Geschirr 
und Stahlplatten her. 

Benjamin Guggenheim, ein Sohn des aus Deutschland nach 
Philadelphia übersiedelten Israeliten Meyer Guggenheim, begründete die „In- 
ternational Steam Pump Company'', die sich mit dem Herstellen 
aller Arten von Pumpwerken beschäftigt, von der einfachsten Handpumpe bis 
zu den beim Entwässern der Bergwerke und im Dienst der städtischen Wasser- 
versorgung benötigten Riesenpumpen. Die „International Steam Pump Co." 
unterhält zurzeit bereits sieben bedeutende Fabrikanlagen, von welchen sich 
sechs innerhalb der V^ereinigten Staaten, und zwar in Fast Cambridge, Mass., 
Holyoke, Mass., Harrison, N J., Buffalo, N. Y., Cincinnati, Ohio und Cudahy, 
Wisc, befinden. 

Auch der amerikanischen Zuckersiederei verliehen zwei deutsche Familien, 
die H a V e m e y e r s und Spreckels, den eigentUchen Aufschwung. Die 
Geschichte beider Familien liest sich fast wie ein arabisches Märchen. Diejenige 
der Havemeyers beginnt mit der Einwandrung zweier armer Zuckerbäcker, 
der Brüder Friedrich und Wilhelm Havemeyer, welche im Jahre 
1802 ihre im Fürstentum Schaumburg-Lippe gelegene Vaterstadt Bückeburg 
verließen, um jenseits des Ozeans eine neue Heimat zu suchen. Bald nach ihrer 
Ankunft in New York gründeten die beiden eine kleine Zuckersiederei, deren 
tägliche Produktion, obwohl die Frauen der beiden nach deutscher Art fleißig 
mit Hand anlegten, anfangs selten mehr als zwei Fässer überstieg. In dem in 
Vandam Street gelegenen Quartier der Familien wurde im Jahre 1807 Fre- 
derick C. Flavemeyer geboren, der sechzehn Jahre später, nachdem er 
im Columbia College eine gute Erziehung genossen hatte, in das inzwischen 
stattlich emporgeblühte Geschäft eintrat. Alle Einzelheiten des Zuckerhandels 
und der Zuckerindustrie von Grund aus studierend, verhalf er dem Geschäft zu 
so mächtigem Aufschwung, daß er seinen Söhnen Theodor und Henry O. ein 
Vermögen von vier Millionen Dollar hinterlassen konnte. 

Henry O. Havemeyer, der im Jahre 1847 geborene jüngere der 
Brüder, wurde der Schöpfer des „ Z u c k e r - T r u s t s ". Die zwischen den 
amerikanischen Zuckerproduzenten häufig entbrennenden Konkurrenzkämpfe, 
während welcher die Raffinerien einander sowohl beim Einkauf der Rohstoffe 
wie beim Verkauf der fertigen Ware oft bis zum Zusammenbruch bekriegten, 
riefen in Havemeyer den Gedanken einer Vereinigung aller Raffinerien wach. 
Durch eine solche Verschmelzung ließen sich nicht bloß jene gefährlichen 
Kämpfe vermeiden, sondern der Verkaufspreis des Zuckers konnte auch auf einer 



— 387 — 

für alle beteiligten Firmen gewinnbringenden Höhe erhalten werden. Die ersten 
Schritte zur Gründung dieses Trusts reichen bis in das Jahr 1887 zurück, wo 
es Havemeyer gelang, eine Vereinigung der in den Oststaaten bestehenden 
Zuckerfabriken zustande zu bringen. Dieselben verbanden sich am 12. Januar 
1891 unter dem Namen ,, American SugarRefineries Company". 
Ihr ursprüngliches Stammkapital von 50 Millionen Dollar wurde später auf 
75 Millionen erhöht. Desgleichen erhöhte sich durch den erzwungenen Ein- 
tritt anderer Raffinerien die Zahl der Mitglieder. Aus dieser Vereinigung ent- 
sprangen sowohl für den Trust wie für die Konsumenten bemerken sv/erte Vor- 
teile. Durch Anwerben der erfahrensten Fachleute, durch stetes Verbessern der 
Maschinen gelang es nicht nur, die bisher angewendeten hlerstellungsmethoden 
bedeutend zu vervollkommnen, sondern auch den Raffinierprozeß von zwei 
Wochen auf nur 24 Standen abzukürzen. Diese Vereinfachung und Verbilligung 
der Herstellung ermöglichte sowohl die Vermehrung der Produktion wie eine 
erhebliche Verbilligung des raffinierten Zuckers. 

Die gewaltige Entwicklung des Zuckertrusts ergibt sich aus folgenden 
Angaben: Sein Vermögen belief sich um das Jahr 1900 auf 150 000 Millionen 
Dollar. Seine 20 Raffinerien verteilten sich auf die Städte New York, Brooklyn, 
Jersey City, Philadelphia, St. Louis, New Orleans, San Francisco und Portland. 
Die Zahl der in denselben beschäftigten Beamten und Arbeiter betrug 20 000. 
Außerdem waren 10 000 Arbeiter in den der Gesellschaft gehörigen Faßfabrikeii 
und Schiffen oder als Kohlenschaufler und Fuhrleute beschäftigt. Die tägliche 
Produktion sämtlicher Anlagen betrug 45 000 Faß, der aus dem ganzen Unter- 
nehmen entspringende Reingewinn etwa 30 Millionen Dollar pro Jahr. 

Eine ähnliche Bedeutung, wie die Havemeyers sie im Osten der Vereinig- 
ten Staaten erlangten, gewann im fernen Westen die aus Lamstedt in Hannover 
stammende Familie Spreckels. Ihre neuweltliche Geschichte beginnt mit dem 
im Jahre 1828 in Lamstedt, Hannover, geborenen Claus Spreckels, 
welcher als zwanzigjähriger Jüngling in Charleston, Südkarolina, landete. 
Sein ganzes Vermögen bestand aus nur drei Dollar. Die ersten Jahre seines 
Weilens in Amerika unterschieden sich nicht von denen, welche von Millionen 
andrer Einwandrerer durchlebt werden müssen: sie waren voll Mühen und 
Arbeit. Von Charleston siedelte Spreckels nach New York über; von dort nach 
Kalifornien. Aber seine finanzielle Lage hatte sich inzwischen bedeutend ver- 
bessert. Der Verkauf eines in New York betriebenen Geschäfts hatte ihm 
4000 Dollar eingebracht, womit er in San Francisco eine Brauerei gründete. 
Aber auch diese bildete nur eine vorübergehende Etappe im Entwicklungsgang 
des jungen Deutschen. San Francisco war der Einfuhrhafen für den auf Hawaii 
erzeugten Zucker. Beim Studium dieses Zuckerhandels erspiihte Spreckels seine 
Gelegenheit. Ehe er diese ergriff, beschloß er das Zuckergeschäft und die 
Zuckerfabrikation gründlich zu lernen und trat ak Arbeiter in eine New Yorker 
Zuckersiederei ein. Nachdem er hier alles Wissenswerte erlernt, reiste er nach 
Deutschland, um sich mit den dort angewendeten Methoden vertraut zu 

25* 



— 388 — 

machen. Dann kehrte er nach KaHfornien zurück und gründete in Ge- 
meinschaft mit seinem Bruder im Jahre 1863 die „California Sugar 
R e f i n e r y ". Diese überflügelte infolge ihrer vortrefflichen Einrichtungen 
bald alle anderen kalifornischen Raffinerien. Spreckels legte diese vollends lahm, 
als es ihm im Jahre 1876 gelang, die ganze Zuckerproduktion Hawaiis an sicli 
zu bringen. Das geschah durch sehr geschickte Schachzüge, welche fast sämt- 
liche Zuckerplantagen jener Inselgruppe in den Besitz der von Spreckels ge- 
gründeten „Hawaii an Commercial Company" brachten. Die Er- 
werbung dieser Plantagen war um so wichtiger, als zwischen Hawaii und den 
Vereinigten Staaten kurz zuvor ein Handelsvertrag abgeschlossen worden war, 
der hawaiischem Zucker zollfreie Einfuhr in die Vereinigten Staaten sicherte. 
Bereits in den achtziger Jahren hatte Spreckels sich den stolzen Beinamen des 
„kalifornischen Zuckerkönigs" erworben. Sein außerordentlicher Erfolg weckte 
aber die Eifersucht des den Osten beherrschenden Zuckertrusts. Dieser bot 
Spreckels eine ungeheure Summe für die Abtretung seiner Interessen. Als 
Spreckels das Angebot ablehnte, begann der Trust den kalifornischen Zucker- 
könig bitter zu befehden. Aber der zähe Norddeutsche trug den Krieg in 
Feindesland, indem er mit einem Kostenaufwand von fünf Millionen Dollar bei 
Philadelphia eine Zuckerraffinerie größten Maßstabes errichtete und dem Trust 
so scharfen Wettbewerb bereitete, daß dieser endlich um Frieden bat. Man 
traf ein Übereinkommen, wonach der Zuckertrust sich verpflichtete, sich auf 
den Osten der Vereinigten Staaten zu beschränken, wogegen man Spreckels 
den unbestrittenen Besitz des westlichen Marktes überließ. Nach diesem Siege 
wandte Spreckels sich dem weiteren Ausbau seines immer größere Verhältnisse 
annehmenden Zuckergeschäftes zu. Hauptsächlich auf seine Anregung erfolgte 
der Anbau der Zuckerrübe, der den westlichen Farmern zu einer neuen Quelle 
fabelhaften Reichtums wurde. Bei Watsonvilles in Kalifornien bepflanzte 
Spreckels eine 1500 Acres große Farm mit Zuckerrüben, die er in einer dort 
errichteten großen Siederei verarbeitete. — Als Spreckels am 26. Dezember 190S 
starb, wurde sein Vermögen auf 50 bis 60 Millionen Dollar geschätzt. 

Auch in der Getränke-Industrie, besonders in der Bierproduktion, nehmen 
die Deutschamerikaner heute die führende Stelle ein. Bier war bereits im 
17. Jahrhundert in den von den Holländern und Engländern gegründeten Nie- 
derlassungen gebraut worden. Im Jahre 1810 bestanden in den Vereinigten 
Staaten 147 Brauereien, die zusammen 182 690 Fässer Bier erzeugten. Bis zum 
Jahre 1850 steigerte sich diese, fast ausschließlich von Amerikanern betriebene 
Produktion auf 740 000 Fässer, um dann aber, als die Deutschen sich der Brau- 
industrie bemächtigten, geradezu erstaunliche Verhältnisse anzunehmen. An- 
statt der nach Art des englischen Ale gebrauten schweren Biere führten die 
Deutschen das bedeutend leichtere, dem amerikanischen Klima mehr ent- 
sprechende Lagerbier ein. Dieses verdrängte nicht nur die weit mehr Alkohol 
enthaltenden englischen Biere fast vollständig, sondern tat auch dem außer- 
ordentlich starken Verbrauch von Whiskey und anderen Branntweinsorten ge- 




33 




CQ 



— 393 — 

waltigen Abbruch. Welcher wachsenden Beliebtheit sich das erfrischende 
deutsche Bier erfreut, erhellt aus folgenden Produktionsziffern : 

1880: 12 800 900 Barrels') 
1890: 26 820 953 
1900: 39 330 849 
1906: 54 724 553 
1907: 58 622 002 

Nahezu drei Viertel aller in den Vereinigten Staaten bestehenden Brauereien 
befinden sich in deutschen Händen. Die bedeutendsten sind die „Anheuser- 
Busch Brauerei" in St. Louis, die „ P a b s t Brauerei" und die 
„Schlitz Brauerei" in Milwaukee, von denen jede zwischen 1 bis 2 Mil- 
lionen Fässer Bier jährlich erzeugt. 

Es ist zweifellos von großem Interesse, festzustellen, aus welchen be- 
scheidenen Anfängen diese heute so gewaltigen Geschäfte emporwuchsen. Der 
Anfang der Anheuser-Busch Brauerei reicht bis ins Jahr 1857 zurück, wo 
Eberhard Anheuser sich genötigt sah, als Hauptgläubiger der in Kon- 
kurs geratenen Firma Hammer & Urban deren Brauerei zu übernehmen. 
Er verband sich im Jahre 1865 mit Adolph us Busch, und nun begann 
unter der umsichtigen Leitung dieser beiden Männer das junge Geschäft einen 
geradezu fabelhaften Aufschwung zu nehmen. Dasselbe wandte sich haupt- 
sächlich der bis dahin kaum beachteten Flaschenbierindustrie zu und erzielte 
darin ganz ungeahnte Erfolge, nachdem sie durch ein besonderes Sterilisierungs- 
verfahren die Ausfuhr des Flaschenbiers auch nach tropischen Ländern ermög- 
licht hatte. Jahr für Jahr mußten nun den bestehenden Bauten neue hinzu- 
gefügt werden, um mit den an die Brauerei gestellten Anforderungen Schritt 
halten zu können. Im Jahre 1908 bedeckten diese Bauten bereits 136 Acres. 
Unter ihnen befindet sich ein Brauhaus, welches täglich 9000 Fässer Bier zu 
erzeugen vermag. Ferner eine Füllanstalt, wo täglich eine Million Flaschen 
gefüllt werden. Die Vorratsspeicher für Malz und Gerste vermögen 1 750 000 
Bushel zu fassen. Die Lagerräume reichen aus für 600 000 Fässer. Eine Eis- 
fabrik liefert täglich 650 Tonnen Eis; eine Kraftstation spendet die nötige Be- 
triebskraft, die jener von 12 000 Pferden gleichkommt. Außerdem unterhält 
die „Anheuser-Busch Brauerei" zwei eigne Glasfabriken zum Herstellen ihrer 
Flaschen; ferner eigne Faß-, Wagen- und Maschinenfabriken sowie Reparatur- 
werkstätten. Eine eigne Eisenbahn verbindet die Brauerei mit den Frachtbahn- 
höfen. Die Zahl der Angestellten beläuft sich in St. Louis auf 6000 Köpfe. 
Dazu kommen noch 1500 Personen, die in 42, in verschiedenen Städten der 
Union bestehenden Zweiganlagen beschäftigt sind. 

Der Gründer der „Pabst Brauerei" in Milwaukee war Jakob 



>) 1 Barrel enthält 31 ' - Gallonen oder 117,3 Liter. 



— 394 — 

Best. Als er im Jahre 1844 seine Brauerei eröffnete, belief sich ihre Pro- 
duktion im ersten Jahr ihres Bestehens auf nur 300 Fässer. Unter der späteren 
Leitung von Philipp Best, Emil Schandein, Friedrich Pabst 
und Gustav Pabst steigerte sich die Produktion auf jährlich z.wei Mil- 
lionen Fässer. 

Deutscher Fleiß, deutsche Ausdauer und Sparsamkeit, verbunden mit 
amerikanischem Erfindungs- und Unternehmungsgeist verhalfen auch der von 
Joseph Schlitz in Milwaukee gegründeten und nach dessen Tode von 
seinen Neffen Gebrüder U i h 1 e i n weitergeführten „Schlitz Brauerei'' 
zu hoher Blüte. 

Hier wie in den vorgenannten deutschamerikanischen Brauereien sieht 
der Besucher sämtliche wissenschaftlichen Errungenschaften auf chemisch brau- 
technischem sowohl wie pflanzenphysiologischem Gebiet verwertet. Und zu- 
gleich erregen die praktischen Anlagen wie auch die allerwärts herrschende 
peinliche Sauberkeit gerechte Bewunderung. 

Als Joseph Schlitz im Jahre 1849 seine Brauerei eröffnete, belief sicli 
deren Produktion auf nur 400 Fässer. Im Jahr.e 1880 wurde die Zahl 100 000, 
im Jahre 1903 die Zahl 1 000 000, 1907 die Zahl 1 500 000 überschritten. Wie 
in den „Anheuser-Busch-" und „Pabst Brauereien", so sind auch hier alle An- 
lagen und technischen Einrichtungen ideale zu nennen. Großartige, von 
Deutschamerikanern betriebene Brauereien bestehen auch in New York, Ro- 
chester, Buffalo, Philadelphia, Pittsburgh, Baltimore, Washington, Cincinnati, 
Chicago und zahlreichen anderen amerikanischen Städten. 

In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Brauindustrie für die Vereinigten 
Staaten von außerordentlicher Wichtigkeit geworden. Nicht bloß weil sie 
hunderttausenden von Arbeitern lohnende Beschäftigung bietet, sondern weil 
auch fast alle bei der Brauerei verwendeten Rohstoffe, wie Gerste, Malz und 
Hopfen, in den Vereinigten Staaten gewonnen werden, wodurch den Farmern 
ungeheure Einnahmen zufließen. 

Auch in der Herstellung mancher anderen Nahrungs- und Genußmittel 
beherrschen Deutschamerikaner das Feld. 

Der Hannoveraner F. Schumacher wandte sich der Herrichtung des 
bei den Amerikanern sehr beliebten Oatmeal zu. Seine in Akron, Ohio, ge- 
legenen „ G e r m a n Mills" erzeugten an Hafermehl, Weizen- und Gersten- 
graupen, Farina usw. jährlich für mehr als zwei Millionen Dollar. Als Schu- 
macher sich vor wenigen Jahren als vielfacher Millionär zurückzog, verkaufte 
er seine bedeutenden Anlagen an die „ A m e r i c a n C e r e a 1 C o.", die jetzige 
„Quaker Oats Co." 

Ebenso erfolgreich wie Schumacher war Heinrich J. Heinz, welcher 
im Jahre 1869 bei Sharpsburg in Pennsylvanien ein kleines, weniger als einen 
Acker großes Grundstück mit Meerrettig bepflanzte und diesen in dem Hinter- 
stübchen seines bescheidenen Wohnhäuschens durcii einige Frauen verarbeiten 




23 




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— 390 — 




In der Konservenfabrik H. J. Heinz & Co., Fittsburgh, 
Pennsylvanien. 



ließ. Für das fertige 
Erzeugnis fand Heinz 
im nafien Pittsburgh 
willige Abnehmer. Ihre 
Zahl wuchs, so daß 
Heinz zwei Jahre spä- 
ter sein Geschäft nach 
Pittsburgh verlegte, wo 
es sich im Lauf der 
Jahre zu einer groß- 
artigen Konservenfabrik 
entwickelte, die sich 
mit dem Einmachen von 
allerhand Gemüsen und 
Früchten befaßt und 
zur bedeutendsten der 
Vereinigten Staaten 

wurde. Heute umfaßt die „H. J. Heinz Company" 18 große und zahl- 
reiche kleinere Gebäude, die eine Fläche von 160 Stadtgrundstücken einnehmen. 
Gegen 30 000 Acker Landes und Obstgärten werden entweder durch Ange- 
stellte der Firma bestellt oder liefern ihre Erzeugnisse auf Grund kontraktlicher 
Vereinbarungen an die Firma ab. Um diese Rohmateriale in möglichst frischem 
Zustand verarbeiten zu können, errichtete die Firma nicht nur in sieben ver- 
schiedenen Staaten der Union, sondern auch in Canada und Spanien 69 Ein- 
machstationen und 14 Fabriken. Die Zahl der ständig angestellten Personen 
beträgt 4000. Zur Zeit der Ernten hingegen sind gegen 40 000 für die Zwecke 
der Firma tätig. 

Im Fleischhandel zählt die Firma Schwarz schild & Sulzberge r 

in New York zu den ersten de;^ 
Landes. In der Tabakindustrie 
schritt die von G. W. G a i 1 und 
Christian Ax in Baltimore 
gegründete Firma G a i 1 & A x 
an der Spitze, bis sie im Jahre 
1 891 mit der „American To- 
bacco Company" verschmol- 
zen wurde. 

Die Entwicklung der Leder- 
und Lederwarenindustrie wurde 
gleichfalls durch die in den Ver- 
einigten Staaten lebenden Deut- 
ln der Konservenfabrik H. J. Heinz & Co.. schen mächtig gehoben. Die be- 
Pittsburgh, Pennsylvanien. deutendsten Lederfabriken des 




400 



Landes sind entweder ihr Eigentum oder werden von Deutschamerikanern ge- 
leitet. Wohl obenan stellt diejenige von Robert H. Foerderer in Frank- 
ford bei Philadelphia. 
Seine gegen 4000 Ar- 
beiter beschäftigende 
Fabrik vermag täglich 
50 000 bis 75 000 fer- 
tig zugerichtete Zie- 
genhäute für die Schuh- 
warenfabrikation zu 
liefern. Die Möglich- 
keit, eine so ungeheure 
Menge zuzubereiten, 
wurde durch die im 
Jahre 1883 patentierte 
Erfindung des in New 
York lebenden Deut- 
schen August 
Schultz herbeige- 
führt, welche an Stelle 
des bisher üblichen, 
äußerst langwierigen 
und nicht immer zu- 
friedenstellenden 
Gerbeverfahrens mittels 
vegetabilischer Stoffe 
ein solches durch Säu- 
ren setzte. Dieses, 
einen völligen Um- 
schwung in der Leder- 
industrie bewirkende 
Verfahren, welches von 
Robert H. Foerderer 
nach vielen mühseligen 
und kostspieligen Ver- 
suchen in verschiede- 
nen Abweichungen 
auch auf alle anderen 
Arten von Leder aus- 
gedehnt wurde, ver- 
ringerte sowohl die Dauer wie die Kosten des Gerbeprozesses. Obendrein erhöhte 
es die Güte und Gleichmäßigkeit des Leders. Die Folge war, daß das französische 
Kidleder, welches früher den amerikanischen Markt beherrschte, aus demselben 



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— 401 — 

vollständig verdrängt wurde. Auch in der Herstellung von bunten, matten, 
Glanz- und Lack-Lederarten, ferner der feinen Ledersorten für die Handschuh- 
fabrikation steht die Firma Foerderer an der Spitze. Andere deutschameri- 
kanische Großgeschäfte dieser Art, von welchen mehrere sich auch mit der 
Herrichtung von Sohlen- und Wagenleder befassen, sind die Firmen P f i s t e r & 
V o g e 1 in Milwaukee, OscarScherer& Bros, in New York, S c h o e 1 1- 
k o p f & Co. in Buffalo, Georg Stengel in New Jersey, Carl E. 
Schmidt & Co. in Detroit, die „Ruepping Leder C o." in Fond du 
Lac, C. M o e n c h & Co. in Boston sowie die von Deutschen betriebene 
„K e y s t o n e L e a t h e r C o." und die „W oHf Process LeatherC o." 
in Philadelphia. 




Die Dixie-Gerbereien der Lederriemenfabrik Ciiarles A. Schieren Company New York^ 

zu Bristol, Tennessee. 



Von welcher Bedeuttmg manche dieser Fabriken sind, kann man daraus 
schließen, daß die von den drei Württembergern J. F. Schöllkopf, Guido 
P f i s t e r und Friedrich Vogel im Jahre 1848 gegründete Firma P f i - 
ster & Vogel Leather C o.'' in Milwaukee 3500 Personen beschäftigt 
und täglich 16 000 Kalb- und Ziegenfelle, 5000 Rindvieh- und 1500 Pferde- 
häute verarbeitet. Die Jahresproduktion bewertet sich auf 15 Millionen Dollar. 

Die im Jahre 1868 gegründeten Fabriken des aus den Rheinlanden ein- 
gewanderten Charles A. Schieren in Brooklyn, New York, befassen sich 
mit dem Herstellen von Treibriemen. In ihren 25 Acker einnehmenden „D i x i e 
T a n n e r i e s " zu Bristol, Tennessee, werden jährlich 100 000 schwere Häute 
zu Riemen verarbeitet. 



Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 



26 



— 402 — 

In der Handschuhfabrikation zählen die Firmen Julius Kayser in 
Brooklyn und Gebrüder Littauer in Gloversville, New York, zu den 
führenden. 

Daß die Deutschen auch an der Fabrikation musikalischer Instrumente 
einen ungeheuren Anteil haben, kann bei ihrer ausgesprochenen Vorliebe für 
Musik nicht überraschen. Aber wer die lange Liste der in den Vereinigten 
Staaten bestehenden Piano- und Orgelfabriken überfliegt, wird über die große 
Zahl deutscher Namen doch in Staunen geraten. 

Schon im Jahre 1789 lebte in Philadelphia ein deutscher Pianobauer 
Karl Albrecht, von dessen Instrumenten eins sich im Besitz der „Penn- 
sylvania Historical Society" zu Philadelphia, ein zweites im „New Yorker 
Museum of Art" befindet. 




Die Pianofabrik der Firma William Knabe & Co. in Baltimore, Maryland. 

Wesentlich verbesserte Instrumente lieferte bereits im Jahre 1833 der 
Pianobauer Conrad Meyer. Er stellte die ersten sechsoktavigen Klaviere 
her, die einen vollen Eisenrahmen besaßen. Diese mit Rücksicht auf die eigen- 
artigen klimatischen Zustände der östlichen Vereinigten Staaten getroffene Neue- 
rung bewährte sich so glänzend, daß sie allgemein, auch in Europa, Ein- 
gang fand. 

Der Ursprung der großen Pianofabriken Lindeman & Sons in New 
York reicht gleichfalls bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Sie 
wurde von Wilhelm Lindemann im Jahre 1836 gegründet. 

Der aus Kreuzburg stammende Wilhelm Knabe gründete im Jahre 
1837 in Baltimore eine zu großer Bedeutung gelangende Pianofabrik, die haupt- 
sächlich die südlichen Staaten der Union mit vorzüglichen Instrumenten ver- 
sorgte. Nach Knabes Tode im Jahre 1864 v/urde die Firma von seinen Söhnen 
und Enkeln fortgeführt, aber im Jahre 1908 mit der „American Piano 
Company" verschmolzen. Der Hauptsitz beider Gesellschaften befindet 



— 403 — 

sich in dem schönen Knabe-Gebäude an der 5. Avenue in New Yoric, welches 
von der Firma Knabe errichtet wurde. 

Die bedeutende, jährhch 5000 Instrumente Uefernde „Weber Piano 
C o." in New York leitet ihren Ursprung auf den genialen Albert Weber 
zurück, der mit der Herstellung seiner durch ungemein schönen und kräftigen 




Heinrich Steinway, der Begründer der Pianofabrik Steinway & Söhne in New York. 



Ton ausgezeichneten Pianos im Jahre 1852 begann. Fast um dieselbe Zeit, im 
März 1853 eröffnete auch der aus Seesen, Braunschweig, eingewanderte Orgel- 
bauer Heinrich Engelhard Stein weg oder Steinway im Verein 
mit seinen Söhnen Karl, Heinrich, Wilhelm und Theodor in New 
York eine Pianofabrik, die im Lauf der Jahrzehnte zu einer der bedeutendsten 
Amerikas emporblühte. Ihre gegenwärtige Jahresproduktion beläuft sich auf 

26* 



— 404 — 

7000 Instrumente. Kaum eine Firma trug durch so viele Erfindungen und Ver- 
besserungen so erheblich zum Aufschwung der amerikanischen Pianoforte- 
Baukunst bei, als diese; kaum eine erntete aber auch auf den Weltausstellungen 









Die Pianofabriken der Firma Steinway & Söhne in Steinway, Long Island, New York. 



der letzten Jahrzehnte so zahlreiche Triumphe. Zu den wichtigsten von den 
Stein ways eingeführten Verbesserungen im Pianoforte-Bau gehört die kreuz- 
förmige Anordnung der Saiten. Ferner stellten sie im Jahre 1866 die ersten 



— 405 -- 

aufrechtstehenden Instrumente in Amerika her, welche, da sie weniger Raum 
beanspruchen, die tafelfönnigen Klaviere völlig verdrängten. 

Außer den bereits genannten Firmen ragen aus der Menge der deutsch- 
amerikanischen Pianofabriken noch diejenigen von Kranich & Bach, 
Sohmer & Co., Otto Wißner, Decker & Sohn, die Schaeffer 
Piano Co., Steck & Co., Strich & Zeidler und andere in New York 
hervor. Außerdem bestehen in Anburn und Buffalo, N. Y., in Newark und 
Woodbury, N. J., in New Haven, Conn., in Easton, Pa., in Baltimore, Md., in 
Wheeling, W. V., in Cincinnati und Masillon, O., in Jackson, Mich., in Ham- 
mond, Ind., in Rockford, Steger und Chicago, 111., in Faribault, Minn., sowie in 
St. Louis, San Francisco und anderen Orten des fernen Westens zahlreiche be- 




Die Pianofabrik der Firma Steinway & Söhne an Park Avenue und 53. Straße in New York. 



deutende Piano- und Orgelfabriken, deren Namen bekunden, daß sie von Deut- 
schen gegründet und geleitet sind. 

Auch mit der Fabrikation der zum Piano- und Orgelbau benötigten Eisen- 
rahmen, Stahldrähte, Hämmer, Tasten, Pfeifen und Gehäuse sind viele deutsch- 
amerikanische Firmen beschäftigt. Die Herstellung feinster Filze für die Piano- 
Industrie wurde von dem Chemnitzer Alfred Dolge nach Amerika über- 
tragen. In der auf den Höhen des Mohawktals im Staat New York gelegenen 
Ortschaft Brockett's Bridge, die ihm zu Ehren den Namen D o 1 g e v i 1 1 e an- 
nahm, schuf er bedeutende Anlagen zur Herstellung von Pianofilzen, Klavier- 
gehäusen und Filzschuhen. Später wandte Dolge sich nach Kalifornien und 
gründete in der Nähe von Los Angeles die Ortschaft New Dolgeville, 
welche mit ihren rasch aufblühenden Fabriken für die rastlose Energie ihres 
Begründers das glänzendste Zeugnis ablegt. Alfred Dolge war übrigens in 



— 406 — 

Amerika auch einer der ersten, welclie die Berechtigung der Arbeiter auf mehr 
als den einfachen Lohn anerkannten. In seinen Fabriken führte er deshalb ein 
seitdem von manchen anderen großen Körperschaften angenommenes System 
ein, welches den Arbeitern Lebensversicherung und Pension sichert, wenn ihre 
Erwerbsfähigkeit ein Ende erreicht. 

Unter den zahlreichen deutschamerikanischen Kunsttischlereien und 
Möbelfabriken ist die mit der Herstellung von Bureauutensilien und Bücher- 
schränken beschäftigte Firma „Globe-WernickeCompany^'in Grand 
Rapids, Michigan, eine der bekanntesten. Sie brachte zuerst jene aus einzelnen 
Fächern zusammensetzbaren Bücherschränke in den Handel, die sich als eine 
der praktischsten Neuerungen im Bibliothekswesen bewährten. 




Die Spinnereien der von Stöhr, Arnold und Hirsch gegründeten Botany Worsted Mills 

zu Passaic, New Jersey. 

In der hochentwickelten Textilindustrie sind die Deutschamerikaner als 
Inhaber oder Leiter der größten Fabriken gleichfalls ungemein zahlreich. Zu 
den bedeutendsten Anlagen Amerikas gehören die von Deutschen gegründeten 
Kammgarnspinnereien „Botany Worsted Mills" und die „Gera 
Mills" zu Passaic, New Jersey. Die „Botany Worsted Mills" sind eine im 
Jahre 1889 erfolgte Gründung des Leipziger Kommerzienrats Eduard 
P. R. S t ö h r im Verein mit A r n o 1 d und Hirsch. Zunächst befaßte sich die 
Fabrik mit dem Spinnen von Kammgarn. Aus kleinen Anfängen entwickelte 
sie sich rasch. In den nächsten Jahren traten noch Weberei, Appretur und 
Färberei dazu, so daß die Anstalt heute in der Lage ist, ihre Waren aus dem 
Rohmaterial, der Wolle, selbständig herzustellen. Sie fabriziert außer Garnen 
irgendwelche Waren, die von der Herren- und Damenkonfektion benötigt 
werden. Die Anzahl der Arbeiter betrug im Jahre 1908 gegen 4000. 




— 407 — 



Die „Gera Mills" wurden von den aus Gera in Sachsen stammenden 
Gebrüdern Weisflog ins Leben gerufen. Deutschen Ursprungs sind 
auch die im Jahre 1902 von Paul Haberland und Ernst Pfenning 
gegründeten „G a r f i e 1 d W o r s t e d M i 1 1 s" zu Passaic, New Jersey, welche 
bei der Herstellung von feinen Kammgarnen 900 Arbeiter und 800 Webstühle 
beschäftigen, und die „Fe r n Rock Mills" in Philadelphia. 

Auch die meisten der in Amerika bestehenden Färbereien und Bleichereien 
werden von Deutschen betrieben. In fast allen diesen Anlagen stellen sie auch 
die bestgeschulten Arbeiter. Die Hauptsitze der deutschamerikanischen Seiden- 
färbereien sind Paterson, Lodi und Philadelphia. Der Name des in der letzt- 
genannten Stadt wohnenden Dr. Karl S c h 1 a 1 1 e r ist für die Färberei in 
Amerika von ebenso unbestrittener Bedeutung, wie der Name „Hermsdorf" in 
Deutschland in bezug auf die echte Schwarzfärberei. 

Die chemische Industrie der Vereinigten Staaten verdankt ihre ungeheure 
Entwicklung gleichfalls in erster Linie Deutschen und Deutschamerikanern. 

Seitdem an der Universität zu Gießen im Jahre 1831 das erste öffentliche 
Laboratorium der Welt gegründet wurde, wo hervorragende Chemiker wie 
Liebig und Will Anleitungen zu chemischen Experimenten und Analysen er- 
teilten, und seitdem die Professoren Fresenius in Wiesbaden, Bunsen in Heidel- 
berg, Woehler in Göttingen die praktische Anwendung solcher Experimente 
auf die verschiedenen Zweige der Industrie und Künste lehrte, strömten aus 
allen Teilen der Welt Leute nach den deutschen Universitäten, um die junge, 
rasch sich entwickelnde Wissenschaft zu studieren. Unter diesen Studenten 
befanden sich viele Amerikaner deutscher und englischer Abstammung, die nach 
ihrer Rückkehr die chemische Industrie in Amerika mächtig förderten. Einer 
der Hauptsitze der chemischen Industrie wurde Baltimore. Hier traten bereits 
um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Chemiker Otto Dieffenbach und 
Karsten in den Dienst der „Baltimore Chrome Works". Dr. 
Gustav Liebig schlug im Jahre 1860 ebendaselbst seinen Wohnsitz auf 
und betätigte sich drei Jahrzehnte hindurch als einer der Pioniere auf dem 
Gebiet der landwirtschaftlichen Chemie. Durch ihn wurde Baltimore einer der 
Hauptherstellungsorte künstlicher Düngemittel. Dr. Wilhelm Simon, 
ein Schüler des Gießener Professors Will, seit 1870 Leiter der „Chrome Werke 
zu Baltimore", errichtete mit Unterstützung des „Maryland College of 
Pharmacy" das erste, Lehrzwecken dienende chemische Laboratorium im 
Staate Maryland. Das von ihm herausgegebene „Manual of Chemistry" erlebte 
mehrere große Auflagen und ist noch jetzt eins der meist benutzten Lehrbücher. 
Der Metallurgist G. W. Lehmann, ein Schüler des Professors Fresenius, 
kam im Jahre 1866 nach Baltimore. Er führte als Erster in Amerika die elektro- 
lytische Methode zur Analysierung des Kupfers ein und beschäftigte sich bereits 
zu Anfang der siebenziger Jahre mit der Lösung des Problems, auf elektrischem 
Wege die Scheidung von Silber und Gold als ein kommerzielles Unternehmen 
zu betreiben. 



— 408 — 

Viele der in den Vereinigten Staaten einwandernden deutschen Chemilter 
wandten sich auch der geschäftsmäßigen Herstellung pharmazeutischer Prä- 
parate zu. Louis und Karl E. Dohme errichteten beispielsweise in Bal- 
timore eine Anstalt zur Erzeugung organischer und anorganischer Präparate. 
Dieselbe ist zu einer der bedeutendsten in den Vereinigten Staaten empor- 
gewachsen. Ähnliche, in deutschen Händen befindliche Fabriken sind die 
„Power, Weightman & Rosengarten C o." in Philadelphia, die 
„Schäfer AlkaloidWorks" in Maywood, New Jersey, die „Verona 
Chemical Works" in Verona, New Jersey, die „Albany Chemical 
Works" in Albany, New York, CharlesPfizer&Co. und die „ H e y - 
den Chemical C o." in New York, sowie Larkin & Scheffer, 
Herf & Frerichs und die „Mallinckrodt Chemical Works" 
in St. Louis. 

Mit der Herstellung von Anilin-Farben befassen sich die Firmen 
H. A. Metz & Co., Heller & Merz in New York und die „Hudson 
RiverAniline&ColorWorks"in Albany, New York. Chemikalien 
für technische Zwecke sind die Spezialität der Firma Maas & Waldstein 
in New York. Die Fabriken der Gebrüder Fritzsche in New York 
bereiten aromatische Öle ; die „International Ultramarine C o." in 
New York künstliches Ultramarin; A. Klipstein & Co. Saccharin und Va- 
nilin ; Marx & Ra wolle Glycerin ; und die „ R o e ß 1 e r & H a ß 1 a c h e r 
Chemical Co." Chloroform, Natrium, Aceton, Zinnoxyd, Cyanid und 
Farben für keramische Zwecke, die bisher in den Vereinigten Staaten nicht her- 
gestellt wurden, sondern aus Europa eingeführt werden mußten. 

Die deutsche Firma Battle & Renwick in New York betreibt die 
Gewinnung von Salpeter und salpetersaurem Soda; W. C. Hereus in 
Newark diejenige von Platin ; Chas. Lenning & Co. in Philadelphia jene 
von Alaun, und F. B r e d t & Co. in New York jene von Bleizucker und 
Essigsäure. 

Die Herstellung von Bleistiften wurde bereits im Jahre 1849 durch Eber- 
hard Faber, ein Mitglied der berühmten Nürnberger Familie Faber, nach 
Amerika übertragen. Die von ihm in New York erbaute Bleistiftfabrik ent- 
wickelte sich seit ihrer im Jahre 1872 erfolgten Verlegung nach Greenpoint auf 
Long Island zur bedeutendsten der Vereinigten Staaten. Mit ihr wetteifert die 
im Jahre 1865 von Heinrich Berolzheimer aus Fürth in New York 
gegründete „Eagle Pencil Compan y". 

In der Tonwaren- und Kunstziegelmdustrie sind die großartigen Fabriken 
von Baltasar Kreischer & Söhnen zu Kreischersville auf Staaten 
Island nicht nur die ältesten, sondern auch die bedeutendsten Amerikas. 

Im Holzhandel Amerikas errang der im Jahre 1834 in Niedersaulheim, 
Rheinhessen, geborene, im Jahre 1852 in die Vereinigten Staaten eingewanderte 
Friedrich Weyerhäuser die Führung. Vom Besitzer einer kleinen, 
zu Rock Island, Illinois, gelegenen Sägemühle schwang er sich durch kluge 



— 40Q — 

Maßnahmen zum Leiter der bedeutendsten Holzhandelsgesellschaften und zum 
Oberhaupt des unter dem Namen Weyerhäuser Syndikat bekannten Holztrusts 
empor. Derselbe, über 30 000 000 Acres YC^aldländereien verfügend, beherrscht 
hauptsächlich den ungeheuren Holzhandel der südlich von den Großen 
Seen und am oberen Mississippi gelegenen Staaten. Oleich den Spreckels und 
Havemeyers, gleich Rockefeller und Schwab zählt Weyerhäuser zu den Giganten 
des amerikanischen Geschäftslebens und kommt denselben auch in bezug auf 
die erworbenen materiellen Erfolge gleich. 

Der einer deutschpennsylvanischen Familie entstammende George 
F. Baer wurde als Präsident bedeutender Kohlenminen- und Eisenbahngesell- 
schaften bekannt. 

Auch John D. R o c k e f e 1 1 e r , der Gründer und Leiter der im Petro- 
leumhandel fast den Weltmarkt beherrschenden „Standard Oil Company'* hat 
seine deutsche Abstammung niemals verleugnet. Im Jahre 1906 ließ er seinem 
im Jahre 1735 aus Bonefeld im Fürstentum Wied mit drei Kindern nach Ger- 
mantown, N. Y., eingewanderten Urahnen Johann Peter Rockefeiler 
(Roggenfelder) auf dem Friedhof zu Larrison Corners, New Jersey, ein Denk- 
mal setzen. 

Unter den Vertretern des Kunstgewerbes und der vervielfältigenden 
Künste zählen die Namen solcher Deutschamerikaner, die durch hervorragende 
Leistungen ausgezeichnet sind, gleichfalls nach Hunderten. In dem durch die 
neueren mechanischen Vervielfältigungsverfahren leider verdrängten Holzschnitt 
leisteten Gustav K r ü 1 1 , Jüngling, Schilling, H e i n e m a n n , 
Tietze, Müller, Schladitz u. a. Bedeutendes. Unter den amerika- 
nischen Lithographen stand der im Jahre 1824 in Breslau geborene Achtund- 
vierziger Louis Prang obenan. Die herrlichsten Erzeugnisse seiner im 
Jahre 1850 in Boston begründeten Anstalt waren Thomas Morans Aqua- 
relle aus dem Yellowstone-Nationalpark, eine Serie von künstlerischen 
Schlachtenbildern aus demi Bürgerkrieg, und vor allen die unübertrefflichen 
Wiedergaben der kostbaren chinesischen Keramiken aus der Sammlung des 
Baltimorer Millionärs W'illiam Th. Walters. Prangs Anstalt wurde zu Ende 
des 19. Jahrhunderts mit der „Taber Co." in Springfield, Massachusetts, ver- 
schmolzen. 

Die bedeutende „American Litographic Co.", die Anstalten von Julius 
B i e n , O 1 1 m a n n in New York und viele andere sind gleichfalls deutsche 
Gründungen. 

Nach Tausenden zählen auch die Deutschen, welche als Gründer und 
Leiter bedeutender Ein- und Ausfuhrgeschäfte, Banken, Versicherungsgesell- 
schaften und Kaufhäuser zu Ansehen und Einfluß gelangten. 

Der eigentliche Schöpfer des modernen Warenhauses ist der der deutsch- 
pennsylvanischen Familie Wannemacher entstammende John Wana- 
maker, welcher im Jahre 1861 einen kleinen Laden in Philadelphia eröffnete. 
Dieser entwickelte sich durch seine Reellität in so erstaunlicher Weise, daß 



— 410 — 

Wanamaker bald ein Warenhaus in großem Stil beginnen konnte. Heute be- 
sitzt die Firma sowohl in Philadelphia wie in New York Kolossalbauten, in 
denen Monatseinnahmen von mehr als öVo Millionen Dollar erzielt wurden, 
während sich der Gesamtumsatz des Geschäfts seit seiner Gründung auf mehr 
als 500 Millionen Dollar beziffert. 

Der aus Eubigheim stamxmende Henry Siegel ist Begründer des welt- 
bekannten Warenhauses „Siegel & C o o p e r" in New York. 

Dem Unternehmungsgeist des im Jahre 1792 in Dornbirn, Tirol, ge- 
borenen Franz Martin Drexel entsprang das hochangesehene Bank- 
haus Drexel & Söhne in Philadelphia. 

Zu Alzey in der Pfalz erblickte August Belmont das Licht der Welt, 
der Begründer des seit dem Jahre 1837 bestehenden Bankhauses Belmont in 
New York. Diesem gesellten sich später noch die von deutschen Israeliten ge- 
gründeten Bankhäuser Ladenburg; Thalmann & Co.; Jakob 
H. Schiff; Isaak Selig mann; James Speyer; Heidelbach, 
Ikelheimer & Co. und Knauth, Nachod & Kühne hinzu, die zu 
den bedeutendsten Amerikas gehören. 

Für die Entwicklung der amerikanischen Industrie ist es ferner von 
höchster Bedeutung, daß infolge der von der Regierung eingeführten Schutz- 
zölle, welche die Einfuhr europäischer Waren außerordentlich erschwerten, zahl- 
reiche europäische, auf den amerikanischen Markt angewiesene Industriegesell- 
schaften veranlaßt wurden, in den Vereinigten Staaten Tochteranstalten zu er- 
richten. Unter solchen deutschen Gesellschaften befinden sich die Kammgarn- 
spinnereien von Wülfing in Lennep und von St Öhr in Leipzig; die 
„Deutzer Gasmotorenfabrik'*; die Aktien-Gesellschaft Arthur 
Koppel; die Schokoladenfabrik Gebrüder Stollwerk in Köln ; die 
chemischen Fabriken K a 1 1 e & Co. und Fritz Schulz j r. ; die Bronze- 
farbenwerke „Aktien-Gesellschaft, vormals Schien k" in Nürn^ 
berg; die Ton- und Steinwerkzeugefabrik Didier March Co. in Stettin ; die 
„Kautschuk und Guttapercha Co." in Hannover ; die „Neue 
Photographische Gesellschaft" in Berlin, und viele andere mehr. 

So stoßen wir, wo immer wir auf dem unermeßlichen Gebiet der amerika- 
nischen Handels- und Gewerbtätigkeit Umschau halten, überall auf die rühm- 
lichsten Zeugenmale deutscher Intelligenz, Unternehmungslust und Tatkraft. 



Der Anteil der Deutschen an der Entwicklung des 
amerikanischen Verkehrswesens. 




Der Segler „Deutschland" der ,,Haniburg- 
Amerika-Linie". 



Daß Deutsche das erste Flach- 
boot, die ersten Segelbarken und den 
ersten Dampfer auf den westlichen Strö- 
men bauten, daß Martin Baum in Cin- 
cinnati durch Gründung der „Miami 
Exporting Company" die Schiffahrt auf 
dem Ohio und Mississippi entwickelte, 
wurde bereits in früheren Abschnitten 
erwähnt. Aber auch zur Entwicklung 
der Seefahrzeuge, der Eisenbahnen und 
anderen Verkehrsmittel Amerikas tru- 
gen die Deutschen erheblich bei. 

Kaum war durch den Abfall der 
Kolonien der unerträgliche Druck des 
englischen Handelsmonopols beseitigt 
worden, so begannen weitblickende 
Kaufleute aus Bremen und Mamburg 
in allen amerikanischen Seeplätzen 
Handelshäuser zu gründen und für 
einen Schiffsverkehr mit Deutschland 



zu sorgen. 

In Bremen erstand bereits im Jahre 1782 eine Aktiengesellschaft, die den 
Verkehr mit den Vereinigten Staaten in die Hand nehmen wollte. Sie sandte 
im Frühling 1783 ihr erstes Schiff nach Philadelphia. Hamburger Kaufleute 
folgten rasch nach und entwickelten im Verein mit den Bremern eine so ener- 
gische Tätigkeit, daß der Verkehr hanseatischer Schiffe mit nordamerikanischen 
Häfen sich von 800 Tonnen im Jahre 1789 auf 22 000 Tonnen im Jahre 1799 
steigerte. 

Regelmäßige Reisen, sogenannte „Paketfahrten", wurden in den Jahren 
1826 und 1828 aufgenommen und feste Linien nach New York, Philadelphia 
und New Orleans eingerichtet. Der von dem Hamburger Makler Robert 
Sloman im Jahre 1836 gegründeten Paketfahrt zwischen Hamburg und New 



412 



York folgte in den vierziger Jahren die auf Anstoß der in den Vereinigten 
Staaten lebenden hanseatischen Kaufleute gegründete „Ocean Steamship 
Navigation Comp an y". Diese wieder v^urde später von der im Jahre 
1 847 gegründeten „Hamburg- Amerikanischen Paketfahrt- 
Aktiengesellschaft" und dem im Jahre 1857 in Bremen gegründeten 
„Norddeutschen Lloyd" abgelöst. 

Aus sehr bescheidenen Anfängen entwickelten sich diese beiden Unter- 
nehmungen sowohl hinsichtlich des Waren- wie Personentransports zu Welt- 
geschäften allerersten Ranges, was nicht zum wenigsten dem Umstand zuzu- 
schreiben ist, daß die weitblickenden, energischen Leiter beider Linien unab- 
lässig auf die Verbesserung ihrer Schiffe bedacht waren und den Bedürfnissen 
des reisenden Publikums vollste Rechnung trugen. 

Die erreichten Fortschritte lassen sich am 
besten veranschaulichen durch einen Vergleich der 
ersten im Dienst jener Gesellschaften verwendeten 
Schiffe und jener Riesendampfer, die heute unter 
den Flaggen jener Gesellschaften den Ozean 
kreuzen. Das erste Fahrzeug der Hamburger 
Linie war der Segler „D e u t s c h 1 a n d". Er 
hatte 717 Tonnen Gehalt und vermochte 20 Ka- 
jüten- und 200 Zwischendeckspassagiere zu be- 
fördern. Die Reise von Hamburg nach New York 
dauerte durchschnittlich 42 Tage. Der Lloyd sandte 
als erstes Schiff den Dampfer „B r e m e n" nach 
Nev/ York. Seine Ladefähigkeit belief sich auf 1850 
Tonnen. Außerdem konnte er 170 Kajütenpassa- 
giere und 401 Zwischendeckler aufnehmen. Er 
legte seine erste Reise in 12l{. Tagen zurück. 
Diesen Fahrzeugen stehen die modernen Riesendampfer mit ihrem er- 
staunlichen, bis zu 25 000 Tonnen emporsteigenden Fassungsvermögen und 
Unterkunftsräumen für 2000 bis 3000 Passagieren gegenüber. Und welche 
Verbesserungen weisen diese Ungetüme auf. Die Zwischendecks, früher mit 
Recht gefürchtete Schrecken scrte, sind heute gut gelüftete Abteilungen, wo 
jedem Auswandrer ein gesetzlich bestimmtes Maß an Raum und Luft gesichert 
ist. Die Kajüten, die mit verschwenderischem Reichtum ausgestatteten Salons, 
die mit den erlesensten Dingen besetzten Tafeln wetteifern mit den Darbietungen 
der vorzüglichsten Gasthöfe. Und wie wurde die Länge der Reise vermindert, 
seitdem der mächtige Herrscher Dampf zu Hilfe kam ! Von monatelanger Dauer 
sank sie auf zwölf, zehn, neun und acht Tage herab, um sich in neuester Zeit 
auf sechs, ja auf fünf Tage und wenige Stunden zu verringern. 

Bei der Entv/icklung ihres fabelhaft wachsenden Verkehrs mit den Ver- 
einigten Staaten wurden beide Linien durch tüchtige, in allen Hauptstädten der 
Vereinigten Staaten eingerichtete Agenturen unterstützt. Ihre Leiter, namentlich 




H. H. Meier, 

Gründer des „Norddeutschen Lloyd". 




^ 



— 415 — 

in den Seeplätzen, sind durchweg Inhaber bedeutender, meist von hanseatischen 
Kaufleuten gegründeter Handelshäuser, die für fachiiundige und energische Hand- 
habung aller vorkommenden Geschäfte bürgen. In New Yoric übernahm die 




u 



■^ 



bereits seit dem Jahre 17Q8 bestehende Firma Oelrichs & Co. die Ver- 
tretung des Lloyd und ist seit 1861 mit demselben verbunden geblieben. Ihr 
jetziger Inhaber, Gustav H. Schwab, ist ein Enkel des wohlbekannten 



416 



deutschen Poeten und zugleich Nachkomme des in der Geschichte der Pfälzer 
am Schoharie und Tulpehocken berühmt gewordenen Conrad Weiser. In 



o 



:2 




Baltimore liegt die Vertretung seit 1868 in den Händen der Firma A. Schu- 
macher&Co.;in Philadelphia der Firma O. G. Hempstead&Sohn; 



— 417 — 



in Galveston der Firma A H r e d Holt und in San Francisco der Firma 

Robert Capelle. Kleinere Agenturen bestehen in vielen anderen Städten. 

In ähnlicher Weise organisierte die „Ham.burg-Amerikanische Paketfahrt- 







s 



Gesellschaft" ihre Vertretung, übertrug dieselbe aber später auf E m i 1 L. B o a s, 
der als „Generalverwalter" in New York seinen Sitz nahm. 

Welchen ungeheuren Anforderungen die Vertreter der beiden Gesellschaften 
gewachsen sein müssen, ergibt sich aus der Tatsache, daß allein die New Yorker 
Agentur des „Norddeutschen Lloyd" in der Zeit vom 1. Januar 1873 bis 31. De- 



Cronau, Deutsches Leben in Amerika. 



27 



— 418 — 

zember 1905 3 555 862 Kajüts- und Zwischendecksreisende in Empfang nahm 
resp. beförderte. Ähnliche Zahlen haben die Agenturen der „Hamburg-Amerika- 
nischen Paketfahrt-Gesellschaft" aufzuweisen. Diese richtete in der neuesten Zeit 
auch direkte Linien von Hamburg nach Montreal, Boston, Newport News, 
Philadelphia, Baltimore und New Orleans ein. Außerdem eröffnete sie im 
Jahre 1901 durch Übernahme der früher in amerikanischen Händen gewesenen 
„Atlaslinie" einen regelmäßigen Dampferverkehr zwischen New York, Haiti, 
Jamaica, Costa Rica, Guatemala, Colombia und Colon. 

Der Lloyd unterhält regelmäßige Linien nach New York, BaUimore, 
Charleston und Galveston. 

Eine deutsche Gründung war auch die zwischen New York und Hamburg 
verkehrende „Adler L i n i e". Von Friedrich Kühne, einem der In- 
haber des großen Bankhauses Knauth, Nachod & Kühne im Jahre 
1872 ins Leben gerufen, erfreute sie sich wegen ihrer ausgezeichneten Dampfer 
lange Zeit großer Beliebtheit. 

Gaben die Deutschen so dem transatlantischen Verkehr einen gewaltigen 
Anstoß, so geschah dies auch in dem Verkehr, der sich an der pazifischen 
Küste entwickelte. In San Francisco gründete nämlich Klaus Spreckels, 
der „kalifornische Zuckerkönig", in Gemeinschaft mit seinen Söhnen Johann 
Dietrich und Adolf Bernhard Spreckels die „Oceanic 
Steamship Compan y", deren Dampfer regelmäßige Fahrten nach Hawaii, 
Tahiti und anderen Teilen des Großen Ozeans unternehmen. 

Im Schiffsbauwesen vermochten die Deutschen den von jeher auf das Meer 
angewiesenen Amerikanern kaum etwas zu lehren. Von Interesse ist aber, daß 
der Ursprung der berühmten Schiffsbauerfamilie Herreshoff auf einen deut- 
schen Stammherrn, den Ingenieur Karl Friedrich Herreshoff, zu- 
rückreicht. Derselbe wanderte um das Jahr 1800 in Amerika ein. In Bristol, 
Rhode Island, heiratete er die Tochter des Schiffbauers John Brown und 
widmete sich nun gleichfalls dem Schiffbau. Seine Nachkommen wandten sich 
hauptsächlich dem Bau schnellsegelnder Jachten zu. Die den Namen 
„Herreshoff Manufacturing C o." annehmende Firma lieferte wäh- 
rend der letzten Jahrzehnte sämtliche Rennjachten, welche den berühmten 
„Amerikabecher", jene am heißesten umstrittene Seetrophäe gegen die Eng- 
länder siegreich verteidigten. 

Für die amerikanische Küstenschiffahrt waren die Anregungen äußerst 
wertvoll, die im Jahre 1 807 der aus Aarau stammende Mathematiker Ferdi- 
nand Rudolf Hassler gab, indem er auf die Notwendigkeit einer ge- 
nauen Vermessung aller Küsten der Vereinigten Staaten hinwies. Die daraus 
für den Handel und die Sicherheit der Schiffahrt entspringenden Vorteile er- 
schienen der Regierung wie dem Kongreß so bedeutend, daß ein besonderes 
Amt, die „C o a s t S u r v e y", eingerichtet wurde, deren Leitung man Hassler 
übertrug. Er bekleidete diesen Posten bis zu seinem im Jahre 1843 erfolgten 



— 419 — 

Tode. Der „Coast Siirvey" verdankt die Handelswelt ein auf sorgfältigen Auf- 
nahmen beruhendes vorzügliches Kartenmaterial, das für die Schiffahrt von un- 
schätzbarem Wert ist. 




Eine Rennjacht der Hcrreshoffs im Kampf um den Amerikabecher. 

Nach einer Originalzeichnung von Rudolf Gronau. 

27* 



— 420 — 

Der in Philadelphia geborene Deutschamerikaner Thomas Leiper 
gab die erste Anregung zum Bau der Eisenbahnen. Leiper war im 
Jahre 1806 mit der Ausbeute von Granitsteinbrüchen beschäftigt, die am Avon- 
dale in der Grafschaft Delaware in Pennsylvanien lagen. Die Entfernung von 
den Brüchen bis zur Flußniederung, wo die Steine auf Boote verladen wurden, 
betrug eine Meile. Um den Pferden den schwierigen Transport zu erleichtern, 
erfand Leiper besondere Wagen, deren gußeiserne Räder genau auf ein eisernes 
Schienengleis paßten. Da die Wagen über diese Gleise leicht hinwegglitten, 
so waren die Pferde imstande, ohne Mühe doppelt so schwere Lasten als früher 
fortzubewegen. Diese hochwichtige Neuerung führte später zur Erfindung der 
Eisenbahnen für den Personenverkehr. 

Dem Deutschen Eppel heimer verdankt man die Erfindung der 
Kabelbahnen, die zuerst in San Francisco in größerem Maßstab zur Anwen- 
dung kamen. 

Auf die innere Entv/icklung des amerikanischen Verkehrswesens übte der 
Eisenbahningenieur Albert Fink bedeutenden Einfluß, indem er in den 
siebziger Jahren durch Wort und Schrift auf die Übel aufmerksam machte, die 
sowohl im Eisenbahn- wie Dampfschiffverkehr durch den schrankenlosen Wett- 
bewerb hervorgerufen wurden. Er empfahl, daß die konkurrierenden Gesell- 
schaften ein gemeinsames System unter einer selbstgewählten gemeinschaftlichen 
Oberbehörde einführen sollten, welche die Fracht- und Personentarife sowie alle 
anderen Verkehrsangelegenheiten festzusetzen habe und dadurch der verderb- 
lichen Unterbietung Einhalt tun möge. Er führte dabei aus, daß die Interessen 
der Eisenbahnen und diejenigen des Publikums einander nicht feindlich gegen- 
überstehen, sondern die gleichen sind; daß ein geordneter Tarif mit festen 
Sätzen, die den Eisenbahnen einen angemessenen Gewinn lassen, für den Ver- 
kehr vorteilhafter sei, als ein beständig schwankender, wie er durch die schranken- 
lose Konkurrenz bedingt w^erde. 

Auf Finks direkte Anregung entstand die „Southern Railway & Steamboat 
Association", welcher die meisten Eisenbahnen und Dampfergesellschaften des 
Südens beitraten. Im Jahre 1877 entwarf er auf Einladung der Präsidenten 
der vier amerikanischen Stammlinien, der „Baltimore & Ohio-", der „Pennsyl- 
vania-", der „Erie-" und der „New York Central & Hudson River Eisenbahn" 
den Plan zu einer ähnlichen, noch größeren Verbindung. Die ihm angebotene 
Stelle des Vorsitzenden des gemeinsamen Ausführungsausschusses nahm Fink 
an, wodurch er in allen Tarifangelegenheiten die entscheidende Persönlichkeit 
der mächtigsten Eisenbahnlinien der Vereinigten Staaten wurde. 

Als Präsidenten wichtiger amerikanischer Eisenbahnen wurden ferner 
A d o l f M e i e r in St. Louis, Karl Gustav Memminger in Charleston 
und Henry Villard in New York bekannt. Memminger, einstmals der 
Finanzminister der konföderierten Staaten, bekleidete nach dem Bürgerkrieg 
das Amt eines Präsidenten der von Charleston nach Cincinnati führenden Bahn. 

Der im Jahre 1835 zu Speier geborene Heinrich Hilgard, der 



— 421 — 



seinen Namen in Henry Villard umwandelte, spielte in der Entwicklungs- 
geschichte des Nordwestens eine hervorragende Rolle. In den siebziger Jahren 
wurde er sowohl Präsident der „Oregon & California Railroad" wie der 
„Oregon Steamship Company". Später, im Jahre 1881, erlangte er die Herr- 
schaft über die „Northern Pacific Bahn" und vollendete als Präsident derselben 
den Bau ihrer von den Ufern des Mississippi bis zu den Gestaden des Großen 
Ozeans führenden Hauptlinie. Zu der in den Sommer 1883 fallenden Er- 
öffnungsfeier dieser für den Nordwesten so überaus wichtigen Verkehrslinie 
hatte Villard Geistes- 
heroen der ganzen 
Welt eingeladen, be- 
rühmte Journalisten, 

Parlamentarier, 
Künstler und Finan- 
ziers, die er in einem 

mehrere Monate 
währenden Triumph- 
zug durch die gan- 
zen Vereinigten Staa- 
ten führte. 

Mitten in den 
Festjubel hinein 
krachte die Nachricht, 
daß eine Clique ge- 
wissenloser Börsen- 
spekulanten, an ihrer 
Spitze der verrufene 
Jay Gould, die Ab- 
wesenheit Villards 
von New York dazu 
benutzt hatten, durch 
höchst verwerfliche 

Machinationen einen Kurssturz in den Aktien der Villardschen Werte herbei- 
zuführen, der die ganze Finanzwelt erschütterte. Obwohl Villard sofort 
nach New York zurückeilte, vermochte er den Ruin nicht aufzuhalten und trat, 
nachdem er sein ganzes ungeheures Vermögen geopfert, von der Leitung der 
Nord-Pacificbahn zurück. Aber nur für wenige Jahre. Denn er ging nach 
Berlin und begann in aller Stille Pläne zum Wiedererobern der verlorenen 
Position zu schmieden. Über außerordentlich reiche, von deutschen Kapi- 
talisten ihm anvertraute Mittel gebietend, kehrte er im Jahre 1886 nach New 
York zurück und feierte am 21. Juni 1888 den Triumph, abermals zum Präsi- 
denten der „Oregon & Transcontinental Company" erwählt zu werden. Diesen 
Posten legte er mehrere Jahre später nieder, um seine ganze Kraft der Grün- 




Heinrich Hilgard-Villard. 



422 



düng der gigantischen „Edison General Electric Light Company" widmen zu 
können, welche die Ausbeutung der im Besitz des berühmten amerikanischen 
Erfinders Thomas Edison befindlichen Patente für elektrisches Licht bezweckte. 
Später gründete Villard noch eine zweite gewaltige Körperschaft zum Ankauf 
der in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten bestehenden Straßen- 
bahnsysteme. 

Unzweifelhaft war Villard einer der genialsten, weitestblickenden und tat- 
kräftigsten in der Schar jener unternehmenden Männer, die man in Amerika als 
„Kapitäne der Industrie" bezeichnet hat. 

Zu diesen führenden Geistern zählte auch der zu Clairsville in Ohio als 
Abkömmling einer deutschamerikanischen Familie geborene Präsident der 
„Western Union Telegraph Company", Thomas T. Eckert. Derselbe be- 
fehligte während des Bürgerkriegs als Hauptmann eine Abteilung von Armee- 
telegraph isten. Später wurde er zum Brigadegeneral und Milfssekretär des 
Kriegsministers befördert. Nach dem Feldzug leitete er die Verschmelzung aller 
in den Vereinigten Staaten bestehenden Telegraphengeselischaften zur „Western 
Union Telegraph Company", die im Jahre 1908 1 359 430 Meilen Drähte und 
23 853 Stationen unterhielt. Im Jahre 1907 beförderte sie 74 804 551 Depeschen. 




Schlußvignette: Der erste Lloyddampfer ^Bremen-' im Jahre 1858. 




Deutschamerikanische Techniker und Ingenieure. 



Die Geschichte der deutschamerikanischen Techniker und Ingenieure ist 
mit der Entwicklung der Technik und des Ingenieurwesens in den Vereinigten 
Staaten gewissermaßen identisch. Sie hebt an mit der Zeit, wo man sich noch 
bescheidener Holzbrücken bediente, wo noch niemand jene gewaltigen Triumphe 
ahnte, die gerade von der Technik und Ingenieurkunst in der Neuen Welt ge- 
feiert werden sollten. 

Als der Deutsche \X'ernweg im Jahre 1813 eine Holzbrücke über den 
Delaware bei Trenton, New Jersey, schlug, als A 1 b e r t v c n Stein im ersten 
Viertel des 19. Jahrhunderts die Wasserwerke der Städte Cincinnati, Richmond, 
Lynchburg, New Orleans, Nashville und Mobile herstellte, als derselbe den 
Appomatox-Kanal bei Petersburg in Virginien schuf und der Schwabe G i n - 
d e 1 e den Kanal zwischen dem Michigansee und dem Mississippi anlegte, da 
bewunderte man diese Werke allgemein als solche, welche der Geschicklichkeit 
ihrer Urheber zur höchsten Ehre gereichten. Den Riesentunnel, mittels welchem 
Gindele die Stadt Chicago mit frischem Wasser aus dem Michigansee versorgte, 
zählte man sogar lange Zeit zu den Wunderdingen der Neuen Welt. 

Unter den damaligen Bergbauingenieuren galt der Schwabe Hermann 
G m e 1 i n als einer der bedeutendsten. Er war einer der ersten, welcher in 



Kopfleiste: 
Stahlstich. 



Roeblings Hängebrücke über den Niagara. Nach einem gleichzeitigen 



— 424 — 

Amerika ein Bessemer Stahlwerk einrichtete. Zu seinen Zeitgenossen gehörte 
der im Jahre 1830 zu Aachen geborene Adolf S u t r o , der Schöpfer des be- 
rühmten Sutro-Tunnels in den Comstockminen Nevadas. 

Jene gewaltigen Silbergruben hatten seit ihrer im Jahre 1859 erfolgten 
Entdeckung ungeheure Reichtümer abgeworfen. Aber der Betrieb litt unter 
schweren Übelständen. Einesteils fehlten geeignete Mittel und Straßen zur Be- 
förderung der gewonnenen Erze, dann auch hatten die Bergleute in den tiefen 
Schachten und Stollen beständig mit giftigen Gasen, fast unerträglicher Hitze 
und bedeutenden Wasserzuflüssen zu kämpfen. Manche Minen waren bereits 
ertrunken und unzugängig geworden. Bei einem Besuch dieser Bergwerke kam 
Sutro auf den Gedanken, die einzelnen Minen durch einen gewaltigen Tunnel 
zu verbinden, der nicht bloß als Mittel zur bequemeren und billigeren Beförde- 
rung der Erze, sondern auch zur Ventilation und Entwässerung der 
Gruben diene. 

Ehe Sutro diesen Plan ausführen konnte, mußte er geradezu unglaub- 
liche Hindernisse überwinden, die seinem Vorhaben im Weg standen. Das 
schlimmste war die völlige Teilnahmlosigkeit, mit der die Grubenbesitzer und 
Kapitalisten seine Pläne aufnahmen. Als der Nutzen des Unternehmens aber 
gar zu deutlich zutage trat, mußte Sutro sich gegen mißgünstige Rivalen 
wehren, welche die Ausführung des Werkes an sich reißen wollten. Erst nach 
jahrelangen Kämpfen und unsäglichen Enttäuschungen war es Sutro vergönnt, 
am 19. Oktober 1869 mit dem riesigen Unternehmen zu beginnen. Er schuf 
einen 4 m weiten und 3Mi m hohen Tunnel von nahezu 7000 m Länge, von 
dem zahlreiche, in nördlicher und südlicher Richtung abzweigende Seiten- 
tunnels zu den einzelnen Gruben hinführten. In diesen 600 m unter der Erd- 
oberfläche gelegenen Tunneln legte Sutro ein vollständiges Bahnnetz mit 
Stationen an. Mehrere senkrechte Schachte sorgten für Luftzufuhr. Sie ent- 
hielten zugleich gewaltige Hebemaschinen, welche die gewonnenen Erze an 
die Oberfläche beförderten. 

Im Oktober 1878 war nach einem Kostenaufwand von 6V- Millionen 
Dollar dies Wunderwerk deutschen Geistes vollendet. Da Sutro mit den 
Grubenbesitzern günstige Verträge abgeschlossen hatte, so brachte das Unter- 
nehmen seinem Urheber großen Gewinn. Einen bedeutenden Teil dieses Reich- 
tums stellte Sutro in den Dienst werktätiger Nächstenliebe, indem er in San 
Francisco Parkanlagen, öffentliche Bäder und andere philantropische Einrich- 
tungen schuf. 

Ein anderer hervorragender deutschamerikanischer Bergbauingenieur war 
der im Jahre 1817 zu Philadelphia geborene Hermann Haupt. Der 8 km 
lange Hoosactunnel in Massachusetts, dessen in die Jahre 1856 bis 1861 
fallende Ausführung 16 Millionen Dollar kostete, ist sein Hauptwerk. Ihm 
gebührt auch das Verdienst, die Möglichkeit dargetan zu haben, Erdöl von den 
Quellen durch ein Röhrensystem auf weite Entfernungen hinzuleiten, wodurch 
die Petroleumraffinerien viele Millionen Dollar an Transportkosten ersparten. 



— 425 — 

Zu den bedeutendsten Bergbauingenieuren Amerikas zählt ferner der 
1839 in Nassau geborene A n t o n F. E i 1 e r s. Er wanderte im Jahre 1859 
in die Vereinigten Staaten ein und spielte hier sowohl als Metallurgist wie als 
Berater und Präsident zahlreicher Bergwerksgesellschaften jahrzehntelang eine 
angesehene Rolle. 

Die Mittelstaaten waren das Hauptarbeitsfeld des im Jahre 1827 zu Lauter- 
bach geborenen Albert Fink. Derselbe kam im Jahre 1849 nach Amerika 
und fand im Bureau des im Dienst der Baltimore-Ohio Bahn stehenden Brücken- 
baumeisters Benjamin H. Latrobe Beschäftigung. Rasch stieg er von Stufe zu 
Stufe und wurde die rechte Hand Latrobes, des ersten Ingenieurs, welcher Eisen 
beim Brückenbau verwendete. Fink führte diesen Gedanken weiter aus, indem 
er das nach ihm benannte Trägersystem erfand. Es kam beim Bau der bei Fair- 
mount über den Monongahela führenden Brücke im Jahre 1852 zum erstenmal 
zur Anwendung. Fink bestrebte sich, durch sein System die Zahl der steinernen 
Mittelpfeiler einer Strombrücke möglichst zu verringern. Gleichzeitig suchte er 
unter sonst gleichen Umständen mit weniger Eisen auszukommen, als es bei 
den älteren Systemen möglich war, die mehr oder weniger Nachahmungen der 
Holzbausysteme von Whipple, Rider, Kellog, Bollmann u. a. darstellten. Finks 
Trägerausbildung war für die damalige Zeit von großer Einfachheit und Klar- 
heit. Er verwendete möglichst viele gleichgebildete Stäbe, die man gegenseitig 
austauschen konnte. Dadurch wurde die Aufstellung der Brücken so erleichtert, 
daß einzelne seiner nach Südam.erika verschickten Träger dort ohne Monteure 
von Matrosen zusammengesetzt w^erden konnten. Das Wichtigste war, daß 
kein Stab des Finkschen Tragwerks einen Wechsel von Zug und Druck zu er- 
leiden hatte. Es gab nur reine Zug- und reine Druckstäbe, eine Anordnung, 
die für die damaligen amerikanischen Brückenträger geringerer Weite, deren 
Knoten durchweg mit Bolzen verbunden wurden, von großer Bedeutung war. 
Denn der in den Stäben der älteren Konstruktionen auftretende Wechsel von 
Zug und Druck führte Bewegungen und Erschütterungen der Knoten herbei, 
die mit der Zeit dem Bestand der Brücken gefährlich wurden. Die größten 
Fink-Träger liegen in der im Jahre 1870 vollendeten Ohio-Brücke bei 
Louisville, deren Hauptöffnungen mit 113 und 122 m Weite seinerzeit die weitest- 
gespannten in ganz Amerika waren. Manche der von Fink geschaffenen 
Brücken, besonders zwei 80 m hohe Übergänge über die weiten Schluchten am 
Cheat Mountain, galten damals als die kühnsten Bauwerke ihrer Art. 

Im Jahre 1857 trat Fink als Oberingenieur in den Dienst der Louisville- 
und Nashvillebahn und blieb in dieser Stellung bis 1875. Während dieses 
Zeitraums vollendete er unter anderen die Brücken über den Green River und 
eine über den Ohio bei Louisville. Seine bedeutenden Fähigkeiten traten am 
glänzendsten während des Bürgerkriegs hervor. Die seiner Obhut anvertrauten 
Bahnlinien in Kentucky und Tennessee durchschnitten eines der hauptsächlichsten 
Kampfgebiete. In raschem Wechsel wurde dasselbe bald von den Truppen der 
Nordstaaten, bald von jenen des Südens in Beschlag genommen, wobei die Süd- 



— 426 — 

länder die vorgefundenen Eisenbahnen, Brücken und Viadukte regelmäßig zer- 
störten. Sobald sie aber den Rückzug antraten, folgte Fink ihnen auf dem Fuße 
und stellte die verwüsteten Bahnstrecken in erstaunlich kurzer Zeit wieder her 

Der erfolgreichen Tätigkeit des Ingenieuroffiziers GottfriedWeitzel 
als Brückenbauer und beim Anlegen von Befestigungen während des Bürger- 
kriegs haben wir bereits in einem früheren Abschnitt gedacht. 

In derselben Weise machte sich sein im Jahre 1824 in Baden geborener 
Kollege HeinrichFlad hochverdient. Er hatte an der Universität München 
Ingenieurwissenschaften studiert und als Hauptmann eines Ingenieurbataillons 
am badischen Aufstand teilgenommen. Nach dem Fehlschlagen jener Bewegung 
kam Flad im Jahre 1849 nach Amerika und wirkte als Ingenieur beim Bau ver- 
schiedener Eisenbahnen mit. Beim Ausbruch des Bürgerkriegs trat er in das 
3. Regiment Freiwilliger von Missouri ein, durchhef rasch alle Grade bis zum 
Oberstleutnant und wurde im Oktober 1863 zum Hauptmann des Westlichen 
Ingenieur-Regiments ernannt. Als solcher leistete er bei der Wiederherstellung 
zerstörter Eisenbahnlinien wie bei der Anlage von Befestigungen Dienste, die 
nur derjenige zu würdigen vermag, welcher über die außerordentliche Bedeu- 
tung der Eisenbahnen für den Vorstoß und die Verpflegung einer kriegführenden 
Armee unterrichtet ist. 

Nach Beendigung des Kriegs entwarf Flad in Verbindung mit J. P. Kirk- 
wood die Pläne für die Wasservi'erke der Stadt St. Louis und trat dann in Ver- 
bindung mit dem Brückenbauer Kapitän Eads, um demselben während der Jahre 
1867 bis 1874 als Oberingenieur beim Entwurf und Bau der berühmten Missis- 
sippibrücke bei St. Louis behilflich zu sein. Es war bei der Ausführung dieses 
gewaltigen Werks, wo Flads Meisterschaft im Lösen schwieriger technischer 
Probleme, in der Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien sich im glänzendsten 
Lichte zeigte. 

Nach Vollendung dieser Brücke wurde Flad zum Präsidenten des Aus- 
schusses für öffentliche Verbesserungen der Stadt St. Louis erwählt. Diesen 
Posten bekleidete er bis zum Frühling 1890, wo er einen vom Präsidenten 
Harrison ihm angebotenen Platz in der Mississippi River Commission über- 
nahm. Er füllte denselben bis zu seinem im Jahre 1898 erfolgten Tode aus. 

Hermann Ulffers ist der Name eines in Westfalen geborenen außer- 
ordentlich tüchtigen Ingenieurs, der sich im Stab des Generals Sherman befand. 
Er geriet in Gefangenschaft und kam in das schreckliche Gefängnis Anderson- 
ville. Seine Flucht aus dieser „Hölle" erregte allgemeines Aufsehen. In Lumpen 
gehüllt und bis zum Skelett abgemagert, erreichte er die Vorposten der Unions- 
armee wieder, in der er dann als Ingenieuroffizier noch bis zum Jahre 1870 
wirkte. 

Oberst Washington A. Roebling, ein Sohn des berühmten 
Brückenbauers, machte sich während des Bürgerkriegs als Ingenieur im Stab 
des Generals McDowell verdient. Er schlug zwei zu Armeezwecken dienende 
Hängebrücken über den Rappahannock und den Shanandoah. 




Adolf Bonzanos Kinzua-Brücke während ihres Baus. 



— 429 — 

Ein vortrefflicher Brückenbauer war auch der im Jahre 1830 in Württem- 
berg geborene Adolf Bonzano. Als Oberingenieur der Firma Clarke, 
Rewes & Co. zu Phönixville und später als Vizepräsident der „Phönix-Bridge 
Company" lieferte er zu vielen großartigen Brückenbauten die Entwürfe. Sein 
interessantestes Werk war der im Jahre 1882 vollendete Eisenbahnviadukt über 
das 600 m breite und 90 m tiefe Tal des Kinzua in Pennsylvanien. Derselbe 
bestand aus zwanzig Türmen, von denen jeder aus vier eisernen Pfeilern zusam- 
mengesetzt war. Durch entsprechende Verstrebungen und Etagen waren die 
Türme nach allen Richtungen hin gegen Zerknicken oder seitliche Ausbiegung 
gesichert. Oben auf den Säulenköpfen ruhten Gitterträger, welche die direkte 
Unterlage für die Querschwellen unter den Eisenbahnschienen bildeten. Auf 
massiven, im Felsboden des Tales fundierten Steinpfeilern fest verankert, ge- 
währte dieses, einschließlich aller Bureauarbeiten in nur S\-j. Monaten aus- 
geführte Werk einen überraschenden Anblick. 

Zu den hervorragenden deutschamerikanischen Brückenbauern des 
19. Jahrhunderts zählte ferner Karl Konrad Schneider, geboren 1843 
in Apolda. Als Oberingenieur und Vizepräsident der „American Bridge Com- 
pany" baute er im Jahre 1882 die Auslegerbrücke der Canadischen Pacific Eisen- 
bahn über den Fraserfluß in Britisch-Columbia; ferner im Jahre 1883 die Aus- 
legerbrücke über den Niagara. 

Eine förmliche Revolution im Brückenbau führte um die Mitte des 
19. Jahrhunderts der berühmteste aller amerikanischen Brückenbauer herbei, 
der am 12. Juni 1806 zu Mühlhausen in Thüringen geborene Johann 
August Roebling. 

Seine Ausbildung zum Ingenieur erhielt derselbe in Erfurt und Berlin. 
Darauf war er in Westfalen beim Bau einiger Militärstraßen tätig gewesen. 
Als Mitglied einer in Mühlhausen gegründeten Auswandrungsgesellschaft kam 
er im Jahre 1831 nach Westpennsylvanien, wo er die Vermessungen mehrerer 
Kanal- und Eisenbahnbauten leitete. 

Im Vergleich zu ihrer heutigen Höhe befand sich die Brückenbaukunst da- 
mals noch gewissermaßen in den Anfangsstadien ihrer Entwicklung. Man kannte 
bereits Hängebrücken, aber die zum Tragen des Brückenstegs verwendeten 
Kabel bestanden aus mächtigen eisernen Ketten, deren einzelne Glieder trotz 
ihrer Stärke und Schwere keine große Tragkraft besaßen und die Überwindung 
weiter Spannungen nicht zuließen. Spannungen von 60 m galten als be- 
merkenswert. 

Ein Versuch, derartige Kettenkabel durch solche aus Drähten zu ersetzen, 
war bereits im Jahre 1822 bei einer Hängebrücke in Genf gemacht worden. 
Aber es blieb Roebling vorbehalten, dieses neue System auszubilden und zu 
seiner höchsten Vollendung zu entwickeln. 

Die ungeheuren Vorzüge, die mannigfaltige Verwendbarkeit der Draht- 
seile hatte Roebling veranlaßt, im Jahre 1840 in dem von ihm gegründeten 
Ort Germania, dem späteren Saxonburg bei Pittsburgh eine kleine Fabrik an- 



— 430 — 

zulegen, die sich ausschließlich mit dem Herstellen solcher Drahtseile be- 
schäftigte. 

Deren außerordentliche Tragkraft erprobte er zuerst bei einem Aquädukt, 
den er bei Pittsburgh über einen der Quellarme des Ohio führte. Dieses eigen- 
artige, an Drahtseile gehängte Werk erregte großes Aufsehen und begründete 
Roeblings Ruf als Ingenieur. Seine nächste Schöpfung war die prächtige Draht- 
seilbrücke, die bei einer Länge von 500 m mit acht Spannungen über den 
Monongahela bei Pittsburgh führt. Darauf folgten viele gleichfalls an Draht- 
seilen schwebende Aquädukte über den Delaware- und Hudsonkanal. 

Bestärkt durch die en'ungenen Erfolge, wandte Roeblings hochfliegender 
Geist sich immer kühneren Plänen zu. Er erbot sich, die beiden Ufer des Nia- 
gara unterhalb seiner berühmten Fälle durch eine Hängebrücke miteinander zu 
verbinden. Als Roebling mit diesem Projekt vor die Öffentlichkeit trat, er- 
klärten die bedeutendsten Ingenieure Amerikas und Europas, darunter Steven- 
son, dasselbe für unausführbar und prophezeiten seinen Fehlschlag. Betrug 
doch die Weite der 80 m tiefen Schlucht, welche hier von den mit rasender Eile 
dahinschießenden Fluten in die Felsen gerissen ist, volle 266 m. 

Aber Roebling ließ sicli von Bedenken nicht anfechten, sondern schritt im 
September 1852 zur Ausführung des geplanten Werks. Schon der Versuch, 
den ersten Draht über die ungeheure Kluft zu spannen, stieß auf unerwartete 
Schwierigkeiten. Kein Boot war imstande, den entsetzlichen Strudeln der 
Stromschnellen Trotz zu bieten; kein Schwimmer wagte, sein Leben aufs Spiel 
zu setzen. Nach manchen vergeblichen Bemühungen, kam Roebling auf den 
glücklichen Einfall, mittels eines Windvogels zunächst einen starken Seiden- 
faden vom amerikanischen Ufer auf das kanadische zu bringen. Das gelang, 
und nun wurde an demselben die erste jener Sehnen über den Strom gezogen, 
aus denen die Kabel der Hängebrücke gesponnen werden sollten. 

Als Träger der vier Kabel, an welche Roebling seine Brücke zu hängen 
gedachte, ließ er auf jedem Ufer zwei 26 m hohe steinerne Türme erbauen, 
stark genug, um das gewaltige Gewicht der Kabel und Brücke zu trajgen. 
Jedes Kabel bestand aus 3640 einzelnen Drähten. Die Kabel wurden mittelst 
mächtiger Ketten hinter den Türmen in Kammern verankert, die in den Felsen 
eingehauen waren. Die Brücke selbst besaß zwei Stockwerke, ein unteres iür- 
Wagen und Fußgänger und ein oberes für die Eisenbahnen. 

Bereits im März 1855 konnte die mit einem Kostenaufwand von 400 000 
Dollar erbaute Brücke dem Verkehr übergeben werden. Mehrere Jahrzehnte 
hindurch bildete sie wegen der Kühnheit ihres Entwurfs und der Schönheit 
ihrer Erscheinung eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Niagararegion. 

Dieser glänzende Triumph über die widerstrebenden Naturgewalten be- 
wirkte einen völligen Umschwung im Brückenbau, den Übergang vom Ketten- 
kabel- zum Drahtseilkabelsystem. Zur raschen Annahme des letzten trug Roeb- 
ling durch mehrere noch größere Werke bei. Er baute zunächst die Hänge- 
brücke, welche zwischen den beiden Städten Cincinnati und Covington den 





Johann August Roebling. 



— 433 - 

Ohio überspannt. Dieselbe ist mit iliren Anfahrten 750 m lang und wird 
von zwei mächtigen Kabeln getragen, deren jedes aus 10 360 einzelnen Drähten 
besteht. Die Kabel ruhen auf zwei steinernen Pfeilern von 66 m Höhe. Die 
zwischen ihnen liegende Hauptspannung der Brücke beträgt nicht weniger als 
351 m. Die 11 m breite Plattform schwebt 33 m über dem Stromspiegel. 
Die ganzen Kosten dieser Brücke beliefen sich auf 1 800 000 Dollar. 

Das letzte, größte Werk Roeblings war sein Entwurf zur Riesenbrücke 
über den East River zwischen New York und Brooklyn. Das rapide Wachsen 
der Bevölkerung dieser beiden Städte, das Unvermögen der Dampffähren, 
den gewaltigen, schnell zunehmenden Verkehr zwischen denselben zu bewäl- 
tigen, machten eine bessere Verbindung zur dringenden Notwendigkeit. Eine 
Vermehrung der Fähren war ausgeschlossen, da es an Platz für neue Anlege- 
stellen fehlte. Zudem kam, daß die Fähren bei nebligem Wetter, Schneegestöber 
und winterlichen Eisblockaden ihren Dienst nur in unvollkommener Weise 
verrichteten. In dieser Notlage begann man an einen Brückenbau zu denken. 
Aber die vorliegenden Verhältnisse und Entfernungen waren derart, daß kaum 
jemand den Mut faßte, an die Ausführbarkeit dieses Gedankens zu glauben. 
Der Bau einer auf Pfeilern ruhenden Brücke war ausgeschlossen, da zunächst 
weder der ungeheure Schiffsverkehr auf der Wasserstraße gehemmt und ge- 
fährdet werden durfte, noch die Tiefe des Wassers und die Stärke seiner Strö- 
mung die Anlage sicherer Fundamente möglich machten. 

Gleich einem Adler höher und höher kreisend, faßte Roebling den kühnen 
Entschluß, sein Flängebrückensystem, das sich bisher so glänzend bewährt 
hatte, auch an dieser Stelle in Anwendung zu bringen. 

Zehn Jahre beschäftigte er sich mit dem Entwurf und Durcharbeiten seines 
Planes. Die ungeheuren Verhältnisse, mit denen er rechnen mußte, verlangten 
die sorgfältigste Beachtung selbst der unscheinbarsten Dinge, da der kleinste, 
beim Berechnen der Länge und Stärke der Kabel, Träger und Pfeiler begangene 
Fehler für das glückliche Gelingen des Brückenbaues von verhängnisvoller Be- 
deutung werden konnte. Fast ebenso schwierig wie die technischen Vorarbeiten 
gestaltete sich die Beschaffung der Baugelder. An vielen Stellen klopfte Roeb- 
ling vergeblich an; ein Teil der von der Stadt bewilligten Gelder verschwand, 
da die städtischen Beamten nur für die eigene Tasche sorgten. Mehrere dieser 
Diebe mußten nach kurzer Zeit ins Ausland flüchten. Schließlich gelang es 
Roebling, den Geldmann W. C. Kingsley von Brooklyn für den Plan zu inter- 
essieren. Derselbe gründete im Januar 1867 die „New York Bridge Com- 
pany'* mit einem Grundkapital von 5 Millionen Dollar. Die Stadt New York 
zeichnete einen Betrag von IV2 Millionen, Brooklyn die Summe von 300 000 
Dollar. 

Zu Anfang des Jahres 1869 waren die mühseligen Vorarbeiten so weit 
vollendet, daß Roebling mit dem Bau beginnen konnte. Aber es war, als ob 
das neidische Geschick dem großen Ingenieur seinen höchsten Triumph nicht 
gönnen wolle: bei den an Ort und Stelle begonnenen Arbeiten erlitt Roebling 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 28 



434 



durch einen herabstürzenden Balken eine Quetschung, welche die Amputation 
mehrerer Zehen notwendig machte. Die Operation verlief glücidich. Leider 




stellte sich wenige läge später Starrkrampf ein, welchem Roebling am 22. Juli 
1869 erlag. 



— 435 — 

Die schwierige Aufgabe, den gewaltigen Bau zu vollenden, fiel nun dem 
Sohn des Verstorbenen, Washington A, R o e b 1 i n g , zu. Dieser ließ am 
3. Januar 1870 mit dem Fundamentieren der beiden 92 m hohen Brücken- 
türme beginnen. Die angestellten Bohrungen hatten ergeben, daß man, um 
auf geeigneten Felsgrund zu kommen, auf dem Brooklyner Ufer des Fast River 
15 m, auf Manhattan Island sogar 26 m unter den Wasserspiegel gehen 
und dabei mächtige Schichten von Schlamm und Geröll durchdringen müsse. 
Über den betreffenden Stellen baute man zunächst zwei gewaltige Caissons, 
kistenähnliche, aus schweren, einander kreuzenden und stützenden Balken ge- 
zimmerte Behälter, welche 2 bis 2'1. m über ihrem unteren Rande einen 
Boden besaßen, so daß der unter demselben gelegene Raum eine Kammer bil- 
dete, die durch nach oben führende Schlote und Röhren Luft erhielt. Diese 
Kammer war der wichtigste Teil des Caissons. Das Caisson auf der Man- 
hattan-Seite ist 40 m breit und 56 m lang; jenes auf der Brooklyner-Seite 
40 m breit und 39 m lang. Nachdem sie vom Stapel gelassen und 
genau über den Stellen verankert worden waren, wo die Brückentürme zu 
stehen kommen sollten, begann man auf der Oberfläche der Caissons mit dem 
Legen der Steinfundamente, deren täglich wachsendes Gewicht die Caissons 
immer tiefer ins Wasser hinabdrückten. Zu gleicher Zeit trieben mächtige 
Dampfmaschinen in die unter Wasser befindlichen, taucherglockenartigen Kam- 
mern komprimierte Luft hinein, die das Wasser verdrängte, den von den unteren 
Rändern der Caissons eingeschlossenen Teil des Flußbettes trocken legte und 
es den innerhalb der Kammern befindlichen Arbeitern ermöglichte, den unter 
ihren Füßen gelegenen Schlamm und das Geröll zu beseitigen. Diese äußerst 
unangenehme und obendrein kostspielige Arbeit mußte fortgeführt werden, bis 
endlich die Caissons die ganze Schlammschicht durchdrungen hatten und auf 
die als Fundament dienen sollenden Felsen aufstießen. 

Beim Fundieren der Fast Riverbrücke arbeiteten Tag für Tag 236 Men- 
schen in diesen beiden unterseeischen Arbeitskammern, die von 56 Gasflammen 
erleuchtet und sogar mit Wasserleitungen versehen waren. Leider war es un- 
möglich, in den komplizierten Behältern jeden Unfall zu vermeiden. Denn je 
tiefer die Caissons sich unter den Wasserspiegel und in das Flußbett senkten, 
desto gewaltiger wurde der Druck der sie umgebenden Wassermassen; desto 
größere Mengen komprimierter Luft mußten eingepumpt werden, um den Druck 
auszugleichen und die Arbeitsräume von Wasser freizuhalten. 

Es kann gewiß nicht überraschen, daß der längere Aufenthalt in den 
Caissons für die unter so unnatürlichen Verhältnissen arbeitenden Menschen 
allerhand üble Folgen hatte. Sie wurden von der eigentümlichen „Caisson- 
Krankheit'* befallen, die sich in heftigen neuralgischen Schmerzen, Schüttel- 
frost, Erbrechen, Krämpfen und Lähmungen äußert. 

Trotz aller Vorsichtsmaßregeln nahmen viele dieser Erkrankungsfälle 
einen tödlichen Ausgang. Auch Roebling wurde von der Krankheit befallen und 
hatte an ihren Nachwirkungen viele Jahre zu leiden. Auch an anderen bösen 

28* 



— 436 — 

Vorkommnissen fehlte es nicht. Im Januar 1871 entstand in dem Brooklyner 
Caisson eine Feuersbrunst, die einen Schaden von 15 000 Dollar anrichtete — 
ein Brand unter den Wellen des East Rivers! 

Nach Überwindung zahlreicher anderer Schwierigkeiten wurde der Bau 
der beiden, den Wasserspiegel um 90 m überragenden Türme vollendet, 
worauf mit dem Legen der den Brückensteg tragen sollenden Kabel begonnen 
werden konnte. Neue Schwierigkeiten! Natürlich war es ein Ding der Un- 
möglichkeit, die gewaltigen, tausende Kilogramm schweren Massen zu so be- 
deutender Höhe emporzuheben. Und so mußte man die 5296 Stahldrähte, aus 
denen jedes der vier Kabel gesponnen werden sollte, einen nach dem andern 
an der ihm zugedachten Stelle befestigen. 

Unvorhergesehene Hindernisse traten ferner ein, als man den ersten, auf 
den Meeresgrund versenkten und mittels eines Fahrzeugs zum gegenüber- 
liegenden Turm geleiteten Draht heben wollte. Der East River war nicht frei! 
Da war kein Augenblick, wo nicht Dutzende von Schiffen vorüberfuhren und 
das Heben des Drahtes verhinderten. Endlich, am 14. August 1876, verkündete 
ein Kanonenschuß, daß für die nächsten Minuten kein Schiff zu erwarten sei, 
und nun schnellte die erste Sehne in die Höhe, um welche das gewaltige Netz 
der Brücke gewoben werden sollte. Zahllose Drähte wurden hin und her- 
gezogen, und an diesen Drähten hingen in kleinen Käfigen die Arbeiter, um 
in der schwindelnden Höhe die Tausende von Drähten zusammenzuspinnen. 
Wie unendlich viel gab's noch zu erwägen, zu berücksichtigen ! Bevor man die 
mathematisch genaue Lage des ersten Drahtes den Plänen der Ingenieure gemäß 
richtig bestimmen konnte, mußte man wochenlang auf einen windstillen Tag 
warten, da jeder Druck der über den East River brausenden Winde genügte, 
die Richtung und Bahn des hängenden Drahtes zu verschieben. 

Und als endlich, nach unsäglicher Mühe, die vier Kabel regelrecht hingen, 
da brachen am 19. Juni 1878 die Verankerungen eines derselben, und die ge- 
waltige Masse, vom eignen Gewicht über den Brückenturm hinweggerissen, 
stürzte mit fürchterlichem Getöse in die Fluten des East River, wobei mehrere 
Arbeiter in ein nasses Grab gerissen wurden. Aufs neue hatte das Werk zu 
beginnen. 

Endlich, am 24. Mai 1883, nach dreizehn Jahre langer Arbeit und einem 
Kostenaufwand von 9 Millionen Dollar war die Brücke vollendet und konnte 
dem Verkehr übergeben werden. Zur Feier dieses nationalen Ereignisses stellten 
sich der Präsident der Vereinigten Staaten und mehr als 50 000 Fremde ein. 
Alle in der Bai von New York befindlichen Schiffe prangten in reichstem 
Flaggenschmuck. Das Fort Columbus und die im Hafen versammelten Kriegs- 
schiffe feuerten Salutschüsse ab. Von allen Kirchtürmen erschallte Glocken- 
geläut. Und am Abend beschloß ein glänzendes Feuerwerk das seltene Fest. 

Das großartige Werk verleugnet in der Tat nicht die kolossalen Schwie- 
rigkeiten, über die des Menschen Geist hier den mühsamen Triumph errang. 
Eine Vorstellung von den alle bisherigen Brückenbauten übertreffenden Ver- 



— 437 — 

hältnissen dieses Verkehrsweges gibt die Angabe, daß die Gesamtlänge des 
Brückenkörpers mit den Anbauten über 2500 m beträgt. Diese gewaltige 
Entfernung wird durch nur drei Bogen überwunden, deren mittlerer in der 




Lindenthals Eisenbahnbrücke über die Höliengasse bei New York. 



— 438 — 

bisher unerhörten Spannung von 478 m 40 m hoch über dem Wasser 
schwebt. 

Das Meisterwerk Roebhngs übte auf den Verkehr zwischen New York und 
Brooklyn eine ungeahnte Wirkung. Nach allen Seiten hin ausdehnungsfähig 
und nunmehr mittels der Brücke in wenigen Minuten erreichbar, blühte Brook- 
lyn zu einer Millionenstadt empor. Welche Massen von New Yorkern hierher 
ihre Wohnsitze verlegten, ergibt sich am deutlichsten aus der Zahl der Personen, 
welche während der nächsten Jahre die Brücke passierten. Im Jahre 1884 
betrug dieselbe 8 823 200. Im Jahre 1890 war diese Zahl bereits auf 341/2 Mil- 
lionen, bis zum Jahre 1897 auf 45yo MilUonen angeschwollen. 

Im Jahre 1902 betrug der Durchschnittsverkehr pro Tag von 24 Stunden 
für die Brückenbahn 1 59 637 und für die über die Brücke führende Straßenbahn 
147 660 Personen. Das würde für das Jahr 1902 einen Gesamtverkehr von 
112 163 405 Personen ergeben. 

Das glückliche Gelingen des die Bewunderung der ganzen Welt hervor- 
rufenden Roeblingschen Werkes stachelte die Ingenieure Amerikas zu noch ge- 
waltigeren Leistungen an. Einer der kühnsten unter den neueren Brückenbauern 
ist der im Mai 1850 zu Brunn geborene Gustav Lindenthal. Sein 
größtes in der Ausführung begriffenes Werk ist eine viergleisige Eisenbahn- 
brücke, welche den als „Hellgate" („Höllengasse") bekannten Teil des die Stadt 
New York von Long Island trennenden East Rivers überschreitet. Eine ver- 
steifte Stahlbogenbrücke und Stahlviadukte von 4,80 km Länge, wird sie das 
Eisenbahnnetz der großen Pennsylvaniabahn auf Long Island mit der Haupt- 
bahn von New York nach Boston auf dem Festland verbinden, und es ermög- 
lichen, daß Reisende von Boston nach Philadelphia und den Südstaaten ohne 
Umsteigen direkt durch New York fahren werden können, nämlich durch die 
neue Pennsylvaniastation an der 32. Straße und 7. Avenue. Die Brücke über- 
schreitet die Höllengasse in einem 300 m weiten und 100 m hohen Bogen, dem 
größten, der bisher bei diesem Brückensystem zur Anwendung kam. 

Ein anderer von Lindenthal entworfener und in der Ausführung begriffener 
Riesenbau ist die doppelgleisige Eisenbahnbrücke von drei Spannweiten über 
die 300 m weite und 118 m tiefe Schlucht des Kentuckyflusses im Staat Ken- 
tucky. Die Brücke wird die schwerste und größte genietete Stahlkonstruktion 
in der Welt sein, wird ohne Gerüst aufgestellt und von zwei Stahltürmen ge- 
tragen. Sie soll die alte eingleisige eiserne Brücke ersetzen, welche als die 
erste und kühnste Ausleger-(Cantilever-)Brücke im Jahre 1876 in den Vereinigten 
Staaten gebaut wurde, und bei welcher der Deutschamerikaner Charles 
S. S t r o b e 1 als Ingenieur tätig war. An derselben Stelle hatte Roebling eine 
große Stahlhängebrücke geplant, von welcher aber nur die Steintürme zur Aus- 
führung kamen, da der Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865 den Weiterbau 
verhinderte. 

Seit einer Reihe von Jahren beschäftigte Lindenthal sich auch mit dem 
Entwurf einer Riesenbrücke, die den Hudson überschreiten und den ungeheuren 



East River- 


Hudson River- 


Brücke 


Brücke 


1110 m 


2202 m 


279 „ 


550 „ 


480 „ 


930 „ 


81 „ 


198 „ 


105 „ 


255 „ 


251/2 „ 


36 „ 


1070 „ 


2040 „ 


2 


6—14 



— 439 — 

Verkehr zwischen New York und dem Staate New Jersey vermitteln soll. Den 
bereits vollendeten Plänen zufolge würde diese Brücke auf jedem Stromufer von 
zwei 220 m hohen stählernen Türmen getragen, in denen die vier Kabel der 
Brücke aufgelagert werden sollen. Die erstaunliche Großartigkeit des Entwurfs 
läßt sich am besten aus nachstehendem Vergleich seiner Verhältnisse mit den- 
jenigen der Roeblingschen East Riverbrücke erkennen : 



Gesamtlänge der Brücke, einschließlich der Verankerungen 

Länge der Landspannen 

Länge der Hauptspanne 

Höhe der Türme von der Hochwassermarke an ... . 

Höhe der Türme von den Fundamenten an 

Weite der Brückenbahn 

Länge jedes Kabels 

Zahl der Schienengleise 

Leider gerieten die Vorarbeiten zu dieser Riesenbrücke in neuester Zeit ins 
Stocken, als die einen großen Teil des Personen- und Warenverkehrs zwischen 
New York und New Jersey vermittelnde Pennsylvania-Eisenbahn bei der Wahl 
zwischen Brücke und einem unter dem Hudson dahinführenden Tunnel sich 
für den Bau des letzteren entschied. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß die 
Lindenthalsche Brücke der Vergessenheit anheimfallen wird. Denn das fabel- 
hafte Wachsen des überwältigend großartigen Personen- und Güterverkehrs 
zwischen New York und New Jersey bedingt immer neue, gewaltigere Verkehrs- 
mittel. Und so dürfte die Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen sein, daß in 
zehn bis zwanzig Jahren der Hudson gleichfalls von einem Wunderwerk der 
modernen Ingenieurkunst überbrückt sein wird. 

Außer den bisher Genannten boten sich vielen anderen deutschamerika- 
nischen Technikern und Ingenieuren in den Vereinigten Staaten Gelegenheiten, 
ihr Können zu betätigen. Sie fanden hier ein um so großartigeres und lohnen- 
deres Feld, als den amerikanischen Ingenieuren, soweit sie nicht im Ausland 
studiert hatten, die nötigen Kenntnisse abgingen, ein Mangel, der sich durch 
das Fehlen technischer Hochschulen erklärt. Solche wurden erst nach dem 
Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten gegründet und benötigten natürlich 
längere Zeit zu ihrer Entwicklung. 

Inzwischen drängte aber der rastlose, auf die Erschließung des weiten 
Landes bedachte amerikanische Unternehmungsgeist ungestüm auf die stete 
Entwicklung und Verbesserung der Verkehrsmittel und -wege, wobei er zu 
großen Wagnissen und bedeutenden Opfern stets bereit war. Aus diesen 
Gründen erklärt es sich, warum man deutsche und deutschamerikanische In- 
genieure fast überall im Besitz solcher Stellungen findet, in denen es auf gründ- 
liches Wissen und wirkliches Können ankommt. Wir finden sie im Dienst der 
großen Eisenbahnen und Schiff bau Werkstätten, der städtischen Wasserwerke 
und Straßenbahnen und Beleuchtungsgesellschaften. 



— 440 — 

Eine der eigenartigsten Persönlichkeiten unter diesen Männern ist zweifel- 
los Dr. Karl Prometheus Steinmetz, der leitende Geist der „General 
Electric Company", deren gewaltige Fabriken in Schenectady, New York, ihren 
Sitz haben. Steinmetz wurde am 9. April 1865 zu Breslau geboren. Dort 
durchlief er auch das Gymnasium und die Universität. Mathematik und Astro- 
nomie bildeten seine Lieblingsbeschäftigungen, bis er eines Tages in nähere 
Berührung mit einem Mitschüler kam, welcher sich dem Studium der Elektrizität 
zugewendet hatte. Das Wesen dieser geheimnisvollen Kraft, die Möglichkeit 
ihrer Verwendung für industrielle und Beleuchtungszwecke waren damals kaum 
erkannt. Bogen- und Glühlichtlampen galten als Kuriositäten. An Motoren, 
Dynamos und andere, heute allgemein gebrauchte elektrische Apparate dachte 
noch kein Mensch. Aber der Einblick in das noch unerschlossene Zauberreich 
bestimmten den jungen Steinmetz, sich dem Studium der Elektrizität zu widmen 
und auf neue Entdeckungen auszugehen. Ob Steinmetz' Vater, als er seinem 
Sohn den Namen Prometheus verlieh, geahnt haben mag, daß derselbe einst 
ein Bringer und Beherrscher des Lichtes sein werde? 

Schon bald nach Ablauf seiner Studentenjahre wanderte Steinmetz nach 
Amerika aus und fand in den dem Deutschen Eickemeyer gehörigen Elek- 
trizitätswerken in Yonkers, New York, Anstellung. Allerdings mit dem be- 
scheidenen Anfangsgehalt von 12 Dollar pro Woche. Aber er verstand sein 
reiches Wissen so zur Geltung zu bringen, daß er bald die rechte Hand seines 
Brotherrn bildete und denselben beim Ausarbeiten neuer Erfindungen unter- 
stützte. Nach wenigen Jahren war Steinmetz zum technischen Leiter der Eicke- 
meyerschen Fabrik emporgerückt. Und als diese dem allgemeinen Zug der 
Zeit folgte, und sich mit anderen im Osten der Union bestehenden großen An- 
lagen zu der „General Electric Company" vereinigte, ward Steinmetz an die 
Spitze dieser gewaltigen, über ein Heer von 14 000 Angestellten gebietenden 
Unternehmung berufen. Die eignen Erfindungen und weitreichenden Ver- 
besserungen, die Steinmetz herbeiführte, sind viel zu zahlreich und kompliziert, 
als daß sie anderswo als in einem Fachw^erk nach Gebühr gewürdigt werden 
könnten. 

Ebensowenig sind wir imstande, manchen anderen Deutschamerikanern, 
wie z. B. dem in Pom.mern geborenen Bernhard A. Behrend, dem 
Hannoveraner Emil Berliner und anderen gerecht zu werden, deren Er- 
findungen das moderne Kulturleben manche wichtige Fortschritte verdankt. 



Die deutsche Presse in den Vereinigten Staaten. 

Der während der Kolonialzeit erschienenen Erstlinge der deutschamerika- 
nischen Presse gedachten wir bereits in früheren Abschnitten. Desgleichen des 
wackeren Johann Peter Zenger, dessen Furchtlosigkeit die amerika- 
nische Journalistik ihre höchste Errungenschaft, die Preßfreiheit, verdankt. 

Als nach der glücklichen Beendigung des amerikanischen Unabhängig- 
keitskriegs deutsche Einwandrer wieder in größerer Zahl eintrafen, stieg natür- 
lich auch das Bedürfnis für in deutscher Sprache gedruckte Zeitungen. Bereits 
zu Ende des 18. Jahrhunderts bestanden ihrer in Pennsylvanien nahezu ein 
Dutzend. Sie verteilten sich auf die Städte Philadelphia, Germantown, Lan- 
caster, Easton und Reading. Baltimore, Boston und New York besaßen gleich- 
falls deutsche Zeitungen, die einmal wöchentlich erschienen. 

Eine der wichtigsten Perioden in der Geschichte der deutschamerikanischen 
Presse bilden die dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts, 
während welcher sowohl in den Städten des Ostens wie auch in den Mittel- 
staaten und am Mississippi zahlreiche deutsche Zeitungen entstanden, darunter 
mehrere, die aus bescheidenen Anfängen zu großen Tageszeitungen, ja Welt- 
blättern, emporwuchsen. 

Den Hauptanstoß zum Em.porblühen der deutschamerikanischen Presse 
gaben die „Achtundvierziger", jene hochgesinnten Freiheitsstreiter, von denen 
viele bereits im alten Vaterland literarisch und journalistisch tätig gewesen 
waren. Gelang es solchen politischen Flüchtlingen nicht, an einer Universität 
oder sonstigen Lehranstalt unterzukommen, so übernahmen sie die Leitung be- 
reits bestehender Zeitungen oder gründeten eigne Organe, für die sie in dein 
starken Deutschtum willige Abnehmer fanden. Friedrich und Rudolf 
Lexow, Lorenz Brentano, Friedrich Hassaurek, Wil- 
helm Rapp, Karl Heinze, Gottfried Kellner, Oswald 
Ottendorfer, Johann Georg Wesselhöft, Georg Hill- 
gärtner, Emil Pretorius, Paul Löser, Karl Dänzer, Fried- 
rich Raine, Hermann Raster, Eduard Leyh und viele andere 
traten auf solche Weise in die Journalistik ein. 

Diese Männer erkannten mit klarem Blick, daß die wichtigste Mission der 
deutschamerikanischen Zeitungen im Erfüllen der Aufgabe bestehe, die in die 



— 442 — 

Vereinigten Staaten einwandernden Deutschen mit den Gesetzen, Einrichtungen, 
poHtischen, wirtschaftlichen und sozialen Zuständen des Landes vertraut zu 
machen, und ihnen durch Vermittlung dieser Kenntnisse die Teilnahme am 
amerikanischen Leben sowie das Emporkommen in geordnete, bessere Verhält- 
nisse zu ermöglichen. Aber sie fühlten auch, daß die deutschamerikanischen 
Zeitungen den deutschen Einwandrern um so rascher liebe und traute Ge- 
fährten sein würden, wenn sie ihnen möglichst viel von den Vorgängen in der 
alten Heimat berichteten, und sie dadurch in beständiger Fühlung mit derselben 
erhielten. 

Ein typisches Bild der Entwicklung einer deutschamerikanischen Zeitung 
bietet die„NewYorker Staatszeitun g". Als sie im Jahre 1 834 zuerst 
erschien, legte sie ihr Programm in folgenden Worten dar: „Die New Yorker 
Staatszeitung ist, wie ihr Name besagt, hauptsächlich eine politische Zeitung, 
und wird es sich angelegen sein lassen, nach bestimmten und bewährten Prin- 
zipien echt demokratisch-republikanische Ideen unter unseren Mitbürgern zu 
erhalten; falsche mit allem Eifer nach den Forderungen des ewigen Vernunft- 
rechts in ihrer Unhaltbarkeit und Schädlichkeit darzustellen. Obgleich nament- 
lich der Wohlfahrt deutschamerikanischer Bürger geweiht und deswegen auf 
deren Verhältnisse in den Vereinigten Staaten besonders ihre Aufmerksamkeit 
richtend, wird sie nicht versäumen, die Erwähnung der Tagesbegebenheiten der 
Alten Welt denen der Neuen anzureihen, durch Blicke auf Natur- und Kultur- 
geschichte, Literatur und Kunst, Gewerbe, Ackerbau, Handel und damit zu- 
sammenhängende Zweige der menschlichen Tätigkeit unter uns und anderen 
Völkern, den zeitigen Standpunkt aller dieser Gebiete dem Beobachter darzu- 
legen. Sie wird zu dem schönen Ziele mitzuwirken suchen, deutsche Sprache, 
Sitten, Wissenschaft, Kunst und mechanische Fertigkeiten in ihrer Eigentüm- 
lichkeit, so weit in Amerika die deutsche Zunge reicht, zu erhalten und zeit- 
gemäß weiterzubilden. Sie wird bezwecken, unsere deutschen Mitbürger durch 
politische und wissenschaftliche, möglichst nach männlicher Ruhe und Festig- 
keit strebende Aufsätze zu unterhalten und zu belehren." 

Diesem Programm ist die „New Yorker Staatszeitung" während der 
vielen Jahrzehnte ihres Bestehens treu geblieben. Stetes von tüchtigen Männern 
geleitet, alle Fortschritte im Zeitungswesen sich zunutze machend, durch Haltung 
und Sprache rasch das Vertrauen und die Gunst des Deutschtums gewinnend, 
konnte das ursprünglich vierseitige Wochenblatt sich bald in eine tägliche Zei- 
tung verwandeln. Neben die morgens erscheinende Hauptausgabe trat später 
eine Abendausgabe, von denen die erste gegenwärtig in einem Umfang von 
14 bis 16, die letztere in einem Umfang von 8 Seiten erscheint. Einer jhrer 
wertvollsten Bestandteile ist unstreitig das 32 Seiten umfassende Sonntagsblatt, 
welches seinen Lesern eine geradezu erstaunliche Fülle von belletristischem 
Unterhaltungsstoff und populär wissenschaftlichen Aufsätzen, darunter viele 
Originalartikel, darbietet. Die Qualität dieser Aufsätze übertrifft diejenigen der 
in den amerikanischen Zeitungen enthaltenen bei weitem, was hauptsächlich 



— 443 — 

dem Umstand zuzuschreiben ist, daß infolge der bis zum Sommer 1909 zwischen 
den Vereinigten Staaten und Deutschland bestehenden mangelhaften Schutz- 
gesetze für geistiges Eigentum die deutschamerikanischen Zeitungen in der 
Lage waren, ihre Auswahl kostenlos aus dem unerschöpflichen Reichtum der 
jenseits des Atlantischen Ozeans veröffentlichten Zeitungs- und Zeitschriften- 
literatur treffen zu können. 

Außer der „New Yorker Staatszeitung" bestehen in New York die „Groß 
New Yorker Zeitun g'', der „H e r o 1 d", das „M o r g e n j o u r n a 1", 
die „V o 1 k s z e i t u n g" und die „Brooklyner freie Press e". In 
Philadelphia finden wir den „Demokrat" und die „ö a z e 1 1 e", in Balti- 
more den „DeutschenCorrespondente n". Chicago hat vier deutsche 
Tagesblätter, von denen die früher hochangesehene „Illinois Staats- 
zeitung" und die „F r e i e Presse" in neuester Zeit miteinander ver- 
schmolzen wurden. Außer diesen erscheinen dort die „Abendpost" und 
die „A r b e i t e r z e i t u n g". Milwaukee besitzt den „H e r o 1 d" und die 
„G e r m a n i a". St. Louis dominiert die „W estliche Pos t". Cincinnati 
hat die „W e s 1 1 i c h e n B 1 ä 1 1 e r" und das „V o 1 k s b 1 a 1 1". In Cleveland 
erscheinen „W ä c h t e r" und „Anzeiger"; in San Francisco der „Cali- 
fornia Demokrat"; in Buffalo der „V o 1 k s f r e u n d" und „Demo- 
krat"; in New Orleans die „N e u e d e u t s c h e Z e i t u n g" ; in St. Paul die 
„V o 1 k s z e i t u n g" ; in Minneapolis die „Freie Presse" und dei 
„H e r o 1 d". 

Der Ton der deutschamerikanischen Presse ist echt amerikanisch. Sie ist 
im allgemeinen stets eine treue Verfechterin der besten Einrichtungen des politi- 
schen Systems, scharf in der Kritik seiner Fehler und eine unermüdliche 
Kämpferin für die allgemeine Wohlfahrt, für Ordnung und persönliche Frei- 
heit gewesen. 

Zum Ruhm der deutschamerikanischen Zeitungen darf man ferner sagen, 
daß sie mit sehr wenigen Ausnahmen von der ekelhaften Sensationshascherei, 
durch welche viele amerikanische Zeitungen ihren Leserkreis zu vergrößern 
trachten, frei sind. Die deutschen Leiter der Blätter hielten stets an der Über- 
zeugung fest, daß eine Zeitung höhere Pflichten habe, als ihre Leser durch 
allerlei, oft jeder Grundlage entbehrenden oder durch unwahre Zutaten aus- 
geschmückten Skandalgeschichten in beständiger Erregung zu erhalten. 

Zu ihren schönsten Aufgaben zählt die deutschamerikanische Presse auch 
die, die guten Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland zu pflegen und 
für beide Teile immer segensreicher zu gestalten. Diese Aufgabe ist keineswegs 
leicht. Wird sie doch sowohl durch die auf wirtschaftlichem Gebiet bestehende 
Rivalität als auch durch unaufhörliche, gehässiger Eifersucht entspringende 
Hetzversuche der Londoner Presse sowie mancher direkt in englischem Solde 
stehender amerikanischer Zeitungen erschwert. 

Die Bedeutung der deutschamerikanischen Presse für das gesamte amerika- 
nische Kulturleben läßt sich am besten daraus erkennen, daß im Jahre 1908 in 



-P^ 



— 444 — 

den Vereinigten Staaten über 700 Zeitungen und Zeitsctiriften in deutscher 
Sprache gedruclct wurden, darunter etwa 100 Tagesblätter, von denen mehrere 
Auflagen von 25 000 bis 100 000 Exemplaren besitzen. 

Unter den Zeitschritten überwiegen natürlich die gewerblichen Fach- 
blätter. Die der Belletristik gewidmeten vermochten sich nach dem Auflcommen 
der reich ausgestatteten und vielseitigen Sonntagsausgaben der großen Zei- 
tungen nicht zu halten, zumal sie obendrein den Wettbewerb der amerikanischen 
sowie der aus Deutschland eingeführten Wochen- und Monatsschriften ertragen 
mußten. 

An einzelnen eigenartigen Erscheinungen innerhalb der deutschamerika- 
nischen Presse hat es nicht gefehlt. In erster Linie wäre das von dem Achtund- 
vierziger Karl Heinzen im Jahre 1 854 in Louisville, Kentucky, gegründete 
Wochenblatt, „Der Pionier'', zu erwähnen, eine Zeitschrift, die auf dem Felde 
radikalen Denkens und rücksichtslosen Kämpfens gegen Dummheit und 
Schlechtigkeit kaum jemals ihresgleichen hatte. Meinzen redigierte dieselbe 
bis zu seinem im Jahre 1880 erfolgten Tode, worauf der „Pionier" mit dem in 
Milwaukee erscheinenden, ähnliche Tendenzen verfolgenden „Freidenker", ver- 
schmolzen wurde. 

Außerordentlich weite Verbreitung fand seinerzeit auch der von Robert 
S^e i t z e 1 in Detroit herausgegebene „Arme Teufel", eine Wochenschrift, die 
es auf vierzehn Jahrgänge brachte. Sie war ungemein reich an in wahrhaft 
klassischem Deutsch geschriebenen Vorträgen, Skizzen, Schilderungen und Dich- 
tungen, an geistsprühenden Essays und Satiren. Nach dem Tode des gleich 
Heinrich Heine die Welt von seinem Krankenlager, „Luginsland", aus beob- 
achtenden Schriftstellers ging die Zeitung ein. 



Es möge an dieser Stelle auch erwähnt werden, daß eine für die Entwick- 
lung des Zeitungswesens in Amerika überaus wichtige Erfindung durch Deutsche 
nach den Vereinigten Staaten übertragen wurde. Friedrich Gottlieb Keller und 
Heinrich Voelter hatten in Deutschland die Entdeckung gemacht, daß aus zer- 
malmten, in Brei verwandelten Holzfasern Papier hergestellt werden könne. 
A. Pagenstecher, ein hervorragender Papierhändler in den Vereinigten 
Staaten, ließ zwei der von Voelter erfundenen Holzmahlmaschinen in Curtisville 
bei Stockton, Massachusetts, aufstellen. Der erste Holzbrei wurde damit im 
März 1867 erzeugt. Eine nahebei gelegene Papiermühle versuchte aus diesem 
Brei Papier zu bereiten. Dieser Versuch verlief so befriedigend, daß die Be- 
sitzer der Mühle sofort einen Vertrag für die Lieferung alles von Pagen Stecher 
erzeugten Holzbreis abschlössen. Es hielt anfangs schwer, die Papierfabri- 
kanten für die neue Sache zu interessieren, da man keine Ahnung von dem 
fabelhaften Aufschwung hatte, den infolge dieser Erfindung und der dadurch 
ermöglichten Verbilligung der Papierpreise das Zeitungswesen nehmen würde. 



— 445 — 

Aber die Erkenntnis brach sich dann rasch Bahn und ermöglichte sowohl die 
Verbilligung der Zeitungen wie die Herausgabe der großen täglichen Aus- 
gaben, an welche niemand denken könnte, wenn man noch heute auf die alte 
Art der Papierbereitung aus Lumpen angewiesen wäre. 

Eine zweite, für das Zeitungswesen ebenso wichtige Erfindung verdankt 
man dem am 10. Mai 1854 zu iMergentheim in Württemberg geborenen O 1 1 o - 
mar Mergenthaler. Derselbe kam im Jahre 1872 nach Amerika, wo er 
sich zuerst in Washington, später in Baltimore mit der Herstellung feiner elek- 
trischer Instrumente und mit Entwürfen für eine Schriftsetzmaschine beschäftigte. 
Die erste wurde im Jahre 1886 im Setzersaal der New Yorker „Tribüne*' auf- 
gestellt, und bewährte sich als zeit- und arbeitskräftesparende Maschine so 
außerordentlich, daß sie sowohl in Nordamerika wie in Europa und Austrahen 
überall Eingang fand. Mit ihrer Herstellung befaßten sich in den Vereinigten 
Staaten die „Mergenthaler Printing Company" und seit 1891 die „Mergenthaler 
Linotype Company of New Jersey". Leider wurde dem am 28. Oktober 1899 
in Baltimore verstorbenen Erfinder nicht der gebührende Lohn zuteil. Es er- 
ging ihm, wie so vielen anderen, die durch das ausbeutende Kapital um den 
verdienten klingenden Erfolg gebracht wurden. 




Deutsche Gelehrte in den Vereinigten Staaten. 

Bedürfte die „Internationalität der Wissenschaft" eines Beweises, so gibt 
es keinen schlagenderen, als die überraschend große Zahl deutscher Gelehrter, 
die an dem Aufbau und der Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens in den 
Vereinigten Staaten beteiligt waren und noch beteiligt sind. Mit den Namen 
solcher Männer, die hier in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft tätig 
waren und auf das Geistesleben des amerikanischen Volkes befruchtend wirkten, 
könnte man Seiten füllen. 

Den ersten in Amerika auftretenden Pionieren deutscher Wissenschaft, 
Augustin Herrman, Johann Lederer, Franz Daniel 
P a s t o r i u s und David Rittenhausen reihten sich im 18. und 19. Jahr- 
hundert zahllose andere an, von denen viele in ihren speziellen Fächern Vortreff- 
liches leisteten, ja, insofern Amerika in Betracht kommt, die Bahnbrecher waren. 

Der erste Entomologe Amerikas war Friedrich Valentin Meis- 
heim er (1749 bis 1814), ein lutherischer Pfarrer in Pennsylvanien. Er ver- 
öffentlichte das erste Verzeichnis der im Osten der Vereinigten Staaten vorkom- 
menden Insekten. Sein Bruder Friedrich Ernst Melsheimer schrieb 
ein großes Werk über die Käfer Nordamerikas. Mitarbeiter an diesem Werk 



Kopfleiste: Ludwig Johann Rudolf Agassiz. 



— 447 — 

war der Deutschpennsylvanier Samuel Haldeman, welcher sich später 
durch ähnliche Werke über die Süßwassermollusken Amerikas auszeichnete. 

Der erste Forscher, welcher die Fische der amerikanischen Gewässer 
wissenschaftlich untersuchte, war der Regimentsarzt David S c h o e p f , der 
mit den im britischen Heer dienenden deutschen Hilfstruppen nach Amerika 
kam. Nach Beendigung des Kriegs blieb er noch ein Jahr im Lande, um die 
in der Bai von New York vorkommenden Fische zu studieren, von welchen er 
ein beschreibendes Verzeichnis lieferte. 

Als erster deutschamerikanischer Botaniker gilt der lutherische Pastor 
Gotthilf Heinrich Ernst Mühlenberg (1753 bis 1815). Er ver- 
öffentlichte über die Flora Pennsylvaniens mehrere wichtige Werke. Der Arzt 
Georg Engelmann, einer jener „lateinischen Farmer", die sich im Strom- 
gebiet des Mississippi ansiedelten, beschrieb die noch unerforschte Flora des 
Westens, wobei er weite Reisen durch Missouri, Arkansas, Louisiana und Texas 
unternahm. Die Ergebnisse seiner mit größter Sorgfalt angestellten Studien 
veröffentlichte er in zahlreichen Monographien und fachwissenschaftlichen Zeit- 
schriften. Von bleibendem Wert sind seine Untersuchungen über die Struktur 
der Kakteen, Euphorbien und Koniferen. Welchen Fleiß er entwickelte, ergibt 
sich aus einem Verzeichnis seiner Schriften, von denen C. S. Sargent in der 
„Botanical Gazette" vom. Mai 1884 nicht weniger als 112 aufzählte. Die Ge- 
lehrtenwelt zollte dem verdienstvollen Forscher reiche Anerkennung. Seine 
amerikanischen Fachgenossen setzten ihm ein dauerndes Denkmal, indem sie 
außer mehreren neuen Pflanzengeschlechtern eine der herrlichsten Fichten der 
Felsengebirge „Albis Engelm.anni" tauften. 

Die Flora des Staates Texas wurde durch Ferdinand Jakob Lind- 
heim er erschlossen, einen Studenten der Universität Jena, welcher vor den 
Verfolgungen der reaktionären deutschen Regierungen nach Amerika geflohen 
war. Er schlug seinen Wohnsitz in dem texanischen Städtchen Neu-Braunfels 
auf, von wo er zahlreiche Forschungsreisen in die noch unbekannten Wildnisse 
von Texas unternahm. Auch seinen Namen ehrten spätere Forscher, indem sie 
ihn mehreren von Lindheimer entdeckten Pflanzen als Beinamen zufügten. 

Ein Freund und Studiengenosse der beiden obengenannten, Friedrich 
Adolf Wislizenus, erwarb sich große Verdienste um die Erforschung 
der Flora und Geologie der Felsengebirge. Ferner machten sich die Deutsch- 
amerikaner David von Schweinitz, Johann Nepomuk Neu- 
mann, Wangen heim, Rafinesque, Menzel, Schott, Fried- 
rich, Fendler, Salm, Römer, Creutzfeld, Bolander, 
Geyer, Hilgard, Link, Kramer, Scheer, Poselger, Franser, 
Berland, Hoffmannsegg, Schrank, Hopf, Heyder, Deppe, 
Pfeiffer, Klotsch, Rothrock, Seubert, Hart weg, Kuhn, 
Metzger, Horkel und andere als tüchtige Botaniker bekannt. 

Gerhard Troost, ein Zögling der berühmten Bergschule zu Frei- 
berg in Sachsen, gebührt der Ruhm, der erste Gelehrte gewesen zu sein, welcher 



— 448 — 

in Amerika Vorlesungen über Geologie und Mineralogie hielt. Von 1810 bis 
1827 wirkte er als Professor der Mineralogie am Museum zu Philadelphia. Er 
war auch einer der Gründer und der erste Präsident der „Academy of Science''. 
Später siedelte er nach Nashville in Tennessee über und bekleidete den Posten 
eines Staatsgeologen. Er soll der Erste gewesen sein, welcher seine Wissen- 
schaft praktisch verwertete, indem er auf Kap Sable in Maryland eine chemische 
Fabrik, die erste in den Vereinigten Staaten, anlegte. 

Sein Berufsgenosse Karl Rominger erforschte als Staatsgeologe von 
Michigan in jahrelangen Wandrungen beide Halbinseln jenes Staates. Sein 
vier stattliche Bände umfassender Bericht erschien in den Jahren 1873 bis 1881. 

Seinem ganzen Entwicklungsgang nach gehört auch der im Jahre 1807 
im schweizerischen Kanton Freiburg geborene Naturforscher Ludwig Jo- 
hann Rudolf Agassiz zu den Deutschamerikanern. Erhielt er doch 
seine wissenschaftliche Ausbildung auf den Universitäten Zürich, Heidelberg 
und München, sowie als Schüler und Mitarbeiter der berühmten deutschen Ge- 
lehrten Oken, Schelling, Döllinger, Spix und Martins. Von letzterem wurde er 
mit der Beschreibung der Fische für sein großes südamerikanisches Reisewerk 
betraut. Agassiz' Name hatte in der Gelehrtenwelt bereits einen guten Klang, 
als er im Jahre 1846 im Auftrag des Königs von Preußen die Vereinigten 
Staaten besuchte. Seine hier gehaltenen Vorträge machten so tiefen Eindruck, 
daß die Harvard-Universität ihm die Professur für Zoologie und Geologie an- 
bot. Er nahm dieselbe an und bekleidete sie bis 1873. Der Staat Massachusetts 
unterstützte seine Bestrebungen, indem er die Mittel zur Gründung des groß- 
artigen Naturgeschichtlichen Museums zu Cambridge bewilligte, welches über- 
raschend schnell zum wichtigsten Amerikas emporblühte. Agassiz war un- 
ermüdlich tätig. Nach zahlreichen Forschungsreisen durch Nordamerika unter- 
nahm er im Jahre 1 865 eine großartige Expedition in das Gebiet des Amazonen- 
stroms. Dieser folgte später eine zweite zum Golf von Mexiko und den kali- 
fornischen Küstengewässern, wobei er, von zahlreichen Assistenten unterstützt, 
ausgedehnte Tiefseeforschungen ausführte. Die ungemein reichen Ergebnisse 
dieser Expedition veröffentlichte Agassiz in viel gelesenen Werken, von denen 
mehrere, wie z. B. „A Journey in BraziF' zahlreiche Auflagen erlebten. 

Eines der größten Verdienste Agassiz' besteht darin, daß er das Interesse 
des Amerikanertums für naturwissenschaftliche Forschungen mächtig belebte. 
Seine Darstellungsweise in Wort wie in Schrift nahm unwiderstehlich gefangen 
und begeisterte Leser und Hörer zu ansehnlichen Opfern. So empfing Agassiz 
die Mittel zur Anlage einer Station zur Beobachtung der Meeresfauna von einem 
reichen New Yorker, der ihm zu diesem Zweck 50 000 Dollar sowie die an der 
Ostküste gelegene Insel Penikese schenkte. Ein anderer Gönner stiftete für den 
gleichen Zweck eine mit allen Hilfsmitteln zur Tiefseeforschung ausgerüstete Jacht. 

Einen hervorragenden Mitarbeiter besaß Agassiz in dem mit ihm nach 
Amerika übersiedelten Grafen Ludwig Franz von Pourtales (geb. 
1823 in Neuchatel). Derselbe war, wie in einer Biographie des Grafen hervor- 



— 449 — 

gehoben wird, „in der Jugend Agassiz' Lieblingsschüler, während des langen 
wirksamen Lebens sein treuer Freund und Genosse, und die Stütze seiner im 
Alter nachlassenden Kraft." 

Nach Agassiz' Tode übernahm Pourtales auch die Leitung des Natur- 
historischen Museums und stand demselben bis zu seinem eigenen Ableben vor. 
Pourtales' Andenken lebt in der Wissenschaft als das eines der ersten Pioniere 
der Tiefseeforschung. Hauptsächlich widmete er sich der wissenschaftlichen 
Begründung des Golfstroms und seines erstaunlich reichen Lebens. 

Agassiz' Sohn Alexander, geboren 1835 in Neuchatel, steht dem 
Zoologischen Museum zu Cambridge seit 1902 vor. Die von seinem Vater in 
Südamerika begonnenen wissenschafüichen Forschungen setzte er in erfolg- 
reichster Weise fort. Sein Werk „Explorations of Lake Titicaca" machte ihn in 
weiten Kreisen bekannt. 

Mehrere deutsche Gelehrte beteiligten sich auch an den von der ameri- 
kanischen Regierung ausgesendeten Forschungsexpeditionen und bearbeiteten 
die wissenschaftlichen Ergebnisse derselben. Unter ihnen finden wir den Stutt- 
garter Arthur Schott, den Heidelberger Emil Bessels und andere. 
Schott gehörte jener wissenschaftlichen Kommission an, welche im Jahre 1852 
die Vermessung der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko 
vornahm. Bessels war wissenschaftlicher Leiter der berühmten „Polaris-Expe- 
dition" unter Charles Francis Hall, welche im Jahre 1871 durch den Smith 
Sund und den Kennedy-Kanal in völlig unbekannte arktische Gebiete führte. 
Nach dem Tode Halls und dem Untergang der „Polaris" rettete Bessels einen 
Teil der Mannschaften sowie die wissenschaftlichen Aufzeichnungen auf eine 
mächtige Eisscholle, von welcher die Schiffbrüchigen nach einer 196tägigen 
schrecklichen Reise von dem Dampfer „Tigress" aufgenommen wurden. Eine 
zweite, im Auftrag der Regierung unternommene Expedition, welcher Bessels 
wiederum als wissenschaftlicher Leiter vorstand, scheiterte an der Küste von 
Vancouver Island. Bessels Hauptwerk bildet das drei Bände umfassende Buch 
über die Polaris-Expedition. 

Die neueste Zeit konnte den Namen dieser Pioniere der Naturwissenschaft 
zahlreiche andere hinzufügen, wie z. B. diejenigen des Paläontologen T i m o - 
t h ä u s C o n r a d , des Biologen Georg Eugen Beyer, des Ornitologen 
Franz Nehrling, der Zoologen Karl H. Eigenmann, Arnold 
Ortmann, der Entomologen Georg H. Hörn, E. A. Schwarz, 
Otto Lugger, Hermann von Bahr, Hermann Strecker, 
A. Hagen, William Beute nmüller, Henry Ulke, der 
Geologen Eugen Waldemar Hilgard, Georg Ferdinand 
Becker, Karl Schuckert, Rudolf Rüde mann und George 
Frederick Kunz. Der letzte lieferte in seinem Buch „Gems and precious 
stones of North America" die erste Übersicht über die Edelsteine Nordamerikas. 
Im Jahre 1906 schuf er in seinen, in nur 100 Exemplaren gedruckten „Investi- 
gations and Studies in Jade" ein Monumentalwerk von ungewöhnlicher Kost- 

Cronau, Deutsches Leben in Amerika. 29 



— 450 — 

barkeit. Es enthält eine mit zahlreichen Farbentafeln und Radierungen ge- 
schmückte Beschreibung der herrlichen Jadeit-Sammlung, die von dem Ameri- 
kaner H. Bishop in vielen Jahren zusammengebracht vv^urde und sich jetzt im 
Besitz des „Naturhistorischen Museums der Stadt New York" befindet. Ein 
drittes von Kunz verfaßtes, ungemein reich ausgestattetes Werk ist das im Jahre 
1908 in Nev/ York erschienene „Book of the Pearl". 

Auch auf den weiten Gebieten der Altertums- und Völkerkunde leisteten 
deutschamerikanische Gelehrte Bedeutendes. Als Archäologen machten sich 
Philipp Valentini, Karl Hermann Berendt, G'.istavBrühl 
und der lange Jahre mit dem „Smithsonian Institute" zu Washington verbundene 
Karl R a u bekannt. 

Auch der Name des im Jahre 1840 zu Bern geborenen Adolf Franz 
B a n d e 1 i e r hat einen ausgezeichneten Klang. Im Auftrag des „Archäolo- 
gischen Instituts von Amerika" und des „Naturgeschichtlichen Museums zu 
New York" durchforschte Bandelier jahrzehntelang Neu-Mexiko, Arizona, 
Mexiko, Zentralamerika, Peru und Bolivia. Seine dabei gewonnenen Beobachtungen 
und Schlüsse führten förmliche Umwälzungen in den die ältere Geschichte jener 
Länder betreffenden Anschauungen herbei. 

Auf dem von Bandelier mit so großem Glück bearbeiteten Gebiete ist 
auch der 1856 in Dresden geborene, später an der Universität von Kalifornien 
und jetzt als Direktor des Museums zu Lima, Peru, angestellte Archäologe 
Friedrich MaxUhle tätig. Seinem Eifer verdankt die Wissenschaft gleich- 
falls manche neue Aufschlüsse. Uhle lieferte den Text zu dem großen, in 
Deutschland veröffentlichten Prachtwerk „Kultur und Industrie südamerika- 
nischer Völker nach den im Besitz des Museums für Völkerkunde zu Leipzig be- 
findlichen Sammlungen", Berlin 1887; desgleichen beteiligte er sich an dem Monu- 
mentalwerk A. Stübels über „Die Ruinenstätte von Tiahuanaco", Breslau 1892. 

Mit dem Studium der lebenden Indianer befaßten sich als erste bereits 
im 18. Jahrhundert die Herrnhuter Missionäre David Zeisberger und 
Johann Hecke weider. Ihre Aufzeichnungen über die Stämme im oberen 
Stromgebiet des Ohio sind für den Freund der Völkerkunde wahre Fundgruben. 
Dasselbe läßt sich von den Werken des katholischen Missionars Friedrich 
Baraga sagen, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den Otta- 
was, Pottawatomies und Chippewas lebte und außer Lehr- und Wörterbüchern 
der Sprachen jener Stämme eine wertvolle Darstellung ihrer Sitten und Ge- 
bräuche hinterließ. 

Dem im Jahre 1809 in Dresden geborenen, in New York verstorbenen Advo- 
katen Hermann Ernst Ludewig verdankt man das großartig angelegte 
bibliographische Werk „The Literature of American Aboriginal Languages". Mit 
Zusätzen des Professors M. W. Turner in Washington versehen, erschien es nach 
dem Tode Ludewigs 1858 in London. Das Buch enthält literarische Nachweise 
über die Geschichte, Sprache, Religion und Sitten von mehr als tausend In- 
dianerstämmen. 



— 451 — 

Die größte Anerkennung für seine Leistungen auf dem Gebiet der ameri- 
kanischen Linguistik gebührt aber dem 1832 im Kanton Bern geborenen 
Albert S. Gatschet, welcher viele Jahre mit dem in Washington begrün- 
deten „Bureau of American Ethnology'' verbunden war und als der bedeutendste 
Kenner nordamerikanischer Indianersprachen galt. 

Gleichfalls auf linguistischem und ethnologischem Gebiet betätigte sich 
der im Jahre 1858 in Minden geborene Franz Boas. Nachdem er sich zu- 
erst durch ausgedehnte Forschungen unter den Eskimos von Baffin Land vor- 
teilhaft bekannt gemacht hatte, verlieh er später als Urheber und Leiter der vom 
„Naturhistorischen Museum der Stadt New York" ausgerüsteten „Jesup-Expe- 
dition" seinem Namen einen Klang, der in der Geschichte der ethnographischen 
Forschung nie verhallen wird. Jene, im Frühling 1897 anhebenden, eine Reihe 
von Jahren hindurch fortgesetzten Expeditionen verfolgten den Zweck, die so 
wichtige Frage der Beziehungen zwischen den Ureinwohnern Asiens und Ame- 
rikas ihrer Lösung näherzubringen. Die außerordentlich reichen Ergebnisse 
dieser von Professor Boas, Harlan Smith, James Teit, Gerhard Fowke und 
Livingstone Farrand an der Nordwestküste Nordamerikas, von Waldemar 
Bogoras, W. Jochelsen und L. Sternberg in Sibirien, und von Berthold Läufer 
am Amur und in China ausgeführten Forschungsreisen sind in zahlreichen, vom 
„Naturhistorischen Museum zu New York" veröffentlichten Monographien 
niedergelegt. Insgesamt bilden diese ein stolzes Monumentalwerk, wie deren 
die amerikanische Wissenschaft nur wenige aufzuweisen hat. 

Von den Schülern Boas' tat sich der Deutschamerikaner Alfred 
L. Kroeber durch gediegene Arbeiten über verschiedene Indianerstämme, 
besonders diejenigen Kaliforniens, hervor. 

William S. H o f f m a n n , ein Deutschpennsylvanier, schrieb wert- 
volle Monographien über die Menomoni-Indianer und die bildlichen Darstel- 
lungen der Eskimo. Beide Werke kamen in den Jahrbüchern des „Bureau of 
American Ethnology" und des „Smithsonian Institute" zum Abdruck. 

Als wissenschaftlicher Leiter der im Jahre 1888 von der Universität von 
Pennsylvanien veranstalteten Expedition nach Babylonien, die bei der Auf- 
deckung der Ruinen von Nippur so glänzende Ergebnisse erzielte, machte sich 
Hermann V. Hilprecht bekannt. 

Für hervorragende Leistungen auf staatswissenschaftlichem Gebiet sind 
die Vereinigten Staaten in erster Linie dem am 15. März 1798 in Berlin geborenen 
Franz Lieber zu tiefstem Dank verpflichtet. Dieser in jeder Beziehung un- 
gewöhnliche Mann ging gleich vielen anderen jungen Gelehrten seinem Vater- 
lande durch die Verfolgungen der reaktionären deutschen Regierungen verloren. 
Er kam am 20. Juni 1827 in New York an, von wo er sich nach Boston wandte. 
Seine erste größere literarische Arbeit bestand in der Herausgabe der „Encyclo- 
paedia Americana", eines dreizehn Bände umfassenden amerikanischen Konver- 
sationslexikons, dem das berühmte in Leipzig herausgegebene Brockhaussche 
Konversationslexikon zugrunde lag. Die Arbeit war eine sehr umfangreiche, da 

29* 



— 452 



viele nur den deutschen Leser interessierende Abschnitte gekürzt oder aus- 
gelassen und ebenso viele amerikanische Artikel neu geschrieben und eingefügt 
werden mußten. Daß dabei ein starker Hauch deutschen Geistes in dieses Werk 
und durch dasselbe in das Amerikanertum hinein wehte, kann nicht be- 
stritten werden. 

Im Jahre 1835 erhielt Lieber einen Ruf als Professor der Geschichte und 
Volkswirtschaft an die Hochschule zu Columbia in Südkarolina. Hier lehrte er 

zwei Dezennien lang. 
^'^^^ '"'''^ Wr • ' ^^^^ Als er wegen seiner 

offen bekundeten Ab- 
neigung gegen die 
Sklaverei diese Stelle 
verlor, folgte er im 
Jahre 1857 einem Ruf 
an das „Columbia Col- 
lege" der Stadt New 
York, wo er bis zu 
seinem im Jahre 1872 
erfolgenden Tode eine 
Professur für Ge- 
schichte, Nationalöko- 
nomie und politische 
Wissenschaften beklei- 
dete. 

Liebers große 
Werke entstanden in 
Südkarolina. Als erstes 
erschien im Jahre 1838 
das „Manual of Politi- 
cal Ethics", ein Hand- 
buch der politischen 
Sittenlehre, welches der 
berühmte Jurist Story 
als die bei weitem voll- 
ständigste und beste 
Abhandlung bezeichnete, die je über die Formen und Zwecke einer Regierung 
geschrieben worden sei. 

Lieber verwirft in diesem Buch die Lehre vom Gottesgnadentum der 
Herrscher als eine unchristliche und unmoralische. Sie zu verbreiten, sei posi- 
tives Unrecht. Dem Menschen sei der Begriff von Recht und Unrecht von Gott 
eingegeben. Es sei daher Aufgabe der reinen oder abstrakten Sittenlehre, die 
Pflichten des Menschen gegen sich selbst und seinen Schöpfer sowie die daraus 
entstehenden Rechte festzustellen. Wenn dies geschehen, so wäre es Aufgabe 




Franz Lieber. 



— 453 — 

der praktischen Staatswissenschaft, zu lehren, wie diese Rechte am besten ge- 
sichert werden könnten. Den Begriff „Staat" erklärt Lieber dahin, derselbe sei 
eine Rechtsgemeinschaft oder Rechtsgesellschaft. Wie die Liebe das Grund- 
prinzip der Familie und der Glaube das Grundprinzip der Kirche bilde, so sei 
dasjenige des Staates das Recht. Die Souveränität des Staates beruhe in der 
Gesellschaft. Diese stelle den Gesamtwillen und die Gesamtkraft dar. Eine 
Ansiedlerkolonie auf einer Südseeinsel, abgesondert von jeder anderen mensch- 
lichen Gesellschaft, besitze ebensowohl Souveränität wie irgendein anderes Volk 
und könne mit demselben Recht Einrichtungen treffen und Gerichtsbarkeit aus- 
üben. Die Aufgabe des Staates bestehe in der Förderung der jeweilig erlaubten 
Lebenszwecke des Volkes, und zwar vom einzelnen bis zur Gesellschaft. Weiter 
verbreitet sich Lieber über die ethischen und philosophischen Grundlagen des 
Staates, die öffentliche Meinung, die Vereine und Gesellschaften, die poUtischen 
Parteien, das Stimmrecht, die Preßfreiheit, die Stellung der Frauen, die Pflichten 
der Volksvertreter, Richter und Beamten, über Patriotismus, friedliche Opposi- 
tion und Revolution, Demagogie und viele andere Themata. Die Grundnote 
des Buches lautet: „Kein Recht ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte!" 

Liebers zweites bedeutendes Buch erschien im Jahre 1839 unter dem Titel 
„Legal and Political Hermeneutics", Grundsätze zur Auslegung der bürger- 
lichen und politischen Gesetze. Bei der Besprechung dieser Themata entwickelte 
Lieber viele neue, überraschende Gedanken. Der Buchstabenvergötterung durch- 
aus abhold, bestand er darauf, daß der einem Schriftstück, einer Urkunde inne- 
wohnende wahre Sinn für die Auslegung maßgebend sein solle Nur wo es 
sich um die Rechte des einzelnen gegenüber der Gesamtheit handle, wie beson- 
ders in der Strafgesetzgebung, sei peinlich genaue Auslegung am Platze. Zur 
Begründung seiner Ansicht gibt Lieber viele praktische, auf vorkommende 
Fälle anwendbare Regeln. 

Im Jahre 1853 vollendete Lieber sein drittes großes Werk: „On Civil Li- 
berty and Self-Government", „Über bürgerliche Freiheit und Selbstregierung*'. 
Dasselbe stellt sich die Aufgabe, durch Vergleich der in England, Frankreich und 
anderen Ländern gültigen Freiheitsbegriffe nachzuweisen, welche Vorbedin- 
gungen, Maßnahmen und Einrichtungen zur Erzielung und dauernden Begrün- 
dung gesetzlicher bürgerlicher Freiheit notwendig seien. Lieber bezeichnet 
die amerikanische Freiheit als eine Fortsetzung, zugleich aber auch als eine be- 
deutende Erweiterung der englischen Freiheit. Dabei behandelt er sehr ein- 
gehend die die Grundlagen der englischen und amerikanischen Freiheit bildenden 
Einrichtungen, das Geschworenensystem, die repräsentative Regierung, das 
Common Law, die Selbstbesteuerung, die Unterordnung der bewaffneten Macht 
unter die Gesetzgebung, die republikanische Bundesordnung, die Trennung 
von Staat und Kirche, die gesetzgebenden Körperschaften, die Wahl der Be- 
amten, die Verfassungsurkunden, das Bürgerrecht und vieles andere mehr. 

Der Einfluß, den Lieber durch diese Werke auf das gebildete und gelehrte 
Amerikanertum ausübte, war ungeheuer. Besonders da viele Professoren, welche 



— 454 — 

an den amerikanischen Universitäten über Staats- und Rechtswissenschaft unter- 
richteten, ihren Studenten die Werke Liebers als Lehrbücher verordneten. Aber 
auch nach andrer Richtung hin übte Lieber nachhaltigen Einfluß auf die stu- 
dierende Jugend. Der Einladung folgend, vor den Studenten der Miami- 
Universität eine Ansprache zu halten, schrieb er im Jahre 1846 die kurze Ab- 
handlung „The Character of the Gentleman'', ein Essay, von v^elchem Professor 
Hatfield von der Northwestern University sagte, „es verdiene, mit goldenen 
Buchstaben gedruckt zu werden". 

Daß der rege Geist Liebers auch zu den wichtigen Fragen Stellung nahm, 
die zur Zeit des Bürgerkriegs das ganze Land bewegten, bedarf kaum der Be- 
tonung. Seine Flugschriften „Lincoln or McClellan"; ,,No party now, all for 
our Country"; „Slavery Plantations and the Yeomanry" usw., in denen er die 
unbedingte Aufrechterhaltung der Union, die kräftige Unterstützung der Bundes- 
regierung sowie die Abschaffung der Sklaverei forderte, fanden durch die „Loyal 
Publication Society" weite Verbreitung. 

Auf Anregung des Präsidenten Lincoln verfaßte er ferner „Instructions 
for the Government of Armies of the United States in the field". Dieselben 
wurden vom Kriegsministerium gedruckt und als „Generalbefehl No. 100" allen 
Stabsoffizieren als Richtschnur zugestellt. Sie bilden die erste Kodifizierung 
des humanen Kriegsrechts. Aus ihm schöpfte Bluntschli den großen Gedanken, 
das ganze moderne Völkerrecht in bestimmte Formen zu bringen. Im Jahre 
1867 schrieb Lieber das derselben Idee dienende Werkchen „Nationalismus und 
Intemationahsmus". Er schließt mit den Worten: „Die zivilisierten Nationen 
sind dahin gekommen, eine Völkergemeinschaft zu bilden, in den Schranken 
und unter dem Schutz des Vigore Divino herrschenden Völkerrechts. Sie ziehen 
den Streitwagen der Zivilisation nebeneinander, wie im Altertum die Rosse den 
Siegeswagen zogen " 

Noch als TOjähriger Greis beschäftigte Lieber sich mit einem großen Werk 
über den Ursprung und die Grundzüge der Verfassung der Vereinigten Staaten. 
Es blieb unvollendet, denn am 2. Oktober 1872 wurde er mitten in dieser Arbeit 
vom Tode abberufen. 

Liebers hohe Bedeutung ergibt sich am klarsten aus den begeisterten Ur- 
teilen seiner gleiche Bahnen wandelnden Berufs- und Zeitgenossen. Andrew 
D. White, damals Präsident der Cornell-Universität zu Ithaka, nannte ihn „einen 
Staatsphilosophen der edelsten Art". Englische Kritiker stellten ihn Montesquieu 
zur Seite; Holtzendorff bezeichnete ihn als „einen Höhepunkt poh tischer Welt- 
bildung, in welchem alle Geisteskräfte altklassischer KuHur, italienischer Kunst- 
sinnigkeit, deutscher Wissenschaft, englischer Freiheitsliebe und amerikanischer 
Unabhängigkeit zur Einheit verschmolzen waren". Er habe das seltene Bild 
eines auf allen Stufen seines Lebens rein erhaltenen Charakters dargeboten, 
dessen Wirken in der Pflege der höchsten sittlichen Interessen innerhalb der 
Rechtsformen des modernen politischen Lebens bestand. Und Professor 
J. T. Hatfield von der Northwestern -Universität zu Evanston, Illinois, schrieb: 



— 455 ~ 

„Der Einfluß dieses großen Deutschen ist für mehr denn eine Generation des 
jungen Amerikanertums von unschätzbarem Wert gewesen. Lieber muß als 
der Begründer der politischen Wissenschaften in den Vereinigten Staaten be- 
trachtet werden, als der Mann, welcher das feste Fundament legte, auf dem alle 
künftigen Geschlechter sicher bauen können. Er verband tiefes philosophisches 
Denken mit praktischem Sinn. Als Theoretiker war er ein Deutscher; an poli- 
tischer Weisheit ein Engländer; im Herzen und im Leben aber durch und durch 
Amerikaner im vollsten Sinne des Worts." 

Liebers Sohn, Norman, geboren 1837 in Columbia, Südcolumbia, lebt 
seit vielen Jahren als juristischer Berater des Kriegsministeriums zu Washington. 
Er ist Urheber der wichtigen Werke: „The use of the army in the aid of the 
civil power'^ und „Remarks on the Army Regulations", welche gewissermaßen 
Fortsetzungen der von seinem Vater stammenden „Instructions" bilden. 

Das von Lieber geplante Werk über die Verfassung der Vereinigten 
Staaten wurde später von dem L")eutschlivländer Hermann Eduard von 
Holst, einem ehemaligen Professor der Universität zu Strasburg und Frei- 
burg, geschrieben. Derselbe lehrte zuerst an der Johns Hopkins -Universität 
zu Baltimore, später an der Universität zu Chicago. Seine Hauptwerke sind 
„Verfassung und Demokratie der Vereinigten Staaten von Nordamerika" und 
„The Constitutional Law of the United States of America". Das erstgenannte 
Werk erschien in englischer Übersetzung unter dem Titel „Political History of 
the United States, 1750 bis 1833" (5 Bände, Chicago, 1876 bis 1885). 

Einem anderen Deutschen, Karl Gustav Rümelin, verdanken wir 
das bedeutende Buch „Treatise on Politics as a Science", welches im Jahre 
1875 in Cincinnati erschien. 

Bedeutende nationalökonomische Werke schrieben Friedrich List 
(„Outlines of a new System of Political Economy", Philadelphia 1827); ferner 
Johann Tellkampf („Political Economy", 1840). Im Verein mit seinem 
Bruder, dem Mediziner Theodor Tellkampf, veröffentlichte Johann Teilkampf 
ein wertvolles Werk („Über die Besserungsgefängnisse in Nordamerika und 
England", Berlin 1844). In neuerer Zeit wirkten auf nationalökonomischem 
Gebiet der in New York geborene E. R. Seligman, Professor an der 
Columbia -Universität zu New York, und der in St. Louis geborene Frank 
William T a u s s i g an der Harvard- Universität. Der letzte ließ die Werke 
„Wages and Capital", „Tariff History of the United States" und „The Silver 
Situation in the United States" erscheinen. 

Unter den sehr zahlreichen Theologen deutscher Abstammung war be- 
sonders ErnstLudwigHazeliusein eifriger Forscher. Er schrieb eine 
vier Bände umfassende „Church History" (New York 1820 bis 1824); sowie 
eine „History of the American Lutherian Church, from its commencement in 
1865 to 1842" (Zanesville, Ohio, 1846), welche einen äußerst wichtigen Beitrag 
zur Geschichte des Deutschtums in den Vereinigten Staaten bildet. 

Philipp Schaff verfaßte die Werke : „The Principles of Protestan- 



— 456 — 

tism", 1845; „America, its political, social and religious character*\ 1855; 
„History of Ancient Christianity'', 1860; „Slavery and the Bible" und 
andere mehr. 

Zu den bedeutenderen theologischen Schriftstellern zählenfernerW i 1 h e 1 m 
Nast, Maximilian Örtel, S. S. Schmucker, L. F. Walther 
und manche andere. 

Ein sehr fruchtbarer Gelehrter war auch der Deutschösterreicher Franz 
Joseph Grund, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Professor 
der Mathematik an der Universität Harvard lehrte. Außer verschiedenen Lehr- 
büchern schrieb er „The Americans in their social, moral and political relations'', 
1837; ferner „Aristocracy in America", 1839. 

Unter den in den Vereinigten Staaten wirkenden deutschen Philologen 
waren zunächst GeorgAdler (geboren 1821 in Leipzig) und Alexander 
Jakob Schem (geboren 1826 in Wiedenbrück, Westfalen) von Bedeutung. 
Der erste war Professor der deutschen Sprache an der Universität zu New York. 
Außer zahlreichen treffhchen Lehrbüchern verfaßte er ein großes Wörterbuch 
der englischen und deutschen Sprache. Schem betätigte sich besonders als 
Enzyklopädist. Außer vielen Beiträgen für verschiedene amerikanische Sammel- 
werke verfaßte er ein „Deutsch-Amerikanisches Konversationslexikon", welches 
1873 in elf großen Bänden erschien und durch seine vielen Angaben über her- 
vorragende deutschamerikanische Persönlichkeiten und deren Leistungen beson- 
ders für die Geschichte des deutschen Elements in den Vereinigten Staaten von 
Wert ist. 

Nach Hunderten zählen die hervorragenden deutschen und deutschamerika- 
nischen Gelehrten, welche als Philologen, Philosophen, Mathematiker, Chemiker 
oder in anderen Fächern an amerikanischen LIniversitäten wirkten und noch 
wirken. Manche gewannen durch ihre Erfolge und fachwissenschaftlichen 
Werke angesehene Namen. Ich nenne beispielsweise Karl Folien, Karl 
Beck, Georg Blättermann, Oswald S ei den st i cker , Jo- 
hann Lutz, Maximilian Schele, Johann M. Schäberle, 
Isaak Nordheimer, Bernhard Rölker, Karl Günther 
von Jagemann, August Friedrich Ernst, Wilhelm Baer, 
Karl Raddatz, Karl Kreutzer, Louis Agricola Bauer, 
H. G. Brandt, F. A. Rauch, Hermann Collitz, Albert 
Faust, Oskar Bolza, Adolf Gerber, Julius Göbel, 
Georg Hench, A. R. Hohlfeld, J. Hanno Deiler, Her- 
mann Schönfeld, Ludwig und Bernhard Steiner, Wilhelm 
Rosenstengel, Otto Heller, Heinrich Raab, Gustav 
Karsten, H. K. Becker, Kuno Francke, Hugo Münsterberg 
und manche andere. 

Unter den von diesen Gelehrten verfaßten Werken sind Maximilian 
S c h e 1 e s „Romance of American History" ; Kuno Franckes „Social 
Forces in German Literature"; desselben Verfassers „History of German Litera- 



— 457 — 

ture" sowie Münsterbergs „American traits from ttie point of view of a 
German"; „Die Amerikaner' und „Aus Deutsch-Amerika" hervorzuheben. 

Eines der Hauptverdienste der in Amerika wirkenden deutschen Gelehrten 
besteht unstreitig darin, daß sie in das wissenschaftliche Leben Amerikas 
deutschen Ernst und deutsche Gründlichkeit einführten, zwei Dinge, die für 
die wahre Wissenschaft so unendlich viel bedeuten. „Deutsche Gründlichkeit", 
sa sagte Professor Ira Remsen, Präsident der John Hopkins-Universität zu 
Baltimore, „ist ein oft gebrauchter Ausdruck. Für den Gelehrten bedeutet er 
viel. Welche andere Eigenschaften Gelehrsamkeit immer haben mag, so zählen 
sie doch wenig ohne Gründlichkeit. Fragte man mich, was amerikanische 
Wissenschaft Deutschland in erster Linie verdankt, so würde ich ohne Zögern 
antworten, daß es mehr als alles andere die Tugend der Gründlichkeit sei." 



Ist der Anteil der in die Vereinigten Staaten eingewanderten deutschen 
Gelehrten an dem Aufbau und der Entwicklung des wissenschaftlichen Lebens 
Amerikas zweifellos ein ungeheurer, so ist damit aber der Einfluß der deutschen 
Wissenschaft auf die amerikanische bei weitem nicht erschöpft. 

Die zündenden Funken aus den Schriften Fichtes, Kants, Schellings, 
Goethes, Schillers, Humboldts fanden ihren Weg über den Ozean und regten 
Tausende von begeisterten amerikanischen Studenten zu Reisen nach Deutschland 
an, um auf den dortigen Universitäten ihre Ausbildung zu vollenden. Zu den 
ersten, die sich zu solchen Studienreisen entschlossen, gehören die Historiker 
George Bancroft und George Ticknor. Der erste zählte zu den Schülern 
des berühmten Geschichtsprofessors Arnold Ludwig Heeren in Göttingen, der 
zweite zu den Schülern Beneckes. 

Zur gleichen Zeit besuchten Everett, Woolsey, Feiton, Lowell, Motley, 
Longfellow deutsche Hochschulen. Die Aufsätze, welche sie über Land, Volk, 
Erziehungswesen und deutsche Literatur in amerikanischen Monatsschriften ver- 
öffentlichten, sowie der Charakter vieler ihrer größeren Werke bekunden, wie 
tief sie aus dem Quell deutschen Geisteslebens schöpften. 

Andere junge Amerikaner saßen zu Füßen der großen Gelehrten von 
Guericke, Siemens, Bunsen, Liebig, Wöhler, Fresenius, Gauß, Weber, Helm- 
holtz, Clausius, WoUny, Fraunhofer, Hellriegel, Ostwald, Sachs, Grimm, Werner, 
von Buch, Virchow, Häckel, Röntgen und Koch, um später die dem Geist, der 
Freiheit und dem Wesen der deutschen Wissenschaft entsprossenen Edelreise 
in die eigene Heimat zu übertragen.^) 

Welche Summe von Anregungen die amerikanische Wissenschaft durch 
den Austausch und Bezug wissenschaftlicher Fachliteratur aus Deutschland 
empfing, läßt sich wohl ahnen, aber nicht in irgendeiner Form feststellen. 



^) Durchschnittlich belief sich die Zahl der an deutschen Universitäten studierenden 
Amerikaner während der letzten Jahrzehnte auf 300 bis 500 pro Jahr. 



Der Einfluß des deutschen Ärztetums auf die 
amerikanische Heilkunde. 

Für die Einwandrung deutscher Ärzte in Amerika lassen sich zwei 
Hauptperioden unterscheiden: der Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges und 
das Jahr 1848. Sämtliche Regimenter deutscher Hilfstruppen, die während 
des Unabhängigkeitskriegs von den Briten und Franzosen nach Nordamerika 
gebracht wurden, waren von tüchtigen deutschen Ärzten und Chirurgen 
begleitet. Viele derselben lernten während ihres jahrelangen Verweilens Land 
und Leute so lieben, daß sie nach Beendigung der Feldzüge entweder in das 
amerikanische Heer eintraten oder sich in den Städten niederließen, wo die 
meisten infolge ihrer Geschicklichkeit rasch das Vertrauen der Bevölkerung ge- 
wannen. Einzelne in so hohem Grade, daß ihr Andenken sich für Generationen 
erhielt. So wurde beispielsweise erst vor wenigen Jahren in Schenectady, New 
York, dem Gedächtnis des deutschen Arztes von Spitzer, dem Generalarzt 
bei den revolutionären Streitkräften der Kolonie New York, ein Denkmal gesetzt. 

Ein anderer berühmter deutscher Arzt war der Preuße C. F. Wiesen- 
t h a 1. Er soll eine Zeitlang Leibarzt Friedrichs des Großen gewesen sein. Im 
Jahre 1776 stand er als Oberstabsarzt bei den Truppen von Maryland. Später 
gründete er in Baltimore die „Medizinische Schule des Staates Maryland". Die- 
selbe wurde von seinem Sohne Andrew fortgeführt, bis sie von der medizinischen 
Fakultät der Universität von Maryland abgelöst wurde. 

An der Spitze dieser Fakultät standen gleichfalls mehrere hervorragende 
deutsche Gelehrte : Johann Thomas Schaaf, Jakob Schnively 
und Peter Walt z. Samuel Becker war der Begründer der medizini- 
schen Bibliothek, während Jakob Baer, C.H. Ohr, W. H. Kemp, 
Miltenburger, Rohe, Diffenderfer, Humrickhausen und 
Neuheuser oder N i h i s e r der Fakultät als Präsidenten und Vizepräsi- 
denten vorstanden. 

Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts genossen ferner die 
deutschpennsylvanischen Familien entsprossenen Mediziner, Chirurgen und 
Anatomen Joseph Leidy, William Pepper, Samuel Groß, 
Kaspar Wistar, Eberle und Adam Kuhn großen Ruf. Sie be- 
kleideten Professuren an den hervon-agendsten Universitäten Amerikas, machten 



— 459 — 

sich aber außerdem durch zahlreiche vortreffliche fachwissenschaftliche Werke 
verdient. 

Manche deutsche Ärzte trugen auch als Gründer gelehrter Gesellschaften 
und bedeutender Hospitäler zu der glänzenden Entwicklung der Medizin und 
Chirurgie in Amerika bei. Der bereits erwähnte Professor Johann Thomas 
S c h a a f von der medizinischen Fakultät der Universität von Maryland rief im 
Jahre 1819 die „Medical Society'' des Distrikts Columbia ins Leben. Aloys 
Lützenburg war Gründer und erster Präsident der „Medical Society of 
Louisiana". Desgleichen stiftete er das zu großem Ruf gelangende „Lützenburg- 
Hospital" in New Orleans. Konstantin Hering schuf die „Homöo- 
pathische Lehranstalt zu Allentown, Pennsylvanien. 

Julius Reinhold Friedländer, geboren 1 802 in Berlin, er- 
öffnete im Jahre 1834 in Philadelphia die erste Blindenanstalt, die später in eine 
Staatsanstalt umgewandelt wurde und unter seiner bis zum Jahre 1840 wäh- 
renden Leitung zu einer Musteranstalt für die ganzen Vereinigten Staaten 
emporblühte. 

In ähnlicher Weise betätigten sich zahlreiche jener medizinischen Paladine, 
die infolge der verunglückten deutschen Freiheitsbewegung des Jahres 1848 
nach Amerika getrieben wurden. Unter ihnen waren Ernst Krako- 
witzer,von Roth, Abraham Jacobi, von Hammer, Noege- 
rath, Althaus, Vogt, Roeßler, Krehbiel und Joseph 
Schnetterdie bedeutendsten. Krakowitzer, einer der fähigsten Chirurgen der 
Universität zu Wien, gründete mit Jacobi in New York das „Deutsche Dispen- 
sary". In Gemeinschaft mit von Roth und Herczka veröffentlichte er auch die 
„New Yorker medizinische Monatsschrif t", das erste in deut- 
scher Sprache gedruckte Ärztefachblatt in Amerika. Ein Verein deutscher Ärzte 
kam in New York bereits im Jahre 1846 durch den ausgezeichneten Chirurgen 
W. Detmold zustande. 

Die ebenfalls den „Achtundvierzigern" zugehörigen berühmten Ärzte 
Gustav C. Weber in Cleveland, Adolf Zipperlen in Cincinnati, 
Kiefer in Detroit, von Herff in San Antonio und zahlreiche an- 
dere wirkten in gleicher Weise anregend. Manchen dieser Männer ver- 
dankt die Heilkunde in Amerika wichtige Fortschritte. Der Chirurg 
von Roth war der erste, welcher den Luftröhrenschnitt in den Ver- 
einigten Staaten einführte. Gustav Weber erwarb sich als Generalarzt der 
Truppen von Ohio große Verdienste um die Organisation des Medizinalwesens 
im Bürgerkriege. Namentlich drängte er auf die Anstellung tüchtiger Chirurgen. 
Er erfand auch eine neue Art, bei Operationen die Arterien zu schließen und 
Verblutung zu verhüten. Friedrich Lange führte die antiseptische Wund- 
behandlung zuerst praktisch in Amerika ein und machte auch hier die erste 
Kehlkopfexstirpation . 

Auf dem Gebiete der Augen- und Ohrenkrankheiten verdankt man den 
hervorragenden Spezialisten Hermann Knapp, Professor an der Colum- 



— 460 — 

bia-Universität zu New York und Georg Reuling, Professor an der John 
Hopkins -Universität zu Baltimore bedeutende Fortschritte. Auf die Entwick- 
lung der Histologie übte Karl Heitzmann starken Einfluß aus. Auf dem 
Gebiet der Frauenkrankheiten waren Noeggerath und Joseph 
Schnetter, in bezug auf Kinderkrankheiten Abraham Jacobi 
Autoritäten. 

Diesen älteren reihten sich in neuerer Zeit zahlreiche andere hervorragende 
deutsche Ärzte an, von denen viele als klinische Lehrer mit großem Erfolg tätig 
sind. Hand in Hand mit ihnen wirken Tausende und aber Tausende Ameri- 
kaner, die nach Deutschland zogen, um als Hörer und Schüler der an den 
dortigen Universitäten und Kliniken lehrenden großen Chirurgen und Mediziner 
ihr Wissen zu vertiefen. 

Wieviel das amerikanische Ärztetum hierdurch und durch die deutsche 
medizinische Literatur beeinflußt wurde, läßt sich natürlich weder statistisch 
noch in irgendeiner anderen Weise feststellen. Sagen kann man aber bestimmt, 
daß die amerikanische Heilkunde in den letzten fünfzig Jahren viel mehr von 
Deutschland empfangen hat, als von allen übrigen Ländern zusammengenommen. 



Deutschamerikanische Schriftsteller. 

Gegenüber den achtunggebietenden Beiträgen, die das Deutschtum der 
Vereinigten Staaten auf fast allen Gebieten menschlicher Tätigkeit zur neuwelt- 
lichen Kultur lieferte, wollen seine Leistungen auf literarischem Gebiet verhält- 
nismäßig gering erscheinen. Trotzdem mehr als 250 Jahre verflossen sind, seit- 
dem Deutsche in die Neue Welt einzogen, kann man weder das Vorhandensein 
einer bestimmt ausgeprägten deutschamerikanischen Literatur, noch das Vor- 
handensein eines deutschamerikanischen Schriftstellerstandes behaupten. Lite- 
rarische Größen gleich einem Gustav Freitag, Victor Scheffel, Paul Heyse, Fried- 
rich Spielhagen oder Hermann Sudermann sind aus dem Deutschamerikanertum 
bisher nicht hervorgegangen. Die Deutschamerikaner sind mit sehr wenigen 
Ausnahmen nur Literaten aus Liebhaberei; weshalb die ihren Federn entsprun- 
genen Werke auch nur vereinzelte Leistungen geblieben sind. Damit soll keines- 
wegs gesagt sein, daß es den Deutschamerikanern an Begabung zu literarischem 
Schaffen fehle. Die Gründe für die verhältnismäßig geringe Zahl deutsch- 
amerikanischer Literaturwerke sind anderswo zu suchen. 

Zunächst in dem beklagenswerten Umstand, daß die amerikanische Re- 
gierung sich bis zum Jahre 1909 nicht bereitfinden ließ, den Schutz, welchen sie 
jeder im Auslande gemachten technischen oder gewerblichen Erfindung, jedem 
Arbeitserzeugnis gewährt, in gleichem Umfang auch auf die geistigen Erzeug- 
nisse fremdländischer Schriftsteller auszudehnen. 

Bis zum Jahre 1893 waren sämtliche im Auslande erscheinenden Literatur- 
werke in den Vereinigten Staaten vogelfrei und konnten von jedermann nach- 
gedruckt werden. Im Jahre 1893 kam ein Copyrightgesetz zustande, welches 
fremdländischen Schriftstellern Schutz für ihr geistiges Eigentum zugestand, so- 
fern sie gewisse Bedingungen erfüllten. Die wichtigste schrieb vor, daß das 
betreffende Werk zur gleichen Zeit, wo seine Veröffentlichung im Auslande er- 
folgte, auch in den Vereinigten Staaten erscheinen müsse. Und zwar gedruckt 
von Typen und Platten, die in den Vereinigten Staaten hergestellt und ge- 
setzt sein mußten. 

Diese, lediglich die Interessen der amerikanischen Setzer und Drucker 
berücksichtigende Bedingung, die seitens der ausländischen Verleger aus finan- 
ziellen und technischen Gründen äußerst selten erfüllt werden konnte, machte 
den scheinbar gewährten Schutz völlig illusorisch. Infolgedessen konnte nach 



— 462 — 

wie vor die gesamte Masse der im Auslande erzeugten Literatur seitens der 
amerikanischen Verleger und Zeitungsherausgeber kostenlos ausgebeutet 
werden. 

Während der anglo-amerikanische Schriftsteller in seinem Erwerb Schutz 
empfing, indem man die im Auslande in englischer Sprache gedruckten Bücher 
mit sehr hohen Einfuhrzöllen belastete, blieb der deutschamerikanische Schrift- 
steller ohne solchen Schutz. Seine Produktion wurde erstickt durch die un- 
geheure Masse der in Deutschland und in anderen Reichen erzeugten Literatur, 
deren Schöpfungen, mochten es Bücher oder in Zeitungen veröffentlichte Romane 
und Aufsätze sein, in Amerika nachgedruckt werden konnten, ohne daß an ihre 
Urheber Honorare bezahlt werden mußten. 

Unter solchen Umständen war die Existenzmöglichkeit deutschamerika- 
nischer Berufsschriftsteller ausgeschlossen. Da sie für ihre Werke nur selten 
Verleger finden und klingende Erfolge erzielen konnten, so waren sie, um ihren 
Lebensunterhalt zu gewinnen, genötigt, sich in die Tagespresse zu flüchten. 
Wie viele Genies in dieser beim Erledigen der täglichen Routinegeschäfte ver- 
kümmerten, wer kann's sagen? 

Nur wenigen blieb Zeit, in dem sie umbrausenden, ihre ganze Auf- 
merksamkeit und Kraft beanspruchenden Kampf des Lebens größere Werke zu 
schaffen. Glücklicher waren einzelne Ärzte, Gelehrte und Beamte, die im 
Besitz einträglicher Stellungen nicht auf Honorare zu sehen brauchten, sondern 
die Erzeugnisse ihrer Muße sogar auf eigene Kosten drucken lassen konnten. 

Daß die Zahl solcher Werke keine große sein kann, versteht sich von 
selbst. Gegenüber der ungeheuren Menge billiger Nachdrucke der besten 
deutschen Werke ist sie verschwindend klein. 

Trotzdem befinden sich unter den von Deutschamerikanern geschaffenen 
Werken, namentlich denjenigen geschichtlichen Charakters, manche, die wegen 
ihrer Auffassung und Darstellungsweise oder wegen ihrer auf sorgfältiger 
Quellenforschung beruhenden Angaben Beachtung und Verbreitung fanden. 

Beispielsweise die acht Bände umfassende „Weltgeschichte", welche von 
dem an den Aufständen in Baden beteiligt gewesenen Achtundvierziger Gustav 
von Struve während der Jahre 1850 bis 1860 in New York veröffentlicht 
wurde und wegen des streng demokratischen Standpunktes ihres Verfassers von 
Interesse ist. 

Von Wert sind ferner RobertClemen's „Geschichte der Inquisition'- 
(Cincinnati 1849); des Theologen Philipp Schaff „Geschichte der Christ- 
lichen Kirche" (Mercersburg 1851), sowie „Amerika, seine politischen, socialen 
und kirchlich-religiösen Zustände" (Berlin 1854). Die zu Halle geborene, 
unter dem Schriftstellernamen T a 1 o j bekannt gewordene Gattin des Professors 
Eduard Robinson, eine geborene von Jakob, verfaßte während ihres lang- 
jährigen Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten eine „Geschichte des Kapitän 
John Smith (Leipzig 1847) und eine „Geschichte der Kolonisation von Neu- 
England" (Leipzig 1847). 



— 463 — 

Viel gelesen wurden seinerzeit auch Friedrich Münchs „Erinne- 
rungen aus Deutschlands trübster Zeit". Der Rheinpreuße Gustav Brühl, 
welcher als Arzt in Cincinnati tätig war, schrieb das vorzügliche Buch „Die 
Kulturvölker Alt- Amerikas". RudolfCronau lieferte in seinem zwei Bände 
umfassenden Werk „Amerika" (Leipzig 1892) ein Gesamtbild der Entdeckung 
und Erschließung der Neuen Welt von der ältesten bis auf die neueste Zeit. 
Seine in den Bahamas und St. Domingo angestellten Forschungen über die 
erste Landestelle des Columbus und dessen Begräbnisstätte werden von den 
meisten Gelehrten für jene Fragen als entscheidend betrachtet. 

Hermann A. Schumacher schilderte auf Grund sorgfältiger 
archivalischer Studien die im Auftrag der Augsburger Kaufleute Welser während 
der Jahre 1528 bis 1546 erfolgten Eroberungszüge nach Venezuela und Co- 
lumbia. Franz Löher, Anton Eickhoff und Julius Goebel 
lieferten allgemeine Übersichten über die Geschichte des Deutschtums der Ver- 
einigten Staaten, der erstgenannte in dem Buch „Geschichte und Zustände der 
Deutschen in Amerika" (Cincinnati 1847). Friedrich Kapp schrieb eine 
wertvolle „Geschichte der Sklaverei" (New York 1860), ferner vortreffliche 
Biographien der Generäle von Steuben (Berlin 1858) und Kalb (Stuttgart 1862); 
desgleichen eine Abhandlung über den „Soldatenhandel deutscher Fürsten nach 
Amerika" (Berlin 1864), sowie eine „Geschichte der deutscherL Einwandrung 
in den Staat New York" (New York 1868). Alle Werke Kapps zeichnen sich 
durch künstlerische Ausgestaltung des verwendeten Materials und warme Fär- 
bung aus. 

Oswald Seidensticker verdankt man „Bilder aus der deutsch- 
pennsylvanischen Geschichte", die zum schönsten gehören, was die Geschichts- 
schreibung in Amerika hervorgebracht hat. Von Wichtigkeit sind ferner seine 
„Geschichte der deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien" sowie seine For- 
schungen zur Geschichte des deutschen Zeitungswesens und Buchdrucks in 
Amerika. 

Hohen Wert besitzen auch die vorzüglichen Monographien mancher Mit- 
glieder der „German Historical Society of Pennsylvania". Insbesondere die 
erschöpfenden Studien von Julius Sachse, Samuel Pennypacker, 
Daniel Rupp, Daniel Cassel, Oskar Kuhns, Diffenderfer, 
Hartranft, Schmauk u. a. über die deutschen Einwandrer und Sektierer 
in Pennsylvanien. 

Der Lehrer Hermann Schuricht erforschte die Geschichte des 
Deutschtums in Virginien ; Emil Klauprecht und H. A. R a 1 1 e r m a n n 
diejenige der Deutschen im Ohiotal; Joseph Eiboeck schrieb die Ge- 
schichte der Deutschen in Iowa; WilhelmHense und ErnstBrumken 
diejenige der Deutschen in Wisconsin, und Professor Hanno Deiler jene 
der Deutschen am unteren Mississippi. Gustav Körner stellte wertvolle 
Notizen über „Das deutsche Element während der Periode 1818 bis 1848 • zu- 
sammen (Cincinnati 1880). 



— 464 — 

Gert Göbel schilderte in seinem Buch „Länger als ein Menschenleben 
in Missouri'' (St. Louis 1877) das Leben der deutschen Hinterwäldler; Fried- 
rich Rübesamen das Grenzlerleben in Texas, Neu -Mexiko und 
Arizona. 

Zahlreiche Schriften vermischten Inhalts lieferte der bereits mehrfach er- 
wähnte Achtundvierziger Karl H e i n z e n , ein ungestümer Feuergeist, der 
in den Vereinigten Staaten Hauptführer der radikalen deutschen Demokraten 
wurde. Von seinen größeren Werken verdienen die in den Jahren 1867 bis 1879 
erschienenen vier Bände „Teutscher Radikalismus in Amerika" sowie die beiden 
Bände „Erlebtes" (Boston 1864 und 1874) hervorgehoben zu werden. 

Ebenso fruchtbar, aber durchaus andere Wege wandelnd ist Karl 
K n o r t z. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit literatur- und kulturgeschicht- 
lichen Studien und veröffentlichte als Ergebnisse derselben zahlreiche kleinere 
Werkchen. 

Feuilletonistisch behandelte Reiseschilderungen lieferte Theodor 
K i r c h h o f f in seinen vortrefflichen „Californischen Kulturbildem" und in 
seinen „Reisebildern und Skizzen" (Altona 1875); denselben verwandt sind 
Rudolf Gronaus „Von Wunderland zu Wunderland, Landschafts- und 
Lebensbilder aus den Staaten und Territorien der Union" (Leipzig 1885); „Im 
wilden Westen" (Braunschweig 1890) und „Fahrten im Lande der Sioux" 
(Leipzig 1885). 

Ziemlich zahlreich sind die von Deutschamerikanern verfaßten Romane, 
Novellen und Erzählungen. Aber die meisten verfielen samt den Tageszeitungen, 
in denen sie veröffentlicht wurden, der Vergessenheit. LJnter ihren Urhebern 
befand sich der geistvolle Achtundvierziger Friedrich Hassaureck, 
dem wir die vortrefflichen, auch in Buchform veröffentlichten Romane „Hier- 
archie und Aristokratie" und „Das Geheim.nis der Anden" verdanken. Fried- 
rich Otto Dresel schrieb den Roman „Oskar Weiden", ferner die No- 
vellen „Bekenntnisse eines Advokaten", „Doppelehe oder keine Doppelehe" und 
„Die Lebensversicherungs-PoHce". Friedrich Lexow verfaßte die No- 
vellen „Auf dem Geierfels", „Imperia", und „Vornehm und gering". Sein 
Bruder Rudolf Lexow schrieb die Novellen „Annies Prüfungen" und „Der 
Rubin" ; während der geschickten Feder Karl Diltheys verschiedene No- 
vellen und Erzählungen, darunter „Die schönsten Tage einer Tänzerin", 
„Henriette Sonntag", „New York in alten Tagen" u. a. entflossen. ■ 

Der gelehrte Arzt Hermann von Bahr in San Francisco, ein Acht- 
undvierziger, veröffentlichte unter dem Pseudonym Atti Cambam den Roman 
„Dritte Söhne", welcher in der Kölnischen Zeitung zum Abdruck kam und aus 
dieser in verschiedene deutschamerikanische Tagesblätter überging. R e i n - 
hold Solger schuf in seinem „Anton in Amerika" eine Novelle von blei- 
bendem Wert. D o u a i lieferte den Roman „Fata Morgana", und Willi- 
bald Winkler den „Sklaven jäger". Diesen Werken reihten sich während 
des letzten Vierteljahrhunderts die unter dem Pseudonym D. B. Schwerin 



— 465 — 

veröffentlichten Romane der Dichterin Dorothea Böttcher an: „Der 
Sohn des Bankiers" und „Die Erbschleicher" ; ferner Udo Brachvogels 
„King Korn" und „Adolf Schaff meyers Romane „Ein Phantom", „Auf 
steiler Höhe" und „Im Wirbel der Großstadt". 

Der kernige Journalist EduardLeyh schrieb die deutschamerikanische 
Erzählung „Tannhäuser" ; Johann Rittig lieferte charakteristische „Feder- 
zeichnungen aus dem amerikanischen Stadtleben" ; und Caspar Stüren- 
burg „Klemdeutschland, Bilder aus dem New Yorker Alltagsleben". Ver- 
wandte Erscheinungen sind Henry Urbans „Just zwölf"; „Der Eisberg"; 
„Mans Lula"; „Aus dem Dollarlande" und „Lederstrumpfs Erben". Femer 
Edna Ferns „Gentleman Gordon" ; „Der Selbstherrliche und andere Ge- 
schichten". G. von S k a 1 ließ die Sammlung „Im Blitzlicht" und „Das 
amerikanische Volk" erscheinen. Der schlichte Kürschner Hugo Bertsch 
veröffentlichte die beiden Novellen „Bob, der Sonderling" und „Die Ge- 
schwister" (Stuttgart 1905), welche durch ihre drastische Darstellungsweise 
auch in Deutschland Aufsehen erregten. 

Unter den Deutschamerikanern, welche sich mit großem Geschick der 
englischen Sprache zu bedienen lernten, steht Karl Schurz obenan. Die 
gleiche glänzende Ausdrucksweise, über welche er als Redner gebot, bekundete 
er auch in seinen historischen Werken. Zu diesen gehören in erster Linie die 
in englischer Sprache geschriebenen Lebensschilderungen des amerikanischen 
Staatsmannes Henry Clay (Boston 1887) und des Präsidenten Abraham Lin- 
coln (London 1892). Ungemein fesselnd sind auch seine „Erinnerungen aus 
einem langen Leben" (Berlin 1906). Dieselben erschienen zuerst in englischer 
Sprache unter dem Titel „Reminiscences of a long life" (New York 1906). 
In ihnen schilderte der hochbetagte, aber noch vom Feuer des Idealismus durch- 
glühte Greis die Denkwürdigkeiten seines Lebens, das so reich an Arbeit, 
Mühen, Kämpfen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Erfolgen war, wie es nur 
w^enigen Menschen beschieden ist. Für die Beurteilung des Aufstandes von 
1848 sowie der politischen Zustände der Vereinigten Staaten in der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts bilden diese Erinnerungen zweifellos ein Quellen- 
werk allerersten Ranges. 

Fast ebenso gewandt wie Schurz wußte der im August 1830 in West- 
falen geborene Karl Nordhoff die englische Sprache zu handhaben. Die 
Erfahrungen seiner ursprünglichen Seemannslaufbahn verwertete er in den 
Werken „Man of War Life"; „Merchant Vessel"; „Whaling and Fishing"; 
„Stories of the Island World". Als Nordhoff sich später dem Journalismus 
zuwandte und für die New Yorker „Evening Post" und den „Herald" tätig 
war, schrieb er vielgelesene Reisewerke über Kalifornien, Oregon und die 
Sandwichinseln. Sein berühmtes Buch „The Cotton States" (New York 
1876) gab zu überaus heftigen Kontroversen Anlaß, da Nordhoff die nach dem 
Bürgerkrieg in die Südstaaten einströmenden republikanischen Beutepolitiker 
sowie die verkehrten Maßnahmen der Bundesregierung für die im Süden zutage 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 30 



— 466 — 

tretenden Mißstände verantwortlich machte. Eines seiner wertvollsten Bücher 
beschreibt die „Communistic Societies in the United States". 

Rudolf Gronau ließ zu Ende des Jahres 1908 in New York sein 
erstes in englischer Sprache geschriebenes Werk unter dem Titel „Our wasteful 
nation, the story of American prodigality and the abuse of our national resources" 
erscheinen, das sich in energischer Weise gegen die maßlose Vergeudung und 
den Mißbrauch der natürlichen Hilfsquellen Amerikas richtet. Dem als Pro- 
fessor der Musik an der Harvard-Universität tätigen Komponisten Fried- 
rich Louis Ritter verdanken wir eine in Boston erschienene „History of 
Music in the form of lectures" sowie das Werkchen „Music in America''. 

Der deutschamerikanischen Literatur darf man auch manche Werke bei- 
zählen, die von deutschen Novellisten und Romanschriftstellern während ihres 
längeren Verweilens in den Vereinigten Staaten geschrieben wurden. 

Zu ihnen gehören in erster Linie einige Romane des am 3. März 1793 in 
Seefeld, Unterösterreich geborenen Karl P o s t e 1. Ursprünglich dem Orden 
der Kreuzherm zu Prag angehörend, entwich er im Jahre 1822 dem Kloster 
und begab sich nach Amerika. In New York verweilte er bis 1826. In den 
Jahren 1828 bis 1830 bereiste er die Südstaaten und sammelte hier das Material 
zu seinem ersten großen, in englischer Sprache geschriebenen Roman „Tokeah 
or the White Rose" (Philadelphia 1828). Derselbe erschien später in einer 
von ihm selbst vollzogenen deutschen Bearbeitung unter dem Titel „Der 
Legitime und die Republikaner" (Zürich 1833). Diesem Roman schlössen sich 
„Transatlantische Reiseskizzen" (1833), „Lebensbilder aus der westlichen 
Hemisphäre", „Pflanzerleben und die Farbigen", „Nathan der Squatter-Regu- 
lator", „Deutschamerikanische Wahlverwandtschaften", sowie der prächtige 
Roman „Virey und die Aristokraten" an. Lange Zeit gehörte dieser unter dem 
Pseudonym CharlesSealsfield verborgene Autor zu den meist gelesenen 
beider Erdteile. Ein genialer Beherrscher der Sprache, ein ungemein scharfer 
Beobachter, begabt mit einer reichen, glühenden Phantasie, entrollte er seinen 
Lesern eine neue Welt mit bisher nie geschilderten Menschen Charakteren. In 
scharfen Umrissen zeichnete er den schlauen Yankee, den leichtlebigen Fran- 
zosen, den bedächtigen Deutschpennsylvanier, den sinnlichen Kreolen und die 
Kreolin, den kühnen Trapper und den zähen Kulturpionier des fernen Westens. 
Und als Hintergründe lieferte er farbensprühende Landschaftsgemälde vom 
Ohio, dem Mississippi, aus den Prärien von Texas und den grünen Gebirgen 
Vermonts. 

Ihm verwandt sind Otto Ruppius, Friedrich Gerstäcker 
und Balduin Möllhausen, welche gleichfalls längere Zeit in den Ver- 
einigten Staaten weilten. Zu den Früchten dieses Aufenthalts gehören Ruppius' 
vielgelesene Romane „Der Pedlar", „Das Vermächtnis des Pedlars" und „Der 
Prärieteufel". Gerstäcker veröffentlichte als literarische Ergebnisse jahrelanger 
Wanderungen sein Tagebuch unter dem Titel „Streif- und Jagdzüge durch die 
Vereinigten Staaten von Nordamerika" (1844). Außerdem verfaßte er die Ro- 



— 467 — 

mane „Die Regulatoren in Arkansas" (1845), „Die Flußpiraten des Mississippi" 
(1848); femer „Mississippibilder" (1847), „Amerikanische Wald- und Strom- 
bilder" (1849) und „Kalifornische Skizzen" (1856), die wegen ihrer frischen, 
unterhaltenden Schilderungen weite Verbreitung fanden. — Der Aufenthalt 
Möllhausens in den Vereinigten Staaten fällt in die Mitte des 19. Jahrhunderts, 
wo er mit dem Herzog Karl von Württemberg und später als Topograph und 
Zeichner zweier amerikanischer Expeditionen den fernen Westen, insbesondere 
Neu-Mexiko und Arizona, bereiste. Diese Fahrten beschrieb er in dem „Tage- 
buch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee" (1858) und in 
„Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas" (1861). Außerdem verfaßte er 
zahlreiche Romane, von denen die bekanntesten „Die Mandanenwaise", „Der 
Reiher" und „Der Schatz von Quivira" in den von Möllhausen besuchten Teilen 
der Neuen Welt spielen. Die bereits erwähnte Schriftstellerin von Jakob 
(T a 1 o ]■) verfaßte während ihres Aufenthaltes in Amerika die Romane „Heloise, 
or the unrevealed secret" (New York 1850) und „Die Auswanderer" (Leipzig 
1852), welches Buch im folgenden Jahre unter dem Titel „The Exiles" auch in 
New York erschien. 



Beweise, daß es ihnen an Geschick zu literarischen Arbeiten nicht fehlt, 
haben die Deutschamerikaner zur Genüge abgelegt. Nachdem im Jahre 1909 
endlich eine dem modernen Zeitgeist entsprechende Verbesserung der ameri- 
kanischen Copyright-Gesetze erfolgte und jene Vorschrift, daß fremdsprachliche 
Werke, um den Schutz der amerikanischen Gesetze genießen zu können, in 
Amerika gesetzt und gedruckt sein müssen, aufgehoben wurde, ist auch für die 
deutschamerikanische Literatur eine Möglichkeit eröffnet worden, sich voller 
und kräftiger zu entfalten. 



30' 



Die deutschamerikanische Dichtung des 19. und 20. Jahr- 
hunderts. 



Der schlichte, tiefreli- 
giöse Sinn, der für die wäh- 
rend der Kolonialzeit entstan- 
denen deutschamerikanischen 
Dichtungen so bezeichnend 
war, wich zu Anfang des 
19. Jahrhunderts mit dem Ein- 
strömen einer anders gearteten 
Einwandrung. Die Deutschen, 
welche um jene Zeit, ange- 
widert von den rückschritt- 
lichen Maßregeln der deut- 
schen Regierungen, ihr Vater- 
land verließen, waren weder 
mystische Schwärmer gleich 
Kelpius und Beissel, noch 
stillzufriedene beschauliche 
Gelehrte wie Pastorius. 

Sie repräsentierten ein 
neues Geschlecht voll idealer 
Begeisterung, voll Empfäng- 
lichkeit für die Reize und den 
Sonnenglanz dieser Welt. Sie 
waren Himmelsstürmer, von 
Tatendrang durchglühte Agi- 
tatoren, die zum menschlichen 
Fortschritt, zum Erlangen hö- 
herer persönlicher und geisti- 
ger Freiheit beitragen wollten. Für Frauenschönheit, für das Glück echten 
Familienlebens, für die Erhabenheit der neuweltlichen Natur, für die Größe des 
amerikanischen Freiheitsgedankens hatten sie ein offenes Auge und ein warmes 
empfängliches Gemüt. Kein Wunder, daß die von ihren Lippen strömenden 
Lieder anderen Klang besaßen. Sie sangen von Lenz und Liebe, priesen Wein, 




Frauenfigur. Von Henry Linder, New York. 



— 469 — 

Weib und Gesang, feierten Mannskraft und Heldenmut, wenig danach fragend, 
ob jemand und wer ihnen lausche. 

Und zahlreich wie die einander treibenden Wellen eines Waldbachs 
fluten die Namen solcher deutschamerikanischen Dichter und Dichterinnen da- 
her, die inmitten des rastlosen Geschäftslebens den Sinn für das Schöne und 
Ideale zu bewahren wußten. Alle aufzuführen und in Kategorien zu bringen, 
wäre ein Unterfangen, das sich an dieser Stelle aus räumlichen Rücksichten ver- 
bietet. Sind doch in den Sammelwerken deutschamerikanischer Dichtungen, die 
bisher in den Vereinigten Staaten erschienen, ihrer mehr als 400 durch Beiträge 
vertreten. 

Natürlich haben die von diesen Sangesfrohen gelieferten Dichtungen sehr 
verschiedenen Wert. Wie unter den gefiederten Sängern, so sind auch unter 
den die Feder gebrauchenden die Nachtigallen selten. Aber auch unter den von 
deutschamerikanischen Poeten geschaffenen Dichtungen gibt es manche, die der 
Literatur jedes Volkes zur Ehre gereichen würden. 

Einige der herrlichsten sind der deutschen Heimat gewidmet. 

Wer in den Werken der deutschamerikanischen Dichter blättert, wird die 
Überzeugung gewinnen, daß bei vielen dieser Männer das Heimweh das trei- 
bende Motiv war, das sie zu Poeten machte und ihre Klage zu Versen formte. 

Konnte es anders sein? — Die politischen Flüchtlinge, welche vor und 
nach dem Jahre 1848 an die Gestade Amerikas verschlagen wurden, liebten ihr 
Vaterland aus tiefster Seele. Seiner Größe und Einigung hatte ihr ganzes Sinnen 
und Trachten gegolten ; ihm gehörten ihre Gedanken bei Tage wie bei Nacht ; in 
seinen Schoß hofften sie zurückzukehren, in seinem heiligen Boden einst be- 
graben zu werden. Daß man sie, die nur Deutschlands Herrlichkeit herbei- 
führen wollten, von dort vertrieben, erfüllte sie mit Bitterkeit, hinderte sie aber 
nicht, der Heimat treue Liebe zu bewahren. 

Die heiße Sehnsucht nach den fernen Fluren ließ manche dieser Ge- 
ächteten für ihre Lieder Töne finden, wie sie ergreifender kaum erklangen, seit- 
dem die in Gefangenschaft geratenen Juden an den Wassern von Babylon des 
fernen Zion gedachten. Mit solchen tiefempfundenen „Heimatklängen" könnte 
man allein einen stattlichen Band füllen. Für die Echtheit der in ihnen offen- 
barten Empfindung sprechen folgende Beispiele. 

Da dichtete der seit dem Jahre 1854 unter dem grünen Rasen ruhende 
„Achtundvierziger'* Heinrich Schnauffer: 

Oh, sprich von keiner schönern Zone — 

Ich hang an meinem Heimatland, 

Und mir ist aller Länder Krone 

Des Rheines rebengrüner Strand. ' • 

Oh, sprich nicht von des Südens Palmen — 
Des Schwarzwalds süße Tannennacht, 
Das Tal mit Blumen und mit -Halmen — 
Wo find' ich diese deutsche Pracht? — 



— 470 — 

Oh, sprich von keinem bessern Volke, 
Als das, was meine Sprache spricht! 
Der Stern bleibt Stern, auch wenn die Wolke 
Verfinstert hat sein goldnes Licht; 

Und jene Sprache, sanft und linde. 
Klingt sie im Herzen fort und fort, 
Darin die Mutter mit dem Kinde 
Gekoset einst das erste Wort. 

Oh, sprich von keinen froher'n Stunden, 
Die hier die Zukunft bringen mag: 
Die Heimat heilt die tiefsten Wunden 
Und Freuden bringt sie jeden Tag. 

Oh, Zeit! wo froh im Lenz als Knabe 
Ich wilde Rosen suchen ging, 
Und kniend auf des Vaters Grabe 
Ums Kreuz die duft'gen Kränze hing! 

Oh, sprich von keinem treuem Herzen 
Und sprich von keinem fremden Glück, 
Mild, wie der Strahl der Himmelskerzen 
Ist meines deutschen Mädchens Blick. 

Zum Heimatland steht mein Verlangen, 
Ein müder Fremdling, such' ich Ruh', 
Und wo das Licht mir aufgegangen. 
Drück' man mir auch die Augen zu. 

Der auf einem stillen Friedhof des Staates Illinois schlafende Pfälzer Emil 
D i e t z s c h schrieb : 

Ich hab' hier manches lange Jahr 
Als Mann mich durchgestritten; 
Ob's Sturm, ob Friedensstille war, 
Ob ich frohlockt, gelitten: 
Ich könnt' des Heimwehs Herzeleid 
Doch niemals ganz bezwingen. 
Es heilet vieles ja die Zeit, 
Nicht wollt' ihr das gelingen. . . 

Von Albert Wolff, der im seen- und wälderreichen Minnesota be- 
graben liegt, rührt folgende Dichtung : 

Wie, was ist das, du alter Kerl? 
Im Auge eine Tränenperl? 
Ja! ja! so ist's. Wer kann dafür? 
Mein Vaterland, das bring' ich dir! 



— 471 — 

Die Träne ist der Diamant, 
Den rein ich hielt im fremden Land; 
Ich seh's, ich seh's, das Kleinod mein, 
Lag tief im heil'gen Herzensschrein! 

Ich hab' es selbst nicht mehr gewußt, 
Daß ich es trug in meiner Brust, 
Daß ich dich ganz noch mein genannt, 
O heil'ge Lieb' zum Vaterland! 

Wohl das ergreifendste dieser Lieder stammt von dem am 9. März 1897 
in Milwaukee verstorbenen Konrad Krez. Es trägt die Übersclirift : An 
mein Vaterland. 

Kein Baum gehörte mir von deinen Wäldern, 
Mein war kein Halm auf deinen Roggenfeldern, 
Und schutzlos hast du mich hinausgetrieben. 
Weil ich in meiner Jugend nicht verstand. 
Dich weniger und mehr mich selbst zu lieben 
Und dennoch lieb ich dich, mein Vaterland! 

Wo ist ein Herz, in~ dem nicht dauernd bliebe 
Der süße Traum der ersten Jugendliebe? 
Doch heiliger als Liebe war das Feuer, 
Das einst für dich in meiner Brust entbrannt; 
Nie war die Braut dem Bräutigam so teuer, 
Wie du mir warst, geliebtes Vaterland. 

Hat es auch Manna nicht auf dich geregnet. 
Hat doch dein Himmel reichlich dich gesegnet. 
Ich sah die Wunder südlicherer Zonen, 
Seit ich zuletzt auf deinem Boden stand; 
Doch schöner ist als Palmen und Zitronen 
Der Apfelbaum in meinem Vaterland. 

Land meiner Väter! länger nicht das meine, 

So heilig ist kein Boden wie der deine. 

Nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden, 

Und knüpfte mich an dich kein lebend Band, 

So würden mich die Toten an dich binden, 

Die deine Erde deckt, mein Vaterland! 

Oh, wollten jene, die zu Hause blieben, 

Wie deine Fortgewanderten dich lieben, 

Bald würdest du zu einem Reiche werden, 

Und deine Kinder gingen Hand in Hand, 

Und machten dich zum größten Land auf Erden, 

Wie du das beste bist, o Vaterland! 

Wie aus der letzten Strophe hervorgeht, entstand die Dichtung lange vor 
den Jahren 1870-71. 



— 472 — 

Daß an den die politische Einigung Deutschlands bringenden großen 
Ereignissen jener Jahre die nach Amerika geflohenen „Achtundvierziger'* den 
lebhaftesten Anteil nahmen, ist selbstverständlich. War doch die Einigung aller 
deutschen Stämme, die Erhebung des Deutschen Reichs der Traum ihrer Jugend, 
die Sehnsucht und Hoffnung ihres Alters gewesen. 

Mit welcher Begeisterung und Kampfesfreude sie den Taten der deutschen 
Truppen in Frankreich folgten, erhellt aus folgendem „Gruß der Deutschen in 
Amerika*', den Kaspar Butz über das Meer sandte. 

Wenn Wünsche Kugeln wären, wenn Blitz und Donnerschlag 
Der längst Verbannten zürnen, jetzt am Entscheidungstag, 
Wie würd" der Donner rollen gewaltig übers Meer, 
Für Deutschland eine Salve und für sein tapfres Heer! 

Vergessen ist ja alles, vergessen jede Not, 

Vergessen jedes Urteil, ob es auch sprach: der Tod! 

Für dich, o Muttererde, du Land der Herrlichkeit, 

Auch deine fernen Söhne, sie stehen mit im Streit! 

Nicht Zeit ist's mehr für Worte! Gott grüße dich mein Land! 

Wie stehst du stolz im Streite, der jetzt so jäh entbrannt! 

Ein Feigling, der verzweifelt nur einen Augenblick! 

Hol" deine alte Größe und Ehre dir zurück! 

Pflanz' auf des Wasgau's Höhen das deutsche Banner auf, 

Laß weh'n die alten Fahnen von Straßburgs Domes Knauf! 

Nun ist für deine Kammern, trotz des Jahrhunderts Hohn, 

Endlich die Zeit gekommen, die Zeit der Reunion!... 

Und bald darauf jubelte er: 

O große Zeit! Wir wuchsen mit bei jedem deutschen Siege; 
Wir hebten, ob der deutsche Aar das Ziel auch stolz erfliege. 
Wir fühlten, daß ein Vaterland, dem wir noch nicht verloren. 
Aus jenem grimmen Männerkampf für uns auch ward geboren . . . 

Eines der kösthchsten Güter, welches die auswandernden Deutschen mit 
in die neue Heimat nahmen, war das deutsche Lied. Unzählige in den Ver- 
einigten Staaten lebende Dichter priesen seine Zaubermacht. Der aus Alzey 
stammende Konrad Nies tat dies in folgenden Strophen : 

Als wir entflohn aus deutschen Gauen, 
Durchglüht von jungem Wanderdrang, 
Um fremder Länder Pracht zu schauen, 
Zu lauschen fremder Sprache Klang, 
Da gab zum Segen in die Ferne, 
Die Heimat uns ihr deutsches Lied, 
Das nun, gleich einem guten Sterne, 
Mit uns die weite Welt durchzieht. 



— 473 — 

Wohin auch unsere Wege führen, 
Zum Steppensaum, zum Meeresport; 
Wo immer wir ein Heim uns küren, 
Im tiefen Süd, im hohen Nord: 
Der deutschen Heimat Segensgabe 
Von unsrer Schwelle nimmer flieht. 
Und als des Herzens schönste Gabe, 
Bleibt heilig uns das deutsche Lied. 

Es klingt um hohe Urwaldtannen, 

Am blauen Golf, am gelben Strom, 

Fern in den Hütten der Savannen 

Und ferner unterm Palmendom. 

Es braust aus frohem Zecherkreise, 

Es jauchzt und schluchzt mit Mann und Maid 

Und klagt in heimattrauter Weise 

Von deutscher Lust und deutschem Leid. 

Und wo es klingt, da bricht ein Blühen 
Und Leuchten auf in weiter Rund; 
Wie Veilchenduft und Rosenglühen 
Geht's durch des Herzens tiefsten Grund. 
Was längst zerronnen und zerstoben. 
Was mit der Kindheit von uns schied: 
Es wird in Träumen neu gewoben. 
Wenn uns umrauscht das deutsche Lied. 

Wir schau'n der Heimat grüne Tale, 
Der Schwalbe Nest am Vaterhaus; 
Wir ziehn im Ostermorgenstrahle 
Durchs, alte Tor zur Stadt hinaus; 
Wir hören ferner Glocken Klingen 
Und deutscher Eichenwälder Weh'n, 
Wir fühlen junges Frühlingsringen 
Und erster Liebe Auferstehn! 

Und ob auch Früchte viel und Blüten 
Die Hand auf fremder Erde zieht. 
Wir wollen hegen doch und hüten 
Den Frühlingssproß, das deutsche Lied, 
Das uns zum Segen in die Ferne, 
Die Muttererde einst beschied, 
Und das, gleich einem guten Sterne, 
Mit uns die weite Welt durchzieht. 

Die sinnige New Yorker Dichterin Henni Hubel preist das deutsche 
Lied in folgenden Worten als einen Zauberquell : 

Ich kenn' einen nimmer versiegenden Quell, 
Der rieselt und sprudelt gar wonnig und hell; 
Und kannst du das Rauschen der Quelle verstehn, 
So wird dich ein mächtiger Zauber umweh"n. 



— 474 — 

Verstehst du mit ganzer Seele zu lauschen, 

So kündet wonnige Märchen sein Rauschen. 

Beglückend umspinnt er die Menschen, die Welt, 

Nichts gibt es, das nicht diesem Zauber verfällt. 

Ob hoch oder niedrig — ob arm oder reich — 

Er macht einen Bettler dem Könige gleich. 

Das ärmlichste Kindlein auf Mütterchens Arm 

Umschmeichelt der Zauber so lieblich und warm 

Genau wie den Sprößling im prunkenden Schloß, 

Den Reichen sowohl wie den dienenden Troß. 

Mit gleicher Macht kann er Herzen bewegen, 

Mit gleichem Entzücken Seelen erregen. 

Wärst du in der einsamsten Wüste allein, 

Der Zauber, der lullt dich in Träume wohl ein. 

Statt trostloser Öde — statt sengendem Sand 

Erscheint deinem Auge der heimische Strand, 

Die schattigen Wälder, die Berge, das Tal — 

So mildert der Zauber dir jegliche Qual. 

In jauchzender Freude entzückt er dein Herz, 

Und lindernd verscheucht er den nagenden Schmerz. 

Er lernt dich vergessen, was schwer dich bedrückt, 

Und zeigt dir, was einst und was jetzt dich beglückt. 

Wißt ihr, was so mächtig durchs Weltall zieht? 

Jener Zauberquell ist — das deutsche Lied. 

Die gleichfalls in New York lebende Dichterin Elisabeth Mesch 
weihte der deutschen Poesie folgende Strophen : 

Und ob auch längst des Schicksals rauhe Hand 
Entrissen mich dem alten Vaterland, 
Ob Freunde nicht mir folgten in die Weite: 
Das Schönste, was die Heimat mir verlieh — 
Das Liebste — gab mir dennoch das Geleite; 
Es ist allein die deutsche Poesie! 

Wohl bot die Fremde, schön und wunderbar, 
Der bunten Reize viel mir freundlich dar. 
Und manches Herz erschloß sich meinem Herzen. 
Doch wenn ich oft mit wehmutsvollem Sinn 
Gedachte meiner Seele größter Schmerzen, 
War Poesie die beste Trösterin. 

Sie ist mein Glück in dieses Daseins Hast, 
Das Herrlichste, was Menschengeist erfaßt. 
Sie ist ein weiches, wonnevolles Sehnen, 
Von göttlichen Gedanken eine Flut; 
Sie ist das Edelste von allem Schonen, 
Und mir ist wohl in ihrer sanften Glut. 

Ein heller Stern auf wechselvoller Bahn, 
So leuchte sie auch türder uns hinan. 



— 475 — 

Und labe süß aus ihrem Heiligtunie 

Die Herzen all, bedrückt von Sorg' und Müh'! 

Gepriesen sei die wunderholde Blume: 

Im fremden Land die deutsche Poesie! 

Es ist manchmal behauptet worden, den deutschamerikanischen Dichtern 
fehle die Eigenart. Ihre Poesie sei nur das ausgewanderte Echo der vaterlän- 
dischen Dichtung und variiere bis zum Überdruß das Thema vom fernen Vater- 
land, anstatt sich der von der Neuen Welt in Überfülle gebotenen neuen Stoffe 
zu bemächtigen. 

Kein Vorwurf ist ungerechter als dieser. Er konnte nur von Personen 
kommen, die weder die Mannigfaltigkeit noch den Reichtum der deutschameri- 
kanischen Poesie kennen. Diese Kenntnis wird allerdings durch den beklagens- 
werten Umstand erschwert, daß eigentliche Sammelstellen für die Werke der 
deutschamerikanischen Dichter und Schriftsteller fehlen. Da die amerikanischen 
Bibliotheken an der deutschamerikanischen Literatur nur geringes Interesse 
nehmen, so sind deren Werke mehr als alle anderen der Verzettelung und dem 
Vergessenwerden ausgesetzt. 

Daß den deutschamerikanischen Poeten der Blick für ihre Umgebung, für 
den Reichtum des sie umbrausenden Lebens nicht fehlt, könnte man durch Hun- 
derte von Dichtungen beweisen. Meisterhafte Naturschilderungen lieferten Kuno 
Francke, Julius Hoffmann, Johannes Hensen, Frank 
Silier und viele andere. 

Otto Soubron malt die düstere Einsamkeit des in Wisconsin ge- 
legenen Teufelssees in folgenden Worten : 

Starre Felsen ragen trotzig 
Um den See, den schwarzen, stillen. 
Der wie ein gebrochnes Auge — 
Leblos, kalt und unergründlich — 
Blickt verglast empor zum Himmel. 

Still, verödet ist die Gegend, 
Nur mit trägem Flügelschlage 
Überm Abgrund kreist der Adler, 
Und die Brut der Schlangen nistet 
Unten in den Felsenspalten. 

Der in Missouri geborene Priester Johannes E. Rothensteiner 
schildert das Erschließen jener in den Wüsten Mexikos heimischen, nur eine 
Nacht blühenden Wunderblume (cereus nycticalus), die als „Königin der Nacht'* 
bekannt ist. 

Den Kaktus seht im Brand der Wüste 
Ein stachlichtes Gerippe nur! 
Kein Tauwind, der ihn freundlich grüßte, 
Den Eremiten der Natur. 



— 476 — 

Fest eingeklemmt in Felsenspalten, 
Scheint jeder Lebenstrieb erstarrt: 
Mit Staub bedeckt die Runzelfalten, 
Da sehnlich er der Blüte harrt. 

Doch endlich fühlt den. Saft er drängen 
In seinem Innern voller Macht: 
Ein Knösplein sieh die Rinde sprengen 
Beim Zaiiberruf der Sommernacht. 

Und voller wird's von Stund' zu Stunde; 
Es kreist der Saft in hefßem Lauf. 
Da geht ein Leuchten durch die Runde, 
Da geht das große Wunder auf. 

Viel süßer als die Südlandsrose. 
Und leuchtender als Lilienpracht 
Im Mondlicht blüht die makellose. 
Die Königin der Wüstennacht. 

Doch wirren Spiels beim Morgengrauen 
Durchs Wüstenland die Dolde treibt, 
Verschrumpft und trostlos anzuschauen 
Das stachlichte Gerippe bleibt. 

Nur duftig haftet im Gemüte 
Das Märchen seiner kurzen Pracht, 
Bis wieder einst die Wunderblüte 
Sich öffnen mag der Sommernacht. 

Dem Föhrenrauschen der kalifornischen Sierra Nevada lauschend, schrieb^ 
der Pfarrer Johann W. Theiß folgendes Gedicht : 

Horch! — Der Föhrenwipfel Sausen; 
Lauter wird's, wie Meeresbrausen; 
Dann erstirbt der Wind, und leise 
Säuseln sie wie Schlummerweise. 

Wieder kommt der Klang gezogen, 
Schwellend wie des Meeres Wogen; 
Wieder klingt ihr Gruß in trauten 
Wonnevollen Flüsterlauten. 

Wieviel tausendmal die schöne 

Reihenfolge dieser Töne 

Wohl die Wipfel schon durchzogen, - - 

Seit der Schöpfungstag verflogen? i^ i 

Wieviel tausendmal beim Fliehen 
Der Jahrhunderte wird ziehen 
Dieser Laut durch Millionen 
Föhrenwipfel, Nadelkronen? 



— 477 — 

Einer nur verniag"s zu sagen, 
Der vernimmt der Schöpfung Klagen, 
Der vernimmt der Schöpfung Loben 
In den heil'gen Höhen droben. 

Und an den Gestaden des Atlantischen Ozeans wurde Gustav Rom 
m e 1 zu folgenden Versen angeregt : 

Wie Aolsharfen-Säuseln 
Bebt's durcTi den Lorbeerhain. 
Die Azurwogen kräuseln 
Sich sanft im Abendschein. 
Wie Gold und Demant flimmert 
In ros'ger Glut das Meer, 
Im Purpurglühlicht schimmert 
Der Wellen endlos Heer. 
Sie wandern, rollen, wallen 
Zum grünen Ufersaum; 
Sie prallen an und fallen 
Zurück als Silberschaum. 
Bald gleicht's dem süßen Kosen 
Von Bräutigam und Braut, 
Bald wird's zu wildem Tosen, 
Vor dem der Seele graut. 
Jetzt spielend, buhlend, minnend 
Wirbt fromm der Ozean, 
Dann stürmt er, Unheil sinnend, 
In Heeressäulen an. 



So währt schon manch Jahrtausend 
Krieg zwischen Strand und See, 
Als gärt, am Abgrund brausend, 
Uraltes Leid und Weh. 
Ein uralt Lieben, Leiden, 
Dem keine Werbung frommt, 
Ein ewig Sehnen, Meiden, 
Das nie zur Ruhe kommt. 

Die überwältigende Farbenglut des amerikanischen Herbstes, des soge- 
nannten „Indianersommers", besangen Ferdinand Hundt, Julius 
Hoffmann und UdoBrachvogel. Der letzte wurde dieser schwierigen 
Aufgabe folgendermaßen gerecht: 

Den Hügel noch empor, mein wackres Tier, 
Dort lichtet sich der Wald, dort halten wir — 
Fühlst du den Sporn? Hinan mit flüchfgen Sätzen! 
Schon schließt sich hinter uns die Tannennacht; 
Frei schweift der Blick — ha, welche Farbenpracht! 
Erschloß sich Scheher'zadens Märchenpracht, 
Rings alles zu bestreu'n mit ihren Schätzen? 



478 



Der Himmel leuchtet, ein saphirner Schild; 

Es strahlt an ihm die Sonne hehr und mild, 

Nicht tödlich, nein, nur schmeichelnd allem Leben. 

Am fernen Horizonte rollt der Fluß; 

Jedwede Wog" umspielt des Mittags Kuß, 

Sie bebl und zittert unter ihm, — so muß 

Die Braut am Herzen des Ersehnten beben. 

Und schimmernd liegt das Tal, wie Mosaik, 
Wie reicher es und blendender dem Blick 
Noch niemals unter Künstlers Hand entglommen. 
Hin strömt es zwischen dunklem Braun und Grün 
Gleich Flammen, die aus Goldtopasen sprühn. 
Gleich Purpurmänteln, die um Schultern glühn 
Von Königen, die von der Krönung kommen. 

Der Ahorn lodert, wie im Morgenhauch 

Einst Moses brennen sah den Dornenstrauch, 

Gefacht von unsichtbarer Engel Chore. 

Dort rankt sich's flimmernd und verzweigt sich's bunt, 

Wie die Koralle auf des Meeres Grund, 

Und drängt sich um das silberfarbne Rund 

Des Stamms der königlichen Sykamore. 

Und einsam ragt und priesterlich zumal 

Die Lorbeereiche aus dem Bachanal 

Von Licht und Glanz, von Farben und von Gluten. 

Doch auch von ihrer dunkeln Äste Saum, 

Aus ihrer Krone tropft wie Purpurflaum 

Die wilde Reb'; es ist, als ob der Baum 

Sein Herz geöffnet habe, zu verbluten. 

Das Eichhorn springt. Es lockt mit tiefem Klang 

Der Tauber seine Taube nach dem Hang, 

Wo überrreich sich Beere drängt an Beere. 

Die Drossel stimmt ihr schmelzend Tongedicht, 

Der Falter badet sich im Sonnenlicht, 

Und aus der Sumachbüsche Scharlach bricht 

Das dunkle Reh, des Waldes Bajadere. 

,,Und dies ist Herbst? So sterben Wald und Flur? 

Wie ist dann das Erwachen der Natur, 

Wenn noch ihr Tod sich hüllt in solches Leben?" — 

So ringt sich's von des Reiters Lippe los, — 

Da rauscht's ihm Antwort aus des Waldes Schoß — 

Ein Windstoß braust heran und noch ein Stoß, 

Und läßt das Meer von Blättern niederbeben. 

Rings quillt es plötzlich auf, wie Schleierflug, 
Schneewolken weh'n daher in dichtem Zug, 
Von Norden pfeift's, und trübe wird's und trüber. 



— 479 — 

Der Taube Ruf verstummt: ein Büchsenknall, 
Im Blute liegt das Reh, und in dem Fall 
Der Blätter rauscht's wie leiser Seufzerhall: 
Noch eine Nacht, und alles ist vorüber! 

Der Reiter fröstelt in des Nordwinds Hauch, 

Er ruft: ,,Und dennoch ist dies Tod, ob auch 

Gleich Hochzeitskleidern prangt sein Leichenlinnen. 

So stirbt ein Tag im reichsten Abendrot, 

So küßt die Lippen einer Braut der Tod, 

So fühlt ein Jüngling, rings vom Feind bedroht, 

Aus Wunden tausendfach sein Herzblut rinnen!" — 

Den majestätischen Niagara priesen Franz Lieber, Kaspar Butz, 
Heinrich Ficl^, Frank Silier und Mathias Rohr. Michael 
Lochemes schloß sich mit folgenden Versen an : 

Es rasen die Wasser dahin mit Macht, 

Sich bäumend wie Rosse bei nahender Schlacht, 

Wo über der Felsen granitnem Wall 

Hinab sie tosen in jähem Fall. — 

Und Wogen auf Wogen jagen heran, 

Ziehn schäumend und zischend die wallende Bahn; 

Doch alle nach kurz vollendetem Lauf 

Nimmt gähnend die dunkle Tiefe auf. 

Und sendet in Wolken, so weiß wie Schnee, 

Die sprühenden Tropfen zurück zur Höh'. — 

Mit verhaltenem Atem der Wandrer lauscht, 
Wie der mächt'ge Choral in den Tiefen rauscht. 
Der, seit die Welt aus dem Nichts entsprang. 
Zu Gottes Preis durch die Wildnis klang 
Und, bis die Welt in Trümmer geht, 
Fortklingt in gewalt'ger Majestät. 

Echte Urwaldspoesie durchweht die Lieder und Skizzen von Wilhelm 
Dilg, Karl de Haas, Georg Giegold und Joseph Grahamer. 
Eduard Dorsch, einer der gemütvollsten deutschamerikanischen Dichter, 
entwarf das folgende Gemälde : 

Der Menschen Hütten liegen hinter mir, 

Die winz'gen Plätze, wo die Axt gelichtet; 

Vor mir der Wald in seiner vollen Zier 

Und Stamm an Stamm zum Himmel aufgerichtet. 

Kein Sonnenstrahl ist kräftig da genug. 

Daß er durch diese Nacht von Blättern dränge. 

Noch ist geschmiedet nicht der starke Pflug, 

Der dieser Bäume Lebenskraft bezwänge. 



— 480 — 

Kein abgestorbner Baum fällt hier zum Grund, 

Ihn stützen, immer rüstig, die Genossen; 

Sein Tod wird selbst den Nachbarn oft nicht Ivund, 

Denn ihn ersetzen seine kräft'gen Sprossen. 

Die wilde Rebe schlingt die Ranken noch. 

Die weitverschlungnen, um die morsche Leiche, 

Und die Trompetenblume blühet doch, 

Ist auch vom Blitz zerschellt ihr Stab, die Eiche. 

Von Schilf und Silberweiden eingefaßt 

Schlingt sich durchs Dickicht dort des Baches Faden, 

Der Kranich ist sein oftgeseh'ner Gast, 

Von reicher Beute allezeit geladen. 

Brüllfrosch und Unke lassen abendlich 

Ihr Lied ertönen aus des Wassers Schöße, 

Und oben auf der Fläche tummeln sich 

Die wilde Ente und die Wasserrose. 

Wie friedlich rings und wie unendlich reich 
An mannigfaltig wechselnden Gestalten! 
Was kommt an Schönheit dir, Natur, wohl gleich, 
Wenn du vor'm Menschenaug' dich willst entfalten! 
Wie klingt es lieblich, wenn die Melodien 
Von tausend Vögeln durch die Lüfte schallen. 
Wie liegt das Herz andächtig auf den Knien, 
Wenn hoch im Blau der Bäume Wipfel wallen! 

Urwald, oh, nimm mich auf in deinen Schoß, 
Laß, wie ein Kind, mich Schmetterlinge haschen. 
Und dein Getier, auf deinem Bett von Moos 
Mit neubegier'gen Augen überraschen. 
Die Träne fächle mir vom Angesicht, 
Die manchmal ich vergangner Zeit noch weine, 
Und, ist mein Auge wieder klar und licht. 
Dann leih' zu einem Haus mir Holz und Steine. 

Wenn der Orkan dann durch die Bäume fegt, 

Geheime Zwiesprach' mit der Welt zu halten. 

Wenn donnernd hier die Eiche niederschlägt, 

Und dort die Erde klafft in weiten Spalten: 

Einstimmen will ich dann in gleichem Ton, 

Will die_ Natur in meine Reime zwingen. 

Ein grimmes Lied der Revolution ' • ■ 

Und einen Hymnus auf die Freiheit singen! 

Das tragische Geschick, dem die roten Urbewohner Amerikas verfielen, 
:timmte Rudolf Puchner zu folgendem Gesang : 

Goldne Blüten schwanken lässig wie im Traume 
Langsam hin und her am flachen Ufersaume, 
Und im Westen in der Sonne heil'gen Gluten 
V/iil des Abends Seele langsam sich verbluten. 



— 481 — 

Fernhin auf des Wassers rotbemaltem Spiegel 
Ziehen Möwen; wer hält dort am scharfen Zügel 
Wohl sein Roß? Vom stolzen Stamm der Chippewäer 
Ist's der Krieger einer, einer ihrer Späher. 
Sieht er aus nach einem seiner frühern Feinde, 
Die sein Blick oft mit dem finstern Tod vereinte, 
Wenn er, dem der Haß in seinem Herzen brannte, 
Seine Pfeile in die Brust des Feindes sandte? 

Fern im Westen ist die Sonne jetzt gesunken, 
Deren Strahlen kaum die Erde noch getrunken; 
So versank auch dir im dunklen Reich der Sagen 
Alles, was du einst in deiner Hand getragen. 

Sieh, so weit hier westwärts unsre Blicke reichen, 
Fernhin, alles trug einst deines Stammes Zeichen; 
Und wenn du den Streit nach fernen Gauen führtest, 
Dein war alles, alles, was du nur berührtest! 

Leise, wie die Winde durch die trocknen Halme gehen, 
Fühltest alles, was dich schmückte, du verwehen. 
Wie die Sonne dort, vom hellen Purpur trunken, 
Ist dein Glück, dein Stolz — ist deine Macht versunken. 

Der gleichfalls zu den „Achtundvierzigern" zählende Rheinpreuße 
Gustav Brühl, der als Arzt und Gelehrter in Cincinnati lebte, behandelte 
mit Vorliebe geschichtliche Stoffe in seinen Dichtungen. So machte er beispiels- 
weise das von dem edlen Pastorius entworfene, den Wein, Lein und Webeschrein 
zeigende Ortssiegel von Germantown zum Gegenstand folgender Dichtung : 

Sie sind nicht tot — nach weisem Rat 
Schickt Gott zuweilen noch Propheten, 
Zu zeigen ihrem Volk den Pfad, 
Den es zum Heile soll betreten. 

Nur wer des Volkes Tiefen kennt, 
Erfreut sich dieser Wundergabe, 
Daß er sein künftig Los ihm nennt, 
Als schuf er's mit dem Zauberstabe. 

So war es jenes Lichtes Blick, 
Der Germantown ersann sein Siegel, 
Der ihm verkündet sein Geschick 
Und hell erschloß der Zukunft Spiegel. 

Doch nicht der deutschen Stadt allein, 
Der ersten, die einst hier erstanden — 
Es sollte Prophezeiung sein 
Dem ganzen Deutschtum dieser Landen. 

Gronau, Deutsches Leben in Amerika. 31 



— 482 — 

Wie sinnig „Wein, Lein, Webeschrein". 
Ja, Frohsinn, Ackerbau, Gewerbe, 
Das soll der Deutschen Banner sein. 
Das ihr Symbol, ihr stolzes Erbe! 

Sie sollen ihre heitre Lust 
Ins starre Yankeeleben tragen. 
Froh soll ihr Herz in freier Brust 
Nach echter deutscher Weise schlagen. 

Mit Reben soll der Hände Fleiß 
Die waldumkränzten Hügel krönen, 
Und, kosten sie der Traube Preis, 
Ihr Lied das stille Tal durchtönen. 

Die Axt, der Spaten und der Pflug, 
Sie seien ihre Lieblingswaffen, 
Den Urwald, drin der Wilde schlug 
Sein Zelt, in Gärten umzuschaffen. 

Auch in der Werkstatt soll die Hand, 
Die ems'ge, sich geschäftig rühren, 
Und, an die Arbeit festgebannt, 
Den Hammer und die Spule führen; 

Soll leiten der Paläste Bau, 

Der Brücken, die das Dampfroß tragen, 

Der Dome, die ins Atherblau 

Mit ihren stolzen Türmen ragen! 

So ist's geschehn — ihr edles Ziel 
Verhieß den Deutschen jenes Wappen, 
Im heitern und im ernsten Spiel 
Fand sie das Leben treu als Knappen. 

Sie haben redlich mitgebaut 
Am Landeswohl, an seinem Glücke, 
Wie's klar der Führer einst erschaut 
Mit gottbegabtem Seherblicke. 

Wilhelm Müller schildert das mühsame, des großen Zuges aber 
nicht entbehrende Dasein des deutschen Ansiedlers. 

Ich sah dich im Regen und Sonnenbrand, 

Im Kampf mit der Wildnis Gewalten, 

Die Steppen des Westens mit schwieliger Hand 

Zum blühenden Garten gestalten. 

Wo jagend der Yuma durchstreifte das Moor, 

Da sproßte dir goldener Weizen empor. 

Ich hörte, vom laub'gen Dach überspannt. 
Dich reden von heiligen Rechten, 



— 483 — 

Und was du als lautere Wahrheit erkannt, 
Mit kernigen Worten verfechten; 
Und wenn deine Rede des Glanzes entbehrt, 
Nie fehlte ihr Kraft und der innere Wert. 

Oft hast du im ärmlichen Werktagskleid 

Den Frevler am Frieden gerichtet; 

Und redlichen Sinnes durch klugen Entscheid 

Den Hader der Nachbarn geschlichtet; 

Und war auch der Römer Gesetz nicht zur Hand, 

Dir sagte was Rechtens, dein klarer Verstand. 

Und wie seine Brut der erzürnte Aar 

Befreit vom verfolgenden Schwärme, 

So hast du gerettet aus Not und Gefahr 

Die Deinen mit schützendem Arme. 

Und wenn es die Rothaut zu züchtigen galt, 

Erlag deiner Büchse die Axt von Basalt. 

Oft fragte ich staunend: ,,Ist dies der Mann, 

Den Armut zum Westen getrieben? 

Der zagend des Elends erdrückendem Bann 

Entflohn mit den weinenden Lieben? 

Der Mann, der hier schaltet mit Wort und mit Tat, 

Im Kampfe ein Held und ein Weiser im Rat?" 

Wohl bist du derselbe, doch stolz, wie der Baum 

Zum Himmel erhebt seine Krone, 

Wenn man ihn verpflanzt in sonnigen Raum 

Aus rauher, unwirtlicher Zone, 

So reifte der Freiheit erwärmender Schein, 

Was menschlich in dir und was edel und rein. — 

Die Bekanntschaft eines echt modernen deutschen Kulturpioniers vermittelt 
uns Konrad Nies in seiner fonnvollendeten Dichtung „Unter texanischer 
Sonne". 

Texanischer Frühling durchs Bergland ging. 
Ein Weben und Wogen den Wald umfing. 
. . . Dem deutschen Siedler ritt ich zur Seit' 
Durch die weite, blühende Einsamkeit. 

Er hatte einst drüben das Schwert geführt, 
Eh' texanischen Grund sein Fuß berührt. 
Noch hatte das Tagwerk des Rangers nicht 
Den Adel geraubt dem Rassengesicht. 

In seinem Auge, das blau und tief. 
Ein Abglanz versunkener Sonnen schlief; 
Aus Stirn und Nacken, gebräunt und breit. 
Sprach unverwüstliche Vornehmheit. 

31* 



— 484 — 

Seit zwei Jahrzehnten, der Freiheit Sohn, 
Hatt' er die Wildnis gezwungen zur Fron, 
Und hatte sein Feld wie die andern bestellt. 
. . . Doch abseits von ihrer lag seine Welt. — 

. . . Die Pferde hielten ... am Waldesrand 
Erschimmerte saatgrünes Ackerland, 
Das, frisch gerodet, entbrochen dem Hag, 
Inmitten der wuchernden Buschwelt lag. 

. . . ,,Mein letztes Werk," — er lächelte fein 
Und wies in die keimende Saat hinein. 
,, — Vor wenig Monden . . . drei oder vier . . . 
War alles noch Urwald und Wildnis hier! 

Das lockte zur Axt — und manchen Tag 
Gab's schwere Arbeit, doch Schlag auf Schlag 
Wich Baum um Baum, und Busch und Dorn. 
. . . Nun keimt schon fröhlich das erste Korn. 

... Es ist ja nichts Großes, was man getan. 
Ich rechne mir sicher nicht hoch es an . . . 
. . . Und dennoch, es ist — wie dem auch sei — 
Ein Stückchen Schöpferfreude dabei . . ." 

Und plötzlich über die Stirne ihm schoß 

Ein leichter Schatten, als leise er schloß: 

„. . . So macht man der Zukunft die Wege klar, 

Und lernt vergessen, was einmal war." 

... Er spornte sein Tier ... In leichtem Trab 

Wir ritten den steinigen Weg hinab 

Und sahen den wandernden Wolken nach, 

Als plötzlich von — Friedrich Nietzsche er sprach. 

Er hatte des Umwerters Wahn erschaut 
Und eigene Werte sich aufgebaut. 

— Und was er davon mir offenbart 
War, wie das Land rings von großer Art. 

Und wie er so ritt durch das Sonnenlicht, 
So stolz und stark, so rauh und schlicht. 
War mir's, als wehe um Baum und Strauch 
Vom echten Übermenschen ein Hauch. 

. . . Und lächelnd dacht ich der faselnden Schar 
Mit rollendem Aug' und fliegendem Haar, 
Die hinterm Ofen weltwichtig krähn. 
Und übermenschelnd in Sprüchen sich blähn. 

— Wie anders reift, als in Sprüchen und Buch, 
Das Leben bei Axthieb und Erdgeruch! 

. . . Und tief im texanischen Sonnenschein, 
Sprengten wir beide wegfröhlich landein. 



— 485 — 

Dem bittern Unmut über die von ruchloser Habgier verschuldete Ver- 
wüstung der amerikanischen Wälder verlieh Nies in seiner berühmten Dichtung 
„Die Rache der Wälder" energischen Ausdruck, 

Des Nachts, wenn die Sonne im Meer entschwand 

Und die Wolken im Sturme jagen, 

Da geht in den Lüften ein Brausen durchs Land, 

Wie geächteter Rechte Klagen. 

Aus den Catskills kommt's, wo die Eichen weh'n, 

Aus Pennsylvaniens Gebreiten, 

Von den Tannen an Minnesotas Seen, 

Aus Texas' waldigen Weiten, 

Aus den Föhren und Fichten bricht es hervor 

In Colorados Gesteinen, 

Aus den Rotholzriesen am Goldenen Tor, 

Aus den Zedern in Floridas Hainen. 

Aus Ost und West, aus Süd und Nord, 

Durch Klüfte und Felsen und Felder 

Erschwillt er im donnernden Sturmakkord — 

Der Racheruf der Wälder! 

Wir wuchsen und wachten viel tausend Jahr' 

Bei der Wildnis rotem Sohne; 

Wir boten ihm Obdach und Waffe dar, 

Und Liebe ward uns zum Lohne. 

Wir sproßten in Frieden, wir grünten in Ehr', 

Wir schützten und schirmten die Lande. 

Da brachen die Bleichen waldein übers Meer 

Und lösten die heiligen Bande. 

Sie danken uns Heimat, sie danken uns Herd, 

Die Bleichen, die Feigen, die Feinen, 

Doch danklos verwüsten, von Habgier verzehrt. 

Das Mark sie von Wäldern und Hainen! 

Uns Hüter des Hochlands, uns Wächter der Seen, 

Der Vorzeit heilspendende Erben, 

Sie fällen uns herzlos, in frevlem Vergehn, 

Um Haufen von Gold zu erwerben; 

Doch eh' wir zerbrochen, als lebloses Gut, 

Der Habsucht uns fügen zum Dache, 

Hört, Sturm, uns, und Erde und Feuer und Flut, 

Euch rufen herbei wir zur Rache! 

Ihr seid uns Genossen seit ewiger Zeit; 

Die Urkraft, euch lieh sie die Waffen, 

Drum sollt ihr Vergeltung im rächenden Streit 

Am Werke der Menschen uns schaffen. 

Was immer gezimmert aus unserm Gebein, 

Der Städte Getürm und Gemäuer, 

Reiß es ein. du, o Sturm, reiß es ein. reiß es ein! 

Verzehre in Flammen es, Feuer! 

Die Brücken der Ströme, die Schiffe im Meer, 

Mit unserem Herzblut errichtet. 



— 486 — 

Verschling sie, o Flut, bis Welle und Wehr 

Verstrudelt, verstrandet, vernichtet! 

Verschütte, o Erde, du Mine und Schacht, 

Die unserem Schöße entragen! . . . 

Auf! auf! Ihr Genossen der Nacht, zur Schlacht, 

Bis die Werke der Menschen zerschlagen! . . . 

So hallt es und schallt es im nächtlichen Chor 

Durch Klüfte und Felsen und Felder, 

Vom Hudson landein bis zum Goldenen Tor: 

Der Schrei der geächteten Wälder. — 

Und täglich und stündlich erstarrt uns das Blut, 

Wenn neu uns die Kunden umwogen. 

Daß Sturmwind und Erde, daß Feuer und Flut 

Die Rache der Wälder vollzogen. 

Aber auch Töne tiefster Herzinnigkeit standen deutschamerikanischen 
Dichtern zu Gebote, wenn es galt, häusliches Glück, die behagliche Wärme des 
eignen Herdes, den Wert echter Weiblichkeit zu preisen. Heinrich A. Biel- 
f e 1 d , der im „Deutschamerikanischen Athen", in Milwaukee, lebte und starb, 
weihte der Mutterliebe folgende Strophen: 

Mutterliebe dauert immer, 
Sie ist rein, von echtem Gold, 
Ohne Prunk und ohne Schimmer, 
Stilles Blümchen Wunderhold. 
Oh, der süßen Mutterliebe! 

Wenn mir je ein Lied gelang, 

Das aus innerm Herzensdrang, 

Das nicht bloß dem Hirn entsprang, 
Sei's ein Lied der Mutterliebe. 

Mutterliebe, zart und innig. 
Ohne Rast und ohne Ruh, 
Immer tätig, immer sinnig. 
Nie die Herzenskammer zu. 
Oh, der süßen Mutterliebe! 

Gibt es einen Erdenpreis? 

Ein unsterblich Lorbeerreis? 

Vater, Gatte, Sohn und Greis, 
Reichet es der Mutterliebe! 

Mutterliebe! Heil'ger Frieden, 

Hohe Wonne, sel'ge Lust! 

Was an Glück uns hier bescliieden. 

Wohnet in der Mutterbrust. 

Oh, der süßen Mutterliebe, 

Die da stets dieselbe ist. 

Doch sich selber stets vergißt. 

Wo der Mann, der dich ermißt, 
Reine, süße Mutterliebe? 



— 487 — 

Mutterliebe, Mutterplage! 

Mutterfreude. Mutterschmerz ! 

Heil dem Kind, das keine Klage 

Dir entrissen, Mutterherz! 

Oh, der süßen Mutterliebe, 

Die an deiner Wiege wacht, 

Mit dir weinet, mit dir lacht, 

Für dich sorget Tag und Nacht! — 

Sei uns heilig, Mutterliebe! 

Seiner das Grau des Alltagslebens veredelnden Genossin weihte der in 
weltabgeschiedener Pfarrei wohnende Alfred Walter Hildebrandt 
folgenden Lobgesang: 

Du schrittest über meine Schwelle, 

Die Diele war geflickt und rauh; 

Doch Stub' und Herz ward licht und helle 

Als du erschienst, geliebte Frau. 

Die Heimchen, die verstummt am Herd gesessen, 
Sie grüßten uns mit frohem Zirpereim, 
Und als zusammen wir das Mahl gegessen, 
Ward mir das Haus verwandelt in ein Heim. 

Du weißt doch noch? Wir schritten beide 
Erregt durchs überschneite Land. 
In süßer Lieb und herbem Leide 
Sich willig Hand und Lippe fand. 

Wohl war's ein Kämpfen und ein Streiten, 
Bergauf, bergab ging unser Pfad; 
Doch immer war's ein Vorwärtsschreiten 
Mit Dir, mein guter Kamerad. 

In breiten Straßen und in engen Gassen 
Bliebst Du an meiner Seite treu und dicht. 
Und fühlt ich mich von aller Welt verlassen. 
Von dir verlassen fühlt' ich doch mich nicht. 

Das dank ich Dir! Du hast gegeben 
Nicht nur den Sinnen flücht'gen Rausch, 
Du gabst Dein Herz zum Liebesleben, 
Ich gab Dir meins in sel'gem Tausch. 

Verlodert ist uns nicht der Liebe Feuer, 
Der heiligen, ob auch die Jugend schied; 
Am trauten Herd sing' ich in ewig neuer 
Verehrung Dir, mein Weib, ein Liebeslied. 

Und die geistreiche Dichterin Edna Fern (Frau Fernande 
Richter) in St. Louis gewährt einen Einblick in die Seligkeit der Liebe in 
folgenden schönen Versen: 



— 488 — 

In dein Augenblick der größten Wonne 
Hielt ich meine Augen fest geschlossen; 
Und da war es mir, als ob die Sonne 
Golden hätt' dein Angesicht umflossen; 

War es mir, als ob ein Kranz von Blüten 
Das geliebte Haupt dir hätt' umgeben; 
War's, als ob sich zarte Hände mühten, 
Uns ins Grenzenlose aufzuheben. 

In der weiten Ferne, fast verloren, 
Wundersüße Melodei ertönte: 
Ewigkeit war's, die uns selige Toren 
Unter Sonnenschein mit Blüten krönte. 

Und der freudige Stolz über das eigene Kind kann schwerlich schöner 
zum Ausdruck kommen als in