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PT 2639.T68H6 1906
Hoflieferant :
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In m SHMi
Eisässische Komödie
in 3 fiufzikjen von
Q. STOSKOPf
Schiester & SchW$&'urrf
5irassburg $ •■;/, V'ü<
D'r Hoflieferant
Im Verlage von Schlesier & Seh w eikhar dt,. Strassburg,
erschienen in Strassburger Mundart von
G. STOSKOPF
D'R HERR MAIRE
Lustspiel in 3 Akten. 9. Auflage. 1904. Mk. —.60.
Mit einer Deckenzeichnung von E. Schneider.
D'R OANDIDAT
Lustspiel in 3 Akten. 3. Auflage. 1900. Mk. 2.—.
Mit einer Deckenzeichnung von P. Braunagel.
DTARISER REIS
Schwank in 3 Akten. 3. Auflage. 1901. Mk. 2.—.
Mit einer Deckenzeichnung von L. Schnug.
D' MILLIONEP ARTIE
Schwank in 3 Akten. 1901. Mk. 2.—.
Mit einer Deckenzeichnung von P. Braunagel.
D'R PROPHET
Drama in 5 Aufzügen. 1902. Mk. 2.—.
E DEMONSTRATION
Elsässische Komödie in 3 Akten. 3. Tausend. 1904. Mk, 1. — .
Mit einer Deckenzeichnung von P. Braunagel.
D'R VERBOTTE FAHNE
Elsässische Komödie in 3 Aufzügen.
Mit zweifarbigem Umschlag. 2. Auflage. 1905. Mk. 1.50.
D'R HOFLIEFERANT
Elsässische Komödie in 3 Aufzügen. 1906. Mk. 1.50.
^ E DIPLOMAT — E MORDSAFFÄR
2 Lustspiele in je einem Aufzuge. 1906. Mk. 1.—.
Mit 7 Illustrationen von P. Braunagel.
GEDICHTE
Neue Gesamtausgabe von LUSCHTIGS ÜS'M ELSASS und
GSCHPASS UN ERNSCHT.
Mit 57 Abbildungen der ersten elsässischen Künstler.
2. Auflage. 1905. Mk. 1.80; geb. Mk. 2.50.
ABENDGLOCKEN
Oper in 2 Aufzügen. Musik v. M. J. Erb. 2. Aufl. 1901. Mk. —.50.
Mit einer Deckenzeichnung von Ch. Spindler.
J. GREBER und G. STOSKOPF
D'HEIMET
Elsässisches Volksstück in 3 Akten. 2. Auflage. 1901. Mk. 2.—
Mit einer Ueckenzeichnung von H. Loux.
Alsatica-Yerlag Schlesier & Schweikhardt, Strassburg.
D'r Hoflieferant
ELSÄSSISCHE KOMÖDIE
IN 3 AUFZÜGEN VON o£
G. STOSKOPF
o o 2. AUFLAGE o o
JYlan findt nit einerley sondern mancher-
ley Volck in diesem Landt. Aus Schwaben,
Beyern, Burgund und Lothringen lauffen
sie dareyn und kommen selten wider
darauss. ooooooooo
o o Sebastian Münster, Kosmographie, Eis.
Schlesier & Schweikhardt
Strassburg o o o o 1906
Von der ersten Auflage dieses Werkes wurden
10 Exemplare auf echtem Büttenpapier gedruckt
und in der Presse numeriert.
Preis: M. 8.—
J)em
jfndenken meines Vaters
Alle Rechte, besonders das der Aufführung und
Übersetzung, vorbehalten.
G. STOSKOPF.
Personen.
Besetzung der Rollen bei
der Erstaufführung.
Fritz Grinsinger, Konservenfabrikant Adolf Hör seh.
Caroline Grinsinger, seine Frau Eugenie Criqui.
Jeannette Grinsinger ) ( . . Charlotte Bode.
. \ Kinder der beiden < «..«.,
Lisa Grinsinger ) ( . . Noemie Hornecker.
Auguste Grinsinger, cand. med Josef Dietrich.
Georges Ehr stein, cand. med Otto Hummel.
Charles Durand, Sekretär der Friedensliga in Paris,
Neffe Fritz Grinsingers Hermann Günther.
D r Kneppchen, Professor der Anthropologie. . . Eugen Criqui.
Hans Grinsinger, Rentner, früherer Wurstfabri-
kant in Leipzig Karl Neubert.
Karl Gauthier, Beamter, Präsident des Sachsen-
bundes und Mitglied patriotischer Vereine . . Georg Maurer.
Olga Gauthier, stud. phil., dessen Tochter . . . Susi Meyer.
Riemer, Präsident der Fanfare Alsacienne .... Adolf Wolff.
Le baron de Rose, Sohn des Chef-Redakteurs des
Reveil National in Paris Ernest Weill.
Marie, Magd bei Fritz Grinsinger • Anna Low.
Ein Diener Gustav Schulet- **"
Ein Gendarm Josef Mach.
Ein Mitglied des Sachsenbundes Georg Poppe.
Ein Mitglied der Fanfare Otto Pulvermüller.
Mitglieder des Sachsenbundes und der Fanfare Alsacienne.
Ort der Handlung:
I. und II. Aufzug in der Villa des Herrn Fritz Grinsinger in Strassburg,
III. Aufzug in dessen Landhaus im Barrer Tal.
Zeit: Um 1900.
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Crstaufführung im Strassburger Stadttheater
am ßontag, den 27. ßovember 1905.
Artistische Leitung: LEO ACKERMANN.
I. Aufzug.
Der erste Aufzug spielt in einem reich möblierten Empfangs-
zimmer der Villa Grinsingers. Hinten in der Mitte eine grosse
Doppeltür, links und rechts im Hintergrund Türen, im Vordergrund
rechts ein Fenster. Wenn der Vorhang in die Höhe geht, sitzt
Lisa Grinsinger, ein junges, hübsches Mädchen auf einem Stuhl im
Vordergrund des Zimmers, ihr Bruder Auguste nimmt mit einem
Bandmeter anthropometrische Messungen ihres Kopfes vor. Auguste
macht einen etwas pedantischen Eindruck, er ist sehr kurzsichtig
und trägt eine Brille. Sein Dialekt ist stark mit deutschen Wen-
dungen durchsetzt. Georges Ehrstein, hübsche jugendliche Erscheinung,
notiert die Zahlen, die Auguste ihm angibt. Jeannette die Schwester
Lisas folgt der Messung mit Interesse und verwendet keinen Blick
von Georges Ehrstein. Hinter dem Rücken Lisas und Augustes
werfen sie sich ab und zu verstohlene Kusshändchen zu.
Auguste (misst und schaut nach dem Metermass) : Sagittal-
umfang, fünfunddreissig Centimeter. Stimmt ganz
genau mit d'r Uffzeichnung, wie m'r 's letscht schun
gemacht han.
Ehr st ein (notierend): Sagittalumfang, fünfunddreissig
Centimeter.
Auguste (steckt das Metermass ein und zieht aus der
hinteren Tasche seines Gehrockes ein Metermass her-
vor, wie es von den Schuhmachern beim Massnehmen
der Schuhe benützt wird) : Jetzt welle m'r doch noch
emol d'Breite nochmesse, m'r kann nit exakt genue
sin, wäje de Berechnunge. (misst)
Auguste (genau das Mass ablesend): Breite, vierzehn
Komma sieben.
Ehr st ein (notierend): Breite, vierzehn Komma sieben.
— 10 —
Auguste: M'r kann saaue, was m'r will, die anthropo-
logisch Wisseschaft ischeinivun de-n-interessantschte,
wie's giebt.
Jeannette: C'est vrai, ohne die Untersuechunge vun
de Köpf vun unserer Fameli, ze wüsste mir's hytt
noch nit, wie d'Fameli Grinsinger herestammt.
Lisa: E grossi Fraid wurd d'r papa küm han, wenn'r
vun sinere Reis nooch Paris zeruckkummt, unn mir
ihm saaue wäre, dass d'r Professor Kneppchen erüs-
gedüeftelt hett, dass im papa sini Eltre üs Sachse
sin gsin.
Auguste: Fraid hin oder Fraid here. In d'r Wisse-
schaft kann m'r uff so Kleinigkeite kenn Rucksicht
nemme. — So unn jetzt welle m'r noch emol genau
d'Länge revidiere, (setzt das Mass an) Länge, sech-
zehn Komma zwei.
Ehrst ein (notierend): Länge, sechzehn Komma zwei.
Auguste: So, nun jetzt noch d' Jochbreite . . (setzt das
Mass an).
Fritz Grinsinger (tritt durch die Mitteltüre ein. Er
trägt Reisekostüm, und hat eine leichte Reisetasche
in der Hand. Er bleibt einen Augenblick still stehen) :
Nom dun petit bonhomme, als noch nit ferti mit dere
Kopfmesserej ?
Jeannette (auf Fritz Grinsinger zu und ihn umarmend):
Bonjour papa.
Auguste: A V instant papa. (schaut das Metermass
nach) Jochbreite, zwölf Komma vier Centimeter.
Ehr st ein (notierend); Jochbreite, zwölf Komma vier
Centimeter.
Auguste (auf Fritz Grinsinger zu): Bonjour papa!
Lisa (nachdem sie ihren Papa umarmt hat): Wie
kummts papa, dass du so unverhofft kummsch?
— 11 —
Fritz Grinsinger: Ja, ich war au erseht Morje
kumme, awwer do hawich im letschte Moment erfahre,
dass d'r Schah vun Persie mit dem Zug fahrt, wie
ich hytt g' fahre bin, unn die Pläsier unn die Ehr,
im nämliche Zug ze reise wie d'r Schah vun Persie
hawich m'r nit welle nemme Ion. (mit Stolz) Monsieur
Fritz Orinsinger fabricant de conserves a voyage
avec le Shah de Ferse !
Auguste: Papa, du erlaubsch, dass ich d'r mine Kolleg
Georges Ehrstein vorstell. (Ehrstein verneigt sich),
wie im Herr Professor Dr. Kneppchen unn mir arrig
an d'Hand gange-n-isch bie d'r anthropologische
Messunge.
Fritz Grinsinger: So, Sie gän sich au mit so Plan
ab?
Auguste: Awwer Babbe, wie du so vun ernschte
wisseschaftliche Untersuechunge redde kannsch!
Fritz Grinsinger: Ei, s'isch au wohr. Ich hab ge-
meint, dass wenn ich vun minere Pariser Reis zeruck
kumm, dass die Kopfmesserej e-n-End wurd han.
Für so ebs hawich dich doch nit Dokter wäre Ion,
for dass du dini Zytt zuebringsch de Lytte d'Köpf
ze messe! — Wenn ich m'r so ebs gedenkt hätt, ze
hätt ich dich e gottsnamme Huetmacher wäre Ion;
dini Studie warte mich viel billiger kumme.
Auguste: Diss verstehsch du ewwe nit papal
Fritz Grinsinger: Ei alle wäj ! Woher soll ich's ver-
stehn?! — M'r hett jo nie nix vun dir unn vum
Professor Kneppchen erfahre könne, wäje was dass'r
Gott unn d'r Welt d'Köpf vermesse!
Auguste: Eh bien, in d'r Wisseschaft ruckt m'r ererscht
mit d'r Sprooch erüs, zue wellem Zweck m'r e For-
schung macht, wenn m'r e griff bars Resultat erzielt hett.
12
Fritz Grinsinger: Ehbien, hanVs jetzt diss griff bar
Resultat? Ich mein es war höchsti Zytt!
Ehrstein: Ja, mir sin so witt.
Fritz Grinsinger: So?, diss wundert mi. —
Auguste: Ja, papa, for dass dü's weisch um was
dass's sich handelt, d'r Professor Kneppchen will e
Werik schriewe vun ere grosse, wittrauende Bedyttung.
Er will d' Legende vun de Rasse zerstöre.
Fritz Grinsinger: Ah?! Was sin jetzt diss widder
for Plan? —
Auguste: Er will bewiese, oder vielmehr sini Tabelle
bewiese's, dass d'Häleft vun de Ditsche Brachicephale
also Gallier sin!
Fritz Grinsinger: Ohü! Diss klingt m'r zue gelehrt !
Auguste: Unn d'Häleft vun de Franzose Dolichocephale,
diss heisst Germane sin.
Fritz Grinsinger: Ah? —
Auguste: In andere Worte-n-üsge druckt heisst diss,
dass d'Häleft vun de Ditsche Franzose, unn d'Häleft
vun de Franzose Ditschi sin.
Ehrstein: So isch's.
Fritz Grinsinger (bricht in schallende Heiterkeit
aus): Was, d'Häleft vun de Ditsche solle Franzose
und d'Häleft vun de Franzose Ditschi sin?!
Ehr stein: So isch's.
Auguste: Ja, papa.
Fritz Grinsinger: Jetzt glauwich awwer doch ball,
dass'r e Käfer do owwe-n-im Plafond han! (lacht
wieder) nein, diss isch jetzt emol zue einfältig!
Auguste: Do isch nix ze lache, wenn d'r Professor
sin Buech do drüewwer erüsgitt, ze wurd'r sicher 's
gröscht Uffsehn's d'rmit mache!
— 13 —
Fritz Grinsinger: Diss will i glauwe, dass diss Buech
succes wurd han ! Bsunders, wenn'r mit warte bis an
d'r Fasenacht, do wäre-n-r e Bumbegschäft mit mache !
(lacht wieder.)
Olga (Typus einer Studentin kommt mit einer Mappe
unter dem Arm von rechts) : Pardon, wenn ich derangier.
Auguste: Sie derangiere nit im geringschte.
Olga: Sie solle, wenn Sie so guet welle sin, nuff zuem
Professor kumme uff sin Zimmer.
Fritz Grinsinger (für sich): Ah, was, der isch als
noch do? —
Auguste: Im Auesblick (zu Fritz Grinsinger) Tu per-
mets papa, dass ich dir d 'Mamsell Gauthier vorstell,
Studentin der Philologie. Sie helft im Professor
Kneppchen bie d'r Abfassung vunn sim Werik.
Olga: D'r Herr Professor diktiert unn ich stenographier.
Fritz Grinsinger: Gauthier heisse Sie ? Sin Sie ebbe
in Famili mit'm Herr Gauthier, capitaine enretraite? . .
Olga: Nein, minner Babbe isch Beamter unn isch e ge-
borener Sachs, er isch meme Präsident vum Sachse-
bund. Ej entlich heisse m'r Gauthier, awwer'sisch
so e fuerichter Namme.
Fritz Grinsinger: Gauthier! En effet! — Ja, awer
Sie redde jo elsässisch, wie am Schnürel.
Olga: Ja, ich bin au im Elsass gebore unn uffgewachse,
ich bin Elsässere unn füehl mich au ganz als Elsässere.
Fritz Grinsinger (enttäuscht): Ah, zellewäj.
Olga: Ja, Sie exküsiere, ich bin arig pressiert, ich
muess heim, (verabschiedet sich. Ab.)
Auguste: Ja, unn mir welle nuff zuem Professor! (ab
mit Ehrstein nach rechts.)
— 14 —
Fritz Grinsinger (für sich) : Die Nundedie's Schwowe !
Küm sin sie do im Ländel, ze sin sie schon ganz do
d'heim! Am Heimweh isch noch keiner gstorwe!
Fritz Grinsinger (zu Lisa): Also d'r Professor
Kneppchen isch als noch do? —
Lisa: Ja papa, er isch noch do.
Fritz Grinsinger: Do hett m'r miner Generalvertreter
in Leipzig minsex e lätze crampon vum e Yetter
in's Hüs gschickt! Diss isch m'r jetzt emol e lätzi
Visit.
Jeannette: Ja, was isch do ze mache, nüsstelle kann
m'r 'ne doch nit.
Fritz Grinsinger: Allewäj kann m'r ne nit nüs-
schmisse, als cousin vun mim Generalvertreter in
Leipzig, wo mir mini meischte Konserve an d'sächs-
isch Armee verkauft unn mir versproche hett, d'rfur
ze sorje, dass ich königlich sächsischer Hoflieferant
wurr!
Lisa: Ej na, was reklamiersch no papa?
Fritz Grinsinger: Ej wer saat denn, dass i reklamier !
(für sich) Ich wur awwer doch bigott noch e Wueth
derfe hann wie e Hüs, dass m'r der nundedie's Schwob
nimmi zue d'r Kambüs nüs geht! —
Lisa: Unn roth emol papa, was m'r noch for e Visit
bekumme han?
Fritz Grinsinger (ärgerlich): Roth emol! Roth emol! —
Es isch m'r jetzt nit drum Räthsle ze löse!
Jeannette: 's isch d'r cousin Durand üs Paris.
Fritz Grinsinger: Ah? — (für sich) Bon, der Spott-
vöujel hett m'r grad au noch gfehlt. Ein lätzi Visit
noch d'r ander.
— 15 —
Lisa: Er kummt direkt vun Genf. Er isch uff d'r
Friddeskonferenz gsin, wi d'ligue de la paix organi-
siert hett.
Fritz Grinsinger: Friddeskonferenz! Ligue de la
paix! Wie m'r sich numme mit so einfältige, dumme
Lumbedings abgänn kann!
Jeannette: Er isch ganz ami mit'm Professor Knepp-
chen, wie sini Ansicht teilt.
Fritz G r i n s i n g e r : Kein Wunder ! Zwei Schöüte gän
halt e Paar! —
Lisa: Hytt isch'r bie d'r Grossmamme-n-in Kolbse. Er
hett g'saat dass'r so glüeklich isch, dass'r widder
emol so recht vun Herze Elsässerditsch babble kann.
Fritz Grinsinger: Üewerspannti Plan! Ich redd's
ganz Johr Elsässerditsch, dass ich mich awwer jemols
extra glüecklich dodurich gfüehlt hab, diss könnt
i nit bhaupte.
Lisa: Bie ihm isch's doch ebs andersch, wie'r doch's
ganz Johr in Paris isch. Diss erinnert 'ne ewwe-n-an
sinni Kinderjohr, wie'r do im Elsass bie d'r Gross-
mamme verlebt het.
Ehr stein (von rechts kommend): Pardon mademois eile
Jeanne, ich sott ehb dass ich heimgeh notwendi noch
emol e paar Mess vun Ihrem Kopf noochmesse, wenn
Sie d'rmit inverstande sin.
Jeannette: Awwer natierlich Herr Ehrstein. Mit'm
gröschte Yergnüeje (setzt sich auf einen Stuhl im
Vordergrund).
Ehr st ein: Ich saa 'ne vielmol merci (zieht sein Centi-
metermass aus der Tasche und schickt sich an Masse
zu nehmen).
Fritz Grinsinger: Zue verruckt, zue verruckt!
— 16 —
Ehr st ein: Breite vierzeh Komma fünf, stimmt, (setzt
das Mass wieder an).
Fritz Grinsinger: Ich kann e Gottsnamme denne
Larifari nimmi ansehn (nach links abgehend) zue
verruckt, zue verruckt!
Lisa (schelmisch lachend): Jeannette un ich will d'r
Mamme telephoniere, dass sie heimekummt. (abgehend
nach links) Sie wäre nix d'rgeje han!
Ehrstein (Lisa nachsehend): Bravs Seh wester] e! —
(küsst Jeannette) Jeannette!
Jeannette (küsst ihn wieder): Georges!
Ehrst ein (lachend): Zue verruckt hett d'r Babbe
g'saat! — Ich hab'm nit welle widderredde. Ich
find au contraire, dass's ebs vernünftigers, ebs netters
un ebs bequemers gar nit gän kann! En particulier
for e Liewespäärel wie mir zwei! — Gell Jeannette?
Jeannette: Ej jo denn!
Ehrstein: Wie wär's mit unserem Glüeck schunsch e so
trüri bstellt, wenn d' Anthropologie nit war.
Jeannette: s'isch wohr!
Ehr st ein: Sie hett de Professor Kneppchen do in's
Elsass gführt, in's Hüs vun minere bien-aimee?!
Vun minere Jeannette!
Jeannette: Wer weiss, mir hätte-n-am End nie Ge-
läjeheit gfunde, uns gejesittig s'Herz üszeschütte.
Ehrst ein: So, hawich als Student, wo in Leipzig im
Professor Kneppchen sini Yorlesunge ghöert hett, e
famose Grund ghett mich do inzefüehre, mini Mit-
arweiterschaft anzebiete, e-n-intimer Dützfriend vun
dim Brueder ze wäre, noch e-n-intimerer vun dir, um
mich mit dir im G'heime ze fianciere . . . Jeannette!
(will sie küssen).
17
Jeannette: Seht! -- (aufhorchend) Es kummt ebber.
(Die Magd kommt von rechts und geht nach links ab,
nicht ohne das Paar mit Misstrauen zu beobachten).
Ehr st ein (ernsthaft messend) : Querschnitt fufzeh Centi-
meter . . . (schaut sich um) Sie isch drüsse (küsst
Jeannette). Diss isch der, wo ich dir ewwe hab welle
gän. (küsst sie wieder) Unn der gilt for de Schrecke,
wo ich grad üs'gstande hab.
Jeannette: So ze saaue als Schadenersatz!
Ehrstein: C'est ca ma cherel
Jeannette: Um e gueti Exküs bisch du nie verläje.
Ehrstein: A propos Jeannette, was meinsch, soll ich
glich hytt mini demande mache bi dim Babbe, odder
soll ich noch warte?
Jeannette: Seje m'r vorsichtig, ich will 'ne liewer
z'erscht sälwer uff diss evenement prepariere.
Ehr st ein: Wie du witt ma chere. Awwer zue lang
welle mir's nit nüsschiewle, for dass ich nit mini
Krächerle d'ganz Zitt im verstohlene hole muess, wie
jetzt par exemple. (will sie küssen.)
Jeannette (abwehrend): Georges, isch diss widder e
Schadenersatz?! —
E h r s t e i n : Nein, diss isch e-n- Abschlagzahlung uff unseri
küenftig fiangailles!
Fritz Grinsinge r (von links die Scene mit ansehend:
E Dunderlettel noch emol!
Ehr st ein (auffahrend, mit Hast den Kopf Jeannettes
messend): Querschnitt fufzeh Centimeter.
Fritz Grinsinger: Ja, ja, Querschnitt fufzeh Centi-
meter! — Schmecksch de Büchonf — Ah, do
wills nüs?! Die Kopfmesserej, diss schient m'r au
noch die richtig Erfindung ze sin! — Ah, do leijt
d'r Has im Pfeffer?! —
— 18 —
Ehr st ein: Wie meinen Sie Herr Grinsinger?
Fritz Grinsinger: Verstelle Sie sich nit. Odder
g'höert am End die scene, wo ich do ewwe Umoin
bin g'sin, au zue denne wissenschaftliche Experi-
mente? Isch diss jetzt diss griffbar" Resultat, wo Sie
ewwe d'rvun geredd han?
Ehr st ein (verlegen): Herr Grinsinger, Sie müehn ex-
küsiere, ich hab üwer'm Messe e wisseschaftlichi
Entdeckung gemacht, un üewwer die hawich mich
eso g'frajt, dass ich for lütter Pläsier Ihrer Tochter
e so e ganz kleins unschuldigs Krächerle hab gän.
Jeannette: Ja, papa, e so isch's.
Fritz Grinsinger: Eh bien, unn ich hab e-n-Ent-
deckung gemacht, unn die isch nit wisseschaftlich
gsin, unn Fraid hett sie m'r au kenni gemacht, so
unn dass Sie's wisse, vun hytt ab höert m'r die
Kopfmesserej uff in mim Hüs. Gehn Sie in anderi
Hieser, unn messe Sie mit Ihrem Schueschtermess
in andere Famiüe d'Köpf vun de Töchter awwer
nimmi in minere!
Jeannette: Awwer Papa, wiel mich d'r Georges doch
hierothe will!
Fritz Grinsinger (starr vor Erstaunen): Wie, was?
Hierothe?! — Was faselsch du do for daub Dings
vum Hierothe?! —
Ehr st ein: Au fait, worum do langi Gschichte mache.
Ja, Herr Grinsinger, so isch's un ich halt domit offi-
ziell um d'Hand vun Ihrer Tochter an. s' Jeannette
unn ich mir han uns gern.
Jeannette; ja papa, arig gern!
— 19 —
Fritz Grinsinger: En effet, Sie mache jo kenn
langi Gschichte, unn ich awwer au nit, unn saa
Ihne: Nein junger Mann! Do isch gar nit dran ze
denke !
Jeannette; Papa, mach uns nit unglüecklich !
Fritz Grinsinger: Unglüecklich! Plan vun Paris!
(zu Ehrstein) d'abord, wer sin Sie, woher kumme
Sie, was triewe Sie?
Ehrstein: Was ich trieb? . . .
Fritz Grinsinger: Richtig, diss ha wich ewwe gsehn,
e netti Profession!
Ehrstein: Was Sie gsehn han, isch im Näweamt als
Hochzitter gschehn, mim Beruef noch bin ich Medi-
ziner ! Miner Babbe isch e-n-ehrsamer Bäckemeischter
in d'r Krütenau.
Fritz Grinsinger: So, d'r Ehrsteinel, wie diss
Bäckereijele hett in d'r Krütenau isch Ihr Babbe?
Ehr st ein: Ja, Herr Grinsinger.
Fritz Grinsinger: So, un Sie glauwe, junger Mann,
dass mini Tochter in diss Lädel nin hierothe wurd ? . . .
Ehrstein: Erschtens brücht Ihri Tochter nit in diss
Lädel nin ze hierothe, ich bin jo nit Beck, un
zweitens erlaub ich mir Sie dran ze-n-erinnere, dass
Sie au nit vun jeher an d'r Spitz vun dere grosse
Konservefabrik gstande sin, liewer Herr Grinsinger,
un dass ... — (den Namen deutsch aussprechend).
Fritz Grinsinger (Ehrstein hastig unterbrechend):
Pardon, dass ich Sie unterbrech, erschtens bin ich
noch lang nit Ihr Liewer und zweitens heiss ich
nit Grinsinger, ich heiss Grinsinger. So unn jetzt
noch e kleini Fröuj: Könne Sie mir verlicht saaue,
wo Sie Ihre Huet han unn Ihr Stock oder Paraplui ?
— 20 —
Ehr st ein: Drüsse-n-allewäj. Worum diss?
Fritz Grinsinger: Ah, ich thät ne zue gern die
Üstensilie gän, for Sie nit länger uffzehalte ... Sie
könnte sich sunscht ze viel anstrenge üewwer dem
redde . . .
Jeannette: Awwer papal
Ehr st ein: Ich versteh Ihre Wink mit'm Dreschfleijel.
Ich geh Herr Grinsinger. Sie könne-n-awwer ver-
sichert sin, ich wur nit ruehje, bis d'Mamsell Jeanne
mini Frau unn Sie min Schwejerbabbe sin!
Fritz Grinsinger: Do könne Sie warte, bis dass's
grüen schneijt!
Ehr st ein: Wenn ich mich uff Ihri Tochter nit meh
verlosse könnt, wie uff Sie, gewiss. Awwer so hett
ewwe-n-Ihri Tochter au e Wörtel mit ze redde!
Je an nette: ja, Georges! Uff mich kannsch dich
verlon !
Ehr stein: Merci ma chere! Et au revoir!
Jeannette: Au revoir/ (Georges ab.)
Fritz Grinsinger: Nix ze-n-au revoir! — Die Plan
kannsch d'r ein for alli Mol üs'm Kopf schlaaue!
Jeannette: Unn nein papa ich schlaa m'r sie nit üs'm
Kopf! Ihne odder keine! (ab nach links die Türe
zuschmetternd.)
Fritz Grinsinger: So diss soll m'r jetzt nix sin, diss
isch m'r jetzt e scheeni Kommission!
Madame Grinsinger (behäbige Parvenüsgattin im
Stadtanzug durch die Mitte herein, während sie spricht
setzt sie ihren Hut ab. Zuvor küsst sie ihren Mann.)
Bonjour Männel! Wie geht's? 's Lisa hett m'r in's
Riemers telephoniert, dass du do bisch. Awwer was
hesch denn, gell du bisch nit guet gelünt?
— 21 —
Fritz Grinsinger: E Wunder un e Kunseht! Alles
im lätze Gleich, wie ich heimkumm! Verwitsch ich
do e-n-üwwerzwerichene, hergeloffene Student üs d'r
Krütenau, wie'r unser Jeannette verschmutzt!
Madame Grinsinger (empört): ca c'est fort\ Diss
isch awwer e stariks Stück!
Fritz Grinsinger: Ebb m'r do nit möcht kapüt gehn!
Madame Grinsinger: Am End isch's d'r in Paris au
nit guet gange?
Fritz Grinsinger (freudig): Oho, 's Gejedeil vum
contraire! Wenn ich an denne Uffenthalt zeruck-
denk, ze kumm ich meme widder in e ganz anderi
Lün. Miner sejour in Paris isch grossartig verloffe!
On m'a fait une reception! C et ait phänomenal, 's isch
grossartig gsin!
Madame Grinsinger: Tant mieux! Diss macht m'r
jetzt Fraid!
Fritz Grinsinger: D'r Baron de Rose, d'r Chefre-
dakteur vum Reveil National, hett mich mit der
Duchesse de Montplaisir bekannt gemacht.
Madame Grinsinger: Was, e duchesse hesch du
kenne lehre? E rechti duchesse?/
Fritz Grinsinger: Jawoll ! E rechti duchesse ! Sein,
cela Ven bouche un coin ?! — JEJn suite hawich d' Bekannt-
schaft gemacht mit zwei frühjere Minischter unn mit
d'r Diane de Bougival, eini vun de-n-erschte Sängere
üs Paris. E zue e distinguirti, fini anständigi Person,
sie isch d'maitresse vum e russische Grossfüerscht.
Madame Grinsinger: J'espere! Diss soll nix sin!
Fritz Grinsinger: Ich hoff, dass sie d'r nächste Win-
ter hie im concert vun d'r Fanfare ufftrette wurd.
— 22 —
Madame Grinsinger: Do fraj ich mich schun druff.
Du ladsch sie no hoffentlich zuem Esse-n-in. Tu l'in-
viteras ?
Fritz Grinsinger: Awwer selbstverständli, mit'm
comite vun d'r Fanfare. JEnfin, wie du siehsch
hawich d'finscht Pariser Gsellschaft kenne gelehrt.
Marie (anmeldend): D'r Herr Riemer.
Fritz Grinsinger: Ah?! Der kummt m'r grad wie
geruefe, er soll erin kumme.
Riemer (älterer Herr, würdiges Aussehen): Bonjour
mon eher ami, bonjour chere madame. Grad hör ich,
dass du üs Paris zeruck bisch. Du siehsch e bissei
angegriffe-n-üs.
Fritz Grinsinger: Kenn Wunder, vun eim diner
zuem andere, do les emol die Notiz im Figaro, (zieht
den „Figaro" aus der Tasche.) Do les. (liest. Riemer
schaut ihm über die Achsel in die Zeitung.) Grande
soiree hier chez la Duchesse de Montplaisir. Tres
remarque dans la Societe le grand industriel alsacien
Grinsinger, le patriote alsacien bien connu. (steckt
die Zeitung in die Tasche und zieht aus der andern
Tasche die „Fresse".) Un do les emol denne-n- Artikel
in d'r „Presse". „Non! La protestation n'est pas
morte, nous avons eu la bonne fortune d'interviewer
Monsieur Grinsinger, le patriote alsacien". . . . siehsch,
sie heisse mich einfach numme noch †žle patriote al-
sacien". (liest weiter in der Fresse.) Unn zuem
Schluss vun dem Artikel heisst's: „Et dire qu'un
homme pareil n'est pas encore decore! u
Riemer: Diss isch e gueter Wink.
Fritz Grinsinger: C'est vrai, awwer der Satz wurd
sini Giltigkeit nimmi lang bhalte ....
Riemer: So, hesch Hoffnung?
23
Fritz Grinsinger: Alli Stund kann d'nomination
kumme.
Madame Grinsinger: Vun d'r Legion d'honneur?
Fritz Grinsinger: Nein noch nit, später han sie
gsaat, es sin noch zue viel vorgemerikt. Einschtwile
könne sie m'r nur oVpalmes academiques gän.
Riemer: Do d'rvun sin also noch meh uff Laauer. —
Fnfin 's isch als besser wie gar nix.
Madame Grinsinger: Diss saa ich au. Besser e
Lüs im Krütt as gar kenn Fleisch.
Fritz Grinsinger: Z'erscht han sie m'r d'r merite
agricole welle gän, wyll ich Konserve fabrizier, ich
hab mich awwer nit d'rfor decidiere könne. Nitwohr,
d'r Merite agricole kann jeder Bür han, unn d'rno
officier d'academie, diss klingt au besser. Officier
klingt besser wie merite unn academie besser wie
agricole.
Riemer: Fnfin du bisch e veinard, diss muess m'r
saaue! A propos, hesch au eso e Wörtel en passant
falle Ion for mich? Nit dass ich m'r bsunderi Ver-
dienschte zueschrieb, awwer nit wohr als langjähriger
Präsident vun d'r Fanfare.
Fritz Grinsinger: Loss mich numme mache. ~Voila
mon stratageme. Am nächste Sundaa, ze kummt
d'r Sohn vum baron de Rose zue mir uff Visit uff
min Landhüs bie Barr. Er blieht ebbe zeh Daa do,
er will nämlich e Roman üewwer's Elsass schriewe,
unn bie dere Geläjeheit, ze möcht ich gern Ü Fan-
fare inlade.
Riemer: E-n-exellenti Idee!
Fritz Grinsinger: On organisera une de ces bonnes
fites alsaciennesy for dass d'r baron de Rose sieht,
was e-n-elsässischi Societät isch. D'rno kann d'r
24
baron de Rose e-n-entreßlet drüewwer in d'Zittung
bringe. Unn derno welle m'r emol sehn, ob diss
Pflaschter nit zeijt.
Riemer: A la bonne heitre!
Fritz Grinsinger: Unn noch ebs, kannsch e Gheimnis
for dich bhalte? — D'r Baron de Rose kummt wäje
unserem Elisa.
Riemer: Je te felicite.
Madame Grinsinger: N'est-ce pas, m'r muess sini
Töchter in Frankrich verhierothe, hie hett's nit viel
Rar's an junge Lytt!
Fritz Grinsinger: Unn wenn's Lisa verhieroth isch,
d'rno kummt s 1 Jeannette an d'Reih, for in's hawich
e-n-Offizier im Au.
Riemer: Charmant!
Fritz Grinsinger: Unn d'rno for mine Sohn, do ha-
wich gedenkt, dass's an d'r Zytt war, dass m'r diss
projet realisiere thäte, wie m'r's letscht so en passant
d'rvun geredd hann unn dass'r sich mit dinere Tochter
fi andere thät.
Riemer: En effet, es wäi zue schöen, wenn die zwei
guete elsässische Familie Riemer unn Grinsinger ver-
schwägert thäte wäre Ja, hesch'm schiin d'rvun
geredd?
Fritz Grinsinger: Nein, noch nit. awwer noch hytt
will ich'm d'rvun reild<\
Riemer: Sais tu quoi? Ich lad 'ne Murje zuem z'Midda-
esse-n-in
Fritz Grinsinger: Cest cela, ich acceptier for 'ne mit
Pra'nle. Diss war wiriklich zue charmant, wenn
m'r am En 1 <r r am Sunndaa, wenn <VFan are
kmn "t. i v Doppeihochzitt proklamiere könnte.
Madame Grinsinger: Diss war emol schön!
— 25 —
Fritz Grinsinger: Ce serait une apothdose, wo for
dich verlicht e violetts Bändele bedytte könnt, denn
d'r Babbe vum Baron de Rose, wie kämmt, hett e
lange-n-Arm.
Riemer: Unn for dich am End gar 's roth!
Fritz Grinsinger: Wer weiss, qui vivra verra!
Madame Grinsinger: Hett zeller Blind gsaat.
Riemer (gibt ihm die Hand): Et au revoir eher ami.
Au revoir Madame, (ab)
Madame Grinsinger: Ich thät die Hieroth zue gern
sehn, die Mamsell Riemer isch jo kenn beaute, eile
n'est pas belle, mais eile est spiritueuse.
Fritz Grinsinger: Spiritueuse! ! — Spirituelle witt
du saaue?!
Madame Grinsinger: Ah, ja!
Fritz Grinsinger: Wenn du eso französch reddsch,
wenn d'r baron de Rose kummt, wurd der ebbs netts
denke! Du verhunz'sch m'r noch mini ganz carriere!
Ich bin im Stand unn mach's noch wie d'r Napoleon
premier, wie'r uff d'r Höh isch gsin, unn loss mich
vun d'r scheide!
Madame Grinsinger: Oho! Je ne me laisse pas e so
wegwerfe! Gell wie du mich for drissig Johr
ghieroth hesch, ze-n-isch d'r diss Büremaidel guet
genue g'sin, wo d'r d'Dott mitgebrocht hett, for diss
Epicerie-l&dol ze kaufe, wie m'r mit angfange han.
Fritz Grinsinger: Hawich's zellemols könne wisse,
dass ich's emol e so witt bring ? !
Riemer: (zurückkehrend): E, Mildebikl noch emol, wer
kenn Gedanke hett, der hett Füess. Ich bin ewwe
ajetlich kumme, for ze fröuje, ob du definitiv deci-
diert bisch, kenn Kandidatur for de Gemeinderoth
anzenemme?
— 26 —
Fritz Grinsinger: Ganz decidiert ! So lang Schwowe-
n-uff d'r Mairerie hucke nemm ich kenn Kandidatur
an ! Niemols !
Riemer: Bravo! Tres bien! Hesch ganz recht, diss
isch au mini Idee. —
Et bien au revoir alors! (ab)
Fritz Grinsinger: Wenn ich nur müesst, so dumm
bin ich jetzt doch nit. Do müesst ich jo 's gröscht
Hornvieh uff'm Erdsgrundbodde unn de-n-angrenzende
Weltteil sin! — 's erseht was d'Gejner mache thäte,
diss war in minere Vergangen eit rumzeschnuifle, wie
e Herd Söüj uff d'Trüffle, ob sie nix geje mich finde
könnte. — Ich wurr allewäj wäje-n-eme so einfältige
Titel uff 's Spiel setze, was ich zitt'r füenfedrissig
Johr verheimlicht hab (schaut nach den Türen, ob
niemand lauscht), dass ich ajetlich gar kenn Elsässer
bin, dass min Vatter unn Mueder ingewanderti Sachse
sin gsin unn Grinsinger gheisse hann?! — Diss
Massel vun mini Find wott ich sehn, wenn diss erüs-
thät kumme!
Madame Grinsinger: Wer weiss, obs nit doch emol
erüskummt ?
Fritz Grinsinger: Wie so?! — Wer kann e-n-In-
tresse dran han, diss erüszeförschle ? — Üsser dir
weiss 's kenn Seel unn kenn Mensch, nit emol mini
Kinder wisse's, dass so e-n-epee de Damocles üewwer
mir hängt.
Madame Grinsinger: De quel Sawel parles-tu la?
Yun was for'me Sawel reddsch du do?
Fritz Grinsinger: Du hesch jetzt emol doch gar
kenn Bildung! Yum Sawel vum Damocles.
Madame Grinsinger: Was isch diss for e Sawel? —
— 27 —
Fritz Grinsinger: Was 's isch, weiss i selwer nit,
awwer m'r saat emol so.
Madame Grinsinger: Ah, comme ga! — Ah, zelle-
wäj!
Fritz Grinsinger: Nein, ich wurr mich hüete ebs
ze thuen, wodurich diss Gheimnis erüs kann kumme.
D'r Fritz Grinsinger wurd die Roll vum patriotische
Elsässer, wie'r bis jetzt so guet unn mit so viel
succes gspielt hett, wittersch spiele unn als gueter
Patriot emol in's Jenseits abflattere, (setzt sich)
Madame Grinsinger (besorgt) : Qui satt ! Wer weiss !
Wer weiss!
Fritz Grinsinger: Ja, d'r Gücksel, was isch denn,
du machsch jo e Gsicht wie e verresseni Zittung?
Ich bekumm jo ganz Angscht. —
Madame Grinsinger: Eh bien, dass's grad weisch,
in dere Zytt, wie du in Paris bisch g'sin, isch's erüs-
kumme. C'est hüsse, 's isch alles hüsse!
Fritz Grinsinger (entsetzt aufspringend, zuerst ganz
sprachlos): Wie, was, wer hüsse!? — Hüsse, dass ich
e Sachs bin? Du bisch vun Sinne! — Wie, was,
wer?! Ei diss isch jo nit möjlich! Nit möjlich!
Madame Grinsinger: Unn doch isch's eso.
Fritz Grinsinger: Ja, unn wer isch denn der
Simpel, wie diss erüsgebrocht hett?!
Ze redd doch! Denne bring ich jo um!
Madame Grinsinger: Ei d'r Professor Kneppchen.
Fritz Grinsinger: Was?! Jetzt bin ich verlöre, ver-
ratzt, fütti, kapores! — Ja, ze redd doch, wie isch
denn diss möjlich?
Madame Grinsinger: Ei, sie han doch dine Kopf
gemesse, ehb dass du uff Paris bisch, un do han
sie's an dim Kopf gsehn, dass du vun ditscher Ab-
— 28 —
stammung bisch. D'rno hett mich d'r Dokter
Kneppchen gfröut, ob ich ebs wisst, wie dinni
Familli herestammt, si je savais quelque chose?
Fritz Grinsinger: Unn d'rno bisch du so e dummi
Gans gsin, unn hesch's'm natierlich erüsplappere
müehn.
Madame Grinsinger: nein, ich hab an contraire
gsaat, fai dit, ich weis nit, d'rno hett'r Nooch-
forschunge angstellt, unn isch am e scheene Daa
ganz stolz mit de Geburtsschien vun dine-n-Eltere
angewalzt kumme. Cest comme ga!
Fritz Grinsinger: Diss soll m'r jetzt nix sin, isch
m'r jetzt diss e nonvellel Wenn diss d' Fanfare er-
fahrt, wenn diss d'r Baron de Rose erfahrt, wenn
diss d'Duchesse de Montplaisir unn d'Diane de
Bongival erfahre, do bin i verlöre, geliffert,
s'stüerzt Alles mit m'r zsamme ! D' Welt geht mit mir
unter! Nein, dass m'r miner Generalagent in Leipzig
denne lätzgedräijte Professor in's Hüs schicke hett
müehn. Isch mir diss e lätzi Visit! Isch m'r diss
e lätzi Visit! —
Madame Grinsinger: Zue fatal, zue fatal!
Fritz Grinsinger: Ob's fatal isch! E-n-Unglüeck
isch's! E Katastroph isch's! Wenn kenn Wunder
gschieht un denne nundedies Professor mitsammt
sinere Schäddelmesserej d'r Schinder holt, no isch
Alles verlöre!
Madame Grinsinger: Seht! on vient! Es kummt
ebber.
Dr. Kneppchen (Typus eines Stubengelehrten, durch
die Türe rechts herein): Hm! Hm! Verzeihung wenn
ich störe.
— 29 —
Fritz Grinsinger: 0, Sie stören gar nicht, Herr
Professor, im Gegenteil.
Dr. K neppchen: Ich habe Sie übrigens schon lange
nicht mehr gesehen. (Das verwunderte Gesicht
Grinsingers bemerkend) Ah, ja richtig, Sie waren
ja in Paris. Verzeihung ich bin so zerstreut.
Madame Grinsinger: Das kann jedem vorkommen,
dass er sich einmal verhopasst und verbabbelt.
Dr. Kneppchen (zu Grinsinger): Sie sind wohl ver-
wundert mich noch hier zu treffen?
Fritz Grinsinger: Ja, gerade habe ich meiner Frau
gesagt, wie sehr es mich freut, dass sie noch hier
sind.
Madame Grinsinger: Ja, das hat er gesagt.
Dr. Kneppchen: Zu liebenswürdig. Ich werde halt
so verwöhnt hier, dass es mir schwer fallen wird,
mich von Ihnen zu trennen. Sie können aber sicher
sein, ich werde wieder kommen, öfters wieder zu
Ihnen kommen.
Fritz Grinsinger: So, das freut uns sehr, (für sich)
Heiliger Bimbamm ! Wenn de nur wüeschtsch wie ! —
Dr. Kneppchen (nachdenklich): Übrigens, wenn ich
mich recht erinnere, habe ich Ihnen etwas Wich-
tiges zu sagen (zieht sein Notizbuch heraus und
blättert darin) Ach ja, richtig. Ich habe Ihnen
zwei hocherfreuliche Mitteilungen zu machen.
Fritz Grinsinger: So? Da bin ich gespannt. —
(für sich) Es grüüst m'r schun !
Madame Grinsinger: Da bin ich jetzt wunderfltzig.
Dr. Kneppchen: Die eine betrifft Ihre Ernennung
zum königlich sächsischen Hoflieferanten, welche
nunmehr bevorsteht, wie mir mein Vetter mitgeteilt hat.
— 30 —
Fritz Grinsinger (schüttelt ihm die Hand): Besten
Dank für die frohe Nachricht. Das ist jetzt schön.
Madame Grinsinger: Das macht jetzt meinem Mann
Freude, auf diesen Titel hat mein Mann schon lange
gespannt.
Dr. Kneppchen: Und die zweite Nachricht ist noch
viel erfreulicher.
Fritz Grinsinger: Noch erfreulicher? Handelt es
sich am Ende gar um einen sächsischen Orden?
Dr. Kneppchen: Doch nicht! Um etwas viel Er-
freulicheres !
Fritz Grinsinger: Ja, kann es denn noch etwas Er-
freulicheres geben?! —
Dr. Kneppchen: Gewiss, gibt es das! Gewiss! Es
handelt sich nämlich um Ihre Familie. Hören Sie,
und staunen Sie, etwas was Sie wahrscheinlich
selbst noch nicht wissen . . .
Fritz Grinsinger (zerstreut): Nein ich weiss es
nicht . . .
Dr. Kneppchen: Mit einem Wort, Sie haben Familie
in Sachsen. Heilige Familienbande verknüpfen Sie
mit Sachsen, der Heimat Ihrer Eltern!
Fritz Grinsinger (verblüfft): Ah?! . . . So, so . . .
sehr angenehm.
Dr. Kneppchen: Ja, nicht ohne grosse Mühe ist es
mir gelungen zu eruieren, dass Grinsinger, der reiche
Rentner Grinsinger aus Leipzig, der Begründer einer
grossen Aktienwurstlerei, Ihr leibhaftiger Yetter ist.
Fritz Grinsinger: So, so, sehr erfreulich! — (für
sich) Sapristi.
Dr. Kneppchen: Der Präsident des hiesigen Sachsen-
bundes, Herr Gauthier, der auch in verwandtschaftlichen
Beziehungen zu Ihrem Vetter steht, erwartet jeden
Tag seinen Besuch.
— 31 —
FritzGrinsinger (mit geheuchelter Freude) : Wirklich,
das ist aber schön ! (für sich) Es grüsst m'r, wenn i
dran denk.
Dr. Kneppchen: Sie sehen also, dass es Ihnen in
nächster Zeit nicht an freudigen Überraschungen
fehlen wird.
Fritz Grinsinger: Gewiss! Gewiss! — (für sich)
Kenn lätzi Uewwerraschung!
Dr. Kneppchen: Ja, Sie verzeihen, ich muss sehr
eilig — sehr eilig — (zerstreut) Wohin war es nur?
(schaut in sein Notizbuch) Was war es nur? Ah,
richtig zur Bibliothek. Entschuldigen Sie meine Eile.
Verzeihen Sie, wenn ich aufbreche. Empfehle mich,
(verabschiedet sich)
Fritz Grinsinger (wütend im Zimmer auf und ab):
Na, diss soll m'r emol jetzt nix sin! Wenn nur glich
e Millionedunderweschbel in die sächsisch Verwandt-
schaft ninschlaaue tat! Diss sin m'r jo schöeni Üs-
sichte! (Jeannette und Lisa kommen von links, Au-
guste von rechts.)
Madame Grinsinger: Mon Dien!
Fritz Grinsinger (mit Wärme zu seinen Kindern):
Jeannette, Lisa, Auguste, Lisa, Kinder!
Lisa: Was isch jpapa?
Jeannette: Isch ebs gschehn?
Auguste (fasst ihm den Puls): Isch's d'r nit guet?
Fritz Grinsinger: Doch, awwer ich hab e Wueth!
E Wueth wie e Hüs! Bedenke numme, was Ejer
Babbe in drissig Johr gschafft hett, um d'Famili
Grinsinger in d'Höh ze bringe, isch uff's Spiel gsetzt
durrich denne hergeloffene, üewwerzwärichene Pro-
fesser üs Sachse!
— 32 —
Auguste: Pardon Papa, e Gelehrter wie d' Wisseschaft
stolz druff kann sin!
Fritz Grinsinger: Hol d'r Deifel e so e Wisseschaft,
wie mir mini ganz Familli durichenander bringt!
Auguste: Oho! — Unn d'rno, dass'r e Hergeloffener üs
Sachse-n-isch, do d'rgeje kannsch du doch am aller-
wenigschte ebs saaue, du bisch jo sälwer e Sachs.
Fritz Grinsinger (verblüfft): So?!
Lisa: Ja, Babbe, diss hesch du uns jo gar nit gsaat,
dass du üs Sachse stammsch.
Jeannette: Dass unseri Grosseltere Sachse sin gsin!
Fritz Grinsinger (wütend): C'est cela, do han m'r's!
So, diss hawich m'r jo gedenkt, dass'r m'r diss jetzt
alle gelte uff de Flade striche wäre! — Guet wie'r
's doch wisse, ja mini Eltre sin Sachse gsin, awwer
do hawwich doch e bigott nundebuckel nochemol nix
d'rfor könnt, mini Eltre könne sin gsin, was sie welle,
diss gitt mich nix an. Ich hab mine-n-Eltre do drüewwer
kenn Vorschrifte ze mache ghett, wie sie here han
solle sin. Awwer was mich anbelangt, ze bin ich kenn
Sachs, ich bin e-n-Elsässer, ich bin do vor siewwezig
gebore, miner Geburtschyn wiest's! Unn do d'rmit
Punktum! Mais n' Importe, es muess alles gemacht
wäre, for dass die Sach nit erüs kummt van minere
Abstammung. Grad jetzt, wie ich so noht am Ziel
steh, derfs nit erüskumme, jetzt wo ich in Paris als
einer vun de erschte Pfleler vum Elsass gelt, wie ich
alli Ehre ze-n-erwarte hab, mit Duchesses, Sängere,
Minischter, kurz d'r elite vun d'r französche Gsell-
schaft verkehr, jetzt, wie ich offlcier d' academie soll
wäre! Nein, wenn ich dran denk, ze fahrt's m'r kalt
— 33 —
unn warm de Buckel nab! — (entmutigt) 's isch ein-
dhuen, m'r hett's nit licht e Sachs ze sin! — Mini
Eltre han m'r schun viel Sorje gemacht!
Madame Grinsinger: So ze verzwiefle brüchsch jetzt
au nit grad, pour siir.
Fritz Grinsinger: Uff alli Fäll muess vorgsorit wäre.
's Schicksal vun unserer Famuli, wie jetzt am e Nätz-
fädel hängt, muess an anderi Famillie gekett wäre. Mit
eim Wort, Ihr Kinder, Ihr könne ellein d' Situation
sauviere, wenn'r alli drej, so schnell wie e Geis tritt,
in elsässischi unn französchi Familie nin hierothe.
Lisa: So uff d'r Extraposcht, papa?
Jeannette: Diss war jo e Hierothsgschäft en gros!
Fritz Grinsinger: Do isch d'r Moment jetzt nil
Witz ze risse, wenn's sich um d'Zuekunft vun d'r
Familli Grinsinger handelt. — Auguste, was haltsch
du par exemple vun mim Vorschlaa?
Auguste: Was mini Person anbelangt, ze steh ich nit
an ze gstehn, dass m'r d'r Gedanke an e Hieroth so
wohl vum wisseschaftliche als au vum praktische
wie vum rein menschliche Standpunkt üs ganz sym-
patisch isch, unn dass ich schun ernschtlich üewwer
die Fröüj nochgedenkt hab.
Fritz Grinsinger: Liewer Auguste, dass du schun
üewwer die Fröüj noochgedenkt hesch, diss isch
ganz schön vun dir, awwer ganz unnötig. Do d'r-
for loss du dini Eltre sorje, et pour en finir, es
präsentiert sich e-n-exellenti famosi Partie for dich,
e Wiewele, wie grad for dich passe thät, so grad
wie express for dich gschaffe.
Lisa: Papa, wer soll diss sin?
— 34 —
Fritz Grinsinger: Es isch d'Mamsell Riemer,
d'Tochter vum Präsident vun d'r Fanfare. (Enttäu-
schung bei Lisa und Jeannette.)
Madame Grinsinger: Dükennsch sie doch, Auguste?
— Wie gfallt sie d'r?
Fritz Grinsinger: Eh bien?! —
Auguste: Ja, was sollich do saaue, bie minere grosse
Kurzsichtigkeit. Lisa unn Jeannette, wie gfallt sie
Ejch? —
Fritz Grinsinger: Im Lisa unn Jeannette brücht sie
doch nit ze gfalle, wenn sie nur dir gfallt.
Lisa: Mir gfallt sie offe gstande nur so, so, la, la.
Jeannette: Min Ideal war sie au nit for fa-n- Auguste.
Fritz Grinsinger: Jetzt hör ein Mensch do anne,
ich hab m'r glich gedenkt, dass Ihr mir Dreck unter
de Leime mache wäre! Was han'r denn an ere üs-
zesetze?
Lisa: Papa, ei du wurrsch's jo selwer wisse, so guet
wie mir, sie hett jo e Buckel.
Fritz Grinsinger: E Buckel, e Buckel! Wie mir
nur glich so üewwertriewe unn einfältig redde kann.
E Büeckele hett sie, nur so e ganz kleins, netts,
winzigs Büeckele. D'rzue isch's nur uff einere Sytt.
Madame Grinsinger: Unn es steht ere du reste
ganz guet.
Fritz Grinsinger: Unn d'rno m'r deckt's mit Zwanzig-
marikstüeckle zue, no sieht m'r's nit.
Auguste: So, so!
Fritz Grinsinger: Enßn, s'bescht isch, Auguste, du
nemmsch Morje n-e kleine Aueschyn, so e-n-Art
Ortsbesichtigung vor.
35
Auguste: Ich stimm dem bie, min Gerechtigkeitsgfüehl
schriebt m'r's vor üewwer denne Punkt Klorheit ze
schaffe.
Fritz Grinsinger: D'r.Her Riemer hett Dich so
wie so ingelade; unn sous pr etexte d'Köpf vun d'r
ganze Famili ze messe, messen no au d'r Kopf
vun d'r Mademoiselle Riemer; bie dere Geläjeheit
kannsch sie no au vun ganz noht betrachte.
Auguste (verwundert): Tiens, uff so e-n-Idee war ich
jetzt nie kumme.
Fritz Grinsinger: Unn d'r Rescht wurd sich no
schun finde.
Auguste: Ejetlich sott sich d' Wisseschaft nit zue so
Manöver here gän; awwer d'Köpf vun d'r ganze
Familie Riemer messe ze derfe, hett ebs zue ver-
lockends an sich!
Fritz Grinsinger: Also angenumme? (streckt ihm die
Hand hin.)
Auguste (schlägt zu): Ingepatscht! Somit war der Fall
erledigt. Et au revoir. Ich muess nämli notwendig
uff d'Bibliothek (ab durch die Mitte).
Lisa: E liebs Brüederle. Er intressiert sich nit emol
drfor, was uns d'r papa for Hochzitter erüsschoissiert
hett.
Fritz Grinsinger: Ich hab Ejch Männer erüsgsuecht,
Ihr Maidle, wie Ihr sie ejetlich gar nit verdiene,
erschti Qualität, wie sie for Ejch viel ze guet sin!
Lisa: Eh bien merci!
Fritz Grinsinger: For dich, Lisa, hawich — tu ne le
devineras jamais — e Baron im Au.
Madame Grinsinger: Songe une fois un baron/ E
Baron!
— 36 —
Lisa (laut herauslachend) : E Baron?! (Macht einen
Knicks) Madame la baronne! — Babbe diss isch
e gueter Gschpass!
Fritz Grinsinger: Kenn Gschpass! Do isch nix ze
lache! — Es isch im Baron de Rose vum Reveil
National siner Sohn!
Madame Grinsinger: E Baron! Wenn diss sich
miner Vater, wenn'r hinger'm Pfluej here-n-isch
gange, traime hätt Ion! — Wenn ich nur dran
denk, cela me donne un froisson dans le dos!
Fritz Grinsinger: Un froisson! Un froisson! — E
so muesch französch redde, wenn d'r Baron de Rose
am nächste Sundaa kummt, no sin m'r gemutzt! —
E frisson heisst's.
Madame Grinsinger: Ah?! — Ich sott glauwich noch
e paar französchi Stunde nemme die Wuch?!
Fritz Grinsinger: Schade könnts nix, awwer nutze
wurd's au nix! s'isch schwer, e-n-alter Bär tanze
lehre !
Madame Grinsinger: Merci for de Verglich! —
Fritz Grinsinger: Un dir, Jeannette, hawich e fran-
zöschs Offezierel erüsgsuecht!
Jeannette: Papa\ Du kummsch leider ze spoot, du
weisen jo, dass ich mich mit'm Herr Ehrstein fian-
cirt hab.
Fritz Grinsinger: Redd m'r nimmi vun dem lätz-
gedrähjte, hergeloffene Student üs d'r Krütenau!
So e Dökterle!
Madame Grinsinger: Wurrsch doch kenn mesalliance
comme ga mache welle?
Je an nette: Ja, Babbe, wenn du nit hann witt, dass's
erüskummt, dass du e Sachs bisch, ze muehsch dich
vor allem an de Herr Ehrstein halte.
37
Fritz Grinsinger (verwundert): Wie so an denne
halte?
Jeannette: Ei wie'r e Dokterarweit üewwer d'Schäddel-
bildung vun unserer Familli schriewe will, d'rbi
will'r genau üsführe, dass du üs Sachse stammsch
unn d'Mamme üs ere ganz alte elsässische Büre-
familli.
Fritz Grinsinger (entsetzt): Wie, was faselsch du
do? — Der kennt unser secret au? — Jetzt trefft
mich d'r Schlaa! Ja do, do bin ich jo dem lätzge-
drähjte Burscht, wie ich ewwe nüsgschmisse hab uff
Gnad unn Ungnad üsgeliffert! misere, m'r hett's
nit licht, e Sachs ze sin !
Durand (tritt durch die Mitteltüre ein. Hübsches jugend-
liches Aussehen. Charakteristisch ist seine selbstge-
bundene grosse Halsbinde. Er begrüsst die Anwesen-
den): Bonjour mes chers. Bonjour oncle. (bemerkt
die gedrückte Stimmung) Ich glaub gar, ich kumm
grad im e lätze Moment.
Lisa: Du kummsch jo im e lätze Moment, cousin.
Je an nette: D'r Babbe möcht uns nämlich mit aller
Gewalt verhierothe.
Durand: Diss isch jo e lätzer Moment! Unn geje
wenne, wenn m'r fröuje derf?
Jeannette: Cousin, mir hett d'r Babbe e-n-Offizier
erüsgsuecht.
Durand: Oh! . . — E-n-Offiezier? Infanterie? Artillerie?
Kavallerie ?
Fritz Grinsinger: Diss spielt kenn Roll. —
Durand: Oh doch Unkel, d'r Pries, wie m'r dran kehre
muess, isch unterschiedlich, d'Kavallerieoffezier sin am
dierschte.
Lisa (traurig): Cousin, unn ich soll gar e Baron han.
— 38 —
Madame Grinsinger (stolz): Le Baron de Rose.
Durand: Vum Reveil national?
Fritz Grinsinger: Parfaitement.
Durand: Was, denne commis-voyageur enpatriotisme? —
Fritz Grinsinger: Partien, es sin nit alli Franzose
so wie du. Es gitt au noch Franzose, wie gueti
Patriote sin!
Durand: D'r Baron de Rose hätt am wenigste -n-Ur-
sach sich eso als Patriot uffzespiele, denn der isch
ewwe so weni e Franzos wie e Baron!
Fritz Grinsinger: Oho?!
Durand: Unn wenn's d'r Fraid macht, ze will ich dir
de Geburtsschyn vun sine-n-Eltre unn Grosseltre
verschaffe.
Fritz Grinsinger: Hebs am Oehrel, wenn'r nit vun
altem französchem Adel war, no thät 'r allewäj bie
d'r Duchesse de Montplaisir verkehre?!
Durand: Die isch noch wenjer e Französe, wie er e
Franzos. Ihr Vater isch e-n-amerikanischer Milliardär
g'sin, unn ihr Grosvater e-n-armer Söüjhirt üs Kali-
fornie !
Fritz Grinsinger: So, unn mir hett d' Diane de Bougi-
val, die berüehmt Sängere grad's Konträr gsaat.
Durand: Was, die cocotte hesch au noch kenne lehre
in Paris?
Fritz Grinsinger: Oho?! Cocotte! — Charles tu vas
trop loinl — Sie isch d'mattresse vum e russische
grand-ducl Unn wenn sie unn d'r Baron de Rose
nit gsin warte, wer weis, ob ich sunsch d'palmes
academiques demnächscht bekumme thät!
Lisa: Was Babbe, du solisch dekoriert wäre?
— 39 —
Durand : (lässt sich auf einen Stuhl fallen): Wa . . . s?
Onkel, du dekoriert? (Platzt heraus vor Lachen) Nein,
Onkel, du muesch m'r 's nit in üewwel nemme, wenn
i lach, wäje was denn, wenn m'r fröüje derf?
Fritz Grinsinger: Schients d' französch Regierung
find, dass i Verdienschte hab.
Madame Grinsinger: Unn d' ditsch Regierung find' s
aussi, wie's schient, denn diner Unkel wurd au ball
zuem sächsische Hoflieferant ernennt wäre!
Durand: Na, Ihr sin au noch guet, also Ihr g'höre
au noch zue dere Sort Lytte, wie meine, Orde unn
Titel wäre nooch Yerdienscht üsgeteilt?!
Fritz Grinsinger: Ja, wäje was denn schunscht?!
Tiens, weissch du, for was dass ich dich halt, Charles?
for e ganz gfährlicher Anarchist!
Durand: (lachend): Oho?! —
Fritz Grinsinger: Nix isch dir meh heilig, du spöt-
telsch üewwer d' Offizier, du glaubsch nimmi an d'
Barone, nimmi an d'duchesses, nimmi an berüehmti
Sängere, ja du glaubsch nit emol meh an d'Orde unn
an d'Hoflieferantetitel ! Ja, liewer neveu, ze saa du
mir e Gottsnamme, an was glaubsch du d'rno denn
ejetlich noch?! —
Madame Grinsinger: (Die Augen gen Himmel schla-
gend) ; jeunesse d'aujourd'hui, wie bisch du ver-
dorwe !
Durand: Unkel, an was dass ich glaub, fröüjsch du
mich? Ich glaub emol vor allem an (Hält sich
zurück und bricht ab.)
Fritz Grinsinger: Saa's nur ditsch erüs, an d'mensch-
lich Dummheit hesch du saaue welle ! — Eh bien,
do dran glauwich au, denn wie könnt mir sich's
40
schunsch expliziere, dass' s Lytt gitt, wie sich mit
so Plan wie ere Friedensliga unn alliance franco-
allemande abthäte gän wie du.
Durand: Pardon, Unkel, dühesch verlicht ganz recht,
verlicht isch alles uff dere krumme gebuckelte Welt
nur e Dummheit!
Olga: (hastig durch die Mitteltüre herein.) Sie exküsiere,
e grossi notwelle, e grossi surprise. Sie rothe's nit ? !
Er kummt, er kummt !
Fritz Grinsinger: Wie was?! — Wer kummt?
Olga : Er kommt! In zehn Minute kann'r schun do sin?
Fritz Grinsinger: (ängstlich) Ja, wer denn?
Olga: Ei, Ihr cousin üs Leipzig.
Lisa:
Jeannette i D'r cousin üs Leipzig?!—
Durand:
Fritz Grinsinger (für sich): Ei du grosser Alledaa!
Madame Grinsinger (für sich): E schöni Bscheerung !
Olga: Ja, er hett telegraphiert üs d'r Schwyz, dass' r
uff d'r Reis hiehere-n-isch, d'r Babbe isch gange ne
abhole-n-an d'rlsebahn, unn ich soll Sie preweniere,
dass'r direkt mit'm do here ze fahre kummt.
Fritz Grinsinger: Do zue uns?
Olga: Ja, zue Ihne ! (trocknet sich den Schweiss von
der Stirne) Gott, bin ich in ere-n-Uffrejung! Isch
d'r Herr Professor drowwe ?
Fritz Grinsinger: Nein, er isch uff d'r Bibliothek, (für
sich) Diss soll nix sin !
Olga: Uff d'r Bibliothek? Do will ich doch glich anne
for ne au ze preweniere. Sie exküsiere, au revoir
(hastig ab).
Durand (ironisch): Diss isch e-n-angenehmi nouvelle !
— 41 —
Fritz Grinsinger (für sich): Hol dich d'r Schinder!
(Lässt sich auf einen Stuhl fallen.) De mieux en
mienx ! 's kummt als besser ! E heiliger Dunderstaa
noch emol ! Do han m'r de Salat ! Was isch jetzt
do ze thuen ?! — Do muess schnell e decision gfasst
wäre ! (nachdenklich) Am liebschte thät ich 'ne nüs-
schmisse, dass'r Hals unn Bein brecht, diss geht
awwer nit, wäje-n-m Gebabbeis, diss isch klar. Schlecht
empfange könne m'r ne au nit wäje-n-'m Professor
D r Kneppchen. In's Hotel derfr ererscht recht nit,
do thät Alles erüs kumme, do wärde m'r glich ver-
ratzt . . .
Madame Grinsinger: Ja was mache? Que faire?
Fritz Grinsinger: Was mache? — Es bliebt uns nur
eins üewwri, faisons bonne mine a mauvais jeu.
Empfange m'r ne so guet as möjlich unn hüete m'r
'ne wie e-n-Auapfel, dass'r mit niemes z'samme
kummt. . .
Lisa (am Fenster) : Jesses, ich glaub do kummt' r schun? !
Durand: Ja, diss schient'r ze sin.
Jeannette: Sie dischpetiere mit'm Kutscher!
Fritz Grinsinger (verzweifelt) : Isch m'r diss e lätzi
Visit, isch m'r diss e lätzi Visit !
Lisa: Ja, ich mach mich üs'm Staub (ab).
Jeannette (ihr nach): Ich au.
Durand: (den beiden nach) Ja unn ich möcht au die
nett Famillieszen nit derangiere.
Madame Grinsinger (hinter drein): Unn ich halt au
nit dran, do ze sin.
Fritz Grinsinger: Alli wäre-m'r doch nit so desser-
tiere?. .. (zur Türe hinaussprechend) Frau, schick
wenigstens e gueti Budell eruff, pour wie donner une
contenance.
— 42 —
Madame Grinsinger (von draussen) : Ja, Mann!
Marie (durch die Mitte herein zu Fritz Grinsinger):
Die Herre fröüje, ob Sie sie empfange könne? (über-
reicht zwei Visitenkarten).
Fritz Grinsinger: Sie solle-n-erin kumme.
Marie: Ja, Herr. (ab).
Fritz Grinsinger: Isch diss m'r e lätzi Visit! Isch
diss m'r e lätzi Visit! (Marie öffnet die Tür. Hans
Grinsinger und Gauthier treten ein. Hans Grinsinger
trägt Touristenanzug. Er ist sehr lebhaft. Gauthier:
Beamtenfigur, militärisches Auftreten, schwarzes,
krauses Haar. Gauthier stellt sich anfangs etwas
abseits, um die Familienszene nicht zu stören. Er be-
müht sich, korrekt deutsch zu sprechen, hat aber
sächsischen Accent.)
Hans Grinsinger (freudig auf Fritz Grinsinger zu) :
Gott Strambach, ist das ne freid'ge Iberraschung !
Vetter, mei lieber Vetter ! (ergreift beide Hände Fritz
Grinsingers.) Ich bummelte e bischen in d'r Schweiz
'nun, aber wie 'ch de Nachricht kriechte, da gabs ke
Haltens mehr. Schwupp dich - ene Depesche, —
uff de Eisenbahne und da bin 'ch! For de Familje
is m'r nischt ze schade!
Fritz Grinsinger: Ja, gewiss!
Hans Grinsinger (sich zu Gauthier wendend): Das
habt'r famos gefingert, ihr beeden Sapermenter, d'r
Professor un du! (Zu Fritz Grinsinger, indem
er Gauthier vorstellt.) Herr Gauthier, der Pflägesohn
von meiner säligen Schwester. (Gegenseitige Verbeu-
gung und Händedruck).
Fritz Grinsinger: Freut mich. — Wollen die Herren
nicht Platz nehmen? (Zu Hans Grinsinger) Sie werden
doch müde sein von der Reise?
— 43 —
Hans Grinsinger (jovial): Aber Vetter, kohl doch nich
eso. Wir wär'n uns doch nicht sietzen? Wie heesste
denn mit'n Vornamen?
Fritz Grinsinger: Ich heisse Fritz.
Hans Grinsinger: Und ich Hans. Komm her Fritz,
da hast'n Schmatz und nu sagst de egal Hans zu mir.
Fritz Grinsinger (mit Ueberwindung) : Ja — Hans.
Hans Grinsinger: Nu lass d'ch aber mal beliebäugeln
Fritze (mustert ihn). Gottverdimmmich ufs Daus
d'r olle Grinsinger, unser Grossvater, d'r Sergeant
bei'n Gardereitern! — Weess Kneppchen, jeder Zoll
e Grinsinger!
Fritz Grinsinger: Das freut mich aber wirklich.
Hans Grinsinger: Jeder Zoll e Grinsinger, jeder
Zoll e keeniglicher Sachse. Aber noch keene Spur
verwälscht !
Gauthier: Ja darum fühlt man sich gleich so heimisch
bei Ihnen.
Fritz Grinsinger (für sich): Diss kann guet wäre!
(Die Magd bringt eine Flasche Wein und einige
Trinkgläser und stellt sie auf den Tisch.)
Hans Grinsinger: Was? Gluckern sollen wir ooch
gleich eene?
Fritz Grinsinger: Gewiss! Wir müssen doch Ge-
sundheit trinken (er schenkt ein).
Hans Grinsinger: Na allemal derj enige, welcher !
Gauthier: Die alten Germanen tranken immer noch
eins! (Man stösst an.) Die Familie Grinsinger soll
leben!
Hans Grinsinger: Un zusammenhalten wie Bech und
Schwefel. Von jetzt ab derf d'r Draht zwischen
Leipzig un Strassburg nich mehr zerissen wern!
— 44 —
J'tzt leb ich 'n Teil des Jahres in Strassburg bei
dir und de andere Hälfte kommst du ze mir nach
Leipzig !
Fritz Grinsinger (für sich): weh!
Hans Grinsinger: Wir Grinsingers können uns das
leisten! Wir habend ja! 's ist nicht wie bei armen
Leuten. Da sitzen die Musikanten!
Gauthier: Prost! (Man stösst an.)
Hans Grinsinger: Na, un Ihr zwee werd hoffentlich
auch bald Freunde wem.
Gauthier: Nu natürlich! Wenn ich eene Ahnung
gehabt hätte, dass Sie Sachse sind, da hätte ich Sie
schon längst in den Sachsenbund gelotst.
Hans Grinsinger: Was? Der Sachsenbund hat bis
jetzt unsern Fritz ignoriert! — Das ist ja 'ne Affen-
schande! Da hört die Gemietlichkeit uff!
Gauthier: Das kann'r ja alles noch gut machen.
Hans Grinsinger: Das woll'n m'r aber hoffen!
Gauthier: Was unser Bund bezweckt, werden Sie
wohl schon wissen. Vor allen Dingen wollen wir
germanisatorisch hier im Lande wirken. Wie's mit
der Germanisation noch hapert, können Sie doch
sicherlich auch bestätigen.
Fritz Grinsinger: Ja gewiss, es hapert noch sehr
damit.
Gauthier: Gleich der Kutscher, der uns daher ge-
fahren hat, ist ein Exempel. Der freche Kerl spricht
Ihren Namen französisch aus. (In Aufregung.)
Monsieur Grinsingee. So 'ne Unverschämtheit ! Einen
guten, deutschen Namen französisch auszusprechen!
S'ist um an den Beemen nufzuklettern !
Hans Grinsinger: Na reg d'ch nur nich so uff, Karl!
45
Fritz Grinsinger: Leider muss man sich so was
hierzulande gefallen lassen, besonders wenn man
Geschäfte in Frankreich macht.
Gauthier: Das liess ich mir eben nicht gefallen.
Da gäb's keine Wurschteln! Stolz will ich den
Deutschen! Wozu haben wir denn unser Heer und
unsere Marine?! —
Hans Grinsinger: Nanu Karl ! Mach nur nicht gleich
mobil! Stärk Dich 'mal auf den Schreck! Prost,
Bismarck soll läm!
Fritz Grinsinger (abseits): E mildebickel noch emol !
Diss soll m'r jetzt nix sin!
Gauthier: Hoffentlich werden Sie sich nunmehr, da
Ihnen die Zwecke unseres Bundes bekannt sind,
beeilen Mitglied zu werden.
Fritz Grinsinger: Ich lebe wirklich so zurückge-
zogen, (für sich) E mildebickel noch emol.
Hans Grinsinger: Da gibts keene Fisemadenten !
Gauthier: Als Sachse is es Ihre Pflicht!
Hans Grinsinger: Nee Fritz, da hat nu Karl Recht!
Es is deine verfluchte Flicht und Schuldigkeit als Sachse.
Gauthier: Wir Sachsen müssen zusammenhalten wie
Pech und Schwefel!
Hans Grinsinger: Gewiss, m'r Sachsen müssen zu-
sammenhalten, Gottverdimmmich ! Ist das nicht ooch
ooch Deine Ansicht Fritz?
Fritz Grinzinger: Gewiss . . . (Mit Anstrengung.)
Wir Sachsen müssen zusammenhalten! (für sich)
E schöeni Kommission!
Hans Grinsinger: Nu also, (zu Gauthier) Schreib 'n
nur ein, der Enkel vom ollen Sergeanten Grinsinger
lässt seine Landsleute nich im Stiche!
— 46 —
Fritz Grinsinger: In Gottesnamen denn! (Für sich.)
Diss isch m'r e lätzi Affär ! Ich Mitglied vom Sachse-
bund ! Wenn diss d'r Baron de Rose wüsst !
Gauthier (macht eine Notiz in sein Notizbuch) : Heute
Abend ist Vorstandssitzung, und nächsten Sonntag
können Sie schon unsern Vereinsausflug als Mitglied
mit Kind und Kegel mitmachen.
Fritz Grinsinger: Zu liebenswürdig. (Für sich.)
E scheeni Perspektiv!
Marie (durch die Mitteltüre herein, bringt zwei De-
peschen auf einem silbernen Plateau): Do zwei
Depesche.
Fritz Grinsinger (bricht eine Depesche auf und
wirft einen Blick hinein. Er wankt und hält sich
an einer Stuhllehne fest): E Depesch vum Baron
de Rose (mit erstickter Stimme lesend) Vive Grin-
singer, officier d'academie I Vive le patriote alsacien !
Vive VAlsacel (er steckt die Depesche schnell ein
und bricht die zweite Depesche auf. (Laut lesend)
Herzliche Glückwünsche zu Ihrer Ernennung zum
königlich sächsischen Hoflieferanten!
Hans Grinsinger: Was, Hoflieferant bist de ge-
worden?! Da soll doch gleich eene alte Wand
wackeln? Das müssen mir begiessen! (ergreift das
Glas) Der neue Hoflieferant soll laben !
Gauthier: Und unser gemeinsames Vaterland, unser
liebes Sachsen danäben. Hoch! Hoch! Hoch!
(Man stösst an. Hans Grinsinger und Gauthier
leeren das Glas bis zur Neige.)
(Der Vorhang fällt rasch.)
IL Aufzug.
Dekoration wie im ersten Aufzuge. Wenn der Vorhang in
die Höhe geht, stehen Fritz Grinsinger und Hans Grinsinger mitten
auf der Bühne. Hans Grinsinger steckt seine Cigarre an der Grin-
singers an. Er trägt dasselbe Touristenkostüm wie im ersten Aufzuge.
Hans Grinsinger: Nu will ich mich e bischen lang-
strecken, bis mich Gauthier zum Spaziergang abholt. —
Schade, dass de Klauenseuche hast und nicht mit-
gehen kannst.
Fritz Grinsinger (fährt schnell an sein Bein): Autsch!
Grad habe ich wieder das Reissen.
Hans Grinsinger: Armes Luderchen! (abgehend nach
rechts) Na, uff Wiedersehen Fritze, (ab)
Fritz Grinsinger: Alli Rank muess m'r do anwende ! —
Diss dät m'r grad noch passe, mit denne zwei Typ
in d'r Stadt erumzelaufe. Diss war guet an d'r Fasenacht.
Marie (meldend): D'r Herr Riemer!
Fritz Grinsinger: Er soll erinkumme. — (Marie' ab)
Tuns, wurum kummt der jetzt schun? (schaut auf
die Uhr)
Riemer (hastig herein) : Bonjour mon eher ami. Avant
tont mes sinceres felicitations zue dinere decoration!
Mes compliments, mes sinceres compliments!
Fritz Grinsinger: Merci, mon eher, merci ! Bringsch
am End gar e gueti nouvelle vun mim Sohn, hett'r
sich guet gschickt?
Riemer: So unn e so. Er isch noch d'heim bie mir ä
Vheure qvCil est. Vorm z'Middaaesse hett'r nix
gemacht, wie d'Köpf gemesse.
— 48 —
Fritz Grinsinger: Ja, unn hett'r sich nit üsgsproche
bie dinere Tochter?
Riemer: Bis jetzt noch nit, wie's schient. Ich hab
mini Tochter e bis'l uff d'Sytt geruefe unn sie in's
Gebett genumme. Sie isch e bis'l desappointiert gsin
mit dere Messerej, sie hett gsaat, sie hett sich's ganz
anderscht vorgstellt, wenn m'r Hochzittere soll wäre.
Fritz Grinsinger: Je comprends. Es fehlt mim Sohn
halt an d'r nöthige Uewung!
Riemer: Zuem z'Middaaesse ha wich ziemlich Champagner
serviert, for dass 'r e bis'l meh Küraasch bekummt.
Enfin nous verrons le resultat,
Fritz Grinsinger: Enfin j'ai bon espoir, ich hab
gueti Hoffnung! Du reste une bonne nouvelle, D'r
Baron de Rose kummt ganz sicher am Sundaa, er
hett mir g'schriwwe.
Riemer : A la bonne heure, diss trefft sich jo grossartig!
's Programm for de Sundaa isch also kurz noch emol
diss: am Morje macht d 3 'Fanfare e-n-Üsflug uff de
Odilieberry, unn am Oowe uif m Ruckwäj kehre mir
bie dir in an son de „la Sambre et Meuse", diss
muess e leids Effekt uff de Baron de Rose mache ! —
Fritz Grinsinger: Bien sür! — Inutile de te dire,
dass ich e buffet froid dressiere wurr, dass de
membres vun d'r Societät 's Herz im Lyb lache
wurd; ich hab schun im e jede sin Lieblingsplättel
notiert. Zuem trinke kann ich leider nur Champagner
serviere (Riemer lacht) Awwer wenn m'r emol ewyl
d'rvun getrunke hett, ze gewöhnt m'r sich nooch unn
nooch schun dran, (beide lachen)
Riemer: Ja, ich muess jetzt gehn, ich bin arrig pressiert,
un welle m'r 's beseht hoffe, et an revoir. — (Riemer ab).
— 49 —
Madame Grinsinger (von rechts) : Do sin zwei Lädle
for dich ankumme, ein's ingschriwwe.
Fritz Grinsinger (knöpft das erste Schächtelchen auf,
seine Frau das zweite): Frau, Alles geht nooch
Wunsch! Vetoile de Grinsinger brille encore au
firmament! — V? Fanfare kummt am Sundaa! Unn
was d'Hauptsach isch, bis dort anne isch's Hüs vun
denne lätze Yisite gsiefert. D'r Dr. Kneppchen
verreist üewwermorje, min er lätz cousin am
Samschtdaa, unn so Gott will, ze kummt in ere wielan
d'r Auguste heim unn isch fianciert mit d'r Mamsell
Riemer.
Madame Grisinger: Tant pis.
Fritz Grinsinger: Dass du diss awwer allewyl ver-
wechselsch, tant mieux heisst's in dem Fall.
Madame Grinsinger: Tant mieux — 's isch zue
schwer ze bhalte.
Fritz Grinsinger (liesst die Aufschrift des Schäch-
telchens): Muster ohne Werth. (öffnet das Schäch-
telchen und zieht ein violettes Ordensbändchen hervor)
Muster ohne Werth ! — Diss isch jetzt e schlechter
Witz!
Madame Grinsinger: Oh, diss isch e Frechheit!
C'est quelqu'un qui a voulu te prendre in's Gschirr !
Fritz Grinsinger: Es gitt halt Lytt, wie glich
jaloux üewwer eine sin!
Madame Grinsinger (hat. ihr Päckchen geöffnet):
A la bonne henre! Envoi du Baron de Rose. E
ganzes Lädele voll Bändele.
Fritz Grinsinger: Frau, die kannsch m'r glich an
mini Kleider mache, wie unseri lätze Visite fürt sin.
{Madame Grinsinger will abgehen)
Halt! Ich will eins anprowiere. (zieht eins wohl-
50
gefällig an und betrachtet sich im Spiegel). // riy a
pas ä dire, es geht m'r wie angemesse, es geht m'r
zue guet. — Was for e Gfüehl dass m'r do hett,
wenn's heisst : Gr insing er, officier d'academie. Frau
(umarmt sie) gell, diss hesch du nit gedenkt, dass
diner Mann 's emol so witt bringt? —
Madame Grinsinger: C'est vrai, 's isch wohr.
Fritz Grinsinger: So, unn jetzt mach'sch m'r en
attendant, e Bändele an mine Schloofrock unn ein's
an's Schloofhemd.
Madame Grinsinger: An's Schloofhemd?! — Worum
denn diss? Im Schloofhemd sieht di doch niemes! —
Fritz Grinsinger: Was, bin ich unn du d'r Niemes?
Ja, unn bin ich nit grad so guet dekoriert, wenn i
schloof, wie wenn i wach?!
Madame Grinsinger: Diss isch au wohr, ich will
glich gehn unn's selwer bsorje. (ab)
Fritz Grinsinger (betrachtet sich wieder mit dem
Bändchen): Grinsinger, officier d'academie! Cela
fait plaisir! Cela fait plaisir! (Das Bändchen
wieder ausziehend) Vorsichtshai wer welle m'r 's vor-
laifig widder üszeihje.
Auguste (durch die Mitte, etwas angeheitert und sehr
gesprächig): Bonjour papa!
Fritz Grinsinger: Eli bien! Wie isch's üsgfalle, wie
stehn die Aktie?
Auguste: Wie's üsgfalle-n-isch papa? Wie d' Aktie
stehn? So unn so. Vom wisseschaftliche Standpunkt
üs bin ich mit mim Resultat zefridde, sogar recht
zefridde, recht zefridde.
Fritz Grinsinger (für sich) : E merkwüerdiger Frej er !
(laut) Was lejt mir d'r wisseschaftlich Standpunkt an!
— 51 —
Auguste: Ich hab d'Köpf vun d'r ganze Famili ge-
messe, vum Babbe, vun d'r Mamme, sogar vun d'r
Magd ....
Fritz Grinsinger: Die müehn ebs schöns vun dir
gedenkt han. (für sich) E so e Hochzitter sieht m'r
au nit alle Daa!
Auguste: Oh, sie han's ganz guet begriffe, nur d'Magd
hett lache müehn.
Fritz Grinsinger: Diss kann i mir guet vorstelle.
Auguste: Was du reste im Herr Riemer sine Kopf
anbelangt, ze hawich e zue e merikwürdige Ent-
deckung gemacht. Sinere dolichocephale Schädel-
bildung nooch muess'r sicher üs Nordditschland stamme.
Fritz Grinsinger: Was saasch du do? — Sott am
End? Nein, diss isch jo nit möijlich!
Auguste: Ich hab m'r vorgenomme, Noochforschunge
drüewwer anzestelle, der cas isch zue intressant.
Fritz Grinsinger: Unn jetzt wittersch im Text:
Redd m'r jetzt au vun d'r Mamsell Riemer, wie isch
do d'Messerej üsgfalle? Enßn, du weisch jo wie ich
mein.
Auguste: Babbe, d'r Mamsell Riemer ihre Kopf hawich
krizwies, üewwerzwärig unn d'r langewäj gemesse
vor'm z'Middaaesse unn no noch emol nooch'm z'Midaa-
esse for's dessert.
Fritz Grinsinger: Ja, unn's Resultat?
Auguste: Vum wisseschaftliche Standpunkt üs nit
bsunders intressant, sie hett e gewöhnlicher Durch-
schnittskopf.
Fritz Grinsinger (gereizt): Besser e Durchschnitts-
kopf as wie e Wasserkopf, odder e Schofskopf! —
Auguste: Pardon papa, e Wasserkopf isch wisse-
schaftlich unter Umstände sehr intressant.
— 52 —
Fritz Grinsinger: D'r Gücksel noch emol, loss m'r
jetzt doch emol die einfältig Wisseschaft üs'm Spiel,
unn redd m'r e Gottsnamme doch vum andere Resultat,
wie du erreicht hesch.
Auguste: 's ander Resultat, papa, isch glich zero. —
Papa ich hab mich mit'm beschte Wille numme uff's
Messe b'schränke könne ....
Fritz Grinsinger: Was saasch du mir do? —
Auguste: Que veux-tu papa, wie ich sie so noht be-
tracht hab, ze hawich gsehn, dass mini Schweschtere
Recht han ghett. Papa s'isch tatsächlich nit numme
e Büeckele, wie sie hett ; 's isch e rechter, veritabler
Buckel!
Fritz Grinsinger: Plan!
Auguste: Sicher Babbe, ich hab'ne vor'm Esse im
nüechterne Zuestand gemesse, hählingerwies, unn
nooch'm z'Middaaesse, wie ich de Champagner ge-
trunke hab ghett noch emol. Er hett ungfähr zwanzig
uff fufzeh Centimeter.
Fritz Grinsinger: Was isch jetzt do d'rbie? — s'isch
wohl d'rwerth, dass m'r wäje so e paar Centimeter
e so e-n-Affär macht! Du bisch im Stand unn ver-
derbsch m'r noch min ganz Fescht am Sundaa. —
Enfin, was soll ich denn jetzt im Herr Riemer saaue?
Auguste: Eh bien, saasch'm, dass i e-n-anderi hierothe
wurr.
Fritz Grinsinger: E-n-anderi? Ich glaub, dir rappelt's?
Auguste: Ganz unn gar nit, papa. Min Hirn funktio-
niert ganz normal.
Fritz Grinsinger: Na, die wott ich au kenne, wie du
erüsschoissiere wursch! Ich sieh schun, du wursch's
Geriss bekumme, wie e-n-alts Paar Schlappe.
— 53 —
Auguste: Brüchsch kenn Angscht ze han for mich,
papa. Ich hab eini im Au, wie sowohl vum wisse-
schaftliche, als au vum praktische unn vum mensch-
liche Standpunkt üsmine-n-Anforderunge entschpricht.
Unn ich hab hytt de-n-Entschluss gfasst, nur die Frau
ze hierothe, wie mir passt.
Lisa (von links kommend): Bravo, Auguste, ganz vun
minere Meinung!
Fritz Grinsinger: Dini Aprobation brücht'r allewäj !
Lisa: Ich mach's egalement eso.
Auguste: Bravo!
Fritz Grinsinger: Alls besser! Eh bien, ich garantier
Ejch, dass Ihr mine Wille reschpektiere wäre! (zu
Auguste) Du, Auguste, hiero tsch d'mademoiselle Riemer.
Auguste (ihn unterbrechend): Papa niemols! Unn wenn
du bis an de plafond springsch! (nach rechts ab)
Fritz Grinsinger (wütend): Fallt m'r nit in so hoch
ze springe! — Geh e Gottsnamme im Deifel zue,
no rennsch au kein Heiliger um!
Lisa (vorwurfsvoll): Awwer, papa!
Fritz Grinsinger: Toi, tais-toi! — Unn du hierothsch
de Baron de Rose, wie am Sundaa uff Visit kummt.
Lisa: Niemols, Babbe! Niemols!
Fritz Grinsinger: So? Eh bien, ich will sehn, wer
Herr im Hüs isch, ich odder Ihr! (ab durch die
Mitte)
Lisa (weint): 0, wie bin ich unglüecklich !
Charles, wenn du wüescht, wie ich dich gern hab!
Durand (von rechts): Lisa!
Lisa (erschrocken auffahrend): Charles, ich hab dich
gar nit erüs höre kumme. (trocknet sich die Augen
ab) Du hesch doch nit ghört, was ich ewe do for
mich gsaat hab?
54
Durand: Nein, ich hab nix ghört. Awwer was gilt's,
ich glaub gar du hesch gegrinne?
Lisa: Ej jo, 's isch au wohr, d'r Babbe hett m r schun
widder d'rvun geredd, dass ich mich mit'm Baron de
Rose fianciere soll.
Durand: Unn du witt'ne nit?
Lisa: Ej allewäj, schunsch tat ich doch nit griene.
Durand: Gell du hesch e-n-anderer im Kopf?
Lisa (zögernd): Oh nein, Charles, an contraire, sicher
nit . . . sicher unn gewiss nit.
Durand: Ich weiss nit, diss kummt m'r nit eso bstimmt
erüs.
Lisa: Ja, hett m'rs gemerikt?
Durand: Aha, du hesch dich verschnappt?! — (fasst
ihre Hände) Saa m'r 's, wer's isch, verroth m'r's, liebs
Cousinel.
Lisa: Niemols, cousin, niemols! —
Durand: Jetzt bin ich ganz intriguiert. Oh, ich loss
awwer nit luck, bis ich's erüsgebrocht hab.
Lisa: Wenn's rüs bringsch, ze bekummsch e Schmutz
vun m'r.
Durand: Do will ich m'r doppelt Müehj gän, for's ze
finde ! — En attendant bin ich awwer froh, dass du
nix vun dem lätze Baron wisse witt.
Lisa: Oh, ich wärt e so unglüecklich, wenn mich d'r
papa zwinge thät, 'ne ze hierothe ! So unglüecklich !
Durand: Arm's Lissele, diss derf einfach nit sin, dass
du unglüecklich wurrsch ! (mit Eifer) Diss derf nit sin !
Lisa: Gell du helf seh m'r cousin, wenn mich d'r papa
zue dere Hieroth zwinge will!?
Durand: Allewäj helf ich dir, diss lied ich nit, dass
du unglüecklich wurrsch, do hawich wajer au noch
e Wörtel mit ze redde als Mitglied vun d'r Famili.
— 55 —
Lisa: Merci Charles!
Durand (immer wärmer): Wenn ich bedenk, wie ich
dich uffwachse hab sehn, wie du vun Johr zu Johr
netter, liewer, herziger worre bisch, wie ich mich
als gfrait hab, min nett Cousinel widder ze sehn
in de Vakanze, wenn ich als vun Paris kumme bin —
unn jetzt soll uff einmol einer kumme, dich weg-
nemme, dich unglüecklich mache, nein, diss derf ein-
fach nit sin.
Lisa: Ehnder hieroth ich de-n-erschte beschte ... —
Durand: D'r erseht beseht?! — Ehnder war ich im
Stand unn thät dich minsex selwer hierothe!
Lisa (freudig strahlend): Du wärsch doch nit d'r erseht
beseht! . . .
Durand: D'r beseht bin ich awwer au nit (schaut
sie an, sie schaut ihm verklärt in die Augen) Odder . . ?
Lisa! (umarmt sie)
Lisa: Charles! Doch du bisch d'r beseht!
Durand: Liebs Lissele, gell jetzt ha wich's doch erüs-
gebrocht, wenne dass du im Kopf hesch ghett? —
Jetzt reklamier ich awwer au d'r Schmutz, wie du
m'r ewwe versproche hesch.
Lisa: Da, do hesch glich zwei, (sie küsst ihn)
Durand: Awwer, Lissele, worum hesch m'r's denn nit
verrothe, wie ich dich gfröüjt hab?
Lisa: Du Dummenickel, doch m'r wurd's Ejch Manns-
lytte e so licht mache unn Ejch glich alles uff
d'Naas binde ! Hättsch du diss nit schun lang selwer
merike solle? Awwer Ihr Mannslytt sin manichmol
so dumm, dass'r eine grad düre.
Charles: "Was witte, Lissel, vor lütter Baum hawich halt
de Wald nit gsehn.
Lisa: Siehsch'ne jetzt?! —
56
Durand: Gott sej Dank! (küsst sie, Auguste kommt
von rechts, Jeannette von links).
Auguste: Oho! Ich glaub Ihr mache Pfänderspiel?! —
Je an nette: Wer hett verlöre?
Lisa: Mir han alli zwei gewunne.
Durand: Do stell ich Ejch mini Hochzittere vor.
Jeannette: Bravo! Mir gratuliere !
Lisa: Mir han uns verlobt üs purer Opposition geje de
papa. Gell Charles? —
Durand: Ja, üs purer Opposition. Un wenn ich Ejch
e gueter Roth ze gänn hab, ze schliesse-n-Ihr Ejch
dere-n-Opposition an.
Auguste: Unn mache-n-e Generalstreik unn verspreche,
dass mir uns nur uff die Hieroth inlon, wie uns
konveniert.
Lisa: Ich hieroth de Charles!
Jeannette: Ich de Georges!
Auguste: Unn ich ... . (Pause)
Je an nette: Ems mit d'r Sproch!
Auguste: Eh bien .... Was thäte-n-Ihr vun d'r
mademoiselle Gauthier halte ? (grosse Verwunderung
der Anwesenden)
Lisa: Löuj do ! Ja, zitt'r wanneh brennt denn diss Fyr ?
Auguste: Ej, es glunzt schun ewyl. Awwer hytt, wie
ich in's Riemers bin gsin, ze-n-isch's m'r so uff ein-
mol wie e-n-Erleichtung üewwer mich kumme.
jy mademoiselle Gauthier, hett do e-n-innerlichi Stimm
zue mir gsaat, diss war so e Frau for mich!
Jeannette: Ah! Do hesch du dich noch nit mit ere-
n-üsgsp röche?
Auguste: Nein, awwer bie d'r nächste Geläjeheit wurr
ich zuem Sturm vorgehn un ere de Puls füehle.
57
Lisa (am Fenster): Tiens, do kummt sie grad d'r Hoft
erin.
Durand: Do welle m'r dich nit geniere.
Jeannette: Bonne chance!
Durand: Et bon conrage! (Alle drei ab nach links)
Auguste (den Dreien nach bis an die Türe): Ze
warte doch, eso pressiert's doch nit. (verlegen) Eine
eso im Stich ze Ion . . . . Sapristi, wie m'rs Herz
klopft .... ich mein ich hab e grossi Drumme drin . . .
Wenn ich nur wüesst, wie die Sach anfange ....
Bah, ich verschieb's uff e-n-andersmol .... (will
ab nach rechts).
Olga (durch die Mitte): Bonjour Herr Grinsinger.
Auguste: Ah, Sie sin's? Bonjour mademoiselle ! . . .
(für sich) Je suis emuf
Olga: Isch d'r Herr Professor Kneppchen nit do?Ich
bring' m d' Abschrift vum Stenogramm.
Auguste: Ah tres bien, tres bien .... doch, er isch
do . . . . (für sich) ich fass m'r e Herz, es muess
erüs!
Olga: Isch'r uff sim Zimmer?
Auguste: Ja, awwer warte Sie, ich hätt e Bitt an
Sie, Sie kumme nämlich wie geruefe, wie nooch Wunsch . .
Olga: Tant mieux!
Auguste: Ich hab nämlich ... ich sott nämlich . . .
ich wott nämlich .... (für sich) Nom d'un petit
bonhomme, e so geht's nit!
Olga (für sich): Was hett'r denn, er kummt m'r so
merikwüerdig vor?! (zu Auguste) Mit was kann ich
diene ? . . . .
Auguste: 's isch ... es handelt sich um e kleine
service ... um e Kleinigkeit ... 's isch nit d'r
wert, dass m'r dervun redd . . .
— 58 —
Olga: Et bien, babble Sie numme.
Auguste (abseits): Sac ä papier, die Affär macht
mich schwitze! Wie die Sach angriffe?! Ah, mais
oui, ich mach's wie bie d'r mademoisselle Riemer.
Olga: Sie mache mich ganz gspannt.
Auguste: Eh bien, die Sach isch einfach ... ich sott
nämlich unbedingt noch emol VMess vun Ihrem Kopf
verriviziere wäje d'r Berechnung.
Olga: Ah, wenn's wittersch nix isch, unn do d'rwäje
mache Sie so e Läwesdaa?
Auguste: Ich hab gemeint, wie Sie d'r Huet uff han,
dass verlicht ....
Olga: Quelle idee, denne zehjt m'r einfach ab (zieht den
Hut ab und setzt sich auf einen Stuhl). Also, en
avantl
Auguste (zieht das Metermass heraus): Quelle
emotion. Noch nie in mim Läwe hawich e so e-n-
Uffreijung gspiert! Bie de schwerschte-n-Operatione
nit! Nit emol bie'm Staatsexame!
Olga: Wenn Sie welle, notier ich d'Zahle (sie zieht ein
Notizbuch aus der Tasche).
Auguste: Wenn Sie so guet welle sin. (für sich) Grad
d'Frau, wie ich sie mir wüensch! (Er fängt an zu
messen) Breite vierzehn Komma sieben.
Olga (notierend): Vierzehn Komma sieben.
Auguste: Bon dien, quelle emotion! (er misst weiter)
Länge siebzehn Komma sechs.
Olga (notierend): Siebzehn Komma sechs.
Auguste (für sich): Es geht alles mit m'r im Ringel
erum! Ich mein, ich bin uff'm carrousel! (misst noch
einmal die Breite) Breite vierzehn Komma sieben.
— 59 —
Olga: Awwer, was mache Sie denn? — Sie han jo
ewwe d' Breite schun gemesse; (Für sich) Was hett'r
denn numme?
Auguste: Ah richtig, c'est juste! (Steckt das Meter-
mass ein, nimmt den Bandmeter und misst) Um-
fang fünfzig Komma sieben.
Olga: Umfang fünfzig Komma sieben.
Auguste (Hält das Metermass fest und umspannt ihren
Kopf verklärt mit den beiden Händen): Was e
Gfüehl! Was e Glüeck ihre Kopf in mine Hände
ze halte!
Olga: Awwer Herr Auguste, was han Sie denn, dass
Sie mine Kopf e so fescht hewe?
Auguste: 's isch wäje-n-'m volume . . . ., wäje-n-'m
Umfang.
Olga (für sich): Zue merikwüerdig !
Auguste (steckt das Mass wieder in die Tasche, zieht
das Metermass wieder hervor und misst wieder die
Breite) : Breite vierzehn Komma sieben.
Olga: Awwer Herr Auguste, was fehlt 'ne denn, jetzt
messe Sie d'Breite jo schun zuem dritte Mol? Sin
Sie denn krank?
Auguste (vor ihr auf die Knie sinkend): ja, made-
moiselle Olga, ich bin krank, arig krank!
Olga: Wo fehlt's ne denn?
Auguste (wehmütig): Am Herze, mademoiselle Olga!
Olga: Do müehn Sie awwer schnell zuem Dokter gehn.
Auguste: Sie sin d'r einzigscht Dokter, wie m'r helfe
kann! Mademoiselle Olga, Sie müehn mini Frau
wäre!
Fritz Grinzinger (durch die Tür links herein): Oho,
was isch diss?
— 60 —
Auguste (hat schnell einen Fuss Olgas erfasst und
nimmt ernsthaft das Mass): Länge zweiundvierzig
Centimeter ....
Fritz Grinsinger (für sich) : Diable, die schient uff 'm
e grosse Fuess ze läwe ! — (Zu Auguste) D'r Gücksel
noch emol, Auguste, jetzt bisch du glauw ich au noch
Schuehmacher worre?! —
Auguste: Babbe, 's isch . . . m'r han . . . m'r welle-
n-e Berechnung anstelle üewwer 's Verhältnis vun
der Grösse vun de Füess zue d'r Grösse vun de
Köpf.
Fritz Grinsinger: Ich bin nejgierig, uff was für
Idee Ihr noch kumme wäre. (Ab durch die Mitte.)
Der Kerl wurd m'r noch ganz verruckt mit dere
Messerej !
Olga: Sie hätte mich do fascht in e schöni Verläjeheit
gebrocht.
Auguste (aufstehend): Mademoiselle Olga, gän Sie
mir Antwort uff mini Fröuj. Welle Sie mini Frau
wäre ?
Olga: Ich muess 'ne g'stehn, dass Sie mich do in e
grosse embarras bringe. Erschtens muess ich Ihne
saaue, dass ich im e Jungfraueverein anghör, wie
d' Mitglieder gelobt han, nit ze hierothe.
Auguste: Ej trette Sie einfach widder üs.
Olga: Diss kann ich nit, ich bin im Vorstand, ich bin
Schatzmeisterin.
Auguste: Schatzmeisterin?! — Ei, wisse Sie was,
nemme Sie mich zuem Schatz, un wäre Sie mini
Schatzmeisterin! — (in anderem Tone) Sehn Sie,
wie dis nett war, wenn m'r mitnander studiere thäte,
— 61 —
unn unseri Kenntnisse in de Dienscht vun d'r Wisse-
schaft stelle thäte! Ich thät 'ne diktiere, Sie thäte
schriewe unn redigiere.
Olga (verklärt) : Sie thäte diktiere, ich schriewe unn
redigiere, oh ja, diss war schön — sicher.
Auguste: Unn d'rno, Ihr Kopf thät vum anthropolo-
gische Standpunkt üs üsgezeichnet zue mim passe.
Yum wisseschaftliche Standpunkt wär's üsserordent-
lich intressant ze sehn, welli Kopiformation e-n-even-
tuelli Noochkummeschaft vun uns hätt.
Olga: Glauwe Sie weriklich, dass diss wisseschaftlich
von grossem Werth war ?
Auguste: Ohne Zwiefel ! — Un bon mouvement,
saaue Sie ja, mademoiselle Olga.
Olga: Ich muess 'ne gstehn, dass Sie mir 's Problem
vun der Eh in e ganz neji Belaichtung geruckt han,
unn dass die Üssicht eventuell mini Kräfte noch
meh in de Dienscht vun d'r Wisseschaft stelle ze
könne, mich vun mim prinzipielle, oppositionelle
Standpunkt abkumme hett Ion.
Auguste: Ainsi, do könne m'r uns also als verlobt
ansehn ?
Olga: Ich saa nit ja, ich saa awer au nit nein.
Auguste (will sie umarmen): Olga!
Olga: Nit, Auguste . . . (wehrt ab). Diss welle m'r in
unreife junge Lytt üewwerlon. Abgsehn do d'rvunn,
dass ich 's Schmutze for unhygienisch halt.
Auguste: Ich bin ganz vun dinere-n- Ansicht, Olga.
Ich hab meme e-n-Uffsatz üewwer diss Thema
gschriwwe. Awwer im Moment, do hett's mich
gepackt — mit aller Gewalt gepackt.
Olga (vorwurfsvoll): Awwer Auguste, e Mann vun d'r
Wisseschaft !
— 62 —
Auguste : M'r hett guet e Mann vun d'r Wisseschaft
sin, m'r isch d'rwäje doch nit von Holz! (bittend.)
Olga, nur einmol, nur e-n-einzigs Mol, für unsere
Bund ze bekräftige! (Er küsst sie, sie lässt es ge-
schehen.)
Olga: 0, ich hab mir immer gedenkt, wenn ich nur
emol e Mann vun der Wisseschaft als Mann bekam !
Auguste: Olga! (küsst sie wieder und nimmt sie in
den Arm.)
Olga (deutsch sprechend): Mir wird ganz seh windlich!
(Sie lässt sich gehen) Küss mich wieder, August!
Ich fühle mich so glücklich!
Auguste (küsst ihn, sie küsst ihn wieder) : Gelt Olga,
es isch halt doch andersch in d'r Theorie unn in d'r
Praxis !
Olga: ja, liewer Auguste!
Auguste (lauscht auf) : Seht, es kummt iemes. (Nimmt
das Metermass und fängt ernsthaft an zu messen.)
Fritz Grinsinger (zu Ehrstein, mit dem er durch die
Mitteltüre kommt) : Gehn Sie numme nin.
Auguste (messend): Breite vierzehn Komma sieben.
Fritz Grinsinger : D'r Gücksel, sin'r denn noch nit
fertig mit dere Messerej !
Auguste : Doch, papa. Im Auesblick sin m'r ferti
worre. (Er begrüsst Ehrstein.)
Olga: Ja, unn ich will im Herr Dr. Kneppchen sin
Manuskript bringe.
Auguste: Ich begleit Sie, d'r Babbe hett doch eilein
mit'm Herr Ehrstein ze redde. (Beide ab.)
Fritz Grinsinger: Also, Herr Ehrstein, verschone Sie
mich, ruiniere Sie mich nit, seje Sie vernünftig un
saaue Sie mir, was soll ich 'ne Abstand bezahle, for
— • 63 —
dass Sie die Dokterarweit, wie Sie schriewe han
welle, nit veröffentliche ?
Ehrstein: Es thuet m'r arig leid, Herr Grinsinger,
Eine saaue ze müehn, dass ich for kenn Geld vun
d'r Welt d'rvun Abstand nimm, die Arweit ze ver-
öffentliche, unn dass ich nur unter einere Bedingung
's sacriflce vun minere Dokterarweit bring, unn diss
isch, wenn Sie m'r Ihri Tochter gän !
Fritz Grinsinger: Diss isch in dem Fall schun meh
e Dokterrechnung, wie e Dokterarweit!
Ehr st ein: In dem Fall hätt ich selwer e-n-Intresse
dran, dass 's nit bekannt wurd, dass Ihr e Sachs sin.
Fritz Grinsinger : E Sachs, e Sachs, wie m'r nur allewyl
e so growi Wörter in's Mül nemme kann!
Ehr st ein: Denn miner Babbe thät's als alter Elsässer
vom alte Schrot unn Korn niemols inwillige, dass
ich e Tochter vom e Sachs hieroth.
Fritz Grinsinger (für sich) : Do kreijt m'r bigott e
Wueth wie e Hüs unn derf's nit emol zarje! —
Ehrst ein : Enfin c'est ä prendre ou ä laisser !
Fritz Grinsinger (für sich): M'r hett's nit licht e
Sachs ze sin! —
Auguste (von rechts kommend) : Papa, grad isch der Herr
Professor mit d'r Berechnung von dim Kopf fertig
worre. Die Berechnung hett uns e grossi Uewe-
raschung gebrocht.
Fritz Grinsinger : Do bekumm ich schun jedesmol e
Schrecke, wenn vun ere Uewweraschung d'Redd isch!
Ehrstein : Do bin ich jetzt au gspannt, wäje minere
Dokterarweit.
Auguste: Denk d'r nur, papa, du hesch nit nur e
ganz reiner dolichocephaler Kopf, was im Elsass arig
selte isch, du hesch meme der klassischt, d'r charak-
64
teristischt dolichocephale Kopf, wie m'r bis jetzt
gemesse unn berechnet han bie lewändige Persone.
Mit andere Worte, du hesch d'r reinscht germanisch,
kurz d'r ditschst Schäddel, wie m'r bis jetzt in ganz
Ditschland gefunde hett.
Ehrstein: Sehr intressant for mini Dokterarweit !
Fritz Grinsinger (entsetzt): Wie .... Was? —
Ich soll d'r ditschst Schäddel han ?! Du bisch jo
gschosse! Unn in Ihri Dokterarweit soll's au noch
kumme ?
Ehrstein : Ja, Herr Grinsinger, diss isch meine sehr
wichtig.
Auguste : Ja, papa, (mit Stolz) die Entdeckung haw ich
helfe mache !
Fritz Grinsinger (sich setzend): Ah?! — Disssollm'r
jetzt nix sin ! ! Haw ich dich do d'rwäje sechs Johr
Ion Dokter studiere unn mich e diers Geld koschte
Ion, for erüszubringe, dass ich d'r ditschst Schäddel
soll han! — Do möcht m'r jo grad uff d'r Söuj
fürt, unn wenn m'r glich kenn Büerscht im Stall
hett ! — Hör emol, Auguste, es isch m'r schun viel
passiert im Läwe, mais decidement je ne m'aüendais
pas ä celal
Auguste: Ei, was isch denn do d'rbie, papa? —
Fritz Grinsinger: Was do d'rbie isch? Wenn diss
erüskummt, kann ich mich nimmi in d'r ganze Stadt
sehn Ion. Do wäre sie mich fröüje, ob ich waje dem
officier d'academie worre bin. (Dr. Kneppchen von
rechts kommend) Bon, jetzt kummt der au noch!
Dr. Kneppchen: Hm! Ihr Sohn hat Ihnen schon die
überraschende Mitteilung gemacht?
Fritz Grinsinger: Ja, es war mir eine grosse Über-
raschung !
65
G au t hier (durch die Mitte herein. Er trägt Gehrock
und Zylinder, feierlich) : Verzeihung, wenn ich störe.
Hans Grinsinger (von rechts) : Ei herj ehses, im Braten-
rock un d'r Esse!?
Gauthier: Jawohl Onkel. — (sich zu Fritz Grinsinger
wendend) Ich komme nämlich, um Herrn Hoflieferanten
Fritz Grinsinger im Auftrag des Sachsenbundes mit-
zuteilen, dass er einstimmig als Mitglied aufgenommen
worden ist. (schüttelt ihm die Hand)
Hans Grinsinger: Da gratulier ich Dir! (schüttelt ihm
ebenfalls kräftig die Hand) Das war aber ooch de
höchste Eisenbahne !
Dr. Kneppchen: Schliesse mich der Gratulation an.
Ehrstein: Ich derf 'ne wohl au gratuliere, (giebt ihm
ebenfalls die Hand)
Fritz Grinsinger (wütend für sich): E frecher Patron !
Dass der üewweral sini Nas ninstecke muess.
Dr. Kneppchen: Herr Grinsinger, das scheint ja
heute ein wahrer Glückstag für Sie zu sein. Eine
freudige Nachricht nach der andern, (zu Gauthier
und Hans Grinsinger) Ich habe nämlich Herrn Grin-
singer eben auch eine freudige Überraschung gebracht.
Fritz Grinsinger (kläglich): ja!
Dr. Kneppchen: Durch meine Schädelmessungen habe
ich eine geradezu verblüffende Entdeckung gemacht.
Unser lieber Herr Grinsinger (legt die Hand auf die
Schulter Fritz Grinsingers) hat den rassenreinsten,
germanischen Schädel, der bis jetzt von meinen
Kollegen und mir gemessen worden ist. Er ist der
ausgesprochene Typus.
Gauthier: Ei gratuliere! Das ist ja famos!
Hans Grinsinger: Ich sag 's, ja wir Grinsingers sin egal
vorne dran.
66
Gau t hier: Das ist wirklich grossartig, dass gerade ein
Deutscher, der im Elsass lebt diesen ehrenvollen
Schädel hat! Da muss mächtig Kapital draus ge-
schlagen werden!
Fritz Grinsinger (für sich): 's kummt als besser!
Hans Grinsinger: Gottverdimmig, dei Bild bringe m'r
in de Woche und schrei'm drunter Hoflieferant
Grinsinger, mit seim urdeitschen Schädel.
Gauthier: Donnerwetter, das ist ein Vorschlag!
Fritz Grinsinger (für sich): Heiliger Sebastian!
Dr. Kneppchen: Hm! Leider kann ich das nicht zu-
geben, da wir uns diese Entdeckung für unsere
wissenschaftliche Arbeit vorbehalten müssen.
Fritz Grinsinger (für sich): Schöeni Üssichte!
Ehr stein: Speziell in meiner Doktorarbeit gedenke ich
den Fall ausführlich zu behandeln.
Fritz Grinsinger (für sich): Hol dich d'r Deifel mit
dinere Dokterarweit !
Dr. Kneppchen: Hm! Daran ist nicht zu zweifeln,
diese Entdeckung wird unbedingt Furore machen!
Herr Grinsinger übertrifft nämlich um ein Erkleckliches
den Schädel eines sächsischen Staatsanwalts, Prä-
sident des Generalverbandes der sächsischen Krieger-
vereine, den ich bisher für den rassenreinsten deutschen
Schädel gehalten habe.
Gauthier: Das ist ja wirklich sehr schmeichelhaft,
sehr ehrenvoll für Herrn Grinsinger. Gratuliere
noch einmal herzlichst! (schüttelt ihm kräftig die
Hand)
Hans Grinsinger: Ja, mir Grinsinger! Mir sein helle !
Aber bild d'r nur nich zu viel druf ein, den Schädel
haste von dein'n Grossvater.
67
Fritz Grinsinger: Du brauchst keine Angst zu haben.
Ehrstein: Gewiss! So wie ich Herrn Grinsinger kenne,
ist das nicht zu befürchten.
Fritz Grinsinger (für sich): Frecher Patron!
Dr. Kneppchen: Interessant wäre es für die Wissen-
schaft, wenn nach Ihrem Ableben, das noch lange
nicht eintreten möge, auch noch der Rauminhalt
Ihres Kopfes gemessen werden könnte.
Fritz Grinsinger (für sich): Eh ben merci, de mieux
en mieux!
Auguste: Die Messung wird nämlich dadurch bewerk-
stelligt, dass man den hohlen Kopf mit Erbsen aus-
füllt, und dann die Erbsen im Schoppenmass misst!
Dr. Kneppchen: Sehr richtig!
Ehrstein: Wie Sie sehen, ist die Sache sehr harmlos.
Fritz Grinsinger (für sich): Nit üwel! (zu Dr. Knepp-
chen) Das ist ja sehr liebenswürdig von Ihnen, dass
Sie meinen hohlen Kopf mit Erbsen ausfüllen wollen,
aber offen gestanden, viel Verlangen habe ich nicht
danach (für sich) Eh bien non, d'r Kopf voll Erbse,
diss fehlt m'r grad noch!
Dr. Kneppchen: So eilt die Sache ja auch nicht.
Fritz Grinsinger: M'r welle 's schwer hoffe!
Hans Grinsinger: Das muss ich nu sagen, das war
m'r ooch nich gemiethlich, meinen Kopf voll Erbsen
zu haben.
Gauthier: Ja! Was tut man nicht im Interesse der
Wissenschaft ? (zu Dr. Kneppchen) Verzeihung, Herr
Professor, wie steht es übrigens mit meinem Kopf?
Den haben Sie ja auch die kreuz und quer vermessen.
Dr. Kneppchen: Ah, richtig! — Ihr Kopf, Herr
Gauthier, ist nicht minder interessant. Denken Sie,
— 68 —
Ihr Schädel hat nämlich einen ausgesprochenen klass-
ischen Negro'identypus, wie er bis jetzt in Deutsch-
land noch nirgends gefunden worden ist, und wie er
nur in Südfrankreich, im Rhonegebiet, vorkommt.
Gauthier: Nanu, machen Sie keine faulen Witze!
Dr. K neppchen: Im vollen Ernst, Ihr Schädel ist
ausgesprochen südfranzösisch, ja er kann geradezu
als typisch in seiner Art gelten. Ich stehe nicht
an, ihn als Pendant des Grinsingerschen Kopfes hin-
zustellen und ihn als den klassischsten südfranzösischen
Kopf zu erklären, der mir bekannt ist. — Ja gewiss.
Gauthier (auf- und abgehend, in grossem Ärger): Herr
Dr. Kneppchen, ich kann im allgemeinen Scherz
vertragen, sogar viel Scherz vertragen, aber ich muss
Ihnen ehrlich gestehen, dass ich gerade in nationaler
Beziehung sehr empfindlich bin. Sie haben das ver-
mutlich nicht gewusst, sonst hätten Sie sich diese
Bemerkung über meinen Kopf nicht erlaubt, die mir
hier im Elsass besonders peinlich ist.
Dr. Kneppchen: Aber ich bitte Sie! Es ist mein
heiliger, wissenschaftlicher Ernst. Sie haben eben den
markantesten, südfranzösischen Schädel, der bekannt
ist; ja, Sie übertreffen sogar noch den Schädel
Derouledes um ein Bedeutendes.
Gauthier (wie von der Tarantel gestochen) : Wie sagten
Sie da?! — Mein Kopf ist noch französischer wie
der von Deroulede?
Dr. Kneppchen: Gewiss! Und darum bin ich fest
überzeugt, dass Sie französischer Abstammung sind.
Gauthier (wütend): Mein Herr! Sie häufen Beleidi-
gung auf Beleidigung! Ich protestiere auf das Ent-
69
schiedenste gegen eine solche Verhöhnung meiner
Person!
Fritz Grin sing er (für sich): Mit de Erbse wurd's do
au nix!
Hans Grinsinger (besänftigend): Aber Karl, koch
doch nich gleich so über!
Gauthier: Das lasse ich mir einfach nicht bieten. Ich,
der Präsident des Sachsenbundes, Mitglied sämtlicher
deutsch-patriotischer Vereine, ich hätte einen aus-
gesprochenen französischen Schädel! Da hört die
Gemütlichkeit auf. Ich wollte mal sehen, was Herr
Grinsinger gesagt hätte, wenn man das von ihm ge-
sagt hätte.
Fritz Grinsinger: Ich versichere Sie, es hätte mir
gar nichts gemacht.
Hans Grinsinger: Dann ist es schade, dass Ihr eure
Koppe wess Kneeppchen nicht vertauschen könnt!
Gauthier (mit grosser Erbitterung): Ich, französischer
Abstammung, das ist einfach undenkbar, nach Lage
meiner Gesinnung undenkbar! — Da müssten die
heiligsten Gefühle in mir lügen! Woher käme dann
meine Liebe zum Vaterland, meine Treue zu König,
Kaiser und Reich?!
Dr. Kneppchen: Sie sind eben das Kind Ihrer Er-
ziehung. Wären Sie in Frankreich erzogen, so wären
Sie eben ein französischer Patriot geworden.
Gauthier: Mein Innerstes dreht sich um bei einem
solchen Gedanken! Solche Gefühle erzieht man nicht,
die stecken im Blut! Wenn Ihre Behauptung, ich
sei französischer Abstammung, sich bewahrheiten
sollte, so würde ich mir eher eine Kugel durch den
Kopf schiessen!
70
Dr. Kneppchen: Auf alle Fälle werde ich Nach-
forschungen anstellen.
Gauthier: Ich werde diesen Nachforschungen mit
grosser Ruhe entgegensehen.
Hans Gr in singe r (für sich): Verteufelte Affäre!
Dr. Kneppchen: Übrigens deutet ja schon Ihr Name
auf französische Abstammung. Gauthier ist ein ver-
breiteter französischer Name.
Gauthier (im Zorn): Jetzt wird's mir aber zu bunt!
Kann es einen echt deutscheren, urgermanischeren
Namen geben als Gauthier?
Dr. Kneppchen: Hm! Es würde Ihnen schwer fallen
die Etymologie, die Entstehung des Namens zu er-
klären.
Gauthier: Ein Kinderspiel! (mit Ironie) Es dürfte
Ihnen, Herr Doktor, als Gelehrter nicht unbekannt sein,
dass früher Deutschland in Gaue eingeteilt war.
Dr. Kneppchen: Stimmt auffallend.
Fritz Grinsinger: So ungefähr wie das Elsass in
Kreise eingeteilt ist?
Gauthier: Sehr richtig.
Dr. Kneppchen: Ich bin gespannt.
Gauthier: Und an der Spitze jedes Gaues stand ein
höherer Beamter, „ein grosses Thier", wie man jetzt
noch die höheren Beamten zu nennen pflegt, und
dem gab man scherzweise den Namen Gauthier.
Fritz Grinsinger: Das wäre demnach also ungefähr
das, was jetzt bei uns im Elsass ein Kreisdirektor
ist? —
Gauthier: Sehr richtig.
Dr. Kneppchen (mit Ironie): Überzeugt hat mich
Ihre etymologische Auseinandersetzung nicht. Ich
werde infolgedessen Nachforschungen anstellen und
— 71 —
Ihnen Ihre französische Abstammung beweisen. Die
Wissenschaft wird Ihnen diese kleine Enttäuschung*
nicht ersparen können.
Gauthier: Wissenschaft! Die Drohung mit der Sorte
von Wissenschaft lässt mich kalt! Wissen Sie, für
was ich Ihre Wissenschaft halte? Für Mumpitz, für
puren Mumpitz!
Dr. Kneppchen (knapp) : So ? ! (Auguste und Ehrstein
verraten grosse Aufregung) Ist das Ihr Ernst?
Gauthier: Mein voller Ernst ist es! — für Mumpitz
halte ich Ihre Wissenschaft, für Mumpitz ! Mumpitz !
Mumpitz !
Fritz Grinsinger: Adje Pardie!
Dr. Kneppchen (förmlich im Gegensatz zu Gauthier,
der sehr aufgeregt ist): Mein Herr, Ihre Äusserung
könnte meine Kollegen und mich beleidigen, wenn
Sie von anderer Seite gefallen wäre.
Gauthier (wütend): Wie verstehen Sie das?
Dr. Kneppchen: Ich bedenke, dass Ihr Unverstand
und Mangel an Bildung Ihr Verhalten entschuldigen.
Fritz Grinsinger (für sich): Qase gäte! Jetzt kumme
die Schwowe hinterenander!
Gauthier (der sich zuerst nicht fassen kann): Mein
Herr! — Auf Ihre Unverschämtheiten kann ich
Ihnen nur erwidern, dass mir meine Bildung und
mein Verstand lieber sind als Ihre verrückten Unter-
suchungen! (geht der Türe zu) Mein Herr, Sie werden
noch Näheres von mir hören!
Hans Grinsinger (vertritt ihm den Weg): Na, de
werst doch nich!
Dr. Kneppchen (gemessen): Ich stehe zu Ihrer Ver-
fügung.
72
Gauthier: Ich werde Sie wegen Beleidigung* verklagen,
ich will doch sehen, ob deutsche Richter es zugeben,
dass man einen in Treue zu König, Kaiser und
Reich aufgewachsenen Deutschen so in seinen hei-
ligsten Gefühlen verletzen darf?!
Dr. Kneppchen: Gut, ich werde Widerklage erheben,
ich habe in die Vernunft der Richter mehr Zutrauen
wie in die Ihre!
Fritz Grinsinger (für sich): Attrape!
Dr. Kneppchen: Und nun habe ich wirklich keine
Lust mehr, meine Zeit mit Ihnen zu verlieren (wendet
sich zu Augiiste und Ehrstein). Wenn ich meine
Herren Kollegen bitten darf, unsre Arbeit Avieder
aufzunehmen, (wendet sich der Türe rechts zu.) Ich
empfehle mich! (alle drei ab)
Gauthier: Solch ein unverschämter Patron! Der Kerl
ist verrückt! (Auf und ab in grosser Aufregung.)
Hans Grinsinger (abseits): Akurat wie'n Löwe in
seim Käfig! — (zu Gauthier) Aber lieber, gutester
Karlemann, so sei doch vernünftig. Rej' dich doch
nicht so uff! Wir Sachsen sind doch sonst so ge-
mietliche Leute, nich wahr, Fritz?!
Fritz Grinsinger: Ja, gewiss! Herr Gauthier beruhigen
Sie sich (Hans und Fritz suchen Gauthier festzuhalten,
um besser auf ihn einreden zu können.)
Gauthier: Ich schicke ihm ausserdem noch meine
Zeugen! Mangel an Bildung hat er mir vorgeworfen
und Unkenntnis dazu, so eine Gemeinheit! Da hört
doch alles auf!
Fritz Grinsinger: Bedenken Sie doch, das gäbe eine
Skandalaffäre! (für sich) Heiliger Strohsack!
Gauthier: Das ist mir ganz W T urscht! Ganz schnuppe!
73
Hans Grinsinger: Bedenk mal unter Sachsen, unter
uns Sachsen, nicht wahr Vetter? .. Die Blamaasche!
Fritz Grinsinger: Ja, bedenken Sie nur unter uns
Sachsen! Diese Blamaasche!
Hans Grinsinger: Die Geschichte kam doch sicher-
lich in alle Zeitungen.
Fritz Grinsinger (für sich): weh!
Hans Grinsinger: Was müssen denn de Elsässer von
uns denken, wenn's heesst, mir Deutsche vertragen
uns nich enmal unterenander?! —
Fritz Grinsinger (heuchelnd): Ja gewiss, bedenken
Sie, was werden die Elsässer sagen?! —
Gauthier: Das ist mir ganz egal!
Fritz Grinsinger: Wenn Sie damit einverstanden sind,
so will ich zum Herr Professor gehen, vielleicht ent-
schuldigt er sich.
Gauthier: Wie Sie wollen. Ich verlange jedoch ganz
kategorisch, erstens: dass er revoziert und depreziert
und zweitens: dass er seinen „französischen Schädel"
mit dem Ausdruck des tiefsten Bedauerns zurückzieht—
Fritz Grinsinger (abgehend nach rechts): Die Nun-
dedie's Schwowe! 's ganz Hüs mache se m'r lätz!
(ab nach rechts)
Gauthier (wieder auf und ab).
Hans Grinsinger (Gauthier an den Schultern anfassend,
vertraulich) : Nu hör mal lieber, gutester Karl. Mach
mir keene Schosen. Ich bin dei Onkel und sag d'r,
's war doch jammerschade, wenn die Überraschung,
die wir beden gestern für meinen Vetter Fritze im
Geheimnis ausgeheckt ham, durch die Geschichte
zu Essig würde.
Gauthier: Das hat doch nichts mit der Sache zu tun.
Jetzt muss im Gegenteil die Idee erst recht ver-
— 74 —
wirklicht werden, brillant muss sie verwirklicht
werden. Sie ist übrigens schon so gut wie verwirklicht.
Hans Grinsinger: So? Sin alle Herrn vom Vor-
stand d'rmit einverstanden?
Gauthier: Gewiss, unsere Idee ist einstimmig angenom-
men worden? Das Programm ist kurz folgendes: Am
Sonntag wird der Sachsenbund einen Ausflug nach
dem Odilienberg machen uud am Abend auf dem
Rückweg werden wir deinen Vetter Fritz mit einer
Serenade auf seinem Landgut bei Barr überraschen
und seine Ernennung zum Hoflieferanten feiern.
Hans Grinsinger: Bravo, uff die Überraschung freu
ich mich! Weess Kneppchen! Aber nich schwatzen!
Sonnabend reis ich ab und schwupp dich, bin ich
am Sonntag wieder da!
Gauthier: Famose Überraschung!
Fritz Grinsinger (von rechts): Mein Sohn verhandelt
eben mit dem Professor. Er hofft die Sache beizulegen.
Hans Grinsinger: Um so besser. Unterdessen wollen
wir zwei (zu Gauthier) en kleenen Bummel machen.
E Licht- und Luftbad kann nach dem Bruderkriege
nischt schaden.
Gauthier: Da hast du recht, mir ist der Kopf zum
Platzen voll!
Hans Grinsinger: De hast doch keene Erbsen drine?
Gauthier (sich von Fritz Grinsinger verabschiedend):
Empfehle mich uuterdessen (mit Hans Grinsinger ab).
Fritz Grinsinger: Vermaledeiti Gschicht, e so e
Skandalaffär, die tat m'r jetzt grad noch fehle.
Auguste (von rechts): Papa, ein Resultat hawich schun
erreicht, d'r Herr Professor verzieht emol schun uff
sini Gejeklaau geje de Herr Gauthier.
— 75 —
Fritz Grinsinger: Du bisch jo e Deifelskerl! Ja, jetzt
saa m'r awwer doch au, wie du diss Kunststückel
fertigebrocht hesch.
Auguste: Ei ganz einfach, ich hab'm gsaat, dass ich
mich vor ungfähr ere halwe Stund mit d'r Mamsell
Gauthier verlobt hab, d'rno . . .
Fritz Grinsinge r (laut lachend): Haha! Diss isch e
gueter Witz!
Auguste: Kenn Witz 's isch miner gröscht Ernscht,
papa ....
Fritz Grinsinger (entsetzt): Wie, was? Kenn Witz!
Diner gröscht Ernscht? Saa's noch emol, mit d'r
Mamsell Gauthier?! — Mit dere hesch du dich ver-
lobt?! —
Auguste: Ja, Babbe!
Fritz Grinsinger (lässt sich auf einen Stuhl fallen):
Jetzt saa ich au nix meh! Ja bisch denn du üewwer-
gschnappt?
Auguste: Siehsch, papa, ich hab ehnder eini gfunde,
wie du gemeint hesch.
Fritz Grinsinger: Die isch au dernooch!
Auguste: Papa, die Mamsell gfallt mir sowohl vum
wisseschaftliche, wie vum praktische als au vum rein
menschliche Standpunkt üs, et cela suffit!
Fritz Grinsinger (auffahrend und in einer Wut auf
und ab): Diss soll m'r jetzt nix sin! Ein Stoss
nooch'm andere! (vor Auguste stehen bleibend) Ja
bisch denn du von alle guete Geischter verlon, dass
du diss Schwowemaidel üs Sachse hierothe witt?
Auguste: Diss Schwowemaidel üs Sachse stammt, diss
steht nooch unsere Forschunge fescht, ganz sicher
üs Frankrich.
— 76 —
Fritz Grinsinger: Unn wenn sie hundertmol üs Frank-
rich stammt, ze-n-isch se doch e Schwob!
Auguste : Unn wenn du hundertmol üs Sachse stammsch,
ze bisch du doch e Franzos ! Die Logik versteh wer
will unn kann. —
Fritz Grins ingei : Ja, ze saa mir e Gottsnamme, wie
hesch denn du d'r Kürasch hergenumme, for so e
Dummheit ze mache?
Auguste: Ei d'r Champagner, wie ich in's Riemer's
getrunke hab, hett m'r Mueth gemacht.
Fritz Gr in sing er: Was saaschdüdo?! Diss isch jetzt
emol e lätzer Champagner, wie du do getrunke hesch !
Wenn d'r Herr Riemer sich uff so e Resultat gfasst
hett, ze will ich Hans heisse! — Enfin, wenn du
meinsch, dass ich mini Inwilligung zue dere Yieheit
gieb, ze bisch du lätz gewickelt!
Ehrstein (von rechts): Sie exküsiere, Herr Grinsinger,
wenn ich ebb dass ich heim geh, Sie bitt an unseri
Unterredung vun vorhere anzeknüepfe.
Fritz Grinsinger: Herr Ehrstein, Sie schoisiere-n-e
lätze Moment.
Jeannette (von links): Papa! Wie stehn d'Aktie?
Derf ich de Georges hierothe?
Fritz Grinsinger: Wenn's grüen schnejt!
Jeannette (ängstlich): Ja, sin'r denn nit einig worre?
Fritz Grinsinger: Nein, mir sin nit einig worre. Do
wurd nix drüss, ein for alli mol!
Jeannette (weinend): 0, ich wott, ich war nie uff d'
Welt kumme!
Ehrst ein (mit geheuchelter Traurigkeit): In dem Fall
thät m'r halt e Gottsnamme nix anderseits üewwrig
— 77 —
bliewe, als mich in mine wisseschaftliche Studie ze
vergesse. Mit doppeltem Ifer wurr ich jetzt an mini
Dokterarweit gehn.
Fritz G r i n s i n g e r (für sich) : Alterns hon ; an die Dokter-
arweit liawich, weiss Gift, nimm gedenkt! Bin ich
in ere Zwickmüehl ! Bin ich in ere Zwickmüehl!
Madame Grinsinger (von links): Grad ewwe telepho-
niert mir d'r Herr Riemer, dass schun drissig adhe-
sion, dejä trente adhesions, ingeloffe sin for de nächste
Sundaa. — Awwer was hesch du denn Männel,
qit'as-tu donc, du schiensch dich jo gar nit ze fraije?
Fritz Grinsinger: Wie kann m'r sich do noch fraije,
wenn alles drunter unn drüwwer geht unn eine ein
Schlaa nooch'm andere trifft?! — Ich fang wajer an
an d' Hexe ze glauwe! Diss sin schöni Üssichte
uff's Fescht vun d'r Fanfare ! Schöni Üssichte!
Madame Grinsinger: Ja, ze redd doch ! Was isch denn
gschehn? —
Fritz Grinsinger: Was gschehn isch? D'r Auguste
will d'Mamsell Gauthier hierothe!
Madame Grinsinger: Diss Schwowemaidel?!
Auguste: Oui, mamanf
Fritz Grinsinger: Unn d'r Herr Ehrstein setzt m'r
d'Pistol uff d'Bruscht. Er möcht 's Jeannette als
Frau.
Madame Grinsinger: Mon Dieu! Unn grad saat m'r
's Lisa, qiielle veut Charles, dass 's sichs mit'm
cousin Charles fianciert hett.
Fritz Grinsinger: Mit'm cousin Charles?! Au diss
- noch! Ja, unn d'r Baron de Rose wie am Sundaa
kummt! Was wurd der saaue?! — Der Daa soll mir
— 78 —
kenn Üwerraschunge gebrocht han! — (Ganz geknickt)
D'r ditschst Kopf soll ich han! Erbse welle se m'r
mnmache! E Dokterarweit welle se drüewwer
schriewe! In e Prozess unn Duell soll i verwickelt
wäre! D'rzue drej lätzi Hierothe-n-in Üssicht! —
Ich wurr maschukke, ich kumm üs'm Hiesel! — Ich
kumm drüewwer nüs! Hebb m'r de Kopf, Frau,
ich mein, ich höer schun d'Erbse drinne rapple!
Schluss des II. Aufzuges.
III. Aufzug.
Empfangshalle im Landhause Grinsingers. Rechts und links
Türen. Hinten in der Mitte grosse offenstehende Doppeltüre mit
Ausblick in den Garten. Die Halle ist gut möbliert und mit Blumen
und Kränzen geschmückt. Rechts ist ein Büffet mit kalten Speisen
aufgestellt. Am Boden Körbe und Eiskübel mit Sekt. Wenn der
Vorhang in die Höhe geht, ist de Rose in ein eifriges Gespräch
mit Fritz Grinsinger und seiner Frau verwickelt. Lisa und Jean-
nette halten sich ein wenig abseits. De Rose ist eine jugendliche
Erscheinung, er trägt Automobilkleidung. Fritz Grinsinger trägt
das violettene Ordensbändchen im Knopfloch.
de Rose: . . . Et votre sante madame ? Vous allez
mienx maintenant? Votre mari m'a dit que vous avez
ete un peu souffrante ces temps derniers.
Madame Grinsinger: merci, ga va de nouveau
mienx. Le medecin m'a fait suivre un regiment et
prendre des fortifications et maintenant je suis de
nouveau completement guerite.
FritzGrinsinger (macht eine verzweifelte Geberde,
(für sich): Guerite! (zu de Rose). Nous avions dejä
peur que vous ne viendriez pas, monsieur le baron.
Madame Grinsinger: Oui je disai comme ca ä mon
komme, monsieur le baron ne vient pas.
de Rose: Comment donc, madame, jamais de la vie
j'aurais voulu manquer Voccasion de faire la con-
naissance de cette vaillante societe alsacienne.
Fritz Grinsinger: Enfin vous avez tout juste le temps
de faire un peu de toilette ; il faudra meme vous
presser.
Madame Grinsinger: Je m'en va vous montrer votre
chambre. (wendet sich nach rechts.)
— 80 —
de Rose: (verneigt sich vor Lisa und Jeannette) Mes-
demoiselles, ä tont ä Vheure! (Folgt Madame Grin-
singer nach rechts.)
Madame Gr in sing er (an der Türe stehen bleibend):
Passez, monsieur le baron.
de Rose: Apres uous, madame. (Madame Grinsinger
ab, de Rose ihr nach.,)
Fritz Grinsinger (sich die Hände reibend): Gott sei
Dank, dass 'r do isch. Alles isch bis jetzt glatt ab-
geloffe, bis uff e paar französchi Fehler, wie d'Mamme
gemacht hett.
Lisa: Ich mein m'r sötte mache, dass m'r an d'Isebahn
fahre thäte de Charles, pardon de Auguste abhole,
wie mit'm Achtührzug üs d'r Stadt kumint.
Fritz Grinsinger: Ja, unn saaue-n-im Kutscher, dass'r
e bist flott fahre soll, for dass ; r do sin, wenn & Fan-
fare kummt.
Lisa: Oui papa!
Jeannette: Au revoir papa! (Mit Lisa der Türe zu.)
Lisa (an der Tür für sich): Er wurd sich wundere,
wenn'r sieht welli Gsellschaft m'r mit bringe wäre.
(Beide ab.)
Fritz Grinsinger: Tout va bien! Tont va bienl Grin-
singer, je suis content de toi! (zieht seine Rede aus
der Tasche) ich will doch noch emol gschwind mini
Redd durchlese, nit dass i Angst hätt awwer. . .
(Stellt sich in Positur) Messieurs! Chers amis! Je
ne m'attendais vraiment pas ä tant d'honneurl
Novation que vous venez de me faire m'est allee
droit au coeur! (sich unterbrechend) Bravo! Cela
sonne bien, diss klingt famos, cest ronßant, 's wurd
guet wirike.
— 81 —
Madame Grinsinger (von rechts): Quel charmant
jeune komme ce barem! Was e netter junger Mann!
Fritz Grinsinger (seine Rede einsteckend): Hoffentlich
hesch nit ze viel mit'm geredd, unn merik d'r, was
ich d'r allewyl saa, je wenjer dass de reddsch, je
wenjer chance hesch, Fehler ze mache. (Marie durch
die Mitte. Marie trägt elsässisches Kostüm.)
Marie: Herr, do bin i, isch's recht so?
Fritz Grinsinger: Doch, diss Kostüm geht Ejch, wie
angemesse.
Marie: Ja Herr, d'r Jean hett's au schun gsaat.
Fritz Grinsinger: A propos, wenn Sie jemand fröüjt,
wo Sie here sin, ze saaue Sie vun Schnersche vun
d'r Schliffmüehl.
Marie: Ja, Herr!
Fritz Grinsinger: 's brücht keiner ze wisse, dass'r
drüwwe-n-üs'm Badische sin.
Marie: Ja, Herr!
Fritz Grinsinger: So, unn jetzt tummle-nEjch unn
saaue-n-im Jean, er soll anfange d'lampions anze-
zünde im Garte, es fangt schun an ze düschtere.
Marie: Ja, Herr! (ab durch die Mitte.)
Fritz Grinsinger (seine Frau an den Schultern fas-
send) : Frau, diss muess e schöns, e prächtigs Fescht
gän! Meinsch, wie die diss bnffet-froid verwickle
wäre? Im e Jede hawich sin Lieblingsplättel gerüescht.
Wie meinsch, wie d'r dick Müller do die terrine
verdaxe wurd?!
Madame Grinsinger: Ja meinsch, packt der die ellein?
Fritz Grinsinger: Ellein?! — Unn ob, diss langt dem
grad für in e hohle Zahn!
Madame Grinsinger: Eh bien merci!
82
Fritz Grinsinger: Unn do die langouste, sauce majon-
naise, diss isch ebs for de Präsident, er fraijt sich
schun d'ganz Wuch druff, unn do die Crevettle, diss
isch ebs for de Piston-Fvitz ! — Enfin d'r Baron de
Rose muess d'Aue uffrisse, wie Pflueijrädle, wenn'r
dem Spektakel zueluejt ! — Ce sera une belle fete,
une belle fete!
Madame Grinsinger: Ich wott es war verbie, ich hab
nacht e so böesi Traum ghett, j'avais un mauvais
songe.
Fritz Grinsinger: Bon, jetzt kummsch du m'r mit
Altwywerplän! Was soll passiere? Isch nit alles
im Blej ? D'r cousin de malheur üs Sachse isch uff
d'r Heimreis ! D'r Dr. Kneppchen rischt sin Gepäck
in d'r Stadt für abzereise, unn hett m'r gschriwwe,
dass d'Affär Gauthier e gueti Lösung wurd finde,
unn was mini Kinder anbelangt, ze hawich e Waffe-
stillstand gschlosse mit'ne bis nooch'm Fescht ! (pfiffig)
Unn nooch'm Fescht wurr ich 'ne schun zaije, wer
Meischter isch im Hüs! — Frau beruehig dich, diss
Fescht wurd glänzend verlaufe, so wohr ich Fritz
Grinsinger heiss! —
Marie (hereinstürmend): Herr, ich glaub sie kumme, ich
höer Musik vun wittern!
Fritz Grinsinger (lauschend): Was, schun? — En
effet, m'r meint m'r hört Musik.
Madame Grinsinger: Ja, m'r hört Musik! (Man hört
Musik in weiter Ferne.)
Fritz Grinsinger (in grosser Aufregung): Sac ä
papier, unn mini Kinder, wie noch nit do sin vum
Isebahn! (zieht seine Rede heraus) Marie, spring
Sie gschwind nuff, d'r Herr Baron soll gschwind kumme.
— 83 —
Marie: Herr ich kann nit französch.
Madame Grinsinger: Unn d'r Baron versteht kenn
Wörtel ditsch.
Fritz Grinsinger: Nom d'un petit bonhomme! —
Mon Dieu, was e-n-emotion ! — (in grosser Auf-
regung auf und ab.)
Madame Grinsinger: Mann, ich geh 'ne selwer ruefe.
(eilt der Türe rechts zu. Marie schnell ab in den
Garten.)
Fritz Grinsinger (seiner Frau nachrufend): Yergiss
awwer nit an d'Thüer ze klopfe, verlicht isch'r noch
nit angedhon!
Madame Grinsinger (im Türrahmen): Natur ellement !
(schnell ab)
Fritz Grinsinger: Nom d'un petit bonkomme, jetzt
weiss ich vor lütter Uffrejung nimmi wie d'Redd
anfangt. Wie hawich se denn numme ? — (sucht in
den Taschen) Bon, do hawich se jo in d'r Hand!
(er öffnet zitternd das Blatt und beginnt mit Pathos)
Messieurs! Chers amis! Je ne m'attendais vraiment
pas ä tant d'honneur! —
Marie (schnell durch die Mitte herein, ihr nach Jean):
Ja Herr, m'r hört d'Müsik ganz kreit, wenn d'r
Wind wäijt.
Jean: Ja Herr, es sin sie. Solle m'r de Champagner
anfange-n-uffmache ?
Fritz Grinsinger: Ja, fange-n-an! Unn merike-n-Ejch's
noch emol ganz genau, wie ich mini Redd ghalte
hab, no schenke-n-'r in, ohne ze halte, an eim Schnüerel
fürt. Es derf keiner nüechtere uff Strossburri zerück-
kumme !
Jean: Ja Herr, m'r wäre d'rfor sorje!
Fritz Grinsinger: Ja, Ejch mein ich nit!
— 84 —
Jean: Ja Herr! (Jean und Marie beginnen mit dem
Öffnen der Sektflaschen.)
Fritz Grinsinger (für sich): Der Nundediesanfang
viin d'r Redd! (mit gedämpfter Stimme deklamierend)
Messieurs! Chers amis! Je ne m'attendais vraiment
pas a tant d'honneur!
de Rose (hastig von rechts, ihm nach madame Grin-
singer): Madame vient de mapprendre que la
Fanfare arrive.
Fritz Grinsinger: Ouion Ventend de loin dans la vallee !
(sie lauschen.)
de Rose: En effet! — Quelle douce emotion que fe-
pr ouve! Comme mon coeur bat joyeiisement!
Fritz Grinsinger (etwas abseits): Messieurs! Chers
amis! Je ne m'attendais vraiment pas ä tant
d'honneur !
de Rose: Je me mettrai un peu ä Vecart pour prendre
des notes pour mon Journal. (Die Musik wird deut-
lich vernehmbar.)
Fritz Grinsinger (wiukt mit dem Taschentuch an der
Türe seine Frau desgleichen. Plötzlich wird er
stutzig) Die Simpel blose glauwich e ditsche Marsch,
unn Sie han m'r doch de „Sambre et Meuse" ver-
sp röche! (Er lehnt sich vor) Oho?! Was isch diss?!
— (Er hält sich an einem Stuhl, der in der Nähe
der Tür steht) Isch er's odder isch's siner Geischt?
— Do kummt jo der verruckt cousin üs Sachse de
Garte here ! . . . Sott am End ?! (sinkt auf
den Stuhl.)
Madame Grinsinger: Um's Himmelswille ! MonDieu!
Fritz Grinsinger: Mon Dieu! Mon Dien!
de Rose: Qu'y a-t-il?
85
Fritz Grinsinger (nach Atem ringend): Rien, ce n'est
rien! . . . c'est V emotion!
de Rose: Cela s'expliquef . . .
Hans Grinsinger (im Touristenkostüm stolz herein-
stürmend) : Servus Vetter ! Guten Tag Karline ! Heert
Ihr die Juwelteene?! Ihr seid sprachlos, was?
Fritz Grinsinger: ja! ja! Sprachlos! (für sich)
Un wie! (Die Musik kommt näher. Grinsinger ist
bestrebt, sein Ordenszeichen zu verbergen.)
de Rose (für sich): Je suis emu! (er zieht sich in den
Hintergrund zurück.)
Hans Grinsinger: So was bringt nur e Grinsinger
fertig! Was sagste nu?! (eilt an die Türe und winkt)
Fritz Grinsinger (zu seiner Frau): Verroth im Baron
nix, er versteht jo kenn Wörtel ditsch! —
Hans Grinsinger: Heersch nur, mit was vorn er Be-
geeschterung unn Fehemenz se tuten thun ? ! — (Die
Musik kommt herein. Hinterher ein Zug von Herren und
Damen in Ausflugkostümen, Büschel Gräser und
Blumen in den Händen, Blätter und Zweige auf den
Hüten. Einige in Hemdärmeln wischen sich den
Schweiss ab, ziehen sich dann mit Hilfe ihrer Damen
die Röcke an. Kinder mit Blumenbündeln, Zweigen
u. s. w. wimmeln zwischen den Erwachsenen herum
und werden zur Ruhe gewiesen. Eventuell ein Kinder-
wagen mit Dienstmädchen dabei. Alle sehr fidel und
lebhaft. Hans Grinsinger kennt sich nicht mehr vor
Freude, er schlägt den Takt. Die Musik stellt
sich am Eingang auf und bläst ihren Marsch zu
Ende. Fritz Grinsinger hält sich, einer Ohnmacht
nahe, an einem Stuhle.)
Madame Grinsinger (für sich): Je wie sauve! — Ich
geh los! (de Rose hält sich in Bereitschaft um No-
— 86 —
tizen zu machen. Wenn die Musik zu Ende gespielt
hat, tritt Gauthier vor und flüstert Hans Grinsinger
etwas ins Ohr.)
Hans Grinsinger: Stillentzium ! Der Herr Präsident
will reden! Stillentzium! (man hilft ihm Ruhe ver-
schaffen, die Kinder werden zurechtgewiesen u. s. w.)
Gauthier (vortretend): Verehrte Anwesende! Liebe
Mitglieder des Sachsenbundes! Ich bitte um die Er-
laubnis, in Ihrer aller Namen dem jüngsten Mitgliede
unseres Vereines herzlich zu gratulieren. (Beifall.
Rufe: Ja! Prosit! Er lebe hoch! u. s. w.) Wie Sie
alle wissen, hat unser allergnädigster König und
Herr die grosse Gnade gehabt, unser liebes Mitglied
Grinsinger zu dero Königlichen Majestät allerunter-
tänigsten Hoflieferanten zu ernennen. (Lebhafter Bei-
fall.) Liebe Mitglieder, wir können uns glücklich
preisen, einen vielgeliebten König als Landesvater
zu haben, der das Wohl und das Weh jedes einzelnen
Untertanen jederzeit im Auge hat. (Lebhafter Beifall.)
Fritz Grinsinger (für sich): Ei du liewer Alledaa !
de Rose: Je ne comprends pas un mot.
Gauthier: Und in diesem Sinne fordere ich Sie auf,
mit mir auszurufen: Seine Majestät, unser allergnä-
digster König, er lebe hoch! hoch! (Alles stimmt
lebhaft mit ein. (Tusch.) Fritz Grinsinger steht wie
vernichtet da. Alles gratuliert dem Redner und dann
dem Gefeierten.)
Fritz Grinsinger (für sich): E Gewitter in e bal
masque.
Hans Grinsinger (zu Gauthier): Mei Gombliment!
de Rose (abseits): Je ne comprends toujours rien, quelle
langue extraordinaire que cet alsacien! —
— 87 —
Hans Grinsinger: Und nun Stillentzium für meinen
Kousäng! ! (er drängt Fritz Grinsinger zum Sprechen.)
Fritz Grinsinger (für sich): jemmer, o jemmer!
Ich fall um! Ich versink in de Erdsgrundsbodde !
Hans Grinsinger: Stillentzium!! (zu der Menge, die
unruhig ist) Nu sein se aber endlich emal stille!
(Es wird mäuschenstill. Verlegenheitspause.)
Fritz Grinsinger: Enfin . . . Ihr Herren! (Pause.)
Hans Grinsinger (der dicht neben ihm steht): Und
Damen !
Fritz Grinsinger: Und Damen!
Ein Mitglied; Bravo! (Lachen.)
Fritz Grinsinger: Die Überraschung . . . (ringt nach
Worten) Sie haben mich sehr überrascht mit Ihrem
Besuche! (Bravo.)
Hans Grinsinger (einflüsternd): Und, wees Kneppchen,
ich danke Ihnen.
Fritz Grinsinger (spricht mechanisch nach): Und,
wees Kneppchen, ich danke Ihnen. (Bravo.) Danke
Ihnen noch einmal . . . danke Ihnen vielmal . . .
(Bravo! und Beifall.)
Hans Grinsinger: Gott Strambach, und ich hoffe . . .
Fritz Grinsinger: Gott Strambach, und ich hoffe . . •
(Bravo !)
Hans Grinsinger: Meine liewen Landsleute noch oft
bei mir begrüssen zu können ....
Fritz Grinsinger: . . . Meine liewen Landsleute noch
oft bei mir begrüssen zu können, (kolossaler Beifall
und Zustimmung.)
Hans Grinsinger: Und in diesem Sinne: der Sachsen-
bund lebe Hoch! . . .
Fritz Grinsinger: Und in diesem Sinne: der Sachsen-
bund Hoch! Hoch! Hoch! (Tusch. Alles stimmt mit
— 88 —
ein. Während der Rede Fritz Grinsingers hat das
Personal den Sekt serviert. Man stösst an.)
Hans Grinsinger: Prost allerseits! (Durcheinander.)
Fritz Grinsinger (für sich): E himmelheilig! . . . Diss
geht mir doch üwwer's Hemderknöpfel, jetzt süffe
se m'r au noch de Champagner, wo ich for & Fanfare
gerüescht hab! —
Hans Grinsinger (zu Fritz zurückkehrend): Prost
Vetter ! Weest de, e imbosants Rednerschenie bis de
nu auch gerade nich, awwer dei Sekt is nich von
Pappe, barbleeh ! — (lachend) „Ein echter deutscher
Mann kann keenen Franzosen leiden, aber seine Weine
trinkt er gern!" sagt unser oller Schiller. (Es wird
immerzu nachgegossen. De Rose ist mit seinem
Glase nähergetreten.)
de Rose (zu Fritz Grinsinger): A votre bonne sante !
Cette fete est vraiment charmante! Vraiment reussie!
Hans Grinsinger (sich vorstellend): Grinsinger! Mein
Name ist Grinsinger!
Gauthier (herbeieilend, sich verneigend): Gauthier!
Mein Name ist Gauthier!
de Rose: Veuillez me presenter ä ces Messieurs!
Fritz Grinsinger: Sie gestatten, dass ich Ihnen einen
Geschäftsfreund, den . . . den Vertreter meiner Kon-
serven in Frankreich vorstelle, (de Rose verbeugt
sich ; zu de Rose) : Ces Messieurs dont je vous ai
parle . . .
de Rose: Es-ce-que ces Messieurs ne comprennent pas
le frangais ?
Fritz Grinsinger: Er fragt, ob jemand französisch
spricht, (alle verneinen)
Hans Grinsinger (mit ausgelassener Lustigkeit): Na
ob, ich spreche perfekt franszösch. (mit auffallend
— 89 —
starkem Accent): Moi je parier fr ancaise! Commang
wu Portemonnä? — Liberte ! Egalite ! Fratemite !
Oui! Oui! Allongl (allgemeine Heiterkeit.)
Fritz Grinsinger (für sich): Gott sej Dank, wenn
keiner meh kann! (zu de Rose): II riy a plus un
seid qui sacke convenablement le francais, plus
un seul.
de Rose: C'est bien malheureux. Et ce digne Veteran
dont vous m'avez parle ?
Fritz Grinsinger: Ah! Ah! . . . tout juste on vient
de nie dire qu'il est malade, bien malade.
de Rose: Oh! C'est bien dommage! — Et ce vaillant
gar de mobile dont vous m'aviez egalement parle?
Fritz Grinsinger: Ah! Ah! (für sich) Nundebickel!
Nundebickel ! Le pauvre homme. . . il est mort, on
vient de me le dire qu'il est mort, bien mort. . . et
enterre. . .
de Rose: Ah! Les vieux s'en vont! C'est egal, les alle-
mands ont bien travaille, mais pourvu que le cceur
soit reste francais. (sich an die Gesellschaft wendend)
Mesdames et Messieurs, ne sachant pas V allemand,
vous me permettrez de vous adresser quelques paroles
en franqais. Notre aimable amphitryon aura la
complaisance, j'en suis sür, de se faire Vinterprete
de mes paroles et de mes sentiments!
Hans Grinsinger: Was hat er gesagt?
Fritz Grinsinger: Er will eine kleine Ansprache halten.
Hans Grinsinger: Bravo! Bravo! Stillentzium für den
Herrn Franzosen!
Gauthier (zu seinem Nachbar): Dass sich die Franzosen
immer so vordrängen müssen!
Fritz Grinsinger: Diss wurd m'r ebs schöns absetze!
— 90 —
de Rose (spricht mit grossem Pathos): Mesdames et
Messieurs !
Fritz Grinsinger (für sich): Wenn einer e Wörtele
versteht, isch alles ferti, ferti für allewyl!
de Rose: Chers comp atr totes, si j'ose vous nommer
ainsi. C'est avec une profonde emotion que fai
attendu ce jonr Ott je dois enfln avoir l'honneur
de voir face ä face les nobles representants de cette
vaillante, de cette courageuse societe alsacienne qui
porte si haut le drapeau des anciennes traditions!
Oui, c'est bien ainsi que je wie suis imagine vous
voir. Est ce n'est pas sans un serrement de cceur
profond que je vois briller des larmes limpides dans
vos yeux! Ne pleurez pas, chers amis, et sachez que
nous songeons toujours a votre eher, ä votre beau,
ä votre vaillant paysl C'est ä lui que je vide mon
verre! QuHl vivef (er erhebt das Glas, man stösst
mit ihm an.)
Hans Grinsinger: Was hat er gesagt?
Fritz Grinsinger: Er hat gesagt, dass
Hans Grinsinger: Stillentzium ! Mei Yetter will's
uns übersetzen!
Fritz Grinsinger: Enfln, er hat gesagt, dass —
dass .... (für sich) E Nundedie noch emol, was
for Bare könnt m'r 'ne denn anbinde?
De Rose: C'est diffleile de traduire en alsacien ?
Fritz Grinsinger: Ah oui . . . bien diffleile! Tres
diffleile! — Er hat also gesagt, dass es ihn beson-
ders freut, die Bekanntschaft der Sachsen zu machen.
(Beifall)
Hans Grinsinger: Richtig, so hab ich' s ooeh verstanden,
weess Kneppchen!
91
Fritz Grinsinger: Weil die Sachsen ... die freund-
lichsten (Bravo !) die gemütlichsten . . . (lebhafte Zu-
stimmung.)
Hans Grinsinger: Ja, ja, das hat 'r gesagt? . . .
Fritz Grinsinger: Und . . . Und . . . was hat er
noch gesagt? . . .
Hans Grinsinger: De hellsten von 'n deutschen Völ-
kern sind, glob ich . . .
Fritz Grinsinger: Richtig, das hat er auch noch ge-
sagt, (starker Beifall)
Hans Grinsinger (frohlockend): Da könnt Ihr sehen,
wie wir Sachsen bei den gebildeten Bublikümern
aller ärd'schen Hemisphären geestimiert sind? Was
hat'r zum Schluss gesagt?
Fritz Grinsinger: Zum Schluss . . . zum Schluss . . .
Hans Grinsinger: Stillentzium!
Fritz Grinsinger (für sich): Nundedie, was hett'r noch
gsaat?! Ah richtig, zum Schluss hat er selbstver-
ständlich Sachsen ....
Hans Grinsinger: Unser liebes Sachsen!
Fritz Grinsinger: Ja, unser liebes Sachsen hochleben
lassen.
Hans Grinsinger: Also, noch mal unser liebes Sachsen
soll laben, Hoch! Hoch! Hoch! (alles stimmt be-
geistert ein und stösst mit de Rose an.)
De Rose (schüttelt Fritz Grinsinger die Hand): Et re-
cevez mes meilleurs remer Clements pour la fagon
magistrale dont vous vous etes faxt Vinterprete de
mes paroles !
Fritz Grinsinger: II n'y a pas de quoi, il n'y a vrai-
ment pas de quoi. . . . (für sich) Gott sej Dank,
dass ich die Folter erum hab! — Was wurd diss
92
noch für e-n-End nemme ?! — (es wird eifrig Sekt
zugegossen. Nach einer kleinen Pause klopft Grin-
singer an's Glas.)
Hans Grinsinger: Stillentzium!! Liewe Sachsenbrieder
uud Sachsenschwestern, der geehrte Herr Vorrädner
hat unser scheenes Vaterland hoch läwen lassen,
dadrum fordere ich Sie auf das Gleiche zu tun.
Worscht wieder Worscht, heest's bei uns. Es lebe
Frankreich! Vive la Frangss! —
G au t hier (stürzt sich entsetzt auf Hans Grinsinger zu
und hält ihm den Mund zu) Um's Himmelswillen
Onkel keine Dummheiten! (er flüstert Hans Grin-
singer etwas ins Ohr.)
Hans Grinsinger (ganz verwundert): Ach Blech? —
Na meinetwegen, wenn 's so staatsgefährlich is, da
schreien wir eben nicht: Vive la Frangss! sondern sagen
ganz eenfach auf gut französch: A vötre Sangtee!
(Er stösst mit de Rose an, alle folgen seinem Bei-
spiel und suchen das „ä votre sante" so gut es eben
geht herauszubringen. De Rose verneigt sich höflich
mit seinem Glase. Hans Grinsinger wendet sich
wiederum Gauthier zu, mit dem er lebhaft diskutiert.
Eine Anzahl Mitglieder gehen in den Garten.)
De Rose (zu Fritz Grinsinger): Si fai bien compris,
ce malheureux a voulu entrainer la societe ä crier:
Vive la France!
Fritz Grinsinger (nickt bestätigend): Parfaitement !
De Rose: Mais c' est insense! Mais il faut que je serre
encore une fois la main de ce brave (geht auf Hans
Grinsinger zu und schüttelt ihm kräftig die Hand).
Cher Monsieur, permettez moi de vous serrer la main,
et croyez moi que je sais apprecier ä sa juste valeur
l'acte heroique, Vacte sublime dont je fus le temoinl
— 93 —
Hans Grinsinger (verneigt sich liebenswürdig): Oui,
oui, oui, Allong!
De Rose (versucht deutsch zu sprechen): Ja, ja, ja . . .
Hans Grinsinger (zu Fritz Grinsinger) Was hat 'r
eben gesagt?
Fritz Grinsinger: Er hat sich bedankt dafür, dass du
Frankreich hoch leben hast lassen.
Hans Grinsinger (zu de Rose): Oui, oui, allong . —
Aber natürlich lass ich Frankreich laben, (schüttelt
de Rose aufs neue die Hand) Wir Menschen sind ja
alle Brüder. Oui, oui, oui, liberte, egalite, f rater nite!
de Rose: Ja, ja, ja!
Hans Grinsinger: Oui! oui! oui! — Und wie sagt
der Dichter so schön: „Seid umschlungen Millionen!"
(macht die Geste des Umarmens).
de Rose: Ja, ja, ja. (umarmt Grinsinger) Cher com-
patriote!
G au t hier (ärgerlich): Diese Franzosen sind von einer
geradezu widerwärtigen Aufdringlichkeit !
Marie (bietet Sekt an): Wenn's beliebt!
de Rose (ergreift ein Glas): A votre bonne santel —
Gesundheitlich! Ja! Ja!
Hans Grinsinger (ebenfalls ein Glas ergreifend und
anstossend) : Saugte ! — boire, bon boire. (sie stossen
wieder an)
de Rose: Ja, ja!
Fritz Grinsinger (für sich): Die süffe m'r alle mine
Champagner, wenn sie mir nur nit au noch ans buffet
gerothe !
Hans Grinsinger (verständnisvoll de Rose zunickend) :
boire . . . manger . . . (macht die Geste des Essens)
oui, oui, oui . . .
94
de Rose: Ja, ja, ja! — Le manger est lä-bas. (deutet
auf das Büffet) Lä-bas. — Manger! (macht ebenfalls
die Geste des Essens) Ja, ja, ja!
Fritz Grinsinger: Weh, jetzt nett 1 ses!
Hans Grinsinger (der sich umgedreht und das Büffet
erblickt hat): Alle Wetter! Is das e Bellwi! Auf
zur Attacke!
Fritz Grinsinger (für sich): Qa y est! — Adje
buffet-froid! —
Hans Grinsinger (mit Humor): Dem Schuft, der
unsere Ankunft verraten hat, sei verziehen! Weess
Kneppchen! (Mustert das Büffet) Gott Strambach!
Hummersalat! Pastete! Lachs! Rebhuhn! Worscht!
Wieder Worscht! — Da läuft en ja 's Wasser im
Munde zusamm! Komm in meine Arme, Vetter! —
Fritz Grinsinger: Es grüüst m'r ganz.
Hans Grinsinger: Und nu sollst de was erlaben Vetter !
(in den Garten rufend) Rein, Ihr Sachsenbrüder!
Strömt herbei Ihr Völkerscharen! (Die Mitglieder des
Sachsenbundes strömen herbei)
Fritz Grinsinger (für sich): weh!
Hans Grinsinger (lustig): Auf in den Kampf Toreador!
Fritz Grinsinger (für sich): Adje Partie!
Hans Grinsinger (mit Pathos): Stillentzium ! Liewe
Sachsenbrieder ! Ihr habt jetzt 'ne schwere, strategische
Uffgabe! Hier, (deutet auf das Büffet) dar Tisch
mit den feinen Sachen is eene feindliche Batterie, die
Dippeler Schanzen ! (lachen) Jetzt zeigt Eire Cou-
rage. Das Vaterland verlangt, dass jeder seine Pflicht
tut! Gewehr zur Attacke rechts! Marsch! Marsch!
Hurrah! (Er stürzt sich auf das Büffet, alle ihm nach
unter lautem Hurrahrufen)
95
Fritz Grinsinge r (für sich): Ei du liewer Alledaa!
(verzweifelt zuschauend) E Nundedie! Nundedie!
Nundedie! Die verdaxe m'r radikal alles!
Hans Grinsinger (zu den Mitgliedern, die auf ihn ein-
stürmen): Halt Kinner, nich so dichte ran! (er teilt
die Platten aus) Hier, wer will diese Gänseleber-
pastete?! (Zuruf: Ich, ich!)
Fritz Grinsinger (für sich): weh! Im Müller sini
terrine!
Hans Grisinger: Wer will die Hummer-Majonäse?
(Zuruf: Ich, ich!)
Fritz Grinsinger (für sich): Im Präsident siner
Homard!
Hans Grinsinger: Wer die Krabben! (Zurufe: Ich, ich!)
Fritz Grinsinger (für sich): Im Piston- Fritz sini
Krevettle !
Hans Grinsinger: Nur immer 'ran meine Herrschaften!
hereinspaziert. Grosse Fütterung sämtlicher Raubtiere!
(Grosse Heiterkeit) Kinder und Militär erhalten das
Doppelte! (erneute Heiterkeit)
Fritz Grinsinger (wütend): Alles verdaxe se mir mit
Stumpf unn Stiel!
de Rose: Läonreconnaitlabonnefourchettealsacienne,
cela fait plaisir ä voir!
Fritz Grinsinger: Oui cela fait plaisir. (für sich)
Wenn'r numme wüesst wie!
Hans Grinsinger (Nachdem die Menge sich mit den
Tellern in den Garten verzogen hat, mit einem Teller
in der Hand zu Fritz Grinsinger): Melde mich ge-
horsamst zur Stelle! Gelände vom Feind gesäubert!
Alles mit Stumpf und Stiel verschwunden. Bist de
zufrieden ? !
— 96 —
Fritz Grin singer: ja! Natürlich! Natürlich! (Für
sich) Hol dich d'r Deifel! Ja do, wenn jetzt
& Fanfare kommt!
Hans Grinsinger (aufhorchend): Was is'n das? —
Musike? (man hört von ferne den Marsch „Sambre
et Meuse" spielen) Noch'ne Musike? jetzt wirds fidel!
(Er begleitet die Musik, indem er den Takt dazu
schlägt)..
Fritz Grinsiger (für sich): d' Fanfare! Ich tat liewer
d'Trumpete vun Jericho oder d'Posaune vum jüngschte
Gericht höre! — Nein, so e Daa! so e Daa!
de Rose: On dirait la „Sambre et Meuse" (Fritz Grin-
singer nickt bestätigend) Ouel bean geste! Encore
une ovation?! Decidement si le gouvernement savait
de quelle consideration vous jouissez, il vous aurait
donne la Legion d'konneur. — Savez-vous que je
suis etonne de voir que la police ne sen mele pas?
Fritz Grinsinger (verzweifelt): Ich bin fütti! fichu!
Lächerli! Verlöre! (Die Musik marschiert auf. Die
Gesellschaft stellt sich im Türrahmen auf. Die Mit-
glieder tragen weisse Hosen, dunkle Jacken und
Mützen mit französischer Fagon. Wenn die letzten
Töne verklungen sind, tritt der Präsident vor.)
Riemer: Mesdames! Messieurs! Chers amis! — (er
wird unterbrochen durch Frau Grinsinger, welche
hastig von links hereinstürmt.)
Madame Grinsinger: Ihr Herre, d'r Gendarm
kummt ! — (zu de Rose) Un gendarme. (Alles sieht
sich verwundert um).
de Rose: Un gendarme?! — Ah, vraiment, cela ne
m' etonne pas, on a pousse Vaudace trop loin! —
A quelle lutte heroique vais-je assister.
— 97 —
Gendarm (durch die Mitte herein, knapp): 'n Abend!
— (Die Mitglieder der beiden Gesellschaften treten
in den Raum, rechts kommen die Mitglieder des
Sachsenvereins, links die der Fanfare zu stehen.
Einzelne Mitglieder des Sachsenvereins haben noch
ihre Teller in der Hand und essen stehend weiter).
Fritz Grinsinger (verbindlich): Mit was kann ich
dem Herrn Gendarm aufwarten?
Gendarm: Herr Grinsinger, es ist mir soeben mitge-
teilt worden, dass „vive la Frangss" hier gerufen
worden ist. (Die Mitglieder der Fanfare protestieren).
Wenn Sie mir den Deliquenten nicht namhaft machen,
so muss ich Sie und den Vorstand der sattsam be-
kannten Fanfare verhaften.
Riemer: Mais c' est infecte ! (Die Mitglieder der Fanfare
protestieren lebhaft).
Fritz Grinsinger: Nundebuckel! Widder e neiji
Affär!
de Rose: Quelle sehne imposante!
Hans Grinsinger (sich dem Gendarm vorstellend):
Grinsinger, mei Name is Grinsinger. (mit Humor)
Ich teile dem verehrlichen Polizeiorganus mit, dass
meine Wenigkeit „vive la Frangss" gerufen hat. (Die
Mitglieder der Fanfare verraten grosses Erstaunen).
Gendarm: So? — Und Sie räumen das so unum-
wunden ein?
Hans Grinsinger (gemütlich): Warum soll ich mich
denn schenieren! Was ist denn da d'rbei, mein
gutester Ordnungssorger, wem'r andere Leute
leben lässt? — Warum sollen denn de Franzosen
nich laben, es sind ja och gute Christenmenschen
wie mir?
98
Gendarm: Der Gendarm hat sich nicht darum zu
kümmern, ob jemand ein guter Christenmensch ist
oder nicht. Der Gendarm kennt nur seine Instruk-
tion! Sie sind somit verhaftet!
Hans Grinsinger: Awwer hören Sie mal, ich bin e
gemütlicher Sachse und kann viel vertragen, was
aber zu viel ist, ist zu viel! (Gauthier eilt herbei
und überschaut die Situation).
Gendarm: Spielen Sie nicht den wilden Mann. Sie
sind so wenig Sachse wie ich Franzose! Sie sind
ein Mitglied der Fanfare (Lebhafter Widerspruch
bei der Fanfare).
Gauthier (sich den Gendarmen vorstellend): Mein
Name ist Gauthier, Präsident des Sachsenbundes.
Der Herr ist mein Onkel und tatsächlich Sachse.
Riemer (zu Madame Grinsinger): Was mache denn
die Schwowe do? (Madame Grinsinger antwortet
nicht).
Gendarm: Aus der Geschichte werde ich nicht klug!
Fritz Grinsinger (für sich): weh! Jetzt platzt
die Bumm!
Gauthier: Der Sachsenbund hat nämlich sein liebes
Mitglied Grinsinger wegen seiner Ernennung zum
königlich-sächsischen Hoflieferanten hier auf seinem
Landgut überrascht, um ihm zu gratulieren.
Riemer (verwundert): Was faselt der do vum Sachse-
bund? (zu Fritz Grinsinger) Wenn ich do recht
verstände hab, ze wärsch du also Mitglied vum
Sachsebund ?
Fritz Grinsinger (für sich): Ich bin e Krüppel am
Wäj!
Riemer: Ze redd doch! Was soll diss Kumedie be-
dytte? !
— 99 —
Gauthier: Aber natürlich ist Herr Grinsinger Mitglied
vom Sachsenbund!
Riemer (der sich nur langsam von seiner Verwunderung
erholt): Wie, was?! — (fast Fritz Grinsinger an)
Ja, Fritz, bisch denn du ganz üwwerg'schnappt,
dass du so Dummheite machsch? Du bisch Mitglied
vum e ditsche Verein? Du, d'r Vizepräsident vun
d'r Fanfare Alsacienne? — Ze redd doch! —
Gauthier (erstaunt): Was höre ich da?! Herr Grin-
singer, Sie sind Vizepräsident der berüchtigten Fanfare
Alsacienne? ! (spricht die letzten Worte mit starkem
Akzent aus. Grosse Bewegung unter den Mitgliedern
des Sachsenbundes.) So sprechen Sie doch! —
Riemer (zu Fritz Grinsinger, der ganz vernichtet da-
steht): Diss sin mir jo schöni Affäre! Diss isch jo
e Verroth an unserer Societät ! E Verroth an unserem
elsässische Vatterland! —
Die Mitglieder der Fanfare (in grosser Entrüstung) :
Cest infect! C'est revoltant !
Fritz Grinsinger (verzweifelt): Jetzt isch alles ver-
löre !
Gauthier (zu Riemer): Was reden Sie da eben vom
elsässischen Vaterland? Herr Grinsinger ist doch
kein Elsässer!
Riemer: Es kummt als besser! Kenn Elsässer?! Ja,
was isch'r denn no?!
Gauthier: Ein Sachse ist er, ein echter Sachse!
Fritz Grinsinger: Jetzt isch's hüsse, adje Partie!
Riemer: Was?! Ja isch diss wohr?
Madame Grinsinger: Ihr müehn mine Mann exküsiere,
er kann jo nix d'rfor, dass sini Eltre Sachse sin gsin!
100
Riemer: Ah, par exewiplel (grosse Entrüstung unter
den Mitgliedern der Fanfare.) Es leijt uff d'r Hand,
dass vun hytt an alles fertig unn verbie isch zwische
d'r Fanfare unn dir. Mir brüehe kenn mouchard in
unserer Societät! (Lebhafte Zustimmung.)
Die Mitglieder der Fanfare: A.bas le traitre ! !
Fritz Grinsinger: Quel malheur ! Quel malheur !
(Lässt sich verzweifelt auf einen Stuhl sinken.)
G au t hier (feierlich): Ich brauch Ihnen wohl nicht erst
zu sagen, dass wir auch auf Ihre fernere Mitwirkung
beim Sachsenbunde verzichten! Für solche Lands-
leute bedanken wir uns. Für Verräter ist in unseren
Reihen kein Platz!
Die Mitglieder des Sachsenbundes (teilweise mit
vollem Mund) : Schmeisst'n raus aus'm Bund ! Hinaus
mit dem Verräter!
Fritz Grinsinger (für sich): D'rNundedie! Jetzt, wie
sie mir min buffet-froid verdaxt han, ze han sie noch
e frechi Gösch!
de Rose (vortretend): Monsieur, onvient de m'expliquer
tonte Vaffaire, c'est une Infamie! Une trahison !
Et fespere que vous n'aurez plus Vaudace de porter
cette decoration que vous avez si peu meritee ! (Beifall
bei den Mitgliedern der Fanfare)
Fritz Grinsinger (zieht den Orden aus, betrachtet ihn
melancholisch und trocknet sich einige Tränen aus
den Augen) : Unn ich hab m'r e so Müehj gän ghett
for'ne zu bekumme! Grandeur et decadence ! —
(verzweifelt) Isch denn niemes do wie m'r helft?!
Riemer: So, unn ebb dass ich geh, ze will ich dir au
noch saaue, dass vun ere fiangaille zwische minere
Tochter unn dim Sohn nix wäre kann!
— 101 —
Auguste (durch die Mitte eintretend, gefolgt von seinen
Schwestern, Fräulein Gauthier, Durand, Ehrstein
und Dr. Kneppchen): Was hör ich do?
Riemer (zu Auguste): Um so besser, wenn Sie's ghöert
han, no brüch ich's 'ne nimmi ze saaue.
Auguste: Taut mieux ! No brüch ich au nimmi mit
minere Verlobung mit d'r Mamsell Olga zeruck-
zehalte.
Gauthier: Wie, was, habe ich recht verstanden?
Riemer: Was hör ich do? E neiji trakison?!
Olga (zu ihrem Vater): Ja, hier Papa, stelle ich dir
meinen Bräutigam vor.
Gauthier: Was, bist du von Sinnen?
Hans Grinsinger: Du wirst doch nichts dagegen zu
obonieren haben?
Gauthier: Aber Onkel?! Nach allem, was vorgefallen
ist?! Ich gebe meine Tochter keinem Franzosenkopf,
dem Sohn von einem Landesverräter! (grosse Ver-
wunderung in der Gesellschaft, die eben angekommen
ist.) Niemals!
Olga: Aber papa! Was ist denn vorgefallen?
Durand: En effet! Was isch denn do passiert, ihr
mache jo alli Gsichter, wie wenn'r in 's Leid kumme
wärde?! —
Gauthier: Schlimmer wie das!
Auguste: Wie so? Qu' est ce qu'il y a?
Olga: Was ist geschehen, Papa? —
Gauthier: Was geschehen ist ? ! Sein sächsisches Vater-
land hat Herr Grinsinger verraten! (Zustimmung)
Riemer: Nein, 's Elsässisch Vatterland hett'r verrothe.
de Rose: Messieurs ! II a trahi la France, sa patrie !
Lisa (lachend): So viel Vatterländer gitt's jo gar nit !
— 102 —
Gauthier: Herr Grinsinger ist zu gleicher Zeit Mit-
glied zweier patriotischer Vereine gewesen, eines
deutschen, des Sachsenbundes und eines französischen,
der Fanfare! Was sagen Sie dazu?
Riemer: Was halte Sie do d'rvun?
Durand: Was ich d'rvun halt?
Die Mitglieder der beiden Vereine: Ja?!
Durand: Eh bien, ich halt d'rvun, dass diss ganz in d'r
Ordnung isch. (lebhafter Protest bei den Beteiligten)
Die Haltung vun mim Unkel isch, wenn m'r sini
Ansichte kennt, ganz logisch, ganz selbsverständlich !
(erneuter Protest)
Riemer: Oho! Comment cela? —
Gauthier: Nanu! Wie so? —
Durand (schlau): Es isch manche von Ihne verlicht nit
unbekannt, dass ich Sekretär vun d'r Friedensliga
un vun d'r ligue franco-allemande bin. (Alles schaut
sich fragend an) Zue minere grosse Fraid isch mir's
gelunge mine-n-Unkel for mini Idee ze gewinne. Unn
üs dem Grund hett'r selbstverständlich gsuecht in
de entgejegsetzte Laauer Füehlung ze gewinne.
Hans Grinsinger: Bravo! Bravo! So ist's recht, Alle
Menschen sind ja Brüder!
Fritz Grinsinger (sich stolz aufrichtend): Ja, wie's
denn doch hüsse-n-isch, ja, Ihr Herre, miner lieb
neveu (fasst ihn bei der Hand) hett mich zue sine
menschefrindliche-n-Idee bekehrt. Mini einzig ambition
isch, e so e-n-Art Friddesaposchtel ze wäre!
Gauthier: Gegen diese Ideen muss ich als echter
deutscher Patriot mit aller Energie protestieren!
Riemer: Unn ich als Elsässer vum alte Schrot und Korn
protestier egalement!
103
de Rose (der von einem Mitglied der Fanfare instruiert
worden ist) : Et moi, je proteste au nom de la nation
frangaise!
Durand: So viel ich weiss, hätte-n-alli drei Herre, wie
ewwe so kräftig protestiert hau, alli Grüend e bissl
vorsichtiger ze sin in ihre-n-Erklärunge ! {Riemer und
Gauthier machen eine abwehrende Bewegung)
Dr. Kneppchen: Was z. B. Herrn Gauthier betrifft,
so ist seine Entrüstung zum mindesten sehr unange-
bracht, denn Herr Gauthier ist, wie ich zu beweisen
in der Lage bin, das Kind französischer Eltern.
Gauthier (konsterniert): Das ist nicht möglich! Das
ist undenkbar ! (grosse Unruhe unter den Mitgliedern
des Sachsenbundes)
Dr. Kneppchen (zu Gauthier): Hier Herr Gauthier
schenke ich Ihnen die Geburtsscheine Ihrer Eltern,
die als französische Republikaner nach dem Staats-
streich Napoleons nach Leipzig geflüchtet sind.
Gauthier: Entsetzlich! (nimmt die Scheine) Ich das
Kind französischer Revolutionäre ? (hält sich an einer
Stuhllehne fest) Wie reimt sich das mit meiner Ge-
sinnung?! Ich werde wahnsinnig!
Dr. Kneppchen: Ihre Gesinnung verdanken Sie dem
Schwager des Herrn Grinsinger, der Sie erzogen
und als sächsischer Sergeant sich eine Ehre daraus
machte, aus einem revolutionären Franzosen einen
guten deutschen Patrioten zu züchten und aus einem
Gauthier ein Gauthier zu machen!
Gauthier (Hans Grinsinger bei der Hand fassend): Ist
das wahr Onkel?
Hans Grinsinger (bestätigend): Stimmt! Stimmt!
Gauthier (verzweifelt): Die Welt stürzt mit mir zu-
sammen! Ich bin vernichtet! Verloren!
— 104 —
Ein Mitglied des Sachsenbundes: Demnach wäre
also der Präsident unseres gut deutschen Vereines
ein Franzose? !
Die Mitglieder des Sachsenbundes (durcheinander):
Das ist ja unerhört, das ist ein Skandal! Das sind
unhaltbare Zustände!
Die Mitglieder der Fanfare (schadenfroh): Qa cest
fameux! Cest rigolo!
Ein Mitglied des Sachsenbundes: Unter diesen
Umständen Herr Gauthier oder vielmehr Herr Gauthier
(mit starkem Accent) ....
Gauthier (verzweifelt): Sprechen Sie meinen Namen
nicht französisch aus! ....
Ein Mitglied des Sachsenbundes (fortfahrend):
Bleibt Ihnen nichts anderes mehr übrig als Ihren
Austritt aus den patriotischen Vereinen zu erklären
und ihr Amt als Vorsitzender unseres Bundes nieder-
zulegen (lebhafte Zustimmung beim Sachsenbund).
Gauthier (lässt sich auf einen Stuhl fallen): Nun ist
alles verloren!
Dr. Kneppchen: Herr Gauthier, sind Sie jetzt noch
der Ansicht, dass die Wissenschaft Mumpitz ist? —
Gauthier: Der Teufel hol die Wissenschaft!
Ein Mitglied der Fanfare: Qa c'est vraiment fa-
meux! (Gelächter bei der Fanfare)
Auguste: Ihr Herre m'r soll nit mit Stein werfe, wenn
m'r selbscht im Glasdach sitzt unn nit lache, wenn's
Noochbers Hüs brennt!
Ein Mitglied der Fanfare: Wie meine Sie diss!
Auguste: Ei wie Sie ganz genau im nämliche Fall
sin wie d'r Sachsebund (grosse Unruhe bei den Mit-
gliedern der Fanfare). Ihr Präsident, d'r Herr Riemer
— 105 —
stammt nämlich üs Preisse, sini Eltre han Riemer
gheisse, un sie sinn üs Magdeburg- gsin (grosse Un-
ruhe und allgemeine Verwunderung).
Riemer: Je suis ficku!
Ein Mitglied der Fanfare: Herr Riemer, isch diss
wohr?!
Riemer: Ihr Herre, es isch schun so lang here, dass
ich's selwer nimmi recht weiss . . .
Auguste: Do du reste d'Geburtsschien vum Herr
Riemer sine-n-Eltre (überreicht Riemer die Geburts-
scheine). Vous permettez.
Ein Mitglied der Fanfare: Demnooch hätt also
unseri guet elsässisch Societät johrelang zwei Schwowe
als Präsidente g'hett?
Die Mitglieder der Fanfare: Cest honteux, c'est
degoutant !
Die Mitglieder des Sachsenbundes (schadenfroh):
Tolle Sache! Zu ulkig!
Die Mitglieder der Fanfare: Demission! Demission!
Riemer (lässt sich verzweifelt auf einen Stuhl sinken) :
Demission? Nüskejt üs d'r Fanfare! Diss isch min
Tod!
Ein Mitglied der Fanfare: Wie stehn mir jetzt do
vor'm Baron de Rose! —
Durand: Ihr Herre, do d'rwäje brüche Sie sich kenn
gröüji Hoor wachse ze Ion, denn d'r Baron de Rose
isch ewe so weni Franzos wie Baron?
Alle (durcheinander): Oho! Was isch diss? — Hört!
Hört! Wieso?
Durand: Im Baron de Rose siner Yatter hett nämlich
Isaak Roos g'heise unn isch üs Berlin gsin! (All-
gemeine Überraschung).
Fritz Grinsinger (für sich): E gueter Stoss!
— 106 —
Madame Grinsinger: Comment, d'r Baron isch kenn
baronl? —
de Rose (der von einem Mitglied der Fanfare instruiert
worden ist): Je proteste!
Durand: Do helft alles protestiere nix, do d'r Geburts-
schien vun sim Yater (überreicht de Rose den Ge-
burtsschein). Voici Vacte de naissance de votre pere!
de Rose: Comment?! — Est-ce possible?! — Quel
coup terrible pour moi! (lässt sich auf einen Stuhl
niedersinken, so dass er mit Riemer und Gauthier
eine Reihe bildet).
Fritz Grinsinger (die drei mitleidig betrachtend):
Wie steh ich jetzt do? Unn wie sitze-n-Ihr do!
Durand (ergänzend): Uff de Trümmer vun Ejre patrio-
tische-n-Illüsione !
Fritz Grinsinger: Ejetlich sott ich Ejch, so wie
Ihr do sitze, nit vergesse, wie Ihr mich ewwe un-
gerechter Wies bhandelt han. Awwer als Mitglied
vun d'r Friddesliga will ich mit'm guete-n-Exempel
vorangehn. Ihne Herr Gauthier verzehj ich, dass
Sie als Franzos, Präsident vum e ditsche Verein sin
gsin, dir Riemer, dass du als Ditscher, Präsident vun
ere elsässische Societät bisch gsin (zu de Rose) Et
vous, Monsieur le baron, je vous excnse que vous
ayez mis tant d'ardeur en votre qualite de prussien,
ä defendre les interets de la France. (Alle bleiben
geknickt sitzen). Unn wenn ich pour terminer denne
zwei Societäte e guete Roth derft gän, ze thät ich
'ne vorschlaaue ihri Präsidente jetzt einfach gejesittig
üszetüsche. (Widerspruch bei den Mitgliedern der
beiden Gesellschaften).
— 107 —
Durand: Bravo ! Durich die edle Wort zait min Onkel,
wie schnell dass'r die edle Idee vun d'r Friddesliga
in sich uffgenumme nett.
Fritz Grinsinger: Diss will ich meine!
Durand: Miner Onkel hett awwer noch uff e-n-anderi
Art sueche ze bewiese, dass er sich denne Idee vum
Völkerfridde angschlosse hett, indem dass'r inwilligt,
obwohl dass'r e Sachs isch, dass ich als Franzos sini
Tochter Lisa zur Frau nimm.
Lisa (freudig): Isch's wohr, Babbe?!
Fritz Grinsinger: Ja min Kind, es isch eso. (Für
sich) Was will i mache ?1
Lisa: Charles! (Durand und Lisa umarmen sich).
Ehrstein: Ich kann nur bstätige, was d'r Herr Charles
gsaat hett!
Fritz Grinsinger: Bon, jetzt kummt der au noch!
Ehrstein: Unn Ihne versichere, dass unseri commu-
naute d'idees mit e Hauptgrund isch gsin, dass d'r
Herr Grinsinger mir d'Hand vun d'r Mamsell
Jeannette akordiert het !
Fritz Grinsinger: Pince !
Jeannette: Do isch's offiziel, Babbe?!
Fritz Grinsinger: Ei jo, min Kind!
Jeannette: Georges! (Umarmung.)
Dr. Kneppchen: Von demselben Gesichtspunkte aus
wird Herr Grinsinger gewiss auch die Verlobung
seines Sohnes mit einer Französin Frl. Gauthier mit
Freuden begrüssen.
Fritz Grinsinger: Ich hab nix inzewende! — (für
sich) Dummer Stoss!
Olga (zu ihrem Vater): Und du Papa, was sagst du
dazu?
Hans Grinsinger: Da de nu doch emal e Franzose
bist, kanns dirsch, wees Kneppchen, auch egal
— 108 —
sein, wenn deine Tochter einen Franzosenkopf hei-
ratet, der dazu noch ein halber Sachse ist!
Gauthier: Tat was Ihr nicht lassen könnt!
Olga: Augustel (Umarmung.)
Hans Grinsinger: Welche gosmobolidische Berschbek-
dife eröffnet sich da?! — „Jauchze, juble mei Ge-
miedhe, bald blüht e allgemeiner Erdenfriede!"
Dr. Kneppchen: Und wenn ich um eines bitten darf,
heiraten Sie so schnell wie möglich, denn ich bin
sehr gespannt, die Schädelformationen Ihrer Nach-
kommen studieren zu können.
Hans Grinsinger: Und nu sei m'r gemüethlich!
Gendarm (vortretend): Sie gehen mit mir!
Hans Grinsinger: Nanu machen Se keene Mährte!
Gendarm: Keine Beamtenbeleidigung, Sie sind ver-
haftet. Sie haben „ Vive la Frangss" gerufen.
Hans Grinsinger: Aber erlauben Sie mal, das kommt
doch uff de Umstände an.
Gendarm: Die Polizei hat sich nicht um die Umstände
zu kümmern (ihn anfassend): Die Polizei kennt
nur ihre Instruktion. Nun vorwärts Marsch ! (Packt
ihn am Kragen).
Alle (protestierend): Aber lassen Sie ihn doch!
Hans Grinsinger (lebhaft gestikulierend wird abge-
führt) : Awer hören se mal, ich oboniere, ich prote-
stiere, ich werde mir beschweren. Da is's in Sachsen
denn doch gemietlicher ! —
Schluss.
University of
Connecticut
Libraries
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