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Full text of "Einführung in die gregorianischen Melodien; ein Handbuch der Choralwissenschaft"

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EINFUHRUNG 

IN DIE 



GREGORIANISCHEN 
MELODIEN 



EIN HANDBUCH DER CHORAIWISSENSCHAFT 

VON 

PETER WAGNER 



ERSTER TEIL 

UESPEUNG UND ENTWICKLUNG DEE 
LITUEGISCHEN GESANGSFOEMEN BIS 
ZUM AUSGANGE DES MITTELALTEES 



DRITTE AUFLAGE 




LEIPZIG 

DRUCK UND VERLAG VON BREITKOPF & HÄRTE L 
1911 



URSPRUNG UND ENTWICKLUNG 



DER 



LITURGISCHEN GESANGSFORMEN 



BIS ZUM 



AUSGANGE DES MITTELALTERS 



VON 



PETER WAGNER 



DRITTE AUFLAGE 




LEIPZIG 

DRUCK UND VERLAG VON BREITKOPF & HÄRTEL 
1911 



Copyright 1910 by Breitkopf & Härte], Leipzig- 



Prtnuu ui u«r«M«tHy 



Aus dem Yorwort zur ersten Auflage. 

Vorliegende Arbeit will unter Benutzung der Ergebnisse der 
bisherigen Forschung den Versuch einer zusammenfassenden 
wissenschaftlichen Behandlung des gregorianischen Kunstwerkes 
machen. 

Einige Bemerkungen über die Grundsätze, von denen ich mich 
leiten ließ, werden nicht überflüssig sein. 

Um einen einheitlichen abgerundeten Stoff zu gewinnen , ist 
der Kreis der Darstellung nicht über das Mittelalter hinaus ge- 
zogen worden. Man braucht sich ja nicht viel mit den spätem 
Choralformen zu beschäftigen , um zu erkennen , daß sie fast alle 
mehr oder weniger von den jeweilen geltenden Musikrichtungen 
beeinflußt sind. Ich glaube nicht, daß diese Beschränkung meiner 
Arbeit viel geschadet habe ; immer mehr verbreitet sich die Über- 
zeugung, daß eine wissenschaftlich haltbare Erkenntnis des gregoria- 
nischen Chorals, seines Wesens und seiner Eigenart nur dann zu 
gewinnen ist, wenn man ihn da aufsucht, wo man sicher sein 
kann, ihn in einer von allen spätem, nichtgregorianischen Kunst- 
anschauungen ungetrübten Form zu finden. Ist diese Vorbedingung 
erfüllt, so ergibt sich als eigentliche Aufgabe die nach wissen- 
schaftlichen Grundsätzen vor sich gehende Durchforschung des Gegen- 
standes. Diese Aufgabe ist schwieriger, als es auf den ersten 
Blick scheinen könnte. Die Hauptschwierigkeit besteht in der 
Gefahr, die jedem droht, der das Studium vergangener Zeiten 
betreibt; man hat sich zu hüten, in der alten Kunst Dinge zu 
suchen, die spätem Entwicklungen ihre Existenz verdanken. Auch 
vom besten AVillen beseelte Männer haben an dieser Klippe Schiff- 
bruch gelitten. 

Gegen eine schiefe und seinem wirklichen Charakter zuwider- 
laufende Auffassung des gregorianischen Chorals konnte ich mich 



VI Vorwort. 

auch dadurch schützen, daß ich überall da, wo es von Bedeutung 
war, mir sein Verhältnis zu den andern Kunstrichtungen klar zu 
machen suchte. Auch für den gregorianischen Choral gilt der 
Satz, daß das Wesen einer Sache am leichtesten durch ihren 
Gegensatz erklärt wird. 

Je mehr man sich in die gregorianische Kunst hineinversenkt, 
desto eher findet man, wie viel hier noch zu tun ist. Ich mache 
auch nicht den Anspruch, in allen Punkten abschließende Resultate 
zu geben. Das wird vielfach noch lange nicht möglich sein. Es 
würde mich aber freuen, wenn man mir zugestehen könnte, einige 
Fragen gelöst, andere neu beleuchtet, zuweilen auch neue gestellt 
zu haben. 

Zum Schlüsse möchte ich noch dem Wunsche Ausdruck geben, 
daß in unsern deutschen Landen, wo in den letzten Dezennien 
die Kirchenmusik einen so herrlichen Aufschwung genommen hat, 
den praktischen Bemühungen auch die wissenschaftliche Durch- 
forschung des liturgischen Gesanges nachfolgen möge. Wir wollen 
doch dies vielverheißende Arbeitsfeld nicht den Franzosen und 
Engländern allein überlassen. 

Freiburg i. d. Schweiz, im August 1895. 



Aus dem Vorwort zur zweiten Auflage. 

Die neue Auflage dieses Buches erscheint der ersten gegenüber 
unter wesentlich geänderten Verhältnissen. Konnte es in den 
letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts scheinen, als ob die 
gelehrte Forschung über gregorianischen Gesang auf immer dazu 
verdammt sei, für die Praxis unfruchtbar zu bleiben, so wird der- 
artiges nach den Ereignissen der letzten Monate wohl nicht mehr 
zu befürchten sein. 

Wir stehen am Anfange einer neuen Epoche des liturgischen 
und des Kirchengesanges überhaupt. Richtung und Ziel sind ihr 
deutlich vom Oberhaupt der Kirche vorgezeichnet. Es ist zu 
wünschen, daß nunmehr recht viele ihre Kräfte in den Dienst der 
gregorianischen Restauration stellen. Nicht an letzter Stelle sollte 



Vorwort. VII 

der Umschwung der Dinge der gelehrten Beschäftigung mit dem 
liturgischen Gesänge zugute kommen; denn das Gebiet ist un- 
ermeßlich, und der Arbeiter sind noch wenige. 

Die Mängel der ersten Auflage habe ich zu beseitigen und das 
Buch möglichst zu vervollkommnen gesucht. Mehrfache Reisen 
ermöglichten mir, die handschriftlichen Schätze besonders der 
Pariser Nationalbibliothek zu benützen; anderes war mir hier ein- 
zusehen vergönnt. Das Resultat ist, wie man sieht, ein ganz neues 
Buch. Nicht nur ist der Stoff so gewachsen, daß eine Teilung 
notwendig wurde; auch die Darstellung ist eine weit ausführlichere 
geworden; das ganze Werk soll nunmehr in kleinem Rahmen eine 
Summa Gregoriana werden. In Anbetracht des vollständig ver- 
änderten Aussehens des Buches habe ich lange geschwankt, ob 
ich nicht den Titel ändern sollte. Doch habe ich mich schließ- 
lich für Beibehaltung des bisherigen entschlossen, um den Zu- 
sammenhang mit der ersten Auflage anzudeuten, zumal die all- 
gemeine Anordnung des Stoffes dieselbe geblieben ist. 

Im vorliegenden ersten Teile , der das äußere geschichtliche 
und liturgische Fundament legt, bezieht sich der Gegensatz zur 
ersten Auflage, außer dem direkteren Anschluß an die Quellen und 
der dadurch erreichten besseren Darstellung der Entwicklung, be- 
sonders auf die stärkere Betonung des liturgischen Momentes. Die 
den Musikhistorikern unbekannt gebliebenen und noch heute wert- 
vollen Arbeiten des Kardinals Tommasi waren es, die mir den 
Weg zeigten, den jeder Historiker des liturgischen Gesanges zu 
gehen hat. So hoffe ich die Entwicklungsgeschichte eines wich- 
tigen Bestandteiles der Liturgie mit Benutzung der besten altern 
und neuern Forschungen so dargestellt zu haben, daß das Bild 
dem geschichtlichen Verlaufe der Dinge entspricht. Wie viel Neues 
dabei zum Vorschein kam , wird der aufmerksame Leser selbst 
herausfinden. Daß es aber unumgänglich notwendig ist, bei Fragen 
aus der Geschichte der hier behandelten Materie immer die Ent- 
wicklung der Liturgie im Auge zu behalten, das möge das Buch 
selbst dartun. Will man anders verfahren, so ist man auf Schritt 
und Tritt der Willkür und Systemmacherei unrettbar verfallen. 
Nur zu seinem Schaden kann sich der Musikhistoriker der kost- 
baren Hilfe entschlagen, welche der Historiker der Liturgie zu 



Vorwort. 

und ich wage die Behauptung, daß manche 
schwierigen und umstrittenen Fragen der Choralgeschichte nicht 
von jenem, sondern von diesem endgültig werden gelöst werden. 

So hat diese erste Abteilung eine Gestalt gewonnen, die sich 
hoffentlich auch für solche nützlich erweisen wird, die, ohne Fach- 
männer zu sein, mit der Geschichte der Liturgie sich bekannt 
machen wollen. 

Freiburg i. d. Schweiz, im Oktober 1901. 



Yorwort der dritten Auflage. 

Noch bevor es mir möglich wurde, die für den dritten Band 
der »Einführung«, der die »Formenlehre« behandeln soll, gesammel- 
ten Materialien zu verarbeiten, ergab sich die Notwendigkeit einer 
neuen Auflage der bisher erschienenen zwei Teile. 

Die neue Auflage des ersten Teiles ist nicht ein bloßer Abdruck 
der vorigen Auflage. An der Anlage des Buches und der Methode 
der Darstellung, die zum ersten Male die liturgiegeschichtliche 
Forschung in weitem Umfange zur Aufhellung musikgeschichtlicher 
Zusammenhänge heranzog, wurde zwar nichts geändert, zahlreich 
sind aber die Verbesserungen im einzelnen. Manche Partien er- 
scheinen in erweiterter Fassung, und im allgemeinen wurden die 
sicheren Ergebnisse neuerer Forschungen in die Darstellung auf- 
genommen. Nur einige von den Änderungen konnten schon in 
der französischen (1904), englischen (1907) und italienischen Über- 
setzung (1910) des Buches Platz finden, so daß die vorliegende 
Fassung in allem als dem gegenwärtigen Stand unsers Wissens 
entsprechend gelten darf. Der neue Verlag hat das Buch in an- 
erkennenswerter Vi^eise mit einem wohlgelungenen Kliche geschmückt 
(S. 86j. 

Die neue Auflage der »Neumenkunde« wird in kürzester Zeit 
folgen. 

Freiburg i. d. Schweiz, im Oktober 1910. 

P. Wagner. 



Inhaltsangabe. 

Seite 

Einleitung. Begriff und Isamen des gregorianischen Gesanges. 1 — 5 

I. Kapitel. Psalmen und Psahnodie im christlichen Alf erinm. 
Die Psalmen, Cantica und ihre gottesdienstliche Verwendung 
bei den Christen. Melodische Ausführung: die responsoriale 
Solo- und die antiphonische Chorpsalmodie; ihre Verbreitung 
im Morgen- und Abendland. Ihr musikalischer Charakter. 
Der Allelujagesang 6 — 40 

II. Kapitel. Die Hymneoi. Ihre Ausbildung im Morgen- und 

Abendland 41-^48 

III. Kapitel. Ällgemei^jes über die Enhcicldiing der Liturgie 
und des liturgischen Gesanges im Mittelalter. Griechisches 
im lateinischen Kirchengesang. Der römische, ambrosianische, 
gallikanische und mozarabische Gesang und ihr Verhältnis 
zueinander 49 — 57 

IV. Kapitel. Liturgische EnttcicMung der Meßgesänge im 
Mittelalter. Die einleitenden Meßgesänge. Überblick über 
die Formen des Meßgesanges. Der Introitus; seine Einführung 
in die Liturgie und Entwicklung bis zum Ausgange des Mittel- 
alters; seine Texte und melodische Fassung. Das Kyrie 
eleison., seine Geschichte, liturgische Verwendung und melo- 
dische Fassung. Das Gloria und seine Geschichte .... 58 — 79 

V. Kapitel. Fortsetzung. Die Gesänge •xtvischen den Lesungen. 
Das Gradualresponsoriiim, sein Alter und seine ursprüngliche 
Ausdehnung. Seine Kürzung zwischen 450 und 550, hervorge- 
rufen durch seine Verbindung mit dem reich melismatischen 
Stil. Seine Ausführung in Rom, seine Texte. Das Älleluja, 
zuerst ein langer Jubilus, wahrscheinhch erst unter Gregor I. 
mit Worten versehen. Seine Ausführung, seine Texte. Der 
Tracius, sein Verhältnis zum Älleluja und Gradualrespon- 
sorium. Das Canticum Benedictus es. Das Credo, aus der 
griechischen Liturgie in die lateinische eingeführt. Seine Aus- 
führung , 80— 105 

VI. Kapitel. Fortsetzung. Die Gesänge u-ährend der hl. Opfcr- 
handlimg. Das Offertorium ; ursprüngliche Form des Opfer- 



X Inhaltsangabe. 

Seite 
ritus. Entwicklung des Gesanges aus einer Antiphone zu 
einem responsorialen Gesang. Seine Ausführung; Textwieder- 
holungen. Das Sandus, seine Ausführung und Geschichte. 
Das Agnus Dei. Die Communio , ihre Geschichte und ihre 
Texte. Überblick über die Gesänge der römischen Messe, an 

der Hand der Gesänge der Ostermessc 105 — 122 

VII. Kapitel. Überblich über die Entwiclduug des Offtxiums. 
Anfänge des Stundengebetes, seine Ausbildung und Differen- 
zierung in nionastisches und Säkularoffizium 123 — 13) 

VIII. Kapitel. Die Entwicklung des responsorialen Ofßxiums- 
gesanges. Die Responsorien im Stundengebet, ihre liturgische 
Stellung und Verhältnis zu denen der Messe. Ihre ursprüng- 
liche Behandlung; die fränkische Art, später auch in Rom 
angenommen. Ausführung und Texte 132 — 140 

IX. Kapitel. Die Entwicklung des antiphonischen Offixiwus- 
gesanges. Allgemeiner Charakter der Offiziumsantiphonen, ihr 
melodisches Aussehen. Verhältnis der Antiphone zum Psalm 
und dessen Geschichte. Melismen im antiphonischen Gesang, 
ihre Texte. Allmähliches Schwinden der Wiederholungen bis 
auf die moderne Form. Rückblick 141 — 159 

X. Kapitel. Die Entwicklung der Ofßxiumshymnen. Neue 
Blüte der Hymnen bei den Griechen und Lateinern. Ihre litur- 
gische Geschichte und poetische Form. Einführung in das 
römische Offizium. Überblick über die Gesänge des Offiziums 
in monastischer und säkularer Form, an der Hand des Weih- 
naehtsofßx,iums 160 — 187 

XE. Kapitel. Fixierung der römischen Liturgie und des römi- 
schen Gesanges. Gregor der Große (-j- 604). Die Päpste und 
die Entwicklung der römischen Liturgie. Die gregorianische 
Frage. Der Antiphonarius Cento und seine Zusammensetzung. 
Die römische Gesangschule und ihre Bedeutung in den folgen- 
den Jahrhunderten. Kurze Darlegung ihrer Funktionen . . 188 — 220 

XII. Kapitel. Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 
Überblick über die weitere Geschichte der mailändischen, galli- 
kanischen und mozarabischen Liturgie. Triumph der römisch- 
gregorianischen, die in England und Irland, im Frankenland 
und Alemannien mit dem dazu gehörigen Gesänge adoptiert 
wird. Pippin und Karl der Große. Die Byzantiner im Fran- 
kenland. Amalars liturgische Arbeit. Die Gesangschulen und 
die Pflege der Gantilena romana in Klöstern und Weltkirchen 221 — 247 
XIII. Kapitel. Die Sequ?nK,en. Die St. Galler Gesangschule. Notker 
ßalbulus. Ursprung der Sequenzen aus der byzantinischen 
Hymnenpoesie. Ihre Struktur identisch mit derjenigen der 
byzantinischen Hymnen. Ihre Ausführung und ihr musikalischer 



Inhaltsangabe. XI 

Seite 
Charakter. Andere Sequenzendichter und -komponisten. Adam 
von St. Victor. Charakteristik seiner Sequenzen, ihr formaler 
Bau. Weitere Entwicklung bis zum Aufgehen in die Hymnen- 
und Liedform. Ihre Pflege im ausgehenden Mittelalter. . . i248 — 276 

XIV. Kapitel. Die Tropen. Beispiele von tropierten Meß- und 
Offiziumsgesängen. Ihre weitere Geschichte und ihr Verfall. 
St. Gallen und die Cantilena roraana; deren Bli'ite in den 
alemannischen Gegenden 277 — 299 

XV. Kapitel. Die Offizien in poetischer Form. Poetische Stücke 
in den Offizien. Entwicklung derselben bis zum Reimoffizium. 
Julian von Speier. Andere Offiziumsdichter und -komponisten. 
Weitere Geschichte der Reimoffizien 300—318 

Anhang. Tabellen. Die Texte des Äntipftonnriiuii Missce . . . 34 9 — 348 
Personen- und Sachregister 349 — 360 



Einleitung. 
Begriff und Namen des gregorianischen Gesanges. 

Mit den Namen »gregorianische Melodien, gregoria- 
nischer Gesang« bezeichnet man den einstimmigen liturgischen 
Gesang der lateinischen Kirche, wie er, auf der Übung der ersten 
christlichen Jahrhunderte sich erhebend, im frühen Mittelalter nach 
der Überlieferung unter Papst Gregor I. (f 604) geordnet und fixiert, 
von da an in allen Kirchen römischer Liturgie verbreitet und bis 
in die neuere Zeit hinein überall gepflegt wurde ^. 

Im eigentlichen Sinne dürfte die Bezeichnung »gregorianisch« 
nur denjenigen Gesängen zugestanden werden, die aus der Hand 
Gregors oder der von ihm fundierten römischen Sängerschule 
stammen. Mit Recht aber hat man diesen Ehrennamen auch den 
späteren mittelalterlichen Melodien nicht versagt, die infolge der 
Einrichtung neuer Feste oder aus ähnlichen Ursachen komponiert 
und den älteren zugesellt wurden, weil sie mehr oder weniger das- 
jenige gewahrt haben, was für diese charakteristisch und wesent- 
lich ist. 

Da viele liturgische Gesangbücher der neueren Zeit seit ca. 1600 
die alten Melodien nicht nur in nebensächlichen, sondern gerade 
in den wesentlichsten Dingen verändert haben, so darf man ihren 
Inhalt nicht gregorianisch nennen. Es handelt sich bei diesen 
Änderungen immer um ein Verkennen des intimen Zusammen- 
hanges der gregorianischen Formen mit der Liturgie und um 
einen Sieg der zeitgenössischen, mehrstimmigen Gesangsmusik 
und ihrer theoretischen Grundlagen über die Eigenart des in der 



1 Die Bezeichnung »gregorianischer Gesänge (carmen Gregorianum) findet 
sich, soweit bisher bekannt, zuerst in einer Bulle des Papstes Leo IV. (847 — 855), 
die später wird mitgeteilt werden. 

Wagner, Gregor. Melod. I. -1 



2 Einleitung. 

Kunstanschauung früherer Zeiten wurzelnden gregorianischen Ge- 
sanges, insbesondere über die Rechte einer einstimmig gedachten 
Melodie, und zwar ist die Kluft, welche die neuere Melodieform 
von der gregorianischen trennt, viel größer, als meist angenommen 
wird. 

Das bedeutsamste formale Gestaltungsprinzip des gregorianischen 
Gesanges ist der die ganze mittelalterliche Liturgie beherrschende 
Gegensatz von Solo- und Ghorgesang mit den sich daraus ergeben- 
den Konsequenzen, oder, was ungefähr dasselbe besagt, von respon- 
sorialem und antiphonischem Gesänge. Während aber die Rubriken 
des Missales und des Breviers, eine mehr wie anderthalbtausend- 
jährige Tradition hochhaltend, noch heute für gewisse Partien der 
Liturgie Solo-, für andere Chorgesang vorschreiben, haben fast alle 
Gesangbücher seit dem 17. Jahrhundert, diesen grundlegenden 
Gegensatz nicht beachtend, alle Solomelodien so übermäßig gekürzt, 
daß nur mehr Ghormelodien übrigblieben, und seither auch die 
liturgischen Vorsänger, von den urchristlichen Zeiten an immer 
gelernte Sänger, vielfach nur mehr Melodien ausführen, die den 
Yortrag durch einen Chor voraussetzend Gerade der enge An- 
schluß an die wechselnden Anforderungen der Liturgie, der die 
Erklärung seiner verschiedenen Stile enthält, ist ein hoher Ruhmes- 
titel für den gregorianischen Gesang'-. Andere Änderungen ebenso 
bedeutsamer Natur in den neueren Drucken beziehen sich auf die 
Tonarten, den Rhythmus und die Textunterlage, die nach den Regeln 
des mehrstimmi2;en Gesanges des aus2;ehenden Mittelalters gehand- 



1 Man sehe nur, was z. B. im Graduale Medicaeum (1014 und IGlö) aus 
■den Sololiedern der Messe, dem Graduale und dem Alleluja, geworden ist. Sie 
unterscheiden sich in nichts von den Chorgesängen, dem Introitus, der Com- 
munio u. a. 

- Keine der späteren Richtungen in der Kirchenmusik hat sich so eng 
an die Liturgie anzuschließen vermocht, ein Umstand, der genügen sollte, 
-den gregorianischen Gesang besonders verehrungswürdig erscheinen zu lassen, 
selbst wenn unsere in die neuere Musik hineingepfianzte musikalische Auf- 
fassung Mühe hätte, sich mit ihm sogleich auch künstlerisch vertraut zu 
machen. Diese Schwierigkeit ist aber nicht so groß, als man vielfach glaubt, 
und wird durch mannigfache Vorteile mehr wie aufgewogen. Es gibt keine 
besssere Schule des Kirchengesanges, als der Vortrag des gregorianischen Ge- 
sanges, der sich von der leider so verbreiteten und, es kann nicht geleugnet 
werden, durch unsere modernen Choralausgaben fast zu einer Notwendigkeit 
gemachten Karrikatur der ordentlichen Aussprache des Lateins mit ihren 
eckigen Grobheiten und Unschönheiten fernhält, kein besseres, die Sänger in 
das Verständnis des bewunderungswürdigen Kunstwerkes der katholischen 
Liturgie einzuführen, als gelegentliche liturgisch-musikahsche Erläuterungen in 
der gregorianischen Gesangprobe. 



IJegriff und Namen des gregorianischen Gesanges. 3 

habt sindi. Endlich ging den Musikern des 1 7. Jahrhunderts, die 
die Hand "an den Hturgischen Gesang legten, die Kenntnis der 
gregorianischen Komposilionsgesetze ab, von ihrer Arbeitsweise, 
die auf Schritt und Tritt Spuren von Willkür und Flüchtigkeit hinter- 
lassen und eine schöne und weise Ordnung zerstört hat, gar nicht 
zu reden. Somit hindern die Tatsachen der Geschichte der Liturgie 
wie der Musik, den Gesang der neueren Bücher gregorianisch zu 
nennen, sofern sie, wie es leider meist der Fall ist, dasjenige 
»reformiert« haben, was für die mittelalterliche Form des liturgi- 
schen Gesanges charakteristisch und auch nicht selten eine Quelle 
künstlerischer Schönheit ist. 

In dem gregorianischen Gesänge treffen beide gleichwichtige 
Momente zusammen, das liturgische — aus der Liturgie ist er 
herausgewachsen, mit ihr erstarkt und groß geworden — und das 
musikalische — indem er seine Formen nach dem Prinzip der ein- 
stimmigen Gesangsmelodie gestaltet. — Beide hindern aber ein- 
ander nicht, sondern gehen zusammen einen harmonischen Bund 
ein. So ist der gregorianische Gesang das musikalische Kunst- 
produkt der Kirche und ihrer Liturgie. 

Der Ausdruck »Choral« kommt her von »Chorus«; so 
nannte man die Gesamtheit der Sänger, die den liturgischen Dienst 
zu verherrlichen hatte. Diese Bezeichnung wurde dann auf den 
Raum übertragen, wo sie ihren Platz hatten, und der sich vor 
dem Altare befand; noch heute haben die liturgischen Sänger in 
Klöstern, Kollegiat- und Domkirchen ihren Platz »in choro«. Es 
lag darum nahe, die Gesänge, die in alter Zeit ausnahmslos die 
gregorianischen waren, Choralgesänge zu nennen. Immer aber hat 
die Bezeichnung Choral einen allgemeineren Sinn behalten, so daß 
z. ß. die Protestanten sie für ihre deutschen Kirchenlieder in An- 
spruch nehmen. Man tut darum am besten, dem Namen Choral 
für die mittelalterlichen Melodien die Bezeichnung »gregorianisch« 
hinzuzufügen. 

Die lateinischen Termini sind : -"cantus gregorianus, cantus clioraJisf^ 
und •»cantus planus «\ letzterer nimmt Bezug auf seinen ehemaligen 
Vortrag, indem die Verschiedenheit der Dauer der einzelnen Töne 



1 Man muß natürlich nicht glauben, daß der Unterschied zwischen ein- 
stimmiger und mehrstimmiger Gesangsmelodie in nichts anderem zu finden 
sei, als ihr Name angibt. Aus dem Prinzip der Einstimmigkeit folgt eine Reihe 
wichtiger Konsequenzen, während eine Melodie, die berufen ist, erst mit andern 
zusammen ein künstlerisclies Ganzes herzustellen, sich nach dieser Tendenz 
ganz andere Darstellungsmiltel bildet. Vgl. auch meine »Elemente des grcg. 
Gesanges«, Regensiturg. Pustet, 1909, 8.-1—12. 

1* 



4 Einleitung. 

nicht so groß war, wie in der Figuralmusik; er verlief mehr gleich- 
mäßig und eben 1. Entsprechend sagen die Franzosen: ^melodics 
(jregoriennes«. oder »plainchmit«, die Engländer »plaiiisoug«. Aus 
dem lateinischen cantus firmus, welches in der mehrstimmigen 
Vokalmusik die dem Ganzen zugrunde liegende, gewöhnlich auch 
dem gregorianischen Choral entnommene Melodie bezeichnet, haben 
sich die Italiener noch den Namen -canto fermo« gebildet. 

Im 3Iittelalter, besonders vor dem Aufkommen der mensuralen 
Musik, also rund vor dem 12, Jahrhundert, pflegte man sich all- 
gemeiner Bezeichnungen zu bedienen, wie »3Iusica«, ^>GantiIena«, 
»Cantus« mit oder ohne Beiwort wie » ecdesiasticus « . Einen be- 
zeichnenden Namen für' den liturgischen Gesang hatte man erst 
von da an nötig, als es neben ihm noch eine andere Musikart gab, 
die musiea mensurata. Tatsächlich stammt auch der Ausdruck 
»cantus planus< aus dieser Zeit, dem \i. — 13. Jahrhundert. 

In das wissenschaftliche Verständnis dieses Gesanges einzuführen, 
ist der Zweck vorliegenden Werkes. Dasselbe setzt sich zur Auf- 
gabe, die in mehr wie einer Hinsicht interessanten und ruhmreichen 
Schöpfungen der mittelalterlichen Sangesmeister in ihrem Werden 
und Wachsen, ihrer künstlerischen Eigenart und ihrem liturgischen 
Werte vorzuführen. Es bedarf nach dem Gesagten keiner weiteren 
Begründung, wenn der Kreis der Darstellung im folgenden nicht 
bis weit über das Mittelalter hinausgezogen wird. 

Auch der Plan der Darstellung kann nicht zweifelhaft sein. 
Der gregorianische Gesang gehört zwei wissenschaftlichen Diszi- 
plinen an, der Geschichte der Liturgie wie der Musik ; darin liegt 
seine Eigenart, darin auch die Methode begründet, die wir zu be- 
folgen haben. Im allgemeinen kann man sagen, daß die bisherige 
Art, den gregorianischen Gesang geschichtlich zu behandeln, ein- 
seitig ist, weil sie sich so gut wie ausschließlich auf musikgeschicht- 
liche Auseinandersetzung beschränkt, anstatt auch die ihn um- 
gebenden liturgischen Verhältnisse zu berücksichtigen. Namentlich 
seine Entstehungsgeschichte muß in den Rahmen der Entwicklung 
der Liturgie gestellt werden, der Messe wie des Offiziums, der 
Formen ihres Kultus, zu denen die Kirche den Gesang besonders 
liinzuzieht. Es wird sich oft genug ergeben, daß diese Behand- 
lungsweise von großem Vorteile für die Erkenntnis des Gegen- 



1 Ein Schriftsteller des 1 3. Jahrhunderts, Elias Salomo, gibt mit Rück- 
sicht darauf folgende Regula infallibilis: Omnis eantus planus in aliqua 
parte sui nullam festinationem in uno loco patitur plus quam 
in alio, quam est de natura sui; ideo dicitur cantus planus, qiiia omnino 
planissime appetit cantari (Gerbert, scriptores III, 21). 



i 



Begriff und Namen des gregorianischen Gesanges. 5 

Standes ist und eine Reihe von Fragen leicht lösen läßt, die niusik- 
geschichtlich große Schwierigkeiten bereiten. 

Die erste Aufgabe, welche die »Einführung in die gregoria- 
nischen Melodien« in Angriff zu nehmen hat, ist demnach, die 
Entstehungsgeschichte der verschiedenen gregorianischen Formen 
im Zusammenhang mit den sie begleitenden oder hervorrufenden 
liturgischen Faktoren zu zeichnen. Sie bildet den Inhalt dieses 
ersten Teiles, der mit den jüngsten der liturgischen Gesangsformen, 
den Sequenzen, Tropen und den Offizien in poetischen Formen, 
abschließt. 



I. Kapitel. 
Psalmen und Psalmodie im cliristliclieu Altertum i. 

Ältester Bestandteil des Kirchengesanges ist die Psalmodie; sie 
ist wie ein Vermächtnis, welches das Judentum vor seinem Sturze 
als politische und religiöse Macht dem entstehenden Christentum 
hinterließ. Der Herr selbst hatte sich an den liturgischen Übungen 
der Juden beteiligt und noch beim letzten Abendmahl mit seinen 
Jüngern Psalmen gebetet. Zu verschiedenen Malen ermahnt auch 
der Apostel Paulus die Gläubigen, dem Herrn Psalmen, Hymnen 
und geistliche Lieder darzubringen 2. In gleicher Weise wurden 
die in die Kirche eintretenden Heiden mit dem Psalter bekannt 
gemacht, so daß seine Kenntnis mit der Zeit sich überall dort ver- 
breitete, wo Christengemeinden entstanden. Er bildete den Schatz, 



1 Aufzeichnungen liturgischer Melodien haben wir erst vom 9. Jahr- 
hundert an; dagegen sind die Schriften der älteren Autoren reich an wert- 
vollen Notizen über den liturgischen Gesang ihrer Zeit. Die meisten davon 
sind in dem Werke De Cantu et Musica sacra (St. Blasien 1774, 2 Bde.) des 
Benediktinerabtes Martin Gerbert von St. Blasien im Schwarzwald zusammen- 
gestellt; entspricht ihre Bearbeitung auch nicht mehr modernen Anforde- 
rungen, so ist das Werk dennoch als Materialsammlung noch heute von 
Wert. — Auch die Quellen zur Geschichte der Liturgie sind für uns von Be- 
deutung, da die Entwicklung des hturgischen Gesanges durchaus von der 
Ausbildung der Liturgie abhängig war. Von neuern Darstellungen benutzte 
ich die Breviergeschichten von Bäumer und Battifol (beide 1S95) und Pleithner 
(1 887), die verschiedenen Schriften von Probst zur Geschichte der Liturgie 
und insbesondere die liturgischen Arbeiten des Kardinals Tommasi, wie sie 
z. B. den einzelnen Bänden der Mauriner-Ausgabe der Werke Gregors des 
Großen vorgedruckt sind (editio Gallicciolli, Band 9 — 12, Venedig 1772—1774), 
nach der im folgenden immer zitiert wird. Über de nkirchlichen Volksgesang 
in alter Zeit vgl. die ausführliche Darstellung von Franz Leitner, der gottes- 
dienstliche Volksgesang im jüdischen und christlichen Altertum, Freiburg i. B. 
1906. Interessant sind Casparis Untersuchungen zum Kirchengesang im Alter- 
tum, in der Zeitschrift für Kirchengeschichte, Gotha 190.j, S. 31 7 ff. und 42.") ff., 
sowie 1908, S. 123ff., 2.01 ff. und 441 ff. 

2 Ephes. V, 18; Coloss. HI, 16; Corinth. XIV, 26. Ebenso Epist. Jacob. 
V, 13. Die Paulinischen Ausdrücke Psalmi, Hymni und Cantica spiritualia 
sind synonym; noch in späterer Zeit werden Psalmen Hymni oder Cantica 
genannt. Chevalier, Bibhotheque lit. I, 23. 



Psalmen und Psalmoilie. 7 

aus dem jeder schüpfle, wenn er allein oder mit andern die Stimme 
zu Gott erhob, und so erlangte der Psalter im Christentum eine 
Bedeutung, die diejenige weit überragte, welche er im Judenlume 
besaß. 

Auf dieselbe Stufe mit den Psalmen hat man die andern 
lyrischen Partien der heiligen Schrift gestellt, insbesondere die heule 
sogenannten Cantica des alten und neuen Testamentes. Es gibt 
darunter wahre Perlen religiöser Lyrik. Die des alten Testamentes 
standen schon bei den Juden in hohem Ansehen, und die Cantica 
der Evangelien werden von christlichen Autoren erwähnt i. 

Psalter und Cantica wurden i zum Grundstein des liturgischen 
Gebetes und Gesanges. Sie haben diese bevorzugte Stellung immer 
bewahrt 2. Das älteste auf uns gekommene liturgische Gesang- 
buch, der aus dem 5. Jahrhundert stammende Codex Alexandrinus 
im britischen Museum (er war für den Vorsänger bestimmt), ent- 
hält außer den Psalmen noch folgende 13 Cantica: i. Das Canticum 
des Moses nach dem Durchgang durchs rote Meer: Cantemus 
Domino^ gloriose enim (Exod. 1 5). 2. Das Canticum des Moses vor 
seinem Tode: Äudite ooeli, quae loquor (Deuter. 32). 3. Das Gebet 
der Anna, der Mutter Samuels: Exultavit cor meum (I Reg. 2). 

4. Das Canticum des Habakuk: Domine audivi auditum (Hab. 3). 

5. Das Canticum des Isaias: Confitebor tibi Domine (Isai. 26). 6. Das 
Gebet des Jonas: Glamavi de tribulatione (Jon. 2, 3). 7. Das Can- 
ticum der Jünglinge im Feuerofen: Benedictus es domine (Dan. 3, 52). 
8. Das Canticum des Azarias: Benedictus es (Dan. 3, 26). 9. Das 
Canticum des Ezechias: Ego dixi, in dimidio (Isai. 38). 10. Das 
apokryphe Gebet des Manasse; Domine omnipotens (steht in den 
heutigen Ausgaben der heiligen Schrift hinter der Apokalypse). 



1 In der Kirchengeschichte des Euscbius V, 32 wird ein alter Autor er- 
wähnt, der gegen die Häresie des Artemon schrieb, und zum Beweise für das 
Alter des Glaubens an die Gottheit Christi u. a. »Psalmen und Lieder der 
Brüder, die, von Anfang an von den Gläubigen zusammengeschrieben, Christus,, 
das Wort Gottes, preisen und ihm die Gottheit beilegen«. Diese mit den 
Psalmen zusammen genannten Lieder können nicht gut andere sein als die 
Cantica der Evangehen. 

2 In seiner Studie über »Ursprung und Bedeutung der Propheten- 
Lektionen« in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft, 
63. Band, S. 103 ff., macht Ludwig Venetianer zahlreiche Parallelen der 
lateinischen (und griechischen) Meßgesangstexte mit Stücken der jüdischen 
Liturgie aus den drei ersten Jahrhunderten nach Chr. namhaft und schließt 
daraus, daß ihre Aufnahme in die christliche Liturgie auf jüdisches Vorbild 
und zeitlich bis spätestens in die Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. zurückgehen 
müsse, bis zur völligen Scheidung der Juden- und heidenchristlichen Gemeinden. 



8 Das christliche Altertum. 

1 1 . Das Magnificat. \ 2. Das Ganticum des Zacharias : Benedic- 
tus Deus. 13. Das Ganticum des Sinieon: Nunc dimitüs^. Wenn 
man heute ein liturgisches Gesangbuch aufschlägt und die Texte 
der Gesänge betrachtet, so wird man in gleicher Weise erkennen, 
wie selbst in dem, was in der Liturgie dem persönlichen Empfin- 
den des Einzelnen scheinbar am nächsten steht, dem Gesänge, das 
Buch der Bücher die unveränderliche Norm darbietet, die jedes 
Ausschweifen in Subjektivismus zur Unmüglichkeit macht. Was 
der liturgische Sänger im Namen der Kirche in den ersten Jahr- 
hunderlen Gott dem Herrn darbrachte, ebendasselbe begeistert 
noch heute sein Herz; ein Jahrhundert hat dem andern die vom 
heiligen Geist eingegebenen Lieder weitergereicht, und bis zum 
Ende der Zeilen werden sie den starken Stamm bilden, um den 
alles kirchliche Singen sich herumrankt, aus dem es gesunde und 
kräftige Nahrung zieht. 

Sind diese Texte von Anfang an gesungen, oder nur gebetet 
worden? Bei den religiösen Übungen, denen sie eine Zeitlang 
noch mit den Juden zusammen in der Synagoge oblagen, nahmen 
die Christen ohne Zweifel an der dort üblichen und ihnen ge- 
läufigen Psalmodie teil. Ob aber auch in den Zusammenkünften 
gesungen wurde, in welchen sie die eucharistische Opferfeier be- 
gingen, ist nicht unbestritten. Der Liturgiker Amalarius^ (9. Jahrb.) 
ist der gegenteiligen Ansicht; >ohne Sänger und Lektoren und was 
heute noch dabei geschieht, genügte der Segen des Bischofs oder 
Priesters, um Brot und Wein zu segnen, womit das Volk erquickt 
wurde zum Heile der Seelen, wie es in den ersten Zeiten geschah, 
bei den Aposteln«. Wahr ist ohne Zweifel, daß in jener Zeit, wo 
die Christen eine staatlich verfolgte Gemeinschaft bildeten, Grund 
vorhanden war, die religiösen Zusammenkünfte einfach und unbe- 
merkt zu gestalten. 

Das ist jedoch nicht immer so geblieben; sobald die Verhält- 
nisse es erlaubten, hat man der musikalischen Kunst den Zutritt 
zum Heiligtum gestattet. Das Jahrhundert, welches die 
großen Basiliken schuf, hat auch eine kunstgerechte 
Entwicklung des liturgischen Gesanges inauguriert. 
Die Befreiung der Kirche unter Konstantin (Edikt von Mailand 313) 
gab den Künsten die Möglichkeit, sich dem Christentum dienstbar 



1 Daneben wird noch der Morgenhymnus Gloria in excelsis erwähnt, 
worüber später. Über die Cantica vgl. Bäumer, Breviergeschichte, 126. Ein 
Verzeichnis der in Konstantinopel, Mailand und Gallien gebräuchlichen Cantica 
in der Revue Benedictine ISQ?, 389. 

2 Amalarius, de offic. III, 1. (Migne, Patr. Lat. GV, 1101.) 



Psalmen und Psalmodie. 9 

zu machen. Rasch entwickelten sich die liturgischen Formen, und 
eine kunstgerechte Psalmodie machte die Runde um die Welt. 
Noch Eusebius (f 340) war Zeuge des aufblühenden kirchlichen 
Lebens und berichtet i, daß »das Gebot, dem Namen des Herrn 
Psalmen zu singen, von allen überall befolgt werde; denn die 
Vorschrift Psalmen zu singen gelte in allen Kirchen, die unter den 
Völkern bestehen, nicht nur für die Griechen, sondern auch für 
die Barbaren«, und weiter'^ »auf dem ganzen Erdkreise, in Städten 
und Dürfern, wie auf den Feldern, kurz in der ganzen Kirche, 
singen die Völker Christi, die sich aus allen Nationen zusammen- 
setzen, dem einen Gott, den die Propheten vorher verkündet, mit 
lauter Stimme Hymnen und Psalmen, so daß die Stimme der 
Psallierenden von den draußen Stehenden vernommen wird«. In 
dem Briefe des hl. Basilius ff 379) an die Neocäsaräer erfahren 
wir sogar 3, daß die Psalmodie ebensosehr bei den Lybiern, The- 
bäern, in Palästina, Arabien, Phünizien, Syrien, wie bei den am 
Euphrat Wohnenden in Ehre stehe, und der Papst Leo L (7 461) 
spricht von »davidischen Psalmen, die in der ganzen Kirche mit 
aller Frömmigkeit gesungen werden*«. 

Am Psalmengesang beteiligte sich das ganze Volk, wie aus den 
Aussagen der christlichen Autoren unzweifelhaft hervorgeht. Be- 
sonders waren es die Vigilien, in denen die gemeinschaftliche 
Psalmodie geübt wurde; sie war da ein wirksames Mittel, die 
Aufmerksamkeit und Andacht rege zu erhalten. Der Kirchen- 
historiker Sozomenus ^ erzählt, wie es dem hl. Athanasius gelang, 
während alle in der Kirche sangen, und die Verfolger es für un- 
schicklich hielten, unter solchen Verhältnissen Hand an ihn zu 
legen, zu entkommen. Auch Frauen und Jungfrauen war die 
Teilnahme an der Psalmodie nicht verboten. Der hl. Ambrosius 
bemerkt mit Rücksicht auf die Vorschrift des Apostels, daß die 
Frauen in der Versammlung der Gläubigen schweigen sollten^: 
»aber auch sie singen ihren Psalm gut; er ist ja für jedes Alter 
süß und paßt für jedes Geschlecht . . . und es ist ein großes 
Band der Einheit, wenn das ganze, zahlreiche Volk in Einem Chor 
die Stimme erhebt.« Ein anderes MaH vergleicht er die Kirche, 



1 Ad psalm. 65. (Migne, Patr. Gr. XXIII, 647. 

2 Ebenda 658. 

3 Ep. 207. 3. (Migne, Patr. Gr. XXXII, 763.) 

4 Gerbert, de cantu I, 65. 

5 Lib. 3, cap. 6. (Patr. Gr. LXVII, 1047.) 

6 In ps. 1. (Patr. Lat. XIV, 968.) 

■7 Hexaem. 3, 5. (Patr. Lat. XIV. 178.) 



10 Das christliche Altertum. 

in welcher der Gesang der Männer, Frauen, Jungfrauen und Kinder 
bei den Responsorien der Psalmen in lautem und wogendem Klange 
widerhallt, mit dem Meere. In gleicher Begeisterung sprechen 
vom gemeinsamen Psalmengesang der ganzen Gemeinde ohne 
Unterschied des Alters und Geschlechtes Gregor von Nazianz, 
Johannes Chrysostomus^, und das 4. Konzil von Nicüa erlaubt 
den Laien am Kirchengesang teilzunehmen 2. Wo diese Übung 
nicht bestand, drangen eifrige Hirten auf ihre Einführung, so 
Caesar von Arles^, Venantius Fortunatus rühmt die Tätigkeit 
des hl. Germanus von Paris, der Kleriker, das Volk und sogar die 
Kinder zusammen psalmodieren ließ. (Clcrus, plebs psalUt et 
iiifans^.) Andere dagegen erklärten die Worte des Apostels 
strenger und dehnten sie auf den Gesang in der Kirche aus; so 
verbieten die Didascalia 318 patrum (um 375) ausdrücklich den 
Frauen die Teilnahme an der Psalmodie ^. Einige verboten den 
Frauen, so laut zu singen, daß ihre Stimme gehüit wurde, so 
Cyrillus von Jerusalem. Der Katechet Isidor von Pelusium 
(c. 370 — c. 440) meinte, den Frauen sei das Singen in der 
Kirche nur deshalb erlaubt worden , weil ihre Neigung zur Ge- 
schwätzigkeit sie sonst hätte verleiten können, während des 
Gottesdienstes zu sprechen; als sie aber auch so vor der Sünde 
sich nicht hüteten, sei es ihnen verboten worden. Das Concilium 
Altisiodorense iö78) verbot dann allgemein den Gesang von Frauen 
und Jungfrauen in der Kirche''. 

Aus der ausgezeichneten Stellung der Psalmen im Gebet und 
Gesang begreift sich, daß man bald dazu kam, sie auswendig zu 
lernen. Die Aufforderung dazu richteten die Väter an Mönche 
und Kleriker, wie an Knaben und Mädchen, die sich dem Dienste 
Gottes weihen wollten. Pachomius, der die erste Klosterregel 
schrieb, verpflichtete seine Mönche zum Erlernen des Psalters \ 



> In seiner Erklärung von Ps. 140 (Migne, Patr. Graec. LV, 425) belehrt 
er uns, daß dieser Psalm von fast allen auswendig gewußt war und täglich 
in der Abendversammlung gesungen wurde. 

2 Gerbert, de cantu I, 39. 

3 Sein Biograph Cyprian berichtet: Adiecit etiam atque compuHt, ut lai- 
corum popularitas psalmos et hymnos oraret, altaque et modulata voce, 
instar Clericorum alii graece, alii latine prosas antiphonasque cantarent. 
(Migne, Patr. Lat. LXVII, 1008.) 

* Venantius Fortunatus, poema in laud. der. Paris. (Patr. Lat. LXXXVIII, 
104.) 

5 Battifol, bist, du brev. 6. Anm. 

fi Gerbert, de cantu I, 40. 

"' Migne, Patr. Gr. XL, 949. Pleithner, alt. Breviergesch. 142. 



Psalüien und Psalmodie. 11 

Nach Epiphanias beschäftiglen sich die Mönche des Ostens mit 
dem Absingen von Psalmen, häufigem Gebet und Rezitation der 
heiligen Schriften, was sie alles aus dem Gedächtnisse vortrugen >, 
und Hieronymus gibt dem Münch Rusticus den Rat: »nimmer ent- 
schwinde das Buch deiner Hand oder deinen Blicken; die Psalmen 
mußt du wörtlich auswendig lernen 2.« Für die Frauenklöster 
bezeugt uns diese Übung die Vita der Eupraxia, die auf ihre 
Bitte um Aufnahme in das Kloster die Antwort erhielt, sie müsse 
das Psalterium lernen, wenn sie bleiben wolle 3. Hieronymus 
zollt den Frauen des Klosters der hl. Paula zu Jerusalem großes 
Lob, daß sie streng auf Erfüllung dieser Obliegenheit hielten: 
»Keine Schwester darf bleiben, wenn sie nicht die Psalmen 
kennt i.« Sogar kleine Mädchen sollten dazu angehallen werden, 
wie Hieronymus der römischen Matrone Laeta mit Rücksicht auf 
ihre Tochter anrate Das 2. Konzil von Nicäa stellt wohl nur 
das unumgänglich Notwendige auf, wenn es die Bischofsweihe von 
der Kenntnis des Psalters abhängig machte'', da der Erzbischof 
Gennadius von Konstantinopel in diesem Falle sogar die Priester- 
weihe versagte^. Noch Gregor der Große verweigerte aus diesem 
Grunde einem Priester die ßischofsweihe*. 

Kaum gab es eine gemeinsame Betätigung christhchen Glaubens, 
bei welcher der Psalter nicht in Ehren stand. Vor allem bei 
den Nacht- und Tagesstunden, die dem gemeinsamen Gebete 
und Gesänge gewidmet waren. Wir wissen aus Cassian^, daß 
manche orientalische xMönche jede Nacht 20, ja 30, wenn nicht 
noch mehr Psalmen zu singen pflegten. Sogar bei Trauerfest- 
lichkeiten war die Psalmodie im Gebrauch. Aus dem Osten 
sei dafür Zeuge der hl. Chrysostomus, der erklärt ^*^: »Wenn die 
Gläubigen in der Kirche die Nacht hindurch wachen, ist David 
der erste, mittlere und letzte. AVill man beim Morgengrauen Hymnen 
singen, so ist David der erste, mittlere und letzte. Bei den Trauer- 
zügen ist David der erste, mittlere und letzte. In den Klöstern der Jung- 
frauen, die Maria nachahmen, ist David der erste, mittlere und letzte.« 



1 Patr. Gr. XLII, 829. 

2 Patr. Lat. XXII, 1078. 

3 Bolland. 13 Mart. tom. II, 267). 

4 Epist, 108 ad Eustoch. (Patr. Lat. XXII, 896.) 

5 Ep. 107 ad Laetam. (ib. 871.) 

6 Gerbert, de cantu I, 1G6. 

7 Nicephorus, XV, 23 (Gerbert 1, c,, Patr. Gr. CXLVII, 

8 Epist. 48. (Patr. Lat. LXXVII, 778.) 

9 Cassian, de coen. inst. II, 2. (Patr. Lat. XLIX 77.) 
10 Homil. 6, de poenit. Gerbert I, 61. 



12 Das christliche Altertum. 

Auf die TrauerfesUichkeiten allein bezieht sich eine schöne Stelle 
in seiner Erklärung des Hebi^äerbriefes (hom. 10): »Bedenke, was 
du zu jener Zeit (des Begräbnisses) psallierst: Kehre ein, meine 
Seele, in deine Ruhe, weil der Herr dir wohlgelan. Und wiederum: 
Ich fürchte kein Übel, weil Du bei mir bist. Und wiederum: 
Du bist mir Zuflucht vor der Trübsal, die mich umringt. Be- 
denke, was diese Psalmen bedeuten. Wenn du in Wirklichkeit 
glaubst, was da sagst, dann ist es überflüssig, zu trauern und zu 
weinen.« Die apostolischen Konstitutionen schreiben für Trauer- 
feierlichkeiten die Psalmen \2, 114, 115 u. a. besonders vor, die 
auch noch heute bei solchen Gelegenheiten im Gebrauche sind. Aus 
dem Westen haben wir den Bericht über die Bestattung des hl. 
Cyprian und eine große Reihe von Zeugnissen aus den Kata- 
komben 1. Die Verwendung der Psalmen beim häuslichen Gebete 
bezeugt für die italische Kirche schon TertuUian, der die christ- 
lichen Ehegatten ermahnt, im Psalmensingen miteinander zu wett- 
eifern 2. Vor und nach den Mahlzeiten und vor dem Schlafen- 
gehen pflegte man in gleicher Weise zu psalmodieren, wie uns 
z. B. schon Clemens Alexandrinus überliefert'*. 

• Was hingegen die Messe betrifl't, so nahm die Lesung aus 
der heiligen Schrift und das Gebet des Zelebranten einen großen 
Raum ein, und es blieb für den Gesang nicht mehr viel Gelegen- 
heit übrig. Zwar sang man während der Kommunion der 
Gläubigen den Psalm 33, wegen der Worte: gustate et videtc, 
quoniam suavis est Dominus (V. 9), und den Psalmgesang zwischen 
Lesung und Predigt (heute Graduale) erwähnt schon TertuUian*, 
aber alle andern Messgesänge sind spätem Datums. 

Der überragende Gebrauch der Psalmen^ erklärt sich nicht nur 



1 Pleithner, 1. c. 73, macht auf die eigentümliche Tatsache aufmerksam, 
daß Justinus Martyr den Wortlaut der Bücher des alten Testamentes nur 
sehr ungenau zitiert (wohl nur aus dem Gedächtnis), die Psalmen dagegen 
fast immer wörthch genau, ja er führt ganze Psalmen dem Wortlaute nach 
an. Mit Recht erklärt Pleithner diese Erscheinung aus der täglichen Übung 
des Psalmgebetes. 

2 Lib. 2 ad uxor. 9. (Palr. Lat. I, 130 4.) 

3 Stromata 7. Gerbert, de cantu I, Ul. 

4 Probst, Liturgie der 3 ersten Jahrb., Tübingen 1870, 363. 

5 Der hl. Chrysostomus sucht zu erklären, warum man die Psalmen nicht 
nur bete, sondern auch singe: als Gott sah, daß viele Menschen träge seien 
und sich zu geisthchen Lesungen nur schwer verstünden, wollte er es ihnen 
leicht machen und fügte zum prophetischen Worte die Melodie, damit alle, 
durch den Reiz der Modulation erfreut, freudig ihm Lieder sängen. In 
Ps. 41, 1. (Patr. Gr. LV, 156.) 



Psalmen und Psalmodie. 13 

aus der jüdischen Tradition, die in vielen Stücken für die Chri- 
sten vorhildlich war, sondern auch aus ihrem Inhalt. Man hat mit 
Recht hervorgehoben, daß es eigentlich keine religiöse Stimmung 
gibt, die nicht in einem Psalm ihren poetischen und frommen Aus- 
druck gefunden habe. Diese Beobachtung ist alt; schon Athanasius ^ 
faßt sie in folgenden Worten zusammen: »Die Worte dieses Buches 
(des Psalters) umschließen das ganze menschliche Leben, alle Zu- 
stände des Gemütes und Bewegungen der Gedanken . . . Magst 
du der Buße oder des Bekenntnisses bedürfen, mag dich Trübsal 
und Versuchung befallen ; mag jemand Verfolgung überstanden 
haben oder ihr durch sich Verstecken entronnen sein; ist einer 
traurig und betrübt, oder aber ist ihm Glück widerfahren, der 
Feind besiegt, und will er dem Herrn Lob, Dank und Preis dar- 
bringen — für alles das kann er aus den Psalmen hinreichenden 
Stoff auswählen, und das, was sie enthalten, Gott wie sein eigen 
Werk darbringen.« Ambrosius^ nennt den Psalm »die Segnung 
des Volkes, den Ruhm Gottes, das Lobpreisen der Gemeinde, den 
Beifall aller, die Sprache der Versammlung, die Stimme der Kirche, 
das süßtünende Bekenntnis des Glaubens, die ehrfurchtsvolle An- 
dacht, die Freude der Freiheit, der Ruf der Wonne, der Wider- 
hall der Seh'gkeit«. 

Bei der Beteiligung des ganzen Volkes an der Psalmodie mochten 
Mißbräuche vorkommen; leicht konnte der Gesang in ein Geschrei 
ausarten und in mechanisches Absingen. Dem gegenüber dringen 
die Väter immer darauf, daß man nicht nur mit dem Munde, 
sondern auch mit dem Herzen psallieren müsse, gemäß der Vor- 
schrift des Apostels 3. Aber auch die Taten sollen mit dem über- 
einstimmen, was man singt, wie schon im Buche der Weisheit 
steht: nicht schön ist das Lob Gottes im Munde der Sünder. 
Origines schärft ein 4, nur der sei würdig, dem Herrn zu psallieren, 
der nicht den rauhen Klang der Sünde hervorbringe, dessen Zunge 
nicht lästere, und dessen Geist der Üppigkeit abhold sei. Ähnliche 



1 Ep. ad Marcellinum. (Patr. Gr. XXVII, 42.) Übrigens behandelt der 
ganze Brief dies Thema in breiter Darstellung. 

2 Vorrede seines Psalmenkommentars (Patr. Lat. XIV, 924): Psalmus 
cnim benedictio populi est, dei laus, plehis laudatio, plausus omniuvi, sermo 
universorum, vox ecclesiae, auctoritatis plena devotio, libertatis laetitia, clamor 
iocunditatis, laetitae resultatio. Die Manichäer verwarfen das alte Testament, 
und damit den Psalter und die Psalmodie, weswegen sie der hl. Augustinus 
besonders tadelt, Confess. IX, 4. (Migne, Patr. Lat. XXXII, 766.) 

3 Psallam spiritu, psallam et mente. I. Corinth. XIV, lö. 

4 Homil. 6 in Judic. (Migne, Patr. Gr. XII, 977.) 



14 Das christliche Altertum. 

Aussprüche stammen von Eusebius, Ambrosius, (Jihrysostomusi. 
Sehr schön sind diese Gedanken in dem Spruche niedergelegt, der bei 
der Segnung der hturgischen Sänger in Afrika übhch war 2; Vidc, ut 
quod ore cantas, corde credas, et quod cordc credis, operibus comprohes. 
Für die Entwicklung des liturgischen Gesanges wie der abend- 
ländischen Musik im allgemeinen war es von Bedeutung, daß die 
Instrumente von Anfang an von den gottesdienstlichen Versammlungen 
der Christen ausgeschlossen wurden. Das geräuschvoll üppige 
Wesen, welches sie in den heidnischen Theatern und bei den Ge- 
lagen entfalteten, stimmte schlecht zu der ernsten Ehrbarkeit der 
Christen, die allem die Sinnenlust Fesselnden abhold waren. »Wir 
brauchen«, sagt Clemens von Alexandrien^, »nur ein Instrument, das 
friedebringende Wort allein . . . nicht dagegen das alte Psalterium, 
die Tuba, Pauke und Flute, die diejenigen lieben, welche sich zum 
Kriege üben.« Ahnlich Eusebius': »wir singen Gottes Lob mit 
lebendigem Psalterium, beseelter Cithara und geistlichen Liedern. 
Denn Gott wohlgefälliger und lieblicher als alle Instrumente ist der 
Einklang des ganzen christlichen Volkes, indem wir in allen Kirchen 
Christi, einträchtigen Sinnes und gleichgestimmten Herzens, in 
Psalmen und Liedern singen.« Eusebius sagt dies im Gegensatz 
zu der Übung der Juden, welche ehemals beim Psalmgesange 
den Instrumenten eine hervorragende Stellung angewiesen hatten, 
und fährt dann fort: »Das sind der Psalmgesang und die geist- 
ichen Lieder, wie sie bei uns gebräuchlich sind, laut der Vor- 
schrift des Apostels. Unsere Cithara ist der ganze Leib, durch 
dessen Bewegung und Werke die Seele Gott einen geziemenden 
Hymnus singt, und unser zehnsaitiges Psalterium ist die Verehrung 
des heiligen Geistes durch die fünf Sinne des Körpers und eben- 
so viele Tugenden des Geistes.« Ein ähnliches Bild gebraucht 
Chrysostomus an einer Stelle, die in prachtvoller Ausführung die 
Wirkungen geistlicher und profaner Musik miteinander vergleicht-^; 



1 Augustinus sagt sehr schön in seiner Erklärung des 32. Psalms: Ccmtate 
vocibus, ccmtate cordibus, cantate oribus, cantate moribus. (Migne, Patr. 
Lat. XXXVI, 277.) Andere Ansprüche dieser Art bei Gerbert, de canlu I, 236 ff. 

2 Auf Beschluß des 4. Konzils zu Karthago, vgl. Gerbert I, 239. 

3 Paedag. II, 4. (Migne, Patr. Gr. YIII, U3.) 

4 In Psalm. 91. (Migne, ebenda, XXIII, 1171 ff.) 

•5 Psalm XLI. 2. (Patr. Gr. LV, 1ö8.) In der Erklärung von Psalm 
I.tO (Patr. Gr. LV, 4&7i meint Chrysostomus, den Juden sei der Gebrauch der 
Instrumente erlaubt gewesen, propter eorum imbecillitatevi, et quod eos in 
caritate et coneordia temperarent, et mentem eorimi excitarent, ut lubenter 
facerent, quod eis erant läilia et quod per ialcm animi dcleetationem rcllct 
■eos ad maius Studium revocare. 



I'saliiieii und Psalmodic. 15 

»hier bedarf es keiner Cylliara, oder gespannter Saiten, nicht des 
Piektrums noch überhaupt eines Instrumentes, sondern, wenn du 
willst, kannst du dich selbst zum Instrument machen, wenn du 
das Fleisch kreuzigest und mit dem Kürper schönen Wohlklang 
erstrebst.« Von besonderem Interesse ist die Argumentation der Quae- 
stiones et responsiones ad ortJiodoxos, um 370 1. Auf die Frage: 
»Wenn die Gesänge von den Ungläubigen zur Verführung erfunden, 
denen aber, die in dem Gesetze standen, gestattet worden sind 
um ihres geistigen Kinderzustandes willen , warum haben die, 
welche die -vollkommenen und von der Weise jener abweichenden 
Lehren der Gnade erhalten haben, in den Kirchen doch Gesänge, 
ganz ebenso wie jene kindlichen, im Gesetze stehenden Leute?« 
erfolgt die Antwort: > Nicht das Singen an sich gehört der Kinder- 
stufe an, sondern das Singen mit Begleitung seelenloser Instrumente 
und Tanzen und Stampfen. Daher sind in den Kirchen bei den 
Gesängen die Instrumentalbegleitung und die andern kindischen 
Zugaben abgeschalft und nur das pure Singen beibehalten worden. 
Denn das Lied erweckt die Seele zu einer glühenden Sehnsucht 
nach dem, was im Liede dargestellt ist; es besänftigt die vom 
Fleisch aufsteigenden Leidenschaften; es wehrt die uns von den 
unsichtbaren Feinden erregten bösen Gedanken ab; es betaut die 
Seele, daß sie fruchtbar wird in der Hervorbringung mannigfaltiger 
Güter; es macht die frommen Kämpfer edel und stark in bezug 
auf das Ertragen furchtbarer Übel; es wird den Frommen zu 
einer heilenden Salbe aller Wunden, die das Leben schlägt: 
, Schwert des Geistes' nennt Paulus das Lied, weil es die frommen 
Krieger wider die unsichtbaren Feinde wappnet; denn es ist 
,Wort Gottes', welches, wenn es im Geiste bewegt, gesungen und 
vorgetragen wird, die Kraft hat, die Dämonen zu vertreiben. 
Alles dies gibt der Seele die Fähigkeit, sich in den Tugenden der 
Frömmigkeit zu vervollkommnen, und kommt durch die Kirchen- 
gesänge den Frommen zu.« 

Gegen die Verwendung edler Instrumente bei der privaten An- 
dacht hatte man nichts einzuwenden, wie die weitere Bemerkung 
des alexandrinischen Katecheten deutlich macht 2: »wenn du zur 



1 Die Übersetzung nach Harnack, Diodor von Tarsus (Texte und Unter- 
suchungen zur Geschichte der altchristhchen Literatur von Gebhardt und 
Harnack, Neue Folge, VI. Band i901, Heft 4, S. 131. Der griechische Ori- 
ginaUext steht ebenda S. 33. Anm. 2. Eine andere Frage über den Kirchen- 
gesang wird ebenda S. 102 gesteht und beantwortet. (Frage G4, resp. 54.) 

- Clemens Alex. Pädag. 1. c. Lyra und Cylhara waren in der Kaiserzeit 
dasjenige, was während der ital. Renaissance die Laute und heute das Klavier 



16 Das christliche Altertum. 

Lyra oder Cithara singen oder psallieren kannst, so wird dich 
kein Tadel treffen; denn du ahmest dem jüdischen Künig nach^.« 
Vom Gesänge suchten die Lehrer der Kirche alles Lärmende 
und Laszive fernzuhalten. Besonders eiferten sie gegen die Ghro- 
matik, die damals in der Profanmusik noch gebraucht worden sein 
muß, obwohl schon lange vor Christus Enharmonik und Ghromatik 
ihre ehemals herrschende Stellung aufgegeben und der Diatonik den 
Vortritt gelassen hatten. Klassisch ist in dieser Beziehung die 
Mahnung des Glemens von Alexandrien^: »nur bescheidene und 
züchtige Harmonien soll man zulassen, weichhche dagegen und 
solche, welche den Sinn betäuben, soviel wie möglich fernhalten. 
Denn sie verleiten mit ihren unreinen und gekünstelten Tongängen 
zu einem überfeinen, erschlaffenden Lebenswandel; ernste und zur 
Enthaltsamkeit führende Modulationen hingegen lassen Trunkenheit 
und Zügellosigkeit nicht aufkommen. Ghromatische Harmonien 
also und leichtsinnige, wie sie Mode sind bei unzüchtigen Trink- 
gelagen, wo man sich mit Kränzen schmückt, und die Musik der 
Buhlerinnen soll man durchaus meiden.« Trotzdem muß es ge- 
legentlich in einzelnen orientalischen Gemeinden beim Gottesdienst 
sehr geräuschvoll hergegangen sein: in Milet wenigstens wurden 
zur Zeit des Athanasius Hymnen mit Händeklatschen und Tanz- 
bewegungen begleitet, eine Gewohnheit, gegen die der Heilige be- 
ständig kämpfte 3. 

Die Ausführung der Psalmodie war in den ältesten Zeiten des 
Christentums fast ausschließlich einem Einzigen übertragen. Diese 
älteste Form der christlichen Psalmodie, das psalmodische Solo, 
ist eine Kopie der synagogalen Praxis und der Vorsänger in den 
christlichen Versammlungen der Nachfolger der jüdischen Vorsänger 
im Tempel und in der Synagoge. Wie diese Psalmodie bei den 
Juden ausgeführt wurde, erkennt man noch heute z. B. am 1 35. Psalm, 
dessen sämtliche Verse mit den Worten Quoniam in aeternum 
misericordia eins schließen. Sie bildeten den Refrain des Volkes 
auf die vom Solisten vorgetragene erste Partie des Psalmverses, 



ist: das bessere Gesellschaftsinstrument und allseitig in Gebrauch, während 
die Flöte, das liturg. Instrument der heidnischen Feste, von den Christen per- 
horresziert wurde. 

1 Probst, I. c. 2G2: »Die bei den Agapen und Mahlzeiten herrschende 
Stimmung vertrug sich mit Gesang und (instrumentaler) Musik.« 

2 Clemens Alex. Paedag. 1. c. 

3 Theodoret, haeret. fab. IV, 7. (Patr, Gr. LVIII, 426.) Es war im Orient 
überhaupt Sitte, den religiösen Gesang in dieser Weise und mit Instrumenten 
zu begleiten. Davon machte sogar der altjüdische Tempelgesang keine 
Ausnahme. 



Psalmen und Psalmodie. 17 

Das psalmodische Solo mit eingeschalteten Partien des Volkes (auch 
Exklamationen, wie in Psalm 32 und 88) ist also eine alte Tradi- 
tion des Judentums. Ihre Aufnahme in den christlichen Gottes- 
dienst ist leicht zu begreifen, da die Christen im Anfang sich an 
den liturgischen Übungen der Juden weiter beteiligten, und mancher 
Kantor, der in der Synagoge seines Amtes gewaltet, mag später 
seine Kunst in den Dienst des Christentums gestellt haben. Ein 
positives Zeugnis für diesen Hergang ist uns indessen durch den 
Juden Philo und den Kirchenhistoriker Eusebius gegeben. Nach 
jenem war die geschilderte Psalmodie bei der jüdischen Sekte der 
Therapeuten in großem Ansehen; da deren liturgische Gewohn- 
heiten sich auf jüdischer Grundlage aufbauten, so muß man an- 
nehmen, daß auch die Solopsalmodie aus der Synagoge stammte. 
Dieselbe Art des Psalmgesanges war in den christlichen Gottes- 
diensten der ersten Jahrhunderte fast ausschUeßlich in Gebrauch, 
und Eusebius sagt geradezu, daß die Beschreibung des Philo für 
die christliche Praxis seiner Zeit genau zutreffet 

Der Vorsänger in den liturgischen Versammlungen der Christen 
begann, indem er die Überschrift des Psalmes mitteilte, den er 
vortrug. So war es in der griechischen, wie in der lateinischen 
Kirche. Vielfach erklärt der hl. Ambrosius auch die Überschriften 
der Psalmen, über welche er predigte, und die er vorher vom 
Solisten hatte singen lassen, so bei Psalm 54, 65, 88 und 92 2. 
Für das Antworten des Volkes auf die Partie des Vorsängers haben 
die griechischen Autoren die Bezeichnungen uTro'^^aXXsiv, utit^^cTv, 
uTrazouEiv, die Lateiner succinere, resjwndere, und diese Art des 
Psalmsingens heißt bei letzteren Canhis respotisorius^ der also ge- 
sungene Psalm Psahnus responsorius. Für die Kirche von Jerusalem 



1 Das die Psalmodie der Therapeuten Betreffende ist aus Philo, de vita 
contemplativa, in der Kirchengeschichte des Eusebius 11, 1 7, zusammengestellt 
worden. 

2 Eine Erinnerung daran bieten in der heutigen Liturgie Formeln, wie 
Incipit lamentatio Jeremiae prophetae, Lectio epistolae b. Patili Apostoli ad 
Eotnanos, Scquentia S. Evangelii secundum Joannem. Die St. Galler Hand- 
schrift 381 gibt p. 98 unter den Versus ad repetendum zum Introitus Jubilate 
(Dom. II. post Albas) an zweiter Stelle den V. Cantieum psalmi resurree- 
tionis, die Überschrift von Ps. 65. Dazu vergleiche man, was Cassiodor im 
2. Kap. der Einleitung seiner Psalmenerklärung bemerkt: Usus ecclesiae catho- 
licae Spiritus sancti inspiraiione generaliter et immobiliter tenet, ut quicunque 
eorum (d. h. der Psalmen) cantandiis fuerit, qui diverso nomine praenotantur, 
lector aliud praedicare non audeat, nisi psalmos David. Quodsi essent proprii, 
id est aut Idithun aut Filiorum Gore aut Asaph aut Moysi, eorum nomina 
utique praedicareniur, sieut in Ecangelio fit, quando aut Marci aut Matthaei 
aut Joannis vocahula prommtiantiir. (Migne, Patr. Lat. LXX, U.) 

Wagner, Gregor. Melod. I. 2 



18 Das christliche Alterturn. 

ist diese Psalmodie in der zweiten Hälfte des 4. Jahrli. bezeugt 
in dem Reisebericlit der Pilgerin Eutheria (c. 380 i); und die apo- 
stolischen Konstitutionen (c. 400) sagen ausdrücklich, daß das Volk 
die Akrostichia nachpsalmieren solle 2. Dieser Responsorialgesang 
konnte verschieden gestaltet sein. Wenn die Menge dem Vor- 
sänger Vers für Vers antwortete, entstand eine Form, die dem 
der Allerheiligenlitanei ähnlich ist; sie bot keine 
und war schon den Juden bekannt 3, Mehr in 
Übung war jedoch diejenige Form des Cantus resjwnsorius ^ bei 
welcher die Gemeinde immer mit demselben Refrain antwortete^. 
Dieser konnte dem Psalm entnommen sein oder sonst eine Sentenz 
enthalten. Bei ihrer Auswahl gab man, nach dem Zeugnis des hl. 
Chrysostomus 5, solchen Texten den Vorzug, in denen ein erhabener 
dogmatischer Gedanke seinen prägnanten Ausdruck fand. So war 
der von den Juden herübergenommene Ruf Amen^^ das gewissen 
Psalmen hinzugefügte Allehda^ sowie die kleine Doxologie Gloria 
Patri et Filio ebenfalls zuerst ein Versus responsorialis. Überein- 
stimmend erwähnen die Kirchenhistoriker ^ ein Beispiel solchen 
Responsorialgesanges bei Gelegenheit der Verfolgung des Athanasius 
und seiner Christen in Alexandrien ; der Heilige gab den Befehl, 
der Diakon solle einen Psalm vorsingen und das Volk nach jedem 
Verse antworten: quoniam in aeternum misericordia eins. Auch 

1 Psalmi respo7idunitir, sagt sie bei der Beschreibung des Nachtoffiziums 
(vgl. den Auszug in Duchesne, origines, S. 471); den Psahnus responsorius 
erwähnt sie in demselben Zusammenhange (ebenda, S. 4 80 u. a.). Über diese 
Termini vgl. Dom Cabrol, Etüde sur la Peregrinatio Silvise, Paris iSGö, 59 ff. 
Bis vor kurzem schrieb man diese Schrift einer Silvia zu; die neuesten 
Forschungen erklären sie jedoch für das Werk einer Spanierin Eutheria. 
Vgl. darüber die Revue des questions historiques, LXXIV, p 367—397, und 
die Revue benedictine XXIV, p. 45S. Gegen C. Meister, de itinerario Aetheriae, 
•1909, der die Abfassung der Schrift ins 6. Jahrb. (um .'SSO) verlegt, vgl. 
€. Weymann im Histor. Jahrb. der Görresgesellschaft, 1909, S. 886, und die 
Rassegna Gregoriana, Rom, VIII, p. 335 ff. Im Lit. Zentralblatt 19-10 S. 593 
spricht sich jedoch Wej'mann in einem für Meister günstigeren Sinne aus. 

- II, 57: Kai o ).«os ja (cxijoaTi/ia i'noü>ccX)Jiio. Sozomenus nennt die 
kurzen Antworten des Volkes Akroteleutia, Probst, Lehre und Gebet in den 
ersten Jahrhunderten, S. 262, erklärt: Akrostich bedeutet zwar gewöhnlich 
den Anfang einer Schriftreihe, bisweilen aber auch den Schluß derselben. 

3 Pleithner, alt. Geschichte des Breviers, S. 63. 

4 Ähnlich wird noch heute Psalm 94, Venite exsultemus domino, in der 
Matutin gesungen. 

5 Chrysostomus zu Ps. 117. (Migne, Patr. Gr. LV, 328.; 

G Schon zur Zeit des Apostel Paulus erwiderten die Fremden und des 
Gebetes Unkundigen dem Vorsänger und -beter das Amen, um ihre Gemein- 
schaft mit ihm darzutun. I. Corinth. XIV, 1 6. 

' Sokrates, Sozomenus, Theodoret, wie auch Athanasius selbst. Gerbert I, 47. 



Psalmen und Fsalmodie. 19 

in Anliochien war diese Übung bekannt. Als die Reliquien des 
Bischofs Babylas (unter Kaiser Julian) dorthin übertragen wurden, 
antwortete das Volk dem Vorsänger mit dem Verse: confusi sunt 
omnes^ qui adorant sculptüia, qui gloriantur in simulaoris. 

In der lateinischen Kirche war der Gantits responsorius , das 
psalmodische Solo mit dazwischentretenden Versen des Volkes, von 
Anfang an heimisch. Es mögen sogar die ersten Verkünder des 
Evangeliums im Okzident gewesen sein, welche den Psalmgesang 
daselbst einführten, soweit es zweckmäßig war, die Zusammen- 
künfte der Christen mit Gesang auszustatten. Schon TertuUian, 
den man als Zeugen für die römische Praxis ansehen darfi, er- 
wähnt den Cantus responsorius. Für seinen Gebrauch in der mai- 
ländischen Kirche zeugt an verschiedenen Stellen Augustinus; Aus- 
drücke, wie voces psalmi, quas audivimus (vom Vorsänger vorge- 
tragen) et ex parte cantavimus 2 (bezieht sich auf die eingeschobenen 
Verse des Volkes) oder psalmo.i quem cantatum audivimus, cui 
cantando respondimus^, sind in seinen Schriften nicht selten. Auch 
Isidor, der große Vertreter der spanischen Kirche, belehrt uns über 
das hohe Alter dieses Gebrauches, und zwar beschreibt er die 
responsoriale Psalmodie genau in ihrer ursprünglichen Form^. 

Der Cantus responsorius wurde besonders gern im Anschluß an 
eine Lesung angewendet; durch die Worte der heiligen Schriften 
angeregt, hatte das Volk Gelegenheit, seine gehobenen Empfindungen 
und frommen Entschlüsse dem Herrn in Tönen darzubringen; auch 
brachte der Gesang etwas Abwechslung und beugte der Ermüdung 
und dem Nachlassen der Aufmerksamkeit vor. In diesem Sinne 
ist die Vorschrift der apostolischen Konstitutionen (II, 57) zu ver- 
stehen, daß »nach je zwei Lesungen ein anderer (als der Vorlesende) 
die Hymnen des David psallieren und das Volk in die letzten 
Worte der Verse einfallen solle«. 

Der Psalmsänger, Psaltes, Psalmista oder Cantor, Praecentor, 
Pronuntiator psalmi, Psahnorum ynodulator et phonascus, wie er 



1 Also Bäuoaer, Breviergesch. 41. TertuUian, de orat. 27. (Migne, Patr. 
Lat. I, 1301.) 

2 In Psalm 26, 2. (Patr. Lat. XXXVI, 199), vgl. Tommasi (op. Greg. M. 
Bd. XI) praef. XXXVII. 

3 In Psalm 4 6, ]. Ib. 325. Weitere Beispiele aus den Schriften des Am- 
brosius und Augustinus bei Tommasi praef. XXXVIII ff. 

4 De offic. I, 8 : Responsoria ab Italis longo ante tempore sunt reperta 
(d. h. der responsoriale Gesang ist nicht so spät vom Orient nach Italien ge- 
bracht worden, wie der antiphonische, sondern war daselbst früher im Ge- 
brauch) et vocata hoc nomine, quod nno canente, chorus consonando re- 
spondeat. (Patr. Lat. LXXXIH, 744.) 



20 Das christliche Altertum. 

genannt wird', genoß im Orient wie im Okzident liturgische Vor- 
rechte. Bei den Therapeuten wählte man zu diesem Amte nur 
Männer, die nicht nur durch künstlerische Tüchtigkeit, sondern 
auch durch würdigen Lebenswandel sich empfahlen 2. Ähnlich ent- 
wickelte sich auch im Christentum ein Ordo kirchlicher Sänger. 
Sie waren mit den Lektoren, welche die Lesungen aus den heiligen 
Schriften vorzutragen hatten, zuerst durchaus nicht identisch. In 
einem dem hl. Ignalius zugeschriebenen Briefe^ an die Bewohner 
von Antiochien werden die Cantores neben den Lectores unter 
den niedern Ordines aufgezählt; es heißt daselbst: »ich grüße die 
Subdiakonen, Lektoren, Kantoren, Ostiarier und Exorzisten.« Hier 
sind Lektoren und Kantoren verschiedene Persünlichkeilen. Auch 
in den apostolischen Konstitutionen * sind sie immer auseinander- 
gehalten. Es muß vorgekommen sein, daß solche ihre Kunst im 
Vorsingen zeigen wollten, die nicht den Beruf dazu hatten; darum 
ermahnt das Konzil von Laodicea (um 350), außer den kanonischen 
Sängern, die auf den erhöhten Platz stiegen und aus dem Perga- 
ment vortrügen, solle niemand in der Kirche allein singen (can. 1 7). 
Hiernach hatte der Vorsänger seinen eigenen und, damit ihn alle 
sehen und hören konnten, erhöhten Platz. So war es schon in 
der Synagoge 5, und so ist es im Mittelalter geblieben. An anderer 
Stelle (can. 23) bestimmt dasselbe Konzil die Aufgabe der Lektoren 
mit Vorlesen, die der Kantoren mit Vorsingen. 

Der Gegensatz von Lektoren und Kantoren, der zuerst deutlich 
hervortritt, hat sich später verwischt, und es kam vor, daß einer 
Lektor und Kantor zugleich war^; nach Zonaras beschäftigten sich 
noch die Lektoren seiner Zeit mehr mit dem Gesang als mit der 
Lesung''. In Alexandrien konnte das Amt des Lektor und Kantor 
auch Katechumenen zugeteilt werden, sonst nur Getauften §, Bei 



1 Pleithner, all. Gesch. d. Breviergeb., S. 62. 

2 Eusebius 1. c, vgl. auch Gerbert, de cantu I, 20. 

3 Migne, Patr. Gr. V, 908. 

4 Const. Apost. VIII, 28; Kap. 47 wird ihnen eingeschärft, sich von dem 
Würfelspiel und der Unmäßigkeit fernzuhalten. Auch in der Liturgie des Markus 
und Jakobus sind die Psalmisten mit unter die kirchlichen Ordines gerechnet. 

5 Araalar., de Off. III, 17. (Migne, Patr. Lat. CV, M23.) 

6 Sozomenus IV, 3 berichtet dies von einem Martyr Martianus. (Migne, 
Patr. Gr. LXVII, 1 1 6.) 

' Gerbert, de cantu I, 3S. 

8 Daraus geht auch hervor, daß der Vorsänger in der eigentlichen Messe 
nicht beschäftigt war. Auch in der gregorianisch-römischen Liturgie kommt 
der Cantus responsorius nur in dem Teile der Messe vor, der dem Offer- 
torium vorausgeht. (Über die Umgestaltung der Antiphona ad Offerendum 
in einen Cantus responsorius später.) 



Psalmen und Psalmodie. 21 

den lateinischen Vätern ist die Anwendung der Bezeichnung Lektor 
für den Solisten etwas ganz Gewöhnliches. 

Auf den römischen Inschriften von der 2. Hälfte des 4. Jahrh. 
an wird nicht seilen der Vorsänger rühmend gedacht. »Psallcm 
et in populis volui modulante ]yrofeta<^^ heißt es auf dem Grabstein 
eines Leo, der später Bischof wurde; auf demjenigen eines Diakon 
Redemptus : »didoia nectareo promehat mella canore, jyrofe.tam eclebrans 
■placido modulamine senem«-. Aus dem Anfang des 5. Jahrh. stammt 
ein Epitaph auf einen Archidiakon Sabinus, >^der Psalmen in kunst- 
reichen Weisen modulierte und die heiligen Worte in mannigfachen 
Tönen sang«. Von einem andern heißt es einfach: »er war 
Sänger der davidischen Lieder i.« 

Eine durchgreifende Neuerung im Kirchengesange bedeutete die 
chorische Psalmodie, die um die Mitte des 4. Jahrh. zu her- 
vorragender Anwendung gelangte. Sie bestand darin, daß zwei 
Chöre im Vortrag der Psalmverse einander ablösten unter Zuhilfe- 
nahme einer und derselben Melodie für beide Chöre und alle 
Psalmverse. Sie stammt ebenfalls aus dem Judentum. Schon 
David hatte die Teilung der Tempelsänger in Chöre angeordnet, 
die offenbar die Psalmen chorweise sangen und einander ant- 
worteten (L Paralip. 6, 3 I ff.), und den Therapeuten war die Psal- 
modie im Wechselchor wohl bekannt^. 

Über ihre Aufnahme in die christlichen Gottesdienste besitzen 
wir zwei Überlieferungen. Nach Socrates^ wäre es der hl. Ignatius 
gewesen, der den Gebrauch im Wechselgesang vorzutragender 
Hymnen in die Kirche einführte. Es sei ihm in einem Gesichte 
gezeigt worden, daß die Engel die heilige Dreifaltigkeit im Wechsel- 
chor besängen, und er habe diese AVeise seiner Kirche übergeben, 
von wo sie auf alle andern Kirchen übergegangen sei. Theodoret^ 
dagegen schreibt ihre Einführung dem Flavian und Diodor zu, 
zwei antiochenischen Mönchen aus der Zeit des semiarianischen 
Bischofs Leontius (344-357). Beide Berichte stimmen darin über- 
ein, daß die neue Gesangsweise sich von Anliochien aus verbreitet 
habe, und das ist auch ohne Zweifel richtig. Die Überlieferung 
des Socrates hat wenig Glauben gefunden 5, und was diejenige des 
Theodoret anbelangt, so wird sie durch einen Zeitgenossen des 



1 Duchesne, origines 161. 

2 Eusebius-Philo 1. c. 

3 Hist. Eccl. VI, 8. (Migne, Patr. Gr. LXVII, 69-2.) 

4 Hist. Eccl. II, 19 (resp. 24). (Migne, Patr. Gr. LXXXIl, 1060. 

5 Gerbert, de cantu I, 4-1. 



22 Das christliche Altertum. 

Flavian und Diodor, den Theodor Mopsvestenos, dabin ergänzt i, 
daß die zwei Mönche die neue Gesangsweise aus der syrischen 
Kirche in die antiochenische hinübergebracht haben. 

In der ersten Hälfte des 4, Jahrh. gab es in den großen 
Kirchen des Orients, Alexandrien, Jerusalem, Antiochien, Odessa, 
Gemeinschaften frommer 3Iänner und Jungfrauen, die sich zu ge- 
meinsamem Leben zusammentaten, um, von der Welt getrennt, 
Gott in inniger Weise zu dienen. In Syrien nannte man sie Mona- 
zontes und Parthenae, und es ist bekannt, daß in solchen Ver- 
einigungen die Anfänge des Ordenswesens liegen. Überaus groß 
war ihr Einfluß auf die Ausbildung der liturgischen Übungen; auf 
sie geht, wie wir noch sehen werden, u. a. die Einführung täg- 
licher Vigilien zurück; hier ergab sich auch die Notwendigkeit der 
gemeinsamen Psalmodie in der Form des Wechselge- 
sanges. Von den syrischen Klöstern ist dann die chorische 
Psalmodie durch Flavian und Diodor in die antiochenische Kirche 
übertragen worden 2. 

Die chorische Psalmodie in der Form des Wechselgesanges 
trägt von Anfang an die Bezeichnung »Antiphonischer Gesang«. 
3Ian pflegt das Wort »Antiphone« einfach mit »Wechselgesang« 
zu übersetzen. Das kann aber nicht seine ursprüngliche Bedeutung 
sein. »Antiphone« ist ein Ausdruck der griechischen Musiktheorie, 
und »in Antiphonen singen« soviel, wie »in Oktaven singen'^«. 
Da in den ersten Jahrhunderten nach Christus die griechische 
Musik Weltmusik war, wie das Griechische Weltsprache, und sie 
in Griechenland und Rom, Kleinasien und Afrika herrschte, so war 
auch den Musikern in Syrien bekannt, was »Antiphone« bedeutete. 
Man muß daher für die ursprüngliche Gestalt der christlichen 
Antiphocie einen Gesang in Oktaven annehmen. Eine Stütze 
dieser Ansicht liegt in der Tatsache, daß ein Wechselgesang in 
Verbindung mit Gesang in Oktaven für die ersten Jahrhunderle 
sich nachweisen läßt und zwar schon bei den Therapeuten. Bei 
der Beschreibung ihrer Vigilien bemerkt Philo-Eusebius*, wie folgt: 
»auf einmal erheben sich alle von beiden Seiten . . . und bilden 



1 Nach Nicctas, thes. orlh. fid. V, 30. Gerbert 1. c. 

- Vgl. auch Cabrol, Diclionnaire d'archeologie chretienne, s. v. Ariens, 
p. 2817 ir, und die daselbst angeführte Literatur. 

3 Pseudo- Aristoteles, Problem. 19, 39 bei Jahn, mus. Script, (Leipzig 
1893), S. 100: antiphonisch ist die Konsonanz der Oktave, imd das Antiphone 
entsteht, wenn Männer und Kinder zusammen singen, deren Stimmen von- 
einander abstehen, wie z. B. die Nete e zur Hypate E. 

4 L. c. 



Psalmen und Psalmodie. 23 

zwei Chöre, den einen der Männer, den andern der Frauen. Jeder 
Chor wählt seinen Führer und Vorsänger, der zugleich durch die 
Würdigkeit seiner Person, wie in der Musik sich auszeichnet. 
Dann singen sie Hymnen zu Gott, in verschiedenen Metren und 
Melodien komponiert, bald alle zusammen, bald einander in schick- 
licher Weise antwortend. Hierauf . . . bilden sie aus den beiden 
Chören einen einzigen . . . wie die Juden, als sie durch das rote 
Meer zogen. An diesen Chor erinnert der Chor der frommen 
Männer und Frauen, wobei durch das Anstimmen und wechsel- 
weise Wiederholen der Lieder der tiefere Klang der Männerstimmen 
und der höhere der Frauenstimmen, wenn sie zusammensingen^ 
eine liebliche und wahrhaft musikalische Symphonie herstellt.« 
Da nun Eusebius die Aussagen Philos über den Gesang der Thera- 
peuten nicht nur akzeptiert, sondern die Übung seiner Zeit mit 
der Schilderung Philos als übereinstimmend erklärt, so hat es in 
der ersten Hälfte des 4. Jahrb. zweifellos einen Oktavengesang in 
der christlichen Kirche gegeben, und zwar nicht nur bei den 
vom ganzen Volke gegebenen Antworten des Psalmus responsorius; 
es ist vielmehr sicher, daß schon früh Knaben zum Psalmsingen 
herangezogen wurden. Besonders seit der Befreiung der Kirche 
unter Konstantin begegnen wir in allen Kirchen des Orients und 
Okzidents Knaben, welche mit ihrer frischen und durchdringenden 
Stimme für die Lesungen und Gesänge verwendet wurden. Zu 
dieser Aufgabe wurden sie in besonderen Schulen erzogen, in denen 
sie unter der Aufsicht von Geistlichen zusammenlebten. Die meisten 
kirchlichen Würdenträger gingen durch diese Lektorenschulen, ja die 
klerikale Erziehung nahm mit ihnen ihren Anfang ; Felix von Nola, 
Eusebius von Vercelli, die Päpste Liberius und Siricius und viele 
andere heilige Männer waren in ihrem Knabenalter Lektoren i. Im 
Orient sind diese Einrichtungen durch die Pilgerin Eutheria be- 
zeugt, welche die Knaben Pisinni nennt, wie durch die apostolischen 
Konstitutionen (VIH 4). Hier werden die Knaben aufgefordert, das 
Kyrie eleison noch vor den anderen Anwesenden zu singen. Etwas 
später, zur Zeit des hl. Augustin, war ihnen sogar die responsoriale 
Psalmodie nach der Lesung zu Beginn der Messe überlassen 2. Eine 
afrikanische Inschrift des beginnenden C.Jahrh. nennt einen 5jährigen 
Lektor-'. Von ihnen handelt das 5. Konzil von Toledo 5314 u^d 



1 Duchesne, Origines, p. 334. 

2 Sermo 352 (Migne, Patr. Lat. XXXIX, 1350, vergl. auch XXXIV, 4049). 

3 De Rossi, Bulletin 1880, p. 20, 21. 

4 Labbe, Concil. IV, 1743. 



24 Das christliche Altertum. 

das 2. Konzil von Vaison 529, welches unter dem Vorsitz des 
hl. Caesarius beschloß, die Priester, welche Pfarrer sind, sollten, 
wie es in Italien Brauch sei, juniores lectores zu sich nehmen und 
sie in der Psalmodie, den Lesungen u. a. unterrichten. Der Geschichts- 
schreiber der Vandalischen Verfolgung berichtet von 12 Singknaben 
aus Karthago, die wegen ihres Glaubens infolge des Verrates ihres 
Lehrers Teucharius vieles auszustehen hatten ^ (um 480). Gregor 
von Tours lobt an dem Lyoner Bischof Nicetius seine Bemühungen, 
Knaben am Gesänge der Psalmen und Antiphonen teilnehmen zu 
lassen 2. Die Regel des hl. Benedikt enthält gerade mit Rücksicht 
auf sie besondere Vorschriften'^. Es kann demnach keinem Zweifel 
unterliegen, daß es wenigstens vom 4. Jahrb. an einen Knaben- 
gesang in der ganzen Kirche gab. Sangen diese aber mit Männern 
zusammen, so ergab sich von selbst der Gesang in Oktaven. Man 
muß also unter Antiphone einen Gesang verstehen, bei welchem 
zwei Chöre verschiedener Stimmklassen einander ablösten oder zu- 
sammensangen, wobei sich der Gesang in Oktaven bewegte. 
Später wurde nur mehr der Wechselgesang als für das die Antiphonie 
Charakteristische angesehen, und dies ist die Bedeutung, die fortan 
mit dem Ausdruck verbunden blieb ^. 

Von Antiochien aus verbreitete sich die Psalmodie im Wech- 
selchor über die ganze christliche Welt, in die griechischen und 
lateinischen Kirchen. Schon um 375 war sie im ganzen Orient 
bekannt, wie aus dem erwähnten Schreiben des Basilius an die 
Einwohner von Neucäsarea zu ersehen ist. Basilius hatte bei ihnen 
den doppelchörigen Gesang eingeführt und begegnet ihren Vor- 
würfen wegen dieser Neuerung mit dem Hinweise darauf, daß 
jetzt überall so psalmodiert werde. Seine Beschreibung gibt ein 
klares Bild beider Arten der Psalmodie^: »Was alter den Vorwurf 
bezüglich der Psalmodie angeht, so habe ich darauf zu erwidern, 
daß sie in allen Kirchen Gottes übereinstimmend und wohlklingend 
eingerichtet ist. Nachts erhebt sich das Volk und geht zum 
Hause des Gebetes, und wenn es gebetet hat, geht es zur Psal- 
modie über. Und bald psallieren sie, in zwei Teile geteilt, ein- 
ander abwechselnd, bald überlassen sie es einem Einzigen vor- 



1 Victor Uticensis, de persec. Vand. lib. 5. (Migne, Patr. Lat. LVIII, 248.) 

2 Gregor. Tur. de vitis Patr. 8. (Migne, Patr. Lat. LXXI, 10 4 0.) 

3 Nach Kap. 45 sollen Knaben, die falsch singen, Schläge bekommen. 

4 Aber noch der späte byzantinische Theoretiker Bryennius (14. Jalirh. 
nennt Töne, die im Verhältnis 2 : 1 stehen, »Antiphonien«. Vergl. Reimann, 
in der Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft 1889 (V) S. 380. 

5 Epist. 209, 3. (Migne, Patr. Gr. XXXII, 763.) 



Psalmen und Psahnodie. 25 

zusingen, und alle singen nach; und wenn sie so in verschieden- 
artiger Psalmodie die Nacht zugebracht, so stimmen sie alle, wie 
aus einem Munde und aus einem Herzen, den Psalm der Buße 
an . . . Wenn übrigens dies der Grund ist, warum Ihr Euch von 
mir trennt, so müßt Ihr Euch in gleicher Weise trennen von den 
Ägyptern, Libyern, Thebäern und den Bewohnern von Pakästina, 
Arabien, Phünizien und Syrien und denen, die um den Euphrat 
wohnen, mit einem Worte, von allen, bei denen Vigilfeiern und ge- 
meinschaftliche Psalmodie in Ehren stehen.« Hier ist also hervor- 
gehoben, daß die gemeinschaftliche Psalmodie besonders in den 
nächtlichen Vigilien gepflegt wurde. Antiphonische und respon- 
soriale Psalmodie werden zusammen erwähnt in den gleichalterigen 
Didascaha 318 patrum i, wo es, entsprechend der im Orient vor- 
herrschenden Sitte, den Frauen verboten wird, aua^dtUstv und 
auvuTTaxous'.v, mitzupsallieren und in die responsorialen Refrains 
einzustimmen. Eine eigenartige Antiphonie war es, wenn in einem 
aus Griechen und Syrern bestehenden Kloster nach dem Zeugnis 
des Theodoret beide in ihrer Sprache, Vers für Vers antiphonisch 
wiederholend, die Psalmen sangen 2. 

In Konstanlinopel führte der hl. Chrysostomus gegen Ende 
des 4. Jahrb. die Antiphonie ein. Vor seiner Berufung nach Kon- 
stantinopel hatte er Gelegenheit, sich mit ihr am Ort ihrer aus- 
gezeichnetsten Pflege, in Antiochien, vertraut zu machen. In seinem 
neuen Wirkungskreise konnte er mit der neuen Psalmodie um so 
grüßern Nutzen stiften, als gerade die Arianer mit ihren anti- 
phonischen Liedern Erfolge erzielt hatten 3. Zum Leiter der psal- 
modischen Chormusik bestellte er den Musikmeister am Hofe^. 

Das Verdienst, den Okzident mit dem antiphonischen Gesang 
bekannt gemacht zu haben, gebührt dem hl. Ambrosius von 
Mailand, der zur Zeit seiner Verfolgung durch die Kaiserin Justina 
(38C) seine Getreuen, die sich mit ihrem Hirten in seiner Kirche 
eingeschlossen hatten, im Gesänge der Antiphonen (und Hymnen) 
unterwies^. Von Mailand verbreitete sich die neue Übung rasch 
in die andern Länder der lateinischen Kirche, dank der so über- 
aus günstigen geographischen Lage der Stadt und dem Ansehen 
ihres Bischofs. Ihr Gebrauch in fast allen Kirchen des Abend- 
landes wird schon von einem Zeitgenossen des Ambrosius bezeugt, 

1 Battifol 1. c. 6. 

2 Theodoret, bist, relig. ö, Gcrbert, de cantu I, 179. 

3 Sozomenus, Hist. Eccl. VIII, 8. (Migne, Patr. Gr. LXVII, 1336., 

4 Ebenda 1538. 

'' Augustin, Confcss. 9, 7. (Migne, Patr. Lat. XXXII, 770.) 



26 Das christliche Altertum. 

von seinem Sekretär und Biographen Paulinus^ Rom wird sich 
gegen die allgemeine Bewegung nicht abgeschlossen haben; schon 
früh wurde daselbst das Nachtoffizium öffentlich begangen und 
dabei sicher, wie überall, im Wechselchor psalmodiert2. Vielleicht 
gab das Konzil, welches 382 in Rom unter Papst Damasus statt- 
fand, und dem auch griechische und syrische Bischöfe beiwohnten, 
denen die Antiphonie ja wohl bekannt war, den Anstoß dazu, sie 
in die römische Liturgie einzuführen. Ein Menschenaller später, 
unter Papst Cölestin I. (4 22 — 432), fand sie Aufnahme in die 
römische Älesse^. Hier war sie aber nur eine Zutat, die die 
Bestimmung hatte, den Gottesdienst künstlerisch auszugestalten, 
und ihre Verwendung für diese setzt ihren Gebrauch im Offizium, 
insbesondere in der Vigil, für die sie geschaffen und mit der sie 
verbreitet worden war, voraus. Die zahlreichen Klöster, welche 
bald die Länder der lateinischen Liturgie bedeckten, verbreiteten 
dann die Antiphonie überall, auch in den Weltkirchen -i. 

Wie das psalmodische Solo mit dem Chorrefrain verbunden 
war, wurde auch der Cantus antiphonus interessanter gemacht und 
reicher ausgestattet. Der Gebrauch, dem Psalm einen kurzen (Solo-) 
Gesang vorauszuschicken, der den Singenden das Ergreifen der 
Psalmmelodie erleichtern sollte und dann auch nach allen im 
Wechselchor vorgetragenen Versen wiederholt wurde, war höchst- 
wahrscheinlich schon von Anfang an mit der Chor-Psalmodie ver- 
bunden. Darauf deutet die Tatsache hin, daß schon im 4. Jahrb. 
Psalmen und Antiphonen als verschiedene Dinge angeführt werden s. 
Hier ist der den Wechselgesang des Psalmes unterbrechende Refrain 
Antiphone genannt, ein Gebrauch, der von da an in Geltung ge- 
blieben ist. Dementsprechend spricht die Regel des hl. Benedikt 



1 Paulinus, vita Aiub. 13. (Migne, Patr. Lat. XIV, 31.) 
~ Die Vigihen sind schon in den Canones S. Hippolyti, die nach Battifol 
aus dem Ende des 2. Jahrh. (Brev. 38), nach Bäumer (Breviergesch. 52) aus 
dem Anfang des 3. Jahrh. stammen, erwähnt. Auch Hieronynius, der litur- 
gische Berater des Damasus, hatte in Bethlehem die orientalischen Übungen 
kennen gelernt; tota ecclesia nocturnis ngiliis Christum dominum personabat, 
sagt er in seinem Brief an den Diakon Sabinianus. (Migne, Patr. Lat. XXII, I \ 95.) 

3 Lib. pontif. ed. Duchesne I, 230. 

4 Um ein Beispiel anzuführen: Als der hl. Agricola, Abt von Lerin, 
Bischof von Avignon wurde (um 660), trug er Sorge dafür, daß in der Kirche 
von Avignon für die kanonischen Stunden und die übrigen liturgischen 
Übungen die Psalmodie im Wechselchor eingeführt wurde, wie sie in den 
Klöstern üblich und »in die römische Kirche durch Damasus aufgenommen 
war«. Mabillon, Acta SS. Ord. Bened. saec. IV, praef. Nr. 210. 

ö So in der Beschreibung der Jerusalemitischen Liturgie durch die Pil- 
gerin Eutheria. Vgl. Cabrol 1. c. 



Psalmen und Psalmodie. 27 

(529 oder 530) mehrfach von antiplwncuii iinponcrc. So heißt es 
im 47. Kapitel: »die Psahnen oder Antiphonen soll nach dem Abt 
jeder der Reihe nach anstimmen {impo7iat).« Mit der neuen Be- 
deutung stimmt die seltsame Etymologie, die ein Anonymus des 
6. Jahrh.^ gibt, der das Wort geradezu mit anteponere, »vorsetzen«, 
»vorhergehen lassen«, zusammenbringt, weil die Antiphone dem 
Psalm vorausgeht, und die gerade in den ältesten Handschriften 
der Regula S. Benedicli gebrauchte Form »antefona^«. Zugleich 
mit dem ursprünglichen Sinne des Wortes ist also auch die Er- 
innerung an seine Herkunft verschwunden. 

Aus den erwähnten AuBerungen geht nicht klar hervor, ob die 
Antiphone nach allen Versen des Psalmes oder nur nach einigen 
repetiert wurde. Ersteres ist sicher das Ursprüngliche 3. 

Von geringer Bedeutung war eine dritte Art der Psalmodie, der 
Cantus in directum oder directaneus , welcher darin bestand, daß 
der Psalm von Anfang bis zu Ende ohne responsoriale oder anti- 
phonische Zusätze vorgetragen wurde. Es scheint auch, daß er 
jüngeren Ursprunges ist; denn er wird zuerst in der Regel des 
hl. Benedikt erwähnt. Dieselbe schreibt im \2. Kapitel vor, daß 
in den sonntäglichen Matutinen Psalm 66 in directum, ohne Anti- 
phonen, gesungen werde; in derselben Weise seien in kleinern 
Klöstern die Terz, Sext und Non zu psalmodieren (Kapitel 17). 
Offenbar wollte der Ordensstifter einer Ermüdung der Brüder durch 
die Wiederholung der Antiphone nach jedem Psalmvers vorbeugen, 
die zudem übermäßig viel Zeit in Anspruch genommen hätte. 
Auch in den Regeln des hl. Cäsarius und des hl. Aurelian begegnet 
uns der Psalmus directanens*. Noch im Ambrosianischen Brevier 
ist er vorgeschrieben und wurde, wie eine Rubrik hinzugefügt, 
gemeinsam von den beiden Chören und nicht abwechselnd ge- 
sungen •^. Manche Liturgiker haben die Ansicht ausgesprochen, die 



1 Gerbert I, 46. 

- Vgl. die Ausgabe von Wölfilin, Leipzig, Teubner 1895. 

3 Bekanntlich singt man noch heutzutage das Canticum Nunc dimittis 
mit der Antiphone Lumen ad revelationem zur Prozession am Lichtmeß- 
feste in ähnlicher Weise; auch das Invitatorium erinnert noch daran. Die 
alte Differenzenlehre in der Psalmodie hat die Wiederholung der Antiphone 
nach jedem Verse zur Voraussetzung. Das deutet auch der griechische Name 
für Antiphone TQont'ioioy (von rQtneiy, wenden; an. 

4 Migne, Palr. Lat. LXVII, 1102 und LXVIII. 395. 

5 Ordo Mediol. Ecciesiae des Beroldus bei Muratori, antiq. IV, 886, oder 
Ed. Magistretti 44. Auch das in der Paleographie musicale, Bd. V, heraus- 
gegebene ambrosianische Antiphonar aus dem 1 2. Jahrhundert schreibt den 
Psalmus directaneus vielmals vor. 



28 Das christliche Altertum. 

Psalmodie in directum sei eine gewöhnliche Rezitation ohne melo- 
dische Ausschmückung gewesen K 

Hauptpflegestätten der Psalmodie waren die Klöster: in ihnen 
wurden die liturgischen Formen zuerst fixiert, im Morgen- wie im 
Abendlande. Hier waren auch die Grundlagen für einen schönen 
Gesang eher vorhanden und eine Ordnung auch dieses Teiles der 
Gottes Verehrung notwendiger, als bei den in der Welt lebenden 
Christen, Die ersten kirchlichen Gesangschulen sind in den 
orientalischen Klöstern und nach ihrem Vorbild in denen des 
Okzidents entstanden. Die Ausbildung der Brüder im Gesänge 
wird den Vorsängern obgelegen haben. Der Aufschwung, den der 
Kirchengesang seit der Mitte des 4. Jahrh. nahm, geht im Grunde 
zurück auf die Tätigkeit der syrischen und ägyptischen Klöster. 
Antiochien und Alexandrien waren die Zentren der Bewegung; 
sie bedeuteten für die Kirchen des Orients, was im 7. und 8. Jahrh. 
die gregorianische Gesangschule für den Okzident wurde. Von 
Antiochien aus hatte die Antiphonie ihren Siegeslauf in die ganze 
Kirche angetreten, und in Alexandrien blühte die Gesangskunst der- 
art, daß überstrenge Asketen den Verfall des religiösen Lebens 
voraussagten. So machte Pambo, Abt des ägyptischen Klosters 
Nitria (im 4. Jahrh.), einem seiner Mönche, der in Alexandrien die 
Erzeugnisse des Klosters verkauft und die Herrlichkeit des Gesanges 
im Kloster des hl. Markus angehört hatte, und nun den Gesang 
der Kanones und Troparien, die er dort vernommen, in sein Kloster 
einführen wollte, bittere Vorwürfe und sah in der Beschäftigung 
mit solchen Dingen ein gewaltiges Verbrechen für einen Mönch-. 
Auch die Mönche auf dem Sinai verhielten sich gegen den Anti- 
phonengesang und alles, was über den einfachsten Psalmvortrag 
hinausging, streng ablehnend 3. Zum Glück für den liturgischen 
Gesang erhielten derartige Ansichten keine allgemeine Geltung: in 
andern Klöstern des Morgen- und Abendlandes wurde vielmehr auf 
schöne und kunstgerechte Ausführung der Psalmodie großes Ge- 
wicht gelegt. Der hl. Benedikt, der mit seltenem Scharfblick die 
Schönheit und Erhabenheit der liturgischen Funktionen mit der 
Strenge monastischer Observanz in Einklang zu bringen verstand 
und so eine Regel schuf, die zeitgemäß und lebenskräftig war, 
während diejenigen seiner Vorgänger allmählich verschwanden, be- 
schäftigt sich in den Kapiteln 7 — \ 9 seiner Regel ausführlich mit 



Also Tommasi, Bd. XI der Op. Greg. M. praef. XXXIV. 
Gorbert, scriptores I, 2. 
ßäumer, Breviergeschichte -127. 



Psalmen und Psalmodie. 29 

der Anordnung der liturgischen Psalmodie. Die Wellkirchen standen 
im Eifer für würdigen und schönen Kirchengesang den Klöstern 
nicht nach. Insbesondere pflegte man Knaben zur Erfüllung dieser 
Obliegenheit heranzuziehen; ihr Gesang gab den liturgischen Zu- 
sammenkünften besondern Glanz. In Karthago gab es um 484 
unter dem zahlreichen Klerus sehr viele Lectorcs infantuU, die bei 
der Psalmodie gute Dienste leisteten. Eine Inschrift von Lyon 552 
nennt einen Primicerms der ScJiola leetoncm, eine solche in Spanien 
redet von einem Princeps cantorum i. Was die Verhältnisse in Rom 
angeht, so ist es sicher, daß es daselbst sehr früh liturgische 
Sänger gab. Wenn auch die Gründung einer Sängerschule durch 
Papst Sylvester (314 — 336), wie Panvinius u. a. erzählen, geschicht- 
lich nicht nachweisbar ist, so ist ihre Existenz in der 2. Hälfte 
des 4. Jahrb. sehr wahrscheinlich 2. Die Einführung der Antiphonie 
für den Introitus der Messe durch Papst Cölestin I. setzt einen 
Chor geschulter Sänger voraus. Papst Sixtus (432 — 440) er- 
richtete ad Catacumbas eine klösterliche Gemeinschaft, mit der 
Bestimmung, daß sie die tägliche und nächtliche Psalmodie regel- 
mäßig pflegen sollte 3. Ganz in der Nähe der Basilika von St. Peter 
erstand dann unter dem Nachfolger des Sixtus, Leo dem Großen 
(440 — 461), ein Kloster, welches dem hl. Johannes und Paulus ge- 
widmet war, und dessen Bewohner die liturgischen Gebete und 
Gesänge in der Papstkirche zu besorgen hatten-*. Aus solchen An- 
fangen ist die später so blühende und einflußreiche römische Ge- 
sangschule hervorgegangen. 

Eingehendere Angaben über die musikahsche Gestalt der 
Psalmodie sind in den Schriften der alten christlichen Autoren 
leider nicht enthalten. Wir begreifen ihr Schweigen; sie waren 
keine Musiker von Fach und hatten Wichtigeres zu tun, als über 
etwas zu berichten, was ein jeder täglich in der Kirche zu hören 
Gelegenheit hatte. Andrerseits führte der liturgische Gesang bis 



1 Duchesne, origines 335. 

- Gerbert, de cantu I, 36: >Obwohl es zur Zeit des Papstes Sylvester 
und später mehrere große Basiliken in Rom gab, hatte dennoch nicht jede 
ihre eigenen Kleriker oder Mönche, um den heiligen Dienst zu versehen . . . 
Auch die tägliche Psalmodie war damals noch nicht in allen Klöstern üblich; 
denn bis dahin besaßen die einzelnen Basiliken nicht die nötigen Einkünfte, 
um Sängerkollegien zu unterhalten. So -wurde denn eine Schola Cantorum 
gegründet, die für die ganze Stadt gemeinsam war; und -wenn in einer 
Basihka eine Station, Prozession oder ein Fest gefeiert -wurde, so begaben 
sich alle Sänger dorthin und feierten das Offizium und die Messe.« 

3 Duchesne, hb. pontif. I, 236. 

4 Duchesne, ebenda 238. 



30 Das christliche Altertum. 

weit ins Mittelalter hinein eine mehr verborgene Existenz; während 
draußen in der Welt die Profanmusik allgemeiner Pflege sich er- 
freute, vererbten sich die liturgischen Lieder von Kantor auf Kantor, 
von Kloster auf Kloster. Friedlich und vom Geräusche der welt- 
lichen Musikübung unberührt, wurden sie von Generation zu Gene- 
ration überliefert. Die Musiker von Fach kannten nur die profane 
Musik, die liturgische lag in den Händen anderer, liturgischer Per- 
sönlichkeiten und überschritt nur selten die Türe des Gotteshauses. 
So kommt es auch, daß die Musikschriftsteller bis in die Karolinger- 
zeit sich um den liturgischen Gesang nicht kümmerten, weil sie 
mit ihm nichts zu tun hatten, ihn nicht aus persönlicher Übung 
kannten. 

Für den Anfang muß man, daran ist nicht zu zweifeln, eine 
der jüdischen Übung analoge Praxis annehmen. Wie es in der 
Natur der Sache liegt, wohl auch aus jüdischer Tradition, mag 
die Partie des Solisten ein reicheres musikalisches Gewand ge- 
tragen und der Entfaltung virtuoser Technik Vorschub geleistet 
haben. Ebenso ist es verständlich, daß die Psalmodie, an der 
sich die ganze Gemeinde beteiligte, einfacheres Gepräge trug. 
Kunstvolleren Weisen würden sich hier große Hindernisse in den 
Weg gestellt haben. 

Die Ansicht, daß der Kirchengesang bis weit ins Mittelalter 
hinein nur die Formen einfacher Rezitation, wie sie der gehobenen 
Aussprache des liturgischen Textes von selbst entfließen, gekannt 
habe, ist höchstens zutreffend für die ersten Jahrhunderte; sie 
trifft auch zu für einige ultrakonservative Klöster der späteren 
Zeit. Sie ist aber nicht aufrecht zu erhalten für die meisten 
klösterlichen Gemeinschaften und für die Weltkirchen seit der Mitte 
des 4. Jahrh. Es wäre ohne weiteres sehr sonderbar, wenn die 
Kirche nach ihrer Befreiung und unter dem Schutze der weltlichen 
Macht in ihrem Gesang über die simplen Formen nicht hinaus- 
gegangen wäre, welche vielleicht eine Notwendigkeit waren, so- 
lange sie ein mehr verborgenes Dasein fristen mußte. Auf diesem 
Standpunkte konnte der Kirchengesang aber nicht stehen bleiben, 
als alle anderen Künste sich anschickten, das Beste, was sie ver- 
mochten, dem Christengotte darzubringen. In den Basiliken des 
4. Jahrh., in welche alle Pracht und Herrlichkeit einzog, die der 
Mensch zu leisten vermochte, war die alte fast klagende Weise nicht 
mehr am Platze. Die Antiphonie haben wir in ihrem Siegeszuge 
durch die ganze Kirche verfolgt; auf sie wird sich aber das Streben 
nach schöneren und reicheren Formen und Ausdrucksweisen nicht 
beschränkt haben. 



Psalmen und Psalmodie. 31 

Eine Stelle in den Konfessionen des hl. Auguslinus wird meist 
hervorgezoi;en, um die Meinung zu bekräftigen, daß noch über das 
4. Jahrh. hinaus reichere melodische Formen dem Kirchengesang 
fremd gewesen seien. Und doch sagt sie das Gegenteil. Der 
große Bischof erwähnt eine Überlieferung , nach welcher der 
hl. Athanasius den Lektor angehalten habe, in so mäßigen Stimm- 
beugungen zu psalmodieren, daß die Psalmodie eher ein Sprechen 
als ein Singen war'. Isidor von Sevilla schreibt die Notiz ab und 
setzt berichtigend statt »Athanasius« die »Urkirche«^. Was besagt 
aber diese Stelle? Etwa, daß zur Zeit des Athanasius die Psal- 
modie noch immer entwickelter melodischer Formen bar war? 
Wenn der Heilige es für nötig hielt, den Vorsänger besonders in 
bezug auf seine Psalmodie zu instruieren, so müssen wir doch 
schließen, daß dieser sonst und ohne den besondern Auftrag nicht 
so einfach zu psalmodieren gewohnt war. So setzt die Bemerkung 
des Augustinus eine melodische Vortragsweise der Psalmen für 
die Kirche von Alexandrien geradezu voraus. Was Athanasius 
wollte, war eine Neuerung oder ein Zurückgreifen auf die archaische 
Übung, jedenfalls aber etwas, was zur Zeit des Augustinus als selt- 
sam und als ungewohnt angesehen wurde, wie aus dem gleich 
ausführlich zu behandelnden Zusammenhang hervorgeht. Gerade 
Augustinus ist Zeuge dafür, daß um das Jahr 400 die liturgischen 
Sänger andere Aufgaben losten, als einfach in Formen zu rezitieren, 
die ihre Kunst und Geschicklichkeit auf ein Minimum beschränkten. 

Es fehlt auch nicht an positiven Zeugnissen der christlichen 
Autoren, welche das melodische Moment im Kirchengesang in einer 
Weise hervorheben, die mit der Annahme einer immer nur rezi- 
tierenden Vortragsweise sich nicht vereinen läßt. Eusebius nennt 
die Psalmodie ein [xsXtoosTaOai ^, ein Ausdruck, der mehr besagt als 
bloßen Sprachgesang. An einer andern Stelle sagt er: wir singen 
die Psalmen in melodischen Weisen (6<ji6cp(üvov ixiXo^ h xaTc 
'\ialixoXo^(iaiq, dvaTr£[jL7:o[i,£v^). Chrysostomus nennt die Psalmen 
»prophetische Lieder, die mit vielem Wohlklang der Stimme und 
in passend komponierten Melodien gesungen werden^«. In der 
lateinischen Kirche kennt Augustinus soirar verschiedene Arten der 



1 Confess. IX, 33 : tarn modico flexitvocis facdebat sonarc lectorem psalmi, 
ut pronimtianti vicinior esset quam canenti. (Migne, Patr. Lat. XXXII, 80 0.) 

2 Migne, Patr. Lat. LXXXIII, 742: Primitiva ecdesia ita psallebat, ut 
modico flexu vocis faceret psallentem resonare ita ut, etc. 

3 In Psalm. 63. (Migne, Patr. Gr. XXIII, 647), vgl. oben S. 9. 

4 In Psalm. 91. (Migne, Patr. Gr. XXIII, 11 74.) 

5 Homil. ad Antioch. 59. Gerbert, de cantu I, 31. 



32 Das christliche Altertum. 

Lesung. Er hat gelegentlich den Ausdruck solcmnitcr legere] so 
berichtet er, daß am Karfreitag die Passion feierlich gelesen 
wurde 1. Damit kann nur ein Vortrag gemeint sein, der sich dem 
Gesänge mehr nähert, als die gewöhnliche Lesung. Ist dem so, 
so ergibt sich für die nicht unter die Bezeichnung der lectio 
fallenden Vortragsformen , insbesondere die Psalmodie , eine noch 
melodischere Fassung. Dies geht auch hervor aus dem Zusammen- 
hang, in welchem er die Einfachheit des alexandrinischen Gesanges 
unter Athanasius hervorhebt. Daß der Heilige für musikalische 
Wirkungen sehr empfänglich war, zeigt besonders die viel zitierte 
Stelle seiner Konfessionen 2, wo er den nachhaltigen Eindruck be- 
schreibt, den der durch Ambrosius in die mailändischen Kirche 
eingeführte Antiphonen- und Hymnengesang auf ihn machte: »Wie 
viel habe ich geweint bei den Hymnen und Liedern (canlica), tief 
bewegt durch die Stimmen Deiner süß ertönenden Kirche! Jene 
Stimmen drangen in mein Ohr und mit ihnen die Wahrheit in 
mein Herz. Sie weckten AfTekte heißer Andacht und Tränen, in 
denen mir wohl war.« Und doch machte sich der Heilige wieder 
Skrupel gerade wegen der tiefen Ergriffenheit und der Tränen, die 
er für eine Wirkung des sinnlichen Eindruckes des Gesanges er- 
klärt, und fährt fort: »Indem ich mich vor diesem trügerischen 
Eindruck zu hüten suche, irre ich aber wieder durch zu große 
Strenge, und dies so sehr, daß ich alle die süßen Melodien, mit 
denen die Psalmen Davids bei uns gesungen werden {melos oninium 
cantiknarum suavium, quibus Davidicmn Psalterium frcquentatur) 
von meinen Ohren und aus der Kirche verbannen möchte, und es 
scheint mir sicherer, was man mir oft vom alexandrinischen 
Bischof Athanasius berichtet hat, der den Psallisten in so mäßigen 
Stimmbeugungen singen ließ, daß sein Vortrag mehr ein Dekla- 
mieren als ein Singen war. Erinnere ich mich dagegen wieder 
der Tränen, die ich bei den Liedern Deiner Kirche vergossen, in 
den ersten Zeiten des wiedererlangten Glaubens, und werde ich 
nicht mehr so sehr durch den Gesang bewegt, als durch dasjenige, 
was gesungen wird, ■ — - mit flüssiger Stimme und überaus passen- 
der Modulation — dann sehe ich wieder den großen Nutzen dieser 
Einrichtung ein 3.« So befand sich der Heilige in einem zeit- 



1 Sermo 218, 1. (Migne, Patr. Lat. XXXVIII, 10S4.) A'och heute ist der 
Vortrag der Passion und der Lamentationen des Jeremias in der Karwoche 
eine Lectio solemnis. 

2 Confess. IX, 6—7. (Migne, Patr. Lat. XXXII, 7G9 ff.) 

3 Confess. IX, 33. (Migne, Patr. Lat. XXXII, 800.) 



rsalmen und Psalmodie. 33 

sollte oder nicht. Jedenfalls aber war der mailändische Gesang, 
auf den er Bezug nimmt, weit entfernt von der Einfachheit, die 
er dem Gesänge des Athanasius zuschreibt. Nach Gassian, der 
die liturgischen Gewohnheiten der Klöster des Orients ziemlich aus- 
führlich beschreibt und ein vollgültiger Zeuge für das Ende des 
i. Jahrh. ist, war in den ägyptischen Klöstern allerdings die 
archaische Art der Psalmodie noch in Ehren gehalten; er fügt aber 
hinzu, daß in andern Klöstern gewisse Psalmen durch Antiphonen 
und Hinzufügung besonderer Modulationen verlängert wurden '. 
Besonders der letztere Ausdruck ist für uns bedeutsam; es können 
damit nur vokalisierende Tonfiguren gemeint sein, und so ist diese 
Bemerkung Cassians das älteste Zeugnis für die Existenz 
melismatischen Gesanges in der Liturgie des Offiziums. 
Es verdient beachtet zu werden, daß Cassian von der Vigil redet, 
der Vorläuferin der Matutin, welche im ganzen Mittelalter und bis 
auf die Gegenwart Hauptträgerin des melismatischen Gesanges im 
Offizium ist. Dazu handelt es sich gar nicht einmal um die Solo- 
psalmodie der Vigil; der Zusammenhang, wie auch die Verbin- 
dung mit dem Antiphonengesang, macht zweifellos, daß Gassian 
die Chorpsalmodie im Auge hat. Ist aber für diese schon im 

4. Jahrh. eine Tendenz zu melismatischer Melodiebildung vorhanden, 
dann sind wir gezwungen, für die Partien des Vorsängers eine 
solche erst recht anzunehmen. 

Mit seiner Angabe sieht Gassian nicht allein da. Die Regel des 
hl. Benedikt enthält ähnliche Bestimmungen, deren Inhalt un- 
zweifelhaft ist, wenn man sie sich nur genau ansieht. Hier ist 
nicht außer acht zu lassen, daß der große Ordensstifter sich in 
vielem an die Übung der Klöster des Orients angeschlossen hat, 
und so wird die betreffende Notiz auch beweiskräftig für das 

5. Jahrhundert. Wieder handelt es sich um die Vigil. In bezug 
auf sie schreibt der Heilige vor (Kapitel 10), daß im Sommer, in 
der Zeit von Ostern bis Anfang November, nur eine Lesung (statt 



1 Quidam enim vicenos seil tricenos psalmos, et Jios ipsos antiphonarum 
profelaios melodiis et adjunctione quarundam modulationum debere singulis 
noetibus censuerunt. (Migne, Patr. Lat. LIX, 77.) Diese Stelle läßt sich 
übrigens auch zum Beweise dafür anführen, daß die Antiphonen zuerst nach 
jedem Psalmvers wiederholt wurden; von einer Verlängerung des Offiziums 
war nicht zu sprechen, wenn sie nur vor und nach dem ganzen Psalm ge- 
sungen worden wären. Die eigentümliche Anfügung melismatischer Gänge 
(Tropen) an Verse hat sich bis heute erhalten, so wird der Versikel nach 
dem Hymnus in gewissen Stellen des Offiziums, z. B. der Vesper, zwar auf 
einem Tone rezitiert, auf der letzten Silbe aber eine Vokalise angebracht. 

Wagner, Gregor. Melod. I. | 



34 Das christliche Altertum. 

dreier) gehalten werden solle und zwar aus dem alten Testament, 
und solle ihr ein brevis responsorius (psalmus) folgen. Das an die 
Lektionen in der Nokturn sich anschließende Responsorium muß 
also sonst ein längeres gewesen sein, und nur das Bedürfnis eines 
kürzeren Officium nocturnum für die Wochentage des Sommers 
veranlaßte ihn, ein kürzeres Responsorium anzuordnen. Seine 
Vorschrift ist nur verständlich, wenn man das kurze Responsorium 
(wie es von da an immer geblieben ist) als melodisch einfach auf- 
faßt im Gegensatz zu dem sonst gebräuchlichen, welches reicher 
gewesen sein muß. Wären die gewöhnlichen Responsorien damals 
nur syllabisch vorgetragen worden, dann wäre die Zeitersparnis, 
auf die es ankam, minimal gewesen, auch wenn der Text kürzer 
war; wohl aber war eine solche vorhanden, wenn die Responsorien 
sonst reicher gehalten waren, hier aber nur ein einfaches (etwa 
syllabisches) gesungen werden sollte. 

Nicht viel jünger als die Regel des hl. Benedikt ist die des 
Paulus und Stephanus (6. Jahrb.). Ihr entnehmen wir eine wert- 
volle Notiz, die das vorige ergänzt und auch dartut, welch feinen 
Sinn man für die Anforderungen der verschiedenen Teile der 
Liturgie besaß. Es heißt darin: »was zu singen ist [cantanda 
sunt), soll man nicht so verändern, daß eine Prosa oder eine Art 
Lesung herauskommt {in modum prosae et quasi lectionem mutemus), 
und was so aufgeschrieben ist, daß wir die Regeln der Lesung 
dabei anwenden [aut quae ita scripta sunt, ut ordine lectionum 
utamur), soll man nicht durch Tropen und die Kunst der Kantilene 
verändern {in tropis et cantilenae arte nostra praesumptione vertamus« i). 
Zwei Vortragsweisen liturgischer Texte sind hier namhaft gemacht, 
■die beide im Gottesdienste ihre Stelle fanden; man hielt es für 
nötig einzuschärfen, wo die eine und wo die andere zu gebrauchen 
sei. Die einfachere wird lectio genannt; die reichere ist wirklicher 
Gesang, in dem die Kunst der entwickelten Melodie zur Anwen- 
dung kommt. (Tropus ist der Name für melismatische Wendungen, 
der Art, wie sie Cassian beschreibt.) 

Wieder sei hier an die verschiedene Funktion erinnert, die im 
Ensemble der vom 4. Jahrhundert an mächtig sich entwickelnden 
Liturgie Solo- und Chorsesans; einnehmen. Die Vorsänfifer machten 



Licht strahlen zu lassen. Für die chorische Psalmodie blieben ein- 
fache Melodien auch weiterhin eine Notwendigkeit, da in diesem 



1 Migne, Patr. Lat. LXVI, 954. 



l'salmen und Psalinodie. 35 

Falle auch auf musikalisch nicht besonders begabte und geschulte 
Sänger Rücksicht zu nehmen war. Eine immer nur sich syllabisch 
fortbewegende Melodie konnte auf die Dauer den Vorsängern nicht 
genügen; sie würde wenig zu der Pracht, mit der man die Gottes- 
dienste auszustatten begann, gestimmt haben. Zudem gehörten die 
Texte der Sololieder, die Psalmen, fast ausschließlich der Galtung 
der Prosa an, wurden wenigstens damals als solche aufgefaßt. 
Während aber der metrische Text (wie die antike griechische Musik 
beweist] die Melodie leicht an die prosodischen Verhältnisse des 
Metrums fesselt, ist die Prosa eher einer Erweiterung des Textes 
durch reichere Melodik günstig ^ 

Man könnte sogar weiter gehen und, da der Sologesang drei 
Jahrhunderte früher in der Kirche gepflegt wurde als der Chor- 
gesang, sich die Frage vorlegen, ob nicht überhaupt der kunst- 
gerechte, mehr oder weniger entwickelte Gesang in der Kirche 
älter ist, als der einfache. Eine Stütze dieser Meinung könnte 
man in der Tatsache erkennen, daß gerade diejenigen Gesänge, 
welche die Geschichte der Liturgie als die ältesten aufweist, die 
Gradualresponsorien der Messe und die Responsorien des Offiziums, 
den reichsten angehören, welche das Mittelalter überhaupt über- 
liefert hat 2. 



1 Melismatische Melodiebildung war schon den alten Griechen bekannt, 
und zwar fällt ihr Gebrauch zusammen mit der Auflösung der gefesteten 
Dichtersprache in die Prosa. Bekannt ist, wie Aristophanes sich über die 
Melismen des Eurypides lustig macht (Frösche 1309 fr. £lsi£i£isisi?.t<Taeie]. 
Die Ägypter kannten schon im 3. Jahrb. vor Christus melismatische Tongänge 
auf den Vokalen und zwar in ihren liturgischen Gesängen zu Ehren der 
Götter. Vgl. Demetrius Phalereus (f "282) § 71 bei Gevaert, Melopee antique 
p. XXVIII. 

2 Selbstverständlich braucht man für das 4. und 5. Jahrh. nicht gleich 
den Reichtum der gregorianischen Sololieder in Anspruch zu nehmen, die 
unverkennbar das Werk hochauf.gebildeter Sänger sind, wie sie die römische 
Gesangschule besaß. Schon hier ist aber der Einwand abzuweisen, daß der- 
artige Gesänge durch diese Schule erst aufgekommen seien. Wäre dies der 
Fall, so könnte man nicht verstehen, warum z. B. die antiphonischen Meß- 
gesänge, wie der Introitus und die Communio, melodisch einfacher sind, ob- 
wohl auch sie von den Sängern der Schola cantorum ausgeführt wurden und 
von ihnen fixiert waren. Allem Anscheine nach sind die im Mittelalter und 
heute Tractus genannten Gesänge der letzte Rest der ursprünglichen Solo- 
psalmodie der Messe und in ihrer melodischen Fassung die Formen der ältesten 
Solopsalmodie erhalten. Mehr darüber später. Der Stilunterschied ist be- 
gründet in dem lange vor der Schola die Liturgie beherrschenden Gegensatz 
von Solo- und Chorgesang. Die noch einfachere Fassung der Gesänge des 
Gloria, Credo usw. erklärt sich ähnlich. Wie die Ordines romani bezeugen, 
wurden sie nicht von der Schola, sondern von allen am Altare assistierenden 

3* 



36 Das christliche Altertum. 

Hauplträger des melismalischen Gesanges ist das All ein ja. 
Das AUeluja -Singen stammt aus der Liturgie der Synagoge', wo 
es mit einer ganzen Reihe von Psalmen verbunden war. Diese 
allelujatischen Psalmen 2 haben noch in den heutigen Bibelausgaben 
die Aufschrift »AUeluja«. Bei der Herübernahme dieses Gebrauches 
in die christliche Kirche wagte man nicht, das hebräische Wort 
ins Griechische oder Lateinische zu übersetzen. Vielleicht haben 
die Judenchristen auch manche synagogale Allelujamelodie mit ins 
Christentum gebracht, und in manchem AUelujajubilus unserer 
Choralhandscbriften mag ein jüdischer Kern enthalten sein. Daß 
das Alleluja gern als Antwort der Versammlung auf die Psalmverse 
des Solisten gebraucht wurde, ist schon erwähnt worden. In dieser 
Hinsicht respondierten die ägyptischen Mönche das Alleluja nur 
bei den allelujatischen Psalmen 3. Zwar war das Alleluja ein häufig 
gebrauchter Ausruf christlicher Freude — fromme Eltern lehrten 
ihre Kinder in frühester Jugend das Alleluja singen^, die Schiffer 
riefen es sich von weitem auf dem Meere zu^, und laut es aus- 
rufend zogen christliche Heere in den Kampf*'; — seinen Haupt- 
platz hatte es aber in der Liturgie. Im Gegensatz jedoch zum 
Orient, wo es noch im Mittelalter täglich gesungen wurde, sogar 
am Karfreitag und bei Begräbnissen '^, war sein Gebrauch in der 
lateinischen Kirche beschränkt. In der Osterzeit sang man es über- 
all, und verschwenderisch ist es noch heute hier über die Liturgie 



Klerikern gesungen. Übrigens hat bis heute noch nicht der geringste Beweis 
dafür erbracht werden können, daß die liturgischen Gesänge der Handschriften 
unter Gregor I. erst geschaffen wurden. Wie im Zusammenhang noch wird 
ausgeführt werden, hat sein Werk einen ganz anderen Charakter; es setzt 
sich aus mehreren Schichten verschiedenen Alters zusammen; gerade die 
Gradualresponsorien gehören aber zu seinen ältesten Bestandteilen, wie sich 
aus ihren Texten ergibt. Es sei noch bemerkt, daß unter Kaiser Justinian 
der Chor der Kathedrale von Byzanz sich aus 1H Lektoren und 25 Kantoren 
zusammensetzte (Gerbert, de canlu I, 3 3). Er war also noch zahlreicher als 
die römische Schola cantorum. Jedenfalls waren die 25 Kantoren alle Vor- 
sänger, und die 1 l'l Lektoren besorgten die Chorpsalmodie. 

1 Isidor (De off. I, i 3) sagt : Landes, hoc est Alleluja canere, canticum 
est Hebracorum. (Migne, Patr. Lat. LXXXIIl, 7,50.) 

- Basilius nennt in seinem Briefe an Marcellinus Ps. 104 — lOß, 110- -11 5, 
118, 134, 146—150. Gerbert I, 57. 

3 Cassian 1. c. II, II. (Migne, Patr. Lat. XLIX, 101.) 

4 Hieronymus, Ep. ad Laetam. (Migne, Patr. Lat. XXII, 871.) 

5 Gerbert 1. c. 

6 Also feuerte der hl. Germanus die Briten zum Kampfe gegen die 
Angelsachsen und Schotten an. Beda ven. Hist. Angl. I, 20. (Migne, Patr. 
Lat. XCV, 49.;! 

"' Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 4 68. 



Psalmen und Psalmodie. 37 

ausgegossen. Für die andern Zeiten des Jahres gab es verschiedene 
Übungen. In Spanien sang man es nach dem Zeugnis des hl. Isidor 
täglich, mit Ausnahme der Fasttage und der Fastenzeit, in Afrika 
außer der Osterzeit nur noch an Sonntagen, und in der Regel des 
hl. Benedikt wird es nur für die Fastenzeit verboten. In den 
Schriften des hl. Augustinus ist vom Allelujasingen zur Osterzeit 
überaus häufig die Rede; in einer derselben nennt er den festlichen 
Gesang des AUeluja eine alte Gewohnheit der Kirche^. 

Der AUelujagesang ist von Anfang an melismatisch. Die 
gegenteilige Annahme widerspricht allem, was uns über die Eigen- 
art, Wirkung und Bedeutung des Allelujasingens überliefert ist. 
Man nannte das Singen in Melismen jubilare und die melismatische 
Melodie jubilus, und gab allerhand mystische Erklärungen für ihren 
Gebrauch. So sagt schon Augustinus in seiner Erklärung des 
99. Psalms: »Wer jubiliert, spricht keine Worte, sondern es ist 
ein Sang der Freude ohne Worte; es ist die Stimme des in Freude 
aufgelösten Herzens, das soviel wie möglich den Affekt auszu- 
drücken sucht, wenn es auch den Sinn nicht versteht. Wenn der 
Mensch in seinem Jubel sich freut, so geht er nach einigen Lauten, 
die nicht der Sprache angehören und auch keinen besonderen Sinn 
haben, über zum Jauchzen ohne Worte, so daß es den Anschein 
hat, er freue sich zwar, die Freude sei aber zu groß, als daß sie 
sich in Worte umsetzen lasse 2.« Diese Stelle legt das allgemeine 
menschliche Bedürfnis der Jubilatio dar; andere desselben Schrift- 
stellers beziehen sich auf ihre Anwendung im Dienste Gottes. In 
der Erklärung von Psalm 32 ruft er aus: »und für wen geziemt 
sich diese Jubilatio mehr als für den unaussprechlichen Gott? 
Unaussprechlich ist er, denn die Sprache ist zu arm für ihn; und 
wenn die Sprache dir da nicht helfen kann, du aber auch nicht 
schweigen darfst, was bleibt anderes übrig, als daß du jauchzest, 
daß dein Herz sich freut, ohne Worte zu sagen, und die uner- 



> Quod nohis cantare certo tempore solemniter moris est secimdmn 
Ecclesiae antiqttam traditionem. In Ps. CVI, 1. (Migne, Patr. Lat. XXXVIf, 
U19.) 

2 Migne, Patr. Lat. XXXVIt, -1272. Qui jubilat, non rerha dicit, sed 
sonus qiiidam est laetitiae sine rerbis: vox est enim animi diffusi laetitia, 
quantum potest exprimentis affectum, non sensum coniprehendentis. Gaudens 
hämo in exsultatione sua ex rerbis quibusdam, quae non possunt dici et in- 
telligi, erumpit in rocem quandam exultationis sine rerbis; ita ut appareat, 
eum ipsa roce gaudere quidem^ sed quasi repletum nimio gaudio, non possc 
rerbis explicare quod gaiidet. 



38 Dfis christliche Altertum. 

meßliche Weite der Freude nicht die Grenzen der Silben kennt i.« 
Nicht anders spricht sich Hieronymus aus: »Jubilus wird genannt, 
was weder mit Worten oder Silben oder Buchstaben, noch mit 
der Sprache überhaupt ausdrücken oder zusammenfassen kann, 
wie sehr der Mensch Gott loben soll 2.': Eine sehr klare und 
wichtige Stelle der vorgregorianischen Zeit über den Jubilus findet 
sich bei Cassiodor, in seiner Erklärung des Psalm 104. Er denkt 
da an die langgezogenen Allel ujajuliüen und ruft aus: »Dies (das 
AUeluja) ist in den Gotteshäusern heimisch und den heiligen Festen 
in angemessener Weise angepaßt. An ihm erfreut sich die Zunge 
der Sänger; fröhlich erwidert es die Gemeinde, und wie ein Gut, 
an dem man nie genug hat, wird es in immer wechselnden 
Melismen erneuert 3.« Es gab also in der Mitte des 6. Jahrhunderts 
eine Art des Alleluja, an welcher die liturgischen Sänger ihre Kunst 
zeigen konnten, und die mannigfache, abwechselnde Modulationen 
kannte. Weit entfernt, erst neuerdings aufgekommen zu sein, war 
sie schon Gegenstand einer gewissen Ordnung geworden. Man 
kann das so verstehen, daß an besonders freudigen Festen ein 
umfassenderer Gebrauch von den Jul)ilen gemacht wurde, als an 
den andern. 

Diese Stellen Augustins und Cassiodors setzen das Alleluja als 
selbständigen, überaus reich entwickelten Gesang voraus, der nicht 
von einem Texte begleitet ist; ausdrücklich wird der Gegensatz 
zum Worte hervorgehoben. Dasselbe wird nahegelegt durch die 
Bezeichnung »allelujatisches Lied«, die der Geschichtsschreiber 
der afrikanischen Ghristenverfolgung überliefert-^. 



1 Augustin, in Psalm. 32: et quem decet ista jubilatio, nisi intffahilem 
Deiim? Ineffahilis enim est, quemfari non potes: et si eum fari non potes 
et tacere non dehes, quid resiat, nisi ut jubiles, ut gaudeat cor sine verbis 
et immensa latitudo gaiidiorum metas non habcat syllabarum? (Migne, 
Patr. Lat. XXXYf. 283.) 

2 Hieronymus, in Psalm. 32: jubilus dicitur, quod nee rerhis nee syllabis 
ncc litteris nee roce potest erumpere aiit comprehendcrc, quantum hämo 
Deum debeat latulare. (Migne, Patr. Lat. XXVI, 970.) 

3 Cassiodor, in Psalm. 104: Hoc ecclesiis Dei votivum, hoc sanciis fesiiri- 
tatibus decenter accomodatum. Hinc ornatur lingua canioruin; istud aiila 
domini laeta respondet et tanquam insatiabile bonum tropis semper rari- 
anlibus innoratur. (Migne, Patr. Lat. LXX, 742.) Den Zusammenhang des 
Alleluja mit der Jubilatio bekräftigt Cassiodor in einem andern Zusammen- 
hange: Ecce Herum allelujatica nobis gaudia redierunt; ecce brevi prae- 
cipitur, ut domino totius psalmi jubilationc cantetnr. (In Ps. lOö, Migne, 
Patr. Lat. LXX, 753.) 

4 Victor Uticensis de persecut. Vandal erzählt von einem das Alleluja 
singenden Kantor: Quodam tempore paschalis solcmnitas agebatur, et dum 



Psalmen und Psalmodie. 39 

Aus den mitgeteilten Worten der Regula St. Pauli et Stephani 
geht hervor, daß die Sänger schriftliche Anhaltspunkte da- 
für hatten, ob in jedem einzelnen Falle die Lectio oder der aus- 
gebildete melodische Vortrag anzuwenden sei. An eine ausgeführte 
Notenschrift braucht man dabei nicht zu denken, allgemeine An- 
deutungen werden genügt haben i. Da die Zahl der liturgischen 
Melodien, sowohl des Offiziums, wie der Messe, nur eine geringe 
gewesen sein wird, — noch in den mittelalterlichen Handschriften 
finden wir dieselbe Melodie auf die verschiedensten Texte gesetzt — 
so konnte die mündliche Überlieferung eine schriftliche ersetzen. 
Erst später, als die Gesänge normiert wurden, ergab sich die Not- 
wendigkeit einer Aufzeichnung. Man hat daher die angeführte 
Vorschrift des Konzils von Laodicea, nach welcher nur die litur- 
gischen Sänger, die aus dem Pergament vortrugen, während 
des Gottesdienstes singen sollten, nicht so zu verstehen, daß sie 
im Besitze von aufgezeichneten Melodien waren. Den Text hatten 
sie auf einem Blatte vor sich ; die Melodie fügten sie selbst hinzu. 

Von einer Tonschrift ist in dem ältesten auf uns gekommenen 
liturgischen Schriftstück nichts zu bemerken. Dasselbe ist erhalten 
in einem Papyrus des Erzherzogs Rainer aus dem Anfang des 
4. Jahrb. und gibt uns Aufschluß über die responsoriale Psalmodie, 
wie sie um 300 im Orient gehalten wurde: das Blatt enthält auf 
einer Seite die Akrostichia zu dem Festpsalm von Epiphanie, auf 
der anderen dasjenige für das Fest des hl. Johannes des Täufers, 
welches in der ägyptischen Kirche am Tage vor Epiphanie gefeiert 
wurde. Auf dem recto steht folgender Text: 6 Y£vvr,6ci; sv 
Br/jXE£[x -/Oll dvarpacpslc sv NaCctpir, xaToixT|30tc sv VaKikaia, sioofAcV 
cjr,[x£iov i'z oupavou. (toj) dorepo;; cpavsvroc, Trot[jL£Vc?, dypauXouvTs? 
sGatiixaaav. (ou) yovl)-£jovt£? £X£yov. oo;a to; Fla-pi, aWr^kooia, 
6d;a TU) 'Yuo xal toi dyioj Ylwz6\ir/.~i, akXr^Xoöia^ aÜa^Xooia.^. Auf 
der andern Seite des Blattes: Tüßi i: 'E7.A£xto; 6 d-,'io; 'ItudvvTjC 



in quodain loco qui regia vocitatur, ob diei Paschalis honorem nostratn 
sibimet clausam Ecelesiam reserarent, comperiunt Ariani . . . et tunc forte 
alldiente et canente popido Dei, leetor unus pulpitu sistens Allelujaticu^n 
melos canebat; quo tempore sagitta in gictture jaculatus, cadente de manu 
codice, mortuus post ceeidit ipse. (Migne, Patr. Lat. LVIII, iGT.) 

1 Bemerkenswert ist trotzdem, daß bei Victor von Utica der Sänger des 
Alleluja einen Kodex in der Hand hält, vgl. die vorige Anmerkung. 

2 »Der du geboren bist in Bethlehem, erzogen in Nazareth, und gewohnt 
hast in Galiläa; wir sahen dein Zeichen am Himmel; als der Stern erschienen, 
da wunderten sich die Nachtwache haltenden Hirten; auf die Knie gefallen, 
sagten sie: Ruhm sei dem Vater, alleluja, Ruhm dem Sohne und dem 
hl. Geiste, alleluja, alleluja, alleluja.« 



40 Das christliche Altertum. 

6 '^aüziozi^c, 6 xrjp'j;7.c ;j,£Tavoiav sv oho tä xojijko ci; ä'^Eziv tiöv 

Man pflegte also wechselnde Gesangstücke für bestimmte Feste 
auf einzelne Blätter zu schreiben; in unserem Fall sind nur die 
Akrostichia gesetzt, der Psalm selbst muß den Anwesenden ge- 
läufig gewesen sein. Bickell- vermutet, der Festpsalm sei zu An- 
fang der Liturgie zwischen der alt- und neutestamentlichen Lesung 
gesungen worden, so daß wir hier die älteste Form des Gradual- 
responsoriums der Messe hätten. Das Akrostichion für das Fest des 
hl. Johannes ist nicht umfangreich und wurde nach jedem Psalm- 
vers wiederholt, dasjenige für Epiphanie ist in drei Teile geteilt, 
die nacheinander für ebenso viele Teile des Festpsalms (nach Bickell 
Ps. 32) als Responsorien gebraucht wurden. Nach Bickells scharf- 
sinniger Vermutung enthalten die rätselhaften (oben eingeklammer- 
ten) Worte 7(0 und rJj den Hinweis auf die Psalmverse, von 
denen an der ihnen folgende Teil des Akrostichion gebraucht 
werden solle. Nach den ersten fünf Versen wiederholte der Chor 
jedesmal das erste Drittel von 6 -^'zv^rjHic bis aarspoc; vom sechsten 
an, der mit to) beginnt, respondierte man das zweite Drittel bis 
YovuTtsaovTs; ; das dritte Drittel war endlich das Responsorium für 
den letzten Teil des Psalms, der (V. 16) mit ou beginnt. Be- 
merkenswert ist auch noch, daß die Doxologie den Schluß des 
Akrostichions bildet, während sie später immer mit dem Psalm 
verbunden wird. 



1 >Am 5. Januar: Auserwählt ist der hl. Johannes der Täufer, der Buße 
verkündete auf der ganzen Erde, zur Vergebung unserer Sünden.« 

2 Bickell, Mitteilungen aus der Sammlung der Pap. Rainer iSST, Bd. II 
und III. 



II. Kapitel. 

Die HyiimeD. 

Außer dem Psalter und den übrigen lyrischen Partien der 
hl. Schrift werden in den ersten christlichen Jahrhunderten noch 
weitere Lieder erwähnt. Welcher Art der Hymnus war, den der 
Herr am Tage vor seinem Leiden mit den Aposteln betete.^, ist 
nicht festzustellen. Der Apostel Paulus redet von einem Charisma 
des Psalniensingens^; er meint damit neue, aus der feierlichen 
Andachtstimmung hervorgegangene Lieder. Tertullian überliefert, 
daß bei den Agapen, > nachdem die Lichter angezündet waren und 
man sich die Hände gewaschen hatte«, jeder vortreten und Gott 
aus den hl. Schriften oder eigener Inspiration folgend preisen 
durfte^. Origines bezeugt, daß »die Griechen auf griechisch, die 
Römer auf lateinisch und so jedes Volk in seiner Sprache zu Gott 
betete und ihm nach Kräften Hymnen sang^«. Nicht ohne Grund 
hat man in manchen Partien des neuen Testamentes solche im- 
provisierte Lieder gesehen s, so im 4. und 5. Kapitel der Apoka- 
lypse u. a.6. Die durch das Christentum zugeführte Gedankenwelt 



1 Matlh. XXVI, 30. Marc. XIV, i6. Die Priscillianisten behaupteten, den- 
selben zu besitzen, der hl. Augustinus erklärte den ihren aber für apokryph 
(Migne, Patr. Lat. XXXIII, 1034 ff.). Karl der Große hätte gern gewußt, wo 
dieser Hymnus geblieben sei; sein liturgischer Berater Alcuin gab ihm zur 
Antwort, er sei in dem Gebete Job. 4 7 erhalten, daß der Herr für seine 
Jünger an seinen Vater richtete (Migne, Patr. Lat. C, 428 ff.). Vielleicht war 
dieser Hymnus der in der jüdischen Liturgie für das Oslermahl vorgeschriebene 
(Psalm 14 2—117, Schluß des Hallel.). 

2 1. Corinth. XII, am Ende. 

3 Apologie 39. (Migne, Patr. Lat. I, 540.) 

4 Contra Celsum 8, 37. (Migne, Patr. Gr. 11, 1574.) 

5 Bäumer im Kirchenlexikon von Wetzer und Weite, 2. Aufl. VI. 521, 
dessen Artikel >Hymnus« überhaupt für das ganze Kapitel zu vergleichen ist. 
Ausführliches über solche Lieder auch bei Probst, Lehre und Gebet in den 
3 ersten christl. Jahrb. Tübingen 1871, 256 ff. 

6 Nach Eusebius (Kirchengesch. II, 17). hatten auch die Therapeuten der- 
artige >neue Psalment, und er fügt hinzu, daß sie nicht nur die altern Hymnen 
ausgezeichnet verstanden, sondern auch neue »in mannigfachen Metren und 
sehr ehrbaren Weisen« verfaßten. 



42 Das christliche Altertum. 

bot die Anregung zu derartigen Schöpfungen tausendfach dar und 
hat nie aufgehört, begabte und fromme Christen zu herrlichen 
poetischen Erzeugnissen zu begeistern. Alle die späteren Lieder, die 
nicht den heiligen Schriften entnommen sind, wie die Hymnen, 
Sequenzen, das kirchliche Volkslied u. a., hängen innerlich zusammen 
mit diesen Schöpfungen des Urchristentums. 

Häufig wurden derartige Dichtungen Psalmen genannt, wie 
denn die Ausdrücke Psalmen und Hymnen vielfach noch lange in 
der allgemeinen Bedeutung von »geistliches Lied«, gebraucht wurden. 
Erst allmählich hat sich für das AV'ort Hymnus die Bedeutung einer 
metrischen Dichtung herausgeschält, zum Preise christlicher Wahr- 
heit oder Tatsachen, bestimmt gesungen zu werden. Zuerst aber 
ist der Begriff des Hymnus ein weitgehender i. So werden Hymnen 
genannt die in den apostoUschen Konstitutionen (VH, 47) erwähnten 
zwei Lieder, die beim liturgischen Morgen- und Abendgebet ge- 
sungen wurden, und welche die Urversion unseres Gloria in excelsis 
'der Messe) und des Te decet laus (Schluß der Sonntagsmatulin 
im Benediktinerbrevier) sind. Ein sehr alter Abendhymnus ist das 
Lumen hilare (<l>(ric iXapöv ayia: ou/j;). Clemens von Alexandrien 
ist berühmt als Verfasser zweier Hymnen, an den Erlöser und an 
den Erzieher 2, von denen besonders der erstere ein bewunderungs- 
würdiges Denkmal der ältesten Hymnodik ist. Zu Ehren der 
hl. Dreieinigkeit verfaßte der Märtyrer Athenogenes eine Dichtung 3. 
Um das Jahr 200 lebte der ägyptische Bischof Nepos, dessen 
Hymnen und Psalmen noch zur Zeit des Eusebius beliebt waren 4. 
Jünger ist der hl. Methodius (f 311), von dem ein Gedicht auf 
Christus und die hl. Jungfrau überliefert ist. 

Schon im 3. Jahrb. waren außerbiblische Dichtungen dermaßen 
eingewurzelt und erfreuten sich einer so großen Beliebtheit, daß 
das Konzil von Antiochien (269) dem Bischof dieser Stadt Paul 
von Samosala einen Tadel dafür aussprach, daß er sie in seiner 
Kirche abgeschafft hatte, »weil diese Psalmen nicht dem davidischen 
Psalter entnommen, sondern neuern Ursprungs wären s«. Anderer- 



1 Der hl. Ambrosius definiert den Hymnus also: Cantus cum laude dei. 
Si laudes deum, et iion canias, non dicis hymniim. Si cantes, et non 
laudas deum, non dicis hymnum. Si laudes aliquid, quod non pertinet ad 
laudem dei, etsi cantando laudes, non dicis hymnum. Hymnus ergo tria 
isla habet, et canticum, et laudem et dci. Gerbert, de cantu I, 74. 

2 Migne, Patr. Gr. VIII, 681 ff. 

3 Migne, ebenda XXXII. 205. 

4 Euseb. Kirchengesch. VII, 24. (Migne, Patr. Gr. XX, 693.) 

5 Eusebius, VII, 30. (Migne, Patr. Lat. XX, 709 ff.) 



Die Hymnen. 43 

seits gab ihre Popularili'it den Häretikern schon früh Veranlassung, 
ihre Lehren vermittelst derselben ins Volk dringen zu lassen. In 
der zweiten Hälfte des 2. Jahrb. verbreiteten Marcion und der 
Gnostiker Valentin, der um 153 nach Rom kam, häretische Psal- 
men, von denen TertuUian berichtet i. Ein vollständiger gnostischer 
Psalter mit 150 Psalmen stammte von Bardesanes (f 223) und 
seinem Sohn Harmonius ^. Die apokryphen Akte der Apostel 
(um 200) enthalten vielfach gnostische Psalmen. Der hl. Epiphanius 
kannte ähnliche Werke des Hierax 3. Solche Lieder stifteten 
manches Unheil an, zumal die Irrlehrer es verstanden, ihnen eine 
gewinnende musikalische Form zu geben. Besonders war es Arius, 
der sich so viele Anhänger schuf, und mit Rücksicht auf den der 
hl. Ephräm sagte, die Irrlehrer hätten die Pest des Verderbens in 
das Gewand musikalischer Schönheit gehüllt. Auch der hl. Atha- 
nasius klagt über seine weichlichen Lieder ■*. 

Um dem Unwesen radikal zu steuern, verbot das Konzil von 
Laodicea (zwischen 360 und 381) in seinem 59. Kanon, in der 
Liturgie etwas zu singen, was nicht in der hl. Schrift enthalten 
war 5, ein Beschluß, der zur Folge hatte, daß die meisten der- 
artigen Schöpfungen auch katholischen Ursprunges verloren gingen. 
Der Name, den ihnen das Konzil beilegt, ist Psalmi idiotici. 
Andere Hirten verkannten aber nicht das Gute, das sich auf diesem 
Wege erreichen ließ, und bestrebten sich, die Auswüchse abzu- 
schneiden, die Sache selbst beizubehalten, die orthodoxe Lehre wo- 
möglich in noch schönere Formen zu kleiden und in noch schöneren 
Melodien singen zu lassen. Diese Auffassung hat dann den Sieg 
davongetragen, und dies ist der Standpunkt, den die Kirche das 
Mittelalter hindurch und bis zur Stunde eingenommen hat. Nicht 
nur hat sie in ihre engere Liturgie Lieder, Hymnen aufgenommen, 
die nicht den heiligen Schriften entstammen, sie hat zugelassen, 
daß in der Volkssprache die Gläubigen Gott Lob und Preis. Buße 
und Reue, Dank und Anbetung zollen, wenn es auch Zeiten gab, 
welche den Volksgesang in der Kirche auf ein Minimum beschrän- 
ken oder ganz verbannen wollten. 



1 Liber de carne Christi, 17 und 20. (Migne, Patr. Lat. II, 781 und 786.) 

2 Sozomenus, Hist. eccl. IIT, 16. (Migne, Patr. Gr. LXVII, 1090.) 

3 Haeresis, 67, 3. (Migne, Patr. Gr. XLII, 175.) 

4 De decretis Nicaeni synodi, 16. (Migne, Patr. Gr. XXY, 451.) Daß 
man in Miiet Hymnen mit Händeklatschen und Tanzbewegungen begleitete, 
ist schon oben erwähnt worden, vgl. S. 1 6. 

5 Denselben Standpunkt vertrat im 7. Jahrh. ein spanisciies Provinzial- 
konzil und im 9. Jahrh. der Gegner des Amalar, Agobard von Lyon, wovon 
noch im Zusammenhang die Rede sein wird. 



44 Das christliche Altertum. 

Der hervorragendste Hymnendichler des Orients ist der 
hl. Ephräm, der Syrer (306 — 373). In ihm erreicht nicht nur die 
syrische Hyninodik ihren Höhepunkt; seine Gedichte wurden von 
großer Bedeutung auch für die Entwicklung der neuen Form in 
der griechischen und lateinischen Kirche. Schon zu seinen Leb- 
zeiten erhielten sie Heimalrecht in der syrischen Liturgie ; noch 
in den spätem Sammlungen nehmen sie den ersten Platz ein. Da 
die Werke der altern orientalischen Hymnendichter meist (wie die 
des Bardesanes und Harmonius) zugleich mit den gnoslischen u. a. 
Irrlehren dem Untergange anheimfielen, so gehören Ephräms 
Hymnen zu den ältesten, noch jetzt liturgisch verwendeten. Er 
fand Nachfolger in seiner eigenen Kirche; als solche ragen hervor 
Gyrillonas (2. Hälfte des 4. Jahrh), Baläus, Rabulas und Isaac der 
Große (1. Hälfte des 5. Jahrh.) und Jacob von Sarug (f 521). 

Die bedeutsame Einwirkung der syrischen Hymnenpoesie auf 
diejenige der Folgezeit beruht auf der in Ephräms Hymnen durch- 
aus zur Herrschaft gelangten rhythmischen Auffassung der 
poetischen Formen i; der Vers gründet sich nicht auf das antike 
Gesetz der Quantität, die lange und kurze Silben miteinander ver- 
bindet und aus ihren Zusammenstellungen die verschiedenen Vers- 
füße ableitet, sondern auf das Prinzip des Wortakzentes und der 
Silbenzählung. Der Wechsel von betonten und unbetonten Silben, 
von Hebung und Senkung ist sein formales Bildungselement ; dazu 
kommt für die zueinander gehörigen Verse die Gleichzahl der 
Silben, wenigstens der Hebungen. Die neue poetische Form der 
rhythmischen Dichtung, für welche von einem hervorragenden 
Forscher semitischer Ursprung in Anspruch genommen wird 2, 
sollte bahnbrechend für die Folgezeit werden. Die ihr zugrunde 
liegende Auffassung der Sprache hat hervorragend musikalischen 
Charakter und erwies sich gerade für die musikalische Form- 
gebung des liturgischen Gesanges im ganzen Mittelalter als äußerst 
fruchtbar. 

Schon Ephräms Zeitgenosse, Gregor von Nazianz, hat sie 
auf die kirchliche Poesie der Griechen übertragen, ohne die alt- 
klassische Dichtungsform ganz aufzugeben 3. Seine Nachfolger, die 



1 Hubert Grimme, Der Strophenbau in den Gedichten Ephräms des 
Syrers (Collectanea Friburgensia II, Freiburg. Schweiz 1893), wo die ver- 
schiedenen poetischen Formen Ephräms analysiert sind. 

2 W. Meyer, Anfang u. Ursprung der lat. u. griech. rhythmischen Dichtung. 
Abhandlungen der bayr. Akademie der . Wissenschaften, München 1885, 
S. 270 — 450. 

3 Grimme, 1. c, 77 Ü". 



Die Hymnen. 45 

byzantinischen Dichter der spätem Zeit, gingen auf demselben 
Wege weiter. Derjenige, der die lateinische Kirche mit der von 
Syrien über die griechische Kirche verbreiteten Hymnodik bekannt 
machte, ist der hl. Hilarius von Poitiers (f 366). Von Con- 
stantius 356 in den Orient verbannt, hatte dieser unermüdliche 
Kämpfer gegen den Arianismus Gelegenheit, sich mit den syrischen 
und griechischen Hymnen bekannt zu machen und den segensreichen 
Einfluß zu beobachten, den sie auf das Volk ausübten. In seine 
Heimat zurückgekehrt, übersetzte er einige dieser Dichtungen ins 
Lateinische und fügte eigene hinzu. Der spanische Liturgiker Isidor 
von Sevilla nennt ihn ausdrücklich den ersten lateinischen Hymnen- 
dichter', und der hl. Hieronymus kannte von ihm ein Buch 
Hymnen 2; sie sind fast alle verloren gegangen bis auf einige, die 
1884 von Gamurrini in einer Handschrift zu Arezzo (die auch die 
Peregrinatio Eutheriao enthält) gefunden wurden. Hilarius fand bei 
seinen Landsleuten kein rechtes Verständnis für seine Schöpfungen 3, 
und so ist nicht er, sondern der hl. Ambrosius (f 397) von 
Mailand für die glänzende Entwicklung bestimmend geworden, 
welche die neue Form im Abendlande nehmen sollte. In den 
Tagen der Not und des inbrünstigen Gebetes, als er mit seinen 
Getreuen in seine Basilika sich eingeschlossen hatte, um diese vor 
der Besitznahme durch die Arianer zu retten, und jene mit der 
antiphonischen Psalmodie bekannt machte, lehrte er sie auch einige 
von ihm verfaßte Hymnen singen'*. Er vermochte das Volk da- 
mit dergestalt zu begeistern, daß die Arianer ihm vorwarfen, er 
habe es bezaubert^. 

Der Gegensatz der Hymnen des Ambrosius gegen die des 
Hilarius ist groß, und die seinen sind vollständig, in Inhalt und 
Form ausgereifte Kunstwerke. Christliche Gedanken in herrlicher 
Sprache, die dennoch einfach und volkstümlich ist, im Gewände 



1 De ofOc. I, 6: Hilarius, Oallus episcopus Pictarc7isis, eloquentia con- 
spicuus hymnorum carmine floruit primus. (Migne, Palr. Lat. LXXXIII, 743.) 

2 De viris illustribus. (Migne, Patr. Lat. XXIII, 699.) 

3 Nach einer Bemerkung des hl. Hieronymus (Migne, Patr. Lat. XXVI, 
355) nannte Hilarius die Gallier: in hymnomm carmine indociles. Nach der 
Gamurrinischen Ausgabe sind die Hymnen des Hilarius neuerdings wieder von 
Dreves in den Analecta hynmica niedii aevi Bd. L S. 4ff. veröffentlicht worden. 

* Augustin, Confess., IX, 7. (Migne, Patr. Lat. XXXH, 770.) Paulinus, 
vita Ambrosii, \i. (Migne, Patr. Lat. XIV, 31.) 

5 Ambrosius contra Auxentium (Migne, Patr. Lat. XVI, 'I0'I7): Hymnorum 
mcorum carminibus populuin decepfurn colunt. Plane nee hoc abnuo. 
Orande Carmen istud est, et quo nihil potentius, quam confessio Trinitatis, 
qiiae quotidie totius popiili ore celebratur. 



46 Das christliche Altertum. 

klassisch antiker Form, das ist die Signatur seiner Hymnen, die 
sämtlich aus 8 Strophen mit je 4 Zeilen bestehen. Alle Verse 
sind in jambischen Dimetern geschrieben. Da die Hymnen des Ani- 
brosius viele Nachahmerfanden, so wurde der Name »Ambrosianisch« 
ein Gattungsname für Hymnen, die in der Art der Dichtungen des 
hl. Ambrosius verfaßt sind^. Welche von diesen »Ambrosianischen« 
Hymnen den Heiligen selbst zum Autor haben, darüber sind die 
Meinungen immer noch geteilt 2. Daß die vier Hymnen 

Aeternc verum conditor 
Dens Creator omnium 
Jam surgit hora tertia 
Vcni redemptor gentium 

von Ambrosius stammen, ist sicher, da sie durch Augustinus be- 
zeugt sind 3. Ein mailändischer Gelehrter, Biraghi ', hat auf Grund 
der Übereinstimmung der ältesten mailändischen liturgischen Bücher 
außer den vier oben genannten noch 1 4 Hymnen dem Ambrosius 
zugesprochen, die ich, um den gegenwärtigen Stand der Frage zu 
kennzeichnen 5, folgen lasse : 



1 Schon die Regel des hl. Benediiit l<cnnt diese Bezeichnung, und Walafrid 
Strabo (de reb. eccles., Migne, Patr. Lat. CXIV, 934) sagt mit Rücksicht darauf: 
In officiis qiioque, quae b. Benedietiis abbas ordinarit, hymni dieuntur per 
horas canonicas, quos Ambrosianos ipse noniinans, rel illos vidt inteUigi 
quos confecit Ambrosius, rel alias ad imitationem Ambrosianormn com- 
positos. Seiendion tarnen midtos pidari ab Ambrosia facios, qui nequa- 
qicarn ab illo sunt editi. Mit »Ambrosiani« werden immer nur die Hymnen 
bezeichnet, nie aber die andern Gesänge der mailändisch-ambrosianischen 
Liturgie. Neuere Scliriftstellor liabcn dies nicht beachtet und, weil einige 
mittelalterhche Autoren den »Ambrosiani« metrische (modern gesprochen 
Takt-)Form zuschreiben, die ungereclilfertigte Ansicht ausgesprochen, die 
Gesänge der ambrosianischen Litui'gie seien überhaupt im modernen Takt ge- 
sungen worden. 

2 Man vgl. Chevalier, Poesie liturgique du moyen äge, Rhythme et 
Historie 1893, der vollständig über die Streitfrage orientiert, S. 69 ff. wie auch 
das Dictionnaire d'Archeologie chretienne et de liturgie von Cabrol I, S. IS-i? ff. 

3 Augustin, Retract. I, 21 (Migne, Patr. Lat. XXXH, 61 8\ Confess. IX, 12 
(Migne, Patr. Lat. XXXII, 777), De natura et gratia 63 (Migne, Patr. Lat. 
XLIV, 284), Sermo 372 (Migne, Patr. Lat. XXXIX, 1663). 

* Biraghi, Inni sinceri et carmi di S. Ambrogio. Mailand 1862. 

5 Biraghis Resultate sind von Dreves, (Aurelius Ambrosius, Freiburg 
1893) übernommen worden. Vgl. auch A. Steier, Untersuchungen über die 
Echtheit der Hymnen des Ambrosius. Leipzig 190 3, In den Analecta hymnica 
medii aevi Bd. L S. 1 1 ff. hat Dreves die Hymnen des Ambrosius nach den 
handschriftlichen Quellen neu herausgegeben. 



Die Hymnen. 47 

Splendor 2)aternae gloriae Hie est dies verus Dei 

Nunc sancte nobis spiritus Victor Nabor, Felix, p)ii 

Rector potens, verax deiis Grates tibi, Jesu, novas 

Rerum deus tenax vigor Apostolorum passio 

Ämore Christi nobilis Apostolorum supparem 

llluminans altissimus Acterna Christi ^nunera 

Agnes beatae virginis Jesu corona Virginum. 

In die Fußstapfen des Ambrosius traten der hl. Augustinus 
(f 430), der gegen die Donatisten (um 393) einen Gesang verfaßte, 
den er Psalm nennt, der aber auch als Hymnus angesehen werden 
kann : Omnes qid gaudetis pace, modo verum judieate ^. Sein Zeit- 
genosse Paulinus, Bischof von Nola (f 431), war Verfasser eines 
Buches Hymnen 2, welches nicht auf uns gekommen ist. Außer- 
halb dieses durch Ambrosius angeregten Kreises steht dessen älterer 
Zeitgenosse Marius Victorinus Afer (f 370), unter dessen 
Werken drei Hymnen auf die heilige Dreifaltigkeit sich befinden 3, 
ohne metrischen oder rhythmischen Bau, die vielleicht sich mehr 
der Art des Hilarius näherten. Von ihnen sind Stücke in das 
heutige Offizium de Trinitate aufgenommen worden. Auch dem 
Papste Damasus (f 384) werden Hymnen zugeschrieben**; einige 
darunter drangen in die mittelalterliche Liturgie [Martyris eece dies 
von der hl. Agatha, Decus sacrati nominis vom hl. Andreas, und 
Jam dudimi Saidus von der Conversio S. Pauli). 

Der hervorragendste Hymnendichter der unmittelbar auf Am- 
brosius folgenden Zeit ist der Spanier Prudentius (f nach 405), 
der sich noch ganz in den Formen der klassischen Poesie der 
Alten bewegte und neben Ambrosius eine mehr selbständige Stel- 
lung einnimmt. Er ist Verfasser zweier Hymnensammlungen, des 
Kathemerinon (Hymnen für jeden Tag) und Peristephanon (solche 
zu Ehren der Märtyrer). Einige seiner Hymnen drangen in die 
spanische, später auch in die römische Kirche, die von ihm fol- 
gende im Gebrauch hat: 



1 Retractaliones I, 20. (Migne, Patr. Lat. XXXII. 617.; 

- Gcnnadius (5. Jahrb.), de viris illustribus 48, schreibt ihm ein Hymnarium 
zu. (Migne, Patr. Lat. LVIII, 1083.) Dieser Pauhnus ist mit dem gleich- 
namigen Biographen des hl. Ambrosius nicht zu verwechseln. Einige der Ge- 
dichte des Paulinus vgl. in den Analecta hymnica Bd. L, S. 48 ff. 

3 Migne, Patr. Lat. VIII, 1 1 39 ff. 

* Chevalier, 1. c, 67. 



48 Das christliche Altertum. 

Ales diei nuntius (Dienstagslaudes) 

Aiidit tyran?ius anxius \ ^^ , , , x.. , % 
o 1 . n , \ Unschuld. Kinder 

balvete flores martyrum ] ^ ' 

Lux ergo surgit aurea (Mittwochslaudes) 

Nox et tenehrae et lumina (Donnerstagslaudes) 

sola magnarum urbium (Epiphanie) 

Quicumque Christian quaeritis (Verklärung Christi). 

Die meisten dieser Hymnen sind Zusammenstellungen einzelner 
Strophen größerer Gedichte'. Mit Prudentius kann man die latei- 
nische Hymnodik der ersten Jahrhunderle abschließen. 

Wie hat man die alten Hymnen gesungen? In Syrien und 
Griechenland muß die Hymnenmusik sich eng an den Volksgesang 
angelehnt haben. Gewiß hat man — so ist es auch später ge- 
halten worden — im Volke lebende Melodien dazu verwendet, um 
die Hymnen selbst populär zu machen. Sonst wissen wir über 
ihr musikalisches Aussehen nichts; es scheinen aber die nicht selten 
komplizierten poetischen Formen eine große Mannigfaltigkeit der 
Melodien herbeigeführt zu haben. 

In der lateinischen Kirche haben die Hymnen von Anfang an 
eine noch ausgeprägter populäre Form gehabt. Die Teilung des 
Gedichtes in gleich gebaute Strophen, der Strophen in gleich viele 
gleich gebaute Verse, ein solcher Bau ist in hohem Grade volks- 
tümUch. Er bedingt eine Melodie, die für alle Strophen wieder- 
holt werden kann, in ihrer Ausdehnung und Gliederung genau die 
einzelnen Verse widerspiegelt. Im allgemeinen wird jede Text- 
silbe nur einen Ton erhalten haben; das ist die Norm für das 
Volkslied aller Zeiten, und für Melodien, die von größeren Mengen 
vorzutragen sind, ist eine solche Melodiebildung eine Art Notwendig- 
keit. Ob nun Ambrosius und seine Nachfolger auch die Melodien 
ihrer Hymnen komponierten, oder ob sie zu allgemein beliebten 
Weisen ihre Zuflucht nahmen, sicher ist, daß ihre Melodien melo- 
disch einfach waren. Die Melodien der Hymnen im Ambrosianischen 
Brevier sind von einer solchen einfachen Struktur, und manche 
derselben mögen aus dem 4. oder 5. Jahrb. stammen, besonders 
solche, die nachweisbar mit Texten gesungen wurden, die Am- 
brosius zum Verfasser haben. 



Vgl. die Neuausgabe von Dreves in der Analecta hyinnica Bd. L., S. 2311. 



III. Kapitel. 
Allgemeines über die Eiitwickluiig der Liturgie und des 



Die Entwicklung des Kirchengesanges aus den bisher geschil- 
derten Anfängen hat sich in der griechischen und lateinischen Kirche 
in verschiedener Weise vollzogen; beide besitzen seit langem ihren 
eigenen Gesang. Bis zum großen Schisma (um 1050) haben je- 
doch Beeinflussungen der lateinischen Liturgie durch die griechische, 
d. h. byzantinische, stattgefunden, die nicht ohne musikalische 
Folgen blieben. Wieviel überhaupt die lateinischen Liturgien in 
ihren filtesten Formen denen des Ostens verdanken, das ist im Zu- 
sammenhang noch nicht untersucht worden. 

Zwei Tatsachen geben in dieser Hinsicht namentlich zu denken. 
Erstens war bis zum Ende des 3. Jahrb. liturgische Sprache in Rom das 
Griechische, nur nebenbei existierte als solche das Lateinische. Der 
hl. Paulus schrieb seinen Brief an die Römer in griechischer, nicht 
in lateinischer Sprache, und was uns an religiösen Denkmälern 
aus dem christlichen Rom der ersten Zeit erhalten ist, ist in griechi- 
scher Sprache abgefaßt. Zuerst ist demnach die Liturgie in Rom 
griechisch abgehalten worden, also hat man auch griechisch gesungen. 
Zweitens, die erste und ausgezeichnete Ausbildung des liturgischen 
Gesanges fand, wie wir wissen, in den Ländern des Ostens statt; 
von da aus drangen der Wechselgesang der Psalmen und die 
Antiphonen in das Abendland, über Mailand nach Italien, Gallien 
und Spanien, ebenso die Hymnen. Viele Wurzeln des liturgischen 



1 Die Quellen für die die folgenden Kapitel ausfüllende Darstellung zur 
Geschichte der Liturgie im Mittelalter sind folgende: die Ordines Romani, die 
alten römischen Zeremonialbücher (veröffenthcht in der Patr. Lat. Bd. LXXVIII), 
das gregorianische Meßbuch, der Liber Sacramentorum S. Gregorii Magni 
(ebenda); die Schriften der mittelalterlichen Liturgiker, des Amalarius (Patr. 
Lat. Bd. CV) u. a. Von zusammenhängenden Bearbeitungen erwähne ich 
wieder die wertvollen Arbeiten des Kardinals Tommasi, die Origines du culte 
chretien von Duchesne, die Breviergeschichten von Bäumer und Battifol. Viel 
Material enliiält auch Gerbert, de cantu, Bd. l. 

Wngner, Gregor. Melod. I. 4 



50 Liturgie und liturgischer Gesang im Mittelalter. 

Gesanges des Abendlandes reichen also in den Osten, nach Jerusalem, 
Antiochien, Alexandrien und Konstanlinopel. 

Unter solchen Umständen wäre es wunderbar, wenn der Ge- 
sang der lateinischen Kirche im Anfang einen dem der griechischen 
Kirche entgegengesetzten Charakter gehabt hätte. Alles weist im 
Gegenteil auf eine große Verwandtschaft beider hin. Auch nach 
der Einführung der antiphonischen Psalmodie und Hymnodik blieb 
der lateinische Kirchengesang von dem byzantinischen durchaus 
nicht unberührt, und es ist leicht, verschiedene Stadien dieser Ent- 
wicklung festzustellen. 

Untersucht man die Texte namentlich der römischen Meßgesänge, 
so stößt man auf die Tatsache, daß sie bis auf ganz geringe Aus- 
nahmen aus der hl. Schrift, besonders dem Psalter, gezogen sind'. 
Woher aber stammen die andern? Manches spricht dafür, daß 
die meisten Übersetzungen eines griechischen Originals sind, be- 
sonders der Umstand, daß die Messen, zu denen sie gehören, nach- 
weisbar entweder aus dem Orient stammen oder doch mehrfach 
mit griechischen Elementen durchsetzt sind. Ihre Melodien lassen 
sich in zwei Klassen scheiden : solche, die den musikalischen Ge- 
setzen der andern, dem Text nach aus der Bibel gezogenen Ge- 
sänge folgen, und solche, die ihre melodischen, besonders modalen 
Eigenheiten haben. Es ist zweifellos, daß die Gesänge der ersten 
Klasse schon in Rom bekannt waren, als der Meßgesang geordnet 
wurde, und die Organisation des liturgischen Gesanges, die Fixie- 
rung und Normierung der Melodien, erstreckte sich auch auf sie. 
Sie sind mit den andern Teilen des Meßgesangbuches zu einer 
organischen Einheit verschmolzen und von ihnen musikalisch 
nicht unterschieden. Dahin gehören die hitroitus Ecce advenü von 
Epiphanie, In excelso throno vom darauffolgenden Sonntag, wahr- 
scheinlich auch das Weihnachtsalleluja y. Dies sanctiflcatus u. a.2 

Ganz anders verhält sich die zweite Klasse von Meßgesängen, 
die nachweisbar erst unter den griechischen Päpsten des 7. und 
8. Jahrb., nach der Fixierung des römischen Kirchengesanges, in 
■die lateinische Liturgie aufgenommen wurden. Nach dem Papst- 
buchs hat Sergius I. (687 — 701) an den vier Muttergottestagen, der 
Annuntiatio, Assumptio (Dormitio), Nativitas und Purificalio, der 

Zu der Prozession der 



1 Mehr darüber später. 

2 Über den griechischen Ursprung der entsprechenden Feste vgl. Duchesne, 
«Origines, S. 247. 

3 Liber ponlif. ed. Duchesne, I, 371 ff. 



Griechisches im lateinischen Kirchengesang. 51 

Purificatio enthalten noch alte Drucke ^ Antiphonen, die gerade 
in bezug auf unsere Frage sehr lehrreich sind. Eine davon lautet: 
Xalps v.s/c(pi-toia.£vrj Ave gratia picna, Uiotoxa 'K7.pi)iv3 Dei 
genitrix virgo , ex aoo yrip avstsiXsv, ex te enim ortus est, 6 r^Xio; 
-?i; ö'.y.atoauvTjC, sol iustifiae, usw. Als Vers dazu wurde gesungen 
KaTaxo3p//jaov xöv OaXajjio'v oou, Sitov, Ädorna thalamum timm^ 
Sion, xal u-oos^ai tov ßaoiXea Xpiffxov, ei suscipe regem Chri- 
stum USW.2 Der lateinische Vers ist noch heute für die erwähnte 
Prozession vorgeschrieben. In dieselbe Rubrik gehören die meisten 
Gesänge der von den genannten Päpsten importierten Feste, von 
Kreuzerhöhung, der größte Teil der Prozessionsgesänge am Palm- 
sonntage, die Antiphon Grucem tuam und die Karfreitags- 
improperien, in welchen der Chor auf die Klage des Heilandes an 
sein undankbares Volk noch heute mit den Ausrufen Agios o tJieos, 
Samtus Dens usw. antwortet. Die Melodien dieser Gesänge, wie 
sie die mittelalterlichen Handschriften überliefern, lassen den griechi- 
schen Charakter durchaus erkennen und machen die spätere Ein- 
fügung in die lateinische Messe evident. Sie folgen modalen Ge- 
setzen, die von denen der andern lateinischen Gesänge durchaus 
verschieden sind. 

Auch sonst treffen wir in den ältesten Denkmälern des latei- 
nischen Gesanges mehrfach griechische Elemente an. Das älteste 
Zeremonialbuch römischen Ursprungs, der erste Ordo Romanus, 
schreibt für den Karsamstag den Vortrag der Lektionen und Can- 
tica vor der Messe in lateinischer und in griechischer Sprache vor-^, 
für die Ostervesper den Gesang Alleluja. T. '0 y.upwc eßaoiXsö^cv 
{Dominus regnavit Ps. 92) mit dem y. : Kai yap ESTspituas [Ete- 
nim firmavit), für die Vesper des Ostermontag das Alleluja. y. '0 
7roitj.aiva)v tov 'ljpar,X (Ps. 79, y. 1, 2, 9 und 10) und ähnliches 
für den Dienstag, Freitag und Samstag derselben Woche*. Hand- 



1 Migne, Patr. Lat. LXXYIII, 653, nach Bd. I der Liturgica des Pamelius 
(1571), der aber sicher diese Verbindung von griechischen uml lateinischen 
Worten nicht erfunden, sondern handschriftlichen Vorlagen entnonnmen hat. 

2 Das KaT(i/.6(Jut-aov tov i'i'ucpojru aov, Eio.f wurde aus der Liturgie 
der Byzantiner auch ins Syrische übertragen und findet sich z. B. in einer 
Handschrift der Bibliothek des syrischen Seminars zu Charte in Kleinasien; 
vgl. Parisot in der Revue de TOrient chretien, 1899, S. 157 ff. 

3 Migne, Patr. Lat. LXXVIir, 955. 

4 Ebenda, 965. Ebenso im Liber responsalis Gregorii M. (Patr. Lat. 
LXXVIII, 772.) Noch in der ersten Hälfte des 12. Jahrh. war es in Rom 
■Brauch, bei der auf die Ostervesper folgenden Versammlung, in welcher der 
Papst seine Umgebung bewirtete, eine griechische Sequenz IJctaya ieooi' i,uu' 
GilfAPQoi' zu singen. Ebenda 1045. Vergl. auch Gaisser, Brani greci nella 

4* 



b 



52 Liturgie und liturgischer Gesang im Mittelalter. 

Schriften nicht römischen Ursprungs, aber römischer Liturgie, be- 
stätigen den Gebrauch griechischen Gesanges in der lateinischen 
Kirche. Gar nicht selten findet man dort das griechische Gloria und 
Credo (meist mit lateinischen Buchstaben geschrieben); ich erwähne 
Cod. St. Gallen 381, 382, die Handschrift 9449 der Pariser National- 
bibliothek u. a. Auch zu St. Blasien im Schwarzwald wurde das 
Gloria in lateinischer und griechischer Sprache gesungen i. Ein 
Troparium von Montauriol hat sogar das griechische Sanctus und 
Agnus Dei mit Neumen versehen^. Die erwähnte Pariser Hand- 
schrift (sie stammt aus dem 1 I . Jahrb.) hat für die Messe von 
Pfingsten eine ganze Reihe von Gesängen in griechischer Sprache'', 
der Cod. 1235 nouv. acquis. derselben Bibliothek aus dem 12. Jahrb., 
für die Circumcisio das Alleluja y. Dies sanctißcatus in griechischer 



liturgia latina. Rassegna Gregoriana, Rom, I, S. lUD und 128 ff., und Herrn. 
Müller im Kircliemusikal. Jahrbuch XXI, .Jahrg. It:08, S. 147. 

1 Gerbert, de cantu I, 382. Was die berühmte griechische Messe betriirt, 
die bis ins 18. Jahrb. in der Abtei St. Denis bei Paris gefeiert wurde (vgl. 
Fleischer, Neumenstudien II. .54), so weist die Verbindung des Psalmverses 
mit seiner Melodie beim Introitus unzweifelhaft auf eine Redaktion, die nicht 
älter sein kann, als das 16. Jahrh.; wahrscheinlich handelt es sich überhaupt 
um eine Übersetzung aus dem Lateinischen. 

2 Vgl. Daux, 2 livres choraux monastiques dos lOm«' et 1 I me siecles. 
Paris, Picard, 1890, pl. 11. 

3 Selten waren die Handschriftenschreiber des Griechischen mächtig, und 
so wimmeln diese Wiedergaben griechischer Texte mit lateinischen Buchstaben 
von Fehlern mancherlei Art. Trotzdem haben wir in ihnen lehrreiche Denk- 
mäler der Aussprache des Mittelgriechischen im Abendlande. In der Pariser 
Handschrift 9440 lolgt auf den mit reichlichen Tropen ausgestalteten Introitus 
Spiritus clornini folgender Text (fol. 49): Xaiis thos o theos ke dios corpis 
tliis iesan ey extri autu kepye thosan oy me sontes autu a proposo tu autu. 
Gratias agamtfs ahne triiiitatis semper. Pneupma tu hyrriu. Doxa patri 
],e yo ke ayo piicnu/afi. lu nim Kra im l:r y^tiis oeo nathon oeo non amen. 
Pneuma tu kyrriii rjth/i-ns /'i,/j,ti hiihhuk lui iillilnja. Keu tliu tlio tho sincraton 
panta tili nosiit uhyiphonis allcluia, allclnia, allcluia. Dann andere Tropen 
zu demselben Introitus, das Kyrie Cuiictipotens genitor deus und dasjenige, 
dessen Tropen mit Theoricam. practicamqiie vitam beginnen, weiter das 
gi'iechische Gloria in excelsis [Doxa in ipsistis t/ieo Icepi gis eudokia), das 
.411eluja Y. Eviitte spiritum und seine griechische Übersetzung, ein anderes 
Alleluja T. Agalliaste tho theon thon boyton ymon, halalixate tho theos 
iaeol), labethe psalmon termon metha cithara. Auch die anderen Gesänge 
derselben Messe haben teils griechischen, teils lateinischen Text. 

4 Fol. 123: Ytnera agios inenin -epiphanem ymon de utheenni Icepros 
kenini ysatheton kyrrion othissi methos katelthinplios megalim epi thin gi. 
In griechischen Lettern : Tjjuäocc r,yi(caixtyr] tnKpüur] raii\ ö'si'ts, rii idi'r,, y.tu 
TiQoa/.vveliE Tov xvoiofj 6x1 aiijueqof xaiiß/j cpw^ I^^Y^^ ^^' ^l? 7',^- 



Die lateinischen Liturgien. 53 

Nachhaltiger noch haben griechische Riten auf die anderen 
lateinischen Liturgien eingewirkt; im einzelnen sind darüber noch 
nicht viele Untersuchungen angestellt; die Resultate der bisherigen 
P^rschungen lassen aber die Annahme wohlbegründet erscheinen, 
daß auf diesem Wege noch interessante und wichtige Funde zur 
Geschichte des Kirchengesanges wie der lateinischen Liturgien zu 
machen sind^. 

Den unbezweifelbaren Einwirkungen der Liturgien des Ostens 
auf die des Westens scheint nun eine wichtige Tatsache entgegen- 
zustehen. Schon die ältesten erhaltenen Denkmäler griechischen 
Kirchengesanges seit dem I 0. Jahrhundert haben eine gesangliche 
Ordnung der Messe zur Voraussetzung, die von der lateinischen 
nicht nur in Nebensachen, sondern prinzipiell abweicht. Bei den 
Lateinern ist der Grundstock des Meßgesanges durch die Psalmodie 
gebildet; selbst die kunstreichsten Gesänge haben zuerst fast nur 
Psalmen- oder wenigstens biblischen Text. Bei den Griechen 
nehmen Psalter und Cantica nicht mehr den Ehrenplatz ein; er 
ist vielmehr den Hymnen ihrer großen Dichter und Meloden ein- 
geräumt. Man darf aber für den ursprünglichen byzantinischen 
Kirchengesang eine ähnliche Organisation vermuten, wie sie bei 
den Lateinern schon durch Dokumente des 8. Jahrhunderts (Gra- 
duale von Rheinau in der Kantonsbibliothek Zürich) sichergestellt 
ist. Vielleicht hat das Aufblühen der griechischen Poesie seit dem 
8. Jahrhundert den Anstoß zu der Umwälzung gegeben. Die große 
Anziehungskraft der Riten und Formen des Ostens auf die Lateiner 
kam aber auch hier zum Vorschein. Die Zeit der Karolinger, die 
überhaupt durch eine folgenschwere Invasion byzantinischer Musik 
in die lateinische Kirche gekennzeichnet ist, so daß man auf 
Schritt und Tritt im Frankenlande und Alemannien musikalischen 
Praktiken und Theorien der Byzantiner begegnet, entnahm, wenn 
nicht alles täuscht, den Hymnen der griechischen Kirche die An- 
regung zu ihren Sequenzen, Tropen, wie auch zu vollständigen 
Offiziumsdichtungen. 

Nachdem so die griechische Kirche dem lateinischen Gesang 
von Anfang an mannigfache Unterstützung hatte zuteil werden 
lassen und zu seiner Erstarkung beigetragen hatte, erfolgte die 
traurige Entzweiung beider Kirchen, die zu ihrer endgültigen Tren- 
nung führte. Seit dem griechischen Schisma haben die liturgischen 



1 Ein interessantes Beispiel einer Entlehnung aus der griechischen Kirche 
bietet das Sub iuiun pracsidiiim confugimus, das Cagin [Paleographie musi- 
cale Vi in der Version des griechischen Originals und in der lateinischen des 
10., 12. und U. Jahrh. mitteilt. 



54 Liturgie und liturgischer Gesang im Mittelalter. 

Verbindungen beider Kirchen aufgehört, und im Kirchengesange 
gehen sie seitdem ihre eigenen Wege, die griechische, um später 
mannigfache Einwirkungen der türkischen Musik an sich zu er- 
fahren, die lateinische, um in Anlehnung an den gregorianischen 
Gesang die Kräfte der musikalischen Kunst zu bewunderungs- 
würdiger Entfaltung zu bringen. 

In der lateinischen Kirche haben sich früh vier verschiedene 
Formen der Liturgie herausgebildet; die römische, die mailän- 
dische oder ambrosianische, die gallikanische und die spa- 
nische, später mozarabische genannt. Alle diese Liturgien 
machen in Nachahmung der urchristlichen Übung vom Gesang 
einen hervorragenden Gebrauch; so gibt es im frühen Mittelalter 
einen römischen, einen ambrosianischen, einen gallikanischen und 
einen mozarabischen Gesang. Die Frage nach ihrer Herkunft führt 
zurück auf die Frage nach dem Ursprung der vier Liturgien. 
Schon lange hat man erkannt, daß die Überlieferungen mancher 
gallischen u. a. Kirchen, die ihre Existenz direkt auf die Apostel 
und deren unmittelbare Schüler zurückführten, in das Gebiet der 
Legende zu verweisen sind. Im einzelnen herrscht noch keine 
Übereinstimmung unter den läturgikern; begreiflicherweise, denn 
es ist noch nicht lange her, daß das Interesse der Forscher der 
Geschichte der Liturgie und der Riten sich zuwendet. 

Es ist zweifellos, daß die lateinischen Kirchen von Rom aus 
gegründet wurden. Dies bezeugt ein sehr altes Dokument, ein 
Brief des Papstes Innocenz 1. an Decentius (4 I 6j, worin es heißt: 
»es ist offenbar, daß in ganz Italien, Gallien, Spanien, Afrika, 
Sizilien und auf den dazwischen liegenden Inseln nur von denen 
Kirchen gestiftet wurden, die der verehrungswürdige Apostel Petrus 
und seine Nachfolger zu Priestern eingesetzt haben i.« Mit dieser 
Aufstellung deckt sich der Befund des vergleichenden Studiums der 
wichtigsten Gebetsformulare der Messe, der ältesten Bestandteile 
des Kanon; sie verraten einen gemeinschaftlichen Ursprung. Be- 
zieht sich diese Gemeinschaft aber nur auf diese Gebetsformeln, 
oder ist sie weiter ausgreifend? Hier gehen die Forscher aus- 
einander. Nach der einen Ansicht hätten die verschiedenen latei- 
nischen Liturgien eine breitere gemeinschaftliche Basis, eine latei- 
nische Urliturgie, zur Voraussetzung, deren Haupteigenheiten sich 
besonders außerhalb Roms in den sogenannten Partikularliturgien 
erhielten, während in Rom selbst neue, von den urlateinischen 
vielfach abweichende Riten adoptiert wurden. Diese Ansicht wurde 



1 Mitgeteilt in Cerianis Notitia liturgiae Ambrosianae, Mailand 1895, S. 77 ff. 



Die lateinischen Liturgien. 55 

ausgesprochen von G. Morin^ und besonders von P. Gagin 2, der 
sie mit einem großartigen Aufwand liturgischen Wissens begrün- 
dete. Weniger davon verschieden, als es den Anschein hat, ist 
die Ansicht von Duchesne •', der zwei liturgische Zentren in der 
lateinischen Kirche annimmt, llom und Mailand, da die gallikanische 
und mozarabische Liturgie der mailändischen vielfach tributär waren. 
Für uns ist diese Differenz nicht von großer Bedeutung. Es ist 
eine nicht zu verkennende Tatsache, daß die Gesangsarten der 
vier Liturgien einander sehr ähnlich sind; sie sind wie Kinder 
eines Vaters, und mit Recht hat man von Dialekten des liturgischen 
Gesanges gesprochen. Soweit wir sie kennen — vom mozarabischen 
Gesang und vom gallikanischen wissen wir nicht viel, ganz er- 
halten sind uns der ambrosianische und der römische, grego- 
rianische, — stimmen sie im wesentlichen überein, in der Text- 
behandlung, den Tonarten, dem Rhythmus usw. 

Nicht unwahrscheinlich ist es sogar, daß von der urrümischen, 
ursprünglich überall in Kalien verbreiteten Liturgie sich diejenige 
nicht allzusehr entfernt hat, welche im Mittelalter in Mailand in 
Geltung war. Für den Gesang ergäbe sich daraus die Folgerung, 
daß der römische und der ambrosianische Gesang zuerst mehr oder 
weniger identisch waren. Gestützt wird diese Annahme durch die 
Tatsache, daß in den Handschriften der römischen Liturgie mai- 
ländische und römische Elemente so innig miteinander verwachsen 
sind, daß es schwer wäre, die dem Ambrosianischen angehörigen 
Stücke auszuscheiden, ohne die ganze römische Sammlung zu ver- 
nichten. So sehr glichen sich vorgregorianisch und mittelalterlich- 
mailändisch, daß die Reste des römischen vorgregorianischen Ge- 
sanges, die sich bis zum 1 1 . und 1 i. Jahrb. an verschiedenen Orten der 
Halbinsel fanden, als eigentlich ambrosianische Stücke betrachtet 



1 Morin, les vuritables origines du chant gregorien, Maredsous 1890. 

2 Paleographie musicaie, Bd. V. 

3 Duchesne, Origines und, der Paleographie musicaie entgegentretend, in 
der Revue d'histoire et de litterature religieuses, Paris \ 900, avril S. 31 . Duchesne 
sträubt sich besonders gegen den Gedanken, daß Rom in liturgischen Dingen 
geändert habe, während andere Kirchen ihren von Rom erhaltenen Gebräuchen, 
treuer anhingen. Dafür aber liefert gerade die Geschichte des liturgischen 
Gesanges überzeugende Beweise. Man denke nur an Amalar und seine Über- 
raschung beim Studium der Antiphonare von Corbie und Metz (darüber 
weiter unten). Überhaupt ist von allen Kirchen keine an liturgischen Neue- 
rungen so fruchtbar gewesen, als die römische. So ist nicht selten ein 
Gegensatz entstanden zwischen Urrömischem, d. h. dem römischen Usus, wie 
er in Kirchen außerhalb Roms weiter bestand, und dem Neurömischen, d. h. 
römischen Riten, wie sie in Rom selbst infolge von Änderungen am ursprüng- 
lichen Usus sich eingestellt hatten. 



56 Liturgie und liturgischer Gesang im Mittelalter. 

wurden 1. Während aber der mailändische Gesang bis weit ins 
Mittelalter hinein sich ziemlich unverändert überliefert hat, ent- 
wickelte sich der römische weiter zu derjenigen Form, in der die 
mittelalterlichen Handschriften ihn darbieten und die, wie wir 
sehen werden, das Werk der römischen Gesangschule ist. 

Die Verwandtschaft der Gesangsformen der vier lateinischen 
Liturgien ist darin besonders in die Augen springend, daß die 
Grundformen des liturgischen Gesanges in gleicher Weise alle 
Liturgien beherrschen: alle kennen Solo- und Chorgesang und 
bezeichnen ihn übereinstimmend mit den Namen responsorialer 
und antiphonischer Gesang; in allen ist der responsoriale Ge- 
sang reich melodisch entfaltet, wie es sich für einen Solisten 
geziemt, und der antiphonische einfacher, mehr oder weniger 
syl labisch, wie es Gesängen entspricht, die auch solchen zu- 
gänglich sein sollen, die nicht gelernte Sänger sind. Dieser Gegen- 
satz war im Mittelalter so lebendig, daß man überall, wo sich in 
den Handschriften ein A (Antiphone) zu Beginn eines Gesangstückes 
vermerkt findet, eine einfachere Melodie supponieren kann, wo da- 
gegen ein R (Responsorium) steht, eine reiche 2. Man wird sich 
nie täuschen. 

Wie hat man diese auffällige Tatsache zu erklären? Die ein- 
zige Möglichkeit, die ernstlich in Betracht gezogen werden kann, 
liegt in der Annahme, daß beide Melodiearten dem Urbe- 
stande der lateinischen Liturgie angehören. Reichere 
Solomelodien und einfachere Chormelodien muß es ge- 
geben haben, bevor sich in den verschiedenen Gegenden 
die Liturgie in verschiedener Richtung zu entwickeln 
begann. Die gemeinschaftliche liturgische Grundlage beider Melodie- 
formen in allen lateinischen Liturgien läßt eine andere Erklärung 
nicht zu. Damit kommen wir aber in eine weit zurückliegende 
Zeit, spätestens ins 5. Jahrb. Wie früher gezeigt wurde, gehen 
die Anfänge dieser Bewegung bis ins 4. Jahrh. zurück, für den 



1 Morin, I. c. 

2 Nicht damit zu verwechseln ist der auch einem Einzigen zufallende 
Vortrag von liturgischen Stücken, wie die Versikel und die Lamentationen 
des Jeremias sind, die weder dem antiphonischen noch dem responsorialen 
Gesang, sondern der Gattung derLectio angehören und sich wesenthch von 
den Gesangstiieken unterscheiden. Die Lamentationen stehen im Offizium 
der Karwoche an der Stelle, wo sonst immer eine Lectio steht, und sind wie 
diese von Responsorien gefolgt, der beste Beweis dafür, daß man sie nicht 
mit den Gesangstücken des Offiziums oder der Messe auf eine Stufe stellen 
darf. Über das Responsoriolum später. 



Die lateinischen Liturgien. 57 

responsorialen (iesang reichen sie noch bis in die apostohschc 
Zeit^. 

Die Hauptformen der gemeinschaftlichen Gollesverehning sind 
die Messe und das Offizium, der Altardienst und das Stundengebet; 
als Vigil mit sich daran schließender eucharistischer Feier zu- 
erst miteinander verbunden, haben sie sich bald getrennt und in 
verschiedener Weise äußerlich entwickelt; ihre ursprüngliche Zu- 
sammengehörigkeit tut sich aber noch in der heutigen Form der 
Messe kund, in welcher der eigentlichen Opferfeier eine aus Schrift- 
lesung, Psalmodie und Gebet bestehende Partie vorausgeschickt 
wird, denselben Bestandteilen, die ursprünglich die Vigil und die 
auch noch heute das Offizium zusammensetzen. Besonders aber 
die gesanglichen Formen haben sich für Messe und Offizium ver- 
schieden gestaltet. Ihre Betrachtung wird die Schicksale des litur- 
gischen Gesanges im Mittelalter deutlich machen. 



1 Um niclit mißverstanden zu werden, betone icii wieder (vgl. oben 
S. 35, Anm. 2), daß ich damit nicht dasjenige Maß von Melismatik, in welches 
die Sologesänge des Mittelalters eingehüllt sind, auf das 4. Jahrb. zurückge- 
führt haben will. Zweifellos bat auch hier eine Entwicklung von einfacheren 
Anfängen an stattgefunden, deren Spuren wir noch nachgehen werden. Es 
heißt aber die sichersten Tatsachen der liturgischen Geschichte ignorieren, 
wenn man, wie es neuerdings immer wieder geschieht, die melismatische 
Melodiebildung überhaupt als Produkt des 8. oder 9. Jahrb. hinstellt. Die 
schon von Cassian erwähnte Anfügung von Vokalisen an die letzten Worte 
liturgischer Gesangtexte (vgl. S. 33) ist die wichtigste Form der mehsma- 
tischen Technik das ganze Mittelalter hindurch geblieben, und eine derartige 
hochentwickelte musikalische Interpunktion kann ganz gut auf Praktiken der 
jüdischen Vorsänger zurückgehen. 



IV. Kapitel. 
Liturgische Eiitwickliiiig" der Meßgesäuge im Mittelalter. 



Der älteste Musikschriftsteller, der sich ausführlich über den 
liturgischen Gesang seiner Zeit ausspricht, Aurelianus von Reome 
im 9. Jahrb., stellt im letzten (20.) Kapitel seiner Musica 
disciplina^ die verschiedenen Formen des Meßgesanges zusammen 
und bespricht sie in der Reihenfolge, wie sie in der Messe auf- 
treten. Seine Darlegung lautet: »Das Meßoffizium besteht zunächst 
aus den Antiphonen, welche Introitus genannt werden. Sie 
haben den Namen davon erhalten, daß sie beim Eintritt des Volkes 
in die Basilika gesungen werden, und sie dauern so lange, bis so- 
wohl der Pontifex, wie die übrigen geistlichen Würdenträger nach 
ihrer Reihenfolge in ungestörter Ordnung in die Kirche eingezogen 
sind und den ihnen zukommenden Platz eingenommen haben. Dann 
wird die Litanei gesungen, in der Gott und Christus um Er- 
barmen für das Volk angefleht werden, worauf der Priester, 
den Engel nachahmend, der Gott im Himmel Ehre, den Men- 
schen auf der Erde Friede verkündigte, eben dieses Lied 
mit heilkündender Stimme beginnt. Hierauf wird das von den 
Stufen, von denen aus es gesungen wird, Graduale genannte 
Responsorium gesungen. Bei den Alten pflegten die Singenden 
wie die Sprechenden auf solchen erhöhten Stufen Platz zu nehmen; 
darum heißt es von Esdras: er stellte sich auf die hölzernen Stufen, 
die er hatte verfertigen lassen, um von ihnen aus zum Volke zu 
reden. Daher spricht man auch von den Psalmi graduum, die 
nach der buchstäblichen Erklärung deshalb so heißen, weil sie von 
den Stufen (gradus) aus gesungen wurden. Das Alleluja haben 
wir von den Juden übernommen, deren Sprache das Wort ange- 



1 Abgedruckt in den Scriptores von Gerbert, Bd. I. Daß Aurelian in der 
obigen Darlegung einer römischen Quelle folgt, ist zweifellos und geht be- 
sonders aus den Beziehungen hervor, in welche er den Introitus zu der 
Stationsprozession stellt, die eine urrömische Einrichtung ist. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 59 

hört. Es bedeutet: Lobet Gott, und wurde aus Ehrfurcht in keine 
Sprache übersetzt; sehr passend wird es vor dem Evangelium ge- 
sungen, damit die Gemüter der Gläubigen zur Aufnahme des AVortes 
des Heiles durch dieses Lied vorbereitet werden. Offertoria 
aber heißen diejenigen Gesänge, welche die Kirche dem Herrn 
zur Darbringung der Opfergaben singt. Es geschieht dies in 
Nachahmung der alten Väter, an welche die Vorschrift erging: 
wenn ihr ein Mahl und festliche Tage begehet, so sollt ihr Posaunen 
über euer Opfer erklingen lassen, und der Herr wird euer einge- 
denk sein. Bei der Austeilung der hl. Kommunion wird zunächst 
das Agnus Dei^ qui tollis peccata mundi, miscrere nohis gesungen, 
d.imit die Gläubigen, die am Fleische und Blute des Herrn teil- 
nehmen, dasjenige, was sie im Munde empfangen, mit der Modu- 
lation ihrer Stimme preisen, um den in körperliche Speise ver- 
wandelten, den sie kosten, zu ehren, der, wie die Kirche lehrt, 
herniederkam, um gekreuzigt zu werden, zu sterben und begraben 
zu werden. Im Anschluß daran wird noch ein anderer Gesang 
vorgetragen, der Gommunio heißt, damit, solange das Volk die 
himmlische Segnung empfängt, sein Geist durch süßen Gesang zu 
erhabener Betrachtung emporgehoben und darin festgehalten werde.« 

Das sind die Gesangstücke der Messe des 9. Jahrh. in Gallien 
und in Rom, denn zu Aurelians Zeit ist die in Gallien herrschende 
Liturgie die römische. Den Tr actus erwähnt er nicht, weil er 
die Stelle des Alleluja vertrat; er existierte aber schon im 9. Jahrh. 
Ebenso ist das Sanctus übergangen, wohl deshalb, weil es seinem 
Ursprünge gemäß, der noch in seiner ältesten Melodie zu erkennen 
ist, zur Praefatio gehört, an welche es sich unmittelbar anschließt. 
Das Credo dagegen war als Meßgesang der römischen Liturgie 
des 9. Jahrh. noch nicht einverleibt und ist überhaupt der jüngste 
Gesang der Messe. Sonst aber ist deren musikalische Ausstattung, 
wie sie Aurelian schildert, älter als das 9. Jahrh.; sie ruht auf 
den liturgischen Maßnahmen Gregors des Großen (f 604) und ist 
mit dessen Festsetzung der Meßliturgie unzertrennlich verbunden. 

Überblicken wir die einzelnen Stücke, so zerfallen sie in zwei 
wohl voneinander zu trennende Gruppen. Gerade die ältesten 
gehen auf die Psalmodie zurück und sind ursprünglich [ganze 
Psalmen 1; sie unterscheiden sich nur durch die musikalische Aus- 
führung. Entweder war der Ausführende der Solist, dem der 
Chor refrainartig antwortete, — wir erkennen hier den Cantus 
responsorius — oder aber der Chor teilte sich in zwei Teile, die 

1 Nur das Alleluja bildet vielleicht eine Ausnahme. 



60 Allgemeines. 

sich im Vortrag der Psalmen ablösten, es ist dieses der Canfus 
antiphonus. Zu den responsorialen Meßgesängen gehören das 
Gradualresponsorium und das AUeluja, zu den antiphonischen der 
Introitus, das OlTertorium und die Communio. Eine Ausnahmestelle 
nimmt der Tractus ein, der später vom Sänger ohne Wiederholungen 
des Chores in einem Zuge von Anfang bis zu Ende gesungen wurde. 
Diese drei Formen haben den Hervorgang aus der Psalmodie bis 
zur Stunde nie verleugnet; noch heute sind ihre Texte mit ganz 
verschwindenden Ausnahmen dem Psalter oder den Cantica ent- 
nommen. Die andere Gruppe von MeJßgesängen steht den Hymnen 
näher, wie denn einige darunter geradezu Hymnen genannt werden; 
man spricht vom Hymnus angelicus [Gloria in excelsis, u. a. Die 
psalmodischen Teile des Meßgesanges haben wechselnde Texte; in 
der Regel hat jede Messe ihren eigenen Text zum Introitus, 
Graduale, Alleluja (bezw. Tractus), Offertorium und zur Communio. 
Man nennt sie daher in neuerer Zeit das Proprium und scheidet 
es in das Temporale, Proprium de Tempore (Feste des Herrn) 
und Sanctorale, Proprium de Sanctis (Feste der Heiligen). Die 
andere Gruppe verändert ihren Text nie; man pflegt sie deshalb dem 
Proprium als Ordinarium Missae gegenüberzustellen; sie umfaßt 
das Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. 

Der gegensätzliche Charakter des Proprium und des Ordinarium 
Missae offenbart sich auch in ihrer liturgischen Stellung, wie in der 
Art ihrer Ausführung. Die Gesänge des Proprium gehören schon 
zur Meßordnung Gregors des Großen, sie sind ein wesentlicher 
Bestandteil der Messe, so daß es eine Messe ohne Introitus, ohne 
Graduale, ohne Alleluja (bezw. Tractus), usw. nicht gibt, abgesehen 
von den letzten Tagen der Karwoche, die liturgisch auf eigenen 
Fuß gestellt sind. Geringer ist die liturgische Bedeutung der Stücke 
des Ordinarium Missae; es ist erst allmählich ausgebaut worden, 
und von dem gregorianischen Sakramentar angefangen bis auf das 
Meßbuch des Konzils von Trient ist für viele Messen vorge- 
schrieben, das Gloria oder das Credo auszulassen. Die Bedeutung 
des jedesmaligen Festes spiegelt sich viel besser in den wechseln- 
den Stücken des Proprium ab, von denen gleich der Introitus 
mit einer oft dramatischen Lebendigkeit in den Gedankenkreis des 
Festes einführt. Auch musikalisch galten die Stücke des Ordinarium 
zunächst als minderwertig. Nur das Proprium steht in den ältesten 
liturgischen Gesangbüchern, es bildet den eisernen Bestand des 
Meßgesanges von Gregors Zeit bis zur Gegenwart. Das Ordinarium 
dagegen hat eine sehr Wechsel volle Geschichte zu verzeichnen. In 
Rom wurde es zuerst, wie im einzelnen noch wird ausgeführt 



Die Meßgesänge im MiUelaiter. 61 

werden, nicht von der Schola gesungen, sondern von den am 
Altare assistierenden Geistlichen oder vom ganzen Volke, wie es 
hesonders in GaUien behebt war. Da zum Hofstaate der griechischen 
Päpste des 7. und 8. Jahrh. auch griechische Kleriker gehörten, 
so erklärt sich die schon erwähnte Tatsache, daß gerade die Ge- 
sänge des Ordinarium vielerorts auch in griechischer Sprache 
gesungen wurden, ein Gebrauch, dessen römischer Ursprung 
von einem alten Anonymus Turonensis ausdrücklich bezeugt 
wird^. Andererseits wirkte die Ausführung dieser Gesänge durch 
die Kleriker und das Volk zurück auf ihre melodische Fassung; 
diese war zuerst ganz einfach, syllabisch und verlangte keine be- 
sondere Geschicklichkeit. Von dem Augenblicke an, wo der Sänger- 
chor die Kleriker und das Volk aus ihrer Teilnahme am Meßge- 
sange verdrängte und die Ausführung aller liturgischen Gesänge 
übernahm, vom 11.-12. Jahrh. an, erscheinen auch in den 
Gesangbüchern Melodien für das Kyrie, das Gloria usw., aber meist 
ganz am Ende, zum Zeugnis ihrer späten Aufnahme. Es sind das 
reichere und schönere, während die älteren, einfachen nur mehr an 
den gewöhnlichen Tagen und in der Totenmesse gesungen wurden. 
Eine folgenschwere Änderung liturgischer und musikalischer Art 
vollzog sich noch, als die päpstlichen Sänger in Avignon 1377 mit 
Gregor XI. nach Rom zogen und die in Frankreich blühende neue 
Kunst des mehrstimmigen Gesanges mitbrachten; allmählich wurde 
es Sitte, die Gesänge des Ordinarium mehrstimmig zu singen. Selt- 
samerweise nannte man das mehrstimmig komponierte Ordinarium 
einfach »Missa«; es liegt darin ausgesprochen, daß nunmehr das 
Ordinarium gesanglicher Hauptteil der Messe geworden war. Einen 
besonderen Gewinn brachte diese Entwicklung der Dinge nicht, 
denn es ist doch nur ein unnatürliches Verhältnis, daß seither das 
künstlerische Hauptgewicht auf Gesangstücken der Messe ruht, die 
nicht notwendig zu ihr gehören, liturgisch teilweise entbehrlich 
sind. Wie viel dankbarere Aufgaben würden den Komponisten nicht 
die wechselnden Texte der Messe dargeboten haben! Freilich 
hätten sie dann ihre Werke nur ein- oder zweimal während des 
Jahres aufführen können. 

Die Gesänge des Proprium wie des Ordinarium haben wir nun- 
mehr in ihrer geschichtlichen Entwicklung zu betrachten. Dabei 
empfiehlt es sich, um ihren Zusammenhang mit der Liturgie mehr 



1 Bei Marlene, de ant. eccles. rilibus I 102 bez. des Weihnachtsfestes: 
In müsis cantatur Oloria in excelsis deo . . . nos canimKS illud graece 
iuxta morem antiquum Romanae ecclesiae. 



ß2 l'ie Antiphone zum Introitus. 

hervorscheinen zu lassen, sie so vorzunehmen, wie sie in der 
Messe aufeinanderfolgen, und nicht die beiden Gruppen getrennt 
zu besprechen. 



Die Antiphone zum Introitus. 

■»Inprimis ad Introitum Antiphona, qualis fucrit statutis tenipo- 
ribus, sive festis diebus, sive quotidianis « , also beginnt das grego- 
rianische Meßbuch, der Liber sacramentorum i. Ebenso ist der ein- 
leitende Meßgesang in den Ordines romani und bei den mittelalter- 
lichen Liturgikern genannt: Antiphona ad Introitum, Antiphone zum 
Eingang, d. h. des Zelebranten zum Altar; »vom Gange des Priesters 
zum Altare hat sie ihren Namen erhalten«, sagt der Autor des 
Micrologus de ecclesiasticis observationibus'^. Davon ist dann in 
späterer Zeit der Gesang selbst Introitus genannt worden; heute 
bezieht man den Ausdruck nicht mehr auf den Gang des Priesters 
zum Altare, sondern einfach auf den Anfangsgesang der Messe. 
Im Mittelalter hatte er noch eine dritte Bedeutung; vielfach diente 
er zur Bezeichnung der ganzen Partie der Messe, die der Oration 
und den hl. Schriften vorausgeht 3. Wie diese Bedeutung aufkam, 
ist nicht schwer zu sagen; die Messe hat ursprünglich nicht mit 
einem Gesänge, sondern mit den Lesungen begonnen, und die 
ganze später vorausgeschickte Partie ist der Eingang, Introitus, 
d. h. der Messe. 

Was die außerrümischen Liturgien angeht, so wurde bei den 
Griechen des Mittelalters die Messe mit dem Gesänge des Monogenes 
eröffnet. Der ambrosianische Ritus hat eine dem römischen In- 
troitus nur teilweise ähnliche Form, dieingressa, die aus einem 
einfachen Gesänge besteht ohne Psalm oder Psalmvers, woraus 
ihr späterer Ursprung hervorgeht; denn Antiphonen ohne Psalmen 
oder Psalmverse sind erst später üblich geworden. In Spanien, 
manchen Gegenden von Gallien und in England nannte man ihn 



1 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 25. Nach Probst, die ältesten römischen 
Sacramentarien und Ordines, Münster 1892, S. 386, wäre der erste Ordo 
Romanus, so wie er heute vorliegt, eine im 8. Jahrh. vorgenommene Bear- 
beitung des von Gregor dem Großen selbst bestimmten Zeremonials. Du- 
chesne, Origines 138 fr. nimmt ebenfalls verschiedene im 7. und 8. Jalirli. 
hinzugefügte Stücke an. 

2 Micrologus, Kap. 1. (Migne, Patr. Lat. CLI, 97 9.) 

3 Also Amalarius: Officium, quod voeatur Introitus, habet initium a 
prima antiphona, qicae dicitur Introitus, et finitur in oratione, quac dicitur 
a sacerdote ante lectionem. De Off. eccles. III, 5. (Migne, Patr. Lat. CV, 1108.) 



Die Moßgesänge im Miüelaller. 63 

Officium', die altgallikanische Liturgie, wie sie durch den hl. 
Germanus von Paris (f 576) überhefert ist, eröffnete die Messe 
mit einer AnüpJioiia ad praclegendum'^. Gelegentlich wird statt 
Introitus auch die Bezeichnung In vitatorium^ gebraucht, die 
sonst nur dem Anfangsgesang des Offiziums zukommt, aber auch 
der Funktion des ersten Meßgesanges wohl entspricht. 

Wie bemerkt, begann die Messe in der griechischen, wie in 
der lateinischen Kirche ursprimglich in Nachahmung der jüdischen 
Liturgie mit den Lesungen aus den hl. Schriften. Dies bezeugen 
für jene Justinus Martyr, nach welchem »am Sonntage alle aus 
der Stadt und vom Lande zusammenkommen und die Schriften 
der Apostel und Propheten gelesen werden , solange die Zeit 
reicht 4«, und die apostolischen Konstitutionen (II. 57). Aber schon 
Basilius bemerkt, daß der Lesung etwas vorausgeschickt werde, 
was von großer Bedeutung für die hl. Geheimnisse sei^. Es mag 
dies Psalmgesang gewesen sein. Tatsächlich wird in der nach 
ihm benannten Liturgie die Messe mit Gesang der Kantoren ein- 
geleitet. 

In der lateinischen Kirche begann noch zur Zeit der hl. Am- 
brosius und Augustinus die Opferfeier mit den Lesungen. Ersterer 
erzählt in einem Briefe'': »Am folgenden Tage, es war ein Sonn- 
tag, nach den Lesungen und der Predigt entließ ich die Katechu- 
menen, usw.« Hier kennt die mailändische Kirche keinen Gesang 
vor der Lesung. Eine ähnliche, nur noch viel klarere Beschreibung 
gibt Augustinus^: »Es kam auch der Ostertag, und morgens, als 
das Volk schon zahlreich in der Kirche versammelt war . . . ging 
ich zu ihm. Die Kirche war vollgefüllt und ertönte von den 
Freudenstimmen aller, die (wegen eines plötzlichen Wunders) von 
allen Seiten Gott Dank sagten. Ich begrüßte die Menge . . . 



redete ich nur weniges, usw.« Nach Tommasi beziehen sich diese 
Worte auf eine Begebenheit aus dem Jahre 425. Noch lange nach 



1 So die englischen Gradualhandschriften, wie das Graduale Sarisburiense 
der Londoner Plainsong and Mediaeval Music Society, Aurelianus Reomensis 
(cap. 20) und der Autor der Musica Oddonis (Gerbert, scriptores I). 

- Duchesne, origines 181. 

3 Im 5. Ordo Romanus. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 986.) 

* 2. Apologie am Ende. 

5 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 266. 

6 Epistol., 2. Class., 20. (Migne, Patr. Lat. XVI, 1037.) 
" Tommasi 1. c. XII., praef. 3. 



L 



64 ß'e Antiphone zum Inlroitus. 

der Einrichtung des Introitus in der römischen Messe wurde in 
der gallischen Kirche vielfach die alte Übung beibehalten. So 
kannte die Trierische Kirche zur Zeit des Bischofs Nicetius, zu 
Beginn des 6. Jahrh., den Introitus noch nicht; von Nicetius er- 
zählt die Gregor von Tours zugeschriebene Vita^: »Es kam der 
Sonntag, und siehe, der König (Theodobert) betrat mit denen, die 
von dem Priester der Kommunion fernzubleiben geheißen waren, 
die Kirche; man las die Lektionen, die der alte Kanon bestimmt 
hat, brachte auf den Altar Gottes die Gaben dar, usw.« Von 
einem Gesang vor den Lesungen ist auch da keine Rede. Noch das 
älteste ambrosianische Ordinarium Missae^ hat nach dem Gloria 
und dem in der mailändischen Messe darauf folgenden dreimaligen 
Kyrie, vor dem Dominus vohiscum und der Oratio super popuhnn 
die Rubrik : Incipit Missa canonica^ die andeutet, daß dasjenige, was 
vorhergeht, späterer Zusatz ist. 

Das älteste Zeugnis für die Existenz des Introitus in der 
römischen Liturgie ist eine Stelle des Papstbuches, wonach Papst 
Coelestin I. (f 432) angeordnet habe, daß »die 150 davidischen 
Psalmen vor dem Opfer psalliert werden sollten und zwar anti- 
phonisch, von allen, was bis dahin nicht geschah, indem nur der 
Brief des Paulus vorgelesen wurde und das hl. Evangelium 3«. 
Hier ist die Rede von der Einführung eines Psalmes zu Beginn 
der Messe. Vielleicht war damit auch eine Verteilung des Psalters 
auf die einzelnen Sonn- und Festtage verbunden ; jedenfalls handelt 



1 Migne, Patr. Lat. LXXI, 1080. 

- Bei Ceriani, Notilia liturgiae Ambrosianae, Mailand 1895, S. 3. 

3 Liber pontificalis, ed. Duchesne, I 230. Es ist nicht angängig, mit 
Gevaert, Origines du chant liturgique (deutsch von Riemann, Leipzig 181)1, 
S. 13), die Notiz auf die Einführung des antiphonischen Gesanges in Rom 
überhaupt zu beziehen, da ausdrücldich nur von der Messe die Rede ist. Die 
Antiphonie ist überall zuerst für die Vigilien eingeführt worden; da ist ihre 
Heimat und ihre ursprüngliche Stelle, da war sie auch eine Art Notwendig- 
keit; ihre Einfügung in die Messe setzt ihre Verwendung im Offizium voraus. 
Auch die Erklärung der Stelle durch Morin (Veritables origines du chant 
greg., deutsch von Elsässer, Paderborn 1892, S. 5:^) befriedigt nicht. Nach 
ihm wäre der einleitende Meßgesang in Rom älter, Coelestin habe ihm nur 
einen Psalm hinzugefügt. Zuerst habe er die Form gehabt, wie die mai- 
ländische Ingressa, die bis auf die Gegenwart keinen Psalm oder Psalmvers 
besitzt. Dagegen spricht aber nicht nur, daß Ambrosius, wie oben bemerkt, 
die Ingressa nicht kennt, sondern auch, daß damit für die erste Hälfte des 
5. Jahrh. eine Gesangsform supponiert ist, die sich nicht mit einem Psalm 
verbindet. Außer den Hymnen hat es aber damals eine solche nicht gegeben. 
Es stimmt viel besser zu dem Bilde, welches uns die Quellen jener Zeit bieten, 
wenn wir in der Ingressa eine spätere Einrichtung sehen. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 65 

es sich bei ihr immer um einen ganzen Psalm, nicht nur um ein 
paar Verse. 

Wie dieser Psalm zuerst ausgeführt wurde, ist aus der Be- 
zeichnung »antiphonisch« ersichtlich, die sich zwar erst in Jüngern 
Handschriften des Papstbuches findet; die Ausführung durch zwei 
Chöre, die einander im Vortrage der Verse ablösten, ist aber im 
ganzen Mittelalter für den Introitus ausnahmslos bezeugt. Da im 
5. Jahrb. der den Psalm einleitende, besonders Antiphone genannte 
Satz sicher zur antiphonischen Psalmodie gehörte, so muß man 
ihn auch für die älteste Form des Introitus in Anspruch nehmen. 

Nach den liturgischen Schriften des Mittelalters wurde der In- 
troitus in Rom seit Gregor dem Großen folgendermaßen vorge- 
tragen: wenn alle Vorbereitungen zur Messe beendet und die Lichter 
angezündet waren, stellte sich die Schola cantorum, die Para- 
phonistae und die Knaben, in zwei Reihen vor dem Altare nach 
ihrer Ordnung auf, und der Erste der Sänger, der Prior Scholae, 
intonierte die Antiphone zum Introitus. In diesem Augenblicke 
hielt der Pontifex mit seinen Begleitern seinen Einzug aus der 
Sakristei in die Kirche. Am Altare angekommen und nach der 
Anbetung der hl. Hostie gab er dem Prior Scholae durch ein 
Zeichen zu verstehen, das Gloria (am Ende des Psalmes) anzu- 
stimmen. Dieser verneigte sich vor dem Pontifex und führte den 
Befehl aus. Beim Sicut erat ging der Pontifex vom Altar auf 
seinen Sitz zu, und die Antiphone beschloß das Ganze. Diese Dar- 
stellung des I. Ordo Romanus ^ ist klar, läßt sich aber durch die andern 
Ordines und die übrigen Quellen ergänzen. 

Die Antiphone wurde vor dem Psalm vollständig gesungen ; 
der Gebrauch, sie nur zu intonieren und erst nach dem Psalm 
ganz zu singen, ist jüngeren Datums und gehört nur dem Offizium 
an, nicht der Messe 2. Ob der ganze Psalm oder nur einige Verse 



1 Migne, Patr, Lat. LXXYIII, 941. 

2 Tommasi (1. c. XII, praef. 6) ist geneigt, eine Wiederholung der Anti- 
phone vor dem Psalm anzunehmen, so daß jeder der zwei Sängerchöre sie 
einmal vorgetragen habe; sonst sei es kein antiphonischer Gesang mehr ge- 
wesen. Für das Rcsponsorium ist die Wiederholung der vom Solisten ge- 
sungenen Anfangspartie durch den Chor nachweisbar, und da nach Rhabanus 
Maurus (De instit. der. I. 33) Antiphone und Responsoriura sich nur darin 
unterschieden, daß bei diesem der Kantor den Vers sang, bei jener ein Teil 
des Chores, so schheßt Tommasi, daß auch im Antiphonengesang, also eben- 
falls beim Introitus, die Antiphone vor dem Psalm wiederholt worden sei. 
Oder aber, glaubt er, man habe sie in zwei Teile zerlegt, die den beiden 
Chören zugewiesen worden seien. Diese Meinung erscheint indessen gewagt, 
da weder die Ordines Romani noch die Liturgiker etwas verlauten lassen, 
was zu ihrer Stütze könnte herangezogen werden. 

Wagner, Gregor. Melod. I. 5 



66 Die Antiphone zum Introilus. 

und wie viele gesungen wurden, das hing vom Pontifex ab, der 
den Sängern ein Zeichen gab, abzubrechen und die kleine Doxologie 
zu singen. Nach jedem Vers wurde die Antiphone wiederholt; eine 
alte Beschreibung der Messe aus dem Kloster Corbie •, die freilich 
nur auf die Bischofsmesse Bezug nimmt, bemerkt beim Introitus: 
»Auf den Wink des Bischofs wird der Psalm vom Vorsänger an- 
gestimmt, und der Introitus, der mit ihm abwechselt.« Daß es 
auch in Rom so gehalten worden sei, folgt nicht mit Sicherheit 
daraus, würde aber mit dem, was wir sonst über den Anliphonen- 
gesang im allgemeinen erfahren ^, sehr wohl übereinstimmen. An 
die Doxologie, die an Festtagen durch Repetition des Introitus vor 
dem Sicut erat geteilt wurde'', schlössen sich noch ein oder 
mehrere Versus an, die sogenannten Versus ad respondendum 
oder repetendum-i^ auch Versus prophetales geheißen^, so 
lange, bis ein Diakon das Zeichen zum Kyrie gab^. Eine letzte 
Wiederholung der Antiphone beendete den reich gegliederten Ge- 
sang. 

Die Behandlung der Introitusantiphone mit dem Psalm, wie 
sie die Ordines Romani aufweisen, wie die Existenz dieses Ge- 
sanges überhaupt, ist in den römischen Verhältnissen begründet. 
Man hielt es für angemessen, die Zeit bis zum eigentlichen Beginn 
der Messe mit Gesang auszufüllen^; dieser mußte nach Bedürfnis 
länger oder kürzer sein. Als aber die römische Meßliturgie und 
der dazu gehörige Gesang außerhalb Roms verbreitet wurden, 
ergab sich die Notwendigkeit, den Gesang zu kürzen, weil die 



1 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 242. 

2 Darüber im 9. Kapitel. 

3 I. Ordo Rom. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 950.) 

4 So sind sie in den ältesten Meßgesangbüchern genannt, z. B. bei Tom- 
masi, Bd. XII, Cod. St. Gallen 3 SO und 381, Cod. Einsiedl. -121, Cod. Paris. 
Bibl. nat. 9448 u. a. 

5 Also der 2. Ordo Rom. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, ö70) und Amalar, 
Eclogae de officio missae. (Migne, Patr. Lat. CV, 1318.) 

6 Der 2. Ordo Rom., ebenda. 

"? In einer alten Meßerklärung ist Zweck und Aufgabe des Introitus also 
angegeben: Quoniam animus ad multa divisus, tumidtibus curariim saecu- 
larium pertiirbatur, et non stativi, ut ccclesimn ingredimur, omnium huius 
solitudinum possumus ohlivisci; quo purins et attentius puriorem atque atten- 
tiorem orationevi ad dominum fundere mdeamur: quod Antiphona ad In- 
troitum decantatur et suavi modulatione interposita . . . praeparatio est et 
exercitatio animorum: ut animus populi a mundanis cogitationibus , his 
Omnibus paulatim avulsus, ad coelcstia cogitanda ac desideranda trahatur, 
(Bei Tommasi 1. c. XII, praef. 4.) 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 67 

Zeremonien hier nicht mehr so lange dauerten '. Es ist das nicht 
die einzige Kürzung, die im 8. und 9. Jahrh. im Frankenlande vor- 
genommen wurde, um die Riten der Papstmesse den einfachen 
Bedürfnissen anderer Kirchen anzupassen. Was den Introitus be- 
trifft, so hegt in diesen Verhältnissen der Grund, warum in sämt- 
lichen Handschriften des Mefägesanges, die uns erhalten sind, nach 
der Antiphone nur mehr ein einziger Vers mit dem Gloria auf- 
gezeichnet ist, ein Gehrauch, der bekanntUch bis zur Gegenwart 
besteht. Heute wird die Antiphone vor dem Verse und nach der 
an diesen sich anschließenden Doxologie gesungen. 

Spuren der ursprünglich größeren Ausdehnung des Introitus 
haben sich indessen noch im Mittelalter erhalten. Die Consue- 
tudines antiquae Cluniacensium enthalten die Vorschrift, den In- 
troitus der sonntäglichen Hauptmesse nach dem Vers halb, nach 
dem Gloria ganz zu wiederholen, und nach Durandus^ wurde er 
in einigen Kirchen dreimal gesungen, vor dem Vers, dann nach 
demselben, aber nur unvollständig, nach dem Gloria aber wieder 
vollständig. In der englischen Kirche wurde er im iS. Jahrh. in 
allen Messen nach dem Vers und nach dem Sicut erat vollständig 
wiederholt, mit Ausnahme der gewöhnlichen Tage und der Passions- 
zeit 3. Ein derartiger an die ursprüngliche römische Übung er- 
innernder Gebrauch hat sogar über das Mittelalter hinaus in der 
Kirche von Lyon, bei den Praemonstratensern und den Karmelitern 
bestanden ■*; dabei wurde gewöhnlich der Unterschied gemacht, 
daß der Introitus nur bei ganz hohen Festen dreimal vollständig 
gesungen wurde, vor und nach dem Verse und nach der Doxologie, 
sonst nach dem Vers nur halb, genau so, wie es Durandus berichtet. 

Eine Erinnerung an den ursprünglichen Introituspsalm ist der 
Gebrauch der Missalien und Gradualien, dem Introitusvers nicht 
(wie beim Gradualresponsorium) y. (Versus) vorzusetzen, sondern 

1 Nur zum Teile vermochte man einzelne Zeremonien zu Anfang der 
Papstmesse im Frankenlande beizubehalten , da nämlich, wo man z. B. das 
Stationswesen nachahmte, wie an einigen Bischofssitzen, in Mainz, Trier u. a. 
Vgl. Bäumer, Breviergesch. 316. 

- Tommasi, 1. c. XII, praef. 6. 

^ Eine englische Handschrift des -13. Jahrh. (Cod. Brit. Mus. ITOOI, mit- 
geteilt in der Ausgabe des Graduale Sarisburiense II, Planche A) fügt dem 
Introitus Ad te levavi nsLch dem Vers Vias tuas die Rubrik an: Repetatur offi- 
cium etpostea clicitur Gloria Patri et Sicut erat : tertio dicitur officium. Et hoc 
per totum annuin ohservetur, tarn in dominicis quam in festis sanctortmi, 
et in octavis et infra, quum chorus regittir, et in omnibus missis de S. 
Maria per totum annum, nisi a dominica passionis domini ad missatn 
de tempore paschali. 

4 Tommasi, 1. c. XII, praef. 7. 



68 Die Antiphone zum Introitus. 

Ps. (Psalmus), obwohl seit langem nirgends mehr wie ein Vers 
gesungen wird. So hält es schon eines der ältesten auf uns ge- 
kommenen Bücher, das Graduale von Rheinau aus dem 8. Jahrh.i 

Es ist von Interesse, die Texte der Introitusantiphonen einer 
nähern Betrachtung zu unterziehen. Dabei wollen wir von einer 
jedermann zugänglichen Handschrift ausgehen , dem aus dem 
10. Jahrh. stammenden St, Galler Codex 339, der in der Paleo- 
graphie musicale Band I veröffentlicht ist. Wie aus den Tabellen 
am Ende dieses Buches ersichtlich ist, enthält dieses Gesangbuch 
die Gesangstücke für 201 Tage des Kirchenjahres und, da Donners- 
tag und Samstag nach Pfingsten je 2 Messen besitzen, für 203 
Messen. Die Zahl der Introitus ist aber nur 149, indem viele in 
mehr wie einer Messe gesungen werden; 54 bezw. 56 Messen 
haben keinen eigenen Introitus. Davon entfallen auf das Tempo- 
rale 15 (bezw. 13), auf das Sanctorale 39. Die Wiederholung 
eines Gesanges in mehreren Messen erklärt sich daraus, daß man 
für neu eingeführte Feste nicht immer neue Formulare für nötig 
hielt; man nahm dafür einfach vorhandene Texte mit ihren Melo- 
dien. Dies Verfahren ist seit dem 1 2. Jahrh. systematisch gehand- 
habt worden, und es entstand das Commune Sanctorum, 
welches von da an in den Meßgesangbüchern als selbständiger 
Bestandteil zum Temporale und Sanctorale hinzutritt. Wie die 
Einrichtung des Codex 339 lehrt, sind Temporale und Sanctorale 
zuerst noch nicht auseinander gehalten; die Feste des Herrn und 
der Heiligen sind nicht in zwei Gruppen getrennt, wie das später 
Brauch wurde, sondern so aneinander gereiht, wie sie im Kirchen- 
jahre aufeinander folgen. Die Zahl der Messen des Sanctorale, welche 
keinen eigenen Introitus besitzen, ist fast um das Dreifache größer, als 
die der entsprechenden RIessen des Temporale. Wir dürfen daraus 
schließen, daß in der Zeit, w^elche die neuen Messen einrichtete, 
mehr neue Heiligenfeste eingesetzt wurden, als solche des Herrn. 

Von den 149 verschiedenen Introitustexten des Cod. 339 
St. Gallen sind bei weitem die meisten aus der hl. Schrift gezogen, 
und zwar 102 aus dem Psalter, wenigstens 41, vielleicht sogar 
45, wenn man Anlehnungen mitrechnet, aus andern Büchern der 
hl. Schrift 2. Ein allgemein gültiges Gesetz, nach welchem die 



1 Cod. Rhenaug. XXX der Kantonalbibliothek Züricli, abgedruckt von 
Gerbert in den Monumenta vet. liturg. Alem. I, 362 ff. 

2 Introitus Ecce advenit ist eine Übersetzung aus dem Griecliisclicn 
(ygl. Lib. pontif. I, 289); desgleichen Introitus In excelso, oder Isai. VI, 1 nach- 
gebildet; Introitus Oaudeanius, der ein Seitenstück in dem Introitus Laefemur 
omnes hat, den spätere Handschriften für die Conversio S. Pauli haben (z. B. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 69 

Texte aus den Psalmen oder den anderen Teilen der Bibel ent- 
nommen wurden, läßt sich nicht eruieren. Nur so viel ist un- 
zweifelhaft, daß die Introitus der ältesten Feste des Herrn mit 
Vorliebe ihre Texte aus den geschichtlichen u. a. Büchern ge- 
nommen haben ; die Jüngern Messen sowie die allermeisten des 
Sanctorale haben Psalmtexte. Wenn man in der Bibel Texte fand, 
die eine direkte Beziehung auf das zu feiernde Fest zulassen, so 
lag deren Wahl nahe; man vgl. die Introitus für Weihnachten, 
Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten. Für die Feste der Heiligen aber 
war man auf die Psalmen angewiesen, in denen allerdings für 
jede christliche Tugend ein Lob sich finden ließ. So preist Psalm 44 
die Erhabenheit der Jungfrauen, und das älteste Muttergottesfest, 
das in der Oktave von AVeihnachten gefeiert wurde, entnimmt 
ihm die Texte aller wechselnden Meßgesänge. Diese charakte- 
ristische Seite gewisser Psalmen ist in der Zusammenstellung der 



Graduale Sarisburiense 177), und der auch eine mailändische Ingressa ist 
(Paleographie musicale V, 1 6), mag ebenfalls eine Übersetzung aus einem 
griechischen Offizium sein (die hl. Agatha ist eine sizilische Heilige; in Sizilien 
lebten aber im Mittelalter vielfach griechische Ritn); desgl. Introitus Sahis 
pojmli (19. Sonntag nach Pfingsten, und von da auf den Donnerstag der 
3. Fastenwoche übertragen). Dazu kommen Introitus Benedieta sit (de S. 
Trinitate), der durch Tobias -12, 6 und Introitus Dieit dominus sermones (de 
S. demente), der durch Isai. 59, 21 inspiriert ist. Der erst vom 12. Jahrh. 
an in den Handschriften erscheinende Introitus Salve sancta parens stammt 
aus dem Carmen paschalc des SeduHus (Buch II, f. 63. Migne, Patr. Lat. 
XIX, 599) und ist das einzige Beispiel eines Introitus in metrischer Form (2 Hexa- 
meter; im zweiten Verse ist der Schluß teilet per saecula cuius geändert in 
regit per saecula saecidorum. Das Wort regit für tenet stammt aus der 
Erklärung des Sedulischen Gedichtes von Remi d'Auxerre. Vgl. Revue 
d'histoire et de litterat. relig. IV, 1899, I, 95 [der Rest mußte des Abschlusses 
halber geändert werden]). Über andere Verwendungen von Teilen des Carmen 
paschale in der Liturgie später. 

1 Man gab ihnen je nach ihrem Inhalt und ihrer liturgischen Verwendung 
besondere Beinamen. So nennt der liturgische Berater Karls des Großen, 
Alkuin, in seiner Psalmordnung für die Wochentage (Migne, Patr. Lat. CI, 
563 ff.): 

Ps. 2 Qicare frenmerunt gentes den Psalm de incarnatione. 
3 4 Jiidica domine nocentes den Psalm de passione. 

3 Domine, quid midtiplicati 1 , r. i i 
„„„,,/ ^ , ^ \ den Psalm de resurrectione. 

29 hixaltabo te, deus J 

8 Domine, dominus noster den Psalm de ascensione. 

44 Eructavit cor meum den Psalm de S. Maria. 

1 8 Coeli enarrant den Psalm de Apostolis. 

32 Exidtate iusti \ ^ r. i i »r . -i 

^„ -r, , \ den Psalm de Martyribus 

/ 8 Deus venerunt gentes j 

123 Nisi quia dominus den Psalm de Confessoribus. 



70 Die Antiphone zum Introitus. 

Zudem war der Psalter von Anfang an das Gesangbuch der Kirche, 
so daß man auch für Messen ohne eigenen Charakter immer wieder 
auf ihn zurückgrifT. 

Besonders für die Introitus der Fastenzeit und der Sonntage 
nach Pfingsten ist der Psalter herangezogen worden. Bei letztern 
macht man die auffällige Beobachtung, daß der Reihenfolge der 
Sonntage eine ähnliche der Psalmen entspricht. Bis zum 17. Sonn- 
tag nach Pfingsten ist diese Ordnung befolgt, von da an ist sie 
verlassen. So teilen sich die Sonntage nach Pfingsten in zwei 
Gruppen, Sonntag 1. bis 17., und Quatembermittwoch der darauf- 
folgenden Woche bis Sonntag 24. Derartigen Anordnungen der 
Psalmen werden wir noch in andern Meßtexten begegnen. 

Das Verhältnis der Introitusverse zum Introitus selbst ist 
folgendes: wenn die Antiphone Anfang eines Psalmes ist, so pflegen 
die folgenden Verse des Psalmes als Introitusverse benutzt zu 
werden. Ist dagegen der Introitustext der Mitte des Psalmes ent- 
nommen, so bilden gew'ühnlich der erste und die folgenden Verse 
des Psalmes die Introitusverse. Diese Beobachtung ist schon in 
einer alten Handschrift der Vatikana^ niedergelegt; es ist daraus 
ersichtlich, daß noch im spätem Mittelalter die Kenntnis des for- 
malen Konstruktionsprinzipes des Introitus nicht verschwunden 
war. Besonders das Studium der Versus ad repetendum ist in 
dieser Frage von Interesse. Ein Beispiel ; der Introitus des ersten 
Adventsonntags Ad te ferai-i ist entnommen Ps. 24, f. 1 — 3. Der In- 
troitusvers T ms tuas Domine folgt im genannten Psalm gleich als T. 4, 
so der y. ad repetendum Dirigc 7ne, der T. 5 des Psalmes ist. 
Dagegen stammt Introitus Stent oculi servonim aus Ps. 122 y. 2 
und 3, der Introitusvers Ad te levavi bildet den 1. Vers vom 
Ps. 122, und der y. ad repetendum Quia multum rqüeta est ist 
y. 4. Die nicht dem Psalter entnommenen Introitustexte sind in 
den meisten Fällen mit Versen eines Psalmes verbunden, der schon 
für das Graduale, Offertorium oder die Communio derselben Messe 
in Anspruch genommen war. 

Nach der seit langem gültigen Vorschrift wird der Introitus 
erst dann begonnen, w'enn der Priester am Altare angelangt ist 
und die ersten Gebete spricht. Im Mittelalter wurde er gesungen, 
während der Zelebrant mit seinem Gefolge aus der Sakristei zum 
Altare zog; heute erklingt währenddessen Orgelspiel; dies ein- 
leitende Orgelspiel wird den heutigen Usus veranlaßt haben. In 
gewissem Sinne wirkt der ältere Gebrauch noch heute nach in 



1 Tommasi, 1. c. XII, pracf. 7. 



Die Meßgesänge im Miltelalter. 71 

der Messe vom Karsamstag und dem Samstag vor Pfingsten, die 
keinen Introitus hat, weil an diesen Tagen der Priester unter dem 
Gesang der Litanei zum Altare zieht; da ist ein weiterer Gesang 
zum »Eingang« nicht nütig, und so steht im Rheinaucr Graduale 
hier die Rubrik: Ad Introilum letania'. In einigen gallischen 
Kirchen war es sogar üblich, den Introitus zu singen, während 
der Zelebrant die Gewänder im Secretarium anzog; erst wenn der 
Chor beim Gloria Patri angelangt war, zog er mit den Ministranten 
z.um Altar 2. Das Pianische Graduale Vaticanum 1908 kehrt neuer- 
dings zum ursprünglichen Gebrauche zurück und schreibt vor, den 
Introitus schon während des Ganges des Zelebranten zum Altare 
zu beginnen 3. 

Die musikalische Fassung des Introitus war durch die Art 
seiner Ausführung bedingt. Er ist ein von der Schola ausgeführter 
Chorgesang; so erklärt sich die über die Rezitation hinausgehende, 
die Worte des Textes mit einer angemessenen Melodie umkleidende 
Introitusmelodie der Handschriften. So reich wie die Solomelodie 
des Responsoriums oder AUeluja ist sie nie; auch nicht so einfach 
wie die ältesten Kyrie, Sanctus und Agnusmelodien, die von allen 
am Altare Anwesenden und auch vom Volke gesungen wurden 
und darum syllabische Rezitation waren; vielmehr eine rechte 
Ghormelodie, für alle Sänger der Schola bestimmt. Die der Anti- 
phone folgende Psalmodie fällt unter denselben Gesichtspunkt; sie 
verleugnet nicht den Charakter der Chorpsalmodie, ist aber etwas 
reicher als diejenige des Offiziums, für welche man Formeln nütig 
hatte, die von jedermann, auch von des Gesanges nicht sehr Kundigen, 
bewältigt werden konnten. 

Das Kyrie eleison. 

Unmittelbar auf den Introitus folgt das Kyrie eleison. »Inprimis 
dicitur Introitus . . . deinde Kyrie eleison^, sagt das gregorianische 



1 Gerbert, Monum. vet. lit. Alem, I, 383. 

2 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 251: Ritus antiq. Missae celeljr. aus dem 
•ll. Jahrb. 

■5 Graduale Vaticanum: de Ritibus servandis in cantu Missae: I. Acce- 
dente Sacerdote ad altare, incipiroü Caiüores Antiplionam ad Introilum. 
(Juae in fcriis et festis simpliciljus intouatur alj uno cantore, usquc ad 
Signum appositum* ; in aliis festis et in Dominicis a duohus; sed in solem- 
nitatihus a quatuor, ubi Cantores suppeiunt. Chorus jn-osequitur usque ad 
Psalmum. Primam partein versus Psalmi, usque ad asteriscum, et f. 
Oloria Patri ipsi Cantores proferunt, versum ahsohente uniierso Choro. 
Postea rcpetitur, item ah omnibus, Introitus usque ad Psahnum. 



72 Das Kyrie eleison. 

Meßbuch 1, Es stammt aus der griechischen Kirche, wo es sehr 
häufig, nicht nur in der Messe, gesungen wurde. In der Liturgie 
des Markus, Jakobus 2 u. a. war es ein Ruf des ganzen Volkes. 
Da es allen lateinischen Liturgien gemeinsam ist, so ist die An- 
nahme berechtigt, daß es zu den ältesten lateinischen Riten ge- 
hört, und da es sich aus griechischen Worten zusammensetzt, so 
mag es in Rom schon vorhanden gewesen sein, als daselbst das 
Griechische noch liturgische Sprache war. 

In der gallikanischen Messe war der Gesang des Kyrie einge- 
rahmt durch zwei andere Gesänge, das Dreimalheilig, Trisagiou 
und das Canticum Benedictus dominus deus Israel^. Das Trisagion 
wurde vom Bischof angestimmt und zuerst auf griechisch, dann 
auf lateinisch gesungen; da es sich an dieser Stelle in keiner 
andern lateinischen Liturgie findet, so mag es hier griechischem 
Einflüsse zugeschrieben sein. Das Canticum Benedictus, welches 
während der Fastenzeit durch das Sanctus Dens cmgelorum ersetzt 
wurde, wenigstens in Paris, hat sich in der mozarabischen Liturgie 
am Sonntag in Adventu S. Johannis Baptistae erhalten; die am- 
brosianische hat keine Spur mehr von ihm. 

Allgemein gebräuchlich war das Kyrie in Gallien erst seit dem 
Konzil von Vaison (529), welches es für alle Messen vorschrieb, 
wie für die Matutinen und die Vesper^. Die betreffende Verordnung 
bezeugt seinen Gebrauch in allen Kirchen des Orients und Italiens. 
Zu letztern gehört auch die mailändische, deren Bücher das Kyrie 
eleison nach dem Gloria in excelsis, nach dem Evangelium und am 
Ende der Messe vermerken ; darin näherte sich der ambrosianische 
Ritus dem griechischen, in -welchem es gleichfalls mehrfach während 
der Messe gesungen wurde, nach dem Gloria, nach dem Evangelium 
und vor Schluß der Messe nach der Communio^. In der moza- 
rabischen Messe wird es, wie man bei den intimen liturgischen 
Beziehungen Galliens zu Spanien annehmen darf, vorhanden ge- 



1 Vgl. oben S. 62. 

2 Menardiis in dem Kommentar zum greg. Sacramentar. (Migne, Patr. 
Lat. LXXVIII, 267.) 

3 Duchesne, origines, \ 82. 

4 Can. 3 : Et quia tarn in sede apostolica quam etiam per totas Orien- 
tales atqiie Italiac jirarinrias dulcis et nimiiim salntaris consuetudo est in- 
tromissa, ut Kiji-ir rlrisun frequentms cum grandi affedu et compunctione 
dicatur : placuit ctia»i iiubis, tit in omnibus ecclesiis nostris isla tavi sancta 
consuetudo et ad matutinum et ad missas et ad resperam dco propicio in- 
tromittatur. Dasselbe Konzil schrieb das Trisagion für alle Messen vor, nicht 
nur lür die öCfentlichen, denen es bis dahin allein angehörte. 

5 Ceriani, notitia liturg. Ambros. 3 ff. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 73 

wesen sein; erhalten hat es sich nur mehr in der mozarabischen 
Vesper. 

Der urlateinische, auch altrümische Gebrauch, das Kyrie eleison 
außerhalb der Messe zu singen, existiert noch im heutigen Bene- 
diktineroffizium ; in der Vesper des Ostertages, für welche es 
schon Im I. Ordo Romanus vorgeschrieben ist i, wurde es noch in 
der neuern Zeit überall da anstatt des Dens in adjutoriimi meiern 
intende gesungen, wo die mittelalterliche fränkisch-römische Liturgie 
in ihren letzten Ausläufern sich erhalten hatte, so in Besancon, 
Chälons-sur-Marne, Gambrai^ ebenso bei den Praemonstratensern 
und Karmelitern 2. Zuletzt wurde es in Trier abgeschafft durch 
Adoption des heutigen römischen Breviers (1888). 

Die Einführung des Ghriste eleison geht zurück auf den Organi- 
sator der römischen Liturgie, Gregor L Es gab solche, die ihm 
den Vorwurf machten, er ahme bei seinen Reformen mehr wie 
nötig die Griechen nach ; ihnen gegenüber rechtfertigt er sich in 
einem Briefe 3, indem er darauf hinweist, daß zwischen seiner 
und der Übung der Griechen doch ein Unterschied bestehe: diese 
sängen nur Kyrie eleison, nicht aber das Ghriste eleison; auch 
sängen sie das Kyrie alle gemeinschaftlich, während er es von den 
Klerikern vorsingen und vom Volke respondieren lasse. Damit 
stimmt die Bemerkung des 1. Ordo Romanus ^ überein, wonach 
der Sängerchor das Kyrie anstimmt, nicht, wie beim Introitus, der 
Prior Scholae. Beim Introitus fahren die Sänger fort zu singen, 
beim Kyrie ist dadurch, daß die ganze Schola intoniert, angedeutet, 
daß diejenigen, die weitersingen, andere sind, als die Sänger selbst, 
d. h. das Volk. Erst später hat der Sängerchor den Gesang des 
Kyrie ganz an sich gerissen, und die Beteiligung des Volkes 
hörte auf. 

Von einer Dreizahl des Kyrie und Ghriste, wie sie heute 
vorgeschrieben ist, ist in den ältesten Ordines Romani keine 



1 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 965. 

2 Ortigue, dictionnaire du plain-chant, Paris, 1854, S. 736. Vgl. auch den 
Aufsatz von Pidoux in der Tribüne de St. Gervais, Paris 1900, S. 294. Das 
neunmalige Kyrie zu Beginn der Ostervesper haben die Franziskaner im 1 3. Jahrh. 
abgeschafft, und da ihr Brevier allmählich die Alleinherrschaft an sich riß, ver- 
schwand der alte Brauch aus der römischen Liturgie. Vgl. Bäumer, Breviergesch. 
323. Die Handschriften (und das trierische Brevier bis -1888) haben für die 
Landes der 3 letzten Tage der Karwoche einen rührenden Gesang, der mit 
dem Kyrie eleison eingeleitet wird. 

3 Epist. 9, 12. (Migne, Patr. Lat. LXXVII, 956.) 

4 Ebenda LXXVIII, 942. 



74 Das KjTic eleison. 

oder weniger oft, und zwar gab der Zelebrant das Zeichen, abzu- 
brechen oder das Christe zu singen. So wurde es in der Papst- 
messe, deren Ritus der i. Ordo beschreibt, und in der Bischofs- 
messe, die im 5. Ordo beschrieben ist, gehalten i. Die Festlegung 
der Zahl der Anrufungen auf je drei wird gleichzeitig sein mit 
der Einführung der Wiederholung des Kj-rie nach dem Christe. 
Im 9. Jahrb. war der heutige Usus schon in Gallien bekannt: denn 
Amalar erwähnt das Kyrie eleison am Ende und setzt die Disposi- 
tion der Anrufungen in Beziehung zur hl. Dreifaltigkeit: »und 
darum sagen die Sänger Kyrie eleison, Herr, Vater, erbarme Dich 
unser, Christe eleison, erbarme Dich, der Du uns mit Deinem Blute 
erlöst hast, und wiederum Kyrie eleison, Herr, heiliger Geist, er- 
barme Dich 2.« Da Amalar den römischen Ritus an Ort und Stelle 
kennen gelernt, ja vom Archidiakon Theodorus, der immer bei 
den Messen des Papstes zugegen war, darin Unterweisung erhalten 
hatte 3, so kann man wohl annehmen, daß er den römischen Usus 
seiner Zeit bei seiner symbolischen Erklärung der Disposition des 
Kyriegesanges im Auge hatte, und daß demnach um 830 die An- 
rufungen des Kyrie in Rom schon so geordnet waren, wie es seit- 
her die Regel geblieben ist. Zu demselben Schlüsse führt die 
Vorschrift des von Duchesne * herausgegebenen Ordo, der noch 
etwas älter ist als Amalar; er erwähnt ausdrücklich, daß das 
Kyrie, das Christe und wieder das Kyrie je dreimal zu singen ist, 
einmal von der Schola, die beiden andern Male von den Regionarii. 
Demnach ist die Beschränkung des Kyrie, Christe und Kyrie auf 
die Dreizahl in Rom spätestens um 800 vorgenommen worden. 

Das Kyrie wird in den liturgischen Denkmälern des Mittelalters 
auch Litania genannt. In der griechischen Kirche ist es die 
Antwort des Volkes auf die Anrufungen des Vorbeters. Auch in 
den lateinischen Liturgien hat seine Wiederholung Ähnlichkeit mit 
der Litanei, ja in Rom treten beide in organischen Zusammenhang 
in den Stationen. Daselbst war es Brauch, daß der Papst nicht 
nur in seiner eigenen, sondern auch in andern Kirchen pontifizierte. 
In diesem Falle versammelte sich das Volk in einer ihm vorher 



1 I. Ordo Rom. 9 (Migne, Palr. Lat. LXXVIII, 942) und V. Ordo 6. 
(ebenda 987.) 

2 Amalar, de eccles. officiis III, 6. (Migne, Patr. Lat. CV, 111.3.) 

3 831 oder 832 wurde Amalar vom Kaiser Ludwig nach Rom in litur- 
gischer Mission geschickt. Das Nähere im Prologus zu seinem Liber de or- 
dine Antiphonarii. (Migne, Patr. Lat. CV, 1243 ff.) 

4 Duchesne, origines 4 39 11'. Nach Duchesne stanmit derselbe aus der 
Zeit um oder noch vor 800. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 75 

namhaft gemachten Kirche und zog, nachdem die Oratio ad Collec- 
tam 1 über es gebetet war, in langer Prozession zur Kirche, in 
welcher der Papst die Messe feiern wollte, der Stationskirche. 
Unterdessen wurden Psalmen gesungen und andere Gesänge, auch 
die Litanei von allen Heiligen'^. Noch heute erinnern Überschriften 
der 31esse, z. B. der drei letzten Tage der Karwoche im Älissale, 
Statio ad S. Joanem in Laterano usw., an den allen Brauch. Deut- 
lich ist der Zusammenhang des Kyrie eleison mit der Litanei am 
Karsamstage zn beobachten, dessen Kyrie nichts anderes ist, als 
der Schluß der Prozessionslitanei. Nach dem Agnus Bei, qui tollis 
und dem Christc audi nos folgt im Missale die Rubrik : Hie can- 
tores solemniter incipiunt: Kyrie eleison. Ebenso ist es am Tage 
vor Pfingsten. Die Melodie des Osterkyrie, wie sie die Hand- 
schriften darbieten, enthält noch Anklänge an die Wendungen der 
Allerheiligenlitanei. An den Stationstagen ^ brauchte also das Kyrie 
nicht besonders gesungen zu werden, da es in der Litanei enthalten 
war. In den andern Kirchen trat der Zusammenhang des Kyrie 
mit der Litanei nicht so stark hervor und wurde mit der Zeit ver- 
gessen, da die Stationen eine spezifisch römische Einrichtung waren. 
Die melodische Fassung des Kyrie eleison ergab sich aus seiner 
Bestimmung, von allen Anwesenden gesungen zu werden. Es war 
zuerst ein einfacher, rezitativischer Gesang. Als die Schola can- 
torum später das Kyrie allein ausführte, begnügte man sich selbst- 
verständlich nicht mehr mit der einfachen, syllabischen Melodie, 
sondern schuf reichere, wie sie in den ältesten Handschriften ent- 
halten sind. Dabei war man bedacht, je nach dem Charakter des 
Tages eine mehr oder weniger festliche Melodie zu besitzen. Diese 
Entwicklung fand besonders darin ihren Ausdruck, daß die rö- 
mischen Sänger auf der letzten Silbe des Wortes Kyrie eine die 
bittende Stimmung passend wiedergebende Vokalise anbrachten. 
Die Ambrosianer^ pflegten jedoch das Kyrie, wie auch das Gloria, 

1 Dies ist der Ursprung des heute Collecta genannten Gebetes nach der 
Begrüßung durch das Dominus vobiscum. 

- i'ber die Stationen vgl. Probst, die ältesten röm. Sakramentarien, 
Münster 1892, S. 3:24 ff., oder Mönchemtier, Amalar von Metz, Münster 1893, 
S. 126. 

3 Quando litania ayitur, nee Gloria in excelsis dco nee Kyrie eleison 
post Introitum nee Älleluia cantaiur, exeepta litania maiore. I. Ordo rom. 
25, (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 950.) 

* Tfunicam servant noiam* sagt Radulphus Tungrensis, de canon. observ, 
propos. 23. Durandus von Mendc, Ration. 5, 2, 33 weist darauf hin, daß 
derartige Neuniae, wie er die Vokalisen nennt, auf den Vokalen a und e am 
besten klingen, und erinnert an das Alleluja und Kyrie. 



76 Das Gloria in excelsis Deo. 

Credo und Sanctus, nur syllabisch zu singen, also in seiner ältesten 
und einfachsten Form ^ 



Das Gloria in excelsis Deo. 

Der Hymnus angelicus wurde in der griechischen Liturgie im 
Morgenoffizium gesungen, und zwar reicht sein Gebrauch bis in 
die ersten Jahrhunderte, da er schon in den apostolischen Kon- 
stitutionen (VII, 47) erwähnt ist. Auch bei feierlichen und pri- 
vaten Danksagungen fand er Verwendung im Orient wie im Okzi- 
dent 2. Erst später w^urde dafür der Gesang des Tc Deum ange- 
ordnet. 

Seine Einführung in die römische Messe soll nach einer wenig 
glaubwürdigen Notiz des Papstbuches Papst Telesphorus (f 154) 
vorgenommen haben, und zwar sei es zuerst nur in der Früh- 
messe von Weihnachten gesungen worden 3, offenbar zum Andenken 
an den Gesang der Engel auf dem Felde von Bethlehem bei der 
Geburt des Herrn. Diese Nachricht erledigt sich einfach dadurch, 
daß es im 2. Jahrb. in Rom ein Weihnachtsfest noch nicht gab. Auf 
die Sonntage und Feste der Märtyrer soll sein Gebrauch ausgedehnt 
worden sein durch Papst Symmachus (498 — 514), ebenfalls nach 
Ausweis des Papstbuches'. Diese Erlaubnis betraf aber nur die 



1 Dei' heutige Vortrag das Kyrie ist durch die folgende Vorschrift 
des Graduale Vaticanum 190 8 festgelegt: Chorus, finita Antiphona, ter 
Kyrie eleison, ter Christe eleison, et iterum ter Kyrie eleison, 
alternatim cum Cantoribus aut altcro Choro persolvit. Ultimum autem 
Kyrie eleison dividitur in duas vel etiam in tres partes ab asterisco 
simplici aut dupliei distinetas. Si duae tantwn sunt partes, ae proinde 
unus asicriscus, prima pars ab ipsis Cantorihits auf a primo Choro can- 
tatur; altera vcro ab omnibus. Si tres ocrurnntt jiarfes et ideo asteriscus 
simplex ad primam divisionem et duplex ad ultn-am, tunc prima pars ad 
eosdem pertinet quos supra; secunda rero, quae primae partis melodiam 
repetit, cantatur ab aliero Choro; tertia demiim conjunctis omniuin vocibus 
absolvitur. Äliquatido etiam quinque partes contingiint: tunc modus divi- 
dendi alternas cantandi vices similiter notatur per signuni divisionis tum 
simplex tum duplex pluries interpositum, et satis intelligitur ex dictis. 

2 Chrysostomus, hom. 3. zum I. Kap. des Kolosserbriefs. Gregor von 
Tours (de gloria confessorum I, 63, Migne, Patr. Lat. LXXI, 762) berichtet, 
daß Geisthche und Volk bei der Auffindung des Körpers des Märtyrers Mal- 
losus freudigen Herzens das Gloria anstimmten. Als Karl der Große den 
Papst Leo III. besuchte (800), stimmte der Papst nach der gegenseitigen Be- 
grüßung das Gloria an. Also Anastasius Bibliothccarius de Leone III. (Vgl. 
Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 570.) 

3 Lib. pont. Duchesnc, I, 129; vgl. auch 130, Anm. 3. 

4 Ebenda I, 263. 



Die Meßgesänge im Millelaltcr. 77 

Bischüfe; die Priester durften es nur am Ostersonntag anstimmen, 
wann sie den Papst vertraten, und am Tage ihrer Installation in 
die priesterlichen Funktionen i. An den Tagen, an welchen der 
Messe die Stationsprozession vorausging, fiel das Gloria auch für 
die Papstmesse aus, wie aus einer Rubrik des gregorianischen 
Sacramentars hervorgeht-. Andrerseits hat die Papstmesse das 
Gloria wieder an den Adventsonntagen, wie wenigstens für die 
erste Hälfte des 12. Jahrh. ausdrücklich bezeugt wird 3. 

In der ersten Hälfte des 1 1 . Jahrhunderts erhob sich im 
Frankenlande eine Bewegung, die den Priestern das Recht zuge- 
sprochen haben wollte, das Gloria so oft zu singen, wie die Bischüfe. 
Berno von Reichenau (f 1048) trat energisch dafür ein und machte 
besonders geltend, daß es doch seltsam sei, die Priester das Gloria 
am Ostertage singen zu lassen, nicht aber an Weihnachten, wo 
es zum ersten Male von den Engeln auf der Erde gesungen worden 
sei. Nirgendwo sei es von der hl., Schrift oder den Päpsten den 
Priestern verboten worden, und wenn man es letztern deshalb 
verbiete, weil es in Rom nicht üblich sei, so dürfe man auch das 
Credo nicht zulassen, das bis auf seine Zeit in der römischen 
Messe nicht vorhanden gewesen sei*. Diese Bewegung gelangte 
zum Siege; noch am Ende desselben Jahrhunderts macht der 
Micrologus de ecclesiasticis observationibus^ keinen Unterschied mehr 
zwischen Bischüfen und Priestern. Er schreibt das Gloria Priestern 
und Bischöfen vor für alle Festtage mit vollständigem Offizium, 
mit Ausnahme des Adventes, der Septuagesimazeit (d. h. der Zeit 
von Septuagesima bis Ostern) und des Festes der Unschuldigen 
Kinder (welches im Mittelalter als Trauerfest galt). Da der Ver- 
fasser des Micrologus überall die römische Gewohnheit hervorhebt 
und ihr folgt, so wird man kaum irren, wenn man vermutet, daß 
zu seiner Zeit das Gloria auch in Rom von den Prieslern so oft 
angestimmt wurde, wie von den Bischöfen. Warum das Gloria 
im Advent nicht gesungen wurde, wohl aber das Alleluja, — auch 
die Vesperantiphonen der Adventsonntage haben das Alleluja am 



1 Migne, Palr. Lat. LXXVIII, 949 und Duchesne, origines 159. 

2 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 23. 

3 Durch den Ordo des römischen Kanonikus und Kantors Benedikt aus 
der ersten Hälfte des 4 2. Jahrh. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, -1027.) 

* De quibiisdam rebus ad missae officimn pcrtiiicntilms cap. 2. (Migne, 
Patr. Lat. CXLII, 156 fr.) 

5 Cap. 2. (Migne, Patr. Lat. CLI, 978 IT.) Über den Verfasser, als den 
man lange Ivo von Chartres ansah, vgl. Morin in der Revue BenOdictine, 
1891, 385 ff, der an Bcrnold von Konstanz denkt. 



78 Das Gloria in excclsis Dco. 

Ende, — erklären die alten Liturgiker mit mystischen Gründen. 
Der Ausfall des Gloria deute auf die Trauer der Erzväter, welche 
die Fleischwerdung des Heilandes erwarteten, das Alleluja enthalte 
die Hoffnung auf Befreiung, sagt eine Meßerklärung i. Der wirk- 
liche Grund ist der, daß das Alleluja ein älterer und allgemein 
adoptierter Bestandteil der Messe ist, während das Gloria immer 
nur als ein sekundärer Meßgesang betrachtet wurde. Noch heute 
zeigt sich dieser Charakter des Gloria darin, daß es viele Messen 
gibt, in denen es fehlt. Nur an Tagen besonderer Freude wird es 
gesungen 2, es fehlt dagegen in der Fastenzeit, im Advent und an 
vielen andern gewöhnhchen Tagen 3. 

Nach dem 1. Ordo Romanus stimmte der Pontifex das Gloria 
an, indem er sich zum Volke wendete ^, wie beim Dominus vobis- 
cum. Beim Gloria ist diese Sitte fortgefallen, bei der Begrüßung 
der Gläubigen hat sie sich erhalten. Nach dem 2. Ordo fuhr der 
Chor fort: et in terra pax hominibus^. Auffällig ist, daß der Zele- 
brant das Gloria anstimmt: beim Kyrie gab er, wie wir sahen, 
den Sängern durch einen Wink zu verstehen, wann sie intonieren 
sollten. Der Chor, der nach der Intonation des Zelebranten weiter- 
singt, kann nicht der Chor der Sänger sein; denn der 2. Ordo 
nennt diesen immer die Schola, während er hier vom »ganzen 
Chor« redet. Mit letzterem ist vielmehr die Gesamtheit der am 
Altare assistierenden Kleriker gemeint, denen auch die andern Ge- 
sänge des Ordinarium zugeteilt waren. Dementsprechend halten 
die ältesten Gloriamelodien den Charakter einer syllabischen Rezi- 
tation; es war mehr eine mit gehobener Stimme vorgetragene 
Deklamation, als ein Gesang. Späteren Datums sind die reichern 
Singweisen, die auf den ersten Blick erkennen lassen, daß sie den 
Vortrag durch den Sängerchor zur Voraussetzung haben. Noch 
Radulph von Tungern (2. Hälfte des 14. Jahrb.) sagt, daß das 
Gloria (und Sanctus) im Graduale Gregors des Großen nur wenige 



1 Hugo cardinalis in explic. missae 6., vgl. Gerbert, de cantu I, 380. 

2 Als das Kloster St. Blasien im Schwarzwald 1198 das Gloria für die 
Feste der Annuntiatio, Purificatio und des hl. Blasius einführen wollte, wenn 
sie infra Septitagesimam fielen, mußte es sich dafür die besondere Erlaubnis 
von Papst Coelestin III. erbitten. Vgl. Gerbert, ebenda. 

3 Seine heutige Ausführung ergibt sich aus der Vorschrift des Graduale 
Vaticanum: Incipit solus Sacerdos clara voce Gloria in excelsis Deo: 
deinde Chorus prosequitur Et in terra pax hominibus, etc., divisiis 
qiiidem in duas partes invicem sihi respondentes, aut cantat alternatim cum 
Gantoribus. 

4 Ordo rom. I, 9. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 942.) 

5 Ordo rom. II, 6. {Ebenda, 970.) 



Die Meßgesängo iin MiUelaller. 79 

Noten hatte, die reichern Melodien hält er für Werke weltlicher 
Sänger und ohne Autorität; er lobt die Karlhäuser, welche der- 
artige neuere Melodien ablehnten '. 

Aus der römischen Messe drang das Gloria in die mozarabische 
und mailändische. In letzterer hieß es Laus Angelorum^ und 
wurde nach dem Ordo des Beroldus (12. Jahrh.) vom Magister 
Scholarum ganz allein vorgetragen ; es war also eine Art Lesung. 
Nur an den höchsten Festtagen sangen die Lektoren die zweite 
Partie vom Suscipe dejorecationem nostram an^'. Die gallikanische 
Liturgie ersetzte das Gloria durch das Trisagion*. In der Kirche 
von Bethlehem gehörte das Gloria zur täglichen Messe, auch der- 
jenigen zum Gedächtnis der Toten ^. 

Daß viele Kirchen im Abendlande das Gloria in griechischer 
Sprache singen ließen, ist schon gesagt worden, ebenso, daß dieser 
Ritus wahrscheinlich auf die griechischen Kleriker zurückgeht, die 
im 7. und 8. Jahrh. in Rom wirkten*^. 

1 De Canon, observ. prop. 23. Gerbort, 1. c. 3S3. 

~ Im ältesten mailändischen Ordo bei Ceriani, 1. c. 3. 

3 Ordo des Beroldus, ed. Magistretli, S. 49. 

4 Duchesne, origines, S. 183. 

5 Gerbert, de canlu I, 3 81. 

f^ Ygl. oben, S. 63. Dieser Gebrauch läßt sich für alle Länder der gre- 
gorianischen Liturgie nachweisen. Für England ist Zeuge das Troparium von 
Winchester (Ausgabe der Bradshaw-Gesellschaft, S. 80), und nach Gardthausen, 
griech. Palaeographie, S. 422, sang man das griechische Gloria im Kloster des 
hl. Martialis in Limoges im -10. Jahrh. 



V. Kaj^itel. 

Fortsetziing. Die (iresänge zwischen deu Lesuugeu. 

Zwischen die Lesungen aus den hl. Schriften, welche auf die 
Oratio des Zelebranten folgen, sind zwei Gesänge eingeschaltet, die 
von Solisten ausgeführt wurden, mit refrainarligen Repetitionen 
des Sängerchores. Sie gehören also der Gattung des Cantiis res- 
ponsorius an. Der erste hat auch den Namen Responsorium 
graduale, der zweite ist das Alleluja, welches in Zeiten der 
Buße und den Fastenmessen durch den Tractus ersetzt wird. 
Immer aber sind es zwei Gesänge. Dies ist auffällig und hat 
seinen Grund darin, daß der Lesungen früher mehr als zwei vor- 
getragen wurden. Zuerst begann man mit einer prophetischen 
Lectio; nach ihr war ein Gesang angeordnet; es folgte die Epistel, 
nach welcher wieder ein Solo vorgetragen wurde, und dann das 
Evangelium. Auf diese Weise waren die drei Lesungen durch 
zwei Gesänge getrennt. Später verschwand die erste Lectio, die 
prophetische, wahrscheinlich schon im 5. Jahrb., in der römischen 
Liturgie wie in derjenigen von Byzanz ' , freilich nicht ohne 
Spuren zu hinterlassen. Noch bis ins 12. Jahrb. haben einige 
Handschriften für gewisse Feste drei Lesungen, so für die Messe 
von Weihnachten, vom hl. Johannes dem Evangelisten, vom hl. 
Sylvester und Epiphanie, eine Überlieferung, die auch von den 
mittelalterlichen Liturgikern bestätigt wird 2. An einigen Tagen 
der Fastenzeit und in den Quatembermessen haben sie sich bis 
heute erhalten. Es ist nun sehr bedeutsam, daß man, obwohl 
der innere Grund dafür nicht mehr vorhanden war, beide Gesänge 
beibehielt. Der Ordner der römischen Liturgie sanktionierte den 
doppelten Gesang, und die Kirche hat ihn bis heute nicht abge- 
schafft, zum Beweise für die Wertschätzung, die sie dem Gesang 
entgegenbringt. 

Alle drei Lesungen finden sich in der mozarabischen Liturgie; 
der Gesang zwischen den beiden ersten, der Lectio prophetica 

1 Duchesnc, origines, S. 160 und 186. 

2 Gerbert, de cantu I, 387. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 81 

und dem Apostolus, heißt die Psallenda. Meist gab es auch in 
der mailändischen Liturgie zwei Lesungen vor dem Evangelium, 
zwischen ihnen wurde der Psalmellus gesungen oder der Psal- 
mellus cum versu. In Afrilva sagte man meist dafür Psalmus. 
Alle diese Namen deuten auf den Inhalt des Gesanges hin, der 
ein Psalm war, während der römische Name Responsorium sich 
auf die Art des Vortrages bezieht. 

Das Gradualresponsorium. 

Das responsoriale Solo in der Messe ist apostolischen Ur- 
sprunges, der älteste von allen Meßgesängen. Wir wissen, wie 
in Nachahmung der jüdischen Liturgie in den christlichen Ver- 
sammlungen zwischen die Lesungen aus den hl. Schriften ein Solo 
des Psalmisten eingeschoben wurde, dem der Zelebrant und die 
Anwesenden lautlos zuhörten i ; der Gesang des Responsoriums 
der Messe ist von Anfang an um seiner selbst willen da, im Gegen- 
satz zu den später eingeführten Gesängen, wie Introitus, Offertorium 
und Communio, welche den Zweck hatten, die Dauer der Zere- 
monien auszufüllen 2. 

Daß das Meßresponsorium zuerst einen ganzen Psalm umfaßte, 
geht aus vielen Aussprüchen besonders des hl. Augustinus un- 
zweifelhaft hervor. Der Vorsänger sang der Reihe nach die Verse 
des auf den Tag fallenden Psalmes, und die Gemeinde antwortete 
auf jeden Vers mit dem Refrain. In seinem Sermo 1 76 erklärt 
der hl. Augustinus 3; »Wir haben die erste Lectio vernommen . . ., 
dann sangen wir den Psalm, indem wir uns gegenseitig aneiferten, 
mit einer Stimme und einem Herzen singend : Kommet, lasset uns 
anbeten.« Letztere Worte bildeten den Refrain der Anwesenden 
auf die Partie des Solisten. Deutlicher noch spricht er sich zu 
Beginn seiner Erklärung des Ps. \\9^ aus: »kurz ist der Psalm, 
den wir eben haben singen hören, und dem wir respondiert haben.« 
Daß man auch längere Psalmen vollständig sang, läßt sich aus 
seiner Erklärung des Ps. 138 schheßen, die er also beginnt ^i »ich 
hatte angeordnet, daß ein kürzerer Psalm vom Lektor gesungen 



1 Constitut. ap. II, 57. 

2 Duchesne, origines, 16-1. 

3 Migne, Patr. Lat. XXXVIII, 950. Dasselbe besagt eine Stelle im sermo 170: 
audivimus apostoHcam leetionem, audi psabnum . . . audistis evangeliuni. 
Ebenda 927. 

4 Migne, Patr. Lat. XXXVII, 1596. 

5 Ebenda XXXVII, 1784. 

Wagner, Gregor. Melod. I. 6 



82 Das Gradualresponsorium. 

werde; dieser aber hat, wie es scheint, in augenblicklicher Ver- 
wirrung, einen andern dafür vorgetragen, und zog ich es vor, in 
dem Irrtum des Lektors dem Willen Gottes zu folgen, als meinem 
eigenen. Wenn ich demnach Euch bei der Länge des Psalmes 
(Ps. 138 hat 24 Verse) etwas aufgehalten habe, so möget Ihr nicht 
mir dafür die Schuld beimessen, sondern annehmen, daß Gott uns 
nicht ohne Nutzen habe anstrengen lassen.« 

Aus diesen und andern Stellen scheint hervorzugehen, daß der 
Refrain der Gemeinde immer einen ganzen Vers umfaßte. In seiner 
Erklärung von Psalm 40 i erwähnt Augustinus als Refrain : Inimici 
mei dixermit mala mihi, qiiando morietur et 'perihit nomen ejus 
(den y. 6), in der Enarratio 2 des Ps. 29: Exaltaho te domine, 
giioniam suscejpisti me, nee iucundasti inimieos meos super me"^ 
(Anfangsvers), in der Erklärung von Ps. 25: Ne perdas cum impi- 
is animam et eum viris sanguinum vitam mcam^. Dieser Refrain 
ist dem letzten Teile des Psalmes (T. 9) entnommen und bestätigt 
somit die obige Behauptung, daß man den Psalm vollständig sang. 

Für die römische Messe, vor ihrer Ordnung durch Gregor den 
Großen, läßt sich ebenfalls der Nachweis führen, daß der Solist 
einen ganzen Psalm ausführte. Im 3. Sermo zum Jahrestage seiner 
Thronbesteigung sagt Leo der Große (440 — 461): »wir haben den 
davidischen Psalm (den 1 09.) nicht zu unserer eigenen Erhebung, 
sondern zum Ruhme Christi des Herrn gesungen*.« 

Wie wir sahen, hing die Zahl der Introitusverse noch lange 
nach der Meßreform Gregors von der Zeit ab, welche die vom 
Introituspsalm begleiteten Zeremonien und Gebete des Pontifex 
beanspruchten; erst die Einführung der zunächst für die Papst- 
messe gegebenen Riten in einfachere Verhältnisse veranlaßte die 
Kürzung des Introituspsalmes. Soweit wir aber die gregorianische 
Messe zurückverfolgen können, finden wir die noch heute gültige 
Form des Meßresponsoriums : einleitenden Gesang mit einem 
einzigen Vers. Das Gregorianische Sakramentar^ schreibt ein- 
fach das Grad(u)ale vor, und alle bisher bekannten Handschriften 
ohne Ausnahme, von den Büchern von Rheinau und Monza aus 
dem 8. Jahrb. angefangen^, vermerken in dem mit 1^. versehenen 
Gesang immer nur einen Vers [f.], nie, wie beim Introitus, einen 



1 Ebenda XXXVI, 444. 

2 Ebenda XXXVI, 216. 

3 Ebenda XXXVI, 4 91. 

4 Ebenda LIV, 145. 

5 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 23. 

6 Gerbert, monum. vet. lit. Alem. I. 362 und Tommasi, 1. c. XII, 214 ff. 



Die Meßgesänge im Mittelaller. 83 

Psalm (Ps.); nur das Gr. Eccc quam honum hat 2 Verse: Sicnt 
unguentum und Mandavit doiidmis^. 

Wann die Kürzung des Meßresponsoriums staltgefunden hat, 
diese Frage ist bisher noch nicht aufgeworfen worden, und doch 
ist sie eine der wichtigsten der Choralgeschichte. Auch ich maße 
mir nicht an, sie endgültig beantworten zu wollen; ein Versuch 
zu ihrer Lösung ist aber hier nicht zu umgehen. Betrachtet man 
das reiche melodische Gewand, welches den Gradualresponsorien 
in allen Handschriften umgehängt ist, so kommt man von selbst 
auf die Vermutung, daß die Kürzung und die sehr melismatische 
Form in einem Innern Zusammenhang stehen, daß jene in der 
Zeit vorgenommen worden sei, in welcher der melismatische Stil 
seinen Einzug in diesen Gesang hielt, und in der Absicht, diesen 
nicht zu lange auszudehnen. Ein ganzer Psalm, in dieser Weise 
vorgetragen, würde vielleicht diese Partie der Messe übermäßig 
ausgedehnt haben. Ist diese Vermutung richtig, so braucht man 
nur den Zeitpunkt der Kürzung zu bestimmen, um die Ein- 
führung des reich m elismatischen Stiles in den respon- 
sorischen Meßgesang datieren zu können. Da die beiden die 
Gesangstexte enthaltenden Gradualien von Monza und Rheinau nur 
den Gradualvers kennen, geradeso wie die späteren Handschriften 
mit Tonzeichen, so kann die Stiländerung nicht nach 700 vor sich 
gegangen sein. Weiter steht die Kürzung des responsorialen 
Psalmes nicht für sich allein da; gerade die Tatsache, daß in allen 
Handschriften ohne Ausnahme immer nur ein Vers vermerkt ist, 
zwingt zu der Annahme, daß die melodische Erweiterung des 
Meßresponsoriums der mittelalterlich-römischen Meßordnung von 
Anfang an angehört; spätere Änderungen an dieser sind in den 
Handschriften immer durch Abweichungen und Varianten erkenn- 
bar. Wenn nun die erwähnte Ordnung der Messe in Gregor I. 
ihren Urheber hat, so kann die Kürzung des Meßresponsoriums 
aus einem Psalm in einen Psalmvers nicht nach 604 (dem Todes- 
jahre Gregors) vorgenommen worden sein. Eine Stütze dieses 
Schlusses wird noch das Studium der Gradualtexte ergeben. Mit 
dem Charakter der Reform Gregors würde es nun gut überein- 
stimmen, wenn er selbst zu der Kürzung den Anstoß gegeben 
hätte. JMan muß aber noch weiter zurückgehen. Auch die Denk- 
mäler der nichtrömischen lateinischen Liturgien kennen nur mehr 
die gekürzte Form: die alte Meßordnung des hl. Germanus von 



Vgl: z. B. Cod. Paris 1235 nouv. acquis. fol. 96^ u. a. 

6* 



84 Das Gradualresponsorium. 

Paris (t 576) erwähnt das von Knaben vorzutragende Responsorium i, 
nicht aber einen Psahn, so daß — den Zusammenhang der reichen 
Melodik mit der Kürzung zugegeben — man die reichen SoloHeder 
für die gallische Kirche schon um die Mitte des 6. Jahrh. in An- 
spruch nehmen muß. Da nun Papst Leo der Große, wie gezeigt, 
noch den ganzen Psalm kennt, so muß man die Kürzung des 
Textes und die Einführung der ausgebildeten Melismatik in das 
3Ießresponsorium zwischen 450 und 550 ansetzen. Es ist wohl 
unnötig, zur Erklärung des Vorganges griechisch-byzantinische Ein- 
flüsse aufzusuchen; das AUeluja vertrat seit langem den reich 
melismatischen Gesang in der Messe, und es lag nahe, den andern 
Sologesang ähnlich auszustatten, zumal der Gradualpsalm schon 
um 400 von einfach rezitierenden Formen weit entfernt war und 
Neigung zu reicherer Fassung hatte, wie uns Augustinus belehrte 
(vgl. S. 3i). Man darf in dieser Beziehung nicht die sehr wichtige 
Tatsache außer acht lassen, daß in der lateinischen Liturgie melis- 
matischer Stil und Sologesang immer zusammen erscheinen, eben- 
so wie die antiphonische Psalmodie immer ein einfaches melo- 
disches Gewand trägt. 

Eine andere Möglichkeit wäre die, daß die Kürzung des Psalmes 
und die reiche Ausstattung, wenigstens der Anfangspartie vor dem 
Verse, die zugleich Refrain w^ar, in der Übernahme der Antworten 
der Gemeinde durch den Sängerchor begründet liegt. Die Geschichte 
des Ordinarium Missae tut dar, daß von dem Augenblicke an, wo 
das Volk oder die am Altare assistierenden Geistlichen ihre gesang- 
lichen Funktionen an den Sängerchor abtraten, der liturgische Text 
das syllabische Gewand gegen ein reicheres vertauschte. So wäre 
es auch nicht undenkbar, daß, als die Gemeinde aufhörte, den Re- 
frain zum responsorialen Psalm zu singen, die Schola ihn melodisch 
interessanter machte. In diesem Falle könnte die Partie des Solisten 
schon vorher reich melismatisch entwickelt gewesen sein, und wäre 
die Kürzung des Psalmes nur durch die Ausdehnung der Refrain- 
melodie herbeigeführt worden. Da es aber in Rom einen litur- 
gischen Sängerchor wenigstens seit Cölestin I. gab, so wäre die 
Übernahme des Refrains durch jenen und demnach die Umgestal- 
tung des Responsorienstiles noch in die zweite Hälfte des 5. Jahrh. 
zu setzen. 

Der gekürzte Gesang heißt nun nicht mehr Psalmus responsorius, 
sondern einfach Responsum, Responsorium oder Respon- 
sorius (sc. cantus oder versus). Dazu kommt die Bezeichnung 

1 Duchesne, origines, 183. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 85 

Gradualis (sc. cantus oder versus), oder Graduale (sc. Respon- 
sorium\), welche auf den Platz Bezug nimmt, von welchem aus 
der Solist seines Amtes waltete. Dies war der Ambo (dix^ju) von 
Giva,3aivöiv, hinaufsteigen) oderSuggeslus,Pulpitusgenannt, zu welchem 
Stufen (Gradus) hinaufführten^. Der Lektor des Evangeliums stellte 
sich auf die oberste Stufe, der Vorsänger des Graduale auf eine 
der untern, ebenso wie der Lektor, der die andern Lesungen zu 
besorgen hatte (vgl. Seite 86). 

Die ursprüngliche Sitte, wonach der Vortrag des Graduale 
Obliegenheit eines einzigen Sängers war, ist früh fallen gelassen 
worden. Schon Isidor von Sevilla^ (7. Jahrb.), belehrt uns, daß 
es zu seiner Zeit gelegentlich von zwei oder drei Sängern gesungen 
wurde. In Rom ist aber jener Brauch noch lange bestehen ge- 
blieben. Nach dem L Ordo Rom. wird vor der Messe dem Pontifex 
noch in der Sakristei gemeldet, welcher Sänger das Solo ausführen 
werde^, und ebenso heißt es nachher: »der Kantor steigt mit dem 
Cantatorium (dem Buch mit den Sologesängen) auf den Ambo und 
singt das Responsorium ; kann er es auswendig vortragen, so braucht 
er das Cantatorium nicht mitzunehmen^.« Noch Amalar, der Zeuge 
für den Usus Roms im 9. Jahrh. ist, kennt nur einen Sänger 



1 Mit den Gradualpsalmen (l's. 119 — 133) hat das Graduale nichts zu tun. 

- Solche Ambones sind noch heute erhalten, so in der Basilika des 
hl. Laurentius l'uori le mura (vgl. unsere Abbildung), der Kirche S. Maria 
in Cosmedin und derjenigen des hl. Clemens in Rom, deren Ambo zwei Pulte 
hat, eines nach Westen, dem Altare zugekehrt, wohl zum Lesen der Epistel, 
das andere tiefer stehende nach Osten gewendet, wohl um das Graduale und 
das Alleluja zu singen, wie denn Durandus IV, 20, 8 sagt, das Alleluja sei 
nach Osten zu singen. (Tommasi, praef. p. 15 zu Bd. XII der Op. S. Greg.) 
Wo kein Ambo vorhanden war, sang man das Graduale an den Stufen des 
Chores, so in Reims. (Tommasi, ebenda.) Walafrid Strabo erklärt das Wort 
also: Ambo ab ambiendo dicitur, quia intrantem ambit et cingit^ eine Er- 
klärung, die offenbar nur der Unkenntnis des Griechischen ihr Entstehen ver- 
dankt. Bei Gerbert, de cantu II, S. 334, Tab. IV ist ein Ambo abgebildet. Der 
Ambo der von Constantin auf dem Vatican zu Ehren des hl. Petrus erbauten 
Basilika trug die Inschrift: Scandite cantantcs domino, domirmmque legentes 
Ex alto populis verba stipcrna sonent. (Rossi, Inscript. christ. urb. Rom, vol. 11.) 

3 Isidor, de off. eccl. I, 9: Bcsponsoria vocata hoc nomine, quod uno 
canendo chorus consonando respondeat ; antea autem id solus quisque agebat, 
nunc interdum uniis, interdum dtio vel tres communiter canunt, choro in 
plurimis rcspondente. (Migne, Patr. Lat. LXXXIII, 74 4.) 

4 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 940. 

5 Also verstehe ich den Ausdruck sine aliqua necessitate des Ordo rom. II, 7. 
Amalar, de eccles. off. III, 16 (Migne, Patr. Lat. CV, 1123) spricht von Tabulae, 
die der Sänger in der Hand hatte; damit ist der Einbanddeckel des Cantatoriums 
gemeint, wie denn tatsächlich z. B. das St. Galler Cantatorium Cod. 339 einen 
kostbaren Einband (Elfenbeintafeln) hat, vgl. Anm. 4 auf Seite 87. 



86 



Das Gradualresponsorium. 




Die Meßgesänge im Mittelalter. 87 

des Gradualei. Erst im 12. Jahrh. begegnen wir in Rom zwei 
Gradualsängern ; so ist es in dem 1 1 . Ordo Rom. für die Messe 
des Grünen Donnerstags und des Ostertages vorgeschrieben 2. 

In Rom fungierten als Sänger des Graduale nach den angezogenen 
Stellen der Ordines Romani immer die illtesten Mitglieder der Schola, 
an andern Orten einfach die Psalmisten, in der Kirche des hl. Ger- 
manus von Paris Knaben, in andern gallischen Kirchen Diakone^. 
Auch in Norditalien liebte man es dazu Knaben heranzuziehen, in Mai- 
land sangen es auch Subdiakone, Diakone, Archidiakone, am Kar- 
samstag sogar der Erzbischof selbst, wie es im Ordo des Beroldus 
(12. Jahrh.) angezeigt ist^. Gregor der Große sah es für einen 
Mißbrauch an, wenn das Amt des Vorsängers von Diakonen ausge- 
übt wurde; diese sollten sich mehr der Predigt und der Austeilung 
des Almosens befleißigen. Er verordnete durch ein Dekret 595, 
daß nur mehr Subdiakonen, und wenn solche nicht vorhanden 
seien, Mitglieder der niedern Ordines als Kantoren fungieren sollten^. 
Diese Verordnung hat aber nicht lange in Kraft bestanden: denn 
in vielen hturgischen Büchern späterer Zeit sehen wir nicht nur 
Clerici minores und Subdiakone, sondern auch Diakone, ja Priester 
das Amt des Kantors versehen. In den Frauenklöstern des Franken- 
landes sangen nicht selten Nonnen das Graduale, wogegen Papst 
Zacharias in einem Brief an den Majordomus Pippin einschritt^. 

Nach den liturgischen Quellen des frühern Mittelalters war die 
Ausführung des Graduale folgende: der Kantor sang vom Anfang 
bis zum Vers; der erste Ordo Romanus erhält die Vorschrift: »das 
Responsorium Graduale wird von dem, der es beginnt, bis zu Ende 
gesungen''.« Der Chor repetierte die Partie des Vorsängers. Hier- 
aufkam, vom Kantor vorgetragen, der Vers, nach welchem das Respon- 
sorium wiederholt wurde. Noch lange wurde die Wiederholung 
des Anfangsstückes nach dem Vers überall beobachtet, wo römischer 



1 Amalar, Patr. Lat. GV, iM?. 

2 Migne, ebenda LXXVIII, 104 und 1044. 

3 Duchesne, origines, S. 187. 

4 Beroldus: Finita leciione imei- mayistri scholarum acceptis tahidis 
ehurneis de altari vel atnbone positis per clavictdarium Itebdomadarium, 
vestitics camisiolo, ascendit pidpitum, ut canat p)sallendam. Et hoc seviper, 
exeepto in Quinquagesima et in dominicis diebus Quadragesimae, in quibus 
lectores canunt, et in anmintiatione S. Mariae, quando diio subdiaconi et 
totidem notarii cantant, si archicpiscopus adfuerit; si vero defuerit, duo 
notarii et duo lectores cantant. Ordo des Beroldus, ed. Magistretti p. 49 ff. 

5 Migne, Patr. Lat. LXXYII, 1333. 
c Tommasi, 1. c. XI, praef. 11. 

7 Ordo rom. I, 26. fMiene, Patr. Lat. LXXVIII, 950.1 



88 Das Gradualresponsorium. 

Ritus galt, wie aus Amalar^ ersichtlich ist. »Nach Beendigung 
des Versus wiederholen die Succentores (die dem Präcentor, dem 
Vorsänger, antwortenden Sänger) das Responsorium zum zweiten 
Mal von Anfang an und singen es zu Ende.« Dasselbe schreiben 
die Consuetudines der Gluniacenser vor, wie noch der Bischof 
Sychardus von Cremona (f 1274)2. in England war die Wieder- 
holung des Anfangsstückes des Graduale durch den Chor vor und 
nach dem Vers noch um dieselbe Zeit üblich, wie die Rubriken 
der dortigen Gesangbücher lehren^. 

Schon vor dem 13. Jahrb. aber hat man angefangen, die 
Repetition nach dem Verse auszulassen, wenn noch ein Gesang 
folgte (wie Alleluja oder Tractus); nur wenn dies nicht geschah, 
blieb man bei der alten Übung. Das Rituale des Kanonicus Benedikt 
von St. Peter (der 1 1 . Ordo Rom.)*, ein vollgültiger Zeuge für den 
römischen Usus in der ersten Hälfte des 12. Jahrb., schreibt die 
Wiederholung für die Fastenzeit vor, für die Wochentage aber 
nur, wenn kein Tractus folgt. An den andern Tagen wurde sie 
demnach ausgelassen. Die Praemonstratenser und Karmeliter folgten 
diesem Gebrauch bis in die neuere Zeit hinein^. Sonst aber hat 
man die Wiederholung bald überall vernachlässigt, und das Missale 
des Konzils von Trient hat die im späten Mittelalter allgemein übliche 
Ausführung des Gradualresponsoriums ohne jede Repetition sanktio- 



1 Amalar, 1. c. III, •! 1 . (Migne, Patr. Lat. CV, 1118,) 

2 Tommasi, 1. c. XII, praef. 13. 

3 Cod. Brit. Mus. Addit. 17001, vgl. oben S. 67, Anm. 3. 

4 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 1039. Dieser Ordo ist an den Kardinal 
Guido de Castello gerichtet, der 1143 als Cölestin II. den päpstlichen Thron 
bestieg. 

5 Tommasi, 1. c. 

6 Dabei ist im Missale und dem Meßgesangbuche eine logische Eigentüm- 
lichkeit nicht abgestellt worden. Das Graduale der Messe des hl. Johannes 
Baptista lautet: Priusquam ie formarem in utero, novi te: et antequam exires 
de venire, sancttficavi te. f- Misit dominus manum suam et tetigit os meum 
et dixit mihi ist also logisch unvollständig. Ursprünglich wurde nach dem T. 
die Anfangspartie wiederholt und der Sinn vervollständigt. Eine Leipziger 
Gradualhandschrift des 13. Jahrb. (in der Bibl. der Thomaskirche) schreibt für 
dieses Graduale die Wiederholung nach dem Vers ausdrücklich vor. Die Rubrik 
der Ritus servandi in cantu Missae, die dem Graduale Vaticanum vorgedruckt 
sind: Finita Epistola aut Ledione, ab uno vel a duobus inchoatur Ees2)on- 
sorium, quod dicitur Graduale, usque ad signum*, et euncti, aut sattem 
Cantores designati, prosequuntur debita cum attentione. Duo dieunt Versum 
Oradualis, quem ab asterisco circa fmem totus Chorus absolvit; aut juxta 
ritum responsorialem, quando magis id videttir opportunum, post versum a 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 89 

responsorium seit langem kein Responsorium mehr, da nichts mehr 
repetiert wird, ein Umstand, der wohl das meiste dazu beitrug, 
die alle Bezeichnung Responsorium zu verdrängen und die in Hin- 
sicht der musikalischen Form nichts besagende Benennung Graduale 
zur Herrschaft zu bringen. Heute wird das Graduale von einem 
oder zwei Sängern angestimmt, worauf der Chor fortfährt. Der 
Vers ist dem oder den SoUsten überlassen. Da aber der Schluß 
von den Solisten allein vorgetragen unbefriedigend klingt, so ist 
es vielfach üblich, den Chor am Ende des Verses wieder mit den 
Solisten zusammen singen zu lassen. Diese Praxis datiert noch aus 
dem spätem Mittelalter; sie findet sich schon in der erwähnten 
englischen Handschrift angemerkt, die noch hinzufügt, daß nach 
der Intonation der Vorsänger der Chor wieder von vorne an be- 
ginnt, die Intonation also wiederholt. Erst das neue Graduale 
Vaticanum Pius' X. gestattet wieder die Wiederholung der Anfangs- 
partie nach dem Verse und stellt damit auch für die Aufführung 
des Gesanges den Zusammenhang mit seiner Vergangenheit her. 
Hatte das Graduale ausnahmsweise mehrere Verse, so wurde 
es nach jedem Verse repetiert. Dahin gehören außer dem I^. Ecce 
quam honum einige Gesänge, die man schon früh Tractus nannte, 
obwohl die Zeugnisse der Liturgiker keinen Zweifel darüber lassen, 
daß es sich um Gradualresponsorien im eigentlichen Sinne handelt: 
denn sie schreiben deutlich die für diese charakteristischen Wieder- 
holungen vor, während der Tractus eine solche von Haus aus 
nicht kennt. Da aber die betreffenden Gesänge alle in die Fasten- 
zeit fallen, ist die Benennung Tractus immerhin erklärlich. Zu- 
nächst ist dahin zu rechnen der Gesang Domine exaudi orationem 
vom Mittwoch der Karwoche, der in den ältesten Handschriften 
Graduale heißt, so in denen von Rheinau und Monza^, oder aber 
Responsorium, wie bei Amalar, der in seiner Darlegung der Zeremo- 
nien des genannten Tages das Responsorium ausdrücklich erwähnt 
und ihm 5 Verse zuschreibt^. Nach jedem wurde die Anfangspartie 
ganz oder teilweise wiederholt, wie bei einem Responsorium, was 



soUs Gantoribus aut a Cantore expleium, cioncfi repetimt prrmam partem 
Responsorii usque ad Verstim, erlaubt einen sinngemäßen Vortrag auch 
dieses Textes. 

1 Gerbert, monum. vet. lit. alem. I, 381 und Tommasi, 1. c. XII, 21 i). 

2 Amalar, de eccl. off. I, M (Migne, Patr. Lat. CV, lOOg): qiiarta feria 
post Palmas, quae habet varietatcm et adjectioneni imhis lectionis et unius 
responsorii cum quinqiie versibus, und gegen Ende des Kap: Besponsorius 
secundus quinque versus habet. 



90 Das Gradualresponsorium. 

die Consuetudines des Klosters Corbie bezeugen i, welche den Ge- 
sang Tractus nennen. Dasselbe gilt von dem Gesänge Domine 
audivi auditum vom Karfreitag; auch er wird vom 10. Jahrh. an 
Tractus genannt, bis dahin aber heißt er Responsorium, bezw. 
Graduale, so im Gelasianischen Sakramentar, im Rheinauer und 
Monzaer Antiphonar und bei Amalarius. Das Rituale Corbejense 
verordnet bezüglich seiner, daß nach jedem Vers die Anfangspartie 
ganz oder ihre zweite Hälfte repetiert werde. Nur deshalb wurden 
beide Gesänge später Tractus genannt, weil damals das eigentliche 
Graduale seine V, T. bis auf einen verloren hatte und eine Ähnlich- 
keit mit dem allerdings längern Tractus vorhanden war. Das Ge- 
sangbuch von Monza nennt auch das Responsorium Beata gen^ 
einen Tractus. 

Sind nun diese Tractus eigentliche Responsorien, so sind auch 
alle diejenigen, die in den Handschriften (und Drucken), dieselbe 
Melodie oder deren Motive benutzen, nur im uneigentlichen Sinne 
Tractus zu nennen. Es sind das alle die Tractus des 2. Tones; 
ihrem Bau und ihrer beglaubigten Vortragsweise nach sind sie 
Gradualresponsorien, und in ihnen ist ein kostbarer Rest der früh- 
mittelalterlichen Gesangsweise erhalten, wie ja überhaupt die Fasten- 
zeit an ganz alten Traditionen noch heute sehr reich ist. 

Das Responsorium Graduale wurde im frühen Mittelalter in 
allen Messen gesungen, da es der älteste Meßgesang ist. Erst 
später wurde es in der österlichen Zeit durch ein Alleluja ersetzt, 
so daß diese seither zwei Alleluja hat. Die Osterwoche selbst 
aber hat das Graduale vor dem Alleluja erhalten; eigentümlich ist 
die Tatsache, daß die Gradualien dieser Woche mit demselben 
Stück beginnen, dem Haec dies, und ihre Verse alle dem -1 1 7. Psalm 
entnehmen. Diese Gradualien gehören demnach zueinander und 
sind zweifellos zuerst ein einziger Gesang mit mehreren Versen 
gewesen, den man zuerst am Ostersonntag vollständig vortrug, 
dann aber, als die Meßresponsorien bis auf einen Vers reduziert 
wurden, auf die Tage der Osterwoche verteilte^. 



1 Consuet. Corbejens. Monast. bei Marlene III, 12, 32: feria IV seqimiti 
cantabunt duo monachi tractiim ad magnmn missam: Domine exaudi\ 
mox ut cantaverint primum verstwi, conventus repetat eimdem versinn et 
cantabunt; et post praedicti duo monachi alium J. et conventus repetet tr actum 
in medio, sc. et dam or mens, et sie usque in finem praedictus tractus canta- 
bitur. Et post praedicti duo monachi Herum incipient principium primi 
versus de diclo tractu et conventus cantabit eundem versum. 

2 Schon früh hat ein Abschreiber für den Osterdienstag den Vers Dicant 
nunc qui redempti sunt aus Ps. 106 geschrieben, ein Versehen, das schon 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 91 

Das Meßantiphonar im Cod. St. Gallen 339 enthält 118 ver- 
schiedene Gradualien, die später Tractus genannten mit eingerechnet. 
Sie verteilen sich auf 181 Messen, von denen einige, die Qua- 
tembermessen, wegen der größern Zahl von Lektionen mehrere 
Gradualien zugleich haben, andere, besonders die Heiligenmessen, 
häufig von demselben Graduale Gebrauch machen. Dem Psalter 
gehören 1 04 Gradualtexte an, andern Büchern der heiligen Schrift 1 3, 
nur einer ist nicht biblisch, das Graduale Locus iste der Dedicatio 
Ecclesiaei. Gerade die ältesten Messen des Temporale haben ein 
Psalmgraduale, ebenso die des Sanctorale, und die Messen, deren 
Gradualtext nicht dem Psalter angehört, müssen spätem Ursprunges 
sein. Diese Schlußfolgerung ergibt sich ohne weiteres daraus, daß 
das Gradualresponsorium ursprünglich ein responsorialer Psalm war. 
Da das Fest der Dedicatio im Jahre 608 als Dedicatio S. Mariae ad 
Martyres in Rom eingerichtet wurde^, beim Graduale Locus iste aber 
die Möglichkeit, daß es mehrere Verse gehabt habe, also gekürzt 
sei, ausgeschlossen ist, so folgt wieder, daß die Kürzung des Gradual- 
psalmes vor 608 stattgefunden hat. 

Eine interessante Verschiedenheit bieten die Handschriften in be- 
zug auf die Gradualien der Sonntage nach Pfingsten; einige wenige 
nämlich geben eine Reihe, die von der des Cod. St. Gallen 339 durch- 
weg abweicht. Auffälligerweise tritt die Verschiedenheit schon in 
den beiden Handschriften des 8. Jahrh zutage; diejenige von Monza 
hat die Gradualreihe des Cod. St. Gallen, die von Rheinau die andere, 
deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß wie beim Introitus die 
Texte fortlaufend der Reihe der Psalmen entnommen sind. Letztere 
wird die jüngere und aus dem Bestreben hervorgegangen sein, 
die Gradualien ebenso einzurichten, wie die andern Gesänge dieser 
Sonntage, die der Reihe nach einem in der Ordnung des Psalters 
später folgenden Psalm ihre Texte entnommen haben^. 



die Bücher vou Monza und Rheinau aufweisen, und welches sich bis in die 
heutigen Bücher fortgepllanzt hat. Nur wenige Handschriften haben den ur- 
sprünglichen Vers des Psalms 117: Dicat nunc domits aaron, quoniam in 
saecuhini misericordia eins, so das Graduale Compendiense bei Migne, Patr. 
Lat. LXXVIII, 678 und eine Handschrift bei Tommasi, 1. c. XH., 91. Das 
Versehen erklärt sich durch den gleichen Anfang der Verse. Das Graduale 
bei Migne führt für den Ostersonntag sämtliche Verse des Ps. 117 an, die 
sonst auf die ganze Woche verteilt sind. 

1 Der einzige metrische Gradualtext in den Handschriften ist das Distichon 
Virgo Dei genitrix quem totus non capit orbis, In fiia se clausit viscera 
factus homo, der Vers des Graduale Benedicta et vencrahitis. 

- Liber ponif. (ed. Duchesne) I, 317. 

3 Beide Gradualreihen im Anhang. 



92 Das Alleluja. 

Der Gradualvers stammt fast immer aus demselben Buch der 
hl. Schrift, wie das Graduale, eine Regel, die absolute Geltung hat, 
wenn dieses dem Psalter angehört. 

Das Alleluja 

ist das zweite Gesangstück zwischen den Lesungen. Nach dem 
Zeugnis des hl. Hieronymus^ wurde zu Bethlehem schon im 4. Jahrh. 
an den Sonntagen zwischen den Lektionen ein Psalm mit dem Alle- 
luja gesungen ; das Alleluja bildete den Refrain des Volkes auf die 
Psalmodie des Solisten. In der griechischen Kirche war das Cheru- 
bikon, wie es genannt wurde, in jeder Messe vorgeschrieben, selbst 
am Karfreitag und in den Totenmessen; die Freude der Kirche 
beim Tode des Gerechten schien letzteres zu rechtfertigen^. Über- 
haupt stand das Allelujasingen in den orientalischen Kirchen in 
großer Beliebtheit, die Griechen hatten eigene Bücher mit lauter 
Allelujamelodien, die Allelujarien^, und die Kopten, die ägyptischen 
Christen, singen es heute noch oft eine Viertelstunde lang^. 

In die römische Messe wurde der Allelujagesang durch den 
Papst Damasus (368 — 384) auf Veranlassung seines liturgischen Be- 
raters Hieronymus und in bewußter Nachahmung eines Gebrauches 
der Liturgie von Jerusalem eingeführt^. Zunächst beschränkte 
sich diese Einführung auf den Ostersonntag^; bald, schon im 5. Jahrb., 
sang man es in der ganzen österlichen Zeit, und Gregor der Große 
hat seinen Gebrauch auf alle Sonn- und Festtage des Kirchenjahres 
ausgedehnt, mit Ausnahme der Fast- und Bußtage. In dem er- 
wähnten Briefe, worin er seine Verordnung bezüglich des Kyrie- 
gesanges rechtfertigt, nimmt er Bezug auf die durch Damasus in 
der römischen Kirche eingeführte Gewohnheit und verteidigt auch 
seine Vorschrift, das Alleluja extra Pentecostes (d. h. außerhalb 



1 Morin, Ursprung des greg. Gesanges 57. 

2 Duchesne, origines 1 96. 

3 Gerbert, de cantu I, 406. 

4 So war es, als Villoteau im Auftrage Napoleons I. die musikalischen 
Zustände Ägyptens erforschte; vgl. seine Schrift Etat actuel de Tart musical 
en Egypte, S. 300. So ist es noch heute, wovon ich mich im April 1909 in 
Kairo zu überzeugen Gelegenheit hatte. 

5 Gregorii M. epist. IX, ■! -2 : ut Alleluja in ecclesia romana diceretur, de 
Hierosolymorum ecclesia ex B. Hterotiymi traditione, tempoj-e beatae memo- 
riae Damast traditiir tractimi. (Migne, Patr. Lat. LXXVII 956.) 

fi Duchesne, 1. c. 160. 
' Vgl. oben, S. 73. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 93 

Auf Grund der Zeugnisse Augustins und Cassiodors (vgl. 
oben S. 37 ff.) ist als wahrscheinlich hingestellt worden, daß der 
Allelujagesang der vorgregorianischen Messe eine überaus weit 
ausgesponnene melismatische Melodie war. Wann es üblich wurde, 
dem Alleluja einen oder mehrere Psalmverse anzuhängen, in der 
Art, wie die Handschriften es überliefern, das läßt sich nicht mit 
Sicherheit ermitteln. Da aber keine einzige Messe der gregoria- 
nischen Liturgie ein Alleluja ohne Vers enthält, so muß letzterer 
der Meßordnung Gregors selbst angehören, d. h. er kann nicht 
jünger sein als Gregor I. Jedenfalls wurden die Allelujaverse durch 
Gregor (f 604) erst eingeführt; denn während die andern Meßge- 
sänge, soweit wir sie nur zurückverfolgen können, in allen Ländern 
römischer Liturgie dieselben sind, in Text und Melodie, variieren 
die Handschriften in der Wahl der Verse zum Alleluja in einer 
ganz auiTälligen Weise. Sogar für die Osterwoche stimmen sie 
nicht überein ; bemerkenswert ist die Verschiedenheit auch bei den 
Sonntagen nach Pfingsten, welche, wie gesehen, das Alleluja sicher 
erst seit Gregor haben. Letztere sind nämlich mit ihren Versen nicht 
mit den Introitus, Gradualien usw. zusammen bei den einzelnen 
Messen aufgezeichnet, sondern stehen am Ende der Handschriften 
in einem Anhang; zu ihrer spätem Abfassung passen die Texte 
der Verse, die der Reihe nach so den Psalmen entnommen sind, 
daß das Alleluja für den spätem Sonntag einem in der Reihe des 
Psalters später folgenden Psalm angehört i. Für andere Tage war 
gelegentlich die Wahl des Alleluja freigestellt ; so hat das Rheinauer 
Graduale für die Vigil von Weihnachten, wenn sie auf einen Sonn- 
tag fällt, die Rubrik: ein Alleluja vom Advent nach Belieben2. Bis 
zum Ende des Mittelalters hat man Allelujamelodien verfaßt, während 
man bei den andern Gesangstücken der Messe sich immer an die 
Tradition hielt. 

Dieser Mangel an Übereinstimmung in den Allelujaversen, der 
schon die ältesten Handschriften kennzeichnet, läßt sich nur so 
erklären, daß die Einrichtung dieses Gesanges als eines regelmäßigen 
Bestandteiles- der römischen Messe durch Gregor nicht alle Einzel- 
heiten fixierte. Die Freiheit in der Wahl der Allelujaverse zeugt 
für den späten Ursprung der Verse überhaupt. Sind demnach die 



1 Man vgl. Cod. St. Gallen 339, S. 126 ff., Cod. Einsiedl. 121, S. 343 ff. 
Cod. Einsiedl. 113, S. 199 ff. 

2 Gerbert, monum. vet. liturg. Alem. I, 365. Ebenso enthält das Graduale 
von Monza für die Sonntage nach Pfingsten keine besondere Angabe; die 
Wahl des Alleluja stand frei, wohl unter denen der Osterwoche. Für die 
Messe des hl. Vitalis sagt die Handschrift: Alleluja quäle volueris. 



94 Das Alleluja. 

in den Handschriften vorhandenen Verse zum Inlroilus, Graduale 
u. a. die letzten Reste eines ursprünglichen Psalmes, so haben die 
AUelujaverse der entgegengesetzten Tendenz ihren Ursprung zu 
verdanken. Es müssen Gründe vorhanden gewesen sein, den 
AUelujajubilen Worte hinzuzufügen; sie können aber nur in der 
ursprünglichen Ausdehnung der vorgregorianischen Allelujalieder der 
Messe liegen: sie müssen dem Ordner der Liturgie so melismatisch 
reich erschienen sein, daß er es für zweckmäßig hielt, durch Hinzu- 
fügung von Psalmversen die melodische Üppigkeit nicht zu be- 
schneiden, denn er kürzte nicht, sondern liturgischer zu gestalten. 
Selbst in der mit Versen verbundenen^ also weniger melis- 
matischen Form reizten die Allelujalieder des 31ittelalters den 
Scharfsinn der liturgischen Schriftsteller. Die nachdrückliche Art, 
mit welcher sie immer wieder auf die symbolische Bedeutung des 
wortlosen Allelujasingens zurückkommen, läßt auch vermuten, daß 
sie unbegründete Einreden und Bedenken aus dem Wege räumen 
wollten, die solchem melismatischen Gesänge sich entgegenstellten. 
Amalar sieht in ihm einen Vorgeschmack der ewigen Seligkeit; 
»die Jubilalio, welche die Kantoren Sequentia nennen, führt uns 
jenen Zustand vor den Geist, in welchem wir uns nicht mehr 
der Worte der Sprache bedienen, sondern ein Geist sich dem 
andern frei mitteilen kann^«. In derselben Richtung bewegt sich 
Stephanus Eduensis, der die Kürze des Textes und die Länge 
der Melodie mit dem Unvermögen der menschlichen Sprache er- 
klärt, auszudrücken, was nicht einmal der Geist im Denken 
fassen kann 2. Die im Alleluja überströmende Freude ließ das 
unmittelbar vorhergehende Gradualresponsorium für die Litur- 
giker zurücktreten; einige sahen darin sogar einen Gesang der 
Buße und Trauer, eine Auffassung, die durch nichts gerechtfertigt 
ist, allerdings auch erst ziemlich spät aufkommt: so bei dem Abt 
Rupert von Deutz (12. Jahrb.), der meint': »auf das Graduale, den 



1 Amalar, de eccles. off. III, 13. (Mignc, Palr. Lat. CV, 1122): Alleluja 
quod canfafur per festos dies in recordatione aeternae laetifiae, und III, 1 6, 
(ebenda 1123): Haee jubilatio, quam cantores sequentiam tocant, siahim illum 
ad mentem nostram ducit, quando non crit necessaria loctäio verborum, scd 
sola cogitatione mens menti monstrabit, quod retinet in se. Nach dieser 
Stelle ist der 2. Ordo Romanus cap. 7 interpoliert worden; die Worte »se- 
quitur jnbilafio quam sequentiavi rocant« stehen nur in seinen gedruckten 
Ausgaben. 

- De sacram. alt. c. 12. (Migne, Patr, Lat. CLXXII, 1284): Verbum est 
breve, sed longo protrahitur pneumate. Nee mirum, si vox humana deficit 
ad loqueudum, tcbi mens non sufficit ad cogitandum. 

3 Rupertus Tuitens. de divinis officiis I, 35. (Migne, Patr. Lat. CLXX, 29 fr. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 95 

Trauergesang, folgt das Alleluja der Freude, und indem wir die 
Größe des Trostes auszudrücken streben, der denen hinterlegt ist, 
die jetzt trauern, jubeln wir mehr als daß wir singen, und dehnen 
eine kurze Wortsilbe in mehrere Neumen oder Neumengruppen 
aus, damit der Geist durch die lieblichen Töne ergriffen und dort- 
hin gelenkt werde, wo die Heiligen in Herrlichkeit jauchzen, ewiges 
Leben herrscht und es den Tod nicht gibt«. »Kurz ist das Alle- 
luja in der Rede, lang in dem Pneuma, denn jene Freude ist zu 
groß, als daß sie sich in der Rede ausdrücken könnte«, fügt Duran- 
dus (13. Jahrh.) hinzu'. 

Die Disposition und Ausführung des Alleluja, welches mit dem 
Graduale dem responsorialen Gesänge angehört, ist folgende: der 
Solist beginnt und singt das Alleluja, der Chor wiederholt; der 
Kantor fährt mit dem oder den Versen fort, während der Chor 
nach jedem derselben das Alleluja repetiert. Im Gegensatz zum 
Graduale ist die Repetition des Alleluja nach dem Verse im ganzen 
Mittelalter üblich geblieben und noch heute vorgeschrieben, so daß 
das Alleluja noch heute ein echter cantus responsorius ist. Es 
gab allerdings auch Abweichungen von dieser Regel : so gestattet 
schon der I . römische Ordo^, an gewöhnlichen Tagen die Wieder- 
holung des Alleluja nach dem Verse auszulassen. Das bekannteste 
Beispiel einer solchen Unterlassung bietet das Alleluja y. Confüemini 
des Karsamstags und des Tages vor Pfingsten, bei welchem nach 
dem Verse wohl deshalb ohne Wiederholung weitergegangen wurde, 
weil der Tractus Lauclate dominmn omncs gentes unmittelbar dar- 
auf folgt. Von da wird man diese Vortragsweise auf das gleich- 
lautende Alleluja der Tage der Litania major übertragen haben, 
obwohl an ihnen dem Alleluja kein Gesang direkt angeschlossen 
ist, sondern unmittelbar das Evangelium folgt^. Ursprünglich aber 
muß die Wiederholung auch an den erwähnten Tagen stattgefunden 
haben, und ein altes Ordinarium schreibt sie noch ausdrücklich 
vor^. Das Missale des Konzils von Trient hat den spätmittelalter- 
lichen Gebrauch zur Norm gemacht^. 



1 Durandus, Bischof von Monde und Kanonist (t 129(3), bei Gcrbert, de 
cantu I, 407. 

- Mignc, Patr. Lat. LXXVIII, 950: Alleluja ... in quotidianis diebus, si 
voluerint, ianfiim j}n'ma dicitiir. 

3 In ähnlichen Fällen fiel, wie S. 88 bemerkt, die Wiederholung auch 
nach dem Gradualvers aus. 

4 Ein Ordinarium Canonic. regulär. S. Laudi Rotomag. bei Tommasi 
XII, praef. 18. 

^ Über die heutige Ausführung des Alleluja vgl. die Vorschrift des Graduale 
Vaticanum 1908: Si Alleluia, alleluia cum versu sunt d/cenda, prinmm Alle- 



96 Das Alleluja. 

Der Sänger des Alleluja mußte, bevor er den Ambo bestieg, 
die Planeta (Gasula) ablegen; es war allgemeine Regel für den 
Solisten, die Soli mit der Albe bekleidet vorzutragen^. Auf dem 
Ambo war die obere Stufe für den Lektor des Evangeliums be- 
stimmt; der Solist des Alleluja wie des Graduale stand auf einer 
unteren; er sang es nach Osten gewendet^. 

Der durch Gregor I. für die römische Kirche festgelegte Usus 
ist im wesentlichen bis heute bestehen geblieben; nur darin hat 
man ihn modifiziert, daß man später mit der Einbeziehung der 
Zeit von Septuagesima bis zum Aschermittwoch in die Bußzeit, das 
Alleluja schon mit diesem Sonntag aufhören ließ. Einer spätem 
Ordnung wird auch die Verdrängung des Gradualresponsoriums 
durch ein zweites Alleluja in den Messen vom weißen Sonntag bis 
zum 1 . Sonntag nach Pfingsten angehören, wie schon erwähnt wurde. 

In der mailändischen Kirche wurde der »Versus in Alleluja« 
wie in Rom vor dem Evangelium^, in Spanien aber nach dem- 
selben vorgetragen^ ; hier nannte man das AUelujasingen Lcmdes 
oder Ländern canere. Die spanischen Bischöfe wachten über die 
ihrer Liturgie eigene Stellung des Alleluja und verteidigten sie 
gegenüber dem Eindringen des mailändischen (oder römischen) 
usus im Konzil von Toledo 6335. Dasselbe 



luia eaniatur ab uno vel a duobus tisque ad sigmim*; Chorus autem repdit 
Alleluia et subjungit neuma , seu jubilum , protrahens syllabam a. Cantores 
versum conoinunt, qui, ut supra occurrente asterisco a toto Choro terminatur. 
Finito versit, Cantor vel Cantores repetunt Alleluia et Chorus addit solum 
neuma. ■ 

Tempore Paschali, otnittitur Graduale et ejus loco dicüur Alleluia, alleluia 
cum versu, ut supra. Sequitur statim unum Alleluia, quod ab uno vel duo- 
bus inchoatum usque ad neuma absque repetitio7ie absolvitur ab omnibus. 
Versus et unu7n Alleluia in fine eantantur modo supra descripto. 

1 Amalar, de eccl. off. III, 4 5. (Migne, Patr. Lat. CV, 1122.) 

2 2. Ordo Rom. 7. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 971); auch 6. Ordo 5. 
(Migne, ebenda 091.) 

3 Über die Art seiner Ausführung vgl. Beroldus: notarius iussu primicerii 
sui tollit tabulas (vgl. oben S. 87) de altari vel de ambone, induttis camisio 
canit Alleluja in pulpito bis ante versum, et magister scholarum incipit, et 
lectores deinde canunt Alleluja et versum et Alleluja similiter. Post versum 
vero idem notarius dieit Alleluja. Tune magister scholarum canit melodias 
cum pueris suis, tacentibus lectoribus. Et notandum, quia notarius semper 
canit alleluja in dominicis diebus, excepto in Natale domini et in Epiphania 
et in Resurrectione et in Peniecosten, et in dedicatione maioris eeclesiae, in 
quibus diaconi caniant, praecedentibus eos notariis . . . excepto die carnele- 
valis, in qua pueri caniant. Ordo Beroldi, ed. Magistretti, p. 50. 

4 Isidor, de off. I, 13. (Migne, Patr. Lat. LXXXIII, 750.) Vgl. oben S. 36. 

5 Gerbert, de cantu I, 40 4. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 97 

gegen die wohl aus der griechischen Kirche stammende Sitte, das 
Alleluja während der Fastenzeit zu singen. 

Die Handschriften verbinden in der Regel das Alleluja mit 
einem Verse : zwei stehen nur ausnahmsweise. Das Graduale von 
Rheinau gibt dem All. y. Pascha nosfnim vom Ostersonntag noch 
den y. Epulemur in azymis, das Cantatorium von Monza außer- 
dem noch dem AU. y. Tu es Petrus den y. Beatus es, Simon. In 
Cod. 339 von St, Gallen haben zwei Verse die All. y. Laetatus 
swii (y, Stantes erant), All. y. Niniis Jwnorati sunt (f. Dinumerabo 
eos), All. y. Te decet liymnus (y. Beplebintur), All. y. Venite exsultemus 
(y. Praeoccupeinus): in Cod. 121 von Einsiedeln noch die All. y. Än- 
gelus doniini [Y. liespondens angelus), All. y. Lauda Hierusalem 
(y. Qui posuit), All, y. In exitu Israel {f. Facta est Judaea), All, 
y, Laudate pueri (f. Sit nomen domini). Einige davon haben das 
ganze Mittelalter hindurch ihre Verse behalten; man begegnet ihnen 
noch in den ältesten Drucken, so in den Gradualien Straßburg 1510, 
Basel 1511, Das Missale des Konzils von Trient hat alle zweiten 
Verse gestrichen; seither haben alle Alleluja der römischen Messe 
nur mehr einen Vers. 

Die genannte St, Galler Handschrift 339 hat im Ganzen 95 
verschiedene AUelujagesänge (das All. y, Laudate dominum steht 
zweimal mit verschiedener Notierung), Auf den Psalter entfallen 
die Texte von 70 Alleluja, auf die übrigen Bücher der hl, Schrift 1 4 ; 
nur 11 sind nicht biblischen Ursprunges V Auch hier fällt dem 
Psalter der Löwenanteil zu. Besondere Beachtung verdient die 
Tatsache, daß in den ältesten Handschriften die Alleluja in zwei 
Gruppen geschieden sind; die eine steht innerhalb des Buches, 
so daß jedes Alleluja nach dem Graduale der Messe aufgezeichnet 



1 Es sind dies 1. All. V. Veni domine (Vigil. Nativ.), dessen erste Hälfte 
mit Habac. II, 3 übereinstimmt. Das Ganze mag Übersetzung aus dem Grie- 
chischen sein. Dies ist mehr als wahrscheinlich für 2. das All. f- Dies sancti- 
ftcatus (Nativ. 3. Missa) vgl. oben S. 52. Nicht aus der Bibel gezogen sind 
weiter 3. All. J. In resurrectione (Oetav. Pasch.) und 4. Surrexit altissimus 
(fer. IV post Pasch.) 5. All. V. Benedictiis es dei filius (Dom, II. post Albas], 
6. All. y. Dilexit Andreas (in f. S, Andreae, eine Verbindung der Worte Dilexit 
Andream dominus mit der besonders in den Büchern Mosis häufigen Formel 
in odorcni suavitatis. 7. All. V. Elegit te dominus knüpft an Deuteron. VII, 6 
oder XIV, 2 oder Eclus. XXIV, 20 an. 8. All. V. Justus germinabit ruht auf 
Isai XXVII, 6 oder Ose. XIV, 6. Weiter 9. All. y. Te martyrum candidatus 
ist aus dem Te deum gezogen. (Am Feste der Unschuld. Kinder sang man 
statt *Alleluja* die Worte »Laus tibi, Christe« vor dem y. Also schon 
Cod. 359 St. Gallen.) 10. All. y. Egregia sponsa ist freie Dichtung. \\. All. 
y, Salve crux (de S, Andrea) desgleichen oder aus den Akten des Heiligen 
genommen. 

Wagner, Gregor. Melod. I. 7 



98 Der Traclus. 

ist, ZU der es gehurt: die andere aber steht am Ende des Buches 
als ein Anhang und umfaßt außer den wieder der Ordnung des 
Psalters folgendeniAllelujagesängen für die Sonntage nach Pfingsten 
Zusammenstellungen von Stücken für die einzelnen Klassen von 
Heiligen, für die Confessoren, Märtyrer, Apostel, Jungfrauen usw. 
Jene Gruppe wird die ältere sein, diese hat den Anstoß zur Bildung 
des Commune gegeben, indem man später nicht nur die AUeluja 
jeder Heiligenklasse zusammenstellte, sondern auch die andern Meß- 
gesänge. Die im 14. und 15. Jahrh. in den Handschriften sehr 
zahlreich auftretenden neuen Allelujagesänge sind in Text und 
Melodie meist Neuschüpfungen und beweisen in der systematischen 
Ablehnung des offiziellen Gebets- und Gesangstextes der Kirche, 
der Bibel und besonders des Psalters den Verfall der Hturgischen 
Komposition^: melodisch halten sie sich immer mehr an die den 
modernen verwandten Tonarten. 

Der Tractus. 

Das Alleluja wird an Tagen der Trauer und Buße und an 
den Quatembersamstagen durch den Tractus ersetzt. »Der Vor- 
sänger steigt mit dem Cantatorium auf den Ambo und singt das 
Responsorium : hierauf, wenn die Zeit (des Kirchenjahres) es vor- 
schreibt, das Alleluja, sonst den Tractus«, sagt der 1. römische 
Ordo^. Alleluja und Tractus schließen sich also gegenseitig aus; 
nur die Liturgie der Samstage vor Ostern und Pfingsten hat beide. 
Nach dem 3. Ordo Romanus soll der Vorsänger des Tractus (oder 
des Alleluja) ein anderer sein als derjenige des Graduale*; offenbar 
wollte man der Ermüdung des Sängers vorbeugen. Soweit unsere 
Kenntnis reicht, ist der Tractus immer ein Sologesang, der weder 
durch antiphonische noch durch responsoriale Zusätze unterbrochen 
wird, sondern von Anfang bis zu Ende in einem Zuge verläuft. Tommasi 
bringt den Namen mit tractim, in einem Zuge, ohne Unterbrechung, 
zusammen^. Gestützt wird diese Erklärung durch Amalar, der den 



1 Man vgl. im Anhang die Alleiujarcihen des Cod. 339 St. Gallen u. a. 

2 Man vgl. die von W. How. Frere in der Einleitung des Graduale Saris- 
buriense aufgeführten Texte. 

3 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 942. 

4 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 979. 

5 Tommasi, 1. c. XII, praef. 1 9. Das Wort tractim wird auch gebraucht 
im Sinne von einfacher Rezitation und ist dann dem modulierten Gesänge 
gegenübergestellt; so heißt es von einem Mönche Rodulphus im belgischen 
Kloster des hl. Trudo (12. Jahrb.), daß er »eifrig die Nacht- und Tagesstunden 
im Chore pflegte, et de psalmis tractim cantandis et cantu dulci aeqiie 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 99 

Unterschied des Tractus und des Gradualresponsoriums darin findet, 
daß in diesem der Chor dem Solisten antwortet, in jenem aber 
niemand'. Schon früh hat man jedoch den Namen auf den Vor- 
trag des damit bezeichneten Gesanges bezogen, der ein langsamer, 
gezogener, schleppender sein müsse, dem Bußcharakter der Tage 
entsprechend, an welchen er vorgetragen wird. Der Bischof Duran- 
dus von Mende findet darin, daß der Tractus nie mit dem AUeluja 
zusammentrifft (außer ob specialem causam am Karsamstag) einen 
Beweis dafür, daß der Tractus mehr Trauergesang ist, als das Gra- 
daale'-. Nach Hugo von St. Victor bedeutet der Tractus, »der Seuf- 
zer und Klagelieder ausdrückt, die Tränen der Heiligen. Darum 
wird er auch so genannt, weil die Heiligen seufzend aus tiefstem 
Herzen ihre Klagen hervorzogen^«. Daß diese Erklärung das Wesen 
der Sache nicht trifft, geht aus der schon erwähnten Tatsache 
hervor, daß die meisten Tractus eigentliche Gradualresponsorien 
waren und erst, als sich die Erinnerung an die Gradualien mit 
mehr wie einem Verse verlor, als Tractus bezeichnet wurden, ob- 
wohl sie die für die Gradualresponsorien charakteristische Vortrags- 
weise noch lange erhalten haben; es gibt auch einen Tractus 
Laudate Dominum^ der das Gegenteil einer Klage enthält. Die 
wirkUche Bedeutung des Wortes Tractus ergibt sich, wenn man es 
zusammenhält mit dem griechischen sipjjLo;^. Hirmus ist bei den 
Griechen des Mittelalters eine Melodie, die größeren Stücken vor- 
ausgesetzt wurde, und nach welcher die verschiedenen Teile zu 
singen waren, eine Art typischer Melodie, welcher nach bestimmten 
und in der Gesangschule gelehrten Gesetzen die mannigfachen Teile 
eines längern Hymnus angepaßt wurden. Wie der lateinische Trac- 
tus zu dieser Bezeichnung kommen konnte, wird man verstehen, 
wenn man bedenkt, daß das melodische Material für die sämt- 
lichen Tractus ein nur wenig verschiedenes ist. Sämtliche Trac- 



modzilando^. Gerbert, de cantu I, 576. Cod. 359 St. Gallen (Ed. Lambil- 
lotte S. 54) hat die Rubrik: Tractus Cantus. 

1 Amalar, de offic. III, 12. (Migne, Patr. Lat. CV, 1121): Hoc differt inier 
responsorium, cid chorus respondet, et tractiim, cid nemo. 

- Gerbert, de cantu I, 403. 

3 Hugo von St. Victor, Spec. eccl. 7. (Migne, Patr. Lat. CLXXVII, 359;. 

4 Vgl. Christ, Über die Bedeutung von Ilirmos, Troparion und Kanon in 
der griech. Poesie des Mittelalters fSitzungsber. der Münchener Akademie 1870, 
II. S. 75 ff.) Vgl. auch Gaisser Oriens Christ. 1903, S. 417 ff., und die Viertel- 
jahrsschrii't für Musikwissenschaft VI, 1889, S. 333. Es ist wichtig, im Auge 
zu behalten, daß der Name Tractus nicht erst im 9. oder 10. Jahrh. (wie der 
eine ähnliche Geschichte aufweisende der »Sequenz«), sondern schon in den Hand- 
schriften des 8. Jahrh. vorkommt, im Graduale vonMonza wie in dem von Rheinau. 



100 Der Tractus. 

tus gehören entweder dem 2. oder 8. Kirchenton an und benutzen 
mit Vorliebe dieselben Melodien. Griechischer Einfluß beim Tractus 
ist auch darin zu erkennen, daß nach Ausweis der römischen 
Zeremonialbücher, der Ordines Romanik, am Karsamstag die Tractus 
mit den prophetischen Lektionen, zwischen welche sie eingeschaltet 
wurden, zuerst lateinisch und dann griechisch vorzutragen waren. 
3Iit ihren Versen gehören die Tractus zu den umfangreichsten 
Meßgesängen; besonders erinnert Tr. Qui habitat in adjutorio vom 
ersten Fastensonnlage an den frühern vollständigen Psalm; er 
umfaßt alle Verse des Ps. 90 und ist der einzige Meßgesang, der 
den ganzen Psalm bewahrt hat. Tr. Detis^ deus mens respice vom 
Palmsonntag umfaßt den grüßten Teil vom Ps. 21 , alle andern 
sind sehr gekürzt und haben nur drei, zwei oder gar nur mehr 
einen Vers. Diese Ausdehnung des Tractus ist ein Beweis für sein 
hohes Alter; ja, wenn man die engen Beziehungen sich vorhält, 
in denen er zum Gradualresponsorium steht, so ist man versucht 
zu glauben, daß der Tractus der mittelalterlichen Handschriften 
die letzten Reste des ursprünglichen Gradualpsalmes 
darstellt. Wie er melodisch behandelt ist, also müssen vor der 
Kürzung alle Psalmi responsorii gesungen worden sein, und so ist 
es wahrscheinlich, daß die Tractusmelodien überaus alte und ehr- 
würdige Denkmäler des lateinischen Kirchengesanges und in ihnen 
die melodischen Formen der Solopsalmodie der Messe 
erhalten sind, wie sie im 4. und 5. Jahrh. in Italien bis zur 
Zeit gebräuchlich waren, wo die Sohsten daran gingen, sie noch 
melismatischer auszustatten, als sie schon waren, eine Neuerung, 
welche die Kürzung des Psalmes herbeiführte. Was diese Annahme 
besonders empfiehlt, ist der Umstand, daß bis weit ins Mittelalter 
hinein alle Texte des Tractus ohne Ausnahme dem Psalter oder den 
biblischen Gantica entstammen. In Cod. 339 von St. Gallen haben 
von den 20 als Tractus bezeichneten Gesängen (die 3 Gradual- 
responsorien De necessitatibus^ Domine audivi, Domine exaiidi also 
abgerechnet) 17 Psalmtexte (incl. das Gant. Sind ccrvus aus Ps. 41) 
die andern 3 Canticatexte. Als der Gradualpsalm gekürzt wurde, ge- 
stattete man demnach nur noch der Fastenzeit die Formen der ur- 
sprünglichen Gradualpsalmodie^. Unsere ältesten Gesangbücher ent- 



1 Ordo Rom. I, 40. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 935.) 

2 Hier Leobachten wir demnach denselben Vorgang, der die Geschichte 
des Ordinarium Missae kennzeichnet. UrsprüngHch mehr oder weniger einfache 
Singweisen wurden in den Hintergrund gedrängt und den l'erialen oder Fasten- 
messen überwiesen, als man der künstlerischen Armut überdrüssig reichere 
Mannigfaltigkeit und größeren Aufwand künstlerischer Mittel erstrebte. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 101 

halten Tractus nur für die Sonntage von Septuagesima bis Palmsonn- 
tag, für den Aschermittwoch, den Mittwoch, Freitag und Samstag der 
Karwoche, sowie für die gewöhnlich in diese Zeit fallenden Heiligen- 
feste; so das Graduale von Monza für das Fest des hl. Valentin 
(Tr. Dcsiderium) und des hl. Felix (Tr. Beatus vir). Später wurde 
es Brauch, den Tractus auch an Wochentagen der Fastenzeit zu 
singen. Man komponierte jedoch in diesem Falle keine neuen 
Stücke, sondern behalf sich mit den schon vorhandeneni. 

In dieselbe Reihe mit den Tractus genannten Gesängen ist ein 
Ganticum zu stellen, desssen melodische Fassung mit der der Tractus- 
melodien sehr viele Analogien hat. 

Das Cantioum »Benedictus es«. 

Der Gesang der drei Jünglinge im Feuerofen gehört sicher 
der ältesten Form der lateinischen Liturgie an. In der mozara- 
bischen Liturgie war er ein unantastbarer Bestandteil der Messe, 
und das 4. Konzil von Toledo^ sah sich veranlaßt, die Verpflich- 
tung zu seinem Gebrauch an Sonn- und Festtagen besonders zu 
betonen; es drohte allen Priestern, die sich ihr entzogen, mit der 
Exkommunikation, Das Konzil erließ die Verordnung nicht nur 
für Spanien, sondern auch für Gallien. Damit stimmt überein, 
daß auch die Liturgie des hl. Germanus von Paris nach der zweiten 
Lesung die Benedictio vermerkt-^ ein Name, der von der häufigen 
Wiederkehr des Wortes Bencdicitc genommen ist. Später kam 
sie etwas außer Übung, und das mozarabische Missale des Mittel- 
alters schreibt sie nur mehr einigemal vor, so für den ersten 
Fastensonntag*, Im gallikanischen Lectionar ist sie für AVeih- 
nachten nach der Prophetie angezeigt, ebenso am Karsamstag^, 
an welchem Amalar diesen Gesang in Tours hörte f*. In der römischen 



1 Über den Tractus und seine Ausführung schreibt das Graduale Vati- 
canum vor: Post Septiiagesimam , omissis Alleliiia et T- sequenti, dicitur 
Tractus, cujus versiculi alternatim cantantur a duabus sibi invicem respon- 
dentibus Chori partibtis, mit a Cantoribus et universo Choro. 

~ Das Konzil betont: Hymnum . . . quem ecclesia catholica per tot um 
orbeni diffusa celebrat. Gerbert, de cantu I, 400. 

3 Migno, Patr. Lat. LXXII, Duchesne, origines -186. So ist auch das Wort 
Benedictio bei Isidor (epist. XXV, \.) zu verstehen: Ad psalmistam pertinet 
officium canendi, dicere benedictiones, laudes, sacrificiuin, responsoria 
et quidquid pertinet ad peritiam canendi. An das Benedicamus domino ist 
hier nicht zu denken, wie Duiandus Rationale II, 3 meint. 

4 Gerbert, de cantu I, 401. 

5 Ebenda. 

6 Amalar, de off. IV, 17. (Migne, Patr. Lat. GV, H95.) 



102 Das Credo. 

Messe begegnet man ihm nur mehr an den Quatembersamstagen, 
eine Übung, die allmählich die andern verdrängt hat^. 

Unser Hymnus erscheint in den alten Gesangbüchern in zwei 
Formen. Die erste beginnt mit Benedictus es domine deiis patrum 
nostrorum und hat zum Text die Verse 52 bis 55 des 3. Kapitel 
des Buches Daniel. Der Refrain nach jedem Verse lautet: Et lauda- 
bilis et gloriosus in saecula. Diese Form ist die noch heute ge- 
bräuchliche. Die der 7. Tonart angehürige Singweise scheint sehr 
alt zu sein. Die zweite Form benutzt die Verse 56 bis 88, beginnt 
daher mit Benedictus es in firmamcnto coeli und hat den Refrain: 
Hymnum dicite et superexaltate cum in saecula. Die Melodie dieses 
Textes ist in der Art einer Graduale gebaut und gehört der 3. Ton- 
art an 2. Vielleicht ist diese Fassung gallikanischen Ursprunges; 
sie begann auch schon seit dem i 0, Jahrh. zu verschwinden, Avie 
uns Cod. 339 von St. Gallen belehrt, der davon nur mehr den 
Text, nicht aber die Singweise notiert 3. Beide finden sich aber 
noch in jüngeren Handschriften'. 

Den Gesängen zwischen den Lesungen aus den hl. Schriften sei 
noch angeschlossen 

Das Credo. 

In die Messe ist das nicaeno-konstantinopolitanische^ Gaubens- 
bekenntnis zuerst im Orient gedrungen. Aus der griechischen 

1 Walafrid Strabo de reb. eccles. 22 meint, die Römer sängen den Hymnus 
trium puerum nur an den 4 Tagen mit \ 2 Lesungen propter multiplicitatem. 
officiorum. (Migne, Patr. Lat. CXIV, 947.) 

2 Amedee Gastouu hat dieselbe veröffentlicht in der Tribüne de St. Gervais 
■1903 S. 3 und der Revue de Chant gregorien XI S. -170. 

3 Ausgabe der Paleographie Musicale, t. I, S. ü. 

4 Z. B. im Antiplionariuni von Montpellier aus dem 11. Jahrh. (Paleographie 
musicale t. VIII, S. 139) und in Cod. Paris 1235 nouv. acquis. aus dem 12. Jahrh. 

ä Das apostolische Gaubensbekenntnis hat wahrscheinlich in der Messe 
keine Verwendung gefunden, wohl aber bei andern liturgischen Anlässen; es 
findet sich in einigen Handschriften, z. B. Cod. St. Gallen 381, Cod. 97 
Rhenaug. in der Kantonsbibliothek Zürich, in englischen Handschriften 
(vgl. Troparium von Winchester, Ausgabe der Bradshaw-Gesellschaft, S. 60) 
in griechischer Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben und 
mit Neumen versehen, woraus hervorgeht, daß es wie das Credo der Messe 
nicht einfach gebetet, sondern gesungen wurde. In der erwähnten Rheinauer 
Handschrift lautet es also (S. 86): Pisteuo is theon patera, pantoeratora, 
pütin wann ke gis. Ke is ison christon, ton yon autu, ton monogeni 
Kyrimi imon. Ton sillisthenta ek pneumatos agiu, genithenta ek marias tis 
partlienu. Pathonta epi pontiu pilatu, staurothenta, thanonta ke taplienta, 
katelthonta is ta katotata, trifi ti imera anastanta apo ton neeron. Anelthonta 
is tus Uranus, katexomenos en dexia theu patros pantodinamu. Er ki then 
erchomenon krine zontas ki nekrus. Pistheuo is to pneuma to agion, agian 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 103 

Kirche wurde es 589 von den in Toledo zum Konzil versammelten 
spanischen Bischöfen in die mozarabische Liturgie aufgenommen^. 
Hier wurde es nicht nach dem Evangelium, sondern nach der 
Wandlung von dem die hl. Hostie in der Hand haltenden Priester 
angestimmt und von den Klerikern und dem ganzen Volke weiter- 
gesungen^. Es fand auch in die ambrosianische Messe Eingang, 
in deren altem Ordo es Symbolum Dominieale genannt wird. Hier 
steht es indessen nach dem Offertorium ; außerdem hat die ambro- 
sianische Messe nach dem Evangelium noch einen Gesang, der in 
den andern lateinischen Liturgien nicht vorhanden ist, die Anti- 
phona post Evangelium'^. Beroldus, der mailändische Liturgiker des 
12. Jahrb., beschreibt seine Ausführung folgendermaßen: »der Erz- 
bischof oder Priester stimmt es an, und der Chor fährt fort bis 
zum Et homo factus est, worauf der Magister Scholarum mit seinen 
Knaben bis zu Ende weiter singt"^.« In Gallien und Alemannien 
war das Credo in der Messe ebenfalls bekannt, wie wir aus der 
Unterredung erfahren, die die Gesandten Karls des Großen in 
Rom mit Leo HL hatten, und in welcher jene sich auf die aus- 
drückliche Erlaubnis des Papstes beriefen, das Credo in der Messe 
zu singen^. Nach Amalar^ beteiligte sich in Gallien das ganze 
Volk am Gesänge des Credo. Für die römische Messe ist es be- 
zeugt durch den 2. Ordo Romanus^, für die Zeit um 800 durch 
Walafrid Strabo^. Bald darauf scheint es aus ihr verschwunden 
zu sein, bis es ihr unter Benedict VHI. definitiv einverleibt wurde. 
Wie das kam, erzählt uns ein Augenzeuge, Berno, Abt von der 
Reichenau^, der sich 1014 mit Kaiser Heinrich H. in Rom befand. 
In dem 2. Kapitel seiner Schrift De quibusdam rebus ad Missam 
pertinentibus, in der er seine Ansicht vom Gloria begründet, weist 



ecelesian katholikin, agio kenonian, aphesim amartian, sarkos anastasm, 
■Koin euonion amen. 

1 Seeimdani formam orientaliimi ecclesiarium, sagt das K(jnzil im Can. ^ ^ . 
Gerbert, de cantu I, 426. 

2 Gerbert, ebenda. 

3 Ceriani, Notitia liturgiae ambros. ante saec. med. XI. Mailand 1895, S. 5. 

4 Beroldus, ed. Magistretti, Mailand, 1894 S. 53. 
•'■' Gerbert, de cantu I, 427. 

c Amalar, ecloga de officio missae (Migne, Patr. Lat. CV, 1323): Post- 
quam Christus locutus est populo suo, fas est, ut didcius et intenthis profi- 
teatur crediditatem suam; sicque convenit populo, post Evangelium intentionem 
credulitatis suae praeclaro ore proferre. 

' Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 972: post lectum evangelium ... ab epis- 
copo Credo in unum deum cantatur. 

s Walafrid Strabo. de reb. eccles. 22. (Migne, Patr. Lat. CXIV, 947.) 

9 Migne, Patr. Lat. CXLII, 1056. Vgl. oben S. 77. 



104 Das Credo. 

er darauf hin, daß in Rom das Credo bis auf seine Zeit in der 
Messe nicht vorhanden gewesen sei. Auf die Frage, warum die 
Römer es nicht sängen, hätten diese dem Kaiser erwidert, die 
römische Kirche wäre nie durch die Häresie befleckt worden, und 
deshalb hätten die andern Kirchen eher nötig, das Credo zu singen, 
die doch zuweilen von dem Irrglauben befleckt werden könnten. 
Der Kaiser habe aber den Papst angelegentUch gebeten, das Credo 
von da an in der öffentlichen Messe singen zu lassen, und der 
Papst habe ihm gewillfahrt. Trotzdem, oder vielmehr eben wegen 
seiner späten Einführung ist das Credo immer nur als ein mehr 
dekoratives Stück der Messe angesehen worden. Der 6. römische 
Ordo stellt dem Bischof anheim, nach dem Evangelium eine Predigt 
zu halten oder, wenn er dies nicht wolle, mit hoher Stimme das 
Oedo in unum Deum anzustimmen i, welches vom ganzen Chor 
(der Kleriker am Altare) weiter zu singen sei. Daß der Gesang 
des Credo nicht eine Obliegenheit der Sänger war, geht auch aus 
dem 11. Ordo hervor, welcher für die Weihnachtsmesse vorschreibt: 
»der Pontifex stinmit das Credo an, und die Basilicarii antworten 
und singen weiter. Der Primicerius und die Schola singen dann die 
Offerenda. « Die hier von den Sängern unterschiedenen Basilicarii sind 
das Gefolge des Zelebranten, das sich um den Altar befand 2. Der Meß- 
erklärung Innocenz III. ^ läßt sich entnehmen, daß noch im 13. Jahrb. 
in der feierlichen Papstmesse das Credo nicht von den Sängern des 
Chores, sondern von den Subdiakonen am Altare gesungen wurde. 

Wie das Gloria bis auf die gegenwärtige Stunde nicht in jeder 
Messe vorkommt, so auch das Credo. Es steht nur in den Messen 
der Sonn- und Festtage. Wie dieses, so wurde es vielfach auch in 
griechischer Sprache gesungen. In einigen Handschriften steht es 
in griechischer Fassung, aber lateinischen Buchstaben, wie schon 
erwähnt worden ist 4. 

Die Weise, in welcher das Credo zuerst gesungen wurde, und 
welche die Handschriften überliefern, ist eine einfache syllabische 
Rezitation ohne melodische Verzierung. Für die meisten Verse 



1 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 992. Das Credo ist hier ein Ersatz für die 
Predigt, was nicht aul'fälhg ist, da es die kürzeste Zusammenfassung des 
christhchen Glaubensinhaltes darstellt. Es scheinen sich damals der Gesang 
des Credo und die Predigt ausgeschlossen zu haben. Heute ist das nicht mehr 
der Fall. Sicher aber hat die Predigt (Homilie) vor dem Credo den Vorrang 
des höheren Alters — sie reicht in die ersten christlichen Zeiten — und der 
liturgischen Bedeutung. 

2 Ebenda, 1033. 

3 Innocentius, de myster. miss. II. 52. (Migne, Patr. Lat. CCXVII, 830.) 

4 Vgl. auch die Rassegna gregoriana, IV, S. 4 51 ff. und 254. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 105 

kehrt zudem derselbe Rezitationstypus wieder, so daß sie sehr 
leicht zu erlernen war. Es versteht sich, daß diese Art der Aus- 
führung geboten war, sobald nicht die Schola, sondern die sämt- 
lichen am Altare assistierenden Geistlichen gehalten waren, es zu 
singen. Im spätem Mittelalter kamen zu der einfachen Singweise 
andere hinzu, auch solche mit gebrochenen Noten, d. h. mit 
schnelleren Notenwerten, im Cantus fractus, wie man sagte. In 
den strengen Orden indessen, z. B. bei den Karthäusern, blieb 
man bei der alten Rezitation. Im Gegensatz zum Kyrie, Gloria 
und den andern Teilen des Ordinarium Missae, für welche das 
spätere Mittelalter eine ziemlich bedeutende Zahl von neuen Melodien 
erfand, findet man in den Handschriften, ja selbst in den ältesten 
Drucken, nur selten mehr wie eine Melodie, die alte rezitativische ^. 
Es scheint, daß gegen Ausgang des Mittelalters in einigen, be- 
sonders deutschen Kirchen die Ausdehnung des Credo lästig empfunden 
wurde. Geschriebene Gesangbücher, z. B. Codex St. Gallen 546, 
wie gedruckte, z. B. das Augsburger 1511 in Basel gedruckte 
Graduale, haben gekürzte Credogesänge neben dem vollständigen. 
Es ist dies auffällig, weil gerade Deutschland in dieser Zeit und 
noch später sich mehr wie Italien und Frankreich als ein Hort 
des gregorianischen Gesanges erwies. Geradezu seltsam ist, daß 
solche Kürzungen sich in einer St. Galler Handschrift finden, die 
nicht etwa von auswärts stammt (wie Cod. 383 derselben Biblio- 
thek), sondern im Auftrag eines Abtes (Franz Gaisberg) von einem 
Insassen des Klosters angefertigt wurde, wie eine Aufzeichnung in 
der Handschrift lehrt. Von den gekürzten Credomelodien des Cod. 
546 2 schließt die erste: Et ascendit in coelum. Amen; die zweite 
springt von et homo factus est nach Confiteor iinum baptisma, 
mehrere schließen: et homo factus est. Amen. Man würde derartiges 
kaum für möglich halten, wenn nicht die neueste Forschung einen 
tiefen Stand des kirchlichen Lebens in der Stiftung des hl. Gallus 
gegen Ausgang des Mittelalters dargelegt hätte. Auch das Augs- 
burser Graduale hat solche gekürzte Credo. 



1 Das Graduale Vaiicanum 1908 fixiert die heutige Praxis durch die 
Vorschrift: Finito Evangelio, Sacerdos intonat, si dicendum est, Credo in 
uiium Deuvi, prosequente Choro Fairem omnipotentem; et reliqua, conjunctim 
aut altcrnatini pro loci consuetiidine. 

2 Diese Handschrift ist jüngst monographisch Ijehandelt worden durch 
Dr. Marxer in Heft III der Veröffentlichungen der Greg. Akademie zu Frei- 
burg (Schweiz) : Zur spätmittelalterlichen Choralgeschichte St. Gallens. Die 
Singweisen des Credo sind daselbst S. 147 ff. abgedruckt, die gekürzten S. 1G(5ff. ; 
sie bezeugen einen dem Tiefstande der Liturgie und des klösterlichen Lebens 
ebenbürtigen Kunstbetrieb. 



VI. Kapitel. 

Fortsetzung. Die Gesänge während der hl. Opferliandlung. 

Nachdem die Lesungen beendet, beginnt die Opferfeier und 
damit die eigentliche Messe. Der Zelebrant fordert nach dem Gruß 
Dominus vobiscum die Anwesenden auf, mit ihm zu beten^, und 
nimmt dann die Zeremonien vor, welche für den Opferritus vor- 
geschrieben sind. Unterdessen singt der Chor 

Die Antiphone zum Offertorium. 

Der die Opferung begleitende Gesang ist sehr alt ; er bestand 
schon in der ersten Hälfte des 5. Jahrh. Wie er selbst überliefert^, 
führte der hl. Augustinus in der afrikanischen Kirche »die Sitte 
ein, aus dem Buche der Psalmen Hymnen zu singen, vor der Dar- 
bringung der Opfergaben, wie während der Austeilung des Ge- 
opferten an das Volk«. Daß Augustinus damit einen mailändischen 
oder römischen Ritus adoptierte, läßt sich zwar nicht beweisen, 
ist aber sehr wahrscheinlich, obgleich das Fehlen des Offertoriums- 
gesanges in der römischen Karsamstagsmesse-^ dafür spricht, daß 



1 Wann das durch Oremus eingeleitete Gebet aus der Messe verschwand, 
ist schwer zu sagen. Vielleicht seitdem man die Gesangstexte am Altare 
betete; von da an hatte der Zelebrant zwei Texte vor sich, und mochte man 
sich für den Jüngern entscheiden. Auffällig ist aber, daß das Oremus stehen 
blieb, obwohl der folgende OlTertoriumstext nur in sehr wenigen Fällen Gebets- 
charakter hat, wie z. B. das Off. der Totenmesse, Domine Jesu Christc. 

~ Gegen die Neuerung erhob sich ein gewisser Hilarus, was dem hl. 
Augustinus Veranlassung gab, sein Verfahren in einer eigenen Schrift (contra 
Hilarum) zu rechtfertigen, die leider verloren ist und sicher vieles Wissenswerte 
zur Geschichte des Kirchengesanges enthalten hat. Augustin Retract. II, W. 
(Migne, Patr. Lat. XXXII, 634.) 

3 Die Liturgiker suchten dies in ihrer Art zu erklären. Alcuin z. B. meinte: 
quod autem (am Karsamstag) post Evangelium non cantatur offerenda et 
cantores tempore Sacrifleii silent, ad tyiemoriam reducitur sacrificmm seu 
Silentium midierum. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 379.) 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 107 

die römische Liturgie ihn nicht von Anfang an besessen hat^ 
Daß es zweckmäßig war, während der Darbringung der Opfergaben 
die Aufmerksamkeit der Gläubigen durch einen Gesang zu fesseln, 
leuchtet ein, da der ursprüngliche Ritus der Opferung die Entstehung 
störenden Geräusches begünstigte. So haben denn alle lateinischen 
Liturgien vom frühen Mittelalter an an dieser Stelle der Messe 
einen Gesang, der die Zeit ausfüllt, während deren das Volk seine 
Spende darbrachte. In Spanien hieß er Offertorium oder Sacri- 
ficium^, die Denkmäler der beiden italienischen Liturgien, der mai- 
ländischen und der römischen, nennen ihn Offerenda und Offer- 
torium mit oder ohne Angabe der antiphonischen Vortragsweise 
(also Antiphona ad Offerendam oder ad Offertorium). 
In der altgallikanischen Liturgie des hl. Germanus von Paris hieß 
der die Oblation begleitende Gesang Sonus oder Sonum-^ und 
war wohl nichts anders als das AUeluja. 

Die Darbringung der Opfergaben durch das Volk war zuerst 
wohl allgemein, ist dann bald aus den orientalischen Liturgien ver- 
schwunden, erhielt sich aber in den lateinischen noch lange Zeit. 
Wie die Ordines Romani dartun, brachte in Rom das Volk Brot 
und Wein dar, auch die Kleriker und Priester; sogar der amtierende 
Papst mußte seine Gabe bringen; die Sänger lieferten nur das 
Wasser, das mit dem Weine vermischt wurde^. Umgeben von 
den Priestern und Bischöfen nahm der Papst das Brot, der Archi- 
diakon den Wein in Empfang. Die Gaben wurden hierauf in zwei 
Teile geteilt; der eine wurde dem Pontifex überreicht und nachher 
konsekriert; was übrig blieb — aus der Zahl der Anwesenden 
ergab sich ungefähr, wieviel zur Konsekration und Kommunion 
notwendig war — wurde nach der Wandlung besonders gesegnet. 



1 Es wäre auch möglich, daß Augustinus mit dem Psalm »vor der Dar- 
bringung der Opfergaben« den Introituspsalm im Auge hatte. Dann wäre 
eine Nachahmung des um dieselbe Zeit in Rom adoptierten Ritus (vgl. S. 64) 
unabweisbar. Berno Augiensis weiß iiber die Einführung des OiTertoriums nichts 
Genaues : qitamvis a prioi'is populi consuetudine in usum Ghristianoru7n venisse 
dicatur, tarnen quis specialiter addiderit, aperte non legimus. De quibicsdam 
ad missam pertinentibus cap. I. (Migne, Patr. Lat. CXLII, 4 038.) 

2 Also Vasaeus im Chronicon Hisp. ad ann. 717. Gerbert, de canlu I, 431. 

3 Migne, Patr. Lat. LXXII, 92. 

4 Ordo Rom. I. 13 und 14. (Migne, Patr. Lat. LXXYIII, 943) vgl. auch 
Ordo V, 8. (Ebenda 988.) So wurde es auch im Frankenlande gehalten; 
Amalar, de offic. III, 19. (Migne, Patr. Lat. CV, 1131): cantores propter 
instantem neeessitatem cantandi non habent liceniiam huc illucque dis- 
currendi, ut singuli offerant cum caeteris . . . Populus offert vinum, cantores 
aquam. 



108 D'6 Antiphone zum Offertorium. 

Die dazu gehörige Formel hat sich im Meßkanon bis zur Gegen- 
wart erhalten und wird über die konsekrierten Gestalten selbst ge- 
sprochen, obwohl diese eines Segens nicht mehr bedürfen i. Be- 
schlossen wurde der Offertoriumsritus mit der Händewaschung des 
Zelebranten, die sich ebenfalls noch in der heuligen Messe findet. 
Der melodische Charakter des Offertoriumsgesanges war durch 
seine liturgische Stellung festgelegt; wie alle Gesänge, welche Zere- 
monien begleiten, war er zuerst ein Psalm und wurde von den 
beiden Hälften des Chores abwechselnd vorgetragen. Da man für 
die geraume Zeit in Anspruch nehmende Opferung einen ebenso 
lange dauernden Gesang nötig hatte, und die Sänger selbst ihre 
Gaben opfern mußten, so kam man schon sehr früh darauf, den 
Charakter des Gesanges zu modifizieren. Man fand es für zweck- 
dienlich, die Ausführung der Verse nicht dem Chore, sondern einem 
Solisten zu überlassen. Bei dem Gefühl für Rückwirkung liturgi- 
scher Dinge auf musikalische, das im Mittelalter sehr lebendig war, 
versteht es sich von selbst, daß damit eine Bereicherung der Me- 
lodie verbunden war; aus einem Chorgesang wurde das Offertorium^ 
zu einem sehr entwickelten Sologesang, wie das Graduale und Alleluja 
es waren. So prangen die gregorianischen Offertorien in reichem 
Gewände, und namentlich über die den Vorsängern zufallenden Verse 
ist alle Kunst des Sologesanges ausgegossen. Darum begegnen wir 
Handschriften, die neben den andern Sololiedern auch die Offer- 
toriumsverse enthalten, so Cod. St. Gallen 378 und 380, Cod. der 
Pariser Nationalbibliothek fond. lat. 1134, 1135 und zahlreiche 
andere. Von der vom Chore vorzutragenden einleitenden Antiphone 
sind da meist nur die ersten Worte angegeben, ebenso das Stich- 
wort, von dem an nach den Versen die Antiphon zu repetieren war. 
Mit dem Augenbhcke, wo die Solisten die Offertoriumsverse und der 
Chor nur mehr die Antiphon ganz oder teilweise dazwischen sang, 
war das Offertorium aus einem antiphonischen zu einem respon- 
sorialen Gesänge geworden. Man behielt aber die gewohnte 
Bezeichnung Antiphona bei, die dann auch bald seine Ausführung 
durch den Chor zur Folge halte^. 



t Es ist das mit Per quem haec omnia beginnende Gebet. 

~ Nicht anders ist es mit den ambrosianischen Offertorien, deren Aus- 
führung nach dem Liturgiker Beroldus (12. Jahrh.) dem Magister Scholarum 
und seinen Singknaben oblag. Ordo Beroldi, ed. Magistretti, S. 32. 

3 Auch das Graduale Vaticanum sieht den A'ortrag des Offertoriums durch 
den Clior \ov: Offertorium ab uno, duobus aiä qiiatuor Cantoribus intonatur 
uti ad Introitum, et fmitur ab omnibus. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 109 

Neben dem Solocharakter der Offertoriumsverse ist eine 
andere Eigentümiichlveit dieses Gesanges hervorzuheben. Das Offer- 
torium ist unter allen liturgischen Gesängen der Messe wie des 
Offiziums der einzige, der gelegentlich Worte oder Wortverbin- 
dungen wiederholt, ohne daß der liturgische Text des Gesanges 
sie vorschreibt. Sonst verbindet sich die Melodie mit den von der 
Kirche bestimmten Textworten, ohne daß sie deren Reihenfolge 
verändert und etwas wiederholt; so, im engsten Anschluß an das 
liturgische Wort, ist der liturgische Gesang aufgewachsen und groß 
geworden. In der Wiederholung eines Wortes da, wo die Liturgie 
es nicht bestimmt, liegt eine Art Abfall von ihr ; sie bedeutet den 
Sieg einer subjektivem Auffassung des liturgischen Textes. Man 
braucht indessen über die Wiederholungen im Offertorium nicht 
so streng zu urteilen, sie waren, man könnte sagen, naiverer Natur 
und durch die Länge der Zeremonien bei der Opferung bedingt. 
Welchen Wert die Wiederholung eines Wortes oder eines Gedankens 
vom rein künstlerischen Standpunkt betrachtet besitzen kann, das 
zeigten später die Komponisten der mehrstimmigen Vokalmusik, 
die aus ihr eines ihrer wirksamsten Darstellungsmittel gebildet haben. 
Künstlerische Rücksichten liegen den Wiederholungen in den alten 
Offertorien nicht zu Grunde. Das leuchtet ein, wenn man sie sich 
näher ansieht. Das Graduale von Rheinau wiederholt am Ende des 
OfTertoriums des Tages vor Weihnachten Tollite ])ortas den An- 
fangsgedanken : Tollite portas prineipes vestras et elevammi portae 
aeternales et introibit rex gloriae, tollite portas prineipes .vestras. 
Am Sonntag in Quinquagesima wird der Anfangssatz Benedictus 
es, domine, dooe me iustificationes tuas zweimal gesungen^. Zahl- 
reicher sind die Wiederholungen in andern Handschriften, z. B. dem 
Cod. St. Gallen 339: Oftert. Juhilate deo vom \. Sonntag nach 
Theophanie hat die Anfangsworte: Juhilate deo omnis terra zweimal. 
Offert. Juhilate deo vom 2. Sonntag nach Theophanie ebenso die 
Anfangsworte Juhilate deo universa terra, ähnliches in y. 1 und 2. 
Offert. Benedictus es domine wie Grad, von Rheinau, ähnliches 
in y. 3, Offert. Preoatus est Moyses der fer. V. post Dom. IL 
Quadrag. wiederholt die Anfangsworte Precatus . . . et dixit; ähn- 
liches in y. 3. 

Möglich wäre allerdings auch, daß diese Sätze das erste Mal 
vom Vorsänger als Intonation gesungen, dann vom Chore repetiert 



1 Gerbert, monum. vet. liturg. alemann. I, 372 hat die Wiederholung 
ausgelassen, sie befindet sich aber im Original (Cod. 30 Rheinau der Kantons- 
bibliothek Zürich). 



110 Die Antiphone zum Offertorium. 

und forlgesetzt wurden. Andere Wiederholungen in derselben 
St. Galler Handschrift lassen sich aber nicht so erklären: y. \ des 
Offert. Doniine exaudi vom Karmittwoch lautet: Ne avertas fadem 
tuani^ ne avertas fadem tuam a me. Y- 2 des Offert. Domine deus 
in simplidtate vom Feste der Dedicatio lautet: Fecit Salomon solemni- 
tatem in tempore illo, fedt Salomon solemnitatem in tempore illo et 
properatus est et apparuit ei dominus, y. \ des Offert. Exnltabunt 
sancti am Feste der hl. Basilides, Cirinus, Nabor und Nazarius 
beginnt, die Worte Cantate domino canticum novum wiederholend. 

Am seltsamsten sind die Wiederholungen im Offert. Vir erat 
vom 21. Sonntag nach Pfingsten. Der y. 1 desselben lautet: ütinam 
appenderentur peccata mea, utinam appenderentur peccata mea, quibiis 
irani merui, quibus iram, nierui, et calamitas^ et calamitas. et calamitas, 
quam patior, haec gravior appareret. T. 2 : Quae est enim, quae est 
enim-^ quae est enim fortitudo mea., ut sustineaon, aut quis finis 
meus^ ut patienter agam, aut finis meus, ut patienter agam, und in 
y. 4: Quoniam non revertetur oculus meus^ ut videam, bona wird 
sogar das erste Wort dreimal, die letzten drei Worte neunmal 
gesungen. Amalar weist zur Erklärung dieser Textwiederholung auf 
den Krankheitszustand des Job hin, dessen Stöhnen damit wieder- 
gegeben werden sollet Für das Offert. Domine in auxilium zeigt 
die genannte Handschrift durch das Wort domine die Repetition 
des Anfanges nach den Worten auferant me an. 

Der Chronist Sigebert bemerkt zum Jahre 772, die Wieder- 
holungen seien von Papst Hadrian' angeordnet worden^. Es ist 
dies aber wenig wahrscheinlich; nicht nur tragen sie das Gepräge 
des Altertümlichen an sich; bedeutsamer ist, daß sie auch im 
ambrosianischen Gesang vorhanden sind und zwar in denselben 
Stücken, so im Offert. Jubilate domino deo universa terra (Dominica 
in Sexagesima), Precatus est Moyses (Dom. I. de Quadragesima) 3. 
Man darf ohne Zweifel annehmen, daß sie in eine weit zurück- 



1 De offic. IH, 39 (Migne, Patr. Lat. CV, 1157): in Offertorio non est 
repetitio verborum, in fersibus est. Verba historiei continentur in offertorio, 
verba Job aegroti et doleniis continentur in versibus. Aegrotus, cuiiis anhe- 
litus non est sanus neque fortis, solet verba imperfecta saepius repefere. 
Ofßcii auctor, ut effectanter nobis ad memoriam reduceret aegrotantem Job, 
repetivit saepius verba, more aegrotantium. In Offertorio, ut dixi, non sunt 
verba repetita, quia historicus scribens historiam non aegrotabat. 

- Migne, Patr. Lat. CLX, 147: Hie in offertoriis et offertoriorum versi- 
bus, quod geminatum est, geminavit. 

•^ Also in dem ältesten ambrosianischen Gesangbuch aus dem 1 2. Jahrb., 
welches in Bd. V und VI der Paleographie Musicale phototypisch und in 
moderner Übertragung veröffenthcht ist; man vgl. daselbst VI, i61 und 197. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 111 

liegende Zeit hineinreichen. Einige sind das ganze Mittelalter hin- 
durch gesungen worden, und man findet sie noch in gedruckten 
vortridentinischen Gesangbüchern. Die tridentinische Kommission 
für die Reform des Missale hat die meisten gestrichen; nur zwei 
Offertorien erinnerten seither an die alte Eigentümlichkeit, Offert. 
Domine in auxiliuiii und Offert. De iwofundis clamavi vom 1 6. und 
23. Sonntag nach Pfingsten i, bis das Graduale Vaticanum 1908 die 
in den mittelalterlichen Gesangbüchern übereinstimmend über- 
lieferten Wiederholungen wieder einführte ; vgl. die Offertoria Jubüate 
Deo omnis, Jubilate Deo imiversa^ Benedictus es . . in labiis, und 
Precatus est. 

Die Zahl der Offertoriumsverse war durch die Dauer der 
Opferung bedingt; zwei oder drei bilden die Regel, mehr wie vier 
kommen nie vor. Das Rheinauer Graduale vermerkt sie nicht 
besonders, was bei seinem vielfach rubrikenhaften Charakter nicht 
auffällig ist2. Daß jedoch die Zeit, aus welcher diese Handschrift 
stammt (c. 750), die Verse gekannt hat, darf man auch aus der 
Wiederholung im Offert. TolUte iwrtas schließen, die wohl nichts 
anderes ist, als die Repetition des Chores nach dem (nicht auf- 
geschriebenen) Verse. Sorgfältig imd zahlreich aber sind die 
Offertoriumsverse besonders in den St. Gallischen Handschriften auf- 
gezeichnet 3. Übrigens fehlen sie auch nicht in der ambrosianischen 
Messe*. 

Sieht man von dem durchaus responsorialen Charakter, der 
die Offertoriumsantiphon schon in den ältesten Handschriften un- 

1 Die Texte lauten noch heute : Domine, in aiixüium meum respice ; 
confundantur et revereantur qui quaerunt animain meam, ut auferant eam: 
Domine, in auxilium meum respice, und De profundis clamavi ad te, domine, 
domine, exaiidi orationem meam; de profundis clamavi ad te, domine. 

2 Überhaupt enthält die Rheinauer Handschrift nur die Texte der Ge- 
sänge, nicht die Melodien, aber auch sie nur in einer für einfache Verhältnisse 
zugeschnittenen Redaktion, wenn auch in den Angaben der Stationen der 
römische Ursprung unzweifelhaft zutage tritt. 

3 Also in Codd. St. Gallen 338, 339, 340, 374, 37.5 (diese Handschrift aus 
dem 12. Jahrb.), 376, 378, 380, 382. Ferner in Cod. Einsiedlen -121 und sehr 
vielen Handschriften der Pariser Nationalbibliothek. 

4 Das ambrosianische Antiphonar der Paleographie Musicale hat Verse zu 
folgenden Offertorien: Off. Alienigenae (Dom. HI. Advent.), OIT. Benedixisti 
(Dom. IV. Advent.), Off. Confortamini (Dom. V. Advent.), Off. Ecce apertum 
(Nativ. Domini), Off. Stetit angelus (De S. Joanne Evang.), Off. Visi sunt 
gressus (Dom. post Nativ. Domini), Off. Orietur in diebus (Epiph. Domini), 
Off. Seapulis suis (Dom. in cap. Quadrag.), Off. Precatus est Moyses (Dom. I. 
Quadrag.), Off. Haec dicit (Dom. de Lazaro\ Off. Eripc me (Dom. in ramis 
palmarum). Sie haben jedoch nur je einen Vers, außer dem Off. Haec dicit, 
welches deren zwei hat. 



112 Die Antiphone zum OfTertoi'ium. 

verkennbar auszeichnet, ab, so hatte ihro. Ausführung im einzelnen 
viele Ähnlichkeit mit derjenigen der Introitusantiphon. Der Chor 
begann mit dem Anfangstück und wiederholte dasselbe ganz oder 
teilweise nach den Versen des Solisten. Auch hier gab der Pontifex 
den Sängern das Zeichen, aufzuhören ^. 

Es gibt schon Handschriften des 11. Jahrb., welche die Offer- 
toriumsverse nicht mehr vermerken; wir müssen daraus schUeßen, 
daß von da an die Opferung des Volkes außer Gebrauch kam. In 
den meisten Handschriften vom 12. Jahrb. an fehlen sie; doch 
wurden sie in deutschen Kirchen noch im 13. Jahrb. gesungen, 
teilweise sogar bis ins 15. und 16. Jahrb. 2. Durandus von Mende 
begründet den Ausfall der Verse mit dem Bedürfnis größerer Kürze 
und dem Bestreben, Kleriker und Volk sich mehr dem Gebete 
widmen zu lassen 3. Radulph von Tongern macht die wichtige 
Mitteilung, daß seither das Offertorium selbst langsamer vorgetragen 
wurde 4. In derselben Richtung wird die Anwendung der Orgel zur 
Begleitung des Gesanges gewirkt haben; wenigstens ist es sicher, 
daß das größtenteils auf eine Praxis der Orgel zurückgehende sog. 
Organum eine Verlangsamung des Vortragstempo im liturgischen 
Gesänge zur Folge hatte. 

Wie die AViederholungen, wurden auch die Verse durch das 
Tridentinische Missale beseitigt; nur die Totenmesse, in der viel- 
fach noch heute eine Art Opferung stattfindet, erinnert durch den 
y. Hostias et jjreces, nach welchem der Schluß des Offertoriums 
wiederholt wird, an den mittelalterlichen Usus. 

Nur etwa die Hälfte der Messen des Kirchenjahres haben in 
den Handschriften eigene Offertorien. Cod. 339 von St. Gallen hat 
für 203 Messen 102 verschiedene. Ihre Texte stammen vorwiegend 
aus dem Psalter (82), einige aus andern Büchern der hl. Schrift 
(16); für vier ist die Herkunft zweifelhaft^. Die Sonntage nach 



1 Ordo Rom. H. 9. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 973.) 

2 Zwei Handschriften der Trierer Stadtbibhothek aus dem 1 3. Jahrh. haben 
noch alle Verse. Die Handschriften St, Peter 1 5 und 1 6 der Landesbibliothek 
Karlsruhe aus dem 1 ö. und i 6. Jahrhundert haben Offertoriumsverse für die 
Weihnachtsmessen. 

3 Durandus IV, 27. 

4 De can. obs. prop. 23. (Gerbert, de cantu I, 432.) 

5 Es sind das die Off. Oratio mea mtcnda (De S. Laurentio; wohl aus 
dessen Passio), Off. Protege domine (De Exaltat. S. Crucis, wohl aus dem 
Griechischen übersetzt), Off. Domine Jesu Ghriste (In Agenda mortuorum) und 
Off. Benedictus sit (de S. Trinitate). 



Die Moßgesänge im Mittelalter. 113 

Pfingsten haben wiederum numerisch sich folgende Texte aus dem 
Psalter 1. 

Das Sanetus. 

Die griechische Liturgie kennt ein doppeltes Dreimalheilig; 
außer demjenigen, welches unserm Sanetus entspricht und meist 
Epinikion, Siegeslied, genannt wird, noch das Trisagion, welches die 
lateinische Liturgie in den Improperien des Karfreitags auf lateinisch 
und griechisch singen läßt: Agios o theos, Sanetus deus usw. Beide 

men in der Litu 
angesehene Stellung ein 2. 

In den lateinischen Liturgien bildet das Sanetus die unmittel- 
bare Fortsetzung der Praefation. Nach einer Notiz des Papst- 
buches^ wäre es durch Papst Sixtus L (c. 1 20j der römischen Messe 
eingefügt worden. Unmöglich ist das nicht; denn Gebete wie die 
Praefation gehören zum Urbestande der lateinischen Liturgie, und 
die lateinische Meßpraefation mündet immer in das Sanetus ein. 
Auch die weitere Angabe des Papstbuches, daß der genannte Papst 
das Sanetus vom Zelebranten anstimmen und von der ganzen 
Gemeinde weitersingen ließ, enthält sicher die ursprüngliche Aus- 
führung dieses Gesanges; denn die Praefation schließt mit der 
Aufforderung an die Anwesenden, zugleich mit den himmlischen 
Heerscharen die Stimme zum Dreimalheilig zu erheben. In der 
gallischen Kirche wird es ebenso von Anfang an heimisch gewesen 
sein, wenigstens in der feierlichen Messe; das Konzil von Vaison 
5^9 ordnete es auch für die stille Messe an-^. Daß es auch in 
Gallien ein Gemeindegesang war, ergibt sich aus einer Predigt des 
hl. Caesarius von Arles, der sich bitter über die Unsitte beklagt, 



1 Ganz alleinstehend und sicher nicht römischer Herkunft ist der von 
Gerbert in einem Ordo des Klosters S. Gregorii in der Diözese Basel bemerkte 
Gebrauch, nach dem Offertorium und vor der Praefation Psalmen durch die 
Kleriker vortragen zu lassen, wie Ps. 19, 24, 50, die von Versikeln des Volkes 
gefolgt waren. (Gerbert, de cantu I, 439.) Diese Versikel waren schon Amalar 
bekannt, aber nur vom Hörensagen, woraus hervorgeht, daß sie nicht überall 
üblich waren. (Migne, Patr. Lat. CV, 1132.) 

2 Zahlreiche Belege dafür in der Patr. Lat. LXXVIII, 272. Die Constit. 
apost. (VIII, 12) lassen das Epinikion vom ganzen Volke singen. 

3 Constituif, ut missarum actionem sacerdote incipientc, populus Injm- 
niim dccantarct, Sanetus, Sanetus, Sanetus, etc. Also Lib. pont. I, 128. 

4 Canon 3 : Ut in omnibus Missis, seu matutinis seu quadragesimalibus, 
scu in Ulis, quae pro defunctorum eoniniemoratione ßunt, semper Sanetus, 
Sanetus, Sanetus co ordine quo ad missas publieas dicitur, dici deheat. 

Wagner, Gregor. Melod. I. g 



114 Das Sanctus. 

nach den Lektionen die Kirche zu verlassen, und fragt: »wem soll 
der Priester das Sursum corda zurufen, und wie sollen alle das 
Dreimalheilig gemeinsam singen, wenn sie sich draußen auf der 
Straße herumtreiben und zugleich mit Körper und Geist abwesend 
sindpi« In der gregorianischen Messe sind zuweilen die am Altare 
assistierenden Kleriker die Vertreter der Gemeinde; so bestimmen 
die römischen Ordines, daß die Subdiaconi regionarii, die dem 
Papste in der Stationskirche ministrierenden Subdiakonen der ver- 
schiedenen kirchlichen Distrikte, das Sanctus singen sollten. Erst 
wenn sie geendet haben, beginnt der Papst den Kanon 2. In Gallien 
wurde auch nach der Einführung der gregorianischen Liturgie der 
gemeinschaftliche Gesang des Sanctus nicht abgeschafft. Die frän- 
kischen Könige verstanden den symbolischen Sinn dieser schönen 
Übung sehr gut, und in ihren Kapitularien wird sie verschiedentlich 
eingeschär''t3. In einem derselben heißt es sogar, der Geistliche 
solle mit dem Te {gitur, den Anfangsworten des Kanon, nicht fort- 
fahren, bis der englische Lobgesang ganz beendet sei. Offenbar 
waren die Priester gehalten, das Sanctus mitzusingen, was auch 
durch eine Verordnung des Bischofs Ilerardus von Tours von 858 
bezeugt ist^. Jedenfalls zeugt diese Verpflichtung des Priesters 
von einem tiefen Verständnis für den organischen Verlauf der hl. 
Handlung. 

Die älteste Sanctusmelodie, welche die Praefationsweise musi- 
kalisch weiterführt, hat sich erhalten. Als der Sängerchor zu seinen 
eigenen auch noch diejenigen gesanglichen Funktionen an sich riß, 
die bis dahin von der Gemeinde ausgeübt worden waren, schien 
diese einfache Melodie zu arm; man schuf mehrere reichere und 
führte jene nur mehr in den einfachsten und Totenmessen aus, wo 
sie noch heute gesungen wird. Noch im 1 8. Jahrh. aber sangen 
die Karthäuser nur die alte Weise 5. 

Das Benedictus ist zuerst und noch heute im Munde des 
Zelebranten kein selbständiges Stück, sondern der Schluß des 
Sanctus. Unter dem Einflüsse der Komponisten des ausgehenden 
Mittelalters, die in ihren mehrstimmigen Messen das Sanctus oft 
so sehr ausdehnten, daß das Benedictus erst" nach der Wandlung 
gesungen werden konnte, verlor sich bei den Sängern allmählich 



1 Homilia 12. fMigne, Palr. Lat. LXXVIII, 271.) 

2 Ordo I, 16. (Migne, LXXVIII, 945.) Der Ordo des Kanonikus Benedict 
nennt sie die Basilicarii. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 1033.1 

3 Capit. I, 66; 6, 170. 

4 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 272. 

5 Souiier, plain-chant, Tournay, S. 1 1 8. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. W^ 

das Bewußtsein, daß das Benedictus eng zum Sanctus gehöre. Im 
13. und 16. Jahrh. wurde das Sanctus zu Rom in den feierlichen 
Messen überhaupt nicht mehr choraliter, sondern immer mehr- 
stimmig gesungen, und die Gewohnheit, das Benedictus erst nach 
der Wandlung zu singen, erhielt allmählich Gesetzeskraft*. 



Das Agnus Dei. 

Das Agnus Dei ist dem gelasianischen Sakramentar wie der 
mailändischen Meßordnung unbekannt; noch die sehr alte gregori- 
anische Messe der Osternacht, die heute am Karsamstag gefeieit 
wird, enthält es nicht 2. Daraus erhellt seine späte Einfügung in 
die lateinische Messe. Der Text wird aus dem Gloria gezogen sein; 
jedenfalls war es ein griechischer Papst, der es in Rom heimisch 
machte, Sergius I. (687 — 701). Von ihm sagt das Papstbuch, er 
habe angeordnet, daß bei der Brechung des Leibes des Herrn das 
Agnus Dei, qui tollis peceata mundi, niiserere nohis vom Volke und 
Klerus gesungen werde 3. In der Papstmesse, wie sie durch den 
ersten römischen Ordo beschrieben ist, sind die Sänger der Schola 
damit betraut, und der assistierende Archidiakon gibt das Zeichen 



1 Da jedoch diese Vorschrift das mehrstimmige Sanctus zur Voraussetzung 
hat, so braucht man sie vielleicht nicht so zu interpretieren, daß auch beim 
Choralsanctus das Benedictus nach der Wandlung zu singen sei. Zudem paßt 
sie wenig zu der aus dem Wesen der Sache sich ergebenden Norm, daß der 
Sängerchor sich eng an den Verlauf der liturgischen Handlung anzuschließen 
habe; sie lockert den Zusammenhang zwischen Altar und Gesangchor; denn 
das Benedictus qui venu im Munde des Priesters vor der Wandlung hat einen 
ganz andern Inhalt, als im Munde der Sänger nach der Wandlung; diesen 
ist das Wort »venitc ein Perfekt, dem Priester ein Präsens mit Futurbedeutung. 
Das Verhalten der kirchlichen Gesetzgebung gegenüber dem Benedictus ist 
gerade neuerdings ein schwankendes. — Ein Mcßordo bei Migne, Patr. Lat. 
LXXVIII, 249 hat die Rubrik, daß, nachdem der Zelebrant das Te igitur be- 
gonnen, die assistierenden Diakonen und Subdiakonen die Psalmen Exaudiat 
te dominus, Ad te domine lemvi, Miserere tnei detis, Qui hahitat in adjidorio 
singen sollten mit den Versen (»precibus« muß wohl statt »versibusc stehen): 
Salvum fac servum tuum, Desiderium cordis, Vitani petiit a te, Oculi do?nini 
super justos, Fiat misericordia, Domine exaiidi orationcm. Wie S. H3 ge- 
zeigt, wurden diese Stücke in andern Kirchen schon vorher gesungen. Sie 
waren aber nie allgemein in Übung und sind bald aus der Liturgie ver- 
schwunden. 

2 Einige monastischen Ordines verzeichnen indessen das Agnus Dei auch 
in dieser Messe, so ein Ordo Einsiedlensis des 9. Jahrh. (Gerbert, de cantu I, 435.) 

3 Liber pont. Ed. Duchesne, I, 376. An der entsprechenden Stelle hat 
die griechische Liturgie einen reichen Gesang; vielleicht wollte Sergius I. ihm 
in der römischen Messe ein Korrelat schaffen. 

8* 



116 Das Agnus Dei. 

zum Anfang 1. In Gallien blieb man dem ursprünglichen Gebrauche 
länger treu als in Rom, indem alle am Altare amtierenden Kleriker, 
zuweilen auch noch das ganze Volk, das Agnus ausführten, nicht 
nur die Kantoren. Rhabanus Maurus läßt es während der Zeremonie 
des Friedenskusses singen 2, 

Ob das Agnus Dei zuerst so oft gesungen wurde, als die Dauer 
dieser Zeremonie erforderte, oder nur dreimal, wie es in allen unsern 
Quellen vorgeschrieben ist, läßt sich nicht mehr entscheiden. AVahr- 
scheinlich ist das erstere; denn z. B. in der Papstmesse mochte die 
Zeremonie eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Jedenfalls ist 
die Änderung des niiserere nohis in äona nohis pacem am Ende des 
3, Agnus Dei erst später vorgenommen worden, ohne Zweifel mit 
Beziehung auf den Friedenskuß und das folgende Gebet des Kanon: 
Domine Jesu Christe, qui dlxisti apostoUs Ulis: pacem relinquo 
vobis etc. Noch heute wird in der Laterankirche, »der Mutter aller 
Kirchen«, auch beim dritten Agnus miserere nohis gesungen. 

Wie die Melodie des Sanctus, so war die des Agnus Dei zu- 
erst eine einfache rezitativische Weise. Sie wird noch heute in den 
Ferien- und Totenmessen gesungen. Es versteht sich, daß die 
Sänger der römischen Schola auf die Dauer mit der einfachen 
Melodie sich nicht begnügten, sondern wirkungsvollere und reichere 
Singweisen schufen. In einer Rheinauer Handschrift des 1 2. Jahrb. 
wird neben der altern Melodie (der minor) eine reichere [maior] 
genannt, die an hohen Festtagen zu singen war, ebenso an mittleren 
Festtagen zum dritten Agnus'. Selten ist in den Handschriften 
das ins Griechische übersetzte (mit lateinischen Buchstaben ge- 
schriebene) Agnus Dei, so in einem Tropar von Moissac aus dem 
II. Jahrh-i. 

Die Antiphone zur Communio. 

Fast alle orientalischen und okzidentalischen Liturgien der 
ersten Jahrhunderte, soweit wir sie nur verfolgen können, die 



1 Ordo Rom. I, 19. (Migne, Patr. Lat. LXXYIII, 94 6.) 

2 De inst. der. I, 33. (Migne, Patr. Lat. CVII, 324.) In der gallikanischen 
Messe wurde der Friedenskuß vor der Praefation gegeben und war von einem 
Responsorium begleitet. (Duchesne, origines 203.) Letzteres war ursprünglich 
auch der Fall während der Brechung der hl. Hostie, wo die Ambrosianer das 
Confraclorium sangen. Später betete man in der mozarabischen Liturgie an 
dieser Stelle das Credo. (Duchesne 1. c. 210.) 

3 Gerbert, 1. c. I, 457. 

4 Daux, 2 livres choraux monastiques des Xe et Xle siecles. Paris 4 899, 
S. 103 und dazu Bannister in der Revue d'histoire et de litterature religieuses, 
t. VIII, No. 6. 



Die MeßgesängG im Mittelalter. 117 

apostolischen Konstitutionen (VIII, 13), die Liturgie des hl. Jacobus, 
die Jerusalemitische des hl. Cyrillus, die armenische, die keltische, 
mozarabische, mailändische und römische, sie schreiben für die 
Kommunion des Volkes den Gesang des 33. Psalmes vor, ins- 
besondere den Vers 8: Gustafe et videte^. Es war das der un- 
veränderliche Kommuniongesang, der in allen Messen die Austeilung 
der hl. Eucharistie begleitete. In der afrikanischen Kirche wurde 
die Kommunionpsalmodie gleichzeitig mit dem Offertoriumspsalm 
eingeführt, wie wir aus dem Bericht des hl. Augustinus wissen 
(vgl. S. 106). In der mozarabisch -gallikanischen Messe heißt der 
Kommuniongesang Trecanum^; er bestand noch im 7. Jahrh. immer 
aus Versen des Psalms 33 mit dem Gloria Patri. In Mailand 
nennen ihn die ältesten liturgischen Denkmäler Transitorium, in 
der römischen Messe heißt er Antiphona ad Communionem. Viele 
Handschriften gallikanischer und alemannischer Herkunft haben 
für die Ostermesse einen zweiten Kommuniongesang, die berühmte 
Antiphone Venite 2wpidi, so z. B. Cod. der Ilheimser Stadtbibliothek 
262, Cod. Bohn der Stadtbibliothek Trier, auch die St. Galler 
Handschriften u. a. Sie wurde vor dem dritten Agnus Dei gesungen, 
als Aufforderung zum Genüsse des hl. Abendmahls (also in Cod. 
Rheims)3. 

Schon in den ältesten römischen Gesangbüchern ist der 
Kommuniongesang für die einzelnen Messen ein verschiedener; nur 
der 8. Sonntag nach Pfingsten hat den Text Gustafe et videfe an 
seiner ursprünglichen Stelle erhalten; sonst haben alle Messen 
andere Texte. Es sind immer antiphonisch vorgetragene Psalm- 
verse mit einer Antiphon, die ganz oder teilweise nach jedem Verse 
wiederholt wurde, und so gleicht .die Communio mit den Versen 
der Antiphona ad Introitum. Die Zahl der Verse richtete sich nach 
der Zeit, welche die Spendung der hl. Eucharistie in Anspruch 
nahm; in einigen Handschriften bis ins 13. Jahrh. hinein sind sie 
besonders angezeigt, so im Cod. Einsiedlen 121 am Ende, Cod. 
St. Gallen 381 u. a. Wie beim Introitus, so heißen die Verse Versus 
ad respondendum oder rcpetendum oder prophetales. Für die nach 
jedem Verse zu wiederholende Partie der Antiphon gibt Cod. Ein- 
siedlen 121 das jedesmalige Stichwort an. 

Ein bemerkenswerter Gegensatz der Communioantiphon zu 
den andern Meßgesängen des Proprium deckt sich auf, wenn man 



1 Viele Zeugnisse dafür in der Paleographie Musicale t. VI, 22. 

2 Migne, Patr. Lat. LXXII, 94. 

3 Über diesen Gesang vgl. die Paleographie Musicale t. V, Avant-propos 
und Daux, 2 livres choraux. S. 1 37 fF. 



118 Die Antiphone zur Comamnio. 

sich ihre Texte näher ansieht. Für die 201 Messen des Kirchen- 
jahres hat Cod. St. Gallen 339 nur 147 verschiedene Kommunionen; 

Von den 147 sind die Texte 
gezogen, für 80 aus den andern Büchern 
der hl. Schrift. Nur 3 stammen nicht aus ihr^. Für die andern 
Gesänge hat, wie wir sahen, der Psalter die bei weitem grüßte 
Zahl der Texte abgegeben; hier ist er in der Minderzahl, und zwar 
ist das Verhältnis genau 4 : 5. Man hat, wie eine Vergleichung 
mit den alten Evangelienkapitularien und den Lektionarien ergibt, 
den Büchern, in welche man das Evangelium und die Lectio für 
jeden Tag aufzeichnete, sich bei der Ausw\^hl der Texte zu den 
Kommunionen besonders an das Evangelium und die Lectio der 
Messe gehalten, obwohl auch da Ausnahmen nicht fehlen, die viel- 
leicht einer spätem Ordnung angehören 2. 

Für die Sonntage nach Pfingsten ist wieder die numerische 
Folge der Psalmen innegehalten; die Communio des ersten Sonntags 
beginnt mit Ps. 9, es folgen Ps. 12, IG, 17 usw., wie aus dem An- 
hang dieses Buches ersichtlich ist. Nur wenige Ausnahmen kommen 
vor; vom 17. Sonntag an ist diese Ordnung ganz verlassen. Im all- 
gemeinen beherrscht das Gesetz der numerischen Folge der Psalmen 
alle Gesänge der Sonntage nach Pfingsten, wenigstens bis zum 
erwähnten Sonntag und ausgenommen die alte Gradualreihe. Ähnlich 
sind die Texte der Wochentage der Fastenzeit geordnet; sie folgen 
der Reihe der Psalmen vom 1 . angefangen bis zum 26. Die Sonn- 
und Donnerstage unterbrechen die Folge; wir werden später den 
Grund davon kennen lernen. 

In bezug auf das Verliältnis der Communioverse zur Antiphon 
gelten, falls diese einem Psalm entnommen ist, dieselben Regeln, 
wie beim Introitus, d. h. beginnt sie einen Psalm, so ist der erste 
Vers der Communio der im Psalm direkt oder fast unmittelbar 
folgende; ist die Antiphon der Mitte des Psalmes entnommen, so 
ist der erste Communiovers der erste Vers des Psalmes. Hat die 
Antiphon aber nicht Psalmtext, so sind ihre Verse identisch mit 
denen des Introitus, und manche Handschriften verweisen einfach 
auf diesen. Psahnus ut supra, heißt es in diesem Falle 3. Ein paar 
Beispiele: Die Comm. Enibescaut vom Freitag vor dem 2. Fasten- 



1 Es sind das Comm. Ecce dominus veniet (fer. VI. Quatt. Temp. Adv.), 
Qui me dignatus est (de St. Agatha, wohl aus deren Passio gezogen) und Dona 
eis domine (in Agenda mortuorum). 

2 Man vgl. die Leciionarien (auch Comites genannt) und das Capitulare 
Evangeliorum bei Tommasi, 1. c. XII. 

3 So in dem Graduale, welches in der Patr. Lat. LXXVIII abgedruckt ist. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 119 

Sonntag stammt aus Ps. G und bildet darin den Vers i I . Der erste 
Communiovers lautet Domine tie in furore und ist gerade der erste 
Vers des Psalmes. Die Comm. des folgenden Tages Domine deus 
mens bildet den Anfang von Psalm 7, und der erste Communiovers 
Nequando rapiat folgt im Psalm unmittelbar darauf. Dagegen die 
Comm. Mitte manuni vom weißen Sonntag stammt aus Johannes 20, 
y. 27 und hat die Verse Exulfate dco und Sumite j^salmum^ die 
Anfangsworte des Ps. 80, gerade so, wie der dem 2. Kapitel des 
ersten Briefes Petri entnommene Intr. Quasimodo geniti. 

Die gemeinschaftliche Kommunion in der feierlichen Tagesmesse 
muß vom 1 \ . Jahrh. an in Wegfall gekommen sein, von da an 
beginnen nämlich die Handschriften, die Verse auszulassen; die- 
jenigen des 4 2. Jahrh. haben sie nur mehr selten. Wie bei den 
andern Gesängen, so hat auch bei der Communio die ursprüngliche 
Form sich am längsten in Deutschland erhalten; die Bibliothek der 
Leipziger Thomaskirche enthält eine Handschrift des 13. Jahrb., 
die für alle Tage des Kirchenjahres die Communioverse aussetzt. 
Man hat sie damals also noch in einigen Gegenden Deutschlands 
gesungen, ebenso wie die Introitusverse und die der Offertorien. 
Vom -14. Jahrh. an sind sie überall verschwunden; die einzige 
Messe, die bis zur Gegenwart der Communioantiphon einen Vers 
anfügt, ist die Totenmesse, deren Communio Lux acterna den Vers 
Eequiem aeternam hat; nach ihm wird der Schluß der Antiphone, 
von Cum sandis an, wiederholt. 

Die Ausführung der Communioantiphon war dieselbe wie die- 
jenige der Introitusantiphon. Im einzelnen erfahren wir aus den 
römischen Ordines, daß sie angestimmt wurde, sobald der Zele- 
brierende die hl. Kommunion auszuteilen begann. Die Kantoren sangen 
mit den Subdiakonen abwechselnd die Psalmverse, die erforderlich 
waren, im Doppelchor. War die Austeilung der hl. Kommunion be- 
endet, so gab der Pontifex dem Subdiaconus regionarius ein Zeichen; 
dieser gab seinerseits dem Prior Scholae zu verstehen, das Gloria 
Patri anzustimmen; es folgte noch der Versus ad repetendum und 
zum letzten Male die Antiphon i. 

Seit langem wird die Communioantiphon nach der Kommunion 
des Priesters gesungen; so ist es heute wenigstens die Regel. Viel- 
leicht hat dazu die Erwägung geführt, daß die Antiphon nur selten 
mehr eine Beziehung auf die hl. Kommunion enthält. 



1 I. Ordo Rom. 20. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 947) und Ilf. Ordo M 
(ebenda 98-2). 



120 Die Gesänge der Ostermesse. 

In bezug auf ihre musikalische Umkleidung steht die Communio 
auf derselben Stufe, wie der Introitus. Beide haben sogar dieselbe 
Psalmformel. 



Es erübrigte nunmehr noch, die den Zelebranten und seine 
Gehilfen am Altare angehenden Lesungen der Epistel, des Evangeliums, 
sowie die Praefation, das Pater noster und die andern Orationen 
zu behandeln, diejenigen liturgischen Stücke also, für die im aus- 
gehenden Mittelalter die nicht sehr geschickt gewählte Bezeichnung 
A ccen tu s aufkam, im Gegensatz zuConcentus, welche Benennung 
den melodisch ausgewachsenen Antiphonen und Responsorien bei- 
gelegt wurde. Sie interessieren uns jedoch nur in ihrer Singweise ; aus 
diesem Grunde sei ihre Darstellung, wie auch die der analogen Partien 
des Offiziums, für die »gregorianische Formenlehre« zurückgestellt. 

Um dem Leser einen Überblick über die gesangliche Ausstattung 
der frühmittelalterlichen Messe zu ermüglichen, möge zum Schluß 
des Kapitels eine Zusammenstellung der wechselnden Gesangstexte 
der Ostermesse folgen, die sich auf Cod. St. Gallen 339 (10. Jahrb.) 
stützt; für die Versus ad repekndum des Introitus und der Communio 
ist Cod. 381 derselben Bibliothek herangezogen (iL Jahrb.). 

Die Gesänge der Ostermesse. 

Antiphona ad hitroitum. 

Ant. : Resurrexi et adhuc tecum sum, alleluja; posuisti super me 
manum tuam, alleluja; mirahilis facta est scientia iua^ alleluja^ alleluja. 

Ps.: Domme, probasti me et cognovisti me : tu cognovisti sessioneni 
meam et resurrectionem meam. 

Ant.: Resurrexi et adhuc etc. 

y. Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto'. sicut erat in principio 
et nunc et semper, et in saecula saeculoriwi, amen. 

Ant.: Resurrexi et adhuc etc. 

y. ad repet. : Intellexisti cogitationes meas de longe: semitam 
meam et funiculuin meum investigasti. 

Ant. : Resurrexi et adhuc etc. 

Responsorium Gradualc. 

IJf. Haec dies, quam fecit dominus, exultemus et laetemur in ea. 
y. Confitemini domino, quoniam bonus, quoniam in saeculimi 
misericordia eius. 

I^. Haes dies, quam fecit etc. 



Die Meßgesänge im Mittelalter. 121 

AUehijaK 

AUeluja. T. Pascha nostrum immolatus est Christus. Allduja. 
y . Epulemur in azymis sinceritatis et vcritatis. AUeluja'^. 



Antiphona ad Offertorium. 

Ant. : Terra tremuit et quievit, dum resiirgeret in judicio deus, 
allehija. 

y. Xotus in iudaea deus, in Israel magnum noinen eius^ alleluja. 

Ant.: Dum resurgeret etc. '^ 

y. Et factus est in jjace locus eius, et hahitatio eins in Sion. 

Ant.: Dum resurgeret etc. 

y. Ibi conf regit cornu, arcuni, scutum et gladium, et bellum 
illuminans tu mirabiliter a tnontihus aeternis, alleluja. 

Ant.: Terra tremuit etc. 



1 Eine Handschrift des il. — 12. Jahrh. bei Tommasi, 1. c. Xlf, 89 hat 
das Alleluja y. Ego dormivi et somnum coepi, et rcsurrexi, quia dominus 
suseepit me. 

- Da das Alleluja ein vom Gradualresponsorium durchaus unabhängiger 
Gesang ist, in Text, Singweise, Tonart und liturgischem Inhalt, so sollte es 
auch im Drucke von demselben immer getrennt werden. Ich weiß wohl, daß 
die Vermengung beider Gesangstücke alt ist. Man entdeckt unschwer die 
ersten Ansätze dazu in den Rubriken des Missale Romanum, in älteren wie 
jüngeren Bestandteilen. Wenn z. B. in den Rubricae generales Missalis XVI. 
unter den clara voce vorzutragenden Meßteilen genannt werden: Epistola, 
Graduale, Veisus, Tractus, Sequentia, Evangelium, der Allelujagesang also nur 
in seinem Versus besonders genannt ist, so liegt hier offenbar die Vorstellung 
zugrunde, daß das Alleluja vor dem Verse ein Teil des Graduale sei. Rich- 
tiger drückt sich Kap. VI. des Ritus celebrandi Missam aus : . . . prosequitur 
Graduale , Alleluja et Tractum ac Sequentiam. Hier ist der Versus des 
Alleluja nicht besonders erwähnt; er ist in diesem selbst eingeschlossen. Da- 
gegen lesen wir z. B. unter der Dom. III. Septembris am Feste Septem Dolorum 
B. M. V.: et post Sequentiam additur Alleluja, quod omitlendum erit in fme 
Oradualis. Das Alleluja ist da wieder als Schlußstück des Graduale aufgefaßt. 
Diese und andere Dinge belehren uns, daß in der Zeit der Verfassung des 
Tridentinischcn Missale die Kenntnis der liturgischen Gesangsformen zu schwin- 
den begann. Der Abschnitt De ritibus servandis in cantu Missae der Einleitung 
zum Graduale Vaticanum, der an Gesetzeskraft den erwähnten Rubriken des 
Missale gleichkommt, bedeutet in dieser Hinsicht eine hocherfreuliche Rückkehr 
zu einer genaueren und den Eigenheiten der Gesangstücke entsprechenden 
Formulierung. 

3 Die Wiederholung ist in Cod. Einsiedeln 121 angezeigt. 



122 Die Gesänge der Osteruiesse. 

Äntipliona ad Commimionem . 

Ant. : Pascha nostnim immolatus est Christus, alldvja; itaquc 
epulemur in azymis sinceritatis et veritatis, alleluja, alleluja, allelujaK 

Ps.: Domitie, probasti me et cognovisti me: tu cognovisti sessionem 
meam et resurrectionem meam. 

Ant. : Pascha nostrum etc. 

y. Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto : sicut erat in jyrincipio 
et nunc et sernper et in saecula saeculorum, amen. 

Ant. : Pascha nostrum etc. 

y. ad repet. : Intellexisti cogitationes meas de longe: scniitmn 
meam et funiculum meuni investigasti. 

Ant.: Pascha nostrum etc. 

y . ad repet. : Expurgate vetns fennentum : ut suis nova conspersio, 
sicut estis azymi. 

Ant. : Pascha nostrum etc. 

y. ad repet..- Adducite vitulum saginatum : et occidite et mandu- 
cemus et epulemur. 

Ant.: Pascha nostrum etc. 

y. ad repet.: Comedite et bibite amici mei: inebriamini., carissimi. 

Ant.: Pascha nostrum etc. 

y. ad repet.: Quotiens calicem hunc bibetis: mortem domini 
admintiabitis, donec veniat. 

Ant.: Pascha nostrum etc. 

Äntiphona ad Communicandum . 

Ant : Venitc populi, ad sacrum et immortalc mystcrium et 
libamen agendum cum timore et fide accedamus; manibus mundis 
poenitentiae munus communicemus, quoniam agnus dei propter nos 
patri sacrificium propositum est; ipsum soluni adoremus, ipsum 
gloriflcemus., cum angelis clamantes: alleluja. 



1 Cod. Einsicdeln 121 hat als eisten T: Confäcmini do7nino, quoniam 
bonus, quoniam in saeculum miscricordia eins; als einziger y ad repet.: 
Lapülem, quem reprobaverunt aedißcantes, hie faetus est in caput anguli 
(vgl. die Handschrift ganz am Ende, S. 422 der Wiedergabe der Palcographie 
Musicale t. IV.). 



vir. Kapitel. 
Überblick über die Eutwickluiia: des Offlciums. 



durch die Nachtversammlungen, die Vigilien, gebildet. Die 
Schwierigkeit, zur Zeit der Verfolgung anders als in der Nacht 
zusammenzukommen, hat sie hervorgerufen. Zuerst war die Vigil 
nur SonntagsvigiH; besonders ausgezeichnet wurde diejenige von 
Ostern, wobei offenbar der Gedanke maßgebend war, den Augen- 
blick der Auferstehung wachend zuzubringen. Sie dauerte auch 
die ganze Nacht, daher ihr griechischer Name 7ravvu)^ic. In der 
Hegel aber begann die Sonntagsvigil immer erst nach Mitternacht, 
wenn der Hahn anfing zu krähen, also am frühen Morgen. Trotz- 
dem pflegte man, vielleicht in Nachahmung des Ritus der Oster- 
vigil, den Beginn der Nacht betend zuzubringen, die Zeit des Unter- 
ganges der Sonne, wo man die ersten Lampen anzündete. Daher 
wurde diese Gebetsstunde Lucernare genannt (Xu/vtx6v), oder Hora 
incensi. Wir haben hier das Urbild der Vesper, die demnach 
in der ersten Zeit den Beginn der Nachtvigil darstellt, bis sie der 
hl. Benedikt zu einem Tagesoffizium machte. In den syrischen 
Kirchen der ersten Hälfte des 4. Jahrh. kannte man noch einen 
dritten Bestandteil der Vigil, ein Morgenoffizium, die später so- 
genannten Landes. So sind Vesper, Nokturn (später Matutin 
genannt) und Laudes der Grundstock des Offlciums. 

In den der eucharistischen Versammlung, dem hl. Meßopfer, 
immer vorausgehenden Vigilien wurden, wie in den jüdischen 
Gebetstunden, an deren Riten die Christen überhaupt sich viel- 



1 Schon Plinius jun. bezeugt sie in seiner Epist. X, 97: quod esscnt soliti 
stato die ante lucem (in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag) convenire. 
Da im Anschluß an die nächthclie Feier die eucharistische stattfand, diese 
sich wohl in den Sonntag hineinzog, so wurde dieser Tag allmähhch der 
eucharistische Feiertag und verdrängte in der Übung der Christen bald den 
Sabbat als Feiertag der Woche. Vgl. Cabrol, La priere antique, Paris 1900, 
S. 231. 



124 Die Entwicklung des Offiziums. 

fach anlehnten, die hl. Schriften gelesen, Gebete gesprochen und 
Psalmen gesungen '. 

Messe und dreiteilige Vigilfeier, die liturgischen Formen der 
ersten Jahrhunderte, wurden von den Sonntagen bald auf die 
Martyrerfeste ausgedehnt. An jedem Gedenktage eines Heiligen 
ging der Messe die Vigil voraus; dieser Coetus antelucanus ist schon 
für die Mitte des 2. Jahrh. nachweisbar 2. Im Gegensatz zur Sonn- 
tagsvigil, die am gewöhnlichen Versammlungsorte abgehalten wurde, 
wurden Vigil und Messe zum Andenken eines ^lartyrs an dessen 
Grabstätte gefeiert 3. 

Zu den Sonntagen und Martyrerfesten traten noch die Stations- 
tage, die aus dem Judentum herübergenommenen Fasttage der 
Woche, der Mittwoch und Freitag; nur wurden in einigen Kirchen 
an ihnen nur die Vigilien, in andern nur die Messe abgehalten^. 

Die Weiterentwicklung des liturgischen Gebetsdienstes wurde 
besonders durch die seit dem 4. Jahrh. im Orient überall auf- 
blühenden Vereinigungen der Asketen gefördert. Diese begingen 
die Vigil nicht nur an den offiziellen Tagen, sondern täglich. 
Auch lagen sie nicht nur des Abends, nach Mitternacht und am 
Morgen dem Gebete ob, sondern sie versammelten sich noch in der 
dritten, sechsten und neunten Stunde zu frommen Übungen. 
Auch hier wird jüdisches Beispiel nachgewirkt haben, denn diese 
Gebetstunden waren den Juden wohlbekannt; zudem waren sie 
durch die Erinnerung an die Hauptereignisse des Leidens des Herrn 
geheiligt; die dritte Stunde (9 Uhr morgens) durch seine Verurteilung, 
die sechste (Mittag) durch die Kreuzigung und die neunte (3 Uhr) 
durch seinen Tod. Endlich fielen diese Stunden mit der Einteilung 
des bürgerlichen Tages zusammen. In der privaten Gottesverehrung 
schon lange in Ehren gehalten, wurde ihre Beobachtung nunmehr 
zur Regel. 

Gegen Ende des 4. Jahrh. erlaubte die Kirche die Abhaltung 
der täglichen Vigilien, die bis dahin nur privaten Charakter be- 
sessen hatten, in den Gotteshäusern unter Aufsicht und Leitung 
des Klerus. Die Neuerung ging um 350 von Antiochien aus und 
verbreitete sich in kurzer Zeit im griechischen Orient. Eine sehr 



1 Tertullian, de anima 9. Hier ist zu vergleichen, was im ersten Kapitel 
über den Gesang der Vigilien gesagt ist. Nicht nur die Psalmen, auch die 
Hymnen fanden in ihnen ihre besondere Pflegestätte. 

2 Durch das Sendschreiben, worin die Christen von Smyrna den Tod des 
hl. Polycarpus anzeigten. Vgl. auch Battifol, bist, du brev., S. 13. 

3 Constitut. apost. IV, 1 7. 

4 Battifol, 1. c. 14. 



Der Offiziumsgcsang im Mittelalter. 125 

schöne Beschreibung der Zeremonien der Vigilien, wie sie in der 
Kirche von Jerusalem gehalten wurden, wie der andern Gebets- 
stunden enthält der Reisebericht der Eutheria (c. 380). Erhebend 
sind auch die Schilderungen der Väter, die begeistert und in heiliger 
Freude von den Gebetsversammlungen erzählen, zu denen das ganze 
Volk sich einfand, um dem Herrn im Gebet und Psalmodie zu 
dienen ^. Der hl. Basilius pflegte die verschiedenen Kirchen , in 
denen seine Gläubigen zur Vigilandacht beisammen waren, in der- 
selben Nacht nacheinander zu besuchen, und dem hl. Gregor von 
Nazianz wurde der Abschied von Konstantinopel schwer, wenn er 
an den Psalmengesang der ganzen Gemeinde dachte^. 

Um ihr dem Gebete und der Entsagung geweihtes Leben besser 
durchführen zu können , zogen sich die Asketen aus der Welt 
zurück und organisierten sich in von ihrem Getümmel unberührten 
Gegenden. Selbstverständlich setzten sie den ganzen Gebetsdienst, 
wie er sich bis dahin entwickelt hatte, fort; dagegen scheinen in 
den AVeltkirchen nur mehr die Vigilien gehalten worden zu sein, 
so daß diese nur den Gursus nocturnus, wie man später sagte, die 
Klöster aber auch den Cursus diurnus beobachteten. Das mona- 
stische Offizium vervollständigte sich später durch die Fr im, die 
in Bethlehem eingeführt war, als Cassian sich daselbst aufhielt 
(390 — 403). Nicht ganz klar ist der Ursprung der Komplet; 
man führte ihre Entstehung bisher meist auf den hl. Benedikt 
zurück; neuere Forschungen tun ihre Existenz schon für die 
2. Hälfte des 4. Jahrb. dar 3). 

V^ie sich das Offizium in den Weltkirchen des Abendlandes 
ausgebildet hat, darüber sind die Forscher noch nicht einig. Vesper, 
Nokturnen und Laudes waren in der Mitte des 4. Jahrh. in Gallien 
bekannt, wie Hilarius^ bezeugt. Daß die Neuerungen des hl. Am- 
brosius (tägliche Vigilien mit antiphonischer Psalmodie und Hymnen) 
in kurzer Zeit von fast allen lateinischen Kirchen aufgenommen 
wurden, ist schon erwähnt worden^. Im übrigen sind, wie im 
Orient, die Riten des Säcularklerus mit denen des regulären nicht 



1 Vgl. das im I.Kap. über die gemeinschaftliche Psalmodie Gesagte. 

2 Gerbert, de cantu I, 128 ff. 

3 Vandepilte schreibt ihre Einführung dem hl. Basilius zu während seines 
Aufenthaltes in Ponlus. Vgl. die Rassegna Gregor. 1903, S. 171. 

4 Bäumer, 1. c. 131. 

5 S. 26 und 43. Die Worte des Biographen des hl. Ambrosius lauten: 
Cm'us celebritatis devotio iisque in hodiernimi dievi non solum in eadcm 
ecclesia (Mailand), verum etiam per ovmes paene Occidentis pro- 
rincias manet. 



126 Die Entwicklung des Offiziums. 

identisch gewesen; es kamen gelegentlich Reibereien vorl. j)\q 
Gedenktage der Märtyrer und anderer Heiligen — denn man ver- 
ehrte bald nicht mehr nur die Märtyrer, sondern auch solche hei- 
ligen Männer, die, ohne den Tod für den Glauben erlitten zu haben, 
durch ein heroisches Beispiel der Tugenden sich auszeichneten — 
wechseilen natürlich in den verschiedenen Kirchen und waren keines- 
wegs gemeinsam, mit Ausnahme vielleicht einiger sehr alter Feste 
des hl. Stephanus, Johannes, Petrus und Paulus. Die Natalitia 
Sanctorum waren an die Kirchen gebunden, wo der Heilige den 
Martyrerlod erlitten oder seine Reliquien aufbewahrt wurden. So 
wurde das Natale des hl. Es^angelisten Johannes, des hl. Martin, 
des hl. Hilarius zu Tours in der Basilika des hl. Martin gefeiert, 
die hl. Peter und Paul in der nach ihnen benannten Basilika, das 
Weihnachtsfest in der Kathedrale. In das monastische Offizium 
wurden die Heiligenfeste, wie es scheint, erst durch die Regel des 
hl. Benedikt eingeführt. 

Auch in Rom gab es früh von der Messe unabhängige Gebets- 
versammlungen, zuerst die Vigil^. Sie war für alle Kleriker obliga- 
torisch; auch das Volk strömte zahlreich hinzu, so daß schlimme 
Mißbräuche eindrangen, welche ihre Beibehaltung in Frage stellten-*. 
Wie überall, war ihr Inhalt Psalmodie, Schriftlesung und Gebet. 
Die Antiphonie hat nicht lange nach ihrer Einführung in Mailand 
ihren Weg auch nach Rom genommen (vgl. S. 26). Tägliche Vigi- 
lien werden für die römische Kirche zum ersten Male durch die 
Regel des hl. Benedikt bezeugt. Schon lange vorher aber gab es 
Terz, Sext, Non und das Gebet beim Sonnenunlergang (Vesper); 
bis zum Ende des 4. Jahrh. aber, zur Zeit des hl. Hieronymus, 
scheinen sie nur privaten Charakter gehabt zu haben und wurden 
nicht öffentlich in der Kirche besangen ^. 



1 Das Konzil von Braga (56«) wehrte sich gegen Bestrebungen, private 
oder monastische Übungen in die Wellkirchen einzuführen: Ut unus atquc 
idem psallendi ordo in matutinis vel vespertinis Officiis teneaiiir, et non 
diversae ae privatae ncque monasteriorum consuehidines cum ecclesiastica 
regida sint permixtae (Baltifol, 1. c. 32). Da von einem Ordo psallendi die 
Rede ist, so wird sich die Verschiedenheit der constictudmes tnonasticae und 
ecclesiasticae auf Anzahl und Verteilung der Psalmen bezogen haben, und die 
Deutung, die Battifol der Stelle gibt, scheint zu weitgehend. 

2 Also der 38. Kanon des Hippolylus, den Battifol dem Ende des 2. Jahrh. 
zuweist; die besten deutschen Patristiker erklären ihn für erheblich später (also 
Bardenhewer, Funk). Vgl. Bäumer, 1. c. 5). 

3 Vigilantius wollte sie deshalb abgeschafft wissen, er wurde aber von 
der römischen Kirche verdammt. Vgl. Battifol, 1. c. 42. 

4 Um 520 wurde in dem nicht lange vorher vom König Sigismund ge- 
stifteten Kloster zum hl. Mauritius in Agaunum (heute St. Maurice im schweize- 



Der Offiziumsgesang im Miltelallcr. 127 

Die älteste vollständige Offiziumsordnung liegt uns in der Kegel 
des hl. Benedikt vor, die aus dem Jahre 529 oder 530 stammt; 
sie gibt genaue und klare Vorschriften über die Gebeiszeiten und 
ihren Inhalt. Schon um die Mitte des G. .Jahrb. gab es in der 
Nähe Roms Benediklinergründungen, in Subjaco, Terracina und 
Montecasino, wo demnach eine vollständige Offiziumsordnung für 
Tag und Nacht beobachtet wurde i, also Vigilien oder Matutin, 
Laudes, dann die vier kleinen Ilorae, Prim, Terz, Sext, Non, und 
Vesper und Komplet. Vor den 568 Italien überflutenden Longo- 
barden flüchteten sich die Münche nach Rom, um 580. Hier soll 
ihnen Papst Pelagius (578 — 590) eine Wohnung bei der Lateran- 
kirche angewiesen haben, der Pfarr- und Kathedralkirche des 
Papstes. Nicht unmöglich ist jedoch, daß schon vorher sich Bene- 
diktiner in der Nähe des Lateran niedergelassen hatten, denn Gre- 
gor I. nennt in einem Briefe den Abt Valentinian vom Lateran- 
kloster einen Schüler des hl. Benedikt, der viele Jahre dem Lateran- 
kloster vorgestanden habe. Von da an wurden allmählich an alle 
größeren Kirchen Roms Benediktiner gerufen und mit der Abhal- 
tung des Offiziums betraut. Als die Gasinenser Mönche Rom ver- 
ließen und ihre alten Klöster wieder bezogen, übergab Gregor II L 
die Basilika Konstantins in der Nähe der Lateranischen ander« 
Mönchen, »die daselbst die Tag- und Nachtzeiten begehen sollten, 
so wie sie in der Peterskirche geübt wurden«. Ahnlichen Zwecken 
diente unter Papst Honorius eine Klostergründung zu Ehren der 
Apostel Andreas und Bartholomäus, die später vom Papst Hadrian L 
erneuert wurde. Mit den Mönchen eines dem hl. Pankratius ge- 
weihten Klosters zusammen hatten seine Insassen die tägliche Psal- 
modie zu besorgen 2. Es war auf solche Weise unausbleiblich, daß 
römische und Benediktinergebräuche sich einander näherten. Schon 
im 7.3 Jahrb. wurde diese Ähnlichkeit bemerkt. Ein ausgezeich- 
neter Liturgiker, P. Bäumer, vertritt die Ansicht, das römische 



rischen Kanton Wallis) die sog. Laus perennis eingeführt, die Tag und Nacht 
ohne Unterbrechung durchgeführte Psalmodie, in der sich mehrere Gruppen 
(turmae oder chori) von Mönchen einander ablösten. Sie war eine Nach- 
ahmung eines orientalischen Vorbildes; im Orient und in Konstantinopel hießen 
die Mönche, welche die immerwährende Psalmodie pflegten, Akoimeten. Vgl, 
darüber Leclercq im Dictionnaire d'Archeologie chrutienne et de Liturgie, 
I, S. 858 fr. 

1 Bäumer, 1. c. 179. 

2 Gerbert, de cantu I, 92. 

3 »Est et alius cursus, hcati Benedicti, qui ipsum svigulariier pauco 
discordante a cursii Eo^yjano; in siia Regula repperies scripiiim« bemerkt ein 
irischer Autor. Vgl. Paleographie Musicale IX, 13. 



]^28 Die Entwicklung des Offiziums. 

Offizium sei im großen und ganzen dasjenige des hl. Benedikt ge- 
wesen i, wie denn Benediktiner das ganze Mittelalter hindurch die 
Pioniere der römischen Liturgie waren. 

Wie dem auch sei, das äußere Gerüst des monastischen Offi- 
ziums und desjenigen des Wellklerus ist im ganzen Mittelalter und 
bis zur Stunde dassellDe: beide zerlegen sich seit langer Zeit in 
Matutin mit drei Nokturnen, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper 
und Komplet. Um 800 kam die erste Vesper hinzu, wodurch die 
bisherige Tagesvesper zur zweiten Vesper wurde und zugleich an 
liturgischer Bedeutung verlor. 

Die Ordnung der Gebete, Lesungen und Gesänge, die für die 
Nacht- und Tagesstunden des ganzen Jahres vorgeschrieben waren, 
nannte man Cursus; insbesondere bezieht sich die Bezeichnung 
auf die Ordnung der Psalmen und der Psalmodie und ist dann 
einfach für Cursus canendi gesetzt. Im engsten Sinne endlich 
wird sie auch gebraucht für Cursus diurnus und bedeutet die 
Ordnung der Tagesstunden, Prim, Terz, Sext und Non 2. Einen 
derartigen Cursus wird es von Anfang an gegeben haben; denn 
schon in der Synagoge war die Auswahl und Folge der Psalmen 
nicht der Willkür anheimgestellt. Mit der Ausbreitung der litur- 
gischen Übungen seit dem 4. Jahrh. ergaben sich in den verschie- 
denen Gegenden verschiedene Cursus, die jedenfalls einander nicht 
unähnlich waren, in Antiochien, Alexandrien, Konstantinopel, dann 
in Mailand und Rom, also den Zentren der liturgischen Bewegung. 
Die Regeln der Ordensstifter enthalten in dieser Beziehung mehr 
oder weniger detaillierte Angaben, namentlich die des hl. Benedikt. 
Außerhalb der Klöster, die durch dieselbe Regel zur Beobachtung 
desselben Cursus gezwungen waren, in den Weltkirchen, hat sich 
die Einheit der liturgischen Übungen nicht so leicht herstellen 
lassen; es war aber das Bestreben der Vorsteher der Metropolitan- 
kirchen, innerhalb ihrer Provinz zur Gleichmäßigkeit im Offizium 
zu gelangen. Vielfach erließen Provinzialsynoden dahingehende 
Bestimmungen, die auch die Einheit des liturgischen Gesanges herbei- 
zuführen strebten, so die Synoden von Vannes 465, von Adge 
506, von Gerunda 517 und von Epaon in Burgund 517 3. j,^ ^en 
Kanones einzelner dieser Synoden wird die Einheit des Ordo psal- 
iendi ausdrücklich verlangt. Von besonderer Bedeutung wurde eine 



1 Bäumer, 1. c, 1 82 ff. 

2 Also z B. in dem Antiphonar des Hartker, Cod. 390—391 St. Gallen. 

3 Gerbcrt, de cantu I, 184 und Hefele, Konziliengeschichte II, 574, 636, 
65«, 665. 



Der Ofliziumsgosang im Miüelallcr. 129 

Verfügung des i. Konzils von Toledo, die für ganz Spanien und 
das südliche Gallien dieselben liturgischen Übungen anbefahl. Dazu 
bedurfte es aber einer mit Gesetzeskraft versehenen Organisation 
der Psalmodie und bestimmter Regeln für die Verteilung der Psalmen, 
Antiphonen, Ilesponsorien und andern Stücke, aus denen sich das 
Offizium zusammensetzte. Eine solche Ordnung wird von Genna- 
dius dem Priester Musaeus von 3Iarseille zugeschrieben, der für 
alle Feste des Jahres passende Lektionen, Ilesponsorien u. a. zu- 
sammengestellt habe^. Diejenigen Cursus, welche für die Folge- 
zeit bestimmend wurden, sind der des hl. Benedikt, der monastische, 
und der des Säkularklerus, wie er in den römischen Basiliken 
gehalten wurde. Von großer Bedeutung wurden die liturgischen 
Bewegungen, die sich im Frankenlande aus der Adoption des rö- 
mischen Ritus unter Pippin und Karl dem Großen ergaben; sie 
wirkten auf das römische Offizium zurück, so daß dieses vom 
11. Jahrh. an nichts anderes ist, als das römisch-fränkische Offizium, 
das sich im Frankenlande aus einer Vermischung des altgallikanischen 
mit dem gregorianischen ergeben hatte. Auf Einzelheiten dieser 
Entwicklung, die sich besonders an die Namen des Alcuin und 
Amalar knüpft, wird noch zurückgekommen werden. Im 12, Jahrh. 
wurde durch die päpstliche Kapelle eine Vereinfachung des Offiziums 
vorgenommen, und dies Officium curiae romanae oder capellae 
papalis verbreitete sich allmählich in der ganzen Kirche, besonders 
seitdem der junge Franziskanerorden es adoptierte. Dieses kürzere 
Offizium ist dann die Grundlage geworden für die fernere Ent- 
wicklung des Stundengebeles bis zur Reform des Konzils von Trient 
und darüber hinaus. 

In diese Ausbildung des Säkularoffiziums wurde das monastische 
wenig einbezogen. Es existierte als ein jenem gegensätzliches weiter 
und besteht bekanntlich noch heute neben dem römischen. Aller- 
dings ist der Unterschied beider auch noch heute nicht groß und 
bezieht sich auf keine einzige der Formen, die das Wesen des 
Offiziums ausmachen. In beiden nehmen die responsoriale und anti- 
phonische Psalmodie den breitesten Raum ein, die Hymnen haben 
sich nie über eine bescheidene Stellung erheben können. Sie sind 
fast nur durch die Zahl der Responsorien und Antiphonen- (und 



1 Gennadius, de viris illustribus 79. (Migne, Patr. Lat. LVIH, H03.) 
- Die das Offizium eines Tages ausfüllenden Antiphonen und Responsorien 
pllegte man später als Historia zu bczciclinen, ein Ausdruck, der in seiner 
ursprünglichen Anwendung ohne Zweifei auf die aus den geschichtlichen Büchern 
der hl. Schriften, den Acta martyrum und ähnlichen Quellen gezogenen Texte 
geht. Schon der um 1000 gcsciiriebene Codex Harlkcri, Cod. 390 — 391 von 
Wagner, Gregor MeloJ. 1. 9 



130 Die Entwicklung des Offiziums. 

Psalmen) unterschieden; sonst ist die gesangliche Ausstattung die- 
selbe. Das monastische Offizium, dessen sich die altern Orden 
bedienten, die Benediktiner, Zisterzienser, Karthäuser, hat in den 
beiden ersten Nokturnen je 6 Antiphonen und Psalmen, 4 Lesungen 
und ebensoviele Responsorien, in der dritten Nokturn eine Antiphon 
für alle Psalmen resp. Cantica, dagegen 4 Lesungen und 4 Respon- 
sorien; das Säkularoffizium, das von den Dominikanern, Franzis- 
kanern u. a. angenommen wurde, hat für jede der 3 Nokturnen 
3 Antiphonen und Psalmen, 3 Lesungen und Responsorien. Außer- 
dem hat die monastische Vesper nur 4 Antiphonen und Psalmen, 
die säkulare dagegen 5; nur selten findet man in monastischen 
Büchern 5 Vesperantiphonen, wie z. B. im Antiphonar des Hartker, 
Cod. 390 — 391 St. Gallen K Die Beispiele am Ende des 10. Kapitels 
werden diese Verhältnisse deutlich machen 2. 

In der Idee seiner Schöpfer ist das Offizium bestimmt, nicht 
privatim gebetet, sondern gemeinschaftlich, in choro, gesungen zu 
werden. Mit dieser seiner Tendenz hängt seine Struktur zusammen, 
und nach ihr haben sich seine Formen gebildet. Um nur den 
einen Punkt zu berühren, der eigentümliche Wechsel von Lesung 
und Solopsalmodie, der einen großen Teil des Officium nocturnum 
ausfüllt, hat zur Voraussetzung, daß der Vorleser ein anderer ist 
als der Sänger; wäre es Absicht der Väter des Offiziums gewesen, 
eine Norm für das offizielle Gebet des Einzelnen zu geben, so 
würde die Matutin wohl anders eingerichtet worden sein. Wie 
aber die Einführung der gregorianischen Meßordnung in die stille 
Messe die Rezitation der Gesangstexte durch den Zelebranten zur 
Folge hatte, so ergab sich für die nicht dem gemeinschaftlichen 
Gebetsdienst unterworfenen Kleriker der Gebrauch, auch die ur- 
sprünglich gesungenen Partien des Offiziums zu beten. Freilich 
datiert diese Entwicklung erst aus der Zeit vom 13. Jahrb. an; 
sie wurde durch die Umgestaltung des kirchlichen Lebens im spä- 
tem Mittelalter und mit dem AVachsen der Aufiraben des Welt- 



St. Gallen, überschreibt die Gesänge des Offiziums der hl. Dreifalligkeit; Incipit 
historia de S. Triiiilate. Otto von Freisingen rühmt in seinem Elogium Her- 
manni Contracti dessen Cantus historiales plenarios de S. Georgio etc. Vgl. 
Schubiger, Sängerschule von St. Gallen, S. 84, Anm. 5. Radulphus decanus 
Tungrensis sagt ganz allgemein: Antiphonae et responsoria ad unum diem 
Tel obserrationem pertinentia voeantur historia. De canon. observ. prop. XII. 
(Maxima Bibl. veferum Patr. XXVI, S. 299.) 

1 Vgl. auch die Paleographie Musicale, t. IX, S. 14* 

2 Über die Einzelheiten der Entwicklung des Offiziums vgl. die interessante 
Darstellung in Gastoue, Origines du chant romain, p. 207 — 244. 



Der Ofliziumsgesarifj; im Mittelalter. 131 

klerus eine Notwendigkeit und erhielt Sanktion. Es ist alier für 
den traditionellen Geist, der die Geschichte der liturgischen Formen 
beherrscht, sehr charakteristisch, daß die Kirche an dem Gerüste 
des Offiziums nichts geändert hat. Sie hat keine der wesent- 
Hchen Formen des Offiziums aufgegeben. Wohl aber hat sie in 
deren Ausdehnung den geänderten Verhältnissen Rechnung getragen. 
Im Grunde ist demnach die Entwicklung des Offiziums durchaus 
organisch verlaufen, und nachdem das Brevier der Kirchenversamm- 
lung von Trient diese Entwicklung bestätigt und gekrönt hat, ist 
nicht zu fürchten, daß ein anderer Geist in das verehrungswürdige 
Gebäude einziehen werde. 



VIII. Kapitel. 

Die Entwickluug des respoiisorialeu Offiziiimsgesaiiges. 

Mit dem Canlus responsorius der Messe hat derjenige des 
Offiziums viele Ähnlichkeit; seine hturgische Stellung und sein melo- 
discher Charakter sind in beiden dieselben. Nur in einigen Einzel- 
heiten hat sich die Solopsalmodie im Offizium anders gestaltet 
als in der Messe, wenn auch diese Verschiedenheit nicht so weit 
ausgreift, wie beim antiphonischen Gesänge. 

Es ist im Zusammenhange gezeigt worden , daß der respon- 
soriale Gesang von Anfang an die Lectio gebunden ist. So ist es 
in der Messe geblieben, dies ist seine liturgische Stellung auch im 
Offizium: immer geht ihm eine Lesung voraus i. Wie weiter in 
der Messe der responsoriale Psalm das älteste Gesangstück ist, so 
ist es kein Zufall, daß diese ursprüngliche Form der Psalmodie 
ihren Ehrenplatz in demjenigen Teile des Offiziums hat, den die 
Geschichte der Liturgie als den ältesten nachweist, in den Nokturnen. 
Alle andern Bestandteile des Offiziums haben ihre Ausgestaltung 
erst erhalten, als die jüngere Form der Psalmodie, die antiphonische, 
das Hauptinteresse an sich zog. Darum herrscht im Officium 
diurnum der antiphonische Gesang fast unumschränkt; ein Cantus 
responsorius ist in ihm eine Seltenheit 2. So sind Vigil und respon- 



1 Amalar umgibt nach seiner Gewohnheit dies Verhällnis mit frommer 
Deutung: rcsponsorios seqiiilectiones proptcj- disciplinavi ccdcsiasticam, qiiae 
non vult auditores legis tantum, sed factores. De ord. Anlipli. 4. (Migne, 
Patr. Lat. CV, 1251.) Ebenso Honorius von Autun: Cantor surgit ad rcspon- 
sorium, ut cxciiet mentes, quae audierunt doctrinam in lectione, surgant ad 
adiones bonas in operatione. Sacram. 47. (Migne, Patr. Lat. CLXXIf, 770.) 
Durandus sagt sehr richtig: dicuntur autem aniiphonae rcspcdu ad psalmo- 
diam, ciii respondent , sicut et responsoria rcspedu ad liistoriam (d. h. die 
Lektionen, die ursprünglich immer aus der hl. Geschichte genommen waren). 
Gerbert, de cantu I, 307. Eigentümlich ist die alte Bezeichnung Missa für die 
mit den Antiphonen und Rcsponsorien verbundenen Lesungen und Gebote in 
der Regel des hl. Caesarius (Migne, Patr. Lat. LXVII, 1102) und Aurelianus 
(ebenda LXVIII, 3941. Vgl. Gerbcrt, de cantu I, 180. 

- In den monastischen Ofliziumshandschriftcn hat die Vesper nach dem 



Der Offiziumsgcsang im Mittelalter. 183 

soriale Psalmodie von Anfang an bis zur Stunde in unzertrennbarer 
Verbindung geblieben; das Ilesponsorium ist für die Nokturnen so 
charakteristisch, daß da, wo aus irgendeinem Grunde die Liturgie 
mit besonderer Feierlichkeit umgeben wird, wie das in aller Zeit 
oft in der dritten Nokturn der grüßten Festtage geschah, eine ver- 
mehrte Verwendung des responsorialen Gesanges eintritt. Gerade 
unsere ältesten Handschriften haben in diesem Falle eine große 
Anzahl von Responsorien'. Man liebte es, bevor am Ende der 
Nokturnen das Te dcum angestimmt wurde, sich ganz in heihge 
Freude zu versenken und die Gedanken, welche der Tag nahe- 
legte, vollständig ausströmen zu lassen. An den entsprechenden 
Stellen des Officium diurnum sind es die Antiphonen, denen eine 
derartige Aufgabe zuerleilt wird. 

Die melodische Gestalt des Cantus responsorius in der Messe 
ist eine sehr entwickelte; alle Handschriften ohne Ausnahme geben 
dem Solisten, der nach der Lectio den Ambo besteigt, eine pracht- 
volle Solomelodie. Auch im Offizium ist der Ausführende des 
Responsoriums ein Vorsänger und, was er zu singen hat, eine 
rechte Solomelodie. Die Ähnlichkeit geht indessen noch weiter. 
Auch im Offizium hat das Responsorium der Vigil ursprünglich, 
wie in der Messe, einen ganzen Psalm umfaßt. Alle Offiziums- 
handschriften bieten aber nur mehr eine gekürzte Form dar. Ohne 
Zweifel führten dieselben Gründe zur Kürzung, welche oben (S. 83) 
beim Meßresponsorium angegeben wurden. Und so ist auch das 
Offiziumsresponsorium aus einem einleitenden Gesang und einem 
Vers zusammengesetzt. Allerdings sind Offiziums- und Meßrespon- 
sorium nicht ganz gleich gebaut; einmal ist es in jenem Gebrauch 
geblieben, das Anfangsstück nach dem Vers zu wiederholen, dann 
haben einige Responsorien mehrere Verse beibehalten, und endlich 
wird gelegentlich noch der Vers Gloria Patri angefügt. 

Die römische Kirche hat die ursprüngliche und seinem Charakter 
als responsorialer Gesang wohl zusagende Art, das Responsorium 
zu modulieren und zu respondieren — Solo mit Chorrefrain — 
bis zum 9. Jahrh. gepflegt. Wir erfahren dies von Amalar, der 



4. Psalm ein Responsorium; man vgl. die Tabellen am Ende des Kap. 10. Über 
das J^. breve nacliher. 

1 Das Responsale Gregorianum, das aus einer Handschrift von Compiegne 
aus dem 9. Jahrh. in der l'atr. Lat. LXXVIII verüflentlicht ist, hat für die 
3. Nokturn von Weihnachten 17 Responsoria, das Antiphonar des Hartker, 
Cod. 390 von St. Gallen, 4 0. Man vgl. die Tabellen in Kap. 10. Wie es scheint, 
liebte man die dritte Nokturn so zu verlängern, daß die Landes sich unmittel- 
bar daran anschließen konnten. 



134 Die Entwicklung des responsorialen Offiziumsgesanges. 

seine Ausführung in Rom also beschreibt: der Vorsänger begann 
mit der Anfangspartie, die der Chor wiederholte; hierauf sang der 
Solist den Vers, und der Chor wiederholte zum zweiten Älale die 
Anfangspartie bis zum Vers ; der Solist fügte das Gloria Patri an, 
und der Chor wiederholte sein Stück zum dritten Mal, diesmal 
aber nur seine zweite Hälfte. Der Kantor endlich begann das 
Responsorium wieder von Anfang an und sang es bis zum Vers, 
worauf der Chor mit einer letzten Wiederholung abschloß i. Diese 
mehrfache Wiederholung der Anfangspartie, die dadurch zu einem 
echten Refrain wurde , und der anmutige Wechsel von Solo und 
Chor prägt dem Responsorialgesange des Offiziums den Charakter 
einer reizvollen, architektonischen Schünhcit auf. Er gleicht den 
klaren, übersichtlichen Gebilden der Baukunst mit ihren symme- 
trischen Verhältnissen. 

Die Wiederholung des Anfangsstückes vor dem Vers durch 
den Chor, von der Amalar berichtet, ist bis auf die Gegenwart 
nur in den Responsoriola, den Responsoria brevia, üblich geblieben. 
Schon vor Amalar begann der Sinn für die wohlgeordneten und 
abgerundeten Formen des Kirchengesanges zu schwinden. Man 
kam zunächst dazu, die Wiederholung vor dem Vers auszulassen, 
und von da an wurde die Anfangspartie nur mehr vom Vorsänger 
angestimmt, vom Chor weitergeführt. Ohne Zweifel liegt hier eine 
Einwirkung der schon in der Regel des hl. Benedikt (cap. 47) vor- 
gesehenen Praxis vor, die Antiphonen von einem einzigen anstimmen 
und vom Chor weitersingen zu lassen. Sie machte allerdings den 
zweimaligen Vortrag des Anfangsstückes des Responsoriums über- 
flüssig. Bei dieser den Organismus der Responsorienform nicht 
gefährdenden Änderung blieb man jedoch nicht stehen. Amalar 
bemerkt, daß nach dem Gloria Patri die Römer die Anfangspartie 
nicht ganz, sondern nur ihre zweite Hälfte wiederholten. Dadurch 
wird die Harmonie der Teile etwas gestört. Daß diese unvoll- 
ständige AViederholung der ursprünglichen Einrichtung der Offiziums- 
responsorien nicht angehört, geht daraus hervor, daß der Vers 

1 Amalar, de ordine Antiph. cap. iS: Non enim sancta romana et nostra 
regio uno ordine camint responsorios et versus. Apud cum jiraecenior in 
primo ordine fmit responsorium; suceentores vero eodem modo respondent. 
Dein praecentor canit rersum ; finito versu, suceentores vero secimdo incipiunt 
responsorium a capite et usque ad fiiiem perducimt. Dein praecentor canit 
Gloriam Patri et Filio et Spiritui Sancta, quo finito suceentores circa me- 
dium partem intrant in responsorium et perducunt usque in fi,nem. Postremo 
praecentor incipit responsorium a capite et perducit illum usque in fincm. 
Quo finito suceentores tertio repetunt respo)isoriutn a capite et perducunt 
illum usque ad finem. (Migne, Patr. Lat. CV, 1274.) 



Der Oinziurnsgcsang im Miltelalter. 135 

Gloria Patri überhaupt erst zu Anialars Zeit von den Römern ein- 
gefügt worden ist^, jedenfalls in Nachahmung des antiphonischen 
Meßgesanges des Introitus und der Gommunio, die regehnäßig dem 
oder den Versen die Doxologie anfügten. Darin offenbart sich die 
Tendenz, die ursprünglich scharf unterschiedenen responsorialen 
und antiphonischen Formen einander zu nähern. Seit dem aus- 
gehenden Mittelalter wird die Doxologie immer nur an das letzte 
Responsorium der Nokturn angehängt, dagegen an alle Responsoria 
brevia außer der Passionszeit, in der es überhaupt ausgelassen 
wird 2. Das Gradualresponsorium der Messe ist nie vom Gloria 



handeln, war um 800 die in Gallien auch für die Wiederholungen 
nach den andern Versen herrschende. Nach Amalar^ bestand darin 
der Hauptunterschied der römischen und der fränkischen Respon- 
sorienbehandlung. Die zweite Hälfte des Anfangsstückes erhielt 
den Namen Repetenda^. Ein Beispiel möge den Gegensatz ver- 
deutlichen. Das erste Responsorium der Weihnachtsmatutin lautet: 
^. Hodie nobis coelorum rex de virgine nasci dignatus est, ut 
hominem perdituni ad coelestia regna revocaret. Gaiidet exercitus 



1 Amalar, de ord. antiph. cap. 1 : Priscis temporibus non cantabatur 
Gloria post t'ersutn, sed repetehatur responsoriimi . . . A modernis vero 
apostolicis additus est hymnus post rersum. (Migne, Patr. Lat. CV, ■1247.) 

- In Spanien sang man vor Einführung der römischen Liturgie statt 
Oloria Patri et Filio am Ende der Psalmen immer: Gloria et honor Patri; 
diese Formel war durch spanische Konzilsbeschlüsse, besonders denjenigen von 
Toledo 633, unter Androhung der Exkommunikation obhgatorisch gemacht 
worden (can. \ 5) : in fine psalmorum non siciit a quibusdam huiusqiie Gloria 
Patri sed Gloria et honor Patri dicatur , David propheta diccnte: afferte deo 
gloriam et honorem, et Joa^me Evangelista in Apocalypsi: aiidivi vocem 
celestis exercitus dicentem: honor et gloria deo nostro sedenti in throno . . . 
Universis igitur ecclesiasticis hanc observantiam damtis, quam quisquis prae- 
terierit, communionis iacttiram habebit. 

3 Amalar, de ord. Antiph. prol.: Hinc notandum est necessariuni nobis 
esse, ut alteros versus habeat noster a7itiphonarius (das Ofßziumsgesangbuch) 
quam Romanus, quoniam altera ordine cantamus responsorios nosiros quam, 
Romani. Uli a eapite incipiunt responsorium fijiito versu, nos versum 
finitutn informatnus in responsorium per latera eius ae sie facimus de 
duohiis unum corpus. Ideo necesse est, ut hos versus quaeramus, quorum 
sensus cum mediis responsoriorum conveniat, ut fiat unus sensus ex verbis 
responsorii et verbis versus. (Migne, Patr. Lat. GV, -1244.) Es wird noch im 
Zusammenhang dargelegt werden, daß dies einer der springenden Punkte in 
der Reform des Antiphonars war, die Amalar selbst vorgenommen hat. 

4 Dieser Name ist gebildet wie z. B. derjenige der Antiphona ad OfTerendam.' 



136 Die Entwicklung des rcsponsorialen Offiziumsgesangcs. 

angelonim, quia salas actcrna humano gcncri apparuit. Y- Gloria 
in excelsis deo, et in terra jyax homiaibus bonae voluntatis. 

Nach rüniischer Art wurde nach dem y. Gloria in excelsis 
das IJ!. von Anfang an bis zum y., nach fränkischer nur der zweite 
Teil wiederholt und zwar von da an, wo er sich dem Inhalt des 
y. am besten anschloß, also von Gaudet an. 

Merkwürdig ist, daß die fränkische Art, das Responsorium zu 
behandeln, über die ältere, römische den Sieg davongetragen und 
sie sogar aus Rom verdrängt hat. Hierin zeigt sich wieder, daß 
die lateinische Liturgie, wie sie sich im Mittelalter feststellte, nicht 
ausschließlich das Werk der im Zentrum der Kirche wirkenden 
Kräfte, sondern aus dem einträchtigen Zusammenarbeiten der ver- 
schiedenen Einzelkirchen hervorgegangen ist. Kräftig lebte auch 
außerhalb Roms die liturgische Schaffenskraft, und Rom hat sich 
nie gegen das Eindringen außerrümischer Riten ablehnend ver- 
hallen, sie vielmehr wohlwollend geprüft und, wenn sie die Probe 
bestanden, auch selbst adoptiert. Die Annahme des fränkischen 
Responsoriums in Rom hat zwischen der Zeit des Amalar und der 
des 11. Ordo Romanus ^ stattgefunden, also zwischen 840 und 1140. 
Gleich zu Beginn dieses Ordo wird nämlich die Ausführung des 
Responsoriums der Matulin des ersten Adventsonntags Äspiciens a 
longe wie folgt dargelegt: 

I^. Äspiciens a longe ^ ecce video Dei potentiam venientem et 
nebulani totam terrani iegentem. * Ite ohviam ei et dicite: * Nioitia 
nobis si tu es ipse * Qui regnaturus es in populo Israhel. 

y. 1 Quiqiie terrigenae et filii hominum, simul in unum dives 
et pauper: Ite obviam ei et dicite. 

y. 2 Qui regis Israel intende, qui deducis velut ovcm Joseph: 
Nuntia nobis, si tu es ipse. 

y. 3 Tollite portas principes vestrus, et elevamini portac aeter- 
nales, et introibit rex gloriae: Qui regnaturus es in populo Israhel. 

y. 4 Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto. 

I^. Äspiciens a longe bis zum y. 1: Quique terrigenae. 

Hier haben wir die von Amalar beschriebene fränkische Manier; 
nach den Versen wird nicht mehr das ganze Responsorium, sondern 



1 Es ist dies der schon genannte des Benedikt, Kantors und Kanonikus 
von St. Peter, der dem Kardinal Guido von Castella gewidmet ist, welcher 1143 
als Coelestin III. den päpstlichen Stuhl bestieg. Für die Kenntnis des päpst- 
lichen Offiziums in der ersten Hälfte des 12. Jahrh. ist er überaus wichtig; 
denn sein Verfasser will darin auseinandersetzen, qualitcr domnus apostoliciis, 
curia sua et toia romana ecclesia in praecipuis solemnitntibus , et qiioti- 
dianis officüs valeat se regere. (Migne, Patr. Lat. LXXVllI, 1025.) 



Der Offiziumsgcsang im iMittclallcr. 137 

nur die zweite Hülfle repeliert, und zwar wird sie in so viele Repe- 
tendae zerlegt, als Verse vorhanden sind; nach jedem Verse wird 
nur die entsprechende Repetenda wiederholt. Der Sinn der Römer 
für ebenmäßige Gestaltung zeigt sich jedoch wieder darin, daß den) 
y. Gloria Patri das ganze Responsorium angeschlossen wird bis 
zum \ . Vers. Auch so ist das Responsorium klar und symme- 
trisch gebaut. 

Das erwähnte Responsorium ist nicht das einzige, welches 
mehr wie einen Vers besitzt. Es kommen in demselben Ordo noch 
dazu I}f. Asjnciebam in visu noctis mit den y. Ecce dominatus, 
y. Potestas eins und y. Gloria Patri und das IJ. 3Ussus est Gabriel 
mit den y, Ave Ilaria, y. Dabit ei dominus und y. Gloria Patri. 
Sie stehen in derselben Nokturn und wurden in hezug auf die 
Wiederholungen ebenso behandelt, wie das H. Aspiciens^. Auf- 
fällig ist aber, daß ältere Handschriften nur ganz ausnahmsweise 
einem Responsorium mehr wie einen Vers beilegen. Das mehr- 
fach erwähnte Antiphonar des Harlker, Cod. St. Gallen 390 — 391, 
hat mehrere Verse nur für das 1^. Asjnoiens und das 1^. Libera 
ine] letzteres hat deren fünf 2. Es scheint demnach, daß bei der 
Kürzung des responsorialen Offiziumspsalmes man nur "dem ersten 
Responsorium des Kirchenjahres, dem ersten der Matutin des ersten 
Adventsonntags, ein paar Verse beließ; denn das Y^. Aspiciens steht 
in den Offiziumshandschriften an erster Stelle. Später fand man 
es tunlich, sei es um gewisse Feste auszuzeichnen oder um die 
Dauer des Officium nocturnum zu verlängern, noch andern Respon- 
sorien mehrere Verse beizulegen. An derartigen Responsorien sina 
die Handschriften des 12. und 13. Jahrh. nicht arm. Die Hand- 
schrift 12044 der Pariser Nationalbibliothek aus dem 12. Jahrb., 
eines der wertvollsten Offiziumsgesangbücher, die sich aus dem 



1 Migne. ebenda 1027. 

° Man vgl. die phototypische Reproduktion dieser Handschrift in der 
Paleographie Musicale, Serie II, Bd. I, p. 392. 

3 Es sind dies in alphabetischer Reihenfolge die Responsorien: J^. Agmina 
Sacra (fol. 238, 2 Verse), I^. Alleluja aiidivimus (fol. 109, 2 Verse), 1^. Angelus 
doinini descendit (fol. 99, 2 Verse), IJf. Angelus domini locutiis est (fol. 100, 
2 Verse), 'i^. Cives apostolorum (fol. 228, 3 Verse), ^. Cum inducerent (fol. 56, 
2 Verse), IjÜ. Dum staret Abraham (fol. 69, 2 Verse), Ij;. Fratres mei (fol. 89, 
2 Verse), Ij[. Impetum fecerunt (fol. 1 3, 3 Verse), IJH. Impetum fecerunt (fol. 1 5, 
2 Verse), '^. In media ecde^iae (fol. 18, 2 Verse), ^. Iste est Johannes (fol. 18, 
2 Verse), ijf. Mox ut vocem doinini (fol. 216, 2 Verse), IJ!. Sanciificatnin f 
hodie (fol. 6, 2 Verse), 1^. Solce jubente den (fol. 1 52, 2 Verse), ]^. Tentarif 
deus (fol. 69, 2 Verse), 1^. Virgine cum palma (fol. 11, 2 Verse). Bei den 



138 Die Entwicklung des responsorialen Offiziumsgesangcs. 

Später ist man bis auf ganz wenige Ausnahmen wieder zur Normal- 
zahl zurückgekehrt, und das Brevier des Konzils von Trient hat 
dies Verhältnis sanktioniert. Immer aber blieb die Wiederholung 
nach dem oder den Versen dem Offiziumsresponsorium erhalten, 
und darin hat sich seine Entwicklung günstiger gestaltet, als die 
des Gradualresponsoriums in der Messe, welches schon sehr früh 
die Wiederholung nach dem Verse verlor. Der Grund für diese 
auffällige Verschiedenheit wird darin liegen, daß die Träger des 
Offiziumsgesangcs immer Kleriker waren, welche der Struktur der 
liturgischen Formen und ihrem organischen Bau mehr Verständnis 
entgegenbrachten, als die mit der Ausführung des Meßgesanges 
betrauten Sänger seit dem 12. Jahrb., die sich bald der mehr- 
stimmigen Gesangsmusik in die Arme warfen und noch in anderer 
Hinsicht den Zusammenhang des Gesanges mit der Liturgie ge- 
lockert oder aufgehoben haben. 

Die Ausführung des Offiziumsresponsorium durch mehr wie 
einen Vorsänger wird uns für Rom zum ersten Male bezeugt durch 
den 11. Ordo aus dem Anfang des 12. Jahrb., aus dem wir dasselbe 
für das Meßresponsorium entnommen haben. Es handelt sich auf- 
fälligerweise um die erwähnten 3 Responsorien mit mehreren 
Versen des ersten Adventsonntags : der erste und zweite Sänger 
der Schola sollen das erste l)[. singen, der dritte und vierte das 
zweite, der fünfte und sechste das dritte. Jedenfalls wollte man 
die Sänger mit den langen Responsorien nicht ermüden i. 

In der Messe stand der Kantor des Responsorium auf den 
Stufen des Ambo. Anders im Offizium; hier stand er auf seinem 
gewöhnlichen Platze, wie uns Amalar^ und sein Gegner Agobard 
von Lyon 3 belehren. Die andern im Chore Anwesenden saßen 
dabei, nur beim Gloria Patri erhoben sie sich, wie es schon in 
der Regel des hl. Benedikt für das vierte resp. das dritte Respon- 
sorium * vorgeschrieben ist. Im 12. Jahrb. dagegen standen die 
beiden Sänger der genannten Advenlsresponsorien vor dem Altar ^. 



meisten dieser Verse läßt sich aus dem Texte oder der Melodie nacliweisen, 
daß sie spätere Zusätze sind. 

1 iMigne, Patr. Lat. LXXVIII, 1027. Dieselbe Vorschrift enthält das Offi- 
ziumsgesangbuch, dessen Text von Tommasi, 1. c. XI, veröffenthcht ist, S. -18. 

2 De ord. Antiph. (Migne, Patr. Lat. GV, 1248.1 

3 De correct. Antiphon. 7, maclit er ausdrücklich dem Amalar einen 
Vorwurf daraus, daß er contra morem nocturni o/'/'«c«i ein Weihnachts- 
responsorium ab eminentiori loco pompatice concrcpabat. (Migne, Patr. 
Lat. CIV, 332.) 

1 Kap. IX und XI. 

"> Ordo Rom. Benedicti canonici. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 1027.) 



Der Oriiziuiiisgcsang im MiUclaltor. 139 

Einen interessanten Einblick in die Technik des Responsorien- 
gesanges gibt uns wieder Anialar: derjenige, der das Responsorium 
zu intonieren halte, mußte beachten, daß die Melodie der Verse 
gewöhnlich in höherer Tonlage stand und sich deshalb hüten, schon 
das Responsorium selbst zu hoch anzustimmen, um nicht beim 
Vers zu einer uni;iberwindlichen Höhe zu gelangen. Waren dagegen 
die Verse zu Ende gesungen, so konnte der Sänger die Wieder- 
holung des Responsoriums in höherer Tonlage anstimmen, ohne 
Rücksicht auf den Vers^. Zudem hatte man ganz im allgemeinen 
die Tendenz, die Responsorien in höherer Tonlage zu singen als 
z. B. die Antiphonen und Hymnen'-^. So hielt man es nicht nur 
im Frankenlande. Bischof Sychardus von Cremona (c. 1200) be- 
richtet genau dasselbe von den Knaben, die das Graduale sangen 3, 
woraus hervorgeht, daß diese Praxis auch für die Meßresponsorien 
bestand. Sicher war sie auch in Rom beobachtet, sonst würde Amalar, 
der ja überhaupt die Observanz seiner Heimat mit der römischen 
in Einklang zu bringen suchte und gerade bezüglich des Respon- 
soriums einen Unterschied zwischen römischer und gallischer Be- 
handlung der Wiederholungen nach dem Verse aufstellt, wohl das 
Gegenteil gesagt haben. 

Neben den großen Lektionen der Matutin gab es und gibt es 
kleinere, in den Horae diurnae. Sie heißen auch Capitula. In 
der monastischen Liturgie stehen sie nur in Vesper und Landes, 
die römische hat sie in allen Tageshoren. Auf sie folgt auch ein 
Responsorium, aber ein kleines, das Responsoriolum^, auch Respon- 
sorium breve genannt. Die großen Responsorien der Matutin 
bekommen im Gegensatz dazu den Namen Responsorium prolixum 
oder modulatum^. Die Responsoriola bestehen aus ein paar kleinen 
Sätzen mit syllabischer Melodiebildung, sind aber sonst in ihrer 
Ausführung echte Formen des Cantus responsorius, was sich be- 
sonders darin zeigt, daß die Anfangspartie des Vorsängers noch 



1 De eccl. offic. III, H. (Migno, Patr. Lat. CV, 1120.) 

2 Ebenda, lY, 3. (Migne, Patr. Lat. CV, 1173.) 

3 Sychardus, Mitrale, vgl. Tommasi, 1. c. XII, S. 12. Die Aussage Amalars 
und Sychards ist einer der Beweise dafür, daß es weit ins Mittelalter hinein 
eine absolute Tonhöhe nicht gegeben hat, wenigstens bis zur Einführung der 
Orgel in die Kirche. 

* So in dem Antiphonarium des Hartker, Cod. St. Gallen 390 — 39 t, dem 
Antiphonar des Tommasi, 1. c. XI, S. 175, den Statuta Ord. de Sempringham 
bei Du Cange, Glossarium, s. v. Responsorium. 

5 Die Stat. Abb. Rivivulp. vom Jahre 1157 enthalten die Bestimmung: 
cantor ebdomadariiis in loco suo Besponsum h. Mariae non hrcve, sed modu- 
latmn solus decantabit. Bei Du Cange, s. v. Responsorium. 



140 Die Entwicklung des responsorialcn Offiziumsgcsanges. 

vor dem Verse vom Chore wiederholt wird. Sie haben auch das 
Oloria Patri, nach welchem wieder die Anfangsparlie ganz repe- 
tiert wird, nicht aber das Sicut erat, ebensowenig wie die Hespon- 
soria proHxa. Überhaupt ist die vollständige Doxologie nur dem 
antiphonischen Gesänge eigen, wie noch heute der Meßintroitus 
und die Vesperpsalmodie dartun. Die unvollslündige Doxologie 
der Responsorien hängt mit ihrer spätem Einlügung in diesen 
Gesang zusammen, könnte aber auch in melodischen Rücksichten 
begründet sein. 

In den Handschriften des Offiziumsgesangbuches, den Anti- 
phonarien, werden außer den Responsorien, wie sie nach dem 
Verlaufe des Kirchenjahres unter den Gesängen jedes Tages aufge- 
zeichnet sind, noch am Ende besondere Gruppen von Responsorien 
aufgeführt, so de historia Regum, de Sapientia, de Job, de Tobia, 
de Judith, de Esther, de Esdra, de Machabaeis, de Prophetis^. Sie 
wurden in den Wochen des Sommers gesungen, von Ende Juli 
bis zum Advent. Die mitgeteilten Namen beziehen sich auf die 
Herkunft der Texte; diese entstammen sämtlich Büchern des alten 
Testamentes. Andere Responsorien, die in der 3. und 4. ^^'oche 
nach Ostern gesungen wurden und der Apokalypse entnommen 
sind, heißen Responsoria de auctoritate^. 



1 So in Cod. St. Gall.Mi 390—391, dem Anliphonarium bei Migne LXXVIII. 
831, bei Tommasi, 1. c. XI, 115, liS, 136, 139, 14i', 141,144, ebenso in dem 
zweiten Antiphonar, S. 2S9. 

2 Also vorgeschrieben im Cod. 390 — 391 St. Gallen und der Leipziger 
Reginohandschrift, die aber nicht, wie man annimmt, Reginos autographen 
Tonar, sondern einen Katalog der Offiziumsgesängc in der Reihenlolge, wie 
sie im Offizium auftreten, enthält, und Breviarium genannt ist (heute würde 
man Directorium chori sagen'. Die Responsoria de auctoritate stehen da- 
selbst fol. 91 IT. und sind 14, dieselben wie in der St. Galler Handschrift 391, 
S. TiS; dazu kommt als 13. Ijt. Candidi facti sunt mit dem y. In omnem 
terram. Amalar (Migne, Patr. Lat. CV, 1296) hat eine nicht so große Reihe. 
Die Erklärung, die er für ihren Namen gibt, erklärt nichts: propterea iidem 
praetitidantiir de aiictorilate, quoniam oposioli, quorum Jiabitiis pracsentibits 
responsorüs decantatur, vice Christi auctorcs extitcriint Jmlaicae ecclcsiae et 
gentilis. Plausibler ist die Erklärung der l'aleograpliie Musicale, tom. IX, S. 35*, 
die darauf hinweist, daß die römische Kirche im Gegensatz zu orientalischen 
Auffassungen immer an der Kanonizität der Apokalypse festhielt; die römischen 
Liturgiker wollten ohne Zweifel mit dem Ausdrucke de auctoritate die Kanoni- 
zität des Buches betonen. 



IX. Kapitel. 

Die Eiit\vickluii<i: des aiitiphouisclien Offiziumsgesanges. 

Im Offizium sind die Rcsponsorien von den Antiphonen in 
den Hintergrund gedrängt worden; schon in den ällesten Büchern 
ist die anliphonische Psalmodie die Regel, die responsoriale fast 
eine Ausnahme. Dies Verhältnis erklärt sich daraus, daß besonders 
die Horae diurnae ganz monastischen Ursprunges sind, in den 
Klöstern aber man auf die Psalmodie im Doppelchor mehr an- 
gewiesen war. Die Antiphonie ist so eng mit diesen Teilen des 
Offiziums verwachsen, daß sie dieselben fast ganz ausfüllt. Man 
entferne sie aus den Landes und Tageshoren, fast nichts wird 
mehr übrig bleiben. 

Auch der antiphonische Offiziumsgesang hat eine interessante 
Geschichte zu verzeichnen; er ist nicht immer geblieben, wie er 
im Anfange gestaltet war, und zwar hat er den Gegensatz zum 
Meßgesang noch bedeutend schärfer durchgeführt als der respon- 
soriale. Meß- und Offiziumsresponsorien sind trotz aller Verschie- 
denheiten einander doch immer ähnlich geblieben, die Entwicklung 
des antiphonischen Gesanges hat aber in dem Offizium einen andern 
Weg eingeschlagen als in der Messe. Diese Verschiedenheit hat 
ihren Grund zunächst in den verschiedenen Aufgaben, die dem 
antiphonischen Gesänge in der Messe und im Offizium gestellt sind. 
Es ist im Zusammenhang dargelegt worden, daß alle antiphonischen 
Meßgesänge nur begleitende Funktion haben; sie bilden die künst- 
lerische Zutat zu den am Allare vorgenommenen Zeremonien und 
haben naturgemäß vor diesen zurückzutreten. Im Offizium ist das 
anders. Da ist die Antiphonie Selbstzweck, Hauptinhalt, und hat 
keinerlei liturgische Handlung zu verschönern. Zweitens ist die 
Verschiedenheit der Persönlichkeiten nicht außer Betracht zu lassen, 
die in der Messe und im Offizium als liturgische Sänger auftreten. 
Während des ganzen Mittelalters und darüber hinaus ist das Offizium 
eine Obliegenheit der Kleriker und Mönche, welche, wie begreiflich, 
den liturgischen Sinn der Gesangsformen vollauf zu würdigen ver- 
mochten und zu einschneidenden Änderungen sich aus religiöser 



142 Die Entwicklung des anliphonischen Ofliziumsgcsangos. 

Gewissenhaftigkeit nicht leicht verstanden. In der Blesse aber ist 
die Ausführung der vorgeschriebenen Gesänge vom Ausgange des 
Mittelalters an in die Hände von Personen gelegt, in deren Sinnen 
das künstlerisch-musikalische Element das liturgische bei weitem 
überragt. Die Sänger von Profession verloren schon damals nicht 
selten das Gefühl für die Zusammengehörigkeit von Liturgie und 
liturgischem Gesang, und so ist die ganze Geschichte des Meß- 
gesanges von den Anfängen der mehrstimmigen Komposition an 
durch das allmähliche Zurückweichen der Rücksichtnahme auf die 
Liturgie vor den Neigungen der Künstler charakterisiert i. ]m 
Offizium hat die Macht der Musiker nie die Überhand gewonnen; 
es war und blieb die treue Sorge der dem Dienste Gottes geweihten 
Personen, und so durfte der Offiziumsgesang sich einer ruhigeren 
und stetigeren Entwicklung erfreuen, als derjenige der Messe, zu- 
mal der antiphonische, der von Hause aus nicht Aufgabe der Solisten, 
sondern der ganzen kirchlichen Gemeinschaft war. 

In der Messe ist der Chor, der die antiphonischen Gesänge 
ausführt, der eigens dazu bestellte Gesangchor, der sich aus 
Sängern von Fach zusammensetzt. Die Folge davon war, daß die 
Antiphonie in der Messe eine melodisch reizvollere Form erhielt, 
als im Offizium, wo sie immer eine große Vorliebe für syllabische 
Melodiebildung zur Schau trägt. Den Chorgesängen der Messe 
sieht man es an, daß der Chor, dem sie zugeteilt sind, schwerere 
Aufgaben leicht bewältigen könne; ihr Stil ist der interessante 
Mischstil von syllabischer und halbmelismatischer Melodik. Das 
gilt sogar von den psalmodischen Formeln des Inlroitus und der 
Communio, die bei allerrezitativischen Textaussprache eines gewissen 
melodischen Reizes nicht entbehren. Jedoch war in den Zeiten, 
aus denen unsere ältesten Choralhandschriften stammen, das litur- 
gische Gefühl bei den Sängern noch stark genug, um sie davon 
abzuhalten, auf diesem Wege weiter zu gehen, als es ohne Preis- 
gabe des antiphonischen Charakters möglich war. Nie reichen die 
antiphonischen Meßgesänge in das Gebiet des Sologesanges hinein^, 
die Grenze, die beide voneinander trennt, ist nie überschritten 
worden. Im übrigen kann man es auch nur geziemend linden, 

1 Diese Entwicklung ist begreiflich von der Zeit an, wo die liturgischen 
Gesangstexte auch von dem Zclcbranten am Altare gesprochen wurden, was 
ganz von selbst eine Lockerung des Bandes zwischen Altar und Sängerchor 
zur Folge halte, indem nunmehr der Gesangchor nicht mehr wie bisher ein 
wichtiges, ihm allein angehöriges Pensum der Meßfeier leistete. Ich werde 
auf diesen Punkt noch im Zusammenhang zurückkommen. 

- Das OfTertoriuu) bildet nur eine scheinbare Ausnahme; vgl. oben S. 108. 



Der OiTiziuinsgesang im MiUelalter. 143 

daß die Antiphonie sich festlicher schmückt, wenn sie im Zentrum 
der christlichen Gottesverehrung auftritt. 

hu Offizium hat der Soiosänger fast nur in den Nokturen zu 
tun: sonst verläuft es in steter Abwechslung der beiden Chöre, in 
die sich Kleriker und Münche zusammengestellt haben. Keiner 
darf hier hervortreten, alle Formen sind so gestallet, daß sie 
jedermann zugänglich sind, auch solchen, die sich weder durch 
schöne Stimme, noch auch durch gesangliche Geschicklichkeit aus- 
zeichnen. Das war die Signatur der antiphonischen Psalmodie von 
Anfang an; sie hat diesen Charakter im Offizium nie aufzugeben 
brauchen. Gerne sind die Antiphonen überaus einfach komponiert, 
nur eine oder zwei Noten kommen auf eine Silbe, selten drei; 
viele sind ganz syllabisch, diejenigen für die gewöhnlichen Tage 
ohne Festcharakter. Ihre melodische Bedeutung beruht darauf, 
daß sie die folgende Psalmformel vorbereiten, sie sind wie ein 
Vorspiel dazu'. Ihrer melodischen Anlage entspricht diejenige der 
Psalmformel, die nichts anderes ist, als ein Typus, der sich von 
selbst einstellt, wenn mehrere denselben Text zu gleicher Zeit aus- 
sprechen, ganz anspruchslos und jedermann erreichbar, von einer 
lapidaren Einfachheit und Schönheit, die — und das ist in hohem 
Grade bewunderungswürdig — trotzdem sie unveränderlich bleibt 
und allen Versen desselben Psalmes umgehängt wird, nie lang- 
weilig und ermüdend wirkt. Die antiphonischen Psalmtöne des 
Offiziums gehören zu jenen elementaren Schöpfungen, die auf ihrer 
Reise durch die Jahrhunderte nichts an Frische und Kraft verloren 
haben; noch immer sind sie imstande, Millionen zu erfreuen und 
zu Gott zu erheben. 

Es ist bemerkenswert und ein Beweis für die Herrschaft, 
welche die melodische Eigenart der Antiphonie über das ganze 
Offizium ausübt, daß die einfache rezitativische Weise auch dann 
zur Anwendung kommt, wenn einmal ein Einziger als Vertreter 
aller auftritt (abgesehen natürlich von den Sologesängen, die auf 
die Lektionen folgen), wie dies z. B. bei den Versikeln geschieht; 
auch das Responsoriolum steht, wie wir gesehen haben, ganz im 
Banne der Ausdrucksweise der Antiphonie. Nur zweimal in jedem 



1 Amalar, de offic. IV, 7: Antiphona inchoatur ah uno uniiis chori, et 
ad eins symphoniam psalmus cantatur per cluos choros. Ipsa enim 
[i. e. antiphona] eoniunguntiir simiil duo chori. (Migne, Palr. Lat. CV, -IISO.) 
Im 9. Kap. seiner Erlilärung der ßenediktinerregel nennt Perez die Antiphonen 
*claves et indices, ad qtiorum modulationem ac sonum seqiiens canticum 
psalmusqtte alternatit?i cantatur. Toiitis enim totius psalmi ex tono anti- 
plionac sumituri.. Ortique, Diciionnaire du plain-chant, S. 133. 



144 ^'t; Entwicklung des anliplionischen Ofliziuaisgcsangos. 

Offizium erhebt sich diese zu einer größeren Feierlichkeit, bei den 
Antiphonen, die mit den Ganlica verbunden sind, in den Laudes 
zum Benedictus und in der Vesper zum Magnificat. Die melodische 
Fassung der Antiphone wie der Psalm formet des Canlicums nähert 
sich derjenigen des Introitus und erfreut besonders an Festtagen 
durch eine große Schönheit; es sind IMeisterwerke von einer die 
Stimmung des Festes kraftvoll zusammenfassenden Prägnanz und 
hervorragend durch eine sich mit Liebe in den Text versenkende 
und doch der Erhabenheit und Grüße nicht entbehrende Melodie. 
Warum hier ein von den andern Antiphonen sich so abhebendes 
Lied? Den Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liefert uns 
wieder die Liturgie. Diese Cantica stellen den liturgischen Höhe- 
punkt der Feier dar. Jeder Katholik kennt die erhabenen Zeremonien, 
mit denen der Offiziant sie begleitet. Wie der Weihrauch am Feste 
den Altar einhüllt und alles mit sich nach oben zu ziehen scheint, 
so entringt sich dem Herzen der Sänger ein reicheres Lied, das 
noch höher als der Duft des Weihrauches es vermag, steigen und 
dem Allerhöchsten die Anbetung selbst darbringen möchte. Wer 
einmal auch nur in einer armen Dorfkirche einer feierlichen Vesper 
beigewohnt hat, wird nie den Eindruck vergessen, den die auf 
einmal erwachende Begeisterung des gemeinen Mannes auf ihn 
macht, wenn vom C.hore her das Magnificat angestimmt wird. 
Jeder erhebt sich in heiliger Freude, und mit dem Körper der 
Geist. So war es auch im Mittelaller. Die Handschriften des 
Offiziums enthalten äußerlich den Hinweis auf die Sonderstellung 
dieser Antiphonen, indem sie ihnen einen hesonderen Namen geben, 
Äntiphona ad Canticuni, ad Benedictus^ ad Magnificat^ oder ad 
Evangelium, auch in Eoangelio. 

Daß über der Offiziumsantiphonie ein günstigeres Geschick 
waltete, als über derjenigen der Messe und der ganzen Galtung 
des Cantus responsorius, zeigt sich darin, daß in der Hauptsache 
wenigstens die Antiphone. immer von einem vollständigen Psalm 
gefolgt blieb. In dieser Beziehung hat sich das ursprüngliche 
Aussehen der Antiphonie nicht wesentlich geändert. Ganz spurlos 
sind jedoch auch an ihr die Veränderungen nicht vorübergegangen, 
welche schon das frühe Mittelalter am liturgischen Gesänge vor- 
nahm und die, wie wir sahen, sich vorzüglich als Kürzungen des 
gesungenen Textes darstellen. Das Verhältnis der Antiphone zum 
Psalm hat sich etwas verschoben und damit der Organismus der 
Psalmodie sich verändert. Die ursprüngliche Form der Antiphonie 
bedingte die Wiederholung der Antiphone nach jedem Vers. Viel- 
leicht hat ein derartiges Ineinanderschlingen eines kürzern und 



Der Offlziumsgesang im MiUelaller. 145 

eines längern Gesanges seinen Ursprung in Praktiken der griechischen 
Musik der nachchristlichen Zeit; jedenfalls liegt in dem Namen 
»Antiphonie« die Gewähr irgendeines Zusammenhanges mit der 
griechischen Musik. Die Wiederholung nach jedem Verse halte 
das Resultat, daß jeder Psalm von dem in der Antiphone zum 
Ausdruck gebrachten Festgedanken durchleuchtet wurde; die Anti- 
phone hob immer wieder den Gesichtspunkt hervor, unter dem am 
betreffenden Tage der Psalm zu begreifen war, von dem eigen- 
tümlichen künstlerischen Reize dieser Struktur nicht zu reden. 
Diese archaische Übung muß sich lange erhalten haben; denn sie 
war noch lebendig, als der Gesang des Offiziums in der römischen 
Kirche geordnet und fixiert wurde, also, wie sich zeigen wird, um 
600. Die Praxis des ganzen Mittelalters, ja noch der neuern Zeit, 
in bezug auf das Verhältnis der Psalmodie zur Antiphone hat die 
Wiederholung dieser nach jedem Vers zur Voraussetzung. Um 
nämlich das Ende der Psalmformel und den Anfang der Antiphone 
passend miteinander zu verbinden, hatte man sogar für die Psalm- 
töne derselben Tonart verschiedene Schlußformeln, je nach dem 
Anfange der Antiphone, die sogenannten Differenzen. Da diese 
nicht nur am Ende des letzten Psalmverses, also des Sicut erat, 
sondern am Ende aller Verse angebracht wurden, so muß die 
Antiphone ursprünglich nach jedem Verse wiederholt worden sein. 
Ein derartiges Verfahren verlängerte natürlich die Dauer eines 
Psalmes und noch mehr die einer ganzen Gebetstunde i. Zuerst 
fiel darum die Wiederholung im Tagesoffizium fort, da man doch 
nicht den ganzen Tag nur mit Psalmodie ausfüllen konnte; so 
erklärt sich die Vorschrift der Regel des hl. Benedikt (vgl. S. 27), 
unter Umständen die Tageshoren ohne Antiphonen zu singen. Von 
da aus drang der Gebrauch, die Antiphone nicht mehr nach allen 
Versen zu wiederholen, in die Matulin und die Landes. Die Spuren 
der ursprünglichen Antiphonie verfolgen indessen das Offizium 
durch das ganze Mittelalter bis in die neuere Zeit hinein. Amalar 
erwähnt, wo er die Zusammensetzung des gewöhnlichen Nacht- 
offiziums beschreibt, sechs Antiphonen, die nach jedem Vers von 
den beiden Chören abwechselnd wiederholt wurden 2. Andererseits 



1 Man vgl. die Bemerkung Cassians oben S. 33. 

2 Amalar, de ord. Anliph. 3. (Migne, Patr. Lat. CV, 1251.) Gleichzeitig 
mit ihm ist der Bericht eines Anonymus an den Rcgensburger Bischof Batterich 
(um 814), der die Ui'sachc der Abschaffung der Wiederholung der Antiphone 
nach jedem Vers angibt und der liturgischen Haltung des damaligen süd- 
deutschen Klerus kein schönes Zeugnis ausstellt: Contmgit eimn, me multa 
peracjrando loea, audisse divina Officia inordinate et sine oiiditiis deledatione 

Waguer, Gregor. Melod. I. 40 



146 r>ie Entwicklung des antiphonischen Offiziumsgcsanges. 

führte man noch später die Repetition nach jedem Vers gelegentlich 
wieder ein, wenn man die Dauer des Offiziums verlängern wollte, 
wie es die Cluniazenser mit den Antiphonen in der Matutin des 
hl. Martin machten K Viel später noch liehte man an Festtagen 
die Ganticaantiphon in den Landes und der Vesper dreimal zu 
wiederholen, also im ganzen viermal zu singen, vor dem Gloria 
Patrii vor und nach dem Sictit erat. Man hatte dafür die Be- 
zeichnung triumphare oder triumphaliter cancrc^ welche sowohl die 
dreimalige Wiederholung {ter fari) wie auch ihren festlichen Charakter 
schön andeutet^. Schon der Bischof Durandus von Mende (1 3. Jahrh.) 
spricht von diesem Gebrauche als von einer eingebürgerten Sitte 3. 
Sie war ein Rest der alten Antiphonie. Derartige Gewohnheiten 
sind ein beredtes Zeugnis für die Freude, die man an schön- 
gegliedertem liturgischem Gesänge hatte. 

Es kam auch vor, daß man die Antiphone nicht einfach von 
einem oder beiden Chören zusammen vortragen ließ, sondern sie 
in einzelne Stücke teilte, die dann von den beiden Chören der 
Reihe nach abwechselnd gesungen wurden. Man nannte dies y>ad 
Äntiphonam resjwnckre« ^. Eine solche Responsio war in der Peters- 
kirche zu Rom üblich an Epiphanie, am Feste des hl. Petrus; be- 
sonders klar ist die Rubrik für die Matutin von Weihnachten: »zu 
allen Antiphonen der Vigil antwortet ein Chor dem andern, und 
so singen wir alle Antiphonen vor, innerhalb der Psalmen (wo es 



celehrari. Sunt namque nonnuUi, qui tantum ob vereciindiatn hominum, ne 
forte ignavi ab ipsis judicentur, intrantes Eeclesiam, sine Antiphonis cursim 
et cum omni velocitate, ut citüts ad curam earnis exeant peragendam, divinis 
neglegenter assistunt laudibus, cum in mundanis studiosi habentur operibus. 
Qui nescitmt, quia sancti doctores et eriiditores Ecclesiae, sancto Spirifu et 
gratia dei repleti, instituerunt modulationem in Antiphonaritm vel Respon- 
soriorum repetitione honestissimam , quatenus hac dulcedine audientium 
animus delectafus, ad dei laudes et amorem coelcstis patriae ardentius ascen- 
deretur. (Migne, Patr. Lat. CXXIX, 1399.) 

1 In der Vita des hl. Odo von Clugny, die von seinem Schüler Johannes 
herrührt, heißt es: quia eiusdem officii (des hl. Martin) antiphonae uti omnibus 
patet, breves sunt, et eius temporis longiores noctes, volentes Officium ad lucem 
usque protrahere, unamquamquc äntiphonam per singulos psalmorum versus 
repetendo canebant. Tommasi, 1. c. 66. 

2 Gerbert, de cantu I, 504. 

3 Durandus Rationale 3, 8: unde mos inolevit, quod in praecipuis festi- 
vitatibtis antipliona ad Magnificat et Benedictus ter dicittir, sive toties canendo 
protelatur. Gerbert, ebenda. 

4 Mit dorn Cantus responsorius hat diese Bezeichnung natürlich nichts 
zu tun. 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 147 

sein muß) und am Ende, nach dem Gloria und dem Sicut crat^«. 
Die Teilung der Antiphone in mehrere Stücke war aber nicht nur 
in Rom bekannt; ein Ordinarium Rotomagensis Ecclesiae^ (Reuen) 
schreibt für die Magnificatanliphone der ersten Vesper der Assumptio 
B. Mariae vor, daß sie dreimal repetiert werden soll (wie wir sahen, 
bezieht sich dies auf die Wiederholung vor und nach dem Gloria 
und nach dem Sicut erat); jedesmal soll die Antiphone in vier Teile 
zerlegt werden: der rechte Chor beginnt: Äscendit Christus und 
singt bis et haee est illa] der linke fährt fort bis in qua gloriosa, 
der rechte wieder bis quo pia, der linke singt den Rest. Besonders 
bei grüßern Antiphonen wirkt eine solche Abwechslung in der 
Ausführung erfrischend 3. 

Der Modus, die Antiphone nach allen oder mehreren Versen 
zu wiederholen, wirkt nach bis auf die Gegenwart beim einleitenden 
Gesänge der Matutin; nach jedem Abschnitte des Psalmes Venite 
exsultcmus wird die Antiphone, die hier Invitatorium heißt, ganz 
oder teilweise repetiert. Dasselbe ist der Fall in der 3. Nokturn 
von Epiphanie, in welcher die Antiphone Venite exsultemus mehrmals 
innerhalb des folgenden Psalmes zu wiederholen ist. Im Grunde 
sind beide Beispiele identisch, da es sich um denselben Psalm 94 
handelt*. 

Der letzte Ausläufer dieser Art der Anliphonie ist die gegen 
Ende des Mittelalters herrschende und durch das Brevier des Konzils 
von Trient gesetzlich festgelegte Übung, die Antiphone vor und nach 
dem Psalm zu singen. 

Ein aus der heutigen Liturgie gänzlich verschwundener, im 
Mittelalter sehr behebter Gebrauch ist es, ein Canticum nicht mit 
einer einzigen, sondern mit mehreren Antiphonen derart zu ver- 



1 Tommasi, 1. c. XI, S. 37; vgl. auch S. 47 für Epiphanie: hodie ad onines 
Antiphonas respondemus, und S. 121 : in festo S. Petri ad omnes Antiphonas 
Vigiiiae respondemus. 

2 Tommasi, 1. c. 62. 

3 Man mache einmal den Versuch und lasse die Antiphone Hodie Christus 
natus est der Weihnachtsvesper folgendermaßen singen: \. Chor: Hodie Christus 
— apparuit; 2. Chor: hodie in terra — Archangeli; — 1. Chor: hodie exsid- 
iant — dicentes; beide Chöre: Gloria bis zum Scliluß. 

4 Eine interessante Rubrik über den Vortrag der Antiphone Venite ado- 
remus in der genannten Nokturn von Epiphanie enthält das kostbare Franzis- 
kanerbrevier Cod. 540 des Ludw. Rosenthalschen Kataloges 102 (heute im 
Franziskanerkloster zu München) : Post omnes diios versus psahni reiteretur 
antiphona ; sed cum venimus ad proprium locum praedictae antiphonae, alte 
chorics hane eandem cantat et semper reincipitur a praedieto choro versus 
psalmi et antiphonae semper altius incipiendo usque ad Gloria Patri et Sicut 
erat, et iterum magis altius antiphona cantatiir in finein antiphonae. 

10* 



148 Die Entwicklung des antiphonischen Offiziumsgesanges. 

binden, daß nach jedem Vers eine andere Antiphone gesungen wird. 
Man darf darin nicht den Ausfluß einer gewissen liturgischen Un- 
gebundenheit erblicken, wie sie im ausgehenden Mittelalter gelegent- 
lich einriß, sondern wir haben hier eine Form vor uns, die mit 
der ursprünglichen Antiphonie verwandt, ja sicher eine ihrer ältesten 
Praktiken ist. Das geht nicht nur daraus hervor, daß die griechische 
Liturgie des Mittelalters ähnliches kennt', und gerade die ältesten 
Offiziumshandschrilten manche Beispiele dafür enthalten, sondern 
auch aus dem Namen, mit dem man sie belegte; man hatte dafür 
den Ausdruck antiphonare'^. »Heute antiphonieren wir«, dieser 
oder einer ähnlichen Rubrik begegnen wir in den Handschriften. 
Ein Offiziumsgesangbuch des i 0. Jahrhunderts in der Vatikanischen 
Bibliothek 3 notiert zum Magnificat der Weihnachtsvesper folgende 
Antiphonen : 

Ant. Gloria in excelsis deo. 
Virgo verho Goneepit. 
Nesciens mater virgo. 
Nato domino angelorimi. 
Natus est nobis. 

Sie wurden abwechselnd zwischen die Verse des Magnificat 
eingelassen. Eine Handschrift des i 1. Jahrhunderts hat eine noch 
interessantere Verschlingung solcher Antiphonen mit dem Canticum. 
Das Magnificat der Karsamslagsvesper ist dort, wie gewöhnlich, 
durch die Antiphone Vespere autem Sabbati eröffnet; zwischen die 
(das Gloria und Sicut erat eingerechnet) 1 2 Verse sind noch I 1 andere 
Antiphonen eingelassen, kleinere Sätze, mit Allehija endigend, welche 
die Begebnisse der Auferstehung in prägnanter Kürze vorführen. 
In das Magnificat ist die ganze Auferstehungsgeschichte eingestreut, 
gewiß eine interessante Art, das Canticum der Mutter Gottes in 
die Osterstimmung hineinzusetzen ^. 



1 Beispiele bei Tommasi, 1. c. XI, pi-aef. 70. 

~ Also in dem von Tommasi, 1. c. XI Iierausgogebenen Antiphonar von 
St. Peter in Rom, S. 21, 36, 41 u. a. 

3 Gerbert, de canfu I, 503. Älmiichcs zu den Laudcs und der Vesper 
von Epiphanio. 

4 Tommasi, 1. c. praef. 87. Man kann diese Vortragsweise überall da 
supponieren, wo in den Handschriften mehrere Antiphonen für ein Canticum 
angezeigt sind, wie z. B. in dem aus dem 9. Jahrh. stammenden Responsale 
Gregorianum bei Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 726 IT. 



Ant. 



Der Offiziumsgesang im Miüelalter. 


Vespere autetn Sabbati. 


Ps. 


Magnificat. 


Et ccce terrae motus. 




Et exsultavit. 


Angelus auteni Domini. 




Quia respexit. 


Erat auteni aspectus. 


T. 


Quia fecit mihi. 


Prae timore autcm. 




Et misrricordia . 


Respondens autcm Angelas. 




Fecit p)otentia))i. 


Venite et videfe. 




Deposuit potentes. 


Cito euntes dicite. 




Esuricntes implevit. 


In Galilaea Jesiau. 




Susccpit Israel. 


Nolite expavescerc . 


y. 


Sicut locutus est. 


Et valde mane. 




Gloria Patri. 


Et dicebant ad invicem. 




Sicut erat. 



149 



Die Versus ad repetendum^ welche wir l^ei dem Introitus 
und der Communio der Messe kennen gelernt haben, gab es auch im 
Offizium; sie sind auch hier immer an die antiphonische Psal- 
modie gebunden; einen solchen Versus zu einem llesponsorium 
gibt es nicht. Seine Behandlung wie auch sein Verhältnis zu dem, 
was vorausgeht, ist jedoch im Offizium und in der Messe nicht 
ganz gleich. In der Messe ist der Versus ad repetendiim eine Art 
Ersatz für den gekürzten Psalm und daher fast immer diesem 
entnommen; im Offizium ist er nichts als ein Zusatz, der den 
Zweck hat, den Charakter des Festes besonders hervortreten zu 
lassen. Er steht darum in keiner Beziehung zu dem Psalm, der 
vollständig vor ihm gesungen wird, wenn er auch dessen Melodie 
adoptiert, er gehört vielmehr zur Antiphone, indem er wie diese 
seinen Text dem Feste selbst anpaßt. Wichtig ist auch, daß die 
Versus ad repetendum im Gegensatz zur Messe, die sie das ganze 
Kirchenjahr zuließ, im Offizium nur ganz ausnahmsweise erscheinen. 
Unsere ältesten Meßgesangshandschriften haben für jeden Introitus 
und jede Communio einen solchen Vers, vielfach sogar mehrere; 
in den Handschriften des Offiziumsgesanges begegnet man ihnen 
nicht so oft; nie auch ist es mehr wie ein Vers, der dem Psalm 
angefügt wird. Eines der ältesten Offiziumsgesangbücher, das 
Antiphonarium des Hartker in St. Gallen (Cod. 390-391) hat deren 
für manche Heiligenantiphonen i. Die hier folgenden Beispiele sind 



1 Man vgl. Cod. St. Gallen SHO— 391 ;ich zitiere nach der phototypischen 
Ausgabe der Paleographie Musicale, Seriell, Bd. I', S. 284ff., wo die sämt- 
Hchen Antiphonen des Offiziums S. Pauli ihre J. haben, und S. 289fr., die 
Antiphonen der ersten Vesper und der Matutin vom hl. Laurentius. Auch die 
im Archiv des Ordens zu Rom verwahrte Urhandschrift des Chorals der 
Dominikaner hat für die Nokturnen und Laudcs der Conversio S. Pauli obige 



150 Die Entwicklung des antiphonischen Offiziumsgesanges. 

der Handschrift Cod. lat. 12044 der Pariser National- Bibliotliek 
(12. Jahrhundert) entnommen. Dieselbe hat für die Matutin der 
Conversio S. Pauli (fol. 51 ff.) folgende Antiphonen mit ihren Psalmen 
und Versen: 

Ant. Saulus adhuc sjnrans. Ps. Goeli cnarrant. V. Paternariim 
traditionum anipliiis acinulator existens. 

Ant. Ibat igitur Saulus. Ps, Bencdicam. y. Et cum iter faceret, 
contigit ut a2)propmquaret Damasco. 

Ant. Et subito circumfulsit. Ps. Eructavit. Y- Audivit auteni 
vocem dicentem sibi: Saide, Saule, quid me persequeris? 

Ant. Säule, Säule, quid me. Ps. Omnes gentes. y. Sed surge 
et ingredere civitatem et dicetur tibi quid te oporteat facere. 

Ant. Viri autem qui comitabantur. Ps. Exaudi. y. Saulus 
autem cadens in terra apertisque oeulis nihil videbat. 

Ant. Paulus autem. Ps. Exaudi deus. f. Viri auteni qui 
comitabantur cum eo stabant stupefacti. 

Daß die Verse in unserem Falle späterer Zusatz sind, geht 
aus ihrem Verhältnis zu den Antiphonen hervor; diese folgen der 
Darstellung der Apostelgeschichte (Kap. 9); die Versus jedoch ent- 
halten nicht nur überflüssige Wiederholungen, sondern verkehren 
auch die Reihenfolge der Ereignisse ^ 

Solche Versus treten auch bei den Antiphonen ad Cantica auf, 
was sich leicht damit erklärt, daß die feierlichen Zeremonien, 
welche während derselben vorgenommen wurden (Incensieren des 
Altares, der Kleriker oder Mönche) vielfach einen längern Gesang 
erforderten. Auch hier steht der Vers immer in logischem Zu- 
sammenhang mit der Antiphone. In Rom z. B. fügte man im 
12. Jahrh. der Antiphon Spiritus sanctus in te descendet (Landes 
des 1. Adventsonntags) nach dem Benedictus den y. hinzu: Et 
ingressus angelus ad eam dixit. Offenbar folgte hier wieder die 
Antiphon Spiritus sanctus-. Noch ein Venediger Antiphonar 1489 
hat am Feste des hl. Paulus einen solchen Versus nach dem 
Magnificat ^. 



Antiphonenverse, dazu noch acht weitere. In der ambrosianischcn Liturgie 
hießen diese Antiphonen Antiphonae duphces. Vgl. die Paleographie Musicale 
tom. VI, S. 3 6 ff, und IX, S. 49*. 

1 Cod. 12044 enthält fol. 124 ff. solche T. für die Laudesantiphonen de 
S. Trinitate, fol. 154 ff., für die Nokturnantiphonen der Commem. S. Pauli, wie 
auch des Festes des hl. Laurentius (fol. 4 72). 

2 So im Antiphonar von St. Peter bei Tomuiasi, 1. c. 21 ; vgl. auch S. 2G1. 

3 Tommasi, 1. c. praef. 64. Wollte man vom heutigen Standpunkte aus 
urteilen, so müßte man derartige Zusätze zu den offiziellen Bestandteilen der 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 151 

Erst in den liturgischen Schriften und Gesangbüchern vom 
12. Jahrh. an machen wir die Bekanntschaft eines andern Mittels, 
die Canticaantiphonen nach Bediafnis zu verlängern; es wurde der 
letzten Silbe der Antiphone einfach ein längeres Melisma, das sog. 
Pneuma, angehängt. Dies Verfahren, welches übrigens nicht all- 
gemein üblich war, sich aber bis ins IG. Jahrb. erhielt, zeugt von 
dem allmählichen Schwinden des Gefühles für die Wechselwirkung 
von Liturgie und Gesang. Melismen widerstreben dem Chor-, dem 
antiphonischen Gesang; wenn in früherer Zeit Antiphonen melis- 
malisch ausgestattet wurden, so verstand es sich ganz von selbst, 
daß sie von da an den Solisten überlassen wurden, wie dies 
bezüglich des Offertoriums der Messe gezeigt wurde. Es ist von 
Wichtigkeit, festzuhalten, daß die Antiphonenmelismen im Offizium 
nichts mit seiner ursprünglichen Organisation zu tun haben, sondern 
spätere und ungehörige Zulat waren. Bei den Responsorien haben 
Melismen gar nichts Auffälliges und sind denn auch, besonders für 
die letzten Responsorien der Matutin, reichlich verwendet worden. 
Die Antiphonen mit der Vokalise auf der letzten Silbe scheinen 
besonders in Deutschland und l^'rankreich sehr beliebt gewesen zu 
sein; eine Synode von Worms 1316 spricht von ihnen als einer 
gewohnten Übung i. Es fehlte aber auch nicht an einsichtsvollen 
Stimmen, welche sich dagegen erhoben; verschiedene französische 
Synoden des 1 6. Jahrh. suchten sie abzuschaffen und das Offizium 
von diesem Auswuchs zu befreien, so diejenige von Cambrai 1565 
und Besancon 1581 ^. 

Beim Gesang der Antiphonen und der damit verbundenen 
Psalmen standen die beiden Chöre der Kleriker und der Mönche, 
wie noch heute, das Gesicht einander zukehrend, also nicht dem 



Liturgie wohl als unliturgisch bezeichnen. Ein solches Urteil würde jedoch 
dem Charakter der mittelalterlichen Liturgie wenig gerecht; damals waren die 
liturgischen Formen blühendes Leben und Fluß, weit entfernt von der Er- 
starrung, die eine unabweisliche Folge der liturgischen Zentralisation des 
16. Jahrh. wurde. 

1 Quotiescunque matutinae dicuntiir cum 3 vel 9 Icctionibiis, fmulis 
iubilus, qui dici consuevit, in fme antiphonaruni obmittatiir. Gerbert 
de cantu I, 338. 

~ Besonders die Synode von Besangon spricht sich energisch gegen diese 
Zutaten aus, fügt dann aber mit Rücksicht auf die rechtmäßigen, in den 
Büchern von alters her enthaltenen Melismen hinzu: Qui pneumatis riium 
contemnunt, ipsi turpiter desipiunt, ein Satz, der die Ansicht widerlegt, man 
habe sich im 1 6. Jahrh. nach einer Kürzung der reichen Gesänge gesehnt. 
Vgl. Gerbert, de cantu I, 506 und II, 184 und R. Molitor, die Nach-Tridentinische 
Ciioralreform zu Rom, Bd. I, S. 28 ff. 



152 Die Entwicklung des antiphonischen Offiziumsgesanges. 

Altare zugewandt i. Das Anstimmen der Antiphone wurde in den 
Klöstern, nach Vorschrift der Regel des hl. Benedikt, von den 
München der Reihe nach, vom Abt angefangen, besorgt (vgl. oben, 
S. 27). In den Weltkirchen, in denen der Sängerchor nach und 
nach auch den antiphonischen Gesang sich aneignete, wurde, wie 
wir von Amalar erfahren 2, die erste Antiphone vom ersten Sänger 
des einen Chores, die zweite vom ersten des zweiten Chores into- 
niert. Der ganze Chor führte die Antiphone zu Ende, und dann 
kam der Psalm. 

Die Texte der Antiphonen gehören entweder den hl. Schriften 
an oder der ältesten christlichen Literatur, den Acta Martyrum und 
den Vitae Sanctorum^. Jene sind gebildet durch das Wort ^//c/?ya, 
oder dem Psalm bezw. Canticum, das auf sie folgt, oder andern 
Teilen der Bibel entnommen. Daß die allelujatischen Antiphonen 
besonders die Offizien der österlichen Zeit ausfüllen, ist begreiflich 
und schon in der Benediktinerregel vorgesehen (Kap. 15'*). Eine 



1 Durandus, Rationale 5, 2, 30. Tommasi, 1. c. 69. 

2 De off. IV, 7. (Migne, Palr. Lat. CV, H80.) Dagegen scheint mir die 
Ansicht des Tommasi, die Antiphone sei vor dem Psalm zweimal gesungen 
worden, von jedem der beiden Chöre einmal, nicht haltbar, wenn es auch 
derartiges in der mozarabischen Liturgie gab; dort lautete z. ß. die Antiphone 
zur Prim das ganze Jahr hindurch : Praevenerunt oaili tnei, deus, ad te 
dilueulo, ut meditarcr eloquia tua. Sie wurde wiederholt, worauf die niozara- 
bische Doxologie V. Gloria et honor, wieder die Ant. Praercnermit und cndiicii 
der Psalm folgte. 

3 Gevaert, Melopec anliquc dans Ic chant de l'cglise latine, S. I .'59 ff., 
stellt eine Chronologie der Antiphonen auf, die durch manche interessante 
Beobachtung zur Geschichte des Offiziums lehrreich ist, aber doch Einwände 
zuläßt. Die Anführung einer Antiphone in einem Dokumente berechtigt noch 
nicht zu dem Schluß, daß sie nicht schon vorher könne existiert haben. 

* In den ältesten Handschriften ist der Sonntag Septuagesimae noch ein 
allelujatischer. Das von Migne, Patr. Lat. LXXVIII abgedruckte Antiphonar 
aus dem 9. Jahrh. (S. 747) hat für die Antiphonen der Matutin eine große 
Anzahl Ällehija vorgesehen. Als man den Sonntag in die Bußzeit hineinzog, 
sang man das Alleluja nur mehr am Tage vorher, dafür aber um so öfter. Der 
M. Ordo Rom. aus der ersten Hälfte des 12. Jahrh. hat die Rubrik: Sabbafn 
Septuagesimae ad Vespermn tacctur Ällehija. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 1 037.) 
Einer der lieblichsten Riten der mittelalterlichen Liturgie ist die Verabschiedung 
des Alleluja. Schon die Handschriften des 10. Jahrh. kennen den weitver- 
breiteten Hymnus AUeluia didce carmen, der beklagt, daß nunmehr der Freuden- 
ruf verstummen solle und mit der Hoffnung auf das ewige Alleluja im Himmel 
schließt: Quo tibi laeti canatnns AUeluia perpetim. In vielen Kirchen wurde 
diese Verabschiedung mit eigenen Zeremonien umgeben. Die Kirche von 
Auxerre hatte sogar ein eigenes Officium alleluiaticum, in welchem z. B. die 
Antiphone zum Magnificat der ersten Vesper lautete: Mane apiul nos hodic^ 
AUeluia, AUeluia, et crastina die proßeisceris, AUeluia, AUeluia, AUeluia; 
et dum ortus fuerit dies, aynhidahis vias tuas, AUeluia, AUeluia, AUeluia. 



Der Offiziumsgesang im Mittelaller. 153 

eigentümliche Klasse von Antiphonen sind diejenigen, welche aus 
Worten des darauffolgenden Psalmes oder Canticums gebildet sind. 
Man darf sie nicht auf dieselbe Stufe stellen, wie die allelujatischen 
und die andern Antiphonen; sie scheinen aus der Psalmodie in 
directum hervorgegangen zu sein, bei der ebenfalls eine Angabe der 
Tonhöhe der Psalmformel notwendig war, die dann durch den 
ersten oder einen andern Vers des Psalmes oder Canticums erfolgen 
konnte. Innerhalb des Psalmes und am Ende brauchte dann keine 
anliphonische Wiederholung einzutreten. Man erinnere sich des 
noch heute in der Sonntagsvesper vorgeschriebenen Gebrauches, 
das Dixit dominus anzustimmen, wo Antiphone und Psalm eines 
und dasselbe sind; hier läßt sich der Hervorgang aus der Psalmodie 
in directum beweisen. Die Melodie der als Intonation der Antiphone 
dienenden Worte Dixit dominus ist nämlich nichts anderes als der 
Anfang der ältesten Psalmformel des 7. Tones. So hat der Psalm 
eine Antiphone eigentlich erst am Ende, nicht schon im Anfang, 
ist also ein Gantus in directum. Ähnliche Beispiele enthält das 
Tommasische Antiphonar von St. Peter mehrere, z. B. ' : 

Ant. Confitebor tibi domine in toto corde meo. Ps. In consilio. 
Miserere mei deus. Ps. Secimdum. 
Credidi ])ropter quod locutus su)». Ps. Ego autem. 
Die aus den Martyrerakten oder den Lebensbeschreibungen der 
alten römischen Heiligen stammenden Antiphonentexte bilden den 
jüngsten Bestandteil der mittelalterlichen Antiphonensammlung. 

Die ältesten Offiziumshandschriflen enthalten eine Reihe von 
Antiphonen, die sich als Paraphrasen einiger Gantica erweisen, des 
Gant, trium puerorum Benedicte omnia opera, des Gant. Zachariae 
Benedictus dominus deus Israel und des Magnificat, und die dem- 
nach Antiphonae de prophetia Zachariae und de hymno S. Mariae 



(Vgl. Blume in den Stimmen aus Maria Laach, Bd. 5-2, S. 429 ff.). Gegen Ende 
des Mittelalters bemächtigte sich das Volii d:eses Gebrauches, und er begann, 
wie so manche aus einer sinnigen Auffassung der Liturgie entsprungene kirch- 
liche Übung, zu entarten. In Toul z.B. wurde im i 5. Jahrb. das Alleluja am 
Tage vor Septuagesima »begraben«. Die Statuta dieser Kirche aus dem 
15. Jahrli. bemerken: Sabbato Septuagesimae in nona conveniunt piieri chori 
feriati in magno vestiario, et iln ordinent sepulturam Alleluja. Et cxpedito 
uno Benedicamiis proecdant cum cnicibus, tortiis, aqua benedicta et incenso, 
portantesque glebam ad modum funeris, transeant per chorum et vadant per 
elaustrum uhdantes usqtce ad locum, ubi sepelitur: ibi aspersa aqua et dato 
incenso ad eorum alter o , redeant eodem itinere. Einen nocli seltsameren 
Gebrauch vgl bei Ortigue, dictionnaire du plain-chant 107. Vgl. weifer die 
Rassegna gregoriana IV S. 97, 133 und 2ö5. 
1 Tommasi, 1. c. XI, S. ü'ä. 



154 DJ<- Entwicklung des antiphonischen Offiziumsgesanges. 

genannt sind. Schon eine Handschrift des 9. Jahrh. (das Responsale 
Gregorianum bei Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 839) führt sie auf. Diese 
Ausweitungen von Ganticatexten sind interessante Denkmäler der 
Freude, die man im Mittelalter an der Liturgie hatte. Ich lasse 
hier die Antiphonae de cantico S. Mariae folgen, so wie sie im 
God. St. Gallen 391, S. 230 enthalten sind: 

Ant. Magnificat anima mca Dominum. 

Magnifwat anima mea Dominum et sanctum nomen eius. 
Magnificat anima mea Dominum. 
Magnificat te semper ani^na mea, deus mens. 
Magnificamus te, domine, quia fecisti nohiscum magnalia, 

sicut locutus es. 
Magnificamus Christum regem dominum, qid superhos hu- 

miliat et exaltat humües. 
Exsultat Spiritus meus in domino deo, salutari meo. 
In deo, salutari meo, exsultavit spiritus meus. 
Exsultavit Spiritus meus in deo, salutari meo. 
Quia respexit deus humilitatem meam, hcatata me dicent 

omnes gencrationes. 
Respexisti humilitatem meam, domine, deus meus. 
Respexit dominus humilitatem tneam et fecit in me magna, 

quia potens est. 
Quia fecit mihi dominus magna, quia potens est et sanrJum 

nomen eius. 
Fecit mihi deus meus magna, quia potens est. 
Sanctum est nomen tuum, dominc, a progenie in progenies. 
Misericordia dei et sanctum nomen eius super timentes eum. 
A progenie in progenies misericordia domine super timentes eum. 
Fecit dominus potentiam in brachio suo et exaltavit humiles. 
Fac deus potentiam in brachio tuo et exalta humiles. 
Deposuit potentes, sanctos persequentes, et exaltavit humiles^ 

Christum conßtentes. 
Exalta domine humiles, sicut locutus es. 
Esurientes replevit honis dominus et potentes divites dimisit 

inanes. 
Suscepit israhel puerum suum, recordatus dominus miscri- 

Gordiae suac. 
Suscepit deus israhel puermn suum, sicut locutus est abraham 

et semini eius et exaltavit humiles usque in saeculum. 
Sicut locutus es ad patres nostros, domine recordare miseri- 

cordiae tuae. 



Der Offjziumsgesang im Mittelalter. 155 

Ad patres tiostros dominus locutus est a progenie in, pro- 

genies. 
Abraham et semen eins usque in saecidum mugnificat 

dominum. 

Noch einiger Galtungen von Antiphonen sei hier Erwähnung 
getan, die in den Handschriften und von den Liturgilcern mit be- 
sondern Namen versehen worden sind; ich meine die Antiphonen 
de cruce, die Antiphonae majores und eine Reihe von allelujatischen 
Antiphonen, die es ursprünglich nicht waren. Die Antiphonen de 
cruce oder ad cruce m stehen nur in dem monastischen und dem 
mailändischen Offizium und beziehen sich auf die Kommemoration 
des hl. Kreuzes, welche diesen Offizien eigentümlich ist; man vgl. 
die Laudes von Weihnachten in Cod. St. Gallen 390 in den Tabellen 
am Ende des nächsten Kapitels. Antiphonae majores sind die 
Antiphonen genannt, die an den letzten Tagen vor Weihnachten 
in der Vesper oder auch in den Laudes gesungen wurden, und 
die alle mit anfangen, weshalb sie auch die 0-Antiphonen heißen. 
Ihre Zahl ist verschieden : die älteste bekannte Offiziumshandschrift, 
das Responsale Gregorianum von Compiegne^ aus dem 9. Jahrb., 
hat deren 9, das St. Gallische Antiphonar des Hartker aus dem 
10. Jahrh. (Cod. 390 St. Gallen) hat 12, ein römisches Antiphonar 
aus dem 12. Jahrh. (von Tommasi herausgegeben) hat 7. Nach 
Amalar2 sang man sie zum Magnificat, also in der Vesper, das 
letztgenannte römische Antiphonar schreibt sie zum Benedictus vor, 
also für die Laudes. Die allelujatischen Antiphonen endlich, 
die ursprünglich mit andern Texten verbunden waren, sind ziemlich 
zahlreich. Ein Beispiel möge die Eigenart dieser Antiphonen er- 
klären: Cod. 12044 der Pariser Nationalbibliothek hat die Melodie 
der Antiphone Ängelus autem domini zweimal ; einmal mit dem 
bekannten Text, mit dem sie noch heute verbunden ist, dann mit 
einem zehnmaligen Alleluja; die Anpassung an letztem Text ist 
Silbe für Silbe vorgenommen; statt der Silben Angchis au — wird 
Alleluja gesungen usw.^ 

Wenn man die ursprünglich in directum, also ohne Antiphonen 
ausgeführten kleinen Tageshoren und die Komplet mit Antiphonen 
ausstattete, nahm man fast immer solche aus den andern Partien 
des Offiziums, besonders der Laudes; daher vermerken viele Hand- 



1 Abgedruckt in der Patr. Lat. LXXVIII. 

2 Migne, Patr. Lat. CV, 1264. 

3 Das Processionale monachicum ed. Solesmes 1893, hat solche alleluja- 
tische Antiphonen S. 218, 223, 228, 231, 232, 236—238, 



156 Die Entwicklung des antiphonischen Offiziumsgesanges. 

Schriften für diese Ilorae gar keine Antiphonen ; oder aber man be- 
gnügte sich mit einer Antiphone für die ganze Hora, selbst wenn sie 
mehrere Psalmen umfaßte. Es kommt auch in den Landes vor, 
daß mehrere Psalmen sub una antiphona gesungen werden, und in 
vielen Offizien der Osterzeit haben die sämtlichen Psalmen als 
Antiphone nur das Wort Allduja. Sonst ist es aber die Regel, 
zumal in den ältesten Bestandteilen des Offiziums, den Nokturen, 
daß jeder Psalm seine eigene Antiphone erhält. 

Es ist nicht ohne Interesse, die Verteilung der Psalmen auf 
die Gebetstunden des Offiziums sich vorzuhalten. Die drei Nokturnen 
benutzen die Reihe von Ps. 1 — 108. bis auf wenige Ausnahmen, 
der Vesper gehören ausschließlich Ps. \ 09 — 1 47 an. Die in keine 
der beiden Reihen aufgenommenen Psalmen verteilen sich auf die 
andern Teile des Offiziums so, daß die Landes die Psalmen 5, 39, 
42, 50, 62, 6 4, 66, 80, 91, 92, 99, 142, 148, 149, 150, die Prim 
Ps. 21—25, 53, 117 und Teile von 118, Terz, Sext und Non die 
verschiedenen Abschnitte von Ps. 118, die Komplet endlich Ps. 4, 
30, 90 und 135 in Anspruch nehmen. Die Nokturn- und Vesper- 
psalmen folgen sich der Reihe nach von Anfang an, die der Landes, 
Komplet und teilweise auch der Prim dagegen nehmen Bezug auf 
den Charakter der betreffenden Gebetstunde, so die Landes auf 
das Morgengrauen oder die Auferstehung des Herrn, die am frühen 
Morgen stattfand. Nokturnen und Vesper sind gleichzeitig geordnet 
worden und nach denselben Grundsätzen; jener wurden die zwei 
ersten Drittel des Psalters, dieser das letzte Drittel zugewiesen. 
Die Ordnung der Psalmen der Laudes ähnelt derjenigen der Prim, 
während die drei kleineren Horae, Terz, Sext und Non, sich zu 
einer andern Gruppe zusammenschließen. Die beschriebene Ordnung 
in der Verteilung des Psalters wird nun heute nur noch an den 
Ferialtagen innegehalten; an den größeren Festen des Herrn wie 
der Heiligen wird die numerische Folge innerhalb der Nokturn- 
und der Vespergruppe verlassen, und solche Psalmen der beiden 
Gruppen werden bevorzugt, welche dem Feste besonders angepaßt 
zu sein scheinen. Ausgenommen sind aber auch davon Terz, Sext, 
Non und Komplet, die während des ganzen Kirchenjahres sich 
unabänderlich aus denselben Psalmen zusammensetzen. Sicher 
liegen in diesen nach verschiedenen Gesichtspunkten vorgenom- 
menen Anordnungen interessante Aufschlüsse verborgen über die 
Entwicklung des Offiziums im allgemeinen i. 

1 Über die Psahnordnung im Mittelalter vgl. Brambach, Psalterium 
(Sammlung bibliothekwisscnschafllicher Arbeiten, herausgeg. von Dziatzko, 
Heft 1 ), S. 1 5, und Cabrol, Livre de la priere antique, S. \ 8 ff. 



Der Ot'fiziumsgesang im Miltelaltor. 157 

Der Gebrauch, Gesänge ohne Psalm oder Psalmvers Antiphonen 
zu nennen, ist verhältnismüßig jungen Datums. Vielleicht ist man 
dazu durch die Commemoratio geführt worden. Man pflegte 
in alter Zeit ein Fest zu commemorieren, indem man anstatt des 
vollständigen ihm angehörigen Offiziums ein Responsorium, eine 
Antiphone mit dem y. Gloria Patri und Sicut erat und eine Oratio 
vortrug, also je ein Exemplar der Formen, welche die konstitutiven 
Elemente eines Offiziums bildeten i. Hier ist von einem antiphonischen 
Psalm nur mehr die Doxologie vorhanden. Ließ man auch sie weg, 
so war man an die äußerste Grenze der Entwicklung der Antiphonie 
gelangt, die zugleich ihre Auflösung bedeutet ; ein einfacher Gesang 
ohne jede Eigenart im Bau blieb übrig. Die bekanntesten Beispiele 
dafür sind die vier marianischen Antiphonen, mit denen das 
Offizium seit langem zu schließen pflegt, Alma redemptoris mater 
des Ilermannus Contractus (f i054), Ave regina coelorum, Fegina 
coeli lactare und Salve regina. Ursprünglich waren aber auch sie 
mit Psalmen verbunden, also rechte Antiphonen. Das Antiphonar 
von St. Gallen, Cod. 390 — 391 hat in den von Hartker geschriebener, 
also dem 1 0. Jahrhundert angehörigen Partien noch keinen dieser 
Gesänge; auf S. 10 des Cod. 390 stehen die Antiphonen Alma 
redemi)toris mater und Salve regina (diese mit drei Versen 2) im 
Offizium der Annuntiatio B. M. V. in Schrift und Neumierung des 
1 3. Jahrh. Ein Zisterzienserantiphonar aus dem 1 3. Jahrh. (Bibliothek 
des Klosters Maigrauge zu Freiburg i. d. Schweiz) hat die Antiphone 
Salve regina als Antiphone zum Magnificat der ersten Vesper der 
Nativitas. Die Pariser Handschrift 12044 aus dem 12. Jahrhundert 
notiert die Antiphone Alma redemptoris (fol. 177) zur Sext der 
Assumptio B. M. V., die Antiphone Ave regina zur Non desselben 
Tages. Das Regina coeli steht in dem von Tominasi herausgegebenen 
Antiphonar von St. Peter in Rom aus dem 12. Jahrh. als Antiphone 



1 Abricensis de eccl. off. bei Tommasi, 1. c. IX, Isagoge lilurg. XIII, 22. 

2 Sie ist also wie ein Responsorium bcbandelt und lautet mit den Versen : 
Salve regina misericordiae ... clemens, o dulcis, o pia Maria, f. ^ : 
Virgo clemens, virgo pia, virgo dulcis, o Maria, exaudi preces omniiim ad 
te pie clamantium. f. 2 : Virgo, mater ecclesiae, aeterna portae gloria, ora 
pro nobis omnibus, qui tili memoriam agimus. V. 3 : Qloriosa dei mater, 
cuius natus est et pater, esto nobis refiigium apud patreni et filium. Daß 
diese Verse nicht ursprünglich sind, geht aus ihrer rhythmischen Form (mit 
Reim) hervor. Es sind tropenarlige Zusätze. Verfasser des Salve Regina ist 
wahrscheinlich Bischof Ademar von Puy (•1-'1098), keinesfalls der hl. Bernhard 
oder Hermannus Contractus. Vgl. darüber meine Studie in der Greg. Rund- 
schau. Graz, 1903, S. 69 ff. 



158 Uit' Entwicklung des antiphonisclien Offiziumsgcsanges. 

der Octav von Ostern i. Das jüngste der Stücke ist das Regina 
coeli] es steht zuerst in Handschriften um 1200. Aus ihrer Ver- 
bindung mit Psalm oder Psahnvers wurden diese Antiphonen gelöst, 
als sie an das Ende der Horae diurnae gestellt wurden, wie 
Gregor IX. 1239 für das Salve regina anordnete^. Es gibt aber 
schon in den Handschriften des 10. Jahrh. derartige Gesänge ohne 
Psalm oder Psalmvers; so stehen am Ende des Cod. St, Gallen 339 
eine ziemlich große Zahl von Antiphonen für die Litania major, ad 
postulandam pluviam, pro serenitale, ad deducendas reliquias u. a. ; 
ebenso in Cod. Einsiedl. 121 am Ende. Daß diesen Gesängen die 
Bezeichnung »Antiphone« nur im uneigentHchen Sinne zukommt, 
ergibt sich schon aus ihren Texten: sie haben fast alle die Form 
einer Oratio-*. 

Überblicken wir die verschlungenen Pfade, welche die Form 
der Antiphonie vom 4. Jahrh. bis auf die neuere Zeit gegangen 
ist, so stellt sie sich im wesentlichen als Entwicklung vom 
Reichtum und kunstreich Ausgebildeten zur Einfachheit dar. Die 
Wiederholung der Antiphone nach jedem Vers des Psalmes, wie 
sie in der ersten Zeit der Antiphonie üblich war, schuf eine 
Struktur von großer ästhetischer Bedeutung, die sich etwa mit 
der modernen Form des Rondo in Parallele bringen läßt. Noch 
interessanter wurde diese Struktur, wenn nicht eine Antiphone, 
sondern mehrere mit den Versen eines Psalms oder Canticums ab- 
wechselten; in diesem Falle war durch die Zusammengehörigkeit 
der Antiphonen dafür gesorgt, daß das Ganze, Psalm und Antiphonen, 
nicht auseinanderfiel; Denkmäler dieses Stadiums der Antiphonie 
sind, wie wir sahen, manche Antiphonae ad Evangelium. Beide 
Formen der Antiphonie zogen den Gebetsdienst der Mönche und 
Kleriker sehr in die Länge; man sann auf Kürzung, wenigstens 
für die gewöhnliche Abhaltung des Offiziums. Das Resultat war, 
daß die Antiphone nur mehr vor und nach dem Psalm gesungen 
wurde, nicht mehr innerhalb desselben. Diese neue Art der Anti- 
phonie, die ebenfalls der künstlerischen Wirkung nicht entbehrt 
(wir erkennen in ihr den Typus ABA), wurde für so zweckmäßig 
befunden, daß sie für das Mittelalter wie die Neuzeit als die Normal- 
form der Offiziumsantiphonie zu gelten hat. Die Gewohnheit, die 
Antiphone vor dem Psalm nur zu intonieren und erst nach dem 



1 Tommasi, 1. c. XI, S. 10 0. 

2 Bäumer, Breviergesch. 261 und 353. 

3 So lautet eine Antiphona in tempore mortali: Libera, dominc, popu- 
lum tuum de manu mortis et plebem istam protegat dcxtera tua, ut viventes 
henedicamus te, dominc. Cod. Einsiedl. 121, S. 4 05. 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 159 

Psalm vollständig zu singen, stammt aus einer Zeit, in der man 
für künstlerischen Aufbau eines liturgischen Ganzen wenig Ver- 
ständnis mehr hatte, ganz abgesehen davon, daß die einfache 
Intonation vor dem Psalm nicht selten keinen logischen Sinn gibt^ 
Eine letzte Entwicklung führte die Antiphonie zu ihrer vollständigen 
Auflösung, indem ein einfacher Gesang ohne jedes Psalmodische 
Antiphone genannt wird. Keines von den konstitutiven Elementen 
der Antiphonie, weder der Wechselgesang noch die Verbindung 
mit einem Psalm oder Psalmvers, ist hier mehr vorhanden; eine 
weitere Entwicklung der Antiphonie in dieser Richtung war nicht 
möglich. Es war ein Glück für den Organismus des Offiziums, 
daß diese Form nur in einigen Fällen, die eine Ausnahme bilden, 
ihm einverleibt wurde. 



1 Sie hat die Kenner der Liturgie nie befriedigt: »wozu aucli« sagt Tom- 
masi (1. c. XII, 5), »solche abgerissene Phrasen, deren Worte keinen voll- 
ständigen Sinn geben, und deren Melodie die Tonart der Antiphone nicht klar 
hinstellen, nach welcher der Psalm zu singen ist.c Beim Introitus der Messe 
wird auch noch heute die Antiphone vollständig gesungen, bevor der Psalm- 
vers an die Reihe kommt, an gewöhnlichen wie an Feiertagen. Noch un- 
schöner wirkt es, wenn die Antiphone nach dem Psalm durch Orgelspiel er- 
setzt wird; da ist jede Spur der Antiphonie verschwunden, und es wäre zu 
wünschen, daß der Sinn für das liturgisch Schöne allmählich so erstarke, 
daß man von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch machte. Die Form 
ABA, welche, wie gezeigt, auch dem Allcluja und dem frühmittelalterlichen 
Gradualresponsorium zugrunde liegt, ist eine derjenigen Typen, die in aller 
Kunst dazu dienen, organischen Zusammenhang und übersichtüche Einheitlich- 
keit herzustellen; nach ihr hat der Schöpfer den Leib des Menschen geformt, 
in dem gleich gebaute Teile den mittlem symmetrisch umschließen. Die 
Wiederholung hat im liturgischen Gesänge, soll derselbe ein Kunstwerk sein, 
ihre Berechtigung. Sie überflüssig zu erklären, zeugt für keine tiefe Kenntnis 
der fundamentalen Gesetze der Ästhetik; denn sie beherrscht alle musika- 
hschen Formen. 



X. Kapitel. 
Die Eiitwicklung der Offizinmshymiien. 

Eine neue Epoche griechischer Hymnographie begann im 
7. Jahrh.i i^f. Hauptveiireter ist Romanos, dessen Lebenszeit 
wahrscheinlich in die erste Hälfte des 8. Jahrh. fällt 2. Er wirkle 
in Emesa, Berytos und zuletzt in Byzanz. Seine berühmteste 
Schöpfung war ein Weihnachtshymnus, der in der Kirche und bis 
ins 12. Jahrh. sogar an der kaiserlichen Tafel mit vielem Pomp 
vorgetragen wurde. In seinen Gedichten ist die schon in der altern 
syrischen Ilymnodik auffallende Umgestaltung des klassischen 
Metrums beendet, die quantitierende Auffassung fast ganz auf- 
gegeben. Zahl der Silben, Akzent und Reim bestimmen den Bau 
der Verse und ihren Charakter. Vor und nach ihm haben sich 
als Ilymnendichter Verdienste erworben Anastasius von Sinai, 
der Patriarch Sergius von Konstantinopel, von dem ein Lied zu 
Ehren der Mutter Gottes noch heute in der griechischen Liturgie 
feierlich gesungen wird, ferner der Patriarch Sophronios von 
Jerusalem (f 638), zwei kretische Erzbischöfe namens Andreas 
im 8. Jahrh., der heilige Johannes von Damaskus und Kosmas 
von Jerusalem aus derselben Zeit u. a. Die Dichtungen dieser 
letzten zwei Männer entfernen sich freilich von der kernigen Ein- 
fachheit des Romanos und gehen auf Mannigfaltigkeit und Künst- 
lichkeit der Form aus. Infolge des Bildersturmes im 8. und 
9. Jahrh. ist vieles sehr .Alte aus den liturgischen Büchern der 



1 Vgl. darüber Kruinbacher, Geschichte der byzantinischen Literatur, 
2. Aufl., S. 633 ü'. 

2 Er lebte unter einem der beiden Kaiser, die den Namen Anastasius 
tragen. Der erste regierte 491 — 518, der zweite 713 — 716. Danach setzte 
man ihn in die erste Hälfte des 6. oder 8. Jahrh. Neuerdings scheint man 
sich für das 8. Jahrh. zu entscheiden. Vgl. Krummbacher in den Abhand- 
lungen der Bayer. Akad. der Wissenschaft 1899, Bd. II, S. 1 If. Eine weitere 
Stütze dieser Annahme wäre es, wenn der von St. Gallischen Schriftstellern 
erwähnte Romanos nicht ein römischer Sänger (was sehr unwahrscheinlich 
ist), sondern die Personifikation des seit dem 9. Jahrh. in St. Gallen auf- 
tretenden Einflusses der byzantinischen Hymnodik wäre. Mehr darüber bei 
den Sequenzen. 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 161 

Griechen ausgemerzt worden, und was von den Vätern der grie- 
chischen Hymnodilc herrührt, ist nicht immer zu entscheiden. 
Besonders die griechischen Klöster in Italien haben die alten 
Traditionen mehr aufrecht erhalten, als diejenigen des Orients^ 

Um das Jahr 1000 wurde der schon seit dem 9. Jahrh. 
namentlich in Byzanz zurückgehenden Kirchendichtung durch die 
endgültige Kodifizierung der griechischen Liturgie der Lebensnerv 
zerschnitten. Da auf die liturgische Verwendung neuer Hymnen 
nicht mehr in dem Maße wie bisher zu rechnen war, kam die 
Kirchenpoesie ins Stocken. Nur in Süditalien fand sie weitere 
Pflege bis ins 12. Jahrh., doch haben diese Spätlinge die Geschichte 
der Liturgie in Byzanz nicht beeinllußt. Dafür nahm aber das 
musikalische Element des Kirchengesanges nunmehr einen außer- 
ordentlichen Aufschwung. Den bisherigen eher einfachen Weisen 
traten kunstreiche zur Seite, die mit Vokalisen und anderen 
Elementen des Kunslgesanges mehr, als bisher übhch, durchsetzt 
waren. Die Geschichte der byzantinischen Notenschrift bestätigt 
ihrerseits die Umgestaltung des Kirchengesanges. 

Die Dichter der griechischen Hymnen waren zugleich Kompo- 
nisten, wurden daher ,,Meloden" genannt. Hier wirkte offenbar 
die Tradition der Antike nach. Die wichtigsten Formen, in denen 
sie sich aussprachen, sind das Kontakion und die Kanon es. 
Das Kontakion (= Stäbchen) besteht aus 20 und mehr Strophen 
gleichen Baues mit einer kürzeren Einleitung, einem Prooimion. 
Nach jeder Strophe wird derselbe Refrain wiederholt. Die Strophen 
selbst heißen meist Troparion. Diese Form ist für die Dich- 
tungen der Romanos typisch. Die Kanones umfassen 8 bis 9 
verschieden gebaute Lieder, von denen jedes wieder mehrere 
Strophen umfaßte. Diese Art von Hymnenbaues wurde namentlich 
von Andreas von Kreta, Johannes von Damaskus und Kosmas von 
Jerusalem gepflegt. Die musikalische Eigenart der byzantinischen 
Hymnen wird durch den Hirmus bestimmt (sipfxo;). Also heißt 
die Singweise, nach welcher die verschiedenen Strophen eines 
Kontakion, die Troparia, zu singen waren. Die Hirmosmelodie 
wurde oft nur durch einen bloßen Vermerk angegeben. Aufgabe 
des Sängers war es dann, sie den einzelnen Strophen anzupassen, 
was sich leicht bewerkstelligen ließ, da diese der Musterstrophe, 

1 Vgl. Bäumer im Kirchenlexikon, Bd. VI, sub Hymnen. Daß allem An- 
scheine nach die Aufnahme der Schöpfungen der byzantinischen Hymnoden in 
die Liturgie der Messe deren gesangliches Äußere umgestaltete, insofern die 
Psalmodie ihre bis dahin unbestrittene Allein- oder Vorherrschaft einbüßte, 
darüber vgl. oben S. 53. 

Wagner, Gregor. Melod. I. 44 



162 Die Entwicklung der Offiziumshymncn. 

dem Hirmos, in allem gleich gebaut sein mußten^. Die gebräuch- 
lichsten Hirmosweisen wurden in einer besonderen Sammlung ver- 
einigt, dem Hirmologion. 

Auch in der lateinischen Kirche^ fehlte es nicht an begabten 
Hymnendichtern, welche sich den hl. Ambrosius und seine nächsten 
Nachfolger zum Vorbilde nahmen. In der ersten Hälfte des 5. Jahr- 
hunderts blühte Gaelius Sedulius, aus dessen Carmen paschale 
die Liturgie zwei Hymnen schöpfte und bis heute in Ehren hält: 
Ä solis ortus cardine (Weihnachten) und Hostis (heute: Crudelis) 
Herodes impie (Epiphanie)^. Claudius Mamertus (f 473) wurde 
lange als Verfasser der Hymnen Fange lingiia gloriosi proelium 
eertaminis und Lustra sex qui jani peracta genannt, welche aber 
die neueste Forschung dem Venantius Fortunatus zuweist. Auch 
Papst Gelasius (f 406) gehurt in diese Reihe; von ihm sagt das 
Papstbuch, er habe nach dem Vorbild des hl. Ambrosius Hymnen 
verfaßt^. Der Hymnus auf die Apostelfürsten Äurea luce et decore 
roseo (heute Decora lux aeternitatis auream) stammt von Elpis, 
welches die Frau des Boetius gewesen sein solP. Magnus Felix 
Ennodius, Bischof von Pavia^ (■}- 521), dichtete Hymnen für die 



1 Über diese Dinge gibt ein Traktat des Zonaras (blülite um 1100) über 
die Namen Etpijio?, -/.avjjv, Tponoif-tov, wo'/j authentischen Aufscliluß. Vgl. auch 
W. Christ, über die Bedeutung von Hirmos, Troparion und Kanon in der 
griechischen Poesie des Mittelalters, in den Sitzungsbericliten der bayerischen 
Akademie der Wissenschaften 1870, IL, S. 75—100, und H. Reimann, Zur 
Geschichte der byzantinischen Musik, in der Vierteljahrsschrift für Musik- 
wissenschaft 1889, V., S. 33 i. Daß der lateinische Kirchengesang von dieser 
Technik des Hirmos nicht unberührt blieb, wird unten bei den Sequenzen 
nachgewiesen werden. 

- Die beste auf alle bekannten handschriftlichen Vorlagen sich stützende 
Ausgabe der liturgischen Hymnen des Mittelalters lieferten jüngst Dreves und 
Blume in den Analecta hymnica medii aevi Bd. L und LI. Sic enthält den 
authentischen Text, soweit er sich bis jetzt feststellen läßt, mit dem hand- 
schriftlichen Variantenapparat. Man vgl. auch die populär gefaßte Dar- 
stellung Dreves', die Kirche der Lateiner in ihren Liedern, Sammlung Kösel, 
19U8, die freilich der Hauptsache nach ein Abdruck der biographischen u. a. 
Notizen ist, die Dreves in Bd. L der Analecta den einzelnen Dichtern widmete. 
Die oben im Texte vermerkten Varianten aus neuerer Zeit beziehen sich auf 
die »Korrektur« der Hymnen unter Urban VIII., 1632. 

■^ Vgl. die Analecta hymnica medii aevi, Bd. LI, S. 33 ff. Daß der In- 
Iroitus Salve sancta parens aus dem Carmen paschale stammt, ist schon S. 69 
erwähnt worden. Über einige andere Verse, die im Offizium Aufnahme fanden, 
vgl. das letzte Kapitel dieses Buches. 

4 Liber pontificalis, ed. Duchcsne I, S, 233. 

5 Vgl. darüber Blume in den Analecta hymnica LI, S. 219. Sicheres läßt 
sich über die Herkunft des Hymnus nicht feststellen. 

fi Vgl. die Analecta hymnica, Bd. L, S. 61 ff. 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 163 



besungen. Sie sind aber nicht in die mailändischen Ilymnensamm- 
lungen aufgenommen worden. Die lateinische Liturgie bereicherte 
Venantius Fortunatus, Bischof von Poitiers^ (um 600), mit dem 
Passionshymnus Fange lingua gloriosi prodium (heute lauream) 
certaminis, seiner Fortsetzung Lustra sex qui jam peracta (heute 
peregit]^ Vexilla regis prodeunt und dem Muttergotteshymnus Quem 
terra^ pontus, aethera (jetzt sidcra). Aus seinen Versus de Besurr ectione 
Domini hat das Mittelalter einen Prozessionshymnus herausgeschält, 
der mit dem Refrain Salve festa dies, Mo venerabilis aevo beginnt 
und für die Sonntage nach Ostern wie für andere Festtage viel- 
fach nachgeahmt wurde2. Auch Gregor dem Großen (f 604) 
wird ein Platz unter den Hymnendichtern eingeräumt. Eine alte 
irische Überlieferung nennt ihn als Verfasser der Hymnen für die 
Vespern der Woche, also der Hymnen: Lucis creator optime, Im- 
mense caeli conditor, Telluris ingetis (seit dem ] 7. Jahrhundert alme) 
conditor, Caeli Dens sandissime , Magnae Dens potentiae, Plasviator 
hominis Dens (seit dem 1 T. Jahrhundert Hominis superne conditor). 
Auch die Nokturnenhymnen der Woche dürften auf ihn zurück- 
gehen, also die Hymnen: Prima dierum omnium (heute Primo die^ 
quo trinitas)^ Noete surgentes vigilemus omnes, Somno refectis artibus, 
Consors paterni luminis, Rerum creator optime, Nox atra rerum 
contegit, Tu trinitatis unitas, Summae Deus [Yi^nie, parens) clementiae; 



1 Ebenda, S. 70 ff. 

2 So hat z. B. das von der Plainsong and Mediaeval Music Society her- 
ausgegebene Graduale (Cod. Addit. 1219'i des Brit. Museums aus dem 13. Jahrh.) 
Gesänge mit dem Refrain Salve festa dies für Ostern, Himmelfahrt, Kirch- 
weih. Andere Hss. haben solche auch für Pfingsten. 

■ 3 Daß Gregor I. Hymnen gedichtet habe, wurde neuerdings von Dreves 
in der Tübinger Theol. Quartalschrift Bd. 88, lüOV, S. 548 ff. bestritten, weil 
dafür keine älteren Zeugnisse als solche aus dem 16. Jahrb. vorlägen. Vgl. 
auch Dreves, die Kirche der Lateiner in ihren Liedern, S. 31. Blume wußte 
aber in den Stimmen aus Maria Laach, Bd. 74, 1908, S. 269 ff. Gregors Autor- 
schaft an den Hymnen für die Vespern der Wochentage durch Zeugen aus dem 
15., 14., 13., 12., ja dem 11. Jahrh. zu stützen. Irische Handschriften des 
1 1 . Jahrh. (die Libri hymnorum im Trinity College und im Franziskaner- 
konvent zu Dublin) besagen, daß »Gregor dem Columba die Hymnen der 
Woche als Geschenk übersandt habe«.'. Eine Dublincr Handschrift des 14. Jahrh. 
nennt in demselben Zusammenhang »die Hymnen der Woche, einen Hymnus 
für jeden Abend in der Woche«. Blume spricht Gregor die Verfasserschaft 
dieses Zyklus von Vesperhymnen zu, die eine Einheit von 24 Strophen bilden, 
von denen je 4 Strophen einen Schöpfungstag besingen. Ohne rechten Grund 
lehnte daraufhin Dreves in der Tübinger Quartalschrift, Bd. 91, 1909, S. 436 ff. 



164 Die Entwicklung der Offiziumshymnen. 

Im 7. Jahrh. verfaßten Hymnen für das spanische Offizium 
Johannes, Bischof von Saragossa (f 631), Isidor von Sevilla 
(tum 635), Gonantius, Bischof von Palenzia (f 639), Eugenius III., 
Bischof von Toledo (f 658) i. Im 8. Jahrhundert blühte Beda 
Venerabilis (f 735), der englische Kirchenhistoriker, der nach 
seiner eigenen Angabe einen Liber hymnorum diverso metro sive 
rhythmos verfaßte 2. Dies Hymnenbuch ist zwar nicht als Ganzes, 
wohl aber in einer Hymnenausgabe des 16. Jahrh. (in den Hymni 
ecclesiastici des Gassiander, Köln 1556) auf uns gekommen. 
Jünger ist Paulus Diaconus, der Geschichtschreiber der Longo- 
barden (f 799 als Mönch von Montecasino). Von seinen poetischen 
Werken 3 lebt der Hymnus Ut queant laxis resonare fibris auf den 
hl. Johannes Baptista noch im heutigen Brevier. Mit einem voll- 
ständigen Hymnus ist Paulin us IL, Patriarch von Aquileja (f 802), 
darin nicht vertreten^. Aus dem wahrscheinlich von ihm stam- 
menden Hymnus Felix per omnes festiim mundi cardines auf die 
hl. Petrus und Paulus werden heute noch einige Strophen in ver- 
änderter Fassung an Petri Ketten- und Stuhlfeier gesungen: Petrus 
beatus catenarum laqueos (heute Miris modis repente liber ferrea) 
und Quodcunque vinclis super terrani strinxerit (heute Quodcunque 
in orbe nexibus revinxeris). Die Strophe Roma felix fand in den 
Hymnus Decora lux aeternitatis aurea Eingang. Alcuinus Flaccus, 
Abt von S. Martin in Tours -^ (f 804), der eine liturgisch bedeutsame 
Tätigkeit entfaltete, kommt für die Hymnenpoesie nicht sehr in Be- 
tracht. Noch weniger aber sein Schirmherr und Freund Karl der 
Große (t814), dem eine unwahrscheinliche und endgültig aufge- 
gebene Überlieferung den Pfingsthymnus Veni creator spiritus zuwies 6. 
Ein fruchtbarer Hymnendichter der karolingischen Zeit ist dagegen 
Theodulphus, Bischof von Orleans (f 821)'^. Von seinen Hymnen 
wird das legendenumwobene Prozessionslied Gloria, laus et honor 



diese Zeugnisse mit einer Hyperkritik ab, die er selbst bei andern Hymnen- 
dichtern (z. B. in den Vorreden von Bd. L der Analecta hymnica) nicht an- 
gewendet hat. Vgl. noch Blume in der Analecta hymnica, Bd. LI, S. 281 und 3G4. 

1 Vgl. die Analecta hymnica, Bd. L, S. 89 IT. 

2 Ebenda S. 96 ff. 

3 Vgl. die Analecta hymnica Bd. L, S. 1 1 7 ff. Es ist bekannt, daß dem 
Hymnus Ut queant laxis die Solmisationssilben entstammen, mit denen bis 
zum 18. Jahrh. die Hexachordthcorie operiert hat. 

4 Vgl. ebenda S. 126 ff. 

5 Vgl. ebenda S. 152 ff'. 

6 Chevaher, Poesie liturgique au moyen äge, S. 89, und die Analecta hym- 
nica, Bd. L, S. 194. 

■J Vgl. Analecta hymnica, Bd. L, S. 160 ff. 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 165 

tibi sit, rex Christi, redemptor noch heute am Palmsonntag gesungen. 
Unter den poetischen Schöpfungen des Walafrid Strabo, Abt 
der Reichenau (f 849), finden sich auch ein paar Hymnen i. Sein 
Astra polonmi cimcta clioi-ique mit dem Refrain Omriipotentem semper 
adorent erhielt sich in vielen Gegenden als Quattembergesang. 
Rabanus Maurus, Erzbischof von Mainz (f 856)-, verfaßte den 
Ilimmelfahrtshymnus Festmn nunc celebre und nach einer allerdings 
späten Überlieferung den Pfmgstgesang Veni creator spiritus; ferner 
den Hymnus auf den hl. Michael Ghriste, sanctorum decus angelorurn, 
den Märtyrerhymnus Sanctorum meritis inelita gaudia, vielleicht auch 
Tibi Christo, splendor patris. Der Lyoner Diakon Florus (Mitte 
des 9. Jahrh.) ist mit keinem seiner Gedichte in der Liturgie ver- 
treten, ebensowenig Godeschalk von Orbais (f 869) 3, 

Die Hymnen erwarben sich schon früh eine große Beliebtheit, 
so daß sie die älteren Bestandteile des Offiziums in Schatten zu 
stellen drohten. Auch müssen manche dem subjektiven Empfinden 
ihrer Dichter mehr Ausdruck gegeben haben, als der korrekten 
kirchlichen Lehre. So kam es, daß gegen sie, als einer nicht aus 
der hl. Schrift gezogenen Gebets- und Gesangsform, sich eine 
Opposition erhob, die ihren Ausdruck auf dem Konzil zu Braga 
fand (563), welches sie auf Grund der Bestimmung des Konzils von 
Laodicea (zweites Drittel des 4. Jahrb.), die nur den hl. Schriften 
angehürige Texte zum liturgischen Gebrauch zuließt, verwarf. 
Andere Kirchenversammlungen waren den Hymnen günstiger, so 
die von Agde 506, Tours 567, diese also vier Jahre nach dem 
Beschlüsse von Braga. humer aber muß die hymnenfeindliche 
Richtung in Spanien noch bedeutende Vertreter gefunden haben; 
denn noch 633 nahm das Konzil von Toledo Veranlassung, sich 
energisch für die Hymnen auszusprechen und die Gegner mit der 
Exkommunikation zu bedrohen. Dem Vorwurfe, sie seien nicht im 
Kanon der hl. Schrift enthalten, begegnen die Väter dieses Konzils 
mit dem Hinweis darauf, daß man dann auch das Gloria Patri, 
Gloria in excelsis und viele Lesungen abschaffen müsse ^. 

Durch den Vater der lateinischen Hymnodik der mailändischen 
Liturgie eingefügt, wurden die Hymnen ein populärer Bestandteil 



1 Ebenda S. 1 67 ff. 

2 Ebenda S. 180 ff. und Dreves, hymnologische Studien zu Fortunatus 
und Raban, München <907. 

3 Ebenda S. 210 und 219. 

4 Vgl. oben S. 43. 

5 Bäumer, Breviergeschichte S. 3 27. Gerbert, vet. lit. alem. II, 828. 



156 Die Entwicklung der Offiziumshymnen. 

t^indung stand, besonders in Gallien und Spanien. Die Bestimmung 
der Regel des hl. Benedikt (Kap. 9), die für jede Gebetszeit einen 
Hymnus anordnet, war ihrer Verbreitung sehr günstig, ebenso 
ähnliche Vorschriften in den Regeln des Aurelian und Caesariusi. 
Wann sie in die römische Kirche Eingang fanden, d. h. in die 
Offizien des Säkularklerus, denn die Mönche waren durch ihre 
Regel zur Pflege der Hymnen angehalten, ist nicht sicher fest- 
zustellen. Wenn Päpste, wie Gelasius und Gregor I., Hymnen ver- 
faßten, so sollte man meinen, sie hätten für deren liturgische Ver- 
wendung Sorge getragen. Auch der Umstand, daß die Kirche 
Englands schon im 7. Jahrh. Hymnen kennt^, spricht für ihren 
Gebrauch im römischen Offizium des 7. Jahrb., denn in ihren 
liturgischen Übungen stand die englische Kirche in direkter und 
mehrmals gekräftigter Abhängigkeit von Rom. Dagegen wissen 
wir aus Amalar^, daß das römische Offizium noch in der ersten 
Hälfte des 9. Jahrh. keine Hymnen zuließ; auch im Ordo des 
Kanonikus Benedikt von St. Peter aus der ersten Hälfte des 
12. Jahrh. sind sie nicht erwähnt*. Daraus müßte man schließen, 
daß das Offizium des Säkularklerus in Rom im Gegensatz zu den 
andern lateinischen Kirchen immer nur aus Psalmodie, Lesung und 
Gebet bestand. Wenn also Rabanus Maurus (Mitte des 9. Jahrh.) 
die Hymnen als in allen Kirchen des Abendlandes in Gebrauch 
erklärt^, so wäre die römische wohl auszunehmen. Das Offizium 
der päpstlichen Kapelle dagegen , welches sich seit der zweiten Hälfte 
des 12. Jahrh. herausbildete und infolge seiner Adoption durch die 
Franziskaner im 13. Jahrh. für die weitere Gestaltung des Breviers 
von ausschlaggebender Bedeutung wurde, räumt den Hymnen 
bereits diejenige Stelle ein, die sie vom Ausgange des Mittelalters 



1 Über die durch Benedikt und die anderen Ordensstifter den einzelnen 
Gebetszeiten zugewiesenen Hymnen vgl. die Untersuchung von Blume , der 
Kursus S. Benedicti und die liturgischen Hymnen des 6. — 9. Jahrh. (Hymno- 
logische Beiträge HI. Heft) Leipzig 1908. Über das Verhältnis der spätem 
Orden, Zisterzienser, Franziskaner und Dominikaner zu den Hymnen vgl. Blume 
in der Neuausgabe des Danielschen Tiiesaurus hymnologicus (Analecta hymnica 
medii aeri Bd. LH) S. VI IT. 

2 Aldhelm, Bischof von Sherborne (f 709), erwähnt in einem Lobgedicht 
auf die Königstochter Bugge, die eine Kirche errichtet hatte, den Gesang von 
Hymnen, Psalmen und Responsorien. (Migne, Patr. Lat. LXXXIX, 290.) 

3 Gerbert, vet. lit. alem. II, 8-28. 

4 Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 1 025 ff. 

5 De instit. der. II, 49: cuius cdehritatis (der Hymnen) devotio deliine 
per totius oceidentis ecclesias observatur. (Migne, Patr. Lat. CVII, 362.) 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 107 

unbestritten besitzen K Danach scheint es, daß sie in der zweiten 
Hälfte des 12. Jahrb. in die römische Kirche eindrangen. Aber 
auch dagegen läßt sich geltend machen, daß das Breviarium Curiae 
Romanae die Hymnen kaum eingeführt haben kann, da eine 
Bereicherung und Erweiterung des Offiziums der Tendenz dieses 
Breviers, das in allem Kürze anstrebte, durchaus zuwiderläuft. 
Und so muß man sich dazu verstehen, die Adoption der Hymnen 
durch Rom dennoch in eine etwas frühere Zeit zu verlegen. Die 
ältesten erhaltenen römischen Offiziumsbücher, die den Hymnen 
Aufnahme gewähren, führen sie aber nicht bei den einzelnen Tagen, 
zu denen sie gehören, zusammen mit den Antiphonen und Respon- 
sorien, sondern am Ende des Buches in einem Anhang. Noch heute 
aber hat das römische Brevier für die letzten Tage der Karwoche 
und die Osterwoche keinen Hymnus; in letzterer wird an seiner 
Stelle das Responsorium Haee dies gesungen^. Die Breviere von 
Lyon und von Vienne hatten bis auf die neuere Zeil fast keine 
Hymnen-^. 

Über diese Fragen verbreiten nun die letzten Untersuchungen 
Blumes* ein neues Licht. Blume hat wahrscheinlich gemacht, daß 
bis zum 9. Jahrb. zwei verschieden geartete Hymnensammlungen 



1 So das aus dem 3. Dezennium des 1 3. Jahrli. stammende Breviarium 
sec. consuet. curiae Romanae, ehemals im Besitze des Antiquars Ludw. Rosen- 
thal (Kat. <02, Nr. .^40), heute in der Bibliothek dos Münchener Franziskaner- 
klosters. 

2 Dies Responsorium wird ursprünglich ein einfacher Versikel mit Ant- 
wort gewesen sein, wie es deren im Offizium viele gibt. Schon früh aber 
begann man denselben als Responsorium prolixum zu singen, was um so 
leichter zu bewerkstelligen war, als die Messe des Tages denselben Text als 
Gradualresponsorium besaß. Man nahm also einfach die Melodie aus der 
Messe ins Offizium herüber. So schreibt das Antiphonar des Hartker (Cod. 
391 St. Gallen, S. 38) ausdrücklich Ijl!. G. Haec dies {= Responsorium gra- 
(luale) und nicht, wie bei den andern Offiziumsresponsorien, einfach V/.. Der 
Ordo des römischen Can. Benedikt (12. Jahrh.) sagt: Versus Haee dies quam 
fecit dominus cantatur sicut Gradualo. (Mignc, Patr. Lat. LXXVIII, 1042.) 

3 Gerbert, de cantu I, 253. Interessant ist die Mitteilung Walafrid 
Strabos (de reb. eccles. 25. Migne, Patr. Lat. CXIV, 956], daß in einigen 
Gegenden Hymnen auch während der stillen Messe (Missa privata) gesungen 
wurden; der Patriarch Paulinus von Friaul habe diesen Gebrauch eingeführt. 
Walafrid fügt hinzu, daß dieser hochverdiente Mann diese Übung nicht ohne 
triftigen Grund aufgebracht haben könnte. Vgl. Gerbtrt, de cantu I, 355. 

4 Vgl. Clemens, Blume, der Cursus S. Benedict! und die hturgischen 
Hymnen des 6. — 9. Jahrh. in ihrer Beziehung zu den Sonntags- und Ferial- 
hymnen unseres Breviers (III. Bd. der hymnologischen Beilrägc), und die 
kurze Zusammenfassung der dort gewonnenen Resultate in den Analecta. 
hymnica, Bd. LI, S. XIII ff. 



168 Die Entwicklung der Offiziumshymnen. 

in Gebrauch waren; die eine, die er die altbenediktinische 
nennt, umfaßt u. a. die Hymnen, welche in den Ordensregeln der 
hl. Benedikt, Caesarius und Aurelianus von Arles erwähnt sind 
und in den Klöstern bis um 900 allgemein Geltung besaßen. Es 
sind ihrer 34. Eine andere Sammlung von 38 Hymnen ist durch 
die Dokumente irischer Herkunft bezeugt. Ein beiden Listen 
gemeinsamer Stock wird durch die Hymnen des hl. Ambrosius, 
zwei Osterhymnen [Ad coenam agni jjrovidi und Aurora lucis rutilat) 
und den Komplethymnus Ghriste qui lux es et dies gebildet. Um 
900 verdrängte die irische Sammlung alle andern Hymnen auch 
aus den Kirchen und Klöstern des Kontinents und setzte sich überall 
fest; die altbenediktinische Gruppe verschwand aus den Hymnarien, 
und die ganze weitere Hymnengeschichte ruht auf der Grundlage 
der nunmehr Gemeingut gewordenen irisch-englischen Sammlung. 
Diese kann nun nicht in England oder Irland selbst entstanden 
sein; ihre Stücke weichen dafür zu sehr von den Hymnen ab, die 
nachweisbar vom 5. bis 9. Jahrh. daselbst gedichtet wurden, und 
von denen einige im Antiphonar von Bangor (um C85 geschrieben) 
überliefert sind. Sie muß auf dem Kontinent hergestellt und durch 
eine autoritative Persönlichkeit auf dem Inselreich eingeführt worden 
sein. A^erzichteten doch diesen Hymnen zuliebe die Iren auf die 
Schöpfungen ihrer eigenen Landsleute und sogar ihrer nationalen 
Heiligen. Nur eine Persönlichkeit, die bei ihnen großes Ansehen 
genoß, konnte sie dazu veranlassen. Diese Persönlichkeit muß allen 
Anzeichen nach Gregor der Große gewesen sein. Talsächlich 
finden sich auch diejenigen Hymnen darin, die aus andern Gründen 
(vgl. oben S. 163) ihm zugesprochen werden, die für die Sonn- 
und Wochentagsvesper. Nunmehr erklärt sich auch, wie diese 
Sammlung die bis dahin auf dem Kontinent üblichen Hymnen be- 
seitigen konnte. Als Rom um 900 begann, die Hymnen auch in 
das Offizium des Weltklerus aufzunehmen, war daselbst die Er- 
innerung an die Tätigkeit Gregors I. noch wach, und die Annahme 
dieser von Gregor organisierten, zum Teil auch selbst verfaßten 
Sammlung verstand sich von selbst. Das schloß nicht aus, daß 
von nun an um den irisch-gregorianischen, seit dem 10. Jahrh. 
abendländisch gewordenen Kern sich in den verschiedenen Kirchen 
andere, neue Hymnen ansetzten, so aber, daß jener immer und 
überall als gemeinsamer Bestandteil erscheint. 

Die Hymnen des Ambrosius waren im Gegensatz zu den 
Schöpfungen der klassischen Dichter im Tone der Volkspoesie ge- 
halten, deren Hauptform, der Versus Saturnius, die älteste Dichtung 
der Römer beherrschte, seit dem 3. Jahrh. vor Chr. aber gegen 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 169 

die in Rom eindiingenden griechischen Metren hatte zurückweichen 
müssen und nur noch in 
wurde. Er hat die Form 



wenn er als quantitierender, oder 



wenn er als rhythmisch-akzentuierender Vers aufgefaßt wird^. Im 
erstem Falle besteht er aus einander abwechselnden kurzen und 
langen, im zweiten aus unbetonten und betonten Silben. Die Cäsur 
in der Mitte zerlegt ihn in zwei Halbverse von gegensätzlichem 
Charakter; der erstere ließe sich als Verbindung von Jamben, der 
zweite als Verbindung von Trochäen erklären. Dementsprechend 
schrieben die lateinischen Hymnendichter besonders gern im jam- 
bischen oder trochäischen Versmaß, denen der regelmäßige Wechsel 
von betonten und unbetonten (langen und kurzen) Silben den 
Charakter volkstümlicher Form aufdrückt. 

Will man beide Maße mit dem Versus Saturnius in Verbindung 
bringen, so läßt sich dessen erste Hälfte durch Anfügung einer 
Silbe zu einer jambischen Dipodie erweitern, und man hat das 
Schema des Ambrosius: 



Aeterne rerum conditor. 

Aus der zweiten Hälfte des Saturnius ließe sich das Irochäische 
Gegenbild des jambischen Dimeters entwickeln; 

Ave maris Stella'^. 

Auch jambische und trochäische Tripodien und Tetrapodien 
kommen vor. Selbst in Hvmnen, deren äußere Form auf genauer 



1 Die Philologen sind in dieser Frage noch nicht einig. Man vgl. Gleditsch, 
Metrik, in Ivan Müllers Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. 

2 Leider besitzen wir keinen Anhaltspunkt dafür, wem die Verfasserschaft 
dieses herrlichen Hymnus zuzuerkennen sei. Er findet sich seit dem 9. Jahrh. 
in deutschen (sanktgallischen u. a.), englischen, italienischen und französischen 
Handschriften, kann also weder von Robert U. von Frankreich (996 — 1031), 
noch vom hl. Bernhard gedichtet sein, wie man gelegentlich annahm. Erst 
eine Quelle aus dem 17. Jahrh. nennt Paulus Diaconus. Vgl. Blume in den 
Analecta hvmnica Bd. LI, S. 141. 



270 D^6 Entwicklung der Offiziumshymnen. 

Nachahmung klassischer Vorbilder beruht, drangen aus der Volks- 
poesie metrische Freiheiten. Im ambrosianischem Hymnus Creator 
alme sideruni heißt es: 



Castus amor salvus erit 

wo akzentuierte, aber kurze Silben die Stelle und die Rechte von 
langen erobern. Vielleicht hängen diese Dinge auch zusammen 
mit der Bekanntschaft, welche die lateinischen Dichter mit der 
rhythmischen akzentuierenden Poesie der Orientalen machten. Mit 
Sicherheit zu entscheiden, inwieweit die lateinische Volkspoesie und 
inwieweit diese neue Auffassung des Verses von Einfluß waren, 
dürfte schwer sein. Ob man nun die eine oder die andere Ent- 
wicklung annimmt, das Endresultat ist die allmähliche Gleich- 
berechtigung der quantitierenden Dichtung, in welcher die Akzente 
an die langen Silben gebunden sind, und der rhythmischen, die 
Hebungen und Senkungen, betonte und unbetonte Silben zählt. 
Im ganzen Mittelalter gehen die metrische, antike und ametrische, 
rhythmische Dichtungsform nebeneinander her. Letztere ist von 
Beda Venerabilis folgendermaßen gekennzeichnet: »Rhythmus ist 
die wohlklingende, nicht auf metrischen Rücksichten, sondern auf 
der Zahl der Silben beruhende, dem Ohre zusagende Komposition 
der Worte, wie sie in der volkstümlichen Dichtung üblich ist; viel- 
fach aber wird man auch dort im Rhythmus eine kunstgerechte 
Anordnung (ratio) wiederfinden i.« Die Vermischung beider Auf- 
fassungen des Verses erkennt man in spätem Hymnen, wie z. B. 
Sacris solemniis junda sint gaudia, wo antiker Vers und rhythmische 
Silbenzusammenstellung friedlich einander durchdringen. Auch der 
Reim gewinnt allmählich an Boden, wofür derselbe Hymnus lehr- 
reich ist. Er ist eine Art Interpunktion für das Ohr. Anläufe 
dazu gewahrt man schon in einigen Hymnen des Anibrosius, in 
denen, wieder in Nachahmung der volkstümlichen Dichtung, ge- 
legentlich Verse ähnlich schließen: Veni redemptor gentium, Ostende 
partum virginis , Miretur omne saeculimi, Talis decet partus deiim, 
Non ex virili semine, Sed m,ystico spiramme aus dem Hymnus 
Intende qui regis Israel. Die antike Scheu vor dem Hiatus verliert 
sich. Dieser, von den Alten durch die Ehsion beseitigt, bietet dem 
Sänger keine Unzuträglichkeit. Im Gegenteil, da die Vokale in der 
Sprache das musikalische Element bilden, dasjenige, welches sie 
befähigt, mit dem Ton eine Verbindung zum Gesang einzugehen — 



Misne, Patr. Lat. X, 173. 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 171 

SO ist die Aufeinanderfolge 
von Vokalen nicht unmusikalisch. Ihre durch keine Konsonanten 
gestörte Verbindung begegnet uns darum auch besonders in den 
musikalischen Sprachen des Südens, von denen z. B. das Italienische 
sogar die Diphthonge auflöst. Beim Singen stört der Hiatus durch- 
aus nicht, wohl aber die Elision und Kontraktion. Nach dem Muster 
alttestamentlicher Lieder sind einige Hymnen abcdarisch angelegt, 
die erste Strophe beginnt mit A, die zweite mit B, wie z. B. der 
Hymnus Ä solis ortits carcline, dessen zweite Strophe mit Beatus 
auctor saeculi, die dritte mit Gastae parentis viscera, die vierte mit 
Domus pudici pectoris beginnt usw. 

Die Mehrzahl der in der mittelalterlichen Liturgie verwendeten 
Hymnen ist gebaut wie die des Ambrosius, in Strophen von je 
vier jambischen Dimetern. Als jambische Trimeter pflegt man 
die Verse des Hymnus auf Peter und Paul zu erklären: Äurea liice 
et decore rosco. 

Auch trochäische Bildungen sind nicht selten; der Vers 
besteht entweder aus drei Trochäen, wie im Hymnus Ave niaris 
Stella, dessen Strophe dies Schema viermal bringt, oder aus vier, 
wie im Hymnus Stahat niater dolorosa; hier besteht die Strophe 
aus drei Versen, deren letzterem eine Silbe fehlt (katalektischer 
Schluß): aus acht Trochäen setzt sich der Vers im Hymnus Fange 
lingua gloriosi proelimn certaminis zusammen; er ist katalektisch 
und kommt dreimal in jeder Strophe vor. 

Im sapphischen Versmaß, aus drei elfsilbigen sapphischen 
und einem fünfsilbigen adonischen Vers bestehend, sind geschrieben 
Hymnen, wie: Nocte surgentes vigilemus omnes, Ghriste sanetorum 
decus angelorum, und Ut queant laxis resonare fibris. 

Aus Asklepiadeen und Glykoneen setzen sich die Strophen 
zusammen in den Hymnen Inventar rutilis dux hone liiminis und 
Sanetorum meritis incigta gaudia. 

Auch das je einen Hexameter und Pentameter verbindende 
Distichon kommt vor: Salve festa dies, toto vener ahilis aevo und 
Gloria, laus et honor tibi sit, rex Ghriste, rede^nptor. 

Ursprünglich sind, wie wir wissen, die Hymnenmelodien ganz 
einfach, volkstümlich gewesen i. Je mehr aber im Laufe des Mittel- 
alters die Tendenz sich geltend machte, die Menge vom Gesänge 

1 Noch zu Beginn des 14. Jahrb. waren die Hymnen im römischen Ferial- 
offizium syllabisch; imicani atqiie facilem habent notam, sagt Radulph von 
Tongern, propos. 13. (Gerbert, de cantu I, 310), was durch unsere Hand- 
schriften durchaus bestätigt wird. 



172 Die Entwicklung der Offiziumshymnen. 

in der Kirche auszuschließen und denselben allein den Sängern, 
die dazu angestellt waren, zu überlassen, desto weniger war ein 
Grund vorhanden, an der alten syllabischen Melodieform unter allen 
Umständen festzuhalten. Die Sänger strebten natürlich dahin, für 
die Hymnen besonders der Festtage musikalisch interessante und 
wirkungsvolle Melodien zu besitzen i. Tatsächlich sind denn auch 
nicht alle Hymnenmelodien des Offiziums in unsern ältesten Hand- 
schriften syllabisch, es gibt darunter melodisch ganz ausgewachsene 
Gebilde, wie die Hymnen ja noch heute vielfach sind. Besonders 
gilt dies von dem allerdings seltenen Fall, daß die Hymnen an der 
bevorzugten Stelle der Liturgie, in der Messe, erscheinen, wie der 
Hymnus Fange lingua gloriosi am Karfreitag. Diese Melodie ist 
schon in den ältesten Manuskripten reich ausgeführt und von 
syllabischer Fassung weit entfernt; hier verschwinden die metrischen 
Verhältnisse der Verse zum Teil, und die Gesetze der musikalischen 
Rhythmik treten an ihre Stelle. 

Fast alle Offiziumshymnen des Mittelalters sind in metrischen 
oder rhythmischen Formen geschrieben. Eine ältere Gattung, deren 
Bau mehr auf dem die Psalmen und die andern Denkmäler semitischer 
Poesie bestimmenden Gesetze des Parallelismus der Glieder beruht, 
tritt etwas in den Hintergrund. Dahin kann man die kleine Doxo- 
logie rechnen, das Gloria Patri^ welches den letzten Versen eines 
Psalmes angehängt wird (die große Doxologie, das Gloria in cxcelsis, 
haben wir unter den Meßgesängen figurieren sehen); ferner das Te 
decet laus des Benediktineroffiziums (vgl. S. 42). Hauptvertreter 
dieser Gattung ist jedoch der sog. ambrosianische Lobgesang, 
das Tc deum, welches schon in der Regel des hl. Benedikt erwähnt 
ist. Die Frage nach der Herkunft dieses aus mehreren verschiedenen 
Stücken zusammengesetzten Hymnus und seiner ursprünglichen Form 
ist bisher noch nicht gelöst. Soll man einem der in den Quellen 
als Verfasser genannten Namen den Vorzug geben, so kann es nur 
der durch die irische Überlieferung bezeugte Bischof Nicetas von 
Remesiana in Dazien sein 2. Die Überlieferung des Textes und der 



1 Ulricus, de ant. Ciuniac. Consuet. II., 25, sagt vom Osterhymnus, der- 
selbe sei so einfach, wie diejenigen der gewöhnlichen Tage; er wünscht darum 
eine reichere Melodie. Gorbert, 1. c. I, 5H. 

2 Gerade in jüngster Zeit hat sich die Forschung des Te Deum besonders 
angenommen. Als die hervorragendsten sind die Arbeiten von Burn (Niceta 
of Remesiana, His lif and works, Cambridge -1903), Cagin (Te Deum ou Illatio? 
Contribution a rhisloiro de TEuchologie latine a propos des Origines du Te 
Deum, Solesmes -1906), Morin (Lc Te Deum Type anonyme d'anaphore latine 
prehistorique? Revue Benedictinc iGOT S. -180 11.) und Patin (Nicetas, Disser- 
tation München 1909). Die Wagschale scheint sich neuerdings endgültig 



Der Offiziumsgesang im Mittelalter. 173 

Melodie in den Offiziumshandschriflen legt nahe, den mit Salvum 
fac (y. i2) beginnenden Teil als späteren Ursprunges anzusehen; 
die Anfangspartie deutet auf jene Zeit hin, in welcher nur die 
christlichen Blutzeugen kultische Verehrung genossen ; außer den 
Aposteln und Propheten sind wenigstens nur sie genannt; der 
Gonfessores, die sich durch heroische Tugenden auszeichneten, 
ohne ihr Leben für die göttliche Wahrheit zu opfern, wird nicht 
Erwähnung getan. Aber auch der erste Teil des Te drum (T. I 
bis 21) scheidet sich deutlich in zwei verschiedenalterige Schichten. 
y. \ — 13 (bis Sanctum qiioque) und y. 14 — 21 (bis Äeterna fac). 
Sie sind melodisch gleich behandelt, und die zweite mündet mit 
y. 21 in eine feierliche Orationsweise hinein, die eine Zeitlang den 
Abschluß des ganzen Lobgesanges gebildet hat^. 

Das Tc Deum gehört zum eisernen Bestand des monastischen 
Offiziumsgesanges und ist von dem ältesten Offiziumsgesangbuch 
an, dem gegen Ende des 7. Jahrh. geschriebenen Antiphonar von 
Bangor2, bis auf die Gegenwart in den Büchern vermerkt. In Rom 
war seine Verwendung noch zur Zeit des Amalar (9. Jahrh.) auf 
die Geburtstage der Päpste beschränkt, wo es aber nicht Glied 
des Offiziums war^. Um die Mitte des 12. Jahrh. jedoch war es 
in Rom fast in täglichem Gebrauch, wie wir aus dem 11. Ordo 
des Can. Benedikt von St. Peter erfahren *. Man sang es wie 
einen antiphonischen Psalm, Vers für Vers von den zwei Hälften 
des Chores abwechselnd ^, eine Vortragsweise, die sich aus seiner 
Struktur von selbst ergab, und nach der die Melodie geformt wurde. 
Die Verse von Per singulos dies an pflegte man etwas höher zu 
singen wie die vorhergehenden, wie uns Durandus berichtet". 
Seine bevorzugte Stelle war der Schluß der 3. Nokturn an Sonn- 
und Festtagen; dort war es so behebt, daß es sogar das dritte 



auf die Seite des Bischofs von Remesiana zu legen, dessen Ansprüche durch 
Burn, Morin, Patin u. a. gutgeheißen werden. Über die Frage und ihre Ge- 
schichte vgl. die Greg. Rundschau -1907, S. 49 0". und 1909, S. 160 ff.; ebenso 
die Theol. Revue 1910, S. 112. 

1 Vgl. darüber die Greg. Rundschau 1907, S. 63 ff. 

2 In einer Handschrift der Ambrosiana in Mailand erhalten und ver- 
öffenthcht von Muratori im 4. Bd. der Anecdota Ambrosiana (1713) und 
neuerdings phototypisch als 4. Bd. der Publikationen der englischen Bradshaw- 
Society (1893). 

3 Migne, Patr. Lat. CV, 1246. 

4 Migne, Patr. Lat. LXXVIIl, 1027. 

5 Also ist es in den Hirschauer Konstitutionen vorgeschrieben. Gerbert, de 
cantu I, 488. 

fi Gerbert, ebenda. 



174 U'c Entwicklung der OlTiziumsliymnen. 

Responsorium verdrängte'. Außerdem wurde es bald der all- 
gemein gebräuchliche Hymnus der öffentlichen und feierlichen Dank- 
sagung und löste in dieser Verwendung das Gloria in excelsis ab. 
Noch heute kennt es der Kleriker als Teil des Offiziums und das 
Volk als begeisternden Lobgesang der Gnade Gottes. 



Der Bau des Offiziums, des monastischen wie des säkularen, 
möge durch die folgenden Tabellen veranschaulicht werden, in 
denen die Gesangstücke des Offiziums vom Weihnachtsfeste auf- 
gestellt sind. Für jenes sind zu Grunde gelegt das Hartkersche 
Antiphonar, Cod. 390 St. Gallen aus dem 10. Jahrb. und Cod. 12044 
der Pariser Nationalbibliothek aus dem 12. Jahrb., für dieses das 
von Migne (Patr. Lat. LXXVIII) herausgegebene Responsale von 
Compiegne aus dem 9. Jahrb., das von Tommasi herausgegebene 
Antiphonar von St. Peter in Rom aus dem 12. Jahrh. (zitiert nach 
Galliciollis Ausgabe der Werke Gregors des Großen Bd. XP) und 
eine dem Anfange des 13. Jahrh. entstammende Handschrift eines 
Franziskanerbreviers »secundum consuetudinem curiae Romanae«^. 
Es wird nicht schwer sein, an der Hand dieser fünf Handschriften 
sich von dem Unterschied beider Offizien eine zutreffende Vorstel- 
lung zu bilden, wie auch von den Verschiedenheiten, die in den 
Handschriften desselben Offiziums zu finden sind*. Die Tabellen 
werden die Behauptung, daß der Offiziumsgesang im Mittelalter bei 
weitem nicht so einheitlich gestaltet war wie der Meßgesang, außer 
Zweifel stellen. 

Im einzelnen sei nur hervorgehoben, daß weder das monastische 
Offizium des 10. Jahrb., noch das säkulare des 9., ja noch des 
12. Jahrh. die Hymnen kennt; sie sind erst vermerkt in der Pariser 
Handschrift des 12. und der franziskanischen des 13. Jahrh. Die 
monastische Vesper läßt der Antiphone zum Magnificat ein Respon- 
sorium vorausgehen und zwar ein prolixum (das heutige Benediktiner- 
brevier hat ein 1^. breve); die Handschrift Hartkers hat, obwohl 
monastischen Ursprungs, 5 Vesperantiphonen. 

1 Radulph von Tongern, prop. 12. (Gerbert, 1. c. 512.) Vgl. auch die Hand- 
schriften des Säkularoffiziums des 12. und 13. Jahrh., aus denen auf den 
folgenden Seiten das Weihnachtsoffizium mitgeteilt ist. 

2 Dies Antiphonar hat zwei Offizien für das Weihnachtsfest; in den Ta- 
bellen ist nur das zweite berücksichtigt, welches demjenigen der andern Bücher 
mehr entspricht. 

3 Vgl. oben S. 167, Anm. 1. 

4 Selbst die Verse der Responsorien wechseln in den Handschriften. 



Der Offiziuinsgesang im Mittelalter. 



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XI. Kapitel. 

Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 
Gregor der Große (f 604). 

Die Entwicklung der römischen Liturgie und des dazu ge- 
hörigen Kirchengesanges, die in den vorigen Kapiteln bis zum 
Ende des Mittelalters und darüber hinaus ausführlich behandelt 
wurde, stellt sich trotz aller Mannigfaltigkeit keineswegs als eine 
auf das Ganze sich erstreckende Umgestaltung, sondern nur als 
die Anpassung eines fertig vorliegenden Organismus an neue Ver- 
hältnisse und Bedürfnisse dar. Sie hat eine liturgisch-musikalische 
Ordnung zur Voraussetzung, die in allem Wesentlichen fixiert ist, 
und bezieht sich immer nur auf deren Teile, nicht auf das Ge- 
bäude, in welchem die verschiedenen Formen wirken. Nunmehr, 
wo das Resultat der kirchengesanglichen Bewegung des Mittelalters 
in seiner Fülle vor uns ausgebreitet Hegt und wir die Eigenart 
der musikalischen Formen sowie ihre Verbindung mit den die 
Liturgie zusammensetzenden Riten kennen gelernt haben, können 
wir der Frage näher treten, wer das großartige Gebäude aufge- 
richtet und der in einem Jahrtausend sich abspielenden Entwick- 
lung die Bahn gewiesen hat. 

Im allgemeinen wird die Anregung zu liturgischen Ordnungen 
in Rom meist von den Päpsten ausgegangen sein. Von Papst 
Hormisdas (514 — 523) heißt es, er habe seine Kleriker in den 
Psalmen unterrichtet i. Ob diese Notiz auch auf die Psalmodie 
auszudehnen ist, ist nicht gesagt, abgesehen davon, daß ihre 
Richtigkeit überhaupt nicht kontrolliert werden kann. Sonst haben 
wir über eine kirchengesangliche Tätigkeit von Päpsten des 5. und 
6. Jahrh. nur noch ein Dokument, den anonymen Bericht eines 
fränkischen Mönches, der sich in Rom aufgehalten und Erkundi- 



1 Liber pontif. I, 269 (ed. Duchesne) : clerum composuit et psalmis 
erudivit. 



Gregor der Große. 189 

sanges eingezogen hattet. Er drückt sich jedoch nur ganz all- 
gemein aus und bedient sich für alle Päpste, von denen er spricht, 
fast derselben Worte, so daß er und seine Gewährsmänner kaum 
mehr wie eine vage Kunde von den Vorgängen gehabt haben 
können. Aus diesem Grunde ist es geboten, seine Erzählung nur 
insoweit anzunehmen, als sie sich durch andere Quellen stützen läßt. 

Der Anonymus behauptet, »daß der hl. Papst Damasus mit 
Unterstützung des hl. Priesters Hieronymus die liturgische Ordnung 
von Jerusalem in die römische Kirche eingeführt habe«. Daß Papst 
Damasus (366 — 384) seine Fürsorge der römischen Liturgie zu- 
gewendet habe, ist eine uralte Tradition. Wie wir sahen, bezeugt 
kein Geringerer als Papst Gregor der Große, daß der Allelujagesang 
durch Damasus auf Veranlassung seines liturgischen Beraters, des 
Hieronymus, der römischen Messe eingefügt worden sei. Von seinem 
Aufenthalt in Bethlehem her war Hieronymus mit den liturgischen 
Übungen des Orients wohl vertraut. Bekannt ist die ebenfalls auf des 
Damasus Veranlassung durch Hieronymus besorgte Verbesserung des 
Textes der hl. Schrift, die Damasus noch kurz vor seinem Tode 
383 dem offiziellen Gebrauch übergab. Wie S. 26 bemerkt, ist 
es nicht unmöglich, daß das auch von orientalischen Bischöfen 
beschickte Konzil zu Rom 382 den Römern die Bekanntschaft mit 
der antiphonischen Psalmodie vermittelte. Wenn diese Vermutung 
richtig ist, dann bedeutet der Pontifikat des Damasus den Beginn 
der glorreichen Geschichte des römischen Kirchengesanges. Einige 
Liturgiker haben sogar die Behauptung aufgestellt, daß Damasus 
die römische Liturgie in ihrem ganzen Umfange geregelt habe 2, 
ähnlich wie die erste Organisation der mailändischen auf Ambrosius, 
der griechischen auf Basilius zurückgeführt wird. 

»Nach ihm, sagt unser Anonymus, hat der Papst Leo (440 
bis 461) einen Gesang für das Kirchenjahr eingerichtet und hervor- 
ragende liturgische Werke verfaßt; wer sie nicht alle ohne Ausnahme 
annimmt und verehrt, der sei im Banne.« Was hier gesagt ist, 
läßt sich, soweit der Gesang in Betracht kommt, nicht nachprüfen, 
da kein anderes Dokument darüber vorhanden ist. 

»Hierauf hat der Papst Gelasius (492 — 496) in gleicher Weise 
einen Gesang für das ganze Kirchenjahr, wie auch kanonische 
(liturgische) Schriften verfaßt, nachdem sehr viele Priester am Sitze 



1 Anonymus de prandiis monachorum, qualiter monasteriis in Romana 
ecclesia constitutis est consuetudo. Vgl. die Textausgabe in Battifols Histoire 
du Breviaire, S. 348. 

2 Also Probst, die alt. röm. Sakramentarien und Ordines. Münster 1892, 
S. 82, und Bäumer, Geschichte des Breviers 139. 



190 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

des hl. Apostels Petrus zusammengekommen waren.« Mit dieser 
in Rom unter dem Vorsitz des Papstes tagenden Versammlung von 
Geistlichen wird das Konzil unter Damasus gemeint sein. Von einer 
kirchengesanglichen Wirksamkeit des Gelasius wird sonst nichts 
berichtet, wohl aber verdankt die Meßliturgie ihm nachhaltige 
Impulse. Wenigstens ist nach ihm das Sakramentar benannt, 
welches vor Einführung der gregorianischen Liturgie in Rom und 
Gallien im Gebrauch war'. Es wäre nicht unmöglich, daß mit 
seiner Einrichtung irgend eine Organisation des Kirchengesanges 
zusammenhinge. Sicher gab es schon vor den Reformen Gregors 
in Italien, wie in Spanien und Gallien einen liturgischen Gesang, der 
dann von dem gregorianischen verdrängt wurde, wie das gelasianische 
Missale von dem gregorianischen. 

Weiter nennt unser Autor die Päpste Symmachus (498 — 514), 
Johannes (523 — 526) und Bonifazius (530 — 532); jeder von ihnen 
habe einen Gesang für das ganze Jahr (cantus annalis oder cantilena 
anni circuli) hergestellt. Bei ihrer kurzen Regierungsdauer ist es 
wenig glaublich, daß diese Päpste sich direkt mit der Organisation 
des Kirchengesanges abgegeben haben. 

Als vorletzter Papst wird Gregor der Große erwähnt, dem 
wieder »ein berühmter Gesang für das ganze Kirchenjahr« zu- 
geschrieben wird, als letzter Papst Martin (649 — 653). Zum Schlüsse 
macht der Autor noch einige Abte als Verfasser eines Cantus annahs 
namhaft, Catalenus, Maurianus und Virbonus. Von den beiden ersten 
wird berichtet, sie seien Äbte bei St. Peter gewesen. Dies ist ganz 
bemerkenswert; denn aus den Klöstern bei St. Peter rekrutierte 
sich vorzugsweise die gregorianische Gesangschule. 

Kern der Aussage des fränkischen Mönches wird sein, daß die 
Päpste von Damasus an sich um die Ausbildung der römischen 
Liturgie verdient machten und daß, nachdem Messe und Offizium 
in ihren Grundlagen geordnet waren, die päpstlichen Sänger auch 
den Kirchengesang ordneten und normierten. Fast drei Jahrhunderte 
umfaßte diese Entwicklung, die Zeit von 366—650. Es wäre von 
Wichtigkeit, über Lebenszeit und Wirksamkeit der Äbte von St. Peter 
näheres zu erfahren. Wenn sie mit Gregor gleichzeitig wären, so 
würde dies mit der Tradition harmonieren, welche die Ordnung 
des römischen Kirchengesanges diesem Papst zuschreibt. 

Diese Tradition bezieht sich auf eine der bedeutungsvollsten 
Phasen der Ghoralgeschichle und erheischt eine ausführlichere 
Behandlung. 



1 Probst, 1. c, S. i43ff. 



Die gregorianische Frage. 191 

A. Die gregorianisclie Frage. 

Eine mehr wie tausendjährige Überlieferung lautet dahin, daß 
diejenige Ordnung des Meß- und Gebetsdienstes, sowie des dazu 
gehörigen Gesanges, die im Mittelalter vom 7. Jahrb. an die andern 
verdrängte und in allem Wesentlichen noch heute in Geltung ist, 
auf Gregor I. zurückgehe, der 590 — 604 Papst war. Sie findet 
ihren sprachlichen Ausdruck in Bezeichnungen, wie »gregorianisches 
Sakramentar«, die im Mittelalter sehr oft gebraucht wurde, -Officium 
gregorianum«, besonders aber »Antiphonarium gregorianum« oder 
»S. Gregorii«, womit die Sammlung der liturgischen Gesänge gemeint 
ist, und »gregorianischer Gesang«. Nach der Tradition geht so die 
heutige römische Liturgie namentlich in ihrer gesanglichen Grund- 
lage auf Gregor I. zurück. 

Während des Mittelalters hat niemand die Überlieferung in 
Zweifel gezogen. Dies geschah zum ersten Male durch Pierre 
Gussanville \ 675 ^. Ein halbes Jahrhundert später bezog sie Georg 
von Eckhart2 (1729) auf Gregorii. (715—731). In unserer Zeit 
wurde die Frage von neuem in einem der Tradition ungünstigen 
Sinne durch Gevaert behandelt, der sich ebenfalls für Gregor II. 
oder Gregor III. (731 — 741) aussprach. Seine Schrift^ erregte Auf- 
sehen und veranlaßte andere Forscher, mit dem Resultate ihrer 
Studien hervorzutreten. Besonders die Benediktiner, mit Morin* 
und Cagin^ an der Spitze, erhoben sich zum Schutze der Tradition, 
die für sie wie eine Ordensangelegenheit war; weiter Brambach^ 
und Frere'^. Gevaert verteidigte seine Position in der Vorrede zu 



1 Gussanville gab 1675 die Werke Gregors heraus. Über seine Stellung 
zur gregorianischen Tradition vgl. Tommasi, 1. c. XI. praef. 11. 

2 De rebus Franciae orientalis. Würzburg 1729, S. 718. 

3 Les origines du chant liturgique de l'eglise latine. Gand 1890 (deutsch 
von H. Riemann, Leipzig 1891). 

* Les veritables origines du chant gregorien 1890. (Revue benedictine, 
Maredsous, dann als selbständige Schrift ebenda und im selben Jahre heraus- 
gegeben. Deutsch von P. Elsässer, Paderborn 1892.) 

ö Un mot sur TAntiphonale Missarum, Solesmes 1910. Cagins Ordens- 
genosse, Dom Mocquereau, suchte in der Paleographie Musicale, tome IV 
p. 204, die überheferte Meinung durch den Nachweis des sog. Kursus außer 
Zweifel zu stellen. 

6 Gregorianisch, Leipzig 1895 (2. Aufl. 1901), und in einem intei'essanten, 
mit logischer Schärfe die ganze Frage behandelnden Aufsatz De origine 
cantus gregoriani theses XX im Freiburger (i. B.) kathol. Kirchensänger 1896, 
Nr. 7. 

" In der Introduktion der Ausgabe des Graduale Sarisburiense, London 
1894. 



192 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

seinem großen Choralwerke i. Auf seine Seite liaben sich seither 
Forscher von Bedeutung nicht mehr gestellt, während die traditionelle 
Annahme namentlich durch P. Coelestin VivelP, Wyatt^ und 
Gastoue^ gestützt wurde. 

Daß Papst Gregor I. das Sakramentar redigiert hat, bezeugen 
die mittelalterlichen Autoren, so der hl. Aldhelm (f 709), Papst 
Hadrian I. (772- — 795), Alcuin^ und viele andere. Darum heißen 
die Meßbücher, die unter Pippin und Karl dem Großen ins Franken- 
land eingeführt wurden, gregorianische Sakramentare im Gegensatz 
zu den frühern, gelasianischen. 

Gregors Meßordnung bezog sich nicht auf die stillen Messen, 
die 3Iissae peculiarcs^ w'elchen nach wie vor auch in Rom das 
gelasianische Sakramentar zugrunde gelegt wurde. Dieses bestand, 
jedenfalls der bequemen Handhabung wegen, aus drei getrennten 
Teilen, dem Proprium de Tempore, dem Projjriiim de Sanetis und 
den Missae und Orationes communes. Aus diesen drei Büchern 
stellte Gregor für die Zwecke des römischen Stationswesens ein 
einziges zusammen ^. Das Sacramentarüim gregorianum ist demnach 
auf die Stationsfeierlichkeiten zugeschnitten und paßt ursprünglich 
nur für diese; erst später wurde es in Gallien auch für außer- 
römische Verhältnisse umgearbeitet. Der Stationsdienst war in Rom 
der gemeinschaftliche offizielle Gottesdienst und wurde in einer 
vorher rechtzeitig; angekündigten Basilika oder sonst einer Kirche 



1 La Melopee anlique dans le chant de l'eglise latine. Gand iSd5. 

~ Der greg. Gesang. Eine Studie über die Echtheit seiner Tradition. 
Graz 1904. 

3 E. G. P. Wyatt, St. Gregory and the gregorian Music. London 1904. 

* Les Origines du Chant Romain. Paris 1907. 

ö Migne. Patr. Lat. Gl, 266 ff. Auf das gregorianische Sakramentar be- 
zieht sich, was Papst Hadrian L sagt: Sed et sancia catholica et apostolica 
ecelesia ab ipso sancto Gregorio Papa ordinetn missaricm, solemni- 
taium, orationum suscipiens etc. (Migne, Patr. Lat. XCVIII, -1252). 
Ein Menschenalter früher sagte Egbert, Bischof von York (732 — 766) in seiner 
Institutio catholica: Nos autem in Ecelesia Anglorum idem pritni mensis 
jejuniicm, ut noster didascalus Gregorius in suo Antiphonario et Missali 
libro per Paedagogum nostruni Augustinum transmisit ordinaium et 
rescriptmn (Migne, Patr. Lat. LXX, 441). Warum gerade in England die 
Tradition, daß Gregor L der Verfasser des Meßbuches sei, lebendig war, er- 
klärt sich daraus, daß Gregor L den Augustinus mit 40 Mönchen zur Evangeh- 
sierung Englands aussandte und ihm die nötigen liturgischen Bücher mitgab. 
Wie wir früher gesehen, bezeugt Gregor in seinen Schriften selbst, daß er 
in der Messe Änderungen bezüglich des Kyrie und Alleluja vorgenommen 
habe. Es gehören diese eben zu seiner Meßorganisation. Er brauchte nur 
über diese Einzelheiten sich zu äußern, weil er ihrethalben angegriffen war. 

6 Johannes Diaconus, vita Gregorii II, 17 (Migne, Patr. Lat. LXXV, 94). 



Die gregorianische Frage. 193 

feierlich abgehallcn. Die andern Kirchen der Stadt ließen sich 
durch Abgesandte dabei vertreten. Das Volk pflegte sich in einer 
andern Kirche zu versammeln und zog nach einem kurzen Gebet 
in feierlicher Prozession und unter Gesang und Gebet zur Stations- 
kirche, um dem vom Papst oder seinem Stellvertreter gefeierten 
Amt beizuwohnen ^ Diesen Ritus hat Gregor einer Neuordnung 
unterzogen und aus gelasianischen, gelegentlich auch aus neuen 
Bestandteilen die Messen zusammengestellt, die für den Stations- 
dienst erforderlich waren 2. 

Auch die Einrichtung des Offiziums wird demselben Papste 
zugeschrieben. Der aus persönlicher Kenntnisnahme .an Ort und 
Stelle mit den römischen Übungen wohl vertraute Amalar (erste 
Hälfte des 9. Jahrb.) nennt Gregor »den hervorragenden Ordner 
des klerikalen Offiziums«. Ihm schreibt er die Organisation der 
Psalmodie des Offiziums zu 3. Sein Zeitgenosse Hildemar bezeugt 
die Existenz dieser Tradition in Norditalien*. Die ältesten Offiziums- 
handschriften tragen daher den Namen des Papstes an der Spitze^. 
Von seinen Hymnen war schon die Rede (S. 168). Endlich sei 
schon hier vorausgenommen, daß der Schatz an Melodien, welcher 
den Grundstock des römischen Offiziumsbuches bildet, sicher um 
600 vorhanden war; daraus folgt, daß die Ordnung des Offiziums 
selbst nicht jünger sein kann, als Gregor I. Man hat später gewisse 
Änderungen daran vorgenommen; geradeso aber, wie wir trotz 
der seither eingeführten Feste heute immer- noch das Missale und 



1 Vgl. oben S. 75. 

2 Vgl. den Artikel Sakramentar im kirchl. Handlexikon. Jüngst, hat 
Dom Wilmart in der Revue Benedictine -1009 S. 291 ff. die Hs. von Monte- 
casino für die älteste und reinste Fassung des Sacramentarium gregorianum 
erklärt; sie ist um 700 geschrieben. 

3 Mabillon, Vetera Analecta. Paris 1723, 93; (Morin, 1. c. 18): qiiorum 
Grcgoriiis inter caetera quihus provexit ecclesiam, cleriealis offieii maximus 
enituit institutor. Und nachher: necdimi tarnen tum temporis (S. Bcnedicti) 
totus ordo psallentium- in PsaUerio et AntipJionario ad liquidum in ordinem 
redactum fuerat, quod postea Oregorius Papa . . . studiosissime ordinavit 
institutione S. Spiritus. Und wieder: nee citiqjerandi sunt, sed potitts 
laudandi, qui gregorianum tenent morem. 

4 Hildemar (c. 840), der den größten Teil seines Lebens in Mailand und 
Brescia zubrachte, sagt in seiner Erklärung der Benediktinerregel: Maxime 
cum b. Gregoritis, qui dieitur Romanum officium feeisse, regidam Benedicti 
laudavit. Morin-Elsässer, 1. c. 13. 

5 So dasjenige, welches Migne Patr. Lat. LXXVHI abgedruckt ist, das 
St. Gallische Antiphonar des Hartkor. Cod. 390 — 391 u. a. Vgl. auch Bäumer, 
ßreviergeschichte S. 203 IT. 

Wagner, Gregor. Melod. I. \^ 



194 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

Brevier des Konzils von Trient besitzen, ebenso ist das mittel- 
alterlicbe römische Offizium das gregorianische. 

Mittelalteriiche Messe und Offizium sind mit Gesang reich aus- 
gestattet; nach der Tradition ist es ebenfalls Gregor, der die 
Gesänge der Messe und des Offiziums nicht verfaßte, aber 
ihre Sammlung veranstaltete oder veranstalten ließ. Diese 
Überlieferung hat nichts Unwahrscheinliches; denn eine Organisation 
des Kirchengesanges war die notwendige Folge der liturgischen 
Maßnahmen des Papstes. Gregorianisches Sakramentar und Gesang- 
buch bedingen sich gegenseitig. Die liturgische Ordnung war ohne 
die des Gesanges unvollständig, da es eine feierliche Messe oder 
ein feierliches Offizium ohne Gesang damals so wenig wie heute 
gab. Im Mittelalter waren zudem die liturgischen Sänger in innigere 
Beziehung zum Altare gestellt, als später. Feierliche und stille 
Messe unterscheiden sich heute nur durch größern Aufwand von 
Zeremonien und Gesang. In beiden ist der Geistliche verpflichtet, 
die Gesangstücke zu beten; es ist gleich, ob ein Chor sie außer- 
dem noch singt oder nicht. Es gilt dies sogar von den am Altare 
von einem andern als dem Zelebranten gesungenen Stücken, wie 
das Evangelium u. a. Anders war es im frühern Mittelalter. Nicht 
allein hatten die Gesangstücke ihren Platz nur in der feierlichen 
Messe — die stille Messe kannte ursprünglich keinen Introitus, 
kein Offertorium usw. — , sie gehörten dem Sängerchore als Eigentum 
an und standen nicht im Sakramentar, die begleitenden so wenig 
wie die Sologesänge; bei letzteren hörten alle, auch r Zelebrant, 
zu, so daß die hl. Handlung stille stand. Dem miuelalterlichen 
Gesangchor sind in hervorragender Weise liturgische Funktionen 
übertragen; in gewissem Sinne teilen sich Zelebrant und Gesang- 
chor in die hl. Handlung, da jedem Aufgaben übertragen sind, die 
ihm eigen und nicht von dem andern zu verrichten sind. Eine 
eigene liturgische Arbeit leistet der Sängerchor heute nicht mehr; er 
ist mehr äußerlich der hl. Feier beigegeben, als in sie organisch ver- 
wachsen. Was die Sänger leisten, gilt gewissermaßen am Altare nicht 
als vollwertig, da der Zelebrant immer die Gesangstexle zu beten hat. 

Bei dieser intimen Verbindung von Altar und Gesangchor ist 
es selbstverständlich, daß die Reform der Liturgie eine solche des 
Uturgischen Gesanges nach sich zog, und selbst ohne das Zeugnis 
der Autoren wäre man fast gezwungen, die gesangliche Organisation 
aus der liturgischen abzuleiten i. Indessen ist die sresorianische 



1 Den Zusammenhang von Sakramentar und Antiphonar hat besonders 
Brambach in dem Aufsatze des kath. Kirchensängers sehr energisch betont. 



Die gregorianisclie Frage. 195 

Tradition durch äußere und innere Zeugnisse woh! gestützt. Das 
bekannteste ist die Aussage des Johannes Diaconus, der um 870 
das Leben des großen Gregor schrieb. Sein für die liturgischen 
Lesungen im Offizium bestimmter Text • besagt, daß Gregor den 
Cento Antiphonarius kompiliert und die Schola Cantorum, 
die berühmte Gesangschule in Rom, gegründet oder neuorganisiert 
und ihr zwei Häuser geschenkt habe. Zur Zeit des Johannes 
bewahrte man noch mehrere Andenken an seine Tätigkeit für die 



Wann der Gebrauch aufkam, daß der Zelcbrant auch in der stillen Messe die 
Gesangstexte rezitierte, ist nicht leicht zu sagen. Sicher hängt er mit der 
Adoption des gregorianischen Meßbuches für die Missa privata zusammen. 
Schon die Konstitutionen des Wilhelm von Hirschau (11. Jahrh.) schreiben im 
8G. Kap.: De missa privata, quomodo sit cantanda, i. e. legenda, vor: inde 
missam incipiens totum cantum, qui ad eiiin pertinet, pro edieto patrum 
nostrorum magis legit in directum, quam audeat cantare. (Migne, Patr. Lat. 
GL, 1015.) Die Bezeichnung cantare wird ganz allgemein auch von der Missa 
privata gebraucht; vgl. Gerbert de cantu I, 355. Das Übergangsstadium von der 
gesungenen feierlichen Messe mit Beteiligung der Schola Cantorum bis zur 
stillen Messe wird durch die zahlreichen Handschriften des Missale plena- 
rium veranschaulicht, die alles enthalten, was am Altare zu beten, zu lesen 
und vom Chore zu singen war, also den Text der Orationen, Präfationen, 
Lektionen usw., sowie die Gesänge mit den aufgezeichneten Melodien. 
Man muß sich fragen, für wen dieses merkwürdige, oft in handlichem For- 
mat auftretende Buch bestimmt war. Ich glaube, daß es darauf nur eine 
Antwort geben kann. Als der römische Ritus der feieriichen Messe auf die 
Messe übertragen wurde, die ohne den Apparat der Sänger usw. vollzogen 
werden mußte, übernahm der Zelebrant auch die Obliegenheiten, die in der 
feierlichen Messe den Lektoren und Sängern auferlegt waren. Er sang 
also am Altare den Introitus, das Graduale, die Epistel, das Evangehum usw, 
Denkmäler dieses liturgischen Zustandes sind eben die Plenarien. Auf die 
Dauer aber konnte derselbe sich nicht halten, und man gelangte von selbst 
dazu, die Gesänge nicht mehr zu singen, sondern begnügte sich mit der Rezi- 
tation ihrer Texte. Damit wurde die Aufzeichnung der Gesänge in den Meß- 
büchern nach ihren Melodien überflüssig; es genügte ihr Text. Das ist dann 
die Praxis des modernen Missale geblieben. Das Missale plenarium ist daher 
die notwendige Durchgangsstufe von den alten liturgischen Büchern des Sacra- 
mentarium, Lectionarium, Antiphonarium bis zum heutigen einheitlichen und 
ungeteilten Missale. 

1 Vita S. Gregorii Magni, II, 6. (Migne, Patr. Lat. LXXV, 90): Deinde 
in domo domini more sapientissimi Salomonis, propter musicae compunc- 
tionem dtdcedinis, Antiphonarium eentonem, cantorum studiosissimus, nimis 
utiliter compilavit. Scholam quoque cantorum, quae hactenus eiusdem 
instifutionibus in sancta Ro^nana ecclesia modulatur, constituit; eiqiie cum 
nonnuUis pracdiis duo hahitacula, scilicet alterum sub gradibus basilicae 
beati Petri apostoli, alterum vero sub lateranensis patriarehii domibus fabri- 
cavit, ubi usque hodie lectics eius, in quo recubans modulabatur, et flagellum 
ipsius, quo, pueris minabatur, veneratioiic congrna ciitn autlientico Anti- 
phonario reservatur. 

4 3* 



196 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

Schola, insbesondere das authentische Antiphonar, das authentische 
Exemplar des Gesangbuches. Gevaert hat das Zeugnis des Johannes 
Diaconus als unglaubwürdig abgelehnt, weil es fast 300 Jahre nach 
Gregors Tode geschrieben ist. Es ist wahr, daß der Biograph Gregors 
einmal eine Erzählung über die Schicksale des gregorianischen 
Gesanges in Deutschland, Frankreich und England anekdotenhaft 
zugunsten der römischen Sänger wiedergegeben hat. Hier ist 
Johannes das Opfer der Sänger geworden, die er um Auskunft 
angegangen hatte. Sonst aber macht sein Werk einen durchaus 
andern Eindruck i. Er sagt selbst, er habe auf Befehl Johannes VIII. 
(872 — 882), dem es gewidmet wurde, die Lebensumstände des 
Heiligen aus dem päpstlichen Archiv entnommen und sich immer 
daran gehalten. Johannes Diaconus ist kein Aufschneider; auf jeden 
Fall geht aus seinem Berichte hervor, daß um das Jahr 870 die 
römische Schola Gantorum ihre Existenz auf Gregor I. zurück- 
datierte und demselben die Herstellung des liturgischen Gesang- 
buches zuschrieb. Wäre der Biograph Gregors der einzige, der 
uns in der Angelegenheit Mitteilungen macht, so könnte man aller- 
dings sagen, Johannes habe auch hier nur Legenden geboten. Es 
gibt aber ältere Zeugen für das Werk des Papstes, und Johannes 
Diaconus hat nichts erfunden. Papst Leo IV. (847 — 855) spricht 
in einem Briefe an den Abt Honöratus, der in der Nähe von Rom 
amtierte, von dem gregorianischen Gesang wie von einer über 
allen Zweifel erhabenen Tatsache. Er tadelt den Adressaten, daß 
er nicht den von Papst Gregor herrührenden und fast überall 
gesungenen Gesang akzeptiere und auch in andern liturgischen 
Dingen nicht dem durch Gregor festgestellten Ritus folge. In diesem 
Schreiben 2 ist die Tradition des apostolischen Stuhles niedergelegt, 



1 Brarabach, Gregorianisch, S. 1 4 ff. 

2 Morin-Elsässer, 1. c, S. 8, dessen Darstellung ich im wesenthchen folge: 
Die "Worte des Papstes lauten: Res una valde incredihilis auribus nostris 
insonuit . . . id est cum (/nlcnliurni Grcgorlani carminis cum, sua, quam'in 
ecclesia traditione cnnemli h iiotiUijUi- onJinarif et tradidit, in tantuvi per- 
osam habeatis, ut in ODuiibns in liuiuainodl ratione non tantum ab hac 
proxima sede, sed et ab om,ni pene occidentali ecclesia . . . dissentiatis. Quae 
cunctae eeclesiae cum tanta aviditate et amore arduo praedictam tradi- 
tionem, Oregorii acceperunt . . . Qui plane sanctissimus papa Gregorius . . . 
edidit et sonum iam dictum . . . Idcirco sub excommunicationis intcrposi- 
tione praecipimus, ut nequaquam, aliter quam et S. papa Oregoriiis tradidit 
et nos tenemus, in modulatione et lectione peragatis. Dies ist meines 
Wissens das erste Mal. daß der Ausdruck >Carmen gregorianum« (gregori- 
anischer Gesang) gebraucht wird; es ist interessant, daß ein Papst' ihn im 
Munde führt. 



Die gregorianische Frage. 197 

der in der Person Leos IV. den mit dem Banne bedrohte, der sie 
in Abrede stellte i. Einem solchen Zeugnis wird man eine besondere 
Bedeutung nicht absprechen können. 

Aus der ersten Hälfte des 9. Jahrh. ist die gregorianische 
Tradition bezeugt durch Walafrid Strabo (807 — 849), der Gregors 
liturgische und gesangliche Reformen in einem Atem nennt 2, und 
seinen Zeitgenossen Amalar, der besonders lebhaft für das Werk 
Gregors eintritt 3, Es darf hier aber nicht übergangen werden, daß 
Amalars Zeitgenosse, Agobard, Bischof von Lyon, das /\ntiphonar 
Gregor L abspricht. Vielleicht veranlaßte ihn seine systematische 
Opposition gegen Amalar dazu*. 

Aus der ersten Hälfte des 8. Jahrh. stammt das Zeugnis des 
Bischofs Egbert von York(732 — 766), der vom Liber Antiphonarius 
redet, den Papst Gregor I. dem Augustin mitgab, als er ihn zur 
Christianisierung Englands aussandte 5. 

Der Historiograph der englischen Kirche endlich, der um 670 
geborene Beda Venerabilis, nennt verdiente Männer, deren Sorge 
dem Kirchengesang zugetan war. Von Putta, dem 688 gestorbenen 
Bischof von Rochesler, rühmt er die Kenntnis des römischen Ge- 



1 Probst, die ältesten röni. Sakramentarien und Ordines. S. 302. 

- Traditur denique bcatum Grecjorium^ siciit ordinationcvt inissariim 
et conseerationem, ita etiarn cantilenae diseiplinam niaxima ex parte in 
eam, qiiae hactenus quasi decentissima observatur, dispositionem perdttxisse, 
sicut et in capite Antiphonarii conunemoratur (Migne, Patr. Lat. CXIV, 948). 
Diese Notiz bezieht sich auf die Meßgesänge; eine zweite auf die des Offiziums: 
Ordinem autem cantilenae diurnis seu noeturnis horis dicendae beatus 
Gregorius plenaria creditur ordinationc distribiiisse (Migne, 1. c. CXIV, 956). 
Auch hier sucht Gevaert abzuscliwächen, indem er sich an die Worte traditur, 
creditur klammert, es handle sich nur um eine Legende. Dann aber ist auch 
die Meßreform Gregors eine solche; denn das Wort traditur bezieht sich auch 
auf sie. Wohin käme man mit der Kenntnis der Geschichte überhaupt, wenn 
alles als Sage angesehen werden müßte, was »überliefert wird«. 

3 Vgl. oben S. lÖ.S. Sonderbarerweise ist aus vielen Handschriften seiner 
Werke alles, was für den gregorianischen Ursprung der römischen Liturgie 
und des Gesanges spricht, von den'Feinden des immer und überall den römi- 
schen Usus proklamierenden Mannes, von der Lyoner Schule des Agobard 
und Florus, ausgemerzt worden, die ihre altern Gebräuche nicht aufgeben 
wollten. Nur wenige Handschriften haben den ungekürzten Text. 

4 Agobard sagt in seinem liber de correctione Antiphonarii (Migne, Patr. 
Lat. CIV, 336): Verum quia Gregorii praesulis nomen titulus praefati 
libelli praetendit et hine opinione sumpta putant eum quidam a beato Gre- 
gorio . . . compositum. 

5 In der schon erwähnten Stelle seiner Schrift de institutione cathohca; 
vgl. S. 192, Anm. 5. 



198 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

sanges, den er von den Schülern des hl. Gregor erlernt hatte i. 
Derjenige Gregor, von dem hier die Rede ist, kann nicht Gregor II. 
sein; denn dieser kam erst lange nach Puttas Tod auf den päpst- 
lichen Thron (715). Unter Bischof Acca von Hexham (f 709) wirkte 
ein Sänger Maban, der »von den Nachfolgern der Schüler Gregors 
im Gesänge unterrichtet worden war« 2. Die Beweiskraft dieser 
Notizen Bedas wird freilich je nach dem Sinne des Ausdruckes 
»Schüler des hl. Gregor« eine verschiedene sein. Versteht man 
darunter Gesangschüler des Papstes, dann stützen sie die grego- 
rianische Überlieferung; sind aber damit nur die Missionare gemeint, 
die Gregor zur Bekehrung Englands ausschickte, so ist man nicht 
gezwungen, sie in Beziehung zu einer kirchengesanglichen Wirk- 
samkeit Gregors zu setzen. Der Vollständigkeit halber sei auch 
das Epitaph des Papstes Honorius I. (f 638) genannt 3, das seine 
Meisterschaft im Kirchengesange hervorhebt und ihn, wenn auch 
nicht direkt in diesem Zusammenhange, für einen würdigen Nach- 
folger Gregors erklärt. 

Unanfechtbare äußere Zeugnisse tun demnach dar, daß spätestens 
um 700 Gregor I. eine kirchengesangliche Tätigkeit zugeschrieben 
wurde. Mit dem Zeugnisse Egberts halte man zusammen, daß 
Gregors Hymnen erst durch irische Quellen des 11. Jahrb. belegt 
sind, ihm aber dennoch neuerdings auf Grund durchdringender 
Erforschung des Quellenmaterials zugeschrieben werden (vgl. S. 1 68). 
Solange daher nicht neue und durchschlagende Quellen und Argu- 
mente dagegen vorgebracht werden, darf die gregorianische Tradition 
als eine wohl verbürgte geschichtliche Tatsache gelten. 

Die liturgische Reform Gregors betraf übrigens nur die römische 
Kirche; er dachte nicht daran, eine für die ganze Kirche gellende 
Ordnung zu schallen. Erst in der Karolingerzeit wurde die Zentrali- 
sation der Liturgie und des Kirchengesanges in Angriff genommen, 
und zwar waren es nicht Päpste, die darin vorangingen, sondern 
weltUche Machthaber, Pippin und Karl der Große. In Italien, sogar 
in der Nähe von Rom, bestand der bisherige Gesang weiter; erst 
nach und nach vermochte der neue römische sich die Kirchen 



1 Beda Venerab., Ilist. Eccles. IV, 2 am Ende: maxime aiitcm inodulandl 
in ecclesia rnore Romanoriim, quem a discipulis b. Papcic Grcgorii di- 
dicerat, peritum. (Migne, Patr. Lal. XCV, 175.) 

2 Ebenda XCV, 27 : qui a sueeessoribiis dicipidorum h. Papae Gregor ii 
in Cantia fuerat cantandi sonos edocftis. 

3 Gastoue, Origines du Ciiant Romain S. 93. Honorius ist divino in 
carmine pollcns genannt und 1 I Zeilen später heißt es von ihm : Kamqiie 
Gregorii tanti vcstigia iustl Dum scqucris cupiens meritumque gcris. 



Der Antiphonarius Cento. 199 

Italiens zu erobern, wie aus dem Schreiben Leos IV. hervorgeht. 
Es ist natürlich, daß die ältesten Zeugnisse für die organisatorische 
Tätigkeit Gregors auf dem Gebiete der Liturgie und des Kirchen- 
gesanges aus englischen und fränkischen Quellen fließen. Die Angel- 
sachsen wurden noch zu seinen Lebzeiten, die Franken unter Pippin 
und Karl damit bekannt gemacht. 



B. Der Antiphonarius Cento. 

Mit diesem Worte bezeichnet Johannes Diaconus das von Gregor 
herstammende Gesangbuch. : Antiphonar« bedeutet das kirchliche 
Gesangbuch im allgemeinen, da in ihm die Antiphonen den größten 
Platz einnehmen. »Cento« ist ein Ausdruck des Volkslateins und 
hat den Sinn von »Flickwerk, Zusammenstellung, Kompilation«. 
Demnach bedeutet Antiphonarius Cento das kompilierte, aus 
verschiedenen Teilen zusammengesetzte Kirchengesangbuch. Ein 
solcher Ausdruck in dem Munde des Johannes Diaconus muß sehr 
auffallen. Wäre dieser wirklich ein Aufschneider oder nur leicht- 
fertiger Nachbeter von Märchen, die man ihm aufgebunden, so 
müßte man glauben, er würde den Papst Gregor wenigstens für 
den Komponisten des Kirchengesanges erklären. Das tut er aber 
nicht, er gibt seinem Helden ein viel geringeres Lob, indem er von 
ihm nur sagt, er habe die Gesänge zu einem Cento zusammen- 
gestellt; von einer direkt kompositorischen Tätigkeit sagt er nichts. 
Das spricht für die Wahrheit des Berichtes, den er aus der Tradition 
der römischen Sänger geschöpft liat. 

Bedeutsam aber ist der Umstand, daß das gregorianische 
Antiphonar tatsächlich ein Cento ist. Es ist nicht ein Werk aus 
einem Guß, das von Anfang bis zu Ende von einer Grundidee 
beherrscht wird, sondern eine Zusammenstellung, und läßt noch 
heute die verschiedenen Schichten erkennen, die in ihm über- und 
durcheinander gelagert sind. Sie ergeben sich aus der Analyse 
unserer ältesten Handschriften. 

Das authentische Antiphonar, von dem Johannes Diaconus 
erzählt, ist noch nicht aufgefunden worden. Unsere ältesten Hand- 
schriften des liturgischen Gesanges mit musikalischen Zeichen datieren 
aus dem 9. — 10. Jahrb. Für das Meßgesangbuch haben wir allerdings 
Handschriften aus dem 8. Jahrb. Eine stammt aus dem Kloster 
Rheinau und befindet sich heute in der Kantonalbibliothek Zürich i; 

1 Das Rheinauer Graduale nimmt die ersten 1 3 Blätter des Cod. XXX 
der Zürcher Kantonsbibliothek ein. Es beginnt mit dem Verso des ersten 



200 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

eine andere ist das Graduale von Monza, welches aber nur die 
Sologesänge während der Messe enthält und demnach ein Ganta- 
torium ist^. Auffälligerweise haben beide Handschriften keine Noten- 
zeichen, sondern nur die Texte 2. Wenn wir nun nicht mehr im 



Blattes; leider ist hinter Blatt 12 eine Lücke. Blatt -12 schließt mit der An- 
gabe des Graduale Protector noster aspice deus von der Dom. XH. post Oct. 
Pent. und Blatt 1 3 beginnt mit den Worten templi habens thuribulum des 
Offert, am Tage der Dedicatio S. Michaelis. Es fehlen also die Texte des 
Offert, und der Comm. von Dom. XII und alle Texte der Dom. XIII, XIV, XV, 
XVI, XVII, post Oct. Pent. einschheßlich des Introitus, Graduale und des An- 
fangs des Offertoriums vom Feste des hl. Michael; außerdem wahrscheinlich 
noch die Texte der Quatembertage des September. Auch noch hinter Blatt 1 3 
fehlt wenigstens ein Blatt, da Blatt -1 3 im Verso mit der Angabe des All. Qui 
sanat der Dom. XXIII post Oct. Pent. schließt. Hält man die Handschrift mit 
den andern ältesten Gesangbüchern zusammen, so bemerkt man leicht, daß 
sie eine Kürzung eines römischen Originals darstellt. Nur ein paar Ileiligen- 
feste ligurieren darin, alle andern sind beiseite gelassen. Ich habe das Ori- 
ginal mit der Wiedergabe bei Gerbert, Monumenta liturg. Aleman. I, 362 ff. 
verglichen und kann folgende Versehen Gerberts korrigieren: a) Im Offert. 
Benedietus es domine (Dom. in Quinquag.) steht der Anfangspassus Benedic- 
tus es domine, doce me jusüficationes tuas zweimal. Gerbert (1. c. S. 372) hat 
ihn nur einmal abgedruckt, wohl weil er ein Versehen des allerdings nicht 
immer sorgfältigen Schreibers annahm, b) Gerbert (S. 376) gibt zum Intr. 
Oculi mei (Dom. 3. in Quadr.) keinen Psalmvers an; in der Handschrift steht 
aber deutlich zu lesen : psalm. Ad ie domine. c) Im f. Liherator meus des 
Graduale Eripe me domine (Dom. 5. in Quadrag.) hat die Handschrift die Worte 
iracundis: ab itisurgentibus, die Gerbert (S. 379) druckt, nicht, d) Zur feria 
4. der Karwoche schreibt Gerbert hinter dem Intr. In nomine domini: 
y. setc psalmus. In der Handschrift steht nur: T- e) Die Psalmversangabe 
Domine probasti nie zum Osterintroitus hat Gerbert (S. 383) klein gedruckt, 
wie die Zusätze aus einem Graduale des 12. Jahrb. von St. Blasien, mit denen 
er seine Ausgabe der Rheinauer Handschrift durchsetzt hat. Sie stehen aber 
in Grad. Rheinau. f) Im Intr. Jubilate deo omnis terra (Dom. 2. p. Oct. 
Paschae) hat Gerbert am Ende vor den beiden letzten Alleluia ausgelassen : 
date gloriam laudi eius, alleluia. g) Intr. Factus est dominus (Dom. 2. p. 
Oct. Pent.) schließt in der Handschrift: Salvum me fecit quoniam Doluit me, 
nicht, wie bei Gerbert zu lesen : salvum me fae propter miserieordiam tuam. 
h) Im Grad. Fuit hämo missus a deo (Vigil. S. Joannis Bapt.) beginnt der 
Vers, wie in allen Handschriften, mit Ut testimoniuni, nicht schon mit Hie 
venit, wie Gerbert (S. 390) im Anschluß an die spätere Einteilung geschrie- 
ben hat. 

1 Abgedruckt von Tommasi, 1. c. XII, S. 214. 

2 Ob aus dem Fehlen der Tonzeichen ein Schluß auf das Alter der Neu- 
men als liturgischer Tonzeichen im Abendland gezogen werden darf? Ge- 
länge es einmal, die Übernahme der Neumen in Rom für eine Zeit nachzu- 
weisen, die später ist als Gregor, so müßte freilich der Zusammenhang dieses 
Ereignisses mit der Feststellung der Melodien selbst und je nach der Lösung 
dieser Frage eventuell auch untersucht werden, ob die »gregorianische Tradi- 
tion« zu revidieren ist. 



Der Antiphonarius Cento. 201 

Besitze des authentischen Antiphonars Gregors sind, so sind wir 
dennoch imstande, dasselbe aus den ältesten Handschriften, die auf 
uns gekommen sind, zu rekonstruieren, indem wir alle Bestandteile 
hinwegnehmen, die erst nach Gregor in die Liturgie aufgenommen 
worden sind. Eine derartige Arbeit ist möglich und geschichtlich 
zu rechtfertigen unter der Voraussetzung, daß der gregorianische 
Gesang bis ins 9.-10. Jahrh., die Zeit unserer ältesten Hand- 
schriften mit Tonzeichen, nicht wesentlich verändert wurde. Das 
geht aber wohl aus dem angeführten Schreiben des Papstes Leo IV. 
hervor, der die damals in Rom gebrauchten Gesänge in einem 
amtlichen Schreiben auf Gregor L zurückführt, was eine bedeutsame 
Änderung im 7. und 8. Jahrh. ausschließt. 

Was die Meßge sänge angeht, so hat Walter Howard Frere 
eine Rekonstruktion des gregorianischen Gesangbuches aus einer 
Handschrift des Britischen Museums aus dem Anfang des 13. Jahrh. 
vorgenommen i. Die Untersuchung der Texte des nach Abzug der 
nachweisbar spätem Zusätze bleibenden gregorianischen Kernes ist 
sehr lehrreich. Da die Gesänge des Ordinarium Missae sich anders 
entwickelt haben, wie die wechselnden des Proprium, zuerst auch 
gar nicht dem Sängerchor übertragen waren, so muß man sie in 
den ältesten Handschriften nicht suchen. Sie standen auch nicht 
im Antiphonar Gregors. Weiter waren in demselben das Temporale, 
welches wir heute Proprium de Tempore nennen, und das Sanctorale, 
das heutige Proprium de Sanctis, miteinander verbunden. Jedes 
Heiligenfest stand in dem Buche an der Stelle, die ihm nach dem 
Laufe des Kirchenjahres zukommt, also zwischen den Festen 
des Herrn. Vom 12. Jahrh. an hat man die Heiligenfeste vom 
Temporale getrennt und als eigenen Bestandteil aufgestellt. Noch 
heute bezeugen die Missalien und Gradualien, wie die entsprechen- 
den Bücher für das Offizium, die ursprüngliche Vermischung beider 
Teile; denn die Trennung ist nicht streng durchgeführt worden. 
Die Feste des hl. Stephanus, der unschuldigen Kinder und des 
hl. Johannes Evangelista stehen im Proprium de Tempore, die meisten 
andern Heiligenfeste aber im Proprium de Sanctis. Auch ein Com- 
mune Sanctorum gab es um 600 nicht; für jedes Heiligenfest waren 
die Gesänge eigens angedeutet oder ganz ausgeschrieben, je nach- 
dem sie schon im vorhergehenden Teile des Buches aufgezeichnet 
waren oder nicht. Erst seit dem 12. Jahrb. hat die häufige Wie- 



1 In der Einleitung zum Graduale Sarisburiense. Das Studium der Frere- 
schen Abhandlung gibt einen Einblick in eine Menge von für die Geschichte 
der Liturgie und des liturgischen Gesanges sehr wichtigen Fragen. 



202 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

dcrkehr derselben Texte und Melodien dazu geführt, das Commune 
einzurichten, indem man für die Heiligenklassen, die Apostel, 
Märtyrer, Konfessoren usw., die Gesänge zusammenschrieb, so daß 
bei jedem einzelnen Heiligen einer dieser Klassen nur mehr ein 
Hinweis auf das Commune nötig war, falls er nicht eigene Gesänge 
besaß 1. 

So war das gregorianische Meßgesangbuch einteilig und die 
Gesänge dem Laufe des Kirchenjahres entsprechend geordnet, ge- 
radeso, wie es die St. Galler Handschrift 339 ist, aus welcher im 
Anhang dieses Buches die Gesangstexte zusammengestellt sind. 

Der Centocharakter des römischen Meßantiphonars tritt offen 
zutage, sobald man (he Texte einer nähern Betrachtung unterzieht. 
Der älteste Bestandteil des Buches ist gebildet durch die Feste zu 
Ehren der Heilstatsachen des Evangeliums und der ältesten römischen 
Heiligen. Für sie wählte man aus den hl. Schriften, besonders aus 
den Psalmen, Texte, die eine direkte Beziehung auf das Fest zu- 
heßen; man vgl. die Texte für Ostern, Plingsten, Weihnachten, die 
Feste der hl. Peter und Paul, des hl. Johannes Baptista. Feste 
nichtrömischen Ursprunges haben die Texte der Kirche, aus der 
sie stammen ; so ist der Introitus Gaudeamus omnes vom Feste 
der hl. Agatha aus der sizilischen Kirche, von welcher der Kult 
dieser Martyrin ausging, herübergenomraen 2. Stammt das Fest 
aus der griechischen Kirche, so hat es Gesänge, deren Texte aus 
dem griechischen übersetzt sind {vgl. S. 50). Die Ungleichheit der 



1 Die Vigilmessc der Apostel ist ursprünghch die Nachtmesse des hl. Jo- 
hannes Evangehsta; für die Messe des Tages gaben die Messen der hl. Simon 
und .Juda, wie die von Peter und Paul Stücke her. Die Gesänge für die Messen 
der Evangelisten stammen mit Ausnahme des Graduale aus der Messe des 
hl. Matthäus. Das Commune unius Martyris setzt sich zusammen vornehmlich 
aus Stücken, welche die Nachtmesse des hl. Johannes Baptista, die Messen 
der hl. Vincentius, Valentinus und Vitalis, Georgius, Gorgonius lieferten. Das 
Commune plurimorum martyrum ist aus den Messen der hl. Innocentes, Felix 
und Adauctus, Fabian und Sebastian, Hippolytus, Cyriacus, Johannes und 
Paulus, Gervasius und Protasius, Nereus und Achilles, vielleicht auch aus 
denen der hl. Cyrinus, Processus und Martinianus, Marcellinus und Petrus, 
Timotheus und Symphorianus geschöpft. Das Commune unius Confessoris et 
Pontificis stammt besonders aus den Messen der hl. Sylvester, Marcellus und 
Sixtus, dasjenige unius Confessoris und Abbatis aus der Messe des hl. Euse- 
bius, das Commune der hl. Jungfrauen endlich aus den Messen der hl. Maria 
am 1. Januar, der hl. Potentiana, Sabina, Agnes und Caecilia. Die Tabellen 
im Anhang dieses Buches enthalten alles Material, um diese Aufstellung der 
Entstehung des Commune zu prüfen. 

2 Vielleicht ist dieser Text auch eine Übersetzung aus dem Griechischen. 
Vgl. oben S. CS. 



Der AnLiphonarius Cento. 



>m 



Textzusammenstellung wird in die Augen springend, wenn man die 
einzelnen Gesangsarten miteinander vergleicht. Für einige Messen 
sind alle Texte derselben Quelle entnommen, so die Texte der 
Aluttergoltes-Messe am 1. Januar dem Psalm 44, die des ersten 
Fastensonntags dem Psalm 90; das ist aber die seltene Ausnahme. 
Die Regel ist, daß die Texte einer und derselben Messe verschiedenen 
Ursprunges sind. 

Stellen wir zunächst die Resultate der früher vorgenommenen 
Untersuchungen über die Herkunft der Meßtexte in Cod. 339 zu- 
sammen, so ergibt sich folgende Tabelle: 

Die Meßgesänge im Codex St, Gallen 339 : 





Dem Psalter 
entnommen 


Andern Büchern 

der hl. Schrift 

entnommen 


Nicht aus der 
hl. Schrift 


Zusammen 


Introitus . . . 


102 


41 


6 


149 


Gradualien . . 


104 


13 


1 


118 


AUeluja .... 


70 


14 


11 


95 


Tractus .... 


17 


3 


— 


20 


Offertorien . . 


82 


16 


4 


102 


Communionen. 


64 


80 


3 


147 




439 


167 


25 


631 



Von den 631 Meßgesängen sind die Texte für 606 aus der 
hl. Schrift genommen, und für 439 aus dem Psalter. So ist die 
Bibel auch im Mittelalter das liturgische Gesangbuch geblieben, und 
in besonderm Maße kommt diese Bezeichnung dem Psalter zu. 
Verschwindend ist demgegenüber die Zahl der andern Texte. Das 
Übergewicht der hl. Schriften verstärkt sich, wenn man diejenigen 
Messen außer acht läßt, die nachweislich erst nach Gregor ein- 
geführt wurden, so die Messe der hl. Dreifaltigkeit, die aus dem 
9. Jahrb. stammt, und die der Dedicatio. Letztere Messe ist die 
einzige, deren Gradualtext nicht biblisch ist, und so haben wir das 
interessante Resultat, daß in dem Gesangbuch, wie es aus der Hand 
Gregors hervorging, alle altern Sologesänge der Messe ohne 
Ausnahme, Gradualien wie Tractus, biblische Texte haben. 
Bis auf Gregor durfte dem liturgischen Solisten in der Messe nur 
die Bibel in die Hand gegeben werden. Diese Tatsache bestätigt 
nicht nur die Verwandtschaft, die früher zwischen Graduale und 
Traktus behauptet worden ist, sie lehrt auch, und das ist für uns 



204 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

von Bedeutung, daß die Auswahl der Solotexte der Messe nach 
einheitlichem Plane und in Befolgung einer feststehenden Tradition 
getroffen wurde. So bilden in dem gregorianischen Cento Anti- 
phonarius die Sologesänge, Gradualien und Tractus, eine besondere, 
in sich geschlossene Gruppe. 

Wesentlich verschieden von dieser ältesten Schicht sind die 
Reihen der übrigen Meßgesänge. Sie sind nach andern Gesichts- 
punkten ausgewählt. Wie im einzelnen dargelegt wurde und aus 
obiger Tabelle hervorgeht, sind die nichtbiblischen Texte schon 
etwas zahlreicher; auch treten die andern Bücher der hl. Schrift 
gegenüber dem Psalter mehr hervor i. Hält man die Gradualien 
mit den Introitus zusammen, so findet man, daß beide nach 
verschiedenen Grundsätzen zusammengestellt sind. Gerade die 
ältesten Feste haben Psalmgradualien , aber Introitus aus andern 
Büchern der hl. Schrift. Die Ordnung der Introitus und die der 
Gradualien sind also nicht gleichzeitig; sicher ist diese älter als 
jene. Bei den Kommunionen haben die biblischen Bücher außer 
dem Psalm sogar die Mehrzahl der Texte erobert; wir haben 
gesehen, daß die Evangelien der Messe auf die Auswahl der 
Kommuniontexte von Einfluß waren. Eine derartige Rücksicht 
waltet bei keiner andern Klasse von Meßgesängen, und so bilden 
die Kommuniontexte eine andere Schicht im Cento Anliphonarius. 
Auf das Graduale und die andern Gesänge der Messe ist keine 
Rücksicht genommen, auch nicht beim Offertorium, und so ist man 
zu der Annahme gezwungen, daß die verschiedenen Gesänge einer 
und derselben Messe nicht alle gleichzeitig, sondern vielfach die 
einzelnen Klassen von Gesängen zusammen festgestellt wurden. Im 
einzelnen wird die fortschreitende Erkenntnis der liturgischen Ge- 
schichte sicher noch manches Licht in diese in- und übereinander- 
gelagerten Schichten des gregorianischen Gesangbuches werfen. In 
die Augen springend sind die Textordnungen, die sich an die 
numerische Folge der Psalmen anlehnen; sie stellen die letzte 
Arbeit am Gesangbuch dar. Man sehe die Kommunionen der 
Fasten Wochentage 2. Vom Aschermittwoch angefangen stammen 
ihre Texte aus Psalm 1- — 26; eine Ausnahme machen der Samstag 
vor dem ersten Fastensonntag, der dabei übergangen ist, und die 
Donnerstage. Letztere unterbrechen die Reihe, die vom Mittwoch 



1 Für die folgende Darlegung vgl. man die Tabellen im Anhange des 
Juches. 

- Vgl. Cagin, Un mot sur l'anliphonale Missarum, S. 1 4 ff. 



Der Antiphonarius Cento. 205 

auf den Freitag überspringt. Ferner stehen statt Psalm 12, 16, 
17, 20 und 21 Texte, die aus den Evangelien der betretTenden 
Tage genommen sind. Auf jeden Fall aber war das System der 
Psalmfolge vorhanden, als die Donnerstage ihre Messe erhielten. 
Da nun dies unter Gregor II. (715 — 731) geschah, so folgt, daß 
jenes System und die ganze Meßordnung, der es angehört, der Zeit 
Gregors II. vorausliegt. Auch diese Kommunionen bilden eine eigene 
Schicht im gregorianischen Cento, indem ihre Anordnung Gesetzen 
folgt, die für die Texte der andern Gesänge ihrer Messen nicht 
beachtet sind. In größern Dispositionen erscheint eine derartige 
Ordnung in den Texten der Sonntage nach Pfingsten, vom 1. bis 
zum 17., und zwar in den Introitus, wo sie ohne Ausnahme durch- 
geführt ist, in den Offertorien und Kommunionen, in denen aber 
gelegentlich Texte aus andern Büchern der hl. Schrift die Psalm- 
ordnung unterbrechen. Nach dem 17. Sonntag ist diese Anordnung 
ganz verlassen, und man darf den Schluß ziehen, daß die beiden 
Gruppen dieser Sonntage nicht gleichzeitig ihre Texte angewiesen 
erhielten. Die erstere, zweifellos die jüngere, war aber dem Gesang- 
buche schon einverleibt, als die Donnerstage der Fastenzeit ihre 
Messe erhielten, unter Gregor IL; denn sie hat diesen die meisten 
Gesänge vorgestreckt. 

Eigentümlich sind die Gradualreihen der Sonntage nach Pfingsten; 
die eine folgt der Ordnung des überwiegenden Teiles des Gesang- 
buches, die andere schließt sich derjenigen an, welche in den 
Introitus, Offertorien und Kommunionen derselben Tage gewahrt 
ist. Letztere Reihe muß eine spätere Einrichtung und aufgestellt 
worden sein, um die ganze Folge der Gesänge der Sonntage nach 
Pfingsten in das System der numerischen Psalmordnung zu bringen. 
Sie vermochte sich nicht zu erhalten; alle Handschriften bis auf 
zwei folgen der altern Reihe. Die Existenz aber eines Gradualien- 
zyklus, der nicht so konstruiert ist, wie die Reihen der andern 
Meßgesänge, beweist wieder, daß ursprünglich die Gesänge für die 
Sonntage nach Pfingsten nicht zusammen festgestellt wurden; wie- 
der haben wir zwei in ihrer Anlage verschiedene und darum nicht 
gleichzeitige Schiebten. 

So ergibt sich der Centocharakter des gregorianischen Meßgesang- 
buches aus der Vergleichung seiner Bestandteile auf das unzweifel- 
hafteste. Johannes Diaconus war sehr gut unterrichtet, wenn er 
dasselbe eine Kompilation nannte. Wie viel Generationen daran 
gearbeitet haben, ist schwer festzustellen; neben jüngeren, durch 
systematische Befolgung bestimmter Anordnungsprinzipien sich aus- 
zeichnenden Bestandteilen enthält es ältere und sehr alte, deren 



206 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

Einrichtung sich sicher in das 4. und 5. Jahrh. verliert i. Alles 
aber, was im Laufe der Zeit zum ursprünglichen Plane hinzu- 
gekommen war, wurde beibehalten; man scheute sich, als das 
Kirchenjahr zu einer fast vollständigen Organisation gelangt war, 
nunmehr eine straffe Einheitlichkeit durchzuführen, die ohne die 
grüßten Schäden auch nicht erreicht werden konnte; man zog es 
vor, die verschiedenen, im Laufe der Zeit neu hinzugekommenen 
Ordnungen nebeneinander zu stellen, teilweise sogar ineinander zu 
schieben. So ist das Gesangbuch, das zugleich mit dem gregori- 
anischen Meßbuch sich in England , Frankreich und in Ale- 
mannien verbreitete, keine Neuschüpfung, auch nicht eine Neu- 
ordnung; wäre es das, so würde manches in der Anlage geändert 
worden sein; es ist eine Sammlung und Zusammenstellung von 
interessanter Yielgestaltigkeit, ein Cento. 

Daß die in ihm beobachtete Ordnung der Gesänge weder auf 
Gregor III. noch auf Gregor II. zurückgehen kann, haben wir ge- 
sehen; sie liegt dem Pontifikate dieser Päpste voraus. Später hat 
Gevaert die Organisation des Kirchengesanges den griechischen 
Päpsten des 7. Jahrb., Sergius L (687—701), Benedikt II. (684 bis 
685), Leo II. (682-683) und Agathen (678—681) zugeschrieben 2. 
Er stützt sich dabei auf die Berichte des Papstbuches, nach welchen 
diese Päpste in der römischen Gesangschule erzogen wurden und 
tüchtige Sänger waren. Es geht jedoch kaum an, Päpsten, die 
nur eine sehr kurze Zeit den Stuhl Petri innehatten und andern 
wichtigen Aufgaben gegenübergestellt waren, eine derartige Arbeit 
zuzuschreiben, zumal das Papstbuch sich ganz allgemein ausdrückt. 
Die Forschungen Morins und Frcres haben aber dargetan, daß die 
im 7. Jahrh. neueingerichteten Feste fast gar keine eigenen Melodien 
besitzen, sie benutzen schon vorhandene, selbst dann, wenn sie eigene 
neue Texte haben 3, Diese Tatsache läßt sich nicht dadurch erklären, 
daß man damals nicht mehr imstande war, neue Melodien zu 
komponieren; denn das Offizium wurde auch noch später durch 
manche neue Melodie vergrößert. Der Grund kann nur der sein, 
daß das Meßgesangbuch ein fertiges Buch war, dem hinzuzufügen 



1 Venetianer (vgl. oben S. 7) setzt die Einrichtung vieler Gesangstexte 
in eine noch frühere Zeit, in das 1. und 2. Jahrh. Die von ihm nachgewiesenen 
Zusammenhänge lateinischer Meßgesangstexte mit der Praxis der Synagoge 
sind auf jeden Fall bemerkenswert. Man vgl. auch die interessanten Fest- 
stellungen Gastoues über das Verhältnis der jüdischen Gebetsordnung zu den 
christlichen in seinen Origines du Chant Romain S. 3—14 und weiter S. 207 ff. 

2 Gevaert, Melopee antique, Einleitung, S. 12 ff. 

3 Die Nachweise bei Morin-Elsässer 1. c. 4 4 ff. und 74 Anm., Frere S. 20 ff. 



Der Antiplionarius Conto. 207 

unklug oder vermessen erschien i. Was besonders die unter Papst 
Sergius I. eingeführten Messen der großen Muttergottesfeste 2, der 
Annuntiatio, Assumptio und Nativitas, die der Exaltatio S. Grucis 
und die Prozession der Purificatio angeht, so müßte, wenn dieser 
Papst den Kirchengesang besonders gefördert oder gar organisiert 
hätte, das eine oder andere Gesangstück von ihm herrühren oder 
wenigstens auf seine Veranlassung komponiert worden sein. Das 
Gegenteil ist aber der Fall: alle Gesangstücke der genannten Messen 
sind altern Messen entnommen, denen des Advents und der altern 
Feste von Jungfrauen und Märtyrern. Und die Prozession der 
Purificatio bietet uns das merkwürdige Bild einer einfachen Her- 
übernahme griechischer Texte und Melodien in die römische Kirche^. 
Eine Organisation des Kirchengesanges unter Sergius I. würde sich 
auch auf diese Prozessionslieder erstreckt haben. Sie stehen aber 
im römischen Gesangbuch einsam da und wie Fremdlinge; der 
Text ist halb lateinisch, halb griechisch. Die Melodie paßt nicht 
zu den andern lateinischer Herkunft, was besonders an ihrer Ton- 
art zu bemerken ist, die von der gregorianischen durchaus ver- 
schieden ist. Dieser modale Gegensatz der unter Sergius in Rom 
adoptierten griechischen und der andern Gesänge des Meßanti- 
phonars wäre unerklärhch, falls unter diesem Papst eine Ordnung 
des Kirchengesanges stattgefunden hätte; beide Arten von Gesängen 
würden nach denselben Tonarten behandelt worden sein*. So ist 
die Organisation des liturgischen Gesanges älter als Sergius I. ; es 
bleibt nichts anderes übrig, als sie in die Zeit Gregors I. zu setzen. 
Dazu kommt ein anderes Argument. Öffnet man heute ein 



1 Die einzige Messe mit eigenen Melodien, die aus dem 7. Jahrh. stammt, 
ist die der Dedicatio; sie ist aber nur ein paar Jahre jünger als Gregor (608). 

2 Das Fest der Purificatio selbst ist älter und z. B. im Graduale von 
Monza als Nativ. S. Simeonis angeführt. 

3 Vgl. oben S. 51. Auch einige Gesänge der Prozession vom Palmsonntag 
gehören dahin, z. B. das 1^. Collegerunt. 

4 Von dieser Tatsache fällt ein helles Licht auf die Frage nach den) 
Alter des Oktoechos, des Systems der A authentischen und 4 plagalen Ton- 
arten. Wie die Feststellung der liturgischen Melodie in Rom nicht unter 
Sergius I. kann vorgenommen worden, ebensowenig kann der Oktoechos erst 
zu seiner Zeit nach Rom gedrungen sein. Sein griechischer Ursprung ist frei- 
lich zweifellos. Da aber seine Behandlung in den erst im 7. Jahrh. in Rom 
importierten griechischen Stücken eine andere ist wie in den altern latei- 
nischen, so müssen wir schheßen, daß er in den beiden Kirchen in verschiedener 
Weise ausgebildet worden ist. Die natürlichste Erklärung ist die, daß er von 
Anfang an mit dem antiphonischen Gesänge verbunden war, dann auch auf 
den responsorialen übertragen, bei den Lateinern aber anders entwickelt wurde 
als bei den Griechen. 



208 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

altes Graduale, so fällt auf, daß manche Texte in zwei verschiedenen 
Lesarten vorkommen. So beginnt in der Messe des ersten Advent- 
sonntags der Introitusvers: Vias tuas, doniine, demonstra rnihi, 
der des Graduale dagegen: Vias iuas, domine, notas fae mihi. 
Woher diese Verschiedenheit? Jene Version ist die der Vulgata, 
diese die der Itala. Die Versus der Introitus und »der Kommunionen, 
auch die ad repetendum, sind in den meisten Meßgesangbüchern 
nur mit den ersten Worten angedeutet, nicht ganz ausgeschrieben ^ 
weil sie nach den jedermann geläufigen acht Psalmtünen gesungen 
wurden und für ihre Anpassung an diese bestimmte Regeln vor- 
handen waren, die jeder Kirchensänger auswendig wußte und in 
täglicher Übung handhaben gelernt hatte. Die Texte der Psalm- 
verse entnahm man für diese Chorpsalmodie den Psalterien; diese 
hatten aber seit Gregor die Version der Vulgata 2. Schon in der 
ersten Hälfte des 7. Jahrh. sagte Isidor von Sevilla, die Version 
des hl. Hieronymus sei besser als die frühere und daher bereits 
in allen Kirchen im Gebrauch. Anders ist es mit den Gesangstücken 
der Messe, die eigene Melodien hatten und daher von Anfang an 
ganz ausgeschrieben wurden, den Antiphonen des Introitus, des 
Offertoriums, der Gommunio und den Solostücken. Sie folgen der 
Version der Itaja'^. Daraus muß man schließen, daß die Sammlung 
dieser Gesänge nicht nach Gregor kann vorgenommen sein, sonst 
würde man auch für sie die Version der Vulgata gewählt haben K 
Kürzer können wir uns in bezug auf das Offizium fassen, 
bei welchem die Verhältnisse einfacher liegen und in der Haupt- 
sache eine Meinungsverschiedenheit unter den Forschern nicht be- 
steht. Die Ordnung des Offiziumsgesanges für die römische Kirche 
kann nicht nach Gregor stattgefunden haben; das hat Gevaert selbst 
dargetan ^, und zwar durch eine Untersuchung der melodischen 
Formen der Antiphonen, die in ähnlicher Weise vorgeht, wie Morin 



1 So z. B. im Cod. 339 St. Gallen, Cod. 121 Einsiedeln u. a. 

2 Morin-Elsässer, S. 43. 

3 Vgl. darüber Marbach, Carmina Scripturarum, S. 30*li'. 

4 Die Vatikanische Ausgabe des Graduale Romanum (1908) hat auch 
dort, "WO eine spätere Zeit die Texte nach der Vulgata umgestaltet hatte, den 
ursprüngHchen Gesangstext wiederhergestellt. 

5 Melopee antique etc., S. 1 72 ff. Gevaerts Tonartentheorie unterliegt je- 
doch den schwersten Bedenken, insbesondere durch die ungerechtfertigten Be- 
ziehungen zu der weltlichen Musikübung (Kitharodie) und die unhaltbare Er- 
klärung der antiken, hohen, tiefen und normalen Formen, die er im Antiphonen- 
gesangc wiederfinden will. Daß er die antiken Ausdrücke o'jvton/o; und c/.v£t[.>.£v&(; 
unrichtig erklärt, hat Dechevrens, Etudes de science musicale I, S. 426 (T. nach- 
gewiesen. 



Der Antiphonaiüus Cento. 209 

und P'rere die Meßgesänge durchforscht haben. Häufiger noch als 
bei den Meßgesängen läßt sich die Benutzung derselben Melodie 
selbst für verschiedene Texte bei den Oftiziumsantiphonen beobachten. 
Der Grund dieser Wiederholungen kann nicht zweifelhaft sein, er 
liegt in der Notwendigkeit, die aktive Teilnahme am Offiziums- 
gesang auch den musikalisch nicht besonders Veranlagten zu er- 
möglichen. Damit hängt zusammen, daß im Gegensatz zur respon- 
sorialen Psalmodie, die zuweilen den einzelnen Versen desselben 
Psalmes verschiedene Melodien zuerteilte (man vergleiche die Tractus 
der Messe), die Verse des antiphonisch vorgetragenen Psalmes immer 
und ohne Ausnahme mit derselben einfachen Formel versehen 
wurden. Ging doch die antiphonische Psalmodie aus der Rezitation 
hervor. Als man diese musikalisch fixierte, ergab sich von selbst 
für alle Verse desselben Psalmes dieselbe Formel. Aber auch auf 
die Antiphonen wurde diese Rücksicht ausgedehnt, wie noch die 
heutigen Offiziumsgesangbücher an zahlreichen Beispielen dartun i. 
Mancher Münch oder Kleriker, dem eine neue, ihm wenig bekannte 
antiphonische Melodie zu intonieren Schwierigkeiten verursacht hätte, 
war zufrieden, eine ihm wohlbekannte Melodie anstimmen zu dürfen. 
So erleichterte die häufige Verwendung derselben Singweise die vor- 
geschriebene Ausführung des Offiziums ungemein. Die Zahl der 
Anliphonenmelodien ist daher im Verhältnis zu der Zahl der Texte 
eine sehr geringe. 

Auch für die Chronologie der Antiphonen hat Gevaert die Be- 
nutzung solcher Antiphonenformeln im großen und ganzen wenigstens 
mit Erfolg verwertet 2. Er hat zunächst festgestellt, daß die Anti- 
phonen, deren Texte dem Psalter angehören, durch große melodische 
Einfachheit sich auszeichnen; ihr Umfang ist gering, die Melodie- 
bildung meist syllabisch und schmucklos, ohne Modulationen in 
andere Tonarten. Dagegen sind besonders die aus den prophetischen 
Büchern gezogenen Texte mit herrlichen Weisen verbunden, voll 
Schwung und interessanter Linienführung, wie sie die Worte selbst 
nahelegten. 



1 Gevaert erklärt diese Wiederholungen als eine Nachwirkung des alt- 
griechischen Nomos, von dem wir aber immer noch nicht recht wissen, wie 
er eigentlich aussah. Er war eine mehrsitzige musikalische Form deskriptiver 
Musik, die man vielleicht mit der Sonate oder Suite vergleichen kann, auf keinen 
Fall aber mit der Antiphone. Ich vermute, daß Gevaert durch die Bedeutung 
des Wortes »Regel, Gesetz« zu seiner Annahme gekommen ist. 

2 Leider sind die Quellen, die Gevaert für seine Darlegung der Verän- 
derungen der Antiphonen benutzt, vielfach trübe und stellt er gedruckte 
Bücher auf dieselbe Stufe wie die Handschriften. 

Wagner, Gregor. Melod. I. 14 



210 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

Von besonderer Bedeutung ist aber Gevaerts Nachweis, daß 
die Antiphonentexte, die zuletzt dem Offizium einverleibt wurden, 
diejenigen aus den Acta martyrum, auch nicht eine einzige eigene 
Singweise haben; alle nehmen Melodien zu Hilfe, die für ältere Texte 
gesetzt wurden. Daraus folgt, daß der Offiziumsgesang geordnet 
war, als die Texte aus den Acta martyrum herangezogen wurden. 
Nach Gevaert geschah dies kurz nach G regor 1. ; er schließt dies 
aus einer Äußerung Gregors I., der erklärt, außer dem, was Eusebius 
von den Märtyrern berichtet, besitze er nur deren Namen in einem 
Buche zusammengestellt. Es kann aber nicht bestritten werden, 
daß die Acta martyrum schon im 5. und 6. Jahrhundert in Rom 
liturgische Verwendung fanden ', und selbst wenn Gregors Aussage 
den Sinn hätte, den Gevaert ihr gibt, folgte daraus nichts für die 
Praxis der Kirchensänger. Die Regel der hl. Stephanus und Paulus 
(Kap. 6) verbietet, Antiphonen mit ihren Melodien zu singen, die 
nicht in den kanonischen Schriften enthalten seien; dies Verbot 
hat zur Voraussetzung, daß man im 6. Jahrb. derartige Antiphonen 
hatte und auch sang; nur war man in den Klöstern konservativer 
wie in den Weltkirchen. Um 600 wird daher die Antiphonen- 
komposition beendet gewesen sein, und so führt das vergleichende 
Studium der Gesänge der Messe wie des Offiziums in gleicher 
Weise zu dem Resultat, daß um 600 diejenige Ordnung des 
Kirchengesanges in Rom vorgenommen worden ist, welche 
die Grundlage des mittelalterlichen und auch des heutigen 



zusammenfassend zu würdigen. Das Dekret vom Jahre 595, wo- 
durch das Amt des Vorsängers den Subdiakonen oder den niedern 
Ordines übertragen wird, offenbart eine Gesinnung, die Mißbräuchen 
entgegentritt und die Sänger gewiß nicht bevorzugt. Dieselbe 
Tendenz spricht sich aber in den Rubriken des gregorianischen 
Sakramentars aus, wonach der Pontifex beim Introitus und der 
Communio der Schola das Zeichen gibt, aufzuhören, wie auch in 
der Kürzung des Meßresponsoriums, indem diese den Sängern die 
Möglichkeit nahm, die Messe über Gebühr auszudehnen. In den- 
selben Zusammenhang gehört die Verbindung des allelujatischen 
Jubilus mit einem Vers, da dieselbe wahrscheinlich auch auf Gregor 
zurückgeht. Gregor hätte den Jubilus kürzen können. Obw^ohl er 
aber darauf achtete, daß die Solisten sich bescheiden der Kult- 
handlung einfügten, hat er die überkommenen und geheiligten 



1 Bäumer, Breviergeschichte 266 (T. 



Der Antiphonarius Gento. 211 

Formen des Meßgesanges nicht wesentlich geändert, sondern vor- 
gezogen, die alten Lieder durch Verbindung mit heiligem Gebets- 
wort noch fester an die Liturgie zu ketten i. Jedenfalls ist in 
solchen Maßnahmen eine Neigung zur Strenge gegenüber den 
Sängern nicht zu verkennen, die ganz und gar zu dem Bilde paßt, 
welches die Geschichte von dem großen Manne überliefert. Daß 
er aber, vor die Wahl gestellt, den ganzen responsorialen Psalm 
wie ursprünglich, mit nicht sehr reicher melodischer Umkleidung 
wieder einzuführen, oder sich mit dem einen Gradualvers zu be- 
gnügen, diesem aber die edlen Blüten solistischer Kunst, in welchen 
ihn die Sänger eingehüllt hatten, zu lassen, — daß er sich für 
das letztere, und damit für eine Kürzung des liturgischen 
Gesangstextes entschied, nicht aber der Melodie, und sie end- 
gültig seiner liturgischen Organisation einverleibte, das wirft ein 
helles Licht auf die Absichten des Schöpfers der noch heute zu 
Recht bestehenden Liturgie. Streng um die Würde des Gottes- 
dienstes besorgt, alle Mißbräuche fernhaltend, hatte Gregor einen 
wunderbaren Sinn für kunstreichen Aufbau des liturgischen Ganzen; 
alles stellte er dahin, wo es am besten wirkt, und gestaltete es, 
wie es seinem Zwecke am besten entspricht, verkannte aber nicht 
das Schöne einer reichern Herbeiziehung der musikalischen Kunst. 
In Gregors liturgischer Ordnung schmiegt sich der Gesang unüber- 
trefflich an die hl. Handlung. Die Chorgesänge sind immer nur 
begleitende Lieder, während welcher die Zeremonien vor sich gehen. 
Diese bleiben die Hauptsache; d;irum ist für sie eine melodische 
Fassung vorgesehen, die sich nirgends hervordrängt und bescheiden 
immer im Hintergrund bleibt. Sie soll die Seele des Christen in 
die Sphäre erheben, in welcher er dem besser zu folgen vermag, 
was am Altare geschieht. Ganz verschieden davon ist die liturgische 
Stellung der Sologesänge. Nichts geschieht in der gregorianischen 
Messe, während sie erklingen, sie begleiten nicht, sondern haben 



1 Es ist zu allen Zeiten Grundsatz der Kirche gewesen, Übungen, die, im 
Wesen berechtigt, in der Ausführung zu Mißbräuchen Anlaß geben konnten, 
nicht einfach zu beseitigen, sondern so zu gestalten, daß der Mißbrauch ver- 
schwand. So hat sie trotz aller Gegenströmungen die nicht der hl. Schrift ent- 
nommenen Hymnen endgültig zugelassen, so hat sie auch den melismatischen 
Gesang geadelt und ihm für immer Heimatrecht in der Liturgie gegeben. 
Demnach haben die Musiker, welche um 1600 die Allelujalieder nach ihrem 
subjektiven Geschmacke zurechtstutzten, weder im Geiste der Kirche noch in 
dem der römischen Liturgie gehandelt, als sie die vielfach zu den kunstreichsten 
Werken des Mittelalters zählenden Schöpfungen in zusammenhangslose Gebilde 
ohne Ordnung und Symmetrie verkehrten, die weder den Musiker noch den 
Ästhetiker befriedigen können. 



212 Fixierung der röriiischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

ihr eigenes Recht, der Pontifex und alle am Altare amtierenden 
Geistlichen hören zu. Hier ist der Gesang auf ganz andere Grund- 
lagen gestellt. Keine Rücksicht auf die hl. Handlung hrauchte den 
Sänger zu bestimmen, seine Fertigkeit zurückzuhalten, man gab 
ihm im Gegenteil Zeit und Gel 
selbst wurde heilige Handlung 
Solisten das definitive Recht gegeben, so zu singen, wie ein Solist 
singen muß, wenn seine Leistung der Pracht und Erhabenheit der 
liturgischen Zeremonien gleichkommen soll, und wie es einen Sinn 
hat, einen Solisten im Gegensatz zum Chor singen zu lassen. So ist 
in Gregors Meßordnung der Gesang auf das zweckentsprechendste 
disponiert und alles nach der liturgischen Aufgabe und Umgebung 
geformt. 

Waren die Melodien, die vom 7. Jahrh. an allmählich in alle 
Länder der lateinischen Kirche übergingen, Neuschöpfungen oder 
nur kunstgerechte Umgestaltung von vorhandenen, älteren? Letztere 
Annahme wird die zutreffende sein ; sie schließt nicht die Mög- 
lichkeit aus, daß die päpstlichen Sänger für Neuschöpfungen be- 
sorgt waren. Wie die Reform der Meßliturgie durch Gregor nicht 
eine die bisherigen Riten verwerfende Neuorganisation war, so 
muß man ähnliches für die Ordnung des Kirchengesanges annehmen. 
Schon vor Gregor gab es in Rom päpstliche Sänger; ja, die zwischen 
450 und 550 vorgenommene Umgestaltung des responsorialen 
Meßgesanges (vgl. S. 84 ff) bedingte eine Ordnung des Sologe- 
sanges in der Messe, die man als eine Vorarbeit für Gregors Re- 
form ansehen muß. Diese wird sich in der Hauptsache darauf 
beschränkt haben, die vorhandenen Formen nach einheitlichen 
Gesichtspunkten zu gestalten. Von selbst kommt man zu dieser 
Ansicht, wenn man die auf das konsequenteste durchgeführten 
Stilverschiedenheiten in Retracht zieht, welche das Gesangbuch der 
Messe wie des Offiziums von Anfang bis zu Ende kennzeichnen. 
Bei aller Mannigfaltigkeit des Ausdruckes ist die melodische Be- 
handlungsweise der einzelnen Introitus in allem Wesentlichen die- 
selbe und auf den ersten Blick von der eines Graduale zu unter- 
scheiden, wie diejenige der Communio von der eines Offertoriums. 
Diese Unterscheidung der verschiedenen Gesangstile, 
deren fast keine Ausnahme zulassende Strenge durch den Gegen- 
satz von antiphonischem und responsorialem Gesang nicht allein 
begründet werden kann, wird man am besten als das Werk der 
gregorianischen Reform ansehen. Sie ist um so bewunderungs- 
würdiger, als, wie wir sahen, die Texte der Gesänge durchaus 
nicht einheitlich ausgewählt sind, sondern wie in einem echten 



Der Antiphonarius Cento. 218 

Cento die verschiedenartigsten Ordnungen durch- und ineinander- 
geschoben sind. Ihre melodische Unikleidung ist mit einer Sorg- 
falt und Einheitlichkeit vorgenommen, welche den Centocharakter 
des Buches ganz in den Hintergrund rückt, ja vergessen macht. 
Darin liegt einer der glänzendsten ästhetischen Vorzüge des grego- 
rianischen Gesangbuches, das nicht nur auf das zweckentsprechendste 
eingerichtet ist, sondern durch die vollkommene Durchführung 
kunstgemäßer Stilgesetze als ein geniales Werk i noch heute unsere 
Bewunderung herausfordert. 

Mit den heute vorliegenden Hilfsmitteln der Forschung kann 
nicht endgültig entschieden werden, ob es schon vor Gregor Auf- 
zeichnungen liturgischer Melodien gab. Unmöglich ist es nicht, und 
ein bedeutender Liturgiker hat sich dafür ausgesprochen 2. Nur 
aus vollständiger Unkenntnis der liturgischen Geschichte ist die 
Annahme hervorgegangen, daß erst die römischen Sänger des 
9. Jahrh. die reich ausgebildeten Melodien des Meßgesangbuches 
aufgebracht hätten. Die von der römisch-gregorianischen ab- 
weichenden Gesangsformen, die noch lange nach Gregor in Ober- 
itahen und Spanien zu Recht bestanden^ und die auf keinen Fall 
jünger sind als jene, weisen vielfach noch melismatischere Ge- 
staltungen auf. Alles spricht sogar dafür, daß der Gesang, welcher 
der Reform Gregors vorausging, nicht wesentlich von demjenigen 
verschieden war, der sich unter dem Namen des ambrosianischen 
in Mailand erhielt. Von dem Kloster Monlecasino berichtet ein 
Chronist 4, daß es erst auf den direkten Befehl des Papstes Ste- 
phan IX. (1057 — 1058) den »ambrosianischen Gesang« mit dem 
gregorianischen vertauschte. Hier ist der vorgregorianische Ge- 
sang einfach der »ambrosianische« genannt. Daß diese Auffassung 
in der Hauptsache zutrifft, lehrt ein Vergleich der zahlreichen 
Gesänge, die beiden Liturgien gemeinsam sind. Unwillkürhch drängt 
sich der Gedanke auf, daß die gregorianische Form aus der am- 



^ Was die neuern Choralausgaben seit dem 1 7. Jahrh. aus diesem "Werk 
gemacht haben, allen voran das medizäische Graduale -löH und 1613, das 
gehört in die Geschichte des künstlerischen Vandalismus. Von Stil ist da 
überhaupt keine Rede mehr, es herrscht einzig und allein die liturgische und 
musikalische Ignoranz und Willkür. 

2 Cari in der Praefatio seines Antiphonars und Responsales, S. 44 ff. 

•"^ Man vgl. das ambrosianische Antiphonar des britischen Museums, Cod. 
Addit. 34209 aus dem 12. Jahrh. (veröffentlicht in der Paleographie Musicale 
V und VI) und die wenigen Handschriften des mozarabischen Gesanges, z. B. 
in der spanischen Abtei Silos; aus einer derselben (il. Jahrh.) hat die Paleo- 
graphie Musicale I pl. II einige Antiphonen veröffentlicht. 

* Gerbert de cantu, I, 253. 



214 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

brosianischen durch eine Umarbeitung sich ergeben habe, die viel- 
fach eine überaus geschickte Kürzung gewesen ist^. 



C. Die römische Gasangschiile. 

Auf Gregor I. führte nach Johannes Diaconus die römische 
Schola Cantorum^ ihre Gründung zurück. Er gab ihr Landgüter 
zur Bestreitung ihres Unterhaltes, wie auch zwei Häuser, das eine 
bei St. Peter, das andere nahe bei der Laterankirche. 

Im Mittelalter ruhte die lehrhafte Unterweisung viel mehr auf 
dem mündlichen Unterricht, wie heute; der schriftliche hatte nicht 
die gleiche Bedeutung. Eine besonders interessante Art dieses 
Verhältnisses liegt in der Handhabung des musikalischen Unter- 
richts. Aus Gründen, die wir noch kennen lernen werden, ging 
der musikalische Unterricht so von statten, daß die Schüler 
die Melodie auswendig lernen mußten. Wohl gab es eine schrift- 
liche Vorlage, aber diese war etwas anderes als ein modernes 
Notenbuch, aus dem man einfach die Melodien abliest. Dieses 
moderne Verfahren existiert erst seit frühestens dem 13. Jahrb. 
Die Handschrift mit den aufgezeichneten 3Ielodien war für den Chor- 
dirigenten bestimmt, ein Hilfsmittel beim Dirigieren mit der Hand, 
die er je nach dem Gange der Melodie auf- und abwärts bewegte, 
und beim Einüben der Gesänge; auch der Vorsänger hatte sein 
eigenes Buch, den Liber Cantatorius, wie man das Buch mit den 
Sologesängen der Messe nannte. 

Mehr wie heute war demnach im Mittelalter das Institut der 
Gesangschule eine Notwendigkeit. Jede Kirche mußte besorgt 
sein, einen Stamm von liturgischen Sängern zu besitzen. In Rom 
gab es schon vor Gregor derartige Einrichtungen (vgl. S. 29 ff.). 
Gregor hat sie stabiliert, definitiv organisiert und materiell ge- 
sichert. 

1 Man vgl. die ambrosianische und gregorianische Fassung des Gradualc 
A suvimo coelo (Cod. Brit. Mus. Addit. 34209, p. 7 und Cod. St. Gallen 339, 
p. 6), des Off. Benedixisti mit dem y. Ostende nohis (p. 21, bzw. 4) und viele 
andere. Sehr lehrreich ist das vergleichende Studium der gregorianischen und 
der ambrosianischen Melismen. Diese sind von einer uns überraschenden Länge 
und in ihrem Bau oft unklar, ohne melodische Höhe- und Tiefpunkte, jene 
musterhaft konstruiert, Werke von höchst symmetrischem, den feinsten Kunst- 
geschmack offenbarendem Bau. 

- Über die Bedeutung und Geschichte des Wortes >Scholac vgl. Aubry 
in der Tribüne de S. Gervais, VI, Paris, 1900 p. 171 — 175. Über ihre Geschichte 
vgl. auch Haberl in der Vierteljahrschrift für Musikwissenschaft III, 1887 
S. ISO ff., und Gastoue, Origines du Chant Romain, p. 104 ff. 



Die römische Gesangschule. 215 

Man darf annehmen, daß das Musikalische an der liturgischen 
Reform Gregors das Werk seiner Gesangschule ist; in diesem Falle 
hat er die Gebetsformeln und die Zeremonien festgesetzt, Fixierung 
und Fassung der Melodien dagegen den Sängern der Schola über- 
lassen, die er fundierte, damit sie die zu seiner liturgischen Ord- 



und Approbation. Es war kein Frevel, den die päpstlichen Sänger 
später begingen, wenn sie ihrem Organisator auch die musikalische 
Seite der liturgischen Reform zuschrieben, denn qnod quis per 
alium fceit, ipse fecisse dicitnr. Bei dieser Annahme verschwinden 
gewisse Bedenken, die man gegen die gregorianische Tradition er- 
heben kann. So die Schwierigkeit, die man daraus abgeleitet hat, 
daß in den ältesten Berichten von einer musikalischen Wirksam- 
keit Gregors nichts bemerkt ist, und aus dem Dekret 595, welches 
dem Diakon verbot, das Amt des Vorsängers in der Messe auszu- 
üben, und die Subdiakone oder niederen Ordines damit betraute. 
Dennoch kann man sich nicht leicht über das Schreiben Leos IV. 
an den Abt Honorat hinwegsetzen, in welchem der Papst mit 
seiner Autorität für die Autorschaft Gregors an den Melodien eintritt. 
Der mächtige Impuls, den die kirchengesanglichen Verhältnisse 
in Rom durch Gregor erhielten, wirkte ungeschwächt das ganze 
7. und 8. Jahrb. hindurch. Die Schola Cantorum entwickelte sich 
in kurzer Zeit zu ungeahnter Bedeutung. In allen Ländern sollte 
sie sich als kräftige Förderin aller Bestrebungen erweisen, welche 
die Einführung der römischen Liturgie zum Gegenstande hatten. 
Äußerlich zeigt sich ihr Einfluß darin, daß die meisten Päpste des 
7. Jahrh. zu ihr in nahen Beziehungen standen, oder geradezu 
aus ihr hervorgingen. Die Singknaben, aus denen sie sich re- 
krutierte, stammten vielfach aus Waisenhäusern, Orphanotrophien, 
weswegen sie selbst auch Orphanotrophium genannt wurdet In 
dem Internat, das mit ihr verbunden war, wurden die Knaben 
nicht nur im Singen, sondern in allem unterrichtet, was damals 
in den Schulen gelehrt wurde. 



1 Liber diurnus der Päpste. Migne, Patr. Lat. CV, 116. Dazu ist zu ver- 
gleichen der 9. Ordo Rom. 1 : in qualicunque schola reperti fuerint pueri 
bene psallentes, tolluntur inde et nutriuniur in schola cantorum, et postea 
flunt cuhicularii. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 1003.) Hier mag daran erinnert 
werden, daß auch im 17. und 18. Jalirh. die italienischen Musikschulen viel- 
fach aus Waisenhäusern entstanden und nach diesen »Konservatorien« genannt 
wurden. Die gregorianische Schola cantorum war also das erste Konserva- 
torium. 



216 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

Ein begeisterter Freund des Kirchengesanges war Papst 
Honorius 1.1(625—638), ebenso Vitalian (657— 672), dem eine 
spätere Überlieferung, die sich aber durch keine ältere Notiz be- 
stätigen läßt, eine Reorganisation des Kirchengesanges zuweist'-. 
Sein Nachfolger Adeodatus (672 — 676) war Singknabe in dem 
Alumnat gewesen und hatte als solcher bei den Gesängen der 
Tages- und Nachtzeiten mitgewirkt 3. Leo II. (682 — 683) war ein 
tüchtiger Sänger und in der Psalmodie wohl bewandert-*. Von 
Benedikt II. (684 — 685) wird ähnliches gerühmt^. Von griechischer 
Abstammung (wie Leo IL) war Sergius I. (687 — 701), der unter 
Adeodat nach Rom kam und unter den römischen Klerus aufge- 
nommen wurde. Wegen seiner schönen Stimme und seines Eifens 
wurde er dem Vorsteher der Schule übergeben und erklomm all- 
mählich die höchsten geistlichen Würden ß. Auch Sergius IL 
(844 — 847) begann seine Tätigkeit als Singknabe an der Schola 
Cantorum, welcher Papst Leo III. ihn überwiesen hatte. Hier »wohnte 
er dem gemeinsamen Unterricht bei und lernte die honigfließenden 
Kantilenen«, worin er bald seine sämtlichen Mitschüler übertraf. 
Papst geworden, ließ er die Gebäulichkeiten, in welchen die Schola 
wohnte, und die der Ausbesserung bedürftig waren, von Grund 
aus neu herstellen ''. Aus der Gründung Gregors gingen weiter 
noch hervor Gregor II., Stephanus III. und Paul 1. 

Die Hauptpersönlichkeiten der Schola Cantorum waren der 
Direktor und Leiter des Ganzen, der Prior scholae, auch Primi- 
cerius genannt, dann der Secundicerius, der Tertius und der 
Quartus scholae, der auch Archiparaphonista hieß, weil er die 
Singknaben, die Paraphonisten, unter sich hatte. Im ganzen waren 



1 Liber pontif. I, 326: divino in carmine poUetis. 

2 Gerbert de cantu, II, 41. Ekkehart weiß sogar von cantores Vitaliani zu 
berichten, die in Gegenwart des Papstes einen eigenen Gesang aufführten, 
den des Vitalian (Ekkehart, vita Notkeri Balbuli II, 12). Sollte man damit die 
drei von der gregorianischen Tradition etwas abweichenden Handschriften 
Cod. Vatic. Nr. 5319 und Archiv St. Peter Nr. F 22 und B 79 in Zusammen- 
hang zu bringen haben (Paleographie Musicale t. II, 5) ? 

3 Lib. pont. I, 346. 

* Ebenda 339: cantilena ac psalmodia praeeipuus et in earum sensibus 
suhtilissima exercitatione limatus. Eine spätere Überlieferung, die auch im 
römischen Brevier Platz fand, hat daraus eine vollständige Neuorganisation 
des Gesanges gemacht: psabnodiam composuit hymnosque ad meliorem con- 
centum redegit, artem exercitatione confirtnans. Also schon Piatina (Gerbert 
de cantu, II, 41). 

5 Ebenda 3fi3. 

6 Ebenda 371. 

^ Lib. pont. II, 86 und 92. 



Die römische Gesangschulc. 217 

es außer den Knaben sieben Subdiakonen^. Dem Primicerius war 
der gesamte niedere römische Klerus untergeordnet, und aus diesem 
Grunde war er eine hochbedeutsame Persönlichkeit. Nach Hugo 
Victorinus- waren die Rechte des Primicerius überaus weitgehend; 
er hatte die Aufsicht über die ganzen Zeremonien, soweit Gesang 
und Lesung dabei in Betracht kam, und überwachte auch die 
sittliche Führung der Kleriker. Ja, er spielte bei den Papstwahlen 
eine bedeutsame Rolle und unterzeichnete das Ernennungsdekret; 
z. B. dasjenige, wodurch Calixtus II. i 1 1 9 erwählt wurde, trägt 
nach dem letzten Kardinaldiakon sogleich die Unterschrift: Primi- 
cerius scholae cantorum laudo et confirmo ^. Bis zum Auszuge der 
Päpste nach Avignon vermochte die päpstliche Gesangschule ihren 
gregorianischen Traditionen treu zu bleiben. In Avignon machten 
die Sänger die Bekanntschaft der neu aufblühenden Mensuralmusik, 
und von nun an lenkte der päpstliche Chor in die Bahnen der 
Neuerung ein; seine weitere Tätigkeit ist für die Geschichte des 
liturgischen Gesanges belanglos. 

Schon im 4. Kapitel kamen einige der Obliegenheiten der 
römischen Sänger zur Sprache. Anderes sei hier nachgetragen, 
immer im Anschluß an die römischen Zeremonialbücher. Während 
der Pontifex in der Sakristei die hl. Gewänder anzog, halten der 
Primicerius und der Secundicerius ihm dabei Hilfe zu leisten; sie 
hatten insbesondere darauf zu sehen, daß die verschiedenen Klei- 
dungsstücke ordentlich saßen. Der Subdiaconus regionarius, der 
Subdiakon der Kirche, in welcher die Station abgehalten wurde, 
öffnete dann die Türe der Sakristei, rief die Schola und erkundigte 
sich beim Archiparaphonisten, wer das Rcsponsorium zu singen 
habe. Die erhaltene Auskunft wurde dem Papst in die Sakristei 
überbracht, der seine Zustimmung dazu gab. War diese erfolgt, 
so war eine Änderung in der Person des Solisten ausgeschlossen. 
Der Archiparaphonista selbst war für die Einhaltung der Vorschrift 
verantwortlich und mit der Exkommunikation bedroht, falls ein 
anderer nachher das Solo sang, als vor der Messe dem Papst ge- 
meldet war. Wenn dann der Papst dem vor ihm stehenden Diakon 
das Zeichen dazu gab, ging dieser in die Kirche hinein und befahl 
die Lichter anzuzünden. Der Archiparaphonista seinerseits begab 
sich zu der in dem Presbyterium versammelten Schola und hieß 
sie sich zum Gesänge bereit zu stellen. Die Sänger zogen dann 



1 Tommasi, 1. c. XII, 4. 
- Gerbert de cantu, I, 307. 
3 Gerbert de cantu, I, 293. 



218 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

zum Altare und stellten sich in zwei Reihen^ vor demselben, im 
Chorus, innerhalb des ihnen angewiesenen, mit einer marmornen 
Einfassung umgebenen Platzes auf'-. Zuhinterst standen in beiden 
Reihen die Singknaben. Jetzt konnte der Prior scholae die Anti- 
phone zum Introitus anstimmen; gleichzeitig verließ der Papst mit 
seinem Gefolge die Sakristei 3. 

Die Sänger — natürlich nicht die Singknaben — trugen 
während der Messe eine lange Albe aus Linnen und darüber eine 
Planeta oder Gasula, die sie, sobald der Introitus angestimmt war, 
über beide Arme zurückzogen, so daß sie sich vor der Brust nach 
außen hin wölbte-*. War der Pontilex einmal am xMtare angelangt, 
so durften sie einen neuen Gesang immer nur auf sein besonderes 
Zeichen anstimmen, eine Vorschrift, die auch für die Bischofsmesse 
galt^. Der Solist pflegte, bevor er den Ambo bestieg, die Planeta 
abzulegen, derjenige, welcher das Responsorium sang, wie auch 
der Sänger des Alleluja. Dieselbe Vorschrift betraf die Lektoren c. 
Nur derjenige, der das Evangelium las, stellte sich auf die oberste 
Stufe des Ambo; die andern Lektoren und die Sänger standen 
immer auf einer tiefem Stufe ^. 

Das Anstimmen der Antiphonen des Oftlziums wurde in Rom 
immer von den Gantores Clerici, den sieben Subdiakonen, besorgt 



1 Auch in der hyzantinischen Kirche war die Aufstellung der Sänger in 
zwei Chören die Regel ; in den griechischen Gesangbüchern heißen sie der 
rechte und der linke Chor. Sie hatten an ihrer Spitze je einen Vorsänger, 
den Domestikos (bei den Beziehungen der Kathedrale von Byzanz zum Hofe 
also ungefähr soviel wie ein »Hofsängcr«). Über beiden stand der Domestikos 
Protopsaltes, der Leiter des Ganzen, der seinen Platz in der Mitte zwischen 
beiden Chören hatte. Er intonierte die Antiphonen, worauf die beiden Chöre, 
von ihrem Domestikos dirigiert, einander abwechselnd fortfuhren. Gerbert de 
cantu, I, 291. 

2 Noch heute ist eine solche Umfassung in der Kirche des hl. Clemens, 
in S. Maria in Cosmedin und S. Laurenzo fuori le mura zu sehen. Über die 
»Schola« in S. Saba vgl. die Rassegna Gregoriana, Rom VI 1907 p. :229ff. ; 
andere Kirchen haben noch Spuren davon, z. B. die Kathedralkirche von Ra- 
venna. 

3 Ordo Rom. I, 6 ff. Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 940 ff. Über die Funktionen 
der Schola in der Osterwoche vgl. Gastoue in der Tribüne de S. Gervais, VII 
1901 p. 262 ff. und Les Origines du Chant Romain, p. 288 ff. 

* Natürlich muß man hier an die alte römische Planeta denken, das weite 
runde, überall geschlossene Kleid, ähnlich der heutigen Cappa. Der Ordo II, 3 sagt: 
suhdiaconi de schola levant planetas cum sinu. Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 969. 

f» Der 6. Ordo, der die Bischofsmesse beschreibt, sagt Nr. 5 : sine cuius 
(i. e. episcopi] insiniiatione cantcrcm nihil canere licehit. Migne, Patr. Lat. 
LXXVIII, 991. 

<■■ Amalar, de off. div. 3. 15. (Migne, Patr. Lat., CV, 1122.) 

" Ordo Rom. VI. .0. (Migne, Patr. Lat. LXXVIII, 991.) 



Die rumische Gesangsclmlo. 219 

und zwar so, dali der Primicerius die erste Antiphone, der Secun- 
dicerius die zweite usw. intonierte, mit Ausnahme einiger Anti- 
phonen ad Evangelium am Ostertag, welche die Diakonen anzu- 
stimmen hatten. In den ältesten Ritualbüchern ist der die 
Antiphone Anstimmende immer nur der Primicerius oder Kantor, 
nie der Pontifex oder Offiziant. Jedenfalls wechselten auch die 
beiden Chöre beim Antiphonengesang im Anstimmen ab. An Fest- 
tagen intonierte als erster aber immer, wenigstens in Rom, der 
Primicerius ^. 

Die römischen Sänger haben später dem hl. Gregor direkt die 
Komposition der Melodien beigelegt, eine Auffassung, die sich 
auch außerhalb Roms verbreitete. Sie entspricht nicht vollständig 
dem historischen Verlauf der Dinge, läßt sich aber begreifen. Das 
Antiphonar des Mönches Hartker von St. Gallen enthält auf einem 
der ersten Blätter folgende bildliche Darstellung: auf seinem Throne 
sitzt der Papst und diktiert einem Schreiber die Melodien, die der 
heilige Geist in Gestalt einer Taube ihm eingibt^. Aus dieser 
N'orstellung heraus sind auch die Prologe poetischer und prosaischer 
Form zu verstehen, die zahlreiche Meß- und Offiziumsgesangbücher 
Ualiens, Frankreichs, Englands und Deutschlands vom 8. (oder 9.) 
Jahrh. bis zum Ausgange des Mittelalters eröffnen und die Gregors 
Künstlerschaft mit beredten Worten preisen. Als ihre Urform 
wird neuerdings ein in Hexametern abgefaßtes Gedicht bezeichnet, 
das folgendermaßen beginnt: 

Grcgorius jjraesul meriiis et nomine dignus, 
ünde genus ducit, summum conscendit Jionorem; 
Renovavit monumenta patrum iuniorque priorum 
Gaelesti munere fretus sapienter ornahat. 
Composuit scholae cantorum huno rite libellum. 

Vielleicht war das Gedicht dazu bestimmt, ein besonders 
kostbar ausgestattetes Gesangbuch wie ein ausführlicher Titel ein- 
zuleiten''. Ein Presbyter Johannes, der im 1i. Jahrh. in Monte- 



1 Tommasi, 1. c. XI, G7. 

2 Man vgl. die Reproduktion der ganzen Handschrift in der Paleographie 
musicale, serie IT, Bd. I. Dieselbe Darstellung auch bei Gerbert, de cantu I 
(vor S. 1), Lambillotte Antiphonaire de St-Gall, pl. \. 

3 Am besten orientiert über diese Prologe nunmehr Blume in den Ana- 
lecta hymnica Bd. XLVII S. 19(1'. Ein solcher Prolog (oder Tropus) schmückt 
auch die erste Seite des Graduale Vaticanura: Sanctissimus namque Qregorius, 
cum preccs effunderet ad Dominum, iit musicicm, ionum ei desuper in car- 



220 Fixierung der römischen Liturgie und des römischen Gesanges. 

casino schrieb, schmückte Gregors Tätigkeit zu einem vollständigen 
Roman aus i, und noch spätere und trübere Quellen berichten von 
einem Traktate Gregors de musica2. 



minibus dedisset, iune deseendit Spiritus sanctus super eum in specie co- 
lumbae, et illustravit cor eius et sie demum exorsus est canere, ita dicendo : 
Ad te levavi. Dieser Tropus ist namentlich in itahenischen Handschriften des 
11. Jahrh. häufig. Über die Taube in Darstellungen des hl. Gregor vgl. Grisar 
in der Rassegna Gregoriana II 1903 p. 125 ff. 

1 Bei Gerbert de cantu II, p. 2 ff. 

2 Vgl. Gastoue, Les Origines du Chant Romain p. 126, sowie Vivell in 
der Gregor. Rundschau, Graz 1910, S. 13-2. 



XII. Kapitel. 

Die Verbreitung des gregoriauisclien Gesanges. 

Wie die Meßreform Gregors vor allem das römische Stations- 
wesen regelte, so war auch die daraus hervorgegangene Organi- 
sation des Kirchengesanges zunächst nur für römische Bedürfnisse 
berechnet, für die päpstliche Kapelle. Die Verhältnisse brachten 
es jedoch mit sich, daß sie die Grundlage für die ganze Weiter- 
entwicklung nicht nur dieses Bestandteiles der offiziellen Gottes- 
verehrung, sondern auch der abendländischen Musik im allgemeinen 
wurde. 

Nach Süd Italien sollen noch zur Zeit Gregors Abschriften des 
authentischen Antiphonars gekommen sein '. Andere Gegenden 
nahmen die neue Ordnung nicht so rasch an. Aus dem Schreiben 
Leos IV. geht hervor, daß noch um 850, also 250 Jahre nach 
Gregors Tod, in der nächsten Nähe von Rom der vorgregorianische 
Gesang in Geltung stand, ja sogar das Kloster Montecasino mußte, 
wie berichtet, durch einen direkten Befehl des Papstes veranlaßt 
werden, den ambrosianischen Gesang aufzugeben. 

Die mailändische Kirche setzte allen Versuchen, sie ihres 
Gesanges zu berauben, energischen Widerstand entgegen; Volk 
und Klerus hingen mit bewunderungswürdiger Treue an ihren 
alten Riten und Liedern. Der Patriotismus der mailändischen 
Chronisten hat über die diesbezüglichen Vorgänge das Gewand der 
Legende geworfen, so daß es heute unmöglich ist, den geschicht- 
lichen Tatbestand festzustellen. Landulfus, ein Autor der zweiten 
Hälfte des 11. Jahrb., weiß zu erzählen, Karl der Große habe 
mit allen Mitteln die mailändischen Überlieferungen ausrotten 
wollen. Alle Bücher, deren er habhaft werden konnte, seien ver- 
brannt oder fortgeschleppt worden; nur mit Mühe habe Bischof 



1 Die von Fleischer, Neumenstudien 1 S. 1 5 ziliertcn Verse über die Ent- 
sendung des Paulus mit einem Anliphonar durch Gregor stehen nicht in 
Guidos Werken. 



222 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges 

Eugenius für die Stadt Mailand selbst die alle Liturgie und ihren 
Gesang retten können. Auch läßt er zur Bekräftigung der mai- 
ländischen Ansprüche ein Wunder eintreten, indem er sagt, auf 
dem Altar des hl. Petrus, auf den man, die Entscheidung von 
oben erwartend, beide Bücher gelegt, das ambrosianische und 
das gregorianische, hätten sich beide zugleich von selbst geöffnet, 
worin man ihre Gleichberechtigung bestätigt fand. Ebensowenig 
Erfolg hatten die Bemühungen des Legaten Papst Nikolaus' IL, 
des Petrus Damianus, 1059. Vier Jahrhunderte später 1440 ver- 
suchte Papst Eugen IV. durch den Kardinal Branda di Castiglione 
die Mailänder zur Aufgabe ihrer Sonderliturgie zu bewegen; ohne 
Erfolg. Der Kardinal entfesselte dergestalt die Wut des Volkes, 
daß er, um sein Leben zu retten, sein Heil in der Flucht suchen 
mußte. Papst Alexander VL bestätigte den Mailändern das 
Privileg eigener Liturgie 1497. Aber auch so sollten sie sich ihres 
Besitzes noch nicht ungestört erfreuen. Zur Zeit des hl. Karl 
Borromäus gab sich ein spanischer Statthalter als Werkzeug der 
den Mailändern feindlichen Partei hin; nur mit Mühe vermochte 
der große Bischof die Überlieferung seiner Kirche zu retten; 
besonders machte er den römischen Ursprung ihrer Liturgie 
geltend ^ Seither hat die ambrosianische Liturgie und der dazu 
gehörige Gesang in Mailand keinen Angriff mehr auszustehen ge- 
habt; noch heute blüht sie in ungeschwächter Lebenskraft, im 
Kern ein ehrwürdiges Denkmal uralter Zeit. 

Es wäre wunderbar, wenn der ambrosianische Gesang unter 
diesen Anfechtungen nicht gelitten hätte. So wurde denn im 
spätem Mittelalter manches an ihm geändert; andrerseits fehlte es 
nicht an Einwirkungen des römisch -gregorianischen Gesanges. 
Auch von Frankreich her nahm er gelegentlich eine Melodie in 
sich auf; im '12. Jahrb. sollen die Kanoniker an der Kathedrale 
von Mailand französische Melodien mit ambrosianischen vermischt 
haben. Das ist jedenfalls eine starke Übertreibung; ein ambrosi- 
anisches Antiphonar aus dem 13. Jahrb., welches Gerbert in 
Händen hatte, hat nur eine einzige Melodie mit der Aufschrift 
Francigena, das Alleluja Et lilium convallimn auch mit einigen 
Notenzeichen 2. Um das Jahr 1280 wurde das mailändische Brevier 



1 Gueranger, Institulions liturgiques I, i89 ff. 

2 Gerbert, de cantu I, 257. Vielleicht handelt es sich da gar nicht ein- 
mal um eine einstimmige, sondern um eine mehrstimmige Komposition; nach 
weisbar war Italien vielfach in der 2. Hälfte des 1 3. Jahrh. von wandernden Musi- 
kanten aus dem Norden heimgesucht, so daß man Maßregeln zu ihrer Abwehr 
ergreifen mußte. Frankreich war aber damals die Heimat derMusica mensurata. 



in Italien. 22o 

durch den Erzpriesler U{b)ricus Scacabarozus um verschiedene 
neue Offizien bereichert, deren Texte und Melodien von ihm 
stammten, so der hl. Nazarius, Marcellinus, Petrus, Mauritius, 
Anna, Sophia u. a. '. Auffälligerweise vermochte das amhrosia- 
nische Offizium außerhalb Mailands Boden zu gewinnen. Eine 
Zeitlang wurde es in Gapua gepflegt 2. Noch später, zu einer 
Zeit, wo das gregorianische schon alle Länder lateinischer Liturgie 
erobert hatte, im 12. Jahrb., traten zwei Regensburger Kleriker, 
Paul von Bernried und sein Neffe Gebhard, dieserhalb in Bezie- 
hungen zum Mailänder Domschatzmeister Martinus und erbaten 
sich ausdrücklich ein Antiphonarium cum notulis. In dem Kloster 
des hl. Ambrosius in Prag wurde im i 4. Jahrh. auf Veranlassung 
seines Gründers Kaiser Karls IV. nicht nur das Offizium, sondern 
auch die Messe nach ambrosianischem Ritus begangen, und in der 
Diözese Augsburg waren ambrosianische und römische Liturgie 
vermischt bis zum Jahre 1 584 3. 

Außerhalb des der mailändischen Liturgie ergebenen Bezirkes 
herrschte in Italien der römische Gesang unbestritten. Die Nähe 
der römischen Gesangschule war seiner Erhaltung und ordent- 
lichen Pflege förderlich, und wenn wir im Laufe des 7. und 
8. Jahrh. verschiedene Male Gesanglehrer aus der Stiftung Gregors 
nach dem Nordwesten und Norden Europas ziehen sehen, welche 
die fernen Völker mit dem römischen Gesänge bekannt machen 
sollten, so dürfen wir um so mehr annehmen, daß der liturgische 
Gesang in Italien selbst sich von da an in geregelten Verhältnissen 
bewegte. Die Klöster und Kathedralkirchen mußten auf kunstge- 
rechte Ausführung dieses wichtigen Teiles der Liturgie das rechte 
Gewicht legen. Im allgemeinen scheint die Entwicklung des 
Kirchengesanges in Italien ruhig verlaufen zu sein, und die Nach- 
richten darüber sind nicht zahlreich. Die Organisation der päpst- 
lichen Gesangschule war für die ähnlichen Einrichtungen in den 
Klöstern und Kathedralkirchcn vorbildlich. So hören wir von 
einem neapolitanischen Bischof Athanasius (9. Jahrb.), der Schulen 
von Lektoren und Kantoren bei sich einrichtete*. Der erste Sänger 
jeder Kirche gewann überall dasselbe Ansehen, wie der päpstliche 



1 Muratori, antiqu. med. aev. IV, 9.13. 

2 Gerbert, 1. c. I, 254. 

3 Das Bistum Augsburg gehörte urspriinglich zur Metropole Mailand und 
wird ambrosianischer Ritus und Gesang daselbst von Anfang an geherrscht 
haben. Vgl. Hoeynck, Geschichte der Liturgie des Bistums Augsburg, S. 1 1 fl'. 
und Bäumer, Breviergeschichte 243. 

4 Gerbert, 1. c. I, 29G. 



224 D'6 Verbreitung des gregorianischen Gesanges 

Primicerius; in einem 99G von Otto III. ausgestellten Diplom wird 
der Primicerius von Arezzo unmittelbar hinter dem Archidiakon 
angeführt. Gerühmt wird ein Kantor Johannes, der im i 0. Jahrh. 
in Florenz blühte, aus dem folgenden Jahrh. wird der Kantor 
Rogo genannt, ohne daß näheres über sie mitgeteilt wird*. Ein 
Mittelpunkt liturgischer Gesangspflege war das Kloster Monte- 
casino, in dem die Traditionen des hl. Benedikt und des hl. Gregor 
einen lebensfrischen Bund eingingen. Dafür legen noch heute 
die daselbst vorhandenen Handschriften Zeugnis ab, die zu den 
wertvollsten zählen, die wir überhaupt besitzen. Ein gewisser 
Johannes, der wahrscheinlich im 11. Jahrhundert daselbst gelebt 
hat (aus dieser Zeit stammt wenigstens die betreffende Handschrift), 
hat uns einige lehrreiche Bemerkungen darüber hinterlassen, wie 
die Gesanglehrer die Chöre zu dirigieren pflegten. Wie bei der 
römischen Schola cantorum, so waren auch hier die Sänger 7 an 
der Zahl; sie stellten sich in 2 Reihen zu je dreien auf; der Ma- 
gister stand in der Mitte zwischen ihnen, mit der Albe und dem 
Pluviale bekleidet. In der linken Hand hatte er zum Zeichen seiner 
Würde einen Hirtenstab, die rechte bewegte er nach dem Verlaufe 
der Melodie beim Dirigieren nach oben und unten, so daß er 
gewissermaßen die Melodie in die Luft zeichnete. Seinen Bewe- 
gungen folgten die andern Sänger Schritt für Schritt. Von dieser 
Art des Dirigierens hieß er auch Chironomika (/sipovojjLixoc). Vor 
Beginn des Gesanges pflegte er durch Vorsingen eines steigenden 
und fallenden Quintenganges (offenbar der jedesmaligen Tonart 
entsprechend) die Tonhöhe anzugeben. Der Name Chironomika, 
wie diese Art des Dirigierens ist griechischen Ursprungs, was auch 
aus den 7 rätselhaften Namen wie Tricanos, Cuphos u. a. hervor- 
geht, mit denen vielleicht die einzelnen Töne der Oktave bezeichnet 
wurden 2. Diese Art zu dirigieren ist die im Mittelalter für die 
liturgischen Gesänge überhaupt übliche; sie ist uns auch für Mai- 
land und St. Gallen bezeugt ^. 

Die Aufgabe des Kantors, mit welchem Namen man bald, 
und nicht nur in Italien, den ersten Sänger bezeichnete, war durch 
gesetzliche Bestimmungen festgelegt, die uns einen lehrreichen 
Einblick in die Ordnung des Kirchendienstes in den italischen 
Kirchen des 0. und der spätem Jahrhunderte gewähren. Mit seinem 
Gehilfen, dem Succenlor, leitete er alle Gesangsaufführungen in 



1 Gerbert, 1. c. I, 298. 

2 Gerbert, 1. c. I, 320 druckt den Passus aus der Handschrift ab. 

3 Kienle, in der Vierteljahrschrift für Musikwissenschaft! 1885, 138 ff. 



in Gallien. 225 

der Kirche. Für die Messe war überall ein eigener Chor einge- 
richtet, der, wie die Schola in Rom, sich aus München oder Welt- 
klerikern und Knaben zusammensetzte; das Offizium dagegen 
wurde von allen zusammen abgehalten. Dem seit dem 4. Jahrh. 
bestehenden Brauch folgend, stellten sich die Mönche, wie die 
Kleriker in zwei Abteilungen rechts und links vom Altare auf. 
Der Kantor stand auf der rechten, der Succentor auf der linken 
Seite. Beide hatten darauf zu achten, daß die ihnen unterstehenden 
Sänger immer bei der Sache waren, daß beim Vortrag der Anti- 
phonen, Responsorien, Psalmen und Hymnen keine Fehler gemacht 
wurden, und wenn ein solcher gemacht war, daß dann alles bald 
wieder ins rechte Geleise kam. 

Daneben hatte auch der Armarius, ursprünglich soviel wie 
Bibliothekar, eine Reihe von Pflichten, die sich auf die vorschrifts- 
mäßige Abhaltung des Offiziums bezogen; sie sind in den mona- 
stischen Konstitutionen genau abgegrenzt. Diejenigen des Klosters 
Farfa, die von Abt Guido (c. 1093) herstammen, enthalten in dieser 
Beziehung folgende Bestimmungen: am Samstag soll die Ordnung 
des Gottesdienstes für die ganze nächste Woche festgestellt werden; 
ein Knabe hat die ersten Worte der Responsorien auf eine Tafel 
zu schreiben; der Kantor bestimmt dann den Vorsänger, ebenso 
für das AUeluja und Responsorium der Messe, der Armarius die- 
jenigen, welche die Lesungen während des Offiziums vortragen 
sollen, die Epistel und das Evangelium der Messe und während 
der Mahlzeiten. Bei besondern Festlichkeiten kann der Armarius 
anstatt des Fraters, der die ganze Woche die Gesänge anzustimmen 
hat, falls er sich dazu weniger eignet, einen andern (offenbar einen 
tüchtigen Sänger) damit beauftragen, das Invitatorium zu singen. 
Er hat ferner die Bücher auszuwählen, aus denen bei den Mahl- 
zeiten vorgelesen wird, wie auch die Vorsänger und -leser abzu- 
hören, ob sie ihre Aufgabe verstehen, und alle Bücher in' ordent- 
lichem Zustande zu halten, sie einzubinden und für eventuelle 
Korrekturen zu sorgen. In Abwesenheit des Abtes soll er ihn beim 
Anstimmen der Antiphonae ex Evangelio vertreten. Mit dem 
Kantor zusammen endhch muß er alle Bücher bereitlegen und 
nach dem Gottesdienste wieder zurückstellen i. 

Über die gallikanische Liturgie sind die Nachrichten 
spärlich. Sie berührte sich vielfach mit der mailändischen und 
spanischen; hat doch ein neuerer Forscher 2 die Ansicht aufge- 



1 Guidonis Disciplina Farfensis, cap. 28. (Migne, Patr. Lat. GL, i-m.) 

2 Duchesne, origines, p. 81 ff. Vgl. oben S. 54 ff. 
Wagner, Gregur. Melod. I. ;| 5 



226 Die Verbreitung des gregorianisclien Gesanges 

stellt, die außerrümischen Liturgien seien im Grunde nur eine und 
dieselbe, nur Verzweigungen derselben liturgischen Ordnung, als 
deren Zentrum Mailand anzusehen wäre. Wie dem aber sei, 
schon vor der Adoption der gregorianischen Liturgie gab es auch 
in Gallien geordnete Riten und, damit eng verbunden, liturgischen 
Gesang. Bei verschiedenen früheren Gelegenheiten ist die gallische 
Übung zum Vergleiche mit der römischen usw. herangezogen 
worden. Die Meßordnung des hl. Germanus von Paris (f 576) 
setzt eine gewisse Ordnung des liturgischen Gesanges voraus; 
Venantius Fortunatus erwähnt die eifrige Tätigkeit des großen 
Bischofs für die Psalmodie der ganzen Gemeinde; auch Cäsar 
von Arles war ein großer Förderer dieses Gebrauches (vgl. oben 
Seite 10). Man scheint in GaUien eine besondere Freude an der 
Ausführung der Psahnodie durch Knaben gehabt zu haben; so 
berichtet Gregor von Tours, daß der Lyoner Erzbischof Nisier die 
Knaben von früher Jugend an zur Psalmodie anhielt, und daß der 
Bischof Quintian von Glermont einen Knaben, dessen schöne 
Stimme er in einem Kloster bewunderte, zu sich kommen ließ, 
um die Psalmodie in seiner Kathedrale zu zieren >. Auch am Hofe 
der Herrscher war der Kirchengesang geschätzt. Gregor von 
Tours 2 erzählt von Chilperich, dem Frankenherrscher, er habe 
Hymnen verfaßt, die sich aber auf keiner besonderen poetischen 
Höhe gehalten hätten, da ihm jede Kenntnis des Metrums abging 
und er lange Silben für kurze setzte und kurze für lange. Zu 
der Taufe seines Sohnes ließ er die aus allen Teilen seines Reiches 
eintreffenden Bischöfe ihre besten Sänger mitbringen, um das 
Fest zu verschönern. Während der Mahlzeit mußten sie ab- 
wechselnd im Vortrag von Sologesängen (Responsorien) ihre Kunst 
zeigen 3. 

Die Formen des gallikanischen Gesanges waren keine andern 
als die des Gesanges der andern Kirchen, responsoriale und anti- 
phonische, wie auch Hymnen. Wie er im Einzelnen beschaffen 
war, darüber verlautet nichts. Die Einführung des römischen 
unter Pippin und Karl halte zur Folge, daß die- gallikanischen 



1 Gregor. Turon. Vitae patrum 4. Migne, Patr. Lat. LXXI, 1022. 

2 Gregor. Turon. Histor. Franc, ö, 45. Migne, Patr. Lat. LXXI, 361. 

3 Von König Dagobert wird berichtet, er sei durch den Gesang einei- 
Nonne Nantildis so entzückt worden, daß er sie zur Frau begehrte (so z. B. 
Ambros, Musikgesch. II, 104). Nantildis war eine seiner Frauen, daß sie jedoch 
Nonne gewesen, ist ein Irrtum, der durch die falsche Lesung monasterio für 
das handschriftliche ministerio in der Chronik Fredegars 50 (Migne, Patr. Lat. 
LXXI, 64 S) entstanden ist. 



in Spanien. 227 

Bücher selten wurden. Immerhin muß er gegenüber diesem seine 
stark ausgesprochenen EigentümUchkeiten gehabt haben: Wala- 
frid Strabo behauptet, daß es auch in der gallikanischen Kirche 
nicht an tüchtigen und kenntnisreichen Musikern gefehlt habe, 
von deren Werken seit der Adoption des römischen Offiziums 
manches mit diesem vermischt worden sei; auch könne man 
diese gallikanischen Melodien leicht herausfinden, da sie sich von 
den römischen in Text und Melodie wohl unterschieden i. Da, 
wie wir sehen werden, die römischen Melodien den gallischen 
Sängern besonders wegen ihres Reichtums an Zierfiguren, Vor- 
tragsmanieren u. dgl. Schwierigkeiten machten, so darf man an- 
nehmen, daß der gallikanische Gesang von solchen Dingen frei 
und einfacher war, als der römische. 

Die gallikanische Liturgie bekundete keine solche Wider- 
standsfähigkeit, wie die mailändische. Sie verschwand, nieder- 
gedrückt durch die Politik der fränkischen Herrscher, oder ging, 
wie unten zu zeigen sein wird, mit der neu angenommenen 
römisch-gregorianischen eine Verbindung ein. 

Die spanische Liturgie^ hatte neben ursprünglichen, wohl 
der lateinischen Urliturgie gemeinsamen Elementen im frühen 
Mittelalter seit Einwanderung der Goten von diesen manche 
Übungen in sich aufgenommen. Für die gotischen Stücke waren 
vielfach byzantinisch- griechische Vorbilder maßgebend, was sich 
daraus erklärt, daß hervorragende spanische Bischöfe eine Zeitlang 
in Byzanz sich aufhielten, so Johannes von Gerona und Leander 
(um Ö80). Infolge der Bekehrung der arianischen Goten, um welche 
sich besonders Leander verdient machte, war man genötigt, das 
gotische Element noch zu verstärken, um die Neuaufgenommenen 
nicht abzustoßen. Fixiert wurde dieses Stadium der gotischen 
Liturgie durch Isidor von Sevilla (c. 560 — 636) auf dem Konzil 
von Toledo 633, in welchem die Gleichförmigkeit der spanischen 
mit der Liturgie des südlichen Galliens proklamiert wurde. Um 
die Mitte des 7. Jahrh. hat der hl. Ildephons von Toledo, der selbst 
auch Kirchengesänge komponiert haben soll, einiges gebessert, 
wie auch der hl. Julian (f 728). Seit der Herrschaft der Mauren 
in Spanien erhielt die Liturgie den Namen mozarabische. Noch 
am Ende des 8. Jahrh. begann die Bewegung, welche den Anschluß 
an die Reformen Gregors des Großen erstrebte; vielfach müssen 



1 De reb. eccles. 2.5 (Migne, Patr. Lat. GXIV, 95 g;. 

2 Bäumer, ßreviergeschichle 243. Über die ältere kirchenmusikalische 
Geschichte Spaniens vgl. die Yierteljahrschrift für Musikwissenschaft IV 1 888 
S. 270 ff. 



228 Dit! Verbreitung des gregorianischen Gesanges 



schlichen haben. Im il. Jahrh. siegte trotz des Widerstandes des 
Volkes die römische Norm, besonders infolge der Bemühungen 
Papst Gregors VIL, die von dem spanischen Könige Alfons von 
Kastihen wirksam unterstützt wurden. Seither herrscht in Spanien 
römische Liturgie und römischer Gesang, mit Ausnahme einiger 
Kirchen in Toledo und Valladolid, denen die Päpste das Privileg 
erteilten, die alte Liturgie beizubehalten. Aus dem 11. Jahrb. 
endlich wird Geraldus, Erzbischof von Braga, gerühmt, der zuerst 
Primicerius und Gesanglehrer im Kloster Micy bei Orleans war 
und auf Ersuchen des Erzbischofs Bernard von Toledo dem Chor 
dieser Kirche Unterricht im Kirchengesang erteiltet 

Dasjenige Land, welches mit dem römischen Gesang noch zu 
Lebzeiten Gregors L bekannt wurde, ist das der Angelsachsen. 
Die Verbreitung des Christentums daselbst ist neben der litur- 
gischen Reform sein größtes Verdienst. Man weiß, daß er dieser 
Nation eine besondere Liebe entgegenbrachte. Im Jahre 596 schickte 
er den Benediktiner-Abt Augustin mit 40 Genossen nach England 2. 
In Prozession und unter heiligem Gesänge zogen sie dem König 
Aedilbert von Kent entgegen und verkündeten ihm die frohe Bot- 
schaft-'. Später erhielt Augustinus weitere Gehilfen, unter denen 
Beda den Mellitus, Justus, Paulinus und Rufmianus nennt. Gregor 
versah sie mit allem für die heiligen Handlungen und den Dienst 
der Kirche Nötigem, mit geweihten Geräten, Altarkleidern u. a., 
wie auch mit Handschriften'. Wenn es dem Papste auf würdige 
Feier des Gottesdienstes so sehr ankam, so werden unter den 
Codices plurimi auch solche mit dem liturgischen Gesang gewesen 
sein. Nach England kamen demnach die ersten Kopien des gre- 
gorianischen Anliphonars. 

Das Königreich Kent wurde das Zentrum der Wirksamkeit 
der Missionare. Hier entstanden Kirchen, und Augustinus, nun- 
mehr Erzbischof von Canterbury, verpflanzte die liturgischen Ein- 
richtungen Roms auf den dem Christentum gewonnenen Boden. 
Auch der Kirchengesang wurde nach römischem Äluster einge- 
richtet. Man braucht dabei nicht allein an das Offizium zu denken, 
welches in den vielen neugegründeten Klöstern abgehallen wurde. 



1 Gerbert, de cantu II, 28. 

2 Beda Venerabilis, bist. eccl. I, 23. (Migne, Patr. Lat. XCV, 32.) 

3 Ebenda 25. Sie sangen die Antiphone: Deprccamiir te, Doynine, in 
omni tnisericordia üia, ut auferatur furor iuus et ira tua a civitate isla, 
et de domo sancta tua, qtioniam peccavimus, aUeluja. 

4 Ebenda cap. 29. 



in England. 229 

für die feierliche Messe bedurfte es in gleicher Weise gesanglicher 
Anordnungen; kam es doch darauf an, auf die zu Bekehrenden 
auch durch die Schönheit der Gottesdienste und Zeremonien Ein- 
druck zu machen. Unter den Gefährten des Augustin befanden 
sich zweifellos auch solche, welche die Sologesänge während der 
Messe auszuführen und sich einen Chor zur Wiedergabe der Chor- 
gesänge anzulernen imstande waren. Als Lehrer des Kirchen- 
gesanges wird rühmend ein Jakobus erwähnt, der, zuerst Diakon 
und Vorsänger in Ganterbury, 633 von Paulinus zu seinem Nach- 
folger in der Leitung der Kirche von York bestellt wurde. Ein 
ausgezeichneter Kenner des Kirchengesanges, wurde er bald ein 
hochgeschätzter Lehrer der kirchlichen Melodien, die er, wie Beda 
ausdrücklich zu berichten für nötig hält, ganz so lehrte, ,wie es 
in Rom üblich war ^ So schlug der gregorianische Gesang Wurzeln 
auch in Northumberland. Im Jahre 669 sandte Papst Yjtalian den 
Theodorus als Erzbischof von Ganterbury nach England und als 
seinen Begleiter den Priester Hadrian; von beiden wird hervor- 
gehoben, daß sie in allen welllichen und kirchlichen Wissen- 
schaften sehr bewandert waren und darin viele unterrichteten. 
Von nun an nahm der Kirchengesang einen besonderen Aufschwung 
in allen Kirchen, auch des Nordens, besonders seit Wilfrid, ein 
Eingeborener, den Bischofsilz von York einnahm, und unter der 
kundigen Leitung des Aeddi Stephanus, der, wie Jakobus, seine 
Musikstudien in Ganterbury gemacht hatte 2. Ihm leistete beim 
Musikunterricht Beistand ein Angelsachse, namens Aeonan. Ein 
anderer Gesanglehrer war Putta; er wurde von Wilfrid auf den 
schon längere Zeit erledigten bischöflichen Stuhl von Röchest er 
erhoben. Auch er gab die Unterweisung im Kirchengesang nach 
dem römischen Usus, wie Beda betont^. 

Ein begeisterter Freund des Kirchengesanges derselben Zeit 
war Benedict Biscop; wie Wilfrid aus einer angesehenen 
angelsächsischen Familie hervorgegangen, hatte er sich lange im 
Ausland aufgehalten und in Rom die Liturgie der Papstkirche 
kennen gelernt, wie auch ihren Gesang. Ein für die Entwicklung 
römischer Liturgie und römischen Gesanges in England bedeut- 
sames Ereignis war die auf seine Initiative erfolgte Sendung des 
Archikantors der päpstlichen Kapelle und Abtes von St. Martin 
Johannes durch Papst Agatho (678 — 682)4. Daß man sich in 



1 Ebenda U, cap. 20. 

^ Beda, 1. c. IV, -1. (Migne, Patr. Lat. XCV, 173, 

3 Ebenda 174. 

4 Ebenda 199. 



230 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges 

Rom dazu verstand, diese daselbst gewiß nicht leicht entbehrliche 
Persönlichkeit dem neubekehrten Lande für einige Zeit anzuver- 
trauen, beweist mehr wie alles andere, welches Interesse man den 
Bestrebungen der englischen Hirten entgegenbrachte, in allem, was 
Liturgie und liturgischen Gesang betraf, der römischen Kirche sich 
anzuschließen. Die Wirksamkeil des Johannes wurde eine segens- 
reiche und rechtfertigte die Hoffnungen, die man in Rom auf seine 
Mission setzte. Er lehrte vorzüglich im Kloster Wearmouth, »den 
Ordo und Ritus« mit lauter Stimme zu singen und zu lesen, und 
was für die Festtage des Kirchenjahres vorgeschrieben war, so wie 
es in der Kirche des hl. Petrus in Rom gehalten wurde. Von allen 
Seiten kamen Schüler herbei und benützten den zweijährigen 
Aufenthalt des römischen Maestro, um sich in allem, was den 
Kirchengesang betraf, auf dem laufenden zu erhalten. 680 kehrte 
Johannes nach Rom zurück und vermochte die erfreulichsten 
Nachrichten über den Erfolg seiner Sendung zu überbringen. 
Die direkte Unterweisung der außeritalischen Völker im Kirchen- 
gesang durch Mitglieder der päpstlichen Gesangschule wird uns 
noch öfters begegnen; sie ist von Anfang an von den gregoria- 
nischen Sängern als eine ihrer wichtigsten Aufgaben angesehen 
worden. Bis ins 9. Jahrh. hinein blieben sie dieser ihrer Pflicht 
treu, so lange, bis die im Norden überall entstehenden Gesang- 
schulen kräftig genug waren, den römischen Gesang selbst weiter 
zu verbreiten. 

Der Nachfolger des Wilfrid, Acca, trat in die Fußtapfen 
seines großen Vorgängers. Selbst ein Freund und Kenner des 
Kirchengesanges, ließ er von Kent, welches immer noch seine 
Hauptpllegestätte war, den Sänger Maban zu sich kommen i, um 
die, wie es scheint, um 700 etwas in Verfall geratene Tradition 
aufzufrischen. Zwölf Jahre behielt er ihn bei sich, eine Zeit, die 
mehr als genügte, um die alte Blüte zu erneuern. Auch in der 
Basilika, welche die angelsächsische Prinzessin Bugge hatte erbauen 
lassen, erklangen, wie ihr Zeitgenosse Aldhelm (f 70!») erzählt, 
Antiphonen und Psalmen, Responsorien und Hymnen'-^. 

Im folgenden Jahrhundert wurde diese Entwicklung durch 
das Konzil zu Cloveshoe (Glasgow) 747 abgeschlossen, in welchem 
die Väter unter anderm bestimmten, daß in allen Kirchen der 
liturgische Gesang treu gepflegt werden solle und zwar nach dem 



1 Ebenda 270; vgl. oben S. 198. 

2 Migne, Patr. Laf. LXXXIX, 289. 



in England. 231 

Gesangbuch, welches von Rom geschickt worden war'. Um 885 
berief König Alfred einen berühmten fränkischen Gesanglehrer, 
Johannes, nach Oxford und übertrug ihm einen Lehrstuhl für 
Kirchengesang an der neugegründeten Hochschule. Auch dessen 
Begleiter Grimbald wird als hervorragender Kantor gerühmt. Die 
englischen Sänger blieben in Verbindung mit ihren fränkischen 
Kollegen. Im Jahre 946 kamen auf Veranlassung des Abtes Edel- 
vold Mönche von Corbie nach England als Lehrer des Kirchen- 
gesanges; gegen Ende des 11. Jahrb. blühten Osbernus und 
Gotselin, den Bischof Hermann vonSalisbury mit sich nach England 
gebracht hatte, und der in zahlreichen Welt- und Klosterkirchen 
segensreich wirkte2. Um dieselbe Zeit schrieb Johannes Cotto 
seinen für die mittelalterliche Musikgeschichte wichtigen Traktat^. 
Wie in Rom die Stellung des ersten päpstlichen Sängers im 
Laufe der Zeit eine sehr ehrenvolle und wichtige geworden war, 
so wurde auch in England das Amt des Kantors in den Klöstern 
und Kathedralen allmählich zu einem einflußreichen. Von manchen 
in der weitern englischen Kirchengeschicble auftretenden hoch- 
gebildeten Geistlichen wird gesagt, sie seien Kantoren gewesen; so 
werden als verdiente Kantoren erwähnt Simeon, einer der ersten 
Geschichtschreiber Englands, der Mathematiker Johannes von 
Canterbury, der gelehrte Wolston von Winton, die Geschicht- 
schreiber Thomas Walsinghamus , Wilhelm Somerset und 
andere. Von einem Kantor, Eadred mit Namen, wird erzählt, 
daß ihm 6 Jahre lang vor seinem Tode der Gebrauch der Stimme 
versagt war; nur in der Kirche sei sie ihm wiedergegeben ge- 
wesen-*. 



1 Ut uno eodemque modo dominicae dispensaiioms in carne sacro- 
sanctae festivitates, in omnibus ad eas rite competcntibus rebus, i. e. in 
baptisnii officio, in missarum celebratione , in cantilnnae modo celebrentur, 
iuxta exemplum videlicet, quod scriptum de Romana habemus ecclesia. Item, 
ut per gyrum totius anni natalitiae sanctorum uno eodem die iuxta tnar- 
tyrologium eiusdem Romanae eeclesiae cum sua sibi conveniente psahnodia 
seu cantilena venerentur (can. 13). Ferner: Ut Septem canonicae orationum 
diei ae noctis horae diligenti cura cum psalmodia et cantilena sibiniet con- 
■venienti observentur, et td eandem tnonasterialis psalmodiae parilitatem 
ubique sectentur, nihilque quod communis usus non admittit, praesumant 
cantare aut legere, sed tantum quod ex sacrarum scripturarum auctoritate 
descendit et quod Romanae eeclesiae consuetudo permittit, cantent vel Icgant 
(can. 15). (Gerbert, de cantu I, 262.) 

- Gerbert, de cantu I, 282. 

'* Im 2. Bd. der Gerbertschen Scriptores veröffentlicht. 

4 Gerbert, de cantu I, 299. 



232 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

Ein und ein halbes Jahrhundert hatte die Zeit der Arbeit und 
der Pflanzung gedauert; seit 750 bewegt sich die Liturgie und der 
Hturgische Gesang in England in ruhigen, gefestigten Bahnen. 
Die zahlreichen Klöster, die das Land bedeckten, bewahrten getreu- 
lich die ihnen anvertrauten Riten und Gesänge i. Nur vorüber- 
gehend vermochte die Tradition gestört zu werden. Turstin von 
Caen, der von Wilhelm dem Eroberer bestellte Abt des Klosters 
Glastonbury, auch in andern Dingen nicht Muster eines Abtes, 
versuchte um die Mitte des 1 \ . Jahrb. den römischen zugunsten 
eines neuen und von diesem sehr verschiedenen Gesanges, der 
von Wilhelm, Mönch von F6cam herrührte, zu verdrängen'^. Die 
Mönche leisteten ihm indessen solchen Widerstand, daß er sein 
Vorhaben aufgeben mußte. Über den Charakter dieses neuen Ge- 
sanges fehlt uns jede Nachricht; es könnte sich auch um eine mit 
dem Organum zusammenhängende neue Vortragsweise handeln. 
Dieselbe Neuerung wird übrigens auch dem Wilhelmus von Dijon 
zugeschrieben'^. 

Die liebevolle Pflege des liturgischen Gesanges im Verein mit 
der sehr ausgesprochenen musikalischen Begabung der Angel- 
sachsen trug reiche Früchte. Außerhalb der Kirche muß sich in 
den Klöstern und an den Höfen kirchlicher Würdenträger auch 
die einheimische Musik großer Wertschätzung erfreut haben, wobei 
es zuweilen zu Reibungen zwischen beiden Musikarten kam 4. 
Musikgeschichtlich wurden diese Verhältnisse von großer Bedevitung, 
indem durch die Verschmelzung der weltlichen in vielen Bezie- 
hungen auf instrumentalem Boden ruhenden Musik und des Kirchen- 
gesanges allmählich die Kunst der Mehrstimmigkeit heranwuchs. 
Diese verdankt ihr Dasein zunächst wohl gewissen Praktiken der 
Instrum entisten; der liturgische Gesang lieh ihr bald seine besten 



1 Für die Geschichte der Liturgie und des Gesanges in den engHschen 
Klöstern des 1 4 . Jahrh. sind von großer Bedeutung die Decreta , welche Lan- 
francus, Erzbischof von Canterbury (-[- 1 089), für die Benediktinerklöster seiner 
Kirche erließ. Aus denselben ist hervorzuheben das erste Kapitel, welches 
in 10 Lectiones die Liturgie des ganzen Kirchenjahres mit genauer Angabe 
der Gesangstücke behandelt. Migne, Patr. Lat. GL, 4 46 ff. 

2 Lebeuf, Traite historique et pratique du chant ecclesiastique, Paris 
1741, S. 71. 

3 Gerbert, de cantu I, 262. 

4 In diesen Zusammenhang gehört die Notiz des Wilhelm von Malmes- 
bury, nach welcher der Yorker Erzbischof Thomas aus seiner Kirche den ver- 
weichlichten Gesang verbannt und ihm den Charakter männlichen Ernstes 
zurückgegeben habe. Gerbert, de cantu I, 283. Vgl. auch Nagel, Geschichte 
der Musik in England I, S. 1 5 ff. 



Pippin. 233 

Kräfte, und so erstarkte sie zu neuen Formen und verbreitete sich 
allmählich über den ganzen Okzident, wo das Terrain allerdings 
vielfach vorbereitet war. 

Die Kirchenspaltung im 1 6. Jahrh. bereitete dem gregoria- 
nischen Gesänge in dem Lande, welches ihn zuerst von Rom er- 
halten, das Grab^ 

Daß die Päpste nicht daran dachten, den Kirchen, die eine 
ihren hturgischen Gebräuchen adäquate Gesangsweise besaßen, den 
römischen Gesang aufzudrängen, erkennt man an der Art, wie 
dieser im Frankenlande eingeführt wurde. Hier waren es die 
weltlichen Machthaber, die, um ihre Untertanen durch die Bande 
gleicher Liturgie miteinander zu verknüpfen, die Einführung des 
römischen Gesanges betrieben. Römische Liturgie und römischer 
Gesang zogen ins Frankenland unter Pippin (751 — 768), dem Be- 
gründer der karolingischen Dynastie, ein. Die Veranlassung dazu 
ergab sich, als Pippin 753 den Bischof Ghrodegang von Metz mit 
einer Gesandtschaft nach Rom schickte, die im folgenden Jahre 
die Reise des Papstes Stephan Jl. ins Frankenland zur Folge hatte. 
Wie bekannt, krönte der Papst in St. Denj-s Pippin und seine Söhne 
Karl und Karlmann und erbat sich Schutz gegen die Longobarden. 
Der Gegensatz der Riten und Gesangsweisen der fränkischen und 
der römischen Geistlichen, welche im Gefolge Pippins und des 
Papstes sich befanden, trat bei den zu Ehren des letztern ge- 
gebenen Feierlichkeiten offen zutage. Pippin faßte den Entschluß, 
ihn aufzuheben, und nach Unterhandlungen mit dem Papste be- 
gannen die Römer, die Franken in römischem Ritus und Gesang 
zu unterweisen'^. Pippin ließ es auch seinerseits an Verordnungen 
nicht fehlen, welche die Einführung des römischen Gesanges be- 
trafen; er fand besondere Unterstützung an dem Bischof Ghrode- 
gang von Metz, der seit seiner Romreise den römischen Riten und 
Gesängen ein reges Interesse entgegenbrachte. Er führte sie in 
seiner Kirche ein-^ und erließ behufs ihrer Verbreitung im Jahre 
762 besondere Verordnungen, aus denen hervorgeht, daß er vom 
Kirchengesang nicht wenisr verstand^. Ein Gesanglehrer, der in 



1 In unsern Tagen ist der liturgische und künstlerische Wort des gre- 
gorianischen Gesanges auch in England wieder erkannt worden. Zuerst auf- 
fälligerweise von den Angükanern, die vielfach die alten Melodien mit englischen 
Texten sangen. 

2 Walafrid Strabo, de reb. eccl. 25. (Migne, Patr. Lat. CXIV, 956.) 

3 Migne, Patr. Lat. XCV, 705. 

* Seine Regula Canonicorum bei Migne, Patr. Lat. LXXXLX. Mit dem 
Kirchengesang beschäftigen sich Kap. 30 und 51. 



234 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

Rom unterrichtet worden war, wurde mit der Einrichtung und 
Leitung einer Gesangschule in Metz betraut. Es scheint, daß Pippins 
Anstrengungen nicht sofort vom gewünschten Erfolge begleitet 
waren, denn er wandte sich nach dem Tode des Papstes Stephan 
an dessen Nachfolger mit der Bitte um Sänger. Dieser, Papst 
Paul I. (758—763), erkannte die Bedeutung der Angelegenheit und 
sandte Pippin Gesangbücher, ein Antiphonale und ein Ucsponsale. 
So gelangten die ersten römischen Bücher ins Frankenland. Damit 
ihr Inhalt kein toter Buchstabe bliebe, beauftragte der Papst, ähn- 
lich wie ein Jahrhundert vorher Papst Agatho einen der ersten 
Sänger der gregorianischen Schule ins Land der Angelsachsen 
beordert hatte, einen römischen Gesanglehrer Simeon, in Rouen, 
wo Remigius (oder Remedius), der Bruder Pippins, Bischof war, 
eine Gesangschule nach dem Muster der römischen einzurichten. 
Simeon, der zweiter Vorsteher der römischen Schule war, mußte 
aber infolge des Todes des ersten Vorstehers Georg bald nach 
Rom zurückkehren, um statutengemäß dessen Stelle einzunehmen. 
Pippin teilte dem Papste die Vorstellungen mit, die Remigius des- 
wegen erhoben halte; das Resultat der Unterhandlungen war, daß 
einige der Mönche, die schon in Rouen den Unterricht des Simeon 
genossen hatten, sich nach Rom begaben und ihre Ausbildung in 
der gregorianischen Gesangschule beendeten i. Nach Hause zurück- 
gekehrt, wurden sie die Lehrer ihrer Landsleute und trugen zur 
Erstarkung der neuen A'erhältnisse mächtig bei. Die Metzer Ge- 
sangschule aber erlangte noch zu Pippins Lebzeiten großen Ruf; 
der Gesang an Chrodegangs Kathedrale wurde dem an der römischen 
Gesangschule an Schönheit für gleich erachtet. Sogar aus Eng- 
land kamen Schüler, durch die Pracht der Gottesdienste angezogen; 
so Sigulf, der in Rom die liturgischen Gebräuche, in Metz aber 
den Kirchengesang erlernte-. 

Mehr noch als Pippin arbeitete sein Nachfolger, Karl der 
Große, an der Vereinigung aller Christen der lateinischen Kirche 
unter derselben Liturgie und demselben Gesang. Waren unter 
seinem Vater manche Bischöfe im Rückstand geblieben, so konnten 
seine zahlreichen und energischen 3faßnahmen ihre Wirkung nicht 
verfehlen. Eine Reihe von Dekreten und Synoden beschäftigten 
sich mit der obligatorischen Einführung der Cantilena romana und 
der römischen Liturgie. Die Sammlung seiner Kapitularien ent- 



1 Die Antwort des Papstes bei Migne, Patr. Lat. XCVIIF, 200. 
- Also in der Vita des Alcuin, des Vorgängers Sigulfs als Abt von Fer- 
neres, bei Jaffe, Monum. Alcuin. S. IG. 



Karl der Große. 2H5 

hrdt eine 789 an den ganzen Klerus seines Reiches gerichtete Ver- 
ordnung*, wonach alle den Cantus ronianus vollständig erlernen 
und in der vorgeschriebenen Weise das Officium nocturnale und 
graduale ausführen sollten, entsprechend der Bestimmung seines 
Vaters, der um der Übereinstimmung mit dem apostolischen Stuhl 
und der Einheit der ganzen Kirche willen den gallikanischen Ge- 
sang abgeschafft habe. Im Zusammenhang damit stehen ins 
Einzelne gehende Vorschriften desselben Kapitulare; so heißt es 
in iNr. 70: die Bischöfe sollen darauf achten, daß die Psalmen in 
würdiger Weise und mit Einhaltung der Einteilung der Verse ge- 
sungen, daß bei allen das Gloria Patri am Ende hinzugefügt werde 
und der Priester mit dem ganzen Volk das dreimalige Sanctus 
(in der Messe) sänge; nach Nr. 72 sollen die Priester, wenn 
Fehler sich eingeschlichen hätten, gewissenhaft die Psalmen und 
die Gesänge korrigieren. Ein Kapitulare 802 2, jas sich auf die 
Prüfung der Geistlichen bezieht, erwähnt ausdrücklich, daß sie in 
der Psalmodie und in dem Tag- und Nachtkursus nach römischem 
Gebrauch zu prüfen seien. Die Aachener Synode 803'* schärft die 
Verpflichtung der Bischöfe, mit ihren Klerikern das Offizium ab- 
zuhalten, sicitt psallii ecciesia romana^ wieder ein und fügt hinzu, 
daß sie an geeigneten Orten Scholae cantorum einrichten sollten. 
Die königlichen Sendboten, die in Karls Auftrag das ganze Reich 
bereisten, um über die Befolgung seiner Vorschriften zu wachen, 
erhielten besondere Instruktionen bezüglich der Innehaltung auch 
seiner kirchengesanglichen Maßnahmen^. Aus all dem geht hervor, 
daß Karl zielbewußt und energisch seinen Lieblingsgedanken durch- 
zuführen suchte. An seiner llofschule in Aachen fand der Gesang 
eine liebevolle Pflege; für ihren Gebrauch 'hatte der Angelsachse 
Alcuin, Karls Freund und liturgischer Berater, in seinem enzyklo- 
pädischen Schulbuch auch die Elemente der Musiktheorie^ aufge- 
nommen, die Lehre von den 4 authentischen und den 4 plagalen 
Tonarten. Mit ihr war Alcuin seit seiner Jugend, die er im Kloster 
York verbracht, wohl bekannt. Sie war mit dem römischen 
Offizium im Lande der Angelsachsen gelehrt worden. Als Gesang- 
lehrer an der Pfalzschule wird Sulpicius gerühmt''. In gewissen 



1 Die Kapit. Karls in den Monum. Germ. I, 61. 

2 Ebenda, I, HO. 

•' Schannat und Harzheim I, 378. 
* Kapit. Karls I, 131. 
•'' In Gerberts Scriptores, Bd. I. 

^' In Alcuins Gedicht 224 : Candida Sulpicius posf se trahit agmina 
leetor Hos regat et doeeat certis ne accentibus errent Instititit pueros Idit/iuii 



236 Bie Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

strittigen Fragen des antiphonischen Gesanges nahm sie bald einen 
festen Standpunkt ein, und Aurelian von lieomö, ein Theoretiker 
der 2. Hälfte des 9. Jahrh., konnte in dieser Beziehung von einer 
Tradition der Schola palatina reden. Derselbe Autor erklärt diese 
Schule für eine Nachahmung der römischen i. 

Unter den Bischöfen, die auf Karls Anregungen energisch 
eingingen, ist noch Haiion von Basel (814 — Sil) zu erwähnen, der 
darauf hielt, daß jeder seiner Geistlichen ein Gesangbuch, ein 
Antiphonarium, als Eigentum besaß, und auch sonst für Reinerhal- 
tung der liturgischen Überlieferung besorgt war, wie aus seinen 
Kapitularien hervorgeht-. 

Daß die Abschaffung des gallikanischen Ritus imd Gesanges 
nicht so rasch vonstatten ging, wie Karl es wünschte, lag nicht 
nur an der Zähigkeit, mit welcher alt gewordene Gebräuche sich 
festhalten, und der Opposition, die alles Neue findet. Die Verhält- 
nisse, welche die römischen liturgischen Bücher voraussetzten, 
waren ganz andere als im Frankenlande, und es bedurfte immerhin 
einiger Veränderungen, um die für die feierlichen Papstoffizien 
geschaffenen Riten und Gesänge den Gebräuchen der Franken an- 
zupassen. In dieser Anpassung an die einfachem liturgischen 
Zustände lag eine Quelle fortwährender Mißstände; jeder Bischof 
suchte sich dabei auf andere Weise zu helfen, und statt der Ein- 
heit drohte eine Verschiedenheit einzureißen, die alle Reform in 



modulaminc sacro i'tquc soiios dulccs dccantent voce aunora^ Quos pcdibus, 
numeris , rhyfkmo stat tnusica, discant. Gerbert, de cantu I, 277. Ein St. 
Galler Mönch, der das Leben des Kaisers beschrieb (Migne, Patr. Lat. XCVIII, 
4 376), erzählt einige interessante Geschichten über die Einmischung Karls in 
den Organismus des Gottesdienstes. Der Kaiser wohnte, so oft es seine Ge- 
schäfte und seine Gesundheit erlaubten, der Messe wie dem Tages- und Naclit- 
offizium bei. Alle mußten in der Lage sein, die Lesungen des Tages vorzu- 
tragen; Karl pflegte mit dem Finger oder einem Stabe denjenigen anzugeben, 
den er hören wollte. Wenn dieser genug gesungen hatte, gab Karl ihm durch 
Husten zu verstehen, daß er aufhören solle. Auf dieses Zeichen waren, wie 
man sich denken kann, alle gespannt: keiner hätte es gewagt, weiter zu 
singen, selbst wenn der Gedanke nicht zu Ende war. Wie es dem armen 
Clericus erging, der sich einmal dem Chore zu viel näherte und nun, obwohl 
er davon nichts verstand, wohl oder übel mitsingen mußte, mag mau bei 
Ambros nachlesen (Musikgesch. II, 106). 

1 Seine Musica disciplina, eine für die Kenntnis des Kirchengesanges zur 
Karolingerzeit hochwichtige Schrift, ist in den Scriptores von Gerbert, Bd. I, 
abgedruckt. In Kap. i \ heißt es, daß die Palatini die Antiphon Sapientia, 
die sonst dem zweiten Kirchenton zugerechnet wurde, wegen ihrer hohen 
Lage dem ersten zurechneten. Vgl. auch Kap. 7. 

2 Dieselben stehen in den Monunienta Germaniae neben den Kapitularien 
Karls des Großen, Bd. L 363 und 363. 



Karl der Große. 237 

Frage stellte. Um dem abzuhelfen, ließ Karl durch seinen litur- 
gischen Berater, Alcuin, das rümi^he Sakramentar für die Franken 
umarbeiten', und für Erhaltung der rrmiischeii Melodien sorgte 
er, indem er sich zu verschiedenen Zeiten Sänger von Rom mit 
Abschriften des gregorianischen Antiphonars erbat. Kein neues 
Gesangbuch durfte in Gebrauch genommen werden, bis es mit 
jenen verglichen und damit übereinstimmend gefunden worden 
war. 

Die Berichte über die Sorge des Kaisers für Reinerhaltung 
des römischen Gesanges sind mit legendenhaften Zügen unter- 
mischt"-. Alle aber stimmen darin überein, daß sie erkennen lassen, 
wie sehr ihm die Unversehrtheit der Tradition am Herzen lag und 
wie er in jedem Falle das richtige Mittel ergriff, um die liturgische 
Gesangsübung im Einklang mit der römischen Praxis zu erhalten. 
Zwischen römischen und fränkischen Sängern kam es oft zu Zän- 
kereien. Es versteht sich leicht, daß die Gallier sich ihre ge- 
wohnten Weisen nicht leicht entwinden ließen; sicher auch ließen 
die Lehrer aus Rom, stolz auf ihre Kunst, wie sie waren, oft die 
Mäßigung und Klugheit außer acht, die bei Aufgaben solcher Art 
unerläßlich sind. Wenn Johannes Diaconus die musikalischen 
Fähigkeiten der Gallier und Deutschen auf ein Winziges reduziert 
und allerlei grobe Dinge von ihnen meldet-^, so hatte ein St. Galler 
Mönch nicht unrecht, wenn er sich über die Überhebung der 
Römer beklagt*. Daß es mit der Veranlagung der Teutones und 



1 Also der Micrologus de eccles. observ. 60 (Migne, Patr. Lat. CLI, 1020). 
Über sein Sakramentar und dessen Inhalt vgl. Cabrol im Dictionnaire d'Archeo- 
logie cliretienne et de Liturgie I p. 1078 1?. Über deren musikalische Aus- 
stattung vgl. Dom Pothier in der Revue de chant gregorien, Grenoble, VII, 
1899 p. 125. Über das Lektionar AIcuins vgl. Cabrol 1. c. p. 1072 ff. 

~ So Johannes Diaconus in der Biographie Gregors I. (Migne, Patr. Lat. 
LXXV. 90 ff.) und der St. Gallische Biograph Karls des Gr. (Migne, Patr. Lat. 
XCVIII, 1377). 

3 Migne, Patr. Lat. LXXV, 90: Hiiius modtdatio7iis dulcedinem inter 
alias Europae gentes Gennani seu Galli discere crebroque rediscere insignite 
poiuerunf, incorruptam vcro tarn levüate animi, quia non mala de proprio 
Oregoriatiis cantibus miscuerunt , quam feritate quoque naturalis servare 
minime potuerunt. Alpina siqiiidem corpora, vocum suarum tonitruis alti- 
sone prestrepantia, susccj>iar ninduhillnuis dulcrdinnn proprie non resultant. 
quia bibuli gutturts barbara frrHns. duiii /iijJi xionibus et repercussionibus 
mitem nititiir edere cantilcitaDi , nuturali qnodaui fragore, quasi plaustra 
per gradus confuse sonantia rigidas voees iactaf, sicque audientium animos, 
quos mulcere debuerat, exasperando magis ae obstrepcndo conturbat. 

* Cod. St. Gallen 578, p. 34: ecce jactantiam Bornanis consuetam in 
Teutones et Qallos. (Monum. Germ. bist. IL § 47 p. 102.) 



238 t)ie Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

Galli nicht so sehr schlecht bestellt war, liaben die St. Galler und 
Metzer Gesangschulen gezeigt, und kein Land ist mit den gregoria- 
nischen Melodien später so leichtfertig umgegangen, wie Italien. 
Hingegen ist der Bericht des St. Gallischen Biogtaphen Karls des 
Großen von zwölf römischen Sängern, die, neidisch auf den Ruhm 
der Gallier, sich verabredeten, jeder eine andere Gesangsweise zu 
lehren, und als die Sache herauskam, von Karl ihre Strafe er- 
hielten, offenbar dem Unmut des gekränkten Franken zugute zu 
halten i. Karl versicherte sich, sobald er Verschiedenheiten merkte, 
immer sogleich der echten Gesangsweise; das ist der Kern der 
Erzählung des Johannes Diaconus, der den Streit zwischen 
Römern und Franken durch Karl mit dem Machtwort entscheiden 
läßt: »Also wollen auch wir zur ungetrübten Quelle zurückkehren« 2. 
In die Zeit Pippins und Karls fällt ein Ereignis, welches die 
Entwicklung der mittelalterlichen Musik hervorragend beeinflußt 
hat, die Bekanntschaft der fränkischen Musiker mit denen 
von Byzanz. Im Jahre 757 erschienen am Hofe Pippins byzanti- 
nische Musiker und überreichten ihm im Auftrage ihres Herrschers 
eine Orgel. In Byzanz war das bisher profane Konzertinstrument 
in die Kirche eingedrungen und hat von da an seinen neuen Platz 
behauptet. Unter Karl kam ein noch größeres Instrument nach 
Aachen, und der St. Galler Biograph des Kaisers berichtet Staunens- 
wertes von ihm. Zu diesen Orgeln gehörten selbstverständlich 
auch Spieler, welche das neue Instrument handhaben lehrten. Es 
wird eine Fabel sein, was der genannte Anonymus erzählt, daß 
Karl im Dom zu Aachen einmal die Matutingesänge der Griechen 
heimlich belauschte und, über das Gehörte entzückt, sie sich so- 
gleich ins Lateinische habe übersetzen lassen. Ebenso ist der Be- 
richt des Aurelianus von Reome^ zu taxieren, wonach Karl auf 
die Vorstellungen einiger Sänger, man könne nicht alle Antiphonen 



1 Migne, Patr. Lat. XCVlir, l.",?:. 

- Migne, Patr. Lat. LXXV, 91 : Carolus nosfer jMfricms, rex Francorum, 
dissonantia Romani et Qallicani cantiis Romae offcnsus, cum Oallorum 
procaeitas cantum a nostratibus qidbusdam naeniis argumentaretiir esse 
corruptum, iwsiriqtie e diverso authenticum antiphonarium prohabiliter 
ostentarenf, intcrrogasse fertiir, quis inter rivum et fontem limpidiorem aquam 
conservare solerct? Rrspmtih lüihHn fdntoa ])riidcntrr adjecit: Ergo et nos, 
qui de rivo corruptam ks^jui Inn-h uns hihlniKs. ad jjcrcnnis funtis necessc 
est fluenta principalia yccuryaiitus. Vgl. darüber Dom Pothier in der Revue 
de Chant gregorien, Grenoble, X, 4 902, p. 81 ff. Einen Klagegesang zum Tode 
Karls des Großen vgl. in der Tribüne de S. Gervais, Paris IV, 1898, p. 35, eine 
Sequenz auf ihn im Gregoriusblatt, Aachen 1882, S. I 3 ff . 

3 Gerbert, scriptores I, 41. 



Amalar. 289 

in die acht Tonarten einbeziehen, den Befehl erteilt habe, noch 
vier weitere aufzustellen. Tatsache ist jedoch, daß auf Schritt 
und Tritt bei den fränkischen Musikern griechische, also byzan- 
tinische Ausdrücke sich bemerkbar machen. Auch die praktische 
Musikpflege verdankte der neuen Richtung bedeutsame Anregungen. 

Die Adoption der römischen Liturgie im Karolingerreiche hat 
sich nicht in der Weise vollzogen, daß die bis dahin gültigen Riten 
einfach verschwanden und durch die gregorianischen ersetzt wurden. 
Es fand vielmehr eine Verschmelzung römischer und fränkischer 
Elemente statt, deren Resultat die mittelalterliche römisch-fränkische 
Liturgie ist. Dieser Prozeß füllt das 8. und 9. .Jahrh. aus und 
ist im '10. Jahrh. abgeschlossen. Von Alcuins Umgestaltung des 
gregorianischen Sakramentars ist schon berichtet worden. Dabei 
blieb man aber nicht stehen; noch mehr wurde das römische 
Offizium durch die neuen Verhältnisse in Mitleidenschaft gezogen, 
ja die neue liturgische Arbeit hatte es fast ausschließlich zum 
Gegenstand. 

Das Meßgesangbuch erfuhr während des ganzen Mittelalters 
keine die Gesänge im Wesen treffende Veränderung, und ein Buch 
des 15. Jahrh. enthält dieselben Gesänge wie die Handschriften 
des 9. und 1 0. Jahrh., und zwar bedienten sich Weltgeisthche und 
Mönche desselben Buches und derselben Gesänge. Im Offizium 
jedoch stimmten sie nicht überein; hier gab es Verschiedenheiten, 
nicht in der Struktur des Ganzen, aber in gewissen Einzelheiten. 
Auf seine Ausbildung haben naturgemäß die Bischöfe der Einzel- 
kirchen einen gewissen Einfluß ausgeübt, fast jede Kirche hatte 
ihr eigenes Offizium und Antiphonar, wenn auch der Grundstock 
überall der gleiche war, auch in den Melodien. Bekanntlich hat 
dieser Zustand bis zum Konzil von Trient gedauert. 

Amalar, ein Schüler Alcuins, hatte von seinem Lehrer die 
Vorliebe für die Beschäftigung mit der Liturgie geerbt und be- 
wegte sich ganz in dessen Ideenkreise i. Er wirkte namentlich in 
Met/., wo, wie wir wissen, liturgisches Leben und römischer Ge- 



1 Über Amalar von Metz vgl. Mönchemeier, Paderborn 1893, in den 
kirchengescbichtlicben Studien von Knöpfler, Schrörs und Sdralek. Die neuesten 
Untersuchungen von Dr. Marx (Erzbischof Amalar von Trier, in dem Jahres- 
bericht der Gesellschaft für nützliche Forschungen, Trier -1899) haben im 
Einklang mit G. Morin (Revue benedictine <89 9, p. 4l9£f.) und gegen Mönche- 
meier dargetan, daß der Metzer und Trierer Amalar eine und dieselbe Person 
sind. Vgl. auch Debroise in Cabrols Dictionnaire d'Archeologie chretienne et 
de Liturgie I, p. 1323 ff. 



240 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

sang seit Ghrodegang in hohen Ehren standen. Seine Hauptschrift, 
die für uns in Betracht kommt, hat den Titel De ordine Anti- 
phonarii ^ Ihr geht ein Prolog voraus, der die Veranlassung der 
Schrift berichtet. Im Laufe seiner liturgischen Studien hatte er 
vielfach Gelegenheit, sich von Mängeln und Willkürlichkeiten der 
Offiziumsbücher zu überzeugen, und sein Streben ging dahin, sie 
mit dem r<)mischen Original möglichst in Übereinstimmung zu 
bringen. Mit Erlaubnis des Kaisers Ludwig des Frommen unter- 
nahm er 831 oder 32 eine Reise nach Rom zu Papst Gregor IV., 
um den römischen Usus an der Quelle zu studieren. Er erbat 
sich vom Papst ein Antiphonar für die Kirche von Metz. Dieser 
erklärte ihm aber, das letzte, welches er noch habe weggeben 
können, habe der Abt Wala von Corbie erhalten, der sich jüngst 
in Rom aufgehalten habe; alle andern Exemplare brauche er selber. 
Indessen konnte Amalar sich bei dem Archidiakon Theodor, den 
der Papst anwies, ihm jede Belehrung zukommen zu lassen, über 
die Einzelheiten des römischen Ritus und Gesanges unterrichten. 
Nach Metz zurückgekehrt, machte er sich auf die Suche nach dem 
Antiphonar des Wala und entdeckte es auch im Kloster Corbie. 
Es bestand aus vier Bänden, von denen drei das Officium noc- 
turnum, und der vierte das diurnum enthielt. Beim Vergleichen 
bemerkte er aber mit Verwunderung Verschiedenheiten mit dem 
römischen Usus, der durch Ghrodegang in der Metzer Kirche ein- 
geführt war. Manche Antiphonen und Responsorien, die in den 
neuen standen, fehlten in den alten römischen Büchern, und um- 
gekehrt. Eine Notiz in einem der Bände des Walaschen Anti- 
phonars: Hoc opus swmmus reparat pontifex domnus Adrianus sibi 
mevioriale per saecla^ gab ihm den Schlüssel des Rätsels: während 
man in Metz den römischen Usus seit Ghrodegang getreulich weiter 
pflegte, war in Rom unter Papst Adrian (772 — 795) eine Art Re- 
vision des Offiziums vorgenommen worden. Ein römisches Offizium, 
wie er es sich zuerst vorgestellt hatte, unveränderlich und allezeit 
ein leuchtendes Muster für die anderen Kirchen, gab es also nicht; 
um etwas für die Metzer Kirche Brauchbares zu haben, was von 
dem gleichzeitigen römischen Offizium nicht allzu verschieden war, 
blieb Amalar nichts übrig, als ein neues Antiphonar zusammen- 
zustellen. Manches entnahm er dem neurömischen Antiphonar 
des Wala, anderes dem altrömischen Metzer, einiges fügte er selber 
hinzu, darunter Antiphonen und Responsorien, die schon von Alcuin 
in Tours gelehrt worden waren, und solche für Metzer Lokalfeste. 



Migne, Patr. Lat. CV, 1243 fr. 



Amalar. 241 

Die Schrift De ordine Antiphonarii verbreitet sich über die Einzel- 
heiten seines Verfahrens. 

Eine besondere Aufmerksamkeit widmete Amalar den Texten 
der Responsorienverse, und hierbei wurde er von einem Welt- 
priester, Ilelisachar, unterstützt. Dieser war Kanzler Ludwigs 
des Frommen gewesen imd erhielt später die Einkünfte des Klosters 
St. Maximin bei Trier. Den Unterschied zwischen der gallischen 
Art, die Responsorien zu singen, und derjenigen, die er in Rom 
kennen gelernt hatte und die auch im Antiphonar des Wala durch- 
geführt war, haben wir früher besprochen. Nach gallischem Usus 
wurde nach dem Verse des Responsoriums nicht dies letztere ganz 
repetiert, sondern nur dessen zweite Hälfte, und es ergaben sich 
so gelegentlich Zusammenstellungen von logisch zusammenhangs- 
losen Stücken. Sein Restreben war, nur solche Verse zuzulassen, 
an welche sich der zweite Teil des Responsoriums logisch gut an- 
schloß; dabei verfuhr er aber so konservativ wie möglich i. Hef- 
tige Gegnerschaft fand das Werk des Amalar bei den Lyonern. 
Hier hatte Rischof Leitrad (f 816) die römische Liturgie eingeführt 
und eine Sängerschule errichtet 2. Sein Nachfolger war Agobard^, 
der bei den Streitigkeiten um die Herrschaft im Frankenreiche 
seines Amtes für verlustig erklärt wurde. Amalar wurde 835 zum 
Ristumsverweser ernannt und versuchte als solcher seinen litur- 
gischen Reformen auch in Lyon Eingang zu verschaffen. Ein ge- 
waltiger Widersacher erstand ihm aber in Florus, einem in Lyon 
hochangesehenen Magister. Nach seiner Rückkehr auf den Lyoner 
Rischofstuhl kämpfte auch Agobard mit allen Kräften gegen 
Amalar. Er verfaßte eine Gegenschrift gegen die das Antiphonar 
des Amalar begleitende De ordine Antiphonarii, unter dem Titel: 



1 Auch der schon erwähnte Theoretiker Aurehanus von Reome dringt 
darauf, daß bei den Repetitionen der Responsorien der Sinn nicht leide, und 
schlägt vor, unter Umständen den Text leicht zu verändern, damit der Vers 
sich vernünftig an das ]^. anschließe. Er exemplifiziert u. a. an dem J^. Veni 
domine et noli tardare mit y. A solis ortu et oceasu, ab aquilone et mari, 
und sagt, in der nach diesem f. zu wiederholenden Partie des 'i^.: et revoca 
dispcrsos in terram siiam, solle man das »et« auslassen. (Gerbert, scrip- 
tores I, 45.) 

2 In einem Brief an Karl den Großen schreibt Leitrad: In Lugdunensi 
ecclesia est ordo psallendi insfauratus, ut iuxta vires nostras secundum sacri 
palatii ritum omni ex parte agi videatur, quidquid ad divinuin exsolvendum 
officium ordo exposcit. Nam habeo scholas cantoritm^ ex quibus plerique 
ita sunt eruditi, id alios etiam erudire possint. Migne, Patr. Lat. XCIX, 871. 

3 tjber ihn vgl. Debroise in Cabrols Dictionnaire d'Archeologie chretienne 
et de Liturgie I, p. 971 ff, 

Wagner, Gregor. Melod. I. 16 



242 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

De correctione Antiphonarii K Auch diese Schrift bildet die Vorrede 
zu einem Antiphonar, das Agobard nach seinen Ideen hatte zu- 
sammenstellen lassen: er tadelte besonders an demjenigen des 
Amalar, daß es Texte enthielt, die nicht aus den hl. Schriften ge- 
zogen waren. Aus dem Lyoner Antiphonar ließ er alle derartigen 
Gesänge ausscheiden und trat damit in Gegensatz zu einem seit 
dem 4. Jahrh. fast allgemein in der Kirche gellenden Grundsatze, 
wonach auch außerbiblische Texte zu liturgischer Verwendung zu- 
gelassen werden konnten. Viele Texte des Antiphonars stammten 
aus den Martyrerakten, andere waren frei oder in Nachahmung 
biblischer Texte gebildet^ und gerade eine Reihe uralter römischer 
Gesangstexte fielen der einseitigen Gegenreform Agobards zum Opfer. 
Es gelang ihm und Florus auch, den Amalar vor ein Kirchengericht 
zu bringen und verdammen zu lassen 2. 

Trotz aller Opposition erwarb sich aber die Kompilation des 
Amalar die Wertschätzung nicht nur der Metzer Kirche, sondern 
der meisten Kirchen im Frankenland. Ihrer bedienten sich die 
Reformatoren des liturgischen Gesanges unter den Zisterziensern 
im 12. Jahrh. und die Prämonstratenser-'. Selbst in Rom wurde 
der gallische Usus, die Responsorien zu singen, adoptiert. Im 
allgemeinen wurde Amalars Werk die Grundlage der interessanten 
und reichen römisch-gallischen Liturgie, die noch ein Jahrtausend 
hindurch ihre Existenz zu behaupten vermochte^. 

Die melodische Fassung der Offiziumsgesänge blieb von der 
Reform des Amalar unberührt. Weder in seinen Schriften noch 
in denen seiner Gegner ist mit einer Silbe davon die Rede, daß 
die Melodien irgendwie von den Textänderungen Amalars in Mit- 
leidenschaft gezogen wurden. Wäre dies der Fall gewesen, so 
würden Agobard und Florus ihm einen kräftigen Vorwurf nicht 
erspart haben. Amalars Arbeit bezog sich besonders auf die Texte 
der Responsorienverse, und für deren Vortrag gab es feststehende 
Formeln, die so beschaffen waren, daß sie sich jedem Texte an- 
passen konnten. 



1 Migne, Patr. Lat. CIV, 330 ff. 

- Mönchemeier, 1. c. Bemerkenswert ist an dieser Polemik auch noch, 
daß unter dem Einfluß der Lyoner Liturgiker aus allen Schriften des Amalar 
die Stellen gestrichen wurden, die Gregor den Großen den Organisator des 
Offiziums nennen. Also Morin, 1. c, 33. 

3 Bäumer, Breviergeschichte 283. 

4 Morin, 1. c, 21. Ein Vergleich des trierischen Antiphonars (ed. Hermes- 
dorff 1864) mit den Ordines Romani zeigt tatsächlich, daß in jenem sehr viel 
Urrömisches enthalten ist. Vgl. z. B. oben S. 73. 



Die Metzer Gesangschule. 243 

Die Metz er Gesangschule, die erste Tochter der rümischen 
Schola Cantorum im Frankenlande, blieb auch nach Karls Tode 
die einflußreichste unter ihren zahlreichen Schwestern. Bis ins 
12. Jahrh. stand sie in hohem Ansehen und wurde immer als treue 
Hüterin des rümischen Gesanges angesehen i. Im 1 0. .Jahrh. war 
ihr berühmter Leiter Rotlandus; mit ihm gleichzeitig wirkte 
Bernacer, Diakon und Vorsänger an der Kirche zum hl. Erlöser 2. 
In den ersten Jahren des 1 1 . Jahrh. nahm den Metzer Bischofsitz 
Theoger ein, der Benediktiner in Hirschau und St. Georgen im 
Schwarzwald gewesen war. Ein großer Freund des Kirchengesanges, 
verfaßte er eine Schrift darüber, die auf uns gekommen ist'^. 

Wenn es nötig schien, drangen die Synoden immer wieder 
auf die gebührende Berücksichtigung des Kirchengesanges in den 
Schulen, so das 3. Concilium Valentinum 855 *. Im 10. und 
1 1 . Jahrh. hoben sich im Frankenlande die Gesangschulen über- 
haupt zu großer Blüte. Berühmt war ein Kloster in Argenteuil 
bei Paris, vornehmlich seitdem daselbst der Diakon Addalaldus 
wirkte (9. Jahrh.)^. In Paris selbst lehrte Remigius von Au- 
xerre (Ende des 9. Jahrh.), der einen Traktat über griechische 
Rhythmik hinterlassen hat*^, Dialektik und Musik. Seine Lehrer 
waren Hericus, ein Schüler des Rabanus Maurus und des Hay- 
mon von Halberstadt, die ihrerseits den Unterricht der von Rom 



1 Im 9. Jahrh. galt der Metzer Gesang als dem aller andern Kirchen in 
Franken und Alemannien weit überlegen, wie Johannes Diaconus hervorhebt: 
Denique usquc hodie quantiim Roinano cantus Metensis cedit, tantum Metensi 
ecdesiae cedere Oallicmiaruvi ecclesiarum Oermmiarumquc cantus, ab Ms, 
qui meram veritatem diligimt, comprobatur. (Migne, Patr. Lat. LXXV, 91.) 
Das Urteil wird bestätigt durch den ebenfalls gegen Ende des 9. Jahrhunderts 
schreibenden anonymen Biographen Karls des Großen, nach welchem man in 
den Gegenden des Frankenlandes, in denen man Latein sprach, für ecelesiastica 
cantilena einfach cantüena Metensis zu sagen pflegte (Migne, Patr. Lat. XCVIII 
-1378). Dies Zeugnis ist um so unverdächtiger, als es von einem St. Galler 
Mönch stammt. Es scheint in der Tat, daß man bisher die Wirksamkeit der 
Metzer Gesangschule viel zu niedrig laxiert hat. Vgl. auch unten S. 249 ff. 

2 Mabillon, Acta SS. Ord. Bened. V. saec. 372 ff. 

3 Abgedruckt in den Scriptores von Gerbert, Bd. IL 

4 Das Konzil bestimmte im iS. Kanon: TJt de scJiolis quam divinae quam 
humanae litterarum nee non et ecclesiasticae cantilenae iuxta exemplar 
praedecessortwi nostrorum aliquid inter nos traetetur, et- si fieri potesf, 
statuatur atque ordinetur, quia ex huius studii longa intermissione plcraque 
Ecclesiarum Dei loca et ignorantia fidei et totius scientiae inopia invasit. 
Gerbert, de cantu I, 243. 

5 Histoire litteraire franc. V, 249. 

6 Abgedruckt bei Gerbert, scriptores, Bd. I. 

16* 



244 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

ins Frankenland gekommenen Sänger genossen hatten, oder von 
deren ersteren Schülern K Remigius' berühmtester Schüler war 
Odo, der erste Abt von Cliigny, der sich als Sänger und Komponist 
großen Rufes erfreute. Als seine bedeutendste Schöpfung wird 
seine Komposition der Antiphonen des Offiziums vom hl. Martin 
genannt und den schönsten Stücken des römischen Offiziums an 
die Seite gestellt. Man schrieb ihm auch Hymnen auf den 
hl, Julian, die hl. Magdalena zu u. a. Er starb 942 2. Hochan- 
gesehene Gesangschulen gab es noch in Toul, Dijon, Cam- 
brai, Ghartres und Nevers. In letzterer Stadt wirkte Hucbald 
(um 930), die Kathedralschule von Ghartres ^ genoß hohen Ruf 
unter Rischöf Fulbert (M. Jahrh.) und seinem Schüler Arnoult, 
der auch als Komponist tätig war, und zu dem von weither 
Schüler strömten *. In Dijon wirkte Wilhelm, der, wie schon be- 
merkt, als Urheber einer Neuerung im Gesang genannt wird (die 
andere dem Wilhelm von Fecam zuschreiben), die sich aber nir- 
gends dauernd festsetzen konnte^. 

Da die Beobachtung des Offiziums zu den Hauptobliegenheiten 
der Mönche zählte, so gab es ähnliche Einrichtungen größeren 
oder geringeren Umfangs in allen Klöstern. Schöne Ausstattung 
der Gottesdienste wurde überall erstrebt, und der Gesangsmeister 
des Klosters, der Kantor, legte nicht wenig Gewicht auf kunstge- 
rechte Produktionen seiner Sänger. Der Kirchengesang und damit 
die theoretischen Regeln über Musik wurden als offizieller Bestand- 
teil des Schulunterrichtes gelehrt; mit der Arithmetik, Geometrie 
und Astronomie zusammen bildete die Musik das Quadrivium. 
Ein prächtiger Knabenchor war der Stolz der Klöster und Well- 



1 Lebeuf, Traite liistorique et pratique sur le chant occlesiastique. Paris 
1741, S. 8, Anm. 

- Sigebert, de script. eccl. c. 124. (Migne, Patr. Lat. CLX, 573.) Vgl. auch 
Gerbert, de cantu I, 280 und II, 34. Sein Biograph (Mabillon, saec. V. Ord. 
S. Benedicti, p. 153) erzählt die Veranlassung zur Komposition der Martinus- 
antiphonen folgendermaßen: die Matutinantiphonen füllten wegen ihrer Kürze 
die Winternacht nicht aus, und man half sich zuerst mit der Wiederholung 
der Antiphone nach jedem Vers der Psalmen. Das dauerte indessen den 
Mönchen zu lange, und auf ihre wiederholten Bitten komponierte Odo längere 
Antiphonen. Der Dialogus de Musica (Gerberts Scriptores II.) ist wohl unecht. 

3 Über die Kathedralschule von Ghartres besitzen wir nunmehr eine 
treffliche Arbeit von Clerval, L'ancienne Maitrise de Notre-Dame de Ghartres, 
Paris 1899. 

* Lebeuf, Traite historique et pratique, p. 24. 

5 Er wird Psalmorum concentus distinguens genannt und habe sie 
dulcissimo melodimate ausgeschmückt. Gerbert, de cantu II, 30. 



Die Choralpilege in Klöstern und Katliedralkirchen. 245 

kirchen jener Zeit^; man übertrug Knaben besonders gern die 
schönen und lang ausgesponnenen Gesänge der Responsorien und 
das Alleluja. Es war keine Seltenheit, daß die Psalmodie im 
Kloster von hundert Mönchen und Knaben ausgeführt wurde-. 
Der Kantor aber wurde, wie in Italien und England, eine wichtige 
Persönlichkeit, und die monastischen und andern Konstitutionen 
verbreiten sich ausführlich über seine Rechte und Pflichten-'. Sein 
Amt wurde bald ein Ehrenamt, das in der Bezeichnung Archi- 
kantor seinen Ausdruck fand. Hervorragende musikalische Kennt- 
nisse waren dafür dann nicht mehr erforderlich; gelegentlich war 
diese Würde die Vorstufe zu der eines Abtes oder Bischofs. Aure- 
lian von Reome widmet seine musikalische Schrift dem Archikantor 
Bernardus, den er seinen zukünftigen Erzbischof nennt. In Metz 
behielt man die römische Bezeichnung Primicerius bei. Im Laufe 
der Zeit wurde auch dieser ein hoher kirchlicher Würdenträger; 
in einem der Metzer Kirche erteilten Privileg figuriert er vor dem 
Dekan und dem Ghorbischof^. Der Ghorepiscopus scheint in den 
Weltkirchen teilweise ähnliche Funktionen ausgeübt zu haben, wie 
in den Klöstern der Armarius. Schon die Kapitularien Karls des 
Großen erwähnen ihn. Die Beschlüsse des Konzils von Köln 1260 
nennen ihn den Leiter der Sänger; auch in der Trierschen Kirche 
war es eine bedeutsame Persönlichkeit-^. Ihm lag die Aufsicht 
über das gesamte Offizium oh. Der Armarius aber vertrat auch 
im Frankenlande den Abt im Kloster; nach einem Gluniacenser 
Ordo des I 1 . Jahrb. hatte er nicht nur dem Abt, wenn dieser eine 
Melodie anstimmen sollte, diese vorzusingen; war der Abt abwesend, 
so sang er dessen Antiphonen und Responsorien. Wie der Ghor- 
bischof in der Kathedrale, so hatte er in den Klosterkirchen den 
gesamten Gottesdienst zu beaufsichtigen und war so der direkte 



1 Über den Bericht Walafrid Strabos über seine Studien und den Musik- 
betrieb im Kloster Reichenau (um 814), wo die Knaben auch im Instrumenten- 
spiel unterrichtet wurden, vgl. Gregoriusblatt, Aachen 1882, S. 125 ff. Ebenso 
Mettenleiter, Aus der musikalischen Vergangenheit bayrischer Städte, Regens- 
burg 1868, S. 84, den Cäcilienkalender 1879, S. 57, 1885, S. 16, das kirchen- 
musikalische Jahrbuch 1887, S. 36, 1894, S. 9, das Gregoriusblatt 1881, S. 61 
und 97, 18S2, S. 85. 

2 Karls des Großen Freund, Angilbert, richtete für das Kloster St. Riquier 
eine Schule und ein Internat für 100 Knaben ein, welche, in drei Abteilungen 
geteilt, die Psalmodie der Mönche unterstützen sollten, so daß jedesmal 
100 Mönche und 34 Knaben zusammen sangen. Monum. German. Script. XV, 178. 

3 Gerbert, de cantu I, 30311". 
* Gerbert, ebenda 306. 

•5 Gerbert, ebenda I, 218. 



246 Die Verbreitung des gregorianischen Gesanges. 

Vorgesetzte des tatsächlichen musikalischen Leiters, dem das Tech- 
nische des Kirchengesanges übertragen wari. 

Ähnlich war der Gottesdienst in den Frauenklüstern geordnet; 
die Vorsängerin, Cantorissa oder Cantrix genannt, überwachte die 
ordnungsgemäße Abhaltung der Offizien und unterrichtete im Vor- 
trag der Lesungen und Gesänge 2. 

Die Sorgfalt, die man auf schönen Verlauf der Zeremonien 
verwendete, macht es verständlich, daß man hier und da im 
Interesse einer kunstgerechten und erhebenden Ausführung der 
Gesänge die strenge Einfachheit außer acht ließ, welche die mo- 
nastische Regel zu verlangen schien, und gelegentlich auf diese 
Dinge ein Gewicht legte, das mit der Klosterobservanz nicht mehr 
im Einklang stand. So machten es die Zisterzienser in späterer 
Zeit den Ciuniazensern zum Vorwurf, daß sie die Geschmeidigkeit 
und Schönheit der Stimme durch künstlerische Mittel zu erhöhen 
gewohnt seien; auch fanden sie manche Melodien in den neuein- 
geführten Offizien jener Älönche lasziv und der Regel zuwider 3. 
Solche Urteile erklären sich aus der Tendenz der Zisterzienser, 
welche die ursprüngliche monastische Strenge wieder zu Ehren 
bringen wollten. Einige Klöster hielten so sehr auf schöne Aus- 
führung der vorgeschriebenen Gesänge, daß sie sich weigerten, 
Novizen anzunehmen, die nicht im Kirchengesang bewandert waren; 
also der Abt Peter von Andern-*. 

Selbst weltliche Machthaber hielten es nicht unter ihrer Würde, 
den liturgischen Versammlungen beizuwohnen und allem, was 
Liturgie betraf, ein reges Interesse entgegenzubringen. Ein be- 
ne^ war König Robert der Fromme 



1 Gerbert, ebenda 309. Über die Choralpflege in der Normandie (Reuen) 
vgl. die Revue de Chant gregorien. Grenoble, VIII, p. 105, XI, p. -174 und -189, 
XIV, p. 164; in Notre-Dame von Ghartres in der Tribüne de S.Gervais, 
Paris, VI, p. 95 und 127, VII, p. 16. Für die spätere Zeit vgl. Aubry, La 
Musique et les Musiciens d'eglise en Normandie au Xllle siecle, Paris 1906 
und in der Tribüne de S. Gervais IX, 1903, p. 57 ff. 

2 Ducange, Glossarium, s. v. Cantrix. Vgl. auch die Tribüne de S. Gervais, 
Paris IV, 1898, p. 26 und 58; IX, 1903, p. 348. Über den Gesang von Mönchen 
und Klosterfrauen zusammen zur Zeit des Verfalls der Liturgie vgl. Gerbert, 
de cantu I, p. 318. 

3 Gerbert, ebenda 31 s. 

4 Gerbert, ebenda 284. 

5 Über die unglaubwürdige Überlieferung, die Karl dem Großen Text und 
Singweise des Hymnus Veni creator spiritus zuweist, vgl. oben S. 164. Die 
Melodie des Hymnus findet sich zuerst mit dem ambrosianischen Osterhymnus 
Hie est dies verus dei verbunden und wurde erst nachher auf den Pfingst- 
hymnus übertragen. Sie findet sich auf beide Texte noch in jungen Hand- 



Fürstliche Gönner des liturgischen Gesanges. 247 

(f 1031); so oft er nicht durch dringende Geschäfte daran ver- 
hindert war, wohnte er den kanonischen Stunden bei. Er gilt als 
Komponist liturgischer Gesänge der verschiedensten Arten, von 
Hymnen, Antiphonen und Responsorien. Berühmt war sein 
l^. Cornelius centurio zu Ehren des hl. Petrus i, das W. Judaea et 
Jerusalem^^ das ehemals in der ersten Weihnachtsvesper gesungen 
wurde, und besonders das I^. constantia martyrum. Andere 
Responsorien, die Robert komponiert haben soll, waren von Fulbert 
von Chartres (f 1029) in metrischen Formen gedichtet; es sind die 
I^. Stirps Jessc mit dem y. Virgo dei genitrix^ 1^. Ad mituni domini 
y. Ut Vitium, und IJ:. Soleni justitiae, T- Cernere divinum^. Sogar 
die wahrscheinlich von Innozenz III. verfaßte Sequenz Veni sancte 
Spiritus galt als sein Werk^, wie auch die Notkersche Sancti 
Spiritus adsit nohis gratia. In späterer Zeit (unter Ludwig IV.) 
zeichnete sich Graf Fulco von Anjou durch Begeisterung für die 
Liturgie aus; er pflegte in geistlichem Gewände mit den Klerikern 
zusammen das Offizium zu singen und soll der Verfasser von zwölf 
Responsorien zu Ehren des hl. Petrus sein 5. In Deutschland wird 
Markgraf Heinrich von Meißen als hervorragender Förderer des 
liturgischen Gesanges und Komponist genannt 6. 



Schriften, z. B. Cod. B. V., 23, der Stadtbibliothek Basel aus dem 15. Jahrh. 
Ebensowenig hat die Nachricht historischen Wert, die Karl dem Kahlen ein 
Officium de S. Sudario zuschreibt. 

1 Herausgegeben im Processionale monasticum, Solesmes, S. 125. Robert 
soll es am Peterstage in Rom zum Offertorium dargebracht und Papst Sylvester, 
sein ehemaliger Lehrer, es darauf zum Gebrauche vorgeschrieben haben. — 
Vgl. Bäumer, Breviergeschichte, S. 290 und die Revue de chant gregorien 
Grenoble VIII, 1900, p. 170. 

- Processionale monasticum, S. 25. 

3 Vgl. die Revue de chant gregorien Grenoble IV, 1895, p. 6 ff. 

* Lebeuf, Traite historique et pratique, S. 1 7. 

5 Processionale monasticum, S. 195. 

fi Vgl. die Revue de chant gregorien, Grenoble VI, 1897, p. 7. Ihm wird 
eine Gloriamelodie zugeschrieben, die durch Innozenz IV. (1254) approbiert 
wurde. 



XIII. Kapitel. 

Die Sequeiizeu. 

Von den im fränkischen und alemannischen Lande blühenden 
zahlreichen Klostergründungen, die sich um die Cantilena romana 
bemühten, verdient diejenige von St. Gallen eine eingehendere 
Darstellung, weil sie der Mittelpunkt war, von dem aus neue 
Formen des Kirchengesanges ausgingen i. 

Ekkehart IV., der Geschichtschreiber des St. Gallischen Klosters, 
erzählt von zwei römischen Gesanglehrern, Petrus und Romanus, 
die Papst Hadrian 790 Kaiser Karl dem Großen auf dessen Wunsch 
mit Abschriften des authentischen Antiphonars schickte. Nicht 
beide seien an ihr Ziel gelangt. Romanus, auf dem Wege über 
die Alpen erkrankt, habe in St. Gallen die Reise unterbrechen 
müssen, während Petrus nach Metz weiterzog. Mit Erlaubnis des 
Kaisers sei Romanus bei den freundlichen Mönchen geblieben und 
habe sie im römischen Gesang unterwiesen. Die in St. Gallen von 
ihm gegründete Gesangschule sei ganz nach dem römischen Muster 
eingerichtet worden, und das aus Rom mitgebrachte Antiphonar 
habe dieselbe Verehrung genossen, wie das authentische in Rom. 
Man habe es neben dem Altare des hl. Petrus aufbewahrt und, 
so oft es nötig war, zu ihm seine Zuflucht genommen 2. 

Daß, abgesehen von seinem Offizium, welches das monastische 
war, das Kloster St. Gallen in seinem Gesänge von Rom abhing, 
läßt sich nicht bezweifeln, ebensowenig wie für alle andern Kirchen 
und Klöster gregorianisch-römischen Ritus. Wie die ältesten Meß- 
sesansshandschriften in ihrer Anordnung und ihren Festen römischen 



1 Die St. Galler Gesangschule behandelt das für seine Zeit hochbedeutsame, 
nur nicht kritisch genug angelegte und heute in vielem veraltete Werk des 
P. Schubiger: die Sängerschule von St. Gallen, Einsiedeln 4 858; ferner die 
Paleographie Musicale I, 57 — 70. 

- Ekkehart IV, casus S. Galli, cap. 47. Ausgabe von Meyer v. Knonau, 
S. 170. 



Die Einführung des römisciien Gesanges in St. Gallen. 249 

Ursprung deutlich verralen, so auch die St. Galler. Nicht glaub- 
würdig ist dagegen Ekkeharts Bericht von der direkten Übernahme 
des römischen Gesanges in so früher Zeit und von der Grün- 
dung der St. Galler Gesangschule von Rom aus. Er ist hierin 
einer Überlieferung gefolgt, die den wirklichen Hergang im Interesse 
des Ruhmes des Klosters verdunkelte i. Der um 150 Jahre ältere 
St. Gallische Anonymus, der 883 2 Karls des Großen Biographie 
schrieb 3j stellt den Hergang wesentlich anders dar. Als Karl be- 
merkte, daß die von Rom verschriebenen Sänger die auf sie ge- 
setzten Hoffnungen nicht erfüllten, habe er zwei seiner eigenen 
Sänger zur Ausbildung nach Rom geschickt. Nach ihrer Rückkehr 
sei der eine am Hofe Karls geblieben, der andere nach Metz be- 
ordert worden. Von St. Gallen ist da keine Rede, noch auch von 
Petrus und Romanus*. Der Verfasser dieser Biographie wußte 
nichts von einer Gründung der musikalischen Praxis seines Klosters 
von Rom aus, noch auch von Romanus oder Petrus, schreibt im 
Gegenteil der Metzer Gesangschule eine große Bedeutung zu. Der- 
selbe Autor, in dem die neueste Forschung den Notker Balbulus 
selbst erblickt, berichtet von einer großen Verschiedenheit des 
sanktgallischen und des römischen Gesanges seiner Zeit^ Man 
wird diese Notiz am besten so verstehen, daß letzterer erst nach 



1 Daß den Angaben des Ekkehart auch sonst viel Mißtrauen entgegen- 
zubringen ist, darüber stimmen alle Forscher übei-ein. Man vgl. z. ß. 
Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen, S. 3 65. Werner, Notkers Se- 
quenzen S. 93 sagt geradezu: »Die Erzählung Ekkeharts, der nicht einmal 
über Ereignisse und Personen des 9. Jahrh. eine deutliche Vorstellung gehabt 
hat, ist nichts weiter als ein Versuch, sein Kloster St. Gallen dem durch seine 
Gesangskunst schon früh berühmten Metz gleichzustellen.« 

2 Vgl. Wattenbach, Deutschi. Geschichtsquellen I, 207 und 272. 

3 Monachus St. Gallensis, de Carolo Magno I, 10. (Monum. Gerraan. 
Script. II, 735.) 

* Meyer von Knonau, 1. c, erklärt die Namen Petrus und Romanus für 
fingiert; man habe die Tradition, nach' welcher St. Gallen seinen Gesang 
■direkt aus Rom bekommen, durch diese allerdings leicht aufzutreibenden 
Namen stützen wollen. Auch ßäumer, Breviergeschichte 239, hält sie für 
■erfunden. 

5 Seine Worte lauten: ^Referendum hoc in loco videtur, quod tarnen 
a nostri temporis hominibiis difficile credatur, cum et ego ipse qici scribo 
propter nimiam dissimilittcdinem nostrae et Roinanorum canti- 
lenae non satis adhue credam , nisi quia patrum veritati plus credendimi 
est quam modernae ignaviae falsitati. Igitur indefessus divinae servitutis 
amator Carolus etc.« — Ich habe die nimia dissimilitudo zuerst auf eine 
Verschiedenheit der Vortragsweise bezogen, vermag diese Auffassung aber 
nicht mehr aufrecht zu erhalten, da ein Grund, eine solche Verschiedenheit 
besonders zu betonen, in dem Zusammenhang nicht vorliegt und überhaupt 



250 Die Sequenzen. 

883 in St. Gallen Aufnahme fand. Damit, stimmt das Alter der 
ältesten sanktgallischen Choralhandschriften überein, die dem 1 0. 
Jahrh. angehören. Jedenfalls verdient dieser Bericht mehr Glauben, 
als der mehr wie ein Jahrhundert jüngere des Ekkehart. Ob nun 
gegen 900 eine direkte Übernahme des römischen Chorals in 
St. Gallen stattfand, oder dieser von Metz her, der seit Chrode- 
gang blühenden Stätte des Kirchengesanges, oder endlich durch die 
englisch-irischen Mönche in St. Gallen eingeführt wurde, das läßt 
sich heute nicht mit Sicherheit feststellen, obschon die letztere An- 
nahme die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat. Zahlreicher 
aber als in irgend einem andern Kloster war die Menge bedeuten- 
der Künstler in der Gründung des hl. Gallus. 

An erster Stelle nennt Ekkehart den Marcellusi. Erblühte 
um 860. In ihm vereinigten sich die beiden Länder, die den 
römischen Gesang zuerst kennen lernten, die im Nordwesten Euro- 
pas gelegenen Inseln und das Reich der Franken und Alemannen 
zu gemeinsamer Arbeit. Ein Ire von Geburt, war er in Rom ge- 
wesen und hatte seine Kenntnis des gregorianischen Gesanges an 
dessen Geburtstätte stärken können. Mit seinem Oheim Marcus 
war er dann nach St. Gallen gewandert, wo er ein seinen Nei- 
gungen derart entsprechendes Arbeitsfeld vorfand, daß er daselbst 



der römische Gesang nicht überall in der gleichen Weise vorgetragen worden 
ist, weder damals, noch später. Die oben im Texte gegebene Erklärung er- 
scheint mir heute natürlicher. Man beachte auch, daß die nimia dissi- 
milüudo nicht zu der ihm selbst verdächtigen Geschichte gehört, die der Ver- 
fasser nachher erzählt; sie bildet vielmehr die ihm angehörige Beurteilung 
eines kirchengesanglichen Zustandes, der für ihn allem Zweifel entrückt ist. 
Wenn aber der römische Kirchengesang erst nach 883, frühestens gegen Ende 
des 9. Jahrh. nach St. Gallen drang, so muß man die Legenden von seiner 
Einführung unter Karl dem Großen durch Romanus und all die schönen 
Dinge, die von altersher diesem Vorgang angehängt werden, fallen lassen. 
Dahin gehört u. a. auch der Name »romanische Zeichen« für die Sonder- 
zeichen der sanktgalUschen Neumenschreiber des 10. Jahrh. Weiterhin wird 
eine Verschiebung der Stellung St. Gallens in der Urgeschichte der alemannischen 
Choralpllege die unabweisbare Folge sein. Nicht nur wird man dies Kloster 
nicht mehr wie bisher an die Spitze der deutschen Überlieferung des römischen 
Kirchengesanges stellen dürfen; im Gegenteil, St. Gallen hat sich dann den 
Anordnungen Pippins und Karls am längsten und am erfolgreichsten widersetzt 
und erst spät der Reformbewegung ergeben. Damit muss von selbst der 
sanktgallische Einfluß auf die süddeutschen Kirchen bedeutend zusammen- 
schrumpfen. Erinnert sei noch daran, daß, als der hl. Bernard die Reform 
der zisterziensischen Choralbücher anordnete, er nicht auf die sanktgallische, 
sondern auf die Metzer Überlieferung zurückgriff. Diese galt im 12. Jahrh. 
als die reinste Quelle des römischen Gesangs im Norden. 
1 Ekkehart, casus, cap. 33. 



Notker Balbuliis. 251 

verblieb. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß der üllesle nachweis- 
bare St. Gallische Künstler irischer Herkunft ist. Eine Tatsache, 
die mehr als alles andere die Bedeutung dartut, welche die eng- 
lisch-irische Gesangpflege für die Übung der entstehenden ale- 
mannischen Klöster gewann, ist die unverkennbare Ähnlichkeit der 
Tonzeichen der ältesten alemannischen Choralhandschriften mit den 
englischen. Die ältesten St. Galler Handschriften haben dieselbe 
zierliche, wohlgerundete und zarte Neumenform, wie die englischen, 
ja eine der ältesten Handschriften fränkisch-alemannischer Herkunft, 
wenn nicht die älteste, das sogenannte Autograph des Tonars Re- 
ginos von Prüm in der Leipziger Stadtbibliothek, ist ganz in eng- 
lisch-irischen Neumen geschrieben. Die Mönche aus dem Inselreich, 
die Alemannien christianisierten i, haben in den von ihnen gegrün- 
deten Klöstern gewiß keine andere liturgische und gesangliche 
Ordnung gelehrt, als die ihnen geläufig war. Auch die Gründung 
des hl. Gallus steht in allem, was Kirchengesang angeht, in enger 
Beziehung zu der englischen und irischen Kirche, wie denn über- 
haupt St. Gallen damals zahlreiche irische Mönche bei sich be- 
herbergte 2. Sie werden den Grund auch zur musikalischen Ge- 
schichte des Klosters gelegt haben. 

Neben Marcellus war lange Zeit Iso tätig, an trefflicher Geistes- 
bildung ihm gleich. Er starb 871. Zu ihren Schülern zählten 
Hartmann, Waltram und Salomo; alle überragte aber das Drei- 
gestirn Notker, Tuotilo und Ratpert. 

Notker, mit dem Beinamen Balbulus, der Stammler, war 
aus edler Familie und kam gegen 840 nach St. Gallen, wo er in 
hohem Alter und von allen verehrt 912 starb. Er wird als 
Schöpfer der Sequenzen form genannt. Über ihre Entstehung 
belehrt uns ein Schreiben, das Notker einem Freunde des St. Gal- 
lischen Klosters, dem Kanzler Ludwigs des Dicken, Luitwart von 
Vercelli, zugleich mit der Sammlung seiner Sequenzen über- 
reicht hat 3, Es ist darin die Rede von longissimae melodiae, die 
der Aufnahme ins Gedächtnis fast unüberwindliche Schwierigkeiten 
entgegenstellten. Schon als Jüngling habe er über Mittel nachge- 
dacht, sie dieser Schwierigkeit zu entkleiden und mit Worten zu 
versehen. In seinem Vorhaben sei er durch das yVntiphonar eines 
Mönches bestärkt worden, der sich aus dem von den Normannen 



1 Beissel, Evangelienbiicher S. 11 9 ff. 

2 Beissel, ebenda S. 124 ff. 

3 Man vgl. z. B. Cod. St. Gallen 381 ; Cod. Einsiedeln 121 u. a. Abgedruckt 
bei Gerbert, de cantu I, 412, Anm. 



252 Die Sequenzen. 

zerstörten Kloster Gimedia (bei Rouen) nach St. Gallen getlüchtet 
habe (851). In diesem Buche seien nämlich »einige Verse zu den 
Sequenzen moduliert gewesen« i. Sequentia ist bei den lateinischen 
Musikern, wie wir schon wissen 2, ein technischer Ausdruck für 
die Allelujajubilen; einigen von diesen waren also im Antiphonar 
von Gimedia Worte untergelegt. Er habe aber keine rechte Freude 
daran gehabt, da sie voll von Fehlern waren. Nach ihrem Vor- 
bilde habe er sich dann selbst ans Werk gemacht und andere 
Jubilen mit Worten versehen; so seien die Sequenzen Landes deo 
concinat orhis und Goluher Ädae deccptor entstanden. Sein Lehrer 
Iso habe ihn jedoch darauf aufmerksam. gemacht, daß am besten 
auf jede Silbe nur ein Ton zu stehen komme. Proben der neuen 
Art hätten den Beifall auch seines zweiten Lehrers Marcellus ge- 
funden, der sie durch die Singknaben sogleich ausführen ließ. Da 
der Beifall der andern Mönche nicht fehlte, so habe er weiter ge- 
arbeitet und allmählich die ganze Sammlung zustande gebracht. 
Wenn dieser Bericht in allem dem tatsächlichen Hergang gemäß 
ist und Notker aus dem Antiphonar von Gimedia die Anregung 
zu seinen Sequenzen zog, so muß St. Gallen den Ruhm, die Se- 
quenzen geschaffen zu haben, an dies Kloster abtreten oder mit 
ihm teilen. Damit halte man aber zusammen, daß die Sequenzen 
nicht nur aus St. Gallen, sondern ebenso früh auch aus dem fran- 
zösischen Kloster des hl. Martialis in Limoges überliefert sind. 
Es liegt also nahe, verschiedene Blütestätten der neuen Form schon 
im 9. und 10. Jahrh. anzunehmen. 

Aber auch diese Annahme löst nicht alle Schwierigkeiten. Die 
Handschriften des Notkerschen Sequenzenbuches vermerken unter 
den Melodien, die zu Sequenzen verarbeitet wurden — sie sind in 
der St. Gallischen Handschrift 484 ohne Text aus dem 10 Jahrh. 
erhalten — , viele Allelujajubilen. Es muß aber betont werden, 
daß die meisten darunter viel umfangreicher sind als die Alleluja- 
jubilen, die in den Meßgesangbüchern, auch denen von St. Gallen, 
stehen; viele haben mit denen des Meßantiphonars fast nur den 
Namen oder die ersten Tonbewegungen gemeinsam^. »Longissimae«, 



1 Ȁliqui versus ad sequentias erant modulati.< Man nannte die Jubili 
auch neumae. Also Ekkeiiart selbst: Jubilus, i. e. neuma, quem quidam in 
organis jubilant. Auch Hugo Cardinalis in explic. missae \\ : Alleluia repetitur 
euni ncuma Significatur autem per sequentias ideni ae per neuma. 

~ Vgl. oben S. 94 Anaalar: jubilatio, quam cantores sequentiam, vocant. 

3 Vgl- Cod. St. Gallen 37fi, 378, 379, 380, 381, 382; Cod. Einsiedeln 121, 
Ich habe die Sequenzen der Einsiedler Handschrift mit Rücksicht auf diesen 
sehr wichtigen, bisher aber unbeachtet gebliebenen Punkt untersucht. 



Griechische Vollbilder. 253 

SO überaus lang sind die liturgischen Vokalisen des Alleluja der 
Messe selten, nicht länger z. B. als die Vokalisen mancher Gradual- 
responsorien; wohl aber trifTt die Bezeichnung »überaus lang« für 
jene Jubilen zu, welche zuerst in Cod. 484 ohne Text und dann 
in den Handschriften des Notkerschen Sequenzenbuches neben 
den Text geschrieben sind. Die Allelujajubilen der Meßgesangbücher 
können demnach nicht oder nicht allein das Material zu den 
Notkerschen Sequenzen geliefert haben. Die Sequenzenhandschriften 
weisen denn auch auf andere Melodien hin, die in keinem Meßbuch 
vorkommen; es werden als Vorlagen für die Sequenzen Melodien 
aufgeführt, die Frigdola, Graeca, Hjjpodiaoonissa benannt sind; zu- 
weilen sind diese Namen mit griechischen Buchstaben geschrieben. 
Andere lateinische Namen könnten Übersetzungen aus dem Grie- 
chischen sein, wie Virrjo plorans, Puella turbata; wieder andere 
Weisen haben die Bezeichnung Organa, Nostra tuha, Symphonia, 
die auf instrumentale Musik hindeuten. Eine Metensis major und 
minor wird Metzer Ursprungs sein, was nicht auffällig ist, da 
Nolker in Beziehungen zu der dortigen Kirche stand; er hat für 
den Metzer Erzbischof Ruodbert vier Hymnen auf den hl. Stephanus 
verfaßt^; eine solche, die Romana genannt wird, wird meist mit 
dem Sänger Romanus zusammengebracht. Immerhin aber tragen 
die meisten der longissimae melodiae in den Handschriften den 
Namen von Allelujajubilen. 

Für eine solche Sammlung ist aber in der lateinischen Litur- 
gie kein Platz vorhanden. Diese kennt in ihrer römischen Ge- 
staltung keinen Allelujagesang ohne Vers, noch einen solchen von 
der Ausdehnung wie die longissimae melodiae, noch endlich ein 
melismatisches Alleluja außerhalb der Messe. Liturgische Ver- 
wendung ist daher für unsere longissimae melodiae ausgeschlossen; 
nicht nur für die Singweisen, die Frigdola, Graeca, Puella turbata 
u. a. heißen. Wieder sei betont, daß auch die Stücke, deren 
Namen an lateinische Meßallelujagesänge erinnern, mit diesen durch- 
aus nicht identisch sind. 

Man ist zu der Annahme gezwungen, daß unter den Vorlagen 
Notkers zu seinen Sequenzen sich griechische, byzantinische 
Melodien befinden. Daß das Kloster St. Gallen von der Berüh- 
rung mit den Byzantinern nicht verschont blieb, geht aus andern 
Tatsachen unzweifelhaft hervor 2. Die byzantinischen Tonarten- 



1 Schubiger, Sängerschule, S. 55. 

2 Auch die griechische Minialurenkunst war in St. Gallen bekannt. Vgl. 
Belssel, Evangelienbücher, S. 238 ff. 



254 Die Sequenzen. 



in St. Gallischen Handschriften, so Cod. 388, Cod. 390 und 391 u. a. 
Eine der ältesten Schriften über Orgelmusik, ein Traktat de men- 
sura fistularum organicarum^, hat wahrscheinlich den Notker 
Labeo zum Verfasser, einen St. Galler um das Jahr 1000. Die- 
jenigen aber, welche dem Frankenland und Alemannien die Be- 
kanntschaft mit der Orgel vermittelt haben, sind die Musiker, die 
unter Pippin und Karl dem Großen an den fränkischen Hof ge- 
schickt wurden. Sicher haben sie den Anstoß gegeben zu den 
vielen Neuerungen, die vom 9. Jahrh. an die Musiker in Anspruch 
nahmen; sie gehören zu den Vätern des Organums, aber auch 
der Sequenzen und Tropen. Sogar der Name Sequenz ist auf 
byzantinische Rechnung zu setzen; er ist nur eine Übersetzung 
des griechischen axoXouil-'a, welches Wort bei den mittelgriechischen 
Musikern ein Kunstausdruck ist 3. Eine Abhängigkeit des lateinischen 
Namens von dem griechischen ist auch deshalb anzunehmen, weil 
auch der Name für die gleichzeitig in St. Gallen entstandenen 
Tropen aus der byzantinischen Musik stammt. Sequentiae sind 
zuerst die longissimae melodiae und dann die daraus geschaffene 
neue liturgische Gesangsform. 

Die Sammlung der longissimae melodiae, welche Notker den 
Anstoß zur Sequenzenform gab, ist, wie angedeutet, in lateinische 
Neumen umgeschrieben in der St. Galler Handschrift 484 noch 
vorhanden. Sie enthält unter anderm eine Anzahl sehr lang ausge- 
sponnener Allelujajubilen, die nur mit den Vokalen des Wortes 
AUeluja, sonst aber mit keinerlei Text versehen sind. Es handelt 
sich also um ein Allel ujarium*. Die Handschrift trägt alle 
Zeichen fremden Ursprunges. Die Melodien sind von unten nach 
oben geschrieben, so daß man vom linken Ende der untersten 
Zeile anfangend aufwärts lesen muß. Eine solche Notierung er- 
innert an semitische Vorkmen. Ihre Gliederung ist durch ein F 



1 Über diese Namen, die schon im Mittelalter von den Theoretikern 
nicht mehr recht verstanden wurden, hat zum ersten Male Licht verbreitet 
R. Schlecht in den Choralvereinsbeilagen zur Cäcilia (Trier) 1876. 

2 In dem ersten Band der Gerbertschen Scriptores. 

3 Ygl. Christ in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie der 
Wissenschaften 1870, II, S. 89. Über die Erklärung des Michael Praetorius 
Syntagma musicum I, 46), der den Namen mit der darauffolgenden Ankün- 
digung des Evangeliums [Sequentia sancti Evangelii etc.) zusammenbringt, 
ist es unnötig, ein Wort zu verlieren. 

4 Vgl. oben S. 92. Über die Handschrift ist am besten Schubiger, 1. c. 41, 
zu vergleichen, sowie Werner, Notkers Sequenzen, S. 7 ff. Werner behandelt 
den Inhalt dieser und der andern ältesten Sequenzenhandschriften. 



Ihr Bau. 255 

angedeutet, welches die aus verschiedenen Neumenzeichen sich zu- 
sammensetzenden Perioden trennt i. Bemerkenswert ist, daß außer 
der ersten und letzten fast jede Periode wiederholt wird. Ein 
Vergleich der ältesten Sequenzenhandschriften in St. Gallen und 
Einsiedeln ergibt ihre Abhängigkeit von Cod. 484 oder dessen 
Inhalt; dieselben Melodien stehen in jenem mit Text, in diesem 
ohne Text. 

Eigentümlich ist in den ältesten Handschriften des Notker- 
schen Sequenzenbuches — es heißt Liber hymnorum — , daß die 
als Vorlage dienende AUelujamelodie an den Rand neben den 
einzelnen Versen geschrieben ist, so daß die Zahl der durch 
die Tonzeichen (Neumen) angedeuteten Töne genau der Silben- 
zahl des dazugehörigen Verses entspricht; die AUelujamelodie 
am Rande soll also bei der Ausführung der Sequenz dermaßen 
in ihre Bestandteile aufgelöst werden, daß auf jede Text- 
silbe ein Ton kommt. Zuweilen sind die Silben der Sequenzen- 
verse auch mit den auf sie fallenden Einzelzeichen versehen, so 
daß die Melodie zweimal aufgezeichnet ist, am Rande als AUeluja- 
melodie in Gruppen zusammengefaßt, und über dem Text, die 
Gruppen in die Einzelzeichcn auseinandergeschrieben 2. Eine 
Analogie zu der Aufzeichnung der ganzen Melodie am Rande 
findet sich in den byzantinischen Hymnenhandschriften; in 
manchen ist dem Text des Hymnus eine kurze Andeutung der 
Melodie vorausgeschickt, nach der zu singen ist, in andern ist die 
Weise als Hirmos vollständig ausgesetzt 3. 

Die Notkerschen Sequenzen zerfallen in bezug auf ihren Bau 
in zwei Gruppen; die eine hat in ihrer Vorliebe für strophische 
Ghederung eine gewisse Ähnlichkeit mit den lateinischen Hymnen, 
die andere ist durch den Mangel jeglicher symmetrischer Bildung 
der Teile gekennzeichnet. Jener Gruppe gehören die meisten 
Sequenzen an; man erkennt sie schon an ihrer Ausdehnung; diese 
ist nur in verhältnismäßig wenigen Exemplaren vertreten, die 



1 Dies F pflegt man seit Schubiger als Andeutung von flnis (Ende) auf- 
zufassen; mit Unrecht; wir stehen hier vor einem griechischen Tonzeichen, das 
seine Begründung in einer heute noch nicht ganz erforschten Praxis der griechi- 
schen Musik hat; es ist von Bedeutung, daß der 1892 von Wessely beschriebene 
Papyrus des Erzherzog Rainer, der uns das Fragment des ouripideischen Orestes 
überUefert, eine ähnhche Art der Aufzeichnung kennt. Man vgl. darüber Carol. 
Janus, Musici scriptores graeci, 427 ff. und Crusius im Philologus 1893. 

2 "Vgl. in Cod. Einsiedeln 121, S. 578 die Sequenz Ecce solcmnis diei. 

3 Dom Pitra, Analecta sacra I, 202, 218, 273 u. a. Ebenso dessen Prole- 
gomena, S. 34. Vgl. auch oben S. 161. 



256 Die Sequenzen. 

alle durch ihren geringen Umfang auffallen. Ein paar Beispiele 
jeder der beiden Typen wird den Unterschied verdeutlichen. Ich 
entnehme sie der dem 1 0. Jahrh. angehürigen Einsiedler Hand- 
schrift 121 des Notkerschen Liber hymnorum. 

Typus A 

sei dargestellt an vier Sequenzen; die erste ist nach dem Alleluia 
T. Laetatus sum vom 2. Adventsonntag gebaut, mit dessen Melodie 
sie aber nur die ersten Tonzeichen gemeinsam hat; sie steht im 
Cod. 121 auf S. 508. Die sich entsprechenden Strophen sind neben- 
einander gestellt und durch Bezeichnungen wie 2 und 2a kennt- 
lich gemacht; die Ziffern hinter den Versen beziehen sich auf die 
Silbenzahl 1. 

In dedieatione ecclesiae. 

Laetatus sum. 

1 . Psallat ecclesia mater illibata 1 2 

et virgo sine ruga honorem 1 

huius ecclesiae. 6 

2. llaec domus aulae coelestis 8 2a. In laude regis coelorum 8 

probatur particeps, 6 et ceremoniis, 6 

3. Et lumine continuo aemu- 3a. Et corpora in gremio 

lans 1 1 confovens 1 1 

civitatem sine tenebris, 9 animarum^ quae in coelo 

vivunt. 9 

4. Quam dextra protegat dei 8 4a. Ad laudes ipsius diu. 8 

5. Hie novam prolem gratia 5a. Angeli cives visitant hie 

parturit^ 1 1 suos 1 1 

foecunda spiritu sancto, 8 et corpus sumitur Jesu. 8 

1 Es ist für das Verständnis der Sequenzenstruktur von wesentlicher 
Bedeutung, die in den ältesten Handschriften streng durchgeführte Abteilung 
in Verse und Versteile beizubehalten. Wo die Handschriftenschreiber von ihr 
abweichen, geschieht es immer nur, wenn der Vers zu lang ist, um in einer 
einzigen Zeile Platz zu finden; die am Rande stehende Neumierung, die für 
die entsprechenden Versgruppen immer die gleiche ist, macht in diesem Falle 
die richtige Abteilung unzweifelhaft. Auf diese Dinge hat man bisher nicht 
immer das rechte Gewicht gelegt, oder sich durch ganz späte Handschriften, 
wie die von Schubiger und nach ihm von andern bevorzugte Brandersche, 
Cod. St. Gallen 346 aus dem 16. Jahrhundert, irreführen lassen. 

2 Die Handschrift endet die Zeile schon mit gratia, weil der Raum aus- 
gefüllt ist; daß das Wort parturit jedoch zu derselben Zeile zu ziehen ist, 



Ihr Bau. 257 

C. Fugiiiiit universa 7 6a. Pereunt peccatricis 7 

corpori nocua, (> aniinae crimina 6 

7. Hie vox laetitiae personal. 9 7a. Hie pax et gaudia re- 
dundant, 9 
8. Hae domo trinitalis laus 8 

et gloria semper resultant. 9 

Folgende Sequenz (S. 442 des Cod. 121) ist nach der Melodie 
Romana gebildet: 

In Nativ. S. Joannis Evangelistae. 

Romana. 

1. Joannes Jesu Christo 7 
niultum dilecte virgo. 7 

2. Tu eius amore carnalem 9 2a. In navi parentem liquisti. 9 

3. Tu leve coniugis pectus 8 ;ia. Ut eius pectoris sacra 8 

respuisti messiam secu- 

tus, 10 meruissesfluenta polare. 10 

4. Tuque in terra positus 4a. Quae solum sanetis in 

gloriam 1 1 vita creditur 1 1 

eonspexisti ülii dei, 9 conluenda esse perenni. 9 

5. Te Christus in cruce 5a. Ut virgo virginem ser- 

triumphans 9 vares 9 

matri suae dedit custo- atque curam suppedi- 

dem, 9 tares. 9 

6. Tu te carcere flagrisque 8 6a. Ideni mortuos suseitas 8 

fractus testimonio 7 inque Jesu nomine 7 

pro Christi es gavisus. 7 venenum forte vincis. 7 

7. Tibi summus tacitum 7 7a. Tu nos omnes precibus 7 

caeteris verbum suum 7 sedulis apud deum 7 

pater revelat. 5 semper commenda, 5 

8. Joannes Christi care. 7. 

Nach dem Allelujavers Dies sanctificatus von Weihnachten ist 
die folgende Sequenz komponiert, die in den Handschriften des 
Notkerschen Buches immer an erster Stelle steht, in Cod. 121 auf 
Seite 437. 



ergibt die Vergleichung mit der Parallelstrophe, und ist zum Überfluß auch 
durch einen Punkt angedeutet, den der Schreiber hinter dem Worte an- 
gebracht hat. 

Wagner, Greg. Melodien I. 17 



258 Die Sequenzen. 

In Nativitate Domini. 

Dies sanctifwatus. 

1, Natus ante saecula 7 ia. Per quem fit machina 

dei filius 5 coeli ac terrae, 

invisibilis, interminus. 9 marisacinhisdegentium. 

2. Per quem dies et horae 2a. Quem angeli in arce poli 

labant, 9 

voce consona semper 

canunt. 



et se iterum reciprocant. 9 



3. Hie corpus assumpserat 7 3a. Hoc praesens diecula 



fragile sine labe / 

originalis criminis 8 

de carne mariae virginis, 9 

quo primi parentis cul- 

pam 8 
evaeque lasciviam ter- 

geret. \ 



loquitur perlucida 
adaucta longitudine 
quod sol verus radio 

sui 
luminis vetustas mundi 

depulerit genitus tene- 
bras. 



10 



4. Nee nox vacat novi sideris 9 4a. Nee gregum niagistris 

defuit 
lumen, quos perstrinxit 
9 claritas 

5 militum dei. 



luce, quod magorum 

oculos 
terruit scios. 



5. Gaude dei genitrix, 

quam circumstant ob- 
stetricum 
vice concinentes 
angeli gloriam dei. 

ö. Et quorum participem te 
fore dignatus es Jesu, 
dignanter eorum 
suscipe preces. 



7 5a. Christe patris unice, 

qui humana nostri causa 
8 
6 formam assumpsisti, 

8 refove supplices tuos. 

8 6a. Et ipsos divinitatis 
8 tuae participes deus 

6 facere digneris, 

5 unice dei. 



259 



In Ascensione Domini. 

Domhius in Sijna. 
(Cod. Einsiedeln 121, p. 576.) 

\. Christus hunc diem jociindum 8 

cunctis concedat esse christianis, \ I 
amatoribus suis. 7 

2. Christe Jesu, fili dei me- 

dialor 12 
naturae noslrae ac di- 

vinae. 9 



2a. Officiis te angeli atque 

nubes 1 2 
stipant ad palrem re- 

versurum. 9 



3. Terras deus visitasli, 

aeternus aetera 
novus homo Irans- 

volans. 



8 3a. Sed quid mirum, cum 

lactanti 8 

G adhuc Stella tibi 6 

serviret et angeli? 7 



4. Tu hodie terrestribus rem 

novam et dulcem 1 4 

dedisti domine 6 

sperandi coelestia. 7 

5. Quanta gaudia tuos 7 

replent apostolos. 6 



4a. Te hominem non fictum 

levando 1 

super sidereas 6 

metas regum domine. 7 

5a. Quis dedisti cernere 7 

te coelos pergere. 6 



6. Quem hilares in coelis tibi 9 6a. In humeris portanti diu 9 
oceurrunt novi ordines. 8 dispersum a lupis gre- 

gem unum, 8 
7. Quem Christe, bone pastor, 7 
tu dignare custodire. 8 



Typus B. 

Wie bemerkt, ist die Zahl der diesem Typus angehürigen 
Sequenzen Nolkers sehr gering, sie überschreitet nicht das halbe 
Dutzend; einicre davon sind: 



Dom. II. post Pascha (p. 480). 
In te domine speravi. 

1. Laus tibi sit, o fidelis 

deus. \ 



Dom. III. post Pascha (p. 481). 
Qui timent. 

\ . En regnator coelestium et 

terrenorum. 1 3 

17* 



26.0 Die Sequenzen. 

2. Qui nunquam confundis 2. Victor fortis infernalium 

in te S regnorum. 12 

confidentes, sed eos 7 

magis gloriücas. (i 

3. Tu propugnaculum ad- 3. In sede sibimet digna 

versus hostiles I 2 sedens 1 

incursatus et insidias. 9 rector angelorum. 6 

4. Pastor noster, disruptor 4. Humanos labores indul- 

laquei, 1 gens miserator 1 3 

eorum, qui timent 6 

potestatis ipsius natum. 9 

5. Tu conservas, qui timent tc, 7 5. Idcirco mundus omnis 

plaudat 9 
valde magnam dulce- iubilet, canat exsultans 8 

dinem, 8 
deus, indulgens. ö cunctorum sanctorum 

rectori. 9 

Beide Sequenzen bestehen aus je fünf Stücken; andere sind 
etwas umfangreicher, wie die folgende: 

Dom. lY. post Pascha (pag. 4 82). — Exultate deo. 

\ . Laela mente canamus deo nostro. I 1 

2. Qui defectam peccatis 7 
semper novat ecclesiam. 8 

3. Et eam pallidulam 7 
de radio veri solis illuminat. 12 

4. Et terrae de Mesraim 7 
eduxit fornacibus ignitis. 1 

5. Quique in omni tribulatione 1 I 
eam exaudit. 5 

6. Insuper coelesti nutrit pane 1 
et cultum docet suum. 7 

7. Quin de petra melle dulci 8 
eam adimplet. 5 

Gemeinsam ist allen Sequenzen Notkers die Teilung in 
mehrere Stücke, die aus einem oder mehreren Versen bestehen; 
im Anschluß an die originale Aufzeichnung ist oben durch große 
Anfangsbuchstaben die Teilung erkennbar gemacht. Die erste 
Form ist regelmäßiger gebaut als die zweite; sie bezieht je zwei 
Stücke durch die gleiche Anzahl der Silben und vor allem durch 



Poettscher Charakter. 261 

die gleiche Melodie aufeinander'; es entstehen auf diese Weise 
Strophen von je einem oder mehreren Versen. Es kommen ge- 
legentlich Ausnahmen vor; so entsprechen sich in der Sequenz 
für Himmelfahrt Christus hunc diem einmal ein Vers von 14 Silben 
und ein solcher von 10. In diesem Falle ist natürlich auch die 
Ausdehnung der Melodie verschieden 2. Wie aus derselben Sequenz 
hervorgeht (vgl. Strophen 2, 3, 2a und 3a), folgen sich die 
Parallelstrophen nicht immer unmittelbar aufeinander, sondern 
zuweilen durch andere getrennt; zwei Strophenpaare sind in- 
einandergeschlungen. Meist wird die Sequenz durch eine für sich 
alleinstehende Strophe von größerer oder geringerer Ausdehnung 
und eigener Melodie eröffnet und beschlossen, die sich aus der 
symmetrischen Ordnung des Ganzen heraushebt. Der zweite Se- 
quenzentypus teilt ebenfalls das ganze Gedicht in Strophen; eine 
Entsprechung findet aber nicht statt, weder in ihrer Ausdehnung, 
noch in der Silbenzahl der Verse, noch in der Melodie; wir haben 
hier ein Gebilde vor uns, welches sich in bezug auf die äußere 
Struktur nur wenig von der Prosa unterscheidet. 

Es ist bedeutsam und dadurch unterscheiden sich die 
Sequenzen von den Hymnen, daß immer nur je zwei Strophen 
die gleiche Ausdehnung, Verszahl und Melodie besitzen; es 
wechseln demnach längere und kürzere Strophenpaare mitein- 
ander ab. Auch die Verse derselben Strophe sind nicht gleich 
lang. Namentlich aber sind die Sequenzen von den Hymnen durch 
das Fehlen dessen unterschieden, was mit Prosodie und Ouantilät 
zusammenhängt. Wir haben hier rhythmische Poesie in deut- 
licher Ausprägung, Auf Länge und Kürze der Silben ist nicht 
Rücksicht genommen; man erkennt dies am besten daraus, daß 
selbst in den einander entsprechenden Versen der Parallelstrophen 
nicht selten an derselben Stelle einmal eine kurze, das andere Mal 
«ine lange Silbe steht. Nicht einmal die Wortakzente, die 
Hebungen, sind an eine bestimmte Stelle gebunden, wenn auch 
die Zahl der unbetonten Silben zwischen zwei aufeinander- 
folgenden betonten nie grüßer ist als drei. Das Bestreben, Parallel- 



1 Durandus von Mende hebt diese Eigenheit des Sequenzenbaues im Gegen- 
satz zu den andern Meßgesängen noch besonders hervor: versus sequentiarum 
hini et bini sieb eodem cantu canuntur, quod eoniingit, quia ut plurimiim 
bini et bini per rithmos sub paribtts syllabis compomintur. Gerbert, de 
cantu I, 40 3, Anm. a. 

2 Man vgl. die Melodie bei Schubiger, 1. c, exempla 21 ; damit stimmt 
Cod. Einsiedeln -121 durchaus überein. 



262 Die Sequenzen. 

verse in dieser Beziehung gleicli zu bauen, ist unverkennbar, 
wiewohl nicht immer restlos verwirklicht. Nur die Zahl der Silben 
und Hebungen ist in fast allen Parallelversen die gleiche. 

Diese eigentümliche Struktur- ist eine Folge des Baues der 
allelujatischen Melodien, nach welchen die Sequenzen gedichtet 
wurden. Jede melodische Gruppe wurde zu einem Vers, der je 
nach der verschiedenen Ausdehnung der Gruppen bald länger, 
bald kürzer wurde; fand in der Melodie eine Gruppenwieder- 
holung statt, so ergab sich von selbst ein paralleler Vers, wo sie 
fehlte, entwickelte sich die dichterische Form zur Ungebundenheit 
des zweiten Sequenzentypus. 

Es braucht nicht wieder darauf hingewiesen zu werden, daß 
den Sequenzen Notkers jeder Zusammenhang mit der Hymnen- 
poesie fehlt, wie sie sich seit Ambrosius in der lateinischen Kirche 
ausgebildet hat; diese besitzt im Gegenteil keine einzige Form, 
die ihnen zum Vorbild hätte dienen können. Auf lateinischem 
Boden können sie nicht gewachsen sein; sie sind nichts anderes 
als auf diesen übertragene byzantinische Hymnenpoesie. 
Nach dem Vorigen ist es wahrscheinlich; es wird evident, wenn 
man die Notkersche Sequenz gegen die griechischen Hymnen hält, 
die von Pitra^ herausgegeben worden sind. Unverkennbar ist die 
Ähnlichkeit im Bau des Ganzen und der einzelnen Teile. Nicht 
also allein in der Melodie, auch im Texte stellen sich die Sequenzen 
als eine der letzten und bedeutsamsten Einwirkungen des mittel- 
griechischen Kirchengesanges auf den lateinischen dar; darauf 
beruht vornehmlich ihre musikgeschichtliche Stellung-. Diese ihre 
unleugbare Abstammung von der byzantinischen Musik berechtigt. 



1 Pitra, Analecta, vgl. oben S. 255, Anm. 3. Nichts steht der Annahme 
entgegen, daß in manchen Sequenzen Notkers direiite Übersetzungen griechischer 
Originale vorliegen. Der 'javc? «-/.aftiaToc der byzant. Liturgie in lateinischer 
Übersetzung findet sich in der aus St. Gallen stammenden Handschrift Cod. 78 
zu Zürich. Vgl. Winterfeld, Zeitschrift für deutsches Altertum, Berlin 1903, 
S. 81. 

2 Wer den Zusammenhang der Sequenzen mit der byzantinischen Poesie 
eugnet, muß in der Identität der eigentümlichen poetischen Struktur einen 

Zufall erblicken, wie auch gegenüber der Tatsache unempfindlich sein, daß 
der Sequenzenbau nicht aus der Hymnenform abgeleitet werden kann, die 
seit Ambrosius die abendländische Liturgie beherrscht. Er muß die Sing- 
weisen der Hss. 484 St. Gallen, für die in der lateinischen Liturgie der Messe 
und des Offiziums kein Platz ist, und ihre merkwürdige Notierung in anderer 
Weise erklären. Von denen aber, die neuerdings die Entstehungsgeschichte 
der Sequenzen in der bisher üblichen Weise darstellten, hat kein einziger dazu 
den Versuch gemacht. 



Musikalischer Charaivter. 263 

zubringen. Vielleicht ist der Name Romanus, der in der späteren 
St. Gallischen Tradition seit dem i 0. Jahrh. auftaucht, im Grunde 
nichts anderes als die Personifikation des byzantinischen Ein- 
flusses in St. Gallen; ist doch der Ilauptvertreter der zweiten 
Blütezeit der griechischen Hymnodik ein »Romanos«. Als man 
in St. Gallen anfing, den wirklichen Hergang zu vergessen, und 
die Gründung der Gesangschule direkt auf Rom zurückführte, 
mochte es naheliegen, den aus dem Ende des 8. Jahrh. noch in 
dunkler Erinnerung stehenden Namen zum Zeugen für die neu- 
aufkommende Legende anzurufen; müglicherweise hat er auch 
geradezu den Anstoß dazu gegeben. Ist diese Vermutung richtig, 
dann wird man in der »Romana« genannten Allelujamelodie, die 
zu Sequenzen umgearbeitet wurde, eine byzantinische Schöpfung 
sehen müssen. 

Wie die Sequenzen ausgeführt wurden, ergibt sich aus ihrer 
Struktur. Entweder sind es zwei Chöre, welche die Parallel- 
strophen einander abwechselnd vortragen, oder aber alle singen 
die Sequenz von Anfang an bis zu Ende. Jene Vortragsweise fand 
statt bei den Sequenzen des Typus A, diese bei denen des Typus B. 
Diese letztere hat Durandus von Mende im Auge, wenn er sagt: 
»die Sequenz wird von allen zugleich im Chore gesungen, um die 
Eintracht der Liebe zu versinnbildlichen «l Gemeinsam wurde 
auch die Einleitung und der Schluß der längern Sequenzen der 
ersten Form vorgetragen ; in ihnen ist sehr oft vom Gesänge aller 
die Rede; die sich entsprechenden Strophen pflegte man aber 
wechselweise zu singen. Auch Knaben wurden dazu herangezogen ; 
ihre helle Stimme, mit der der Männer abwechselnd und vereint, 
verlieh dem Gesänge viel Glanz und Frische 2. 

In den Melodien fällt die Vorliebe für Pracht- und Klang- 
entfaltung auf, kühne melodische Gesänge, häufige Verbindungen 
größerer Sprünge und ein weit angelegter Umfang, der mit der 
Hinzuziehung von Knaben gegeben war ; gerade in dieser Be- 
ziehung erreichen die Sequenzen nicljt selten eine Höhe, in die 
keine Männerstimme folgen kann. Alle diese Dinge sind den 
altern liturgischen Gesängen der lateinischen Kirche, zumal den 
Chorliedern, so gut wie fremd; diese verlaufen mehr in ruhigen, 
schön geschwungenen Linien, ohne musikalische Prätentionen 
zu erwecken; sie verschmähen meist den äußern Glanz und 
begnügen sich damit, das liturgische Wort so wiederzugeben, wie 

1 Rationale 4, 22. 

- Man vgl. darüber Bartsch, Sequenzen, 1 9 IT. 



264 Die Sequenzen. 

es im Innern eines frommen Christen innige und warme Andachts- 
stimmung hervorruft. Man könnte sie auch allein singen, ohne 
daß jemand zuhört; sie verlieren dabei nichts an Ausdruck und 
Schönheit. Ganz anders die Sequenzen; sollen sie ihren Zweck 
erfüllen, so müssen sie in der gefüllten Kirche erklingen; sie sind 
wie ein Herold, der mit kühner und energischer Stimme die 
christlichen Wahrheiten dem Volke entgegenruft. 

Besonderen Eindruck muß die syllabische Melodiebildung 
gemacht haben, durch welche die Sequenz von Anfang an in Gegen- 
satz zu den antiphonischen und responsorialen Meßgesängen tritt. 
Nur ganz ausnahmsweise hat sich Notker von der Regel entfernt 
und eine Silbe mit zwei Tönen ausgestattet i. Woher der Isosche 
Gedanke: singuli motus cantilenae singulas sj-Uabas debent habere, 
stammt, kann kaum zweifelhaft sein: aus der byzantinischen 
Hymnenmusik. Ebenso wurde im griechischen Kirchengesang die 
Hirmusmelodie auf die verschiedenen Strophen übertragen. Da in 
den ältesten Sequenzen das Organum oft erwähnt ist, dessen Be- 
kanntschaft die Franken und Alemannen ebenfalls den Byzantinern 
verdanken, so ist die Annahme sehr berechtigt, daß die Sequenzen 
von Anfang an mit der Orgel begleitet wurden. Gerade aber durch 
diese eigentümliche Verbindung von Wort und Ton wurden die 
Sequenzen der Art, in der das Volk zu singen gewohnt war, nahe 
gebracht, und darin Hegt mit ein Grund des Aufsehens, das sie 
machten, und ihrer großen Verbreitung. Von diesem Gesichtspunkte 
aus betrachtet, waren die Sequenzen nicht nur Werke einer melis- 
menfeindlichen Richtung"-, sondern wie eine Reaktion des Volks- 



1 Die Beispiele dafür werden uni so weniger, je ältere Handschriften man 
zu Rate zieht. So hat Cod. Einsiedeln 121, der auf S. 578 ff. die Sequenz 
Eece solemnis diei mit Neumen am Rande und Einzelzeichen über dem Text 
versieht, und zwar immer nur mit Yirga und Punktum, gelegentlich auch den 
Cephalicus, den liqueszierenden Stellvertreter der Yirga. 

2 Es ist bemerkenswert, daß die Formen des liturgischen Gesanges, die 
von Lateinern und nach ihrem Geschmack geschall'en wurden, so auch die 
Hj-mnen seit Ambrosius, die syllabische Melodiebildung bevorzugen, alle Formen 
dagegen, deren orientalischer Ursprung unleugbar ist, wie die Antiphonen 
und Responsorien, reicher sind an Toniiguren oder Melismen. Noch heule steht 
der raelismatische Gesang in allen Liturgien des Ostens in Ehren. Die Aus- 
sprüche eines Augustinus (und seiner Nachfolger bis weit ins Mittelalter) über 
das Jubilieren (vgl. oben S. 37 ff.) sind nichts anderes als Verteidigungen des 
melismatischen Gesanges, der den Lateinern im 4. — 5. Jahrh. bekannt wurde, 
ihnen aber fremdartig erschien. Die Männer der Kirche bestrebten sich daher, 
die Gläubigen über den symbolischen Sinn und die Berechtigung des Jubilierens 
aufzuklären. Daß aber die lateinische Kunst der Melismatik gegenüber sich 
xlurchaus nicht abweisend verhielt und verhält, bezeugen die zahllosen Melismen 



Ästhetisclie und geschichtliche Würdigung. 265 

gesanges gegen die hohe Kunst der Kirche, ein Umstand, 
der das durch sie eingeleitete Stadium mittelalterlicher Musikent- 
wicklung um so bedeutungsvoller erscheinen läßt. 

Um ein Werk wie die Notkersche Sequenz ästhetisch und 
geschichtlich zu würdigen, muß man natürlich Maßstäbe beiseite 
lassen, die der neueren Musik entnommen sind. Ungewöhnlich 
bleibt der Weg immerhin, auf dem er zur Sequenz gekommen ist. 
Es war eine eigentümliche Zwangslage, in der er sich befand, 
wenn er eine vorhandene Melodie von tonischer und rhyth- 
mischer Eigenart so mit Text verbinden wollte, wie er es tat, 
und sein Verfahren scheint uns das naturgemäße Verhältnis von 
Wort und Ton auf den Kopf zu stellen. Seit langem fügt der 
Komponist eines Gesanges einem vorhandenen Texte die Sing- 
weise hinzu, die ihn dekorativ einhüllt oder seinen poetischen 
Inhalt in Töne umzusetzen sucht. Bei den ersten Sequenzen, wie 
auch, um das vorzumerken, bei den Tropen, wird die prä- 
existierende Singweise durch den dichterischen Zusatz in ein 
neues Existenzverhältnis gebracht, das den Schwerpunkt des Ganzen 
von dem Ton weg auf die Seite des Wortes verlegt. Eine solche 
Verschiebung war möglich in einer Kunstrichtung, in welcher das 
dekorative Element dem interpretierenden als gleichwertig zur 
Seite steht. Wie die reichere Psalmodie und die so häufige Ver- 
wendung einer und derselben Ghoralmelodie für verschiedene 
Texte lehren, hat diese nicht ein so scharf geschnittenes indivi- 
duelles Gesicht, wie die neuere Melodie, kann daher auch eine 
Manipulation über sich ergehen lassen, wie sie Notker vornahm. 
Ohne Verluste ging es dabei freilich nicht ab. Die flüssige Be- 
wegtheit der Neumenfiguren mußte einer Tonreihe weichen, in 
welcher die Unterschiede melodischer und rhythmischer Art 
nivelliert waren. Melodisch bedeutsame Töne wurden den andern 
gleichgestellt, Ziertöne zu normalen vergröbert, namentlich aber 
der flüssige Vortrag der Neumen zerstört. Ton trat neben Ton, 
und die rhythmische Bewegung löste sich in gleichmäßige Ton- 
dauern auf. In derselben Richtung wirkte die Begleitung der 
Sequenzen durch die Orgel; sie erzwang einen langsameren Vor- 
trag, wie denn die ältesten Autoren, die vom Organum berichten, 
die morositas seiner Ausführung eigens betonen. Das äußere Bild 
der syllabischen Notierung der Sequenzen, das nur mehr Virga, 

in den Kirchenwerken Palestrinas und seiner Zeitgenossen, um nur sie zu 
nennen. Die Vokahsen in den Kyrie und Sanctus der klassisclien Messen bilden 
die beste Widerlegung der Angriffe, die gerade ihre Zeit gegen die Mclismen 
im Choral gerichtet hat. 



206 "i'^' Sequenzen. 

stehend oder liegend, und l^niktuni als Grundzeichen verwendet, 
höchstens noch die liqueszierenden Nebenformen, während die am 
Rande neben dem Text stehende Gruppenneumierung den ursprüng- 
lichen lebendigen Rhythmus mit seinen mannigfachen Abstufungen 
deutlich macht, dies Bild stellt den Anteil außer Zweifel, den die 
Sequenzen an der Umgestaltung des (Ihoralvortrages besitzen. 

Unter den Komponisten des Mittelalters ist Motker der erste, 
über diMi wir eine etwas melu" wie allgemeine Kenntnis haben. 
Das Bild, welches der (iescbichtschreiber des St. Gallischen 
Klosters, Ekkehart, von ihm zeichnet, ist ein anziehendes. 
Trotz des Mangels seiner Sprachorgane — er stotterte — war er 
ein hochgebildeter Mann von leicht erregbarer künstlerischer Schaffens- 
kraft. Die spätere Zeit weihte ihm eine große Verehrung', und 
man schrieb schließlich die Erfmdung der Sequenzen göttlicher 
Inspii'ation zu: noch zu seinen Lebzeiten sollen sie durch die 
kirchliche Hehiirde gutgeheißen worden sein-. Als \i\l'i Abt 
Ulrich von St. (iallen in kaiserlicliem Auftrag mit Papst Innozenz Il[. 
in Uom verhandelte, machte die Sc(]ucnz Saudi spiritus cuhit nobis 
(jnifid einen solchen Eindruck auf den Pai>st, daß er seine Ver- 
wunderung darüber ausspradi, dal) ein so fronnner Mami noch 
nicht heilig gesprochen sei. l*apst Julius II. (Anfang des H3. .lahrh.) 
hat ihn dann in die Zahl der Seligen aufgenommen. 

W'elclie Sequenzen von Xotker herrühi'en, ist nicht mit 
Siclieilieit festzustellen, da den seinigen bald solche anderer 
Künstler beigefügt wurden, und man beide Bestandteile in den 
zimi praktischen Gebrauch bestimmten Handschrillen nicht zu 

1 .Man .spracli iliui luslu'r auch da.s M/diu rita in iiiartr i<iniiiis zu, dem 
«las Volk wunderbare Krall beilegte, und durch welches es sich vor Tod, 
Krankheiten und allem Übel zu schützen glaubte. Man sagte, er habe es 
gedichtet, als er einmal den Bau einer Brücke über einen tiefen Abgrund 
beobachtete und der Todesgefahr gedachte, in welciiiT der Mensch immer 
schwebt. Wie aber die Analecta hymnica Bd. XLIX. S. 388 hervorheben, steht 
das Media rita nur in jüngeren St. Gallischen Handschi iflen vom 13. Jabrh. 
an. Englische Handschriften haben es schon im 11.. lahrh. Daraus muß man 
folgern, daß Notker sein Verfasser nicht ist. Als im Jahre 1263 der Erz- 
bischof von Trier den Mönchen des Klosters des hl. Matthias gegen ihren 
Willen einen Wilhelmus zum Abte gegeben hatte, sprachen diese, zu Boden 
gestreckt, das Media vita und andere Gebete und erhofften so Schutz vor 
dem ihnen aufgedrungenen Abt. Vgl. Gerbert, de cantu I, .';6I. Das Konzil von 
Köln 1316 verbot, ohne Erlaubnis des Bischofs gegen jemanden das Media 
vita zu singen. Es wurde bald ins Deutsche übersetzt und überall gesungen; 
bis in unsere Zeit hinein existiert das Lied: »Mitten in dem Leben sind wir vom 
Tod umfangen«. 

- Durch Papst Nikolaus v 807). Also Kkkehait, \ila B. Xotker, cap. 'i. 



Nachahmer Nolkers. 267 

trennen pflegte. Es scheint, daß Notker Sequenzen für alle be- 
deutenderen Tage des Kirchenjahres verfalUe: die Handschriften 
des Liber hymnorum Notkeri beginnen wenigstens mit einer Sequenz 
für Weihnachten und gehen dann das Kirchenjahr durch K 

Notkers Sequenzen überschritten bald die Mauern des Klosters 
St. Gallen und verbreiteten sich in kurzer Zeit in die deutschen 
Kirchen. Zahlreiche Abschriften wurden von seinem Liber hym- 
norum angefertigt. Die der Gesangsweise des Volkes sich nähernde 
Melodiebildung gewann ihnen die Herzen aller; sie wurden die 
populärste Partie des Meßgesanges. Auf die gewöhnlichen Sänger 
machte die neue Dichtungsform den Eindruck einer Prosa, so 
daß sie mit diesem Namen belegt wurde 2, der auch beibehalten 
wurde, als sie eine neue Gestalt annahm. Besonders in Frankreich 
ist der Name Prosa gewöhnlich, während man in Deutschland 
meist Sequentia sagte. 

In und außerhalb St. Gallons erstanden dem Nolker Nach- 
ahmer; so kam es dazu, daß man für ein Fest mehrere Sequenzen 
hatte; wie beliebt sie waren, zeigt der Gebrauch mancher Klöster, 
wonach am Festtage der Kantor den Abt im Kapitel fragte, welche 
Sequenz zu singen sei. Da sie die Stelle des AUelujajubilus ver- 
traten, so wiederholte man diesen nach dem AUelujavers nicht, 
wenn eine Sequenz folgte 3. 

Derjenige der beiden Sequenzentypen, welcher für die Folge- 
zeit besonders bestimmend und von den ersten Nachfolgern 
durchweg nachgeahmt wurde, ist der erste. In ihm hat z. B. Wipo 
seine herrliche Ostersequenz Victimae paschali verfaßt. Wipo 
war Kaplan am Hofe Konrads II. und dessen Sohnes Heinrich IH., 
blühte also in der ersten Hälfte des H. Jahrb. Seine Sequenzen 
verzichten indessen auf den selbständigen Schlusßatz, behalten 
dagegen das einleitende Stück; auch neigt er zu gelegentlicher 
Anwendung des Reimes. In ihrer Urgestalt lautet die genannte 
Sequenz: 



1 Man vgl. Schubiger, 1. c, 4 5 0"., Bartsch, 1. c, 6 ff. Wilmanns, Zeitschrift 
für deutsches Altertum XV, 267 ff., Chevalier, Poesie liturgiquc au moyen äge 
Histoire et rhythnie, p. 96 ff. und die sehr vcrdienslliche Arbeit von J.Werner, 
Notkers Sequenzen, Aarau 1901, welche die Frage am besten und gründlichsten 
behandelt. 

- Die Konstitutionen des Wilhelm von Hirschau sagen sogar: pro signo 
prosae, quam qiiidam sequentiam vocant. Migne, Patr. Laf. GL, 951. Er hielt 
demnach den Namen Prosa für den ursprünglichen. 

3 Durandus von Mende sagt: quando aiitem dicitur sequentia, noii dicitur 
pueuma post alleluia. Gerbert, de cantu I, 408. 



268 Die Sequenzen. 

1. Yictimae paschali laudes 8. 
immolent Christiani. 7. 

2. Agnus redemit oves, 7 Sa. Mors et vita duello 7 
Christus innocens Patri 7 conflixere inirando, 7 
reconciliavit 6 dux vitae mortuus 6 
peccalores. 4 regnat vivus. 4 

3. Die nobis Maria, 6 3a. Angelicos testes, 6 
quid vidisti in via ? 7 sudariuin et vcsles. 7 

4. Sepulcrum Christi vivenlis 8 4a. Surrexit Christus, spes 

niea, 8 

et gloriam vidi 6 praecedet suos^ in 6 

resurgenlis. 4 Gahlaeani. 4 

5. Credendum est magis soli 8 oa. Scinuis Christum surrexisse 8 
Mariae veraci, 6 a mortuis vere, 6 
quam Judaeorum 5 tu nobis, victor 5 
turbae fallaci. 5 rex, miserere. 5 

Diese Sequenz gelangle zu ähnlicher ßerühmtheit, wie 
das Media vita. Schon im 12. Jahrh. mit Begeisterung ge- 
sungen, drang das Triumphlied nach Italien, wo es in vielen alten 
Missalien aufgenommen ist; es fand Platz in den Mysterien, den 
Schauspielen, die am Ostertage die hl. Geschichte dem Volke in der 
Kirche vorführten. Ins Deutsche übertiagen, hat es als »Christus ist 
erstanden« eine ruhmreiche, bis in die Gegenwart sich erstreckende 
Geschichte. Man dichtete zahlreiche Nachahmungen zur Ehre 
Marias und der andern Heiligen , wobei man die beliebte und 
sieghafte Melodie Wipos beibehalten konnte 2. 

In derselben Zeit blühten andere Sequenzendichter und -kom- 
ponisten, die alle in den von Notker geschaffenen Bahnen weiter- 
gingen und mit ihm zusammen die erste Periode der Sequenzen- 
dichtung ausfüllen. Sogar die von Notker benutzten Melodien 
wurden immer wieder mit neuen Texten verbunden. In einem 
süddeutschen Kloster wirkte der Münch Heinrich, den die Se(|uenz 



1 Bei der Revision des Missales durch das Konzil von Trient wurde suos 
in vos geändert und die ganze fünfte Strophe gestrichen, jedenfalls weil man 
den freudigen Charakter des Ganzen durch die Erwähnung der Judaeorum 
turba fallax nicht stören wollte. Darunter hat aber die Sequenzenform ge- 
litten, indem die letzte Strophe 5 a kein Korrelat mehr besitzt. Auch wurden 
die Worte: Amen, alleluja hinzugefügt. Die Vatikanische Ausgabe des Graduale 
Romanum -1908 hat wieder das ursprüngliche suos. 

- Ich habe zwei davon im Grogoriusblatt veröffenllicht . Aachen 1896, 
Nr. H ff. 



Die Sequenz in Frankreicli. 269 

Ave praedara niaris Stella zum Verfasser hat'. Auch sie wurde 
viele Menschenalter hindurch zum Preise der Gottesmutter gesungen, 
zuletzt als deutsches Kirchenlied. Sein Schüler war Godeschalk 
(f 101)8), auf den viele Sequenzen zurückgeführt werden^. Aus der 
St. Galler Schule hervorgegangen ist Berno von der Reichenau 
(f 1048], der, in allen wissenschaftlichen Disziplinen wohlbewandert, 
als Kirchenkomponist wie als Theoretiker gleich große Verdienste 
besitzt. Auch Ilermannus Contractus (flOSi), der, wie Berno, 
in St. Gallen erzogen, dann aber besonders in Reichenau segensreich 
wirkte, gehurt in diese Reihe. Alle diese um Notker sich herum 
gruppierenden Künstler sind deutscher Abstammung; der Schauplatz 
der ersten Sequenzenentwicklung ist vornehmlich Alemannien. 

Liegt der Schwerpunkt der neuen Form in ihrer ersten Periode, 
die durch das 10, und 11. Jahrh. gebildet wird, vornehmlich auf 
den Schöpfungen Notkers und seiner Nachahmer, so verschiebt 
sich das Verhältnis mit dem 12. Jahrh. Die Sequenzendichtung 
erhebt sich auch in anderen Ländern zu großer Blüte. Zuerst in 
Frankreich, dann in Italien, Spanien und England; sie nahm dabei 
neue Formen an, gegen die sich dann auch die deutschen Lande 
nicht abschlössen. Man kann diese zweite Periode der Se- 
quenzendichtung und -komposition als die allmähliche Abwendung 
von dem Notkerschen und byzantinischen Typus und die Annäherung 
an die lateinische Hymnenform kennzeichnen. Die byzantinischen 
Hymnenstrophen, wie sie Notker auf lateinisches Erdreich verpflanzt 
hatte, mußten die Poeten Frankreichs und anderer Länder seltsam 
anmuten; es war nur natürlich, daß unter ihrer Hand die neue 
Form ganz latinisiert, d. h. dem Hymnus näher gebracht wurde, 
denn eine andere poetische Form für liturgische Stücke kannten 
sie nicht. 

Wahrscheinlich waren schon vor dem Auftreten des sankt- 
gallischen Dichters in Frankreich Sequenzen bekannt, zumal im 
Kloster des hl. Martialis in Limoges^. Man muß sie mit den 
Bestrebungen zusammenbringen, wie sie um 950 im Kloster 
Gimedia wirksam waren. Das Haupt dieser französischen Sequenzen- 



1 Schubiger, 1, c, S. 88. Drcves naöchte sie dem Hermannus Contractus 
zuweisen; vgl. Analecta hymnica L, p. 309. 

2 Schubiger, 1. c, S. 89. Vgl. auch die Analecta hymnica L, p. 339 ff. 

3 Die französischen Sequenzenbücher befolgen in der Ordnung der 
Sequenzen eine andere Praxis als die sanktgallischen und haben schon Sequenzen 
für die Adventsonntage. Man sieht auch daraus, daß beide Sammhmgen un- 
abhängig voneinander entstanden sind. 



270 '^ic Sequenzen. 

dichlung ist der Pariser Kanonikus Adam von St. Yictori. Von 
seinen Lebensschicksalen weiß man wenij 
stammen und 1192 gestorben sein; sich^ 
zweiten Hälfte des 12. Jahrh. blühte. Nach dem einstimmigen 
Zeugnis der Kenner ist Adam einer der grüßten Dichter des 
Mittelalters. Seine Sequenzen sind in der Tat bewunderungswürdig 
durch die spielende Leichtigkeit, mit der er die Verse behandelt, 
durch die Klarheit und Bedeutsamkeit der Gedanken und den 
Reichtum an symbolischen Bildern, während in den Notkerschen 
Sequenzen die mühsame, unfreie Art ihrer Entstehung sich sehr 
oft in dunklen und schwulstigen Sätzen verrät. 

Adam von St. Victor befolgt in der äußeren Struktur seiner 
Sequenzen ebensowenig wie Notker einen feststehenden Typus; 
man kann vielmehr in ihnen eine Entwicklung beobachten, welche 
die ganze zweite Sequenzenperiode in kleinem Rahmen zusammen- 
faßt, indem sie vom Notkerschen Typus ausgeht und allmählich 
in die Hymnenform mündet. An Notkers Art erinnert der äußere 
Aufbau folgender Sequenz 2; 

Feria II. post Pascha. 

1 . Ecce dies celebris, 
lux succedit tenebris, 
morti resurrectio. 

2. Laetis cedant tristia, 2a. Umbram fugat veritas, 
cum sit maior gloria vetustatem novitas, 
quam prima confusio. luctum consolatio. 

3. Pascha novum colite, 3a. Pascha novum Christus est, 
quod praeit in capite, qui pro nobis passus est, 
membra sperent singula. agnus sine macula. 

4. Hosti, qui nos circuit, 4a. David fortis viribus 
praedam Christus eruit, a leonis unguibus 
quod Samson praeinnuit, et ab ursi faucibus 
dum leonem lacerat. gregem patris liberal. 



1 Man vgl. Leon Gautier, Oeuvres poötiqucs d'Adam de St.-Victor. Paris 
1894, 36 ed.; Drevcs, Analecta hymnica. Bd. VII und Stimmen aus Maria 
Laach '1885. Bd. XXIX. Vor kurzem erschien bei "Welter in Paris eine von 
Misset und Aubry besorgte kritische Ausgabe der Adamschen Prosen nach 
Text und Musik, 1900, die zum ersten Male die Melodien veröffentlicht. Die 
musikalische Untersuchung ist damit jedoch nicht abgeschlossen; insbesondere 
ist die sehr interessante Frage der Tonalilät und des Rhythmus der Sequenzen 
noch zu behandeln. 

2 Misset- Aubrv, S. 18 3. 



Adam von St. Victor. 271 

5. Ouod in niorle plures stravit, öa Sainson diclus sol eoruni, 
Samson Christum figuravit, Christus lux est electoruin, 
cuius mors vicloria. quos ilkistrat gratia. 

6. Jam de sacro crucis veclae Gn. Jam calcato lorculari, 
botrus fluit in dilectae musto gaudent ebriari 
penelral ccclesiae. gentium primiliae. 

7. Saccus scissus et pertusus 7a. Quia regem peremerunt 
in regales transit usus, rei regnum perdiderunt, 
Saccus fit soccus gloriae, sed non deletur penitus 
caro victrix miseriae. Cain in Signum posilus. 

8. Reprobatus et abiectus 8a. Culpam delens non naluram 
lapis iste nunc electus novam creat creaturam 

in tropheum slat ereclus tenens in se ligaturam 

et in Caput anguh. utriusque populi. 

9. Capiti Sit gloria 

Membrisque concordia. 

In diesem Gedicht tritt der Zusammenhang der zweiten Se- 
quenzenperiode mit der ersten augenfällig hervor. Es besteht, wie 
die meisten Sequenzen Notkers, aus Parallelstrophen mit für sich 
alleinstehendem Einleitungs- und Schlußsatz. Darauf beschränkt 
sich aber die Ähnlichkeit; im Ausbau des Gerüstes unterscheidet 
sich Adam sehr wesentlich von Notker. Wenn auch die ver- 
schiedenen Strophenpaare nicht immer dieselbe Ausdehnung haben, 
ist doch die Tendenz unverkennbar, sie nicht zu unähnlich zu 
machen. In unserer Sequenz halten sich, abgesehen vom ein- 
leitenden und abschließenden Stück, drei- und vierzeilige Strophen 
das Gleichgewicht. Bei Notker ist bunte Abwechslung die Regel; 
in der zweiten Periode der Sequenzen wird sie zur Ausnahme, und 
die weitere Entwicklung führt zur vollständigen Gleichheit aller 
Strophenpaare in bezug auf Zahl und Form der Verse. Nunmehr 
mußten auch der Einleitungs- und Schlußsatz verschwinden, denn 
sie vertragen sich nicht mit einer Struktur, die alle Strophen des 
Gedichtes gleich gestallet. Tatsächlich sind sie bei Adam ziemlich 
selten und fast die Ausnahme. 

Ein bedeutsamer Gegensatz zu den älteren Sequenzen liegt in 
dem Bau der Verse. Die rhythmische Dichtung ist hier zu ihrer 
vollendeten Ausbildung gelangt. Schon bei Notker fehlt jede 
Rücksichtnahme auf prosodische Quantitätsverhältnisse und herrscht 
der tonische Akzent; Adam geht noch einen Schritt weiter und 
ordnet auch die Folge der Wortakzente. Die Gesetze, nach denen 



272 Die Sequenzen. 

also zusammenfassen: ein einsilbiges Wort ist, je nach Bedarf, 
akzentuiert oder nicht; ein zweisilbiges immer auf der ersten Silbe, 
ein mehrsilbiges auf der vorletzten, wenn sie lang, auf der dritt- 
letzten, wenn die vorletzte kurz ist; außerdem werden, wenn 
nötig, von je zwei zu zwei Silben Nebenakzente gesetzt. So sind 
in der Regel die Wortakzente nur durch eine Silbe getrennt; die 
Ausnahmen finden sich mit Vorliebe in den letzten kürzeren Versen 
der Strophen; vgl. Strophe 2: 

quam piima confusio. 

In der Regel ist aber der zweiteilige Rhythmus der vorherrschende. 
Die Silbenzählung ist womöglich noch strenger durchgeführt als 
bei Notker. Das Hauptkennzeichen der neuen Sequenzenform ist 
jedoch der Reim, hi den Sequenzen Notkers so gut wie niemals 
vorhanden, bestimmt er die Form der Sequenz in ihrer ganzen 
weitern Ausbildung. Er erscheint, und das ist auffällig, sogleich 
in den verschiedensten Anwendungen, so daß man zu der Annahme 
eines Übergangsstadiums von den Notkerschen Sequenzen zu denen 
Adams gedrängt wird; denn die virtuose Handhabung dieses 
Kunstmittels kann nur das Resultat mannigfacher Versuche und 
Vorstudien sein. Sogar Binnenreime sind bei Adam nicht selten. 
Noch ist die Zäsur hervorzuheben, die bei Versen von 8 und 
mehr Silben erscheint. Verse von 8 und 10 Silben haben sie 
nach der tonlosen vierten, die wenig zahlreichen Zwölfsilbler nach 
der betonten sechsten. Die Zahl der Silben in den Versen ist 4, 
6, 7, 8, 10 und 12; Verse von 5, 1> und II Silben kommen in 
den echten Sequenzen Adams nicht vor; auch darin treten sie in 
Gegensatz zu den Sequenzen Notkers. Mit bewunderungswürdiger 
Mannigfaltigkeit treten die Verse zu Strophen zusammen, wobei 
die Kunst des Reimes das ihre tut. 

Diejenige Struktur, durch welche Adam ' das Notkersche 
Vorbild endgültig verläßt, baut alle Strophen des Gedichtes in 
gleicher Weise. Damit hat sich die Sequenz die Form der latei- 
nischen Hymnodik vollständig angeeignet. Ein sehr schönes Bei- 
spiel dieser Art, formell wie inhaltlich gleich ausgezeichnet, ist 
das folgende Seitenstück zum Lauda Sion des Thomas von Aquin: 



1 Die Zalil der Sequenzen Adams liat den Gegenstand einer Kontroverse 
gebildet. Leon Gautier nahm- -103 als echt an. Misset wies 52 davon zurück; 
von den übrigbleibenden 51 werden die meisten echt sein. Bestimmtes wird 
sich kaum mehr feststellen lassen. 



Adam von St. Victor. 



273 



De S. Trinitatei. 



Profitentes unitatem 

veneremur trinitatem 

pari reverentia. 

Hae dicuntur relative, 

cum sint unum Substantive, 

non tria principia. 

Simplex esse, simplex posse, 

Simplex velle, simplex nosse, 

cuncta sunt simplicia. 

Pater, proles, sacrum flamen, 

deus unus, sed hi tarnen 

habent quaedam propria. 

Patri proles est aequalis, 

nee hoc tollit personalis 

amborum distinctio. 

Non humana ratione 

capi possunt hae personae, 

nee harum discretio. 

Nil in deo praeter deum, 

nuUa causa praeter eum, 

qui creat causalia. 

Digne loqui de personis 

vim transcendit rationis 

excedit ingenia. 

Qui sie credit, non festinet, 

et a via non declinet 

insolenter regia. 

Nos in fide gloriemur, 

nos in una modulemur 

fidei constantia. 



la. Tres personas asserentes 

personali ditTerentes 

a se differentia. 
2a. Sive dicas tres vel tria, 

simplex tarnen est usia, 

non triplex essentia, 
3a. Non unius, quam duarum 

sive trium personarum 

minor efficacia. 
4a. Una virtus, unum numen, 

unus splendor, unum lumen, 

hoc una, quod alia. 
5a. Patri compar filioque 

spiritalis ab utroque 

procedit connexio. 
6a. Non hie ordo temporalis, 

non hie situs aut localis 

rerum circumscriptio. 
7a. Effectiva vel formalis 

causa deus et fmalis, 

sed nunquam materia. 
8a. Quid sit gigni, quid processus, 

me nescire sum professus, 

sed fide non dubia. 
9a. Servet fidem, formet mores, 

nee attendat ad errores, 

quod damnat ecclesia. 
10 a. Trinae sit laus unitati, 

sit et simplae trinitati 

coaeterna srloria. 



Woher die Melodien stammen, mit welchen Adams Sequenzen 
in den Handschriften erscheinen, ist bisher nicht aufgeklärt. 
Jedenfalls aber ist die Sequenz in diesem Stadium vom Alleluja- 
gesang vollständig gelöst. Auffälligerweise kehrt nicht selten 
dieselbe Melodie für mehrere Sequenzen wieder; auch sonst ähneln 
sich die Singweisen außerordentlich 2. Manche melodische Härten, 



1 Misset- Aubry, S. 195, die Melodie, S. 2- 

2 Vgl. darüber Misset- Aubry, S. 11 9 ff. 

Wagner, Gregor. Melod. I. 



274 '^iö Sequenzen. 

besonders eine gewisse Vorliebe für Gänge, die den Tritonus 
enthalten, lassen vermuten, daß sie auf franzüsischem Boden ge- 
wachsen sind. Es könnten populäre Weisen darunter sein. Schon 
früh kam man auf den Gedanken, die Gedichte Adams mit neuen 
Melodien zu versehen, die mehr gefielen und mehr Abwechslung 
darboten ^. Immer aber blieb der Sequenz die syllabische Melodie- 
bildung und die gleiche musikalische Behandlung der Parallel- 
strophen eigen. 

Adams Schöpfungen eroberten sich in kurzer Zeit die meisten 
französischen Kirchen; man begegnet ihnen auch in deutschen 
Büchern 2. Wie Notker, fand er Nachahmer. Seine Sequenz vom 
hl. Kreuz Landes crucis atiollamus gab Thomas von Aquin, der 
von Urban IV. (1264) mit der Herstellung des Officium Corporis 
Christi betraut wurde, die Anregung zum Lauda Sion salvatorem. 
Beide haben auch die gleiche Melodie. Die wunderschöne Pfingst- 
sequenz Vcni sancte Spiritus soll den Papst Innozenz III. zum Ver- 
fasser haben 3. 

Die Sequenzform, wie sie durch Adam umgebildet ist, hat 
noch mehr Volkstümliches an sich, als diejenige des Notker, kein 
Wunder, daß sie bald in der Liedform aufging. Diesem Stadium 
gehört das Dies irae des Thomas von Celano an, der 1220 — 1249 
blühte. Damals wütete der schwarze Tod in Europa und mahnte 
zur Betrachtung der Schrecken des Gerichtes. Der Dichter hat sie 
in erschütternder Weise dargestellt, bis die Seele vertrauensvoll 
der göttlichen Barmherzigkeit sich anempfiehlt. Alte Bücher führen 
folgende einleitende Strophen an:-* 



1 Ambr. Kienle, im Kirchenlexikon, 2. Aufl., unter Sequenzen. 

2 Chevalier, Poesie hturgique au moyen äge, hat S. 4 07 eine lange Liste 
von Kirchen, deren Bücher Sequenzen Adams enthalten. 

3 Eine interessante Nachahmung derselben für das Fest der heiligen 
Katharina fand ich in Cod. lat. nouv. acquis. -1233 der Pariser Nationalbibliuthek 
von einer Hand des 14. oder 15. Jahrh. eingetragen (fol. 245 v.): 

Veni sancte Spiritus, Katherinae celitus invitatus rnerito, 

Veni splendor miminis, Katherinae virginis mentem replens subito. 

Consolator optime, doctor disertissime, Katherinam 'instruens. 

In labore gratiam, in verbis prudentiam Katherinae tribuens. 

lux beatissima, per quem fit gratissima huius vita virginis. 

Pulchra nobilissitna et vicn/is/rci n/axima, supra vires hominis, 

Lavit viros sordidos et rlijuvif urlilos aqua sapientiae. 

Flecti fecit rigidos et rcduxit derios ad viam iustitiae 

Sapientes graeciae Christi subdeiis gratiae artiiim pericia. 

Haec pro nobis hodie sit patrona veniae in celesti gloria. Amen. 

4 Vgl. Raymund Schlecht in den Choralvereinsbeilagen zur Cäcilia (Trier) 
1874, Nr. 10. 



Jüngere Dichtungen. 275 

I a. Gogita, anima fidelis, 1 b. Cum deposcet ralionem 
Ad quid responderc velis Ob boni omissionem, 

Christo venture de coelis. Ob mali commissionem. 

2a. Dies illa, dies irae, 2b. Seria contritione, 

Quam conamur praevenire Gratiae apprehensione, 

Obviamque deo ire. Vitae emendatione. 

Vielleicht sind diese Strophen nur späterer Zusatz. Sicher 
ist dies von den beiden letzten Strophen des jetzigen Textes von 
Pie Jesu an, welche die Beziehung auf den liturgischen Gebrauch 
der Sequenz herstellen und, wie es scheint, die ältere Schluß- 
strophe : 

Consors, ut beatitatis 
Yivam cum iustificatis 
In aevum aeternitatis 
ersetzen. 

Auch das Stabat matcr dolorosa^ das Meisterwerk des Jacobus 
de Benedictis (Jacopone da Todi, f 1306), ist eine Sequenz, zugleich 
mit seinem Gegenbild Stabat mater speciosa. Derartige Schöpfungen 
lassen erkennen, daß die Erinnerung an den Zusammenhang der 
Sequenz mit dem AUelujajubilus vollständig verschwunden war. 
Wie an Tagen der Buße und Trauer, insbesondere der Fastenzeit, 
das Alleluja aus der Messe verbannt war, so gab es zunächst 
wenigstens für diese Tage auch keine Sequenz i. Erst als diese 
ganz selbständig geworden war und den allgemeinen Inhalt eines 
die Festidee in poetische Form kleidenden Gesanges erhalten hatte, 
war es müglich, Gedichte, wie das Dies irae und Stabat mater, 
Sequenzen zu nennen 2. 

Es ist leicht begreiflich, daß die Sequenzen besonders in den 
Weltkirchen Heimatrecht erlangten. In den Klöstern verfuhr man 
konservativer; so verschlossen sich die Zisterzienser und Kar- 
täuser der Neuerung. Nur mit vieler Mühe konnte im 11. Jahrh. 
der hl. Odilo, Abt von Clugny, erreichen, daß sein Kloster wenigstens 
der Pfmgstsequenz Sancti Spiritus adsit nobis gratia die Tore 



1 Noch im \ 2. Jahrh. bedurfte es eines eigenen päpsthchen Privilegs, 
um nach dem Sonntag Septuagesimae eine Sequenz zu singen, wie es dßui 
Abt von St. BJasien für die Annuntiatio, Purificatio und das Fest des heiligen 
Blasius erteilt wurde. Gerbert, de cantu I, 409. 

2 Die Verwandtschaft der späteren Sequenz mit dem Hymnus erhellt 
besonders durch das merkwürdige Vorkommen eines und desselben Textes 
als Sequenz und als Hymnus; von der Sequenz Stabat mater v/erden die zehn 
■ersten Strophen auch als Hymnus verwendet. (In fest. sept. dolor. B. M. V.) 

18* 



276 Die Sequenzen. 

öffnete, und noch ein Jahrhundert später sang man daselbst Se- 
quenzen nur an den hüchsten Festtagen i. Die Missalia und Meß- 
gesangbücher der Weltkiichen sind aber vom 13. Jahrb. an mit 
Sequenzen angefüllt. Vielleicht ist Italien das einzige Land, welches 
sich mit ihnen nicht recht vertraut machen konnte. Das Missale 
completum secundum consuetudinem Romanae curiae, Mailand 1481, 
hat nur 5 Sequenzen: Victimae paschali für Ostern, Veni Sande 
Spiritus und Sancti Spiritus nohis adsit gratia für Pfingsten, Lauda 
Sion für Fronleichnam und Trinitas unitas, deitas summa für 
Dreifaltigkeitssonntag. Ein Missale Romanum 1504 hat dazu noch 
die Sequenz Dies irae^. Häufig begegnet man ihnen in spanischen 
Büchern, am meisten in Deutschland, Frankreich und England. 
Hier haben sie sich auch am längsten gehalten und ergötzten mit 
ihren eingänglichen Melodien das Volk. Die Bücher bis zur Mitte 
des 16. Jahrb. weisen nicht selten eine übermäßige Anzahl Se- 
quenzen auf. Ein Graduale von Basel 1511 hat deren 44. Es 
ist selbstverständlich, daß unter solchen Verhältnissen nicht selten 
zweifelhaftes Gut sich in die Kirche eindrängte. Zur Zeit der 
Tridentinischen Reform erwachte das Bewußtsein ihrer späteren 
Entstehung, und um das gute Alte nicht vom Neuen überwuchern 
zu lassen, verbannte man sie bis auf die heute noch gebräuchfichen 
fünf Sequenzen aus dem Missale 3. 

Musikgeschichtlich wurden die Sequenzen noch dadurch be- 
deutsam, daß sie der Entwicklung des deutschen kirchlichen Volks- 
liedes Vorschub leisteten. Sie waren das populärste Element des 
liturgischen Gesanges; viele von ihnen wurden in die Sprache des 
Volkes übertragen und halfen den Schatz geistlicher Lieder, der 
besonders in Deutschland so reich aufging, vermehren •*. 



1 Gerbert, de cantu I, 411. 

2 Hoeynck, Geschichte der Liturgie des Bistums Augsburg, ^ 889, S. 58. 

3 Über ihren Vortrag sagt die Anweisung des Graduale Vaticanum: 
Sequentiae cantantur alter nat im, aut a Cantoribus et Choro, aut a duabus 
Chori partib7«s. 

* Eine überaus große Zalil von Sequenzen aus mittelalterhchen Hand- 
schriften und altern Drucken sind in der sehr verdienstlichen Sammlung von 
Dreves und Blume, Analecta hymnica medii aevi, veröfTentlicht. Ältere Samm- 
lungen stammen von Mone und Kehrein. Neuerdings geben W. J. Weale und 
Misset Sequenzen in dem Lieferungswerke Analecta liturgica (Paris, H. Weiter) 
heraus. 



XIY. Kapitel. 

Die Tropen. 

Die überschäumende Frömmigkeit, der gewissermal5en die 
offiziellen Formen des liturgischen Gesanges nicht genügten, hat 
auch die Tropen ins Dasein gerufen. Wie die Sequenzen, so 
lehnten sie sich im Grunde an Praktiken der byzantinischen 
Musiker an. In der griechischen Musik ist tporroc ein viel- 
gebrauchtes Wort. Man bezeichnete damit im Altertum und später 
namentlich die Transpositionsskalen, die eine Doppelmolloktav 
umfassenden Tonleitern, welche sich aus der Versetzung der Ton- 
arten auf die Halbtöne der Oktav ergaben. Im Mittelalter hatte 
das Wort noch andere Bedeutungen; allgemein wurde es für 
melismatische Formeln ^ gebraucht, wie man deren im Musik- 
unterricht benutzte, um die Eigenheiten der Tonarten zu verdeut- 
lichen. Derjenige, welchem die St. Galler Geschichtschreiber die 
Erfindung der Tropen zuschreiben, ist Tuotilo. Von seinem 
Leben ist wenig bekannt, sicher ist, daß er ein Zeitgenosse 
Notkers war. Die Quellen schildern ihn als einen universalen 
Geist; er war ebenso berühmt als Maler, Architekt und Verfertiger 
kunstreicher Goldarbeit, wie als Musiker. Seine Fertigkeiten 
zogen ihm häufige Berufungen an fremde Kirchen zu, deren 
Ausschmückung ihm übertragen wurde. Ebensogut verstand er 
die Musikinstrumente zu handhaben, und oft hatte er Söhne vor- 
nehmer Eltern darin zu unterweisen. Er starb etwas später als 
Notker, um 915. 

Die Tropen, oder, wie sie auch genannt wurden, da sie vor- 
nehmlich ein die Festtage auszeichnender Schmuck waren, die 
festivae laudes^, kann man als Einleitungen, Einschiebsel oder 
Zusätze zu den liturgischen Gesängen bezeichnen. Das Resultat 



1 Wie S. 38 gezeigt, kennt schon Cassiodor das Wort in dieser Bedeutung. 

- Also nach einer Pariser Handschrift bei Lebeuf, traite historique, p. 104. 
Vgl. Gerbert, de cantu I, 341, und besonders die Ausgabe des Gi-aduel de 
l'eglise de Rouen durch Loriquet, Pothier und Collette, Paris 1907, p. 16. 
Festive eine Messe canere ist da soviel wie mit Tropen singen. Ebenda auch 
p. 19, 20, 33 u. a. 



278 Die Tropen. 

ist immer eine Erweiterung des ursprünglichen Gesanges nach 
seiner textlichen, oft auch nach seiner melodischen Seite, so aber, 
daß der Zusatz niemals selbständige Form gewinnt, sondern als 
solcher kenntlich bleibt, während die Sequenzen sich bald zu einer 
eigenen, unabhängigen Kunstform entwickelten. Will man dem 
Ursprung der Tropen nachgehen, so muß man beachten, daß 
viele mit griechischen Worten angefüllt sind; die ganze Ausdrucks- 
weise, die zuweilen etwas Schwülstiges an sich hat, in Bildern 
und symbolischen W^endungen gar nicht genug tun kann und 
weit von der präzisen lateinischen Art sich entfernt, weist deut- 
lich nach dem Osten. Damit stimmt überein, daß die für die 
Entstehungsgeschichte der Sequenzen ausschlaggebende Handschrift 
484 der St. Galler Stiftsbibliothek eine Menge solcher Vokalisen 
hat, melodische Gänge ohne Text, die dann in vorhandene Gesänge 
eingelassen wurden. Das ist wohl die ursprüngliche Form der 
St. Gallischen Tropen; sie allein erklärt, warum man die neuen 
Bildungen mit dem Namen Tropen belegte. Dieselbe Handschrift 
enthält aber auch viele Tropen, die schon mit Text versehen sind. 
Man kann die Tropen in zwei große Klassen scheiden, solche, die 
einen liturgischen Gesang durch in Text und Melodie neue Stücke 
ausdehnen, und solche, die, ohne ihn musikalisch zu erweitern, 
seine Melismen durch Einfügung von AVorten in syllabische Melodik 
auflösen. Der ersten Klasse gehört der folgende berühmte Tropus 
des Tuotilo an, der den Weihnachtsintroitus Puer natus est^ der- 
gestalt mit neuem Text verbindet, daß dieser die Hauptsache und 
der Introitustext die Nebensache zu sein scheint und sich wie eine 
Interpolation ausnimmt. 

Hodie cantandus est nobis puer, quem gignebat ineffabiliter 
ante tempora pater, et eundem sub tempore generavit inclita Mater. 
Interrogaüo: Ouis est iste puer, quem tarn magnis praeconiis dignum 
vociferatis? dicite nobis, ut collaudatores esse possimus. Besponsio: 
Hie enim est, quem praesagus et electus symmista (hymnista) dei 
ad terras venturum praevidens longe ante praenotavit sicque prae- 
dixit: Puer natus est nobis absque nascentium ordine procreatus 
de virgine sine viri semine. Nobis (mit längerem Melisma) Et 
filius datus est nobis. Qui nos lllios sui parentis adoptivos fecit 
carnem sumens, quos et nominat fratres. Guius imperium super 
humerum eins. Deus, quod pater suo misso in mundum nato et 
incarnato semper suum dat secundum carnem. Et vocabitur nomen 
eins nomen, quod exstat omne super nomen, quod supernae tre- 



Cod. St. Gallen 484, S. I 3 ll'. 



Tuotilo. 27Ö 

munt potestates, terra et inferus quem adorant et trepidanl, Magni 
consilii angelus. Ps. Cantate domino canticutn novum, quia tnira- 
hilia fecit, miro modo, cum de Virginis utero ut homo processerat 
et ut Deus imperitat. Gloria Patri et Filio et Spiritui sancto. 
Stellt erat in jifincipio et nune et semper, et in saecula saeculorum. 
Amen. AUeluja. Laus tibi Christe, qui hodie cum magna luce 
descendisti. Dicite eia, Alleluja. 

Die Zusätze zum Introitus, die sämtlich aus dem Gedanken- 
kreise des Festes geschöpft sind, bereiten ihn vor und interpretieren 
jeden seiner Teile; auch der Abschluß gehört dem Tropus an. 
Andere Tropen sind nicht so umfangreich und erweitern den 
liturgischen Gesang nur durch eine Einleitung oder durch Zwischen- 
sätze. Das Charakteristische dieser Klasse liegt aber darin, daß 
dem neuen Text sich eine eigene, neue melodische Umkleidung 
zugesellt, da die originale Singweise nur den ursprünglichen litur- 
gischen Text bedient. 

Die zweite Klasse von Tropen ist den Sequenzen in etwa 
verwandt, wird auch vielfach wie diese Prosa oder, wenn von 
geringerem Umfange, Prosula genannt. Wie Notker Alleluja- 
jubilen durch untergelegte Texte zu einer selbständigen Form 
weiterbildete, so tat Tuotilo dasselbe mit andern melismatischen 
Gängen im Kirchengesang, so daß alle Melismatik sich in sylla- 
bische Textbehandlung auflöste. Besonders die Melismen auf der 
letzten Silbe des Worles Kyrie, wie auch solche von Gradualien 
und Offertorienversen wurden also umgestaltet. Im Gegensatz 
zu der Sequenz aber blieb diese Art der Tropen immer an den 
Text gebunden, an dessen Melisme sie sich anlehnte, also ein 
Einschiebsel in den liturgischen Text. Die Entwicklung zu einer 
selbständigen Gesangsform blieb ihr versagt. Viel verbreitet und 
nachgeahmt war der folgende Kyrietropus ^ : 

aag achagaa g fde 
ai. Cun - cÜ po - tens, ge - ni - tor, de - us, o - mni cre - a - tor eleison 
a2. Föns et o - ri - go bo - ni, pi - e, lux-que pe-ren-nis » 
a^. Sal - vi - ü - cet pi - e - tas tu - a nos, bo - ne rec-tor » 

aagag fggafgaed 

bi. Chri - ste, de - i spien - dor, vir - tus, pa - tris - que so - phi - a eleison 
b2. Plas-ma-tis hu - ma - nae fa - ctor, la psi re- pa - ra - tor » 
b3. Ne tu - a da - mnc - tur, Je - su, fa - ctu - ra, be - ni - gne > 



• Über die Textüberlieferung dieses Tropus vgl. die Analecta hymnica 
d. XLVII, S. 50. 



280 Die Tropen. 

daag ach ghac c a 
ci. Am - bo - rum sa - crum spi - ra - men, ne - xus a - inor - que eleison 
C-. Pro - ce - dens fo - mes, vi - tae fors pu - ri - fi - cans nos, » 

c hl 
c3. Pur - ga - tor cul - pae, ve - ni - ae lar - gi - tor opi - mae, » 

of - fen - sas de le, san - cto nos mu - ne - re re - ple » 

Die gleiche oder verschiedene Ausdehnung der tropierenden 
Verse hat ihre Begründung in der Länge der Vokalise, die syllabisch 
einzurichten war. Die je 14 Silben (je 5 Daktylen) der ersten 
drei Verse a^, a^, a^ tropieren eine und dieselbe Melodie, die 
vor dem eleison \ 4 Töne hat. Ebenso verhalten sich die drei 
zum Ghriste gehörigen Verse b^, b^^ b^. Sie haben die gleiche 
Melodie zu tropieren, eine Vokalise von wieder 14 Tönen, nur 
bilden die 1 4 Silben diesmal je 6 Daktylen, also einen Hexameter. 
Die Verse c^, c^, c^ tropieren die drei letzten Kyrie, und zwar 
haben c^ und c^, weil dieselbe Singweise, auch die gleiche Aus- 
dehnung, je einen daktylischen Hexameter, während das Melisma 
von c3 dasjenige von c^ und c^ durch eine Wiederholung erweitert 
und damit einen längeren Text erfordert 2. 

Nicht alle Verfasser von Tropen verfügten über die dichterischen 
Potenzen, die notwendig sind, um in einer wesentlich gebundenen 
Form sich mit Freiheit und Geschick zu bewegen. Viele Tropen 
sind Wortverbindungen, die eine bestimmte Zahl von Silben er- 
reichen sollen, des dichterischen Interesses aber bar sind und 
noch heute in der oft gezwungenen Zusammenstellung mühsam 
gefundener Worte den Schweiß verraten, aus dem sie erzeugt 
sind. Um so mehr Bewunderung verdienen andere, die ausge- 
zeichnete Gedanken in dichterisch vornehme Formen kleiden und 
ihren Verfasser in der Beschränkung als Meister zeigen. 

Es ist nun nicht über allen Zweifel erhaben, daß Tuotilo der 
Schöpfer der Tropen ist. Den ältesten sanktgallischen Tropen- 
handschriften aus dem 10. Jahrb. — Codd. 484, 378 und der 
Wiener Hs. 1609 — treten gleichalterige Handschiiflen französischer 
und englischer Herkunft zur Seite — Codd. 1240, 1084 aus 
St. Martial von Limoges, heute in der Pariser Nationalbibliotbek und 
das Troparium Wintoniense (von Winchester), Cod. Bodl. 775 in 
Oxford 3. Spätestens also im 1 0. Jahrh. hatte die Tropenbewegung 
sich einen breiteren Boden erobert. Vielleicht sogar sind die 



1 Also die Singweise in Cod. Paris, nouv. acq. 1235 

2 Vgl. auch die Singweise des Kyriale Vaticanum. 

3 Vgl. Analecta hymnica Bd. XLVII, S. 22 ff. 



Tuotilo. 281 

französischen Tropen älter als die sanktgallischeii und die sankt- 
gallischen Mönche hierin von ihren Brüdern von St. Martialis ab- 
hängig. Man erinnere sich hier auch an den Bericht des Notker über 
die Anregungen, die er dem Antiphonar von üimedia verdankte. 

Tuotilos musikalische Schöpfungen sollen sich vor allen anderen 
Kirchengesängen durch eine stark ausgesprochene Eigenart aus- 
gezeichnet haben; jeder nur halbwegs geübte Musiker habe sie 
unter den anderen herausgefunden. Wir können noch nicht an- 
geben, worin diese Eigenart bestanden haben mag, wenn man 
nicht an die Rhythmik der Tropen denken will, die wenigstens 
die tropierten und zum Syllabismus aufgelösten Melismen in einen 
Gegensatz zu den anderen liturgischen Gesangsformen stellte. 
Ekkehard berichtet weiter, Tuotilo habe seine Tropen mit Saiten- 
instrumenten begleitet (der Rota)i). 

Daß die ersten Tropen dem Geiste der Zeit entsprachen, 
zeigen die vielen Nachahmungen in St. Gallen und andern, be- 
sonders monastischen Kirchen bis zum 13. Jahrh. und darüber 
hinaus. Zahlreich sind sanktgallische Handschriften mit Tropen; 
auch in Handschriften aus andern Gegenden Deutschlands begegnet 
man ihnen; am meisten aber scheinen sie in französischen Klöstern 
und Weltkirchen beliebt gewesen zu sein 2. 



1 Seine Worte sind bedeutsam : quia per roimn , qua jjotoitior erat, 
neumata inventa dulciora sunt, ut apparet in ^Hodie cantandus<^ et ^Omnium 
virtutum gemmist.. Letzterer ist ein prosaischer Tropus zum Offertorium des 
hl. Stephanus, den in der Tat schon die ältesten sanktgallischen Handschriften 
aufweisen. Vgl. Analecta hymnica Bd. XLIX, S. 283. 

2 Den Anfang mit der Veröffentlicliung von Tropen maclite Leon Gautier 
in seiner Histoire de la poesie hlurgique au moyen äge I (Paris 1886). Adolf 
Reiners gab dann die Tropen, Prosen und Präfationen des feierlichen Hoch- 
amtes im Mittelalter aus einigen Pariser Handschriften heraus (Luxemburg 
■1884 und 1887). Über die Ausgabe des Tropaire-Prosier de l'abbaye Saint- 
Martin de Montauriol durch Daux (Paris 1901) vgl. Bannister in der Revue 
d'histoire et de litterature religieuse, 1903, p. 554. Das Troparium von 
Winchester gab Frere heraus (Ausgabe der Bradshaw-Gesellschaft). Alle diese 
Publikationen werden nunmehr durch die Tropenausgabe der Analecta hymnica 
in den Schatten gestellt, die in Bd. XLVH und XLIX den Text zahlreicher 
Tropen von Meßgesängen, zum Ordinarium (Bd. XLVH) wie zum Proprium 
(Bd. XLIX) veröffentlicht haben, leider aber nur solche, die in poetisch- 
metrischem Kleide einhergehen, nicht aber solche in Prosatext. Diese Be- 
schränkung geht so weit, daß, wenn ein Tropus, was nicht selten vorkommt, 
poetischen und prosaischen Text mischt, abgebrochen wird, sobald der 
prosaische Teil erscheint. Von den Singweisen der Tropen sind bisher fast 
nur solche zum Ordinarium Missae verölfentlicht worden; vgl. die im Anhang 
des Graduale Sarisburiense (London 1894) von H.W. Fröre aus englischen 
Handschriften mitgeteilten Stücke des Ordinarium Missae. Andere Stücke 



282 Die Tropen. 

Wie eine Flut überschwemmten sie mit der Zeit die sämt- 
lichen Gesänge der Messe und des Offiziums; nur von Tropen 
des Credo hat nie etwas verlautet; man wagte es offenbar nicht, 
die geheiligte Form des Glaubensbekenntnisses anzutasten i. hn 
allgemeinen verlief die Ausbildung der neuen Form entsprechend 
derjenigen der Sequenzen; die Tropen Tuotilos und seiner direkten 
Nachfolger sind in Prosa geschrieben, gelegentlich begegnet man 
einem Hexameter. Von der zweiten Hälfte des 1 1 . Jahrh. an 
tauchen Tropen auf, die einen ausgiebigen Gebrauch vom Reime 
machen, und von da an sind die Tropen meist in metrischen 
Formen abgefaßt, besonders in jambischen und trochäischen 
Versen. Jene Tropen sind immer nur Interpolationen des litur- 
gischen Textes, diese entwickeln sich zu selbständigen Gedichten, 
die neben die offiziellen Worte treten, sie verdunkeln und in den 
Hintergrund drängen. In der ersten Periode werden vorzugsweise 
Meßgesänge, in der zweiten besonders Offiziumsgesänge tropiert. 

Die Zahl der Tropen ist Legion, besonders derjenigen des 
Ordinarium Missae; sie gehören mit den Sequenzen zu den inter- 
essantesten und charakteristischsten Erzeugnissen mittelalterlicher 
Glaubensfreude \tnd frommer Dichtung. Es ist zu bedauern, daß 
sie bis heute eine umfassende Würdigung nach ihrer hterarischen, 
melodischen und liturgischen Seite noch nicht gefunden haben 2, 
und so mag es hier genügen, für jeden der tropierten liturgischen 
Gesänge einige Beispiele anzuführen. 



veröffentlichten die Revue de chant gregorien von Grenoble, V, 169, IX, 17, 
X, 16, XI, 73, die Tribüne de S. Gervais von Paris, IV, 9, die Rassegna 
Gregoriana in Rom, II, 6, V, 536, VI, 110 und 409. 

1 Nicht ganz mit Unrecht hat man die Tropen für eine Versündigung 
an der festgesetzten Norm des hturgischen Gesanges erklärt. Indessen ruht 
ein solches Urteil auf einer mehr modernen Auffassung von der Liturgie. Im 
Mittelalter war das Gefühl für die Unverletzlichkeit liturgischer Gebräuche 
noch wenig ausgebildet ; die liturgischen Formen waren lebendig und beweglich 
genug, um Zusätze zu vertragen. Aus rein äußerlichen Gründen der Zweck- 
mäßigkeit waren schon lange vor der Entstehung der Tropen die Gesangstexte 
bedeutend gekürzt worden. Auch war die Verbindung der Gläubigen mit der 
Liturgie eine engere, als heute, man lebte in ihr. Wir sind kühler geworden, 
und das Feuer, das ehemals aus der Liturgie hervorschlug und neue Übungen 
weckte, ist erloschen. 

- Daß auch die Tropen die Entwicklung des deutschen Kirchenliedes 
begünstigt haben, beweist z. B. das mit deutschen Tropen ausgestattete Regina 
coeli, welches H. Boeckeler im Gregoriusblatt 1884, S. 41 aus einer Hand- 
schrift um loOO herausgab. 



Tropen zu den Meßgesängen. 283 

Tropen zu den Messgesängen. 

Introitus^ de Epiphania, cms Cod. Rheinau 97 der Zürcher 
Kantonalbihliotliek, S. 6 ff. 

Forma speciosissimus, manuque potentissimus, ex davidis 
origine natus Maria Virgine, ecclesiae sponsus, Illuminator gentium, 
baptismatis sacrator, orbis redemptor Eece advenit Jhesus quem 
regem gentium cum muneribus mysticis Hierosolimani requirunt 
dicentes: ubi est, qui natus est Doininator. Vidimus stellam eins 
in Oriente et agnovimus regem regum nalum esse. Et regnum 
cui soli debetur honor, gloria, laus et iubilatio. Et potestas. 

Äliter. 
Hodie clarisimam secuti stellam magi munera deferunt ad 
Christi cunabula, de quo prophetae venturo pradixerant. Ecce 
advenit. Olim promissus ac cupitus patribus venerandis. Dominator. 
Laxare vincula, strictum quibus humanum detinebatur genus. Et 
regnum. Regnum, quod nullo defectu corrumpi uinquam possit 
minui perpetim. Et potestas. Quae sedes per Christi nobis huma- 
nam innotuit apparitionem. Amen. De manu eos scilicet fortissi- 
morum hostium liberando^. 

Kyrie eleison^ mit Tropen aus derselben Handschrift, 

S. 27 ff. 

Kyrie leisou. Ineffabilis et interminabilis, immense et omni- 

potens. 
Kyrie leison. Cui omne genu tlectitur coelestium, terrestrium 

et infernorum. 
Kyrie leison. Tu factor noster nos, opus tuum, facturam 

tuam, ne deseras. 
Ghriste leison. Qui dives cum esses, pro nobis pauper factus es. 
Christe leison. Et pro nobis te ipsum dederas, in tantum nos 

dilexeras. 
Ghriste leison. Quos tam sacrosancto redemeras pretio, alteri, 

Christe, ne dederis. 
Kyrie leison. Föns et origo et consummatio omnis boni, 

Spiritus alme. 



1 Andere Introitustropen bei Blume, Analecla hyrnnica Bd. XLIX p. 25 fr. 

2 Dieselbe Handscbrift hat für denselben Introitus noch drei weitere 
Tropen. 

3 Andere Kyrietropen ebenda Bd. XLVII p. 4311. 



284 



Die Tropen. 



Kyrie leison. Aequalis patri filioque maiestate et aeternitate. 
Kyrie leison. Ohne Tropus. 

Aus derselben Handschrift. 

Kyrie leison. pater piissime, deus nobis miserere. 

Kyrie leison. Libera nos a malis omnibus, supreme genitor. 

Kyrie leison. In tuo nos famulatu conserva, deus magne et 

clementissime. 
Ghriste leison. ChristeJesu, fili dei, factor orbis atque redemptor. 
Ghriste leison. Tu nos redimere dignatus es, tu nos semper 

custodias. 
Gliriste leison. (Jui es venturus mundum iudicare, de poenis 

nos libera gehennae amarae. 
Kyrie leison. sancte Spiritus, ahne deus, tuam nobis gratiam 

clementer infunde. 
Kyrie leison. Sancta trinitas, deus omnipotens, gloria, laus 

et honor tibi sit nunc et per cuncta saecula. 
Kyrie leison. Ohne Tropus. 



Aus derselben Handschrift. 



Kyrie leison. 
Kyrie leison. 
Kyrie leison. 
Ghriste leison. 
Ghriste leison. 
Ghriste leison. 
Kyrie leison. 
Kyrie leison. 
Kyrie leison. 



Pater infantium. 
Refectio lacfentium. 
Consolatio pupillorum. 
hnago genitoris. 
Abolitio facinoris. 
Restauratio plasmatis. 
Fomes carilalis. 
IMenitudo probitatis. 
Ohne Tropus. 



In der Kathedrale von Nevers sang man in der dritten 
Messe von Weihnachten nach dem Kyrie folgende Antiphona ad 
episcopum : 

Aus Cod. lat. nouv acquis. 123Ö der Pariser National- 
bibliothek, f. 18Ö1. 

Ant. Cives superni hodie suam simul et nostram nuntiant 
mundo festivitatem, gloriam deo resonantes omnes. 



1 Die Handschrift enthält fast für alle Festnocssen ein tropiertes Gloria. 
Weniger umfangreich sind die Tropen des Gloria in Cod. Rheinau 97. 



Tropen zu den Meßgesängen. 285 

Die Handschrift fälirt fort: Pontifex dicat ' : 

Gloria in excelsis deo. Et in terra pax Jiou/inibus bonae 
voluntaüs. Pax sempiterna, Christus illuxit, gloria tibi, pater ex- 
celse. Laudamus te. Hymnum canentes hodie, quem terris 
angeli fuderunt Christo nascenle. Boiedicitnus te. Natus est nobis 
hodie salvator in trinitate semper colendus. Ädoramus te. Quem 
vagientem inter angusti antra praesepis angelorum coetus laudat 
exultans. Glorificamus te. Gratias agimus tibi propter magnam 
gloriam tuam. Domine deus, rex coelestis, deus pater omnipotens. 
Ultro mortali hodie indutum carne precemur. Domine., fili uni- 
genite, Jesu Ghriste. Domine deus., agnus dei, filins patris. Cuius 
a sede lux benedicta cab'ginoso orbi refulsit. Qui tollis peccata 
mundi, miserere nobis. Qui tollis peccata mündig suscipe depre- 
cationem nostram. ineffabilis rex et admirabiiis, ex virgine matre 
hodie prodisti mundoque subvenisti. Qui sedes ad dextera^n patris., 
miserere nobis. Quoniam tu solus sanctus., tu solus dominus., tu 
solus altissimus. Regnum tuum solidum. Jesu Christe altissime. 
Per te obtinere mereamur veniam nunc et semper, sine fine et 
sine termino, qui cum patre semperque regnas simul et per infmita 
saeculorum saecula. Jesu Christe. Cum sancto Spiritu in gloria 
dei patris. Amen. 

Bei der Beurteilung derartiger tropierten Stücke des Ordinarium 
Missae darf man nicht vergessen, daß die Texte des Kyrie, 
Gloria usw. keine direkte Beziehung auf den Charakter des jedes- 
maligen Festes enthalten, während sich eine solche wohl in den 
wechselnden Texten des Proprium ausspricht. Da waren Ein- 
schaltungen in den Text, wenn man einmal über das liturgisch 
Bedenkliche derselben hinwegsieht, immerhin ein Mittel, alle 
Texte der Messe mit den durch das Fest nahegelegten Gedanken 
zu durchtränken; die so entstehende Einheit und der Zusammen- 
hang aller auf einen Punkt gerichteten Gesangstexte waren 
immerhin nicht ohne ästhetische Bedeutung. Noch bis ins 
16. Jahrh. hinein sang man am Ende des Gloria in Muttergottes- 
messen: Quoniam tu solus sanctus Mariam sanctificans, Tu .solus 
dominus Mariam gubernans. Tu solus altissimus Mariam coro- 
nans. Andere Rücksichten liegen einer Interpolation zugrunde, 
die man ebenfalls in vielen Handschriften und altern Drucken 
findet: im Gloria wird der Anrufung Domitie deus., rex coelestis, 
deus pater omnipotens eine solche des Sohnes Gottes angefügt: 
Domine deus, a.gmis dei, filius jyatris. Hier wünschte man auch 



1 Andere Gloriatropen bei Blume, 1. c. Bd. XLYIt p. 220 ff. 



286 Die Tropen. 

eine Anrufung des hl. Geistes und fügte darum hinzu: Spiritus et 
alme orphanorum paradite. 

Seltsam ist, daß man sogar die Lesungen aus den heiligen 
Schriften mit Erweiterungen ausstattete; doch bilden derartige 
Tropen immer nur Spätlinge, wenn sie auch in Frankreich erhöhte 
Bedeutung dadurch gewannen, daß man sie seit dem 13. Jahrh. 
auch in der Volkssprache abfaßte und zum Volke gewendet vor- 
trug. Solche Farciturae, Farsiae, Epitres farcies, wie man sie 
nannte, waren meist nur die Übersetzung der Epistel und besonders 
für die Messen von Weihnachten und der folgenden Tage beliebt, 
wie denn auch diese Zeit die meisten tropierten Episteln mit voll- 
ständig lateinischem Text aufzuweisen hat. Das folgende Beispiel 
tropiert die Epistel der Ostermesse i; 

Aus Cod. lat. 1139 der Pariser Nationalbibliothek. 
Ecce, manu fortis trivit retinacula mortis; Plaude, creatura, 
barathri jam despice jura. Ibi confregit Potentias, arcum, scutum 
gladiumque et bellum; Plaude, creatura, perierunt vincula dura. 
Audi ecce .unde Lectio epistolae beati Pauli apostoli ad Corinthios. 
Fratres^ expurgate vetus fermentimi, ut sit nova conspersio, sicut estis 
azymi. Cantate Domino canticum novum, alleluia, quia mirabilia 
fecit. Audi ecce unde Etenim pasoha nostrum immolatus est Christus; 
Res mira, res nova, res sancta. Laudate dominum omnes angeli 
ejus, laudate eum omnes virtutes ejus. Dragma reperta; Plaude, 
creatura, dea sie plaudenda futura. Itaque epulemur non in fer- 
mento veteri neque in fermento malitiae et nequitiae, sed in azymis 
sinceritatis et veritatis. 

Um die Worte der Epistel sind hier Hexameter, kleinere Verse 
und liturgische Gesangstexte herumgeschlungen. 

Das Gra duale wurde trotz seiner melismatischen Melodie- 
bildung seltener tropiert. Ein Beispiel ist dieser Tropus zum 
Gradualvers von Epiphanie'- 

1 Vgl. Blume in den Analecta hyranica Bd. XLIX, p. 186. Andere ebenda, 
bei Gerbert, de cantu I, 391, und Gautier, 1. c, löl ff. Solche mit Melodien 
vgl. in der Tribüne de S. Gervais IV, p. 151, VII, p. 19, der Rassegna Gregoriana 
VI, p. 110, u. a. 

2 Analecta hymnica, 1. c, p. 2-20. Leider hält auch Blume die in ihrer 
liturgischen Funktion wie musikalischen Eigenart so verschiedenen Stücke des 
Graduale und Alleluja nicht genug auseinander. Er meint sogar (p. 211), daß 
nach dem Wegfall der sie ursprünghch trennenden Lesung »beide Teile zu 
einem Ganzen vereinigt werden«, und spriciit (p. 266) vom »Alleluja, welches 
nach dem allelujatischen Vers das Graduale (!) abschließt«. Demgemäß nennt 
er z. B. Graduale von Ostern den Gesang Haec dies quam fecit etc. mit den 



Tropen zu den Meßgesängen. ' 287 

aus Cod. Secoviensis (1345) der Universitätsbibl. Graz: 
Surge infida gens, dejecta perfidia; quem demonstrat Stella, 
regem regum venerare Et illuminare, cogita, spera et suspira, coe- 
leslia contemplare, Jerusalem, quia gloria Domini super te orta est. 

Um so beliebter waren die tropierten Alleluja, und zwar 
wurden sowohl der Jubilus vor dem Verse, wie die melismatischen 
Gänge im Verse selbst in ihre Einzelnoten zerlegt imd mit Text 
versehen. Ein paar Beispiele i; 

Aus Cod. lat. 1338 der Pariser Nationalbibliothek. 

Älhluia. Laudetur omnis tibi caterva a cunctis, potens qui 
condidisti coelorum astra et regnas per saecula. Dicite gentibus^ 
quia dominus regnavit a ligno. Dicite concuncti et psallite in gen- 
tibus^ quia magna domini dementia, suis respiciens ovibus regnavit 
omnia et imperavit a ligno, proprio suo filio crucifixo, qui surrexit 
et sedet in throno, deconculcato Zabulo. 

Aus Cod. lat. H18 derselben Bibliothek. 
Alleluia. Vox exultationis et salutis et laetae iucunditatis, aeternae 
iuventutis. In tabernaculis iustorum pax, lux iueundaque laetitia. 
Gaudentes laetentur omnes. Jubilant iuvenes, senes, sedulo, dulcibus 
cantibus, in habitationibus, in tabernaculis iustorum. 

Auch die Wiederholung des Alleluja nach dem Verse wurde 
durch Einschiebsel verzögert. Aus allen Poren des offiziellen Ge- 
sangstextes sprossen die Tropen hervor und überwucherten die 
alten Formen. Selbst da, wo die gregorianische Meßordnung 
keinen Gesang hingestellt hatte, machte sich die Sangesfreude Luft. 
Der Gang des Diakon zum Ambo, von dem aus er das Evangelium 
vortrug, wurde mit Gesang begleitet. Das älteste Beispiel ^ dafür 

Versen: Confitemini, Pascha nostriim, Epideniur, und fügt dem V. Confdemini 
am Ende das Alleluia hinzu, obwohl dasselbe mit dem Gradualvers nichts zu 
tun hat, sondern die beiden folgenden Verse einleitet (S. 2:22). Hier hat der 
Hymnologe sich durch die ungeschickte Art der neueren Missaldrucke irreleiten 
lassen. Wer im Meßgesangbuch zu Hause ist, weiß aber, daß Graduale und 
Alleluja sich meist sogar durch die Tonart unterscheiden. Vgl. oben S. 121, 
Anm. 2. Es leuchtet übrigens ein, daß die Zugehörigkeit vieler Tropen durch 
ihre Singweise bestimmt werden kann, auch da, wo der bloße Text keine ge- 
nügenden Hinweise liefert. Es gilt das namentlich von denjenigen Tropen, die 
Mehsmen von liturgischen Gesängen mit Text versehen. Gerade nach seiner 
musikalischen Seite muß vieles von dem, was der Bienenfleiß Blumes aus Hand- 
schriften und alten Drucken gesammelt, noch näher untersucht werden. 

1 Andere bei Blume 1. c. Bd. XLIX p. 225 ff. 

2 Ähnliche Gedichte bei Gautier 1. c. p. \ .'18. 



288 D'P Tropen. 

stammt von Hartmann, einem St. Galler Mönch; es besteht aus 
5 Doppelstrophen von je 4 Versen; die erste derselben möge hier 
stehen : 

Aus Cod. St. Gallen 38i, p. 22 tf. 
Versus Hartmanni ante Evangelium^ cum legatur, oanendi: 
Sacrata libri dogmata Mundemus omnes corpora 

Portantur evangelici Sensusque cordis simplici 

Cunctis stupenda gentibus Purgantes conscientia 

Et praeferenda laudibus. Sacrata. Yerba pensemus mystica. Cunctis. 

Daß man das Credo nicht tropierte, wird auf den Mangel 
jeglicher melismatischer Bildung in seiner Melodie zurückzuführen 
sein, mehr aber noch darauf, daß man sich scheute, dem Glaubens- 
bekenntnis der Kirche etwas hinzuzufügen, wie schon angedeutet 
wurde. 

Tropen zum Offertorium der dritten Weihnachtsmesse 
aus Cod. lat. Paris, nouv. acquis. 12:^5, f. I86i. 

Tui sunt eoeli. E coelo rex domine per saecula futurus, ut 
omnem iudices orbem. Et plenitudinern. Portio nostra, Christe, 
de Sacra virgine natus, salva nos, qui per habitum servi evacuasti 
iussa tyranni. Pracjjaratio. Tui sunt coeli et tua est terra, dicite 
filii eya. 

Zum Offertorium von Ostern aus derselben Handschrift, 
f. 210. 
Ab increpatione et ira furoris domini Terra tremidt. Monu- 
menta aperta sunt et multa corpora sanctorum surrexerunt Dum 
resurgeret Christus iudicaturus et vivos et mortuos, quando venerit 
in iudicio deus. Christo resurgente a mortuis, venite adoremus 
eum omnes una voce proclamantes, aUeluia. 

Diese Tropen bilden, wie das Hodic cantandus est des Tuotilo, 
in Text und Melodie eine Erweiterung des originalen Gesanges; eine 
Reihe wird prologartig vorausgeschickt, eine andere nach den Ab- 
schnitten eingesetzt, wie am Ende angefügt. Auch die Tropenform, 
die an dem Kyrie Gimctipotens verdeutlicht wurde, ist auf das 
Offertorium übertragen worden. Der zweite Vers des Offertorium 
Jubilate des 1. Sonntags nach Epiphanie schließt mit den Worten 
veritas eius. Die Silbe -tas ist mit einem sehr ausgedehnten Me- 
lisma versehen. Diesem wurden Worte untergelegt, so daß dieser 
zweite Vers nunmehr lautet: 



Andere in den Analecta hymnica Bd. XLIX, p. 283 ff. 



Tropen zu den Meßgesängen. 289 

Aus Cod. lat. Paris. 9449, f. 20: 
y . Laudate nomen eins, quoniani suavis est dominus^ in aeternuui 
miserieordia eins et usque in saeculum saeeuli Veritas istam sal- 
vando turmam benigne regat, sola sua miserieordia interveniente, 
soluta pessima hostis catena, quam conterat nobis pietas 



Tropen des Sanctus^ aus Cod. St. Gallen 383, p. U5ff. 
Sanctus Deus pater, cuius Providentia 

Bene condita reguntur omnia. 
Sanctus Filius patris coaeternus 

Semperque cum eo per omnia laudandus. 
Sanctus Spiritus utrius connexio, 

Fidelium salus, vita et consolatio. 
Dominus deus. Pleni sunt. Verbo cuius existunt omnia. 

Goelum, pontus, tellus, aetera. 
Benedictus qui venit. 

Aus derselben Handschrift: 
Sanctus Sanctorum exultatio. 
Sanctus Sanctorum benedictio. 
Sanctus Sanctorum consolatio. 
Dominus deus Sabaoth. Pleni sunt coeli et terra. Quem decet 

laus, Salus et honor. 
Gloria tua, hosanna in excelsis. Quem dulci iubilo sanctorum 

concinit ordo. 
Benedictus qui venit. 

Aus derselben Handschrift: 
Sanctus Alme deus, genitoris honor pie saecula salvans. 
Sanctus Justorum virtus, decor integritatis eisdem. 
Sanctus Spiritus omne replens, cui consors coelica psallit. 
Dominus deus. Te chorus hie resonat, celebrat et ovanter 

honorat. 
Benedictus qui venit. Summa salus, pax vera, deus, tibi, rex, 

jubilamus. 

Tropen des Agnus Dei^ aus derselben Handschrift: 
Agnus dei. Deus deorum, creator omnium, rex angelorum. 
Mortis destructor, vitae reparator, mundi redemptor. 
Inferni vastator, paradisi reparator, perennis salvator. 
Agnus dei. 



1 Andere in den Analecta hymnica medii aevi Bd. XLVIl p. 303 IT. 
~ Andere ebenda p. 373 ff. 
■ agner, Gregor. Melod. I. 19 



290 Die Tropen. 

Aus derselben Handschrift 
(offenbar für Muttergottesfeste bestimmt): 
Agnus dei. Christa, theos agye, salvator orbis, nate Mariae. 
Agnus dei. Unica spes veniae, via vitae, nate Mariae. 
Agnus dei, Pacis primiciae, patris hostia, nate Mariae. 

Aus derselben Handschrift: 
Agnus dei. Indomitos arce, subiectis rex pie parce. 
Agnus dei. Audi clamantes, exaudi digna rogantes. 
Agnus dei. Sintque tibi curae, qui flent sua crimina pure. 

Tropen zur Communioi von Epiphanie aus Cod. Rheinau 97 
der Kantonalbibliothek Zürich: 
Nato novo principe, 
Viso novo sydere, 
Urbe magi regia 
Ipsum vadunt (|uaerere. Vidimns. 

Aus derselben Handschrift: 
Quae est ista tarn clara solemnitas, fratres dilecti, in hac puer 
de virgine natus Stella duce est gentibus revelatus, quae et dicebant: 
Vidimus. 

Auch der letzte gesungene Text der Messe, das Ite missa est^, 
wurde nicht unverändert gelassen. 

Aus Cod. St. Gallen 378, p. 392: 

Ite sine dolo et lite. Pax vobiscum. Missa est. 
Deo semper agile in corde gloriam et gratias. 

Tropen zu den Offiziumsgesängen. 

Wenn das Offizium nicht so sehr mit Tropen durchsetzt wurde, 
wie die Messe, so wird der Grund dafür in dem melodisch ein- 
facheren Gerüst der meisten Offiziumsgesänge zu suchen sein. Die 
Antiphonen und Psalmen, die im Offizium einen sehr breiten Raum 
einnehmen, waren alle melodisch so einfach gehalten, daß niemand 
auf den Gedanken kommen konnte, durch Interpolationen sie 
noch syllabischer zu machen, als sie schon von Hause aus waren, 
existierte fast nur für die Responsorien 



1 Andere in den Analecta h3'mnica Bd. XLIX p. 3 4 5 ff. 

2 Andere ebenda Bd. XLVII p. 409 ff. 



Tropen zu den Offiziumsgesängen. 291 

der Noklurnen und einige andere Stücke; hier vermochten die 
Sänger sich allerdings nicht zu enthalten, Tropen anzubringen. 
Dennoch ist ihre Zahl auch bei den llesponsorien verhältnismäßig 
gering. 

Ein tropiertes Dens in adjutorium erwähnt Gautier, 1. c. 166. 
Von den Matutinresponsorien ist hier besonders dasjenige des 
Weihnachtsoffiziums Descendit de ooelis zu nennen. Es hat fol- 
gende Fassung: 

Descendit de coelis missus ab arce jyatris, introivü per aurem 
virginis in regionem 7iostram, indutus stola purpurea, et exivit per 
aureani portam^ lux et ,decus universae fahricae niundi. y. Tan- 
quam sponsus dominus procedens de thalamo suo. T. Gloria Patri 
et Filio et Spiritid sancto. Y- Sicut erat in principio et nunc et 
seniper, et in saecula saeculorum^ amen. f. Tanquam sponsus do- 
minus procedens de tlialamo suo. 

Nach den Versen wurde der Schluß des Responsoriums von 
Et exivit an repetiert. Für diese Repetitionen hatte man auf der 
Silbe fa- des vorletzten Wortes fabricae verschiedene sehr lange 
Vokalisen. Sie gehören wohl ursprünglich nicht zum Responso- 
rium, da sie nur bei den Wiederholungen des Wortes fabricae nach 
den Versen angebracht wurden; im Responsorium selbst entfernt 
sich die betreffende Stelle nicht vom gewöhnlichen Responsorien- 
stil. Sie finden sich aber schon in unsern ältesten Handschriften, 
so z. B. im Antiphonar des Hartker aus dem 1 0. Jahrb., Cod. 
St. Gallen, 390, S. 46. Ja schon Amalar' hat für sie eine sym- 
bolische Deutung. Spätere Handschriften vom i 2. Jahrh. an legen 
den Vokalisen Worte unter, so z. B. die Handschrift 12 044 der 
Pariser Nationalbibliothek (das Antiphonar von St. Maur des Foss6s 
aus dem 12. Jahrh.) fol. 8 ff. Das erstemal: 

Familiam custodi, Ghriste, tuam, quam natus alma de Maria 
redemisti morle tua, ut cognoscant ie condiiovem^ Fabricae mundi. 



1 Amalar, de ord. Antiph. c. 18 (Migne, Patr. Lat. CY, 1274): Eo neumate 
monstrant [sc. cantores) difficultatem magnam, incsse in schola cantorum 
verhis explicare, qiiomodo idem, qui natus est hodierna die ex Maria Virgine, 
fabricasset mundum et ornasset, et qiiomodo ipse sii lux et deeus universae 
fabricae mundi. Eadcm sententia est in versu: Tanquam sponsus. 
Impossibile est, apud scholam cantorum de ordinc processionis Christi de 
utero virginis narrare, quae comparatiir sponso proccdenti de thalamo. 

2 Das Wort conditorem ist in der Handschrift ausgelassen; ich ergänze 
es aus Cod. Paris, nouv. acquis. 1235f., 243. Nach derselben Handschrift sind 
noch einige andere Versehen des Schreibers verbessert. 

4 9* 



292 Die Tropen. 

Das zweitemal: 

Fac deus munda corpora noslra et animas die isla, ut tua 
protecti dextra collaudemus auctorem Fabricae mimdi. 

Das driltemal: 

Facinora nostra relaxari, mundi doniina, 

Petimus mente devola David regis prolem inclitam, 

Virgo quem casta saecio Maria protulit sunimi patris gratia. 

Cuius ortus salvat omnes cuncta per saecula. 

Et die hac nobis jugiter faveat atque omni Fabricae mundi. 

Jedes der drei Prosen genannten Stücke mündet in die Worte 
Fabricae mundi ein, die dann so wie im llesponsoriura selbst ge- 
sungen wurden, nicht also in der überreichen Fassung. 

In demselben Responsorium enthält die erste Silbe des T. Tan- 
quam ebenfalls eine Vokalise, die jedoch nicht so weit ausgesponnen 
ist; auch sie wurde tropiert und lautet in derselben Handschrift: 

Tanta nunc resultent gaudia, 
Quia Christus natus est in terra, 
Coaequalis Patri in gloria 
De sancta Maria. 



essanter Tropen. Sie offenbaren den Zusammenhang mit dem 
Responsorium, aus dem sie hervorgehen, immer äußerlich dadurch, 
daß sie in seine letzten Worte überleiten. Wie man gelegentlich 
da, wo das Responsorium selbst den melodischen Stoff zu einer 
Interpolation nicht darbot, sich half, ist aus dem R!. Conßrmatum 
est ersichtlich, welches, wie das If. Descendit^ der dritten Nokturn 
des Weihnachtsoffiziums angehört. Es schließt vor dem y. mit 
den Worten: et hominem. An den T. Domus piidici jjectoris ist 
folgende Prosa angehängt, welche die ausgedehnte Vokalise des 
Meßalleluja T- Senex j^ueriüu der Purificatio R. M. V. tropiert: 

Et honore virginali integro permanente filium generavit, 
Quae superno paranympho credula ac de tanto nuntio 

laeta dixit: 
Fiat, ut prolem deicam virgo et mater proferam et Jwminem. 

Das If. Gaude Maria virgo ist in ähnlicher Weise mit der Prosa 
Inviolata nos iuva verbunden, über deren Text von einer nicht viel 
spätem Hand die bekanntere Prosa Inviolata, integra et casta 



Tropen zu den Offiziumsgesängcn. 298 

geschrieben wurde ^, so daß dieselbe Melodie zwei verschiedene 

Texte hat: 

Aus Cod. Paris, lat. 12044 f. 57. In Purificatione B. M. V. 

BJ. Gaude, Maria virgo, cundas haereses tu sola interemisti, 
quae Gabrielis archangeli dictis credidisti, dum virgo deicm et ho- 
minem genuisti et post partum virgo inviolata p)ermansisti. y. Ga- 
brielem archangelum scimus divinitus te esse affatum, uterum tuum 
de spiritu säncto credi^nus impregnatum; erubescat iudaeus infelix, 
qui dicit Christum ex Joseph semine esse natum. Dum virgo. 
y. Gloria Patri. I^. Gaude Maria. 

Darauf folgt die Prosa^: 

Inviolata nos iuva gratia sancta Inviolata, integra et casta es^ 

tua, Maria, 

Mundo gaudia quae protulisti, Quae es effecta fulgida coeli porta. 

Maria, virgo sola Christi carissima, 

Nempe benigna atque gloriosa, Suspice pia nostra precamina, 

Solve delicta orbis permaxima, Quae nunc flagitant devota corda, 
Mater innupta precata deduc ora. 

nosti^a, Nostra pura pectora sint et cor- 
Christo tollenti crimina mundi pora, 

cuncta, Tua per precamina dulcissima 

Per te, o regina, percipiat regna Nobis concedas veniam per sae- 
Plebs devota coelestia, cula, 

Quae beata atque benedicta per- benigna, quae sola inviolata 

mansisti. permansisti. 

Tropen zu andern Offiziumsgesängen sind, wie angedeutet, 
nur Ausnahmen. Die St. Galler Handschrift 383 tropiert auf S. 1 7 
das Te Deum, und zwar in einer Weise, die an die Erweiterungen 
des Gloria erinnert. Wie dort eine Anrufung des hl. Geistes nach 
derjenigen Gottes des Vaters und des Sohnes eingesetzt wurde, 
so vermißte man hinter den Worten des Te Deum: Te martyrum 
candidatus^ eine Bezugnahme auf die andern Heiligengattungen, 



1 Beide Stücke schließen ihre Verse mit dem Vokale a, ein Gebrauch, 
der durchaus nicht selten und eine Erinnerung daran ist, daß die Sequenzen 
ihren Ursprung den Melismen auf der letzten Silbe des Wortes Alleluja 
verdanken. 

2 Über diesen Gesang vgl. Pothier in der Revue de chant Gregorien VI 
p. 192ff. und namentlich Blume in der Kirchenmusik (Paderborn) IX S. 41 ff. 
und X, S. Gäflf. 

3 Dieser Tropus stammt aus einer offenbar aus Frankreich nach St. Gallen 
gekommenen Handschrift (besonders die den letzten Teil derselben ausfüllenden 



294 Die Tropen. 

die Confessores und Virgines, und fügte darum noch die Verse 
hinzu : 

Te concinit confessorum sacerdotaHs ministerii pietas, 

Te integritas virginum ac conlinentium adornat puritas, 

Te sanctorum simul omnium iocunde collaudat unanimis Caritas. 

Gelegentlicli wurde in einigen Klöstern das Dens in adjutorium 
zu Beginn der Horae, das Tu antem, Domine am Schlüsse der 
Lektionen, auch das Magnifiiiat und die Marianischen Antiphonen 
tropierti. Ein Beispiel eines tropierten Benedicamus domino von 
Weihnachten entnehme ich dem 

Cod. lat. Paris, nouv. acquis. 1235 f. 244. 

Mirabile mysterium, Usiae gigas geminae, 

Deus Creator omnium Assumpto deus.homine 

Per incorruptam virginem Alvo conceptus feminae, 

Nostrum suscepit hominem, Non ex virili semine 

Et nata mater patre est. Natus est rex ab homine, 

Olli natus matre pater est. Jesus est dictus nomine. 

Credit Eva diabolo, De spinis uva legitur, 

Maria credit angelo, De Stella lux exoritur, 

Per illam mors introivit, De petra fons elicitur, 

Per istam vita rediit, De virga flos egreditur, 

Perdiderat haec condita, De monte lapis lapsus est, 

Haec restauravit perdita. De lapide mons factus est. 

Cedrus alta de libano Oui fuit, erit et qui est, 

Suh nostrae vallis hysopo, Oui loquebatur, praesens est, 

Cum visitavit Jericho, Nobiscum est rex Israel, 

Cypressus fit ex platano, Qui dicilur Emmanuel. 

Cinnamomum ex balsamo, Nos ergo multifarias 

Benedicamiis domino. Deo dicamus gratias. 

Es ist klar, daß eine organische Weiterentwickkmg der Tropen 
dieser Art im Rahmen der offiziellen Litursie unmüRÜch war; diese 



mehrstimmigen Stücke zwingen zu dieser Annaiime). Es ist also nicht zu- 
treffend, was Gaulier, les Tropes, S. i70, sagt, daß das Te Deum nur in 
St. Gallen tropiert worden sei und auch nur in der ersten Periode der 
Tropen, denn Cod. St. Gallen 383 stammt aus dem 13. Jahrh. Der von Gautier 
mitgeteilte Tropus ist ein Prolog zum Te Deum. 

1 Beispiele bei Gautier, 1. c, S. 166, 169 ff. Sogar das Media vita in 
morie sunms entging nicht der Tropierungssucht; vgl. Blume in den Analecta 
hymnica Bd. XLIX p. 386 ff. 



Tropen zu den Offiziumsgesüngcn. 295 

drohte von ihnen verschkingen zu werden i, und es blieb nichts 
übrig, als sie von ihr zu trennen, da man doch nicht auf sie 
verzichten wollte. Wie nun die Sequenzen in Deutschland das 
geistliche Volkslied zwar nicht ins Leben riefen, aber sein Wachs- 
tum mächtig förderten, so sind zumal in Frankreich aus den Tropen 
ähnliche neue Bildungen herausgewachsen, geistliche, auch in der 
Kirche aufgeführte Lieder mannigfacher Art 2. Diese neuen Lieder, 
die mit dem liturgischen Text nichts mehr gemeinsam hatten, 
waren die Wonne jener fahrenden Kleriker und heruntergekom- 
menen Studenten, die überall gegen Lohn ihre Tropen und andere, 
nicht immer unschuldige Lieder anboten, und gegen welche die 
Kirche sich so sehr zu wehren hatte. Der sich auf die Liturgie 
und ihren Wert besinnende Teil der GeistUchen und vor allem 
zahlreiche Provinzialkonzile traten auf das energischste solchem 
Unfug entgegen, und vom 13. Jahrh. an verschwindet diese Art 
der Tropen aus der Liturgie. Jene ältere, unschädliche und liebens- 
würdige Art aber, den liturgischen Text durch Einschiebsel enger 
mit dem Charakter der Feste zu verknüpfen, erhielt sich noch 
durch die folgenden Jahrhunderte. In vortridentinischen Gradualien 
stoßen wir nicht selten auf tropierte Gloria oder Sanctus u. a. 
Am längsten haben sich die Tropen in der Kirche von Lyon ge- 
halten, die sich überhaupt durch Anhänglichkeit an die alte Übung 
immer auszeichnete. Noch in der Mitte des i 8. Jahrh. wurden 
daselbst vielfach die Gesänge des Ordinarium Missae interpoliert 
gesungen, wie ein Druck von 1763 dartut 3. 

Die geschichtliche Mission der Tropen beschränkte sich nicht 
auf die einstimmigen Formen mittelalterlichen Gesanges; sie be- 
saßen an der Ausbildung des mehrstimmigen Gesanges einen be- 
deutsamen Anteil. Die Forschungen namentlich Ludwigs* haben 

1 Ein treffliches Beispiel dafür liefert das jüngst von II. Villetard heraus- 
gegebene Office de Pierre de Corbeil, iraproprement appele »Office des Fous«, 
Paris i907. 

- In diesem Zusammenhang ^Yären noch die liturgischen Spiele und 
Mysterien zu erwähnen, die in den Handschriften zuweilen mit den Tropen 
zusammen auftreten. So enthält Cod. lat. nouv. acquis. -1235 der Pariser 
Nationalbibliothek fol. 198 ein nach der Communio von Epiphanie zu singen- 
des Stück, in dem die drei Weisen aus dem Morgenlande abwechselnd auf- 
treten, wie auch ein Nuntius und der Chorus. Leider sind manche Partien 
nur mit den ersten Worten angedeutet. Zu Freiburg i. d. Schw. erhielt sich 
ein ähnliches, nur viel ausgedehnteres, teils in der Kirche, teils außerhalb 
derselben aufzuführendes Spiel bis ins 19. Jahrh. (liier das sog. Eselsfest in 
Sens u. a. vgl. die vorige Anmerkung. 

3 Vgl. Bohn, in der Cäcilia, Trier 1877. 

1 Kirchenmusikahsches Jahrbuch 1905, S. 4 ff. u. a. 



296 Die Tropen. 

den Zusammenhang von Tropen und Organum in helles Licht 
gerückt. Sie waren in der Regel Solostücke und wurden von 
einem oder nur wenigen Sängern in die Chorpartien eingeschoben. 
Bis zum 14. und 15. Jahrh. begegnen wir mehrstimmig gesetzten 
Tropen, während die sie umgebenden Choralpartien einstimmig 
bleiben. Der Zusammenhang beider Formen wurde dadurch er- 
möglicht, daß sowohl die Tropen wie auch die Mehrstimmigkeit 
ursprünglich Solomusik waren, d. h. die Tropen, wie die der Choral- 
melodie hinzugefügte neue Stimme wurden nicht vom Chor aus- 
geführt, sondern von einem oder zwei Solisten. 

Kehren wir nunmehr nach St. Gallen zurück! Noch andere 
wohlverdiente Männer haben den Glanz des alemannischen Klosters 
genährt und ausgebreitet. Ihre poetische Arbeit kam nicht nur 
den neuen Formen der Sequenz und des Tropus zugute; sie 
pflegten auch mit Erfolg die älteren Formen klassischer Art, nament- 
lich den Hymnus und Prozessionsgesang. Neben Notker und Tuo- 
tilo istRatpert, ihr Zeitgenosse, schon genannt. Seine Wirksam- 
keit blieb mehr in den Mauern des Klosters beschlossen, er hat 
keine neue Form geschaffen. Wohl aber stammen von ihm andere 
berühmte Lieder, so eine Prozessionslitanei Ärdua spes mimdi, 
vielleicht auch ein bei der Oster- und Pfingsttaufe viel gesungener 
Hymnus Fex sandormn angelorum, ein Kommuniongesang Landes 
omnipotens. Auch ein deutsches Lied auf den hl. Gallus wurde 
auf ihn zurückgeführt ^ 

Um dieselbe Zeit und später beherbergte St. Gallen den 
Waltramm2, den Hartmann (f 925)3, Ekkehart L (f 973)4, 
Notker Physicus, die als Dichter oder als Komponisten berühmt 
waren^. Schriftstellerisch tat sich Notker Labeo hervor'', und 
als trefflicher Sänger wird Ekkehart IV. genannt. 

Seitdem P. Schubiger die musikalische Geschichte des Klosters 
in seiner Blütezeit bis zum 13. Jahrh., mit mehr Liebe freilich als 
Kritik gezeichnet, sieht man fast allgemein in dessen gesanglicher 



1 Analecta hymnica medii aevi, Bd. L, p. 23711'. 

2 Ebenda, S. 244 ff. 

3 Vgl. oben S. 231 und Analecta hymnica Bd. L, p. 250 11'. 

4 Ebenda, S. 271 ff. 

5 Notker Physicus verfaßte einen im Mittelalter geschätzten Gesang Rector 
aeietmi, der sich bis in unsere Zeit in praktischer Verwendung erhalten hat. 
Zuletzt wurde die Melodie zum Hymnus Vita sanctorum des Trierischen Breviers 
gesungen. 

6 Von ihm stammt der älteste Traktat über Musik in deutscher Sprache, 
abgedruckt bei Gerbert, scriptorcs I, Ö6. 



Tropen zu den Offiziumsgesängon. 297 

Tradition eine genaue Nachahmung derjenigen der römischen Schola 
cantorum. Ekkehart IV., derselbe, der die Gründung der St. Galler 
Gesangschule direkt auf Rom zurückführt, erzählt auch von einem 
authentischen Antiphonar, das, wie das Original Gregors in Rom, 
als unantastbare Richtschnur des Kirchengesanges verehrt worden 
sei. Noch zur Zeit des Ilartmann sei es in St. Gallen gewesen, 
und gerade dieser Mönch habe es sich zur Hauptaufgabe gemacht, 
die Gesänge so zu lehren, wie sie im authentischen Antiphonar 
enthalten waren. Godcschalk und Kunibert werden als verdiente 
Abschreiber des Gesangbuches gerühmt. Unbestreitbar ist aller- 
dings, daß die St. Galler Handschriften des liturgischen Gesanges 
zu den ältesten gehören, die sich bis auf unsere Zeit gerettet 
haben. 

Von Godeschalk ist noch heute ein Antiphonar in St. Gallen 
vorhanden, ebenso dasjenige, welches ein frommer Büßer, Hartker, 
der sich in St. Gallen eingeschlossen hatte, verfertigte i. In dem 
Cod. 359, der 1851 von Lambillotte faksimiliert herausgegeben 
wurde, glaubte man sogar die originale Handschrift des Romanus, 
oder wenigstens eine unmittelbare Kopie derselben entdeckt zu 
haben. Indessen ist die Darstellung Ekkeharts auch in dieser An- 
gelegenheit (vgl. oben S. 24-9) verdächtig. 

Die Einrichtung der Gesangschulen im Mittelalter war nicht 
durch zufällige Ursachen bedingt, sondern entsprach einer Not- 
wendigkeit. Die mittelalterliche Tonschrift hatte durchaus nicht 
die Bestimmung, alles das zu leisten, was wir heute von einer 
Tonschrift verlangen; sie hatte vielmehr eine starke mündliche 
Tradition zur Voraussetzung. Nur dadurch konnte, die ersten 
Jahrhunderte wenigstens, der liturgische Gesang sich überliefern, 
daß er in das Gedächtnis eines starken Chores eingegraben war. 
Eigentümlich ist auch, daß die Sängerschulen von dem Augenblick 
an an Bedeutung verlieren, wo die Notenlinie angenommen wird 
und zur Herstellung einer allseitig befriedigenden Tonschrift führt. 
Um das Jahr 1100 haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Die Über- 
lieferung des liturgischen Gesanges war nunmehr auf andere Grund- 
lagen gestellt. 

Nicht nur in St. Gallen, in allen monastischen Gründungen 
Alemanniens blühte im 1 0. und den nachfolgenden Jahrhunderten 
ein reiches liturgisches und gesangliches Leben. Einige standen 



1 Es ist die oft erwähnte Handschrift Cod. 390 — 391, die jetzt in einer 
prachtvollen phototypischen Neuausgabe der Paleographie Musicale, Serie 11. 
vorliegt. 



298 Die Tropen. 

in direkten Beziehungen zu St. Gallen und nahmen die reichen 
künstlerischen Gaben von den dortigen Mönchen dankbar an. 
Reichenau war Hauptstätte der musikalischen Spekulation; hier 
wirkten namentlich Berno und Hermannus Contractus. Aber 
auch in Hirschau, dessen Abt Wilhelm ein ausführliches Werk 
über Musik schrieb, in St. Georgen und vielen andern Klöstern, 
wie endlich in den Weltkirchen, welteiferte man in der Liebe zur 
Liturgie und zum liturgischen Gesang. Alles war durch eingehende 
Satzungen wohl geordnet, und so vernehmen wir wenig von be- 
sondern kirchengesanglichen Ereignissen '. Wie in Italien und west- 
lieh vom Rheine, so wurde auch in Deutschland, nachdem es 
einmal die römische Liturgie angenommen, der dazu gehörige 
Gesang in Treue gehütet. Die zahlreichen Gesangbücher deutscher 
Herkunft aus dem späten Mittelalter offenbaren sogar eine Reinheit 
und Unversehrtheit der Überlieferung in Melodie und Rhythmus,, 
die ganz auffällig vor der romanisclien Überlieferung sich aus- 
zeichnet. . In Frankreich und Itahen vermochte die mehrstimmige 
gemessene Musik, die Musica mensurata, früh die Formen des 
Kirchengesanges sich dienstbar zu machen; der allmähliche Rück- 
gang und schließliche Verfall des einstimmigen Chorals war die 
unausbleibliche Folge. In Deutschland verhielt man sich, im all- 
gemeinen wenigstens, der neuen Kunst gegenüber reserviert. Bis ins 
15. Jahrb. hinein sind mehrstimmige Aufzeichnungen von Kirchen- 
gesängen immer eine Seltenheit. Und während man jenseits de& 
Rheines und südlich von den Alpen schon zu kunstgerechten Ge- 
bilden fortgeschritten war, begnügte man sich hier an Feiertagen 
damit, gelegentlich die Choralmelodie im alten Organumstil zwei- 
stimmig zu singen, wenn man überhaupt der neuen Kunstrichtung 
Einlaß gewährte. Den Nutzen davon hatte die Choralpraxis, deren 
Denkmäler bis über das 16. Jahrb. hinaus sogar Zeichen und Vor- 
tragsmanieren weiterführen, die in den französischen und italieni- 
schen Handschriften schon seit dem 12. Jahrb. verschwunden sind. 
Die unermeßlich zahlreichen geistlichen Dichtungen des Mittel- 
alters, die der privaten Erbauung dienten und nicht zur liturgischen 
Verwendung gelangten, liegen außerhalb des Rahmens dieses Buches 2. 
Es muß daher genügen, auf eine Persönlichkeit hinzuweisen, deren. 

1 Gegen Ende des <1. Jahrli. reformierte Bischof Benno von Meißen den 
Kirchengesang in seiner Diözese nach dem Muster der Kirche von Hildesheim: 
regulärem canendi modum restituit fecitqiic, ut concinne et eleganter divina 
officia decmitarentiir. Bolland. III., -16. Juni. 

- Dank den Analecta hymnica medii aevi läßt sich diese poetische Leistung 
des Mittelalters nunmehr ungefähr überschauen. 



Tropen zu den Ofßziumsgesängon. 299 

Eigenart und Schöpfungen die Freunde der mittelalterlichen Geistes- 
arbeit immer besonders anzuziehen vermocht haben, die hl. Hilde- 
gard, die mit der Gabe der Vision ausgezeichnete Äbtissin von Ei- 
bingen und vom Rupertsberg bei Bingen (f 1 1 79). Sie selbst bezeugt, 
niemals »eine Neume oder irgend einen Gesang gelernt zu haben«, 
schuf aber eine große Zahl geistlicher Lieder, die mit den Sing- 
weisen in einer Handschrift der Landesbibliothek Wiesbaden über- 
liefert sind und in Wort und Ton außerordentliche Denkmäler 
deutscher Mystik bilden. Ihre Lieblingssequenz virga et diadema 
galt als ihr bedeutendstes Werk; Zeitgenossen schrieben sie gött- 
licher Inspiration zu und bekundeten, die Seherin vom Heiligen- 
scheine umflossen gesehen zu haben, wenn sie sie in den Wandel- 
gängen des Klosters sang. Außer Sequenzen stammen Responsorien, 
Antiphonen, Hymnen und ein Kyrie von ihr, sowie ein allegorisches 
Drama Ordo virhäwn K 



1 Über die Dichtungen der hl. Hildegard vgl. hesonders Dreves in den 
Analecta hyranica, Bd. L, p. 484 ff., über die Melodien Schlecht im Gregorius- 
blatt, Aachen -1880, S. 2 ff., sowie Pothier in der Revue de chant gregorien VII, 
p. 6, 65, VIII, p. 17, IX, p. 5-2 ff. Eine modernen Ansprüchen genügende Neu- 
ausgabe und Bearbeitung der Melodien besitzen wir noch nicht. 



XV. Kapitel. 
Die Offizien in poetischer Form. 

Trotz ihrer unübersehbaren Zahl bedeuten die Sequenzen und 
Tropen in der mittelalterlichen Liturgie mehr einen äußerlich an- 
gelegten Schmuck, der ihr Gerüst und ihre Grundformen wenig 
antastete. Auch die Reformen der Zisterzienzer und Dominikaner 
haben den liturgischen Gesang wenig berührt, weit weniger als 
man vielfach geglaubt hat, und die liturgische Arbeit der Franzis- 
kaner hatte keinerlei Umgestaltung der Melodien im Gefolge. Die 
Geschichte des liturgischen Gesanges ist bis zum Ausgange des 
Mittelalters ohne Störung und organisch verlaufen. Dies gilt be- 
sonders von den Gesängen der Messe. Der allen Handschriften 
gemeinsame Gründstock, der den Inhalt des gregorianischen Meß- 
antiphonars bildete, erlitt nur ganz unbedeutende Veränderungen. 
Manche Feste verschwanden, andere wenige kamen hinzu; dabei 
wurden die Melodien jener nicht aufgegeben, sondern man behielt 
sie in Gebrauch, oft sogar versah man sie mit den Texten für die 
neuen Messen. So ist die mittelalterliche Geschichte des Meß- 
gesanges mehr die Bewahrung eines ererbten Schatzes, und vor- 
tridentinische Handschriften wie die Drucke verleugnen niemals den 
Zusammenhang mit den ältesten Denkmälern des Meßgesanges vom 
8. Jahrh. an. 

Etwas anders liegt die Sache beim Offizium. Die Gesänge der 
Noklurnen und Horae diurnae sind nur in der ersten Zeit durch 
die Tendenz gekennzeichnet, welche den Meßgesang im Mittelaller 
bestimmt, der unveränderten Benutzung des der ersten Organisation 
angehörigen Melodiematerials. Schon vom 10. Jahrh. an bricht 
sich eine neue Richtung Bahn von einem der früheren feindlichen 
Charakter; ihr Bestreben war nicht, die alten Offiziumsgesänge zu 
verdrängen und durch neue zu ersetzen oder auch nur umzu- 
gestalten; ein derartiges Verfahren hat das ganze Mittelalter nicht 
gekannt. Wohl aber fand man es für ratsam, für die neuen, mit 
der Zeit immer zahlreicher werdenden Lokaloffizien die seit der 
Organisation des Kirchengesanges geltende Regel zu verlassen und 



Neue Offizien seit dem 10. Jahrh. 30l 

mit neuen Texten, den sog. Historiae^, auch neue Singweisen zu 
beschaffen. 

Für ihre eigenen Heiligen und Patrone wünschte nalürhch 
jede Kirche ein eigenes und schönes Offizium; mit der Einfach- 
heit, mit welcher dasselbe Fest etwa noch in andern Kirchen 
gefeiert wurde, wäre man kaum zufrieden gewesen. Groß ist daher 
die Zahl der Offizien, die vom 1 0. Jahrh. an verfaßt und in Musik 
gesetzt wurden. Ihre Eigenheiten berechtigten, von da an eine 
neue Epoche der mittelalterlichen Offiziumskomposition zu datieren. 
Auf die melodische Eigenart der neuen Richtung kann hier nicht ein- 
gegangen werden 2. Was den Text anbetrifft, so gehören die meisten 
neuen Offizien der Gattung der Offizien in metrischen Versen 
an. Wir berücksichtigen aber auch solche, die in Prosa abgefaßt 
sind; unter dem Gesichtspunkt, der uns hier leitet, funktionieren 
sie beide gleich als spätere und nicht der ursprünglichen Art des 
Offiziums homogene Neuschöpfungen. 

Ausgangs- und Mittelpunkt alles liturgischen Gesanges im christ- 
Hchen Altertum und im Mittelalter sind die Psalmen und andern 
lyrischen Partien der hl. Schrift, also Texte in prosaischer Form. 
Für sie sind die Urformen des liturgischen Gesanges eingerichtet, 
diese haben sie zur Voraussetzung. Würden die Väter des Kirchen- 
gesanges vor metrische Texte gestellt gewesen sein, so würde er 
eine ganz andere Entwicklung genommen haben. Die Hymnen 



1 Der Name Hisloria für die Antiphonen und Responsorien eines solchen 
Offiziums kommt zweifellos daher, daß die Texte derselben zuerst der Lebens- 
beschreibung der zu feiernden Heiligen entnommen waren; man vgl. die 
Offizien der hl. Sebastian, Cäcilia, Lucia, Agatha u. a. Von da übertrug 
sich die Bezeichnung allgemein auf die Summe der Antiphonen und Respon- 
sorien, auch wenn sie nicht einer solchen Vita oder Passio entlehnt waren. 
Antiphonae et responsoria ad uniim diem vel ohservationem pertinentia 
vocantur historia, sagt Radulph, Dekan von Tongern. Derselbe hat über die 
Verschiedenheit der Offizien diese Notiz: Omnes nationes satis icniformiter 
habent historias temporales sive de tempore, Antiphonario romano concor- 
dantes. Sed de sanctis sive de diebus sanctorum Italianae ecclesiae romano 
magis se conformant, quia proprias historias saneforum minime admittimt. 
Deinde ecclesiae gallicanae, deinde anglicanae, postremo alemannieae eccle- 
siae ad historias sanctorum proprias magis se dilataverunt. Sed quoad 
Antiphonarium romanum, hoc sustinendum est, qicod in ordine Eespon- 
soriorum et in versibus eorundem occurrtint saepe ad diversas nationes et 
ecclesias varietates. Natn nee similes versus commimiter habentur, nee 
idem ordo rcsponsoriorum et antiphonariim ubique servatur. De can. observ. 
prop. XII. (Max. bibl. patr. t. XXVI, p. 299 fr.) Vgl. auch oben S. 129 Anm. 2. 

2 Eine Darlegung der wichtigsten Stilelemente der neuen Offizien gab 
ich im kirchenmusikalischen Jahrbuch 1908, S. 1 3 ff. Vgl. auch die Revue de 
chant gregorien, Grenoble, V p. ,') i und VII p. 7 11'. 



302 



Die Offizien in poetischer Form. 



vermochten nicht die altern Gesangsformen sich anzueignen, eben- 
sowenig die Sequenzen und Tropen; sie schufen sich eigene, ihrer 
Sonderart angemessene melodische Ausdrucksweisen. Wenn aber 
in die für prosaische Texte geschaffenen Rahmen metrische Formen 
eingesetzt wurden, so war das keineswegs eine organische Weiter- 
bildung, und die Grundlage des ganzen Kirchengesanges konnte 
damit in Frage gestellt werden. Zum Glück trat hier die Musik 
als Uetterin der altehrwürdigen Formen auf; die Komponisten der 



prosaische, nicht also wie die Hymnen und Sequenzen. So blieb 
das Gerüst des Offiziengesanges in seinen Hauptstützen wenigstens 
bestehen, obschon die neuen Texte die musikalischen Formen nicht 
ganz unberührt ließen i. 

1 Über metrische Stücke im Meßgesang vgl. oben S. 09 und 91, sowie 
Analecta hymnica Bd. XIVi, p. 243fr., XLV«, p. 202 ff. und XLIX, p. 19. 
Clemens Blume hat in einer Vatikanischen Handschrift des 1 5. Jahrh. (Cod. 
Vat. 1205) eine metrische Messe de S. Achatio entdeckt (Analecta hymnica 
Bd. XXV 1). 1H), die, ein Monstrum, hier folgen möge: 



Introitns. 

Congaudentes laudent gentes 

agmina nobilia, 

militum crucifixoruni 

sancla dena milia, 

per quos deus mundo praestat 

dona rairabilia. 

Gradaalc. 

Qui honorant cruxificos 

cum pura instantia, 

dena milia sunt semper 

pro Ulis orantia. 

Nunquam sinunt illos mori 

sine paenitentia, 

namque deus donat illis 

altum Privilegium, 

vincla solvens peccatorum 

decenorum milium. 
\ Speciales horum servl, 

cum de mundo transeunt, 

dena milia crucißxi 

concurrentes veniunt, 

transeuntes adjuvando 

precibus communiunt. 
T . Si poenarum loco dentur 

et non aeternalium, 



habont martyrum per preces 
decenorum milium 
Indulgentiam dierum 
sie dcnorum milium. 

Alleliija. 
Sancta quippe mater tota 
praedicat ecclesia 
quod per merita sanctorum 
deus dat auxilia, 
poenitentibus confessis 
donat indulgentiam. 

Offertorium. 
Cesscnt ergo malignantes 
neque per invidiam 
detrahendo molestare 
martyrum potentiam, 
ne in fine sint damnati 
per dei sententiam. 

Communio. 
Gloria sit crucifixo, 
honor iubilatio, 
qui est rex crucifixorum, 
vita consolatio, 
quos amavit, coronavit 
in coeli palatio. 



Was in Verbindung mit solchen Texten aus den verschiedenen liturgischen 
Musikstilen werden mußte, kann man sich vorstellen. Eine ähnliche Messe de 



Einzelne poetische Stiiclie. 303 

Um die Entwicklung der neuen Richtung in ihren Hau))!- 
linien — mehr ist heute noch nicht möglich — zu skizzieren, wird 
es sich empfehlen, daraufhin einige Offiziumshandschriflen ver- 
schiedener Zeiten zu untersuchen ', 

Die in dichterischen Formen ahgefaßten Gesangstücke des 
St. Galler Antiphonars Cod. 390—391, des Cod. Hartker, lassen 
sich in zwei verschiedene Gruppen zusammenfassen: als Ausgangs- 
punkt der ganzen Richtung werden Stücke anzusehen sein, zu 
denen liturgisch schon verwendete Hymnen den Text hergaben. 
Dazu gehört die 3. Strophe des Weihnachtshymnus A solis ortus 
cardine: Castae parentis viseera, die S. 48 der Handschrift als Vers 
des 1^. Gratulamini mihi omnes und S. 118 als A^ers des IJ!. Videte 
miraculum erscheint, ferner die 4. Strophe desselben Hymnus: Domus 
pudici pectoris, die S. 49 Vers des 1^. Gonfirmatuni est ist; weiter 
zum Feste der Exaltatio S. Crucis S. 225 das dem Passionshymnus 
Fange lingua gloriosi Praelium certaminis entnommene J^. Duke 
lignum, dulces clavos^ mit dem T. Crux fidelis. Die Aufnahme 
dieser Stücke ins Offizium könnte bis auf die Zeit zurückgehen, 
welche die betreffenden Hymnen in die Liturgie einführte; in diesem 
Falle würden die Wurzeln der gedichteten Offizien sehr weit zu- 
rückreichen; nur das M. Duke ligyium kann nicht älter sein als das 
7. Jahrb., in welchem das erwähnte Fest in Rom Eingang fand 2. 

Als jünger muß man wohl Texte ansehen, die liturgisch nicht 
verwendeten Dichtungen entstammen oder eigens für ein beson- 
deres Fest verfaßt wurden. Dahin gehört S. 50 die Laudesantiphone 
von Weihnachten Genuit puerpera regem, deren Quelle das Carmen 
paschale des Sedulius ist (Buch H, f. 63 ff.). Wie die Strophen 
des Hymnus A solis ortus nur als Responsoriumsverse erscheinen, 
also Prosatexten angeschlossen sind, so hat die erwähnte Anti- 



Immaculata Conceptione fand Dreves in einer Wiener Handschrift (vgl. Vorwort 
zu Bd. XXVI der Analecta hymnica). Orrigo Scaccabarozzi (f 1293) verfaßte 
auch gereimte Messen für die ambrosianische Liturgie; vgl. die Analecta 
hymnica Bd. XIV, p. 245 ff. Auch metrische (rhythmische) Offertorien und 
Communionen begegnen Ausgangs des Mittelalters sogar in Missalien ; vgl. 
Analecta hymnica, 1. c, p. 330 ff. und 360 ff. 

1 Offizien in poetischen Formen sind veröffentlicht in den Analecta 
hymnica medii aevi von Dreves und später auch von Blume, Bd. V, XIII, 
XVIII, XXIV bis XXVI, XXVIII, XLVa. Zur Geschichte derselben vgl. die Vor- 
reden der betreffenden Bände, sowie Blume, Zur Poesie des kirchlichen Stunden- 
gebetes im Miftelalter, in den Stimmen aus Maria Laach 1898, S. 132 ff. Mit den 
Veröffentlichungen der Analecta hymnica ist das Material noch nicht erschöpft. 
Die oben besprochenen Officia der Pariser Handschrift z. B. sind bisher noch 
nicht veröffentlicht. 

- Duchesne, Orisines -263. 



304 Die Offizien in poetischer Form. 

phone, die dem Vorbild nicht wörtlich folgt, den Charakter metrischer 
Form besonders in der zweiten Hälfte ziemlich abgestreift i. Da-' 
gegen haben die ursprüngliche Form bewahrt das 1^. Contmet in 
grcmio mit dem T. Maternis vehitur S. 49 2, die gleichlautende Anti- 
phone S. 54, die Interrogatio: Quid regvna polt faciat nunc, dissere 
nohis mit der Responsio: Nunc puerum Christum genuit greniioque 
Jocavit, die Ant. regem coeli S. 54 3, die aus vier mit Endassonanz 
versehenen Versen bestehende Ant. In praesepio jacebat^ und die 
aus zwei die Auflösung der prosodischen Gesetze deutlich zur 
Schau tragenden Hexametern sich zusammensetzende Ant. Prae- 
sepis angustia^ S. 55. Alle diese Texte gehören dem Weihnachts- 
offizium an. 

Dem Benediktusoffizium gehört an die Ant. S. 1 29 (auch Respon- 
sorienvers S. 130): Nutrici in auxiliimi, aus vier jambischen Di- 
metern bestehend*', dem des hl. Petrus der als Antiphone S. 281 
wie als Responsorium S. 282 verwendete Text Solve iubente deo"^, 
zwei Hexameter bildend; ferner erwähne ich das Responsorium in 



1 Das Original lautet (Migne, Patr. Lat. XIX, 599): Enixa p/icrpcra regem, 
Qui coelum ierraniquc tenet per saecula, cuiiis Numen et aeterno complectens 
omnia gyro Imperium sine fine manet; quae venire heato Gaudia matris 
Habens cum virginitatis honore Nee primam similem visa est nee habere 
sequentem. Die Antiplione des Codex Hartker dagegen: Oenuit puerpera 
regem, cui nomen aeternum et gaudium matris habens cum virginitatis 
pudore nee etc., schließt sich also nicht Wort für Wort an Sedulius an; viel- 
leicht liegt ihr eine andere Lesart des Sedulischen Gedichtes zugrunde. Be- 
merkenswert ist, daß der Introitus Sah-e sancta parens , den die Hand- 
schriften erst vom 12. Jahrh. an kennen, dem Original genauer folgt. 

2 Ij;. Continet in gremio coelum terramque regentem Virgo, dei genitrix, 
proceres eomitantur heriles Per quos orbis ovans Cliristo sub principe poltet. 
y.: Maternis vehitur, qui matreni vexerat ulnis, Bis seni comites, quem 
stipant agmine fido (5 Hexameter). 

3 regem coeli, cui talia famula^itur Obsequia stabido ponitur, qui 
continet mundum, Jacet in praesepio et in nubibus tonat (2 Hexameter und 
\ Pentameter). 

4 In praesepio jacebat Et in coelis ftdgrbat Ad nos vcnicbat Et apiid . 
patrem manebat. 

5 Praesepis angustia Christum portavit infantem Immensifas coeli Stc- 
phaniim triumphantem sitscepit. 

^> Nutrici in auxilnim Grande fecit miracidum Primum in partes 
divisum Reiunxit capisterium. 

'' Salve iubente deo terrarum, Petre, catenas, Qui facis ut pateant 
coelestia regna beatis. Wahrscheinlich hat eine altrömische Inschrift diesen 
Text geliefert, ebenso wie die Ant. Hie vir despieiens mundum (de Comm. 
Confess.) und magnum pietatis opus (in Exalt. S. Crucis) wohl auf Inschriften 
zurückgehen. Vgl. Morin in der Revue Benedictine, XXYIf, 1910, p. 401. 



Das Trinitalisoffizium. 3Q5 

Naüv. B. Mariae S. 304 Solem iustitiae mit y. Cernere divinum i, 
aus drei Hexametern bestehend 2; zwei Hexameter zu Ehren des 
hl, Othmar S. 344:*, endlich S. 354 den f. Nos sumus (ein Disti- 
chon) des 1^. Ora pro nohis im Offizium des hl. Clemens K 

Die bisher namhaft gemachten metrischen Stücke sind immer 
nur kleine Bestandteile eines sonst durchaus in Prosa abgefaßten 
Offiziums und fallen kaum auf, wenn man nicht besonders die 
einzelnen Offizien daraufhin untersucht 5. Von da bis zu einem 
vollständigen Offizium in Versen war immer noch ein weiter Weg; 
ein gutes Stück desselben ist zurückgelegt in der Historia de S. Tri- 
nitate^ welche im Hartkerschen Antiphonar auf S. 101 steht und 
auf einen Sonntag nach Epiphanie, nicht wie nachher (und schon 
im Cod. St. Gallen 339 die Messe) auf den ersten Sonntag nach 
Pfingsten ö gelegt ist. Auch hier ist noch nicht das ganze Offizium 
in Versen abgefaßt, wohl aber größere Teile. Es sind die fünf 
Antiphonen der Vesper: Ant. Gloria tibi trinitas^ Ant. Laus et per- 
ennis gloria, Ant. Gloria laiidis resonet in ore^ Ant. Laus deo patri 
pariliqiie proli, Ant. Ex quo omnia; vielleicht darf man dazu auch 
die Ant. Te invocamus, Ant. Sjjes nostra, Ant. Libera nos der zweiten 
Nokturn zählen 7, jedenfalls aber das I^. Gloria jmtri genitaeque proU. 



1 Solem iustitiae regem paritura supremum Stella maria maris hodie 
processit ad ortiim. T. Cernere dicinum lumen gaudete fideles. 

2 Dasselbe stammt dem Text nach von Fulbert von Chartres, die Melodie 
vielleicht von Robert dem Frommen; vgl. oben S. 247. 

3 Jam tenet Othmariis paradisi gaudia darus Suppeditans agno date 
laudes rohore magno. 

4 Nos sumus indigni promissa superna mereri, Sed tu pro nobis funde 
preces superis. 

ü Noch später entdeckt man nicht selten in einem der Hauptsache nacli 
prosaischen Offizium ein eigens gedichtetes Ijl. oder eine Aila; vgl. Analecta 
hymnica Bd. XXIV, p. SCf. 

G Merkwürdigerweise behauptet die Paleographie Musicale noch in tom. IX, 
p. 40 (mehrere Jahre, nachdem sie selbst Cod. 390 — 391 veröffentlicht hatte, 
und in diesem Werke auf die Trinitatishistoria hingewiesen war, in der fran- 
zösischen Ausgabe p. 2<:9), die Antiphonarien von St. Gallen enthielten das 
Officium de S. Trinitatc nicht. 

■^ Diese sind inspiriert durch das Carmen de Trinitate des Marius 
Victorinus Afer (Migne, Patr. Lat. VIU, 11 39 ff.). Alle oben angeführten Texte 
stehen noch im heutigen Brevier mit Ausnahme des V/. Oloria Patri, welches 
deshalb hier folgen möge: 

\f. Gloria patri gonitaequc proli V. Da gaudiorum praemia. 

Et tibi compar ulriusque semper Da gratiarum munera, 

Spiritus alrae, deus unus omni Dissolve litis vincula, 

Tempore saecli. Astringe pacis foedera. Omni 

tempore. 
Wagner, Gregor. Melod. I. 20 



306 Die Offizien in poetischer Form. 

Solchen in Versen abgefaßten Gesangstexten treten die andern 
Stücke gegenüber, deren Sprache eine allerdings sehr erhabene 
Prosa ist. Einen einheitlichen Eindruck macht also das Offizium 
nicht; aber auch die versifizierten Stücke folgen nicht denselben 
Gesetzen. Bald haben wir Strophen von jambischen und trochä- 
ischen Dimetern (Ant. Gloria tibi und Laus et perennis, y. Da 
gaudiorum) , bald sapphische Strophen (Ant, Gloria laudis, Laus 
deo patri, I^. Gloria patri]^ bald Verse, die nur durch Gleichklang 
der letzten Silben aufeinander bezogen sind (Ant. Ex quo omnia, 
Ant. Te invoeamtis, Ant. Sjyes nostra^ Ant. Libera nos), wenn man 
sie überhaupt als Verse ansehen darf. Bemerkenswert ist auch, 
daß ein und dasselbe Stück, das If. Gloria patri, von zwei gänz- 
lich verschiedenen Metren Gebrauch macht. Alles das deutet darauf 
hin, daß der Schöpfer des Offiziums de S. Trinitate noch auf der 
Suche war und sich nicht in vollständiger Klarheit darüber befand, 
wie ein in Versen abgefaßtes Offizium aussehen müsse, oder aber, 
daß hier eine Kompilation aus verschiedenen Quellen vorliegt. Man 
gibt als Verfasser des Offiziums den Lütticher Bischof Stephan 
(f 920) oder vielmehr seinen Zeitgenossen Hucbald von St. Amand 
an, der zu ihm in künstlerischen Beziehungen stand ^ Derartige 
Kompilationen waren damals nicht selten, gerade Stephan von Lüttich 
hat den metrischen Partien eines Offiziums de S. Lamberto, die 
ihm ein anderer Dichter, vielleicht Hucbald, überreicht hatte, Re- 
sponsorien eigener Komposition hinzugefügt. Jedenfalls aber darf 
man das Entstehen vollständiger Offizien in Versen nicht später 
als in das 10. Jahrh. ansetzen; wahrscheinlich ging die Bewegung, 
soweit sich bisher urteilen läßt, von dem genannten Kloster 
St. Amand in Flandern aus, gewann bald die andern belgischen 
Klöster, setzte sich in Frankreich fest und drang endlich auch in 
die andern Länder. Wie bei den Sequenzen und Tropen, so muß 
man auch hier die Möglichkeit einer Anregung durch die byzan- 
tinische Hymnenpoesie offen lassen. Ist es doch eine Eigentüm- 
lichkeit dieser, in vielstrophigen Gedichten den Ruhm eines Festes 
oder Heiligen zu verkünden. Auch Hucbald stand in Beziehungen 
zur Musik der Griechen seiner Zeit. Daran wird niemand zweifeln, 
der seine Schrift De harmonica institutione (Gerbert, Scriptores I, 
p. 104 IT.) aufmerksam durchgelesen hat^. Die Ähnlichkeit des 

1 Blumo, 1. c, iBS. ßäumcr, ßreviergeschiciite, S. 350. 

2 Daß die Musica Enchiriadis, die neuerdings durch Riemann und Jacobs- 
thal wieder den echten Schriften Hucbalds eingereiht wird, den Theorien 
des Ostens noch mehr verdankt, beweist schon der Name. Auch die ältesten 
byzantinischen Musiktraktate heißen ify zioioia. 



Frühe poetische Offizien. 307 

ausgewachsenen poetischen Offiziums der Lateiner mit dem byzan- 
tinischen liturgischen Hymnus ist unverkennbar. 

Codex Harlker enthält nur ein einziges Offizium, das sich 
ganz aus Versen zusammensetzt; es ist aber nicht von der Hand 
Hartkers, sondern erst im 12. Jahrh, geschrieben und dem Cod. 
St. Gallen 391 beigefügt worden i, das Officium de XI milibus 
Virginum^. 

Zahlreicher sind die in Versen abgefaßten Stücke und ganzen 
Offizien in dem mehrfach erwähnten Pariser Antiphonar de S. Maur 
des Fosses aus dem 1 2. Jahrh. Außer den Antiphonen und Ilespon- 
sorien des Weihnachtsoffiziums, die wir schon aus Codex Hartker 
kennen, begegnen wir kleineren Stücken aus dem Offizium des 
hl. Maurus (fol. 40 ff.), des hl. Benediktus (fol. 63 ff.), der Inventio 
S. Crucis (fol. M3ff.), der hl. Maria Magdalena (fol. 164 ff.), der 
Assumplio B. Mariae (fol. 175ff.), der Nativitas B. Mariae (fol. ISOff), 
der Exaltatio S. Crucis (fol. 184ff.), des hl. Eligius (fol. 2l9ff.), des 
hl. Nikolaus (fol. 222ff.). 

Es kam auch vor, daß man ältere Offizien durch neue, natür- 
lich in poetischer Form, ersetzte. Das Pariser Antiphonar hat 
dafür ein interessantes Beispiel in einem Officium de S. demente 
(fol. 21 2 ff). Zunächst steht das neue vollständige Offizium, dann 
folgen aus dem altern Offizium in Prosa noch die Stücke der dritten 
Nokturn und der Landes. Jenes zeichnet sich weder durch Ein- 
heitlichkeit der Struktur, noch durch geschickte Handhabung der 
metrischen oder rhythmischen Formen, noch endlich durch Ge- 
dankentiefe aus; es ist eine Gelegenheitsarbeit ohne besondern Wert. 
Um dem Leser einen Einblick in diese Übergangsperiode der 
Historien zu ermöglichen, sei aus derselben Handschrift das voll- 
ständige Officium de S. Arnulfo mitgeteilt (fol. 16-1 ff.); man achte 
auf den Wechsel der Strophenformen, sowie auf die zahlreichen 
Gleichklänge am Ende der Verse, auf die tropierende Prosa, welche 
dem letzten Responsorium der Nokturnen angehängt ist, und auf 
die in gewöhnlicher Sprache abgefaßte letzte Antiphone der Landes. 



I 



1 Cod. Hartker, Ausgabe der Paleograpliie Musicale, S. 21 6 ff. 

2 Teilweise veröffentHcht von Dreves in den Analecta hymnica Bd. XIII 
S. 238. Dreves benutzte Handschriften nicht monastischen Ursprunges, die be- 
kanntlich kürzere Offizien haben. 



308 



Die Offizien in poetischer Form. 



Cfücium S. Arnulfi. 



VIG. AD \ ESP. 



Anf. Christe dei patris sapientia, gloria, splendor, 

aspira nobis tibi solvere munera laudis 

martiris Arnulfi meritis precibusque beati. 
Ant. Hiiius adest nobis mentes ad gaudia cogens 

natalis hinc prosperitas ad vota nilescat. 
Ant. Gaudeat hinc collecta manus pro munere sanctus 

Arnulfus quo perfruitur super ethera nolus. 
Ant. Vincula tu nostri martir venerande reatus 

nunc prece desudans instanter solve profunda. 
I^. Vernans purpurea. y. Martir marlirii. 
Ant. ad Magn. Exultet aula celica 

laetetur mundi machina, 

exultet urbs turonica, 

congratuletur Gallia, 

Arnulfi magni martiris 

dum recolit solenmia. 



INVITATORIUM. 

Deum devotis mentibus 
adoremus fideliter, 
Arnulfus martir inclitus 
in quo vivit feliciter. 

I. NOGTURN. 



Ant. Francorum fausto germine 
divino datus munere, 
Arnulfus venerabilis 
surrexit vir mirabilis. 

Ant. Remensium Remigio 
tunc temporis episcopo 
oblatus est a patribus, 
cuius fuit filiolus. 

Ant. Beatus praesul puerum 
suscipiens ut proprium, 
alumnum altor aluit 
secundum legem domini. 



Ant. Pius pater pius puer 

psallebant Christo iugiter, 
docebat doctor docilem 
discipulum et humilem. 

Ant. Regi multum amabilis 
sanctus Arnulfus meruit 
neptam regis accipere 
sub coniugali foedere. 

Ant. Sic maximus cum maxima 
coniunctus Christi gratia, 
deum quaerentes pariter 
manent aeterni virsines. 



Das Arnulfusoffizium. 



309 



1^. Politis in lapidibus, 
quibus coelestis struitur 
Hierusalem mirifica, 
micat Arnulfus gloria. 

T- Golore pictus rubeo 

martirii cognitio, Mirifica. 

H. Ingenuis parenlibus 
Arnulfus martyr genilus, 
sublimitatem sobolis 
submisit vitae meritis. 

y. Magnanimus ut iuvenis 

iugum portaret domini, Su- 
blimitatem. 

IJi. Divino tactus monitu 
fidelis Christi famulus 
relicta rerum copia 
fit paupertatis incola. 

y. Olim dives in patria 

permundumagetad Vena. Fit. 



H. Romana sanctus limina 

deposcit apostolica, 

implorat patrocinia, 

viae suae solaniina. 

y . Loca sanctorum visitat 

per orbis ampla spatia. Im- 
plorat. 
T- Gloria Patri. V^. Romana. 
Prosa. Solus qui permanes deus 
super omnes, 
pietatem tuam poscimus hu- 

miles, 
ut nostra corpora semper 

sanctifices, 
mentes atque nostras vas tibi 

praepares ; 
sine fine, pie rex, nos con- 

serva, 
lua nobis concede solaniina. 



II. NOGTURN. 



A7it. Herilis pauper coelitus 
ut redeat ammonilus, 
Ravennatensem proprio 
urbem ditat hospitio. 

Ant. Cum promeret dominica 
in nocte laudum cantica, 
clamare coepit anima, 
sancte Arnulfe adiuva. 

Ant. Benignus pater lugubrem 
benigne vocem audiens, 
et animam eripuit 
et corpori restituit. 

Ant. Ravennatensis concio 
dans operam miraculo 
festina gerit gaudia 
in hospitis praesentia. 

Ant. qualem operarium, 

quam gnarum Christi medi- 
resuscitavit mortuum [cum 
iam patientem feretrum. 



Ant. Tu pater me sanctissime, 
de infernali carcere 
tu liberasti me pius, 
non te relinquam amplius. 

B'. Cum civitas Turonica 
foret pastore vidua, 
sanctus Arnulfus strenuam 
suscepit oechonomiam. 

X. Electus et ab angelis 

maiorem gradum meruit. 
Sanctus. 

i^. Decem et septem per dies 
episcopatum obtinet, 
Hispaniam post appetit 
novae fundator fidei. 

T- Ut qui praesens est ubique 
spiritu, sit et opere. Hispa- 



310 



Die Offizien in poetischer Form. 



serpentem fisus adiit, 
de stola Collum vinxit, 
in quoddam stagnum pepulit. 
y. Tunc rex et omnis populus 
Christum credit baptizatus. 
In quoddam. 
R!. Conserva famulos angue re- 
demptos, 
ac Arnulfe, polo redde heatos. 



y. Exaudi proprios altor aluni- 

nos. Ac. 
y. Gloria. I^.. Conserva. 
Prosa. Benigne deus, quem lau- 
dant angeli, 
venerantur, tremunt pote- 

states coeli, 
culpae veniam annue nobis, 
quia solus potens es, parce 

famulis, 
nosque polo redde heatos. 



AD CANTICA. 



Ant. Benedictione itaque petita 
ignotae peregrinationis arri- 
puit iter. 

Ij;. Miles Christi, y. Utcoelestis. 

^. Praesul inclitus Arnulfus, 
Christi domini famuius, 
postposita mundi pompa 
coeli petivit sidera. 

y. Exultans martir coelicus 
paradisicola dignus Post- 
posita. 

IJ!. Beatus martir domini 
pompatus vitas meritis, 
a servis caesus gladiis 
martirium promeruit. 

y. Jam dignus coeli requie 

ac paradisi munere A servis. 
y. Gloria. U. Beatus. 



Prosa. Pro meritis opimis fugimus 

ad te, 
poli dives incola martir Ar- 
nimis gloriose, [nulfe, 

te veneramur clara voce, 
ad te clamantes non respice, 
pie pater nobis succurre, 
nos ab omni malo eripe: 
umbone sancto famulos pro- 

tege, 
atrox ne serpens valeat 

laedere, 
dulcis altor preces nostras 

suscipe, 
clementiam tuam nobis os- 
rogamus te, Christe, [tende, 
huius almi marliris prece 
fac nos illuc scandere, 
quo beatus Arnulfus esse 
tecumque vivere promeruit. 



AD LAUDES. 



Ant. Cunctis valde venerandus 
est beatus Arnulfus, 
primum illis, quibus datus 
est a deo corpore. 



Ant. Felix martir Arnulfus 
coeli stemmate fisus 
per corporis martirium, 
perenne sumpsit gaudium. 



Das Reimoffizium. 311 

Atit. Meinende deus seniper, Auf. Laudemus dominum gau- 

quam ammirabilis, denti menle supernum, 

qui triumphum talem prae- laelificat tanto qui nos pre- 

bes senle patrono. 

militibus propriis. InEvang. Adeslnobisdiesgaudii, 

Änt. athleta virtuose, qua beatus Arnulfus sus- 

Arnulfe, suppliciter ceptus est inter agmina 

ut pro nobis deum roges, sanctorum ; nobis ergo 

precamur humiliter. succurre, pie pater, apud 

deum. 

AD MAGNIFICAT. 

martir propriam felix Arnulfe catervam 
digna laude tui recolentum gaudia festi 
semper sanctifica miti moderamine serva, 
te duce cbristicolis iungatur iure perenni. 

Die weitere Ausbildung der poetischen Offizien verlief parallel 
derjenigen der Sequenzen. Mit einfacher Nebeneinanderstellung von 
poetischen und prosaischen Stücken beginnend, war man dazu 
gelangt, das ganze Offizium in poetische Formen zu kleiden, die 
zuerst in großer Mannigfaltigkeit auftreten, so daß auf einheitliche 
Struktur des Offiziums kein Wert gelegt wird. Es konnte aber 
nicht ausbleiben, daß man die Mängel dieses Stadiums, bei dem 
es sich ebenfalls nur um eine lose Zusammenstellung von der 
äußern Form nach verschiedenen Stücken handelte, erkannte. 
Die Richtung des Fortschrittes war von selbst gegeben: die ganze 
Historia mußte denselben metrischen oder rhythmischen Typus 
von Anfang bis Ende durchführen und durch den Reim die Ge- 
bundenheit der Glieder einer Strophe anstreben. 

Wer diesen wichtigen Schritt getan und damit das Reim- 
offizium geschaffen hat, welches den Schlußstein der Entwicklung 
bildet, ist bisher noch nicht festgestellt. Vielleicht ist als der 
Vollender der Richtung der Franziskaner Julian von Speier zu 
nennen, der begabte Dichter und Komponist der Offizien des hl. 
Franziskus und des hl. Antonius i. Er starb um 1250 in Paris, 
wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat. Man wird 



1 Dieselben sind mit den Melodien herausgegeben von P. Felder: Die 
liturgischen Reimoffizien auf die hl. Franziskus und Antonius, gedichtet und 
komponiert von Fr. Julian von Spcier, Freiburg (Schweiz) 1901. P. Felder 
hat in wichtigen Punkten die Darlegungen von Dr. Weis: Julian von Speier,. 



312 Die Offizien in poetischer Form. 

also die Entstehung des vollkommen ausgebildeten Reimoffiziums 
mit einheitlichem formalem Bau in das Ende des 12. oder in die 
erste Hälfte des 13. Jahrh. zu setzen haben, eine Zeit, die nicht 
zu sehr von der Tätigkeit des Adam von St. Victor entfernt ist, 
dessen Sequenzen die Offiziumsform beeinflußt haben w^erden. Die 
beiden Offizien Julians sind vollkommen organisch durchgebildet, 
von so gefestetem Charakter, daß eine Weiterentwicklung zu noch 
mehr geschlossenen Formen nicht gut möglich war. 

Der Bau der Juhanischen Offizien ist klar, wenn man sich 
ihre ersten Antiphonen vorhält: 

Offizium des hl. Franeiscus. Offizium des hl. Antonius. 

Erste Antiphone der ersten Vesper: 

Franeiscus, vir catholicus a Gaudeat ecclesia, a 

Et totus apostolicus a Quam in defunctorum b 

Ecclesiae teneri b Sponsus ornat gloria a 

Fidem romane docuit c Matrem filiorum. b 

Presbyterosque monuit, c 

Prae cunctis revereri. b 

Das Offizium des hl. Franziskus ist durchweg in jambischen, 
das des hl. Antonius in trochäischen Versen gedichtet, der Reim 
hilft überall die übersichtlichen Formen abrunden, so daß die 
Antiphonen und Responsorien vielfach eine Gestalt aufweisen, die 
Ähnlichkeit mit der modernen Liedform hat. Die zueinander ge- 
hörigen Antiphonen oder Responsorien, so z. B. die Antiphonen 
der Vesper, die Antiphonen und Responsorien der ersten Nokturn 
usw., haben Zahl der Verse und Reimstellung gemeinsam. Im 
Antoniusoffizium haben sogar alle Antiphonen, die der Vesper wie 
die der Nokturnen, vier Verse, nur die Cantica ad Evangelium sind 
mit Recht in Beachtung der feststehenden Tradition ausführlicher 
behandelt. Es ging nicht an, die Responsorien und Antiphonen 
in der Ausdehnung gleich zu bauen; die melodische Ausführung 
verlangte für die Responsorien eine größere Zahl Verse. 

Die Julianischen Offiziumstypen fanden ungemein viel Anklang, 
was sich, abgesehen von den hervorragenden poetischen Fähig- 
keiten ihres Autors, besonders durch die ungeheure Ausbreitung 



München 1900, richtig gestellt; die musikalische Partie der Weis'schen Sclirift 
ist die am wenigsten gelungene. Über das merkwürdige tonartHche Verhalten 
der Kompositionen Julians, vgl. das Kirchenmusikalische Jahrbuch 1908, S. 13 ff. 



Neue Offizien in Frankreich. 313 

des Franziskanerordens und der Offizien seiner grüßten Heiligen 
erklärt. Für Offizien der Franziskanerheiligen, wie auch anderer, 
ahmte man gern die Formen Julians nach, nicht selten mit An- 
klängen an den Text der Vorlagen, oft auch indem man die Julia- 
nischen Melodien einfach herübernahm. Man begegnet solchen 
Nachahmungen besonders in Büchern zum Gebrauche der Franzis- 
kaner. So sind von Julian abhängig *, um nur einige zu erwähnen, 
Reimoffizien zu Ehren der hl. Clara, des hl. Eremiten Antonius, 
des hl. Ludwig und andere. Das bedeutsamste ist ein solches de 
S. Trinitate, das mit den Worten beginnt: Sedenti fmper solium'^. 
Sein Verfasser ist der Franziskaner John Peccham, Erzbischof von 
Canterbury (f 1292); es ist in der äußern Struktur eine genaue 
Nachbildung des Franziskusoffiziums Julians, mit dessen Melodien 
es auch verbunden wurde. Dies neue Trinitatisoffizium verdrängte 
das ältere zunächst aus den Franziskanerbüchern, dann auch aus 
den römischen, welche seit Sixtus IV. von den Franziskanern re- 
digiert wurden. Heute ist aber nur mehr das älteste im Gebrauch. 

Die Zahl der Offizien des spätem Mittelalters ist unübersehbar. 
Dreves und Blume haben deren aus Handschriften und altern 
Drucken viele Hunderte herausgegeben. Manche Heilige wurden 
in mehreren gefeiert; so hat man 21 verschiedene Reimoffizien der 
hl. Anna gefunden-^. Nur von wenigen sind die Namen der Ver- 
fasser auf uns gekommen. Einige seien noch hier angeführt, um 
die außerordentliche Blüte der Offiziumskomposition 
seit dem 10. Jahrb. zu verdeutlichen, wobei kein Unterschied 
zwischen Verfassern prosaischer und poetischer Stücke gemacht 
werden soll. 

Schon Alcuin soll in Tours ein Offizium des hl. Stephanus 
und andere Gesänge verfaßt haben, wobei nicht überliefert wird, 
daß er sie auch mit Melodien versah*. Sein Freund Angel - 
ramus, Abt von St. Riquier, wird als Verfasser von Offizien der 
hl. Valerius und Wulfran angeführt. Hucbald von St. Amand in 
Flandern und der Lütticher Bischof Stephanus sind schon erwähnt 
worden. Jener, der berühmte Theoretiker (f um 930), komponierte 
auch Gesänge für die Kirchen von Meaux und Nevers ; die Gesangschule 
von Nevers hatte eine Zeitlang unter seiner Leitung gestanden. 



1 Vgl. Dr. Weis, Julian von Speier, S. 8411". 

- Analecla hymnica Bd. V, p. 19ff. ; vergleiclie aucii Bd. XXIII. p. 5 ff. und 
Bd. XXV, p. 5 ff. 

•^ Blume, Zur Poesie des kirclil. Stundengebetes, Stimmen aus Maria - 
Laacli, 1898. S. 133fT. 

4 Gerbcrt, de cantu II, 33. 



314 Die Offizien in poetischer Form. 

Stephanus scheint überhaupt liturgisch sehr tätig gewesen zu 
sein 1, was auch schon von seinem Vorgänger auf dem Lütticher 
Bischofstuhle, Franco (856 — 903)2, hervorgehoben wird. Der Ut- 
rechter Bischof Ratbod (etwa 900) galt als Komponist des Offi- 
ziums der Translatio des hl. Martinus, Rainald, Bischof von 
Langres, als Komponist eines solchen des hl. Martyrs Mammes, zu 
dem die Gedichte des Walafrid Strabo den Text geliefert hatten. 
Unter die von Hericus und Remigius, zwei München im Kloster 
des hl. Germanus von Paris, zu Ehren ihres Patrones komponierten 
Melodien soll Guido, Bischof von Auxerre (etwa 950), neue Texte 
zu Ehren eines hl. Julian gesetzt haben. Dieselben Melodien wurden 
seit dem 1 2. Jahrh. in Autun auch für das Fest des hl. Lazarus 
verwendet 3. Abt Folcvin von Lobbes (965 — 980) ist Autor 
eines Reimoffiziums auf den hl. Folcvin, Abt Odilo von Glugny 
(994 — 1048) aller Wahrscheinlichkeit nach eines solchen auf den 
hl. Maiolus, seinen Vorgänger. Weiter werden genannt Letaldus 
von Micy bei Orleans (Ende des 10. Jahrb.), Komponist eines be- 
rühmten Offiziums des hl. Julian, des ersten Bischofs von Le Mans; 
man pries seine Kenntnis der alten Melodien, die er sich zum 
Muster genommen, im Gegensatz zu andern Komponisten, die sich 
Freiheiten und Neuerungen erlaubten^. Um 936 blühte Marquard, 
Mönch von Echternach, Verfasser von Hymnen, Prosen und andern 
liturgischen Gesängen. Ein Remigius Mediolacensis (um 980) 
verfaßte auf Ersuchen des Trierer Erzbischofs Eckbert die Offizien 
der Gründer der Trierischen Kirche, Eucharius, Valerius und Ma- 
ternus, wäe auch andere Gesänge. Besondere Erwähnung verdient 



1 Nach Sigebert, de script. ecel. c. 123 (Migne, Patr. Lat. LX, 573), schickte 
er dem Metzer Bischof Robert eine Sammlung von Kapiteln, Responsorien,^ 
Versen und Kollekten für alle Tages- und Nachtstunden des Kirchenjahres. 

2 Gerbert, de cantu II. 3-2. 

3 Für das Folgende sind Blume. Zur Poesie des kirchl. Stundengebetes 
1. c. S. 1 sl ff. und Lebeuf, Traito historique, S. 18 (f., sowie Gcrbert, de cantu II,, 
35 ff. zu vergleichen. 

4 »Porro in cnmponendo S. Juh'ani officio excedere noluit a similitu- 
dine veteris cantus, ne barbaram aiit inexpertem melodiavi fingeret; non 
enim mihi placet, ait ille, qaorundam musicorum novitas qui ■ tanta dissi- 
militudine utwztur, ut veteres sequi omnino dedigneniur atietores.« Annal. 
Benedict. I, 110. Lebeuf (1. c, 8. 43) denkt hier an das allmähliche Eindringen 
des Reimes und metrischer Texte ins Offizium, wie an Freiheiten, die schon 
im Officium de S. Trinitate in der Komposition des Stephanus von Lüttich 
vorlägen, Bevorzugung der Tonika und Dominante bei den Perioden und 
Periodenteilschlüssen und reichere Melodicbildung in den Antiphonen. Be- 
stimmtes läßt sich in dieser Beziehung nicht sagen, bevor die Melodien des 
Letaldus veröffenthcht sind. 



Neue Offizien in Deutschland. 315 

Bruno, Bischof von Toul, der als Leo IX. den päpstlichen Stuhl 
bestieg (f 1054). Ihm wurden Responsorien zum Offizium des 
hl. Gorgonius, des Patrons der Abtei Gorz, zugeschrieben, ferner 
Responsorien für die Feste des hl. Hidulf, der hl. Ottilia und Gregor 
des Großen. Wenn hier nur Responsorien erwähnt sind, so darf 
man nicht vergessen, daß gerade sie den Glanzpunkt der liturgi- 
schen Feier bildeten; an Festtagen waren aller Augen auf den 
Kantor der Matutinresponsorien gerichtet. Bruno hat auch eine be- 
rühmte Melodie des Gloria in excdsis komponierte Im II. Jahrb. 
erwies sich besonders die Normandie reich an bedeutenden Offi- 
ziumskomponisten. Als solcher wird genannt Abt Isembert, dem 
einige das Officium de S. Nicoiao zuschreiben, weiter Ainard, Ver- 
fasser von Offizien der hl, Katherina und des hl, Kilian, und andere^. 
Aus späterer Zeit werden noch genannt Ingobrand, Abt von 
Lobbes (12, Jahrb.), ein Kanonikus Peter von Cambray (Ende 
des 13. Jahrh.), der Antiphonen und Responsorien der hl, Elisabeth 
in Musik setzte, aber auch als Komponist mehrstimmiger Stücke 
(Conductus) berühmt war. Das bereits erwähnte seltsame Offizium 
de Gircmncisione Domini von Sens hat nach einer freilich späten 
Überiieferung Pierre de Corbeil (f 1221) zum Verfasser. 

In Deutschland fand das Reimoffizium nicht eine so aus- 
gezeichnete Pflege, wie in den Ländern französischer Zunge; über- 
haupt war es selten deutsche Art, sich in liturgische Neuerungen 
zu stürzen. Trotzdem hat es nicht an hervorragenden Männern, 
Dichtern und Komponisten, gefehlt, die ihre reichen Gaben in den 
Dienst der Liturgie stellten. In anderm Zusammenhang ist schon 
Berno von der Reichenau (f 1048) erwähnt worden; von ihm 
stammt ein Offizium auf den hl, Ulrich, vielleicht auch ein solches 
auf den hl. Meinrad, außerdem noch Tropen und Hymnen. Ebenso 
ist uns Ilermannus Gontractus (1054) schon als Komponist be- 
kannt^. Dem 12. Jahrh. gehört Udalschalc an, der 1124 — 1150 
dem Kloster von St. Ulrich und Afra in Augsburg vorstand. Er war 
als Dichter wie als Komponist gleich hoch angesehen ; zu den 
Offizien der beiden Patrone seines Klosters verfaßte er Text und 
Singweise*. Auch die Vitae des hl. Mauritius und der hl. Maria 



1 Diese Melodie steht z, B. im Kyriale der Vatikanischen Ausgabe als 
Nr. 1 unter den Singweisen ad libitum. 

~ Vgl. darüber Dom Pothier in der Revue du chant gregorien, Grenoble V, 
p. öOfT. 

'■'' Vgl. oben S. 1.j7 und S. 269. 

4 Der Katalog der Äbte seines Klosters rühmt von ihm : Fccit intcr 
alios cantus historiam totam de S. Afra. Siniiliter et historiam S. Udalrici 



316 Die Offizien in poetischer Form. 

Magdalena soll er gedichtet und in Musik gesetzt haben i. Aus 
späterer Zeit sind nur noch ein paar Dichter von Reimoffizien zu 
nennen, Ghiseler von Hildesheim, Leopold von Steinberg, 
die beide um 1400 in Hildesheim wirkten, ferner Johann Hoff- 
mann, Bischof von Meißen (Mitte des 15. Jahrb.), und Johann 
Hane (Ende desselben) 2. 

Noch weniger eifrige Pflege scheint den Reimoffizien in Italien 
gewidmet worden zu sein. Alfano, Mönch von Montecasino und 
später Erzbischof von Salerno (f 1085), der sich namentlich in 
metrischen Formen klassischer Tendenz hervorragend betätigte, ist 
Verfasser eines rhythmischen Offiziums der hl. Sabina. Ein Jahr- 
hundert später schrieb Reinaldus de Colle di Mezzo, ebenfalls 
zuerst ein Mönch von Montecasino, dann seit 1140 Kardinal- 
priester, ein Offizium auf den hl. Placidus. Raymund de Vincis 
endlich, ein Dominikaner, der gegen Ende des 14. Jahrb. in Capua 
lebte, ist als Autor eines Offiziums auf die Heimsuchung Mariae 
bezeugt. Am treuesten hielt die römische Kirche an der alten 
Form ihres Offiziums fest, und rein römische Bücher gewähren 
selten einem Reimoffizium Aufnahme. Dafür aber verbreiteten sie 
sich sogar bis nach England und Skandinavien. 

So war allmählich das Offizium unter die Herrschaft der Poesie 
geraten, und seine jüngste Form, die Hymnen, hatte alle älteren 
Bestandteile fast vollständig sich assimiliert. Man mußte früher 
oder später auf diesen Weg geführt werden, sobald man Texten 
die Aufnahme in die Liturgie ermöglichte, die nicht dem Gebet- 
und Gesangbuche der Kirche, der Bibel, angehören. Die große 
liturgische Reform des 16. Jahrb. hat die meisten spätmittelalter- 
lichen Offizien außer Gebrauch gesetzt, durch die Bewegung zur 
Einheit des Stundengebetes dieses selbst seinen Grundlagen zurück- 
gegeben; so war die Arbeit des Konzils von Trient auch in dieser 



ep. Aug.^ quem cantiim ad ppiscopum Gonstantinensem Udalricum feeit; 
ita metro dyapente diäte ssaronquc inducit, ac diaposon consonantiarum 
concordi modulatione cum opportunis licentiis et figuris huius artis musicae 
utitur miriftce, ut in jocunditate^n laudesque suaves dei atque viri adtni- 
rationem tristes quoque mentes quam facile excitari possint. Nee diseors 
verhorum sensus a melodiae concentu. Optimo eniin metrorum genere Udal- 
riei, Afrae autem prosa equidem a metri compendio haud multum disiante, 
vitam pene omnem pariter ligavit ac comprehendit. (Vgl. Hocynck, Goscliichte 
dos Bistiuns Augsburg, S. 59.) Diese Notiz erlaubt die Vermutung, daß üdal- 
schalc seine Kompositionen mit dem Organum ausgestattet habe. 

1 Vcrsibus coniplexus est easque notis musieis composuit et ad publice 
deeantandas in officiis ecclesiasticis destinavit. Hoeynck, ebenda. 

2 Blume, I.e., 142. 



Die Tridcnlinische Reform. 317 

Beziehung eine sehr wohltätige Reform, wenn auch durch Be- 
lassung einiger gereimten Stücke die Kirche ihre Bereitwilligkeit 
dartat, alles bei sich aufzunehmen, was schön und fromm ist, so- 
fern es denjenigen Normen sich unterwirft, welche dem Offizium 
von seinen Gründern aufgeprägt wurden. Einzelne Reimoffizien 
haben sich dann zumal im Franziskaner- und Dominikanerbrevier 
bis auf die Gegenwart erhalten. Noch im 17. Jahrb. verfaßte 
David Für mann ein solches auf den hl. Florian, und eine Wiener 
Handschrift enthält ein noch späteres auf die Immaculata Con- 
ceptioi. 



»Rückkehr zur Tradition« war die Losung, welche die 
Kirchenversammlung zu Trient für das ganze Gebiet der Liturgie 
ausgab. Sie war eine Notwendigkeit, da die liturgischen Neue- 
rungen im Laufe der letzten Jahrhunderte die Gebets- und auch 
Gesangsformen aus den Fugen zu heben drohten. Daß diese Rück- 
kehr erreicht wurde, dafür muß auch der Geschichtschreiber des 
Kirchengesanges der Vorsehung innigen Dank sagen 2. 

Die Tridentinische Reform hat der Liturgie die Einheit ge- 
schenkt und den Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit neu 
gekräftigt, so daß das Gebet der Kirche bis heute in den alten, 
ehrwürdigen Formen zum Himmel steigt; diese haben noch nichts 
von ihrer Kraft und Frische verloren. Nicht nur die Formen des 
Gebetes aber hat die Vorsehung uns fast unversehrt überliefert; 
auch der aus ihnen hervorgegangene, mit der Kirche selbst groß- 
gewordene und mit ihrem Gebet zusammen geordnete Gesang ist 
nicht verloren gegangen. Hunderte von Büchern bewahren ihn 

1 Drcvcs im Vorwort zu Bd. XXVI der Analecta hymnica. 

2 Nur die Hymnen mußten sich unter den Händen von humanistisch ge- 
sinnten Gelehrten eine »Korrektur« gefallen lassen, deren Wirkung, so darf man 
hoffen, einmal aufgehoben werden wird. Auf Veranlassung Papst Urbans VIII. 
und unter seiner tätigen Mitwirkung bearbeitete eine Kommission von vier 
Jesuiten, den Italienern Strada, Galuzzi, Petrucci und dem Polen Sarbiewski, 
die Hymnen, um sie mit den zeitgenössischen Anschauungen über Prosodie 
und Metrik in Einklang zu bringen. Das Werk der Revisoren, die fast <000 
»Fehler« an den liturgischen Hymnen entdeckt und die meisten auch verbessert 
hatten, wurde 1629 von der Ritenkongregation approbiert und 1643 zunächst 
für Rom und die Umgegend vorgeschrieben. Vgl. darüber Bäumer, Geschichte 
des Breviers, S 308ff. und Blume, Stimmen aus Maria Laach, Bd. 78, S. 245ff. 
Schon vor dieser Revision hatten sich Bestrebungen ähnlicher Art geltend 
gemacht, worüber die Rasscgna gregoriana, VI. p. 493 ff. und VII, p. 233ff, 
berichtet. 



318 Die Offizien in poetischer Form. 

bis auf die Gegenwart, und heule feiert er unter der Ägide eines 
erlauchten Papstes seine Auferstehung. So vereinigen sich die 
Gegenwart und die Geschichte des Kirchergesanges zum Beweise 
der Wahrheit: mögen auch viele Mächte sich vereinigen, um das 
Gebäude des christlichen Kultgesanges umzuformen, der Genius, 
der die Geschicke dieser herrlichen und erhabenen Manifestation 
des zum Göttlichen gewendeten Menschengeistes so wunderbar ge- 
lenkt hat, hat immer im kritischen Momente tätig eingegriffen und 
die kurzsichtigen Bestrebungen der Neuerer zurechtgewiesen. 



A 11 h a 11 g. 



Die Texte des Autipliouarium Miss.ae. 

Die folgenden Tabellen stellen die Texte des frühmittelalter- 
lichen Gesangbuchs übersichtlich zusammen, zugleich mit der Angabe 
ihrer Herkunft. Eine bloße Ziffer hinter einem Text bedeutet den 
betreffenden Psalm; andere Abkürzungen beziehen sich auf andere 
Teile der hl. Schriften; so ist Gal. 6 = Brief an die Galater, Kap. 6. 
Nicht biblische Texte endlich sind durch ? gekennzeichnet. Man 
wird an der Hand dieser Tabellen die Darlegungen in Kap. 4 — 6 
und 1 prüfen können. 

Zugrunde gelegt ist die durch ihre phototypische Verüffent- 
ichung in der Paleographie Musicale der Benediktiner von Solesmes, 
Bd. I, jedermann zugängliche St. Galler Handschrift, Cod. 339 aus 
dem 1 0. Jahrh. Abgesehen von den wenigen Festen des Herrn 
und der Heiligen, um welche die Liturgie seither bereichert wurde, 
bieten die Tabellen auch den Inhalt der spätmittelalterlichen und 
nachtridentinischen Gesangbücher, werden also gute Dienste leisten 
können, auch wenn man sich über das heutige Graduale und die 
Herkunft seiner Texte orientieren will. 

Varianten gibt es in den- Handschriften fast nur in den AUe- 
lujaversen, deren Texte wahrscheinlich nicht unter Gregor I. ge- 
ordnet wurden (vgl. S. 93). Eine Zusammenstellung der AUelujatexte 
der Osterwoche nach handschriftlichen und gedruckten Quellen 
vom 8. Jahrh. bis zum Konzil von Trient wird die Verschiedenheit 
dartun. 

Die S. 91 erwähnte Reihe der Gradualresponsorien der Sonn- 
tage nach Pfingsten, die in der Rheinauer Handschrift und einigen 
andern überrascht, ist ebenfalls mitgeteilt; man möge sie mit der- 
jenigen des Cod. 339 von St. Gallen vergleichen. 

Wie die Paleographie Musicale 1, p. 71 ff. ausführlich darlegt, 
stellt die St. Galler Handschrift 339 das römisch -gregorianische 
Gesangbuch in dem Zustande dar, in welchem es sich in der 
zweiten Hälfte des 1 0. Jahrh. befand. Es ist nicht unmöglich. 



320 Die Texte des Antiphonarium Missae. 

aus dieser Redaktion die ursprüngliche Form des römischen Anti- 
phonarium Missae herauszulösen; man braucht zu diesem Zwecke 
nur die erst im 7., 8. und 9. Jahrh. eingeführten Messen und 
Stücke zu eliminieren; es sind das folgende: 

1. Die sämtlichen Donnerstage der Fastenzeit, die erst durch 
Gregor II. eigene Messen erhielten. 

2. Das Fest der hl. Dreifaltigkeit, erst im 9. Jahrh. eingeführt. 

3. Die Dedicatio Ecclesiae. 

4. Die Sonntage nach den Quatembertagen; von ihnen hat 
der zweite Sonntag der Fastenzeit in Cod. 339 noch keine Messe. 

5. Der Donnerstag nach Pfingsten. 

6. Die Muttergottesfeste außer der Oktav von Weihnachten. 

7. Die Feste des hl. Kreuzes, die mit griechischen Stücken 
durchsetzt sind. 

8. Endlich folgende Ileiligenfeste: Lucia, Felix in Pincis, Gre- 
gorius, Alexander, Eventius und Theodolus, Primus und Felicianus, 
ApoUinaris, Agapetus, Adrianus, Gurgonius, Protus und Hyacinthus, 
Euphemia, Hieronymus und Martinus. 

In den Tabellen sind die nachgregorianischen Messen durch 
Einklammerung kenntlich gemacht. 

Die kursiv gedruckten Texte stehen in der Handschrift nur 
mit den ersten Worten angedeutet und ohne Tonzeichen, weil die 
betreffenden Gesänge entweder schon vorher vorkommen, oder aber 
nachher noch einmal vollständig ausgesetzt sind, wie 1^. Propitius 
mit %'. Ädiiiva in Sabb. ante Dom. II. Adv. und Fer. V. post Dom. 
II. Quadr. ; I}J. Conve^iere mit y. Domine refugium in Sabb. ante 
Dom. II. Quadr. und Dom. VI. post Pentec. und IJf. Salvum fac 
mit y. Äd te domine von demselben Sabb. und Fer. IV. post 
Dom. II. Quadr., Tr. Audi filia in Purif. und Adnunt. B. M. V.l. 



1 Ein sehr nützliches Arbeitsinstrument bei Untersuchungen über die 
Herkunft von liturgisclien Gesangstexten hegt nunmehr vor in Marbachs 
Carmina Scripturarum sc. Anliphonae et Responsoria ex s. scripturae fönte 
in hbros hturgicos s. Ecclesiae Romanae derivata. Straßburg 1907 mit deutscher 
und 1908 mit französischer Einleitung. Es wäre zu wünschen, daß mit Hilfe 
dieses Nachschlagewerkes die Herkunft der Gesangstexte des Antiphonarium 
Officii festgestellt würde, wie es hier mit den Texten der Messe geschehen ist. 



321 



Codex St. Gallen 339. 



Wagner, Gregor. Melod. I. 



322 



Codex St. Gallen 339. 



mTKOITUS 


VERSUS 


GRADUAT.T1 


VERSUS 


Dom. IV ante Nati F.Dom. 








Ad te levavi U 


Vias tiias 24 


Universi qui 24 


Vias tuas 24 


Dom.IIl ante Nativ. Dom. 








Populus Sion Isai. 30 


Qid regis 79 


Ex Sion species 49 


Congregate 49 


(Nat. S. Luciae) 








Dilexisti 44 


Eructavit 4 4 


Dilexisti 44 


Propterea 4 4 


Dom. II ante Natir. Dom. 








Gaudete Philip. 4 


Cant. clomi)w 95 


Qui sedes 79 


Qui regis 79 


Feria IV. 








Rorate Isai. 45 


Coelienarrant 1 8 


Tollite portas 23 


Quis ascendet 23 


Feria VI. 




Prope est dominusi 44 


Laudem domini 144 


Prope esto 118 


Beatiimmac. 118 


Ostende nobis 84 


Benedixisti dorn. 84 


Salbb. 12 lect. 








Veni et ostende 79 


Qui regis 79 


A summo coelo 18 


Coeli enarrant 18 






In sole posuit 18 


A summo coelo 18 






Dom. deus virtut. 79 


Excita domine 79 


Dom.prox.ante Nat.Dom. 




Excita domine 79 


Qui regis 79 


Memento 105 


Confitcmini 105 


Prope est dorn. 144 


Laudem domini 1 44 


Vigil. Nativ. Dom. 








Hodie scietis Exod. \ 6 


Dom. est terra 23 


Hodie scietis Exod. 16 


Qui regis 79 


Nativ. primo gallicinio 








Dominus dixit 2 


Quare fr emuer. 2 


Tecum principium 


Dixit dominus 109 


In primo mane 




[109 




Lux fulgebit Isai. 9 


Do7n. regnavit 92 


Benedictus qui 117 


A domino factum 1 1 7 


In die 








Puer natus Isai. 9 


Cant. domino 97 


Viderunt omnes 97 


Notum fecit 97 


Nat. S. Stephani 








Etenim sederunt 118 


Beatiimmac. 118 


Sederunt princip. 1 1 8 


Adjuva me 118 


Nat. S. Johannis 








Ego autem sicut 51 


Quid gloriaris 51 


Justus ut palma 91 


Ad adnuntiandum 91 


Item ad Missam 


Bonum est con- 






In medio Ecclus. 15 


fiteri 91 


Exiit sermo Job. 21 


Sed sie eum Job. 21 


Nat. Innocentium 








Ex ore 8 


Dom. dominus 8 


Anima nostra 123 


Laqueus 123 



Codex St. Gallon 339. 



323 



ALLELÜJA CUM YERSU 



OFPERTORIUM 



VERSUS 



COMMUNIO 



Ostende nobis bi4 

Laetatus sumi ) , ^. 
Stantes crant ) 

Dilfusa est 44 

Excita domine 79 



Hym. 3 puei"- Dan. 3 

Tractus Qui regis 79 

Memento nostri 105 

Veni domine ? 

(1 . Hälfte Habac. 2 3) 
Dominus dixit 2 

Dominus regnavit 9:2 
Dies sanctificatus ? 
Video coelos Act. 7 



Hie est discip. Job. 31 



Ad te levavi 24 

Dens tu convert. ' 84 

Offerentur ... tibi 44 
Bcnedixisti 84 

Confortamini Isai. 35 
Dms tu eonvcrtens 8 4 
Exsulta satis Zacb. 9 

Ave Maria Luc. \ 
Tollite portas 23 
Laetentur coeli 95 
Dens cnim firmavit 92 



Dirige me j 

Respice in me ( 
Bcnedixisti ) 
Misericordia ) 
Eructavit \ 
Adducenlur ( 
Operuisti ) 
Ostende ) 
Tuncaperientur 1 
Audite itaque ( 



84 

44 

84 

Isai. 35 



Loquetur 
Quia ecce 



Zacb. 9 
Zach. 2 



Luc. i 
23 
95 

92 



Tui sunt coeli 



88 



Elegerunt Act. 6 

Gloria et bonore 8 

Justus ut palnia 91 

Anima nostra 123 



Quomodo in me ) 
Ideo quod ( 

Domini est terra ) 
Ipse super \ 

Cantate domino 
Cantate domino 
Dominus regnavit 
Mirabilis 
Magnus et 
Misericordia 
Tu humiliasti 
Viderunt faciem 
Positis autem 
Domine dominus 
Quis est homo 
Bonum est confiteri , 
Ad adnuntiandum ( 91 
Plantatus j 

Nisi quod dominus ) . , 
Torrcn.pertransivit ( 



Act. f) 



Dominus dabit 84 

Hierusal. surge Bar. 4 
[u. 5 

Diffusa est 44 

Dicite pusill. Isai. 35 

Ecce virgo Isai. 7 

Ecco dominus veniet 
aus Zach. \ 4 

Exsultavit ut 1 8 



Ecrc rirgo Isai. 7 
Revelabitur Isai. 40 
In splendoribus 109 
Exsulta filia Zacb. 9 

Viderunt omnes 97 

Video coelos Act. 7 
Magna est gloria 20 

Exiit sermo Job. 21 

Vox inRama Mattb. 2 



1 Die Handschrift verzeichnet Seite 2 unten -weder das Offertorium noch den zweiten Alleluja- 
vers Stantes eraiit. Letzterer muß ursprünglich dort gestanden hahen, ist aber radiert worden. Für 
die Fer. VI post Dom. II. ante Nativ. , die dasselbe Oft'eitorium JJetis tu coiivatais hat, sind nur die 
Anfangsworte angegeben, was in der Handschrift fast immer nur dann geschieht, wenn das betreifende 
Stück schon vorher vollständig ausgesetzt ist. Beide Stücke sind übrigens auf eines der Blätter der 
Handschrift, die dem Gradaale vorausgehen, nachgetragen worden. 

2 Vom Hymnus trium puerorum stehen nur die Worte, nicht auch die Melodie aufgezeichnet. 

21* 



324 



Codex St. Gallen 35 



INTEOITUS 



Kat. S. Silvestri 

Sacerdotea tui ^ 31 

Statio ad S. Mariam 

VuUum tuum 44 

Dom. I post INativ. 

Dum medium Sap. i 8 
lu Epipbauia 

Ecce advenit ? 

Dom. I post Theoplian. 

In cxcelso throno ? 

(Xat. S. Felicis iu pincis) 

Os iusti 36 

Dom. II post Tlieophan. 

Omnis terra Ca 

Nat. S. Mar colli 

Statuit ei Eccles. 45 
Nat. S. Priscaj 

Loquebar 1 "1 8 

Nat. S. Fabian! ot Sebast. 

Intret in 78 

Nat. S. Aguetis 

Me expectaverunt i 1 8 
Dom. III post Tbeophau. 

Adorate deum 96 

Nat. S. Yincentii 

La'tabitur 63 

Nat. Agnetis (Octav) 

VuUlIDl 

(Puriflcat. S. Mari«) 

Suseepimus 47 



VERSUS 



Me7nentodo7n. 1 3 1 
Eructarit 44 

Dom. rcgnavit 92 
Deus iiidicium 7 I 

Jubüatc dorn,. 99 
Noli cemidari 36 
Jubilatc dco 65 
Misericordias 88 
Beatiimmac. H8 
Deus veneriint 78 
Beati immac. \ \ 8 
Dom. rcgnavit 9G 
Exaudi deus 63 

Magnus dorn. 47 



? t Eruetavit 



Nat. S. Agathai 

Gaudeamus 
Nat. S. Valeiitiui 

In virtute 
(Nat. S. Gregorii) 

Sacerdotes dei Dan. 3 \ Benedicite Dan. 3 
(Aduuntiatio S. Maria)) 1 

Vultum i 



äO I Magna est 20 



GEADUALE 



EccesacerdosEccl. 44 
Diffusa est 44 

Speciosus forma 4 4 
Omnes de Saba Is. 60 

Benedictus dorn. 71 



VERSUS 



Non est inv. Eccl. 44 
Propter veritatem 4 4 
Eruetavit 4 4 

Surge Isai. 60 



Suscipiant 



71 



Juravit dominus 109 Dixit dominus 10'. 



Misit dominus 106 
Inveni david 88 

Specie tua 44 

Glorios, deus Exod. 1 5 
Diffusa est 
Timebunt 101 

Posuisti domine 20 
Specie tua 
Suseepimus deus 47 

Adiuvabit eam 45 
Beatus vir 111 

Juravit dominus 
Diffusa est 



Confiteantur 106 

Nihil proficiat 88 

Dextera tua Exod. 15 

Quon. aedificavit 101 
Desiderium 20 

Sicut audivimus 47 

Fluminis impetus 45 
Polens in 1 1 1 



Codex St. Gallen 339. 



325 



ALLELÜJA CUM VEESÜ 



Inveni david 88 

Dominus rc(jimvit 
Vidimus stell. Matth. 2 

Jubilate deo 99 

Laudate deum 148 



Dominus reenavit 96 



(Adorabo 137) 

)fTract.) Audi filia[ 

( [44) 

TRA.CTUS 
Qui seminant 125 
Desiderium 20 

Beatus vir 1 1 1 

Audi fdia 4 4 



OFFERTORIUM 



VERSUS 



Inveni david 



88 



! Polens es ) 
! Veritas mea f 

Offerentur regi 4 4 Eructavit 

Dens enim firmant 

' Deus iudicium 
Reges Tharsis 71 Orietur in diebus 

' Suscipiant 



99 



Jubilate deo 
Oloria et honore 
Jubilate deo 65 

Veritas mea 88 

Filise regum 4 4 

Laetamini 31 

Offerentur minor 
Dextera domini 1 17 
Gloria et honore 
Diffusa est 4 4 

Diffusa est 

Offerefitur minor 

In virtute 20 

Veritas 

Ave Maria Luc. 1 



Ipse fecit 
Laudate nomen 



Reddam tibi 
; Locutum est 

Posui I 

' Misericordiam ( 
' Eructavit ) 
I Virga rccta \ 

Beati quorum \ 

Pro hac orabit ) 



In tribulatione | 
Impulsus versatus ) 



Eructavit 



Specie tua 



Vitam petiit 
Magna est 



COMMUNIO 



Beatus serv. Matth. -l 4 
Simile est Matth. 1 3 
Tolle puer. Matth. 2 
Vidimus stell. Matth. 2 

Fili quid Luc. 2 

Posuisti domine 20 
Dicit dominus Joh. 2 
Do. quinque Matth. 25 
Fcci iudicium 11 S 
Multitudo Luc. 6 

Quinq. prud. Matth. 25 
Mirabantur Luc. 4 
Quivultven.Matth.16 
Simile est Matth. 1 3 
Responsum Luc. 2 

Qui me dignatus ? 
Magna est gloria 
Fidelis serv. Matth. 24 
Ecce virgo Isai. 7 



326 



Codex St. Gallen 339. 



INTEOITUS 


VERSUS 


GRADUALE 


VERSUS 


Dom. in Septuag. 












Circumdederunt 


17 


Diligmn ie 17 


Adjutor in 


9 


Quoniam non 9 


Dom. in Sexjig. 












Exsurge 


43 


Detis aiiribus 43 


Sciant gentes 


82 


Deus pone .S2 


Dom. in Quinquag. 












Esto mihi (70 ?] 


30 


Intedom. (70?) 30 


Tu es deus 


76 


Liberasti 7 


Fer. IV in cap. jejnn 












Misereris Sap. 


M 


Miserere mei .jG 


Miserere mei 


56 


Misit 5G 


Fer. V 












Dum clamarem 


54 


Exaudi (Iciis 54 


Jacta cogitatum 


54 


Dum clamarem 34 


Fer. VI 












Audivit dominus 


29 


Exalfabo 29 


Unam petii 


26 


Ut videam 26 


Dom. 1 Quadrag-. 












Invocavit 


90 


(Jui hahitaf 90 


Angelis suis 


90 


In manibus 90 


Fer. 11 












Sicut oculi 


122 


Ad ie levari 122 


Protector noster 


83 


Domine deus 83 


Fer. III 












Domine refugium 


89 


Priiisqiiam 89 


Dirigatür 


140 


Elevatio 140 


Fer. IV 




• 




j 


Reminiscere 


■Ih 


Ad te doniine 24 


Tribulationes 
De necessitatibus 


24 1 Vide hurailitatem 24 
'Ad te domine 
Etenim universi 


(Fer. V) 








: 


Confessio 


93 


Gantate 95 


Custodi me 


16 


De vultu IG 


Fer. VI 












De necessitatibus 


24 


Ad ie domine 24 


Salvum fac 


85 


Auribus 85 








Miserere mihi 


6 i Conturbata 6 


Sabb. 12 lect. 










Intret oratio 


87 


Domine deus 87 


Dirigatür 

Convertere 


Elevatio 

Domine refugium 








Propitius 




Adjuva nos 








Salvum fae 




\ Ad te domine 


(Dom. II Quadraa:.) 










\ 


Fer. II 












Redime 


23 


Judica nie 23 


Adjutor meus 


69 


Confundantur 69 


Fer. III 












Tibi (lixit 


26 


Do7n. illuminctt. 
[26 


Jacta cogitatum 




Dum clamarem 



Codex St. Gallen 339. 



327 



TRACTUS 


OJj'Jj'JiJETORIUM ' VERSUS 


COMMUNIO 






Quam magnificata 






De protundis 129 


Bonum est 


91 : Ecee inimici | 
Exaltabitur 
Exaudi j 


91 


Illumina 30 


Commovisti 59 


Perfice gressus 


1 6 Custodi me ( 
1 Ego autem ) 


16 


Introibo 42 








Beati immaculati \ 






Jubilate 99 


Benedictus es 


118 


In via } 


118 


Manducaverunt 77 






Viam iniquitatis ) 








Exaltabo 


Domine abstraxisti 
Ego autem dixi 


^9 


Qui meditabitur 1 




Äd te domine 






Acceptabis 50 




Domine vivifica 


, Fac mecum 
Da mihi intellectum 
Dicet domino ] 


«8 


Servite domino 2 


Qui habitat 90 


Scapulis suis 


90 


Quoniam angelis [ 
Super aspidem ) 


90 


Scapulis suis 90 




Revela oculos 


118 


Legem pone | 
Veniant \ 


118 


Voce mea 3 




In te speravi 


30 


Illumina ) 
Quam magna ) 


30 


Cum invocarem 4 




Meditabor 


118 


Pars mea ) 
Miserere mei ) 

Benedicam \ 


118 


Intellige 5 




Inmittit 


33 


In domino > 
Accedite ) 


33 


Panis quem Joh. 6 




Benedic 


102 


Qui propitiatur ) 
Justitise eius ) 

Inchna \ 


102 


Erubescant 6 


Laudate dorn. 116 


Domine «leus 


87 


Et ego 
Factus sum ) 


87 


Domine deus 7 














Benedicam 


15 


Conserva me ) 
Notas l'ecisti ) 


15 


Domine dominus 8 




Miserere mihi 


50 


Quoniam iniquitatem .. 
Tibi soIi ^^ 


Narrabo 9 



328 



Codex St. Gallen 339. 



INTROITUS 



VERSUS 



GRADUALE 



VERSUS 



Fer. IV 

Ne derelinquas 87 

(Fer. V) 

Deus in adjutorium 69 
Fer. VI 

Ego autem cum 1 6 

Sabbato 

Lex domini \ 8 

Dom. III Qnadrag. 

Oculi mei 24 

Fer. II 

In deo laudabo 55 

Fer. in 

Ego clamavi -1 6 

Fer. IV 

Ego autem in 30 

(Fer. V) 

Salus populi ? 

Fer. VI 

Fac mecum 85 

Sabbato 

Verba mea 5 

Dom. IV Qnadrag. 

Loetare Isai. 66 

Fer. II 

Deus in nomine 53 

Fer. III 

Exaudi deus 54 

Fer. IV 

Dura sanctificatus Ez. 36 

(Fer. V) 

Loetetur cor 
Fer. VI 

Meditatio 
Sabbato 

Sitientes Isai. 55 

Dom. V de Passione 

Judica me 42 

Fer. II 

Miserere mihi 55 



104 



18 



Domine nein 37 
Avertantur 69 
Exaudi cJomine\ 6 
Coßli enarrant i S 
Ad te domine 24 
Miserere mei 55 
Exaud. domine \ 6 
In tc domine 30 

Aüendite 77 

Inclina domineS 5 
Quoniam ad te 5 

Lcetatus sum \ 2 1 
Averte mala 53 
Contristatus 54 

Benedic. dorn. 33 

Confitemini 1 4 
Coeli enarrant 1 8 
Attendite 77 

QuaremerepuA'^ 
Conculcaver. 55 



Salvum fac 27 

Propitius 78 

Ad dominum 1 \ 9 
BonumestconfiteriOl 
Exsurge domine 9 
Deus vitam 55 

Ab occultis 18 

Miserere mild 

Oculi 144 

In deo speravit 27 
Si ambulem 22 

Laätatus sum 121 
Esto mihi (30?) 70 
Exsurge domine 43 

Venite filii 33 

Beata gens 32 

Respice domine 73 
Bonum est confid. 1 1 7 
Tibi domine 9 

Eripe me 142 

Deus exaudi 53 



Ad te domine 27 

Adjuva nos 7 8 

Domine libera 1 1 9 
Ad adnuntiandum 91 

In convertendo 9 

Miserere mihi 55 

Si mei non 18 
Conturhata 

Aperis 144 

Ad te domine 27 

Virga tua 2i 

Fiat pax 121 
Deus in te (30?) 70 

Deus auribus 43 



Accedite 33 

Verbo domini 32 

Exsurge domine 73 



Bonum est sperare 
[117 

Ut quid 9 

Liberator 142 

Deus in nomine 53 



Codex St. Gallen 339. 



329 



TEACTUS 


OFPERTORIUM 


VERSUS 


COMMUNIO 




Äd te domine 






Justus es 10 




Beatus est Exod. 32 


Dixit dominus j „ 

T^- •. »^ Ex. 32 

Dixit Moyses ) 


Qui manducat Job. 6 




Dom. in auxilium 39 


Exspectans | 
Avertantur ( 


39 


Tu domine 1 1 




llluinina oculos 12 


Usquequo domine ) 
Respice in me ) 


12 


Oportet te Luc. 15 


Ad te levavi 122 


Justitia domini 18 


Prceceptum 1 
Et erunt \ 


18 


Passer invenit 83 




Exaudi deus 54 


Gonturbalus ) 
Ego autem ( 


54 


Quis dabil 1 3 




Dextera domini 


Deus laudem \ 




Domine quis 1 4 




Domine fac 108 


Pro eo ut 1 
Locuti sunt ) 


108 


Notas mihi 13 




Si ambulavero 137 


In quacunque ) 
Adorabo ad i 


137 


Tu mandasti 118 




Verba mea 
Intende voci 5 \ ... . 

Dinge 


5 


Qui biberit Job. 4 




Declaratio ) 
Gressus meos 118,-, 

Gognovi ) 


118 


Nemo tc Job. 8 




1 Qui statis \ 






Qui confidunt 124 


Laudate dominum Domine nomen | 
[134 Qui timetis ) 


134 


Hierusalem qu« 121 




Jubilate deo \ 




Ab occultis 18 




Statuit super \ 








Exspectans 39 Multa fecisti l 
Domine deus ) 


39 


Ltetabimur 1 9 










, Jubilate deo i 
Benedicite gentes 65 j In multitudine | 








65 


Lutum fecit Joh. 9 




Venite et videte ) 








Dom. ad adjuvand. 39 1 Exspectans 


39 


Dom. memorabor 70 




Populum hurailem 1 7 


Clamor mcus 
Liberator meus 


17 


Videns dom. Joh. 1 1 




Factus est 17 


Persequar ) 
PriEcinxisti j 


17 


Dominus regit 22 


Saepeexpugnaver.128 


Confitebor tibi 118 


Beati immaculati ) 
Viam veritatis ( 


118 


Hoc corpus 1 Cor. 1 1 




Domine convcrtere 6 


Domine ne in 
Miserere mihi 


6 


Dominus virtutum 23 



330 



Codex St. Gallen 339. 



INTEOITUS 


VERSUS 


GEADUALE 


VERSUS 


Fer. III 








Exspecta dominum 26 


Dom. illmnin. 26 


Discerne causam 42 


Emitte lucem 42 


Fer. IV 








Liberator mens 1 7 


Diligam te 17 


Exaltabo te 29 


Domine deus 29 


(Fer. Y) 

Omnia qua; Dan. 3 


Magnus dorn. 47 


Tollite h Ostias 28 


Revelabit 28 


Fer. TI 








Miserere mihi 30 


In te domine 30 


Pacificeloquebant. 34 


Vidisti domine 34 


Dom. in Palinis 








Domine nc longe 21 


Dens, deus mens 


Tenuisti manum 72 


Quam bonus 72 


Fer. II 


[21 






Judica domine 34 


Eff linde fr am. 34 


Exsurge domine 34 ElTunde frameam 34 | 


Fer. III 








Nos auteni Gal. 6 


Deusmiscreat. 66 


Ego auteni dum 34 


Judica domine 34 


Fer. IV 








In nomine Philip. 2 


Dom. exaudi 101 


Ne avertas 68 


Salvum me 68 






Domine exaudi 101 


Ne avertas 
In quacunque 
Quiadefeceruntj 101 
Percussus sum \ 


Fer. V Nos autem 




Christus factus Phil. 2 


Tu exsurgens / 
Propter quod Phil. 2 
In medio 


Fer. VI 




Domine audivi Hab. 3 


In eo dum / ^^^ 
DeusaLibanol 






i Operuit coelos / 


Sabbato — Cantiea: Cantemus domino, Exod.; Vinea facta, Isai.; Attende coalum, Deut.: 


Sicut cervus, k\. — Alleluja: Confitemini, 10G. — Tractus: Laudate, MC. 


Die Paschae 








Resurrexi 1 38 


Dom.probasii\3S 


Htfc dies 117 


Confitemini dom. 1 1 7 


Fer. II 








Introduxit vos Exod. -13 


Confä. dorn. 104 


> 117 


Dicatnuncisrahel117 


Fer. III 








Aqua sapienliafi Ecclus.1 5 


Confä. dorn. lOö 


117 


Dicant nunc i IOC 


Fer. IV 








Venite bened. Matth. 23 


Catitate dorn. 97 


» 117 


Dextera domini 1 1 7 


Fer.V 








Victricem nianura Sap. 1 


Cantaie dorn. 93 


3> 117 


Lapidem quem 117 

1 Ursprünglich: Dicat 
nunc aaron. Ps. 117 vgl. 
oben S. 90. 



Codex St. Gallen 330. 



331 



ALLELÜJA CUM VERSÜ 



OPFERTORIUM 



VERSUS 



COMMUNIO 



Deus, deus meus 21 



Sperent in le 
Eripe me 

Super flumina 

Benedictus es 
Improperium 
Eripe me 
Custodi me 



58 



11 



Domine e.xaudi 101 



Dextera domini 



\ 

Sedes super 
Cognoscetur 
Quia ecce ) 
Quia faclus \ 
In salicibus \ 
136 jSi oblitus 

; Memento ) 

Vidi non servanted 
Appropiaverunt 
Salvum me ] 
Adversum me \ 
Ego vero 
Exaudi me 
Eripe me 
Qui cogitaverunt 
Ne avertas \ 
Quia oblitus [ 
Tu exsurgens ) 



68 



14 



139 i 



68 

14 

139 



Redime me 24 

Lavabo inter 2.') 

Memento verbi 118 

Ne tradideris 26 
Pater si nonMatth. 26 

Erubescant 34 

Adversum me 68 

Potum meum 101 



Dominus Jesus Job. 



Eripe me 



139 



Ad salutandara crucem: Agios o theos, Sanctus Deus. Ant. : 
Crucem tuam; Ecce lignum; Cum fabricator. Versus Fortu- 
nati episcopi. (Hymn. Crux fidelis.) 



Pascha nostr. 1 Cor. 5 
Epulemur 

Surrexit dom. Luc. 24 
Obtulerunt Luc. 24 
Surrexit altissimus ? 
Cantate domino 95 



Notus in Judaea \ 
Terra tremuit 75 Et factus est | 7 
Ibi confregit ) 

Euntes dicite 
Jesus stetit 
Diligam te 
Liberator meus 

Attendite ) 

/ 7 



Angel, dom. Matth. 28 
Intonuit de cselo 1 7 
Portas caeli 77 

In die solemnit. Ex. 3 



Matth. 28 
17 

7 



Aperiam inparabolis 
Audi popule 
Non adorabitis 



Pascha nostr. 1 Cor. .> 

Surrexit dom. Luc. 24 
Si consurrexist. Col. 3 
Chr. resurgensRom. 6 
Pop.adquisit. 1 Petr.2 



332 



Codex St. Gallen 339. 



INTROITUS 


VERSUS 


GRADUAIiE 


VERSUS 


Ter. YI 








Eduxit eos 77 


Attendite 77 


Haec dies 117 


Benedic. qui venit 1 1 7 


Sabbato 








Eduxit dominus 104 


Confite'>niiii 10 4 




All. Haec dies 117 


Octava Paschas 








Quasimodo 1 Petr. 2 


Exs7iltatc deo SO 




All. In resurrectione? 


Dom. I post Albas j 






Misericordia domini 32 I Exsultate jiisti 32 




All. Surr ex. dom.vere 


Dom. II 






Jubilalc deo 6r> CatiHcum^ 




All. Cantate domino 


Dom. III 






Cantate domino 97 Salvahit 97 




All. Eduxit dominus 


Dom. IV 1 






Vocemjocunditalis Is. 4 8 Juhilatc deo 65 




All. Hcec dies 117 


S. Tybiirtii et Valerii 






Sancti tui U4 Exaliaho te 144 






S. Geor^ü Mart. 






Protexisti 63 Exaudi deus 63 






In Letania majore 






Exaudivit te M \ Düigam ie 17 






S. Vitalis Mart. 








Protexisti 


Exaudi deris 63 






S. Philippi et Jacobi 








Exclamav.adte2Es.9,28 


Exsultate justi 32 






(Alexandri,Eventii,Theo. 








doli)Glamaveruntjusti33 


Benedicam do. 33 


Gloriosus deus 


Dextera tua 


S. Gordiani et Epimachi 








Sancti tui 


ExMtatio te 144 


Justor. animae Sap. 3 


Visi sunt Sap. 3 


S. Pancratii Mart. 








Ecce oculi 32 


Exsidtate justi 32 






(Dedicat. Eecles.) 








Terribiiis Gen, 28 


Quam dilecta 83 


Locus iste ? 


Deus cui astat ? 


S. Potentian« Yirg. 








Dilcxisti 


Emctavit 44 


Diffusa 


Propter 


In Ascens. Domini 








Viri Galilei Act. 1 


Omnes genies 46 




All. Ascendit deus 46 


Dom. post Ascens. 








Exaudi domine 26 


Dom. illumin. 26 




All. Ascendit 46 


Nat. S. Urbani 








Sacerdotes tui 


Meniento domine 


Inveni David 




Vig. Pentecostes 


1 Vgl. oben S. 17 
Anm. 2. 







Codex St. Gallen 3.(9. 



333 



ALLELUJA Cül YEKSa 



Eduxit dominus 1 4 

Laudate pueri ) , , „ 
Sit nomen ) 

Pcificha nosir. 1 Cor. 5 
Angel, dorn. Marc. 28 
Benedictus dei filius '? 
Surrcxit altissimus ? 
Pascha nostrA Cor. 5 



Confitemini doni. 106 



Ädorabo 



Dominus in Sina 67 
Non vos relinq. Joh. 1 4 



Coufiteminidom. \ 06 
Tract.'.Laudate dorn. 



OFFERT ORIUM 



Erit vobis hie Ex. i i 
Benedictus qui 1 \ 7 
Angel. dom.Miitth. "28 
Dens, deus meus G2 
Lauda anima i 45 
Jubilate deo 
Benedicite gentes 
Lcetaniini 

Confitebuntur ca3li 88 
Confitebor dorn. 108 
Repleti sumus 89 
Confitebuntur 
Repleti sumus 
Mirabilis 67 

Confitebunttcr 88 
Dom. deus in 1 Par. 29 
Offerentur minor 
Viri Galilei Act. -1 
Ascendit deus .j6 
Veritas mca 
Emitte spiritum '103 



VERSUS 



Dixit moyses ) Ex. \ 4 
In mente habete ( Ex. \ 3 
Hiec dies 



Lapidem quem \ 



\\1 



Sitivit in te ) 
In matutinis ) 
Qui custodit ) 
Domuius engit ) 



Misericordias ) 
Quoniam quis ) 
Adiuva me ( 
Qui insurgunt \ 
Domine refugiuni ) 
Priusquam fierent ) 



Exsurgat deus \ 

Pereant peccatores ) 



88 



Majestas domini 
Fecit Salomon 



2 Par.7 



Cumque intuerent. Act. 1 
Omnes gentes \ 

Quoniam dominus [ 46 
Subjecit populos ) 

Benedic anima \ 
Confessionem J 103 
Extendens ca-lum ) 



COMMÜNIO 



Data est Matth. 28 
Omnes qui in Gal. 3 
Mitte manum Joh. 20 
Ego sum pastorJoh.l 
Modicum Joh. 16 
Dum venerit Joh. 1 6 
Cantate domino 95 
Gaudete justi 32 

Lffitabitur justus 63 
Petite et accip. Luc. 1 4 
Ego sum vitis Joh. 1 5 
Tanto tempore Joh.1 4 
Justor. animu3 Sap. 3 
Gaudete justi 
Qaudete justi 
Domus mea Matth. 21 
Diffusa est 
Psallite Deo 67 

Pater cum Joh, 17 
Fidelis servus 
Ultimo Joh. 7 



334 



Codex St. Gallen 339. 



INTKOITUS 



VERSUS 



GEADUALE 



ALLELüli COM YEßSÜ 



In die Pentecostes 

Spiritus domini Sap. 1 
Fer. II 

Cibavit eos 80 

Fer. III 

Accipe jocundit. 4 Esd. 2 
Fer. lY 

Deus dum egredieris 67 

Reminiseere 

<Fer. V) 

Repleatur os 70 

De necessitatibus 

Sabbato 12 lect. 

Caritas dei Rom. 5 

Intret oratio 



S. Marcellini et Petri 

Claviavcrunt justi 
(S. Primi et Feliciani) 

Sapientiamsanct.Eccl.44 
S. Basilidis, Cirini, Nabo- 

ris et Nazarii Intret in 
S. Marci et Marcelliani 

Salus autem 36 

S. Gervasii et Protasii 

Loquetur dominus 84 
Vi^. S. Job. Bapt. 

Ne timeas Luc. \ 

Nat. S. Job. Bapt. 

De ventre Is. 49 

S. Johannis et Pauli 

MuHte tribulationes 33 

Vig. S. Petri 

Dicit dom. Petro Job. 21 



Exsurgat 67 

Exsmltate dco SO 

Attendite 77 

Exsurgat 67 

In te domine 70 

Dne deus sal. 87 



Exsultate 32 

Exsultate 32 

Noli mmulari 36 
Benedixisti 84 
Dom.tnvirtufe^O 
Bon. estconfit. 91 
Benedicam do. 33 

CcbU etiarrant 1 8 



Dom. deus nostcr 
Beata gens 

Converter e 
y. Dom. refugium 

Propitius y. Adiuva 

•nos 
Protector y. Domine 

deus mrtutiom 
Jacta cogitatum 

y. Dum clamarem 
Ad dominum^! Dom. 

libera 

Clamaverunt justi 33 

Justorum 

Vindica domine 78 

Anima nostra 

Justorum 

Fuit homo Job. \ 

PriusquamteJerem. 1 

Eccequambonumi 32 

In omnem terram \ 8 



Emitte spiritum 103 
Cafitaie domino 
Confiteanturdom.106 
Lauda anima 

Redemptionem 



Eduxii dominus 
Tract. : Laudate dom. 



VERSUS 

Juxta est dominus 33 

Visi sunt 
Posuerunt 78 

Visi sunt 

Ut testimonium Job. 1 

Misit dom. Jerem. 1 

Sicut unguentura 1 32 
Mandavit 

Cceli enarrant 



Codex St. Gallen 339. 



335 



ALLELÜJA CUM VERSÜ 


OFFERTORIUM 


VERSUS 


COMMUNIO 






Cantate domino ) 




Spirit.dom. replev. 67 


Conlirma hoc 67 , In ecclesiis [ 67 


Factus est Act. 2 






Regna ternc ) 




Emitte spirituni 


Intonuit 




Spir.s.docebitJoh.14 


Non vos relinq. 


Portas cceli 




Spir.quiaPat. ,Joh.15 


Gonfiiebor 


Emitte spiritum 




Pacem meain Job. 14 




Mcditahor 




Intdlege 


Dextera domini 


Lcnida 




Spirit.ubivult Joh. 3 




Bencdic anima 




Erubescant et 


Non vos relinq. 


Emitte spiritum 




JVon vos relinq. Joh. 1 4 




Dom. deiis salutis 




Domine deus meus 




Lcetamini 




Justorum animcB 




Gonßtebuntur 




Ego vos elegi de 

[Joh. 15 




Exsultabunt 149 


Cantate 1 49 


Posuerunt 78 




Änima nostra 




Am.dicovob. Matt. 2 5 




Lcetamini 




Posuerunt 




Gloria et honore 




Magna 


Ipse praeibit Luc. 1 


Justus ut pahna 




Tu puer Luc. 1 




Gloriabuntur 5 


Verba mea ) 
Quoniam ad te ( 
Domine probasti \ 


Et si coram Sap. 3 




Mihi autem 138 


Intellexisti ( 138 
1 Ecce tu domine ) 


TuesPetrusMatth.16 



336 



Codex St. Gallen 339. 



INTROITUS 


VERSUS 


GRADUALE 


VERSUS 


S. Petri 








Nunc scio Act. 12 


Dom.p}-obastii38 


Constitues 4 4 


Pro patribus 44 


S. Pauli 








Scio cui 2 Tim. ] 


Dom. probasti \ SS 


Qui operatus Gal. 2 


Gratiadeil Gor.15,10 


S. Processi et Martiniani 








Judicant sancti Sap. 3 


Exsidtate 32 


Exsultabunt 149 


Gantate domino 149 


S. 7 Fratrum 








Laudate pueri 112 


Sit nomen \ \ 2 


Vindica domine 


Posuerunt 


Octara Apostolorum 








Sapicntiam sanctoruni 


Ccßli enarrant 


Jtcstorum 


Visi sunt 


Praxedis Virg. 








Loquebar 


Beati immac. 


Dilexisti 


Propterea 


(S. Apollinaris) 








Sacerdotcs dei 


Memento 


Inveni david 


Nihil proßciat 


S.Simpl.,Faust.etBeatri. 








Sacerdotes eius 131 


Memcnto 


Sacerdotes eius 131 


Illuc producam 131 


S. Abdon et Sennen 








Intrct in 


Deus vener im t 


Gloriosus 


Dextera 


S. Stephan! papse 








Justus ut 91 


Bonum est 91 


Just.non conturba. 36 


Tota die 36 


S. Sixti episcopi 








Sacei'dotes dei 


Memento 


Sacerdotes eius 


Bluc producam 


(Felicis et Agapiti) 






Salus aidem 


Noli cemidari 


Justorian animfe 


Visi sunt 


S. Cjriaci et Secundi 








Timete dominum 33 


Benedicam 33 


Timete dominum 33 


Inquirentes 33 


Yig. S. Lanrentii 








Dispersit 1 1 1 


Bcatus vir 111 


Dispersit 1 1 1 


Potens in 111 


Nat. S. Lanrentii 








Confesslo 


Cantate 95 


Probasti 1 6 


Igne me 1 6 


S. Tiburtii 








Jnstiis ut 


Barnim est 91 


Os iusti 3 


Lex dei 36 


S. Tpoliti 








Justi epulentur 67 Exsurgat 67 


Justorum 


Visi sunt 


S. Eusebii 






Os iusti j Noli cemulari 


Os iusti 


Lex dei 


(Asstiniptio B. M. Y.) 








Vidhim tuum 


Eructavü 44 


Propter veritatem 44 


Audi filia 44 


Oet. S. Lanrentii 








Probasti domine 16 


Exaudi deus 16 


Justus non conturb. 


Tota die 



Codex St. Gallen 3;i9. 



337 



ALLELUJA CUM YERSÜ 


OFFEETOEiUM 


VERSUS 


COMMUNIO 


Tu es Petrus ), . 
Beatus es ) 


Constitues 44 


Eructavit 

Lingua mea 44 

Propterea benedixit 


Simon Johannis .loh. 
2-1 




In omnem terram 1 8 


Cjeli enarrant' 18 


Ani.dico.vosMatth.19 




Gloriahiintur 




Anima nostra 123 


Laudate pueri 


Anima noslra 




Quicunquefec.Mat.12 




Exsidtahimt sancti 




Justoriim animce 




Diffusa est gratia 




Simile est 




Veritas 




Semel juravi 87 


D'isposui 


Anima nostra 




Ego vos elegi 




Mirabilis 




Posuerimt 




Inveni david 




Domine qicinque 




Inveni 




Fidelis servus 




Oloriabutitur 




Ego vos elegi 




Lcetamini 




Signa eos Marc. 16 




Oratio mea Job. 1 6 


Probavit me ? 


Qui vult venire Mat. 1 6 




Confessio 95 


Cantate dorn, cantic. 
Cantate dorn, bened. 


Qui mihi Joh. 12 




In virtute 




Posuisti domine 




Anima nostra 


Vitam petiit 


Dico autem Luc. 1 2, 4 




Desiderium animae 20 


Leetificabis [ 20 
Invenialur 


Beatus servus 




Offerentur minor 44 




Dilexisti 44 




In virtute 




Qui vult 



Wagner, Gregor. Melod. I. 



338 



Codex St. Gallen 339. 



INTROITÜS 


VERSUS 


GBADUAT.Tl 


VERSUS 


(S. Agapiti) 








Latahitur. 




Justus non conturb. 




S. Timotliei 








Salus auteni 


Noli ceinidari 


Justorum 


Visi sunt 


S. Hermetis 








Justus non conturbab. 36 


Noli mnulari 36 


Justus ut palma 


Ad adnuntiandum 


S. Sabinae Yirg. 








Cognovi domine 1 1 8 


Beati immac. \ ^ 8 


Specie tua 


Propter veritatem 


S. Felicis et Adaucti 








Sapicntiam 


Exsiätate 3-2 


Qloriosus deus 


Dexfera tua 


(S. Adriani) LcEtabitur 


Exaudi deus 


Dom. prsevenisti 20 


Vitam petiit 20 


(S. Gurgonii) 








Gloria et honore 8 


Dom. dam. nost. 8 


Posuisti 


Desiderium 


(S. Proti et Hiaemthi) 








Judicant saucti 


Exsultate iusti 


Vindica domine 


Posueniiit 


(Exalt. S. Cracis) 








Nos autem 


Deus misereat. 66 


Christus factus 


Propter quod 


S. Cornelii Sacerdotes dei 


Memento 


Sacerdotes eiits 


Ilhtc producam 


S. Nicomedis Lceiabitur 


Exaudi deus 


Posuisti domine 


Desiderium 


(S. Euphemiae) Vultum 


Eructavit 


Diffusa est gratia 


Propter veritatem 


Vig. S. Mathei Ego autem 


Quid gloriaris 


Justus ut palma 


Ad adnuntiandum 


S. Mathei Os iusti 


Noli cemulari 


Beatus vir 


Polens in terra 


(Cosmae et Damiani) 








Sapientiam 


Exsultate iusti 


Glamaverunt 


Juxta est 


Dedic. Bas. S. Mich. 








Benediclte domino 102 


Benedicamus 102 


Benedicite dom. 102 


Benedic anima 1 02 


(S. Hieronymi) 








Sacerdotes dei 


Benedicite omnia 


Invcni david 


Nihil proficiat 


Vig. Ap. Simon, et Judai 








Intret in 


Deus venerunt 


Vindica 


Posuerunt 


Nat. Eorundem 








Mihi autem -138 


Dom.probastiiBS 


Nimis honorati 138 


Dinumerabo 138 


S. Nazarii Confessio 95 


Cantate 95 


Justus non conturb. 


Tota die 


S. Coronati Mart. 








Litret in 


Deus venerunt 


Vindica 


Posuerunt 


S. Theodori In virtute 


Magna est 


Domine prcBvenisti 


Vitam petiit 


S. Mennse Os iusti 


Noli cenmlari 


Inveni david 


Nihil proficat 


(S. Martini) Sacerdotes tui 


Memento 


Ecce sacerdos 


Non est inventus 


S. Caicilia} Loquebar 


Beati immac. 1 1 8 


Audi fiha 44 


Specie tua 4 4 


S. Clementis 








Dicit dorn, sermones nach 


Misericordias 88 


Juravit 


Dixit dominus 


[Isai. 59 y. 2i 









Codex St. Gallen 339. 



339 



ALLELÜJA CUM VERSÜ 


OFPERTOßlUM 


VERSUS 


COMMUNIO 




Li virtute 




Beatus servus 




Mirabilis 




Ego vos elegi 




In virtute 




Posuisti domine 




Filice regum 




Principes persec. \ \ 8 




Lcdamini 
Gloria et honore 




Quoddic.Matth.-IO.ä? 
Posuisti domine 




Posuisti domine 20 


Desiderium) _^^ 
Magna est \ 


Posuisti doniine 20 




G/oriabtinfur 




Anima nostra 


Dicite in gentibus 
Disposui, 


Protege domine ? 
Anima nostra 
Gloria et lionore 
Offerentur minor 
Gloria et honore 
Inveni david 


Salvator 1 .^ 
Quia pro mundi \ 


Nos autem Gal. 6 
Quod dieo vobis 
Qui vult venire 
Simile est 
Posuisti domine 
Magna est 




Gloriabuutur 




Posueritnt 


Laudate deum 102 


Stetit Angelus Apoc. 8 


In conspectu 137 


Benedic. omnes Dan. 3 




Veritas niea 




Beatus serms 




Exsidtabunt 




Justorum animce 




In omnem terram 
In virtute 




VosquiseculiMat.'l9 
Qui vult venire 




Anima nostra 
Gloria et honore 
Desideriiim 
Inveni david 
Offerentur minor 




Posuerunt 
Posuisti domine 
Magna est 
Domine quinque 
Confund. superbi 118 




Veritas 




Beatus servus 



22* 



340 



Codex St. Gallen 339. 



INTROITUS 



VERSUS 



GRADUAIiE 



VERSUS 



S. Chrysogoni 

Justns non conturbab. 
Vig. Audreae Ap, 

Dom. secus mare Mat. 4 
Nsit. Andreae Mihi auiem 
In Agenda Mortnorum 

Requiem 4 Esdr. 2 



(Dom. de S. Trinitate) 

(Benedicta sit) nach 

[Tob. \ 2 y. 6 

Dom. 1. post Oet. Pent. 

Domine in tua 12 

Dom. 2. post Pent. 

Factus est dominus M 
3. Respice in me 24 

4r. Dominus illuminatio 2ß 

5. Exaudi domine 26 

6. Dominus fortitudo 27 

7. Omnes gentes 46 
8- Suseepimus deus 47 
9. Ecce deus 53 

10. Dum clamarem 34 

11. Deus in loco 67 

12. Dens in adjutorium 69 

13. Respice domine 73 

14. Prolector noster 83 

15. Inclina domine 85 
10. Miserere mihi 85 

17. Justus es domine 1 1 8 
Per. IV mens. Sept. 

Exsultate deo 80 

Per. VI Lcp.tetur cor 104 
Sabb. 12 lect. 

Venite adoremus 94 



Dom. 18. post Pento. 

Da pacem dorn. Eecl. 36 



Noli cemulari 36 

CcbU enarrant \ 8 
Bo7n. probasii 

Miserere mei 56 



(Benedicite) D an . 3 



Usquequo \ 2 

Diligam te 1 7 
Ad te da. levavi 2 4 
Si consistant 26 
Dom. illumin. 26 
Adtedo.clama.ll 
SubiecitpoptdAG 
Magnus dorn. 47 
Deus in nomine 
[33 
Exaudi deus 34 
Exsurgat deus 67 
Avertantur 69 
Ut quid deus 73 
Quatn dilecta 83 
Lcstificaanim.S^ 
Incl.do.auremiö 

Beatiimmac. -118 

Testimonium 80 
Confitemini 104 

Venite exsidte. 94 



L(sfatus sum 121 



Gloria et honore 8 

Nimis honorati 
Gonstiiues 

Requiem 4 Esdr. 2 



Benedictus es) Dan. 3 



Ego dixi domine 40 

Ad dominum 1 1 9 
Jacta cogitatuni 54 
Propitius csto 78 
Proteetor noster 83 
Convertere dorn. 89 
Venite filii 33 

Esto mihi in Druml 
Domine dom. noster 8 

Oustodi me 16 

In dom. sperari 1 7 
Benedicam dom. 33 
Respice domine 73 
Bon. est confidere 1 1 7 
Bon. est confiteri 91 
Timebuni gentes 101 

Se«/a (/ens 32 

Quis sicut dom. 1 1 2 
Convertere dom. 89 

Propitius esto 78 
Protector noster 83 
Dirigatur oratio 1 40 
Salvuni fac popul. 2 7 



Quoniam elevata 8 

Dinumerabo 
Pro patribus 

Convertere 1 1 4 



(Benedictus es) Dan. 3 



Beatus qui 



40 



Latatus sum 



121 



Domine libera 1 1 9 
Z)w??i clamarem 54 
Adiuva nos 78 

i>owi. c?eMs virtut. 83 
Domine refugium 89 
Accedite 3 3 

Z>e?<s m <e speravi 70 
Quoniam elevata est 8 

Z>e rtdtu tuo 1 6 

ulrf !;e 17 

In dorn, laudabitur 33 
Exsurge 73 

Bon. est sperare 1 1 7 
JLc? adnuntiandu7n^ 1 
^Mow. mdifkcavit 1 01 



Verbo domini 



32 



Suscitans a terra 1 1 2 
Domine refugium S'j 

Adiuva 78 

Dom. rfet*s virtut. 83 
Ekvatio manuuin 1 4 
J.d ie (^0 w^ . clatnabo i 7 



i''««^ jaax 



121 



Codex St. Gallen 339. 



341 



ALLELOIA CÜI VERSÜ 


OFFERTORIUM 


VERSUS 


COMMUNIO 




Desidermm 




Posuisti domine 




Gloria et honore . 




Venite post me Mat. 4 


Dilexit Andream . ? 


Mihi autem 




Dicit Andreas Joh. 1 




Domine convertere 




Dona eis domine ? 




Domine ilhcm,ina 








Miserere mihi Dom. 








Domine Jesu Christe ? 






(Benedictus es) Dan. 3 


(Benedictus sit) 

nach Tob. -1^2.6 


(Benedicamus) Dan. 3 


(Benedicite) Tob. 12 




Litende voei 5 




Narrabo omnia 9 




Domine convertere 6 




Cantabo domino 1ä 




Sperent in te 9 




Ego clamavi 16 




Ilhimina ^ 2 




Dom.firmamentumi 7 




Benedicam dorn. 15 




Unam petii 26 




Perfice gressus 16 




Circuibo 26 




Sic. in holocaustoD. 3 


Et nunc sequimur Dan. 3 


Inclina aurem 30 




Populum humilem] 7 




Gustate et videte 33 




Justitice domini 18 




Primum quaer.Matth. 6 




Ad te dorn, levavi 'i'i 




Acccptahis 30 




Exaltabo te 29 




Honora dorn. Prov. 3 




Precatus est Exod. 32 




De fructu 103 




In te speravi 30 




Panem de csAo Sap.1 6 




Inmittet angelus 33 




Paulis quem Joh. 6 




Exspectans 39 




Qui manducat Joh. 6 




Dom.in auxilium 39 




Dom. memorabor 70 




Oravi deum Dan. 9 


Adhucmeloquen. j 
Audivi vocem ) 


Vovete et reddite 73 




Meditahor 1 1 8 




Comedite 2 Esdr. 




Benedic anima 102 




Aufer a me 118 




Dom. deussalutis 87 




MenseseptimoLev.id 


Hymn. 3 puerorum 








Tr. Latidaie deum\ i 6 










Sanctifieav. Exod. 33 


Locutusestdom.) 
Oravit Moyses ( 


Tollite hostias 95 



542 



Die Allelujaverse. 



INTEOITUS 



VERSUS 



GEADUALE 



VERSUS 



19. Salus populi ? 

20. Omnia quce fecisti 

Dan. 3 

21. InvolimtatetuaEsth.13 



22. Si iniquitates 



129 



23. Omnes gcntes 46 

24. Dicit dorn, ecro Jerem. 29 



Aüendite 7' 

Beati immac. \ 1 i 



Beati immac. \ 1 8 



De profundis 129 

Subjecif popidAG 
BenedixisH 8 4 



Dirigatur oratio \ 40 
Oculi omnium 1 4 4 



Domine refugium 89 

Ecce quam bonum 
[132 

Venitc fdii 33 

Liberasti nos 4 3 



Elevatio ^ 4 

Äperis tu 144 

Priusquam montes89 



6'^c^<< unguent. ) . „ 
T. Mandavit \ 
Aeecdite ad 33 

In deo laudabimus43 



Die AUelujayerse, 



In Dominicis diebus per 


circulum 


y. 


1. Venite exsultemus | 


94 


anni. 








2. Pra?occupemus \ 










y. 


Quoniam deus 


94 


f- Verba mea 




5 


y. 


Confitemini domino et invocate 


104 


f. Domine deus 




7 


y. 


Paratum cor 


107 


y. Deus iudex 




7 


y. 


Qui timent 


113 


f. Diligam te 




17 


j. 


Dilexi quoniam 


114 


y. In te domine * 




70 


y. 


Laudate dominum omnes 


H6 


y. Omnes gentes 




46 


y. 


Laudate dominum et collaudate 


116 


f. Eripe me 




58 


y. 


Dextera dei 


117 


y. 1. Te decet ) 




64 


y. 


De profundis 


129 


2. Replebimur ( 




y 


Confitebor tibi 


137 


y. Attendite 




77 


y 


Lauda anima 


145 


y. Exsultate deo 




80 


y 


Qui sanat 


146 


y. Domine, deus salutis 




87 


y 


1. Lauda Hierusalem \ 


147 


y. Domine, refugium 




89 




2. Qui posuit j 


1 Dieser Vers stört die numerische Folge, 


ist auch wohl irrtümlich in die 


Reihe 


gekommen; andere Handschriften, z. 


B. Cod. 


359 St. Gallen, haben ihn nicht. 





Die Allelujaverse. 



343 



ALLELÜJA CUM YERSÜ 



OFFERTOEIUM 



Si ambulavero -137 
Super flumina 136 



Vir erat 



Job. 1 



Recordare Esth. 14,12 



Sic. in holocaiost. D. 3 
De profundis cla. 129 



VERSUS 



Utinam appender. \ 
QucB est enim (Job. 6 
Numquidfortitudol Job.1 
Quon.nonrevertet./ 
EvertecorEsth.14,1 3u.U 

Fiant aures ) 
Si miquitates ) 



COMMUNIO 



Tii mmidasti \h\ 
Memento verbi 1 1 1 



In salutari tuo 1 1 8 



Dicovob.gaud.Luc.1 5 



Amen dico vobis 
quicquid Marc. 1 



In Nat. unius Confess. et Mart. 



f. 


Inveni david 


88 


y. 


Justus ut palma 


91 


f. 


Beatus vir, qui timet 


m 


f. 


Justus germinabit 


Ose. 14, 6 


r. 


Beatus vir, qui suffert 


Jac. 1 


r. 


Memento domine 


131 


f. 


Elegit te dominus 


Eccli. 45, 20 


f. 


Justus non conturbabitur 36 


f. 


Gloria et honore 


8 


f. 


Disposui testamentum 


88 


f. 


Justum deduxit 


Sap. 1 



In Nat. plurimorum Sanctorum. 

y. Sancti tui 

y. Gaudete iusti 

y. Exsultabunt sancti 

y. Voi exsultationis 

y. Mirabilis üominus 

y. Te martyrum candidatus 

y. Pretiosa est in conspectu 



145 



y. Justi epulentur 
y. Exsultent iusti 



In Nat. Apostolorum. 

y. Vos estis lux Mattb. 5 

y. Cseli enarrant 1 8 

y. 1. Niniis honorati sunt j 
y. 2. Dinumerabo eos \ 



In Nat. sanct. Virginum. 

y. Specie tua 
y. Diffusa est gratia 
y. Adducentur regi 
y. Egregia sponsa 

De Gruce. 



149 
117 


y. 


Dicite in gentibus 


67 

9 




De S. Andrea 


115 


y. 


Salve crux 



345 



IL 

Die Allelujaverse der OsterAvoclie 

in den 

Handschriften und Drucken 

bis zum Konzil von Trient. 



346 



Die Allelujaverse der Osterwoche. 





IN DIE PASCHA 


PER. II 


PER. III 


Cod. Monza 


f. 1 . Pascha nostrum y. 


Dominus regna- 


y. In te, domine, 


8. sa;-c. 


2. Epulemur 


vit, decorem 


speravi 


Cod. Eheinau 


J. 1. Paschanostrum i f. 


Dominus regna- 




8. sioc. 


2. Epulemur 


vit, decorem 




Cod. St. Gallen 359 


T. 1 . Pascha nostrum , J. 


Surrexit dominus 


y. Obtulerunt disci- 


9.— 10. s»c. 


■2. Epulemur ' 


vere 


puli 


Cod. St. Gallen 339 


f.\. Pascha nostrum I f. 


Surrexit dominus 


y. Obtulerunt disci- 


1 0. sa'C. 


2. Epulemur j 


vere 


puli 


Cod. Einsiedeln 121 


J. 1 . Pascha nostrum J. 


1. Angelus domini 


y. Christus resur- 


■10. SlOC. 


2. Epulemur ' 


2. Respondensau- 

tem 
Surrexit donnnus 


gens 


Cod. Paris nouv. ac- 


J. 1 . Pascha nostrum f. 


y. Eduxit dominus 


quis. 1235 12. sac 


2. Epulemur \ 


vere 




Cod. Stadtbibl. Trier 


f. 1 . Pascha nostrum y. 


Nonne cor nostr. 


y. Christus resur- 


■13. Sirc. 


2. Epulemur ! J. 


1 . Angelus domini 

2. Respond.autem 


gens 


Grad. Sarisburiense 


f. 1 . Pascha nostrum f. 


Nonne cor nos- 


y. Surgens Jesus 


■13. sii'C. 


2. Epulemur 




trum 




Cod. 445, Stadtbibl. 


J. Pascha nostrum 


y. 


Nonne cor 


y. Stetit Jesus in me- 


Colmar. 1 3. stec. 








dio 


Cod. St. Gallen 353 


T. 1 . Pascha nostrum 


y. 


1 . Angelus domini 


y. Christus resur- 


13.- 14. ScCC. 


2. Epulemur 




2. Respondensau- 
tem 


gens 


Grad. Lausannense 


y. 1 . Pascha nostrum 


y. 


Nonne cor 


y. Surrexit dominus 


(MinoriteiiMlil., rreibnrg, 


2. Epulemur 






et 


scliWEiz) 15 ScCC. ineiinlis 










Cod. St. Gallen 427 


f. 1 . Pascha nostrum 


y. 


Nonne cor 


y. Oportebat pati 


15, SifC. 


2. Epulemur 








Missale Lausannense 


y. Pascha nostrum 


y 


Angelus domini 


y. Surrexit dominus 


(MiEOTiteiiöiDl., rreitmrg, 








de 


Scüweiz 15 sfec. exeuniis 










Grad. Franc, de Brvi- 


y. Pascha nostrum 


y. 


Angelus domini 


y. Surrexit dominus 


gis,geiiriicliiYeiieiligl500 








de 


Grad. Lausannense, 


y. 1 . Pascha nostrum 


y 


Nonne cor 


y. Surrexit dominus 


gedruckt Lyon 1522 


2. Epulemur 






et 


Missale Tridentinum 


y. Pascha nostrum 


y 


Angelus domini 


y. Surrexit dominus 
de 



Die AUelujaverse der Osterwoche. 



347 



FER. IV 


FER.V 


PER. VI 


y. 


SABBATO 


f. Quoniam deus 


y. Lau da Hierusa- 


y. Surrexit altissi- 


Ha?c dies 


magnus 


lem 


mus 






y. Redemptio- 






y. 


Laudate pueri 


nem misit 










f. Surrexit de sepul- 


y. Cantate domino 


y. Eduxit dominus 


y. 


Hajc dies 


chro 






y. 


1. Laudate pueri 

2. Sit nomen 


f. Surrexit altissi- 


y. Cantate domino 


f. Eduxit dominus 


y. 


Htec dies 


mus 






y. 


1 . Laudate pueri 

2. Sit nomen 


J. Oportebat pati 


y. In die resurrec- 


y. Surrexit altissi- 


y. 


Hajc dies • 




tionis 


mus 


y. 


^. Laudate pueri 
2. Sit nomen 


f. In die resurrec- 


y. Angelus domini 


y. Benedictus es dei 


y. 


HoäC dies 


tionis 




fihus 


y. 


Laudate pueri 


f. In die resurrec- 


y. Surrexit altissi- 


y. Dicite in gentibus 


y. 


Hsec dies 


tionis 


mus 




y. 


1 . Laudate pueri 

2. Sit nomen 


f. Surrexit dominus 


y. In die resurrec- 


y. Dicite in gentibus 


y. 


Hli'C dies 


et 


tionis 




y. 


1. Laudate pueri 

2. Sit nomen 


y. Surrexit dominus 


y. Christus resur- 


y. In die resurrec- 


y. 


Hsec dies 


et 


gens 


tionis 


y. 


Laudate pueri 


y. Surgens Jesus 


y. In die resurrec- 


y. Dicite in gentibus 


y. 


Hcec dies 




tionis 




y. 


1. Laudate pueri 

2. Sit nomen 


f. Oportebat pati 


y. Surrexit altissi- 


y. Grucifixus surre- 


y. 


Htec dies 




mus 


xit 


y. 


1. Laudate pueri 

2. Sit nomen 


y. Christus resur- 


y. In resurrectione 


y. Dicite in gentibus 


y. 


Hsec dies 


gens 


tua 




y. 


1. Laudate pueri 

2. Sit nomen 


y. Surrexit dominus 


y. Surrexit Christus, 








vere 


qui 








y. Surrexit dominus 


y. Surrexit Christus, 


y. Dicite in gentibus 


r. 


H«c dies 


vere 


qui 








y. Oportebat pati 


y. Surrexit altissi- 


y. Crucifixus surre- 


y. 


Haäc dies 




mus 


xit 


y. 


Laudate pueri 


y. Surrexit dominus 


y. Surrexit Christus 


y. Dicite in gentibus 


y. 


Hsec dies 


vere 






y. 


Laudate pueri 



348 Die Gradualresponsorien der Sonntage nach Pfingsten. 



JII. 

Die Gradualresponsorien der Sonntage 
nach Pfingsten 

im Codex von Rheinaii. 



Dom, 



I 


Miserere mihi 




6 


Dom 


. XIII \ 


II 


Domine dominus 


noster 


8 




III 


Adjutorin opportunitatibus 8 




IV 


Exsurge domiue 




8 


» 


XVI ] 


V 


Ab occiütis 




18 


» 


XVII Bonum est confidere 1 1 7 


VI 


Unam petii 




26 


» 


XVlil Lsetatus sum 121 


VII 


Venite filii 




33 


» 


XIX Dirigatur oratio 140 


VIII Liberasti nos 




43 


» 


XX Eripe me 142 


IX 


Speciosus forma 




44 


» 


XXI Domine refugium 89 


X 


Benedictus dominus 


7i 


» 


XXII Ecce quam bonum 1 3 2 


XI 


Sciant gentes 




82 


» 


XXIII Venite filii 3 3 


Xii 


Protector noster 




83 


» 


XXIV Timebunt gentes 1 1 



Personen- 



und Sachregister. 



A, Ana, vgl. Antiphone. 

Aachen, Hofschule 233, 238. 

Acca von Hexham 198, -230. 

Accentus 120. 

Acoluthia 238. 

Acta martyrum 210. 

Adam von St. Victor 270 11'. 

Adflalaldus 243. 

Adeodatus, Papst 216. 

Ademar von Puy 157. 

Äd nutimi domini, Responsorium 247. 

Advent, Gloria während des A. 7 7. 

Aeddi Slephaniis 229. 

Aedilbert von Kent 228. 

Änderungen am liturg. Gesang 2 ff., 
61, 130, 194, 222, 240. 

Aeonan, Gesangiehrer 229. 

Ästhetisches zur Antiphonie 139, zum 
Meßgesang 212, zur Sequenz 265. 

Agapen 41. 

Agatho, Papst, 206, 229, 234. 

Agnus Dei 39, griechisch 32, 1 1 7 fl'., 
Singweise 116, tropiert 291. 

Agobard 48, 138, 197, 241 ff. 

Ainard 313. 

Akrostichia 18, 39 ff. 

Ai<roteleutia 18. 

Alcuin 41, 69, 106, 164, 192, 233. 

Aldhelm 166, i;i2, 230. 

Alexander VI., Papst, 222. 

.Mexandrien 28, 31. 

Alfano von Montecasino 316. 

Alfred, König 230. 

Alphons von Kastilien 228. 

Alleluja 18, 36 ff., melismatischer 
Charakter 36 ff., in der Messe 58, 
80, 92 ff., mitVers 93 ff., mit 2Versen 
97, im Advent 77 ff., Verabschiedung 
vor Septuagesima 13-2, Antiphonen 
153. 
Wagner, Gregor. Melod. I. 



Allelujarium (Gesangbuch mit den 
Allelujagesängen) 92, 234. 

Allelujatische Antiphonen 132, 133. 

Alma redemptoris mater 137. 

Amalar 8, 20, 32, 43, 62, 66, 74, 85, 
89. 94, 101, 103, 110, 113, 132, 134, 
138, 139, 143, 143, 132, 166, 173, 
193, 197, 239 ff. 

Ambo 83 ff., 218. 

Ambrosianische Liturgie 26. 34 ff., 63, 
64, 73, 79, 87, 96, 103, 108, 110, 
IM, 221, in Prag 223, in Augs- 
burg 223. 

AmbrosianischerGesang33,213, 221 ff. 

Ambrosianus sc. hymnus 46. 

Ambrosius 9,13, 14, 17, 19, 23 ff., 42, 
43 ff., 48, 63, 125. 

Amen 18. 

Anastasius von Sinai 160. 

Analecta hymnica, siehe Blume und 
Dreves. 

Andreas von Kreta 160, 161. 

Angelramus von St. Riquier 313. 

Angelsachsen 228 ff. 

Angilbert, Freund Karls des Großen, 

243. 
'Anonymus, St. Gallischer de vita Caroli 
Magni 249 ff. 

Anonymus, fränkischer 1 89 ff. 

Anstimmen der Gesänge 223. 

AnteponöTe 27. 

Antiochien 21 ff., 28, 124. 

Antiphona, Antiphone, Antiphonie 22, 
2 5, 36, de cruce, majores, de B. 
Virgine 133 11'., ad Introitum 62 ff., 
ad praelegendum 63, adOffertorium 
107 ff., ad Communionem 116ff., ad 
Canticum, Evangelium, Benedictus 
144, marianische 157(1'., Texte 209 ff. 

Antiphonar (Gesangbuch) Antiphonale 
1 40, 234,240, authentisches 1 99, 297. 

23 



350 



Register. 



Antiphonare U8. 

Antiphonischer Gesang 22(1'., 56, in 
Messe und Offizium -141 iX. 

Apokalypse 41. 

Archikantor 245. 

Archiparaphonista 217. 

Argenteuil 243. 

.\ristoteles (Pseudo-) 22. 

Aristophanes 35. 

Arius 43. 

Armarius 225 (V., 245 ff. 

Arnoult von Chartres 244. 

Asketen 1 24 ff. 

Asklepiadeisches Versmaß 171. 

Aspiciens a loncje, Responsorium 136. 

Athannsius 9, 13, 16, i8, 31, 32, 43. 

.\thanasius, Bischof von Neapel, 223. 

Athenogenes 42. 

Aubry 246. 

Aufzeichnungen lit. Gesänge 39, 200, 
213. 

Aufstellung der Sänger beim Singen 
224. 

Angsburger Liturgie 223. 

Augsburger Graduale 105 ff. 

Augustinus 1 3, U, 1 9, 25, M ff., 37 ff., 
41, 47. 63, 81 ff., 106, 117. 

Augustinus, Abt 228 ff. 

Aurelian von Reome über den Meß- 
gesang 58ff„ 236. 238, 241, 245. 

Aurelian, Regel des hl., 27, 132, 166. 

Ausführung des Introitus 65 11'., des 
Kyrie eleison 73 ff., des Gloria in 
excelsis 78, des Gradualresponso- 
riums 87 ff., des Allduja 95 ff., des 
Tractus 98, des Credo 104 ff., des 
Offertoriums 112 ff., des Sanctus 
11 4 ff., des Agnus Bei 11 5 ff., der 
Communio 119, der Offiziums- 
responsorien 133 ff., 139 ff., der 
Offiziumsantiphonen 143 ff., der 
Sequenzen 263. 

Ave maris Stella 169. 

Ave regina coeloricm 157. 

Avignon 61, 217. 

B 

Babylas 19. 

Bäumer 6, 41, 67, 127, 249. 
Balaeus, Hymnendichter 44. 
Bangor, Antiphonar von, 168, 173. 



Bardesanes 4 3. 
Basilicarii 104, 1 14. 
Basilius 9, 24 11'., 36, 63, 125. 
BatterichjBischof von Regensburg 145. 
Battifol 6, 25. 

Bau der Sequenzen 255 IT., 271 IT. 
B(*la Venerabilis 164, 197, 228 11. 
Begleitung der Tropen mit Instru- 
menten 284. 
Benedieamiis doniino tropiert 296. 
Benedida sit, Introitus 69. 
Benedictus dominus, Canticum 72. 
Bencdictus es, Canticum 101 ff. 
Benedictus qui venit 1 1 4 11. 
Benedikt II., Papst 206. 
Benedikt YIII. 103. 
Benedikt, Regel des hl., 24, 26, 28, 

33, 37, 46, 12511'., 134, 138, 152, 166. 
Benediktinergründungen 127. 
Benedikt Biscop 229. 
Benedikt, Kanonikus von St. Peter 

77, 88, 114, 136, 138, 166, 173. 
Benno von Meißen 298. 
Bernacer von Metz 243. 
Bernard, hl. 157. 
Bernardus, Archikantor 245. 
Bernard von Toledo 228. 
Berno von Reichenau 77, 103, 107, 

269. 315. 
Beroldus, mailändischer Liturgiker 

79, 87, 96, 103, 108. 
Besannen 73. 

Bethlehem, Kirche von B., 79, 92. 
Bickell 40. 
Biraghi 46. 

Bischofsmesse 66, 74. 77, 218. 
Blume, Clemens 153, 162, 163, 16611'., 

219, 281 ff., 286, 303. 
Bonifazius, Papst 190. 
Brambach 156, 191. 
Branda di Castiglione, Kardinal 222. 
Bruno von Toul (Papst Leo IX.) 314. 
Bryennius, byzant. Musikschriftsteller 

24. 
Bugge 166, 230. 
Burn 172. 
Byzanz, Chor der Kathedrale von B., 

36, Liturgie 80, 113, 218. 
Byzantinische Musik und Musiker 218, 

238 IT.. 253 11., 262 IT., vgl. auch 

Griechisches. 



Register. 



351 



Cabrol 18, 123. 

Caesarius von Arles 10, 24, 113, 226, 

Regel des hl. 132. 
Cagin 53, 5ö, 172, 196, 204. 
Caiixtus II., Papst 217. 
Cambrai 73, Gesangschule 244. 
Cantatorium 8ö IT., 214. 
Cantica 6 11'., 144, 153. 
Cantor vgl. Sänger, Kantor und Vor- 
sänger. 
Canto fermo 4. 

Cantus planus 3, responsorius 17. 
Cantus fractus 105. 
Cantorissa 246. 
Cantrix 246. 
Capua 227. 

Carmen gregorianum 1, 196. 
Carmen paschale des Sedulius 69, 303. 
Caspar! 6. 
Cassian 11, 33, 36. 
Cassiodor 17, 38. 
Catalenus 190. 
Cento antiphonarius 1 99 IT. 
Chälons-sur-Marne 73. 
Chartres, Gesangschule 244. 
Cheironomikos 224. 
Cherubikon, ÄUehija in der griech. 

Liturgie 92. 
Chevalier, Ulisse 46 iY. 
Chilperich 226. 

Chorus 3, 87, 133 11., 142 11-., 224 IT. 
Choral 3. 
Chorbischof 245. 

Chorgesang 2, 34, 57, 65, 142 tl'., 211. 
Chorische Psalmodie 21 IT., 141, vgl. 

Antiphonische Psalmodie. 
Christ 99, 254. 
Christe eleison 73. 
Christus hunc diem, Sequenz 239. 
Chrodegang, Bischof von Metz 233, 

254. 
Chromatik 16. 

Chronologie der Antiphonen 209 ff. 
Chrysostomus 1 0, 11 , 14, 1 8, 25, 31 , 

76. 
Claudius Mamertus 162. 
Clemens von Alexandrien 1 2, 14, 15, 

16, 42. 
Cluniazenser 67, 88, 245, 246. 
Codex Alexandrinus 7. 



Coelestin I. 26, 29, 64. 

Coelestin IL 88. 

Collecta 75. 

Comjnemoratio 157. 

Commune Sanctorum 68, 98, 202. 

Communiogesang lä, 59, 1 1 6 IL 

Conantius 164. 

Concentus 120. 

Constitutiones apostolicae 12, 18,19, 

20, 23, 42, 63, 76, 117. 
Corble Kloster 66, 90, 240. 
Cotto 231. 
Credo, griechisch 52, 1 02, in lat. Messe 

59, 102 ff. 
Cunctipotens genitor, Tropus 279. 
Cursus diurnus, nocturnus 128. 
Cyprian 12. 

Cyriilonas, Hymnendichter 44. 
Cyrillus von Jerusalem 10. 
Cythara 14, 15, 16. 

D 

Dagobert 226. 

Damasus, Papst 26, 47, 92, 189. 

Danksagungen, Gesang bei D., 76, 174. 

Daux 52. 

David Furmann 317. 

Decentius 54. 

Dechevrens 208. 

Decret Gregors I. 210, 215. 

Dedicatio 91, 207. 

Demetrius Phalereus 35. 

Descendit de coelis, berühmtes Re- 
sponsorium mit Tropen 291 ff. 

Deus in adjutorium 73. 

Dialekte des liL Gesanges 54. 

Diatonik 16. 

Dieit dominus: sermones, Introitus 69. 

Didaskalia 318 Patrum 10, 25. 

Dies irae, Sequenz 274 IL 

Dijon (Gesangschule), 244. 

Dimeter 171. 

Diodor 21. 

Directaneus cantus, psalmus in di- 
rectum 27 IL, 153 ff. 

Dirigieren im Mittelalter 214, 224. 

Distichon 171. 

Donnerstage der Fastenzeit, Texte der 
Communionen 204. 

Doxologie, vgl. Gloria Patri. 

Dreves 46, 162, 281, 303. 



352 



Register. 



Duchesne 21, 23, 26, 29, 50, 33, 62, 

63, 72, 74, 79, 8o! 
Durandus 67, 95, 99, 112, 132, 146, 

173, 261, 263, 267, 271. 

E 

Eadred, Sänger 231. 

Ecce advenit, Introitus 68. 

Ecce dies celebris, Sequenz 270. 

Eckhart, Georg von 191. 

Edelvold, Abt 231. 

Egbert von York 192, 197. 

Ekkehart I. 296. 

Ekkehart IV., Chronist von St. Gallen 
248 ir., 266, 296. 

Einfache Form des ältesten Kirchen- 
gesanges 31. 

Einheitlichkeit der lit. Gebräuche 128. 

Einstimmigkeit des greg.Gesanges 2, 3. 

Elias Salomo 4. 

Elision 170. 

Elpis 162. 

England 228 IT. 

Englische Kirche 67, 79, 88, 166. 

Enharmonik 1 6. 

Ennodius 162. 

Ephräm 43, 44. 

Epinikion [Sandus] 113. 

Epiphanie, Gesänge am Feste der E. 50. 

Epiphanius H, 43. 

Eugen III. von Toledo 164. 

Eugen IV., Papst 222. 

Eugenius von Mailand 222. 

Eupraxia 11. 

Eurypides (Melismen) 35. 

Eusebius 7, 9, 14, 17, 22, 31, 41. 

Eusebius von Vercelli 23. 

Eutheria 18, 23, 43, 123. 



Farciturae, Farsiae 286. 

Farfa, Kloster 223. 

Fastenzeit, Alleluja in der F. 97. 

Fasttage der Juden und Christen 124. 

Felder, P. Hilarin 312. 

Felix von Nola 23. 

Firmus cäntus, canto fermo 4. 

Flavian 21. 

Fleischer 52, 221. 

Flöte 14. 

Florus 163, 241. 



Folcvin von Lobbes 314. 

Francigena, vgl. franz. Melodien. 

Franco von Lüttich 314. 

Frankenland, Aufnahme des gregoria- 
nischen Gesanges 233 11'. 

Fränkische Art des Responsoriums 
133 ff., 240, 242. 

Fränkisch-römische Liturgie 73, 129, 
233 ff., vgl. Amalar. 

Franziskaner 73, 129, 166, 174. 

Französische Melodien 222, Sequenzen 
269 iL 

Frauengesang 9 ff., Gesang des Gra- 
duale durch Frauen 87. 

Freiheit in Wahl der AUelujavcrse 93. 

Frere, Walter Howard 191, 201 tf., 
206, 281. 

Fulbert 244, 247. 

Fulco von Anjou 247. 

G 

Gaisser, P. Hugo 99. 

Gallikanische Liturgie 34, G4, 72, 79, 

101,107,113,116, 223 fr., 236 ff., 247. 
Gammurini 43. 

Gastouö, Amadee 102, 130, 192, 20G. 
Gaudeamus omnes, Introitus 68, 202. 
Oaude Maria, berühmtes Responso- 

rium, tropiert 293. 
Gautier 281. 
Gebetstunden 128. 
Gelasianische Liturgie 192 11'. 
Gelasius 162, 189. 
Gemeinschaftlicher Gesang 9 11., 84, 

126, 130. 
Gennadius von Konstantinopel 11. 
Gennadius, Schriftsteller 47. 
Georg, röm. Sänger 234. 
Geraldus von Braga 228. 
Gerbert, Martin 6, 9 ff. 
Germanus von Paris 10, 36, 63, 83, 

87, 101, 226. 
Gesangschulen 28, 24 4 11., 297, vgl. 

Schola Cantorum. 
Gevaert 64, 132, 191 ff., 208(1'. 
Ghiseler von liildesheim 3 16. 
Gimedia, Kloster 232. 
Gloria in excelsis 42, 58, 76 ff., 174, 

griechisch 52, 61, 79, tropiert 288, 

im .\dvent 77, älteste Singweisen 78, 

in Totenmesse 79. 



Register. 



353 



Gloria Patri 18, 133 11'., 140. 

Glykoneisches Versmaß 171. 

Gnostiker 43. 

Godeschalc von Orbais 16Ö. 

Godeschalk, Sequenzendichter 269, 
297. 

Gotselin, Gesanglehrer 231. 

Graduale 2, 12, 38, 80, 82 IT., 100, 
der Osterwoche 90, Textreihen 205. 

— Buch 1 99 iT, 

Graduale Vaticanum (1908) 71, 76, 
78, 88, 93, 101, 10Ö, 108, 110, 121, 
208, 276. 

Gregor I. 1, 11, 62, 65, 73, 87, 92 ff., 
96, 127, 189 ff., 228, gregor. Tra- 
dition 191 ff., Hymnen 163, 168, 
Komponist 21 9, als Theoretiker 220. 

Gregor II. 191, 205, 216. 

Gregor III. 127, 191, 208. 

Gregor IV. 240. 

Gregor VII. 228. 

Gregor XI. 61. 

Gregorianisch 1 ff. 

Gregor von Nazianz 4 0, 44, 123. 

Gregor von Tours 24, 64, 76, 226. 

Griechisches im lat. Kirchengesang 
49—53, 61, 69, 73, 79, 100, 102, 
113, 233 ff., Hymnen 4 60 ff., 262 ff., 
283 ff. 

Griechische Päpste 206 ff. 

Grirabald, Sänger 231. 

Grimme, Hubert 44. 

Guido von Auxerre 314. 

Guido von Farfa 223. 

Gussanville 191. 

H 

Hadrian I., Papst 1 1 0, 1 27, 1 92, 240, 248. 

Hadrian, Priester 229. 

Haee dies, Gradualresponsorium 90. 

Handschriften St. Gallens 255, 299, 
Cod. 484: 254 ff., 278, Cod. 339: 
1 20 ff.. Cod. 390-91 : 1 74 ff., 219, 307. 

Harmonius 4 3. 

Harnack 1 3. 

Hartker von St. Gallen 137, 153, 218, 
297, 307. 

Hartmann von St. Gallen 231, 296. 

Haymon von Halberstadt 243. 

Hayton von Basel 237. 

Heinrich, Sequenzendichter 269. 



Heinrich IL, Kaiser 103. 

Heinrich, Markgraf von Meißen 247. 

Helisachar von Metz 241. 

Herardus, Bischof von Tours 114. 

Hericus von Paris 24 3, 314. 

Hermannus Contractus 130, 157, 269, 
313. 

Hiatus 170. 

Hildegard, die hl. 299. 

Hierax 43. 

Hieronymus 11, 36, 38, 43, 92, 126, 
189, 208. 

Hilarus 106. 

Hilarius von Poitiers 43, 123. 

Hildemar 193. 

Hirmus (eipfxo?) 99, 161. 

Hippolytus 126. 

Historia 129, 132, 140, 301 ff., 305. 

Hodie cantandus est, Tropus 278. 

Hoeynck 223, 276. 

Honoratus, Abt 196. 

Honorius, Papst 127, 198, 216. 

Honorius von Autun 132. 

Horraisdas 188. 

Hucbald 244, 306, 313. 

Hugo, Kardinal 78. 

Hugo von St. Victor 99. 

Hymnen in den ersten christl. Jahrh. 
6 ff., 41, mit Instrumenten- und 
Tanzbegleitung 16; Hymnendichter 
44 ff., ihr Vortrag 48, in der Messe 
60, Angelicus (= Gloria) 76 ff., im 
Mittelalter 1 60 ff. 

I 
Ignatius 21. 

Ildefons von Toledo 227. 
In excelso, Introitus 68. 
Ingobrand von Lobbes 315. 
Ingressa 62, 64. 
Innozenz L, Papst 54. 
Innozenz III., Papst 104, 247, 266. 
Inschriften 21. 
Instrumente 14 ff., 243. 
Introitus 29, 58, 62 ff. 
Inviolata, berühmter Tropus 293. 
Invitatorium 26, 63, 147. 
Irische Hymnen 168. 
Isaac der Große, Hymnendichter 44. 
Isembert 315. 
Isidor von Pelusium 10. 



354 



Register. 



Isidor von Sevilla 19, 31, 36, 45, 85, 

101, 164, 208, 227. 
ISO von St. Gallen 251 ff. 
Itala 208. 

J 
Jacob von Canterbury 229. 
Jacob von Sarug, Hymnendichter 44. 
Jacopone da Todi 275. 
Jambisches Versmaß 17111. 
Jerusalem, Kirche von J. IT^ff., 92, 

124, 189. 
Joannes Jesu Christo, Sequenz 257. 
Jobannes I., Papst 190. 
Johannes YIII. 196. 
Johannes Archicantor 229. 
Johannes von Canterbury 231. 
Johannes Chrysostomus vgl. Chryso- 

stomus. 
Johannes Cotto 231. 
Johannes Diaconus 193 ff., 237, 243. 
Johannes, fränkischer Sänger 231. 
Johannes von Damascus 160, 161. 
Johannes von Saragossa 164. 
Johann Hane 316. 
Johann Hoffmann 316. 
Johannes von Montecasino 2-20, 224. 
Johannes von Gerona 227. 
Jubilus, Jubilatio beim Allelujagesang 

37 n., 94 ir., 232 ff. 
Judaea et Jerusalem, Responsorium 

247. 
Jüdische Liturgie, Verhältnis zur 

christlichen 7, 13, 16, 21, 36, 81, 

207. 
Julian von Speier 311 ff. 
Julius IL, Papst 266. 
Justinus Martyr 12, 63. 
Justus 228. 

K 
Kanones 28, 161. 
Kantor 1 7, vgl. Vorsänger. 
Kapitularien 233 ff. 
Karl IV. 223. 
Karl Borromaeus 222. 
Karl der Große 41, 76, 103, 164, 234 ff., 

248 ff'. 
Karfreitag 31. 
Karmeliter 67, 73, 88. 
Karolingerzeit 53. 
Karsamstag 31, 71, 101, 106, 115, 148. 



Kartäuser 79, 114, 275. 

Karthago 29. 

Karwoche 167. 

Katechumenen 20. 

Kent 228 ff. 

Kleidung des lit. Solisten 96, der 
Sänger 218. 

Klöster 28, 33. 

Knabengesang 23, 29, 139, 21 7 ff., 
226, 263. 

Komplet 125. 

Komposition der lit. Gesänge 219. 

Konservatorien 21 3. 

Konstantin der Große 8. 

Konstantinopel 23, 125. 

Konstantins 43. 

Kontakion 161. 

Konzil von Nicäa 10, 11, Altisiodo- 
rense 10, von Laodicea 20, 39, 43, 
165, von Rom 26, 491, von jVntio- 
chien 42, von Vaison 24, 72, 113, 
von Toledo 23, 96, 101, 103, 129, 
135, 163, 227, von Braga 126, 165, 
von Agde 165, von Tours 165, von 
Cloveshoe 230, von Valence 243, 
von Köln 270, von Trient 93, 111, 
131, 138, 276, 318. 

Kopten, Allelujagesang der K. 92. 

Kosmas von Jerusalem 160, 161. 

Krummbacher 1 60. 

Kürzung der Gesänge 66, 83 ff., 88, 
105, 133, 134, 145, 210ff. 

Kunibert von St. Gallen 297. 

Kunst des Gesanges 246. 

Ktjrie eleison 71 ff., außerhalb der 
Messe 73, tropiert 286 ff. 



Laeta 11. 

Laeta mente, Sequenz 260. 
Laetemur, Introitus 68. 
Lamentationen 32, 56. 
Landulfus 221. 
Lanfrancus 232. 
Laterankirche 116, 131. 
Lateiner, ihre musikalische Veran- 
lagung 266. 
Landes 123. 

Landes canere [Allclicja in Spanien) 96. 
Laus perennis 127. 
Laus tibi sit, Sequenz 259. 



Register. 



355 



Leander, spanischer Bischof 2i7. 

Lectio 32, ae, 80 ir. 

Legenden 237. 

Leitner 7. 

Leitrad von Lyon 241. 

Lei^toren 20, 29. 

Leo, Sänger 21. 

Leo L 9. 

Leo IL 29, 82, 189, 206, 216. 

Leo in. 76, 103. 

Leo IV. 1, 196, 221, 225. 

Leontius 21. 

Leopold von Steinberg 316. 

Letaldus von Micy 31 4. 

Liber cantatorius 21 8, vgl.Cantatorium. 

Liber pontificalis 65, 76, 1 1 3, 1 1 5, 206. 

Liber sacramentorum (Meßbuch) 62, 
71, 76, 82, 192, 210. 

Liberius, Papst 23. 

Litania (= Kyrie eleison) 58, 71, 74. 

Liturgie, Entwicklung der L. 49 ff. 

Liturgische Funktion der Chor- und 
Sologesänge 21 Off., lit. Obliegen- 
heiten der Sänger 21 7 ff. 

Liturgische Stellung des Kirchenge- 
sanges 194,211; vgl. Zusammenhang, 

Locus istc, Graduale 91. 

Longissimae melodiae (Notkers Se- 
quenzen) 251 ff. 

Longobarden 127. 

Ludwig der Fromme 240, 241. 

Luitward von Vercelli 25. 

Lumen hilare 42. 

Lyon, Kirche von L. 67, 167, 197, 
241 ff.; Tropen in Lyon 295. 

Lyra 15, 16. 

M 

Maban, Sänger 198, 230. 

Magnus Felix Ennodius 162. 

Mailand 25. 

Mailändische Liturgie, vgl. Ambro- 
sianische. 

Mallosus, Martyr 76. 

Mamertus 162. 

Manichäer 1 3. 

Marcellus von St. Gallen 250 ff. 

Marcion 43. 

Marienfeste siehe Muttergottesfeste. 

Marius Victorinus Afer, Hymnen- 
dichter 47. 



Manjuardt von Echternach 314. 

Martialis, Kloster des hl. in Limoges 79. 

Martin, Papst 190. 

Martianus 20. 

Martinus, Mailändischer Domschatz- 
meister 223. 

Martinusantiphonen 244. 

Märtyrer feste 124. 

Marxer 105. 

Maurianus 190. 

Media irita, Responsorium 266. 

Medizäisches Graduale 2, 211, 213. 

Mehrstimmige Musik, vgl, Mensural- 
musik. 

Meister 18. 

Melismen im klassischen undimchristl. 
Altertum 33, 35, 264; beim Alle- 
luja 37 ff.; in allen Liturgien 56ff.; 
im Gradualresponsorium 83 ff.; im 
Antiphonalgesang 151 ff.; ambrosi- 
anische 214. 

Melodische Fassung der Psalmodie 
seit dem 4. Jahrh. 31 ; des Intro- 
itus 71; des Kyrie 75; des öloria 
78; des Gradualresponsorium 83ff. ; 
des Allehija 93, 99 ff.; des Tractus 
100; des Credo 104 ff.; des Offer- 
torium 108; des Sanctus 114; des 
Agnus 116; der Communio 119; 
des responsorialen Gesanges 133 ff., 
242; des antiphonischen Gesanges 
141 ff., 209ff.; der Hymnen 171 ff.; 
der Sequenzen 263; der Psalmodie 
30 ff. 

Mellitus 228. 

Mensuralmusik 217, 222, 298. 

Messe, stille 194, 195; s, Missa pecu- 
liaris. 

Meßerklärung, alte 66. 

Meßgesang 12; Einführung des anti- 
phonischen Gesanges 26; Entwick- 
lung des M. 58ff. ; Verhältnis zum 
Offiziumsgesang 141 ff.; 201 ft 

Meßgesänge tropiert 286 ff, 

Metensis, Metzer Gesang 253. 

Methodius, Hymnendichter 42. 

Metrische Fassung der Hymnen 168 ff. 

Metrische Offizien 301 ff. 

Metrischer Text des Introitus 69; des 
Graduale 91 ; des ganzen Proprium 
302; einzelner Offiziumstücke 303 ff. 



356 



Register. 



Metzer Gesangschule 233 ff., 243 tf., 253. 

Metzer Liturgie 240, 233. 

Meyer von Knonau 249. 

Meyer, Wilh. 44. 

Microiogus de ecclesiasticis observa- 
tionibus G2, 77, 237. 

Micy, Kloster bei Orleans 228. 

Milet, Hymnen mit instrumentaler Be- 
gleitung 16. 

Missa, Summe der Meßgesänge 61 , Be- 
standteile des Offiziums 132. 

Missa peculiaris oder privata 1 92, 1 93. 

Mißbräuche 16, 105, 143, 211. 

Mocquereau 191. 

Monastisch, vgl. Regulär. 

Monazontes 22. 

Montecasino 127, 213, 224. 

Monza, Graduale von Monza 82 ff., 
89, 91, 93, 101, 200. 

Morin 5ö, 64, 172 ff., 191, 206. 

Mozarabische Liturgie 54, 72, 79, 80, 
101, 103, 107, 116, 117, 135, 152, 
227 ff. 

Musaeus von Marseille 129. 

Musica Enchiriadis 306. 

Muttergottesfeste, die alten 50, 207. 

Mysterien 295. 

Mystische Deutung des Alleluja 94. 

Nachtstunden, -zeiten 11. 

Natalitia Sanctorum 126. 

Natus ante saecula, Sequenz 258. 

Nepos, Hymnendichter 42. 

Neucäsarea 24. 

Nevers 244. 

Nicetas von Remesiana 172 ff. 

Nicetius von Lyon 24. 

Nicetius von Trier 64. 

Nikolaus IL 222. 

Nisier von Lyon 226. 

Nitria, ägyptisches Kloster 28. 

Nokturn 124 ff. 

Nomos 209. 

Notker Balbulus 249 ff., 266 ff. 

Notker Labeo 296. 

Notker Physicus 296. 

Numerische Folge der liturg. Gesangs- 
texte 70 (Introitus) 91, (Gradualien) 
98, (Allelujaverse) 118, 204, (Com- 
munionen). 





0-Antiphonen 153. 

0(b)ricus Scacabarozus 223, 303. 

constantia martyruni, Responso- 

rium 247. 
Odilo, der hl. von Clugny 275, 314. 
Odo, Musica des 0. 63. 
Odo von Clugny 244. 
Offerenda, vgl. Offertorium. 
Offertorium (Antiphona ad) 59, 106 ff.; 

Verse 108; tropiert 288. 
Officium (= Introitus) 63. 
Offizium 123ff., 1;H2ff., 141 ff., 174ff., 

Texte 208 ff., in poetischer Form 

300 ff. 
Officium curiae papalis 129, 167, 176. 
Officium de Nativitate 174 ff. 
Officium de S. Antonio 31 2 ff. 
Officium de S. Arnulfo 308 ff. 
Officium de S. Francisco 311 ff. 
Officium de S. Trinitate 305 ff., 313. 
Offiziumsgesänge, tropiert 290 ff. 
Oktaven, Gesang in 0. [=^ Antiphone) 

22. 
Oktoechos 207. 
Ordinarium Missae 60ff., 84, griechisch 

61. 
Ordo kirchlicher Sänger 20. 
Ordo Romanus, römisches Zeremonial- 

buch 51, 62, 63, 65, 73, 78, 83, 

87 ff., 95 ff., 98, 103, 104, 107, 115, 

119, 136, 166. 
Ordnung des Offiziums 1 28, 1 93 ff., der 

Liturgie 188, der Meßgesänge 204 ff. 
Orgel, Organum 112, 238, 254, 264. 
Orientalen, ihre musikalische Veran- 
lagung 264. 
Origenes 13, 41. 
Orphanotrophium 213. 
Osbernus, Gesanglehrer 231. 
Ostermesse 120. 

Ostermontag, Gesänge am 0. 51. 
Ostervesper 51. 

Osterwoche 21 8, Gradualien der 0. 90. 
Otto von Freisingen 130. 
Otto IIL 224. 



Pachomius 10. 

Paleographie musicale 55, 305. 

Palestrinas Melismen 264. 



Resister. 



357 



Pambo, Abt 28. 

Panvinius 29. 

Papstbach, vp;!. Liber pontificalis. 

Papstmesse 65, 74, 77 fr., 82, 104, 107, 
ll'i, 21 7 fr. 

Päpste aus der Schola Cantorum 21 ß. 

Päpste, Verdienste um den Kirchen- 
gesang 188 ff. 

Papyrus, Erzherzog Rainer 39 ff., 255. 

Paraphonistae 65, 216. 

Paraphrasen der Cantica 153 ff. 

Parisot 51. 

Parthenae 22. 

Parlikulariiturgien 54 ff., 221 ff. 

assion, ihr Vortrag 32. 

Patin 172. 

Pauke 14. 

Paulinus von Noia 47. 

Paulinus 26. 

Paulinus von Aquileja 164, 167. 

Paulinus, Mönch 228. 

Paulus, Apostel 6, 41. 

Paul 1., Papst 216, 234. 

Paulus Diaconus 164. 

Paul von Bernried 223. 

Paulus und Stephanus, Regel 34, 39, 
210. 

Paul von Samosata 42. 

Paul Warnefried (Diaconus) 164. 

Peccham, John von Canterbury 313. 

Pelagius, Papst 127. 

Perez 14 3. 

Peter von Andern, Abt 246. 

Peter von Cambrai 315. 

Peter von Corbcil 315. 

Petrus Damianus 222. 

Petrus, römischer Sänger 248. 

Philo 17, 22. 

Pippin 87, 233 ff. 

Planeta der Sänger 218. 

Planus cantus 4. 

Pleitner G, 18. 

Piektrum 15. 

Plinius 123. 

Pneuma (= Melisma) 151 ff. 

Poetisch geformte Offizien 301 ff. 

Polykarpus 124. 

Praemonstratenser 67, 73, 88, 242. 

Prag, ambrosianischer Ritus daselbst 
223. 

Prim 125. 



Primicerius 29, 104, 216, 224 ff., 245. 

Prior Scholae Cantorum 65, 21(i. 

Priscillianisten 41. 

Priusquayn tc formarcm^ Gradualc 
vom hl. .lohannes Baptista 88. 

Probst 6, 18, 41, 62. 

Profitentes iiuitatem, Sequenz 273. 

Prolog zum Meßgesangbuch 219. 

Proprium de Tempore, de Sanctis 60ff., 
192, 201 ff. 

Prosa 34, 35, das Offizium hat Prosa- 
texte zur Voraussetzung 302. 

Prosa, Name für Sequenzen 267, für 
Tropen 279. 

Prozessionsgesänge 51, 207. 

Prudentius, Hymnendichter 47. 

Psallat ecclcsia mcdfr, Sequenz 256. 

Psallenda 81. 

Psalmellus 81. 

Psalmen, Psalmodie 6 IT., des ganzen 
Volkes 9 ff., sie wurden auswendig 
gelernt 10 ff., Psalmus responsorius 
17, Solopsalmodie 16 ff., Chorpsal- 
modie 21 ff., musikalische Beschaf- 
fenheit 3 ff. =: geistl. Hymnen 42; 
Ps. idiotici 43, in der Messe 59 ff.: 
nach dem Offertorium 113, 117. 
Psalm 33 als Communiogesang 116. 
Vollständiger Psalm des Gradual- 
responsoriums 81, der Antiphonie 
144. Verteilung der Psalmen im 
Offizium 156. 

Palmtexte in den Meßgesängen 68 ff. 
202 ff. 

Psalterium (Instrument) 14. 

Psaltes, Psalmista 19 ff'. 

Pulpitus vgl. Ambo. 

Purificatio, griech. Gesänge 51, 207. 

Putta, Gesanglehrer 197, 229. 

<i 

Quantität 170. 

Quadrivium 244. 

Quintian, Bischof von Clermont 22G. 



I^ = Responsorium 56, 82 ff. 
Rabanus Maurus 65, 116,165,1 66, 243. 
Rabulas, Hymnendichter 44. 
Radulphus von Tongern 75, 78, 112, 
130, 171, 174, 301. 



358 



Register. 



Rainald von Langres 314. 

Ratbod von Utrecht 314. 

Ratpert von St. Gallen 296. 

Rayinund de Vincis Hi6. 

Redemptus, Sänger 21. 

Reformchoral 3, 2 H, 213. 

Reformen Gregors I. 215 ff. 

Refrain 16, 17. 

Regensburg 145. 

Regina codi 157. 

Regino von Prüm 140, 251. 

Regularklerus 126, 129 IT., 174tr. 

Reichenau, Kloster, Musikunterricht 
245. 

Reim 170, in Sequenzen 270 11. 

Reimann 24, 162. 

Reimoffizien 311 (f. 

Reinaldus de Colle di Mezzo 316. 

Reiners 281. 

Remigius Mediolacensis 314. 

Remigius von Auxerre 243. 

Remigius von Paris 314. 

Remigius, Bischof von Ronen 234. 

Repetenda 135, vgl. auch Versus ad 
repetendum. 

Respondere ad Antiphonam 146. 

Responsale (Gesangbuch) 234. 

Responsorialer Gesang 17(1'., 34, 39, 
56, 80, 81 ir., IM, 132 IT. 

Responsorium 39, 132 fi., prolixum 
139; breve = Responsoriolum 134, 
139, de historia Regum, de sapien- 
tia, de auctoritate, etc. 140. 

Rezitation. Rezitieren 130, der Meß- 
gesangstexte durch den Priester 1 95. 

Rheinau, Graduale von Rh. 6S, 82, 83, 
89, 91, 93, 109, 116, 200 11'. 

Rhythmik der Sequenzen 261 fT., 271 (T. 

Rhythmische Auffassung der Hymnen 
44, 170. 

Robert, König 246. 

Robert von Metz 314. 

Rom, Einführung der Antiphonie 26, 
liturgische Sänger daselbst 29, rö- 
mische Art des Responsorium 1 35 ff., 
römische Liturgie 54, 126, Fixie- 
rung der römischen Liturgie 188 ff. 

Romanos, griech. Hymnendichter 160. 

Romanus, angebl. römischer Sanger 
160, 248 ff'., 263. 

Rota, Saiteninstrument 281. 



Rotlandus, Gesanglehrer in Metz 24:(. 
Ronen 2:U. 
Rufinianus 228. 
Rupert von Deutz 94. 

S 
Sabinus, Sänger 21. 
Sacramentar, vgl. Liber sacramen- 

torum. 
Sacrificium, vgl. Offertorium 107. 
Säkularklerus 125, 129, 174 ff. 
Sänger, Ordo, von dem der Lektoren 

verschieden 20, vgl. Kantor und 

Vorsänger. 
Salomo von St. Gallen 251, 
Salomo vgl. Elias. 
Sah(S pnptili, Introitus 69. 
Salve sancta parens, Introitus 69. 
Salve Regina 157 ff. 
Sammlung der Gesänge 194 ff., vgl, 

Cento. 
Sanctorale, Proprium de Sanctis 60, 68. 
Sanctus 59, 113 ff., griechisch 52, 

Singweise 114, tropiert 289. 
Sapphisches Versmaß 171. 
Saturnius Versus 168. 
Schichten im Meßantiphonar 202 ff. 
Schlecht, Raymund, Choralforscher 

254, 274. 
Schola Cantorum 29, G5, 73, 84, 87, 

104, 108, 115, 195 ff., 21 4 ff. 
Schola palatina 23fi, vgl. Aachen. 
Schriftliche Aufzeichnung der Gesänge 

39}!'., 52, 200, 213, 214. 
Schubiger, P. Anselm 248 ff., 296. 
Secundicerius 216. 
Sedulius 69, 162, 304. 
Semitische Poesie 44 ff. 
Septuagesima, Alielujagesang 152 ff'. 
Sergius L 50, 115, 206 ff., 216. 
Sergius ü. 216. 

Sergius von Konstantinopel 160. 
Sequentia (= Jubilatio) 94. 
Sequenzen 248 iL, Bau 255 tL 
Sigebert, Chronist 110, 244. 
Sigulf 234. 

Silvia 18, vgl. Eutheria. 
Simeon, Sänger 231, 234. 
Sinai, Mönche auf dem S. 28. 
Siricius, Papst 23. 
Sixtus, Papst 29, 113. 



Register. 



359 



Sokrates 18, 2t. 

Solcm Justitiae, Responsorium 247. 

Sologesang 2, 16 IT., 34, 56, 81, 100, 
108, 141 ff., 203 ff., liturgische Stel- 
lung 21 2 ff. 

SonuSi Sonum 107. 

Sonntage nach Pfingsten 205. 

Sonntagsvesper 133. 

Sophronios von Jerusalem 160. 

Sozomenos 9, 18, 20, 25, 43. 

Spanisch, vgl. mozarabisch. 

Sprache, liturgische 49 ff. 

Stabat mafer, Sequenz 275. 

Statio 67, 75. 192, 217. 

St. Blasien 78. 

Stephan II. 233. 

Stephan III. 2 16. 

Stephan IX. 213. 

Stephanus Eduensis 94. 

Stephanus von Lüttich 306, 313. 

Stephanus und Paulus, Regel der hl., 
34, 39, 210. 

Steier, A. 4 6. 

St. Gallen 68, 85, 97, 102, 105 ff., 109, 
111, 120, 138, 149, 248ff'., 278, 297. 

St. Martialis, Kloster in Limoges 79, 
252, 269. 

St. Maurice, Kloster im Wallis 12fi. 

St. Riquier, Psalmodie daselbst 245. 

Stil der Gesänge 21 2 ff. 

Stille Messe, vgl. Messe und Missa 
peculiaris. 

Stirps Jcsse, Responsorium 247. 

Stundengebet 124 ff. 

Subdiakonen 87, 115, 119, 21 7 ff. 

Sich iuum praesidium 53. 

Succentores 88, 224. 

Suggestus vgl. Ambo. 

Sulpicius, Gesanglchrer 235. 

Sychardus von Cremona 88, 1 39. 

Syllabische Melodiebildung der Se- 
quenzen 264. 

Sylvester, Papst 29. 

Symbolum vgl. Credo. 

Symmachus, Papst 76, 190. 

Synoden 128, 151, 235, vgl. Konzil. 

Syrische Kirche und Liturgie 22, 25, 
44, 51. 

T 

Tabulae (Einband des Cantatorium) 
85, 87. 



Tagesstunden 11. 

Te decet laus 42, 172. 

Te Deum 76, 133, 172 ff., tropiert a95. 

Telesphorus, Papst 76. 

Teiuporale, Proprium de Tempore ßü, 
68. 

Tertullian 12, 19, 41, 43, 124. 

Teucharius 24. 

Texte 7, aus griechischer Liturgie 
51 ff., des Introitus 68 ff., des Gra- 
duale 91 ff., des Alleluja 97 ff., des 
Tractus 100, des Offertorium 112, 
der Communio 118, der Respou- 
.sorien 140, der Antiphonen 152, 
des Meßantiphonars 202 ff., 31 9 ff., 
nichtbiblische 42 ff., 210, der Ofli- 
zien 302 ff. 

Theodebert, König 64. 

Theodor, .\rchidiakon 7 4. 

Theodor, Archikantor 240. 

Theodor von Canterbury 229. 

Theodor von Mopsvestia 22. 

Theodoret 18, 21, 25. 

Theodulf von Orleans 164. 

Theoger, Bischof von Metz 243. 

Therapeuten 17, 20, 21, 22, 41. 

Thomas von Aquin, Sequenzendichter 
274. 

Thomas von Celano 274. 

Thomas Walsinghamus 231. 

Toledo 228. 

Tommasi, Kardinal 6, 63, 65, 66, 67, 
98, 147, 152, 159. 

Tonarten 208 ff., 239. 

Tonlage des Responsoriums 139. 

Totenmesse 92 f., 106, 112, 114, 116, 
119. 

Toul 153, 244. 

Tours 101, 126. 

Tractlm 98. 

Tractus 59, 80, 89 ff., 98 ff. 

Tradition, gregorianische 19111'. 

Transitorium 1 17. 

Trecanum, Communiogesang 117. 

Treue der Überlieferung, deutsche 298. 

Trierische Kirche 64, 73, 242, 245. 

Trisagion 72, 79, 113. 

Triumphare, triumphaliter canere 1 46. 

Trochäisches Versmaß 171. 

Troparion 27, 28, 161. 

Tropen 27711'., des Introitus 283, des 



360 



Register. 



Kyrie 283, des Gloria 285, der 
Epistel 286, des Graduale 287, des 
Offertoriura 288, des Sanctus 289, 
des Agnus 289, der Communio 290, 
des Ite missa est 290, zu den Offi- 
ziumsgesängen 290 IT. Mehrstinn- 
niige 296. 

Tropus 34, 277(1. 

Tuba U. 

Tuotilo 277 ff. 

Turstin von Caen 232. 

U 

Ldaschalc von Aupsburg 313. 

Überlieferung des lit. Gesanges 301. 

Überschriften der Psalmen 17. 

Ulrich, Abt von St. Gallen 266. 

Unterricht des Gesanges im Mittel- 
alter 214, 244 ff. 

Unterscheidung der lit. Gesangstile 
21 2 ff. 

Urban IV. 274. 

Urban VIII., Hymnenreform unter U. 
162, 317. 

V 

Vaganten 295. 

Valentin, Gnostiker 43. 

Valladolid, mozarabischerGesang 228. 

Vandalische Verfolgung 24, 38. 

Venantius Fortunatus 1 0, 1 62, 1 63, 226. 

Venetianer 7, 206. 

Veni Creator Spiritus, Hymnus 24 6. 

Venitc popuH, gallikanischer Com- 
muniogesang 117, 122. 

Verbreitung des greg. Gesanges 221 ff. 

Verfall der lit. Komposition 98, 159. 

Versus ad respondendum oder repe- 
tendum oder prophetales 66, 117, 
149 ff. 

Versus ante Evangelium canendi 288. 

Versus des Introitus 66 ff'., des Gra- 
duale 82, 89. des Alleluja 93 ff., 97, 
des Tractus 100 IT., des Offertorium 
111 ff., der Communio 117, des Re- 
sponsorium 134 ff., der Antiphonen 
148 ff. 

Versmaße der Hymnen 169 ff. 

Verteilung der Psalmen auf die Horae 
156. 

Vesper 123. 



Victimae paschali, Ostersequenz 268. 

Victor von Utica 24, 38. 

Vienne, Kirche von V. 167. 

Vigil 9, 25, 33, 123 ff., 126. 

Vigilantius 126. 

Villoteau 92. 

Virbonus 190. 

Vir erat, Offertorium mit seltsamen 

Wiederholungen 110. 
Vitalian, Papst 216, 229. 
Vivell, Coelestin 192. 
Voi gregorianischer Gesang in Italien 

213, 221. 
Vorsänger 16, 19, 81 ff., 83, 87, 95ff., 

134, 138 ff., 224. 
Vortrag des greg. Gesanges 3, 263 ff. 
Vulgata 208. 

W 
Wala von Corbie 240. 
Walafrid Strabo 85, 102, 103, 163, 

167, 197, 227, 243. 
Waltram von St. Gallen 231, 296. 
Wearmouth, Kloster 230. 
Wechselgesang in derPsalmodie 22 ff. 
Weiß, Dr. J., 812. 
Werner 249, 254, 207. 
Weymann 1 8. 

Wiederholung beim Introitus 63, beim 
Graduale 88, beim Alleluja 93, beim 
Offertorium 109ff., in den Respon- 
sorien und Antiphonen 133 ff., 145fT. 
Wiederholung von Worten oder Wort- 
verbindungen 1 09 ff. 
WMlhelm von Dijon 232, 244. 
Wilhelm von Fecam 232, 244. 
Wilhelm von Hirschau 267, 298. 
Wilhelm Sommerset 231. 
W^inchester 281. 
Wipo 267. 

Wolston von W^inton 231. 
Wyatt 192. 

Z 
Zacharias, Papst 87. 
Zentralisation d. Kirchengesanges 198. 
Zeugnisse für die gregorianische Tra- 
dition 193 ff. 
Zisterzienser 166, 242, 24 6, 275. 
Zonaras 20, 162. 

Zusammenhang von Liturgie und Ge- 
sang 141 tr., 194. 




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