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Full text of "Einleitung in die kanonischen Bücher des Alten Testaments"

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Yi.ki.au von J. C. B. Mo hb (Paul Sikueck) in Tübingen. 



Grundriss der theologischen Wissenschaften. 
Die Gliederung dea Ganzen wird Bich folgendermassen 



gestalten 



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Erste Reihe (II a u p fcfaclier). 

Erster Teil. Einleitende Fächer. 

I. *Encyklopädie. Professor H ein r i c i. 
1 1 . Rellgiousphilosophie. 

Zweiter Teil. AI ttesta in entliche Fächer. 

I. *Alttestainentliche Einleitung* 
"Kanonische Bücher. Professor Cornill. 

Apokryphen und Fseudepigrnphen. Professor G u n k e 1. 
II. Alttestainentliehe Theologie. Professor Stade. In 2 Bdn. 
*L Band. 
III. 'Geschichte des Volkes Israel. Professor Guthe. 

Dritter Teil. >' eu testninentliche Fächer. 

I. *Neutestainentliehe Einleitung. Professor Jiil ich er. 
II. Neutestamentliche Theologie. Professor Weinel. 

Vierter Teil. Geschichtliche Fächer. 
I. *Kirchentreschichto I. Professor M ii 1 1 er. 
11. Kirchcngeschichte II. Professor Müller (In 2 Halb- 
bänden.) *1 Halhhand. (Erschien in 2 Heften). 

III. *DogiUPUge»chichte. Professor II a r u a c k. 

IV. 'Symbolik I. Professor Loofs. 

V. Symbolik 11 (mit Sekten-Geschichte). Professor Loofs. 

Fünfte r Teil. S y s t e in a t i s C h e F ä c h e r. 

I. 'Dogntatik. Professor Kaftan. 

II. 'Ethik. Professor II c r r in a n u. 



S e e h s t e r T e i 1. 
'Praktische Theologie. 



Praktische Theologie. 
Professor A c h e 1 i s. 



Zweite Bellte (Nebenfächer.) 

Bellgiousgeschichte. 

•Hein iiischc Archäologie. Br. Beusiuger. 
Christliche Archäologie. Professor Lletzinann. 
Geographie des alten Palästina. Professor B n Ii 1. 

'Keateetamentllche Zeitgeschichte. Professor 0. Holtimann. 

•(.ts(|iicht<> der altchiistlichen I.itteratnr in den ersten drei 
Jahrhunderten« Professor Krüger. 

Kirclieiiireschichtc des xi\. Jahrhunderts. 

Geschichte der protestautlscheu Theologie. 

Mlssionsgescblehte« Professor .Wirbt. 

Pädagogik« Professor Bannt garten. 
»Kirchliche Statistik Deutschlands Pfarrer I). P i e p e r. 

A.nd< . e Fächer werden nachfolgen. 



Professor Seil. 
Prof. Troeltseh. 






ten Hände lind erschient d. 



lungen ii afachen, werden « 1 i *^ 

Ai.i.-iini i .i. in Dm - c h 1 a g in der 

Ige niimiriri. in v /nr A n s vt »gen. Neue AuHagen einer 

prttngliche A.nigabeuummer bei. ])ie systematische 
OUederong de« (Jansen wird auf diu Titelblättern angegeben. 

1906. .Ni 



Grundriss der theologischen Wissenschaften. 



Grundriss 

der 

Theologischen Wissenschaften 

bearbeitet 

von 

Achelis in Marburg, Baunigarten in Kiel, Benzinger in Jerusalem, Buhl 
in Kopenhagen, Cornill in Breslau, Gunkel in Berlin, Guthe in Leipzig, 
Harnack in Berlin, Heinrici in Leipzig, Herrmann in Marburg, O. Holtz- 
niann in Giessen, Jülicher in Marburg, Kaftan in Berlin, Krüger in 
Giessen , Lietzmann in Jena, Loofs in Halle, Mirbt in Marburg, 
K. Müller in Tübingen, Pieper in Gerresheim, Seil in Bonn, Stade in 
Giessen, Troeltsch in Heidelberg, Weinel in Jena u. A. 

Die unterzeichnete Verlagsbuchhandlung hat vor einer 
Reihe von Jahren eine „Sammlung theologischer Lehrbücher" 
begonnen. Ihr Erfolg war sehr erfreulich: für eine Anzahl der 
erschienenen Bände sind nach kurzer Zeit neue Auflagen not- 
wendig geworden. Aber für die eigentliche Einbürgerung in den 
studentischen Kreisen, für die sie zunächst berechnet waren, 
ist es hemmend gewesen, dass die „Lehrbücher" zum Teil zu 
umfassend und dadurch zu teuer geworden sind. Auch hat 
sich ihr Erscheinen zum Teil allzulange verzögert. Es fehlt 
also auch jetzt noch für die meisten einzelnen theologischen 
Fächer, wie für das Gesammtgebiet der Theologie, an kurzen, 
streng wissenschaftlichen Darstellungen, die dem akademi- 
schen Lehrer als Grundlage für seine Vorlesungen dienen, 
ihm einen Teil der mechanischen Aufgaben abnehmen und seine 
persönliche Wirksamkeit erleichtern können, Darstellungen, die 
es zugleich dem Studenten ermöglichen, einerseits das Ge- 
rippe der Vorlesungen festzuhalten und dabei doch dein freien 
Fluss der Rede zu folgen, andererseits aber auch den Stoff 
der Vorlesungen in anderer Auffassung kennen zu lernen, 
als sie die Vorlesung bietet, 

Demgemäss hat sich die unterzeichnete Verlagsbuchhand- 
lung entschlossen, einen Grundriss der theologischen Wis- 
senschaften herauszugeben, dessen Gliederung aus nebenstehen- 
der Tabelle ersichtlich ist. 



G-rundriss der theologischen Wissenschaften, 

Für seine Bearbeitung sind folgende Grundsätze aufge- 
stellt wurden: 

1) Hauptsache ist nicht die Masse des gebotenen Stoffs, 
sondern Einführung in dessen Verständnis, geschlossener Zu- 
sammenhang, einheitliche Darstellung. 

2) Eben darum womöglich keine Polemik gegen Einzel- 
heiten, sondern Auseinandersetzung mit dem Ganzen der geg- 
nerischen Auffassung. 

3) Die Darstellung möglichst knapp und gedrungen, dabei 
aber glatt und lesbar, dem Bedürfnis des Lernens, nicht des 
Auswendiglernens entsprechend. 

4) Quellenbelege in der Regel nicht in extenso, und da, 
WO die Auffassung des Textes ihrem Wesen nach überhaupt 
nicht durch Mitteilung weniger kurzer Citate belegt werden 
kann, ganz zu unterlassen. 

5) Mitteilung der Litteratur nicht mit dem Ziel der Voll- 
ständigkeit, sondern nach dem Gesichtspunkt, dass dem Leser 
Gelegenheil gegeben sein soll, durch die wertvollsten Arbeiten 
sich tiefer in den Stoff und die Quellen einführen zu lassen. 



Der Grundriss soll in zwei Reiben zerfallen: 

die erste umfasst die Hauptfächer der Theologie, 
die zweite eine Anzahl spezieller Disziplinen, die 
nicht ebenso regelmässig in grösseren Vorlesungen behandelt 
werden and bei denen doch eine leichte und gründliche Ein- 
führung für den Studenten wünschenswert ist. Da nicht überall 
regelmässig darüber gelesen wird. SO ist hier für die ein/einen 
Bände ein etwas grösserer Umfang in Aussicht genommen. 

Der Grundriss wird ein Ganzes bilden, hoch erhält jeder 
Hand seine eigene Paginirung. 

I'm die Aufgabe eon Bestellungen möglichst zu verein- 
fachen, werden die Abteilungen während des Erscheinens 
„Grundrisses" auf dem Umschlag in der Reihenfolge 
oumerirt, in welcher sie zur Ausgabe gelangen. Neue Auf- 
lagen einer Abteilung behalten die ursprüngliche Ausgabe- 
nummer bei. Die systematische Gliederung des Ganzen 
wird auf den Titelblättern angegeben. 

J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 

in Tübingen. 



Grundriss 



der 

Theologischen Wissenschaften 

bearbeitet 
von 

Aclielis in Marburg, Baiimgarten in Kiel, Benzinger in Jerusalem, Buhl 

in Kopenhagen, Cornill in Breslau, Gunkel in Berlin, Gutlie in Leipzig, 
Harnack in Berlin, Heinrici in Leipzig, Herrmanii in Marburg, 
0. Holtzmann in Giessen , Jiilicher in Marburg, Kaftan in Berlin, 
Krüger in Giessen, Lietzmann in Bonn, Loofs in Halle, Mirbt in Mar- 
burg, K. Müller in Tübingen, Pieper in Gerresheim, Pietschmann in 
Göttingen, Reisclile in Halle a. S. , Seil in Bonn, Stade in Giessen, 
Troeltsch in Heidelberg, Weinel in Jena u. A. 

Zweiter Teil 

Erster Band 

Einleitung in das Alte Testament 

Kanonische Bücher. 




Tübingen 

Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 
1905. 







Einleitung 



in die 



kanonischen Bücher 



des 



Alten Testaments 



von 



Carl Heinrich Cornill, 

Dr. theol. et phi]., ordentlichem Professor der evangelischen Theologie 
an der Universität Breslau. 



Fünfte völlig neu gearbeitete Auflage 

der . Einleitung in das Alte Testament'. 





Tübingen 

Verlag von J. C. B. M o h r (Paul Siebeck) 
1905. 






Alle Rechte vorbehalten. 



1. Auflage 1891, 2. Auflage 1892, 3. und 4. Auflage 1806. 



Druck von H. Lavpp jr in Tübingen. 



Vorwort. 

Nach 8 1 / 2 Jahren pocht der Grundriss wieder an die Pfor- 
ten und erbittet und erhofft freundliche Aufnahme. Dass er 
völlig neu bearbeitet ist, versteht sich von selbst und zwar 
habe ich mich bemüht, in der im letzten Vorworte charakteri- 
sierten Richtung konsequent weiterzugehn, und ich denke, man 
wird dies Streben nicht verkennen. Um Klostermann eine 
Extrafreude zu machen, habe ich in dieser neuen Bearbeitung 
den Lesern des Grundrisses nichts mehr „zu denken gegeben" : 
auch in Kleinigkeiten lerne ich willig und dankbar. Eine be- 
sondere Befriedigung gewährte es mir aber, im Gegensatze zu 
den Neuerungen, manches aus dem ursprünglichen Texte wie- 
der einsetzen zu können, was vor 8 ] /o Jahren dem Streben 
nach „Objektivität" zum Opfer gefallen war. Wenn z. B. ge- 
genwärtig BüDDE, WlNCKLER, MOORE, HOLZINGER und NOWACK 
in der Verteilung des Richterbuchs an die pentateuchischen 
Quellen J und E übereinstimmen , so kann nicht mehr von 
einer blossen Privatmeinung geredet werden, und auch in einem 
Studentenbuche braucht derjenige sie nicht länger durch das 
Feigenblatt der Objektivität zu verhüllen, der schon vor zwanzig 
Jahren öffentlich für sie eingetreten ist. Mit der grössten 
Genugtuung hat es mich indessen erfüllt, dass ich auch in der 
Begrenzung des Stoffes auf die kanonischen Bücher den status 
quo wiederherstellen durfte. Ich bin dem Herrn Verleger auf- 
richtig verbunden dafür, dass er mich mit einer Neubearbeitung 
der Apokryphen und Pseudepigraphen verschont hat, und auch 
die Benutzer des Grundrisses werden es ihm danken, besonders 
wenn sie erfahren, dass kein Geringerer als Hermann Gunkel 
diese Neubearbeitung übernommen hat: es ist mir Bedürfnis, 
ihm auch an dieser Stelle meinen und des Grundrisses wärm- 
sten Dank für seine Bereitwilligkeit auszusprechen. 

Hier könnte ich eigentlich das Vorwort schliessen, wenn 
nicht ein halbes Jahr nach Erscheinen der letzten Ausgabe 
Fritz Hommel uns alle miteinander mausetot geschlagen hätte. 
Zu einem Ereignis von solcher Tragweite muss man doch Stel- 
lung nehmen und ich besonders fühle die Verpflichtung hierzu, 
weil Hommel sich veranlasst gesehen hat, gleich auf dem ersten 
Blatt seines welterschütterndcn ( >pus dessen gruselnden Lesern 
meine geringe Person als ein besonders ausgewachsenes Exem- 
plar der Spezies von gottlosen Menschen vorzustellen, die er 



YI Vorwort. 

zum Richtplatz führt, obwohl er, wie ihm bereits Meinhold 
nachgewiesen hat, von mir nichts gelesen haben kann als den 
Umschlag meines Schriftchens über den israelitischen Prophe- 
tismus, woselbst auf ausdrücklichen Wunsch des Verlegers 
einige über seinen Inhalt orientierende Worte gedruckt stehn. 
Ich reproduziere an dieser Stelle einfach, was ich im April 
1901 in einem Breslauer Ferienkursus „Die Verhandinngen über 
die älteste Geschichte des Volkes Israel" den schlesischen 
Pastoren vorgetragen habe. 

„Der dritte dieser jungassyriologischen Schul,' ist Fritz Homracl in 
München. Sein 1897 erschienenes Buch führt den Titel: „Die altisraeli- 
tische Ueberlieferung in inschriftlicher Beleuchtung. Ein Einspruch gegen 
die Aufstellungen der modernen Pentateuchkritik". In der Tat tritt Born- 
mel mit der Prätension auf, der Welt ihres alten Bibelglaubens verlore- 
nes Paradies wiedergegeben zu haben: die moderne Pentateuchkritik 
kann jetzt den Mund halten und sich so schnell wie möglich begraben 
lassen, denn nach Bommels Ausführungen kann von ihr nicht mehr die 
Rede sein. Infolgedessen hat denn auch Hommels Buch namentlich in 
England und Amerika angeheures Aufsehen gemacht und es ist eine Prü- 
fung dringend angezeigt, leli will bei einem scheinbaren Nebenpunkt 
beo-innen, der Chronologie. Hummel tut sich Grosses darauf zugut, dass 
er nach der biblischen Chronologie die Gleichzeitigkeil Abrahams und 
Kedorlaomers nachgewiesen und damit die Geschichtlichkeil beider ge- 
rettet habe. Was er selbsl aus Gen 14 macht, davon später. Wie be- 
rechnet nun Bommel die Zeit Abrahams? Der Auszug aus Aegypten muss 
uach der ägyptischen Chronologie L277 stattgefunden haben. Der Auf- 
enthalt der Kinder Israel in Aegypten betrug 430 Jahre; damals war 
Jakob 130 Jahre alt und bei der Gelmrt Jakobs Abraham 160. Also ist 
das Geburtsjahr Abraham. r_>77 + 430 + 130 + 160 = 1997. Wenn jemand 
um des Gewissens willen sieh an die biblische Chronologie gebunden be- 
trachtet, so i.-i das ein durchaus berechtigter Standpunkt, den ich rück- 
haltslos anerkenne - nur muss er dann aber auch konsequent sein: die 
biblische Chronologie anerkennen, wo es einem passt, und ihr im übrigen 
eine Nase drehen, i t unredlich und unerlaubt. Betrachten wir nun Eom- 
mels Stellung zu ihr. Nach der biblischen Chronologie war 292 Jahre 
\,,,- Abrahams Geburl die Sündflut und 1656 Jahre vor der Sündflui die 
Weltschöpfung; das gäbe als., für die Weltschöpfung das Jahr 3945, für 
die Sündflut das Jahr 2289. Aber Hommel aeeeptieri nicht nur die tra- 
ditionelle Ansetzung Sargons von Agade auf 3800, sondern gehl für die 
babylonische Geschichte ganz munter bis in dm Anfang des 5. Jahrtau- 
nds vor Christo zurück: König Or-Ghanna von Sirgulla wird auf ca. 
4500 berechnet; „es i-i jedoch wahrscheinlich, dass schon vor diesen Kö- 
nigen ,Priesterkönige' existiert hahen: .... der Siegelzylinder eines sol- 
chen Priesterkönigs . . . dürfte kaum viel später als ca. 5000 v. Chr. an- 
zusetzensein." Da- i^t nach biblischer Chronologie 1000 
Jahre v or Erschaff ung <\ >■>■ Welt! und auch Ür-Gbanna von 
Sirgulla hat immer noch 550 Jahre vor der Schöpfung von Bimmel und 



Vorwort. VII 



Erde regiert, während bei der Thronbesteigung Sargons von Agade «loch 
Adam wenigstens schon 145 und Seih 15 Jahre alt war: die Sündlhit 
fand statl L9 Jahre vor dem elamitiscben Könige Kudur-Nanchundi ca. 
2270 und Noah starb 1939 im achten Jahre der Regierung Bammurabis 
1947 — 1892!!! Man könnte sagen: das sind ja prähistorische Daten und 
Dinge. Gut. So setzen wir die Prüfung einmal nach unten zu fort. Wenn 
für Hommel die biblische Chronologie für die Zeit von Abrahams Geburl 
bis zum Auszuge aus Aegypten massgebend ist, so wird er ihr gewiss 
für den im Lichte der Geschichte liegenden spätem Zeitraum die Glaub- 
würdigkeit noch weniger versagen. Nun ist das Eauptdatum für die 
spätere biblische Chronologie die Angabe I Reg 6i, dass vom Auszug 
ans Aegypten bis zum Beginn des Tempelbaus durch Salomo 480 Jahre 
verflossen seien. 480 Jahre nach 1277 ergibt 797. Sonaeli hätte Salomo 
den Tempelbau im Jahre 797 begonnen, und wir erhielten für die Regie- 
rung Davids 841—801, für Salomo 801—761, für die Reichsspaltung 761, 
also 29 Jahre vor dem Untergange Ephraims durch die Assyrerü Hom- 
mel ist natürlich der erste, der das für absolut unmöglich erklären würde. 
Und sonach ist sein Koquettieren mit biblischer Chronologie in dem Falle 
Abraham-Kedorlaomer eitel Spiegelfechterei, berechnet auf ein Publikum, 
welches nicht gewöhnt ist nachzudenken und zu prüfen, sondern sich 
einfach durch die „positiven* Resultate hypnotisieren lässt. Und wie 
gewaltsam er mit dem Bibelworte im einzelnen umspringt, dafür ein sehr 
bezeichnendes Beispiel. Für Hommel steht natürlich die Authentie des 
schlechthin als „Dekalog" bezeichneten Zehngebotes Ex 20 über jedem 
Zweifel. Nun wird uns aber in Ex 34 ein ganz anderer Dekalog gleich- 
falls als mosaisch überliefert. Die beiden ersten „Worte" sind zwar we- 
sentlich identisch: in Ex 20 Du sollst keine anderen Götter haben neben 
mir. Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen, in Ex 34 Du 
sollst keinen andren Gott anbeten. Dusollst dir keine gegossenen Gott ei- 
nlachen: aber die weiteren acht Worte sind dafür um so verschiedener, 
so völlig anders, dass etwa eine Zurückführimg auf eine gemeinsame Ur- 
form schlechterdings ausgeschlossen ist. Das ist natürlich für die Ver- 
teidiger der Authentie des Dekalogs von Ex 20 sehr unbequem und' so 
auch für Hommel. Wie hilft er sich ans der Schwierigkeit? Durch die 
Bi bauptung, dass in Ex34 irgend ein böser Mensch die acht letzten Worte 
des Dekalogs gestrichen \u\<\ an ihre Stelle Ex 2:; u— «9 gesetzt habe. Ich 
will mich nicht über die Monstruosität eines solchen Vorgehns ereifern. 
welches etwa dem parallel wäre, dass irgend eine massgebende christliche 
Persönlichkeit gewagl hatte, von (hin Berrengebel nur die beiden ersten 
Bitten stehn zu lassen und statt der übrigen etwa einen Petzen ans irgend 
einem paülinischen Brief anzuflicken, sondern will diese grandiose Hom- 
melsche Idee rein sachlich prüfen. In Ex 2:!. am Schlüsse des sog. Bun- 
desbuches, haben wir allerdings ein Stück, welches sich mit dem Dekalog 
inE\:'.l nahe berührt, fast deckt. Aber dass der Dekalog in Ex 34 zwei 
sehr eigenartige (4ehote über Erstgeburt und Sabbatfeier enthält, von 
welchen wir Ex 23 nichts lesen, macht Hommel ebensowenig Bedenken 
als die Tatsache. da>s unter den mit Ex 34 parallellaufenden Stücken in 
Ex 23 zwei Gebote, nämlich dreimalige jährliche Festfeier und Darbrin- 
gung der Erstlinge, sich schon in dem früheren Bundesbuche und zwar 



VI]! Vorwort. 



in durchaus abweichender höchst origineller Formulierung finden. Wenn 
einer der ungläubigen Kritiker mit einer Bibelstelle so umginge, um ein 
ihm unbequemes Zeugnis wegzueskamotieren , so würde Hommel gewiss 
Zeter und Mordio schreien über Sakrileg und Entweihung des Heiligen: 
wenn er selbst es aber tut in majorem Moysis et Bibliorum gloriam, so 
wie Er sie versteht — ja Bauer, das ist ganz was anders! Aehnlich ver- 
fährt Hommel auch mit Gen 14. Wohl nimmt er den Mund gewaltig 
voll und tönt vernichtende Worte gegen die Wellhausenianer. Der Nerv 
seiner ganzen Beweisführung ist die Gleichsetzuii"; Amraphels mit dem 
bekannten babjdonischen Könige Hammurabi. Jenen Hammurabi, den 
Hommel von 1947—1892 ansetzt, lässt Niebuhr von 2081—2026, Winckler 
von 2264 — 2210 regieren: damit wird aber die ganze Kombination Hom- 
mels hinfällig, welche auf jener chronologischen Ansetzung beruht. Aber 
selbst Hommel wird bei Gen 14 kopfscheu und nimmt am Schlüsse des 
Kapitels wieder eine Kur vor ganz nach dem Rezepte der modernen Pen- 
tat enchkritik. welche er bei jedem andern natürlich für eine Heiligtums- 
schändung erklären würde. Er eliminiert nämlich in v. i? u. 21 den König 
von Sodom und schreibt statt dessen Melchisedek König von Salem, der 
nach dem Hebräerbrief und den Schreiben Abdichibas von Jerusalem den 
Zusatz erhält „und hatte das Königtum weder von seinem Vater noch 
von seiner Mutter ererbt", and macht v. 22 u. -.■•. aus einer Rede Abrahams 
an den König von Sodom zu einer |{ede Melchisedeks an Abraham. Also 
auch ein ganz direktes Zugeständnis, dass die Erzählung in ihrer über- 
lieferten Form unhaltbar sei! Und heisst das wirklich den biblischen 
Bericht verteidigen und retten, wenn Hommel den Stamm Äser mit den 
im Stammbaum der Keturanachkommen Gen 25 erscheinenden Asurim 
gleichsetzt und nachzuweisen versucht, dass diese Asurim etwa 150 Jahr 
vor dem Auszuge der Kinder Israel aus Aegypten aus ihrer in Nordara- 
bien gelegenen Landschaft aufgebrochen, mit dem Schwerte in der Hand 
eine Kroberuny von Palästina in Angriff genommen und schliesslich das 
spätere Stammland Äser okkupiert und sich schon ca. 1350, also zur Zeil 
der Geburt Moses, dort häuslich niedergelassen hätten; wenn Honnuel 
nachweisen will, das biblische Gosen liege nicht, wenigstens nichl nur. 
in Aegypten. sondern umfasse die ganze Wüstenlandschafl mit Nordara- 
bien und Edom his ins sudliche .Inda hinein? Eine Apologetik, die mit 
solchen Kündlein kommt , hat sich seihst gerichtet. Trotz aller seiner 

riesigen Gelehrsamkeit und seines auf andern Gebieten glänzend betätig- 
ten historischen Blicks ist Bommel in alttestamentlicher Wissenschaft 
lediglich ein dilettier ender Phantast, dessen Todesurteile keinen Fach- 
gelehrten an seiner Gesundheit und seinein Wohlbefinden schädigen : wir 
brauchen uns noch lange nichl lebendig von ihm begraben zu lassen." 
Ich bitte vor dem Benutzen des Buches Wie Berichtigungen 
auf S. 350 nicht zu übersehen. 

lircs] :i 11 den S. Miirz 1905. 

Der Verfasser. 



IX 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 
Vorwort V 

Verzeichnis der Abkürzungen XVI 

Prolegomena zur Einleitung in das Alte Testament 1 — 17 

§ 1. Na meund Begriff 1 

§ 2. Geschieht ederDi8ziplin 2 

Alte Kirche 2. Reformation. Auftauchen der Kritik 3. 

Die historische Betrachtungsweise. Die religionsgesehicht- 

liche Kritik 4. Rückschlag 5. Neueste Phase. Die letzten 

Darstellungen 6. 

§ 3. Anordnung des Stoffes 7 

§ 4. Alter des Schriftgebrauches bei den Hebräern 8 

§ 4a. Hebräische Metrik 9 

Das Problem 9. Die überlieferten Tatsachen 10. Die- 

Systeme von Ley und Bickell 12. Buddes Klageliedvers 13. 

Gunkel 14. Grimme. Sievers 15. Strophische Anlage 16. 

Erster Teil. 
Spezielle Einleitung. 

A. Historische Bücher. 

§ 5. Allgemeines überdenPentateuch 18 

Name und Fünfteilung 18. Inhalt 19. Warum Mose nicht 
Verfasser sein kann 22. Ueberhaupt nicht von Einem Ver- 
fasser 23. 
§ 6. Geschichte der Pentateuclinnalyse . . . . 24 
1 rkundenhypothese. Fragmentcnhypoth' I. Ergän- 

zungshypothese. Neuere Urkundenhypothese 25. 
§ 7. Analyse der vier ersten Bücher d e s P e n t a t e u c h s 27 

§ 8. Analyse des Deuteronomiums 29 

§ 9. Abf a s s un g s z e i t u n d K omposii i o n des Deut e- 

ronomiums • ! 1 

Es bildet die Grundlage der Kultusreform des Josia vom 
J. 621 32. Versuch, das Urdeuteronomium vom .1. 621 her- 
zustellen, welches mit dem gegenwärtigen Deuteronomium 
nicht identisch ist 33. Will von Mose geschrieben sein. War- 
um dies unmöglich ist 38. Kurz vor 621 entstanden. Darf 
aber nicht als Pseudepigraph bezeichnet werden 39. Ver- 



X Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

-uche, es von der Kultusreform des Josia loszulösen 40. Die 
deuteronomistische Diaskeuase und sonstige Bestandteile des 
Buches 42. 

§ 10. D i e li t e r ar i s ch e n Vo r au s s e t z un g en des Deu- 
te r o n o m i u m s 44 

§ 11. Das jahvistisch-elohistische Geschichtswerk 47 
Alter des Inhalts von JE. Relatives Alter von J und E 
47. Verfasser von E war Nordisraelit 49. Nicht literarische 
Einheit. Was zuE a gehört 50. Verfasser von J ist Judäer. 
Gleichfalls keine literarische Einheit 53. Urgeschichte bei* 
J 54. Schichten in .1 ausserhalb der Urgeschichte 56. Ab- 
fassungszeil 57. 

$ 12. D i e jii'ii'sl I- r 1 i c h e S C h r i ft 57 

Gleichfalls keine literarische Einheit 58. Jüngere Be- 
standteile 59. Inhalt. Plan und Charakter des Kernes 1'-' 63. 
Geschichte der kritischen Meinungen über P 64. Ist sicher 
nachweisbar erst seit 444 65, jünger als das Deuteronomium 
66, jünger als Ezechiel und eine Fortentwicklung von dessen 
Ideen 67. Stellung zur IVm hneidung 68. Literarisches Pro- 
blem und Sprachcharakter. Chronologie 69. Tatsächliche 
Entstehungszeit 70. Weshalb gerade in Babylonien entstan- 
den 71. 

ij 13. B e s o n d e r e S t ii c k e d e - I' e n tateucha . . . . 72 

Der Segen Jakobs 72. Das Durchzugslied 73. Kleinere 
Lieder in Num _'l 74. Die Bileamssprüche 75. Das Lied 
Moses 76. Der Segen Moses 77. Genesis 14 78. Das Bun- 
desbuch 80. Leviticus 17—26 82. 

§ 14. Der Pent a t e ii c h als Ganzes und seine Entstehung 85 
Entstehung vollzieht aieb in drei Bauptstadien : Vereini- 
gung von .1 und E durch l.'j 85. Vereinigung von .IL und 

D durch lid 87. Vereinigung von JED mit I' durch Kp 88. 
Noch jüngere Redaktionstätigkeit und Diaskeuase 92. 

§ 15. Da a Ii uc b. Josua 92 

Inhalt '.)•_'. Isl aus den pentateuchischen Quellen zusam- 
mengesetzt, nur in anderem Mischungsverhältnisse. Kap. 
1 — 12 i-t wesentlich von IM nach J und E verfasst 94, Kap. 

13—24 wesentlich von Rp nach 1' 95. Wurde sehr frühe 

muh Pentateuche getrennt und hat eine von diesem unab- 
hängige Entwicklungsgeschichte durchlaufen %. 

§ 16. Dae Buc b d er Richter 97 

Name und Inhalt ( .)7. Zwölfzahl der Richter. Deuterono- 
mistische Einleitung 98. Verhältnis der Othnielgeschichte 
zu ihr. Deuternnomistischer Rahmen um die Erzählungen 
von den fünf grossen Richtern. Analyse der Geschichte von 
Ehud, von Debora-Barak 99, von Gideon-Abimelech IUI. von 
Jephtab 103 und Simson 104 Die kleinen Richter gehören 
dem deuteronomistischen Richterbuche nicht an. sondern sind 
jünger 104 Kap. 1 - 16 aus J und E zusammengearbeitet 



Inhaltsverzeichnis. X I 

Seite 
107. Kap. 17— '21 108. Entstehung des gegenwärtigen Rich- 
terbuches 110. 

§ 17. Die Bücher Samuelis . . . • 112 

Name und Inhalt 112. Analyse von I Sani 1—15 114. 
[si aus ,1 und E zusammengearbeitet 116. Analyse von 
1 Sani 16— D Sani 8 119. Analyse von II Savn 9-24 123. 
Entstehung des gegenwärtigen Buches 125. Dichterische 
Stücke in Samuelis 120. 

§18. Die Bücher der Könige 128 

Inhalt 128. Analyse von I Reg 1—2 und 3— 11 129. Schema 
des eigentlichen Königsbuches und Verhältnis dieses Sche- 
mas zu den grösseren Erzählungen. Verfasser des Schemas 
der eigentliche Verfasser des ganzen Buches 130. Sein Ver- 
hältnis zu der Chronik der Könige von Israel und Juda 131. 
Analyse von I Reg 12—16 133. Analyse von I Reg 17—11 Reg 
10 134. Die grösseren Erzählungen II Reg 11—12 16 18—20 
22—23 13ö. Zwei deuteronomistische Bearbeiter sind zu 
unterscheiden 136. Noch jüngere Bestandteile und Dia- 
akeuase 137. 

§ 19. Das exilische Geschichtsbuch des Volkes Israel 138 
Einheitliche deuteronomistisch-prophetische Betrachtung 
der Vergangenheit in den historischen Büchern 138. Art 
und Beschaffenheit dieser Bearbeitung 139. Ihre weiteren 
Schicksale 140. 

§ 20. D a s B u c h d e r C h r o n i k 140 

Namen 140. Inhalt den früheren historischen Büchern 
parallel 141. Entstehungszeit. Paralleltexte 1-12. Verhält- 
nis zu denselben. Glaubwürdigkeit des Chronisten 143. Sach- 
licher Wert seiner Berichte 145. War levitischer Tempel- 
musiker. Seine < hieben 146. Darunter einzelne- Wertvolle. 
Aber wesentlich Midrasch 147. Vielleicht zwei Midrasch- 
werke, welche er ausgezogen und überarbeite) hat 148. 

§ 21. Es r a und Nehe mi a 149 

Inhalt 149. Buch als solches 150. Ichstücke in Esra 151. 
Ichstücke in Nehemia 152. Authentische Memoiren , aber 
von fremder Hand exzerpiert. Esr 10 u. Neil 8—10 153. 
Der Chronist isl Verfasser des gegenwärtigen Buches 154. 
Aramäische Quelle in Esr 4— 6 K>-">. Entstehung des Buches 
156. Seine Glaubwürdigkeit 157. 

§22. Das Buch Ruth 158 

Stellung im Kanon. Abfassungszeit 158. Tendenz und 
Bedeutung 159. 

§ 23. D a s B u c h E s t h e r 159 

Charakter 159. Ist ein historischer Roman. Entstehung 
abhängig von der Frage nach dem Alter des Purimfi bes 
16U. 1-V-t iin.l Buch vielleichl in Persien entstanden 161. 
Auf keinen Fall rein jüdisch 162. 



XII Inhaltsverzeichnis. 



B. Prophetische Bücher. 

Seite 

§ 24. Jesaja 163 

Person 163. Inhalt des Buches 164. Echte Bestandteile 
des Buches Jesaja 165. Besondere Stücke 167. Deuteroje- 
saja 177. Tritojesaja 181. Komposition des Buches 182. 

§ 25. Jeremia 183 

Person. Charakter des Buches 184. Entstehung. Die 
Urrolle und ihr Inhalt 185. Chronologische Reihenfolge der 
übrigen Orakel. Erzählende Stücke 186. Ihr Charakter und 
ihr.' Entstehung 187. Anerkannt unechte 188 und kontro- 
verse Stücke 189. Orakel gegen fremde Völker und Kap. 25 
189. Verhältnis der LXX zum massorethischen Texte 193. 
Entstehung des gegenwärtigen Buches 195. 

§ 26. Ezechiel 195 

Persönlichkeit 195. Buch. Authentie 196. Zeit und Art 
der Entstehung 197. 

§ 27. Hosea 199 

Persönlichkeit. Buch 199. Später in judäischem Sinne über- 
arbeitet 200. 

§ 28. Joe 1 202 

Buch. Abfassungszeit 202. Charakter 203. Sprache und 
Stil 204. 

§ 29. Arnos 204 

Der älteste uns erhaltene schriftstellernde Prophet 204. 
Zeit seines Auftretens. Niederschrift seines Buches 205. 
Buch teilweise überarbeitet 206. 

§ 30. Obadja 207 

Buch. Verhältnis zu Jer 49 7-22 207. Die Parallelen in 
Jer 49 interpoliert. Urobadja aus dem 5. Jahrh. Später 
eschatologisch überarbeitet 208. 

§ 31. .Ion » 209 

Buch. Spraehcharakter. Inhalt 'ine Parabel 209. Be- 
deutung. Das poetische Stück 2 3—10 21U. 

§ 32. Micha 211 

Zeit seines Auftretens. Kap. 1—3 211. Kap. 4-5 212. 
Kap. ß— 7 213. Entstehung des gegenwärtigen Buches 215. 

§ 33. Nah um 216 

Buch. Zeit der Entstehung 216. üeberarbeitel '-'17. 

§ 34. Habakuk 218 

l._2 8 218. 2 9-20 219. Kap. 3 220. 

§ 35. Zephanja 220 

Buch. Abfassungszeit. Charakter 221. Teilweise über- 
arbeitet 222. 

§ 36. Haggai 222 

Person Zeit seines Auftreten- 222. Buch 223. 

§ 37. Zacharja 223 

Person. Kap. 1—8 224. Kap. ( .)—14 225. Differenz in 



Inhaltsverzeichnis. XIII 



Seito 
der Angabe des Vaternainens mit Esr 5 1 u. 6 n 230. 

§ 38. Maleachi 231 

Charakter und Inhalt. Entstehungszeit 231. Ueber- 
schrift 233. 

§ 39. Das Zwölfprophetenbuch 235 

Sammlung der prophetischen Schriften. Prinzip der An- 
ordnung 235. Schwanken der Ueberlieferung 236. 

§ 40. Das Buch Daniel 237 

Zum Teil aramäisch geschrieben. Gehört der Apokalvp- 
tik an 237. Ist zur Zeit des Antiochus Epiphanes geschrie- 
ben 238. Genauere Bestimmung der Abfassungszeit. Ein- 
heit und Einheitlichkeit des Buches 242. 

C. Poetische und didaktische Bücher. 

§ 41. Der Psalter 243 

Gesamtname und Charakter 243. Die Ueberschriften 244. 
Alter nach inneren Gründen zu beurteilen. Der Psalter ist 
das Liederbuch des zweiten Tempels 247. Anordnung der ein- 
zelnen Psalmen. Psalter in fünf Bücher seteilt 249. Succes- 
sive Entstehung der Sammlung 250. Vermeintliches Zeug- 
nis der Chronik für den Abschluss der Sammlung 251. Mak- 
kabäische Psalmen 252. Dies aber nur einzelne, nachträg- 
lich eingeschobene Lieder. Gemeindelieder? 254. 

§ 42. Die Klagelieder "255 

Name und Inhalt. Kunstform 256. Ob von Jeremia ver- 
fasst 257. Schon die ältesten Bestandteile von Ezechiel ab- 
hängig 258. Vermutung über die einzelnen Teile und die 
Sammlung 259. 

§ 43. Das Buch Hiob 259 

Begriff der Weisheitsliteratur 260. Inhalt und Problem 
261. Kritische Fragen 262. Reden des Elihu 263. Buch 
von dem Vf. selbst nicht abschliessend vollendet 267. Ab- 
fassungszeil aus literarkritischen Indizien zu bestimmen 268. 
Name und Person des Hiob stammt aus volkstümlicher 
Ueberlieferung 269. Ob ein Volksbuch von Hiob 270. 

§44. Das Buch der Sprüche 271 

Charakter. Einteilung 271. "Will von Salomo verfassl 
sein 273, kann aber nicht von Einem Vf. herrühren 274. 
Alter und Herkunft 275. Ort und Zeit der Entstehung 276. 

§ 45. Das Buch Koheleth 277 

Wesen. Will von Salomo geschrieben ><-\u. Sprachcha- 
rakter 278. Inhalt des Buch.- 279. Abfassungszeit 281. 
Authentie einzelner Stellen 282. 

§46. Das Hohe Lied 283 

Inhalt 283. Sprachcharakter 284 Kein Drama 285. Ur- 
sprünglicher Sinn und ursprüngliche Bedeutung 286. Samm- 
lung, aber redigiert. Zeit und Ort ihrer Entstehung 287. 



XIV Inhaltsverzeichnis. 



Zweiter Teil. 
Allgemeine Einleitung. 

Erstes Kapitel. 
Geschichte des Kanons. 



Seite 



§ IT. Begriff des Kanons und Einteilung bei den Ju- 
den. Zahl, Benennung und Reihenfolge der ka- 
nonischen S chrifte n 288 

Grundbedeutung von juxvtov 288. Sache zuerst mit der 
Proklamierung des Deuteronoiniums 621. Wird in drei 
Schichten geteilt 289. Diese schon ca. 130 deutlich geschie- 
den. Zählung 290, Benennung und Reihenfolge der kano- 
nischen Schriften schwankend 291. 

§48. Bildung und Abschlues des Kanons 292 

Herkömmliche Anschauung 292. Was bei Bestimmung 
der tatsächlichen Geschichte zu beachten 293. Die Thora 
294. Die prophetischen Geschichtsbücher 295. Die prophe- 
tischen Schriften 296. Die Hagiographen 297. Massstab der 
Kanonizität 299. Resultat 300. 

§48a.Der alexandrinische Kanon 301 

Inwiefern von dem palästinensischen abweichend 301. 
Bedeutung für die christliche Kirche 302. 

Zweites Kapitel. 
Geschichte des Textes. 

§ 49. Schreibmaterial und Schriftzeichen 303 

Tierhaut das ursprüngliche Schreibmaterial 303. Schrift- 
zeichen haben gewechselt 304. Allmählicher TJebergang der 
althebräischen Schritt zur Quadratschrift. Althebräische 
Schrift, monumental überliefert durch Siloahinschrift und 
Mesaetein, war sehr unvollkommen 305 und erhielt sich in 
dieser unvollkommenen Orthographie noch ziemlich Lange 
306. 

§50. Vervollkommnung der Schrift 307 

Zunächst reichlichere Anwendung der matres Lectionis, 
aber ohne Konsequenz :i'»7. Bezeichnung der Vokale durch 
die Schrift erst im 7. bis 9. christl. Jahrb.. eingeführt 

i> 51. Per massorethische Text ... 309 

Name :'."'.». Bandschriften nicht alt; alle ohne Varianten 
und auch positiv in befremdlichen Dingen abereinstimmend 
310 und folglich sklavisch treue Abschriften Kim- Arche- 
typus. Alter diese- Arche! ypus 311. Alter der vokalischen 
Aussprache 312. Tätigkeit und Verdienst der Massorethen 
313. Ihre Verbesserungen des aberlieferten Texte- 314. 

§52. Verhältnis des massorethischen Texte- zum Ur- 
texte 315 



Inhaltsverzeichnis. XV 



Seite 

In älterer Zeit nicht peinliche Treue in der Ueberliefe- 
rung. Zufallige Verderbnisse 315 und absichtliche Aende- 
rungen des überlieferten Textes 316. 
§53. Hilfsmittel zur Annäherung ;m Jen Urtext . . 317 
E mlation und Konjektur 317. An Stelle der Hand- 
schriften treten die selbständigen Uebersetzungen. Der sa- 
maritanische Pentateuch 318. Die alexandrinische Ueber- 
setzung 319. Ihre Entstehung, Charakter und Wert 320. 
Verschiedene Stellung des Judentums zu ihr. Die späteren 
griechischen Uebersetzungen 321. Die Tätigkeit des Ori- 
«enes und ihre Folgen 324. Drei kirchlich anerkannte of- 
fizielle Rezensionen des griechischen AT 3*25. Handschriften 
der LXX 326. Zur Kontrolle dienen : Zitate bei Kirchen- 
vätern und Tochterübersetzungen der LXX 327. Wie der 
ursprüngliche Text der LXX herzustellen ist 329. Die Tar- 
gumim 330. Die alt syrische Uebersetzung 332. Die Vnl- 
gata 333. Wie mit diesen Hilfsmitteln zu verfahren ist. 
Die Polyglotten 335. 

Register. 

I. üebersicht über den Entwicklungsgang der alttestamentlichen 

Literatur nach den Ergebnissen der speziellen Einleitung 337 

II. Sachregister - 340 

III. Verzeichnis der in der speziellen Einleitung besprochenen 

Stellen 347 



XVI Verzeichnis der Abkürzungen. 



Verzeichnis der Abkürzungen. 



AGGW = Abhandlungen der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften. 

BCAT = Biblischer Kommentar über das AT. 

BZaW = Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. 

E = Elohist. 

GGA = Göttinger Gelehrte Anzeigen. 

GGN = Nachrichten von der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften. 

GVI = Geschichte des Volkes Israel. 

HbA. = Handwörterbuch des biblischen Altertums. 

HKAT = Handkommentar zum AT. 

J = Jahvist. 

JbW = Ewalds Jahrbücher der biblischen Wissenschaft. 

JdTh = Jahrbücher für deutsche Theologie. 

JprTh = Jahrbücher für protestantische Theologie. 

KEH = Kurzgefasstes exegetisches Handbuch zum AT. 

KHCAT= Kurzer Hand-Commentar zum AT. 

MBAW = Monatsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften. 

N.JdTh = Neue Jahrbücher für deutsche Theologie. 

P = Priesterliche Schritt, Priesterkodex, Grundschrift. 

PJb = Preussische Jahrbücher. 

RE = Herzogs Real-Enzyklopädie. 

SBAW = Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften. 

SBOT = The Sacred Books of the Old Testament. 

St Kr = Theologische Studien und Kritiken. 

SWAW= Sitzungsberichte der Wiener Akademie der Wissenschaften. 

SZ = Strack-Zoeckler , Kurzgefasster Kommentar zu den heiligen 

Schriften Alten und Neuen Testaments. 
ThT = Theologisch Tijdschriil. 

WZKM ^= Wiener Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes. 
ZaW = Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. 
ZDMG - Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. 
ZkTh = Zeitschrift für katholische Theologie. 
ZITh = Zeitschrift für die Lutherische Theologie und Kirche. 
ZTK = Zeitschrift für Theologie und Kirche. 

ZWL = Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft und kirchliches Leben. 
ZwTh = Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie. 

Die Abkürzungen für die Namen der biblischen Bücher bedürfen 
keiner Erklärung. 



§ 1-! 



Prolegomena zur EinleitiiDg in das 
Alte Testament. 



§ 1. Name und Begriff. 

HHuPFEiiD lieber Begriff und Methode der sogenannten biblischen 
Einleitung etc. 1844 und StKv 34 3 ff. 1861 gegen HJHoltzmann StKr 
33 4io ff. 1860. 

1. Der Name „Einleitung" stammt aus der alten Kirche : 
ewaytoY"»] ist zuerst nachweisbar bei Adriaxis (-j- ca. 440), 
während inlroductio mittelbar auf Cassiodorus Senator (y 
ca. 570) zurückgeht. Das deutsehe „Einleitung" hat JDMi- 
chaelis (-{- 1791) in seiner Einleitung in die göttlichen Schriften 
des Neuen Bundes 1750 zum ersten Male angewendet. Der 
Name ist geblieben, während die dadurch bezeichnete Sache 
im Laufe der Jahrhunderte sich wesentlich geändert hat. Was 
man gegenwärtig unter „Einleitung" versteht, wird wohl am 
besten definiert als diejenige theologische Disziplin, 
welche sich mit der Heiligen Schrift als Buch 
beschäftigt. Sic hat zu ermitteln, wie und wann die ein- 
zelnen Schriften entstanden sind, welche in ihrer Vereinigung 
die Heilige Schrift bilden (dies die sog. spezielle Einlei- 
tung); sie hat weiterhin zu fragen, wie und wann diese ein- 
zelnen Schriften zu der uns jetzt vorliegenden Sammlung ver- 
einigt worden sind und wie diese Sammlung auf uns gekom- 
men ist (dies die sog. allgemeine Einleitung!. Wissen- 
schaftlich gelöst werden können diese Prägen nur auf dem 
Wege der historisch-kritischen Forschung, weshalb man seit 
GLBauer (f 1806) die Einleitung als eine ..historisch-kritische" 
zu bezeichnen pflegt. 

2. Was insbesondere die Einleitung in das Alte 
Testament betrifft, so hat sie zum Gegenstand ihrer For- 

Grundriss II. I. C o r n i 1 1 , ATI. Einleitung. 5. Aufl. 1 



Prolegomena. [§ 2. 



schung diejenigen Erzeugnisse der israeliti- 
s c li e n u n d j ü d i s c li e n L i t e r atur, welche die 
christliche K i r c li e als heilig anerkennt oder 
anerkannt hat. Hieraus ergibt sich ihr theologischer 
Charakter und ihre gliedliche Stellung in dem Gesamtorganis- 
mus der christlich-theologischen Wissenschaft. 

3. Da Art und Methode der Forschung die einer literar- 
geschichtlichen Untersuchung ist, so hat man die Bezeichnung 
„biblische Literaturgeschichte" oder „Geschichte der hebräi- 
schen Literatur' - vorgeschlagen: aber einmal würde in eine 
hebräische Literaturgeschichte manches gehören, was in einer 
Einleitung ins AT eine organische Stellung nicht hätte, und 
namentlich ist eine wirkliche biblische Literaturgeschichte bei 
dem gegenwärtigen Stande der Forschung und vielleicht für 
immer unmöglich. So lange überhaupt noch die Frage auf- 
geworfen werden kann: oh Mose oder Esra, ob Salomo oder 
Alexander Jannaeus, so lange kann von einer hebräischen 
Literaturgeschichte nicht die Rede sein. Will man den Na- 
men „Einleitung" durchaus verwerfen als unwissenschaftlich 
und zu wenig die damit benannte Sache bezeichnend, so wäre 
„Kritische Geschichte des AT" (RSlMON) oder „Geschichte 
der heiligen Schriften des AT" (Spinoza, Hupfeld. Reuss) 
nicht zu beanstanden. 

§ 2. Geschichte der Disziplin. 
LDiestel Ccschichte des AT in der christlichen Kirche 1869. 
1. Was die alte Kirche zur „Einleitung" oder „Einführung" in 
die Beilige Schrift hervorgebracht hat, tragt durchaus den Charakter 

(Irr Hermeneutik: es will in das richtige Verständnis der BS einführen 
und zu ihm anleiten. Vgl. die charakteristischen Worte des Adeianus 

oi 37cou8otiot o5v ~v.; äyovia; IvtsöS-sv Baveiaduevot ö5v/ xiva Kai tiüXyjv tv, 

- T "./.on'/;e;-/ söp^aouai jtpög tv,v -y,; Eepä£ •;;//;■;,: 687)Y'*)8^vat Biavotav. Des 
AniüAM's i:zv.-;i ■<•;■'/, i\; -.%: Hsia; ypatpdg [ed. FGOESSLING 1887], welche 

unserer Disziplin den Namen gegeben hat, ist lediglich eine Erklärung 
der Bobraismen in der biblischen Gräcität. Tichonius (t ca 390) und 
Euchebiüs von Lyon it 452) gehören ausschliesslich der Hermeneutik 
an; Augustins if 430) doctrina christiana behandelt nur II 8 — 15 ein- 
zeln!' isagogische Prägen, und auch Junilius Aericanus fl 552), der 
das literargeschichtliche Prolilem der Einleitung am schärfsten erfasst 
hat, widmet ihm in Beinen Instituta regularia divinae legis [ed. BKihk 
1880] unter der charakteristischen Ueberschrift quae pertinenl ad super- 
ficiem scripturarum bloss '.» Kapitel, während die 11 übrigen quae scrip- 
tum /ms edocet als biblische Theologie bezeichnet werden können. 



.] Geschichte der Disziplin. 



2. Das Mittelalter hat die Disziplin nicht selbständig gefördert; erst 
Humanismus und Reformation weckten neues Leben. Voran geht 
die katholische Kirche. Zwar des Saxtes Pagxixts (f 1541) Isagoge 
von 1536 ist noch ganz, mittelalterlich; dagegen kann des Sixtus Se- 
xkxsis (f 1599) zuerst 1566 erschienene und noch bis ins 18. Jahrhun- 
dert vielfach neu aufgelegte und nachgedruckte Bibliotheca Sancta schon 
als Versuch einer biblischen Literaturgeschichte bezeichnet werden, wenn 
auch hei ihm noch Hermeneutik und Geschichte der Auslegung den 
breitesten bäum einnimmt. Auf protestantischer Seite eröffnen den 
Reigen der Reformierte ARivetus (y 1651) mit seiner Isagoge 1627, wel- 
cher in logischer Konsequenz seines streng reformierten Inspirationsbe- 
griffs die spezielle Einleitung als gegenstandslos grundsätzlich ausschliefet. 
und der Lutheraner MYValther (f 1662), dessen an Sixtus Sexensis 
sich anleimende Officina biblica noviter adaperta 1636 mit reinlicher 
Scheidung einer allgemeinen und speziellen Einleitung die ganze Dis- 
ziplin zwar in streng dogmatischem Geiste, aber durchaus literarge- 
schichtlich dargestellt und daher als erste „Einleitung" im gegenwärtigen 
Sinne anerkannt werden muss.' 

3. Eine neue Wendung bringt das 'Auftauchen der Kritik, 
welche zuerst als sog-, niedere Kritik sich an die Bibel wagte. Ihr genialer 
Hahnbrecher ist der französisch-reformierte Theolog LCappellus (f 1658), 
der zuerst mit aller Schärfe uud Klarheit und in methodisch mustergül- 
tiger Weise eine rein philologisch-wissenschaftliche Behandlung des AT 
durchführte: in seinem Arcanum punctationis revelatum 1624 wies er die 
Nichtursprünglichkeit der Punktation des hebräischen Textes schlagend 
nach und zeigte in der Critica Sacra 1650, dass auch der Konsonanten- 
text des AT keineswegs sicher und fehlerfrei überliefert sei. Neben ihm 
steht JMorinus (f 1659) mit seinen zwei Bänden Exercitationes biblicae 
1633 u. 1660. Ansätze zur sog. höheren Kritik finden wir zuerst bei dem 
Philosophen ThHobbes (f 1679), dessen Leviathan III 33 über .Anzahl, 
Altertum, Zweck, Ansehen und Auslegen der biblischen Bücher" handelt. 
Eine eingehende literarische Untersuchung über den Pentateuch gab 
IPkyrerius (f 1676) in Buch IV Kap. 1 u. 2 des wunderlichen, anonym 
erschienenen Systema theologicum ex Praeadamitarum hypothesi 1655, 
dehnte aber seine dort gewonnenen Resultate ausdrücklich auch auf die 
anderen biblischen Bücher aus, während BSpixoza (t 1677) im Tractatus 
tbeologico-politicus 167'» Kap. 6—10 bereits ad Scripturam interpretan- 
dam . . ejus sinceram historiam adomare verlangt: in geradezu klas- 
sischer Weise werden der Disziplin Aufgabe uud Ziel gewiesen und mit 
genialer Intuition viele ihrer wichtigsten Resultate vorweggenommen: 
dieser Abschnitt des Tractatus tbeologico-politicus gehört zum Bedeu- 
tendsten, was jemals aber das AT geschrieben wurde. Epochemachend 
für die Einleitungswissenschaft ist RSimons (f 1712) Histoire critique du 
Vieux Testament 1678, eine sehr gelehrte und gründliche literarkritische 
Untersuchung über das AT, welche ganz eine „Einleitung" in unsrem 
Sinne wäre, wenn Simon sieh nicht fast ausschliesslich auf die allge- 
meine Einleitung beschränkt hätte, (eher Simons Leben und die Ge- 
schichte seiner Histoire critique vgl. besonders ABerxus R. S. et son 
Hist. crit. d. V. T. 1869. 

1* 



Prolegomena. [§ 



4. Die Zeitgenossen und die nächsten Generationen verhielten sich 
dieser Kritik gegenüber schroff ablehnend: die einzige erwähnenswerte 
Erscheinung in dem Jahrhundert zwischen 1670 u. 1770 ist des streng 
lutherischen Streittheologen JGCarpzov (f 1767) Introductio ad libroa 
canonicos bibliorum V. T. omnes 1714-1721 und Critica sacra 1 728, deren 
alleiniger Zweck in der Bekämpfung der Psewlo-crUica besteht. Ersl 
musste für die wissenschaftliche Betrachtung und Erforschung der HS 
ein festes und sicheres prinzipielles Fundament gelegt werden. Dies ge- 
tan zu haben ist das bleibende Verdienst des „ Vaters der neueren Theo- 
logie" JSSemleb (f 1791), welcher eine streng historische Be- 
tracht u n g d e s K a n o n s (Abhandlung von freier Untersuchung des 
Kanon 4 Bde. 1771 — 1775) und eine zeitgeschichtliche Auf- 
fassung der einzelnen biblischen Bücher anbahnte und 
dadurch der orthodox-protestantischen Inspirationslehre den Todesstoss 
versetzte. Zwar sein eigener Versuch in dem Apparatus ad liberalem 
V. T. interpretationem 1773 muss als gänzlich verunglückt bezeichne! 
werden : aber es war doch der richtige Weg gewiesen und das Prinzip 
klar erkannt. Nicht ein zünftiger Gelehrter, sondern ein Dichter sollte 
es sein, der für die staunende Welt das AT gewissermassen neu ent- 
deckte und ihr >eine Herrlichkeit und Schönheit erschloss : JGHerdeb 
(t 1803). Er Lehrte es als künstlerische Selbstdarstellung der israeli- 
tischen Volksseele, und als religiöse Urkunde verstehn. Eine ganze Reihe 
von Schriften hat Hkküek dem AT gewidmet: Aelteste Urkunde des 
Menschengeschlechts 1774—1776, Salomons Lieder der Liebe 1778, Br 
das Studium der Theologie betreffend 1780, und vor allem Vom Geist 
der Ebräischen Poesie 1782. Ist Hkbdeks Standpunkt auch wesentlich 
der ästhetische, so zeigt sich doch überall der tiefe und selbständige 
Denker, welcher berufen war, auch auf die wissenschaftliche Forschung 
nachhaltigst einzuwirken. Von Hkkder ausgehend und durchaus aui 
ihm fussend hat JGEichhobn it 1827) die erste »Einleitung in das AT« 
1780-1782 nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach gegeben. 
Dies Werk behandelt mit umfassender Gelehrsamkeit und in geschmack- 
voller und formvollendeter Darstellung alle die Materien, welche wirnoch 
gegenwärtig der „Einleitung" zuteilen: es hat den grössten und wohl- 
verdienten Beifall gefunden und. ein Menschenalter hindurch die Dis- 
ziplin bestimmt. J.Jahn (f 1816) Einleitung in die Göttlichen Bucher 
des Alten Bundes 1793, GLBaukr (f 1806) Entwurf einer Einleitung 
zweite Ausgabe 1801: einer historisch-kritischen Einleitung] in das AT 
1794, JCWAüGtJSTl (t 1841) Grundriss einer historisch-kritischen Einlei- 
tung in das AT 1806 zehren wesentlich von Eichhorn; auch LBebtholdts 
if 1822) sechsbändige Historisch-kritische Einleitung in Bämtliche kano- 
nische und apokryphische Schriften des A und NT 1812— 1819 bezeichnet 
keinen Portschritt aber Eichhorn hinaus. 

5. Kin neues Moment wurde der Einleitungswissenschafl zugeführt 
durch d i e religi n a g e a c h ichtli C h e Kritik, als deren Bahn- 
brecher wir WMJjDEWeTTE (f 1849) anzuerkennen haben. Heine drei 

Erstlingsarbeiten: DiBsertatio critica. qua Deuteronomium a prioribus 
Pentateuchi libris diver sum, aliue cujusdam recentioria auctoris opu< i 
monstratur 1805, Beiträge zur Einleitung in das AT. Erstes Händchen: 



2.] Geschichte der Disziplin. 



Kritischer Versuch über die Glaubwürdigkeit der Bücher der Chronik 
mit Hinsiebt auf die Geschichte der Mosaischen Bücher und Gesetzge- 
bung 1806. und Zweiter Band: Kritik der Mosaischen Geschichte [be- 
zeichnet als Kritik der israelitischen Geschichte. Erster Teü, wurde aber 
nicht weiter fortgeführt] 1807 sind glänzende Proben dieser Betrach- 
tungsweise und haben der Wissenschaft mehrere bleibende Resultate von 
weitesttragender Bedeutung errungen. Das 1817 zuerst erschienene Lehr- 
buch der historisch-kritischen Einleitung in die kanonischen und apo- 
kryphiseben Bücher des AT ist seit Eichhorn das erste wirklich selb- 
ständige und bedeutsame Einleitungswerk, bezeichnet aber den genialen 
»Beiträgen" gegenüber keinen Fortschritt , sondern eine bedenkliche 
Schwenkung nach der Vermittlungstheologie. Erst WVatke (f 1882) 
war es vorbehalten, die in dem jugendlichen deWette aufgeblühte 
Knospe zur vollen Frucht zu reifen, in seiner Biblischen Theologie wis- 
senschaftlich dargestellt 1835. Hier gibt Vatke auf einem ebenso kühn 
wie fest gefügten religionsgeschichtlichen Unterbau eine pragmatische 
Darstellung des Entwicklungsganges der ATlichen Literatur, welche zum 
ersten Male den wirklichen Verlauf klar erkannt und gross erfasst hat. 
Zunächst freilich sollte dies bahnbrechende Werk spurlos vorübergehn. 
da Kritiker wie Apologeten in der Ablehnung desselben einig waren. 
Die Erbschaft Eichhorns und deWettes trat vielmehr an der gewal- 
tige Göttinger Recke HEwald (f 1875), welcher ein halbes Jahrhundert 
lang die massgebende Autorität auf dem Gebiete der ATlichen Wissen- 
schaft wurde. Eine förmliche Darstellung der Einleitung besitzen wir 
von Ewald nicht, aber in den Dichtern des Alten Bundes 1835—1839, 
den Propheten des Alten Bundes 1840—1841 und dem ersten Bande der 
Geschichte des Volkes Israel 1843 hat er sämtliche Bücher des AT isa- 
goerisch bearbeitet. 

6. Die kritische Behandlung unsrer Disziplin schien auf einem un- 
aufhaltsamen Siegeslaufe begriffen. Doch kam ein Rückschlag. Noch 
einmal raffte sich die streng kirchliche Anschauung auf. um durch eine 
Apologetik, welche ihre Waffen der verpönten Kritik abborgte, diese zu 
stürzen und den altprotestantischen Inspirationsstandpunkt zu erneuern. 
EWHengstenbeeg (7 1869) suchte in seinen Beiträgen zur Einleitung 
ins AT 3 Bde 1831—1839 drei von der Kritik besonders in Anspruch ge- 
nommene Fragen rückwärts zu revidieren und „die Authentie des Daniel". 
.die Integrität des Sacharja" und „die Authentie des Pentateuches" zu 
.•■rweisen". Die ausführlichste Gesamtdarstellung der Disziplin in die- 
sem Sinne ist HACHaeveknicks (f 1845) Handbuch der historisch-kri- 
tischen Einleitung in das AT 5 Bde. 1836 — 1849, nach Hak ve knicks Tode 
von CFKeie vollendet, und kürzer, aber durchaus praktisch und brauch- 
bar Keils (f 1888) eigenes Lehrbuch der historisch-kritischen Einleitung 
in die kanonischen und apokryphischen Schriften des AT 1853. Dieser 
Richtung gegenüber vertraten die Kritik vom Standpunkte Ewalds aus 
FBleek (-J- 1859) Einleitung in das AT. herausgegeben von JBleek und 
AKamphauSEN 1860, JJStähelin (t 1875) Spezielle Einleitung in die 
kanonischen Bücher des AT 1862, ThNöI/DEKE Die ATliche Literatur in 
einer Reihe von Aufsätzen dargestellt 1868 und ESchkadek, welcher 
1869 nominell die achte Auflage der DEWETTEschen Einleitung, aber 



Prolegomena. [§ 2. 



tatsächlich ein ganz neues und völlig selbständiges Werk lieferte. 

7. Zwar noch wesentlich auf dem Boden Ewalds stehend, aber doch 
in bedeutsamen Einzelnheiten schon darüber hinausweisend, gibt der 
Holländer AKuexex (f 1891) in seinem Historisch-kritisch Onderzoek naar 
het ontstaan en de verzameling van de Boeken des Ouden Verbonds 
3 Bde. 1861—1865 die Arbeit eines Fachmannes, der nicht bloss referiert 
und registriert, sondern alles selbständig prüft und erforscht. Die so- 
genannte modern- kritische Schule, welche in ihm ihren 
Grossmeister verehrt, datiert von KHGraf (f 1869) Die geschichtlichen 
Bücher des AT 1866, wo wieder im Anschluss an den jugendlichen de 
WETTE und an Vatke der religionsgeschichtlichen Kritik ein breiterer 
Spielraum und das entscheidende Wort zugestanden wird. Eine gross- 
artige Darstellung der israelitischen Religionsgeschichte von diesem 
ndpunkte aus gab Kuexex in seinem monumentalen De Godsdienst 
van Israel 2 Bde. 1869 u. 1870, während Deutschland sich zunächst ab- 
lehnend gegen die „GRAFsche Hypothese- verhielt und eigentlich nur 
AKayser (f 1885) Das vorexilische Buch der Urgeschichte Israels und 
- eine Erweiterungen 1874 sie öffentlich weiter ausbaute. Den Wende- 
punkt brachte JWellhausexs geniale Geschichte Israels Erster Teil 
1878, die späteren Auflagen [fünfte 1899] unter dem veränderten Titel 
Prolegomena zur Geschichte Israels. Seit diesem epochemachenden 
Werke dreht sich die ganze Einleitungswissenschaft um die Frage: für 
oder gegen WELLHAUSEN. Im Sinne der modernen Kritik sind : Wi.i.i.- 
HATJSENs Neubearbeitung der BiiEEKschen Einleitung 1878. EReuss 
(y 1891) Die Geschichte der Heiligen Schriften ATs 1881, "1890, BSTADE 
'-•schichte des Volkes Israels 1881— 1888 in der Onckenschen Sammlung, 
mit höchst eingehender Behandlung auch der Literaturgeschichte. WR 
SMITH (f 1894) The Old Testament in the Jewisb Church 1881, "1892, 
in Deutschiami er-t durch WRothsteixs Üebersetzung unter dem Titel: 
Das AT. Seine Entstehung und Ucberlieferung 1894 recht eingebürgert 
\Ki-kxi;n zweite völlig umgearbeitete Auflage seines Onderzoek, die 
zwei ersten Bände 1885—1889, uach Kuenens Tode 1898 der erste Teil 
des dritten Bandes von JCMatthbs herausgegeben, alles bisher Erschie- 
nene ins Deutsche übersetzt; doch scheint das Werk ein Torso bleiben 
zu äollen, und bo himI AKuenens Gesammelte Abhandlungen zur bib- 
lischen Wissenschaft übersetzt von KBudde 1894 als Ergänzung doppelt 
willkommen. Der Grundriss de. Verfassers, zuerst L891 ausgegeben. 
GWildeboeb De letterkunde des Ouden Verbonds 1893, 1903, deutsche 
üebersetzung von FRisoh 1895. Der für den grossen Kreis aller Ge- 
bildeten mit Meisterhand entworfene Abriss der Geschichte des ATlichen 
Schrifttums von EKadtzscb 1894 in den Beilagen zu Die heilige Schrift 
des AT übersetzt und herausgegeben von EKautzscb 1890— 1894, *1896, 
l-'.»7 als Sonderdruck veröffentlicht und 1899 ins Englische übersetzt. 
Auch SRDbiveee [ntroduetion to the literature of the Old Testament, 
zuerst 1891 erschienen, deutsche üebersetzung von WRothstbin 1*96, 
-teilt in der Bauptsache auf dem Hoden der modern kritischen Schule, 
wenn -ie auch in vielen Einzelnheiten einem weitgehenden Konservatis- 
mus huldigt. In bewussten Gegensatz zu der neueren Kritik stellen sich 
,lie nachg d Einleitungswerke von WVatki. (Historisch-kritische 



§ 3.] Anordnung des Stoffes. 



Einleitung in das AT. Nach Vorlesungen herausgegeben von HGSPreiss 
L886) und ERlEHM (f 1888 Einleitung in das AT herausgegeben von 
ABraxut •_' Bde. 1889/1890) und die Darstellung der Disziplin in dem 
Zoecklerschen Handbuche durch HLStkack (Einleitung in das AT ein- 
schliesslich Apokryphen und Pseudepigraphen. Fünfte vielfach vermehrte 
und verbesserte Auflage 1898V Eine eigentümliche Zwitterstellung zwi- 
schen freier Kritik und verwegenster Apologetik, aber mit entschiedenem 
Vorherrschen des zweiten Elements, nimmt ein FEKoexig (Einleitung 
in das AT mit Einschluss der Apokryphen und der Pseudepigraphen 
\Ts 1893). welcher beispielsweise im Deuteronomium Bestandteile aus 
der Richterzeit behauptet, aber über die „Grundschrift" korrekt Well- 
hausenisch lehrt: doch muss um des gewaltigen Stoffreichtums und des 
durchaus selbständigen Durchdringeiis der ganzen Disziplin willen dies 
grossartige Einleitungswerk als die bedeutendste Erscheinung der letzten 
Jahre anerkannt werden. Von durchaus konservativer Haltung ist end- 
lich die 1901 erschienene umfangreiche .Einleitung in die Bücher des 
AT" von WWBATJDlSSrsr. Wie schon der Titel andeutet, geht ihr Ver- 
fasser einen eigenen "Weg. Er will im Gegensatze zu dem wesentlich 
analytischen Verfahren, wie es seit Eichhorn gebräuchlich geworden, 
die einzelnen Bücher charakterisieren, r so wie sie sich dem Auge des 
urteilenden Beobachters als eine zumeist aus verschiedenartigen Einzel- 
heiten zusammengesetzte Gesamterscheinung darstellen". Und dies be- 
rechtigte Streben ist ihm in hervorragender Weise gelungen: an der 
plastisch und individuell herausgearbeiteten Darstellung der einzelnen 
biblischen Bücher und ihrer feinsinnigen ästhetischen Beurteilung muss 
auch derjenige seine Freude haben, der des Vfs. wissenschaftlichen Stand- 
punkt nicht zu teilen vermag. 

8. Von neuern katholischen Gelehrten sind zu nennen: 
JGHEBBST (f 1836) Historisch-kritische Einleitung in die heiligen Schrif- 
ten ATs. 4 Bde. 1840— 184-4 von BWelte herausgegeben. AScholz 
(-;- 1852) Einleitung in die heiligen Schriften ATs. 3 Bde 1845—1848. 
FHReuSCH Lehrbuch der Einleitung ins AT 1859, 4 1870. FKaulex Ein- 
leitung in die heilige Schrift A und NTs 1876—1**1: 4. Auflage des 
AT 1899. WSCHENZ Einleitung in die kanonischen Bücher des AT 1887. 
RCornely Historicae et criticae introduetionis in VT libros sacros com- 
pendium 1889: von jüdischen JFürst (j 1873) Geschichte der bib- 
lischen Literatur und des jüdisch-hellenistischen Schrifttums 1867/1870. 
DCassef, (f 1893) Geschichte der jüdischen Literatur 1871. AGeiger 
(f 1874) Einleitung in die biblischen Schriften 1877. 

§ 3. Anordnung- des Stoffes. 

1. Nach § 1 gliedert sich unsre Disziplin in eine spezielle 
und eine allgemeine Einleitung ; es fragt sich, in welcher Rei- 
henfolge diese beiden Teile zu behandeln sind. M Walther, 
Eichhorn. Bauer. Jahn. Augusti, Bertholdt, de Wette, 
Hayernick und Vatkb beginnen mit der allgemeinen, Keil, 
Bleek, Kuenen. Nölc-eke. Strack und Reehm mit der spe- 



8 Prolegomena. [§ 4, 

ziellen. Sachlich und methodisch richtig ist nur die letztere 
Anordnung: erst müssen die einzelnen Schriften vorhanden 
sein, ehe sie zu der Sammlung der Heiligen Schrift vereinigt 
werden können. Wir werden also beginnen mit der speziellen 
Einleitung, welche die Geschichte der einzelnen biblischen Bü- 
cher bringt, und schliessen mit der allgemeinen, welche die 
Geschichte der Bibel als Ganzes behandelt, und werden bei 
ihr wieder den Anfang machen mit der Geschichte des Ka- 
nons und dann die Geschichte des Textes darstellen. Der von 
KÖNIG befolgten Anordnung: Textgeschichte, spezielle Ein- 
leitung. Geschichte des Kanons vermag ich mich nicht an/.u- 
schliessen. 

2. Abei' auch bei der speziellen Einleitung erhebt sich 
wieder die Frage nach der Anordnung des Stoffes. Soll 
dieselbe eine historische oder eine sachliche sein? Da wir die 
Bezeichnung unsrer Disziplin als einer biblischen Literaturg« - 
schichte grundsätzlich ablehnen, so ist damit auch die histo- 
rische Anordnung ausgeschlossen, welche zudem den Nachteil 
hat, dass sie viele biblische Bücher zerreissen und ihre einzelnen 
Stücke auf die verschiedensten Zeiten der hebräischen Lite- 
ratur verteilen würde. Für ein Lehrbuch geben praktische 
Erwägungen den Ausschlag. Und da erscheint es denn im 
Interesse der Uebersichtlichkeit und Klarheit geboten, die ein- 
zelnen Bücher für sich zu behandeln und sie nach den sach- 
lichen Kategorien in historische, prophetische, poetisch-didak- 
tische zu ordnen. 

§ 4. Alter des Schriftgebrauchs bei den Hebräern. 
SchoE weil nach der Ueberlieferung der Pentateuch das 
älteste Buch der biblischen Literatur i>t. nm>s die Frage nach 
dem Alter des Schriftgebrauchs bei den Hebräern erörtert 
werden: ein Werk wie dw Pentateuch konnte sich nicht le- 
diglich mündlich fortpflanzen. Während manche Volker eine 
bestimmte Ueberlieferung über Entstehungszeil und Herkunft 
der Schrift besitzen, i-t dies bei den Hebräern nicht der Kall: 
sie haben keine Erinnerung daran, dass ihnen jemals der Ge^ 
brauch der Schrift gefehlt habe. Pur Mos,, und seine Zeit 
wird derselbe einfach vorausgesetzt Ex 17 m lH i .">4jt Num 33 
Dtn .">1 9 <f. auch Es 28a bj :•.<; Num 5 23. Wir haben durch den 
Papyrus Anastasi 111 den urkundlichen Beweis in Händen. 



r? 1 Hebräische Metrik. 9 

dass zur Zeit des Pharao Merenptah ein lebhafter und regel- 
mässiger amtlicher Schriftenverkehr Aegyptens mit Palästina 
und Phönürien bestand — und nach der noch immer wahr- 
scheinlichsten Annahme ist Merenptah der Pharao des Aus- 
zuges und somit Moses Zeitgenosse. Ganz ungeahnte Per- 
spektiven hat uns dann noch 1887 der Tontafelfund von Tell- 
el-Amarna eröffnet. Angesichts solcher Tatsachen würde es 
durchaus unbegründet sein. Mose die Kenntnis der Schrift ab- 
zusprechen. Freilich beweist der Xauie ~ec rrnp Jdc In ab- 
solut nichts, und ob daraus, dass schon in dem uralten Liede 
der Debora Jdc 5 u das Wort löic in der Bedeutung von Att- 
führer vorkommt. Schlüsse gezogen werden dürfen, ist minde- 
stens nicht zweifellos. Dagegen für die Zeit Davids steht der 
Schriftgehrauch urkundlich fest durch das Hofamt des IBID 
II Sam 8 17 20 25 und den nicht anzuzweifelnden Uriasbrief 
11 Sam 11 11 i5. Dass bei den Hebräern Lesen und Schreiben 
schon verhältnismässig früh ziemlich allgemein verbreitet waren, 
dafür ist Jdc 8 u lehrreich, welche Stelle natürlich nicht für 
die Zeit Gideons, wohl aber für die Zeit des Erzählers be- 
weist, und Jdc 8 gehört zu den ältesten historischen Stücken 
des AT. Auch der etwa 125 Jahre nach Davids Tode er- 
richtete Denkstein des Moabiterkönigs Mesa zeigt in der Form 
seiner Buchstaben einen so ausgeschriebenen Cursivductus, wie 
nur ein langer Gebrauch und eine schon fortgeschrittene Ent- 
wicklung der Schrift ihn erzeugen können. Vgl. auch Jes 8 , 
L0i9 29 11 12. 

§ 4 a. Hebräische Metrik. 

Da in allen Schichten der hebräischen Literatur, auch die 
historischen Bücher nicht ausgenommen, poetische Stücke vor- 
kommen, so sind die Prolegomena der gegebene < )rt, um die metri- 
sche Frage zu behandeln : ^i.. gehört gegenwärtig zu der brennen- 
den der ATlichen Wissenschaft, so dass auch ein Grundriss der 
Einleitung sie nicht iibergehn darf. Vollständigkeit und erschöp- 
fende Darstellung der Einzelheiten kann hier noch weniger als 
sonst angestrebt werden: es soll unsre Aufgabe sein, diejenigen 
metrischen Systeme, welche gegenwärtig von Bedeutung sind, 
kurz aufzufiiliren und ihre wesentlichen .Momente zu charakteri- 
sieren. 

1. Dass eine Dichtung, welche Werke von so unvergäng- 



10 Pi-olegomena. [§ 4 a. 

licher Schönheit wie Hioh und die Psalmen hervorgebracht, 
auch eine Kunstform gehabt habe, war von vorn herein an- 
zunehmen: denn alle Kunst liegt nicht im Stoff, sondern in 
der Form. Für die Dichtkunst besteht die Form in der Ge- 
setzmässigkeit, mit welcher Silbe an Silbe, Wort an Wort, 
Vers an Vers, Strophe an Strophe gereiht wird, d. h. in einer 
.Metrik: wo wir eine Kunstpoesie halten, und sei sie für 
unsern Geschmack noch so primitiv, da haben wir auch eine 
Metrik. Namentlich da, wo die Dichtkunst ihr zwillingsschwe- 
sterliches Verhältnis zur Tonkunst noch nicht gelöst hat, wo 
das Gedicht zugleich Lied ist. stellt sie sich mit Naturnotwen- 
digkeit ein: denn Gesang, vollends Chorgesang, ist einfach 
undenkbar ohne feste Form und bestimmten Rhythmus. Die 
einzigen positiven Nachrichten über eine hebräische Metrik 
auf jüdischer Seite bilden wir bei JosEPHUS, welcher Ant II 
I64 das Durchzugslied Ex 15 1—19 ev sfausTco) tövo» geschrieben 
sein lässt, Ant IV 18 u das sog. Lied Moses Dt 32 1—4:; als 
izovqaic, i^d\i.expoQ bezeichnet und Ant VII. 12:; sagt, dass die 
Psalmen Davids |x6xpou rcotxtXou seien, toö: [xsv rpiuixpou~ tvj; 
oe rcevTauixpous. Aber JoSEPHUS schreibt in der Absicht, sein 
Volk für ein griechisch-römisches Publikum salonfähig zu ma- 
chen, welchem natürlich eine metrumlose Poesie ein Unding 
war: bei diesen Angaben handelt es sich höchstens tun einen 
ungefähren Eindruck des JOSEPHUS, aber nicht um irgend 
welche Tradition, und das nämliche werden wir auch von des 
HlERONYMUS Aeusserungen über hebräische Metrik sauen dür- 
fen, deren bekannteste sich im Prologe zur ELiobübersetzung 
befindet. Auf jeden Kall ist eine metrische Tradition, wenn 
sie vorhanden war. spurlos verschwunden: die -luden selbst 
wissen von einer hebräischen Metrik nichts. Die jüdische Ueber- 
lieferung hat offenbar den charakteristischen Unterschied der 
Poesie von t\tT Prosa in dem stic h is che 11 B a u d er d i c h- 
t e r i s c h e n S t ü c k e gesehen : sie zeichne! längere dichteri- 
sche Texte im Zusammenhange der Prosaliteratur, wie das 
Durchzugslied Ex 15 1—19, das Lied Moses 1 >t 32] — 13, das 
Lied der Debora Jud 5, den in II Sam 22 uns wieder be- 
gegnenden Ps 18, durch stichische Schreibung aus. indem die 
einzelnen Stichen durch Zwischenräume von einander getrennt 
werden. I'ud diese Stichen sind nicht etwa imaginäre Grössen 
oder mechanische Zerlegungen des Textes, sondern organische 



£ 4a.] Hebräische Metrik. \\ 

Gebilde, indem sie durchweg mit Sinneseinschnitten zusammen- 
fallen. Sie treten niemals vereinzelt auf, sondern bisweilen 
dreifach, wie Ps 24 7—10 77 is— 20 93 3— 5, oder in der erdrük- 
kenden Mehrzahl doppelt, und zwar so, dass auch hier nicht 
äusserliche Aneinanderreihung, sondern innere Verbindung vor- 
liegt, indem beide Stichen einen und den nämlichen Gedanken 
zum Ausdruck bringen, sei es, dass der zweite Stichos ergänzend 
zu dem ersten tritt, sei es. dass er den nämlichen Gedanken 
variiert. Dies Grundgesetz der hebräischen Poesie war natür- 
lich längst erkannt, aber erst RLowth De sacra poesi He- 
braeorum 1753 hat dafür die überaus glückliche Bezeichnung 
par allelismus membrorum geprägt. Sosteilt sich die 
hebräische Poesie als durchweg in distichische resp. tristichi- 
sche Verse gegliedert dar. und unverkennbare Spuren deuten 
darauf hin, dass sie auch diese einzelnen Verse wieder zu re- 
. L m ä s s ig e n Strophe n verbunden hat. Bei Stücken 
wie etwa Ps 2, 3 oder 114 springt die strophische Anlage in 
die Augen : bewiesen wird sie durch das Vorkommen des Kehr- 
verses Ps 42 und 43, Jes 9 t— 10 4 und ähnliche Fälle. Na- 
mentlich sind für diese Fragen bedeutsam die alphabetischen 
Lieder des AT, wo ja der Vf. selbst durch die Merkbuch- 
staben des Alphabets die Gliederung unzweideutig bezeichnet 
hat: in Ps 111 und 112 erscheinen sie bei jedem Stichos, in 
Ps 25, 34, 145 und Prov 31 10— 31 bei jedem Vers, Ps 9 und 
10, 37 und Thren 4 nach je zwei. Thren 1, 2 und 3 nach je 
drei. Ps 11!J gar nach je acht Versen. Das alles gab die 
1 Überlieferung als Tatsachen an die Hand: die beiden Probleme 
welche eine hebräische Metrik zu lösen hatte, waren einmal 
die Frage, ob die einzelnen Stichen einen regelmässigen me- 
trischen Bau hatten, und dann, ob die hebräische Poesie durch- 
weg strophisch angelegt war. 

2. Das Metrum wird überall bedingt durch den Charakter 
der Sprache : was dabei herauskommt, wenn eine Literatur 
ohne Rücksicht auf den Charakter der Sprache die Metren 
einer anderen mechanisch nachahmt, zeigt ein Vergleich von 
deutschen und französischen Alexandrinern mit erschreckender 
Deutlichkeit. Da die hebräische Sprache, welche bekanntlich 
kurze Vokale in offener unbetonter Silbe überhaupt nicht, in 
offener betonter nur in bestimmten Einzelfällen duldet, eine 
quantitierende nicht ist. so kann auch für sie eine quantitie- 



]') Prolegomena. [§ 4 a 

rende Metrik nach Art der griechisch-römisclieii oder arabi- 
schen nicht in Betracht kommen. Dagegen ist die hebräische 
Sprache eine ausgesprochen accentuierende, so dass ihrem Cha- 
rakter eine accentui ere n d e M e t r ik entsprechen würde. 
Diesen Weg betrat JLey. Nachdem er 1866 ..Die metrische 
Form der hebräischen Poesie" Alliteration und Keim in ihren 
verschiedenen Abarten als Grundprinzip der hebräischen Metrik 
nachzuweisen versucht hatte, Hess er 1875 „Grundzüge des 
Rhythmus, des Vers- und Stropheidtaus in der hebräischen 
Poesie'' mit metrischer Analyse einer Auswahl von strophischen 
Dichtungen und 1887 einen ..Leitfaden der Metrik der hebräi- 
schen Poesie- mit metrischer Analyse des ersten Buches der 
Psalmen erscheinen. Das Hebräisch ist eine accentuierende 
Sprache mit steigendem, wesentlich anapästisch-päonischem 
Rhythmus: nur am Schlüsse des Verses verlangt sie fallenden 
Ton, so dass der Schlusshebung eine nachtönende Senkung 
folgt. Das konstitutive Element der hebräischen .Metrik sind 
die Accente oder Hebungen iclu.s: die Zahl der Silben und 
der Senkungen ist gleichgültig, während die Stichen resp. Verse 
eine gleiche oder nach bestimmten Regeln wechselnde Anzahl 
von Hebungen haben. So gewinnt Ley hexametrische, okta- 
metrische und dekametrische Verse, bei welchen die Cäsuren 
verschieden stehn können, und den elegischen Pentameter, der 
seine Cäsur stets nach der dritten Hebung hat. 1875 ar- 
beitete er noch vielfach mit Substitution, wonach für ein Mi- 
trum ein anderes mit gleicher Anzahl von Hebungen eintreten 
könne, und Kompensation, die es -«'stattete, einem Verse die 
gleiche Zahl von Eebungen zu nehmen, welche dem andern 
zugefügl werden: aber 1887 hat er diese Unvollkommenheiten 

überwunden und ein wirklieh in sich geschlossenes System auf- 
gestellt. 

3. Die Schattenseite desselben war der Umstand, dass 
eine derartige Metrik sich nur auf germanischem Boden nach- 
weisen liess, während man doch für eine semitische Sprache 
zunächst nach semitischen Analogien hätte suchen sollen. I ml 

das ist der Punkt, wo GBlCKELL einsetzt. Es gab eine se- 
mitische Sprache, deren Lautbestand ein ähnliches Bild zeigt, 
wie die hebräische, nämlich das Syrische, welches zudem eine 
höchsl umfangreiche poetische Literatur mit einer ausgebil- 
deten Metrik besitzt. Diese hat das Prinzip der Silbenzählung : 



§ 4 a.] Hebräische Metrik. 13 

ihre Stichen bestehn aus einer bestimmt geregelten Zahl von 
Silben d. h. vollen Vokalen. Einen von AMerx Das Gedicbt 
von Hiol) 1871 S. LXXXV1 h ingeworfenen Gedanken auf- 
aehmend, hat Bickell, einer der bedeutendsten Kenner der 
syrischen Poesie und Metrik, nach syrischem Muster auch für 
das Hebräische eine silben zähl ende Metrik nachzu- 
weisen gesucht, wie wir sie auch in der altindischen Poesie 
tinden, wo die clöka einfach aus 16 Silben ohne Rücksicht 
auf Silbenquantität und Wortaccent besteht. In „Metrices 
biblicae regulae exemplis illustratae" 1879 und „Carmina Y. 
T. metrice" 1882 cf. auch „Dichtungen der Hebräer zum 
ersten Male nach den Versmassen des Urtextes übersetzt" 3 
Teile 1882/1883 statuiert er 6-, 8-, 10- und 12silbige trochäi- 
sche und 5- und 7silbige jambische Metren, welche sich zu 
regelmässigen Strophen verbinden. Aber gegen dies System 
lagen zwei schwere Bedenken vor. Einmal war es überhaupt 
misslich, zur Grundlage der Metrik die Silbenzählung zu ma- 
chen bei einer Sprache, deren Aussprache kein Mensch kennt. 
Und dann fehlte diesem System die ßegelmässigkeit. Wäh- 
rend das Syrisch*, ganz konsequent nur die vollen Vokale, diese 
aber auch vollständig zählt, hat BlCKELL je nach Bedürfnis 
die Halbvokale gezählt oder nicht gezählt, ja auch den Be- 
stand des vollen Vokalismus durch weitgehende Elisionen und 
Suffigierungen verändert. Die Copula ] liest er /■' ve ve u und 
i'i, ein "-.- derech dark oder darki, ein btop_) fhath'l j'kattol oder 
jefcattelj ein vnöK amärti ämarli ämarl- amdrt- oder -mark 
und erhält durch dies Verfahren eine „Privatsprache" , die 
„auf den Namen Hebräisch keinen Anspruch mehr erheben 
kann-. Und so ist denn auch das BiCKELLsche System so 
gut wie allgemein abgelehnt worden, während er auf dem Ge- 
biete der Textkritik glänzende Leistungen aufzuweisen und sich 
grosse und bleibende Verdienste erworben hat. 

4. Epochemachend war das Jahr l<s<S2 durch KBüDDEs 
Entdeckung des K 1 a g eliedverses, den freilich schon 
Ley mit seinem elegischen Pentameter klar erkannt hatte. 
Die Bedeutung der BüDDEschen Arbeit ..Das hebräische Klage- 
lied" ZaW 2! ff. 1882 liegt auf methodologischem Gelnet. 
Büdde will hier ..keinen untrüglichen Hauptschlüssel zu allen 
verschlossenen Pforten« der hebräischen .Metrik geben, son- 
dern sich „auf ein einziges, klar begrenztes Problem beschrän- 



14 Prolegomena. [§ 4 a. 

ken", und hier „die Beobachtung, das Experiment allein gel- 
ten" lassen. Er hatte beobachtet, dass überall, wo der he- 
bräische Text Klagelieder bringt, eine ganz bestimmte, deut- 
lich von ihrer Umgebung abstechende, charakteristisch gestal- 
tete Form sich zeigt, welche aus zwei Gliedern von ungleicher 
Länge besteht, und zwar so, dass das zweite das kürzere ist. 
Das zweite kürzere Glied bebt sich überall schart ab und tritt 
daher auch meist asyndetisch an das erste längere: als nor- 
males Verhältnis ergab sieh ein erstes Glied von drei, ein 
zweites von zwei Worten. Dies „elegische Schema" beobach- 
tete Budde nicht selten auch ausserhalb des Klageliedes, aber 
bei dem Klageliede trat es mit Regelmässigkeit auf. Da es 
Tatsachen gegenüber ein Leugnen nicht gibt, so wurde die 
BUDDEsche Klageliedverstheorie allgemein anerkannt und da- 
mit war für die hebräische Metrik ein fester Boden und ein 
sicherer Ausgangspunkt gegeben, von welchem aus auch eine 
zuverlässige Beurteilung der bis dabin aufgestellten metrischen 
Theorien ermöglicht wurde. Wenn im elegischen Schema Ge- 
bilde wie bahhürtm mirfiöbölh und w"6n m'assef, oder w'nä- 
///'/■ h a barbüröthdw und trrn pd/r'/i metrisch gleichwertig wa- 
ren, so konnte die Silbenzählung nicht das Prinzip der he- 
bräischen Metrik gewesen sein, und damit war BlCKELLS Sy- 
stem als unhaltbar erwiesen, während Lev im grossen und 
ganzen auf dem riebt igen Wege gewesen sein musste, der ja 
auch schon einen mit Bui>m> Klageliedverse völlig sich decken- 
den „elegischen Pentameter" aufgestellt hatte. In dieser Rich- 
tung musste sich also die Weiterentwicklung des Problems 
bewegen. 

5. Da wurde nun zunächst das Hauptbedenken gegen 
Lr.Vs System weggeräumt, als L893 HZtmmern und HGunkel 
gemeinschaftlich entdeckten, dass auch das A.ltbaby Io- 
nische, also eine zweifellos semitische Sprache, eine ac* 

C e li 1 iii e i' e n d e. auf < ileichheit der Hebungen basierte. M e- 
trik besitze. S. die Abhandlungen ZiMMERN8 in il'T Zeit- 
schrift fürAssyriolo.LMe s,,,ff. [su:i, 10 i ff. isic. ilscft". 1896, 
12s82ff. L897. und so statuierte denn GüNKEL „Schöpfung 
und Chaos- ls!>5 S. 30 und 45 für die hebräische Poesie „Verse 
von 1. ö und i; Bebungen, die durch eine Cäsur zu je 2 Salb- 
versen geteilt und häufig zu Distichen. Tristichen und Tetra- 
stichen verbunden sind", und unterscheidet von diesen ..eine 



§ 1 a.j Hebräische Metrik. 15 

Mittelgattung, die zwar das logische Verhältnis, das zwischen 
den Halbversen der Poesie obwaltet, und die erhabene Dik- 
tion mit der Poesie gemein hat, die Zählung der Heilungen 
aber fallen lässt", welche er „rythmische Prosa- nennt. Aber 
es war ein instinktives Gefühl, welches hierbei nicht stelm 
bleiben Hess, sondern nun auch noch nach festen Gesetzen für 
das Verhältnis der Hebungen zu einander suchte. Diesem Be- 
dürfnis zu entsprechen, stellte HGrimme „Abriss der biblisch- 
hebräischen Metrik'- ZDMG 50 529 ff. 1896 und 51 683 ff. 1897 
ein „r h y t h m i s ch e s M orengese t z" auf, nach welchem 
die Stellung der Tonsilbe ..von der Summe der Moren ab- 
hängt, die sie samt der Silbe hinter dem vorhergehenden und 
\or dem folgenden Sprechtaktobertone repräsentieren". Grimme 
gibl jeder Art von Silben in der hebräischen Sprache einen 
bestimmten Morenwert: er unterscheidet viermorige, dreimo- 
rige und zweimorige Silben und gewinnt auf Grund seines 
Morengesetzes zweihebige, dreihebige, vierhebige und fünf- 
hebige Verse; weitere anzunehmen haben wir keine Berechti- 
gung. Aber dies System ist viel zu künstlich und in seiner 
Grundlage, eben der Bestimmung des Morenwertes der ein- 
zelnen Silben, viel zu unsicher, als dass es sich Anerkennung 
hätte erringen können. 

G. Die neueste Phase der metrischen Bewegung und das 
bewundernswürdigste auf IJEYscher Grundlage aufgeführte Ge- 
bäude sind ESievers' ..Studien zur hebräischen Metrik- Ab- 
handl. der phil.-hist. Klasse der Kgl. Sachs. Gesellsch. <\w 
Wissensch. Bd. 21 1901. Auf Grund der schon von Li:v ge- 
machten Beobachtung, dass der Rhythmus der hebräischen 
Sprache ein wesentlich anapaestischer sei. geht Sievers dar- 
auf aus, in der hebräischen Poesie überall gleiche Sprech- 
takte resp. Versfüsse nachzuweisen, deren Grundschema der 
irrationale Anapaest n-i mit -einen rhythmischen 
Verschiebungen und Unterarten ist. Sievers bringt allen bis- 
herigen Bearbeitern des Themas gegenüber den Vorteil mit, dass 
er „geschulter Metriker" und Phonetiker ist, welcher Vorteil 
freilich dadurch kompensiert wird, dass er nichl geschulter He- 
braist und Semitist ist. Ich kann trotz aller Anerkennung der 
Geschlossenheil de- Systems und trotz aller Bewunderung fin- 
den zu seiner Begründung aufgebotenen Scharfsinn nicht ur- 
teilen, dass Seevers das Problem der hebräischen Metrik ge- 



16 Prolegomena. [§ 4 a. 

löst hat. Zunächst scheint es mir verhängnisvoll, dass Sievers 
nicht von dem einzigen his jetzt fest Gegebenen und wirklich 
Erwiesenen, eben dem Klageliedverse, den Ausgangspunkt ge- 
nommen hat: wie es möglich sein soll, die tatsächlich metrisch 
gleichwertigen Lautkomplexe w'nämer h a barburöthäw und vftn 
j)()li"h auf je zwei gleiche Versfüsse zu bringen, das vermag 
ich nicht abzusehen, und Sieykrs, der versichert, dass ihn 
\<»n BlCKELL „die von ihm erfundene Privatsprache" trenne, 
konstruiert selbst auf Grund aprioristischer phonetischer For- 
derungen eine ganz neue Aussprache des Hebräischen, die es 
sich namentlich angelegen sein lässt, um metrischer Prinzipien 
willen das von Ley aus der Ueberlieferang abstrahierte und 
in ihr so deutlich wie möglich ausgeprägte Gesetz des fallen- 
den Tones am Versschlussc zu eliminieren. Aber auch alles 
dies einmal zugegeben: das um einen solchen Preis Erkaufte 
kann an sich nicht befriedigen. Was nützt die Gleichheit der 
einzelnen Versfüsse, wenn ihre Aneinanderreihung wild und 
regellos erfolgt? Und metrische Schemata wie etwa 3:4, 4:4, 
4, 3 : 3, 4 : 3 für Jud 52 — i, oder 4:4. -1 : -4, 3 : 3, 4 : 4, .". : ö. 4 
für Jud 5 28—30, oder 5, G, 3:3, 4 : 4. G. G, 3 : 3, 3 : 3, G, G, 5 
für des 1 2i-27 kann man doch nur als wild und regellos be- 
zeichnen: wenn SlEVERS eine „nicht unwesentliche Lücke des 
LEYschen Systems- darin sieht, dass die Stellung der Jkten 
nicht so geregelt sei, ..als man eigentlich bei einem , Verse' 
erwarten möchte", so sehe ich eine noch viel wesentlichere 
Lücke des seinigen darin, dass bei ihm Zahl und Verhältnis 
der Versfüsse ungeregelt bleibt. Das hat denn auch zur Folge, 
dass diese .Metrik den unterschied zwischen Poesie und Prosa 
verwischt. Eine Metrik, die sieb restlos auf Stücke wie (Jen 2 
und 41, Hieb 1 2, Ruth 1. Jona 1 und gar auf den Mesa- 
ateiu anwenden kisst. ist keine Metrik wenigstens für das 
nicht „geschulte" metrische Empfinden. Ich muss deshalb bei 
Letz stehn bleiben, obwohl sein System „nur ersl Konglome- 
rate gezählter Silbenhaufen von rhythmisch indifferenter Form 
und Dauer- ergibt, da mich die Tatsachen hindern, mehr an- 
zuerkennen. AU glücklichster und erfolgreichster Fortsetzer 
LEYS ist Dl H.M zu nennen, dessen Jesa jakommentar \ on 1*92 
gleichfalls i"ür die hebräische Metrik epochemachend wurde. 

7. Es bleibt noch die Frage nach Strophen. Wenn 
dieselben befriedigen und als von dem Dichter selbst gewollt 



§ 4a.] Hebräische Metrik. 17 

gelten sollen, so müssen sie sich decken mit der inneren Glie- 
derung des Gedichts und mit den Sinneseinschnitten und Ge- 
dankenwenden zusammenfallen; ferner gehört zu ihrem Begriff 
Gleichmässigkeit des Baues oder doch Regelmässigkeit in der 
Abwechslung. Wo diese Erfordernisse fehlen, da darf, wenn 
man mit den Bezeichnungen Ernst macht, nicht von Strophen 
miedet werden. Ley und Bickell sind von Anfang an hei 
ihren Systemen auf solche Strophen ausgegangen, während 
Budde und SlEVERS ihnen grundsätzlich ablehnend gegenüber- 
stehn. Ich muss mich auch hier gegen Sievers für Ley 
entscheiden. Dass es Poesie ohne Strophenbildung gibt, ist 
selbstverständlich; etwa die Homerischen Gesänge, die Satiren 
und Episteln des Horaz, die Fabeln des Phaedrus oder Hans 
Sachsens Schwanke wird kein Mensch auf Strophen unter- 
suchen. Aber eine rein lyrische Poesie liedmässigen Charak- 
ters ohne Strophenbildung ist für mich überhaupt undenkbar, 
und zudem zeigen sich in den überlieferten hebräischen Dich- 
tungen so deutliche und unverkennbare Spuren strophischer 
Anlage (s. § N. 1), dass ich nicht umhin kann, sie bei allen 
Literaturprodukten, deren Charakter sie nicht ausschliesst, als 
vorhanden anzunehmen und ihr aufmerksam nachzugehn. 



Grnndrisa 1J. I. Cornill, ATI. Kinliitung. 5. Aufl. 



18 [ 



o. 



Erster Teil. 

Spezielle Einleitung. 



A. Historische Bücher. 

§ 5. Allgemeines über den Pentateuch. 

Commentare zu Pentateuch und Josua. KEH : AEnOBEL 1852- -1861. 
» aDtt.t.mann Gen '1892; ExLer 1880: Num — Jos 1886. s VRyssel 
E.vl.cr 1897 || HKAT: Gen HGuxkkj. ■ 1902: Ex -Num BBaentsch 
1903; DtJos CSteuebnagkl 19uo (liier S. 2-1* -286 Allgemeine Einleitung 
in den l/e.rnf euch) \\K\iCA\'-. Ceti 1898 AY 1900 Num 1903 Jos 1901 von 
BHolzingeb; Lev 1901 Dln 1899 von ABebtholet || SRDbiveb Genesis 
1903; Deuteronomy 1895. GBGbay Numbres 1903. — RKittbl Geschichte 
der Hebraeer I 1888 §§ 5—10, HHolzingeb Einleitung in den lle.ro- 
teuch. Mit Tabellen über die Quellenscheidung 1893. JECabpentkb und 
GHBattebsbt; The Hexateuch 2 Bdd. 1900. JECabpentkb The composi- 
tion of the Hex. 1902. — In 8BOT: Gen CJBall 1896: l.er SRDbivj b 
und HAWhite 1894, Englische Debersetzung und Ki-klärunir 189S; .\itm 
JAPatebson 1900; Jos WHBennett 1895, englisch 1899. 

1. Die kanonischen Schriften des AT eröffne! ein umfang- 
reiches, halb erzählendes, halb gesetzgeberisches Werk, welches 
die < reschichte des Volkes Israel von der Weltschöpfung bis zum 
Tode Moses berichtet und die Gesetzgebung des Stifters der 
israelitischen Religion eingewoben in die Geschichte seines Lebens 
und seiner Thaten enthält. Nach diesem seinem Hauptinhalte 
heissl es schlechtweg rrjlnn Jos 8 34 Esr 10s Neli,s L . ,, LO3537 
II ehr 2.")!. später artikellos min wie b vö[i.oq und v6u-cs, oder 
nra r~r Jos 8 32 I Reg 2 s 11 Reg 23 25 Dan 9 11 Esr 3 2 7e 
II Ohr 23 La • ,, »<>ir.. deutlicher mim -im Jos 1 a 854 Neb 8s oder 
nworniniM dos 831 23e II Reg L4e fleh 81 und kürzer nao 
rwa Esr 6 18 Neb L3 1 II Chr 25 4 35i2j auch msrn-nn Esr7io 
I Chr L640 M Chr 31s 35 26 arhun mir Neh 8is IO2930 nac 
m,T nnin II Chr 17-.. 34 u wrbxa) r— n lec Jos 24 26 Neb 8 is 
und DVf?« mT min naa Xeh i» •.. Es wird getheilt in fünf Bücher 



§ 5.] Allgemeines über den Pentateuch. 19 

und heisst daher korrekter min nPttin rtttfön, griechisch "i t r.vr.i- 
Tc-j/o; sc. ßißXo?. Diese Fünfteilung, auch sachlich gut be- 
gründet, ist wähl älter als LXX; positiv bezeugt wird sie zu- 
erst durch Philo de Abr. 1. 

2. Das erste dieser fünf Bücher erzählt die Ereignisse 
von der Weltschöpfung bis zum Tode Josephs nach einem ein- 
heitlichen, deutlich erkennbaren Plan. Man kann seine An- 
lage mit einer Reihe stets sich verengender konzentrischer 
Kreise vergleichen. Es ist die Vorgeschichte der durch Mose 
vermittelten Offenbarung Jahves an Israel und stellt dar, wie 
gerade Israel zum Empfänger und Träger dieser Offenbarung 
wurde durch eine IxAoy/j der göttlichen Gnade. Das dem 
Ganzen zu Grunde liegende Schema ist das genealogische mit 
seinem zehnmaligen ni-ibln msfi); immer werden zuerst die- 
jenigen Glieder, welche nicht Träger der Offenbarung zu wer- 
den bestimmt sind, in einer kurzen Uebersicht erledigt und 
ausgeschieden, worauf die Erzählung ausführlich von den direk- 
ten Ahnen Israels berichtet. Kap. 1—3 Schöpfung der Welt 
und des Menschen. | 4i_9it Geschichte der Menschheit bis 
zur Flut und Gnadenbund Gottes mit Noah nach der Flut. 
Zunächst Genealogie der Kainiten und dann der Sethiten bis 
auf Noah, den Helden der Flut. Da in der Menschheit die 
Sünde immer mehr überhand nimmt, beschliesst Gott, dieselbe 
zu vernichten und rettet nur den frommen Noah mit seinen 
drei Sühnen. I 9 is— 10 32 Die drei Söhne Noahs und Herleitung 
der gesamten nachtiutlichen Menschheit von diesen in der be- 
rühmten „Völkertafel": zuerst Japhet, dann Harn, zuletzt 
Sem. | 11 Motivierung der Trennung der Menschheit in Spra- 
chen und Nationen durch den Turmbau und Genealogie Sems 
durch dessen Sohn Arpachsad bis auf Terah und seine drei 
Söhne Abram. Nahor und Haran. | 12i— 25 n Geschichte 
Abrahams, als des speziellen Stammvaters des Volkes der Ver- 
heissung. Seine Uebersiedlung in das Land der Verheissung 
und Geschichte seines Lebens, durchweg dargestellt unter dem 
Gesichtspunkt einer Bewährung seines Glaubens, um ihn als 
den würdigen Beginner einer neuen Epoche der Eeilsgeschichte 
zu legitimieren , in dessen Person Jahve mit Israel seinen 
speziellen ewigen Gnadenbund schliesst. 12i— .-, 13 s— 12 und 
19 29—38 berichten kurz über die Linie Haran, 22 20— 2.1 über 
die Linie Nahor, 25 1—6 über Abrahams Nachkommen von 

•> * 



20 Spezielle Einleitung. [§ '>. 

einer Nebenfrau Ketura. Nach Abrahams Tod zunächst 
25 12— is Genealogie Ismaels; dann 25 19— 35 29 Geschichte 
[saaks, die aber fast ausschliesslich die Geschichte seiner bei- 
den Zwillingssöhne Esan und Jakob zum Inhalte hat. | 36 
Genealogie Esau-Edoms. | 37 — 50 Geschichte Jakobs und 
seiner Söhne, in deren Mittelpunkt Joseph stellt : nur Kap. 38 
handelt speziell von Juda. Durch Joseph erfolgt dann die 
Uebersiedlung Jakobs und seiner ganzen Familie, zusammen 
70 Seelen, nach Aegypten. — Das zweite Buch schildert Kap. 1 
die weiteren Schicksale der Kinder Israels in Aegypten, wie 
sie hart bedrückt und in schwerer Knechtschaft gehalten wer- 
den, Kap. 2 die Geburt und Jugendgeschichte Moses, des von 
Gott erwählten Befreiers [sraels. Kap. 3 Offenbarung Gottes 
am Horeb und Berufung Moses, welcher dieser Kap. 4 nach 
einigem Widerstreben folgt. 5i — (ii Erste fruchtlose Ver- 
handlung mit dem Pharao. 6 2—7? Neue Offenbarung Gottes 
an Mose und Befehl, zum Pharao zu gehn. Fragment eines 
Verzeichnisses der israelitischen Familienhäupter, welches mit 
Aaron abbricht. Aaron soll Sprecher vor Pharao sein. 7 3 
bis 11 10 Wundertaten Moses und Aarons. Die ägyptischen 
Plagen. 12 Einsetzung des Passah. Aufbruch an- Aegypteo 
13 1—11; Gesetz wegen der Erstgeburten. | 13 17— 15 m Wande- 
rung bis zum Schilfmeer und wunderbarer Durchzug durch 
dasselbe, j 15 22— 19 2 Vom Schilfmeer bis zum Sinai. 19 b— 25 
Vorbereitung auf die Sinaioffenbarung 20—24 Erste Sinai- 
offenbarung. Dekalog und Bundesbuch: auf Grund des letz- 
teren feierlicher Bundesschluss zwischen Jahve und Israel. 
25 — 31 Zweite Sinaioffenbarung. Genaue Regelung des Kul- 
tus nach Ort, Personen und Handlungen : Stiftshütte, aaroni- 
tisches Priestertum und seine Funktionen. Mose empfang! 
die Bteinernen Tafeln mit dem Gesetz. 32—34 Die Episode 
vom goldenen Kalb. Gas Volk soll den Sinai verlassen. Mose 
darf die Herrlichkeil Jahves von der Rückseite schauen und 
erneuert die zerschmetterten Gesetzestafeln. I 35 — 1<> Herstel- 
lung der heiligen Geräte durch Bezaleel und Oholiab und Auf- 
richtung (h- Heiligtums. Das dritte Buch bringt zunächst 
1 — 7 eine ausführliche Opfergesetzgebung: Brand-, Speis-, 
Heils-, Sund- und Schuldopfer. 8 Weihe Aarons und seine] 
Söhne, i» Antritt ihres Amts durch erstmalige Opfer und 
Segnen des Volks. P> Versündigung Nadabs und Abihus durch 



§ 5.] Allgemeines über den Pentateueh. 2 I 

fremdes Feuer und neue Vorschriften für die Priester, i 11 bis 
15 Gesetze über Kein und Unrein: Tiere, Wöchnerin, Aus- 
satz, Flüsse. | 16 Gesetz über den Versöhnungstag. | 17 — 26 
Ein zusammenhängendes legislatorisches Corpus: Blutverbot. 
Keuschheitsgesetze. Verschiedene ethische Vorschriften. Ab- 
götterei und erneute Keuschheitsgesetze. Priester und Hoher- 
priester. Genuss der Opfergabe durch die Priester und Be- 
schaffenheit des Opfers. Festkalender. Leuchter und Schau- 
brote. Gotteslästerer. Totschlag an Mensch und Vieh. Sab- 
bath- und Jobeljahr. Segen oder Fluch auf Befolgung oder 
Nichtbefolgung dieses Gesetzes und abschliessende Bemerkung. 
27 Vorschriften über Gelübde und Zehnten, Abschätzungswert 
und Lösung derselben. — Das vierte Buch. Zum Zweck des 
Aufbruchs vom Sinai werden Kap. 1 alle waffenfähigen Män- 
ner Israels gemustert (zusammen 603 550), ausgenommen Levi. 
welcher zum Dienste an der Stiftshütte ausgesondert wird, 
und Kap. 2 eine genaue Lagerordnung festgesetzt. Kap. 3 
Ausmusterung der Leviten als Ablösung der Gott gebühren- 
den Erstgeburten und Bestimmung ihrer Obliegenheiten. Lö- 
sung der überzähligen Erstgeburten durch je fünf Sekel. Kap. 4. 
Genauere Verteilung der Dienstleistungen an die einzelnen 
levitischen Familien und Musterung aller dienstpflichtigen Le- 
viten i zusammen 8580). 5 1—4 Reinhaltung des Lagers. | 5 5—1.. 
Gebot über Veruntreuungen und Priestergefälle. 5 11— 31 Ge- 
setz über das Eiferopfer und Gottesurteil wegen einer des 
Ehebruchs verdächtigten Frau, j 61— 21 Gesetz über das Na- 
siräat. | 6 22—27 Der aaronitische Segen, j 7 Weihgeschenke und 
Opfergaben der 12 Stammesfürsten an das Heiligtum. | 81 — 1 
Bestimmung über den Leuchter, j 85-23 Darbringung und 
Weihe der Leviten, j 9 1—14 Nachpassah und Passah für 
Fremde. 1 , 9 15— 23 Die Wolkensäule als Signal für den Auf- 
bruch und Niederlassung. ] 10 1— im Die zwei silbernen Trom- 
peten. | IO11— 36 Aufbruch vom Sinai. Moses Schwager schliessl 
sich Israel an. j 11 Tabeera. Die 70 Aeltesten. Kibroth hat- 
taawa. 12 Aaron und Mirjam murren wider Mose. Ankunft 
in Paran. 13 Aussendung der 12 Kundschafter. | 14 Mut- 
losigkeit des Volkes. Die ganze Generation soll in der Wüste 
sterben. Niederlage bei Borma. 15 Vorschriften über die 
Feueropfer und Erstlingskuchen. Sünden aus Versehen oder 
mit erhobene]- Eand. Sabbathschänder. Zizith am Gewände. 



99 Spezielle Einleitung. [§ 5. 

16 — 17 Aufstand der Rotte Korah. Bestätigung des aus- 
schliesslichen Priestertums Levis durch den blühenden Mandel- 
stal) Aarons. 18 Dienst der Priester und Leviten und ihre 
Einkünfte und Gefälle. | 19 Das Reinigungswasser aus der Asche 
der roten Kuh. | 20 Aufenthalt in Kades. Mirjams Tod. Ha- 
derwasser. Edom verweigert den Durchzug durch sein Land. 
Aaron stirbt am Berge Hör. sein Sohn Eleazar wird Hoher- 
priester. | 21 Sieg über den König von Arad l)ei Horma. Die 
eherne Schlange. Zug bis an den Arnon. König Sihon von 
Hesbon bei Jahaza geschlagen und Eroberung des ganzen 
< )stjordanlandes. | 22 — 24 Die Bileamsepisode. I 25 Versündi- 
gung am Baal-Peor. Die Midianitin und Pinehas der Sohn 
Eleazars. I 2(5 Erneute Volkszählung zum Zweck der Landes- 
verteilung. 601 730 waffenfähige Israeliten. 23 000 männliche 
Leviten, j 27 Gesetz über die Erbtöchter. Mose erblickt vom 
Gebirge Abarim aus das gelobte Land und weiht Josua zu 
seinem Nachfolger. | 28—29 Ausführlichste Opfergesetzgebung 
für alle Tage des .Jahres. | 30 Gelübde, namentlich von 
Frauen, und ihre Gültigkeit. | 31 Rachezug gegen Midian und 
Bestimmung über die Beute, i 32 Zuweisung des Ostjordan- 
landes an die Stämme Kuben, Gad und Ealbmanasse. | 33i— 49 
Stationenverzeichnis. | 33 50— 56 Ausrottung aller Kanaanäer 
und Verlosung ihres Landes. | 34 Grenzen des zu verlosenden 
Landes und Bestimmungen über die Verlosung. | 35 Leviten- 
iind Freistädte. | 36 Gesetz, dass Erbtöchter nur innerhalb 
ihres Stammes heiraten dürfen. ■ Die Analyse des fünften 
Buches s. § 8. 

3. Die jüdische und christliche Tradition hält überein- 
stimmend Mose für den Verfasser dieses Fünf- 
buches, und mit Ausnahme vereinzelten Widerspruchs bat 
sich jene Ansicht unerschütterl erhalten lüs ins 17. Jahrhun- 
dert. Nur die 8 letzten Verse des Deuteronomiums, welche 
den Tod und das Begräbnis Moses erzählen, lässt die jüdi- 
sche DeberHeferung von Josua dem Werke Moses hinzugefügt 
sein. Dass diese Annahme sich bilden konnte, begreifen wir 

leicht : aber doch fehlt ihr vor allem das Selb8tzeugnis «lex 

Pentateuchs. Weder durch Ueberschriffc, noch durch Ein- 
leitung od.r sonst in einer Weise erhebt dieser selbst den 
Anspruch, von Mose geschrieben zu sein: er erzählt von Mose 
durchweg in der dritten l'erson. und die Art, wie bei be- 



§ 5.] Allgemeines über den Pentateuch. 23 

stimmten Teilen des Pentateuchs, dem Vertilgungsurteile über 
Amalek Ex 17 11, dem Buiulesbuche Ex 24 i, dem sog. zweiten 
Dekaloge Ex 34 27, dem Stationenverzeichnisse Num 33 2 
und mehrfach im Dtn 31 9 22 24 die Niederschrift durch Mose 
selbst ausdrücklich hervorgehoben wird, führt viehlmehr zu dem 
Schlüsse, dass eben dadurch dem übrigen Pentateuche diese 
Eigenschaft abgesprochen werden sollte. Dazu kommt eine 
ganze Zahl einzelner Stellen, auf welche schon Ai;i:.\ ESRA, 
Hobbes, Peyrekius und Spinoza hingewiesen haben, die 
sich unmöglich im Munde Moses oder eines Zeitgenossen 
begreifen. So Gen 12 6 u. 13 7 die Bemerkung, dass da- 
mals die Kanaanäer in dem Lande wohnten, Gen 14 14 der 
Name Dan. welchen jene Stadt erst bedeutend später Jdc 
18 29 erhielt. Gen 22 1 4 die Anspielung auf den Tempel 
auf dem Berge Moria, Gen 36 31 ein König in Israel, Gen 
40 10 Kanaan als Land der Hebräer bezeichnet, Ex IG ss die 
Bezugnahme auf ein Ereignis, welches Jos 5 12 erst nach dem 
Tode Moses eintrat, Lev 18 24— 27 und Dtn 2 12 Hinweis auf 
die Ausrottung der Kanaanäer durch Israel, Num 15 32 die 
Kinder Israels waren in der Wüste-, Dtn h und noch 7 mal 
• las Ostjordanland als jenseits des Jordan bezeichnet, Dtn 3 14 
bis auf diesen Tag und ähnlich v. u ebenda. In Num 21 14 
wird für Dinge, die jedem Zeitgenossen Moses bekannt sein 
mussten, ein mr r'nrbfi -sc citiert vgl. auch v. 2- ebenda. Auch 
die kritische Betrachtung der Gesetzgebung führt zu dem 
nämlichen Resultate, da die meisten der „mosaischen'" Gesetze 
eine in Kanaan fest ansässige, ackerbautreibende Bevölkerung 
voraussetzen. 

4. Aber nicht genug, dass die mosaische Abfassung an- 
gesichts solcher Stellen unhaltbar ist: man muss, wie zuerst 
PeybebiüS erkannt und dann Spinoza weiter ausgeführl hat, 
noch einen Schritt weiter gelin. Man kann nicht einmal den 
Pentateuch als das zusammenhängende Werk Eines 
\ erfassers ansehen. Es linden sich zahlreiche Parallel- 
erzählungen, doppelte, ja dreifache, Berichte der nämlichen 
Begebenheit, die sich durchaus nicht immer decken, sondern 
oft geradezu einander widersprechen; ferner zahlreiche Anti- 
chronismen. bestimmte chronologische Angaben in einzelnen 
Erzählungen, welche sich mit den Tatsachen und der ganzen 
Darstellung in anderen schlechterdings nicht in Einklang bringen 



94 Spezielle Einleitung. [§ 6. 

lassen. Reiche Einzelheiten gibt Holzixger § 5. Und vor 
allein die, mit Goethe zu reden, „höchst traurige, unbegreif- 
liche Redaktion" des Ganzen, auf welche schon Peyrerii> 
mit den stärksten Ausdrücken hingewiesen hat : tarn multa in 
in illis legi obscura, confusa, inordinata, trunca et mutila, sae- 
pius repetita, oinissa plurima, extra locum et serieni posita 
. . . confusa et turbata passim pleraque : imo quaedam invicem 
repugnantia. Xamentlich die mittleren Bücher des Pentat euchs 
mit ihrem mehr Durcheinander- als Nebeneinandergehn von 
Geschichte und Gesetzgebung zeigen ein Bild, in welchem un- 
befangene Betrachtungsweise unmöglich das Werk Eines plan- 
voll schreibenden Autors anerkennen kann. Ergab sieb aber 
der Pentateuch als eine Zusammenfügung heterogener Bestand- 
standteile, so war es die Aufgabe der Wissenschaft, diese Be- 
standteile und die Art ihrer Zusammenfügung zu ermitteln. 

§ 6. Geschichte der Pentateuchanalyse. 
AWestphal Les sources du Pentateuque I 18S8. 

Die Pentateuchanalyse i-t in mehreren Bauptstadien ver- 
laufen, deren jedes ein Wahrheitsinoment zur Geltung bringt, 
l>i> es schliesslich gelang, diese Wahrheitsmomente richtig zu 
werten und zu einer alle Anforderungen befriedigenden ( I - 
samtanschauung zu verschmelzen. 

1. Die ältere Urkundenhypothese wird inauguriert durch das V. 
anonym in Brüssel erschienen'' AV.rk des französischen Arztes JAstiu r 
(■j- 1766) Conjectures mit les memoirea originaux dont il paroit que Moyse 
s'est servi pour composer le livre de la Genese. Auf Grund eines von 
ihm beobachteten regelmässigen Wechsels der Gottesnamen Elohim und 
Jehova in der Genesis erkannte Asteuc eine Elohimurkunde und eine 
Jehovaurkunde. Da sich jedoch die ganze Genesis nicht restlos aufdii 
beiden Haupturkunden verteilen lässt, so statuiert er noch 10 kleinere 
neben jenen. Diese 12 Urkunden hatte Mose Belbst in der Form einer 
Tetrapia auf vier Kolumnen verteilt: dir gegenwärtige Onordnung i-t 
das Produkt späterer Nachlässigkeit oder Verschlimmbesserung. Eich- 
hokn in Beiner Einleitung schloss sich Astbqc an und lehrte eine Ur- 
kunde mit Elohim. -'ine Urkunde mit Jehova und drei oder vielleicht 
fünf Einschaltungen. Einen wesentlichen Fortsehritt brachte KDIlgen 
iy 1834) in dem genialen Buche Die Urkunden des Jerusalemischen 
Tempelarchivs in ihrer Urgestalt 1798, wo er nachwies, dass die Eine 
Elohimurkunde Astbucs und Eichuobns vielmehr in einen ersten und 
eine ten Elohisten zerlegt werden müsse, ohne das> jedoch diese 
«richtige Entdeckung zunächst Beachtung gefunden hätte. 

2. Die Fraginenteuhjpothese geht zurück auf den englischen katho- 



§ 6.] Geschichte der Pentateuchanalyse. 25 

lischen Theologen AGeddes (j 1802 . Schon Astbtjc und Llgen hatten 
auf den vielfach fragmentarischen Charakter ihrer Urkunden hingewie- 
sen; Geddes (die genauen Titel seiner Schriften bei Holzingek S. 43i 
legte den ganzen Pentateuch in eine Anzahl von grösseren und klei- 
neren Fragmenten und erklärt die Verschiedenheit der Gottesnamen aus 
zwei verschiedenen Kreisen, aus denen die betreffenden Fragmente stam- 
men. Am eingehendsten hat im Anschlüsse an Geddes die Fragmenten- 
hypothese begründet JSVateb (t 1826) in seinem Kommentar über den 
Pentateuch 3 Bde. 1802—1805, welchen die 387 Seiten lange Abhand- 
lung über Moses und die Verfasser des Pentateucha beschliesst. Der 
Pentateuch ist nicht von Moses und nicht aus dem Zeitalter der darin 
erzählten Begebenheiten, sondern ungefähr gegen die Zeit des Exils ent- 
standen als eine Aneinanderreihung von Fragmenten alter Nachrichten. 
in der Absicht, kein solches verloren gehn zu lassen. Auch deWette 
(Beiträge II und Einleitung 1 ) zeigt sich von der Fragmentenhypothese 
stark beeinfhisst. Ihr letzter energischer und konsequenter Vertreter ist 
AThHartm.yxx (fl838) in -einen Historisch-kritischen Forschungen über 
die Bildung, das Zeitalter und den Plan der fünf Bücher Moses 1831. 

3. Die Eigänzuiigsliypothese war ein naturgemässer Rückschlag ge- 
g a die Einseitigkeit und Uebertreibungen der Fragmentenhypothese. 
Den Todesstoss empfing diese durch des damals erst 10jährigen HEwald 
Erstlingsarbeit Die Komposition der Genesis kritisch untersucht 1823. 
Hier wurde so schlagend eine einheitliche und planmässige Komposition 
der Gene>is nachgewiesen (vgl. auch § 5a), dass einer Zerreissung der- 
selben in 39 Fragmente, wie Vater sie behauptet hatte, der Boden ent- 
zogen war. Ansätze zur Ergänzungshypothese finden sich schon bei 
deWette, zuerst klar ausgesprochen hat sie P von Bohlen r|- 1840) 
Die Genesis historisch-kritisch erläutert 1830, wo er eine Urschrift mit 
Elohim ansetzt, welche Ein israelitischer Diaskeuast aufnahm und in 

- ine eigene Darstellung verflocht. Das nämliche lehrte gleichzeitig JJ 

- Lhelin >t Kr 8 i6i ff. 1835. der dann 1843 die Ergänzungshypothese auch 
noch auf die späteren historischen Bücher des AT ausdehnte. FBleek 
!>•• libri Geneseos origine atque indole historica observationes 1836 schloss 

an. und in FTüCHS (f 1867) Kommentar über die Genesis 1838 haben 
wir das klassische Werk der Ergänzungshypothese. Auch deWette ver- 
trat sie seit 1840 bestimmt, ebenso C VON Lengerke (t 1857) Eenaan 
1-11 und FDelitzsce t 1890) Kommentar über die Genesis 1852. 

4. Die neuere Urkundenhypothese verhilft dem in der Ergänzungs- 
hypothese liegenden Wahrheitsmomente, nämlich der literarischen Ein- 
heitlichkeit des gegenwärtigen Pentateuchs. zu seinem Rechte, ohne doch 
der Selbständigkeil der einzelnen Quellenschriften Gewalt anzutun. Ihr 
erster Vorläufer ist CPWGbambebg (f l v; '."i Libri Geneseos seeundum 
fontes rite dignoscendos adumbratio nova 1828, welcher einen Elohista 
Jehovista und Compilator unterscheidet; ebenso JJStähedim Kritische 
Untersuchung über die Genesis 1830 und Ewald StKr 4 .-,. ; . d'. 1831. Für 
den ganzen Pentateuch durchgeführt hat sie Ewald 184?. in der Ge- 
schichte des Volkes Israel I: Buch der Bündnisse; Buch der Ursprünge ; 
dritter Erzähler: vierter Erzähler, welcher die drei älteren Quellen neu 
bearbeitet; Lev 26 s — 4& : Deuteronomiker. zugleich letzter Verfasser des 



26 Spezielle Einleitung. [§ 6. 

gegenwärtigen Pentateuchs, und Dtn 33. 1851- wird der vierte Erzähler 
als noch selbständiges Werk anerkannt, und die Zusammenarbeitung 
dieser vier Quellen einem fünften Erzähler zugeschrieben, 1864 3 für die 
Vereinigung des Deuteronomikers mit dem Werke des fünften Erzählers 
ein besonderer letzter Herausgeber angenommen, der auch Dtn 33 ein- 
schaltete. Als eigentlicher Begründer der neueren Urkundenhvpothese 
gilt mit Recht Hupfeld (j 1866) durch seine klassische Schrift Die 
Quellen der Genesis und die Art ihrer Zusammensetzung von Neuem 
untersucht 1853. Es sind drei völlig selbständige Urkunden: Urschrift, 
jüngerer Elohist und Jbvhist, zusammengearbeitet von einem Redaktor. 
An Hupfeld sich anlehnend und im einzelnen ihn verbessernd und fort- 
führend sein Schüler EBohmkr Liber Genesis Pentateucbicus 1860 und 
Das erste Buch der Thora. Uebersetzung seiner drei Quellenschriften 
und der Redaktionszusätze mit kritischen, exegetischen, historischen Er- 
läuterungen 1862. Für den ganzen Pentateuch Vers für Vers und Wort 
für Wort durchgeführt hat die Quellenscheidung zuerst AKnokki, <t lHU'.) 
in seinem Kommentar KEH 1852 — 1861. Der Pentateuch besteht aus 
der Grundschrift, welche durch den Jehovisten ergänzt wurde, der seiner- 
seits das „Rechtsbuch'' und das „Kriegsbuch " als Urkunden benutzte und 
verarbeitete, und dem Deuteronomiker. Ki'kxk.x Onderzoek I lstil bringt 
schon eine beachtenswerte Modifikation, indem er nur Eine nachdeutero- 
nomische Redaktion annimmt. ESchradkr Studien zur Kritik und Er- 
klärung der biblischen Urgeschichte 1863 hat zuerst die literarische Ein- 

CT D 

heit der jahvistischen Schicht mit Erfolg angefochten, ThNoi.deke Un- 
tersuchungen zur Kritik des AT 1869 S. 1 — 144 zuerst ..die sog. Grund- 
schrift des Pentateuchs" richtig bestimmt und ausgeschieden und meister- 
haft charakterisiert. In deWette 8 1869 behandelte Schrader dann den 
ganzen Pentateuch und ist dabei zur ursprünglichen Ansicht E WALD 8 
zurückgekehrt: Annalistischer Erzähler, theokratischer Erzähler, prophe- 
tischer Erzähler, welcher zugleich Redaktor des rordeuteronomischen 
Pentateuchs i>t, und Deuteronomiker. Die bedeutendsten Vertreter der 
neueren Urkundenhypothese sind .IW'u.ui ai si.x Die Komposition des 
Hexateuchs. zuerst in JdTli 1*70 u. 1*77. jetzt Skizzen und Vorarbeiten 2, 
3 1899, und Kuenen, frühere Einzeluntersuchungen in ThT zusammen- 
fassend, Onderzoek I". denen in seiner Weise ebenbürtig zur Seite steht 
ADii.i.manx it IS94) in der Neubearbeitung des KNOBKLschen Kommen- 
tars KEH. Sehr heachteuswert sind auch die Arbeiten des Franzosen 
AWi.s'ii'iiAi, Lee Bources du Pentateuque 1888 u. 1892 und des Ameri- 
kaners BWBacon The genesis of Genesis 1893. The triple edition of 
tue Exodus 1894. Eine sorgfältige Prüfung and selbständige Durchar- 
beitung des ganzen angeheuren Stoffs gibt in übersichtlicher Form Hol- 

Zl.M.l'.Ks musterhafte Einleitung in den Hexateuch 1S'.).">. entschieden die 

hervorragendste Monographie über unsern wichtigen Gegenstand. Al- 
böchst bedeutende Einzelleistung ist endlich noch KBudde Die biblische 
Urgeschichte untersucht 1883 zu nennen. 

5. Durch die wichen skizzierte Arbeit von anderthalb Jahr- 
hunderte!] darf das literarische Problem als im grossen Ganzen 
gelöst und zu einem sichern Houltntr gebracht angesehen wer- 



£ 7.] Analyse der vier ersten Bücher des Pentateuchs. 27 

den. Dass der Pentateuch aus vier selbständigen Quellen- 
schriften zusammengearbeitet ist, einem j ah vistischen Werke J, 
einem elohistischen (dem früher so genannten zweiten oder 
Jüngern Elohisten) E, einem deuteronomistischen 1), und einem 
priesterlichen (früher Grundschrift oder erster Elohist genannt), 
das ich nach KüENENs Vorgange mit P bezeichne, wird all- 
gemein zugegeben: daran ändern hie und da noch immer auf- 
tauchende apologetische Velleitäten und selbst AKlostermanns 
geistreiche Repristination der Ergänzungshypothese (Der Pen- 
tateuch, Beiträge zu seinem Verständnis und seiner Entstehungs- 
geschichte 1893 inzwischen fortgesetzt in Artikeln der Neuen 
Kirchl. Zeitschr.) nichts. Auch über die Verteilung des Pen- 
tateuchs an diese vier Quellenschriften herrseht im wesentlichen 
Uebereinstimmung. Strittig ist das relative Alter derselben, 
von welcher Frage dann natürlich auch die Ansicht über die 
Entstehung und Zusammenarbeitung des uns jetzt vorliegenden 
Pentateuchs abhängt. 

§ 7. Analyse der vier ersten Bücher des Pentateuchs. 

Beste Uebersicbt in Holzixgeks Tabellen. Anschauliche Probe: 
EKautzsch und ASocin Die Genesis mit äusserer Unterscheidung der 
Quellenschriften 1891 2 . Ueberhaupt EKautzsch Die heilige Schrift des 
AT übersetzt and herausgegeben 1^96'-'. Die bisher in 8BOT veröffentlichten 

Text.'. 

Ich gebe nun die Resultate der Pentateuchanalyse für die 
vier ersten Bücher. Völlige Uebereinstimmung bis ins einzelnste. 
ist hierbei natürlich nicht erzielt, aber die Grundzüge dürfen 
als feststellend angesehen werden. Um jedes Praejudiz in Be- 
treff des Alters auszuschliessen, gebe ich die Quellenschriften 
in der Reihenfolge, wie sie im Pentateuche seihst erscheinen. 
a und b bezeichnet den Vers vor und nach den Athnach, 
* Ueberarbeitung, •{• dass das betreifende Stück wesentlich der 
genannten Quelle zuzuweisen sei. 
P gehören an : 

Gen 1 i — 2 -i a 5 1—21 22* 23 21 * 25— 27 28 : " : so— 32 b' 9—22 7 6 n 

13 — 16° X7 a * 18—31 23 b ? 21 81 — 2 a 3 b — 5 I3 a 14—19 9 1—17 28—29 10 l a 
2 — 7 20 22—23 31 — 32 11 10 — 27 31 — 32 12 4 b — 5 13 6 11 b — 12 lja IG l 
15-16 17 19 2:! 21 i 1 ' 2 b — 5 23 25 7-11» 12-17 11.-20 26* 26 34 
28 1—9 29 21 28 b — 29 304" 9 b 22* 31 18* 33 18** 35 G a 9—13" 15 22 ''—29 
36 i a 2« 5 b — 8 40—43 37 1—2 41 46* 4ü 6-7 «-27? 47 5—6* LXX 



28 Spezielle Einleitung. [§ 7. 

7_ n 2 7 b — 28 48 3—6 49 l" 28 b — 32 33 1 50 12—13. 

Ex 1 1—.-, 7* 13 14* 2 23* 24—25 6 f 7 1—13 19 20 a * 21 b — 22 8 1—3 
11»R_15 9 8 — 12 11 9—10 12 l — 20 28 37* 40 — *1 13—51 13 1 —2 20 14 l — 2 1 
8 9 lO b ß 15* 16 a ß— 18 21— 83 1 2..;— 27°« 2«" 29 16 f 17 l a 19l*2 a 24l5 h 

— is aa 25 i— 31i8 a 3429—35 35—40. 
Lev ganz. 

Nlim 1 1—10 28 13 1—17 a 21 2.5 26 a * 32 14 l a * 2 .5—7 10 26— 38t 

15 16 f 17—19 20 1-13 1 22—-» 21 10*11* 22 i 25 e— 31 54 32 i a « 

2 b 4 a 18 — 19 28 — 30 33 — 36. 

J gehören an : 
Gen 2 1 b — 4 26 5 29 6 1— 8 7 1—2 3 b 4—5 7* 10 12 16 '' 17 b 22* 23* 

8 2 b 3 a 6—12 13 b 20—22 9 18—27 lü 1 '' 8 — 1!) 21* 2.5—30 11 l — 9 28 — :;«i 

12 f 13 f 15 l* 2 a 3 b 4 6 9-10 17— 18 16 f 18 19 f 21 i» 2 a 6 b 7 

25 _26 28—30 32-:;i 22 ,-n_2.i 24 25—27 f 28 10 13-16 19 ; ' 29—30 f 

31 1 3 I9 a 21—22 23 ' J 2.5 '' 27 31 '' 36 a 38—40 44 16* 48* 51—53° 32 — 33 f 
34 1-2 a ? 2 b «Y 3 * 5 * 7 * 11—12 13 * 19 2.5 * 20 29 "-31 35 21 * 22 a 36 f ? 
37 3—1 12-13 a 14 b IS b 20 " 21* 23 a 25—27 28° ß 32 33* 34 b 35" 38 39 f 
40 l * 3 a ß b 5 b 15 b 41 :io '' 31 :;i " 35 — 86 38 12 ' 15 ' 18 19 l ß 53— 57 42 2 4 b — 5 

9 " ? - il a 1 2 27 * 28 ' 38 43 f 44 45 l 1 '' 5 ; ' * 10 * 12 '' 13—14 19 * 21 * 2 i 

28 46l a a5 b 28—31 47 1— 5 a 6 b 13— 26 27 a * 29— 31 48 2 b 9 b — 10 " 13— 14 
l7 _ 19 4!);,:; ' ? 50 1— 11 1 14 26 b a. 

Ex l6 7 a ß8— 10 I4 a ß 20 ''22? 2 il — 23 : '=* 3 2-4*5 7 8* 16— 18 t 
4 1—16 t 19 20° 24—26 29* 30* 31 5 -j- 6 l 7 14— 15 a 16 17 b * 18 21 2 1 — 2o 
8— 10f 11 1-8 12 21—27 t 29— 39 t l 2 '' 13 3— 16 t 21—22 14 5—6 10— ttt 
19 ' 20 b 21 a ß 2 1 2.5 '' 27* 28 b 30—31 16 4* 5 13 ''—15 21 LX X 27 — 80 1 35 fl 
17 l b ß 2 7 19;. 11-13» 15 B 18 20-21 22'' 2.5 ; ' 33 1-4 1 ? 12— 23t? 34 2 a * 
2_8 i * 5 6 a 8 lo — 28 f. 

Nlim 10 29—32 11 4 — 6 10—13 15 31—35 13 l7 b « 18 — 19 22 
14:1—1 8-0 11 16 l 2* 12-11 .5* 25 20* 2 7 b — 83 t 3 I 20 l a ß :; : 5 21 1-3 
22:; . 5 a « ' ,a * 6 7* 11 17-18 28—34 37 39 24 f 25 1 * - 2 l a 32 1 " ß 2 
4 '' — 6 2 — 2 3 2.5 — 2 7 38* 39 11 — 12. 

E gehören an : 

Gen 1 5 . * 2 '•— .1«.-. ,, i2 a ß IS—wie 20 22 -;- 27 r ,'n-i3 
, c i8 b — 19 21—2:1 28 89 a ß so°ß 8i " 38 b — 34 39 und i5 b sicher, 28 11—12 

17— 22t 29l lliul 15—18 Bicher, 30 l a ß— 3 b « 6 8 17— 20 a 82 b « 23 b 26 

und 28 sicher, 31 f 32 1-3 u"— 22 33r, b io b n a is b -2o S4 

l-2"V 2 b ß 3 b ß- -1 6 8* 9— 10 b ß 13* 11*15* 16— 18" 20-21 22*23*21* 25* 
._. T » 2 8 29 a 35 1—5 G b — 8 14* 16— 19 t 20 37 5 II 13 b — 14 a 15— 18 a 19 20 b 
22 84 28* 29-31 34*35 b 31 39 2 ' 40— 42 f 43 l4 * 23 b 45 f 46 

,<•_.-," 47 ,2 48 1 -2 ' 7 *? 8 '' -9" I I b -12 15 — 10 20-22 50 3° t"« 7* 10 ** 



§ 8.] Analyse des Deutcrononriums. 29 

15 — 26. 

Ex 1 11— 12 15 — 22t 2l — 1(1 3 -j- 4 17— 18 20 b 27— 28 5l* — 2? t? 
7 15 b IT 1 ' -20 '' 23 9 22— 28 a 24 a *25 a 31 — 32 35 10 12 — 13 aa u'a 1 ' 15 b 20—23 
27 11 1—3 1235— 36 39* 13 17— 19 14s?7*9 a ß 15 a ß 16 a a 19 a 20 a 

15 20-27 1 17— 24 f 31 ig* 32 f 33 i_n t 34i * 4* 28 b *? 

Num 1033* 35—36? 11 1—3 14 16—17 24 b — 30 12 f 13 1 7 'V 20 
23—24 26 b ß— 27 80—31 33 14 22—24 25 b 39— 45 f 16 32 a 33 '' 34 20 l ,J 14—21 
21^23 f 25 l a 3 4 "-5 32 3 10-17 24 34-38. 

§ 8. Analyse des Deuteronomiums. 

1. Wenn wir von den vier ersten Büchern des Pentateuchs 
/uiii T)tn kommen, fühlen wir uns wie in eine andere Welt ver- 
setzt. Die drei Quellenschriften, welche wir bisher zwar nicht 
immer rein erhalten, aber stets deutlich erkennbar durch jene 
vier Bücher hindurch verfolgen konnten , verschwinden mit 
Einem Male : nur bei dem Tode Moses, den sie natürlich alle 
berichten mussten, finden sich wieder Spuren von ihnen, in- 
dem wir Dtn 32 48—52 und 34 i ft 8—9 mit Sicherheit von P her- 
leiten dürfen und in 34 i b _ 7 einzelne Züge unverkennbar für 
J sprechen, während 31 u— 15 23 mindestens auf eine elohisti- 
sche Grundlage zurückzugehn scheint; sonst ist das Dtn in 
Sprache, Ausdrucksweise und Gedanken etwas wesentlich und 
absolut Neues, welches von allem Bisherigen ebenso fühlbar 
absticht, als es in sich selbst durchaus homogen ist und, trotz 
mancher Verschiedenheiten der in ihm behandelten Gegen- 
stände, den früheren Quellenschriften gegenüber eine geschlos- 
sene Einheit darstellt. 

2. Betrachten wir nun das Dtn näher, so zerfällt es 
offenbar in verschiedene Teile. Zunächst 1 i_4 in. Nach 
einer kurzen Angabe über Zeit und Ort 1 1—5 kommt eine 
Rede Moses, welche dieser angesichts seines Todes an Israel 
hält. Von manchen Abschweifungen historischer und archäo- 
logischer Art unterbrochen, gibt Mose einen Rückblick auf 
die Ereignisse des Wüstenzuges vom Boreb bis zur Ankunft 
jenseits des Jordans im Lande der Moabiter, und seine Rede 
mündet aus in eine nachdrückliche Anempfehlung von Sat- 
zungen und Geboten, welche er heule im Auftrage Jahwes 
ihnen vorlegen werde. | 4 41—43 ist ein kleines Stück rein hi- 
storischen [nhalts über die Einrichtung dreier Zufluchtsstädte 
jenseits des Jordans durch Mose, welches mit dem Vorher- 



30 Spezielle Einleitung. [§ 8. 

gehenden offenbar in gar keinem Zusammenhange stellt, j 4 44 
erweckt den Eindruck, als solle nun endlich das angekündigte 
Gesetz selbst kommen; aber 4 45—49 haben wir eine 1 1—5 
völlig parallele und in jeder Hinsicht entsprechende neue An- 
kündigung von Zeugnissen . Satmingen und Rechten . welche 
Mose den Kindern Israels jensei/s des Jordan im Tale gegen- 
über Beth-Peor sagte, und in 5 — 11 wieder eine längere Rede 
Moses durchaus paränetischen Charakters mit der ausdrück- 
lichen Ermahnung, das Gesetz., tretet/es ich dir heute gebiete, 
gewissenhaft zu halten. Auch diese Rede enthält einzelne 
historische Rückblicke, ist aber in ihrem ganzen Tenor we- 
sentlich verschieden von der ersten in 1 6—4 m. Aus dieser 
zweiten Rede heben sich, als ihrer Umgebung fremdartig. 
10 <;_ 9 ab, welche eine historische Xotiz über den Tod Aarons 
und die Aussonderung der Leviten für den Dienst an der 
Bundeslade enthalten: der ganze Abschnitt 10 1—9 ist offenbar 
Interpolation. | Nun folgen in 12 — 26 die Satzungen und Hechte 
selber, eine Sammlung von Gesetze!) verschiedensten Inhalts, 
aber sämtlich in theokratischem Geiste abgefasst. Kap. 27 
werden mehrere, nicht deutlich von einander zu scheidende. 
Aufträge gegeben, die sich alter sämtlich auf die Berge Ebal 
und Grarizim beziehen: auf dem Ebal soll ein Altar gebaut 
und daselbst geopfert werden, ferner sollen auf diesem Berge 
grosse inil Kalk getünchte Steine errichtet werden, um auf 
ihnen dies Gesetz deutlich und genau aufzuzeichnen, und dann 
sollen Fluch und Segen auf Nichtbefolgung oder Befolgung 
des Gesetzes ausgesprochen werden und zwar durch sechs 
Stämme auf Grarizim der Segen, durch die Bechs übrigen auf 
Ebal der Fluch. Besondere Beachtung verdienen noch die 
Verse 9 11. to, welche sehr abrupl und ohne unmittelbaren An- 
schluss nach vornen oder hinten dastehn. J 28 1— n.s bringt noch 
einmal einen ausfürlichen Segen und Fluch für Befolgung 
und Nichtbefolgung des Gesetzes und v. 69 isl offenbar eine 
Unterschrift, welche mit ihrem aKto jn*a auf ls zurückzu- 
greifen scheint. Als Bund fvian ""TOT wird der Inhalt des Dtn 
auch 423 u. 2t) s n 1320 bezeichnet. | 29 u. 30 sind eine zu- 
sammenhängende Rede Moses mit einer nochmaligen dringen- 
den Ermahnung zum Halten der Worte dieses Hundes: da 
der Segen und Fluch, mit welchem diese Kapitel sich beschäf- 
tigen, offenbar der in Kap. 28 ausgesprochene ist, so bilden 



§ 9.] Abfassungszeil und Komposition des Deuteronomiums. 31 

sie dessen unmittelbare Fortsetzung. | In 31 sind wieder zwei 
Teile deutlich zu unterscheiden: v. 1—13 Uebertragung des 
Oberbefehls an Josua und Auftrag an die Leviten, dies Ge- 
setzbuch am Laubhüttenfeste jedes Erlassjahres öffentlich zu 
verlesen, und v. 16— 30 die Ankündigung eines Liedes, welches 
dem Volke seine spätere Sündhaftigkeit und die aus derselben 
sich ergebenden Strafen voraussagt und deshalb von ihnen 
zur Beherzigung und ständigen Warnung auswendig gelernt 
werden soll. In diesem sonst zusammenhängenden Stück ist 
v. äs hi'ichst befremdlich und störend, eine fast wörtliche Du- 
plette zu v. t— s; der Vers steht hier eben so versprengt, als 
er selbst den Zusammenhang seiner Umgebung sprengt. Da- 
ta gen scheint er mit den gleichfalls gegenwärtig isolierten 
Versen n— 15 zusammenzuhängen, welche sachlich vor v. 1 ge- 
hörten und offenbar die erste Ankündigung des nahe bevor- 
stehenden Todes Moses sind. Zell und Wolkensäule weisen 
auf E. Das in v. 16— 30 angekündigte Lied wird 32 1—43 ge- 
geben : hieran fügt sich eine abschliessende historische Bemer- 
kung v. .14. v. 15—47 machen nicht den Eindruck, in Hinblick 
auf das Lied geschrieben zu sein, sondern eher den des Schlüssig 
zu dem ganzen bisherigen Dtn ; sie können nicht wohl als un- 
mittelbare Fortsetzung von v. h gefasst werden. Kap. 33 
endlich, der Segen Moses, des Mannes Gottes, mit welchem 
er die Kinder Israels vor seinein Tode sei/ »et e. ist ein ganz 
isoliert stehendes Stück ohne jede Anknüpfung nach rückwärts 
oder vorwärts. Von 32 4S— 02 u. 34 war bereits oben in § 
N. I die Rede. 

§ 9. Abfassungszeit und Komposition des Deuteronomiums. 

deWette dissertatio critica 1805 [% 2e). ERiehm Die Gesetzgebung 
3/osis im Lande Moab 1854. PKleineet Das Dtn und der Deulerono- 
miher 1872. JHollenbebg Das Dt und sein Rahmen, StKr 47 467—472 
1874. JJPValeton Studien 1879 157—174. .104—320. AWestphax Le Deu- 
teronome 1891. WStaebk Dos Dt sein Inhalt und seine literarische 
Form 1894. CStkuerxagel Der Rahmen des Dt. Dissertation 1894, und 
Die Entstehung des deut Gesetzes 1896. JCüllen The /><><di of the cove-> 
nun! in Moni) 1903. 

1. Nachdem wir die Analyse des Pentateuchs vollzogen 

haben, wenden wir uns zu der Frage nach Entstehung und 
Abf assungszeit der einzelnen Quellenschriften. Die Unter- 
suchung dieser Frage hat, scheinbar unmethodisch, mit dem 



32 Spezielle Einleitung. [§ 9. 

Ende zu beginnen, mit dem Deuteronomium, weil wir hier 
allein einen festen Punkt halten, den wir sogar bis auf das 
Jahr datieren können. Schon bei einzelnen Kirchenvätern (s. 
ENESTLE ZaW 22 i7o f. 31» f. 1902) und bei Hobbes, der von 
dem ganzen Pentateuch allein Dt 11 — 27 von Mose selbst ge- 
schrieben sein lässt, findet sich die Erkenntnis, welche seit 
DE Wette 1805 zum Gemeingut der A Tuchen Wissenschaft 
geworden ist, dass das II Reg 23 2 3 21 erwähnte r'"i2n ~£C in 
unserm Dt zu suchen sei. Eines der wichtigsten und folgen- 
schwersten Ereignisse für die religiöse Geschichte Israels wird 
uns II Reg 22 s- 23 24 berichtet: die sog. Kultusreform des 
Josia aus dem Jahre 621. Zwar ist der Bericht „über diesen 
Wendepunkt in der israelitischen Geschichte" nur überarbeitet 
auf uns gekommen und dabei- mit Vorsicht zu benutzen (s. 
STADE <i\'l 1649—655), aber in seinen wesentlichen Punkten 
ist er durchaus geschichtlich und zuverlässig. Auf Grund eines 
im Tempel gefundenen Buches, welches als Bundesbuch be- 
zeichnet und in feierlicher Volksversammlung als bindendes 
Keichsgesetz anerkannt wird, lässt König .Josia 021 eine ein- 
schneidende und durchgreifende Veränderung aller gottes- 
dienstlichen Verhältnisse durchführen. Dass ein Buch von 
dieser Bedeutuni; spurlos verschwunden sein sollte, noch dazu 
in einer Zeit, wo in Israel das reichste literarische Leben 
herrschte, ist undenkbar: hat es sich aber erhalten, so können 
wir es nur innerhalb des Pentateuchs suchen, der allein gottes- 
dienstliche Ordnungen und Vorschriften enthält. Nun kann 
aber ans dem Charakter jener Kultusreform mit aller nur 
wünschenswerten Bestimmtheit auf den Inhalt des sie hervor- 
rufenden Buches geschlossen werden. Wenn nach den Forde- 
rungen dieses Buches alle I löhenheiligl iiimr im ganzen Lande 
zerstört und verunreinigl und alle gottesdienstlichen Hand- 
lungen aul einen Ort, den Tempel zu Jerusalem, konzentrier! 
werden: wenn der Kultus von allen heidnischen und synkre- 
tistischen Elementen gesäubert, wenn namentlich alle Mazzeben 
zerbrochen und alle äscheren umgehauen und verbrannt wer- 
den: so kann es sich dabei nur um die deuteronomische Ge- 
setzgebung handeln, da sie allein mit aller Entschiedenheit 
gerade diese Punkte verlangl und zwar als etwas spezifisch 

Neues 12s. Auch die l'assabfeier. welche nach *\r\- Promul- 

gierung dieses Bundesbuches erfolgt, stimmt aufs beste zum 



§ 9.] Abfassungszeit und Komposition des Deuteronomiums. 33 

Dtn, welches nur über die Feier des Passali speziellere Vor- 
schriften gibt 16 2—8. Der einzige Widerspruch zwischen 
II Reg 239 und Dtn 18 6— s erklärt sieh aus sachlichen Grün- 
den leicht: hier konnte die Forderung des Gesetzgebers nicht 
durchdringen, ohne dass dabei gleich an bösen Willen der 
Jerusalenier Tempelpriesterschaft zu denken wäre. Diesen 
realkritischen Beweisen stehn literarkritische zur Seite. Jer 
34 13 14 wird das Gesetz über die Freilassung des hebräischen 
Knechtes nach sechs Dienstjahren in enger Anlehnung an Dtn 
15 12 und nicht an die Parallelstelle Ex 21 2 angeführt und in 
II Reg 14 c liegt ein wörtliches Zitat aus Dtn 24 10 vor. 

2. Nun wird es imsre nächste Aufgabe sein, dies Bundes- 
buch vom Jahre 02 1 herzustellen. Dass es nicht mit dem Dtn 
in der uns jetzt vorliegenden Gestalt identisch war, dürfte 
schon aus der § 8 gegebenen Analyse hervorgehn, welche auf 
alles andere eher als ein einheitliches, unversehrt erhaltenes 
Werk schliessen lässt. Einen wichtigen Fingerzeig gibt uns 
II Reg 22 s u. 10, wonach jenes Buch an einem Tage kurz hinter- 
einander zweimal gelesen wird, erst vor dem Kanzler Saphan 
im Tempel, dann von diesem vor dem König. Demnach kann 
es nicht allzu umfangreich gewesen sein. Da es zudem der 
Priester Hilkia dem Kanzler als rnlfln "iBD überreicht und da 
wirkt, wie ein Gesetzbuch, so werden wir das ,,Ur deute- 
ronomium" von 621 zunächst in den gesetzlichen Bestand- 
teilen des gegenwärtigen Dtn suchen, also in 12 — 26, und 
es würde sich jetzt die Frage erheben: Kann Dtn 12 — 26 je- 
nes Urdeuteronomium (D) sein? Dagegen legt schon gleich 
Kap. 12 Protest ein. Dies Kapitel enthält nämlich zwei ganz 
handgreifliche, schon von JS Vater als solche erkannte, Du- 
bletten: v. .-,— t neben n— 12 und noch mehr ins Auge fallend 
v. i5—i9 neben 20—28. An Kap. 12 in der vorliegenden Gestalt 
müssen daher mindestens drei verschiedene Hände gearbeitet 
haben. Ist uns so schon durch das erste Kapitel gesetzlichen 
Inhaltes der Argwohn reue geworden, so werden sich bald 
noch andere Indizien dafür ergeben, dass wir in 12 — 26 durch- 
aus keine unversehrt erhaltene Einheit haben. Gleich 14 1— ai 
gibt zu schweren Bedenken Anlass. Ausdrücke wie #i"ij3 bü 
rrerb 14 2 91 und öavi^K rmb bj*ik a^a 14 , , ersteres noch 7,; 
26 m u.289, letzteres überhaupt nicht zum zweiten Male, sind 
im übrigen gesetzlichen Teile des Dtn ohne Beispiel; für die 

Grundriss II. I. Coruill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. ;; 



34 Spezielle Einleitung. [§ 9. 

Vorschrift 14 1 macht Jer 16 c sachliche Schwierigkeit, wo das 
hier ausdrücklich und streng Verbotene als selbstverständlicher 
Brauch vorausgesetzt wird, und auch 3 — 20 erregen weniger 
sachliche, als formale, Bedenken. Für das Bestehn derartiger 
Speisegebote wäre schon Ez4u ein vollgültiger Beweis; aber 
die Art ist durchaus nicht die sonstige des Dtn, welches seine 
Gebote unter grössere Gesichtspunkte stellt und nicht so ins ein- 
zelne gehende, kasuistisch schematisierte Bestimmungen bietet: 
auch das Verhältnis dieses Stückes zu Lev 11 fällt ins Ge- 
wicht. Dazu tritt noch ein schwerwiegendes formelles Be- 
denken gegen den ganzen Abschnitt. Während die eigentliche 
Gesetzgebung sonst durchweg das Volk in der 2 Pers. Sing. 
anredet, erscheint hier plötzlich die Anrede in der 2. Pei s. 
Plur., welche sich nur noch in dem, wie wir bereits gesehen 
haben, stark überarbeiteten Stücke 12 1— 13 1, und ausser die- 
sem noch 17 16 18 15 (is) 19 19 20 3 4 is 22 24 23s u. 24 « 9 ver- 
einzelt findet. Andrerseits hat 14 3 die sonst übliche Form 
und auch 2i a a mit seiner Unterscheidung von Israelit und 
Fremdling ist echt deuteronomisch. Diese zwei Verse werden 
daher wohl als ursprünglich zu halten sein: über ai b , ein wört- 
liches Zitat aus Ex 23 19 34 26, kann man verschiedener Mei- 
nung sein, in Kap. 15 sind die Verse 4—6 (v. g lässt sich 
nicht von v. 5 trennen!) eine offenbare Korrektur von v. n und 
charakterisieren sich dadurch als späteren Zusatz. In Kii— * 
sprengt v. 3—4 sichtlich den Zusammenhang zwischen v. 2 u. .-,. 
und 7 1, stellt in unausgleichlichem Widerspruche zu v. s, sodass 
auch hier Alterierung des ursprünglichen angenommen werden 
muss. Das Stück 16 21— 17? steht mindestens an verkehrter 
Stelle, da 17 s handgreiflich die anmittelbare Fortsetzung von 
L6 20 ist. Freilich tragen die einzelnen Bestimmungen dieses 
Abschnittes deutlich die sonstige Art des Dtn, und es hindert 
sachlich uns nichts, sie von ihm herzuleiten. 17 8— 13 ist in 
der überlieferter] Form ein Zwitter. Sind schwerere Fälle 
grundsätzlich dem priesterlichen Gerichte vorbehalten (und für 
ein priesterliches Gerichl sprichl namentlich das zweimalige 
Tjnr v. m u. 11, et', auch 21 .-,», so muss dasselbe folgerichtig über 
dem weltlichen stehn und dann kann die Rücksichtnahme auf 
den Richter i welcher in jenen Tauen sein wird v. 9 u. 12, nicht 
ursprünglich sein, während eine Bestimmung, welche ein kö- 
nigliches Oberappellationsgerichl in Jerusalem einsetzte, gegen- 



§ 9.] Abfassungszeit und Komposition dos Deuterouomiunis. 35 

standslos wäre. 17 1.1—20 das sog. Königsgesetz unterliegt den 
schwersten sachlichen Bedenken. Der Anfang ist literarisch 
handgreiflich von I Sam 8 5 ff. abhängig ; als Muster eines Kö- 
nigs, wie er nicht sein soll, erscheint hier offenbar Salomo; 
v. i8, nach welchem der König bei seiner Thronbesteigung sich 
aus dem bei den Priestern und Leviten verwahrten Gesetzes- 
buche eine Abschrift anfertigen lassen soll, setzt den Anhang 
31 9 ff. voraus; in v. ig erscheint wieder ein verdächtiger Pluralis 
und eine Vorschrift wie v. 15 wäre in vorexilischer Zeit schwer 
begreiflich. Auch dieses Stück hat als spätere Einfügung zu 
gelten. Das nämliche Urteil haben wir über 18 14— 22 zu fällen. 
Auf den Umstand, dass sich 19 1 besonders gut und eng an 
18 13 anschliesst, lege ich keinen Nachdruck: aber ein so ge- 
flissentliches persönliches Reden Moses mit dem historischen 
Rückblicke auf die Zeit des Wüstenzuges fällt gänzlich aus 
dem Rahmen des sonstigen gesetzlichen Teiles heraus und in 
Art und Ton der Abschiedsreden zurück und auch hier 
wieder v.l.-, (u. is) die verräterischen Plurale ! Ueber 19 ig— 20, 
wo schon der Pluralis v. 19 auf Ueberarbeitung hinweist, ist 
ähnlich zu urteilen, wie über 17 s— 13. Auch hier stossen sich 
geistliches und weltliches Gericht. Da iriiT , 3B i ? v. 17 gewiss 
ursprünglich ist. so muss D auch diese Sache für das geistliche 
Gericht reklamiert haben. Dagegen sind in Kap. 20 v. 2— 4 
nachgetragen (wieder nur hier Plurale», denn in v. 5-9 findet 
sich von den Priestern keine Spur. Nicht leicht zu entschei- 
den ist die Frage in Betreff der sachlichen Schwierigkeiten von 
20 1—9. Dass man mit solchen Grundsätzen keine Kriege füh- 
ren kann, liegt auf der Hand: aber andrerseits sind Vorschrif- 
ten über Kriegführung überhaupt, wie wir sie in Kap. 20 und 
den sachlich damit zusammengehörigen Stücken 21io— 14 23 10—1.-, 
u. 24.-, lesen, doch eigentlich nur verständlich in der Zeit der 
selbständigen nationalen Existenz [sraels, und den Punkt, bis 
zu welchem theoretische Spekulation gegen die realen Anfor- 
derungen des Lebens zu verblenden vermag, kann man nie- 
mals a priori bestimmen. In 20 is begegnet uns wieder ein 
Plural, und die Verse 15— is machen durchaus den Kindruck 
eines Nachtrags zu v. w — u. Dass die Iva]». 21—25 einen von 
12—20 u. 26 abweichenden Charakter tragen, i-t schon längst 
erkannt. Hier begegnen uns ganz neue Begriffe wie — " brp 
mmra, wiederholt die sonst nirgends erwähnten C ' : £ T . Auch 



36 Spezielle Einleitung. jj '.". 

die Art der Gesetzgebung ist eine andere, mehr kasuistisch 
und fast ausschliesslich die Verhältnisse des gewöhnlichen bür- 
gerlichen Rechtes regelnd. Eine Sachordnung ist schwer auf- 
zuzeigen : aber die Art, wie beispielsweise 22 6—8 sich zwischen 
22 5 u. 9, oder 24 7— 9 (s— 9 wie 18 15 ff. zudem schon durch den 
historischen Rückblick auf den Wüstenzug und die Plurale 
verdächtig) zwischen 24 6 u. 10 eindrängen, lässt sich doch 
selbst bei der lockersten Aneinanderreihung nicht rechtfertigen. 
So gut das Bundesbuch Ex 21 — 23 auch ein corpus juris ci- 
vilis ist, so gut können auch in diesem Bundesbuche bürger- 
liche Gesetze gestanden haben, und einzelnes in 21 — 25 ist 
literarisch gut beglaubigt, wie 23 2 ff. durch Thr 1 10, 24 1 durch 
Jer3i, 24 ig durch II Reg 14 g: aber dass das ganze Stück 
21—25 bereits D angehört habe, ist mehr wie unwahrschein- 
lich. Vorschriften wie die über die Behandlung des aufgefun- 
denen Vogelnestes, oder dass um das Dach des Hauses eine 
Brüstung anzubringen sei. eignen sich doch nicht dazu, in ei- 
nem Staatsgrundgesetze zu stehn : um derartige Dinge küm- 
merten sich die Kreise, aus denen D hervorging, schwerlich; 
ihnen lag Grösseres und AYichtigeres am Herzen. Also sind 
Kap. 21 — 25 mindestens als überarbeitet anzuerkennen. 26 1 — 1.-, 
ist nicht zu beanstanden. Somit könnten, weitere Analyse vor- 
behalten, im Urdeuteronomium von 621 etwa gestanden haben: 
12 1— 13 1 in wesentlich kürzerer Gestalt, 132— 19 14 3 2i a a* 21' ? 
1422— 15 3 15 7— 23 161—8*9 — 20 16 21 — 17 7 alter an anderen 
Stellen, 17s— 13* 18 1-13 19 1—1:, 16— 20* 21 20, aber ohne 2—1 
u. 15—18, 21 — 25 teilweise und 26 1— 1.-.. 

3. Aber müssen wir zur Bestimmung des Inhalts von 
D nicht über die gesetzgeberischen Abschnitte 
12 — 26 hinausgehn? Der Eindruck jener Verlesung auf 
Josia war offenbar ein gewaltiger und erschütternder, und 
II Reg 22 n; u. ig reden ausdrücklich von dem [mglück, welches 
Jahve nach den Worten des aufgefundenen Buches über Je- 
rusalem bringen wolle. Das scheint doch deutlich auf Kap. 28 
zu zielen, wo in der Tat die schwersten und furchtbarsten 
Flüche für die Nichtbefolgung dieses Gesetzes angedroht wer- 
den. Zwar Kap. 2s in seiner gegenwärtigen Gestalt kann 
nicht D zugewiesen werden : das verbietet die vielfache und 
enge Anlehnung an jeremianische Redewendungen und vor 
allem der Standpunkt, der mit der Möglichkeit, den Segen zu 



§ 9.] Abfassungszeit und Komposition des Deuteronomiums. 37 

erwerben, kaum noch rechnet, sondern die Nichtbefolgung des 

Gesetzes fest voraussetzt. Doch Hesse sich aus dem unver- 
hältnismässig langen und weitschweifigen Kapitel eine kürzer« 
Gestali herausschälen, etwa v. 1—25* 43—45, wodurch ein dem 
Segen von 1— u völlig analoger Fluch erzielt würde (Stäebki. 
und nichts hindert uns, dieses Stück schon D zuzuschreihen : 
endigt ja auch das Gesetzescorpus Lev 17—25 mit Kap. 26 
ganz genau entsprechend! Lässt sich die Notwendigkeit eines 
derartigen Anschlusses immerhin bezweifeln, so war dagegen 
eine Einleitung von Anfang an unentbehrlich : mit 12 1 konnte 
eine selbständige Schrift, wie die dem Könige Josia über- 
reichte, kaum beginnen. Da der in 12 — 26 Redende deutlich 
Mose, die Situation unmittelbar vor dem Uebergang über den 
Jordan ist, so musste dies auch gesagt und der Leser orien- 
tiert werden. Das leisten in der Tat die das Dtn eröffnen- 
den Kapitel 1 — 11, welche ., Abschiedsreden" Moses enthalten: 
alter ganz abgesehen von der unverhältnismässigen Länge der 
Vorrede gegenüber der Schrift selbst werden diese Kapitel 
durch die zwei wesentlich identischen Ueberschriften 1 i_-, 
u. 4 45 — 19 in zwei deutlich geschiedene, einander parallel lau- 
fende Reden 1 6— 4 40 u. 5 — 11 geteilt, welche schon durch 
den unlösbaren Widerspruch zwischen 1 35 2 14— ie u. 5 3 7 ü. 
9 2—3 23—24 1 1 2—7 die Abfassung durch Eine Hand ausschlies- 
sen. Da die zweite Abschiedsrede 5 — 11 in Ton und Aus- 
drucksweise offenbar mit D aufs engste verwandt ist und ihm 
wesentlich näher steht, als die erste, so leitete man sie von 
dem Verfasser des Urdeuteronomiums her, während man in 
1 g— 4 40 die Einleitung eines Herausgebers von D sah, welche 
bestimmt war, die vorhergehenden Bücher des Pentateuchs zu 
ersetzen durch Rekapitulation ihres Inhalts. Dann musste 
mau natürlich auch zu dem Versuche weitergehn, die mannig- 
fachen und z. T. disparaten , jetzt in 27—31 vorliegenden 
Stücke unter sich und mit jenen beiden Abschiedsreden zu 
gruppieren, und da war es namentlich Kap. 28, welches man. 
wenn auch in einer kürzeren Urgestalt, ebenso wie 5 — 11 für 
D in Anspruch nahm. In der Tat schien, bis auf einige 
kleine Reste, diese Gruppierung und Vert eilung zu gelingen. 
Aber STEUERNAGEL und Staeek sind, übereinstimmend und 
offenbar unabhängig von einander, auf Grund einer streng 
durchgeführten Scheidung jener Stücke in ..pluralische" und 



38 Spezielle Einleitung. [§ 9. 

„singularische" Reden (je nachdem Israel mit du oder mit ihr 
angeredet wird) und auf Grund einer minutiösen Prüfung des 
Zusammenhangs der pluralischen und singularischen Stücke 
unter einander, die Steuernagel noch durch eine Reihe von 
leinen Beobachtungen über den Sprachgebrauch gestützt hat, 
zu dem Resultat gekommen, dass eine glatte Zweiteilung un- 
durchführbar ist, diese Kapitel vielmehr einem äusserst kom- 
plizierten literarischen Prozesse ihre gegenwärtige Gestalt ver- 
danken. Einzelheiten mag man beanstanden: dieses Haupt- 
resultat hat als bewiesen zu gelten. Ebenso muss ich aber 
auch unbedingt daran festhalten, dass die von Anfang an un- 
entbehrliche Einleitung zu D Kap. 5 — 11 nicht gewesen sind, 
weil dann die Entstehung von 1—4 völlig unerklärlich bleibt : 
das Problem des Nebeneinander von 1—4 u. 5 — 11 begreift 
sich nur bei der Annahme zweier verschiedenen Sonderaus- 
gaben von D, welche die Grundlage des gegenwärtigen Dt 

bilden. 

4. D, also sicher der Kern von Dtn 12—26 mit einer 
Einleitung und einem Schlüsse, ist nachweislich 621 veröffent- 
licht worden, aber wann entstand es und wer ist 
-ein V e r f a s s e r ? Da kann zunächst gar nicht in Abrede 
gestellt werden, dass es selbst von demjenigen geschrieben sein 
will, welcher Israel bis jenseits des Jordan unmittelbar \<>r 
den Uebergang über diesen Fluss geführt hat, also von Mose, 
und dies ,-ilt auch, wenn 18 14—22 nicht als ursprünglich an- 
genommen werden: denn überall liegt der Uebergang über 
den Jordan und die Einnahme von Westpalästina in der Zu- 
kunft, wenn auch in der nächsten, und ein beliebiger anony- 
mer Zeitgenosse Moses ist doch schlechterdings ausgeschlossen. 
Aber jede unbefangene Betrachtung zeigt, dass dieser Anspruch 
den Tatsachen gegenüber unmöglich stand hiilt. Das> dieses 
Buch ein ünicum, sein Inhalt etwas absolut neues war, ueht 
aus der Erzählung II Reg 22 deutlich hervor: wie Bollte man 
sich ''in 7()<) Jahre langes Verborgenbleiben desselben erklären, 
da gerade dieses Buch wie kein anderes ein Gesetzbuch von 
entschieden peformatorischer Tendenz ist, keine blosse theo- 
retische Spekulation, sondern die Absicht, das ganze religiöse 
Leben uach Beinen Forderungen umzugestalten? Wie hätte 
es bei der Beschaffenheil des salomonischen Tempels dort 
Jahrhunderte liegen können, ohne bemerkt und als ein \ er- 



§ 9.] Abfassungszeit und Komposition des Deuterononriurus. 39 

mächtnis Moses mit Jubel begrüsst zu werden? Auch der 
sachliche Inhalt jener Gesetzgebung schliesst liolies oder gar 
höchstes Alter aus. An Mazzeben und Ascheren, welche sie 
als heidnisch verdammt und überall zu zerstören betiehlt, haben 
noch Hosea und Jesaja keinen Anstoss genommen, die For- 
derung, das ganze religiöse Leben Israels in den salomoni- 
schen Tempel nach Jerusalem zu konzentrieren, setzt den 
Untergang des Zehnstämmereiches und den jesajanisch-pro- 
phetischen Gedanken von der zentralen Bedeutung und Un- 
verletzlichkeit des Zionsberges voraus. Ueberhaupt ist Inhalt 
und Charakter dieser Gesetzgebung ein wesentlich propheti- 
scher, der sich nur begreift als Niederschlag und Krystalli- 
sation prophetischer Anschauungen und Hoffnungen. Wir 
müssen ihren Ursprung in den Kreisen der Frommen suchen, 
welche die Reaktion Manasses nur um so enger und inniger an 
den Jahve der Propheten sich zu halten gelehrt hatte, mit ande- 
ren Worten in den Kreisen der prophetischen Partei, welche 
auch auf die Priester EinÜuss gewonnen haben musste: denn 
das Dtn stellt tatsächlich einen Kompromiss und ein Bünd- 
nis zwischen Prophetie und Priestertum dar, dessen Erfolg 
aber ausschliesslich letzterem zu gute kam. D ist keinesfalls 
hinge vor seiner Bekanntwerdung verfasst, denn für eine solche 
ist es von Anfang an berechnet gewesen : wie kurz oder wie 
lange vorher, wird sich niemals mit Sicherheit sagen lassen. 

5. Bei dieser Sachlage wäre also D nach unseren Anschau- 
ungen ein literarischer Betrug, oder mindestens eine 
My stif i k a tio n, und daran würde nichts Wesentliches ge- 
ändert, wenn man mit seiner Entstehung bis auf die Zeit Ma- 
nasses zurückginge, um Hilkia und Saphan anstatt die letzten 
Betrüger die ersten Betrogenen sein lassen zu können. Wir 
haben die Pflicht, dieser Frage fest ins Angesicht zu schauen 
und uns mit ihr abzufinden. Und da wird sich sofort heraus- 
stellen, dass bei näherem Zusehen die Sache doch eine wesent- 
lich andere Gestalt annimmt. Es ist schon längst beobachtet 
worden, dass die deuteronomische Gesetzgebung jener Gesetzes- 
sammlung, welche wir Ex 21 — 23 lesen und nach Ex 24; das 
Bundesbuch nennen, besonders nahe steht: in der Tat ist das 
Verhältnis zwischen beiden ein so enges, dass man D geradezu 
als ein überarbeitetes resp. erweitertes Bundesbuch bezeich- 
nen kann. Jenes Bundesbuch gehört zugestandenermassen zu E 



40 Spezielle Einleitung. [§ U. 

und KüENEN hat die geniale Hypothese aufgestellt, dass im 
Zusammenhange von E das Bundesbuch ursprünglich nicht bei 
der Horeboffenbarung, sondern heim Tode Moses vor dem 
Uebergange über den Jordan seine Stelle gehabt, also in dieser 
Quellenschrift genau da gestanden habe, wo wir in unserem 
gegenwärtigen Pentateuche das Dtn lesen (vgl. § 13 s). Dass 
der Verfasser von D das Bundesbuch kannte, steht über jedem 
Zweifel, ebenso, dass ihm das Bundesbuch durch E als mo- 
saisch, von Mose selbst verfasst und publiziert, überliefert war. 
Holzixger und Staerk sind unabhängig von einander zu der 
Vermutung gekommen, dass die in ihrer Grundgestalt von E 
herstammende Rede, welche wir jetzt in Jos 2-1 lesen, und dir 
einen bevorstehenden Bundesscliluss einzuleiten bestimmt ist. 
ursprünglich vor dem Bundesbuche gestanden habe, uiuIStaefk 
weist dann noch hin auf das ganz besonders enge Verhältnis 
von Dtn 7 12 — 21 zu Ex 2322—30 und gelangt so zu der Hypo- 
these, dass D ursprünglich aus einer Jos 24 entsprechenden 
historischen Einleitungsrede, von welcher sich in Dtn 2 u. 3 
noch Reste erhalten haben könnten, dem Kein von 12 — 26 
und dem Stücke 7 12—21 als Abschluss bestanden habe und von 
vorn herein dazu bestimmt gewesen sei, einen Teil der Quelle K 
zu bilden und in jener das Bundesbuch zu ersetzen. Mag man 
diese Hypothese über das Bundesbuch und über das literari- 
sche Verhältnis von D zu ihm annehmen oder nicht: dass I) 
Km dem Bundesbuche abhängig ist und an dasselbe sich an- 
lehnt, steht fest, und wenn sein Verfasser eine ihm bereits ;ils 
mosaisch überlieferte Gesetzgebung in die Form einer von ihm 
frei komponierten Hede Moses umgoss, so bat er damit nur 
getan, was alle alten Historiker getan haben, und es kann von 
einem literarischen Betrug nicht die Rede sein, ja 1) darf nicht 
einmal als Pseudepigraph bezeichnet werden. 

(i. Die Eyperkritik eines Gd'Eichthal (Melanges de criti- 
que biblique L886) \\n*\ eines MVeenes (Une nouvelle hypo- 
these Bur la composition du Deuteronome L887 . welche jeden 
Zusammenhang zwischen der Kultusreform des Josia und dem 
iMn Leugnen, dasselbe vielmehr für ein Produkt nachexilischer 
Zeit erklären, und Einfälle wie (h'v, dasa das unter Josia ge- 
fundene < resetzbuch Ai'v sog. zweite I tekalog Ex .'14 -ei iSA Fries 
Die Gesetzesschrifl des Königs Josia. Deutsche [Jebs. 1903), 
können wir auf sich beruben lassen. Dagegen sind neuerdings 



§ 9.] Abfassungszeit und Komposition des Deuteronomimns. 41 

auch von kritischer Seite energische Versuche gemacht wor- 
den, für I) ein höheres Alter zu gewinnen, welche die Nach- 
richt IT I\eg I84, dass schon Hiskia eine der josianischen ähn- 
liche Kultusreform unternommen habe, zum Ausgangspunkt 
nehmen und so zugleich auch den Bericht II Reg 22 von der 
„Auffindung" des Buches retten. Steueenagel denkt sich 
die Entstehung des Dtn so, dass unter Hiskia für seine Kultus- 
reform ein Grundgesetz geschrieben worden sei, von welchem 
dann unter Benützung auch anderweitigen gesetzlichen Mate- 
rials im Anfange der Regierung Manasses ziemlich gleichzeitig 
zwei Bearbeitungen, eine pluralische Dpi und eine singularische 
Dsg angefertigt wurden, welchen neben dem bearbeiteten Grund- 
gesetz 5 — 11-J- u. 28f 30 10 i9 b — 20 31 ;i a a ion b angehörten. Diese 
beiden Bearbeitungen Hess sich nicht lange nachher ein Inter- 
essent durch einen Schreiber auf Eine Rolle zusammenschrei- 
ben, und jenes zusammengeschriebene Exemplar, dessen Vor- 
lagen verloren gingen, wurde im Jahre 621 wirklich zufällig 
im Tempel gefunden. Dieser Hypothese kann zwar nicht die 
theoretische Möglichkeit, muss aber um so entschiedener die 
praktische Wahrscheinlichkeit abgesprochen werden, so dass 
die von Erbt vorgenommene Modifikation derselben als we- 
sentliche Verbesserung betrachtet werden muss. WERBT (Die 
Sicherstellung des Monotheismus durch die Gesetzgebung im 
voiexilischen Juda 1903) lässt das mit STEUERNAGELS Dpi we- 
sentlich identische ., Reformgesetz Hiskias" im Jahre 625 ge- 
schrieben werden als Grundlage der ersten Massregeln, welche 
nach II Chr 34 .",—7 Josia im zwölften Jahr seiner Regierung 
unternahm, und dann SteüERNAGELs Dsg als „Reformgesetz 
Josias" im Jahre 620. Allein selbst der hochkonservative 
Baudissix stellt §34 S. 112 der Nachricht II Reu 18 4 skep- 
tisch und der II Chr 34s— 7 ablehnend gegenüber und erklärt: 
..Nicht lange vor dieser Auffindung kann es gewesen sein, dass 
das deuteronomische Gesetz geschrieben wurde". An dem in 
seiner Grundlage und seinen Hauptpunkten unanfechtbaren 
Bericht II Reg 22 scheitert mich die wesentlich von literar- 
kritischen Erwägungen ausgehende scharfsinnige und blendende 
Aufstellung Cüllens, das Bundesbuch vom Jahre H21 habe 
keinen gesetzgeberischen Charakter gehabt, sondern nur in 
einer Rede Moses bestanden mit der firstö, Jahve allein zu 
dienen: sie setze sich zusammen aus 6 — 11-J- 26f u. 28f, de- 



42 Spezielle Einleitung. [§ 9. 

neu zur Abrundung noch Stücke von 4 5 27 29 30 u. 32 und 
Ex24i—s hinzugefügt werden. Das eigentliche Buch der min 
12 — 25 dagegen sei erst ein Produkt der Kultusrefonn, im 
Drange der Verhältnisse überhastet und ohne sorgfältige Re- 
daktion niedergeschrieben; auch nach Klostebmann (Neue 
kirchl. Zeitschr. 13 e?? ff. 1902, 14 aee ff. 359 ff. ess ff 1903) war 
das deuteronomische Bundesbuch seiner Art nach nicht ein 
Gesetzbuch, sondern eine Materialiensammlung zu einem be- 
stehenden, aber verloren gegangenen, pietätvoll zu einem er- 
baulichen Ganzen zusammengestellt. 

7. War D einmal Reichsgrundgesetz geworden, so versteht 
es sich von seihst, dass es in zahlreichen Exemplaren verviel- 
fältigt wurde. Hierbei bemächtigte sich nun die deutero- 
n o mis. fische Diaskeuase des Buches, der wir alle 
deuteronomistischen Stücke und Abschnitte zuweisen müssen, 
welche nicht von D selbst hergeleitet werden konnten. Dieser 
literarische Prozess, dem eine Doppelausgabe von D zu Grunde 
liegt, begann wohl schon in vorexilischer Zeit: dass er ein 
sehr komplizierter und über einen längeren Zeitraum sich er- 
streckender gewesen ist. haben Steueenagel und STAEEK be- 
wiesen: ihn in seinen einzelnen Stadien verfolgen zu wollen, 
wäre eine aussichtslose Bemühung. 

8. Eine besondere Betrachtung erheischen noch mehrere 
Stücke des I )tn, welche n i c h t j e n e r d e u t e r n m ist i- 
schen Diaskeuase zugewiesen werden können: a)4u — 13. 
Die- völlig isoliert stehende, sich durchweg an Dtn 19 1—10 
und nicht an Mmn 35io— 34 anlehnende Stück i-t gleichwohl 
mit Einsicht auf Num 35 und dos 20 geschrieben und soll 
wohl besagen, dass jene drei Dtn L9 8— 10 hypothetisch ins A.uge 
gefassten Freistädte nicht die um Mose fest bestimmten im 
Ostjordanlande seien, sondern drei weitere in Westpalästina 
meinten. Durch die deuteronomistische Färbung von 4n — 13 
darf man sich um so weniger in jenem Resultate beirren Lassen, 
als auch dos 20 die jüngste, noch nach LXX vorgenommene 
Diaskeuase ein rein grundschriftliches Stück durch Ausdrücke 
und Wendungen aus Dtn lOi—m bereichert hat. — b) 10c— 7. 
Die beiden Verse, den Tod A.arons zu Mosera berichtend, 
sprengen sichtlich dm Zusammenhang zwischen v. ■< u. b und 
können, da nach P Num 20 33—29 33 88—39 Aaron auf dem 
r.ei-e Hör stirbt und d von Aaron überhaupt nichts weiss. 



§ 9.] Abfassungszeit und Komposition des Deuteronomiums. 43 

nur von E herstammen: sie würden in Xuin 21 ihre ganz ge- 
eignete Stelle haben, ursprünglich haben sie auch wohl dort 
gestanden und sind vielleicht aus der Nachbarschaft von Xum20 
entfernt und hierher gesetzt worden, um sie überhaupt zu er- 
halten. ■ ■ c) 27 jt — s. Das Stück bietet eine doppelte Schwie- 
rigkeit. Zunächst drängen sich 5—7 zwischen 1 u. s in einer 
Weise störend ein, wie sie nimmer ein ursprünglicher Erzähler 
verschuldet haben kann : man möchte wegen der engen An- 
lehnung an Ex 20 25 auch hier an E als Grundlage denken 
(nach BüDDE ZaW 11 22s 1891 scheinen v. e u. 7 „geradezu 
zwischen Ex 20 25 u. 20 weggenommen zu sein"). Weiter sind 
v. 4 u. 8 offenbar Dublette zu v. 2—3 und bestimmen den Ebal 
als Ort für die Aufrichtung der getünchten Gesetzessteine, 
was im Munde eines deuteronomistischen Autors höchst be- 
fremdlich wäre, vielmehr gleichfalls auf E weist, wenn wir auch 
die organische Stellung dieses Zuges im ursprünglichen Zu- 
sammenhange jener Quellenschrift nicht mehr nachweisen können. 
— d) 27 11— 36. Die hier vorgeschriebene Handlung macht 
einen durchaus altertümlichen Eindruck, die Art wie bei ihrer 
Ausführung 27 12 Levi ganz wie ein anderer weltlicher Stamm 
erscheint, und der umstand, dass eine so wichtige heilige Hand- 
lung nach Sichern verlegt wird, sind gleichfalls beachtenswert : 
man möchte an E als letzte Quelle denken. Aber das Stück 
27 15— 26 entnimmt seine zwölf Flüche nicht dem Dtn, sondern 
dem ganzen Pentateuche promiscue und ist offenbar ganz jung, 
und der Bericht über die Ausführung Jos 830—3.-,, der sich 
noch dazu mit den Vorschriften des Dtn nicht völlig deckt, 
wird schon dadurch als ein später Nachtrag erwiesen, dass er 
in LXX an einer andren Stelle des Buches Josua eingefügt 
ist: er setzt zudem Dtn 27 1— 9 bereits in seiner gegenwärtigen 
Gestalt voraus, welche er harmonistisch ausgleicht. — e) 31 1—8, 
rein deuteronomistisch, sollen offenbar das Dtn nach vorwärts 
an das Buch Josua anknüpfen. — f) 3i1.1-_1.523 ist eine Du- 
blette zu i_8, welche auf Josua überleitet und wohl aus E stammt. 
vgl. § 82. In D auf Josua hinzuweisen, war keine Veran- 
lassung. Die Stücke a) bis f) gehören also alle der Redaktion 
des Gesamtpentateuchs an. — g) 31 ie— 30* bildet die stark 
überarbeitete Einleitung zu dem Liede Kap. 32 und kann erst 
mit diesem zusammen besprochen werden, vgl. Sj 13 5. 



44 Spezielle Einleitung. [§ 10. 

§ 10. Die literarischen Voraussetzungen des Deuteronomiums. 

WHKostees De historie-beschouwing ran den Deuteronomist etc. 

1868. AKayser Das vorexilische Buch der Urgeschichte Israels 1874m — ue. 

1. Haben wir mit dem Dtn einen festen Punkt gefunden, 
so werden wir von da aus weitergehn und untersuchen, welche 
Quellenschriften des P entate u c h s das De u- 
teronomium bereits kennt und voraussetzt, 
welche also älter sind als es selbst. Sollte es sich heraus- 
stellen, dass das Dtn auf eine oder die andere von ihnen gar 
keine Rücksicht nähme, so wäre damit das Nichtvorhandensein 
derselben zur Zeit des Dtn allerdings noch nicht bewiesen, 
aber doch ein starkes Präjudiz dafür gegeben. Es trifft sich 
für diese Untersuchung besonders günstig, dass Dtn 1 — 11 
sachlich den Büchern Ex und Num parallel laufen: hierbei 
sind Berührungen nicht zu vermeiden und es liegt somit ein 
ausreichendes Material vor. 

2. Wir beginnen mit Dtn 12—2(5. 12 s = Ex 34 13 23 24 1 ': 
13 e u. ii = Ex 20 2: 13 13-10 = Ex 34 15 22 19: 13is = Gen 
24? 263 J, 50 2.1 Num 14 23 E ; Num 14 30 I* ein anderer an 
Ez anklingender Ausdruck: 14 2i b = Ex 23 19 34 ae: 15 1— u 
= Ex 23n gegen Lev 25 1—7, wo sich ööttf nicht findet: L5 
3 2—18 ist offenbar Umgestaltung und Weiterbildung von Ex 

21 2-.;: 16 16 = Ex 23 11-17 34ao b as: 16 19 = Es 23 b : 18 3 
widerspricht direkt Ex 29 27—28 Lev 7 si— 34 Num 18 18 P: I810 
= Ex 22 17; gerade *|03B findet sich Lev 19 26 31 20 6 27 P nicht : 
18 n; = Es 20 18—19 E: 19 1—13 ist offenbare Umgestaltung von 
Es 21 12— 11 und widerspricht in dry Ausdrucksweise und sach- 
lich Num 35 io_3i P: 19 ai = Ex 21 21: 20 17 Dnrjn nur noch 
Num 21 2 u. :; .1 : 21 1 *]"!¥ = Ex 34 20 und nur noch Es 13 13 J: 

22 1 — 1 erinnert an Ex 2.3 1— .-, : 22 12 ist sachlich = Num 15 88 P, 
aber im Ausdrucke gänzlich abweichend : 22 28—89 vgl. Ex 22 
15 ie: 23.-,— 1; = Num i } 2 .-, E gegen Num 31 ig P: 23 n sach- 
lich = Lev 15 1 6—17 P, aber im Ausdrucke abweichend, wäh- 
rend das Wort rnjpö mit dev Sache sich bereits in der sehr 
alten Erzählung I Sani 20 36 findet: 23 20 weicht von Es 22 21 
wie Le\ 25 36 im Ausdruck ab: 23 21 sachlich = Num 30 3 7 9 
cf. Lev 5 1 P aber andere Ausdrucksweise : 24 7 = Ex 21 ig : 
•2 1 - ist im Ausdruck so allgemein, dass eine formelle Ab- 
hängigkeit von Lev 13 P nicht erwiesen werden kann: 24 9 = 
Num 12 10 E: 24is-is = Es 22 25— ae: 24 17 vgl. Es 22 20-21 



§ 10.] Die literarischen Voraussetzungen des Deuteronomiuins. 45 

BMtermii ausserhalb des Dtn nur noch Ex 23.;: 25 17—19 = 
Ex 17 >_ig E: 26 3 u. 15 s. 13 is : 26 5 srnaau Ex 1 7 u. 9 J: 
26 .; •"-" = Num 20 10 E sonst noch Gen 31 7 E, Gen 19 7 9 
43 6 44 5 Ex 5 22 2.3 Num 11 n 16 15 J, bei P in dieser Bedeu- 
tung niemals : 26 e Vf&sm Ex 1 u 12 nw E : 267 = Ex 3 7 9 E gegen 
Ex 2 2.3 P, hao nur noch Gen 41 51 E : 26 s njWi *ra Ex 3 19 61 
J: 26, Uta"* zbn na? fnx nur bei JE und Lev 20 24; nie bei P. 
Besonders lehrreich sind eine Reihe von Berührungen zwischen 
Dtn und Lev 17—25. 12 ig 23 24 = Lev 17 10— u 19 2g : 13 = 
Lev 19 1 : 16 1— 17 = Lev 23 : 18 10 a = Lev 18 21 20 2 : 22 22 = 
Lev 20 10: 23 1 = Lev 18 s 20 11: 24 14-15 = Lev 19 13: 24 
19—22 = Lev 19 9—10 : 25 13— ig = Lev 19 35—30; zu vergleichen 
auch die schon behandelten Stellen 15 1— g 18 10 23 20. Ueberall 
Sachparallelen, aber durchaus abweichende Formulierung. Nur 
Dtn 22 9—11 hat zwei charakteristische Ausdrücke mit Lev 19 19 
gemein: doch genügt diese Eine Stelle nicht, eine Abhängig- 
keit des Dtn von Lev 17 — 25 zu erweisen. 

3. Auch Dtn 1 — 11 liefern eine reiche Ausbeute und ein 
fast noch evidenteres Resultat. 1 7 = Gen 15 13 J, Ex 23 31 E, 
gegen Num 34 s P: 1 8 s. zu 13 ig: 1 9 — is = Ex 18 13— 2g E: 
1 24 = Num 13 23-24 E, gegen v. 21 P: 1 28 = Num 13 28 J: 
1 34-36 = Num 14 22—24 E, gegen v. 30 P : 1 39* ist = Num 
14 31 P, aber dieser Halbvers fehlt in LXX und ist neben 
39 lj mindestens überflüssig : 1 40 = Num 14 25 E : 1 41—44 = Num 
14.10-45 E: I45 vgl. Num 14i b J: 2i = Num 21 4 E: 2 3— 8 
ist sachlich = Num 20 m— 21 E und in offenbarer wörtlicher 
Anlehnung an diese Stelle geschrieben, nur dass der Sachver- 
halt etwas anders gewendet erscheint: 29—37 ist sachlich und 
z. T. wörtlich = Num 21 12—32 E : 2 :w a-nr 8 . zu 20 17 : 3 1—11 
= Num 21 31—35 E: 3 15 = Num 32 39 J, gegen v. 1—32 P: 
3 18—20 = Num 32 ig— 32 gegenwärtig stark aus JE und P ge- 
mischt, aber es fehlen in Dtn die für P charakteristischen Aus- 
drücke wie KM pbn und ffln K: 3 23— 2s ist sachlich = Num 27 
12—23 P, aber nirgends zeigt sich eine Spur von Berührungen 
oder Abhängigkeit, ja 3 27 widerspricht direkt Num 27 12 und 
Dtn 34 i a P vgl. dagegen Num 21 20 E und Dtn 34 i b J: 4 s 
= Num 25 3 5 E gegen P. 4 io_3s u. 5 2-30 = Ex 20—34 
JE: 5 1 BWSfll| vgl. Ex 33 i, E, ttfcn T~- rgl. Ex 19 is J: 
5 5 a = Ex 19 9 J : 5 .-,'• = Ex 19 12 E 21 24 J: 5 e-is wesentlich 
= Ex 20 2-17 E: 5 19 = Ex 31 i 8 E: 520-25 = Ex 20 18-21 



46 Spezielle Einleitung. [§ 10. 

E : 6 3 s. zu 26 9 : 6 s = Ex 13 g ig J : 6 io s. zu 1 s : 6 12 = 
Ex 20 2 E : 6 15 = Ex 20 5 E : 6 ie = Ex 17 2 7 J vgl. auch 
X um 14 22 E : 621 s. zu 26 s : 7 2 s. zu 2 34 : 7?, = Ex 34 1 e si- 
cher nicht P: 7 c s. zu 12 3 ; 7 9 = Ex 20 g E: 7 12-24 ist völ- 
lige Sach- und vielfache Wortparallele zu Ex 23 22—30 vgl. § 9.-, : 

8 15 *pfc •--: = Xum 21 6 E und #*&nn nra = Ex 17 e E mit 
Tis, gegen P, welcher Num 20s— 11 durchweg i^c gebraucht: 

9 1 s. zu 1 28 : 9 2 erpap :?3 = Num 13 33 E gegen rfhö t:x v. 32 
P: 9 5 vgl. Gen 15 ig E : 9 8-21 25-29 = Ex 32 E : 9 22 n-U-r 
X um 11 1—3 E, niKnn tf-öf? Xum 11 34 J; wegen "" b. zu 6 ig: 

10 i_5 8—11 = Ex 33 u. 34 JE, v. s blickt wohl auf Ex 32 26-29 
E zurück: 10 22 = Gen 15-, E, 26 1 J : 11 6 nur Dathan und 
Abiram JE gegen Korah P: 11 21 s. zu 1t: 11 30 PPite ':px = 
Gen 12 g J. 

4. Das Resultat dieser Vergleichung ist ein ebenso be- 
stimmtes, wie überraschendes. Von gesetzlichen Stücken kennt 
und benutzt das Dtn sicher das sog. Bundesbuch Ex 21 — 23 
und die beiden Dekaloge Ex 20 2— 17 u. 34io— 26 — alles aus 
JE. Mit der priesterlichen Gesetzgebung P zeigt sich keine 
Bekanntschaft und keine Beeinflussung durch dieselbe: ent- 
weder das Dtn widerspricht den Bestimmungen von P direkt. 
oder wo sich Sachparallelen zeigen, wie namentlich zu Le\ 
17 — 25, ist die Ausdrucksweise eine so verschiedene, dass von 
einer literarischen Abhängigkeit des Dtn von P auch dann 
nicht die Rede sein könnte, wenn jene Gesetzgebungsich aus 
anderweitigen Gründen als älter erweisen Bollte. Zu dem näm- 
lichen Ergebnisse führen uns die historischen Stücke: auch 
hier durchweg Abhängigkeit von und engste 
Anlehnung an JE und von P keine Spur: wo beide 
Berichte etwa von einander abweichen, und sei es auch in ver- 
hältnismässig nebensächlichen Dingen, geht das Dtn stets mit 
JE gegen P. Nur drei Tunkte bietet das Dtn. für welche 
wir keine Parallelen aus .IE haben: 1 2:: die Zwölfzahl der 

Kundschafter = Num 132— 17 P: K> 22 dass Jakob mit 70 
Seelen nach A i ig \ | u ei i gezogen sei = Gen 46 27 Ex 1 5 P, und 
L0 i Schotendornholz als Material für die Lade = Ex 25 m P. 
Alier eine Lade kannte auch E Xum 10 33— 36 14 n, und die 
Lade von Ex 25 war schwerlich kurzweg als höfcerne Lade 
zu bezeichnen: die Siebenzigzahl der mit Jakob wandernden 
Sielen ist von P nicht frei erfunden, da er sie in Gen 46 8— 27 



s; IL] Das jahvistisch-elohistische Geschichtswerk. 4< 

nur mit Mühe und Not zusammenbringt, und das Zusammen- 
treffen mit P in der Zahl der ausgesandten Kundschafter wäre 
nur dann beweisend, wenn .IE eine andere als die Zwölfzahl 
überlieferte. Es handelt sieh also hierbei lediglich um Dinge, 
welche wir in dem uns jetzt erhaltenen Pentateuche nur bei 
P lesen, die aber JE durchaus nicht widersprechen und von 
denen sich nicht erweisen lüsst, dass sie in JE nicht auch ge- 
standen haben können; angesichts der erdrückenden Wucht 
des übrigen Tatbestandes müssen wir vielmehr schliessen, da-^ 
auch diese Angaben sich ursprünglich bei JE fanden und in 
dem uns vorliegenden Pentateuche bei der Zusammenarbeitung 
mit P gestrichen worden sind. Auf jeden Fall steht das Re- 
sultat über jedem Zweifel erhaben, dass das Dtn sowohl J wie 
E gekannt hat, und wir wenden uns jetzt zu der Betrachtung 
dieser beiden Quellenschriften. 

§ 11. Das jahvistisch-elohistische Geschichtswerk. 

1. Fragen wir den Inhalt jenes Werkes um Auskunft 
über die Zeit seiner Entstehung, so ergibt sich 
soviel klar, dass wir mit derselben nicht über die erste Königs- 
zeit hinaufkommen. Züge wie das Verhältnis der beiden Zwil- 
Hngsbrüder Esau und Jakob, welche recht eigentlich zur Sub- 
stanz und dem innersten Wesen der Urvätersage gehören, 
konnten sich erst unter oder seit der Regierung Davids bilden 
bezw. auf das historische Israel übertragen werden, wenn sie 
prähistorischen Ursprungs waren: die uns jetzt in J und E 
übereinstimmend gebotene Ausprägung und Gestalt der Ueber- 
licferung ist unmöglich älter als David, und da wir eine ge- 
wisse Zeit für die mündliche Ausbildung der Sage und ihr 
Einleben in dem Bewusstsein des Volkes in Anrechnung bringen 
müssen, ehe sie ihren literarischen Niederschlag in Werken 
von so klassischer Schönheit wie .1 finden konnte, so werden 
die ältesten uns erhaltenen schriftlichen Darstellungen der 



'» v 



ganzen Urgeschichte auch nicht gerade aus der allerersten Zeit 
nach David stammen. Den terminus ad quem bildet das Dtn, 
welches sowohl J wie E gekannt und benutzt hat. 

2. Um nun das absolute Alter jener beiden Quellenschrif- 
ten zu ermitteln, müssen wir erst sehen, ob es uns nicht ge- 
lingt, ihr relatives Alter festzustellen. Und das 
ist in der Tat möglich, wenn auch das sehr klar zu Tage lie- 



j.g Spezielle Einleitung. [§ 11. 

-ende Resultat noch nicht allseitig anerkannt wird. Die bei- 
den Schriften stehn sich einander sehr nahe, behandeln den 
nämlichen Stoff in wesentlich der nämlichen Weise, und bilden 
P gegenüber eine geschlossene Einheit. Aber doch zeigen sich 
im einzelnen Abweichungen und Verschiedenheiten, welche 
einen Schluss auf das relative Alter zulassen. Höchst lehr- 
reich ist gleich das Verhältnis der ersten zusammenhängenden 
Erzählung des E Gen 20 1— 17 zu der jahvistischen Parallele 
Gen 12 10— 20. Dort eine derb realistische, aUzumenschliehe Ge- 
schichte, bei E eine Legende, in welcher der ganze Wunder- 
apparat mit Traumgesichten und unmittelbarem göttlichen Ein- 
schreiten in Szene gesetzt wird, noch dazu bei einer Veran- 
lassung, wo es eigentlich sehr wenig angebracht ist. Ueber- 
haupt schiebt E an Stelle des rein menschlichen Pragmatis- 
mus von J gern übernatürliche Mittelursachen ein und gibt 
in Aeusserlichkeiten seiner Erzählung ein mehr religiöses Ge- 
präge: Abraham ist ein Prophet, der bei Gott Fürbitte tut 
Gen 20 7; schon Jakob sorgt für Abschaltung der fremden 
Götter seiner Krauen Gen 35 4; die Geburt des [saschar und 
Joseph, welche J mit den Liebesäpfeln Rubens in Verbindung 
bringt Gen 30 11— i6, ist bei E lediglich ein Werk der göttli- 
chen Gnade v. 17 is 22''* 23; der ausserordentliche .Herdenreich- 
tum Jakobs wird nach J durch die Manipulation mit den ge- 
schälten Stäben erzielt Gen 30 28— *s, während er nach E 31 
.j_i2 ein durch Engel gewirktes und im Traumgesichte geoffen- 
bartes Wunder ist; bei J Ex 34 1-27 hat Mose die zwei Ge- 
setzestafeln selbst gehauen und beschrieben, und dadurch wird 
das 40tägige Obenbleiben Moses motiviert, während er bei E 
:;i 18 die fertigen vom Finger Gottes geschriebenen Tafeln em- 
pfängt, su dass man den lOtägigen Aufenthalt nicht recht be- 
greift. Dass auch der Dekalog des .! in E\ :14 viel altertüm- 
licher ist, als der des E in Ex 20, braucht nur gesagt zu wer- 
den, um sofort einzuleuchten. Wenn ferner bei E Gen 21 17 
22 u die Engel vom Himmel herab mit den .Menschen reden, 
.,, ist auch dies eine jüngere und fortgeschrittenere Stufe der 
religiösen Reflexion gegen J, bei welchem die Engel in Men- 
schengestalt auf Erden wandeln und reden und handeln wie 
Menschen Gen L67 18—1!» Num 22 2 *-34; auch u.n Jahve 
-lbst redet .1 anthropomorphisch und anthropopathisch in einer 
Weise, wie nur <lie völligste religiöse Naivetät sie geben kann, 



§ 11-] Das jahvistisck-elohistische Geschichtswerk. 49 

während es ein Zeichen von theologischer Spekulation ist, wenn 
bei E Ex 3 is— 15 der Gottesname rrtiv erst dem Mose geoffen- 
bart wird, welchen J ganz harmlos von Anfang an gebraucht 
So können wir uns denn nur mit WellhaüSEX, HSCHULTZ, 
EMeyer, Stade, Kuenen, Holzinger, Wildeboer, Kautzsch 
und Gunkel dafür entscheiden, J für den relativ älteren zu 
halten, womit nicht geleugnet werden soll, dass auch die Ueber- 
lieferung des E sehr viel Altertümliches und Urwüchsiges 
bietet. 

Das e 1 h i s t i s c h e Werk. 

3. Wir unterziehen zunächst das jüngere einer eingehen- 
den Betrachtung, um so für das ältere den ungefähren ter- 
minus ad quem zu erhalten. Bei diesem Werke ist zuvörderst 
allgemein zugestanden, dass es aus dem Nordreiche stammt 
und sein Verfasser ein Ephraimit war. Joseph ist 
ihm der königliche unter den Brüdern, der Liebling des Va- 
ters und Jahves; neben Joseph erscheint Ruhen, nicht Jud;i. 
als Stimmführer der Brüder; die altheiligen Stätten Josephs, 
Bethel, Sichern und das besonders von Nordisraeliten als Wall- 
fahrtsort viel besuchte Beerseba (Am 5 5 8 14 I Reg 19 a) sind 
die Mittelpunkte und Hauptschauplätze seiner Erzählungen; 
in direktem Gegensatze zu J verlegt er Abraham nicht nach dem 
spezitisch judäischen resp. kalibbäischen Hebron, sondern nach 
Beerseba, und das gilt auch für Jakob, falls Gen 37 1.1 in 
dieser Gestalt von J herrührt. Ephraim ist der wahre Erbe' 
der Verheissungen und 'Praerogative Josephs, der Ephraimit 
Josua von Anfang an Moses Diener und Begleiter; die Gräber 
der Debora und Rahe], das Josephs (und Josuas, wie wir hier 
schon hinzufügen können) als altehrwürdige Kultstätten erwähn! 
er allein, und die Art, wie er im Gegensatze gegen J die Bun- 
desschliessung /.wischen Laban und Jakob darstellt, weist deut- 
lich auf die Kämpfe des Reiches Israel mit dvn Damascenern 
hin. Gehört also zugestandenermassen E dem Nordreiche an, 
so haben wir für ihn als terminus ad quem das Jahr 722, und 
die ganze Art seiner Darstellung, das kräftige nationale Hoch- 
gefühl und die naive, durch keinen Seitenblick getrübte, Freude 
an der Herrlichkeit Josephs und seines Reiches müssen uns 

Grcradriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Ami. 4 



50 Spezielle Einleitung. [§11. 

dazu führen, dies grosse Geschichtswerk als in einer relativ 
glücklichen Zeit des Reiches Israel entstanden zu denken. Da 
nun die deutlich wahrnehmbare Beeinflussung durch prophe- 
tische Ideen uns doch in eine Zeit weist, wo die.se geistige 
Erscheinung in Israel bereits eine Lebensmacht geworden war, 
und da wir ferner, eben weil die Darstellung des E nicht die 
allerälteste ist, nicht zu weit hinaufgehn dürfen, so vereinigen 
sich alle diese Erwägungen auf die letzte glorreiche Zeit Is- 
raels unter der langen und glänzenden Regierung Jerobeams 
II, d. h. ca. 750, wie auch Stade und KuENEN sich überein- 
stimmend entscheiden. 

4. Aber bei diesem Werke muss noch die Frage erledigt 
werden, ob wir in ihm eine 1 i t e r a r i s ch e E3 in h e i t 
haben. Es ist KüENENS Verdienst, dieses Problem zuerst 
für den Gesamtumfang von E aufgeworfen und im einzelnen 
verfolgt zu haben: er kommt dabei § 13 2.-. u. 26 zu dem Re- 
sultate, dass im 7. Jahrhundert von E eine Ausgabe für Juda, 
E 2 , hergestellt wurde, weil die Grundgestalt des Werkes, E 1 , 
auf die Dauer die dort vorhandenen und allmählich veränderten 
Bedürfnisse nicht befriedigen konnte. Dass dies E a von ju- 
däischer Seite angefertigt wurde, braucht nicht gerade ange- 
nommen zu werden, da 1'22 nicht ganz Ephraim ins Exil ge- 
führt wurde und da nichts zu der Annahme nötigt, als sei 
unter den im Lande Zurückgebliebenen alles geistige Leben 
vollkommen erloschen : ich möchte es für natürlicher halten, 
die Entstehung von E a vielmehr in diesen Kreisen zu suchen. 
Zunächst reklamiert Kuenen für E 2 den ganzen ersten De- 
kalog mit den zu ihm gehörenden und auf ihn sich beziehen- 
den Teilen der Geschichtserzählung in Ex L9 — 24 und die da- 
mit untrennbar verbundene Geschichte vom goldenen Kalbe 
Es 32 i — .".:'. ... Man bat auszugehn von letzterer. In dieser Er- 
zählung liegl offenbar eine durch .Muse selbsl gegebene pro- 
phetische Verwerfung des Kultus Ephraims, der „Kälber von 
Dan und Betliel" vor: das können wir aber bei dem nämlichen 
Erzähler nicht erwarten, d^r mit solch heiliger Freude von 
den Gotteserscheinungen an jenen altehrwürdigen, später von 
den Propheten verpönten Stätten beliebtet, der namentlich die 
Stiftung des Heiligtums zu Bethel auf eine glänzende Theo- 
phanie zurückführt und in Bethel offenbar das eigentliche Zen- 
tralheiligtum Jakobs erkennt, dem ganz Israel den Zehnten 



§ 11.] Das jahvistisch-elohistische Geschichtswerk. 51 

viiii allem dem schuldig ist, was Jahve ihm gibt. Sind vollends 
die Worte Ex 32 84 b eine Hinweisung auf das assyrische Exil 
als Strafe für den Kälberdienst Samariens, so müs>te wenig- 
stens dieser Eine Zug einer Ueberarbeitung angehören, welch»' 
jünger wäre als 722. Dass die Erzählung vom goldenen Kalbe 
mit der Gesetzgebung des ersten Dekalogs in untrennbarem 
Zusammenhange steht, liegt auf der Hand, und dann könnte 
auch dieser nicht E 1 angehören: wenn wir erwägen, class keiner 
der älteren gegen den Bilderdienst eifernden Propheten sich 
auf den Dekalog beruft, und dass die einzige Spur einer Be- 
kanntschaft mit diesem Dekaloge in der älteren Literatur Hos 
4 a wegen der abweichenden Anordnung und Bezeichnung der 
Sünden nichts beweist, werden wir die Annahme KüENENs 
nicht für unbegründet erklären können. Dazu kommen noch 
andere Kriterien. Dass das Aufbrechen vom Horeb nach dem 
verheissenen Lande eine Strafe und das Heiligtum der Lade 
ein Ersatz dafür sei, dass Israel für die reine Gotteserkenntnis 
des Dekalogs noch nicht reif war, kann nie und nimmer die 
.Meinung der ursprünglichen Ueberlieferung gewesen sein, welche 
in der Lade das sichtbare Unterpfand der helfenden Gnaden- 
gegenwart Jahves und in der Führung nach Kanaan eine Wohl- 
tat des wundermächtigen Volksgottes erkennt. Durch Zuwei- 
sung dieser Erzählungsstücke an E - gewinnen wir noch den 
Vorteil, dass die höchst eigenartigen und altertümlichen Frag- 
mente Ex 24 i—2 u. s»—ii. hei welchen alle Zeichen für E spre- 
chen, die aber in der gegenwärtigen Gesetzgebungsgeschichte 
schlechterdings nicht unterzubringen sind, nun für E 1 bleiben; 
sie und Ex 33 t— n und vielleicht noch 19 13'' sind die ein- 
zigen uns erhaltenen Stücke von E ' in Ex 19 — 34. Doch 
nimmt Staerk auch für E ' einen Dekalog als Horeboffenba- 
rung an, und glaubt, diesen in Ex 22 27— 28 23 u— le 10—12 er- 
kennen zu dürfen, während OMEISNER (Der Dekalog. Di^>. 
1893) die Horebdebarini des E' in Ex 23 14—19 sucht : cf. hier- 
über auch § 13s. Weiterhin weist KüENEN ZU E 2 Xuin 11 11 
io_i7 94 b _so und Kap. 12 in seiner jetzigen Gestalt. Die Er- 
zählung Xum 11 11 ff. steht mit ihrer nächsten Umgebung in 
gar keinem Zusammenhange und ausserdem macht ihr Ver- 
hältnis zu Ex 18 grosse Schwierigkeiten, um so grössere, wenn, 
wie aus Dtn 1 hervorzugehn scheint. Ex 18, dessen \. .-, uns 
hinter 19 2 '' versetzt, ursprünglich bei dem Aufbruche vom 

4* 



52 Spezielle Einleitung. [§ 11. 

Horeb, also fast genau an der Stelle von Num 11 gestanden 
hat. Die 70 Aeltesten stammen aus Ex 24 1—2 9—11 E 1 und 
auch die Anlehnung an Ex 18 ist deutlich, vgl. Num 11 14 
mit Ex 18is b 22 h . Wir haben also in Num 11 u 11*. eine spe- 
zilisch prophetische Parallelerzählung zu oder vielmehr Um- 
deutung von Ex 18 E 1 , durch welche Annahme alle Schwie- 
rigkeiten sich lösen. Auch Num 12 ist keine einheitliche Er- 
zählung. Nachdem Mirjam und Aaron dem Mose Vorwürfe 
gemacht haben wegen des kuschitischen Weibes, welches er 
genommen halle, erwartet man nicht eine Auseinandersetzung 
darüber, oh nur Mose prophetischen Geist besitze : die Verse 
2 _8 sind also auch auf E 2 zurückzuführen und wir haben in 
ihnen und Num 11 11 ff. „zwei unter einander verwandte Stu- 
dien über den Prophetismus". Ferner weist KUENEN wenig- 
stens als Erweiterung vonE 1 , wenn auch vielleicht nicht von 
E 2 herrührend, das Stück Num 21 32— :\r, nach, welches schon 
Wellhausen als „späteren Anhang" erkannt hatte: es ist 
erwachsen auf Grund der Anschauung, dass das ganze Ost- 
jordanland bereits von Mose erobert worden sei. während es 
sieh bei E 1 nur um die Stämme Rüben und Gad handelte cf. 
§ 14 2. Ich möchte für E 2 noch in Anspruch nehmen die 
von E herstammende (ZaW 11 1 ff. 1891) Gestalt der Erzäh- 
lung Gen M. Dieselbe lässl sich schwer in Einklang bringen 
mit Gen 4821—22 (sicher E 1 ), und andrerseits hatte gerade 
für die nicht weggeführten Nordisraeliten, deren Land von 
fremden Kolonisten überschwemmt war, die Präge wegen des 
Zusammenlebens und Connubiunis von Israeliten und Heiden 
eine grosse praktische Bedeutung. Man fühlt sich versucht, 
trotz dos 24 2 auch Gen :>öi — 1 von E a herzuleiten, da es 
schwerlich dem ursprünglichen Charakter der Ueberlieferung 
entspricht, sich die Krauen Jakobs, die doch auch hei E 
Kap. 30 ihren Söhnen Namen geben, wie echte fromme Israe- 
litinnen, als förmliche Heidinnen vorzustellen: es ist dies eine 
gelehrte Reflexion, die ganz auf faner Stufe mit Labans Fremd- 
sprachlichkeil Kap. 31 17 steht. Zu diesen Resultaten stimmt 
es. wenn Lagahdb (Mitteil. 3 286— m) auf Grund des durch- 
gängigen Gebrauches von d\t?k und der in (Jen 41 vorkom- 
menden ägyptischen Namen behauptet, dass E ..in das siebende 
Jahrhundert" gehört und ein Zeitgenosse Psametichs 1 664—610 
war — die Josephsgeschichte wäre dann auch von E 2 Über- 



§ 11.] Das jahvistisch-elohistische Geschichtswerk. 53 

arbeitet. Wir erhalten sonach das Resultat, dassE 3 zur Zeit 
Jerobeams II ca. 750 geschrieben ist und etwa ein Jahrhun- 
dert später entweder von einem Judäer oder von einem im 
Lande zurückgebliebener! Nordisraeliten auf Grund der durch 
die grossen schriftstellernden Propheten gebrachten Weiterbil- 
dung der theologischen Anschauungen überarbeitet wurde. 

Das jahvistische W e rk. 

EScheadeb Studien 1863 (§ 64). EMeyf.e ZaW Im ff. 1881, 5 36 ff. 
1885. KßüDDB Die biblische Urgeschichte 1883. CBruston Les (jualre 
SOUrces des lois de VExode in Revue de theol. et phil. 1883 und Les deitx 
Jehovistes ebenda 1885. BStade Das Kainszeichen , ZaW 14 23 off. 1894 
und Der Turmbau zu Babel 15 157 ff. 1895. 

5. Bei diesem ist zunächst die Herkunft strittig. 
Männer von der Bedeutung eines Schrader, Keuss und KüE- 
NEN weisen, wie E, so auch J dem Nordreiche zu; mir scheint 
die von Ewald, Dillmann, Wellhausen, EMeyer, Stade, 
Budde, Kittel, Driver, Holzinger, Gunkel und Baudissin 
vertretene Meinung, dass er vielmehr dem Reiche Juda ange- 
hört habe, vorzuziehen. Wenn er in merklichem Gegensatze 
zu E Abraham, und vielleicht auch Jakob, in Hebron anstatt 
Beerseba wohnen lässt; wenn in der Josephsgeschichte Juda, 
und nicht Rüben als Wortführer der Brüder auftritt: wenn 
die wie es scheint spezifisch nordisraelitische Figur des Aaron 
di.>er Quellenschrift völlig fremd ist : wenn der Ephraimit 
Josua in ihr so zurücktritt, dass Kritiker wie EMeyeb und 
Stade ihn J gänzlich absprechen konnten: so scheint das alles 
doch auf judäischen Ursprung dieser Quellenschrift zu deuten. 
Die auch bei ,1 durchschimmernde ephraimitische Heimat der 
hauptsächlichsten Patriarchenerzählungen ist nicht etwa ten- 
denziös von ihm erst eingetragen, sondern der CJeberlieferung 
an sich eigen, und ein Stück wie Gen :>.s nicht geschrieben, 
um .Juda zu verhöhnen (Keuss), sondern aus speziellem Inter- 
esse an diesem Stamme. 

6. Ehe wir uns an die Bestimmung des Alters von J ma- 
chen, muss auch hier erst die Präge nach der Literari- 
schen Einheit desselben beantwortet werden. Di»' Unter- 
suchungen hierüber sind noch im Flusse: doch dürfte, trotz 
OGruppe (ZaW s 1;: -, ff. 1889), so viel bereits fest stehn, dass 
die Frage, ob -I eine literarische Einheil sei, unbedingt zu ver- 



54 Spezielle Einleitung. [§ 11. 

neinen ist. Die ersten Anstösse gingen aus von der biblischen 
Urgeschichte: hier bemerkten Scheader und Wellhai sex 
Widersprüche, Avelche das Festhalten der literarischen Einheit 
unmöglich machten. Gen 4 k; Ij steht in schneidendem Kontraste 
mit den unmittelbar vorhergehenden Versen u— i6 a und diese 
in einem eben so grellen mit 3 n, da dem Kain hier das Auf- 
hören dessen als Strafe angedroht wird, was nach 3 17 ein 
Fluch für die Menschheit ist; die unzweifelhaften Parallel- 
stellen 4 7 u. 3 16, 4 is u. 4 24 machen nicht den Eindruck freier 
Selbstreproduktion des nämlichen Schriftstellers, sondern viel- 
mehr den der Nachahmung; 4 21; kann nicht ein Autor ge- 
schrieben haben, der schon 4i den Namen Jahve unbedenk- 
lich gebrauchen lässt ; 11 4— 9 vertrügt sich nicht mit 9i9, wo 
als ein selbstverständlicher Naturprozess erscheint, was jene 
Stelle nur als Folge eines besondern Strafeinschreitens Jahves 
begreifen kann; der Noah von 920—27, der Vater der drei 
Sühne Sem, Japhet und Kanaan d. h. der Stammvater dreier 
bestimmten Einzelvölker, ist nicht der Noah von 9i8— 19, durch 
die drei Söhne Sem, Harn und Japhet Stammvater ilcv gesam- 
ten nachflutlichen Menschheit. Und das bringt uns auf den 
wichtigsten und am tiefsten einschneidenden Unterschied in der 
Urgeschichte: wir haben in ihr noch deutliche Spuren einer 
Ueberlieferung, welche von der Sündflut nichts weiss, welche 
die drei Stände (\<'i gesamten Menschheit von den Söhnen La- 
mechs herleitet 420—22, welche alle D^BS, auch die in histo- 
rischer Zeit noch vorhandenen Num 13 33, auf die Ehen der 
Gottessöhne mit den Menschentöchtern zurückführt 64. Da 
alle angefühlten Stücke unzweifelhaft jahvistisch sind, während 
von E sieh nirgends eine Spur findet, dieser Erzähler vielmehr 
gar keine Urgeschichte gehabt zu haben scheint, so bleibt nichts 
anderes übrig, als die Einheitlichkeil von J preiszugeben. 

7. Die Entstehung der uns gegenwärtig vorliegenden Ur- 
geschichte in dieser Quellenschrift hat. die Untersuchungen 
Sein; U)ERs und W'ei .1.11 \i SEN8 aufnehmend und weiterführend, 

am eingehendsten Budde behandelt und ist dabei zur Unter- 
scheidung von drei Schichten gekommen. Die älteste und ur- 
sprünglichste, .1 ', umfa88l Gen 2V-» 9*« 17*18111*20*22—25 

3 1—19 21 G 3 3 28 4 1* 2 b ß 16 b IT* 18—21 22* 23—21 G 1 2* 1* 10 y* 
11 1—9 ... 9 20* 21 22* 23-2.", »6* 27. Sie weiss VOn einer Sülld- 
tlut nicht- und betrachtet Kain als den Stammvater ilcv nach- 



§ 11.] Das jahvistisch-elohistische Geschichtswerk. 55 

paradiesischen Menschheit; Noah ist in ihr der Ahnherr Israels 
und der ihm zunächst stammverwandten Phönizier und Ka- 
naanäer. -I 1 zur Seite tritt eine jüngere Relation J 2 , z. T. 
nur fragmentarisch erhalten. In ihrem Mittelpunkte steht die 
Sündflut. Ihr ist Seth der einzige Sohn der Protoplasten und 
Seths Abkömmling im neunten Gliede Noah, welcher hier als 
Held der Sündflut und als Stammvater der nachflutlichen 
Menschheit erscheint: diese wird verzeichnet in einer Yölker- 
tal'el. Eine siehengliedrige Genealogie führt dann von Sem 
auf Terah, den Vater Abrahams. Eine jüngere Hand J 3 hat 
diese beiden Schichten zusammengearbeitet und harmonistisch 
ausgeglichen: er hat selbständig gestaltet die Erzählung von 
Kains Brudermord als Klammer, durch welche die Kainiten- 
tafel des J 1 und die Sethitentafel des J 2 aneinander geschlos- 
sen werden sollten. Die Paradiesesgeschichte zeigt einige Er- 
weiterungen, welche nicht auf J 3 zurückgeführt werden kön- 
nen, alter Neubildungen aus der jahvistisehen Schule selbst 
sind. Diese überaus scharfsinnigen und glänzend durchge- 
führten Aufstellungen Buddes haben lebhafte Zustimmung ge- 
funden und man konnte schon hoffen, dass das Problem der 
Entstehung von J damit wirklich gelöst sei, bis Stade mit 
einer sehr abweichenden Ansicht hervortrat. Auch STADE er- 
kennt in der jahvistisehen Erzählung von der Urgeschichte der 
Menschheit drei Schichten an, bestimmt alter dieselben und 
ihr Verhältnis zu einander ganz anders als Budde. Nach 
Stade bilden Kap. 2 3 11 1—9 die eine Schicht. ..Wir haben, 
hier Mythen vor uns, die aus Babylonien und Assyrien nach 
Palästina gewandert und in den jahvistisehen Sagenkreis auf- 
genommen worden sind.- Die andere Schicht besteht aus 42:, f. 
iT Ü'. (aber ohne das Laniechlied) 9 20 ff. und vielleicht 10 und 
auch dem Torso 61—2. Sie gibt tun Verzeichnis der ersten 
Menschen bis auf Noah und zwar als Sethitentafel. ferner der 
von Noah abstammenden palästinischen Menschheit. Sie nimmt 
ihren Standpunkt überall und durchaus in Palästina und macht 
den altertümlichsten Eindruck unter dem gesamten jahvisti- 
sehen Stoffe vor Kap. 12. Die dritte Schicht bilden die jah- 
vistisehen Botandteile des Sündflutmythus. Diese dritte Schicht 
wurde durch einen Redaktor in das schon aus den vereinigten 
beiden ersten bestehende jahvistische Buch eingearbeitet und 
letzteres hierbei wesentlich umgestaltet. Der nämliche Redaktor 



56 Spezielle Einleitung. [§ 11. 



hat eingesetzt die Geschichte von Kain und Ahel und wahr- 
scheinlich auch das Lamechlied. In der Geschichte von Kain 
und Ahel sieht Stade echte Volkssage, ein naturwüchsiges 
Erzeugnis volkstümlicher Betrachtung der Dinge: der Kain 
hier ist, wie schon Ewald vermutet hatte, Repräsentant des 
in der Wüste südlich von Israel hausenden Xomadenstammes 
der Keniter. Wieder eine andere Lösung des Prohlems gibt 
GüXKEL. Er weist auch in den bisher für durchaus einheit- 
lich gehaltenen Erzählungen vom Paradies und Turmbau, so- 
wie in der jahvistischen Völkertafel einen doppelten Faden 
nach und kommt so zu zwei jahvistischen Urgeschichten, deren 
eine aus Stücken der Paradieseserzählung, Seths Stammbaum, 
Noahs Weinbau, einer Völkertafel mit Kanaan, Japhet und 
Sem, und Stücken der Turmbausage besteht: die andere 
aus Stücken der Paradieseserzählung, Kains Stammbaum, 
Engelehen, Sündflut, einer Völkertafel mit Sem. Harn, Japhet 
und Stücken der Turmbausage. Die Erzählung von Kains 
Brudermord scheint keiner der beiden Quellen anzugehören, 
sondern erst durch den Sammler dem Ganzen eingefügt zu 
sein: sie i->t uralte Sage, aber ihr Kain schwerlich Repräsen- 
tant der Keniter. Gunkel geht bei seinen Untersuchungen 
von dem gewiss richtigen Gesichtspunkt aus, ..dass in der 
mündlichen Tradition und letztlich auch in den Sammlungen 
jede einzelne Saue auf eigenen Küssen steht, also sachliche 
Widersprüche nicht ohne weiteres für verschiedene Quellen 
beweisen". 

8. Ausserhalb der Urgeschichte glaubte man bis- 
her hei .1 nur sekundäre Bestandteile im allgemeinen anneh- 
men zu sollen: GüNKEL hal jedoch auch durch die ganze 
Abrahamsgeschichte einen doppelten jahvistischen Faden nach- 
gewiesen, und in der Josephsgeschichte stehn die zweifellos jah- 
vistischen Stücke 38 u. 4i) ebenfalls ausserhalb des Rahmens. 
Ais keiner der beiden Hauptschichten angehörig werden aus- 
zuheben sein: 13 u i: 18 17—10 2>— 33", in 1!> Lots Weib und das 
Zoarintermezzo, 22 20— 24 25 1. .; 26 s b — 5 (hier jedoch deutliche 
Spuren deuteronomistischer A.usdrucksweise, so dass wir kein 
rein jahvistischen Stück haben) 32 10— 13 u. 36, soweit nicht zu 
1' gehörend, namentlich die wichtige Perikope 31 ■■■■■<• In Ex 
und Xuni sind rein mnerj ah vistische Nachtriebe bis jetzt nicht 
sicher aufgezeigt. — Die Vereinigung dieser jahvistischen 



§ 12.] Die priesterliche Schrift. 57 

Schichten zu dem gegenwärtigen J ist wohl als „innerjahvisti- 
scher" Vorgang anzusehen, welcher vor der Zusammenarheitung 
von .J mit andern pentateuchischen Quellen liegt: ausserhalb 
der Urgeschichte bietet die Einfügung von 12 10— 20 in den Zu- 
sammenhang der Erzählung 12—13 ein besonders augenfälliges 
und charakteristisches Beispiel dieser redigierenden Tätigkeit. 
9. Was die Entstehungszeit von J betrifft, so ha- 
ben wir auch für die älteste Schicht durch Gen 9 20 einen ab- 
solut sicheren terminus a 4110 : dieser Spruch konnte erst un- 
ter resp. seit der Regierung Salomos auf das historische Israel 
und die historischen Kanaanäer angewendet werden. Der ter- 
minus ad quem ist durch die Entstehungszeit von E ca. 750 
geben. War J ein Judäer, so wird sich für ihn auf Grund 
analoger Erwägungen, wie die welche uns E unter Jerobeam II 
anzusetzen bewogen, am ehesten die Regierung Josaphats d.h. 
ca. 850 ergeben: auch die damaligen guten Beziehungen zwi- 
schen -Inda und Israel wären ein sehr wesentliches Moment. 
Gen 27 ±o h bildet keine Gegeninstanz. Denn einmal ist in Gen 
27 eine bis ins einzelne sichere Quellenscheidung überhaupt 
nicht möglich, und dann machen die fraglichen Worte durch- 
aus den Eindruck eines späteren prosaischen Zusatzes. Bei 
der jüngeren Schicht von J wird es vorsichtiger sein, auf eine 
chronologische Fixierung überhaupt zu verzichten. Als Zeit- 
grenze nach unten für rein jahvistische Nachtriebe und Wu- 
cherungen haben wir das Dtn, dessen Einfluss kein nach ihm 
schreibender Autor verleugnen kann. Also zwischen 850 u. 
625 ist J entstanden. 

§ 12. Die priesterliche Schrift. 

ThNoi.di.kk Biehe § G 1. FWLGeobge Die älteren jüdischen Feste 
mit einer Kritik der Gesetzgebung iles Pentateuchs 1835. Vatki: § 2 

.1' undKAYSEB § 2 7 . Wbllhausen §§ 2 7 64. Realkritisch: JWCo- 
lenso Pentateuch and Book of Joshua eritieally examined 7 Bde. 1861— 
l v 7'.». - Religionsgeschichtlich: RSmexd Lehrbuch der ATlichen Religions- 
geschichte M899 § 17 und 42. — Spr: uichtlich: FGiesebbecht Der 
Sprachgebrauch des hexateuchischen Elohisten, ZaW l 177 ff. 1881. An.; 
Resultate bei \ Rtssel De Elohistae Pentateuchici sermone Diss. 1878 und 
SRDbiveb On sotne aüeged Linguistic affinities of the Elohist, Journal 
of Pbilology 11 so« ff, 1882. — Wissenschaftliche Gegner der „modern- 
kritischen" Anschauung ausser den § •_' : aufgeführten Einleitungswerken: 
DHoffmaxx in einer Reihe von Aufsätzen im Magazin für die Wissen- 
schaft des Judentums 1879 u. 1880. ADillma.w § 5, besonders: Num, 



58 Spezielle Einleitung. [§ 12. 

Dtn und Jos 1886 593—690. FDelitzsch Pentateuchhrittsche Studien. 12 
Aufsätze in ZWL 1 (1880) und Urmosaischßs im Pentateuch. Sechs Auf- 
sätze ebenda 3 (1882). KBbedenkamp Gesetz und Propheten 1881. ECBis- 
sell The Pentateuch, its origine and structure etc. 1885. WHGrkkn The 
Hebrew feasts etc. 1885 und The higher criäcism of the Pentateuch 1895. 
RKittel § 5. WWBauuissix Die Geschichte des ATlichen Priestertums 
1889. AKlostebmann § 6 5 . JHau:\y Recherches bibliques 2 Bdd. 1895. 
1901. AvanHoonackee Le sacerdoce levitique dans la loi 1899. RSchae- 
fkb Das Passah-Mazzoth-Fest etc. 1900. — Ueber FHommel Die Altisrae- 
li tische Ueberlieferung in inschriftlicher Beleuchtung 1897 vgl. das Vorwort. 

1. Scharf und deutlich hebt sich von allen übrigen Quellen- 
schriften P ab. Ueber das, was ihr angehört, kann in 
der Mehrzahl der Fälle ein ernstlicher Zweifel gar nicht auf- 
kommen: Stil und Ausdrucksweise, Sprachgebrauch und Ideen 
sind überall so die nämlichen, denselben Interessen dienend 
und denselben Zielen zusteuernd, mag es sich um einfache Ge- 
schichtserzählung oder um Abschnitte rein gesetzlichen Cha- 
rakters handeln, dass wir den Eindruck einer völligen Einheit 
empfangen. Aber bei genauerem Zusehen wird es sich er- 
geben, dass wir n u r g e i st i g e Einheitlichkeit, nicht 
literarische Ei n h e i t haben ; gerade die Entstehungs- 
geschichte von P ist ganz besonders kompliziert. Die ein- 
schneidenden Untersuchungen Wellhausens und Kuenens 
haben ergeben, dass im Anschlüsse an ältere priesterliche Auf- 
zeichnungen |I M bei KüENEN, I"' hei HOLZINGER) eine grös- 
sere zusammenhängende priesterliche Schrift teils erzählenden, 
teils legislatorischen Inhalts verfassl wurde, welch.' den Kern 
und das Knochengerüst von 1' bildet (P 2 Küenen, P« Hol- 

ZINGEB). Um diesen Kern haben sich dann jüngere Nach- 
i riebe angesetzt und fortgewuchert, P 2 teils ergänzend, teils 
berichtigend; i'i'w diese jüngeren und jüngsten Bestandteile 
möchte ich die Gesamtbezeichnung P* vorschlagen ilhu.xix- 
gek P B ), da die Scheidung in etwa P 8 I" P 6 aussichtslos und 
undurchführbar ist. Die Kriterien zur Scheidung des Kernes 
und der Nachtriebe sind die nämlichen wie sonst: Wider- 
sprüche und Unbegreiflichkeiten in der Komposition. Wenn 
Ex 29 7 29 Lev 4 s 5 ig 6 is 15 8 12 16 32 21 10 L2 Num 35 25 nur 
Aaron und der jeweilige Hohepriester, nach Kx 284: 30. ™ 40 15 
Lev 7 86 10 1 Num 3 s dagegen sämtliche Priester gesalbt wer- 
den; wenn nach X um 4 :: ff. die Leviten mit 30, nach 821 da- 
gegen schon mit 25 Jahren tempeldienstpflichtig sind; wenn 



§ 12.] Die priesterliche Schrift. 59 

Lev 4 .; — 7 bei einer Versündigung des Hohenpriesters (und 
v. 17 ebenso der ganzen Gemeinde) vom Blute des Sündopfers 
siebenmal au den Vorhang im Heiligen gesprengt werden soll, 
Ex 29 12 Lev 8 15 9 9 dagegen an die Hörner des Brandopfer- 
altars: wenn für eine Versündigung der ganzen Gemeinde Lev 
4 14 ein Farren, Lev 9 3 Num 15 24 dagegen nur ein Ziegen- 
bock als Sündopfer gefordert wird; wenn Ex 27 — 29 und 
Lev 8 — 9 nur den Brandopferaltar als nSTön schlechthin kennt 
und Lev 10 u. 16 Num 16 u. 17 das Räucheropfer auf Pfan- 
nen dargebracht wird, während Ex 30 1—10 plötzlich ein gol- 
dener Räucheraltar erscheint und in Ex 35—40 ein nbvrt pistö 

7 T - : • 

und rnbjsn 'ü unterschieden werden : so ist dadurch die litera- 
rische Einheit von P unmöglich gemacht. Auch Erscheinungen 
wie das Eindringen von Lev 1 — 7 zwischen Ex 40 und Lev 8, 
von Lev 11 — 15 zwischen 10 u. 16, die Stellung von Stücken 
wie Num 15 u. 19, 28—30 Hessen sich bei einem planvoll und 
zusammenhängend schreibenden Autor schwer begreifen. 

2. Ich gebe jetzt eine Uebersicht von P x . In der Gene- 
sis gehört dazu 46 s— 27, ein in sich selbst nicht einheitlicher, 
mühsamer Versuch, die Ex 1 5 P 2 erwähnten 70 Seelen mit 
Namen zu nennen, der zudem nur stimmt, wenn man gegen v. s 
Dina mitrechnet und gegen Wortlaut und Sinn von Ex 1 .-, 
Jakob selbst mit zu den a,w fj; 'Kr zählt. Im Exodus sind 
-: 613— 30. Die unmittelbare Fortsetzung von 612 ist 7i. 
Die aus Num 26 entlehnte, mit Zusätzen nach Art der Chro- 
nik verbrämte Genealogie, die zudem nur sehr plump einge- 
fügt ist, soll auf Aaron vorbereiten, welcher 7 1 plötzlich er- 
scheint. — 12 14- 2M u. 48— 50 ein Herausfallen aus der histori- 
schen Situation des Moments, wie es der ursprünglichen Kon- 
zeption nicht zuzutrauen ist. — 2841 sieher. weil hier Aaron 
und seine Söhne gesalbt werden sollen: ausserdem sind in 25 
— 29 auch 27 20-21 28 41—48 29 21 27— 30 86— 42 (über 38 — 12 cf. 
§ N. 12 ( für P in Anspruch zu nehmen. — 30 u. 31 ganz. 
30 1—10 Räucheraltar, n — ig Hinweis auf Num 1, 22 — 33 Aaron 
und seine Söhne gesalbt; 17—21 u. 34—38 ..wird durch ihre Um- 
gebung präjudiziell;". 31 1— n setzt 25— 29 + 30 voraus; mit 
ihm steht 12—17, welches auch sprachlich Auffallendes bietet, 
in Zusammenhang, indem der ursprüngliche Sinn ist, dass auch 
die Arbeit an der Stiftshütte durch Sabbatruhe unterbrochen 
werden soll. — 34 29—35 nach KUENEN, 32—35 nach BAENTSCH. 



60 Spezielle Einleitung. [^ 12. 

Kap. 35 — 40 ganz. Die Kapitel setzen 25 — 31 als völlige Ein- 
heit voraus: zudem hat der griechische Text eine vielfach ab- 
weichende Anordnung, lässt 37 25—29 ganz aus und ist von an- 
derer Hand übersetzt. — Im Leviticus stehn gleich 1 — 7 an 
durchaus unpassender Stelle, wie bereits bemerkt wurde. Auch 
hier lässt sich der Grund der Einsetzung leicht erkennen. In 
8 u. 9 werden bei Gelegenheit der Weihe Aarons und der 
Stiftshütte Opferhandlungen vollzogen: da schien es passend, 
erst eine Opferthora voraufgehn zu lassen. Diese Opferthora 
hat wohl ursprünglich ein .selbständiges Corpus gebildet, wel- 
ches aber auch nicht auf einmal entstand und von Einer Hand 
niedergeschrieben ist: 1 — 5 steht 6 — 7 gegenüber, welches die 
nämliche Materie vielfach anders behandelt. Und auch beide 
Einzelgruppen sind nicht einheitlich: Kap. 2, wo i— 10 13—17 
die singularische Anrede auffällt, hat ursprünglich zweifellos 
hinter 3 gestanden; in 4— 5, welches ganz neu anhebt, bilden 
01— 1; u. 15—16 21— 2g mit ihrer klaren Definition und reinlichen 
Scheidung von Sund- und Schuldopfer den ältesten Kern. In 
6 — 7 sind 612—16 u. 722—27 sicher sekundär: im übrigeD 
scheinen sich Bestimmungen über die Priesteranteile von all- 
gemeinen Opfervorschriften abzuheben. Ueber das Verhältnis 
dieser einzelnen Bestandteile zu P s lässl sich nichts Sicheres 
sagen: als Ganzes gehören 1 — 7 zweifellos zu P x , denn 4 
kennt v. 7 u. 18 den Räucheraltar und steigert (cf. § N. 1) die 
Forderungen von P 2 , und 6i i'W setzt dieAbendola Es 29s8ff. 
voraus. — Auch Kap. 8 hat als überarbeitet zu gelten: denn 
eine Salbung der Hütte und der Gerätschaften v. 10— n war 
in Ex 2!» nicht geboten, und die Ausführung der Opfer v. ie 
211 26 schliesst sich in Spezialbestimmungen an 1 — 7 gegen Ex 
29 an. In Kap. 10 zeig! 6 7 Aaron und seine Söhne gesalbt, 
s_ii eine sehr seltene Einleitungsformel, 16— ao endlich eine 
Korrektur von 9is auf Grund von 4is kombiniert mit 62s. 
Ueber 11- 15 ist ähnlich zu urteilen, wie über 1 — 7. Sie 
reissen 1<> u. 16 auseinander und zeigen sieb von der Opfer- 
thora 1 — 7 abhängig. Auch diese Kapitel sind nicht einheit- 
lich: II24— 40 u. II;—.: sind sicher nachgetragen, wahrschein- 
lich auch 1347—59 und I42i — sa, und 12 > blickt schon auf 
L5ig zurück. Ueber 17 — 26 wird später ausführlich zu handeln 
äein; 21 ist ein Nachtrag, der sieb deutlich auf L7— 25 rück- 
bezieht und wohl von der nämlichen Hand geschrieben, welche 



§ 12.] Die priesterliche Schrift. gj 

dies Stück eingefügt hat; doch ist die Möglichkeit einer älte- 
ren Grundlage nicht ausgeschlossen. — In Numeri hat die 
Analyse von P mit grossen Schwierigkeiten zu ringen. Kap. 
1—2. dessen Verhältnis zu 26 auf alle Fälle ein Problem 
bildet, ist mindestens stark überarbeitet, sicher sekundär 3i 
—4 (Aaron und seine Söhne gesalbt), 840—51 (kasuistische 
Ausspinnung des Gedankens von v. u—ia mit z. T. eigenarti- 
gen Ausdrücken). Kap. 4 neben 3 5—39 und wie die sekundäre 
Schicht in Kap. IG die Kluft zwischen Leviten und Aaroniden 
grell beleuchtend, Kap. 5 u. 6, welche auf Lev 1 — 7 11-15 
zurückgreifen, Kap. 7, schon in v. 1 von Lev 8 10— u abhängig 
und chronologische Schwierigkeiten machend : nur 7 sn nimmt 
sich aus, wie ein versprengtes Fragment aus P 2 , auch 81—3 
könnte ein solches sein. Dagegen bringt 85—22 eine theore- 
tisch ausgeklügelte Handlung und mechanische Weiterspinnung 
der Opferidee bei den Leviten (rxxn 'ja v . 7 y.-y.z XeYopisvov), 
23—26 eine weitere Steigerung des selbst sekundären Kap. 4. 
Kap. 9i— u einen kasuistischen Nachtrag, historisch einge- 
kleidet wie Lev 24 10— 10 und gleichfalls chronologische Schwie- 
rigkeiten machend. Kap. 15 u. 19 stehn in keinem Zusam- 
menhange; 15, eine Sammlung von Novellen, erinnert sachlich 
an Lev 1—7 und in der Ausdrucksweise vielfach an Lev 17 — 
25; 19 1 13, das Gesetz von der roten Kuh und über Leichen- 
verunreinigung mit 11 — 22 als erläuterndem Nachtrage, ist höchst 
eigentümlich und wird nur 31 23 erwähnt. Auch gegen die 
Zuweisung des erzählenden Stückes 25 g— 19 an P 2 erheben 
sich schwere Bedenken: mindestens müsste starke Ueberarbei- 
tung angenommen werden. Dasselbe gilt für 26, welches in 
-einer gegenwärtigen Gestalt nicht von P- hergeleitet werden 
kann. Eine Feststellung der Seelenzahl zum Zwecke der be- 
vorstehenden Landesverteilung Hesse sich verstehn; aber 4 h 
will ein Verzeichnis der aus Aegypteu Ausgezogenen geben, 
welche doch nach m f. alle bereits gestorben sind, und das 
Verzeichnis selbst nimmt auf Kap. 1 nirgends Rücksicht. Dem- 
nach hat P a wohl nur Ein Verzeichnis der Kinder Israel ge- 
geben, und zwar bei der Regelung aller Verhältnisse am Si- 
nai : Kap. 2G, welchem dann auch 27i— 11 u. 36 1-12 als se- 
kundär zu folgen hätten, ist aus 33 1 herausgewachsen. Kap. 
28—30 sind wieder Nachträge gesetzlicher Art. 28—29, in 
konsequenter Durchgestaltung noch über Lev 1—7 u. 23 hin- 



ß2 Spezielle Einleitung. [§ 12. 

ausgehend, steht an dieser Stelle, weil eine Ausführung seiner 
Bestimmungen erst in Kanaan möglich war : 30, welches in 
seiner Ausdrucksweise viel Eigentümliches hat und weniger 
den sonstigen Charakter von P aufweist, ist ein letzter Nach- 
trag, der früher nicht passend unterzubringen gewesen war. 
Kap. 31 endlich ist sachlich höchst befremdend und erinnert an 
Elaborate, wie Ex 3821—31 und Num 7, und setzt Kap. 22 — 25 
JE-j-P in der gegenwärtigen Gestalt voraus ; es war aber von 
Hause aus bestimmt, an dieser Stelle zu stelin. Höchstens 
könnte man wegen 32 4 a fragen, ob nicht auch P 2 einen krie- 
gerischen Zusammenstoss Israels mit Midian berichtet habe, 
doch beachte die Variante der LXX 32 r'! Auch 33 1—49 ge- 
hört nicht zu P 2 , während 33 50— 34 15 nur überarbeitet ist. 
Ferner passt das Gesetz über die Levitenstädte 35 1—8 nicht 
in den Rahmen vonP 2 und kann nur ein junger Nachtrieb sein. 
3. Eine ausführlichere Besprechung erheischt der An- 
teil von P x an Lev 16 und Num 16. Namentlich Lev 16 
hatte grosse Schwierigkeiten bereitet; der enge Zusammenhang 
mit Lev i) u. 10 und bestimmte Kriterien (nur Aaron gesalbt 
und Etäucheropfer auf Pfannen) sprachen für P-: aber dem 
stand im Wege, »l.-tss Neh 8 u. 9 über den c-iies e" schweigt 
und auch gar keinen Raum i'üv denselben übrig lässt. Nun 
hat Benzingkk (ZmW ,;.-, if. 1889) nachgewiesen, dass hier zu 
P 2 als Fortsetzung von Lev 1(> nur gehören v. 1— 8 4*6ia— is 
v . eine Vorschrift, wie ein Priester, ohne zu sterben, zu dem 
Heiligtum hineingehn könne; BERTHOLET nimmt überzeugend 
noch 28 u. 24* hinzu. Was übrig bleibt, sind Bestimmungen 
über den Versöhnungstag. Benzingeb glaubte hiervon v. 29—34" 
gleichfalls für P a halten zu können; aber auch dies verträgl 
sich nicht mit Neh 8 und somit gehört der ganze Versöhnungs- 
tag l )v an: v. 29—34° ist seine erste Etappe und bereits Le\ 
23a6—8a und Num 29 7— 11 bezeugt, der eigentümliche Ritus 
mit den zwei Böcken noch jünger. ■ Auch in Xum l»i h.it 
durch P 1 eine tendenziöse Umbildung von P a stattgefunden. 
Schon Wellhausen hatte richtig erkannt, dass in Xum 16 
drei verschiedene Berichte in einander geflossen sind: 1) Em- 
pörung der Kuheniten Dathan und Abiram gegen den Ober- 
befehl Moses. 2) Protest von Laien gegen das Priestertum 
des Stammes Levi auf Grund des allgemeinen Priestertums 
aller [sraeliten. 3) Protest der Leviten gegen die Aaroniden, 



§ 12.] Die priesterliche Schrift. (33 

indem auch sie das Priestertura verlangen. WellhaüSEN hatte 
3) für P in Anspruch genommen; aber Kienen (ThT 12 139 ff. 
1878) li.it nachgewiesen, dass vielmehr 2) zu P 2 gehört, wel- 
chem Korali Xuiii 27 3 ein Nichtlevit ist, und 3) eine Ueber- 
arbeitung durch P* bietet, deren Tendenz mit Xum 4 parallel 
wäre. So gehören zu P x t a ß 7 b — 11 h>— is und das davon nicht 
zu trennende Stück 17 1—5. 

4. Demnach stellt sich P 2 oder der Kern der prie- 
sterlichen Schrift folgendermassen dar : Von Gen 1 
bis Ex 24 alles zu P Gehörige ausser Gen 46 8-27 und Ex 
6 13—30 12 n—20 43—50. Dann Ex 25 — 29f, hinter diesen Ka- 
piteln eine kurze Notiz über die Ausführung des in ihnen An- 
geordneten. Le\Xy 9 10 1— 5 12 — 15 16 i_3 4* 6 12— 13 23 24* 

34 b Num 1— 2f 3 5-30 7 7»— 83? 9 15 bis 10 aa 13 u. 14 so- 
weit zu P gehörig 16 i 8 « 2 * 3—7* is a ß 19—23 2-1* 27 a a 32 '' 35 17 .; 

— 18 32 20 1 -13 f 22* 23-2!) 21 10 11* 22 1 27 15— 23 32l a <X2 1> 4 a 
18—19 28—30 33 50 51 54 34 1— 15 t IG — 20 35 0—34 Dtll 32 48—52 

34i a s— 9. Plan und Charakter dieser Schrift ist sofort klar. 
Sie gibt eine Geschichte Israels, aber ausschliesslich heilige 
Geschichte, indem sie „die geschichtliche Entstehung gewisser 
religiöser Institutionen in altheiliger Zeit nachzuweisen" sich 
bestrebt WüBSTEE (ZaW4n ä 1884). Sabbath, Speisegebote, 
Beschneidung, Passah, Heiligtum. Priester, Opfer, Leviten und 
ihr Dienst, Einkünfte des Klerus, Legitimität des aaronitischen 
Hohenpriestertums : um diese Dinge gruppiert sich und an ihnen 
reiht sich auf die Geschichte in P 2 : „es sollen an der Hand 
der Geschichte und durch die Geschichte die religiösen und 
nationalen Güter des Volkes ihre Weihe erhalten. Deswegen 
ist P in seiner ursprünglichen Gestalt nichts weniger, als ein 
Priestermanuale, sondern ist ein Volksbuch und sollte es sein, 
die Kultusgeschichte Israels in Form einer heiligen Geschichte" 
a. a. O. 118. 

5. Mit der Frage nach Abfassungszeit u n d E n t- 
sl ehung von P 2 treten wir an das wichtigste und brennendste 
Problem der gegenwärtigen ATlichen Wissenschaft heran. Seit 
man überhaupt anfing, rationelle Pentateuchanalyse zu treiben, 
nahm man P als die älteste Quellenschrift an wie ein Axiom, 
welches eines Beweises nicht bedurfte: gerade in P vor allem 
glaubte man Mose und seinen Geist am deutlichsten zu er- 
kennen. Und das nicht ohne eine gewisse Berechtigung. Was 



64 Spezielle Einleitung. [§ 12. 

man als „Mosaismus" zu bezeichnen pflegte, was beispielsweise 

für den Apostel Paulus Bftouofjs und 6 vd;j.o; war, das geht 
durcliaus auf P zurück und findet in ihm seine klassische Dar- 
stellung und vollkommenste Ausprägung. Und dem schien 
auch die Form zu entsprechen. Ueberall stellt sich die Ge- 
setzgebung auf den Standpunkt der Wüstenverhältnisse mit 
einem im Lager lebenden Israel, und auch die schlichte, kunst- 
lose Art der Darstellung, die sieh hauptsächlich des chrono- 
logischen Schemas und der Genealogien bedient, schien für 
höchstes Alter zu sprechen, da ja in der Tat die annalisti- 
sche Geschichtsdarstellung der pragmatischen vorauszugehn 
pflegt. Es musste deshalb schon als eine Kühnheit und eine 
kritische Grosstat gelten, wenn Ewald mit der Entstehung 
des .,Buches der Ursprünge" bis auf Salomo herabging und 
• las wurde dann die herrschende ..kritische'- Ansicht. Aber 
dabei hatte man einige doch recht nahe liegende Krwägungcn 
anzustellen vergessen. Der Wüstenstandpunkt konnte schrift- 
stellerische Einkleidung sein, wie man das für das Deutero- 
nomiuni seit DE WETTE 1805 allgemein anerkannte: und tat- 
sächlich zeigt sich in der Literatur Israels die chronologisch- 
genealogische Art der Geschichtsdarstellung erst in (Irr ( Ihronik, 
neben welche P sich unmittelbar stellt, während in den sicher 
älteren und ältesten Geschichtswerken sich hiervon nur höch- 
stens unbedeutende Ansätze finden. Und vor allem hat man 
zu fragen versäumt, wann und wo wir denn diesen ..Mosais- 
mus- wirklich nachweisen können, während (hieb schon 1805 
JSVateb (§ 62) die tatsächliche und literarische Wirkungs- 
losigkeit des Pentateuchs in vorexilischer Zeit als ein hochbe- 
deutsames Problem erkannt hatte. Wie sollte 1 man es -ich er- 
klären, das- beispielsweise noch ein Maleachi, an dessen nach- 
exilischem Ursprünge nicht gezweifelt weiden kann und der 
-ich durchaus als ein Geistesverwandter von P zeigt, ausschliess- 
lich abhängig i-t vom Dtn und von einer Bekanntschaft mit 
P nicht die Leiseste Spur verrät? vgl. §382. Der erste, wel- 
cher dl- Anschauung aussprach, da-- ..da- Gesetz" jünger sei 
als die Propheten, und die Psalmen jünger als beide. warREUSS 
1834; literarisch als Initiatoren haben zu gelten GEORGE (f 
1^73) und Vatke, welche fast gleichzeitig 1835 zu dem Re- 
sultate kamen, das- |» nicht an den Anfang, sondern an das 
Ende <\ri religionsgeschichtlichen Entwicklung Israels gehöre. 



§ 12.] Die priesterliche Schrift. t>5 

George hat in geradezu schlagender Weise gezeigt, dass nach 
realkritischen Instanzen die Gesetzgebung des Pentateuchs sich 
nur in der Reihenfolge : Bundesbuch, Deuteronomium, P ent- 
wickelt haben könne. Aber 30 Jahre blieben diese Resultate 
unbeachtet, bis Graf die Untersuchung auf einer breiteren 
Easi> wieder aufnahm und gleichfalls zu dem von allen Seiten 
sich aufdrängenden und bestätigenden Ergebnisse kam, dass 
die Gesetzgebung des P erst ein Produkt der nachesdlischen 
Zeit sei: dabei glaubte Graf jedoch die rein erzählenden Teile 
von P als älteste Quellenschrift halten zu können. Noch kurz 
vor seinem Tode hat er diesen schweren Irrtum aufgegeben 
und den geschichtlichen Teil dem gesetzgeberischen folgen lassen 
(Merx Archiv 1 466-477). 1869 u. 1870 erschien dann KüENENs 
grundlegender Godsdienst van Israel, 1874 Kaysers sorgfäl- 
tige und eingehende Untersuchungen und 1878 endlich Well- 
HAUSENs für Deutschland epochemachende Geschichte Israels, 
dem es gelang, eine stetig sich mehrende Zahl von Anhängern 
um seine Fahne zu scharen. Die ursprüngliche Position, welche 
P für die älteste Quellenschrift hielt, ist gegenwärtig so gut 
wie allgemein aufgegeben : um so eifriger suchen aber auch 
heute noch eine Anzahl von Forschern wenigstens das vorexi- 
lische Alter von P zu retten. 

6. Sicher nachweise n k ö n n e n wir P seit 444. 
Im Jahre 458 (vgl. £ 21«) kam der Schriftgelehrte Esra mit 
(fr/// Gesetze Gottes in seiner Hand von Babylonien nach Pa- 
lästina, um Juda und .Jerusalem zu untersuchen und die Ver- 
hältnisse daselbst auf Grund jenes Gesetzes zu regeln. Nach- 
dem er in dem Statthalter Nehemia 444 einen tatkräftigen 
Gesinnungsgenossen gefunden hatte, der die weltliche Autorität 
für diese Bestrebungen in die Wagschale legte, wurde das 
Buch des Gesetzes Moses in einer grossen Volksversammlung 
frühestens im Oktober 444 verlesen. Schreck und Bestürzung 
war die Folge und durch einen feierlichen Bundesschluss mit 
Namensunterschrift der massgebenden Persönlichkeiten ver- 
pflichtete man sich auf die Befolgung dieses Gesetzes Neh 8 — 10. 
Dass jenes Buch des Gesetzes Moses P war oder P enthielt, 
ist absolut sicher: Neh 815 ist = Lev 23 to: Neb 818 = Lev 
23 3i; gegen Dtn IG 1:3—1.-,: Neh 10 86 — 40 = Num 18 12—32: die 
Kultordnung von Neh IO34 ist ganz die von P, die Teinpel- 
steuer 10 33 erwähnt nur P Ex 30n-ic, die Einschärfung des 

Grundriss II. I. Comill, ATI. Einleitung. :>. Aufl. 5 



66 Spezielle Einleitung. [§ 12. 

Sabbathgebotes 10 32 ist gleichfalls für P charakteristisch Gen 2 
Ex 16 22— 31 31 12— 17 Xmii 15 32— 3G ; ein ausdrückliches Ver- 
bot des Connubiums 10 31 findet sich allerdings in P nicht, 
doch vgl. Gen 2635 28 1—9 Num 25 c-15. Seit 414 lässt sich 
sein Bekanntsein und seine Wirksamkeit auf Schritt und Tritt 
nachweisen; die ganze Chronik hegreift sich nur als eine Dar- 
stellung der vorexilischen Geschichte Israels, wie sie hätte be- 
schaffen sein müssen, wenn P das Grundgesetz des Mosaismus 
geAvesen wäre, und dass P recht eigentlich das Gesetz des Ju- 
dentums war, wissen wir. Xun springt die Aehnlichkeit der 
Publizierung von P mit der des Deuteronomiums II Reg 22 
— 23 sofort in die Augen. Wenn wir aus den gleichen Tat- 
sachen die gleichen Schlüsse ziehen wollen, müssen wir an- 
nehmen, dass P auch nicht lange vor 444 resp. 458 ent- 
standen sei. Wir werden jetzt alle direkten und indirekten 
Instanzen für die Altersbestimmung unsrer Schrift sorgfältig 
zu prüfen haben. 

7. Da kommt zunächst in Betracht die Ste llun g zu m 
Deuteronomium. Das Dtn wurde durch den Priester 
Hilkia publiziert. Bestand P schon damals als Programm der 
Priester und als Ausdruck ihrer letzten Wünsche und Ziele, 
weshalb versuchte man es nicht mit P? Wo man sich zu- 
trauen konnte, eine Massrege] von so einschneidender Bedeu- 
tung und so ungeheurer Tragweite, wie die Suspension sämt- 
licher altheiligen Kultstätten ausserhalb Jerusalems durchzu- 
setzen, brauchte man in seinen Forderungen wahrlich nicht 
blöde zu sein. Aber jede unbefangene Betrachtung muss er- 
geben, dass P vielmehr eine Fortentwickelung von I> ist und 
durchweg auf ihm fusst. Was D verlangt als etwas absolut 
Neues: Zentralisierung des völlig bildlosen und unsinnlicheu 
Kultus ;in dem Einen Legitimen Heiligtum, gehandhabt durch 
das Eine legitime Priestertum Levis, das wird bei I* voraus- 
gesetzt und al^ Grundlage der Religion [sraels schon in die 
älteste Zeit zurückverlegt dass es jemals anders war oder 
auch anders sein könne, davon fehlt bei P .jede Spur. Die 
Stiftshütte, von der die gesamte vorexilische Literatur kein 
Sterbenswörtchen weiss, da I Sam 2 22 1 ' in LXX fehlt und 
i Reg 84 an einer der jüngsten Diaskeuase angehörigen, von 
Interpolationen und Glossen überwucherten Stelle steht, ist 
Lediglich eine Projizierung des deuteronomischen Zentralheilig- 



g 12.] Die priesterliche Schrift. 67 

fcums, d. h. des salomonischen Tempels in die mosaische Zeit, 
nachdem derselbe durch einen nicht unverächtlichen Aufwand 
von Scharfsinn beweglich gemacht wurde — dass auch hei der 
Stiftshütte unwillkürlich der feste Tempel durchschimmert, er- 
gibt sich schon daraus, dass bei ihr nach Weltgegenden ge- 
rechnet wird, während sich doch nirgends eine Orientierung 
angegeben findet. In der vordeuteronomischen Zeit weiss man 
von den Forderungen des P erst recht nichts: die Priester 
sind königliche Beamte, von den Königen ein- und abgesetzt, 
nicht nur in Israel, sondern auch in Juda : dass man nicht 
zu jeder Zeit und an jedem Orte opfern dürfe, dass nur An- 
gehörige des Stammes Levi opfern dürfen und dass es bei den 
( )pfern vor allem auf den Ritus ankomme, davon haben die 
frömmsten Könige und Propheten keine Ahnung. AVenn die 
Propheten den Kultus auch nicht gerade prinzipiell verwerfen, 
so wären doch Stellen wie Jes 1 13— u Am 5 21—23 schwer be- 
greiflich, wenn diesen Männern und ihren Hörern die Gesetz- 
gebung des P als göttliches Gebot und bindende Norm be- 
kannt gewesen wäre, und wie hätte vollends Jeremia den Aus- 
spruch 7 22 tun können, wenn ihm die Bücher Ex Lev und 
Num in der gegenwärtigen Gestalt vorgelegen hätten? Die 
von D bereits angebahnte Loslösung des Kultus von seiner 
Naturgrundlage ist bei P so konsequent durchgeführt, dass er 
hier ein rein statutarisches opus operatum geworden ist. Wo 
wir einzelne Bestimmungen von D und P mit einander ver- 
gleichen können, zeigt sich überall bei P eine Steigerung, und 
es ist bezeichnend, dass in den jüngeren Schichten von P diese 
Steigerung sich stets fortsetzt. P für älter als D erklären. 
heisst beide unverständlich machen. 

8. Wo möglich noch bezeichnender und bedeutsamer isl 
d a s V e r h ä lt n is v n P /. u E z e c h i e 1. Diesen Prophe- 
ten hat schon Yatke als Mittelglied zwischen I) und P nach- 
gewiesen in der klassischen Ausführung S. 534 — 542. Die 
Ausflucht, dass P als priesterliche Privatschrift dem Propheten 
unbekannt geblieben sei oder von ihm hätte ignoriert werden 
können, wird schon schwierig gegenüber Jeremia, und kann 
bei Ezechiel vollends nicht verfangen: denn Ez war seihst An- 
gehöriger der jerusalemischen Priesterschaft und seinem Ideal 
hätte P wo möglich noch hesser entsprochen, als die eigene 
Zukunftsthora. Wie will man sich überhaupt die Tatsache er- 






68 Spezielle Einleitung. [§ 12. 

klären, dass ein jerusalemischer Priester eine Zukunftsthora 
aufstellt, die P völlig ignoriert, in allen Punkten weit hinter 
dessen Forderungen zurückbleibt und tastend in die Zukunft 
greift, anstatt sich das geschlossene System anzueignen? Wes- 
halb verlangt Ez im Kultus so sehr viel weniger, als Num 28 
u. 29? Wo ist der Hohepriester, für P das Zentrum der 
Theokratie, bei Ez geblieben? Wo der Versöhnungstag von 
Lev 16? AVie soll man sich die Bestimmung Ezs über das 
Priester- und Levitenland neben den 48 Levitenstädten Num 35 
denken? Auch hier kann unbefangene Anschauung bei P nur 
Weiterbildung der Ideen Ezs erkennen. Zwei Punkte sind 
aber, in denen sieb die Abhängigkeit des P von Ez geradezu 
beweisen lässt, ein literarischer und ein sachlicher. I>as P ge- 
läufige Wort V'P~] für den Himmel findet sich ausser Ps 19 2 
150 i und Dan 12. i nur noch bei Ez. Wie ein Wort, welches 
etymologisch pavimentum bedeutet (Deuterojesaja gebraucht 
deshalb die Wurzel Dpi nur vom Schaffen der Erde 42.-, 44 21 
und so auch Ps 136 <;) zu der Bedeutung Himmel kommen 
kann, begreift sich lediglich aus Ez 1 22 2.-,. Onwiderlediglich 
ist Ez 44 .1 — m. Während 1> noch die theoretische Gleichbe- 
rechtigung aller Leviten festhält, werden hier die „Leviten" 
zur Strafe für ihr Amtieren bei dem Höhenkult zu Tempel- 
dienern, d. b. niederem Klerus degradiert, und das Priester- 
timi allein der in Jerusalem pontili zieren den Familie Zadok 
überwiesen : wenn P diesen Unterschied, den wir bei Ez als 
etwas spezifisch Neues historisch entstehn sehen, in die mo- 
saische Urzeit zurückträgt und zum Grundpfeiler seines ganzen 
hierarchischen Systems macht, so kann er nur von Ez abhängig 
und also jünger als dieser sein. Vgl. die gute zusammenfas- 
sende Darstellung von MKAMRATB (JprTh 1 7 -,*.-, iL 1H9K 

9. In das babylonische Exil als Entstehungszeit für P weist 
uns noch aufs Bestimmteste ein realkritisches Moment. 1' be- 
trachtel die Beschneidung als Bundeszeichen und Sigel 
der Zugehörigkeit zum Volke [srael und legt ihr daher einen 
sakramentalen Charakter bei. Zu dieser Anschauung konnte 
man nur kommen in einer Umgebung und unter Verhältnissen, 
wo Jude und Beschnittener, wie NTichtjude und Nichtbeschnit- 
tener zusammenfiel. I'ms ist zuerst im babylonischen Exile 
der Fall gewesen, da den Babvloniern die Uescbneidung un- 
bekannt war, während in vorexilischer Zeit nur die Philister 






§ 12.] Die priesterliche Schrift. 69 

als c"^"'- erscheinen. 

10. Wie die vorexilische Praxis von P nichts weiss (und 
das neben seihst die Verteidiger seiner vorexilischen Abfassung 
mehr oder weniger zu) so auch die vor exilische Lite- 
ratur nicht. ..Die Spuren der sog. Grundschrift des Hexa- 
teuchs in den vorexilischen Propheten'-, welche KMarti (JprTh 
6 127 ff. 308 ff. 1880) nachweisen wollte, aber längst schon selbst 
nicht mehr aufrecht hält, sind im Verhältnisse zu Umfang und 
Bedeutung der beiderseitigen Vergleichsobjekte minimal und 
werden keinen Unbefangenen überzeugen. Und hier ist na- 
mentlich Nachdruck zu legen auf die § 10 bewiesene völlige 
Unbekanntschaft des Dtn mit P : eine so absolut latente Exi- 
stenz von P anzunehmen hat praktisch gar keinen Wert und 
stösst sachlich auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Dass P 
mindestens nicht die erste schriftliche Fixierung der ältesten 
Ueberlieferungen Israels sein kann, geht schon aus seiner Be- 
schaffenheit hervor: wer die von Wellhausex Prol. 2 346— 301) 
abgedruckte Geschichte von Abraham bis zur Berufung Moses 
nach P aufmerksam betrachtet, der muss zugeben, dass so nur 
ein Mann schreiben konnte, welcher den ganzen wesentlichen 
Inhalt seines Stoffes als bekannt voraussetzen durfte. Dass 
auch nach seinem Sprachcharakter P in die jüngste Zeit der 
hebräischen Literatur gehört, hat Giesebrecht nachgewiesen: 
mag auch einzelnes von den Aufstellungen Giesebrechts an- 
fechtbar sein ■ das Gesamtresultat ist ein so sicher gegrün- 
detes und so unumstösslich feststehendes, dass eine methodi- 
sche Widerlegung desselben bisher nicht einmal versucht wurde. 

11. Völlig durchschlagend wäre endlich die Chrono- 
logie, welche ja gerade bei P eine zentrale Stellung einnimmt 
und das ganze Fachwerk für seine Darstellung abgibt, wenn 
die glänzende Entdeckung .JOpperts (GGX 1877 201—223) sich 
als stichhaltig erweisen sollte, dass der „Chronologie der Ge- 
nesis" die nach einem bestimmten System reduzierte Chrono- 
logie der babylonischen Urgeschichte zu Grunde liege. Denn 
eine so genaue Bekanntschaft mit den internsten Internis der 
babylonischen Ueberlieferung hätte sich ein Jude nur in B;i- 
bylonien selbst aneignen können, und zwar nicht zu der Zeit, 
wo er verachteter Knecht des babylonischen Weltreiches war, 
sondern erst als Juden und Babylonier gemeinsam Untertanen 
der Perser geworden waren. Die Nachweise Opperts sind 






70 Spezielle Einleitung. [§ 12. 

blendend und fast überzeugend : doch ist die Sache zu dunkel, 
als dass ich auf diesen Punkt ein entscheidendes Gewicht legen 
möchte. 

12. So hätten wir f ü r die Entstehungszeit v o n 
P das Jahrhundert von 570 i Abschluss von Ezechiels prophe- 
tischer Tätigkeit) bis 458 (Ankunft Esras in Jerusalem). Im 
genaueres auszumachen, müssen wir fragen, was denn Esra 
mitbrachte und vorlas, ob bloss P 2 , oder bereits Erweiterungen 
dieses Werkes. Schon die gegebene Bestimmung des l'in- 
fanges von P 2 reicht hin. um die erstere Alternative zu ver- 
neinen: ein AVerk von der Kürze und Dürftigkeil von P 2 konnte 
-ich unmöglich dazu eignen, als Gesetzbuch einer Gemeinde 
zu dienen, und zum Ueberfiusse zeigt ja schon Xeh 815 eine 
deutliche Bezugnahme auf Lev 23, welches nicht oder doch 
nur sehr bedingt zu P 2 gehört. Dass mindestens P 1 damals 
bereits mit P 2 vereinigt war, hat daher als sicher zu gelten. 
Man könnte annehmen, dass Esra selbst, sei es noch in Ba- 
bylonien vor 458, oder schon in Jerusalem zwischen 45s u. 
444 diese Zusanimenarbeitung vorgenommen habe: aber Esras 
Vorgehn wird .Jedenfalls psychologisch verständlicher, wenn 
... er auch an der Redaktion seines Korpus unbeteiligt war" 
Holzin ger Pent. 4,:;. Ob auch schon JED mit P vereinigt, ob 
mit anderen Worten Esras Buch des Gesetzes Moses unser 
Pentateuch war, ist zweifelhaft und höchst unwahrscheinlich, 
denn das, worum es sich für Esra handelte, war die Durch- 
setzung von P, und um dies zu erreichen, war es kein zweck- 
mässiger Weii, P in die übrigen (Quellenschriften gewissermassen 
einzuwickeln und zu verstecken. Da.^cLMii enthält V selbst Be- 
standteile, welche offenbar noch jünger sind als Esra. \\ enn 
im Gegensatze gegen Neh 1<> : ; : die Tempolsteuer in Es 30 13 
auf einen halben Sekel normiert wird, so im das Ausdruck der 
späteren Praxis, und wenn Neh LOss über den von l.'\ '21 
32— :::>, ausdrücklich geforderten Viehzehnten schweigt, so i>t 
«las auch nicht zufällig; neben Neh 8 hat Lev lö in seiner 
gegenwärtigen Gestah keinen Raum, ja Ki i:m..\ hat auf Grund 
• Mi \eh io :! | verglichen mit Ez 46 13 — x 5 vermutet, dass selbst 
die Erhöhung des ~*-~ auf zwei Brandopfer erst nach der Zeit 
des Esra fällt, wie .ja auch Esra selbst in -einen Memoiren 
noch ausschliesslich von der. a^orr. nroa redet Esr 9*— 5, und 
-'•mit wäre auch Es 29 38 — 12 v<>n P 2 auszuscheiden. Die bei- 



§ 12.] Die priesterliche Schritt. 71 

gebrachten Differenzen zwischen Neh und P* wiegen um so 
schwerer, da sich £ 21 .-, auch Neh 10 als ein Bestandteil der 
Memoiren des Esra ergeben wird. Also P* ist seiner Haupt- 
sache nach für jünger zu halten als Esra, was sich auch leicht 
begreift : war durch Esra P zum bindenden Gesetzbuche ge- 
worden, so erheischten teils die sich fortentwickelnde Praxi-, 
t.ils Fälle, welche der ursprüngliche Gesetzgeber nicht vorge- 
sehen hatte, nachträgliche Novellen. War nun aber P - 458 
selbst nicht mehr unvermischt erhalten, sondern bereits durch 
eine Rezension hindurchgegangen, so dürfen wir seine Ent- 
stehung nicht gar zu unmittelbar vor diesem Termine ansetzen 
und werden wohl das Richtige treffen mit der Annahme, dass 
P 2 ca. 500 von einem in Ezechiels Anschauungen lebenden und 
diese weiter bildenden priesterlichen Autor in Babylonien ge- 
schrieben wurde. Wir haben in P weniger das Werk eines 
einzelnen Individuums, als vielmehr einer ganzen Schule, und 
dass diese Schule in Babylonien entstand, ist nicht zufällig. 
Die 537 Zurückgekehrten in ihrer gedrückten Lage und ihrem 
harten Ringen um die Existenz waren durchaus von den näch- 
sten praktischen Aufgaben in Anspruch genommen, während 
unangefochtene Stille und eine verhältnismässig günstige äus- 
sere Lage den in Babylonien Gebliebenen Lust und Müsse zu 
theoretischer Spekulation und zum systematischen Ausbau re- 
ligiöser Gedanken gab. Diese für die Ansetzung von P spre- 
chenden Gründe nennt selbst ein so vorsichtiger und zurück- 
haltender Mann wie Drivkh ..zwingend", und wenn KOENIG. 
noch vor 53G glaubt stehn bleiben zu können und deshalb nur 
von einer „exilischen Datierung- redet, so ist diese Differenz 
keine prinzipielle. .Alan hüte sich vor der schweren Selbsttäu- 
schung, als sei mit dem Nachweise, dass die Gesetzgebung des 
P materiell Altes und Urwüchsiges enthält, auch ihr 
hohes li t e r a r i s c h e s Alter erwiesen. Es ist eine wun- 
derbare Ironie des Schicksals, dass diese Gesetzgebung, um 
die Religion [sraels möglichst zu spirituahsieren, gerade auf 
die paganistischen Elemente in ihr zurückgegriffen hat : Be- 
schneidung, Speisegebote, Reinheitsvorschriften, Opfer mit einem 
genau geregelten, gewissermassen magisch wirkenden Ritus und 
einem zugleich mystischen und mechanischen Sühnebegriff — 
das alles sind Dinge, welche die Religion Israels mit der Na- 
turreligion gemeinsam hat; die Gesetzgebung des P ist somit 



72 Spezielle Einleitung. [§ 18. 

sachlich der Rückfall in eine ältere Stufe der religiösen Ent- 
wicklung, welche der Prophetismus bereits überwunden hatte 
Aber nicht das Vorkommen dieser Elemente an sich gibt re- 
ligionsgeschichtlich den Ausschlag, sondern ihre Wertung und 
Stellung in dem System, und dass sie in der Religion Israels 
die Hauptsache sind und ihr eigentliches Wesen bilden, das 
eben ist eine Anschauung, die uns vor P nirgends begegnet, 
welche erst durch P gekommen ist. Ich hoffe, die Zeit ist 
nicht mehr fern, wo die Ansetzung von P durch die „modern- 
kritische Schule" sich der nämlichen allgemeinen Billigung er- 
freut, wie heutzutage die Ansetzung desDtns: sie ist sachlich 
eben so fest begründet und methodisch eben so sicher erschlos- 
sen, als jene. Und viel und Grosses steht auf dem Spiele. 
Denn es handelt sich dabei um nichts Geringeres, als darum, 
ob uns überhaupt ein Verständnis der israelitischen Religions- 
geschichte möglich sein soll, ob Gott in der nämlichen Weise, 
in welcher er sich immer und überall in der Geschichte offen- 
bart und betätigt, sich auch in ihrer grössten und bedeutsam- 
sten Erscheinung, eben der israelitischen Religionsgeschichte, 
offenbart und betätigt habe. Man mache doch endlich Ernst 
mit dem Worte des Apostels, dass Gott nicht ein Gott der 
Unordnung ist, und lasse das Geschrei über Darwinismus in 
der Theologie, wenn wir uns bemühen, in der Geschichte der 
Offenbarung eine höhere Ordnung und ein organisches Werden 
zu erkennen und nachzuweisen. Natürlich und naturalistisch 
ist zweierlei: sollte es wirklich Gottes unwürdig sein, wenn es 
natürlich hergeht, und ist nicht schliesslich das Xatürliche selbst 
das grösste Wunder? 

§ 13. Besondere Stücke des Pentateuchs. 

1 . Der S e g e n J a kolis Genesis 4!) i '•— 1~. 

LDiestel 185:;. JNPLajnd di»putatto de carmine ./. Leiden 1858. 
EJFeipp Note on Gen 49»4»-se ZaW LI sea ff. 1891. 

In der Einkleidung eines von dem sterbenden Stammvater 
seinen 12 Söhnen hinterlassenen geistigen Vermächtnisses wer- 
den hier Sprüche über Schicksale und Charaktereigenschaften 
der 12 Stämme Israels gegeben, welche sich vielfach wortspie- 
lend an die Namen derselben anlehnen. Da die historischen 
Ereignisse, auf welche deutlich Bezug genommen wird, der 
I atergang Rubens und die Zerstreuung von Simeon und Levi, 



§ 13.] Besondere Stücke des Pentateuchs. 73 

auf sicher jahvistische Stücke (Gen 34 soweit zu J gehörend 
und 35 2a) zurückblicken, so hat wahrscheinlich schon J unsren 
Segen in sein Werk aufgenommen. Dann hätten wir 850 als 
Zeitgrenze für seine Entstehung und damit stimmt auch, dass 
der vielfach sehr ähnliche „Segen Moses" Dtn 33 entschied; iii 
jünger ist, Der Segen macht den Eindruck einer einheitlichen 
Konzeption, welche darauf ausgeht, in gleicher Weise alle 12 
Stämme zu besingen: doch spiegeln nicht alle Sprüche die 
nämliche Zeit und die nämlichen Verhältnisse wider und auch 
nach Länge und Anlage sind sie auffallend verschieden. Da 
nun gerade die längeren in einzelne, lose zusammengestellte 
Sprüche zerfallen, so werden wir mit Gunkel anzunehmen 
haben, dass Lieder dieser Art von den Sängern Israels seit 
uralter Zeit gesungen wurden, dass aber die einzelnen Sprüche 
je nach den Verhältnissen und den Stämmen sich umgestal- 
teten. Der gegenwärtige Spruch über Juda ist vor der Zeit 
Davids undenkbar und Gen 49 in seiner überlieferten Gestalt 
stammt sicher aus judäischer Feder und aus der Zeit der Herr- 
schaft Judas über Israel. Auch der Spruch über Joseph weist 
nicht unter die Reichsspaltung herab, da tu v. 21; nicht not- 
wendig Fürst bedeutet, die ursprüngliche Zugehörigkeit der 
ganzen, mit Dtn 33 13—10 identischen, Stelle 24 b -2c zu unserem 
Segen mit guten Gründen bestritten ist, und die Aramäer von 
Damaskus schwerlich als Pfeilschül%en charakterisiert worden 
wären. 

•2. 1) a s D u rchzugslied E x d u s 15 i_xs. 

HEwald Dichter des Alten Bundes I 1 '■'■ 173-173 1866. AJülicher 
JprTh 8124-.26 1882. ABendkk ZaW 23 1 ff. 1903. 

Nach dem glücklichen Durchzuge durch das rote Meer 
sollen Mose und die Kinder Israels Jahve ein Lied gesungen 
haben, welches wir Ex 15 lesen. Dass dies Lied mit jenem 
Ereignisse gleichzeitig gedichtet sei, ist ganz undenkbar, da es 
durchweg die Ansiedelung Israels in Kanaan voraussetzt, ja 
nach dem Wortlaute von v. n 1 ' bereits den salomonisclien Tem- 
pel: so wie es vorliegt, ist es ..das wahre Paschalied" Ewald, 
wie es denn auch unverkennbar einen liturgischen Charakter 
trägt. Wäre das Lied wirklich alt, so müsste es, da v. 20 11.21 
sicher E angehören, J zugewiesen werden. Schon Ewald wollte 
in ihm einen echtmosaischen Kern annehmen, den er in v. 1—:: 



74 Spezielle Einleitung. [§ 13. 

u. i8 finden zu können meinte, und KAUTZSCH (Abriss 138) 
macht aufmerksam auf die Darstellung in Ex 14 24 ff., wo die 
einstige poetische Gestaltung des Berichts noch durchklinge : 
aber von den charakteristischen Ausdrücken und Wendungen 
aus Ex 15 ]— 18 begegnet uns in Ex 14 keine. Und zudem 
macht gerade unser Lied einen durchaus einheitlichen Ein- 
druck, der es nicht leicht als Ueberarbeitung einer älteren 
Vorlage begreifen lässt. Da v. i mit ai identisch ist und die- 
ser zur echten alten Ueberlieferung gehört, so ist es immer 
noch das Wahrscheinlichste, in ihm eine jüngere Ansspinnnng 
von v. 2i zu sehen, die schon um ihres Psalmenstils willen 
kein hohes Alter beanspruchen kann. Den absoluten terminus 
ad quem bildet Neh 9 n aus den Memoiren des Esra (§ 21.-,), 
wo Ex 15.-, zitiert wird. Sievers (§ 4 a ■;) 409 lässt das ursprüng- 
liche Lied mit v. 13 schliessen und hält v. u—is aus metrischen 
Gründen für die Arbeit eines jüngeren Fortsetzers. 

3. Kleinere Lieder in Numeri 21. 

FDelitzscb ZWL 3 bbt ff. m ff. sei ff. 1882. EMei bb ZaW 5 m ff 1885. 

.)\Via, i.hai SEM Skizzen und Vorarbeiten _' -' ,,?, 1889. KBri.im PJb 82 
:. 1895. 

In Num 21 haben wir u b — w i? v ' — if u. 27''- -30 einige Lieder- 
fragmente, für welche v. u als Quelle ein ffirr r-zr^z -sc zitiert. 
Die Lieder, dunkel und abgerissen und offenbar textkritisch 
sehr schlecht überliefert, machen einen durchaus altertümlichen 
und volkstümlichen Eindruck: da dies ganze Stück sicher aus 
E stammt, so sind sie mindestens älter als 750. Das erste 
Fragment, welches nur einige geographische Angaben enthält, 
lässi sich absolut nicht bestimmen; das zweite, das sog. Brun- 
nenlied, ist entweder buchstäblich zu fassen, wofür Budde eine 
sein- ansprechende Urform hergestellt, oder mit WELLHAUS] n 
metaphorisch von der Eroberung der moabitischen Stadt Beer 
durch Israel. Das längere dritte Lied kann, wie zuerst EMeyeb 
iZaW Lisof. 1881) erkannt hat. ursprünglich nur einen Sieg 
[sraels über Moab verherrlicht haben, und ist bereits E un- 
verständlich gewesen und nach der wohl schon von ihm ge- 
schehenen Einfügung von frrp nbK "f?öb v. 29 auf Ereignisse 
der mosaischen Zeit gedeutet worden. Wir haben in jenem 
Buch der Kriege Jahves, welchem gewiss alle angeführten Lie- 
derfragmente entstammen, eine Sammlung \<»n volkstümlichen 



§ 13.] Besondere Stücke des Pentateuchs. 75 

Kriegs- und Siegesliedern zu erkennen: da E es benutzt hat, 
wird die Sammlung im Reiche Israel angelegt sein und zwar 
schon eine geraume Zeit vor E. Stade (GVI 1 521) deutet 
die ursprünglich gemeinten Ereignisse auf die Kriege zwischen 
[srael und Moab unter der Dynastie Omri: das würde in die 
erste Hälfte des 9. Jahrhunderts weisen. 

4. Die ß i 1 e a m s s p r ü c li e Numeri 23 und 24. 

HOobt Disputatio de Nim 22—24 1860. FDelixzsch ZWL 9 119 ff. 1888. 
JWellhausen Skizzen und Vorarbeiten 2- 346-351 1889. AvoxGall Zu- 
sammensetzung und Herkunft der BUeamperikope Num 22—24 1900. 

In der Bileamsgeschichte finden wir vier längere und drei 
kürzere Sprüche, welche dem Seher Bileam in den Mund ge- 
legt werden: diese erheischen eine gesonderte Betrachtung. 
Schon oberflächlichem Anschauen fällt es auf, dass Kap. 23 
u. 24 1—19 Dupletten sind, und wenn man spezieller 23 21 u. 22 
mit 24 7 u. s vergleicht, so niuss gegenseitige Unabhängigkeit 
dieser Stellen ausgeschlossen erscheinen. Da nun schon Kap. 
22 deutliche Spuren einer Doppelerzählung aus J und E zeigt, 
s<» hat man unsre Kapitel auf jene beiden Quellenschriften 
verteilt, wobei mit Diluiaxx Kap. 23 an E und 24 an J zu 
weisen ist vgl. die spezitisch theokratische Färbung von 23 9 
21 23 und dagegen in 24 17—19 die deutliche Hinweisung auf 
Herrschaft und Grosstaten Davids. Bei dem Bedeutsamen, 
das beide Kapitel übereinstimmend haben und daneben doch 
ihrem sehr starken Auseinandergehn werden wir zu der An- 
nahme gedrängt, dass zwei Bileamssprüche schon überliefert 
waren, welche dann J wie E jeder in seiner Weise ausgestal- 
teten, wenn ihnen nicht selbst schon diese verschiedene Form 
überkommen war, so dass wir etwa in 24 die judäische. in 23 
die ephraimitische Ausprägung der altüberlieferten Bileams- 
sprüche hätten — denn dass auch .1 eine volle und selbstän- 
dige Bileamsgeschichte hatte, ist von WELLHAUSEN überzeu- 
gend dargetan. Die drei kurzen Sprüche 24 20— 24 sind offen- 
bar eine spätere Wucherung; v. aa setzt die assyrische, v. 2.1 
gar die griechische Zeit voraus, und in dieser Nachbarschaft 
muss auch der an und für sich harmlose Spruch v. 20, der 
wohl auf v. 7 zurückschallt, als nichtursprünglich erkannt wer- 
den. Neuerdings hat GäLL auch die vier längeren Sprüche 
für nachexilische Erzeugnisse der messianisch-eschatologischen 



76 Spezielle Einleitung. [§ 13. 

Erwartung des späteren Judentums erklärt, und es mag zu- 
. -eben werden, dass auch an ihnen noch jüngere Retouchen 
vorgenommen sind: aber Bileamssprüche verlangt die Erzäh- 
lung bei J wie E kategorisch, und dass die altisraelitische 
Poesie im stände war, klare Gedanken in klare Worte zu klei- 
den, dafür sind die unversehrt erhaltenen Teile des Deborah- 
liedes, des Jakobs- und des Mosessegens unanzweifelbare Bei- 
spiele. 

5. Das L i e d M o s e s 1) e u t e r o n o m i u in 32. 

HEwai.d JbW 8 41 ff. 1857. WVolck Mosis canttcum cygneum 1861. 
AKamphausen 1862. AKlostebmann Das Lied Moses und das Dtn, StKr 

44 2 4 9 ff. 1871 u. 45 2 36 ff. 1872. BStade ZaW 5 «97 ff. 1885. MLoehb Pro- 
test. Monatsh. 7iff. 1903. 

Dieses längste unter den dichterischen Stücken des Penta- 
teuchs will „der Schwanengesang Moses" sein, in welchem der 
Gesetzgeber, den künftigen Abfall voraussehend, Himmel und 
Erde zum Zeugen aufruft gegen sein Volk. Als dauernde 
Mahnung für alle künftigen Geschlechter soll das Lied aus- 
wendig gelernt werden und nicht vergessen aus dem Munde 
ihres Samens. [Jeher dies Lied ist die Kritik auch in denk- 
würdiger Weise in die Irre gegangen. Dass es nicht von Mose 
selbst verfasst sei, sah man bald ein; aber da es schon im Dtn 
stand, wurde es für älter als dieses gehalten und dann blieb 
eigentlich nur Eine rationelle Datierung übrig: ein Nordisrae- 
lit aus der Zeit des Unterganges des Zehnstämmereiches musste 
sein Verfasser sein. So EWALD und namentlich KAMPHAUSEN. 
Allein schon eine sorgfältigere Betrachtung von Dtn 31 hätte 
stutzig machen müssen. Dies Kapitel zeigt durchweg sekun- 
dären Charakter; über v. 1 b u. u ig w s. £ !» t. Zwischen 
die zusammenhängenden Verse is u. 23 drängl sich ie — 22 die 
erste Einleitung zu unserm Liede ein, welche sich, stark 
überarbeitet, in m so fortsetzt. Somit brauchl unser Lied min- 
destens nicht ursprünglich dem Dtn angehöii zu haben und 
wir können dasselbe auf Grund innerer Kriterien zeitlich zu 
fixieren versuchen. I >a isl nun /.unliebst klar, dass das Lied 
zwar im Ausdrucke manches Eigentümliche hat, aber in den 
Gedanken jeder Originalität entbehrt: es ist gewissermassen 
ein Kompendium der prophetischen Theologie, durch und durch 
voll Reminiscenzen an ältere Propheten. Eine Reihe von ganz 



§ 13.] Besondere Stücke des Pentateuehs. 77 

frappantes an Hosea und einige an Jesaja and Micha sind 
nicht ausschlaggebend: dagegen findet sieh eine beträchtliche 
Zahl von spezifisch jeremianischen Ausdrücken und Wörtern, 
welche Kaththauskn 296 f. zusammengestellt hat, und die un- 
zweifelhaft beweisen, dass das Lied hinter Jeremia gehört : ich 
liehe hervor v. 4 u. 21, vgl. Jer 2 5; v. «; n. 23 vgl. Jer 4 22 5 21; 
v. 21 vgl. Jer 2 n; v. 37 u. 38 vgl. Jer 2 2*. Weiterhin hat aber 
unser Lied ein durchaus deuteronomistisekes Gepräge: ^"3 von 
Gott ausgesagt und C'i'zrt sind rein deuteronomistische Wörter, 
v. 7 das Fragen bei dem Vater und v. 27 die Rücksicht auf 
die Feinde rein deuteronomistische Wendungen. Ja, selbst 
spezitisch Deuterojesajanisches findet sich: v. 12 u. 39 Gott allein 
und keiner mit ihm, und v. 31 die Heiden selbst sollen ent- 
scheiden zwischen Jahve und den Götzen. Eine Stelle wie 
v. s nach der unzweifelhaft richtigen Lesart der LXX kann 
nicht alt sein; TK, ntoisnri und "22 sind ganz junge Wörter: 
wir dürfen das Lied schwerlich früher ansetzen, als das Ende 
des babylonischen Exils, wenn wir nicht noch tiefer herabgehn 
müssen. Dtn 31 ie — 22 ist dann bestimmt, das Lied in das be- 
reits fertige Dtn nachträglich einzufügen. Stfxerxagel fcat 
aus dem Lied als jüngere Wucherungen 5 6 7 b 17 is 29 — 31 aus- 
geschieden, und dazu fügt LöHB noch n u iö a {3 ig 22 21 2:.'' 32 a 
36—39 u. 43 b a, während er vor 43" einen Stichos nach LXX ein- 
setzt, welche v. 43 zu einem vollen Achtzeiler erweitert zei^t. 

6. Der Segen Moses Deuteron m i u 111 33. 

KHGraf 1857. YYYui.k 1873 und Festschrift für AvonOettingen 1898 
196—219. Gl vax dee FlilEE Dt. 33. Leiden 1895. 

Kommt man von Dtn 32 unmittelbar zu 33, so fühlt man 
sich in ein.' ganz andere Welt versetzt, und es gehont schon 
«•twas dazu, diese beiden Stücke für gleichalterig zu halten. 
In Dtn 33 heben sich zunächst heraus v. ß_25 die eigentlichen 
Sprüche über die Stämme. Hier atmet alles hohe Altertüm- 
lichkeit und kraftvolle Frische: nur ;.'■ u. to möchte Steuer- 
NAGEL ausscheiden: auf jeden Fall legen s n die Vermutung 
nahe, dass der Dichter selbst Priester war. Dieser Segen 
Moses erinnert an den Segen Jakobs Gen 49, ist aber offen- 
bar später als dieser und wohl von ihm abhängig. Siineon ist 
verschwunden. Rüben dem Aussterben nahe und Levi bereits 
zum Priesterstamme geworden, der aber keinesweo in sicherer 



78 Spezielle Einleitung. [§ 13. 

und geachteter Stellung sich befindet, sondern schwer um seine 
Existenz zu ringen bat. Aus v. 7, dessen wahren Sinn erst 
Graf verstanden bat, ergibt sieb deutlich, dass sein Verfasser 
ein Nordisraelit ist: die begeisterte Schilderung Josephs v. 1- 
scheint auf die Zeit Jerobeams II zu weisen und der Segen 
über Gad v. 20 spiegelt deutlieb die schweren aber glücklich 
überwundenen Bedrängnisse dieses Stammes in den Syrer- 
kriegen wieder. Alles vereint sieb, um unser Lied einem Xord- 
israeliten aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts zuzuwei- 
sen, und weiterbin spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass 
bereits E dasselbe in sein Werk aufgenommen hat, ja auch 
die Ueberschrift 33 1 könnte von E stammen, vgl. zu 1n1ä ':zb 
Gen 27 ; 10 50igE. 33i würde sieb unmittelbar an 31 23 an- 
schliessen: 31 n 15 23 scheinen, wenn auch deuteronomistisch 
überarbeitet, auf elobistiseber Grundlage zu ruhen und die 
Einsetzung und Weibe Josuas musste E auf jeden Fall be- 
neiden. Auch ist bliebst beachtenswert, dass die Geschichte 
Es 32 25—2!), welche offenbar mit Dtn 33 9 zusammenhängt und 
aus ilim herausgewachsen ist, in einer durchaus zu B gehö- 
renden Erzählung steht. Die Anfangs- und Schlussverse 2—5 
u. 26—29 sind von Stki'ki; xagel als Ein zusammenhängender 
nacbexiliscber Psalm erkannt worden, in welchen man das 
Lied eingerahmt hat, wohl um ihm die persönliche „mosaische" 
Note zu geben. 

7. (Je n e s j s 14. 

ThNöldeki Die Ungeschichtlichheit der Erzählung Gen XIV (Unter- 
Buchungen 1869 [§64] 100— m. EMeyeb Geschichte des Altertums 11883 
tj 136. Die ausgedehnte assyriologische Spezialliteratur s. in den Genesis- 
komment .1 ren. 

Unter den rein erzählenden Stücken des Pentateuchs er- 
heischt (Jeu II eine besondere Betrachtung. Dies Stück fällt 
völlig aus dem Rahmen der sonstigen Patriarchengeschichten 
heraus und gliedert Abraham in einen weiter ausblickenden 
weltgeschichtlichen Zusammenhang ein. Abraham beisst <lrr 
Hebräer und erscheint als Bundesgenosse der emoritischen Lan- 
desfürsten; überall treten uns Längst verschwundene Volker- 
schaften und verschollene Namen entgegen und die Genauig- 
keit drv Erzählung in ihren Nebenumständen scheint für bi- 
storisebe l'eberlieterung zu sprechen, und so hat denn Ewald 



§ 13.] Besondere Stücke des Pentateuchs. 79 

in Gen 14 wirklich ein Fragment eines uralten kanaanäischen 
Geschichtswerkes zu erkennen geglaubt und noch Kittel (Gesell. 
(1. Eebr. 1 159) und Klosteemann GVJ 1896 20 stimmen dem 
zu. Aber diese Auffassung verkennt gänzlich den Charakter 
unsrer Erzählung, für welche Abraham nicht bloss Episode, 
sondern Hauptsache ist — das Ganze kann nur geschrieben 
sein im Hinblick auf Abraham und zu seiner Verherrlichung, 
indem es dem Stammvater Israels zu dem Heiligenscheine 
auch noch den Lorbeer des siegreichen Kriegshelden ums Haupt 
winden soll. Zunächst befremdet schon der Umstand, dass 
das Stück keiner pentateuchischen Quellenschrift zugewiesen 
werden kann: arcatoop, a|Jtr'jtwp, dyeveaXöyrjTO? wie sein Melchi- 
sedek steht es da. Es setzt den ganzen Pentateuch voraus 
und ist namentlich auch von P abhängig, wie tc-., l»B3 und 
n '^ T^ zeigt. Wenn wir dazu noch die von Nöldeke unwi- 
derleglich nachgewiesene Ungeschichtlichkeit des Inhalts der 
Erzählung erwägen, so werden wir zu der Ueberzeugung ge- 
drängt, dass es sich hier um ein ganz junges Produkt frei 
dichtender Phantasie und schriftstellernder Reflexion handelt : 
die altertümelnden Namen und Bezeichnungen sind teils aus 
gelegentlichen Andeutungen des AT zusammengerafft, teils frei 
erfunden, und es ist in hohem Grade wahrscheinlich, dass auch 
in den 318 Knechten Abrahams nur eine „Gematria" von 
■W^K steckt. Dass die Namen der vier fremden Könige keil- 
schriftlich nachgewiesen sind, ist natürlich kein Beweis für die 
Geschichtlichkeit des sachlich unmöglichen Inhalts, sondern 
nur für die Entstehung der Erzählung in Babylonien, wo ein 
literarisch interessierter Jude Namen und Daten aus der alt- 
mesopotamischen Geschichte in Hülle und Fülle erfahren konnte, 
und das letzte Glied der Kette schlösse sieh, wenn wirklich 
noch ..in der Perser- bezw. Seleueidenzeit in Babylonien ein 
Epos mit Hammurabi, Kudur-Laghamar, Eriaku und Tudchul 
als Bauptfiguren in Umlauf gewesen zu sein scheint" ll/ni- 
MEBN ThH J 322 1898. Wir haben in Gen L4 einen jüngsten, 
in den schon abgeschlossenen Pentateuch eingefügten, Nach- 
trag im Stile des Midrasch und der Chronik, dessen Tendenz 
in der Melchisedekepisode klar zu Tage tritt. Diese darf «les- 
halb auch nicht ausgeschieden werden, und Name und Person 
]\Ielchisedeks kann auf älterer Ueberlieferung beruhen. Die 
Annahme, dass etwa E an dieser Stelle irgend ein kriegerisches 



gQ Spezielle Einleitung. [§ 13. 

Einschreiten Abrahams zu Gunsten seines Neffen Lot erzählt 
bähe (Dillmaxx, Kittel) ist völlig wertlos: jene Erzählung 
hätte „nichts hinterlassen als den unbestimmten Eindruck, dass 
sie dagewesen sein könnte" (Holzinger). 

8. Das Bundes b u c h E x o d u s 21—23. 
JWRothstkix üas Bundesbuch und die religionsgeschichtliche Ent- 
wicklung Israels 1888. KBudde ZaW 11 99 ff. 1891. BBakntscu 1892. 
WStakrk Das Deuteronomium (§ 9) 29-57. 

Auf die zwei Dekaloge Ex 20 2— 17 u. 34 10— 26 braucht 
nicht eingegangen zu werden. Es genügt, daran zu erinnern, 
dass 20 2-17 zu E 2 , 34 10—2.; zu J gehört; das entscheidende 
Wort über diese beiden merkwürdigen Stücke hat die biblische 
Theologie zu sprechen. Dagegen ein grösseres legislatorisches 
Corpus innerhalb des Ex muss hier besonders betrachtet wer- 
den, das sog. Uxiulesbuch (= Bb). Mit diesem Namen wird 
Ex 247 ein Buch bezeichnet, auf Grund dessen Mose einen 
Bund zwischen Jahve und Israel schloss. Dass damit das 
Stück Ex 21—23 gemeint sei, wird allgemein zugestanden. 
Wir haben in diesen Kapiteln eine Sammlung von Gesetzen, 
die sehr ausführlich das bürgerliche Leben und in kurzen 
Grundzügen auch den Kultus behandeln: sie münden aus in 
einen paränetischen Schluss, welcher für gewissenhafte Befol- 
gung diesci- Gesetze eine glückliche Eroberung des gelobten 
Landes verheisst. Wie beim Dtn lallen uns auch hier eine 
Anz;ilil von Stellen auf, wo die Anrede plötzlich in den Plural 
umschlägl : und alle diese Stellen machen auch Bachliche Scliu ie- 
rigkeiten. 22 so 6 u. 21 reissl 20" u. 29 auseinander; nach Aus- 
scheidung von v. 23 schliessl 22 parallel mit 2.;: 21'' isl hinter 
24 a mindestens überflüssig, v. so aus dem sonstigen Tenor des 
Bundesbuches herausfallend und sachlich nicht mit 21 m 35 .... 
22 10 12 zu vereinigen, 23 9 b spezifisch deuteronomistisch , wie 
222o b . Aus anderen Gründen sind befremdlich 239 a neben 
22 2 o u. 237' neben 1»; 234—5 drängl vi,li störend zwischen 
23s u. e und gehl Doch über Dtn 22 1 1 hinaus; 23 17— 19 ist 
ein Anhang aus dem /weiten Dekalog 3493 25 26, wie schon 
.■ine Vergleichung von v. 17 mit v. u und von i..' mit 22 28' 
beweist: auch \. 15—ie i^t wohl aus 34is 2o b ß u. 22 aufgefüllt 
!. uamentlich 23 i 5 b mit 34ao b ß (ZaW 11 217 1891). Aber 
mit Ausscheidung dieser sicher sekundären Stellen ist die I r- 



§ 13.] Besondere Stücke des Pentateuchs. 81 

gestalt des 151» noch nicht gefunden. Neben jenen Zusätzen 
im Spuren von Verkürzungen, so wenn sich die eherecht- 
lichen Bestimmungen auf 22 15— ie beschränken; die Anordnung 
erscheint vielfach verwirrt, und namentlich ist Ton und For- 
mulierung der einzelnen Vorschriften verschieden: teils Be- 
stimmungen in der 3. Person, die meisten rein juristisch in 
scharfer und präziser Kasuistik zivilrechtliche Fragen ordnend 
21 1'— 22 t6 "f, einzelne kriminalrechtliche von lapidarer Kürze 
21 12 15 — 17 22i8— 19 sowie trotz etwas abweichender Formulie- 
rung v. 17 ; teils Ermahnungen in der 2. Person spezifisch reli- 
giösen und sittlichen Inhalts 22 20-23 16 f, und hierzu sind 
auch noch 20 22—27 zu rechnen, die man doch nicht gut vom 
Bb loslösen kann. Die angeführten Tatsachen machen es 
durchaus unwahrscheinlich, dass wir im Bb eine einheitliche, 
von Einer Hand geschriebene Gesetzessammlung haben. Ver- 
suchen wir nun, über das Bb Klarheit zu gewinnen, so trifft 
• sich überaus glücklich, dass wir es mit aller nur wünschens- 
werten Sicherheit einer pentateuchischen Quellenschrift zuweisen 
können. Die Anfangsverse 20 22— 20, die Schlussverse 2320—33 
und die Erzählung von dem auf Grund dieses Buches vollzo- 
genen Bundesschlusse 243—8 tragen so deutlich die charakte- 
ristischen Merkmale von E, dass seine Zugehörigkeit zu E 
über jedem Zweifel steht: auch die Gesetze seihst zeigen in 
ihrer Formulierung vielfach eine gewisse Verwandtschaft mit 
E. Aber mit dieser Erkenntnis beginnen erst die eigentlichen 
Probleme. Ihre glücklichste Lösung bat, Küenens £ 9 5 erwähnte 
Hypothese modifizierend, Uakntsch p^eben. Er unterscheidet 
im Bb 1» Mispatim 21 2— 22igf. 2) Eine Reihe von kultischen 
Verordnungen 20 22— 26* 22 28— 29 23io— ig*. 3) Eine Anzahl 
moralischer Gebote 2220—2.;* 23 1—9*. Diese kultischen Ver- 
ordnungen zeigen nun eine solche Verwandtschaft mit dem 
sog. zweiten Dekalog Ex 34, dass sie geradezu die elohistische, 
auch hier deutlich etwas jüngere, Parallele zu jenen jahvistischen 
Sinai-debarim bilden. Wir haben in ihnen die Horeb-debarim 
des E und auf Grund dieser Horebdebarim vermittelt Mose 
die Ex 24:;_ s berichtete Bundesschliessung zwischen Jahve 
und Israel. Die Stücke von Ex 34, welche im Bb keine Pa- 
rallele haben, sind dann 23 17— 19 nachgetragen (cf. § 14 1). Die 
Mispatim. zu welchen die moralischen Gebote den Anhang 
bilden, haben im Rahmen der Horebgesetzgebung schlechter- 

Grundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. Q 



82 Spezielle Einleitung. [§ 13. 

dings keinen Platz. Sie sind zunächst eine persönliche In- 
struktion an Mose für die Rechtsprechung, welche er dann 
vor seinem Tode in den Arboth Moab promulgiert als für Is- 
rael verpflichtend. In diesen Mispatim, welche auffallende Pa- 
rallelen zu dem kürzlich aufgefundenen Kodex des Harn mural >i 
zeigen, haben wir offenbar einen Niederschlag des altisraeliti- 
schen Gewohnheitsrechts; ihre Kodifizierung mag auf die Prie- 
sterschaft von Bethel zurückgehn (Wildeboer). Sie wurden, 
um für das Dtn Raum zu schaffen, an den Horeb verpflanzt 
und mitten in die Horebdebarim hineingestelH und die sekun- 
dären Stücke des Bb und namentlich die Ueberarbeitung der 
Schlussverse 23 20— 33 tragen ausgeprägt deuteronomistischen 
Charakter. 

9. L eviticus 17—26. 

AKlosteemaxn Beiträge zur Entstehungsgeschichte des Pentateuchs 
ZITh 38 401 ff. 1877. LHoit-r Leviticus XVH-XXV1 und Hezekiel 1881. 
PWubstbb Zur Charakteristik und Geschichte //es Priesterkodex und des 
Heiligkeitsgesetzes, ZaW4i«£F. 1884. BBaentsch Das Heiligkeits-Gesetz 
/.er XVII— XXVI, 1893. 

Auch dies legislatorische Korpus muss einer eingehenderen 
besonderen Betrachtung unterzogen werden. Es zeigt eine 
unleugbare Verwandtschaft mit P und viele für P charakteri- 
stische Wendungen und Ausdrücke finden sich darin: aber 
doch hat es auch wieder so viel von P Abweichendes und 
durchaus Eigentümliches und nähert sich im Totaleindruck so 
entschieden dem Dtn. dass es nicht ohne weiteres von P her- 
geleitet weiden darf. Zunächst erregt unsre Aufmerksamkeit 
263—45 eine längere paränetische Rede, in welcher Segen und 
Fluch in Aussicht gestellt wird, je nachdem Israel in Jahves 
Satzungen wandelt oder nicht. Dies Stück hat in der ganzen 
Aidage und Struktur eine so auffallende Aehnlichkeit mit 
Dtn 28, dass es nur einem ähnlichen Zwecke wie dieses zu 
dienen bestimmt sein kann, nämlich den Abschluss eines län- 
geren zusammenhängenden Gesetzeskorpus zu bilden: es folgt 
darauf auch eine förmliche Unterschrift v. ie, ganz wie Dtn 
28e9 vgl. auch Ex 23 20— 33. Nun ist gerade 26 3— 45 ein Stück 
von einer besonders scharf ausgeprägten schriftstellerischen 
Individualität, und charakteristische Ausdrücke und Wendungen 
desselben begegnen uns innerhalb des Pentateuchs nur noch 
in den Kap. 17 — 25, so dass es keinem Zweifel unterliegen 



§ 13.] Besondere Stücke des Pentateuchs. 83 

kann, dass diese 10 Kapitel ursprünglich ein selbständiges 
Ganzes gebildet haben, für welches Klostermaxx den sehr 
passenden Namen ., Heiligkeitsgesetz" H vorgeschlagen hat. Be- 
trachten wir dies Korpus etwas genauer, so fallen eine Reihe 
bedeutsamer Tatsachen in die Augen: Ueberfüllung des Aus- 
drucks wie 17 io— u 2231—33: Wiederholungen wie 17 m— nu. 
19 2 g ; \ 19 4 a u. 26 i a , 19 3 o u. 26 2 a , 19 31 u. 20 e 27; förmliche 
Dubletten wie 2-J 17— 18 u. 21 und die grösseren Stücke 18 u. 20; 
auch hat Kap. 19 manches Besondere. Durch alle diese Um- 
stände, sowie durch die Tatsache, dass die charakteristischen 
Eigentümlichkeiten von 26 3—45 sich weniger in den einzelnen 
Gesetzen selbst als vielmehr in ihren Umrahmungen linden, 
wird die Annahme nahe gelegt, dass H eine von dem Ver- 
fasser des Stückes 263—45 veranstaltete Sammlung von ver- 
schiedenen, wohl schon schriftlich fixierten Gesetzen ist: die 
charakteristischen Zeichen von P würden sich so erklären, 
dass H in P eingearbeitet und bei dieser Gelegenheit überar- 
beitet wurde. Das ganze Problem hat am eingehendsten er- 
örtert BAENTSCH und folgende Resultate gewonnen: Kap. 17 
ist besonders stark nach P überarbeitet, aber sein Kern für 
H anzusprechen. Der Festkalender Kap. 23 gehört fast ganz 
zu P: nur 9— aat u. 39—43! sind Reste der Festgesetzgebung 
von H. 241—.! ist durchaus P, doch hat wohl auch H an dieser 
Stelle Vorschriften über heiliges Oel und heiliges Brot ge- 
hallt: 1:,— 22 ist durchaus H, die geschichtliche Umrahmung 
10—14 23 von jüngerer Hand. In dem besonders schwierigen 
und komplizierten Kap. 25 gehören zu H das Gesetz über das 
Sabbathjahr und eine Reihe allgemeiner humanitärer Gebote 
ohne jede Rücksicht auf das Jobeljahr. Eine jüngere Schicht 
von H hat dann das Gesetz vom , Jobeljahr. aber lediglich als 
restitutio in integrum, hinzugefügt, während die Uebertragung 
der Funktionen des Sabbathjahres auf das -Jobeljahr einer von 
P abhängigen Ueberarbeitung entstammt. In Kap. 26 ist ur- 
sprünglich eine selbständige Predigt enthalten, die eist später 
durch Ueberarbeitung zum Schlüsse von H gemacht wurde. 
Die einzelnen Kiemente von H gruppieren sich nach BäENTSCH 
folgendermassen : 1)18-20 23 — 25 soweit zu H gehörig. Dies 
ist die älteste Schicht H \ aber selbst schon auf Grund älterer 
Gesetzesreihen redaktionell überarbeitet. 2) 21 — 22 H 8 , gleich- 
falls aus vorhandenen Vorlagen zusammengearbeitet. 3) 17 

6* 



84 Spezielle Einleitung. [§ 13. 

soweit zu H gehörig H 3 . Diese drei Schichten wurden dann 
srbunden und das überarbeitete Kap. 26 hinzugefügt, und 
zwar gegen Ende des babylonischen Exils, welche Situation 
Kap. 26 deutlich widerspiegelt. Bertholet will in 17 — 25 
nur 12 einzelne Stücke unterscheiden und auf bestimmtere 
Datierungen verzichten, obwohl 18 y offenbar jünger sei als 
20 f, und in 25 die Joboljahrschicht jünger, als die Sabbath- 
jahrschicht. — Ein besonderes Problem bietet dann noch das 
Verhältnis von H zu E z e c h i e 1. Dasselbe ist ein 
so enges, dass Graf, Kayseb und Horst geradezu den Pro- 
pheten selbst für den Autor oder Redaktor von H gehalten 
haben. Aber dem standen entgegen eben so unleugbare sach- 
liche Differenzen, vor allem, dass H den Hohenpriester hat, 
von welchem Ez noch nichts weiss. Nach BaeNTSCB sind 
Kap. 26 (eine „Anthologie aus Ez"), H ; und H 2 von Ez ab- 
hängig und jünger als dieser; dagegen für H 1 wird das um- 
gekehrte Verhältnis statuiert. Die von BAENTSCH hierfür vor- 
gebrachten Beweise erscheinen mir nicht zwingend, namentlich 
nicht dafür, dass Ez H 1 bereits in der gegenwärtigen Verbin- 
dung gekannt habe, die selbst erst das Produkt einer Redak- 
tion ist. Dass H als Ganzes jünger ist wie Ez, darf als ab- 
solut sicher bezeichnet werden. Zu P 2 verhält sich H „wie 
eine Vorstufe"; ..die Dinge sind hier noch nicht so weit und 
SO fest entwickelt'S wie bei P 2 , und deshalb hat KUENEN es 
mit P 1 bezeichnet und sieht in ihm eine der älteren Samm- 
lungen von Gesetzen priesterlichen Charakters, welche dem 
Verfasser von P 2 zur Grundlage und zum Ausgangspunkte 
gedient haben: sie muss schon früh in P 2 eingearbeitet wor- 
den sein, da bereits unter Esra die aus P 1 stammende Vor- 
schrift über das Laubhüttenfest Lei 23 39— 44 zusammen mit 
der Vorschrift des P 2 , welche das Büttenfest auf achl Tage 
ausdehnt Lev 23 Xiim 29s5, in dem Buch des Gesetzes 
Moses stand Neh 8u— 18. Bei dem wenig festen Gefüge 
von II. welches mehr ein Aggregat von Einzelgesetzen als ein 
streng systematisch geordnetes Korpus i-t. lässt sich die Frage 
aufwerfen, ob nicht vielleicht noch Stücke ausserhalb Lev 17 2<> 
ursprünglich zu ihm gehört haben. Und so hat man denn in 
der Tat namentlich in Lev 11 — L5 1 7 Num 5 (doch vgl. 
über diese Eiferopferthora Stade Za\V I6166 ff. L895) 6 9 15 
19 gleichfalls Bestandteile von H erkennen zu dürfen geglaubt. 



§ 14.] Der Pentateuch als Ganzes und seine Entstehung. 85 

Baentsch gibt dies unbedingt zu nur für Lev 11 13—45, welches 
den Schluss zu einigen ursprünglich hinter 20 25 stehenden 
kurzen allgemeiner gehaltenen Bestimmungen über das Ver- 
halten zu reinen und unreinen Tieren gebildet habe und „mit 
gutem Gewissen" auch für Xum 15 37— 41; die übrigen ange- 
zogenen Abschnitte gehören zwar zu P 1 , d. h. seien älter als 
P 2 , doch lasse sich ein näherer literarischer Zusammenhang 
mit H nicht erweisen. 

§ 14. Der Pentateuch als Ganzes und seine Entstehung-. 

Nachdem wir die Analyse des Pentateuchs vollzogen ha- 
ben, gehn wir nun zur Synthese über und tragen, wie aus 
diesen einzelnen Quellenschriften und Stücken der Pentateuch 
als (ianzp> entstanden ist. Wir werden sehen, dass dieser 
literarische Prozess sich in drei Hauptstadien vollzogen hat. 

1. Die Vereinigung von J und E. Schon Xöldeke 
hat es ausgesprochen und bereits IvXOBEL war auf dem Wege 
zu der Erkenntnis, dass diese beiden Quellenschriften „nicht 
als zwei selbständige AVerke- in unsern Pentateuch aufgenom- 
men sind, sondern schon zusammengearbeitet. VTellhausex 
hat dann diesem Prozesse zuerst eingehender nachgespürt : er 
sieht in ihm das Werk eines ..Jehovisten". Dieser bedient sich 
selbsl des Grottesnamens ,— ,— und hat durchweg J zu Grunde 
gelegt; nur gegen E 2 . den ihm homogensten und zeitlich am 
nächsten stehenden Autor, lässt er J zurücktreten, wie Gen ..; 
Ex 19 — 34. Wir bezeichnen ihn mit Rj. Sein Werk ist zu- 
nächst die Verschmelzung aller nur aus J und E gemischten 
Perikopen: da aber J und E trotz grosser Familienähnlichkeit 
doch nicht unbedeutend von einander abweichen, so musste er 
seine beiden Vorlagen ausgleichen und zu auffallende Wider- 
sprüche beseitigen, weshalb ihn Kxfenen den „ Harmonisten 
von .] und E" nennt: ausserdem hat er gelegentlich eigene 
Einschübe und Erweiterungen in seinen Vorlagen angebracht, 
die durch den fortgeschritteneren prophetisch-theologischen 
Standpunkt sich sofort von ihrer Umgebung abheben. Deber- 
haupt ist seine Art zu arbeiten ziemlich selbständig und seine 
Stellung den Vorlagen gegenüber verhältnismässig frei. Gleich 
in Gen 15. wo uns die erste Spur von E begegnet, scheint er 
eingegriffen zu haben: von ihm stammt 16 9— 10 zur Ausglei- 
chung von J mit E Kap. 21, ferner wohl 20 is. Stark über- 



86 Spezielle Einleitung. [§ 14. 

arbeitet hat er Kap. 22. Das Stück u b — is ist von ihm. und 
auch in der Erzählung selbst hat er v. 2 die ursprüngliche Lo- 
kalität verwischt und den Vorgang nach Jerusalem verlegt, 
woraus sich ergibt, dass Rj ein Judäer war. In 26 hat er 15 
u. 18 eingetragen zur Ausgleichung mit 21 E: auch 28 u zeigt 
seine Art. Da in den betreffenden Abschnitten jede Spur von 
P fehlt, wird auch die starke Ueberarbeitung von 30 31—31 :; 
11. 31 47— ä-i sein Werk sein : WELLHA.USEN sehreibt ihm dann 
noch 32 10—13 und den in 35 21 vorliegenden „verschämten Aus- 
druck" für Jerusalem zu : auch 32 33 dürfte von ihm stammen. 
Wenn die Geschichte Josephs durchweg eine gewisse Breite 
der Darstellung zeigt, so wird dies gleichfalls auf Rj zurück- 
gehn, wie die harmonistischen Zusätze 39 i b * 2o n y 40 3 b is b ß 
und die Ueberarbeitung von 45 19 u. 21 ? Im Exodus hat er in 
1 — 18 die beiden Quellen sehr geschickt verwoben und, wo es 
notwendig war. durch Zusätze wie nTpfetf nnx 18 2 ausgeglichen. 
Sehr bedeutend sind dann seine Eingriffe in die Perikope von 
di r Gesetzgebung 19 — 34. Gleich 19 23 begegnet uns eine 
seiner charakteristischen Harmonisierungen. Er hat durchweg 
E, welches damals den Dekalog 20 2— 17 noch nicht enthalten 
zu haben scheint, zu Grunde gelegt und dies mit .1 aufgefüllt, 
23 17—19 aus dem zweiten Dekalog des .1 eingefügt, um ihn als 
Wiederholung der Horebdebarim des E darstellen zu können, 
und 32 — 34 wesentlich in die gegenwärtige Form gegossen 
(32*— M schon I)tn 9 » ff. vorausgesetzt). In Num 11 ist die 
eigentümliche Verflechtung der Wachtelspeisung .1 mit der 
Geistesausgiessung auf die 70 Aeltesten E 2 . welche dann auch 
die Versetzung von Es L8 an seine jetzige Stelle zur Folge 
hatte (§11«), gewiss das Werk des Rj, sowie die im ganzen 
vortrefflich gelungene Verschmelzung der beiden Bileamsge- 
schichten 22—24. Seine Hand erkennen wir ferner in 14 11—21, 
welches sieh durchweg an JE anlehnt, die auffallendste Ver- 
wandtschaft mit den sonstigen von Uj konzipierten Perikopen 
zeigt und unmittelbar in ein Eragmenl aus E einmündet. Im 
Deuteron oiniuni ist keine Spur seiner Tätigkeil zu entdecken. 
— Bolzingee in.'ieht darauf aufmerksam, dass die Art der 
„jehoyistischen" Bearbeitung in verschiedenen Partien df-. 
Pentateuchs eine durchaas verschiedene i^t : für Gen vorwie- 
gend .1 und E kompilierend und ihre Kiemente intakt Lassend; 
in Ex 1 — 11 Num 22— 24 auf Grund der Quellen die Erzäh- 



§ 14.] Der Pentateucb als Ganzes und seine Entstehung. 87 

hing z. T. mit grosser Kirnst „verfassend"; in dem Bericht 
über die Wüstenzeit und die Gesetzgebung stark überarbeitend 
und Einheitlichkeit der Darstellung und Ordnung der Erzäh- 
lung vermissen lassend. Deshalb möchte Holzixger auch in 
Rj nicht Bezeichnung einer Person, sondern nur Bezeichnung 
eines bloss relativ einheitlichen literarischen Prozesses sehen. 
Die von Holzinger beobachteten Tatsachen sind unleugbar und 
die aus ihnen gezogene Folgerung mindestens sehr ansprechend. 
Den terminus a quo für diesen literarischen Prozess bildet E 2 , 
also ca. 650; für seinen Abschluss ist beachtenswert, dass 
sich trotz grosser geistiger Verwandtschaft doch noch keine 
literarische Beeinflussung durch das Dtn zeigt: man kann 
beides als die nämliche Schule betrachten, aber die beiden 
Stadien derselben sind überall reinlich zu scheiden. Die Son- 
derwerke J und E haben sich natürlich auch nach dieser Ver- 
schmelzung noch erhalten, wie sich aus der Tatsache ergibt, 
welche EMeyer (ZaW 1 12 a 1881, 5 42-52 1885) zuerst erkannt 
und dann DlLLMASTN im einzelnen nachgewiesen hat, dass den 
deuteronomistischen Autoren E noch als selbständige Schrift 
vorgelegen hat. Sie schliessen sich nämlich so durchgängig 
an E an bis in Kleinigkeiten (wie -";n als Xame des Berges 
der Gesetzgebung, "Hb« als Bezeichnung der kanaanäischen Ur- 
einwohner, Josua als rnttJü Moses, nü'-istn für panischen 
Schrecken) und auch in Punkten, wo E und J auseinander- 
gelm (die Kundschafter kommen bis zum Traubenbach, Bi- 
leam ist aus Mesopotamien, die Gesetzestafeln von Jahve ge- 
schrieben), dass sie schwerlich alle diese Specifica des E aus 
JE hätten herausdestillieren können. 

2. Die Vereinigung von JE mit D. War das Dtn 
einmal kanonisches Gesetzbuch geworden und galt es als Werk 
Moses, so musste es nahe liegen, es auch dem grossen natio- 
nalen Geschiehtswerke einzuverleiben. Dies geschah durch 
einen zweiten Redaktor, der durchweg in der ÄJischauungS- 
und Ausdrucksweise des Dtn lebt und den wir deshalb Kd 
nennen. In der Genesis zeigt sich von seiner Tätigkeit nur 
Eine sichere Spur 26 s. Im Exodus scheint von ihm zusein 
4 21—23, welches weder von J noch von E hergeleitet werden 
kann. Bei der Geschichte der ägyptischen Plagen ist 10s min- 
destens deuteronomistisch tingiert. auch 8i8 b 9a9 t sind sicher 
Zusätze seiner Hand und in 9 1.1—1.; hat er wohl etwa- tiefer 



88 Spezielle Einleitung. [§ 14. 



eingegriffen. Stark überarbeitet sind 12 21 — 27 13?.— ig J u. 1Ö26E, 
ferner der jahvistische Mannabericht in 16. wo namentlich 1 
u. 28 ganz deuteronomistisch klingen. Die sichtlichste Spur 
seiner Tätigkeit ist die geradezu heillose Verwirrung, in wel- 
cher sich gegenwärtig Ex 19—34 befindet (s. hierüber speziell 
RKlopfer ZaW 17 197 ff. 1897, CSteuernagel StKr 72 319 ff. 
1899 und CBrüSTON Les quatre sources de la legislation du 
Sinai Rev. de Theol. et Philos. 1899). um für das Dtn Raum 
zu schaffen, hat er die Mispatim aus den Arboth Moab 
(§ 13 s) in die Horebdebarim des E eingesprengt und so das 
„Bundesbuch" Ex 20 22— 23 33 verfasst; aber auch den Deka- 
log von 34 hat er sehr stark überarbeitet und die gegenwär- 
tige Gestalt (}os Dekalogs 20 2—1? sowie seine unglückliche 
Stelle vor 20 18—21 möchte man gleichfalls auf ihn zurückfüh- 
ren. Spezifisch deuteronomistisch ist ferner 19:; h _ s. In Numeri 
zeigt 10 33 14 11 die Bundesl&de deuteronoinistisclien Sprach- 
gebrauch; auch die unter sieh in Zusammenhang stehenden 
Stärke 21 33-35 (über welches bereits § 11 1 gehandelt wurde 
32s3 a ß* 11. m, sowie die Verpflanzung von 32 39 41—42 J an seine 
jetzige Stelle werden am besten auf IM zurückgeführt. Im 
Deuteronomium stammt sicher von ihm 31 1—8 und wohl auch 
14—15 23 auf elohistischer Grundlage, wodurch das Dtn mit dem 
Buche Josua verbunden werden soll: die abschliessende Be- 
trachtung 34 10 — 12 wird ebenso am natürlichsten von ihm her- 
geleitet. Dagegen darf allerdings gefragt werden, ob die Kom- 
position des gegenwärtigen Dtn aus den verschiedenen Ele- 
menten der deuteronomistischen Diaskeuase von der nämlichen 
Hand herstammt, und oh nicht auch IM weniger Bezeichnung 
eines Schriftstellers, als vielmehr eines Stadiums redaktioneller 
Tätigkeit ist. Der Beginn dieser redaktionellen Tätigkeil kann 
kaum vordem babylonischen Exil angesetzt werden: ihr letztes 
Stadium wäre die Einfügung des „Liedes Moses" Dtn 32 1 — 13 
mit 31 16—22 24— sot als Einleitung und 32 u als Nachwort. 
Diese Einfügung isl wohl älter, als 

:;. Die Bereinigung von JED mit P. Dass schon 
Esra P mit JED vereinigt mitgebracht habe, ergab sich ans 
6 12 ls als durchaus unwahrscheinlich. Nachdem aber V pro- 
klamiert und feierlich anerkannt war, musste es sich empfeh- 
len, es in das schon längere Zeit eingebürgerte grössere natio- 
nale Geschichts- und Gesetzeswerk aufzunehmen. Dies tat ein 



§ 14.] Der Pentateuch als Ganzes und seine Entstehung 89 

dritter Redaktor Rp, für welchen P durchaus der heilige Ko- 
dex war. und der daher in Ausdrucksweise und Anschauungen 
völlig auf dem Standpunkte des P steht und in Kollisions- 
fällen fast ausnahmslos ihm den Vorzug gibt: eine Verstüm- 
melung von P durch Ep gehört zu den grössten Seltenheiten. 
Die Aufgabe dieses Ep war die umfassendste und zugleich die 
schwierigste, weshalb es nicht zu verwundern ist, dass seine 
Tätigkeit die deutlichsten Spuren hinterlassen hat. Im all- 
gemeinen hat er seine Arbeit mit grosser Pietät getan, auch 
JED gegenüber. Dass er hei Dingen, die er nicht zweimal 
erzählen konnte, wie etwa der Bau der Arche oder der Tod 
Abrahams, JED neben P gestrichen hat, versteht sich unter 
diesen Umständen von selbst: dennoch bat er abweichende 
Züge der Parallelberichte getreulich konserviert und an irgend 
passender Stelle, eingefügt, so JED vielfach gewaltsam ver- 
renkend . aber doch nach Möglichkeit erhaltend. Diese Um- 
stellungen und Streichungen im einzelnen namhaft zu machen, 
würde viel zu weit führen. Schwierig festzustellen ist sein Ver- 
hältnis zu P x , ob die jüngeren und jüngsten Bestandteile von P 
durch Ep hinzugekommen sind, oder schon vor, resp. noch na<4i 
ihm: ich werde im einzelnen Falle das Problem andeuten. 
Dass P 1 schon zur Zeit von Ep mit P 2 vereinigt war, haben 
wir § 12 12 gesehen. In Genesis hat Ep gleich 2i a , welche-, 
wenn ursprünglich, Ueberschrift zu li war, ans Ende ge- 
stellt, oder in Anlehnung an die Parallelstellen selbständig g< - 
schrieben, um zu J überzuleiten. In 5 hat er einzelnes aus 
der jahvistischen Sethitentafel eingearbeitet. 6 t hat er aufge- 
füllt, 7:;' u. j_9 eingetragen, v. ; 2-_> : ' u. 23" nach P erweitert. 
In 10 bat er v. 21 "r"^? und den ganzen v. 24 eingefügt: auch 
die doch wohl beabsichtigte Siebenzigzahl der Namen ist ge- 
wiss sein Werk. In 15. wo vermutlich bereits Rj eingegriffen, 
stammen von ihm v. 13—15 u. 19—21 (vollständigste, aber auch 
unhistorischste Aufzählung der kanaanäischen Urbevölkerung), 
ferner 27 46 zur Anknüpfung an 2635. Den Schluss von Kap. 
24 hat er ziemlich rauh umgestaltet, um .1 mit P auszuglei- 
chen. Kap. 84. wo die Beschneidung in Frage kommt, hat er 
im Sinne und nach dem Sprachgebrauche von P iiberarbeiti 
36 1— 5 ist ganz von ihm zurechtgemacht: das Schema ist durch- 
aus das von P, aber die abweichenden Namen hat Ep aus J 
eingesetzt. 37 u die Lokalisierung Jakobs nach Hebron? 43 u 



90 Spezielle Einleitung. [§ 14. 

— r bx. 46 i a ß im Zusammenhange mit 37 u? 46 8—27 Rp oder 
pxg 47 30 orriDj» 48 ?* '? 49 28 a , v. 31 wohl aus Rücksicht auf 
JE abgeändert; bei P wurde gewiss auch Rahel in der Höhle 
Makpela begraben. In Exodus 4 hat Rp v. 9 u. w a ß— 16 ein- 
gesetzt und i7—3o überarbeitet, sowie 5 — 10 überall Aaron 
nachgetragen : das ganze Stück 6 13—30 stammt von ihm oder P\ 
Auch 6 6—9 scheint er seine Hand im Spiele gehabt zu ha- 
ben : es finden sieh dort mitten in einem rein grundschrift- 
lichen Zusammenhange rein deuteronomistische Anklänge, die 
doch nur von Rp eingestreut sein können : denn wenn Hp sich 
auch wesentlich an P anlehnt, so konnte doch er, der eigent- 
liche Verfasser unsres gegenwärtigen Pentateuchs, einzelne 
Ausdrücke und Wendungen auch den übrigen pentateuchischen 
Quellen entnehmen. Sehr schwierig ist die Frage nach 12 40— 12, 
wo nur die Tatsache eines Eingrübe feststeht; in 42» hat Budde 
(Xa\V 11 200 1891) ein Stück von J erkannt. Iva]). 16 begegnet 
uns einer der seltenen Fälle, wo Rp einen Bericht des P mit 
Rücksicht auf JE umgestellt hat. P kann nach v. 9 u. 34 die 
von ihm mit der Wachtelspeisung kombinierte Mannageschichte 
erst nach der sinaitischen Gottesoffenbarung erzählt haben: 
die Versetzung seines Berichtes an diese Stelle hat Rp vor- 
genommen, dabei v. c— 7 vor 9—12 gestellt, v. 10 überarbeitet 
und v. 8 u. 36 geschrieben. In 17 bat Rp das Fragment der 
jahvistischen Quellenwundererzählung eingesprengt, um Xum 
20 für P Raum zu schaffen. Ferner rührt von ihm wohl her 
das mehrfache» — -~ r " ri? 31 18 34 20 und ist er es wohl ge- 
wesen, der in Kap. 33 den elohistischen Bericht von der An- 
fertigung der Lade gestrichen bat. Dagegen Ls1 20 11 nicht 
Zusatz des Rp, sondern Originalbestand von E a (s. Budde 
Bibl. ürgesch. 193—495). Für den Resl des Ex, den ganzen 
Le\ und Xum 1 — 10 ist immer nur die Frage, ob Rp oderP x . 
In Num 11 hat Rp v. 7—9 nachgetragen, um nach dem vielen 
Dazwischenstehenden wieder an das Manna Ex L6 zu erin- 
nern; dir Schilde! Uli- LS1 eine Kombination \ oll E.\ L6 13— 14 J 
mii v. ls P. Aueb "r-L--^ ll,o und pKB ----- LI ie b weist 
auf Rp, L4s7— 88 hat er die bei P sehr viel kürzere Gottes- 
rede beträchtlich erweitert. In in hat ihm wohl nur P 2 neben 
.1 vorgelegen, so dass die üeberarbeitung durch P N und die 
damit zusammenhängende Einschaltung von 17 1—5 und 26 n 
später anzusetzen wäre als Rp, von welchem aber wohl 1727—28 



£ 14.] Der Pentateuch als Ganzes und seine Entstehung. 91 

stammt oder versetzt ist. 20 1 — 13 haben wir ein Beispiel, wo 
Pp absichtlich P verstümmelt hat, um einen ihm austössigen 
Bericht desselben zu entfernen (s. ZaWllaoff. 1891); dann 
ist wieder 21 * a « von ihm. und 269—10, welches den von ihm 
komponierten Text von Xuni 16 J -j- P 2 voraussetzt. Die 
Aeltesten Midians sind wohl jünger als Pp, da sie im Zu- 
sammenhange stehn mit Kap. 81 u. 25 ig— is, welche Erzäh- 
lung sich erst durch Kombination von 25 in der von Pp ihm 
gegebenen Gestalt mit 22 — 24 gebildet haben kann. In 32 
ist P mit JE unlösbar verschmolzen : hier scheint Pp beson- 
ders selbständig vorgegangen zu sein, möglich, dass ihm, wie 
bei 14, an welches 32 zunächst erinnert, Rj bereits vorgear- 
beitet hatte und dass auch noch jüngere Hände als Pp an 
diesem Kapitel tätig gewesen sind. Das Stationenverzeiehnis 
33 1 — 4:1 ist frühestens von Pp verfasst, da es auf P und JE 
tü^st : ursprünglich sollten es wohl 40 Stationen sein, entspre- 
chend den 40 Jahren des Wüstenzuges. In 33 50—56 könnte 
Pp gleichfalls eingegriffen haben; 36 13 hat er wohl zugefügt 
als Abschluss und zugleich Ueberleitung auf das Dtn. Im 
Deuteronomium sind die Spuren seiner Tätigkeit naturgem. 
am geringsten, fehlen aber auch hier nicht ganz; er hat die 
erste üeberschrift 1 1—5 mit P konform gemacht, wenn sich 
auch bei der heillosen Verderbnis der zwei ersten Verse sein 
Anteil nicht genau bestimmen lässt; er hat 44i— -i-, eingesetzt 
und er wird auch wohl 10 g— t aus Num 21 hierher verpflanzt 
haben. Vgl. § 9 7. Dagegen hat er 12 — 26 völlig intakt ge- . 
lassen. In dem sehr komplizierten Ka}). 27 kann er einge- 
griffen haben; mindestens 15—21; setzt die gesamte pentateu- 
chische Gesetzgebung, speziell H neben D, voraus; es kann 
aber noch jünger sein als Pp. In 31 19 hat er vielleicht ur- 
sprüngliches "^ -rr zu er 1 ? 'rrr gemacht und 32 14 den Josua 
3p. Hosea eingefügt; auch Utt "Z-bz "iw s 32*9 ist aus .1 ein- 
getragen. 

4. So ist also Pp wesentlich der Verfasser des Penta- 
teuchs wie er uns jetzt vorliegt, und er wird diese seine Ar- 
beit gewiss nicht zu lange nach der Proklamierung von P, 
also etwa zwischen 440 und 400, unternommen haben. Dabei 
ist auch hier mit der Möglichkeit und selbst Wahrscheinlich- 
keit zu rechnen, dass diese Arbeit nicht von einer einzelnen 
Person, sondern vielmehr von dem Kreise der jerusalemischen 



92 Spezielle Einleitung. [§ 15. 

Schriftgelehrten getan wurde. Aber wie mit Esra nicht P, 
sd isl auch mit Rp nicht der Pentatench abgeschlossen ge- 
wesen. Wir haben oben bereits wiederholt auf die Möglichkeit 
noch jüngerer Hände hingewiesen und haben £ 137 ge- 
sehen, dass eine ganze Perikope wie Gen 14 noch nachträg- 
lich in den bereits abgeschlossenen Pentateuch eingefügt wurde. 
Namentlich sind es Stücke von P x , welche hier in Frage kom- 
men. Einen gewissen ^Markstein bildet die Chronik, welche 
schon Bestimmungen von P s als mosaische Thora ansieht; 
vgl. 11 Chr 24 e— 9 mit Ex 30 13 u. 11 ( Ihr 31 e mit Lev i27:ii--:w 
und in das 4. Jahrhundert würden wir dann auch wohl Num 
24so—24 setzen, mindestens v. 21, der eine deutliche Anspielung 
auf die makedonische Macht enthält. Aber wir müssen selbst 
bis in das 3. Jahrhundert herabgehn; denn noch nach LXX 
wurde der hebräische Text überarbeitet und glossiert. Ein 
-ehr bedeutsames Beispiel bietet das grosse Stück Ex 35 — 40, 
welches zur Zeit der LXX mindestens noch kein fester Be- 
Btandteil des Pentateuchs war (vgl. £ 122i: auch in Dtn 1 $■." 
hatten wir $ 10 3 einen charakteristische!] Zusatz erkannt, der 
in LXX fehlt, lud dass man noch nach der LXX nicht 
bloss glossierte, sondern auch redigierte, dafür ist Gen 47 4— e 
beweisend, wo uns der hebräische Text in einem fortgeschrit- 
teneren Stadium der Hedaktion entgegentritt, als LXX. Doch 
sind das nur die letzten Zuckungen vor dem gänzlichen Er- 
starren: vod irgend entscheidender Bedeutung i-t diese spä- 
teste Diaskeuase nicht gewesen und es kann deshalb auch nicht 
unsere Aufgabe sein, ihr in allen Einzelheiten nachzugehn. 

§ 15. Das Buch Josua. 

Literatur wie zum Pentateuch resp. Bexateuch. Speziell: JSBlack 
The book of J. 1891. JHollenbebg Die deuterononUschen Bestandteile 
des Buches Josua StKr47 4B« ff. isTi und Die alexandrinische Uebersetzung 
des Buches Josua 1876 und Zur Textkritik des Buches Josua und des Bu- 
ches de,- Richter ZaW 1 w ff. 1881. KBudde Richter und Josua ZaW 7 »3 ff. 
1887. K\ 1.1:11,- Die Quellenberichte in Josua T—XII, 1891. 

1. 1 ) e )• I n h ;i 1 t des I! U c li e S -I B u .1 LSl die not- 
wendige Po r 1 8 etz u n g u n d E r g ä n z u n g des P e n t a- 
teuchs. Mit dem Tod( Moses abbrechen und Israel gewis- 
sermaßen an der Schwelle des gelobten Landes stehn lassen 
konnte keine Geschichtsdarstellung; d;i^s Jahve wirklich das 
Volk in das Land geführt, welches er ihren Vätern zugeschworen 



§ 15.] Das Buch Josua. 93 

hatte und dem sie in mühsamem und beschwerlichem Wüsten- 
marsche zugestrebt waren, ist der unentbehrliche Abschluss 
für die Geschichte der Patriarchen wie Moses. Nach seinem 
Inhalte zerfällt Jos in zwei scharf geschiedene Teile: 1 — 12 
Geschichte der Eroberung von Westpalästina, und 13—24 Ge- 
schichte der Verteilung des eroberten Landes und der Besie- 
delung desselben. 1. Nach dem Tode Moses erhält Josua den 
göttlichen Befehl, den Jordan zu überschreiten, trifft alle Vor- 
kehrungen und ermahnt die 2 1 j 2 Ostjordanstämme an ihr Mose 
gegebenes Versprechen. 2. Nachdem Jericho ausgekundschaftet 
ist, erfolgt 3. der wunderbare Durchzug durch den Jordan 
4. und Israel bezieht in Gilgal Standquartier. 5. Dort be- 
schneidet Josua die Israeliten, feiert Passah und empfängt die 
Erscheinung des Obersten des himmlischen Heeres. 6. Jericho 
wird wunderbar eingenommen und gebannt und zerstört. 7. 
Der Frevel Achans an dem Bann und seine Bestrafung. 8. Er- 
oberung und Zerstörung von Ai. Auf dem Ebal wird ein 
Altar errichtet und das Gesetz verlesen. 9. Trügerischer Bund 
der Gibeoniten mit Israel. 10. Schlacht bei Gibeon. Wun- 
derbarer Sieg über fünf südkanaanäische Könige und Erobe- 
rung des ganzen Südens. 11. Jabin von Hazor und seine 
Verbündeten beim See Merom geschlagen und ganz Nordpa- 
lästina erobert. 12. Verzeichnis von Hl Königen, welche die 
Kinder Israel schlauen und deren Land sie eroberten. - ■ 13. 
Josua erhält den Befehl, das Westjordanland unter die i» 1 2 
Stämme zu verteilen. Zunächst genaue Bestimmung des Ge- 
bietes der 2'., Ostjordanstämme. 14. Verleihung von Hebron 
an Kaleb. 15. Stammgebiet Judas. IG. Ephraims, und 17. 
Manasses. 18. Errichtung des Heiligtums zu Silo und Ver- 
sammlung daselbst. Das übrige Band wird aufgenommen, in 
7 Teile geteilt und verlost. Gebiet Benjamins, 19. Simeons, 
Sebulons, [saschars, Äsers, Naphtalis und Dans. Josua er- 
hält Timnath Serah. 20. Bestimmung der <i Asylstädte und 

21. der 48 Levitenstädte und ihre Verteilung an die einzelnen 
Geschlechter des Stammes Levi. Abschliessend.' Bemerkung. 

22. Die 2Va Ostjordanstämme werden entlassen. Streit wegen 
des von ihnen am Jordan errichteten Altars. 23. Ermahnungs- 
rede des hochbetagten Josua an ganz Israel. 24. Landtag zu 
Sichern. Abschiedsrede Josuas und feierliche Verpflichtung 
des Volkes auf Jahve. Josephs Gebeine in Sichern begraben. 



94 Spezielle Einleitung. [§ 15. 

Josua und Eleazar sterben. 

2. Bei diesen engen Beziehungen zwischen Jos und den 
vorhergehenden Büchern müssen wir a priori erwarten, d i e 
n ä mlichen Quellenschriftsteller, welche uns bis- 
her Israels Geschichte und Geschicke erzählt haben, auch 
i in B u c h e J o s u a wiederzufinden und diese Erwartung 
wird nicht enttäuscht : Jos und Pentateuch gehören so untrenn- 
bar zusammen, dass man jetzt vielfach lieber von einein He- 
xateuche redet. Doch zeigt Jos literarisch eine wesentlich 
andere Physiognomie, als der Pentateuch, so dass es mir rich- 
tiger erschien, jenen für sich und Jos besonders als Anhang 
zu demselben zu betrachten und dabei nur die Punkte auszu- 
führen, in welchen Jos vom Pentateuch abweicht. Die Ver- 
schiedenheit kommt nämlich von einem anderen Mischungsver- 
hältnisse der Quellen und einer anderen Art ihrer Komposi- 
tion: liier, wo es sich um rein erzählende Abschnitte handelt, 
w«. nicht legislatorische Stücke, die an und für sich schon der 
Redaktion weniger Handhaben boten und deren Inhalt kaum 
angetastet werden durfte, der kompositorischen Tätigkeit Wi- 
derstand leisteten, ist allerdings die redaktionelle üeberarbei- 
tung des Quellenmaterials zu einer völligen Neubearbeitung 
geworden, welche die ursprünglichen Bestandteile weniger deut- 
lich erkennen und unterscheiden lässt. Die Analyse hat mit 
ungleich grösseren Schwierigkeiten zu ringen und kann daher 
ihre Resultate auch nicht mit ähnlicher Sicherheit geben, wie 
im Pentateuche. 

:;. In Kapitel 1 — 12 fällt zunächst auf das fast gänz- 
liche Zurücktreten von P; mit Sicherheit können auf dies 
Quellenwerk zurückgeführt werden nur drei Fragmente: 4ia 
5 in— 12 u. 9 15* 17— 2i 27 a , und nur das dritte derselben bietet 
• ■inen Anhalt dafür, dass P auch die Josuageschichte etwas 
ausführlicher erzählt habe. Mit dem Zurücktreten von P tritt 
auch Rp zurück: deutlicher zu spüren glaubt man ihn nur in 
4is, wo sich \'\\v I' charakteristische Ausdrücke finden, es aber 
nicht leicht anzunehmen ist. da- der ganze Vers direkt von 
P geschrieben sei. und sicher stammt von Rp die gegenwär- 
tige Gestall von 9as u. 27; sonstige gelegentliche Spuren vom 
Sprachgebrauch des I\ wie nrron f1-i« 4 ie oder nj3 o*3 BfT* 
LO27 können sich auch ganz gut ersl später eingeschlichen 
haben. .los 1—12 ist vielmehr seinem Gesamtcharakter nach 



§ 15.] Das Buch Josua. 95 

durchaus deuteronomistisch und Jäher auf Rd zurückzuführen : 
Albers, Steuernagel und Holzingeb unterscheiden eine 
doppelte deuteronomistische Redaktion. Gleich Kap. 1, wenn 
auch auf einer Grundlage aus E ruhend, ist spezitisch deute- 
ronomistisch und in keinem der 11 folgenden fehlt das deu- 
teronomistische' Element, wenn es auch nicht wieder so domi- 
niert. Die Erzählung selbst trägt überall Spuren des Zusam- 
mengesetztseins, besonders deutlich in Kap. 3 4 6 8 u. 10. 
alter auch in 2 5 7 9 u. 11. Die Verteilung des Stoffes auf 
J und E und etwa noch J 2 und E 2 ist zu allgemein aner- 
kannten Resultaten bis jetzt nicht gelangt, und wenn wirklich 
Kap. 24 ursprünglich an einer ganz anderen Stelle gestanden 
haben sollte (vgl. § 9 s), so würde das für die Frage nach der 
Ausscheidung von E in Jos 1 — 12 von grösster Bedeutung 
sein. Die wegen der Verweisung auf das alte — f"" 1 ~- c ( v »l- 
§§ 17i2 b u. 18 2 a ) wichtige Stelle 10 12— 14 wird ziemlich über- 
einstimmend J zugewiesen. Bei Kap. 12 kann man fragen, 
ob das Verzeichnis der besiegten Könige von Rd hergestellt 
ist. oder bereits aus JE, etwa von J 2 , stammt; in seiner ge- 
genwärtigen Form ist das Kapitel wesentlich deuteronomistisch. 
Das merkwürdige Stück 5 13—15, welches Kienen zu den ..jün- 
geren Perikopen" rechnet, wird von Albers und Holzixger 
für J, von Steueexauel für E in Anspruch genommen als 
ein organisches Glied in der Geschichte der Eroberung von 
Jericho. 8 30—3.-, muss in seiner gegenwärtigen Gestalt der 
allerjüngsten Diaskeuase zugewiesen werden vgl. § 9 7. 

4. Die K a p i t e 1 13 — 24 zeigen nun insofern ein we- 
sentlich anderes Gepräge, als hier P dominiert oder doch sehr 
stark zu spüren ist: bei diesem Abschnitte, wo es sich um 
Zahl und Schema, um statistische Verzeichnisse und Listen 
handelt, war auch P recht in seinem Elemente. Aber nicht 
ausschliesslich P hat ein Verzeichnis der einzelnen Stammgebiete 
und ihrer Grenzen gegeben. Innerhalb 13 — 21 sind von Well- 
ii.uskn Spuren einer Darstellung nachgewiesen, welche irgend- 
wie aus JE stammt. Dies sind die Stellen 15i'i-.' b * 16 1—3 
17 5 s— 9 io b 18 i— 10, ferner in den Ueberschriften 19 1 1017. 
Auch im einzelnen zeigt sich vielfach Verwirrung oder Ueber- 
füllung, was auf zwei zusammengearbeitete Berichte schliessen 
lässt; namentlich die Kap. IG u. 17 sind in einer solchen Un- 
ordnung, dass WELLHAUSEN hier nachträgliche Eingriffe ..eine- 



96 



Spezielle Einleitung. 



[§ 15. 



samariterfeindlichen Kedaktors" angenommen hat. Ueber die 
Provenienz dieses in P eingearbeiteten anderen Landesvertei- 
lungsberichtes lässt sich etwas Sicheres nicht sagen: auf jeden 
Fall ist er vordeuteronomistisch, da die rein deuteronomisti- 
sche Stelle 23 4 (vgl. auch 13 g) deutlich auf eine Verlosung 
des Westjordanlandes hinweist. Dagegen haben sieh in diesen 
Kapiteln einige unzweifelhafte Trümmer von J erhalten, die 
auf's schärfste gegen ihre Umgebung abstechen und ein we- 
sentlich anderes Gesamtbild von dem Verlaufe der Besiede- 
lung Kanaans ergeben: 13 13 15 13— 19 63 16 10 17 u— 18 u. 19 
47_4 8 LXX. Auf E lässt sieh mit ziemlicher Sicherheit zu- 
rückführen 1949—50. Das Stück 13 2i b — 22, welches auf Xum 31 
rückblickt, ist ganz spät eingefügt. Ebenso gehören, wie sich 
aus LXX ergibt, die „deuteronomistischen Zusätze" in 20 der 
allerjüngsten Diaskeuase an. In 22—24 stammt 24 bis auf 
kleine deuterononiistische Retouchen sicher aus E: 22 1— c u. 
23 sind rein deuteronoiuistisch. 22 9— ?,\ hat die Art von P, ist 
aber wohlP s zuzuweisen. Den Tod Josuas mu>s P natürlich 
auch berichtet haben: vielleicht ist in der Altersangabe 21. 
.■ine Spur dieser Quellenschrift erhalten. 

ö. Relativ früh, für P wohl schon vor Esra, (vgl. HOL- 
ZINGER Pent. 501) wurde das Buch Josua vom Pen- 
tateuch abgetrennt. Bezeichnend ist namentlich, dass 
Rp hin- mit P viel freier umspringt, als im Pentateuch: selbst 
in 13-2-1, wo P doch dominiert, hat er ihn nach JE umge- 
modelt und dessen Darstellung angepasst, hat 18 1, welches 
bei P vir 14 1 gestanden haben imiss, versetzt, hai l'i u. 17 
umgestellt und in Kap. 1!» die Ordinalzahlen bei den Ueber- 
schriften entweder abgeändert, «Min- ganz zugesetzt l)a-s.l<»^ 
späterhin eine von dem Pentateuch unabhängige Entwicklung 
geschichte durchgemachl hat, zeigen eine Reihe von textlichen 
Verschiedenheiten. So findet Bich beispielsweise der im Pen- 
tateuche regelmässige Gebrauch (\ry Schreibung mn auch für 
das Femininum, leiner ^ für "s-. was man trüber für „Ar- 
chaismen" hielt, in Jos nirgends. Einige andere Verschieden- 
heiten bat Kueneh (§ L614) zusammengestellt. Dass bei Jos 
auch die spätere Diaskeuase mindestens ebenso intensiv tatig 
gewesen ist. wie beim Pentateuch, beweis! LXX: über sie vgl. 
Bollenberg. 



§ 16.] Das Buch der Richter. 97 



§ 16. Das Buch der Richter. 

GStüdeb L842 3 . EBertheatj KEH 1883*. GFMoore 1895. KBudde 
KHCAT 1897. WNowack HKAT 1902. — BStajde Zur Entstehungsge- 
schichte des vordeuteronomischen Richterbuches ZaW 1 339 ff. 1881. KBuddk 
Itie Bücher Richter und Samuel, ihre Quellen und ihr Aufbau 1890. RKit- 
tel Geschichte der Hebräer 2 1892 § 30 und Die pentateuchischen Ur- 
kunden in den Büchern Richter und Samuel StKr 65 44 ff. 1892. WFran- 
kenberg Die Komposition //es deuter onomischen Richter buches Üi*s. 1895. 
Zu li — 2 5: EMeteb ZaW 1 167 ff. 1881. RKittel Geschichte der Hebräer 
1 £ 26. Zu 3 12—30: HWixckler Alttestamentliche Untersuchungen 1892 
55 ff Zu dem Liede der Debora: GHilliger 1867. AMüller in Königs- 
berger Studien 1887 1 — 21. GACooke The history and saug of Deborah 
1892. KNiebuhr Versuch einer Rehonstellation des Deboraliedes 1893. 
HGrimme ZDMG 50 572 ff. 1896. JMarquart Fundamente israelitischer 
und jüdischer Geschichte 1896 1—10. JRuben Jewisb Quaterly Review 10 
541-558 1898. ASegond 1900. JRothstein ZDMG 56 175 ff. 437 ff. esr ff. 1902, 
'T-i ff. 344 ff. 1903. Zu 6-9: WBöhme ZaW 5 251 ff. 1885. HWixcklek 
Altorientalische Forschungen 1 42 ff. 1893. Zu 13: WBöhme ZaW 5 251 ff. 
1885. Zu 14—15: BStade ZaW 4 200 ff. 1884. AvanDooenixck ThT 28 
u ff. 1894. Zu 21 : WBöhme ZaW 5 30 ff. 1885. Zur Chronologie: ThNöl- 
df.kf. Untersuchungen (§ 13 7) 173-198. Zur Textkritik: AvanDooenixck 
Bijdrage tot de tehstkritieh ran Ri f—XYI 1879. JHollenberg ZaW 1 
97 ff. 1881 vgl. § 15. GFMoore SBOT 1900, englisch 1898. Die LXX von 
Jdc 1 — 5: PdeLagaedi; Septuagintastudien 1 1 72 1891. 

1. Auf Jos folgt in unserem Kanon ein Buch, welches die 
Geschichte des Volkes Israel von dem Tode Josuas bis zur 
Geburt Samuels erzählt. Es wird bezeichnet als Buch der 
R i c h t e r "^fz- nach den Trägern der geschichtlichen Ent- 
wickelung. Kap. 1 gibt eine Uebersicht über die Erfolge der 
Eroberung von Palästina und verzeichnet namentlich alle die 
Teile des Lande-, welche Israel zunächst nicht einnehmen 
konnte. 2i_s Der Engel Jahves tadelt sie deshalb. 2«;— 3,; 
Allgemeine Charakteristik des ganzen Zeitraums als eines re- 
gelmässigen Wechsels zwischen Abfall, Strafe durch fremde 
Feinde, Bekehrung, Rettung durch einen Richter und wieder 
AMail. 3 7— 31 Geschichte von Othniel, Ehud und Samgar. 
4—5 Debora und Barak. 6 — 9 Gideon- Jerubb aal und sein 
Sohn Al.iuiele.h. 1 < 1 ! _.-, Thola und Jair. 10.;— 12 7 Jephtah. 
12s-iö Ibzan. Elon. Abdon. 13— 16 Simson. 17— 18 Privat- 
heiligtum des Micha auf dem Gebirge Ephraim und Wande- 
rung des Stammes Dan von Zorea und Eschtaol nach Dan. 
19—21 Schandtat zu Gibea. Züchtigung des Stammes Ben- 
jamin und seine Wiederherstellung. 

Grundriss II. I. Cornil], ATI. Einleitung. 5. Aufl. 7 



98 Spezielle Einleitung. [§ 16. 

2. Es sind also zwölf Männer, von denen das Rich- 
terbuch erzählt, und zwar in ziemlich verschiedener Weise: 
über manche finden sich ausführliche Berichte, über andere 
nur kurze Notizen, wonach man zwischen „grossen" und „kleinen" 
Richtern unterscheidet. Aber in unsrem Buche bilden sie eine 
zusammenhängende chronologische Reihe: man möchte fast sa- 
gen in legitimer Erbfolge lösen sie sich einander ab ; der erste, 
Othniel, ist der Sohn eines Zeitgenossen Josiias, der zwölfte, 
Simson, gehört in die Zeit der Philisterherrschaft, deren dauernde 
Abschüttelung das Werk der beiden ersten Könige war. Dass 
diese Zwölfzahl der Richter mit der Zwölfzah] der Stämme in 
einem Zusammenhange stehe, ist eine naheliegende Vermutung, 
und da darf es denn nicht als zufällig angesehen werden, dass 
mit Ausnahme des Priesterstammes Levi, der beiden früh un- 
tergegangenen Ruhen und Simeon und des stets völlig bedeu- 
tungslosen Äser jeder Stamm durch wenigstens Einen Richter 
vertreten ist: Juda durch Othniel, Benjamin durch Ehud, West- 
manasse durch Gideon, Ostmanasse durch Jair, Csaschar durch 
Thola, Sebulon durch Elon, Naphtali durch Harak, Ephraim 
durch Abdon, Gad durch Jephtah und Dan durch Simson. 

3. Betrachten wir nun das Richterbuch als lite- 
rarisches Erzeugnis, so ist sein eigentlicher Kern die 
Geschichte der zwölf Richter 3? — 16 si. Aber von diesem 
Kerne lässt sich nicht trennen 2g— 3g, in dem wir sofort die 
Einleitung zu diesen R.ichtergeschichten erkennen: 2n — 19 gibt 
gewissermassen das Programm, dessen Verwirklichung die fol- 
genden Erzählungen dienen. Dieses Stück ist nun durch und 
durch deuteronomisti8ch : die ganze Anschauung und alle ein- 
zelnen Ausdrücke Lassen sich im Dtn und den von ihm ab- 
hängigen Perikopen belegen. Wenn wir die Einzelgeschichten 
auf ihr Verhältnis zu diesem Programme ansehen, so ergibt 
sich, dass gleich der erste unter den Richtern, Othniel, aus- 
schliesslich aus Wendungen jener Einleitung zusammengesetzt 
isl : wenn wir weiter erwägen, dass die hier berichteten Ereig- 
nisse sachlich absolut unmöglich sind, — der von Kloster- 
üanh gebilligte Versuch Gbaetzs, den mesopotamischen Ku- 
schan Rischatajim von Bsio vielmehr für den Gen 36 34 ge- 
nannten dritten edomitischen (onK für d^k!) König Chuschan 
der Themanit zu erklären, verkennt die Pointe der ganzen Ge- 
schichte, welche darin liegt, dass i\<'\- judäische Richter die 



§ 16.] Das Buch der Richter. 99 

grösste von allen Taten vollbringt ■ — , so werden wir zu der 
Folgerung gedrängt, dass der deuteronomistiscbe Verfasser der 
Einleitung, der sicher ein Judäer war, jenen „Musterrichter" 
< Hhniel selbst geschaffen habe, um gleich im Beginne auch 
den Stamm .Inda mit einem Richter vertreten sein zu lassen : 
Name und Persönlicheil sab das altertümliche Stück Jos 15 17: 
der meso])otamische König „Mohr des Doppelfrevels" ist in 
Anlehnung an Gen 10 s (vgl. auch Jer 13 23) frei erfunden und 
steht auf Einer Stufe mit dem tffriB als Xame Babels Jer 50 21. 
Was die übrigen Richter betrifft, so zeigt sich von dieser deu- 
teronomistischen Hand bei Samgar, Thola, Jair, Ibzan, Elon 
und Abdon keine deutliche Spur, bei den fünf grossen Rich- 
tern Ehud. Debora-Barak. Gideon, Jephtah und Simson nur 
am Anlange und Ende der betreffenden Erzählungen: 3 12— 15 30 

4l— 3 23— 24 <il-2 ;, ,; b 8 28 33—35 10 6— 8 1 1 33 b 12; 13 l 15 20. 

Hieraus müssen wir nun schliessen. dass der Verfasser jener 
Einleitung, den wir Rd benennen wollen, die fünf zuletzt ge- 
nannten Erzählungen anderswoher entlehnt, sie seinem theo- 
logischen Pragmatismus dienstbar gemacht und in denselben 
gewissermassen eingerahmt hat. So würde denn unsere nächste 
Aufgabe sein, die Geschichte der fünf grossen Richter auf ihre 
Quellen zu untersuchen. 

4. Die Geschichte von Ehud, dem ersten grossen Richter. 
3 i2—3o trägt durchaus volkstümliche Art an sich und zeug! 
durchweg für echte alte Ueberlieferung. Sic bietet manche 
Schwierigkeiten, welche WlNCKLEB durch Zerlegung in zwei 
nicht völlig übereinstimmende Parallelerzählungen zu heben 
versucht: doch hat er damit nicht allgemeine Zustimmung ere- 
funden, und auch die Anhänger der Xwehiuellentheorie ver- 
zichten wenigstens auf eine reinliche Scheidung. Dagegen ist 
sicher zusammengesetzt die zweite grosse Richtergeschichte von 
I) ebora-Barak 4 — 5. Aus dieser hebt sich zunächst heraus 
das köstliche Lied 5 2— 3i\ Dasselbe ist zwar teilweise sehr 
schwierig und dunkel, gewi>s infolge von Textesbeschädigungen, 
aber im grossen und ganzen durchaus verständlich. In dich- 
terisch schwunghafter und anschaulichster Schilderung führt 
es uns hinein in Menschen und Verhältnisse, und läs>t uns in 
Furcht und Sorge, in Freude und Triumph die Ereignisse mit- 
erleben: dabei bietet es eine Reibe von ganz speziellen Zügen, 
wie sie nur ein Zeitgenosse und Augenzeuge wissen konnte. 



10Q Spezielle Einleitung. [§ 16. 

Dieser gewaltige und unmittelbare dichterische Erguss ist offen- 
bar unter dem frischen Eindrucke der Ereignisse seihst ent- 
standen : die Ueb erlief erung v. 1 , welche Debora persönlich 
zur Dichterin macht, beruht wohl auf Missverständnis von v. -,, 
dessen nöp» ursprünglich gewiss auf die 3. Pers. Perf. Fem. 
berechnet war. wenn nicht mit Büdde der ganze Halbvers als 
Glosse zu streichen ist. selbst schon entstanden auf Grund 
jener irrigen Annahme. Das „Deboralied" — diesen Namen 
wird es trotzdem behalten — ist für uns die älteste und wich- 
tigste Quelle für die Geschichte des Volkes Israel : wenn es 
die Jahrhunderte überdauerte und sich mündlich fortpflanzte, 
so lässt auch dies darauf schliessen, welch unauslöschlich tiefen 
Eindruck die hier besungenen Ereignisse auf Israel machten. 
Treten wir von dem Liede zu der prosaischen Erzählung 4, 
welche offenbar die nämlichen Ereignisse berichten will, so 
fallen uns eine ganze Reihe von Verschiedenheiten auf. Wäh- 
rend nach 5i5 Debora und Barak zweifellos beide dem Stamme 
[saschar angehören, ist 4 5 Debora, wohl durch Verwechselung 
mit der gleichnamigen Amme der Rebekka Gen 35 s. zu Bethel 
auf dem Gebirge Ephraim und Barak 4 .-. zu Kedes-Naphtali 
wohnend. Nach 4 10 haben nur Sebulon und Naphtali, nach 
5 14— 18 dagegen sechs Stämme, nämlich ausser diesen noch 
Ephraim, Manasse, Benjamin und in erster Linie Isaschar die 
grosse Entscheidungsschlacht geschlagen. Fast noch bedeut- 
samer ist die Differenz in Bezug auf Sisera : dieser ist im Liede 
offenbar die Hauptperson und steht an der Spitze einer Koa- 
lition von Königen Kanaans, während er in 4 nur als Feld- 
hauptmann des Königs Jabin von Eazor erscheint. Neben- 
sächlichere Verschiedenheiten können hier unberücksichtigl 
bleiben. Dieser König Jabin von Eazor hat nun aber einen 
Doppelgänger in .los 11. wo berichtet wird, wie das ganze Is- 
rael unter der Führung Josuas am Meromsee einen König 
Jabin von Eazor und die mit ihm verbündeten nordpalästi- 
oensischen Könige geschlagen und Eazor zerstört habe, wo- 
durch der Beweis erbracht ist. dass eine von Sisera völlig 
unabhängige, selbständige Jabinüberlieferung vorhanden war. 
Wenn wir nun Jdc 4 genauer betrachten, so bemerken wir 
Unklarheiten und sachliche Unmöglichkeiten der Erzählung, 
namentlich eine nicht zu lösende Verwirrung in den geographi- 
schen Angaben. Alles dies führt uns zu der Annahme, dass 



§ 16.] Das Buch der Richter. 10 1 

in jenem Kapitel zwei Erzählungen ineinandergewirrt sind. 
welche ursprünglich gar nichts mit einander zu tun haben: 
1) eine Jabingeschichte , nach welcher die Stämme Sebulon 
und Naphtali unter Anführung eines Barak von Kedes-Naphtali 
in der Nähe jener Stadt den König Jabin von Hazor schlagen 
und dadurch ihr Stammgebiet gegen die Kanaanäer sichern: 
auch Heller der Keniter, der an der Eiche Zaananim hei Kedes 
zeltet, gehört zu dieser Jabinüb erlief erung — das erzprosaische 
""i"?" *"r~ rrs 5 m, welches zudem den Parallelismus zerstört, ist 
nach A Müller ..eine eben so späte als wohlfeile Glosse" und 
unbedingt zu streichen. Diese Jabingeschichte verträgt sich 
schlechterdings nicht mit Jos 11, ist vielmehr das Original zu 
jenem und steht zu ihm in genau dem nämlichen Verhältnisse, 
wie Jdc 1 i_2o zu Jos 10: Taten einzelner Stämme werden 
zu Taten Gesamtisraels erweitert. — 2) Eine Siserageschichte. 
Sisera mit 900 eisernen Wagen wird am Kison von Israel 
unter Anführung Baraks und Deboras geschlagen und auf der 
Flucht von einem Weibe getötet. Diese Erzählung hat manche 
Züge, welche nicht aus dem Liede geflossen sind, sondern für 
selbständige üeberlieferung zeugen. Auf die Zahl der Wagen 
will ich kein Gewicht legen, aber dass Haroseth Haggojim als 
Residenz Siseras genannt wird und dass die Israeliten ihren 
Angriff von dem altheiligen il)tn 33 19) Berge Tabor aus un- 
ternehmen, sind gewiss wertvolle und richtige Momente. Oh 
die Verschiedenheit in Bezug auf die Todesart des Sisera einem 
Missverständnisse des Liedes ihre Entstehung verdanke, kann 
unter diesen Umständen bezweifelt werden. Die Verschmel- 
zung der beiden Erzählungen in Jdc 4 ist eine so enge, dass 
ein sicheres Herausschälen und Wiederherstellen ihrer Orge- 
stalten nicht mehr möglich ist : schon Kd hat sie in dieser 
Vereinigung vor sich gehabt. Die Möglichkeit einer solchen 
Verschmelzung und Verwirrung erklärt sich am leichtesten aus 
der Gleichheit des Namens der beiden Anführer Barak von 
Kedes-Naphtali und Barak von Isaschar. Der Name lässl 
sich zwar sonst im AT nicht mehr nachweisen, war aber auch 
den Karthagern geläutig. 

5. Dass auch die Gideon ge schichte 6 — 8 aus zwei 
ganz verschiedenen Einzelberichten zusammengesetzt ist, hat 
man längst gesehen: 84—27 geht von durchaus anderen Prä- 
missen aus, wie 62—83. Xach 84—27 setzt Gideon den Mi- 



102 Spezielle Einleitung. [§ 16. 

dianiterkönigen Sebah und Zalmunna, welche ihm bei einem 
Streifzuge einige Brüder getötet haben, mit 300 Hintersassen 
seines Geschlechtes Abieser über den Jordan nach, um Blut- 
rache an ihnen zu üben und erreicht und fängt sie am Saume 
der arabischen Wüste; nach 62—83 ist Gideon durch gött- 
liche Berufung zum Retter Gesamtisraels von den regelmässig 
wiederkehrenden Midianitereinfällen bestimmt, überfällt ihr 
Lager am Berge Gilboa und zersprengt sie, während die von 
ihm aufgerufenen Ephraimiten den Flüchtigen die Jordan- 
furten verlegen und die beiden Midianiterkönige Oreb und 
Zeel) fangen und töten. Harmonistische Ausgleichungen die- 
se]' beiden Berichte sind 7 -:, h u. 8io b . Aber die Erzählung 
6 2—83 ist selbst nicht einheitlich. In Kap. G hat zuerst BüDDE 
die unter sich zusammenhängenden Stücke 7—10 25—32 30—40 
als jüngere Relation erkannt. Das Bindeglied zwischen v. 10 
u. 2;, ist in 11—21 eingearbeitet. Da 7 u. 8 offenbar Dubletten 
sind, indem die eigentliche rettende Tai Gideons beide Male 
in einem nächtlichen l'eberfall des midianitischen Lagers be- 
steht, so nmss das Verhältnis der beiden in Kap. 6 vereinigten 
Relationen zu dieser Dublette festgestellt werden. Hier er- 
weist sich nun durchweg Kap. 7 als jünger. Kap. 8 als alter- 
tümlicher, und somit hat 7 1—83 für die durch 633 verbun- 
dene Fortsetzung der jüngeren Relation zu gelten, während 
die ältere Hauptrelation 62 b — 6 a n— 24t .u die Vorgeschichte 
von 8 4 _27 erzählt. Nach 83 hat auch in der jüngeren Re- 
lation Gideon die rettende Tat nur mit seinem Geschlechte 
Abieser vollbracht: demnach sind 635 u. 7g— 8 nicht etwa har- 
monistische Ausgleichung der beiden Relationen, Mindern eine 
jüngere Wucherung. 7i6— 21 sind Posaunen, Krüge und Fackeln 
in der Hand der Krieger Gideons zu viel des (inten. W'inck- 
lee und Feankenbeeg haben unabhängig von einander diese 
Schwierigkeit durch Zuhilfenahme der Erzählung 8 1—27 ge- 
hist, welche 11 die eigentliche Tat Gideons auffallend kurz 
berichtet: zu 7 gehören die 300 Posaunen, bei deren Schall 
die Midianiter sich seihst gegenseitig töten, zu 8 die Fackeln 
und Krüge. Aber nicht nur durch diese Verkürzung heim 
Zusammenarbeiten mit 6 7 hat die Relation 8i_2T gelitten. 
Die Verse 22 u. 23, obwohl sehr natürlich und gut in den Zu- 
sammenhang der Erzählung sich fügend, erregen sachlich die 
schwersten Bedenken: nach Kap. '.» hat Gideon, wenn auch 



§ 16.] Das Buch der Richter. 103 

nicht dem Namen nach, so doch tatsächlich, eine königliche 
Herrscherstellung eingenommen, und die Verwerfung jedes 
menschlichen Königtums als unvereinbar mit der gottgewollten 
Form der Theokratie ist /war schon bei dem Propheten Ho- 
sea nachweisbar, aber in einer so durchaus altertümlichen Er- 
zählung doch höchst befremdlich. Ganz sicher widerspricht 
27 il ,ö dem ursprünglichen Tenor des Berichtes, der es Gideon 
nur hoch angerechnet haben kann als einen Erweis von Un- 
eigennützigkeit und Frömmigkeit, dass er das erbeutete Gold 
nicht für sich behielt, sondern zu einem Ephod verwandte und 
so Jahve weihte. Ueberhaupt bietet der Schluss von 8 auch 
sonst noch Anstösse. Auf Rd ist sicher zurückzuführen 28 u. 
-35, die aber nicht als Ueberleitung auf 9 verstanden wer- 
den können: 833 ist freilich offenbar aus 9 4 geflossen und 
8 35 deckt sich sachlich mit 9, aber nicht um es vorzubereiten, 
sondern um es zu ersetzen. Die Ueberleitung von 8 auf 9 
bilden vielmehr 8 29—32. Hier befremdet zunächst sachlich v. 29, 
der dem v. 27 verdächtig nachhinkt; BüDDE betrachtet ihn ge- 
wiss mit Recht als Portsetzung und Abschluss von 8 3. In 30 
u. 32 begegnen uns entschieden grundschriftliche Ausdrücke 
und sonst jüngere Redeweise : wie diese Tatsache sich erklärt, 
kann erst bei Betrachtung von Jdc als Ganzem erörtert wer- 
den. — Von der Geschichte Gideons nicht zu trennen ist die 
seines Sohnes Abimelech, welche uns 9, eines der wertvollsten 
und kostbarsten üeberbleibsel der älteren hebräischen Histo- 
riographie, berichtet. Das Kapitel ist keine literarische Ein-, 
lieit. sondern wird von Schwierigkeiten und Unklarheiten ge- 
drückt. Die grundlegenden Untersuchungen Wixcklers ha- 
ben auch hier der Zweiquellentheorie zum Siege verholten und 
den Nachweis erbracht, dass beide Gideonrelationen auch eine 
Abimelechgeschichte hatten. Von Rd findet sich in 9 keine 
Spur. 

6. In der Geschichte Jephtahs 10 17— 12 7 hatte 
man gleichfalls schon längst [nkoncinnitäten und sachlich Auf- 
fallendes bemerkl : aber erst Holzinger (bei Budde KHCAT 
vgl. das Vorwort) hat auch bei ihr mit der Zweiquellentheorie 
Ernsl gemacht und zwei Jephtahrelationen unterschieden. 
Nach der einen wird Jephtah, ein verbannter Flüchtling, nach 
Gilead zurückgerufen, um als Häuptling das Land von den 
Ammonitern zu befreien, was ihm auch gelingt: den Ephrai- 



104 Spezielle Einleitung. [§ 16. 

miten, welche Gilead vergewaltigen wollen, bringt er eine 
schwere Niederlage bei. Nach der andern wohnte Jephtah zu 
Mizpa in Gilead. Bei einem Moabiterkriege leidet er selbst 
schwer, schickt vergeblich eine Gesandtschaft an den Moabiter- 
könig, und tut dann für den Fall des Sieges das verhängnis- 
volle Gelübde: er besiegt die Moabiter in der Tat und löst 
sein Gelübde durch das Opfer des einzigen Kindes. Die beide 
Relationen zusammenarbeitende Hand hat den Sieg über die 
Ammoniter allein beibehalten, weil erfolgreiche Moabiterkämpfe 
schon bei Ehud vorgekommen waren. So sind in der Tat alle 
Schwierigkeiten befriedigend gelöst; doch vgl. zu 11 12— 28 
RSmend ZaW 22 129 ff. 1902. Der von verschiedenen Seiten 

gegen 12 1 g erhobene Widerspruch, als sei dies eine ganz 

junge Wucherung, ist gegenstandslos. — Die G e s c h i c h t e 
Simsons gibt zu Bedenken keinen Anlass. Zwar 13 u. 14 
sind offenbar überarbeitet, aber die ganze Simsongeschichte 
trägt wenigstens in 14—16 ein durchaus einheitliches Gepräge 
und i^t sichtlich aus Einer Feder geflossen; auf das Verhält- 
nis von 15 20 zu 16 31 wird noch zurückzukommen sein. 

7. Wir erhalten also als Resultat unserer bisherigen Un- 
tersuchungen ein deuteronomistisches Richterbuch, 
welchem sicher angehörte: der Prolog 2n— 19 und dann die 
Geschichten von Othniel, Ehud, Debora-Barak, Gideon. Jeph- 
tah und Sinison. und dass dies Werk die Grundlage von Jdc 
bildet, ist deutlich. Da erhellt sich nun die Frage, ob auch 
die ..kleinen- Richter in diesem deuteronomistischen < reschichts- 
werke standen. Dass die Abschnitte über die fünf kleinen 
Richter 10 1—:, 12 s— 15 von Einer Hand geschrieben sind, springt 
in die Au-cn : wir haben bereits gesehen, dass in denselben 
sichere Spuren von IM fehlen, vor allem fehlt der religiöse 
Pragmatismus des IM. welchem die -rossen Richter unterstellt 
sind. Weiterhin ist zu beachten, dass diese kleinen Richter 
unmittelbar anschliessen an A.bimelech, in dessen Geschichte 
wir auch keine Spur von Rd entdecken konnten, welche viel- 
mehr IM durch die von ihm geschriebenen Worte 8ss— ss er- 
setzl bat. Völlig durchschlagend ist die Chronologie. Neben 
dem religiösen Pragmatismus ist für den deuteronomistischen 
Rahmen am bezeichnendsten das streng durchgeführte chro- 
uologische Schema, das bei den sechs sicher von IM aui- - 
nommenei, Richtern zunächst die Jahre des Druckes angibt, 



§ 16.] Das Buch der Richter. 105 

von welchem der Richter [srael befreite, und dann die Zeit 
der Freiheit Israels: bei den vier ersten in der Formel Und 
das Land halle Ruhe . . . Jahre, bei Jephtah und Simson Er 
richtete Israel . . . Jahre. Bei den kleinen Richtern, von wel- 
chen überhaupt nicht gemeldet wird, dass sie Israel aus einer 
bestimmten Gefahr erretteten, fehlt natürlich. Angabe der , Jahre 
des Druckes: sie haben nur eine Angabe über ihre richterliche 
Tätigkeit nach der Formel Und er richtete Israel . . . Jahre. 
Dass die ( 'hronologie von Jdc eine künstlich zurechtgemachte 
ist, geht schon daraus hervor, dass unter den Richtern einzelne 
sicher gar keine historischen Persönlichkeiten, sondern Perso- 
nifikationen, heroes eponymi, sind: auch die regelmässige Wie- 
derkehr der Zahlen 20, 40 u. 80 muss Verdacht erwecken. 
Den Schlüssel zu diesem ganzen chronologischen System gibt 
1 Reg 6i, wonach zwischen dem Auszuge aus Aegypten und 
dem Baue des salomonischen Tempels 480 Jahre verflossen 
waren. Diese 480 Jahre sind 12 mal 40, nach hebräischer 
Anschauung das Durchschnittsalter einer Generation, so dass 
also 12 Menschenalter zwischen Auszug und Tempelbau liegen. 
Und dadurch werden die kleinen Richter für das chronologische 
Schema des IM unmöglich. Diese 12 Geschlechter setzen sich 
zusammen aus Mose, Josua, Othniel, Ehud, Barak, Gideon, 
Jephtah, Simson, Eli, Samuel. Said, David, so dass für wei- 
tere Zwischenglieder kein Raum bleibt. Und zu dem nämlichen 
Resultate führt uns auch das Nachrechnen der einzelnen Zah- 
lenangaben : 40 + ? + 40 ; so + 40 + 40 + 6 + 20 + 40 + 20 + 
? h 40 = 366 + ? Dazu noch die 3 ersten Jahre Salomos und 
die 71 Jahre des Druckes während der Richterzeit ergibt ge- 
nau 440 Jahre; die noch fehlenden 40 Jahre sind auf Josua 
und Saul zu verteilen, über deren Amtsdauer wir keine direk- 
ten Angaben besitzen. Dass für die ('hronologie von .Jdc 
nach der Meinung des Rd die Jahre des Druckes nicht in die 
Amtszeit des betr. Richters eingerechnet, sondern besonders 
gezählt werden sollen, beweist schon Jephtah, bei welchem 6 
Jahre des Richteramtes neben 18 Jahren des Druckes stehn. 
Rechnet man nun die Zahlen der kleinen Richter mit. so kommt 
auf jeden Fall eine beträchtlich zu hohe Summe heraus. Da 
ist es denn eine der glänzendsten Bemerkungen Wellhaüsbns, 
dass die Zahl der Amtsjahre der fünf kleinen Richter (23 + 
22 + 7+10+8=70) nahezu sich deckt mit den .Jahren des 



106 Spezielle Einleitung. [§ 16. 

Druckes bei den fünf ersten grossen Richtern (8 + 18 -f 20 + 
7+18 = 71): das Eine fehlende Jahr wird dadurch einge- 
bracht, dass man das vierte Jahr Salomos mitrechnet. Nach 
allem dem kann es nicht bezweifelt werden, dass die fünf klei- 
nen Richter nachträglich in das bereits fertige Schema des 
deuteronomistischen Richterbuches eingefügt sind und chrono- 
logisch anStelle der Interregna desselben treten : nach dieser 
Auffassung kommen die .Jahre der Fremdherrschaft und des 
nicht von Jahve berufenen Usurpators Abimelech überhaupt 
nicht in Rechnung. Der Zweck der Einfügung jener fünf 
kleinen Richter ist ganz klar: sie sollten, da Abimelech lo i 
ausdrücklich mitgerechnet ist, die Zwölfzahl der Richter voll 
machen. Aber dann müssen wir auch fragen : Woher hat 
diese nachdeuteronomistische Hand dieselben genommen? Dass 
die hier gebotenen Nachrichten alt und, richtig verstanden, 
historisch wertvoll sind, kann nicht bezweifelt werden: aber 
wenn wir die Genealogien der Chronik, des sicher jüngsten 
geschichtlichen Werkes, genauer betrachten, so werden wir 
auch dort eine Menge von antiquarischen und genealogischen 
Einzelangaben linden, welche mit den Notizen über die kleinen 
Richte)- die grösste Aehnlichkeit haben, so dass also für ein 
literarisch hohes Alter derselben keinerlei Gewähr gegeben ist. 
Bei Auswahl der fünf kleinen Richter wird es wohl nicht zu- 
fällig sein, dass drei derselben solchen Stämmen angehören, 
welche bisher noch nicht durch einen Richter vertreten waren : 
Thola-Isaschar, Jair-Ostmanasse und Elon-Sebulon, und aus 
einer ähnlichen Erwägung erkläre ich mir auch die befremd- 
liche Tatsache, dass bei den zwei übrigen nicht der Stamm, 
sondern nur die Heimat angegeben wird, um so befremdlicher 
bei Ib/.an, als es ja zwei Bethlehem gibt und hier doch unbe- 
dingt hätte gesagt weiden müssen, ob das in .Inda oder Se- 
bulon. Abel- diese beiden Stämme waren bereits durch Oth- 
niel und Klon vertreten, und wenn Abdon zu Pireathon im 
Lande Ephraim begraben liegt, so gehörl er doch zu Ephraim, 
welchen Stamm man gleichfalls auf Grund der irrtümlichen 
Angabe 1 .-. schon durch Debora vertreten glauben konnte. 
Damit sind freilich noch nicht alle Fragen, welche die kleinen 
Richter uns aufgeben, gelöst : es ist nicht erklärt ihre Reihen- 
folge und ihre Stillung in Jdc, nicht die Berechnung ihrer 
Amtsjahre, welche gerade hier einen besonders unverfänglichen 



§ 16.] Das Buch der Richter. 107 

und „historischen" Eindruck machen. Doch müssen wir uns 
eben bescheiden. — Von Samgar 3 31, der ohne Zweifel von 
einer anderen Hand als diese fünf kleinen Richter stammt, is1 
absichtlich noch nicht die Rede gewesen. 

8. Jetzt müssen wir versuchen, über Art und Herkunft 
der von Rd benützten Quellen ins Reine zu kommen. 
Es liegt in der Natur der Dinge, dass man hierbei zunächst 
an die Quellen des Pentateuchs daebte : nachdem schon 1843 
J.JStähelix (Untersuchungen über den Pentateuch, die Bücher 
Josua, Richter, Samuels und der Könige) vorangegangen, hat 
Schrader in de Wette 8 den Versuch gemacht , J de ganz 
auf den theokratischen Erzähler E, den prophetischen Erzähler 
J und den Deuteronomiker zu verteilen und hierbei im ein- 
zelneu manche gute Bemerkung und manche treffende Parallele 
vorgebracht. Dass mindestens E die Geschichtserzählung noch 
über Josua hinaus fortsetzen wollte, folgt schon aus dem gan- 
zen Tenor der Abschiedsrede Josuas, welche durchaus in die 
Zukunft weist, und würde noch bestimmter sich aus Jos243i 
= Jdc 2 7 ergeben, wenn dieser Vers nur zum ursprünglichen 
Bestände des E gehörte: aber schon der Umstand, dass er «in 
LXX an anderer Stelle steht, erweckt Verdacht, zudem ist 
er rein deuteronomistisch, eine Fortsetzung der deuteronomi- 
stischen Wucherung am Ende von Jdc 2 .; gegen Jos 24 28 und 
ist erst von Jdc nach .Jos zurückgeflossen. Vielmehr hat die 
Forschung hierfür angeknüpft an ein Stück, welches wir bis- 
her noch gar nicht betrachtet haben, nämlich 1 1 — 2 .-,. Dies 
gibt sich als unmittelbare Fortsetzung von .Jos 24: aber bei 
genauerem Zusehen springt in die Augen, dass es vielmehr 
eine Parallele zu den Erzählungen des Buches Josua bildet, 
in welcher der Verlauf der Eroberung und Besiedelung von 
Westpalästina wesentlich anders dargestellt wird, als in jenem, 
nämlich als Tat der einzelnen Stämme von dem gemeinschaft- 
lichen Lager zu Gilgal aus. Nun hat EMEYER überzeugend 
nachgewiesen, dass dies Stück bis auf einzelne Ueberarbeitungen 
und dem schon von Wellhausen als solchen erkannten spä- 
teren Nachtrag 2 i b — .-, ■ von J herrührt, und dass diese Quellen- 
schrift sich über den Grundstock von 223— 3 s fortsetzt: hat 
aber J erzählt, dass .Jahve die Kanaanäer nicht eilends vor 
Israel vertrieben habe, damit Israel an ihnen und von ihnen 
das Kriegführen lerne, so hat er auch gewiss entsprechende 



108 Spezielle Einleitung. [§ 16. 

Kriegsgeschichten, die uns nur in Jdc erhalten sein könnten, 
zu erzählen gehabt. Böhme hat dann in (5 u — 24 u. 13 2— -_>i 
Mine Hand aufgezeigt, nachdem schon Stade auf die Zusam- 
mengehörigkeit des ersten Gideonberichtes mit der Simsonge- 
scliiclite hingewiesen hatte. Aehnlich steht es mit E. Auch 
von diesem Autor hat EMeyer in 2 22 eine sichere Spur ent- 
deckt, wo die Kanaanäer deshalb nicht ganz von Josua aus- 
gerottet sind, um Israel in Versuchung %u führen, ob esJahves 
Geboten treu bleibe. Noch wichtiger ist das von Stade ge- 
fundene Resultat, dass in dem merkwürdigen Stücke 10ö— 16 
gleichfalls deutliche Trümmer von E vorliegen, welche BüDDE 
als zwei zusammengearbeitete Ueberleitungen , eine auf eine 
Ammoniter-, die andere auf eine Philistergeschichte (cf. § 17 n 
erkannt hal ; sie zeigen schon ganz den theologischen Prag- 
matismus des R.d , welcher somit im letzten Grunde aus E 
stammt. Nachdem die Zweiquellentheorie auf der ganzen Linie 
gesiegt hat , wären die grossen Richtergeschichten folgender- 
massen auf.) und E zu verteilen: Zu .1 gehören 1 -j- 2 i a (nach 
LXX mit Bethel anstatt ö'OS, und dass auch der hebräische 
Text noch ziemlich spät Bethel als Ort jener weinenden Ver- 
sammlung las, beweist die Nachbildung in 20 u. 21. deren 
wiederholte tränenreiche Zusammenkünfte zu Bethel aus 2 1—5 
entlehnt sind) 5 b 23 a 3 2— :; , die Hauptrelation der Ehudge- 
schichte, die in -1 eingearbeitete Jabinerzählung, die Haupt- 
relation in <> u. 8-1—27, sowie eine Abimelechgeschichte , die 
Ammoniteirelation in 11 u. 12 1—6, endlich die Simsongeschichte. 
Zu E gehören 1 i n * 2 1320— 2s 8 3:.— <;, eine Khudgeschichte, die 
in 4 eingearbeitete Siserageschichte , wobei ich auf den wun- 
derbaren Charakter des Sieges L 15 verglichen mit dos LO10 
und 1 Sam 7 10 (an allen drei Stellen nvr ötm) aufmerksam 
mache, das Lied der Debora, welche- nur E aufgenommen 
haben kann, die jüngere Relation in n. 7 1 — 8 s "J" 829, sowie 
eine Abimelechgeschichte, die eine Ueberleitung in 10 6— 16, die 
dann natürlich Moabiter anstatt Ammoniter gehabt haben 
müsste, und die Jephtahgeschichte mit dem Sieg über Moab 
und dem < >pfer der Tochter. 

( .t. Ehe wo nun die Entstehung von Jdc als Ganzes ins 
Auge fassen, müssen wir noch den merkwürdigen A n li a n g 
17 21 betrachten. Die beiden in ihm vereinigten Erzählungen 
zeigen keinerlei Spuren von Kd: sie werden nicht näher chro- 



§ 16.] Das Buch der Richter. 109 

nologisch fixiert, aber durch die viermal 17«; 18 1 19 1 21 25 
vorkommende Bemerkung, dass damals kein König in Israel 
gewesen sei, ausdrücklich der Richterperiode zugewiesen. Schon 
aus dieser rein redaktionellen Formel, in welcher wir mit KüE- 
NEN eine \ orcxilisehe Hand erkennen müssen, ergibt sich mit 
Notwendigkeit, dass wir auf relativ altem Boden stehn, und 
die Erzählung 17 — 18 gehört auch ohne allen Zweifel zu dem 
Wertvollsten und Altertümlichsten , was uns an Nachrichten 
aus der Geschichte Israels erhalten ist. Schon 1835 hat Vatke 
(£ 2 5) 268 Anm. ausgeführt, .,dass dieses Stück zwei einander 
im einzelnen widersprechende Relationen enthält", und Budde 
hat dann die Scheidung durchzuführen versucht, wenn sie auch 
bei der engen Verbindung und bei der nahen Verwandtschaft 
der beiden Berichte nicht mehr mit Sicherheit gegeben werden 
kann. Nach dem einen hat der Ephraimit Micha sich ein 
Ephod und Teraphim angefertigt und einen levitischen Mann 
zum Vater und Priester gedungen; diesen überreden die 600 
Daniten, mit ihnen zu ziehen und ihnen Priester und Vater 
zu werden. Hierauf wird Lajisch erobert und dort das Got- 
tesbild Michas als Stammesheiligtum aufgestellt. Nach der 
anderen Version hat Micha sich Pesel und Masseka angefer- 
tigt und einen jungen Leviten, den er wie einen Sohn hält, 
als Priester gedungen. Die Daniten stehlen Pesel und Mas- 
seka und gewinnen den Jonathan, einen Enkel Moses, zu ihrem 
Stammespriester, und in dessen Geschlecht erbt sich die prie- 
sterliche AVürde zu Dan fort. Den ersten dieser Berichte 
weist BUDDE mit Sicherheit E zu; bei dem zweiten ist wenig- 
stens nichts, das ,1 unbedingt ausschlösse. — Viel verwickelter 
liegt die Sache bei der zweiten Erzählung des Anhanges 19 
bis 21, welche als ein noch ungelöstes Rätsel bezeichnet wer- 
den muss. Und zwar sind hier literarkritische Schwierigkeiten 
nicht minder als realkritische. Dass in der Richterzeit der 
Stamm Benjamin fast ganz aufgerieben worden sei, ist ange- 
sichts der Tatsache, dass er zuerst Israel ein nationales Kö- 
nigtum gegeben hat. undenkbar, die Art, wie Israel in 20 u. 21 
als Gemeinde auftritt und handelt, ohne Beispiel in wirklich 
alter Ueberlieferung. Dazu kommt noch, dass in den beiden 
letztgenannten Kapiteln sieh unzweideutige grundschriftliche 
Ausdrücke linden und die ganze Erzählung durchaus die Art 
der Geschichten in P x (wie Num 31) und der Chronik an sieh 



HO Spezielle Einleitung. [§ 16- 

trägt. Und dann hat Wellhausex treffend hingewiesen auf 
merkwürdige Berührungen mit der Entstehung des benjamini- 
tischen Königtums: die Schandtat geschieht zu Gibea, der 
Stadt Saids, das zu Tode geschändete Kebsweib stammt aus 
Bethlehem, der Stadt Davids, die Stadt Jabes-Gilead, durch 
deren Errettung Saul sich die Krone erkämpfte, wird mit dem 
Banne gesehlagen, und auch Silo, das Zentralheiligtum der 
vorköniglichen Zeit, spielt eine bedeutsame Rolle: die Paral- 
lele von Jdc 19 29 mit 1 Sam 11; springt ins Auge. So meint 
Wellhausen, dass bei der Gestaltung dieser Geschichte „der 
jüdische Hass gegen die vordavidische Hegemonie Benjamins 
im Spiel gewesen ist". Aber lediglich eine ganz junge Erfin- 
dung in ihr zu sehen, erscheint doch nicht möglich. Dazu ist 
vor allem in Kap. 19 die Darstellung zu gut und ursprüng- 
lich; 20 3 b — 10 u. 21 i5— 23 machen einen altertümlichen Eindruck 
und die Stellen Hos 9 9 10 9 lassen sich auch nicht a limine 
ahweisen: dass weiterhin die redaktionelle Formel, durchwei- 
che unser Stück mit 17 — 18 zusammengekoppelt ist, vorexilisch 
sein muss, haben wir gesehen. Da nun die Erzählung deut- 
liche Spuren von Zusammensetzung zeigt, so würde die Präge 
sein, ob sich nicht irgendwie ein älterer Kern herausschälen 
Lässt. In Kap. 19 hat Budde zwei durchaus alte Berichte 
erkannt, die allerdings mehrfach überarheitet sind: dcv eine 
verschwindet von v. v, ab, bei dem Hauptberichte spricht vieles 
für .1. In 20 u. 21 ist alt die Versammlung zu Mizpa und 
die Besiegung von Gibea und Benjamin durch Hinterhalt, so- 
wie die Wiederherstellung des Stammes durch Erlaubnis des 
Jungfrauenraubes bei dem Herbstfeste in Silo, während alles 
üebrige einer offenbar von P abhängigen ganz jungen Version 
angehört. Liegl nun aber der Erzählung doch ein alter Kern 
zu Grunde, so spricht vieles für die von Budde mitgeteilte 
Ansicht NöLDEKEs, welcher „diese Erzählung als den Nieder- 
schlag des Ruins Benjamins durch den Kampf zwischen David 
und Sauls Sohn und die aufstände unter David ansieht". 

10. Bei der Entstehung des gegenwärtigen 
Rieht er buch es haben wir drei Hauptstadien zu unter- 
scheiden, welche den EntwickelungSstadien des Pentateuchs 
durchaus parallel lauten: 

a) Die Vereinigung von J und E durch Kj. Dieser hat 
in h_ 2.-, zur Ausgleichung mit E2i b — .-," eingetragen; von 



§ 16.] Das Buch der Richter. 111 

ihm rührt her 2 20—3 6 in seiner gegenwärtigen Gestalt, die 
Verbindung von J und R in den grossen Richtergeschichten, 
ebenso die gegenwärtige Gestalt von 17 — 18, und 19 wesent- 
lich, namentlich die beide Erzählungen zusammenkoppelnde 
redaktionelle Bemerkung 17.; nebst Parallelen. Von ihm wird 
auch herstammen die zeitliche Reihenfolge der fünf grossen 
Richter und der unmittelbare Anschluss von 17 — 18 an 16, 
so dass bis auf den deuteronomistischen Rahmen mit Othniel 
und bis auf die sechs kleinen Richter und vereinzelte ganz 
späte Ueberarbeitungen unser gegenwärtiges Richterbuch schon 
bei Rj wesentlich fertig vorlag. 

In Aus diesem Materiale hat dann Rd sein deuterono- 
mistisches Richterbuch hergestellt. Rr hat den Stoff unter 
seinen, übrigens schon bei R vorgebildeten, theologischen Prag- 
matismus gebracht und namentlich Erzählungsstücke, welche 
sich mit diesem nicht vertrugen, entfernt. So hat er getilgt 

1 i— 2 5 und 17 — 21, ferner Abimelech und, wie Budde aus 
dem Stehn des deuteronomistischen Rahmens an der Stelle 
15 20 sehr scharfsinnig gefolgert hat, auch den Schluss der 
Simsongeschichte. Die Verbindung mit dem Vorhergehenden 
stellte er durch Herübernahme des Berichts vom Tode Josuas 

2 6—9 her. Die Einfügung von 6 35 u. 7 2—8 kann bereits durch 
ihn erfolgt sein. Vor allem aber hat er hinzugetan das streng 
durchgeführte chronologische Schema. Sein Werk bestand 
also aus 2 6— 19t 3 7— 30 41—829 833— 35, seinem nicht mehr 
sicher zu ermittelnden Anteile an 10 6— 16, 11 1— 12 t und 13 

1 .">. Eine doppelte deuteronomistiscbe Redaktion anzuneh- 
men, deren erste lediglich eine schonende Ueberarbeitung des 
Werkes von Rj war, die nur vereinzelte Spuren hinterlassen 
(Budde t, scheint mir nicht notwendig. 

c) Dieses deuteronomistische Richterbuch hat nun eine 
spätere, schon von P abhängige, Hand, die wir deshalb Rp 
nennen, zunächst aus dem Werke des Rj ergänzt und aus 
diesem alle von IM verworfenen Stücke nachgetragen, nicht 
ohne auch selbst gelegentlich einzugreifen. Seine erste Spur 
möchte man in dem TTtaK-^K "ex: 2 10 erkennen; er hat 830 
— 32 geschrieben, in 10 g— h; den Rahmen des Rd mit Stücken 
aus R verquickt, 10 17— 18 geschrieben und 11 1 — 2 überarbeitet; 
von ihm rührt wohl gleichfalls her die abschliessende (restalt 
von 19 — 21. Namentlich hat er die Richter auf die Zwölfzahl 



1 12 Spezielle Einleitung. [§ 17. 

gebracht, indem er in 10 u. 12 die fünf kleinen Richter nach- 
trug und sie in das abgeschlossene chronologische Schema des 
IM in der oben charakterisierten Weise einpasste. 

d) Aber auch Rp hat das Richterbuch noch nicht völlig 
zu Ende geführt. Nach ihm nahm man Anstoss daran, dass 
Abimelech unter die Richter gezählt war; um diesen Anstoss 
zu beseitigen und die Zwölfzahl doch wieder voll zu machen, 
hat dann eine letzte Hand in 3 31 den einem Missverständnisse 
von 5 6 seinen Ursprung verdankenden Samgar ben Anath 
nachgetragen, welcher gänzlich ausserhalb des Rahmens so- 
wohl von Rd als Rp steht und deshalb trotz der charakteri- 
stischen Notiz über ihn als ein spätester Nachtrag in das be- 
reits abgeschlossene Buch zu gelten hat, was auch dadurch 
noch bestätigt wird, dass in LXX seine Stelle hinter 16 31 
gewesen ist. 

§ 17. Die Bücher Samuelis. 

OThenius KEH 1864-; MLoehe 1898 3 . HPSmith 1899. KBudde 
KHCAT 1902. WNowack HKAT 1902. Zu 12 1-10 PHaui-t ZDMG 58 
6« ff. 1904. Zur Quellenkritik: CHCobnill ZWL 6 us ff. 1885 und Königs- 
berger Studien 1687 25-59 und ZaW 10 98 ff. 1890. KBudde § 16 und ZaW 
; ff. 1888. RKlTTEL Geschichte der Hebräer 2 § 31 und StKr 65 44 ff. 
1892 (§ 16). Zur Textkritik: JWki.ui.vuskx Der Test der Bücher Samuelis 
1871. AKi.usTianiwx sz 1887. SRDbiveb Notes on the Hebrew text of 
the books of Samuel 1890. ENestle Marginalien und Materialien 1893 
l8 ^8. KBudde SBOT 1894. 

1. Auf .1 de folgt im hebräischen Kanon das Buch Sa- 
muel, genannt nach dem „Königsmacher" Samuel; der he- 
bräische Kanon zählt es als Ein Buch. LXX nimmt es mit 
dem darauf folgenden der Könige unter dem Gesamttitel ßa- 
aiAeiwv d. h. Geschichte der Königszeit zusammen und trennt 
dies grosse Werk in vier Bücher. Durch LXX und Vulgata 
ist diese Teilung, die ja für Samuel als eine naturgemässe 
und glückliche bezeichnet werden kann, in der christlichen 
Kirche allgemein üblich geworden, und seit der grossen Bom- 
bergischen Bibel von L517 wird sie auch in den hebräischen 
Drucken befolgt. I 1 — 3 Jugendgeschichte Samuels. 4- 7i 
I fnglückschlachl bei Ebenezer. Eroberung der Bundeslade durch 
die Philister und ihre weiteren Schicksale. 1 %— n Samuels 
wunderbarer Gebetssieg über die Philister: errichtet ganz Is- 
rael alle Tage seines Lebens. 8—10 Die Aeltesten verlangen 



§ 17.] Die Bücher Samuelis. 113 

von Samuel einen König. Der ihm zufällig bekannt gewor- 
dene Benjaminit Saul wird in Mizpa durchs heilige Los er- 
wählt und proklamiert. 11 Rettende Tat gegen die Ammo- 
niter und Erneuerung des Königtums. 12 Samuel legt feier- 
lieh das Richteramt nieder. 13—14 Erste Philisterkämpfe und 
Uebersicht über Taten und Familie Saids. 15 Krieg gegen 
Amalek und Verwerfung Saids durch Samuel. 16 David aus 
Bethlehem, durch Samuel gesalbt, kommt an den Hof Saids. 
17 Kampf mit Goliath. 18—20 Davids Beziehungen zu Saul, 
Jonathan und Michal; er entflieht schliesslich. 21 David bei 
Ahimelech in Nob und bei Achis in Gath. 22 David in Juda 
als Anführer einer Schar von 400 Mann. Strafgericht über 
die Priesterschaft von Nob. 23 David in Kegila. Wüste Siph. 
David von den Siphitern verraten und nur durch einen Ein- 
fall der Philister gerettet. 24 Verschont Saids Leben in der 
Höhle Engedi. 25 David mit Nabal und Abigail. 26 Von 
den Siphitern verraten, verschont er Saids Leben. 27 Ent- 
weicht zu dem Philisterkönig Achis von Gath, der ihm die 
Stadt Ziklag anweist. 28 Krieg zwischen Israel und den Phi- 
listern. Hexe von Endor. 29—30 David, von den Fürsten 
der Philister heimgeschickt, rächt an den Amalekitern die 
Plünderung von Ziklag. 31 Schlacht am Berge Gilboa. Tod 
Saids. — II 1 David erfährt Saids Tod. Klagelied auf Saul 
und Jonathan. 2 David zu Hebron Stammkönig über Juda. 
Isbaal, Saids überlebender Sohn, von Abner in Mahanaim auf 
den Thron .u<' s( 'tzt. Kämpfe zwischen Isbaal und David; Sieg 
Joabs über Ahner am Teiche von Gibeon. 3 Davids Familie 
zu Hebron. Abner verlässt Isbaal, geht zu David über und 
wird von Joab ermordet. 4 Isbaal ermordet. 5 David König 
über Gesamtisrael. Erobert Jerusalem. Weitere Familien- 
nachrichten. Siege über die Philister, (i üeberführung der 
Bundeslade nach Jerusalem. 7 David will einen Tempel bauen. 
Orakel Nathans über die ewige Dauer des Hauses Davids. 
8 Uebersicht über Davids Kriegstaten und Beamte. 9 Jona- 
thans Sohn Meribaal. 10 — 12 Syrisch-ammonitischer Krieg 
und Davids schwerer Sündenfall. 13 Anmon und Thamar ; 
Absalom ermordet Amnon und entflieht. 14 Absalom zurück- 
gerufen. 15 — 18 Absaloms Empörung und Ende. 19 Rück- 
kehr Davids nach Jerusalem. Streit zwischen Juda und Is- 
rael. 20 Empörung des Benjaminiten Seba ben Bichri. Be- 

Grundriss II. I. Cornill, A'i'l. Einleitung. 5. Aufl. 8 



H4 Spezielle Einleitung. [§ 1" 



amtenverzeichnis. 21 i— n Gibeon und die sieben Sauliden. 
15 _ 22 Einzelne Heldentaten aus den Philisterkämpfen. 22 = 
Ps 18. 23 i—7 Davids letzte Worte, s— 39 Verzeichnis der 
Beiden Davids. 24 Volkszählung und Pest. Altar auf der 
Tenne Arawnas. 

I S am uelis 1—15. 

2. I 15 bildet einen sachlichen Wendepunkt: die Geschichte 
Sauls allein ist zu Ende. Gott ist von ihm gewichen und der 
Nachfolger tritt auf den Plan. Dass in 1 1 — 15 nicht einheit- 
liche Er/.iildung, sondern Zusammenarbeitung verschiedener 
Berichte vorliegt, wurde längst erkannt: den leitenden Faden 
durch dies Labyrinth hat schon GkäMBERG gefunden, aber erst 
durch WELLHAUSENS schärfer eindringende und weiter ausho- 
lende Kritik ist es zum Gemeingute der Wissenschaft gewor- 
den, dass die Stücke 9 1—IO16 11 13—14 als eng zusammen- 
gehörige älteste Relation über die Entstehung des israe- 
litischen Königtums auszuscheiden sind; namentlich ist von 
Wichtigkeil der Nachweis, dass trotz einer gewissen Enkoncin- 
nität des beiderseitigen P>ildes Sauls (in 9 ein unselbständiger 
Haussohn, in 11 u. 13 ein fertiger Kriegsmann und Vater 
eines Heldensohnes) 11 1 oder genauer 10 ot* LXX die unmit- 
telbare Fortsetzung von 10 1,; ist. Bei einer zufälligen Begeg- 
nung durch den Seher Samuel vorbereitet, entbietel einen Mo- 
nat später der Benjaminit Sau] den Heerbann [sraels zum 
Entsätze der von den Ammonitern bedrängten Stadt Jabes- 
Gilead und wird nach erfochtenein Siege von dem jubelnden 
Volke in Gilgal zum Könige ausgerufen; dann nimmt er so- 
fort den Kampf gegen dm philistäischen Erbfeind auf, um (Is- 
rael von dem schwer auf ihm Lastenden .loche jener CJnbe- 
Bchnittenen zu befreien: dieser mit wechselndem Glücke ge- 
führte K;ni]]it' bildet den Hauptinhalt von Sauls Leben und 
Regierung. AK legendarische Ausschmückung ergibt sich in 
diesem Berichte zunächst L3 19— 22. Mit einem so gänzlich 
waffenlosen Volke hätte Sau] nicht Jabes entsetzen und nicht 
die Schlucht von Michmas schlagen können, und zudem ist 
1328 die unmittelbare Fortsetzung von v.u. Ebenso ist spä- 
terer Einschub der in der überlieferten Form völlig sinnlose 
Vers L3i, i\n LXX fehlt: er soll Saul in «bis von IM bei 
Jdc durchgeführte chronologische Schema eingliedern, obwohl 



§ 17.] Die Bücher Samueln. 115 



N 



in.iii eine deutliche Erinnerung an Lebensalter und Regierungs- 
dauer dieses ersten Königs über Israel nicht mehr hatte. Wich- 
tiger isl alicr das Stück 13t''— i.-,% welches sich gleichfalls als 
nicht ursprünglich ergibt und den Zusammenhang unsrer Er- 
zählung aufs empfindlichste stört : mit ihm ist auch der das- 
selbe vorbereitende Vers 10 s zu entfernen, welcher dort eben 
so befremdlich steht. Hier haben wir es aber nicht mit einer 
blossen Ausschmückung, sondern mit einer förmlichen Kor- 
rektur der ursprünglichen Erzählung zu tun. In den Grund- 
zügen ähnlich ist 15: auch dort wird zu Gilgal bei Gelegen- 
heit eines Opfers dem Saul durch Samuel die göttliche Ver- 
werfung verkündigt: aber in allen Einzelheiten gehn die bei- 
den Erzählungen so fundamental auseinander, dass 13 7 b — i.v l 
nicht eine Nachbildung von 15 sein kann: vielmehr haben wir 
in ihm eine selbständige und von jener unabhängige Parallel- 
überlieferung anzuerkennen, deren Einfügung BüDDE mit Kecht 
der Sondergeschichte unsrer Quelle zuweist. Dass 11 s b spä- 
terer Zusatz ist, ergibt sich schon aus den ungeheuren Zahlen: 
doch mag bereits der ursprüngliche Verfasser eine ungefähre 
Zahlenangabe gemacht haben. Ebenso ist 9 9 lediglich eine 
Glosse, die man zudem eigentlich erst hinter v. n erwarten 
sollte. 

3. Was nach Ausscheidung dieser Stücke in 1 — 15 übrig 
bleibt, scheint ein zusammenhängendes Ganzes, welches sich 
von der eben behandelten Schicht besonders augenfällig da- 
durch unterscheidet, dass Samuel im Mittelpunkte steht und 
die Hauptperson ist. 1—3 erzählen seine Jugendgeschichte 
und wie er an das Heiligtum zu Silo kommt: das dortige Prie- 
stergeschlecht der Eliden ist gottlos und lasterhaft, weshalb 
ihm der Untergang angekündigt wird. Diesen Untergang be- 
richtet 4, welches durch eine in LXX noch erhaltene l'eber- 
leitung aufs engste mit 3 verbunden wird, und 5 — 7i schildert 
die wunderbaren Vorgänge mit der von den Philistern erbeu- 
teten Bundeslade. Nach ihrer Rückgabe bekehrt sich Israel 
zu Jahve und Samuel erficht einen wunderbaren Gebetssieg 
über die Philister, der ihre Obmacht bricht, und richtet dann 
[srael. Ä.ber als er alt wird, verlangt Israel einen König, den 
Samuel ihnen durchs Los gibt, worauf er feierlich sein Richter- 
amt niederlegt. Indes besteht der neueingesetzte König gleich 
die erste Gehorsamsprobe nicht, weshalb ihm Samuel die gött- 



HQ Spezielle Einleitung. [§ IT. 

liehe Verwerfung ankündigt. So berichten uns 72—822 10 17 
—27» 12 15. Aber das Mittelstück 7—12 machl Schwierig- 
keiten. Die Jugendgeschichte, welche Samuel lediglich als Pro- 
pheten beglaubigt, lässt nicht ohne weiteres erwarten, ihn hier 
als Richter zu linden; viel wichtiger ist aber der Widerspruch 
gegen 15. In 7 — 12 erscheint die schärfste Verwerfung di - 
menschlichen Königtums als Abfall von Jahve, dem alleinigen 
Herrscher und König in Israel: davon findet sich in 15 keine 
Spur. Zudem ist der Samuel von 15 lediglich Prophet, der 
nur durch sein Wort und seine von dem Geiste Jahves ge- 
tragene Persönlichkeit wirkt, was mit 1 — 3 stimmt. Umgekehrt 
setzt aber auch 15 1 die Salbung Saids durch Samuel und die- 
sen als den eigentlichen Stifter des Königtums voraus: der 
Verfasser von 15 muss also die nämlichen Tatsachen wie in 
8 u. IO17— 27" berichtet haben, nur in anderer Beleuchtung und 
von einem anderen Gesichtspunkte aus. Die Wahl des Königs 
durch das von Samuel geleitete Los und die jubelnd«' Begrüs- 
siing des Erwählten durch das Volk L0i9 b — 24 26* 27» kann 
ohne weiteres von ihm hergeleitet werden und er wird auch 
die Aeltesten den Samuel um einen König haben angehn las- 
sen, wie 8 t: zwischen 7i 11.84 muss er noch die Folgen der 
Unglücksschlacht von Kap. 4 berichtet und es dadurch moti- 
viert haben, dass die Aeltesten in ihrer Bedrängnis sich einen 
König als Herzog und Befreier erbaten: Wellhausen hat es 
durch eine Vergleichung von der li».-, mit 1 Sana 3n und durch 
Hinweis auf der 7i2— 1.5 in hohem Grade wahrscheinlich ge- 
macht, dass noch der Prophet Jeremia diese jetzt gestrichene 
Erzählung an unsrer Stelle gelesen habe. Als Quelle für die 
zuletzt genannte Traditionsschicht Ls1 von mir E erwiesen, was 
Budde angenommen und weiter ausgeführt hat: die Salbung 
Sauls durch Samuel hat E wohl an der Stelle von LO 25 er- 
zählt, sie musste nach <\cv Verbindung mit drr .älteren Quelle 
hinter 10 1 gestrichen werden. Sonst ist. gelegentliche kleinere 
Ueberarbeitungen abgerechnet, 4is b und der damit zusammen- 
hängende \. 1.-. ein Nachtrag von der Art des L3i besproche- 
nen. 222 b ß, ^>'r l-\.\ fehlt, ein ganz später, von I' abhängi- 
ger, Zusatz und vor allem 2«7— 36j dies rein deuteronomistische 
Stück, welche- zudem die ganze Wirkung von Kap. 3 zerstört, 
blickt v. 35 deutlich aufZadok, den Salomo an Stelle des Eli- 
del! Ebjathar setzte, und v. se erklärt sich am besten aus den 



, 17.] Die Bücher Samuelis. 117 



8 



Zustünden nach der Kultusreforni des Josia. Heber das „Lied 
der Hanna- 2 i- -io wird noch besonders zu reden sein. 

4. Nun wäre noch die Quelle von 7 8 u. 12 zu ermitteln. 
Da sie das Königtum prinzipiell verwirft, sah man in dieser 
Schicht eine wertlose und ganz junge deuteronomistische Wu- 
cherung. Der zuerst von mir gegen WELLHAUSEN, STADE und 
Kuenen geführte Nachweis, dass 7— 12 f ein selbständiger 
Parallelbericht sei. älter als Jeremia, welcher 15 1 deutlich auf 
Kap. 7 u. 12 anspielt, hat Zustimmung gefunden. Er ist uns 
in die Erzählung des E eingearbeitet überliefert und hängt 
durch die dominierende Stellung Samuels auch sachlich aufs 
engste mit E zusammen, welcher das notwendige Zwischenglied 
zwischen dieser und der ältesten Traditionsschicht bildet: der 
unbekannte Seher eines abgelegenen Landstädtchens in 9 musste 
erst zu dem gefeierten und allgemein verehrten Propheten von 
1—3 u. 15 werden, ehe er zum Richter über ganz Israel aus- 
wachsen konnte. Budde hat dann überzeugend nachgewiesen, 
dass auch schriftstellerisch diese jüngere Schicht durchaus die 
charakteristischen Züge von E an sich trage; sie würde dem- 
nach zu E 2 gehören, die ältere Darstellung zu E 1 . Die ganze 
Samuelgeschichte in 1 — 15 an E - zuweisen, wie Budde jetzt 
tut, kann ich mich nicht entschliessen ; in 15 würde nur das zu- 
erst von Stade GV1 L - 221 beanstandete Stück 24—31 ihm anheim- 
fallen. Dagegen sehe ich mich jetzt noch genötigt, auch in 
7 — 12 Spuren von E ] anzuerkennen, der natürlich auch die 
Entstehung des Königtums berichten musste: will man we- 
nigstens 7—12 restlos E * zusprechen, so würde mit Loehr 
72—89 10 17 — i9 a 8 11 — 22 ba 10 in'-— -j-i 12 10l'ö ,j — 27 als ursprüng- 
liche Gestalt anzuerkennen sein. 7 u. 12, welche ganz von E 2 
herrühren, sind mehrfach deuteronomistisch retouchiert, doch 
lässt sich bei der Stil- und Geistesverwandtschaft von E - und 
Deuteronomium die Scheidung nicht mit völliger Sicherheit 
geben. Die Verbindung dieser elohistischen Samuelgeschichte 
mit dem elohistischen Richterbuche hat Budde in der jetzt in 
Jdc 10,;— 11; eingearbeiteten Philisterüberleitung (§ IG») er- 
kannt. 

5. Stammt somit alles Uebrige in 1 — 15 aus E, so liegt 
es nahe, für die ältere Traditionsschichl Di— 10m 11 13 u. 14 
an .1 zu denken. Und dass ,1 mindestens die Geschichte der 
beiden ersten israelitischen Könige erzählt haben muss, geht 



118 Spezielle Einleitung. [§ 17. 

aus Jdc 13 5, welches direkt auf Saul hinweist, und aus Jdc 3 g, 
welches die durch David errungene Machtstellung zu seinem 
Standpunkte nimmt, unzweideutig hervor. Budde hat diesen 
Schritt getan. Dann wäre 13 7 b — is a und dessen Vorbereitung 
10 s einem J a oder J 3 zuzuschreiben, und die gegenwärtig 
vorliegende Xusanimenarbeitung und harmonistische Ausglei- 
chung mit E einem Ej. Hierbei sind .1 und E nicht intakt ge- 
blieben. In E hat Ej mit Rücksichl auf J hinter 10 u den 
elohistischen Bericht von der Salbung Saids durch Samuel ge- 
strichen und in 7.25 durch einige Worte seiner Faktur ersetzt, 
die sich schon dadurch als nicht quellenmässig erweisen, dass 
sie zu 8 u— 18 gar nicht stimmen; sie sind wohl Jos 24 2.; nach- 
gebildet. Ferner hat er Kap. 12, welches unmittelbar auf 10 u 
resp. 25 folgen musste, hinter 11 gestellt und vielleicht auch 
die Königswahl durch das Los in zwei Vorgänge zerlegt. In .1 
ist der Anfang weggeschnitten, weh her Samuel cf. 9 14 einge- 
führt und auch von Jonathan cf. 13 2 irgend etwas berichtet 
haben muss und die Anknüpfung an Simson herstellte: ein 
Resl hiervon steckt in 4—6, wo zuersl Stade GVI 1 8 2oi 
Aiim. 3 einen doppelten Faden erkannt hat. Ferner scheint 

9 2* aus 10 28 herübergenommen und auch die (flösse 9 9 bat 
wohl Rj (<f. ns'^yi "zb mit 11 11) geschrieben, sowie den Zusatz 

10 !,■,'• (ro'fcan wie 10 25 lluj. Tiefer bat er eingegriffen in 11. 
Hier ist zunächst durchweg Samuel nachgetragen und auch 
die angeheuren Zahlen s b mögen auf das Konto des Rj zu 
schreiben -ein. aamentlich liat er aber ganz hinzugefügt 12 u. 
v. 12 greift auf LO 27" zurück, v. ia ist der Stelle 1 4 1-, (cf. auch 

11 1 :» -_.-, 1 nachgebildet und v. m eine naive harmonistische Aus- 
gleichung mit LO 19 21. des nämlichen Kalibers wie Gen 2615 
u. 1- Es 19 28 Rj. Abei- noch ein wichtiges Stück Lsl aus der 
älteren Relation auszuscheiden: 14 « .51, welches, obwohl man 
die dorl berichteten Tatsachen anmöglich für streng historisch 
halten konnte, doch bisher von allen Kritikern als quellenhaft 

aommen wurde und so für die weitere Verfolgung der in 
9 11 vorliegenden Relation ein unübersteigliches Hindernis 
bildete. Hier hat erst Budde daraufhingewiesen, dass der 
Wortlaut dieser Verse durchaus an den deuternomistischen 
nahmen von Jdc anklinge: sie sind offenbar sron einer späte- 
ren deuteronomistischen Hand zugesetzt, für welche Said nur 
so lange legitimer König war. bis ihm die göttliche Ver- 



T.j Die Bücher Samuelis. 119 

werfung verkündigt wurde, welche infolgedessen 1446 als das 
Ende seiner Regierung ansah und hier noch einen Schluss- 
panegyrikus hinzufügen wollte, da er ja doch einmal tatsäch- 
lich der durchs heilige Los Erwählte und durch den grossen 
Propheten feierlich Gesalbte war. 14 52 dagegen ist quellen- 
haft und bildet die unmittelbare Fortsetzung von v. 46 und 
die Ueberleitung zu dem ersten Auftreten Davids: dass eine 
Quelle in solcher Ausführlichkeit bloss ein Bruchstück aus 
der Geschichte Sauls erzählt und dann aufgehört haben sollte, 
ist so unwahrscheinlich wie möglich. 

I Samuelis 16 — II Samuelis 8. 
6. Ehe wir in die Quellenanalyse dieses Abschnittes ein- 
treten, ist eine Vorfrage zu erledigen, welche hierfür von durch- 
s« hlagender Wichtigkeit ist, nämlich das Verhältnis d e s 
hebräischen Textes zur L X X in Kap. 17 u. 18. Be- 
kanntlich weicht ja gerade in Sam LXX sehr stark vom he- 
bräischen Texte ab, welcher vielfach handgreiflich verderbt und 
sehr schlecht überliefert Lt. Gerade bei Kap. 17 u. 18 ist das 
Auseinandergehn der beiden Rezensionen besonders stark. LXX 
Liefet diese Kapitel in einer wesentlich verkürzten Gestalt. 
Es fehlen von 17 die Verse 12—31 n 00, in .-,1 ITWiä "? l ?'^ ? ", 55— ös; 
in 18 die Verse 1— e*« 8 b io— 11 12'' 17—19 2i b 2g'', in 27 ^W? = ? K~^':, 
. Nun lä^<t -ich nicht leugnen, dass diese Stücke mit 
ihrer Umgebung in grellem Widerspruche stehn und ihren Zu- 
sammenhang überall sprengen, so dass die Vermutung aller- 
dings nahe liegt, LXX habe hier harmonistische Kritik ge- 
trieben und sie um dieses Widerspruchs willen gestrichen. 
Aber ich habe 1 Königs) »erger Studien 25- 30) nachgewiesen, 
dass diese Lösung des Problems nicht Stich hält. Einmal 
fehlen bei LXX manche Stücke, bei denen irgend ein ver- 
nünftiger Grund oder ein harmonistisches Interesse für ihre 
Streichung schlechterdings nicht abzuseilen ist: zudem gibt der 
Text der 1XX einen lückenlosen vortrefflichen Zusammen- 
hammenhang, der zu seinem Verständnisse der ausgeschiedenen 
Stücke weder ganz noch teilweise bedarf, vielmehr in 1 7 , t . wo 
David Hirte -eines Vaters nicht ist, sondern war. ihnen direkt 
widerspricht. Als wichtigstes Moment kommt dann noch hinzu, 
dass die in LXX fehlenden Stücke unter einander vom ersten 
ins zum letzten "Worte in Zusammenhaui;- stehn und sich fort- 



120 Spezielle Einleitung. [§ 17. 

setzen, so dass keine andere Erklärung übrig bleibt, als in 
ihnen Fragmente einer weiteren selbständigen Quellenerzähluiig 
zu erkennen, welche in die hebräische Rezension eingearbeitet 
wurden, in die alexandrinische dagegen keine Aufnahme fan- 
den; diesen meinen Beweis hat Stade (GVI 1-220 Anm.) aus- 
drücklich anerkannt (vgl. auch WRSMITB Nachtrag A 411—111 
der deutschen Uebersetzung). Wenn BüDDE dagegen einwendet. 
dass das auch von LXX gelesene JKSS -itfK I619 nur Ausglei- 
chung mit Kap. 17 in der Gestalt des hebräischen Textes sein 
könne, so übersieht er 16 1-13 u. II 7 s, in welchen auch von 
LXX gelesenen Stücken David gleichfalls von der Herde weg 
berufen wird. Ein Harfher im Heereszuge begegnet uns auch 
II Reg 3i5, und dass zwei von einander unabhängige Quellen 
das Kommen Davids zu Saul mit dessen musikalischer Bega- 
bung motivieren, ist durchaus natürlich, da dies offenbar ein 
stehender Zug in der hebräischen Ueberlieferung war : tritt 
uns David doch an der ältesten Stelle, wo er ausserhalb der 
historischen Bücher überhaupt genannt wird, als Musiker ent- 
gegen Am 65! Deshalb dürfen wir luv die quellenkritische 
Analyse mit Kap. 17 u. 18 nur in der von LXX überlieferten 
Gestalt rechnen. 

7. Gehn wir nun auf Grund der für 1—15 gewonnenen 
Eesultate an die Analyse der Kapitel 16—22, so ergibt sich 
das zusammenhängende Stück 16 11-2:1 sogleich als unmittel- 
bare Fortsetzung \<»n 14 52 und wäre daher ebenfalls für J an- 
zusprechen: nur die Worte JKM "WK v. 19 sind harmonistische 
Ausgleichung mit einer anderen jüngeren Tradition. Kap. 17 
u. ls LXX können wegen des fundamentalen Widerspruchs 
/wischen 17.,.. u. I61821 nicht {Qu 23 weiterführen, sondern 
würden zu 15, also E, zu ziehen sein, für welchen auch die 
uze Art und Diktion spricht. Eis müsste dann auch E zwi- 
schen 15 u. 17 berichtet haben, das- David um seiner musi- 
kalischen Begabung willen an den Eof des Ton Schwermut be- 
fallenen Königs gezogen worden sei. L9i— w 1 ** setzt L8 un- 
mittelbar fort; hier sind nur 7. 2— s u. , Ausgleichungen mit 
20 und daher auszuscheiden. Das Stück n— 17 hat Büddb 
gleichfalls l'\\r E angesprochen und es würde das die Analyse 
wesentlich vereinfachen; aber doch wiegen die sachlichen Be- 
denken zu schwer: da es sich auch in den Zusammenhang ih-v 
anderen Quelle nicht fügt und vor wie nach Kap. 20 gleich 



§ 17.] Die Bücher Samuelis. 121 

unmöglich ist, so müssen wir in ihm einen Seitenschoss der 
Oeberlieferung anerkennen. Wie 19 n — 17, so lässt sich auch 
die Portsetzung 19 js — 20i a keinem der beiden Hauptströme 
organisch eingliedern. Aber während 19 11—17 einen durchaus 
altertümlichen und volkstümlichen Charakter trägt und als ein- 
ziger Aufschluss über die Beschaffenheit der ü'£" für uns von 
unschätzbarem Werte ist. haben wir in 19 18 ff. eine völlig 
wertlose Prophetenlegende nach Art von I Keg 13 oder II 
Reg 1. Dagegen schliesst es sich an das Stück 16 1—13 an. 
mit welchem es die geistige Luft, den Gesamtcharakter und 
namentlich die direkte persönliche Verbindung Davids mit Sa- 
muel teilt. Neben 16 1 -im 19 n— 1 7 u. 19 ]8 — 20 1 • tritt 21 u— 17 : 
es kann ursprünglich den Zweck gehabt haben, die Paralleler- 
zählung 27 zu verdrängen (Rhenen). 20 i b — 21 1 widerspricht 
17 — 19 in allen Punkten und greift dagegen, indem es David 
als stehenden Tischgenossen des Königs voraussetzt, auf 16 21 
zurück: die hohe Altertümlichkeit der ganzen Erzählung spricht 
gleichfalls für J, welcher dann zwischen 16 23 u. 20 1'' im we- 
sentlichen das Nämliche erzählt haben muss, wie 17 — 19: ein 
Hest könnte noch in 18 <>— s stecken : dort lassen sich Spuren 
von üeberfüllung bemerken, und wenn 29 5 ursprünglich ist, 
so muss auch J das ominöse Lied der Weiber gebracht haben. 

20 40— 42 hat schon WbllhaüSBN aus sachlichen und ästheti- 
schen Gründen ausgeschieden: ebenso sind i» a und in 35 """" 
-pzr als Ausgleichungsversuche mit 19 1 — 7 zu streichen und 4— 17 
zweifellos überarbeitet. 21 2—10 wird durch das Schwert Go- 
liaths unweigerlich für E in Anspruch genommen; 21 2 ist die 
unmittelbare Fortsetzung von 19 io b< *. Kap. 22, welches von 

21 2 -m nicht unwesentlich abweicht, gehört dagegen wieder zu 
.1 : doch ist v. 5 späterer Zusatz und in v. 10 u. is das Schwert 
nachgetragen als harmonistische Ausgleichung mit 21 2— 10. Nur 
v. 19, der sich wörtlich mit 15 3 deckt, wird aus dem Berichte 
des E genommen sein, der ein so wichtiges historisches Ereignis 
wie die Hinrichtung der Eliden natürlich auch erzählt hat. 

8. In Kap. 23—31 sind die strittigen Probleme das Ver- 
hältnis von 23 19— 24 23 zu 26 und die Herkunft des Stückes 
283—25. 23 19—24 2 1 u. 26 sind eine handgreifliche Dublette, 
von welcher 26 durchaus den altertümlicheren und urwüchsi- 
geren Eindruck macht: ist vollends in 23 19— 21 ein Stück aus 
dem Anfange von Kap. 26 redaktionell eingearbeitet (BüDDE), so 






122 Spezielle Einleitung. [§ 17. 

würde bei 26 alles für J sprechen und 23 m — 24 23 f wäre an 
E zu weisen. 24 11 hat "Wellhausen als Glosse ausgeschie- 
den, und in den Versen 5—8 muss notwendig eine Umstellung 
vorgenommen werden: s a 7 s a ö ,j e s b . 23 1— u a gehört wesentlich 
zu J, enthält aber nach Büdde Spuren eines Parallelberichts 
aus E ; 23 ii b — 18 ist stark überarbeitete elohistische Parallele 
zu Kap. 20 J. 25 — 31 würde einen lückenlosen Zusammen- 
hang aus J geben, wenn nicht 28 3—25 sich äusserst störend 
eindrängte. Teils deswegen, teils weil der auf die Beschwö- 
rung redende Geist der Geist des Samuel von Kap. 15 ist, 
wurde es allgemein dem Verfasser von 15 zugeschrieben; aber 
Büdde hat durchweg Stil und Ausdrucksweise des J nachge- 
wiesen und auch noch das letzte Bedenken weggeräumt durch 
die Annahme, dass unser Stück wegen Dt 18 n der deutero- 
nomistischen Redaktion zum Opfer gefallen und später in un- 
geschickter Weise wieder eingesetzt worden sei : irgend eine 
Rückbeziehung auf Kap. 15 war schon bei der Vereinigung 
von J und E unvermeidlich. Bei J stand das Stück natürlich 
zwischen 30 u. 31, wofür noch der etwas abgerissene und of- 
fenbar beschädigte Anfang von 31 spricht. — Dass II Sana 
1 — 5 der nämlichen Quelle angehören, ist allgemein zugestan- 
den ; nur werden 3 2—5 u. 5 4— 16 ursprünglich wohl an anderer 
Stelle gestanden haben : 3 r, 1 ' ist unmittelbare Fortsetzung zu 
v. 1, u. 5 17 zu 3; doch muss schon der Chronist diese Kapitel 
ganz in der uns jetzt vorliegenden Gestalt und namentlich 
3 2— 5 in 3 eingesprengt gelesen haben, wie aus I Chr 14s— 7 
deutlich hervorgeht. 2 io a ist, wie I 418* u. 13 1, Einpassung 
in den deuteronomistischen chronologischen Rahmen, übrigens 
beide Angaben sachlich offenbar falsch, auch 2 11 kommt ver- 
früht. Ebenso gibt 3 30 zu Bedenken Anlass und 4 i möchte 
ursprünglich hinter 9 3 gestanden haben, sodass 44 b unmittel- 
bar auf 93 folgte. Ueber das „Bogenlied" I17— 27 wird noch 
besonders zu reden sein. Problematisch ist nur 1 1 — 16, doch 
lösen sich die Schwierigkeiten, wenn wir mit Budde die Verse 
5_io u. 13— ig als Eintragung ans dem Parallelberichte des E 
ansehen. Kap. 6 ist schon von WELLHAUSEJS mit 9 — 20 zu- 
sammengenommen worden und kann deshalb liier unberück- 
sichtigt bleiben. Kap. 7 weicht von allem bisherigen in Stil 
und Ausdrucksweise so merklich ab. dass es für sich betrachtet 
werden muss. Es setzt offenbar schon die vorliegende Ver- 



§ 17.] Die Bücher Samuelis. 123 

bindung von 5 u. 6 voraus und ist durch und durch prophe- 
tisch-messianisch gehalten, so dass die Frage lautet, ob dies 
Kapitel die Wurzel der messianischen Prophetie ist, oder ein 
Nachtrieb derselben. Alles spricht für letzteres; es kann schwer- 
lich vor Jesaja geschrieben sein. Andererseits liegt ein Unter- 
gang des Volkes und seiner Dynastie gänzlich ausserhalb des 
Gesichtskreises, und so werden wir dies Stück, welches, da 
v. i3 b schon von Wellhausen als Interpolation erkannt ist, 
vordeuteronomisch sein muss, dem 7. Jahrhundert zuzuweisen 
und es von einer jüngeren jahvistischen oder elohistischen 
(Budde) Hand abzuleiten haben. Kap. 8 endlich macht ganz 
den Eindruck eines Sehlusspanegyrikus. In Form eines kurzen 
statistischen Ueberblicks werden Davids Kriegstaten und Siege 
genannt und schliesslich ein Verzeichnis seiner obersten Be- 
amten gegeben. Da man schon längst bemerkt hatte, dass 
der Inhalt jener Uebersicht sich wesentlich mit 10 — 12 decke, 
so musste 8, als quellenhaft angesehen, wieder der Analyse 
eine unübersteigliche Schranke entgegenstellen. Da hat nun 
Budde gezeigt, dass auch dies Stück, wie I 14 47-51 , Redak- 
tionsarbeit ist, ursprünglich dazu bestimmt, 9 — 20 zu ersetzen, 
deren Inhalt zu verschweigen man im Interesse Davids fand, 
ganz eben so wie Jdc 8 33— 35 dazu bestimmt war, die Geschichte 
Abimelechs zu ersetzen. Uebrigens ist Kap. 8 nicht allzu jung 
anzunebmen, hat wenigstens mit gutem altem historischem Ma- 
teriale gearbeitet: 7—10 13 i4 a u. ig— is werden wir für quellenhaft 
ansehen dürfen, und Wellhausens Vermutung, dass 32—5 u. 
5 13—16 ursprünglich in diesen Zusammenhang gehörte, ist sehr 
ansprechend cf. namentlich auch 8 is. 

II Samuelis 9—24. 

9. Dass 9 — 20 untrennbar zusammenhängen und eine sach- 
liche und schriftstellerische Einheit bilden, darf als allgemein 
zugestanden gelten : Wellhausen hat dann noch Kap. 6 hin- 
zugenommen. Nun mit Kap. 8 die trennende Scbranke ge- 
fallen ist, hindert nichts, dieses Stück von der nämlichen Hand 
herzuleiten wie 1—5, d. h. also von J. Es bildet den Höhe- 
punkt der hebräischen Historiographie : die Charakteristik aller 
einzelnen Persönlichkeiten ist von einer wunderbaren psycho- 
logischen Feinheit und Meisterschaft, die Erzählung so an- 
schaulich und lebendig, dass man einen Augenzeugen zu ver- 



124 Spezielle Einleitung. [§ 17. 

nehmen meint : DüHM bat die Vermutung ausgesprochen, es 
möchten hier Memoiren des abgesetzten Priesters Ebjathar zu 
Grunde liegen. Aber mindestens literarisch gehören die Ka- 
pitel zu J und sind in der überlieferten Gestalt von ihm ge- 
schrieben und ich will doch wenigstens auf einige signifikante 
Ausdrücke hinweisen, welche alles für J Ausgeschiedene gleich- 
massig durchziehen: Gnade finden in den Augen I 162a 20:; 29 
25* 27 s II 14 2 -2 15 2-, lGi: stinkend werden I 13 4 27 12 II 

10 i; IG 21: die eigentümliche Schwurformel I 14 4G 20 13 25 22 

11 3 9 35 19 11 (I Reg 223): kein Haar von dem Haupt e .sali 
■zur Erde fallen I 14 45 II 14 n (I Reg 1 52). Die köstlichen 
Kapitel sind mit Ausnahme vereinzelter Ueberarbeitungen we- 
sentlich intakt geblieben. 12 10— 12 macht den Eindruck, später 
aufgetragen zu sein, um den pragmatischen Zusammenhang der 
Erzählung noch deutlicher hervorzuheben : SCHWALLY (ZaAV 

12 153 ff. 1892) hält das ganze Stück 12]— 15" für „in die alte 
Quelle . . . eingeschoben" und 12 15* würde sich ganz vortreff- 
lich unmittelbar an 11 27 schliessen. Historische Bedenken 
lml Winckleb (Geschichte Isr. in Einzeldarstellungen 1 189— im 
1895) gegen 10 1 5 — 1 «> a geäussert. 

10. Eine in jeder Beziehung eigentümliche Stellung neh- 
men 21 — 24 ein, etwa analog den Anhängen in Jdc. Aber 
während dort der Zusammenhang doch ein zu enger ist. ;ils 
dass das Dazwischentreten jener Anhänge geradezu störend 
wäre, bildet hier vielmehr I Reg h die unmittelbare Fort- 
setzung von II Sani 20 2.; und stammt sogar, wie sich ergeben 
wird, uns der nämlichen Quelle. Auch an und für sich bieten 
diese vier Schlusskapitel manches Befremdliche. Es ist näm- 
lich ganz klar, d.-iss 21 1— u eng mit 24 zusammenhängt, 21 
i5~32 ebenso mit 23 8— 39, während die beiden ganz in der Mitte 
stellenden poet isclien Stücke wieder unter einander homogen 
sind. Es hat also hier ein wiederholter Einschub in den Ein- 
schub stattgefunden. Fragen wir nun nach der Provenienz 
der ein/einen Stücke, SO ist 21 1—14 von BüDDE sicher mit 
Recht für J in Anspruch genommen und auch ihrem Gehalte 
nach gehör! die Erzählung, in welcher nur v. 7 Zusatz und a b 
eine eingeschobene Zwischenerklärung i-t, zu .1 ; sie ist die \ or- 
bereitung für 9.-,, klingt in L6 7 — s deutlich durch und kann 
-ich nur im Anfange drr Regierung Davids zugetragen haben, 
als die sonst nicht erwähnt«' Untat Sauls noch in frischer Er- 



§ 17.J Die Bücher Samuelis. 125 

innerung war. Auch 24 gehört in dieselbe Zeit : der Wunsch 
einer Volkszählung begreift sieh am leichtesten am Beginne 
der Regierung Davids über Gesamtisrael, und die Errichtung 
des Altars auf der Tenne Arawnas geht für mein Empfinden 
der Einholung der Bundeslade auf den Zionsberg voraus. Alter 
24 ist literarisch nicht so einfach, die Erzählung mindestens 
stark überarbeitet, wenn nicht geradezu eine Zusammenschmel- 
zung zweier Parallelberichte : irgend eine Grundgestalt werden 
wir auch hier für J ansprechen dürfen. 21 15— 22 u. 23 8—39 
zeigen in Ton und Inhalt auffallende Berührungen mit 5 17—25 
und könnten geradezu die unmittelbare Fortsetzung von 5 25 
gewesen sein : doch haben sie auch wieder so viel Eigenartiges, 
dass die Vermutung, es sei hier ein altertümliches Heldenbuch 
benutzt, mindestens gewagt werden darf. Ueber die beiden 
poetischen Stücke ist noch besonders zu handeln. Stammen 
aber die prosaischen Anhänge gleichfalls aus J, so wird ihre 
Stellung zwischen II Sam 20 und 1 Reg 1 noch schwerer be- 
greiflich; auch sie erklärt sich nur mit Hülfe der Annahme 
Buddes, dass 9 — 20 von einer deuteronomistischen Hand aus- 
geschieden und durch 8 ersetzt seien. Diese nämliche Hand 
hätte dann die beiden Erzählungen 21 u. 24 um ihres theo- 
kratischen Gepräges willen aus dem älteren Erzählungsstoffe 
beibehalten und als bedeutsamen Anhang an ihren Schluss- 
panegyrikus gefügt : der Wiederhersteller des Ausgeschiedenen 
beliess sie am Schlüsse des Buches und fügte nun 9 — 20 zwi- 
schen 8 u. 21 ein. Die Eintragung von 21 15— 22 u. 23 «—39 
repräsentiert dann ein noch späteres Stadium, die der beiden 
poetischen Stücke das allerspäteste. 

11. So stammte denn bis auf zunächst die drei dichteri- 
schen Stücke, 7 u. 8. und vereinzelte Sinnen von E in 1 und 
vielleicht auch in 24. ganz II Sam aus J und wir erhalten 
demnach für Sam ein ähnliches Resultat, wie für Jdc. Bis 
auf einen kleinen Rest Hessen sie sich auf.) und E verteilen. 
wobei beachtenswert bleibt, dass mit dem Tode Sauls E plötz- 
lich verschwindet, und Rj wäre also im wesentlichen d<'r Ver- 
fasser von Sam. Dies hat dann später analoge Schicksale ge- 
habt wie Jdc, nur lassen sie sich hier nicht so genau nach- 
weisen wie dort, und namentlich hat die deuteroiioniistische 
Redaktion nicht so tief eingegriffen, wie bei Jdc. wohl weil 
hier der Stoff viel zu bekannt und dem Yolksbewusstsein ver- 



126 Spezielle Einleitung. [§ 1". 

traut war, als dass eine wesentliche Umgestaltung hätte statt- 
finden können. So beschränkt sich denn Rd auf leichte Ueber- 
arbeitung einzelner Stellen und auf eine sehr diskrete Weiter- 
spinnung des chronologischen Fadens and hat sich nur erlaubt, 
Anstössiges wie I 28 3-2:. 119—20 und vielleicht auch, wie 
Büdde aus dem Fehlen der deuteronomistischen Spuren schliesst, 
I 15 auszumerzen; diese Ausscheidungen, wie in Jdc für uns 
mit das Wichtigste und Wertvollste, sind dann zum (duck 
von einer späteren Hand wieder nachgetragen worden. Als 
Zeitgrenze für die gegenwärtige Gestalt von Sani haben wir 
die Chronik. 

Dichterische Stücke in den Büchern Samuelis. 

12. Es finden sich in Sani, wenn wir von den kurzen Wor- 
ten II 3 :■•.:■.'■ :n a absehen, vier selbständige dichterische Stücke, 
welche eine gesonderte Betrachtung erheischen. 

a) Das Lied der Hanna I 2i 10. Dies Lied gehört nicht 
zum alten Bestände von Sani, da LXX dasselbe in ziemlich 
abweichender Form und noch durch Jer 9 22— 23 erweitert bie- 
tet und ihr Ae.,uivalent der Worte rmb Qtö -.-:- | 28 ersl hin- 
ter 2 m steht. Ks ist ein Psalm wie die anderen Lieder des 
Psalters, den nur wörtliches Verständnis der bildlichen Rede- 
wendung v. 5 der Mutter Samuels in den Mund gelegt haben 
kann. Der Psalm, dessen literarischer Charakter nicht auf 
frühe Zeil weist, hat offenbar ein Distichon zu viel: deshalb 
wird meistens, und selbst von Klostermann, io b für „eine 
spätere Zutat" erklärt, durch welche man den König los wird ; 
aber die Worte sind als Abschluss nicht gut zu entbehren 
und man wird besser das von LXX uicht gelesene Distichon 
s" streichen, welches aus dem Tone des Ganzen herausfälll und 
sich störend zwischen s a u. 9 eindrängt. Der König in io" i^t 
natürlich messianisch gemeint : von einer Entstehung des Lieds 
in der Königszeit kann nicht die Hede sein. 

b| Da- „Bogentted" II L 19-37. Bin Klagelied auf den 
Tod Sauls und Jonathans, von der tiefsten Empfindung ein- 
gegeben und namentlich in der Zuspitzung auf den persönlichen 
Verlust Jonathans von ergreifender psychologischer Wahrheit. 
Die freilich wohl verderbte Ueberschrift 17— 18 lässl es von Da- 
vid selbst gedichtet sein und beruft sich auf die schon dos in, ; 
zitierte alte Liedersammlung des -£.- -sc, über welches § L82« 



§ 17. | Die Bücher SamuelivS. 127 

abschliessend zu reden sein wird. Die Authentie des Liedes 
anzuzweifeln liegt auch nicht der Schatten eines Grundes vor, 
vielmehr sprechen sowohl äussere wie innere Kriterien aufs 
Entschiedenste dafür, so dass auch von sonst weitgehenden 
Kritikern dies Lied als ein echtes Ueberbleibsel der dichteri- 
schen Tätigkeit Davids anerkannt wird. Der Text ist vielfach 
beschädigt und es verdient das gänzliche Fehlen des religiösen 
Momentes bemerkt zu werden. 

c) 1122. Ein längerer Hymnus, welcher bis auf Varianten, 
wie sie jede Ueberlieferung mit sich bringt, mit Ps 18 identisch 
ist. Deshalb wird dieses Lied, als doppelt bezeugt, vielfach 
für den einzig sicher authentischen Psalm gehalten. Aber von 
Authentie kann gar nicht die Kede sein, wenn man erwägt, 
dass sieh speziriseli deuteronomistische Ausdrücke in ihm vorfin- 
den. Unabhängig von einander sind Loehr und Budde in der 
Beobachtung zusammengetroffen, dass die zweite Hälfte dieses 
langen Liedes einen andern Charakter trage, als die erste, wo 
Loehr auch noch s— i<; für eingeschoben hält. In der ersten 
redet ein gesetzestreuer Frommer, in der zweiten ein kriege- 
rischer König, unter welchem man nur entweder David, oder 
Alexander Jannaeus verstelm kann. Die erste Hälfte, nach 
Budue bis v. 25, nach Loehr bis v. 31 reichend (auch ich 
rechne 26—29 u. 31 zu ihr) trägt die Art eines Gemeindeliedes, 
in welchem die Gemeinde ihre Hoffnung ausspricht, als Lohn 
für ihre Frömmigkeit und Gesetzestreue vor allen Feinden und 
aus aller Not gerettet zu werden. Budde meint, dies halte 
mit der Ps 18 1 gegen II Sam 22 1 überschiessenden Ueber- 
schrift rrb mrr laxh hJHtt 1 ? (cf. auch Ps 3G 1) im Psalter gestan- 
den, sei von dorther entnommen und durch Ueberarbeitung in 
die gegenwärtige Gestalt \"üv die Situation von II Sam 22 zu- 
rechtgemacht worden und diese Gestall dann in den Psalter 
zurückgeflossen: doch scheint mir die Annahme leichter, dass 
die erste Eälfte bereits bestand, aber noch nicht in den Psal- 
ter aufgenommen war. vielmehr das ganze Lied aus Sam in 
den Psalter gekommen ist. 

d) II 23 i_7. Die sog. leimten Worte Davids, in senten- 
ziöser, änigmatischer Sprache -ehalten. Auch sie sind Aus- 
druck des messianischen Gedankens und auf keinen Fall älter 
alsJesaja. Die Abhängigkeit des v. 1 von den Bileamssprüchen 
liegt auf der Hand und die eschatologischen Ideen v. 6 — 7 von 



128 Spezielle Einleitung. [§ 18. 

einer Bestrafung der Gottlosen durch höllisches Feuer sind 
erst ganz spät nachweisbar. Wir werden also in diesen Wor- 
ten ein ganz junges, künstlich archaisierendes Wo zu erkennen 
haben, dessen Verfasser und Abfassungszeit natürlich nicht 
mehr zu ermitteln ist. Die ..letzten Worte" sind wohl gleich- 
zeitig mit dem Psalm in Sani eingesetzt worden, als 21 15—22, 
wo zum letzten Male von einer schweren persönlichen Bedräng- 
nis Davids berichtet wird, bereits an seiner gegenwärtigen Stelle 
stand: nach ELPSmite sollen sie ein bewusstes Gegenstück zu 
Dt 32 u. 33 bilden cf. II Sam 22 1 mit Dt 31 sa u. II Sam 23 1» 
mit Dt 33 1. BüDDE will aus dem Fehlen dieser beiden Stücke 
in der Chronik schliessen. dass sie erst nach der Zeit des Chro- 
nisten, der 1 Chr IG mühsam einen Davidischen Psalm zusam- 
menstöppele, in Sam eingefügt worden seien, und dem müsste 
man zustimmen . wenn 11 Sam 22 wirklich auch nur seiner 
Grundlage nach aus dem schon vorhandenen Psalter stammt: 
aber diese Annahme ist doch nicht über jeden Zweifel erha- 
ben und jener „Psalm" stand schwerlich von Hause aus in 
der ( Ihronik et'. § 41 10. 

§ 18. Die Bücher der Könige. 

OTiM.Mi S KKH 1873". AKlOSTERMANH SZ 1887. IBknzim;i i: KHCAT 

1899. RKlTTEL IIKAT1900 und Geschichte der Hebräer JI § 32 und 51. 

Eine Reihe von Abhandlungen BStades in ZaW: über I 5—7 3 129 ff. 1883, 

f. auch 21 ueff. 1901, I 22 48 f., iss 1885, II 821-2. 21 bsj ff. 1901, II 10 

m 5275 ff 1885, II 15— 21 6 156 ff. 1886. FSohwally Zur Quellenkri- 
tik der historischen Midier ZaW 12 157 ff. 1892 über I 7 41 -ti 20 13 ff. so 
22 19— 25. HWincki.ki; Beiträge zur Quellenscheidung der Königsbücher in 
ATliche Untersuchungen 1892 is*. Zur Eliageschichte: GRöSOH StKr 
5 , ff. 1892. BGunkel PJb 87 i8 ff. 1897. Zur Chronologie: JWbll- 
hausen JdTh 20 eoi ff. 1875. AKamphauseh ZaW3i9sff. and Die Chro- 
nologie der heöräisr/ze// Köi/i/je 1883. HWintk LEB a. a. (> --. »s. FRüHL 
Deutsche Zeitschrift für Geschichtswisdenachafl 12 ,, tt'. 1894. Zur Text- 
kritik: BStade und FSchwalm SBOT 1904. Zur LXX: JSilbebstein 
ZaW 13iff. 1893, 14 1 ff. 1894. ARaiiii s sepluaginta-Studien 1. Heft 1904. 

1. Auch Reg zählt dvv hebräische Kanon als Ein Buch, 
l.W dagegen als drittes und viertes ßaaiXeiöv und es gilt hier 
alles § 17 1 für Sam Bemerkte. I 1 — 2 erzählt die letzten Tage 
Davids, die Wirren wegen der Nachfolge und die Thronbestei- 
gung Salonios. .'3 — 11 Regierung Salomos. 12 1—24 die Reichs- 
spaltung. 1 12 •.'.-,- II 17 ,, Geschichte [sraels und Judas von 
der Reichsspaltung bis zum Untergänge [sraels. II 17 7-11 



§ 18.] Die Bücher der Könige. 129 

Schlussbetrachtung über den Untergang des Reiches Israel und 
weitere Schicksale des Landes. II 18 — 25 Geschichte Judas 
von der Eroberung Samariens bis zur Zerstörung Jerusalems 
und dem babylonischen Exile. Ueber den ersten Ab- 

schnitt 1 1 — 2 können wir uns sehr kurz fassen, weil er offen- 
bar die unmittelbare Fortsetzung und den notwendigen Ab- 
schluss der Geschichte Davids in 11 Sani bildet und von dem 
nämlichen Verfasser abstammt. 2 27, eine Rückbeziehung auf 
das sekundäre Stück I Sam 2 27—30, kann nur Nachtrag sein 
und auch 2i— -» muss beanstandet werden: denn 2—4 ist rein 
deuteronomistisch und starke Gründe sprechen dafür, dass auch 
.-.—9 nicht von Hause aus in Kap. 2 gestanden hat. 10 — 12 ist 
der formelhafte Abschluss, wie ihn alle Königsregierungen in 
Reg haben. 

2. In Kapitel 3 — 11 können wir drei Schichten unter- 
scheiden: a) Eine Reihe von Erzählungen und kurzen Xotizen, 
die zwar offenbar zur Verherrlichung Salomos dienen sollen. 
aber doch auch die Schattenseiten seiner Regierung nicht ver- 
schweigen: von ihnen müssen wir wesentlich ausgehn, wenn 
wir ein Bild des historischen Salomo gewinnen wollen. Dies 
sind 4 2— e.' u. 5 7 — 8. welche ein zusammenhängendes Stück 
bilden. 5i<; 20 22— 25 27— 28 31— 32 6 37— :>„s, ein kurzer Bericht über 
Salomos Bauten, ein kurzer Bericht über die Tempelweihe, 

hier namentlich 8 2 1 ursprünglich und 8 12—13 LXX, 9 n b 21 

-1—27 10 le— so 28— 29 11 7 a 14— 2840, und hierzu werden wir aucb 
noch 3f zu rechnen haben, welches gegenwärtig freilich in 
seiner ersten Hälfte stark überarbeitet ist. Es liegt am näch- 
sten, an J als Quelle zu denken, dessen Geschichtswerk nun 
und nimmer mit 2 .| ( ; geendet haben kann. Direkt auf J weist 
812 — 13. LXX bringt es in ziemlich abweichender Gestalt hin- 
ter v. 53 und beschliessl es mit den Worten oöx lSoü küttj ye- 
■;^x--.y.\ hi ßißXup tfjs (pSfjs; worin man einen Schreibfehler 
■wn für -irn erkannt hat. So wäre also auch hier das -7;,- -tc 
citiert, wie Jos IO13 11 Sam lis J, und wenn ausserdem .,Bo- 
genliede" Davids auch dieser sicher authentische Tempelweih- 
spruch Salomos in demselben stand, so liegt der Schluss nahe, 
dass jene Liedersammlung, deren Titel („Buch der wackeren 
Männer oder der Heldenlieder" deutet ihn Herder) wohl ir- 
gendwie mit dem Namen "~ -" im- [srael zusammenhängt vgl. 
auch Num23io, ein judäisches Werk aus der älteren Königs- 

Grundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. 9 



130 Spezielle Einleitung. [§ 18. 

zeit war (vgl. HFraxke Ueber Bedeutung, Inhalt und Alter 
des Sepher Hajjaschar. Diss. 1887). — b) Mehr legendarische 
Ausschmückungen, welche Weisheit und Reichtum Salomos be- 
sonders hervorheben: 4 20? 023« 9 — 15 21 26 29 so 9-22 23 2g 
LOi— 1521— 37, auch diese Stücke ohne Zweifel judäischen Ur- 
sprungs. — c) Eine deuterononiistische Schicht, teils blosse 
üeberarbeitung, teils selbständiger auftretend. So ist stark 
deuteronomistisch überarbeitet 3 1—15 u. 5 17—19, rein deutero- 
nomistisch 815—53 Salomos Tempelweihgebet, über welches spä- 
ter noch besonders zu reden sein wird, 9 1—9 deuterononiisti- 
sche Parallele zu 3 5— 14, welche ihren Standpunkt schon deut- 
lich im Exile nimmt, und 11 1—13 mit Ausnahme von :'. 11 
29—39, welches sich störend in den sonst durchaus homogenen 
Abschnitt 11 14—40 eindrängt, ist gegenwärtig auch entschieden 
deuteronomistisch, scheint aber eine ältere Grundlage benutzt 
zu haben. 11 41—43 bildet den Abschluss der Geschichte Salo- 
mos in formelhafter Weise, wie unser Königsbuch die Ge- 
schichten sämtlicher Könige zu beschliessen pflegt: es wird 
hierüber noch zu reden sein. In der chronologischer Angabe 
v. 12 und der wichtigen <; i erkennen wir die nämliche Eand, 
welche das chronologische Fachwert in Jdc geschaffen und es 
durch Sam fortgeführt hat. Von einer nachdeuteronomistischen, 
von P abhängigen, Ueberarbeitung finden sich 81— 11 verein- 
zelte Spuren, und wenn ."> , das Reich Salomos als Land jen- 
seits des Stromes bezeichnet, so stellt es sich auf den Stand- 
punkt der amtlichen persischen Nomenklatur Esr 4n u. ö. 
Dieser Vers kann frühestens im babylonischen Exile geschrie- 
ben sein. 

3. So ausführlich wie Salomo wird kein König mehr be- 
handelt: vielmehr beginnl mit I 12 eine zusammenfas- 
s e n de I);i ist eilung der ga o ze n K ön igsgeschichte 
von der Reichsspaltung bis zur Zerstörung Jerusalems. Diese 
ist nun ein durchaus einheitliches Werk, so dass man bei Reg 
mehr als bei irgend einem historischen Buche von einem Ver- 
fasser reden kann. Zunächst wird von jedem Könige das rein 
Statistische in stereotypen Formeln mitgeteilt: bei den judä- 
ischen Königen das Aber bei der Thronbesteigung, die Re- 
gierungsdauer, dm- Name der Mutter, Tod und Begräbnis; bei 
den israelitischen blos Regierungsdauer und Tod: ausserdem 
wird bei der Thronbesteigung dm- judäischen Könige das mit- 



Die Bücher der Könige. 131 



sprechende Etegierungsjahr des gleichzeitigen Königs von Israel 
angegeben und umgekehrt. Dass trotz vereinzelter Abweichun- 
gen, die noch dazu meist sachlich motiviert sind, dies Schema 
überall von der nämlichen Hand herrührt, ist sicher. Für un- 
fern Verfasser das Wichtigste sind aber die theokratischen 
Zensuren, welche er jedem Könige gibt, selbst Simri, der nur 
7 Tage im ganzen regierte. Sein Standpunkt hierbei ist der 
streng deuteronomistische ; an den Forderungen des Dtn, wel- 
ches er wiederholt und II 14.; = Dtn 24 i« sogar wörtlich zi- 
tiert, werden sämtliche Könige gemessen. Ueberhaupt hat un- 
ser Verfasser mit vollem Bewusstsein ausschliesslich eine israe- 
litische Kirchengeschichte geben wollen: für die Profangeschichte 
verweist er den wissbegierigen Leser am Ende jeder einzelnen 
Regierung auf ein grosses historisches Werk, die Chronik der 
Könige Judas res}». Israels. Auch bei den vereinzelten grös- 
seren Erzählungen, welche er aufgenommen hat, ist überall ein 



theokratisches Interesse ausschlaggebend gewesen: entweder 
sind es Geschichten, in welchen Propheten die Hauptrolle spie- 
len, oder es sind Berichte über den Tempel und kultische An- 
gelegenheiten. AY;is mm das Verhältnis dieser aufgenommenen 
grösseren Stücke zu dem formelhaft statistischen Schema der 
einzelnen Könige betrifft, so kann es keinem Zweifel unter- 
liegen, d;iss eben der Verfasser jener Formeln die grösseren 
Stücke selbst aufgenommen hat: sie sind völlig diesem Fach- 
werke eingepasst, gehn häufig ganz unmerklich in dasselbe über 
und wären ohne dieses oft geradezu unverständlich. So setzt 
I 17 zu seinem Verständnisse 16 311—33 voraus, 119 in gleicher 
Weise 8-28—29, wie umgekehrt II 11 1 an 9 27—28 u. 10 12— 14 
anknüpft. 

4. unsere nächste Aufgabe muss sein, das Verhältnis des 
Königsbuches zu den bis auf Jojakim herab so oft angeführten 
-.«._ ._-_ f es t zus tellen. Wie in allen Kulturstaaten des alten 
Orients werden auch in Israel schon vom Anfange der Königs- 
zeil an a m t 1 i c h e A 11 n a 1 e n geführt worden sein, in wel- 
chen die Taten der Könige und ihre Personalien verzeichnet 
waren. Wenn diese Annalen auch vielleicht gerade um ih: 
offiziellen Charakters willen es mit der historischen Wahrheit 
nicht allzu genau nahmen, so waren sie doch in der Ueberlie- 
ferung des Tatsächlichen wohl getreu und namentlich für die 
Chronologie, welche natürlich nach Regier ungsjahren der ein- 

9 * 



132 Spezielle Einleitung. [§ 18. 

zelnen Könige gerechnet wurde, absolut zuverlässig: auf jeden 
Fall würden sie, wenn erhalten, für uns eine historische Quelle 
ohne gleichen und von ganz unschätzbarem Werte sein. Es 
isl nun die Frage, ob wir in den cüti '~-~, auf welche unser 
Verfasser stets verweist, die alten offiziellen Reichsannalen von 
Israel und Juda zu erkennen haben. Diese Frage wird wohl 
mit Recht von den meisten Forschern verneint. Namentlich 
im Reiche Israel bei den stets sich ablösenden Dynastien und 
Usurpatoren ist es so unwahrscheinlich wie möglich, dass der 
Nachfolger einfach die Annalen des Vorgängers fortsetzte, so 
dass diese offiziellen Reichsannalen selbst schon ein fertiges 
und zusammenhängendes „Buch" gegeben hätten, noch unwahr- 
scheinlicher, dass ein glücklicher Thronräuber den "rtjjg, welcher 
ihn auf den Thron brachte, selbst amtlich erzählt habe künf- 
tigen Thronräubern zur Nachachtung - und doch wird zwei- 
mal. I 16 20 bei dem Wochenkönige Simri und II 15 15 bei 
dem Monatskönige Sallum, ausdrücklich für *i»|5 "11 rx — :'p auf 
das a'tz'n "nai -EC verwiesen, obwohl hier freilich, da es sich in 
beiden Fällen nur um ganz ephemere Prätendenten handelt, 
die Brandmarkung derselben aus den offiziellen Annalen der 
glücklicheren Nachfolger stammen könnte (vgl. die Behistan- 
inschrifi Darius' 1 1. Auch ist es sehr fraglich, ob jene amt- 
lichen Aufzeichnungen so ohne weiteres jedermann zur Ein- 
sicht und Benutzung offen standen. Wir werden vielmehr an- 
zunehmen haben, dass die D'Wl '-", auf welche Uli-' r Ver- 
fasser verweist, „nicht zu den Urkunden, sondern zur histori- 
schen Literatur gehören" Ki i:\kn § 24s, wenn sie auch in 
irgend einer Weise aus den Urkunden, soweit sie noch vor- 
handen waren, geflossen sind. Die Annalen der Könige Ju- 
das und die Annalen d^v Könige [sraels sind wohl zwei ver- 
schiedene Werke gewesen; dann werden wir auch das -zc 
nö'w-cn als dritte Sonderschrift anzunehmen haben. Diese An- 
nalenwerke führt der Vf. weniger als Quelle, wie als Ergän- 
zung seiner eigenen Mitteilungen an: für das von ihm grund- 
tzlich ausgeschlossene Gebiet der politischen Geschichte ver- 
weist er auf die Annalen. Doch li.it er sein statistisches Ma- 
terial, also Altei- bei t\vy Thronbesteigung, Regieruugsdauer, 
Name der Mutter, ohne Zweifel aus denselben entlehnt. Dass 
die chronologischen Angaben in Reg wesentlich historisch sind. 
haben vor allem KAMPHAI SEN und lll'ltl. bewiesen. üeber 



§ 18.] Die Bücher der Könige. 133 

Zeit und Ort der Abfassung, Charakter und Tendenz der Dar- 
stellung, sowie über die Verfasser jener Annalenwerke können 
wir natürlich nichts mit auch nur annähernder Sicherheit ver- 
muten: ebenso entzieht es sieh unserer Kenntnis, ob die von 
unserem Verfasser gelegentlich eingestreuten kurzen historischen 
Notizen und Daten wie II 822 14t 16e (hier überall ~n Dl»n np) 
oder I 1:2 2;. 15 23" IG 21 24 II 15 5 3ö b 18 s und ähnliche auch 
dorther stammen : doch ist dies immerhin die natürlichste An- 
nahme. 

5. Nun wenden wir uns zu der Frage nach der H e r- 
k u n f t d e r g r ö sseren Erzählungsstücke, welche 
der Verfasser in sein Schema aufgenommen und in dasselbe ein- 
gepasst hat und betrachten zunächst I 12 — 16. Da fesselt unsre 
Aufmerksamkeit «deich 12 1—20, eine äusserst lebendige Schil- 
derung des Reichstages von Sichern und der hierbei erfolgten 
Reichsspaltung. Die Erzählung nimmt keineswegs Partei gegen 
die zehn Stämme und entwirft von Rehabeani, den sie als un- 
erfahrenen und hitzigen jungen Mann schildert, ein falsches 
Bild vgl. 14 21; sie blickt zudem auf 11 29— 39 zurück und zeigl 
sich literarisch von 11 Sam 20 abhängig: I Reg 12 ig kann 
nur begriffen werden als Nachbildung von II Sam 20 1. Sie 
ist zweifellos ephraimitischen Ursprungs: man möchte hier und 
bei dem mit L Sam 15 nahe verwandten Kern von 11 29 — 39 an E 
denken : ebenso bei der Grundlage von 14 1 — ig. Dies Stück 
i>t gegenwärtig durch und durch deuteronomistisch überarbeitet, 
unterscheidet sich aber doch sehr zu seinem Vorteile von Pro- 
phetenlegenden, wie die unmittelbar vorangehende Kap. 13; 
es lie.yt hier entschieden ein älterer Kern zu Grunde. Der 
Ueberarbeiter ist sicher unser Verfasser selbst vgl. 16 1 — j 11. 
21 20—84. Eine besondere Betrachtung erheischt noch Kap. 13, 
eine Prophetenlegende brichst grotesker Art. Wir haben guten 
Grund, dieselbe nicht dem Verfasser von Reg aufs Conto zu 
setzen, sondern sie vielmehr für ein ganz junges Produkt zu 
halten, schon im Stile der Mirakelgeschichten in Chronik und 
Daniel. In dem selbst nicht alten Kapitel II 23 ist der in 
i6_i8 vorliegende Rückblick auf unsre Erzählung später nach- 
getragen und seiner unmittelbaren Umgebung widersprechend, 
und I 12 32 u. ss, welche zu 13 überleiten, zeigen eine deut- 
liche grundschriftliche Spur. Wellhausen hat höchst anspre- 
chend vermutet, dass der Erzählung eine Reminiscenz an die 



234 Spezielle Einleitung. [§ 18. 

( rerichtsverkündigung des judäischen Propheten Arnos zu Bethel 
unter Jerobeam II zu Grunde liege (vgl. § 20«). Oeber 1425—28 

U. 15 16—22 s. § X. 7. 

6. Das eigentliche Kernstück von Reg bildet die Gruppe 
I 17—11 10. von welcher II 13 14—21 nicht zu trennen ist. 
Diese zu den besten und wertvollsten Erzählungsstücken des 
AT gehörenden Kapitel berichten uns die Geschichte der bei- 
den grossen Propheten Elia und Elisa und gewähren uns zu- 
gleich einen tiefen Einblick in die Profangeschichte jener be- 
wegten und stürmischen Zeiten. Auszuscheiden ist hier zu- 
nächst II l2 b — 16, eine Prophetenlegende Eines Geistes mit 
I 13 und I Sani litis— 21. welche offenbar aus ganz später 
Zeit stammt. Der übrige Erzählungsstoff ist aber auch nicht 
einheitlich und von Einer Hand. Zunächst heben sich heraus 
die vier Kapitel I 17 — 19 u. 21 und vielleicht auch JI 1 2— 1 s . 
welche lediglich prophetische Geschieht-- Elias sind ohne jeden 
direkten Ausblick auf die politische Geschichte. Diese Elia- 
geschichte kann trotz mancher Bedenken als literarische Ein- 
heit angesehen werden; nur ist 21 auf alle Fälle stark über- 
arbeitet und 19 am Schlüsse verkürzt im Interesse der Pa- 
rallelerzählungen von Elisa. Das wörtliche Zitat aus Gen 35 10 
P in 18 31 '■ ist aatürlich Glosse, die übrigens auch in LXX 
eindrang, vgl. die ähnliche ganz junge Stelle 11 I7s9 b . Eine 
weitere Gruppe bilden die Elisageschichten, von welchen die 
sie einleitende Bimmelfahrt des Elia nicht zu trennen ist 
|| -2 81:, 13 M— 21. Sie geben weniger eine Elisageschichte, 
als ..eine Reihe anekdotenartiger Erzählungen", die keine li- 
terarische Einheit bilden. Kap. 5 streitet sachlich mit 6s— 7 20, 
5 2 7 speziell mit 84—5, während 87—15 dem Kap. 5 durchaus 
parallel läuft. Andrerseits scheinen 2 4 61—7 u. 81— e mit 
einander in Zusammenhang zu stehn, wie 6 8-7 20 mil L3n 21 
und auch mit 3, dessen Zugehörigkeit zu den Elisageschichten 
KITTEL und BENZLNGEB bewiesen haben. Sie stummen nicht 
uns der lebendigen (Jeberlieferung, sondern sind literarischen 
Ursprungs: den zusammengesetzten Charakter von 624— 7 20 
hat zuerst Winckleb (Gesch. [sr. 1 lss), den von 4s— 87 Ben- 
ZINGEB erkannt. Neben diese Prophetenlegenden treten als 
besondere Gruppe 1 20 22 11 9 1— 10 27. Wohl spielen die 
Propheten auch eine Rolle, aber die politische Geschichte ist 
doch die Haupts;, ehe: sie sind daher auch als Geschichtsquellen 



§ 18.] Die Bücher der Köm_ 1B5 

von unschätzbarem Werte, wennschon nicht unversehrt erhal- 
ten: namentlich hat Stade nachgewiesen, dass in Kap. 10 
die Verse 12— 16 sekundär sind. Die mindestens vier Quellen, 
welche uns in diesen Prophetengeschichten vereinigt vorliegen, 
sind, obwohl sie mehrfach auf den König von Juda Rücksicht 
nehmen und ihn II 3n sogar direkt bevorzugen, doch unzwei- 
felhaft .-amtlich ephraimitischen Ursprungs und sämtlich älter 
als die Schriftpropheten, also zwischen 850 und 750 geschrieben: 
eine derselben mit E zusammenzubringen will nicht gelingen. 

7. Neben diese köstliche Sammlung ephraimitischer Be- 
richte treten nun eine Anzahl ausführlicher judäi- 
scher Geschichtenil 11i_12it 16 10-18 18-2022—23. 
Hier fallen sofort die unverkennbaren Berührungen von 22 
mit 12 ins Auge und deshalb hat WELLHAUSEM die Stücke 
11 — 12. 16 u. 22—23, die ja das gemein haben, dass sie von 
dem Tempel und dem Kultus handeln, aus Einer Quelle ab- 
geleitet, welche dann verhältnismässig jung sein müsste. Aber 
dem widerspricht doch der Eindruck, den 12 u. 16 machen: 
es fällt schwer, diese Erzählungen für nachdeuteronomisch zu 
halten, was doch 22 selbstverständlich sein muss, und so wer- 
den wir jene auffallenden Berührungen mit 12 doch be'sser 
nach KüENEN als Anlehnung an letztere Stelle erklären: den 
vielfach überarbeiteten 1 Stade GVI 1 6«— 655) Bericht II 22 
u. 23 hat zweifellos der Vf. von Reg selbst geschrieben. Von 
jener älteren „Tempelgeschichte" dürfen wir wohl noch her- 
leiten die ausführliche Beschreibung des Tempels und seiner 
Gerätschaften 1 »i u. 7, da es nicht wahrscheinlich ist, dass 
schon die alte Geschichte Salomos so eingehend hierüber be- 
richtet habe: auch I 14 2:.— 28 u. 15 16— 22, sowie II 148—15 u. 
18 14— 16 v-erden aus jener Tempelgeschichte stammen cf. na- 
mentlich I 1427 f. mit II 11 1 tu L9. Ueber 18i?-20i9, wel- 
ches sich genau so Jes 36 — 39 wiederfindet, wird £24i: aus- 
führlich gehandelt werden. In 11 sind, wie Stade gezeigt hat, 
i.;_iv Fragment einer eingearbeiteten Parallelerzählung. 

8. Nachdem wir die Analyse des Königsbuches beendigt 
haben, ist die Frage zu erledigen, wann der deuterono- 
mis tische Verfasser geschrieben hat. Wäre es wirk- 
lich nur Ein Verfasser, so müsste er sehr spät angesetzt wer- 
den, denn II 25 27— so führen uns bis unter 561 herab. Des- 
halb hat KHGraf (Geschichtliche Bücher uo) die Verse 22— so 



136 Spezielle Einleitung. [§ 18. 

für einen jüngeren Zusatz erklärt; aber dazu liegt, wie KIE- 
NEN richtig bemerkt, ein formeller oder sachlicher Grund nißht 
vor. Schon Wellhausen hat hingewiesen auf I 3 2 u. 3. Beide 
Verse sind deuteronomistisch, aber sie können nicht von Einer 
Hand herrühren, da sie einander widersprechen und sich gegen- 
seitig ausschliessen. Hier sind also deutlich zwei verschiedene 
deuteronomistische Hände anzuerkennen. Derselbe Dualismus 
findet sich aber auch in II 17, welches Kapitel man von jeher 
recht eigentlich für ein Werk des Verfassers von Reg ange- 
sehen hat. Schon WelLHAUSEN erkannte in 19-20 11. 34 b — 41 
spätere Zusätze: nach den einschneidenden Untersuchungen 
Stades ist auch noch 7—17 u. 29—34* (hier namentlich ="~:- 
v. 29 verdächtig !) auszuscheiden, dagegen v. n festzuhalten, so 
dass als Grundstock issi— 28 u. u übrig bleiben. Dem ist nun 
KüENEN weiter nachgegangen und hat gezeigt, dass von den 
deuteronomistischen Stücken einzelne den vorexilischen Stand- 
punkt festhalten und mit dem l 'ntergange Judäas und Jeru- 
salems noch nicht rechnen, andere dagegen diese Tatsachen 
schon voraussetzen: zu letzteren gehört, trotz KuENENs leb- 
haftem Proteste, auch I 815—53, denn es ist durchweg von 
Dtn 28 abhängig, kann aus biblisch-theologischen Gründen 
nicht für vorexiliscb gehalten werden, da sein Gottesbegriff 
und seine Vorstellung vom Tempel zu Jerusalem als Bethaus 
für alle Völker spezitisch deutero-jesajanisch sind, und ist. wie 
seine verschiedene Stellung in LXX zeigt, erst verhältnismässig 
späl eingefügt. Höchstens könnte ein Grundstock vorexiliscb 
sein, der aber dann bis zur Unkenntlichkeit überarbeitet wäre. 
So kommt Kit.nkx zur Unterscheidung eines KM 1 und Rd 2 . 
KM 1 ist der eigentliche Vf. von Reg und insonderheit der 
Schöpfer des eigentümlichen, das ganze Buch durchziehenden 
Schemas für die l'ebersiehl der einzelnen Königsregierungen; 
er würde unter Jojakim I 600 anzusetzen sein, [hm gehört 
his 11 24 alles an. was nicht ausdrücklich IM- oder noch 
Jüngern Händen zugewiesen werden ninss. — Von Etd 2 18t ab- 
zuleiten 1 3s u. 1;, Sicher, ö i_.-, 815—53 (welcher Abschnitt 

jedoch ganz wie II 17 Spuren einer uoch jüngeren Ueberar- 
beitung aufweist) !t 1 — 9 154—5 H»; ^ 1/. II 13 4 — 62s 17 7— 17, 
dessen durchgängige Abhängigkeil von Jeremia schon Tiikmi s 
richtig gesehen bat, sicher (19—20 u. ee— 54° wohl noch jünger, 
34 b — 40 aller jüngster Nachtrag) 21 n— 15 22 15—20 2:\ 26—21 - J 1- 2—4 



§ 18.] Die Bücher der Könige. 137 

und natürlich der ganze Rest des Buches. Er hätte dann 24 
5—9 u. i8 das Schema des IM 1 nachgebildet. KüENEM möchte 
ihm auch die zwei Prophetengeschichten I 13 u. II 1 zuschrei- 
ben ; aber diese zeigen beide nicht das geringste Deuterono- 
mistische und werden deshalb doch für noch wesentlich jünger 
zu halten sein. Dagegen hat Kd 2 höchst wahrscheinlich in 
das Schema des Rd 1 eingegriffen und überall die Synchronis- 
men nachgetragen; nach Kühl wären freilich zwei Synchro- 
nisten anzunehmen. Dass die Synchronismen nicht authentisch 
überliefert sind, liegt auf der Hand, da niemand in Juda nach 
• Jahren der Könige Israels gezählt hat und umgekehrt, Sie 
können also nur künstlich berechnet sein und schwerlich schon 
von Rd 1 , da sie den geschichtlichen Erzählungen vielfach aufs 
empfindlichste widersprechen. Andererseits können sie nicht 
nachträglich eingefügt sein, weil auch die z. T. recht befremd- 
liche Anordnung der einzelnen Königsregierungen den Synchro- 
nismen entspricht; derjenige, welcher zuerst die Regierung an- 
getreten hat, wird gleich ganz abgemacht und dann erst die 
nach ihm auf den Thron Gelangten der Reihe nach. So steht 
beispielsweise das Schema über Josaphat 122 41—51 erst nach 
dem Tode Ahabs, weil er nach Ahab zur Regierung gekom- 
men ist, obwohl er schon in der Geschichte Ahabs wiederholt 
erwähnt war. Alle diese Erwägungen wirken zusammen, um 
die Synchronismen von Rd 2 herzuleiten, der also auch für die 
gegenwärtige Anordnung und Reihenfolge in Reg verantwortlich 
ist. Er schrieb nach II 25 30 frühestens in der zweiten Hälfte 
des babylonischen Exils. Ihm werden wir dann auch die chro- 
nologische Angabe I 6 1 verdanken, die schwerlich schon von 
IM ' stammt. 

9. Spuien no ch jüngerer Diaskeuase finden sich 
im hebräischen Texte, wenn wir von den ganz jungen Stücken 
I 13 und II 1 absehen, nicht viele: OTthisp &ipb 1 6 iß ist von 
P abhängige Glosse, ebenso I 18 si b , in 1 81—11 ist die Stifts- 
hütte aus P nachgetragen und sonst noch überarbeitet worden, 
1 L2s2U. ss die Bestimmung des Laubhüttenfestes nach dem Kalen- 
derdatum zeigt Beeinflussung durch I\ und I Tis der ~n'r\ "-"" 
in dem überhaupt eingeschobenen (Stade) Stücke 7 48— 50 stammt 
sogar erst aus P\ Aber doch sind dies im Vergleich zu dem 
Umfange von Reg nur verschwindende Einzelheiten, welche 
den deuteronomistischen Gesamtcharakter nicht beeinträchtigen 



138 Spezielle Einleitung. [§ 19. 

können. Dagegen zeigt eine Vergleichung von LXX, dass 
noch spät und in ziemlich ausgedehntem Masse Reg Objekt 
der Diaskeuase gewesen ist: namentlich Reihenfolge und An- 
ordnung der einzelnen z. T. ja nur sehr lose mit einander ver- 
bundenen Bestandteile hat im 3. Jahrhundert noch geschwankt 
und war zu keinem endgültigen Abschlüsse gekommen. Noch 
bedeutsamer als dies sind aber eine Reihe von umfangreichen 
Dubletten in LXX hinter I 2 35 u. 46 u. 12 ->.i, von BENZINGBE 
S 2 genannt, welche auf eine andere Rezension des in dem 
hebräischen Text verarbeiteten Materials zurückgehn. Wwck- 
LER als erster hat ihre hohe Wichtigkeit erkannt, indem sie 
z. T. der hebräischen Rezension gegenüber Ursprüngliches 
bieten und auf jeden Fall zu ihrer Kontrolle dienen. 

§ 19. Das exilische Geschichtsbuch des Volkes Israel. 

1. Schon Spinoza hat erkannt, dass die historischen Bü- 
cher des AT, -wie sie uns gegenwärtig vorliegen, Ein grosses, 
zusammenhängendes Geschichtswerk bilden, welches die Ge- 
schichte des Volkes Israel von Erschaffung der Welt bis zur 
Zerstörung Jerusalems erzählt und den ganzen Stoff unter 
Einen durchgehenden religiösen Pragmatismus stellt. Diese 
zwar einseitige, aber doch entschieden grossartige, Abrechnung 
mit der gesamten Vergangenheit des eigenen Volkes fällt in 
die Zeit des babylonischen Exils, um! gerade damals waren 
alle äusseren und psychologischen Vorbedingungen für einen 
derartigen geistigen Prozess gegeben. Der Untergang des 
Staates und Volkstums erweckte das Interesse für das Ent- 
schwundene; es gall si<-l] aufzurichten durch die Betrachtung 
der alten Grösse, sich zu erinnern an die Vergangenheit, am 
sieb nicht zu verlieren in der Gegenwart, sondern sieb zu er- 
halten für die Zukunft. Bei dieser Betrachtung der Vergangen- 
heil mu8ste aber vor allem erklärt werden, wie es hatte kom- 
men können, dass Jahve sein Volk, sein Land, seinen Tempel 
den Heiden preisgab: das eigentliche Problem war also die 
Theodicee. Und zwar wird dieselbe dadurch erreicht, dass 
man zeigt, es habe so kommen müssen. Die Grundlage für 
diese Theodicee geben die A iischaiiu ngen <]<■]■ Propheten und 
deren legislatorischer Niederschlag, das Deuteronomium. Alles 
Unheil, welches [srael trifft, ist Strafe für Sünde und nament- 
lich für Götzendienst: die Sünde Jerobeams hat [srael zu 



§ 19.] Das exilische Geschichtsbuch des Volkes Israel. |.'i: 

Grunde gerichtet, und die Sünde Manasses kann, trotz der 
darauf folgenden gründlichen Besserung und Bekehrung, nur 
durch den Untergang Judas gesühnt werden. So entstellt diese 
prophetische Darstellung der Geschichte Israels, welche den 
Historiker recht eigentlich zum rückwärts gekehrten Propheten 
macht. Aber jene Geschichtsschreibung hat nicht nur eine 
theoretische, nach rückwärts gewandte, Seite, sondern auch 
eine ganz eminent praktische, nach vorwärts gekehrte. Man 
hofft ja fest auf die Wiederherstellung des Volkes, für welche 
man in dem Worte Jahves durch seine Propheten die Gewähr 
besitzt. Da soll nun diese prophetische Geschichte der Ver- 
gangenheit eine Warnung und Richtschnur für die Zukunft 
sein. Das aus dem Grabe des Exils erstehende neue Israel 
soll die Sünden und Fehler des alten Israel vermeiden , an 
denen jenes zu Grunde ging. So begreifen wir es denn, wie 
gerade im babylonischen Exile von den verschiedensten Man- 
nern in dem nämlichen Sinne und Geiste eine ausgedehnte ge- 
schichtsschreiberische Tätigkeit entfaltet werden konnte: denn 
nicht Eine Hand hat das grosse Werk zusammengestellt und 
redigiert. 

•2. Diese deuteronomistische Ueberarbeitung macht sich 
bei den verschiedenen Büchern in sehr verschiedener Stärke 
geltend: völlig beherrscht sie die Darstellung in Jos, Jdc und 
Reg, während sie im Pentateuche und Sani nur mehr beiläufig 
auftritt, und sich z. B. in Gen nur Eine ganz vereinzelte Spur 
nachweisen lässt. Aber sie hat auch an ihrem Stoffe Kritik 
geübt und ihre Vorlagen nicht unverkürzt wiedergegeben, son- 
dern Stücke, die ihr bedenklich erschienen und den religiös 
erbaulichen Charakter der Geschichtsdarstellung zu trüben 
drohten, ausgeschieden, wie wir in Jdc und Sam Beispiele 
hatten. Trotzdem wir hier das Werk einer ganzen Schuh- 
haben, werden wir doch eine einheitliche deuteronomistische 
Schlussredaktion annehmen müssen und werden dieser nament- 
lich die ganz vereinzelten Zusätze in Sam zuschreiben dürfen. 
durch welche auch jene Epoche in das chronologische Schema 
\ou Jdc und Reg eingegliedert werden soll, so schon äusser- 
ten den (ieschichtsverlauf als ununterbrochenen und die Dar- 
stellung als zusammenhängende charakterisierend. Das deu- 
teronomistische exilische Geschichtsbuch des Volkes [srael ent- 
hielt also im Hexateuche JE -j- D in der Gestalt, welche Rd 



140 Spezielle Einleitung. [§ 20. 

ihm gegeben hatte, das deuteronomistische Richterbuch (vgl. 
§ lGio b ), Sam ohne I 15? 283-25 II 9—20 u. 21 i 5 _23 39, und 

Reg wesentlich in der uns jetzt noch vorliegenden Gestalt, nur 
ohne I 13 u. II 1. 

3. Dieses Werk hat dann später noch Schicksale gehabt. 
Der Hexateuch wurde durch das Hinzutreten von P total um- 
gestaltet, und auch auf die anderen Bücher hat P einen ge- 
wissen Einiiuss geübt, aber zum Glück nur einen ganz geringen: 
wohin eine systematische Ueberarbeitung der ganzen vorexili- 
schen Geschichte Israels auf Grund von P führt, werden wir 
im nächsten $ 20 sehen, und es braucht nur gesagt zu werden, 
wie l nschätzbares wir verloren hätten, wenn es der Chronik 
gelungen wäre, Jdc, Sam und lieg völlig zu verdrängen, oder 
wenn uns diese Bücher nur in einer derartigen Ueberarbeitung 
erhalten geblieben wären: wir hätten dann keine Möglichkeit, 
uns ein auch nur annäherndes Bild von dem tatsächlichen 
Verlaufe der vorexilischen Geschichte des Volkes Israel zu 
entwerfen. Bloss in Einem Punkte können wir es freudig be- 
urüssen, dass man von der deuteronomistischen Schlussredak- 
tion abwich, insofern in Jdc und Sam die Stücke wieder ein- 
gesetzt wurden, welche jene ausgeschieden hatte: zugleich ein 
Beweis dafür, dass sich die Vorlagen dieses Rd noch bis in 
verhältnismässig späte Zeit neben ihm erhielten. 

§ 20. Das Buch der Chronik. 

EBebtheatj KKII 1874*. BBennett L894 WEBaknes L900. IHi-:x- 
zingeb KIM'AT L901. RKittel BEAT 1902 und Geschichte der Hebräer 
2 § 52. WBa< heb Der Name der Bücher der Chronik in der Septuaginta 
ZaW lösosff. 1895. KBudde Bemerkungen zum »Midrasch des Buches der 
Könige" ZaW 12^7 tt'. 1892. Zur Frage nach der Glaubwürdigkeit: de 
Wette Beiträge 1 1806 (§2 5). CPW<;i; amukku Die Chronik nach ihrem 
geschichtlichen Charakter und ihrer Glaubwürdigkeit neu geprüft 1823. 
EFEeil Apologetischer Versuch über die Chronik 1833. FMovebs Kriti- 
sche Untersuchungen über die biblische Chronik 1834. KII<ii;\r Geschicht- 
liche Bücher 1866 |§ 2i) u* 2*7. JWeixhattsen Protegomena 1 177-239. 

IIWincki.i.i: (§ 18) 157-167. Zur Textkritik: RElTTEL SI50T 189-".. 

1. Dem in § 1!) besprochenen exilischen Buche der (be- 
schichte des \'olkes [srael tritt ein G-eschichtewerk zur Seite, 
welches dw hebräische Kanon als D-öjnna'n bezeichnet, und 
wie Sam und Reg nur als Ein Buch zählt. Die Zweiteilung 
TcapaXeiTCOuivtov a' u. '■>' stammt aus LXX. Der Titel icapa- 
XetTcofjieva charakterisierl die Chronik als eine Ergänzung 



§ 20.1 Das Buch der Chronik. 141 

der älteren kanonischen ( Geschichtsbücher, welche das von jenen 
Ausgelassene nachtrage. Schon Hieronymus, der die griechi- 
sche Benennung Paralipomenon beibehalten hat, sagt im Pro- 
logus galeatus: quod significanlius Chronicon totius divinae 
historiae possumus appellare und so hat es denn Luther, als 
Erstes und zweites Buch der Chronika bezeichnet. 

2. Der Inhalt der Chron läuft den geschichtlichen Bü- 
chern von Gen bis II Eeg parallel. I 1 — 9 Geschlechtsregister 
mit gelegentlich eingestreuten kurzen Notizen. 1 Von Adam 
bis Israel, davon 35—54 Esau-Edom. 2 Stamm Juda. 3 Haus 
Davids. 4 Nochmals Juda und Simeon. 5 1—26 Rüben, Gad 
und Ostmanasse. 527—638 Levi. 6 39— er, Die Levitenstädte. 

7 Isaschar, Benjamin. Naphtali, Westmanasse, Ephraim, Äser. 

8 Nochmals Benjamin und Haus Sauls. 9 1—34 Verzeichnis der 
Bewohner Jerusalems, geordnet nach Judäern, Benjaminiten, 
Priestern, Leviten und Türhütern, und Verzeichnis der Aemter 
der einzelnen Leviten. 9.35—44 ist wörtliche Wiederholung von 
829-38. — I 10—29 Geschichte Davids. 10 Tod Sauls. 11 Da- 
vid zu Hebron gesalbt und Eroberung Jerusalems. Verzeich- 
nis der Helden Davids. 12 Verzeichnis derer, die zu David 
nach Ziklag und nach Hebron kamen. 13 Die heilige Lade 
von Kirjath Jearim nach dem Hause Obed-Edoms gebracht. 
14 Palastbau, Familiennachrichten. Siege über die Philister. 
15 — 16 Ueberführung der Lade auf den Zionsberg. 17 Das 
Orakel Nathans. 18 Uehersicht über Davids Kriegstaten und 
Beamte. 19 1—20.3 Syrisch-ammonitischer Krieg. 20 4—8 Phi- 
listerkämpfe. 21 Volkszählung. 22 Vorbereitungen zum Tempel- 
bau und Auftrag an Salonio. 23 Verzeichnis der Leviten und ihr 
Dienst am Tempel. 24 Ordnung der 24 Priesterklassen. 25 Ein- 
richtung der Tempelmusik nach 24 Levitenklassen. 26 Tür- 
hüter und Schatzmeister. Verwalter der äusserlichen Tempel- 
angelegenheiten. 27 Eeerführer, Stammesfürsten, Beamte Da- 
vids. 28 Salomo. als Nachfolger proklamiert, erhält das Mo- 
dell zum Tempel und Gold für die Geräte desselben. 29 Ueber- 
gabe der zum Tempelhau gesammelten Schätze. Freiwillige 
Beiträge. Davids Dankgebet und Tod. — III — 9 Geschichte 
Salomos. I0i— II4 Die Reichsspaltung. 11s — 36äi Geschichte 
Judas von der Reichsspaltung bis zur Zerstörung Jerusalems. 
3622 — 23 Cyrus erteilt die Erlaubnis zur Rückkehr aus Dabei 
nach Jerusalem und zum Wiederaufbau des Tempels daselbst. 



| |2 Spezielle Einleitung. [§ 20. 

.">. Schon dieser Schluss des Buches weist seine Entsteh- 
u n g in frühestens die persische Zeit. Dass wir nicht mehr in 
in den Anfängen derselben stehn, zeigt I Chr 29 7, wo zur Zeit 
Davids nach Dariken, der durch Darius I eingeführten persi- 
schen Reichsmünze, gerechnet wird. Aber wir müssen noch 
tiefer herabgehn. Denn wenn der Stammbaum der davidischen 
Familie EChr3i9— 24 nach dem wahrscheinlichen Urtexte die- 
ser stark verderbten Stelle bis ins elfte Glied nach Zerubbabel 
herabgeführt wird (doch vgl. hierüber die Monographie WROTH- 
steins Die Genealogie des Königs Joj achin 1902), so sind wir 
hierdurch mit völliger Sicherheit in die griechische Zeit, etwa 
die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts versetzt und werden die 
Abfassung der Chron in jenen Zeitraum verlegen müssen. 

4. Hat der Chronist erst so spät geschrieben, so muss er 
natürlich die älteren kanonischen Geschichtsbücher 
gekannt halten. Und es linden sich bei ihm sogar eine grosse 
Anzahl von Paralleltexten zu denselben, die wörtlich oder fast 
wörtlich übereinstimmen. I Chr 10 1—12 ist = 1 Sani 31; 11 1—3 
4— 9 = II Sam 5 1— 3 6— 10; 11 in — u a = 238— 89| 13 = 61 — n; 

14i--io = 5 11— 25; 1Ö25— 29 = 6l2— 16j 16l— 8 48 = Ol 7 — 19 20 a ; 

17 18 19 = 7 8 10; 20i = 11 1; 20 2 -s = 12 8 o-3i; 20 4— 8 = 
21 18— 22; 21 1—27 = 24; 29 87 = 1 Reg 2n. 

II Chr 1 3-13 = I Reg 3 4—15; 1 u i: = 10 26—29; 2 2-17 
= 5 16— so; 3 1— 5i = 7 18—51 ; 5 2—7 10 = 8; 7 n — 8 2 = 9 1 
—14; 84— 18 = 9i7 b — 28; 9 1— -.'s = 10 1— 28 a ; 930—31 = 11 12— tu; 

IO1-II4 = 12l-2 4 ; 12 2-4 9-U = 1425—285 L2l5»»-16 =14 

so— 3i ; 13 i — 2 23 a = 15 i—2 s; 14i — 2 = 15n 12; 15 IG 18 = 

IT,,;; 16 ; 16 1—6 = 15 17-22 J 16l2— 17 1* = 15 23 b — 24 J 182—84 

= 22i_s6 ft ; 20 m-21 1 = 224i-5i; 21 5-10 = II Reg 817— 22; 

22 2-.; =826—29; 2210—23 21 = 11; 24l— 14 28— 26 27 b = 12l — 

14 19 21—22; 25 1 — 1 11 17—24 25—28 = 14 2— 6 7 ;l 8—14 17 — 2o; 26i— 2 

= 14 21—22 ; 26 3 i 21 23 = 15 2—3 5 t ; 27i— 8 a 9 = 1.5 83—85 88 ; 

28l l L6 17 21 22—21 27 = 162—5 7 6 B 10—18 20; 29l— 2 = I82— $', 

32 1—21 = L8 ir-,-20 19 sehr verkürz! : 32 ss = 20 21 ; 33 1—10' 

20—22 24—25 =21 l_10 a 18— 21 88—24; 34l— 2 B— 28 = 22; 3429—32 

= 23 1— :, i 20 ; 35 i—i!» 20-2 1 = 23 21— 28 29-so a ; 36 1 2 3—1 5 

= 23 30 b Bl b 83—34 86 a + S7 a ; 36 6 a 8 9 1" = 24 l« 5 + 6* 8° + »" "> 

_ 17 ; 36 u— 21 = 24 18— 25 2i stark verkürzt. In der Textaus- 
ausgabe von Kittel ist das Verhältnis des Chronisten zur 
parallelen Literatur sehr sinnreich für das Auge deutlich ge- 



§ 20.] Das Buch der Chronik. 143 

macht. Dass dem Chronisten direkt oder indirekt unsre ka- 
nonischen Bücher Sam und Reg vorgelegen haben, das zeigt 
sich durch die mechanische Herübernahme von Redewendun- 
gen, welche sich in den Originalen auf Stellen zurückbeziehen, 
die der Chronist nicht aufgenommen hat. I 14 3—7 ist wört- 
lich = II Sam 5 13— 16, obwohl das parallele Stück, auf welches 
das TL" zurückblickt, II Sam 3 2—5, vom Chronisten nicht auf- 
genommen wurde und man an eine Bezugnahme auf I 3 1-4 
schwerlich denken kann. Die wörtlich aus II Sam 11 1 herüber- 
genommene Bemerkung Dbtfvra -£• tvti schwebt I 20 1 völlig 
in der Luft und stösst sich empfindlich mit v. 2. Ebenso ist 
II 10 15 wörtlich = I Reg 12,15 , obwohl der Chronist I Reg 
11 29— 39 übergangen hat, und II 7 21 kann man nur begreifen 
aN einen Versuch, dem Textesfehler i'*^", den ebenso wie LXX 
auch der Chronist schon I Reg 9s gelesen haben muss, einen 
erträglichen Sinn abzugewinnen. Also selbst Textesfehler sei- 
ner Vorlagen finden wir bei dem Chronisten wieder, wenn 
freilich auch umgekehrt in vielen Fällen er bessere Lesarten 
zeigt, als die Paralleltexte — sehr begreiflich, da die früheren 
Geschichtsbücher mehr gelesen und deshalb mehr vervielfältigt 
wurden, als die Chron, bei welcher somit eine Hauptursache 
für Textesverderbnisse in Wegfall kommt, 

5. Aber trotz alles dieses sachlichen und selbst vielfach 
wörtlichen Parallellaufens lässt es sich doch nicht leugnen, dass 
das Gesamtbild von der Vergangenheit Israels, welches der 
Chronist entwirft, ein von Sam und Reg völlig abweichendes 
und gänzlich andersartiges ist. und das führt denn auf die 
Kardinalfrage nach der Glaub Würdigkeit des Chronisten. 
Sie muss für jeden, der unbefangenen Blickes und historischen 
Urteils ist. als erledigt gelten. Zunächst fällt auf die Vorliebe 
des Chronisten für grosse Zahlen: als ein rechter „Messer 
Milione" wirft er mit Hunderttausenden und Millionen nur so 
am sich, wo schon der einfache Versuch, sich die berichteten 
Dinge konkret vorzustellen, ihre absolute Unmöglichkeit dar- 
tut. Weiter hat er sehr vieles nicht, was in seinen Vorlagen 
steht, während er umgekehrt sehr vieles bietet, von dem in 
jenen nichts zu lesen ist. und zwar zeigt sich in beidem, Aus- 
lassungen sowohl wie Znsätzen, eine ganz bestimmt erkennbare 
Tendenz. Wir haben in der Chron die letzte und äusserste 
Konsequenz der zuerst \om Dtn und den Deuteronomisten an- 



144 Spezielle Einleitung. [§ 20. 

-cbahnten Umbildung der Geschichte Israels zur Kirchenge- 
sehichte. Die bevorzugten Träger der nationalen Geschichte 
sind Heilige, und die Geschichte muss durchaus erbaulich sein 
und namentlich den Pragmatismus eines gerechten göttlichen 
Wartens zeigen: dass jedes Unglück die Strafe für Sünde und 
jedes Glück der Lohn für Frömmigkeit ist, dass aber umge- 
kehrt auch jede Frömmigkeit ihren Lohn und jede Sünde ihre 
Strafe finden muss. Und zwar ist Frömmigkeit und Dogmatik 
des Chronisten durchaus die von P : „ der überlieferte Stoff er- 
scheint gebrochen durch ein fremdartiges Medium, den Geist 
des nachexilischen Judentums" (Wellhausen). Was in diesen 
religiösen Pragmatismus nicht passt, wird verschwiegen: so er- 
fahren wir von dem durch Gott verworfenen Said nur den 
Tod als Introitus für die Thronbesteigung Davids, so wird ver- 
schwiegen die 7jährige Regierun- Isbaals und alle die vielen 
Schwächen und Fehler Davids und die traurigen Vorkomm- 
nisse in seiner Familie, werden verschwiegen alle bedenklichen 
Züge :ius der Regierung Salomos, selbst eine so verhältnismäs- 
sig harmlose Notiz wie I Reg9ie-i7 a : mit dem Tode Salomos 
existierl für den Chronisten nur Juda als Hort des Tempels 
und des legitimen Kultus: das häretische Reich Israel ist ein- 
fach nicht vorhanden und erscheint bloss, um eventuelle Sün- 
den der judäischen Könige zu veranlassen oder zu strafen, 
oder wo Verschweigen nicht angeht, wird die Ueberlieferung 
umgemodelt, und hierbei scheut der Chronist sich auch nicht, 
in Fällen wo wir ihn kontrollieren können, seine Vorlage in 
ihr direktes Gegenteil zu verkehren, wie 11 Chr 8a vgl. mit 

| Reg !» lo-ii (»der 11 Ohr 20S5 37 Vgl. mit I Reg l'^ i.s— 50. 

Wie die Rücksicb.1 aufP zu Abänderungen der Vorlage treibt, 
dafür ist eine Vergleichung von II Chr 24 mit II Reg 12 oder 
selbsl ein so kleiner Zug, wie II Chr '64 15 u. is vgl. mit II Reg 
22 s u. m überaus charakteristisch. Was der Chronist selb- 
ständig bietet, dient durchweg pragmatischen Zwecken: so 

muss es motiviert werden, wie der fromme Asa im Aller fuss- 
krank wird, wie der häretische Joas von Israel den als fromm 
geschilderten Amaxja besiegen und gefangen nehmen kann, 
wie der fromme Ussia a u-s, : it/.i,u wird und der fromme dosia 
gegen den Heiden Necho fällt, wie umgekehrt der Bauptsün- 
der und Erzbösewicht Manasse unangefochten die längste Re- 
gierung unter allen Davididen bat und in Frieden stirbt. Und 



§ 20.] Das Buch der Chronik. 145 

so lässl sich durchweg diese Tendenz nachweisen. Nach den 
< lensuren in Reg wird die Geschichte der einzelnen Könige 
konstruiert, resp. so modifiziert, dass sie zu denselben passt. 
Und zwar ist der Chronist bei dieser Umformung der alten 
Ueb erlief erung durchaus bona fide verfahren: er hat an ihr 
korrigiert, was nach seiner redlichen Ueberzeugung falsch sein 
musste. Er hat schon mehr als 2000 .Jahre vor der „Gräf'- 
schen Schule" richtig erkannt, dass die alten Geschichtsbücher 
und der Pentateuch sich gegenseitig ausschliessen. Entweder 
die Darstellung der Geschichtsbücher ist richtig, und dann 
kann der Pentateuch nicht die Grundlage des Mosaismus und 
der Religion Israels sein; oder das pentateuchische Gesetz ist 
mosaisch, und dann kann die Darstellung der Geschichtsbücher 
nicht richtig sein. Da dem Chronisten natürlich die Authentie 
der Thora über jeden Zweifel erhaben war, so konnte er sich 
nur die zweite Alternative aneignen und hat daher die histo- 
rischen Bücher korrigiert: er hat die Geschichte so dargestellt, 
wie sie hätte sein müssen unter der Voraussetzung, dass der 
ganze Pentateuch die Grundlage des Mosaismus war, und in- 
sofern durchaus bona tide gehandelt, wie er auch in einem 
Falle, der mit seiner Tendenz nichts zu tun hat, die Ueber- 
lieferung bona fide korrigiert. Angesichts der allbekannten 
Erzählung 1 Sam 17 konnte II Sani 21 19 nicht richtig sein, 
sondern nur auf einem Irrtum der Ueberlieferung beruhen, 
den in 1 Chi* 20 5 zu berichtigen dem Chronisten geradezu als 
Pflicht des vorbedachten Darstellers erseheinen musste. 

6. lud damit ist zugleich auch das Urteil über den sach- 
1 i c h e n W e r t dieses dem Chronisten Eigentümlichen gefällt. 
[st alles Ergebnis einer deutlich erkennbaren Tendenz, so 
muss ihm jeder historische Wert abgesprochen werden. Die 
Darstellung des Chronisten und die Darstellung der älteren 
Geschichtsbücher schliessen sich gleichfalls einander aus, und 
dann kann nur die der älteren Geschichtsbücher im grossen 
und ganzen die richtige sein, um so mein-, als wir das Prisma 
ja noch nachzuweisen vermögen, welches bei «lein Chronisten 
jene eigentümliche Strahlenbrechung erzeugt hat. Dabei soll 
die Möglichkeit, dass unter dem nur vom Chronisten Gebotenen 
auch ein oder das andere gute und brauchbare sieh linde, nicht 
absolut ausgeschlossen sein, insonderheit bei Fällen, deren 
Zusammenhang mit der Tendenz nicht so ohne weiteres zu 

Grundriss 11. 1. Oornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. In 



14<> Spezielle Einleitung. [§ 20. 

Tage tritt, muss jede Einzelheit sorgfältig und ohne Vorein- 
genommenheit geprüft werden; in Bezug auf I Chi- 11 10—47 
vgl. mit II Sam 23 8—39 glaubt selbst ein Kritiker wie KUENEN 
§ 30 11, dass dem Chronisten noch die Quelle vorgelegen habe. 
aus welcher II Sam 23 geflossen ist, und namentlich die Ge- 
nealogien I Chr 1 — 9, deren Text sich übrigens in einem heil- 
losen Zustande befindet, verlangen gebieterisch eine genaueste 
Sichtung: aber ein Erzähler, dessen Unglaubwürdigkeit in allen 
Fällen, wo wir ihn kontrollieren können, nachgewiesen ist. hat 
in unkontrollierbaren Fällen doch mindestens ein sehr starkes 
Präjudiz gegen sich. Und mag selbst ein Historiker wie Wi.wk- 
i.kr von den eigentümlichen Einzelangaben des < !hronisten 
verhältnismässig vieles für historisch halten: das von ihm ge- 
zeichnete Gesamtbild ist und bleibt völlig unhistorisch. 

7. Auf Einen Punkt des dem Chronisten Eigentümlichen 
muss noch speziell hingewiesen werden: das ist sein ganz her- 
vorragendes Interesse an den Leviten noch weit mehr 
als an den Priestern, und unter levitischen Dingen wieder be- 
sonders a n d e r T e m p e 1 m u s i k. I )ie ganze musikalisch- 
litur.'jisebe Seite des Kultus behandelt er mit offenbarer Vor- 
liebe und mit entschiedener Sachkenntnis, lud hieraus li.it 
man denn gewiss mit Recht den Schluss gezogen, dass er selbst 
in diesem Kreise zu suchen, also ein levitischer Tempelmusiker 
gewesen sei. 

8. Wir halten bisher das dem Chronisten Eigentümliche 
wie sein geistiges Eigentum bebandelt. Das führt uns aber 
ganz von selbst auf die Frage nach etwaigen Quellen 
für das von den älteren Geschichtsbüchern Abweichende, und 
diese Frage muss mn so notwendiger aufgeworfen werden, als 
der Chronist selbst sich stets und immer wieder auf Quellen 
beruft. Nur bei Joram II 21. Ahasja 22, Athalja 23, Amon 33, 
Joahas, Jojachin und Zedekia 36 fehlen solche Quellenanga- 
ben, und es mag immerhin bemerkt werden, dass auch Heg 
bei Ahasja Athalja Joahas Jojachin und Zedekia die sonst 
stehende Einweisung auf ..die Chronik der Könige Judas" ver- 
missen Lassen. Unter den vom Chronisten angeführten Quellen 
können wir unterscheiden historische und prophetische. 

.11 Eistorische Quellen. Für die Geschichte Da- 
vids wird I 27 21 auf Tn ifetib dw n^ verwiesen und in der 
sehr dunklen Stelle 23 27 auf trilnma r-. Bei Asa 11 16 n 



§ 20.] Das Buch der Chronik. 147 

wird zitiert ein b*rw\ mtrb bebten -iBD, bei Amazja 25 26, Alias 
28 26 und Hiskia 32 32 ein •Vi -rv -gbo 'D, bei Jotham 27 7, Josia 
35 27 und Jojakim 36 s, vielleicht auch I Chr 9 1, ein tpi X" "a^ö r, 
bei Josaphat 20 34, und nach der massorethischen Accentua- 
tion auch I 9 1, ein bxr\W "rba 'D, bei Manasse 33 is -w ■'a'?» na*i 
und endlich bei Joas 24 27 ein mfcöri ^£C «hflö. 

b) Prophetische Quellen. Bei David I 2929 beruft er 
sich auf ruhn bttibti nai, auf irain jna na-t, und auf rnrri i| *im ; 
bei Salomo II 9 29 auf R*sn jni •nan , auf ^tfn nra «hm und 
mm nir r;;n, bei Rehabeam 12 15 auf nm "nci kran rTOöw na-r, 
bei Ahia 13 22 auf einen r» »raan «hTö, bei Josaphat 20 34 auf 
Kanter p'pa "TSD" 1 ?? rbvh -itfK ".-CH? *vr ""on , bei Ussia 26 22 und 
Hiskia 32 32 auf IFMrj piöiTfa vrotf* (fliq) und bei Manasse 33 19 
auf "J*n '"i2-, was handgreiflich verderbt ist : LXX bietet dafür 
DTirn nan. 

9. Wir betrachten zunächst die historischen Quellen. 
Dass der ( Ihronist bei seiner Arbeit schriftliche Vorlagen be- 
benutzte, ergibt sich schon aus den Genealogien, mit denen 
er sein Werk eröflhet : die kann er nicht pure erfunden haben. 
Das was er über Reg hinaus selbständig bietet, zeigt nicht 
einerlei Beschaffenheit. Da lesen wir einzelne historische No- 
tizen und Angaben, die mit seiner Tendenz in keinem deut- 
lichen Zusammenhange stehn, wie II 32 30 33 33 w und ähn- 
liche: Kittel in der Textausgabe hat sie dunkelrot koloriert. 
Es ist dies durchaus gleichartig mit den einzelnen Angaben 
und Notizen in Reg, und hierfür müssen dem Chronisten di- 
rekt oder indirekt noch die Quellen von Reg vorgelegen ha- 
ben cf. § N 6 über 1 11 10-47. Vielleicht hat er mit seinem 
Königsbuche diese Materialien gemeint: wenigstens unser ka- 
nonisches Königsbuch kann nicht unter demselben verstanden 
sein, wie schon ein Vergleich von 11 27 mit II Reg 15 32—:;.-, 
zeigt. Dagegen alles, was seiner Tendenz dient und dem ganzen 
Geschichtsbilde die total veränderte Physiognomie gibt, ist .•In- 
ders zu beurteilen. In ihm haben wir völlig freie Behandlung 
und Ausgestaltung altüberlieferten Stoffes, nicht um Geschichte 
zu erzählen, sondern um religiös zu erbauen. Und da gibt 
uns II 24 27 einen bedeutsamen Fingerzeig. Hier zitiert der 
Chronist ein aa^ön ^ec Bnia. Da alle diese Züge dem Mid- 
rasch im technischen Sinne eignen, so müssen wir annehmen, 
dass schon vor dem ( 'hronisten die Geschichte der israeliti- 

10* 



148 Spezielle Einleitung. [§ 20. 

sehen Königszeit in der Art des Midrasch dargestellt wurde 

— sind uns Erzählungen solchen Charakters doch schon be- 
gegnet: in Gen Kap. 14, in Sani I 16i— 13 u. 19i8— 24, in Reg 

I 13 n. II l! Das von dem Chronisten benutzte Midrasch- 
werk ist nicht von Einer Hand geschrieben : in der Geschichte 
des Asa sind II 14 1—4 u. 15i-ot, in der Geschichte Josaphats 

II 17 7—9 u. 19 4—11 offenbare Dubletten: auch II 30 des Passah 
Hiskias, macht 35 1— 1« dem Passah Josias gegenüber durchaus 
den Eindruck einer überbietenden Nachbildung. Doch hat es 
dem Chronisten wohl schon als Sammelwerk vorgelegen. 

10. Bei den prophetischen Quellen erweckt ein 
günstiges Vorurteil, dass sämtliche hier angeführte Propheten 
auch in Reg resp. Sani vorkommen, während in der Geschichts- 
erzählung des Chronisten eine ganze Anzahl von Propheten 
auftauchen, deren Namen Reg nicht überliefern. Als beson- 
ders charakteristisch hebe ich hervor, dass bei Manasse, unter 
dessen Regierung Reg keine Propheten nennt. 11 33 19 nur 
ganz allgemein Worte von Schauern zitiert werden. Auch 
der dreimal erwähnte "iir resp. tüä ist keine Ausnahme von 
dieser Regel, denn schon JoSEPHUS weiss, dass dies der <iot- 
tesmann war, von dem I Reg 13 so ausführliches erzählt, ohne 
seinen Namen zu nennen, und nach II 929 ist dies unzweifel- 
haft auch die Meinung des Chronisten gewesen, vgl. hierüber 
BüDDEöof. Nach der Art der Zitierung II 20 :u 2622 32 32 
möchte man schliessen, dass diese Prophetengeschichten, deren 
eine II 13 22 als n» »rasn Brno aufgeführt wird, lediglich ein 
Teil jenes grossen Midraschwerks gewesen wären, wie ja auch 
Sani und Reg in ausgedehntem Umfange Prophetengeschichte 
enthält, und man möchte es daraus erklären, dass bei Salomo, 
Etehabeam und Abia überhaupt bloss prophetische Quellen an- 
geführt werden und gar keine historischen. Doch kann es 
auch eine besondere Sammlung von midraschartigen Erzäh- 
lungen über Propheten gegeben halten, welche vielleicht den 
Gesamttitel BWinan II 33i9 EXX trug. 

11. Dies überaus umfangreiche Material hat der Chronist 
ausgezogen und seinerseits bearbeitet: das gleichmässige, höchst 
individuelle Sprachkolorit und die spezifisch levitiscli-niusika- 
lische Färbung der Erzählung sind durchaus als sein geistiges 
Eigentum anzusehn. Damit im -achlich nicht das Geringste 
geändert: da- Geschichtsbild des Chronisten wird um kein 



§ 21.] Esra und Nehemia. 14«) 

Haar historischer, wenn er es aus „Quellen" entlehnte, denn 
dann sind eben schon die Quellen selbst unzuverlässig und un- 
historisch gewesen aber es mag doch für manchen eine 
Art von Beruhigung sein, die — modern geredet - - Geschichts- 
fälschung der Chron nicht dem Verfasser unsres biblischen 
Buches persönlich Schuld geben zu müssen. 

§ 21. Esra und Nebemia. 

EBebtheau KEH 1862. VRyssel 2 18S7. CSiegfried HKAT 1901. 
ABkktholf.t KHCAT 1902. BStade GVI 2 95-193. ESchradeb Die Dauer 
des zweiten Tempelbaues etc. StKr 40 4 eo ff. 1867. RSmexd Die Listen 
der Bücher Esra und Nehemia 1881. ENestle (§ 17) 29—31 und StKr 52 
515 ff. 1879. AvanHoonacker Nehßmie et Esdras. Nouvelle Hypothese etc. 
1^90. Zorobabel et le second temple 1892 und Nouvelles etudes sur la 
restauratton Juice apres Fexil de Babylone 1896. WHKosters Het lin- 
ste/ ran Israel in fiel Perzische Tijdrak 1894 (deutsche Uebersetzung von 
ABasf.oow 1895). AKrr.xKx Gesammelte Abhandlungen (§ 2 7) 212 ff. und 
370 ff. JWellhausen GGN 1895 leeff. EMeyeb Die Entstehung des Ju- 
dentums 1896. JMabquart (§ 16) 28-68. ChCTokrey The composition 
and Mstorical value of Esra-Neh BZaW 1896. ESellix Serubbabel 1898 
und Studien •:•///■ Entstehungsgeschichte der jüdischen Gemeinde 2 1901. 
JGeissleb Die liierarischen Beziehungen der Esramemoiren 1899. JNikee 
Die Wiederherstellung des jüdischen Gemeinwesens nach dem babylonischen 
Exil 1900. JFischee Die chronologischen Fragen in den Büchern Esr- 
Neh 1903. Zur Textkritik : HGuthe SBOT 1896. 

1. Die beiden Bücher, welche in unsrer Bibel nach Esra 
und N ehern ia genannt werden, bilden im hebräischen Kanon 
Ein Buch, wie aus dem Talmud, aus der massorethischen 
Nachschrift hinter Neh 13 :u und dem Fehlen einer solchen 
hinter Esr 10 44 hervorgeht. Auch LXX rechnet es als Ein 
Buch Esra. ElERONYMUS, der sie trennt, bezeichnet wenigstens 
Nehemia als /weites Buch Esra. Auch wir werden das Buch 
als eine Einheit betrachten und behandeln. Sein Inhalt ist 
rein historisch. Esr 1— (5 Rückkehr und Tempelbau. 1 Cyrus 
erteilt nach der Eroberung Babels 538 die Erlaubnis zur Rück- 
kehr und gibt die Tempelgefässe zurück. 2 Verzeichnis der 
Zurückkehrenden und ihrer freiwilligen Gaben zum Tempelbau. 

3 Im Oktober 537 wird der Altar des salomonischen Tempels 
wieder aufgerichtet und Laubhütten gefeiert. Im Mai 536 
Grundsteinlegung des Tempels und Beginn der Bauarbeiten. 

4 Die Widersacher Judas und Benjamins erwirken von Cyrus 
ein Verbot des Tempelbaus. Schriftwechsel /.wischen Rehum, 
Simsai und Genossen und König Artahsastha. 5 1—5 Im zwei- 



150 Spezielle Einleitung. [§ 21. 

ten Jahre des Darms 520 wird auf Betreiben der Propheten 
Eaggai und Zacharja der Tempelbau wieder aufgenommen. 
5 6— 6 12 Schriftwechsel zwischen dem Satrapen Tatnai und Da- 
rius. 6 13— 22 Vollendung des Tempels am 3. März 515 u. feier- 
liche Einweihung. — Esr 7—10 Esras erstes Auftreten. 7 
Im April 458 wird der Schriftgelehrte Bsra aus Babylonien 
von Artahsastha als königlicher Kommissar nach Jerusalem 
geschickt. 8 Verzeichnis der mit ihm ziehenden Familien- 
häupter. Ankunft in Jerusalem. 9 Einschreiten gegen die 
fremden Weiber. Esras Bussgebet. 10 Volksversammlung in 
Jerusalem auf den 20. Dezember 458 berufen. Eine Kom- 
mission in der Mischehenangelegenheit erwählt. Mit Aufzäh- 
lung der Männer, welche fremde Weiber geehelicht linden. 
bricht die Erzählung ganz jäh ab. — Neh 1 — 13 a Nehemias 
erste Statthalterschaft. 1 Nehemia, der jüdische Mundschenk 
König Artahsasthas , erfährt im Dezember 445, dass die 
Mauer Jerusalems zerrissen und ihre Tore mit Feuer ver- 
brannt seien. 2 Nehemia lässt sich im April 444 zum per- 
sischen Statthalter in Jerusalem ernennen. Nächtlicher Kitt 
um die zerstörten Mauern. 3 Verteilung der Bauarbeii an 
die einzelnen Familien. Spott der Feinde. 4 Nehemias Mass- 
regeln zum Schutze des Mauerbaus. 5 Er setzt einen allge- 
meinen Schuldenerlass durch. <; Weitere [ntriguen der Gegner. 
Vollendung des Mauerhaus nach 52tägiger Arbeit am 25. Sep- 
tember 444. 7 Massregeln zur Bewachung Jerusalems. Wie- 
derholung der Esr 2 gegebenen Liste. 8 — 10 Im Oktober 444 
Verlesung des Buches des Gesetzes Moses und feierliche Ver- 
pflichtung auf dasselbe. 11 .Jeder zehnte Mann als Bewohner 
Jerusalems ausgelost. Verzeichnis der Familienhäupter in Je- 
rusalem und in den Städten von .Inda und Benjamin. 12i— 26 
Verzeichnis der Priester und Leviten. 27—43 Einweihung il^r 
Mauer von .lerusalem. .n — 17 Bestellung von Aufsehern über 
die Tempelzellen. 13 1— 3 Aussonderung aller Fremden. — 
N'eh 134—81 Verschiedene Nachrichten über Nehemias zweite 
Statthalterschaft von 433 an. Schon aus dieser Inhaltsüber- 
sicht ergibt sich, dass wir in Ksra-Xehemia nicht eigentlich 
ein zusammenhängendes Geschichtswerk haben, sondern Be- 
richte über einzelne für die Geschichte des Volkes und der 
Theokratie besonders wichtige und bedeutsame Ereignisse. 
2. Betrachten wir nun das Buch als solche-, so fällt 



'I' 



§ 21.] Esra und Nehemia. 151 

uns zunächsl auf, dass Esr 4?— 6is u. 712 — 2« in aramäischer 
Sprache geschrieben sind, und zwar in einem eigenartigen ara- 
mäischen Idiom, welches sieh von dem des Buches Daniel 
charakteristisch unterscheidet. Xoch wichtiger sind aber an- 
dere Unterschiede. Esra und Nehemia reden bald in der 1. 
Pers. von sich, bald wird in der 3. Pers. von ihnen berichtet. 
Solche Ichstücke sind in Esr 7 27— 9 15, in Xeh li — 7 s, dann 
wieder 12 31, wo aber das ganze Stück 12 27—43 eng und un- 
trennbar zusammengehört, und endlich 13 1 — 31. Liegen in 
diesen Ichstücken wirklich authentische Aufzeichnungen. Me- 
moiren der beiden hervorragenden Männer vor, so wären die- 
selben für uns Aktenstücke von einer Bedeutung, wie kaum 
etwas anderes in der historischen Literatur Israels, zwar mit 
der Vorsicht zu benutzen, welche gerade Memoiren gegenüber 
doppelt geboten ist, aber andrerseits auch wieder geeignet, 
uns am Tiefsten und unmittelbarsten in die Ereignisse einzu- 
führen, uns gewissermassen den Dingen ins Herz schauen zu 
lassen. Die Entscheidung über diesen Punkt muss daher unsre 
erste Aufgabe sein. 

3. Was nun zunächst das Ichstück Esr 7 27— 9i5 be- 
trifft, so zeigt dasselbe durchweg die nämliche Hand und den 
nämlichen Geist ; es lebt und webt offenbar so in den Dingen 
und lässt uns so tiefe Blicke in Gedanken und Stimmungen 
des Erzählenden tun, dass an der A.uthentie dieses Memoiren- 
fragmentes auch nicht der leiseste Zweifel aufkommen kann: 
nur 835—36 hebl sich von seiner Umgebung ab und zeigt andre 
Ausdrucks- und Vorstellungsweise. Das Ichstück beginnt mit 
Dank an Gott für einen grossherrlichen Ferman, der 7 12— 26 
unmittelbar voraufgeht. Man hat Anstoss genommen an seiner 
spezifisch jüdischen Färbung, aber EMetbb hat seine Echtheit 
gerade in dieser Form abschliessend bewiesen: er stammt auch 
aus den Esramemoiren. Nur v. i_n ist einleitende Orientie- 
rung, von einer anderen Hand geschrieben; denn einmal würde 
schwerlich Esra selbst sich in der Weise wie v. e gelobt haben, 
und ferner geht aus einem Vergleiche des Stammbaums v. 1—5 
mit I Chr 5 21— 40 hervor, dass der hier als Esras Vater be- 
zeichnete Seraja vielmehr der letzte durch Nebukadnezar hin- 
gerichtete Oberpriester des salomonischen Tempels ist, 30 dass 
der Stammbaum nur besagen soll, Esra habe der hohenprie- 
sterlichen Familie angehört. Auch die v. 7—;» gegebene trockene 



152 Spezielle Einleitung. [§ 21. 

vorläufige Angabe des Inhalts von Kap. 8 weist deutlich auf 
eine fremde, die Memoiren des Esra benutzende und an sie 
sich anlehnende Hand. Dass diese Memoiren mit 9 15 plötz- 
lich abbrechen, kann auch nur eine fremde Hand verschuldel 
haben: die Ereignisse der nächsten L3 Jahre waren offenbar 
zu traurig, als d;iss man die Erinnerung an sie hätte verewigen 
wollen. So ergibt sich denn ans allem, da.>s wir hier authen- 
tische Memoiren des Esra haben, die aber von einem anderen 
Autor lediglich als Quelle benutzt und nur soweit aufgenom- 
men wurden, als es diesem passte. Ein weiteres Fragment 
dieser Memoiren wird uns Xeh 9 6—1040 begegnen. 

4. Bei weitem umfangreicher sind die Ichstücke in 
Nehemia. Zunächst 1 1— 7 5 redet durchweg in der 1. Pers. 
und ist von unanzweifelbarer Authentie. Es ist weit indivi- 
dueller gefärbt, als das Fragment der Memoiren des Esra, und 
aus ihm tritt uns noch plastischer die Persönlichkeit des Schrei- 
bers entgegen. Und zwar ist diese Persönlichkeit eine der 
sympathischsten aus der ganzen israelitischen Geschichte, als 
eines Mannes, <\<'i' zwar auch \or Anwendung der ihm ver- 
liehenen Gewalt nicht zurückschreckt, aber ohne jede selbstische 
Regung, ja mit Aufopferung der eigenen Rechte und Ansprüche, 
sich in heiliger Begeisterung ganz in den Dienst einer grossen 
Idee stellt und alles für sie und ihre Durchführung tut. Nach 
5 14 kann die Aufzeichnung erst in wesentlich späterer Zeit 
erfolgt sein. Man hat vielfach Anstoss genommen an der An- 
gabe 615, welche ;mcli formell zu Bedenken Anlass gibt, und 
es ist in der Tat nicht ganz leicht, sich vorzustellen, dass alles 
in Kap. 2--<; Berichtete sich in 52 Tagen zugetragen baben 
sollte: aber die übermenschliche Anspannung aller Kräfte, 
verbunden mit der sehr klugen Teilung (\r\- Arbeit, lassen es 
doch als durchaus möglich erscheinen und sind ein glänzender 
Beweis davon, wie die Begeisterung und Energie des Nehemia 
die ganze Gemeinde mit fortriss. Woher Josephus Ant. XI 
ö > die Angabe hat, dass <\<'\- Mauerbau 2 Jahre und 4 Mo- 
nate gedauert habe, i-t nicht zu ermitteln. Wenn wir nun 
über 7.-, hinausgehn, so schliesst sich 7.;-t:; : ' so ungezwungen 
und natürlich an 7.-, an, dass auch dies wichtige Aktenstück 
gewiss von Eause aus in den Memoiren des Nehemia stand. 

I );tss 7 7:;''-l<> ,„ den Zusammenhang sprengen und vielmehr 

I I 1 die Fortsetzung von 7 73* i>i. wird allgemein zugestanden; 



§ 21.] Esra und Nehemia. L53 

aber über Bedeutung und Charakter des Verzeichnisses Kap. 11 
ist noch keine Einigkeit erzielt. Da Ui die Ausführung von 
7 4— .-, zu sein scheint, betrachtet man es gewöhnlich als Bericht 
über die Mittel und Wege, welche Nehemia anwandte, um die 
Bevölkerung Jerusalems zu heben und die Stadt verteidigungs- 
fähig zu machen; aber schon Ewald (GVI 4 3 200 Anm.) hat 
richtig gesehen, dass dies Verzeichnis, welches sich z. T. in 
I Ohr 9 :i— 17 wiederfindet, vielmehr die unmittelbare Fortsetzung 
von Kap. 7 ist und sich auf Massregeln des Zerubbabel be- 
zieht, an welche Nehemia offenbar anknüpfte. Also wird auch 
dies Kapitel, wenn schon nicht intakt erhalten, in den Memoi- 
ren des Nehemia gestanden haben. Die Fortsetzung ist uns 
freilich nicht erhalten: das, was Gott dem Nehemia ins Heiz 
gab und wozu er die Edlen und Vorsteher des Volkes ver- 
sammelte, um dem Uebelstande der geringen Bevölkerung -Je- 
rusalems abzuhelfen 7 4—5, wird uns nicht mitgeteilt. Das un- 
mittelbar folgende Verzeichnis der Priester und Leviten 12 1—20 
kann nicht aus den Memoiren des Xehemia genommen sein, 
weil es den priesterlichen Stammbaum bis tief unter Nehemias 
Zeit hinab, nämlich bis auf die Regierung Darius des Persers. 
d. h. Darius III Codomannus, fortführt: der dort als letztes 
Glied erwähnte Jaddua ist aus Josephus als Zeitgenosse Ale- 
xanders d. Gr. bekannt. Dagegen ist 12 27—43 wieder ein Stück 
aus den Memoiren, wenn auch überarbeitet, wie dies gleich- 
falls EWALD 205 Anm. 9 richtig erkannt hat, und ebenso das 
Stück 134—31, welches allerdings 12 Jahre später spielt. Der 
Abschnitt 12 44— 13 3 rührt wohl von der nämlichen Hand her. 
welche 12 27 — u-, überarbeitet und die Verzeichnisse in 12 1—21; 
eingeschoben hat. Die Betrachtung des Buches Xehemia er- 
gibt also \'{\v dessen Memoiren ganz «las nämliche Resultat, 
wie hei Esra: soweit erhalten, sind sie unzweifelhaft authen- 
tisch, aber erhalten sind sie uns nur von einem anderen Autor, 
der sie als Quellen benutzt und exzerpiert hat. 

5. Wir richten nun zunächst unsre Aufmerksamkeit auf 
die beiden Stücke, welche die Memoiren des Esra und Nehemia 
aufnehmen und unterbrechen : Esr LO und Neh 8—10. Die 
Darstellung in beiden ist sehr lebendig und anschaulich und 
gibt so detaillierte Züge, dass wir an Aun'enzeugeiischaft den- 
ken möchten. Sie wäre ausgeschlossen, wenn der Johanan ben 
Eljaschib, nach welchem Esr 10 6 eine Zelle im Tempel heisst, 



154 Spezielle Einleitung. [§ 21. 

ein Sohn oder Enkel des Eljaschib wäre, der nach Nen 13 4 
im Jahre 433 das Hohepriestertum bekleidete Xeh 12 22 u. 23, 
wozu freilich Küenen 239 f. zu vergleichen ist. Doch führt 
alles auf indirekte Augenzeugenschaft. Denn da beide Stücke 
offenbar von der nämlichen Hand geschrieben sind, liegt es 
doch am nächsten, an denjenigen zu denken, welchem wir die 
Exzerpierung und Erhaltung der Memoiren verdanken: schon 
die unmerkliche Art. wie die Memoiren in unsre Erzählung 
und unsre Erzählung in die Memoiren übergeht, spricht hier- 
für. Dieser Autor hat die Memoiren teils direkt herüberge- 
nommen , teils auf Grund derselben eine eigene Darstellung 
gegeben, so dass die Anschaulichkeit und das Detail seiner 
Erzählung mittelbar doch auf jene Memoiren zurückgeht. Aber 
STADE hat erkannt, dass auch Neh 9 6-10 40 direkt aus den 
Memoiren des Esra herübergenommen ist. Es muss schon a 
priori als wahrscheinlich bezeichnet weiden . dass Esra . wie 
die ersten Versuche, so auch den schliesslichen Triumph seiner 
Sache berichtet habe. Und dazu kommen noch positive Gründe. 
9 e beginnt in LXX mit den Worten v.y.\ e!ttcv *E£8pas — mit 
vollem Rechte, denn dieses (lebet können wir uns nur von 
einer einzelnen Person gesprochen denken und es isl ein Zwil- 
lingsbruder von Esr 9. AVeiter finden wir in Xeh 10 die kom- 
munikative Form der Erzählung mit /r/r wieder, wie sie Esr 8 
charakterisiert. Als am schwersten wiegenden Beweis füge 
ich hinzu die schon § 12ia besprochenen Abweichungen von 
I' in Neb 10, die um so anerklärlicher werden, je später man 
d:is Stück ansetzt: wohl nur ihre Ueberlieferung in den Me- 
moiren des Esra konnte sie iiberhaupl schützen. Die Abschnitte 
Esr LO and Neh 7 78 b — 9 s sind also auf Grund der Memoiren 
von einem nach Esra und Nehemia lebenden Autor verfasst, 
dem wir für das von ihm Berichtete vollen Glauben schenken 
dürfen. 

6. Nun bleibt noch Esr 1- 6 zu besprechen übrig. Bier 
fällt zunächsl auf, dass die Anfangsverse 1 1— r y - fast wörtlich 
gleich und offenbar identisch sind mit den Schlussversen der 
Chronik II Chr 3622-28. Hieraus hat man denn schon längsl 
den Schlu88 gezogen, dass unser Buch Esra-Nehemia die Fort- 
setzung der Chron Bei und ursprünglich mit derselben zusam- 
men Ein fortlaufendes Geschichtswerk gebildet habe, so dass 
also der Chronist der abschliessende Verfasser auch von Esra- 



§ 21.] Esra und Nehemia. 155 

Nehemia wäre. Und diese Meinung hat in der Tat alle äus- 
seren und inneren Gründe für sich. Wo in Esra-Nehemia 
nicht ältere Quellen verarbeitet vorliegen, ist Stil, Geist, Au- 
schauungs- und Ausdrucksweise ganz die des Chronisten, der 
nämliche strenggesetzliche, levitische Charakter mit besonderer 
Bevorzugung des musikalisch-kultischen Momentes, die nämliche 
Freude an Verzeichnissen und grossen Zahlen, das nämliche 
an die Sprache der jüngeren Psalmen anklingende Kolorit der 
Darstellung. Kap. 1 u. 3 tragen ganz diese Art des Chro- 
nisten an sich. Kap. 2 ist = Neb. 7, also den Memoiren des 
Nehemia entlehnt, und es ist jetzt noch die Frage nach Her- 
kunft und Charakter des aramäischen Stückes 4 t— 6 is zu er- 
ledigen. Hier könnte der Umstand Verdacht erwecken, dass 
die letzten Verse des aramäischen Stückes 6 i6 — 18 sachlich gar 
nicht zu trennen sind von 6 19—22 und eben so wie diese von 
dem Chronisten selbst geschrieben sein müssen, welcher der 
aramäischen Sprache natürlich eben so mächtig war, wie der 
hebräischen. Aber die rein erzählenden Abschnitte 5 1—6 15 
tragen doch einen so eigenartigen und von dem Chronisten so 
abweichenden Charakter , dass es keinem Zweifel unterliegen 
kann, der Chronist habe hier eine besondere, aramäisch ge- 
schriebene, Quelle benutzt. Diese aramäische Quelle enthielt 
namentlich einen reichen Vorrat von Urkunden und Akten- 
stücken, deren Echtheit gleichfalls durch EMeyer über jeden 
Zweifel erhoben ist, und zeigt sich durchweg vortrefflich unter- 
richtet, auch gerade in den Punkten, welche zu Anzweifelungen 
Veranlassung gegeben haben, wie dies vor allem durch Stade 
überzeugend nachgewiesen ist. Bei der Benutzung dieser ara- 
mäischen Quelle ist nun aber dem Chronisten das Unglück 
widerfahren, dass er die Angabe 4 6 und die Aktenstücke 4 
t—23 missverstanden und an falsche Stelle gesetzt hat : der 
Briefwechsel zwischen Rehum und Artaxerxes gehört, wie schon 
Bertheae richtig erkannt, in die Zeit zwischen Esr 10 und 
Neh 1. Zur Einpassung desselben in den Zusammenhang sei- 
ner Erzählung hat der Chronist dann den aramäischen Vers 24 
geschrieben. Doch haben wir allen Grund, ihm dankbar zu 
sein für dies Missverständnis, weil uns nur dadurch jenes hoch- 
interessante Stück erhalten wurde. Das-, auch dieses aus der 
aramäischen Quelle des Chronisten stammt, ist sicher, und 
dann kann dieselbe nicht früher als ca. 450 geschrieben sein, 



[56 Spezielle Einleitung. [§ 21. 

beruht aber auf sehr guten Informationen. 

7. Demnach haben wir uns die Entstehun g de s Bu- 
ches Esra^Nehemia folgendermassen zu denken. Verfasser 
des Buches in seiner gegenwärtigen Gestalt isl der Chronist. 
1 >ieser benutzte : 

a) eine nicht vor 450 geschriebene aramäische Quelle, 
welche die Geschichte des Tempel- und Mauerbaues mit zahl- 
reichen Aktenstücken enthielt und als durchaus glaubwürdig 
zu gelten hat. Aus ihr stammen wörtlich Esr4s- 22 5 l— 6 15. 

b) Die Memoiren des Esra und Nehemia, welche dem 
Chronisten aber nicht mehr in ihrer ürgestalt vorlagen, son- 
dern in das Werk eines späteren Autors verarbeitet. Als 1'. - 
weis hierfür priest man sieb darauf zu berufen, dass das Ver- 
hältnis von Esr 2i— 3i zu Neh 7 g-8 f zeige, wie schon dem 
Chronisten Neh 7 in der Verbindung voruele.uen habe, in wel- 
cher wir es gegenwärtig lesen. Zwingend ist dieser Beweis 
nicht, da die traulichen Worte auch Esr 3 i gu1 und natürlich 
in den dortigen Zusammenhang passen : doch zweifle auch ich 
nicht an der Richtigkeit der Tatsache. Aus diesem Werke 
hat der Chronist entlehnt Esr 2 und den eigentlichen Grund- 
stock seines Buches Esr 7 12— Neh Ilse, ferner Neh 12 27— t.t 
11. 13 4—31. Möglich, dass es mit dem D"ö£i -nrn IM identisch 
ist, welches Neh 12 28 angeführt wird und nach jener Stelle 
bis %u di'ii Tagen Johanans <l<>s Sohnes Eljaschibs reichte. 
Unentschieden tnuss bleiben, ob die empfindlichen Lücken in 
der Erzählung hinter Esr 10 11 und Meli Ilse erst vom Chro- 
nisten verschuldel sind, oder sich bereits in seiner Vorlage 
befanden. 

c) Ganz selbständig de suo hat der Chronist geschrieben 
Esr I 3 2—4: l-.M und hier die Grundsteinlegung und den Be- 
ginn des Tempelbaus auf die Zeit sofort nach Rückkehr der 
ersten Exulanten antedatiert, was angesichts >\rv unmissver- 
ständlichen Aussagen Baggais und Zacharjas nicht richtig sein 
kann: ferner 6 16— 7 11 8 85 — se und Neh 12 1—21; 12 44— 13 s und 
mag auch noch im einzelnen seine Vorlagen überarbeitet haben. 
wie wir dies schon \'ür Neh 1227—48 wahrscheinlich fanden: 
namentlich haben ToREEl und Geisslbb auf eine gewisse lite- 
rarische Verwandtschaft >\^r Esramemoiren mit dem Chronisten 
aufmerksam gemacht. 

dl Die Dublette Esr 1 1— s*« = 11 Chr 3622-23 erklärt 



§ 21.] Esra und Nehemia. 157 

sich leicht. Nachdem das grosse Geschichtswerk des Chronist en 
entstanden war, nahm man zuerst den Teil desselben in den 
Kanon auf. welcher völlig neu war und von Dingen und Er- 
eignissen berichtete, über die man bis dahin noch keine Dar- 
stellung besass. und dazu stimmt auch, dass im jüdischen 
Kanon Esra-Nehemia vor der Chron steht. Nachher wurde 
jedoch auch der Rest des grossen und den späteren Zeiten 
natürlich sehr sympathischen Werkes der Aufnahme in den 
Kanon für würdig erachtet, und die fraglichen Verse auch 
hier beibehalten, weil man lieber mit dem tröstlichen Ausblicke 
v. 23 abschloss , als mit den trüben Schilderungen der Verse 
17—21 - ganz analog wie ja auch Heg nicht mit der Zerstörung 
Jerusalems endigen, sondern mit der Begnadigung Jojachins. 
8. Neuerdings ist an den Berichten de-s Buches Esra-Ne- 
hemia eine einschneidende sachliche Kritik geübt wor- 
den. HooXACKER hielt zwar die berichteten Tatsachen für 
historisch, glaubte aber auf Grund von allerhand Schwierig- 
keiten ihre Zeitfolge umkehren und die Tätigkeit Esras hinter 
die Nehemias setzen zu müssen : der Artaxerxes, dessen siebtes 
Jahr Esr 7 -, ff. nenne, sei nicht Artaxerxes I Longimanus, son- 
dern Artaxerxes [I Mnemon, und Esras Zua - und Reformwerk 
falle somit ins .Jahr 398. Viel weiter geht KOSTERS, der in 
einem wesentlichen Punkte mit B.OONACKEB übereinstimmt. 
Nach ihm hat eine Rückkehr von Exulanten im zweiten .Jahre 
des Cyrus überhaupt nicht stattgefunden. Tempel- und Mauer- 
bau sind vielmehr das Werk der im Lande zurückgebliebenen 
Bevölkerung II Beg 25 12, deren Statthalter Serubbabel und 
Nehemia waren: Esras Zug und Reformwerk fällt in die zweite 
Statthalterschaft Nehemias hinter die Neh 134— 31 berichteten 
Ereignisse. Esra ist erst nach 433 gekommen ; zunächst wurde 
durch Auflösung der .Mischehen die Gemeinde konstituiert und 
dann auf das von Esra mitgebrachte Gesetz verpflichtet: die 
erste Rückwanderung unter Serubbabel mit allem, was sich an 
sie anschliesst, habe der Chronist erdichtet und die Reihen- 
folge der Ereignisse umgekehrt. Nach Tokkkv endlich sind 
mit Ausnahme von Neh 1— 2f u. 3 33— 6i9-j- auch die Ich- 
stücke von dem Chronisten fabriziert, der in ihnen sein Meister- 
stück geschaffen, und gehört auch Nehemia unter Artaxerxes II. 
Die Aufstellungen HOONACKERS hat schon KüENEN abtuend 
widerlegt und gegen Kosters hat Wellhausen energischen 



158 Spezielle Einleitung. [§ 22. 

Einspruch erhoben: seit EMeyer die Echtheit der Akten- 
stücke in Esr 4 — 7 bewiesen, ist diesen hyperkritischen Auf- 
stellungen vollends der Boden entzogen und wir dürfen dabei 
bleiben, in Esra-Nehemia eine wesentlich zuverlässige Dar- 
stellung des daselbst Berichteten anzuerkennen. 

§ 22. Das Buch Ruth. 

EBebthbauKEH 1883 -. CHHWbight 1864. ABektholet KHCAT 
1898. WNowack HKAT 1902. KBudde ZaW 12 4s-4el892. JABeweb 
StKr 76 328 ff. do2 ff. 1903. LKöhler ThT 38 4 58 ff. 1904. 

1. Das Buch Ruth enthält in frischer poetischer Dar- 
stellung ein anmutiges Idyll, zunächst eine schlichte Familien- 
geschichte von der Moabitin Ruth, die aber durch die Schluss- 
worte ihre weitertragende Bedeutung erhält: wurde doch diese 
Moabitin, zwar ihrer Abstammung nach eine Heidin, aber an 
Frömmigkeit eine echte Israelitin, gewürdigt, die Stammmutter 
Davids zu werden. Dem entsprechend sollten wir dies Buch 
eigentlich zwischen Jdc und Sani erwarten, wo es in der Tal 
auch LXX, Vulgata and die deutsche Bibel stehn haben, und 
wo wir es um so eher erwarten müssten, als auch die Jugend- 
geschichte Samuels ein ähnliches Idyll ist. Finden wir es trotz- 
dem im jüdischen Kanon von den historischen lliuh. in los- 
getrennt, so führt uns schon dieser l 'instand darauf, die Ent- 
stehung des kleinen Büchleins in eine Zeit zu setzen, wo die 
Sammlung der historischen Bücher bereits abgeschlossen war. 

2. Und für spätere Abf assungs zeit sprechen noch 
schwerwiegende sonstige Gründe. Die Zeitangabe in den Ta- 
gen als die Richter richteten 1 i setzt das festgeschlossene 
chronologische System des deuteronomistischen exilischen Wer- 
kes der Geschichte [sraels voraus. Die Sprache des Buches 
is1 stark aramaisierend und hat manches Eigentümliche, \\a^ 
mit zwingender Notwendigkeil in die nachexilische Zeit weist, 
während umgekehrt die Darstellung sich meist aus Reminiszen- 
zen an ältere Geschichtswerke, namentlich J, zusammensetzt. 
Völlig durchschlagend ist l(t l : vgl. mitDtn25g, wo ein Ge- 
brauch, der zu den Zeiten des I Vnteronoiniums gäng und gäbe 
war, als ein antiquarisches Kuriosum ausdrücklich erklärt wird. 
Den Schluss 4is— 22, welcher ganz das Schema der Genealo- 
gieen von Y zeigt, lässt man besser aus dem Spiele, da er als 
Ausführung von v. 12 -patrr hinzugefügt sein kann. 



§ 23.] Das Buch Esther. 159 

3. Als einziger scheinbarer Grund, die Abfassungszeit 
früher anzusetzen, könnte angeführt werden die grosse Unbe- 
fangenheit, mit welcher hier Davids Geschlecht von einer moa- 
bitischen Stammmutter hergeleitet wird, und um dessentwillen 
fühlen sich manche gebunden, in vordeuteronomischer Zeit 
Dtn 23.1 oder doeli mindestens vor Esra stelin zu bleiben, wo 
über die Reinheit der Familien und Stammbäume mit rigoroser 
Strenge gewacht wurde. Aber dies Bedenken kann gegen die 
angeführten sachlichen Gründe nicht aufkommen und dann 
bleibt nichts übrig, als in Ruth einen bewussten Protest gegen 
jenen Standpunkt zu sehen, der nachweisen will, dass nicht 
die Abstammung, sondern die Herzensstellung die Hauptsache 
sei und dass auch der Ehebund mit einer wirklich frommen 
Heidin von Jahve gesegnet werde. Ist die Schlussgenealogie 
später hinzugefügt, so müssten wir den Verf. von Ruth zum 
Zeitgenossen von Esra und Nehemia machen, der die nicht 
anzufechtende und nicht totzuschweigende Ueberlieferung von 
einer moabitischen Ahnfrau Davids als Ausgangspunkt für 
seine Polemik nahm. Und dann eignet dem Büchlein Ruth 
neben seinem allgemein anerkannten hohen ästhetischen Weite 
auch noch ein mindestens eben so hoher ethisch-religiöser. 

Anni. Neuesten? hat Köhler diese Auffassung als irrig zu erweisen 
gesucht: denn einmal trete jene vermeintliche polemische Tendenz nicht 
deutlich hervor und dann sei die eigentliche Heldin der Erzählung gar 
nicht Ruth, sondern Noomi; dabei weist er auf manche Unklarheiten der 
Erzählung hin, welche bisher nicht genügend gewürdigt seien. Aber im 
allgemein. ii ist es kein Fehler, wenn eine Polemik oder Tendenz nicht 
zu grobdrähtig und aufdringlich sich geltend macht, und dass für das 
naive Empfinden Ruth diejenige Person ist, auf welche der Vf. alles Licht 
fallen lä>-t. bezeugt der Konsensus von mehr als zwei Jahrtausenden. 
Die ganze Erzählung von Kap. 1 hat nur den Zweck, eine Lage zu schaf- 
fen, in welcher ein israelitischer Mann nach dem Gesetze der Levirats- 
ehe eine Moabitin heiraten musste. 

§ 23. Das Buch Esther. 

EBebtheatj KT.H 1862, VRtssel* 1887. JWHaley 1895. GWn,- 
debokr KHCAT 1898. CSiegfbied HKAT 1901. Ueber das Purimfest : 
PdeLagabde l'iirim etc. 1887. HZimmi.kn ZaW 11 157 ff. 1891. FScb wai.i.y 
Das Leben nach dm, Tode 1892 § 14. BMeibsnkb ZDMG 50 290 ff. 1896. 
WEbbt Die Purimsage in der Bibel 1900. 

1. An dem Buche Esther ginge der christliche An- 
leger des AT am liebsten ganz vorüber, und beschäftigt sich 
wenigstens mit ihm nicht mehr als unumgänglich nötig: denn, 



li;o Spezielle Einleitung. [§ 23. 

-ii wertvoll dies Ibich für uns auch als religionsgeschichtliche 
Urkunde ist — mit seiner Aufnahme haben die Sammler des 
Kanons einen schweren Missgriff begangen. Alle hässlichen 
und schlimmen Züge des Judaismus zeigen sich hier unver- 
hüllt, und nur in Alexandrien hat man sich zu dem Versuche 
gedrungen gefühlt, wenigstens mit ein paar religiösen Lappen 
die widrige Blosse zu decken. Uebrigens hat sich auch in 
Palästina der Widerspruch gegen dasselbe geregt und es ist 
nicht ohne heftigen Protest in den Kanon gekommen. 

2. Dass das Buch Esther, welches uns berichtet, wie nach 
Verstossung der Yasthi Esther, die Adoptivtochter des jüdi- 
schen Exulanten Mordechai, Gemahlin des Perserkönigs Ahas- 
veros d. i. Xerxes wurde und in dieser Stellung die Anschläge 
des Judenfeindes Haman vereitelt und den -luden blutige 
Rache an ihren Gegnern verschafft, lediglich ein histori- 
- C h e i- R o m a n ist, wird heutzutage von allen wissenschaft- 
lich freien Forschern anerkannt, und sollte seihst einer oder 
der andere Zug auf einem wirklichen Faktum beruhen, so wäre 
dasselbe doch so frei verarbeitet und so dem Zwecke dvs Ver- 
fassers dienstbar gemacht, dass es jedes historischen Wertes 
entkleidet wäre. Der Zweck des Buches ist lediglich Erklä- 
rung und Anempfehlung des Purinifestes: isagogische Bedenken 
sind nur gegen 9 20—32 erhoben worden, aber ohne zwingenden 
( rrund. 

3. Die Klage nach Alter und E n t s 1 e h u n g s o r t 
von Esther fällt zusammen mit der Krage nach Alter und Ent- 
stehungsorl des Purimfestes. Das eiste sichere Zeugnis für 
dieses haben wir 11 Mak 15:;.;, wo der Nikanortag, d^v 13. 
Adar, bezeichnel wird als -po \x:x; ^(iipag tfj; MapSoxatxffc 
fftlkpoct;. h.iss mit dieser }\y.r,o r ;/y.:v.\ ^(iipa unser l'urim fest 
gemeinl ist. liegt auf der Sand. Aber bei dem beträchtlichen 

zeitlichen Abstände zwischen II Mak und den von ihm erzählten 
hingen kann aus jener Stelle nicht gefolgert werden, dass man 
schon zur Zeit des Judas Makkabaeiis l'urim feierte: bewei- 
send ist dieselbe nur \'\'w die Zeit des Verfassers. Dass wir 
mit Esther und l'urim nicht zu hoch hinaufgehn dürfen, dafür 
ist. wenn auch nicht strikte beweisend, doch immerhin schwer- 
wiegend das Schweigen des Jesus ben Sira über Esther und 
Mordechai in dem rorriptov uu-vo; 44 4M. welches nicht leicht 
zu begreifen wäre, wenn schon in jener Zeit Purim gefeiert 



§ 23.] Das Buch Esther. 161 

wurde und Esther allgemein bekannt war. Dass das Buch, 
wenn auch zur Zeit und am Hofe des Xerxes spielend, doch 
Dicht während der Herrschaft der Achämeniden geschrieben 
wurde, geht schon aus der Art hervor, wie 1 1 von Xerxes 
und dem persischen Reiche geredet wird als einer längst ver- 
schollenen historischen Reminiszenz, hei welcher man dem Ge- 
dächtnisse des Lesers zu Hilfe kommen muss. Und auch die 
Sprache, wenngleich sich beispielsweise des tf gänzlich enthal- 
tend und offenbar nach einem rein hebräischen Kolorite stre- 
bend, weist das Buch in die spätesten Zeiten der jüdischen 
Literatur cf. hierüber Siegfried Einleitung § 3. Der fana- 
tische und aggressive Hass gegen alles Nichtjüdische, den es 
atmet, begreift sich am leichtesten als ein Nachhall der Glau- 
benskämpfe gegen den wahnsinnigen Druck des Antioclms Epi- 
phanes, und der Plan des Haman 3 8—9 ist in der Tat das 
deutliche Gegenbild der Absichten des Antioclms I Mak 1 41 
3 34—36: doch ist es nicht wie Daniel ein Produkt dieser grossen 
und erhebenden Zeit selbst, sondern man wird Kuexex zu- 
stimmen müssen, wenn er es vielmehr nach der Beendigung 
des jüdischen Freiheitskampfes 135 ansetzt, wo die religiöse 
Begeisterung hei vielen einem mehr weltlichen Sinne gewichen 
war und durch die vorangehenden Ereignisse die jüdische Na- 
tionalität sich schärfer gegen alles Nichtjüdische aligeschlossen 
hatte, während andrerseits durch die geradezu wunderbaren 
Erfolge des kleinen Völkchens gegen das Riesenreich der Se- 
leuciden das nationale Hochgefühl besonders lebhaft und sie- 
gesgewiss sich regen musste. 

4. Aber warum ist die ganze Geschichte nach Persien 
verlegt und wird B'nw 3? 9 19 aus dem persischen erklärt und 
noch dazu falsch, da es ein persisches Wort /n)r für Los nicht 
gibt? Dies weist uns darauf hin, den Ursprung des Purim- 
festes in Persien zu suchen, und so hat denn Lacahde Purim, 
für welches uns in der ältesten griechischen Ueberlieferung 
die Namen eppoopata und ipoupSata begegnen, erklärt als eine 
Umbildung des persischen Farwardigänfestes, und weist auch 
noch auf charakteristische Züge zweier anderen hohen persi- 
schen Feste, der [xayocpovia und des Festes de- Unbärtigen, 
hin. Und Kuene» billigt die Vermutung MJdeGoejes, wel- 
cher auf die A.ehnlichkeit der Esther mit Scheherezade, der 
Heldin der Märchen der Tausend und eine Nacht, aufmerk- 

Orundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 6. Aufl. \\ 



IßO Spezielle Einleitung. [§ 23. 

sam macht und hieraus den Schluss zieht, der Verfasser von 
Esther habe sich an eine alte persische Heb erlief erung ange- 
lehnt, von welcher auch die Einkleidung der 1001 Nacht ab- 
hinge. Dann läge es nahe, anzunehmen, dass der Verfasser 
gar kein Palästinenser -war, sondern zu' den zahlreichen in 
Mesopotamien und Persien lebenden Juden gehörte. Zimmern 
ist für babylonischen Ursprung des Purimfestes eingetreten 
als Umbildung des babylonischen Zagmuk- d. h. Neujahrsfeste-. 
wo unter dem Vorsitze Marduks die Götter in einer Versamm- 
lung (puhrii) die Lose über die Schicksale des nächsten Jahres 
werfen. Schwally acceptiert beides und möchte auch genuin- 
israelitische Elemente als Ueberbleibsel des Totenkults postu- 
lieren. Meissner weist darauf hin, dass die von späteren Au- 
toren gegebene Schilderung des im ganzen Orient weit verbrei- 
teten persischen Sakäenfestes sich nur erklären lasse aus einer 
Vermischung des altpersischen Parwardigän- mit dem baby- 
lonischen Zagmukfeste und IMensen (hei Wildeboer l7» ff.) 
erkennt auch elamitische Ingredienzien, wie ja die Geschichte 
in Susa, der alten elamitischen Hauptstadt, spielt. Dass das 
Purimfest nichl reinjüdischen Ursprungs ist. wird als Bicher 
angenommen werden dürfen. 

5. Es ist für das .Judentum der letzten vorchristlichen 
Zeit überaus charakteristisch, dass gerade dieses Buch sich 
der g r ö sstcn P> e 1 i e b t h e i t erfreute, ja über Psalmen 
und Propheten, und der Thora gleichgestellt wurde. Zeuge 
dieser grossen Beliebtheit ist auch die Tatsache, dass wir zu 
Ksther drei Targumim, mehrere Midrasche und zwei sehr ab- 
weichende griechische Rezensionen haben. Von den drei Tar- 
gumim gib! das in der Antwerpener Polyglotte abgedruckte 
ziemlich wörtlich (\cn hebräischen Text wieder, während die 
beiden anderen sich als haggadische Erweiterungen des über- 
lieferten Stoffes ausweisen. 

An in. Narli HW'ii. i.KMii Judaica 1900 1 — ss wäre die Ksthergeschichte 
eine verkappte Schilderung ägyptischer Zustände, und ihr Ahasver der 
bekannte Judenfeind IMcdenun-us VII Physkon 140 — 117. 

B. Prophetische Bücher. 

JGEichhoen Die hebräischen Propheten^ Bände 181G— 18Ut. HEwald 
Die Propheten des Uten Hundes- 3 Bünde 1867—1868. AKuenbn De 
profeten en de profetie ander Israel 2 Bände 1875. BDuhm Die Theologie 

der Propheten 1875. WRSmitii The prophets of Israel und Ihe/r place in 



§ 24] Jesaja. 163 

history 1895*. FGiesebbecht Die Berufsbegabung der alttestamentlichen 
Propheten 1897. FHitzig die prophetischen Bücher des AT übersetzt 1854. 

§ 24. Jesaja. 

Kommentare: CVitbinga 2 Bände 1714, 1720. JCDödeblein 1775. 
Lowth-Koppe 4 Bände 1779— 1781. WGesenius 3 Bände 1821. FHitzig 
1833. FDelitzsch BCAT 1889 4 . KBeedenkamp 1887. ADii.lmaxx KEH 
1890 5 , RKittki. 1898 6 . BDrH.u HKAT 1902". KMabtt KHCAT 1900. 
TKCukyxk Introductiou to Ihe book of Isaiah 1895, deutsche Ueber- 
Betzung von JBoehmeb 1897. FGiesebbecht Beiträge zur Jesajdhritik 
1890. CHCobxill Die Komposition des Buches Jesaja ZaW 4 83 ff 1884. 
HGuthe Das Zukunftsbild des Jesaja 1885. HHackmaxx Die Zukunfts- 
erwartung des Jesaia 1893. PVolz Die rorexilische Jahreprophetie und 
der Messias 1897. ASoebensen Juda und die assyrische Weltmacht 1885. 
JMeixhold Jesaja und seine Zeit 1898 und Studien zur israel. Religions- 
gesch. las i.v. 1903. Zur Textkritik: GSTUDEB JdTh 3 7 og ff. 1877, oesff. 
1879, 7 lei ff. 1881. PdeLagabde Semitica 1 1—32 1878. JBacelmann Alt- 
testamentliche Untersuchungen 1894 49-100. TKChetxe SBOT 1899, eng- 
lisch 1898. Zu 3 ig ff.: HOobt ThT 20 sei ff. 1886. Zu 4: BStade ZaW 
4 14.1 ff. 1884. Zu 7—9: KBbedEnkamp Valicinium de Immanuele 1880. 
KBudde in Etudes dediees ä Mr. Leemans 1885 125 ff. FGiesebbecht 
St Kr 61 21T ff. 1888. HWixckleb (§ 18) eo-76. Zu 11 1 ff. : GBeer ZaW 
18 345 ff. 1898. Zu 14 24-27: BStade ZaW 6 i 6 1883. HOokt ThT 20 i 93 
1886. Zu 15—16 FHitzig Des Propheten Jona Orakel über Moab 1831. 
HOobt ThT 21 st ff. 1887. WWB.udissix StKr 61 509 ff. 1888. Zu 18—20 
BStade De Isaiae vaticiniis Aethiopicis 1873. HWinckleb us-ue. Zu 
•_M,_io: PKleixert StKr 50.6? ff. 1877. FBuhl ZaW 8 157 ff. 1888 und 
BStade ebenda 165 ff. Zu 21 13—17: HWixckleb 120—125. Zu 22 15—25: 
AKAMPHAUSEN Amer. Journ. of Theol. 5 43 ff. 1901. Zu 24—27: RSmend 
ZaW 4 i6i ff. 1884. HOobt ThT 20 i 66 ff. 1886. JBoehmeb ZaW 22 332 1902 
Zu 28—33: MBBÜCKNEB 1897. Zu 28: JMeixhold StKr 66 1 ff. 1893. Zu 
32—33: BStade ZaW 4 266 fi* 1884. Zu 36-39: BStade ZaW 6 1 72 ff. 1886. 
HWinckleb 2G-49. JMkixiioi.i. nie Jesajaen&ählungen Jes-36—39. 1898. 
Zu 3722-32: KBüdde ZaW 12 3 . ff. 1892. Zu 38 9-20: AKlostkkmaxx StKr 
07 157 ff. 1884. Zu Deuterojeaaja : LSeineckb Der Evangelist des .1/1870. 
AKlosteemaxx ZLTh 37 1 ff. 1876. JLet Historische Erklärung des «wei- 
ten Teiles des Jesaja 1893. HOobt Kritische anteekeningen etc. ThT 25 
«ei ff. 1891. Kritische Textausgabe hebräisch und deutsch von AKlostkk- 
maxx 1893. Die Literatur zur Ebed Jahvelieder- und Tritojesajafrage s. 
§ N 21 u. 22. 

1. In der uns geläufigen Reihenfolge eröffnet Jesaja 
die prophetischen Schriften. Sohn eines Amoz und wohl ge- 
borener Jerusalemer, begann er seine prophetische Wirksam- 
keit im Todesjahre des Ussia 61. Kr war verheiratet 81 und 
Vater mehrerer Söhne 7 a 8s. Wenn auch nicht königlicher 
Abstammung, seheint er doch den höheren Ständen angehört 

11* 



K;4 Spezielle Einleitung. [§ '24. 

zu haben; seine durch kein förmliches Amt, sondern nur durch 
die Wucht seiner Persönlichkeit und die Kraft seiner religiösen 
Ueberzeugung getragene Wirksamkeit uiuss eine grosse und 
bedeutende gewesen sein und erstreckte sich auf mehr als < j in 
Menschenalter: sie fiel in die für Juda entscheidungsvollste 
und wichtigste Zeit, wo nach dem Untergänge Israels Juda 
allein Träger des Jahveglaubens ward und wo in den Schick- 
salen des kleinen Ländchens die Geschicke der AVeit sich spie- 
gelten. Nach einer späteren Legende, auf welche vielleicht 
schon Hbr 11 37 Bezug nimmt, soll er hochbetagt unter Ma- 
nasse d<ii Märtyrertod erlitten haben. 

2. Las den Namen dieses Propheten tragende Luch zer- 
fällt in mehrere deutlich geschiedene Gruppen: 1 — 12 eine 
Sammlung von Reden, welche sich ausschliesslich an Juda- 
Jerusalem und Israel wenden: 13 — 23 eine Reihe von Orakeln, 
fast alle als KtPö bezeichnet und an fremde Völker gerichtet, 
als deren grandioses Finale 24 — 27 eine Schilderung des Welt- 
gerichtes und des messianischen Endheiles bringt; 28 — 33 eine 
eng zusammengehörige Redegruppe über Jerusalems Bedrängnis 
und wunderbare Errettung, an welche sich 34-85 eine Be- 
drohung Edoms als Vorbereitung für das schliessliche Beil 
Zions fügt; 36 — 39 ein historischer Abschnitt, welcher über 
Jesajas prophetische Tätigkeit in und nach der Zeit der Be- 
lagerung Jerusalems durch die Assyrer berichtet, und emilich 
lo — 66 ein zusammenhängendes grösseres Stück, in welchem 
Assur völlig verschwindet und Babel als Unterdrücker und 
Zwingherr [sraels erscheint. 

3. Das ä 1 t e s t e Z e U g 11 i 8 für das Vorhandensein des 
Buches .lesaja in dr)- uns jetzl noch vorliegenden Gestall ist 
JSir4820— 25; man nahm es als ein einheitliches Werk des 
grossen Propheten, dessen Namen es trägt. Dunkle Andeu- 
tungen bei Ai;k.\ Esra abgerechnet, erhielt sich diese An- 
schauung, bis im letzten Vierte] des isten Jahrhunderts die 
Kritik erwachte, als deren Bahnbrecher Döderlein, Koppe 
und Eichhorn zu nennen sind; ihre neueste Phase repräsen- 
tieren Dühm, Backmann, Cheyne und Marti, welche in der 
Ausscheidung unechter Stücke am radikalsten verfahren und 
auch die echten für ein Mosaik von durchweg überarbeiteten 
Trümmern erklären, das ganze Buch für ein Produkt der rück- 
sichtslosesten, durch Jahrhunderte fortgesetzten Diaskeuase, 



§ 24J Jesaja. 165 

mit welcher DüHM bis nahe an die fieburt Christi gelangt: 
„die Schlussredaktion des Buches Jesaja ist also schwerlich 
viel älter als die Herstellung des Ktib." Allen diesen Ein- 
zelheiten nachzugehn, kann natürlich nicht Aufgabe eines Grund- 
risses sein: wir müssen uns auf Hervorhebung der Hauptge- 
sichtspunkte und auf Charakterisierung der wesentlichsten Re- 
sultate beschränken. 

4. Von unangefochtener Authentie, wenn auch für 
mehr oder weniger überarbeitet erklärt, sind nur 1 2c-4i 5 
(i 7 1-8 18 9 7-10 4 lOs-15 17 i_ii 18 20 22 28—31. Auch 
von namhaften Kritikern z. T. anerkannt sind noch 42—4 
8i9_9e lOie-llo 1424-27 28-32 15 — 16 17 12— 14 u. 32. Da- 
gegen sind so gut wie allgemein aufgegeben 2 2—4 4 5— o lim 

-14-23 19 21 23—27 33—35, sowie die in dem historischen 
Abschnitte 36—39 enthaltenen Reden Jesajas. lieber 40 — 66 
ist besonders zu handeln. 

Die c c li t e n Best a n d t ei 1 e d e s B u c h e s J e s aj a. 

5. Da die prophetische Tätigkeit Jesajas einen Zeitraum 
umfasste wie nur noch die Jeremias, so ist es bei ihm von be- 
sonderer Wichtigkeit, die Abfassungszeit der ein- 
zelnen ( ) r ;i k e 1 festzustellen; doch gehn gerade hierin die 
Ansätze weit auseinander. Durch unanfechtbare Datierung 
bestimmt sind li (Todesjahr des Ussia 740? spätestens 736) 
7 1— 81s (syrisch-ephraimitischer Krieg 735/4) u. 20 (Eroberung 
Asdods durch Sargon 711 1. ferner für die gegen das noch be- 
stehende Reich Israel gerichteten Orakel das Jahr 722 als 
terminus ad quem. Wesentliche Uebereinstimmung herrscht 
darüber, dass i> 7 — 10 4 17t_n 5 u. 2 <;_4 1 in die Anfangszeit 
dei' prophetischen Wirksamkeit -Jesajas zu setzen sind, u. 18 
nebst 28r— 31 in die Zeit Sanheribs zwischen 705 u. 701. 
9 7 _ IO4, wo jedoch die Strophe 10 1 — 3 abzutrennen und Ö25— 30 
als Schluss hinzuzufügen ist. fallen in die Zeit vor Ausbruch 
des syrisch-ephraimitischen Krieges, 17 i — n in den Beginn des- 
selben. Für die Stücke 2 u_4 1 5 1—23 u. lOi— s darf die erste 
Zeit der Regierung des Ahas als zugestanden gelten. Auch 
die Ansetzung des sehr merkwürdigen Orakels gegen den un- 
getreuen Eausminister Sebna 22is_ 25 vor 701. wenn schon 
nicht näher bestimmbar, scheint durch 36 3 = II Reg I818 
gesichert. Bei 10. »_ 15 resp. 32 (u. L4 24-27) schwanken die 



166 Spezielle Einleitung. [§ "24. 

Ansetzungen zwischen Sargon und Sanherib — ich möchte 
immer noch Sanherib vorziehen, da wir von einer Gefährdung 
Jerusalems durch Sargon nichts wissen. Dass bei 14 28—32, 
dessen Echtheit auch Cheyxe anerkennt, die Angabe im To- 
desjahre des Alias v. 28 einer irrtümlichen Kombination des 
Inhaltes unsres Orakels mit II Reg 18 8 entsprungen ist. wird 
zugestanden: der zerbrochene Stecken kann nur einen assyri- 
schen Herrscher bezeichnen und dann haben wir uns zu ent- 
scheiden zwischen Tiglathpileser, Salmanassar und Sargon ; da 
gerade Sargon mit den Philistern wiederholt gekämpft hat. 
spricht alles für ihn. Besondere Schwierigkeiten machen 28 
i_.i res}). 6 22 1—11 u. 1. Bei 28 1—6 liegt die Schwierigkeit in 
der Verbindung mit dem Folgenden. Dass 28 t— 31 die Er- 
eignisse um 701 widerspiegeln, ist mit Händen zu greifen, 
28 1— j setzt aber Samarien als noch bestehend voraus und 
wird durch die Art, wie es den Untergang der stolzen Krone 
der Trunkenen Ephraims schildert, als vor den Ereignissen 
selbst gesprochen festgelegt und kann spätestens 724 geschrie- 
ben sein. Indessen verlangt n?N dji v. 7 etwas derartiges vor 
sich, so dass der gegenwärtige Zusammenhang wohl schon von 
.iesaja selbst geschaffen ist. Bei 22 1— 11 dagegen liegt die 
Schwieiigkeit in der Situation selbst. Schildert es uns den 
wüsten Freudentaumel nach dem unerwarteten Abzüge der As- 
syrer? Hierfür spricht der erste Eindruck. Aber der gewal- 
tige v. 13 kann nur angesichts der drohenden und mich bevor- 
stehenden Katastrophe geredet sein, und er nötigt uns. wenn 
wir das Stück nicht in zwei verschiedene Reden zerschlagen 
wollen, das Ganze in die Zeit der kriegerischen Rüstungen 
\or dem Anzüge der Assyrer zu setzen, vgl. auch 2S 7 — s. Dass 
Kap. 1 nicht eine zusammenhängende, uno tenore und unter 
den gleichen Verhältnissen und Eindrücken niedergeschriebene 
Rede ist, wird allgemein zugestanden und kann auch ange- 
sichts des flagranten Widerspruches zwischen v. 5—9 u. 19—20 
gar nicht geleugnet werden. Aber wie die einzelnen Bestand- 
teile abzugrenzen und welchen Situationen sie zuzuweisen seien, 
darüber herrscht keine Einigkeit und wird sich auch kaum ge- 
winnen lassen. Für 6—9 haben wir die Wahl zwischen 7.". 1 
11. 701. Hier spricht alles für die Ansetzung auf 701 und 
auch das Stück 10—17 würde sich aus den Zuständen unter 
tiiskia erklären, vgl. 29is; 19—20 könnten um 705 gesprochen 



ij _'4.] Jesaja. 167 

sein. Doch scheint mir der Versuch, auch 21—31 der Zeit um 
701 zuzuweisen, von den grössten Schwierigkeiten gedrückt: 
hier möchte sich kaum eine andere Datierung finden lassen, 
als die Zeit des Alias. Nur so viel steht fest, dass dies Kap. 
in seiner überlieferten zusammengesetzten Gestalt von Anfang 
an dazu bestimmt war, den Introitus zu dem Buche Jes zu 
bilden. 

Besondere Stücke des Buches Jesäja. 
6. Kap. 2-2—4. Das Stück fängt nach der neuen Ueber- 
schrift 2 1 ganz abrupt mit n '™ an und hat auch an das Fol- 
gende keinen einigermassen passenden Anschluss : 2s ist sicher 
verderbt und mit 2 c beginnt etwas völlig Neues. Dazu kommt, 
dass das Stück sich auch Meli 4 1—3 findet, was uns nötigt, 
das Verhältnis beider Stellen zu einander ins Auge zu fassen. 
Zunächst muss zugestanden werden, dass bei Micha im allge- 
meinen die Textesgestalt hesser ist, als bei Jesaja. Ferner hat 
Micha noch einen Vers mehr, der offenbar ursprünglich zu 
dem Stücke gehört und ihm erst einen befriedigenden Ab- 
schluss gibt. Ausserdem ist bei Micha die Anknüpfung des 
Stückes nach rückwärts zwar auch nicht ohne Bedenken, aber 
doch entschieden besser, als bei Jesaja, und die D , 3"! o^öö keh- 
ren im weiteren Verlaufe noch 4 11 13 5g7 als Stichwort wie- 
der. So möchte man denn annehmen, dass Micha in der Tat 
der Schöpfer dieses Orakels sei und dass .Jesaja es von ihm 
entlehnt habe. Aber dem widerspricht schon die Chronologie, 
da Micha ein wesentlich jüngerer Zeitgenosse Jesajas war, 
während die Rede 2—4 ohne Frage zu den ältesten Jesajas 
gehört. Zudem wäre bei bewusster Reproduktion durch Jesaja 
die Auslassung von Mch 4 .1 schwer erklärlich, und, wie wü- 
schen werden, rührt jenes Kapitel gar nicht \<>n Micha her 
und 4 1— 1 speziell wird schon durch Jer26is kategorisch aus- 
geschlossen. Aber auch Jesaja kann das Original nicht sein, 
obwohl schon der Verf. von 37 32 es für jesajanisch gehalten 
zu haben scheint. Denn einmal macht Jes 2 2-1, verglichen 
mit Meli 4 1—1. durchaus den Eindruck eines freien, gedächt- 
nismässigen Zitats, und dann lässt es sich in der Theologie 
Jesajas nicht unterbringen trotz augenfälliger Berührungen mit 
echt jesajanischen Ideen: durch die von IMidi geforderte Ent- 
leerung und Trivialisierung seines Inhalts die Authentie zu 



Iqq Spezielle Einleitung. [§ 24. 

erkaufen, -wäre ein zu hoher Preis. Da das »Stück auch bei 
Micha nicht ursprünglich ist. nötigt uns nichts, eine gemein- 
schaftliche dritte Quelle anzunehmen; wenn Hitzig und Ewald 
Joel für diese gehalten halten , so ist das bei der richtigen 
Anschauung vom Zeitalter Joels sachlich durchaus angemes- 
sen. Vielmehr scheint es dem Buche Micha wirklich ursprüng- 
lich angehört zu haben und von dorther entnommen, um der 
Drohrede Kap. 1 einen versöhnlichen Schluss zu geben. Min- 
destens eine Einwirkung der Michastelle aüfJesaja wird schon 
dadurch bewiesen, dass die handgreifliche Verderbnis von Jes 
2ö offenbar unter dem Einflüsse von Mch 4.-, entstanden ist. 
Bei Jesaja liegt freies gedächtnismässiges Zitat vor — mög- 
lich, dass ursprünglich etwas anderes an unserer Stelle stand; 
doch kann 2 r„ wenn man mit LAGABDE tb# rrz-_" '- -V r - 
nw emendiert, ganz wohl der Anfang einer selbständigen Rede 
gewesen sein. 

7. Kap. 9 i_6 u. 11 1—8. Nachdem Stade (GVJ 2 209 f.) 
beide ( )rakel der reproduzierenden prophetischen SchrifMellerei 
zugewiesen, hat Hacioianx in ausführlicher Darlegung dies l'i- 
teil zu begründen gesucht und Cheynk. VOLZ und Mawti Bind 
ihm beigetreten. Aber gerade sie tragen gar nicht die landläufig« 
Züge des nachexilischen Messiasbüdes : als siegreicher Kriegs- 
fürst und Ueberwinder der Heiden erscheint der ~"7' in Kap. 9 
durchaus nicht, trotz der Namen v. 5, welche Stelle das Juden- 
tum sogar durch die Accentuation von dem ihm anstössigen 
Wortsinne abgebogen hat. Dass die beiden Orakel Schwierig- 
keiten machen und unter den jesajanischen Worten eine ge- 
wisse isolierte Stellung einnehmen, muss zugegeben werden: 
aber als Böhepunkte jesajanischer Anschauungen und Gedan- 
ken begreifen sie sich doch, während sie als Erzeugnisse eines 
nachexilischen Schriftgelehrten ein reines Wunder wären und 
die ganze Entstehung und Entwickelung der messianischen 
Hoffnung ein unerklärliches Räte! bliebe, wenn sie bei Jesaja 
auf 1 26 zusammenschrumpft. 

8. Kap. llio— 12 e. Kap. 12 bal Ewald mit voller Be- 
Btimmtherl «hin Jesaja abgesprochen und es trägl mich ganz 
die Art der jüngeren Psalmendichtung an sich; aber doch is1 
der Zusammenhang gerade dieses Stückes mit dem unmittel- 
bar Vorhergehenden ein enger und guter. Mit noch grösserer 
Deutlichkeit ergibt sich die Cfnechtheil von 11 10—17, die schon 



§ 24.] Jesaja. 169 

Koppe, RosenmüLLEB und de Wette erkannt haben: dass 
Jahve die Versprengten [sraels und die Zerstreuten Judas von 
den vier Enden der Erde sammelt und sie nach Zion zurück^ 
bringt durch eine mit dem Auszuge aus Aegypten analoge 
Wundertat, und dass dann für das geeinte Ephraim und Juda 
das messianische Endheil anbricht, ist eine Vorstellungsreihe, 
die uns deutlich auf Ezechiel und Deuterojesaja, auf Zeit und 
Umstände des babylonischen Exils oder eher noch später herab 
weist. Zudem bildet die Unterwerfung der umliegenden Völker 
unter Ephraim und Juda durch Waffengewalt einen schnei- 
denden Kontrast zu dem Friedensreiche, als welches 94— t; 11 
6—8 die messianische Zeit erscheint (vgl. namentlich GlESE- 

BP.ECHT 25—52). 

!». Kap. 132-1423. Ein baa Kfeö, welches durch die 
üeberschrift 13 i ausdrücklich dem Jesaja vindiziert wird. Ba- 
bel liegt innerhalb des Gesichtskreises Jesajas (vgl. die Er- 
zählung Kap. 39) und Dejokes von Medien war Jesajas Zeit- 
genosse. Aber wenn Jahve selbst Medien wider Babel ent- 
bietet zur Vollstreckung seines Zorngerichtes; wenn infolge 
dessen jeder zu seinem Volke sich wendet und in sein Land 
flieht; wenn in der Scheol der König von Babel höhnisch und 
schadenfroh empfangen wird als der Mann, der die Welt ver- 
störte, vor dem Königreiche bebten, der den Erdkreis zur 
Wüste machte und seine Städte zerstörte und seine Gefange- 
nen nicht in die Heimat entliess: so sind wir damit so klar 
und deutlich wie möglich in die letzten Zeiten der babyloni- 
schen Weltherrschaft versetzt, wo Israel nach Befreiung von 
dem Drucke der Heiden und nach Rückkehr in die Heimat 
seufzte, und wir müssen daher dies formell höchst bedeutsame 
und dichterisch kraftvolle Stück, bei welchem sich jedoch gegen 
die Ursprünglichkeit von 14i_ cu. -2-2 23 gegründete Bedenken 
erheben, einem unbekannten Propheten aus der letzten Zeil 
des babylonischen Exils zuschreiben. 

10. Kap. 15 1—I6 12 . Ein a«1ö Kfeü, durch den Epilog 
16is— u als ein vor Zeiten »Kö ergangenes Orakel bezeichnet, 
das auf die Gegenwart neu angewendet wird. Dieser Epilog 
schien diu eli 21 16 f. gesichert: dann konnte aber 15 1— 16 12 
nicht ein früher an Jesaja selbst ergangenes Orakel sein 
die von Jesaja grundverschiedene Art und Weise dieses Stückes 
fällt auch dem blödesten Auge auf . sondern nur ein von 



170 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

Jesaja selbst aufgenommenes eines älteren Propheten. Die 
Situation des ursprünglichen Orakels schien gleichfalls klar: 
der löwenähnliche Feind kam von Norden und drängte die 
liüchtigen Moabiter über die edomitische Grenze, von wo aus 
sie sieh um Schutz und Vermittelung nach dem Berge Zion 
wandten. Das passte vortrefflich auf die Eroberung Moabs 
durch Jerobeam 11 von Israel II Reg 14a:, und Hitzig er- 
klärte es geradezu für ein Werk des ebenda erwähnten Pro- 
pheten Jona ben Amittai aus Gath Hefer und es wäre dann 
das älteste uns schriftlich erhaltene Denkmal der propheti- 
schen Literatur, das Werk eines mit Jerobeam II und üssia, 
welcher tatsächlich Edom beherrschte (DI Reg 14-2-j vgl. auch 
v. v ebenda) gleichzeitigen judäischen Propheten. Jesaja hätte 
unter dem löwenähnlichen Feinde aus Norden die Assyrer (vgl. 
auch 14 :n) und zwar Sargon verstanden, so dass die KvA:- 
gleichzeitig mit Kap. 20 wäre. Diese Anschauung findet noch 
namhafte Verteidiger. Aber mit 21ief. fällt auch 16isf. und 
es ist zweifelhaft, <>b wir 152—16 12 überhaupt als eine Pro- 
phetie und als einheitliches Stück auffassen dürfen. Es scheint 
vielmehr zu Grunde zu liegen eine rein schildernde Elegie auf 
eine schwere Katastrophe Moabs, welche erst durch Qeberar- 
beitung zu einer Prophetie umgebogen wurde: namentlich 15 
9*ß b , aber auch 16 1 s— g sind mit triftigen Gründen angefoch- 
ten. Xach 15 1 kommt der Feind aus Südosten und dann 
kann nur an die Wüstenaraber gedacht werden, mit denen 
schon Ezechiel 25io Moab bedroht: wir wären dann im 5. Jahrb. 
in der Zeit des aus Maleachi und Obadja bekannten Vor- 
dringens der Xabatäer; die Ueberarbeitung wäre ähnlich der 
des Buches Obadja eschatologisch gemeint. Es scheint in der 
späteren Zeit gegen Moab eine besondere Animosität geherrscht 
zu haben 25 10—12: die Geschichte Moabs i^t uns zu wenig be- 
kannt, um speziell für den Epilog eine Situation nachweisen 
zu können; bis auf Alexander Jannäus herabzugehn sehe ich 
keine Nötigung. 

11. K a p. l!> muss jetzt auch zu den wesentlich aufge- 
gebenen Stücken gerechnet werden: der \on ( '11 i;v.\K noch als 
möglich angenommene jesajanische Kern ist minimal und nir- 
gends klar zu fassen. Das Orakel wendet sich gegen Aegyp- 
ten. wider welches Jahve auf schneller Wolke reitet. Aegyp- 
ten soll einem karten Herrn preisgegeben und in die äusserste 



§ 24 Jesaja. 171 

Not und Bedrängnis versetzl werden: dann, nachdem sie Jahve 
fürchten gelernt, sollen sie zu ihm schreien und er wird sie 
retten, worauf sie sieh bekehren und gemeinschaftlich mit As- 
sur und Israel Jahve dienen. Die Mazzeba v. 19 schien mit 
Notwendigkeit vor das Dtn, die Erwähnung von Teilfürsten- 
tümern in Aegypten v. 2 vor Psametich I 664 — 610 zu weisen, 
und so hielt man trotz schwerer Bedenken an der Echtheit 
des Orakels fest und sah in ihm das späteste der uns erhal- 
tenen Jesajas. Aber namentlich der Schluss mit den fünf he- 
bräisch redenden Städten in Aegypten und der Verbrüderung 
zwischen Aegypten, Assur und Israel in gemeinsamer Jahve- 
verehrung war doch in der Gedankenwelt des Jahres 700 nicht 
unterzubringen. Da nach Josephus Ant. XIII 3 Onias bei 
Begründung seines Tempels zu Leontopolis sich auf v. 19 des 
Orakels berief, hat Hitzig ihn für den Vf. von ig— 25 erklärt: 
allein dass damals noch ein derartiger Zusatz in den heiligen 
Text der palästinensischen Synagoge hätte aufgenommen wer- 
den können, ist völlig ausgeschlossen, während er andrerseits 
vor der systematischen Ansiedlung von Juden in Aegypten 
durch Ptolemäus Lagi sich nicht begreift. Das Orakel v. i_i.-> 
hat DniM auf die Eroberung und furchtbare Züchtigung Ae- 
gyptens durch Artaxerxes III Ochos 343 gedeutet und dazu 
passen in der Tat die einzelnen Züge: hatten doch damals in 
Ä.egypten rasch hintereinander drei Dynastieen sich abgelöst 
und Thronstreitigkeiten und Aufstände waren etwas Gewöhn- 
liches. 

12. Kap. 21. Es zerfällt in drei, durch Ueberschriften 
deutlich geschiedene einzelne Orakel, a) v. i_io. Ein höchst 
stimmungsvoller und poetisch origineller Ausspruch über die 
Meereswüsle., der gleichfalls •-eine historische Situation deutlich 
verrät. Um Esraels Seufzen zu stillen, sollen Elam und Me- 
dien heraufziehen, lud doch zagt und bannt der Sprecher: 
die ersehnte Nacht hat .Jahve ihm zum Schrecken gemacht. 
So steht er als angstvoll ausschauender Wächter auf seiner 
Warte und horcht gespannt: da gewahrt er eine nächtliche 
Geisterkarawane, welche ruft, dass Babel gefallen und seine 
Götzen zu Boden geworfen seien, und das soll er dem auf 
Jahves Tenne gedroschenen Volke zum Trost verkündigen. 
Damit sind wir so deutlich wie möglich in der Zeit gegen Ende 
des babylonischen Exils, als zuerst die Perser am politischen 



172 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

Horizonte auftauchten und man von dieser mit unheimlicher 
Schnelligkeit sich bildenden neuen Weltmacht den Sturz des 
verhassten babylonischen Zwingherrn erhoffte. Das Stück ist 
also wesentlich gleichzeitig mit 13-2— 14-23, wenn auch vermut- 
lich etwas früher, und jedenfalls von einem anderen Verfasser, 
da die stilistische Verschiedenheit beider eine zu grosse und 
wesentliche ist. Der Versuch Kleineets. das Stück für Je- 
saja zu retten und auf die Eroberung Babels durch Sargon zu 
deuten, ist als verunglückt anzusehen. — ■ b) v. 11—12 gegen 
Duma, womit unzweifelhaft Edom gemeint ist. und c) 13— 11 
gegen Arabien. Diese beiden Orakel, kurz, rätselhaft, dunkel 
und abgerissen, aber namentlich 11—12 überaus stimmungsvoll. 
tragen nichts von jesajanischer Art an sich und zeigen so 
mannigfache Berührungen und Aehnlichkeiten mit 21i— 10, dass 
sie dem nämlichen Verfasser zugeschrieben werden müssen, den 
Duhm in Palästina wohnhaft denkt. AVtxckler verlegt alle 
drei < Makel unter Asurbänipal ..um <>4<s-, i_io in die Zeit des 
Aufstandes Samassumukins von Babylon, und n_ 17 in die Zeit 
der Kriege Asurbanipals gegen die Araber. 

13. Kap. 23. Ein Ausspruch über Tyrtis, der eine Be- 
lagerung und Eroberung jener Stadt in Aussieht stellt, infolge 
deren sie 70 Jahre vergessen sein soll, um dann wieder zu 
erstehn und ihren Reichtum denen, die vor Jahre wohnen, zu- 
zuwenden. Wir wissen von vier Belagerungen von Tyrus, einer 
5jährigen durch Sahnanassar-Sargon, einer durch Asarhaddon- 
Asurbänipal , einer 1 3jährigen durch Nebukadnezar und der 
bekannten durch Alexander d. Gr.; nur die letztere endete 
mit einer Eroberung. Von diesen vier Belagerungen fällt die 
eiste in die Zeit Jesnjas und die Verteidiger d-v Echtheit be- 
ziehen denn auch unser Orakel, wenigstens \. 1 — u, auf jene 
Belagerung durch Salmanassar. A.ber schon Ewald vermissl 
hiermit Rechl die ganze Mühe. Prachl und schwungvolle Kürze 
Jesajas und denkt daher an einen Schüler desselben, trennt 
aber 15—18 ausdrücklich ab und erklärt es für eine Nachschrift 
aus dem Anfange der persischen Zeit; und in der Abtren- 
nung von i.-»_ is sind ihm die meisten Neuern gefolgt. V. 1— n 
würde ich immer noch am liebsten aus der Zeit der 13jährigen 
Belagerung von Tyrus durch Nebukadnezar herleiten, wenn 
nur feststünde, dass das Stück wirklich von Hause aus auf 
Tyrus geht. Da jedoch v. 2 4 u. 12 Sidon genannt wird, so 



§ 24] Jesaja, 17)5 

hat der Vorschlag DüHMs viel für sieh, welcher auch v. s (v. .-, 
i^t Glosse) "üt in ps verwandelt und in dem Ganzen eine Elegie 
auf die grauenhafte Zerstörung von Sidon durch Artaxerxes III 
Ochos 348 sieht: dieselbe sei dann nach der Zerstörung von 
Tyrus durch Alexander d. Gr. zu einem -ist xira abgebogen 
worden. Der auch von Cheyxe noch festgehaltene jesajani- 
selie Kern von v. i—u ist eben so unklar und unfasslich, wie 
bei Kap. 19. 

14. Kap. 24 — 27. Ein furchtbares Weltgericht auf Erden 
und im Himmel, welches die Scharen der Höhe und die Könige 
auf Erden in Jahves Gefangenschaft bringt und welches sich 
dabei namentlich über Moab entlädt, bahnt das Reich der 
Herrlichkeit Jahves auf dem Zionsberge an : alle Sünder und 
Heiden werden ausgerottet, während beim Schalle der grossen 
Posaune alle Versprengten Judas gesammelt und selbst die 
Toten Israels wieder ins Leben zurückgerufen werden, um an 
dem Reiche der Herrlichkeit Jahves teilzunehmen. Diese Ka- 
pitel haben schon äusserlich sehr viel Eigenartiges: Stil und 
Diktion sind meist gesucht und geziert, die Häufung von Pa- 
ronomasien und seltenen Ausdrucksweisen und sonstige rhe- 
torische Kunstmittel sollen ersetzen, was der Rede an Kraft 
und Nachdruck gebricht. Auch die in ihr niedergelegten Vor- 
stellungen und Ideen sind höchst eigenartig. Biblisch theolo- 
gisch gehören diese Kapitel zu den merkwürdigsten Stücken 
des AT: keinem anderen prophetischen Abschnitte ist der 
Charakter des Apokalyptischen so entschieden aufgeprägt, als 
gerade ihnen. Man kann sich keinen grösseren Kontrast den- 
ken, als diese Kapitel und die unzweifelhaft authentischen 
Reden Jesajas. Und so sind denn auch gerade sie schon lange 
und mit grosser üebereinstimmung Jesaja abgesprochen wor- 
den. Aber auch hier muss zuerst die Frage nach der literari- 
schen Einheit aufgeworfen werden. Es helfen sich nämlich 
aus dieser Apokalypse eine Anzahl von Lyrischen Intermezzis 
ab, von deren erstem 25 i ., schon EWALD richtig erkannt hat, 
dass es den Zusammenhang zwischen 24 28 u. 25 6 sprenge. In 
dieser Richtung ist dann DüHM konsequent weiter gegangen 
und erhält in :Mi— ■>■.: 25e-8 26 20— 21 27 i 12—13 eine einheit- 
liche Apokalypse, welche den Grundstock von 24- '21 bilde: 
sie sei geschrieben im Todesjahr des Antiochus VII Sidetes 
1:28; die lyrischen Intermezzi^, denn raffende Stadt das von 



174 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

Johannes Hyrcanus zerstörte Samaria sei, müssten dann etwas 
später fallen. Aber mir wie Ciieyne scheint diese Auffassung 
durch die Geschichte des Kanons ausgeschlossen. Zudem hat 
BOEHMER sehr ansprechend eine neue Einteilung vorge- 
schlagen und 24 1 — 23 25 <;— s und 26 0—21 27 1 12 1$ als zwei 
besondere Stücke auseinandergenommen. Auf jeden Fall ist 
nur in 24 25 0— 8 eine Situation greifbar. Sein Vf. war jeden- 
falls ein Palästinenser: JH^O 24 5 ist Judäa, nn inn 25 6 7 10 
der Zionsberg; aber auch im Westen auf den Inseln des Meeres, 
d.h. dem griechischen Archipel 24 n— m wohnen zahlreiche 
•Juden und die Schmach des Volkes Jahves ist auf der ganzen 
Erde 25 8 : die Gesamtheit des Volkes wird bezeichnet als Prie- 
ster und Laien 24 2 und Aelteste sind die einzigen Amtsper- 
sonen 24 23. Das sind alles Züge, die uns mit Sicherheit in 
die Zeit nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exile, 
;inf die Gemeinde des zweiten Tempels, weisen und der Ge- 
äamteharakter des Stückes legt es nahe, nicht am Anfang 
dieser Periode stehn zu bleiben. Unser Verfasser schreibt 
offenbar unter dem frischen Eindrucke einer gewaltigen Kata- 
strophe, welche die messianischen und eschatologischen Hoff- 
nungen Israels mächtig entflammte, und wenn diese gewaltige 
Katastrophe von Westen kommt, wenn von den Inseln des 
Meeres her die Kunde ertönt von der Hoheit Jahves, indem 
hierdurch eine völlige Umwälzung alles Bestehenden sich an- 



'.-■ 



bahnt, so wird sich dabei nur an den Siegeszug Alexanders 
d. Gr. denken lassen und das Stück" hätte somit die letzten 
wirren und greuelvollen Zeiten der Perserherrschaft — man 
bedenke nur. wie Ochos in Phönizien und Aegypten gehaust 
und ihren Sturz durch Alexander d. Gr. zum zeitgeschichtlichen 
Hintergrunde. 1'eher die weiteren Bestandteile von 24 — 27 
lässl sich nicht mit ähnlicher Sicherheil urteilen: doch bringl 
auch Chbtne sie gleichfalls in der Epoche Alexanders d. Gr. 
unter. 

15. Kap. 32 u. 33. Schon Kw \i,n hat 33 mit guten Grün- 
den Jesaja abgesprochen und einem Schüler desselben zuge- 
wiesen. Aber dies Urteil ist mit Stadk auch auf 32 auszu- 
dehnen, obwohl DUHM es fast ganz, und Hack.MA.n ;.\. wenn auch 
..nicht ohne Zaghaftigkeit", wenigstens v. 9—90 für authentisch 
zu halten geneigt ist. Die matte und sehr bald schon von 
ihrem Gegenstande abspringende Rede; an die r-:;xu- et: und die 



§ 24.] Jesaja. 175 

nineis niaa 32 9 ff., die auch sonst Spuren von Anlehnung an 
anderweitige Vorbilder zeigt, kann man nur schwer vom Ver- 
fasser von 3 16 ff. herleiten, und eine so nüchtern dozierende 
Begriffsbestimmung, wie die des "'rs und hz: und des rno und 
Oitf 32 g— s rindet sich bei dem echten Jesaja nirgends. Die 
Kapitel sind offenbar darauf berechnet, den Abschluss der echt 
jesajanischen Redegruppe 28—31 zu bilden durch eine Schil- 
derung der Segnungen des messianischen Reiches, welche Auf- 
gabe namentlich 32 1— 5 15—20 durchaus erfüllen. Kap, 33 trägt 
einen mehr apokalyptischen Charakter und mag noch jünger 
sein, als Kap. 32, will aber sichtlich einen Rückblick auf die 
Ereignisse von 701 geben und schliesst so die ganze Sanherib- 
gruppe 28 IY. gut ab. 

16. Kap. 34 11. 35. Ein zusammenhangendes Orakel von 
sehr klarem Inhalt. Das Weltgericht bricht hervor, entlädt 
sieh aber speziell über Edom, als das von Jahve gebannte 
Volk, zur Rache und Vergeltung, um für Zion zu rechten: 
Edom wird zur ewigen Wüstenei, von Pech und Schwefel ver- 
brannt. Dann verwandelt sich die AVüste in einen Garten, 
durch welchen Jahves Erlöste nach Zion zurückkehren , um 
dort in ewiger Freude zu wohnen. Da dies der Gedankenkreis 
Deuterojesajas ist und der Hass gegen Edom namentlich in- 
folge der Zerstörung Jerusalems hell aufloderte, so möchte 
man es in die Zeit vor der Rückkehr aus dem babylonischen 
Exil verlegen. Aber der durchaus apokalyptische Charakter der 
Vorstellungen und der durchaus sekundäre Charakter der Dar- 
stellung nötigt uns. tiefe]' herahzugehn, wenn auch nicht bis ins 
2. Jahrh.: denn oh 34 ie wirklich schon von einem „Propheten- 
kanoii" redet, ist bei der textkritischen Unsicherheit jener Stelle 
mehr wie zweifelhaft. 

17. Kap. 3fi — 39. Ein rein historischer Abschnitt, welcher 
die Belagerung Jerusalems durch die Assyrer und damit gleich- 
zeitige Ereignisse und mehrere bei dieser Gelegenheit ergangene 
Aussprüche Jesajas berichtet. Er findet sich f;ist wörtlich so 
in II Reg L8 13 — 20 m und zwar in einer meistens besseren Re- 
zension: namentlich Kap. 38 ist beides in heillose Unord- 
nung geraten. Die beiden Rezensionen weichen darin ab. dass 
bei Jes das wichtige und hochbedeutsame Stück II Hv<j 18 m— 1.; 
fehlt, und dagegen 38 9—20 ein Psalm des Hiskia steht. : , )(i u. 
37 hat Stade als kein einheitliches Stück, sondern zwei in 



J76 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

einander gearbeitete Bericht«' erwiesen: a) 36 i— 37 9 a , zu wel- 
chem als Abschluss und Erfüllung des Wortes 7 b auch st 1 ' u. 38 
gehören, und b) 37 9 b — 37 a . Trotz einzelner Abweichungen sind 
beides Parallelberichte über die nämlichen Ereignisse, und 
zwar erweist sich a) als der ältere mit einzelnen historischen 
Zügen, b) als der jüngere und durchweg legendarisch, und zu 
ihm gehören auch Kap. 38 u. 39. Aber schon a) muss, wie 
eine Vergleichung von 36 <; mit Ez 29 g f. ergibt, jünger sein, 
als Ezechiel, und mit b) kommen wir dann noch tiefer herab. 
Unter diesen umständen ist natürlich für die in a) u. bi ent- 
haltenen Orakel Jesajas wenig Garantie, und auch das noch 
am ersten in Betracht kommende längere 37 22 ff. ist ein mit 
Anlehnung an jesajanische Worte komponiertes, dem grossen 
Propheten in den Mund gelegtes jüngeres Elaborat, ähnlieh 
wie der „Psalm des Hiskia" 389—20. Auch dieser kann nicht 
authentisch sein. Nichts charakterisiert den Verfasser als König, 
nichts weist darauf hin, dass seine Krankheit in einen für sein 
Land und sein Volk schweren Moment fällt und seine Gene- 
sung ein Unterpfand besserer Zeiten ist, ja bei genauerem Zu- 
sehen ist es gar kein Danklied, sondern Lediglich ein Bittlied 
— noch \. 20 liegt die Rettung in der Zukunft und wird erst 
erhofft. Kerner wäre es schwer zu begreifen, wie dieser ..Psalm" 
in Reg hätte übergangen werden sollen, wenn er schon in 
älterer Zeit als authentisches Lied Hiskias bekannt war. So 

gut Reg zwei Gebete Salomos und all die langen Propheten- 
reden aufgenommen hat, so gut II Reg 19 15— 19 schon ein Ge- 
bel des Hiskia aufgenommen war. so gu1 hätte auch dieser 
Psalm aufgenommen werden können. Dazukommt, dass er in 
Sprache und Gedanken die auffallendste Aehnlichkeit mit Job 
und den jüngsten Psalmen zeigt, also selbsl nicht alt ist. I eber 
den ganzen Abschnitt 36- 39 haben wir zu urteilen, dass in 
Reg seine ursprüngliche Stelle war. und das- er um der in 
ihm enthaltenen Aussprüche Jesajas willen von dort in das 

Buch Jesaja herübergenoramen wurde als Anhang zu der je- 
sajanischeii Redesammlung; dies scheint nach li Chr 32 32 
>chon vor der Zeit des Chronisten geschehen zu sein. Und 
/war in freierer und mannigfach abkürzender Weise. Dabei 
ist das hochbedeutsame Stück II Reg L8 14 -ie offenbar absicht- 
lich Übergangen, weil es in schneidendem Kontraste zu dem 
Folgenden stand, und weil derjenige, welcher den Abschnitt 



§ 24.] Jesaja. 177 

in Jes lierübernalmi, nicht Geschichte schreiben, sondern er- 
baulich erzählen wollte. Der „Psalm des Hiskia" dagegen ist, 
wie schon der heillose textkritische Zustand von Jes 38 zeigt, 
in Jes erst nachträglich eingefügt, als dieser historische Ab- 
schnitt schon einen Teil desselben bildete: man möchte die 
Vermutung wagen, dass er aus jenem Midrasch § 20 9 herüber- 
genommen worden sei. 

Jesaja 40—66. 

18. Mit Iva]». 40 beginnt ein längerer zusammenhängender 
Abschnitt, der ohne Frage zum Grossartigsten und Erhabensten 
gehört, was das ganze AT enthält. Irgend welche Ueberschrift 
hat er nicht, sondern beginnt gleich mit dem Trostrufe: Tröstet 
tröstet mein Volk. Da er in unsren Texten als ein Bestandteil 
des Buches Jesaja erscheint, so hat man ihn denn auch schon 
zur Zeit des JSir für ein Werk des Jesaja ben Amoz gehal- 
ten und gern würden wir dies strahlende Juwel der prophe- 
tischen Literatur Israels dem geistesgewaltigsten unter den 
Propheten Israels zuschreiben. Aber manche unleugbaren 
sprachlichen und sachlichen Berührungen mit Jesaja können 
doch den Blick nicht trüben für die durchgängige Verschieden- 
heit. Diese zeigt sich schon äusserlich in der ganzen Art und 
Weise. Während Jesaja uns überwältigt durch einen nie ver- 
siegenden sprudelnden Reichtum an Gedanken und Bildern, 
sind es hier ein paar Grundgedanken, ein paar Bilder, welche, 
allerdings in stets neuen Wendungen und prunkenden Ein- 
kleidungen , immer wiederkehren ; während Jesaja in erster 
Linie Bussprediger und Gerichtsverkündiger ist, überwiegt hier 
ebenso der Trost; während Jesaja das Endheil in Verbindung 
setzt mit einem idealen Davididen, erscheinen hier Jakob-Israel 
und Zion-Jerusalem als die Trager des künftigen (jottesreich.es 
und das Ganze wird beherrscht von dem, .Jesaja völlig fremden, 
Grundbegriffe des Knechtes Jahres. Aber noch fühlbarer als 
diese Unterschiede in Form und Gedankenwelt ist die Ver- 
schiedenheit des zeitgeschichtlichen Hintergrundes. Während 
für Jesaja Assur im Mittelpunkte seiner Betrachtung steht, 
ist es hier Babel, und zwar wird die Zerstörung Jerusalems 
und des Tempels 44 26 ■>> 45 is, die Wegführung des Volkes 45 ts, 
sein Untergang und seine Gefangenhalt uni: 42 22—25 43 s 47 r, 
durchweg nicht vorausgesagt, sondern vorausgesetzt und 

Grundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. 12 



178 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

Babel 43 u 46 i 47 5—7 48 14 20 als der Tyrann bezeichnet, in 
dessen Kerkern Israel schmachtet. Dies selbst, das Israel des 
babylonischen Exils ist angeredet, an es ergeht der Trostruf 
des Propheten, dass seine Ritterschaft ein Ende habe und seine 
Schuld gesühnt sei und dass es sich rüsten solle zum Auszuge 
aus Babel, denn Jahve kommt mit Macht und Auge in Auge 
werden sie schauen, wie er mit ihnen zurückkehrt nach Zion. 
Die Veranlassung zu dieser trostreichen Hoffnung sind die 
Siege des Cyrus, welche den Untergang des babylonischen 
Weltreiches in nahe Aussicht stellen. Cyrus wird 44-28 45 1— * 
mit Namen genannt, nicht als eine wunderbare geheimnisvolle 
Enthüllung, sondern als eine allbekannte zeitgeschichtliche Per- 
sönlichkeit, auf dessen Taten man auch ohne Nennung des 
Namens nur anzuspielen braucht 41 2— 4 25 45 is 46 11 48 14— 16, 
um sofort von jedermann verstanden zu werden: und dabei 
wird mehrmals mit grossem Nachdrucke darauf hingewiesen, 
dass diese Ereignisse jetzt geschehen als Erfüllung längst ge- 
gebener Weissagungen 41 2c— ■>: 42 9 44« 48 s — 7. Wenn wir 
dazu noch vereinzelte Zeichen jüngeren Sprachgebrauchs nehmen 
und die Tatsache erwägen, dass diese Kapitel sich durchv. 
von Jeremia abhängig zeigen, während kein Schriftsteller von 
Jesaja bis zum Ende des babylonischen Exils die geringsten 
Spuren von Bekanntschaft mit einem so eigentümlichen und 
hochbedeutsamen Geistesprodukte aufweist, so ist der Schluss 
nicht zu umgehn, dass wir hier das Werk eines Propheten aus 
der Zeit gegen Ende des babylonischen Ivxils haben, welches 
nur durch Irrtum oder Zufall mit dem Buche des Jesaja ben 
Anioz vereinig! wurde. Nachdem schon AßEN EsRA diese Er- 
kenntnis in vorsichtig verschleierter Weise angedeutet hat, ist 
sie zuerst 1775 von Döderlein mit aller Bestimmtheit aus- 
gesprochen worden und darf gegenwärtig als Gemeingut der 
ATlicln'ii Wissenschaft betrachtet werden: die Vermittelungs- 
annahme einer echt jesajanischen Grundlage, welche später 
überarbeitet oder durchgehende interpoliert worden sei (Klo- 
stkw.ma.vn, Hhkdkxkami'I i-t völlig anhält ba r : die Tatsachen, 
auf welche sie sich stützt, linden anderweitig eine durchaus 
befriedigende Erklärung. 

19. Man hat sich gewöhnt, diese ganze Redegruppe als 
Deuteroje saja zu bezeichnen und es muss unsre erste 
Frage sein, ob wir sie Einem Verfasser zuschreiben dürfen. 






§ 24.] Jesaja. 179 

Dass zunächst Kap. 40—48, selbst einzelne Eintragungen zu- 
gegeben, im grossen und ganzen ein eng zusammengehöriges 
Stück bilden, ist evident. Beginnend mit dem Trostrufe Trö- 
stet tröstet mein Volk und schliessend mit dem Triumphrute 
Ziehet aus von Babel zeigt sich hier eine Einheitlichkeit der 
Gedanken und des historischen Bildes, dass an der gleichzei- 
tigen Konzeption und Niederschrift dieses Abschnittes nicht 
gezweifelt werden kann. Und zwar ist gerade hier auch die 
historische Situation besonders klar: Babel ist noch Herr- 
scherin 47 i und Zwingherrin Israels 43 n 47 5 — 9 48 u, aber 
( lyrus ist von Gott berufen, seinen Ratschluss an Babel zu 
vollstrecken 41 25 45 13 4G 11 48 u 1:.. Die Art, wie 46 u. 47 
das Schicksal Babels ausgemalt wird, zeigt deutlich, dass der 
Verfasser die Eroberung durch Cyrus noch nicht erlebt hat; 
also ist 538 der terminus ad quem. Andrerseits schwebt Cy- 
rus schon so drohend als Verhängnis über Babel, er hat schon 
so grosse Taten verrichtet, Könige niedergetreten und Statt- 
halter zerstampft wie Lehm, dass wohl die Zertrümmerung 
des lydischen Reiches 546 bereits hinter dem Verfasser liegt, 
und nach dem Sturze des Krösus war der Sturz oder doch 
die Bekämpfung Babels nur noch eine Frage der Zeit. Die 
wiederholte nachdrückliche Erwähnung der Inseln 40i5 41 1 s 
42 in 12 lässt uns auch vermuten, dass die Eroberung von ganz 
Kleinasien mit den griechischen Küstenstädten und Inseln 
schon vollzogen war. Wie diese Ereignisse die Hoffnungen 
der nun schon seit bald einem halben Jahrhundert im Exile 
schmachtenden Israeliten erregen und entfachen mussten, ist 
leicht ersichtlich. Jetzt schien sich zu verwirklichen, was ein 
Jeremia und Ezechiel geweissagt hatten, und der klassischste 
Interpret dieser Stimmungen und Gefühle ist eben unser Ver- 
fasser. Dass er wenigstens zu der Zeit, als er AO — 48 schrieb, 
in Babylonien lebte, kann nicht bezweifelt werden: denn die 
ganze Situation ist mit einer Frische und Unmittelbarkeit ge- 
schildert, wie nur Augenzeugenschaft sie geben kann cf. auch 
EtKlTTEL ZaW 18 lei f. 1898; die Vermutung, der Verfasser 
habe in Aegypten geschrieben (Ewald, Bussen), ist gänzlich 
unhaltbar, aber auch auf Jerusalem und Palästina (Seinecke) 
weist nichts, da Stellen wie 40-i lediglich Personifikation und 
dichterisch lebhafte Vergegenwärtigung sind: das nördliche 
Phönicien bezeichnet Duhm selbst als „eine Hypothese der 

12 * 



180 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

Verzweiflung". 

20. Wenn wir von 40 — 48 an die folgenden Kapitel kom- 
men, macht sich sofort ein wesentlicher unterschied bemerk- 
lich. Die Hauptgedanken jener Kapitel: Gott der allmächtige 
Schöpfer Himmels und der Erden 40 12 —11 22 26 28 44-24 45 7 
12 1« 48 13, der zeitlos ewige 41 4 44 <; 48 12 und alleinige Gott 
der Prophetie 40 21 42 n 44 7 —8 46 9— 11 48 :i— 7, der gerade da- 
durch seine alleinige wahre Gottheit den nichtigen Heiden- 
göttern gegenüber dokumentiert 41 21— 29 42*-n 44 n— 13 45 
2i_25, Jahve allein Gott 43 10 44« 45 5— 6 18 21 26 46 ;• und die 
Nichtigkeit der Götzen und des Götzendienstes 40i8— 22 41 5— 7 
44.1—17 45 20 46 6—7 48 0, Cvrus als auserwähltes Rüstzeug 
Jahyes und die Rückkehr der Exulanten durch die gangbar 
gewordene Wüste 41 17—20 42 le 43 2—7 16 — 21 4820—21 ver- 
schwinden von 49 an mit Einem Male gänzlich oder fast ganz: 
Zion-Jerusaiem und seine Herrlichkeit rückt in dvn Mittel- 
punkt, und an Stelle der Rückkehr aus Babel tritt die Samm- 
lung der in der ganzen Welt zersprengten Israeliten Dach Zion 
4910—1222 568 60 1. Auch die zeitgeschichtlichen Verhältnisse 
liegen nicht so klar, wie bei 40 — 48, und dass die Stimmung 
• •ine veränderte war. konnte man nicht verkennen. Deshalb 
nahm man an, 49 — 66 sei von Dtjesaja nicht in Einem Zuge 
mit 40 — 48 niedergeschrieben, sondern erst später und unter 
gänzlich veränderten Verhältnissen. Aber je schärfer die Un- 
tersuchung eindrang, desto mehr wuchsen von Kap. 56 ab die 
Schwierigkeiten, und so stellte denn DUHM 1892 die These 
auf, dass nur noch Kap. 49 — 55 von Deut eroj esaj a 
herrühren, während 56 — 66 das Werk eines etwa 80 .Jahre 
spätei' schreibenden Autors, des Tritojesaja, sei. und in 
der Tat sind damit die Schwierigkeiten gelöst und 55 10— is 
mit seinem Zurückschlagen auf 40s— 11 rundet als Schluss das 
Ganze vortrefflich ab. Auch in 49 — 55 isl Jerusalem noch 
zerstört L9 ie ff. 51a 52 :» 52 2 54 7 und schmachtet das Volk 
noch im Exile 49a 24 ee 51 is— 14 und liegt die Rückkehr nach 
der llcini.it noch in der Zukunft 52 11- 12 55 12— 13 : aber die 
Freudigkeit und Zuversicht ist gewachsen, die Aufforderung zur 
Rückkehr dringender, die Hoffnung auf die Zukunft glühen- 
der; Dtjesaja schrieb 49 — 55 offenbar unter dem Bindrucke 
des Erlasses, durch welchen Oyrus den Exulanten die Heim- 
kehr erlaubte, und somit einige Zeit später, als 40 — 48. 



§ 24.] Jesaja. 181 

Diesen „Deuterojesaja" nach Namen und Person ermitteln zu 
wollen, ist ein müssiges Unterfangen: er wird und muss ..der 
grosse Ungenannte- bleiben. 

21. Ein Teil von Jes 40 — 55 muss noch besonders be- 
sprochen werden : die sog. E b e d - J a h v e 1 i e d e r. Unter 
diesem Namen fasst man 42 i_: 49 i— 6 50 i— 9 u. 52i3-53i2 
zusammen und hat vielfach geglaubt, sie aus dem Zusammen- 
hange des Dtjesaja loslösen und für selbständige Stücke, sei 
es älter oder jünger als er. erklären zu müssen: einen die ge- 
samte Literatur anführenden Ueberblick über die sehr ver- 
wickelte Geschichte dieser Bewegung bis zum Jahre 1900 habe 
ich ThR 3 im ff. 1900 gegeben und dabei freudig konstatiert, 
dass die von mir stets vertretene ..volle Autorschaft" Dtjesa- 
jas sich durchzuringen scheine; auch die inzwischen neu ver- 
öffentlichten Arbeiten von ESellin Der Knecht Gottes bei 
Dtjes 1901, HRoy Israel und die Welt in Jes 40—55 1903 
und LLaüE StKr 77 sm ff. 1904 haben mich nicht irre gemacht 
cf. dagegen FGiesebeecht Der Knecht Jahves bei Dtjes 1902 
und AZillessex ZaW 24 251 ff. 1904. Es wird dabei bleiben, 
dass die Ebed-Jahvelieder einen integrierenden Bestandteil d£s 
Dtjesaja bilden, von ihm selbst verfasst und ebenso in dem 
Knechte Jahves Israel sehend, wie 41 s ff und an allen dt- 
jesajanischen Stellen ausserhalb der Lieder. 

22. Auch die Literatur über Trito jesaja Kap. 55 
—66 bis zum Jahre 1900 habe ich a. a. O. 4ie ff. aufgeführt 
und besprochen. Dass diese Kapitel nur in Palästina nach 
der Rückkehr aus dem Exil geschrieben sein können, liegl 
auf der Hand: aber die hier geschilderten sozialen und reli- 
giösen Verhältnisse: gewissenlose und selbstsüchtige Aufseher, 
Reiche, welche die Armen drücken und aussaugen, die Ge- 
rechten und Männer der Frömmigkeit dahin, statt dessen sich 
breit machende und ungescheut Götzendienst treibende, oder 
lediglich eine heuchlerische Frömmigkeit ausübende Kinder 
des Abfalls und Gottlose, welchen eine gedrückte Gemeinde 
von zer.sc/t/n//enen Geislern und zermalmten //erzen gegenüber- 
steht, konnten sich in dieser Weise nicht sofort nach der Rück- 
kehr der Exulanten gestalten. Die Zeitgrenze nach unten bildet 
die Reformation Esras und Nehemias, und da die Zustände, 
gegen welche jene Reformation sich lichtete, wie sie auch im 
Buche Maleachi geschildert werden, mit Tritojesaja wesentlich 



182 Spezielle Einleitung. [§ 24. 

übereinstimmen, so lässt Du hm ihn kurz vor der Wirksamkeit 
des Nehemia in Jerusalem schreiben : die falschen Brüder, 
gegen welche er eifert, sind diejenigen Kreise, aus denen später 
die samaritanische Gemeinde hervorging, und er weiss schon, 
dass sie mit einem Konkurrenztempel drohen. Er hat sich in 
Inhalt, Form und Ausdrucksweise wesentlich an Dtjesaja an- 
gelehnt und seine Schrift vielleicht von Anfang an als Fort- 
setzung resp. Ergänzung zu diesem gedacht: Kap. 61 — 66 
könnten ursprünglich vor 56 — 60 gestanden haben. Zwar 
leugnet die Mehrzahl der im Prinzip mit DüHM einigen For- 
scher die Einheitlichkeit von 56 — 66 und möchte in ihm viel- 
mehr eine Sammlung von verschiedenartigen und aus verschie- 
denen Zeiten stammenden Nachträgen zu Dtjesaja sehen; doch 
scheint mir hierzu keine Nötigung vorzuliegen und ich halte 
an Einem Tritojesaja fest. Auf jeden Fall darf die Ueber- 
zeugung, dass 56 — 66 von Dtjesaja loszutrennen und jünger 
als er sind, jetzt als die herrschende gelten. 

Die Komposition des Buches J e s a . j a. 
23. Dass ein Buch, welches so verschiedenartige und aus 
so verschiedenen Zeiten stammende Stücke in sich vereinigt, 
nicht zufällig entstanden und zusammengekommen sein kann, 
liegt auf der Hand. Die gegenwärtige Anordnung macht zu- 
nächst den Eindruck des bunt und planlos Zusammengewür- 
felten: um so unabweisbarer ist die Flucht, nach einer Er- 
klärung derselben zu suchen. Man erkennt bald Spuren von 
gruppenweiser Anordnung: so 6 — 8 Buch der Erzählungen, 
13—23 Buch derMassas, 28—33 Buch der Wehe; auch 2— 4 
mit seinem vollen Schlüsse 4»— e macht den Eindruck einer 
besonderen Sammlung. Die bedeutsame Ueberschrifl 2i ver- 
glichen mit dem finaleartigen Charakter von lim— 12«, deutet 
darauf hin. dass einmal 2—12 eine Sammlung für sich ge- 
bildet haben: auch die ausführliche Ueberschrift 13 1 galt wohl 
dem ganzen Buche der Massas 13 — 23 resp. 27. Erschwert 
wird das Problem dadurch, dass \ on diesen kleineren oder 
grösseren Gruppen keine auf Jesaja selbst zurückgeführt wer- 
den kann, weil sie alle gerade als Ganzes zu viel Nichtjesa- 
janisches enthalten. Weiter als zu diesen Gruppen können 
wir mit Sicherheit nicht kommen: aber doch isl es nicht blos- 
ser Eigensinn, wenn Ich meine, dass l'ür die Bildung dieser 



§ 25.] Jeremia. 183 

Gruppen und für ihre Aneinanderfügimg meine fast allgemein 
abgelehnte Stichworttheorie wenigstens ein Wahrheitsmoment 
enthält. Dass Kap. 1 als Ouvertüre an den Anfang des Buches 
gestellt wurde, begreift sich von selbst, ebenso die Anfügung 



- 



des aus Reg entlehnten historischen Anhangs 36 — 39 an das 
Buch Jesaja 1 — 35, mit welchem damals 40 — 66 noch nicht 
verbunden gewesen sein kann. Für die Disposition von 1 — 35 
.Inda- Jerusalem; fremde Völker ; Judas und Jerusalems Zukunft 
verweist Marti auf das Buch Ezechiel und Jeremia nach LXX. 
24. Dies Jesajabuch mit 1 i als Ueberschrift und 36 — 39 
als integrierendem Bestandteil scheint nach II Chi* 32 32 be- 
reits dem Chronisten vorgelegen zu haben : für JSir 48 -24 ist 
auch noch 40 — 66 untrennbar mit ihm verbunden. Damit 
stehn wir vor dem schwierigsten Problem der Komposition 
unseres Buches, welches nur die Geschichte des Kanons lösen 
kann. Nach sicherer Ueberlieferung war bei den Juden die 
ursprüngliche Anordnung der grossen Propheten: Jeremia, 
Ezechiel, Jesaja, worin sich eine Erinnerung an die Tatsache 
erhalten hat, dass Jesaja als Buch jünger ist wie Jeremia und 
Ezechiel auch bei den kleinen Propheten wird es sich zei- 
gen, dass die Anordnung eine durchaus beabsichtigt chrono- 
logische ist. Dann wäre hinter Jesaja als letzten der drei 
grossen Propheten das anonyme Buch des mit Tritojesaja bald 
vereinigten Deuterojesaja getreten, welches zu umfangreich und 
zu bedeutsam war, um unter die kleinen Propheten eingereiht 
zu werden. Standen aber Jesaja und Deuterojesaja unmittel- 
bar hinter einander, so war der Schritt, sie zusammenzuneh- 
men, um so leichter, als ja 39 g— t Protojesaja schloss mit der 
höchst bedeutsamen Hinweisung auf eine dereinstige babylo- 
nische Katastrophe: so wurde das anonyme Prophetenbuch 
mit dem ihm zunächst vorhergehenden zusammengenommen, 
wie das anonyme Stück Zeh 9 — 14 mit dem ihm vorangehen- 
den Büchlein Zacharjas zusammengenommen wurde. 

§ 25. Jeremia. 

FHitzig KKH 1866 8 . KHGraf 1862. FGiesebkecht IIKAT 1893. 
BDuhm KHCAT 1901. CHCobxill 1905. K.Makti Der Proph Jer ton 
Anatot 1BS9. WEbbt Jeremia und seine Zeit 1902. GJacobi Glossen zu 
den neuesten kritischen Aufstellungen über die Komposition des Buches 
Jer (Kap. t—20) Diss. 1903. Abhandlungen von BStädb in ZaW; zu 1: 



1g4 Spezielle Einleitung. [§ 25. 

23 153 ff. 1903, zu 3 6-ie: 4 i6i ff. 1884, zu 21 und 24-29: 12 8 7 6 ff. 1892, 
zu 32 u_i4 5 na ff' 1885. -- Zu 25 46- 51: FSchwally ZaW 8 n- ff. 1888. 
LHKBleekee Jeremia's profetieen fegen de Volkeren 1894. Textkritisch 
ECosse Diss. 1895. Zu 50—51: CWENägelsbach Der Prophet Jeremia 
und Babylon 1850. KBudde JdTh 23 m ff. sss ff. 1878. Zu 52 : CHCokxiel 
Z;iW4iosff. 1884. Verhältniss zur LXX : FCMoveks De ntriusijlie recen- 
sionis vaticiniorum Jeremiae etc. 1837. JWichelhaus De Jeremiae ver- 
störte Alexandrina 1847. EKühl Dissertation 1882. GCWokkman The 
toxi of Jeremiah 1889. AWStreane The double text of Jeremiah 1896. 
Zur Textkritik: CHCoRNiLL SBOT 1895. FOieseükecut Jeremim Metrik 
1905. 

1. Jeremia, in welchem das israelitische Prophentum 
seine reinste Ausprägung gefunden und seine höchste Vollen- 
dung erreicht hat, stammte aus Anathoth hei Jerusalem 1 i 
29-27 und war der Sohn eines Priesters Hilkia 1 i. den manche 
gewiss mit Unrecht für dieselbe Person mit dem II Reg 22 4 ff. 
erwähnten gehalten haben. .Jeremia scheint auch später noch 
zu Anathoth gewohnt 11 21— 23 und sich erst mit der Zunahme 
seiner prophetischen Tätigkeit dauernd in Jerusalem angesie- 
delt zu haben: nach 32 7—15 37 t>? kann er nicht 1 in dürftigen 
Verhältnissen gelebl haben. Die Berufung und Weihe zum 
Propheten erhielt er im 13. Jahre des Josia I2 253, also 627, 
wo er noch verhältnismässig jung gewesen sein muss 1 0. Unver- 
mahlt geblieben I61— 2, um ganz seinem prophetischen Berufe 
leben zu können, wartete er seines Amtes unter steten Kämpfen 
und oftmaliger Lebensgefahr als feste Stadt und eiserne Säule 
und eherne Minier neuen das ganze Land, die Könige Judas 
und dessen Fürsten, die Priester und das gemeine Volk last 
ein halbes Jahrhundert lang; erst nach der Zerstörung Jeru- 
salems unter den nach dem Morde des babylonischen Statt- 
halters Gedalja nach Aegypten entflohenen Exulanten ver- 
schwindet seine Spur: nach einer durchaus glaubwürdigen üeber- 
lieferung soll der greise Prophet dort unter den Steinwürfen 
der eigenen Volksgenossen Beine grosse Seele ausgehaucht haben. 

2. Das unter Jeremias Namen uns überlieferte Buch un- 
terscheidet sich von allen übrigen prophetischen Schriften durch 
das starke Vorwalten des biographischen Moments: abgesehen 
von Kap. 52 sind 19—20.;, 26—29, 34 u. 3(5—45 rein erzäh- 
lend. In diesen Kapiteln wird völlig objektiv (nur 27 schlägt 
in auffälliger Weise in die Ichform um) von der Tätigkeit und 
den Schicksalen des Propheten berichtet, und die Anschau- 
lichkeit der Schilderung sowie die Menge von zuverlässigen 



§ 25.] Jeremia. 185 

Einzelangaberi machen diese Abschnitte zu einer Geschichts- 
quelle ersten Ranges. Doch ist zu beachten, dass die erzäh- 
lenden Stücke in den übrigen Teilen des Buches, wie gleich 
die berühmte Berufungsvision Kap. 1, durchweg die Ichform 
einhalten, so dass schon hierdurch die literarische Einheitlich- 
keit des Buches in Zweifel gestellt wird. 

3. lieber die Entstehung des Buches selbst sind 
wir durch Kap. 36 in einer Weise unterrichtet, wie über keine 
andere Prophetenschrift. Nach dieser Erzählung hat Jeremia 
23 Jahre lang ausschliesslich mündlich gewirkt und erst im 
4. Jahre Jojakims 605 den Auftrag erhalten, alle Worte, welche 
Jahve bis dahin zu ihm geredet, aufzuschreiben; dies tut er 
durch Yermittelung eines jüngeren Freundes und Schülers Ba- 
ruch, welcher nach dem Diktate des Propheten das Buch nie- 
derschreibt. Ein Jahr darauf wurde diese Rolle bei einem 
außergewöhnlichen allgemeinen Fasten im Tempel verlesen, 
und als Jojakim sie zerschnitten und ins Feuer geworfen hatte, 
liess Jeremia sie durch Baruch nochmals aufschreiben und 
fügte noch viele ähnliche Worte hinzu. Hieraus folgt, dass 
wir aus der ersten Hälfte von Jeremias prophetischer Tätig- 
keit authentische Nachrichten nicht haben, sondern nur ein 
von ihm selbst gegebenes Resume, in welchem er die Grund- 
gedanken derselben möglichst kurz und eindrucksvoll zusam- 
menzufassen bestrebt war: da die ursprüngliche Niederschrift 
an einem Tage dreimal vorgelesen wird, kann sie nicht sehr 
umfangreich gewesen sein. Es würde nun die erste Aufgabe 
der Jeremiakritik sein, diese „Urrolle u aus dem 4. Jahre 
Jojakims herzustellen (STADE GYI lein Anm. ■>), und zu die- 
sem Zwecke scheint es der einfachste Weg, diejenigen Stücke 
auszuscheiden, welche vor jenem Zeitpunkte liegen. Wenn 
wir die erzählenden Abschnitte unberücksichtigt hissen, sind 
dies: 1 2—6 7 — 10 11 — 12.; 25; auch 18 wird noch in jene 
Zeitsphäre lallen. Aber eine nähere Betrachtung der ange- 
führten Redegruppen zeigt, dass sie unmöglich in dieser Ge- 
stalt direkt oder indirekt von dem Propheten selbst herrühren 
können. 3 o— 18 zersprengt den Zusammenhang zwischen 3 .-» 
u. in; 9-2-2— 10m, welches selbst wieder aus drei Reden besteht, 
reisst die unmittelbar einander fortsetzenden Verse 9 21 u. 10 i: 
aus einander: 12 1 steht an einer ungehörigen und unbegreif- 
lichen Stelle: und um dies gleich hier zu bemerken: ähnliche 



]s: ; Spezielle Einleitung. [§ 25. 

Erscheinungen rinden sich auch in den übrigen Teilen des 
Buches Jer, den prophetischen wie den historischen. Wir 
werden also zu der Vermutung gedrängt, dass diese Urrolle 
/war bei der Abfassung unseres jetzigen Buches Jeremia be- 
nutzt wurde, dass sie alter in ihrer ursprünglichen Gestalt 
nicht erhalten ist. 

4. Wir versuchen nun, d i e ü b r i g e n S t ü c k e des 
Buches Jeremi a mit Ausschluss der Orakel gegen fremde 
Völker c hronologisch zu f i x i e r e n. In die Zeit Jo- 
jakims gehören noch: 13 15— 17 20—27; 14—15, die bereits länger 
andauernde Heimsuchungen voraussetzen; 16 2-17 is, dessen 
Grundlage eine zusammenhängende Bede des Inhalts bildet, 
dass trotz scheinbaren Zögerns das Gericht doch kommen 

müsse; 20 7-^-18? 12 7 17, nach II Reg 24- zu erklären, und 

35; von erzählenden Stinken 19 1- 20 e 26 36 35. Der drei- 
monatlichen Regierung Jojachins sind höchstens die Sprüche 
über Jojachin selbst 13 18— 10 u. 22 20— so zuzuweisen, die aber 
auch z. T. schon deutlich hinter der Katastrophe liegen. Die 
übrigen Bestandteile des Buches würden dann der Zeit Ze- 
dekias resp. nach der Zerstörung Jerusalems angehören. L7 5— 8 
u.ii sind um ihres allgemeinen Inhaltes willen keiner bestimm- 
ten Zeit und Situation zuzuweisen. 

5. D i e erzählenden Stücke sind nicht von der 
nämlichen Hand geschrieben, wie die Redestücke. So fehlt 
beispielsweise Kap. 1!» die Ausführung des göttlichen Befehls, 
wie sie sich 1.-5 1 — 7 18 1—8 25 i5_i7 32 7—15 35 8—5 stets findet ; 
dem Namen Jeremias wird häufig der ehrende Ä.mtsname x'-'-ö 
zugefügt, was bei den Redestücken nur vereinzelt in Ueber- 
schriften vorkomml 252 322 (46] ls 47 1 tös* 50i): auch in 
der Sprache lassen sieh kleine Verschiedenheiten nachweisen. 
Besonders bezeichnend ist aber das Verhältnis von 26i— e zu 7. 
|)ie> Kapitel isl undatiert, doch kann es keinem Zweifel un- 
terliegen, dass es sich bei ihm um die nämliche Rede und um 
die nämliche Situation handelt, welche 26 1 in den Anfang der 
Regierung Jojakims verlegt: beide Male redet Jeremia im 
Hause Jahves zu ganz Juda bei einer grossen Festversamm- 
lung, beide Male verkündigl er dem Tempel den Untergang, 
und zwar beide Male in der form, dass er ihm das Geschick 
Silos in Aussicht stellt. Dass der nämliche Autor eine hoch- 
bedeutende Rede ersl ausführlich und dann in einem ganz an- 



§ 25.] Jeremia. 187 

deren Zusammenhange in einem dürren und trockenen Refe- 
rate gibt, ist undenkbar. In 7 haben wir die auf Jeremia 
selbst zurückgehende, auch nicht wortgetreue, aber doch den 
vollen prophetischen Geist atmende, Reproduktion jener be- 
rühmten Tempelrede, in 26 i— e ihre kurze Erwähnung bei Ge- 
legenheit des Berichts ihrer Folgen für den Propheten selbst. 
Diese Parallele ist für die Beurteilung der erzählenden Stücke 
höchst lehrreich : der Schwerpunkt in ihnen liegt durchaus auf 
dem biographisch-sachlichen, während die Reden kürzer be- 
handelt, und mehr Resume, als noch so freie Widergabe der- 
selben sind. Da Bariich der ständige Begleiter des Propheten 
und der Schreiber der von ihm selbst veröffentlichten Reden 
war, so liegt es nahe, ihn für den Verfasser dieser Stücke zu 
halten, und gut unterrichtet ist der Erzähler auf jeden Fall 
gewesen ; aber doch enthalten sie gar manche Ungenauigkeiten 
und Dunkelheiten, welche wir einem Augenzeugen nicht zu- 
trauen dürfen. Wir müssen also annehmen, dass Baruchs Auf- 
zeichnungen, in denen er seine persönlichen Erinnerungen an 
den grossen Freund und Meister schlicht und anspruchslos 
niederlegte, anfangs mehr chronikartig, erst später in zusam- 
menhängender pragmatischer Darstellung, uns eben so wenig 
unversehrt erhalten sind, als die Urrolle, sondern eine weit- 
gehende Ueberarbeitung erfahren haben. 

G. Aber auch wenn wir von den erzählenden Stücken ab- 
seilen, kann nicht alles, was wir 1 — 45 lesen, direkt oder in- 
direkt auf Jeremia zurückgehn. AVie Jesaja, so wurde auch 
• las hoch angesehene und viel gelesene Buch Jeremia später 
erweitert und überarbeitet. Am radikalsten in diesem Punkte 
sind die Aufstellungen DüHMs, welcher dem Jeremia selbst 
nur ca. 270 Vierzeiler belässt, alle in dem einfachsten Vers- 
masse abgefasst und in ca. 60 sehr kurze ..prophetische Ge- 
dichte" zerfallend: \<m den biographischen Aufzeichnungen Ba- 
ruchs haben sich nur ca. 200 massorethische Verse erhalten. 
Alles übrige, also fast 2 / 3 des ganzen Buches, sei ein Werk 
von Ergünzern, das Ergebnis einer bis ins 1. Jahrb. fortge- 
setzten rücksichtslosen Diaskeuase; das Buch sei eigentlich 
niemals fertig geworden. Zu ähnlichen, wenn schon nicht ganz 
so radikalen Resultaten kommt auch ERBT ; er unterscheidet 
in unserm Jeremiabuche neben den Denkwürdigkeiten Baruchs: 
Denkwürdigkeiten und Konfessionen Jeremias und prophetische 



188 Spezielle Einleitung. [§ 25. 

Sprüche, alles dieses ein Aggregat von kleinen und kleinsten 
Stücken. Eine eingebende Auseinandersetzung mit beiden gibt 
mein soeben im Drucke befindlicher grosser Jeremiakommentar, 
auf den ich verweise. Meines Eracbtens haben DüHM und 
Erbt der Erzählung Kap. 36 nicht genügend Kechnung ge- 
tragen. Die Urrolle vom Jahre 605 konnte, auch wenn ältere 
Aufzeichnungen dabei benutzt wurden, nicht ein blosses Buch 
der Lieder, nicht eine Sammlung von kurzen Fragmenten sein, 
sondern musste bereits B u c h Charakter tragen, also das Er- 
gebnis einer gestalte n d e n u n d r e d i gi e r e n den T ä- 
t i g k e i t Je r e m i a s selbst sein. Im einzelneu hat 1 )UHM 
zweifellos erwiesen, dass eine Ueberarbeitung des ganzen Bu- 
ches in weit eingreifenderer Weise, als man bisher meist an- 
nahm, stattgefunden hat: aber für so verzweifelt wie er, kann 
ich die Sache nicht ansehen. Von Kedestücken glaube ich 
völlig preisgeben zu müssen nur Kap. 30 u. 33, dessen zweite 
Hälfte LXX fehlt: sonst haben wir in 1—25 u. 31—32 überall 
wenigstens eine echte Grundlage und auch recht beträchtliches 
echtes Gut. 

7. Von längeren, in sich geschlossenen, Stücken werden 
allgemein dein Jeremia abgesprochen Kap. 10 i— ie 
und 17 19— 27. Die Rede über die Nichtigkeit der Götzen und 
die Torheil des Götzendienstes 10 1 — le steht zunächst völlig 
isoliert da, indem 10 i; die unmittelbare Fortsetzung von 9 21 
ist. Ferner zeigt LXX Verschiedenheiten: abgesehen von 
kleineren Differenzen li.it sie b — 8 u. 10 nicht und stellt <■< zwi- 
schen 5 a « u. 5 B ß. Vor allem ist das Verhältnis zu den ent- 
sprechenden Stellen bei Deuterojesaja bedeutsam, von welchen 
es sich zudem fragt, ob sie dort nicht Bpätere Erweiterungen 
sind: liier kann die Abhängigkeit nur auf seifen von Jer 10 
liegen. Da zudem durchgängig das Volk als unter Heiden 
lebend und der Versuchung zum Götzendienste ausgesetzt er- 
scheint, so wird die ganze Perikope ;il- eine junge, an eine 
ziemlich ungeschickte Stelle gekommene [nterpolation anzu- 
sehen sein, vielleicht im Anschlüsse an 922—23, aufweiche 
Stelle 10 1 1 zurückgreifen könnte. Der in „chaldäischer" 
Sprache geschriebene v. 11, welcher deutlich 10 u. 12 ausein- 
anderreisst, muss als noch späterer Einschub ausgeschieden 
werden. — Die Perikope über Sabbathheiligung 17 19—27 trägt 
den Stempel der Dnechtheit an der Stirne. Zwai SpraChge- 



§ -25.] Jeremia. [s<.\ 

brauch und Phraseologie sind im allgemeinen entschieden jere- 
mianisch, aber ihr Inhalt steht in handgreiflichem und schnei- 
dendem AYiderspruehe zu der prophetischen Theologie Jere- 
lnias, der den Sabbath sonst nirgends auch nur erwähnt und 
der unmöglich an ein solch äusserliches opus operatiini der- 
artig glänzende Verheissuugen geknüpft, ja geradezu den Fort- 
bestand Judas und Jerusalems von ihm abhängig gemacht ha- 
lten kann. Wir werden unwillkürlich erinnert an Neh 13 15 
—22 ; angesichts des unleugbar jeremianischen Kolorits können 
wir nur annehmen, dass etwa ein Gesinnungsgenosse Xehemias 
diese Predigt Jeremia in den Mund gelegt habe. 

8. Kontrovers sind Kap. 30 und 31. Dass Kap. 30 
aufzugeben sei. wurde bereits £ X. 6 bemerkt; Kap. 31 in toto 
haben Stade und Smexd dem Jer abgesprochen und für se- 
kundär res}», nachexilisch erklärt. Dagegen hat schon GlESE- 
BRECHT mit Glück protestiert und für 31 einen wesentlichen 
Kern als jeremianisch angesprochen. In seiner ersten Hälfte 
enthält es ein Orakel aus der ersten Periode der prophetischen 
Tätigkeit Jeremias über die AYiederherstellung Ephraims, wie 
auch DüHM urteilt: das Stück wurde durch spätere Ueber- 
arbeitung zu einer Heilsverheissunu' für Gesamtisrael ausge- 
baut, welche bestimmt war, den Abschluss der Reden Jere- 
mias zu bilden. Hinter 31 22 scheint mir noch das berühmte 
< )rakel von dem neuen Bund 31—34 unanfechtbar. 

Orakel gegen die fremden V ö 1 k e r. 

9. Eine besondere Betrachtung erheischt die Gruppe von 
Reden gegen fremde Völker, welche wir jetzt 46 — 51 lesen. 
und von dieser ist nicht zu trennen Kap. 25. Dass zunächst 
25 i—i4, in welchem ausserdem LXX stark abweicht, bis zur 
völligen Unkenntlichkeit des ursprünglichen Sinnes überar- 
beitet ist, hat SCHWALLY überzeugend dargetan. Nehmen wir 
mit ihm v. 1-13 .-> :— m u b nach LXX und is* ;ils Grundstock an, 
so erhalten wir eine Drohung aus dem 4. Jahre Jojakinis, dem 
Jahre der Schlacht von Karchemisch, welche über das Schick- 
sal Vorderasiens entschied, dass Jahve zur Strafe für den fort- 
setzten Ungehorsam gegen das prophetische Wort Juda 

durch ein Volk aus Norden züchtigen und zu einer 70jährigen 
Dienstbarkeit unter die Heiden führen werde. Da nun di< - 
Katastrophe nicht Juda allein. Bondern ganz Vorderasien und 



190 Spezielle Einleitung. [§ 25. 

vor allem Aegypten treffen wird, so erhält der Prophet den 
Befehl, allen diesen Völkern und ihren Königen und Fürsten 
den Zorneskelch Jahres zu kredenzen. V. 25—29 hat GrEESE- 
BKECHT, v. :io_:sn SCHWALLY mit Recht beanstandet: aber gegen 
15— 24 in der reineren Gestalt bei LXX liegt kein triftiger 
Grund vor, und seine Authentie wird durch ein schwerwie- 
gendes literar-kritisches Argument geradezu gefordert. Wie 
kommt es denn, dass das in der älteren Literatur völlig un- 
bekannte und auch Nah 3 u nicht gebrauchte Bild vom Zornes- 
becher Jahves von Jeremia ab mit Einem Male ganz gewöhn- 
lich wird Ez 23 32 f. Thr 4 21 Jes 51 17 ff. Hab 2 ie Ps 75 9? 
Doch wohl in Abhängigkeit von Jer 25. Vgl. auch 13 12—11. 
10. Die Ausführung dieses Befehles ist handgreiflich die 
Redegruppe 461—12 47—49, in welcher Aegypten 46 1 — 12. 
Philistäa-Phönikien 47, Moab 48, Ammon 49i— 6, Edom 49 
7—22, Damaskus 49 2:1— 27, Kedar-Hazor 49 28— 33 und Elam 49 
•54— 39 der unmittelbar bevorstehende Untergang verkündigt wird, 
und zwar bei Philistäa-Phönikien 47 2 und Kedar-Hazor 49 :w 
ausdrücklich, bei (Moab 48 m und) Edom 49 19 bildlieh, bei 
den übrigen wohl stillschweigend, durch Nebukadnezar und die 
( 'liahläer. Aber gerade diese Redegruppe wird von Vatke, 
STADE und am ausführlichsten und entschiedensten von SCHWALLY 
und Duidi .leremia abgesprochen. Doch schon a priori müs- 
sen wir im Buche Jeremia auch Reden wider die Heiden er- 
warten, da kein anderer Prophet so von Anfang an das Ge- 
fühl hat, mit seinem Auftrage auch an die Völker ausserhalb 
Israels gesandt zu sein, wie Jeremia 1 '.-. in 36 2 18 9 ff. vgl. 
auch 27 2 ff. ; und wenn die Ankündigung 25 15— 24 sicher au- 
thentisch ist, so gilit das auch für die Ausführung ein günsti- 
ges Vorurteil. Wir trennen zunächst das Orakel über Elam 
ab, welches durch eine besondere Leberschrifl in die Zeit des 
Zedekia gewiesen wird, also auf keinen Fall in der ürrolle 
gestanden haben kann. Dann erhalten wir gerade sieben Orakel 
gegen fremde Volker. Unter diesen scheinen die beiden letzten 
gegen Damaskus und Kedar-Hazor allerdings so stark die 
Merkmale des Sekundären und der literarischen Abhängigkeit 
zu tragen, dass ich sie auch preisgebe. Dagegen bei den fünf 
übrigen (man beachte hierbei, dass dann neben Aegypten nui 
die vier unmittelbaren Nachbarvölker Israels bleiben, welche 
sich Ez 25 gleichfalls beisammen finden!) liegt die Sache an- 



§ 25.] Jeremia. 191 

ders. Wohl fallen 4S u. 49 7—22 auf durch ihre Länge, aber 

gerade hier sind fremde Weissagungen, namentlich Jes 15 — 16 
und Obadja, so rücksichtslos benutzt, dass kein ernst zu neh- 
mender Autor sie als Ganzes verfasst haben kann. Man wird 
also dazu gedrängt, wie im übrigen Buche Jer, auch hier Ueber- 
arbeitung anzunehmen: auch Giesebrecht hält einen Grund- 
stock von 49: — 1-2 u. 47 ganz für echt. Wenn 46 10 das Ge- 
richt über Aegypten als Rache Jahves erscheint, so ist das 
kurz nach dem Tode Josias und der Wegführung des Joahas 
sehr erklärlich. Eine Stelle wie 48 13 ist für mein Gefühl nur 
vor 586 begreiflich. Ein Hauptargument nehme ich aber aus 
der Unbestimmtheit und Allgemeinheit der Drohungen gegen 
Israels Erbfeinde Moab, Amnion und Edom. Namentlich wird 
ihnen nirgends eine Ausnutzung des Unglückstages Jerusalems 
vorgeworfen ■ die Amnion schuld gegebene Okkupation von 
Gad 49 1 greift auf die Katastrophe Israels zurück, da Gad 
niemals zu .Inda gehört hat; damit sind wir aber unweigerlich 
vor der Zerstörung Jerusalems, ja vor dem Ende der Regie- 
rung Jojakims II Reg 24-2 festgehalten: wie derartige Reden 
unter dem Eindrucke jener Ereignisse lauten, dafür ist der 
Vergleich von Ez 25 u. 35 und besonders von Obadja mit Jer 
49 lehrreich. Dem Ganzen wirft SCHWALLY vor, es sei eine 
Ungerechtigkeit, die Heiden für Israels Sünden büssen zu las- 
sen : Jahve erscheine hier als Rachegott, der die Heiden als 
Nichtisraeliten vernichtet, und als absoluter Herr der Welt 
in einer noch über Ezechiel hinausgehenden Weise. Aber von 
Hache ist nur hei Aegypten aus einem sehr triftigen Grunde 
die Rede, und wenn Jahve den Xehukadnezar herbeiführt als 
Werkzeug seiner Strafe an Juda, so ist es logisch absolut un- 
möglich, die diesen von Jahve gewollten Erfolg vorbereitenden 
und begleitenden Umstände von einer anderen Kausalität her- 
zuleiten: der Gottesbegriff dieser Reden ist durchaus der von 
Jes 10 .-. ff. 18 4 ff. Der ferner gegen die Reden ins Feld ge- 
führte reproduzierende Charakter, ihre Abhängigkeit von an- 
deren prophetischen Stücken schwindet völlig oder schrumpft 
auf das auch bei dem echten Jeremia zu beobachtende M.i^ 
zusammen, wenn wir in ihnen einen vielfach überarbeiteten 
Grundstock annehmen: und der Grundstock der Reden gegen 
fünf fremde Völker ist sicher authentisch und. da 46 5 ff. die 
Schlacht von Karchemisch als bereits geschlagen voraussetzt. 



192 Spezielle Einleitung. [§ 25. 

unter dem ersten Eindrucke dieses überwältigenden Ereignisses 
geschrieben, und gehört demnach bereits der Urrolle an. — 
Das Orakel gegen Elana bildet ein Stück für sich : die unmög- 
lich geratene Ueberschrift rrrn; ■#» r ~;~~- r "-~ r '^~t ist 
nicht zu beanstanden. Aber auch das zweite Orakel gegen 
Aegypten 46 13—28 resp. 26 (die mit den LXX fehlenden un- 
echten Versen 30io— 11 identischen Schlussverse 46-27— 28 sind 
unbedingt zu streichen) hat wohl noch nicht in der i'rrolle 
gestanden, sondern stammt aus der letzten ägyptischen Zeit 
des Propheten: auch an seiner Echtheit ist nicht zu zweifeln. 
denn der mit Unrecht in LXX fehlende v. 26 kann nur vor 
dem Zuge Nebukadnezars nach Aegypten 568 geschrieben sein. 
11. Eine von den Reden gegen fremde Völker haben wir bis- 
her noch gar nicht berücksichtigt : das r a kclgegen Babel 
50 51. Nachdem schon ElCHHOBN und nach ihm viele diese Ka- 
pitel beanstandet hatten, ist namentlich durch BüDDE ihre l'n- 
echtheit so überzeugend dargetan, dass die Echtheil wohl kaum 
noch Verteidiger findet. Man braucht gar nicht auf die Weit- 
schweifigkeit, Gedankenarmul und Inhaltslosigkeit des Stücks, 
welche selbst Kap. 48 noch überbieten, zu verweisen: die literar- 
kritischen Instanzen genügen vollständig. 51 25—26 ist mechani- 
sche Nachbildung von Ez 35 3—5, und auch sonst finden sich viel- 
fach spezifisch ezechielische Ausdrücke und Redewendungen. 
Ferner ist zu beachten eine durchgehende Abhängigkeit von den 
unechten Bestandteilen des Buches Jesaja: 50i6 = Jesl3n: 
5O39—40 eine Kombination von Jes L3 19—22 mit .Ie> 34is— u : 51 10 
ist Jes 34->— 7 nachgebildet, vgl. auch 5027. Besonders eng ist 
ferner das Abhängigkeitsverhältnis zu Deuterojesaja, nicht nur 
in einzelnen Worten und Ausdrücken, sondern in allen Grund- 
gedanken. Einen sicheren Schluss gewähren auch die Berüh- 
rungen mit anderen Teilen des Buches Jeremia selbst: 50i8 
= 4!>i:: 50so wörtlich 49 26 ; 51 1.-,— 1» = IO12— ie; 5010-1.; 
= 49 18 -|- 6 22— 24 + 49 19— 21 mit den aller unentbehrlichsten 
rein äusserlichen Aendernngen dass aber ein Autor in der- 
artiger Weise bei sich selbsl zu Gast gehe, ist undenkbar, und 
wenn vollends 50?" der Stelle 2a nachgebildet, nijpw 50 i b aus 
L4s 17 13 entlehnt, und pro "'■ ebenda aus 31 23 missverstan- 
den ist, so ergibl sich damit das Orakel gegen Babel als das 
von Jeremia selbst abhängige Machwerk eines späteren, und 
gegen diese zwingenden hterarkritischen Distanzen kann auch 



§ 25.] Jeremia. I93 

der von TlELE Babyl.-assyr. Gesch. 480— «2 gemachte Versuch, 
das .Jahr 538 als terminus ad quem festzuhalten, nicht auf- 
kommen. Andererseits ist aber die Anlehnung an Jeremia in 
dem ganzen Stück zu merklich und beabsichtigt, um als blosser 

Zufall gelten zu können. Die Erklärung dieser Tatsache bietet 
das erzählende Schlussstück 51 59—64, dessen Echtheit Budde 
eben so überzeugend dargetan. Nach diesem Berichte hat 
Jeremia im 4. Jahre Zedekias dem mit seinem Könige nach 
Babel reisenden höheren Beamten Seraja ein Blatt mitgege- 
ben, auf welchem die Verkündigung des künftigen Unterganges 
Babels geschrieben war, und ihn beauftragt, dies Blatt in Babel, 
nachdem er es gelesen, an einen Stein gebunden in den Eu- 
phrat zu versenken. Offenbar soll und will 502— 51 58 die je- 
remianische Drohweissagung wider Babel sein, welche Seraja 
damals in den Euphrat versenkt hat; scheiden wir die dies 
besagenden Worte 6o b aus und nehmen eine entsprechende Ueber- 
arbeitung des Ganzen an, so bleibt ein kurzes hochwichtiges 
und historisch interessantes erzählendes Stück übrig, an dessen 
Authentie um so weniger zu zweifeln ist, als eine Erfindung 
der hier berichteten Reise Zedekias in Begleitung eines hohen 
jüdischen Staatsbeamten nach Babel im 4. Jahre seiner Re- 
gierung geradezu als unmöglich bezeichnet werden muss, na- 
mentlich neb. it der 29 3 erwähnten Sendung Eleasas und Ge- 
marjas nach Babel. 

12. Hier ist auch der geeignete Ort, von der abwei- 
c h e n d e n Gestalt d e s B u c lies J e r e 111 i a i 111 h e- 
bräischen Texte u 11 d i n LXX zu reden, die sich in 
den Reden gegen fremde Völker ganz besonders hervorstechend 
zeigt. LAX bringt diese Reden in anderer Anordnung, näm- 
lich: Elam, Aegypten, Babel, Philistäa-Phönikien, Edom, Am- 
nion, Kedar-Hazor, Damaskus und Moab, und an andrer Stelle, 
nämlich hinter 25 13. Was zunächst die Anordnung betrifft, 
so ist diese im hebräischen Texte unbedingt ursprünglicher: 
hier folgen auf die sieben aus dem 4. .Jahre des Jojakim zu- 
nächst die eine aus dem # An lange der Regierung Zedekias und 
dann die ganz späte unechte gegen Babel, durch den echten 
Schills- in das 4. Jahr des Zedekia gewiesen, während in LXX 
Elam nur so an die Spitze gekommen sein kann. d;iss man 
mit ihm Persien, die damals regierende Weltmacht, gemeint 
glaubte; die Rede gegen Babel wurde um ihrer Bedeutung 

Grundriss 11. I. Cornill, ATI. Einleitung. ".. Aufl. 13 



194 Spezielle Einleitung. [§ 25. 

willen, und weil Aegypten-Babel stets als Syzygie der jahve- 
feindlichen Grossmächte erscheinen, hinter die Rede gegen 
Aegypten gestellt; für die Reihenfolge der übrigen sind zwar 
keine inneren Gründe anzuführen, aber die wesentliche üeber- 
einstimmung mit der in beiden Texten gemeinsam überlieferten 
»Stelle 25 10 — 26 spricht auch hier für die Ursprünglichkeit der 
hebräischen Reihenfolge. Die Stellung der Redegruppe muss 
dagegen bei LXX als ursprünglicher anerkannt werden. 20 
i_i3 in seiner jetzigen überarbeiteten Gestalt ist im hebräi- 
schen wie griechischen Texte deutlich die Einleitung zu den 
Orakeln gegen fremde Völker in ihrer Gesamtheit, das ( hakel 
gegen Babel eingeschlossen, oder doch wenigstens im Hinblick 
auf diese unmittelbar folgende Sammlung so gestaltet : ja in 
den Worten D1«3 ['bz] ^ WP KM iftj v. ia hat sich die ur- 
sprüngliche Ueberschrift zu jener Redegruppe auch im hebräi- 
schen Texte noch an unserer Stelle erhalten, welche jetzt 46i 
zum zweiten Male erscheint. Aber ursprünglich ist ihre Stel- 
lung auch schon bei LXX nicht mehr, da sie von Hause aus 
naturgemäss vielmehr nur hinter 25 15—26 resp. ss gestanden 
haben können, dessen prophetisch-rhetorische Ausführung sie 
sind. 

13. Auch sonst sind noch Verschiedenheiten zwischen 
hebräischem und griechischem Text. Vor allem zeigt LXX 
eine durchweg kürzere Gestalt; es fehlen in ihr ca. 
2700 Worte, also etwa '/s des ganzen Buches, während Ueber- 
8chüsse über den hebräischen Text sich verhältnismässig selten 
finden. Und wenn auch bei Stücken wie <S io a ß— 12 30io_ 11 33 14—26, 
die in LXX fehlen, die Nichtursprünglichkeit evident ist. so 
liisst sieh doch die Entscheidung um so weniger a priori geben, 
als gar manche dieser fehlenden Stücke durch Homoeoteleuton 
ausgefallen sind oder doch ausgefallen sein können. Von lun- 
geren scheint mir dies sicher für 11 7 -8 b(X , L7 1 — *, genauer .-,-/. 
u. 51 ii 1 '-!'.': auch für 29 16— 20 u. 3!> 1— m möchte ich, trotz 
grosser sachlicher Schwierigkeiten, das Gleiche annehmen. 
Doch wird eine unbefangene Betrachtung im allgemeinen die 
in LXX gebotene Textesgestall als die reinere und ursprüng- 
lichere anerkennen müssen. Aber von zwei ..Rezensionen" darf 
nicht geredel werden, dazu ist die Uebereinstimmung beider 
Textesgestalten eine zu grosse und ihre Verwandtschaft eine 
zu nahe: wir haben nur zwei verschiedene Ausgaben der näm- 



§ 26.] Ezechiel. 195 

liehen Rezension. 

14. Die Entstehung des Buches Jeremia isi 

eine überaus komplizierte gewesen. Nachdem Jeremia einmal 
im Jahre 605 res]). 604 zur Feder gegriffen, ist anzunehmen, 
dass er auch fernerhin prophetische Reden und ihm gewordene 
göttliche Offenbarungen niederschrieb: bei seinem Tode gab 
es sicher ein Buch der Worte Jeremias 1 1 , welches nun nicht 
mehr verloren gehn konnte. Die Denkwürdigkeiten Baruchs 
haben nach Duhm längere Zeit selbständig existiert als wert- 
geschätzter Bestandteil nicht der prophetischen, sondern der 
historischen Literatur, so dass also die beiden literarischen Grund- 
lagen des gegenwärtigen Jeremiabuches eine gesonderte Ge- 
schichte durchlaufen hätten. Wohl möglich. Aber da hebräischer 
Text u. LXX im grossen und ganzen die nämliche Rezension bie- 
ten, welche selbst erst das Ergebnis einer lange fortgesetzten Dia- 
skeuase sein kann, so muss eineZusammenarbeitung der Jeremia- 
worte mit den Barucherzählungen schon geraume Zeit vor LXX 
erfolgt sein. Doch auch nachdem die griechische Gestalt sieh 
von der hebräischen getrennt hatte, setzte sich bei dieser die 
Diaskeuase noch weiter fort, so dass wir mit dem Abschlüsse 
des Buches Jeremia in seiner hebräischen Gestalt bis ans 2. 
Jahrhundert herabgehn müssen. Diese Gestalt hat noch kein 
Mensch rationell zu erklären vermocht : namentlich Kap. 26 
-36 sind ein ungelöstes Rätsel. Die Jeremiaworte nach LXX 
zeigen dagegen eine planvolle Anlage : 1—25 13 Zeitgeschicht- 
liche Reden an das eigene Volk; 25 15 ff. 46 ff. fremde Völker; 
30—31 Heilsverheissungen für die Zukunft Israels u. Jerusalems. 

§ 26. Ezechiel. 

HACHaevebnick 1843. FHitzio KEH 1847, RSmend 2 1880. ABDavid- 
son 1882. ABebtholetKHCAT 1897. RKbaetzschmabHKAT 1900. AKlo- 
stermaxn StKr 50 sei ff. 1877. HHMeülenbelt De prediking van den 
profeten Ezechiel 1888. LGautieb La Mission duprophete Ezechiel 1891. 
Zu Kap. 27: CMANCHOI JprTh Hissff. 1888. Zur Textkritik: CHCor- 
niij, Das Buch des Propheten Ezechiel 1886. DHMülleb Ezechielstudien 
1895. CHToy SBOT 1899 hebräisch und englisch. Speziell zu 40-48 
PBöttcheb Proben ATlicher Schrifterklärung 1833 sis-ses. KKi n\ StKr 
55 Boi ff. 1882. 

1. Ezechiel war der Sohn eines jerusalernischen Prie- 
sters Buzi und wurde mit Jojachin zusammen ins Exil nach 
Bahel geführt 1 1. Dort wohnte er zu Tel Abib 3 >.-, am 



l:J 



* 



196 Spezielle Einleitung. [§ 26. 

Flusse Kebar 1 3 3 ie ff., verheiratet 24 16— 18 in eigenem Hause. 
Im 4. Monat des 5. Jahres nach seiner Wegführung 1 1—2, 
also im Juli 592, erhielt er durch eine Vision die Berufung 
zum Prophetenamte, dessen er 22 Jahre wartete; das späteste 
Datum seines Buches ist 29 1 7 der erste Monat des 27. Jahres, 
also April 570. Die ganze Art und Weise seiner propheti- 
schen Wirksamkeit macht den Eindruck, als sei er am Be- 
ginne derselhen nicht mehr ganz jung, sondern bereits «'in 
reiferer Mann von wesentlich abgeschlossener geistiger Ent- 
wicklung gewesen. Wiederholt kommen die Aeltesten der Exu- 
lanten in sein Haus, um ihn zu befragen 81 14 1 20 1, aber 
■ ist die Erfüllung seiner Weissagungen durch die Zerstörung 
Jerusalems vermag seinem Worte grösseren Nachdruck zu 
geben. Aon seinen weiteren Lebensschicksalen wissen wir nichts. 

2. Ezechiels Buch zerfällt in drei deutlich geschiedene 
Häuptgruppen. Nachdem als Einleitung li_3is seine Be- 
rufung und Weihe zum Propheten in der grandiosen Vision 
von dem Cherubimwagen Jahves geschildert war. enthält der 
• rste Teil 3 ie-24 27 eine Sammlung von Reden, welche alle 
die bevorstehende Zerstörung Jerusalems zum Gegenstande 
haben und sich die Aufgabe stellen, dies Ereignis als absolut 
notwendig und schlechterdings unabwendbar zu erweisen: es 
ist die Strafe für eine unermessliche Sündenschuld Judas und 
zumeist der gegenwärtigen Generation. Der zweite Teil 25 — 32 
enthält Orakel gegen sieben fremde Völker: Amnion, Moab, 
Edom, Philistäaj Tyrus, Sidon und Aegypten, welche die Be- 
lagern ug und Eroberung von Jerusalem voraussetzen. Der dritte 
Teil 33 — 48 umfasst Reden über die Zukunft [sraels nach der 
Zerstörung Jerusalems, welche 33 21 ein Flüchtling den Exu- 
lanten verkündigt. In diesem dritten Teile hebt sich wieder 
als selbständige Unterabteilung heraus die berühmte Tempel- 
vision 40—48. 

3. Bisher war man der Meinung, dass isagogische Pro- 
bleme bei dem Buch Ezechiel nicht vorlägen. Wohl hatte man 
in 7 1 ff. eine Dublette erkannl und auch einzelne kürzere oder 
lungere Abschnitte wie lo 1 .-—17 24 22— 29 27 •»'' — -.. ' beanstandet, 
aber doch an der wesentlichen [ntegrität des Buches festge- 
halten und dass es uns noch in der Gestalt vorliege, in wel- 
cher es aus der Band seines Verfassers hervorging; und gei- 
stige wie literarische Einheitlichkeit, namentlich eine planvolle 



§ i'ß.J Ezechiel. 197 

Anlage des Ganzen, wareD auch nicht zu verkennen. So 
konnte man sich denn auch nur zu einer Verwerfung des 
Ganzen entschliessen, und Zrxx (Gottesdienstliche Vorträge 
der Juden 1832 157--162, ZDMG 27 676 ff 1873) und SEINECKE 
(Geschichte des Volkes Israel 2 1—20 1884 . welche dies taten. 
wurden mit vollem Eeclite nicht einst genommen. Da hat 
neuerdings KRAETZSCHMAB die Hypothese aufgestellt, das Buch 
Ez sei durch Redaktorenhand aus zwei Relationen zusammen- 
gearbeitet, von denen keine auf Ezechiel selbst zurückgehe: 
eine kürzere, welche von Ezechiel in der 3. Pers. rede (cf. 
1 2 f. 24 24) und die wohl nur ein Auszug sei aus einer aus- 
führlicheren, in welcher Ezechiel selbst das Wort führe. Allein 
da 24 24 Rede Jahves ist, erscheint die 3. Pers. nur in der so 
wie so schwierigen Ueberschrift 1 t — t, während das ganze Buch 
durchaus die Ichform einhält: A'erschiedenheiten, wie die von 
10 8_i7 gegen 1 begreifen sich nicht bei einem ..Auszug", die 
Dubletten schrumpfen bei schärferem Zusehen stark zusammen 
und Parallelen sind bei der Breite von Ezechiels Stil nicht 
befremdlich. Auch die Notiz des Josephus Ant X 5 1. dass 
Ezechiel 0O0 ßißXia hinterlassen habe, darf hierfür so wenig 
verwertet werden, als die des Talmud, dass die Männer der 
grossen Synagoge «las Buch Ezechiels geschrieben hätten. Mir 
M-liointKRAETZscHMARs Zweiquellentheorie nicht genügend fun- 
diert, wenn ich auch die Entbehrlichkeit mancher der von ihm 
statuierten Dubletten und den sekundären ( Jharakter von Stücken 
wie 3 1— '.1 i6 b — 21 bereitwillig anerkenne. 

4. Unabhängig von diesen Fragen ist die nach der 
schriftstellerischen Art Ezechiels. Da der so wich- 
tig* Schluss, die Tempelvision, das Datum des 25. Jahres des 
Exils Jojachins trägt 40 1, so werden wir dieses Jahr, als«» 
den Oktober 572, als den Termin der Vollendung von Eze- 
chiels Buch anzusehen haben. Aber damals hatte Ezechiel be- 
reits 20 .Jahre als Prophet gewirkt und frühere Abschnitte 
seines Buches trauen frühere Daten: das fünfte I2 (3 ie), 
sechste 8 1. siebente 20 1. neunte 21 1, zehnte 2!» 1. elfte 26 1 
30 20 31 1 33 21 (wo der hebräische Text offenbar irrtümlich 
das zwölfte schreibt) und das zwölfte 32 1 1: (und irrtümlich 
33 21) Jahr der Wegführung Jojachins. Da erhebl sich nun 
die Frage: Sind diese Daten lediglich schriftstellerische Fiction, 
so das- das ganz«' Buch im 25. Jahre in Einem Zuge nieder- 



198 Spezielle Einleitung. [§ 26. 

geschrieben ward? Oder stammen die früher datierten Stücke 
wirklich aus der angegebenen Zeit? Hier hat Stade (GY1 2 37 
Anm. 2) sehr richtig darauf hingewiesen, dass die Tempelvision 
in einem höebst wesentlichen Punkte der früheren AVeissagung 
17 22—24 widerspreche. „Diesen Widerspruch in Ezechiels Weis- 
sagungen zu beobachten, ist um deswillen interessant, weil wir 
hier einen bestimmten Fall finden, in welchem Ezechiel eine 
ältere AVeissagung nach jüngeren Erkenntnissen umzugestalten 
verschmäht hat. Es erweckt dies ein gutes Vorurteil dafür, 
dass auch die übrigen Weissagungen, welche vor 586 fallen, 
im allgemeinen getreu reproduziert sein werden." Zu dem 
nämlichen Ergebnisse führt uns auch das merkwürdige Stück- 
chen 29 17—21. Es ist, da 1 1 hier nicht mitzählt, das einzige, 
welches ein späteres Datum trägt, als 40 1 und macht ganz 
den Eindruck einer nachträglichen Einschaltung in das bereits 
fertige Buch. So gut Ezechiel diese Korrektur einfügen konnte, 
so gut stand es in seiner Macht, die so korrigierte Weissa- 
gung ganz zu kassieren oder entsprechend abzuändern, und er 
hat es nicht getan. Allerdings kann 12 12— is wohl nur ein 
vaticinium ex eventu sein; aber die 24 2 33 22 u. 11 1 ft. be- 
richteten Dinge übersteigen doch nicht das Ala^ tatsächlichen 
menschlichen Ahnungsvermögens, resp. des sg. zweiten Ge- 
sichts, und würden, wenn lediglich fingiert, einen schweren 
Anstoss bieten: Kap. 12 und das von Ki'kxkx angezogene 
Kap. 17, welches allerdings so nicht im 6. oder 7. .Jahre Ze- 
dekias geschrieben sein könnte,sind nicht datiert undKRAKTZseii- 
mai: hat gezeigt, dass jedes Datum nur für die unmittelbar 
sich anschliessende Weissagung gut. Auch glaube ich zu be- 
merken, das-, die durch die Datierung aN die ältesten bezeich- 
neten Stücke in Bezug auf schriftstellerische Kunst noch nicht 
ganz auf der Höhe der späteren stehn. Alle diese Erwägun- 
gen nötigen mich zu der Annahme, d;i^ Ezechiel sein Buch 
im 25. Jahre zwar als Ganzes niedergeschrieben und ausge- 
arbeitet hat, aber dazu sich früherer und z. T. viel früherer 
Aufzeichnungen bediente, die er wesentlich unverändert liess. 
Auch sein Buch ist nicht unversehrt geblieben, hat aber re- 
daktionelle Aenderungen nur in beschränktem Alassc erfahren 
und nimmt in dieser Beziehung in der prophetischen Literatur 
eine bevorzugte Stellung ein: leider ist dafür der Text in um 
so schlechterer Verfassung auf uns gekommen. 



§ 27.] Hosea. 199 

An 111. Nach der tahnudi sehen Tradition Baba bathra 14 b war die 
Reihenfolge der drei grossen Propheten: Jeremia, Ezechiel, Jesaja, wie 

sie sieh auch in zahlreichen Handschriften und dem Werke Ochla we 
Ochla findet. Es hat sich hierin offenbar noch eine Erinnerung daran 
erhalten, dass Jesaja als Buch jünger ist, wie Jeremia und Ezechiel vgl. 
L/AGAKDE Svmmicta 1 142. Doch könnte zu jener Anordnung auch der 
Umstand Veranlassung gegeben haben, dass nach der talmudischen Tra- 
dition Jeremia das Königsbuch abgefasst hat, so dass nun so die beiden 
dem Jeremia zugeschriebenen Bücher mit einander vereinigt wurden. 

§ 27. Hosea. 

Kommentare zu den zwölf kleinen Propheten: Hitzig-Steixer KEH 
1886*. JWellhausex Skizzen und Vorarbeiten Heft 5 3 1898. GASmith 
2 Bände 1896. 1898. WNowack HKAT 2 1904. KMarti KHCAT 1904. 
Zu Hosea: ASimson 1851. AWüxsche 1868. WNowack 1880. TKCheyxe 
Hosea trifft /totes etc. 1884. JJPValeton jr Arnos en Hosea 1894, deutsche 
Oebersetzung von FKEchternacht 1898. HOort De profet Hosea ThT 
- ! 345 ff 480 ff. 1890. WRiedel ATliche Untersuchungen 1 i-i 8 1902. JMeix- 
1101.1» Studien (§ 24) e«— ss. Zur Textkritik: JBachmann ATliche Unter- 
suchungen 1894 1—^7. 

1. Hosea, der Sohn eines Beeri, dem die jüdische Tra- 
dition die beiden Verse JesSiü— 20 zuschreibt, war ein Bürger 
des Reiches Israel 7 5 und nach der sehr wahrscheinlichen Ver- 
mutung von Duhm ebenso wie der ihm am nächsten geistes- 
verwandt«' Jeremia von priesterlicher Abstammung. Er trat 
auf unter der Regierung Jerobeams II 1 1 und zwar vermut- 
lich gegen Ende derselben. Unter schwerem häuslichem Un- 
glück I — 3, in welchem er ein Spiegelbild des schweren all- 
gemeinen Unglückes sah, unter Hohn und Spott sowie unter 
grimmigen Anfeindungen und Verfolgungen 9 7— s wirkteer in 
trüber anarchischer Zeit: über seine näheren Schicksale ist 
nichts bekannt. 

2. Das Buch Hosea zerfällt in zwei sachlich und zeit- 
lich schart' geschiedene Teile: 1 — 3 u. 4 — 14, die Volz (§ 24) 
sogar von zwei verschiedenen Propheten herleiten will. 

a) Kap. 1 — 3, über deren Verständnis nach Ewald und 
Wellhausen nicht mehr gestritten werden sollte, sind wesent- 
lich erzählend: der Prophet berichtet sein häusliches Unglück 
und wie eben dies die Prophetie in ihm geboren hat. Die 
Ueberschrift li, in welcher jedoch rrver 'zbn n»j?in )rw cr\v njw 
"irr späterer Zusatz ist, um die Gleichzeitigkeit mit Jesaja. 
anzudeuten, datiert dies Stück in den Tagen Jerobeams des 
Sohnes Jons des Königs ton Israel. Und diese Angabe ist 



200 Spezielle Einleitung. [§ 27. 

richtig. Nach 1 -i sitzt die Dynastie Jehu noch auf dem 
Throne, es wird ihr aber als Sühne für die Blutschuld von 
Jesreel II Reg 9 u. 10 der Untergang angedroht, während die 
Art und Weise, wie dieser Untergang angedroht wird, deut- 
lich zeigt, dass Hosea damals die Katastrophe des Herrscher- 
hauses noch nicht erlebt hatte. Auch dass Kap. 2 nur von 
Israels Hoffart, Ueppigkeit und Reichtum zu erzählen weiss, 
während Heimsuchungen und Strafen noch durchaus in der 
Zukunft liegen, passt einzig auf die Zeit Jerobeams II. 

b) Kap. 4 — 14 eine Reihe von Reden, in welchen eine ge- 
nauere Disposition oder ein strengerer Gedankenfortschritt 
nicht erkennbar ist. Sie bilden wohl ein zusammenhängendes 
Resume der prophetischen Predigt Hosea-. gegen Ende seiner 
Wirksamkeit von ihm selbst niedergeschrieben. Hier ist die 
Situation eine wesentlich andere. Der Prophet weiss von 
Anarchie und Königsmord 7 s— -, ie 10 15: da werden Fürsten 
und Könige eingesetzt, doch nicht von Jahve 84, die deshalb 
auch nicht helfen können L0 3 13 10— 11, sondern samt Sama- 
rien dahingerafft werden 10 7. Statt dessen sucht Israel Hilfe 
bei Assur und Aegypten 5 is 7n 89 12 ■> : Ephraim ist unter 
die Völker geinengt, Fremde fressen seine Kraft , es kriegt 
graue Haare und merkt es nicht 7 7— s 8 s. Hieraus lässt sich 
die Abfassungszeit dieses zweiten Teiles genau bestimmen: 
Hosea hat offenbar erlebt die Anarchie und den wiederholten 
Thronwechsel nach dem Sturze des Hauses .lehn, sowie den 
assyrischen Tribut Menahems 738: dagegen fehlt jede Anspie- 
lung auf die Ereignisse der Jahre 735 und 734, den syrisch- 
ephraimitischen Krieg und die hieran sich schliessende erste 
Invasion Tiglathpilesers und die Lostrennung des Ostjordan- 
landes (s. dagegen 5i ß» 12 i->) und der nördlichen Distrikte: 
„die Assyrer hatten damals schon ihre Tatze auf das Land 
gelegt, alter noch nicht ihre Krallen gezeigt" (Wellhausen 
Skizzen 1 54 1884). Dieser zweite Teil von Boseas Buch isl 
somit niedergeschrieben zwischen 738 und 735, der erste ca. 
745: bekanntlich ist die Chronologie des Reiches [srael ge- 
rade in diesem Zeitraum besonders dunkel. 

3. Das Buch Hosen isl in einer Weise individuell und 
subjektiv, wie kaum eine andere Prophetenschrift. Die Frage 
nach der Authentie kann hier gar nicht in Betracht kommen. 
Aber doch isl es uns nicht rein überliefert in der Ge- 



§ 27.] Hosea. 9()\ 

stalt, in welcher es aus der Hand seines Schöpfers hervorging. 
Zunächst isl sicher 1 t, der deutlich auf die Rettung Jerusa- 
lems unter Hiskia Bezug nimmt, eine ganz plumpe judäische 
Interpolation. Aber noch in einem wesentlichen Punkte hat 
judäische Ueberarbeitung hei Hosea eingegriffen. Sein Zu- 
kunftsbild weiss nichts von einem messianischen Könige aus 
Davids Geschlecht: er kennt nur Jahre und Israel ohne jede 
Mittelsperson und scheint als erster mit Bewusstsein die Kon- 
sequenz aus der Theokratie gezogen zu haben, dass dieselbe 
jedes menschliche Königtum ausschliesse. Jener Grundgedanke 
Jesajas und der an ihn sich anlehnenden späteren jüdischen 
Zukunftshoffnung ist durch Ueberarbeitung auch in Hosea ein- 
getragen, wie Wellhausen und Stade richtig erkannt haben. 
Zuerst begegnet uns diese Anschauung 2 1—3, welches Stück 
ganz handgreiflich den Zusammenhang zwischen 1 9 u. 2 1 
sprengt und zudem 2 2.5 in unglücklichster Weise vorwegnimmt. 
Die auch von KüENEN gebilligte Umsetzung der betreffenden 
Verse hinter 2 25 würde wohl die schwersten Missstände besei- 
tigen, aber 2 25 und 2 2 b — 3 noch unerträglicher aufeinander- 
stossen lassen: zudem kann 2 3 verglichen mit 2 25 niemals 
den Absehluss einer grösseren Rede gebildet haben. Dieser 
judaistischen Ueberarbeitung sind ferner zuzuweisen 3 5 die 
Worte Efbp T"i DK1, welche sich ebenso Jer 30;» finden, und 
in 3 t die entsprechenden Worte "ifc fKl ^bü pK, wodurch zwei 
völlig korrekte und parallele Verse entstehn, und 4 i.-> a , sowie 
die Umsetzung aller bK"W im Parallelismus mit D'-sx 5 10—64 
in ,tt,t; auch Su und die Erwähnungen Judas in 5 .-> 611 u. 
10 11 mögen sekundär sein. Neuerdings ist aber die Kritik 
weiter gegangen und hat Hosea das ganze Moment der er- 
ziehenden Liebe Gottes und der darauf gegründeten Zukunfts- 
hoffnung für Israel abgesprochen, am konsequentesten Marti, 
der 2 i5 b _25, 3 ganz, 5 15— 6 3 11 10—11 u. 142—14 für sekundär 
erklärt, nicht von einer Hand bis in die griechische Zeit zu- 
gesetzt. Es mag sein, dass auch Kap. 2 u. 14 Spuren von 
Ueberarbeitung tragen : aber das Zukunftsbild von 14 begreift 
sieh niemals aus nachexilischer oder griechischer Zeit, und die 
Wiedervermählung Jahves mit der ehebrecherischen und ent- 
weihten Jugendgeliebten haben auch Jeremia und Ezechiel 
nicht auszusprechen gewagt — verweist dieser Gedanke nicht 
kategorisch vor Dt 24 1—4? Auch aus Deuterojesaja konnte 



202 Spezielle Einleitung. [§ 28. 

er nicht herausgelesen werden trotz 54 5 6 ; denn für diesen 
ist Zion nicht geschieden 50 1 und keine Hure und Ehebre- 
cherin. Und wo hätten alle Nachfolger Hoseas die Ueber- 
zeugung hergenommen, dass der Gnadenbund Jahres auch 
durch die schlimmsten Sünden Israels nicht gänzlich zu zer- 
stören sei, wo gleich Jesaja sein aiBT 1 -ikp , welches ihm von 
Anfang an feststand wie ein Dogma, das er niemals zu be- 
gründen das Bedürfnis fühlt? Gegen die Losreissung des 
Kap. 3 von 1 besteht alles zu recht, was AVellhausen über 
das Verhältnis beider gesagt hat cf. auch Stade ZaW 23 im ff. 
1903. Und die Deutung von Kap. 3 auf das abtrünnige Israel 
d. h. das häretische Zehnstämmereich, scheint mir vollends 
undurchführbar: was soll denn die dem Propheten aufgetra- 
gene Ehe mit der gefallenen Gattin eines andern , die doch 
eine Ehe nicht ist? Gewiss bietet das Buch Hoseas gewaltige 
Schwierigkeiten, aber zu so verzweifelten Mitteln braucht man 
deshalb doch noch nicht zu greifen. 

§ 28. Joel. 

KACkednek 1831. AWünsche 1871. AMeex Die Prophetie des Joel 
und ihre Ausleger 1879. EleSavoureux-Baumgaktnek Le prophete Joel 
etc. 1888. HHolzixgek Sprachcharakter und Abfassungszeit etc. ZaW 
9 so tf. 1889. GPkeuss Die Prophetie Joels mit besonderer Berücksichtigung 
der Zeil/rage. Dissertation 1891. 

1. Das den Namen des Joel ben Pethuel tragende 
Buch wird in der verschiedensten Weise angesetzt: die Mei- 
nungen gehn um über ein halbes Jahrtausend auseinander von 
Rehabeam Ins auf die letzten Zeiten des persischen Reiches. 
Und doch liegt kaum bei einem anderen prophetischen Buche 
der Sachverhalt so klar zu Tage, als gerade hier. Der Inhalt 
ist kurz der, dass eine Heuschreckenplage, bei deren Beschrei- 
bung deutlich auf Ex IO1-19 angespielt wird, dem Verfasser 
als Vorbote des jüngsten Tages erscheint, welcher dann mit 
allen seinen erwarteten Ereignissen geschildert wird: Zeichen 
in der Natur, Gericht über die Heiden und Erlösung Israels. 

2. Für die Abfassungs zeit Joels sind zunächst ent- 
scheidend 42—3 U. 17. Wenn Jahve mit den Heiden darüber 
rechtet, dass sie sein Volk und Erbteil zerstreut haben unter 
die Nationen, sein Land geteilt und über sein Volk das Los 
geworfen, und wenn in der erwarteten herrlichen Endzeit 



§ 28-] Joel. 203 

Fremde nicht fernerhin das heilige Jerusalem betreten sollen, 
so ist 586 der absolute terminus a quo; auch dass gefangene 
oder geraubte Juden an die Griechen verkauft werden 4 6, 
konnte in der früheren Königszeit unmöglich gesagt werden. 
1 )ie völlige Nichtberücksichtigung Israels sowie die Klage über 
Judenhetzen in Aegypten und Edoin 4i9 nähmen sich gleich- 
falls in vorexilischer Zeit sehr seltsam aus. Aber wir müssen 
von 586 noch ein gutes Stück heruntergehn. Denn Juda-Je- 
rusalem, welches für Joel mit Israel zusammenfällt 2 27 4 2, ist 
bewohnt, der Tempel gebaut und der Dienst an demselben im 
(lange: also richtet sich der Schreiber augenfällig an die Ge- 
meinde des zweiten Tempels. Dazu stimmt, dass das ganze 
Volk in dem Tempel sich versammeln soll und kann In 2 10, 
dass die auf dem Berge Zion geblasene Posaune in dem gan- 
zen Lande gehört wird 2 1, da es sich eben nur um .Jerusalem 
und die nächsten Umgebungen handelt, sowie dass nur Aeltesle 
als Magistratspersonen genannt werden 1 2 u 2 n>. Die Er- 
wähnung von Mauern Jerusalems endlich 2s> führt uns bis auf 
die Zeit nach Nehemia herab. 

3. Für diese Ansetzung sprechen auch schwerwiegende, 
innere G r ü n d e religionsgeschichtlicher, biblisch-theologi- 
scher und literarkritischer Art. Vor allem das gänzliche Fehlen 
der prophetischen Rüge. Zwar ruft Joel zur Busse 2 12—13, 
aber vergeblich suchen wir eine Bestimmung oder Andeutung 
der Sünden, von welchen sich Israel bekehren soll : von sitt- 
lichen Schäden im Volksleben, von mangelhafter oder unrich- 
tiger Gottesverehrung weiss Joel nichts. Diese Bekehrung und 
Busse soll erfolgen durch Fasten, Weinen and Klagen, eine 
Zusammenstellung, die nur noch Est 4 3 (vgl. auch Neh 1 4) 
vorkommt. Das Unterpfand der Gemeinschaft Israels mit Jahve 
ist ihm 1 '.1 1:1 2 14 das Tan welches er offenbar mit "nc;i !tn:a 
meint, ganz wie bei Dan 811 11 31 12 11. Damit stimmt überein 
der krass jüdisch-partikularistische Standpunkt «Joels. Die 
Heiden sind nicht mehr Gegenstand der Lehre und Predigt, 
sondern lediglich des Zorns und Gerichts, während umgekehrt 
alle Juden Bürger des messianischen Reiches sind: die be- 
rühmte Geistrs;msgiessunn' 3 1—2 ergeht nach dem deutlichen 
Wortlaute jener Stelle nur über alles jüdische Fleisch, und 
dies wird so äusserlich gefasst, dass selbst solche Heiden, welche 
nur als Knechte und Mägde in einem persönlichen Verhält- 



204 Spezielle Einleitung. [§ 29. 

nisse zu dein Gottesvolke stehn, der Geistesausgiessung gleich- 
falls teilhaftig werden sollen. Durchschlagend ist ferner die 
Abhängigkeit Joels von Maleachi : Jo 3; ist offenbar Zitat 
aus Mal 3 23, und auch sachlich gehört .Toel hinter Maleachi, 
da dieser noch vieles zu rügen findet und energisch kämpfen 
nmss um Dinge, welche für Joel schon längst gewohnt und 
eingebürgert sind. 

4. Sprache und Stil Joels sind äusserst glatt und 
fliessend, was die Mehrzahl der Ausleger über sein wahres 
Alter und die grossen inneren Schwierigkeiten und Unklar- 
heiten des Buches getäuscht hat: „aber es ist die fliessendc 
Sprache des Gelehrten, der in der alten Literatur bewandert 
ist, nicht die freie Schönheit der Schöpfungen des Genies" 
(Merx S. 3). Dass trotzdem auch die Sprache Joels deutlich 
den Charakter der spätesten hebräischen Literaturperiode trägt, 
hat Holzinger überzeugend dargetan. Wir haben im Buche 
Joel ein um 400, eher später als früher, geschriebenes Kom- 
pendium der spätjüdischen Eschatologie, wie sie von der schon 
in die Apokalyptik überspielenden jüngeren Prophetie ausge- 
bildet ist: seiner ganzen Geistesrichtung nach gehört Joe! selbst 
durchaus zur Apokalyptik, wenn er auch die äussere Form 
der älteren Prophetie mehr gewahrt hat. als Zacharja und 
Daniel. Der von Rothsteix in der üebersetzung von Driver 
(§ 2 7) unternommene Versuch, Kap. 1 — 2 von 3 — 4 loszu- 
trennen und wenigstens für jene Hede die traditionelle An- 
Setzung zur Zeit der Minderjährigkeit des Jons festzuhalten, 
ist von NOWACK treffend widerlegt. 



■-' 



§ 29. Arnos. 

GBaub 1-847. JHGunnlng De ffodspraken van Arnos etc. 1885. Vai.i- 
■11. n 9. § 27. HOobt De profet Arnos ThT 14 iu ff. 1880. HJElhobbt 
De profette van Arnos 1900. MLoehb Untersuchungen •:•///// Buch Arnos 
BZaW 1901. WRHaepeb The utterances of Arnos arranged strophically 
1901. Riedel (§27)« bo. K Baumann Der Aufbau der Amosreden BZaW 
1903. Meinhold (§ 27) äs— e«. Zur Textkritik: GHopfmann Versuchern 
Arnos ZaW3siff. 1883. AHntsoHi ZwTh Untf. 1901. 

1. A mos \enlieiit darum besondere Aufmerksamkeit, weil 
er der älteste uns erhaltene schriftstellernde Prophet ist. Seine 
Erscheinung hat geradezu etwas Wunderbares und Unbegreif- 
liches, wenn man erwägt, wie alle Gedanken der schriftstel- 
lernden Prophetie uns bereits hier in voller Klarheit und ur- 



§ 29.] Arnos. 205 

quellartiger Frische entgegentreten. Ein schlichter Landmann 
in dem judäischen Städtchen Tekoa, wurde er von Jahve hinter 
der Herde weggenommen , um gegen sein Volk Israel d. h. 
das Zehnstämmereich zu weissagen und ihm zur Strafe für 
all seine Sünden wider Gott und Menschen den Untergang 
und die Wegführung ins Exil durch die Assyrer zu verkün- 
digen. Aus dem israelitischen Reichsheiligtume zu Bethel aus- 
gewiesen, schrieb er in dem Bewusstsein, dass die durch ihn 
verkündigten Worte Jahves nicht hloss für die nächsten Hörer, 
sondern für alle Zeiten geredet seien, seine Weissagungen 
nieder, um sie auch der Zukunft zu erhalten. 

2. Als Zeit seines Auftretens nennt die nicht 
anzufechtende Ueberschrift 1 i die Tage Ussias von Juda und 
Jerobeams von Israel. Und dieser Angabe entspricht der In- 
halt vollkommen. Die äussere Macht und Blüte bei innerer 
Schwäche und Fäulnis, der Reichtum und Uebermut, die Hof- 
fart und Ueppigkeit, das stolze törichte Selbstvertrauen, das 
von einer Gefahr nichts wissen will : alles dies führt uns auf 
die Zeit Jerobeams II, wo über Israel noch einmal ein Abend- 
rot des früheren Glanzes gebreitet lag und man die glorrei-, 
chen Tage Davids wiedergekommen wähnen konnte. Und zwar 
werden wir uns nicht am Anfange, sondern in der Mitte oder 
der zweiten Hälfte der langen Regierung Jerobeams befinden, 
da nach Gm seine Kriegstaten und Eroberungen bereits voll- 
bracht und abgeschlossen sind. Das würde ca. 760 — 750 er- 
geben. Darauf führt uns noch eine andere historische Erwä- 
gung. Wie das Yernichtungsgericht über alle Völker ringsum 
ein Nachhall ist des grossen Zuges Ramänniräris III 797, so 
scheint das Gefühl der unheimlich drohenden Nähe der As- 
syrer auch die Ereignisse von 773 — 767 vorauszusetzen, wo 
dreimal kurz hinter einander assyrische Heere am Libanon 
standen; noch genaueres würde aus 89 zu schliessen sein, wenn 
Arnos hier wirklich die grosse Sonnenfinsternis von 7(J3 im 
Auge hätte. Ein weiteres Indizium ergibt die Bekanntschaft 
Hoseas mit Arnos cf. Hos 4is 5 s 10 .-> mit Am 5 5, so dass 
wir diesen wohl näher an 760, als an 750 setzen müssen. 

3. Das Buch des Arnos, dessen spätere Niederschrift 
schon aus li deutlich hervorgeht, zerfällt in zwei Teile, welche 
eine planmässige schriftstellerische Anordnung beweisen. 1—6, 
wobei wieder 1 u. 2 als Ouvertüre abgesondert werden können, 



206 Spezielle Einleitung. [§ 29. 

haben wir durchaus Reden : 7 — 9 enthält durchweg Visionen, 
unterbrochen von dem historisch unschätzbaren erzählenden 
Stücke 7 10 — it. Diese Visionen mögen in Wirklichkeit ziem- 
lich ebenso zu Bethel .gesprochen und infolgedessen jener Kon- 
flikt mit dem Oberpriester Amazja entstanden sein: doch i-t 
das Ganze offenbar ein durchaus freies Resume bezw. weitere 
Ausführung des von ihm in mündlicher Rede Verkündeten. 

4. Da das Buch des Arnos ein rein schriftstellerisches 
Produkt ist, so lag es am nächsten, es auf den Propheten 
selbst zurückzuführen. Aber diese Anschauuni;- ist in neuester 
Zeit lebhaft bekämpft worden. Namentlich HAEPEB, Loehr 
und Batmanx haben auf Grund metrischer und strophischer 
Erwägungen für das Buch Arnos eine ürgestalt angenommen, 
nach welcher die überlieferte Form desselben nur das Ergebnis 
einer fast gewissenlos zu nennenden Diaskeuase sein könnte. 
Es soll zugegeben werden, dass bei Arnos nicht alles so klar 
und einfach liegt, als man bisher meist annahm, dass man z. B. 
84—11 eher innerhalb 3 — 6 erwarten würde. Aber ist es denn 
m> unbegreiflich, wenn zwischen der Ankündigung des Endes 
81—2 und seinem Vollzuge 9i ff. noch einmal die hauptsäch- 
lichsten Sünden und Schäden [sraels rekapituliert werden? 
Und Kap. 3 u. 5. über deren Trümmerhaftigkeit und Ver- 
wirrung Xdwack und Baoiaxx besonders klagen, hat Loehb 
fast 1 ganz in der überlieferten Anordnung belassen. Ausser- 
dem bat jene Annahme zu ihrer Voraussetzung, dass die Reden 
.les Arnos von ihm selbst einzeln als Flugblätter veröffentlicht 
oder gar nur mündlich überliefert worden seien. Aber was 
für einen Zweck sollte die Veröffentlichung etwa der dem Arno-, 
belassenen secbs zehnzeiligen Strophen von Kap. 1 u. 2. oder 
di'v nackten vier Visionen von 7 !) als einzelnes Klugblatt 
gehabt haben? Wenn Arnos schrieb, dann ist er auch als 
Schriftsteller zu betrachten und ich glaube immer noch, dass 
wir mit einem von ihm verfassten Buche auskommen, welches 
ebenso wenig unverändert blieb, als irgend ein älteres Pro- 
phetenbuch. Längsl als spätere Zusätze erkannt sind 2 i_ 5 

4i:i 5 8— 9 11. 9 6— 6. Die letzten drei Stückchen, aufs engste 

unter sich verwandt und offenbar von der nämlichen Hand 
geschrieben, stören überall den Zusammenhang empfindlich 
und bringen Gedanken, welche Arnos trotz seinem innigen Ver- 
wachsensein mit der Natur und seiner Vorliebe für Bilder aus 






§ 30.] Obadja. 207 

dem Gebiete derselben fremd sind: ein ganz ähnlicher Zusatz 

findet sich auch Hos 13 -i LXX. Und 2 t—.-. sticht so merk- 
würdig ab von den plastischen und konkreten Vorwürfen gegen 
die übrigen Völker und besteht lediglich aus ganz allgemeinen 
und so spezifisch deuteronomistischen Phrasen, dass es nur 
ein späterer Interpolator geschrieben haben kann, der selbst 
bei der Gerichtsandrohung Juda im Munde eines wahren Pro- 
pheten nicht vermissen wollte. Auch die von Wellhausen 
gegen 19— 1011— 12 4i2 b u. 811—12 geäusserten Bedenken sind 
mindestens höchst beachtenswert. P'* 6 1 befremdet, da Arnos 
sonst nirgends auf Juda irgend welchen Bezug nimmt: man 
müsste denn gerade mit WELLHAUSEN, welcher auch 62 streicht, 
den v. 14 so ändern, dass er die Südgrenze Judas anzeigt. Da- 
gjen wird nach AYellhausexs Auseinandersetzung niemand 
mehr die Authentie des Schlusses 9 8— 15 behaupten wollen: 
hier ..hat ein späterer Jude die Coda angehängt und den 
echten Schlu>s verdrängt, weil er ihm zu hart in die Ohren 
gellte.'- Auch sonst mag noch überarbeitet sein. Der Ver- 
such ELHORSTs . das Buch Arnos für ein Pseudepigraph aus 
dem Anfange der Regierung Josias zu erklären, ist lediglich- 
ein Kuriosuni. 

§ 30. Obadja. 
CPCaspari 1842. Graf Jeremia (§ -Jö) 559 __563. 

1. Das den Xamen Obadj a tragende Buch ist die kleinste 
prophetische Schrift, bietet aber trotzdem verwickelte isago- 
gische Probleme. Inhalt und Situation des Buches scheinen 
zunächst durchaus klar. Es wird Edom ein furchtbares Straf- 
gericht verkündigt für seine an Juda begangene Verräterei 
und Schändlichkeit: am Unglückstage Jakobs, als Fremde in 
Jerusalem eindrangen und das Los über es warfen, war Edom 
wie einer von ihnen. Deshalb soll Edom für ewig untergehn. 
während Israel in alter Herrlichkeit wiederhergestellt wird. 
Dass v. 11—14 eine Schilderung der Eroberung Jerusalems durch 
Nebukadnezar sind, liegt auf der Hand, und so scheint denn 
für unser Buch ein sicherer terminus a quo, nämlich 586. ge- 
geben zu sein. 

2. Aber da muss erst das Verhältnis von Obadja 
zu Jeremia 49 7—22 festgestellt werden. In jenem jeremia- 
nischen Orakel gegen Edom finden sich nämlich eine Reihe 



208 Spezielle Einleitung. [§ 30. 

der auffälligsten Berührungen mit Obadja. Es ist Ob 1 = Jer 
49 i4 ; 2 = 49 js ; * a = 49 ie a ; 4 = 49 n; ,J ; 5 = 49 » ; s = 49 io a ; 
s — 49 t ; 9 a = 49 22 b . Vergleichen wir diese ParallelsteUen 
mit einander, so muss zugegeben werden, dass im grossen und 
ganzen sich die Wage auf Seiten Obadjas neigt. Vor allem 
zeigen die Verse bei Obadja einen durchaus logischen und 
guten Zusammenhang und ursprüngliches Gefüge, während wir 
bei Jeremia disjecti membra poetae mosaikartig in Eigenes 
eingesetzt finden. Durchschlagend ist der 4!» ie verglichen mit 
( )lj y _4, wo die zwei Verse I Ibjadas ziemlieh rauh in einen 
zusammengezogen sind und namentlich das bei Objada völlig 
motivierte ß'fB bei Jeremia gänzlich in der Luft schwebt. 
Demnach müssten wir annehmen, dass Jeremia den Objada 
nachgebildet und vor sich gehabt habe: aber die fragliche 
Weissagung Jeremias stammt aus dem 4. Jahre Jojakims, ( )badja 
frühestens von 586, so dass nichts anderes übrig blieb, als 
eine beiden gemeinsame dritte Quelle, einen Urobadja, anzu- 
nehmen, welchen Jeremia ganz frei, unser kanonischer < )badja 
dagegen getreu reproduziert hatte. Und dies empfahl sich noch 
weiter durch die Erwägung, dass angesichts des flagranten 
Widerspruchs zwischen v. ; u. 18 Obadja keine literarische Ein- 
heit sein konnte. So Ewald. 

3. Da hat GlBSEBBECHT, der in Jer 4!) 7—22 auch einen 
echten Kern annimmt (§ 25 io), darauf hingewiesen, dass ^ich 
die Entlehnungen aus Obadja durchaus in den sekundären 
Teilen von der 49 finden, also diese Instanz zur Bestimmung 
des Urobadja wegfällt. Die definitive Lösung verdanken wir 
\\ i;jj.HAisi;x, welcher in l— s 7* io— 11 is— u i.V' den Urobadja 
sieht, ihn mit Mal 1 2—5 kombiniert und beide auf die Ver- 
drängung der Edomiter durch die Araber bezieht, wenn auch viel- 
leielit nicht auf ganz dieselbe Phase dieses Prozesses, indem 
Obadja etwas früher fiele. Das verweist uns in die eiste 
Hälfte des 5. Jahrh. Die Ueberarbeitung, welche von der ab- 
hängig sein kann, wie Ob 7*ß zweifellos aus der 38 11 stammt, 
verfolgt den Zweck, die zeitgeschichtliche Katastrophe Edoms 
eschatologisch zum Weltgericht über die Heiden und zur Wie- 
derherstellung Israels zu erweitern : ihre Zeit lässt sich nicht 
bestimmen, denn Leider ist \. 20, der einen historischen Anhalts- 
punkt geben könnte, dunkel und handgreiflich verderbt. 



§ 81.] Jona. 209 

§ 31. Jona. 

FKatjusn Liber Jonae prophetae 1862. KBudde ZaW 12 40—42 1892. 
Lediglich ein Kuriosum ist WBoehme Die Komposition des Buches Jona 
ZaW 7 2 » 4 ff. 1887. 

■ I. Im Gegensatze gegen alle übrigen prophetischen Schrif- 
ten enthält das Buch Jona mir Geschichte, ist wenigstens 
ganz in die Form einer geschichtlichen Erzählung gekleidet, 
indem es die wunderbaren Schicksale des Propheten Jona ben 
Amittai berichtet. Ein solcher Prophet aus Gath Hefer in 
Galiläa hat wirklich zur Zeit Jerobeams II gelebt und diesem 
seine Erfolge vorausgesagt II Reg 14 25; da unsre Predigt an 
Ninive ergeht, das assyrische Reich also als noch bestehend 
vorausgesetzt wird, so kann es wohl keinem Zweifel unterlie- 
gen, dass der Held unseres Buches jener historische Jona sein 
soll. Aber dass unser Buch aus der Zeit des Arnos oder Hosea 
stamme, ist schon aus sprachlichen Gründen schlechterdings 
unmöglich : b rrn = fieXXw 1 4, r\ytc 1 5, ngtom 1 6 , rtirij? 3 2, 
düb 3;, \on 2i 4e8, '^w: 1;, 'ht-z 1 12 , |3» 4 10 verweisen 
uns in die späteste Periode der hebräischen Sprachgeschichte ; 
und dem entspricht auch der Charakter der ganzen Darstel- 
lung, die sich an ältere Muster anlehnt: Jon 3 9 = Jo 2 14; 
Jon 4a = Jo 2 13 Ex 34 m Ps 861.-. 103 s, und Jon 4 die Ge- 
schichte von dem "Wunderbaume ist offenbar I Reg 19 der 
Erzählung von Elia unter dem Ginsterstrauche in der Wüste 
nachgebildet. Auch die Art, wie 3 3 von Ninive als einer 
längst verschollenen Wunderstadt aus sagenhaften Zeiten ge- 
redet wird, ist undenkbar bei einem Schriftsteller aus den Ta- 
gen Jerobeams II ; die gehäuften Wunder endlich sind ganz 
im Geschmacke von Chron und Daniel. 

2. Ist die Abfassung des Buches um Jahrhunderte jünger 
als die Person, von welcher erzählt wird, so werden wir bei 
dem eigentümlichen Charakter der Erzählung um so eher 
an eine freie Erfindung des Verfassers glauben, wenn sich 
zeigt, wie diese Erzählung in einer ganz bestimmten Absicht, 
zu einem ganz bestimmten Zwecke gestaltet ist: sollte der Vf. 
auch z. T. mit gegebenem Material gearbeitet haben, so hat 
er sich dasselbe ..doch so assimiliert, dass es sein Eigentum 
geworden ist" Kuenen. Wir haben also eine Parabel vor 
uns, wo die Form der geschichtlichen Erzählung nur dazu 
dient, die ihr zu Grunde liegende Idee doppelt eindringlieh 

Grundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. 14 



210 Spezielle Einleitung. [§ 31. 



und nachdrücklich zur Darstellung zu bringen. Und auch diese 
Grundidee weist uns deutlich in sehr späte Zeit. Sie ist ein 
Protest gegen den giftigen Hochmut des Judentums nachEsra, 
welches darum scheel sieht, dass Gott so gütig ist. und wel- 
ches seinen Glauben zu verlieren Gefahr läuft, weil Jahve die 
Heiden nicht ausrottet und vertilgt, wie es die spätere Pro- 
phetie erhofft und verheissen hat. Dem gegenüber weist das 
Buch Jona in unnachahmlich ergreifender Weise darauf hin, 
dass Gott nicht bloss ein Gott der Juden, sondern auch der 
Heiden ist, dass er als Schöpfer und Herr der ganzen Welt 
auch gegen die ganze AVeit von dem Gefühle der Liebe des 
»Schöpfers zum Geschöpfe beseelt ist. und dass eine derartige 
lieblose und selbstsüchtige Gesinnung, als deren Repräsentant 
mit voller Absicht gerade ein Prophet auftritt, den schärfsten 
Tadel Jahves verdient. Darin liegt die ewige Grösse und 
einzigartige Bedeutung des Buches Jona im AT, der man nur 
die höchste Bewunderung zollen kann, wenn man sich an Ml 
10 5— (» 15 24—26 erinnert. Ob der unbekannte Verfasser bei 
seiner Erzählung einzelne Züge einer Ueberlieferung entnom- 
men hat, lässt sich nicht sagen, ist aber nicht gerade wahr- 
scheinlich, wenn mau erwägt, wie planvoll die ganze Erzäh- 
lung gerade zur Einkleidung und Darstellung für jenen Ge- 
danken angelegt ist. Der Verfasser schrieb frühestens gegen 
Ende der persischen, vielleicht erst in der griechischen Zeit: 
der terminus ad quem ist durch JSir 49 io gegeben. Nach 
Budde wäre unser Buch ursprünglich ein Stück jenes Mi- 
drasch gewesen, den der Chronist exzerpierte §20s und hätte 
dort hinter II Reg 1427 gestanden. 

3. Der ..Psalm- 2s— io, welcher grosse Schwierigkeiten 
macht, wäre dann nach Budde bei der Loslösung aus diesem 
Midrasch von einem Späteren eingeschoben worden, um den 
Wortlaut des v. 2 erwähnten Gebetes zu haben und überhaupt 
eine zusammenhängende Rede des Propheten zu bieten; er 
nahm dazu diesen Psalm, welcher gar kein Gebet, sondern 
Lediglich ein Danklied ist. Hätte der ursprüngliche Verfasser 
ihn frei erfunden, so würde er ihn doch der Situation ange- 
passt, hätte Er bereits ihn entlehnt, so würde er ihn doch 
mindestens erst hinter v. » eingerückt haben. In ihm etwa 
ein echte- Werk de- alten historischen .Jona zu -eben, aus 
welchem sich unsre Erzählung heraus entwickelt habe, ist bei 



§ 32.] Micha, 21 1 

dem literarischen Charakter desselben, der ihn der jüngsten 
Lyrik zuweist, ganz unmöglich. 

§ 32. Micha. 

(TCaspaki Leber Micha den Morasthiten etc. 1852. TRookda Com- 
mentarius in vaticinium Michae 1869. LReixke 1874. TKCheyxe Micah 
etc. 1882. VRtssel Untersuchungen über die Textesgestalt und die Echt- 
heit des Buches Micha 1887. HJElhoest De profette van Micha 1891. 
B8tade ZaYY 1 i6i ff. 1881, 3. ff. 1883 und 4 29 i ff. 1884 gegen WNowack 
ebenda 27 ; ff. Zu 2 4 : BStade ZaW 6 121 f. 1886, zu 1 2 _4 u. 7 7-20 23 i 6 s ff. 
1903. 

1. Wenig ATliche Bücher und Propheten sind so sicher 
bezeugt wie Micha von Moreschet und sein Orakel 3 \> 
durch die merkwürdige Stelle Jer 26 18. Nach dieser hätte 
Micha jenes Orakel gesprochen in den Tagen Hiskias des Kö- 
nigs von Juda. Und wenn auch einer aus dem erzählenden 
Teile des Buches Jeremia stammenden Angabe chronologische 
Beweiskraft nicht zukommt, so wird sie doch tatsächlich rich- 
tig sein: denn Mich 1 — 3 erklärt sich am einfachsten aus der 
Zeit Sanheribs und wäre demnach den Reden Jes 22 1—14 
28 7—31 gleichzeitig. Selbst die Bedrohung Samariens la—i: 
welche, anders als Jes 28 1—4, nur eine völlige Zerstörung der 
Stadt, aber nicht das Aufhören ihrer Selbständigkeit und das 
Ende des Reiches Israel in Aussicht stellt, wäre 701 durchaus 
erklärlich, da «li« ■ Assyrer 722 Samarien nicht zerstört haben. 
In der Ueberschrift 1 1 sind Jotham und Ahas redaktioneller 
Zusatz. 

2. Kap. 1 — 3 sind ein einheitliches Stück, dessen Inhalt 
die Verderbtheit des Volkes, namentlich der herrschenden Stände 
zu Jerusalem, und das hierdurch notwendig gewordene gött- 
liche Strafgericht bildet. Nur 2 12— 13 fügt sich nicht in dm 
Zusammenhang und verrät deutlich späteres Eingeschobensein. 
Es reisst 2n u. 3i auseinander (das TöKJ 3i ist ebenso Gegen- 
satz Michas gegen die Lügenpropheten 2 11 wie 3 8 gegen 3?) 
und sticht in Sprachkolorit und historischer Situation merk- 
lich von seiner ganzen Umgebung ab: hier ist ganz Jakob und 
Israel zerstreut und lnuss erst gesammelt werden, wie eine 
Herde, um dann, wenn in ihre Hürde Bresche gelegt ist, unter 
Führung Jahves und seines Königs in die Tore Jerusalems 
einzuziehen, was handgreiflich der Gedankenkreis und die Vor- 
stellungsweise der exilischen resp. nachexilischen Prophetie ist. 

14 * 



212 



Spezielle Einleitung. 



[§ 32. 



Auch 1 i—4 kann beanstandet werden. Im übrigen gehören 
alier namentlich 2 u. 3 eng zusammen und bilden nach Stade 
drei parallele und stets sich steigernde Redewendungen 2i-:. 
2 8— 3 i (ohne 2 12— i s) u. 3 2—8, welche dann in die furchtbare 
Schlussdrohung 3 ;i— 12 ausmünden. Nach Marti geht nur ls" 
<; 8 (> l»; 2 1— :t 4? 6—11 3i 2° 3 a 4 .v ■_>'' .-.'•_« ii_i-2 auf Micha zurück. 

3. An die Drohung 3 12 schliesst sich nun gänzlich un- 
vermittelt die herrliche Zukunftsverheissung 4 1 ff., welche uns 
schon bei Jesaja beschäftigt liat. Ohne Busse, ohne Bekeh- 
rung von beidem steht wenigstens nichts im Texte — er- 
scheint Zion, welches soeben um der Sünden seiner Bewohner 
willen als Acker gepflügt und zu Waldeshöhen hatte werden 
sollen, als der Ort, wohin alle Heiden wallfahrten, um sich 
Belehrung zu holen über den Gott Israels und auf seinen 
Wegen zu wandeln. Dass dieser Gedanke hinter Deutero- 
jesaja weist, haben wir £ 24e bereits gesehen, lud in der 
Tat sind ganz Kap. 4 u. 5 von Stade aus bisher nicht wider- 
legten Gründen dem Micha abgesprochen und für eine spätere 
Interpolation erklärt worden, welche selbst wieder aus zwei 
zusammenhängenden Stücken bestehe: und auch die Vertei- 
diger der Echtheit dieser Kapitel müssen Mangel an Zusam- 
menhang, befremdliche Stellen und G-edankensprünge zuge- 
stehn, und nehmen grössere oder kleinere Interpolationen an. 
U mit seiner dunklen Rückbeziehung auf Gen 35 21 setzt den 
Untergang des judäischen Reiches, 4io b das babylonische Exil 
voraus; 4ia hat entschieden deuterojesajanisch es Kolorit. Die 
Bezeichnung Bethlehems als Ephrata 5 1 ist nachweisbar ersl 
in ganz später Zeit Gen 35 m 48: Kp. Rt 4 n I Chr 2i9Bo 
und THBK J Sani 17 12 Rt I2 gegen Jdc 12:. I Sani 1 1 I Reg 
11 2c, und seine Charakterisierung als ~ts: nach Neh 7 26 zu 
verstehn. 5 i 1 ' macht nicht den Eindruck, als ob zu der Zeit 
das Haus Davids noch regieri hätte, und 2 u. 3 setzen deutlich 
das Exil Judas voraus. Das ganz beiläufige und selbstver- 
ständliche Aufhören der rrtaxfi und ~~ wx endlich v. 12 führt 
unweigerlich unter das I )t n herab: ihr Zusammennehmen mit 
cb'cs. isl spezifisch deuteronomi8che Wendung 7 .-> 12 •« . Aus 
allen diesen Gründen muss Kap. 4 — 5 dem Micha abgespro- 
chen werden. Nur für 59— is hält Wellhausen an der Mög- 
lichkeil der Abfassung durch Micha fest. 

4. Aber damit ist noch nicht alles getan. Innerhalb 



§ 32. | Micha. 213 

dieser Kapitel sind noch schwere Widersprüche. Schon 
Wellhausen hat richtig gesehen, dass sich 4 to absolut nicht 
mit 4 n zusammenreime; 4:. hinter 4i — i ist höchst befremd- 
lich, 4.;-: sollte zeitlich 4i — i vorausgehn. Endlich ist 5 4-.-. 
die Verwirklichung des messianischen Endheils anders darge- 
stellt, als 2—3. Dagegen bildet 4n die natürliche und gute 
Fortsetzung von 4 i, und 5 c von 5 3. Deshalb hat Stade die 
Stücke 4 i—4 4 ii— 5 :j 5 0-14, die ausserdem durch das Stich- 
wort erfa resp. C"2n üPEB 4 2 3 n 13 5 7 mit einander verkettet 
sind, als Ein geschlossenes Ganzes zusammengenommen: 
Künftighin werden viele Völker zu dir kommen, um Jahve zu 
dienen und sich von dir in seinem Gesetze unterweisen zu 
Lassen; jetzt freilich rotten sie sich in Hohn zu deinem Unter- 
gange und schlauen den Richter Israels auf den Backen : aber 
dann wird Jahve aus dem Geschlechte Davids den niessiani- 
schen König erwecken, der wird den Rest Judas zu Israel 
sammeln und unter seiner Herrschaft werden sie ruhig wohnen, 
und, selbst aller Sünde ledig, die Heiden lehren und brauchen 
-ich nicht mehr vor ihnen zu fürchten, die Widerstrebenden 
wird Jahve selbst züchtigen. In dieses durchaus Geist und An- 
schauungsweise des Ezechiel und Deuterojesaja zeigende Stück, 
welches offenbar von Anfang an dazu bestimmt war, hinter 
Meli 3 12 zu stelin, sind dann 4 5—10 u. 5 i_-, nachträglich 
eingeschoben, nach Stade von der nämlichen Hand, welche 
2 12—13 geschrieben hat. Das erste Stückchen schildert deut- 
lich das babylonische Exil und die Zurückführung aus dem- 
selben; in dem sehr dunklen zweiten möchte man eine Anspie- 
lung auf die Katastrophe Sanheribs sehen. Sie sind nach 
Stades Nachweis eingefügl unter der Voraussetzung, dass dies 
andere Stück von Micha, dem Zeitgenossen des Jesaja, her- 
rühre: näheres über Ort und Zeit der Entstehung beider 
Stücke lässt sich nicht angeben. Beide würden gewinnen, wenn 
man die von einzelnen Forschern für allenfalls echt erklärten 
Stückchen 4 •■< 10" u. ü ausschiede: auch 5 2 macht den Eindruck 
eines später eingeschobenen Hinweises aufJes7u. Dass man 
aber hier überhaupt das Bedürfnis fühlte, zu überarbeiten und 
zu ergänzen, hat darin seinen Grund, dass der Drohwei.^a- 
gung Michas die Kehrseite der Verheissung fehlte, welche 
sonst alle Propheten hinzufügen. 

5. Mit den beiden Schlusskapiteln G— 7 beginnt wie- 



214 Spezielle Einleitung. [§ 32. 

der etwas völlig Neues. Eine dialogisch gelahrte Rechtsver- 
handlung zwischen Jahve und Israel hält diesem Jahves un- 
unverdiente Wohltaten und seine schnöde Undankbarkeit vor. 
Israel weiss, was Jahve von ihm fordert, aber doch wandelt 
man nach den Satzungen Omris und tut die Werke des Hauses 
Ahabs. Und nun folgt eine ergreifende Klage Zions über die 
Verderbtheit seiner Kinder, die das von den Propheten er- 
schaute Gericht unabwendbar macht ; doch nach diesem Ge- 
richte wird Jahve sich über ZioD erbarmen und alle seine 
Sünden in die Tiefe des Meeres weifen. Diese Kapitel hat 
zuerst Ewald dem Micha abgesprochen und für das Werk 
eines unbekannten Propheten aus der Zeit Alanasses erklärt, 
und damit gewiss das Richtige getroffen. Wohl könnte Micha, 
wenn 1—3 um 701 fällt, die schweren Tage unter Manasse 
noch erlebt haben: aber der Geist, welcher namentlich aus 
6 l— 8 spricht, ist doch von Kap. 1 — 3 zu völlig verschieden. 
Wir befinden uns hier schon in der Richtung auf das Dtn 
hin, atmen sozusagen bereits deuteronomische Luft. Die Nie- 
dergeschlagenheit und Willigkeit zu Erkenntnis und Bekenntnis 
der Sünde, wie sie unser Stück wenigstens für die Frommen 
im Volke ohne weiteres voraussetzt, kontrastiert empfindlich 
mit den sicheren Zeugnissen bei Jesaja, und begreift sich nur 
aus einer Zeit, wo die Sünde gegen Jahve und der Abfall von 
ihm offenkundig vor aller Augen lag; die Bereitwilligkeit, seihst 
das Kindesopfer darzubringen für die Sünde der Seele, zeigt, 
dass dieser Brauch damals gäng und gäbe war, nicht nur in 
einem vereinzelten Falle höchster Not vorkam, wie bei Alias: 
auch TBSÖ ci " 7 i setzt eine längere Entwicklung der Prophetie 
und eine ganze Reihe von ünheilsverkündigern voraus, und 
zudem sind es schlimmere Dinge als Leichtsinn und Genuss- 
sucht, Unrecht und Gewalttat, welche hier gerügt werden. Nur 
in Einem Punkte ist die Ansicht Ewalds zu modifizieren. Wie 
NVKIXIIAI'SKN nachgewiesen hat. reisst nämlich mit 7: der 
Faden plötzlich ah und es beginnt etwas ganz Neues. Die an- 
gekündigte Strafe ist Gegenwart: Zion ist gefallen und sitzt 
in der Finsternis, aber sie harrt auf Am Gott ihres Heils, der 
seine eigene Ehre ^cumi die Meiden zu verteidigen hat. und 
der auch ihr Recht schatten wild, nachdem sie als Strafe ihrer 
Sünden seinen Zorn getragen hat. Dann wird Jahve Wunder 
tun, wie beim Auszuge aus Aegypten, die Heiden müssen sich 



§ 32.J Micha. 215 

unterwerfen und ihm dienen, wahrend Israels Sünde ins Meer 
versenkt wird und Jahve die Abraham geschworene Gnade 
ins Dasein treten lässt. Hier befinden wir uns durchaus in 
Ideenkreis und Anschauungsweise des Deuterojesaja: dies Stück 
kann unmöglich aus der Zeit Manasses stammen, sondern 
möchte am ehesten als eine Stimme aus der gedrückten und 
kümmerlichen Zeit der Gemeinde des zweiten Tempels aufzu- 
lassen sein: denn der Ueberrest von Jakobs Erbe wohnt offen- 
bar bereits im Lande, muss aber noch der endlichen Erfül- 
lung von Jahves Verheissungen harren. Wellhausex be- 
trachtet auch 6 9—16 u. 7 i — 6 als völlig isolierte Stücke, von 
denen das erste nicht datierbar sei, das zweite in die Zeit 
Maleachis und einiger Psalmen weise. Aber sie enthalten nichts, 
was die Ansetzung unter Manasse unmöglich machte : nament- 
lich für 7 i_6 sind hinlängliche Parallelen in Jer 5 6 und 9. 
6. Xun ist aber die Frage noch zu erledigen, wie aus so 
verschiedenen und so disparaten Elementen das uns jetzt 
vorliegende Buch Micha entstehn konnte. Hierbei ist 
zu erklären, einmal wie 6 i— 7 6 an das Buch Micha gehängt 
werden konnte, und dann das Verhältnis von 7 7—20 zu den 
früheren Interpolationen. AVas die erste Frage betrifft, so muss 
man annehmen, dass diese Anfügung der Ueberarbeitung von 
1 — 3 vorausgegangen sei: denn 1 — 5 bilden in ihrer jetzigen 
Gestalt ein so zusammenhängendes Ganzes und 5 <;— 14 einen 
so vollen Ahschluss, dass eine Anfügung von 6 — 7 an dies 
Ganze schlechterdings unbegreiflich bliebe. Dass dagegen das 
anonyme Blatt 6 1 — 7 6 an 1—3 gehängt wurde, lässt sieb 
schon verstehn. M3 Wötf 61 stellt sich neben mw&v 3i u. 9, 
und 62 hat eine entschiedene Aehnlichkeit mit I2; dazu er- 
innert der 610— 7 6 besonders freudlos und düster auftretende 
Pessimismus wirklieh an die Art von 2 u. 3. Also der erste 
Schritt zur Entstehung des Buches Micha wird der gewesen 
sein, dass man «Ins anonyme Stück 6 — 7 an 1- 3 fügte, und 
das so entstandene Ganze wurde dann später doppelt über- 
arbeitet. Denn der Verfasser von 7 7—20 kann der Verfasser 
von 4 1 — 1 n—u 5 1—3 6—14 nicht sein, welche Stücke eine sehr 
deutlich ausgeprägte Individualität zeigen, aber mit 7 7—20 
keinerlei Berührungen aufweisen. Dagegen finden sich solche 
allerdings zwischen diesem und den Stücken 2 12—13 4 .-»_ 10 
5 i_5 : so das ausgeführte Bild vom Hirten und der Herde 



2XG Spezielle Einleitung. [§ 33. 

2 12 4 o_7 7 14; die Erwähnung von Assur 5 i 5 7 12 : die Ver- 
heissung der früheren Herrschaft und Herrlichkeit 4s 7 1 1 : 
das Königtum Jahres auf dem Zionsberge 4 7 und die Hul- 
digung der Heiden vor dem Könige Jahve auf dem Zionsberge 
7 17, so dass es wohl nicht zu kühn ist, diese Stücke der näm- 
lichen Hand zuzuschreiben. Kap. 7 hatte von Anfang an 
sicher einen anderen Abschluss — mit 7 6 konnte ein selb- 
ständiges Stück oder ein ganzes Buch unmöglich aufhören : 
hier hat dann die superrevidierende Hand, welche 2 12—13 ein- 
schaltete und die ältere Einschaltung 4 — 5 überarbeitete, dem 
ganzen Buche einen passenden Abschluss gegelten. Ausgehend 
von der Anschauung, dass Mi 4 — 7 Lediglich ein Konglomerat 
verschiedener Weissagungen vorliege, hat Marti die Ensteh- 
ung des Buches Micha so erklärt, dass an seine Urgestalt (s. 
§ N. 2) zunächst nur 4 1-1 u. G b_8, verbunden durch 4.-., ge- 
fügt worden seien: um diese zwei festen Krvstallisationspunkte 
haben sich dann, allmählich anwachsend, verschiedene fremde 
Bestandteile angesetzt. Das gegenwärtige Buch Micha, das 
sich von selbsl in die drei Teile 1 — 3, 4—5 u. 6—7 gliedert, 
habe in seiner Anlage eine auffallende Verwandtschaft mit 
Jes 1—39, 40-55 u. 56—66. 

§ 33. Nahum. 

OStrai ss Nahumi de M/10 niliciniiiin 1853. ABiu.kkkkck und A.h .- 
ia:.Mi.\s Der Untergang Ninives und die Weissagungsschrift des Nahum in 
Beitrüge zur Assyriologie 3 s? ff. Ib95. OHaimm.i. Das Buch des Proph Nah 
1902. Zu Kapitell: HGunkel ZaW 13 sss ff. 1893. GBickell 1894 (Son- 
derdruck aus sw.WV Band 181). WEÄbnold ZaW 21mff. 1901. 

1. Das Buch des Nahum aus Elcese in Galiläa hat den 
Untergang Ninives zum Inhalt und wird so durch die offenbar 
erst später zugefügte erste Ueberschrift ~" "- k&ö durchaus tref- 
fend charakterisiert. Für all die Vergewaltigungen und Miss- 
handlungen, welche das m ->\ rische ^"« »1 Ic über die gail/e \\ elt 
gebracht hat, wird es von dein verdienten Strafgerichte ereilt. 
Die Schilderung dieses < rerichtes isl von hohem ditliyrambischem 
Schwung und gewaltiger dichterischer Kraft, und der ästhe- 
tisch-poetische W< it des kleinen Buches infolge dessen ein 
sehr bedeutender. 

2. Für die Zeit di'v Abfassung des Buches Nahum 
haben wir als ternhnus ad quem <l;is Jahr 606: noch steht 
Ninive, noch seufzt die Menschheit unter seinem eisernen Joche, 



§ 33.] Niihum. 217 

aber heran zieht der Zerstörer 2 •_>. Den terminus a quo gibt 
die Stelle 3 8—io, wo von einer Eroberung und Plünderung 
des ägyptischen Theben die Rede ist. Eine solche hat durch 
die Assvrer zweimal stattgefunden: ca. 670 unter Asarhaddon 

und ca. 662 unter Asurbänipal. Müsste man annehmen, dass 
dies Ereignis noch in frischer Erinnerung war, als Kalium 
schrieb, dem nur die Tatsache einer Bedrohung Ninives und 
der assyrischen Macht die Feder in die Hand drücken konnte, 
so hliehe keine andere Ansetzung als ca. 650, die Zeit des 
grossen Aufstandes Samassumukins von Babel gegen Asur- 
bänipal. Alter dagegen erhohen sich schwere Bedenken. Der 
ganze Tenor des Orakels erklärt sich doch nur aus einer di- 
rekten Bedrohung Ninives, während bei der Bedeutung, welche 
Aegypten stets für Israel hatte, ein Ereignis wie die Erobe- 
rung Thebens fest im Gedächtnis haften musste. Von direkten 
Bedrohungen Ninives kennen wir, da sich gegen die nur von 
Herodot bezeugte erste durch Kyaxares 624 gegründete Be- 
denken erheben, sicher bloss die von 608 — 606, welche mit 
seiner Zerstörung endigte: und für 608 spricht auch die 
feine Bemerkung Bertholets (Die Stellung der Israeliten und" 
Juden zu den Fremden 1896 105 f.), dass Nahum den Fremden 
mit der grössten Animosität gegenüberstehe : für ihn ist die 
Sünde Judas verschwunden und die Sünde der Heiden besteht 
eben darin, dass sie sich an Israel vergreifen — eine deutliche 
Wirkung der Ideen des Dtn. Nahum lebte und schrieb schwer- 
lich in Assyrien selbst und es muss sehr beachtet werden, dass 
von einer Wiederherstellung des Zehnstämmereiches und einer 
Zurückführung seiner Exulanten nirgends geredet wird. 

3. Aber auch Nah bietet Authen tief ragen. Nachdem 
schon beobachtet war. dass in Nah 1 sich Spuren von alpha- 
betischer Anordnung zeigen, und nachdem WELLHAUSEN auf 
das Auftauchen der Sprache der Psalmen und auf die Er- 
scheinung hingewiesen hatte, dass in den Versen 1 12 1 1 
2 2 i ff. Xinive. dagegen 1 n 2 1 :t Juda angeredet werde, hat 
GüNKEL und in selbständigem Zusammentreffen mit ihm BlCKELL 
aus Nah li-n 2i u. 3 einen vollständigen alphabetischen 
Psalm eschatologischen Inhalts rekonstruiert und damit viel- 
fache Zustimmung gefunden. Aber WELLHAÜSEN 3 wendet da- 
gegen mit vollem Recht ein, dass mit 2 2 ein selbständiges 
Orakel nicht anfangen könne und dass kein Grund vorliege, 



218 Spezielle Einleitung. [§ 34. 

1 12 u. 14 von 2 ■> loszutrennen. Von diesem Gesichtspunkt aus 
haben dann Arnold und Nowack 2 das Problem weiter ver- 
folgt: Arnold hat überzeugend noch In, Noavack auch au.io 
für Nahum in Anspruch genommen, -während Marti nur u i i für 
Nah reklamiert und 1 12 anZion gerichtet sein lässt : 1 1—8 13 

2 1 3 sind allgemein aufgegeben. Und gerade bei Nah begreift 
es sich leicht, dass man das Bedürfnis einer Ueberarbeitung 
empfand, indem das religiös-prophetische Moment bei ihm ent- 
schieden zu kurz gekommen war, welches sich lediglich auf 
das zweimalige Siehe ich will an dich, spricht der Herr Zebaoth 

2 u 3 3 beschränkt. 

Anm. Den von Happel unternommenen Versuch, Nahum für ein mit 
Daniel gleichzeitiges Pseudepigraph aus der Makkabäerzeit zu erklären. 
hat Nowack" treffend abgewiesen. 

§ 34. Habakuk. 

FDelitzscb 1848. LReinee 1870. AJBaumgabtneb Le prophete 
Habakuk 1885. OHappel Das Buch des Proph Hab 1900. FEPeiskk Der 
Prophet Habakuk 1903. BStadk ZaW 4 >;,. ff. 1884. IIOokt ThT 25 2& : ff. 
1891. KBudde StKr 66 sss ff. 1893 und The Expositor 1895 372 ff', gegen 
W.IROTHSTi.i.x StKr 67 51 ff. 1894. MLautEHBTJBG Theol. Zeitschr. aus 
d. Schweiz 1896 n ff. 

1. Da in Hab a k u k lv a p. 1 u nd 2 offenbar einer gott- 
losen, frevelhaften Macht, welche zahlreiche Volker gequält 
und misshandell hat, das Gericht verkündigt wird, und da die 
Chaldäer le das einzige mit Namen genannte Volk sind, so 
betrachtete man bis vor Kurzem allgemein die Chaldäer als 
Gegenstand des Orakels und der Drohung und setzte es da- 
bei- nach 605, mit welchem Jahre die Chaldäer für .Inda ak- 
tuell wurden. Da zeigte GlESEBRECHT (Beiträge zur Jesaja- 
kritik lm i'.i. dass das die Chaldäer erwähnende und schildernde 

Stück l.-.—n offenbar an falscher Stelle stehe, indem es 1 is 
von v. 1 losreisse, dessen unmittelbare Fortsetzung jenes sei, 
iiml Hl : zeigte, dass diese ganze Auffassung an dem Wort- 
laute von le scheitere, welcher das Auftreten der Chaldäer 
erst ankündige, 30 dass also von Jahve nicht dem Chaldäer, 
sondern vielmehr mit dem Chaldäer gedroht werde. Dann 
konnte der Adressat des Orakels nur Assur sein und es hatte 
also die Bedrohung Ninives durch die Chaldäer zum Gegen- 
staude. Wenn man mit BlDDE das notorisch versprengte Stück 
I ,,_ii hinter 2i setzt, wo eine offenbare Lücke klafft, und 



§ 34.] Habakuk. 219 

wo man eine Ankündigung dessen, welcher das Gericht im 
Namen Jahves vollstrecken wird, entschieden vermisst, so ver- 
lief das ganze ( )rakel von 1 2—2 s glatt und wohlgeordnet. Es 
nmsste vor dem definitiven Angriff der Chaldäer auf Ninive, 
ahm' wegen der auffallenden Art, wie Israel-Juda als P"~ä. die 
heidnische Weltmacht als Btf'n erscheint, hinter die Kultusre- 
form des Josia fallen, also etwa 615 „als Zeugnis aus dieser 
Zeit des guten Willens und der ersten Enttäuschungen nach 
Einführung der deuteronomischen Reform". Betrachtet man 
dagegen mit Wellhausen 1 5—11 als ein eingesprengtes älteres 
Orakel, so kann die traditionelle Auffassung von 1 2 — t 12—17 
2 1 — i beibehalten werden. Dann sind aber zwei Konsequenzen 
unausweichlich. Hält man + 600 als Entstehungszeit fest, so 
gehört Habakuk zu den falschen Propheten, gegen welche 
Jeremia auf Tod und Leben gekämpft hat. Will man dies 
nicht, so müsste man ihn schon an Deuterojesaja heranrücken 
und ihn etwa mit diesem und Jes 13 2 ff. 21 1 ff. gleichzeitig 
setzen, wie das in der Tat von Lautekburg geschehen ist. 

2. An K a p. 2 9—20 hat zuerst Hitzig Anstoss genommen 
und Stade dann das ganze Stück der sekundären und repro- 
duzierenden prophetischen Schriftstellern zugewiesen. Und 
Spuren solchen literarischen Charakters sind unverkennbar. 
Namentlich 12—14 ist fast ganz aus Reminiszenzen und Zitaten 
zusammengesetzt: v. 12 ist Reminiszenz an Meli 3 10, v. u fast 
wörtliches Zitat aus Jes 11 9 und v. is fast ebenso wörtliches 
Zitat aus Jer 51 08. Nun gehört aber .Ter 50 u. 51 zu den 
allerjüngsten Bestandteilen des Buches Jeremia und in einer 
so verdächtigen Umgebung Hab 2 13 als Original zu Jerölss 
anzunehmen, geht nicht an. Ferner ist v. i: lj wörtlich aus >'• 
entlehnt und v. 20" stammt aus Zph 1 7. Budde dagegen glaubt 
9—11 u. 15—17 als ursprünglich halten zu können. Da v. 11 zu den 
originellsten Worten in der gesamten prophetischen Literatur 
gehört, stimmt man ihm für 9— 11 gerne zu. Die Entscheidung 
über das handgreiflich von Jer 25 abhängige Stück 1.5—1- wird 
durch das Urteil über 1 2—2 s bedingt: auch für Wellhausex 
■kann es nicht gut von einem Propheten herrühren, der vor dem 
Exil geweissagt hat. Die Hypothese Rothsteixs, der sich 
Hab 1 u. 2 so entstanden denkt, dass ein ursprünglich in der 
Gestalt 1 2— 1 12 1 is 2 1—3 4—5" 1 6— 10 11 is* 2 « h 7 9 io ftb P 11 1 
16* 19* i8* um 605 gegen die (-iottlosen im Volke, namentlich 



220 Spezielle Einleitung. [§ 35. 

König Jojakim, ergangenes Orakel in der Zeit des Exils durch 
Ueberarbeitunu zu dem gcgeinvärtigen Orakel gegen Babel ab- 
gebogen worden sei, ist doch zu kompliziert. Und dasselbe 
Urteil möchte ich auch über die Hypothese Maetis lallen, 
welcher nur 1 5— 10 14— 16 aus dem Jahre 605 herleitet: diesem 
Orakel wären gegen Ende der Chaldäerherrsckaft die Wehe- 
rufe 2 5— 19t angefügt worden, während 1 >— 1 12" i.( 2i — 1 ein 
noch jüngerer Psalm sei. 

3. K .1 p. 3 trägt die besondere Ueberschrift PP~£fj> ~'T" 
ü'z:~. Es ist dies Stück einzig in seiner Art, indem nur in 
ihm sich musikalische Beischriften und Angaben nach der 
Weise der Psalmen finden: auch ~^c begegnet uns hier drei- 
mal. Dieser meist ungebührlich überschätzte „Psalm" bietet 
reine Rhetorik : einen klaren Gedankenfortschritt, eine greif- 
bare historische Situation sucht man in ihm vergebens. Von 
dem Propheten Habakuk kann derselbe nicht gedichtet sein. 
da sich in der ganzen gleichzeitigen Literatur kein Analogon 
aufweisen lässt: der Gedankenkreis dieses Liedes ist die escha- 
tologisch gefärbte Apokalyptik, seine Ausdrucksweise der künst- 
lich archaisierende Stil von Stücken wie Dtn 32 II Sani 23 
i_: Ps 68 u. 90 , mit welchem es die entsprechende Ueber- 
schrift gemein hat. Es war von Anfang an gar nicht bestimmt. 
den Schluss des Buches Habakuk zu bilden, sondern stammt. 
wie Kl'EXEX vermutet und ENESTLE XaW 20i87f. 1900 be- 
wiesen hat, aus einem „Liederbuche", in welchem es schon 
die nämliche Ueberschrift gehabt haben kann, wie ja auch 
LXX fünf Lieder des kanonischen Psalters den Propheten 
Haggai und Zacharja beilegt. Auf keinen Fall gehört es zu 
den allerjüngsten Produkten der nachexilischen Literatur, da 
Ps 77 17—20 eine deutliche Nachbildung von Hab 3 vorliegt. 

\ n im. Qeberaus geistreich bat I'i.i-i.r daa ganze Buch Habakuk 
ti'u- das *'>"'.' gedichtete und nur teilweise überarbeitete und entstellt« 
Wert riu'- als Geisel in Ninive Internierten judäischen Prinzen, etwa 
eines Sohnes oder Enkels Ma nasses erklärt, der mit assyrisch-babylonischer 
Literatur wohl vertraut war. Aber diese These i-t Bchon angesichts des 
literarischen Charakters von 2e— S17 unannehmbar. 

§ 35. Zephanja. 

PAStbaüss Vaticinia Zephanjae 1843. LRelntoe 1868. WSchulz 

L892. BOob Igeleerde Bijdragen I865 8 «ff. FSchwally ZaW 10 »e ff. 

1890. KBuddb StKr 66 8M ff. 1893. Zur Textkritik: JBachmaxx StKr 
67 64t ff. 1894. 



§ 35.] Zeplianja. 221 

1. Der Prophet dieses Namens war ohne Zweifel ein 
Jerusalemer. Gegen den sonstigen Brauch wird sein Stamm- 
baum um vier Glieder rückwärts geführt bis auf einen Hiskia. 
nach der herrschenden Ansicht den bekannten König, so dass 
Zeplianja also ein Prinz des königlichen Hauses gewesen sei : 
aber angesichts der bestimmten Angaben II Reg 20 is 21 i 
scheint mir diese Annahme chronologisch unmöglich. Nach 
der Ueberschrift 1 i weissagte er in den Tagen Josias, des 
Sohnes Anton, eine Angabe, die um so sicherer echt ist, als 
sie sich nicht aus dem Inhalte des Buches erschliessen Hess. 
Dann müssen wir aber die erste Hälfte der Regierung des Jo- 
sia annehmen. Da Zeplianja ausser den gewöhnlichen Klagen 
über Bedrückung und Gewalttat speziell abgöttische Gebräuche 
1 9, synkretistischen Baalsdienst 1 -j, Gestirnanbetung 1 5, Ab- 
fall von Jahve 1 «;, sowie heidnisches Wesen und ausländische 
Moden 1 8 zu rügen hat, so fällt sein Auftreten sicher vor die 
Kultusreform des Josia, und für diesen Ansatz spricht weiter, 
dass ls nicht der König selbst bedroht wird, sondern die 
Tj^Dn ra, die Prinzen von Geblüt, die Hofkamarilla, welche 
unter dem Knaben Josia tatsächlich das Regiment übte. So 
würden wir auf ca. 630 geführt. 

2. Kap. 1. welches zu den hervorragendsten Stücken der 
prophetischen Literatur gehört, schildert den rvsr ai' als eine 
furchtbare Weltkatastrophe, welche namentlich über Juda und 
Jerusalem das Strafgericht bringt. Er erscheint als Schlacht- 
fest, zu welchem die Gäste bereits geladen sind 1 :. Seine 
Vollstreckung weist deutlich auf kriegerische Drangsale und 
Nöte hin: Raub und Plünderung, Posaunenschall und Krieg- 
geschrei, Blutvergiessen und Verwüstung. Bei dem zeitge- 
geschichtlich bedingten Charakter der ATlichen Prophetie 
werden wir nach einer bestimmten Veranlassung für eine so 
individuell gefärbte Rede suchen, und da bietet sich uns dar 
der furchtbare Skythensturm, welcher um diese Zeit ganz 
Asien durchbrauste, überall Grauen und Verwüstung verbrei- 
tend: nach dem ausdrücklichen Zeugnisse Herodots I 105 ka- 
men die wilden Horden sengend und brennend auch nach Pa- 
lästina. Derartige Ereignisse, welche wenigstens für der Au- 
genblick jede Ordnung lockerten und alles aus den Angeln 
hoben, waren ganz geeignet, die Vorstellung vom ni!T DV zu 
beleben und den Glauben an sein Koninion zu stützen. 



222 Spezielle Einleitung. [§ 36. 

3. Von Kap. 2, -wo NOWACK wohl mit Recht v. 15 ab- 
trennt, und 3 ist nicht nur der Text sehr schlecht überliefert, 
sondern auch der Inhalt bietet schwere, zuerst von ÜORT und 
Stade GVI 1 &u Anm. 3 empfundene, Anstösse. Die Hoff- 
nung , dass Jahves Zerstreute ihm von den Strumen Aethio- 
piens her als Huldigungsgabe dargebracht werden sollen 3 to, 
nimmt sich im Munde eines 630 schreibenden Propheten höchst 
seltsam aus: 3 14 — 20 ist in Ausdrucksweise und Gedanken völlig 
deuterojesajanisch, und auch 2 11 begegnet uns in den c":~ "X 
ein spezifisch deuterojesajanischer Zug. Daher hat SCHWALLY 
fast ganz Kap. 2 u. 3 dem Zephanja abgesprochen und über 
2 4—i5 hat Budde , über Kap. 3 Welliiausex ähnlich geur- 
teilt. Aber doch ist Kap. 2 als Fortsetzung zu Kap. 1, wel- 
ches ein Zorngericht über die ganze Erde und nicht bloss über 
Juda verheisst, unentbehrlich; 2 13-15 muss, weil das Gericht 
über Xinive noch in der Zukunft liegt, älter sein als 606, und 
die nach Norden sich wendende Hand Jahves v. 13 setzt vor- 
hergehende Schläge gegen andere Weltgegenden voraus. Bud- 
DES Einwand, dass 2 1— 1.-> eine von Kap. 1 prinzipiell ver- 
schiedene Stellung zu Israel und den Völkern einnehme, wird 
hinfällig, wenn wir mit WELLHAUSEN 8—11 ausscheiden und 1 
als überarbeitet ansehen. Der Verdacht gegen v. 3 dagegen 
scheint mir unbegründet, denn diu- v. 2 setzt die Möglichkeit 
einer Errettung aus dem Gericht deutlich voraus. Dann wird 
sich auch gegen 3i— 8 u. 11—13 nichts wesentliches einwenden 
lassen, zumal v. 1 — 1 durch Ez 22 25— 29 gedeckt ist. Demnach 
wäre Kap. 1 wesentlich intakt erhalten, Kap. 2 nur unbedeu- 
tend überarbeitet, Kap. 3 dagegen ziemlich einschneidend. 

§ 36. Haggai. 

\Kuin.11; 1860. LKf.inki: 1868. KSku.ix Studien S -D -*•:•. es. 
WBöhmb ZaW 7 ..... tf. 1887. 

1. Vmi einem Propheten Eaggai berichtet uns Esröi 
(in. In Gemeinschaft mit einem Zacharja trat er im zweiten 
Jahre des Darius 520 auf, um das Volk und seine Vorsteher 
zum Wiederaufbau des zerstörten Tempels zu mahnen: wirk- 
lich nahm man das heilige Werk in Angriff und vollendete es 
in 4^2 .Jahren. 

2. Diesen Nachrichten entspricht völlig das kleine Pro- 
phetenbuch, welches uns unter Hagimis Namen überliefert 



§ 37.] Zacharja. 223 

ist. Tempelbau und Tempel sind sein Mittelpunkt, um den 
sich alles dreht. Eine damals das Volk heimsuchende schwere 
Teuerung infolge von Dürre und Misswachs gibt dem Prophe- 
ten Anlass zu einer scharfen Rüge : dies sei die Strafe dafür, 
dass das Volk selbst in getäfelten Häusern wohne, während 
Jahves Haus wüst liege. Nur durch den Bau des Tempels 
kann der göttliche Zorn abgewandt und Segen empfangen 
werden. Mit der Vollendung dieses Tempels wird Jahve Him- 
mel und Erde bewegen, alle Völker der Erde werden ihre 
Kostbarkeiten nach demselben bringen und der Davidide Zerub- 
babel wird als auserwählter Knecht Jahves das messianische 
Reich aufrichten und zum Siegelringe an Jahves rechter Hand 
werden. 

3. Das kleine Buch, bei welchem l7 b i3 2 .v v (bei LXX 
leidend) i? (= Am 4 n : auch v. u bringt LXX einen Zusatz 
aus Am 5io!) is^a mit, 220—23 ohne Grund beanstandet wor- 
den ist, nimmt in der prophetischen Literatur Israels nur eine 
bescheidene Stelle ein; es erhebt sich kaum über die schlichte 
Prosa, hat aber gerade in seiner Einfachheit und Anspruchs- 
losigkeit, weil aus einer ergreifenden Situation heraus von einem 
tiefbewegten Herzen gesprochen, etwas ungemein Anziehendes," 
ja Rührendes — man möchte es nicht missen. Aus 2 3 hat 
EWALD geschlossen, Haggai sei selbst unter den Wenigen ge- 
wesen, die den salomonischen Tempel noch in seiner alten 
Herrlichkeit gesehen hatten, wonach er damals schon in den 
Siebenzigen gewesen sein müsste. Nach dem durch Ezechiel 
inaugurierten Brauche sind die vier Redestücke, in welche das 
Buch zerfällt, datiert: 1 1— 11 vom 1. Tage des 6. Monats im 
2. Jahre des Darius, und hieran schliesst sich 12—10 die histo- 
rische Xotiz über den Erfolg dieser Rede, dass am 24. des 
nämlichen Monats mit dem Werke begonnen worden sei; 2 1— 9 
vom 21. Tage des 7. Monats, und 2 10— 19, sowie 220—23 vom 
24. Tage des. 9. Monats. Demnach fällt Haggais prophetische 
Wirksamkeit in die Zeit von September bis Dezember 520. 
Nach Klostermann GVJ 1896 213 und Marti war Haggai 
gar nicht eine von dem Propheten selbst verfasste Schrift, 
sondern lediglich ein geschichtliches Referat über seine Wirk- 
samkeit. 

§ 37. Zacharja. 

AKuhler 2 Bände 1861, 1868. KBkkdknka.mp 1879. CHHWkight 



224 Spezielle Einleitung. [§ 37. 

Zecharjah and his prophecies 1879. KMabtj Der Prophet Zacharja, der 
Zeitgenosse Serubbabels 1892 und SfcKr 65 207 ff. fieff. 1892. Sellix (§ 36) 
c3— 104. Zu 611—15: JLky St Kr 66 771 ff. 1893. Ueber Deuterozacharja: 
(BGPiiüGGB anonym) Die Weissagungen, welche bey den Schriften des Pro- 
pheten Zacharias beygebogen sind etc. 1784. EWHengsteneerg Beiträge 
1 361-388 1831 und Die Christologie des AT III l 2 327-581 1856. EFJvonOr- 
teneerg Die Bestandteile des Buches Sachar ja 1859. BStade ZaW 1 1 ff. 
1881, 2 151 ff. 275 ff. 1882. WStaerk Dissertation 1891. GEGrützmacher 
Dissertation 1892. REokardt Der Sprachgebrauch etc. ZaW 13:0, ff'. 1893 
und Der religiöse Gehalt etc. ZTK 3suff. 1893. AKKuiper Zacharja IX 
—XIV Eene exegetisch-critische Studie 1894. AvanHoonackeb ChapIX 
— XIV du /irre de Zacharie 1903. 

1. Neben Haggai war Esr 5 1 614 noch ein Prophet Za- 
charja ben Iddo genannt als gleichzeitig und Eines Sinnes mit 
ihm wirkend für den Wiederaufbau des Tempels. Die Weis- 
sagungen dieses Propheten, welcher nach Neh 12m Haupt 
eines Vaterhauses unter den Priestern war, sind uns erhalten 
in den acht ersten Kapiteln des Buches Zacharja: 
.111 ihrer Identität kann nicht gezweifelt weiden, wenn derselbe 
auch Zeh 1 1 u. 7 Zacharja ben Berechja ben lddo heisst. 
Auch die einzelnen Abschnitte dieser Schrift sind datiert, 1 1— c 
vom 8. Monate des 2. Jahres des Darius (November 520), 
1 7— 6 « vom 24. Tage des 11. Monats im nämlichen Jahre 
i Februar 51!) ) und 7 — 8 vom 4. Tage des 9. Monats im 4. Jahre 
des Darius (Dezember 518), also schon das früheste aus einer 
Zeit, wo nach Hag 1 is der Tempelbau bereits begonnen hatte: 
doch haben auch diese prophetischen Stücke direkt oder in- 
direkt den Tempelbau und die an ihn geknüpften Hoffnungen 
und Erwartungen zu ihrem Gegenstande, so dass an ihrer 
Authentie und ihrer Abstammung von dem bei Esra genannten 
Propheten nicht gezweifelt weiden kann. 

2. Zeh 1 — 8 gehören zu den merkwürdigsten und wich- 
tigsten Stücken der prophetischen Literatur [sraels. In der 
Form von acht, in ihren Einzelheiten z. T. sehr dunklen, aber 
der Hauptsache mich durchaus klaren, Nachtgesichten, die ein 
Engel ihm deutet 1:— G«, und einem mitten in einem Satze 
jäh abbrechenden Anhange 69—15, welchen zuerst Ewald als 
absichtlich entstellt erkannt I1.1t ausser -diesem Abschnitt scheint 
auch Kap. 4 nicht intakt erhalten zu sein), gibt der Prophet 
-eine Erwartungen und Hoffnungen von der Zukunft. Die 
Heiden sollen für ihre Israel zugefügten Unbilden gezüchtigt, 
der Tempel und Jerusalem in der alten Herrlichkeit wieder 



§ 37.] Zacharja. 225 

aufgebaut, Fluch und Sünde aus Israel entfernt werden; dann 
werden der Hohepriester Josua in gereinigten Kleidern und 
der Statthalter Zerubbabel als Spross d. h. Messias die zwei 
Oelkinder d. h. Gesalbten des Herrn der ganzen Erde sein 
und zwischen dem von Jahve selbst gekrönten messianischen 
Könige und dem von Jahve selbst entsündigten Hohenpriester 
wird Friede und Eintracht sein. Kap. 7 — 8 gibt eine Beleh- 
rung über das Fasten. Die im Exile als nationale Trauertage 
aufgekommenen regelmässigen Fasttage sollen aufhören, sobald 
Jahve, im Anschlüsse an die Vollendung des Tempels, die Zeit 
der messianischen Herrlichkeit und des Endheiles herbeigeführt 
hat. Auch bei diesen acht Kapiteln liegen isagogische Pro- 
bleme nicht vor. 

Z a c h a r j a 9 — 14. 

3. Wenn wir von Zeh 8 an Kap. 9 herantreten, fühlen 
wir uns mit Einem Schlage in eine gänzlich andere AVeit ver- 
setzt. Alle die sehr bezeichnenden Eigentümlichkeiten der acht 
ersten Kapitel fehlen hier, während neue Eigentümlichkeiten 
auftauchen , von denen sich dort keim 1 Spur findet. So ist 
denn auch die Erkenntnis, dass diese beiden Teile des Buches 
Zacharja nicht von Einem Verfasser herrühren, eines der älte- 
sten Ergebnisse der wissenschaftlichen Kritik des AT und 
schon 1784 durch Flügge bestimmt ausgesprochen. Allmäh- 
lich wurde die Meinung herrschend, dass Zeh 9 — 14 in zwei 
voneinander unabhängige Orakel zu trennen sei: 9 — 11 setze 
noch das Bestehn des Reiches Israel voraus und erwähne Assur 
und Aegypten als Dränger und Feinde Israels und Judas, 
falle somit vor 722 und sei das Werk eines Zeitgenossen des 
Hosea und Jesaja; 12 — 14 beschäftige sich nur mit Juda, ohne 
Israel zu berücksichtigen, falle also nach 722, und da die 12 n 
erwähnte Totenklage im Tale Megiddo nur auf den bei Me- 
giddo zu Tode verwundeten und kurz darauf verstorbenen Josia 
gehn könne, sei es zwischen der Schlacht bei Megiddo und 
dem Untergänge Jerusalems anzusetzen und also das Werk 
eines Zeitgenossen des Jeremia. Ewald führte dann noch 
den Nachweis, dass 13 : — 9 notwendig mit Kap. 11 zusammen- 
gehöre und dem Verfasser von 9 — 11 zugeschrieben werden 
müsse. Die Apologetik glaubte mit dem Nachweise der nach- 
exilischen Abfassung jener Kapitel auch ihre Authentie er- 

Crundriss II. I. Com i 11. ATI. Einleitung. 5. Aufl. J5 



00(; Spezielle Einleitung. [§ 37. 

härtet zu haben. Eichhorn, welcher, allerdings nicht mit der 
nötigen Entschiedenheit, den Ursprung unsres Stückes aus der 
Zeit Alexanders d. Gr. hergeleitet hatte, ward überhört, eben- 
so Gramberg und VATKE, die das Gesamtverständnis auf den 
richtigen Weg leiteten. Mit vollem wissenschaftlichem Apparate 
und in glänzender Beweisführung hat Stade gezeigt, dass 
Zeh 9 — 14 das Werk Eines Schriftstellers sind, der selbst 
nicht Prophet sein wollte, schon ganz in den Bahnen der spä- 
teren jüdischen Apokalyptik wandelte und unter den Kämpfen 
der Diadochen ca. 280 schrieb. Er ist durchweg abhängig von 
der älteren Prophetie, die er reproduziert, namentlich Jeremia 
und Ezechiel, wie dies schon Gramberg in grossen Zügen 
und Hengstenberg in umfassender Einzeluntersuchung aus- 
geführt hat. 

4. Ich beginne mit Kap. 12 — 14. Hier ist der nachexi- 
lische Ursprung mit Händen zu greifen. 13 ■>— <;, wo die Pro- 
phetie ohne jede nähere Bezeichnung mit dem Geiste der Un- 
sauberkeil und den Namen der Götzen auf Eine Stufe gestellt 
wird, als Dinge, welche fallen müssen, ehe das Endheil kommen 
kann, wäre in dem Munde eines Zeitgenossen Jeremias völlig 
unbegreiflich. Die äussere Werkgerechtigkeit von 14i6— io, wo 
die Bekehrung der Heiden zu Jahve darin besteht, dass sie 
alljährlich zum Laubhüttenfeste nach Jerusalem pilgern, und 
vollends der grob materialistische und krass partikularistische 
Heiligkeitsbegriff von 14 20— 21, wo jeder Kochtopf in Jerusalem 
und Judäa Jahve Zebaoth heilig sein wird, sind in der vor- 
exilischen Prophetie unerhört und gehn selbst noch über Joe] 
hinaus. Die Art, wie der Verfasser 12 ; s n> i_> 13 1 von dem 
Hause Davids redet in Einer Linie mit anderen Häusern, wie 
14.-. Ussia der König Judas genannt wird und wie 12: Klage 
führt über die Selbstüberhebung des Hau-'- Davids, welche 
gedemütigt werden boII, lässt nicht vermuten, dass das Haus 
Da\ids zu jener Zeit regierte; und wenn vollends nach dem 
wahrscheinlichen Inhalte der allerdings sehr dunklen Stelle 
12 10— 14 das Haus Davids und das Haus Levis trauern sollen 
über einen von ihnen gemeinschaftlich begangenen Justizmord, 
so ist «Limit die vorexüische Zeit völlig ausgeschlossen, wo die 
ganze Justiz in der Hand des Königs und seiner Iieamten lag 
und man von einem geistlichen Gericht nichts wusste. Ebenso 
unerhört ist in der vorexilischen Prophetie die unser ganzes 



§ 37.] Zacharja. 997 

Stück beherrschende Idee von einem Ansturm aller Heiden 
gegen Jerusalem und das Gottesvolk, welche erst Ezechiel unter 
dem Eindrucke der erfolgten Zerstörung Jerusalems und des 
Tempels von ganz bestimmten theologischen Voraussetzungen 
aus geprägt hat. Auch 14 s ist offenbar überbietende Nach- 
bildung von Ez 47 l—io. so wie gleich in 12 i u. 14 ig der spe- 
zifisch deuterojesajanische Typus ins Auge springt und 13 1 
auf Xum 19 zurückgeht. Die nachexilische Abfassungszeit von 
Zeh 12 — 14 ist m. E. unwiderleglich. 

5. Aber auch in Kap. 9 — 11 sind die Spuren nachexili- 
scher Abfassung unverkennbar. Hat ein Zeitgenosse des Hosea 
oder Jesaja die Bekehrung zu Jahve in der Beobachtung der 
haitischen Speisegebote gesehen 97? In 9s soll der Zwing- 
herr nicht wieder Jahves Haus überziehen. Um des Sinai- 
bundes willen sollen Zions Gefangene befreit werden und zwie- 
fältig soll ihnen ihr Exil (Tl^ 1 ? LXX) vergolten werden 9 11—12. 
Auch über Ephraim will Jahve sicherbarmen und sie zurück- 
führen, dass sie sind, als ob er sie niemals Verstössen hätte 
10 g. Und wenn vollends in der kritisch unanfechtbaren Stelle 
9 13 die heidnische Weltmacht als |V ".2 erscheint, so sind wir 
damit unweigerlich in oder nach der Zeit Alexanders d. Gr.. 
auf dessen Zug sich auch 9i_? ungezwungen deuten lässt. 
Allein neben diesen unzweifelhaft späten Bestandteilen glaubt 
man in Kap. 9 — 11 noch alte vorexilische Fragmente meisten- 
teils aus dem 8. Jahrhundert erkennen zu müssen, und auch 
Kckxexs gewichtige Stimme hat sich hierfür ausgesprochen. 
9 i3 soll ein Xochbestehn der beiden Reiche Juda und Israel 
voraussetzen, und ebenso 9io. Aber die Zurückführung und 
Wiederherstellung auch des Zehnstämmereiches bildet einen 
Hauptbestandteil der messianischen Zukunft shofihung bei Je- 
remia und Ezechiel, und 9 13 ist messianisch-eschatologisch. 
I nd wenn Jahve zu dem letzten Entscheidungskampfe Juda 
als Bogen und Ephraim als Pfeil benützt, also diesen Ent- 
scheidungskampf durch Juda und Ephraim ausfechten lässl 
und zwar in einer Weise, dass sie ihre Feinde wie Gassenkot 
zertreten und ihr Blut wie Wein trinken, so müsseu sie doch 
auch bewaffnet sein, so dass man es ganz wohl begreift, wie 
nach dem Einzüge des messianischen Königs die Wunen aus 
Ephraim und die Rosse aus Jerusalem weggetilgt werden, weil 
dann nach Niederwerfung der Heiden das Frieden-reich kommt. 

15* 



228 Spezielle Einleitung. [§ 37. 

Das Rückführen der Gefangenen aus Aegypten und Assur 
10 iü hat in Jes 27 m eine sicher nachexilische Parallele: für 
einen notorisch in der griechischen Zeit schreibenden Autor 
sind Aegypten und Assur einfach die Ptolemäer und Seleu- 
ciden. Das Befragen der D-snri und Wahrsager wird 10 2 als 
früher üblich und als Ursache des gleichfalls in der Vergangen- 
heit liegenden Exils geschildert und zwar in einer Art, welche 
beweist, dass der Verfasser von diesen Dingen keine deutliche 
Kunde mehr hat, und über Zauberei als ein im Schwange ge- 
bendes Laster klagt auch Mal 3 s. 11 1— 1: endlich, so dunkel 
sein Inhalt und so blendend die Deutung von IIa auf II Reg 
15 s ff. auch ist, kann literarisch nur begriffen werden als Nach- 
bildung von V/z, 34, wie auch die daselbst vorkommenden bei- 
den Stäbe offenbar aus Ez 37 16 ff. stammen. Die 11 u er- 
wähnte Verbrüderung zwischen Juda und Israel ist nach Kap. 9 
zu deuten : in geschichtlicher Zeit bestand eine solche nur 
während der Regierung von Ahab und Josaphat und ihrer 
nächsten Nachfolger. Alle für die Zeit des Hosea und Je- 
saja vorgebrachten Argumente erklären sich also durchaus be- 
friedigend bei einem in den [deen Ezechiels lebenden und von 
ihm abhängigen Epigonen, und wenn selbst KUENEN eine rein- 
liche Scheidung der älteren und jüngeren Bestandteile für un- 
möglich erklärt und dadurch Zeh 9—11 als wesentlich ein- 
heitliche Arbeit anerkennt, so schiebt diese Annahme das ei- 
gentliche Problem nur zurück und ist mindestens künstlicher 
und komplizierter als die Thesis Stades. 

(i. War nun auch nach KüENEN der Verfasser von 12 — 14 
ein in den Ideen Ezechiels Lebender Epigone, so würde doch 
die Krage ernstlich zu erwägen sein, ob 9—11 u. 12— 14 nicht 
von Einer Hand geschrieben sind. Da fällt uns 
zunächst auf, dass Kap. 11 keinen Abschluss bat. Fügl man 
13 7—n an, welches in seinem letzten Teile übrigens auch hand- 
greiflich eine Nachbildung von Ezöa— 4 ist, so wäre allerdings 
ein äusserlicher Abschluss geschaffen: aber inhaltlich weist das 
Kapitel deutlich über sich selbst hinaus. Das Zerbrechen der 
beiden Stäbe Huld und Verbindung bleibt nämlich ganz ohne 
Folgen; dass wirklich der Bund mit den Völkern und die Ver- 
brüderung zwischen Juda und [srael gebrochen worden sei, 
wird kaum angedeutet. Wenn nun Kap. 12 von einem An- 
aturme sämtlicher Völker gegen das Gottesvolls berichtet wird, 



§ :;?.] Zacharja. 229 

wo Jerusalem in die grösste Not gerät und lediglich auf sieh 
gelbst angewiesen ist. indem Ephraim völlig verschwindet und 
die Feinde selbst .Inda zwingen, mit gegen Jerusalem zu zie- 
hen, su ist dadurch erwiesen, dass Kap. 12 die Ausführung 
und unmittelbare Fortsetzung von 11 ist. Um der Sünden 
des Volkes und seiner leitenden Kreise willen wird nicht die 
ganze prophetische Zukunftshoflfnung erfüllt: nicht durch eine 
glorreiche Wiederherstellung Gesamtisraels und glänzende 
Kriegstaten desselben, sondern einem kümmerlichen Reste unter 
furchtbaren Nöten und schweren Drangsalen soll das schliess- 
liche Heil kommen, dessen Schilderung durchweg die Züge des 
levitischen Judaismus trägt. Dass die besondere Ueberschrift 
12 i nichts für das Anfangen eines selbständigen neuen Stückes 
beweist, wird bald erhellen. \Yellhausen hat auf Grund von 
Widersprüchen und stilistischen Verschiedenheiten die sechs 
Kapitel in vier einzelne, von einander unabhängige, Stücke 
zerlegt, nämlich 9 lOi— 3? 1 — 12 11' 1— 3; 11 4 — .-> t — 17 137—9: 
12i— 6 8— 14 1 3 1 — <i und 14i— 1215— 21. Trotz der sachlichen 
Unterschiede erklärt WELLHAUSEN jedoch, dass die Kapitel 
von demselben Verfasser herrühren könnten, „wenn nicht auch 
der Stil ziemlich verschieden wäre". Indessen sind bei einem 
so bunten und kaleidoskopartig zusammengestellten und sich 
verschiebenden Stücke wie Zeh 9—14 angesichts des literari- 
schen Charakters dieser späten Apokalyptik, bei dem sich 
niemals mit Bestimmtheit sagen lässt, wo die Benützung von 
Fremdem aufhört und das Eigene beginnt, aus Verschieden- 
heiten von Inhalt und Stil keine zu weittragenden Schlüsse /.w 
ziehen: auch Marti hält die Einheit von 9 — 14 fest: ..von 
sämtlichen einzelnen Stücken ist vielleicht nur das kleine Stück 
10 1 f. nicht auf Dtsach zurückzuführen". Als sicher darf gel- 
ten, dass in 9 — 14 nichts älter sein kann, als die griechische 
Periode, und dass schon als sie an 1 — 8 angefügt wurden, die 
Kap. 9 — 14 eine Einheit gebildet haben s. £ 38 1. Vieles in 
ihnen und gerade das. was der Verfasser ganz aus eigenem 
gegeben hat, wird uns immer unverständlich und dunkel blei- 
ben, weil wir über die ganze 11 ach exilische Zeit und nament- 
lich über die erste hellenistische nur äusserst mangelhaft un- 
terrichtet sind. Die Absetzung von STADE in den Wirren 
der Diadochenkämpfe, wo in der Tat die ganze Erde ein je- 
der in die Hand seines I Helen r~-~l und seines Königs preis- 



230 Spezielle Einleitung. [§ 37. 

gegeben war 11 <; und wo zudem die Keltenstürnie Ezeehiels 
Weissagung von Gog in die Erinnerung riefen ca. 280, hat 
alle innere und äussere Wahrscheinlichkeit für sich und wird 
durch ein bestimmtes Kriterium noch besonders nahe gelegt. 
Wenn in der niessianischen Zeit 10 n der Hochmut Assurs 
(1. h. des Seleucidenreiches und das Szepter Aegyptens d. h. 
der Ptolemäer aufhören soll, so versetzt uns dies zwischen 301 
u. 198, wo die Ptolemäer die Landesherren in Palästina waren. 
Mit einzelnen Teilen bis in die Makkabäerzeit herabzugehn 
hält auch WellhäUSEN für unstatthaft, obwohl man sich bis- 
weilen ..unwillkürlich" an sie „erinnert" fühle: 12; hält er 
vielmehr gerade deshalb für später eingesetzt, weil er im Un- 
terschiede von seinen Vorgängern in die makkabäische Zeit 
hineinpasse. So können wir, trotz mancher ungelöst bleiben- 
den Schwierigkeit, an der These Stades festhalten. 

7. Die Frage, wie dieser A n h a n g an d a s B u c h 
Zacharja gekommen ist, kann erst beantwortet wer- 
den, wenn auch das Buch Maleachi mit in die Betrachtung- 
gezogen wird: doch soll hier schon im Zusammenhange damit 
eine altweichende Angabe über den Verfasser von Kap. 1 — 8 
zur Sprache kommen. Esr 5i u. 6 u nennt ihn Zacharja ben 
Iddo, während er Zeh 1 i u. - ben Berechja ben Iddo heis-t. 
Nun könnte an und für sich ben auch Enkel sein Gen 29 s 
3128 II Peg 9 2o Neh 1228 vgl. auch Gen 24 1» 11 Reg 820: 
aber Neh 12 4 u. iu, wo dem Vater and Sohn Josua-JojaMm 
Vater und Sohn Iddo-Zacharja entsprechen, zeugt für die Rich- 
tigkeit der Angabe in Esra. Wie die Verschiedenheit sich 
erkläre, gehört auch zu den ungelösten Rätseln des Buches 
Zacharja. Viel Beifall hat die Vermutung Beetholdts ge- 
funden, der unbekannte judäische Prophet, welcher Zeh 9 — 11 
geschrieben, sei der Jes 82 erwähnte Zacharja ben Jeberechja 
gewesen; die Gleichheit des Eigennamens habe das Zusammen- 
nehmen der beiden Schriften yerursachl und schliesslich auch 
noch zur Nebeneinanderstellung der beiden Vatersnamen ge- 
führt. Sind unsere Resultate richtig, bo kann von dieser scharf- 
sinnigen Kombination nicht die Rede sein. Zudem: wäre ein 
prophetisches Stück von einem aus dem Buche Jesaja bekann- 
ten Zeitgenossen desselben erhalten gewesen, es wäre unter 
die Propheten der assyrischen Zeit gestellt wurden, unter weiche 
auch si» kleine Bücher wie Obadja und Jona Aufnahme ge- 



§ 38.] Maleachi. 231 

fanden haben. Eine Erklärung der Namensabweichung ist 
nicht zu geben. 



§ 38. Maleachi, 

LR kink 1.1856. AKOHLEE1865. WBoehme ZaW 7 210 ff. 1887. JBach- 
manm ATliche Untersuchungen 1894 109—112. HWincklek Altorientalische 
Forschungen II 3 531 ff. 1901. 

1. Den Schluss der zwölf kleinen Propheten bildet eine 
nicht umfangreiche Schrift, welche den Namen Maleachi 
an der Stirne trägt. Diese Schrift ist nach Form und Inhalt 
sehr merkwürdig. Nach einer bereits bei Haggai anklingenden 
Weise ist die Form der Darstellung durchaus kasuistisch-dia- 
lektisch : einzelne konkrete Fragen werden diskutiert und zwar 
in der Einkleidung der Wechselrede: Behauptung, Einwurf, 
Widerlegung — wir sind in formeller Beziehung schon auf 
dem Wege zum Talmud. Auch der Inhalt des kleinen Bu- 
ches ist durchaus eigentümlich. Unter dem Drucke kümmer- 
licher Verhältnisse verzweifelt Israel an der Liebe Jahres und 
erweist ihm nicht die gebührende Ehre, was doch selbst die 
Heiden tun. die unter dem Namen ihrer gewissenhaft verehrten 
Götzen tatsächlich Jahve dienen. Und gerade die Priester 
-.Im in Gleichgültigkeit und Geringschätzung gegen Jahve 
und sein Gebot dem Volke mit dem übelsten Beispiele voran: 
sie sollen deshalb verächtlich gemacht und schwer bestraft 
werden. Ein weiterer Krebsschaden ist die leichtfertige Schei- 
dung von israelitischen Frauen und das Eingehn von Misch-, 
eben mit Töchtern eines fremden Gottes: das hasst Jahve und 
wird es furchtbar ahnden. Aber man zweifelt an Gottes rich- 
terlicher Macht : er wird plötzlich kommen zu strenger Läu- 
terung. Wenn das Volk gewissenhaft ihm dienen und seinen 
Verpflichtungen gegen ihn nachkommen wollte, so könnte er 
die kümmerliche Lage der Gegenwart wohl ändern. Und Gott 
dienen ist kein leerer Wahn: die Frommen werden noch zu 
Ehren kommen und die Gottlosen ausgerottet; an diesem gros- 
sen mul furchtbaren Tage wird Jahve den Propheten Elia 
-enden, dass er nicht das ganze Land mit dem Imune zu 
schlagen brauche. 

2. Die Entstehungszeit des kleinen Buches ist im 
grossen und ganzen völlig durchsichtig. Juda steht unter einem 



232 Spezielle Einleitung. [§ 38. 

Statthalter 1* und der Tempel ist gebaut 1 10 3i 10: wir be- 
finden uns also in der Zeit nach Haggai und Zacharja in der 
Gemeinde des wiederaufgebauten zweiten Tempels. Aber der 
genauere Zeitpunkt innerhalb dieser Epoche wird sehr ver- 
schieden bestimmt. Zunächst fallt in die Augen eine nahe 
Verwandtschaft mit den Erzählungen in Esra und Nehemia. 
Die von Maleachi gerügten Missstände sind fast dieselben, 
gegen welche Esra und Nehemia zu kämpfen haben, und so 
hat denn schon das Targum in dem höchst befremdlichen Na- 
men Maleachi eine verschleiernde Andeutung Esras gesehen. 
Aber nun erhebt sich die Frage, ob Vorgänger, Zeitgenosse 
oder Nachfolger. Letzteres scheint mir völlig ausgeschlossen : 
nichts deutet darauf hin, dass das Volk sich zur Befolgung 
des von dem Propheten Geforderten eidlich verpflichtet weiss, 
und wie schwer Esra und Nehemia auch ihr Werk durchsetzten : 
nachdem es einmal durchgesetzt war, sind Zustände, wie die 
von Maleachi geschilderten unbegreiflich. Den Verfasser zum 
von Esra abhängigen Zeitgenossen zu machen, soll nach Kue- 
NEN schon Mal 3 8— 10 vgl. mit Num 18 21 ff. und Neh 10 
nötigen. Alter der Zehnte wird vorausgesetzt Gen 2822 Am 
4 r> und gefordert bereits vom Dtn 14 22—29 26 12, fiiMiri findet 
sich, allerdings mit dem Zusätze "V, schon Dtn 12 o 11 17 und 
ist ein dem Ezechiel durchaus geläufiges Wort — mit ~w'rs 
zusammengestellt wird es ausser Mal 8 x nur noch in den drei 
angeführten Versen <]^<< Dtn, und auch "flö und HBB In stammt 
ans Dtn 15-M, so dass also Maleachi durchweg formell von 
dem Dtn abhängt und an dieses sich anlehnt, obwohl er sach- 
lich schon ganz auf dem Boden von P steht. Diese litcrar- 
kritische Instanz allein ist ausreichend, um Maleachi vor Esra 
anzusetzen, wie Hitzig, der freilich später seine Ansicht än- 
derte, Bleek, Reuss, Stade und Wellhausen, Kautzsch 
als „wahrscheinlicher", tun. Wenn Esra 9 1 selbst erzählt, 
dass der Anstoss zu seinem Einschreiten gegen die Mischehen 
von Klagen der onto zu Jerusalem ausgegangen sei, so müssen 
wir hieraus schliessen, dass er in Jerusalem schon Gesinnungs- 
genossen vorfand; und diesem bereits vor Esra im gelobten 
Lande nachweisbaren frommen und strengen Kreise derer, die 
eingeschrieben sind in das Gedächtnisbuch Jahves, gehörte dcv 
Verfasser unseres Buches an — wie kurz oder wie lang vor 
458, lässt sich natürlich nicht sagen. Als nebensächliches Mo- 



§ 38.] Maleachi. 233 

ment der Zeitbestimmung dient auch ls, welche Stelle die 
Statthalterschaft Nehemias unbedingt ausschliesst vgl. Xeh 5 
14—19. WlNCKLBRs Ansetzung in der Zeit unmittelbar vor dem 

Ausbruche des makkabäischen Aufstandes ist lediglich ein Ku- 
riosum. 

3. Au thentie fragen kommen für das Buch Maleachi 
nicht in Betracht. Böhme hat, wie bei Haggai, so auch hier 
den Schluss 3-22—24 für später hinzugefügt erklärt: doch ist 
dies von KüENEN bereits gut und treffend zurückgewiesen : 
namentlich in der durch und durch deuteronomistischen Fär- 
bung stimmen diese durch JSir 48 10 direkt bezeugten Verse 
trotz mancher Eigentümlichkeiten im einzelnen durchaus mit 
dem übrigen Buche überein. Dagegen erklären wir gern mit 
Marti 2 h — 12 für einen Einschub, da Mal sonst über die 
Heiden ganz anders dachte: diese Verse sind ein hässlicher 
Fleck in dem sonst so sympathischen Buche. 

4. Eine eingehendere Betrachtung erheischt noch die 
Ueberschrift 1 1 . So wie sie jetzt lautet, kann kein Zweifel 
darüber herrschen, dass , OK i ?Ü der Eigenname des Propheten 
sein soll. Allein solch ein Eigenname, wenn auch sprachlich 
möglich, ist doch sachlich undenkbar. Dazu steht diese Ueber- 
schrift textkritisch nicht fest, indem LXX sv yz:y. äyyeXou aö- 
toü 9-eoH'£ 5yj tni xy.z v.y.fö.y.z ö|Aä)V liest, woraus BACHMANN, 
indem er die Lesart der LXX als zu o|?0 lötol verlesen^ 
z u r low erklärt, die Folgerung zieht, dass der Verfasser un- 
seres Buches KTaleb geheissen habe. Auf jeden Fall befremdet 
dir Verbindung fiw "la-i Kteö, die sich nur noch Zeh 9i und 
L2i findet. Und nun ist der Ort, diese unerledigt gelassene 
Frage aufzunehmen. Betrachten wir die drei Aufschriften ge- 
nauer, so springt ihre Zusammengehörigkeit und gegenseitige 
Abhängigkeit in die Augen, und zwar könnte, die Richtigkeit 
des überlieferten Textes vorausgesetzt, nur Zeh 9 1 das Ori- 
ginal sein, welchem die beiden anderen Stellen nachgebildet 
wären: denn hier gehört TW 101 zu dem Orakel selbst und 
könnte nur missverständlich als ueberschrift gefasst worden 
sein. Zwar findet sich Ktwa allein ohne erklärenden Genetiv 
auch in der Ueberschrift Hab li; aber Zeh 9 1 ist auch aus 
anderen Gründen verdächtig. Doch dem sei, wie ihm wölb': 
Zeh 12 1 und Mal 1 1 ist die Ueberschrift ohne Zweifel sekun- 
där. Bei Zacharja fällt auf die Hypertrophie des Verses — 



234 



Spezielle Einleitung. 



[§38. 



schon 12 1' wäre mehr wie genügend: und bei Maleachi end- 
lich ist die Ueberschrift in der Gestalt des hebräischen Textes 
lediglich als Missverständnis von 3 zu begreifen. Und nun 
erklärt sich uns auch die Anfügung von Zeh 9 — 14 an das 
Buch Zacharja. Es sind sowohl Zeh 9 — 14 wie Maleachi ur- 
sprünglich anonyme Stücke gewesen, welche als solche den 
von bestimmten Verfassern stammenden kleineren prophetischen 
Schriften am Schlüsse angehängt wurden: Zeh 9 — 14 als das 
umfänglichere an erster Stelle, der kürzere „Maleachi" ganz 
am Ende. Dass dieser ein selbständiges, zusammengehöriges 
und einheitliches Buch bildet, konnte nicht verkannt werden. 
Da lag es nahe, zuerst ihm eine besondere Ueberschrift zu 
geben, wodurch auch noch der weitere Vorteil erzielt wurde, 
dass die zusammengestellten „kleinen Propheten" gerade die 
bedeutsame und beliebte Zwölfzahl ausmachten. Zeh 9—14, 
welches keine so in die Augen fallende Eigentümlichkeit und 
Einzigartigkeit besass, wie Maleachi, wurde nun mit Zacharja 
zusammengenommen, wie das anonyme Stück des Deuterojesaja 
mit Jesaja. Dann wurde auch Zeh 12 — 14. welches von dem 
unmittelbar Vorhergehenden sehr verschieden erscheint, ob- 
wohl es seine direkte Fortsetzung ist, noch mit einer gleich- 
geformten besonderen Ueberschrift versehen, da nach dieser 
Auffassung auch die Ueberschrift 9i nur eine Unterabteilung 
in dem nämlichen Buche markierte; Marti weist auf die Aehn- 
keit mit des 40—66 hin, welches durch dvn Kehrvers 48 22 
57-ii auch in drei ziemlich gleiche Teile zerlegt wurde. Wenn 
auch Zeh 12 — 14 ein für sich bestehendes anonymes Stück 
gewesen wäre, wofür allerdings diese Mal 1 i analoge beson- 
dere Ueberschrift zu sprechen scheint, so müsste für die An- 
ordnung Zeh 9—11, Zeh L2— 14, .Maleachi lediglich der Zu- 
fall als Erklärungsgrund angerufen werden, falls nicht schon 
die Sammler der zwölf kleinen Propheten die Meinung der 
Mehrzahl der neuesten Kritiker teilten und historisch ordnen 
wollten. Sollte gar wirklich das Stück Zeh 9 — 11 unter dem 
Namen des des 82 erwähnten Zacharja ben Jeberechja bis 
zur Zeit tlrv Sammlung des Prophetenkanons als selbständiges 
Orakel erhalten gehliehen sein, so wäre seine Einordnung an 
dieser Stelle völlig unbegreiflich. Die Annahme: Zeh 9 — 14 
und Maleachi zwei anonyme kleinere Prophetenschriften und 
als solche an den Schluss der von namentlich überlieferten 



§ 39.] Das Zwölfprophetenbuch. 235 

* • 

Verfassern herrührenden Prophetenschriften gestellt, erklärt 
allein alle in Frage kommenden Probleme befriedigend. 

§ 39. Das Zwölfprophetenbuch. 

1. Im hebräischen Kanon bilden die zwölf kleinen Pro- 
pheten zusammen Ein Buch, und dass wir hier eine Samm- 
lung, eine Zusammenstellung vor uns haben, liegt auf der Hand. 
Haben wir uns nun über die einzelnen Bücher verständigt, so 
müssen wir jetzt auch das Ganze noch einer besonderen Be- 
I rachtung unterziehen. 

2. Zu einer endgültigen Sam m 1 u n g de r p r o p h e- 
tischen Schriften konnte man erst sich veranlasst füh- 
len, als man der Ueberzeugung war, dass die Prophetie er- 
loschen sei, dieselbe also als eine abgeschlossene, lediglich der 
Vergangenheit angehörende historische Erscheinung betrachtet 
wurde, deren noch vorhandene Dokumente zu sammeln es galt. 
Für diese Auffassung haben wir urkundliche Belege I Mak 44n 
9^7 14 4i, ja schon Zeh 13 2—6 und gewissermassen auch Mal 
3 23. Wollen wir die Zeit des Abschlusses genauer festzustellen 
suchen, so haben wir das jüngste in die Sammlung noch auf- 
genommene Stück Zeh 9 — 14 als terminus a quo; den termi- 
nus ad quem bietet einerseits die Tatsache, dass das Buch 
Daniel nicht mehr unter die prophetischen Schriften gekom- 
men ist, andererseits das positive Zeugnis des .Jesus ben Sira, 
welcher 49 10 hinter Jesaja, Jeremia und Ezechiel von oi ow- 
5sxa rcpo^fjrac spricht — die fragliche Stelle steht kritisch ab- 
solut fest (XöLI)EKE Za\V 8ir>(i 1888) und ist ja jetzt auch 
im hebräischen Text aufgefunden. Wir werden so auf die Zeit 
von ca. 300 bis ca. 200, also die Mitte resp. zweite Hälfte des 
3. Jahrhunderts geführt. 

3. Was das Prinzip der Anordnung betrifft, ><» 
liegt auf der Hand, dass dies ein historisches war. Hosea 
Arnos Micha Nahum gehören sicher der assyrischen, Habakuk 
der chaldäischen, ECaggai und Zacharja der persischen Zeit an. 
Namentlich bei den letztgenannten ist das Prinzip der chrono- 
logischen Anordnung besonders deutlich wahrnehmbar: der 
kleine ELaggai konnte nur deshalb yor den umfangreichen und 
bedeutenden Zacharja gestellt werden, weil er zwei Monate 
früher als Zacharja aufgetreten ist Hag 1 i und Zeh li. Die 
Reihenfolge Nahum Habakuk Zephanja erklärt sich so, dass 



i':;t; 



Spezielle Einleitung. 



[S 39. 



Nahum die erstmalige Bedrohung Ninives bringt, Habakuk die 
erstmalige Erwähnung der Chaldäer, und Zephanja bereits 
die völlige Zerstörung und Verödung Ninives schildert ; so 
mochte man gerade den Inhalt des Buches Zephanja für die 
Ausführung und Folge von Habakuks Gesicht halten und den 
Zph 1 geschilderten Tag Jahves für die Erfüllung der Theo- 
phanie Hab 3. Die Aufnahme der Bücher Joel, Obadja und 
Jona in die Reihe der assyrischen Propheten erklärt sich bei 
diesem daraus, dass man es für ein Werk jenes historischen 
Jona ben Amittai aus der Zeit Jerobeams II hielt, bei jenen 
infolge der traditionellen irrigen Annahmen über ihre Lebens- 
zeit. Aber neben dem chronologischen Moment haben auch 
sachliche mitgewirkt. Jener historische Jona war älter als 
Hosea und Arnos, Arnos älter als Hosea. Wenn trotzdem 
Hosea das Zwölfprophetenbuch eröffnet, so geschah es gewiss. 
weil er von den hier zusammengestellten Schriften die umfang- 
reichste ist, wie man unter den paulinischen Briefen den Rö- 
merbrief an den Anfang gestellt hat: auch Hos 1 •-> könnte 
hierzu mitgewirkt haben. Wenn Jona unter den drei israe- 
litischen Propheten aus der Zeit Jerobeams II an letzter Stelle 
steht, so ist dies wohl deshalb geschehen, weil sein Buch mehr 
Erzählung, als Prophetie ist. Das Zwischeneintreten von Joe] 
und Obadja scheint dem Bestreben entsprungen, israelitische 
und judäische Propheten abwechseln zu lassen: Hosea Israe- 
lit, Joel Judäer; Arnos Judäer, aber ausschliesslich in Israel 
wirkend, Obadja Judäer; Jona Israelit, Micha Judäer. Doch 
Hessen sich auch wohl sonst noch Gründe für die beliebte An- 
ordnung ausfindig machen. Dass das historische Prinzip das 
dominierende und bewussl durchgeführte gewesen ist. scheint 
mir unleugbar. 

4. Aber die Anordnung ist nicht ganz fesl 
überliefert. Der alexandrinische Kanon zeigt in den sechs 
ersten Büchern eine andere Reihenfolge: Hosea Arnos Micha 
Joe! Obadja Jona. Vergleichen wir die beiden Anordnungen 
mit einander, so müssen wir gestehn, dass diejenige des palä- 
stinensischen Kanons durchaus das Präjudiz der Ursprünglich- 
keit für sich hat. In Alexandria hat man die Bücher kon- 
äequent nach ihrem Umfange geordnet und Jona wegen de> 

lediglich erzählenden Charakters ans Ende verwiesen: wie aus 
dieser Anordnung, falls sie die ursprüngliche war, diejenige 



§ 40.] Das Buch Daniel. 237 

des hebräischen Textes hätte entstehn können, ist nicht abzu- 
sehen. Aber der Umstand, dass die Reihenfolge der letzten 
sechs Bücher in beiden Texten übereinstimmt und dass man 
nur innerhalb der sechs ersten sich Umstellungen erlaubte, 
zeugt für eine im grossen und ganzen schon früh abgeklärte 
.Meinung über die Gruppierung der zwölf kleinen Propheten. 

§ 40. Das Buch Daniel. 

CvoxLengerke 1835. FHitzig KEH 1850. JMeixhold SZ 1889. 
AABevax 1892. GBehrmanx HKAT 1894. FWFarrar 1895. JDPrince 
1899. SRDriver 1900. KMarti KHCAT 1901. JMeinhold Beiträge zur 
Erklärung des Buches Daniel 1888. AKamphausen Das Buch Daniel und 
die neueste Geschichtsforschung 1892. AvoxGall Die Einheitlichkeit des 
Buches Daniel 1895. Zu Kapitel 3: ENestle (§ 17) 35—37. Zu Kapitel 4: 
KSjhrader JpTh 7 eis tl". 1881. Ueber die 70 Jahreswochen: ABLebbe- 
i.yxck 1887. JWvanLenxep 1888. RWolf 1889. CHCorxill in Theo- 
logische Studien und Skizzen aus Ostpreussen 2 1 ff. 1889. Zur Textkritik : 
AKamphat-skx SBOT 1896. MLöhr Testkritische Vorarbeiten zu einer 
Erklärung des Buches Daniel ZaW 15 75 ff. 193 ff. 1895, 16 17 ff. 1896. ABlu- 
dau Die alexandrinische Lebersetzung des Buches D. 1897. PRiessj.fi; 
Das Buch Daniel. Textkritische Untersuchung 1899. 

1. AVerden die ATlichen Bücher nach dem Prinzip der 
Sachordnung behandelt, so hat das den Namen Daniel tra- 
gende Buch der prophetischen Literatur zugewiesen zu werden, 
wie es denn auch die griechische Bibel zu den Prophetenbü- 
chern stellt. Es gliedert sich in zwei ziemlich gleiche Teile. 
Kap. 1 — 6 erzählen uns von den Erlebnissen eines gewissen 
Daniel und seiner drei Freunde Hananja, Misael und Asarja, 
welche von Nebukadnezar im 3. .Jahre Jojakims nach Babel 
geführt werden und dort zu hohen Ehren kommen, aber trotz 
aller Versuchungen dem Gott und Glauben ihrer Vater treu 
bleiben. Kap. 7 — 12 berichten von mehreren Visionen, welche 
jener Daniel gehabt und welche ihm durch Engel gedeutet 
werden. Das Buch bedient sich von 2 1'' ab, wo die Anrede 
der „Ghaldäer" auf Aramäisch gegeben wird, bis zu 7 28 drv 
aramäischen Sprache. Diese Zweisprachigkeit hat man auf 
die verschiedenste Weise zu erklären versucht: am Wahrschein- 
lichsten ist die Annahme MARTIS, dass der Verfasser das ganze 
Buch aramäisch geschrieben habe, dass aber später, um es in 
den Kanon aufnehmen zu können, Anfang und Ende in die 
altheilige hebräische Sprache übersetzt worden sei. 

2. Das Buch gehört der sog. Apokalyptik an, welche 



238 .Spezielle Einleitung. [§ 40. 

die von ihr enthüllten Dinge absichtlich verhüllt und ver- 
schleiert. Um über Inhalt und Zweck von Daniel unterrichtet 
zu werden, müssen wir ausgehn von Kap. 11, wo in zwar ver- 
hüllter, aber doch deutlicher, Rede ohne Bild von geschicht- 
lichen Ereignissen gesprochen wird. Nun ist es klar und all- 
gemein zugestanden, dass 11 5-20 eine knappe, aber durchaus 
richtige, Uebersicht über die Geschichte der Ptolemäer und 
Seleuciden und ihrer gegenseitigen Verwickelungen enthält, 
und v. 21—39 eine ausführliche Schilderung der Regierung des 
Antiochus Epiphanes und seiner Verfolgung gegen den Glau- 
ben Israels und dessen Bekenner. Nach diesen absolut siche- 
ren Aussagen sind die übrigen zu beurteilen, namentlich 8»— u 
23—26 7 8 19— 27 u. 2 31— 3440— 43. In ihnen allen handelt es sich 
um die Reiche der Diadochen und vornehmlich um Antiochus 
Epiphanes, welcher der eigentliche Gegenstand und das wesent- 
liche Thema unseres Buches ist. Nun sollte man annehmen. 
das Buch sei auch in der Zeit geschrieben, der es gilt; aber 
es beansprucht ausdrücklich von einem Zeitgenossen des Xebu- 
kadnezar und Cyrus herzustammen, als ein Buch, welches ver- 
siegelt werden soll bis zur Endzeit. Dieses Selbstzeugnis des 
Buches Daniel ist zuerst ausführlich bestritten worden durch 
den Neuplatoniker Porphyrius, der ein ganzes Buch seiner 
Xoyot v.y.-.y. XptOTtavtöv dem Daniel widmete. In der Gegen- 
wart ist die Anschauung, welche in Daniel ein Werk der mak- 
kabäischen Zeit sieht, die durchaus herrschende: die Vertei- 
diger der Tradition weiden immer seltener und schwankender. 
Und zwar sind es nicht bloss rationalistische Wunderscheu 
und Leugnung einer supranaturalen prophetischen Inspiration, 
sondern höchsl gewichtige objektive Gründe, welche die An- 
nahme der l'nechtheit notwendig machen. 

a) Die Stellung des Verfassers zur Geschichte. In der 
Zeit seit Alexander d. <Jr. weiss er ziemlich gut, in der Zeit 
des Antiochus Epiphanes vorzüglich Bescheid: was jenseits 
dieser beiden Zeitgrenzen liegt, ist ihm in Dunkel gehüllt. 
Zunächst iiher die ältere Geschichte hat er Vorstellungen, wie 
sie bei einem Augenzeugen schlechterdings undenkbar sind. 
Die Wegführung im 3. Jahre Jojakims 1 1 widerspricht allen 
gleichzeitigen Berichten und erklärt sich nur aus einer Kom- 
bination von II Thr 3(5 i,_7 mit missverstandenem II Reg 24 1. 
Dass der König, unter welchem Babylon erobert und das 



§ 40.1 Das Buch Daniel. 239 

chaldäische Reich zerstört wird, Belsazar hiess und ein Sohn 
Nebukadnezars war Kap. 5, widerspricht selbst den übrigen 
gesicherten Zeugnissen des AT. Ebenso wenn der Eroberer 
Babylons Darin s der Meiler beisst 6 i , ein Sohn des Xerxes 
9 i und der Vorgänger des Cyrus sein soll. Dass die Meder 
Babylon erobert haben sollen, stammt aus Jes 13? 21 -i .Ter 
51 n 28, wobei der Verfasser wohl eine dunkle Kunde davon 
hatte, dass das persische Reich sich aus einem medischen ent- 
wickelte und dass wirklich einmal ein Darius Babylon erobert 
hat. Auch an Susa als babylonische Residenzstadt 82 mag 
erinnert werden. Die Unmöglichkeit der in Kap. 3 u. 4 dem 
Nebukadnezar, und Kap. 6 dem Darius zugeschriebenen Edikte, 
die Unsinnigkeit des Verlangens Nebukadnezars Kap. 2 und 
die Unglaublichkeit einer durch Wahnsinn erzeugten 7jährigen 
Regierungsunfähigkeit dieses Königs bedarf gar keiner Be- 
gründung: auch dass, wer einen frommen und gesetzestreuen 
Juden in die Gemeinschaft der chaldäischen Magier aufgenom- 
men werden lässt, von diesen nur sehr unklare Vorstellungen 
haben kann, soll eben angedeutet werden: die aufgezeigten 
groben Verstösse gegen feststehende geschichtliche Tatsachen 
geniigen , um einen Augenzeugen auszuschliessen. Eben so 
mangelhaft ist aber auch die Kenntnis des Verfassers von der 
Zeit zwischen Cyrus und Alexander d. Gr. Wenn er dem 
persischen Reiche nur vier Könige im ganzen zuschreibt 11 ■> 
vgl. auch 7 6, so kommt das offenbar daher, dass im AT zu- 
fällig nur vier persische Königsnamen genannt werden : wenn 
er den vierten derselben besonders reich sein, einen gewaltigen 
Krieg gegen Griechenland erregen und in siegreicher Abwehr 
dieses Angriffs von dem Griechenkönige Alexander d. Gr. ge- 
schlagen und entthront werden lässt, so sind ihm Xerxes und 
Darius Hystaspis in Eine Person zusammengeflossen und letz- 
terer mit Darius Codomannus verwechselt. Die nämliche 1 n- 
klarheit beginnt dann wieder mit dem Jahre 165 : was jenseits 
desselben liegt, ist ihm völlig nebelhaft und allen geschicht- 
lichen Tatsachen direkt widersprechend II40— 45 7 11 — 14 8 :>.->. 
Da nun eine derartige partielle Inspiration unmöglich ange- 
nommen werden kann, bleibt als einzige Erklärung, das-; der 
Verfasser ein Zeitgenosse des Antiochus Epiphanes war, der, 
was er selbst erlebt hatte, natürlich genau kannte und auch 
über die Geschichte des Reiches, dessen Untertan er war, leid- 



l'IO 



Spezielle Einleitung. 



[§40. 



lieh Bescheid wusste. 

bi Die gänzliche Eintlusslosigkeit von Daniel auf die nach- 
exilisehe prophetische Literatur. Wäre Daniel von einem Zeit- 
genossen des Cyrus veri'asst, so müssten wir erwarten, dass 
ein so eigenartiges und hochbedeutendes "Werk Spuren seiner 
Bekanntschaft und seines Gebrauchs zeigte. Wenn man sieht. 
wie das Deuteronomium Jeremia Ezechiel Deüterojesaja in 
allen nach ihnen geschriebenen Literaturprodukten durchtönen 
und nachklingen, so stünde das nämliche auch von Daniel zu 
erwarten. Aber nichts davon ist zu entdecken. 

c) Die Stellung im hebräischen Kanon, der das Buch 
nicht unter die Propheten, sondern in die dritte Ordnung des 
Kanons, die sog. Hagiographen, einreiht. Wäre es das Werk 
eines Propheten aus der Zeit des Cyrus, so wäre schlechter- 
dings kein Grund abzusehen, dass man ihm eine Auszeichnung 
vorenthalten hätte, die doch einem Haggai, Zaeharja und Ma- 
leaclii, ja selbst Jona nicht versagt worden ist. 

d) Die Nichterwähnung desselben bei Jesus ben Sira. 
Dieser nni 200 schreibende Autor nennt 48 20— 20 Jesaja, 49 6—7 
Jeremia, 49 s_o Ezechiel und 49 m die zwölf kleinen Prophe- 
ten: eine Nichterwähnung Daniels wäre um so unerklärlicher, 
als Jesus ben Sira bereits den Begriff der Prophetie wisent- 
lich im Vorhersagen der Zukunft sieht, also Daniel ganz be- 
sonders hoch geschätzt haben müsste. Die erste sichere J *»< - 
zugnahme auf Daniel ist I Mak 2 59— eo ca. 100 \. Chr. 

e) Bei einem Zeitgenossen des Cyrus wäre ganz Kap. !> — 12, 
die Reflexion über Jeremias Orakel von den 70 Jahren, un- 
denkbar, da im 1. resp. 3. Jahre des Cyrus diese 70 .Jahre 
noch gar nicht verflossen waren, man sich mithin auch über 
die Nichterfüllung jener Weissagung keine Gedanken machen 
konnte. 

f) Die Art wie D^toa ganz wie d;is lateinische Chaldaeus 
von Wahrsagern und Zeichendeutern gebraucht wird 224510 
I 1 r> 7 1 1 ist unbegreiflich zu einer Zeit, wo die antt das weit- 
beherrschende Volk waren. 

g) Das wiederholte Vorkommen persischer und griechischer 
Lehnworte, unter denen das Wortkompositum rrofeow aofi-cpwvca 
besonders beweiskräftig ist. 

h) Der Gebrauch dev aramäischen Sprache, welcher vor- 
aussetzt, dass Aramäisch, und zwar das palästinensische West- 



§ 40.] Das Buch Daniel. 241 

aramäisch, nicht das mesopotamische Ostaramäisch, die Volks- 
sprache der ursprünglichen Leser war. 

i) Biblisch-theologische und archäologische Gründe sind 
neben so überwältigenden objektiven Beweisen kaum nötig auf- 
zuführen. Doch soll erwähnt sein : das dreimalige tägliche 
Gebet in der Richtung nach Jerusalem gesprochen 6n; das 
Wertlegen auf Fasten 9 3 10.3 und Almosen 4-24; die Enthal- 
tung von Fleisch und Wein im Umgange mit Heiden 1 8 ff. ; 
die das ganze Buch durchziehende entwickelte Angelologie; 
die Lehre von einer doppelten individuellen Auferstehung der 
Toten zur Seligkeit oder zur Verdammnis 12 3 ; endlich auch 
der Ausdruck anöSi 9-2 für die Bibel xa ßtßXi'a, der schon eine 
Sammlung als heilig anerkannter Schriften voraussetzt. Das 
alles sind Dinge, welche zur Zeit des babylonischen Exils nicht 
begreiflich wären. 

k) Endlich die ganze Art und der Charakter des Buches, 
der trotz mancher Berührungen mit Ezechiel und Zacharja 
sich doch von der gesamten übrigen kanonischen ATlichen 
Literatur eben so entschieden entfernt, als er mit der späteren 
apokalyptischen und apokryphischen übereinstimmt. 

3. Alle diese Gründe zwingen uns, in Daniel das Werk 
eines frommen und gesetzestreuen Juden aus der Zeit des An- 
tiochus Epiphanes zu erkennen, welcher seine verfolgten und 
leidenden Glaubensgenossen ermutigen und aufrichten wollte 
durch die Verheissung, dass das Himmelreich nahe herbeige- 
kommen sei. Diese ^Mahnungen und Weissagungen legte er 
einem gottbegeisterten Propheten aus der Zeit des babyloni- 
schen Exils in den .Mund, so dass sein Buch ein Pseud- 
ep i g r a p h ist: aber dies war, wenn er gehört werden wollte 
und wenn seine Rede wirken sollte, eine absolute Notwendig- 
keit, da gerade seine Zeit durchaus unter dem Eindrucke stand, 
dass die Prophetie erloschen seiPs74u J Mak 4 i., 927 14 n. 
Den Namen seines Propheten gab unsrem Verfasser wohl Eze- 
chiel, welcher 14 14 20 28:s einen Daniel als besonders fromm 
und weise erwähnt. Diese Ezechielstelle darf nicht als Be- 
weis für die Geschichtlichkeil des Daniel verwendet werden, 
da der 14 11 20 neben Noah und Hiob genannte Daniel unmög- 
lich ..ein babylonischer Student" (Reuss) aus den Tagen Eze- 
chiels sein, sondern nur aus der Volksüberlieferung geschöpft 
sein kann. < >b diese schon seinen Namen mit ähnlichen Ge- 

Grundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. IG 



242 Spezielle Einleitung. [§ 40. 

schichten in Verbindung brachte, wie unser Verfasser sie er- 
zählt, wissen wir nicht: auf jeden Fall war für seinen Zweck 
durch Ezechiel Namen und Person eines in früheren Zeiten 
lebenden frommen und weisen Daniel hinlänglich verbürgt. 

4. Bei dem ganz eigentümlichen ( lharakter des Buches 
Daniel lässt sich seine Ab f as s u n g sz eil bis fast auf den 
Tag bestimmen, wenn wir ermittelt haben, welche Ereignisse 
dem Verfasser bekannt waren. Da ist ausschlaggebend 814, 
nach welchem geschlossen werden muss. dass er die Wieder- 
weihe des Tempels durch Judas Makkabäus I Mak 4 t2— 58 er- 
lebt hat. Dem widerspricht auch nicht 11 34 täOü im rmr : im 
Vergleiche zu dem erhofften AI lni achtswunder Jahves waren 
alle Taten des Judas nur eine kleine Hilfe und nach 1 Mak 5 
die Lage der Juden damals noch traurig genug; umgekehrt 
setzt aber das Sichanschliessen der Hellenisten an die From- 
men in Heuchelei ll;si'' schon relativ nicht unbedeutende Er- 
folge voraus. Die Tempelweihe fällt auf den 25. Kislev-De- 
zember 165. Da er den Tod des Antiochus Epiphanes im 
Winter 1G4 noch nicht erlebt hat. vielmehr das Ende dieses 
Tyrannen gleichzeitig mit dem Ende der 70sten Jahrwoche 
im Juni 164 erwartet, so muss das Buch zwischen Ende De- 
zember 165 und Juni 164, also wohl im Januar 164 geschrie- 
ben sein. Auch 9-_>i schliesst diese Datierung nicht aus et. 
Kamphauskx Geschichtsforschung se: sehr viel früher könnte 
es aber auch dann nicht geschrieben sein. 

5. Die Einheit des Buches ist früher vielfach ange- 
zweifelt; in neuester Zeit namentlich durch SteacK, der sich 
aber Einleitung 1 viel reservierter äussert, und MEINHOLD: 2 — <! 
sei ein aramäisches Buch von Danielgeschichten aus der Zeit 
Alexanders d. Gr., welchem dann unter Antiochus die Visionen 
7 — 12 hinzugefügt wurden. Aber diese Annahme ist wenig 
wahrscheinlich. Kap. 2 kann sachlich von den Visionen in 
7 u. s gar nicht getrennt werden und enthält zudem 2 i.t gleich- 
falls einen Zug yon ganz bestimmter Vorhersagung historischer 
Ereignisse aus der späteren Geschichte der Diadochenreiche. 
Keiner sind gerade in den Danielgeschichten 2—6 die durch- 
gängigen Beziehungen auf Antiochus Epiphanes und seine Ver- 
folgung Arv jüdischen Religion ganz besonders unverkennbar. 
Ausserdem konnte Kap. 1 \or 2 von Anfang an gar nicht 
fehlen. Trotz mancher und z. T. schwerer Widersprüche in 



§41.] Der Psalter. 243 



s 

Einzelheiten ist kaum ein anderes ATliches Buch so einheit- 
lich und so in Einem Zuge geschrieben, als gerade Daniel, 
und deshalb kann ich mich auch mit der Annahme einer suc- 
cessiven Entstehung und Veröffentlichung in „Flugblättern" 
(ReüSS) nicht befreunden. 

6. Als spätere Zusätze, von einzelnen Glossen abgerechnet, 
hat Galt, das Bussgeltet Daniels 9 i— 20 und Marti 1 20— 21 
ausgeschieden, während die Streichung von 813—14 (Giese- 
brecht GGrA 1895 599) und 12 n—12 (Gunkel Schöpfung und 
< Ihaos 1895 269 und MABTl) mir auf unrichtiger Auffassung jener 
Stellen zu beruhen scheint. Bekanntlich ist Dan in der griechi- 
schen Bibel durch eine Anzahl von grösseren Stücken erwei- 
tert worden. 

C. Poetische und didaktische Bücher. 

HEwald Die Dichter des Alten Bundes. 3 Bände- 1866—1867. 

§ 41. Der Psalter. 

Kommentare: deWette 1811. FHitzig 2 Bände 1835, 1836. HHup- 
feld 4 Bände 1855—1862. FDklitzsch BCAT 1893 5 . FHitzig 2 Bände 
1863, 1865 (ganz neues Werk!). Hupfkld-Now.uk :; 2 Bände 1887, 1888" 
FBaethgen HKAT 1904 3 . BDkhm KHCAT 1899. TKChkyxe 1904 i 
FDelitzsch Symbolae ad psalmos ülustrandos isagogicae 1846. CEhkt 
Abfassungszeit und Abschluss des Psalters 1869. FGiesebbecht Ueber 
die Abfassungszeit des Psalters ZaW 1 276 ff. 1881. FSellix De origine 
carmiiuiiii quae primus psalterii über etc. Diss. 1892. TKChkyxe The ori- 
gin and religiow Contents of the Psalter 1891. BStadk Die messianiscae 
Hoffnung im Psalter ZTK 2seg ff. 1892. PdkLaoarde Orientalia 2 13— 27 
lSMi und Xorae /'satter ii Graeci editionis specialen 1887. B Jacob Beiträge 
■zu einer Einleitung in die Psalmen ZaW 16 129 it. :r,a ff- 1896, 17 4sff. 263 ff. 
1897. ABüchxer Zur Geschichte der Tempelmusik und der Tempelpsalmen 
ZaW 19 9G ff. 329 ff. 1899, 20 97 ff. 1900. WSta brk Zur Kritik der Psalmen- 
Überschriften ZaW 12 91 ff. 1892 und Die Gottlosen in den Psalmen StKr 
70 449 ff. 1897. AU ah 1. is :v und 15» in den Psalmen 1892. RSmend Ueber 
das ich der Psalmen ZaW 8 49 ff. 1888. GBkki; Indiridnal- und Gemeinde- 
psalmen 1894. FCOBLENZ Ueber das betende Ich in den /'sahnen 1897. 
HRoY Die Volksgemeinde und die Gemeinde der /'rammen im /'salter 1897. 
ZuPsalm68: EReüss 1851, JGbill 1883. Zur Textkritik ; JOlshause» 
KEH 1853. CBruston Du texte primitif des Psaumes L873. JDysebinck 
ThT 12 279 ff. 1878. HUkaf.tz Kritischer Kommentar %u den /'salinen 2 
Bände 1882, 1883. GBickeul Dichtungen der Hebräer III 1883. JWell- 
hai SEN SBOT 1895, englisch 1898 und Skizzen und Vorarbeiten 6iesff. 
1899. 

1. Der P s a 1 1 e r oder das Buch der Psalmen ist eine 

16* 



244 Spezielle Einleitung. [§ 41. 

Sammlung von 150 Liedern sehr verschiedener Art und sehr 
verschiedenen Wertes, welche aber das Gemeinschaftliche ha- 
ben, dass sie alle religiösen Charakters sind — mit einziger 
Ausnahme von Ps 45, welcher nur dadurch in den Psalter 
kommen konnte, dass man seinen Inhalt religiös unideutete. Im 
Hebräischen wird er D^nri "iSC oder zusammengezogen D">>ri resp. 
f?Fi genannt, also „Gesangbuch", Sammlung von Liedern für 
den gottesdienstliehen Gebrauch und zur religiösen Erbauung, 
wodurch sein liturgischer Charakter klar ausgesprochen wird. 
Unendlich sind Reichtum und Mannigfaltigkeil des Inhalts der 
Psalmen: sämtliche Lagen und Vorkommnisse des Lebens wer- 
den in das Licht der göttlichen Betrachtungsweise gerückt und 
durch die Frömmigkeit geweiht und geadelt, so dass sie sich 
zu (jlebet und Hymnus verklären. 

2. Bei der isagogischen Betrachtung des Psalters muss 
scharf geschieden weiden zwischen den einzelnen Liedern und 
der uns vorliegenden Sammlung. Wir haben zuerst ins Auge 
zu fassen die einzeln e n L i e d e r. Natürlich nicht in 
dem Sinne, dass wir der Entstehungszeit und wo möglich dem 
Dichter jedes der 150 Psalmen nachspürten, sondern nur von 
allgemeinen Gesichtspunkten aus und unter Erwägung der prin- 
zipiellen Fragen. 

3. Bei der Betrachtung der einzelnen Lieder muss die 
erste Krage die nach den Ueberschriften sein, hu 
hebräischen Texte tragen mit Ausnahme von 84 Liedern, näm- 
lich 1 2 10 33 43 7191 93-97 9!) 1(>4 107 111 -119 136 
137 146—150, welche die Juden deshalb crtöHr verwaiste nennen, 
alle einzelne Psalmen I leberschriften. Manches in diesen Ueber- 
schriften ist wohl rein musikalischer Art und enthält Anwei- 
sungen über "Vortragsweise und Begleitung der Psalmen, über 
die Melodie, nach der sie gesungen werden sollen, oder über 
ihre Stellung und Verwendung im Kultus: die Bedeutung dieser 
ausdrücke, die sich ausserhalb des Psalters nur noch verein- 
zelt in Chron linden, gehör! in die Exegese. I'ss 66 <;7 92 
98 L00 u. 102 haben nur derartige musikalisch-liturgische Ueber- 
schriften) die offenbar eng zusammengehörende < rruppe 120— 134 
tragen die gemeinschaftliche Bezeichnung rfbmrj^p oder bei 
121 rvbvzb t». Csagogisch wichtig sind allein zwei Kategorien 
von Ueberschriften : a i X a m e n und zwar sämtlich mit b ver- 
bunden, nvab Ps 90. — u bei 7:5. also fast der Hälfte der 



§ 11.] Der Psalter. 245 

gesamten Zahl, und zwar 3 — 9 11 — 32 o-l — 41 51 — 65 68 — 70 
86 101 103 108—110 122 124 131-133 u. 138-145. nthwb 
72 u. 127. --ex 1 ? 50 u. 73—83. rrp.*xb 42 44—49 84 85 87 
88. Tnmrrirm? 89. rnmnjövib 88 neben rrp -:zb. Ferner \vrrb 
39 neben —b, und pn , T b» 62 neben -r-tb, 77 neben ^ck 1 ?. — 
In Historische Ueberschriften. Bei den 13, sämt- 
lich Trb bezeichneten, Pss 3 7 18 34 51 52 54 56 57 59 60 
63 142 werden Zeit und Veranlassung ihres Entstehns ange- 
geben, und hierzu könnte auch noch gehören Ps 30. 

4. Ehe auf die Prüfung dieser beiden Kategorien von 
ueberschriften eingegangen werden kann, ist erst noch der 
t extkritische Tatbestand festzustellen. Wohl fin- 
den sie sich alle auch in LXX, aber nur in einzelnen Hand- 
schriften und z. T. unter verdächtigen Umständen: die histo- 
rischen Ueberschriften zu 51 52 54 57 63 u. 142 können um 
ihrer eigentümlichen Form willen nur ein späterer hexaplari- 
scher Zusatz sein; zudem ist das unglaubliche Auseinander- 
gehn der Hss. doch mindestens beachtenswert. Aber LXX 
hat gegen den hebräischen Text noch ein ganz beträchtliches 
Mehr, teils an Nennung von Namen, teils an musikalisch-li- 
turgischen und historischen Zusätzen. Auch hier gehu die 
Hss. unglaublich auseinander, und es müssten zuerst einmal 
mit Herbeiziehung alles überhaupt erreichbaren Materials die 
Psalmenüberschriften der LXX monographisch bearbeitet wer- 
den, ehe man ein einigermassen sicheres Urteil abgeben dürfte. 
Nur das kann jetzt schon gesagt werden, dass dieser Ueber- 
schuss der LXX nicht griechische Zusätze sind, sondern den 
hebräischen Ueberschriften durchaus deichartig und vielleicht 
auch gleichwertig: dass Ps 24 der Sonntags-, 48 der Montags-, 
(81 in der altlateinischen und armenischen Uebersetzung der 
Donnerstags-) 93 der Freitags- und 94 der Mittwochspsalm 
war. bestätigen originaljüdische Zeugnisse. Der hebräische 
Text repräsentiert also die Sichtung einer reicheren Ueberlie- 
ferung, die nicht einfach bei Seite geschoben werden darf. Die 
syrische Bibel dagegen weicht vom hebräischen Text und LXX 
völlig ab und hat den Psalmen ganz neue Ueberschriften ge- 
geben, welche meist die Ansichten der antiochenischen Exe- 
getenschule über Inhalt und Veranlassung dev einzelnen Lie- 
der zum Ausdruck bringen. Angesichts dieses Auseinander- 
gehe der drei Hauptzeugen kann getrost behauptet werden. 



246 Spezielle Einleitung. [§ 41. 

dass man die Ueberscliriften nirgends als integrierenden Be- 
standteil des heiligen Textes selbst betrachtet hat. 

5. Für dieNamensübe r seh rif t e n haben wir aus- 
zugehn von den am häutigsten vorkommenden : =}cxb, rr.p 'ab, 
yrb. Nach der verbreitetsten Anschauung soll dadurch der 
Dichter des betreffenden Ps angezeigt werden und man redet 
daher von einem „b autoris". Das erste deutliche Zeugnis für 
jene Auffassung ist II Chr 29 30, wo der Inhalt des Psalters 
als Worte Davids und Asapks des Schauers bezeichnet wird. 
Aber selbstverständlich ist sie keineswegs. Schon bei rrp -:zb 
macht sie Schwierigkeiten, und doppelte Angaben wie bei 39 
62 77 u. 88 sind dann völlig unbegreiflich, da doch der näm- 
liche Psalm nicht von David resp. Asaph und von Jedutliun 
gedichtet sein kann. Dass das b den Gegenstand des Psalms 
bezeichne, ist bei fpnh und mp vzb völlig ausgeschlossen, wäh- 
rend andererseits die Analogie mit ITO*!? nicht von der Hand 
gewiesen werden kann und auch die Variante pnT bv 62 u. 77 
neben pTPfb 39 zu beachten ist. So wird es denn das Sicherste 
bleiben, auch diesen drei Ueberschriften, irb mit eingeschlos- 
sen, ursprünglich eine liturgische Bedeutung zuzusehreiben, 
die wir freilich ebensowenig mehr kennen, als die der übrigen 
musikalisch-liturgischen Beischriften, während allerdings bei 
89 90 u. 127 das b wohl schon im Sinne der ursprünglichen 
Ueberschrit't das b autoris sein soll, dagegen bei 72 (LXX 
nur hier £•:!) den Gegenstand und bei 102 die Bestimmung 
des Psalms bezeichnet. Vgl. LAGABDE Mitteil. 4346. 

6. Haben nun aber die Namensüberschriften ursprünglich 
nicht den Zweck gehabt, den Dichter des Psalms anzugeben, 
so können die historis c h en V e b e r s chrif ten, welche 
diese Deutung zur Voraussetzung haben, nur noch später hin- 
zugefügl sein. Dies bestätigt ihre Form, da sie alle teils 
wörtlich, teils sachlich, aus Sam stammen, und zwar ausSam 
in der uns jetzt noch vorliegenden Gestalt, sowie ihr Verhält- 
nis zu den durch sie bezeichneten Psalmen: jede eingehendere 
Prüfung dieses Verhältnisses, wie sie /.. B. in den beiden ersten 
Auflagen unseres Grundrisses durchgeführt war. ergibt das Re- 
sultat, dass sie Lediglich durch Kombination und nicht einmal 
immer richtige und vorsichtige Kombination des Inhaltes der 
Lieder mit den Erzählungen in Sam erschlossen sind. Und 
etwas Analoges gilt aiieli für das b autoris bei Ps 90 u. 127. 



§ 41.] Der Psalter. 947 

Ps 90 wurde dem Mose zugeschrieben auf Grund von in die 
Augen lallenden Berührungen mit dem „Liede Moses" Dtn 
32, und bei Ps 127 Hess der maschälartige Charakter der Dik- 
tion und die Deutung von v. 1 auf den Tempelbau an Salomo 
denken. 

7. Unter solchen Umständen können wir Alter und 
Herk u n f t der Psalme n im einzelnen nur nac h i 11- 
n e r e n G r ü n d e n beurteilen. Da steht nun zunächst aus 
Am 5 23 absolut fest, dass der israelitische Kultus schon in 
sehr alter Zeit die Mitwirkung der musischen Künste in An- 
spruch nahm; Ps 137, der nicht jünger sein kann, als 500, 
erwähnt ausdrücklich schon für die Zeit des babylonischen 
Exils Zions- resp. Jahvelieder (vgl. auch Thr 2 t), und die 
Königspsalmen 20 u. 21 (61 u. 63 nenne ich absichtlich nicht) 
wollen gleichfalls erwogen sein. Aber daneben ist doch hinzu- 
weisen auf die eben so befremdliche wie unleugbare Tatsache, 
dass die ganze vorexüische Literatur Israels auch nicht den 
Leisesten Anklang an die Psalmendichtung, auch nicht die min- 
deste Beeinflussung durch dieselbe zeigt. Sollte es wirklich 
denkbar sein, dass alle Geschichtsschreiber und Propheten der 
vorexilischen Zeit wie auf Verabredung an den Psalmen vor- 
übergegangen wären und dies köstlichste Stück des geistigen 
Besitzes [sraels geflissentlich ignoriert hätten ? Erst in der 
( 'hronik und in den jüngsten, meist sekundären Bestandteilen 
der Propheten, wie des 12 26 38 iu— 20 Jon 23— 10 Nah 1 Hab 3 
linden wir den Psalmenstil. Vielmehr ist der Psalter in sei- 
ner gegenwärtigen Gestalt das Gesang- Gebet- und 
E r b a u u n g s b u c h der Gemeinde des zweiten 
Tempels, wofür wir sogar die allerdings recht fragwürdige 
Tradition II Mak 2 13 anführen können, nach welcher Nehe- 
mia den Psalter zusammengestellt halten soll, und da ist es 
das Nächstliegende, die Psalmen wesentlich auch in der Zeit 
entstanden zu denken, deren Bedürfnissen zu dienen sie be- 
nimmt waren. Dies wird bestätigt durch den Sprachcharakter 
(Giesebrecht), sowie durch biblisch-theologische Erwägungen, 
indem die Psalmen den Abschluss der Prophetie und des Ge- 
setzes voraussetzen: „die Propheten älter als das Gesetz und 
die Psalmen jünger als beide" (ReüSS). Daher hat WELL- 
HAUSEN das Problem ganz richtig präzisiert, wenn er sagt: 
..so fst die Frage nicht die, ob es auch nachexilische, sondern 



248 Spezielle Einleitung. [§ 41. 

ob es auch vorexilische Lieder darin gibt". Und dadurch ent- 
wertet man die Psalmen nicht, sondern im Gegenteil man er- 
kennt sie erst recht in ihrer ganzen wunderbaren Bedeutung. 
Sie sind die Reaktion des altisraelitischen frommen Gemüts 
gegen den Judaismus, als deutlicher Beweis dafür, dass der 
religiöse Genius Israels seihst durch Esra und den Pharisäis- 
mus nicht zu ertöten war. und bilden so recht eigentlich das 
Bindeglied zwischen dem Alten und Neuen Bunde: die Kreise, 
welche die Psalmen gesungen hatten und welche eine Fröm- 
migkeit nach Weise der Psalmen pflegten, waren der Mutter- 
boden der Kirche. Was speziell David als Psalmendichter 
betrifft, so steht fest, dass er die musischen Künste ausübte 
und dass er sich für den Kultus lebhaft interessierte; die sein' 
alte Erzählung II Sam 6 berichtet ausdrücklich von seiner 
eigenen musischen Mitwirkung bei einer kultischen Feierlichkeit. 
Aher von ihm als religiösem Dichter weiss, da IL Sam 22 nicht 
zum alten Bestände von Sam gehört, die ganze vorexilische 
Zeit absolut nichts; das einzige uns üherlieferte authentische 
Lied Davids 11 Sam 1 i n — 27 liisst das religiöse Moment sogar 
in geradezu autfallender Weise vermissen, und die einzige vor- 
exilische Erwähnung von Davids musischen Leistungen ausser- 
halb Sam, Am 6.5, weist auf alles andere eher, als unfeinen 
spezifisch religiösen oder kultischen Charakter der damals be- 
kannten Dichtungen Davids. David der Psalmensänger be- 
gegnet uns zuersl und allein in Thron: er i-t eine exilische 
]■'•-!>. nachexilische Figur und ein organisches Glied in der 
Keile der durch die deuteronomistischen Geschichtsschreiber 
des Exils angehahnten völligen Umbildung der alten Geschichte 
[sraels zur Kirchengeschichte, nachdem in Konsequenz der 
vom Dtn eingeschlagenen Richtung und durch die Logik der 
Tatsachen [srael -ich .ins einem Staat in eine Kirche, aus 
einem Volk in eine Gemeinde verwandelt hatte. Der David, 
welcher durch die messianische Weissagung in den Mittelpunkt 
des religiösen [nteresses gerückt war, von dem man wusste, 
dass er gedichtet und sich auch am Kultus >< - 1 1 > ^ 1 1 . : i i i - beteiligt 
habe, konnte nur ein religiöser Dichter gewesen -ein. und so 
führte man auf ihn die ganze religiöse Lyrik zurück, wie nach 
I Reg ö il' auf seinen Sohn Salomo die gesamte weltliche Ly- 
rik und Spruchdichtung. 

8. Nun haben wir d e n P s a 1 1 e r als ( ; a n z e s ins 



§ 41.] Der Psalter. 249 

Ange zu fassen; denn auf uns gekommen ist er nur als Buch, 
als Sammlung. Was zunächst die Anordnung und Gruppie- 
rung der in ihm vereinigten Lieder betrifft, so sind deutlich 
einzelne Gruppen in denselben zu erkennen, wie 42 — 49 K<>- 
rahpsalmen, 73—83 Asaphpsalmen, 105 — 107 Hodupsalmen, 
120—134 Stufenlieder, 111 — 113 u. 146—150 Hallelujapsal- 
men. Bei der gegenwärtigen Anordnung können liturgische 
und literarische Gesichtspunkte massgebend gewesen sein: die 
von Delitzsch in seinen Symbolae aufgezeigten Stichworte 
beruhen schwerlich auf Zufall. Die hebräische Ueb erlief erung 
hat den Psalter in fünf Bücher geteilt: 11—41, 1142—72. 
III 73—89, IV 90—106, V 107—150. Diese Bücher sind 
äusserlich markiert durch die am Ende des jeweiligen letzten 
Psalms stehende sog. Schlussdoxologie 41 14 72 is— io 89 53 u. 
106 4s ; das letzte Buch bedurfte einer solchen nicht, da der 
ganze Schlusspsalm 150 eine erweiterte Doxologie ist. Die 
Schlussdoxologien sind an Umfang und Form ziemlich un- 
gleich; doch haben sie"alle gemeinsam die Benediktion ni!T fn3, 
das öbiö und |ÖK, bei den drei ersten ■;:*<• [üK und so LXX 
auch 106 18. Diese Einteilung des Psalters in fünf Bücher 
hat schon die alte Ueberlieferung zu der Einteilung des Penta- 
teuchs in fünf Bücher in Analogie gesetzt s. EPIPHANIÜS de 
mens. 5 -b (JjaXnfjptov c'.cv.ov si: -Ivts ßißXta 0: r E:>pa:o'. wa— 
zi'/y.: v.y.l aöxi ÄXXyjv -vrA-vy/yt und der Midrasch zu Ps 1 1 — 
womit zugleich bewiesen ist. dass dieselbe nicht älter sein kann 
aN das 4. Jahrhundert, denn vor dem Jahre 400 gab es einen 
..Pentateuch" nicht. Wenn wir nun diese fünf Bücher des 
Psalters betrachten, so fällt uns sofort auf die unverhältnis- 
mässige Kürze von Buch 111, und es hat daher die Vermutung 
Ewalds sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass ursprünglich auch 
die acht Korahpsalmen und der eine Asaphpsalm in Buch II 
zu Buch III gehört haben, so dass Buch II bestanden hätte 
aus 51—72 und Buch \\\ aus 50 73— 83 42— 49 84— 89. Dies 
wird fast zur Gewissheit durch die Unterschrift 72 20, welche 
nach Analogie von Jer 51 «u und Job 31 10 nur dazu bestimmt 
gewesen sein kann, ein in sich homogenes Ganzes gegen etwas 
Andersartiges abzugrenzen, so dass der. welcher l's 72 -20 
sehrieb, bis dahin nur Davidpsalmen gelesen haben kann: in 
Ps 72 sah er ein Gebet Davids für Salomo. 

9. Diese Sa m in hing des Psalters nun entstand nicht 



250 



Spezielle Einleitung. 



[§ 41. 



mit Einem Male, sondern successiv. Buch Jl u. III können 
nicht von der nämlichen Hand redigiert sein, wie Buch I, und 
wiederum Buch IV u. V nicht von der nämlichen, wie Buch 
1 1 u. III. Hierfür sprechen schon die bekannten Parallelpsal- 
men. Ps 14 erscheint als Ps 53 wieder, 40 14— 18 als 70, und 
108 setzt sich zusammen aus 57 8— 12 u. 60 7— 14. Noch mehr 
ins Gewicht fällt aber ein anderer Umstand. Buch I IV u. V 
sind durchaus oder wesentlich jahvistisch, während Buch II u. 
III, wenigstens bis zu Ps 83, durchaus elohistisch ist: mit 
Ps 84 beginnt ein Schwanken zwischen beidem , um dann in 
85 — 89 immer entschiedener wieder ins Jahvistische zurück- 
zufallen. Dass dies bewusste Redaktionsänderung ist, zeigen 
vor allem die Parallelpsalmen, wo das m,T von 14 u. 40 in 53 
u. 70 überall als D'nSs' erscheint, und zeigen noch deutlicher so 
völlig unerhörte Wendungen wie niK25i DVfcK und TC^ D ,, "kK. 
Sind nun aber diese drei Einzelsammlungen von verschiedenen 
Münden zusammengestellt, so würde es erwünscht sein, erst 
über sie zur Klarheit zu gelangen. Nach übereinstimmendem 
Urteile gilt Buch I als älteste derselben, und da muss es denn 
als ein besonders glücklicher Umstand willkommen geheis 
werden, dass wir gerade für die Entstehungszeit von Buch I 
zwei sichere Kriterien haben. Das eine, allerdings nur rela- 
tive, ist das Verhältnis von Ps 18 zu II Sam 22. Dass man 
zu einer Zeit, wo schon eine ganze Sammlung von davidischen 
Psalmen als Gemeindegesangbuch jedermann geläufig war, ge- 
rade diesen einen herausgegriffen und in II Sam aufgenommen 
haben sollte, wird kaum anzunehmen sein: auch die Arl der 
I Vberselirift weist sie einer historischen Schritt als ursprüng- 
licher Stelle zu. Nun ist aber II Sam 22 ..ein Einschiebsel 
im Einschiebsel", welches der ullerjiingsten Redaktion ange- 
hört, über deren Zeit wir freilich eine sichere Angabe nicht 
machen können. Einen absolut festen terminus a quo bietet 
dagegen Ps L9 2, wo wir L T"*'7 scln.ii als eingebürgerten Aus- 
druck für Himmel linden. Hierdurch isi Abhängigkeit von P 

positiv bewiesen: also mindestens Ps M>. von dem ein späteres 

Eingeschobensein in Buch I sich in keiner Weise wahrschein- 
lieh machen lässt, kann nicht älter sein als 400, und zu diesem 
Resultate stimmt es denn auch, wenn die ganze Sammlung 
ihre Einteilung in fünf Bücher dem Pentateuche nachgebildet 
hat. Wenn wir noch einen prüfenden Blick auf die beiden 



§ 4L] Der Psalter. 251 

anderen Einzelsammlungen werfen, so ist es nicht wahrschein- 
lich, dass Buch II u. III auf Einmal abgeschlossen wurde. 
Schon die offenbar gestörte ursprüngliche Anordnung ist dem 
entgegen, und noch mehr die Beschaffenheit der Pss 84—89, 
welche den elohistischen Charakter der übrigen Sammlung 
nicht mehr aufweisen und neben epK und mp "»33 noch andere 
Namen bieten: die Ueberschrift von 88 ist nur begreiflich als 
mechanische Zusammenschiebung zweier verschiedenen, deren 
jede für sich auf eigenen Füssen steht, Auch die Sammlung 
IV u. V scheint nicht uno tenore angelegt. Gleich die Tren- 
nung in zwei Bücher von bemerkenswert verschiedenem Um- 
fange, welche die Gruppe der Hodupsalmen 105 — 107 ausein- 
anderreisst , ist sehr auffallend , und gerade hier heben sich 
eine Anzahl von Einzelgruppen besonders scharf hervor. Man 
möchte annehmen, dass die dritte Sammlung ursprünglich nur 
aus 91—100 105—107 111—118 135 136 u. 146—150 bestand, 
ein Korpus von in sich homogenen rein liturgischen Liedern, 
und dass in dies späterhin teils einzelne Psalmen, wie 90 119 
137, teils Gruppen, wie die Stufenlieder 120—134 und die 
Davidpsalmen 101 — 104 108—110 138—145 aufgenommen wur- 
den, um alle vorhandenen resp. bekannten Psalmen beisammen 
zu halfen. Etwas anders Riedel ZaW 19 169 ff. 1899. Aelter 
als das 4. Jahrhundert kann der Psalter als Ganzes in der 
uns jetzt vorliegenden Gestalt nicht sein. 

10. Können wir für den Abschluss der Sammlung 
des Psalters vielleicht auch einen terminus ad quem fest- 
stellen? Man hat hierfür, gestützt auf I Chr löse, die Ent- 
stehungszeit der Chron annehmen zu dürfen geglaubt, und in 
der Tat findet sich a. a. 0. die Schlussdoxologie von Buch IV 
Ps 106 in wieder. 1 )a hat man denn geschlossen, wenn schon 
der Chronist jenen Vers in Ps 106 gelesen habe, so müsse 
ihm auch bereits die Einteilung des Psalters in fünf Bücher 
bekannt gewesen und folglich älter sein, als er. Aber jenes 
Verhältnis ist nicht so ganz einfach zu bestimmen. 1 Chr 16 
8 — 3u lesen wir einen Psalm, den David hei der Feier der Ein- 
bringung der Bundeslade auf den Zionsberg durch Asaph habe 
singen lassen. I Chr 16 *—■>■> ist = Ps 105 i— 1.->, und 1 Chr 
I62S—33 = Ps 96, das steht fest: und nun soll I Chr 16 34 
35 u. 30 = Ps 106 i i: u. in sein. Dass trotz einzelner besserer 
Lesarten I Chr 16 s— 33 ebenso aus Ps 105 i— 1;> und 96 ge- 



252 Spezielle Einleitung. [§41. 

flössen ist, wie II dir 641—42 aus Ps 132s_ 10, kann nicht 
bezweifelt werden : es genügt schon I dir 16 27 iaipöa und V)5h 
v. 29 mit ir^aa Ps 96 6 und "Wrfftsal? v . <s zu vergleichen. Aber 
hei I Chr 16 34— 36 = Ps 106 1 17 ts liegt die Sache nicht so 
einfach. Ps 106 is fällt völlig aus der Analogie der sonstigen 
Schlussdoxologien heraus, und selbst wenn man den Vers für 
einen ursprünglichen Bestandteil des Psalms halten wollte, der 
erst später um seiner Verwandtschaft mit den Schlussdoxolo- 
gien willen als solche benutzt worden sei, so widerstreitet er 
ebenso aller Analogie der sonstigen Psalmenwendungen, wäh- 
lend er in Chron in seiner dortigen Form ganz vortrefflich 
passt: wenigstens für diesen Vers muss jede unbefangene Be- 
trachtung der Chron die Priorität zuerkennen. Ausserdem 
braucht v. 34 nicht = Ps 106 1 zu sein, da dies eine ganz all- 
tägliche liturgische Formel ist, die sich z. B. schon Jer 33 n 
in einem freilich sekundären Stücke findet, v. :i.-> und Ps 106 a 
decken sich allerdings wesentlich, wenn schon nicht völlig. Von 
der kleinen Differenz in v. a abgesehen, tritt zu dem "VriT des 
Psalms in Chron wS^atnin. Das uxapi ist im Psalm ebenso wohl 
motiviert, als es in Chron sinnlos stände, wählend mit ".b"s— 
allein die Stelle in den Zusammenhang der Chron ganz vor- 
trefflich passt. So muss MSapi in Chron aus dem Psalm ein- 
getragen sein, alier nach Streichung dieses Wortes muss ich 
\. 35 für gleichfalls in Chron ursprünglich erklären, da auch 
die beiden anderen grossen historischen Psalmen 105 u. 7s 
keinen analogen Abschluss haben. Auf das Zusammenstimmen 
von ! Chr 1»'. 36 mit Ps 106« darf also umsoweniger irgend 
ein zwingender Schluss über das Alter di-r Einteilung des 
Psalters gebaut werden, als bereits Reuss ] § 474 in einer sehr 
beachtenswerten Ausführung mit .aller Entschiedenheit behaup- 
tet, „dass die ganze Stelle I Chr 16s— s« eine junge Inter- 
polation isi und v. 87 äich eng an v. 7 anschliesst" ; ebenso 
urteilt auch Stade (GV3 2zu Anm. 2). 

11. Wir müssen vielmehr ernstlich erwägen, ob wir mit 
dem Abschlüsse der Sammlung des Psalters nicht noch be- 
trächtlich unter die Chron herabrücken müssen, ob in dem 
Psalter oichl auch Lieder aus der Makk ab ä er z ei t 
sich finden. Schon THEODOB von MOPSUESTIA hat die 17 
Psalmen 44 -47 55—60 62 69 71 79 80 83 108 109 144 auf 
die makkabäische Zeit gedeutet, dann hat namentlich Calvin 



§ 41.] Der Psalter. 253 

wieder die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt gelenkt; und in 
der Tat sind bei einer Reihe von Psalmen die Instanzen so 
zwingend, dass selbst FDelitzsch die Möglichkeit makkabäi- 
scher Psalmen wenigstens im Prinzip zugibt. Lud auch hier- 
für könnte man sich auf II Mak 2 14 berufen, wo unmittelbar 
hinter Nehemia noch Judas Maccabaeus als um die Sammlung 
der heiligen Schriften verdient bezeichnet wird, und wenigstens 
die Ueberschrift von Ps 30 muss jünger sein als das Jahr 165, 
wenn dieselbe sich, wofür der Sinn des Liedes und die jüdi- 
sche Tradition übereinstimmend sprechen, auf das Chanukka- 
fest bezieht. Vor allem kommen hier die Ps 44 74 79 u. 83 
in Betracht. Für sie sämtlich charakteristisch ist, dass die 
Leiden, über welche der Dichter klagt, den Charakter einer 
ohne jede Verschuldung erlittenen religiösen Verfolgung tragen : 
wenn WR Smith (Nachtrag D) wegen aus der Geschichte der 
Psalmensammlung und des Kanons stammenden Bedenken für 
die Zeit des Artaxerxes Ochos plädiert, so ist zu bemerken, 
dass wir von religiösen Verfolgungen der Juden durch Ochos 
nicht das Geringste wissen. Auch alle sonstigen sachlichen 
Kriterien sprechen bei diesen 4 Liedern für makkabäische Ent- 
stehungszeit, so dass dieselbe als in weiten Kreisen zugegeben 
gelten darf, und es sind auch noch manche andere Lieder des 
Psalters, welche wir gern in jene Epoche verlegen möchten. 
Debrigens mache ich darauf aufmerksam, dass die vier sicher 
makkabäischen Psalmen alle sich in Buch II u. III linden, 
welche auch sonst um ihres eluhistischen Charakters und ihrer 
offenbar nachträglich gestörten Anordnung willen eine isolierte 
Stellung einnehmen. Also dass es makkabäische Psalmen gibt, 
muss jede redliche Exegese anerkennen ; aber nun die Mehr- 
zahl der Psalmen oder gar den ganzen Psalter aus der mak- 
kabäischen Zeit herzuleiten, ist eine ganz masslose Uebertrei- 
bung, welche, um von II Ohr 29 :m zu schweigen, schon an 
JSir 47 8—io seheitert: nach dieser Stelle muss bereits Jesus 
ben Sira einen „Psalter Davids" gekannt haben. Audi 1 Mak 
7 17 spricht aufs Energischste dagegen. Es ist dies das einzige 
direkte Bibelzitat in ganz I Mak; und wenn hier Ps 79 ■>— 3 
als „Heilige Schrift" zitiert wird xaxa tov \6yov 8v lypa^e v. w, 
so kann für den Verfasser von I Mak, der kurz nach .Johannes 
Hyrcanus ca. 100 lebte und schrieb, nicht der Psalter ein 
ganz neues Buch sein, dessen Entstehung und „Kanonisierung" 



254 Spezielle Einleitung. [§ 41. 

er sich womöglich selbst noch erinnern nmsste, sondern das 
eingebürgerte kanonische Ansehen des älteren Psalters hat 
sich auch den nachträglich eingeschobenen makkabäischen Lie- 
dern mitgeteilt — um mehr als vereinzelte, nachträglich in 
die schon längst bestehende und kanonisierte Sammlung ein- 
geschobene Lieder handelt es sich bei den makkabäischen Psal- 
men nicht, und eben aus der Bezeichnung eines sicher mak- 
kabäischen Psalms als ypacpi] in I Male 7 geht deutlich her- 
vor, dass auch diese vereinzelten Nachträge nicht gar zu s]>. : ii 
in die Sammlung aufgenommen wurden: gibt doch auch 1 Mak 
2 m eine offenbare Anspielung auf Ps 146 4, also gleichfalls 
auf ein Lied, welches unzweifelhaft zu den jüngsten Bestand- 
teilen des ganzen Psalters gehört. Der Prolog des Siraciden 
aus dem Jahre 132 markiert wohl auch für den definitiven 
Abschluss des Psalters den terminus ad quem. Dass sofort 
nach dem Tode des Alexander .lannaeus die Pharisäer sich 
sollten hingesetzt und die Psalmen ihrer Todfeinde, der Sad- 
duzäer. in denen sie selbst als Rebellen und Gottlose charak- 
terisiert werden, in die Heilige Schrift aufgenommen haben 
(DUHM) ist einfach undenkbar, und eine nicht nur den ur- 
sprünglichen Sinn, sondern auch Form und Metrum völlig zer- 
störende üeberarbeitung zu der in JMT und LXX gemeinschaft- 
lich überlieferten Gestalt, wie Duhm sie für eine Anzahl von 
Alexander-Jannaeuspsalmen annimmt, ist auch nicht das \\ erk 
von ein paar Jahren: hier muss man mit einem längeren 
literarischen Entwicklungsprozesse rechnen. Und wie sollte 
vollends ein dergestalt überarbeiteter Alexander-Jannaeuspsalm, 
wie es Ps 18 nach Duhm ..deutlich- ist. auch noch als au- 
thentischster Davidpsalm in Sam gekommen Bein? 

12. Ist der Psalter eine zu liturgischen Zwecken veran- 
staltete Sammlung von einzelnen Liedern, so bleibt noch die 
Frage zu erörtern, ob diese selbst von Eause aus eine litur- 
gische Bestimmung hatten, d. h. Gemein delied er waren. 
Bei einer ganzen Anzahl, namentlich der in Buch I V u. V 
stehenden, wird (lies schlankweg behauptet werden dürfen: 
bei denjenigen, wo es nicht ohne weiteres zu Tage tritt, wird 
die Entscheidung sehr erschweri durch die Erwägung, dass 
wir stets mit der Möglichkeit rechnen müssen, es habe, um 
sie für den Kultus oder die religiöse Erbauung tauglich zu 
machen, eine üeberarbeitung der Lieder stattgefunden. Und 



§ 4'_ ) .] Die Klagelieder. 255 

dass es sich hier nicht hloss um Möglichkeiten handelt, lässl 
sich beweisen. So haben die liturgischen Schlussepiphoneme 
25 22 3423 gewiss nicht ursprünglich zu beiden alphabetischen 

Liedern gehört: so weist die Störung der alphabetischen An- 
lage, wie sie besonders empfindlich bei dem von Hause aus 
alphabetischen Doppelpsalm 9 u. 10 hervortritt, ferner for- 
melle Kriterien, wie plötzlicher Wechsel des Versbaues z. B. 
77 17—20, oder unregelmässiges Eintreten des Kehrverses z. B. 
107 6—9 ls— 16 19—22 28—32, auf Ueberarbeituiig. Eine Vereini- 
gung ursprünglich gar nicht zusammengehöriger Lieder oder 
Liederteile hat nachweislich stattgefunden bei Ps 108, so gut 
wie sicher bei 19 2-4 40 u. 144, vielleicht auch 81 : das Ge- 
genteil unzweifelhaft bei 9 u. 10, 42 u. 43. Angesichts sol- 
cher Tatsachen wird man sich bei Beantwortung jener Frage 
grosse Reserve auferlegen und vor zu kategorischen Behaup- 
tungen hüten müssen. 

Anm. In der Abteilung der einzelnen Psalmen stimmen der hebräi- 
sche und griechische Text nicht ganz überein. Die Gesamtsumme von 
150 ist in beiden Rezensionen die gleiche, aber LXX nimmt die Pss 9 u. 
10 und 114 u. 115 in je einen zusammen, während sie Ps 116 10—19 und 
Ps 147 12—20 als besondere Lieder zählt. Dass trotzdem die Art der Tei- 
lung im einzelnen relativ alt und fest überliefert ist. folgt schon daraus, 
dass beide Rezensionen übereinstimmend die Pss 42 u. 43 trennen und 
dagegen die Pss 19 24 u. 144 zusammennehmen. Ausserdem fügt LXX 
am Ende noch einen leisten zu unter der Ueberschrift ofttoc, ö La>.v>: 
töiÖYpatpog i~:: AautS xai igeötJ-ev toO äv.H;i',0 5xs vysivyj.yj^i x(p roXiaS. 
Dieser .Psalm" trägt völlig die Form und Art der Psalmenpoesie an sich 
und geht ohne Zweifel auf ein hebräisches Original zurück, ist aber ein 
ganz spätes, an I Saut 16 1—13 u. 17 sich anlehnendes, Machwerk und trägt 
den Charakter der pseudepigraphischen Schriftstellern an der Stirne, in- 
dem er in aufdringlichster Weise von David selbst gedichtet zu sein be- 
ansprucht. 

§ 42. Die Klagelieder. 

OTheniusKEH 1855. MLöhb 1891 und HKAT 1893. KBddde KHCA.T 
1898. ThNöldeke Die ATliche Literatur 1868 (§ 2 6 ) 142-143. SAFbies 
Parallele zwischen Ihr 4 u. 5 und der Mahkabäerzeit ZaW 13 no ff. 1893: 
hiergegen Löhb 14 51 ff. 1894. Derselbe ebenda 31 ff. Der Sprachgebrauch 
des Buches der Klagelieder und Threni II t und die jeremianische Autor- 
schaft des Buches der Klagelieder 24iff. 1904. - Zur Textkritik : TDy- 
SKKixeK ThT 26 889 ff. 1892. GBickell WZKM 8 101 ff. 1894 vgl. auch 
Dichtungen der Hebräer 1 st— 103 1882. — Zur Kunstform : ABtjdde Uns 
hebräische Klagelied ZaW 2 1 ff. 1882, 3 299 ff. 1883, Lim ff. 1891, 12 31 ff. 
26i ff. 1892 und PJb 73«i ff. 1893. 



256 Spezielle Einleitung. [§ 42. 

1. Bei wenig ATlichen Büchern ist die Situation, welche 
sie schildern, so klar und deutlich, als bei dem kleinen Buche, 
das gewöhnlich nach dem Kap. 1 2 u. 4 beginnenden charak- 
teristischen Worte des Klageliedes nr« genannt wird, aber 
nach dem Zeugnisse des Hieronymus, im Talmud und in der 
am Ende des Buches befindlichen massorethischen vox memo- 
rialis vielmehr niaY? = ftpf/zo: geheissen hat. Klage über Jeru- 
salems Zerstörung ist sein in immer neuen Wendungen wieder- 
kehrender einziger Inhalt. Juda ist weggeführt, nachdem es 
Furchtbares erlitten hat, die Stadt stellt öde, eine Magd roher 
Tyrannen und ein Spott und Hohn schadenfroher Nachbarn. 
lud /war hat Jahve selbst solches über Zion gebracht als 
Strafe für ihre Sünden und ihren Abfall und Ungehorsam. 
Das alles weist auf die Zerstörung Jerusalems 586 hin, die 
somit den absoluten terminus a quo gibt. Und wenn schon die 
Hoffnung nicht ganz aufgegeben wird, dennoch bricht der lie- 
dende zusammen unter der Last des Unglücks und des gött- 
lichen Zornes, und nirgends zeigt sich, dass die Möglichkeit 
einer Errettung innerhalb seines Gesichtskreises liege. Viel- 
mehr schlief das Buch mit einer verzweifelten und trostlosen 
Präge, welche bei der gottesdienstlichen Verlesung nicht den 
Schliß bilden durfte, so dass der vorletzte Vers noch einmal 
wiederholt werden musste, wie bei Jesaja, Maleachi und Ko- 
heleth. 

2. Auch formell trägt das kleine Buch ein sehr eigen- 
tümliches Gepräge. Die vier ersten Kapitel Bind alphabetische 
Lieder, was gerade beim Klageliede besonders nahegelegt war, 
weil dieselben mit "=-x zu beginnen pflegten. Diese alphabe- 
tische Anordnung ist in Kap. 1 2 u. 4 einfach, in Kap. 3 so- 
gar dreifach durchgeführt, bo dass jeder Buchstabe des Alpha- 
bets dreimal hinter einander kommt. Ferner sind .jene Kapitel 
offenbar in dem „ Klageliedervers u (§4' i) gedichtet, welcher hier 
zur Wiederherstellung des rielfach beschädigten Textes nicht 
nur angewendet werden dm!', sondern angewendet werden muss. 
Eine isolierte Stellung nimmt Kap. 5 ein; ex zählt zwar auch 
22 Verse, is1 aber weder alphabetisch angelegt, noch in der 
Kinastrophe abgefasst. 

3. Als Verfasser von Threni gilt in der jüdischen und 
christlichen Tradition der Prophet Jeremia. Die älteste Spur 
dieser Tradition haben wir wohl II Chr3525, nach welcher 



§ 42.] Die Klagelieder. 257 

Stelle Jeremia dem verstorbenen Könige Josia das Klagelied 
sang; dies Klagelied habe sich erhalten bis auf diesen Tag 
und stehe geschriebeD in den Klageliedern r'"?- 7 "^". Hier ist 
nun die Meinung gar nicht abzuweisen, dass die Chron unser 
kanonisches Buch Threni im Sinne habe. 420 findet sich wirk- 
lich eine Klage über den Gesalbten Jahres, unseren Lebens- 
adern, der in der Grube der Feinde gefangen worden : diesen 
Vers mochte man auf Josia, den letzten frommen König, 
deuten und so würde sich die Angabe der Chron befriedigend 
erklären und wäre dann das älteste Zeugnis dafür, dass man 
mindestens Thr 4 dem Propheten Jeremia zuschrieb. LXX 
dehnt diese Tradition schon auf das ganze Buch aus; denn 
hier beginnt Thr mit den Worten xcä t';v/z~ r , \xz~y. ~b y.'.'/^y- 
AioTiaxHjva: töv IapayjX */.a: IepooaaXr]{Ji epyjuxD&fjvai Ixa^iaev 
\zzz\v.y.i v.'/.yJj'Y/ xa: ed-p^vrjae töv frpfjvov ~ r /r.vt zr.l Upvjaa/.^u. 
v.y.l zl~z'/. welche durchaus den Eindruck machen, die Ueber- 
setzung eines hebräischen Originals zu sein : man könnte die 
Vermutung wagen, dass Threni mit dieser Einleitung in jenem 
Midrasch § 20 9 gestanden hätten — sie würden sich an 
H Chr 3t>2i ungesucht und natürlich anschliessen. Und es 
lii^st sich nicht leugnen, dass die Annahme der Autorschaft 
Jeremias eine gewisse Wahrscheinlichkeit besitzt. Ist Klage 
über die Zerstörung Jerusalems der Inhalt, und machen die 
Schilderungen den Eindruck der Augenzeugenschaft, so war 
Jeremia diejenige Persönlichkeit, an welche man zuerst denken 
musste. Dabei hat Threni auch einen gewissen prophetischen 
Charakter: das ganze schwere Leid wird unter den Gesichts- 
punkt des göttlichen Zornes, eines unabwendbaren Gerichts 
für unverzeihliche Sünden, gerückt, wie gerade Jeremia es 
immer und immer aufs neue angedroht und verkündigt hatte. 
Auch der weiche, elegische Charakter der Persönlichkeit des 
Jeremia konnte ihn als Dichter dieser Elegien empfehlen und 
Kap. 3 schien direkt hierfür zu sprechen: da bezeichnet sich 
der Dichter als einen Mann, der ein Spott und Hohn seinem 
ganzen Volke ist v. 1 1 (wo allerdings die Lesart nicht ganz 
feststeht), den sie verfolgen und dem sie nach «lein Lehen 
trachten 7.52—68, ja dessen Leben sie in der Grube stumm 
machen wollten v. 58. In LXX ist deshalb Threni geradezu 
mit Jeremia verbunden, wie auch in Yulgata und der deutschen 
Bibel. Aber das ist deutlich eine bewusste Umstellung. Wäre 

Gruiiilri^s II. I. Cornill, ATI. Einleitung. .".. Aufl. 17 



258 Spezielle Einleitung. [§ 42. 

Threni von Anfang an ein integrierender Bestandteil des Buches 
Jeremia gewesen, so wäre es schlechterdings nicht zu erklären, 
wie es von ihm losgetrennt und an eine ganz andere Stelle des 
Kanons hätte verschlagen werden können, und dass dies auch 
in LXX nicht das Ursprüngliche war, hat Xöldeke äusserst 
schlagend dadurch erwiesen, dass beide Bücher von zwei ver- 
schiedenen Händen ins Griechische übersetzt worden sind, 
Threni sehr wörtlich und stark hebraisierend, Jeremia dagegen 
ziemlich frei. 

4. Wir müssen daher diese Tradition auf ihre Glaub- 
würdigkeit prüfen. Und da machen uns doch Worte wie 
5 ? stutzig, die angesichts der ausdrücklichen Stelle Jer 31-29 — ao 
im Munde des Jeremia schwer zu begreifen wären. Ebenso 
unwahrscheinlich ist es , dass Jeremia in der Weise von der 
damaligen Prophetie geredet haben sollte, wie es 2 •.< geschieht. 
und dass er in der kommunikativen Form von 4i: sich über 
die ägyptisierende Politik des Volkes und seiner leitenden 
Kreise ausgesprochen habe. Deberhaupt ist selbst die Einheit- 
lichkeit des Verfassers für ganz Threni nicht ohne weiteres 
sicher, wie sich schon aus der verschiedenen Reihenfolge der 
Buchstaben des Alphabets ergibt, welche Kap. 1 die regel- 
mässige ist, während in 2 3 u. 4 2 vor v steht. Auf die iso- 
lierte Stellung von Kap. 5 wurde bereits aufmerksam gemacht. 
Eier hat Thenius zuerst der Untersuchung einen fruchtbaren 
Anstoss gegeben durch den Nachweis, dass Kap. 2 u. 4 sich 
sehr zu ihrem Vorteile von den übrigen unterscheiden: sie 
sind die gedankenreichsten und formvollendetsten und zeugen 
von der tiefsten und ursprünglichsten dichterischen Kraft; sie 
beide und Bie allein hat Tiii'.mis für Jeremia retten zu kön- 
nen geglaubt. Aber gerade bei diesen zwei Kapiteln steht ein 
durchschlagendes literarkritisches Moment der Abfassung durch 
Jeremia entgegen: sie sind nämlich ganz offenbar abhängig 
von Ezechiel. 2i4*a konnte nur jemand schreiben, der Ez 13 
u. 22 28 kannte, auch r? 2 % ist spezitisch ezechielisch ; 2i 
r^an Dt-n erinnert mindestens an Ez 43 t; die Verbindung 
rv -nr-z 2 \ finde! sich nur noch Ez24i6 2i25, 4 .-. ist aus Kz 
16 46 ff. geflossen, und auch bei cr-r-rz-z -r 1 ?; 4 2 o denkt man 
unwillkürlich an Ez 1!> i u. b : 't' r^b: endlich 2i5 stammt di- 
rekt aus Ez 27 s vgl. auch v. in 28ia; ein vollständiges Ver- 
zeichnis aller Berührungen mit Ez gibt Löhr (ZaW 14 h— 48 



§ 43.] Das Buch Hiob. 259 

1894). Hiermit ist nun aber die Abfassung durch Jeremia 
positiv ausgeschlossen; auch r, welches sich gerade in diesen 
Kapiteln 2i5ie49 findet, ist Jeremia durchaus fremd. Muss 
also die Meinung von Thenius in diesem Punkte abgelehnt 
weiden, so hat er mit seinem ästhetischen Urteile doch wohl 
das Richtige getroffen : Kap. 2 u. 4 sind entschieden das Wert- 
vollste und wohl auch Aelteste von Threni. Hier kann selbst 
die lilasseste Skepsis Augenzeugenschaft nicht leugnen: die 
Art, wie von dem Könige geredet wird, führt auf eine Per- 
sönlichkeit aus dem Kreise Zedekias, und die genaue Bekannt- 
schaft mit Ezechiel schon bald nach 586 erklärt sich bei einem 
babylonischen Exulanten (2 •) 14) leicht. Nach ästhetischem 
Wert und Entstehungszeit schliesst sich an 2 u. 4 zunächst an 
Kap. 5, eine überaus anschauliche Schilderung des Loses der 
im Lande Zurückgebliebenen, aber wohl schon der Generation 
nach der Katastrophe von 586, sicher vor 538, also ca. 550. 
Kap. 1 u. 3 sind zweifellos bedeutend jünger, wie schon die 
vielfachen Berührungen mit Deutero- und Tritojesaja und zahl- 
reichen Psalmen beweisen. Kap. 1 zeigt, abweichend von 2 4 u. 
5, eine besonders ausgeprägte Bussstimmung, so dass hier schon 
„die Absicht der Verwendung im Gottesdienst" (Buddei mit- 
gewirkt haben kann. Bei Kap. 3, dessen Verfasser nach Lohe 
in 1— n u. 52—66 zwei für sich bestehende Individual-Psalmen 
benützte, drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, dass hui' 
der "ß| resp. IRK Jeremia sein soll; da Kap. 3 offenbar von 
Anfang an auf den Anschluss an Kap. 2 berechnet ist, würden 
wir in seinem Verfasser wohl den Redaktor des gegenwärtigen 
Buches Threni haben, zu dessen Zeit also die Jeremiatradition 
bereits bestand ; er scheint auch Kap. 5, um es den andern 
Kapiteln wenigstens einigermassen anzugleichen, auf die Zahl 
von 22 Versen gebracht zu haben, da sich gegen die Ursprüng- 
lichkeit der Verse 11 12 u. ix gegründete Bedenken erheben. 
Eine genauere Zeitbestimmung lässt sich nicht geben. 

A n in. Der Versuch, Thr 4 u. 5 für makkabäisch zu erklären, Lsl 
lediglich ein Kuriosum. 



'S 



§ 43. Das Buch Hiob. 

ASchultens 1737. MHStliii.maxn 1804. JGStickel 184'J. EKkxan 
1860. FDelitzsch BCAT 1876-. ADillmann KEH 1891 4 . FHitzig 1874. 
GHBWeight 1883. ABDaviusox 1884. KBuude HKAT 1896. BDuhm 
KHCAT 1897. üebersetzungen mit kurzer Erklärung: GStuder 1881. 

17* 



/ 



260 Spezielle Einleitung. [S 43. 

EReuss 1888. GHoffmann 1891. GBickell 1894. FBaethgex 1897. 
FHkrmaxn 1900. FriedrDelitzsch 1902. JLey 1903. — KBüdde Bei- 
trüge zur Erklärung des Buches Hiob 1876. JGrill Zur Kritik der Kom- 
position des Buches Hiob 1890. JMeixhold Das Problem des Buches 
Hiob NJdTh lesff. 1892. LLaub Die Komposition des B. //. Diss. 1895. 
JLey Die Abfassungszeit des B. IL St Kr 71 ^ ff. 1898. KKautzsch Das 
sq. Volksbuch von Hiob 1900. — Verhältnis zu Prov 1—9: FSeykixg Dies. 
1889 und HLStrack StKr 69 eos ff. 1896. — Zu Kap. 19 as-28 : Stickel In 
Jobi locum de Goele etc. Dissertation 1832. ODroste ZaW4iovff 1884. 
— Zu 27 -28: FGiesebrecht Der Wendepunkt des Buches Hiob Disser- 
tation 1879. Buijde ZaW2, 9 iff. 1882. — Zu den Elihureden : Stickkl 
S. 224—263. AKamphausex in Bunsens Bibelwerk. Buddk Beiträge S. 6s— ieo. 
GWildeboer (§2t)S. 380-3S4 der deutschen Uebersetzung. - Zur Text- 
kritik: AMerx Das Gedicht von Hiob 1871. ADillmanx SBAW 1800 
i34 B ff. CSiegpbied SBOT 1893. GBeer 1895. 1897. 

1. Mit dem Buche Hiob kommen wir zu derjenigen Lite- 
ratur, welche man nach ihrem fundamentalen Begriffe als die 
Weisheitsliteratur zu bezeichnen pflegt. Von kanoni- 
schen Schriften gehören ihr an Hiob, die Proverbien und Kohe- 
Leth, von apokryphischen Sapientia und Jesus ben Sira. Diese 
Literatur tritt selbständig neben die prophetische und wird ge- 
wissermassen ihr Ersatz. Nachdem die Prophetie erloschen, 
(Ins Gesetz aufgerichtet und die Schriftgelehrsamkeit entstanden 
ist, sucht der religiöse Trieb, soweit er noch selbstschöpfe- 
risch tätig ist und nicht im subjektiv lyrischen Liede aus- 
strömt, sich ein anderes Gebiet zu seiner Betätigung, und zwar 
das verstandesmässige. Und dass hier auch für die Theologie 
die Weisheit der Zentralbegriff werden musste , ist durchaus 
naturgemäss, da die Weisheit gerade diejenige Eigenschaft 
Gottes ist, welche einem rein verstandesmässigen < iotteserken- 
neii am nächsten liegt. Die hebräische Weisheit bietet also 
eine Parallelerscheinung zu der griechischen Philosophie, nur 
mit einem fundamentalen Unterschiede: sie hat nicht, wie die 
Philosophie, die Erkenntnis an sich zum Selbst/weck — im 
Buche Hiob wird direkt und mit dem grössten Nachdrucke 
die Möglichkeil einer metaphysischen Erkenntnis für den Men- 
schen iiberhaupl geleugnet — sondern sie ist immer und über- 
all durchaus ethisch und religiös bestimmt gedacht, nicht philo- 
sophische, sondern theologische, oder wenn man lieber will: 
theosophische Spekulation, ihre Probleme nicht theoretisch- 
metaphysische, sondern praktisch-religiöse. Eine geradezu 
klassische Charakteristik dieser spezifisch hebräischen Weisheit 



8 43.] Das Buch Hiob. 261 

geben Kap. 1 — 9 der Proverbien : die Gottesfurcht ist ihr An- 
fang (Prv 1: Ps 111 in) und ihr Ziel (Prv 2 5) ; sie geht von 
Gott aus und soll zu Gott führen, indem sie den Menschen 
nicht metaphysische Erkenntnis lehrt, sondern ein gottseliges 
Leben. Und so hat denn schon Prv 8 den Schritt getan, die 
Weisheit zu hypostasieren als Erstling der Kreaturen Gottes, 
ihn umspielend bei der Weltschöpfung. Auch literarisch bilden 
die Weisheitsschriften eine Spezies für sich mit einem ausge- 
prägten gemeinsamen Grundcharakter: der neue Geist hat 
sich einen neuen Körper geschaffen, indem er sich eine eigene 
Sprache und Terminologie bildete ; spezifisch neue Worte und 
Begriffe begegnen uns hier mit einem Male und sind ein Be- 
weis, dass wir diese ganze Literatur auch literargeschichtlich 
als Einheit betrachten müssen und sie zeitlich nicht ausein- 
anderreissen dürfen. 

2. Ihre Krone ist das Buch Hiob, eines der wunderbar- 
sten Erzeugnisse des menschlichen Geistes, wie Dantes Divina 
Comedia und Goethes Faust der Weltliteratur angehörend, 
und, wie diese beiden das All umspannenden Riesenwerke, die 
tiefsten Geheimnisse des Daseins zu ergründen , die letzten 
Rätsel des Lebens zu lösen ringend. Das Problem des Buches 
ist die Theodicee: wie kann man angesichts der vielen Unbe- 
greiflichkeiten und der offenbaren Ungerechtigkeiten des Welt- 
laufes festhalten an einem allmächtigen und gerechten Gotte? 
Diese Frage wird uns vorgeführt in einer ihrer verletzendsten 
und unerklärlichsten Erscheinungen, dem Leiden des Gereeliten. 
Hiob aus dem Lande Uz ist ein Musterbild von Frömmigkeit 
und Unsträflichkeit, und trotzdem trifft ihn das entsetzlichste 
Schicksal, in welchem man gerade ganz besonders ein unmittel- 
bares strafendes Eingreifen der Gottheit zu erkennen glaubte; 
die drei Freunde, welche gekommen sind, ihn zu trösten, ver- 
langen von ihm Bekenntnis seiner Schuld und Unterwerfung 
unter Gottes gerechtes Gericht, aber dies Bekenntnis kann 
Hiob nicht leisten, ohne zum Lügner zu werden: die allgemeine 
menschliche Sündhaftigkeit gibt er natürlich zu, aber dass er 
durch besondere Sündhaftigkeit dies furchtbare Geschick ver- 
dient habe, muss er leugnen. Die Seelenqualen eines schein- 
bar von Gott verlassenen, von den Menschen verkannten Dul- 
ders, der im Gefühl seiner Unschuld den Kampf gegen eine 
ganze Welt aufnimmt und siegreich durchführt, die Herzens- 



262 Spezielle Einleitung. [§ 43. 

kämpfe eines Frommen, der trotz alledem und alledem fest- 
hält an seinem Gotte und sich anklammert an den. den er 
für seinen Feind halten muss — sie sind niemals gewaltiger 
und ergreifender geschildert worden, als in Hioh. 

3. Die zahlreichen Probleme, welche das sehr schwierige 
und keineswegs zuverlässig überlieferte Buch der niederen Kritik 
stellt, gehören in die Exegese; auch auf die vielfach vorge- 
nommene Umstellung und Ausscheidung einzelner Verse oder 
Abschnitte braucht nicht näher eingegangen zu werden. Dass 
hierbei die metrische Frage eine ausschlaggebende Rolle spielt, 
dass also, wer das ganze Buch Hiob in dreihebigen Vierzeilern 
gedichtet sein lässt, alle Bestandteile ausscheiden oder emen- 
dieren muss, welche sich diesem Schema nicht fügen, ist selbst- 
verständlich : allein auch sachliche Kriterien müssen uns ge- 
neigt machen, Ueberarbeitungen und Retouchen in ziemlichem 
Umfange anzunehmen. Ausserdem hat die höhere Kritik 
an ganzen Bestandteilen des Buches Anstoss genommen und 
sie dem ursprünglichen Dichter absprechen zu müssen geglaubt. 

a) Prolog Kap. 1 — 2 und Epilog 42 :_ it. Diese Stücke 
sind in rein erzählender Prosa geschrieben und gelten die nö- 
tige Orientierung über Persönlichkeit und Schicksale des Hel- 
den der Dichtung und einen Bericht über den Bchliesslichen 
Ausgang der Sache und das Lebensende des wiederhergestellten 
Dulders. Aber schon hieraus ergibt sich ihre Unentbehrlich- 
keit. Ohne den Prolog stünden die ganzen folgenden Reden 
in der Luft, der Leser wüsste absolut nicht, was er mit den 
ewigen [Jnschuldsbeteuerungen Hiobs anfangen sollte und könnte 
vidi schliesslich geradezu versucht fühlen, die Partei der Freunde 
gegen ihn zu ergreifen: er muss es aus dem .Munde Jahres 
selbst erfahren, dass Hiob wirklieb unschuldig leidet, um die 
L';mze Tragik der Situation zu begreifen, und um dem Helden 
gerecht zu werden und seinen bis hart an die Grenze der 
Gotteslästerung streifenden Trotz und daneben sein unerschüt- 
terliches Festhalten an Gott richtig zu verstehn. Wir müssen 
dabei bleiben, dass Kap. 3—41 niemals i'nv sich allein ohne 
Kap. 1 — 2 bestehn konnte. 

b) Kap. 27 u. 28 ganz oder teilweise sind vielfach ange- 
zweifelt worden. Namentlich musste 27 11— as als Rede Hiobs 
Anstoss erregen, weil er hier „mit Sack und Pack in Feindes 
Lager- übergehe, und wie KajJ. 28 dies begründen sollte ('= 28 1 !), 



e 



§ 43.] Das Buch Biob. 263 

war auch nicht abzusehen. Der von vielen unternommene Ver- 
such, aus den angefochtenen Stücken eine dritte Hede Zophais 
herzustellen, ist schon angesichts Kap. 25 unhaltbar, und ein- 
zelnes daraus an Kap. 25 abzugeben, um die dritte Rede Bil- 
dads zu vergrössern, scheitert an dem von Büdde geführten 
Nachweise, dass 27 i — io Antwort auf 25 4—0 ist, wie 26 auf 
25 2—3. Schon Raschi (f 1105) lässt 27 11—23 an die Freunde 
gerichtet sein, welche Hiob mit ihren eignen Worten schlägt, 
so ein Stück Widerruf sogleich zur Waffe gegen die Freunde 
umschmiedend. Der Gedankenfortschritt und Zusammenhang 
würde noch klarer, wenn man mit BüDDE v. 7 hinter 8—10 stellt. 
Kap. 28 begründet die Ergebnislosigkeit des ganzen bisherigen 
Streites und konstatiert die Aporie sowohl der verstummten 
Freunde, als des triumphierenden Hiob. 

c) 40 15 — 41 2g die Schilderung der beiden Wunder aus 
der Tierwelt : des Behemoth und Leviathan. Namentlich die 
breite und zertlossene des Leviathan mit dem rätselhaften 
Mittelstück 41 1 — 3 und der fast komisch unbeholfenen Wieder- 
aufnahme v. 4 muss Verdacht erwecken. Daneben steht frei- 
lich wieder einzelnes so Poetische und Bedeutende, dass man 
sich nicht leichthin zu einer völligen Verwerfung entschliessen 
mag. Die Frage muss § X. 5 noch einmal aufgenommen wer- 
den : hier nur so viel, dass die Jahveepisode unendlich ge- 
winnen würde, wenn Jahve nur die beiden unvergleichlich herr- 
lichen Kapitel 38 u. 39 redete und dann als Abschluss 40 2 8— 14, 
welchem als Antwort Hiobs 40 s— 5 42 2—:. folgte. 

4. Eine eingehendere Betrachtung erheischen die Reden- 
des Elihu Kap. 32 — 37, welche ziemlich allgemein preisge- 
geben sind, selbst von FDelitzsch. Und es lässt sich nicht 
leugnen, dass hierfür triftige Gründe zu sprechen scheinen. 
Zunächst die gänzliche Nichtberücksichtigung Elihus in Prolog 
und Epilog. Die im Prolog könnte ja allenfalls begriffen wer- 
den, aber dass er auch im Epilog mit keiner Silbe erwähnt. 
sondern völlig ignoriert wird, das scheint doch laut und klar 
für spätere Einschiebung durch einen solchen zu zeugen, wel- 
cher den überlieferten Bestand des Buches nicht anzutasten 
wagte, aber »las Bedürfnis einer sachlichen Korrektur empfand. 
Und diesen Erwägungen kommt entgegen die Tatsache, dass 
38 1 die direkte Fortsetzung von 31 10 zu sein scheint: nach- 
dem die Freunde verstummt sind und Hiob in stolzer Sieges- 



264 Spezielle Einleitung. [§ 43. 

gewissheit den Allmächtigen selbst zum Prozesse herausgefor- 
dert hat, würde unmittelbar die Antwort Jahres und sein Ein- 
greifen erwartet. Statt dessen drängen sich nun hier sechs 
Kapitel eines neuen Redners ein, von dem bisher niemand 
die geringste Notiz genommen hat und von dem auch später 
niemand die geringste Notiz nimmt, und dessen Selbsteinfüh- 
rung 32 6—33 t als nicht besonders glücklich anerkannt werden 
muss. Und dazu treten dann noch subjektive Momente und 
Geschmacksurteile : man findet diese Reden matt, wortreich, 
weitschweifig, glaubt in ihnen einen empfindlichen Nachlass 
der dichterischen Kraft und des künstlerischen Vermögens zu 
erkennen, ja auch einen anderen Sprachgebrauch und «ine viel- 
fach eigentümliche und abweichende Ausdrucksweise. Dass 
die Echtheit der Elihureden ihrem sprachlichen Charakter ge- 
genüber vollkommen möglich bleibt, haben Stickel und Büdde 
endgültig bewiesen. Den Ausschlag müssen innere Gründe 
geben und vor allem eine unbefangene Prüfung von Plan und 
Inhalt unseres Buches. Der Dichter, der so die tiefsten Tiefen 
des menschlichen Herzens aufwühlt, der mit so unerbittlicher 
Schärfe das Problem stellt und bis in seine letzten Konse- 
quenzen verfolgt, der musste doch auch eine Lösung jenes 
Problems haben: sonst hätte er sich an eine Aufgabe gewagt, 
welche seine Kräfte überstieg, und verdiente nicht den Namen 
eines Künstlers, sondern vielmehr eines Peinigers der Mensch- 
heit, der mit Behagen den Stachel tiefer und immer tiefer in 
die Todeswunde hineinbohrt. Bis Kap. 31 war eine Lösung 
noch nicht gefunden, im Gegenteile wird in 29 30 u. 31 das 
ganze Dilemma nochmals in einer beispiellosen Schärfe dar- 
gelegt, um auszumünden in die siegesgewisse Herausforderung 
Gottes :>1 :;-, _ :i~. Da würde nun bei Voraussetzung der Nicht- 
ursprünglichkeit der Elihureden zu fragen sein: Geben die 
Reden Jahves wirklich die Lösung oder überhaupt eine Lö- 
sung? Jede unbefangene Betrachtungsweise wird diese Krage 
nur verneinen können. Jalive, der Verklagte und Vorgefor- 
derte, erschein! im Gewitter und redet ..die kurze, majestäti- 
sche Donnersprache des Schöpfers. Er disputiert nicht: eine 
Reihe Lebendiger Bilder führet er vor, und umringt, betäubt, 
überwältigt Biob mit seiner toten und Lebendigen Schöpfung" 
(Herder). Zu einer Widerlegung oder Ueberführung Hiobs 
wird nicht der leiseste Ver.-atch gemacht, kein freundliches oder 



§ 43.] Das Buch Hiob. 265 

tröstliches Wort für den Dulder findet sich in den Jahvere- 
den, sondern er erfährt nur schroffe Zurückweisung, gekleidet 
in die Form einer Ironie, die unter solchen umständen recht 
wenig angebracht erscheint. Auch im Prolog kann man die 
Lösung des Problems nicht suchen, so etwa, dass der Fromme 
sich damit trösten müsse, dass sein standhaft getragenes Leiden 
ein Schauspiel für Engel und Menschen und ein Triumph 
Jahves über den Satan sei: denn von dem im Prolog Erzählten 
weiss Hiob nichts, und es ist unbedingt notwendig, dass er 
selbst eine Antwort auf sein banges und verzweifeltes Fragen 
erhalte. Nun betrachten wir den Inhalt der Elihureden. Was 
ist die neue tiefe Weisheit, welche Elihu zu bringen verheisst? 
Er Aveist darauf hin, über den vereinzelten Fällen von schein- 
barer Ungerechtigkeit nicht die Liebe und vorsorgliche Weis- 
heit Gottes zu übersehen, welche sich in dem regelmässigen 
Weltlaufe ausspricht. Wenn Gott den Menschen nicht erhört, 
so geschieht dies nicht etwa, weil Gott nicht hören will oder 
kann, sondern weil der Mensch ihn nicht in der richtigen 
Weise anruft. Vor allem aber gibt Elihu eine teleologische 
Erklärung des Leidens des Gerechten, indem er in demselben 
ein Erziehungsmittel in Gottes Hand erkennt : das Leiden führt 
den Menschen zur Selbsterkenntnis, und die Versuchung führt 
ihn zur Erkenntnis der auch in ihm schlummernden Sünde, 
die vielleicht nur noch keine Gelegenheit hatte, sich zu be- 
tätigen, und dieser Grundgedanke der Elihureden liegt schon 
angedeutet in den Worten des Satan im Prolog 1 9— u 2 j-.i. 
Verkennt der Mensch diesen erziehlichen Charakter des Lei- 
dens, so begeht er eine schwere Sünde und wird mit Recht 
von Gott gestraft: erkennt er ihn aber und nimmt es sich zu 
Herzen, so wird das Leiden für ibn eine Quelle unendlichen 
Segens, die höchste Betätigung der göttlichen Liebe ihm ge- 
gegenüber. Es gibt in der gesamten Heiligen Schrift wenig 
Stücke, welche sich an Tiefe des Gedankens und Hoheit der 
Gesinnung mit den Elihureden messen können: inhaltlich sind 
sie die Krone des Buches Hiob und bieten die einzige Lösung 
des Problems, welche der Dichter von seinem ATlichen Stand- 
punkte aus geben konnte, da die wahre und endgültige ihm 
noch verschlossen war. Von einem Leben nach dem Tode, 
von einer Hoffnung auf ein besseres Jenseits weiss er nichts: 
der Tod, der König der Schrecken, ist für ihn das Ende alle)- 



266 Spezielle Einleitung. [§ 43. 

Dinge. Musste der Dichter also die Lösung seines Problems 
in das Diesseits verlegen, so gab es keine grossartigere und 
trostreichere, als gerade im Leiden die höchste Betätigung der 
göttlichen Liebe zu erkennen. Ich kann auch nach wieder- 
holter eingehender Prüfung meine Ansicht nicht ändern und 
freue mich aufrichtig, dass Wildeboer ihr rückhaltslos bei- 
getreten ist, und dass auch der grausamste Yerhühner der 
Elihureden und ihrer Verteidiger, Dl'HM, in den Jahvereden 
„kein völlig genügendes Ergebnis", nur ein „Ausweichen" sieht: 
„das Warum des Unglücks bleibt ein Rätsel", womit er die 
Grundlage unsres Standpunkts als berechtigt anerkennt. 

5. Aber weshalb hat der Dichter überhaupt die Lö- 
sung des Problems nicht durch Jahve geben lassen, 
sondern einem Menschen in den Mund gelegt, obwohl 
doch das ganze Buch von Anfang an sich auf das Erscheinen 
Jahves zuspitzt? Er hat das mit vollstem Bewusstsein und in 
tiefer Weisheit getan: „sein Auftritt ist in der Komposition 
des Ganzen weise und lehrreich geordnet" urteilt auch Herder 
über Elihu. Hiob hatte 9.54—35 13 20—21 Gott die Art seines 
Erscheinens gewissermassen vorgeschrieben : er soll sich seiner 
göttlichen Allmacht entäussern, soll mit Hiob reden wie mit 
Seinesgleichen, soll ihn nicht niederschmettern, sondern über- 
zeugen. Von allem dem tut Jahve das direkte Gegenteil. Der 
Dichter hat sich klär gemacht, dass er auf die ganze poeti- 
sche Wirkung des persönlichen Erscheinens Jahves verzichten 
müsse, wenn er ihn reden Lasse wie einen gewöhnlichen Men- 
schen, und wenn er ihn „vom Holzkatheder " (um mit Herder 
zu reden 1 im trockenen Lehrton des Moralisten die Prinzipien 
seiner Weltregierung entwickeln und begründen liesse — aus- 
serdem vertrug es sich doch auch nicht mit der Würde Jahves, 
einem Menschen förmlich Bede und Antwort zu stehn. Hier 
tritt Elihu in die Lücke. Er erfüllt die Bedingung, welche 
Jahve .ins poetischen Gründen nicht erfüllen kann — das 
wörtliche Qebereinstimmen von 33 7 mit 9 34 u. 13 21 ist hoch- 
bedeutsam und die üeberleitung von Elihu zu dem Erscheinen 
Jahves Kap. 37 ein Meisterstück von bewundernswürdiger 
Genialität: er „bereitet die Zukunft Gottes vor und kündigt 
sie an, ohne dass er's selbst weiss- (Herder). Und ist es 
nicht ein Griff von überraschender Wirkung, dass Hiob, der 
den Allmächtigen selbst siegesgewiss vorgefordert hatte, nun 



§ 43.] Das Buch Hiob. 267 

verstummen muss vor einem Menschen, den der Dichter mit 
feinster Absicht und wunderbarer Kunst als den Jüngsten von 
allen charakterisiert, der nicht die Erbweisheit des Alters, 
nicht die imponierende Erfahrung eines langen Lebens in die 
Waeschale zu werfen hat? Immer aufs neue und immer von 
neuen Gesichtspunkten aus bestätigt sich uns die Unentbehr- 
lichkeit und Authentie der Elilmreden. Aber doch bleiben 
die Schwierigkeiten und Bedenken wegen der Nichterwähnung 
Elilms in Prolog und Epilog und die nicht eben glückliche 
Selbstein führung bestehn, letztere von Wildeboer sehr geist- 
voll daraus erklärt, dass der Dichter die drei Freunde ebenso, 
wie Hiob selbst, der Tradition entnommen habe, während er 
die Figur des Elihu von sich aus hinzufügte und daher sein 
Auftreten etwas umständlicher motivieren musste. Kamp- 
HAUSEJs, einer der eifrigsten und glücklichsten Verfechter der 
Elilmreden, lässt dieselben von dem Dichter selbst nachträg- 
lich in das bereits abgeschlossene Werk eingeschoben sein. 
Noch mehr empfehlen dürfte sich ein zuerst von Merx be- 
tretener Weg. Dieser weist (S. LXXXIX — CII) hin auf die 
beiden völlig versprengten Stücke 40-2i b u. 41 1—4, sowie auf 
die beiden grossen Tierschilderungen 40 15— 41 26. In allen 
diesen, dem ursprünglichen Dichter nicht abzusprechenden 
Stücken sieht Merx „Paralipomena" d. h. „verworfene Auf- 
zeichnungen des arbeitenden und sinnenden Dichters" und 
macht weiterhin aufmerksam auf drei handereifliche Dubletten 
40>i u. 22, 41s u. 9 und 41 20 u. 21 d. h. „doppelte Formulie- 
rungen desselben Gedankens . . . welche aussehen wie Ver- 
suche des nach einem konzisen Ausdrucke ringenden Dichters" 
und möchte zu diesen „auch die ganze Strophe 41 10—13" rech- 
nen. Ebenso beruht es auf feinem ästhetischem Gefühl, wenn 
Budde ausspricht, dass mit Ausnahme einzelner Kapitel die 
zweite Hälfte des Buches an formeller Vollendung hinter der 
ersten zurückstehe. Das alles deutet aber darauf hin, dass 
der Dichter selbst verhindert wurde, die letzte Feile an sein 
Werk zu legen, dass es uns nicht in der Gestalt erhalten ist, 
welche er selbst ihm abschliessend gegeben haben würde, und 
so erklärt sich auch die ungeschickte Art. wie die Elilmreden 
und die Schilderung des Behemoth und Leviathan eingefügt sind. 
6. Die Abfassungszeit unseres Buches lässl sich 



^ 



nur aus inneren und aus literarkritischen Indizien erschliessen 



268 Spezielle Einleitung. [§ 43. 

da das Buch selbst über seinen Verfasser nicht das Geringste 
aussagt. Die altjüdische Tradition hat Mose zum Verfasser 
gemacht und es ihn noch vor der Thora schreiben lassen • 
offenbar indem man die von dem Dichter bewusst und mit Ab- 
sicht durchgeführte Einkleidung als Entstehungszeit nahm. Es 
ist nirgends in ihm von dem Mosaismus und der israelitischen 
Jahveoft'enbarung die Rede, ja die ganze Handlung spielt nicht 
einmal auf israelitischem Boden. Aber die gesamte Weisheits- 
Literatur zeigt die Tendenz, das >pezinsch Israelitische gegen 
das gemeinsam Menschliche zurücktreten zu lassen, und dies 
ist hier ganz besonders begründet, da Hiob unter einem Kon- 
flikt leidet und den Ausweg aus einem Dilemma sucht, von 
welchem kein Mensch verschont bleibt: es handelt sich im 
Buche Hiob nicht um irgend eine geoö'enbarte Religion, son- 
dern um das dem Menschen angeborene Gottesbewusstsein. 
LUTHER hat den Gedanken hingeworfen, das Buch möge aus 
der Zeit Sali »mos von einem seiner berühmten W eisen her- 
stammen — insofern ausserordentlich treffend, als Hiob mit 
den „salomonischen Schriften'- durchaus in Eine Kategorie 
gehört; dies ist dann so zu sagen die orthodox lutherische An- 
schauung geblieben (Haeyernick, Keil, Delitzsch, Zöcel er, 
Hengstem'.kkm; . Es lässt sich aber nicht leugnen, dass da- 
ganze Buch einen späteren Eindruck macht; der spekulativ 
reflektierende Zug, den die Dichtung atmet, findet sich in der 
nachweisbar älteren Literatur nicht, die Versubjektivierung der 
Religion als einer persönlichen Angelegenheil zwischen (iott 
und dem einzelnen Individuum, das Bedürfnis einer Theodi- 
cee, weisen uns tief herunter. Positive Indizien gibl uns die 
literarkritische Betrachtung an die Hand. Nach dieser muss 
Hiob jünger 3ein 

ai als Jeremia, wie ein Vergleich von Jer 20w- is mit 
Job 3 ergibt. Dass Jeremia in einer Situation, wie der dorl 
geschilderten, lediglich eine Lesefrucht aus Hiob vorgebracht 
haben soll, ist eine geradezu abenteuerliche Vorstellung ; hier 
haben wir den spontanen Erguss eines schmerzzerrissenen 
Heizen-, bei Hiob lyrische Kunstdichtung: ydt' unbefangene 
Vergleichung beider wird uiii so mehr einsehen müssen, dass 
in Hiob die kunstvolle Ausführung des von Jeremia ange- 
schlagenen Themas vorliegt, als Jer 20 14 — 18 zu dem Gewaltig- 
sten gehört, "las die Weltliteratur aufzuweisen hat, während 



§ 43.] Das Buch Hiob. 269 

Kap. 3 den weniger gelungenen Partien des Buches Hiob zu- 
zuzählen ist. 

1)) Hiob muss aber auch jünger sein als Ezechiel, wie sich 
aus Ez 18 ergibt. Hier wird die Existenz des Problems, mit 
welchem Hiob ringt, geradezu geleugnet und behauptet, dass 
es ein schuldloses Leiden überhaupt nicht gebe: so hätte Eze- 
chiel nicht schreiben können, wenn er Hiob gekannt hätte - 
überhaupt macht die ganze tastende Art. wie Ezechiel an dies 
Problem herantritt, den Eindruck, als sei dasselbe erst da- 
mals in das geistige Gesichtsfeld der Propheten und Frommen 
Israels getreten. 

c) In 42 17 liegt entschiedene Reminiszenz an P Gen 35 ■_«.> 
u. 25 8 vor. 

d) Endlich muss Hiob aber auch jünger sein als das Spruch- 
buch und zwar als dessen jüngste Bestandteile Kap. 1 — 9. 
Eine entschiedene Verwandtschaft mit den Proverbien in Ge- 
dankenwelt und Ausdrurksweise hat man schon längst bemerkt; 
aber Job 15 t ist direkt abhängig von Prv 8 25 : ohne die Kennt- 
nis dieser Stelle sind jene Worte des Eliphas absolut unver- 
ständlich; so konnte der Dichter nur schreiben, wenn er diese 
Anspielung auf Prv 8 25 als für jeden Leser sofort durchsich- 
tig annehmen durfte. Diese letzte, völlig zwingende, Instanz 
verweist uns in die spätesten Zeiten der hebräischen Literatur, 
und dazu stimmt auch der sprachgeschichtliche, eigentümlich 
..aramaeo-arabische" Charakter des Buches, sowie eine höchst 
befremdliche Tatsache : das ist die schon von Herder als ein 
Problem empfundene völlige Einiiusslosigkeit von Hiob auf die 
hebräische Literatur; „wir würden, da es eine Sammlung so 
unvergleichlicher Bilder und Gedichte ist, viel mehrere Spuren 
der Nachahmung desselben in den ebräischen Dichtern ent- 
decken, als jetzt merkbar werden." In der Tat wäre diese 
Latenz eines Werkes wie Hiob gar nicht zu begreifen, wenn 
es etwa von einem Zeitgenossen Jesajas (NöLDEKE, MERX, 
Hitzig, Reuss) oder des Königs Manasse (Ewald, Schrader, 
Diloiaw früher: jetzt Zeit des Jojakim oder Zedekia. höch- 
stens Anfang des babylonischen Exils) gedichtet wäre. Ein 
näheres Suchen nach Zeit und Person des Dichters ist natür- 
lich aussichtslos. 

7. Zum Schlüsse müssen wir noch in eine Prüfung des 
Inhalts von Hiob eintreten. Ist die Fabel des Buches 



270 Spezielle Einleitung. [§ 43. 

lediglich frei erfunden, wie Jona? Oder liegt ihr irgend etwas 
Tatsächliches oder doch irgend ein überlieferter Stoff zu Grunde ? 
Hier kommt namentlich Ez 14 1 1 u. 20 in Frage, wo ein ge- 
rechter Hioh neben Noah und Daniel genannt wird. Da wir 
gesehen haben, dass Hiob jünger sein muss als Ezechiel, so 
kann der Prophet nicht auf unser Buch anspielen, und dann 
ist die Konsequenz unvermeidlich, dass es in Israel eine Ge- 
schichte von einem besonders frommen und gerechten Hiob 
gab, der, nach der Art der Anführung des Namens bei Eze- 
chiel zu schliessen, aus grossen Gefahren und Nöten wunder- 
bar errettet wurde. Und dass der Dichter in der Tat mit 
einem gegebenen Stoff arbeitete, beweist das Verhältnis von 
Prolog und Epilog zur eigentlichen Dichtung, welches noch 
keine Harmonisierungskunst restlos ausgeglichen hat: nament- 
lich der Epilog muss nach allem Vorausgegangenen von jedem 
feinfühligen Menschen als eine ästhetische Ohrfeige empfunden 
werden. So ist denn jetzt die Anschauung herrschend gewor- 
den, Prolog und Epilog von dem eigentlichen Gedichte ganz 
loszulösen und in ihm ein Volksbuch zu sehen, welches in 
schlicht volkstümlicher Weise von jenem frommen Hiob er- 
zählte und das der Dichter in ähnlicher Weise benutzte, wie 
Goethe das alte Volksbuch von Doktor Faust. Dass dies 
Volksbuch bereits Ezechiel vorgelegen habe, hätte allerdings 
niemals behauptet werden dürfen, denn die nachexilische Ab- 
fassung von Prolog und Epilog in ihrer gegenwärtigen Gestalt 
ist evident und von KKaüTZSCB positiv bewiesen. Dadurch 
erhöht sich allerdings die Möglichkeit, sie dem Dichter der 
Keilen zuzuschreiben und KKaüTZSCB hat diese Konsequenz 
mit .aller Entschiedenheil gezogen: mir scheinen jedoch die 
sachlichen Schwieligkeiten unüberwindlich und ich muss trotz- 
dem dabei bleiben, dass die Prosaerzählung dem Dichter be- 
reits vorlag oder doch in der üeberlieferuug schon so feste 
Formen angenommen hatte, dass er nichts daran zu ändern 
wagte und zu seinem Stoff lediglich so stand, wie etwa .1 u. 
E zu den Patriarchengeschichten. LW in der interessanten 
Nachschrift hinter 42 i: bat. ausgehend von der durchaus rich- 
tigen Einsicht, dass nach der Meinung des Dichters die Hand- 
lung in Edom spielt. Hiob mit dem Gen 36 ss erwähnten zwei- 
ten edomitischen Könige Jobab ben Zerah und diesen Zerah 
mit dem v. 13 erwähnten Knkel des Ksau identifiziert, wodurch 



§ 44.] Das Buch der Sprüche. 271 

Hieb zum -sjx^xo; a?:o Aßpaap. wird — lediglich infolge der 
Namensälinliehkeit von uoß und twßaß. Die spätere Tradition 
verlest den Wohnsitz Hiobs nach dem Hauran. 



•-' 



§ 44. Das Buch der Sprüche. 

CPWGbambebg 1828. EBkrtheau KEH 1847, WNowack 8 1883. 
HKi.sxKii 1858. FHitzig 1858. FDelitzsch BCAT 1873. JDysebinck 
1883. 1 II. -tkack SZ -1899. GWildeboeb KHCAT 1897. WFeankex- 
bebgHKAT 1898. CHTor 1899. — Zu 1-9: HOokt ThT 19 « 9 ff. 1885. 
WFkankenbebg ZaW 15 104 ff. 1895. — Zu 30 u. 31 : HFMühlau de pro- 
verbiorum quae dieuntur Aguri et Lemuelis etc. Diss. 1869. — Zur Text- 
kritik: PdkLagabde Anmerkungen zur griechischen Uebersetzung der Pro- 
verbien 1863. JDyserinck ThT 17 077 ff. 1883. AJBaumgartneb Etüde 
critique sur Fetal du texte du /irre des Proverbes 1890. GBickell WZKM 
5 77 ff. 191 ff 271 ff. 1891. AMülleb und EKautzsch SBOT 1901. 

1. Das Buch der Sprüche besteht aus einer Samm- 
lung von Maschais der verschiedensten Art und Form. Vom 
einfachen Zweizeiler bis zum ausgeführten Maschalliede linden 
sich alle Arten dieser Kunstgattung vertreten. Ihr Zweck ist. 
Weisheit zu lehren, d. h. Weisheit im hebräischen Sinne, 
welche die Gottesfurcht zu ihrem Prinzip hat. So trägt denn, 
wenn auch manche Regeln der gewöhnlichen Lebensklughefjt 
und der alltäglichen rein menschlichen Erfahrung mit unter- 
laufen, doch das Buch in seiner Gesamtheit einen entschieden 
religiösen Charakter, der es der Aufnahme in den Kanon 
durchaus würdig erscheinen lässt. 

2. Wenn wir zunächst das Buch an sich ins Auge 
fassen, so zerfällt es in eine Anzahl deutlich geschiedene]' und 
z. T. durch Ueberschriften als solche charakterisierter Teile: 
a) Kap. 1 — 9, welche gegenwärtig das Prooeniium des ganzen 
Buches bilden mit 1 i_<> als Ueberschrift. In der Form, dass 
ein Vater zu seinem Sohne redet, geben sie eine dringende 
Ermahnung zur Weisheil und eine ernste Warnung vor der 
Torheit, welche namentlicli in der Gestalt fleischlicher Ver- 
irrungen erscheint. Jn dem berühmten Kap. 8 wird die Weis- 
heit seihst redend eingeführt und das Ganze mündet Kap. 9 
aus in eine Allegorie von der Frau Weisheit und Frau Tor- 
heit, wie jede die Menschen zu sich einlädt. b) Kap. 10 1 
— 22 16 mit der allerdings in LAX fehlenden Sonderüberschrift 
Tftho "?z'tz. Dieser Abschnitt bildet den eigentlichen Kern des 
Spruchbuches und hat das hervorstechende formelle Charak- 



972 Spezielle Einleitung. [§ 44. 

teristikuni , dass er nur reine Zweizeiler enthält — der eine 
Dreizeiler 19 7 beruht auf Textesverderbnis. In je einem Verse 
ist der Gedanke erschöpft; si « alle bilden ein selbständiges, 
völlig in sich abgeschlossenes Ganzes, auch 21 25 u. 26, welche 
manche Erklärer als Einen Spruch zusammennehmen wollten. 
In der Handhabung dieser einfachsten Form zeigt sich nun 
aber eine grosse Mannigfaltigkeit. Die meisten Sprüche sind 
antithetisch, in Satz und Gegensatz sich bewegend: so gleich 
die neun ersten in Kap. 10. Oder sie sind parallel, so dass 
der nämliche oder ein ähnlicher Gedanke in beiden Vershälften 
zum Ausdruck kommt: 15 30 18 1520 19 29. Oder sie sind „ein- 
gedankig'- , so dass der zweite Halbvers den Gedanken des 
ersten einfach fortsetzt: 15 12 17 23 18 10. Oder sie enthalten 
ein Bild oder Gleichnis. Nach der etymologischen Bedeutung 
von "wa sollte man diese Form hauptsächlich erwarten; aber 
in unserem Abschnitte finden sich nur drei durchgeführte Bil- 
der: 10 21; II22 und nur etwas anders gewendet 17 12. Oder 
es ist eine abwägende Vergleichung zweier Dinge in Bezug auf 
ihren gegenseitigen Wert: L29 15 16 n 21e. c) Kap. 22i7 

2422 Worte von Weisen. Mit Einem Male wird die bisher 

strenge innegehaltene Form verlassen und es tritt eine grös- 
sere Freiheit der Bewegung ein: 22 17--1 ist offenbar dazu 
bestimmt, die Einleitung zu diesem Abschnitte zu bilden. Bier 
findet sich auch wieder die Einkleidung, wie wenn ein Vater 
zu seinem Sohne redet, welche in b) nur an der sicher ver- 
derbten Stelle 19 27 vorgekommen war. — d) Kap. 24.>:i— S4 
durch die üeberschrift c-crrT rhn w als ein selbständiger An- 
hang zu c) charakterisiert. e) Kap. 25—29 mit der wich- 
tigen Sonderüberschrift 25i, über welche aoch zu reden sein 
w j n |. — fj Kap. 30 — 31 drei Anhänge sehr verschiedener Art 
:;oi a. 31 1 linden sich besondere Ueberschriften, die aber ganz 
ausserordentlich dunkel sind: aach ihnen wären Kap. 30 Worte 
Agurs des Sohnes Jakes, ''ine Reihe von Rätselreden in ge- 
sucht dunkler Form, lue und da mit einem leisen Stich ins 
Frivole; .51 1 -9 sind Unterweisungen an einen König Lemuel 
von seiner Mutier, in welchen er vor Weibern und Wein ge- 
warnl und zu gerechtem Richten ermahnt wird. 31 10 — si end- 
lich im ein alphabetisches Lobgedichl auf die wackere Haus- 
frau, welches zu den anmutigsten Stücken des AT gehört. 
.".. I );iss wir in unserem Spruchbuche nicht etwa eine Samm- 



§ 44.] Das Buch der Sprüche. 273 

hing von aus dem Volksmunde stammenden Sprichwörtern 
haben, sondern uns durchaus auf dem Boden der Kunst- 
p o e s i e befinden, dafür verweist Delitzsch sehr treffend auf 
1 Sam 24 14, wo uns wirklich ein echtes, von dem Volke ge- 
prägtes ^tanjan btfö überliefert wird, welches die nämliche präg- 
nante Kürze und drastische Knappheit zeigt, durch die alle 
wahrhaft volkstümlichen und echten Sprichwörter sich aus- 
zeichnen vgl. auch I Sam 10 12 I Reg 20 11 Lc 4 -2:5 Joh 4 37. 
Von dieser Art ist in dem ganzen Spruchbuche nicht ein ein- 
ziges. Sind sie aber Produkte der Kunstpoesie, so müssen 
wir zunächst nach dem Verfasser fragen. Als solcher wird 
durch die Gesamtüberschrift 1 1 und die Sonderüberschriften 
10 1 u. 25 1 Salomo in Anspruch genommen, wenigstens für 
die Hauptmasse des Buches, und infolge jenes summarischen 
Haupttitels hat die jüdische Tradition und ihr folgend auch 
Hieroxymus die dunklen Ueberschriften 30 1 u. 31 1 gleichfalls 
.nif Salomo zu deuten versucht. Eine wesentliche Stütze findet 
diese Ueberlieferung durch I Reg 012, wo es heisst, dass Sa- 
lomo 3000 Maschais redete, wie er ja überhaupt als Inbegriff 
aller Weisheit gilt. Aber hier fällt zunächst auf die Differenz 
in den Zahlenangaben. Unser Buch hat im ganzen nur 935 
Verse: hätte aber dem Schreiber von I Reg 5 12 eine Samm- 
lung von 3000 dem Salomo zugeschriebenen Sprüchen vorge- 
legen, so wäre ein Intergehn dieser Sammlung schlechterdings 
unerklärlich. Umgekehrt kann aber auch jene Stelle I Reg 
5 12 sich nicht auf unser kanonisches Spruchbuch beziehen: 
denn dann wäre die Zahlenangabe erst recht unbegreiflich. 
Also steht I Reg 5 12 völlig auf sich, während eine Abhängig- 
keit der Tradition über unser Spruchbuch von jener Stelle 
mindestens in hohem Grade wahrscheinlich ist. Dann verdient 
aber auch noch die Form von I Reg 5 12 Beachtung, wo es 
nur heisst, dass Salomo jene 3000 Sprüche redete, womit noch 
nicht ohne weiteres gesagt zu sein braucht, dass sie auch von 
ihm gedichtet seien, wenngleich sich nicht wird leugnen lassen, 
dass dies die Meinung von I Reg 5 12 ist. Und aus apriori- 
stischen Gründen darf es nicht in Abrede gestellt werden, 
dass Ein Mann eine so grosse Zahl von Sprüchen habe dich- 
ten können. Aber sachliche Erwägungen sprechen doch ent- 
schieden gegen Salomo. Die durchaus objektive Anschauung 
vom Königtume als durch Steuerdruck das Volk ruinierend 

ßrundriss II. I. Cornill, All. Einleitung. 5. Aufl. 18 



274 Spezielle Einleitung. [§ 44. 

29 4 vgl. auch 16 14 19 12 20 2 25 n und namentlich die wieder- 
holte Warnung vor fleischlicher Leichtfertigkeit und das be- 
geisterte Lob eines keuschen monogamischen Ehebundes wür- 
den sich doch seltsam ausnehmen im Munde eines Salomo : 
überhaupt empfängt man durchweg den Eindruck, dass du 
Sprüche von Jemanden herrühren, der in dem Leben steht 
und nicht über demselben. 

4. Aber dürfen wir überhaupt das ganze Spruchbuch oder 
auch nur die Teile desselben, welche die Tradition ausdrück- 
lich auf Salomo zunickführt, von Eine m Verfasse r her- 
leiten? .Man könnte vielleicht annehmen, dass 10i-22n; und 
25 — 29 von zwei verschiedenen Sammlern angefertigte Auszüge 
aus jenen 3000, I Reg 5 12 erwähnten, salomonischen Sprüchen 
seien; aber weshalb überhaupt Auszüge? Musste man sich 
eines solchen Reichtums nicht freuen, und wäre nicht der Un- 
tergang der ganzen Sammlung schlechterdings unbegreiflich? 
Dass man etwa aus sachlichen Bedenken über 2 / 3 derselben 
gestrichen habe, ist vollends ausgeschlossen, wenn man erwägt, 
dass unter salomonischer Flagge auch Koheleth und Canticum 
in den Kanon gekommen sind. Und wie würde es sich dann 
erklären, dass 25 24 u. 21 ü, 2622 u. 18 s wörtlich, 27 12 u. 22 3 
bis auf zweimaliges! und 27 is u. 20 o; bis auf eine kleine, in 
20 L6 \om — p ausgeglichene Differenz, 26 13 u. 22 13, sowie 26 15 
u. 19ji fast wörtlich übereinstimmen, dass 27 21" sich als 17»*, 
28 e" als 19 i", 29 22* als L5 is a wiederfindet, dass 27 15 lediglich 
eine Ausführung von 19is b ist? Aelmliche Bedenken und An- 
stösse erheben sich aber auch innerhalb der Gruppen 10 1— 22 o, 
11. 25—29. So ist 14 12 wörtlich = 1625, L62 u. 20io fast 
wörtlich = 21 2 u. 20 2:j, 16 18 wenigstens sehr ähnlich mit 18 12, 
10 2 b = 11 i h und in beiden der erste Ealbvers nur unwesent- 
lich abgeändert, MU::> = L811», 11 21" = 16ö b , IS:« 1 ' = 18i2 b ; 
fast gleich sind lli.-s" u. 20io*, 12 n' u. L3 2", 14:n M u. 17 0% 
19 12' 11. 2<> j'. aehr ähnlich 16 i2 b u. 20 2s 1 ', und 29 21. fast wört- 
lich = 2(> 12. Analoge Erscheinungen begegnen uns auch in 
den oichl ausdrücklich Salomo zugeschriebenen Teilen: 23 io* 
wörtlich = 22 28', 23 n b ähnlich 22 28*, 24 e zusammengesetzt 
aus 20i8 b nur unbedeutend abgeändert und 11 u b wörtlich, 
2433 :<i wörtlich = 610—11. und zu diesen Dubletten tritt 
noch der Mangel an Ordnung und Zusammenhang. Wohl lässt 
sich im einzelnen hie und da Sachordnung und zwar nach 



§ 14. | Das Buch der Sprüche. 275 

Stichwörter! nachweisen (s. Bertheai Komm. S. XII XIV 
XV); aber im grossen und ganzen ist doch von einem Plane 
keine Spur zu entdecken. Es kommt das besonders deutlich 
zum Bewusstsein, wenn man von den Proverbien an Jesus ben 
Sira herantritt . bei welchem doch eine gewisse Sachordnung 
nicht zu verkennen ist. 

5. Steht nun die salomonische Autorschaft, ja überhaupt 
die Abfassung durch Einen Verfasser nicht zu erweisen, so 
haben wir Alter und Herkunft des Buches aus inneren 
Gründen zu bestimmen. Ziehen wir Geist und Inhalt in Be- 
tracht, so weisen uns Sprüche wie 15 s 16 2 19 .s 20 9 21 3 27 
mindestens in die prophetische Zeit, aber Sprüche wie 10 12 
14 2] 31 16 4 e 19 iT 20 27 21 8 22 2 24 17 29 25 21—22 28 13 u 29 is 
mich bedeutend tiefer herunter: ich wenigstens sehe keine Mög- 
lichkeit, Gedanken, wie die in den angeführten Sprüchen aus- 
gedrückten, in altisraelitischer Zeit unterzubringen. Alle die 
Kämpfe . welche die prophetische Periode erschütterten und 
beherrschten, sind durchgerungen : Prophetie und Gesetz 28 4—9 
29 is liegen abgeschlossen hinter dem Spruchbuche, welches 
auf der ganzen reinen Höbe der durch jene beiden Mächte 
erreichten religiösen und sittlichen Anschauungen stehend das 
Edelmetall der Prophetie und des Gesetzes in Scheidemünze 
ausprägt. Zwar" gibt es Spoiler, welche in törichter Selbst- 
überhebung und sträflicher Verblendung von Jahve und seiner 
Religion nichts wissen wollen: aber um prinzipielle Anerken- 
nung hat sie nicht mehr zu ringen. Das alles führt uns in 
die nachexilische Periode und zwar nicht in ihren frühesten 
Abschnitt: über die zweite Hälfte der persischen Zeit dürfen 
wir schwerlich hinaufgehn, wenn wir nicht vielmehr bis in die 
griechische hinabgehn müssen vgl. an Einzelheiten z. B. nj5"TC 
10 2 u. 11 4 schon völlig in der Bedeutung Almosen. Auf jeden 
Fall zeugt die, um mit Delitzsch zu reden: „Richtung des 
Israelitischen auf das Humane, des Jahvetums auf das Ge- 
meinreligiöse, des Gesetzes auf das Gemeinsittliche", wie die 
Proverbien sie aufweisen, für Beeinflussung Israels durch japhe- 
titischen Geist — am deutlichsten wohl der Prolog 1 — 9. Ein 
Periodenbau, wie Kap. 2. welches Einen grossen Satz bildet, 
ist im AT ohne Beispiel, und mit der Hypostasierung der 
Weisheit Kap. 8 „hat die Metaphysik des Judentums und der 
alexandrinischen Philosophie noch nicht das letzte, wohl aber 

18* 



276 Spezielle Einleitung. [§ 44. 

das erste Wort geredet" (Reuss). Als fast stärkstes Argu- 
ment bietet sich uns dar das Verhältnis der Proverbien zu 
Jesus ben Sira. Nicht nur äusserlich betrachtet ist Jesus ben 
Sira das einzige Analogem zu ihnen; auch die geistige Ver- 
wandtschaft der beiden Werke ist, trotz mancher Verschieden- 
heiten im einzelnen, doch eine so enge und nahe, dass wir 
dieselben nach ihrer Entstehungszeit nicht um eine Reihe von 
Jahrhunderten auseinanderrücken dürfen. Selbst die Königs- 
sprüche in den Proverbien, welche als sicherstes Kriterium für 
vorexilischen Ursprung angeführt zu werden pflegen , haben 
ihre Doppelgänger bei JSir 7 4—0 81—3 10 1— 0. Zwar kann 
die Möglichkeit nicht in Abrede gestellt werden, dass Einzelnes 
in dem Spruchbuche „überprägtes älteres Courant" ist (Stade); 
aber als Ganzes gehört es mit aller nur erreichbaren Sicher- 
heit dieser Epoche an und nicht einer früheren. Als einzigen 
stichhaltigen Gegengrund könnte man auf 25 1 hinweisen, wo- 
nach die Sammlung salomonischer Sprüche 25 — 29 zusammen- 
gestellt ist von den Männern Hiskias des Königs von .Inda. 
Diese Angabe klingt allerdings sehr authentisch und macht 
einen durchaus unverdächtigen Eindruck; aber man wird durch 
sie doch unwillkürlich an die „historischen" Psalmenüberschrif- 
ten erinnert, und es begreift sich leicht, wie sich die Legende 
von einer Literaturkommission Hiskias bilden konnte, welche 
dann etwa die Aufgabe hatte, auch die Literatur des damals 
zerstörten Zehnstämmereiches vor dem Untergange zu bewah- 
ren. Auf jeden Fall ist die Tatsache höchst beachtenswert, 
dass die Chronik weder von salomonischer Spruchdichtung, 
noch von Hiskias literarischer Tätigkeit das Geringste zu be- 
richten weiss Stade GYI 2 216 Amn. 1). Der Ruhm, die 
richtige Gesamtanschauung über die Proverbien zuerst ausge- 
sprochen zu haben, gebührt, so viel ich sehe, dem von Yatkk 

S. 563 A 2 zitierten AT11I 1 aktmanx. welchem Yatkk selbsi 

natürlich beitritt; in neuerer und neuester Zeit gewinnt sie 
immer mehr an Boden. 

(i. Etwas Sichere« über <>rt and Zeit der Entste- 
ll u n g lies Spruchbuches und seiner einzelnen Teile lässt sich na- 
türlich nicht gehen. Die vorausgesetzten Zustände weisen durch- 
weg auf städtisches Lehen und wohl nach Jerusalem cf. JSir 24 
«—12. Von den einzelnen Stücken macht 25—29 den urwüchsig- 
sten, 1 — 9, 22 17 ff. und 30—31 den jüngsten Eindruck. 1 — 9 



§ 45.] Das Buch Koheleth. 277 

kann ursprünglich eine selbständige Lehrschrift aus dem Kreise 
der „Weisen" gewesen sein. 1 1 — ». ist Ueberschrift zu dem Buche 
in seiner Gesamtheit: denn wenn wir in 1 6 nicht blosse Häu- 
fung von Synonymen haben aus reiner Freude an leerem Wort- 
geklingel, so deuten die E'arn doch wohl auf 24 ■'.•; und die nlTH 
auf 30. JSir 47 i: beweist deutlich, dass damals schon Prov 
in seinem gegenwärtigen Umfange bestand und für salomonisch 
gehalten wurde. Uebrigens macht die Stelle 6 1—19 grosse 
Schwierigkeiten; sie drängt sich äusserst störend zwischen 
Kap. 5 u. 6 -iu— 7 j: ein, welche einander durchaus homogen 
sind, und hat auch in Ton und Diktion etwas von Kap. 1 — 9 
Abweichendes. Allerdings könnten die vier einzelnen Stücke, 
aus welchen 6 1—19 besteht, nur dem Spruchbuche von Hause 
aus angehört haben und für dasselbe bestimmt gewesen sein : 
wie sie gerade an diese Stelle gerieten, wird sich niemals er- 
mitteln lassen. 

Anm. .Mit einem kurzen Worte ist hinzuweisen auf das Verhält- 
nis des hebräischen und griechischen Textes der Prover- 
hien. Bringt es schon die ganze Art des Buches mit sich, dass von einer 
planvollen Anordnung im einzelnen nicht viel zu spüren ist, so wird es 
uns nicht wundern, in LXX vielfache Abweichungen der Reihenfolge zu 
finden. Von bedeutsameren ist namentlich zu nennen, dass LXX die 

Sprüche Agars und Lemuels an anderer Stelle hat ■; sie liest 30 1 i* hinter 

2422, und zwischen beiden ein weiteres Stück, dem im hebräischen Texte 
nichts entspricht, hinter 30 u dann 24 2s— s* und hinter 24 84 endlich 30 15 
— 81 9. Hierauf 25 — 29 u. 31 10—31 auch bei ihr am Ende des Buches. 
Noch bedeutsamer sind die Unterschiede in Bezug auf den Inhalt; es 
fehlen bei LXX mancherlei Bestandteile des hebräischen Textes, wie bei- 
Bpielsweise die Sonderüberschrift 10 i ; namentlich weisl aber LXX eine 
nicht unbeträchtliche Zahl von Zusätzen auf. welche grösstenteils auf ein 
hebräisches Original zurückgeführt werden können. Die Entscheidung 
im einzelnen Falle ist schwierig zu treffen: über alle diese Fragen gibt 
erschöpfende Belehrung Lagabdeb epochemachende Schrift. 

§ 45. Das Buch Koheleth. 

AKnobel 1836. FHitzigKEH 1847, Nowack* 1883. EEi.stkr 1855. 
Pdk.Ium, 1861. BGbaetz 1871. PDblitzsch BCAT 1875. EHPi,ümptbe 
1881. ERkxax 1882. CHIIWiiight 1883. AKuenen ThT 17 11s ff. 16 
GrWiLDEBOBB KHCAT 1898. CSn (.i Kii.D HKAT 1898. — GBickell Der 
Prediger über den Wert des Daseins etc. 1884. PHadpt The booh <>/' Ec- 
clesiastes in Oriental Studies Boston 1894 24» ff. AKKutpeb De integri- 
teü van het boeh Prediher ThT 33 m ff. 1899. — Verhältnis zur griechi- 
schen Philosophie : PKlkini.kt StEr 56 76i ff. 1883. APajüm Qohelet und 
die nacharistotelische Philosophie 1885. EPfletdebeb Die Philosophie des 



278 Spezielle Einleitung. [§ 45. 

Heraclitus etc. 1886 255-352. PMenzel Der griechische Einfluss auf Pre- 
diger und Weisheit, Salomos 1889. -- Zur LXX: ADill.ma.w SBAW 1892 
:; IV. EKXOSTEBMANN Dissertation 1892. 

1. Wie Thersites unter den homerischen Helden, so er- 
scheint auf den ersten Blick das Buch K o h e 1 e t h unter den 
ATlichen Büchern. Eitelkeit der Eitelkeiten! spricht Ko- 
heleth, o Jute/keil der Eitelkeiten! Alles ist eitel. Was für 
ein Resultat hat der Mensch von aller seiner Mühe, damit er 
sieh ah/näht unter der Sonne? Mehls Gutes ffil/t es für den 
Mensehen, als dass er esse and trinke and siehs wohl sein 
lasse bei all seiner Mühsal. Das sind Klänge, wie wir sie 
sonst nicht gewohnt sind im AT zu vernehmen, und ein so 
rätselhaftes Buch muss daher besonders eingehend betrachtet 
werden. Die erste Frage richtet sich naturgemäss nach dem 
Verfasser, oder doch wenigstens der Abfassungszeit. 

2. Darüber kann keine Meinungsverschiedenheit sein, dass 
der im Buche Koheleth Redende Salomo sein will : die ver- 
schleiernde Bezeichnung nbrfp, welche schon hX X treffend 
durch ixxX7jaia<3T% und Luther durch Prediger übersetzt, ist 
doch sehr durchsichtig. Wenn dieser „Prediger" sich selbst 
den Sohn Davids und König zu Jerusalem nennt, so kann er 
sich doch nur als Salomo bezeichnen wollen, und wenn er be- 
richtet von seiner Weisheit und seiner Erkenntnis, seinem 
Reichtum und seinen Bauten, seiner Pracht und seinem Luxus, 
so entspricht das alles vollkommen dem legendären Bilde Sa- 
lomos. Aber es bedarf noch gar nicht eines besonderen Her- 
vorbebens der sachlichen Schwierigkeiten, des ausdrücklichen 
Hinweises auf Worte und Aeusserungen , welche im Munde 
des historischen Salomo unmöglich oder doch nur sehr schwer 
glaublich wären: die Sprache allein, wie sie Delitzsch am 
gründlichsten dargestellt hat. genügt zur Entscheidung dieser 
Frage. Das Hebräisch de- Koh ist bereits in völliger Auf- 
lösung be-iitleii und bewegt sieb schon ganz auf dem Boden 
der Miscbn.i und >\cv „chaldäischen" Stücke des AT. Worte 
wie bß3, irr, |!2T, c:rz, ;•"-. pött, -;". sind rein aramäisch, ro, 
ntfa, ,-r 1 ?, rn6ö, fö ;-r-. ;■::•. die Umschreibungen mit byz rein 

mischnisch. Aber bist 1 hr als einzelne Wortstämme 

und Redewendungen beweist der ganze Sprachcharakter. Die 
gehäuften Abstraktbildungen auf r% p u. j T , das Pron. ners. 
besonders ausgedrückt und zwar hinter die Verbalform gestellt, 



§ 45.] Das Buch Koheleth. 279 

auch wo gar kein Nachdruck darauf liegt, der Gebrauch des 
Partie, zur Bezeichnung des Praes., das artikellose nj, und vor 
allem Konjunktionen wie *b% HP, |?2, "öS und "f in allen mög- 
lichen Zusammensetzungen wie f rtteü-bs, ja selbst mit "WX kom- 
biniert iwn btfa - das alles ist so absolut zwingend und un- 
widerleglich, dass Delitzsch ausruft: „Wenn das Buch Ko- 
heleth altsalomonisch wäre, so gäbe es keine Geschichte der 
hebräischen Sprache." Der nachexilische Ursprung unseres 
Buches wird daher auch von allen Urteilsfähigen zugegeben, 
und es kann sich nur darum handeln, innerhalb dieses Zeit- 
raums die nähere Bestimmung zu treffen. Dazu müssen wir 
vor allem den Inhalt einer genaueren Betrachtung unterziehen. 
3. Gerade der Inhalt nun ist bei keinem ATlichen 
Buche so eigenartig, als bei Koheleth. Einzelne Stellen, ausser- 
halb des Zusammenhanges betrachtet, könnten den nackten 
Epikuräismus und den gröbsten Materialismus auszusprechen 
scheinen, ein frivoles Zweifeln und ödes Verzweifeln an allem 
Idealen : aber dennoch würde man dem Verfasser bitter Un- 
recht tun, wenn man hierin sein letztes Wort und seine wahre 
Meinung sehen wollte. Nein, er hat den Glauben an einen 
Gott und eine sittliche Weltordnung nicht aufgegeben. Die 
Widersprüche und Unbegreiflichkeiten des täglichen Lebens, 
die quälenden Rätsel und scheinbaren Ungerechtigkeiten des 
Weltlaufes, kennt und erkennt er so gut, wie jeder andere: 
es ist eine verkehrte Welt, wo Unrecht thront an der Stätte 
der Gerechtigkeit und das Recht Gewalt leiden muss, wo der 
Gerechte umkommt in seiner Gerechtigkeit und der Gottlose 
lange lebt in seiner Bosheit, wo die Tränen der Bedrückten 
umsonst nach einem Tröster ausschauen, wo der Narr stirbt 
wie der Weise, der Frevler wie der Gerechte, der Keine wie 
der Unreine — aber wer nun daraus die praktische Konse- 
quenz ziehen und dem entsprechend handeln wollte, der wäre 
ein Bösewicht und ein Tor. Denn Gott hat alles gut gemachl 
und auch den Menschen gerade geschaffen, lediglich durch 
den Menschen wird alles in Verwirrung gebracht und umge- 
kehrt. Gottes Tun ist unerforschlich und seine Wege rätsel- 
haft: und wenn er auch scheinbar alles gehn lässl wie es will 
und der Sünder hundertmal straflos bleibt, so geschieht das 
nur, um die Menschen zu prüfen: Gott begibt sich des Ge- 
richts nicht, sondern fordert Rechenschaft von jedem, und ihn 



280 Spezielle Einleitung. [§ 45. 

fürchten ist und bleibt immer das Beste und was er von dem 
Menschen verlangt. Der Mensch kann zu dem, was Gott tut. 
nichts hinzufügen und nichts davon -wegnehmen ; was er unter- 
nimmt, ist alles eitel und ein windiges Streben, der Weltlauf 
ein beständiges Einerlei, das er nicht ändern kann und das 
er nie ergründet, ja selbst das Leben gemessen kann er nicht 
einmal ohne Gott. Deshalb ist es das Beste in dieser trost- 
losen und erbärmlichen Zeit, das Böse geduldig hinnehmen 
als eine Schickung und Prüfung Gottes und sich an das Gute 
halten, es gemessen als eine Gabe Gottes und stets des Ge- 
richts eingedenk zu sein : denn dem Gottesfürchtigen geht es 
schliesslich doch immer wohl. Einen grösseren Triumph hat 
die ATliche Frömmigkeit niemals gefeiert, als in dem Buche 
Koheleth. Selbst unser Verfasser, der das Weltelend durch- 
schaut, wie nur einer der modernsten Pessimisten, der überall 
nichts sieht als Disharmonien und ungelöste Rätsel, der in 
der Konsequenz seines Denkens vor nichts zurückschreckt 
selbst ein solcher Geist ist so beherrscht und durchdrungen 
von der ATlichen Frömmigkeit, dass er die scheinbar nächst- 
liegende und einfachste Lösung seiner Fragen nicht findet: 
aus diesen von ihm mit so unerbittlicher Klarheit ans Licht 
gestellten Tatsachen nun die Folgerung zu ziehen, dass es 
überhaupt einen Gott nicht gebe, sondern die ganze Welt le- 
diglich ein Spielball des blinden Zufalls sei, das ist ein Ge- 
danke, der gänzlich ausserhalb seines Gesichtskreises liegt, den 
er nicht auch nur von ferne streift. Aber freilich zeigt sich 
andererseits auch wieder in keinem Buche so deutlich, wie 
im Koheleth, dass der alte Bund das letzte Wort nicht ge- 
sprochen: denn der unerschütterlich festgehaltene Glaube an 
den persönlichen Gott und eine sittliche Weltordnung ist un- 
serem Verfasser doch nur ein Postulat, welches ohne innere 
Vermittelung neben dem Weltelende steht; er verzichtet eben 
auf eine Lösung und zieht sich resigniert auf seinen Kinder- 
glauben zurück, obschon derselbe sich ihm als unzulänglich er- 
wiesen hat. 

4. Dass man sich versucht fühlen konnte, ein solches die 
Nichtigkeit aller menschlichen Dinge verkündigendes Buch ge- 
rade dem Salomo in den Mund zu legen, begreift sich leicht : 
er, den die Deberlieferung als den zugleich weisesten und glanz- 
vollsten aller Könige betrachtete, musste der nachdrücklichste 



§ 45.] Das Buch Koheleth. 281 

„Prediger" derartiger Lebren seh*. Aber i n w el ch er Zeit 
lebte und schrieb dieser Salomo redivivus? Die allgemeine 
Schilderung der Verhältnisse lässt auf eine Periode völligster 
Anarchie schliessen, wo von irgend welchem geordneten staat- 
lieben Leben nicht die Rede ist, nichtswürdige Emporkömm- 
linge die Macht besitzen und das Land aussaugen und man 
es als politische Weisheit ansiebt, in stumpfer Gleichgültigkeit 
sich dem Despotismus und der Tyrannei zu fügen. Damit 
sind nun, wenn Koheleth nacbexilisch ist, zwei Epochen zur 
Wahl gestellt, entweder das letzte Jahrhundert der Perser- 
herrschaft, in welchem das Riesenreich des Cyrus allmählich 
zerbröckelte in innerer Fäulnis und völliger Anarchie, oder 
die Zeit der späteren Ptolemäer und Seleuciden, unter denen 
der Hellenismus sich von seiner nichtswürdigsten und verkoni- 
mensten Seite zeigte in namenlosem sittlichem Verfall und 
grauenhafter Verlotterung. Einen bestimmten Anhaltspunkt 
könnten uns 4i3— 15 u. 9 13— ie geben, wo unser Verfasser offen- 
bar auf bekannte Ereignisse anspielt, wenn dieselben nur deut- 
lich wären. So sind wir rein auf Kombination angewiesen. 
Hitzig bat das Jahr 204, wo der fünfjährige Ptolemäus V 
Epiphanes den Thron der Lagiden bestieg, als Entstehungs- 
jahr zu erweisen gesucht : und wenn seine Beweise auch alle 
untriftig und geradezu irrig wären — sachlich hat er doch 
wohl das Richtige getroffen. Unter die Zeiten der Makka- 
bäer darf man schwerlich herab, wo die zwei Seiten, welche 
unser Verfasser, wenn auch nur in rein äusserlichem Neben- 
einander, noch in sich vereint, hellenistische Philosophie und 
jüdische Frömmigkeit, völlig auseinander gefallen waren. An- 
dererseits ist aber deutlich der Hellenismus dasjenige Ferment, 
welches hier die A Tuche Frömmigkeit zum Gähren gebracht 
hat. Die Frage, ob Koheleth unmittelbare Bekanntschaft mit 
und direkte Abhängigkeit von der griechischen Philosophie 
zeige, ist eine offene: aber so viel scheint festzustehn, dass 
nur ein vom Hellenismus befruchteter oder doch wenigstens 
heeinflusster jüdischer Geist ein solches Werk hervorbringen 
konnte, und deshalb glaube ich auch die persische Zeil aus- 
schliessen und bei der hellenistischen stehn bleiben zu müssen. 
Koheleth entstand im Laufe des 3. Jahrhunderts in Palästina 
und zeigt, wie auch dort der Hellenismus in den Geistern an 
Boden gewonnen hatte, so dass ein Unternehmen, wie das des 



282 



Spezielle Einleitun« 



[§45. 



Antiochus Epi])hanes , nicht aussichtslos erscheinen konnte. 
Aber unser Verfasser ist lediglich berauscht vom Hellenismus : 
er hat ihn freudig in sich aufgenommen als ein Bildungsele- 
ment, ohne sich des zersetzenden Charakters jener Bildung 
schon bewusst zu sein, die sich ja auch bei ihm persönlich 
mit seinem ererbten Glauben vertrug. Er war also etwa ein 
Zeitgenosse des Jesus ben Sira, der aber nicht wie dieser unter 
eigenem Namen schrieb, sondern seine Philosophie Salomo in 
den Mund legte. 

5. IsagogischeProbleme im einzelnen bietet Ko- 
heleth wenig. Man hat Anstoss genommen an dem Epiloge 
12 is — 14, als sei dieser von fremder Hand hinzugefügt, um den 
wahren Inhalt des Buches zu verschleiern und ihm die Spitze 
abzubrechen, und hat aus ähnlichen Gründen auch 11 9* 12 i a 
u. : für spätere Ueberarbeitung erklärt, aber mit Unrecht: 
denn ganz dieselben, nur an jenen Stellen besonders prägnant 
formulierten, Gedanken durchziehen das ganze Buch; Gottes- 
furcht und Gott der Richter sind überall Kardinalbegriffe, die 
in ihrer Umgebung oft seltsam anmuten, dafür aber um so 
ergreifender, ja geradezu rührend, zu Tage treten: man müsste 
also dann schon, wie besonders Haupt, eine systematische 
Ueberarbeitung des ganzen Buches annehmen. Weiterhin hat 
man sich vielfach nicht in die Planlosigkeit und den Mangel 
an gedanklichem Fortschritte in Koheleth linden können und 
unserem Verfasser die Schuld hierfür abgesprochen oder durch 
allerhand Mittel dem abzuhelfen gesucht, am energischsten and 

kühnsten wohl BlCKELL, welcher ein Unglück des Archetypus 

zur Erklärung herbeizieht: in dieser „ Unfallshandschrift" seien 
mehrere Lagen verbunden und falsch geheftet gewesen und 
so sei das ganze Buch in Unordnung geraten. Aber derartiger 
gewaltsamer Mittel bedarf es nicht. Ein Geist und Eine Stim- 
mung durchzieht das Ganze, und damit können wir uns be- 
gnügen: ein geschlossenes philosophisches System, ein förm- 
liches Lehrgebäude, li.it der Verfasser nicht geben wollen und 



vielleichl auch 



nicht geben 



können, so dass es nicht angezeigt 



erscheint, ihn in eine Zwangsjacke zu stecken, die er selbst 
sieh wohl verbeten haben würde. Er war eben eine in sich 
widerspruchsvolle Natur, in dessen Brust zwei Seelen wohnten, 
mit dem Kopf ein Grieche, mit (hau Herzen ein Jude, wie wir 
in Anlehnung an ein bekanntes Wort ihn vielleicht am tref- 



§ 46.] Das Hohe Lied. l>,s.", 

fendsten charakterisieren können: und da ist es nicht im ge- 
ringsteD zu verwundern, wenn bei der rührend zu nennenden 
Ehrlichkeit, mit der er uns in sein Herz schauen lässt, Wider- 
spruchsvolles zu Tage kommt. Auch für die Beurteilung des 
Koh darf Kant nicht umsonst gelehrt haben, dass, wenn schon 
die reine Vernunft das Dasein Gottes und die Realität einer 
metaphysischen Welt niemals zu beweisen vermag, doch die 
praktische Vernunft an beidem unbedingt festhalten muss als 
an Postulaten, ohne welche sie nicht auskommen kann. Und diese 
sympathische, eben in ihren Widersprüchen so ergreifend wahre, 
ja geradezu typische Persönlichkeit halte ich auch Siegfried 
gegenüber fest, in dessen geistvoll und scharfsinnig durchge- 
führtem Versuch, das kleine Buch Koh auf mindestens 8 ver- 
schiedene Hände zu verteilen, die Zerspaltungshypothese sich 
selbst ad absurdum geführt hat. Entschieden ist die Frage 
dadurch, dass, wie Xöldei^e (ZWa 20 no ff. 1900) „ganz gegen 
seine Erwartung" feststellt, schon Jesus ben Sira den ganzen 
Koheleth einschliesslich 12 : u. 13 gekannt hat. 

§ 46. Das Hohe Lied. 

JGHerder Salomons Lieder der Liebe 1778. Entscheidend: KBudde 
Was ist das Hohe Lied? PJb 78 92 ff. 1894 und KHCAT 1898. CSiegebied 
1IKAT 1898. PHaupt The ÖOOk of Canticles 1902. Die wichtigsten Dra- 
maturgen des Hohen Liedes sind : JFJacobi anonym 1771 epochemachend. 
Stättdltn 1792. Dmbkeit 1820. Ewald 1826. FBüttcher 1850. FDk- 
litzsch 1851 und BCAT 1875. Hitzig KEH 1855. Rkxan 1860. Gbaetz 
1871. JGStickkl 1888. Üttli SZ 1889. CBruston 1891. JWRotiisti i \ 
189?.. EKlostkm.m an.x Eine alte Rollenverteilung zum II. L. ZaW19issff. 
1899. 

1. Wie Koheleth, so nimmt sich auch das Hohe Lied 
seltsam aus unter den Büchern des AT. Denn kein unbe- 
fangener Betrachter kann auch nur einen Augenblick darüber 
im Zweifel sein, dass Liebe, die Liebe des Mannes zum Weibe 
und des Weibes zum Manne, das einzige, stets sich gleich- 
bleibende Thema von Cnt ist. Und zwar werden diese Dinge 
mit einer unverblümten Deutlichkeit behandelt und geschildert, 
die für unser Empfinden schon fast an Anstössigkeit grenzt, 
die aber gerade um ihrer Naivität willen nicht als lüstern be- 
zeichnet werden darf. Dass wir in Cnt einen echten Dichter 
haben, dem ein Gott gab, zu sagen, wie er sich beglückt fühlt, 
empfindet man sofort; namentlich fesselt und ergreift uns der 



284 Spezielle Einleitung. [§ 46. 

wunderbar ausgeprägte Sinn für die Natur: der Dichter lebt 
und webt in der Natur, die ihm das Spiegelbild und der Zeuge 
seines Glückes wird ; alles feiert mit ihm und stimmt sein Herz 
zum Entzücken. Aber wer ist nun der Dichter? 

2. Die Ueberschrift 1 i, deren Sinn nur sein kann Vor- 
züglichstes der Lieder Salomos, bezeichnet also S a 1 o m o als 
den „Philosophen im Rosen- und Myrthenkranze", welcher 
dies wunderbare Werk geschaffen. Dass Salomo auch Dichter, 
und ein fruchtbarer Dichter, war, bezeugt I Reg 5 12, welches 
von 1005 Liedern Salomos berichtet. Und damit scheint auch 
der Inhalt von Cnt zu stimmen: fünfmal 1ö 3 7 9 11 8 11 wird 
Salomo und darunter zweimal 3n u. 11 ausdrücklich als Tttho j?®ft 
erwähnt; 1 1 \-> 7 <-, ist gleichfalls von einem Könige, 6h u. 9 
von Königinnen die Rede; I9 begegnet uns das Ross am Wa- 
gen Pharaos und 4 4 ein Davidsturm. Auch die wiederholte 
Erwähnung der Töchter Jerusalems 1 .-. 2; 3 .-> m 5 8 le 84 
stimmt damit durchaus. Wenn wir zunächst fragen, ob I Reg 
5 12 mit Cnt irgendwie in Verbindung stehe, so ist zu bemer- 
ken, dass jene Stelle auf dieses keinen Bezug nimmt: dass 
mit den 1005 Liedern Salomos unser 116 Verse grosses Buch 
gemeint sein sollte, ist schlechterdings undenkbar, während Cnt 

1 1 sehr gut im Hinblick auf I Reg 5 12 abgefasst sein kann 
und auch sicher ist - es liegt also ganz das nämliche Ver- 
hältnis vor, wie zwischen I Reg 5 12 und Prv li. Wenn bei 
irgend einem biblischen Buche das W T ort gilt „deine Sprache 
verrät dich'-, so ist es bei Cnt, dessen Sprachcharakter noch 
weit unter die Proverbien herabführt und sich anmittelbar ne- 
ben Koheleth ordnet. Fäne Häufung des r wie hei Cnt, findet 
sich nur noch in Koheleth und einigen ^\w allerjüngsten Psal- 
men: nxbö 1: tritt unmittelbar neben "ö^tö Jon 1 12, nament- 
lich der ausgedehnte adverbiale Gebrauch des v, wie #*wli2 
2: i: 3 1 :. 4 <•, 8 1 ItfBöö? 3 1 ist durchaus jung, und vollends 
Redewendungen wie fy* "»"fl le 812 und riebvhp inteia 3; sind 
im ganzen AT unerhört und rein Mischnisch. c ^"l? 4i8 ist, 
wie ein hervorragender Kenner der eranischen Sprachen be- 
stätigt hat, ein spezitisch persisches Wort, dessen Vorkommen 
mit mathematischer Sicherheit auf frühestens die persische 
Zeit weist, wie es sich denn auch nur noch Neh 2 8 und Koh 

2 s findet, und das durch kein semitisches Etymon zu deutende 
y.-y.'i Xeyojievov P~- N 3 s ist = cpopeiov, also ein griechisches 



§ 46.] Das Hohe Lied. 285 

Lehnwort. Ob zur Zeit Salomos oder überhaupt in der vor- 
exilisehen Periode ^"O 1 12 4 13 n und cr~r 4it nach Sache 
und Wort bekannt waren, darf entschieden bezweifelt werden 
und ebenso, ob es damals bereits eine organisierte Polizei und 
einen geregelten Nachtwächter dien st 3 8 5 7 gegeben hat. Aber 
schon die sprachlichen Indizien allein sind absolut zwingend, 
für Cnt frühestens an die persische Zeit denken zu hissen. 
Wenn man sich immer wieder auf 6 4 beruft, wo Thirza im 
Parallelismus mit Jerusalem steht, und daraus folgern will, 
Cnt müsse älter sein als Omri, so ist dagegen zu erwidern, 
dass es einem nachexilischen Juden niemals einfallen konnte, 
Samarien im Parallelismus mit Jerusalem zu nennen, je spä- 
ter, desto weniger: dass Thirza eine Zeit lang Residenzstadt 
war, wusste man natürlich aus I Reg, und zudem wurde diese 
Stadt durch die völlig durchsichtige Appellativbedeutung ihres 
Namens Schönhausen besonders empfohlen. Also auch 6 4 
verhindert die nachexilische Entstehung nicht. 

3. Bei Cnt muss aber auch die Frage nach derKunst- 
form noch besonders erwogen werden. Da es offenbar Rede 
und Gegenrede enthält und diese stets wechseln, ist die herr- 
schende Ansicht, in ihm ein Drama zu sehen, welches nach 
Art unserer Theaterstücke mit Monolog, Dialog und Chor in 
stetem Szenenwechsel eine regelrecht durchgeführte drama- 
tische Handlung biete. Dann mussten folgerichtig die einzigen 
mit Namen genannten Persönlichkeiten, Salomo und „Sulam- 
mitli" 7i, dramatis personae sein, und man stritt sich dar- 
über, ob das Ganze zur Verherrlichung Salomos dienen oder. 
eine Satire auf ihn sein solle. Aber — einmal wissen wir von 
einem Vorkommen des Dramas bei Semiten überhaupt nichts, 
trotz des alexandrinischen .luden Ezechiel, der den Auszug 
aus Aegypten als ein griechisches Drama verarbeitete, und 
dann: wie sollen wir uns ein Bühnenstück von 116 Versen 
mit bis zu 12maligem Szenenwechsel überhaupt vorstellen? 
Da müsste man schon seine Zuflucht zur Oper oder dem 
Singspiele nehmen. Zudem stellt von allem dem im Texte 
selbst auch nicht das Geringste. So war denn dem kombi- 
nierenden Scharfsinne Tür und Tor geöflhel und aus diesem 
dann mischen Reiz erklärt sich wohl auch das regelmässige 
Wiederkehren des Versuches. Aber das richtige Moment liegt 
auch dieser Auffassung zu Grunde, dass wir in Cnt unmöglich 



28G Spezielle Einleitung. [§ 46. 

Hin einheitliches, völlig zusammenhängendes Gedieht erkennen 
können. Vielmehr zerfällt es deutlich in einzelne kürzere oder 
längere Lieder, „die nicht mehr mit einander zusammenhängen, 
als eine Reihe schöner Perlen auf eine Schnur gefasset" 
(Herder). 

4. Besteht nun Cnt aus einer Vereinigung einzelner Lie- 
der, ist die Abfassung durch Salomo oder in seiner Zeit aus- 
geschlossen, und wird Salomo trotzdem wiederholt erwähnt, 
welches ist der ursprüngliche S i n n u n d die u r- 
sprüngliche Bedeutung dieser Lieder ? Die Erklä- 
rung brachte der moderne Orient. Bei der syrischen Land- 
bevölkerung heisst die siebentägige Hochzeitsfeier „die Königs- 
woche", weil hier das junge Paar als König und Königin gel- 
ten und, auf einem improvisierten Throne sitzend, als solche 
von ihrer Ortschaft und den geladenen Nachbargemeinden be- 
handelt und bedient werden. Hierbei sind eine Reihe von 
festgeregelten einzelnen Feierlichkeiten üblich, die alle mit Ge- 
sang, Spiel und Tanz begangen werden. Es bleibt Buddes 
Verdienst, diese schon wiederholt zur Erklärung von Cnt her- 
beigezogene Erkenntnis, welche wir JGWETZSTEIN verdanken, 
zuerst konsequent durchgeführt und auf das Ganze angewendet 
zu haben. Wie Schuppen fällt es uns von den Augen beim 
Lesen der Abhandlung BüDDEs, wo der Nachweis des Zutreft'ens 
der einzelnen Lieder auf die verschiedenen Feierlichkeiten der 
.. Königswoche" geführt und auch sehr richtig darauf hingewiesen 
wird, dass nach orientalischer Anschauung Cnt niemals die 
bräutliche, sondern nur die eheliche Liehe schildern könne. 
Der „König" ist der junge Ehemann, welcher auch Salomo 
genannt wird als glücklichster und reichster aller Herrscher. 
Die ..Suhiiumith" ist die junge Frau, welche als schönste Jung- 
frau in allen Grenzen Israels wie Abisag von Sunem I Reg 
1 8 gefeierl wird. Und damil ist das Rätsel unseres Buches, 
an dem man sehen verzweifeln zu sollen glaubte, definitiv ge- 
löst. Denn dass wir diese Anschauung auch au!' das AT an- 
wenden dürfen, zeigt ja gerade Cn1 Hu, wo die Rede ist von 
einer Krone, mit der Uni seine Mittler krönte um Tage .seiner 
Vermählung vgl. auch des t;i 10, und zu den vorgeschriebenen 
jüdischen Hochzeitsgebräuchen gehört bekanntlich die Krö- 
nung des Bräutigams mit der |nn rrmv und der Braut mit der 
rhs mto», welche, aus reinem Gold <n\i-v aus einer Mischung 



§ 46.] Das Hohe Lied. 287 

von Gold und Silber kunstvoll gefertigt und reich mit Edel- 
steinen verziert, sich in jeder Synagoge befinden. 

5. Dann ist es aber auch nicht einmal wahrscheinlich, 
dass die einzelnen Lieder, welche alle den echten Volksliedton 
haben, von einem und dem nämlichen Dichter verfasst sind. 
Es mag eine Zusammenstellung besonders schöner bei diesen 
Feierlichkeiten üblicher sein, und es wäre noch die Frage auf- 
zuwerfen, ob es sich um eine blosse S am m 1 u n g, oder um 
Redaktionsarbeit handelt. Da die Reihenfolge durch- 
aus nicht der Reihenfolge der Feierlichkeiten entspricht, welche 
gewiss vor 2000 Jahren die nämliche war, wie noch heute, 
und da sich vereinzelte kleine Absätze herausheben, die sich 
als dichterisch minderwertig und in ihrem Wortlaute von der 
Umgebung abhängig erweisen, ja in welchen die wirkliche Mei- 
nung und insbesondere die Bilderrede der älteren Stücke miss- 
\ erstanden und wörtlich genommen wird , dürfte es richtiger 
sein, Redaktionsarbeit anzunehmen. Unbedingt auszuscheiden 
sind 2 ü a 4 s 83—4 13 — 14. 

6. Die Entstehungszeit im grossen und ganzen ist 
durch sprachliche Kriterien absolut festgelegt; als Entsteh- 
ungso r t bleibt Jerusalem das Wahrscheinlichste. Die Samm- 
lung und Niederschrift wird im 3. oder 2. Jahrb. erfolgt sein. 
War das Werk aber einmal vorhanden, so begreift man leicht, 
wie bei der wiederholten Nennung des Namens Salomo gerade 
bei seinem erotischen Charakter die Meinung sich bilden konnte, 
es sei von Salomo verfasst. Und dann musste es auch in 
den Kanon Aufnahme finden, und man half sich über die An- 
stösse und Schwierigkeiten durch allegorische Interpretation 
hinweg (cf. WRiedel Die Auslegung des H. L. in der jüdi- 
schen Gemeinde und in der griechischen Kirche 181*8). Doch 
blieb die Aufnahme nicht ohne lebhaften Widerspruch. 



2SS 



[§47. 



Zweiter Teil. 

Allgemeine Einleitung. 

FBuhl Kanon und Text des AT. 1891. 



Erstes Kapitel. 
Geschichte des Kanons. 

KACeednee Zur Geschichte des Kanons 1847. ADiij.ma.n.v JdTh 
3.119 ft'. 1858. IIKwam) UVI V 448-495. JFübst Der Kanon des AT nach 
den üeberlieferungen in Talmud //. Mdrasch 1868. .ISBlocii Studien zur 
Geseilte hte der Sammlung der all hebräischen Literatur 1876. WRSmitb 
(§ 2t) Vorlesung VI. HLStback EtE s 9 7 4iff. GWlLDEBOEB l/et ou/staau 
van den Kanon des Ouden Verbonds 1889; deutsche Ueberset/un^ von 
FRisch 1891. HERylb The eanon of the Old Testament L892. FMii.i.an 
The canon of the Old Testament 189:!. Kl'.rmn: Der Kanon des AT. 19U0. 

§ 47. Begriff des Kanons und Einteilung bei den Juden. 
Zahl, Benennung- und Reihenfolge der kanonischen 

Schriften. 

GAM.utx Traditio rahliinoriim re/errima de librorum V. T. ordine at- 
que origine L884. WRiedbl Samen und Einteilung des atlichen Kanons 
in ATliclie Untersuchungen 1 90— 103 l'.*i>'_'. 

1. Wir verstehn unter K a n 011 eine Sammlung von Schrif- 
ten, welche eine R.eligionsgenossenscliaft als göttlich inspirierte 
und als Norm und Richtschnur für Glauben und Leben an- 
erkennt. I);is Wort kommt von dem griechischen )cavu)v, wel- 
ches seihst wieder ein semitisches Lehnwort von ~-P ist. Schon 
Homer gebraucht es <->' \'X\ und \" 407 von den beiden ( c )ucr- 
stangen, über welche der Schild gespannt ist, und W 7(>1 von 
dem W eberschiffe, wo also überall der Begriff des ijerailen 
llolics zu Grunde liegt. Im Schriftgriechisch bedeutet xavtbv 
eigentlich das Richtmass des Zimmermanns vgl. rrjön n:;p Ez 
40 :i, wird aber schon frühe übertragen gehraucht als Xorm. 



§ 47.] BecjriH' des Kanons und Einteilung bei den Juden etc. 289 

Massslab, Richtschnur, wofür Stephanus Thes. s. v. Beleg- 
stellen aus Euripides, Antiphon, Aristoteles, Demosthenes und 
Lucian und auch eine besonders charakteristische aus Cicero 
beibringt, welcher an seinen Tiro schreibt : /// qui v.avwv esse 
so/es scriptorum meorum. Auch im NT Gal 6 ie und bei Jo- 
SBPHUS c. Ap. II 17 kommt es so vor, etwas anders II Kor 
10 13 L5 i6. Als terminus technicus in dem hier in Frage ste- 
henden Sinne gebrauchen es nach Buhl S. 1 erst die Väter 
des 4. Jahrhunderts. Wenn wir von kanonischen Schriften 
reden, so liegt darin ein Doppeltes: sie sind normale, d. h. 
adäquater Ausdruck der göttlichen Offenbarung, und infolge 
dessen auch normativ, d. h. massgebend für uns als Richt- 
schnur für Glauben und Leben. Der Sache nach besresmet 
uns der Begriff einer kanonischen Schrift zuerst IT Reg 23 i_ - 
mit der feierlichen Proklamierung des Dtn und der eidlichen 
Verpachtung auf dasselbe, welcher als zweite und noch wich- 
tigere die Verpflichtung auf die Thora Esras Neb. 8 — 10 folgt: 
also mit 621 beginnt die Geschichte des ATlichen Kanons. 
Als älteste Spur im AT selbst müssen wir Dan 9 a bezeichnen, 
wo Dnatpn schon ganz wie xa ßißAi'a steht; wegen Jes 34 ig s. 
§ 24 ie. 

2. Die Juden teilen den Kanon in d r e i S c h i c h- 
ten: min, c\rr: und D-ains, wonach die ganze Heilige Schrift 
des AT von ihnen -p"n genannt wird. Die min bestellt aus 
den sog. fünf Büchern Moses, den min nwain nwan (§ 5 i), wel- 
che hebräische und griechische Bibel übereinstimmend abteilen. 
Die Alexandriner geben den einzelnen Büchern bezeichnende 
Titel, und das scheint auch bei den Juden der Fall gewesen 
zu sein, wenigstens findet sich für Leviticus die Benennung 
D'Vta nnta und für Numeri kennt Obigenes den Namen afxfiEa- 
-iy.iöoz:\x = ü— pB w im ; doch ist es üblich geworden, sie nach 
dem ersten oder einem der ersten Worte des Textes zu be- 
nennen: .Genesis mpris, Exodus nlöti msi, Leviticus *■""; für 
Numeri hat Hiekonvmis im Prologus galeatus die hebräische 
Benennung Vaiedabber, wie wirklich das erste Wort lautet, 
aber gewöhnlich wird es nach dem fünften "i|Höa genannt, was 
zugleich als eine Art von Inhaltsangabe gelten kann, Dtn end- 
lich Dna^n ms. Die zweite Schicht des hebräischen Kanons 
bilden die c*S"r:, welche wieder zerfallen in die OTWKn ': und 
die E'mns ". ; über den Sinn dieser Bezeichnung s. § 48 i. Als 

(irundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5 Aufl. 19 



290 Allgemeine Einleitung. [§ 47. 

dtuki '2 werden gerechnet die vier historischen Bücher : Josua 
Judicum Samuelis Reguni, welch letztere beide der hebräische 
Kanon als je Ein Buch zählt. Nach der jüdischen Tradition 
sind Judicum und Samuelis von dem Propheten Samuel, Re- 
gum von dem Propheten Jeremia geschrieben, und auch Josua 
war ein Prophet nach Num 27 is, vgl. JSir 46 i oiaoo/o; Mwua^ 
ev 7ipo<prjxeiatg, so dass jene Bücher als prophetische Schriften 
im eigentlichen Sinne zu gelten haben ; doch ist auch der Um- 
stand in Betracht zu ziehen, dass diese Geschichtsbücher viel 
von Propheten handeln und ihre Taten und Aussprüche be- 
richten, sowie dass ihre Darstellung in durchaus prophetischem 
Geiste gegeben ist (s. § 19 1). Die a^i-inx •: bestehn wieder 
aus vier Büchern : den drei grossen Propheten Jeremia Eze- 
chiel Jesaja (vgl. § 26 Anm.) und dem Zwölfprophetenbuche 
(XII), welches gleichfalls nur als eines zählt (§ 39 i). Die 
dritte Schicht endlich bilden die cairo oder Hagiographa. Zu 
ihnen gehören die drei grossen poetischen Bücher Psalmen 
Proverbien Hiob, von den Juden in einer vox memorialis als 
nfc"K neo bezeichnet, ferner fünf kleinere Bücher Canticum Ruth 
Threni Koheleth Esther, welche nta tfön d. h. die fünf Fest- 
rollen genannt werden, weil sie an fünf Feiertagen regelmässig 
verlesen zu werden pflegen (nämlich Canticum am Passah, nach 
einer schon im Targum sich findenden allegorischen Deutung 
desselben auf den Auszug aus Aegypten, Ruth, das liebliche 
Enteidyll, auf Schabuoth als Erntedankfest, Threni am 9. Ab, 
dem Tage des Tempelfastens, Koheleth, welcher einen in Gott 
gebundenen und durch (Gottesfurcht geweihten dankbaren Ge- 
nuas des Lebens als letztes Ziel der Weisheit predigt, an Suk- 
koth, dem fröhlichen Herbstlesefeste, und Esther natürlich an 
Purini) und endlich die drei Bücher Daniel, Esra-Nehemia 
und Chronik, also zusammen elf Bücher. Eine deutliche und 
klare Scheidung dieser drei Schichten tritt uns zum ersten 
Male entgegen in dem Prologe des Siraciden ca. 130 v. Chr. 
3. Demnach wäre die Gesamtsumme der kano- 
nischen Bücher 5 -+- 8 -\- 1 1 = v i e r u n d z w a n z i g. 
Diese Zahl rindet sich zuerst ausdrücklich bezeugt IV Esr 14 44 
nach der in den orientalischen Uebersetzungen erhaltenen rich- 
tigen Le>art 1)4 — 70; sie ist stehend in Talmud und Midrasch, 
wo das AT als die 24 heiligen Sehn /'toi tnpn '•ans Y'S oder 
die 24 HU eher DnM T'5 bezeichnet wird, und begegnet uns 






§ 47.] Begriff des Kanons und Einteilung bei den Juden etc. 291 

auch bei Heeronymus in der Praefatio zu Daniel und im 
Prologus galeatus als die Ansicht von nonnulli. Aber da- 
neben steht die ausdrückliche Angabe des Josephüs c. Ap. I 8, 
des Origenes bei Euseb. bist, eccl. VI 25, des Epiphanius 
de mens. 10 und des Hieronymus im Prol. gal., dass die Ju- 
den 22 kanonische Bücher hätten nach der Zahl der Buch- 
staben ihres Alphabets. Diese Zahl 22 wird dadurch gewonnen, 
dass Ruth mit Judicum und Threni mit Jeremia zusammen- 
genommen und nicht besonders gezählt werden. Daneben 
kennt Hieroxymus a. a. O. auch noch die Zählung von 27 
Büchern, indem neben den 22 gewöhnlichen Buchstaben auch 
noch die fünf literae finales mit in Rechnung kommen. Ent- 
sprechend diesen fünf Doppelbuchstaben werden fünf Bücher 
doppelt gezählt : Samuelis Regum Chronik Esra und Jeremia 
d. h. Threni als Buch für sich ; an eine besondere Zählung 
von Ruth wird auch hier nicht gedacht. Es kann nun aber 
gar keinem Zweifel unterliegen, dass diese Zählungen künst- 
lich und rein willkürlich sind und lediglich auf eine Spielerei 
hinauslaufen ; für die Geschichte des Kanons sind die Zahlen 
22 u. 27 völlig bedeutungslos. 

4. Ueber die Benennung und Reihenfolge der 
kanonischen Bücher hat sich eine feste Tradition nicht gebildet, 
wie dies ja auch für das XT gilt. So haben wir für Numeri 
die Benennungen "i?Ti, "12-TS2 und O'Tips tfttin, für Threni nirp 
und n=>'; für Regum bezeugt Origenes (bei Eus. VI 25) aus- 
drücklich als hebräische Benennung o'jy.\i\xz\zy^ 02,3:0 = -j^am 
tt, wie die ersten Worte von 1 Reg 1 i lauten. Auch die 
Reihenfolge schwankt, was um so weniger befremden kann, 
wenn wir bedenken, „dass man noch im 1. u. 2. Jahrhundert 
darüber Zweifel hegte, ob es überhaupt erlaubt sei, mehrere 
Bücher in einem Bande zu schreiben, und dass es erst Rabbis 
Autorität gelang (gegen 200 n. Chr.) dieser Sitte allgemeine 
Gültigkeit zu verschaffen'' (Buhl S. 37 f.). In der berühmten 
Talmudstelle Baba Bathra 14 b 15" wird geordnet: Pentateuch 
Josua Judicum Samuelis Regum Jeremia Ezechiel Jesaja XII 
Ruth Psalmen Hiob Proverbien Koheleth Canticum Threni 
Daniel Esther Esra Chronik. Hieronymus im Prol. gal. gibt 
die jüdische Reihenfolge so an: Pentateuch Josua Judicum 
Ruth Samuelis Regum Jesaja Jeremia Ezechiel XII Hiob 
Psalmen Proverbien Koheleth Canticum Daniel Chronik Esra 

19* 



292 Allgemeine Einleitung. [§ 48. 

Esther. Die nicht ausdrücklich erwähnten Threni sind in Je- 
remia mit eingerechnet. Wieder anders ordnet der alexan- 
drinische Kanon, über den noch besonders zu reden sein wird. 
In dem merkwürdigen Kanon des Melito VON Sardes (bei 
Eus. IV 26), welcher über xa xfj? nakMäc, 8ia{Hpt?}€ [kßXia ge- 
nau feststellen will rcoaa tgv ap:d-y.bv v.oci irsÄx zr^ ~a;iv s:£v, 
darf man, obwohl er sich ausdrücklich auf jüdische Gewährs- 
männer beruft, doch eben so wenig eine offizielle jüdische 
Reihenfolge sehen, wie in der Anordnung des Obigexes a. a. O. ; 
übrigens haben beide übereinstimmend das Charakteristische, 
dass sie die Propheten zwischen die Hagiographen stellen, 
Oeigenes hinter Psalmen Proverbien Koheleth und Canticum, 
Melito hinter diese vier Schriften und Hiob — eine Anord- 
nung, welche nach dem chronologischen Prinzip als wohl be- 
gründet bezeichnet werden niuss, weil David und Salomo älter 
sind, als die Propheten. In der Mehrzahl der hebräischen 
Hss und in allen gedruckten Ausgaben üblich ist die Reihen- 
folge: Pentateuch Josua Judicum Samuelis Regum Jesaja Je- 
remia Ezechiel Xu Psalmen Proverbien Hiob Canticum Ruth 
Threni Koheleth Esther Daniel Esra-Nehemia Chronik : für 
die D'Diro ist noch eine Anordnung gut bezeugt, welche die 
Chronik an den Anfang stellt, und dann Psalmen Hiob Pro- 
verbien Ruth Canticum Koheleth Threni Esther Daniel und 
Esra-Nehemia. 

§ 48. Bildung und Abschluss des Kanons. 

1. Vielfach herrscht die Anschauung und gilt geradezu 
als Dogma, dass der ATliche Kanon simul et sinne I von Ei- 
nem Manne oder einem Kollegium festgestellt wor- 
den und dann stets unwidersprochen gültig geblie- 
ben sei. Und zwar ist, trotz des ausdrücklichen Zeugnisses 
II Mak 2 18, welches Nehemia als denjenigen bezeichnet, wel- 
cher xaTaßaXX6u.evos ßißXco^HjXljv i~\'j-y/t i ';y:;t zy. r.iy. xc&v py.'ji- 
X£ü)V y.y.l Ttpoyrjxöv xal ~.y. toö Aa'j:o y.y.l ir.:?z^'/.y.; yj.z'.'/.iwi 
rcepl avai)-c|xai(.ov, die Tradition darüber einig, dem Esra diese 
Funktion zuzuschreiben: durch des 1472 geborenen und 1549 
gestorbenen deutschen Juden Elias Levita viel gelesenes und 
einflussreiches Werk rr vßön miDä wurde die Meinung, dasfl 
Esra und die Männer der grossen Synagoge rbnsn ncoD mm« 
den ATlichen Kanon festgestellt hätten, als die vermeintliche 



§ 48.] Bildung und Abschluss des Kanons. 293 

offiziell jüdische für die protestantische Wissenschaft des 16. 
und 17. Jahrhunderts zum Dogma. Aber hiergegen erhebt 
schon die Beschaffenheit des ATlichen Kanons lauten Protest: 
wären sämtliche Schriften des AT mit Einem Male kanonisiert 
worden, so wäre die überlieferte Anordnung und die Vertei- 
lung auf die beiden Schichten der c« - r: und D"2iro schlechter- 
dings unerklärlich. Zwar die Loslösung von Ruth und Esther 
von den historischen Schriften und die Trennung der Threni 
von Jeremia Hesse sich aus liturgischen Gründen begreifen, 
um die rvfaiö iPön (§ 47 2) bei einander zu haben, dagegen die 
Trennung von Esra-Nehemia und Chronik von den geschicht- 
lichen Schriften sehr schwer, die Daniels von den prophetischen 
gar nicht. Auch die Tatsache, dass der samaritanische Kanon 
nur aus der ersten Schicht des jüdischen , der min , besteht, 
ist ein sehr beachtenswertes Moment für die Kanonsgeschichte, 
und die prinzipielle Abweichung der alexandrinischen Juden 
von den palästinensischen in der Kanonsfrage, über welche 
§ 48 a zu handeln ist, wäre gänzlich unmöglich, wenn schon um 
die Zeit von Christi Geburt ein Kanon im technischen Sinne 
des Wortes vorhanden gewesen wäre. 

2. Ehe wir diejenigen Momente betrachten, welche uns 
Aufschluss über die tatsächliche Geschichte des ATlichen Ka- 
nons geben können, sind noch einige Vorfragen zu er- 
ledigen. Mit vollem Rechte macht WiLDEBOER darauf auf- 
merksam, dass der Begriff „kanonisch' - ein spezitisch kirch- 
licher, und daher, wo es sich um das AT und die Diskussion 
der jüdischen Schulen handle, nur cum grano salis anwendbar 
sei. Der Begriff' ,, kanonisch '• wird bei den Kanonsstreitigkeiten 
mit den eigentümlichen Worten ausgedrückt, dass die betref- 
fenden Bücher die Winde verunreinigen dtti dk d^öioö. Wenn 
man also lehrte, dass jede Berührung der heiligen Bücher 
levitisch unrein mache und eine rituelle Waschung der Hände 
bedinge, so ist das nur der stärkste Ausdruck für den Begriff 
der Heiligkeit: aber über die Kriterien der Kanonizität, warum 
eine Schrift für kanonisch gehalten, oder warum ihre kano- 
nische Dignität angezweifelt wurde, darüber besagt jener Aus- 
druck absolut nichts; er ist ein reines Werturteil. Daneben 
wird uns dann noch berichtet, dass man bei einzelnen Schriften 
gesucht habe, sie zu verbergen Vüh. Schon die charakteristische 
Verschiedenheit der xlusdrücke lässt darauf schliessen, dass 



294 Allgemeine Einleitung. [§ 48. 

es sich dabei um durchaus verschiedene Dinge handelt, und 
dass man über die „Kanonizitat" von Schriften, die man zu 
verbergen wünschte, ganz anders dachte, als bei solchen, wo 
man darüber stritt, ob sie die Hände verunreinigen, oder nicht. 
Doch cf. Büdde 64 ff. Mit eben so grossem Rechte weist aber 
Wildeboer auch darauf hin, dass man bei Untersuchungen 
über die Geschichte des ATlichen Kanons scharf zu scheiden 
habe zwischen dem Abschlüsse der einzelnen Schichten des 
Kanons und zwischen ihrer „Kanonisierung", dass beides durch- 
aus nicht identisch sei und keineswegs zusammenfalle. Wie 
notwendig und wie wichtig diese Unterscheidung ist, wird sich 
uns durchweg zeigen. 

3. Wir beginnen unsere Betrachtung mit der ersten 
und wichtigsten Schicht des alttestament- 
liehen Kanons, der min. Ihre Kanonisierung begann 
621, und wurde für alle Zeiten durchgeführt 444 (s. § 47 i). 
In der Wertschätzung des jüdischen Volkes hat die min stets 
eine gesonderte Stellung eingenommen: sie war die Offenba- 
rung v.y~" ki/y/j^, das Allerheiligste ; ihr gegenüber bezeichnete 
man c*N'z: und trsina nur als »nö^tf* resp. nbaf? Ueber lieferung, 
d. h. diese Bücher und ihre Verfasser hatten nur den Zweck, 
die in der min ein für alle Mal abschliessend gegebene Offen- 
barung Gottes ihren Zeitgenossen und den späteren Geschlech- 
tern zu überliefern und zu erklären. Die famose Unterschei- 
dung von protokanonischen und deuterokanonischen Schriften, 
welche SlXTUS Sexensis (§ 2 2) erfunden hat, um den AVider- 
spruch zwischen katholischer Kirchenlehre und wissenschaft- 
liche!' Wahrheit zu verkleistern, könnte man recht eigentlich 
auf den jüdischen Kanon und das Verhältnis von min zu rhzp 
anwenden. So wird denn auch das ganze AT nach diesem 
seinem wesentlichsten Bestandteil geradezu als m-n bezeichnet, 
und jener Sprachgebrauch lässl sich auch im NT nachweisen, 
wenn Joh K>::i die Stelle Ps 82« zitiert und Joli 15 2.-. auf 
Ps 35 ig resp. 69 s und I Kor 14 21 auf des 2b n— 12 angespielt 
wird als 37 -(]> v6{itp geschrieben, vgl. auch Joh 12 34 y^iz-.z 
7/.VJ-7.U3V i/. toö vcu-ou 5ti 5 Xpioxbq [jivet elq töv xl&\a. Aber 
je unbestrittener und je höher gehalten seit 444 die kanonische 
Dignität der min war, um so wichtiger und lehrreicher ist es, 
zu beobachten, dass man noch lange selbst diesem Teile der 
Heiligen Schrift gegenüber »'ine durchaus freie Stellung ein- 






§ 48.] Bildung und Abschluss des Kanons. 295 

nahm und ihn nach seiner „Kanonisierung" keineswegs als 
einen papierenen Papst betrachtete: wir haben gesehen, dass 
in der r—r wesentlich jüngere Bestandteile sich linden, als die 
Zeit Esras (§ 12 12), dass die Redaktion des Gesamtpenta- 
teuchs beträchtlich nach Esra fällt (§ 14 n. dass in den be- 
reits abgeschlossenen noch ein Stück wie Gen 14 eingefügt 
werden konnte (£ 13?), dass selbst zur Zeit der LXX ganze 
Abschnitte, wie Ex 35 — 40, noch nicht feste Bestandteile des- 
selben waren (§12 2) und dass noch nach der Zeit der LXX 
sogar die redaktionelle Arbeit am Pentateuck fortgesetzt wurde 
ls> 14 4). So konnte es kommen, dass in einem so wichtigen 
Punkte, wie die Chronologie der Genesis, hebräischer Text, 
samaritanischer Pentateuck und griechischer Text völlig aus- 
einandergehn, und dass in Palästina selbst, wie das Buch der 
Jubiläen beweist, im 1. nachchristlichen Jahrhundert noch eine 
vom traditionellen Text abweichende und vielfach mit der sa- 
maritanischen sich berührende Chronologie mindestens möglich 
war. Also in Palästina selbst noch im 1. christlichen Jahr- 
hundert kein kanonischer Thoratext ! Das mögen sich doch 
diejenigen recht ernstlich gesagt sein lassen, welche auf Grund 
von Mt 5 i8 glauben, noch jüdischer sein zu müssen, als das 
Judentum der Zeit Christi selbst. 

4. Die zweite Schicht des Kanons tritt uns stets 
entgegen in der Scheidung von D^ilPtn CN"r: und cwnriK ':. Wir 
müssen beide gesondert betrachten. Da der Pentateuch nicht 
bloss ein Gesetz-, sondern auch zugleich ein Geschichtsbuch 
ist, so bilden die als tawsi '3 vereinigten geschieht-, 
liehen Bücher seine unmittelbare Fortsetzung. Bei der 
ebenso durch die verschönernde Macht der Erinnerung, wie 
durch den schmerzlichen Kontrast zu der Gegenwart verklärten 
Gestalt, welche in den Herzen und der Phantasie des jüdi- 
schen Volkes die „gute alte Zeit u annahm, in die man sich 
träumend zurückversetzte und deren glänzende Wiederher- 
stellung man sehnend erhoffte, lässt es sich leicht begreifen, 
wie die Bücher hochgehalten und eifrig gelesen werden muss- 
ten, welche allein Kunde von jener guten alten Zeit brachten. 
Die wesentlich abschliessende Gestalt haben diese historischen 
Schriften im babylonischen Exil (§ 19) erhalten, so dass wir 
ihre „Kanonisierung" ziemlich nahe an die der min heran- 
rücken, ja mit ihr zusammenfallen lassen könnten. Wirklich 



996 Allgemeine Einleitung. [S 48. 

haben Ewald und Wildeboer. die Notiz II Mak 2 13 in der 
Weise verstanden, dass sie dem Neliemia eine offizielle Samm- 
lung jener historischen Bücher zuschreiben: aber die fragliche 
Stelle hat doch sehr wenig Beweiskraft. Kanonische Schriften 
im strengsten technischen Sinne sind sie offenbar zur Zeit des 
Chronisten, also ca. 250, noch nicht gewesen, da dieser es 
sonst nicht hätte wagen dürfen, ihre Geschichtsdarstellung in 
der Weise zu rektifizieren, wie er es getan hat. Auch die 
starken Abweichungen der LXX bei Sanmelis (§17 5) und 
Regum (§ 18 9) führen zu der nämlichen Schlussfolgerung. 
Doch spricht alles dafür, dass die prophetischen Geschichts- 
bücher früher als abgeschlossene Sammlung vorlagen, wie die 
eigentlichen prophetischen Schriften, und diesem Umstände, 
sowie dem weiteren, dass sie allein Kunde geben von den Pro- 
pheten, welche älter sind als die Verfasser der in den awrtm •: 
vereinigten Schriften, mag ihre Bezeichnung als avmn '3 ent- 
sprungen sein, welche demnach zeitlich gemeint ist, und nicht 
bloss von der äusseren Stellung im Kanon kommt. 

5. Auch die Sammlung der eigentlichen prophe- 
tischen Schriften, der BWWM '2, reicht mit ihren Anfängen 
sicher in das babylonische Exil hinauf. Wie man damals mit 
den älteren Propheten und ihren Gottesworten sich beschäf- 
tigte, dafür sind die Propheten des babylonischen Exils, Eze- 
chiel, Deuterojesaja und Zacharja vollgültige Zeugen mit ihren 
wiederholten bedeutsamen Berufungen auf die früheren Pro- 
pheten, vgl. Ez 38 1- Jes 40 21 41 26 44: 45 20 46 10 48 3 und 
namentlich Zeh 1 1 7 4, wo an beiden Stellen DWmn wran 
steht. Uebcr den Abschluss der Sammlung prophetischer Schrif- 
ten ist § 39 bereits alles wesentliche bemerkt, und dort nach- 
gewiesen, dass wir denselben in die zweite Hälfte des 3. Jahr- 
hunderts, also ca. 200, setzen müssen. Aber dass man damals 
die prophetischen Schriften nicht als kanonische ansah, dafür 
ist der nämliche Mann ein unwidersprechlicher Zeuge, der uns 
den Abschluss der Sammlung für jene Zeit bezeugt, Jesus ben 
Sira. Diesei- hätte nun und nimmer 24 88 sagen können, dass 
er, allerdings selbst m; Stöpui; inb rcoxonoö von der Thora 
Moses erleuchtet und befruchtet, lz: SiSooxaXtav o>: rcpo<p7jTeiav 
sx/cw v.yl xaxaXei^tü köt)jv elq yevsi; a-covwv , hätte nun und 
nimmer an der allerdings im hier verstümmelten hebräischen 
Texte nicht gebotenen Stelle 50 20 von seinem Buche rühmen 



§ 48.] Bildung und Abschluss des Kanons. 297 

können, dass, wer ihm entsprechend handle, r.pb- rcavxa loyöcsei 
Sri ipö? xupiou tö l'/vo: äcöxoö, wenn er sich und sein Buch von 
den Schriften der Propheten durch die unüberbrückbare Kluft 
der „Kanonizität" abgesondert empfunden hätte. Also zur 
Zeit des Jesus ben Sira definitiv abgeschlossene Sammlung, 
so dass Daniel nicht mehr in dieselbe aufgenommen werden 
konnte, aber noch nicht „kanonische" Schriften ! 

6. Das erste positive Zeugnis für eine dritte Schicht 
des Kanons ist der Prolog des Siraciden (§ 47-2). Aber 
wahrend für die beiden ersten Schichten die Bezeichnung als 
vö|jloc und rcpo<pf)xai resp. Tcpocpjxeiat feststeht, wird diese Schicht 
xa 7.AA7. -y.-c,'.y. ßißXc'a , tx Xoirax xä>v ßißAiwv , xa xax' aüxoo? 
[d. h. Gesetz und Propheten | ^xoXou'S^xoxa genannt, woraus 
sich deutlich ergibt, dass es um 130 v. Chr. eine technische 
Bezeichnung, wie crrr, für diese Schicht des Kanons noch 
nicht gab. Ausser Gesetz und Propheten waren auch andere 
Schriften vorhanden , die man heilig hielt und zur Erbauung 
las, aber einen besonderen Gattungsnamen für dieselben hatte 
man damals offenbar noch nicht geprägt. Ihren Ausgangs- 
punkt hat diese dritte Schicht des Kanons naturgemäss ge- 
nommen von ihrem wichtigsten und wertvollsten Bestandteile : 
dem Psalter. Als das Gesangbuch des Tempels und das Ge- 
betbuch der Gemeinde durfte er nicht angesehen und behan- 
delt werden, wie eine gewöhnliche profane Schrift, durfte nicht 
„gelesen werden, wie man einen Brief liest", und so begegnet 
uns denn schon I Mak 7 n eine Anführung von Ps 79 2-3 als 
„Schriftwort" (§ 41 11): aber mit den prophetischen Schriften, 
verglichen war der Psalter viel zu eigenartig, als dass er den 
nw:: hätte eingegliedert werden können. Ihm zur Seite traten 
dann ganz von selbst Hiob und Proverbien; auch die „Kano- 
nisierung" von Esra-Xehemia war fast eine Notwendigkeit. Ist 
unsere Ansctzung des Buches Esther (§ 23 :$) richtig, so hätte 
zur Zeit des Siraciden die ganze gegenwärtige Sammlung von 
Miro noch nicht abgeschlossen, geschweige denn bereits kano- 
nisiert sein können, und dass wir in der Tat mit dem Ab- 
schlüsse der D^aina in eine weit spätere Zeit herabgeführt wer- 
den , das beweisen die Kanonsstreitigkeiten im Schosse des 
Judentums deutlich. Mit einer einzigen Ausnahme betreffen 
alle derartigen Diskussionen , von denen wir Kunde haben, 
Schriften aus der dritten Schicht des Kanons. Es wird uns 



298 



Allgemeine Einleitung. 



[8 48. 



ausdrücklich überliefert, dass Ezechiel verborgen worden (::;:) 
wäre, da seine Worte den Worten der Thora widersprechen, 
wenn nicht Rabbi Hananja ben Hiskia die Widersprüche ge- 
löst hätte. Dieser Hananja ben Hiskia war ein Zeitgenosse 
Gamaliels I, des Lehrers des Apostels Paulus. Dass man 
damals noch darüber gestritten habe, ob Ezechiel in den Pro- 
phetenkanon aufzunehmen sei, ist ganz undenkbar: mit dem 
Verbergen kann nur ein Ausschliessen von der Verlesung in 
der Synagoge, von der Verwendung zu liturgischen und kul- 
tischen Zwecken gemeint sein. Das nämliche gilt für die Pro- 
verbien, welche man gleichfalls verbergen trollte vab Wp3, weil 
sie Widersprüche und Anstössiges enthielten; doch sah man 
schliesslich davon ab. Auch hier kann es sich nicht darum 
gehandelt haben, ob die Proverbien überhaupt aufgenommen 
werden dürften, sondern nur, ob es nicht geratener sei, sie dem 
Gebrauch zu entziehen. Wesentlich anders steht es mit den 
drei Büchern Canticum Koheleth und Esther; bei diesen wird 
noch im 2. christlichen Jahrhundert darüber gestritten, ob sie 
die Hände verunreinigen oder nicht, und an je einer Stelle 
werden auch Jona und Ruth als Gegenstand derartiger Dis- 
kussion genannt. Bei den damaligen Kulturverhältnissen und 
bei dem entscheidenden P]inÜusse der Schriftgelehrten hätte 
sich ein Verbergen dieser Bücher durchführen lassen und hätte 
zur Verhütung von Missbrauch oder bedenklichen Folgen voll- 
ständig ausgereicht; wenn man aberstreitet, ob sie die Hände 
verunreinigen, so steht die kanonische Dignität in Frage, und 
diejenigen Schriftgelehrten, welche es leugnen, sprechen ihnen 
dadurch die kanonische Dignität ab und dürfen sie folglieh 
nicht in den Kanon aufnehmen oder müssen sie wieder aus- 
schliessen. Konnte aber noch im 2. Jahrhundert von autori- 
tativen Schriftgelehrten die Kanonizität der fragliehen Bücher 
bestritten werden, so gab es damals noch keinen offiziell an- 
erkannten Kanon der err:; einem solchen gegenüber hätte 
nur ein Verbergen der anstüssigen Schriften diskutiert und 
eventuell beschlossen werden können. Eine um 100 zu Jam- 
nia stattfindende Synode beschäftigte sich mit der Frage und 
sprach sich für die Kanonizität der bestrittenen Bücher aus, 
ebenso mit grösster Leidenschaftlichkeit Rabbi Akiba (f 135), 
der eigentliche Vater des Talinudjudentums, und für die Miselma 
>a. 200 steht die gleiche Kanonizität aller merund%wan%ig 






§ 48.] Bildung und Abschluss des Kanons. 299 

heiligen Schriften (§ 47:?) fest; aber speziell gegen Esther 
wurde noch im 3. Jahrhundert vereinzelter Widerspruch er- 
hoben , und von Koheleth weiss auch Heeroxymus , dass hie 
über obliterandus videretur. Angesichts dieser Tatsachen ist 
es auch vielleicht nicht zufällig, dass sich aus den drei ange- 
führten Büchern von bestrittener Kanonizität im XT kein Zitat 
findet, dass Esther im Kanon des Melito von Sardes über- 
gangen und bei Origexes und Hieroxymus ganz ans Ende 
gestellt wird. Also erst im Laufe des zweiten christlichen 
Jahrhunderts ist der ATliehe Kanon definitiv abgeschlossen 
worden, und damals drängten die Verhältnisse gebieterisch 
dazu. Nachdem Jerusalem und der Tempel zum zweiten Male 
zerstört, Israel als Volk vernichtet war, flüchtete es sich in 
seine Religion und wurde zum „Volke des Buches": war aber 
„das Buch'- die ganze Grundlage seiner Existenz und seines 
Lebens, so musste es selbst absolut feststehn und über jeden 
Zweifel erhaben sein. So war die Festsetzung und der Ab- 
schluss des Kanons ein notwendiger und bewusster Akt der 
Selbsterhaltung des Judentums. 

7. Aber die Schriftgelehrten um die Wende des 1. und 
2. Jahrhunderts haben den Kanon nicht gemacht, sondern nur 
sanktioniert. Es hatte sich schon eine communis opinio, eine 
feste „Praxis des geistlichen Lebens von Israels Frommen- 
gebildet, welche sie lediglich begründeten und theologisch recht- 
fertigten. Dazu mussten sie aber einen Massstab d e r 
Kanonizität und ein Kriterium für dieselbe 
haben. Bei der Stellung des Judentums zu der Thora möchte 
man meinen, die Thora sei die Norm gewesen, an welcher die 
Kanonizität der einzelnen Schriften gemessen wurde (vgl. auch 
die § X. 6 mitgeteilte Ueberlieferung in Betreff des Buches 
Ezechiel): aber dann hätte Jesus ben Sira die Aufnahme in 
den Kanon mehr verdient, als manches der kanonischen Ha- 
giographen, und doch ist daran niemals gedacht worden. Die 
wirkliche Norm ersehen wir vielmehr durch die höchst merk- 
würdige Stelle bei Josephus c. Ap. I 8. Es ist dies die älte- 
ste, genau datierbare, Aeusserung über den Begriii' Kanon 
und Kanonizität von jüdischer Seite. Josephus will begrün- 
den, weshalb die Juden nur eine bestimmte Anzahl von Bü- 
chern, nach seiner Zählung 22 (§ 47 s), für kanonisch halten, 
oder, wie er sich ausdrückt voui^eiv aüxcfc freoö li'[\ix~% und 



300 



Allgemeine Einleitung. 



[§48. 



v.7.x:ok 7re7UOTei>[jiiva. Das geschieht nur den 22 Büchern, 
welche von Mose ui/p'. tffe 'Apra^ep^ou tou jxsta Eep^v üepaöv 
SaatXewe ap//^-; geschrieben sind, und diesen otä . . . t$jv twv 
7ipo9r;T(üV axptßfj o , .a.ooyj i v. Damit stimmt überein die Aussage 
des Buches Seder Olam, dass jar ~iv bis zu (fieser Zeil (d. h. 
der im Buche Daniel prophetisch beschriebenen Zeit Alexan- 
ders d. Gr.) die Propheten durch den Heiligen Geist geweis- 
sagt haben, während "frNi }K3ü von da an nur die Weisen wirk- 
ten, und dazu wieder stimmt eine talmudische Aussage, dass 
alle -j'rxi ]VOü entstandenen Bücher nicht die Hände verunrei- 
nigen (s. Buhl S. 35). Also die kanonische Dignität 
der Bücher ist eine Folge der Inspiration ihrer 
Verfasser: es gehört prophetische Inspiration, rrKiru im, da- 
zu, um ein kanonisches Buch zu schreiben. Demnach ist das 
Erlöschen der Prophetie , welches zur Zeit Esras und Xehe- 
mias erfolgte , der Moment , mit welchem die Möglichkeit 
der Entstehung kanonischer Bücher erlischt, und tatsächlich 
bildet auch die Zeit des Esra und Nehemia die Grenze der 
Kanonizität: kein Buch hat in den Kanon Aufnahme gefunden, 
welches ein Verfasser nach dieser Zeit unter seinem eigenen 
Namen schrieb, wie das besonders deutlich bei dem geradezu 
klassischen Buche des Jesus ben Sira zu Tage tritt; alle no- 
torisch jüngeren und dennoch in den Kanon aufgenommenen 
Bücher wollen teils bewusst für älter gelten oder wurden we- 
nigstens für iilter gehalten. 

8. Die Geschichte des Kanons liefert uns also folgendes 
Resultat: Nicht Israel, nicht der Judaismus Esras 
oder der Makkabäer bat den alttestamentlichen 
Kanon definitiv festgestellt, sondern erst 
das schon 1) e g i n n e n d e T a 1 m n d j u d e n t u m zum 
Zwecke seiner S e 1 b s t e r h a 1 1 u n g. Und deshalb darf 
auch Jesus nicht als Zeuge für den ATlichen Kanon verwandt 
werden. Wohl Lebte und webte er in dem heiligen Schrifttum 
Israels, zu dem er sich nicht anders gestellt, als seine jüdi- 
schen Zeitgenossen, und wohl sind in seinen Tagen ungefähr 
dieselben Bücher zur Heiligen Schrift gerechnet worden, die 
sich in unserem AT finden: aber einen Kanon im Sinne der 
altprotestantischen Dogmatik gab es damals noch nicht. Das 
Talmudjudentum hat dann aber auch aus dem von ihm ge- 
schaffenen Begriffe des Kanons als einer ein für alle Mal un- 



§ 48a.] Der alexandrinische Kanon. 301 

umstösslich festgestellten Sammlung von inspirierten heiligen 
Schriften die Konsequenz gezogen und ist dadurch der ödesten, 
allen Geist ertötenden, Buchstabenknechtschaft verfallen: xb 
yap ypau.u.a Ä7coxxeiv£t. 

§ 48 a. Der alexandrinische Kanon. 

1. Der a 1 e x a ndrinische Kanon muss für sich 
besonders betrachtet werden. In der Kanonsfrage wich man 
nämlich in Alexandria von den Palästinensern formell und 
materiell ab: formell, indem sich bei den Alexandrinern von 
der für die Palästinenser so wesentlichen und charakteristischen 
Dreiteilung des Kanons keine Spur findet; und materiell, indem 
man am Nil eine ganze Anzahl von Schriften den kanonischen 
gleich achtete und mit ihnen zusammenordnete, welche in Je- 
rusalem niemand für kanonisch hielt. Es handelt sich dabei 
um die in unseren Bibeln sog. Apokryphen. Wenn man 
aus dem Umstände, dass Philo niemals den Apokryphen Be- 
weisstellen entnimmt, sondern sich immer nur auf kanonische 
Schriften beruft, schliessen wollte, dass auch Philo die Apo- 
kryphen nicht für kanonisch gehalten hat, so steht dem die 
Tatsache zur Seite, dass er auch eine ganze Anzahl von u'n- 
angezweifelt kanonischen Büchern niemals zitiert, wie umge- 
kehrt JOSEPHUS c. Ap. I 8 über den Kanon zwar korrekt 
palästinensisch lehrt, aber doch auch notorisch apokryphische 
Schriften, wie das griechische Esra- und das griechische Es- 
therbuch benutzt. Am richtigsten würde man überhaupt gar 
nicht von einem alexandrinischen „Kanon" reden; denn weder 
die Zahl der aufgenommenen Bücher, noch ihre Reihenfolge 
stimmt in den griechischen Bibelhandschriften überein. Die 
Alexandriner haben sich offenbar lediglich leiten lassen von 
dem Prinzip der o:-/.ooo;jiy \: alle Schriften religiösen Charakters, 
welche sie erbauten, die lasen sie und hielten sie hoch. Aber 
auch ein solches Verhalten wäre ganz undenkbar gewesen, 
wenn um die Zeit von Christi Geburt in Palästina schon ein 
offizieller Kanon existiert und man damals schon die Bücher 
in solche geschieden hätte, welche die Hände verunreinigen, 
und welche sie nicht verunreinigen. In Alexandrien ordnete 
man die geschichtlichen Bücher (unter ihnen auch Ruth) zu- 
sammen, dann die poetischen und didaktischen, und zuletzt 
die prophetischen, überall kanonische und apokryphische in 



302 Allgemeine Einleitung. [§ 48a. 

bunter Reihenfolge: als Appendix treten dann noch an den 
Schluss des Ganzen die Makkabäerbücher. Dies ergibt fol- 
genden Bestand des alexandrinischen Kanons : Pentateuch Jo- 
sua Judicum Ruth ßzaiAsiüv a ß' y' o (§ 17 i) rcapaXeucouivcdV 
a ß' (§ 20 i) Esdras a' (ein apokryphes Esrabuch) u. ß' (d. h. 
Esra-Nehemia § 21 1) Tobit Judith Esther in der durch die 
apokryphen Zusätze erweiterten Gestalt (§ 23 i .->) Hiob Psal- 
men Proverbien exxX7}ataar/)s Canticum aocpia SaXou-öVTOS aocpta 
Seipax XII (in der i? 39 4 angegebenen abweichenden Reihen- 
folge) Jesaja Jeremia Bapoi>x Threni kmaxoX^] lepejxtou Ezechiel 
Daniel mit den apokryphen Stücken (§ 40 o) Maxxaßatwv a' ß' ; 
dazu treten noch in einzelnen Handschriften Maxotaßaicov y' 5' 
und die Trpoaeuyjj Mavaaorj. 

2. Dieser alexandrinische Kanon hat insofern 
eine ganz besondere Bedeutung, als er die Bibel der christ- 
lichen Kirche gewesen ist, und zwar in der ältesten 
Zeit ihre einzige Bibel. So findet sich denn auch 
im NT eine ganze Anzahl von Anspielungen auf und Zitate 
aus Apokryphen, ja selbst Pseudepigraphen. lieber das Ver- 
hältnis der ältesten christlichen Kirche zum AT als ihrer ein- 
zigen Heiligen Schrift vgl. die vortrefflichen Darlegungen AJü- 
LlCHERs (Einleitung in das NT 1894 § 34): „An nichts hat 
Jesus weniger gedacht, als diese heiligen Schriften zu ergänzen 
oder zu verdoppeln; nie hat er die Feder in die Hand ge- 
nommen und auch seine Jünger nicht mit solchen Aufträgen 
bedacht . . . Auch Paulus wollte nicht eine neue heilige Li- 
teratur schaffen ; nur Gelegenheitsschriften hat er geschrieben, 
lediglich einen augenblicklichen Ersatz seines persönlichen Auf- 
und Eintretens für bestimmte Situationen erstrebte er mit seinen 
Briefen; dauernde Aufbewahrung bis zum Weitende, weitere 
Verbreitung in der übrigen Christenheit, Vorlesung in den 
Gottesdiensten anderer, womöglich gar ihm fremder Gemeinden, 
Gleichstellung mit Propheten und Psalmen zu fordern, ist ihm 
nie in den Sinn gekommen." Wohl „existiert sogleich in den 
ältesten Christengemeinden eine Autorität neben — unhewusst 
sogar hoch über — Gesetz und Propheten": Jesus Christus. 
Jesusworte werden schon von Paulus den Gottesworten schlecht- 
hin gleichgestellt, aber „nicht, weil Bie in einem heiligen Buch 
geschrieben stünden, sondern weil sie seiner Ueberzeu- 
gung nach echte Wort e Jesu sind". Erst allmählich treten 



§ 49.] Schreibmaterial und Schriftzeichen. 303 

neben das AT und Jesum auch noch die Apostel: einen förm- 
lichen Kanon des NT neben dem Kanon des AT und diesem 
an Range gleich kennt erst die altkatholische Kirche. 

A n in. Die Geschichte des ATlichen Kanons in der christlichen Kirche 
gehört nicht in eine Einleitung in das AT. 

Zweites Kapitel. 

Geschichte des Textes. 

AGeiger Urschrift und Uebersetzungen der Bibel etc. 1857. ADill mann 

RE a 2 88 i ff. FBuhl 3 2 7 i3 ff. 

§ 49. Schreibmaterial und Schriftzeichen. 

LLöw Graphische Requisiten und Erzeugnisse bei den Juden 1870. 
1871. EASieglich Skizzen über Schrift und Bücherwesen der Hebräer 
etc. 1876. BStade Hebräische Grammatik 1 23-53 1879 und die beiden 
Schrifttafeln. HLStkack RE 2 13 689 ff. CSchlottmann HbA 1 14 i6 ff. 
HBexzixger Hebräische Archäologie 1894 §§ 89 u. 40. WNowack Hebräi- 
sche Archäologie I 1894 5j§ 52 u. 53. Zahlreiche Faksimileproben alter 
hebräischer Handschriften bei DChwolsox Corpus Inscriptionum Hebrai- 
carum 1882. Ferner AMerx Documenta 'de Paleographie Hebraique et 
Arabe 1894. Für semitische Paläographie überhaupt: das Corpus In- 
scriptionum Semiticarum seit 1881 in Paris erscheinend. 

1. Nachdem wir über das Alter des Schriftgebrauchs bei 
den Hebräern schon £ 4 gehandelt haben, müssen wir hier 
noch Schreibmaterial und Schriftzeichen betrachten, lieber 
das älteste Schreibmaterial der Hebräer gibt die Ety- 
mologie klare Auskunft. Von den beiden gewöhnlichen Wör- 
tern für Buch bedeutet *®d eigentlich einen abgeschabten oder 
geglätteten Gegenstand und rfeaa etwas Aufgewickeltes oder 
Zusammengerolltes, woraus sich die durch Abschaben der Haare 
präparierte und geglättete, leicht zusammenrollbare, Tierhaut 
als das ursprüngliche hebräische Schreibmaterial ergibt. Da- 
mit stimmt iiberein die Verordnung, dass die Synagogenrollen 
nur auf Pergament geschrieben werden dürfen, und das Ge- 
setz Num 5 23, welches ein durchaus dauerhaftes Schreibma- 
terial voraussetzt. Das erste historisch unanzweifelbare Bei- 
spiel eines solchen ^£C, mit welchem Worte nicht nur Buch 
im eigentlichen Sinne, sondern jedes Schriftstück bezeichnet 
wird, ist der Uriasbrief II Sam 11 u. Auf diese präparierte 
Tierhaut wurde geschrieben vermittels eines öB Jer 8* Ps 45 2 
d. h. eines Rohres, welches man mit dem Federmesser "iBBn "M? 



304 



Allgemeine Einleitung. 



[^ 49. 



«Ter 3G 23 zuspitzte. Auch Dinle t"i wird Jer 36 in erwähnt 
und Ez 9 2 das an der Hüfte getragene Schreibzeug "?£" ~=i?, 
d. h. Dintenfass mit Feder. Diese Dinte muss aber leicht ab- 
zuwaschen gewesen sein, wie sich aus Num 5 23 und dem bild- 
lichen Gebrauche von nnn für spurlos vertilgen ergibt. Man 
scheint für gewöhnlich das Schreibmaterial nur auf Einer Seite 
beschrieben zu haben, so dass beim Zusammenrollen die un- 
beschriebene Seite nach aussen kam; wenigstens bemerkt es 
Ezechiel ausdrücklich als etwas Besonderes, dass die ihm in 
seiner Berufungsvision zum Verschlingen gereichte Rolle auf 
beiden Seiten ninKi D-sa beschrieben war 2 10. Für monumen- 
tales Schreiben hatte man Tafeln, gewöhnlich ryb Jes 30s 
Hab 2-2 u. ö., Jes 81 auch P^? genannt, oder Steine, ausser 
bei den Gesetzestafeln ausdrücklich erwähnt nur Job 19 21 und 
Dtn 27 2, wo aber die Steine mit Kalk getüncht werden sollen, 
was eher ein Aufmalen mit Farbe, als ein Einmeisseln ver- 
muten hisst. Eingravieren in Mein II findet sich nur bei der 
Aufschrift des hohenpriesterlichen "":»'. 

2. In Bezug auf die Schriftzeichen ist ein Wechsel ein- 
getreten. Die hebräische Ueberlieferung selbst hat die Tat- 
sache festgehalten, dass die gegenwärtig übliche sog. Quadrat- 
schrift Uf~" 3T>? oder nwfc '3 genannt, sich von der althebräi- 
schen n» '=, auch prn '3 und nwla^ '= (über diese Benennungen 
vgl. GHoff.maxn ZAAV 1 .-»:«» ff. 1881), unterscheid«', und zu 
einer gewissen Zeit eingeführt worden sei. Und zwar soll Esra 
diese Schritt aus Babylonien mitgebracht und die heiligen Bu- 
che)' in dieselbe umgeschrieben haben. Diese Annahme ist 
nun aus paläographischen Gründen schlechterdings unhaltbar. 
Einmal schrieb mau zur Zeit de- Esra in Babylonien als 
<'uisiv noch die mit der althebräischen wesentlich identische 
altsemitische Schrift, dann spricht dagegen der samaritanische 
Pentateuch, der noch in alihebräischer Schrift geschrieben ist, 
Aus dem umstände, dass die Legenden der Makkabäermünzen 
gleichfalls den althebräischen Schriftcharakter tragen, darf 
nicht allzuviel geschlossen werden, wie ja auch bei uns allge- 
mein die Münzaufschriften in lateinischen Uncialen abgefassl 
/u werden pflegen. Als tennin us ad quem für die Einbürge- 
rung der Quadratschrifl auch zum Schreiben des heiligen Textes 
haben wir nach Mt 5is die Zeit Jesu. Die Geschichte der 
Paläographie lehrt, dass die Quadratschrift aufs Engste zu- 



§ 49.] Schreibmaterial und Schriftzeichen. 305 

sammenhängt mit der palmyrenischen und namentlich der ägyp- 
tisch-aramäischen Cursivschrift, welche wir bis in die Perser- 
zeit hinauf verfolgen können. Eine merkwürdige Mischung von 
Althebräisch und Quadrat zeigt die kurze Inschrift von Aräk 
el emir aus dem Jahre 176 v. Chr., während die Grabschrift 
der "VW "- am sog. Jakobusgrabe bei Jerusalem aus dem 1. 
Jahrhundert v. Chr. schon fast ganz den Typus der Quadrat- 
schrift hat, sogar bereits ein I finale, und, wie das Palmyreni- 
sche, eine ganze Reihe von Ligaturen. 

3. Für die althebräische Schrift haben wir als 
monumentale Proben die Siloahinschrift (eine Photographie 
des Gipsabgusses ZDMG 36 725 1882, ganz reproduziert mit 
Umschrift bei Gesexius-Kautzsch 27 1902 592 und mit Ueb Er- 
setzung bei Bexzixger S. 286 Fig. 138, beste Sonderausgabe 
von ASocix 1899), etwa 20 Gemmen und Siegel (abgebildet 
bei MALevy Siegel und Gemmen etc. 1869). und vor allem 
den Mesastein (beste Bearbeitung mit Abbildung durch RSmend 
und ASocix 1886), wenn derselbe auch von Moabitern her- 
rührt. Alle diese Monumente zeigen gemeinsam die altsemi- 
tische, der phönikischen entsprechende, Schrift; nur ist es be- 
achtenswert, dass die althebräische gegen die phönikische einen 
entschiedenen Cursivcharakter besitzt, wie sich dies aus den 
durchgängigen Rundungen der Buchstaben ergibt : bei der phö- 
nikischen Schrift ist die gerade Linie ebenso durchaus herr- 
schend, wie bei der althebräischen die gebogene, aus welchem 
l'mstande wir § 4 geschlov-.cn haben, dass schon dem Mesa- 
steine ein längerer Gebrauch der Schrift vorausgegangen sein 
müsse. Diese altsemitische Schritt war jedoch sehr unvoll- 
kommen. Sie hat keine Worttrennung und l, : is>t nicht einmal 
Zeilenschluss und Wortschiusa zusammenfallen. Zwar hat die 
Siloahinschrift und Mesa einen Punkt als Worttrenner und 
Mesa noch einen senkrechten Strich als Satztrenner; aber der 
Punkt erscheint durchaus nicht regelmässig, und ob man von 
diesem Brauche der Inschriften auf die gewöhnliche Cursiv- 
schrift schliessen darf, ist um so zweifelhafter, als das Phöni- 
kische auch auf Inschriften diesen worttrennenden Punkt nicht 
kennt und als ja auch wir auf [nschriften wohl einen Punkt 
hinter die einzelnen Worte setzen, was doch in der Cursiv- 
schrift niemals geschieht. Eine weitere Unvollkommenheit be- 
steht in dem Fehlen der Vokalbezeichnung. Zwar werden 

Grundriß II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 6. Auti. 20 



306 Allgemeine Einleitung. [§ 49. 

schon die sog. matres lectionis gebraucht, aber doch nur ver- 
einzelt, bei Mesa ziemlich regelmässig im Auslaut, auf der Si- 
loahinschrift auch im Inlaut häufiger, wenn ursprünglicher 
Diphthong vorliegt : aber auch in dieser Beziehung werden wir 
uns die Cursivschrift eher knapper und weniger umständlich 
vorstellen müssen, als die Monumentalschrift. 

4. Dass die biblischen Autoren ihre Autographen 
in dieser unvollkommenen althebräischen Schrift abfassten und 
dass dieselbe noch ziemlich lange sich bei Bibelhandschriften 
erhielt, hat Chwolson (Die Quiescentes "in in der althebriii- 
schen Orthographie s. Verhandlungen des internationalen Peters- 
burger Orientalistenkongresses 2 459—490 1878) schlagend nach- 
gewiesen. Namentlich scheint man auch im Auslaute noch 
lange die matres lectionis nur sehr spärlich gesetzt zu haben : 
in I Reg 8 48 Ez 16 59 Ps 140 is Job 42 2 haben es die Mas- 
sorethen anerkannt, an anderen Stellen halb anerkannt, wenn 
sie z. B. zu I Sana 16 4 "lötf'i die Bemerkung machen r~"- D 
nöK*!; an sehr vielen Stellen haben sie es dagegen nicht be- 
merkt, wie z. B. Ps 16 2. Besonders lehrreich hierfür sind 
Paralleltexte wie Jes 36 5 -rino» und II Reg 18 20 rro« ; I Chr 
16 is roi und Ps 105s ist; Esr 2 62 nqt&9 und Neh 7 64 R3KM; 
ik'bp Mch 4 s und S'f! Jes 2 4. Für Varianten im Inlaute ver- 
weise ich auf den Kehrvers Jer 6 10 u. 812, wo nvnpB rwa 
neben an^a nüa steht, sowie auf Jer 23.-, u. 33 15 p'T4 na* 
neben n|5"jat HöS. Auch Worttrennung scheint bei diesen Au- 
tographen nicht stattgefunden zu haben, obwohl der doppelte 
Punkt als sog. P'ics C)1D beweist, dass auch in der hebräischen 
Cursivschrift „zu gewissen Zeiten der Punkt als Worttrenner 
im Gebrauch war" (Stade S. 29). Und zu diesem Ergebnisse 
stimmt auch der samaritanische Pentateuch, welcher sich re- 
gelmässig des Punktes zum Trennen d<>v Worte bedient. Aber 
das kann niemals allgemein üblich und niemals konsequent 
durchgeführt gewesen sein, da nicht bloss manche Abwei- 
chungen der LXX vom hebräischen Texte auf verschiedene 
Worttrennung zurückgehn, sondern da sich auch in der Mas- 
sora selbst entschieden unrichtige Worttrennungen finden. Ja 
sogar die Verse und grösseren Sinnesabschnitte kann man 
nicht immer durch äussere Zeichen kennt lieb gemacht haben. 
Unrichtige Wortabteilungen sind z. P>. (ich exemplifiziere ab- 
sichtlich nur auf ganz junge Stücke) n^rfp rMOK Koh 7 27 oder 



§ 50.] Vervollkommnung der Schrift. 307 

nia? BVi?K Ps 44 5 — dies Beispiel um so bedeutsamer, als es 
sich hier um ein ö handelt und man folglich zur Entstehungs- 
zeit jenes notorisch makkabäischen Psalmes das c finale noch 
nicht graphisch unterschied ; nur aus der scriptio continua er- 
klärt sich eine Korruptel wie Ps 75 2 ^ötö £iif3i gegen xaJ s~:- 
xa}.£a6[as\)a xö övou-cc oou, und bei Wort- und Verstrennung 
hätte niemals der Kehrvers Ps 42 7 verderben, niemals eine 
Lesart wie Gen 49i9— 20 (hier wieder ein resp. c und durch 
den Gegenstand schon Verstrennung gegeben !) sich bilden, 
niemals eine Variante wie .Ter 9 4—5 in LXX und Massora 
entstehn können. Noch Hieronymus übersetzt das in gewissen 
Psalmenüberschriften sich findende QTöä (wieder litera finalis!) 
regelmässig durch humilis et simplicis. 

§ 50. Vervollkommnung- der Schrift. 

1. Eine so unvollkommene Schrift konnte ge- 
niigen, so lange die Sprache lebendig war. Als aber das He- 
bräische ausstarb und nur noch ein künstliches Leben fristete 
als Sprache des Kultus und der Gelehrten, da musste sich 
das Bedürfnis geltend machen, der Verständlichkeit des so un- 
endlich vieldeutigen Konsonantentextes zu Hilfe zu kommen. 
Als erstes Mittel hierzu bot sich die reichlichere Verwendung 
der matres lectionis, wie das die altarabische Schrift ganz kon- 
sequent getan hat, welche alle kurzen Vokale unbezeichnet 
lässt, die langen dagegen durch den dem Laute des Vokals 
homogensten Konsonanten ausdrückt. In dem massorethischen 
Texte, wie er uns jetzt vorliegt, hat man dies auch getan, alter 
ohne Konsequenz; man hat durchaus nicht alle organisch 
langen Vokale durch matres lectionis bezeichnet, hat es nament- 
lich gerne vermieden, in dem nämlichen Worte zwei matres 
lectionis unmittelbar auf einander folgen zu lassen, während 
man umgekehrt auch wohl bloss phonetisch langen Vokalen 
die mater lectionis zuteilte wie btel Ez6ia; wenn selbst kurze 
Chatefvokale durch die mater lectionis bezeichnet werden wie 
HlölJMftol Jes 18 1, liegt wohl eine von der traditionell masorethi- 
schen abweichende Aussprache zu Grunde. Auch die Wort- 
trennimg durch Zwischenräume scheint in der Zeit um Christi 
Geburt sich eingebürgert zu haben, und die Trennung der ein- 
zelnen Verse durch P r C2 *{o ist schon im Talmud bezeugt, wel- 
cher für die dem Kultus zu dienen bestimmten Thorarollen 

20* 



308 Allgemeine Einleitung. [§ 50. 

den Gebrauch dieses Interpunktionszeichens verbietet, damit 
zugleich anerkennend, dass es nicht zur alten Ueberlieferung 
gehört. 

2. Einer durchgängigen Bezeichnung der Vokale 
entbehrte der hebräische Text noch zu den Zeiten des Hie- 
ronymus und des babylonischen Talmud. Hieroxymus klagt 
über die Vieldeutigkeit der hebräischen Schrift in einer Weise, 
welche deutlich zeigt, dass er eine Bezeichnung der Vokale 
durch die Schrift noch nicht kennt, und das Nämliche gilt 
von dem Talmud. Schon dass er für die Thorarollen bloss das 
pxa s^e verbietet, ist beachtenswert, und dazu kommt, dass 
wiederholt in der talmudischen Diskussion auf verschiedene 
mögliche Punktationen hingewiesen und vor manchen Lesungen 
gewarnt wird, was alles nicht hätte geschehen können, wenn 
die vokalische Aussprache in unzweideutiger Weise durch die 
Schrift bezeichnet gewesen wäre. Als terminus a quo für das 
Alter der Vokalbezeichnung haben wir also den Abschluss der 
G-emara des babylonischen Talmuds im 6. Jahrhundert und als 
terminus ad quem die älteste uns erhaltene Bibelhandschrift, 
den Petersburger Prophetenkodex vom Jahre 916. So werden 
wir die Ausbildung der Vokalbezeichnung also in das 7. bis 
9. Jahrhundert legen, und dann ist sie ein organisches Glied 
in einer langen Kette von ähnlichen Erscheinungen, wo auch 
die Syrer das Bedürfnis fühlen, die Vokalbezeichnung in ihrer 
Schrift einzuführen. Die Priorität gebührt hierbei den Syrern, 
welche in so manchen Punkten die von den Griechen beein- 
nussten Lehrmeister des semitischen Orients geworden sind. 
Es haben sich zwei Punktationssysteme herausgebildet, das 
sog. tiberiensische, das in unseren gedruckten Ausgaben und 
den Bibelhandschriften übliche, und das sog. babylonische (aus- 
führlich beschrieben bei Stade a. a. 0. S. u ff.), in welchem 
wir eine Anzahl namentlich älterer Handschriften haben: da 
jedoch das tiberiensische System weitaus das konsequentere 
und vollendetere, in der Tat eine grossartige und bewunderns- 
würdige Leistung ist, hat es immer mehr die Alleinherrschaft 
errungen. Mit der Vokalisation im engsten Zusammenhange 
steht die A cedit uation. Die Accente, welche zugleich die Stelle 
der Interpunktion versehen und zu der sich Ansätze auch bei 
den Syrern zeigen, sind gleichfalls bei den Juden zu einem 
höchst komplizierten, die feinsten Nuancen ausdrückenden, 



§ 51.] Der rnassorethische Text. 309 

Systeme ausgebildet, welches bei den Büchern rttt"K (§ 47 2) 
noch weitergehende Finessen gezeitigt hat. „Wir dürfen ... 
die Vokalisation und die Hauptsache der Accentuation um 

650 als geschlossen ansehen. Was damals unerledigt blieb, 
ist überhaupt nie unter allgemeiner Zustimmung erledigt wor- 
den. Daher die Differenzen der Handschriften'- (AMekx Ab- 
band hingen des fünften internationalen Orientalistenkongresses 
H I223 1882). 

3. Die Geschichte der Schrift liefert uns also folgendes 
Resultat: Die Autographen der biblischen Autoren waren 
geschrieben auf Leder in der sehr unvollkommenen althebräi- 
schen Schrift in scriptio continua ohne Wort- und Satztren- 
nung und fast ohne matres lectionis. Dieser Text hat einen 
völligen Wechsel der Schriftgattung und einen fast völligen 
Wechsel der Orthographie durchgemacht, hat also Schicksale 
gehabt, die uns vermuten lassen, dass es nicht ohne manches 
Unglück abgegangen ist. 

§ 51. Der rnassorethische Text. 

JBuxtorf Tiderias sire Commentarius masorethicus triplex etc. 1620. 
HLStrack Prolegomena critica in Vetus Testamentum Hebraicum 1873 
und RE 12 398 ff Sammlungen des gewaltigen Materials bei SFbens- 
dokff Die Massora Magna I. Massorethisches Wörterbuch oder die Mas- 
sota in alphabetischer Ordnung 1876 und DGinsburg The Massorah. 
3 Bände 1880 — 1885. Musterausgaben des massorethischen Textes ein- 
zelner biblischen Bücher haben seit 1869 SBakr und FDelitzsch veran- 
staltet; bester neuerer Druck des Ganzen: DGlNSBUBG 1894 2 Bdd. 

1. Den uns jetzt vorliegenden kanonischen Text des AT 
pflegt man den ma ss o rethis ch en Text (MT) zu nennen, 
von mioa odermiDb, dessen Schreibung nicht ganz feststeht, 
welches aber ohne Zweifel von dem mischnischen "" über- 
liefern abzuleiten ist. Die Handschriften, in welchen dieser 
Text uns vorliegt. Bind alle nicht alt; die älteste sicher datier- 
bare ist der mit babylonischer Punktation (§ 5O2) geschrie- 
bene Petersburger Prophetenkodes von 916 (photolithographisch 
herausgegeben von HLStbacb Prophetarum posteriorum co- 
dex Babylonicus Petropolitanns 1876), die älteste in Deutsch- 
land befindliche der berühmte Reuchlinianua in Karlsruhe von 
1105/1106. Hierzu haben zwei Umstände zusammengewirkt: 
einmal die Bestimmung, dass jede im Kultusgebrauch befind- 
liche irgendwie beschädigte Handschrift, um sie vor etwaiger 



310 Allgemeine Einleitung. [§ 51. 

nachträglicher Profanation zu schützen, in einen besonderen 
Synagogenraum, die sog. iTPM, kommen musste, wo man sie ver- 
modern Hess, und dann nicht zum wenigsten die zahlreichen 
Verfolgungen der Juden, welche sich immer zuerst auf ihre 
heiligen Schriften richteten. Eine, aber nur auf die Konso- 
nanten sich beschränkende, Textausgabe mit den Varianten von 
über 600 der besten und ältesten erreichbaren Handschriften 
und etwa 40 der frühesten und korrektesten gedruckten Aus- 
gaben hat mit grossen Kosten BKe^mcott Vetus Testamen- 
tum Hebraicum cum variis lectionibus Oxford 1776 u. 1780 
in zwei starken Foliobänden veröffentlicht ; dieses riesige Ma- 
terial hat JB de Rossi Variae lectiones Veteris Testamenti 
Parma 1784 — 1788 in vier Quartbänden noch verdoppelt, aber 
nur wichtigere Stellen kollationiert, und, was besonderes Lob 
verdient, auch die Punktation mit in den Bereich seiner Ar- 
beit gezogen. Diese ungeheuren Sammlungen ergaben nun fast 
keine Variante, wenigstens kaum eine nennenswerte, und es 
fehlte nicht an Stimmen, welche hierin einen Vorzug der AT- 
lichen Ueberlieferung vor der NTlichen sehen wollten. 

2. Aber nicht nur keine Varianten bieten die Hand- 
schriften des MT, sie stimmen auch positiv in manchen Aeusser- 
lichkeiten und Schrullen des überlieferten Textes samt und 
sonders liberein. Da gibt es Buchstaben, die grösser sind, als 
die gewöhnlichen, wie Ex 34: Dtn 6i Ps 80m, und solche 
die kleiner sind, wie Gen 23 2 Dtn 32 is Prv28i:; manchmal 
findet sich ein Punkt über einzelnen Buchstaben, wie Gen 19 33 
Num 9 in 21 so, oder über ganzen Wörtern wie (Jen 33 i Ez 
46 22 Ps 27i:$; oder einzelne Buchstaben schweben über der 
Linie der sonstigen, wie Jud 18 30 Ps 80 1 1 Job 38 is; in Num 
25 12 ist der Schaft des- durchbrochen, Ex 32 2.-. und Num 
7 12 ist das p durch den Schaft völlig geschlossen. Num 1<> 
u. 36 und 7inal in Ps 107 findet sich ein unigekehrtes :, an 
28 Stellen ein leerer Baum mitten im Verse, wie Gen 35 22 
I S.ini 14 i!» Ez 3 n, Schon Spinoza hat richtig erkannt, dass 
diese Wunderlichkeiten lediglich Fehler oder äusserliche Be- 
Bchädigungen der Vorlage des MT seien und aus dem gleich- 
massigen Vorkommen derselben in allen Handschriften und 
Ausgaben geschlossen, dass zur Feststellung unseres MT nur 
sehr wenige, vielleicht zwei oder drei, Handschriften zur Ver- 
fügung gestanden hätten: LäGABDE (Anmerkungen zur grie- 



§ 51.] Der massorethische Text. 311 

chischen Uebersetzung der Proverbien 1863 1—2) bat, nachdem 
schon Einzelne den wahren Sachverhalt geahnt hatten, eben 
aus diesen Eigentümlichkeiten des MT für jeden, der sehen 
will, schlagend und unwiderleglich bewiesen, „dass unsere he- 
braeischen handschriften des alten testaments auf ein einziges 
exemplar zurückgehn, dem sie sogar die korrektur seiner 
Schreibfehler als korrektur treu nachgeahmt und dessen zufäl- 
lige unvollkommenheiten sie herübergenommen haben ' ; . Durch 
diese Erkenntnis erst wurde der wissenschaftlichen Betrach- 
tung des AT eine feste Basis gegeben und eine methodische 
Forschung ermöglicht. 

3. Bei einer solchen Sachlage muss es die nächste Auf- 
gabe sein, über das Alter dieses Einen Archetypus 
ins Klare zu kommen. Und hier stimmen die Geschichte des 
Textes, die Geschichte des jüdischen Volkes und ein positives 
Zeugnis überein, um diese Frage mit grosser Bestimmtheit be- 
antworten zu können. LXX weicht vom MT sehr stark ab, 
das Targum auch noch vielfach, während die späteren griechi- 
schen Uebersetzer Aquila, Theodotion und Symmachus schon 
fast genau, Hieronymus mit nur unwesentlichen Abweichungen 
ganz genau unseren Text widergeben. Das würde uns für 
die Konstituierung des MT auf die Wende des 1. u. 2. christ- 
lichen Jahrhunderts verweisen. Und dem entspricht die histo- 
rische Entwickelung des Judentums. Wir haben gesehen, dass 
um diese Zeit die letzten Kanonstreitigkeiten beigelegt und der 
Kanon definitiv festgesetzt wurde. Nachdem Jerusalem zer- 
stört, dem Volke seine nationale Existenz genommen war, suchte. 
und fand es eben in seiner Religion die Basis für ein Fort- 
bestehn unter den Nationalitäten des römischen Reiches. Die 
Festsetzung des Kanons musste aber auch eine Festsetzung 
des Textes nach sich ziehen, umsomehr, als der einflussreichste 
Mann des damaligen Judentums, Rabbi Akiba, diejenige Schriffc- 
behandlung aufbrachte und zur herrschenden machte, welche 
gerade aus dem Buchstaben argumentiert, für die daher jede 
Kleinigkeit des überlieferten Textes von hoher und folgen- 
schwerer Bedeutung war. Nun teilt Lag LBDE Materialien zur 
Kritik und Geschichte des Pentateuchs 1 zso f. 1868) eine aller- 
dings junge arabische Erzählung mit, welche berichtet, dass 
alle Codices des AT Abschriften eines aus Bitther geretteten 
Exemplars seien: Bitther aber, wo auch Rabbi Akiba den 



312 Allgemeine Einleitung. [§ 51. 

Märtyrertod fand, hat gerade im Aufstande des Bar Kocheba 
eine so bedeutende Rolle gespielt. Wir werden also Lagarde 
unbedingt Recht geben müssen, wenn er diesen Archetypus 
der Zeit Hadrians zuweist. Mag das angeführte arabische 
Zeugnis objektiv betrachtet noch so wertlos sein : Lagardes 
These hängt nicht an ihm und ist deshalb auch durch KüE- 
ni:ns glänzende und berühmte Abhandlung „Der Stammbaum 
des masoretischen Textes des Alten Testaments- (Gesammelte 
Abhandlungen 82—121) nicht erschüttert. Daum soll natürlich 
nicht gesagt sein, dass dieser Eine Archetypus gerade zur Zeit 
Hadrians geschrieben worden sei: aber die Anerkennung die- 
ses Einen Textes als des einzigen kann nicht vor jener für das 
jüdische Volk so verhängnisvollen Zeit liegen. Und dazu stimmt 
auch der Befund dieses Textes selbst. Er ist nämlich bei den 
verschiedenen ATlichen Büchern von sehr ungleichem Werte, 
und namentlich bei einzelnen in einem Zustande, dass nur die 
Not zu seiner Kanonisierung gezwungen haben kann, und die 
jüdische Tradition selbst berichtet von einer Feststellung des 
Textes auf Grund dreier Handschriften nur bei der Thora, 
welche auch verhältnismässig am besten überliefert ist. Dieser 
Archetypus war natürlich reiner Konsonantentext mit ziemlich 
reichlicher Anwendung der matres lectionis, aber ohne Kon- 
sequenz; er hatte bereits literae finales und Worttrennung, da 
unser MT beides beibehalten hat auch in Fällen, wo er seine 
Vorlage als unrichtig erkannte: so Jes 9 e c im Inlaut, Job 
38 1: und Neb. 2 isla im Auslaut, oder beibehaltene unrichtige 
Worttrennung Ez 42-.. .lob :-J.s 12, zwei Worte irrig in eins ge- 
schrieben der 62s Ps 55 16, eines in zwei Thr 4 3. 

4. Stammt also unser Konsonantentexi aus der Zeit 11a- 
drians, so haben wir weiter zu fragen, ob sich nicht auch das 
Alter der Vokalisation bestimmen lässt. Der Talmud 
führt auch diese auf Esra zurück und versteht die dunkle Stelle 
NchSs von der Binzufügung der Vokalzeichen. Wir haben 

§ 50 2 gesehen, dass die Vokalzeichen aus dem 7. bis 9. christ- 
lichen Jahrhundert stammen: aber von der Frage nach dem 
Alter der Vokalzeichen ist scharf zu trennen die Präge nach 
dem Alter drr vokalischen Aussprache Schon der Talmud 
kennt eine fest überlieferte vokalische Aussprache, wie aus 
seiner Unterscheidung des KnjMb DK und rnlDöS>DK, sowie aus 
seinem oftmaligen ~= *fy* " ^P r ^ x deutlich hervorgeht. Das- 



§ 51. J Der massorethische Text. 313 

selbe gilt für Hieronymus, wenn er beispielsweise die Ueber- 
setzung der LXX von DriS 2^1 Gen 15 n 7.x: ouvexa-fkaev aöxoig, 
die nach den blossen Konsonanten durchaus möglich ist, für 
falsch erklärt und sagt: in hebraeo habet . . . et abigebat eas 
(Quaestiones EEebraioae in Libro Geneseos ed. Lagarde 1868 
25) und für Oriuenes, welcher sogar die Vokalisation der he- 
bräischen Eigennamen nach dem MT korrigiert hat. Auch 
die Abweichungen der späteren griechischen Uebersetzer von 
LXX beruhen vielfach nur darauf, dass jene die Vokalisation 
des MT befolgen, LXX dagegen eine andere Lesung der über- 
lieferten Konsonanten. Nach diesem Befunde werden wir die 
Feststellung der vokalischen Aussprache für gleichzeitig mit 
der Feststellung des Konsonantentextes annehmen und sagen 
dürfen, dass der MT, wie er uns jetzt vorliegt, etwa aus der 
Zeit um die Wende des 1. u. 2. christlichen Jahrhunderts 
stammt. 

5. Dass dieser Text uns noch bis heute wesentlich unver- 
ändert erhalten ist, verdanken wir den sog. Massorethen, 
den rniDön "■böS, welche mit der minutiösesten Sorgfalt über die 
Erhaltung des Ueberlieferten wachten. Ihre Arbeit war we- 
sentlich Registratorenarbeit. Sie zählten die Verse und Buch- 
staben der einzelnen Bücher, bemerkten die Mitte derselben, 
zählten die scripta» plena und defectiva gewisser Wörter mit 
Angabe der Stellen, wo beides vorkommt, und legten Ver- 
zeichnisse von ähnlichen, aber nicht ganz gleichen, Stellen an, 
welche leicht verwechselt werden konnten. Entweder halten 
sie dies am Rande der Bibelhandschriften bemerkt — dies die 
sog. Massora marginalis, bei welcher man wieder eine aus- 
führlichere, auch die Belegstellen wenigstens andeutende, grosse, 
und eine nur das Statistische gebende kleine unterscheidet — 
oder sie haben selbständige Sammelwerke des massorethischen 
Materials zusammengestellt, von denen das bekannteste, nach 
seinen Anfangsworten rhs*} flJcK genannt, 1864 von SFRENS- 
DORFF herausgegeben wurde. Trotzdem ist es auch dieser Bie- 
nenarbeit nicht gelungen, den Text völlig zu fixieren : es finden 
sich, freilich sehr unwesentliche und für den Sinn nichts ver- 
schlagende, Varianten zwischen dem Texte der "KHjP'Tä Orienta- 
len d. h. der babylonischen Juden, und demjenigen der •s-~"- 
Occidentalen d. h. der Tiberienser. Unsere gedruckten Aus- 
gaben haben durchweg den tiberiensischen Text. Als zu dem 



314 Allgemeine Einleitung. [§ 51. 

Konsonantentext dann auch noch die Vokalisation hinzutrat, 
gab das wieder Veranlassung zu Differenzen, auch abgesehen 
von dem Unterschiede zwischen babylonischer und tiberiensi- 
scher Punktation. Namentlich zwei Hauptautoritäten für die 
Punktation kennt das Judentum, welche ziemlich gleichzeitig 
am Anfang des 10. Jahrhunderts lebten: Rabbi Mose ben 
David ben Xaphtali, gewöhnlich kurzweg BEN NAPHTALI ge- 
nannt, in Babylonien, und sein etwas jüngerer Gegner Rabbi 
Aharon ben Mose ben Ascher, gewöhnlich kurzweg ben Asch kr 
genannt, in Tiberias, dem auch das berühmte Massorawerk 
faikduke Hat'amim (herausgegeben von SBaer und HLStrai k 
1879) zugeschrieben wird. Ben Ascher (über welchen AM i;i;\ 
Die Tschufutkaleschen Fragmente. Eine Studie zur Geschichte 
der Masora [an dem § 50-2 angeführten Orte iss— 225] wichtiges 
bietet) ist für die ganze Folgezeit massgebend geworden. Auch 
hatte man gewisse Musterhandschriften, welche für besonders 
genau und zuverlässig galten : die bedeutenderen derselben zahlt 
Strace (Prolegomena ls— 29) auf. 

6. Die Aufgabe der Massorethen bestand also wesentlich 
im treuen Erhalten des Ueberlieferten. Aber es kamen Fälle, 
wo man sich unmöglich bei dem Ueberlieferten beruhigeD konnte, 
sondern wo dessen Unhaltb arkeit klar zu Tage lag. In 
solchen Fällen hat man nun nicht den überlieferten Text zu 
korrigieren gewagt, wohl aber die Verbesserung am Rande 
bemerkt als "ip das zu Lesende, gegenüber dem -'?- dem Ge- 
schriebenen. Es sind diese Qarj an entweder Korrekturen an- 
erkannter Schreibfehler des überlieferten Textes, wie z. B. 
I Sinn J4 _'T Qere rinfcni anstatt des Ketib r\wy\\ oder I Sam 
14::j -"■" für das überlieferte -'"*": oder die Massorethen setz- 
ten inkorrekl geschriebene Formen in die übliche Orthographie 
um, wie robü für robb und '-'" für -z-bi Jdc 9 - u. 1-' oder «rt» 
für -;x Jer t2e. Diese Aenderungen sind nicht immer not- 
wendig, auch wohl geradezu irrig; ahn- im allgemeinen kann 
man ihnen das Zeugnis geben, da— 3ie Kehler richtig erkannt 
und gu1 verbessert haben. Doch erstreck! sich die Kritik auch 
auf ganze Wörter, indem man sie entweder für überflüssig 
hielt, die- das Bog. -p k 1 ?" =vr wie /.. B. Jer 3!) u =x, E/4Sw, 
tr^n und Jer 51 3 yr: als r.ine Dittographien ; oder indem man 
fehlende Worte einsetzen zu müssen glaubte, dies das sog. 
STOK'yi-ip z. B. II Sam 83,—=:. II Reg 19 3: V», Jer 31 3* 



§ 52.] Das Verhältnis des massorethischen Textes zum Urtexte. 315 

C'Nr. Aber noch eine andere Art von Qarjan ist hier zu be- 
sprechen : wenn man aus religiösen Gründen von dem über- 
lieferten Texte abwich. Dazu gehört das sog. Qere perpetuum 
"its* für -\t, welches schon LXX durch ihr stehendes xöpco? 
bezeugt. Ferner Abweichungen vom überlieferten Texte aus 
Anstandsrücksichten, wenn man das Verbum bw überall durch 
Mtf, und "?Bö in I Sam 5 u. 6 überall durch ina ersetzte, oder 
n«ina II Reg 10 2; und pr II Reg 18 27 und ähnliches durch 
Euphemismen umschrieb. In allen diesen Fällen werden die 
Konsonanten des rr: mit den Vokalen des — p versehen, was 
schon Cappellus scharfsinnig als Beweis für das jüngere Alter 
der Punktation verwandte ; ein *ip vb\ rrr wird ohne Vokale 
gelassen. 

§ 52. Das Verhältnis des massorethischen Textes zum 

Urtexte. 

1 . Dass der MT sich nicht mit dem Urtexte der 
biblischen Autoren deckt, geht schon aus seinem zeitlichen 
Abstände von jenem hervor. In den Jahrhunderten, welche 
zwischen beiden lagen, hat jeder nur schriftlich überlieferte 
Text seine Schicksale, und der unserige ganz besonders, da, 
wie wir gesehen haben, in diese Zeit ein völliger AVechsel des 
Schriftcharakters und eine allmähliche Entwickelung der Or- 
thographie fällt. Und zudem hat man in ältester Zeit die 
Texte durchaus nicht mit der sklavischen Treue vervielfältigt, 
wie späterhin das Judentum den MT : den urkundlichen Be- 
weis hierfür haben wir in den sog. Paralleltexten des AT selbst, 
welche häufig aufs Stärkste von einander abweichen, und immer 
so viel zeigen, dass von irgend einer Skrupulosität in Bezug 
auf die Ueberlieferung in jenen alten Zeiten nicht die Rede 
sein kann. Dazu kommt dann auch noch die Möglichkeit un- 
willkürlicher Versehen, also Schreibfehler, wobei stets im Auge 
zu halten ist, dass bei einer Schrift, wie der althebräischen, 
ein einziger Buch>tahe genügte, um den ganzen Sinn umzu- 
gestalten. Solche Schreibfehler, die wir durch Paralleltexte 
im AT selbst berichtigen können, sind. z. B. ypptf? II Sam 
7 2:3 verschrieben für trüb I Chr 17 21 oder H5P II Reg 12 11 für 
riß) II Chr 24 11 oder *r,'! II Sam 22 11 für *£ Ps 18 11. Oder 
eine andere gewöhnliche Quelle von Fehlem : Ausfall von Wor- 
ten durch Homoeoteleuton z. B. I Sam 10 1 hinter HVT ~r-u' - 



316 



Allgemeine Einleitung. 



[§ 52. 



nach LXX die Worte nr*] nw Dpa bttten nrati bKnter b» te» bö Tjfc 
,-■-• --u'E "2 riiKH ~b -■• TWtic i»ö ■:rr , in oder Ez 40 48 hinter -rni 
-i"w- gleichfalls nach LXX -:•-.- nlerpl nöK rntoB ö3-ik. Ein um- 
gekehrter Fall von irrtümlicher Wiederholung, durch einen 
Paralleltext zu kontrollieren, ist II Sam 6 ?, u. i vgl. mit I Chr 
13 t, wo das Zurückspringen von dem zweiten fl^wn auf das 
erste den ganzen Text in II Sam heillos verwirrt hat. Aber 
es gibt auch Fälle, wo der MT schon von selbst ohne jede 
Kontrolle als falsch sich ergibt. So Jer 27 1, wo der ganze 
Zusammenhang der folgenden Erzählung das ttffiv a j s Schreib- 



fehler für VFjpnst ausweist. Namentlich Verzeichnisse bieten 
hierfür eine reiche Ernte. In dem Verzeichnisse der Helden 
Davids II Sam 23 8—39 haben wir die Gesamtsumme 37, wäh- 
rend es nur 35 Einzelposten sind, oder in der Uebersicht des 
Stammgebietes von Juda Jos 15 in v. 32 Gesamtsumme 29, 
Einzelposten 37, in v. :n; Gesamtsumme 14, Einzelposten 15; 
oder in Jos 21, dem Verzeichnisse der Levitenstädte, der Aus- 
fall des Stammes Rüben hinter v. 36. Und die Fälle, wo wir 
aus inneren und äusseren Gründen Fehler im MT vermuten 
müssen, sind Legion. 

2. Aber bei dem AT kommt noch ein ganz besonderer 
['instand in Frage. Wir haben nicht bloss mit gewöhnlichen 
Textfehlern zurechnen, sondern auch mit absichtlichen 
Aenderungen. Gerade heilige Texte sind solchen ab- 
sichtlichen Aendeiungen besonders ausgesetzt, wenn das Ueber- 
Lieferte Dinge zu enthalten scheint, die Anstoss geben, und 
welche man sich mit dem sonst Bekannten und Geglaubten 
nicht zu reimen weiss. l)ass auch der MT in dieser Weise 
rezensiert worden ist, daran hat die jüdische Ueberlieferung 
selbst noch eine deutliche Erinnerung bewahrt. Verhältnis- 
mässig wenig bedeutsam äind die fünf Fälle des Dneio inw, 
wo die Schreiber ein ursprünglich stellendes 1 getilgt haben 
sollen; dagegen die L8 ausdrücklich überlieferten Fälle von 
C--Z-- p-r d. h. einer Korrektur durch die Schreiber können 
nur betrachtel werden als tendenzir.se Textesänderungen, um 

AnatÖBSigeS ZU entfernen, wie .Job 7 20, wo '%' nach der l'eber- 

lieferung eine solche Korrektur für ursprüngliches T?5 ist, oder 
Hab 1 ig mö3 für ~"-~. Aber auch sonst können wir noch 
Fälle von solch tendenziöser Teitesanderung nachweisen: so 
wenn in Samueln bvz in israelitischen Eigennamen liberal] in 



§ 53.] Hülfsmittel zur Annäherung an den Urtext. 317 

ntfa geändert ist. Sauls Sohn hvit-x, wie erIChr9s9 richtig 
heisst, erscheint in Samuelis durchweg als rrrr-x, Jonathans 
Sohn bosnü I Chr 9 n als ntfa-Btt, ja seihst Gideon als ntfa-£ 
II Sam 11 21; bei David hat man den Namen seines Sohnes 
- — •-- 1 Chr 19: mindestens in rtx II Sam 5 ie geändert. 
wie sich auch 7?" d. h. ursprünglich ""f"« J Sam 14 19 für Sr-r-x 
findet. Fanc ähnliche tendenziöse Einfügung ist "?"K in I Sam 
25 22 u. II Sam 12 n (vgl Füest ZwTh 24.:. 1881 und Geiger 
Urschrift 267 i und wohl auch das ="H?x Ez 2 3. Angesichts dieser 
Tatsachen dürfen wir also dem MT nicht blindlings trauen, son- 
dern haben stets mit der Möglichkeit unwillkürlicher Fehler 
und selbst bewusster Textesänderungen zu rechnen. Dass auch 
durch Punktation und Accentuation vielfach absichtlich nicht 
der nächstliegende Sinn ausgedrückt worden ist, dazu be- 
darf es nur des Hinweises auf die Punktation i*?BPi Ez 47 22 
oder auf die Setzung des Athnach unter 23tf in I Sam 3 3 ; 
auch die Accentuation der berühmten Stelle Jes 9 r, ist dog- 
matisch-tendenziösen Bedenken entsprungen. 

§ 53. Hülfsmittel zur Annäherung an den Urtext. 

CHCokmu. Das Buch des Propheten Ezechiel 1886 13— 109. VRvssi.i, 
Untersuchungen über die Textesgestalt und die Echtheit des Buches Micha 

1887 144 — 198- 

1. Als erstes Hülfsmittel zur Annäherung an den Urtext 
bietet sich uns die nach philologischer Methode gehandhabte 
Emendation bezw. Konjektur dar. Die Notwendigkeit und 
Unentbehrlichkeit der Konjekturalkritik für die ATliche Text- 
kritik, welche schon ÜAPPELLUS verfochten hat, ist heutzutage 
fast allgemein anerkannt: diejenigen, welche keine Fehler im 
MT zugeben wollen, werden immer weniger und immer unent- 
schiedener. Und in Einer Beziehung erleichtert uns das AT 
seilet die Emendation sehr wesentlich, nämlich durch den die 
ganze Poesie beherrschenden und auch in der Prosa vielfach 
wahrnehmbaren Parallelismus. So zeigt es der Parallelismus 
jedem, der hierfür nur eine Empfindung hat, auf den ersten 
Blick, dass Am In =rP': neben rnotf Schreibfehler für "»fe'j ist, 
dass no« Jes 3 10 in -rx, xz;- des 41 25 in er; emendiert wer- 
den muss. Auch der Sinn und Zusammenhang des einzelnen 
Satzes ist oft ein sicherer und leichter Führer und lehrt uns 
beispielsweise iörfea Jer 11 19 in 'r^z, oder riKöl Neh 5 11 in 



318 Allgemeine Einleitung. [§ 53 

nKlPöl emendieren. Sanirulungen von Konjekturen und Emen- 
dationen sind CFHoubigant Biblia Hebraica cum notis cri- 
ticis 4 Bdd. 1753, HGraetz Emendationes in plerosque V. T. 
libros 3 Fascc. 1892 94, EKautzsch Die heilige Schrift des 
A. T. Beilagen, HOort Textus Hebraici emendationes etc. 
1900. Doch haftet namentlich Konjekturen immer ein ge- 
wisses subjektives Moment an, und es wäre nicht erwünscht, 
wenn Emendation und Konjektur unsere einzigen Hilfsmittel 
wären; denn Emendation und Konjektur sind doch immer die 
ultima ratio, die nur dann Platz greift, wenn die reiflich er- 
wogene und sorgfältig geprüfte Ueberlieferung den Dienst ver- 
sagt. Bei anderen Texten würde man es als erste Aufgabe 
betrachten, alle irgend erreichbaren Handschriften zu sammeln, 
um aus diesen nach philologischer Methode die möglichst ge- 
reinigte Form der Ueberlieferung herzustellen. Nach dem 
$ 51 2 Ermittelten scheint es, als müsse man beim AT auf 
dieses Hilfsmittel ganz verzichten: aber doch scheint es nur 
so; denn in dem samaritanischen Pentateuche und den un- 
mittelbar aus dem Grundtexte selbst gemachten Uebersetzungen 
des AT haben wir noch einige Handschriften teils ganz, teils 
in Fragmenten , welche von der massorethischen Rezension 
mehr oder weniger unabhängig sind. Freilich ist dies ein 
Feld, dessen Anbau grosse Sachkenntnis und äusserste Vor- 
sicht erheischt: denn es müssen erst viele Vorfragen erledigt 
und viele Vorarbeiten getan sein, ehe wir jene Uebersetzungen 
an Stelle der ihnen zu Grunde liegenden hebräischen Hand- 
schrift benutzen können; aber diese Aufgaben sind auch eben 
so lohnend, .- 1 1 s sie schwierig sind und die unentbehrlichen Vor- 
bedingungen für eine rationelle Textkritik des AT. 

Der sama ritanische Pen taten eh. 

EKatjtzbob KE- lSwoff. and HI..V imtÖ 7 . WGbsenius De Pento* 
Im rhi Sh mini linii oriffine i mittle el autorttate 1815. SKoHN Zur Sprache. 
Literatur und Dogmatih der Samaritaner 1876. 

2. Nachdem die Samaritaner in einzelnen mit dem Re- 
formwerke Eisras und Nehemias unzufriedenen priesterlichen 
Elementen aus Jerusalem eine geistige Führerschaft erhalten 
hatten — Manasse, der Enkel des aus Nehemias Memoiren 
bekannten Eljaschib, wird als ihr erster Hoherpriester und der 
eigentliche Organisator ihres Kultus genannt — betrachteten 



§ 53.] Die alexaudrinische Uebersetzung. 319 

sie den Pentateuch, und zwar den völlig abgeschlossenen, als 
ihre einzige Heilige Schrift. Der samaritanische Penta- 
teuch bietet uns also eine venu MT unabhängige Rezension 
des Textes aus der Zeit kurz nach dem definitiven Abschlüsse 
desselben, da wir seine Annahme von Seiten der Samaritaner 
gewiss schon als im 4. Jahrhundert geschehen vorauszusetzen 
Italien. Dieser samaritanische Pentateuch (zuerst von JMo- 
KDsüS in der Pariser Polyglotte veröffentlicht, in hebräischeD 
Buchstaben von BKexxicott und BBlayxey 1790 gedruckt) 
deckt sich wesentlich mit dem MT, zeigt aber gegen denselben 
ca. 6000 Varianten, von denen ein beträchtlicher Teil dadurch 
noch ein besonderes Gewicht erhält, dass LXX mit ihm gegen 
MT übereinstimmt. Von tendenziösen Aenderungen ist nur die 
verhältnismässig recht harmlose Dtn 27 i nachweisbar, wo die 
Samaritaner bsy in tm geändert haben, damit die Steine mit 
dem Gesetz auf ihren heiligen Berg Garizim zu stehn kämen. 
Die Schriftzüge des samaritanischen Pentateuchs sind, aller- 
dings etwas verschnörkelt, die althebräischen; der Punkt dient 
als Worttrenner, und zur Unterscheidung besonders leicht zu 
verwechselnder Wörter haben sie einen diakritischen Quer- 
strich oben von der Form des hebräischen Raphe. Ausser- 
dem althebräischen Pentateuche besitzen sie noch ein Targum 
in ihrem samaritanischen Dialekt, welches gleichfalls schon 
JMOEINUS in der Pariser Polyglotte herausgegeben und ABeüll 
1873 — 1875 in hebräischer Quadratschriffc neu gedruckt hat; 
wissenschaftliche Ausgabe von Petermax.n- Völlers 1872 — 
1891. 

Die alexaudrinische Uebersetzung. 

Die Literatur über die LXX ist geradezu unübersehbar. Reiche Nach- 
weise bei Reuss- § 438, Buhl § 37—42 und Stback" 194—197. Epoche- 
machend und grundlegend für diese Disziplin ist das Werk PatjlsdeLa- 
gabde: Anmerkungen zur griechischen Uebersetzung der Proverbien 1863. 
Genesis Graece 1868. Vorbemerkungen zu meiner lusgabe der Septuaginta 
(Symmieta 2 i37— 148 18s"'. Ankündigung einer neuen Ausgabe der griechi- 
schen Uebersetzung des alten Testaments 1882. Librorum Veteris Testa- 
menli canonicorum pars prior Graece 1883. .Yorae l'salterii Graeri edi- 
tionis speeimen 1887. SeptnatjintaStndien f 1891. Psalterii Graeri guin- 
quagena prima 1892. ENestlb Septuagintastudien 4 Hefte 1886— 19u3 
und RE s 3 i> ff. — Die beste Handausgabe der LXX ist die durch HBswktk 
besorgte Cambridger in 3 Bänden 1887—1894. dazu noch An Introduclion 
to the 0/d fest, in Greek 1900. Eine neue gross.' Cambridger LXXaus- 
gabe bereiten AEBrooki: und N.MacC'li'.an vor. 



320 Allgemeine Einleitung. [§ 53. 

3. Die älteste und in jeder Beziehung wichtigste Ueber- 
setzung des ganzen AT ist die in Alexandrien angefertigte 
griechische, welche man gewöhnlich die LXX nennt. Die Fa- 
beleien über ihren Ursprung gehn zurück auf den sog. 
Brief des Aristeas, von HThackeray als Appendix zu Swe- 
tes Introduction gedruckt und in EKautzschs Pseudepigra- 
j)lien des AT S. i— 31 bequem zugänglich. An dem apokry- 
phen Charakter dieses Machwerks kann natürlich kein Zweifel 
sein, aber doch ist die Frage aufzuwerfen, ob wir seinen gan- 
zen Inhalt einfach ignorieren dürfen, ob er nicht vielmehr 
darin Recht habe, dass der „literarische Eifer des Hellenis- 
mus und nicht das gottesdienstliche Bedürfnis der jüdischen 
Gemeinde den nächsten Anstoss zur Niederschreihung des 
griechischen Pentateuchs gegeben" hat (Wellhausex). Zu- 
nächst wurde wold nur der Pentateuch übersetzt, von welchem 
auch in dem Aristeasbriefe allein die Bede ist; doch schlössen 
sich diesem gewiss schon bald die übrigen heiligen Bücher der 
Juden an: der Prolog des Siraciden ca. 130 kennt bereits 6 
vöjxo; v.y.i cci rcpocpnjxeiat v.y.l ~x Äo:~3c twv i Ji 1 jÄ , !o)v in griechischer 
Uebersetzung, mit deren Unvollkommenheit er etwaige .Mängel 
der von ihm angefertigten Uebersetzung des Werkes seines 
Grossvaters zu entschuldigen bittet. Es ist bezeichnend, dass 
an allen Stellen, wo von den Uebersetzern etwas Näheres an- 
gegeben wird, Palästinenser als solche erscheinen. Die 72 
Uebersetzer des Pentateuchs kommen aus Palästina, von jedem 
der L2 Stämme Israels 6, der Siracide ist kürzlich nach Ae- 
gypten eingewandert, und auch Esther will nach seiner Unter- 
schrift (doch vgl. JACOB ZaW lOsso— 88J 1890) von einem Je- 
rusalemer übersetzt sein: und dies ist kaum zufällig. ..Wirk- 
lich werden wohl in den meisten Fällen die Palästinenser besser 
Griechisch verstanden haben, als die eingeborenen ägyptischen 
.luden Hebräisch" (BUHL 121). Die l'ebersetzungen der ein- 
zelnen Bücher sind natürlich von verschiedenen Dolmetschern 
angefertigt und deshalb an Weit und Charakter sehr verschie- 
den; von strengster Wortlichkeit bis zur grösBten Freiheit, von 
bewundernswürdiger Befähigung bis zur krassesten Stümperei 
haben wir so ziemlich alle Spielarten vertreten : aber im gros- 
sen und ganzen ist die Arbeit eine staunenswerte Leistung, 
wenn man erwägt, dass sie ohne jedes Hilfsmittel aus einer 
bereits im Absterben begriffenen Sprache in ein völlig fremd- 



§ 53.] Die alesandrinische Uebersetzung. 321 

artiges Idiom angefertigt wurde: es ist überhaupt in der Ge- 
schichte des menschlichen Geistes das erste Beispiel von Ueber- 
setzung einer ganzen Literatur in eine völlig fremde Sprache. 
Für uns ist sie von geradezu unschätzbarem Werte. Nicht 
nur, dass sie der ganzen christlichen Kirche das AT vermit- 
telt hat: ihr Text ist um Jahrhunderte älter, als die Fest- 
stellung unseres MT, um mehr als ein Jahrtausend älter, als 
die älteste hebräische Handschrift; sie ist also, abgesehen von 
dem samaritanischen Pentateuche, für uns der älteste Zeuge 
des ATlichen Textes. 

4. Dass dieser Uebersetzung von Anfang an ein gewisser- 
massen offizieller Charakter eigen gewesen sei, ist durch 
nichts bezeugt und auch nicht wahrscheinlich; aber doch nahm 
man die Arbeit dankbar und gerne an. War doch der Besitz 
der Heiligen Schrift in der griechischen AVeltsprache ein 
Mittel ohne gleichen, um für das Judentum Propaganda zu 
machen und Proselvten zu werben. So ist die alexandrinische 
Bibel denn zur Zeit Jesu allgemein im Gebrauche; Philo be- 
dient sich ausschliesslich ihrer, Josephus und die NTlichen 
Schriftsteller überwiegend; man wandte auf sie das Wort Gen 
!> jt an und erlaubte sogar das »ötf griechisch zu beten < Bux- 
torf lex. talm. no). Aber das änderte sich bald, als nach 
der Zerstörung Jerusalems das Judentum in seiner Nationa- 
lität immer exklusiver und in seinem Schriftprinzipe immer 
schroffer wurde, und als andererseits die mächtig sich ent- 
wickelnde Kirche aus LXX gegen die Synagoge argumentierte. 
.Jetzt stellte man jüdiseherseits die griechische Uebersetzung. 
des AT auf Eine Linie mit der Anfertigung des goldenen 
Kalbes und sagte, bei der Vollendung der LXX sei eine drei- 
tägige Finsternis über die ganze Erde gekommen. Da nun 
LXX tatsächlich von dem damals zur Festigkeit erstarrenden 
MT vielfach abwich, so beschuldigte man sich gegenseitig der 
Schriftfälschung; der Streit wurde immer erbitterter, die Ver- 
ständigung immer aussichtsloser. So entstanden 

Die späteren griechischen Ueb er Setzungen. 
FField Origenis Eexaplorum guae supersunt Tom. I 1875 3. XVI— XLII. 

5. Die älteste von ihnen und bei den Juden weil aus an- 
gesehenste verfertigte Aquila, um dessen Person sich ein 
ganzer Kranz von Mythen gewoben hat. Er soll ein Proselyt 

Urundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. •_' 1 



322 



Allgemeine Einleitung. 



[§ 53. 



aus dem Pontus, Schwager des Kaisers Hadrian und erster 
Präfekt der auf den Trümmern von Jerusalem errichteten 
Aelia Capitolina gewesen sein, nebenbei ein Schüler des Rabbi 
Akiba. Diese letzte Angabe ist sachlich richtig, insofern die 
ganze Art des Aquila mit seinem Wertlegen auf den Buch- 
staben den Einfluss Akibas verrät; auch die Zeit stimmt im 
ganzen, denn vielleicht schon JüSTINUS MARTYB, aber sicher 
Irenaeüs kennt und erwähnt ihn, so dass wir seine Tätigkeit 
wohl in das zweite Drittel des 2. Jahrhunderts setzen müssen. 
Sein Streben bei der üebersetzung ist die strengste Wörtlich- 
keit: Gen 5 2 schreibt er evvaxoawc sto; v.y.l xpiaxovxa Ixo?, 
=-p übersetzt er stets durch lyxaxov, -ZKb durch xcj) Xeyetv, 
das n durch ot wie ocxövSe voxovSe, ]& durch zi; y.~b wie 
bic, i-b r'||A£pwv für W^?, die nota accusativi ns in Verbindung 
mit dem Artikel stets durch ouv; namentlich charakterisiert 
ihn das Streben, die hebräischen Worte auch ihrem Etymon 
entsprechend ins Griechische zu übertragen, so .-u-a- durch 
KecpaXalov, ™ durch o'"X7cv6xr)s , ' ; " r= Ps 2 - ,:f durcD ^ :s5 V 
uaxiaavxo jie. Und in diesem Bestreben hat er uichl gleich 
beim ersten Wurfe sich selbst Genüge getan, sondern nach 
dem ausdrücklichen Zeugnisse des HlERONYMüS (zu Ez 3 ib) 
noch eine secunda besorgt, quam Hebraei xaxa äxptßeiav no- 
minant. So darf es uns denn nicht wundern, wenn gerade in 
jüdischen Kreisen seine üebersetzung für alle diejenigen ka- 
nonisches Ansehen gewann, welche kein Bebräisch verstan- 
den: man wandte auf ihn Ps 45 .* an, und wie gross noch im 
6. Jahrhunderl sein Ansehen war, beweist die merkwürdige 
Novelle 1 Hl Justinians. Neuerdings ist in der — :: (>; 51i) 
der Synagoge zu Kairo ein Stück von Aquilas üebersetzung 
von Reg aufgefunden worden ed. FCBurkitt 1897. Uebri- 
gens entsprang Aquilas Wörtlichkeit keineswegs aus mangel- 
hafter Kenntnis der griechischen Sprache: Kiei.i» hat vielmehr 
nachgewiesen, dass er eine grosse spezifisch hellenische Bil- 
dung besessen haben mnss und sich absichtlich oft an den ho- 
merischen und herodoteischen Sprachgebrauch anlehnt, wäh- 
rend umgekehrt ein s<> verständnisvolles Eindringen in den 
Genius der hebräischen Sprache, wie es Aquilas Uebersetzun- 
gen durchweg bezeugen, «loch wohl nur bei einem geborenen 
.luden zu erwarten ist. 

ii. Der Zeit nach der aächste und wohl nicht viel jünger 



§ 53.] Die späteren griechischen Uebersetzungen. 323 

ist Theodotion, den Irexaeus auch bereits ausdrücklich 
mit Namen anführt und als einen Proselyten aus Ephesus be- 
zeichnet. Nach EPIPHAXIUS stammt er gleichfalls aus dem 
Pontus und war ursprünglich Anhänger Marcions. Hteroxv- 
MUS endlich nennt ihnen einen Ebioniten. Theodotion bezeich- 
net einen durchaus natürlichen Gegenschlag gegen Aquila, 
dessen Hebräisch-Griechisch ohne Kenntnis des [Trtextes viel- 
fach absolut unverständlich blieb und wohl immer mehr eine 
Arbeit für Kenner und Gelehrte, als für das grosse Publikum 
war. Da schlug nun Theodotion den Weg einer Uoberarbei- 
tung der LXX ein. Er behielt von ihr bei, was sich halten 
liess, lehnte sich immer, soweit tunlich, an sie an und suchte 
sie dem MT möglichst konform zu gestalten, also ein Kompro- 
miß zwischen beiden zu Stande zu bringen. So erfreute sich 
denn auch sein Werk eines grossen Beifalls: hauptsächlich 
aus ihm wurden Lücken der LXX ergänzt, in unserem grie- 
chischen Hiob stammt fast ein Sechstel aus Theodotion, und 
bei Daniel hat seine Uebersetzung die alte LXX völlig aus 
dem kirchlichen Gebrauche verdrängt. Charakteristisch für 
ihn ist vielfaches Umschreiben hebräischer AVorte in griechische 
Buchstaben, anstatt sie zu übersetzen, wie cpfriytA Jes 3 24 ffe- 
o£7. Ez 27 27 V(i)%e§ei|X Am 1 1. Die neuesten Untersuchungen 
haben ergeben, dass Theodotion seiner Arbeit nicht den uns 
geläufigen, wesentlich auf dem Vaticanus B ruhenden, griechi- 
schen Bibeltext zu Grunde legte, in welchem man wegen seines 
Verwandtschaftsverhältnisses zu Origenes die ägyptische Bibel 
zu sehen haben wird, sondern eine auch in der ältesten christ- 
lichen Literatur und in Josephus durchklingende, vielleicht 
palästinensische Rezension, für welche AMEZ (Die Bibel des 
Josephus L895) wegen ihrer engen Verwandtschaft zu Lucian 
(s. § X. 9) die Bezeichnung „Urlucian" gebraucht. 

7. Der jüngste, aber weitaus bedeutendste, ist Symma- 
chus, nach den Kirchenvätern ein Ebionit, nach Epiphanius 
ein zum Judentum übergetretener Samaritaner, der zu den 
Zeiten des Origenes noch verhältnismässig neu und unbekannt 
gewesen sein muss. Sein Ziel war, wirklich griechisch zu über- 
setzen: von allen syntaktischen Freiheiten der Sprache, wie 
Partizipialkonstruktionen, Genetivus absolutus, Adjektiven und 
Adverbien macht er den ausgiebigsten Gebrauch z. B. II Reg 
I2 LXX Seöxe xai Ix^Trcrpaxe Sym. y.~z'/.'&i'/-.z; izvfyea&e: Job 

01 * 



324 Allgemeine Einleitung. [§ 53. 

34-2Ü Tbeod. za: u&xbc, VyTJ/jav -y.oizz: v.y.l ziq xaxaStxaaexat 
Sym. aöxou cz vju-epcav Bibövxoq ~ ! .; xaxaxptvec: II Reg 2 10 LAX 
eaxAYjpuvac tgü aiT/jaaafrac Sym. SuaxoXov ^nfjaü) : Ps 55 21 LXX 
avSps? aEjxaxwv v.a: §0X16x19x0? Sym. avSpeg u-iaupovoi xa2 odÄ:o: : 
Ps 33 3 LXX aya{)"jv7.Ts ipaXaxe Sym. im[izX(bq iJjaXaxe. Hie- 
ronymus hat in seiner Uebersetzung sicli vielfach an Symma- 
clms angelehnt; die Angaben des nämlichen Kirchenvaters von 
einer altera editio auch bei Symraachus sind nacli Field pro 
mera ignorantiae excusatione habenda. 

Die Tätigkeit des Origenes u n d i h r e Y 1 g e n. 

PPield Origenis Hexaplorum quae supersunt 2 Bde. 1875. 1876. 

8. Um den Beginn des 3. Jahrhunderts hatte LXX eine 
fast 500jährige Geschichte durchlaufen, was natürlich nicht 
ohne Einfluss auf ihren Text geblieben sein konnte. Dazu 
hesass das Judentum in seinem MT eine feste kanonische Ge- 
stalt seiner heiligen Schriften, so dass wir es begreifen, wie 
die vielfachen notorischen Abweichungen der LXX von der 
Hebraica veritas gerade den ernsteren und gelehrteren Christen 
schwere Sorgen verursachen niussten. Im hier Klarheit zu 
schaffen und jedem die Möglichkeit eigener Prüfung und Orien- 
tierung zu geben, unternahm Origenes während seiner letzten 
Lebenszeit in Gäsarea 232 — 254 ein ungeheures Werk, die sog. 
Hexapla. In 6 Kolumnen stellte er hier h\v das AT zusammen: 
1. den MT in Quadratschrift, 2. den MT in griechischer Trans- 
skription (nach JHALEVY Journ. Asiat. IX 17 387 ff. 1901 eine 
gewissermassen offizielle Arbeit des hellenistischen Judentums 
zu Alexandria), )5. die Uebersetzung des A.quila, 4. die Ueber- 
setzuim dea Symmachus, 5. einen von ihm rezensierten Texl 
dm- LXX. (i. die Lebersetzung des Theodotion. Da die bei- 
den ersten Kolumnen von weniger allgemeinem [nteresse waren, 
zog man auch nur die viel- letzten Kolumnen aus und nannte 
dies dann Tetrapia. In einigen biblischen Büchern gibl Obi- 
GBNBS noch Bruchstücke dreier weiteren griechischen Deber- 
setzungen, einer Quinta, Sexta und Septima. Den von ihm 
rezensierte]] Text der LXX gestaltete er so, dass das Ver- 
hältnis der LXX zum MT sofort deutlich erkennbar war; was 
der MT nicht hatte, bezeichnete Origenes durch den obelus 

— — . was in LXX fehlte, ergänzte er meist aus Theodotion und 

charakterisierte es durch den asleriscus •)*(•; da- Geltungsende 






tj 53.] Die Tätigkeit des Origenes und ihre Folgen. 325 

beider Zeichen wurde durch den melobelus v" markiert. Das 
Autograph des Origenes befand sich noch am Anfange des 
7. Jahrhunderts in Cäsarea; mit der Eroberung Palästinas 
durch die Araber ist es verschollen. Zum Glück hat noch 
kurz vorher im Jahre 617 auf 618 der monophystische Bischof 
PAULUS VON Tela die LXXkolumne mit allen kritischen Zei- 
chen und einer Auswahl hexaplarischer Randbemerkungen ins 
Syrische übersetzt, und zwar mit solcher Treue, dass man die 
griechische Vorlage bis seihst auf die Partikeln genau rekon- 
struieren kann. Von dieser Arbeit sind uns Hagiographen 
und Propheten erhalten in einer Handschrift, welche nur etwa 
ein Jahrhundert jünger ist als das Werk selbst, dem berühmten 
Ambrosianus zu Mailand, weichen AMCeeiäNI 1874 photo- 
lithographisch veröffentlicht hat als einen der kostbarsten Schätze 
für die gesamte ATliche Wissenschaft: was sonst noch an 
Fragmenten der syrischen Hexapla vorhanden ist, hat LagAB.de 
( Hibliotlieca Syriaca 1S92 33-254) gesammelt. 

9. Es versteht sich von selbst, dass das Riesenwerk des 
( M'igenes nicht vervielfältigt werden konnte. Ein merkwürdiges 
Bruchstück mit dem ganzen hexaplarischen Text von 2 , und 
Stücken von 9 Psalmen ist 1896 in einem Mailänder Palim- 
psest aufgefunden worden, über welches EKlostekmaxx ZaW 
16. Tuff. 1896 orientiert. Das waren aber gewiss die seltensten 
Ausnahmen. Für gewöhnlich beschränkte man sich darauf, es 
zu Caesarea zu benutzen und zu exzerpieren: aber dadurch 
wurde die Verwirrung nur noch ärger. Da nahm sich die 
Kirche der Sache an und um die Wende des ■'). u. 4. Jahr- 
hunderts begegnen uns drei kirchlich anerkannte Re- 
zensionen des ATlichen Bibeltextes, von welchen mehrere. 
erst von Lagabde in ihrer Bedeutung gewürdigte, Stellen bei 
BlERONYMUS uns Kunde bringen. Hiernach gaben Euse- 
b i u s u 11 d P a ra p hil u s die LXXkolumne der Hexapla mit 
allen Zeichen gesondert heraus, welcher Text in Palästina 
kirchliches Ansehen genoss; für Antiochien stellte der Pres- 
byter Lucian, für Aegypten Hesychius einen kirchlich 
rezipierten Text her, jener sicher, dieser vielleicht 311 als 
Märtyrer gestorben. Es ist nun, wie LAGABDE erkannt und 
nachdrücklich gefordert hat. die erste Aufgabe und Vorbe- 
dingung einer rationellen LXXkritik. diese drei kirchlich an- 
erkannten Rezensionen zu ermitteln. Den Text des Eusebius 



326 Allgemeine Einleitung. [§ 53. 

und Pamphilus erwarten wir in den hexaplarischen Hand- 
schriften und vor allem in der syrischen Hexapla wiederzu- 
finden, zu denen auch der berühmte Yaticanus B in einem 
schon von JMORINUS bemerkten nahen Verwandtschaftsver- 
hältnisse steht: aber Lagarde (Mitt. 2 se) behauptet, nur Einen 
„fast sicher die Rezension von Palästina wiedergebenden Codex 
des Oktateuchs" zu kennen. Ebenso wenig ist es bis jetzt ge- 
lungen, die Rezension des Hesychius nachzuweisen. Glücklicher 
Miid wir mit Lucian, dessen Rezension im ganzen Osten von 
Antiochien bis Konstantinopel amtliche Geltung hatte: sie kann. 
weil uns hier in den Zitaten der antiochenischen und konstan- 
tinopolitanischen Väter, wie Theodoret und Chrysostomus, ein 
besonders reiches Material zur Kontrolle vorliegt, mit völliger 
Sicherheit erkannt und wiederhergestellt werden. Das hat denn 
auch Lagarde getan und 1883 in der Pars Prior den ersten 
Teil des Lucian veröffentlicht; die Vollendung des Werkes ist 
durch Lagardes Tod (d. 22. Dezember 1891) vereitelt worden. 
Ueber die Art, wie Lucian seine Rezension herstellt, können 
wir uns ein hinlängliches Urteil bilden. Für ihn ist natürlich 
auch die Hebraica veritas massgebend, aber doch lässt er die 
alte LXX nicht gern völlig umkommen, und so charakterisie- 
ren ihn denn die in den Text eingearbeiteten Dubletten, indem 
er die Korrektur neben das Korrigendum schreibt, dieselbe 
aber organisch in den Text verwebt, z. P>. 1 Sani 12-.' LXX 
y.äyto yey^paxa xort v.a{h',ac<uai Luc. xod iyä) yeyifjpaxa xat ketzo- 
Äui)|Asa za: >ta{W]ao(Aac £x toü vöv. Oder II dir 14 m ns ;> ,L ? 
LXX frei xal iv öXiyoiq Luc. r) £v öXiyois olc, oöx icmv \r/y;. 
Der Text der LXX. welchen Lucian seiner Rezension zu Grunde 
legte, ist nicht der ägyptische des Origenes, sondern ein eigen- 
tümlich abweichender, den Josephus, die NTlichen Schriftstel- 
ler, Theodotion und die altlateinische üebersetzung gleichfalls 
gelesen haben und durch welchen auch die altsyrische l eber- 
Betzung beeinflussl ist — eben <\<t von Mi:/ als „Urlucian" 
bezeichnete (s. § X. 6). 

lo. Der Text der LXX ist uns überliefert in zahlreichen 
Bandschriften, die aber alle jünger sind als Omgenes; 
manche (U-v wichtigeren sind bereits vollständig veröffentlicht 
und von dreien der bedeutendsten, dem Alcxandrinus . dem 
Vaticanus und dem Marchalianus , besitzen wir sogar Photo- 
lithographien, welche die Codices selbst völlig ersetzen. Die 



§ 53.] Die Tochterübersetzungen der LXX. 327 

grösste Sammlung von Material ist immer noch das Werk von 
HolMES-PäRSONS Vetus Test. Graecum cum variis lectionibus 
1798 — 1827, in welchem alle den englischen Herausgebern be- 
kannten und zugänglichen Handschriften verglichen, aber nur 
mit Auswahl abgedruckt sind. Aller Mängel ungeachtet ist 
dies auch heute noch ein grundlegendes und unentbehrliches 
Werk, welches uns wenigstens einen Gesamtüberblick über den 
Tatbestand ermöglicht. Dieser Tatbestand ist nun der einer 
wahrhaft heil- und trostlosen Verwirrung, so dass wir uns zur 
Feststellung des ursprünglichen LXXtextes nach anderweitigen 
Hülfsmitteln umsehen müssen. Und da bieten sich uns noch 
zwei Quellen : die Zitate bei Kirchenvätern und die Tochter- 
Übersetzungen der LXX. 

Die Zitate bei Kirchenvätern. 

11. Hier muss man sich stets vorhalten, auf sehr unsiche- 
rem Boden zu wandeln. Sobald die Väter nicht ex professo 
über ein biblisches Buch schrieben, sei es Homilien oder einen 
Kommentar, ist immer anzunehmen, dass sie ihre Zitate ledig- 
lich nach dem Gedächtnisse gemacht haben : für gelegentliche 
Zitate hat dies als durchgehende Regel zu gelten. Sie können 
also höchstens dienen zur Bestimmung von Handschriften oder 
Handschriftenfamilien : denn trotz aller Freiheit des einzelnen 
Zitates wird es sich bei dem Umfange des Materials doch in 
der Kegel ziemlich genau feststellen lassen, welche Textesge- 
stalt im grossen und ganzen der betreffende Vater vor sich 
hatte. So ist es z. B. lediglich durch die Zitate bei Theodoret 
und Chrysostomus möglich geworden, die Rezension des Lu- 
cian in bestimmten Handschriftenfamilien nachzuweisen. 
Wichtiger sind und unmittelbarere Ausbeute versprechen 

Die Tochterübersetzun g e n d e r LXX. 

12. Nachdem das AT auch Heilige Schrift der christlichen 
Kirche geworden war, bellte sich für die nicht Griechisch 
redenden Kirchenprovinzen die Notwendigkeil von Uebersetz- 
ungen heraus, die natürlich alle aus LXX flössen. Ohne Zwei- 
fel die älteste von diesen ist 

a) Die Vetus Latina, welche man sich gewöhnt hat, 
nach einer offenbar verderbten Stelle in An;rsTi.\s doctr. 
christ. (II 14) Uala zu nennen. Vgl. über sie LZlEGLEB Die 
lateinischen Bibelübersetzungen vor Bieronymus und die [tala 



328 Allgemeine Einleitung. [§ 

des Augustinus 1879 und OFFritzsche RE 2 7 433 ff. und 
BNestle 3 326 ff. Von ihr liegen uns zahlreiche Fragmente, 
meist in Palimpsesten , vor. Die Frage nach Abfassungszeit 
und Entstehungsort der Vetus Latina ist noch nicht endgültig 
entschieden; auch über die Frage, ob wir Eine altlateinisclie 
ürübersetzung anzunehmen haben, oder mehrere voneinander 
unabhängige, ist noch keine Einigkeit erzielt, da sich für beide 
Alternativen gewichtige Gründe geltend machen lassen. Ihre 
Entstehungszeit wird wohl noch das 2. .Jahrhundert sein. Cha- 
rakteristisch ist allen ihren Ueberresten ein ängstliches Kleben 
am griechischen Wortlaute, der mit der peinlichsten Treue 
oder vielmehr ünbehülflichkeit ins Lateinische umgesetzt wird. 
Bei der Seltenheit der Handschriften haben hier die Zitate 
der ältesten lateinischen Väter eine ganz hervorragende Be- 
deutung; gesammelt sind dieselben in dem grossartigen "Werke 
von PSabatieb Bibliorum Sacrorum latinae versiones antiquae 
etc.:; Tom. 1739—1749. Was hier geleistet werden könnte und ge- 
leistet werden müsste, hat Lagarde in seiner Probe einer neuen 
Ausgabe der lateinischen üebersetzungen des AT 188.") gezeigt. 
Im An zweiter Stelle kämen die koptischen Üeber- 
setzungen, da in alle drei koptischen Dialekte, das Ober-, 
Mittel- und Niederägyptische, die IA'X übersetzt wurde. Von 
den älteren und für uns wichtigeren Leiden ersten sind nur 
Bruchstücke bekannt (Uebersicht bei GSteindorff Koptische 
Grammatik 1894 213— 217): die unterägyptische liegt in Band- 
schriften ganz vor. ist aber auch erst z. T. herausgegeben, 
und zwar Pentateuch, Psalter und Fragmente der historischen 
Bücher durch Lagabde, Hiob und die Propheten durch HTat- 

TA31. Diese l Yhrrsetzungen hätten namentlich Uni deswillen 

ein besonderes Interesse, weil sie im Mutterlande der LXX 
angefertigt sind. 

c) her Zeil nach zunächsl wäre zu nennen die äthio- 
pische i e I. e rset / u g (s. ADiLLMANN RE 2 i 20a ff. und 
ETraetobids 8 3s7 ff.). Den Aethiopen wurde das Christen- 
tum unter Constantin d. Gr. gebracht und bald darauf .-Mich 
die Bibel ins Aethiopische übersetzl ; schon ( Ihrysostomus (f407) 
kennt diese Tatsache. Die äthiopische üebersetzung ist in 
zahlreichen Eandschriften vollständig zugänglich ; herausg« 
ben sind vom AT Octateuch, ßaocXetöv a — S', Joe! und eine 
Anzahl Apokryphen durch DeLlmann, Psalter, Hymnen und 



§ 5a] Die Tochteriibersetzungen der LXX. 329 

Hohes Lied schon von HLüdolf 1701, Jesaja, Obadja, Ma- 
leachi und Threni von JBachmann. Wir haben zu unter- 
scheiden eine ältere üebersetzung, welche direkt aus LXX 
geflossen ist, und eine jüngere Rezension, welche nach dem 
}IT überarbeitet resp. korrigiert ist. Die von LAGARDE ge- 
äusserte Vermutung, dass auch die ältere äthiopische üeber- 
setzung ..nach dem 14. Jahrhundert nicht aus dem Griechi- 
schen, sondern aus einer arabischen oder ägyptischen Ueber- 
setzung des Originals geflossen ist" (Ankündigung 28 vgl. auch 
Mater. I S. IV u. V) bedarf erst weiterer Prüfung cf. auch 
TOKramek die aethiop. Uebs. des Zacharias 1. Heft. Diss. 
1898 u. AHeidek Die aethiop. Bibelübersetzung 1. Heft. Diss. 
1902. 

d) In das 4. Jahrhundert gehört sicher noch die gothi- 
sche Uebersetzun g des ülfila (Ausgaben von HMass- 
MANN und FLSTAMM). Aus dem AT haben wir einige Frag- 
mente aus Xehemia erhalten, und zwar 5 13 — 18 6 14— 7 3 7 13—15 : 
doch genügen schon diese Fragmente zum Beweise, dass Ul- 
fila die Rezension des Lucian übersetzt hat s. Lag Aß de Pars 
Prior S. XIV 1. 

e) Im ersten Drittel des 5. Jahrhunderts muss durch Mi 
ruh die LXX ins Armenische übersetzt sein ; diese üeber- 
setzung ist integra edita, sed mala fide, et iam ante quam 
ederetur, identidem corrupta (Lagabde Gen. Gr. is). 

Die noch späteren Tochterübersetzungen der LXX kom- 
men in textkritischer Hinsicht nicht in Betracht, höchstens die 
altslavische, welche als Kontrolle für die Beschaffenheit des 
Luchintextes in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts dienen 
könnte. 

13. Wie dies ungeheuere Material zu sichten und zu be- 
handeln sei. um mit seiner Hülle den ursprünglichen 
Text der LXX zu gewinnen, hat in wahrhaft grossartiger 
Weise Lagabde gezeigt (s. besonders Ankündigung 29 u. 1. 
Aber auch dann sind wir mit unserer Arbeit noch nicht zu 
Ende, da wir ja nicht die LXX selbst, sondern den ihr vor- 
liegenden hebräischen Text suchen. Es muss daher noch für 
jedes biblische Luch einzeln aufs sorgfältigste die Art und 
Weise seiner üebersetzung festgestellt werden, um mit einig 
v herheit auf das Original des Uebersetzers rückschliessen 
zu können: dann haben wir Eine vom MT unabhängige he- 



330 Allgemeine Einleitung. [§ 53. 

bräiscbe Handschrift, von welcher wir natürlich ausgehn müssen, 
weil sie die für uns älteste Ueberlieferung darstellt. 

Die Targu in i m. 

LZuxz Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden 1832 ei— si. ThNol- 
DEKE Die ATlicfie Literatur (§ 2g) sss— 26i. WVolck RE" loses ff. und 
ENestle 3 3io9ff. EScnüRER Geschichte des jüdischen Volkes etc. 1 ; . 4 
14: ff. 1901. ZFkaxkki. An dein Targum der Propheten 1872. "WBacher 
Kritische Untersuchungen zum Prophetentargum und über das gegenseitige 
Verhältnis der pentateuchischen Targumim ZDMG 28iff. 1874. AMers 
Bemerkungen über die Vokalisatton der Targu nie a. a. 0. (§ 50 s) u»—\*% 
und Chrestomathie, Targumica 1888. 

14. Je mehr die altheilige hebräische Sprache aus dein 
Gebrauche verschwand vgl. schon Neh 13 2). um dem YYest- 
a r a m ä i sehen Platz zu machen, desto dringender wurde 
für die Synagogenverlesung das Bedürfnis, dem Volke den 
Text auch in seinem Idiome darzubieten. Dies geschah in 
der Weise, dass sofort nach der Verlesung ein [öfiinö den hei- 
ligen Text auf Aramäisch dolmetschte: bei der Thora nach 
jedem einzelnen Verse, bei den Propheten durften drei Verse 
zusammengenommen werden. Da diese aramäische Oeberset- 
zung, Targum genannt, zum Kulte der Synagoge gehörte 
musste dieselbe einen offiziellen Charakter haben und deshalb 
schon früh eine wesentlich feste Form annehmen, und gewiss 
bediente man sich auch bald der Schrift zu ihrer Portpflan- 
zung: ein schriftliches Targum zu Hiob wird erwähnt zur Zeit 
Gamaliels des älteren, des Zeitgenossen Jesu, und nach der 
richtig verstandenen Ueberlieferung hal man nicht das Auf- 
schreiben des Targum überhaupt, sondern nur den Gehrauch 
eines schriftlichen Exemplars beim Synagogenvortrage für un- 
erlaubt gehalten. Die uns schriftlich erhaltenen Targumim 
sind zwar ersl spät redigiert, gehn aber weit in die vorchrist- 
liche Zeil zurück, wie schon das gänzliche Fehlen einer Po- 
lemik gegen »las Christentum beweist. .Mit Ausnahme von 
Daniel und Esra-Nehemia haben wir Targumim zu allen ka- 
nonischen Büchern des AT und sogar mehrfach: zum Pen- 
tateuch und den Propheten ein babylonisches und ein jerusa- 
Lemisches, zu Esther gar drei verschiedene. 

15. Das für uns wichtigste ist das babylonische 
Targum. Das zur Thora soll verfasst sein von Onkelos, 
einem Schüler der Rabbinen Eliezer und Josua (bequemste 



§ 53.] Die Targumim. 331 

Ausgabe von ABerlixei; 1884), das zu den Propheten mn 
Jonathan ben Ussiel, dem Hauptschüler Hillels des Aelteren 
(bequemste Ausgabe von Lagarde L872). Bei dieser Tradi- 
tion ist beachtenswert, dass das Prophetentargum für älter 
gilt, als das zur Thora, und sicher mit Recht: denn einmal 
ist das Prophetentargum freier und urwüchsiger als das zur 
Thora, und dann musste sich auch bei den Propheten früher 
das Bedürfnis nach einer solchen Paraphrase geltend machen. 
als bei der Thora. Die beiden Targumim sind nicht erst in 
Babylonien verfasst, wie schon ihr entschieden palästinensi- 
scher Sprachcharakter beweist, aber sie sind in Babylonien 
abschliessend redigiert worden und erfreuten sich daselbst eines 
besonderen Ansehens. In Palästina scheinen sie mit der Zeit 
aus leicht erklärlichen Gründen ausser Gebrauch gekommen 
zu sein, woher es sich auch begreift, dass OßlGENES und Hie- 
RONYMUS niemals ihrer Erwähnung tun. Spater wurden 
wieder von allen Juden gleich hoch gehalten: zu dem Tar- 
gum Onkelos gibt es sogar eine besondere Massora (s. ABer- 
ijxer Die Massorah zum Targum Onkelos 1877 und SL.AX- 
DAÜEB Die Mäsöräh zum Onkelos auf Grund neuer Quellen 
isOii). Dagegen zeigt der Text des Prophetentargum manche 
Schwankungen (s. Cornill ZaW 7itt ff. 1887). 

16. Von dem jerusalemischen Targum haben 
wir ein vollständiges zur Thora. welches man sich infolge 
unrichtiger Auflösung der Abbreviatur -r gewöhnt hat, gleich- 
falls dem Jonathan zuzuschreiben, und ausserdem zur Thora 
noch das sog. Fragmententargum (s. JWEtheridge The Tar* 
gums of Onkelos and Jonathan ben üzziel on the Pentateuch 
with the fragments of Jerusalem Targum: from the Chaldee. 
2 Bände 1862, 1865 and JBassfreünd Das Fragmententarg. 
/.. Peut. 1896 . während das jerusalemische Prophetentargum 
nur in Fragmenten durch gelegentliche Anführungen \<>n Rab- 
binen oder am Rande mancher Bandschriften, namentlich des 
Reuchlinianus, bekannt i-t (zusammengestellt von Lagarde 
im Apparat zu seiner Ausgabe und von Bacher a. a. 0.). Es 
zeigt die ganze Urwüchsigkeit de- Naturproduktes, weshalb sein 
Inhalt von hervorragendem [nteress< i-t : auch seine Grund- 
lagen reichen bis in die vorchristliche Zeit hinauf. Die von 
einzelnen Gelehrten vertretene Meinung, als ob das jerusale- 
mische Targum die Grundlage des babylonischen und dies 



332 Allgemeine Einleitung. [§ 53. 

nur eine systematische Ueberarbeitung und Verkürzung von 
jenem sei, ist kaum richtig. 

17. Auch von den Hagiographen gibt es Targume 
(bequemste Ausgabe von Lagabde 1873); doch haben di 
niemals das Ansehen, wie die Targumim zu Thora und Pro- 
pheten genossen. Sie sind im einzelnen von sehr verschie- 
denem Werte : das zu den Proverbien, wie schon JADathe 
1764 richtig gesehen hat, gar nicht nach dem Grundtexte, 
sondern nach der syrischen Uebersetzung angefertigt, das zu 
Canticum und zwei zu Esther in haggadischer Art weitläufig 
umschreibend. 

18. Um das Targum als textkritischen Zeu- 
gen zu benutzen, bedarf es viele]- Vorsicht und grossen Taktes, 
wie er nur durch ein völliges Sich-einleben in die Art und 
Weise desselben gewonnen werden kann. Man muss sich Däm- 
lich stets den eigentümlichen Doppelcharakter des Targum 
vor Augen halten, dass es nicht eine einfache Uebersetzung, 
sondern zugleich eine Erklärung für das Volk sein sollte und 
deshalb aufs ängstlichste darauf bedacht war, alles auszu- 
merzen und durch Umschreibungen unschädlich zu machen, 
was etwa. Missverständnisse hervorrufen oder gar direkten An- 
stoss hätte geben können. Aber doch läuft dieser Freiheit 
eine solche Treue gegen den Buchstaben parallel, dass es in 
recht vielen Fidlen auch bei den freiesten Umschreibungen 
möglieb ist. den dem Targum zu Grunde liegenden hebräischen 
Text mit Sicherheit zu erkennen: dieser hat dann als der äl- 
teste Zeuge für den ATlichen Text auf seinem palästinensi- 
schen Mutterboden zu gelten. 

Die alt s 3 ris ch e Uebersetzun 

JPebles Meletemata Peschitthoniana L859. ENestlb RE 8 3 m tt'. 
AB uhlfs Beiträge zur Textkritik der PescAita ZsiW 9 tei ff 1889 Bequemste 
Eandau8gabe die von SLee 1823 für die Englische Bibelgesellschaft be- 
sorgte; korrektester Text der 1852 von amerikanischen Missionaren zu 
Urumia gedruckte. Als Ergänzung hierzu: Libri VT apoeryphi Syriace 
e recognitione PAdeLa.gakde 1861. 

L9. Dieselbe wird gewöhnlich mit einem noch nicht sicher 
erklärten Namen Peschittho genannt (neueste und recht an- 
sprechende Vermutung bei AMez [§ \. 6] S. 4i. Nach der 

syrischen Tradition soll sie zur Zeit des frommen Königs Ab- 
ir von Edessa und des Apostels Addai übersetzt sein: auf 



§ 58.] Ilieronymus. 333 



S 



jeden Fall i-t sie christlichen Ursprungs und das AT in Ver- 
bindung mit dem Neuen übersetzt, was immerhin schon im 
2. Jahrhundert geschehen sein kann. Das AT ist direkt .-ms dem 
Bebräischen übersetzt und schloss daher ursprünglich die Apo- 
kryphen .-ms und merkwürdiger Weise auch die Chronik, deren 
syrische Uebersetzung oö'enbar erst viel später nach einem jü- 
dischen Targum gearbeitet ist (s. SFränkel JpTh 5so8 ff. 720 ff. 
L879 und WEBaenes An apparatus criticus to Chronicles in 
the Peshitta Version 1897). Von der syrischen Uebersetzung 
haben wir sein- alte Handschriften bis ins 5. Jahrhundert (den 
berühmten Ambrosianus hat ACebiaxi 1879 — 1883 photoli- 
thographisch veröffentlicht) und ausserdem in den Citaten des 
Aphraates und Ephrem ein reiches Material zur Kontrolle aus 
dem 4. Jahrhundert. Für die Peststellung des altsyrischen 
Bibeltextes hat Rahlfs den Weg gewiesen, indem er eine ost- 
und westsyrische Rezension unterscheiden gelehrt hat, erstere 
ilie der Nestorianer; die letztere würde zerfallen in einen ja- 
kobitisclien. melchitischen und maronitischen Text. Den Psalter 
nach der westsyrischen Rezension mit textkritischem Apparat 
hat WEBabnes 1904 herausgegeben. 

20. Auch die Benutzung der Peschitthö für die ATlicEe 
Textkritik ist nicht ohne weiteres möglich, seihst wenn ihr Ur- 

,; festgestellt wäre. Einmal haben die syrischen Uebersetzer 
mit einer gewissen Freiheit übertragen, und dann zeigen sich 
targumistische Spuren und vor allem Beeinflussung durch LXX 
schon bei den ursprünglichen Uebersetzern : in späterer Zeit 
ist dann Peschitthö systematisch mich LXX überarbeitet resp. 
korrigiert worden. Von hervorragender Bedeutung ist sie na- 
mentlich für die Geschichte der Exeges : man kann ihr das 
Zeugnis eines wesentlich richtigen und guten Verständnis? 
ihrer Vorlage nicht versagen. 

Hier n y m u s. 

OZöckleb Hieronymus. Sein Leben und Wirken L865. WNowack 
Die Bede 11 in inj des Hieronymus für die Textkritik des \T. l v 7.". < Sj 
fkii.1i Die Aussprache des Hebräischen bei lli eronymus ZaW 4 m ff. 1884. 
HRöns< h lidla und Vulgatal8G9. FKaulen Geschickte der Vulgata 1868 
und Handbuch zur Vulgata L870. ENesti e Ein Jubiläum der lateinischen 
Bibel (Marginalien [§ 17] No. 4) mit besonderer Paginierung). 

21. Der Zustand des Texte- der Vetus Latina war im 
Laufe der Zeiten ein solcher geworden, dass eine Abhilfe 



334 Allgemeine Einleitung. [§ 

dringend nötig war, um so mehr, als immer zahlreichere Ge- 
genden für die Kirche gewonnen wurden, in denen man gar kein 
Griechisch, sondern nur Lateinisch verstand. Vom Papste Da- 
masus wurde HlEBONYMüS als d.-r gelehrteste unter den da- 
maligen Theologen mit dieser Aufgabe betraut. Zunächst 
wollte er nur die Yetus Latina korrigieren und ihre schlimmsten 
Fehler beseitigen. Bei dem Psalter tat er dies doppelt, einmal 
oach LXX (Psalterium Romanum) und ein zweites Mal nach 
dem hexaplarischen Texte (Psalterium Gallicanum) und trug 
sich mit dein Plane, das ganze AT nacli der Hexapla zu 
überarbeiten, wovon sich Hiob noch erhalten hat (herausge- 
geben von Lagarde Mitteilungen 2 i^_:>37, wozu zu vergleichen 
ȆJeer Z ;1 \\' 16 297 ff. 1896, 17 97 ff. 1897 u. 18 257 ff. 1898). 
Aber bald überzeugte er sich, dass damit nichts Rechtes getan 
sei, dass er vielmehr das AT ganz aus der Hebraica veritas, 
die er durch jüdische Yermittelung kennen und verstehn gelernt 
hatte, neu übersetzen müsse. Diese Arbeit begann er um 392 
mit den Büchern Regnorum, vor welchen deshalb der berühmte 
Prologus galeatus steht, und beendete sie 405 mit dem Psal- 
ter, der jedoch nicht in den kirchlichen Gebrauch überging, 
weil hier durch die Liturgie die Gemeinden zu sehr an den 
alten Text gewöhnt waren. Ueberhaupl regte sich gegen seine 
Arbeit zunächst Lebhafte Opposition: völlig rezipiert war sie 
noch 200 Jahre später nicht, denn nach dem Zeugnisse Gre- 
gors d. Gr. (in der Vorrede zu den Moralia in Jobum) be- 
diente sich selbsl die sedes aposlolica mich der alten Ueber- 
setzung neben derjenigen des Hieroxymus und es ist leicht 
einzusehen, d.-is> unter solchen Umständen \"\\v die völlig reine 
Erhaltung dm- Arbeit des BÜERONYMUS nur eine geringe Ge- 
währ gegeben Lt. Aber nachdem sie einmal allgemein aner- 
kannt war. i-.t sie auch von unermeßlicher Bedeutung gewor- 
den, \i»n noch viel grösserer als selbst LXX. lud wenn auch 
Bieeonymus nach Beiner zaghaften Natur nicht energisch ge- 
nug durchgriff und das üeberlieferte oft unangetastet Hess, 
auch wo er es als unrichtig erkannt hatte, so Lt Beine Arbeit 
doch im grossen und ganzen eine bewundernswürdige Leistung, 
die das höchste Lob verdient. Leiter seine Art zu übersetzen 
\ui. die (leissige Monographie von Nowack. 



§ 53.] Hieronymus. 335 

22. Dies sind die positiven Hilfsmittel, welche uns 
zur Annäherung an den Urtext zu Gebote stehn, nachdem alle 
Vorfragen und Vorarbeiten so weit erledigt sind, dass die 
selbständigen Texteszeu^en an Stelle der ihnen vorliegenden 
hebräischen Handschriften benutzt werden können, und dies 
Material hat dann nach den bewährten Grundsätzen der phi- 
lologisch-kritischen Methode verarbeitet zu werden mit unbe- 
schränkter Zuhilfenahme der Emendation und der Konjektur. 
In dieser Weise haben AMEEX den Hiob (§ 43) und Joel 
(§ 28), CHCoexill den Ezechiel (§ 26) und YKyssel den 
.Micha (§ 32 1 textkritisch bearbeitet: eine kritische Textaus- 
gabe des ganzen AT hat sich zum Ziele gesetzt das grosse, 
1893 mit CSiegfrieds Hiob (§ 43) eröffnete Sammelwerk The 
Sacred Books of the Old Testament. A critical edition of the 
Bebrew text etc. under the editorial direction of PaulHaupt, 
von welchem nur noch die Bücher Exodus, Deuteronomium, 
XII und Megilloth ausstehn. 

A n m. Als bequemste Fundgruben für dieses unser Material verdie- 
nen die Polyglotten noch eine kurze Bemerkung. Die erste ist die sog. 
C o m i» lutensische, 1514 — 1517 zu Alcalä, dem Complutum der Rö- 
mer, in sechs Foliobänden gedruckt auf Kosten des Erzbischofs Ximenez 
von Toledo, der auch das ganze Werk unternahm und sieh die Mitwirkung 
der bedeutendsten spanischen Gelehrten sicherte. Das AT enthält den 
MT, beim Pentateuch das Targum Onkelos, die LXX (beide mil genauer 
lateinischer Uebersetzung) und die Vulgata. Der LXXtext ist dadurch 
beachtenswert, dass Ximenez zufällig Handschriften, welche die Rezen- 
sion des Lucian wiedergeben, seinem Drucke zu Grunde legte (vgl. L.v- 
GARDE Mitt. 1 122 f.). Die zweite ist die sog. Antwerpener oder Re- 
gia, auf Kosten Philipps II 1569—1572 in acht Foliobänden von der 
berühmten Firma Plantin in Antwerpen gedruckt. Um sie hat sich das 
grösste Verdienst erworben der gelehrte Dominikaner BENEDICTUS Aäias 
Mmntants. Für das AT ist sie wes< atlich ein Abdruck der Compluten- 
BiSj nur das- sie d is Targum zum ganzen AT mit lateinischer Uebersetzung 
gibt, aber nicht als selbständige Arbeit, sondern nach den druckfertig 
(unterlassenen Manuskripten des Kardinals Ximenez (s. Mi:kx [§ N. ll| 
153—157). Einen wesentlichen Zuwachs brachte die dritte, die Pariser 
Polyglotte, auf Kosten des Parlamentsadvokaten Li; J\v 1629—1645 in 
zehn Foliobänden gedruckt. Die Antwerpener Polyglotte i-t abgedruckt, 
aber zu ihr kommen für das AT hinzu der samaritanische Pentateuch 
neiist Targum, ferner die ganze Peschitthö und eine vollständige arabi- 
sche Uebersetzung — diese alle mit lateinischer Version. Die reichhal- 
tigste und wertvollste i-t die vierte, die Londoner, von Brian Wal- 
ton, Bischof von Chester. 1653—1657 in sechs Foliobänden herausgegeben 
unter Mitwirkung der namhaftesten englischen Gelehrten, eine- Edmund 



c>gß Allgemeine Einleitung. [§ 53. 

stle und Edwakd Pococke. Walton hat die Pariser Polyglotte 
abgedruckt und im AT hinzugefügt die äthiopische Uebersetzung \ron 
Psalmen und Canticum, und für den Pentateuch das Targum PseudoJo- 
nathan und das Bog. Pragmententargum , Bowie eine persische Ue 
setzung. Alle diese Texte Bind gegen die Pariser wesentlich verbessert 
und übersichtlich zusammengedruckt; namentlich aber verleiht ihr einen 
hohen wissenschaftlichen Wert die Variantensammlung, welche den gan- 
zen 6. Band füllt. Als glänzender Abschluss trat dann 1G69 noch Ed- 
mund Castles bewundernswürdiges Lexikon Heptaglotton (hebräisch 
chaldäisch syrisch samaritanisch äthiopisch arabisch und persisch) hinzu. 
— Was ^ieh sonst noch Polyglotten nennt, ist ohne ehaftlichen 

Wert. 



337 



Eegister. 



I. 

Uebersicht über den Entwicklungsgang der 

alttestamentlichen Literatur 
nach den Ergebnissen der speziellen Einleitung. 

Vorkönigliche Zeit. 

Das Lied der Debora. 

Sprüche über einzelne Stämme. 

Aelteste Königszeit. 

Davids authentisches „Bogenlied* IT Sam 1 19—27. 

Salomos authentischer Tempelweihspruch I Reg 812—13 LXX. 

Der sog. Segen Jakobs Gen 49 1—27 in seiner überlieferten Gestalt. 

Die Zeit der getrennten Reiche. 

Israel. Juda. 

Das Buch der Kriege Jahves. Das Buch des Redlichen. 

Die ursprünglichen Bileamssprüche. 

Anlange der Geschichtschreibung. 
Das Bunde-buch Ex 21- 



850—750 Ephraimitische Berichte 
aber Elia und Elisa, in 1 Reg 17 bis 
II Reg 13 verarbeitet. 

Der sog. Segen Moses Dtn 33 ca. 800. 
Unter Jerobeam II : 

ca. 760 Arnos Judäer, aber ausschliess- 
lich in Israel wirkend. 

ca. 750 Das grosse Geschichtswerk 
des Klohisten. 

ca. 745 Hosea 1—3. 

Anarchie nach dem Sturze der 
Dynastie Jen 11 : 

zwischen 738 u. 735 Hosea 4 — 14. 



Jahvist J" unter Josaphat ca. 850 



.!■' in der Genesis, uichl genauer 
datierbar. 



Todesjahr des Ussia spätestens 

73C : 

Jesa jas Prophetenweihe. 

Vor 722: 
Jes G 

2-4 9 7-10 4 5 I2-3 21- bi. 
17 1— 11 7 8. 

1-4. 

Grundriss II. I. Cornill, ATI. Einleitung. 5. Aufl. ■_>■> 



338 Regster. 

Nach der Zerst örung Samariens 722. 

anter Sargon 722 — 705: 
Jes 20 (aus dem .T. 711); 14 28-32 nach Sargons Tode. 

unter Sanherib: 
von 705—701 1 18-19 17 12—8 e 

10 5—32 '[" 14 24—27 

22 1-14 28 t— 31 
vor 701 22 15 ff. 
um 701 Micha 1—3 

nach 701 Jes 1 4 17 ; unbestimmbar 9 1—6 11 1—8 

noch unter Hiskia? Judäische Tempelgeschichten II Reg 11 — 12 16 18 4 
i4_i6, vielleicht auch I ßeg 6 u. 7 ? 
unter Manasse: 
Mch 6 1_7 e. 

ca. 650 E 2 Ueberarbeitung von E durch einen im Lande zurückgebliebenen 
Ephraimiten auf Grund der fortgeschritteneren Entwicklung 
prophetischer Ideen. 
Jüngste jahvistische aber vordeuteronomische Stück« . 
Rj Vereinigung und Ausgleichung von J und E ; zweite Hälfte des 
7. Jahrhunderts noch vordeuteronomisdi. 
unter Josia : 
ca. 630 Zephanja. 

627 Jeremias Prophetenweihr. 

621 Proklamierung des Urdeuteronomiums, welches kurz vorher 
schrieben war. und Kultusreform auf Grund desselben, 
ca. 615 Habakub li— 2 11. 
ca. 608 Nulluni. 
anter Jojakhn : 

605 Erste Niederschrift der Urrolle Jeremias. 
604 Erweiterte zweite Ausgabe derselben. 
ca. 600 Wesentliche Vollendung des Königsbuches durch Rd 1 . 
vor 597 Jer lSit-n 20-27 14— 15 f 16—17-;- 2O7-18? 12 7-18 35. 

unter Jojachin : 
Jer 13 18—19. 
597 Ezecfaiel mit Jojachin deportiert. 

anter Zedekia : 
592 Ezechiels Prophetenweihe in Babylonien am Eebar. 
vor 586 Jer '_' 1 29 49 34-39 22 23 21 32i_, B . 

Nach der Zerstörung Jerusalems: 
Jer 31 si—34 46 is— 26. 

Babylonisches Exil. 

Erste Hälfte. 

Baruchs biographische Aufzeichnungen über Jeremia. 

ober 572 Niederschrift und Abschlusa von Ezechiels Buch. 
April 570 Nachträgliche Einschaltung von Ez 29 17— 21. 
Deuteronomistische Diaskeuase am Deuteronomium, begann wohl Bchon 

in vorexilischer /.■ 
Thr •_' u. I jünger als Ezechiel. 

Zweite Hälfte. 

Redaktion des grossen in deuteronomischem Geiste geschriebenen exili- 
schen 1 iitsbucht'- des Volkes Israel, für Pentateuch Josua Judi- 
iiiiii und Samuelis durch Rd, für Regum durch Rd'-. 



Register. 339 



Anfänge zur Sammlungund Redaktion der vorexilischen Prophetenschriften. 
P 1 Erste systematische Aufzeichnungen von Thoroth priesterlichen Cha- 
rakters. 
Thr 5. 

Jea -I . 10 (u. 11-17) beim ersten Auftauchen der Perser. 
Jes 10 I- zwischen 546 u. :>38. 
Jes I82 14 21 kurz vor 538. 

Persische Zeit. 

Unmittelbar nach 538 Jes 49—55. 

September bis Dezember 520 Eaggai. 

November 520 bis Dezember 518 Zacharja 1—8. 

zwischen 538 u. 500 Ps 137. 

ca. 500 P* in Babylonien verfasst. 

vor 458 Maleachi. 

Vereinigung von P * mit P l . 
ca. 450 Aramäisch geschriebene Geschichte des Tempel- und Mauerbaues, 
vor 444 Jes 56-66. 

444 Feierliche Proklamierung der priesterlichen Gesetzo-ebuno- P l 4- P 2 . 
Das Buch Ruth. 

Das Durchzugslied Exl5i_ ia älter als Esras Memoiren. 
nach 444 Esras Memoiren, 
nach 432 Nehemias Memoiren, 
zwischen 450 u. 400 Drobadja und Jes 15 — 16? 
ca. 400 Wesentlicher Abschluss des Hexateuchs durch Rp. 

Bearbeitung und Exzerpierung der Memoiren Esras und Nehemias 
durch den Verfasser von Esr 10 und Neh 8 i_9 5. 

Im vierten Jahrhundert. 

Abschliessende Gestaltung der historischen Bücher. Gen 14. P x im Hexa- 

teuch. Rp in Judicum und Samuelis. 
Joe! aus dem Ende der persischen Zeil nach 400. 
Hauptmasse des Psalters aus der Zeit des zweiten Tempels und alter als 

die Chronik (also zwischen 450 u. 250). 
Proverbien in seinen älteren Bestandteilen. 
Hohes Lied frühest 
Abschliessende Gestaltung von Threni. 
Midrasch zum Buche der Könige. 

34S Jes 23 Elegie auf die Zerstörung Sidons ] durch Artaxi 

343 Jes 19 1—15 Elegie auf die Züchtigung Aegyptens j III. Od 

Griechische Zeit, 
ca. 330 Jes 24—27. 
ca. 280 Zacharja 9—14. 

ca. 275 üebersetzung des Pentateucha ins Griechische: Beginn der I.XX. 
ca. 250 Der Chronist, auch zugleich Verfasser des Buches Esra-Nehemia 

in der vorliegenden Gestalt. 
Proverbien 1 — 9 30-31. 
Jona. 

vordem Abschlüsse der Sammlung prophetischer Schriften: Ihre mehr 
oder weniger durchgreifende systematische Ueberarbeitungauf Grund 
der Dogmatik des späteren Judentums und seiner eschatologisch-apo- 
kalyptischen HoÜ'nungen. 

■>•> * 



340 



Register. 



250 — 200 Abschluss der Sammlung prophetischer Schriften. 

Hiob, auf jeden Fall jünger als Proverbien 1 — 9. 
204 nach Hitzig Koheleth. 
ea. 200 Jüngste Diaskeuase nach LXX in Geschichts- und prophetischen 

Büchern. 

Alakkabäische Zeit. 

Ps 44 74 79 83 sicher. 

Januar 164 (auf keinen Fall viel früher) Daniel. 

ca. 130 Das Buch Esther (wohl in Persien entstanden). 



IL 

Sachregister. 



Aben Esra bezweifelt die Authen- 
tie des Pentateuchs 23 und Deu- 
terojesajas 164. 178. 

Abweichungen vom überliefer- 
ten Texte aus religiöser Scheu oder 
aus Anstandsrücksichten 315. 

Accentuation vertritt /■uylcich 
Stelle der Interpunktion 308. Be- 
sondere poetische 309. 

Aen d (! r u n g e n iihsichtlichr des 
überlieferten Textes 316 f. 

Ae thiopisc h e Bibelübersetzung 
328 f. 

A k i b a R a b b i vertritt gleichmäs- 
sige Kanonizitäi sämtlicher Schrif- 
ten 298; begründet die ;in den 

Buchstaben gebundene Schriftbe- 
handlung 311. Ob Aquila sein 
Schüler 322. 

AI e .\ a ii d e c .1 ;i n n a e u s ob Psal- 
men von ihm oder über ihn 254. 

A 1 1 s 1 ;t v i s c h e Bibelübersetzung 
329. 

A )i o k a 1 v ]> t i k Wesen der 237 f. 
Jes 24-27 173, 34-3-". L75, Joel 
20 1 und Daniel 237 sind apoka- 
lyptisch. 

A quil a Bibelübersetzer 321 f. 

Archaismen vermeintliche des 
Pentateuchs aichl in Josua 96. 

Ar c h e t j p ii a des massorethischen 
Textes, l'ngliürher Wert der ein- 
zelnen Bücher. Hatte bereits lite- 



terae finales undWorttrennung 312. 

A r i 8 1 e a s Brief des 320. 

A r m e n i s c h e Bibelübersetzung 
329. 

Asteriscus 324. 

Autograph der biblischen Auto- 
ren wie beschaffen 306 f. 309. 

1$ a r u ch Schüler und Freund Jere- 

mias schreibt dessen Reden nach 

dem Diktate des Propheten 185. 

Seme biographischen Aufzeich- 

oungen über Jeremia 187. 195. 
B i Vater des Propheten Bosea 

soll Jes 8 iy— 20 geschrieben haben 

199. 
Ben Ascher 313. 
B e n e ii u u o g der einzelnen Bücher 

verschieden 289. 291. 
Ben Na phtali 313. 
Be a C li n e i d u n <x ihre Stelhui"; hei 

P 68 f. 
Bilea m s spr ii c h e 75 f. 
B i tth e r d a s B ibeJ e 8 e m p 1 a r 

von 311 f. 
B o g enlied II Sam 1 10-2: 126 f. 

248. 
Bomb e r g i 8 che Bibel trennt 

Samuelia 112 und Begum 128 in 

zwei Bücher. 
B u c li d er K r i e ge .1 a hvea 23. 

74. 
Buch des I." .dlichen 95. 126. 129. 



Register. 



341 



Bunde sbu chEx21 — 23 i 

dem Deuteronomiu annl und 

von ihm benutz! 39f. 44—46. Es 
gehör! zu E und hat dort ursprüng- 
lich .in Stelle des Deuteronomiums 
gestanden 81 f. Ist ein Nieder- 
schlag des Gewohnheitsrechtes der 
älteren Königszeit 82. Rd sein 
Verfasser 88. 

-— wird auch das Deuteronomium 
genannt 32 f. 

Calvin erkennt makkabäische Psal- 
men 252 f. 

Cli r o n i k bibl.Buch der setzt schon 
P x als mosaische Thora voraus 92. 
Hat schon Sam in der gegenwär- 
tigen Gestall gel« sen 122. 126. Gilt 
im hebräischen Kanon als Ein Buch 
140. Esra-Nehemia gehört ur- 
sprünglich mit ihr zusammen und 
isl von dem nämlichen Verfasser 
I —157. Hai auch die musika- 
lisch-liturgischen Ausdrücke der 
Psalmenüberschriften 244, kenn! 
allein David als Psalmensänger 
248. Verhältnis zu einzelnen Psalm- 
steilen 251 f. Weiss nichts von 
Spruchdichtung Salomos und e 
Literaturkommission Hiskias 276. 
Fehlte ursprünglich in der Pe- 
Bchitthö und wurde dann Dach 
einem jüdischen Targum gearbei- 
tet 333. 

C h r o n i k der Könige Israels und 
Judas in Regum überall zil 
Verhältnis zu den offiziellen allen 
Keichsannalen und zum Vf. von 
Regum 131 — 133; zum Chroni 
117. 

Chronologie der Genesis Ver- 
hältnis zur chaldäischen 69 f.; ver- 
schieden überliefer! 295. des ftich- 
terbuche 104 -106. 111 f. in Sam 
114. 116. 122. 126. in Regum 130 f. 
132. 

Conj e k t u r ihre Notwendigkeit 

und ihre Berechtigung 317 f. 335. 

1> a ni el St< llung im Kanon 2 10. 

293. 297. Name und Person stamm! 
- Ezechiel 241 f. Griechische 

Uebersetzung des Theodotion hat 

die LXX verdräng! 323. 
David Elegie auf <\^n Tod Sauls 



gehöri zu .1 

überarbeitet 



und Jonathans s B igenlied. „ Letzte 

Worte- 11 Sam 23 i j 127 f. David 

Psalmensänger und die ihm 

zugeschriebenen Psalmen 214 bis 

Deboralied 99 f. 

Dekalog e r s ! e r gehört zu E 
50 f. Auch E 1 hatte einen Deka- 
log 51. 81. 86. 

D e k a 1 o g z weit er 
48. 80. VonRd stark 
88. 

Deute rojesaja wie zu dem Buche 
Jesaja gekommen 183. 

D e u t e r ono m i u m von den übri- 
gen Büchern des Pentateuchs we- 
sentlich verschieden 29. Prophe- 
tischer Charakter seiner Gesetz- 
gebung als Kompromiss zwischen 
Prophetie und Priestertum 38 f. 
Setzt durchweg JE voraus und . 
von P keine Spur 44—47. Mit JE 
vereinigt durch Rd 87 f. Ist Norm 
für den eigentlichen Verfasser von 
Regum 131. Nach ihm die Ge- 
schichtsbetrachtung der exilischen 
Schriftsteller L38 f. Mit ihm zu- 
ersl Sache und Begriffeines kano- 
nischen Buche.-- 289. 

Dra ma ist den Semiten und den 
Hebräern durchaus unbekannl 285. 

D u r c h z u g s 1 ie d Ex 15 i— ie. 7:1 f. 

E kennt eine Lade 46. Ist nicht älter 
als die Königszeil und jünger als 
.1 17 — 49. Sein Verfasser einEph- 
raimit, schrieb unter Jerobeam II. 
49 t. Wurde ca. 100 Jahre später 
überarbeite! durch E ' 50—53. Hat 
keine Urgeschichte 5 1. I lal das 
Buch der Kriege Jahves zitier! und 

benutz! 7 1 f. und hat wohl den 

Segen Moses Im 33 aufgenommen 

7s. Wurde durch Bj mit .1 zusam- 

mengearbeite! und ausgeglichen 

35 -87, hat aher den Deuterono- 

i en Doch als selbständige Schrift 

vorgelegen v 7. In Josua 95 f. In 

Jdc 107—1 1". Ha! Bchon den theo- 

ischen l ismus von Jdc 

vorgebilde! 108. 111. In Sam 116 f. 

120 L25. Spuren von E J in I 

7-12 L5 u 3i 117. II 7 V 123. Ob 

I Reg 11 ,, 89 12 i 20 1» i -i8 133. 

Ebed -.1 a hvelieder 181. 



342 



Register. 



Elia und E 1 i s a Geschichte der- 
selben enthält vier verschiedene 
ephraimitische Quellen 134 f. 

Elias Levita über den Abschluss 
des ATlichen Kanons 292. 

Eli hu Reden des 263—267. 

Ep i 1 o g zu Hiob 262. 270, zu Ko- 
heleth 282 f. 

Epiphanius erwähnt Fünfteilung 
des Psalters 249, 22 kanonische 
Bücher 291. Ueber Theodotion 
und Symmachus 323. 

E s r a lässt P kanonisieren 65 f. und 
zwar P 1 mit P 2 verbunden, aber 
nicht durch ihn selbst, während 
P- x jünger ist 70 f. Seine Memoiren 
71. 151 f. 154. Soll den Kanon ab- 
geschlossen 292, die Quadratschrift 
304 und die Vokalisation des hei- 
ligen Textes eingeführt haben 312. 

E s r a und Neheraia im hebräi- 
schen Kanon Ein Buch 149. 

E s f h e r Kanonizität bestritten 162. 
298 f. Dreifaches Targum dazu 
162. 332. Wird an Purim verlesen 
290. 

E u s e b i u s und P a mp h ilu s ge- 
ben die LXX kolumne der Hexa- 
pla des Origenes gesondert heraus 
325. 

Exil babylonisches inwiefern zur 
Entstehung von P besonders ge- 
i'ignel 71. Geschichtsschreiberische 
Tätigkeit während desselben 138 f. 
Beginn der Sammlung und Re- 
daktion der prophetischen Schrif- 
ten 296. 
K z e c h i e 1 Prophet. Sein Verhä h 
nia zu P 67 f. Verhältnis sum 
Heiligkeitsgesetz 84. Datierl zu- 
erst seineWeissagungen 223. Kennt 
einen frommen und weisen Daniel 
241. Thr 2 u. i Bind von ihm ab- 
hängig 258 f. Kennt das Buch 

Hiob nicht 269, aber Nanu' und 
Person des Hiob 270. Sollte ver- 
borgen weiden 298. 
— Tragiker 285. 

Fest rol len die fünt 290. 

<; (i e t h e tiber den Pentateuch 24. 
(i o t li i s c li e Bibelübersetzung 329. 



H a n a n j a ben Hiskia verhindert 
das Verbergen des Buches Ezechiel 
298. 

Handschrift e n hebräische ver- 
hältnismässig nicht alt; Gründe 
hierfür 309 f. Sind alles Abschriften 
Eines Archetypus 311. An Stelle 
der Handschriften treten die selb- 
ständigen Texteszeugen 318. 335. 

— der LXX 326 f. 

— der Peschitthö 333. 



II an u a Lied der I Sani 2 i 



i" 



126. 



Heiligkeitsgesetz (Lev 17 
bis 26) steht zwischen Deuterono- 
miuni und P 82. Ist von dem Ver- 
fasser von Lev 26 s—a, auf Grund 
älterer schriftlicher Vorlagen zu- 
sammengestellt, aber später im 
Sinne von P ' überarbeitet 83. Ver- 
hältnis zu Ezechiel 84. War schon 
zur Zeit Esras mit P - verbunden 
84 (s. auch 70). Was noch ausser- 
halb Lev 17—26 zu ihm gehört 
hat 84 f. 

Hesychius in Aegypten stellt 
einen dort kirchlich anerkannten 
Text der LXX her 325. 

H e x ap 1 a d e s O r i gen e s 324 f. 
Das Psalterium Gallicanum ist aus 
ihr übersetzt und auch Hiob 334. 

II i e r n v m u 8 Name der Chronik 

141. Nennt das Buch Nehemia 
Esdrae seeundus 149. die Klage- 
lieder cinoth 256. Hat l'rv :',(> t 
u. :il i auf Saloino gedeutet 27:'.. 
Nennt vaiedabber als Name von 
Numeri 289. Zählt 22, 24 u. 27 
kanonische Bücher. Reihenfolge 
derselben 291. Weiss von bestrit- 
tener Kanonizität des Koheleth 
und stellt Esther ganz ans Ende 
299. Weicht Doch vereinzelt in 
der Worttrennung vom MT ab 307. 
Kennt noch keine Bezeichnung der 
Vokale durch die Schrift 3<>S. aber 

schon eine wesent lieh fest e voka- 
lische Aussprache S13. Bezeugt 
zwei Ausgaben Aquilas 322. Leber 
Theodotion 323. Leimt sich \ iei- 
fach an Symmachus an 324. Be- 
zeugt drei offizielle kirchlich an- 

erk; te Rezensionen des Textes 

der l.\\ 325. Erwähnt nie ein 
Tareum 331. Seine Tätigkeit als 



Haggai datier! Beine Reden 223. Bibelübersetzer 334. 



Register. 



343 



Hi lkia Priester überreicht das Deu- 
teronomium 33. 66. Dies nichl der 
Vater Jeremias 184. 

Hiob gehört zu den Weisheits- 
schriften 260f. Poetisches Buch 
290 mit besonderer Accentuation 
309. Eexaplarischer Text von Hie- 
ronymus ins Lateinische übersetzt 
334. 

Hiskia Psalm des 176. Literatur- 
kommission des 276. 

Hohes Lied vielfach nicht als 
kanonisch anerkannt 287. 298. \.n 
Passah verlesen, weil das Targum 
es auf den Auszug aus Aegypten 
deutet 290. Targum dazu stark 
haggadisch umschreibend 332. 

Homoeoteleuton textkril ische 
Bedcutum: desselben für den MT 
315 I. 

J nicht älter als die Königszeit, aber 
älter als E 47—49. Nach über- 
wiegender Wahrscheinlichkeit ein 
Judäer. Ist kein einheitliches Werk 
53 f. Urgeschichte 54— 56. Sekun- 
däre Bestandteile von .1 ausser- 
halb der Urgeschichte 56 f. Ent- 
stehungszeil 57. Hai wohl schon 
den Segen Jakobs aufgenommen 
73. Hat eine vollständige Bileams- 
geschichte 75. Wurde durch Rj 
mit E zusammengearbeitel und 
ausgeglichen 85 — 87. In Josua 95 P. 
In Jdc 107—110. InSam 117—119. 
120—125. J- I 10 s 13 7-« 118. 
II 7V 123. In Reg L29. In Ruth 
vielfach Reminiszenzen au ihn L58. 

Jakob Segen des 72 I. 

J a m n i a Synode von '-". |k '. 

[ddo Namen des anonymen Pro- 
pheten von I Reg L3 1 l s - 

Jehovist s. Rj. 

Jeremia hat I Sani 7 noch eine 
dlderung der Katastrophe Silos 
durch E ' gelesen 1 16 und kenn! 
bereits E* I Sam 7 -12 117. Soll 
Regum geschriel ii n hahen 199.290. 
Verhältnis von 19 7 22 zu Obadja 
207 f.. v.,n 20 h ta zu Hiob 3 268. 
Ob Verfasser der Klagelieder 256 
bis 259. 

Jesaja Stellunij im hebräischen 
Kanon 183. 199. 290. 291. 

Jesu Stillung zum AT und dem 



ATlichen Kanon 300. 
esus Sir ach kennt Esther und 
Mordechai nicht 160 f. AehV- 
Zeuge für das Buch Jesaja 164. 
177. terminus ad quem für Jona 
210 und die Sammlung der zwölf 
kleinen Propheten 235. Erwähnt 
Daniel nicht 240. Kennt einen 
Psalter Davids 253. Sein Verhält- 
nis zu Proverbien. 
Königssprüche 276. 



Prov 277 und den 



Enthält auch 

Bezeugt ganz 

ganzen Kohe- 



leth 283. Bezeichnet Josua als 
Propheten 290. Seine Stellung zur 
prophetischen Inspiration 296 f. 
Warum nicht in den Kanon ge- 
kommen o00. 

Inspir a t 1 n prophetische Erfor- 
dernis der Kanouizität einer Schrift 
300. 

Jonaben A m i 1 1 a i Prophet nicht 
Verfasser von Jes 15 — 16 12 170 
und nicht Verfasser des Buches 
Jona 209. 

Jon a t h a n b e n U s si e 1 gilt als 
Verfasser des ersten Propheten- 
kargum und eine- /.weiten Targum 
zum Pentateuche 331. 

.1 o s e p hu s über bebräische Metri k 
10. Abweichende Angabe über Ne- 
hemias Mauerbau 152. Gebraucht 
jcavcov 289. Zähl! 22 kanonische 
Bücher 291. Begriff der Kanoui- 
zität 299 f. Benuzl überwiegend 
die LXX 321. Sein griechischer 
Bibeltext :'»26. 

.1 s i a Kultusreform <\r^. ging aus 
von dem Deuterouomium 32 f. 

Josua gilt als Prophet 290. 

I r e n ii u s kennt Aquila 322 und 

Theodotion 323. 

I I a 1 a s. Vetus Latina. 
[ttur So f er i m :'. If'>. 

.1 u d ä i g c h e ausführliche Erzäh- 
lungen über Tempel und Kultus 
in II Regum 135. 

Kai eb hiess der Verf. des Haches 

Maleachi? 2:::',. 
K a n o n i /. i t ä t Massstab derselben 

299 f. 
K inastr i> h e 13 i'. 256. 
Ki r c h e n v ä t e r ihre Zitate bei 

LXX 327, der Vetus Latina 

syrische bei Peschitthö 333. 



344 



Register. 



K 1 a g e li e <l e r am 9. Ab verlesen 
'290. Vielfach nicht als eigenes 
Buch gezählt, sondern mit Jeremia 
zusammengenommen "291 . 

K ö n i g a buch im hebräischen Ka- 
non als Ein Buch gezählt 128.290. 
Will ausschliesslich Kirchenge- 
<i-hichte sein 131. Trotz Spuren 
vonP 2 und selbst P x abhängiger 
Dia o Gesamtcharakter 

durchaus deuteronouiistisch 137. 
Wird nicht von dem Chrom« 
als Quelle zitiert 147. 

Koni g ssprüche in Proverbien 
und Jesus ben Sira 276. 

Koheleth gehört unter die Weis- 
beitsschriften 260. Wird anSuk- 
koth verlesen 290. Eanonizität 
bestritten 298 f. 

Koptische Bibelübersetzungen 
328. 

K linst f o r m der Klagelieder 256. 
der Sprüche 271 f. 273, des Bohen 
Liedes 2<>. 

Lucian von Ant'iochien stelH 
einen kirchlich anerkannten LXX- 
fcext her 325 f. 

Luthers Vermutung aber den Dich- 
ter des Biob 268. 

>I j I e a c li i literarisch durchaus \ 
Deuteronomium abhängig 64. 232 f. 

'.1 las or a marginalis, magna, par- 
va. Massorawerke 313. Eine be- 
adere zum Targum Onkelos 331. 

MasBoreth e o ihre Aufgabe und 
Tätigkeit 313 f. 

M •• I i t li von 8 ar d e s Kanon d( s 
292. Erwähn! Esther nicht 299. 

M • • b - 1 e i ü Schrift Charakter des 

9. 305. Hai l'mikt als Wbrttren- 

ner und Sl rieh ah Satz! rennet und 

mach! spärlichen Gebrauch von 

n matte- l«-i-t i<»nis 305 f. 

M ei o be I u - 324. 

M i il r ,i - c li mehrfacher zu Es! her 
L62. Fünfteilung des Psalters249. 
Hai 24 beilige Schriften 290. 

— zum Königsbuche Hauptquelle des 
Chronisten 117 f. 

M isch u a zählt 24 heilige Schrif- 
ten 290 '-"ii gleicher kanonischer 
Dignitäl 298 f. 

M o a e kannte die Schrift 8 f. Ob 



5—40. Dichter 
Soll Verfasser 



Verfass Pentateuchs 22 f. 

Abschiedsreden 37 f. Speziell das 

Urdeuteronomium will von ihm 

geschrieben sein : : 

von Ps 90 246 f. 

des Hiob sein 268. 
Mose Lied des 31. 76 f. 88. Seine 

Verwandtschaft mit Ps 90 247. 
— Segen des 31. 77 f. 
Musterhandschrifte n mas- 

sorethische :>14. 

N ehern ia seine Memoiren 152 f. 

Soll den Psalter zusammengestellt 

247 untl den Kanon abgeschlof 

haben 292. 296. 
Nehemia Buch s. Esra. Von 

Hieronymus Esdrae Seamans ge- 

nannt 149. 

Obeliscus 324. 
Occidental en 313 f. 

Onkeln- soll Verfasser des ersten 
Targum zum IVutateuch sein 3-1'» f. 

O rient a 1 e q 313 f. 

O r i g e n e s überliefert '/.n\\i--siy.t»- 
Seiu-fürNui B9 und ouaujieXsx 

8aßi8 für Regum 291. Zählt 22 
kanonische Bücher 291. Reihen- 
folge derselben 292. Stellt Esther 
an- Ende 299. Kennt schon eine 
wesentlich feste vokalische Aus- 
Bprache des hebräischen Textes 
313. Seine Arbeiten für die Text- 
kritik des AT 324 f. Erwähnt nie 
ein Targum 331. 

O r th g r a p h i e zuer.-t sehr un- 
vollkommen 305 f. Allmählii 
Wechsel und Entwicklung dersel- 
ben 307 f. 315. 

P ist dem Deuteionnniiuni völlig un- 
bekannt 44 —47, bilde; den übrigen 
pentateuchischen Quellen gegen- 
über eine geschlossene Einheit, Ist 
aber Belbsl zusammengesetzt: äl- 
teste schriftliche Aufzeichnungen 
priesterlich i akters I". ^vi't.-- 

sere zusammenhängende Schrift 
und Kern des Ganzen P '-'. jün 

iil riebe verschiedenster Art I' 
58 f. Was zu P* gehört 59—63. 

Umfang und Charakter von P* 63. 

Esra brachte schon P 1 -j-P* mit, 
während P jünger i-t als Esra 



Register. 



345 



Grenze nach unten für P x 
die Chronik 92. Wurde durch Etp 
mit JED zusammengearbeitet # 
91. Verhältnis von Rp zu I' 
89 f. In Jus 1 — 12 nur ganz spär- 
lich vertreten 94, wesentlicher in 
Kap. 13 -24, auch P 1 und g 
jüngere Bestandteile 95 f. Jdc 2 io 
u. 8 so u. 32 an P anklingend 11 1. 
in 222* 116 u. I Reg 7 4 8 137 
von P* abhängig, I Reg 8 i -i'i nach 
P überarbeitet 130. 137. 6 ie u. 
12s2 u. 33 von P abhängig 137. 
i» wörtliches Zitai aus I' 134. 
137. P ist Ursache für die Um- 
bildung der üeberlieferung durch 
den Chronisten 144 f. Rt4is von 
bhängig 158. Ps 19 jünger als 
P 250. Job 42 « von P abhängig 
269. 

P l s. Heiligkeitsgesetz. 

P a p y r u s Anas t as j ! II 8. 

P ar all elt exte der Chronik zu 
- melis und Regum 142. Be- 
weis für langes Portbestehn der 
alten unvollkommenen Orthogra- 
phie 306. Beweis für geringe Sorg- 
falt der ueberlieferung in älterer 
Zeil 315. 

Paulus \ on T e 1 a iibi die 

griechische Bexapla des Origenes 
ins Sj rische 325. 

Peschitthö hat von MT und 
i.XX abweichende Psalmenüber- 
schriften 245. 

Philo ältester Zeuge fürdieFünf- 
teilungdes Pentateuchs 19. Zitiert 
keine Apokrj phen, aber auch man- 
che kanonische Schriften nicht301. 
Benutzt ausschliesslich die LXX 
321. 

Poetische B ii c b e r sind Psal- 
men Proverbien Hiob 290. Mähen 
eine besonder, ■ ,\< | [on 309. 

Porphyrius Neuplatoniker be- 
streitet die Authentie des Daniel 
- 

P r e d i g ■■ r -. Koheleth. 

Prolog zu Proverbi tzt das 

gan h voraus 277 und ist 

älter als Biob -Jß9. 

— zu Hiob 262. 270. 

— des Siraciden 254. 290. 297. 320. 
Prophetenschrift e a Samm- 
lung beginnt im babylonisch n 



Exile '-'<"•.. 

Pr op h - sehen betrach- 

tet 235. 241. 300. 

Psalm e i, poetisches Buch 290 mit 
besonderer Ac< ion 309. Sind 

Ausgangspunkt für die .Sammlung 
der Bagiographen 297. Drei 
von I lieronj mus ins Lateinisch! 
übersetzt 334. 

P u n k t a t i o n Alter der. B 
Ionische und tiberiensische -'108. 

Ras chi über Hiob 27« s 263. 

Rd hat JE mit I» verein . Ob 

Dtn in die gegenwärtige Gestalt 
gebracht 88. Ist wesentlich 
fassi r von Ex 20- 24 88 und von 
.Ins i -12 95. In Jdc 98 f. 101. 
103. 111. Deuteronomist - - I lich- 
terbuch 104—107. 1 Sani 2 27—86 
4i5i8 a 116. 13 1 114. 14*7-51 11- f. 
II Sam 2 10 122. Kap. 8 123. Deu- 
ronomistisches Samuelisbuch 
125 f. Deuteronomistisches Köt 
buch 131—135. Hier Ontersi 
düng vonRd 1 und Rd - 136 f. 
schJÜessende deuteronomisj . 
Gesamtredaktion der bistorischen 
Buche- L38— 140. 

R ei ch s ann al en offizielle von 
der ältesten Königszeit an geführt 
131. Verhältnis der in Reg zitier- 
ten Chronik der Könige Israels 
resp. Judas zu ihnen 131—133. 

R e i h e n f I g e der drei 

Prophetenim jüdischen Kanon 183. 
199. 290, der zwölf kleinen Pro- 
pheten und Prinzip ihrer Anord- 
nung 235—237, der einzelnen Bü- 
r im Kamm 291 f. 

R h y t h m u s der hebräischen Sprache 
anapaestisch 12. \'i. 

I! j (Jehovist) ein Judäer, hat .1 und 
E zusammengearbeitet und har- 
monistisch ausgeglichen 
In Jdc llOf. In Sam 118. I 

i; p hat JED mit I" vereinigt 88—91, 
bei JED möglichst geschont und 
erhalten 89. Verhältnis zu V 89 f. 
In Jos 1 — 12 zurücktretend 94, 
aber wesentlich Verfassi 1 \<m 13 
bis '_'4- '.»•">. Verhält sich freier zu 
P 96. Ein 11t in Jdc das 

von Rd (i'->t riehen e wieder her und 
y\ die kleinen Richter ein 111 f. 



346 



Register. 



Desgleichen in Sani das von Rd 
Gestrichene 126. 
Ruth an Schabuoth verlesen 290. 
Vielfach nicht als besonderes Buch 
gezählt, sondern mit Jdc zusam- 
mengenommen 291. Kanonizität 
bestritten 298. 

S al o m o sein Tempelweihspruch 
129. Tempelweihgebet 180. Dich- 
ter der Psalmen 72 u. 127 245. 
247, der Proverbien 273 f., des 
Koheleth 278 f., des Hohen Liedes 
284. oderGegenstand desselben 285. 

S a m u e 1 i s im jüdischen Kanon 
Ein Buch 112. 290. Die Chronik 
Zeitgrenze für abschliessende Re- 
daktion 122. 126. 128. 

Schreibfehle r im MT 315 f. 

S e d er O 1 a m Buch, über die pro- 
phetische Inspiration 300. 

Septuaginta zu Gen 47 4— e 92. 
Ex :;:.— 40 60. 92. Dtn 1 39 45. 92. 
Zu Josua 96. 8 30-35 43. 19 47 96. 
Kap. 20 43. 96. Trennt Sam in 
zwei Bücher 112. I Sam 2 1—10 126. 
22 66. 116. 3 2i-4 1 115. pi, 7 114. 
13 1 114. 17—18 119 f. Trennt Reg 
in zwei Bücher 128. I Reg 8 12— is 
129. Vielfach abweichende An- 
ordnung und Dubletten einer an- 
dern Rezen ion des hebräischen 
Texte- 138. Trennl Chron in zwei 
Bücher 140. Stellung von Ruth 
L58. Zu Jeremia 188. 189 f. 1'.':; 
bis 195. 9 4-5 307. Zu Hos 13 . 
207. Mal 1 1 233. Anordnung der 
kleinen Propheten 236. Psalmen- 
Überschriften 245. Abweichende 

Zählung der Psalmen und ein über- 
zähliger 255. Ps 75 s 307. Bai 
• •ine Einleitung zu Threni 257. 
Di( • aichi von dem nämlichen über- 
setzt, wie Jeremia 258. Nachschrift 
zu ffiob 270 f. Bei Pro? 271. 277. 
Ihre hebräische Vorlage ohneWort- 
trennung 306 f. Name 320. Nicht 
von Anfang an offizieller Charak- 
ter 321. Hat die Peschitthe 
einflusst 333. 

Silo ahin 8 c h r i f t Schriftcharak- 
ter. Punkt Worttrennerund ver- 
einzelte matres lectionis 305 f. 

S f p a - u k als Verstrenner. Wird 
im Talmud für Thorarollen ver- 



boten 307 f. 

S p i n o z a über den Pentateuch 23, 
die prophetischen Geschichtsbü- 
cher 138. Ueber Beschaffenheit 
und Entstehung des MT 310. 

Sp r u c hliu c h gehört zu den Weis- 
heitsschriften 260. Poetisches Buch 
290 mit besonderer Accentuation 
309. Sollte verborgen werden 298. 

Stich e n in der hebräischen Poesie 
10 f. 

Stichwort beeinflusst die Anord- 
nung bei Jesaja 183, Psalmen 249 
und Prov 275. 

St iftshütte ist Projizierung des 
salomonischen Tempels 66 f. 

Strophe n in der hebräischen Poe- 
sie 11. 16 f. 

S y m m a c h u s Bibelübersetzer 323 f. 

Synagoge grosse, Männer der, 
sollen den Kanon festgestellt ha- 
ben 292. 

S y n c h r 11 i s m e n in Reg 137. 

Syrische Bibelübersetzung 

s. Pesehitthö. 

T a 1 in u d zählt 24 kanonische Bü- 
cher 290. Ihre Reihenfolge 291. 
Kennt noch keine Vokalzeichen 
308. aber fest überlieferte vokali- 
sche An- --, 11 ache 312. 

T a t-gu in dreifaches zu Esther 162. 
Deutet Cant auf den Auszug aus 
A''_ r v!iten 290. Saniaritanisehes 
319. Beeinflusst die PeschitthÖ 333. 

T e 1 I - e 1 - A m a r n a Tontafelfunde 
von 9. 

'I' e t ra pl a 324. 

T h e (» .1 i e e e Problem der deutero- 
nomistischenl reschichtssebreibung 
L38 and des Buches Biob 261. 

T h e d 11 r v o n M op 8 u es! i B 
erklärt 17 Psalmen Für makka- 
bäisch 252. 

Theodotion Bibelübersetzer 323. 
Sein Bibeltexl 323. 326. Ha' die 
I.W' zuin Daniel völlig verdrängt 
323 

Ti qqun Sof er im 316. 

Tritoj esa.j a 1*0. ls] f. 

Ueber lieferung der handschrift- 
lichen Texte in älterer Zeit nicht 
skrupulös 315. 



Register. 



347 



Ueberschriften der Psal- kalbezeichnung 312. 
in e n 2 1 L — 247. 



U r d e u t i' r o n o m i u m 33- : 

Urg e 8 c li i c hl e bei J 54 — 56. 

ür 1 u ci an 323. 326. 

I vobadj a 208. 

U r r o 1 1 e Jeremias aus dem 4. 

resp. 5. Jahre Jojakims 185 f. 
Urtext der biblischen Autoren wie 

herzustellen 335. 

Vati c a n u s Codex P. repräsentiert 
die ägyptische Bibel 323. Verhält- 
nis zum hexaplarischen Text . 26. 

V e r bergen ein Buch was es be- 
deutet 293 f. Welche Bücher ver- 
borgen werden sollten 298. 

runreinigen der Hände 
= kanonisch 293 f. Bei welchen 
Büchern bezweifelt 298. 

V e t u s Latina 327 f., von Hiero- 
nymus bearbeitet und korrigiert, 
aber noch ea. 600 offiziell benutzt 
334. 

Vokalisation ihr Alter nicht 
identisch mit dem Alter der Vb- 



We i s h ei t Begriff bei den Hebräern 
f. 271. Schon hypostasierl 261. 
275 f. 

Weisheitsliteratu c was da- 
zu gehört 260. Ihr literarischer 
Charakter 261. Ihr Wesen 2<;s. 
275. 

Worttrennung in althebräischer 
Schrift ursprünglich nicht, nur z. 
T. durch einen Punkt 305 f. Schon 
im Archetypus des MT durch Zwi- 
schenraum 307. 312. 

Z .i c h a rj a Vatersname -J24. 230. 
Einzelne Stücke datiert 224. Wie 
9 — 14 an 1 — 8 kommen konnte 
234 f. 

Zählung verschiedene der kano- 
nischen Bücher 290 f. 

Zephanja nicht Nachkomme des 
Königs Hiskia 221. 

Z w ö 1 f p r o p h e t e n b u c h gilt im 
jüdischen Kanon als Ein Buch 235. 
290. 



III. 

Verzeichnis der in der speziellen Einleitimg 
besprochenen Stellen. 

(Die in kürzeren Paragraphen behandelten Bücher sind hierbei nicW 

aufgeführt.) 



Gen 1 i 89. 
2 i 89. 
4 54. 

6 . 89. 

7 3 7 — 9 22 23 89. 

9 18—19 20- 

10 21 24 89. 
1 1 1-9 5 I 

12io-2o 57 
13 i4-iT 56 



Gen 14 78- 

15 ig K. 19—21 89. 
io B5. 

18 11 i 22 88 56. 

20 i 8 85. 

22 2 14 — 18 86. 20—24 

25 , b 56. 

26 3—5 56. 6 87. 15 1 

27 m 57. u 89. 

28 u *6. 



Gen 30 i 3] i 36. 

:I1 ■; ;,| B6. 

32 io ta 56. 86. a 

34 52. 39. 

35 i—4 •">_'. o is io : 

36 

36 i—5 89. 3i—39 56. 

37 i; 19. B9. 

39 i 20 86. 

40 .& 



:u* 



Register. 



Gen 43 u 89 f. 


Nnm 11 -5ü. 7—9 10 


90. ' 


Jos 20 42. 


45 19—21 86. 


14 — 30 51 f. 




24 40. 


46 i 90. s-27 59. 90. 


12 52. 16 90. 




Jdc li_2s 107. 110 f. 


47 4-6 92. so 90. 


14 11—21 86. 27—88 


90. 


Jo-3c 98. 2 10 111. 


48 7 90. 


44 88. 




22 108. 


49 1-27 72 f. 28 31 90. 


15 61. 84. 37-41 8 


•">. 


2 23-3.3 107. 


Ex 4 »«-lö 90. 21-2387. 


16 62 f. 90. 




3 7-11 98 f. 12-sö 99. 


27—30 90. 


17 1-; 63. 90. 27 


—28 


31 107. 112. 


5—10 90. 


90 1'. 




4-5 99-101. 


6g- 9 90. 13 _3o 59. 90. 


19 61. 84. 




6— S IUI -103. 


8 i 8 87. 


20 i_i3 91. 




8 30—32 111. 


9 14 — 16 29 87. 


21 4 91. 13 — 18 17— ls 27 


9 lu;;. 


10 s 87. 


1 1 1 > 30 74 f. 32 — 35 


52. 


10 1-5 104—107. 112. 


12 i: — 20 59 2i—27 88. 


88. 




6-16 108. 111. 117. 


40 — 42 90. 43—50 59. 


22—24 75 f. 86. 




10 17-12 7 103 f. 


13 s—ig 88. 


22 i; 350 




l-_'s-.5l04— 107. 112. 


15 1—18 20-21 73 f. 26 


2420-24 92. 




13-16 104. 


88. 


25 6—9 Gl. 16—18 


91. 


15 20 111. 


16—17 90. 


26 61. 9-10 91. ,1 


90. 


17—21 108—110.111. 


18 51 f. 2 86. 


27i-n 61. 




I Sain 1-7 1 115. 


19—34 50 f. 88. 


28—30 61 f. 




2i 10 117. 126. 2266. 


19 3-8 88. is 51. 2386. 


31 62. 91. 




116. 27-36 116. 


20 2-17 86. 88. 11 90. 


32 88. 91. 




4—6 11^. 


1 21 88. 22 — 26 81. 


33 62. 91. 




4 15 is 116. 


21—23 80—82. 88. 


:;! 1-15 62. 




T 822 116 f. 


2227-28 51. 


35 1 .8 62. 




9 i-lU ig 114. 117 1. 


23 10—12 14—16 51. 14 


361-12 61. is 91. 




92 9 118. 


bis 19 51. 17—19 86. 


Dtn 1-11 37 f. 




10 8 Hb. 17-27 116 f. 


20—33 81. 


l.- 5 91. 3 9 45. 9: 


> 


24 25 118. 27 114. 


24 1—2 9—11 51. 3—8 81. 


441-43 42. 91. 




11 114. 117 f. 8 115. 


27so 21 59. 


7 12-24 40. 




118. 12-14 118. 


• | ; -V.l. 


10« 7 42 f. 91. 




12 116 f. 


29 11 ., 59. 38-42 70. 


12 33. 




13—14 114. 117 f. 


30-:! 1 59. 


14 1-21 33. 




13 1 114.7-15 115. 118. 


30 ia 70. 


15 i_6 34. 




19 22 114. 


31 is 90. 


I61 8 34. 




1 1 ,7-61 118. 52 119. 


32—34 


16 2i-17 7 34. 




i:. 116 1. 118. 126. 


33 t .. 51. 


IT 11 34. . 


;:.. 


16 1 18 121.1 120 


3429-86 59. 29 90. 


18 14—22 35. 




IT— 18 119 f. 


35—40 60. 


19 16—20 35. 




1-. - 121. 


Lev 1—7 60. 84. 


20 1 918—18 35. 




19,-ion 17 120. 


8 60. 


21—25 35 f. 




19 is •_•'), 121 


10 8 I 3 11 18 -20 60. 


22 1 s 36. 




20 121. 


11—15 60. 84. 


36 f. 




21 2 1011—16 121. 


11;; i 


26i- 1: 36 




22 121. 


16 62. 


27< b 43. n-26 43 


91. 


3 -31 121 f. ■ 


IT 26 32 35 


36 f. 




288-86 126. 


27 60. TU. 


31 1 - 43. 88. 14 


15 2:1 


11 Sani 1 6 122. 


Nim,, 1—2 61. 


29. 13. 38. 16-so 


!:;. 


1 19 27 122. 127 f. '-Ms 


3 1 « 10 — ei 61. 


T- 91. 




123. 88-w 126 


! 7 61. 


32 ! is 76 f. .u 88 


91. 


5ia ir. 123. 


i 84. 


48-52 29. 49 91. 




T 122 f. 


61. 


33. TT f. 




8 123. 


1. 1 14 61. 


34 i_8 •-"•'• 10—12 


• 


9—20 123 f. 126. 




.los 8 so ie 43. 




21—24 124 f. 



Register. 349 



II Sani 22 127. 250. 12-1 s 129. is-ss 136. 20 22—23 135. 

23.-7 127 f. I Reg 12—16 133 f. II Reg 17 7 -« 136. 

1 Reg 1—2 129. 123233 133. 137. 18i 8 -20i fl 175 f. 

3—11 129 f. 13 133. 137. 25 29-30 135. 

:; ■■ 136. 18 31 134. 137. ' I Chron lös-se 251 f. 

6 7 1 1 17 -II 10 II 13 14-21 Jer 49 7 -22 207 f. 

6 118 137 134 f. Micha 4,-4 167 f. 

7 48 -5o 137. II Reg l 2 -i6 134. 137. Zach 9—14 23 

- 11 130. 137. ,66. 1 11— 12 16 10-18 18 bis Ps 18 127. 



350 



Berichtigungen. 



S. 54 Z. 18 v. o. lies 11 1—9 anstatt 11 1 

S. 81 Z. 12 v. 0. lies 20 22-26 anstatt 20 22-27. 

S. 90 Z. ■"> v. 0. lies 27—30 anstatt 17—30. 

S. 90 Z. 6 v. u. Hess 12 is b anstatt 11 io b . 

S. 91 Z. 6 v. 0. füge hinter Aeltesten Midians ein: 224 u. -,. 

S. 121 Z. 12 v. 0. lies 21 11— ie anstatt 21 11-17. 

Durch ein mir selbst unerklärliches Versehen ist auf S. 89 in der 
Reinschrift für den Druck ein ganzes Stück ausgefallen. Der Satz Z. 5 
v. u. muss heissen : 

Kap. ö4. wo die Beschneidung in Frage kommt, hat er (nämlich Rp) 
im Sinne und nach dem Sprachgebrauche von P überarbeitet, in Kap. 35 
v. i9 b {i zugesetzt und 6*9—15 frei komponiert, indem er aus Bücksicht auf 
JE c a 11 12 is a 15 hinter 28 y wegnahm und mit einer zweiten Gottesoffen- 
barung an Jakoli auf der Rückreise v. 9—10 verschmolz (Gi'xkel). 






\ "r.hi..\.. von .1. C. B. Mohb d'Aii. Siebeck) ix Tübiw&i ff. 



KURZER HAND-COMMENTAR 

ALTEN TESTAMENT 

in Verbindung mit 

I. Benzinger, A. Bertliolet, K. Budde, B. Duhin, H. Holzinger 

und Cl. Wildeboer 

herausgegeben von 

D. Karl Marti, 

ord. Professor di r Theologie an der Universität Bern. 

Lex. 8. 
Preis des ganzen Commentars in 5 gehefteten Bünden oder 20 Abteilungen, 

trenn auf einmal bezogen M. 76. — , 
in 5 Halbfranzbänden M. 90.-, in 20 Leinwandbänden M. 96.—. 

Jede Abteilung ist einzeln zu den beigesetzten Preisen käuflich. 
Die Bände werden nicht einzeln abgegeben. 

Abteilung 

I. Genesis, erklärt von Stadtpfarrer Lic. Dr. li. Holzinger. Mit l Abbildung. 

1898. M. 6.- , gebunden M. 7. — . 
II. Exodus, erklärt von Stadtpfarrer Lic. Dr. H. Holzinger. 3tit 8 Abbildungen. 
I90o. M. 3.- mden M. 4. — . 

III. Leviticus. erklärt von Professor D. \. Bertholet. 1901. M. 2.40, gebun 
M. 3.40. 

IV. Numeri, erklärt von Stadtpfarrer Lic. J>r. IT. Holzinger. 1903. M. :;.7ö, geb. 

M. 4.75. 

V. Deuteronoininui, erklärt von Prof. D. A. B e r t h o 1 e t. 1899. M. 2.50, geb. M. :;.50. 
VI. Das Buch Josua, erklärt von Stadtpfarrer Lic-. Dr. Jl. Holzinger,- 1901. 

M. 2.60, gi b. M. H.öO. 
VII. Das Buch der Richter, erklärt von Prof. D. K. Budde; 1897. M. 3.60, 

M. - 1 
V1I1. Die Bücher Samuel, erklärt von Prof D. E. Budde. 1902. M. 7.— , geb. M. 8.— . 
IX. Die Bücher der Könige, erklärt von Die. Dr. 1. Beuziuger. 31 i t 9 Abbil- 
dungen im Text, einem Plane des alten Jerusalem and einer Geschichtstabelle. 
M. 6. . geb. M. 6. — . 
X. Das Buch Jesaja, erklärt von Prof. D. K, Marti. 1900. M. 7.—, geb. M. 8.—. 
XI. Das Buch Jerenüa, erklärt von Prot D. B. Duhm. 1901. M. 6.80, geb. U 7.80. 
XII. Das Buch riesekiel, erklärt von Prof. D. A. Bertholet. Mit '• Abbildungen. 
1 - '7 M. 6 , «•'"■ M. 7. — . 

XIII. Dodekapropheton, erklärt von Prof. D. K. Marti. 1904. M eh. M. 9.--, 

XIV. Die Psalmen, erklärt von Professor D. B. Duhm. 1899. M. 6. , geb. M. 7.— . 
XV. Die Sprüche, rklärt von Prof. D G Wild I 1 1897 M. 2.60, geh M 

XVI. Das Buch lliol), erklärt von Prof. D. B. Du lim. 1897. M. 4.80, 
XVII. Die fünf MegUlol (Hohes Lied, Ruth, Klagelieder, Predigerund Esther), erklärt 
von Prof. li K B u d d e, Prof. D. A. Bertholet, Prof. D. G. W ilde l> o e r. 
1898 M. 4 . AI. 5.—, 

XVIII. Das Buch Daniel, erklärt von Prof. I> K. Marti I . geb. M. :;.36. 

XIX. Die Bücher Esra und Nehemia, erklärt von Prof. D. A. Berti 1902. 

M. 2.60, geb. M. 3.50. 
XX. Die Bücher der Chronik, erklärt von Lic. Dr. I Benzingi M 

M. 4.—. 

Einteilung in Bände. 

Band I: Abt. I — V. Genesis. Exodus. Leviticus. Numeri. Dcutero- 

nomium. 

Josua. Richter. Samuel. König 
Jesaja. Jeremia. 
BesekieL Dodekapropheton. 

Psalmen. Sprüche. Iliob. Die fünf Megillot. 
Daniel. Esra und Nehemia. Chronik. 



II: 


, VI— IX. 


III: 


. X. XI. 


IV: 


. XII. XIII. 


V: 


„ XIV— XX 



Veblag von- j. C. B. .Mohr (Paul Sj es Tübingen. 

Die bleibende Bedeutung des Alten Testaments. Ein Konferenzvor- 
trag von D. Emil Kau tz « ch, Professor der Theologie in Halle. 
Zweite, durch ein weiteres Vorwort vermehrte Auflage. 8. 1903. M. — .65. 
tnmlung gemeinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiet 
der Theologie und Religionsgeschichte. 25.) 

pif O5trtt0,niu , il}tnt tu frer nittfftmnmtltrijtn IMiattm. Vortrag 
«ort D. 33. ®u&m, Sßrofeffor ber 2bcoIogtc in «a[e(. 8. 1905. 3tt. — .60. 

Die bösen Geister im Alten Testament. VonHansDuhm, Lic. theol. 

8. 1904. M. 1.20. 

Einleitung in den Hexateuch. Von Lic Dr. H. Holzinger, Stadt- 
pfarrer in Ulm a. D. I. Text. II. Tabellen über die Quellenscheidung. 
Gr. 8. 1893. M. 15.—. Gebunden M. 17.50. 

Biblische Theologie des Alten Testaments. Von D. b. Stade, G 

Kirchenrat, Pi • der Theologie in Giessen. Erster Band: Die 

Religion Israels und die Entstellung des Judentums. Erste und zweite 
Auflage. 8. 1905. M. 6.—. Gebunden M. 7.—. (Grundriss der theo- 
logischen Wissenschaften.) 

Das Alte Testament, seine Entstehung und Ueberlieferung. Grund- 
züge der alttestamentlichen Kritik in populär-wissenschaftlichen Vor- 
trägen dargestellt von W. Robertson Smith. Ins Deutsche über- 
tragen und herausgegeben vonD. J. W. Rothstein, Professor der Theo- 
logie in Balle. Billige Ausgabe. Gross 8. 1905. M. 4.50. Ge- 
bunden M. 6.—, in Halbfranz M. 7.—. 

Die Entstehung des Alten Testaments. Von d. Bernhard Du hm. 

Professor der Theologie in Basel. 8. 1897. M. —.60. (Sammlung 
meinverständlicher Vorträge und Schriften aus dem Gebiel der Theo- 
logie und Keligionsgeschichte. 6.) 

Die messianischen Weissagungen des israelitisch-jüdischen Volkes 

bis zu den Targumim historisch-kritisch untersucht und erläutert von 
Dr. phil. Eugen Sühn, Pfarrer in Heilingen bei Orlamünde. 
einem Vorwort von Professor D. Paul W. Schmiede! in Zürich. 
I Teil. Die messianischen Weissagungen des israelitisch-jüdischen 
Volkes. Gr. 8. 1899. tö. 3.60. II. Teil. Die alttestamentlichen Citate 
and Reminiscenzen im Neuen Testamente. Gr. 8. 1900. M. 6 — . 

Hilfsbuch zum Verständnis der Bibel. Von Dr. Engen iiüim, Pfarrer 

in Heilingen bei Orlamünde. ba 4 Heften. Klein 8. 1904. 

[ei : !>i'- Bibel als Ganzes. Namen und CJml mmlung clor i 

nen Schriften t.utd Kanon. talt. Handschriften und TJebersetzungen der Bibel l'.ib- 

lisclu- Archäologie, [sraelltlsch-jüdische Geschichte bis zum Barkochba-Aufstande 186 n. 
fl,, ei Zweite« Heft l>a- Lite Testament nach Inhalt und Entstehung. 

Drittel Heft: l»a> Nene Testament nach Inhalt and Entsteh- 
niiff. Qfti . Vierte« Heft: GeschLohte Jesn und der ältesten Christen bti 

zur .Mitte des 2. Jahrhunderts. 

Jedes Heft ist in Bioh abgeschlossen und ein/ein käullich. 

II i • folgl 1906. 

Nach Erscheinen des 4. Heftes werden auch Exemplare des vollständigen Hilfsbuchs in einem 

Bande hergestellt. 

Kurzes Bibelwörterbuch. Unter Mitarbeit von G. Beer, Professor in 
Sd .11. .1. Holtzmann, Professor b bürg, E. Kaut/, seh, 

Professor in Halle, E. Siegfried, Professor in Jena, t A. Socin, Pro- 
fessor in Leipzig, A. Wiedemann, Professor in Bonn, 11. Zimmern, 
Prof — ir von II. i; uthe, Professorin fieip- 

zig. Mit 4 Beigaben, 2 Karten und 215 Abbildungen im Text. Lex. 8. 
19u:;. ML 10.50. in Halbfranz gebunden fit. 12 



VfijUiAG von J. C. B. M o ii r (Palm. Siebe« k) iv Tübingen. 



Lehrmittel für Studierende der Cbeologie. 

Lehrbücher. 

a) Sammlung theologischer Lehrbücher. 

Harnaek, A., Lehrbuch der Dogmengeschichte. Erster Band: Die Ent- 
stehuDg des kirchlichen Dogmas. Dritte, verbesserte und vermehrte 
Auflage. M. 17. — . Zweiter Band: Die Entwicklung des kirchlichen 
Dogmas. I. Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage. Bf. 10. — . 
Dritter Band: Die Entwicklung des kirchlichen Dogmas. II. III. 
Schluss des Werkes. Mit Register zum ganzen Werk. Dritte, ver- 
besserte und vermehrte Auflage. M. 18. — . Einband in Halbfranz pro 
Band M. 2.50. 

Holtzmann, H. J., Lehrbuch der historisch - kritischen Einleitung in das 

Neue Testament. Dritte, verbesserte und vermehrte Auflage. M. 9. — , 
in Halbfranz gebunden M. 11. — . 
- — Lehrbuch der Neutestamentlichen Theologie. In 2 Bänden. Ver- 
griffen. Neue' Auflage in Vorbereitung. 

Kattenbusch, F., Lehrbuch der vergleichenden Konfessionskunde. Erster 
Band: Prolegomena. Die orthodoxe anatolische Kirche. M. 12.—, in 
Halbfranz gebunden Bf. 14.50. 

*Krauss, A., Lehrbuch der praktischen Theologie. In 2 Bänden. M. 16. — , 
in Halbfranz gebunden Bf. 20. — . 

(Ausserhalb der Sammlung isl erschienen: 
Krauss, A.. Pastoraltheorie. Durchgesehener Sonderabdruck aus 
dem Lehrbuch der praktischen Theologie. Herausgeg. von Privatdoz. 
Lic. F. NiebergaU Klein 8. Kartoniert Bf. 2.—, 'geb. M. 2.75.1 

Moeller, W., Lehrbuch der Kirchengeschichte. Erster Band: Die alte 
Kirche, /weite Auflage. Neubearbeitet von H. von Schubert. 
Bf. 18. — . in Halbfranz gebunden Bf. 20,50. Z w e i ter 1! a n d : Das Mittel- 
alter. (Erscheint in neuer Auflage.) D r i t ter Band: Reformation und 
Gegenreformation. Bearbeite! von Gr. Kawerau. Zweite Auflage. 
Bf. 10.— , in Halbfranz gebunden Bf. 12.50. Vi citri- Band: In Vor- 
bereitung. 

Nitzsch, F., Lehrbuch der evangelischen Dogmatik. Vergriffen. Dritt«' 
Auflage, bearbeitet von Otto Scheel, in Vorbereitung. 

Novvack, W.. Hebräische Archäologie. In 2 Bänden. Mit 84 Text-Illu- 
strationen. Erster Band: Privat- und Staats- Altertümer. Bf. 9. — . 
Zweiter Band: Sacralaltertümer. Bf. 7. — . In "inen Band geb. Bf. 18.50. 

de la Saussaye, P. D., Lehrbuch der Religionsgeschichte. In Verbindung 
mit Fachgelehrten herausgegeben. Dritt«', vollständig neu bearbeitete 
Auflage. In 2 Bänden. 1905. M. 24.— . gebunden M. 29.— . 

Siebeck, H., Lehrbuch der Religionsphilosophie. Bf. 10.—, in Halbfranz 
gebunden Bf. 12.50. 

Smend, R., Lehrbuch der Alttestamen thehen Religionsgeschichte (Alttesta- 
mentliche Theologie). Zweite, umgearbeitete Auflage. M. 11.50, in 
Halbfranz gebunden Bf. 14. — . 

Weiss, IL, Einleitung in die christliche Ethik. M. 5. — , in Halbfranz ge- 
bunden M. ». — . 
Weitere Bände Bind in Vorbereitung. 

b) Sonstige Cebrbücber. 
Jülieher, A., Die Gleichnisreden Jesu. I. Teil: Die Gleichnisreden Jesu 
im Allgemeinen. Zweite, neu bearbi Auflage. Bf. 7.20, in Halb- 

franz gebunden M. 9.70. II. Teil: Auslegung der Gleichnisreden der 
drei ersten Evangelien. Bf. 12.80, in Halbfranz gebunden Bf. 15.30. (Teil II 
ist bis auf weiteres noch einzeln käuflich.) 



*) Einzelne Bände werden nicht mehr abgegeben. 



Verlag von J. C. B. M o h r (Paul Siebeck) in Tübingen. 



Knopf R. , Das nacha.po stolische Zeitalter. Geschichte der christ- 
lichen Gemeinden vom Beginn der Flavierdynastie bis zum Ende Hadrians. 
1905. M. 9.-, gebunden M. 11.50. 

Rinn, H. und Jüngst, J., Kirch enge schichtlich es Lesebuch. 
Grosse Ausgäbe. Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage. 190(5. 
M. 3.50. Gebunden M. 4 50. 

Weizsäcker, C, Das apostolische Zeitalter der christlichen Kirche. 
Dritte Auflage. M. 16.—. in Halbfranz gebunden M. 18.50. 

von Schubert , H. , G r u n d ■/. ü ? e d e r K i r c hin g e - c h i cht e. Kin 
Ueberblick. M. 4. — , gebunden M. 5.—. 

Wernle, Paul, Die synoptische Frage. M. 4.50, gebunden M. 5.50. 

— — Die Anfänge unserer Religion. Zweite, verbesserte und vermehrte 
Auflage. M 7. — . gebunden M. 8.—. 

"Habt, U>., Öehrfrjftem be§ fttrcftenrechtsS unb ber ftivchenpolüii. Gifte 
Hälfte: 2iügemetne§ ftivchenrecfct. K Hl 8.—, gebunben SR. 10.5<>. 

C e x t e. 

Sammlung ausgewählter kirehen- und dogmengesehiehtlieher 

Quellenschriften herausgegeben von Professor D. <;. Krüger. 

Die Sammlung wird auch gebunden geführt und kostet so pro Band 50 Pf. mehr. 

Erste Reihe. 



1. 



5 



Heft: Die Apologieen Justins des 
Märtyrers. Herausg. v. G. K rüger. 
Dritte Auflage. M. 1.25. 
Heft: Tertullian, De paenitentia. 
De pudicitia. Herausgegeben von 
E. Preuscben. M. 1.60. 
Heft: Tertullian, Di- praescrip- 
tione haereticorum. Herausg. von 
E. P reuschen. M. 1. — . 
Heft: Augustin, De Gatechizandifi 
rudibus. Zweite, vollständig neu 
bearbeitete Ausgabe von <;. K r ii- 
ger. M. 1.40. 

Heft: Leontios' von Neapolis, Le- 
ben des Beiligen Johannes des 
Barmherzigen . Erzbischofs von 
Alexandrien. Herausgegeben von 
H. Geiz e r. Ermässigter Preis 
M. 2.-. 

Heft: Clemens Alexandrinus, Quis 
dives salvetur? Herausgegeben 
von K. K ö b t e r. M. 1.40. 
Heft: Ausgewählte Sermone des 
Heiligen Bernhard über dae Hohe- 



lied. Herausg. von O. Baltzer. 
M. 1.80. 

8. Heft: Analecta: Kürzere Texte 
zur Geschichte der alten Kirche 
und des Kanons zusammengestellt 
von E. Preuschen. M. 3. — . 

9. Heft: Des Gregorios Thaumaturgos 
Dankrede an Orig als An- 
hang der Brief des Origenes an 
Gregorios Thaumaturgos. Heraus- 
gegeben v. K o e tsch a u. M. 1.80. 

10. Heft: Vincenz von Lerinum, Com- 
monitorium i>ro catbolicae fidei 
antiquitate el universitate. Her- 
ausg. V. A. .1 üli eher. M. 1.50. 

11. Heft: Hieronymus und Gennadius, 
De viria inlustribus. Herausg, von 
C. A. B e r n o u 1 1 i. Ermässigter 
Preis M. 1.80. 

12. lieft: Die Kanones der wichtigsten 
altkirchlichen Concilien nebst den 
apostolischen Kanones. Herausgeg. 
\ ii F. Lauch er t. Ermässigter 
Preis M. 2.—. 



Zweite Reihe. 



1. Heft : Die apostolischen Väter. Her- 
ausgegeben von F. X. Funk. 
M. 1.80, gebunden M. 2.30 und 
M. 2.80. 

2. Heft: Ausgewählte Märtyreracten. 
11. rausgegebenvon Lic. B, K no p f. 
M. 2.50. 

3. Helt: Dokumente zum Ablassstreit 
von 1517. Herausgegeben von" W. 
Köhler. M. 3.—. 

4. lieft: Augustin's Enchiridion. Her- 
ausg. von O. Scheel. M. '_'.—. 



">. II eft: Die Leitsätze der ersten und 
zweiten Auflage von Schleiermacher's 
Glaubenslehre nebeneinandergestellt. 
Von Martin Rade. M. 1.20. 

6. II e i't : Analekten zur Geschichte des 
Franciscus von Assisi. Herausgeg. 
\<>n H. Boehmer. Textausgabe. 
M. 2.-. 

7. Heft: Quellen zur Geschichte des 
Pelagianischen Streites. Herausg. 
von A. Brückner. 1906. M.1.80. 



VebiiAG von •'. C. B Mohb (Paul S reu eck) in Tübingen. 



Übersetzungen und Commentare. 

f-ebrift, Mc heilige, be§ Sitten JeftamentS, in S3erbhtbung mit mehreren 
' Rradjgenoffen übevfetjt unb herausgegeben uon SJrof. D. (S\ Mautjfch in 
.stalle. SRtt einet Karte oon Sßaläfttna. 3 lt)C ^e, mehr fad) beriaV 
ti gte St u § g a b o. > i »anbe geb\ SR. 12.60, geb. SR 15.—. Jert nnb 
Setlagen in 2 SBänben brofd). SR. 12.60, geb. SR. 16.10. Sertbanb einzeln 
SR. 9.-, geh. SR. 11.-. »eitagenbanb etngetn SR- 5.—, geb. SR. 6.50. 

dpoFrvpbcn nnfc <Picu£>cpiaret4>bcn, feit, be§ Sitten £eftament§, in 93er* 
binbung mit meuteren Jyacbgenoiien überfetjt nnb herausgegeben oon S3rof. 
D. 6-. Raufcfdj in v>alle. gn 2 SBänben. SR. 20.-, ge'bünben SR. 24.—. 
Srftet 53anb : Tic Sipo tropfen einzeln SR. 12.—, gebunben 9Ji. 14.—. 
Rmeitet 33anb: Tic ^fcubeptgrayhen einzeln SR. 12.—, gebunben SR. 14.—. 

tf pcfrypbcii , Hcutcftnntcutlicbc , in SJevlunbung mit ftaebgenoffen in 
beutfeher Ueberfetjung nnb mit (Einleitungen herausgegeben uon "^aftor 
Lic. Dr. ©bgat ßenneefe in Söetbeln. Wl. 6. — , gebunben SR. 7.50. 
^anbbncb bagu. SR. 12.—, gebunben 9JJ. 13.50. 

Ausgewählte Misehnatraetate in deutscher Uebersetzung (und unter besond. 
Berücksichtigung des Verhältnisses /,. N. T. mit Anmerkungen versehen). 

1. Joma. Der Mischnatractat „Versöhnungstag". Von Paul Fiebig. 
Klein 8. 1905. M. 1.— . 

2. Pirque 'aboth. Der Mischnatractat „Sprüche der Väter". Von l';uil 
Fi e big. Klein 8. 1906. M. 1.20. 

Weitere Hefte in Vorbereitung. Prospekte zur Verfügung. 

Billige Ausgaben. 

•Icrtbibcl c<c= selten nnfc Hcucn (Tcftantcnts , herausgegeben uon D. 

' ©. fi a u ty f eh. ^aS ^l e u c % e ft a m e n t in ber Ueberfetjung uon D. 

6. SBetjfärfer. Stu§gabe A (SltteS ieftament mit ben Stpofrnpben DeS 

31.2;. unb fflmü Teftamcntt SR. 5.—, gebunben SR. 6.- unb "SR. 7.—. 

ceftatnent, ^a» Itcuc, überfeijt uon ©. 23 e i $ f ä cf et. Originalausgabe. 

Klein 8. Neunte Sluftage. ftart 3X1. l.."i<>, geb. in Setnnmnb SR. '2.— . 

©r. 8*3lu§g. Kart. SR. 1.50, geb. SR. 2.— unb SR. 3.—. 

Slu&fübrtidje $rofpefte ftehen gu Tienften. 

Jahnen, ^tc, überfein oon Ü^rof. D. v ^. T u (1 m. SR. 2.50, geb- SR. 330. 

3crcnua, überfetjt oon 33rof. 1». 03. 1 11 (1 111. SR. 2.—, gebunben SR. 280. 

ßiob, Sberfefct uon Skof. I». v ix I u b m. SR. 1.20, gebunben SR 2.—. 

<p jaltncit, Mc, fiberfefct uon S^rof. (£. St a u tj f d). 1 . 4. $Uif[. SR. I.— , geb. 9R. 1.50. 

Hand-Commentar, kurzer, zum Alten Testament, in Verbindung mit 
I. Benzinger, A. Bertholet, K. Budde, 1!. Duhm, II. Bolzinger and <;. Wil- 
deboer herausgegeben von K. Marti. Preis des ganzen Commentars, 
wenn auf einmal bezogen, in 5 gehefteten Bänden oder 20 gehefteten 
Abteilungen M. 76. — , in 5 Halbfranzbänden M. 90.—, in 2U Leinwand- 
bänden M. 96.—. Mit „Einführung": geheftet M. 2. — , gebunden 
in Leinwand M. '.'<.— mehr. Jede Abteilung ist einzeln zu höherem 
Preise käuflich. Die Bände werden auch einzeln abgegeben. 
Einführung in den .. Km/en ll. ('. /.. \. T.": M a rl i. K.. Die Religion 
des Alten Testaments unter den Religionen des vorderen Orients. 
1906. M. 2.—. Geb. K. 3.—. 

Handbuch zum Neuen Testament. In Verbindung mit II. Gressinann, 
B. Klostermann, F. Nieb ergall, L. Rad er m ach er und 
P. W e n d 1 a n d berauag von Hau b Liet z m a n n. Beginnt < Istern 1906 
zu erseheinen. Voranzeige, Probehefte und Prospekte stehen zu Diensten. 

Hand-Commentar zum Neuen Testament, bearbeitet \<>u II. .1. Holtz- 
m an n. j Lipsius, S c h in i e d e 1, von So d e n. In 4 Bänden bzw. 
8 Abteilungen. Zweite, teilweise dritte verbesserte und vermeinte 
Autlage. (Z. Z. nicht vollständig.) 

Kraetzsehmar, R., Hebräisches Vocabular. 1 1 Kartoniert M. —.80.