STAT.
~
ENCYKLOPADIE
DER
MATHEMATISCHEN
WISSENSCHAFTEN
MIT EINSCHLUSS IHRER A.NWENDUNGEN
DRITTER BA^D:
GEOMETRIE
ENCYKLOPlDIE
DER
MATHEMATISCHEN
WISSENSCHAFTEN
MIT EINSCHLUSS IHRER ANWEKDUNGEN
DRITTER BAND IN DREI TEILEN
GEOMETRIE
BEDIGIEET VON
W. FR. MEYER UND H. MOHRMANN
IX KOXIGSBERG IS BASEL
ERSTER TEIL
ERSTE HALFTE
LEIPZIG
VEELAG UND DEUCE YON B. G. TEUBNEE
19071910
A.LLE RECHTE, EINSCHLIESSLICH DBS 0BEBSETZUNGSBECHTS, VORBEHA.LTEN
QA57
p
v.
MATH-
STAT.
LIBRARY
Vorrede zum dritten Bande,
Schon bei der urspriinglichen Disposition der Encyklopadie der
raathematischen Wissenschaften man vergleiche den einleitenden
Bericht von W. von Dyck im ersten Bande wurde der Geometric
innerhalb der reinen Mathematik der dritte Band zugewiesen.
Der Stoff zerlegte sich naturgemaB in drei Hauptteile.
Zum ersten Teile gehoren die Entwicklungen allgemeineren Cha-
rakters: die Grundlagen die Grundbegriffe und die uber die eukli-
dische Geometric hinausgehenden Geometrien . sodann die Diszi-
plinen der Analysis situs, der Gruppentheorie , der projektiven und
darstellenden Geometric nebst de^-T^-eorie der Polyeder; endlich die
zur formalen Beherrschung notwendigen oder niitzlichen Rechenmittel
(Koordinaten) und Rechnungsalgorithmen (Qiiaternionen, Ausdehnungs-
lehre u. a.). Demgegeniiber handelt der zweite Teil des dritten Bandes
von den algebraischen Gebilden (Kurven, Flachen, Komplexen, Kon-
gruenzen u. a.), wiihrend sich der dritte Teil mit der Differentialgeo-
metrie beschaftigt.
Dazu traten im Laufe der Zeit einige von selbst notwendig ge-
wordene Erganzungen. Leider mufite mit Riicksicht auf die gegenwar-
tigen mifilichen Zeitverhaltuisse auf eine Reihe weiter geplanter Ar-
tikel liber einzelne, in den letzten Jakrzehnten neu entstandene Gebiete
verzichtet werden, um den AbschluB des Ganzen nicht auf unbestimmte
Zeit zu verschieben.
Zunachst lag die Redaktion des Geometriebandes allein in Handen
von TF. Fr. Meyer. Im Janre 1915 wurde H. Mdhrmann als zweiter
Herausgeber gewonnen. Er iibernanm einen wesentliehen Teil der Ar
beit. Es wurde hier zu weit fiihren, festzustellen, wie sich seit 1915
die Herausgabe der einzelnen Artikel unter uns beide verteilt hat.
Dagegen mochten wir hier gleich erwahnen ; da6 einige Herren,
die nicht als Redakteure zeichnen, unsere Arbeit auBerordentlich unter-
stiitzt haben und so einen ganz bedeutenden Anteil an der Fertig-
stellung des Bandes gehabt haben. In erster Linie gebiihrt unser
Dank Herrn F. Klein. In zahlreichen Konferenzen hat er fur viele
Artikel genaue Einzeldispositionen entworfen und uns und die Be-
VI Yorrede zum dritten Bande.
arbeiter mit seinem erfalirenen Rate unterstiitzt. Mit groBer Tatkraft
und unermiidlicher Energie hat er immer wieder in schwierigen Lagen
belebend eingegriffen. Wir gedenken ferner mit Dank der stets
bereiten kritischen Mitarbeit von H. Burlihardt (f ) und M. Noether (f ).
Noch vor einem halben Jahrhundert, zur Zeit, als die Mathe-
matischen Annalen durch E. Clebsch und C. Neumann begriindet wur-
den, stand die Geometric in Deutschland in besonderem Ansehen und
das Interesse der meisten Mathematiker gehorte ihr. Durch Veroffent-
lichung bahnbrechender Arbeiten verschafften deutsche Gelehrte ihrem
Vaterlande eine fiihrende Stellung innerhalb dieser Disziplin. Zum
Belege mogen Nam en wie Clebsch, Graftmann, Hesse, Mobius, Pliicker,
v. Staudt, Steiner einerseits und Brill, Klein, Lindemann, M. Noether,
Schubert, Schwarz, Voss andererseits genannt sein, denenLie und Zeuthen,
obgleich Auslander, gerne zugerechnet werden konnen.
Um die Jahrhundertwende war die Sachlage ganz anders. Das
Interesse fur Geometric und deren EinfluB war in Deutschland un-
leugbar erheblich gesunken und dies, obwohl Namen wie Fiedler,
Harnack, Hilbert, Minkowski, Pasch, Reyc, Rohn, F. Schur, StdcJcel,
Staude, Study, R. Sturm dafur zeugen, daB in Deutscbland die ganze
Zeit hindurch geometrisch gearbeitet wurde. Aber es waren immer
nur einzelne; die Allgemeinheit nahm an ihren Ergebnissen immer
weniger Anteil. In dem folgenden Jahrzehnt wurde das Verhaltnis
nicht besser.
Seit zehn Jahren etwa zeigt sich in Deutschland , wenn auch
vorerst nur vereinzelt ; frisches Leben; doch setzte diese neue For-
schung an anderen Stellen ein als an denen, wo die alte Generation
arbeitete. Die Topologie sah sich durch das Emporkommen der
Mengenlehre vor neue Aufgaben gestellt. Die Relativitatstheorie
wirkte kraftig fordernd auf die mehrdimensionale Differentialgeometrie
ein. Damit verbunden war ein Ausbau des Vektor- und Tensorkal-
kiils. Aus Minkowskis Untersuchungen fiber konvexe Kurven und
Flachen erwuchs die affine Geometric. So darf man hoffen, daB das
Interesse an geometrischen Fragen wieder zunimnit.
Obwohl zwischen den Jahren 1865 1875 deutsche Gelehrte
die schonsten Moglichkeiten zur Weiterentwicklung der Geometric
schufen, wurden diese nicht in Deutschland, sondern in Italien mit
groBtem Erfolg aufgenommen und weiter verfolgt. So gelangte Italien
in wenigen Jahren zur fiihrenden Stellung auf alien Gebieten der
Geometric und hat diese Fiihrerrolle seitdem voll behauptet. Es wird
groBer Anstrengung und Miihe bediirfen, den Vorsprung ? den Italien
erlangt hat, auch nur teilweise einzuholen. Dieser iiberragenden Stellung
Vorrede zum dritten Bande. VII
Italiens hat man in Deutschland dadurcli Rechnung zu tragen ver-
sucht, daB man deutsche Ubersetzungen von einer groBeren Anzahl
italienischer Lehrbiicher herstellte. Aber noch mehr mochten wir hier
mit Dank hervorheben, daB sich mehrere hervorragende italienische
Gelehrte bereit gefunden haben, fur die Encyklopadie grundliche Re-
ferate iiber die verschiedensten geometrischen Gegenstande zu bear-
beiten. Nur so ist es moglich ge worden, daB der Band III einen
einigermaBen befriedigenden tlberblick iiber das Gesamtgebiet der
Geometric liefert, wodurch die Internationale Geltuug der Encyklo
padie aufrecht erhalten worden ist. Die Hauptbedeutung Italiens liegt
einerseits in der Fortentwicklung der algebraischen Geometric. Man
hat das geringe Interesse fiir algebraisch-geometrische Fragen in
Deutschland haufig damit entschuldigt, daB die Theorie der algebrai-
schen Funktionen mehrerer Variabeler trotz Picarch Untersuchungen
noch nicht soweit gefordert sei, daB sie sich ebenso wie die Theorie
der algebraischen Funktionen einer Variabelen mit Erfolg auf geo-
nietrische Probleme anwenden lasse. Man hat dabei kaum beachtet,
wie die Italiener die Ergebnisse Picards angewandt und fortentwickelt
haben. Em Hauptverdienst Italiens ist es andererseits, daB es die
mehrdimensionale Geometrie eigentlich erst geschaffen hat ? und mit
ihrer Hilfe zu einfachen Beweisen von Satzen der Geometrie des drei-
dimensionalen Raumes gelangt ist. Endlich sei auf die zahlreichen diffe-
rentialgeometrischen Arbeiten hingewiesen, die in Italien erschienen sind.
In Osterreich ist im Gegensatze zu Deutschland alle die Zeit hin-
durch das geometrische Interesse ziemlich lebhaft gewesen. Auch in
Holland und Skandinavien wurden die verschiedenen geometrischen
Disziplinen gepflegt. Vor alien Dingen aber hat in ueuerer Zeit in
Nordamerika die geometrische Forschung auf den verschiedensten Ge-
bieten schone Erfolge aufzuweisen. In Frankreich dagegen hat man
sich fast nur auf Differentialgeometrie beschrankt, und in England ist
seit den Tagen Cayleys kaum em groBerer Fortschritt erreicht worden.
Welches sind nun die Griinde des in Deutschland so auffalligen
Niederganges der Geometrie?
Da wirft man der Geometrie Mangel an Strenge vor. Angesehene
Vertreter der Analysis behaupten, daB seit der durch Descartes inaugu-
rierten neueren Entwicklung der Geometric/ insonderheit seit dem Uber-
handnehmen der algebraischen Untersuchungsrichtungen im vorigen
Jahrhundert, die strenge Folgerichtigkeit des Denkens irn Gegen
satze zu dem musterhaften Yerfahren bei Euldid wesentlich nach-
gelassen habe, daB die Formulierung und der Beweis der meisten
geometrischen Satze unvollstandig sei ? da sie die Giiltigkeitsgrenzen
VIII Vorrede zum dritten Bande.
der jeweiligen Behauptung nicht erkennen lassen, dafi sich endlich oft
gar nictit iibersehen lasse, welche von den Elena en ten eines vorliegen-
den zusammengesetzteii Gebildes reell sein sollen, und welche kom-
plex. Mit einem Worte, es sei die Unklarheit des Denkens, die die
an Strenge gewohnten Analytiker abstofie.
Es muB nun leider zugegeben werden, daB dies fiir viele geo-
metrische Arbeiten zutrifft. Aber zahlreiche andere Arbeiten erfullen
alle Anforderungen an Strenge. Man darf dabei unter ,,Strenge" nur
nicht das Festhalten an bestinimten Beweisformen, den Purismus der
Methode verstehen; dann allerdings wird man wenig befriedigt werden.
Denn gerade auf dem Wechsel der Mefchode, manchinal sogar inner-
halb eines einzelnen Beweises, beruht die Moglichkeit, kurze und ele
gante Beweise zu fiihren.
Da sind z. B. die Yertreter der sogenannten reinen Geometrie der
Lage 7 die den simultanen oder alternierenden Gebrauch analytischer
und synthetischer Methoden als storend, sogar als unwissenschaftlich
empfinden, und sich dafur der tadelnden Bezeichnung ,,methode mixte"
bedienen. Diesen ist die ;? reine" Lagengeonaetrie das Ideal einer ;; auto-
chthonen" Wissenschaft ; da sie in sich vollig konsequent sei und von
anderen mathematischen Disziplinen nichts zu entlehnen brauche.
Diese iibertriebene Wertschatzung ist aber kaum berechtigt. Die
vollige Verzichtleistung auf die Methoden der analytischen Geometric
erweist sich im Gegenteil als unnatiiiiich. Man hat vielmehr die pro-
jektive Geometrie so aufzubauen, daB ohne metrische Hilfsmittel der
Begriff des Wurfes und der projektiven Koordinaten entwickelt wird;
von da ab ist der Unterschied zwisehen analytischer und synthetischer
Bichtung nur ein unwesentlicher. Und die analytische Behandlung
empfiehlt sich bei vielen Aufgaben durch ihre Ktirze ganz von selbst.
Wenn man EuTdid wegen der Strenge und Reinheit seiner Me-
thode ruhmt, so vergifit man, dafi fiir die Entwicklung der antiken
Geometrie ein Eudoxos oder Archimedes viel wichtiger waren. Denn
nicht auf das Sammeln und Systematisieren uberkomniener Satze allein
kommt es an, sondern auf die Entdeckung neuer Tatsachen, wenn
auch die Methode der Darstellung vorerst noch nicht voll ausgereift
und geglattet ist.
Wichtiger fur den Riickgang der Geometrie scheinen uns folgende
Tatsachen zu sein. Das Einporkommen der Mengenlehre in ihren An-
wendungen auf die Punktmengen hat leider auf viele Mathematiker
lahmend gewirkt. Man ist zu angstlich geworden und traut den ein-
fachsten Schliissen nicht mehr. Besonders wird die Anschauung ver-
pont, und zwar nicht nur als Beweismittel, was verstandlich ware,
Vorrede zum dritten Bande. IX
sondern sogar als heuristisches Prinzip. Aber auch die Ubertreibung
der axiom atischen Methode hat ihre Gefahren. Wenn gewisse Axio-
matiker verlangen, da6 man sich unter den Gegenstanden, von denen
die Geometrie handelt, nicht idealisierte Dinge vorstellen, sondern
leere Begriffe, die nur irgendwie logisch verkniipft sind, denken soil,
so wird dies unbedingt auf die schopferische Freudigkeit hemmend
wirken. Wir wollen mit diesen Ausfuhrungen in keiner Weise die
Bedeutung der Mengenlehre und Axiomatik herabsetzen, aber doch
vor ihrer Uberschatzung warnen; denn, wenn man die Phantasie totet,
wird die Haupttriebfeder des geometrischen Fortscbrittes ausgeschaltet.
Fiir den modernen Geometer ist die Beherrschung groBer Teile
der Algebra und der Analysis uubedingt erforderlicb ? wenn er auf
seinem Gebiete mit Erfolg arbeiten will. Allein dies geniigt noch
nicht: er mu8 auBerdem u ber eine grofie Zabl spezifisch geometrischer
Kenntnisse verfiigen. Der Algebraiker und Analytiker dagegen kann
sehr wohl ohne Geometrie auskommen. - Bei dem Urnfang, den
Algebra und Analysis heute besitzen, kostet es scbon geniigend Muhe,
sich auf diesen Gebieten einigermaBen sicher zu bewegen und einen
umfassenden Uberblick zu gewinuen. Soil nun gar nocb die Geo
metrie hinzukonimen, so sind nur ganz weuige Geister fahig, sich
auch die hierfiir notigen Kenntnisse noch anzueignen. Dies diirfte
wohl der wichtigste Grund sein ; warum die Analysis gegenwartig so
bevorzugt wird.
Hierzu kommt schon bei dem einfachsten geometrischen Stoff
seine auBerordentlich groBe Vielseitigkeit. Ein und dasselbe geo-
metrische Gebilde kann auf die verschiedensten Arten erzeugt werden.
Je nach der betrachteten Erzeugungsart werden gewisse seiner Eigen-
schaften besonders hervortreten , und man muB daher fortgesetzt den
Standpunkt wechseln, wenn man sie alle voll erfassen will.
Zur Erlauterung diene als ein moglichst einfaches Beispiel der
Begriff eines Kegelschnittes in einer festen Ebene.
Da bieten sich zunachst die antiken, elementaren, maBgeometri-
schen Erklarungen dar: ebener Schnitt eines geraden (bzw. schiefen)
Kreiskegels, die Brennpunktsdefinition und die auf der Beziehuug
zwischen Brennpimkt und Direktrix beruhende, endlich in neuerer
Zeit die Erzeugung mit Hilfe von Kreisen.
Weit mannigfaltiger sind jedoch die lagengeometrischen Erkla
rungen, wo von vornherein gemafi der Dualitat zwischen Ordnungs-
und Klassengebilde zu unter scheiden ist.
Fur einen (nichtzerfallenden) Ordnungskegelschnitt hat man die
Erzeugung durch projektive Strahlenbiischel (oder allgemeiner als Tei]
X Vorrede zum dritten Bande.
einer Kurve hoherer Ordnung durch gewisse hohere Korrespondenzen),
die Bestimrnung durch fiinf Punkte auf Grund des Pascalschen Satzes,
die Mac-Laurinsche Erzeugung durch ein bewegliches Dreieck (bzw.
Polygon), als Ordnungskurve einer Korrelation, als Bild einer Ge-
radeii in einer quadratischen Transformation., und endlich, als die
allgemeinste, durch eine quadra tische Gleichung mit reellen Koeffi-
zienten zwischen Punktkoordinaten. Und jede dieser Erzeugungen
(mit Ausnahme der letzten) kann wiederum nach synthetischer oder
analytischer Methode vor sich gehen. Daneben stellen sich die kor-
respondierenden Klassengebilde.
Eine system atische Theorie erfordert den Nachweis der Gleich-
wertigkeit aller dieser Erklarungen, d. h. den Nachweis, daB sie sich
je ineiuander iiberfuhren lassen. Hierbei ist noch dem nullteiligen
Kegelschnitt (der nicht bei alien obigen Erzeugungen erscheint) be-
sondere Aufmerksamkeit zu schenken. Damit ist aber nur der erste und
verhaltnismaBig leichteste Schritt getan.
Denn nunmehr erwachst die weitere Aufgabe der Aufstellung und
sachgemaBen Klassifikation aller Ausartungen, die sich am iibersicht-
lichsten an die quadratische Gleichung zwischen Punkt- bzw. Linien-
koordinaten anknupfen. Weiterhin ist dann bei jeder Eigenschaft
eines ,,Kegelschnitts u genau anzugeben, bis zu welchem Grade der
,,Ausartung" dieselbe noch giiltig bleibt. Dabei ist zu beachten, daB
es der abzahlenden Geometric gelungen ist, die fruher bekannten
Ausartungen durch einige versteckter liegende zu vervollstandigen.
Es braucht kaum erwahnt zu werden, daB beim Fortschreiten zu
hoheren Gebilden, ebenen Kurven dritten und vierten Grades, Flachen
zweiten und dritten Grades, kubischen und biquadratischen Rauin-
kurven, linearen und quadratischen Komplexen usf., die Mannigfaltig-
keit der Entstehungsweisen und Ausartungen entsprechend zunimmt.
Ein systematisch ausgebildetes Verfahreo, um beim Beweise geo-
metrischer Satze samtlichen in Betracht komnienden Ausartungen ge-
recht zu werden, besitzen wir nicht.
Bei einer Reihe einfacher grundlegender Satze, so des Desargues-
schen Satzes iiber zwei perspektive Dreiecke der Ebene, des Pascal-
schen Satzes u. a., gelingt es, eine dem jeweiligen Satze ubergeord-
nete Identitiit aufzustellen, aus der als spezielle Anwendung der frag-
liche Satz selbst zugleich mit seiner Umkehrung und seinen Giiltig-
keitsgrenzen unmittelbar herausspringt.
So erklart es sich denn auch, warum die Anzahl der individu-
ellen Eigenschaften eines einzelnen geometrischen Gebildes sehr viel
schwerer iibersehbar ist t als bei einem analytischen . und daB die
Yorrede zuin dritten Bande. XI
Geometrie zu einem guten Teile den Charakter einer Kunst annimmt,
daB sie oft fast die Natur einer organisch in sich verbundenen Wissen-
schaft abzustreifen droht.
Indessen wird dieser Gefahr durch das Kleinsche gruppentheore-
tische Programm von 1872 der Boden entzogen. Alle die scheinbar
so durch- und nebeneinander laufenden Erklarungen und Eigenschaften
werden durch den Begriff der Gruppe und ihrer charakteristischen
Invarianten zusammengehalten; demgegeniiber erscheinen die getrennten
sonstigen Betrachtungsweisen nur als auBerlich verschiedene Eiuklei-
dungen. So wird, um ein typisches Beispiel anzufiihren, die Elementar-
geometrie als Invariantentheorie der ,,Hauptgruppe" genau umgrenzt.
Die hiermit geschilderte Vielseitigkeit der Geometrie bildet fur
viele ein beinahe uniibersteigbares Hindernis. Aber fiir den wirk-
licheu Geometer liegt in ihr gerade der Reiz seiner Wissenschaft.
Der vorliegende Encyklopadieband bezweckt, nioglichst fiber alle
Zweige der geometrischen Forschung Auskunft zu geben. Wenn auch
einige Referate iiber kleinere Gebiete fortfallen mu6ten 7 so hoffen wir
doch immerhin durch ihn einen vollbefriedigenden Uberblick iiber die
gesamte Geometrie ermoglicht zu haben. Moge er vor alien Dingen
auch von dem Reichtum und der Schonheit der Geometrie sowie
ihrer befruchtenden Einwirkung auf die Analysis Zeugnis ablegen und
so der Geometrie neue Freunde und Verehrer erwerben.
Konigsberg i. Pr. und Basel, Ostern 1923.
IV. Fr. Meyer.
H. Mohrmann.
Inhaltsverzeiclmis zu Band III, 1. Teil, 1. Halfte.
A. Rein geometrische Theorien.
B. Grundlagen der Anwendnng yon Algebra und
Analysis anf die Geometrie.
1. Prinzipien der Geometrie. Von F. ENRIQUES in Bologna (jetzt
in RomX
Seite
1. Einleitung. Allgemeines, betreffend die mathematischen Untersuchungen
iiber die Prinzipien der Geometrie 6
I. Die elementare Eichtung.
2. Yorbemerkung 15
3. Punkt. Gerade und Ebene 16
4. Strecke, Winkel (der Begritf r zwischen a ) -22
5. Kongruenz und Bewegung 27
6. tTber die Reduktion der in den vorkergehenden Nummern betrachteten
fundamentalen Begriffe 32
7. Stetigkeit und Archimedieches Postulat 34
8. Das Parallelenpostulat 3y
9. Weitere Ausfiihrungen zur Parallelentheorie 44
10. Fliicheninhalt und Rauminhalt 47
11. Neue Entwicklungen zur Proportionentheorie im Sinne der Alten ... 52
12. SchluB der vorstehenden Untersuchung und Disposition der folgenden
Kapitel 56
II. Prinzipieii der Theorie des Kontiuuums.
13. Vorbemerkung 59
14. Die Linie 60
15. Flachen und Mannigfaltigkeiten mehrerer Dirnensiouen 63
16. Linien auf den Flachen 68
III. Prinzipien der projektlven Geometric.
17. Postulate in einem Raumstiick 70
18. Postulate fur den vollstandigen projektiven Raum 73
19. Projektive Koordinaten 74
20. Bemerkungen (iber die grundlegenden Satze der projektiven Geometrie 76
21. tiber die Bedeutung der Begriffe der Anordnung in der Begrandung der
projektiven Geometrie 81
XIV Inhaltsverzeichnis zu Band III, 1. Teil, 1. Halfte.
IT. Trojektive Metrik. Seite
22. Einordnung der gewohnlichen Metrik in die projektive Geometric ... 82
23. Allgemeine Mafibestimmung von Cayley und deren nicht-Euklidische
Auslegung von Klein . . . 85
24. VerschiedeneBemerkungenzudenprojektivenMetriken. MaBbestimmungen 91
V. Prinzipien der allgemeinen Metrik.
25. Vorbemerkung 94
A. Bogenelement (nebst endlicher Entfernung).
26. Geometrie auf krummen Flachen 95
27. Riemannsche Mafibestimmung in einer beliebig ausgedehnten Mannig-
faltigkeit 100
28. Homogene Mannigfaltigkeiten 101
29. Projektiver Character der Mannigfaltigkeiten konstanter Krummung . 102
30. Untersuchungen von De Tilly iiber den Ausdruck fur die endliche Ent
fernung 104
31. Geometrische Systerne von Minkowski-Hilbert 106
B. Bewegnngsgrnppe.
32. Postulate von H. v. Helmholtz 107
33. Untersuchungen von S. Lie 109
34. Untersuchungen von H. Poincare 110
35. Untersuchungen von D. Hilbert Ill
VI. Zusammenhangsverhaltnisse des unbegrenzten Raumes.
36. Rliume, die als Ganzes bewegt werden konnen 112
37. Zweidimensionale Gebilde von Clifford-Klein 114
38. Dreidimensionale Gebilde von Clifford- Klein 116
VII. Nicht-Archiinedische Geometrie.
39. Einleitung 117
40. Eindimensionales Kontinuum hoherer Art 117
41. Allgemeine Ansatze Veroneses 121
42. Nicht-Archimedische projektive Geometrie 122
43. Euklidische nicht-Archimedische Geometrie 124
44. Nicht-Archimedische Entwicklungen iiber die Parallelentheorie .... 126
(Abgeschlossen im Marz 1007.)
2. Die Begriffe ,,Linie 4< und ,,Flache u . Von H. v. MANGOLDT
in Danzig.
1. Notwendigkeit einer genauen Erklarung 130
2. Geschichtliche Entwickelung 131
3. Die analytische Linie 132
4. Zweige einer analytischen Linie 132
5. Einsiedler 134
6. Darstellung durch Gleichungen 135
7. Erweiterung des Begriffs Linie. Linie als ,,Bild einer Funktion" . . . 139
8. Linie als ,,Bahn eines Punktes". Der Jordan sche Satz 139
9. Linie als ,,Lange ohne Breite", oder als ,,Grenze einer Flache". . . . 143
10. Funktionsstreifen 147
11. Bevorzugung der analytischen Linien 148
12. Der Begriff Flache 149
(Abgeschlossen im September 1906.)
Inhaltsverzeichnis zu Band III, 1. Teil, 1. Halfte. XV
3. Analysis situs. You M. DEHN in Minister i. W. (jetzt in Frank
furt a. M. ) und P. HEEGAARD in Kopenhagen (jetzt in Chri
stian! a).
Seite
Einleitung 154
Grtmdlagen.
1. Definition von Punkt-, Linien- und Flachenkomplexen 156
2. Indikatrix 158
3. Interne Transformation und Homoomorphismus(ElementarverwandtBchai t) 159
4. Elementarmannigfaltigkeiten (Kreis und Kugel) 160
5. Ausdehnung auf n Dimensionen 161
6. Komplexe mit Singularitaten 163
7. Externe Transformation. Homotopie und Isotopie 164
8. Das Anschauungssubstrat 168
9. Einteilung der Analysis situs 169
10. Die Methode 170
A. Complexes.
1. Ubersicht 171
2. Liniensysteme (Streckenkomplexe) 171
3. Hohere Komplexe und die (komplektische) Eulersche Formel. (Bettische
Zahlen, Torsionskoeffizienten) 178
4. Benutzung von nektischen Methoden fiir die Theorie hb herer Komplexe 185
B. Nexus.
I. Nexus von Linien 188
II. Nexus von Flachen 189
1. Einleitung 189
2. Normalform 190
3. Lo sung des Hauptproblems 195
4. Anwendungen der Normalform 196
a) Beweis des Neumannscheu Axioms 196
b) Mobiussche Grundform fiir eine M^ 196
c) Minimalzahl von bedeckenden Elenientarflachenstiicken 196
d) Normalformen fiir geschiossene Flachen 197
5. Fortsetzung. Riickkenrschnitte und Querschnitte und die eigeutliche
Eulersche Formel 198
6. Zusammensetzung von Flachen 203
7. Aquivalenz von Kurven und Flachen 203
8. Analytisch-geometrische Entwicklungen 204
C. Connexus.
I. Homotopie 205
II. Isotopie 207
A. Kurven 207
1. Eine Kurve (Verkuotung) 207
2. Zwei und mehr Kurven (Verkettung) 213
B. Flachen und mehr-dimensionale Mannigfaltigkeiten 215
D. Mannigfaltigkeiten mit Singularitaten.
1. Allgemeine Probleme 216
2. Riemannsche Flachen 217
(Abgeschlossen im Januar 1907.)
XVI Inhaltsverzeichnis zu Band III, 1. Teil, 1. Halfte.
4 a. Gegensatz von synthetischer und analytischer Geometric
in seiner historischen Entwicklung im XIX. Jahrhundert.
Von G. FANO in Turin.
I. Allgemeine Bemerkungen. Fixierung des Themas:
Die Entwicklung der Geometric im 19. Jahrhundert, yon Monge
beginnend.
Seite
1 Charakteristische Merkmale der beiden Geometrieen 223
2. Weiteres uber die Grundbegriffe der analytischen Geometrie 224
3. Gegenseitige Beziehungen der beiden Geometrieen 228
4. Plan der folgenden Darstellung 229
5. Die Stellung von Monge 229
6. Die Nachfolger von Monge 230
II. Einsetzen der synthetischen Geometrie durch Poncelet,
Mobius, Steiner, Chasles.
7. Poncelet s ,,TraiW" 231
8. Mobius 234
9. Steiner 235
10. Weiterfiihrung des Steiner schen Progranims 236
11. Chasles 237
III. Entspreehende Entwicklung der analytischen Geometrie.
12. Mobius, Pliicker . 238
IV. ron Stautlt. Insbesondere Gebilde 2. Grades und Imaginar-
theorie mit Erweiterungen.
13. von Staudt 241
14. von Staudt s Imaginartheorie 242
15. Weitere Ausbildung der Imaginartheorie 243
16. Spatere Erweiterungen. Hyperalgebraische Gebilde und bikomplexe
Elemente 246
17. Entsprechende analytische Entwicklungen. Bikomplexe Zahlen. . . . 248
18. Direkte Untersuchung der hyperalgebraischen Gebilde. Beziehung zu
den Hermite schen Formen 250
V. Allgemeine Theorie der algebraischen Gebilde yon zwei und
drei Dimensionen.
19. Analytische Theorie der albgebraischen ebenen Kurven 253
20. Oberflachen im Raume 256
21. Raumkurven 257
22. Zusammenhang mit der linearen Invariantentheorie 258
23. GraBmann s lineale Erzeugung der Kurven und Flachen 259
24. Algebraisch-geometrische Theorieen. Cremona 261
25. Ansatz von H. Thieme 2(32
26. Aufstellung der rein synthetischen Kurventheorie durch E. Kotter. . . 264
27. Untersuchungen von R. De Paolis 265
VI. Melirdimensionale Algebraische Geometrie.
28. Ansatze zur analytischen Auffassung mehrdimensionaler Raunie . . . 267
29. Mehrdimensionale Raume veranlaBt durch Betrachtung beliebiger Raum-
elemente 268
30. Weitere Ausbildung der projektiven Auffassung 269
3m C i ,
jftt+~ *
Inhaltsveraeiclmi
xu Band III, 2. Teil, 1.
6 a. Grundeigeiiscliaften der algebraischen Flacheu. Vou
Gr. CASTELXTOVO in Rom und F. ENRIQUES in Bologna
(jetzt in Rom).
1. Flache n** r Ordnung; Anzahl der Bedingungen, welche man ihr auf-
erlegen kann 636
2. Schnitt einer Flache mit einer Geraden oder einer Ebene 637
3. Mehrfache Punkte 638
4. Singulare mehrfache Punkte 639
5. Durchschnitt zweier Flachen 641
6. Durchschnitt dreier Flachen 643
7. Anzahl der Punkte, welche die Schnittkurve zweier Flachen oder die
Schnittpunktsgruppe dreier Flachen bestimmen 643
8. Konstruktion von Flachen 645
9. Aquivalenz- und Postulationsformeln 647
10. Lineares FlachensYstem, definiert durch die Basiselemente 648
11. Polarflachen 649
12. Polaren eines Flachenpunktes 651
13. Der einer Flache umschriebene Kegel; Klasse und Hauptcharaktere
einer punkt-allgemeinen Flache 652
14. Reduktion der Klasse einer Flache durch Singularitaten derselben . . 654
15. Die reziproke Flache 655
16. Relationen zwiscben den charakteristischen Zahlen einer Flache . . . 657
17. Polarflachen eines variablen Punktes in bezug auf eine feste Flache;
Diskriminante der Flache 659
18. Jacobische Kovarianten von zwei oder mehreren Flachen 660
19. Beruhrungsprobleme 662
20. Hessesche und Steinersche Kovarianten 663
21. Das Problem der vierpunktigen Tangenten und die Kovariante von
Sahnon-Clebsch 665
22. Uber einige projektiv bemerkenswerte Flachen 666
23. Metrische Eigenscbaften einer Flache. Schnitt mit der unendlich fernen
Ebene; Asymptotenebenen 669
24. Diametralebenen oder -flachen ; Zentrum 670
25. Normalen. Flache der Kriimmungsmittelpunkte 671
26. Kreispunkte 672
27. Fokalkurve 672
28. Metrisch bemerkenswerte Flachen 673
(Abgeschlossen im Jahre 1908.)
6 b. Die algebraischen Flachen vom Gesichtspunkte der biratio-
nalen Transformationen ans. Von G. CASTELNUOVO in Rom
und F. ENRIQUES in Bologna (jetzt in Rom).
I. Birationale Trausforinationen und lineare ^Knryensysteme auf
einer Flache.
1. Birationale Transformationen 677
2. Fundamentalelemente . 677
3. Reduktion der Singularitaten 678
4. Ausgezeichnete Kurven 679
5. Einteilung der algebraischen Flachen in Klassen 680
6. Lineare Systeme von Kurven auf einer Flache 681
7. Transformation einer Flache hinsichtlich der gegebenen linearen Systeme 685
8. Yollstanojige lineare Systeme 687
9. Addition und Subtraktiou linearer Systeme 688
10. Adjungierte und subadjungierte Flachen 689
II. Die Theorie der Inrarianten.
11. Die Invariantentheorie nach M. Noether 690
12. Zu einem linearen System adjungierte Kurven 694
Encyklop. d math. WiBsenech. Ill S. b
XVIII Inhaltsverzeichnis zu Band III, 2. Teil, 1. Halfte
Seite
13. Die Theorie der Invarianten nach F. Enriques 697
14. tiber eiuige bemerkenswerte Ausdriicke numerischer Invarianten . . . 700
16. Algebraische Korrespondenzen zwischen zwei Flachen 702
III. Uber die Ansdehnung des Theorems von Riemann-Roch und
iiber die nicht- linear en kontinuierlichen Systenie von Kurven,
welche einer Flache angehoren.
16. Die charakteristische Schar eines linearen Systems 704
17. Ausdehnung des Theorems von Riemann-Roch 706
18. Kontinuierliche nicht-lineare Kurvensysteme 707
19. Die Mannigfaltigkeit von Picard, welche mit einer irregularen Flache
verkniipft sind 709
20. Flachen, welche ein irrationales Biischel von Kurven und Ungleichheit
zwischen p a und p y besitzen 710
21. Kurven und Systeme von aquivalenten Kurven auf einer Flache ... 711
22. Moduln einer Klasse von algebraischen Flachen 713
IV. Die Theorie der Flachen in Beziehung auf die Integrate,
welche niit den Flachen verknupft sind.
23. Integrale, welche mit einer Flache verknupft sind 714
24. Doppelintegrale erster Gattung 716
25. Klassifikation der einfachen Integrale 716
26. Einfache Integrale erster Gattung 718
27. Einfache Integrale zweiter Gattung 721
28. Die einfachen Integrale, welche mit einer Flache verknupft sind, und
die Irregularitat dieser Flache 723
29. Einfache Norrnaliutegrale 725
30. Abelsches Theorem auf den Flachen 726
31. Einfache Integrale dritter Gattung 727
32. ftber die Basis fur die Kurvensysteme einer Flache . . 728
33. Doppelintegrale zweiter Gattung . 731
V. tlber gewisse Familien bemerkenswerter Flachen und liber die
Elassifikation der algebraischen Flachen.
34. Flachen, welche ein Biischel von rationalen Kurven enthalten .... 734
35. Doppelebenen von Clebsch-Noether 736
36. Die Rationalitat einer Flache als Folge der Existenz eines gewissen
Kurvensystems auf derselben 739
37. Rationalitat der ebenen Involutionen 740
38. Die rationalen und die Regelflachen nach den Werten des Geschlechts
und den Mehrgeschlechtern charakterisiert 742
39. Flachen, welche eine kontinuierliche Schar automorpher birationaler
Transformationen gestatten 744
40. Hyperelliptische Flachen . t 748
41. Flachen, welche eine unendliche diskontinuierliche Schar von auto-
morphen birationalen Transformationen gestatten 752
42. Flachen vom Geschlecht 1 753
43. Regulare Flachen vom Geschlecht und vom Doppelgeschlecht 1 . . 756
44. Flachen mit einer kanonischen odermehrkanonischen Kurve derOrdnung 757
45. Flachen vom linearen Geschlecht p w = 1 758
46. Uber die Klassifikation der algebraischen Flachen 759
VI. Einige Bemerkungen fiber die algebraischen Mannigfaltig-
keiten von drei Dimensionen.
47. tfber die Invarianten einer algebraischen Mannigfaltigkeit 7(U
48. Einige die rationalen Mannigfaltigkeiten betreff ende Fragen 767
(Abgesehlossen im Dezember 1914.)
Ubersicht
ttber die im yorliegenden Bande III, 2. Teil, 1. Halfte
zusanunengefafiten Hefte und ihre Ausgabedaten.
C. Algebraische Geometrie.
Ill 1903 1 DINGELDEY: Kegelschnitt und Kegelschnittsysteme.
Heft 2. | 2. STAUDE: Flachen 2. Ordnung und ihre Systeme unJ Durch-
1. VI. 1904. \ dringungskurven.
H f t 3 ( 3 Z EUTHEN: Abzahlende Methoden.
c VTTT i onc i 4 - BERZOLARI: Allgemeine Theorie der hoheren ebenen algebrai-
Ul. 1906 ^ gchen Kurven
Heft 4. f 5. KOHN u. LORIA: Spezielle ebene algebraische Kurven:
23. IV. 1909. \ a. KOHN: Ebene Kurven 3. und 4. Ordnung.
Heft 5. f b. LORIA: Spezielle ebene algebraische Kurven von hoherer
22. IV. 1915. | als der vierten Ordnung.
( 6 a. CASTELNUOVO u. ENRIQUES: Grundeigenschaften der algebra-
Heft 6. I ischen Flachen.
21. IX. 1915. j 6b. CASTELNUOVO u. ENRIQUES: Die algebraischen Flachen vom
Gesichtspunkte der birationalen Transformationen aus.
Ill A, B 1. PRIimPIEN DER GEOMETRIE.*)
VON
F. ENKIQUES
IN BOLOGNA.
Inhaltsiibersicht.
1. Einleitung. Allgemeines , betreffend die matheinatischen Untersuchungen
fiber die Prinzipien der Geometrie.
I. Die elementare Richtung.
2. Vorbemerkung.
3. Punkt, Gerade und Ebene.
4. Strecke, Winkel (der Begriff ,,zwischen u ).
5. Kongmenz und Bewegung.
6. Uber die Reduktion der in den vorhergehenden Nummern betrachteten funda-
mentalen Begriffe.
7. Stetigkeit und Archimedisches Postulat.
8. Das Parallelenpostulat.
9. Weitere Ausfuhrungen zur Parallelentheorie.
10. Flacheniuhalt und Rauminhalt.
11. Neue Entwicklungen zur Proportionentkeorie im Sinne der Alten.
12. SchluB der vorstehenden Untersuchung und Disposition der folgenden Kapitel.
II. Prinzipien der Theorie des Kontinuums.
13. Vorbemerkung.
14. Die Linie.
15. Flachen und Mannigfaltigkeiten mehrerer Dimensionen.
16. Linien auf den Flachen.
III. Prinzipien der projektiren Geometrie.
17. Postulate in einem Raumstiick.
18. Postulate fiir den vollstandigen projektiven Raum.
19. Projektive Koordinaten.
*) Da ich durch anderweitige Arbeit fiir die Encyklopadie stark in Anspruch
genommen war, ist die redaktionelle Bearbeitung des vorliegenden Artikels in
der Hauptsache von Herrn H. Fleischer (anfangs in Gottingen, spater in Konigs-
berg) besorgt worden. . W. Pr. Meyer.
Encyklop. d. math. Wissensch. Ill 1. 1
2 III A B 1 . F. Enriques. Prinzipien der Geonietrie.
20. Bemerkungen iiber die grundlegenden S atze der projektiven Geometrie.
21. Uber die Bedeutung der Begriffe der Anordnung in der Begriindung der
projektiven Geometrie.
IT. Projektive Metrik.
22. Einordnung der gewohnlichen Metrik in die projektive Geometrie.
23. Allgemeine MaBbestimmung von Cayley und deren nicht - Euklidische Aus-
legung von Klein.
24. Verschiedene Bemerkungen zu den projektiven Metriken.
V. Prinzipien der allgemeinen Metrik.
25. Vorbemerkung.
A. Bogenelement (nebst endlicher Entfernnng).
26. Geometrie auf krummen Flachen usw.
27. Riemannsche MaBbestimmung in einer mehrfach ausgedehnten Mannig-
faltigkeit.
28. Homogene Mannigfaltigkeiten.
29. Projektiver Charakter der Mannigfaltigkeiten konstanter Kriimmung.
30. Untersuchungen von De Tilly iiber den Ausdmck fur die endliche Entfernung.
31. Geometrische Systeme von Minkoivski-Hilbert.
B. Bewegungsgruppe.
32. Postulate von H. v. Helniholtz.
33. Untersuchungen von S. Lie.
34. Untersuchungen von H. Poincare.
35. Untersuchungen von D. Hilbert.
VI. Zusammenhanggverhaltnisse des imfoegrenzten Raumes.
36. Raume, die als Ganzes bewegt werden konnen.
37. Zweidimensionale Gebilde von Cliff or d-Kkin.
38. Dreidimensionale Gebilde von Clifford - Klein.
VII. Nicht-Archimedische Geometrie.
39. Einleitung.
40. Eindimensionales Kontinuum hoherer Art.
41. Ideen Veroneses.
42. Nicht-Archimedische projektive Geometrie.
43. Euklidische und nicht-Archimedische Geometrie.
44. Nicht-Archimedische Entwicklungen iiber die Parallelentheorie.
Literatur*).
Archimedis opera omnia cum commentariis Eutocii. E codice Florentine recen-
suit, latine vertit notisque illustravit J. L. Heiberg. 3 Bde. Leipzig 1880/81.
*) In diesem Verzeichnis sind nur solche Werke und Abhandlungen auf-
genommen, auf die in dem Artikel ofter hingewiesen wird. Wegen der Literatur
u ber die Hilfsdisziplinen, z. B. Mengenlehre, Analysis situs, Differentialgeometrie,
projektive, darstellende Geometrie u. a. siehe die in den betreffenden Artikeln
Literatur. o
E. Beltrami, Saggio cli interpretazione della geometria non-euclidea, Giorn. di
mat. 6 (1868), p. 285.
Teoria fondamentale degli spazi di curvatura costante, Ann. di mat. (2) 2
(1868), p. 232.
Sulla teoria analitica della distanza, 1st. Lomb. Rend. (2) 5 (1872).
Un precursore italiano di Legendre e di Lobatsehewsky, Rom Line. Rend. (4)
5 1 (1889), p. 441.
Joh. Bolyai, Appendix scientiam spatii absolute veram exhibens etc. in W. Bolyais
Tentamen Bd. 1, fur sich neu herausgegeben Leipzig 1903.
Wolfgang i Bolyai de Bolya Tentameu juventutem studiosam in elementa mathe-
seos purae elementaris ac sublimioris inethodo intuitive evidentiaque huic
propria introducendi, cum appendice triplici. 2 Bde. Maros Vasarhely 1832
und 1833; editio secunda, 2 Bde, Budapest 1897 und 1904 (,,Tentamen u ).
Einen Auszug aus diesem Werke bildet die Schrift: Kurzer GrundriB eines
Versuches . . ., Maros Vasarhely 1851.
A. Cayley, A Sixth Memoir on Quantics, Lond. Trans. 149 (1859), p. 61; wieder
abgedruckt: Coll. math. pap. 2, Cambridge 1889, p. 561.
A. Clebscli und F. Lindemann, Yoiiesungen fiber Geometrie 2 1 , Leipzig 1891.
W. K. Clifford, Lond. Math. Soc. Proc. 4 (1873), p. 381; 7 (1876), p. 67; wieder
abgedruekt: Math, pap., London 1882, Nr. 20 und 26; ferner Math. pap.
Nr. 41, 42, 44.
M. Dehn, Die Legendreschen Satze fiber die Winkelsumnie im Dreieck, Math.
Ann. 53 (1900), p. 404.
Uber den Rauminhalt, Math. Ann. 55 (1902), p. 465.
Edw. F. Dixon, The foundations of geometry, Cambridge 1891.
jP. Enriques, Conferenze di geometria, autogr. Vorlesungen, Bologna 1894/95.
Lezioni di geometria proiettiva, Bologna 1898 ; deutsche Ausgabe von H. Fleischer:
Vorlesungen iiber projektive Geometrie, Leipzig 1903.
Questioni riguardanti la geometria elementare, eine Samnilung von Aufsatzen
verschiedener Autoren, Bologna 1900 (,,Questioni u ).
F. Enriques e U. Amaldi, Element! di geometria, Bologna 1903; zweite Auflage
1905.
Euclid is elementa. Edidit J. L. Heiberg. 5 Bde. Leipzig 188388 (,,Elemente").
C. F. Gaufi, Werke Bd. 8, Leipzig 1900; vgl. auBerdem: Briefwechsel zwischen
Gaufi und Fr. W. Bessel, Leipzig 1880; Briefwechsel zwischen Gaufi und
W. Bolyai, hrsgeg. von F. Schmidt und P. Stackel, Leipzig 1899; Briefwechsel
zwischen Gaufi und H. C. Scliulimachtr , hrsgeg. von C. A. F. Peters, Altona
186065.
H. Grafimann, Die lineale Ausdehnungslehre, Leipzig 1844, zweite Auflage 1878;
wieder abgedruckt: Ges. math, und phys. Werke I 1, Leipzig 1894.
H. Grafimann, Geometrische Analyse, Leipzig 1847; wieder abgedruckt: Ges.
math, und phys. Werke I 1, Leipzig 1894.
angefiihrte Literatur. Da dieser Artikel seinem Inhalte nach im Herbst 1904 ab-
geschlossen wurde, so konnte spater erschienene Literatur nicht mehr beriick-
sichtigt werden ^so u. a. der 1906 erschienene Bericht von M. Simon iiber die
Entwicklung der Elementargeometrie im 19. Jahrhundert). Eine Ausnahme bilden
nur besondere Beitrage, die Herr Schoenflies der Redaktion zu Nr. 7 und Ab-
&chnitt VH (Stetigkeit, Xicht-Archimedische Geometrie) zur Verfiigung gestellt hat.
4 HI AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
H. v. Helmholtz, tJber die tatsachlichen Grundlagen der Geoinetrie, Heidelberg
Naturhist.-med. Verein Verhandl. 4 (1866), p. 197, abgedruckt: Wissensch.
Abhandl. 2, p. 610.
Uber die Tatsachen, die der Geometrie zu Grunde liegeu, Gott. Nachr. 1868,
p. 193, abgedruckt: Wissensch. Abhandl. 2, p. 618.
D. HUbert, Grundlagen der Geometrie (Festschrift zur Feier der Enthiillung des
GauB -Weber Denkmals in Gottingen, 1. Teil), Leipzig 1899; zweite Auflage
1903 (,,Gnmdlagen u ; zitiert wird die zweite Auflage).
tiber die gerade Linie als kiirzeste Verbindung zweier Punkte, Math. Ann. 46
(1895), p. 91; wieder abgedruckt: Grundlagen, zweite Auflage, p. 83.
Uber den Satz von der Gleichheit der Basiswinkel im gleichschenkligen Drei-
eck, Lond. Math. Soc. Proc. 35 (1903), p. 50; wieder abgedruckt: Grundlagen,
zweite Auflage, p. 88.
Uber Flachen von konstanter GauBscher Kriimmung, Araer. Math. Soc. Trans.
2 (1901), p. 87; wieder abgedruckt: Grundlagen, zweite Auflage, p. 162.
Uber die Grundlagen der Geometrie, Math. Ann. 56 (1902), p. 381; wieder
abgedruckt: Grundlagen, zweite Auflage, p. 121.
0. Holder, Die Axiome der Quantitat und die Lehre voin MaB, Leipzig Ber. 53
(1901), p. 1.
G. Ingrami, Elementi di geometria, Bologna 1899.
W. Killing, Die nicht-Euklidischen Raumformen in analytischer Behandlung,
Leipzig 1885 (,,Raumformen u ).
Einfiihrung in die Grundlagen der Geometrie, 2 Bde, Paderborn 1893 und
1898 ( Grundlagen").
F. Klein, Uber die sogenannte Mcht-Euklidische Geoinetrie, Gott. Nachr. 1871;
ausgefuhrt in Math. Ann. 4 (1871), p. 573; zweite Abhandlung Math. Ann. 6
(1873), p. 112; ferner 7 (1874), p. 531; dritte Abhandlung 37 (1890), p. 544.
Vergleichende Betrachtungen iiber neuere geometrische Forschungen. Pro-
gramm zum Eintritt in die philosophische Fakultat usw., Erlangen 1872;
wieder abgedruckt: Math. Ann. 43 (1893) (,,Erlanger Programm").
Uber den allgemeinen Funktionsbegriff und dessen Darstellung durch eine
willkurliche Kurve. Erlangen Berichte 1873, wieder abgedruckt: Math. Ann.
22 (1883), p. 249.
Nicht-Euklidische Geometrie I, II, autographierte Vorlesungen, Gottingen
(Leipzig) 1893.
Zur ersten Verteilung des Lobatschefskij-Preises. Gutachten betreffend den
dritten Baud der Theorie der Transformationsgruppen von *S. Lie, Kasan Phys.
math. Ges. 1897; wieder abgedruckt: Math. Ann. 50 (1898), p. 583 ( Gutachten").
Anwendung der Differential- und Integralrechnung auf Geometrie, eine Revision
der Prinzipien, autogr. Vorlesung, Gottingen 1901 (Leipzig 1902).
Edm. Laguerre, Sur la theorie des foyers, Nouv. Ann. 12 (1853), p. 57; wieder
abgedruckt: Oeuvres 2, p. 6.
J. H. Lambert, Theorie der Parallellinien, aufgesetzt 1766, veroffentlicht 1786 im
Leipziger Magazin fur die reine und angewandte Mathematik.
A. M. Legendre, Elements de geometrie, 1., 3., 9., 12. Auflage; alle diese Unter-
suchungen iiber die Parallelentheorie sind zusammengefaBt in: Reflexions sur
differentes manieres de demontrer la theorie des paralleles ou le theoreme
sur la somme des trois angles du triangle. Paris Mem. 12 (1833), p. 365.
Literatur. 5
,,Leibnizei\B Mathematische Schriftcn". herausgegeben von C. J. Gerhardt, I. Ab-
teilung, Briefwechsel, 4 Bde, Berlin 1849/50 nnd Halle 1855/59, II. Abteilung,
Abhandlungen, 3 Bde, Halle 18581863.
S. Lie, Theorie der Transformationsgnippen, 3. Abschnitt, Leipzig 1893 (,,Trans-
formationsgruppen").
Xik. lican. Lobatschefskij , Zwei geometrische Abhandlungen (im Original erschienen
1829 und 135), aus deni Russischen ubersetzt, mit Anmerkungen und einer
Biographic des Yerfassers von Fr.Engel. Zwei Teile, Leipzig 1898 und 1899.
In dem zweiten Teile befindet sich ein chronologisches Verzeichnis samtlicher
Schriften Lobatschefskijs.
It. de Paolis, Elementi di geometria, Torino 1884.
Pappi Alexandrini Mathematicae Collectiones a F. Commandino in latinum con-
versae et commentariis illustratae. Bononiae 1660.
M. Pasch, Vorlesungen uber neuere Geometric, Leipzig 1882 (,,Neuere Geometric").
G. Peano, Calcolo geometrico secondo PAusdehnungslehre di H. GraBmann,
Torino 1888.
I principii di geometria logicamcnte esposti, Torino 1889 (,,Principii u ).
Sui fondamenti della geometria, Riv. di mat. 4 (1894), p. 51 (,,Fondamenti u ).
M. Pieri, I principii della geometria di posizione composti in sistema logico-
deduttivo, Tor. Mem. (2) 48 (1898), p. 1.
Delia geometria elementare come sistema ipotetico - deduttivo , Tor. Mem. (2)
49 (1899), p. 173.
H. Poincare, Sur les hypotheses fondamentales de la ge ometrie, Paris Soc. M. Fr.
Bull. 15 (1887), p. 203.
La science et Thypothese, Paris ohne Jahr; deutsche Ausgabe von F. und
L. Lindemann: Wiseenschaft und Hypothese, Leipzig 1904.
Prodi Diadochi in primum Euclidis elementorum librum commentarii. Ex
recognitione G. Friedlein. Leipzig 1872 (,,Commentarii u ).
M. Rethy, Endlich gleiche Flachen, Math. Ann. 38 (1891), p. 405, und 42 (1893), p. 297.
S. Riemann, Uber die Hypothesen, welche der Geometric zu Grunde liegen,
Habilitationsvortrag von 1854, Gott. Abhdl. XIII (1868), p. 1 ; wieder abgedruckt:
Ges. Werke, 2. Aufl., Leipzig 1892, p. 272 (,,Habilitationsvortrag u ).
H. Sacclieri, Euclides ab omni naevo vindicatus: sive conatus geometricus quo
stabiliuntur prima ipsa universae geometriae principia, Mediolani 1733.
A. Schoenflies, Uber die Moglichkeit einer projektiven Geometric bei transfiniter
(nicht-Archimedischer) MaBbestimniung. Deutsche M.-V. Jahresb. 15 (1906),
p. 26.
F. Schur, tiber die Deformation der Raume konstanten Riemannschen Kriim-
mungsmaBes, Math. Ann. 27 (1886), p. 163.
Uber den Zusammenhang der Raume konstanten Riemannschen Krummungs-
mafies mit den projektiven Raumen, Math. Ann. 27 (1886), p. 537.
Uber den Fundamentalsatz der projektiven Geometric, Math. Ann. 51 (1899),
p. 401.
Uber die Grundlagen der Geometric, Math. Ann. 55 (1902), p. 265.
M. Simon, Euklid und die sechs planimetrischen Biicher, Leipzig 1901 (,,Euklid u ).
P. Stdckel und Fr. En gel, Die Theorie der Parallellinien von Euklid bis auf
Gaufi, Leipzig 1895.
Ch. v. Stawlt, Geometric der Lage, Xurnberg 1847; Beitrage zur Geometric der
Lage, 3 Hefte, Xurnberg 18561860.
6 III A B 1. F. Enriqiies. Prinzipien der Geometrie.
0. Stolz, Zur Geometrie der Alten, insbesondere liber ein Axiom des Archimedes.
Innsbr. Ber. 12 (1882), p. 74; wieder abgedruckt: Math. Ann. 22 (1883), p. 504.
F. Ad. Taurinus, Theorie der Parallellinien, Koln 1825; Geometriae prima elementa,
Coloniae Agrippinae 1826.
Verhandlungen des dritten internationalen Mathematiker-Kongresses in Heidelberg
1904, Leipzig 1905 (,,Heidelberger KongreB").
G. Veronese, Fondamenti di geometria, Padova 1891; deutsch von A. Schepp:
Grundztige der Geometrie, Leipzig 1894 (,,Grundziige u ).
G. Veronese, Elementi di geometria (tratt. con la collaborazione di P. Gazzaniga),
Yerona-Padova 1897, neue Ausgabe 1900; Appendice agli elementi di geometria,
Verona-Padova 1898.
J. Wdllis, De postulate quinto et definitione quinta lib. 6. Euclidis disceptatio
geometrica. Operum mathematicorum volumen alterum, Oxford 169,5, p. 665.
H. G. Zeuihen, Geschichte der Mathematik im Altertum und Mittelalter, Kopen-
hagen 1896, im XVI. und XVII. Jahrhundert, Leipzig 1903.
A. De Zolt, Principii della eguaglianza di poligoni (equivalenza di poligoni) prece-
duto da alcuni cenni critici sulla teoria della equivalenza geometrica, Milano
1881; Principii della eguaglianza di poligoni sferici, Milano 1883.
Bibliographisclie Werke.
It. Bonola, Bibliografia sui fondamenti della geometria non-euclidea, im Bolletino
di bibliografia e storia delle scienze matematiche, seit 1899.
Index operum ad geometriam absolutam spectantiurn in: loannis Bolyai in
memoriam, Libellus post saec. quam lo. Bolyai de Bolya anno 1802 a. D. Clau-
diopoli natus est ad celebrandam memoriam eius immortaleni . . . editus,
Claudiopoli 1902 (Leipzig 1903); ein ziemlich vollstandiges Verzeichnis der
Schriften uber nicht-Euklidische Geometrie.
G. B. Hoisted, Bibliography of hyperspace and non-euclidian geometry. Am. J.
1 (1878), p. 261, 384, 385; 2 (1879), p. 65.
H. Schotten, Inhalt und Methode des planimetrischen Unterrichts. Eine ver-
gleichende Planimetrie. 2 Bde. Leipzig 1890 und 1893.
JS. Wolffmg, Mathematischer Biicherschatz , 1. Teil, Leipzig 1903; besonders
Abt. 2: Philosophic der Mathematik, Abt. 139: Prinzipien der Geometrie,
Abt. 140: Parallelentheorie, Abt. 141: Nicht-Euklidische Geometrie, Abt. 142:
w-dimensionale Geometrie.
1. Einleitung. Allgemeines , betreffend die mathematischen
Untersuchungen iiber die Prinzipien der Geometrie. Die kritischen
Untersuchungen iiber die Prinzipien der Geometrie sind mit deren
systematischer Gestaltung als deduktive Wissenschaft verkniipft.
Als Grundlage des hierbei von EuMid eingeschlagenen Verfahrens
laBt sich folgendes erkennen J ) :
1) Vgl. die kritische Ausgabe der Elemente Euklids von /. L. Heiberg,
1, Leipzig 1883, und u. a. M. Simon, Euklid und die sechs planimetrischen
Biicher, Leipzig 1901.
1. Einleitung. Allgemeines. 7
1) Die Definitiomn (OQOI), die jedoch im allgeineinen blofie Be-
schreibungen sind und manchmal direkfc fundamentale Satze enthalten,
wie z. B. die vierte Definition des fiinften Buches, in der sich das
sogenannte Arclilmedische Postulat verbirgt.
2) Die Axioms (xoival ZVVQIO.I) und die Postulate (ttttfyucta).
tlber den Unterschied zwischen diesen grundlegenden Satzen ver-
breitet sich Proclus 2 ), indem er die folgenden drei verschiedenen Auf-
fassungen dieses Unterschieds anfuhrt: a) Die Postulate verhalten
sich zu den Axiomen wie die Aufgaben zu den Satzen. Die Postu
late behaupten die Moglichkeit einer Konstruktion, die auf andere als
ausfiihrbar angenommene Konstruktionen nicht zuruckgefiihrt werden
kann; die Axiome sprechen eine Eigenschaft aus, die ohne Beweis
einer Figur beigelegt wird, deren Konstruierbarkeit bereits postuliert
oder bewiesen ist. b) Die Axiome sprechen Eigenschaften aus, die
jeder mathematischen GroBe zukommen, und gelten daher auch auBer-
halb des Bereiches der Geometric; in den Postulate!) werden Eigen
schaften betrachtet, die nur von rein geornetrischen Dingen ausgesagt
werden konnen. c) Die Axiome gelten durch sich selbst (xa& aavra),
d.h. auf Grand der Bedeutung der inihnen vorkommenden Ausdriicke; die
Postulate ergeben sich nicht mit Notwendigkeit aus der Definition der in
ihnen enthaltenen Ausdriicke. Dem dritten Standpunkte gegenuber hat
die moderne Kritik gezeigt, dafi diejenigen Satze ? die man als Axiome
betrachtete, Forderungen in sich enthalten, die erfiillt sein iniissen, und
daher in gewissem Sinne auch als Postulate angesehen werden konnen 3 ).
3) Unausgesprocliene Sdtsse, die durch direkte Bezugnahme auf die
Anschauung ersetzt werden 7 z. B. iiber den Begriff 7 ,zwischen u , iiber
?7 die Unendlichkeit der Geraden" usw.
Fiir eine richtige Wertschatzung dieser Grundlagen des Euklidischen
Werkes ist aber im Auge zu behalten, daB der Text unsicher ist und
wohl manche der grundlegenden Satze spatere Zutaten sind.
An diese Fassung der Prinzipien der Geometric kniipft nun eine
lange kritische Arbeit an, die aus dem Altertum bis in unsere Tage
hinein reicht und sich im besonderen mit dem Beweise des fiinften
(Parallelen-)Postulats beschaftigt (vgl. Abschn. I dieses Referats, ins-
besondere Nr. 8).
2) Prodi Diadochi in prinium Euclidis elementornin librum commentarii.
Ex rec. G. Friedlein, Leipzig 1873, p. 178.
3) Vgl. G. Vailati, Heidelberger KongreB, p. 575, und H. G. Zeutlien, ebenda,
p. 340. Wir werden in diesein Artikel die eigentlichen grundlegenden Satze der
Geometrie, d. h. die Satze, welche die zwischen den Grundbegriffen der Geometrie
angenommenen Beziehungen ausdriicken, als Postulate bezeichnen.
8 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Aber vor dein Beginn des verflossenen Jahrhunderts kam man
uber den dogmatischen Gesichtspunkt der Euklidischen Geometrie nicht
hinaus, der ubrigens auch von neueren Mathematikern, z. B. von
Cayley, gebilligt worden 1st.
Die Fortschritte in der Kritik des verflossenen Jahrhunderts gehen
von zwei allgemeinen Ideen aus:
I. Hinsichtlich des Objects der Geometrie kam man zu einer
Unterscheidung zwischen
1) dem gewohnlichen intuitiven Baume, dessen Grundeigenschaften
gemafi der iiblichen Auffassung die Anschauung ergibt;
2) dem physischen Baunie, dessen Grundeigenschaften die Erfalirung
darbietet, und
3) den dbstrakten Bciumen, d. h. allgemeinen Begriffen, die aus
dem gewohnlichen Begriffe des (intuitiven) Raumes durch Abstraction
oder Verallgemeinemng seiner Eigenschaften hervorgehen.
Vor allem fiihrte die nicht-Euklidische Geometrie, die zwischen
1815 und 1830 entstand (Gaufi, J. Bolyai, Lobatschefskij, vgl. Nr. 8)
zu der Anerkennung der physischen Moglichkeit eines Raumes , der
von dem gewohnlichen intuitiven Raume verschieden ist. Jedoch er-
schien diese Moglichkeit, da ihr nur der Zweifel an der Gultigkeit
des fiinften Euklidischen Postulats zugrunde lag, zunachst begrenzt,
und die von diesem Postulate unabhangige Geometrie wurde daher als
die einzig existierende (,,absolute") betrachtet. Diese Beschrankung in
der Raumvorstellung wurde von B. Biemann aufgehoben, der in seinem
1854 gehaltenen und 1867 veroffentlichten Habilitationsvortrag in all-
gemeiner Weise von Hypothesen spricht, welche der Geometrie zu
grunde liegen, die UnendliMeit der Geraden fallen laBt und iiberdies
(wie Graflmann es schon vorher getan hatte) mehrere Dimensionen
betrachtet (vgl. Nr. 8, 15, 27). In demselben Sinne hat dann wohl
F. Klein sehr anregend gewirkt 4 ).
4) Vgl. den folgenden Satz aus seinem Artikel: Uber die sogenannte nicht-
Euklidische Geometrie, zweiter Aufsatz, 1872, Math. Ann. 6 (1873), p. 113: ,,Ahnliche
Untersuchungen (wie uber das Parallelenaxiom) konnte und sollte man mit bezug
auf alle anderen Voraussetzungen, die unseren geometrischen Vorstellungen zu
grunde liegen, anstellen. Es ist die nicht-Euklidische Geometrie ein erster Schritt
in einer Richtung, deren allgemeine Moglichkeit durch Riemanna Arbeit ,,Uber
die Hypothesen, welche der Geometrie zugrunde liegen" vorgezeichnet ist. Ein
ahnlicher Schritt ist es, wenn man das Axiom von der unendlichen L ange der
Geraden fallen laBt, wie ich dies in meinem vorigen Aufsatze im Anschlusse an
die Arbeiten von Riemann und Helmholtz getan habe. Dann ist aufier der nicht-
Euklidischen Geometrie im Sinne von Lobatschefskij, Bolyai oder, wie ich sie
nenne, der hyperbolischen Geometrie, noch eine zweite Geometrie, die elliptieche,
1. Einleitung. Allgemeines. 9
Wenig spater als Riemann (1868) sprach H. Helmlwltz (jedenfalls
mit unter dem Einflusse der englischen empiristischen Philosophic) die
Meinung aus, daB der Wert der grundlegenden Satze der Geometrie in
ihrer Eigenschaft, physische Tatsachen zu enthalten, bestehe, und dies
fiihrte ihn zu neuen mathematischen Fragestellungen, die spater voll-
standig beantwortet worden sind (vgl. Abschn. V B dieses Referats).
Die auBerorclentliche Verbreitung und die Entwicklung der nicht-
Euklidischen Theorien, die von verschiedenen Standpunkten aus von
Battaglini, Hoiiel, Flye Ste. Marie, Mansion, De Tilly und in anderer
Weise von Beltrami, Clifford, Klein, Lie, Poincare u. A. gefordert
wurden, machten den Begriff der verschiedenen moglichen Geometrien
popular und brachten die erwahnte Einschatzuug der Postulate im
Yerhaltnis zum physisehen Raum in weiteren Kreisen zur Anuahme.
Aber man konnte die neue Entwicklung nicht verstehen, wenn
man nicht neben einer Geometrie, deren Objekt der Physik angehort,
auch eine Geometrie betrachtete, die auf dem Wege der Abstraktion
aus der intuitiven Vorstellung des gewohnlichen Raumes hohere
Raume hervorgehen zu lassen bestrebt ist; von dieser Art ist z. B.
der Raum der projektiven Geometrie, in der man von rein deskrip-
tiven Begriffen 5 ) ausgeht und metrische Begriffe ausschlieBt, wie dies
F. Klein im AnsehluB an das von Staudtsche System gelehii hat,
und auch die nicht -Archimedischen Raume Veromses und Hilberts
sind von dieser Art (vgl. Abschn. VII dieses Referats).
Xun sind aus derartigen Konstruktionen verschiedene Rangord-
nungen der geornetrischen Begriffe hervorgegangen, die deren psycho-
logischen Inhalt beleuchten (Nr. 12) und iiber ihre Erwerbung Licht
verbreiten 6 ). Und endlich entstand so auch (im Zusammenhange mit
der formalen Entwicklung, die wir weiter unten beriihren werden)
eine freiere Betrachtung der verschiedenen Geometrien, indem man, ab-
gesehen von dem physikalischen oder psychologischen Objekt, ein
System von Hypothesen betrachtete, dessen Konsequenzen man aus
irgend einem matheinatischen Interesse verfolgte (wie z. B. in den
moglicli; zwischen beiden bildet die gewohnliche, parabolische, Geometrie den
tbergangsfall."
5) D. h. Begriffen, die sich nur auf die Lage beziehen und daher pro
jektiven Charakter haben. Dieses Wort ist in dem vorliegenden Artikel in An-
lehnung an PonceUt gewahlt worden, um fiir lagengeometrische Beziehungen ein
bequemes Adjektiv zu haben; Poncelet hat fiir diese Beziehungen neben des
criptive (Traite des proprietes projectives des figures, introduction) auch graphi-
que (Traite, chap. I, Nr. 6); wir haben dem ersten Ausdruck den Vorzug gegeben.
6) Vgl. F. Enriques, Riv. filos. di Pavia 1901.
10 III A B 1. F. Enriqiies. Prinzipien der Geometrie.
letzten Entwicklungen der Hillertscheii Schule; vgl. Abschn. VII dieses
Referats).
Was die physikalische Bedeutung der Postulate betrifft, so liaben
diese Konstruktionen, in Ubereinstinimung mit dem weniger schema-
tischen Begriff der ,,Tatsache", der von der modernen wissenschaft-
lichen Philosophie vertreten wird, zu einer Anderung des Urteils uber
ihren empirischen Wert gefuhrt.
F.Klein (Funktionsbegriff 1873; Math. Ann. 37; Gutachten) und
H. Poincare (Soc. M. Fr. Bull. 15; Wissenschaft und Hypothese) sind
bei verschiedenen philosophischen Richtungen dazu gekommen, die geo-
metrischen Postulate als Satze anzusehen, die man mehr oder weniger
willkurlich in die ungenauen Daten der Erfahrung hineinlegt, um eine
zuverlassige Grundlage fur die weitergehende exakte Uberlegung zu haben.
II. Hinsichtlich der logisclwn Form der geonietrischen Entwick-
lung kam die moderne Kritik zu einem neuen Begriff der mafhe-
matischen Strenge, der niit der kritischen Richtung, die vorher in der
Analysis sich geltend gemacht hatte (Weierstrafl, Dedekind, G. Cantor,
P. Du Bois-Reymond, Meray, Dini u. A.), zusammenhangt.
Vor allem entdeckte man unausgesprochene Postulate, die bei
dem Beweise von Satzen auf Grund der Anscliauung unwillkiirlicli
benutzt wurden, z. B. das Postulat der Stetigkeit (Cantor-Dedeldnd},
das sogenannte Archimedische Postulat (auf das Stole wieder die Auf-
merksamkeit gelenkt hat), die Postulate der Anordnung (Pascli), usw.
Dann bemerkte man, daB eine Definition, ebenso wie ein Beweis,
etwas durchaus Relatives ist, und daher zeigte sich die Notwendig-
keit, die primitiven Begriffe, d. h. diejenigen, die man in einein vor-
liegenden System nicht definieren will, die aber in den Definitionen
logisch miteinander verkniipft sind, ausdriicklich als solche hinzu-
stellen. Und da schliefilich die Postulate als Relationen zwischen
diesen Begriffen erschienen, so wollte man den Postulaten eine solche
Form geben, daB sie erkennbar bleiben, auch wenn man von der (bei
der logischen Entwicklung nicht benutzten) Bedeutung, die man auf
Grund der Anscliauung oder der Erfahrung den Begriffen selbst bei-
legen kann, abstraliiert
In diesem Sinne ist der Begriff der Strenge in den Vorlesungen
iiber neuere Geometrie von M. Pascli (1881) durch die folgenden beiden
Forderungen festgelegt worden:
1) Es sind die primitiven Begriff e, durch welche alle iibrigen
logisch definiert werden, ausdriicklich als solche hinzustellen.
2) Es sind die fundamentalen Satze (Postulate), mit deren Hilfe
die anderen (die ,,Satse") logisch bewiesen werden, ausdriicklich als
1. Einleitung. Allgeinemes. 11
logischc Beziehunyen zwischen deu primitiven Begriffen unabhangig
von deren Bedeutung auszusprechen.
Und diese Fordernngen werden bei PascJi erftillt; die Grundlage
fur die logische Behandlung der Geometric liegt bei ihin durchaus
in den Postulaten (wenn diese auch als das Produkt eines an die An-
schauung ankniipfenden psychologischen Prozesses eingefuhrt werden).
Diese Auffassung der Strenge ist seither iramer mehr zum Ge-
meingut der geornetrischen Forschungen dieser Art geworden (vgl.
z. B. Peano, Principii, 1889; Veronese, Fondainenti, 1891; Hilbert, Grund-
lagen, 1898 usw.) 7 ).
Ihr gemaB erscheinen vom abstrakten logischen Standpunkte aus
die Postulate als willkiirliche Verabredungen, und die Gesamtheit der
logischen Beziehungen, welche sie aussprechen, bildet eine Art im-
pliciter Definition der primitiven Begriffe 8 ).
Wie man von dieser Willkiir Gebrauch machen soil, das hangt
von Werturteilen ab und lafit sich nicht wie eine wissenschaftliche
Frage entscheiden, bei der es sich urn ein Urteil dariiber handelt, ob
etwas wahr oder falsch ist. In der Tat haben die Peanosche und
(besonders in ihren letzten Entwicklnngen) die Hilberfcche Schule, in-
deni sie inimer mehr die abstrakte Seite der Darstellung ins Auge
fafiten, die Willkiir in der Wahl der Postulate im weitesten Sinne ver-
standen und sich damit immer mehr von der Auschauung entfernt: die
7) Ubrigens wurde sie in Italien, wo Euklids Elemente durch Sannia und
d Ovidio, Faifofer, De Paolis und andere schon vorher eine kritische Umarbeitung
erfahren hatten, auch in den Schulbetrieb hineingetragen. Die neueren italieni-
schen Lehrbucher, die bei verscliiedenen piidagogisclien Standpunkten die oben
auseinandergesetzten Bedingungen der fomialen Strenge sich zu eigen machen,
riihren von Veronese (Elementi di geometria [tratt. con la collaborazione di
P. Gazzamga\ Yerona-Padova 1897, neue Ausgabe 1900; Appendice agli elementi
di geometria, Verona-Padova 1898), Ingrami (Elementi di geometria, Bologna
1899\ Enriqiies e Amdldi (Elementi di geometria, Bologna 1903, zweite Auflage
1905) her. Vgl. auch das Sammehverk ,,Questioni u von Enriqiies (1900).
8) Dieser weitere BegrifF der Definition fiiidet sich, wie G. Vacca (Riv. di
mat. 1899, p. 185) bemerkt hat, schon bei /. Z>. Gergonne (Gerg. Ann. 9 (1818 19),
p. 1). Es seien aus dem Gergonneschen Aufsatze zwei charakteristische Satze
angefiihrt: ,,Wenn ein Satz ein Wort enthalt. dessen Bedeutung uns unbekannt
ist, so kann durch die Aussage dieses Satzes die Bedeutung jenes Wortes uns
offenbar werden" (p. 22). ,,Satze, die auf diese Weise den Sinn eines Wortes
auf Grand der bekannten Bedeutung der in ihnen enthaltenen anderen Worte
ergeben, konnten implicite Definitionen genannt werden, im Gegensatze zu den
gewohnlichen Definitionen, die man explicite Definitionen nennen konnte . . .; so
konnen auch oft zwei Satze, die zwei neue Worte mit bekannten Worten ver-
kniipfen, deren Sinn bestimrnen . . ." (p. 23).
12 HI A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
zuerst genannte, indem sie haupts achlich den Zweck verfolgte, das
Urteil tiber einige logisch-formale Fragen zu vertiefen, die andere, ura
Gegenstande von inathematiscbein Interesse, die mit Fragen de.r Ana
lysis oder der Zahlentheorie usw. verkniipft sind, weiter zu verfolgen.
Demgegeniiber strebt Veronese (Fondamenti) danach, das, was der
Anschauung und der Erfahrnng gegeniiber in mehr eigentlichem Sinne
als geometrisch zu betrachten ist, abzugrenzen, und Enriques (Questioni,
Art. 1) sucht einige Vorschriften aufzustellen, denen die Postulate bin-
sichtlich der primitiven Begriffe geniigen miissen, urn fur die An
schauung als evident zu erscbeinen.
Es ist zu erwahnen, daB die oben angefiibrten Forderungen der
formal en Strenge in dem Zeichensystem der rnatbematiscben Logik
(Leibniz, Peacock, De Morgan, Boole, H. G-rafimann, W. R. Hamilton,
Ch. Peirce, Schroder, Peano, Frege) einen symbolischen Ausdruck gefunden
baben. Dieser Symbolisinus, der von Peano (1889) zu einem System
der mathematiscben Darstellung erboben worden ist, bat die Not-
wendigkeit, primitive Begriffe anzunebmen, materiell fiiblbar gemacht,
da jeder von diesen Begriffen durcb ein neues Zeiclien, das ibn repra-
sentiert, eingefiibrt wird; daruber binaus bat er aucb zu einer scbarferen
Kritik hinsichtlicb der Einfachheit und Unabhangigkeit der Postulate
und primitiven Begriffe und der Vertraglichkeit der Postulate mit-
einander Veranlassung gegeben
Der Begriff der UnabhdngigJceit der Postulate, der zunacbst aus den
Entwicklungen bervorging, welcbe die Versucbe, das fiinfte Euklidische
Postulat zu beweisen, im negativen Sinne zum AbscbluB bracbten,
bestebt in folgendem: es bandelt sicb urn die Entscbeidung der Frage,
7 ,ob ein gegebener Satz von anderen, die als Voraussetzungen ange-
nommen werden, logisch abhangt oder nicbt".
Dabei ist folgendes zu beacbten:
1) Es gibt erne geordnete Unabhangigkeit, in der jedes Postulat
unabhangig von den vorbergebenden ist, und eine absolute Undbhangig-
keit, die bei jeder Anordnung der Postulate bestebt. B. Levi (Torino
Memorie 1904, p. 283) bat bemerkt, daB, wenn ein System von in be-
kannter Ordnung unabbangigen Postulaten a,b,c,... gegeben ist, man
immer ein anderes gleicbwertiges System bilden kann, das absolut im-
abbangig ist (a; es besteht & immer dann, wenn a erfiillt ist; usw.).
2) Die Unabhangigkeit der Postulate (a, 1), . . .) ist mit ihrer
Zusammensetzung verknupft, d. b. es kann sein, daB man aus a zwar
nicbt b berleiten kann, wohl aber einen Teil von &. Das Urteil fiber
die Unabhangigkeit wird also um so klarer sein, je einfacher die
1. Einleitung. Allgemeines. 13
Aussagen der Postulate sind. Aber A. Padoa hat dem Referenten ge-
zeigt, daB es durchaus einfache Aussagen auBer den Satzen von der
Form ,,a ist nicht &" nicht gibt und daB es unmoglich ist, auf einer end-
lichen Anzahl soldier Aussagen ein geometrisches System aufzubauen.
Um zu beweisen. daB ein Satz a von anderen Satzen ?>, c, . . .
unabhangig ist, ist zu zeigen, daB das Gegenteil von a mit ~b y c, . . .
vertraglich ist.
Diese Entscheidung iiber die Vertragliclikeit der Postulate wurde vor
allem auf die Betrachtung der arithmetischen Relationen gegriindet, die
die in Rede stehenden geonietrischen Annahnien ausdrucken. Man nahm
die Satze der Arithmetik als logisch vertraglich an und suchte die
logische Moglichkeit verschiedener Geometrien zu beweisen, indem
man deren Gegenstand nicht mehr gemaB seiner gewohnlichen, phy-
sischen oder anschauungsmassigen, Bedeutung auslegte, sondern in
einem durchaus abstrakten Sinne. In dieser Weise als logische Wissen-
schaft entwickelt, kam die Geometrie dazu, in einem allgemeineren
Sinne als die Wissenschaft derjenigen Begriffe (der abstrakten jRaiimc]
betrachtet zu werden, welche den geonietrischen Postulaten oder einem
Teile von ihnen formal genugen.
Eine Modification dieses Gedankenganges besteht darin, daB man
eine erste Geometrie (z. B. die Euklidische Geometrie) als gegeben fund
also jedenfalls als logisch zulassig) ansieht uud innerhalb derselben
eine Interpretation der Annahnien irgend einer andern Geometrie sucht ;
indem man deren Grundbegriffe durch solche Gebilde der ersten Geo
metrie ersetzt, fiir welche die Postulate der zweiten Geometrie tat-
sachlich zutreffen. Nun bildet die Vertraglichkeit der fundamentalen
Satze derjenigen Geometrie, welche man als gegeben annimmt, oder
die Vertraglichkeit derjenigen Satze , welche die elementaren Eigen-
schaften der arithmetischen Operationen ausdrucken^ eine Annahnie,
welche behauptet, man konne zu keinem Widerspruche gelangen, wie
weit man auch die Konsequenzen jener fundamentalen Satze verfolgt.
In die Erorterung der Bedeutung dieser Annahme (die mit Fragen
der Erkenntnistheorie zusammenhangt) ist man in neuester Zeit auf
matheniatischein Gebiete eingetreten. Und hier stehen zwei Stand-
punkte einander gegeniiber.
1) Ein empinstischer Standpunkt.
Wenn man die Geometrie und die Arithmetik als etwas ausieht,
das ein reelles, durch die Anscliauung oder die Erfalirung gegebenes
Objekt hat, dann kann man die Veiiraglichkeit ihrer Postulate auf
der Grundlage dai*tun, daB ,,das, was (physisch oder psychologisch)
existiert, nicht sich selbst widersprechen kann". Dieser Standpunkt ist
14 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
neuerdings in poleinischer Form von A. Padoa 9 ) eingenommen worden,
der die moglichen Interpretationen eines Systems abstrakter Satze in
allgemeinster Weise betrachtet und zu der Meinung kommt, daB kein
Grund vorliegt, einer von diesen Interpretationen einen groBeren Wert
als einer anderen beizulegen, mid insbesondere die der arithnietischen
Interpretation traditionell beigelegte bevorzugte Stellung bestreitet.
Hier ist zu bemerken, daB zwischen geometrischen und (im ele-
mentaren Sinne) arithnietischen Erfahrungen folgender Unterschied
besteht: die ersten beziehen sich auf Dinge, die in stetiger Weise
variieren konnen, und haben daher immer notwendigerweise einen
angenaherten Wert; die zweiten beziehen sich auf etwas, das nur in
diskreter Weise variieren kann und haben daher (bis zu dem Punkte,
bis zu dem sie heranreichen) einen exakten Wert. Wenn man daher
die Erfahrung durch eine Annahme iiber das Resultat ihrer Wieder-
holung vervollstandigt (die unserem Glauben an die Wirklichkeit
zugrunde liegt), so kann man der Meinung sein, daB sie einen wirk-
lichen Beweis fur die in der Arithmetik enthaltenen Tatsachen liefert,
nicht aber fur die Geometrie.
Aber wenii man nicht die Existenz psychologischer, sondern phy-
sischer Objekte betrachtet, so ist noch zu untersuchen, ob die An
nahme, daB ,,das, was existiert, nicht sich selbst widersprechen kann",
berechtigt ist, da man mit ihr dem Prinzipe des Widerspruchs (dem
Gesetze des logischeii Denkens) einen objektiven Wert erteilen wiirde.
2) Ein logiscli-formaler Standpunkt, der die Vertraglichkeit der
fundamentalen Satze der Geometrie auf die Vertraglichkeit der funda-
mentalen Satze der Arithmetik zuriickfiihren will und einen logisclien
Beweis dafiir liefern zu konnen behauptet, daB die Prinzipien der
Arithmetik miteinander vertrdglich sind lQ ).
Aber eine Erorterung iiber die Art und die Moglichkeit eines
solchen Beweises geht iiber den Rahmen dieses Artikels hinaus.
Die Untersuchungen iiber die Unabhangiglceit der primitiven Be-
griffe sind aus der von der italienischen mathematisch-logischen Schule
(G. Peano, M. Pieri, A. Padoa usw.) eingeschlagenen Richtung hervor-
gegangen, die Zalil der bei dem logischen Auf ban der Geometrie ohne
Definition angenomrnenen primitiven Begriffe in systematischer Weise
zu beschranken (vgl. Nr. 6).
Sind mehrere fundamentale Begriffe J., B, C y ... gegeben, so
kann man fragen, ob einer von ihnen durch einige der iibrigen de
fy L enseignement inathematique 5 (1903), p. 85.
10) Vgl. D. Hilbert, Grundlagen, p. 18, und Heidelberger KongreB, p. 174.
2. Vorbeinerkung. 15
finiert werden kann (z. B. C mit Hilfe von A und B) oder ob er von
ihnen unabhangig ist. Eine solche Frage hat so lange keineu Sinn,
als man nicht sagt, welche Beziehungen zwischen den genannten Be-
griffen postuliert werden. Nimmt man dagegen an, daB zwischen den
Begriffen A, B, C (die wir in abstrakter Weise durch die ent-
sprechenden Synibole dargestellt betrachten) gewisse logische Be-
ziehungen bestehen, die durch ein gewisses System von Postulaten
(a, &, c, . . .), die wir als gegeben ansehen, ausgedrfickt werden,
eo wird man dartun konnen, daB C in dem System (a, &, c, . . .)
von A, _Z? undbliangig ist, indeni man eine geeignete konkrete Inter
pretation der Synibole A, J5 angibt, der zwei verscliiedene Interpre-
tationen von C zugeordnet werden konnen, so daB ein bei der ersten
Interpretation wahrer (und daher mit a, &, c, ... vertraglicher) Satz
bei der zweiten Interpretation falsch ist (Padoa 11 )*).
Was die Einteilung des folgenden Berichtes betrifft, so unter-
scheiden wir die elementare Richtung von den hoheren Ansatzen,
die entweder von der Theorie des Kontimmins oder der projektiven
Geometrie oder der allgemeinen Idee einer MaBbestiinraimg (Bogen-
element und Entfernung, Bewegungsgruppe) ausgehen. Die elemen-
tare Richtung ist durch den umnittelbaren Vergleich der samtlichen uns
gelaufigen geometrischen Begriffe charakterisiert, wahrend die anderen
hoheren Richtungen (abgesehen von der Anwendung hoherer Unter-
suchungsmittel und besonders der Analysis) einer Trennung der fun-
damentalen Begriffe in einige Familien entsprechen, von denen jede
einer breit entwickelten Geometrie zur Grundlage dient, der die
anderen Begriffe untergeordnet werden.
Xach der Darstellung dieser verschiedenen Richtungen berichtet
der letzte Abschnitt iiber die neuen Entwicklungen, die durch Ab-
straktion von dem gewohnlichen Begriffe des Kontinuums zur Kon-
struktion der nicht-Archimedischen Geometrieen gefiihrt haben.
I. Die elementare Richtung.
2. Vorbemerkung. Elementare Darstellungen der Grundlagen
der Geometrie finden sich rnehr oder minder in jedeni Lehrbuche der
element-aren Geometrie. Wir verweisen wegen vieler Einzelheiten auf
die beiden Artikel fiber Elementargeometrie. Hier handelt es sich nur
um eine allgemeine tFbersicht fiber die hauptsachlichsten in prinzi-
pieller Hinsicht unterschiedenen Ansatze.
11) Congrfcs internat. de philos. Paris 1900, 3, p. 309.
16 III A B 1. F.Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Wir besprechen in dieser Hinsicht der Reihe nach die Begriffe
Punkt, Gerade und Ebene, Strecke und Wirikel (den Begriff ,,zivischen"),
Kongruens und Beivegung, die verschiedenen Forrnen des Stetigkeits-
begriffes und die ParallelentJieorie. Als Erganzung schlieBt sich hieran
eine Besprechung der im Sinne der alten Geometer behandelten Pro-
portionenlehre und der LeJire vom Flacheninhalt.
3. Punkt, Gerade und Ebene. Euldid (OQOI, a , /? ,/) beginnt:
etinv, ov l**BQO$ ov&sv.
ds iiqxos ankarss.
ia ds etinv, o fiijxo? xccl jeJLdxog povov s%si.
tJbersetzt :
Ein Punkt ist etwas, dessen Teil nichts ist.
Eine Lime ist eine Lange ohne Breite.
Eine Flache ist etwas, was nur Lange und Breite hat.
Und Euklid fugt hinzu 7 da6 die Grenzen der Linie Punkte und
die Grenzen der Flache Linien sind.
Er geht darauf so yor ; daB er unter den Linien und Flachen die
Gerade und die Ebene charakterisiert, wie wir es bald sehen werden.
Im AnschluB hieran gibt es zwei Wege, urn in die Elemente
der Geometrie einzudringen:
1. Man nimmt den Punkt als ersten fundamentalen Begriff an,
der durch Abstraktion aus der Yorstellung eines sehr kleinen Korpers
entstanden ist, und sucht dann durch Bewegung des Punktes die
Linien, durch Bewegung der Linien die Flachen und durch Bewegung
der Flachen die Korper (oder den Raum) zu erzeugen.
2. Man geht von dem fundamentalen Begriffe des Korpers aus
und fuhrt dann die Flachen als Grensen der Korper, die Linien als
Grenzen der Flachen und die Punkte als Grenzen der Linien ein.
Jedoch ist zu bemerken, daB man weder auf dem einen noch
auf dem andern Wege zu wirklichen logischen Definitionen kommt,
sondern nur zu Angaben und Beschreibungen von einer gewissen
physisehen und psychologischen Bedeutung.
Was den zweiten Weg betrifft, so kann man sagen, daB der Be
griff der Gfrenee eines Korpers, einer Flache, einer Linie den Begriff
der Flache, der Linie, des Punktes, den man defmieren will, bereits
enthalt, wenn er nicht etwa alle diese Begriffe gleichzeitig und
im besonderen einige Beziehungen zwischen ihnen enthalt, die schwer
festzustellen sind.
Der erste Weg scheint zwar nicht einen so deutlichen Zirkel-
schluB zu enthalten, aber er erfordeii doch eine tiefgehende Unter-
3. Puiikt, Gerade und Ebene. 17
suchung, uin zu einer logischen Systematisierung der in Rede stehenden
Begriffe zu fuhren. Und die groBe Schwierigkeit dieser Untersuchung
hangt damit zusanimen, dafi die von uns auf induktivem Wege er-
worbenen Begriffe der Linie und der Flache sich sozusagen in einer
fortschreitenden Weiterbildung befinden, der wohl bezeichnete Grenzen
sehwer zu setzen sind (vgl. Abschn. II dieses Referats und das Referat
HI A, B 2, v. Mangoldt).
Daher die Tendenz der modernen kritischen Elementargeometrie,
den ,,Punkt" als ersten fundamentalen Begriff anzunehmen und nach-
einander die einfachsten Linien und Flachen (die Gerade, die Ebene, . . .)
einzufiihren, niit deren Hilfe man dann versucht, die allgenieinsten
Begriffe der Linie und der Flache zu gewinnen. Geht man in dieser
Orduung vor, so konnen die Linien- und Flacheneigenschaften der
genannten besonderen Linien und Flachen mit der Leichtigkeit und
Bestimmtheit, die der besondere Fall gestattet, ausgesprochen werden,
wie wir es in Nr. 4 sehen werden.
Bevor wir den Begriff ,,Puiikt" verlassen, wollen wir noch be-
merken. dafi er definiert werden komite, indem man von den Be-
griffen ^Korper" und ^Bewegung" ausgeht, wenn man namlich die Be-
wegungen als Glieder einer Gruppe von Transformationen betrachtet ;
denen man die Korper unterwirft (vgl. Abschn. V B dieses Referats).
Dann entsprechen (nach Poincare) die Punkte gewissen ?? Untergruppen
der Gruppe der Bewegungen" (den Gruppen der Rotationen um die
Punkte des Raumes) und sie konnen als solche definiert werden.
Diese Entwicklungsweise wiirde zwar etwas muhsam sein, aber aus
zwei Griinden interessant:
Erstens wiirden dabei die Postulate in einer Form ausgesprochen
werden, die dem unmittelbaren Ergebnisse der physischen Erfahrungen
am nachsten komrnt;
zweitens kommt dabei zuni Vorscheiu, dafi der Begriff des
Punktes, der der Existenz gewisser Untergruppen der Gruppe der
Bewegungen entspricht, ein physisches Faktum voraussetzt.
Gehen wir nun dazu fiber, die Definitionen der Geraden und der
Ebene zu priifen.
Die Begriffe Gerade und Ebene konnen entweder als primitive
Begriffe angenommen oder aber mit Hilfe der Begriffe Kongruenz und
Bewegung definiert werden.
EuTdid definiert in seinen ,,Elementen" 12 ) die Gerade: ev&eia
TOL$ <p
12) /. L. Heibergsche Ausgabe, Leipzig 1883, 1, UQOI
Eucyklop. d. math. Wisaensch. in 1.
18 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geonietrie.
Proclus 13 ) interpretiert diese Definition, indem er sagt, da6 die
Gerade die Linie ist, deren Lange zwischen zwei Punkten mit deren
Entfernung zusammenfallt, und dann konnte man sie an die sogleich
zu nennende Archimedische Definition anschliefien.
Allgemein iibersetzt man: ,,die Gerade ist diejenige Lime, welche
zu ihren Punkten in gleicher Weise liegt", und interpretiert dies viel-
fach als diejenige Linie, welche von jedem ihrer Punkte in zwei gleiche
Teile geteilt wird 14 ). Aber diese Eigenschaft charakterisiert die Ge
rade nicht, da sie auch der Schraubenlinie zukommt.
W. Leibniz 1 *) hat die Gerade als die Linie betrachtet, welche die
Ebene in zwei kongruente Teile teilt (und die Ebene als die Flache,
welche den Ranm in zwei kongruente Teile teilt).
Diese Vorstellungen von Euklid und Leibniz konnen zu einer
logischen Formulierung der Prinzipien der Geometric fuhren, wenn
man als primitive Begriffe die Begriffe Punkt und gleiclie Entfernung
annimrnt und mit Hilfe eines geeigneten Systems von Postulaten die
Symmetrie auf der Geraden, in der Ebene und irn Raume herstellt 16 ).
Archimedes 11 ) hat die Gerade als die kiirzeste Linie zwischen zwei
Punkten betrachtet, und dieser Begriff ist dann von A. M. Legendre 1 *)
wieder aufgenomnien worden. Auch er kann zu einer logischen De
finition der Geraden fiihren, wenn man als primitiven Begriff den der
Entfernung zwischen zwei Punkten (oder genauer den Begriff gleicJier,
grofierer oder Tdeinerer Entfernung bei zwei [als fest betrachteten]
Punktepaaren) annimmt. Auf Grund eines geeigneten Systems von
Postulaten kann man dann unter gewissen Bedingungen die Ldnge
einer Linie und daher die Gerade als die Linie kleinster Lange zwi
schen zwei Punkten definieren 19 ).
Allgemeiner bekannt ist die auch von Leibniz 20 ) und anderen ge-
brauchte und von M. Simon 21 ) im Proclus wiedergefundene Definition,
13) Commentarii, p. 109.
14) In bezug auf diese verschiedenen Interpretation en vgl. M . Simon, Euklid
und die sechs planimetrischen Biicher, Leipzig 1901, p. 26; vgl. auch H. G. Zeuthen,
Geschichte der Mathematik im Altertum, Kopenhagen 1896.
15) , 9 Leibnizen& Mathematische Schriften u , herausgegeben von C. J. Gerhardt,
erste Abteilung, 1, Berlin 1849, p. 196.
16) Vgl. T. Broden, Pedagogiske Tidskrift, Halmstad 1890.
17) USQL GrpaiQccs Y-ttl xvUvdgov, ^CC^KVO^LEVK K, opera I, p. 8; vgl. P. Du
Bois-Reymond, Math. Ann. 15 (1879), p. 283.
18) Elements de ge ometrie, 2. edit., Paris an VIII, p. 1.
19) Vgl. J?. Bettazzi, Ann. di mat. (2) 20 (1892), p. 19.
20) Mathematische Schriften, erste Abtheilung, 1, p. 196, und zweite Ab
teilung, 1, p. 164.
21) ,,Eiiklid", p. 26.
3. Punkt, Gerade und Ebene. 19
nach welcher die Gerade als die Lime betrachtet wird, die unbewegt
bleibt, wenn man sie um zwei ihrer Punkte rotieren laBt. C. F. Gait ft
bemerkt bei Gelegenheit (vgl. Werke 8, p. 196), dafi man sich dieser
Eigenschaft gerade in der Praxis, wenn man die Operationen mit dem
Theodolitben vornimmt, bedient, um festzustellen, ob eine Linie eine
Gerade ist.
Viele Mathernatiker (darunter H. Grafimann**j) haben die Gerade
als diejenige Linie betrachtet, welche in jedem ihrer Ptmkte eine
konstante Richtnng beibehalt. Soil diese Definition annehmbar sein,
so niuB man als primitiven Begriff den der Riclitung annehrnen, und
das kann z. B. in Beziehung auf zwei Punkte, unabhangig von. dem
Begriffe der Geraden, geschehen. Diese Idee ist noch neuerdings von
Ediv. F. Dixon 23 ) entwickelt worden. Sie hangt mit der anderen Grafi-
manmchen. Idee zusammen, nach welcher die Geometric als ein geome-
trisclies Eeclmen mit Streckeii oder, modern ausgedriickt, als eine Vektor-
analysis dargestellt wird 24 ). Die Grundvorstellungen und -satze dieses
geometrischen Rechnens hat kiirzlich G. Peano 2 ) analysiert. Weitere
Untersuchungen fiber diesen Gegenstand haben G.Darboux 26 ), F.Siacci* 1 },
E. ScMmmack**), I. Sclmr-*\ G. Hamel 30 ) veroffentlicht,
Eine bernerkenswertere Definition der Geraden und der Ebene
ist die von W. Leibniz* 1 } erdachte und dann von Jdh. Bolyai 8 *)
uud JV. Lobatschefskij**) wieder aufgenommene und entwickelte, die
darin besteht, dafi man die Ebene als den Ort der Punkte betrachtet,
22) Ygl. Ausdehnunglehre von 1844, Einleitung, Abschu. C, Ges. Werke I 1,
p. 28 : ,,Die einfache Ausdehnungsform ist die Form , welche durch eine nach
deinselben Gesetze erfolgende Andening des erzeugenden Elementes entateht";
p. 29: ,,In der Raumlehre ist die Gleichheit der Richtung das die einzelnen
Anderungen umfassende Gesetz".
23) The foundations of geometry, Cambridge 1891.
24) Vgl. etwa den orientierenden Aufsatz von H. Grafimann: Kiirze Uber-
sicht iiber das Wesen der Ausdehnungslehre, Arch. Math. Phys. 6 (1845), wieder
abgedrackt: Ges. Werke I 1, p. 297 ff., insbesondere die Abschnitte HI und IV.
25) Calcolo geonietrico secondo 1 Ausdehnungslehre di H. Graflmann , Torino
1888.
26) Bull. math. astr. 9 (1875), p. 281, abgedruckt als Note 1 in Despeyrous,
Cours de Mecanique 1 (1884), p. 371.
27) Napoli Rend. (3) 5 (1899), p. 34.
28) Gottinger Nachrichten 1903, p. 34.
29) Zeitschr. Math. Phys. 49 (1903), p. 352.
30) Zeitschr. Math. Phys. 49 (1903), p. 362.
31) Math. Schriften, zweite Abteilung, 1, p. 1(56.
32) Vgl. W. Bolyai, Tentamen, editio secunda II, Budapest 1904, p. 8.
33) N. J. Lobrt.tsclii fskij, Zwei geornetrisehe Abhandlungen , 1, p. 7 und 95.
20 IIIABl. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
die von zwei gegebenen Punkten gleichen Abstand haben 34 ), und die
Gerade als den Ort der Punkte, die von drei Punkten, deren gegen-
seitige Eiitfernungen den bekannten, zwischen den Seiten eines Drei-
ecks bestehenden Ungleichheiten geniigen, gleich weit entfernt sind,
oder auch als den Ort der Beriihrungspunkte der Kugeln, die zwei
gegebene Mittelpunkte liaben (vgl. auch Gr. Peano, FuBnote 60). Der
Begriff der gleichen Entfcrnung von Punktepaaren tritt hier wieder als
primitiv auf.
Wenn die Ebene nicht gleichzeitig mit der Geraden oder vor ihr
definiert wird, so kann man den Begriff der Ebene unmittelbar auf
den der Geraden zuriickfiihren.
Euklid definiert die Ebene: fatfae$o$ situpccvfid etinv, ijng &Z
t<5ov ratg f qp eavrils sv&ehxis xsiTai, was man gewohiilich iibersetzt:
eine Ebene ist eine Flache, die gleichrnaBig zu ihren Geraden liegt.
Diese Definition enthalt sicher Uberfliissiges; in der Tat ist die Ebene
schon definiert als diejenige Fliiche, welche die Gerade, die zwei be-
liebige ihrer Punkte verbindet, ganz enthalt 5 diese Definition kann
man bis auf Heron zuriickfiihren.
C. F. 6rf/w/J 35 ) hob hervor, dafi diese Definition ein Postulat ent
halt, da eine Gerade und ein auBerhalb derselben gelegener Punkt schon
die Erzeugung der Ebene geben. Er hat vorgeschlagen, die Ebene
als den Ort der in einem Punkte zu einer Achse errichteten Normalen
zu definieren. Die gewohnliche Definition verwandelt sich dann in
ein Theorem, mit dessen Beweis sich Gaufi in seinem Nachlasse be-
schaftigt 36 ).
Eine analoge tJberlegung hat F. Deahna* 1 ) ausgefiihrt. Er geht
von einer Erzeugung der Ebene aus, die von der vorhergehenden
wenig verschieden ist. Nachdem er zunachst die Begriffe der Geraden
und der Kugel (mit Zugrundelegung des Begriffes der gleichen Ent-
fernung) aufgestellt hat, ninimt er an, daft man die Kugel urn einen
Durchmesser in der Weise bewegen kann, daB jeder Punkt eine ge-
schlossene Linie (einen Kreis) beschreibt; unter diesen Kreisen gibt es
einen, der die Kugel in zwei kongruente Teile teilt; die Geraden,
34) Genau durch diesen Ansatz entstelit die Hesseache Normalform der
Gleichung der Ebene.
35) Brief an Bessel vom 27. Januar 1829 ; Werke 8, p. 200.
36) Werke 8, p. 194.
37) Demonstratio theoreniatis geometric! fundamentalis atque hucusque
pro axiomate suniti: ,,esse superficiem planam u , Diss. Marburg 1837; vgl.
W. Killing, Einfiihrung in die Grundlagen der Geometric^ Paderborn 1893 und
1898, 2, p. 183.
3. Punkt, Gerade und Ebene. 21
welch e die Punkte dieses Kreises mit dem Mittelpunkte der Kugel
verbinden, erzeugen eine Ebene.
Neuerdings ist die Frage der Ebene von G. Veronese 58 ) einer neuen
Priifung unterworfen worden. Dieser definiert, nachdem er einige ein-
fache Postulate iiber die Gerade und die Kongruenz (vgl. Nr. 5) aus-
gesprochen hat, (fiir den Euklidischen Fall) zwei Gerade als parallel,
wenn sie in bezug auf einen Punkt entgegengesetzt (synanietrisch)
sind, und flihrt das Postulat ein: ?? Zwei parallele Gerade sind in bezug
auf den Mittelpunkt jeder Strecke, deren Endpunkte auf ihnen liegen,
entgegengesetzt." Auf dieser Grundlage konstruiert er die Ebene
mit Hilfe des Biischels der Geraden, die von einem auBerhalb gelege-
nen Punkte A aus die Punkte einer Geraden a projizieren, wobei die
durch A zu a gezogene Parallele hinzugefugt wird, und darauf beweist
er, daB die so konstruierte Ebene die Gerade enthalt, die zwei be-
liebige ihrer Punkte verbindet 39 ).
Gerade, Linie und Ebene lassen sich auch gruppentheoretisch
fas sen.
Naclidein wir untersucht haben, wie die Begriffe Gerade und
Ebe)ie mit Hilfe der Kongruenz und der Bewegung definiert werden
konnen, wollen wir von der Idee sprechen, die Gerade oder die
geradlinige Strecke und die Ebene oder die ebene Flaehe als fwnda-
mentale, durch einige Gruppen von Postulaten charakterisierte Be
griffe anzunehmen.
Wenn man von dem Begriife der geradlinigen Strecke ausgeht,
so kann man die Gerade definieren (Pascli, Neuere Geometric; Peano,
Principii und Fondamenti), und ebenso kann man die unbegrenzte
Ebene definieren, wenn man in geeigneter Weise die Eigenschaften
einer ebeneu Flaehe postuliert, indem man also ein geeignetes Raum-
38) Fondamenti di geometria, Padova 1891, deutsch von A. Schepp, Leipzig
1894, Buch I, Xr. 19, II, Xr. 7, ausfuhrlicher in den Elementi.
39) Veronese hat angedeuiet, wie man unabhangig von dem genannten
Parallelenpostulat (das das Euklidische Parallelenpostulat und vielleicht etwas
mehr enthalt) die Frage der Ebene unter der Lobatschefskijscheu Annahme be-
handeln konne, und er hat auch den Riemannschen Fall, in welchem es keine
Parallelen gibt (Nr. 8), n aher betrachtet. Aber in diesem Falle, in dem die voll-
standige Ebene durch die Projektion der (geschlossenen) Geraden von einem
auBern Punkte aus gegeben ist, wird der Satz von der Ebene von Veronese nur
unter Zuhilfenahme einer weiteren Annahme bewiesen, in der der Begriff des
unendlich groBen und des unendlich kleinen Gebietes auftritt. Der Autor driickt
iibrigens die Meinung aus, daB diese Annahme in semeni Systeme iiberflussig
sein umB. Aber diese Meinung bedarf noch der Rechtfertigung.
22 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geoinetrie.
stuck betrachtet: dagegen muB man, weim man von dem fundamen-
talen Begriffe der Geraden ausgeht, einen anderen primitiven Begriff
hinzunelimen ; um die Strecke zu definieren.
Wir behalten uns vor, die Formulierung der Postulate, zu der
man gelangt, wenn man den ersten Weg einschlagt, auseinander-
zusetzen, wenn wir von den Prinzipien der projektiven Geometric
sprechen werden (HI.), und wollen jetzt den anderen Weg durch-
laufen, um zu zeigen, wie sicli dabei die Eigenschaften, die mit den Be-
ziehungen der Lage oder des EinanderangeMrens (der ,,Verkniipfung"
bei Hilbert, Grundlagen, p. 2) von Gerade und Ebene zusammenhangen,
bis auf einen gewissen Punkt getrennt von den Linien- und Flachen-
eigenscnaften (den Postulaten der Anordnung, der Teilung) ergeben.
Die Postulate des Einanderangehb rens (der Verkniipfung) konnen
wie folgt formuliert werden 40 ):
I. Man setzt eine Klasse von Elementen, Punkte genannt, (deren
Inbegriif Eaum genannt wird), als gegeben voraus und in ibr Unter-
klassen (Gerade und Ebenen), die folgenden Postulaten genugen:
1) Zwei Punkte gehoren einer und nur einer Geraden an.
2) Drei Punkte, die nicht einer Geraden angehoren, gehoren einer
und nur einer Ebene an.
3) Die durch zwei Punkte einer Ebene bestimmte Gerade gebort
der Ebene an.
4) Zwei Ebenen, die einen Punkt gemeinsam haben, baben noch
einen anderen Punkt (und also eine Gerade) gemeinsam.
Diesen Postulaten von zunachst nur bypothetischer Form fiigt
man die Existenzpostulate binzu, die die Existenz mehrerer verschie-
dener Punkte und von Punkten aufterltalb einer Geraden oder einer
Ebene bebaupten. Die Existenz einer unendlicben Zahl verschiedener
Punkte, Geraden und Ebenen folgt danu aus den erst weiter unten
unter II anzufiibrenden Postulaten der Anordnung.
Es ist zu bemerken, daB das vierte Postulat die Dreidimensiona-
litat des Raumes ausspricbt und auf Grund der in geeigneter Weise
als Postulat ausgesprocbenen Eigenscbaft der Ebene, den Raum in
zwei Teile zu teilen, bewiesen werden kann (vgl. Nr. 4).
4. Strecke, Winkel (der Begriff ,,zwischen"). Wir geben nun
dazu iiber, die Postulate zu untersucben, die die Linieneigenschaften
der Geraden und die Fldclieneigenscliaften der Ebene ausdriicken
(vgl. Absclin. II. Theorie des Kontinuums) und sicb auf die Begriffe
40) Wir bezeichnen sie mit der Zifter I, weil wir spater weiter numerieren ;
vgl. 4.
4. Strecke, Winkel. 23
,,zwischen", ,,naturliche Ordnung der Punkte einer Geraden", ,,Strecke",
Strahl", ,,Seite der Ebene", ,,Winkel" beziehen.
Bei Eiiklid und seinen Naehfolgern werden diese Begriffe noch
nicht untersucht nnd Postulate, die sich auf sie beziehen, nicht for-
muliert, aber solche Postulate sind notig, wenn man wunscht, da8 die
geonietrische Betrachtung rein logisch und von dem Gegeustande der
Ansehauung unabhangig ist.
C. F. Gau ft hat schon friihzeitig darauf aufmerksam gemacht 41 ),
dafi der Begriff ,,zwischen" einer strengen Formulierung bedarf.
Andererseits hat Her bart benierkt, dafi der Begriff der Ordnung der
Punkte einer Geraden der ganzen Geometric zugrunde liegt. Nun
verfiigte die analytische Geometric durch ihre Vorseiclien immer iiber
den Begriff snvischen. Dieses Prinzip der Zeichen hat dann A. F.
Jlobius ( Barycentrischer Calcul) in die reine Geonietrie iibertragen,
und auch H. Graflmann macht in seiner Ausdehnungslehre von 1844
davon konsequenten Gebrauch. Jedoch verdanken wir eine Syste-
matierung dieser Dinge, d. h. die Aufstellung eines Postulatensysterns
zur Charakterisierung dieser Beziehungen erst ]\I. PascJi (Neuere
Geometric, 1882), und derselbe Gegenstand ist dann in verschiedener
Weise von G. Peano (Principii und Fondamenti), G. Veronese (Fonda-
nienti), D. Hilbert (Gnindlagen) u. A. behandelt worden (vgl. Abschn. II.
Theorie des Kontinuunis).
Man kann zwei Arten, diese Untersuchung zu flihren, unter-
scheiden, und zwar kniipfen diese gewissermafien an die erwahnten
Bemerkungen von Gaufi und von Her bart an: es handelt sich namlich
da-rum, ob man sich auf den Begriff der fertigen oder den der werdcn-
den Figur bezieht.
a. Die Liniemigemchaften der Geraden konnen der fertigen Figur
gegenuber postuliert werden, wenn man von dem Begriffe ,,zwischen"
oder ,,Zerlegung in Teile" ausgeht, und zwar in folgender Weise:
II. 1) Wenn A, B, C Punkte einer Geraden sind und B zwischen
A und C liegt, so liegt B auch zwischen C und A.
2) Wenn A und C zwei Punkte einer Geraden sind, so gibt
es stets wenigstens einen Punkt J5, der zwischen A und
C liegt, und wenigstens einen Punkt Z), so dafi C zwischen
A und D liegt.
3) Unter irgend drei Punkten einer Geraden gibt es stets
einen und nur einen, der zwischen den beiden anderen
liegt 42 ).
41) Brief an W. Bolyai vom 6. Marz 1832, Werke 8, p. 222.
42) Nach D. Hilbert, Gnindlagen, p. 4.
24 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Oder in folgender Weise:
II . Jeder Punkt A der Geraden zerleyt die Gerade in zwei Klassen
von Punkten (Teile), die man mit den Namen rechter Teil und linker
Teil bezeichnen kann, in der Weise, daB:
1) jeder von A verschiedene Punkt eineni der beiden Teile an-
gehort;
2) wenn A sich zur Linken (oder zur Rechten) von einem anderen
Punkt B befindet, jeder Punkt zur Linken (oder zur Rechten)
von A sich zur Linken (oder zur Rechten) von B befindet;
3) wenn A sich zur Linken von B befindet, B sich zur Rechten
von A befindet.
Stellt man sich der iverdenden Figur gegeniiber, so hat man:
II". Die Punkte der Geraden sind in zwei (naturlichen) Ordmingen,
von denen die eine der anderen entgegengesetzt ist, in der Weise an-
einander gereiht, dafi bei Betrachtung einer bestimmten Ordnung:
1) wenn zwei Punkte A, B der Geraden gegeben sind, einer von
ihnen, z. B. A, dem anderen, B, vorangeht, und alsdann B auf
A folgt-,
2) wenn drei Punkte A, B, C gegeben sind und A dem B und B
dem C vorangeht, A dem C vorangeht;
3) zwischen zwei Punkten A und B Zwischenpunkte (die dem einen
vorangehen und auf den anderen folgen) existieren;
4) kein erster (alien vorangehender) Punkt und auch kein letzter
Punkt existiert.
Auf Grand dieses Postulats laBt sich die Strecke mit den End--
punkten A und B auf der Geraden (die die Zwischenpunkte enthalt)
definieren und der Beweis ihrer elementaren Eigenschaften fiihren.
1). Gehen wir nun zu den Flacheneigenschaften der Ebene.
Stellt man sich der fertigen Figur gegeniiber, so kann man die
Zerlegung der Ebene in zwei Teile durch eine ihrer Geraden zu Grunde
legen, deren fundamental Eigenschaft man (mit Pasch) durch das
folgende Postulat ausdriickt, das wir in Anlehnung an die voran-
gehenden Postulate II 1 3 mit II 4 bezeichnen:
II. 4) Sind in einer Ebene drei Strecken AB,BC, CA gegeben, so
hat eine Gerade (der Ebene), die mit einer von ihnen einen Punkt ge-
ineinsam hat, auch mit einer der beiden anderen einen Punkt gemeinsam.
Eben infolge dieses Postulats wird die Ebene durch eine ihrer
Geraden, r, in zwei Teile (Seiten oder Halbebeneri) in der Weise ge-
teilt, daB die Strecke, die zwei (nicht auf r liegende) auf derselben
Seite von r befindliche Punkte verbindet, keinen Punkt mit r ge-
4. Strecke, Winkel. 25
meinsam hat, wahrend die Strecke, die zwei nicht auf derselben Seite
von r befindliche Punkte verbindet, mit r einen Punkt gemeinsam hat,
Man kann dieselben Eigenschaften einfiihren, wenn man die
iverdende Figur betrachtet. Dies geschieht fiir die Euklidische Geo
metric in einfacher Weise, indem man folgendes postuliert:
1) das Euklidische Parallelenpostulat,
2) daB, wenn zwei von einem Punkt ausgehende Geradenpaare
von einer (zu keiner der vier Geraden parallelen) Transversalen in zwei
sich trennenden Punktepaaren geschnitten werden, dasselbe fiir jede
andere Transversale gilt, die nicht durch geht und keiner der vier
Geraden parallel ist (vgl. Abschn. III).
Das Pasc7*sche Postulat fiihrt sofort zur Definition der Winkel-
felder, in die zwei sich schneidende Gerade die Ebene zerlegen, und
der zugehorigen Winkel.
Hier sei daran erinnert, daB die Frage, wie man den WinTcel de-
finieren soil, zu manchen Erorterungen gefiihrt hat.
EnJilid (o ()ot, Y{~) bezeichnet den WMel als die ,,Neigung" zweier
sich schneidender Geraden, was offenbar eine Tautologie ist. Andere
haben den Winkel als das ,,MaB einer Drehung" betrachtet. Das
Wesentliche dessen, was hier vorliegt, besteht in der Existenz einer
gewissen Invariants bei einem Paar sich schneidender Geraden gegen-
iiber der Gruppe der Bewegungen. Der Begriff einer solchen In
variante (der WinkelgroBe) ist fur die gewohnliche Theorie der Kon-
gruenz offenbar ausreichend.
Jedoch spielt der Winkel bei anderen Fragen eine hiervon ver-
schiedene Rolle. Dies kann man vor allem behaupten, soweit es sich
urn gewisse Yerhaltnisse der Lage, urn r Punkte inuerhalb eines Winkels"
usw. handelt. Im Hinblick auf diese Beziehungen ist ein Winkel-
begriff erwiinscht, der von dem Begriffe der Winkelkongruenz unab-
hangig ist. Daher ist der Winkel (von Louis Bertrand 4 *)} als ein Teil
der Ebene definiert worden, und zwar als ,,der Teil, der zwei, durch die
Schenkel begrenzten Halbebenen gemeinsam ist (als ihre Interferenz)".
G. Veronese^ bemerkt, daB die so definierte Figur (Winkelfeld
oder -ausschnitt) der gewohnlichen Anschauung des Winkels, der als
etwas Eindimensionales, als ein Teil des Strahlenbiischels, betrachtet
wird, nicht entspricht. Darum schlagt er (in Anlehnung an das in
der projektiven Geometric herrschende Prinzip der Dualitat) vor, den
43) Developpement nouveau de la partie elementaire des ruatkematiques,
2 vol., Geneve 1774.
44) Grundziige, p. 307 f. und 695; Element!.
26 III A B 1. jP. Enriques. Prinzipien der Geometric.
Winkel als die Gesaintheit der zwisclien zwei Strahlen befindlichen
Stralilen zu definieren.
Wir wollen endlich noch hinzufiigen, daB man auf Grund des
Paschschen Postulats alle Lagenverhaltnisse der polygonalen Figuren
allgemein entwickeln und im besonderen die Flaclie eines Polygons"
definieren kann. Veronese^) kommt zu diesen Entwicklungen auf
rekurrente Weise, indem er zunachst das Dreieck (namlich die Flache
des Dreiecks) als den Teil der Ebene, der zwei Winkeln gemeinsani
ist, dann das konvexe Polygon als die Summe (Vereinigung) von Drei-
ecken betrachtet; werden diese Entwicklungen an die genetische Kon-
struktion der Ebene angekniipft, so treten sie bei ihni in Beziehung
zu dem Begriffe der Parallelen (vgl. Nr. 8). Enriques und Arnoldi* 6 )
definieren das konvexe Polygon als ,,die Interferenz der Halbebenen,
die die Eckpunkte enthalten und von den Seiten begrenzt sind" und
leiten daraus die elementaren Eigenschaften der Lage her, indem sie
das Paschsche Postulat direkt anwenden.
Die beiden Teile, in die eine Ebene durch ein konvexes Polygon
zerlegt wird, lassen sich ebenfalls durcli Vereinigung" und ^Interferenz"
von Halbebenen definieren, und liieran anschlieBend leitet man dann die
fundamentale Eigenschaft her, daB eine nicht durcli einen Eckpunkt des
Polygons gehende, zwei Punkte verbindende Strecke den Umfang in
einer geraden oder in einer ungeraden Zahl von Punkten trifft, je nach-
dem die beiden genannten Punkte demselben Teile der Ebene angehoren
oder nicht. Der innere Teil (die Flache des Polygons) scheint sich
von dem auBeren Teile nur durch Beriicksichtigung der Unendlichkeit
des zweiten unterscheiden zu lassen.
c. Die oben untersuchten Begriffe der ebenen Geometric er-
strecken sich auch auf den Eaum.
Die Teile oder Seiten, in welche der Raurn durch eine Ebene
zerlegt wird, lassen sich definieren, wenn man ein dem PascJtschen
Postulat analoges Postulat annimmt, das die Aussage enthalt, daB
,,der Raum drei Diniensionen hat", und zu beweisen erlaubt, daB
,,zwei Ebenen, die einen Punkt gemeinsam haben, eine Gerade ge-
meinsam haben". Wenn man dagegen diese Eigenschaft als Postulat
annimmt (wie in Nr. 3), so folgt die Zerlegung des Raumes durch
eine Ebene aus dem Pasc/^schen Postulat in bezug auf die Ebene.
Der Begriff des Flachenwinkels ist dent des Winkels analog und
gibt zu neuen Betrachtungen keinen AnlaB.
45) Grandztige, p. 346 if. ; Elementi.
46) Elementi di geometria, Bologna 1903, p. 98.
5. Kongruenz und Bewegung. 27
Die allgenieine Definition des Polyeclers (der polyedrischen Figur
oder des geschlossenen Korpers) erfordert einige Aufmerksamkeit; im
besonderen tritt hier eiue neue Scliwierigkeit in der Definition der
polyedrischen Figur (unabhangig von dem Begriffe des Korpers) auf
(vgl. Ill A, Bo, Delm-Hecyard, Analysis situs, und die spateren Referate
fiber Polyeder).
Wir schlieBen die Untersuchung dieser Begriffe mit der Be-
nierkung ab, daB die Begriffe des Sinnes eines Winkels (oder
einer Figur, einer Strecke usw.) in der Ebene und des Sinnes einer
Sdtraiibenlinie im Raume (des Sinnes eines Flachenwinkels usw.) auf
Grand des Paschseheu Postulats und des analogen Satzes fiir den
Raum aufgestellt werden konnen, ohne daB andere primitive Anschau-
ungen zu Hilfe zu nehmen sind; dieser Gegenstand ist in verschiedener
Weise von G. Veronese und Enriques-Amaldi behandelt worden 47 ).
5. Kongruenz und Bewegung. Hinsichtlich der Kongruenz oder
geometrischen Gleichheit und der Bewegung (der starren Korper),
die jene (im physischen Raume) zu verifizieren gestattet, gibt es zwei
verschiedene Anschauungsweisen.
Xach einigen bietet der Begriff der Bewegung, insofern durch
eine Bewegung Figuren zur Deckung gebracht werden konnen, die
Definition der Kongruenz dar. Nach anderen schlieBt der Begriff der
geometrischen Bewegung, d. i. einer Lagenanderung ohne Deformation,
bereits implicite den Begriff der Kongruenz ein.
Wir wollen nicht von den Versuchen sprechen, die seit Eultlid
gemacht worden sind, den Begriff der Bewegung aus den Prinzipien
der Geometric zu verbannen. Wir wollen nur daran erinnern, daB in
neuester Zeit H. v. HdmhoUs 4 *) behauptet hat, daB der Begriff der Be
wegung (wenn man von der Zeit abstrahiert) die naturliche Grund-
lage des Begriffes der Kongruenz ist (Abschn. V B), und daB aus
diesem Gruiide spater J. Hoitel^) es als die Frucht einer Gedankenver-
wirrung bezeichnet hat, die Bewegung aus den Elementen der Geo
metric verbannen zu wollen. Auch Poincare (Wissenschaft und Hypo-
these) betrachtet den Begriff der Bewegung als den eigentlichen
Funclamentalbegriff der Geometric. Ebenso z. B. Ch. Mcmy).
47) G. Veronese, Elementi di geometria; Enriques-Amaldi, Eleinenti di geo-
raetria, p. 58. Vgl. auch den Artikel von U. Amaldi in Enriques. Questioni,
und B. Levi, Per. di mat. (3) 1 (1904) p. 207.
48) Wissensch. Abhandl. 2, p. 610 u. 618.
49) Essai critique sur les principes fondamentaux de la geometric elenieu-
taire, Paris 1883.
50) Nouveaux elements de geometrie, Dijon 1874, 2. Auflage 1903. Meray
28 HI A B 1. F. Enriqiies. Prinzipien der Geometrie.
Aber auf mathematischem Gebiete konnen beide erw ahnte An-
schauungsweisen als legitim verteidigt werden. Wenn man auch zu-
gibt, daB in der psychologischen Entstehung der Begriff der Kon-
gruenz ID der physischen Bewegung der starren Korper semen
Ursprung hat, so kann man doch nicht leugnen, daB der entwickelte
Geist des Mathematikers die beiden Begriffe der Kongruenz und der
Bewegung in gleicher Weise enthalt, so daB jeder von ihnen (unab-
hangig von deni andern) logisch als ein primitiver Begriff, der durch
ein geeignetes System von Postulaten zu charakterisieren ist, an-
genommen werden kann. Und vielleicht ist nicht ohne tiefere Priifung
die Meinung von der Hand zu weisen, daB die Kongruenz, als eine
pliysische Beziehung aufgefaBt, an und fur sich eine Bedeutung hat,
unabhangig von der Bewegung der Korper.
Neben den beiden oben erwahnten Anschauungsweisen niochte
eine dritte (Veronese^ 1 ]) den Begriff der geometrischen Kongruenz mit
demjenigen der logischen Identitat verkniipfen. Aber es ist schon,
und wie uns scheint init Recht, von der Kritik hervorgehoben worden,
daB diese Anschauungsweise sich auf eine falsche Auffassung des
logischen Prinzips der Identitat stiitzt.
Wir mochten nun hier, wo es sich um die elementare Richtung
handelt, die Postulatensysteme kurz angegeben, mit deren Hilfe
M. Pasch, G. Veronese und D. Hilbert die fundamentalen Eigenschaften
der geometrischen Kongruenz logisch forinuliert haben, wahrend wir
spater (Nr. 32 35) die Entwicklungen priifen wollen, nach welchen,
entsprechend den Ideen von H. v. Helmlioltz, die Gesamtheit der Be-
wegungen sich als eine Gnippe von Transformations charakteri
sieren lafit.
a. M. Pasch (Neuere Geometric) fiihrt, nachdem er die deskrip-
tiven 52 ) Eigenschaften der Geraden und der Ebene in Postulaten, die den
Postulaten I und II der Nrn. 3 und 4: Equivalent sind, formuliert hat,
als logisch primitiven (wenn auch psychologisch durch die Erfahrung
der Bewegung erworbenen) Begriff den Begriff der Kongruenz zivisclien
zwei aus Pankten bestehenden geometrischen Figuren ein; diese Be
ziehung wollen wir durch M =r^ M bezeichnen.
Die Kongruenz wird als eine umkehrbar eindeutige Beziehung
zwischen den Punkten der beiden Figuren aufgefaBt von folgender Art:
geht von der Translation aus, um zum Begriffe des Parallelisinus zu gelangen
(p. 21), und die Rotation fuhrt ihn zum BegrifFe der Orthogonalitat (p. 31).
51) Grundziige, Teil I, Buch 1.
52) Vgl. FuBnote 5.
5. Kongruenz und Bewegung. 29
Homologe Teile kongruenter Figuren sind kongruent. Figuren,
die einer dritten kongruent sind, sind unter einander kongruent.
Wenn zwei Figuren M und H kongruent sind (M = H ) und man
fiigt zu M einen Punkt A hinzu, so kann man iniiner einen Punkt A
in der Weise wahlen, daB die zusaniinengesetzten Figuren M -\- A
und M + A kongruent sind (M + A = M + A).
Fur die Gerade und die Ebene werden die fundamentalen Eigen-
schaften der Kongruenz durch sieben Postulate ausgesprochen, deren
Inhalt wir im folgenden angeben, indem wir Punkte mit den Buch-
staben A, B, C, . . . bezeichnen. Die ersten fiinf dieser Postulate
beziehen sich auf die Gerade,, die beiden ubrigen auf die Ebene.
1) Die Figuren AS und BA sind kongruent. d. b. AB=BA.
2) In der (ebenen) Figur ABC gibt es auf der Geraden AC in
dem Teile, wo C liegt, einen bestimmten Punkt B , so daB AB =AB.
3) Wenn ABC = AB C und C ein Punkt innerhalb der Strecke
AB ist, so ist ein Punkt innerhalb der Strecke A B .
J4) Wenn der Punkt C l sich innerhalb der Strecke AB befindet
und man auf der Geraden AB in dem Teile, der A nicht enthalt, den
Punkt C 2 in der Weise konstruiert, daB C t C 2 = AC^, darauf den
Punkt C 3 in der Weise, das C 2 C 3 ^:= C 1 C 2J .. ., so erhalt man eine
Strecke C n C n + l , die den Punkt B enthalt,
5) Wenn in der Figur ABC AB=BC ist, so ist ABC^CBA.
6) Wenn D, E } F drei nicht in gerader Linie liegende Punkte
sind und AB^DE ist, so gibt es in einer gegebenen, durch AB
gehenden Ebene g-ivei Punkte C von der Art, daB ABC = DEF.
7) Wenn zwei nicht ebene Figuren A BCD und ABCE kon
gruent sind, so fallt der Punkt E mit D zusammen.
Die Annahme 4) enthalt das sogenannte Arcliimedisclie Posfafat,
von dem wir weiter unten noch ausfiihrlicher handeln werden.
b. Wenn auch dieses Pa^sche System logisch vollkommen ist,
so bedeutet ihm gegeniiber das Postulatensystem von G. Veronese doch
insofern einen Fortschritt, als es nicht den Begriff der Kongruenz
zwischen irgend welch en zwei Figuren als priniitiv annimmt, sondem
nur den Begriff der Kongjuens zweier Strecken.
Es wird durch fiinf Postulate, deren Inhalt wir im foigenden an-
geben 53 ), charakterisiert.
53) Bei dieser Formulierung sind nicht nur die Fondamenti, sondern auch
zum Teil die Elementi des genannten Verfassers berucksichtigt , jedoch wird
hier das (in den Element! nicht euthaltene) allgemeine Postulatensystem, das von
dem Parallelenpostulat absieht, vriedergegeben.
30 HI A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
1) Die Kongruenz zwischen zwei Strecken ist eine umkehrbar
eindeutige Beziehung zwischen deren Punkten, in der aufeinander-
folgenden Punkten aufeinanderfolgende Punkte entsprechen und homo-
loge Teilstrecken kongruent sind.
2) Strecken, die einer dritten kongruent sind, sind unter einander
kongruent.
3) Ist auf einer Geraden eine Strecke AB gegeben und ein
Punkt C, so gibt es auf der Geraden eine bestimmte Strecke CD,
die AB kongruent ist und denselben Sinn hat.
4) Ist auf einer Geraden eine Strecke AB gegeben, so gibt es
auf ihr eine bestimmte Strecke AB { , die AB kongruent ist und den
entgegengesetzten Sinn hat.
5) Wenn zwei Gerade einen Punkt A gemeinsam haben, so ist
jeder Strecke AB der einen eine Strecke AB der anderen (und eine
Strecke AB" von entgegengesetztem Sinne) kongruent.
Auf Grund dieser Postulate und der Postulate, die den primi-
tiven Begriff der Geraden (die Ordnung ihrer Punkte, ihre Stetigkeit
im Sinne der Nr. 7, ihre Bestimmung durch zivei Punkte) definieren,
kann man irgend zwei Strecken mit einander vergleichen, indem man
von grofieren und Jcleineren Strecken, von der Summe oder der Diffe
rent zweier Strecken usw. spricht. Im librigen enthalten diese Postu
late noch nicht das Archimedische Postulat, das man daher, wenn man
es braucht, den vorhergehenden hinzufugen muB.
Die Kongruenz irgend welcher zweier (aus Punkten zusammen-
gesetzter) Figuren laBt sich darauf als eine Beziehung von der Art
definieren, daB die durch homologe Punktepaare bestimrnten Strecken
kongruent sind.
Zum Studium der kongruenten Figuren flihrt G. Veronese schlieB-
lich ein Postulat liber die inzidenten Geradenpaare (d.h. die Winkel) ein:
6) Wenn AB, AC und A B, AC zwei Geradenpaare sind und
die Strecken der Paare AB, AB-, AC, AC -, BC, BC kongruent
sind, so sind die beiden genannten Geradenpaare kongruent.
Und auBerdem benutzt er das Postulat:
7) Wenn eine Seite eines Dreiecks unendlich klein wird, so wird
die Differenz der beiden anderen Seiten auch unendlich klein.
Wenn bei diesem Postulatensystein und seiner Entwicklung
manches etwas koinpliziert erscheint, so hangt dies mit den beiden
Forderungen zusammen, die der Verfasser sich gestellt hat, namlich
1) die fundamental Eigenschaft der Ebene (vgl. Nr. 3) nicht als
gegeben anzunehmen und 2) den Begriff der Kongruenz und im be-
5. Kongruenz und Bewegung. 31
sonderen der Winkelkongruenz allein auf den der Streckenkongruenz
zuruckzufiihren.
Die Bedeutung des letzten Postulats iiber die Stetigkeit der
Ebene (die bei dem gewohnlichen Verfahren aus der Stetigkeit der
Geraden folgt und hier als Zusatz zu ihr erscheint) laBt sich klar
machen, wenn man die Konstruktionen der Ebene ohne den Begriif
der Winkelkongruenz zu entwickeln sucht, wie es J. Mollerup (Math.
Ann. 58 (1904), p. 479) macht. Bei dem Mollempschen Verfahren zeigt
sich die Notwendigkeit, das Postulat aufzustellen, daB ,,man iiber einer
gegebenen Geraden als Basis und auf einer Seite von ihr nur ein
Dreieck konstruieren kann, dessen Seiten der Reihe nach denen eines
gegebenen Dreiecks gleich sind". Nun laBt sich in dem Veronese-
schen System dieser Satz auf Grund des angegebenen Postulats liber
die Stetigkeit der Ebene beweisen 54 ).
c. D. jQfZferi 88 ) hat, indem er die Postulate der Verkmipfung und
der Anordnung (I, II der Nrn. 3 und 4) von einander getrennt halt
und daher die fundamentale Eigenschaft der Ebene bereits als gegeben
annimmt (I der Nr. 3), ein neues, sehr einfaches Postulaten system
aufgestellt, in dem sowohl die Begriffe der Strecken- wie die der
Winkelkongruenz als primitiv auftreten.
Man betrachte die Strecken und die Winkel als unabhangig von
ihrem Sinne (Nr. 4) definiert, dann lassen sich die genannten Postu
late wie folgt wiedergeben (wobei wir uns in der Numerierung an I
und II in den Nummern 3 und 4 anschliefien).
y III. Es ist eine symmetrisclie Beziehung zwischen den Strecken
und den Winkein t die mit den Namen Kongruenz bezeichnet wird, in
folgender Weise gegeben:
1) Jede Strecke, und ebenso jeder Winkel, ist sich selbst kongruent.
2) Strecken, und ebenso Winkel, die einer (einem) dritten kon
gruent sind, sind sich selbst kongruent 56 ).
3) Auf einer Geraden und auf einer Seite eines gegebenen Punktes
A kann man eine Strecke AB bestimmen, die einer gegebenen
Strecke AB kongruent ist:
AB f =AB.
54) Vgl. auch A. Guarducci in F. Enriqiies, Question!.
55) Grundlagen, p. 7.
56) Diese beiden ersten Satze (die die mathematischen Logiker reflexive
und transitive Satze nennen) wie auch die synimetrische Eigenschaft (wenn a = b
ist, so ist b = a) bilden allgemein die formalen Eigenschaften jeder Beziehung,
die sich als eine Gleichung betrachten
32 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
4) Wenn B em Punkt der Strecke A C, B ein Punkt der Strecke A C
ist, und wenn
ist, so ist auch
5) Ist in einer Ebene ein von einem Punkte ausgehender
Strahl a gegeben, und wird ein durch die Grerade a gebildeter
Teil der Ebene ins Auge gefaBt, so kann man in ihm einen
Strahl & durch bestimmen, der mit a einen Winkel bildet,
der einem gegebenen Winkel ab kongruent ist:
6) Wenn b ein Strahl des Winkels ac, b ein Strahl des Winkels
ac ist und wenn
<: al = < a V, ^lc = -^ Vc
ist ? so ist aucli
<^ ac = <: ac.
7) Wenn A, B, C; A , B , C zwei nicht in gerader Lime liegende
Punkttripel sind und wenn
= AB f , AC = A C f
ist, so ist auch
und
(und daher auch BC = B C ).
Diese Postulate enthalten noch nicht das Archimedische Postulat ;
das also, sobald es notig ist, ansdriicklich hinzugefiigt werden mu6.
Sie bilden die Grrundlage i iir die gewohnlichen Dreieckskongruenzsatze,
auf denen die ganze Theorie der Kongruenz beruht.
6. Uber die Reduktion der in den vorhergehenden Nummern
betrachteten fundamentalen Begriffe. Bevor wir weitergehen, miissen
wir eine Gruppe von Arbeiten erwahnen, die aus der mathematisch-
logischen Schule von G. Peano bl ) hervorgegangen ist und (unter Bei-
seitelassung jedes Interesses, das nicht rein logisch- formal ist) den
Zweck verfolgt, die Zahl der in den vorhergehenden Nummern unter-
suchten fundamentalen Begriffe zu beschranken und die Untersuchung
der Postulate so weit als moglich zu treiben, indem diese in ihre
Elemente zerlegt werden.
57) Vgl. das Formulaire de mathematiques , Torino, seit 1904, mehrere
Auflagen.
0. Cber die Reduktion cler fundamentalen Begriffe. 33
Vor allem iibersetzte 1889 G. Peano (Principii) mit Hilfe der
Symbole der damals zu einem vollkommenen System ausgebildeten
mathematischen Logik die auf die Begriffe ,,Punkt", ,,Strecke" (oder
?J zwischen") und ,,ebene Flache" sich beziehenden deskriptiven Postulate
von Paschj wobei er den Begriff der ebenen Flache auf den der
Strecke zuruckfiihrte (vgl. Nr. 5): spater (Fondamenti) driickte er die
Begriffe der Kongruenz durch die vorhergehenden und den Begriff der
7? Bewegung" aus und aufierdem beschaftigte er sich damit (mit Hilfe
verschiedener Interpretationen, vgl. die Einleitung), die Unabhangig-
keit seiner Postulate zu beweisen.
M. P/m 58 ) hat die ?; Strecke" mit Hilfe der Begriffe ,,Punkt"
und ; ,Bewegung" defmiert und zu diesem Zwecke ein Postulatensystem
entwickelt.
M. Pieri oS ) und A. Padoa 59 ) haben vorgeschlagen, den Begriff der
Bewegung durch den Begriff ; ,Paare aquidistanter Punkte" zu ersetzen,
der sich wiederuin (indeni man eine Idee verfolgt, die in den ersten
Euklidischen Satzen zum Vorschein komrnt und von Veronese ent
wickelt worden ist) auf den Fall von Paaren mit einem gemeinsamen
Punkte zuruckfuhren la-fit.
G. Peano ) hat diese Entwicklungen zu den Definitionen der
Geraden und der Ebene von Leibniz (Nr. 3) in Beziehung gesetzt
(und andererseits zu seinen Postulaten fur die Vektorentheorie).
Es ist jedoch zu bernerken, dafi eine vollstandige Formulierung
der Postulate sich bis jetzt nur bei Pieri findet; diese Postulate sind
aber, besonders weil die primitiven Begriffe der Anordnung unter-
driickt werden sollten (d. h. die Linieneigenschaft der Geraden bei-
seite bleiben sollte), sehr kompliziei*t geworden und haben jede Uber-
sichtlichkeit und anschauliche Gewifiheit verloren: dieser Eigenschaft
legt jedoch Pieri keinen Wert bei 61 ).
In neuester Zeit hat B. Zm 62 ) ein Postulatensystem nur auf
Grund der Begriffe ,,Punkt" und ,,aquidistante Paare" entwickelt,
aber die Levischen Postulate dennieren nicht nur die gewohnliche
(Euklidische und nicht-Euklidische) metrische Geometrie ; sondern ein
allgemeineres geonietrisches System, von dem aus man mit Hilfe von
Anordnungsbegriffen zur genannten metrischen Geometric gelangt.
58) Torino Mem. (2) 49 (1899), p. 173.
59) Ygl. im besonderen Congres des mathematiciens a Paris 1900, p. 353.
60) Torino Atti 38 (1903), p. 6.
61) Ygl. FuBnote 58.
62) Torino Mem. 1904, p. 283,
Encyklop. d. math. Wissensch. Ill 1. 3
34 IIIABl. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Neben diesen Arbeiten ist die Abhandlung von B. Kagan 6 *)
zu erwahnen, in der ein System von Definitionen und Postu-
laten aufgestellt wird, die auf Grund der fundamentalen Begriffe
Ptmkt, I>ewegimg (Transformation der Punkte) und Entf emung (die
den Bewegungen gegeniiber als Invariante betrachtet wird) zur Cha-
rakterisierung der Euklidischen Geometrie geeignet sind. Die Erit-
wicklung in dieser! Abhandlung ist iibersichtlich und die Postulate
sind einfach genug; jedoch wird diese Einfachheit durch die Annahme
erreicht, daB die Entfernung oline weiteres durch eine Zahl dar-
gestellt wird, und diese Annahme soil im besonderen die fundamen
talen Begriffe der Anordnung ersetzen.
In einem anderen Sinne, jedoch noch im AnschluB an denselben
leitenden Gedanken der matheniatisch-logischen Schule, hat 0. Veblen
(Amer. math. soc. Trans. 5 (1904), p. 343) ein System von sehr ein-
fachen Postulaten aufgestellt, in denen der ?? Punkt" und 7? aufeinander-
folgende, in gerader Linie befindliche Punkttripel" als primitive Be
griffe erscheinen, und auf Grund dieser Postulate hat er auch die
Kongruenz definieren wollen. Diese Definition griiudet sich jedoch
auf die konventionelle Wahl einer gewissen Polaritat (vgl. unten
Nr. 22, 24, die projektive Begriindung der Metrik), und scheint daher
nur die Einftihrung eines neuen primitiven Begriifes zu niaskieren.
7. Stetigkeit und Archimedisches Postulat. Die Untersuchung
der Stetigkeitsbegriffe hat in unseren Tagen im Zusammenhang mit der
Entwicklung der infinitesimalen Betrachtungen eine grofie Ausdehnung
erfahren (vgl. Abschn. VII). Aber die ersten Anfange dieser Unter
suchung kann man in einigen von den griechischen Geoinetern gepflegten
Theorien feststellen: im besonderen in der Theorie der Proportionen,
in der die mit dem Fall des inkommensurablen Verhaltnisses zu-
sammenhangenden Schwierigkeiten gliicklich iiberwunden worden sind
(EuJdid, Eleniente ; Buch 5), und in der Anwendung des sogenannten
Exliaustionsverfalirens (Eleniente, Buch 10). Jedoch kornmt in beideii
Fallen nur das von Stole so genannte Arcliimedisclie Postulat**) ins
Spiel:
^Sind zwei Strecken gegeben, so gibt es immer ein Vielfaches
der kleineren, das groBer als die groBere ist."
63) Deutsche M.-V. Jahresb. 11 (1902), p. 403.
64) Vgl. Innsbruck Ber. 12 (1882), p. 75, wieder abgedruckt Math. Ann. 22
(1883), p. 504. Der Name ,,Archimedisches Postulat" ist irrefuhrend. Stolz er-
wahnt selbst (ebenda, p. 86), daB schon friihere Geometer, veimutlich bereits
Eudoxus, diesen Grundsatz benutzten. Ygl. auch H. G. Zeuthen, Heidelberger
KongreB, p. 541.
7. Stetigkeit tmd Archiniedischee Postulat. 35
Dieses Postulat verbirgt sich bei Euklid in der vierten Definition
des fiinften Buches:
Aoyov %iv agog UMLrjla usye&q Jbfyftfd^ a dvvccrai
Auf Deutsch:
Ein Verhaltnis zueinander haben GroBeu, welche vervielfaltigt
einander iibertreffen konnen.
Die Bedeutung des Archiinedischen Postulats kann man, wenn
man die Vorstelluug ins Auge faBt, die wir heute von der Stetigkeit
der Geraden haben, durch die Bemerkung dartun, daB man mit seiner
Hilfe jeder Strecke eine rationale oder irrationale Zahl zuordnen kann.
Denn auf Grund dieses Postulats kann man bei zwei GroBen der be-
trachteten Art die Frage der Gleichheit oder Ungleichheit sofort
entseheiden; man kann also mit diesen GroBen rechneu, und das Ver
haltnis (Aoyos) zweier dieser GroBen ist dann, wenn eine der GroBen
als Mafieinheit gewahlt wird, auf Grund der Euklidischen Theorie der
Proportionen niclits anderes als eine Zahl, die MaBzahl einer der-
artigen GroBe 65 ). Und aus diesem Postulat folgt ini besonderen auch,
daB es fiir die in Betracht kommenden Entwicklungen ein aktual Un-
endlichkleines nicht gibt (vgl. weiter unten p. 37). Aber es folgt aus
ihm umgekehrt noch nicht, daB jeder irrationalen Zahl eine Strecke
entspricht.
Unser Stetigkeitsbegriff enthalt, insofern er auch diesen um-
gekehrteu Satz in sich schlieBt, eine positive Existenzaussage, die bei
den Griechen noch nicht vorgekommen zu sein scheint; eiuige be-
riihmte Sophismen, wie z. B. das von Achill und der Schildkrote,
scheinen das zu beweisen. So viel von dieser Existenzaussage notig
war, erscheint implicite in den Euklidischen Elementen, wo die
Grundtatsachen hinsichtlich des Schneidens von Gei-aden und Kreisen
angenommen werden, und die auf diesen Tatsachen beruhenden Kon-
stniktionen bilden fiir Euklid die eiiizige Art, die Existenz der Figuren
zu beweisen 65 ). Vielleicht gibt es ini Euklidischen Texte nur eine
einzige Ausnahme von dieser Regel, uamlich in dem Satze des fiinften
Buches, wo die Existenz einer vierten Proportionalen zu drei GroBen
vorausgesetzt wird, aber es handelt sich hier wohl um eine apokryphe
Interpolation.
Fiir den nioderueu Standpunkt entsteht das Postulat der Stetig
keit der Geraden (und daher des Raumes), wie wir angedeutet haben,
65) Vgl. 0. Holder, Leipzig Ber. 53 (1901), p. 1.
65) Ygl. H. G. ZeutJien, Math. Ann. 47 (1896), p. 222.
36 IIIABl. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
bei der Aufgabe die Zahlen georaetrisch darzustellen, die die Grund-
lage der analytiscben Geometrie bildet. Mit der Formulierung dieses
Postulats bat sicb C. Weierstrafi in seinen Vorlesungen beschaftigt; in
anderer Weise ist das genannte Prinzip yon G. Cantor) und R. Dede-
Mnd* 1 ) formuliert worden.
Cantors Stetigkeitspostulat driickt sicb geometriscb folgender-
maBen aus:
1) Wenn es in einer geradlinigen Strecke OM zwei unbegrenzte
Reihen von Strecken OA, OB, OC, . . . , OA , OB, 0(7, ... gibt, von
denen die ersten wacbsen und die zweiten abnebmen in der Weise,
daB die Strecken A A, BB , CC , . . . bestandig abnehmen und schlieB-
lich jede gegebene Strecke unterscbreiten,
so existiert ein Punkt .X der Strecke OM von der Bescbaffenbeit,
daB OX groBer ist als alle Strecken der ersten Reibe und kleiner
als alle Strecken der zweiten 68 ).
Fiigt man dieses Postulat dem Archimediscben Postulat binzu,
so kann man die Beziebung zwischen Strecken und Zablen, die aus
dem Messen der Strecken bervorgebt, mnkebren und gelangt damit
dazu, da6 ,,jeder irrationalen Zabl eine Strecke entspricht, deren MaB-
zabl sie ist". Daber kann man sagen: Die Postulate von Archimedes
und von Cantor entspreclten zusammen der cartesisclien Darstellung der
Purikte der Geraden.
Zu dem Archimediscben Postulat kann anstelle des Cantorschen
Stetigkeitspostulats auch ein Postulat der VoUstdndigkeit binzutreten
wie bei D. HUbert):
Der Raum ist eine Mannigfaltigkeit von Elementen (Punkten),
die durcb Hinzufiigen anderer Elemente nicbt so erweitert werden
kann ; dafi aucb in der neuen Mannigfaltigkeit das System der der
Geometrie zu Gruncle liegenden Postulate erfullt ist.
Der geometriscbe Ausdruck der Weierstrafischen und Dedekind-
scben Formulierungen fiibrt (im Gegensatze zu dem Cantorschen
Stetigkeitspostulat) auf zwei Aussagen des Stetigkeitspostulats in
deskriptiver Form:
2) Wenn es in einer Strecke OM eine unbegrenzte Reibe auf-
66) Math. Ann. 5 (1871), p. 128.
67) Stetigkeit und irrationals Zahlen, Braunschweig 1872.
68) Zu diesem Stetigkeitspostulate von G. Cantor bemerkt F. Klein, daB man
vom physikalischen Standpunkte aus achon die Existenz solcher Punkte, denen
eine rationale Abszisse mit grofiem Nenner zukommt, als Postulat ausdriicklich
einfuhren muB. Gutachten, p. 18.
69) Grundlagen, p. 16.
7. Stetigkeit und Archimedisches Postulat. 37
einanderfolgender Punkte A 9 B, C, . . . gibt, so existiert ein (Grenz-)
Punkt von der Beschaffenheit, dafi in jede Umgebung von ihm ein
Punkt der Reihe fallt (Weierstraff).
2 ) Wenn die Strecke OM in zwei Klassen von Punkten geteilt
ist in der Weise, daB, wenn der ersten Klasse angehort und M der
zweiten, jeder Punkt von OM einer der beiden Klassen angehort und
irgend ein Punkt der ersten Klasse sich innerhalb der Strecke befindet,
die von mit jedem Punkte der zweiten Klasse gebildet wird,
so existiert ein Punkt X (von dem man dann zeigt, daB er der
einzige ist) von der Beschatfenheit, daB alle Punkte innerhalb der
Strecke OX der ersten Klasse angehoren, wahrend alle Punkte inner
halb X31 der zweiten angehoren (wobei die Moglichkeit, daB X mit
oder rnit M zusaminenfallt, eingeschlossen ist (Dedekind)).
Diese beiden Postulate sind einander unmittelbar aquivalent.
Wenn man zusanmien mit ihnen die Postulate iiber die Kon-
gruenz (III in Nr. 5) von Streckeu auf der Geraden als gegeben an-
nirnnit, so kann man
a) das Archiniedische Postulat beweisen 70 ),
b) die Punkte der Geraden auf dem Zahlenkontinuum in um-
kehrbar eindeutiger Weise darstellen.
Also kann man sagen:
Sind die Postulate iiber die Streckenkongruenz (III. 1, 2, 3, 4 in
Nr. 5) gegeben, so ist das Postulat 2 (oder 2 ) dem Inbegriff der Stetig-
keitspostidate von Cantor und Archimedes gleicliwertig.
Nun entsteht die Frage, ,,ob das Archiniedische Postulat auch
eine Folge der Postulate iiber die Streckenkongruenz und des oben
fornmlierten Cantorsohen Stetigkeitspostulats ist". Auf diese Frage hat
G. Veronese 1 ) eine negative Antwort gegeben und darnit also be-
wiesen, daB das Cantorsebe Stetigkeitspostulat mit der Annahme einer
(in bezug auf eine gegebene Einheit ) aktiwl imendlicli Ideinen Strecke
vertraglich ist (vgl. nnten Abschn. VII, Nr. 40).
Das geht am einfachsten aus folgender Betrachtung hervor 72 ):
Es sei ein System unendlich vieler paralleler Geraden a, a , a", . . .,
etwa von gleichem Abstand, gegeben, und man betrachte die Gesamt-
heit ihrer Punkte als ein System von Punkten , das in der Weise
geordnet ist, daB jeder Punkt B rechts von einem Punkte A als auf
J 70) Stoh, Innsbruck Ber. 12 (1882), p. 75; vgl. FuBnote 64. Eine genaue
Aufzahlung der hierzu notwendigeu und hinreichenden Voraussetzungen gab erst
0. Holder, Leipzig Ber. 53 (1901), p. 1.
71) Rom Lincei Mem. (4) 6 (1890), p. 603; Grundziige, Einleitung, 105.
72) Veronese, Grundziige, Einleitung, p. 184, FuBnote.
38 III A B 1. F.Enriqiies. Prinzipien tier Geometrie.
ihn folgend betrachtet wird und jeder Punkt C Jioher als A auch als
auf A folgend betrachtet wird. In diesem System (das man auch
nach der anderen Seite fortgesetzt denken konnte) 1st die Strecke (die
endliche Strecke AB oder die aus zwei Halb-
<*" geraden oder auch noch aus mehreren Ge-
I raden zusammengesetzte unendliche Strecke
AC) definiert, und man kann auch in einer
^ A. -H- m j. c | er Anschauung vertraglichen Weise
von kongruenten Strecken sprechen; somit
sind alle Postulate fiber die Streckenkongruenz wie auch die der An-
ordnung erfiillt. Und es ist auch das Stetigkeitspostulat 1) (nicht
das Stetigkeitspostulat 2) oder 2 )) erfullt, aber das Archimedische
Postulat gilt fur unser System nicht. In der Tat ist irgend ein Viel-
faches der (endlichen) Strecke AB immer kleiner als die aus zwei
Halbgeraden zusammengesetzte (unendliche) Strecke AC.
Man schlieBt also daraus, daB das ArcMmedischc Postulat von
dem Cantorschen Stetigkeitspostulat undbhangig ist.
Den Unterschied zwischen dem Cantor - DedeJtindschen und dem
Veroneseschen StetigkeitsbegrifF kann man auch folgendermaBen for-
mulieren ^.
Werden alle Punkte einer Strecke OM. gemaB 2 ) in zwei Klassen
M und M." geteilt, so sind folgende vier Falle moglich: 1) M hat
einen letzten Punkt A , und M" einen ersten A" (es liegt ein Sprung
vor); 2) M hat einen letzten Punkt A , M" keinen ersten; 3) M
hat keinen letzten Punkt, M" einen ersten A"-, 4) weder hat M einen
letzten, noch M" einen ersten Punkt (es liegt eine Lilcke vor). Die
Dedekindsche Stetigkeit schlieBt nun sowohl Liicken wie Sprunge aus.
Die Veronesesehv schlieBt Sprunge immer aus, Liicken aber nur unter
gewissen Bedingungen. Bei dem Veroneseschen Kontinuum treten
namlich Liicken wirklich auf, und zwar immer dann, wenn die in 1)
genannten Strecken A A, BB , CC , . . . nicht jede gegebene Strecke
des Systems unterschreiten, was moglich ist.
Eine weitere Frage ist, ,,ob das Archimedische Postulat mit Hilfe
aller Postulate des Einanderangehorens, der Anordnung und der Kon-
gi*uenz (I., II., III. in den JSTrn. 3, 4, 5) bewiesen werden kann".
Diese Frage ist zu verneinen (vgl. Abschn. VII). Doch wollen
wir inzwischen (wenn nicht ausdrticklich das Gegenteil bemerkt wird)
an dem Stetigkeitspostulat in der Weierstraflschen oder der Dedekindsclien
Form festlialten, das wir aber (entgegen der von den genannten Autoren
74) Schoenflies, Art. I A 5, Nr. 18,19, und Deutsche M.-V. Jahresb. 15 (1906), p. 26.
8. Das Parallelenpostulat. 39
festgehalteueu Darstellungsweise) anf rein deskriptive (vgl. FuBnote 5)
imd im besouderen auf die durch die Postulatengruppe Nr. 5 III. be-
stiinuiten Begrifie beziehen.
8. Das Parallelenpostulat. Die fiinfte Forderung der Euklidi-
schen Eleinente 75 ) behauptet:
,,Kal tar sis 8vo sv&si as Ev&eta fyuttintovtia rag evrbs xal enl
rd avTcc usQTj ycwfag dvo OQ&COV &U00O9ttg sioifj, exfta^ofievas
71 KXflQOV 6VUXLXTSIV, B(f O. ^8QJ] slolv at T&V
Auf Deutsch:
? ,Zwei Gerade einer Ebene ; die mit einer dritten, und auf der-
selben Seite von dieser, Winkel bilden, deren Summe kleiner als zwei
Rechte ist. treffen sick, liinreichend verlangert."
Dieses Postulat bildet die Grundlage der Parallelentheorie, von
der die ersten 28 Satze des Eitklid unabhangig siud; es koninit der
Behauptung gleich, dafi durch einen Punkt auBerhalb einer gegebenen
Geraden nur eine Parallele zu dieser gezogen werden kann.
Schon im Altertum wurden zahlreiche Versuche gemacht, das ge-
nannte Postulat zu beseitigen, indem man es auf Grand der vorher-
gehendeu Satze logiscli zu beweisen suchte 7G ). Es seien Claudius
Ptolemans (87165 n. C.), Proklus (410485) und der Araber Nasir-
Eddin (1201 1274) genannt. Bemerkenswert ist, dafi in den Ent-
wicklungen des zuletzt Genannten das Parallelenpostulat iinplizite an-
genonmien wird, indem Nasir-Eddin von einem Dreiecke ausgeht 7
dessen Winkelsumme gleich zwei Rechten ist.
Jolm Wallis 11 ) (1616 1703) hat in die Parallelentheorie einen
neuen Gesichtspunkt hineingebracht. indem er bemerkte, daB das Eu-
klidische Postulat durch ein anderes ersetzt werden kann, namlich
durch dasjenige ? das behaoptet, daB zu einem gegebenen Dreiecke ein
ahnliches von beliebiger GroBe existiert. In der Tat braucht man,
um die dem Enklidischen Postulat entgegenstehenden Annahmen aus-
zuschlieBen, nur die Existenz zweier ahnlicher und ungleicher Dreiecke
anzunehmen. L. JV. Car-not 1 *) und P. S. Laplace) schlugen vor, an
Stelle des Euklidischen Postnlats eben diese Annahine zu machen.
75) Kritische Ausgabe von J. L. Heiberg, 1, Leipzig 1883.
76) Die Geschichte dieser Untersucliungen bis auf N. Lobatschefskij und
J. Bohjai fiudet man in dem Werke von P. Stackel uud Fr. Engel, Die Theorie
der Parallellmien von Euklid bis auf Gaufi, Leipzig 1895. Vgl. a*ch den Artikel
von E. Bonola in F. Enriques, Questioni.
77) De postulate quinto et definitione quinta lib. 6. Euclidis disceptatio
geometrica. Opemm matbernaticorum volumen alterum, Oxford 1693, p. 665.
40 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Giordano Vitale da Bitonto**) (16331711), der (wie mehrere
Vorganger) parallele Gerade als ,,Gerade gleichen Abstands" betrachtete,
hat bewiesen, dafi ,,wenn drei Punkte einer Geraden von einer anderen
Geraden gleichen Abstand haben, die beiden Geraden durchweg gleichen
Abstand von einander haben".
Der Pater Girolamo Saccheri (16671733), der durch E. Bel-
trami 81 ) in weiteren Ereisen nen bekannt geworden ist, hat in seinem
Werke ,,Euclides ab omni naevo vindicatus . . ," 82 ) eine tiefe Kritik des
Parallelenpostulats verfafit, indeni er sich einerseits an Nasir-Eddin,
andererseits an Giordano Vitale anschloB. Er geht von folgendem Ge-
sichtspunkte aus: Man nehme in einer Ebene eine Strecke AB an,
errichte in ihren Endpunkten nach einer Seite hin die Normalen zu
der Strecke nnd trage auf diesen zwei gleiche Strecken AC und BD
ab; in dem Vierecke ABCD sind nach der Konstruktion zwei Winkel
Rechte, und von den beiden andern Winkeln beweist man, da6 sie
gleich sind; hinsichtlich ihrer Grofie kann man drei Annahmen machen,
namlich daB sie spitze, rechte oder stumpfe Winkel sind. Saccheri
beweist, dafi, wenn in einem Falle eine der drei Annahmen erfullt ist,
sie immer erfullt ist. Die zweite Annahme ist dem Euklidischen
Postulat gleichwertig, wahrend die erste und die dritte auf die nicht-
Euklidischen Geometrien von Bolyai-Lobatscliefskij und Eiemann fuliren
wiirden. Aber Saccheri will das Ungereinate dieser beiden Annahmen
nachweisen; er schlieBt den Fall des stumpfen Winkels aus, indeni
er sich auf die Unendlichkeit der Geraden stiitzt, und giaubt etwas
Ungereimtes in dem asymptotischen Verhalten der Parallellinien zu
finden, zu dem man unter der Annahme des spitzen Winkels gelangt.
Johann Heinrich Lambert (1728 1777) hat sich in seiner ,,Theorie
der Parallellinien" 83 ) auf einen Standpunkt gestellt, der dem des
Saccheri sehr ahnlich ist. Insbesondere beinerkt Lambert, dafi bei
Nichtannahme des Euklidischen Parallelenpostulats, da dann die Be-
trachtung ahnlicher Figuren wegf allt, eine Art naturlicher oder absoluter
78) Geometrie de position, Paris 1803, p. 481 FuBnote.
79) Oeuvres 6, p. 472.
80) Euclide restitute overo gli anticbi elementi geometrici ristaurati e faci-
litati, Roma 1680, zweite Ausgabe 1686; vgl. JR. Rotiola, Boll, di bibliogr. e
stor. delle mat. 1905.
81) Un prescursore italiano di Legendre et di Lobatschewsky. Rom Line.
Rend. (4) 5 1 (1889), p. 441.
82) Euclides ab omni naevo vindicatus; sive conatus geometricus quo stabi-
liuntur prima ipsa universae geometriae principia, Mediolani 1733.
83) Aufgesetzt 1766, veroffentlicht 1786 im Magazin fur die reine und an-
gewandte Mathematik.
8. Das Parallelenpostulat. 41
Hafieinheit existieren rnuB, und er findet, daB der Inhalt eines Drei
ecks der Differenz zwischen der Winkelsuinrue und zwei rechten
Winkeln gleich ist; endlich bemerkt er (hierin ein Vorlaufer von
B. Eiemann\ daB die Annaliine des stuinpfen Winkels (vgl. oben) in
der Geometric auf der Kugel erfullt wird und daB die Anuahnie des
spitzen Winkels auf einer Kugel von iinaginarein Radius erfullt sein
wiirde.
Die Saccherischen und Lambertschen Ergebnisse umfassen den
wesentlichen Teil dessen, was spater und unabhangig davon von den
franzosischen Geometern und insbesondere \onAdricn JlfarieLegendre 8 *)
wiedergefunden wurde, daB nanilich ,,das Euklidische Postulat der An-
nahrne gleichwertig ist, daB die Sumine der Winkel eines (besondern)
Dreiecks gleich zwei Rechten 1st, und daB diese Annahrne dann fur
jedes Dreieck erfullt 1st" (wenigstens dann, wenu man alle Postulate
I, II, III der Nr. 3 5 und das Archimedische Postulat als gegeben an-
nimmt-, vgl. Nr. 44).
Gaufi scheint der erste gewesen zu sein, der die Unbeweis-
barkeit des Parallelenpostulats und daher die Moglichkeit einer all-
gemeinen Geometric, die davon absieht, erfafit hat, und er hat selbst
deren Grundlagen aufgestellt 85 ).
In Beziehung zu Gaufi stehen F. K. SchiveiJcart 86 ) und F. Ad.
Taut iiius sl ), die sich zwischen 1816 und 1826 mit dieser Frage be-
schaftigt haben. Es ist bemerkenswert, daB Sclnceikart in Briefen
und personlichen Mitteilungen die Uberzeugung klar ausgesprochen
hat, daB ein geometrisches System moglich ist, in dem das Parallelen
postulat nicht gilt. Taurimis hat bei der Entwickelung eines Ge-
dankens, dessen Keim sich bei Lanibert findet, die Formeln der nicht-
Euklidischen Trigonometrie erhalten und benierkt, daB diese ein sich
nicht widersprechendes System bilden; gleichwohl halt er, irregefiihrt
durch eine sophistische Interpretation der Konstanten (der Kriimmung),
die in den genannten Formeln vorkommt, die Euklidische Geometric
fiir allein im physischcn Raume giiltig.
Nikolai Lobatschcfskij 9 *) war der erste, der, in seinen seit 1829
84) Reflexions sur differentes manieres de demontrer la theorie des paralleles
ou le theoreme sur la somme des trois angles du triangle, Paris Mem. 12
(1833), p. 365.
85) Jedenfalls von 1816 an; Vgl. Werke 8, p. 175 und 182.
86) Stackd und Engel, Parallelentheorie, p. 243; Ganfi, Werke 8, p. 178.
87) Theorie der Parallellinien, K6ln 1825; Geoinetriae prima elementa, Colo-
niae Agrippinae, 1826. Vgl. Stackel und Engel, Parallellinien, p. 246, und Gcntfi,
Werke 8, p. 186.
88) Vgl. Fr. Engel f Nik. Iwan. Lobatschefskij, Zwei geonietrische Abhand-
42 III A B 1. / . Enriques. Prinzipien der Geometric.
veroifentlichten Abhandlungen, offentlich die Moglichkeit einer Geo
metric, die von dem Euklidischen Postulat absieht, aussprach, und
wenig spater (1832) veroffentlichte Johann Bolyai eine in dem-
selben Sinne gehaltene Schrift 89 ). Die von diesen Geometern er-
haltenen iibereinstimmenden Resultate wurden von Gauft in seinem
Briefwechsel mit Bessel, W. Bolyai, Olbers und Schumacher bestatigt.
Sie bilden ein Lehrgebaude, das mit den Namen imaginare Geometric,
absolute Geometric, niclit-Euldidisclie Geometric, Pangeometrie, allgemeine
Geometric bezeichnet wird. Von den ersten beiden Namen deutet der
eine die Meinung, daB die neuen Theorien physisch unsiunig seien,
der andere den Glauben an die absolute Geltung der geometrischen
Postulate abgesehen vom Parallelenpostulate an; der von Gaufl ge-
brauehte Name ;7 mcht-Euklidisehe Geometric" wird passend im eigent-
liclien Sinne angewandt, wenn man das geometrische System betrachtet,
das aus der Negation des Euklidischen Postulats hervorgeht, aber er
wird oft im uneigentlichen Sinne gebraucht ; um die allgemeine Geo
metric des Ra-umes, die den Euklidischen und den nicht-Euklidischen
Fall in sich begreift ; zu bezeichnen. Wir werden den Namen nicht-
Euklidische Geometric nur in seinem eigentlichen Sinne gebrauehen,
indem wir fur das umfassendere geometrische System den Namen all
gemeine Geometric annehmen.
Die Solyaischen und Lobatschefskijsch.en Resultate, auf die oben
hingedeutet wurde, erschopfen jedoch ? wie schon in der Einleitung
erwalmt worden ist, nicht den ganzen Bereich der nicht-Euklidischen
Geometric. Sie beruhen immer auf der Annahme, daB die Gerade
eine offene Linie ist und also eine unendliche Lange hat. Man
kann aber voraussetzen, daB die Gerade eine geschlossene Linie von
endlicher Lange ist, und kommt dann zu einem anderen nicht-Eukli
dischen geometrischen Systeme. Dieser Fall wurde erst von I?. Eiemann
klar erfaBt (vgl. Nr. 19). .-
Wir haben nun folgende Grundlage der allgemeinen Parallelen-
theorie :
lungen, 1. Teil: Die Ubersetzung, 2. Teil: Anmerkungen , Lobatschefskijs Leben
und Schriften, Register, Leipzig 1898 und 1899.
89) Appendix scientiam spatii absolute veram exhibens usw. in W. Bolyais
Tentamen 1, fur sich neu hrsgeg. Leipzig 1903. Vgl. die Publikationen
von P. Stackel: Gau6, die beiden Bolyai und die nicht-Euklidische Geometrie,
Math. Ann. 49 (1897), p. 149 (zusammen mit F. Engel); Die Entdeckung der
nicht-Euklidischen Geometrie durch Joh. Bolyai, Ungar. Ber. 17 (1901), p. 1;
Aus Joh. Bolyais Nachlafi, Untersuchungen aus der absoluten Geometrie, tin-
gar. Ber. 18. (1902), p. 280. Joh. Bolyai hatte die Sache schon im Jahre 1823.
8. Das Parallelenpostulat. 43
Man nehme die fundainentalen Satze fiber die Gerade und die
Ebene, fiber die Kongruenz und die Bewegung an, die in den Postu-
latengruppen I. II, III der Nrn. 3, 4, 5 (unter Hinzufugung der
Stetigkeit) enthalten sind, modifiziere jedoch die Postulate II in der
Weise ; daB die Moglichkeit, daB die Gerade nicht eine offene, son-
dem eine geschlossene Linie ist, vorbehalten bleibt.
Man betrachte eine Gerade a und einen auBerhalb gelegenen
Punkt A und konstruiere alle Geraden, die von A aus die Punkte
von a projizieren; die Gmizyeraden dieses Bfischels heiBen, sofern sie
existieren, die durch A zu a gezogenen Parallelen.
Bei der Eiiklidischen- Annahme gibt es durch A eine ParalMe
zu a\ aber noch zwei andere Annahnien sind niit den bereits an-
genomnienen Postulaten vertraglich: durch A gehen zwei ParalMe
zu a (die Bolyai-LobatschefsJiijsche Annahme): durch A geht Jceine
P lrattelc zu a (die Biewannsche Annahme)
Wenn man in bezug auf einen Punkt A und eine Gerade a eine
der drei Annahmen macht, so gilt dieselbe Annahme auch fur irgend
eine andere Gerade und irgend einen anderen auBerhalb gelegeneu
Punkt. In jedem Falle kommt der Charakter des Parallelismus einer
durch A gehenden Geraden b zu einer Geraden a der Geraden b auch
fur jeden anderen ihrer Punkte zu ? und die Beziehung des Parallelis
mus zweier Geraden 1st immer gegenseitig.
Die drei geornetrischen Systeme, die aus den drei Annahmen von
Bolyai-Lobatscliefsl ij, Enliid und Eiemann hervorgehen, bezeichnet
man nach F. Klein durch die Namen JtyperboUsch, paraboliscli, ellip-
tisch; siehe unten (Abschnitt III 7 Nr. 23) unter projektiver Geometrie.
Sie konnen (wie bereits angedeutet worden ist) dadurch charakterisiert
werden, daB man den Wert der Winkelsunime irgend eines gerad-
linigen Dreiecks ins Auge faBt, der in den drei Fallen der Reihe
nach kleiner als zwei rechte Wiukel, gleich zwei rechten Winkeln
oder groBer als zwei rechte Winkel ist (vgl. Nr. 14).
Anstelle des Pythagoraischen Satzes der Euklidischen Geometrie
tritt eine allgemeinere Relation, die fur die Formeln der elliptischen
und der hyperbolischen Trigonometrie die Grundlage bildet; die Eukli-
dische oder parabolische Trigonometrie ist in dieser allgemeinen Trigo
nometrie als Grenzfall enthalten^). Fur unendlich kleine Dreiecke
90) Die Formeln der hyperbolischen Trigonometrie sind von /. Bolyai und
JN . Lobatschefskij gegeben worden; die des elliptischen Falles sind die Formeln
der sphariscken Trigonometrie (./. H. Lambert}, und man geht von den zweiten zu
den ersten iiber, indem man den Radius der Kugel imaginar nimmt.
44 IIIABl. F. Enriqiies. Prinzipien der Geoinetrie.
sind die Forrneln der allgerneinen Trigonometric dieselben wie die der
Euklidischen Trigononietrie 91 ).
9. Weitere Ausfiihrungen zur Parallelentheorie. GemaB den
Erorterungen der Einleitung zielien wir jetzt zwei Fragen in Er-
wagung:
a) wie man dazu gelangt, die logische Moglichkeit der nicht-
Euklidischen Geometrie und also die Unabhangigkeit des Euklidischen
Postulats von den vorhergehenden zu beweisen*,
b) unter welchen einfachen, dem Euklidischen Postulate gleich-
wertigen Formen die Anuahnie, die der gewohnlichen Parallelentheorie
zugrunde liegt, ausgesprochen werden kann.
ad a) N. Lobatscliefsldj hat gezeigt, da6 die Beziehungen der
hyperbolischen Trigonometrie durch ein in sich widerspruchfreies
System analytischer Fornieln wiedergegeben werden ? und daraus den
ersten Beweis der logischen Moglichkeit der nicht-Euklidischen Geo
metrie hergeleitet.
Darauf kam man (Riemann, Beltrami) auf den Gedanken, eine wirk-
liche Interpretation der nicht-Euklidischen Geometrie in der Geometrie
auf den Flachen konstanter Krumnmng (vgl. Nr. 17) zu suchen, und
daraus leitete man einen neuen Beweis der logischen Moglichkeit der
nicht-Euklidischen Systeme der Ebene her. Leider reprasentiert eine
solche Flache immer nur ein Stuck der Ebene.
Noeh iiberzeugender ist die Interpretation, welche die nicht-
Euklidische Geometrie nach 1<\ Klein in der zu einem beliebigen
Kegelschnitt gehorigen Cayleyscheu MaBbestimmung findet (weil nam-
lich dabei die ganee nicht-Euklidische Ebene zur Veranschaulichung
kommt); hieriiber wird weiter unten, unter projektiver Geometrie
(Nr. 23), naheres anzugeben sein.
Durch die projektive Interpretation wird zugleich ein feiner
Punkt klargestellt. Urspriinglich nahrn man (wie es schon Lanibert
angedeutet hatte) zum Muster der elliptischen ebenen Geometrie die
Geometric auf der Kugel, und da auf dieser zwei groBte (Gerade dar-
stellende) Kreise sich irnrner in zwei Punkten schneiden, so betrach-
91) Diese Benierkung hat als Grundlage fur einen IntegrationsprozeB ge-
dient, durch den man die Form ein der allgemeinen Trigonometrie erhalt, indem
man von denjenigen furunendlich kleine Dreiecke ausgeht. Vgl. C.Flye St.- Marie,
Etudes analytiques sur la theorie des paralleles, Paris 1871; J. De La Vallee
Poussin, Mathesis (2) 5 (1895), Suppl. 5, p. 6, und Brux. Soc. sc. (2) 19 B (1895),
p. 17, und Gaitfi, Werke 8, p. 255. Hinsichtlich der Moglichkeit, die hyper-
bolische Geometrie zu begriinden, ohne von der Stetigkeit Gebrauch zu machen,
Tgl, Hilbert, Grundlagen, Anhang III, p. 107.
9. Weitere Ausfuhrungen zur Parallelentheorie. 45
tete man diese Eigenschaft als der elliptischen Geometrie der Ebene zu-
kommend, in der da-rum das Postulat ,,Zwei Punkte bestimmen eine
Gerade" eine Ausnahme erleiden miiBte. Diese Anschauungsweise
wurde von F. Klein berichtigt, der bemerkte, daB, wenn man die
nicht-Euklidische Geometric der Ebene in der Geometric auf einer
Flache wiederspiegelt, zunachst nur die Geometric eines einfach zu-
sanimenhangenden Gebietes der Ebene rnit der Geometrie eines ent-
sprechenden Gebietes der Flache uberemstimmt und es nicht ohne
weiteres erlaubt ist, das, was man von der Flache als Games be-
trachtet aussagt, auf die Ebene anzuwenden (vgl. Xr. 17 und 36).
Die Geometrie der vollstandigen elliptischen Ebene spiegelt sich nicht
in der Geometrie auf der Kugel, sondern in der gewohnlichen Geometrie
des Stralilcnliiindels wieder; das will sagen: wenn man die ,,Punkte" der
Ebene durch die ,,Geraden" des Biindels und die Ausdriicke ,,Gerade"
und ,,Entfernung" durch die Ausdriicke ,,Biisehel" und ,,Winkel" er-
setzt, so gehen alle Satze der (elliptischen) Ebene, in denen die ellip-
tische Geometrie gilt ? in die gewohnlichen Satze der Geometric des
Biindels fiber , und umgekehrt. Dadurch wird auch klar, daB die
elliptische Ebene (ebenso wie die projektive Ebene) eine sogenannte
Doppelflache ( oder einseitige Flache) ist, d. h. durch eine Gerade nicht
in zwei Stiicke zerlegt wird, denn auch das Strahlenbiindel wii-d durch
eine Ebene nicht in zwei Stiicke zerlegt (vgl. Nr. 24 b). Man erkennt
auf diese Weise die vollkommene Yertraglichkeit der die ebene Geo
metrie betreffenden elliptischen Annahme mit den Postulaten der Ge-
raden und der Kougruenz.
Immerhin geniigen die oben angefiihrten Interpretationen noch
nicht, um die Unabhangigkeit des Euklidischen Postulats von den
voranstehenden Postulaten der Geometric des Eaitmes darzutun, weil
sie die Moglichkeit nicht ausschliefien, daB das genannte Postulat
(wie der Satz von den honiologen Dreiecken) durch Konstruktionen
im Eaume. inclem man aus der Ebene herausgeht, bewiesen werden
konnte. Es niuB also der Beweis der logischen Moglichkeit der nicht-
Euklidischen Geometrie ini Rauine gegeben werden. Dieseu Beweis
entnimmt man der Theorie der dreidimensionalen Mannigfaltigkeiten
konstanter Kriimmung (Nr. 19), oder auch wieder ini Sinne Kleim
der im Raume auf eine Flache zweiten Grades zu griindenden Cayley-
schen MaBbestimmung 92 ). Jeder dieser Wege bietet den Beweis der
92) Hinsichtlich der Unabhangigkeit des Parallelenpostulats von den anderen
in den Euklidischen ,,Elementen i vorher gemachten Annahmen vergleiche man
die kritische Erorterung dieser Annahmen durch F. Lindemann bei A. Clebsch
und F. Linfomann, Vorlesungen ilber Geometrie, 2 1 , Leipzig 1891, Abschn. 3.
46 HI A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
Unabhangigkeit des Euklidisclien Postulats von den Postalaten, die
sich auf das Einanderangehoren von Geraden mid Ebenen, auf die
Kongruenz und die Stetigkeit beziehen, dar ? da man die logische Exi
stent der dabei auftretenden Entwicklungen entweder durch die zu-
gehorigen einander nicht widersprechenden analytischen Formeln oder
dadurcb dartun kann, daB man die Moglichkeit der gewohnlichen
Euklidiscben Geometrie (auf Grand der Anschauung) als gegeben an-
nimmt (vgl. die Einleitung).
In pbilosopbiscber Hinsicbt entstebt darauf die Frage, ob die
nicbt-Euklidiscbe Geometrie aufier einer logischen Moglichkeit auch
eine pliysisclie Mogliclikeit bilden kann. In dieser Hinsicbt ist za be-
merken, daB nur die Erfabrung Richter sein kann; aber die zur Erit-
scbeidung der Frage berbeigezogenen Messungen baben notwendiger-
weise nur einen approximative!! Wert. Sie konnten also die Geltung
der nicbt-Euklidiscben Geometrie beweisen, wenn das MaB der Winkel-
summe eines Dreiecks einen durcb die Wabrnebniung einzuscbatzenden
Wert unter oder fiber zwei Rechten ergabe. Umgekebrt aber wird es
(bei dem approximative!! Cbarakter aller Messungen) nienials moglich
sein ; die pbysiscbe Geltung der Euklidiscben Annabme exakt zu be-
weisen. Wirkliche Winkelmessungen an geodatischen (Graufi) oder
astronomiscben (Lobatscliefskij) Dreiecken baben nie eine Abweichung
im bestimmten Sinne von 180 erkennen lassen 93 ).
ad b) Wir zablen nun die bauptsachlicben Anuabmen aut 7 die
dem Euklidiscben Postulat gleicbwertig sind ; wenn man alle An-
nabnien fiber die Verknupfung (I in Nr. 3), die Anordnung (II in
Nr. 4), die Kongruenz (III in Nr. 5) und die Stetigkeit macbt ? aber
die Postulate II in Nr. 4 in der Weise modifiziert nimmt, daB sie
nicbt die Unendlicbkeit der Geraden einscblieBen:
1) Existenz einer einzigen Parallelen durcb einen Punkt zu einer
gegebenen Geraden.
2) Existenz zweier Geraden einer Ebene, die sich nicbt schneiden
und uberall gleicb weit von einander entfernt sind.
3) Existenz zweier abnlicber und nicht kongruenter Dreiecke
(Wallis, Carnot, Laplace).
4) Existenz eines Dreiecks, in dein die Winkelsumme gleicb zwei
Recbten ist (Legemlre).
5) Existenz von Dreiecken, deren Flacbe beliebig groB ist (Gaufi,
Brief an W. Solyai vom 16. Dez. 1799, Werke 8, p. 159; vgl. Nr. 10),
93) Vgl. F. Zollner, Wissenschaftliche Abhandlungen 1, p. 229.
10. Flacheninhalt \md Rauminhalt. 47
Nimmt man die Unendlichkeit der Geraden an, so kann das
Euklidische Postulat durch die folgenden ersetzt werden:
Durch einen in der Ebene eines spitzen Winkels und innerhalb
desselben gelegenen Punkt kann man irnmer eine Gerade ziehen, die
die beiden Schenkel des Winkels trifft (Legend-re).
Drei nicht in gerader Linie liegende Punkte liegen immer auf
eineni Kreise (J. Bolyai).
Endlich lafit sich die Euklidische Geometric im Hiublick auf die
Mechanik charakterisieren :
Das Euklidische Postulat lafit sich auf das mechanische Postulat
des Archimedes zuruckfuhren. wonach ,,wenn zwei gleiche und gleich-
gerichtete Krafte an den Enden einer Strecke AB normal angebracht
sind ; die (durch den Mittelpunkt von AB gehende) Resultante der
Snmnie der Komponenten gleich ist". In den nicht-Euklidischen
Fallen wiirde die Resultante erne andere Funktion der Komponenten
sein 94 ). Uber die Beziehungen des Parallelenpostulats zu dem Archi-
medischen Postulat vgl. Nr. 44.
10. Flacheninhalt und Rauminhalt 95 ). Eiiklid behandelt die
Flachen- und Rauminhalte 96 ) als Grofien sui generis, wobei er als
Attribute des allgemeinen GroBenbegriffs folgende ganz allgeniein ge-
haltene Axiome zu Grunde legt 97 ):
1) Ta TCO CCVTCO i Ga xcd aXkrfioi$ t6i\v fact.
2) Kcd sav iGoig fact arpo^rf^^, ru oA i<5x\v face.
3) Kttl eav aicb faav faa dcpaiQS&fi, rd xara^fiTto^evd iGiiv face.
4) Kal TU ecpccQ^o^ovra i^i 8Mr t Aa fact aMrfioig iGtlv.
5) Kctl TO okov TOU USQOVS U6l6v \e6Tiv~\.
Auf Deutsch:
1) Was dernselben (dritten) gleich ist, ist einander gleich.
2) Und wenn zu Gleichem Gleiches hinzugefiigt wird, so sind die
Summen gleich.
94) A. Genocchi, Torino Atti 12 (1877), p. 489; Torino Mem. 29 (1877); vgl.
/. d Andrade, Le9ons de rnecanique physique, Paris 1898, notes, p. 355 ff. Die
ersten Arbeiten iiber die Mechanik bei der nicht-Euklidischen Aunahme finden
eich bei M. de Tilly, Etudes de me eanique abstraite, Brux. Memoires couronnes
21 (1870); vgl. Bordeaux Memoires (2) 3 (1879), p. 1, besonders FuBn. zu Nr. 21;
ferner E. Sobering, Gott. Nachr. 1870, p. 311, und 1873, p. 149; R. Lipscliiiz,
J. f. Math. 74 (1872), p. 116; W. Killing, J. f. Math. 98 (1884), besonders p. 24 f.
95) Es sei hier auf die ausfiihrliche Erorterung dieses Gegenstandes bei
Enriques, Questioni (Artikel von U. Amdidi}, sowie bei Holder (FuBnote 65) hin
ge wiesen.
96) Elemente, Buch 1, 11, 12.
97) Elemente, Buch 1.
48 III A B 1. F.Enriques. Prinzipien der Geometric,
3) Und wenn von Gleichem Gleiches hinweggenommen wird, so
sind die Reste gleich.
4) Und was sich zur Deckung bringen lafit, ist einander gleich.
5) Und das Ganze ist gro Ber als sein Teil.
A. Wir besprechen zunachst den Fall ebener Figuren.
Die ersten vier dieser Axiome stellen zwei wesentlich verschie-
dene Kriterien auf, um die Flachengleichheit ebener Figuren zu
erkennen: a) ihre Zerlegbarkeit in kongruente Teile (Flachengleich-
heit durch Summation 1, 2, 4), b) die Moglichkeit, zwei Figuren
als Differenzen kongruenter Figuren aufzufassen (Flachengleichheit
durch Subtraktion 3, 4). Yon diesen beiden Kriterien bringt
Euklid in der Theorie der Flachengleichheit der ebenen Polygone
bald den einen bald den anderen zur Anwendung, wahrend er auf
Grund des fiinften Axioms irnstande ist, die umgekelirten Theoreine
zu beweisen, in denen man aus der Flachengleichheit gewisser Poly-
gone auf die Gleichheit von Strecken schlieBt.
Diesen Gesichtspunkten a) und b) fiigt Euklid einen anderen
hinzu ; der sich auf die stillschweigende Yoraussetzung griindet, daB,
,,wenn zwei Flachen (oder Yolumina) ungleich sind, eine FlachengroBe
(oder ein Yolumen) existiert, die, zu der einen von beiden (der kleineren)
addiert, eine Summe gleich der anderen (der groBeren) ergibt", und
diese Yoraussetzung liegt dem Exliaustionsverfaliren zugrunde, in dem
die Gleichheit von Flachen- oder Rauminhalten indirekt bewiesen wird.
In den von Euldid zur Erkennung der Gleichheit polygonaler Flachen
angewandten Kriterien a) und b) ist etwas Uberflussiges enthalten,
denn P. Gervien 98 ) hat bewiesen, daB ,,zwei flachengleiche ebene (oder
spharische) Polygone immer durch Summation flachengleich sind".
W. Botyai ") hatte dieselbe Bemerkung gemacht und wollte ftir
irgendwelche Flachen den folgenden Satz beweisen:
Die sich nicht deckenden Teile zweier sich zum Teil deckender
kongruenter Figuren lassen sich in kongruente Teile zerlegen:
aus dem sich der allgemeinere Satz ergeben wiirde:
Wenn man von zwei kongruenteii Flachen kongruente Teile
wegnimmt, so lassen sich die iibrig bleibenden Stiicke in kongruente
Teile zerlegen;
aber sein Beweis des ersten Satzes ist leider ungenugend.
98) Zerschneidung jeder beliebigen Anzahl von gleichen geradlinigen Figuren
in dieselben Stucke. Zerschneidung jeder beliebigen Menge verschieden ge-
stalteter Figuren von gleichem Inhalt auf der Kugelflache in dieselben Stucke,
J. f. Math. 10 (1833), p. 228, 235.
99) Tentamen 1, 35.
10. Flacheninhalt und Rauminhalt. 49
J. M. C. DuJiamel m \ der die uns beschaftigende Frage in kritischer
Absicht studierte, hat zum ersten Male die logische Notwendigkeit dar-
getan, fur jede Klasse geometrischer GroBen die Begriffe Siimme, Teil,
grower und Kleiner zu definieren. Er ist auf diese Weise zur Angabe
eines neuen Weges fur die Entwicklung der Theorie der Flachen
gleichheit gefiihrt worden, wobei dieser Begriff nicht mehr als eine
nicht definierte, den Euklidischen Axiomen 1) ... 5) geniigende Be-
ziehung erscheint. Die Flachengleichheit wird vielniehr ausdriicklich
als Gleichheit durch Summation definiert, und diese Definition tritt
an Stelle der Axiome 1), 2), 4). Duhamel entwickelt einige Gleich-
heitssatze, indem er die Benutzung der Subtraktion und daher des
Axioms 3) systematisch zu vermeiden sucht; ini besonderen hat er
durch ein Yerfahren, in deui das Archimedische Postulat 101 ) auftritt,
bewiesen, ,,daB zwei Parallelogramme von gleicher Grundlinie und
Hohe flachengleich sind".
Diese Entwicklungen warden von A. Faifofer m ) zu einer Theorie
vervollstandigt, die sich ohne ein neues Axiom auf Definitionen auf-
baut. Aber A. De Zolt 103 } hat hervorgehoben, daB bei dem Beweise
der umgekehrten Satze, in denen von der Flachengleichheit auf die
Gleichheit von Strecken geschlossen wird, iinrner das oben erwahnte
fiinfte Axiom auffcritt, das, wenn man die Flachengleichheit durch
Summation definiert, sich in folgendem Prinzipe ausspricht:
7; Wenn ein Polygon in irgend einer Weise in Teile zerlegt wird ;
so ist es, wenn man einen dieser Teile wegiaBt, nicht moglich, die
iibrigen so anzuordnen, daB sie das Polygon vollstandig bedecken."
Dieses Prinzip bildet, wenn man es als unmittelbar einleuchtend
annimmt, ein Postulat, und E. De Paolis hat es auch in seinen Ele-
menten ausdriicklich als solches ausgesprochen 104 ). Die italienischen
Geometer pflegen es ausdriicklich das De Zoltsche Postulat zu nenuen.
DaB dieses Postulat uberfliissig ist, d. h. daB dieser Satz aus
der Gesamtheit aller in den vorstehenden Nunimern untersuchten An-
nahmen folgt, ist leicht zu erkennen, wenn man die allgemeine
modeme Auffassung des FlachenmaBes als der Grenze einer Summe
100) Des methodes dans les sciences de raisonneinent, Paris 1865 68, 2, im
besondern die Kapitel 1 und 5 und die Note uber die Flachengleichheit, p. 445.
101) Die Benutzung dieses Axioms ist notig, wie D. Hilbert hervorgehoben
hat (vgl. Nr. 43).
102) Elementi di geometria.
103) Principii della eguaglianza di poligoni (equivalenza di poligoni) prece-
duti da alcuni cenni critici sulla teoria della equivalenza geometrica, Milano 1881 ;
Principii della eguaglianza di poliedri e di poligoni sferici, Milano 1883.
104) Elementi di geometria, Torino 1884, p. 281.
Encyklop. d. math. Wiasensch. UL 1. 4
50 III A B 1 . F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
von Quadraten zu Hilfe nimmt; in der Tat wird dann das De
Prinzip zu einer Folge des fundamentalen Satzes fiber die Existenz
des Integrals, wie dies W. Killing 105 ) (1885) hervorgehoben hat.
Aber ein direkter und elementarer Beweis dieses Prinzips ist
das erste Mai von F. Schur w6 ) (1892) geliefert worden, dann auf
verschiedene Weise von 0. Ratisenberger 1 ) (1893), von G. Veronese)
(1894/95), von L. Gerard 109 ) (1895) und von G. Laeeeri 1 ) (1895).
Also ergibt sich als elemental* bewiesen:
Die .Tlieorie der Gleichheit der ebenen Poly gone harm entivicltelt
werden, tvenn man die Gleichheit als Zerlegbarkeit in kongruente Teile
definiertj dhne daft den Postulaten des Einanderangelwrens , der Kon-
gruens und der Anordnung (das Stetigkeits- oder das Archimedische
Postulat inbegriffen) ein anderes hinzuzufiigen ist.
Gehen wir nun zu den Flachen von Jcrummliniger Begrenzung iiber.
Hier ist das fur den Vergleich der Polygone angenommene ele-
mentare Kriterium nicht anwendbar, denn ein Satz von M. Rethy 111 )
stellt die Bedingungen auf, die erfullt sein miissen, damit zwei
gleiche Flachen sich in eine endliche Zahl kongruenter Teile zer-
legen lassen, und diese Bedingungen werden ira allgemeinen, z. B. bei
einem Kreise und einem Quadrate von gleicheni Inhalt, nicht erfullt.
Die allgemeine Theorie des Flacheninhalts erfordert also, daB
man entweder auf das Exhaustionsverfahren zuriickgreift, das von
den Alten zur Bestimmung der Flache des Kreises, des Parabel-
abschnitts usw. angewandt worden ist 112 ), oder auf das moderne Ver-
fahren der Integralrechnung (I A III, Pringsheim, Nr. 11).
Jedoch gilt auch fiir Flachen von krummliniger Begrenzung das
105) Nicht-Euklidische Raumformen, Leipzig 1885; naheres in der Einfiihrung
in die Grundlagen der Geometric 2, Paderborn 1898, p. 24 f.
106) Dorpat. Naturf. Ges. Ber. 1892. Erganzungen bei G. Biasi, Ancora sulla
equivalenza dei poligoni (Riv. di mat. 9 (1899), p. 85).
107) Das Grundproblem der Flachen- und Rauminhaltslehre,, Math. Ann. 42
(1893), p. 275.
108) Dimostrazione della proposizione fondamentale dell equivalenza delle
figuri, Ist. Ven. Atti (7) 6 (189495).
109) Sur le postulat relatif a 1 equivalence des poligones considere cornme
corollaire du theoreme de Varignon, Paris Bull. Soc. math. 23 (1895), p. 268.
110) Sulla teoria dell equivalenza geometrica, Riv. di mat. 1895, fasc. 3 4
und 56.
111) Endlich-gleiche Flachen, Ung. Ber. 1890, 16. Juni; Math. Ann. 38 (1891),
p. 145.
112) Eine kritische Entwicklung dieses Exhaustionsverfahrens bei den ele-
mentarsten Flachenfragen findet sich in den Elementi di geometria von F. Enri
ques und U. Amaldi, Bologna 1903, zweite Auflage 1905.
10. Flacheninhalt nnd Rauminhalt. 51
fur die Polygone erhaltene Resultat, das wir jetzt in folgender Weise
aussprechen konnen:
Die Postulate des Einanderangeliorens , der Kongruenz und der
Anordnung (das Stetigkeits- oder das Archimedische Postulat inbe-
griffen) liaben zur Folge, dap, wenn man die Gleichlieit als Zerlegbar-
keit in eine endliclie oder unendliclie Zahl kongrmnter Teile defmiert,
ebene Flaclieninlialte als eine Klasse von Gropen betraclitet werden konnen.
B. Nun wenige Worte iiber den Rauminlialt.
Euklid behandelt die Volumina in analoger Weise wie die
Flachen als GroBen. Das schliefit eine Voraussetzung ein, die man
durch das auf die Volumina ubertragene De Zoltsche Prinzip aus-
driicken kann. Aber auch hier gelingt ein elementarer Beweis dieses
Prinzips durch eine Erweiterung der oben angefiihrten Beweise fur
die Ebene; diese Erweiterung ist von Rausenberger 1 1 } und Gerard m )
kurz angegeben worden und findet sich bei Veronese 108 ) in ihren
Einzelheiten ausgefiihrt.
Es folgt also, daB auch die Theorie der Gleichkeit im Raum sich
auf der gewohnlichen Definition ohne Hinzufiigung ernes besondern
Postulats aufbauen Ia6t 113 ).
Aber wenn man die Gleichheit der Polyeder studiert, so tritt die
neue Frage auf, ?; ob zwei Polyeder von gleichem Rauminhalt in eine
endliche Zahl kongruenter Teile zerlegt werden konnen". Die frucht-
losen Versuche, eine solche Zerlegung bei dem Tetraeder zu erhalten,
und eine Bemerkung G. Sforzas lu ) lieBen erwarten, daB die Ant-
wort auf diese Frage im allgenieinen negativ sein werde. Und dies
ist neuerdings von M. Dehn llb ) bewieseii worden.
Bevor wir diese Nummer schlieBen, wollen wir noch zwei
Fragen beriihren.
1) Das Verlialtnis der Theorie des Fldclieninlialts (und des Eaum-
inlialts) zu dem Parallelenpostulat.
Das Prinzip, daB man die Flachen- und Rauminhalte als GroBen
betrachten kann, ist von deni Parallelenpostulat unabhangig, da es
sich auch bei der nicht-Euklidischeu Annahme aufstellen lafit. Aber
alle Satze iiber Flachengleichheit hangen direkt von der Annahme
ab, die man fiber die Parallelen macht. Die von G-aufl, Botyai, Lobat-
113) Vgl. auch S. 0. Schatunovsky, Uber den Rauminhalt der Polyeder, Math.
Ann. 57 (1903), p. 496.
114) Un osservazione sulF equivalenza dei poliedri per congnienza delle
parti, Biv. di mat. 7 (1897), p. 105. Vgl. auch E. Bricard, Nouv. Ann. (3) 15
(1896), p. 331.
115) Math. Ann. 55 (1902), p. 465.
52 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geoinetrie.
schefskij entwickelte nicht-Euklidische Theorie des Flacheninhalts fiihrt
zu der Erkenntnis, daB der Inhalt eines Dreiecks durch die Differenz
zwischen seiner Winkelsumme und zwei Rechten (in der hyperbolischen
Geometric als Defekt) gegeben ist, woraus z. B. die Existenz einer
oberen Grenze fur den Inhalt eines Dreiecks folgt (Gaufl, Brief an
Ch. L. Gerling vom 16. Marz 1819, Werke 8, p. 181 5 vgl. Nr. 9). In
der elliptischen Geometrie wird es ein ExzeB.
Hinsichtlich der den Rauminhalt betreffenden Probleme der nicht-
Euklidischen Geometrie vergleiche man Lobatschefskij (FuBnote 88).
2) VerMltnis der Theorie des Flacheninhalts zu dem ArcMmedi-
schen Postulat.
Bei dem oben skizzierten Aufbau der elementaren Theorie der
Flachengleichheit und auch bei den gewohnlichen Entwicklungen der
Integralrechnung wird das Archimedische Postulat gebraucht. Nun
hat D. Hilbert 116 ) gezeigt, daB man ein MaB der polygonalen Flachen
unabhangig von diesem Postulate erhalten kann; allerdings lassen sich
dann zwei Polygone von gleichem Flacheninhalt nicht rnehr stets in
eine endliche Zahl kongruenter Teile zerlegen (vgl. Nr. 43).
11. Neue Entwicklungen zur Proportionentheorie im Sinne
der Alten. Bei Euklid finden sich mehrere Satze, die zweinial be-
wiesen werden, einmal mit Hilfe der Flachengleichheit, das andere Mai
mit Hilfe seiner arithmetischen Theorie der Proportionen (wir nennen
diese Theorie arithmetisch, weil der von EuTdid gebrauchte Begriff
des Ad^og, wie wir schon bemerkten (Nr. 7), genau dem modernen Zahl-
begriff entspricht). H. Gr. Zeuflien erblickt hierin den letzten Rest
eines gewissen Kampfes, der zwischen diesen beiden Behandlungs-
weisen der Aufgaben bestehen niuBte, bis in der arithmetischen Pro
portionentheorie (von den unmittelbaren Vorgangern EukUds) die
Schwierigkeiten iiberwunden waren, die mit dem Falle eines inkom-
mensurablen Verh altnisses zusammenhangen. Im Anschlusse an Euldid
erhielt dann die arithmetische Methode der Proportionen endgultig die
Oberhand.
Jedoch sind die Entwicklungen, welche darauf ausgehen, die
Geometrie von den Betrachtungen des Zahlbegriflfes zu befreien, in
unseren Tagen wieder aufgenonirnen worden, und es ist in der Tat
gelungen, eine rein geometrische Theorie der Proportionen zwischen
Strecken aufzustellen.
Die Satze, die einer solchen Behandlungsart zu Grunde liegen
konnen ; sind:
116) Grundlagen, 20, 21.
11. Neue Entwicklungen zur Proportionentheorie im Sinne der Alten. 53
1) der Satz von Tliales: die Proportionality der Strecken, die
auf den beiden Schenkeln eines Winkels von parallelen Geraden ab-
gescbnitten werden:
2) die Flachengleichheit zweier Dreiecke (oder Parallelograrnme),
die einen Winkel gemeinsam haben und in denen die diesen Winkel
einschliefienden Seiten umgekehrt proportional sind.
Legt man den einen oder den anderen Satz einer Definition der
Proportion zwischen Strecken zu Grunde, so driicken sich die funda-
mentalen Eigenschaften der Propoi*tionen in Beliauptungen i iber den
Parallelismus oder uber die Flaclmiyleicliheit aus, und diese miissen
also direkt bewiesen werden, ohne daB der Begriff des Verhaltnisses
und damit des Zahlbegriffes zu Hilfe genomnien wird.
Beide liier angedeuteten Wege haben (was moderne Unter-
suchungen angelit) ihren Ursprung in der Ausdehnungslehre von
H. Grafimann 111 ), wo jedoch die Strecken nicht nur in ihrer GroBe,
sondern auch in ihrer Richtung betrachtet werden. Insbesondere
driickt sich die distributive Eigenschaft der Multiplikation bei der
Graftmaimschen Reclaming sofort in der Identitat der beiden auf die
Satze 1) und 2) gegriindeten Definitionen der Proportion aus.
Eajola Pescarini 118 ) (1876) definiert die Proportion zwischen
Strecken mit Hilfe des Satzes von Tliales in bezug auf einen ge-
gebenen Winkel und leitet daraus geometrisch den Satz 2) ab ? indern
er sich auf den 35. Satz des dritten Buches von Euklid fiber die Kreis-
sehnen stiitzt, der dort mit Hilfe des Pytliagoraisdien Satzes bewiesen
wird; es gelingt ihni auf diese Weise, die Definition der Proportion von
dern besonderen Winkel, von dem er ausgegangen ist, frei zu inachen.
Er entwickelt dann einen Beweis des Satzes, daB 7 ,Streckenpaare, die
einem dritten proportional sind, unter sich proportional sind" (die
transitive Eigenschaft der Gleichheit von Verhaltnissen) ; aber dieser
Beweis ist von einer Einschrankung abhangig, die man vernieiden
kann, wenn man einen Weg einschlagt, der neuerdings von G. Vailati 1 }
angegeben worden ist.
E. Hoppe) hat eine geonietrische Behandlung der Proportionen
entwickelt, die ebenfalls von dem Satze von Tliales ausgeht, insofern
117) Ausdehnungslehre von 1844, Nr. 75 78.
118) Studio sulla proporzionalita grafica e sue applicazioni alia similitudine
e alia omotetia, Xapoli 1876.
119) Di un modo di riattaccare le teorie delle proporzioni tra segment! a
quella dell equivalenza. Atti del II. Congresso dell associazione Mathesis,
Livorno 1902.
120) Rein geometrische Proportionslehre, Arch. Math. Phys. 62 (1878), p. 153.
54 III A B 1. F. Enriques. Prinzipieu der Geometric.
zwei Streckenpaare proportional genannt werden, wenn sie die Seiten
gleichwinkliger Dreiecke bilden. Er beschaftigt sich vor allem mit
dem Beweise, dafi die so defmierte Beziehung nicht von dem Winkel
abhangt, der von den beiden Streckenpaaren gebildet wird, und ge-
langt zu diesem Beweise durch Betrachtungen im Raume (die zu dem
Desarguesschen Satze der Ebene fiber homothetiscke Dreiecke fiihren).
Dann fiihrt er die Transitivitat der Gleichheit von Verhaltnissen auf
denselben Satz zuriick, und anf die Transitivitat der Gleichheit der
Richtungen (das Parallelenpostulat) den Satz von dem zusammen-
gesetzten VerMUnisse (wenn a : b = c : d und ft : e = d : f, so ist
a : e = c : f).
Endlich nimmt er den Satz 2) als Definition an und leitet daraus
im besonderen die Vertauschbarkeit der Mittelglieder in einer Pro
portion ab 121 ).
Bei dieser Hoppeschen Behandlungsweise gelingt es also bis auf
diese Vertauschbarkeit der Mittelglieder, die Theorie der Proportionen
aufzustellen , indem man sich auf die Eigenschaften der Parallelen
stiitzt und die Benutzung der Flachengleichheit durch Betrachtungen
im Raume ersetzt, aber schliefilich wird auch in ihr der Begriff der
Flachengleichheit zu Hilfe genornmen, um die Vertauschbarkeit der
Mittelglieder darzutun.
Diese Eigentiimlichkeit tritt iibrigens bei dem allgemeineren
Satz von dem unregelmaftigen VerMUnisse (wenn a : I = e : f und
1) : c = d : e, so ist a : c = d : f) wieder auf. Dieser Satz kommt
hier auf den folgenden zuriick:
Wenn es auf den beiden Schenkeln eines Winkels zwei Punkt-
tripel 1, 3 ? 5 und 2, 4, 6 gibt von der Art, daB die Geradenpaare
12, 45 und 23, 56 parallel sind, dann sind auch die Geraden 34, 61
parallel.
Dieser Satz und ein auf Flachengleichheitsbetrachtungen gegriin-
deter Beweis desselben findet sich schon in den Collectanea des
Pappus) (daher wird er im folgenden kurz Pappussclier Sats genannt).
Ein einfacher Beweis des Pa^wsschen Satzes, der sich auf die
Gleichheit der Peripheriewinkel im Kreise griindet und daher von dem
121) Hoppe faBt die Sache auch noch anders an, indem er von dem Satze 2)
ausgeht. Vgl. auch G. Biasi, Corso di lezioni sulla teoria delle proporzioni,
autographiert, Sassari 1882.
122) Dieser Pappussche Satz bildet einen besondern Fall des Pascalschen
Satzes von dem einem Kegelschnitte einbeschriebenen Sechseck, III C 1, Dingeldey,
Nr. 18, und wird daher in der neueren Literatur oft kurzweg als PascctZscher
Satz bezeichnet.
11. Neue Entwicklungen zur Proportionentheorie mi Sinne der Alien. 55
Begriffe des Flacheninhalts unabhangig 1st, scheint das erste Mai
von K. Kwpffer 199 ) (1893) entwickelt worden zu sein; ein Beweis,
der das Rotationshyperboloid zu Hilfe nimmt, 1st von F. 5c/mr 124 )
(1898) angegeben worden; audere Beweise in der Ebene sind von
D. Hilbert 1 - 5 ) (1899) gefiihrt worden. Hilbert hat iiberhaupt die ganze
geometrische Theorie der Proportionen zwischen Strecken neu auf-
gebaut.
Hieraus ergibt sich fur den Desarguesschen Satz der Ebene (Nr. 20 a)
folgendes: Dieser Satz laBt sich bekanntlich auf Grund der Postulate
des Einanderangehorens, der Anordnung und des Parallelenpostulats
nur mit Hilfe rauinlicher Betrachtungen beweisen. Solche raumliche
Betrachtungen sind nun in dem hier betrachteten Zusammenhange zur
Aufstellung des Desarguesschen Satzes der Ebene uberfliissig, da ; wenn
die Vertauschbarkeit der Mittelglieder gegeben ist, die transitive Eigen-
schaft der Gleichheit von Verhaltnissen und der Satz von dem zu-
sammengesetzten Verhaltnisse auf einander zuriickkominen und daher
der Desarguessehe Satz auf die Transitivitat des Parallelismus (das
Parallelenpostulat) zuruckkommt.
Ein anderes wichtiges Resultat geht aus den Betrachtungen von
F. Sckur und D. Hilbert hervor:
Die in der Ebene auf die Eigenscliaften der Parallelen und der
Konymenz gegriindete geometrisclie Theorie der Proportionen zivisclien
Strecken ist von dem Archimedisclien Postulat unabMngig.
Wir wollen hinzufiigen, daB die Behandlung der Theorie noch
weiter vereinfacht worden ist und zwar durch folgende Arbeiten:
F. Schur 126 ) hat bemerkt ; dafi es geniigt, den Pap2msschen Satz in
einem einzigen Falle, z. B. fur das einem rechten Winkel einbeschrie-
bene Sechseck ? zu beweisen , und hat einen einfachen Beweis fiir
diesen Fall angegeben, der sich auf den Satz stiitzt, daB die Hohen
eines Dreiecks durch einen Punkt gehen.
J. MoUenq) 127 ) hat einen einfachen allgemeinen Beweis desselben
Satzes erbracht.
B. Levi 128 ) hat den Entwicklungen, die zur Aufstellung des
besonderen Falles des Pappusscken Satzes notig sind, der der Vertausch
barkeit der Mittelglieder entspricht, eine elementare Form gegeben.
123) Dorp. Naturforscherges. Ber. 1893, p. 373 f.
124) Math. Ann. 51 (1899), p. 401.
125) Grundlagen, 14 und Kap. 6.
126) Math. Ann. 57 (1903), p. 205.
127) Math. Ann. 58 (1903/4), p. 479.
128) Per. di mat. 6 (1903) Suppl., p. 114.
56 III AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
Die Theorie der Proportionen, von der wir hier gesprochen
haben, ist auf das engste mit den Fragen verkniipft, die sich auf den
Fundamentalsatz der projektiven Geometrie beziehen, vgl. Nr. 20; in
bezug auf den Pappusschen Satz in der nicht-Archimedischen Geo
metrie siehe naheres in Nr. 42.
12. Schlufi der vorstehenden Untersuchung und Disposition
der folgenden Kapitel. Die obeu gegebene (und weiterhin bis zur
Priifung der hauptsachlichen Konsequenzen durchgefuhrte) Unter-
suchung der Begriffe und Postulate laBt drei Gruppen geometrischer
Eigenschaften erkennen:
1) Eigenschaften, die mit den Begriffen ,,zwischen", ,,Seite der
Ebene", ,,Strecke", ,,Winkel" usw. zu tun haben (Linieneigenschaften
der Geraden die auch die Stetigkeit umfassen und Flachen-
eigeuschaften der Ebene);
2) das Einanderangehoren von Punkten, Geraden und Ebenen;
3) die Kongruenz.
In der Elementargeometrie sind diese drei Arten von Eigen
schaften miteinander innig verbunden; sie stehen dort in eineni Ver-
haltnisse gegenseitiger Unterordnung, so dafi man die Eigenschaften
der einen Gruppe nicht aussprechen kann, ohne sich, wenigstens zuni
Teil, auf Eigenschaften einer anderen Gruppe zu beziehen. Aber
die Entwicklung der geometrischen Wissenschaft fuhrte zu einer
Scheidung.
Man kann diesen Vorgang wohl verstehen, wenn man (wie zuerst
F. Klein in seinem Erlanger Programm) die verschiedenen Forschungs-
richtungen der Geometrie durch die ihnen zugehorigen Transformations-
gruppen charakterisiert (IIIAB4b, Gruppentheoretische Klassifikation,
Fano).
Zur Elementargeometrie gehort eine Gruppe von Transformationen,
die Gruppe der Bewegungen und Umlegungen nebst den Ahnlichkeits-
transformationen, die von Klein sogenannte ? ,Hauptgruppe" m ) 7 die
alle oben untersuchten Eigenschaften 1), 2), 3) gleichzeitig unver-
andert laBt.
Man kann aber anstelle der Bewegungen allgemeinere Trans-
formationen betrachten, die nur einen Teil jener Eigenschaften unver-
andert lassen; man erhalt dann Geometrien, die sich nur mit diesen
invarianten Eigenschaften beschaftigen. Im besonderen entstehen auf
diese Weise:
a) Die projektive Geometrie (III A B 6, projektive Geometrie, Sclioen-
129) Erlanger Programm.
12. SchluB cler vorstehenden Untersuchung und Disposition usw. 57
flies), die diejenigen Eigenschaften studiert, welche der Gruppe der
Kollineationen gegeniiber invariant sind, d. h. die aus den Postulaten-
gruppen I und II der Nrn. 3 und 4 unter Mithinzimahme der ge-
wohnlichen Stetigkeit hervorgehenden Eigenschaften.
b) Die TJieorie des Kontinuums (oder Analysis situs, IE A B 3,
Delm-Heegaard), die diejenigen Eigenschaften betrachtet, welche be-
liebigen stetigen Transforniationen gegeniiber invariant sind. Es sind
dies die Eigenschaften der Gruppe I der !Nr. 3, die durch eine solche
Behandlungsweise von den besonderen Eigenschaften der Geraden und
der Ebene abgelost werden.
Fiigen wir diesem eine andere Betrachtung hinzu 13 ). Wenn
man eine Gruppe von Transforniationen des Raumes in bezug auf
irgend ein besonderes Gebilde betrachtet (indem man von dem, was
aufierhalb dieses Gebildcs ist, absieht), so nehmen die der Gruppe
gegeniiber invarianten geometrischen Eigenschaften eine neue, weniger
umfassende Bedeutung an, indem sie zu einer besonderen Geometric
auf dem Gebilde fiihren.
Man betrachte in diesem Sinne die Gruppe der Bewegungen,
die der Elementargeometrie zugrunde liegt, im Hinblick auf eine
Flache; auf diese Weise entsteht eine allgemeinere Art, die metrischen
Beziehungen der Figuren auf einer Flache zu betrachten, welche die
(differentiate MaB-) Geometric auf den Flaclien (in der die der Abwickel-
barkeit gegeniiber invarianten Eigenschaften betrachtet werden, III D 6 a,
Fo/T) bildet, von der man durch Yerallgemeinerung zu der Maflgeo-
metrie auf den melirfacli ausgedelmten Mannigfaltigkeiteri (III D ; Stackel)
und im besonderen aiif den Mannigfaltigkeiten von drei Dimensionen
gelangt. Diese Geometric umfaBt die Eigenschaften der Kongruenz
(3), die im Hinblick auf die elementaren Eigenschaften der Analysis
situs (1), aber unabhangig von den Begriffen der Geraden und der
Ebene definiert werden.
Ein AbstraktionsprozeB, der sein Gegenstiick in der Erweiterung
der urspriinglichen Transformationsgruppe findet, fiihrt also von der
Elementargeometrie auf drei allgemeinere Zweige geometrischer TJnter-
suchungen, die man in ihrem gegenseitigen Abhangigkeitsverhaltnis
durch das folgende Schema darstellen kann:
Theorie des Kontinuums (Analysis situs),
(Projektive Geometric,
lAllgenieine MaBgeometrie auf den Mannigfaltigkeiteu,
Elementargeometrie.
130) Vgl. F. Enriques, Conferenze di geometria Nr. 28, p. 124.
58 III A B 1. F.Enriques. Prinzipien der Geometric.
Die zu den genannten drei Zweigen gehorigen Eigenschaften 131 )
konnte man in folgender Weise mit drei Gruppen von Empfindungen
verkniipfen:
Eigenschaften, die mit dem allgemeinen Tast- und Muskelgefiihl
zusammenhangen,
Optische (deskriptive) Eigenschaften,
Mechanische (metrische) Eigenschaften im Hinblick auf ein be-
Bonderes, mit Bewegungsfahigkeit ausgeriistetes Tastorgan.
Nun kann man das System der Geometrie in doppeltem Sinne
durchlaufen:
Entweder man beginnt mit der Elementargeometrie, erhebt sich
dann auf der einen Seite zur projektiven Geometrie, auf der anderen
Seite zur MaBgeometrie auf den Mannigfaltigkeiten und endet niit
der Analysis situs.
Oder man beginnt umgekehrt mit der Theorie des Kontinuums
und steigt von da zur projektiven Geometrie oder zur MaBgeometrie
auf den Mannigfaltigkeiten und endlich zur Elementargeometrie herab.
Der Abstieg von der Analysis situs zur projektiven Geometrie
wird dabei dadurch gegeben sein, daB man ein besonderes System
von Kurven und Flachen (mit geeigneten Eigenschaften) gegeben
denkt, die man als gerade Linien und Ebenen bezeichnet [Klein,
im AnschluB an v. Staudt, Math. Ann. 6 (1872/73), p. 112, und Er-
langer Programrn, p. 32].
Der Abstieg von der Analysis situs zur allgemeinen MaBgeometrie
geschieht, indem man eine gewisse Mafioperation (das MaB einer
Linie oder der Entfernung zweier Punkte usw.) mit bestimmten Eigen
schaften gegeben denkt (Eiemann) oder indem man ein gewisses
System von Linien und Flachen (z. B. geodatische Linien usw.) mit
Bezugnahme auf die genannte MaBoperation als gegeben annimmt.
Der Abstieg von der projektiven Geometrie zur Elementargeo
metrie geschieht dadurch, daB man bei der MaBbestirnmung ein Ge-
bilde zweiten Grades auszeichnet (Cayley, Klein). Wenn man ins-
besondere zur Euklidischen MaBbestimmung kommen will, so bildet
die affine Geometrie eine Zwischenstation (Moebius, Grafimanri).
131) W. Fiedler und F. Klein haben zunachst diesen Unterschied zwischen
deskriptiven und metrischen Eigenschaften bemerkt. Enriques hat ihn durch eine
besondere Untersuchung der Daten der physiologischen Psychologic zu beweisen
versucht und 1st dazu gefuhrt worden, die Eigenschaften der Theorie des Kon
tinuums mit dem allgemeinen Tast- und Muskelgefiihl, der gemeinsamen Grund-
lage der besonderen Empfindungen, zu verkniipfen; vgl. Art. 1 in den Question!
und Rivista filosofica di Pavia 1901.
13. Vorbemerkung. 59
Der Abstieg von der allgeineinen MaBgeometrie der Mannig-
faltigkeiten zur gewohnlichen oder auch nicht-Euklidischen Elementar-
geometrie des Raurnes geschieht, indeni man der angenommenen MaB-
operation besondere Bedingungen auferlegt (z. B. die Homogenitat
und Isotropie des Raurues, den Charakter der Bewegungsgruppe
Riemann, Beltrami, Schlafli, Lie, Schur, vgl. Abschn. Y B).
In den folgenden Kapiteln w alien ivir den ziveiten Weg durcli-
laufen, namlich sundclist von den Grundlagen der Analysis situs nan-
deln, um dann auf der einen Seite durch die projektive Geometric, auf
der anderen Seite durch die allgemeinen Mafibestimmungen zur Ele-
mentargeometrie lierdbzusteigen.
II. Priuzipien der Theorie des Kontinuums.
13. Vorbemerkung. Die Prinzipien der Theorie des Kontinuums
(vgl. Ill AB 3, Delm-HeegaanT) sind von geometrischer Seite nur erst
zum Teil in Untersucliung gezogen worden 132 ). Aber andere Unter-
suchungen dieser Art kniipfen an die analytischen Fragen der Dar-
stellung der Linien und Flachen (vgl. Ill A B 2, v. Mangold?) und
an die von G. Cantor begriindete Mengenlelire (I A 5, Sclwenflies) an,
und Cantors neuere Arbeiten 133 ) erstrecken sich zum Teil direkt auf
das Gebiet der geometrischen Prinzipien. Eine neue Wendung ist in
cliese Untersuchungen durch die sogenannte nicht-Archimedische Geo-
metrie hineingekonimen (Abschn. VII).
Von den anderweitig erhaltenen Resultaten mu6 man sich folgende
gegenwartig halten :
1) die Moglichkeit, die Punkte einer Strecke (w) und eines
Quadrates (x, y) umkehrbar eindeutig auf einander zu beziehen
(Cantor), auch durch stetige, nicht eindeutig umkehrbare Funktionen
(), y(u) (Peano) (vgl. Ill A B 2, v. Mangoldt, Nr. 8);
2) die Unmoglichkeit, zwischen zwei Gebieten (x lf . . ., x n }, (2/ 1; ...,2/ m )
von verschiedener Dimensionenzahl (n ^ m) eine umkehrbar eindeutige
stetige Beziehung herzustellen (wegen 1) und 2) vgl. I A 5 Nr. 2,
Sclioenflies) ,
3) den Jordanschen Satz: Es sei eine gesclilossene Kurve
x = <p(f), y = %(f) olmc melirfache Punkte, ico 9? und # endliche und
stetige Funktionen sind, gegeben; dann serlegt sie die Ebene (xy) in ein
inneres und in ein aufieres Gebiet (die Jordansclien Gebiete) von der
132) Enriqiies, Palermo Rend. 12 (1898), p. 222,
133) Math. Ann. 46 (1895), p. 481.
60 III A B 1. F. JEnriques. Prinzipien der Geometrie.
Art, daB ein stetiger Zug, der einen inneren und einen auBeren Punkt
verbindet, die Kurve schneidet (vgl. Ill A, B 2, v. Mangoldt, Nr. 8);
4) die UnterscJieidung swisclien analytischen und niclit-analytisclien
ebenen Kurven lidngt niclit nur von der in der Ebene betrachteten Kurve
ab, sondern auch von der Walil des Koordinatmsystems , auf das sie
bezogen wird.
Die Gesamtheit der analytischen Kurven der Ebene geniigt,
wenn man die singularen Punkte ausschlieBt und nur ein endliches
Gebiet betrachtet, in Ubereinstimmung mit dem, was uns die An-
schauung bei dem Vergleicli der zusammen vorgestellten Linien lehrt,
der fundamentalen Bedingung:
Zwei Linien liaben nur eine endliclie Zalil von Punkten gemeinsam.
Umgekehrt, wenn man die Geraden und die algebraischen Para-
beln von der Ordnung 2, 3, . . . innerhalb eines endlichen Gebietes
als gegeben betrachtet, so lafit sich beweisen, daB jede Linie, die im
Hinblick auf sie der genannten Bedingung geniigen soil, in jedem
Punkte eine Tangente (wenigstens zur Recnten und zur Linken) und
daher eine oskulierende Parabel (von der Ordnung n = 2 7 3 7 . . .)
hat; sie wird daher in cartesischen Koordinaten durch Funktionen
dargestellt, die alle aufeinanderfolgenden Ableitungen (wenigstens zur
Rechten und zur Linken) haben, und es scheint, daB diese Funktionen
(in jedem geeignet begrenzten Bereiche) sich auch als analytisch
werden ergeben rrmssen, wenn die gegebene Linie alle analytischen
Linien ohne singulare Punkte in einer endlichen Zahl von Punkten
schneiden soil.
14. Die Linie. Der fundamentale Begriff in der Theorie des
Kontinuums ist der der stetigen MannigfaltigJceit einer Dimension.
Abstrakt genommen kann dieser Begriff mit dem Begriffe der Linie
identifiziert werden, wenn man den Punkt der Linie als Element
der Mannigfaltigkeit betrachtet und von den Beziehungen der Linie
zu dem iibrigen Raume absieht und ebenso von irgend welchem
(metrischen) Begriffe der Lange der Strecken (oder Bogen) der Linie.
Es werden also nur diejenigen Eigenschaften der Linie in Betracht
gezogen, welche mit der geometrischen Bestimmung der Linie durch
die Bewegung eines Punktes verkniipft sind: die naturlichen Ordnungen
der Punkte der Linie und ihre Stetigkeit, die Strecken (4 II ) usw.
Will man die Eigenschaften, die eine Mannigfaltigkeit einer Di
mension oder eine in dem oben genannten Sinne vom Standpunkte
des Kontinuums aus betrachtete Linie charakterisieren, in ein logisches
System bringen, so ist es zweckmaBig, sich zunachst auf einen be-
14. Die Lime. 61
stimmten Fall zu beziehen, indem man z. B. als Typus die doppel-
pmiktfreien , offenen (d. h. nicht begrensteri) Linien nimmt und als
elementare MannigfaltigJceiten i\ diejenigen bezeichnet, welche den er-
wahnten Bedinguugen entsprechen.
Man kann die fundamentalen Eigenscliaften einer v 1 formulieren,
indem man die i\ entweder als icerdend oder als fertig vorUegend be-
trachtet. Und man hat dann die in Nr. 4: ausgesprochenen Postu
late fiir die Gerade und das Stetigkeitspostulat in der Weierstrafischen
oder der Declekindschen Form (Nr. 7) auszusprechen. Diese Annahmen
konnen in der Aussage zusammengefaBt werden, daB sie der v x zwei
stetige und einander entgeyenyesetzte Ordnungen erteilen.
Es entsteht nun die Frage, ;; ob diese Annahmen geniigen, um die
Punkte der t\ auf das Kontinuurn der numerischen Variablen x oder
auf die gewohnliche geradlinige Strecke (die Endpunkte ausgeschlossen)
abzubilden", d. h. ob sie zur Einfiilmmg der Koordinaten geniigen.
B. J&emafm* 84 ), bei dem der Begriff des Kontinuunis einer Di
mension sich zum ersten Male in seiner ganzen Allgenieinheit findet,
betrachtete dies als ohne weiteres einleuchtend ? insofern er die kon-
tinuierliche Variation eines erzeugenden Elementes der v niit dem
Verlaufe der Zeit in Yerbindung brachte.
Man hat bald hervorgehoben ; daB in dieser Annahme ein Postulat
enthalten ist 135 ).
Die Formuliemng dieses Postulats ist leicht, wenn man in der v l
die Vergleichbarkeit der Strecken (die Kongruenz) wenigstens fiir den
Fall als gegeben annimnit ; daB die Strecken einen gemeinsanien End-
punkt haben und auf entgegengesetzten Seiten von ihrn liegen. Sieht
man aber von solchen Kongruenzbeziehungen ab, so geniigt es ? die
Mogiichkeit vorauszusetzen, daB irgend ein Verfahren gestattet ?
in der v erne abzalilbare Pmiktmenge G 211 konstruieren , so dafi
jeder Punkt der v t ein G-renzpunld von G ist.
Mit Hilfe dieses Postulats bestimmt G. Cantor 156 ) den Begriff
der i\ in der Weise, daB sie auf das Zahlenkontinuum abbildbar ist.
Wir bemerken dazu ; daB dieses Cantorsche Postulat innerhalb der
v t eine ausgezeichnete Menge G einfiihrt; aber die Anschauung der
an siclij abgesehen von dem Kongruenzbegriff, betrachteten i\ gibt uns
iiber die Konstruktion dieser Menge nichts an. Daher halten wir den
Begriff der v fur allgemeiner als den des Zahlenkontinuums (vgl. in
der Tat die nicht-Archimedischen Theorien, Abschn. VII).
134) Habilitationsvortrag I 2.
135) Vgl. Klein, Math. Ann. 6 (1872/73), p. 132, 143, 144.
136) Math. Ann. 46 (1895), p. 481.
62 III A B 1. F. Enriqucs. Prinzipien der Geometrie.
Wir werden spater sehen, dafi die Frage der Einfiihrung der
Koordinaten in der i\ durch die Betrachtung der v 1 in einer Mannig-
faltigkeit von zwei Dimensionen neues Licht erhalt.
Den Begriff der begrmzten Mannigfaltigkeit einer Dimension oder
der fur sich betrachteten linearen Strecke kann man nunmehr durch
geringfugige Abanderungen der voraufgehenden Satze aufstellen, da
man bemerkt, dafi aus einer linearen Strecke durch Entfernung der
Endpurikte eine offene, nicht begrenzte Linie wird.
Der allgemeinere Begriff einer Mannigfaltigkeit einer Dimension
oder einer Linie 1 aBt sich auf die vorhergehenden zuriickfiihren, da
man eine Linie im allgemeinen als die Vereinigung mehrerer Strecken
betrachten kann, die an den Endpunkten in geeigneter Weise ver-
bunden sind.
Vereinigt man im besonderen die Endpunkte zweier Strecken, so
erhalt man eine geschlossene Linie.
Die Postulate, die in der Theorie des Kontinuums die Eigen-
schaften der geschlossenen Linie F t charakterisieren, kann man bei
Betrachtung der ^verdenden Figur direkt aufstellen, wenn man fol-
gendes annimmt:
Die Elemente einer geschlossenen V konnen in einer natiirlichen
zyklischen Anordnung in dem einen oder dern andern Sinne vorgestellt
werden, und zwar in folgender Weise:
1) 1st irgend ein Element der V gegeben, so existiert eine
natiirliche Ordnung der V lf die einen bestimmten Sinn und ein erstes
Element A besitzt, in der
a) von zwei Elementen S und C iminer das eine, z. B. J5, dem
anderen, dem 0, vorangeht (und alsdann C auf B folgt),
b) wenn B dern C vorangeht und C dem D vorangeht, inimer
B dem D vorangeht,
c) zwischen zwei Elementen B uud C unendlich viele Elemente
existieren,
d) kein letztes Element existiert.
2) Die beiden natiirlichen Ordnungen der F 17 die dasselbe erste
Element und entgegengesetzten Sinn haben, sind Umkehrungen von
einander.
3) Wenn drei Elemente P lf P 2 , P 3 in einer der natiirlichen Ord
nungen auf einander folgen, so folgen in einer anderen Ordnung von
demselben Sinn P 19 P 2 , P 3 oder P 2 , P 3 , P l oder P 3 , P 1? P 2 auf
einander 137 ).
137) Vgl. F. Enriques, 1st. Loinb. (2) 27 (1894), p. 550, und Vorlesungen iiber
projektive Geometrie 1903, p. 23.
15. Flachen und Mannigfaltigkeiten mehrerer Dimensionen. 63
Diesen Postulaten ist noch das engere (das Cantorsche) Stetig-
keitspostulat hinznzufiigen (Nr. 7).
Bei Betrachtung der fertigen Figur konnen die Postulate fiir die
geschlossene Linie aufgestellt werden, wenn man als primitiven Begriff
den Begriff ,,sich trennender Paare" annimmt 138 ). Man postuliert dann:
Vier Elemente der V 1 kann man nur in einer Weise in sich
trennende Paare zerlegen.
Wenn die Paare AB, CD und AC, BE sich trennen, so trennen
sich auch die Paare CD, BE und AC, ED.
Dann kann man die natiirliche Ordnung der F 1; die A zum
ersten Elemente hat und in der zwei Elemente B und C auf einander
folgen, definieren.
Den genannten Postulaten iiber die sich trennenden Paare ist
noch das Stetigkeitspostulat in einer geeigneten Form hinzuzufugen.
Es sei noch bemerkt, daB ohne dieses Postulat die vorstehenden
Postulate auch auf den Fall einer offenen Linie Anwendung finden
konnten.
15. Flachen und Mannigfaltigkeiten mehrerer Dimensionen.
Wie die Linie als der Typus der Mannigfaltigkeit einer Dimension
angesehen werden kann, so fiihren die Fldclie und der Rauni, abstrakt
betrachtet, auf die Begriffe der Mannigfaltigkeiten ziceier und dreier
Dimensionen, uud von diesen aus gelangt man durch Verallgememe-
rung zu dem Begrifie der Mannigfaltigkeit von melireren (n) Dimen
sionen.
Es ist schwer zu sagen, wem in Wahrheit die Prioritat dieses all-
gemeinen Gedankens zuzuschreiben ist, da es, noch bevor dieser Gedanke
als eine Richtung geometrischer Forschung erscheint, z. B. bei Lagrange
vorkonimt, daB die Mechanik mit einer Geometric von vier Dimensionen
verglichen wird. Der fundamentale Gedanke, um den es sich hier
handelt, besteht in einer Erweiterung des Begriffes der zweifachen
oder dreifachen Ordnung, in welcher die Punkte einer Flache oder
die Punkte des Raumes gedacht werden konnen, zu einer vielfaclien
Ordnung. So kann man, wahrend die Punkte auf einer Linie geordnet
sind, durch Bewegung der Linie eine Flache und durch Bewegung der
Flache einen Korper oder den gesamten Raum erzeugen.
Die Moglichkeit einer solchen Verallgemeinerung wurde z. B. von
Herbart angedeutet, dessen philosophische Ansichten, wie bekannt,
138) G. Vailati, Riv. di mat. 5 (1895), p. 75. Vgl. M. Fieri, Torino Atti
30 (1895), p. 607, und 31 (1896), p. 381, 457; G.Vailati, Riv. di mat. 5 (1895), p. 183;
A. Padoa, Riv. di mat. 6 (1896), p. 35; M. Pasch, Math. Ann. 48 (1896), p. 111.
64 IIIABl. F.Enriques. Prinzipien der Geometric.
einen starken EinfluB auf den Gedankengang Grrafimanns und Eie-
manns ausgeiibt haben. In mathematischer Form finden wir den Be-
griff der mehrdimensionalen Mannigfaltigkeit bereits im Jahre 1843
bei A. Cayley vollig entwickelt vor 139 ). Wir finden dann, da6 H. Graft-
mann 140 ) ini Jahre 1844 die Idee ernes allgemeineren Begriffes, der
den des Raumes umfaBt, ausdriicklich ausgesprochen hat. Hierzu
benutzt er eine Verallgemeinerung der Yektorensummierung, fur die
das kommutative Gesetz gultig ist. Der so hergestellte Begriff der
extensiven GroBe enthalt jedoch etwas mehr, als dem reinen Begriffe
der Mannigfaltigkeit in der Theorie des Kontinuums zukommt.
In einer durchaus allgemeinen Weise wird der Begriff der Mannig
faltigkeit von mehreren Dimensionen von 1$. Eiemann 141 ) mit Hilfe
einer rekurrenten genetisclien Definition aufgestellt. Eiemann betracntet
eine Mannigfaltigkeit v n von n Dimensionen als eine Klasse von Ele
na enten, die sich in unendlich viele Mannigfaltigkeiten v n _ 1 von n 1
Dimensionen derart verteilen lassen, daB deren Gesaratheit als eine
Mannigfaltigkeit von einer Dimension betrachtet werden kann, so daB
jedes Element der v n einer v n _ 1 angehort.
Nimmt man den einfachsten Fall, so wird eine Mannigfaltigkeit
von zwei Dimensionen als durch unendlich viele Mannigfaltigkeiten
von einer Dimension erzeugt erscheinen, deren Gesamtheit eine Mannig
faltigkeit von einer Dimension bildet. Diese Definition entspricht
genau der oben erwahnten Tatsache ; daB eine Flache (d. h. eine
Mannigfaltigkeit von zwei Dimensionen, deren Elemente Punkte sind)
als durch die Bewegung einer Linie erzeugt betrachtet werden kann
in der Weise, daB die Aufeinanderfolge der erzeugenden Linien eine
Mannigfaltigkeit von einer Dimension bildet, deren Elemente Linien
sind 5 dadurch werden die Punkte der Flache, so zu sagen, in eine
doppelte Ordnung gebracht.
Nehmen wir z. B. eine einfach zusammenliangende, offenej d. i. nicht
~begrenzte Flactie, die wir als Typus derjenigen betrachten, die wir
elementare Mannigfaltigkeiten von zwei Dimensionen nennen und mit
v 2 bezeichnen wollen.
Die Erzeugung der Flache, von der Eiemann ausgeht, fiihrt dazu,
auf ihr ein Btischel erzeugender Linien und ein Biischel von Leitlinien,
die von den Punkten der erzeugenden beweglichen Linie beschrieben
werden, zu betrachten. Daher wird man die Definition einer v 2 im
139) Cambr. math. Journ. 4 (1845), p. 119, abgedruckt: Coll. math. pap. 1, p. 55.
140) Die lineale Ausdehnungslehre , Leipzig 1844, 2. Aufl. 1878; vgl. Ges.
math, und phys. Werke, hrsgeg. von Fr. Engel, Leipzig I 1 , 1894.
141) Habitations vortrag I 3.
15. Flachen und Mannigfaltigkeiten mehrerer Dimensionen. 65
Hinblick auf swei erzeugende Buscliel elementarer MannigfaltigJieiten v
von einer Dimension in der Weise festsetzen konnen, da8
1) ein Element der v 2 einer i\ jedes Biischels angehort (Eigen-
schaft des Biischels)]
2) eine v l des einen Biischels und eine des anderen ein und nur
cm Element gemeinsani haben;
3) wenn mehrere i\ eines Biischels gegeben sind, diejenigen
Elemente von ihnen, die zwei i\ des anderen Biischels angehoren, auf
diesen in gleicher Weise geordnet sind.
Man kann sagen, claB die beiden Biischel, die den Bedingungen
1), 2), 3) geniigen (wenn man das Netz oder das System der beiden
Biischel betrachtet), zu einer netzformigen Verteilung der Elemente
der # 2 fiihren, im Hinblick auf welche die Begriffe Umgebung, Grenz-
pimJctj umkehrbar eindeutige stetige Beziehung zwischen zwei v 2 , eine
stetige v auf der t? 2 usw. definiert sind (vgl. Nr. 14).
Auf diesen Grundlagen, von der gegebenen Erzeugung ausgehencl,
kann man eine Theorie der v* entwickeln, in der die elementaren
Eigenschaften der Zerlegung der v% in Teile durch eine auf ihr als
existierend vorausgesetzte stetige i\ bewiesen werden.
Aber es handelt sich hier um eine hypothetische Theorie, da kein
Mittel vorhanden zu sein scheint, um auBer den zweierlei i\ des ge
gebenen Netzes andere stetige v 1 auf der v 2 zu konstruieren, so lange
wenigstens, als man nicht annimmt, daB die gegebenen erzeugenden v^ auf
das Zahlenkontinuum bezogen werden konnen, indem man das Canjpr-
sche Postulat von der Existenz einer ausgezeichneten Teilmenge (vgl.
HI A B 2, v. Mangoldt, Nr. 8, 9) fur sie gelten lafit (Nr. 14). Fiigt
man diese Amiahme hinzu, so wiirde man ofi^enbar auf der v, 2 Koor-
dinaten einfuhren, d. h. die # 2 in umkehrbar eindeutiger Weise auf
eine Zahlenmannigfaltigkeit (re, y) abbilden konnen.
Aber man kann, ohne das eben erwahnte Cantorscke Postulat zu
benutzen, einen anderen Weg zur Einfiihrung der Koordinaten ein-
schlagen.
Da eine Mannigfaltigkeit t? 2 nach dem allgemeinen Begriffe, den
wir uns von ihr bilden, verschiedene Erzeugungsweisen gestattet, so
wird man darauf gefiihrt, sich zu fragen, ob nicht die Annahme der
Existenz zweier verschiedener Erzeugungsweisen genugt, um auf die
Moglichkeit unendlich vieler solcher Erzeugungsweisen zu schlieBen.
Und auf diese, in geeigneter Weise prazisierte Frage erhalt man eine
bejahende Antwort.
So wird man fur die v% darauf gefiihrt, den oben ausgesprochenen
drei Satzen das Postulat hinzuzufugen:
Encyklop d. math. Wissensch, III 1. 5
66 III AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
4) Es existiert auf einer v 2 em drittes Biischel von auf der-
selben v 2 stetigen v 19 die die v t der beiden erzeugenden Buschel je
eiumal schneiden.
1st dies gescJiehen, so Jcann man die elementare Mannigfaltig keit
von zwei Dimensionen v 2 der Zahlenmannigfaltigkeit (x,y) in umkehrbar
eindeutiger stetiger Weise zuordnen u2 ).
Um von hier aus zu einer geeigneten Definition der v 2 zu kommen,
ist nur noch ein Schritt notig.
Die fur eine v 2 im Hinblick auf eine besondere netzformige
Verteilung der Elemente aufgestellten Begriffe der Umgebung und daher
des Grenzpunktes usw. sind in der Tat von dieser Verteilung unab-
hangig, da sie dem Begriffe der v 2 selbst angehoren. Wenn man sich
ein Netz urspriinglich gegeben denkt, so kann man auf Grund dieser
Unabhangigkeit jedes andere Netz mit Riicksicht auf das erste de-
finieren; aber wenn man nur die v 2 gegeben denkt, so erscheint
diese Unabhangigkeit als eine Beziehung zwischen zwei netzformigen
Verteilungen ihrer Elemente, und diese Beziehung bildet eineii Teil
der Bedingungen, die zur Definition der v 2 dienen konnen.
Man kann daher eine genetische Definition der v 2 durch die fol-
genden sie charakterisierenden Postulate aufstellen:
a) Die Elemente einer v 2 konnen in einer netzformigen Ver
teilung (die den Forderungen 1), 2), 3) geniigt) angeordnet werden.
b) Wenn es zwei netzformige Verteilungen der Elemente der v 2
gibt und (3 eine Umgebung eines Elementes S bei einer dieser Ver
teilungen ist, so existiert immer eine Umgebung von S bei der
anderen Verteilung, die in a enthalten ist.
c) Es existieren auf v 2 zwei Netze ; die eines der beiden er
zeugenden Buschel gerneinsain haben, und wobei die ^ der beiden
anderen Buschel sich je in einem Elemente schneiden.
Diese Entwicklungen lassen sich leicht auf die Mannigfaltig keiten
von n > 2 Dimensionen ubertragen; fiir die (den v<> analogen) elemen-
taren Mannigfaltigkeiten v n muB man von einer Erzeugung ausgehen,
die auf n erzeugende Buschel von Mannigfaltigkeiten v n _ 1 fiihrt.
Auf weiteres brauchen wir nicht einzugehen ? da neue Schwierigkeiten
nicht auftreten.
Kehren wir zu dern BegriflPe der v 2 zuriick ; um uns zu fragen,
ob er nicht im Hinblick auf die fertig vorUcgende Mannigfaltigkeit
definiert werden kann ? indem man namlich die Eigenschaften, die
mit dem Begriffe der Umgebung eines Elementes auf der Mannig-
142) Vgl. Enriques, Palermo Rend. 1? (1898), p. 222.
15. Flachen tmd Mauzrigfaltigkeiten niehrerer DirnenBionen. 67
faltigkeit zusammenhangen, charakterisiert, ohne durch deu Begriff
der Umgebung in bezug auf eiue netzformige Verteilung (der spater
von dieser durch das obige Postulat unabhangig gernacht worden 1st)
hindurch zu gehen.
Diesem Zwecke dienen die folgenden Postulate, niit deren Hilfe
D. Hilbert 143 ) eine Definition der v 2 gegeben hat, indem er sich auf die
abstrakt betrachtete Ebene bezieht:
,,Die Ebene ist ein System von Dingen, welche Punkte heifien.
Jeder Punkt A bestiinmt gewisse Teilsysteme von Punkten, zu denen
er selbst gehort imd welche Unigebungen des Punktes A heifien.
,,Die Punkte einer Umgebung lassen sich stets umkehrbar ein-
deutig auf die Punkte eines gewissen Jordanschen. Gebietes in der
Zahlenebene abbilden. Das Jordansche Gebiet wird ein Bild jener
Umgebung genannt.
,,Jedes in einem Bilde enthaltene Jordansche Gebiet, innerhalb
dessen der Punkt A liegt, ist wiederum ein Bild einer Umgebung
von A. Liegen verschiedene Bilder einer Umgebung vor, so ist die
dadurch vermittelte, umkehrbar eindeutige Transformation der be-
treffenden Jordanschen Gebiete auf einander stetig.
; ,Ist B irgend ein Punkt in einer Umgebung von A, so ist diese
Umgebung auch zugleich eine Umgebung von 13.
,,Zu irgend zwei Umgebungen eines Punktes A gibt es stets eine
solche Umgebung des Punktes A y die beiden Unigebungen gemein-
sam ist.
,,Wenn A und B irgend zwei Punkte unserer Ebene sind, so gibt
es stets eine Umgebung von A, die zugleich den Punkt B enthalt."
In bezug auf diese Formulierung bernerken wir, daB in ihr als
primitive!*, nicht definierter Begriff nicht nur der Begriff der Um-
gebuny, sondern auch der einer getvissen Abbildimy der Umgebung
auf ein Jordamches Gebiet, die ihr Bild genannt wird, auftritt.
Das schliefit eine Vorsclirift iiber die Walil zwischen den unendlich
vielen (stetigen und unstetigen) Beziehungen ein, die sich zwischen
jenen beiden Mannigfaltigkeiten von zwei Dimensionen aufstellen
lassen. Nun hat Hifbert eine solche Vorschrift nicht gegeben, sondern
(neben anderen Bedingungen) die Forderung aufgestellt, daB zwei Jordan-
sche Gebiete, die in seineni Sinne Bilder derselben Umgebung sind, in
stetiger Beziehung zu einander stehen solleu. Aber eine solche Fordening
laBt nicht erkennen, ob ein einzelnes auf die Umgebung umkehrbar
eindeutig bezogenes Jordanaches Gebiet ein Bild von ihr ist oder nicht^
143) Gott. Nachr. 1902, p. 233; Grimdlagen, p. 122 FuBnot^e.
5*
68 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
wenn nicht ein besonderes Bild irgendwie als schon gegeben an-
genommen wird. Aber diese letzte Annahme (durch welche in der
Uingebung die netzformige Verteilung x = const., y const, an-
gegeben ware) wiirde uns tatsachlich auf die oben angegebene Definition
der v 2 bei Betrachtung der iverdenden Mannigfaltigkeit zuriickfiihren.
Wir wollen nun ini allgemeinen von den irgendwie zusammen-
lidngenden Mannigfaltiglteiten von zwei Dimensionen sprechen.
Vor allem sind zur Definition des Begriffes der durch eine Linie
begrenzten elementaren Mannigfaltigkeit oder Flache F" 2 nur wenige
und geringfiigige Abanderungen dessen notig/ was fiber die offene
Mannigfaltigkeit v. 2 gesagt worden ist.
Den allgemeineren Begriff der Mannigfaltigkeit oder Flache von
zivei Dimensionen und im besonderen den Begriff der geschlossenen
Flache ohne Rander kann man aufstellen, indem man durch geeignetes
Aufeinanderlegen von Strecken der Begrenzungslinie eine endliche
Anzahl von v 2 vereinigt; man muB dabei hinterher von der besonderen
Erzeugungsart absehen und also durch ein geeignetes Postulat die Be-
ziehungen zwischen zwei verschiedenen Einteikmgen der Mannigfaltig
keit F 2 ausdriicken.
Die hier sich darbietende Untersuchung ist bisher als eine Frage
der Prinzipien nicht behandelt worden; man suchte im besonderen
nach der Definition des Geschlechts , des Zusammenlianges usw. der
Mannigfaltigkeit.
Wir wollen uns auf die Bemerkung beschranken, daB bei dieseni
Gedankengange als innere Eigenschaft einer Mannigfaltigkeit von zwei
Dimensionen oder einer Flache die Eigenschaft erscheint ; die bei den
Flachen des gewohnlichen Raumes durch die Worte einseitig und
zweiseitig bezeichnet wird (Umkehrbarkeit und Nichtumkehrbarkeit des
Drehungssinnes um einen Punkt; vgl. Klein, Math. Ann. 9 (1876),
p. 479.)
Uber diese Betrachtungen und ihre Ausdehnung auf inehrere
Dimensionen vgl. Ill A B 3 Delm-Heegaard.
16. Linien auf den Flachen. Die Untersuchungen iiber den
Begriff der Linie auf einer Flache oder auf einer Mannigfaltigkeit von
mehreren Dimensionen (und allgemeiner fiber den Begriff der stetigen
Mannigfaltigkeit innerhalb einer anderen Mannigfaltigkeit) lassen sich
vor allem an diejenigen Untersuchungen G. Cantors in der Mengen-
lehre ankniipfen, in denen er eine stetige Menge als per f eld und zu-
sammenhdngend 1 ^) definiert hat.
144) Vgl. den Artikel I A 5 Mengenlehre, Schoenflies, Nr. 13, 16.
16. Linien auf den Flachen. 69
Beschranken wir uns auf den Fall einer elementaren (vgl. Nr. 14)
Linie auf eiaer Flache, so erhalten wir eine geeignete Definition, wenn
wir fordern 145 ):
1) die Existenz einer (und damit auch einer zweiten, entgegen-
gesetzten) stetigen Ordnung innerlialb der Linie;
2) daB, wenn ein Punkt A der Linie und eine Umgebung 6 von
A auf der Fldclie gegeben ist, immer eine den Punkt A enthaltende
Strecke der Linie existiert, die ganz in (5 enthalten ist.
Von diesen beiden Bedingungen bezieht sich die erste auf die
inneren Eigenschaften der Linie als einer v lt die zweite auf ihre
ait/fere Eigenschaft (in bezug auf die Flache), dureh welche die innere
Stetigkeit der Linie die Bedeutung der Stetigkeit auf der Flache an-
nimmt. Die rationalen Punkte einer Strecke und die irratioualen
Punkte einer anderen ihr parallelen Strecke in der Ebene konnen als
Ganzes so angeordnet werden, da6 zwar die erste Bedingung erfiillt
ist, diese Menge aber der zweiten Bedingung nicht geniigt.
Man wird auch bemerken, da6 nach der Cantorschen Ausdrucks-
weise 146 ) die Forderung 2) aussagt, da6 die Linie eine in sich diclite
Menge ist, und daB die Forderuug 1) der inneren Stetigkeit dein
hinzufiigt, daB diese Menge cibgesclilossen ist, so daB also beide Forde-
rungen zusammen aussagen, daB die Menge perfekt ist; aufierdem ver-
langt die innere Ordnung nach der Forderung 1), daB es zwischen
zwei Punkten der Linie immer ein Intervall gibt, und dies schliefit
die aus rnehreren unzusainmenhangenden stetigen Teilen gebildeten
Mengen aus.
In analoger Weise wie die elernentare stetige Linie wird man
die gesclilossene stetige Linie (ohne Doppelpunkte) auf einer Fldclie
dennieren konnen, und fur diese Linien wird auf einer einfach zu-
sammenhangenden Flache der Jordansche Satz 147 ) (Nr. 13) bestehen
und, wie Schonflies gezeigt hat, auch seine Umkehrung (vgl. Ill AB 2,
v. Mangoldt, Nr. 8).
Bei weiteren Untersuchungen fiber die Zerlegung der Flache durch
Linien handelt es sich um die Frage, inwieweit diese Linien zu
einem besonderen Linien- (oder Koordinaten-)system auf der Flache
145) Vgl. F. Enriqiies, Conferenze di geometria 1894 95, p. 45 und Palermo
Rend. 12 (1898), p. 222.
146) Math. Ann. 21 (1883), p. 545, abgedruckt: Acta math. 7 (1885), p. 105.
147) Er konnte nach der Meimmg des Referenten auf Grund der hier an-
genommenen Definition bewiesen werden, und damit wurde gezeigt sein, daB er
von einer besonderen Wahl der Koordinaten nicht abhangt.
70 IIIABl. F.Enriques. Prinzipien der Geometrie.
in Beziehung stehen. Hieriiber verweisen wir auf das fur die Linien
in der Ebene Gesagte (Nr. 15).
Wenn also irn folgenden (z. B. wenn von den Maflbestimmungen
Eiemanns die Rede 1st) analytisclie Linien in einer Flache (oder in
einer Mannigfaltigkeit) betrachtet werden, so soil das heiBen, da8
man sicli auf der Flaciie eine Familie von Linien gegeben denkt, die
infolge der Wahl eines bestimniten Koordinatensy stems von Parainetern,
die auf unendlich verschiedene Weise gewahlt werden konnen, analy tisch
abhangt.
III. Prinzipien der projektiven Geometric.
17. Postulate in einem Baumstiick. Die 7 ,Geometrie der Lage"
von v. Staudtj in der die deskriptiven (vgl. FuBnote 5) Eigenschaften
der Figuren systematisch studiert werden, wiihrend die metrischen Be-
griffe beiseite bleiben, muB als die Grundlage der Untersuchungen
iiber die Prinzipien der projektiven Geometrie betrachtet werden.
Die Kritik dieser Prinzipien wurde durch F. Klein 148 ) eroffnet,
der insbesondere die Unabhangigkeit der genannten Geometrie von
dem Parallelenpostulat dargetan hat, indem er u. a. bemerkte, da8 es
geniigt, alle Konstruktionen der projektiven Geometrie nur in einem
begrenzten Raumstiicke auszufuhren.
Die Postulate der projektiven Geometrie in einem begrenzten
Raumstiicke sind dann von M . Pasch 149 ) in streng logischer Fassung
aufgestellt worden.
Sind die Betrachtungen anfangs nur fur ein in geeigneter Weise
begrenztes Raumsttick (z. B. fur das Innere eines Tetraeders oder einer
zusammenh angenden Flache) entwickelt worden, so kann man die Gerade
aus einer (geradlinigen) linearen Strecke ; die sich nach der einen oder
der anderen Seite verlangern laBt^ hervorgehen lassen. Die charakte-
ristischen Eigenschaften dieser Strecken, in der Fassung, die durch
die Betrachtung der fertigen Figur gegeben wird (Nr. 4), wobei in-
deB die Stetigkeit noch ausgeschlossen bleibt, und an zweiter Stelle
die Eigenschaft, daB ;? zwei Punkte eine geradlinige Strecke be-
stimmen", bilden den Inhalt der ersten acht Grundsatze von M. Pasch.
Auf diese Postulate von der Geraden folgen vier Postulate von der
Ebene (oder besser von der ebenen Flache), die sich auf folgende Eigen
schaften beziehen: Bestimmung der Ebene durch drei nicht in einer
148) Gott. Nachr. 1871, p. 419; wieder abgedruckt Math. Ann. 4 (1871),
p. 573; ferner Math. Ann. 6 (1873), p. 112; 7 (1874), p. 531; 17 (1880), p. 52.
149) Neuere Geometrie ; vgl. G. Peano, Principii.
17. Postulate in einein Raumstuck. 71
Geraden liegende Punkte; ihre Eigenschaft, die geradlinige Strecke
zu enthalten, die zwei beliebige ihrer Punkte verbindet; zwei Ebenen,
die einen Punkt gemeinsam haben, haben wenigstens noch einen
anderen Punkt gemeinsam; eine Gerade, die in der Ebene eines
Dreiecks ABC liegt und eine seiner Strecken, Seiten, trifft, trifft
noch eine andere dieser Strecken (diese Eigenschaft sagt im wesent-
lichen aus, daB ,,die Gerade die Ebene in zwei Teile zerlegt", und setzt
also fest, daB die Ebene eine Flache ist, auf der die Gerade eine
Linie ist (vgl. Nr. 8). 150 )
In den genannten Postulaten erscheinen die Begriffe der gerad-
linigen Strecke und der ebenen Flache als primitiv (einpirisch ge-
geben).
150) Diese Postulate sind ubrigens den Postulaten I der Xr. 8 und II der
Nr. 4 gleichwertig. Wenn man ihnen das Dedekindscke Stetigkeitspostulat in
der oben (Nr. 7) angegebenen deskriptiven Form hinzufugt, so erhalt man das
vollstandige System der deskriptiven Postulate fur ein Raumstuck.
SchlieBt man sich der von G. Peano (Riv. di mat. 4 (1894), p. 51) vor-
geschlagenen Reduktion des Begriffes der Ebene an, so konnen die genannten
Postulate, abgesehen von der Stetigkeit, wie folgt formuliert werden:
1. Es gibt unbegrenzt viele Elemente, die wir Punkte nennen.
2. Irgend zwei von einander verschiedene Punkte bestimmen eindeutig eine
Klasse von unbegrenzt vielen Punkten, der sie selbst angehoren und die Strecke
genannt wird. Irgend zwei Punkte einer Strecke bestimmen eine andere Strecke,
deren Punkte der ersten angehoren.
3. Jede Strecke AB bestimmt zwei andere Klassen von Punkten, ihre Ver
langerungen uber B resp. A hinaus, derart daB jeder Punkt der ersten resp.
zweiten Klasse mit A resp. B eine Strecke bestimmt, der B resp. A angehort.
Ist C ein Punkt der Strecke AB, so fallt die Verlangerung von CB uber B
hinaus mit derjenigen von AB uber B hinaus zusammen und die Verlangerung
von A C iiber C hinaus besteht aus der Strecke C B und ihrer Verlangerung uber
B hinaus.
4. Es gibt keinen Punkt, der beiden Verlangerungen einer Strecke gleich-
zeitig angehort.
Erste Definition: Eine Gerade besteht aus den Punkten einer Strecke
und ihren beiden Verlangerungen.
5. AuBerhalb jeder Geraden gibt es Punkte.
6. Wenn A } B, C drei nicht in einer Geraden liegende Punkte sind und D
ein Punkt der Strecke BC, ferner E ein Punkt der Strecke AD ist, dann exi-
stiert ein der Strecke AB angehoriger Punkt F derart, daB E auf der Strecke
CF liegt.
7. Wenn A, B } C drei nicht in gerader Linie liegende Punkte sind, D ein
Punkt der Strecke BC und F ein Punkt der Strecke AB ist, dann existiert ein
Punkt, der den Strecken AD und CF gemeinsam ist.
Zweite Definition: Die Klasse der Punkte derjenigen Strecken resp. Geraden,
welche drei nicht in einer Geraden liegende Punkte mit den Punkten der durcb
die beiden anderen bestimmten Strecke verbinden, heifit Dreieck resp. Ebene.
72 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Das durcli die erwahnten Satze definierte Raumstiick kann durch
Einfiihrung der uneigenfliclien oder idealen Punkte zum vollen pro-
jektiven Raum erweitert werden; dieser Gedanke erscheint als eine
natiirliche Erweiterung der Idee, die unendlich fernen PunJcte als die
gemeinsamen Punkte zweier Parallelen zu betrachten 151 ).
Zu dieser Einfiihrung der uneigentlichen Punkte gelangt man,
indem man den Begriff des 7 ,Strahlenbiindels" verallgemeinert. Wenn
man ,,komplanar" zwei Gerade nennt, die in einer Ebene liegen, so
beweist man (Pasch), daB, ,,wenn a, ~b zwei komplanare Gerade
sind, die also einer Ebene a b angehoren, und wenn c, d zwei andere
Gerade sind, von denen jede mit den a, I komplanar ist, die
genannten Geraden c, d selbst komplanar sind", und zwar unab-
hangig von der Existenz eines (in dem begrenzten Raurnstiicke
gelegenen) gemeinsamen Punktes der Geraden a, b. Auf diesen Urn-
stand grundet sich der erweiterte Begriff des Biindels, als einer Gesamt-
heit von Geraden, die zu je zweien komplanar sind und nicht samtlich
in einer und derselben Ebene liegen: des eigentlichen Biindels, wenn
die genannten Geraden samtlich durch einen (eigentlichen) Punkt gehen,
des uneigentlichen im entgegengesetzten Falle. Und hieraus entspringt
dem urspriinglich begrenzten Raumgebiet gegenuber der Begriff des
uneigentlichen oder idealen Punktes und dann weiter der der uneigent
lichen Geraden und der der uneigentlichen Ebene.
Die Einfiihrung der uneigentlichen Elernente hat zur Folge, daB
es fur die Satze, die sich auf die Bestimmung von Geraden und
Ebenen durch Punkte und auf ihre gegenseitigen Schnitte beziehen,
eine Ausnahme nicht mehr gibt; andererseits modifiziert sie unsere
Vorstellung von dem Zusammenhange der Geraden, die nach der
Erweiterung durch die uneigentlichen Punkte nicht mehr wie eine
offene, sondern wie eine geschlossene Linie erscheint. So wird unsere
gewohnliche Raumanschauung modinziert, und im Gegensatz zu dem
Begriffe des gewohnlichen Eaumes erh alt man den Begriff, den wir
mit dem Namen vollstdndiger projektiver Raum bezeichnen wollen.
151) G. Battaglini, Napoli Rend. 1867 oder Nouv. ann. (2) 7, p. 202, 265,
hat bereits bemerkt, daB in der Lobatschefskijachen Geometrie die unendlich fernen
Punkte der Geraden als durch ein ideales Gebiet hindurch verbunden betrachtet
werden; F. Klein, Math. Ann. 6 (1872), p. 130, bemerkt, dafi die idealen Punkte
durch Strahlenbiindel gegeben sind, und diese Bemerkung erscheint wieder bei
G. Battaglini, Giorn. di mat. 12 (1874), p. 300. Die vollstandige Theorie der
idealen Punkte iet sp ater von M. Pasch entwickelt worden, FuSn. 149 ; vgl. auch
V. Reyes y Prosper, Math. Ann. 32 (1888), p. 157; M. Pasch, Math. Ann. 32 (1888),
p. 159; F. Schur, Math. Ann. 39 (1891), p. 113; E. Bonola, Giorn. di mat, 38
(1900), p. 105.
18. Postulate fur den vollstandigen projektiven Raum. 73
18. Postulate fiir den vollstandigen projektiven Baum. Zu
dem Begriffe des projektiven Raumes kaiin man auch durch einen
AbstraktionsprozeB von der durch das Auge vermittelten sinnlichen
Anschauung her gelangen. Indem wir iiber eiiiige Schwierigkeiten,
die mit einer solchen psychologischen Konstruktion zusammenhangen,
hinweggehen, wollen wir zusehen, wie sich das Problem, die elemen-
taren Postulate, die den projektiven Raum charakterisieren, anzugeben,
darstellt, wenn dessen Begriff als in dem Kopfe des Mathernatikers
ausgebildet vorausgesetzt wird 152 ).
Hier gibt es wesentlich zwei Gruppen von Postulaten:
a) Die Postulate, die sicli auf die Bcstimmung von Geraden mid
Ebenm imd auf Hire gegenseitigen Sclmitte ~bezielien (Postulate des Ein-
anderangehorens).
Vor allem: zwei Pnnkte bestimmen eine, Gerade (eine Gesamtheit
von Punkten), die auch durch irgend zwei ihrer Punkte bestimnit ist.
Die (vollstandige) Ebene kann durch Projection der Punkte einer
Geraden von einern auBerhalb gelegenen Punkte aus erzeu-gt werden.
Es muB dann das fundamentale Postulat von der Ebene gegeben
werden, das M. Fieri in der folgenden einfachsten Form annimmt:
Wenn A, B, C drei nicht in einer Geraden liegende Punkte sind, so
haben die Gerade, die durch A und einen Punkt von BC bestimrnt
ist, und die Gerade, die durch B und einen Punkt von AC bestimmt
ist, einen Punkt gemeinsam (vgl. FuBnote 150).
Daraus folgt die Eigenschaft der vollstandigen Ebene (in dem
projektiven Raume), die durch zwei ihrer Punkte bestimmte (voll
standige) Gerade zu enthalten, und die Eigenschaft, daB ,,zwei Gerade
der Ebene immer einen Punkt gemeinsam haben".
Wie die Ebene durch Projektion der Geraden erzeugt wird, so
kann der projektive Raum durch Projektion der Ebene erzeugt
werden. Hier wird man dann ferner (wenn man zur gewohnlichen
projektiven Geornetrie kornmen will) postulieren, daB auf diese Weise
die Gesamtheit aller Punkte erschopft wird, indem man annimmt, daB
.,eine Gerade und eine Ebene immer einen Punkt gemeinsam haben".
Dieses Postulat entspricht dein anderen der Nr. 17, nach welchem (in
dem dort betrachteten Raumstiicke) zwei Ebenen, die einen Punkt
gemeinsam haben, noch einen anderen Punkt gemeinsam haben. Es
152) Diesem Gedankengange gehoren an die Arbeiten von: F. Amodeo,
Torino Atti 26 (1891), p. 741; G. Fano, Giorn. di mat, 30 (1892), p. 106; F. Enrigues,
FuBn. 130; M. Pieri, Torino Atti 30 (1895), p. 607; 31 (1896), p. 381, 457; 32 (1897),
p. 343; 1st. Lomb. Rend. (2) 31 (1898), p. 780, zusammengefafit in Torino Mem.
(2) 48 (1898), p. 1. Vgl. auch H. Thienw, Progr. Oberrealschule Posen 1900.
74 III A B 1. F. Enriqiies. Prinzipien der Geometrie.
hat die Bestimmung, die Dimensionenzahl des Raumes auf drei zu
beschranken. Wenn man von diesem Postulate absieht, so erzeuge
man durch Projektion einer Ebene von einem auBeren Punkte aus
einen projektiven Eaum von drei Dimensionen $ 3 ; dann kann man, im
Gegensatze zu dem eben erwahnten Postulate , annehmen, da6 aufier-
halb dieses Raumes noch ein Punkt existiert: wenn man S 9 von
/ o
diesem Punkte aus projiziert, so erzeugt man einen projektweft Eaum
von vier Dimensionen $ 4 usw.
Diese rekurrente Erzeugung der projektiven Eaume von n Dimen
sionen S n ist von G. Veronese (III C 9, Segre, Mehrdimensionale Raume)
entwickelt worden. Fiigt man fur den S n (wie fur den S s ) die Postu
late hinzu, die sich auf die Linieneigenschaften der Geraden und auf
die Flacheneigenschaften der Ebene beziehen (diese Postulate werden
wir gleich erwahnen), so erscheint der S n als eine besondere Mannig-
faltigkeit von n Dimensionen, deren charakteristische Eigenschaft durch
das in geeigneter Weise zu modifizierende Postulat von der Ebene
ausgedriickt ist.
b) Die Postulate, die sich auf die Linieneigenschaften der Geraden
und auf die FldcJieneigenschaften der Ebene beziehen.
Die Gerade des projektiven Raumes ist eine geschlossene Linie,
d. h. ihre Punkte sind in einer cyldischen Anordnung vorhanden
(vgl. Nr. 15).
Die Eigenschaft der Ebene, eine Flache zu sein, in welcher die
Geraden Linien sind, kanu man (wenn man die werdende Figur be-
trachtet) ausdriicken, indem man den projeldiven Character der cykli-
schen Anordnung der Punkte der Geraden postuliert 153 ). Es folgt
aus diesem Postulate in Verbindung mit dem anderen, daB ,,zwei
Gerade einer Ebene immer einen Punkt gemeinsam haben", daB die
projektive Ebene eine Flache mit einem Sinne ist (L. Sclilafli bei
Klein, Math. Ann. 7 (1874), p. 550; vgl. Nr. 15, 23). Hierbei sei
bemerkt, daB der hierin liegende Unterschied zwischen der gewohn-
lichen metrischen Ebene und der projektiven Ebene irn Raum kein
Analogon hat: in dem dreidimensionalen projektiven Raume gibt es
immer ewei ineinander nicht iiberfulirbare Schraubensinne.
19. Projektive Koordinaten. Auf Grund der Postulate der Nr. 17
oder der gleichwertigen der Nr. 18 kann man die Punkte des pro
jektiven Raumes durch die Yerhaltnisse von vier homogenen Koor
dinaten (sogenannten projektiven Koordinaten) in der Weise darstellen,
daB die Ebenen durch lineare Gleichungen dargestellt werden.
153) Vgl. Enriqiies, Vorlesungen iiber projektive Geometrie, p. 24.
19. Projektive Koordinaten. 75
In dem gewohnlichen (Euklidischen, oder auch nicht-Euklidischen )
Raume kann man ein System von projektiven Koordinaten aufstellen,
wenn man ein fundamentales Tetraeder und einen Einheitspunkt an-
ninimt und die Projektionen dieses Einheitspunktes auf jede Kante de^
Tetraeders von der gegeniiberliegenden Kante aus betrachtet; in der-
selben Weise betrachtet man die analogen Projektionen eines willkfir-
lichen Punktes P des Ramnes; auf jeder Kante erhalt man dann vier
Punkte (zwei Eckpunkte des Tetraeders und die Projektionen des Ein
heitspunktes und des Punktes P), und diese fiihren auf ein gewisses
Doppelverhaltnis; die so erhaltenen Doppelverhaltnisse liefern gerade
die wechselseitigen Verhaltnisse der projektiven Koordinaten des
Punktes P. 154 )
Genau dieselbe Konstruktion wird man zu dem gleichen Zwecke
in dem projektiven Raurne ausfuhren, wobei man nur das Doppel-
verhaltnis oder, wie v. Staudt sagt, den Wurf von vier Punkten einer
Geraden als Zahl in deskriptiver Weise definieren wird, d. h. in der
Weise, daB man von dem Begriffe der Sireckeulange absieht, der in
der reinen projektiven Geometrie ohne Bedeutung ist.
Diese deskriptive Definition des Doppelverhaltnisses ist von
v. Staudt 1 * 6 ) gegeben worden im AnschluB an die von ihm eingefu hrte,
spater von J. Liiroth 15tr ) erweiterte Rechnung mit Puuktquadrupeln
oder Wurfen; diese Definition umfaBt, wenn man noch den Begriff der
Involution einfiihrt, auch den Fall komplexer Punkte.
Fur den Fall reeller Punkte kann man eine deskriptive Definition
des Doppelverhaltnisses, das ein Punkt P einer Geraden mit drei ge-
gebenen Punkten A, B, C bildet, geben, die sich auf das gewohnliche
MeBverfahren reduziert, wenn man den Punkt C als den unendlich
fernen Punkt der Geraden betrachtet; die Punkte P, fiir welche das
Doppelverhaltnis (ABCP) einen rationalen Wert hat (Punkte, die
154) Zu diesem (rnoglichst allgeineinen) Systerne projektiver Koordinaten ist
A. F. Mobius in dem Buche ,,Der barycentrische Calcul u (1827) gelangt, indem
er die Verhaltnisse seiner barycentrischen Koordinaten zu denen eines festen
Punktes (des Einheitspunktes) betrachtete und auch bemerkte, daB diese Ver
haltnisse sich durch Doppelverhaltnisse ausdriicken lassen; vgl. im iibrigen
W. Fiedler, Zurich Vierteljahrschr. 15 (1871), p. 152, und ,,Die darstellende Geo
metrie , Leipzig, drei Aufl. 1871, 1875, 1885. tJber die Einfuhmng des Doppel
verhaltnisses in die nicht-Euklidische Geometrie vgl. Klein, Math. Ann. 6
(1873), p. 129.
155) Beitrage zur Geometrie der Lage, Niirnberg 1856, Heft 2, p. 261. Vgl.
W. Hamilton, Elements of quaternions, London 1866, p. 24, 62; W. Fiedler,
FuBn. 154.
156) Math. Ann. 8 (1875), p. 145.
76 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
dem (lurch A, B, C bestimmten JiarmoniscJten Systeme oder Netze an-
gehoren), erhalt man durch wiederholte Konstruktion der vierten har-
momschen Punkte in einer durch den genannten Wert bestimmten
Weise ; wahrend man zu den Punkten, fiir welche das Doppelverhaltnis
irrational ist, durch einen GrenzprozeB gelangt 157 ). v. Staudt hat dies
alles auch auf imaginare Elemente ausgedehnt (vgl. Ill AB 6, Schoenflies).
20. Bemerktmgen iiber die grundlegenden Satze der projek-
tiven Geometrie. Mit Hilfe des in Nr. 17 oder in Nr. 18 dargelegten
Postulatensystems kann man die projektive Geometric vollstandig be-
griinden (vgl. Ill A B 6, Projektive Geometrie, Schoenflies). Hinsicht-
lich der Beziehungen, in denen ihre Hauptsatze zu den genannten
Postulaten stehen, miissen wir einige Bemerkungen machen.
a) Uber den Desarguesschen Satz (Satz von den homologen
Dreiecken).
Dieser Satz ist zuerst von v. Staudt bei bloBer Benutzung der
Postulate des Einanderangehorens durch raumliche Betrachtungen be-
wiesen worden.
F. Klein hat zuerst 158 ) darauf aufmerksam gemacht, daB es nicht
anders geht, indem er zeigte, daB der genannte Desarguessche Satz
sich nicht beweisen laBt, wenn man sich allein auf die Postulate
der projektiven Geometric eines ebenen Gebietes stiitzt, da sonst
folgen wurde, daB, wenn auf irgend einer Flache ein Liniensystein
von der Art gegeben ist, daB durch zwei Punkte immer eine Linie
geht, die Linien des Systems bei Einfiihrung geeigneter krurnmliniger
Koordinaten sich durch lineare Gleichungen darstellen lassen wiirden,
wahrend dies z. B. fur die geodatischen Linien einer Flache mit
variabler Krummung nach Seltrami nicht moglich ist 359 ).
Neuerdings hat D. Hilbert 16 ) in elementarer Weise eine konven-
tionelle Geometrie der G-esamtebene begriindet, in der der Desarguessche
Satz nicht gilt, wohl aber die projektiven Postulate. (Dagegen kann
man bei Benutzung der Kongruenzpostulate und des Parallelenpostulats
157) Vgl. z. B. R. De Paolis, Rom Line. Mem. 1888/89. Hinsichtlich der Be-
ziehungen, in denen die Einfiihrung der projektiven Koordinaten zu der Bestim-
mung der Projektivitat zwischen zwei abstrakten projektiven Baumen steht, vgl.
F. Enriques, Lezioni di geonietria proiettiva, Bologna 1898, Appendice, deutsche
Ausgabe von JET. Fleischer, Leipzig 1903, Anhang, und Palermo Rend. 12 (1898),
p. 222.
158) Math. Ann. 6 (1873), p. 112.
159) E. Beltrami, Ann. di mat. (1) 7 (1865), p. 185 (HID 5, v. Lilienthal,
Nr. 34, und HID 6 a, Vofi, Nr. 9).
160) Grundlagen Nr. 3. Uber die nicht-Desarguessche Geometrie vgl. auch
F. E. Moulton, Am. Soc. Trans. 3 (1902), p. 192.
20. Bemerkungen uber die grundlegenden Satze der projektiven Geometrie. 77
den Desarguesschen Satz in der Ebene, d. h. ohne raumliche Konstruk-
tionen zu Hilfe zu nehmen, beweisen. Vgl. auch Nr. 11.)
D. Hilbert hat auch bemerkt, daB umgekehrt der Desarguessche
Satz in der Ebene die Anwendung der Postulate des Raumes beim
Beweise der der projektiven Geometrie der Ebene zukommenden
Eigenschaften vollstandig ersetzt 16i ).
b) Uber die Trennung der konjugierten Punkte einer harmonischen
Gruppe.
Dieser Satz ist von v. Staudt in einer nicht rein deskriptiven Weise
bewiesen worden, indem er den Begriff der nietrisch aufgefaBten Jiarper-
liclien Ecke (deren Kanten Halbgerade sind) einfuhrte. Der Beweis
von M. Pasch 162 ) zeigt eine Liicke, weil er die Moglichkeit nicht
ausschlieBt, daB der zu drei Punkten gehorige vierte harmonische
Punkt mit einem dieser Punkte zusammenfallt, so daB G. Fano 165 )
geglaubt hat, daB hier ein neues Postulat eingeftihrt warden miisse.
Dagegen hat der von F. Enriques (FuBnote 137) gegebene Beweis
des Satzes klargestellt, daB dieser Satz sich aus den oben ausgespro-
chenen deskriptiven Postulaten allein herleiten la Bt, da er sich wesent-
lich auf die Ordnungen der Punkte der Geraden und auf deren pro
jektiven Charakter (ohne daB die Stetigkeit notig ware) stiitzt.
c) Uber v. Staudts Fundamentalsatz der Projektivitat.
Durch das Stadium der Beziehung zwischen den Punkten zweier
Ebenen, in der jeder Geraden eine Gerade entspricht (Kollineation),
wurde v. Staudt dazu gefiihrt, die ; ,Projektivitat" zwischen Geraden
(oder Gebilden erster Stufe) als eine umkehrbar eindeutige Beziehung
zu definieren, bei der die harmonischen Gruppen erhalten bleiben 164 ).
Die Konstniktion der Projektivitat durch Projizieren und Schneiden
hangt dann von dem fundamentalen Satze ab: ,,Die Projektivitat zweier
Grundgebilde erster Stufe ist durch drei Paare homologer Elemente
bestimmt", den v. Staudt auf den Fall einer Projektivitat mit drei
Doppelpunkten auf einer Punktreihe zuriickfuhrt. Es ist wichtig her-
vorzuheben, daB die Bedeutung dieses Satzes wesentlich mit der von
v. Staudt gewahlten Definition der Projektivitat zusammenhangt. Wenn
man statt der v. Sfaudt&chen Definition die Definition Poncelets nimmt:
161) Die Benutzung von projektiven Raumen S n fur n ^> 3 beim Beweise
von Eigenschaften des Raumes S s fuhrt zu keinem Resultate, das man nicht schon
aus den Postulaten der projektiven Geometrie des S a selbst ableiten konnte; vgl.
C. Segre, Riv. di mat. 1 (1891), p. 42.
162) Xeuere Geometrie, p. 85.
163) Giorn. di mat. 30 (1892), p. 106.
164) Geometrie der Lage, Niirnberg 1847, y.
78 III AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geoinetrie.
, 7 Projektiv sind zwei Gerade ; die durch Projizieren und Schneiden auf
einander bezogen sind" 165 ), so bildet die Bestimmung der Projektivit at
durch drei Paare liomologer Punkte einen fundamentalen Sats nur in
eingeschranJctem Sinne, der weniger ausdriickt als der v. Staudtsche Satz,
insofern man auf ihn allein die Theorie der Kollineation zwischen
Ebenen und Raumen nicht begriinden kanu.
Der deskriptive Beweis, den v. Staudt von seinem Satze gegeben
hat, zeigt eine Liicke, auf die C. Weierstrafi in seinen Vorlesungen auf-
merksam gemacht hat 166 ). Diese wurde auf verschiedene Weise aus-
gefiillt, indem man die Stetigkeit der Geraden oder etwas, was davon
abhangt, zu Hilfe nahm.
Klein 167 ), Luroth und Zeuthen haben, indem sie den von
v. Staudt eingeschlagenen Weg, die projektive Beziehung als gegeben
vorauszusetzen, verlieBen, gezeigt, wie diese mit Hilfe von drei
Paaren vorgeschriebener hoinologer Punkte in bestimmter Weise kon-
struiert werden kann, und zwar, indem man von der Punktreihe
ausgeht, die durch drei Punkte einer Geraden vermoge immer neuer
Konstruktion des vierten harmonischen Punktes erzeugt wird. Klein
griindet seinen Beweis auf die Wiederholung der harmonischen Kon
struktion fur die Grenzpunkte der Reihe; Luroth und Zeuthen ver-
schieben die Anwendung der Stetigkeit, indem sie zeigen, wie die
Punkte der harmonischen Reihe in jede Strecke eindringen. Die von
ihnen angedeutete Konstruktion wird klarer, wenn einer der drei
fundamentalen Punkte sich im Unendlichen befindet; alsdann wird
die harmonische Reihe von Abszissenwerten, die Luroth und Zeuthen
benutzen, eine dyadische Beihe, d. h. eine Reihe von Briichen, deren
Nenner Potenzen von 2 sind, und es zeigt sich, daB von dieser
Reihe sich in jeder Strecke Punkte befinden, sofern man das Archi-
medische Postulat annimmt. Dieses Postulat betrachtete man damals
noch als selbstverstandlich; in der Tat ist es als Postulat erst etwas
spater wieder in Diskussion gezogen worden (von Stolz; vgl. FuB-
165) Diese Definition ist von L. Cremona, Elementi di geoinetria proiettiva,
Roma 1873, deutsch von E. Trautvetter, Stuttgart 1882, p. 7, und von J. Thomae,
Ebene geometrische Gebilde, Halle 1873, p. 12, wieder aufgenommen worden.
In alteren Darstellungen , auch hervorragender Autoren, wird projektive Be
ziehung einstufiger Grundgebilde vielfach mit eindeutiger Beziehung verwechselt.
166) C. Weierstrafi hat auch einen genetischen (aber nicht deskriptiven)
Beweis des im engeren (Ponceletsch&ii) Sinne verstandenen Satzes gegeben, der,
von E. Kotter und H. A. Schwarz wieder hergestellt, sich in C. Weierstrafi, Math.
Werke 3, p. 161 befindet.
167) Math. Ann. 7 (1874), p. 531; Luroth und Zeuthen ebendort 535; vgl.
auch Math. Ann. 37 (1890), p. 544, insbesondere p. 565 f.
20. Bemerkungen iibcr die grundlegenden Satze der projektiven Geometric. 79
note 64) 168 ). Man erhalt so einen gewisserrnaBen metrischen Beweis
des fundamental en Satzes, der iibrigens bei Pasch (FuBnote 149) vor-
kommt.
Darboux 169 ) hat sich wieder der v. Stoudtschen Vorstellung ge-
nahert, gibt jedoch der Frage eine analytische Wendung. Indem er
die projektive Bezieliung zwischen zwei Geraden iui v. Staudtsckeu
Sinne als gegeben annimmt, zeigt er, daB diese geordnet (und also
stetig) ist, und fiinrt dann die Frage auf die Funktionalgleichung
f(x -f- y) = f(x) -\- f(y) zuriick, deren stetige Losung f(x) = ax ist.
(Siehe auch II A 11, Pinclierlc, Funktionenoperationen Nr. 27).
F. Sclmr 17 ), der den Zahlbegriff vernieidet, iiberwindet die fun-
damentale Schwierigkeit des v. Stmtdtschen Beweises, indem er als
Postulat annimmt, daB, wenn zwei Punkte sich auf der Geraden in
entgegengesetztern Sinn bewegen, es einen Punkt gibt, in dern sie
sich begegnen.
F. Ennques m ) leitet den genannten Satz direkt aus dem in der
Dedekindschen Form (deskriptiv) angenommenen Postulate der Stetig-
keit her.
In alien den oben angedeuteten Beweisen stiitzt man sich also auf
die in deskriptiver oder metrischer Weise ausgesprochene Stetigkeit
der Geraden oder wenigstens auf die Moglichkeit, die Gerade als in
einer stetigen Mannigfaltigkeit von Elementen enthalten zu betrachten,
worin das Archiniedische Postulat mit einbegriffen ist.
Die Untersuchung, ob man von dieser Voraussetzung, sofern man
Projektivitat durch wiederholte Projektion erklart, absehen kann, hat
auf einige Entwickluugen der nicht-Archimedischen projektiven Geo-
rnetrie gefiihrt, durch die die Frage der Beziehungen zwischen den
grundlegenden Satzen der projektiven Geometrie neu beleuchtet worden
ist (vgl. Nr. 42).
d) Besielmng des Fundamentalsatzes sum Mobiusscheit Nets. Wir
168) F. Klein (Fricke-Khin, Modulfunktionen 1, Leipzig 1890, p. 239 f., und
Klein, Nicht-Euklidische Geometrie 1, p. 315 ff.) bemerkt, da6 die auf einem Kegel-
gchnitte konstruierte harmonische Reihe auf das engste mit der in der Theorie
der elliptischen Modulfunktionen vorkommenden Dreiecksfigur zusammenhangt;
man erkennt alsdann intuitiv die Stetigkeit der Reihe, indem man sieht, daB
sich hier Dreiecke von beliebiger Kleinheit darbieten (vgl. II B 4, Fricke, Auto-
morphe Funktionen).
169) Math. Ann. 17 (1880), p. 155.
170) Math. Ann. 18 (1881), p. 252; vgl. Tlwmae, Analytische Geometrie der
Ebene, und Tli. Reye, Die Geometrie der Lage, 4. Aufl. 1. Abt., 1898.
171) 1st. Lomb. (FuBn. 137) und Lezioni (FuBn. 153). Vgl. L. Balser, Math.
Ann. 55 (1901). p. 143.
80 III A B 1. F. Emiques. Prinzipien der Geometric.
haben gesagt, daB die (v. Staudtscho) Definition der Projektivitat
zwischen Geraden aus der Betrachtung der Kollineation zwischen
Ebenen und Raumen hervorgeht. Aus dem Fundamentalsatze folgt,
daB diese Kollineation in der Ebene durch vier, im Raume durch
fiinf Paare entsprechender Punkte bestimuit ist.
Nun ist dieser Folgesatz seinerseits dem genannten Fundamental
satze gleichwertig, und es ist bemerkenswert, daB er mit Hilfe der
Konstruktion der Mobiussehen Netze bewiesen werden kann. Be-
trachtet man z. B. die Ebene, so ergibt sich, daB vier unabhangige
Punkte A y B, Cj I) durch lineale Operationen zu einem System von
Punkten fuhren (dessen Koordinaten zu denen von A, J5, 0, D, wenn
man diese Punkte als die Grundpunkte (0, 0, 1), (0, 1, 0), fl, 0, 0),
(1, 1, 1) annimmt, rational sind); die Koordinaten dieses Systems (das
ein Mb biusscJies Nets genannt wird) bedecken auf Grund des Stetig-
keitspostulats die ganze Ebene (da infolge des Stetigkeitspostulats
jeder Punkt der Ebene, der dem genannten System [dem Mobiusschen
Netz] nicht angehort, als Grenzpunkt des Systems bestimmt ist und
also eine umkehrbar eindeutige Beziehung zwischen den Punkten der
Ebene und den rationalen und irrationalen Koordinaten entsteht).
Aus dieser Konstruktion leitet Mobius, indem er sie als stetig vor-
aussetzt, die Bestimmung der Kollineation ab. Wenn man in einer
Kollineation zwischen zwei Ebenen vier Paare unabh angiger Punkte
sich entsprechen laBt ; so miissen die in honiologer Weise konstruierten
Punkte der durch die beiden Punktquadrupel definierten ISTetze ebenso
wie ihre Grenzpunkte sich entsprechen, und daher ist die Kollineation
bestimmt.
Man bemerke, daB die Annahme der Stetigkeit derjenigen Be
ziehung (Kollineation), in welcher jeder Geraden einer Ebene eine
Gerade entspricht, auf Grund der Stetigkeit der Geraden bewiesen
werden kann, wie aus dem von v. Staudt angegebenen Verfahren
hervorgeht.
e) Besieknmg des Fundamentalsafaes zur Lehre von den Proportioned,.
Die Beziehungen des Fundamentalsatzes der Projektivitat zur Pro-
portionentheorie gehen aus den folgenden beiden Bemerkungen hervor.
Auf Grund der gewohnlichen (arithmetischen) Theorie der Pro-
portionen zwischen Strecken kann man ein System von projektiven
(insbesondere auch cartesischen) Koordinaten einfuhren, vgl. Nr. 19.
Der im engeren (Ponceletschen) Sinne verstandene Fundamental-
satz der Projektivitat wird mit Hilfe der Invarianz des Doppelverhalt-
nisses bei Projektionen und Schnitten bewiesen, und diese folgt leicht
aus der gewohnlichen Proportionentheorie.
21. Uber die Bedeutung der Begriffe der Anordnung in der Begriindung usw. 81
Wie sich die Frage gestaltet, wenn man von der Stetigkeit ab-
sieht, daruber vergleiche man den Abschnitt VII.
21. tiber die Bedeutung der Begriffe der Anordnung in der
Begrundung der projektiven Geometrie. Setzen wir nur die funda-
mentalen Begriffe ,,Punkt" und ,,Verbindungslinie zweier Punkte" und
die Postulatengruppe a) (Nr. 18), die sich auf diese Begriffe bezieht,
als gegeben voraus, wie weit kann man dann in der Begrundung der
projektiven Geometrie gehen?
Mit dieser Frage hangt eine Forschungsrichtung zusanimen, in
der die Punkte nicht als von vornJterein gegeben, sondern von einigen
gegebenen Punkten aus durch lineale Operationen Jconstruiert be-
trachtet werden, so daB man also eine projektive Geometrie besonderer
Pwiktsysteme erhalt.
Jene wenigen Annahmen erfordern, daB in unserem Raume oder
fundanientalen .System wenigstens vier, nicht in einer Ebene liegende
Punkte und auBerdem ein Punkt auBerhalb der durch drei dieser
Punkte bestimmten ]bene gegeben sind, so daB auf der Verbin-
dungslinie irgendwelcher zweier Punkte wenigstens ein anderer Punkt
konstruiert werden kann. So weit ist alles wie sonst. Aber es ergibt
sich nicht , daB der zu drei Punkten A, B, C einer Geraden gehorige
vierte harmonische Punkt (vgl. oben bei Pasch, Nr. 20 b) von C ver-
schieden ist ; sofern man nicht anniinmt, daB dies wenigstens in einem
Falle eintritt, und noch weniger kann man (auch wenn die genannte
Voraussetzung eingefuhi*t sein sollte) erkennen, daB das auf der Ge
raden von A, B, C aus konstruierte harmonische System unendlich viele
Punkte enthalt. Es gibt in der Tat Konfigurationen von einer end-
lichen Zahl von Punkten, die fur sich allein genomrnen den Postu-
laten a) (Nr. 18) der projektiven Geometrie genugen 172 ).
Fiihrt man dagegen das Postulat ein, daB die Punkte der Ge
raden in einer cyklischen Anordnung von projektivem Charakter vor-
handen sind, so bciceist man, daB es auf der Geraden und in jeder
ihrer Strecken unendlich viele Punkte gibt 173 ), und es gelten danii
auch alle Eigenschaften der harmonischen Gruppen hinsichtlich der
Trennung der Paare, und ebenso diejenigen des harmonischen
Systems 174 ).
172) G. Fano, Fu6n. 152. Analoge Konfigurationen werden von E. H. Moore,
Am. Journ. 18 (1896), p. 264 betrachtet. Vgl. auch G. Hessenberg, Arch. Math.
Phys. (3) 6 (1903), p. 123.
173) Vgl. Fano-Enriques, Palermo Rend. 9 (1895), p. 79.
174) Das oben angedeutete deskriptive Konstruktionsverfahien fuhrt zu dem
schon erwahnten MobiusscJien Netze, wenn man mit linealen Operationen von
Encyklop. d. math. Wiaseasch. mi. G
82 III AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
Was die Annahme der mit projektivein Charakter verselienen
cyklischen Anordnung in der Theorie der harmonischen Gfruppen und
Systeme bedeutet, ist durch M. Pieri 115 ) klargestellt worden, der bei
dem Untemehmen, die Zahl der primitiven Begriffe zu beschranken
(vgl. Nr. 6), im wesentlichen fand, daB man den Begriff der natiir-
lichen Anordnung aufgeben kann, wenn man folgendes postuliert:
1) der zu drei Punkten A, B, C vierte harmonische Punkt ist
von diesen verschieden (das Fanosche Postulat; vgl. Nr. 20);
2) wenn man die dreifache Art betrachtet, in der eine Gerade
durch vier Punkte A, B, C, D in zwei Paare von Teilen geteilt wird,
so existiert fur zwei dieser Zusammenfassungen in zwei Paare ein
gemeinsames harmonisches Paar, aber nicht fiir die dritte;
3) wenn A, B, C, D, E fiinf in gerader Linie liegende Punkte
sind und zu den Paaren AC, BD und AC, DE harmonische Paare
existieren, so existiert auch zu den Paaren AC, BE ein harmonisches
Paar;
4) wenn A, B, C, D, E fiinf in gerader Linie liegende Punkte
sind, die der Reihe angehoren, die man, ausgehend von den Punkten
A, B, C, durch fortgesetzte Konstruktion des vierten harmonischen
Punktes erhalten hat, so kann man einen Punkt X so bestimmen,
daB fiir die Paare AX, DE kein harmonisches Paar existiert.
Die Stetigkeit fiihrt dann auf eine neue Eigenschaft, die Pieri in
einem engeren Sinne postuliert, indem er namlich nur die quadra-
tischen Irrationalitaten einfiihrt, von denen die elementare Theorie
der Projektivitat in Grebilden erster Stufe Gebrauch macht.
IT. Projektive Metrik.
22. Einordnung der gewohnlichen Metrik in die projektive
Geometrie (III AB 4 a, Synthetische und analytische Geometric, Fano).
Den Euklidischen Raum kann man als einen projektiven Raum be-
trachten, wofern man seinen (eigentlichen) Punkten die un&igentlwhen
PimJcte hinzufiigt, die die uneigenfliche oder unendlich feme Ebem
bilden (Nr. 9). Dann kann man, indem man in der unendlich fernen
Ebene einen besonderen imaginaren Kegelschnitt, den Kugelkreis, ge-
funf unabh^ngigen Punkten des Raumes ausgeht. Innerhalb dieses ISTetzes gilt
der v. Staudtsche Satz als Folge des Desarguesechen Satzes, und der v. Staudtsche
Satz erstreckt sich auf den Eaum, wenn man voraussetzt, da6 jeder Raumpunkt
ein Grenzpunkt des im Raume zu konstruierenden Mobiusschen Netzes ist, was
eine Folge des Stetigkeitspostulats ist.
175) Torino Mem. (2) 48 (1898), p. 1 und besonders Torino Atti 39 (1904), p. 313.
22. Einordnung der gewohnlichen Metrik in die projektive Geometrie. 83
geben denkt, die metrischen Eigenschaften als in die deskriptiven Eigen-
schaften eingeordnet betrachten.
Die Herleitung metrischer Eigenschaften aus den deskriptiven im
Hinblick auf die unendlich fernen Punkte komnit schon bei Poncelet 116 )
vor (der librigens gewohnlich in uingekehrter Weise vorgeht).
Poncelet (ibidem 1, Nr. 94 und 593) hat bereits metrische Be-
ziehungen als deskriptive Beziehungen zu den Kreispunkten der Ebene
oder zu dem Kugelkreise des Raumes betrachtet, aber nicht den Aus-
druck der Entfernung und des Winkels. Dann haben die franzosischen
Geometer und insbesondere Cliasles die Kreispunkte und den Kugel-
kreis vielfach als Hilfsniittel beini Beweise gebraucht, indem sie z. B.
die Orthogonalitat zweier Geraden als die harmonische Trennung ihrer
unendlich fernen Punkte durch die Kreispunkte interpretierten. La-
guerre llT ) (1853) hat bemerkt, dafi ein Satz, der einen Winkel ent-
halt, durch Projektion verallgenieinert wird, indeni anstelle des
Winkels der mit multiplizierte Logarithmus des Doppelverhalt-
nisses zweier Geraden zu den durch die beiden Kreispunkte gehenden
Geraden (den Minimalgeraden oder isotropen Geraden) tritt ( dies ist
bei ihm keine Definition des Winkels, weil ihm [auBer der r. Standt-
schen Einfiihrung des Imaginaren] die v. Stoudtsche Definition des
Doppelverhaltnisses als einer durch eine projektive Konstruktion fest-
gelegten Zahl fehlt).
A. Cayley 118 ) hat (1859) die allgemeinen Ausdriicke der Ent
fernung und des Winkels als Invarianten in bezug auf den Kugel-
kreis betrachtet und dieselben Invarianten in bezug auf irgend einen
Kegelschnitt aufgeschrieben, den er dann als absoluten Kegelschnitt, als
jydas Absolut^ 1 , bezeichnet, ohne jedoch in eine Diskussion in bezug auf
die Einzelheiten einzutreten, die sich je nach der Realitat (Nicht-Realitat)
des Kegelschnitts ergeben. Cayley verfahrt durchaus analytisch; er
beginnt mit den homogenen Variablen und den Invarianten von
Formen bei linearer Substitution, spricht danu von der Bedeutung
derselben fiir die projektiven Beziehungen innerhalb der Euklidischen
Geometrie und interpretiert seine allgemeinen Formeln als solche,
die sich auf den absoluten Kegelschnitt in der unendlich fernen
Ebene beziehen. Er betrachtet ferner die Ausartung des absoluten
176) Traite des propriet^s prqjectives des figures. Paris 1821.
177) Sur la theorie des foyers, Nouv. Ann. 12 (1853), p. 57; Oeuvres 2, p. 6;
vgl. H. Faure, ebenda 18 (1859), p. 381.
178) A. Sixth Memoir on Quantics, Lond. Trans. 149 (1859), oder Coll. math,
papers 2, p. 561; vgl. im besondern die Nummern 209 229, und A Memoir on
abstract geometry, Lond. Trans. 160 (1870) oder Coll. math, papers 6, p. 456.
84 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
Kegelschnitts in ein Punktepaar, auf die er den Fall der Euklidi-
schen Metrik einer beliebig irn Endlichen gelegenen Ebene zuruekfiihrt.
Wir wollen jedoch zusehen, wie man die systematische Ein-
ordnung der gewohnlichen metrischen Geometrie in die projektive auf
geometrische Weise erhalt.
Diese Einordnung stiitzt sich auf die folgenden Tatsachen, die
sich auf die Gebilde erster, zweiter und dritter Stufe beziehen : 179 )
a) Gebilde erster Stufe.
Der Begriff der Kongruenz zwischen Strecken auf derselben Ge
raden stellt sich dar als eine Beziehung in einer ProjeJctivitdt mit
doppelt zahlendem unendlicli fernem Doppelpmikt.
In dem (ei gent lichen) Strahlen- und l&benen-Buschd erscheint die
Kongruenz der Winkel als die Beziehung in einer Projektivitat, die
die vom Trdger des Biischels nach den Kreispunkten laufenden Geraden
zu Doppelgeraden hat, d. h. die Involution der rechten Winkel in sich
selbst transformiert.
&) Gebilde zweiter Stufe.
In der Ebene wird aus dem Begriffe der Ahnliclikeit (Kongruenz
der Winkel und Proportionality der Strecken) die Beziehung in einer
Projektivitat, die die Kreispunkte (d. h. die Doppelpunkte der [absoluten]
Involution, in der die unendlich fernen Punkte orthogonaler Geraden
sich entsprechen) fest Iciftt.
Die Kongruenz zweier Strecken lafit sich daher deskriptiv mit Hilfe
der (zu der unendlich fernen Geraden und den Kreispunkten auf ihr
bereits in Beziehung gesetzten) Begriffe des Parallelismus und der
Orthogonalitat definieren; in der Tat sind nur folgende zwei Regeln
zu beachten:
a) Zwei kongruente Strecken, die einen Endpunkt gemeinsam
haben, sind an einander stofiende Seiten eines Parallellogramms mit
zu einander rechtwinkligen Diagonalen.
/3) Zwei parallele kongruente Strecken sind gegeniiberliegende
Seiten eines Parallelogramms.
Und mit Hilfe dieser beiden Falle kann man irgend welche zwei
Strecken mit einander vergleichen.
In dem (eigentlichen) Biindel erscheint die Kongruenz als eine
Projektivitat, die die zwischen zu einander normalen Geraden und
Ebenen bestehende (orthogonale) Polaritdt in sich selbst transformiert.
c) Gebilde dritter Stufe,
Im Eaume kann man die Ahnlichkeit (Kongruenz der Winkel
179) Vgl. z. B. F. Klein, Nicht - Euklidiscke Geometrie, und F. Enriques,
Vorlesungen iiber projektive Geometrie.
23. Allgeineine MaBbestimumng von Cayley- Klein, 85
und Proportionalitat der Strecken) als cine Projektivitcit definieren, die
den Kugelkreis, d. h. den Fundamentalkegelsehnitt der absoluten Pola-
ritat der unendlich ferneii Ebene (des Schnittes der orthogonalen
Polaritat irgend eines Biindels), in sich selbst transformiert.
Die Konyruenz von Strecken kann man deskriptiv z. B. wie in
der Ebene definieren, indem man auf den Fall paralleler Strecken oder
solcher mit einern gemeinsamen Endpunkte zuriickgeht (oder auch
indem man sich auf die Tatsache stutzt, daB die raumlichen Kon-
gruenzen Kollineationen sind, die im allgemeinen keine eigentlichen
Doppelpunkte haben).
Nun erscheinen alle Kongruenzsatze der gewohnlichen metrischen
Geometric als Zusatze zu den Satzen der projektiven Geometric.
Um zur analytisclien Darstellung zu kommen, gehe man von
einem System projektiver Koordinaten aus, indem man als fun
damental ein Tetraeder nimmt, von dem drei (in der uneigentlichen
Ebene x = gelegene) Eckpunkte ein konjugiertes Dreieck in bezug
auf den absoluten Kegelschnitt bilden. In der Ebene x = gibt es
ein bestinimtes Viereck mit den Diagonalpunkten (0010) (0100) (1000),
dessen gegeniiberliegende Seiten in bezug auf den absoluten Kegel
schnitt konjugiert sind. Nimmt man den Punkt (1110) in einem der
Eckpunkte des genannten Vierecks an (der auf diese Weise in der
unendlich fernen Ebene die Projektion des Einheitspunktes von dem
eigentlichen Eckpunkte des Fundamentaltetraeders aus wird), so nimmt
die Gleichung des absoluten Kegelschnittes die Form an:
*i +*, +V= (*4~0).
Zur Bestimniung des Winkels zweier Geraden braucht man dann
nur ihre Richtungen, d. h. ihre unendlich fernen Punkte
zu kennen. Der Ausdruck fiir den Wbikel ist dann:
^
^ y l +^ 2 y, -f *> y, -(^ y, -f ^
Die Entfernung zweier Punkte kann man durch die Formel:
ausdriicken, wo A eine Konstante ist, die von der Wahl des Einheitspunktes
abhangt, den man auf der Geraden x l = X 2 = x s willkiirlich annehmen
kann (vgl. FuBnote 183). Beide Ausdriicke sind Invarianten in bezug
auf die vorstehende Gleichung des absoluten Kegelschnittes.
23. Allgemeine Mafibestimmung von Cayley und deren nicht-
Euklidische Auslegung von Klein. Aus dem Gesagten geht hervor,
daB man in jedem projektiven Raunie eine konventionette Metrik auf-
86 III A B 1. F. Enriqiies. Prinzipien der Geometrie.
stellen kann ; die mit der gewohnlichen Metrik begrifflich iibereinstimmt,
wenn man festsetzt, daB eine Ebene des Raumes als uneigentlich und
ein Kegelschnitt x-^-\- #2 2 ~f~ ^3 2= ^ n i nr a ^ s Absolut betrachtet werden
soil. Es entsteht dann der Gedanke, dieses System von Konventionen
zu verallgemeinern, indem man eine neue, der projektiven Geometrie
eingeordnete Metrik definiert, welche irgend ein Gebilde zweiten
Grades als absolutes Gebilde zugrunde legt.
Auf diese Weise entsteht Cayleys allgemeine projektive Mafi-
bestimmung 18 ).
Und nun ist das Wichtige, daB diese allgemeine projektive MaB-
bestimmung die verschiedenen Arten der nicht-EuMidischen Geometrie
ebenso einschliefit wie insbesondere die gewohnliche EuMidische Geometrie.
Dies trat teilweise bereits in den Arbeiten yon Beltrami lsl ) und dann
vollstandig in denjenigen von Klein 182 ) hervor. Zu dem Zwecke waren
die verschiedenen Falle der Realitat des absoluten Gebildes zu disku-
tieren und gleichzeitig war in die Formel fur die Entfernung zweier
Punkte ein Faktor k aufzunehmen, der je nachdem reell oder rein
imaginar gewahlt wird. Gleichzeitig entwickelte Klein die grund-
legende Bedeutung der in Rede stehenden Beziehung, indem er auf
v. Sfoudts Begriindung der projektiven Geometrie und des Rechnens
mit Wiirfen zuriickging und diese von der durch v. Staudt noch fest-
gehaltenen Abhangigkeit vom Euklidischen Parallelenpostulat befreite.
Das Eestiltat ist, daft die verschiedenen Arten der niclit- Euklidisclien
Geometrie ebenso auf projektiver Basis aufgebaut sind, wie nach Nr. 19
die Euklidische Geometrie.
Klein defmiert die Cayley$che MaBbestimniung in den ver
schiedenen Gebilden folgendermafien :
a) Gebilde erster Stufe. Man nehme zwei (reelle oder konjugiert
imaginare) Elemente P, Q an ; die das absolute Paar bilden ; und es sei
cz<* =
die Gleichung dieses Paares.
Das Intervall (Entfernung oder Winkel) zweier Elemente A : (x),
JS ^ (y) wird durch die Formel
180) FuBn. 178; vgl. auch G. Battaglini, Napoli Rend. 3 (1867) oder Nouv.
Ann. (2) 7, p. 209, 265; G. Salmon und W. Fiedler, Analytische Geometrie der
Kegelschnitte , Leipzig, fiinf Auflagen, von der zweiten Aufllage 1867 an; funfte
Aufl. 1888, 2, Kap. 20; F. Lindemann bei A. Clebsch und F. Lindemann, Geo
metrie 2 1 , 1891, Abschn. 3.
181) Giorn. di mat. 6 (1868), p. 285 und Ann. di mat. (2) 2 (1868), p. 232.
182) Gott. Nachr. 1871, p. 419; Math. Ann. 4 (1871/72), p. 573.
23. Allgemeine MaBbestirninung von Cayley- Klein. 87
AB = k log (ABPQ) = k (xy] = k log
Slxy ^xy - &** &yy
definiert, wo Q xy die Polarform
und k einen konstanten Faktor bedeutet.
Man erhalt zwei verschiedene allgemeine MaBbestimmungen: die
elliptisclie und die hyperbolische, die dein negativen und dem positiven
Zeichen der Diskriminante von . entsprechen.
Im elliptischen Falle, in dem man den Faktor k rein imaginar
nimmt. ist das Intervall zweier Eleniente immer reell, und fur k =
2?
wird es gegeben durch
cos K= -^ L ,
so daB man eine Metrik gleich der gewohnlichen Metrik des Biischels
(im Euklidischen Falle, wie in den nicht-Euklidischen Fallen) erhalt.
Das ganze Gebilde hat eine endliche Lange, die fur die naturliche
MaBeinheit (jt = -^7t betragt 183 ).
Im hyperbolischen Falle ; in welchem man das k reell nirnmt,
wird das Intervall zweier Elemente nur dann reell sein, wenn die
beiden Elerneiite das absolute Paar PQ nicht trennen. wahrend das
Intervall der beiden Eleniente P, Q von jedem anderen Elemente aus als
unendlich erscheinen wird. Wenn man daher eine der beiden Strecken
PQ als aus eigentlichen Elementen gebildet betrachtet und das andere
(das als uneigentlich oder ideal fur die metrische Anschauung an-
gesehen wird) ausschlieBt, so erhalt man eine Metrik ; die mit
der der Punktreihe in der Bolyai-LobatschefskijscheiL Geometric zu-
sammenfallt.
Man erhalt eine spezielle oder pardbolisclie MaBbestinimung, wenn
P, Q zusammenfallen.
Dann hat die Formel, die das Intervall AB definiert , keinen un-
mittelbaren Sinn mehr; man kann jedoch AB durch einen Grenz-
prozeB definieren, indein man P ? Q als sich unbegrenzt nahernd be
trachtet und k umgekehrt proportional der Quadratwurzel aus der
183) Cayky hat in der Tat nur diese Cosinusformel. Die bei Klein auf-
tretende Fonnel mit dem Logarithmus bildet zugleich die Briicke zu der obeu
erwahnten Angabe Laguerres iiber den gewohnlichen Winkel. Das Wesentliche
bei Klein aber besteht in der Einfiigung der frei zu wahlenden Konstanten k
(fiir die Laguerre und implicite Cayley ausschlieBlich den Wert . haben).
88 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
Diskrirninante von SI setzt. Alsdann laBt sich der Ausdruck fiir das
Intervall auf die Differenz zweier Doppelverhaltnisse zuriickfuhren,
wobei zwei Hilfselemente C, D auftreten, so da6 die Forinel folgende
wird:
IB = (CDBP) (CDAP) .
Das Intervall AB erscheint hier nur bis auf einen konstanten Faktor
(die willkiirliche Wahl der MaBeinheit) bestimmt.
Dieser Fall entspricht der gewohnlichen Metrik der Punktreihe
in der Euklidischen Geometric. Die Nam en dliptisch, hyperbolisch,
parabolisch sind dabei in bekannter Analogic zu dem Verhalten von
Ellipse, Hyperbel, Parabel der gewohnlichen unendlich fernen Geraden
gegeniiber derart gewahlt, da6 sie die Falle imaginarer, reetter und
zusammenfallender Grundpunkte bezeichnen.
Als 7; Bewegungen" der Grundgebilde in sich erscheinen im ellipti-
schen und hyperbolischen Falle kurzweg diejenigen projektiven Urn-
formungen derselben, welche das absolute Paar fest lassen.
Wir wollen schlieBlich bemerken, daB die Cayleysehe Ma6-
bestinimung in den Gebilden erster Stufe die allgemeinste Erweite-
rung der gewohnlichen Metrik der Punktreihe und des Biischels er-
gibt ? wenn man die folgenden Eigenschaften aufrecht erhalten will:
das Intervall zweier Elemente bleibt bei oo 1 reellen Projektivi-
taten (den Bewegungen) ungeandert;
es besitzt auBerdem die additive Eigenschaft (AB = AC -\- CB) .
b) Gebilde ztveiter Stufe. Wir fassen der Einfachheit wegen den
Fall des ebenen Punldsystems ins Auge.
1st & xx = die Gleichung des absoluten Kegelschnitts in Punkt-
koordinaten ? <& uu = seine Gleichung in Linienkoordinaten, so setzt
man die Entfernung zweier Punkte wie vorhin
xy
andererseits den Winkel zweier Geraden
A,. m = k
_
^uv
unter jfc eine zweite Konstante verstanden, der man einen beliebigen
Wert erteilen kann.
Man fiihrt nun die Beschrankung ein ? daB die MaBbestimmung
im Biischel immer elliptisch sein soil (worauf man k = -^ setzt , um
die Ubereinstimmung mit der gewohnlichen Winkelmessung herbei-
zufiihren). Es bleibc^n die drei Falle, daB der absolute Kegelschnitt
23. Allgeineine MaBbestimniung von Caylcy-Klein. 89
entweder imaginar ist (elliptisclier Fall),
oder reell ist, daB man aber nur die Punkte seines Inneni be-
trachtet (hyperbolischer Fall),
oder endlich in ein imaginares Punktepaar ausgeartet ist; man
betrachtet ausschlieBlich diejenigen Punkte (als Biischelpunkte), die
nicht auf der reellen Verbindungsgeradeu des absoluten Punktepaares
liegen (parabolisclier Fall).
Im ersten Falle ist k rein imaginar zu nehnien, ini zweiten reell,
im dritten unendlich groB. Difjenige Grofie, welche man in der
Theorie des Bogenelementes als Kriimmungsmafi einer Mafibestimmung
bezeichnet (s. u. Nr. 24), ist in den vorliegenden Fallen -^
Im elliptischen Falle erscheinen alle Geraden geschlossen und
von endlicher Lange wie die Strahlenbiischel, und die Ebene hat nur
einen endlichen Inhalt. Es entspricht dies der Riemanmchen An-
nahme, bei der es keine Paralleleu gibt (Nr. 8). Das Krummungs-
niafi ist -positiv. Die MaBbestimuiung fallt fiir A = mit der ge-
\v6hnlichen MaBbestinimung des Btindels zusammen.
Im hyperbolischen Falle sind alle Geraden offen und von unend-
licher Lange, und es gibt durch einen Punkt zu einer Geraden zwei
Parallele. Das Kriimmungsmafl ist neyatir. Dies entspricht der
Bolyai-LobatschefskijscheR Annahme.
Ini parabolischen Falle (der als Ubergangsfall der beiden anderen
anzusehen ist) hat man die Verhaltnisse der EuMidischen Metrik;
speziell ist die Verbindungsgerade des absoluten Punktepaares die
,,unendlich feme Gerade" der gewohnlichen Geometrie. Das Kriim-
mungsmafi ist Null.
Ubrigens kann man zur bequemen Beherrschung der For-
meln etwa
nehmen, wobei a ]> auf den hyperbolischen Fall, a < auf den
elliptischen Fall, a = auf den parabolischen Fall fuhrt. Im para
bolischen Falle muB man dann, ehe man zur Grenze a = iibergeht,
A = - setzen, unter c eine endliche GroBe verstanden.
y a
c) Gebilde dritter Stufe. Indem wir den Fall niehrfach aus-
gedehnter Mannigfaltigkeiten (in deneu man tibrigens ganz ent-
sprechend operieren wiirde) beiseite lassen, bezeichnen wir das Ge
bilde dritter Stufe kurzweg als Raum (Punktraum oder Ebenenraum).
An Stelle des absoluten Kegelschnitts, den wir gerade betrachteten,
90 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
tritt jetzt eine absolute Fldclie ziveiten Grades. Die Formeln und auch
die Spezialdiskussion derselben bleibt dabei ganz ahnlich wie vorhin,
sobald wir nur die Bedingung einfuhren, daB die MaBbestimmung im
Ebenenbuschel auf alle Falle elliptisch sein soil.
Man erhalt wieder drei Falle, die als elliptiscti, hyperbolisch und
parabolisch bezeichnet werden und den Annahmen von Riemann,
Bolyai-Lobatschefskij und Euklid entsprechen:
Im elliptischen Falle ist die absolute Flache iinaginar.
Im hyperbolischen Falle ist sie reell und nicht geradlinig; fur
die metrischen Konstruktionen kommen nur die Punkte ihres Inneren
in Betracht.
Iin parabolischen Falle ist die absolute Flache in einen imagi-
naren Kegelschnitt ausgeartet, dessen Ebene die Rolle der sogenannten
unendlich fernen Ebene ubernimmt.
Im elliptischen Falle gibt es im gewohnlichen Sinne naturlich
keine Parallelen. Es verdient aber hervorgehoben zu werden, daB W. K.
Clifford die gewohnliche Definition der Parallelen so erweitert hat,
daB wieder durch einen Raumpunkt zu einer gegebenen Geraden zwei
? ,Parallele" konstruiert werden konnen, die aber zu der gegebenen
Geraden windschief sind. Es fuhrt dies zu besonders beachtenswerteu
Entwicklungen 184 ).
Als ?7 Bewegungen" in der Ebene und im Raum erscheinen in den
nicht - Euklidischen Fallen diejenigen Kollineationen ; welche das ab
solute Gebilde fest lassen.
Haben wir so von der projektiven Geometrie beginnend unter
Annahme je eines geeigneten absoluten Gebildes vom zweiten Grade
die dreierlei in Betracht komrnenden Falle der MaBgeometrie kon
struiert, so kann man auch die umgekehrte Aufgabe behandeln ; von
einer beliebigen der drei MaBgeometrien beginnend die projektive
Geometrie aufzubauen. Bei der elliptischen Geometrie geht dies ohne
weiteres, bei der parabolischen hat man in bekannter Weise die un
endlich fernen Punkte als Punkte einer 7; uneigentlichen" Ebene zu
adjungieren. Bei der hyperbolischen Geometrie hat man nicht nur
die unendlich fernen Punkte hinzuzunehmen (die eine ,,uneigentliche"
Flache zweiten Grades, eben die absolute Flache bilden werden),
sondern auch die ,,idealen" Punkte, in denen solche gerade Linien
einer beliebigen Ebene, welche sich weder im Endlichen schneiden
noch parallel sind, zusammenlaufen.
184) Vgl. Clifford, Lond. Math. Soc. Proc. 1871, 1874, 1876 (Math. pap. Nr. 20,
26, 41, 42, 44), sowie F. Klein, Math. Ann. 37 (1890), p. 544.
24. Verschiedene Bernerkungen zu den projektiven Mafibestimmungen. 91
Man kann cliese ganzen Betrachtungen dahin erweitern, daB man
den Fall irgend einer absoluten Flache zweiten Grades betrachtet, d. h.
indem man von der Bedingung, daB die Metrik im Biischel elliptiscli
sein soil, absieht. Cayleys projektive MaBbestimmung liefert so Geo-
metrien m ), die im Gegensatz zu der gewohnlichen allgemeinen Metrik
auf (reelle) Gerade von der Lange Null, auf Winkel von uuendlicher
GroBe, auf nicht kongruente Gerade usw. fuhren.
24. Verschiedene Bemerkungen zu den projektiven Maft-
bestimmungen. An die projektiven MaBbestimmungen schlieBen sieh
einige Bemerkungen an:
a) fiber die tangierende panibolisclie MaBbestimmung.
1st ein Punkt A des hyperbolischen oder elliptischen Raumes ge-
geben, so kann man eine parabolische Metrik betrachten, die sich
von der Metrik, die zu der Umgebung von A gehort, um unendlich
kleine GroBen hoherer Ordnung unterscheidet; diese zu der gegebenen
tangierende MaBbestimmung erhalt man, wenn man den Kegelschnitt,
der als Schnitt der absoluten Flache zweiten Grades init der Polar-
ebene von A entsteht, zum absoluten Kegelschnitt nimmt und iibri-
gens die Langeneinheit zweckmaBig wahlt 186 ).
Als MaB fur den Unterschied zwischen der tangierenden MaB
bestimmung und der im Raume gegebenen Metrik kann man eben den
Ausdruck j^z nehmeu, den wir in Nr. 23 als das Kriimmungsmafi
bezeichneten. Es ergibt sich hier also eine anschauliche Interpretation
dieser GroBe.
b) fiber die Ziisammenhanysi erMUnisse des metrischen Rautnes.
In dem hyperbolischen und dem parabolischen Falle ist die Ge
rade eine offene Linie. Die Ebene ist eine einfacli zusammenhangende
Flache (die durch eine geschlossene Linie immer in zwei Teile ge-
teilt wird) und ziveiseitig, d. h. (Nr. 15) von der Art, daB auf ihr um
einen Punkt zwei entgegengesetzte Drehungssinne zu unterscheiden
sind, die durch Yerschiebung des Punktes fiber die Flache bin nicht
in einander iibergefiihrt werden konnen; die beiden genannten Sinne
sind die beiden Sinne, in deneu die Punkte des Kegelschnittes oder
der Grenzgeraden, die das Absolute bilden, geniaB den Grundsatzen
der projektiven Geometric angeordnet werden konnen.
Im elliptischen Falle ist die Gerade eine geschlossene Linie, und
die Ebene (die projektive Ebene in ihrer Gesamtheit) wird erst durch
eine Zerschneidung langs zweien unbegrenzten Geraden in Stiicke zer-
185) Vgl. Poincare, Paris Bull. soc. math, de France 15 (1887), p. 203.
186) F. Klein, Math. Ann. 4 (1871), p. 573.
92 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
legt. Zugleich 1st sie einseitig, d. h. von der Beschaffenheit, dafi sick
auf ihr nicht ruehr zwei in einander nicht uberfiihrbare Drehungssinne
urn einen Punkt unterscheiden lassen. Diese Bemerkung 187 ) kann
man verifizieren, indein man beinerkt, daB das gewohnliche Strahlen-
biindel ein genaues Abbild der elliptischen Ebene darstellt; hierdurch
erklart sich die Schwierigkeit, die elliptische Ebene sich anschaulich
vorzustellen.
Die genannten Unterschiede im Zusammenhange der Ebene treten
deutlich hervor, wenn man die durch Projektion von einem Punkte A
aus erhaltene Abbildung einer nicht - geradlinigen Flache zweiten
Grades auf eine nicht durch A gehende Ebene betrachtet. Auf dieser
Ebene erscheint als UmriB der Abbildung ein Kegelschnitt, der reell,
imaginar oder in ein imaginares Punktepaar (mit reeller Verbindungs-
linie) ausgeartet ist, je nachdem A aufierhalb, innerhalb oder auf der
Flache zweiten Grades angenommen ist. Auf dicsen Kegelschnitt yr dnde
man mm innerhalb der Bildehene in der seithcr besprochenen Weise
eine Cayleysclie Mafibestimmung und iibertraye diese ruckwarts durch
die Projektion auf die Flache zweiten Grades. Als Ort der unendlich
fernen Punkte wird dabei auf der Flache zweiten Grades deren
Schnitt mit der Polarebene a des Punktes A erscheinen. Liegt A
aufierhalb der Flache zweiten Grades, so ist dies ein reeller Kegel-
schnitt, liegt er auf der Flache, ein bloBer Punkt, liegt er innerhalb,
so ist es eine imaginare Kurve.
Als Bild der hyperbolischen Ebene erscheint so eine (einfach
zusammenh angende) Kalotte der Flache zweiten Grades, als Bild der
parabolischen Ebene die mit einer punktformigen Offnung versehene
Flache zweiten Grades (was im Sinne der Analysis situs [III AB 3,
Abschn. D, Nr. 2] ebenfalls eine einfach zusammenhangende Flache ist).
Als Bild der elliptischen Ebene aber erscheint die Gesamtfldche ziveiten
Grades, nur daft die Besiehung zivischen ihr und der Ebene wvei-ein-
deutig ist: jedesmal geben zwei mit A auf derselben Projektiousgeraden
liegende Punkte der Flache einen und denselben Punkt der Bildebene.
Dies wird besonders deutlich, wenn man als Flache zweiten Grades
die Kugel, als Punkt A den Mittelpunkt derselben wahlt; die MaB-
geometrie, welche man von der Ebene auf die Kugel iibertragt, ist
dann nichts anderes als die gewohnliche MaBbestimmung der spha-
rischen Geometrie 188 ). Jetzt schneiden sich zwei geodatische Linien in
zwei diametral liegenden Punkten; urngekehrt gehen durch zwei solche
Punkte unendlich viele solche Linien hindurch (vgl. obeu Nr. 9).
187) Vgl. F. Klein, Nicht-Euklidische Geometrie 1 (1893), p. 98.
188) Vgl. F. Klein, Erlanger Programm Note VI, p. 46.
24. Yerschiedene Bemerkungen zu den projektiven MaBbestiinmungen. 93
Ubrigens ist die auf diese Weise auf der Flache zweiten Grades
erhaltene MaBbestiminung auch an sich bemerkenswert. Man wahle
als Flache zweiten Grades der Einfachheit halber wieder die Kugel,
als Ebene K die Aquatorebene. als Punkt A also den unendlich ferneu
Punkt der Polachse. Dann iibertragt sich die hyperbolische Geo
metric, welche man in der Aquatorebene auf den Aquator als ab-
soluten Kegelschnitt griinden kann, in der Art auf die Kugel, daB
die geraden Linien durch Halbkreise ersetzt sind, die auf der Aquator
ebene senkrecht stehen, die nickt-Euklidischen Winkel aber, welche
die Geraden mit einander bilden, durch die gewohnlichen Winkel,
welche die Halbkreise auf der Kugel mit einander einschlieBen.
SchlieBlich mag man die Kugel von einem beliebigen Aquatorpunkte
aus mitsamt der auf ihr konstruierten MaBbestimmung stereographisch
projizieren. Dann hat man in der neuen Projektionsebene als Bild
des Aquators, des Tragers der unendlichen Werte der hyperbolischen
MaBbestimmung, eine gerade Linie. Die geraden Linien der hyper
bolischen MaBbestimmung sind durch die Halbkreise ersetzt, welche
zu diesen geraden Linien normal stehen, die Winkel der hyper
bolischen Ebene aber durch die gewohnlichen Winkel, unter denen
sich diese Halbkreise im Sinne der Euklidischen Geometric schneiden.
Dies ist dasjeniyc Bild der liyperbolisclien Geometric, mit dem Poincarc
bei seinen bekannten funktionentheoretisclien Unlersnclnmgen geu b hnlich
arbeitet. Man kann bei drei Dimensionen ein ganz entsprechendes
Abbild konstruieren 189 ).
c) Uber das Gesetz der Dualitaf.
Das in der projektiven Geometric giiltige Gesetz der Dualitat gilt
auch noch fiir die metrischen Eigenschaften in der elliptischen Geo-
metrie, in der das Absolute (Nr. 22) in bezug auf die Punkte und
Ebenen in symmetrischer Weise angenoinmen ist. Insofern ist die
elliptische Geometric die schonste von alien (Clifford). In der hyper
bolischen und parabolischen Geometrie liegt die Sache anders. In der
hyperbolischen Geometric steht dem AusschluB der uneigentlichen, in
bezug auf die absolute Flache zweiten Grades auBeren Punkte nicht der
AusschluB der schneidenden Ebenen, wie es das Gesetz der Dualitat
erfordern wurde, sondern vielmehr der der auBeren Ebenen gegeniiber.
In der parabolischen Geometrie ist das Absolute selbst, das als
Klassenkurve (-flache) einmal und als Ordnungskurve (-flache) zweimal
ausgeartet ist, zu sich selbst nicht korrelativ.
189) Poincare, Acta math. 1 (1882), p. 1. Siehe auch Fricl e-Klein, Auto-
morphe Funktionen 1.
94 III A B 1. F. Enriques. Prinzipieu der Geometrie.
d) fiber die Postulate der metrisch-projektiven Geometrie.
Welche rnetrischen Begriffe und welche vou ihnen handelnden
Postulate mufi man den Begriffen und Postulaten der projektiven Geo
metrie hinzufiigen, um die allgemeine metrisclie Geometric zu begriinden?
Auf diese Frage erhalt man zwei einfache Antworten im Hin-
blick auf das in Nr. 22 Gesagte:
Um die allgemeine metrische Geometrie zu begriinden, hat man den
deskriptiven Begriffen und Postulaten nur den (als primitiven metrischen
Begriff betrachteten) Begriff der Orthogonalitat von Ebenen Innzuzufugen,
deren fundamental Eigenscliaften man postuliert.
In der Tat kann man auf Grand dieser Eigenscliaften die ortho-
gonalen Ebenen als in einer raumlichen Polaritat konjugiert betrachten,
und diese Polaritat defmiert die absolute Flache zweiten Grades 190 ).
Man braucht dann nur das Parallelenpostulat in einer der drei
Formen hinzufugen, um die drei Falle der allgemeinen Metrik von
einander zu unterscheiden.
Man kann sich auch so ausdriicken:
Um die allgemeine metrische Geometrie zu begrunden, hat man den
deskriptiven Begriffen und Postulaten nur den (metrisch primitiven) Begriff
der Bewegungen, als Glieder einer Gruppe projektiver Transformationen
betrachtet, deren fundamental Eigenschaften postuliert werden mussen,
hinsusufugen (Nr. 23).
Die Eigenschaften, welche die Gruppe der Beweguugen als projek-
tive Gruppe einer Flache zweiten Grades charakterisieren, konnen auf
verschiedene Weise ausgesprochen werden, z. B. indem man der Tat-
sache Rechnung tragt, da6 die genannte Gruppe die kleinste projektive
Gruppe ist, die auf die Punkte, die Geraden und die Ebenen transitiv
wirkt (Killing).
T. Prinzipien der allgemeineii Metrik.
25. Vorbemerkimg. Den allgemeinen Untersuchungen iiber die
Metrik der Mannigfaltigkeiten von beliebig vielen Dimensionen liegt
entweder der Begriff der Entf ernung oder der der Beivegung zugrunde.
Dementsprechend trennen sich diese Untersuchungen nach zwei Haupt-
richtungen. Die erste Art der Betrachtung (welche von dem Be
griffe der Entfernung ausgeht) knupft zumeist an den Ausdruck fur
die Entfernung zweier unendlich benachbarter Punkte (das sogenannte
190) Vgl. die zusainmenhangende Darstellung bei JSnrigues, Vorlesungen
iiber projektive Geometrie, p. 179ff.
25. Vorbemerkung. 26. Geometric auf krummen Fliichen. 95
Bogemlement) an; es gibt aber aueh Arbeiten, die mit dem Ausdrucke
fur den endlichen Abstand zweier Punkte beginnen. Man setzt dabei
selbstverstandlich die Mannigfaltigkeit als Zahlenmaunigfaltigkeit vor-
aus. Die zweite Betrachtungsart kniipft in entsprechender Weise an
die Ideen der Gruppentheorie an. Hiernach ist die irn folgenden ein-
zuhaltende Haupteinteilung gegeben.
A, Bogenelement (nebst endlicher Entfernung).
26. Geometrie auf krummen Flachen. Man geht von der-
jenigen Erweiterung des Begriffes der Entfernung zweier Punkte auf
der Geraden aus, die in dem Begriffe der Entfernung zweier Punkte
auf einer Linie oder der Ldnge eines Liniensegmentes oder Bogens ent-
halten ist; diese Lange hangt (wenn die notwendigen Bedingungen
der Stetigkeit und Derivierbarkeit, die wir immer stillschweigend als
erfullt annebmen wollen, vorausgesetzt werden) in stetiger und deri-
vierbarer Weise von den Endpunkten des Bogens und der Gestalt der
Linie ab und besitzt die additive Eigenscliaft, infolge deren sie durcli
den Ausdruck des Bogenelementes
ds = dx 2 + df +
der Linie x = x(t), y = y(f), z = z() definiert ist.
Die angegebene Formel liefert far das Linienelement auf einer
Flaclie (III D 1, 2, v. Mangoldt, Nr. 34, und III D 3, v. Lilimtlial, Nr. 4, 8)
X = $(UV), y = y(uv), Z = *(U V),
d. h. fiir die Entfernung zweier unendlich benacbbarter Punkte der
Flaclie
(M, ), (u -\- diij v + dv)
den folgenden Ausdruck:
ds = yEdu* + 2Fdudv + Gdv*,
wo
Dann fiihrt die Betrachtung der geodatischen Linien unter der
Voraussetzung, daB zwei Punkte der Flaclie auf dem betrachteten
Flachenstiicke nur eine geodatische Linie bestimmen, zu der Defini
tion der Entfernung irgend welcher zweier Pmikte (^v^j (^2^2) wf
der Fldche.
Die MaBgeometrie, die man so auf einer Flache erhalt, ist wesent-
lich auf geniigend kleine, einem beschrankten Teile (u, v) der Zahlen-
96 1U AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geoinetrie.
ebene entsprechende Flachenteile beschrankt, d. h. sie kann in diesem
Sinne eine differentiate MaBgeometrie genannt werclen.
Hier ist der Begriff der auf einander dbwickelbaren oder besser
isometriscJien Flachen (deren Linienelemente ds, ds durch dieselben
Formeln gegeben sind), fur welche dieselbe differentials Maftgeometrie
gilt (III D 6 a, Vop, Nr. 2, 34), fundamental.
So erhalt man eine genaue Abbildung der gewohnlichen differen-
tialen MaBgeometrie der Ebene in der Geometric auf den auf die Ebene
dbwickelbaren Flachen usw.
Es muB jedoch gleich hier ausdriicklich bemerkt werden, daB ;
wenn zwei analytisch definierte und in ihrer ganzen Ausdehnung be-
trachtete Flachen gegeben sind, die Tatsache, daB auf ihnen dieselbe
differentiale MaBgeometrie gilt, nicht die Konsequenz nach sich zieht,
daB die MaBgeometrie auf einer von ihnen, als Games betrachtet,
ihre genaue Abbildung in der MaBgeometrie der anderen findet; hier
kommen vielmehr noch die Zusammenhangs verbal tnisse der beiden
Flachen in Betracht (Abschn. VI); so ist z. B. die MaBgeometrie auf
dem Kreiszylinder von der auf der Euklidischen Gesamtebene ver-
schieden (Nr. 37).
Ferner riihrt von Riemann der Gedanke her, beim Studium eines
gegebenen ds 2 von jeder besonderen Form einer zugehorigen Fl ache des
E s abzusehen und die dbstrdkte Mannigfaltigkeit (it, v) zu betrachten,
fiir welche das Gesetz der Entfernung zwischen zwei unendlich be-
nachbarten Punkten durch die Formel
v + Gdv 2 (E=*E(uv), F= F(uv), G = G(uv))
definiert wird. Die Kriimmung einer Flache, oder genauer das von
Gatift sogenannte Kriimmimgsmaft k (III D 1, 2, Nr. 36, und III D 3,
Nr. 33) der Flache in einem beliebigen Punkte, d. h. das reziproke
Produkt der zum Flachenpunkte gehorigen Hauptkrummungsradien,
ist bekanntlich bei beliebiger Abwickelung der Flache (Verbiegung
der Flache ohne Dehnung) eine Invariante. Dementsprechend driickt
sich dasselbe durch die im Ausdrucke fiir ds* auftretenden Koeffi-
zienten j&, F, G und deren nach u, v genommene DiiFerentialquotienten
aus; die konkrete Gestalt, welche die betrachtete Flache im Raume
hat, fallt ganz weg. Bei der abstrakten Mannigfaltigkeit u, v verliert
der Ausdruck ,,Kriimmung a an sich jede anschauliche Bedeutung;
man hat nunmehr eine aus E, F, G und ihren nach u t v genommenen
Differentialquotienten zusammengesetzte Differ entialinvariante (welche
ungeandert bleibt, wenn man in ds* fiir u, v irgend zwei andere Ver-
anderliche einsetzt). Trotzdem hat man fiir diese Invariante die Be-
26. Geometric auf krummen Flachen. 97
nennung Kriimmungsmafl beibehalten; man spricht dann aber, um
MiBverstandnisse zu vermeiden, besser nicht vom KriiinmungsruaB der
(abstrakten) Mannigfaltigkeit (w, v), sondern vom KriimmungsmaB der
fiir diese Mannigfaltigkeit gegebenen MaBbestimmung. In diesem
iibertragenen Sinne haben wir bereits in der vorigen Nuininer von
deni KriimmungsmaB der hyperbolischen, elliptischen and parabolischen
Ebeue gesprochen.
Wir wollen uns jetzt umgekehrt die Aufgabe stellen, in der dif
ferent ialen MaBgeometrie einer Flache des gewohnlichen Raumes die
genaue Abbildung der , ? allgemeinen", speziell der nieht-Euklidischen
MaBgeometrie der Ebene (vgl. p. 42) zu suchen. Wir miissen dann
vor allem diejenigen Flachen suchen, welche man (wie die Ebene) frei
auf sich selbst so bewegen (oder abwickeln) kaun, daB ein beliebiger
Punkt der Flache in irgend einen anderen beliebigen Punkt gebracht
wird. Diese Flachen haben notwendig konstante Kriimmung; und um
gekehrt geht aus einem Satze von Minding 1 * 1 ) hervor, daB jede
Flache von konstanter Kriinimung in der erforderlichen Weise (nam-
lich oo 3 -fach) frei auf sich selbst bewegt werden kann (III D 5,
v. Lilienthal, Nr. 33).
Man rnoge jetzt die Flachen konstanter Krfiniinung nach dem
Werte k ihrer Kriimmung unterscheiden ; man erhalt:
a) Fur & = die geineinen abwickelbaren Flachen, deren diffe
rentiate MaBgeometrie derjenigen der gewohnlichen Euklidischen ebenen
Geometric gleich 1st.
b) Fiir & > die auf eine Kugel abwickelbaren Flachen, deren
differentiate MaBgeometrie derjenigen der elliptischen ebenen Geometrie
vorn KrummungsmaBe A 1 gleich ist (vgl. Nr. 2 3 a) und besonders die
FuBnote 183).
c) Fiir 7i < die sogenannten pseudospharischen Flachen 9 deren
differentiate MaBgeometrie derjenigen der hyperbolischen ebenen Geo
metrie vom KriimmungsmaBe k gleich ist.
Diese Gleichheit geht in der Tat aus den trigonometrischen
Formeln hervor, die von Minding fiir die auf der Flache gezogenen
geodatischen Dreiecke aufgestellt worden sind.
Jedoch hat Minding selbst diese Formeln nicht in Beziehung zur
nicht - Euklidischen Geometrie gesetzt; er hatte auch wohl von den
kurz vorher veroffentlichten Lobatschefskijschen Arbeiten keine Kenntnis.
Die betreffende Benierkung findet sich jedoch in dem Habilitations-
vortrag von Riemann angedeutet und wurde kurz nach dem Erscheinen
191) J. f. Math. 19 (1839), p. 378, und 20 (1840), p. 324.
Encyklcp. d. math. Wissensch. Ill 1. 7
98 III A A 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
derselben (1866) unabhangig davon von Beltrami 192 ) ausdrucklich ent-
wickelt.
Der Beltramischeii Arbeit liegt die von demselben Verfasser 19S )
erkannte Tatsache zugrunde, dafi bei den Flachen konstanter Krtim-
niung nnd nur bei ihnen die geodatischen Linien durch lineare Glei-
ehungen dargestellt werden konnen (vgl. Nr. 20). Diese Bemerkung fiihrt
darauf, eine umkehrbar eindentige Beziehung zwischen den Punkten der
abstrakten Flache oder elementaren Mannigfaltigkeit (u, v) von kon
stanter negativer Kriimmung und dem innerhalb eines (Grenz-)Kreises
enthaltenen Gebiete einer gewohnlichen Ebene aufzustellen, wobei
man eine Abbildung erhalt, in der den geodatischen Linien der Flache
die Sehnen des Grenzkreises entsprechen. Die MaBbestimmung auf
der Flache ist dabei nichts anderes, als die anf den Kreis als ab-
soluten Kegelschnitt zu grundende Cayleysche MaBbestimmung , vrie
Beltrami auch ausdriicklich hervorhebt.
Eine andere Art Abbildung der hyperbolischen Geometric auf
eine gewohnliche Ebene mit den rechtwinkligen Koordinaten x, y,
namlich eine konforme, haben wir bereits betrachtet ? indem wir die
hyperbolische Geometric zunachst auf die von dem Aquator begrenzte
halbe Kugel iibertrugen und diese dann stereographisch auf eine Ebene
projizierten (Nr. 24).
Wahlt man dabei als Pol der Projektion den Mittelpunkt der
Kugel, so kommt man auf die schon bei Eiemann vorkommende Form
des Bogenelements (vgl. p. 101):
wo Jc das KriimmungsmaB der Flache ist.
Wahlt man dagegen den Pol (wie wir vorhin taten) auf dem
Aquator selbst, so kommt:
oder ; wenn k = ^ gesetzt wird (III D 5, v. Lilienthal, Nr. 33, und
u
III D 6 a, Vofi, Nr. 28), fur x = v, y = Ee *,
2w
ds* = du 2 + 6* - dv 2 .
Interpretieren wir in diesen Formeln #, y oder u, v als gewohn-
192) Giorn. di mat. 4 (1866),
193) Ann. di mat. (1) 7 (1866), p. 185; Opere 1, p. 262.
26. Geometrie anf krummen Flachen.
99
liche cartesische Koordinaten in einer Hilfsebene, so wird in dieser
die MaBgeometrie der hyperbolischen Gesamtebene eine abstrakte Inter
pretation finden.
Letzteres ist bei den Flachen konstanter negativer Krumnmng,
die man als Beispiele konstruiert hat, zunachst nicht der Fall. Denn
diese werden alle von singularen Kurven oder Punkten derart be-
grenzt, da6 auf ihnen nur ein Stuck der hyperbolischen Ebene seine
Abbildung findet. Man vergleiche z. B. die von Minding bestimniten
Rotationsflachen.
Es entsteht die Frage, ob man iiberhaupt eine pseudospliarisclie
Fldche des geicolmlklien Euklidischen Eaumes konstruieren kann, die
das vollstdndige Abbild der abstra~kten Mannigfaltigkeit (n, v), d. li. der
gesamten hyperbolischen Ebene darbietet.
D. Hilbert 19 *) hat bewiesen, da6 keine regulare analytische Flache,
die dieser Forderung geniigt, existiert. Auf jeder solchen Flache treten
namlich singulare Kurven oder Punkte auf. Derselbe SchluB gilt hin-
sichtlich der nidit analytischen Flachen , die von G. Lufkemeyer 19 )
und E. Holmgren 196 ) betrachtet worden sind.
Bemerkungen , analog den obigen, mu6 man auch niacheu, so-
weit die Geometrie der in ihrer ganzen Ausdehnung betrachteten
Flachen konstanter positiver Kriimmung in Betracht kommt. Wir
haben bereits bemerkt (Nr. 24), dafi die spharische Geometrie sozusagen
ein fibervollstandiges Abbild der Geometrie der elliptischen Ebene gibt.
Nicht die Kugel, sondern das Strahlenbiindel bietet eine zweidimen-
sionale abstrakte Mannigfaltigkeit dar, die ein genaues Abbild der
elliptischen Ebene ist. Andererseits zeigt man, dafi die Kugel hn ge-
ivolmliclien Eiiklidisclien Raume die einsige gesclilossene Fladie kon
stanter positiver Kriimmung ist. Dieser Satz ist, was analytische
Flachen angeht, neuerdings von W. Liebmann bewiesen worden 197 ),
wahrend G. Lufkemeyer 198 ) und E. Holmgren} dargetan haben, da8
Flachen konstanter positiver Krummung in der Tat immer analy-
194) Am. Math. Soc. Trans. 2 (1901), p. 87; Grundlagen, Anhang V, p. 162.
195) Diss. Gottingen 1902.
196) Paris C. R. 134 (1902), p. 140. Die Idee der nicht analytischen regu-
laren Flachen geht auf Chr. Wiener zuriick, der in seinen Vorlesungen uber
darstellende Geometrie nicht-geradlinige abwickelbare Flachen, die als Grenze
eines Polyeders erhalten werden, in Betracht gezogen hat; vgl. Lehrbuch der
darstellenden Geometrie 2, Leipzig 1887, p. 29.
197) Gott. Nachr. 1899, p. 44; Math. Ann. 53 (1900), p. 81; 54 ^1901), p. 505;
vgl. J>. Hilbert, Grundlagen, p. 172.
198) Diss. Gottingen 1902, p. 163.
199) Math. Ann. 57 (1903), p. 409.
7*
100 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
tisch sind (wenigstens wenn sie stetige Ableitungeii bis zur dritten
Ordnung haben).
27. Biemannscke Mafibestimmuiig in einer beliebig auagedehnten
Mannigfaltigkeit. Die Ideen, die wir im Hinblick auf die MaB-
geometrie auf einer Flache oder vielmehr auf einer abstrakten zwei-
dimensionalen Mannigfaltigkeit entwickelt haben, finden ihre nattir-
liche Erweiterung in der MaBgeometrie der mehrfach ausgedehnten
Mannigfaltigkeiten, deren Prinzipien Riemann in seinem Habilitations-
vortrag entwickelt hat.
Geht man von einer elementaren Mannigfaltigkeit v z oder v n
von 3 oder mehr Dimensionen aus ? in der ein Koordinatensystem
x it x z> - - v x n ( y gl- Nr. 1^) a ^ s gegeben vorausgesetzt wird, so kann man
eine Mafibestimmung in der Mannigfaltigkeit aufstellen und dann auf
ihr eine differentiate MaBgeometrie defmieren, indem man als Ausdruck
fur die Entfernung zweier unendlich benachbarter Punkte nimmt:
ds = a ik dx i dx k ,
wo ^a ik dx i dx k eine wesentlich positive quadratische Form bezeichnet.
Dieses Prinzip (das spater von H. v. Helwiholts der verallgemeinerte
Pythagoraische Satz genannt vvurde) bietet sich als das einfachste
dar, wenn man die MaBbegriffe in einer v n ^(x 1 ,x 2) - , x n ) durch
Definition der Ldnge einer Linie x t = x i (f) festsetzen will, die in
einem von Null verschiedenen Intervalle durch stetige und derivier-
bare Funktionen in der Weise dargestellt wird ; daB sie:
a) einen wesentlich positiven Wert hat ;
b) stetig und derivierbar von den Endpunkten und von der Gre-
stalt der Linie abhangt,
c) die additive Eigenschaft besitzt (vgl. Nr. 23).
Auf Grund dieser Bedingungen erhalt man die Funktion, die die
Lange einer Linie darstellt, durch Integration des Linienelementes ds,
und der Ausdruck von ds hangt nur von den Koordinaten x i9 x i -f- dx i
zweier unendlich benachbarter Punkte ab.
Der Ausdruck fur ds darf jedenfalls keine lineare Funktion der
x i} dx i sein, weil er dann infolge der Stetigkeit negative Werte annehmen
miiBte ? wenn man eine Linie um einen Punkt stetig so weit variieren
laBt, bis sie wieder mit sich selbst zusammenfallt, und damit ihren Sinn
umkehrt. Dagegen ist ds 2 , ds^ und iiberhaupt jede von ds 2 eindeutig ab-
hangende Funktion als Grundlage fur die Bildung eines Ausdruckes fur
das Linienelement zulassig. Wenn man nun voraussetzt, daB ds 2 so
weit derivierbar sein soil, als fiir die Entwicklung der Maclaurinschen
Reihe bis zum dritten Grliede notig ist ; und unendlich klein von der
28. Homogene MannigfaHigkeiten. 101
zweiten Ordnimg in den Differentialen dx { , so erhalt man gerade 200 ^
ds* = ^a ik dx i dx k .
Macht man dagegen irgencl welche andere Annahme hinsichtlich
der Derivierbarkeit von ds 2 im Anfangspunkte, so kann man auf
andere und hohere Art eine MaBbestimmung in unserer Mannigfaltig-
keit festsetzen, indem man z. B. als Ausdruck fur ds* eine wesentlich
positive Form vierten Grades in den dx { annimmt, die sich nicht auf
ein vollkommenes Quadrat reduziert. Die Moglichkeit solcher Falle
ist bereits von B. Riemann hervorgehoben worden, der daun aber
seine Betrachtungen auf den einfachsten und wichtigsten Fall ein-
geschrankt hat, in dein der verallgemeinerte Pythagoraische Satz gelten
soil 201 ).
Wie bei den Flachen, so kann man aucli bei den Mannigfaltig-
keiten v n , in denen eine Mafibestiminung durch den Ausdruck fiir ds 9
definiert ist, die yeodatisclien Linien oder Linien kleinster Lange be-
trachten, von denen jede in geeignet begrenzten Gebieten durch zwei
Pimkte vollig bestimmt ist. Ist auf diese Weise der Begriff der Ent-
fernung zwischen zwei Punkten festgelegt, so kann man an ihn an-
kniipfend die Begriffe des Winftels 202 ) und des Rauminhalts 203 ) definieren.
28. Homogene Mannigfaltigkeiten. B. Riemann beschaftigt sich
im besondern mit den Mannigfaltigkeiten v 3 oder v n9 die, wie der ge-
wohnliche Ranm, liomogen erscheinen, d. h. sich in sich bewegen
lassen.
Dieser Begriif wird in folgender Weise naher bezeichnet.
Unter den Linien elementen (dx^ 9 die von einem Punkte PEE (#,.)
der Mannigfaltigkeit ausgehen, betrachte man diejenigen, die ein von P
ausgehendes Flaclienelement bilden, namlich diejenigen, die von zwei
gegebeuen Linienelementen linear abhangen:
dx. = K - d l x i + a d^x { ;
die zu diesen Elementen gehorenden, von P ausgehenden geodatischen
Linien bilden das ? was man (nach F. Sclmr) eine yeodatisclie Fldche
durch P nennt.
B. Riemann betrachtet nun eine Mannigfaltigkeit als homogen,
wenn es moglich ist ? sie derart in sich selbst zu bewegen, dafi man
einen Punkt P nnd ein durch ihn gehendes Flaclienelement mit irgend
einem beliebigen Punkte P und einem von P ausgehenden beliebigen
200) Vgl. F. Enrigues, Conferenze di geometria, autogr. Vorl., p. 58.
201) Habilitationsvortrag II 1.
202) Vgl. F. Enriqiies, Conferenze di geonietria, autogr. Vorl., p. 65.
203) T. Levi-Civita, 1st, Ven. Atti (7) 4 (1894), p. 1765, insbeeondere 19.
102 HI A B 1. F. Enriqites. Prinzipien der Geometrie.
Flachenelemente zur Deckung bringt. Aus dieser Bedingung folgt ohne
weiteres, daB alle von irgend welchen zwei Punkten ausgehenden geo-
datischen Flachen dieselbe (verallgemeinerte Gauftsche) Krummung k
haben, und dies driickt man aus ? indem man sagt, daB die Mannig
faltigkeit eine konstante Krummung hat.
J5. Eiemann hat fiir die Mannigfaltigkeiten von konstanter Kriim
mung k allgemein als Ausdruck fiir das Quadrat des Linienelementes
angegeben :
ds 2 == ^i H r ( x n
Die differentiate Maftgeometrie einer Mannigfaltigkeit v 3 von kon
stanter Krummung k wird fur k = gleich derjenigen der (parabolisclim)
Geometrie des gewb hnlichen Euklidisclien Eaumes, fiir k < gleich der
jenigen der liyperbolisclien Geometrie, fiir k >> gleich derjenigen der
elliptisclien Geometrie.
In diesem Zusammenhange hat Eiemann zuerst auf die elliptische
Geometrie aufmerksam gemacht. Seine Angabe iiber die Form, auf
welche sich das Linienelement einer Mannigfaltigkeit von konstanter
Krummung bringen lafit, ist spater durch Rechnungen von E. Chri-
stoffel m ] und E. LipscMtz) als richtig erwiesen worden 206 ).
Endlich hat S.Lie 201 ) als Folge eines von ihm bewiesenen Gruppen-
satzes ausgesprochen ; daB eine metrische Mannigfaltigkeit eine konstante
Krummung hat, wenn es moglich ist, sie so in sich selbst zu bewegen,
daft die Linienelemente irgend eines festgehaltenen Punktes in all-
gemeinster Weise (mit der grofiten Anzahl von Parametern) transfor-
miert werden, und er hat auf diese Weise die Eiemannsche Bedingung
fur die Homogenitat einer Mannigfaltigkeit vereinfacht.
"29. Projektiver Charakter der Mannigfaltigkeiten konstanter
Krummung. Weitere Studien von Beltrami 2QS ) und L. Schlafli m )
beziehen sich auf den projektiven Charakter der Mannigfaltigkeiten
von konstanter Krummung.
In einer Mannigfaltigkeit von konstanter Kriimmung lassen sich
die geodatischen Linien durch lineare Grleichungen darstellen (Beltrami) 5
daher gilt in den Mannigfaltigkeiten von konstanter Krummung, wenn
204) J. f. Math. 70 186D), p. 46, 241.
205) J. f. Math. 70 (1869), p. 71, und 72 (1870), p. 1.
206) Vgl. L. Bianchi, Rom Line. Rend. (5) 7 2 (1898), p. 147.
207) Transformationsgruppen 3, p. 353 355.
208) Ann. di mat. (2) 5 (1872), p. 178.
209) Ann. di mat. (2) 5 (1872), p. 194.
29. Projektiver Charakter der Mauuigfaltigkeiten konstanter Kriimmung. 103
die geodatischen Linien als Gerade betrachtet iverden, im differentialen
Sinne die projektive Geometric. Umgekehrt (Scldafli): Eine Mannig-
faltigkeit, in der eine differentiale Mafigeometrie definiert ist y innerlwlb
tvelcher, tvenn man die geodatisclien Linien als Gerade betrachtet, die
projektive Geometric gilt, ist eine Mannigfaltigkeit von konstanter
Kriimmung.
Und es kann auch die Maftbestimmung einer Mannigfaltigkeit von
konstanter Kriimmung immer als eine Cayleyselie projektive Maftbestim-
mung in bezug auf eine absolute Flciche zwtiten Grades betrachtet werden.
Umgekehrt fillirt die in einem projeldiven Raume in bezug auf eine
absolute Flaclie ziceiten Grades aufgestellte Mafibestimmung auf einen
quadratisclien Ausdruck fur das Quadrat ds 2 des LinienelementeSj ivo-
nacli der Raum wie eine Manniyfaltigkeit von konstanter Kriimmung
(in der die Geradeu geod atische Linien sind) ersdieint* 10 ).
Der Vergleich zwischen den Mamiigfaltigkeiten von konstanter
Kriimmung mid den nietrisch-projektiven Raumen wird vollkommen,
wenn man sich die Mannigfaltigkeit, in - der die Metrik in differen-
tialeni Sinne, d. h. fur geeignet begrenzte Gebiete definiert ist, in der
Weise Yervollstandigt denkt, da6 zwei Punkte immer eine und nur
eine geodatische Linie bestimmen. Eine solche Vervollstandigung ist
fiir die abstrakten Eleuieutarmannigfaltigkeiten durch die Betrachtung
der idealen Punkte (Nr. 17) inimer nioglich, aber es konnten auch
andere und weniger einfache Yervollstandigungen in Betracht gezogen
werden, die dann zu anderen Folgerungen AnlaB geben.
An den projektiven Charakter der Mamiigfaltigkeiten von kon
stanter Kruuimiuig kniipft endlich eine Untersuchung von F. Schur 211 )
an. Schur benaerkt, daB dieser projektive Charakter von der fundamen-
taleu Eigenschaft der geodatischen Flache abhangt, je oo 2 geodatische
Linien des Raumes zu enthalten (fundamentale Eigenschaft der Ebene;
vgl. Nr. 2\ und beweist dann die folgenden Satze:
Wenn in einer metrisclien Mannigfaltigkeit von drei oder mehr
Dimensionen die von einem Punkte P ausgehenden geodatisclien Fldclien
je cxr geodatische Linien des Raumes enthalten, so hat die Mannig
faltigkeit in bezug auf alle von P ausgehenden Flachenelemente eine
konstai i te Kriim mung.
Wenn die angegebene Eigenschaft alien von zwei Punkien P und
P ausc/elmiden geodatischen Fldchen yukommt, so kommt sic alien geo-
210) Vgl. E. BeUrami, FuBnote 206, und F. Klein, Erlanger Prograinm.
211) Math. Ann. 27 (1886), p. 537. Vgl. auch L. Bianclii, Rom Line. Rend.
(5) II 1 (1902), p. 265. Hinsichtlich eines geometrischen Beweises derselben
Resultate vgl. F. Enriqiws, Bologna Atti 1902.
104 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
datisclien Flaclien uberliaupt zu, und die Mannigfaltigkeit ist von kon-
stanter Krummung.
So erh alt das Problem der metrischen Mannigfaltigkeiten kon-
stanter Krummung, sozusagen in seine projektiven Elemente zerlegt,
die einfachste Losung.
Die Untersuchungen von F. Schur schlieBen auch die Existeriz
von Mannigfaltigkeiten von drei oder mehr Diinensionen aus, die uni
jeden Punkt eine konstante, aber von Punkt zu Punkt eine verander-
liche Kriimmung haben.
30. Untersuchungen von De Tilly iiber den Ausdruck fur
die endliche Entfernung. Dem Riemanmchen Ansatz, der die MaB-
geometrie durch den Ausdruck fur die elementare Entfernung zwischen
zwei unendlich benachbarten Punkten zu charakterisieren sucht, steht
der andere gegenuber, der direkt den Ausdruck fur die endliche Ent
fernung zwischen zwei wesentlich verschiedenen Punkten herleiten will.
So geschieht es in den allerdings nicht durchgefuhrten Untersuchungen
von J.M.De Tilly 212 ).
Man betrachte den Raum als eine dreidimensionale Mannigfaltig-
keit, in der ein Koordinatensystem x, y, z festgesetzt ist. Sind zwei
Punkte 1 = (x^e^j 2 = (x^y^ gegeben ; so wird ihre Entfernung
(12) durch eine symmetrische Funktion
ausgedruckt ; die vor allem den folgenden Forderungen geniigt:
a) die Entfernung zweier Punkte variiert mit ihnen in stetiger
Weise und wird nur dann Null, wenn die beiden Punkte zusammen-
fallen ;
b) sind mehrere Punkte 1, 2, 3, 4, und ein Punkt 2 gegeben,
der von 1 ebensoweit entfernt ist wie 2, so gibt es Punkte 2 , 3 , 4 ,
von solcher Lage ? dafi die Entfernungen zwischen je zwei Punkten der
zweiten Gruppe denen zwischen den homologen Punkten der ersten
gleich sind.
Diese zweite Bedingung (die im wesentlichen die Beweglichkeit
der Figuren einfuhrt ? vgl. H. v. Helmholtz, Nr. 32) ist eine funktionale
Bedingung, der die Entfernungsfunktion geniigen niufi.
Betrachtet man zwei Gruppen von funf Punkten 12345, 12 3 4 5 ,
so folgt aus den Gleichungen
212) Bordeaux Memoires (2) 3 (1879), p. 1; BruxeUes Memoires couronnes
in 8, 47 (1892/93).
30. Cntersuchungen v. De Tilly u. d. Ausdruck f. d. endliche Entfernung. 105
f (12) = (120 (13) - (13 ) (14) = (14 )
(1) (15)- (15 ) (23) = (2 3 ) (24) = (2 4 )
I (25) = (2 5 ) (34) - (3 4 ) (35) = (S S 1 )
unter geeigneten Einschrankungen ideutisch:
(45) = (4 5 / ).
Daher muB zwischen den zehn zwischen je zwei von funf
Punkten vorhandenen Entfernungen eine charakteristische Relation,
genannt die Eclat-ion der fiinf Piirikte, bestehen, deren Form von der
betrachteten Gruppe von fiinf Punkten unabhangig sein muB (Be
dingung der Homogenitdt des Raurnes).
Diese Relation inoge durch
(1 2 3 4 5) = $ { (12) (13) (14) (15) (23) (24) (25) (34) (35) (45) } =
dargestellt sein.
Die Bedingung der Homogenitat verwandelt sich dann in die
folgende Bedingung (die Bedingung der seeks Pwikte), der die Funk-
tion iff geniigen muB:
Die drei Relatianm
(12345) = 0, (12346) = 0, (12356) =
(die, welches auch die Form von # sei, durch die Wahl von (46)
und (56), nachdem (16) (26) (36) unter passenden Einschrankungen
beliebig gegeben worden sind, erfiillt werden konnen) milssen die drei
folgenden nacli sich ziehen-.
(12456) = 0, (13456) = 0, (23456) = 0.
Nun haben die Untersuchungen, die fiir die Euklidisclie Geometric
J. B. Lagrange, B. N. Carnot und A. Cayley und fiir die nicht-Euklidische
Geometric E. Seller ing und P. Mansion- 1 6 } iiber die Relation der funf
Punkte angestellt haben, zu zwei besonderen Ausdriicken fiir die
Funktion iff = (1 2 3 4 5) in Determinantenform gefiihrt. Aus diesen
folgt umgekehrt der Ausdruck fiir die Entfernung in der Euklidischen
und in der nicht-Euklidischen Geometrie, wenn man eine dritte Be
dingung c) beriicksichtigt, die die additive Eigenschaft der Ent
fernung auf der Geraden ausdriickt.
Es miiBte aber bewiesen werden, daB die durch ^ bestinimten
Ausdriicke fiir die Entfernung wenigstens unter geeigneten Realitats-
bedingungen die einzigen moglichen Losungen der vorliegenden Auf-
gabe sind. Die wenig strengen Betrachtungen De Tillys geniigen nicht,
213) Schering, Gott. Nachr. 1870, p. 317; 1873, p. 13 und 149; Mansion,
Bnixelles Soc. Ann. 13 A (1889), p. 57; K A (1891), p. 8; 16 A (1892), p. 51.
106 HI AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
um die Existenz anderer Losungen auszuschliefien, und H. F. Blicli-
feldt" 1 *) hat iiberdies Ausdriicke moglicher Beziehungen zwischen den
Entfernungen erhalten, die in denen De Tillys nicht enthalten sind.
31. Greometrische Systeme von Minkowski-Hilbert. Gewisse
Untersuchungen von H. Minkowski und D. Hilbert finden hier ihren
Platz, insofern sie, von der Betrachtung des Ausdrucks fur die end-
liche Entfernung zwischen zwei Punkten ausgehend, zu allgemeineren
geometrischen Systemen fuhren, die die gewohnliche, Euklidische und
nicht-Euklidische, Metrik umfassen.
Es seien x, y, z gewohnliche Parallelkoordinaten des Raumes.
H. MinJiOivski 215 ) nimmt als Ausdruck fiir die Entfernung zwischen
zwei Punkten (^ 1 y 1 s 1 \ (^2/2^2) eme homogene (im allgemeinen trans-
cendente) Funktion erst en Grades der Differenzen x l X 2 , y l y% ,
an ? die er keiner anderen Beschrankung unterwirft als der ; dafi sie ;
einer Konstanten gleichgesetzt, eine nicht konkave Flache darstellt. Er
erhalt so eine konventionelle Ma6geometrie ; die mit der projektiven
Geometrie vertrdglich ist in dem Sinne, da6 die Geraden die Linien
kleinster Lange sind 5 diese Geometrie schlieBt als besonderen Fall
die gewohnliche Euklidische Geometrie ein. Bei Mirikowski gibt es im
allgemeinen nur oo 3 Bewegungen ; namlich die c 3 Parallelverschie-
bungen des Raumes.
D. Hilbert) hat das vorstehende System verallgemeinert, indem
er sich die umgekehrte Auf gabe stellte: alle moglichen metrischen
Geometrien des Raumes zu bestimmen, in denen die Geraden Mrzeste
Linien sind und aufierdem eine unendliche Lange liaben.
Die Ant wort 1st, dafi man solclie metrischen Geometrien in dem
projektiven Eaume immer so herstellen kann, daft man als absolute
Flache eine geschlossene nicht Iconkave Flache und als Ausdruck fiir
die Entfernung sweier (eigentliclier) Punkte A, B in ihr den Ausdruck
c log (ABMN)
nimmt, wo M, N die Schnittpunkte der Geraden AB mit der ab-
soluten Flache sind und c eine Konstante bezeichnet.
Das HilbertBche System wird ersichtlich zur hyperbolischen MaB-
bestimrnung, wenn man als absolute Flache eine reelle nicht-geradlinige
Flache zweiten Grades nimmt. Andererseits umfafit es als Grenzfall
214) Am. Math. Soc. Trans. 3 (1902), p. 467.
215) Geometrie der Zahlen, Leipzig 1896, 1.
216) Math. Ann. 46 (1895), p. 91.
32. Postulate von H. v. Helmholtz. 107
(wenn namlich die absolute Flache in die unendlich feme Ebene
ausartet) das Minkowskische System. In der allgemeinen Hilbert-
schen Metrik gibt es keine Bewegungen.
Das Hilbcrtsche geometriscbe System kann selbst wieder in
mebrfacber Weise verallgemeinert werden, wenn man einige der Be-
dingungen fallen lafit, denen die Funktion der Entfernung zwisehen
zwei Punkten geniigen muB, urn diejenigen Eigenschaften zu besitzen,
welche wir gemaB der Anschauung ihr zugestehen, wenn man z. B.
annimmt, daB sie nicht in bezug auf beide Punkte symmetrisch oder
nicht durch sie in eindeutiger Weise bestinimt ist 217 ).
B, Bewegungsgruppe.
32. Postulate von H. v. Helmholtz. Die Forscbungsrichtung, die
die Geometrie des physischen Raumes durch. die Eigenschaften der
Bewegtmgcn, als Punkttransformationen in eineni Raumstiick betrachtet,
zu cbarakterisieren sucbt, ist von Fr. Ueberweg* 16 ) und von H.v.Helm-
holtz* 19 ) angebahnt worden. Spater bat F. Klein ), indem er den
fundanientalen Charakter der Bewegungen, eine Gruppe zu bilden, her-
vorhob, das Problem in eine scharfere Form gebracht, indem er es
als eine Gruppenfrage aussprach; diese Frage wurde von verscbiedenen
Gesicbtspunkten aus von S. Lie und aucb zuni Teil, unabbangig da-
von ; von H. Poincare bebandelt und gelost.
Die Postulate, die Helmlioltz der Geometrie zugrimde legt ; sind
die folgenden:
I. Uber die Stetigkeit und die Dimensioned des Raumes.
Das Postulat, wonacli der Raum als eine Zablenmannigfaltigkeit v n
von n Dimensionen, wo n = 3 ist, angesehen werden kann (vgl. Nr. 15).
Die Bedingung w=3 kann wie bei Lie (vgl. unten) erst hinterher ein-
gefiibi*t werden, nacbdem die Postulate der Bewegung allgemein fiir
den S n ausgesprocben worden sind.
II. Uber die Existenz betveylicher starrer Korper.
Zwiscben den 2n Koordinaten eines einem starren Korper an-
geborenden Punktepaares findet eine Gleichung
217) Vgl. hierzu G. Hamel, Uber die Geoinetrien, in denen die Geraden
die kiirzesten sind, Diss. Gottingen 1901, und Math. Ann. 57 (1903), p. 231.
218) Arch. f. Philologie und Padagogik 17 (1851).
219) Yerhdl. d. naturkist. ined. Vereins zu Heidelberg 4 (1866) (Wissensch.
Abhandl. 2, p. 610) und Gott. Nachr. 1868, p. 193 (Wissensch. Abhandl. 2, p. 618).
220) Erlanger Programm und Math. Ann. 6 (1873), p. 116.
108 III A B 1. F Enriques. Prinzipien der Geometrie.
statt, die fur jedes Paar Jfoncjruenter } d. h. durch eine Bewegung zur
Deckung zu bringender Punkte dieselbe ist.
III. fiber die Freiheit der Bewegung.
Der erste Punkt eines starren Systems ist durehaus beweglich.
Wenn er festgebalten wird, so findet fiir den zweiten Punkt eine
Gleichung statt; wenn noch ein zweiter Punkt festgehalteu wird, so
muB ein dritter Punkt zwei Gleichungen genligen usw. Im ganzen
43, ()-i \ \\
muB man n Punkte festhalten, d. n. - 2 Bedingungen geben, um
in dem Raume von n Dimensionen die Lage jedes Punktes fest-
znlegen.
IV. fiber den Zusammenhang mvischen Drelmng und Identitdt
(Postulat der Monodromie).
Es wird angenommen, daB im Raume von n Dimensionen eine
vollstandige Drehung um n 1 feste Punkte allgemeiner Lage einen
starren Korper identisch mit sicb selbst zur Deckung bringt, d. h.
dafi die unter diesen Bedingungen von einem Punkte beschriebene
(Kreis-)Linie geschlossen ist.
HelmJwltz glaubt zu beweisen, daB die genannten vier Postulate
von einander unabhangig sind und zur vollstandigen Charakterisierung
der allgemeinen, Euklidischen oder nicht-Euklidischen, Geometric des
Raumes ausreichen 7 indem er tatsachlich zuletzt zu dein Biemannschen
Ausdruck fur das Quadrat des Linienelements gelangt.
Aber gegen die HdmhoU*8chm Beweise riclitet sich die Kritik
von S. Lie 221 ) ? insbesondere der Einwand ? daB HelmhoUz entsprechend
den um einen festen Punkt stattfindenden Drehungen lineare Glei-
cbungen zwischen den von dem Punkte auslaufenden ersten Differen-
tialen der Koordinaten anschreibt (was zu speziell ist) 222 ).
AuBerdein ist das zur Begriindung der ebenen Geometrie (n == 2)
allerdings notige Postulat der Monodromie fiir den Fall des Raumes
(n == 3 oder n > 3) iiberfliissig. Dies wurde nocli vor Lie von De Tilly
(FuBn. 212) verfochten und spiiter von F.Klein***) durch Betrachtungen
intuitiven Charakters erlautert.
Imnierhin konnen die HelmJtoltzschQii Resultate als richtig an-
geseben werden ; soweit es sicli um die Moglichkeit handelt, die all-
221) Transformationsgruppen 8, p. 437.
222) Es ware moglich, daB es innerhalb der Gruppe Bewegungen um
gibt, welclie die von ausgehenden ersten Differentiale ungeandert lassen und
erst auf die zweiten Differentiale wirken, usw.
223) Math. Ann. 37 (1890), p. 544, genauer in Hohere Geometrie 2, autogr.
Vorlesungen, Leipzig 1893.
33. Untersuchungen von S. Lie. 109
geineine MaBgeometrie des Raumes auf den ersten drei Posfculaten
aufzubauen, wofern diese Postulate als fur alle Punkte eines Raum-
stiickes gultig verstanden werden 224 ).
33. Untersuchungen von S. Lie 225 ). Lie bringt das Helmholts-
sclie Problem in eine aiidere Form und kommt dabei zu zwei neuen
Losungen.
Es wird vor alleni ebenso wie bei Helmholtz ausdriicklich an-
genommen, daB der Raum eine Mannigfaltigkeit V B ist, in der man
Koordinaten einfuhren kann.
Die Bewegungen des Raumes erscheinen, insoweit sie zusammen-
setzbar und umkehrbar sind. als Glieder einer Gruppe von Punkt-
transformationen; diese Annahnie tritt an Stelle derjenigen, die Helm-
lioltz mit dem Begriff der Kongruenz verbindet, namlieh,, daB die Kon-
gruenz eine gegenseitige Beziehung ist und daB zwei Figuren, die
einer dritten koDgruent sind. unter einander kongruent sind.
Nun kommt die Aufgabe, ein Postulatensystem anzugeben, das
der allgemeinen MaBgeometrie zur Grundlage dienen konnte, darauf
hinaus, die Bewegungsgruppen der Euklidischen oder nicbt-Euklidi-
schen Geometrien durch allgemeine Eigenschaften zu charakterisieren
und sie dadurch von alien moglichen Transformationsgruppen einer v 3
zu unterscheiden.
Das kann man durch Anuahmen, die sich. auf die unendlick kleine
Umgebung jedes Punktes bezielien, oder durch Postulate in einem end-
lichen Gebiete erreichen (wobei also die sogleich [unter VI] zu be-
handelnden Zusammenhangsverhaltnisse des unbegrenzten Raumes zu-
iiachst aufier Betracht bleiben).
Die Resultate von /S. Lie sind folgeude:
a) Wir stellen folgende Definition voran: Eine Transformations-
gruppe in einer ^ 3 fiihrt zur freien Beweglichkeit im Unmdlichkleinen
um jeden Punkt P, wenn bei festgehaltenem P es noch moglich ist,
durch Transformationen der Gruppe ein zu P gehorendes Linien-
element p in irgend ein anderes auch zu P gehorendes Linien-
element p und ein zu p gehorendes Flachenelenient n in irgend ein
zu p gehorendes Flachenelenient n zu bringen.
Dann ergibt sich, daB die Gruppen der Euklidischen oder nielit-
EMidisclien Bewegungen des als eine Zahlemnannigfaltigkeit Vi =
224) S. Lie, Transformationsgruppen 3.
225) Leipzig Ber. 1886, p. 337; Transformationsgruppen, Abteil. 5 und be-
sonders p. 471, 498.
110 III AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
betrachteten Eaumes vollstandig durch die Eigensdiaft charakterisiert
sind, daft sie reell, transitiv und durch unendlich Ideine Transforma-
tionen erzeugbar sind, sotvie die freie Betveglichkeit im Unendlichkleinen
um jeden festgehaltenen Punkt moglich machen.
Dieser SchluB erstreckt sich in analoger Weise auf den Fall der
Bewegungsgruppen in Raumen von n > 3 Dimensionen; aber fiir
n = 2 muB man das Helmholtzsvhe Postulat der Monodromie hinzu-
fugen, um andere Gruppentypen, die mit der Annahme der Beweg-
lichkeit im Unendlichkleinen vertraglich sind ? auszuscheiden.
b) Betrachtet man dagegen die Eigenschaften der Bewegungen
in einem endlichen einfacli zusammenhangenden Gebiete, so kommt
man zu dem Ergebnis:
Die allgemeine Maftgeometrie des Eaumes kann, soweit em be-
grenztes Eaumstuck in Betracht Jcommt, auf folgende Postulate gegriindet
werden :
1) Der Eaum ist eine Zahlenmannigfaltigkeit von drei Dimen
sionen (v s ).
2) Die Betvegungen bilden eine reelle Transformationsgruppe, die
durch unendlich Heine Transformations erseugt tvird.
3) Wenn man einen Punkt (y-fy^y^) von allgemeiner Lage fest-
haHtj so geniigen die Punkte, in die ein anderer Punkt (x^x^x^) durch
eine Bewegung gebracht tverden kann, einer G-leichung
die eine durch (x^x^x^), aber nicht durch (^/i 2/ 2 2/3) hindurchgeJiende
Fldche darstellt.
4) Um den Punkt (2/1 2/2 2/3) kann man ein dreidimensionales
Eatimstiick von der Beschaff enheit abgrenzen, daft, tvenn der Punkt
(2/1 2/2 2/3) festgehalten wird, jeder andere Punkt (x Q x 2 x s ) des ge-
nannten Eaumstuckes durch eine stetige Bewegung in irgend einen
anderen Punkt gebracht tverden kann, der der Grleichung 5i = geniigt.
34. Untersuchungen von H. Poincare. Unabhangig von Lie
(dessen erste Arbeit (FuBnote 225) voni 25. Okt. 1886 nerstammt) hat
sich H. Poincare 2 ) die Aufgabe gestellt, auf gruppentheoretischem
Wege diejenigen Geornetrien der Ebene zu charakterisieren, bei denen
ein quadratisches] Gebilde im Sinne der projektiven Geometrie zu-
grunde liegt (vgl. Nr. 23). Er gelangt zu folgendem Postulatensystem :
226) Paris Bull. Soc. math, de France 15 (1887), p. 203; vgl. 8. Lie, Trans-
formationsgruppen 3, p. 437, 2. FuBnote.
35. Untersuchungen von D. Hilbert. HI
1) Die Fbem ist eine Mannigfdltigkett von zwei Dimensioned.
2) Die Beivegungen bilden in der Ebene eine reelle Transformations^
gruppe, die dnrcli unendlicli Ideine Transformationen erzeugt wird, und
von drei Parametern abliangt.
3) Wenn in der Ebene zwei Punkte einer Figur festgelialten icerden,
so ist die Figur selbst unbeweglicli.
Dieses dritte Postulat tritt an Stelle des Helmholtzschen Postu-
lats der Monodromie. Es ist so gefafit, dafi von den betrachteten
Punk ten der Ebene aus nioglicherweise noch reelle Tangenten an das
absolute quadratische Gebilde laufen konnen. Sollen allein die drei
Falle der elliptischen, hyperbolischen und parabolischen Mafibestim-
mung iibrig bleiben, so wird man beispielsweise yerlangen, da6 alle
von eineni Punkte auslaufenden Geraden kongruent sein sollen.
35. Untersuchungen von D. Hilbert. Bei der Klassifikation der
Transforniationsgruppen beschranken sich sowohl Lie wie Pohicare
auf Transform at ionen, die durch analytisclie Funktionen, oder wenig-
stens auf solche, die durch derivierbare Funktionen dargestellt werden;
diese Annahnie gehort zu der Erzeugung der Gruppen durch unend-
lich kleine Transformationen , soferu man diese, wie Lie in seiner
Gruppentheorie , analytisch darstellt. Dabei kommt aber nicht zum
Vorschein, ob diese Beschrankungen Annahmen enthalten ; die den
Postulaten der Geometric, die man charakterisieren will, hiozuzufiigen
sind 227 ). Das Problem, festzustellen, welche Annahmen in diesen Be
schrankungen enthalten sind, ist von D. Hilbert 223 } aufgenonimen
worden, der nach Vorausschickung der Annahnien, welche die Ebene
als eine Zahlenmannigfaltigkeit von zwei Dimensionen charakterisieren,
zeigt, dafi die Gruppen Euklidisclier und niclit-Euklidisclier Betvegungen
der Ebene unter alien Gruppen stetiger umkekrba/r eindeutiger Trans-
formationen durch die folgenden drei Postulate clmralderisiert werden:
I. die Beii egungen bilden eine Gmppe;
n. die Beivegungen, die einen Punkt fest lassen, bringen irgend
einen anderen Pmikt in unendlicli viele verscliiedene Lagen;
III. die Beicegungen bilden ein abgeschlossenes System (im Cantor-
schen Sinne), d. h. wenn es z. B. Bewegungen gibt, durch welche Punkt-
tripel in beliebiger Nahe des Punkttripels ABC in beliebige Nahe
227) In der ersten, FuBnote 225, zitierten Arbeit p. 342 wirft S. Lie die
Frage auf, wie die Transforniationsgruppen, die die Euklidische und die nicht-
Euklidische Geometric definieren, zu charakterisieren sind, wenn man den analy-
tischen Charakter der in Betracht kommenden Funktionen fallen lafit.
228) Grundlagen, Anhang 4, p. 121.
112 HI AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geoinetrie.
des Punkttripels A B C iibergefiihrt werden konnen, so gibt es
stets auch erne solche Bewegung, durch welche das Punkttripel ABC
genau in das Punkttripel A B C iibergeht.
Wenn es aucli auf den ersten Blick sonderbar erscheint, daB
allein diese Bedingungen geniigen sollen, um die Gruppe der Be-
wegungen unter alien moglichen Gruppen ebener Transformationen
zu charakterisieren (besonclers weil nicht gefordert wird, daB es nur
oo 1 Bewegungen geben soil, die einen Punkt fest lassen), so ist doch
zu beaehten, daB die Bedingung III bewirkt, daB alle Gruppen (z. B.
die projektive oder die konforme) ausgeschlossen werden, die aus-
geartete (und also nicht eindeutig umkehrbare) Transformationen als
Grenzfalle besitzen.
VI. Zusammeiihangsverhaltnisse des unbegrenzten Raumes.
36. R aume, die als Ganzes bewegt werden konnen. Die bis-
her erwahnten Untersuchungen fiber die Grundlagen der MaBgeometrie
gehen mehr oder minder bewuBt von dem philosophischen Prinzipe
aus, als Postulate Satze aufzustellen, die in einem den Sinnen zugang-
lichen Gebiete des physischen Raumes durch die Erfahrung gegeben
werden. Hiermit sind aber noch nicht die Eigenschaften des Gresamt-
raumes festgelegt. Vielmehr bedarf es hierzu noch besonderer Unter-
suchuugen ? welche sich als Erganzungen an alle vorher gehenden
Untersuchungen anschlieBen 229 ).
Nehmen wir als gegeben an, daB die Schliisse, auf welche die
Erfahrung hinsichtlich der Geoinetrie in einein das Feld unserer Be-
obachtungen bildenden Raumstiicke fuhrt, iiber die Grenzen der ge-
nannten Beobachtungen hinaus auf eine geeignete Umgebung irgend
eines Punktes ausgedehnt werden konnen. Der Gesamtraum wird dann
als eine dreidimensionale Mannigfaltigkeit F 3 von konstanter Krum-
niung ohne singulare Punkte erscheinen, so daB die Geometric in der
Umgebung jedes seiner Punkte die gewohnliche allgemeine (Euklidische
oder nicht-Euklidische) Metrik sein wird. Ein geeignetes Gebiet der
F 3 um irgend einen Punkt wird sich auf ein entsprechendes Gebiet
eines metrisch-projektiven Raumes S 3 kongruent abbilden lassen. Aber
man wird darum doch nicht behaupten konnen, daB die so her-
gestellte Abbildung sich auf die F 3 und den 8 S in ihrer Vollstandig-
Jceit erstreckt, so daB die Geometric der F 3 als Ganzes betrachtet von
229) F. Klein, Math. Ann. 37 (1890), p. 544.
36. Frei bewegliche Ritume. 113
der Geometrie des gesamten Raumes S 3 verschieden sein kann, genau
wie die Geometrien zweier Flachen im ganzen betrachtet verschieden
sein konnen, auch wenn die genannten Flachen im differentialen Sinne
auf einander abwickelbar sind (Nr. 9).
So kann es infolge der Zusammenhangsverhaltnisse der Ge-
samt-F s sich ereignen, da6 es zwar fiir jedes einfach zusanirnen-
hangende Stuck der V s in jeder Urngebung der F 3 oo 6 Bewegungen
gibt, daB aber die gesamte F 3 sich nicht mit gleicher Freiheit be-
wegen kann. Eine analoge Tatsache tritt bereits bei der Flache eines
Kreiszylinders auf, die in differentialem Sinne auf die Ebene abwickel
bar ist: ein einfach zusanirnenhangendes Stiick der Zylinderflache
lafit sich auf dieser um einen beliebig festgehaltenen Punkt herum
auf co 1 Weisen bewegen, aber die Gesaintflache nicht mehr; man
kann sie nicht mehr in sich verbiegen, sobald einer ihrer Punkte
festgehalten wird.
Nehrnen wir an, daB die Mannigfaltigkeit V s von konstauter
Krummung als Ganzes sich auf oo 6 Weisen (wie es fiir jedes Stiick
von ihr der Fall ist) bewegen kaun. Wird man dann die F 3 in
ihrer ganzen Ausdehnung als einen nietrisch-projektiven Raum S s
betrachten konnen?
Die Antwort ist in einem allbekannten Falle negativ.
In der Tat, betrachten wir die Mannigfaltigkeit, welche spharischer
Raum genannt wird, d. h. die dreidiinensionale Mannigfaltigkeit,
deren Elemente (Punkte) durch diejenigen Werte der vier Koordinaten
%i> x z> %3> x gegeben sind, die der Relation
x* + xf + x* + ^ = r 3
geniigen.
Es gibt oo 6 Bewegungen, die diesen spharischen Raum in seiner
Gesamtheit in sich iiberfiihren. Trotzdem ist derselbe mit dem
elliptischen Raume nicht identisch. In der Tat bestinimen zwei Punkte
dieses Rauines nicht mehr irnmer eine einzige geodatische Linie
(Gerade), weil jede geodatische Linie gleichzeitig mit einem Punkte
(^i^OjaJ auch dessen GegenpunM ( a ly a 2 , a 3 , aj enthalt.
Der spharische Raum ist vielmehr aus dem elliptischen Raume durch
eine Beziehung (2, 1) abgeleitet (genau wie die gewohnliche Kugel
aus der elliptischen Ebene oder dem Strahlenbiindel).
Hiemann selbst scheint in dieser Sache keine Meinung geauBert
zu haben. Jedenfalls war man langere Zeit hindurch allgemein der
Ansicht, daB die spharische Geometrie die einzige ist, die mit der
Annahme einer konstanten positiven Krummung vertraglich ist, und
Encyklop. d. math. Wissensch. ITEl, 8
114 III AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
daB dalier in einer Mannigfaltigkeit von solcher Krummung ohne
singul are Punkte als Ganzes betrachtet zwei geodatische Linien sich
immer in zwei (entgegengesetzten) Punkten treffen iniissen. DaB dies
eine irrttimliche Meinung ist, wurde, wie bereits oben (Nr. 9) hervor-
gehoben, zuerst von F. Klein 28 ) (1871 73) gezeigt. Spater wurde
der elliptische Raum im Gegensatze zum spharischen Raume oder
neben ihm ausdrticklich von 8. Newcomb 1 ) (1877) und W. Killing)
(187980) betrachtet.
Kehren wir nun zu der vorher gestellten Frage zuriick, so kann
man antworten 233 ):
Eine dreidimensionale Mannigfaltigkeit von konstanter Krummung k,
die als Ganges betrachtet, wie in jedem ihrer Teile, oo 6 Bewegungen in
sich selbst zulaflt, kann betrachtet iverden als
1) ein hyperbolischer Eaum (k < 0),
2) ein parabolischer Eaum (k = 0),
3) ein elliptischer Eaum (k > 0) ,
4) ein spMrischer Eaum (k > 0) .
6r. Veronese 23 *) hat in seinen Fondamenti den spharischen Raum
neben dem elliptischen Raume durch ein besonderes Postulatensystern
eingefiihrt. Er nimmt zu diesem Zwecke an, daB der Satz: 77 zwei
Punkte bestimmen eine Gerade" fur besondere Punktepaare einer Ge-
raden eine Ausnahme erleidet, daB diese Besonderheit sich auf alle
kongruenten Paare auf der Geraden erstreckt, und daB endlich ein
Punkt einer Geraden und ein Punkt auBerhalb derselben irnrner nur
eine Verbindungsgerade besitzen.
37. Zweidimensionale Gebilde von Clifford-Klein. Lassen wir
jetzt die Bedingung fallen, daB unsere Mannigfaltigkeit V von kon-
stanter Krummung als Ganzes betrachtet sich auf oo 6 Weisen be-
wegen kann.
Es werden sich dann andere raumliche Gebilde finden, die in der
Umgebung jedes Punktes wie ein Stuck des metrisch - projektiven
Raumes betrachtet werden konnen, aber von einem solchen Raume
sich infolge ihrer Zusammenhangseigenschaften wesentlich unter-
230) Math. Ann. 4, p. 604 FuBnote; 6, p. 125.
231) J. f. Math. 83, p. 293.
232) J. f. Math. 86, p. 72; 89, p. 265.
233) TF. Killing, Gmndlagen 1, p. 313.
234) Fondamenti, p. 435.
235) Math. Ann. 39 (1891), p. 257.
37. Zweidimensionale Gebilde von Clifford-Klein. llf>
scheiden; es sind die Gebilde, die nach einem Vorschlage von
( h ff ord-Kleiusche Gebilde genannt werden.
Betrachten wir eine F 2 von der konstanten Kriimmung Null.
Jedes einfach zusammenhangende Stuck derselben wird sich iso-
metrisch ein-eindeutig auf ein entsprechendes Stiick der Euklidischen
Ebene abbilden lassen. Soil aber die Gesamt-F 2 in dieser Weise auf
die Euklidische Ebene abgebildet werden, so wird man sie vorher
moglicherweise zweckmaBig zerschneiden rniissen. Als Bild erscheint
dann ein Teil der Enklidiscben Ebene, dessen Bander paanveise Con
gruent und entsprechend dieser Kongruens susatnmengclieftet sind (die
jeweils zusamniengehorigen Rander liefeni auf der F 2 die beiden Ufer
eines der bei der Zerschneidung benutzten Schnitte).
Ein erstes Beispiel wird durch einen geschlossenen Zylinder (den
man sich der Einfachheit halber als Rotationszylinder denken magi
dargeboten. Zerschneidet man den Zylinder langs einer Erzeugenden,
so kann man ihn ein-eindeutig auf den zwischen zwei Parallellinieu
enthaltenen Teil der Euklidischen Ebene abbilden. Urngekehrt kann
man einen solchen Streifen der Euklidischen Ebeue, indem man
gegeniiberstehende Randpunkte als zusammengehorig ansieht, als ein
vollstandiges Bild des Kreiszylinders ansehen 286 ).
Ein zweites Beispiel erhalt man, wenn man sich in der Euklidi
schen Ebene ein Parallelogramm abgegrenzt und die korrespondierenden
Punkte gegeniiberstehender Seiten als zusammengehorig denkt. Auf
dieses Beispiel wurde W. K. Clifford seinerzeit bei den Untersuchungen
iiber den elliptischen Raum gefiihrt 237 ). Er fand namlich, daB man in
diesem geradlinige Flachen zweiten Grades konstruieren kann, welche
(im Sinne der elliptischen MaBbestinimung) von der Kriimmung Null
und trotzdem von endlichern Gesamtinhalte sind; diese Flachen zweiten
Grades lieBen sich in der geschilderten Weise auf ein Parallelogramm
der Euklidischen Ebene ein-eindeutig isonietrisch abbilden. (Es sind
dies diejenigen F 2 , welche die imaginare absolute F 2 in einem Vier-
seit gerader Linien schneiden.) Von hier aus entwickelte dann Klein
die allgemeine hier exponierte Theorie.
Sowohl der Zylinder wie die Cliffardsche Flache konnen sich,
als Ganzes betrachtet, nur in oo 2 Weisen auf sich selbst bewegen.
236) Vgl. F. Klein, Math. Ann. 37 (1890), p. 544, und Nicht-Euklidiscbe
Geometrie 2.
237) Math. pap. Nr. 20 (Lond. Math. Soc. Proc. 4 (1873), p. 381, Nr. 26 ebenda
(1876), p. 67, sowie Nr. 41 (1874), 42 (1876), 44 (1876). Vgl. F. Klein, FuBn. 236,
und L. Biancht, Torino Atti 30 (1895), p. 743; Ann. di mat. (2) 24 (1896), p. 93.
8*
116 HI AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
Nun kann man auf Grand der voraufgeschickten Voraussetzungen
beweisen :
Eine Euklidisclie sweidimensionale, unbegrenzte, zweiseitige Mannig-
faltigJceit F 2 ohne singulars Punkte und Doppellinien lafit sich vollstdndig
auf die Euklidiselie Ebene oder auf einen Kreiszylinder oder auf die
Cliff or dsche Fldclie abtvickeln 238 ).
Es gibt einen anderen hierher gehb rigen Typus einer Mannigfaltig-
keit F 2 unter den einseitigen Flachen; diese F 2 1st in ein-zweideutiger
Weise auf eine Cliffordsche Flache abzubilden 239 ).
Hinsichtlich der Typen einer Mannigfaltigkeit F 2 von konstanter
positiver oder negativer Krumrnung gelangt man entsprechend zu
folgenden Ergebnissen 24 ) :
Eine zweidimensionale Mannigfaltigkeit von konstanter positiver
Krilmmung Iciftt sich immer in umltelirbar eindeutiger Weise entiveder
auf die elliptische Ebene oder auf die Kugel abwickeln.
Dagegen: Es gibt unendlicli viele unbegrenzte zweidimensionale
Mannigfaltiglmten von konstanter negativer Krilmmung und ohne sin
gular e Punkte und Doppellinien, die niclit als Ganzes in oo 3 Weisen in
sich selbst bewegt werden honnen. Hire Sestimmung fiihrt auf Zer-
legungen der hyperbolischen Ebene in kongruente Polygone, die der Zer-
legung der Euldidisclien Ebene in Parallelstreifen und Parallelogramme
analog sind.
Der ganze Gegenstand hangt auf das Innigste mit denjenigen
geometrischen Fragen zusammen, welche man in der Funktionen-
theorie komplexer Variablen bei der Untersuchung der periodischen
und der allgemeinen linear - automorphen Funktionen studiert (II B 3,
Harlmess, und II B 4,
38. Dreidimensionale Gebilde von Clifford-Klein. Wir gehen
zu den dreidimensionalen Mannigfaltigkeiten F 3 iiber. Hier bieten
sich in analoger Weise Eaumformen von Clifford-Klein dar, d. h. un
begrenzte F 3 ohne singulare Punkte , die sich nicht als Ganzes in
oo 6 Weisen in sich selbst bewegen lassen, wie ein beliebig einfach
zusammenhangender Teil von ihnen.
Mit den verschiedenen Fallen, die es bei den Euklidischen F s
238) F. Klein, FuBn. 236; W. Killing, Math. Ann. 39 (1891), p. 257, und
Grundlagen 1, p. 325.
239) F. Klein, FuBn. 236.
240) F. Klein, FuBn. 236; vgl. W. Killing, 1, p. 325 ff.
241) Vgl. etwa Poincare, Acta math. 1, p. 1, oder die zusammenfassende
Darstellung bei R. Fricke und F. Klein, Automorphe Funktionen 1.
39. Einleittmg. 40. Eindimensionales Kontinuum hoherer Art. 117
(von der Krumrnung Null) gibt, beschaftigt sicli W. Killing (Grund-
lagen).
Die Bestimmung der hyperbolischen Raumformen (von konstanter
negativer Krummung) fuhrt zu den Zerlegungen des hyperbolischen
Ecmmes in kongrnente Polyeder (die ebenfalls in der Theorie der
automorphen Funktionen in Betracht gezogen werden).
Endlich Idftt sich eine dreidimmsionale elliptisclie Raumfonn als
Games enticeder auf den elliptisclien oder auf den splidrisclien Raum in
der Weise abicickeln, daft jedem Hirer Punkte in diesem Raume eine
gewisse ganze Anzalil p von (liomologen) Punkten entspriclit, ico zwei
liomologe Punkte durcli eine sogenannte Schiebung von der Lange
oder zur Deckung gebraclit werden Jconnen.
Dieses letzte Resultat erstreckt sich auf alle elliptischen Rauui-
fonnen von ungerader Dimensionenzahl n.
TIL Niclit-Arcliimedisclie Geoinetrie.
39. Einleitung. In den vorhergehenden Abschnitten ist, abge-
sehen von den Nummern 7, 10, 11 und dem Kapitel II, iminer die
geicohnliclie Stetigkeit vorausgesetzt worden. Nun sind, wie wir schon
wiederholt bemerkt haben, in neuerer Zeit Untersuchungen angestellt
worden, wie weit diese Voraussetzung fiir die Entwicklung der
Geometric notig ist und wie weit sie aus andern Postulaten folgt.
Diese Untersuchungen beziehen sich hauptsachlich auf denjenigen
Teil der Stetigkeit, der durch das sogenannte ArcMmedisclie Postulat
(Nr. 7) dargestellt wird, und haben zur Begriindung einer niclit-
Arcliimedisclien Geometric gefiihrt, in der ein Kontinuum von Jwherer
Art betrachtet wird.
40. Eindimensionales Kontinuum hoherer Art. Die Frage des
Archimedischen Postulats erscheint mit einer anderen verkniipft, die
in der schopferischen Periode der Infinitesimalanalysis auftritt: das
Archimedische Postulat verneinen heiBt so viel wie die Moglichkeit
einer im Yerhaltnis zur MaBeinheit aktual unendlicli kleinm (oder
nnendlicli grofieii) Strecke (Nr. 7), und daher auch einer solchen Zalil,
zugeben.
GroBen dieser Art sind bei speziellen geometrischen Problenien
schon friihzeitig in der Mathematik aufgetreten; ein besonders lehr-
reiches Beispiel liefert der Kontingenzicinkel , d. h. der Winkel, den
eine Kurve und ihre Tangente oder zwei sich beriihrende Kurven
118 HI AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
bilden. Die GroBe dieses Kontingenzwinkels hat im 16. und 17. Jahr-
hundert die Mathematiker lebhaft beschaftigt 242 ).
Euldid spriclit iinplizite die Meinung aus, daB der Winkel, den
ein Kreis mit seiner Tangente bildet, kleiner ist als jeder geradlinige
Winkel, und Proldus interpretiert dies in dem Sinne, daB dieser
Winkel Null ist.
Der Kontingenzwinkel wird als solcher spater (1220) von Jordcmus
in Betracht gezogen, von deui die Bezeichnung ,,angulus contingentiae"
herriihrt, und von Campanus (Ende des 13. Jahrhunderts), der unter
anderm bemerkt, daB der Kontingenzwinkel und der von zwei Geraden
gebildete Winkel niclit GroBen derselben Art sind. Derselbe Gedanke
kehrt bei Candalla (1502 1594) wieder. Demgegeniiber spricht
Peletarius (1557) die Meinung aus, daB der Kontingenzwinkel Null
ist, und gegen diesen wendet sich Clavius (1574 und spater) , indein
er die Ansicht verteidigt, daB es toricht ist, den Kontingenzwinkel als
Null zu betrachten und diese Meinung dein JEuMid unterzuschieben,
sondern daB dieser Winkel im Verhaltnis zum geradlinigen Winkel
als unendlich klein anzusenen ist (, ? gerade wie die Ameise im Ver
haltnis zum Menschen"), dabei jedoch als eine GroBe ; die geteilt und
vervielfaltigt werden kann. Damit trat diese Frage in den Ge-
dankenkreis ein, aus dem die Infinitesimalrechnung hervorging, und
die hervorragendsten Mathematiker der Zeit hatten sich mit ihr aus-
einanderzusetzen. An Peletarius schlossen sich u. a. an: Comman-
dinus, Vieta, Galilei, Wattis, Jakob Bernoulli; an Clavius: Hobbes,
Leibniz, Newton.
Aus dem Auf ban der gcwb hnlichen Analysis hat nun den Begriff
des aktual Unendlichkleinen (and UnendlichgroBen) die inoderne Kritik
entfernt, indem sie zeigte, daB hierzu nur die Betrachtung von
GroBen erforderlich ist, die dem Archirnedischen Postulat geniigen.
Aber das aktual Unendlichkleine (und UnendlichgroBe) tritt in der
modernen Mathematik bei gewissen anderen Gattungen von Aufgaben
auf, z. B.:
1) bei dem Vergleich der rnehr oder weniger raschen Art, in
der die Funktionen variierend einer Grenze zustreben (Ordnungen des
Unendliclien von Du Bois - Beymond , vgl. I A 3 Nr. 19 und I A 5
Nr. 17);
2) in der Mengenlehre (vgl. I A 3 Nr. 14 und I A 5 Nr. 3), wo
242) Ygl. G. Vivanti, II concetto d infinitesimo, Giorn. d. mat. (2) 7 und 8,
fiir sich herausgegeben Napoli 1901; M. Simon, ,,Euklid u , p. 9, 8790; M. Cantor,
Gesch. d. Math., an vielen Stellen.
40. Eindimensionales Kontiuuum hoherer Art. 119
das aktual Unendliche in der Konstruktion der transfmiten Zahlen
Cantors emeu ersten arithmetischen Ausdruck fand.
Bei dieser Erweiterung des gewohnlichen Zahlengebietes hat
Cantor von vornherein die Eigenschaft postuliert, daB die Zahlen eine
WOklgGOrdaefa Meuge bilden, d. h. eine solche, in deren Untergruppeu
von Elementen sich stets eiu erstes Element befmdet ^das kleiner als
alle an deren ist). Und daruni hat er die formalen Eigenscliaften der
gewohnlichen arithmetischen Operationen opfern miissen, die also
fiir seine transfiniten Zahlen nicht mehr sarntlich gelten. Daraus
folgt, daB die Cantorschen Zahlen ein nicht -Archimedisches System
nicht bilden, indem ein solches, in abstraktem Sinne genommen,
als eine ,,Gerade" betrachtet werden kann, in der die gewohnlichen
Kongruenzpostulate erflillt sind. Dagegeu ist G. Veronese^) bei
einer geonietrischen Untersuchung der fiir die Gerade geltenden
Postulate zu der Erkenntnis der Moglichkeit einer nicht -Archi-
medischen Geometric gelangt, die alien Postulaten der Anordnung
und der Kongruenz genugt, bei der aber die Stetigkeit nur in dem
engeren (Cantorschen) Sinne gilt (vgl. Nr. 7). Und von hier aus ist
er zur Konstruktion eines Systems nickt- Arclnn^edisclier Zalilen ge-
kommen, fiir das die formalen Eigenschaften des arithmetischen
Algorithmus bestehen. T. Levi-Civita-^) hat dann diese Kon-
strnktion ihres geonietrischen Gewandes entkleidet und ein System
nicht - Archimedischer Zahlen aufgestellt , die er monosemii ge-
naunt hat und die noch allgemeinere Zahlen als die Yeroneseschen
darstellen.
D. HUbert-**) ist auf einem anderen Wege zu einem speziellen
nicht-Archiniedischen Zahlensysteni gelangt. Er betrachtet eineu Korper
v>m Funk&men 5i (t\ die man erhalt, wenn man t den vier rationalen
Operationen und der Operation ]/l + o 2 unterwirft; dabei soil 03 eine
Funktion bedeuten ? die verrnoge jener fiinf Operationen bereits ent-
standen ist. In dieseni Korper werden die Summe, das Produkt usw.
wie gewohnlich definiert, also in der Weise, daB die formalen Eigen
schaften der arithmetischen Zahlenoperationen erfiillt sind. Die Un-
gleiclilmi zweier Funktionen a, b von &(f) kann man dann definieren,
indem man
a > b
nennt, wenn a b fiir ein geniigend groBes t positiv ist. Dann
243) Fondainenti, im besondern pg. 257 und 262.
244) Veneto Istit. Atti (7) 4 (1893), p. 1765.
245) Gnmdlagen, p. 22.
120 in A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometric.
konneu die genannten Funktionen als die Zalilen eines speziellen
nicht-ArcJiimedischen Systems betrachtet werden.
Die Beziehungen zwischen diesen und den Veroneseschen Zalilen
sind von A. Bindoni^*) studiert worden, und die verscliiedene Ricli-
tung der beiden Forscher, die sich hierbei ergibt, ist bemerkenswert:
Veronese richtet seinen Blick im allgemeinen auf besonders aus-
gedehnte Systeme von Elementen, die gewissen Eigenschaften ge-
niigen, Hilbert auf gewisse spezielle Systeme 247 ).
246) Rom Lincei Rend. (5) II 2 (1902), p. 205.
247) Die arithmetische Eigenart und die Tragweite der von Veronese ein-
gefiihrten transfiniten Zahlen ist kiirzlich von Schoenflies*} eingehend unter-
sucht worden, und zwar wesentlich auf Grund eines von Holder 70 ) ausgesprochenen
Resultats.
Die einfachsten Veroneseschen Zahlen sind solche, die mit der endlichen
Einheit 1 und einer transfiniten (unendlich kleinen) Einheit j\ gebildet sind; fur
jede endliche Zahl N besteht also entgegen dem Archimedischen Postulat
die Ungleichheit Nr\ < 1. Sind dann A und B gewohnliche (Archirnedische)
Zahlenkoeffizienten, so stellt
A + B n
die allgemeinste deraffcige transfinite Zahl dar. Von ihnen hat Holder gezeigt,
daB die Veronesesche Stetigkeitsforderung (vgl. Nr. 7) nur dem Koeffizienten B,
aber nicht dern A eine Bedingung auferlegt; es ist die, daB die fur B zulassigen
Zahlen selber die Dedekindsche Stetigkeit besitzen.
Dies gilt analog fiir jedes System transfiniter Zahlen, das mit einer end-
lichen Zahl geordneter unendlich groBer resp. unendlich kleiner Einheiten ge
bildet ist, insbesondere fur diejenigen, deren Individuen sich in der Form
4X + A it _ l( o< u - 1 + . -f A l to 4- A Q + a in H r arf
darstellen lassen, wo ft und v ganze positive Zahlen sind und irnmer fur jedes
endliche N
to ; ->JVco ; -~ 1 und i<Nlf~*
ist. Die Veronesesche Stetigkeit legt hier nur dem letzten Koeffizienten a v eine
Bedingung auf, und zwar die oben erwahnte, wahrend die Wertmenge jedes
anderen Koeffizienten a t und jedes Koeffizienten A { beliebig, ja auch endlich
sein kann.
Diejenigen transfiniten Zahlen, die dem Veroneseschen Begriff des Konti-
nuums entsprechen, sind mit unendlich vielen Einheiten dieser Art gebildet (vgl.
I A 5 Nr. 17); genauer entsprochen enthalten sie unendlich viele Potenzen von rj,
aber nicht von co **). Ihren Koeffizienten legt die Veronesesche Stetigkeit iiber-
*) Jahresb. d. D. M.-V. 15 (1906), p. 26.
**) Diese Einschriinkung ist fur Veroneses Zahlen wesentlich. In seinen
Tondamenti hatte Veronese bei der Behandlung eines Beispiels mit solchen
Zahlen gerechnet, in denen auch unendlich viele Potenzen von eo auftreten
(Grundzuge, p. 217). Fiir sie versagen die gewohnlichen Rechnungsgesetze. Dies
41. Allgemeine Ansatze Veronese*. 121
41. Allgemeine Ansatze Veroneses. Veronese hat sich nicht dar-
auf beschrankt, die Moglichkeit eines eindimensionalen nicht -Archi-
medischen Kontinuunis darzutun, sondern sich die allgemeiiie Kon-
straktion einer mehrdimensionalen nicht -Archimedischen Geometric
zum Ziele gesetzt. Die leitende Idee seiner Forschungen scheint fol-
gende zu sein. Der geivohnliclie Raum geniigt einer gewissen Gesamt-
heit von Eigenschaften, auf Grund deren er dnrch aufeinanderfolgende
Projektionen einer Geraden von einem aufterhalb dieser gegebenen
Punkte aus konstruiert werden kann; in gleicher Weise lassen sich
auf der Geraden (auf der die Beziehungen der Anordnung und der
Kongruenz gegeben sind), wenn man von gewissen Reihen gegebener
Punkte ausgeht, mit Hilfe des CVwforschen Postulats Grenzpunkte
lionstnderen. Veronese untersucht nun, wie weit die Annahmen dieser
Konstruktion mit der Existenz anderer Punkte aufierlialb jener nach
und nach konstruierten vertraglich sind, und gelangt so zu einein
allgemehien Ranme von unendlich vielen Diinensionen und unendlich
vielen geradlinigen Einheiten, der das ausgedehnteste Gebilde 1st,
innerhalb dessen die genannten Konstruktionen immer moglich sind.
Veronese hat zwei geometrische Systeme konstruiert:
Jiaupt keine Bedingung auf. Dabei wird zunachst davon abgesehen, dass die
Zahlen irgend welchen Rechnungsregeln geniigen, oder irgend welchen Korper
bilden sollen.
Dasselbe gilt fur die oben erwahnten analog gebauten allgeuieineren Zahlen
von Levi-Civita (nionosemii), bei denen die Exponenten yon oo und TJ irgend eine
Reihe abnehmender resp. zunehnaender Zahlen bilden.
Fur die eben betrachteten \ 7 eroneseschen Zahlen, die das Kontinuuin dar-
stellen sollen, lassen sich die vier rationalen Operationen den fur sie charakte-
ristischen elementaren Gesetzen (die Definitionen stinimen mit derjenigen fur
Potenzreihen iiberein) geinass definieren, und zwar erfordert die Ausfuhrbarkeit
der Division die Existenz auch solcher Zahlen, die unendlich viele Potenzen von
?; enthalten. Geht man von den Zahlen zu einein Korper uber, so ergebeu sich
auch noch Bedingungen fur die Koeffizienten A und .. Einen rationalen Korper,
in deni durchgehends die Veronesesche Stetigkeit herrscht, erhalt man ins-
besondere auch dann schon, wenn man samtliche Koeffizienten A i und a rational
annimmt. Dies gilt in analoger Weise auch fiir die noch allgemeineren Zahlen
Veroneses, bei denen die Exponenten der Potenzen von at resp. r\ eine wohl-
geordnete Menge zweit^r Machtigkeit bilden, und ebenso fiir die analogen Zahlen
von Levi-Civita (Beitrag von Schoenflies).
ist der Inhalt eines von Schoenflies erhobenen Einwandes [Rom Line. Rend. (5)
6 2 (1897), p. 362]. Veronese und Lem-Civita haben spater darauf hingewiesen,
da6 Veroneses Ideen diese von ihm selbst benutzten Zahlen ausschlieBen [Rom
Line. Rend. (5) 7 : (1898), p. 79, 91, 113], womit der Einwand von ScJtoenflies
hinfallig wird.
122 HI A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
1) ein System, in clem die Gerade erne offene Linie ist und
durch einen Punkt unendlich viele Parallele zu einer gegebenen Ge-
raden gehen;
2) ein System, in dem, ahnlich wie bei Biemann, die Gerade
eine geschlossene Linie ist.
Und er hat besonders die Eigenschaften des zweiten Systems
entwickelt, in dem Sinne , daB er die geometrischen Tatsachen hin-
sichtlich der verschiedenen Einheiten in einer, wie man sagen konnte,
unendlich anndhernden Weise betrachtet. So bemerkt er, daB in
diesem System die Geometrie in der unendlich Ideinen Umgehmg eines
Punktes (mit unendlich grofier Anndhenmg) Euklidisch ist.
42. Nicht-Archimedische projektive Geometrie. Veronese hat
sich dahin ausgesprochen, daB in seinem Raum, oder in denijenigen,
welcher durch die Zahlen Levi-Civitas analytisch definiert werden
kann ; die projektive Geometrie Geltung hat. 248 )
Aber auch von einer anderen Seite ist man zu einer nicht-Archi-
medischen projektiven Geometrie gefiihrt worden, namlich durch die
Untersuchungen, die zum Ziele hatten, beim geometrischen Beweise
des im engeren (Ponceletschen) Sinne verstandenen Fundamentalsatzes
der Projektivitat die Voraussetzungen einzuschranken (vgl. Nr. 22).
Vor allem hat H. Wiener*^), indem er die Affinitat und die
Ahnlichkeit zu Hilfe nahm, bewiesen, daB der in diesem Sinne ver-
standene Satz der Projektivitat sich aus den Satzen von Desargues und
248) Da Veronese^ Zahlen die rationalen Operationen gestatten, so tritft
dies unmittelbar zu, solange man im rationalen Gebiet bleibt. Sobald man
jedoch das rationale Gebiet verlaBt, reichen die Yeroneseachen Zahlen, trotz der
ihnen innewolmenden Stetigkeit, nicht mehr zur Darstellung der Punkte aus;
dies ist sogar selbst dann nicht mehr der Fall, wenn man fur die Koeffizienten
A. und a f samtliche Zahlenwerte zulafit. Der innere Grund ist der, daB bei der
Veroneseschen Stetigkeit, ina Gegensatz zu der De dekindschen, Lucken auftreten,
denen eine ZahlengroBe des stetigen Systems nicht entspricht (Nr. 7); sie ist in
dieser Hinsicht sozusagen enger als die Dedekindsche. So kann z. B. schon die
Bestimmung der Doppelpunkte inzidenter projektiver Punktreihen, also auch der
Schnittpunkte einer (7 2 mit einer Geraden, illusorisch werden. Soil also Veronese^
Behauptung, daB seine Zahlen die projektive Geometrie gestatten, so realisiert
werden, daB auch andere als rationale Aufgaben losbar sind, so muB man das
Zahlengebiet durch Einfiihrung neuer Einheiten, namlich gebrochener Potenzen
von eo und 73, so erweitern, daB die entsprechenden nicht-rationalen Operationen
ausfiihrbar werden. Dies gibt in jedem Falle noch Bedingungen fiir die Ex-
ponenten derjenigen Potenzen von & und TJ, aus denen die Zahlen des Korpers
sich auf bauen. Das Niihere bei Schoenflies, FuBnote 248. (Beitrag von Schoenflies.)
249) Leipzig Ber. 1891, p. 669; D. Math.-V. 1 (1892), p. 45; 3 (1894), p. 70.
42. Nicht-Archimedische projektive Geometric. 123
Pappus herleiten laBt, ohne daB man die gewdhnlichen Stetigkeits-
begriffe einzufiihren braucht (Nr. 7), und dies ist spater in einfacher
projektiver Weise von F. $c/wr 250 ) unter alleiniger Benutzung der
Postulate des Einanderangehorens bewiesen worden.
Zeuthen 2 " r ) hat den Gesichtspunkt aufgestellt, den genannten
Satz (ohne Einfiihrung der gewohnlichen Stetigkeitspostulate) auf die
fundamental Eigenschaft der doppelten Reihe Erzeugender des Hyper-
boloids zurtickzufiihren. Darauf hat F. Sckur**), ankniipfend an eine
Dandelimche Idee 253 ), aus dieser Eigenschaft des Hyperboloids den
Pappusscheii Satz und aus diesem, wie gesagt, den Satz der Pro-
jektivitat hergeleitet. Schur bernerkt, daB nur ein besonderes Hyper-
boloid zu existieren braucht, und hebt hervor, daB die Kongruenz-
postulate ohne weiteres auf das Rotationshyperboloid fiihren.
HHbert hat die Beweismittel fur den Pappusscheii Satz unter
Festhaltung der Kongruenzpostulate noch welter eingeschrankt, indem
er in der Ebene bleibt, d. h. von den Postulaten des Einanderan
gehorens nur diejenigen benutzt, welche sich auf die Ebene beziehen.
Als Resultat dieser Untei-suchungen haben wir also:
Der im engeren (Ponceletsclien) Sinne verstandene Satz der Pro-
jektivitat laflt sich betceisen, wenn man den projektiven Postulaten der
ebenen Geometric die Postulate der Kongruenz und das Parallelenaxiom
hinzufiigt, ohne von der Stetiykeit und dem Arcliimedisclien Postulat Ge-
brauch su maclien.
Eine von dem Archiniedischen Postulate unabhangige analytisclte
Behandlung der projektiven Geometric kniipft an:
1) an die neuen Entwicklungen liber die Theorie der Proportionen
(Nr. 11), deren Zusammenhang mit dem im engeren Sinne verstandenen
Satze der Projektivitat in deni Ponceletscheu , auf die projektive In-
varianz des Doppelverhaltnisses gegriindeten Beweise erscheint;
2) an die Einfiihrung der Koordinaten ohne Benutzung eines
MaBes, also an die v. SStendShdia Rechnung mit Wiirfen und an die
Hankelschen und ScJturschen Entwicklungen uber die Rechnung mit
Strecken in der projektiven Geometric.
Hilbert hat, indem er von einer auf den Dcsarguesschen Satz
250) Math. Ann. 51 (1894), p. 401; vgl. auch ebenda 55 (1901), p. 265, und
L. Balser, Math. Ann. 55 (1901), p. 243.
251) Paris C. R. 1897, p. 638, 859; 1898, p. 213.
252) Vgl. FuBnote 230.
253) Gergonne Ann. 15 (1825), p. 387, besonders p. 390 f. (vgl. IE C l t
Dingeldey, Nr. 5).
124 HI AB 1. F. Enriques. Prinzipien der Geometrie.
gegriindeten Streckenreclmung ausging, die Rolle des PappusscJien
Satzes dahin aufgeklart, daB dieser der Kommutativitat der Mtdtipli-
Jcation gleichwertig ist.
Aber arithmetisch laBt sich ein System nicht-Archimedischer
Zahlen definieren, fiir welche diese Eigenschaft nieht bestelit ; daher
zieht Hilbert folgenden SchluB:
Der Pappussche Satz laflt sicli niclit beweisen, wenn man nur die
projektiven Postulate des Eaumes zu Hilfe nimmt, aber die Stetigkeit
und die Kongruenz niclit benutzt.
Es gibt demnach ein abstraktes nicht - Pappussches , oder, wie
Hilbert sagt ; nicht-Pascalsches geometrisches System, in dem die
fundamentalen Eigenschaften der Anordnung und des Einanderange-
horens erfullt sind.
Was die Beziehungen zwischen den Kongruenzpostulaten und
dem Satze der Projektivitat betrifft ? so scheint die Bedeutung dessen,
was durch die Kongruenzpostulate hier hinzugefiigt vvird, folgende
zu sein:
Wenn man nach einer endlichen Anzahl von Projektionen und
Schnitten von den Punkten einer Geraden oder einer Ebene zu den
Punkten derselben Geraden oder derselben Ebene zuriickkehrt, so
entsteht in diesem Gebilde eine Projektivitat. Nun sagt der Fun da
rn entalsatz aus, daB sich die Reihe dieser Projektivitaten in eine
Gruppe rnit einer endlichen Zahl (drei) von Parametern zusammen-
schlieBt. Dieses SichzusammenschlieBen der genannten Reihe in eine
solche Gruppe scheint nun eine Folge davon zu sein, daB man mit
den Kongruenzpostulaten bereits annirnnit, daB die Reihe eine ge-
wisse geschlossene Untergruppe mit nur einem Parameter enthalt.
Andererseits geht B. Levi 254 ) davon aus ? daB die Kongruenzpostulate
in der nicht-Euklidischen Geometrie uns eine Polaritat in der Ebene
erkennen lassen, wahrend wir in der Euklidischen Geometrie auf jeden
Fall eine (orthogonale) Polaritat irn Biindel haben. Also: Der Satz der
Projektivitat in der Ebene oder im Biindel lafit sich ohne Benutzung
der Stetigkeitspostulate beweisen, wenn man den deskriptiven Postu-
laten des Raumes die Existenz einer Polaritat innerhalb des gegebenen
Gebildes zweiter Stufe hinzufiigt.
43. Euklidische nicht-Archimedische Greometrie. Die Hilbert-
schen Funktionalzahlen (Nr. 40) konnen als die Koordinaten der
7? Punkte" eines nicht-Archimedischen Raumes betrachtet werden, in
254) Torino Meinorie 1904, p. 283.
43. Euklidische nicht-Archiinedische Geoinetrie. 125
dem alle Postulate des Einanderangehorens, der Anordmuig und der
Kongruenz und das Parallelenpostulat gelten. Auf diese Weise erhalt
man eiu einfaches Beispiel einer euldidischen nicht-Archimedischen
Geometric.
Hllbert hat die grundlegenden Satze dieser Geometric naher be-
trachtet in ihren Beziehungen:
1) zum Flacheninhalt. Wie in Nr. 10 gesagt worden 1st, kann
man ein FlachenmaB unabhangig von dem Arcbimedischen Postulat
erhalten, sofern man Polygons als inhaltsgleich erklart, niclit blofi,
wenn sie Summen hongruenter Polygons, sondern auch, wenn sie be-
liebige Aggregate kongruenter Polygone sind.
2) zu den grundlegenden Satzen der Mafigeometrie in der
Ebene 255 ).
Das Postulat III 7 der Nr. 5 bezieht sich auf die direkte und
die inverse Kongruenz der Dreiecke, in denen zwei Seiten und der
eingeschlossene Winkel einander kongruent sind, wobei die Sinnes-
gleichheit oder -ungleichheit der beiden kongruenten Winkel nicht
unterschieden wird (direkte und inverse Kongruenz); die Recbt-
fertigung dieses Postulats liegt also in einer ideellen Erfahrung, fill-
die im Falle der inversen Kongruenz eine Umklappung der Figur,
also das Herausgeben aus der Ebene notig 1st. Bleibt man in der
Ebene , so kanu man die Kongruenz der beiden Dreiecke nur dann
erkennen, wenn sie gleicben Sinn haben, und dann ersetzt man
das Postulat III 7 durcb ein Postulat iiber die im engeren Sinne ver-
standene Kongruenz von Dreiecken.
Also:
Man nelime y indem man sich auf Beziehungen von Figuren in der
Ebene besckroHkt, die geivohnlichen Postulate des Einanderangehorens
und der Parallden, der Anordnung und der Kongruenz (vgl. I, II, III
der Nrn. 3, 4, 5) an und schrdnke im besondern die der Kongruenz
in dei" Weise ein, daft man nur das Postulat uber die im engeren Sinne
verstandem Kongruenz von Dreiecken gelten la fit: dann kann man das
Kongruenzpostulat im weiteren Sinne betveisen, ivenn man hinzunimmt:
a) das Archimedische Postulat,
b) das folgende Postulat der Nachbarschaft :
1st irgend eine Strecke AB vorgelegt, so gibt es stets ein
Dreieck, in dessen Innerem keine zu AS kongruente Strecke sicb
finden lafit.
255) London Math. Soc. Proc. 35 (1903), p. 50; Grundlagen. Anhang II.
126 III A B 1. F. Enriques. Prinzipien der Geornetrie.
Aber wenn man das Arcliimedisclie Postulat weglafit, so laftt sick
der Satz iiber die im weiteren Sinne verstandene Kongmenz von Drei-
ecken nicht beweisen.
In der Tat gibt es ein geometrisclies System, in dem die ge-
nannten Postulate gelten, aber nicht die Kongruenz der Basiswinkel
im gleiclisclienldigen Dreieck. In diesem System , das Hilbert nicht-
Pytliagoraiscli nennt, findet folgeudes statt:
a) man kann die geometrische Theorie der Proportionen be-
griinden ;
b) man kann beweisen, dafi die Summe der Quadrate iiber den
Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks durch Subtraktion flachen-
gleich ist dem Quadrate iiber der Hypotenuse (Satz des Pythagoras),
aber daraus folgt nicht die bekannte Relation zwischen den Katheten
und der Hypotenuse dieses Dreiecks, weil das De Zolfaehe Prinzip,
das der gewohnlichen Messung des Flacheninhalts zugrunde liegt,
nicht gilt (Nr. 10);
c) es gilt nicht der Satz, daB die Summe zweier Seiten eines
Dreiecks gro Ber ist als die dritte.
Nimmt man aber das De Zoltsche Prinzip hinzu, so kann man
den Satz von der Gleichheit der Basiswinkel im gleichschenkligen
Dreieck beweisen 256 ).
Diese Resultate klaren iiber die Beziehungen der grundlegenden
Satze der ebenen (im Sinne der Alten konstruierten) MaBgeometrie
zur Anschauung des dreidimensionalen Raumes auf, ebenso wie das
Resultat der Nr. 20 iiber den Desarguessehen Satz die Bedeutung des
dreidimensionalen Raumes fur die Begriindung der projektiven Geo
metric darlegt.
44. Nicht-Archimedische Entwicklungen iiber die Parallelen-
theorie. Die Beziehungen des Archimedischen Postulats zur Theorie
der Parallelen sind imter zwei verschiedenen Gesichtspunkten klar-
gestellt word en:
1) mit Hilfe der nicht-Archimedischen Begriindung der hyper-
bolischen Geometric (Dehn, Schur, Hilbert)^
2) init Hilfe der nicht-Archimedischen Entwicklungen hinsicht-
lich der Satze von Saccheri (oder von Legendre), d. h. durch die Kon-
struktion der Systeme von M. Dehn.
Das ging schon implizite aus der Arbeit von A. Bonnesen, Nyd Tid-
skrift for Mathematik, 11 B (1900), p. 25 hervor.
44. Xicht-Arehimedische Entwicklungen iiber die Parallelentheorie. 127
In der Begriindung der Parallelentheorie von Bolyai-Lobatscliefskij
wird inehrfach von dem Stetigkeitspostulat in der gewohnlichen Dede-
kindschen Form und auch von deni Archimedischen Postulat (das in
dem Dedekindschen enthalten ist) Gebrauch gemacht.
Die Stetigkeit wird zunachst zu Hilfe genonimen, um die
Existenz der Parallelen (durch einen Punkt zu einer gegebenen Ge-
raden) darzutun, insofern ja die Parallelen als Grensgerade, die die
schneidenden von den nicht-schneidenden Geraden trennen, defmiert
werden.
Man nehme diese Existenz als besonderes Postulat an und fuge
sie den auf die Ebene beschrankten Postulaten I, II, III der Nrn. 3,
4, 5 hinzu; dann kann man, wie es D. Hilbert sehr einfach gemacht
hat * 57 ), die Bolyai-Lobatechefskijsche Theorie entwickeln, ohne von der
Stetigkeit oder dem Archimedischen Postulat Gebrauch zu inachen. Es
sei dazu bemerkt 258 ), daB die Moglichkeit dieser Begriindung als in
der Begriindung der nicht- Archimedischen projektiven Geometric ein-
geschlossen betrachtet werden kann, da mit der Annahme der Existenz
der Parallelen in der Ebene der Grenzkegelschnitt der eigentlichen
Punkte gegeben wird ; in bezug auf welchen die Metrik im Sinne von
Cayley -Klein definiert ist (Nr. 22).
Nun hat F. Schur 2bg ) folgendes bewieseu:
Die Existenz von Geraden in der Bolyai-Lobatscliefsliijschen Ebene,
die sicli auf dem Fundamentalgebilde schneiden, kann innerlialb der
Ebene olme Benutsung der Stetigkeit oder des Arcliimedisclien Postulate
bewiesen tcerden, tvenn man den geicolmliclien Postulaten des Einander-
angeliorens, der Anordnung und der Kongruens das Postulat liinzufugtj
daft ein Kreis und erne Gerade, die van seinem Mitielpunkte um weniger
als der Radius entfemt ist y zwei Punkte gemeinsam Italten (das Grund-
postulat der Euklidischen Konstruktionen).
Das ScJiursche Resultat wird durch den Umstand benierkens-
wert,, daB es in gewissem Sinne umkehrbar ist:
Die Existenz von Geraden in der Bolyai-Lobatscliefskijselien Ebene,
die sicli auf dem Fundamentalgebilde sclmeiden, bildet, icenn die ge-
nannten Postulate des EinanderangelidrenSj der Anordnung und der
Kongruenz (I, II, III der Nrn. 3, 4, 5) erfiillt sind, eine Annahme, die
257) Math. Ann. 57 (1903), p. 137150; Grundlagen, p. 107120. Vgl.
H. Liebmann, Math. Ann. 59 (1904), p. 110128.
258) Ygl. F. Schwr, Math. Ann. 59 (1904), p. 314.
259) Math. Ann. 55 (1900), p. 314320.
128 III A B 1. JP. Enriqiies. Prinzipien der Geometrie.
das Postulat iiber die Schnittpunkte einer Geraden und eines Kreises
enthdlt.
Man betrachte in der Tat die projektive Metrik in bezug auf
den Grenzkegelschnitt der eigentlichen Punkte. Sind die Schnitt
punkte dieses Kegelschnitts mit einer eigentlichen Geraden gegeben,
so kann man die Schnittpunkte eines Kreises mit einer Geraden
bestimmen, die von dem Mittelpunkte um weniger als der Radius
entfernt ist.
Ubrigens ist von D. Hilbert m ) durch eine Untersuchung der
Konstruktionen , die man mit dem Streckeniibertrager oder noch ein-
facher mit dem Einheitsiibertrager ausfiihren kann, bewiesen worden,
daB das Postulat iiber die Schnittpunkte eines Kreises und einer
Geraden nicht aus den Postulaten I, II, III der Nrn. 3, 4, 5 folgt.
Nun zu den Beziehungeii zwischen den $acc&mschen Satzen von der
Winkelsumme eines Dreiecks und den Annahmen iiber die Parallelen!
M. Delm 261 ) hat auf Grund der Postulate des Einanderangehb rens,
der Anordnung 262 ) und der Kongmenz und ohne Benutzung des Archi-
medischen Postulats bewiesen, daft die Summe s der Winkel in jedem
Dreieck grofter als zivei Eechte, gleich zwei Eechten oder kleiner als
zivei Eechte ist, wenn dies fur ein besonderes Dreieck zutrifft.
Wird nun das Archimedische Postulat nicht benutzt, so fiihrt das
Eintreten des ersten Falles (s > 2 E) nicht notwendig dazu, daft die
Gerade eine geschlossene Linie ist und alle Geraden der Ebene schneidende
sind; und beim Eintreten des zweiten Falles (s = 2E) kann man dann
das Euklidische Postulat von der emzigen Parallelen nicht beiveisen;
nur das Eintreten des dritten Falles (s < 2E) fiihrt (wie in der ge-
wohnlichen hyperbolischen Geometrie) auf die Existenz tmendlich vieler
Geraden durch einen Punkt der Ebene, die eine gegebene Gerade nicht
schneiden.
Diese Resultate sind von Dehn durch die Konstruktion neuer
geeigneter nicht- Archimedischer geometrischer Systeme erhalten worden:
der (nicht - Legendreschen nach seiner Benennung, besser wohl)
nicht- Saccherischen Geometrie, wo s > 2E ist und durch einen Punkt
der Ebene unendlich viele Gerade gehen, die eine gegebene Gerade
nicht schneiden (oder, wie er sagt, ihr parallel sind) 263 ) ;
260) Grundlagen, p. 73.
261) Math. Ann. 53 (1900), p. 404.
262) Diese werden, wo es n6tig ist, so modifiziert, dafi die gerade Linie
gesehlossen sein kann.
263) Dieses System ware irn Zusaramenhang mit dem zweiten Veroneseschen
Gebilde (Nr. 41) zu studieren.
44. Nicht-Archimedische Entwicklungen uber die Parallelentheorie. 129
der semi-EuJclidiscJien Geometrie, wo s = 2E ist und es auch
imendlich viele Gerade gibt, die eine gegebene Gerade nicht schneiden.
Diese Resultate sind in folgendem Schema zusammengefaBt:
Die Winkcl-ll
Humme im
Dreieck ist:
Durch einen Punkt gibt es zu
keine eine
nicht Schneidende nicht Schneidende
einer Geraden:
unendlich viele
nicht Schneidende
>2B
Elliptische Geometrie Unmoglich
Nicht-Saccherische Geometrie
= 2jR
Unmoglich
Euklidische Geometrie i Semi-Euklidische Geometrie
<*R
Unmoglich
Unmoglich
Hyperbolische Geometrie
1
(Abgeschlossen im Marz 1907.)
Encyklop. d. math. Wissensch. in 1.
130 III A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie u und ,,Flache".
IIIAB2. DIE BEGRIFFE ,,LINIE" UND ,,FLACHE".
VON
H. v. MANGOLDT
IN DANZIG.
Inhaltstibersicht.
1. Notwendigkeit einer genauen Erklarung.
2. Geschichtliche Entwickelung.
3. Die analytische Linie.
4. Zweige einer analytischen Linie.
5. Einsiedler.
6. Darstellung durch Gleichungen.
7. Erweiterungen des Begriffs Linie. Linie als ,,Bild einer Funktion".
8. Linie als ,,Bahn eines Punktes u . Der Jordan sche Satz.
9. Linie als ,,Liinge ohne Breite", oder als ,,Grenze einer Flaehe".
10. Funktionsstreifen.
11. Bevorzugung der analytischen Linien.
12. Der Begriff Flache.
1. Notwendigkeit einer genauen Erklarung. In den Lehr-
biichern der Geometrie und der Analysis und in den allgemeinen
sowie den mathematischen Worterbiichern wird der Begriff Linie in
der Regel entweder gar nicht, oder hochstens als 77 Lange ohne Breite" J ) ?
oder ?; Grenze einer Flache" 2 ), oder ; ,Bahn eines Punktes" 3 ) erklart.
Ja man begegnet sogar der Ansicht, daB er ein Grundbegriff sei, der
sich nicht weiter erkl aren lasse 4 ).
1) Euklid, Elemente, 1. Buch, Erkl. 2.
2) Ebd. Erkl. 6.
3) Prodi Diadochi Coinm. ex rec. G. Friedlein, Leipzig 1873, p. 97; Pappi
Alexandrini collectionis quae supersunt ed. F. Hultsch, 2, Berlin 1877, p. 662.
4) Z. B. in Diderot und D Alembert, Encyclopedic ou Dictionnaire rai-
sonn . . . Nouv. ed. 9, Geneve 1777, p. 758, und hieraus wiederholt in G, S.
Klugel, Mathematisches Worterbuch 3, Leipzig 1808, p. 162. Bis zu einem ge-
wissen Grade wird diese Auffassung auch von F. Enriques, Lezioni di geometria
descrittiva, Bologna 1902, p. 167, verteidigt.
2. Geschichtliche Entwickelung. 131
1m Gegensatz hierzu tritt in neueren Untersuchungen iiber die
Grundlagen der Geonietrie (Pasch, Peatw, Hilbert, Schur, vgl. Ill AB 1,
Nr. 3, Enriques) das Bestreben hervor, nur den Punkt, die gerade
Strecke und die ebene Flache als Grundbegriffe anzusehen, die nicht
anders als durch den Hinweis auf geeignete Gegenstande der Anschau-
ung erklart werden konnen, bei alien anderen geometrischen Begriffen
dagegen eine den Formen der Aristotelischen Logik entsprecbende Er
klarung zu fordern. Dies ist namentlicb bei den Begriffen ,,Linie" und
;? Flache" berechtigt, weil man denselben sowohl einen engeren als
einen weiteren Umfang beilegen kauri, und weil viele Satze der
Geonietrie nur dann ausnabmslos giiltig sind, wenn man jene Be-
griffe in binreichend enger Bedeutung nimmt 5 ). Aucb wurde man,
wie F. Enriques a. a. O. 4 ) hervorhebt, wenn man die Begriffe Linie
und Flache als durch die Anschauung gegeben ansehen wollte, in
solchen Fallen auf Scbwierigkeiten geraten, wo eine Linie oder Flacbe
rein matbematiscb durch eine geometriscbe Erzeugung oder rnit Hilfe
analytiscber Fornieln erklart ist, denn man wlirde dann eine Erorte-
rung der Frage nicbt vermeiden konnen, ob und wie weit die Er-
gebnisse der Anscbauung mit den aus der matbematiscben Erklarung
fliefienden Folgerungen ubereinstimmen.
2. Geschichtliche Entwickelung. Bei der Feststellung der Be
deutung des Allgemeinbegriffs Linie (^Kurve) ist das Altertum iiber
die zu Anfang der vorangebenden Nr. erwahnten volkstiinilicben Er-
klarungen nicbt binausgegangen. Der erste Versuch einer scbarferen
Begriffsbestimmung diirfte sicb in der Geometric 6 ) von H. Descartes
vorfinden, wo zu Anfang des zweiten Bucbes die Frage eiugebend
erortert wird, icdclie Li men in die Geometric aufzunehmen seien.
Descartes gelangt dabei zu dem Ergebnis, daB es sicb einpfehle, in
der Geometric den Begriff Linie auf diejenigen Gebilde zu beschranken,
die gegenwartig als alyebraisclie Linien bezeicbnet werden. Aber diese
Ansicht bat wenig Anklang gefunden. Insbesondere bat G-. Leibniz
die von Descartes gegebene Begriffsfeststellung mebrfach als zu eng
5) Ein Hinweis darauf, daB der BegriflF Flache einer genaueren Erklarung
bediirfe, sowie auf die einer solchen entgegenstehenden Schwierigkeiten findet
sich schon bei Cli.Dupin, Developpements de geom., Paris 1813, p. 59.
6) Zuerst 1637 erschienen als dritter Abschnitt eines ohne Angabe des Ver-
fassers gedruckten Werkes rait dem Titel: Discours de la methode pour bien
conduire sa raison et chercher la verite dans les sciences plus la dioptrique, les
meteores et la geometric qui sont des essais de cette methode, a Leyde 1637 =
Oeuvres de Descartes 6, Paris 1902, p. 367. Lateinische Ausgabe: ,,Geometria
a Renato Des Cartes anno 1637 gallice edita etc." (ed. Franciscus a Schooteri),
Amsterdam 1659. Deutsch von L. Schlesinger, Berlin 1894.
9*
132 HI A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
bekampft 7 ) und betont, dass auch transzendente Linien wie die Cykloide
und ahnliche als gleichbereehtigt mit den algebraischen anzusehen
seien. Gleichwohl 1st die Geometric von Descartes dadurch, daB sie
die Anwendung der Rechnung auf die Geometric , den Gebrauch von
Koordinatensystemen und die Darstellung von Linien durch Glei-
chungen lehrte, auf die spatere Entwicklung von bestimmendem
EinfluB gewesen. Durch sie kam der Begriff 7 ,Linie" in die engste
Verbindung mit dem Begriff ,,Funktion" 8 ) und hat sodann an der in
II A 1, Pringslieim, Nrr. 1 5 ; 912 geschilderten Entwicklung dieses
letzteren teilgenommen 9 ).
3. Die analytische Linie. Im engsten Sinne ist das Wort Linie
(Kurve) gegenwartig gleichbedeutend mit analytische Linie. Dieser
letztere Begriff beruht auf dem von K. Weierstrafi entwickelten Be
griff eines monogenen analytischen Gebildes erster Stufe im Gebiet
von zwei oder drei Veranderlichen (II B 1, Osgood, Nr. 13,47) und
deckt sich mit diesem vollstandig, sobald man das Imaginare als durch-
aus gleichbereehtigt mit dem Reellen ansieht.
Wenn man dagegen das Reelle bevorzugt, so zieht man nur
solche monogene analytische Gebilde erster Stufe in Betracht, bei
denen eine dem Gebilde angehorende Stelle sich stetig so andern
kann, daB ihre Koordinaten dauernd reell bleiben, und versteht dann
unter einer reellen analytischen Linie die Gesaintheit aller Stellen eines
solchen Gebildes, deren Koordinaten samtlich reell sind.
Durch die Schaffung des Begriffs analytische Linie hat K. Weier-
straft die schon im 18. Jahrhundert aufgetretene Frage zur Ent-
scheidung gebracht, wie weit und unter welchen Voraussetzungen mit
dem Begriff Linie die Vorstellung eines einheitlichen in alien semen
Teilen von dem gleichen Gesetz beherrschten Ganzen zu verbinden sei.
Eine analytische Linie heiBt eben oder geivunden (doppelt ge-
kriimmi), je nachdem sie in einer (reellen oder imaginaren) Ebene
enthalten ist ; oder nicht.
4:. Zweige einer analytischen Linie 10 ). Gehort ein reeller oder
imaginarer, im Endlichen liegender oder unendlich ferner Punkt mit
7) Gr. Leibniz, Acta Enid. Lips. an. 1684, 1686, 1693 = Ges. Werke, hrsg.
v. G.H.Perts, 3. Folge, Mathematik, 5. Bd. Halle 1858, p. 124, 229, 295. Ygl.
auch p. 290 und 7. Bd. Halle 1863, p. 213.
8) Diese Verbindung wird beispielsweise von L. Euler, Introductio in ana-
lysin infinitorum 2, Lausannae 1748, p. 5 6, besonders betont.
9) Vgl. hierzu den Bericht von A. Brill und M. Noether, Deutsche Math.-
-Yereimg. Jahresber. 3 (1892/93), p. 114 ff.
10) Vgl. A. Brill u. M. Noether, a, a. 0. p. 379 f.
4. Zweige einer analytischen Linie. 133
den Koordiuaten x , # [, ^ ] einem analytischen Gebilde erster Stufe
im Gebiet von zwei [drei] Veranderlichen an, so bildet er den Mittel-
punkt 11 ) wenigstens ernes Elementes dieses Gebildes (II B 1, Nr. 13,47).
Aber es kann auch vorkomnien, da6 es mehrere, ja sogar unendlich
viele 12 ) Elemente des Gebildes gibt, deren Mittelpunkte sarntlich die
Koordinaten x , y Q [, ] haben. AuBerdern ist es moglich, dafi eine
Grenzstelle (II B 1, p. 40 u. 110) des Gebildes ebenfalls die Koordinaten
XQJ y Q [, ZQ\ hat, odor daB aus noch anderen Griinden nicht alle in
der Nahe der Stelle # , v/ [, ] liegenden Stellen des Gebildes durch
diejenigeu Elemente ersehopft werden, die in x OJ y Q [, ] ihren
Mittelpunkt haben 13 ). Die Gesamtheit aller Punkte einer analytischen
11) Wenn ein ,,Element" des Gebildes durch zwei [drei] Gleichungen
gegeben ist, wo g>(t), #(*)[, tp(0] Potenzreihen bedeuten, welche von Null ver-
schiedene Konvergenzradien haben und auch negative Potenzen von t in end-
licher Anzahl enthalten konnen, so wird hier als ,,Mittelpunkt des Elementes"
diejenige Stelle bezeiehnet, deren Koordinaten sich aus den erwahnten Glei
chungen fur t = ergeben.
12) Beispiel: Nimmtman a. reell und irrational, so stellen die Gleichungen:
x = cos [(a -f- 1) f] cos ,
y = sin [id -f- 1) t] sin t ,
wo t eine vollig unbeschrankte kompleie Veranderliche bedeutet, eine analy-
tische Linie dar, die unendlich oft durch den Nullpunkt geht, namlich fur t =
2 It ** 5T
4- j+ 1 . -.... Da diesen Werten von t lauter verschiedene Werte des
K K
Difterentialquotienten - entsprechen, so ist die Stelle (0, 0) Mittelpunkt von
( i(
uneDdlich vielen verschiedenen Elementen des Gebildes.
13) Beispiele: I. Man unterwerfe die komplexe Veranderliche x zumichst
der Bedingung: x\ < 1, und setze:
mit der Bestimmung, class die Wurzel fur x = in -\-\ iibergehen und dass 1 2
den reellen und I (l -f- V 1 ,r 2 ) den Hauptwert des Logarithmus bedeuten soil.
Dann ist die Funktion y an der Stelle x = analytisch und nimmt daselbst
den Wert -y- an. Fuhrt man nunmehr die Veranderliche x von aus auf
einem den Punkt -|- 1 oder den Punkt 1 einmal unischlieBenden Wege wieder
unendlich nahe zu zuriick, wobei die Wurzel jetzt deru Grenzwert 1 zu-
strebt. so nahert sich y wieder dem Grenzwert -y- , aber die Stelle x = 0,
y = - bildet jetzt eine Grenzstelle des durch das urspriinglich betrachtete
2/2
Funktionseleinent erklailen analytischen Gebildes.
134 HI A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
Linie ? deren Koordinaten beziehentlich in der Nahe gegebener fester
Werte liegen, kann dalier unter Umstanden von verwickelter Be-
schaffenheit sein. Um derartige Verhaltnisse und namentlieh auch
die Art, wie eine Linie nach dem Unendlichen verlauft, leichter iiber-
sehen zu konnen, denkt man sich eine analytische Linie haufig in
mehrere Ziveige zerlegt, d. h. zusammenhangende Teile, fiir deren
gegenseitige Abgrenzung folgendes als Regel gilt: Falls ein und der-
selbe Punkt P gleichzeitig Mittelpunkt mehrerer Elemente einer
analytischen Linie ist, so sind von den in der Nahe von P liegenden
Punkten der Linie diejenigen, welche ein und demselben jener Ele
mente angehoren, stets dem gleichen Zweige, dagegen solche Punkte,
die in verschiedenen Elementen liegen, verschiedenen Zweigen zu-
zurechnen 14 ). Im iibrigen werden die Grenzen der einzelnen Zweige
meistens unbestimmt gelassen.
5. Einsiedler. Wenn man eine reelle analytische Linie I durch
Hinzunahme der imaginaren Stellen des entsprechenden analytischen
Grebildes erweitert, so kann es vorkommen, daB ein reeller Punkt P
von I den Mittelpunkt von Elementen des erweiterten Gebildes bildet,
die keinen andern in der Nahe von P liegenden reellen Punkt ent-
halten 15 ). In einein solchen Fall nennt man den Punkt P einen Ein-
II. (Vgl. F. Klein, Anw. d. Diff.- u. Integrals auf Geom., autogr. Vorl.
Sommer 1901, Leipzig 1902, p. 239, u. A. Schoenflies, Math. Ann. 58 (1904), p. 216.)
Ein beliebiger Punkt einer Epicykloide ist immer Mittelpankt nur eines einzigen
oder hochstens zweier Elemente der Epicykloide. Wenn aber die Epicykloide so
bestimmt ist, daB die Radien des festen und des rollenden Kreises ein irrationales
Verhaltnis haben, und daB dahcr die reellen Ziige der Epicykloide einen Kreis-
ring fiberall dicht bedecken, so liegen in jeder Nahe eines beliebigen Epicykloiden-
punktes P stets noch andere Punkte, die zwar der Epicykloide, aber keinem
Element derselben angehoren, welches in P seinen Mittelpunkt hat.
14) Bei der Betrachtung einer reellen analytischen Linie wird das Wort
Zweig zuweilen in etwas anderer Bedeutung gebraucht, namlich zur Bezeich-
nung eines Teiles der Linie, der durch stetige Bewegung eines Punktes so er-
zeugt werden kann, daB kein Stuck desselben mehrfach beschrieben wird. Vgl.
z. B. Encyclopaedia Britannica, 9. ed., Edinburg 1875 ff., American reprint, Phila
delphia 1894, Art. Curve. Bei dieser Erklarung kann es vorkommen, daB ein
Zweig sich selbst schneidet, wahrend dies bei der im Text gegebenen Erklarung
nicht mb glich ist. Ferner dient bei der Betrachtung einer reellen ebenen ana
lytischen Linie das Wort Zweig manchmal auch zur Bezeichnung eines solchen
Teiles, langs dessen die eine Koordinate eine eindeutige Funktion der andereu
ist. Vgl. L. Hoffmann, Math. Worterbuch 2, Berlin 1859, p. 164.
15) Beispiel: Versteht man unter a, b beliebige reelle der Bedingung
a < /> geniigende Zahlen, so hat der der Linie / 2 (x a) 2 (x ft) = an-
gehorende Punkt x = a, y = die erwahnte Eigenschaft.
6. Darstellimg durch Gleichungen. 135
siedler 16 ) (isolierten oder der Linie Jconjugierien Pimkt 17 )). Damit, daB
ein Punkt P einer Linie / als Einsiedler bezeichnet wird, ist indessen
nicht immer gesagt, daB er vollig vereinzelt liege. Aufier den durch
ihn hindurchgehenden imaginaren Zweigen kann es namlich noch
einen oder mehrere andere reelle Zweige von I geben, die ebenfalls
durch P gehen und auf denen daher in jeder Nahe von P andere
zu I gehorende reelle Punkte vorhanden sind 18 ).
6. Darstellung durch Gleichungen. Es seien # , y Q [, ] die
Koordinaten eines inneren Punktes P eines Zweiges einer analv-
tischen Linie und t eine auf eine gewisse Umgebung des Xullpunktes
zu beschrankende Hilfsveranderliche (Parameter). Danu ist es, wie
aus dem Begriff einer analytischen Linie und der in Nr. 4 gegebenen
Erklarung eines Zweiges einer solchen folgt, immer auf mannigfaltig
verschiedene Weisen moglich, zwei [drei] Gleichungen von der Form:
(1)
wo $&(), s $ 2 (0 [t ^Psft>] fur ^ = ^ verschwindende, in der erwahnten
Umgebung konvergente Potenzreihen von t bedeuten ; so zu bestirnmen,
daB man aus diesen Gleichungen fiir jeden Wert von t die Koordi
naten x, y[ 9 z] eines dem betrachteten Zweige angehorenden Punktes
erhalt und zugleich die Koordinaten eines jeden dieser Punkte, der
in einer gewissen Nahe von P liegt, ein und nur einnial bekonimt ;
wenn man t die erwahnte Umgebung des Nullpunktes ganz durch-
laufen laBt (Parameterdarstellung eines Elementes einer aimlytlsclicn
Linie. Handelt es sich um ein Element eines reellen Zweiges 7 so
konuen der Parameter t und die Koeffizienten der Reihen s ^ 1 (#),
%(0[^s(0] ^ er Bedingung unterworfen werden, reell zu sein).
Von je zwei verschiedenen dieser Darstellungen kann die eine in
die andere dadurch ubergefuhrt werden, dass man fur den bei der
16) Ein solcher Einsiedler tritt schon bei G. Cramer, Introduction a Tana-
lyse des lignes courbes algebriques, Cleneve 1750, p. 449, in eineni Beispiel auf.
17) J. Pliicker, Anal.-geom. Entwickelungen 2, Essen 1831, p. 267 u. 292;
oder System der anal. Geom., Berlin 1835, p. 196 und an mehreren anderen
Stellen. Vgl. auch G. Salmon, Anal. Geom. d. hoh. eb. Kurven, deutsch von
W. Fiedler, Leipzig 1873, p. 28; 2. Aufl. 1882, p. 33.
18) /. Plucker, Theorie der algebr. Kurven, Bonn 1839, p. 172.
19) Falls # , y [, ] nicht s amtlich endliche Werte haben, sind hier wie
ublich unter x (3O, y cx> [, z <x>] beziehentlich die Ausdriicke , L 1
. x y L z J
zu verstehen.
136 III A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie u und ,,Flache".
einen Darstellung benutzten Parameter t eine passend gewahlte Funk-
tion f(r) des bei der anderen benutzten Parameters T einsetzt, die fiir
T = analytisch ist und den Bedingungen: /*(()) = 0; /"(O) =(=
geniigt (II B 1, Nr.ll).
Setzt man jedoch, naehdem man ein Element einer analytischen
Linie in der eben beschriebenen Weise durch zwei [drei] Gleichungen
von der Form (1) dargestellt hat, fiir t eine Funktion q>(x) em, die
for T = analytisch ist und daselbst verschwindet, aber der Be-
dingung g? (0) -f* Q nicht mehr geniigt , so erhalt man eine Dar
stellung des betrachteten Elementes, die jeden Punkt desselben ; der
in einer gewissen Nahe des Mittelpunktes liegt, aber von diesein ver-
schieden ist, mehrmals liefert. Darstellungen dieser Art werden von
L. Eaffy^} als uneigentliche Darstellungen bezeichnet. Umgekehrt
liefern je zwei [drei] Gleichungen von der Form (1), vorausgesetzt,
daB die rechten Seiten nicht alle identisch gleicli Null sind, eine
eigentliche oder uneigentliche Darstellung eines Elementes einer ana
lytischen Linie.
Tiber die Parameterdarstellung einer analytischen Linie im yansen
vgl. H B 1, Nr. 28.
Wenn eine ebene analytische Linie als analytisches Gebilde erster
Stufe im Gebiet von zwei Veranderlichen x, y erklart ist, und irgend
ein Element dieses Gebildes ins Auge gefafit wird, so ist es immer
auf mannigfaltig verschiedene Weisen moglich, fur eine gewisse Um-
gebung des Mittelpunktes 11 ) dieses Elementes eine dort analytische
Funktion F(x, y) so zu bestimmen, daB sie fur die dem betrach
teten Element angehorenden Punkte, aber auch nur fiir diese ver-
schwindet, und daB daher die Gleichung F(x, y) = in der Nahe
des Mittelpunktes zur analytischen Darstellung des Elementes dienen
kann.
Ist umgekehrt im Gebiet von zwei Veranderlichen x, y fiir die
Urngebung einer festen Stelle (# 07 / ) eine dort analytische, im all-
geineinen von Null verschiedene, aber an der Stelle (# , y ) selbst
verschwindende Funktion F(x, y) erklart, so bildet die Gesamtheit
aller Wertepaare x 9 y, welche in einer gewissen Nahe der Stelle (# , / )
liegen und die Gleichung F (x, y) = erfiillen, entweder ein Element
einer analytischen Linie, oder sie besteht aus einer cndlichm Anzahl
solcher Elemente, die entweder verschiedenen Zweigen ein und der-
selben Linie oder auch verschiedenen Linien angehoren konnen (II B 1,
Nr. 4446; III D 1, 2, Nr. 19).
20) L. Raffy, Lemons sur les applications geometriques de 1 analyse, Paris
1897, p. 34 u. 6.
6. Darstellung durch Gleichungen. 137
Ferner 1st es in vielen Fallen, wo iin Gebiet von zwei Verander-
lichen eine analytische Lime gegeben ist, moglich, eine eindeutige
analytische Funktion F(x, y) so zu bestimmen, daB die Linie sich
mit der Gesamtheit aller die Gleichung F(x-, y) = befriedigeuden
Wertepaare x, y vollstandig deckt und daB daher die Linie im ganzen
durch diese Gleichung eine geeignete Darstellung findet.
Eine Umkehrung dieser Behauptung ist nicht ohne weiteres zu-
lassig. Denn ist eine eindeutige analytische Funktion F(x, y) ge
geben, so sind auBer dem Fall, daB die Gleichung F(x-, y) = eine
analytische Linie darstellt, noch audere moglich, z. B. daB diese
Gleichung eine iiberhaupt nicht erfullbare Forderung ausdriickt 21 ),
oder daB sie mehrere verschiedene analytische Linien darstellt 22 ),
oder daB die Gesamtheit der die Gleichung erfiillenden Wertepaare x, y
von einer analytischen Linie nur einen Teil umfaBt, ohne sie vollig
zu erschopfen 23 ).
Ahnlich kann, wenn im Gebiet von drei Veranderlichen x, y, z
ein aualytisches Gebilde erster Stufe gegeben ist, ein beliebiges Ele
ment desselben in der Nahe seines Mittelpunktes n ) stets in mannig-
faltig verschiedener Weise durch zwei Gleichungen:
f(x, y, ^) = 0; g(x, y, z) =
dargestellt werden, wo / und g zwei in der Umgebung jenes Mittel
punktes analytische Funktionen bedeuten.
Wenn umgekehrt zwei Funktionen f(x, y, z), g(x, y, z) gegeben
sind, die in der Umgebung einer Stelle (x , f/ , ^ ) analytisch und im
allgemeinen von Null verschieden sind, aber an dieser Stelle selbst
beide verschwinden, und wenn ferner von den Deterniinanten zweiten
Grades der Matrix
f, f. II
X 9 y 9, il
wenigstens eine an der Stelle (X Q , y$, ) von Null verschieden ist, so
21) Beispiel: ^^ ^ = 0, wo g(x, y) eine ganze rationale Funktion be-
deutet.
22) Beispiele: Eine reduzible algebraische Gleichung kann eine endliche
Anzahl verschiedener Linien darstellen, wiihrend die Gleichung sin [g(x, y}] = 0,
wo 9( x i y} einz ganze rationale Funktion bedeutet, unendlich viele verschiedene
Linien darstellt, namlich g(x, y) = kit (k 0, +1, 2, . . .).
23) Beispiel: Sei <p(x) eine fur das Innere des Einheitskreises erklarte
analytische Funktion, deren Argument diesen Kreis als naturliche Grenze hat.
Dann umfaBt die Gesamtheit der die Gleichung g? (y) <p (x) = erfiillenden
Wertepaare von der Geradeu y = x nur denjenigen Teil, fiir welchen
= x<l ist.
138 III A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache u .
bildet die Gesamtheit ($ aller Wertsysteme x, y, z, welche einer ge-
wissen Umgebung der Stelle (# 0? / 07 ) angehoren und die Gleichungen :
f(x, y, z) = 0; g(x, y, z) =
gleichzeitig befriedigen, einen einzigen Zweig einer analytischen Linie.
Sind dagegen die erwahnten Determinant en an der Stelle (X Q , y Q , )
samtlich gleich Null, so kommt es darauf an, ob die Funktionen f, g
einen an der Stelle (X Q , y Q , # ) analytischen und daselbst verschwinden-
den gemeinschaftliclien Teiler haben, oder nicht. 1st ein solcher
Teiler nicht vorhanden, so besteht ($ aus einer endlichen Anzahl von
Linienzweigen, die ein und derselben oder auch verschiedenen analy
tischen Linien angehoren konnen. Haben dagegen die Funktionen
f(x, y, z), g(Xj y, z) einen gemeinschaftlichen Teiler der beschriebenen
Art, so setzt sich aus einer endlichen Anzahl von Linienzweigen
und FlacJienstucJcen zusammen. Dabei ist wenigstens ein Flachenstiick
immer vorhanden, wahrend Linienzweige, die nicht auf diesem liegen,
auch fehlen konnen 24 ).
Eine ahnliche Darstellung wie im kleinen ist haufig auch im
grossen zulassig. Ist namlich im Gebiet von drei Veranderlichen
x, y, z eine analytische Linie I gegeben, so ist es in vielen Fallen
moglich, zwei eindeutige analytische Funktionen f(x y y, z), g (x, y, z)
so zu bestimmen, da6 die Linie I genau mit der Gesamtheit aller die
Gleichungen
f( Xj y, z) = 0; g (x, y, z) =
gleichzeitig befriedigenden Wertsysteme x, y, z zusammenfallt und daher
durch diese beiden Gleichungen im ganzen dargestellt werden kann.
Aber auch hier ist wie bei ebenen Linien eine Umkehrung nicht
ohne weiteres zulassig. Besondere Erwahnung verdient namentlich
der Umstand, daB auch in dem Fall, wo f(x, y, z) und g(x y y, z)
von einander verschiedene irreduzibele ganze rationale Funktionen
bedeuten, die Schnittlinie der Flachen
24) Hilfsmittel zum Beweise dieser Behauptungen finden sich in K.Weier-
strafi, Einige auf die Theorie der analytischen Funktionen mehrerer Verander
lichen sich beziehende Satze, autogr. Berlin o. J. (1879 erschienen) = Abhand-
lungen aus der Funktionenlehre, Berlin 1886, p. 105 = Math. Werke 2, Berlin
1895, p. 135, und in C. W. M. Black, Havard Thesis 1901 = Amer. Ac. Arts Sci.
Proc. 37 (1902), p. 281. Vgl. auch II B 1, FuBn. 250 u. 254. Die allgemeinere
Frage nach der Beschaffenheit der Gesamtheit aller derjenigen Stellen innerhalb
eines gegebenen Bereiches T im Gebiet von beliebig vielen Veranderlichen, an
welchen eine endliche Anzahl gegebener in T analytischer Funktionen gleich
zeitig gleich Null werden, ist von 0. Bhimenthal, Math. Ann. 57 (1903), p. 356,
behandelt worden.
7. Erweiterungen des Begriffs Linie. 8. Linie als ,,Bahn eines Punktes 1 . 139
f(x, y, z) = und g(x, y, z) =
in mehrere verschiedene analytische Linien zerfallen kann.
Die allgerueinen Eigenschaften der analytischen Linien und Flachen
und die zu deren Darstelhmg dienenden Hilfsbegriffe wie Tangente,
Beruhrungsebene, Bogenlange, Schmiegungsebene, Kriimmung u. s. w.
kommen in III D 1, 2, v. Mangoldt, zur Besprechung.
7. Erweiterungen des Begriffs Linie. Linie als ,,Bild einer
Funktion". Naheliegende Erweiterungen des bisher erklarten Be-
griffes einer analytischen Linie bestehen darin, daB man
a) ein analytisches Gebilde erster Stufe im Gebiet von inehr als
drei Veranderlichen als eine analytische Linie in eineni Rauni von
mehr als drei Diinensionen bezeichnet;
b) eine endliche oder auch abzahlbar unendliche Menge analy-
tischer Linien oder Linienstucke aus irgend welchen Griinden zu
eineni Ganzen vereinigt, z. B. weil sie zusanimengenommen die voll-
standige Begrenzung eines Flachenstucks bilden, oder die Anfangs-
lage einer schwingenden Saite kennzeichnen, und dann dieses Ganze
eine Linie nennt 25 ).
Andere Erweiterungen beziehen sich auf den Fall, daB nur reelle
Pimkte in Betracht gezogen werden.
Unter dieser Voraussetzung wircl zunachst bei manchen Unter-
suchungen 26 ) das Wort Linie lediglich als Abkiirzung fiir 7? geome-
trisches Bild eiuer reellwertigen Funktion einer reellen Veranderlichen
in einem ebenen rechtwinkligen Koordinatensystem" gebraucht, ohne
daB dabei jedoch hinsichtlich der dem Argument oder der Funktion
etwa aufzuerlegenden Einschrankungen eine allgemein angenommene
IFbereinkunft bestande. Auch dariiber, welche Punkte an Unstetig-
keitsstellen der Funktion zur Linie zu rechnen sind ? finden sich ver-
schiedene Festsetzungen 2T ).
8. Linie als ,,Bahn eines Punktes". Der Jordansche Satz. Ferner
hat die volkstiimliche Erklarung einer Linie als Bahn eines Punktes
dazu gefiihrt, ein Linienstiick ganz allgemein als die Gesamtheit aller
Pimkte zu erklaren, deren Koordinaten x, y, z in eineni rechtwink
ligen System sich ergeben, wenn man drei reelle in ein und dem-
selben Intervall stetige Funktionen q>(f), %(t), ty(t) einer reellen Yer-
25) Derartige Linien werden schon von L. Eider, Introductio in analysin
inf. 2, Lausannae 1748, p. 6, erwahnt und als curvae discontinuae seu mixtae
et irregulares bezeichnet.
26) Z. B. von P. du Bois-Peymond, Math. Ann. 15 (1879), p. 283; O.Stolz,
Math. Ann. 18 (1881), p. 268; L. Scheeffer, Acta math. 5 (1884/85), p. 49.
27) Vgl. L. Scheeffer, Acta math. 5 (1884/85), p. 51, Amnerkimg.
140 HI A B 2. //. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
iinderliclien t willkmiicli anniinmt, jedoch so, daB niclit alle drei kon-
stant sind, sodann
setzt und die Veranderliche t das erwahnte Intervall ganz durchlaufen
lasst. A. Hunvitz 28 ) hat dieser Erklarung fur den Fall, daB die Ver
anderliche t auf ein endliches Intervall eingeschrankt 1st, aber mit
beiden Grenzen desselben zusainmenfallen darf, die folgende Fassung
gegeben: ,,Eine abgeschlossene Punktmenge wird ein stetiger Kurven-
bogen genannt, wenn sie das stetige Bild einer geradlinigen Strecke ist."
Hierbei fallen indessen, wenn man von den Funktionen cp(i), %(t)
if>(f) nichts welter als die Stetigkeit fordert, unter den Begriff ebene
Linie auch solche Punktmengen, die alle Punkte eines zweifach aus-
gedehnten Flachenstiicks, z. B. der Flache eines Quadrates en thai ten 29 ).
Diese Mogllchkelt wird jedoch ausgeschlossen, wenn man mit
C. Jordan 30 ) und E. Study 31 ) das Vorhandensein mehrfacher Punkte
ausschlieBt, also eine ganz ini Endlichen liegende Punktmenge erst
dann ein einfaches Kurvenstuck nennt, wenn sich ihre Punkte den
Punkten einer endlichen Strecke, der ihre Endpunkte zugerechnet
werden, nicht nur stetig, sondern auch eindeutig umkehrbar zuordnen
lassen, und dabei nur die eine Ausnahine gestattet, daB der End-
punkt der Kurve wieder mit dem Anfangspunkt zusainmenfallen darf
(geschlossene Kurve).
Eine so erklarte und der angegebenen Bedingung geniigende ge
schlossene ebene Linie teilt, wie C. Jordan**) gezeigt hat, die Ebene
stets in zivei getrennte Kontinua, ein inneres und ein ausseres. (Uber
eine wesentliche Erganzung dieses Satzes vgl. Nr. 9.)
Aber in anderer Hinsicht kann eine solche Linie wesentliche Ver-
schiedenheiten von den analytischen Linien aufweisen, indem namlich
28) A, Hurwitz, Verhandl. d. ersten intern. Math.-Kongr. in Zurich, Leipzig
1898, p. 102. Ygl. I A 5, Schoenflies, Nr. 11.
29) Dies wurde zuerst von G. Peano, Math. Ann. 36 (1890), p. 157, nach-
gewiesen. Geometrische Erlauterungen gaben D. Hilbert, Math. Ann. 38 (1891),
p. 459; A. Schoenflies, Jahresber, d. Deutsch. Math.-Vereinigung 8, 2 (1900), p. 121
125; E. H. Moore, Trans, of the american math. soc. 1 (1900), p, 72, und
F. Klein, Anwendung derDiff.- u. Int.-Rechnung anf Geom., autogr. Vorl. Sommer
1901, Leipzig 1902, p. 238 ff.
30) C. Jordan, Cours d analyse, 2. ed. 1, Paris 1893, p. 91.
31) E. Study, Math. Ann. 47 (1896), p. 314.
32) C. Jordan, Cours d analyse, 2. ed. 1, Paris 1893, p. 9199. Vgl. auch
A, Schoenflies, Gott. Nachr. 1896, p. 79, u. Math. Ann. 62 (1906), p. 286, sowie
W. F. Osgood, Lehrbuch der Funktionentheorie , Leipzig 1906, p. 120 141.
Uber die Umkehrung des Jordanschen Satzes vgl. Nr. 9.
8. Lmie als ,,Bahn eines Punktes".
141
eine Taugente in keinern Punkte mehr vorhanden zu sein braucht
und der Begriff Bogenlange ganzlich hinfallig werden kann. (Vgl.
II A 1, Pringsheim, Nr. 10, 11 , und II A2 7 Voss, Nr. 4.) Ferner ist,
wie W. F. Osgood) an einem Beispiel nachgewiesen hat 7 bei einer
geschlossenen ebenen Linie der in Rede stehenden Art der Fall mog-
lich, daB das ganz im Endlichen liegende von ihr umschlossene innere
Kontinuum keinen bestimrnten Flacheninhalt mehr hat.
Zu anderen Beispielen solcher nichtanalytischen
die sich in vieler Hinsicht durch fiber- .
aus sonderbare Eigenschaften aus-
zeichnen, hatte schon fruher die Lehre
von den automorphen Funktionen ge-
fuhrt 34 ). Diese Beispiele sind ebenso
wie das von Osgood angegebene nament-
lich auch deswegen bernerkenswert,
weil es sich bei ihnen um nichtanaly-
tische Linien handelt, die ohne jede
Benutzung arithmetischer Operationen
rein geomctrisch erklart werden konnen.
Besonders eingehend haben P. Fricke
und F. Klein diejenige hierher gehorende
Linie untersucht 35 ), welche zwei Kon-
tinua voneinauder scheidet^ die sich in
folgender Weise ergeben: Man nehme
(Fig. 1) in einer Ebene vier einander,
Fig. l.
A*
3?
von denen jeder zwei andere,
ausschliessende Kreise k ly
aber nur diese, berfihrt, so an, daB ein sie alle recbtwinklig scbnei-
dender Ej-eis nicbt vorhanden ist, fasse sodann die beiden Kreisbogen-
vierecke P, P ins Auge, in welche der von den Scheiben der vier
Kreise nicht bedeckte Teil der Ebene zerfallt, und recline zum einen
Kontinuum
33) W. F. Osgood, Trans, of the american math. soc. 4 (1903), p. 107.
34) Diese nichtanalytischen Linien wnrden zuerst von F. Klein bemerkt,
der H. Poincare brieflich darauf aufmerksam machte. Der betreffende Brief
wird von Poincare, Paris C. R. 92 (1881), p. 1486, erwahnt, doch sind dort nur
wenige Zeilen aus demselben abgedruckt. Vgl. ferner H. Poincare, Acta math.
3 (1883), p. 7880, und E. Fricke u. F.Klein, Vorles. iib. d. Theorie d. auto-
morphen Funktionen 1, Leipzig 1897, p. 131134. Vgl. n B 4, Fricke.
35) E. Fricke, Math. Ann. 44 (1894), p. 580587; E. Fricke u. F. Klein,
Vorles. iib. d. Theorie d. automorphen Funktionen 1, Leipzig 1897, p. 411 428,
und F. Klein, Anwendung der Diff.- u. Int.-Rechnung auf Geom., autogr. Vorl.
Sommer 1901, Leipzig 1902, p. 298 ff., wo manche Beweise anders gefafit sind.
142 HI A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Fliiche".
erstens alle Punkte von P mit Ausnahme der Eeken,
zweitens die Punkte der Bereiche, welche aus P durch symme-
trische Wiederholung an den Kreisen Jc 19 7r 2 , & 3 , & 4 entstehen,
wieder niit Ausnahme der Eeken,
drittens die Punkte aller Bereiche, welche aus dem so erweiterten
Bereiche durch abermalige symmetrische Wiederholung desselben
an seinen Seiten hervorgehen,
und so fort, und leite das andere Kontinuum in gleicher Weise aus
dem anderen Kreisbogenviereck P ab 36 ).
Will man den zunachst als stetiges und eindeutig umkehrbares
Bild einer geraden Strecke erklarten Begriff eines einfachen Kurven-
stiicks mit dem eines Stiickes einer reellen analytischen Linie in
bessere Ubereinstimmung bringen, so bedarf es weiterer Einschran-
kungen. Man kann etwa zunachst das Vorhandensein einer bestimmten
Bogenlange (III D 1, 2, v. Mangoldt, Nr. 10), dann das einer Tangente
in jedem Punkte, dann stetige Drehung der Tangente bei stetigem
Fortschreiten des Beriihrungspunktes, dann das Vorhandensein eines
Krummungskreises fordern u. s. w., oder noch andere Bedingungen
aufstellen, wie z. B. dafi Ecken, Spitzen und andere singulare Punkte
und bei beliebiger Wahl des Koordinatensystems auch hochste und
tiefste Punkte nur in endlicher Anzahl vorhanden sein sollen ; daB
das Kurvenstiick mit einer Geraden, einem Kreis, oder anderen ele-
mentaren Linien stets nur eine endliche Anzahl von Punkten gemein
haben soil 37 ), und so fort. Aber wie weit man hierbei gehen und
welche Form man den einzufiihrenden Einschrankungen geben soil,
dariiber besteht keine allgemein angenoinmene tJbereinkunft 38 ). Bei-
spielsweise nennt W. F. Osgood 39 ) ein ebenes Kurvenstiick der hier in
36) Der Beweis, dass die so rein geometrisch erklarte ,,Grenzkurve u wirk-
lich als stetiges und eindeutig umkehrbares Bild einer geraden Strecke an-
gesehen werden kann, findet sich bei R. Fricke u. F. Klein, Vorles. iib. d. Theorie
d. automorphen Funktionen 1, Leipzig 1897, p. 420, und bei F. Klein, Anwen-
dung der Diff.- u. Int.-Rechnung auf Geoin., autogr. Vorl. Sonimer 1901, Leipzig
1902, p. 316 f.
37) Vgl. 0. Stolz, Vorl. iib. allgemeine Arithrnetik 1, Leipzig 1885, p. 19
194, und II A 1, Pringsheim, Nr. 11.
38) Dementsprechend sagt E. Study, Math. Ann. 47 (1896), p. 315, ,,daft
wir einen allgemein annehmbaren Kurvenbegriff zur Zeit iiberhaupt nicht be-
sitzen", und macht aufmerksam auf die Unterschiede der Betrachtungen in der
analytischen Geometric, wo auch von imaginaren Kurven geredet wird, bei
Eandwertaufgaben und bei Integrationswegen auf Riemannschen Flachen.
39) W. F. Osgood, Trans, of the american math. soc. 1 (1900), p. 310, und
II B 1, Osgood, p. 9 Anmerkung.
9. Lime als ,,Litnge ohne Breite" oder als ,,Grenze einer Flache". 143
Rede stehenden Art regular, wenn dasselbe in jedem Punkt erne Tan-
gente hat, die sich bei stetiger Bewegung des Beriihrungspunktes
ebenfalls stetig dreht, wahrend F. Klein 40 ) fordert, dafi das Kurven-
stiick durch zwei Gleichungen: x = <p(i), y = %(f) darstellbar sein
solle, wo 9>(i), %(f) Funktionen bedeuten, die in einem Interval! von be-
grenzter Schwankung und eine endliche Anzahl von Malen differen-
zierbar sind. Abermals anders hat A. Kneser^) die zu stellenden
Bedingungen gefafit. Er versteht namlich unter einem ,,nirgends
singularen ebenen Bogen" eine ; ,im Sinne der projektiven Anschauung
stetige von Doppelpunkten und Doppeltangenten freie Punktreihe mit
uberall eindeutig bestimmter und stetig variierender Tangente, fur
welche die folgenden v. Sfawttseheoi Satze gelten:
I. Durchlauft der Punkt T den Bogen in bestimmter Richtung
und ist t seine jedesmalige Tangente, so andert der Schnittpunkt (gt)
der Tangente mit einer festen Geraden g die Richtung seiner Be
wegung langs dieser in den und nur den Lagen der Elemente t und
T y in welchen die Gerade durch T geht, ohne mit t identisch zu
werden.
II. Die Verbindungslinie FT andert , wenn F em fester Punkt
ist, den Sinn ihrer Drehung in den und nur den Lagen der Elemente
t und Tj in welchen F auf t liegt, ohne mit T zusarnrnenzufallen."
In ahnlicher Weise legt er 42 ) die Grundeigenschaften eines ,,nirgends
singularen Raumkurvenbogens" durch eine Kette von vier Satzen fest
und kniipft dann an diese Erklarungen eine Untersuchung daruber r
welche allgemeinen Satze fiber die gestaltlichen Verhaltnisse nirgends
singularer Bogen auf sie gegriindet werden konnen 43 ).
9. Linie als ,,Lange ohne Breite", oder als ,,Grenze einer Flache",
Die Begriffsfeststellungen der Mengenlehre rnachen es nioglich ; die
schon von Euklid gegebene Erklarung einer Linie als ? ,Lange ohne
Breite" von den ihr anhaftenden Unbestimmtheiten zu befreien. Bei
Beschrankung auf die Ebene kann dies dadurch geschehen, dafi man
eine Linie als eine perfekte zusammmliangende Pmiktmenge ohne innere u )
Punlite erklart 45 ). Vgl. I A 5, Sclwenflies, Nr. 16.
40) F. Klein, Anwendung d. Diff.- u. Integralr. auf Geoni., autogr. VorL
Sommer 1901, Leipzig 1902, p. 255.
41) A. Kneser, Math. Ann. 34 (1889), p. 205.
42) a. a. 0. p. 209.
43) Eine Fortsetzung dieser Untersuchungen findet sich Math. Ann. 41
(1893), p. 349.
44) Das helfit: Wenn P ein Punkt der Menge ist, so sollen niemals alle
Pnnkte der Ebene, welche in einer gewiseen Xahe von P liegen, ebenfalls zur
144 HI A B 2. II. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie u und ,,Flache 1 .
Aber gegen diese Erklarung 1st cler Einwand zu erheben, daB
sie insofern zu weit 1st, als sie auch solche Gebilde umfaBt, die nicht
als stetige und eindeutig umkeiirbare Bilder einer geraden Strecke
oder eines Kreises angesehen werden konnen. Zwei einfache Beispiele
solcher Punktmengen erhalt man, wie aus einem welter unten zu er-
wahnenden Satze hervorgeht, in folgender Weise:
A. Indem man die Gesamtheit aller Punkte, welche dem Umfang
eines Kreises angehoren, um die Gesamtheit aller auf einem bestimmten
Radius $t dieses Kreises liegenden Punkte vermehrt.
B. Indem man der ,,Kurve" y = sin zunachst das zwischen den
tC
Punkten mit den Ordinaten 1 und -f- 1 entbaltene Stiick der
Ordinatenachse nebst seinen Endpunkten zurechnet, sodann auf der
Kurve einen Puukt A mit negativer und einen Punkt B mit positiver
Abszisse nach Belieben annimmt und die zu erklarende Punktmenge
aus dem zwischen A und B enthaltenen Stiick (3 der Kurve und
einem beliebigen von B nach A laufenden Streckenzuge bestehen 1 aBt,
der aus einer endlichen Anzahl gerader Strecken zusammengesetzt ist
und weder @ noch sich selbst schneidet. Vgl. I A 5 ; Nr. 16,
FuBn. 90.
Bei jedem dieser beiden Beispiele wird die Ebene zwar durch
die erklarte Punktmenge in zwei Kontinua, ein inneres 3 und ein
aufieres 51 geschieden, aber es zeigen sich dabei folgende Eigentum-
lichkeiten:
I. Bei dem Beispiel (A) sind die Punkte von $t mit Ausnahme
des auf den Kreisumfang liegenden Endpunktes zwar Grenzpunkte
des inneren Kontinuums 3, aber nicht gemeinsame Grenzpunkte von
S und 21
II. Bei dem Beispiel (B) ist es nicht moglich von einem Punkte
der Menge, welch er im Innern des auf der Ordinatenachse enthaltenen
Stiickes liegt, nach einem Punkte von S eine aus einer endlichen
Anzahl gerader Strecken bestehende gebrochene Linie zu ziehen,
welche, abgesehen von ihrein Anfangspunkte, ganz im Innern von 3
verliefe.
Der Ubelstand, daB man zunachst zu einem zu weiten Begriff
gelangt, zeigt sich ebenfalls, wenn man versucht, der volkstiimlichen
Menge gehoren. Durch den Zusatz ,,ohne innere Punkte" soil lediglich die
Moglichkeit ausgeschlossen werden, daB die Punktmenge alle Punkte eines zwei-
fach ausgedehnten Ebenenstiickes enthalt.
45) In wenig abweichender Fassung findet sich diese Erklarung bei H. Burk-
hardt, Einf. in d. Theorie d. anal. Funktionen, Leipzig 1897, p. 75, X.
9. Linie als ,,Lange ohne Breite" oder als ,,Grenze einer Flache". 145
Erklarung einer Linie als Grenze einer Flache" eine scharfere Fassung
zu geben, und etwa eine ebene Linie als ,,Grenze eines ebenen Kon-
tinuums" (II B 1, Nr. 1), oder als Teil einer solchen erklart. Denn,
wie die neuere Entwicklung der Mengenlehre (I A 5) gezeigt hat, liegt
hinsichtlich der Begrenzung eines ebenen Kontinuums eine solche Fiille
verschiedener Moglichkeiten vor, dafi dann unter den Begriff Linie
auch solche Punktmengen fallen wiirden, die den Vorstellungen, die
man in der Sprache des gewohnlichen Lebens mit dem Wort Linie
verbindet, in keiner Weise mehr entsprechen 46 ). Insbesondere kann
nach W. F. Osgood**) die Grenze eines ganz im Endlichen liegenden
ebenen Kontinuums einen von Null verschiedenen aufieren Inhalt
(III D 1, 2, Nr. 25) haben.
Selbst der Begriff der gemeinsamen Grenze eines ganz im End-
lichen liegenden inneren und eines dasselbe umschliefienden aufieren
Kontinuums wurde, wie das oben unter (B) angefuhrte Beispiel zeigt,
Gebilde umfassen, deren Zurechnung zu den ? ,geschlossenen Linien"
nicht ohne weiteres allgemeiner Anerkennung begegnen diirfte.
A. Sckoe*flie8* T ) hat die Frage untersucht, in welcher Weise die
eben erwahnten zu weiten Begriffe eingeschrankt werden miissen, um
mit dem von C. Jordan (Nr. 8) aufgestellten Begriff einer geschlossenen
Linie zur Deckung zu kommen. Er erklart zunachst 48 ) einen 7 ,ein-
46) Beispiele giebt F. Klein, Anw. d. Diff.- u. Integralr. auf Geoin., autogr.
Vorl. Sommer 1901, Leipzig 1902, p. 235. Besonders bemerkenswert ist unter
den dort angefiihrten das folgende zuerst von W. F. Osgood, Trans, of the ame-
rican math. soc. 1 (1900), p. 311, betrachtete Beispiel: Man nehme auf der Ab-
szissenachse eines rechtwinkligen Koordinatensystems eine perfekte aber nirgends
dichte Punktmenge nach Belieben an, z. B. nach G. Cantor, Math. Ann. 21 (1883),
p. 590, die Gesamtheit aller Punkte, deren Abszissen in der Forme!
a- _ L _i_ ??_ j L f _i_ . . .
" 3 ^ 3 2 ^ ^ 3 V
enthalten sind, wo die Koeffizienten c v nach Belieben die beiden Werte und 2
anzunehmen haben und die Reihe sowohl aus einer endlichen wie aus einer un-
endlichen Anzahl von Gliedern bestehen kann (andere Beispiele und Litteratur-
angaben bei A. Schoenflies, Jahresber. d. Deutschen Math.-Yer. 8, 2 (1900),
p. 101 f. u. I A 5, Nr. 13, FuBn. 58). Nun fuhre man durch jeden dieser Punkte
in die obere Halbebene senkrecht zur Abszissenaxe einen geraden Einschnitt
von beliebiger Lange, etwa der Lange Eins, und lasse das Kontinuum, dessen
Begrenzung betrachtet werden soil, aus alien inneren Punkten der so geschnittenen
oberen Halbebene bestehen.
47) A. Schoenflies, Gott. Nachr. 1902, p. 185, und 1904, p. 514, sowie Math.
Ann. 58 (1904), p. 195, 59 (1904), p. 129, und 62 (1906), p. 286.
48) Math. Ann. 58 (1904), p. 202; 59 (1904), p. 131, und Gott. Nachr. 1904,
p. 516.
Encyklop. d. math. Wisseusch. HI 1. 10
146 III A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
fachen Weg" als einen zusammenhangenden sich selbst nicht kreuzen-
den Streckenzug, welcher entweder nur aus einer endlichen Zahl von
Strecken besteht, oder aber, falls er unendlich viele Strecken enthalt,
so beschaffen ist, daB seine Ecken nur einen einzigen Haufungspunkt
haben. Er nennt ferner 49 ) einen auf der Grenze ernes Kontinuums
3ft liegenden Punkt t ,,erreichbar fur 9ft", wenn man einen, also auch
jeden Punkt von $1 mit t durch einen einfachen Weg verbinden kann,
der, abgesehen von t selbst, ganz im Innern von 3ft liegt.
Dieser Begriff der Erreichbarkeit ftihrt nun zu den gesuchten
Einschrankungen. Der Jordansche Satz kann namlich erganzt werden
durch den Zusatz 50 ), daB samtliche Punkte einer ,,Jbr^<m-Kurve" imnier
sowohl fiir das innere wie fur das auBere Kontinuum erreichbar sind
- wodureh fiir solche Kurven die bei den obigen Beispielen (A) und
(B) hervorgehobenen Eigentiimlichkeiten ausgeschlossen werden
und der so vervollstandigte Jordansche Satz erweist sich auch als urn-
kehrbar 51 ): Wenn eine ganz im Endlichen liegende perfekte zusammen-
hangende ebene Punktmenge die gemeinsame Grenze zweier getrennten
Kontinua bildet und alle ihre Punkte fiir beide Kontinua erreichbar
sind, so laBt sie sich umkehrbar eindeutig und stetig auf den Kreis
abbilden.
Fiir den Begriff der gemeinsamen Grenze ernes im Endlichen
liegenden inneren und eines davon getrennten aufieren Kontinuums
bildet soinit die beiderseitige Erreichbarkeit samtlicher Punkte die
notwendige und hinreichende Bediugung der Ubereinstimmung mit
dem Begriff der ,,Jbnfcm-Kurve".
Im AnschluB an diese Ergebnisse nennt A. SchoeMflies 52 ) eine im
Endlichen liegende perfekte zusammenhangende Punktmenge eine
(eigenfliclie) geschlossene Kurve, sobald sie die gemeinsame Grenze
zweier getrennten Kontinua bildet, und eine einfache geschlossene Kurve,
falls sie auBerdem die Eigenschaft hat, daB jeder ihrer Punkte fiir
beide Kontinua erreichbar ist. Ferner bezeichnet er jede zusammen
hangende Teilmenge einer geschlossenen, beziehungsweise einer ein
fachen geschlossenen Kurve als einen (eigentliclien) Kurvenbogen, be
ziehungsweise einen einfachen Kurvenbogen. In den so erklarten
Begriffen der emfachen geschlossenen Kurve und des einfachen Kurven-
49) Gott. Nachr. 1904, p. 517, und Math. Ann. 62 (1906), p. 296.
50) Gott. Nachr. 1904, p. 520, und Math. Ann. 62 (1906), p. 316.
51) Gott. Nachr. 1902, p. 186, Math. Ann. 58 (1904), p. 230, und 59 (1904),
p. 310. Vgl. auch F. Eiesz, Math. Ann. 59 (1904), p. 409.
52) Math. Ann. 58 (1904), p. 216; 59 (1904), p. 147; 62 (1906), p. 305; Gott.
Nachr. 1904, p. 516517.
10. Funktiousstreifen. 147
bogeus erkennt er naturgemaBe Verallgeineinerungen der Begriffe des
Polygons und der Strecke, well sie sich mit diesen im Sinne der
Analysis situs als gleichwertig erweisen.
10. Funktionsstreifen. Ein Punkt kann pltysikaliscli nicht anders
festgelegt werden, als durch Angabe eines moglichst kleinen Raum-
teiles (etwa der Kreuzungsstelle zweier feinen in eine Metallplatte ein-
gerissenen Striche), desseu Diniensionen sich jedoeh niemals vollig
zuni Verschwinden bringen lassen. Eine Lange, die als Abstand
zweier in dieser Weise festgelegten Punkte erklart ist, kann daher
iinmer nar bis auf eine Grosse von der Ordnung der Dimensionen
der zur Festlegung der Endpunkte dieneuden Raumteile bestimrnt
sein. Ahnlich laBt sich in anderen Fallen zeigen, daB der Zahlen-
wert einer extensiven GroBe auch durch die sorgfaltigste Erklarung
niemals genau, sondern immer nur naherungsweise festgestellt werden
kann. Xoch viel groBer sind die Unsicherheiten, die den Ergebnissen
wirklich ausgefiihrter Messungen anhaften 53a ). Daher fiihrt die Be-
obachtung eines in der Natur gegebenen Abhangigkeitsverhaltnisses
niemals zu der scharfen Erklamng einer mathematischen Funktion.
Um diesen Umstanden Rechnuug zu tragen, hat F. Klein**) den Be-
griff des Funldionsstreifens eingefiihrt: Nach willkiirlicher Anuahme
einer in eineni endlichen Interval! a . . . b stetigen Fanktion f(x) und
einer im Verhaltnis zur Lange dieses Intervalls kleinen positiven Kon-
stanten faBt er in einer Ebene die Gesarutheit aller Punkte ins
Auge, deren Koordinaten x, y in einem rechtwinkligen System die
U ngleichungen :
a < x < b, f(x) 8<ij< f(x) + B
erfiillen. und versteht nun unter einem Fmiktionsstreifen eineu zwei-
fach ausgedehnten ebenen Bereich, der sich naherungsweise niit einer
Gesauitheit der eben beschriebenen Art deckt, jedoeh mit dem Unter-
schiede. daB man sich die Rander des Streifens nicht als scharf be-
stimmt, sondern gewissermafien als verwaschen vorzustellen hat.
Mit diesern Begriff des Funktionsstreifens deckt sich vielfach der
Sinn, in welcheru das Wort Linie im praktischen Leben und in den-
jenigen Teilen der Matheinatik gebraucht wird, die F. Klein **) als
, 7 Approximationsmathematik" der .,Prazisionsmatheniatik" gegenuber-
stellt, und die Frage, wann eine Linie als anscliaulicli zu bezeichnen
53) F. Klein, Erlanger Ber. 1873 = Math. Ann. 22 (1883), p. 249.
53 a ) Vgl. z. B. K. Nitz, Zeitschr. Math. Phys. 53 (1906), p. 1.
54) F. Klein, Anw. d. Diff.- u. Integralr. auf Geom., autogr. Vorl. Somrner
1901, Leipzig 1902, p. 12.
10*
148 HI A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
sei, ist nach F. Klein**) im Gegensatz zu anderen namentlich von
A. Kopcke 56 ) hieriiber entwickelten Ansichten dahin zu beantworten,
da6 einen Gegenstand der Anschauung und Beobachtung iiberhaupt
nur die Funktionsstreifen bilden konnen, wahrend die mathematischen
Linien der Prazisionsmathematik, und zwar die analytischen eben-
sowohl wie die nicht analytischen, nienials anschaulicli, ja nicht ein-
mal vorstellbar sind.
Hiernach konnen Anschauung und Erfahrung uns imrner nur
iiber Eigenschaften von Funktionsstreifen belehren, aber nicht fiber
solche von Linien der Prazisionsmathernatik. Die Frage, wie weit
sich die Ergebnisse der Anschauung auf die genauen mathematischen
Linien iibertragen lassen, bedarf daher in jedern einzelnen Falle einer
besonderen Priifung. Es kann vorkoinmen, daB bei dem weiter-
gehenden AbstraktionsprozeB, der zu den letzteren Linien fuhrt,
wesentliche Eigenschaften der Funktionsstreifen 7 wie z. B. das Vor-
handensein einer naherungsweise bestimmten Tangente und Bogen-
lange, verloren gehen, und dadurch erklaren sich die Widerspriiche ;
die zuweilen zwischen den Ergebnissen der Anschauung und denen
der Prazisionsmathematik obzuwalten scheinen.
11. Bevorzugung der analytischen Linien. Wenn fur ein end-
liches Intervall ein beliebig schmaler Funktionsstreifen gegeben ist,
so ist es nach K. Weierstrafl 57 ) immer rnoglich, eine reellwertige
analytische ; ja sogar eine ganze rationale Funktion g(x) von solcher
Beschaffenheit zu finden, dass die Linie y = g (x) in dern betrachteten
Intervall ganz im Innern des gegebenen Streifens verlauft. Auch die
weitere Forderung, daB die Steigung und Kruminung der Linie
y = g (x) und die Steigung und Krmnmung des gegebenen Streifens
innerhalb der Grenzen, zwischen denen die letzteren iiberhaupt be-
stimmt sind ; in dem gegebenen Intervall iiberall mit einander iiber-
einstimmen sollen, wiirde sich erfiillen lassen 58 ). Aus diesen Griinden
und in dem Bestreben, moglichst einfache Bilder der durch die Natur
gegebenen Abhangigkeiten zu gewinnen, also mit Rlicksicht auf die
55) a. a, 0. p. 19, 3941, 228. Ebenda, p. 4, 34, 41 weitere Litteratur-
angaben.
56) A. Kopcke, Math. Ann. 29 (1887), p. 136140. Weitere Begriindung
und Nachtrage Math. Ann. 34 (1889), p. 161; 35 (1890), p. 104, und Hamburg
math. Ges. Mitteilungen 3 (18911900), p. 376.
57) K. Weierstraft, Berl. Sitzungsber. 1885, p. 633 u. 789 = Math. Werke 3,
Berlin 1903, p. 1.
58) Angaben iiber ein hierzu anwendbares Verfahren niacht F. Klein, Anw.
d. Diff.- u. Integrals auf Geom., autogr. Yorl. Sommer 1901, Leipzig 1902,
p. 103107.
12. Der Begriff Flache. 149
,,0konomie des Denkens", hat man sich bisher bei den Anwendungen
der Mathematik auf die alleinige Benutzung analytischer Linien be-
schrankt. Jedoch erscheint die Frage, ob eine Heranziehung nicht-
analytischer Linien in den Anwendungsgebieten der Mathematik irgend
welcben Vorteil zu bringen vermag, noch nicbt vollig geklart 59 ).
12. Der Begriff Flache. Mit ahnlichen Unbestimmtheiten wie
der Begriff Linie ist der Begriff Flaclie behaftet. Im engsten Sinne
bezeichnet er eine analytische Flache, wahrend er bei weiterer Uru-
grenzung noch andere Gebilde urnfaBt, deren Erklarungen sich aus
den verschiedenen Erklarungen des Begriffs Linie durch geeignete
Ausdehnung ergeben. Jedoch haben nichtanalytische Flachen bisher
in der Mathematik kaum eine Rolle gespielt.
Unter einer analytiscJien Flache versteht man, solange man das
Imaginare als durchaus gleichberechtigt niit dem Reellen ansieht, ein
nionogenes analytisches Gebilde zweiter Stufe im Gebiet von drei
Veranderlichen (II B 1, Nr. 47). Bevorzugt man dagegen das Reelle,
so zieht man iiberhaupt nur solche monogene Gebilde zweiter Stufe
in Betracht, welche Stellen mit reellen Koordinaten von solcher Be-
weglichkeit enthalten, daB zwei ihrer Koordinaten unabhangig von-
einander alle Werte innerhalb zweier geeignet gewahlten Intervalle
annehnien konnen, und versteht dann unter einer reellen analytiscJien
Flaclie die Gesamtheit aller Stellen eines solchen Gebildes, deren
Koordinaten samtlich reell sind.
Ein einzelnes Element einer analytischen Flache kann gegeben
werden 60 )
59) Vgl. Gutachten d. philos. Fakultat der Georg-Augusts Univers. zu
Gottingen, betr. die J5eeA e-Preisaufgabe fur 1901, Gott. Nachr. 1901, Geschaftl.
Mitteil. p. 40 = Math. Ann. 55 (1902), p. 143. Vgl. femer die Ausfuhrungen
von W. F. Osgood, Lehrbuch der Funktionentheorie 1, Leipzig 1906, p. 8995, und
von E. Borel, Ann. ec. norm. sup. (3) 12 (1895), p. 47 50, und das von dein-
selben Paris C. R. 121 (1895), p. 933 gegebene und auch von J. Hadamard, La
serie de Taylor et son prolongement analytique, Paris 1901, p. 95, besprochene
Beispiel einer linearen partiellen Differentialgleichung mit reellwertigen analy
tischen Koeffizienten, welche eine zwar beliebig oft diiferenzierbare aber nirgends
analytische Losung hat. Einige der Schwierigkeiten, welche in der Mechanik
eintreten wurden, wenn man annehnien wollte, daB die Koordinaten eines be-
wegtea Punktes auch nichtanalytische Funktionen der Zeit sein konnen, sind
von P. Appell u. Janaud, Paris C. R. 93 (1881), p. 1005, und etwas ausfuhrlicher
von Javuiud-, Archiv Math. Phys. 67 (1882), p. 160, besprochen worden.
60) Vgl. H B 1, Nr. 47. Durch Anwendung des in Fufin. 19) erwahnten
Kunstgriffes wurden sich die im Text nachstfolgenden Satze und Erklarungen,
die unmittelbar BUT fiir im Endlichen liegende Flachenelemente gelten, auf un-
endlich feme Elemente ausdehnen laseen.
150 III A B 2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
a) (lurch eine Gleichung, welche eine Koordinate 7 etwa e y in einer
gewissen Umgebung einer festen Stelle (a? , / ) als eine dort analytische
Funktion der beiden anderen Koordinaten x, y darstellt;
b) als die Gesamtheit aller Stellen, deren Koordinaten x, y, z in
einer gewissen Umgebung einer festen Stelle (X QJ / , ) liegen und
eine Gleichung von der Form F (x, y y z) = erfiillen, wo F(x, y, z)
eine an der Stelle (# , y Q , ) analytische und dort verschwindende
Funktion bedeutet, die in dem II B 1, Nr. 45 erklarten Sinne irredu-
zibel ist. Sind bei dieser Art der Darstellung eines Flachenelementes
die partiellen Ableitungen erster Ordnung der Funktion F(x Q , y Q , # )
an der Stelle (# 07 y Q , # ) nicnt sarntlicn gleich Null, so heiBt das
Flachenelement geivolmlich oder regular, sonst singular (vgl. Ill D 1, 2,
Nr. 3).
Ferner ist es in mannigfaltig verscliiedener Weise moglich, ein
gewohnliches Element einer analytischen Flache durch drei Gleichungen
von der Form
(A) x = y(u, v], y = %(u, v), s == ^(w, v)
darzustellen, wo u, v in der Nahe der Stelle (0, 0) unbeschrankt ver-
anderliche Hilfsverandeiiiclie (Parameter) und 9, #, ^ Funktionen
bedeuten, die an der Stelle (0, 0) analytisch sind und die Eigenschaft
haben, daB die Determinanten der Matrix
(B)
<Pu In
an der Stelle (0, 0) nicht alle gleich Null sind. Hierbei ist bei Ein
schrankung der Veranderlichen u, v auf eine hinreichend enge Uni
gebung der Stelle (0, 0) die Beziehung zwischen den Punkten dieser
Umgebung und den entsprechenden Punkten der Flache gegenseitig
eindeutig (eigentliche Parameterdarstellung eines Flachenelementes* 1 )).
61) Fiir die Oberflache einer um einen beliebigen Mittelpunkt (a, 6, c) mit
einem beliebigen Radius r beschriebenen Kugel ergibt sich eine derartige Dar
stellung, namlich die Darstellung durch die Gleichungen
cc = a -|- r sin u cos v ,
/u = o n \
11 = It 4- r sin u sin v . I
\V = 27T/
z = c -f- f cosw,
ganz von selbst durch die Einfiihrung riiumlicher Polarkoordinaten, die schon
von J. L. Lagranye, Berlin Nouv. Me m. 1773, p. 127 = Oeuvres 3, Paris 1869,
p. 626, als ,,une des transformations les plus utiles et les plus ordinaires" be-
zeichnet wird. Die Oberflache eines dreiachsigen Ellipsoides mit den Halbachsen
a, I, c haben J. Ivory, Lond. Trans. 1809, p. 350, und C. F. Gaufi, Comm. Gott. 2
(1813), p. 17 = Werke 5, Gottingen 1877, p. 16, durch die Gleichungen
12. Der Begriff Flache. 151
In iihnlicher Weise laBt sieh, wie C. W. M. Black 62 ) gezeigt hat,
ein singulares Element einer analytischen Flache stets (lurch eine
tudliche Anzahl von Gleichungssystemen der Form (A) darstellen, von
denen jedoch ein jedes so beschaffen 1st, daB die Determinanten der
Matrix (Bi zwar nicht alle identisch gleich Null sind, wohl aber an
der Stelle (0, 0) samtlich verschwinden.
Setzt man umgekekrt drei Gleichungen von der Form (A) will-
ktirlich an, uud ist an der Stelle (0, 0) wenigstens eine der Deter
minanten der Matrix (B) von Null verschieden, so stellen diese Glei
chungen ein gewohiiliches Element einer analytischen Flache vollstandig
dar. Sind dagegen die erwahnten Determinanten an der Stelle (0, 0)
samtlich gleich Null, ohne jedoch identisch zu verschwinden , so sind
verschiedene Falle moglich, und zwar jedenfalls die folgenden:
1) Die Gleichungen stellen ein Element einer Flache vollstandig
dar, jedoch so, daB im allgemeinen ein und demselben Punkt des
Flacheneleinentes mehrere Wertepaare u, v entsprechen (uneigentlicft-e
Parameter dar stell uny). Vgl. Nr. 6.
2) Die Grleichungen stellen nur einen Teil ernes (singularen)
Flachenelementes dar.
In vielen Fallen lafit sich eine analytische Flache als die Ge-
samtheit aller Stellen auffassen, an denen eine eindeutige analytische
Funktion F(x, y, z) gleich Null wird ? und dann im ganzen durch
die Gleichung F(x, y, z) = darstellen. Aber eine Umkehrung dieses
Satzes ist ebenso wie die des entsprechenden Satzes fur Linien (Nr. 6)
und aus ahnlichen Griindeu nicht ohne weiteres zulassig.
Zur besseren Ubersicht iiber die gestaltlichen Verhaltnisse denkt
man sich eine analytische Flache haufig in mehrere Blatter, Sclialen
oder Mantel zerlegt, d. h. zusammenhangende Teile ? fur deren gegen-
seitige Abgrenzung folgendes als Regel gilt: Falls ein und derselbe
Punkt P gleichzeitig Mittelpunkt inehrerer Elemente einer Flache
ist, so sind von den in der Nahe von P liegenden Punkten der
Flache diejenigen. welche .ein und demselben jener Elemente an-
x = a cos u ,
y b sin u cos v ,
z = c sin u sin v
dargestellt. Allgerneiner ist die Parameterdarstellung ernes Flachenelementes
indessen erst durch Gaufi in Gebrauch gekommen. Vgl. Ill D 1, 2, Nr. 34.
62) C. W M. Black, Harvard Thesis 1901 = Amer. Ac. Arts Sci. Proc, 37
(1902), p. 281. Vgl. auch IIBl, Nr. 46, sowie E. Geek, Uber die singularen
Punkte algebraischer Flachen, Diss. Tubingen 1900, und Math.-naturw. Mit-
teilungen des math.-naturw. Vereins in Wiirttemberg (2) 6 (1904), p. 65.
152 HIAB2. H. v. Mangoldt. Die Begriffe ,,Linie" und ,,Flache".
gehoren, stets dem gleichen Blatt ; dagegen solche Punkte, die in ver-
schiedenen Elementen liegen, verschiedenen Blattern zuzurechnen. Im
iibrigen werden die Grenzen der einzelnen Blatter meistens unbestirnmt
gelassen. Vgl. Nr. 4, Ende.
Bei der Betrachtung reeller Flachen, die in mehrere getrennte
oder doch nur in einzelnen Punkten oder Linien miteinander zu-
sammenhangende Teile zerfallen, wird indessen das Wort Blatt, Schale
oder Mantel auch haufig zur Bezeichmmg eines einzelnen dieser Teile
gebraucht ; so da6 liier ein und dasselbe Blatt sich selbst schneiden kann.
In naher Verwandtschaft rait dem Begriff Flache steht der Begriff
einer unendlich diinnen , ; Haut", welche gewisse Arten von Gestalts-
veranderungen zulaBt, ohne indessen die Uberfiihrung in jede beliebige
Form zu gestatten. Hinsichtlich der Beweglichkeit einer solchen Haut
lassen sich mannigfach verschiedene Annahmen machen: Man kann
z. B. mit C. F. Gauft 63 ) voraussetzen, da6 die Haut zwar biegsam,
aber weder dehnbar noch faltbar sei, und das Augennierk auf die
dann moglicnen Formanderungen und die bei diesen erhalten bleiben-
den Eigenschaften der Haut richten (IIID6a,C, Vofi), oder aber
annehmen, dafi die Haut aufier Biegungen auch noch gewisse Arten
von Dehnungen zulasse, z. B. alle diejenigen, aber auch nur diejenigen,
welche winkeltreue Abbilder der urspriinglichen Gestalt liefern, oder
solche Dehnungen, bei denen gegebene Scharen von geodatischen Linien
der urspriinglichen Gestalt dauernd geodatische Linien bleiben. Man
kann endlich auch Faltungen zulassen. Die Herstellung von ;; Ge-
flechten" und ? ,Netzen", welche Haute der erwahnten und anderer
Arten naherungsweise darstellen, hat S. Finsterwalder 64 ) behandelt.
Vgl. Ill D 6 a, Nr. 35.
63) C. F. Gaufi, Disquisitiones gen. circa superf. curvas, Cornm. Gott. 6
(1828), Art. 13 = Werke 4, Gottingen 1880, p. 237.
64) S. Finsterwalder, Deutsche Math. -Vereinig. Jahresber. 6 2 (1899), p. 45.
(Abgeschlossen im September 1906.)
M. Delin. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard. 153
IIIAB3. ANALYSIS SITUS.
VON
M. DEHN UND P. HEEGAAKD*)
IN MUNSTER I/W. IN VEDBAEK B/KOPEXHAGEN.
Inhaltstibersicht.
Historische Einleitung.
Gmndlagen.
1. Definition von Punkt-, Linien- und Flachensystemen und der ein- und zwei-
dimensionalen Mannigfaltigkeiten.
2. Indikatrix.
3. Interne Transformation und Homoomorphisnius (Elementarverwandtschaft),
(Aquivalenz).
4. Elementarmannigfaltigkeiten (Kreis und Kugel).
5. Ausdehnung auf n Dimensionen.
6. Komplexe mit Singularitaten.
7. Externe Transformation Homotopie und Isotopie.
8. Das Anschauungssubstrat.
9. Einteilung der Analysis situs.
10. Die Methode.
A. Complexes.
1. Ubersicht.
2. Liniensysterne.
3. Hohere Komplexe und die (komplektische) Eulereche Formel. (Bettische
Zahlen, Torsionskoeffizienten.)
4. Benutzung von nektischen Methoden fur die Theorie hoherer Komplexe.
B. Nexus.
I. Nexus von Linien.
II N exits von Flachen.
1. Einleitung.
2. Normalform.
3. Losung des Hauptproblems.
*) Von den beiden Verfassern hat Heegaard die literarischen Vorarbeiten
zum Axtikel geliefert und iibrigens an der Ausarbeitung wesentlichen Anteil ge-
nommen; verantwortlich fur die endgultige Fassung des Artikels ist Dehn.
154 M. Delm. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
4. Anwendungen cler Normalform.
a) Beweis des Neumannschen Axioms.
b) MobiwsBche Grundform fur eine Flache.
c) Minimalzahl von bedeckenden Elementarflachenstucken.
d) Normalformen fiir geschlossene Flachen.
5. Riickkehrschnitte und Querschnitte und die eigentliche Eulerache Fonnel.
6. Zusammensetzung von Flachen.
7. Aquivalenz von Kurven auf Flachen.
8. Analytisch-geometrische Entwicklungen.
C. Connexus.
I. Homotopie.
II. Isotopie.
A. Kurven.
1. Eine Kurve (Verknotung).
2. Mehrere Kurven (Verkettung).
B. Flachen und mehrdiniensionale Mannigfaltigkeiten.
D. Mannigfaltigkeiten mit Singularitaten.
1. Allgemeine Probleme.
2. Bfaftoffffttche Flachen.
Einleitung. In zusammenhangender Form hat sich wohl zuerst
Listing 1 ) mit der heutzutage mit dem Namen Analysis situs bezeich-
neten Disziplin beschaftigt. Er schlagt fur sie den Namen Topologie
vor und versteht darunter 2 ) eine ,,kalkulatorische Bearbeitung der
modalen Seite der Geometric", die Lehre von den Gesetzen des Zu-
sammenhangs, der gegenseitigen Lage und der Aufeinanderfolge von
Punkten, Linien, Flachen, Korpern und ihren Teilen oder ihren Aggre-
gaten im Raunie, abgesehen von den Mafi- und GroBenverhaltnissen.
1) J. B. Listing, Vorstudien zur Topologie (Gottinger Studien 1847); als
Buch Gottingen 1848.
2) 1. c. p. 2 6. Listing zieht die Bezeichnung Topologie (1. c. p. 6) dein
von Leibniz, De Analysi situs, L. math. Schriften, her. v. Gerhardt 2.Abt., 1 (1858),
p. 178, vorgeschlagenen Namen Analysis situs oder G-eometria situs vor. Vielfach
1st eine AuBerung von Leibniz in einem Briefe an Huygens, Chr. Huygens,
Oeuvres compl. 8 (Correspond. 1676 1684), Nr. 2192 ff., so gedeutet worden, als
ob sie die erste Idee der Analysis situs enthielte. Die AuBerung lautet: . . . je,
croy qu il nous faut encore une autre Analyse proprement geometrique ou line-
aire, qui nous exprime directement situm, comme I Algebre exprime magnitu-
dinem." Jedoch denkt Leibniz hier vielmehr an einen geometrischen Algorithmus,
der fur einzelne geometrische Probleme eher eine genuine Ldsungsmethode liefert,
als die Methode der gewohnlichen analytischen Geometrie.
Einleitimg. 155
Wesentlich in derseiben Weise wircl die Analysis situs definiert
von Eiemann^}. Indem Klein*) die Idee der Gruppe und die Auf-
fassung des Raumes als Zahlenmannigfaltigkeit zu Grunde legt, ge-
langt er zu einer praguanten Zusammenfassung der Listingschen De-
finitionen, die man etwa so fonnulieren kann: die Aufgabe der Analysis
situs besteht in der Aufstellung aller derjenigen Eigenschaften raum-
licher Gebilde, die sich invariant verhalten gegenuber der Gruppe
aller stetigen Transformationen des Raumes.
Als die erste Untersuchung auf diesem so defmierten Gebiet der
Analysis situs oder Topologie kann man wohl die von L. Eider*) 1736
angestellte bezeichnen, die sich mit dem Konigsberger Briickenproblem
beschaftigt. Es handelt sich dabei um die Frage, ob es moglieh sei,
die 7 Briicken bei Konigsberg iiber den Pregel hinter einander, jede
immer nur einnial zu passieren. Schon viel friiher war von Descartes 6 )
ohne Beweis ein Satz iiber die Winkelsummen der Seitenflachen eines
Polyeders aufgestellt worden, der Equivalent ist mit der \onEider 1 ) 1752
aufgestellten Beziehung zwischen den Anzahlen der Begrenzungsgebilde
eines Polyeders (,,Eidersche Polyederformel") , welche ein fur die Ana
lysis situs fmulamentalcs Resultat entJiaU. Von spiiteren Untersuchungen
sind vielleicht die Abhandlungen von Eider und weitere daran sich
anschlieBende iiber den Rosselsprung zu nennen (I G 1, AJirens, Nr. 3).
Ein neues Element kaui in die Analysis situs durch die Gauftsche 8 )
Entdeckung von dem Zusammenhaug zwischen einem gewissen Doppel-
integral und den Umschlingungen zweier geschlossener Linien. Es war
damit der erste Anfang gemacht zu der spater vor alleni durch die
von W. Dyck (J ) benutzte Kroneckersche Charakteristikentheorie erfolg-
reichen Anwendung der hoheren Analysis in unserem Gebiet.
Das Erscheinen von Listings 77 Yorstudien zur Topologie" (1847)
bezeichnet den Zeitpunkt, nach welchem die Analysis situs als eine
selbstandige matheniatische Disziplin hervortritt. Doch erst die Hie-
motMtachen Untersuchungen und seine Verweiiung derseiben fiir die
Funktionentheorie lenkten die allgemeine Aufmerksamkeit der Mathe-
matiker auf die Analvsis situs.
3) J. f. Math. 54 (1857), p. 105 = Werke p. 84.
4) Erlanger Prograrnm 1872.
5) Petrop. Comment. 8 (1741), p. 128. Vgl. I G 1, Ahrem, Nr. 7.
6) Oeuvres inedites de Descartes par Foucher de Careil Paris (1860), 2
p. 214, vgl. Paris C. R. 50 (1860), p. 774 u. Berlin Monatsb. (1861), p. 1043.
7) Petrop. Novi Comm. 4 (175253), p. 109.
8) Gaufi, Werke 5, p. 605.
9) Math. Ann. 32 (1888), p. 457 ff., 37 (1890), p. 273 ff., Miinchen Ber. 25
(1895), p. 261, 447. Vgl. I B 3 a, Bunge, Nr. 7.
156 M. Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
Weitere Arbeitsgebiete sind den Forschungen in unserer Disziplin
gewonnen 1) durch die Arbeiten von JBetti und die in neuere Zeit
fallenden Arbeiten von Poincare (vor allem Ausdehnung auf vieldimen-
sionale Raume), 2) durch die Arbeiten insbesondere der englischen
Schule, z. B. reprasentiert durch Tait, die die Verknotung der Rauin-
kurven und die Komplexe verschiedener Grundgebilde ( 7 ,Baume" 7
;? Graphen") behandeln.
Orundlagen.*)
1. Definition von Punkt-, Linien- und Flachenkomplexen. Seien
PQ, P ", . . ., P ft eine erste endliche Reihe von Elementen, die wir
Punkte nennen und deren Gesamtheit {P , P " ; . . ., P "} wir als
PunMcomplex C bezeichnen. Wir bestimmen nun, daB je zwei dieser
Punkte, etwa P * und P * ? eine beliebige Anzahl von neuen Dingen
(P *, P *)S (^V? ^V) 2 ? erzeugen konnen, die wir als Strecken oder
Linienstucke und mit dem Buchstaben S 1 bezeichnen. Wir nennen
ferner P und P k Eckpunkte der von ihnen erzeugten Strecken. Es
sei nun S^, S^ , . . ., S^* 1 ein solches von den Punkten P , P " ? . . . ?
P a erzeugtes System von Strecken, daB zu ihrer Erzeugung alle Punkte
notig sind (anders ausgedriickt, daB jeder Punkt in diesen Strecken
mindestens einmal vorkommt), dann nennen wir die Gesamtheit
{P ,P ",...,P .; S, , S,", . . ., S^}
einen Streckenkomplex , ein Liniensystem oder einen eindimensionalen
Komplex C v w ) Wir wollen folgende charakteristische, unterscheidende
Merkmale fur Streckenkomplexe aufstellen: Ein C heifit susammen-
Mngend, wenn fiir je zwei Punkte Pj, P k eine Gruppe von Strecken
von der Art:
(p., Po O 1 , (P.s P ") 2 , -, (-PC S P.7
im Q enthalten ist. Man sagt: diese Gruppe von Strecken oder dieser
Streckensug verbindet P Z mit P *. Jeder C l besteht aus einer Anzahl
*) Fur die anschaulichen Grundlagen der abstrakten Entwicklungen der
ersten 7 Paragraphen vgl. 8.
10) Der Name Komplex ist von Listing eingefuhrt, Census rauml. Kompl.,
Gott. 1862 , p. 3 ff. Listing braucht fiir diesen Komplex den Ausdruck Linear-
komplexion (Vorstudien, p. 59), von F. Lippich ist der Name Liniensystem ein
gefuhrt (Wien Ber. 69 s (1874), p. 92). C. Jordan sagt assemblage (J. f. Math. 70
(1869), p. 185), W. Alirens schlagt Linearcontinuum vor (Math. Spiele, Leipzig 1901,
p. 103); W. K. Clifford und J.J.Sylvester, die die Liniensysteme in der Invarianten-
theorie verwerten (s. I B 2, Nr. 12, 239242), (und nach ihnen Bentlieimer,
A. B. Kempe, J. Petersen (gebrauchen den Namen Graph.
Grundlagen. 1. Definition von Punkt-, Linien- und Flachenkoinplexen. 157
von zusainmenhangenden C r Im Folgenden wollen wir, wenn nichts
anderes bestimmt wird, einen Linienkomplex stets als zusammen-
hangend voraussetzen. Als Kreis n t wird ein Komplex bezeiehnet
von der Art:
/P1P2 pi p A TH. /plp2\/p2p3\ fj>l T> l\\
i * > *o .** ? x o 7 v-*- o i * o /> v-*-o ? * /> * v \ / 1
Einen Q, der keine solchen Komplexe enthalt, bezeichnet man als
Baum 11 ). 1st ein C t entweder ein TTj oder entsteht aus einem solchen
durch Weglassung einer Strecke, so wollen wir inn als eindimensionale
Mannigfaltigkeit und mit dem Zeichen M^ bezeichnen.
Wir bestimmen ferner, daB jeder Kreis Jflj eine beliebige Anzahl
von neuen Dingen (I^) 1 , (n^)-, . . . erzeugen kann ? die wir als Fldclien-
stiicke und mit dem Buchstaben 2 bezeichnen. Es sei nun [S z f 5 2 ",
. . ., S ai1 } ein solches von den Punkten und Strecken des Komplexes
C erzeugtes System von Flachenstficken, daB zu ihrer Erzeugtmg alle
Strecken notig sind (das ist nur moglich, wenn der Q keine Briicken
oder Eckpunkte enthalt) ? dann nennen wir die Gesamtheit
{ P , P ! , . . ., P "; 8, , S^, ..., & ,.; S t \ S/, . . ., S^- }
eiuen Flachenkomplex oder einen zweidimensionalen Komplex 2 . In
einem C 2 , bei dem jede Strecke gerade zu zwei Flachenstiicken ge-
hort ; zerfallen alle Flachen, die durch einen Punkt P des Komplexes
gehen, in zyklisch geordnete Gruppen. In jeder derselben hat jede
Flache mit der in der Gruppe vorangehenden und mit der nachfolgen-
den Flache je eine an P ; ,angeheftete" Strecke gemeinsam. Bilden
die Flachen fiir jeden Punkt des Komplexes nur eine Gruppe, so
wollen wir den Komplex als gesclilossene Flache bezeichnen. Entfernt
man aus einem solchen Komplexe einige Flachen, etwa $ 2 , . . ., $/,
die keine Punkte mit einander gemeinsam haben ; so bezeichnen wir
den iibrig bleibenden C 2 als berandete Fldclie mit den Randkurven T7/,
. . ., IZ 1 r , wo S 2 * = (n^) ist. Eine geschlossene oder berandete Flache
bezeichnen wir als zweidimensionale Mannigfaltigkeit und mit dem
Zeichen Jf 2 . Einen Kreis T^ eines Komplexes M 2 , der die einzige
Randkurve einer Mannigfaltigkeit ist, deren Teilfliichen samtlich Teil-
flachen von 3> sind, nennen wir liomolog null, in Zeichen P^ O. 12 )
11) S. Naheres Coniplexus, p. 174 ff.
12) Begriff und Bezeichnung ist von H. Poincare eingefuhrt (J. ec. polyt. (2)
1 (1895), p. 18). Fur die weitere Ausfuhrung und Erweiterung des Begriffs siehe
Complexus, p. 179 ff.
158 M. Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard,
2. Indikatrix 13 ). Bezeiclinen wir den einen Eckpimkt einer Strecke
als Anfangs-, den anderen als Endpunkt, so geben wir der Strecke
einen bestimmten (Durchlaufungs-)Sinn, eine IndikcArix, was wir in der
Schreibweise (P , P ") durcli das Voranstellen des Anfangspunktes
ausdriicken konnen. Wir konnen jeder Strecke einer M l eine solche
Indikatrix geben, daB jeder Punkt derselben, an den zwei Strecken
stoBen, Anfangspunkt fiir die eine und Endpunkt fiir die andere ist.
Dies kann auf zwei Weisen geschehen. Die eine erhalten wir aus
der anderen, indem wir fiir alle Strecken die entgegengesetete Indikatrix
wahlen, d. i. Anfangs- und Endpunkt mit einander vertauschen. Ein
Flachenstiick, bei dem alle Strecken des erzeugenden Kreises in der
obigen Weise mit einer Indikatrix versehen sind, wollen wir selbst
als mit einer Indikatrix begabt bezeicnnen. Wir nennen die beiden so
moglichen Bezeichnungsweisen die beiden verschiedenen, einander ent-
gegengesetzten Indikatricen des Flachenstiickes. Konnen wir bei einer
Jf g alien Teilflachenstiicken solche Indikatricen geben, daB jede Strecke,
die nicht auf einer Randkurve Hegt, also an zwei Teilflachen stoBt,
von der einen derselben infolge der Indikatrixbestimmung eine Indi
katrix erhalt, die der von der anderen erhaltenen entgegengesetzt ist r
so soil die Flache zweiseitig heiBen, andernfalls einseitig l \ u ). Die be-
treffende Indikatrixbestimmung fiir eine zweiseitige M.~> kann wieder
auf zwei verschiedene Weisen geschehen. Wir baben den Satz: Ist
ein Teil einer M 2 einseitig, so ist sie selbst einseitig. Die einfaehste
von einer Kurve berandete einseitige Flache hat das Koniplexschema :
f p 1 p 2 p 3 p 4. Of 1,2 Of 2,3 O 3,4 O 4, 1 Of 1, 3 .Of 4,1.
I -M) 9 > -M) J *Q ? 1 > 1 ; i 9 1 9 1 1 5
^ g (l, 2), (2, 3), (3,4), (4, 1)^ g (l, 2), (2,4), (4, 8), (3, 1) J
13 u. 14) Gewohnlich wird Ein- und Zweiseitigkeit definiert mit Hilfe der
Auffassung der M t als einer im dreidim. Raume ausgebreiteten Mannigfaltigkeit :
Nimmt man ein ,,Lot" auf die Flaclie mit bestimrnter Riclituug und laBt es sich
auf einer zweiseitigen Flache beliebig bewegen, so wird es bei Riickkehr zum
Anfangspunkt auch iirnner wieder die Anfangsrichtung besitzen, was bei ein-
seitigen Flachen nicht der Fall ist. Uber die daran sich anschlieBende analy-
tische Unterscheidung von Ein- und Zweiseitigkeit vgl. z. B. Poincare (J. ec.
polyt. (2) 1 (1895), p. 25). Klein (Math. Ann. 7 (1871) p. 478) hat darauf hin-
gewiesen, daB die Ein- resp. Zweiseitigkeit nicht vom umgebenden Raume ab-
hangt, vielmehr eine innere Eigenschaft der Flache ist. Klein fiihrt zur Unter-
suchung dieser Eigenschaft statt des sich bewegenden Lotes eine sich bewegende
unendlich kleine Kurve mit Umlaufssinn (Indicatrix) ein. Die obige Definition
stellt eine Ubertragung der Kleinschen Definition ins Diskontinuierliche dar und
ist im AnschluB an A. F. MoUus gegeben, der zuerst (1858) Werke 2, p. 519,
vgl. p. 484 die Existenz einseitiger Flachen erkannt hat. Vgl. ferner Listing,
Census (1862), p. 13; L. Schlafli, J. f. Math. 76 (1873), p. 152 und G. Weiclihold,
Diss. Leipzig 1883 = Zeitschr. Math. Phys. 28 (1883), p, 321.
Gmndlagen. 3. Interne Transformation und Homoomorphismus. 159
WO
S^* fur (P <; P *) und S 9 MW... fib- (S^\ S^ . . .)
steht. Diese Flacbe heiBt Mobiussches Blatt.
3. Interne Transformation und Homoomorphismus (Elementar-
verwandtschaft) 15 ). Zwei Streckenkomplexe C/ und C" heifien elementar-
verivandt oder homoomorph, 1) wenn sie nach einer eventuellen Ab-
anderung der Bezeichuungsweise der erzeugenden Punkte sich als
identiscb herausstellen, 2) wenn dasselbe der Fall 1st nach vorher-
gehender, beliebig oft wiederholter (interner) Transformation einzelner
Strecken nacb dern Scberna: ) Einfuhrung eines neuen Punktes Q Q ,
p) Ersatz der Strecke (P <, P Q k \ durcb zwei Strecken (P ; Q Q ) und
(Co, P l ).
Zwei Flaclienkomplexe C 2 und Cg" lieifien elementarverwandt oder
homdomorph, 1) wenn sie sicb nach einer eventuellen Abanderung der
Bezeichnungsweise der Elemente als identisch herausstellen, 2) wenn
dasselbe der Fall ist a) nach vorhergehender interner Transformation
der C 2 und C 2 " erzeugenden Streckenkomplexe, b) nach vorhergehender ;
beliebig oft wiederholter (interner) Transformation einzelner Teilflachen-
stiicke nach folgendem Schema: a) Einfuhrung einer neuen Strecke
("P , P *) = T lf wo P f und P * erzeugende Punkte eines ein Flachen-
stiick ^ erzeugenden Kreises 11^ sind: /3) Ersatz von S 9 durch zwei
Flachenstiicke (T 19 M l f ) und (T 19 M^\ wo M^ und Jtf/ die beiden
von P * und P/ begrenzten Mannigfaltigkeiten sind, die zusammen II l
bilden.
Es gelten die gi*undlegendeu Satze: Sind zwei Komplexe mit eineni
dritten homoomorph, dann sind sie auch mit einander homoomorph.
Ist von zwei homoornorphen Komplexen der eine eine Mannig-
faltigkeit, dann ist es auch der andere. Zwei hornoomorphe ]\L 2 sind
entweder beide einseitig oder beide zweiseitig. Zwei hornoomorphe M 2
haben die gleiche Anzahl Randkurven. -- Jede geschlossene M 2 (resp.
jeder Kreis) kann mit sich in der Weise als homoomorph nachgewiesen
werden ; dafi bei der betreffenden Beziehuug der M. 2 (des Kreises) auf
sich selbst sich zwei ganz beliebige Punkte derselben entsprechen;
15) Der Begriffsbildung irn Text kornnit am nachsten die Mobiusscke De
finition der Elementarverwandtschaft u [Werke, 2, p. 433 (1863)]. Indem er
die Zerlegung in unendlich kleine Teile benutzt, vermeidet er die apodiktische
Einfiihrting der ,,Flaclienstiicke u . Es ist jedoch zu beachten, da6 zwei unendlich
wenig ausgedehnte, gleichdimensionale Gebilde von mehr als 2 Dimensionen im
Sinne der Anal, situs nicht aquivalent zu sein brauchen (vgl. Grundlagen Nr. 5).
Auch ist natiirlich die Definition modernen Anspriichen an Strenge nicht ganz
gewachsen (vgl. hierzu die Artikel in A B 1 und 2 von Enriques und v. Mangoldt\
160 M. Delm. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
und umgekehrt: hat ein C 2 (ein CJ diese Eigenschaft und verliert sie
auch nicht durch irgend eine interne Transformation, so ist er eine
geschlossene M 2 (ein Kreis), d. i. die geschlossene M 2 resp. die Kreise
sind die homogenen C 2 resp. C v
Aus dem Begriif der homoomorphen Beziehung einer Mannig-
faltigkeit auf sich selbst entspringt auch der Begriff der Aquivalenz.
Zwei Komplexe auf einer Mannigfaltigkeit heifien aquivalent, wenn sie
eventuell nach interner Transformation durch eine homoomorphe Be
ziehung der Mannigfaltigkeit auf sich selbst in einander ubergehen.
Wir haben die Satze: Irgend zwei ungeschlossene M^ auf einer Mannig
faltigkeit, die keinen Punkt mit der eventuellen Berandung der Mannig
faltigkeit gemeinsam haben, sind aquivalent. Irgend zwei Randkurven
auf einer M 2 sind aquivalent (s. Nexus Nr. 7). Der Begriff der Aqui
valenz ist von besonderer Bedeutung bei der Konstruktion von mehr-
dimensionalen Mannigfaltigkeiten (s. Grundlagen Nr. 5).
Grelegentlich wollen wir dem Namen ,,Mannigfaltigkeit", die wir,
im bisherigen Sinne verstanden ^Mannigfaltigkeit im engeren Sinne"
nennen wollen, eine erweiterte Bedeutung geben: Mit Mannigfaltigkeit
im weiteren Sinne bezeichnen wir: die gegebene Mannigfaltigkeit oder
irgend eine aus ihr durch interne Transformationen entstehende Mannig
faltigkeit. Also z. B.: Ein Kreis auf einer Mannigfaltigkeit Jf 2 im weiteren
Sinn bedeutet einen geschlossenen Streckenzug auf dieser selbst resp.
auf einer aus ihr durch interne Transformation entstehenden M 2 usw.
In dem Abschnitte: Complexus hat mit Ausnahme des letzten Para-
graphen das Wort Mannigfaltigkeit stets die urspriingliche Bedeutung,
in dem Abschnitte Connexus und ^Mannigfaltigkeiten mit Singular itaten"
die zweite Bedeutung. Im iibrigen ist allemal, wo es nicht ausdriick-
lich hervorgehoben ist, die Bedeutung, die man an der betreffenden
Stelle dem Worte beilegen muB, unmittelbar einleuchtend.
4. Blementarmannigfaltigkeiten, Kreis und Kugel. Die Mannig
faltigkeit {Po 1 , P 2 ; (^o 1 ? ^o 2 )} un( ^ J e( ^ e m ^ ^ r homoomorphe M 1
bezeichnen wir als eindimensionale Elementarmannigfaltiglieit, Strecken
zug oder kurz als Strecke mit dem Zeichen E. Die Mannigfaltigkeit
I pi p 2. fpl P 2\1 /pi p 2\2. //pi p 2\1 /p2 pl\N21
^ * ^ * * " (* *) (* * )
und jede mit ihr homoomorphe M 2 bezeichnen wir als zweidimensio-
nale Elementarmannigfaltigkeit, Elemmtarflachenstuck, oder kurz als
Flachenstiick und mit dem Zeichen E 2 . Die (geschlossene) J/ 2 :
f p 1 p 2. Of 1 O 2. /.Cf 1 .Of 2\1 /Ofl .Qf2\21
| -r , -r , Oj , O A , (&i> &i ) > (Pi i ^i ; /
(wo S = (Po 1 ; ^o 2 )* gesetzt ist) und jede mit ihr homoomorphe M^
"Grundlagen. 5. Ausdeknung auf >2 Dirnensionen. 161
bezeichnen wir als Kugelfldclie oder zweidimensiondle Splicire und mit
dem Zeichen 77 2 .
Wir liaben dann die Satze: Jede M ist entweder ein Kreis oder
eine E 1 . Jeder Kreis einer E 2 ist die Randkurve eines Elementar-
flachenstuckes, das ein Teil der E% ist. Ein Teil dieses Satzes ist
Equivalent mit dem Satze: Auf einer J? 2 ist jeder Kreis homolog null.
E. 2 und 77 2 sind zweiseitige M 2 . Auf einer 77 2 ist jeder Kreis
honiolog null. -Tede 77 2 wird durch eine n in zwei E* zerlegt.
5. Ausdehnung auf n Dimensionen 16 ). Die Erzeugung von
hb heren Komplexen C. A und weiter C n aus den Flachenkomplexen kann
auf verschiedene Weise vor sich gehen, je nachdem man zu dem Auf-
bau der C 3 beliebige geschlossene M 2 , oder nur zweiseitige oder end-
licit nur Kugelflacheu benutzen will. Im folgendeu soil die dritte
Methode benutzt werden, weil sie die einfachste und anschaulichste
ist, und weil die anderen doch nur scheinbar allgenieiner sind.
Wir bestimmen, da6 jede Kugelflache 77 2 eine beliebige Anzahl
von neuen Dingen (J7 2 ) 1; (-#2)2? erzeugen kann, die wir als drei-
dimensiomle Rawnst&cke und mit den Buchstaben S B bezeichnen. Es
sei nun {S 3 l , 5 3 2 , . . ., S 3 a > } ein solches von den Punkten, Strecken
und Flachenstiickes des Kornplexes C 2 erzeugtes System von $ 8 , daB
zu ihrer Erzeugung alle Flachenstiicke notig sind (das erfordert be-
sondere Eigenschaften fur den (7 2 ), dann nennen wir die Gesamtheit:
f pi p2 pa,. 01 Cf 2 Of a, . O 1 Of 2 Of a 2 . Of 1 Of 2 Of a, I
t*t > *> "f *tl 1 f 1 > V 1 1 2 > 2 7 > 2 1 3 9 8 > 9 3 J
eirien Raum~komplex oder dreidimensionalen Komplex C B .
Um aus dem C 3 durch Spezialisierung die M 3 zu bekommen, sind
wieder vei*schiedene Wege moglich. Wir wollen die Spezialisierung so
vornehmen, daB die entstehenden M 3 homogen sind (s. Nr. 3). Ein C 3 ist
erne geschlossene dreidhnemionakMannigfaltigkeit, wenn dreiBedingungen
erfiillt sind: 1) Jede S. 2 gehort zu zwei S s . Dann ordnen sich an jeder S l
alle S 3 zu ,,Gruppen" (s. Nr. 1); 2) alle S s an einer S l bilden nur eine
Gruppe. Bezeichnen wir dann die S lt S 3 , 5 3; die durch einen bestimmten
16) Uber ti-dimensionale Gebilde s. vor alleni Complexns Nr. 3 u. 4. Diese
Theorie ist besonders gefordert von B. Eiemann, Werke 2. Aufl., p. 474; E. Beiti,
Ann. di mat. (2) 4 (1871), p. 140; V. Eberliardt, Math. Ann. 36 1890), p. 121;
W. Dyck, Math. Ann. 37 (1890), p. 273; Poincare, s. FuBn. 4. Die Ausdehnung
auf uber 2 Dimensionen hat ihre Bedeutung: 1) weil mehrdimensionale Gebilde
ganz eigenartige und zum Teil sehr verborgene Eigenchaften aufweisen, 2) weil
eine Eeihe von topologischen Problemen, die nicht viber den dreidimensionalen
Raum herauszugehen scheinen, zu ihrer Losung polydimensionale Betrachtungen
erfordern (z. B. Knotenprobleme), 3) weil der Verlauf algebraischer Flachen voll-
standig nur durch vierdimensionale Mannigfaltigkeiten dargestellt werden kanii.
Encyklop. d. math. Wissensch. Ill 1. 11
162 M. DeJm. IIIAB3. Analysis situs. P. Heegaard.
Punkt des Komplexes gehen, als Pseudopunkte, Pseudostrecken und
Pseudoflachenstucke, so bilden diese Elements vermoge der Bedingungen
1) und 2) einen oder mehrere Komplexe, von denen wir jeden ent-
sprechend als eine geschlossene Pseudoflache bezeichnen diirfen. Wir
wahlen dann als dritte Bedingung: 3) An jedem Punkt soil es nur
eine solche Pseudoflache geben, und zwar soil diese eine Kugelflache
sein 17 ). Jetzt wird die folgende Fassung dieser drei Bedingungen ver-
standlich sein: An jeder Flache soil der C 3 sich wie ein Punktepaar,
an jeder Strecke wie ein Kreis, an jedem Punkt wie eine Kugelflache
verhalten. Die zweite Bedingung enthalt die erste, die dritte die erste
und zweite.
Eine berandete M s kann dann wie folgt erklart werden: Bei einer
berandeten M 3 unterscheiden wir innere Punkte, Linien und Flachen-
stiicke von Randpunkten, -linien resp. -flachenstiicken. An den inne-
ren Flachen verhalt sich die berandete M 3 wie ein Punktepaar, an den
Randflachen wie ein Punkt (d. i. es hangt an den Randflachen je nur
ein Raumstiick), an den inneren Strecken wie ein Kreis, an den Rand-
strecken wie ein Streckenzug, an den inneren Punkten wie eine Kugel,
an den Randpunkten wie ein Elementarflaehenstiick. Es gelten dann
die Satze: An jeder Randstrecke hangen zwei Randflachen, von jedem
Randpunkte aus gehen Randstrecken, die sich zu einer Gruppe zu-
eammenordnen. Alle Strecken auf einer Randflache, alle Punkte auf
einer Randstrecke sind Randstrecken resp. Randpunkte. Daraus folgt
dann: Alle Randelemente sind auf eine Reihe von geschlossenen Fla
chen verteilt. Ferner: Durch Hinzufiigen von Raumstiicken kann jede
berandete M$ zu einer geschlossenen M 3 gemacht werden. Die ein-
fachste berandete M s liefert das Raumstuck zusammen mit seiner Be-
grenzung.
Da die Kugelflache (s. Nr. 4) zweiseitig ist, so konnen wir jetzt auch
einem S B zwei verschiedene Indikatricen geben, indern wir auf zwei
Weisen den Flachenstiicken der erzeugenden Kugelflache zusammen-
gehorige Indikatricen verleihen konnen. Wir nennen dann, weiter ver-
allgemeinernd, eine M 3 zweiseitig, wenn wir jeder seiner S s eine solche
Indikatrix geben konnen, dafi ein $ 27 das an zwei $ 3 stofit, von dem
einen derselben infolge dieser Indikatrixbestimmung die umgekehrte
Indikatrix erhalt wie von der anderen; ist das nicht moglich, so
nennen wir die M B einseitig.
Zwei C 3 heifien elementarverwandt oder homoomorph, 1) wenn sie
17) Ein Beispiel, bei dem die dritte Bedingung nicht erfullt ist, s. p. 183,
ferner Heegaard, Diss. Kopenhagen, 1898, p. 87.
Grundlagen. 6. Komplexe mit Singularity ten. 163
sich nach einer eventuellen Abandoning der Bezeicbnungsweise der
Elemeute als identisch herausstellen; 2) wenn dasselbe der Fall ist
a) nach einer internen Transformation des erzeugeuden C 2 , b) nach
beliebig oft wiederholter internet- Transformation einzelner S 3 nach
folgendem Schema: ) Einfiihrung eines neuen Flachenstiicks T 2 = (U^\
wo T7/ ein Kreis einer ein Raumstiick S 3 erzeugenden Kugelflache 77 2
ist, /5) Ersatz von S 3 durch zwei Raumstiicke (T 2 , J 2 ) und T 2 , .E 2 "),
wo E% und E 2 " die beiden von TI^ begrenzten E% sind, die zusammen
77 2 bilden (s. Nr. 4). Wir konnen jetzt die Begriffe der Homologie,
Aquivalenz sowie den Begriff der ,,Mannigfaltigkeit im weiteren Sinne"
unmittelbar auch fiir dreidimensionale Mannigfaltigkeiten aufstellen.
Die Mannigfaltigkeit
JP O , P 2 ; $ , 67; os/, s^y, ov, s, 1 ) 1 ; W, 5, 2 ) 1 , W, s^)i
(wo S^= (Po 1 , P 2 ) gesetzt ist) und jede ihre homoonioi-phe J\1 B heifit
dreidimensionale Elementarmanmyfaltiylieit oder Elemcntarraumsttick E 5 .
Die ( geschlossene) J/ 3 :
{Po 1 , P 2 ; ss, 8S; s,\ s^ (S 2 \ s,*y, (S 2 \ s^\
(wo SJ = (P S P 2 V" und S 2 = (SS, S^ ) 1 gesetzt ist) und jede mit
ihr homoomorphe M 5 bezeichnen wir als dreidimensionale Sphare und
mit dem Zeichen 77 3 .
Von wichtigen Satzen, die sich aus dem Vorhergehenden ergeben,
erwahnen wir unter Beiseitelassung einer Reihe genauer Analoga zu
den in Nr. 3 und 4 aufgeftihrten die folgenden: Jede geschlossene
Flache eines E s ist die Randflache eines Teiles des E 3t oder, mit
analoger Bezeichnung wie in Nr. 1 : Jede geschlossene Flache eines E s
ist homolog null. Jede geschlossene Flache eines E 3 ist zweiseitig.
Nun haben wir alle Mittel in der Hand, um ganz analog weiter
zu den (7 4 und den M nnd iveiter zu den C n und M n aufzusteiyen,
worauf deshalb nicht weiter eingegangen zu werden braucht.
6. Komplexe mit Singularitaten. Es sei vorgelegt ein Komplex
C nJ der auf einen anderen Komplex C n abgebildet werden soil. Diese
Abbildung moge nun aber nicht ein-eindeutig sein, sondern es soil
einer ganzen Reihe von Punkten P/, . . . , P V , wenn keine der Strecken,
Flachenstiicke usw. des C n zwei dieser Punkte enthalt, ein einziger
Punkt des C n entsprechen diirfen; es soil ferner einer Reihe von Strecken,
deren erzeugende Punkte dieselben beiden Bildpunkte haben, wenn
nur kein Flachenstuck, Raumstiick usw. des C n zwei Strecken dieser
Reihe enthalt, eine einzige Strecke des C n entsprechen. So fortfahrend
erhalten wir eine Abbildung von C n in C n f bei der jedem P oder S k
des C H ein C resp. S k des C n entspricht, aber mehreren P oder S k
11*
164 M. Delm. HIAB3. Analysis situs. P. Heegaard.
derselbe Punkt resp. dasselbe Raumstuck. Jedes Element von C n
aber ist das Bild von mindestens einem Element von C . Wir nennen
71
nun C n ? aufgefaftt als das Abbild eines bestimmten C n , einen n-dimen-
sionalen Komplex mit Singularitaten (mehrfachen Punkten, Sfcrecken
usw.) and geben ihm die Bezeichnung C n (0 n ). Es kann ein solcher
Komplex als das Bild von beliebig vielen verscliiedenen Komplexen
aufgefafit werden. Ist das Original von C n eine Mannigfaltigkeit M nJ
so nennen wir C n (M n ) eine n-dimensionale Mannigfaltigkeit mit Sin
gularitdten.
Sprechen wir von zwei (resp. &) Punkten, Strecken usw. des C n ((7 W ) ;
oder von Elementarmannigfaltigkeiten und Spharen der verschiedenen
Dimensionen usw. des C n (C n \ so sincl damit die Bilder von zwei (jfc)
Punkten, Strecken usw. des C n , resp. die Bilder von Elementarmannig
faltigkeiten und Spharen usw. des C n gemeint. Unter intern er Trans
formation des C n \C n ) soil das Abbild einer internen Transformation des
C n verstanden werden. C n l (C n ) und C n 3 (C n 2 ) sind dann und nur dann
homoomorph, wenn C n und (7 n 2 homoomorph sind. Endlich erklaren
wir C7 n ((7 B ) und jeden mit ihm hoinoomorphen Bildkomplex homoo-
morph mit C n und jeden mit C n homoomorphen Komplex. Die
Wichtigkeit dieser Einfuhrung geht schon aus den Satzen hervor:
Jeder C n kann abgebildet werden auf einen Teil einer E n \ jeder C n
kann so auf einen Teil C n einer E n + l abgebildet werden, daB C n ((7 n )
keine mehrfachen w-dimensionalen Raumstiicke enthalt. Eine solche
Abbildung wird auch wohl eine Projection des C n auf die E n+1 ge-
nannt. Unumganglich notig aber ist diese Einfiihrung fur die Ent-
wicklungen der folgenden Nummer.
7. Externe Transformation. Homotopie und Isotopie. Sei (^ (CJ
ein Streckenkomplex mit (oder ohne) Singularitaten auf einer Mannig
faltigkeit M n (n > 1) (d i. jedes der Elemente von C{ (CJ ist konsti-
tuierendes Element der M n ). Angenommen nun ? man konnte jedem
Punkte Pj desselben einen ebenfalls der M n angehorigeu Punkt Qj zu-
ordnen, ferner jeder Strecke (P Z , P k J = SJ eine Strecke (Qj, Q k ) l = T l
von M nJ so ist der neue Komplex jedenfalls auch ein Abbild von
Cj_ und wir bezeichnen ihn deshalb mit C " (CJ. Wir nehmen nun
ferner an ; man konnte je zwei Punkte P Z und QJ so durch eine
Strecke U^ der M n verbinden, dafi zu jedem geschlossenen Kreis
{$17 Ui k > TI, U^\ sich eine von ihm begrenzte Elementarmannigfaltig-
keit der M n finden laBt, so sagen wir: C^(C^) und C^ (C^) gehen ineinan-
der durch externe Transformation auf der M n iiber. Sei ferner C a (0 8 ) ein
Flachenkomplex mit (oder ohne) Singularitaten auf einer Elementar-
mannigfaltigkeit M n (n > 2). Angenommen nun ; wir konnten jedem
Grundlagen. 7. Externe Transformation. Homotopie und Isotopie. 165
Punkte Pj dieses Komplexes einen Punkt Qj y einer Verbindungsstrecke
SJ zweier Punkte eine Verbindungsstrecke TJ der entsprechenden
Punkte, jedem Flachenstuck 5 2 7< ein von den entsprechenden Elemen-
ten erzeugtes Flachenstuck T 2 h zuordnen, so 1st der neue Komplex
jedenfalls auch ein Abbild von C 2 und darf also mit C 2 " (C%) bezeich-
net werden. Angenomrnen nun femer, daB zwei entsprechende Punkte
P i und Q { durch eine Strecke U^ verbunden werden konnten, daB es
ferner fur jeden geschlossenen Kreis {SJ, U-f, TJ, U^} ein der M n
angehoriges, von ihm begrenztes Elementarflachenstiick EJ und end-
lich zu jeder der von zwei entsprechenden Flachen T 2 A und S 2 h und
den zu ihren Begrenzungsstrecken gehorenden E 2 l gebildeten Sphare
ein Elenientarraumstuck E B h der M n gabe, so sagen wir: C/(C 2 ) und
C 9 " (C 2 ) entstelien aus einander durch externe Transformation. So fort-
fahrend konnen wir die externe Transformation eines auf einer M n
liegenden C n - ni (C n _ m ) definieren. Wir stellen ferner die Definition auf:
Gehen zwei Kornplexc eventuett nach vorJiergeJwiden internen
Trans for mationen aus einander durch eine Reihe von externen Trans-
format ionen liervor, so nennen ivir sie homotop 18 ).
Wir haben die Satze: Zwei homotope Komplexe sind homoomorph.
Zu jedem Komplex kann man einen homotopen niit vorgegebener
Lage der Punkte finder). Begrenzen in einer M n alle geschlossenen
Kreise Elementarflachenstucke, so kann man zu jedem der M n ange-
horigen Komplex (von weniger als n Dimensionen) einen ihm homo
topen mit vorgeschriebener Lage der Strecken finden usw. Es ergibt
sich so der grundlegende Satz:
Ziv e i h o m o o m orphe, einem E H a ng e h o rige n m -dimen-
sionale Komplexe mit (oder oline) Singularitdten sind ho
motop.
Die externen Transf or mationen der geschlossenen Mannigfaltic/keiten
lassen sich noch aus spezielleren, einfacheren Transforrnationen zu-
sammensetzen, die wir EUmentartramformationen nennen wollen: Es
moge E n _ m auf einer geschlossenen Mannigfaltigkeit C n _ m (M n _ m ) auf
einer M n liegen und mit E n m zusammen die Begrenzung einer E n _ m+l
auf M n bilden, dann ersetzen wir in C H _ m (M n _ Wl ) die E m _ n durch
18) Der Begriff der Homotopie im E s ist der am haufigsteu der Analysis
situs zugmnde gelegte Begriff und wird haufig mit: ,,A%uivalenz im Sinne der
Analysis situs" bezeiehnet. Zwei auf einer Flache homotope Kurven nennt
Jordan, J. d. math. 2 (11), (1866), p. 100 ineinander reduzibel. Zwei im E n
homotope Komplexe nennt Poineare (J. ec. pol. (2) 1 (1895), p. 1) ,,homeo-
morphe". Wegen des Bestehens des .,Fundamentalsatzes u (s. im Text) ist diese
Bezeichnung irn Einklang mit der im Text vorgeschlagenen.
166 M. Dehn, III A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
E nm und nennen das eine Elementartransformation der C n _ m (M n _ m )
auf der M n .
Wir haben den Satz: Jede Elementartransformation 1st eine externe
Transformation, und: jede externe Transformation von geschlossenen
Mannigfaltigkeiten laBt sich aus Elementartransformationen zusammen-
setzen.
1st in der obigen Bezeichnung kein innerer Punkt weder von
E n m noch von der von E m _ n und Enm begrenzten E n _ m+l ein
Punkt der (singularitatenfreien geschlossenen) M n _ m , so wollen wir
die Transformation eine spezielle externe Transformation nennen, und
zwei einer M n angehorende M n _ m , die aus einander nach eventuell
vorhergegangener interner Transformationen durch spezielle externe
Transformationen hervorgehen, isotop nennen.
Wir haben den Satz: Zwei homoomorphe M$ n _ m auf einer E 2n
sind isotop (dagegen gibt es z. B. im E s homoomorphe geschlossene
Flachen resp. Kurven, die nicht isotop sind: verschieden geschlungene
Kreisschlauche resp. Kurven). Hier ist auch die Betrachtung von
mehreren nicht zusammenhangenden Mannigfaltigkeiten von Bedeutung :
Haben wir zwei Mannigfaltigkeiten M n _ m und M n _ m ohne gemein-
same Punkte, die durch spezielle externe Transformation iibergehen
in M n m und M n m 9 so nennen wir die Gesamtlieit [M n _ mJ M n _ m \
speziell extern transformiert in die Gesamfheit {M n m , M r n m}j wenn
(in der obigen Bezeichnungsweise) kein Punkt weder von E n m resp.
En-m noch von der von E m _ n resp. E m _ n und E m - n resp-^^-n be
grenzten E n _ m+1 resp. E n _ m+ ^ ein Punkt von M n _ m oder M n _ m resp.
M n _ m oder M n _ m ist. Die analoge Definition gilt fiir spezielle
externe Transformation einer Gresamtheit von beliebig vielen Mannig
faltigkeiten ohne gemeinsame Punkte. Zwei Gesamtheiten von ge
schlossenen Mannigfaltigkeiten sind isotop, wenn sie mittels interner
und spezieller externer Transformationen aus einander hervorgehen.
Jetzt sind wir im Stande, die extern en Transformationen von
w-dimensionalen Mannigfaltigkeiten auf ^-dimensionalen Mannigfaltig
keiten M n , d. i. von Domanen zu erklaren. Die einzelnen eine Do-
mane (mit oder ohne Singularitaten) konstituierenden Raumstiicke
werden begrenzt durch singularitatenfreie Spharen II n _ l . Transfor-
mieren wir den die Domane konstituierenden Komplex extern, so
zwar, da6 dabei die exteraen Transformationen der einzelnen U n _ l
sich aus speziellen externen Transformationen zusammensetzen lassen,
so nennen wir diese Operation eine (allgemeine) externe Transformation
der entsprechenden Domanen. Konnen zwei Domanen nach eventuell
internen Transformationen durch externe Transformationen in einander
Grundlagen. 7. Externe Transformation. Homotopie und Isotopie. 167
iibergefiihrt werden. so nenneu wir sie homotop. Im Gregensatz von
Mannigfaltigkeiten von relativ niedrigeren Dimensionen sind zwei, einer
Elementarinannigfaltigkeit zugehorende, liomoomorplie Domanen mit
Singularitaten nicltt aUemal homotop. (Einfachstes Beispiel: Die zwei
Domanen auf dem Streckenzug PJPJPf mit den Strecken P l P *
resp. P 1 P ^ P 2 P 3 , P 3 P 2 sind homoomorph aber niclit homotop.
Dasselbe gilt von den beiden Domanen einer E 2 , die durch die
Fig. 1 angedeutet sind. Zwei sinyularitatenfreie Domanen sind dann
und nur dann homotop, wenn die Systeme ihrer Berandungen
Fig. i.
homotop sind. Es sei eine Doniane und erne externe Trans
formation derselben gegeben. Dann kann man fur jede inteme Trans
formation jene externe Transformation so zu einer der neuen Domane
,,erweitern a , daB dabei die alten Elemente in der urspriinglichen Weise
transformiert werden. Die speziellen extern-en Transformationen ran
(singular itatenfreienj Domanen erhalt man so: Eine externe Trans
formation heiBt dann spezi-ell, wenn man zu jedem Paare von kon-
stituierenden Raumstiicken Sn m und S n , nach event, interner Trans
formation ein sie beide enthaltendes Elementarraumstiick E n finden
kann, dessen Begrenzung bei der betreffenden (event. gemiiB der internen
Transformation erweiterten) Transformation speziell transformiert wird.
Zwei aus einander durch spezidle externe Transformafame* entsteJiende
Domanen heiften isotop. Endlich: Zwei beliebige (singular itdtenfreie)
Komplexe sind isotopj wenn sie entsprecliende Komplexe in isotopen
Domanen sind 1 **).
Wir bemerken die Satze: Sind zwei C m auf einer M lt die ein Teil
einer M n ist, isotop, so sind sie es auch auf der M n . Zwei honioornorphe
C 1 auf einem jB 4 sind isotop (d. i. im speziellen: die Knoten sind in
18*) Zwei im E n isotope Koinplexe sind ineinander iiberfuhrbar durch stetige
Transformationen des zugehorigen n-dimensionalen Raumes; vgl. Nr. 8 und 10.
1 68 M. Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
vier Dimensionen auflosbar 18b ). Zwei isotope Kreise auf einer M n (n > 2)
sind entsprechende Gebilde in isotopen Ringraumen.
Gelegentlich 1st es von Bedeutung, auch den Indikatrixbegriff mit
bei der Hoinotopie und Isotopie zu benutzen. Wir definieren: zwei
(zweiseitige) Mannigfaltigkeiten M t l und Mf mit gegebenen Indikatricen
sind miteinander homotop resp. isotop, wenn bei den betreffenden
externen Transformationen gleichzeitig die Indikatrixbestimmungen in
einander iibergefiihrt werden. Es gilt der Satz: Die einzige Flache,
deren samtliche geschlossenen Kurven auch mit Umlaufssinn einander
isotop sind, ist die Kugel. (Anf einem Elementarnachenstiick sind
je zwei Kurven bios ohne Ansehen des Umlaufssinns isotop.)
8. Das Anschauungssubstrat. Dasjenige, was der im vorhergehen-
den entwickelten Theorie allein Wert verleihen kann, ist das An-
schauungssubstrat, fur das wir iui folgenden diejenigen Eigenschaften
axiomatisch aufstellen wollen, die die Grundlegung dieser Theorie,
soweit sie ein anschauliches Substrat hat, ermoglichen.
I. Existentialaxiome.
1) Es gibt beliebig viele Punkte.
2) Linienstiicke (Streeken), Flachen- und Raumstiicke sind Punkt-
mengen.
3) Zu je zwei Punkten gibt es beliebig viele von diesen Punkten
begrenzte Linienstiicke (Strecken), die sonst keine gemein-
samen Punkte haben.
4) Zu je zwei Linienstiicken mit gemeinsamen Grenzpunkten,
sonst aber ohne gemeinsame Punkte, gibt es beliebig viele von
diesen zwei Linien begrenzte Flachenstiicke ohne sonstige ge
meinsame Punkte.
5) Zu je zwei Flachenstiicken, die durch dieselben beiden Linien
begrenzt werden und ohne sonstige gemeinsame Punkte, gibt
es ein und nur ein von ihnen begrenztes Raumstuck.
II. Zerlegungsaxiome.
a) 1) Jedes Linienstiick mit den Grenzpunkten P und P " ist
gleich der Gesamtheit von zwei Linienstiicken mit einem
gemeinsamen Punkt $ , die durch die Punkte P und Q
resp. durch und P " begrenzt werden.
18 b ) Klein, Math. Ann. 9 (1876), p. 478. Beispiele bei R. Hoppe, Arch. Math.
Phys. 64 (1879), p. 224; H. Durege, Wien Ber. 82 2 (1880), p. 135; Hoppe, Arch.
Math. Phys. 65 (1880), p. 423; vgl. auch V. Schlegel, Zeitschr. Math. Phys. 28
(1883), p. 105; F. Zollner, Wiss. Abh. 1 (1878), p. 272; 0. Simony, Gemeinf.
LOsung . . ., Wien (3. Aufl.) 1881, p. 38 ff.
Grundlagen. 9. Einteilung der Analysis situs. 169
2) Jedes Flachenstuck mit den Grenzstrecken 5/ und / ist
gleich der Gesamtheit von zwei Flachenstiicken, die bios
eine Strecke T l gemeinsam haben, und von $/ und T l resp.
von T l und $/ begrenzt werden.
3) Jedes Raumstiick mit den Grenzflachen S 2 and S 2 " ist gleich
der Gesamtheit von zwei Raumstticken, die bios eine Flache
T 2 gemeinsam haben, und von S 2 und T 2 resp. T 2 und S%"
begrenzt werden.
b) Gegeben sei irgendwie eine endliche Anzahl von Punkten,
Strecken, Flachen und Raumstiicken. Dann kann man ein
Raumstiick S 3 so linden, dafi jedes einzelne dieser Elemente
ein inneres Element einer aus S s durch Zerlegung nach
[U a) 1), 2), 3)] entstehenden E" 3 ist. Man kann fur die Ele
mente eine solche E 3 finden, wenn zwei Linien des gegebenen
Systems nur eine endliche Anzabl von isolierten Punkten, zwei
Flachen eine endliche Anzahl von isolierten Punkten und
Strecken, zwei Raumstiicke nur eine endliche Anzahl von iso
lierten Punkten, Strecken und Flachen gemeinsam haben.
Hiernach sind zwei Iwmoom&rplie, im Raum ausgebreitete Kom-
plexe anschaulich als analog ziisammensetzbar oder iiberdeckbar zu be-
trachten. Eine interne Transformation eines Koniplexes entspricht
hier einer Zerlegung desselben.
III. Deformationsaxiom.
Zwei auf einer Linie, Flache oder raumlichen Domane gelegene
Komplexe sind dann und nur dann in einander mit resp. ohne Selbst-
durchdringung stetig deform ierltar, wenn sie homotop resp. isotop sind.
Dieses Axiom ist die Zusammenfassung einer groBen Reihe von
einzelnen Aussagen, z. B.: Begrenzen zwei Linien ein Flachenstiick,
BO sind sie auf diesem in einander stetig deformierbar. Ferner: Zwei
in einander ohne Selbstdurchdringung im Raume deformierbare Kom
plexe konnen so mit raumlichen Domanen umgeben werden, da6 diese
Domanen in einander stetig deformierbar sind, wobei die beiden Koni-
plexe in einander iibergehen. Der Fundamentalsatz (Nr. 7) iiber den Zu-
gammenhang zwischen Homotopie und Homoomorphie kann jetzt so
ausgesprochen werden:
Z-wei gleiclisusammenset2l)are Flachen sind (mit Durch-
dringung) in einander stetig deformierbar.
9. Einteilung der Analysis situs. Alle diejenigen Eigenschaften
topologisch definierter Gebilde, bei denen weder interne noch externe
Transformation in Betracht kommt, fassen wir unter dem Xamen
170 M. Delm. HIAB3. Analysis situs. P. Heegaard,
Complexus 1Sc ) zusammen. In ihrer Anwendung auf geometrisehe Gebilde
sind bios die Existentialaxiome und die ersten drei Zerlegungs-
axiome, soweit mit ihrer Hilfe auf die Existenz gewisser Kom-
plexe geschlossen werden kann, notig. Alle die Eigenschaften, fur
welche die interne, aber nicht die externe Transformation eingefiihrt
werden miissen, d. i. die bei internen Transformationen invariant bleiben-
den Eigenschaften topologischer Gebilde, gehoren der Theorie des
Nexus (Zusammenhang) an. Hier sind zur geometrischen Deutung
alle Zerlegungsaxiome von Noten. Die Invarianten fiir interne und
externe Transformationen gehoren der Theorie des Connexus (,,relativer"
Zusammenhang, Zusarnmenhang von Mannigfaltigkeiten auf anderen
Mannigfaltigkeiten) an. Hier miissen zur raumlichen Deutung auch die
Deformationsaxiome gebraucht werden. Endlich, fiir sich wollen wir
im folgenden die Theorie der Mannigfaltigkeiten mit Singularitdten
behandeln, die je nach verschiedenen Gesichtspunkten der Complexus-
oder der Connexustheorie zugerechnet werden kann.
10. Die Methode. Durch die Entwicklungen der ersten sieben
Nummern dieses Abschnittes ist die Analysis situs dargestellt als ein durch
seine anschauliche Bedeutung ausgezeiclmeter Teil der Kombinatorih. Das ist
schon fiir die Widerspruchslosigkeit der in Nr. 8 aufgestellten Axiome
von grofier Bedeutung. In der nun folgenden Darstellung des bisher
in der Analysis situs Erreichten wird dieser Standpunkt nicht immer
streng eingehalten; es werden vielmehi* haufig mit Hilfe der Anschauung
wichtige Schliisse gezogen: Die Anschauung ist nicht nur der MaB-
stab fiir die Bedeutung der einzelnen Resultate, sondern sie ist auch
der beste Fiihrer in der Entdeckung neuer Satze und ihrer Beweise.
Aber in jedem einzelnen dieser Falle kann man ohne Schwierigkeit
sehen, daB die in Betracht kommenden Schliisse auch allein mit Hilfe
der vorangehenden abstrakten Entwicklungen gemacht werden konnen,
wie denn iiberhaupt alle speziellen tJberlegungeu. die zu irgend einer
Zeit auf unserem Gebiet angestellt worden sind, als natiirliches Funda
ment unsere obigen Definitionen haben, wahrend die oft an die Spitze
gestellte Theorie der stetigen Raumdeformationen (s. Einleitung) wesent-
18) Bei der Definition von C 3 und hoheren Komplexen haben wir (Nr. 5) den
Begriff der JT 2 , 7T S usw. benutzt, den wir mit Hilfe der Einfuhrung der internen
Transformationen begriindet haben. Eine rein komplektische Definition der IT 8
wird uns durch den Umstand geliefert, daB eine geschlossene M a dann und nur
dann eine IT 2 ist, wenn auf ihr jeder Kreis begrenzt; und Entsprechendes gilt
fur JT 3 usw. Dies sind auch die einzigen Eigenschaften von U 2 usw., die im
Abschnitt Complexus vorkommen.
A. Complexus. 1. tJbersicht. 2* Liniensysteme. 171
lich nur einen rein dogmatischeu Zweck zu erfiillen hat. Die Ana
lysis situs ist eben der primitivste AbscJnritt der Geometric, wo der
Grenzbegriff noch nirgeudwo von Bedeutung ist.
A. Complexus.
1. Ubersicht. Die Untersuchungen, die fur diesen Teil charak-
teristisch sind, treten klar hervor bei der Theorie der Liniensysteme
(Nr. 2), die in voller Allgemeinheit studiert sind. Bei dem Studiuni
hoherer Komplexe dagegen werden zumeist Eigenschaften, die eigent-
lich der reinen Theorie des Complexus angehoren, mit Untersuchungen
nektischen Charakters verniischt entwickelt, und zwar aus dem Grunde,
weil beinahe nur die spezielle Koniplexgattung der Mannigfaltigkeiten
untersucht wird. Hierher gehort vor allem die Ableitung der gewohn-
lichen und erweiterten (komplektischen) Eulerschen Formel fur zwei-
und mehrdirnensionale Mannigfaltigkeiten.
2. Liniensysteme (Streckenkomplexe). (cr Anzahl der Punkte, a t
Anzahl der Linien der als zusammenhangend vorausgesetzten Systeme.)
Ein Punkt des Systems, auch Knotenpunkt genannt^ heiBt von der Multi-
plizitat A , wenn A Linien in dem Punkt zusamrnenstoBen. Ftir einen
Endpmikt ist A* = 1. Wenn k ^ 3, nennt man den betreffenden Punkt
auch einen Kreuzungspunkt (/,* 2) ter Ordnung 19 ). Etwas anders
wie in diesern Artikel (Grundlagen Nr. 1) wird bei Jordan 20 ) und bei
G. Brunei 21 ) ein gegebener C durch Symbole dargestellt, und zwar bei
dem ersteren durch die Form JjiX* #,-#*, wo x l - x i - x k - x ao die
Punkte sind und a ik die Zahl, die angibt, wie oft x i mit x k verbunden
ist, bei Brunei durch die Determinante dieser Form.
Von grundlegender Bedeutung fur die Theorie des C\ sind die
beiden Begriffe, die von Listing zuerst betrachtet und mit dein Namen
Cyldose und Dialyse bezeichnet wurden 22 ). Eine Cyklose ist ein ge-
schlossener Kreis, die Dialyse besteht in der Zerstorung dieses Kreises
durch Wegnahme einer Strecke.
Durch Wegnahme von
i = i o + *
passend gewahlter Linien wird der Komplex in einen Baum (a. Fig. 2)
19) Ahrens, Math. Ann. 49 (1897), p. 312. Bei Listing (Census rauml. Kompl.,
p. 29) fc-ziigiger Ausgang.
20) 3. f. Math. 70 (1869), p. 185.
21) Bordeaux, Extr. proc. verb. 189293, p. IX; Bordeaux Mem. (4) 5 (1895),
p. 165.
22) Census 7 ff .
172 M.Delm. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
verwandelt, d. i. in einen C ohne Kreise, der also, wenn ,,innere"
Linien vorhanden sind, durch die Fortnahme einer solchen zerfallt 28 ).
|tt 1 heifit bei Listing die cyklomatisclie Ordnungssalil^). Fiir singulare
Komplexe auf einer 77 2 mit keinen anderen
Singularitaten als q Doppelpunkten, d. i.
zusammenfallenden Knotenpunkten von
der Multiplizitat 2 (nach Listing Traver-
sen) gibt Listing die Formel fiir ft: 25 )
wenn m die Anzahl der ,,Felder" ist, in
2 - die die U 2 von dem Komplexe eingeteilt
wird, wo ein Feld eine von Komplex-
strecken begrenzte E 2 ist, in der kein Punkt und keine Strecke des
Komplexes liegt.
Bedeutet v k die Anzahl der Knotenpunkte von der Multiplizitat k,
so ist:
o=
also:
wo 2(y) ^ e Summe der Ordnungen aller Knotenpunkte bedeutet 26 ).
Geben wir jeder Strecke 8^ eines Q einen bestimmten Sinn, dann
verstehen wir unter der Kongrumz* 1 )
ti^^Sf,
wo s i gleich + 1, 1 oder Null sein kann, dafi, wenn man den
Kreis U^ in bestimmter Richtung durchlauft, die Strecke S { 1 9 wo e i ==
ist, iiberhaupt nicht, diejenige, fiir die s = -f- 1 resp. 1 ist, in dem
gegebenen resp. in einem dem gegebenen entgegengesetzten Sinne
durchlaufen wird. Dann besteht folgender Satz: Fiir jeden C 1 gibt
es gerade ^ linear von einander unabhangige solche Aggregate. Also:
jeder Kreis ist ,,linear auszudriicken" durch ein Fundamentalsystem
von ittj Kreisen. Der Beweis hierfiir folgt leicht mit Hilfe des Satzes:
23) G. Kirchhoff, Pogg. Ann. 72 (1847), p. 498 ff.; Listing, Census (1862), 21;
Jordan, J. f. Math. 70 (1869), p. 185; Ahrens, Math. Ann. 49 (1897), p. 315.
Naheres s. Anm. 47.
24) Census 21.
25) Census 22, Formel (3).
26) Ahrens, Fussn. 23, p. 3i2 u. 315.
27) Diese Methode ist von Poincare, Palermo Rend. 13 (1899), p. 285 ein-
gefuhrt worden.
A. Complexus. 2. Liniensysteine. 173
Gibt es fur ein System linearer Forinen it x und nicht weniger Variable,
von denen in jedem linearen Aggregat jener Formen mindestens
eine vorkommt, so sind geracle a 1 Formen des Systems von einander
unabhangig. Man hat dann nur noch zu beriicksichtigen, dafi jede
von null yerschiedene lineare Verbindung obiger Aggregate Strecken
enthalt, die zusammen einen Kreis bilden. Jedes Fundamentalsystem
bestimmt Kornbinationen von ^ ,,nicht zerstiickelnden Linien": eine
,,Gruppe von a x Linien", in der Weise, dafi jede der Linien einem und
nur einem der a^ Kreise des Fundamentalsystems angehort, und um-
gekehrt: zu jeder Gruppe gibt es Fundamentalsysteme 28 ). Es kann
hochstens 2-" 1 Kreise geben 29 ).
Es hat ein besonderes Interesse, wenn sich unter den Kreisen
eines Liniensystenis solche finden, icelche alle Pimkte enthalten,
jeden nur einnial. Die Frage, ob solche existieren, und dann
in welcher Zahl, laBt sich nicht durch bloBe Angabe der Ordnungs-
zahlen der Punkte bestinimen. Brunei ***) setzt die Ldsung in Ver
bindung mit der Berechnung der fruher 31 ) besprochenen Determinant e.
Die Losung verschiedener mathematisclier Spiel-e**) laBt sich auf die
Aufstellung solcher Kreise reduzieren. Vgl. I G 1, Ahrens, Nr. 3 und 7.
Eine ahnliche Frage 1st die nach der Minimalzalil ron Ziigen, in
icelclien alle Linien des Systems je einmal durclilaufen iverden Jconnen.
Ein n Zug" ist in unserer Bezeichnungsweise eine M L rait Singularitaten.
Zu dieser Frage wurde Eider 38 ) durch das ?? Konigsberger Brucken-
problem" (s. Einleitung) gefiihrt. Ist die Zahl der Knotenpunkte von
ungerader Multiplizitat 7 die fiir jeden Komplex immer gerade ist, etwa
2p, dann ist die kleinste Zahl von Ziigen gleich p. Ist p = 0, dann
28) Ahrens 1. c. p. 315.
29) Ahr&is 1. c. p. 317.
30) Anm. 21. 31) S. 171.
32) Ygl. E. Lucas, Re cr. math., Paris 188294, 4, p. 221. Beispiele: 1) W. E.
Hamilton, Dodekaederspiel; Lucas, Recr. math. 2, p. 201 ff. : Ahrens, Math. Spiele,
p. 327 ff.; eine ahnliche Aufgabe Brunei, Bordeaux Extr. proc. verb. 189394
(Mem. (4) 5, 1895, p. 165), p. XXVIIL 2) Der Rosselsprung (Lucas 4, p. 205;
Ahrens, p. 165; vgl. Brunei, Bordeaux Extr. proc. verb. 189293 (Mem. (4) 4, 1894,
p. 273), p. IX u. p. LIII ; Bordeaux Mem. (4) 5 (1895), p. 165. 3) Das spater zu nennende
Problem des Taitsclien Graplies ist jedenfalls losbar, wenn das hier besprochene
Problem gelost werclen kann; vgl. M. de Polignac, Bull. soc. math, de Fr. 27
(1899), p. 142. Ahnliche Amvendungen von Liniensystemen liegen vor z. B. bei
Problemen vensrandschaftlicher Beziehungen (Litt.: Ahrens, 1. c. p. 78); vgl. Brunei,
Bordeaux Extr. proc. verb. 189293 (Mem. (4) 4, 1894, p. 273), p. XXV; ein anderes
Problem Brunei, ebenda, 189394, p. XIV.
33) Petrop. Comrn. 8 (1741), p. 128 ff.: vgl. Lutas, Recr. math. 1, p. 21 ff.
s. p. 222; Ahrens, Math. Spiele, p. 317.
174 M. Dehn. El A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
kann man die saintlichen Linien in einem gescMossenen Zuge durch-
laufen. Dieser von Euler bewiesene Satz wurde spater wiedergegeben
oder wiedergefunden von Th. Clausen 8 *), Listing 3 *), C. Hierholzer* 6 ),
M. de Polignac 31 ), Jul. Petersen) und 0. Steinert 39 ). Nacli einer Be-
merkung von C. A. Laisant^) kommt die Losung des Dominoproblems
auf eine Anwendung dieses Satzes heraus. Verwandt mit deni Satz
ist die Aufgabe, den Weg durch ein Labyrinth zu nnden 41 ), und die
Aufgabe der sogenannten Schmugglerreise* 2 ). Die Fragestellungen von
A. Tlme^) und E. Steinitz^} gehen in derselben Richtung.
Wenn ein Zug durch einen Knotenpunkt hochstens einrnal hin-
durchlaufen darf, wird die Minimalzahl der Zuge im allgemeinen
gro Ber. Sie hangt allein von den Ordnungszahlen der Knotenpunkte
ab und ist sehr einfach zu bestimmen 45 ).
Jordan^) nennt zwei Liniensysteme A und A einander gleich
(paretts), wenn sie in unserer Ausdrucksweise ohne interne Transfor
mation einander homoomorph sind, d. i. wenn sie sich nur durch die
Bezeichnungsweise unterscheiden, und behandelt die Frage, ob und
eventuell wie oft ein Liniensystem mit sich selbst gleich sein kann.
Die Liniensysteme von der cyklomatischen Ordnungszahl (ein
fach zusammenhangende) sind die Btiume 47 ). Fur einen Baum ist also
i = 1.
34) Astr. Nachr. 21 (1844), p. 216.
35) Vorstudien, p. 59 ff.
36) Math. Ann. 6 (1873), p. 30.
37) Bull. Soc. math, de Fr. 8 (1880), p. 121 (nur fiir Baume ausgesprochen),
wiedergegeben in Lucas, Recr. math. (Paris, 2. ed., 1891) 1, p. 51 ff.
38) Acta math. 15 (1891), p. 196 u. p. 210 (nur fur regulare Liniensysteme
ausgesprochen).
39) Arch. Math. Phys. (2) 13 (1895), p. 220.
40) Lucas, Recr. math. 2, p. 229 (Note 1) u. 4, p. 126; Alirens, Math. Spiele,
p. 373. Da auch die Bestimmung von der Anzahl von Losungen durchgefuhrt
von G. Tarry, Ass. fr. Nancy 2 (1886), p. 49. Vgl. auch Brunei, Bord. Proc.
verb. 189596, p. 62.
41) Cli. Wiener, Math. Ann. 6 (1873), p. 29 ; Lucas, Recr. math. 1, p. 45 (Losung von
Tremeaux) ; Tarry, Nouv. Ann. (3) 14 (1895), p. 187 ; vgl. Ahrens, Math. Spiele, p. 321 ff.
42) Lucas, R6cr. math. 1, p. 38.
43) Tidskr. f. Math. (5) 3 (1885), p. 102.
44) Monatsh. Math. Phys. 8 (1897), p. 293.
45) F. Lippich, Wien Ber. 69 2 (1874), p. 95.
46) J. f. Math. 70 (1869), p. 185.
47) A. Cayley nennt sie trees, C. Jordan assemblages d continuite simple, M. de
Polignac arbres, ramifications, arborescenses. Vor allein hat sich Cayley mit den
Baumen beschat tigt : Phil. mag. 13 (1857), p. 172 = Papers 3, p. 242 (urn eine
Reihe Differentiationsprozesse zu veranschaulichen) ; Phil. mag. 18 (1859), p. 374
A. Coniplexue. 2. Liniensysteme. 175
Die meisten Untersuchungen bezwecken die Aufzahlung von Baurnen,
welche gegebenen Bedingungen geniigen, z. B. gegebene Anzahlen von
Linien, freien Endpunkten usw. habeu. Diese Aufzahlungen werden ver-
schieden, je naclidem man sich den Baum als einen Wurzelbaum 48 )>
von einem bestimmten Knotenpunkt entspringend, denkt oder nicht.
Diese Untersuchungen sind in der organischen Chemie von Bedeu-
tung bei der Bestimmung der Anzahl von isomeren Verbindungen 49 ).
Jordan 50 ) hat bewiesen, da6 ein Baum immer eine Mitte - - ent-
weder einen zentralen Knotenpunkt, Zentnim, oder eine zentrale Achse
besitzt mit folgenderEigenschaft: im erstenFalle ist dieZahl von Linien,
welche in jedem von dem zentralen Knotenpunkte entspringenden par-
tiellen Baum enthalten sind, < -^ ; im zweiten Falle, der nur moglich
ist, wenn die Anzahl der Linien ungerade ist, teilt jeder Endpunkt der
Achse (Bizentntm) den Baum in zwei Baume mit resp. * - und
^ Linien. Von jedem anderen Knotenpunkte entspringt in beiden
Fallen ein partieller Baum mit niehr als *-7p - Linien.
Ini Gegensatz zu dieser Jordansvhen Mitte (etwa Mitte der ge-
samten .,Masse" Centre of magnitude or of number") definiert
= Papers 4, p. 112; Phil. mag. 47 (1874), p. 444 = Papers 9, p. 202; Rep. Brit,
Ass. 1875, p. 257 = Papers 9, p. 427; Phil. mag. (5) 3 (1877), p. 34 = Papers 9,
p. 544; Educ. Times 27 (1877), p. 81 = Papers 10, p. 598; Am. J. of math. 4
(1881), p. 266 = Papers 11, p. 365; J. Hopkins Circular 1882, p. 202 = Papers
10, p. 401; Quart. J. of math. 23 (1889), p. 376 = Papers 13, p. 26; vgl. auch
Phil. Trans. 158 (1868), p. 141 = Papers 6, p. 260. Mit Bauinen beschaftigen
sich auch: Listing, Census (1862), 27; Jordan, J. f. Math. 70 (1869), p. 186;
Sylvester, Educ. Times 30 (1878), p. 52; S. Tebay, Educ. Times 30 (1878), p. 81:
faPoUgnac, Bull. soc. math, de France 8 (1880), p. 120; ibid. 9 (1881), p. 30: Brunei,
Bord. Extr. proc. verb. 189293 (Mem. (4) 4, 1894, p. 273), p. 18 u. p. 25; ibid.
189394 (Mem. (4) 5, p. 165), p. 14, 39 u. 44; Proc, verb. 189495, p. 8;
P. A. Mac Mahon, Phil. mag. (5) 40 (1895), p. 153. Vgl. auch die Darstellungen:
Lucas, Recr. math. (2. ed.) 1 (1891), p. 51 und Ahreiis, Math. Spiele (1901), p. 304 ff.
48) Cayley, Phil. mag. 13 (1857), p. 172 = Papers 3, p. 242.
49) Cayley, Phil. mag. 47 (1874), p. 444 = Papers 9, p. 202; Rep. Brit. Ass.
1875, p. 257 = Papers 9, p. 427 (Refer, in Ber. deutsch. chem. Ges. 8 (1875),
p. 1056); Phil. mag. (5) 3 (1877), p. 34 = Papers 9, p. 544; Brunei, Bordeaux
Extr. proc. verb. 189293 (Mem. (4) 4, 1894, p. 273), p. 18; ibid. 189394 (Mem.
(4) 5, 1895, p. 165), p. 39; Bordeaux Proc. verb. 1894 95, p. 8; H. Delannoy, Assoc,
fran9. Caen 2 (1894), p. 102; Phil. mag. (5) 40 (1895), p. 153. Auszug: L intenned.
1 (1894), p. 72; Paris. Bull. soc. chim. (3) 11 (1894), p. 239; Ber. deutsch. chem.
Ges. 27 (1894), p. 725. Vgl. V 6, Chemische Atoniistik, Hinrichsen, Mamlock und
Study, Nr. 36, 37 und bes. 46.
50) J. f. Math. 70 (1869), p. 186; vgl. Cayley, Educ, Times 27 (1877), p. 81
= Papers 10, p. 598.
176 M. Delm. Ill A B 3. Analysis situs. P. Hcegaard.
Sylvester 51 ) eine Mitte (Zentrum oder Achse) der linear en Ausdehnung
(,,centre and bicentre of length? ), indem er den Abstand zweier Knoten-
punkte durch die Zahl der zwischenliegenden Linien mifit. Wenn der
grofite Abstand zweier Endpunkte 2n ist, hat das Liniensystem ein
Sylvestersches Zentnim, von welchem gerechnet die Entfernungen der
Endpunkte < n sind; ist sie dagegen 2n -\- 1, so hat das Linien
system eine Sylverstersclie Achse, von deren Endpunkten (Bicentra) die
Knotenpunkte des Liniensystemes hochstens um n entfernt sind. Fur
alle anderen Knotenpunkte gibt es einen Knotenpunkt, welcher von
ihm eine gro Bere Entfernung als n hat. Jordan konstruiert a. a. 0.
noch eine andere Art von Mitte, die, wie man leicht sieht, gerade die Syl-
vestersche Mitte ist. Entfernt man namlich von einem Baum alle
,,auBeren" Strecken, so entsteht wieder ein Baum, entfernen wir von
diesem wieder alle aufieren Strecken und fahren so fort, so bekommt
man zum SchluB entweder eine einzelne Strecke (Sylvestersche Achse)
oder lauter auBere Strecken mit einem gemeinsamen Punkt (Sylvester
sches Zentrum).
Die Minimalanzahl von Z tigen, mit welcher ein Baum gezeich-
net werden kann, ist nach dein Eulerschen Satz 52 ) die Halfte der An-
zahl von Knotenpunkten ungerader Ordnung. Fiir diese Zahl gibt
de Polignac 5 *) verschiedene Ausdrficke an. Sie ist z. B. gleich
>r rfc -f in , 1 s ^i rk i
2 1 - Til - ( a - !) =2 L""
wo k die Multiplizitat eines Knotenpunktes bedeutet, [a] (nach
Werke 2, p. 5) die groBte ganze Zahl, die in a enthalten ist, bedeutet
und wo die Summationen fiber alle Knotenpunkte erstreckt sind.
Ganz wie galvanische Elemente entweder in Reihen oder parallel
verbunden werden konnen, kann man auch Kette --------
Linien in ,,Ketten" oder ,,Joche" zusammen- Joch ^^
fugen. Die speziellen Liniensysteme, welche durch sukzessives ,,Zu-
sammenketten" und ,,Zusammenjochen" entstehen, nennt Cayley Jocii-
kette (yoke -chain) und P. A. Mac Motion* 4 ) zeigt, daB ihre Bildung
eng mit denen von Baumen verkniipft ist.
51) Vgl. Cayley, Rep. Brit. Ass. 1875, p. 259 = Papers 9, p. 428; Educ.
Times 27 (1877), p. 81 = Papers 10, p. 598; Am. J. of math. 4 (1881), p. 266 =
Papers 11, p. 365; de Polignac, Bull. soc. math, de Fr. 9 (1881), p. 39; Brunei,
Bord. Extr. proc. verb. 189394, p. 29.
52) s. Anm. 33.
53) Bull. soc. math, de Fr. 8 (1880), p. 120 ff.; ibid. 9 (1881), p. 34 ff.; vgl
Lucas, Eecr. math. (2 ed.) 1, p. 51.
54) Lond. Proc. math. soc. 22 (1894), p. 330.
A. Complexus. 2. Liniensysteme. 177
Bei An wenching von Liniensystemen in der Invariantentheorie 55 )
sind insbesondere die regnlaren Grapken**) von Bedeutung, in deren
Knotenpunkten iiberall dieselbe Anzahl g von Linien zusammenlaufen,
g ist der Grad des Graphes, wird die Ordnung genannt. Wenn
man den Graph durch Uberlagerung von regularen Graphen von der-
selben Ordnung aber von niedrigerem Grade herstellen kann, ist er
jserlegbar, sonst primitiv. Jul. Petersen 51 ) hat folgende Satze bewiesen:
Jeder Graph geraden Grades laBt sich in Graphen zweiten Grades
zerlegen, und zwar im allgemeinen auf verschiedene Weisen. Dagegen
gibt es primitive Graphen von jedem unyeradm Grade. Von den
Untersuchungen iiber Primitivitat in diesem Falle ist besonders her-
vorzuheben, claB ein primitiver Graph von drittem Grade wenigstens
drei Blatter haben rnuB, wo ein Blatt ein Teil des Graphes ist, welcher
nur durch eine Linie (eine Briicke) mit den iibrigen Teilen des Graphes
zusammenhangt. Ein Graph vom dritten Grade ohne Blatter laBt sich
in einen Graph ersten und einen Graph zweiten Grades zerlegen.
Der Satz von P. G. Tait bs ), daB ein solcher Graph sich immer
in drei vom ersten Grade zerlegen laBt ; ist wenigstens nicht im all
gemeinen richtig 59 ). Ob er fur Graphen ; welche auf einer ge-
schlossenen Flache vom Geschlechte p = gezeichnet sind, gilt, muB
vorlaufig dahinstehen; bisher ist kein befriedigender Beweis daftir gefuhrt.
Dasselbe ist der Fall, trotz vieler Miine 60 ), fur das damit in
Yerbindung stehende 61 ) Kartenfarbenproblern, unter den Mathematikern
55) Vgl. Anin. 10.
56) Bei Brunei reseaux reguliers genannt; Bord. Proc. verb. 1894 95, p. 3.
57) Jul Petersen, Acta math. 15 (1891), p. 193 ff.
58) Edinb. Trans. 29 (1880), p. 657; Listings Topology, Phil. mag. (5) 17
(1884), p. 30.
59) Jul Petersen, L interme d. 5 (1898), p. 225.
60) Das Problem wird behandelt bei Tait, Edinb. Proc. 10 (1880), p. 501
und p. 729; Edinb. Trans. 29 (1880), p. 657; Cayley, Proc. R. Geogr. Soc. 1 (1879),
p. 259 = Pap. 11, p. 7; A. B. Kempe, Am. J. of math. 2 (1879), p. 193; Nature 20
(1879), p. 275; 21 (1880), p. 399; Brunei, Bordeaux Extr. proc. verb. 188889
[Me m. (3) 5], p. 89; P.J.Heawood, Quart, J. 24 (1890), p. 332; ibid. 29 (1898),
p. 270; P. Wernicke, Am. math. soc. Bull. (2) 4 (1897), p. 4. In L intermediaire als
Antwort auf die Fragen Nr. 51 (1, 1894, p. 20), Nr. 360 (1, p. 213) und Nr. 425 (2,
1895, p. 8): 1, p. 192 (Delannoy, Ramsey}; 2, p. 232 (Delannoy, H. Brocard)-, 2,
p. 270 (E. BoreT); 2, p. 395- (Delannoy, C. Juel): 3, 1896, p. 179 (Ch. J. de la
Vallee-Pomsiri} , 3, p. 225 (Delannoy); 5, 1898, p. 225 und 6, 1899, p. 36 (Jul
Petersen}; de Polignac, BulL soc. math, de Fr. 27 (1899), p. 142; Wemickes Beweis
(Math. Ann. 58 (1901), p. 413) ist nicht ausreichend. Ygl. auch Lucas, Recr.
math. 4, p. 168 [= Revue scientif. (3) 32 (1883), p. 11].
61) Tait 1. c.; vgl. auch Ahrens, Math. Spiele; Lucas, Recr. math. 4, p. 193;
Jul Petersen, L intermed. 6 (1899), p. 37.
Encyklop. d. math. Wisaensch. in 1. 12
178 M. Delm. HIAB3. Analysis situs. P. Heegaard,
zuerst von F. Guthrie und C. de Morgan^) beriihrt. Das Problem
kommt darauf hinaus, folgenden Satz zu beweisen: Vier Farben ge-
niigen, um die Gebiete einer Landkarte so zu farben, daB iiberall
zwei aneinander (langs Linien) grenzende Gebiete verschiedene Farben
liaben 60 ). DaB vier Farben notwendig sind, gent schon hervor aus
dem Satze von Mobius (oder H. A. Weiske), daB auf einer der Kugel
homoomorphen Flache vier Nachbargebiete (spatia confinia) existieren 63 ),
d. i. vier Gebiete, von denen jedes Gebiet mit jedem anderen eine
Grenzstrecke gemeinsam hat. Eine obere Grenze fur die Anzahl der
notigen Farben ist leicht zu finden, sie ist = 5 fur die Kugel , = 7
fur die Torusflache. Da auf dieser aber sieben Nachbargebiete
existieren 63 ), so ist fur diese Flache das Kartenfarbenproblem gelost 64 ).
Brunel eb ) berechnet die Werte, welche a lf cc und der Grad
eines regularen Graphes annehmen konnen fur ^ gleich 1 bis 8, oline
doch zu untersuchen, ob es Graphen gibt, welche jedes Wertsystem
realisieren.
Jul. Peterson**) beweist mittels der Theorie der regularen Graphen
die Unlosbarkeit des sogenannten ,,Euler8eheia Problems der 36 Offi-
ziere" 67%
3. Hohere Komplexe und die (komplektische) Eulersche Formel.
(Bettische Zahlen, Torsionskoeffizienten.) Die allgemeine Theorie der
hoheren Komplexe, also zunachst der Flachenkomplexe oder -systeme, ist
lange nicht so ausgebildet wie die der Liniensysteme. Zunachst entsteht
die Frage nach den Eigenschaften derjenigen Linienkomplexe , die
JFlachensystemen von besonderen Eigenschaften zugrunde liegen konnen.
Eine notwendige und hinreichende Bedingung dafiir, daB aus einem C
62) Edinb. Proc. 10 (1880), p. 727.
63) R. Baltzer, Leipzig Ber. 1885, p. 1. Die Theorie der Nachbargebiete und
Nachbarpunkte auf Flachen von willkurlichem Geschlechte behandelt L. Heffter,
Math. Ann. 38 (1891), p. 477; ibid. 49 (1897), p. 101; ibid. 50 (1897), p. 261 und
setzt die Untersuchungen mit Tripelsystemen (I A 2, Netto, Nr. 10) in Verbindung.
Im Eaume gibt es keine obere Grenze der Gebiete; vgl. F. Guthrie, Edinb. Proc. 10
(1880), p. 727 und P. Stackel, Zeitschr. Math. Phys. 42 (1897), p. 275; selbst
die Beschrankung auf konvexe Gebiete andert hieran nichts, H. Tietze, Monatsh.
Math. Phys. 16 (1905).
64) P. J. Heawood, Quart. J. 24 (1890), p. 332.
65) Bordeaux Proc. verb. 189495, p. 3.
66) Annuaire des math., Paris 190102, p. 413.
67) Euler, Vlissingen Verhandl. 9 (1782), p. 85 == Comm. arithm. coll. 2,
p. 302; vgl. auch L intermed. 2, 1895, p. 17; 2, p. 79; 3, 1896, p. 17; 3, p. 90;
5, 1898, p. 83; 5, p. 176; 5, p. 252; 6, 1899, p. 251; 6, p. 273; 7, 1900, p. 14; 7,
p. 311, und Ahrens, Math. Spiele, p. 248 ff.
A. Complexes. 3. Hohere Komplexe und die Eulersche Fonnel. 179
(lurch Hinzufiigung von Flachenstiicken ein C 2 werden kann, ist die,
daB jede Strecke des C x zu mindestens einem geschlossenen Kreise
gehort. Uber Eigenschaften von solchen C lf die einer zweiseitigen
M 2 angehoren, siehe weiter unten. Im iibrigen ist die Theorie gerade
so weit entwickelt worden. urn die Eulersche Formel und damit zu-
sammenhangende Problenie zu erledigen.
Homologie 68 ): Es sei gegeben ein im allgenieinen nicht singula-
ritatenfreies System von ziceiseitigen Mannigfaltigkeiten C 2 ( { 3/ 2 } ) auf
einem C n , deren Berandungen ebenfalls ganz oder teilweise singular
sein konnen. Diese Berandungen mogen sich aus den geschlossenen
Kreisen T^ 1 , 11^, . . ., II f zusammensetzen, die einzelne Punkte ge-
meinsam haben diirfen. Geben wir dann alien konstituierenden Flachen
stiicken von C 2 ({Jf 2 }) einen solchen Urnlaufssinn, dafi jede Strecke
von den zwei in ihr zusammenstoBenden Flachen entgegengesetzte
Richtungen erhalt, dann werden auch die Strecken von C nt die die
Berandung von C 2 ({M 2 }) bilden, ein oder mehrere Male in gleichem
oder verschiedenem Sinne durchlaufen werden, je nach den verschie-
denen Flachenstiicken des C f ({Jtfj}), deren gemeinsame (singulare)
Kanten sie sind. Wird eine Kante -mal in dem einen Sinne, /3-
mal in dem auderen Sinne durchlaufen, so sagen wir, sie wird ( /3)-
mal im ersten Sinne oder (/J )-mal im zweiten Sinne durchlaufen
Ist aber a = /3, so sagen wir, die Strecke wird Nullmal durchlaufen.
Wir geben nun JZj 1 , 11^, . . . einen beliebig bestirnmten Durchlaufungs-
sinn. Werden dann bei der obigen Umlaufsbestirnmung alle Strecken
von n^ 1 i/j-mal, alle Strecken von 11^ 2 v 2 -mal, alle Strecken von
n^ v n -mal im gegebenen Sinne durchlaufen, so sagen wir: Die Kreise
/Ij 1 , TIj -,..., n^ 9 v ly resp. v 2 , . . ., resp. v n -mal im gegebenen Sinne
durclilaufen, begrenzen C 2 ( { M 2 } ). Oder auch kurz: U^. JJj 2 , . . ., U.^
begrenzen zusammen einen Teil des C n . Oder endlich
ist homvlog null, in Zeichen:
Vl /V + v, TV + + ". n " ^0.
1st v 1 /Z 1 1 + Vg/Zj 2 oo 0, so sagen wir v 1 JJ 1 1 ist homolog v^H^.
Mit Hilfe des Begiiffes der Kongruenz (siehe oben p. 172) konnen
wir die Definition der Homologie kiirzer so fassen: Es sei n e * irgend
ein Kreis, der eines der konstituierenden Flachenstiicke des C n be-
grenzt, und es mb ge die Kongruenz bestehen:
68) S. Poincare, J. ec. polyt. (2) 1 (1895), p. 18; Palermo Rend. 13 (1899).
p. 285 ff.
12*
180 .M . Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
dann besteht auch die Homologie:
Denn in der Tat: Wegen der Kongruenz begrenzen im oben definierten
Sinne I^ 1 , TL*, . . ., U^, v t - resp. v 2 -, . . . resp. v n -mal gezahlt, das System
von Mannigfaltigkeiten, das aus den ^-fach gezahlten, von den 77/
begrenzten Flachenstiicken besteht. Umgekehrt folgt aus der Homo
logie
Vl /V + v iM ----- h"."i"^0,
wie sofort einleuchtend ist, eine Kongruenz von der Form
, JV + VV H ----- h V.BI" =2t> t nj.
Es gilt nun ftir Kreissysteme auf zweiseitigen Jf 2 der cnarakteri-
stiscbe Satz: Haben in der Kongruenz
die Koeffizienten der linken Seite einen gemeinsainen Faktor 7 so
haben denselben auch die Koeffizienten der rechten Seite gemein-
sam. Hieraus folgt dann weiter: Eine auf einer zweiseitigen M^
giiltige Homologie darf man durch einen gemeinsamen Faktor der
Koeffizienten dividieren 69 ). Der Beweis fur den ersten Satz wird
ganz einfach so gefiihrt: Wir setzen voraus, daB die Kreise /!/ alle
voneinander linear unabhangig sind. Dann fehlt auf der rechten
Seite, wegen der vorausgesetzten Zweiseitigkeit des M 2f mindestens
einer der konstituierenden Kreise. Denn nach Definition der Zwei
seitigkeit ist ein konstituierender Kreis der Summe aller iibrigen kon-
gruent. Nehmen wir an, etwa ^ ware durch Q, den gemeinsamen
Faktor aller v k , nicht teilbar, so folgt leicht durch Betrachtung der an
TI e 1 anschliefienden II e *, daB kein ^ durch Q teilbar ist und daB deswegen
auf beiden Seiten jedes 7ZJ77 * angrenzen miissen. Das ist aber un-
moglich. Denn dann miifite an jeder Seite eines n e l ein II e * an
grenzen und die II ^ die ganze Flache erfiillen, was ja nicht der
Fall ist.
Sei nun P 1 1 die Maximalansalil von zusammen nicht beyrenzen-
den Kreisen auf einer zweiseitigen geschlossenen M 2 , so ist ^ = cc 2
- 1 + Pj_ 1 nach obigem die Anzahl der Kreise eines Fundamen-
69) Bei Poincare gleicli in der Verallgemeinerung fur n Dimensionen mifc
Hilfe der Theorie der Torsionskoeffizienten bewiesen (s. p. 184). Der Textbeweis
laBt sicli unrnittelbar verallgemeinern.
A. Complexus. 3. Hohere Komplexe und die Eulersche Formel. 181
talsysterns fiir den der M 2 zugrimde liegenden C 1 . Es ist aber nach
Complexus Nr. 2
i = i o + !
Wir haben also:
das ist die enveiterte komplektisclie Eulersche Formel. Fiir erne Kugel
ist also (wie ubrigens anders leichter zu zeigen):
o + 2 i = 2.
Das ist die gewdhnliche Enlersclie (Pol yeder-)Formel 1(ii ). Es ergibt sich
noch der Satz: Zu irgend P l 1 n nicht begrenzenden Kreisen
existieren stets n weitere mit den ersten zusamrnen nicht begrenzende
Kreise.
Gewisse fundament-ale Betrachtungen bei der Theorie der C t
konnen in der Theorie der C 2 wiederholt werden: Wir geben jeder
Flache SJ einen bestimmten Sinn (Indikatrix) (siehe Grundlagen Nr. 2).
Dann bedeutet die Kongruenz
MI =2*iS* ( i = oder -f 1 oder -- 1)
daB 7 wenn man der zweiseitigen Flache M 2 eine bestimmte Indikatrix
erteilt, die Flachenstiicke S^ wenn s. = ist, nicht auf M% liegen,
diejeuigen fur die f . == -f- 1 0( ^ er 1 ^ s ^ durch die Indikatrix bestini-
mung fiir M 9 eine niit der gegebenen iibereinstimniende resp. nicht
iibereinstinimende Indikatrix erhalten. Fiir jede C. 2 gibt es 4 a 2 linear
voneinander unabhangige solche Aggregate. Also jede geschlossene
zweiseitige Flache des C 2 ist kongruent mit eineni lineareu Aggregat
von ^ Flachen, die ein Fimdamentalsystem von gesclilossenen Flaclien
bildeD. Jedes solche System bestimmt wieder Konibinationen von ^ 2
nicht zerstiickelnden Flachen von der Eigenschaft, dafi nach Weg-
nahme der // 2 Flachen in dem C 2 keine geschlossene zweiseitige Flache
mehr vorkommt, so daB der C 2 in einen Flaclmibaum verwandelt ist.
Ebenso wie oben laBt sich zeigen, daB fiir den C 9 , der eine zwei
seitige 3f 3 bildet, die Zahl u 2 = 3 1 -f- P 2 1 ist, wo P 2 1
die Maximalansalil der (einfach oder mehrfach gezahlt) zusammen
nicht begrenzenden zweiseitigen Flachen auf der J/ 3 ist. Betrachten
wir den die M B bildenden C 1} so haben wir jetzt, da nach Fortnahme
von t u 2 Flachenstiicken keine geschlossene zweiseitige Flache mehr iibrig
bleibt, 2 t u 2 voneinander linear unabhangige II ^ und folglich. ist,
70) Dieser rein der Komplexustheorie entsprinsfende Beweis der (komplek-
tiscben^i Eulerschen Formel riilirt im Aveeentliclien von Poinearc her, Palermo
Rend. 13 (1899), 3. Betreffs des Zusatzes ,,komplektisch u s. Anm. 98.
182 M. Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
da durch die Fortnahme der 4 u 2 Flachenstiicke keine Kante wegge-
f alien sein kann, fur diesen C t die Zahl ^ = 2 ^ 2 -f- P t 1, wenn
P! 1 die Maximalanzahl der zusammen auf M 3 nicht begrenzenden
Kreise von Cj_ ist. Nun ist aber wieder fi t = ct^ cc -f- 1 und so
erhalten wir die Beziehung:
Einer Verallgemeinerung auf w Diniensionen steht nichts ini Wege,
so daB fiir die Ansahlen der Teilmannigfaltigkeiten einer zweiseitigen
M n die Beziehung gilt:
% - i H ----- K- 1)X
wenn P A dem Obigen entsprechend definiert ist. Dies ist die erweiterte
(komplektische) Eulersche Formel fiir n Dimensionen. 11 ) P 1? P 2 , . . .,
P 7l _ 1 heiBen die Bettischen Zalilen der Mannigfaltigkeit -M B . 72 ) Um
fiir einseitige M n die analoge Formel zu erhalten , braucht man nur
auf der rechten Seite der obigen Grleichung die Zahl ( 1)" fort-
zulassen.
Wie aus dieser Art der Ableitung hervorgeht, gilt diese Formel
aueh fiir Komplexe C nJ welche bios die Forderung erfullen, daB ein
71) S. Poincare a. a. 0.; vgl. auch die folg. Anm. Fiir eine Sphare fiir die
(nach ,,Grnindlagen" Nr. 5) alle Zahlen P t , . . ., P n - l gleich 1 sind, ergibt sich
^o-^ + -"(-l) w ^ = ( >
oder = 2, je nachdem n ungerade oder gerade ist. Uber die Literatur zu diesem
Satze. der sich viel leichter mit Hilfe des Begriffes des Homoomoi-phismus reap, der
internen Transformation ableiten lafit, vgl. Complexus Nr. 4 und Nexus II Nr. 1
und Anm 99.]
72) Diese Bezeichnung ruhrt von Poincare her: J. ec. polyt. (2) 1 1895, p. 19.
Betti selbst definiert die Zahlen anders, indem er namlich den Zusatz, daB die
begrenzenden Mannigfaltigkeiten einfach oder mehrfach gezahlt werden diirfen,
nicht macht. Die so definierten Zahlen sind von denen Poincares im allgemeinen
verschieden, und es gilt fiir sie die obige Formel nicht mehr. Hierauf hat
Heegaard,, Forstudier . . ., Dissert. Kopenhagen 1898, p. 87 ff. aufmerksam gemacht,
was Poincare Palermo Rend. 13 (1899), p. 1 ff. weiter ausfiihrt. Dieselbe Definition wie
Betti gibt Eiemann in seinem Fragment iiber An. sit. Werke 2. AufL, p. 479. Es ist
nicht unmoglich, da6 die Arbeiten von Betti und Riemann nicht unabhangig
voneinander entstanden sind (jRiemanns Aufenthalt in Italien, vgl. E. Werke,
2. Aufl., p. 555 f.). Vgl. A. Tonelli, Rom Line. Atti (2) 2 (1875), p. 594; E. Bar-
tolotti, Rom Line. Rend. (4) 5 2 (1889), p. 229; Tonelli , Rom Line. Rend. (4) 6 l
(1890), p. 139. Ferner K Picard et G. Simart, Th. d. f. d. 2 variables, Paris, 1
(1897), p. 27 ff. Der Beweis, den Poincare fiir die Formel im J. ec. polyt. ge-
geben hat, ist, wie Heegaard 1. c. bemerkt hat, unrichtig, ebenfalls wegen Nicht-
beachtung der beiden verschiedenen Definitionen der .Zte^ schen Zahlen.
A. Complexus. 3. Hohere Komplexe und die Eulersche Formel.
konstituierendes Rauinstiick S_ t zu zwei und uur zu zwei konsti-
74 1
tuierenden S n gehort, d. i. fiir uuhomogene Komplexe (siehe Grund-
lagen Nr. 5), so z. B. fiir Mannigfaltigkeiten von drei Dimensionen, bei
denen die Unigebung nicht jedes Punktes sich wie eine Kugel ver-
halt, sondern bei denen Punkte etwa mit ringflachenformigen Uni-
gebungen existiereu. (Beispiel: Eine Mannigfaltigkeit bestehe aus
zwei Raumstiicken mit zwei gemeinsamen Flachenstiicken (d. i. einein
Torus) und den Pyramiden mit gemeinsamer Spitze, deren Basen die
anderen die beiden Raumstiicke begrenzenden Flachenstiicke sind.)
Eine andere Art von Beispielen liefern C 2 , die geschlossene J/ 2 mit
singulareu Punkten (Selbstberiihrungspunkten) darstellen. Nennt man
a n die Anzahl der S n eines C n , zwischen deren Berandungen keine
Kongruenz besteht (a n = CC H resp. == a n 1 fiir ein- resp. zweiseitige
M n \ dann ist folgende Verallgemeinenmg der ~kompleldisclmi Eiderschen
Formel fiir eimn ~beliebigen Komplex C n giiltig:
Nur fiir gewohnliche (homogene) geschlossene Mannigfaltigkeiten
dagegen gelten die folgenden Beziehungen zwischen den GroBen, die
wir kombinierte Anzalilen 1 6 ) nennen wollen: Unter a ik (M n ) verstehen
wir, wenn i ^> A; ist, die Anzahl der M n konstituierenden Mannigfaltig
keiten / ter Dimension, jede so oft gezahlt, als sie von Mannigfaltigkeiten
A: ter Dimension begrenzt wird, wenn i < k die Anzahl der M n konsti
tuierenden Mannigfaltigkeiten / ter Dimension, jede so oft gezahlt, als die
Anzahl der Mannigfaltigkeiten A; ter Dimension angibt. zn deren Be-
grenzung sie gehort. Allgemein ist a^ k = a k ^ und 1)0 = 2^, fiir
jede (geschlossene) M n (n > I)2 j0 = 2 1? fiir jede Jf n (w> 2) : o^ -f- ^3,3
== 8)1 + 2 3 , ferner fur jede M 2 : 0>1 = a 0j27 fiir jede 3/ 3 : 2)3 = 2 2 ,
i,8 = "1,2? o,i + o,s = o,2 + 2a o; diese Formel folgt, weil die
Umgebung jedes Punktes sich wie eine Kugel verhalt. Aus diesen
Formeln folgt fiir eine geschlossene M 3 der Satz:
o a i + a -2 "3 = ?
woraus nach dem Obigen folgt:
A = -Pj>
ein fundanientaler Satz, der zuerst von Poincare richtig ausgesprochen
und bewiesen wurde 74 ). Allgemein ergibt sich fiir jede ungerade
73) Von Poincare, J. ec. polyt. (2) 1 (1895), 17, eingefiihrt.
74) Der Satz mirde zuerst von Betti 1. c. ausgesprochen, ist aber unrichtig
fiir seine Definition der Bettischen Zahlen. Poincare s Beweis im J. ec. polyt. ist
184 M. Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
Anzahl von Dimensionen die Formel:
o a i + K 2 a n = V,
woraus nach clem Obigen fur zweiseitige Mannigfaltigkeiten
P 1 -P t + P t -P t P._, =
folgt. Bei einseitigen Mannigfaltigkeiten ist das Aggregat auf der
linken Seite gleich 1. Fur inanche Zwecke ist es praktisch, kompli-
ziertere Anzahlen einzufuhren, die von drei und mehr Argumenten
abhangen 75 ).
Poincare hat noch eine ganz andere Art von GroBen eingefulirt,
die Mannigfaltigkeiten (von mehr als zwei Dimensionen) charakte-
risieren, namlich die Torsionskoeffizienten). Wir erweitern die De
finition von Hornologien fiir mehrdimensionale zweiseitige Mannigfal
tigkeiten und es sei etwa:
k2v t n, ~o, (*>i),
und 7v die kleinste Zahl, die diese Homologie erfiillt (es darf also
z. B. nicht ^vjl^ selbst ^ sein), dann wird & ein g-dimensionaler
Torsionskoeffizient der Mannigfaltigkeit M n genannt. Den Namen
rechtfertigt Poincare, indem er nachweist, daB Mannigfaltigkeiten mit
Torsionskoeffizienten (oder kurz mit Torsion) notwendigerweise ein-
seitige Mannigfaltigkeiten enthalten miissen. Doch ist dieser Grand
nicht recht zwingend, da umgekehrt M n ohne Torsion, z. B. eine E,
sogar geschlossene einseitige Gebilde enthalten konnen. Geschlossene
einseitige M n _ 1 wird allerdings bios eine M n mit Torsion besitzen
konnen. (Poincare beweist ubrigens nur die Existenz ungeschlossener
einseitiger Gebilde 77 ).) Sehr wichtig ist die analytische Methode zur
unzureiclaend (s. Anm. 72), stichlialtig dagegen in den Palermo Rend. 3 (1899). Das-
eelbe gilt von dem Beweise bei Picard-Simart 1. c. p. 44 ff. Der Beweis im Text
iet eine Kombination der Poincareachen Betrachtungen in den beiden Arbeiten,
die nur fiir M 5 zum Ziele fuhrt. Ygl. Complexus Nr. 4.
75) S. M. Dehn, Math. Ann. 61 (1906), p. 561.
76) Lond. Math. Soc. 32 (1900), p. 281 if.
77) Beispiele von Mannigfaltigkeiten mit Torsion bei Poincare, J. ec. polyt.
(2) 1895, p. 52; Heegaard, Forstudier; Poincare, Palermo Rend. 13, p. 287 f. Die den
Beispielen zugrunde gelegten M s sind alle homoomorph mit dem projektiven
dreidimensionalen Raurn oder, was dasselbe ist, mit dem Kugelraum, dessen
Oberflache zentral auf sich selbst bezogen ist, d. i. der zweiseitigen dreidimen
sionalen Erweiterung des geschlossenen Mobiusschen Bandes (s. Connexus II B).
Eine einfache Zusammensetzung dieser Mannigfaltigkeit aus Raumstiicken erhalt
man in einer Mannigfaltigkeit, die aus 4 Hexaedern (Wurfeln), 12 Vierecken, 16
Strecken (den Kanten und Korperdiagonalen eines Wiirfels) und 8 Punkten besteht.
A. 4. Benutzung von nektischeu Methoden fiir die Theorie hoherer Komplexe. 185
Bestimmung der Torsionskoeffizienten 78 ). Man gibt jedern Rauinstiick
S* +1 und S q k eine bestimmte Indikatrix. Dann setzt man f ik = 0,
wenn Sf nicht auf S* g + 1 liegt, gleich -f- 1 oder -- 1, wenn S q k auf
S q+1 liegt und durcli die Indikatrix des letzteren eine niit ihrer
eigenen iibereinstimmende resp. ihr entgegengesetzte Indikatrix be-
stimmt wird. Man macht sich aus den f ik eine Tabelle T q + lf niit
9+1 Linien und a q Kolonuen, in der s ik in der ** en Linie und & ten
Kolonne zu stehen kommt. Die Tabelle kann durcli Addition und
Subtraktion einzelner Kolonnen oder Linien, ferner durcli Vertauschung
mit gleichseitigern Zeichenwechsel in eine solche ubergefuhrt \verden,
in der alle Elemente null sind mit Ausnahme der Elemente, fiir die
i = k ist. Diese sind, wenn sie von null, -f- 1 und - - 1 verschieden
sind, die Torsionskoeffizienten der betreffenden Mannigfaltigkeit. Solclie
Tabellen sind auch sonst sehr praktisch, z. B. zur Entscheidung der
Frage, ob eine vorliegende Mannigfaltigkeit em- oder zweiseitig ist.
4. Benutzung von nektischen Methoden fiir die Theorie
hoherer Komplexe. Da die Zusammenhangstheorie (nexus) fur mehr
als zwei Dimensionen bisher nur unvollkonimen entwickelt ist, anderer-
seits die bisberigen Resultate derselben in engstem Zusammenbange
mit dem Vorbergehenden stehen, sollen diese gieicb an dieser Stelle
auseinandergesetzt werden. Da bei jedem einzelnen der Prozesse, die
eine interne Transformation (siehe Grundlagen Nr. 5) zusammensetzen,
jedesmal gleichzeitig zwei aufeinanderfolgende Anzahlen einer M n je
um Eins verniehrt werden, so ergibt sich der Satz, dafi fur zwei
liomoomorplie M n die alternierende Summe der Anzalilen a { gleich sein
mufi. Diese Summe entspricht nach Dyck) der Kroneckerschen
Charakteristik eines die Mannigfaltigkeit darstellenden Funktionen-
systems (siehe auch Nexus Nr. 8). Man iiberzeugt sich ferner leicht,
daB die Maximalanzahl nicht begrenzender Kurven, Flachen usw.
durch eine interne Transformation ungeandert bleibt. Wir er-
halten so den Satz: Zwei homoomorphe M n haben gleiche Bettiacht
Zahlen (s. Nr. 3), die iibrigens auch Zusammenlianyszahlen genannt
werden. Speziell erhalten wir hierdurch das Resultat, daB die Zu-
sammenhangszahlen far eine Mannigfaltigkeit iin engeren Sinne (redu-
zierte Bettische Zahlen nach Poincare) gleich den Zusammenhangs-
zahlen fiir eine Mannigfaltigkeit im weiteren Sinne (siehe Grundlagen
Nr. 4) sind. Dadurch gewinnen die Satze des vorigen Abschnittes
eine tiefere Bedeutung. Ganz dasselbe, was hier fiber die Zusammen-
78) Poincare, Lond. Math. Soc. 32 (1900), p. 281 ff.
79) Math. Ann. 37 (1890), p. 273 ff.
186 M. Dehn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
hangszahlen gesagt ist, gilt auch fur die Torsionskoeffizienten, infolge
des ebenfalls leicht zu beweisenden Satzes, daB zwei homoomorphe
Mannigfaltigkeiteii gleicke Torsionskoeffizienten liaben. Nach Poin
care 8Q ) gibt es zu jeder Mannigfaltigkeit M n eine homoomorphe zu
ihr reziprolte M n von der Art, daB jedein Punkt von M n ein S n von
M H , jedein S n _ m von M n ein S m von M n , endlich jedem S n von M n
ein Punkt von M n in der Weise zugeordiiet werden kann, daB, wenn
auf M n ein S { zur Begrenzung eines S k gehort, das S k entsprechende
S n -k au ^ -M-n zur Begrenzung des entsprechenden S n _ { gehort. Es
laBt sich dann zeigen, daB die Maximalanzalil der nicht begrenzenden
II k auf M n gleich der Maximalanzahl der nicht begrenzenden TI n _ k
auf M n ist, woraus nach dem Obigen, weil M n und M n homoo-
morph sind, fiir jede geschlossene zweiseitige Mannigfaltigkeit Jf s der
wichtige Satz folgt:
P 81\
k = *n-k )
Ebenso folgt, daB die ^-dimensionalen Torsionskoeffizienten mit den
(n 1 q) - dimensionalen Torsionskoeffizienten ubereinstimmen 82 )
mftssen und daB eine zweiseitige M n keine (n l)-dimensionale
Torsion haben kann 83 ), was gleichbedeutend mit dem Satz ist, der
fiir M 2 oben bereits abgeleitet ist und auch direkt verallgemeinert
werden kann: Homologien, die auf zweiseitigen M n zwischen n 1-di-
mensionalen Mannigfaltigkeiten bestehen, konnen durch einen alien
Koeffizienten gemeinsamen Faktor dividiert werden.
Die Vermutung 84 ), daB eine M nt ohne Torsion, deren samt-
liche Zusamnienhangszahlen gleich 1 sind, einer Hypersphare homoo-
morph ist, hat Poincare durch ein Beispiel als irrig nachgewiesen 85 ),
das in folgende Form gebracht werden kann. Man nehme zwei
von Doppelringflachen r und r begrenzte Raume R und jff und
stelle aus ihnen einen geschlossenen Raum dadurch her, daB man die
Oberflachen r und / in folgender Weise aufeinander bezieht: Seien
Cj_ und 2 resp. C r und C 2 zwei zusammen nicht begrenzende Kreise
der Ringflache r resp. /, die je ein Flachenstiick des betreffenden Ring-
80) Palermo Rend. 13 (1899), p. 314 ff.
81) Dieser Satz ist die Verallgemeinerung des Satzes, daB fiir eine Jf 3
P x = P 2 ist; fur den Beweis gilt dasselbe wie fur den Beweis des letzteren (s.
Anm. 75). Der Beweis im Text ist der von Poincare in Palermo Rend. 13, 8
und Lond. Math. Soc. 32 (1900), 5, p. 295.
82) Poincare, Lond. Math. Soc. a. a. 0. p. 302.
83) Poincare, a. a. 0. p. 307.
84) Poincare, a. a. 0. p. 308.
85) Palermo Rend. 18 (1904), p. 45.
A. 4. Benutzung von nektiscben Methoden fur die Theorie hoherer Koinplexe. 187
raumes begrenzen (also auf dieseni homolog null sind) (siehe Figur 3).
Seien femer 1^ und F 2 zwei Kurven auf r, von denen F x in it C
einen und mit 2 keinen Pnnkt, und F 2 mit C keinen und mit C 2
einen Punkt gemeinsam hat. Encllich seien Z^ und D 2 zwei sich
nicht schneidende Kurven auf r, die bei geeigneter Wahl des Durch-
laufungssinus von C lf C 2 , Fj und F 2 die Homologie
(i)
und
(2) D t _
befriedigen (siehe Figur 3). Da man wegen der Ersetzbarkeit von
Fig. 3.
Hornologien durch Kongruenzen (siehe Seite 179) dieselben mit ganzen
Zahlen multiplizieren und voneinander abziehen kann, so folgen aus
diesen Homologien die weiteren:
(3) r, + 2 A - A + Ci c, ~ o . . .
und
(4) r s -3A + 2A-C 1 + 2G ,~0...
Da das System [D 19 D 2 } Equivalent (siehe Grundlagen Nr. 3 und Nexus
Nr. 7) ist mit dem System { C t , (7 2 } , so kann man die Ringfl achen r
und / so homoomorph auf einander beziehen ; dafi D l und D 27 C t und
<7 2 entsprechen. Erklart man nun iiberhaupt sich so entsprechende
Elemente von r und r als identisch, so erhalt man einen geschlossenen
Raum ? ohne Torsion, dessen ^e^ sche Zahlen = 1 sind. Denn: Jede der
M B angehorige Kurve begrenzt und zwar einmal genonimen. Denn in
JR begrenzen C l und C 2 , in R D und D 2; und folglich nach (3) und (4)
188 M. Dchn. Ill A B 3. Analysis situs. P. Heegaard.
aucli FJ und JT 2? well jede einem Aggregat von begrenzenden Kurven
homologe Kurve selbst begrenzt. Jede andere Kurve aber 1st homolog
mit einem linearen Aggregat von C 19 C 2 , F x und T 2 . Also ist die M s
ohne Torsion und es ist P t = 1. Also auch P 2 = 1 (siehe p. 183).
Aber diese M 3 ist nicht mit einer Hyperkugel homoomorph. Derm:
Zerlegt man eine Hyperkugel irgendwie in zwei Doppelringraume, R
und E mit der gemeinsamen Begrenzungsflache r, dann sind die in
R begrenzenden Kurven von r in der obigen Bezeichnung homolog mit
C 1} C 2 oder C L + 2 , und die in R f begrenzenden mit F ly JT 2 oder
ri -f- -Tg, wo ? w i e oben JTj C^ in einem und C 2 in keinem Punkt, und
F 2 (?! in keinem und C 2 in einem Punkt schneidet. Das ist aber far
die oben konstruierte J\I 3 nicht der Fall.
Die Losung des Hauptprobleuis in der Zusammenhangstheorie,
namlich notwendige und hinreichende Bedingungen fur den Homoo-
morphisnius zweier M n aufzustellen, ist fiir mehr als zwei Dimen-
sionen leider nicht gelungen. Das liegt vor allem daran ? daB es bis-
her nicht gelungen ist, Normalformen fiir M n (n > 2) (siehe Nexus
Nr. 3) aufzustelleii 85 *) 86 ).
B. Nexus.
I. Nexus von Linien.
Hier ist die ganze Theorie erschopft in dem Satze: Jede ein-
dimensionale Mannigfaltigkeit ist entweder mit einer Strecke oder
mit einem aus zwei Strecken bestehenden Kreise honioomorph 87 ).
Doch sollen hierher, wegen der spateren Verallgemeinerung, noch
gerechnet werden gewisse Betrachtungen analytisch-geometrischer
Natur, die von Dyck ss ) herriihren. DycJc bestimmt eine Charakteristik
K fur ein System { M } von eindimensionalen Maimigfaltigkeiten ? die
85 a ) Hierauf weist Dyck, Math. Ann. 37 (1890), p. 306 bin. Vgl. bei Heegaard,
Dissert. Kopenhagen 1898, den Versuch, das Verfahren zur Herstellung von Normal
formen von M t fiir dreidimensionale Mannigfaltigkeiten zu erweitern^ p. 43 ff.
86) tiber weitere polydimensionale Untersuchungen s. Nexus Nr. 8, Connexus I
und II B; vgl. ferner: P. Werniclie, Uber die An. sit. mehrdimensionaler Raurne,
Gottingen 1904 (Dissert.). Scbon Mobius, Leipzig Ber. 15 (1863), p. 18 = Werke 2
(1886), p. 436, bat sicb mit 3-dimensionalen Mannigfaltigkeiten, namlicb mit
den von Ring- und Kugelflachen begrenzten Teilen eines E s bescbaftigt. Sein
Hauptresultat ist, da6 alle von je einer Ring- und einer Kugelflacbe begrenzten
Raumteile einander elementarverwandt sind. Seine Behauptung, da6 alle von
je zwei Ringflacben begrenzte Ko rper elementarverwandt sind, ist, wie leicht
einzuseben, unricbtig.
87) S. F. Mobius, Leipzig Ber. 15 (1863), p. 18 = Werke 2 (1886), p. 435.
88) Leipzig Ber. 13 (1886), p. 53; Math. Ann. 32 (1888), p. 465 ff.
B. Nexus II. 1. Einleitung. 189
gleich der Anzahl der ungeschlossenen Linien dieses Systems ist.
Mit Hilfe der Kronecl erschen Charakteristikentlieorie [I B 3 a, Runge,
Nr. 7] bestimmt er zunachst die Charakteristik desjenigen { M } , welcher
von den ,,innerhalb" eiuer Kurve ty(x, y) = liegenden Teilen der
Geraden y = ?/ a 89 ) gebildet wird. Dann wird anstatt der Geraden
eine beliebige Kurve (p(x 7 y) = genommen 90 ). Durch stetige Um-
formung laBt er die gegebene { M^ } aus einer { M l } mit bekanntem
K entstenen. Es andert sicli K fur solche Lagen der sich defor-
mierenden {3^}, bei denen die Kurven ^ = und qp = sick be-
ruhren. Durch Untersuchung des Einflusses, den die verschiedenen
Arteii von Beriihrungspunkten auf die Anderung von K haben, er-
gibt sich K d. i. also: die Anzahl der Stiicke von (p = 0, die inner-
halb 4 = liegen, als die Kroneckersche Charakteristik des Funk-
tionensystems 91 )
<p = 0, iff = und A = 0,
wo A die Funktionaldeterminante von <p und ^ bedeutet.
II. Nexus von Flachen.
1. Einleitung. Das Hauptproblem unserer Theorie ist die Auf-
stelluny der notivencligen und liinreiclienden Bedingunyen fur den Homoo-
morpliismus zweier gegebemr Flachen, M 2 und M 2 . 92 ) Die Losung ist
die folgende:
89) Leipzig Ber. 1. c., p. 62 und Leipzig Ber. 14 (1887), p. 40.
90) Math. Ann. 32 (1888), p. 466 ff.
91) L. Kronecker, Berlin Monatsber. 1878, p. 145.
92) Der wesentliche Kern dieses Problems ist zuerst von Riemann behandelt
worden (Diss. Gott. (1851) Nr. 6 = Werke (2. Aufi.), p. 9 und J. f. Math. 54
(1857), p. 105 = Werke (2. Aufl.), p. 91) und zwar nach zwei verachiedenen
Methoden, namlich erstens mit Hilfe der Theorie der Querschnitte (Diss.) und
z