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Full text of "Erinnerungen, Briefe, Dokumente, 1877-1916 : Ein Bild vom Kriegsausbruch, erster Kriegsführung und Persönlichkeit des ersten militärischen Führers des Krieges"

INNERUNGEN 

BRIEFE 
OKUMENTE 

1877-1916 



HAROLDb KY 

BRIGHAM YOUNG UMVERSITY 

PROVO.UTAH 



Generaloberst Helmuth von Moltke 
Erinnerungen - Briefe - Dokumente 



Generaloberst 

Helmuth von Moltke 

Erinnerungen 
Briefe Dokumente 

1877-1916 

Ein Bild vom Kriegsausbruch, 

erster Kriegsführung und Persönlichkeit des 

ersten militärischen Führers des Krieges 

Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von 

Eliza von Moltke 

geb. Gräfin Moltke-Huitfeldt 



1922 



Der Kommende Tag A.-G. Verlag, Stuttgart 



Zweite Auflage 

Sechstes bis zehntes Tausend 

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in sämtliche Sprachen, 

ausdrücklich vorbehalten 

Copyright 1922 by Der Kommende Tag A.-G. 

Verlag, Stuttgart 



Druck: Der Kommende Tag A.-G. Verlag, Stuttgart 



HAROLD B. LEE LTBRARY 
BR1GHAM YOUNG ÜMVERSITY 



Vorwort des Herausgebers 



Im Frühjahr 1919 faßte ich den Entschluß, die Auf- 
zeichnungen meines Mannes, des Generalobersten 
von Moltke, über den Kriegsausbruch zu veröffent- 
lichen, damit noch rechtzeitig vor dem Abschluß der 
Friedensverhandlungen in Versailles die Wahrheit 
bekannt werde. Denn ich besaß in diesen Aufzeich- 
nungen den Beweis, daß Deutschland nicht in dem 
Sinn am Weltkriege schuldig sei, wie seine Gegner 
behaupten, um einen Gewaltfrieden zu ihren Gunsten 
herbeiführen zu können. Aus diesen Aufzeichnungen 
geht zwar die Unfähigkeit und Hilflosigkeit der po- 
litischen Leitung Deutschlands in der entscheiden- 
den Zeit in ihrem ganzen Umfang hervor, zugleich 
aber wird durch Darstellung bisher unbekannter, 
wichtigster Tatsachen und Vorgänge der unumstöß- 
liche Beweis erbracht, daß die deutsche Regierung 
den Krieg nicht gewollt hat. Glaubte doch diese Re- 
gierung noch in den Tagen des Kriegsausbruchs an 
den Willen Englands, die Ausdehnung des Krieges 
zu verhindern, so daß Kaiser und Reichskanzler, die 
in diesem Irrtum befangen waren, hemmend in den 
Gang der Mobilmachung eingriffen. 

Der Versuch, diesen Beweis von Deutschlands Frie- 
denswillen in Versailles vorzubringen und dadurch 
den Gewaltfrieden, der sich auf Deutschlands Schuld * 

* Der Artikel 231, S. 122, der amtlichen Ausgabe des Versailler 
Friedensvertrages lautet: 

Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutsch- 
land erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Ur- 
heber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die 
alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen 
infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands 
und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben. 

Die richtige Übersetzung lautet: Die alliierten und assozi- 

VII 



aufbaut, unmöglich zu machen, scheiterte. — Die Auf- 
zeichnungen sollten damals erscheinen, um vor die 
Menschen und Völker die nackten Tatsachen hinzu- 
stellen und dadurch eine Gegenwirkung gegen die Ver- 
schleierung der Wahrheit zu schaffen. Auch dieser 
Versuch eines Appells an die Öffentlichkeit scheiterte, 
da das Erscheinen der Aufzeichnungen durch das Ein- 
greifen gewisser Persönlichkeiten verhindert wurde. 
Seitdem dieses im Jahre 1919 sich abspielte, hat sich 
manches zugetragen. Der Frieden von Versailles, des- 
sen Schuldartikel deutsche Unterhändler unterschrie- 
ben haben, hat das größte Unheil über Deutschland 
und die Welt gebracht. In Deutschland ist inzwischen 
eine ganze Literatur entstanden, die sich mit den Grün- 
den des Kriegsverlustes beschäftigt. Immer wieder 
wird auf die Marneschlacht und das Versagen der 
ersten Obersten Heeresleitung, insbesondere auf die 
angebliche Unfähigkeit Moltkes hingewiesen. Heißt 
es doch in dem von Karl Rosner herausgegebenen 
Buch »Erinnerungen« des ehemaligen Kronprinzen 
Wilhelm, Moltke habe »in einem mißverstandenen 
Pflichtgefühl, wider Willen und in Erkenntnis seiner 
Unzulänglichkeit« eine Aufgabe, die über seine Kräfte 
ging, auf sich genommen. Das sei sein Verhängnis 
geworden. Seines und der Unsrigen. 

ierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt dies an, 
daß Deutschland und seine Verbündeten für alle von ihnen ver- 
ursachten, den alliierten und assoziierten Regierungen und ihren 
Volksangehörigen erwachsenen Verluste und Schäden verant- 
wortlich sind, die entstanden sind als Folgen des Krieges, der 
ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten 
auferlegt worden ist. 

Ich sage das Obige trotz dieser etwas wenig sagenden 
Fassung des Artikels nicht aus einer fälschlichen Inter- 
pretation desselben heraus, die den Deutschen sonst 
vorgeworfen wird, sondern weil das Gesagte seine tat- 
sächliche Folge und seine Behandlung von Seiten der 
Sieger in Wirklichkeit so ist (Der Herausgeber.) 

VIII 



Sätze dieser Art sind es, die mir die Herausgabe 
des vorliegenden Buches zur Pflicht machen. Mit 
Moltkes eigenen Worten soll ein Bild seines Wir- 
kens und seiner Anschauungen gegeben werden, und 
zwar durch die Veröffentlichung von Briefen aus sei- 
ner Frühzeit bis zu den Aufzeichnungen während des 
Krieges. Nur hierdurch können die ungeheuerlichen 
Vorwürfe zurückgewiesen werden. Diese Briefe und 
Dokumente werden zeigen, wo die »Unzulänglichkeit« 
lag und wie sich in Moltkes Persönlichkeit größtes 
Verantwortungsbewußtsein mit einem umfassenden 
Überblick über die Verhältnisse und dem Willen zum 
Handeln unter Zurückstellung aller persönlichen Be- 
denken vereinigte. Als am 7. Januar 1905 die Unter- 
redung zwischen dem Kaiser und Moltke über die 
Annahme des Postens des Chefs des Generalstabes 
stattfand, für welchen der Kaiser ihn auf den Rat des 
Grafen Schlief fen ausgesucht hatte, machte Moltke 
die Annahme davon abhängig, daß der Kaiser nicht 
persönlich in die militärische Leitung eingreifen solle. 
Acht Friedensjahre hindurch hat der Kaiser seine Na- 
tur bezwungen. Er tat es, weil er wußte, daß er kei- 
nen treueren Berater als Moltke hatte. Da wo es sich 
um den wirklichen Krieg, nicht nur um Manöver han- 
delte, am i.August 1914, hörte er zum erstenmal nicht 
auf den erprobten langjährigen Mitarbeiter, er griff 
ein in militärische Notwendigkeiten und gab über den 
Kopf Moltkes hinweg einen Befehl, der den gesam- 
ten Aufmarsch gefährden mußte. 

Es ist nicht wahr die immer wiederkehrende Be- 
hauptung, Moltke sei schon lange vor dem Kriege 
schwer krank gewesen. Auch sein letzter Besuch in 
Karlsbad kurz vor Kriegsausbruch erfolgte aus Fa- 
miliengründen und hatte mit seiner längst verheilten 
Krankheit nichts zu tun. Moltke ging in voller Ge- 

IX 



sundheit frisch und tatkräftig am i. August ins Schloß. 
Erst, was er dort in den Nachmittagsstunden des i. Au- 
gust erleben mußte, hat ihn auf das schwerste ge- 
troffen. Dem Generalstabschef oblag es, die militäri- 
schen Maßregeln so zu ergreifen, daß das Vaterland 
inmitten eines Walles von Feinden nicht zertrüm- 
mert werde; die Politik, die auf Sand gebaut war, 
versagte, und darum war die militärische Verfügung 
die einzig mögliche. Auf Moltke, der seit Jahren mit 
klarem Blick die politische, wirtschaftliche und mili- 
tärische Lage Deutschlands erkannt hatte, der immer 
auf die Gefahren hingewiesen hatte, die Deutschland 
drohten, lastete in diesen Stunden, in denen er um 
die Ausführung des Mobilmachungsplanes kämpfen 
mußte, ganz allein die Verantwortung. Nach diesen 
Stunden, in denen alle seine Einwände überhört wur- 
den, war Moltke ein anderer Mensch. Seine Zuver- 
sicht war erschüttert. Das Vertrauensverhältnis zwi- 
schen ihm und dem Kaiser war zerstört. Seine Über- 
zeugung war von da ab : Wo solche Verhältnisse in 
einem Lande möglich sind, muß Unglück daraus ent- 
stehen. Zwar hat Helmuth von Moltke die einschlägi- 
gen Verhältnisse seit langer Zeit sachgemäß ernst be- 
urteilt, aber stets gemeint, der Ernstfall werde in 
den maßgebenden Persönlichkeiten die notwendigen 
Kräfte auslösen, was leider nicht eingetroffen ist. »Ich 
kann wohl Krieg führen gegen den äußeren Feind, 
aber nicht gegen den eigenen Kaiser«, waren seine 
Worte nach den vorangegangenen Erlebnissen. Der 
einzige Mann, der am i. August nach dem völligen 
Versagen der deutschen Politik die militärisch not- 
wendigen Verfügungen treffen mußte, der in diesen 
Augenblicken kämpfen mußte gegen Unverstand und 
Kurzsichtigkeit in militärischer und politischer Hin- 
sicht, dieser Mann war, als ihm endlich am Spät- 



abend des i. August 1914 die Handlungsmöglichkeit 
zurückgegeben wurde, bis ins Mark hinein getroffen 
durch dasjenige, was er an diesem Nachmittage er- 
lebt hatte. Das ist die furchtbare Wahrheit. An dem 
Eindruck dieser Erlebnisse, der nicht aus seinem Be- 
wußtsein auszulöschen war, krankte Moltke noch in 
der nächstfolgenden Zeit, und die Wirkungen dieser 
Stunden machten sich geltend, als der erste große 
Rückschlag im Kriege eintrat. 

Wer gerade Moltkes Verantwortungsgefühl und -be- 
wußtsein gekannt hat, wird verstehen, daß diese Er- 
fahrungen des 1. August eine tiefgehende Wirkung 
auf ihn ausüben mußten. Darin, daß das Verständnis 
für solche »Imponderabilien« unseren Zeitgenossen 
verlorenging und sich ihr Denken und Urteilen so 
sehr vergröberten, liegt der Gund zu der falschen Be- 
urteilung der Persönlichkeit Moltkes, wie auch mei- 
nes Erachtens eine Hauptursache für die trostlosen 
Verhältnisse unserer jetzigen Zeit. 

Moltkes Absicht, neue Operationen einzuleiten, 
nachdem durch den Rückzug an der Marne die Ar- 
meen wieder Bewegungsfreiheit erlangt hatten, wurde 
unter der Leitung des Generals von Falkenhayn nicht 
ausgeführt. Statt dessen fing der Stellungskrieg an, 
den Moltke unter allen Umständen vermeiden wollte, 
da er darin die größte Gefahr für das deutsche Heer 
erkannte. Die Entscheidung fiel nicht an der 
Marne, sondern einige Wochen später im Osten. 
Da fing der Kampf um die Leitung des Krieges zwi- 
schen Ost und West an. General von Falkenhayn 
verweigerte als Chef des Generalstabes dem Feld- 
marschall von Hindenburg die von ihm im Novem- 
ber 1914 angeforderten Truppen; der sicher erhoffte 
Sieg über die Russen wurde dadurch vereitelt. Viel- 
leicht wird einst die Geschichte über dieses dunkle 

XI 



Kapitel strenger urteilen, als man jetzt gewillt ist, es 
zu tun, und dann die Ursachen erkennen für vieles, 
das daraus folgte. 

Moltke war seit Anfang Dezember 1914 wieder in 
Berlin. Er fing nun an, in die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse sich einzuarbeiten; er sah die Gefahren und 
Übelstände im Lande, er erhob seine warnende Stim- 
me. Dies erregte den Unwillen derjenigen Männer, 
die jetzt die Macht in Händen hatten, und die ver- 
suchten, seine Tätigkeit zu verhindern. Zur selben 
Zeit entschlossen sich mehrere Persönlichkeiten, an 
den Kaiser heranzutreten mit dem Hinweis, daß Ge- 
neral von Falkenhayn ein Unglück für das Land sei, 
daß die Armee kein Vertrauen zu ihm habe. Feldmar- 
schall von Hindenburg verlangte seinen Abschied, 
wenn General von Falkenhayn weiter die Leitung be- 
halten würde. Moltke schrieb an den Kaiser, auch der 
Kronprinz setzte sich für die Angelegenheit ein. Aber 
alles war damals umsonst. Die Klarsehenden drangen 
nicht durch. Zwanzig Monate später, im September 
1916, drei Monate nach Moltkes Tod, wurde ausge- 
führt, was er zur rechten Zeit zu unternehmen geraten 
hat. Damals war er der einzige, der für das Verlan- 
gen der im Osten führenden Persönlichkeiten an maß- 
gebender Stelle ausführlich den strategischen Plan 
vorschlug; später, als andere auf dasselbe verfielen, 
war es für vieles leider zu spät. Denn die Gefahren für 
Deutschland, die Moltke hatte kommen sehen, wenn 
alles so blieb, wie es damals war, die waren eingetre- 
ten und hatten eine verzweifelt ernste Lage gegen- 
über der Übermacht der Feinde geschaffen. Was hätte 
erreicht werden können, wenn im Jahre 1915 Moltkes 
Rat befolgt worden wäre, wie hätte sich die Kriegs- 
lage gestaltet, wenn im November 1914 oder später 
im August 1915 die nötigen Truppen nach dem Osten 

XII 



geschickt worden wären? Unzählige Male hat Moltke 
1915 gesagt, mit dem, was vom Großen Hauptquartier 
für den Osten an Truppenmassen zur Verfügung ge- 
stellt werde, ließen sich zwar schöne taktische Erfolge, 
nicht aber ein durchgreifender strategischer Haupt- 
schlag, wie er im Osten notwendig wäre, erreichen. 

Bequem und entlastend für viele, die heute über 
diese einschneidenden Fragen hinweggehen, ist es ge- 
wiß, Moltke alle Schuld aufzubürden. Da er heute tot 
ist und sich nicht verteidigen kann, was er sonst gewiß 
sehr kräftig tun würde, obliegt mir die schwere Ver- 
pflichtung, für ihn einzutreten. Es ist die Verpflich- 
tung, ihn zu verteidigen gegen diejenigen, die immer 
wieder von dem »entschlußschwachen«, »unfähigen« 
Moltke, der seiner Aufgabe nicht gewachsen gewesen 
sei, reden und schreiben. Moltke faßte den schwersten 
Entschluß seines Lebens, eine neue wirksame Kriegs- 
handlung im Westen nach den entstandenen Schwie- 
rigkeiten dadurch einzuleiten, daß er den Hauptteil 
der Armeen weiter rückwärts in neuer Frontgestal- 
tung sammeln wollte. Daß sich seine Überzeugung, 
auf diese Art den Krieg wirksam weiter fortzuführen, 
nicht ausführen ließ, liegt daran, daß ihm vor der 
Ausführung die Führung abgenommen worden ist. 
In seinem ganzen Leben hat Moltke bewiesen, daß 
er sich nicht scheute, zu handeln und rücksichtslos 
seine Person einzusetzen, wo es des Landes Wohl 
galt. Seine Überzeugung von der Unzulänglichkeit 
anderer hat ihn zu Beginn des Krieges gelähmt, seine 
Kräfte in entscheidender Zeit nicht voll zur Entfal- 
tung kommen lassen. 

So mag, was Moltke gedacht, gefühlt, gewirkt und 
gelitten hat, für ihn zeugen, und alle die, denen es 
unbequem sein wird, mögen bedenken, daß sie die 
Veröffentlichung durch ihr eigenes Verhalten verur- 

XIII 



sacht haben; denn wahrlich, nicht leichten Herzens 
ist der Entschluß zu diesen Veröffentlichungen ge- 
faßt worden, sondern aus der Erkenntnis heraus, daß 
es die Pflicht fordert, für einen Mann einzutreten, 
der in der unerhörtesten Weise verleumdet wird. 

Moltke war der treueste Diener seines Königs und 
Vaterlandes, der an gebrochenem Herzen starb aus 
Sorge um sein Volk und Land, weil er genau voraus- 
sah und voraus erlebte, wie alles kommen und wer- 
den müsse in Anbetracht der Verhältnisse, die in 
Deutschland herrschten. Diese Veröffentlichungen 
sollen dazu beitragen, daß die Wahrheit erkannt 
werde, und so der Weg gefunden werden kann, um 
die Unwahrhaftigkeit zu besiegen, die als zerstörende 
Kraft alles wahre Leben vernichten möchte, die 
Deutschland mehr und mehr in einen Trümmerhau- 
fen verwandeln wird, wie Moltke es bereits im Früh- 
jahr 1904 voraus empfand und niederschrieb. 

Möchten doch die Deutschen endlich aufhören, sich 
selber zu zerfleischen, ihre besten Männer zu verun- 
glimpfen. Nur so kann in Erfüllung gehen, woran 
Helmuth von Moltke fest glaubte: die Neugeburt des 
echten wahren Deutschtums, aufgebaut auf Wahr- 
heit und Erkenntnis. Dann sind seine Leiden um sein 
Vaterland nicht umsonst gewesen, dann verwandelt 
sich seine »Tragik« in ein für das Deutschtum segen- 
bringendes »Heldentum«, dessen Früchte spätere Ge- 
schlechter ernten werden. »Ihr werdet die Wahrheit 
erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.« 

Unter diesem Leitmotiv stehen meine Veröffent- 
lichungen. 

Weil ein übersichtliches Bild von Moltkes Wirken 
und Persönlichkeit gegeben werden soll, ist die fol- 
gende Anordnung des Inhaltes dieses Buches getrof- 
fen worden. 

XIV 



Vorangestellt sind die Dokumente, die der Gegen- 
wart ein sachgemäßes und wahres Bild der Vorgänge 
von Ende Juli und Anfang August 1914 in Berlin geben. 
Im Mittelpunkt dieses ersten Teiles steht Moltkes ei- 
gene Niederschrift seiner Erinnerungen an die ent- 
scheidenden Vorgänge und deren politische und mili- 
tärische Bedeutung. Durch die Erinnerungen wird, 
wie man überzeugt sein kann, eine Darstellung des 
Kriegsausbruches gegeben, die trotz ihrer Kürze mehr 
und wichtigeres enthält als alles, was bisher darüber 
erschienen ist. Das Bild der künftigen Geschichts- 
schreibung wird, wie man weiter überzeugt sein 
kann, dieser Darstellung viel ähnlicher sein als den 
anderen. 

Dann folgen alle diejenigen Dokumente, die Molt- 
kes Entwicklung in anschaulicher Art zeigen, bis zu 
dem Zeitpunkte seines Lebens, in dem er bewußt 
eine so schwere Entscheidung treffen mußte, wie 
keine andere ihm bekannte Persönlichkeit der Ge- 
genwart oder Vergangenheit. 

Den Abschluß bilden Äußerungen seines Lebens- 
ernstes nach seiner Enthebung aus der Stellung des 
Chefs des Generalstabes, die in jeder Zeile ein Be- 
weis dafür sind, daß er bis zu seinem Tode als treue- 
ster Diener seines Volkes seine besten Kräfte zum 
Opfer bringen wollte. 

Berlin, Oktober 1922. 

Eliza von Moltke 

geb. Gräfin Moltke-Huitfeldt. 



XV 




Generaloberst Helmuth von Moltke 
Koblenz August 1914 



Erster Teil 



Ein Memorandum Moltkes 
Betrachtungen und Erinnerungen 



Ein Memorandum Moltkes 

Berlin, den 28. Juli 1914. 
Zur Beurteilung der politischen Lage 

Es ist ohne Frage, daß kein Staat Europas dem 
Konflikt zwischen Österreich und Serbien mit einem 
anderen als wie menschlichem Interesse gegenüber- 
stehen würde, wenn in ihn nicht die Gefahr einer 
allgemein politischen Verwickelung hineingetragen 
wäre, die heute bereits droht, einen Weltkrieg zu ent- 
fesseln. Seit mehr als fünf Jahren ist Serbien die Ur- 
sache einer europäischen Spannung, die mit nach- 
gerade unerträglich werdendem Druck auf dem po- 
litischen und wirtschaftlichen Leben der Völker lastet. 
Mit einer bis zur Schwäche gehenden Langmut hat 
Österreich bisher die dauernden Provokationen und 
die auf Zersetzung seines staatlichen Bestandes ge- 
richtete politische Wühlarbeit eines Volkes ertragen, 
das vom Königsmord im eigenen zum Fürstenmord 
im Nachbarlande geschritten ist. Erst nach dem letz- 
ten scheußlichen Verbrechen hat es zum äußersten 
Mittel gegriffen, um mit glühendem Eisen ein Ge- 
schwür auszubrennen, das fortwährend den Körper 
Europas zu vergiften drohte. Man sollte meinen, daß 
ganz Europa ihm hätte Dank wissen müssen. Ganz 
Europa würde aufgeatmet haben, wenn sein Stören- 
fried in gebührender Weise gezüchtigt und damit Ruhe 
und Ordnung auf dem Balkan hergestellt worden wäre, 
aber Rußland stellte sich auf die Seite des verbreche- 
rischen Landes. Erst damit wurde die österreichisch- 



serbische Angelegenheit zu der Wetterwolke, die sich 
jeden Augenblick über Europa entladen kann. 

Österreich hat den europäischen Kabinetten erklärt, 
daß es weder territoriale Erwerbungen auf Kosten 
Serbiens anstreben, noch den Bestand dieses Staates 
antasten wolle, es wolle den unruhigen Nachbar nur 
zwingen, die Bedingungen anzunehmen, die es für 
ein weiteres Nebeneinanderleben für nötig hält und 
die Serbien, wie die Erfahrung gezeigt hat, trotz feier- 
licher Versprechungen ungezwungen niemals halten 
würde. 

Die österreichisch-serbische Angelegenheit ist eine 
rein private Auseinandersetzung, für die, wie gesagt, 
kein Mensch in Europa ein tiefer gehendes Interesse 
haben würde, das in keiner Weise den europäischen 
Frieden bedrohen, sondern im Gegenteil ihn festigen 
würde, wenn nicht Rußland sich eingemischt hätte. 
Das erst hat der Sache den bedrohlichen Charakter 
gegeben. 

Österreich hat nur einen Teil seiner Streitkräfte, 
8 Armeekorps, gegen Serbien mobilisiert. Gerade ge- 
nug, um seine Strafexpedition durchführen zu kön- 
nen. Demgegenüber trifft Rußland alle Vorbereitungen, 
um die Armeekorps der Militärbezirke Kiew, Odessa 
und Moskau, in Summa 12 Armeekorps, in kürzester 
Zeit mobilisieren zu können* und verfügt ähnliche 
vorbereitende Maßnahmen auch im Norden, der deut- 
schen Grenze gegenüber, und an der Ostsee. Es er- 
klärt, mobilisieren zu wollen, wenn Österreich in 
Serbien einrückt, da es eine Zertrümmerung Ser- 
biens durch Österreich nicht zugeben könne, ob- 
gleich Österreich erklärt hat, daß es an eine solche 
nicht denke. 

Was wird und muß die weitere Folge sein? 

* Randbemerkung: Moltlces : Ist inzwischen geschehen. 



Österreich wird, wenn es in Serbien einrückt, nicht 
nur der serbischen Armee, sondern auch einer star- 
ken russischen Überlegenheit gegenüberstehen, es 
wird also den Krieg gegen Serbien nicht durchführen 
können, ohne sich gegen ein russisches Eingreifen 
zu sichern. — Das heißt, es wird gezwungen sein, 
auch die andere Hälfte seines Heeres mobil zu ma- 
chen, denn es kann sich unmöglich auf Gnade oder 
Ungnade einem kriegsbereiten Rußland ausliefern. 
Mit dem Augenblick aber, wo Österreich sein ganzes 
Heer mobil macht, wird der Zusammenstoß zwischen 
ihm und Rußland unvermeidlich werden. Das aber ist 
für Deutschland der Casus foederis. Will Deutschland 
nicht wortbrüchig werden und seinen Bundesgenos- 
sen der Vernichtung durch die russische Übermacht 
verfallen lassen, so muß es auch seinerseits mobil 
machen. Das wird auch die Mobilisierung der übri- 
gen Militärbezirke Rußlands zur Folge haben. Dann 
aber wird Rußland sagen können, ich werde von 
Deutschland angegriffen, und damit wird es sich die 
Unterstützung Frankreichs sichern, das vertrags- 
mäßig verpflichtet ist, an dem Kriege teilzunehmen, 
wenn sein Bundesgenosse Rußland angegriffen wird. 
Das so oft als reines Defensiv-Bündnis gepriesene 
französisch-russische Abkommen, das nur geschaf- 
fen sein soll, um Angriffsplänen Deutschlands be- 
gegnen zu können, ist damit wirksam geworden und 
die gegenseitige Zerfleischung der europäischen Kul- 
turstaaten wird beginnen. 

Man kann nicht leugnen, daß die Sache von sehen 
Rußlands geschickt inszeniert ist. Unter fortwähren- 
den Versicherungen, daß es noch nicht »mobil« ma- 
che, sondern nur »für alle Fälle« Vorbereitungen 
treffe, daß es »bisher« keine Reservisten einberufen 
habe, macht es sich soweit kriegsbereit, daß es, wenn 



es die Mobilmachung wirklich ausspricht, in weni- 
gen Tagen zum Vormarsch fertig sein kann. Damit 
bringt es Österreich in eine verzweifelte Lage und 
schiebt ihm die Verantwortung zu, indem es doch 
Österreich zwingt, sich gegen eine russische Über- 
raschung zu sichern. Es wird sagen: »Du Österreich 
machst gegen uns mobil, du willst also den Krieg 
mit uns.« 

Gegen Deutschland versichert Rußland, nichts un- 
ternehmen zu wollen, es weiß aber ganz genau, daß 
Deutschland einem kriegerischen Zusammenstoß 
zwischen seinem Bundesgenossen und Rußland 
nicht untätig zusehen kann. Auch Deutschland wird 
gezwungen werden, mobil zu machen, und wiederum 
wird Rußland der Welt gegenüber sagen können: »Ich 
habe den Krieg nicht gewollt, aber Deutschland hat 
ihn herbeigeführt.« — So werden und müssen die 
Dinge sich entwickeln, wenn nicht, fast möchte man 
sagen, ein Wunder geschieht, um noch in letzter 
Stunde einen Krieg zu verhindern, der die Kultur fast 
des gesamten Europas auf Jahrzehnte hinaus ver- 
nichten wird. 

Deutschland will diesen schrecklichen Krieg nicht 
herbeiführen. Die deutsche Regierung weiß aber, daß 
es die tiefgewurzelten Gefühle der Bundestreue, ei- 
nes der schönsten Züge deutschen Gemütslebens, in 
verhängnisvoller Weise verletzen und sich in Wider- 
spruch mit allen Empfindungen ihres Volkes setzen 
würde, wenn sie ihren Bundesgenossen in einem Au- 
genblick nicht zu Hilfe kommen wollte, der über des- 
sen Existenz entscheiden muß. 

Nach den vorliegenden Nachrichten scheint auch 
Frankreich vorbereitende Maßnahmen für eine even- 
tuelle spätere Mobilmachung zu treffen. Es ist augen- 
scheinlich, daß Rußland und Frankreich in ihren Maß- 



nahmen Hand in Hand gehen. — Deutschland wird 
also, wenn der Zusammenstoß zwischen Österreich 
und Rußland unvermeidlich ist, mobil machen und 
bereit sein, den Kampf nach zwei Fronten aufzuneh- 
men. Für die eintretendenfalls von uns beabsichtig- 
ten militärischen Maßnahmen ist es von größter 
"Wichtigkeit, möglichst bald Klarheit darüber zu er- 
halten, ob Rußland und Frankreich gewillt sind, es 
auf einen Krieg mit Deutschland ankommen zu las- 
sen. Je weiter die Vorbereitungen unserer Nachbarn 
fortschreiten, um so schneller werden sie ihre Mobil- 
machung beendigen können. Die militärische Lage 
wird dadurch für uns von Tag zu Tag ungünstiger 
und kann, wenn unsere voraussichtlichen Gegner sich 
weiter in aller Ruhe vorbereiten, zu verhängnisvollen 
Folgen für uns führen. 



Betrachtungen und Erinnerungen 

Homburg, November 1914. 

Der europäische Krieg des Jahres 1914 kam dem 
nicht unerwartet, der ohne diplomatische Befangen- 
heit in die Welt blickte. Seit Jahren stand er wie eine 
Wetterwolke am politischen Himmel, die gespannte 
europäische Lage drängte nach Entladung, und es 
konnte keinem Zweifel unterliegen, daß der Konflikt 
zwischen zwei europäischen Großstaaten den Krieg 
fast des gesamten Europas entfesseln werde. Das 
mußte schon die Folge der zwischen den Angehöri- 
gen der beiden Mächtegruppen abgeschlossenen Ver- 
träge und Vereinbarungen sein, die im Kriegsfalle 
Staat an Staat banden. Es war sicher, daß Deutsch- 
land aktiv an einem Kriege teilnehmen werde, der die 
Existenz der österreichisch-ungarischen Monarchie 
ernstlich bedrohte, und ebenso sicher, daß Frank- 
reich an der Seite Rußlands stehen werde. Seit Jahren 
stand die Entente dem Dreibund feindlich gegenüber. 
Daß letzterer bei der Probe des Ernstfalles versagen, 
daß Italien seinen bindenden Verpflichtungen nicht 
nachkommen werde, war allerdings nicht zu erwar- 
ten. Noch im Vorjahr des Krieges waren die schon 
früher bestehenden Abmachungen zwischen Italien 
und Deutschland revidiert und erneuert worden, noch 
im Frühjahr 1914 waren diese Abmachungen in bin- 
dender Form erneut festgelegt. Italien hatte sich ver- 
pflichtet, im Falle des Krieges zwischen Deutschland 
und Frankreich 2 Kavallerie-Divisionen und 3 Ar- 
meekorps Deutschland zur Verfügung zu stellen, 



der als Führer dieser Hilfstruppen bestimmte Gene- 
ral Zuccari hatte mich in Berlin aufgesucht, der 
Transport der Truppen war unter Mitwirkung des 
österreichischen Generalstabes ausgearbeitet. Alles 
war genau besprochen. Ebenso war ein Marineab- 
kommen zwischen Deutschland, Italien und Öster- 
reich formell abgeschlossen und unterzeichnet, nach- 
dem eine gemeinsame Aktion der österreichischen 
und italienischen Flotte unter Hinzutritt der bei Aus- 
bruch des Krieges im Mittelmeer anwesenden deut- 
schen Schiffe stattfinden sollte. Alle diese Abma- 
chungen waren so klar und so bindend getroffen, daß 
ein Zweifel an der Bundestreue Italiens kaum ent- 
stehen konnte. Die darüber entstandenen Aktenstücke, 
die von italienischer Seite namens der Regierung ab- 
gegebenen Erklärungen, die die Zustimmung des Kö- 
nigs erhalten hatten, liegen in unseren Archiven. — 
Trotzdem hat Italien sein Wort gebrochen. Es er- 
klärte seine Neutralität und setzte sich gleichmütig 
über alle Verträge hinweg. Ein schmählicherer Wort- 
bruch ist vielleicht in der Geschichte nicht zu finden. 
Deutschland und Österreich standen allein, als der 
Krieg ausbrach. 

Die englische Diplomatie hatte es verstanden, sich 
von bindenden Verträgen freizuhalten, sich die Poli- 
tik der freien Hand zu wahren. Es waren allerdings 
Verabredungen zwischen England, Frankreich und 
Belgien für den eventuellen Fall einer Kooperation 
getroffen, aber England konnte mit Recht behaup- 
ten, daß es keine bindenden Staatsverträge eingegan- 
gen sei. Blieb somit die Haltung Englands bei Aus- 
bruch des Krieges zweifelhaft, so sprach doch alle 
Wahrscheinlichkeit dafür, daß es auf Seiten der Geg- 
ner Deutschlands zu finden sein werde, wenn der 
Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbre- 



chen sollte. Die Gelegenheit, den unbequemen Kon- 
kurrenten auf dem Weltmarkt aus dem Wege zu räu- 
men, mit einzugreifen, wo die Aussicht vorlag, im 
Verein mit Rußland und Frankreich Deutschland mit 
Übermacht zu erdrücken; die langjährige, von König 
Eduard VII. eingeleitete Wühlarbeit zur Einkreisung 
Deutschlands, die Hoffnung, die gefürchtete deutsche 
Flotte zu vernichten und damit die unbeschränkte 
Herrschaft der Weltmeere, die Weltherrschaft kurz- 
hin zu erlangen, machten es von vorneherein wahr- 
scheinlich, daß England in der Reihe unserer Feinde 
zu finden sein werde. 

Die Hoffnung unserer Diplomatie, ein gutes Ver- 
hältnis zu England anbahnen zu können, die jahre- 
lang die Magnetnadel war, nach der unsere Politik 
eingerichtet wurde, mußte sich als verfehlt erweisen, 
sobald die brutalen englischen Interessen Gelegen- 
heit finden konnten, sich durchzusetzen. — England 
hat es immer verstanden, seinen selbstsüchtigen 
Handlungen ein moralisches Mäntelchen umzuhän- 
gen. So mußte auch hier die Verletzung der belgi- 
schen Neutralität durch Deutschland als Vorwand 
dienen, um letzterem den Krieg zu erklären. Es mag 
dahingestellt bleiben, ob England sofort aktiv in den 
Krieg gegen uns eingetreten sein würde, wenn diese 
Neutralitätsverletzung nicht erfolgt wäre. Jedenfalls 
würde es eingegriffen haben, sobald Gefahr sich 
zeigte, daß Frankreich von uns überwältigt werde. 
Keine der kontinentalen Mächte, am wenigsten 
Deutschland, hätte nach der alten Praxis englischer 
Politik so stark werden dürfen, daß die Gefahr einer 
Hegemonie vorlag. — Vielleicht wäre es für Eng- 
land bequemer gewesen, mit seinem Eingreifen zu 
warten, bis die kontinentalen Staaten sich im Kriege 
erschöpft hätten, vielleicht hat dieser Gedanke der 

10 



englischen Staatsleitung zunächst vorgeschwebt. Da- 
mit aber, daß England immer, sei es früher oder spä- 
ter, gegen Deutschland aufgetreten sein würde, mußte 
von jedem unbefangenen Beobachter unter allen Um- 
ständen gerechnet werden. Alles Liebeswerben unse- 
rer Diplomatie war einem Staate gegenüber, der wie 
England nur eine selbstsüchtige Interessenpolitik be- 
folgt, von Anfang an verloren. — Das zu erkennen, 
wäre vielleicht auch schon vor dem Ausbruch des 
Krieges nicht so schwer gewesen. Ich glaube, man 
hätte eher zu einem Abkommen mit Frankreich oder 
zu einer Verständigung mit Rußland als zu einer zu- 
verlässigen Neutralität Englands kommen können. 
Unsere Blicke aber waren wie hypnotisiert auf Eng- 
land gerichtet, und als dies sich gleich bei Beginn 
des Krieges gegen uns erklärte, standen wir mit Öster- 
reich ohne jeden weiteren Bundesgenossen, ja selbst 
ohne Vorbereitung, einen solchen zu gewinnen, der 
Übermacht unserer Feinde gegenüber. 

Der Ausbruch des europäischen Krieges ist durch 
Jahre hindurch hinausgeschoben worden durch die 
Furcht der Menschen. Sie war es, die alle Kabinette 
zu den immer wiederholten Beteuerungen veranlaßte, 
daß alle Bestrebungen auf Erhaltung des Friedens 
gerichtet seien. 

Es wäre besser für uns gewesen, wenn wir in den 
letzten Jahren den kommenden Ereignissen, dem 
Kriege, der unverkennbar vor der Türe stand, fest ins 
Auge geblickt und uns auch diplomatisch auf ihn 
vorbereitet hätten. — Die höchste Kunst der Diplo- 
matie besteht meiner Ansicht nach nicht darin, den 
Frieden unter allen Umständen zu erhalten, sondern 
darin, die politische Lage des Staates dauernd so zu 
gestalten, daß er in der Lage ist, unter günstigen Vor- 
aussetzungen in einen Krieg eintreten zu können. — 

ii 



Das war das unsterbliche Verdienst Bismarcks vor 
den Kriegen von 1866 und 1871. Seine stete Sorge 
war eine Koalition Frankreichs und Rußlands, die 
jetzt eingetreten ist und uns zu dem Kriege nach 
zwei Fronten zwingt. — Daß das deutsche Volk eine 
klare Empfindung darüber gehabt hat, daß dem Vater- 
lande schwere Zeiten bevorständen, beweist die An- 
nahme der vom Generalstab und Kriegsministerium 
geforderten Wehrvorlage des Jahres 1912. 

Mit dem Kriege nach zwei Fronten war seit Jahren 
im Generalstab gerechnet worden. Daß er notwendig 
werden würde in dem Augenblick, wo die Rivalität 
Rußlands und Österreichs auf dem Balkan zum offe- 
nen Konflikt führen werde, war klar genug. Wir wuß- 
ten alle, daß Frankreich an der Seite des Zarenreichs, 
dem es seine Milliarden zur besseren Vorbereitung 
für den Krieg zur Verfügung gestellt hatte, unbedingt 
an demselben teilnehmen würde. — Man könnte die 
Frage aufwerfen, ob Deutschland nicht weiser getan 
hätte, Österreich seinem Schicksal zu überlassen, statt 
bundestreu die ungeheure Schwere des zu erwarten- 
den Krieges auf sich zu nehmen. Mehrfach ist die 
Ansicht geäußert worden, daß der Zerfall der öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie doch nicht mehr 
aufzuhalten sei und daß für Deutschland eigentlich 
keine Veranlassung vorläge, sich Österreichs wegen 
in das Abenteuer eines Krieges zu stürzen, über des- 
sen Schwere sich jedermann klar war. Die Möglich- 
keit, daß Deutschland, wenn es die verbündete Mon- 
archie preisgab, zunächst vor dem Kriege hätte be- 
wahrt werden können, muß zugegeben werden. Aber 
abgesehen davon, daß das deutsche Volk für eine 
solche Felonie kein Verständnis gehabt haben würde, 
wäre meiner Ansicht nach das Fallenlassen Öster- 
reichs ein politischer Fehler gewesen, der sich bin- 

12 



nen kurzem schwer gerächt haben würde. Die eng- 
lisch-französische Einkreisungspolitik richtete sich 
in erster Linie gegen Deutschland. Sie wäre bestehen 
geblieben, wenn Deutschland sich von Österreich ge- 
trennt hätte, und in wenigen Jahren würden wir vor 
dem Kriege mit derselben Koalition gestanden haben, 
die uns jetzt angreift, dann aber ohne, oder vielleicht 
sogar mit einem feindlichen Österreich. Dann würden 
wir ganz allein gestanden haben. Dieser Krieg, den 
wir jetzt führen, war eine Notwendigkeit, die in der 
Weltentwickelung begründet ist. Unter ihrem Ge- 
setz stehen die Völker wie die einzelnen Menschen. 
Wenn diese Weltentwickelung, die man gewöhnlich 
als Weltgeschichte bezeichnet, nicht vorhanden wäre, 
wenn sie nicht vom Weltentwickelungsplan aus nach 
höheren Gesetzen geleitet würde, wäre die Entwicke- 
lungstheorie, die man in bezug auf die Lebewesen 
der Erde anerkennt, auf das höchste Lebewesen, den 
Menschen, in seiner Zusammenfassung als Volk, 
nicht anwendbar. Dann wäre die Weltgeschichte 
nichts weiter als das wirre Ergebnis von Zufälligkei- 
ten, und man müßte ihr jede planvolle Entwickelung 
abstreiten. Daß aber eine solche stattfindet, lehrt mei- 
ner Ansicht nach die Geschichte selber. Sie zeigt, 
wie die Kulturepochen sich in fortschreitender Folge 
ablösen, wie jedes Volk seine bestimmte Aufgabe in 
der Weltentwickelung zu erfüllen hat und wie diese 
Entwickelung sich in aufsteigender Linie vollzieht. 
So hat auch Deutschland seine Kulturaufgabe zu 
erfüllen. Die Erfüllung solcher Aufgaben vollzieht 
sich aber nicht ohne Reibungen, da immer Wider- 
stände zu überwinden sind; sie können nur durch 
Krieg zur Entfaltung kommen. Wollte man anneh- 
men, daß Deutschland in diesem Kriege vernichtet 
würde, so wäre damit das deutsche Geistesleben, das 

13 



für die spirituelle Weiterentwickelung der Mensch- 
heit notwendig ist, und die deutsche Kultur ausge- 
schaltet; die Menschheit würde in ihrer Gesamtent- 
wickelung in unheilvollster Weise zurückgeworfen 
werden. 

Die romanischen Völker haben den Höhepunkt 
ihrer Entwickelung schon überschritten, sie können 
keine neuen befruchtenden Elemente in die Gesamt- 
entwickelung hineintragen. — Die slawischen Völker, 
in erster Linie Rußland, sind noch zu weit in der 
Kultur zurück, um die Führung der Menschheit über- 
nehmen zu können. Unter der Herrschaft der Knute 
würde Europa in den Zustand geistiger Barbarei zu- 
rückgeführt werden. — England verfolgt nur mate- 
rielle Ziele. 

Eine geistige Weiterentwickelung der Menschheit 
ist nur durch Deutschland möglich. Deshalb wird 
auch Deutschland in diesem Kriege nicht unterlie- 
gen, es ist das einzige Volk, das zur Zeit die Führung 
der Menschheit zu höheren Zielen übernehmen kann. 

Es ist eine gewaltige Zeit, in der wir leben. 

Dieser Krieg wird eine neue Entwickelung der Ge- 
schichte zur Folge haben, und sein Ergebnis wird 
der gesamten Welt die Bahn vorschreiben, auf der 
sie in den nächsten Jahrhunderten vorzuschreiten 
haben wird. 

Deutschland hat den Krieg nicht herbeigeführt, es 
ist nicht in ihn eingetreten aus Eroberungslust oder 
aus aggressiven Absichten gegen seine Nachbarn. 

Der Krieg ist ihm von seinen Gegnern aufgezwun- 
gen worden, und wir kämpfen um unsere nationale 
Existenz, um das Fortbestehen unseres Volkes, un- 
seres nationalen Lebens. Damit kämpfen wir um ide- 
ale Güter, während unsere Gegner es offen ausspre- 
chen, daß ihr Ziel die Vernichtung Deutschlands ist. 

14 



Nie ist von einem Staat ein gerechterer Krieg ge- 
führt worden und nie hat er ein mehr von idealen 
Empfindungen bewegtes Volk betroffen. Wie mit ei- 
nem Schlage traten bei ihm alle Entzweiung, alle Par- 
teiunterschiede, alle materiellen Interessen zurück, ein- 
mütig stand das Volk zusammen, und jeder war be- 
reit, Gut und Blut für das Vaterland zu opfern. Der 
hohe Idealismus des deutschen Volkes, den selbst 
die materialistische Strömung der langen Jahre des 
Wohllebens nicht hat vernichten können, brach sich 
siegreich Bahn. Das Volk erkannte, daß es höhere 
und wertvollere Ziele gibt, als materielle Wohlfahrt, 
es wandte sich diesen zu mit der ganzen Inbrunst des 
Germanentums. 

Ein solches Volk ist unbesieglich. 

Die äußere Ursache des Krieges war die Ermordung 
des Erzherzog-Thronfolgers. Sobald es sich zeigte, 
daß Österreich weitgehende Vergeltungsansprüche an 
Serbien stellte, trat Rußland auf die Seite der Mörder. 
Es fürchtete, daß sein Prestige auf dem Balkan und 
seine Stellung als Protektor aller Slawen verloren sein 
werde, wenn es Serbien ohne Unterstützung an Öster- 
reich ausliefern werde. Deshalb war Rußland von 
vornherein zum Kriege entschlossen und begann als- 
bald mit den Vorbereitungen zur Mobilmachung, die 
zunächst sehr geheim gehalten wurden. Meiner An- 
sicht nach wollte es nur Zeit gewinnen, als es kurz 
darauf erklärte, daß die nun offen angeordnete Mo- 
bilmachung in den südlichen Militärbezirken sich nur 
gegen Österreich richte, daß gegen Deutschland nicht 
mobilisiert werden solle. Während die Mobilmachung 
schon in vollem Zuge war, gab der Kriegsminister 
dem deutschen Militärattache sein Ehrenwort, daß 
nicht mobilisiert werde. Es ist bekannt, daß dann, 
während unser Kaiser noch zwischen Rußland und 

IS 



Österreich in ehrlicher Weise zu vermitteln versuchte, 
in Rußland die Mobilmachung auch der nördlichen 
Militärbezirke ausgesprochen wurde. Zwar erklärte 
der Zar, daß diese Mobilmachung sich nicht gegen 
Deutschland richte, daß Rußland den Krieg gegen 
Deutschland nicht wolle, es stellte aber damit die An- 
forderung an uns, ohne eigene Kriegs Vorbereitung 
der Willkür eines fertig gerüsteten Rußlands uns aus- 
geliefert zu sehen. 

Das war natürlich für Deutschland unmöglich. Mit 
dem Augenblick, wo Rußland sein gesamtes Heer mo- 
bilisierte, waren auch wir gezwungen, mobil zu ma- 
chen. Hätten wir es nicht getan, wäre Rußland jeder- 
zeit in der Lage gewesen, in unser ungeschütztes 
Land einzumarschieren und eine spätere Mobilma- 
chung für uns unmöglich zu machen. 

Es kann für jeden Unbefangenen keinem Zweifel 
unterliegen, daß Rußland es gewesen ist, das diesen 
Krieg entfacht hat. Es wußte genau, daß Deutschland 
seinen Bundesgenossen Österreich nicht vernichten 
lassen werde, aber es hatte durch sein hinterlistiges 
Verhalten Zeit gewonnen und war in seiner Mobil- 
machung schon weit vorgeschritten, wie Deutsch- 
land die seinige begann. 

Wie schon erwähnt, war der Krieg gegen zwei 
Fronten im Generalstab schon seit Jahren bearbeitet 
worden. Schon unter meinem Vorgänger, dem Gra- 
fen Schlieffen, war der Vormarsch durch Belgien 
ausgearbeitet. 

Diese Operation wurde dadurch begründet, daß es 
so gut wie ausgeschlossen schien, ohne die Verlet- 
zung der belgischen Neutralität das französische Heer 
im freien Felde zur Entscheidung zwingen zu kön- 
nen. Alle Nachrichten schienen es gewiß zu ma- 
chen, daß die Franzosen hinter ihrer starken Ostfront 

16 



einen Defensivkrieg führen würden, und man mußte 
darauf gefaßt sein, einen lange währenden Positions- 
und Festungskrieg vor sich zu haben, wenn man fron- 
tal gegen diese starke Front vorging. — Graf Schlief- 
fen wollte sogar mit dem rechten Flügel des deut- 
schen Heeres durch Südholland marschieren. Ich 
habe dies abgeändert, um nicht auch die Niederlande 
auf die Seite unserer Feinde zu zwingen, und lieber 
die großen technischen Schwierigkeiten auf mich ge- 
nommen, die dadurch verursacht wurden, daß der 
rechte Flügel unseres Heeres sich durch den engen 
Raum zwischen Aachen und der Südgrenze der Pro- 
vinz Limburg hindurchzwängen mußte. — Um die- 
ses Manöver überhaupt ausführen zu können, mußten 
wir uns möglichst rasch in den Besitz von Lüttich 
setzen. Daraus entstand der Plan, sich dieser Festung 
durch Handstreich zu bemächtigen. 

Wiederholt ist auch im Generalstab die Frage ge- 
prüft worden, ob wir nicht besser täten, einen Defen- 
sivkrieg zu führen. Sie wurde immer verneint, da mit 
ihm die Möglichkeit hinfällig wurde, den Krieg so 
bald wie möglich in Feindesland zu tragen. Mit der 
Möglichkeit, daß Belgien zwar gegen einen Durch- 
marsch protestieren, aber sich demselben nicht mit 
Waffengewalt entgegenstellen werde, war gerechnet. 
In diesem Sinne war die von mir entworfene Som- 
mation an die belgische Regierung gehalten, die dem 
König den Bestand der Monarchie garantierte. Der 
in derselben enthaltene Passus, in dem Belgien terri- 
toriale Vergrößerung im Falle freundschaftlichen 
Verhaltens in Aussicht gestellt wurde, ist vom Aus- 
wärtigen Amt bei Überreichung der Sommation ge- 
strichen worden. 

Es läßt sich gewiß vieles gegen ein Vorgehen 
durch Belgien einwenden, aber der Verlauf der er- 

Moltke. 2. 17 



sten Kriegswochen hat gezeigt, daß es, wie beabsich- 
tigt, die Franzosen zwang, sich uns im freien Felde 
zu stellen, und daß sie geschlagen werden konnten. 
Daß die Niederwerfung Frankreichs im ersten An- 
lauf mißlang, hat es der schnellen Hilfeleistung Eng- 
lands zu verdanken. 

Der Handstreich auf Lüttich war ein gewagtes Un- 
ternehmen. Wenn er mißlang, mußte der moralische 
Rückschlag empfindlich sein. Was mich in erster 
Linie veranlaßte, ihn anzuordnen, war die Hoffnung, 
damit die Bahn Aachen — Lüttich unzerstört in unse- 
ren Besitz zu bringen. Das ist gelungen, und daß wir 
die Bahn bis Brüssel und darüber hinaus bis St. 
Quentin später zur Verfügung hatten, ist von unbe- 
rechenbarem Nutzen gewesen. 

Am Tage vor der Mobilmachung war eine De- 
pesche aus London eingetroffen, in der gesagt war, 
daß England sich Frankreich gegenüber verpflichtet 
habe, den Schutz der französischen Nordküste gegen 
deutsche Angriffe von der See her zu schützen. Der 
Kaiser forderte meine Ansicht, und ich erklärte, daß 
wir uns unbedenklich verpflichten könnten, die fran- 
zösische Nordküste nicht anzugreifen, wenn England 
unter dieser Voraussetzung neutral bleiben werde. 
Meiner Ansicht nach werde der Kampf gegen Frank- 
reich zu Lande entschieden werden, ein Angriff von 
der See könne, wenn die Neutralität Englands davon 
abhinge, unterbleiben. — Diese Depesche war augen- 
scheinlich der erste Versuch Englands, uns zu dü- 
pieren, wenigstens unsere Mobilmachung zu ver- 
zögern. 

Auf die am 28. Juli oder 29.? * eintreffende Nach- 
richt, daß in Rußland die allgemeine Mobilmachung 
befohlen sei, hatte der Kaiser die Erklärung: drohende 

• Am 30. Juli. (Der Herausgeber.) 

18 



Kriegsgefahr erlassen. Am i. August befahl Se. Maje- 
stät der Kaiser, nachmittags 5 Uhr, die Mobilmachung 
für Deutschland. Der 2. August war erster Mobil- 
machungstag. 

Ich war auf dem Rückwege vom Schloß nach dem 
Generalstab, als ich den Befehl erhielt, sofort ins 
Schloß zurückzukehren, es sei eine wichtige Nach- 
richt eingetroffen. Ich drehte sofort um. Im Schloß 
fand ich außer Sr. Majestät den Reichskanzler, den 
Kriegsminister und noch einige andere Herren. 

Der Reichskanzler, der, wie schon angedeutet, das 
wichtigste Ziel seiner Politik darin sah, ein gutes Ver- 
hältnis mit England herzustellen, und der merkwür- 
digerweise bis zu diesem Tage immer noch geglaubt 
hat, daß sich der allgemeine Krieg, zum mindesten 
die Teilnahme Englands an demselben vermeiden las- 
sen würde, war augenscheinlich über den Inhalt einer 
soeben von dem deutschen Botschafter in London, 
Fürsten Lichnowsky, eingetroffenen Depesche freu- 
dig erregt. Ebenso Se. Majestät der Kaiser. — Die De- 
pesche teilte mit, daß der Staatssekretär Grey dem 
Botschafter mitgeteilt habe, England wolle die Ver- 
pflichtung übernehmen, daß Frankreich nicht in den 
Krieg gegen uns eintreten werde, wenn Deutschland 
sich seinerseits verpflichte, keine feindselige Hand- 
lung gegen Frankreich zu unternehmen. Ich muß da- 
bei bemerken, daß auch in Frankreich bereits am sel- 
ben Tage wie bei uns die Mobilmachung befohlen 
und dies uns bekannt war. — Es herrschte, wie ge- 
sagt, eine freudige Stimmung. 

Nun brauchen wir nur den Krieg gegen Rußland 
zu führen! Der Kaiser sagte mir: »Also wir mar- 
schieren einfach mit der ganzen Armee im Osten 
auf!« — Ich erwiderte Sr. Majestät, daß das unmög- 
lich sei. Der Aufmarsch eines Millionenheeres lasse 

19 



sich nicht improvisieren, es sei das Ergebnis einer 
vollen, mühsamen Jahresarbeit und könne, einmal 
festgelegt, nicht geändert werden. Wenn Se. Majestät 
darauf bestehen, das gesamte Heer nach dem Osten 
zu führen, so würden dieselben kein schlagfertiges 
Heer, sondern einen wüsten Haufen ungeordneter be- 
waffneter Menschen ohne Verpflegung haben. — Der 
Kaiser bestand auf seiner Forderung und wurde sehr 
ungehalten, er sagte mir unter anderem: »Ihr Onkel 
würde mir eine andere Antwort gegeben haben!«, was 
mir sehr wehe tat. — Ich habe nie den Anspruch er- 
hoben, dem Feldmarschall gleichwertig zu sein. — 
Daran, daß es für uns eine Katastrophe herbeiführen 
müßte, wenn wir mit unserer gesamten Armee nach 
Rußland hineinmarschiert wären, mit einem mobilen 
Frankreich im Rücken, daran schien kein Mensch 
zu denken. Wie hätte England es jemals — selbst den 
guten Willen vorausgesetzt — verhindern können, 
daß Frankreich uns in den Rücken fiel! — Auch 
meine Einwendung, daß Frankreich bereits in der 
Mobilmachung begriffen sei und daß es unmöglich 
sei, daß ein mobiles Deutschland und ein mobiles 
Frankreich sich friedlich darauf einigen würden, sich 
gegenseitig nichts zu tun, blieb erfolglos. Die Stim- 
mung wurde immer erregter, und ich stand ganz al- 
lein da. — 

Schließlich gelang es mir, Se. Majestät davon zu 
überzeugen, daß unser Aufmarsch, der mit starken 
Kräften gegen Frankreich, mit schwachen Defensiv- 
kräften gegen Rußland gedacht war, planmäßig aus- 
laufen müßte, wenn nicht die unheilvollste Verwir- 
rung entstehen solle. Ich sagte dem Kaiser, daß es 
nach vollendetem Aufmarsch möglich sein werde, be- 
liebig starke Teile des Heeres nach dem Osten zu 
überführen, an dem Aufmarsch selbst dürfe nichts 

20 



geändert werden, sonst könne ich keine Verantwor- 
tung übernehmen. 

Die Antwortdepesche nach London wurde dann 
demgemäß entworfen, daß Deutschland das englische 
Angebot sehr gerne annähme, daß aber der einmal ge- 
plante Aufmarsch, auch an der französischen Grenze, 
aus technischen Gründen zunächst ausgeführt wer- 
den müßte. Wir würden aber Frankreich nichts tun, 
wenn es sich unter Kontrolle Englands ebenfalls ruhig 
verhalten würde. — Mehr konnte ich nicht erreichen. 
Das Unsinnige dieses ganzen englischen Vorschlages 
war mir von vorneherein klar. Schon in früheren 
Jahren war mir vom Auswärtigen Amt davon gespro- 
chen worden, daß Frankreich möglicherweise in ei- 
nem Kriege Deutschlands gegen Rußland neutral blei- 
ben könne. Ich glaubte so wenig an diese Möglich- 
keit, daß ich schon damals erklärt hatte, wenn Ruß- 
land uns den Krieg erklärt, müssen wir, wenn die 
Haltung Frankreichs zweifelhaft ist, ihm sofort den 
Krieg erklären. Jetzt forderte ich als Garantie für das 
Nichtlosschlagen Frankreichs die zeitweilige Über- 
lassung der Festungen Verdun und Toul an uns. Die- 
ser Vorschlag wurde als ein Mißtrauensvotum gegen 
England abgelehnt. 

Ich war im Laufe dieser Szene in eine fast ver- 
zweifelte Stimmung gekommen, ich sah aus diesen 
diplomatischen Aktionen, die hindernd in den Gang 
unserer Mobilmachung einzugreifen drohten, das 
größte Unheil für den uns bevorstehenden Krieg er- 
wachsen. — Ich muß hier einschalten, daß in un- 
serem Mobilmachungsplan die Besetzung Luxem- 
burgs durch die 16. Division schon am ersten Mobil- 
machungstag vorgesehen war. — Wir mußten unbe- 
dingt die luxemburgischen Bahnen gegen einen fran- 
zösischen Handstreich sichern, da wir sie zu unse- 

21 



rem Aufmarsch gebrauchten. Um so schwerer traf es 
mich, als der Reichskanzler nun erklärte, die Beset- 
zung Luxemburgs dürfe unter keinen Umständen statt- 
finden, sie sei eine direkte Bedrohung Frankreichs 
und würde die angebotene englische Garantie illuso- 
risch machen. — Während ich dabeistand, wandte 
sich der Kaiser, ohne mich zu fragen, an den Flügel- 
adjutanten vom Dienst und befahl ihm, sofort tele- 
graphisch der 16. Division nach Trier den Befehl zu 
übermitteln, sie solle nicht in Luxemburg einmar- 
schieren. — Mir war zumut, als ob mir das Herz bre- 
chen sollte. — Abermals lag die Gefahr vor, daß un- 
ser Aufmarsch in Verwirrung gebracht werde. Was 
das heißt, kann in vollem Umfang wohl nur derjenige 
ermessen, dem die komplizierte und bis auf das kleinste 
Detail geregelte Arbeit eines Aufmarsches bekannt 
ist. Wo jeder Zug auf die Minute geregelt ist, muß 
jede Änderung in verhängnisvoller Weise wirken. — 
Ich versuchte vergebens, Se. Majestät davon zu über- 
zeugen, daß wir die Luxemburger Bahnen brauchten 
und sie sichern müßten, ich wurde mit der Bemer- 
kung abgefertigt, ich möchte statt ihrer andere Bahnen 
benutzen. Es blieb bei dem Befehl. 

Damit war ich entlassen. Es ist unmöglich, die Stim- 
mung zu schildern, in der ich zu Hause ankam. Ich 
war wie gebrochen und vergoß Tränen der Verzweif- 
lung. Wie mir die Depesche an die 16. Division vor- 
gelegt wurde, die den telephonisch gegebenen Be- 
fehl wiederholte, stieß ich die Feder auf den Tisch 
und erklärte, ich unterschreibe sie nicht. Ich kann 
nicht meine Unterschrift, die erste nach Ausspruch 
der Mobilmachung, unter einen Befehl setzen, der 
etwas widerruft, was planmäßig vorbereitet ist, und 
der von der Truppe sofort als Zeichen der Unsicher- 
heit empfunden werden wird. — »Machen Sie mit der 

22 



Depesche, was Sie wollen«, sagte ich dem Oberst- 
leutnant Tappen. »Ich unterschreibe sie nicht.« — So 
saß ich in dumpfer Stimmung untätig in meinem Zim- 
mer, bis ich um n Uhr abends wieder ins Schloß 
zu Sr. Majestät befohlen wurde. Der Kaiser empfing 
mich in seinem Schlafzimmer, er war schon zu Bett 
gewesen, aber wieder aufgestanden und hatte einen 
Rock übergeworfen. Er gab mir eine Depesche des 
Königs von England, in der dieser erklärte, ihm sei 
von einer Garantie Englands, Frankreich am Kriege 
zu verhindern, nichts bekannt. Die Depesche des Für- 
sten Lichnowsky müsse auf einem Irrtum beruhen 
oder er müsse etwas falsch verstanden haben. — Der 
Kaiser war sehr erregt und sagte mir: »Nun können 
Sie machen, was Sie wollen.« — Ich fuhr sofort nach 
Hause und telegraphierte an die 16. Division, der Ein- 
marsch in Luxemburg solle ausgeführt werden. Um 
diesen erneuten Befehl wenigstens etwas zu moti- 
vieren, fügte ich hinzu: »Da soeben bekannt gewor- 
den ist, daß in Frankreich die Mobilmachung be- 
fohlen ist.« 

Das war mein erstes Erlebnis in diesem Kriege. — 
Ich habe die Überzeugung, daß der Kaiser die Mobil- 
machungsorder überhaupt nicht unterzeichnet haben 
würde, wenn die Depesche des Fürsten Lichnowsky 
eine halbe Stunde früher angekommen wäre. — Ich 
habe die Eindrücke dieses Erlebnisses nicht über- 
winden können, es war etwas in mir zerstört, das 
nicht wieder aufzubauen war, Zuversicht und Ver- 
trauen waren erschüttert. — 

Der Handstreich gegen Lüttich war auf den 5. Au- 
gust angesetzt. Am Abend des Tages lief eine Mel- 
dung von dort ein, nach der anzunehmen war, daß 
das Unternehmen nicht gelungen sei. Jedenfalls waren 
unsere Truppen nicht bis in die Stadt vorgedrungen. 

23 



Ich mußte es dem Kaiser melden. Er sagte mir: »Das 
habe ich mir gleich gedacht. Mir hat dies Vorgehen 
gegen Belgien den Krieg mit England auf den Hals 
gebracht.« — Als am nächsten Tage die Meldung kam, 
daß die Stadt von uns genommen sei, wurde ich ab- 
geküßt. — 

Nach dem ersten raschen und siegreichen Vorgehen 
unserer Armeen durch Belgien nach Frankreich hin- 
ein trat der Rückschlag ein durch den Angriff star- 
ker französischer und englischer Kräfte von Paris 
her gegen unseren rechten Flügel. Die 2. Armee mußte 
ihren rechten Flügel zurücknehmen, auch die 1. Ar- 
mee mußte zurückgenommen werden. Die Lage war 
kritisch. — Ich war zu den Armee-Oberkommandos 
herausgefahren. Wie ich bei A.-O.-K. 4 war, kam ein 
Funkspruch der 2. Armee, daß starke französische 
Kräfte nach Osten abbiegend gegen die 3. Armee vor- 
gingen. Ich wollte die 3. Armee gerne stehenlassen, 
ebenso die 4. und 5. — Wie ich zum A.-O.-K. 3 kam, 
erklärte mir der General v. Hausen, er könne die ihm 
zugewiesene Linie nicht halten, seine Truppen seien 
nicht mehr leistungsfähig. Ich war daher gezwungen, 
der 3. Armee eine kürzere und weiter zurückliegende 
Linie zuzuweisen, gleichzeitig mußte ich aber die 4. 
und 5. Armee ebenfalls zurücknehmen, um wieder eine 
geschlossene Armeefront herzustellen. Ich mußte den 
entsprechenden Befehl sofort an Ort und Stelle aus- 
geben, auf meine eigene Verantwortung hin. — Es 
war ein schwerer Entschluß, den ich fassen mußte, 
ohne die Genehmigung Sr. Majestät vorher einholen 
zu können. Der schwerste Entschluß meines Lebens, 
der mich mein Herzblut gekostet hat. Ich sah aber 
eine Katastrophe voraus, wenn ich das Heer nicht 
zurückgenommen hätte. In der Nacht um 3 Uhr kam 
ich wieder in Luxemburg im Großen Hauptquartier 

24 



an. — Am 13. September meldete ich dem Kaiser das, 
was ich angeordnet hatte, und motivierte es. — Der 
Kaiser war zwar nicht ungnädig, aber ich hatte den 
Eindruck, daß er von der Notwendigkeit des Rück- 
zuges nicht ganz überzeugt war. — Ich muß zugeben, 
daß meine Nerven durch alles, was ich erlebt hatte, 
sehr herunter waren und daß ich wohl den Eindruck 
eines kranken Mannes gemacht habe. 

Am 14. September,nachmittags, erschien der General 
v. Lyncker bei mir auf dem Bureau und sagte mir, 
der Kaiser ließe mir sagen, er habe den Eindruck, daß 
ich zu krank sei, um die Operationen weiter leiten zu 
können. Se. Majestät hätten befohlen, ich solle mich 
krank melden und nach Berlin zurückfahren. General 
v. Falkenhayn solle die Operationen übernehmen. 

Gleichzeitig warmeinbisheriger Oberquartiermeister 
General v. Stein abgelöst und ihm das Kommando 
über ein Reserve-Armeekorps übertragen. Das alles 
kam ohne jede Vorbereitung über mich. 

Ich ging sofort zu General v. Falkenhayn und teilte 
ihm den Befehl Sr. Majestät mit. Er war völlig über- 
rascht. — Wir gingen zusammen zum Kaiser, der 
mir erklärte, er habe den Eindruck, daß ich durch 
meine zweimalige Kur in Karlsbad geschwächt sei 
und mich erholen müsse. Ich sagte dem Kai- 
ser, daß ich glaube, es werde in der Armee und im 
Auslande keinen guten Eindruck machen, wenn ich 
unmittelbar nach dem Rückzug der Armee fort- 
geschickt werde. 

General v. Falkenhayn trat dieser Ansicht bei. Der 
Kaiser meinte darauf, Falkenhayn solle als Oberquar- 
tiermeister fungieren und ich solle »pro forma« blei- 
ben. Falkenhayn erklärte, er könne die Operationen 
nur übernehmen, wenn er völlig freie Hand habe. Ich 
konnte dies nur anerkennen. 

25 



So blieb ich im Hauptquartier, während mir alles 
aus der Hand genommen wurde und ich ohne allen 
Einfluß als Zuschauer dastand. Das wird vielleicht 
niemand verstehen. — Ich habe dies Martyrium auf 
mich genommen und die weiteren Operationen mit 
meinem Namen gedeckt, des Landes wegen und um 
dem Kaiser es zu ersparen, daß von ihm gesagt werde, 
er habe seinen Generalstabschef fortgeschickt, sobald 
der erste Rückschlag eintrat. Ich wußte, welche un- 
heilvollen Folgen das haben müßte. — Später bat ich 
Se. Majestät, mich nach Brüssel zu schicken, um die 
Einnahme von Antwerpen mit zu betreiben. Ich konnte 
es nicht mehr ertragen, ohne Tätigkeit und ganz bei- 
seite geschoben im Großen Hauptquartier anwesend 
zu sein. Der Kaiser genehmigte meine Bitte, und ich 
fuhr nach Brüssel und von dort in das Hauptquartier 
des Generals v. Beseler nach Fildonk. Ich war drei- 
mal dort, zwischendurch wieder im Großen Haupt- 
quartier, wohin mich die Unruhe wegen der weiteren 
Operationen immer wieder zurücktrieb. Dem General 
v. Beseler konnte ich einige Hilfsmaterialien, Brücken- 
trains und eine Landwehr-Brigade verschaffen. Bei 
der Kapitulation Antwerpens war ich in Fildonk an- 
wesend. Der Kaiser hatte mir Vollmacht gegeben, die 
eventuelle Kapitulation abzuschließen, die ich indes- 
sen an Beseler abtrat, dem allein die Ehre gebührte. 

Nach der Kapitulation kam ich ins Große Haupt- 
quartier zurück. Ich hatte nun nichts mehr zu tun, 
war fertig und fast verzweifelt über meine Schein- 
stellung. — Ich ging zum Kaiser und sagte ihm, ich 
könne diesen Zustand nicht mehr ertragen. Er war 
verwundert, wie ich ihm darlegte, daß ich ganz aus- 
geschlossen sei, und sagte, er betrachte mich nach 
wie vor als den eigentlichen Leiter der Operationen. 
Nachdem ich ihm den Tatbestand dargelegt hatte, 

26 



sagte er, das sei nicht seine Absicht, er werde Reme- 
dur eintreten lassen, wolle sich die Sache durch den 
Kopf gehen lassen und sie ändern. — Am nächsten 
Tage erkrankte ich an einer Entzündung der Gallen- 
blase und Leber und mußte mich zu Bett legen. Die 
seelische Aufregung der letzten Wochen, meine ver- 
zweifelte Stimmung und Lage hatten auf den phy- 
sischen Organismus krankheitsbildend eingewirkt. 
Nachdem ich acht Tage gelegen hatte, besuchte mich 
der Kaiser und saß eine Stunde an meinem Bett. Er 
war sehr gütig und gnädig, kam jedoch auf meine 
dienstlichen Funktionen nicht zurück. Zwei Tage dar- 
auf erhielt ich seinen zweiten Besuch. Er stellte mir 
Wohnung im Schloß Homburg zur Verfügung, riet 
mir, dorthin auf einige Zeit zu gehen, um mich zu er- 
holen. Er ermahnte auch meinen zweiten Adjutanten, 
Hauptmann Köhler, gut für mich zu sorgen, und war 
wiederum sehr gnädig. Ich fuhr ein oder zwei Tage 
später nach Homburg, es war am i. November. 

Am 3. November wurde die Order unterzeichnet, in 
der General v. Falkenhayn zu meinem Nachfolger er- 
nannt wurde. Ich stand ohne irgendeine dienstliche 
Funktion in der Luft. — 

Ich habe diese flüchtigen Aufzeichnungen gemacht, 
ohne Notizen oder irgendwelches Material zur Hand 
zu haben. Es mögen daher manche Irrtümer in bezug 
auf Daten usw. darin sein. Auch war ich noch krank, 
wie ich sie schrieb. Sie sollen nur für meine Frau be- 
stimmt sein und dürfen niemals der Öffentlichkeit be- 
kannt werden *. Das Martyrium, das ich getragen habe, 
war groß. Ich glaubte, es dem Kaiser und dem Lande 
schuldig zu sein. Wenn ich falsch gehandelt habe, 
möge Gott mir verzeihen. 

* Die Veröffentlichung der Aufzeichnungen Moltkes halte ich heute für notwendig, 
damit über wichtige Vorgänge die Wahrheit bekannt werde. (Der Herausgeber.) 

27 



Ich bin fest überzeugt, daß der Kaiser sich nie dar- 
über klar geworden ist, was er mir angetan hat. Er hat 
mir auch nach meiner Verabschiedung seine gnädige 
Gesinnung bewahrt. 



28 



Zweiter Teil 

Moltkes Gedanken 

und sein Wirken in Teilen aus 

Briefen an seine Braut 

1877—1878 



*Creisau, i. September 1877. 

Heute ist der 1. September. Heute vor sieben Jah- 
ren stand ich auf dem Schlachtfelde und hörte mit 
beklommenem Herzen auf das Rollen des Feuerge- 
fechtes vor uns um die Sedan umgebenden Höhen. 
— Um dieselbe Stunde, wo ich jetzt schreibe, rollten 
die eisernen Würfel noch hierhin und dahin und nie- 
mand wußte, wem der Wurf gelingen würde. Jetzt 
nach sieben Jahren läuten durchs ganze deutsche 
Reich die Kirchenglocken und Tausende von Herzen 
beugen sich vor dem, der mit starker Hand die Ge- 
schicke der Nationen leitet und aus aber tausend deut- 
schen Herzen steigt ein Dankgebet empor dafür, daß 
der Traum, den das deutsche Volk seit Jahrhunder- 
ten geträumt hat, zur Wahrheit geworden ist, und 
daß wir es erlebt haben, wie die Sonne der Einigkeit 
voll und strahlend aufging, wenn auch aus blutig 
dunkler Nacht, die Sonne, für die schon unsere Väter 
und Urväter geblutet haben und von der sie doch nur 
die erste Röte des Morgenhimmels erblickten. 

** Generalstab Berlin, 4. Oktober 1877. 

Es freut mich, daß Dir der »Faust« gefallen hat. Mich 
zieht es stets mit unwiderstehlicher Gewalt zu diesem 
Buch zurück, das ich doch schon so unzählige Male 
gelesen habe, daß ich es fast ganz auswendig weiß. Es 
ist ein Werk, das alle Töne der Poesie in sich ver- 
einigt, von den Lobgesängen der Erzengel an bis zum 
Hohngelächter der Hölle — von den Kraftgedanken 
eines titanisch ringenden Mannesgeistes bis zum na- 

• Sekondeleutnant im 1. Garderegiment z. Fuß, kommandiert zur Kriegsakademie. 
•* Premierleutnant. 

31 



iven Geplauder eines unschuldigen Mädchenherzens. 
Das Größte, was unsere deutsche Literatur je geschaf- 
fen hat. 

Generalstab Berlin, 13. Oktober 1877. 

Es mag für heute genug sein mit dem Arbeiten, 
meine Gedanken, die ich lange genug auf Bücher und 
Papier gefesselt habe, wollen nun auch ihren Willen 
haben und drängen mit Gewalt fort von hier und 
ziehen gegen Norden, weit in die Ferne. Könnte ich 
mit ihnen wandern! Es ist jetzt schon spät in der 
Nacht. Ich habe mich so in meine Arbeiten vertieft 
gehabt, daß ich es nicht bemerkt habe, wie die Stun- 
den verliefen und der Zeiger der Uhr allmählich wei- 
ter und weiter rückte. Rings um mich her herrscht das 
Schweigen der Nacht. Der Schlaf ist herabgestiegen 
auf die Stadt; mit leisem Flügelschlag ist er gekom- 
men und hat das Geräusch des Tages ausgelöscht. 
Er, der Freund der Armen und Elenden, verschönt 
nun wohl schon manches Antlitz, das vor wenigen 
Stunden noch Not und Sorge furchten, durch ein stil- 
les, friedliches Lächeln, und bringt dem Geplagten 
liebliche Träume, in denen er die Mühen des Tages 
vergessen kann. — Nichts regt sich in den stillen 
Zimmern, die an das meinige stoßen, nur meine Uhr 
tickt ihr geschäftiges Einerlei und meine Lampe wirft 
ihren stillen gelben Schein auf dieses Blatt Papier, 
auf das ich die schwarzen Buchstaben male. Es ist 
so recht die Zeit, wie ich sie zum Arbeiten liebe. 
Wenn die Wagen nicht mehr durch die Straßen ras- 
seln und kein lautes Geräusch die Aufmerksamkeit 
mehr abzieht, dann erwachen die Geisteskräfte, dann 
kann man alles so leicht und rasch begreifen und 
auffassen, daß es eine wahre Lust ist, dann fühle ich 
so recht, was es heißt, mit Lust arbeiten und gegen 

32 



die Bücher zu Felde ziehen wie gegen einen Feind, 
derniedergekämpftwerdenmuß, damit man die Freude 
des Siegesbewußtseins empfinden kann. — Und ich 
bin ja auch nicht alleine in diesen der Arbeit gewid- 
meten Stunden. Geistig und bildlich bist Du bei mir, 
mein treuer Kamerad, Du arbeitest mit mir und hältst 
mit mir aus, bis ich die Bücher zurückschiebe und 
sage Stop für heute. — Ich fühle von Tag zu Tag 
immer mehr, daß ich Kraft habe, es zu etwas zu brin- 
gen, und der Gedanke an Dich ist mir der immer spru- 
delnde Quell, aus dem ich mir Stärke schöpfe, vor- 
wärts zu gehen, vorwärts, vorwärts, wie ich es Dir 
und meinem Namen schuldig bin. 

Generalstab Berlin, i. November 1877. 

Ich habe mir oft gedacht, daß die Gedanken des 
menschlichen Geistes ihm ein Vorbild sind, wie 
er später werden wird. So denke ich mir die Seele 
nach dem Tode. Der Körper ist dann abgestreift und 
wird zu Staub und Asche, wie es seine Bestimmung 
ist, er kehrt zurück zu der Erde, aus der er geformt 
ist und zu der er gehört, aber das Bewußtsein bleibt 
lebendig, und wie wir jetzt uns in Gedanken von ei- 
nem Ort zum andern versetzen können im Augen- 
blick, so können wir dann wirklich durch die unend- 
lichen Räume der Schöpfungen wandern ; wie wir uns 
jetzt in Gedanken der Zeit vorausbringen können 
oder in ihr zurückkehren bis in die Tage unserer früh- 
sten Kindheit, ja sogar bis in die nebelhaften Fernen 
der ältesten bekannten Geschichte, so können wir uns 
dann in Wirklichkeit vor- und zurückversetzen, die 
Zeit hat dann aufgehört, uns mit sich fortzuführen 
ohne unsern Willen, wir stehen dann über der Zeit, 
das heißt, sie existiert nicht mehr und das ist die 
Ewigkeit. — Ich finde die Vorstellung schön, so von 

Moltke. 3. 33 



Welt zu Welt wandern zu können durch die unend- 
lichen Säulen des Himmels, das zu sehen, was wir 
jetzt nur ahnen können, und die Seligkeit zu genießen 
darin, wie es verheißen ist: im Anschauen der Herr- 
lichkeit Gottes, die sich so offenbart, wie wir sie be- 
greifen können, nämlich in den allgewaltigen Wer- 
ken des allmächtigen Schöpfers. Dieser Gedanke ge- 
fällt mir besser als die starre Ruhe des Todes, von 
der es heißt, daß der Mensch schläft, bis ihn die Po- 
saune des Weltgerichts aus seinem Schlummer auf- 
schreckt. Wir schlafen hier auf Erden schon so viel, 
sollen wir denn nach dem Tode erst recht anfangen! 
— Glaube aber nicht, daß ich der Ansicht der Spiri- 
tisten bin. Nach meiner Meinung haben wir mit dem 
Tode mit dieser Erde abgeschlossen und kommen 
nicht dahin zurück. Ich denke, Du wirst mich ver- 
stehen und mich nicht für einen mystischen Schwär- 
mer halten. 

Generalstab Berlin, 7. November 1877. 

Du mußt nicht an diese dummen Kriegsgerüchte 
glauben. Frankreich hat noch zu sehr an seinen Wun- 
den zu heilen, um Lust zu haben, sich neue zu holen. 
Aber wenn wir marschieren müssen, dann wirst auch 
Du die Zähne aufeinander beißen und wirst mich 
gehen lassen, meine Pflicht zu tun wie alle andern. 
Mein Blut und Leib gehört dem König und dem Va- 
terland, mein Herz aber ist mein Eigentum. 

Generalstab Berli n, 7. November 1877, abends. 

Fürchtest Du Dich davor, daß es wieder Krieg wer- 
den wird? Wenn das der Fall ist, so sage ich Dir, 
glaube nichts von dem, was die andern sprechen,, 
denn ich kann Dir versichern, daß es kein Krieg wer- 
den wird. Ein Krieg fällt nicht so ohne weiteres vom 

34 



Himmel, sondern kündigt sich vorher an wie ein Ge- 
witter, das sich an dem politischen Horizont zusam- 
menzieht, und selbst wenn man glaubt, jetzt muß es 
ausbrechen, bleibt es noch oft bei einem ungefähr- 
lichen Wetterleuchten. Hier bei uns weiß kein Mensch 
etwas von Krieg, sondern es ist alles so friedlich, wie 
es nur je gewesen ist. 

Akademie Berlin, n. November 1877. 

Weißt Du, woher Du diesen Brief bekommst? Du 
kannst es Dir gewiß nicht denken. Höre nur, wie 
pflichtvergessen ich heute bin. Hier sitze ich in der 
Akademie an meinem grün angestrichenen Holztisch, 
rund um mich herum sitzen alle die Offiziere und hö- 
ren mit den aufmerksamsten Gesichtern dem Vortrag 
des Majors von A. zu, der uns erzählt, wie der alte 
Friedrich, der große König, im Siebenjährigen Kriege 
seine Schlachten schlug. Wie er mit seiner kleinen 
Armee bald hier-, bald dorthin zog, hier die Österrei- 
cher, dort die Franzosen schlug und durch alle Ge- 
fahren hindurch das arme kleine Preußen groß und 
mächtig machte, trotz der Unzahl der ihn umdrängen- 
den Feinde, ohne andere Hilfsmittel als die, welche 
sein genialer Geist stets von neuem aus sich selbst 
heraus erschuf. Da sollte ich nun zwar eigentlich 
meine Augen auf die vor mir ausgebreiteten Karten 
richten und im Geist den Scharen des großen Königs 
folgen über Dresden bis nach den böhmischen Gefil- 
den hinein! — Im Vertrauen will ich Dir sagen, daß ich 
mich dann heute abend zu Hause hinsetze und alles 
nacharbeite, so daß mir doch nichts verloren geht. 

Generalstab Berlin, i3.November 1877. 

Und nun will ich Dir noch eins sagen: An und für 
sich gut ist kein Mensch, denn sonst wären wir eben 

35 



keine Menschen. Es hatjeder seine Fehler undSchwä- 
chen. Es kommt nur darauf an, daß man seine Fehler 
erkennt und sie zu verbessern sucht. — Dieses Stre- 
ben muß in jedem Menschen vorhanden sein, wenn 
er nicht immer tiefer in sich versinken will. Mit gutem 
Willen aber läßt sich viel ausrichten. Wir wollen beide 
sehen, daß wir uns gegenseitig besser machen und 
einer dem andern darin helfen. 

Weißt Du noch, wie wir einmal über die Hiero- 
glyphen in den ägyptischen Grabmälern sprachen? 
An sie muß ich denken, wenn ich vor Deinen Zeich- 
nungen sitze, und mir zuerst klar zu machen suche, 
ob es ein Mensch oder eine Landschaft ist, die ich 
vor mir habe! — Wie oft verweile ich in Gedanken 
bei den schönen Stunden, wo wir zusammensaßen, 
uns zusammen freuten und Unsinn machten wie Kin- 
der, und dann wieder, wie Du mir so aufmerksam zu- 
hörtest, wenn ich Dir die Abhandlung über den Chor 
in der griechischen Tragödie vorlas. Es war so schön, 
bei Dir Interessen zu finden, die auf alles eingingen. 

Generalstab Berlin, 27. November 1877. 

Wie ich zufällig aufsehe und mein Blick auf die 
Bücher fällt, die vor mir auf dem Tisch liegen, da 
sitzt da jemand oben auf einem dicken Buch, sagt 
gar nichts und hält mir ein Blatt Papier hin, darauf 
steht: »Weihnacht«. — Ich nicke ihm zu und sag': 
»Schongut! Dichkenne ich auch schon lange und weiß, 
daß du da in meinen Büchern wohnst, so daß, wenn 
ich sie aufschlage, du mir daraus entgegentrittst und 
dich Tag und Nacht auf meinem Schreibtisch herum- 
treibst. Schon gut, mein kleiner Freund, wir müssen 
warten, die Zeit wird kommen. Dann aber, wenn sie 
da ist, sollst du mit nach Schweden und deinen Ka- 
meraden besuchen. Wie werdet ihr beide froh sein!« 

36 



Generalstab Berlin, 28. November 1877. 

Du fragst mich in Deinem letzten Brief, ob ich die 
Unterhaltung der großen Welt nicht furchtbar finde. 
Ich kann das nicht sagen. Man kann nicht mit allen 
Menschen über alles sprechen, und ehe man einen 
findet, der sich für etwas anderes interessiert, als das 
was ihn direkt berührt, muß man lange suchen. Du 
hast ganz recht, wenn Du meinst, wirklich gescheite 
Menschen gäbe es so wenige. Das ist ja aber ein 
wahres Glück, daß man dann diese Unterhaltung er- 
funden hat, die Du so schrecklich findest. Was sollte 
man anfangen in einer Gesellschaft und mit einem 
Menschen, der auf etwas, was er nicht alle Tage zu 
hören bekommt, nur Ja oder Nein zu sagen weiß, 
und selbst das nicht immer, wenn man nicht diese 
Unterhaltung hätte, die man anziehen kann wie ein 
Paar ausgetretene Pantoffeln und in denen alle Welt 
einherzuschlürfen versteht. Worüber sollte man mit 
einem solchen Menschen sprechen? — Wenn mir der 
Mensch höchst gleichgültig ist, wähle ich mir auch 
gerne einen höchst gleichgültigen Unterhaltungsstoff, 
gleich und gleich gesellt sich gern. So spricht man 
eine halbe Stunde Worte, und nachher meint jeder, 
er habe sich vortrefflich unterhalten. Alles ist glück- 
lich und zufrieden und jeder denkt von sich: Du bist 
doch viel bedeutender als der andere! — Und weil 
das jeder denkt, ist auch jeder liebenswürdig, denn 
der Mensch ist niemals liebenswürdiger, als wenn er 
sich über sich selber freut. — Daß man irgend etwas 
davon hätte, von dieser Art Unterhaltung, will ich 
nun allerdings nicht behaupten, aber sie ist eben der 
große Weg, auf dem sich alle zusammen- und zu- 
rechtfinden, und der so breitgetreten ist, daß keiner 
ihn verfehlen kann. Diese Unterhaltung ist konven- 

37 



tionell festgesetzt wie alle Regeln des Anstandes und 
der guten Sitte, die doch wirklich bisweilen töricht 
und wunderbar genug sind, und doch, wenn man sie 
nicht befolgen wollte, würden wir mit der Zeit wieder 
dahin kommen, Eicheln zu essen wie unsere Vor- 
fahren und uns mit Knitteln zu erschlagen. 

Generalstab Berlin, 8.Dezember 1877. 

Wie ich heute morgen aufstand, lag der weiße Reif 
auf den Bäumen und den Rasenplätzen vor dem Hause. 
Die ersten leichten Truppen, welche der Winter vor- 
ausschickt, um zu rekognoszieren, ob er mit der Haupt- 
macht nachrücken könne oder ob hier und da noch 
eine unvorsichtige Blume, die der abziehende Herbst 
zurückgelassen, naseweis sich über der Erde aufhalte. 
Diese letzten Spätlinge vertreibt der Reif; was noch 
an grünem Pflanzenleben da war, ist vernichtet und 
die Bahn ist freigemacht für den König Winter. Er 
kann kommen mit Schnee und Nebel, und dann mit 
Frost und klarem Sonnenschein, doch ohne Wärme, 
gleichsam ein Spiegelbild der heißen Sommersonne; 
dieselbe Sonne, dieselben Strahlen, aber ohne daß 
sie Leben wecken, ohne daß sie die starre Erde er- 
wärmen, ohne daß sie aus allen Furchen den feuch- 
ten Dampf des knospenden Frühjahrs steigen macht. 
Und dieser Unterschied bloß deshalb, weil die Son- 
nenstrahlen etwas schräger auf die Erde fallen als im 
Sommer, obgleich die Erde im Winter der Sonne 
näher ist als im Sommer! — Ich will Dir aber keine 
physikalischen Vorlesungen halten, sondern Dir nur 
erzählen, wie schwach diese ersten winterlichen An- 
griffe sind, denn heute mittag schon tropft es wieder 
von allen Dächern und der naßfeuchte Dunst, in den 
wir seit einem Monat eingehüllt sind, liegt wieder auf 
der Stadt wie ein Witwenschleier. — Es geht mir ge- 

38 



radeso wie Dir, ich mag dies Wetter auch nicht lei- 
den und liebe nichts mehr, als einen tüchtigen, reel- 
len Frost, wo alle Sinne in der Kälte sich schärfen. 
Jetzt sieht auch hier alles trübe und schläfrig aus, die 
Menschen haben langweilige Gesichter und ein un- 
gesundes Aussehen! 

Generalstab Berlin, g. Januar 1878. 

Setze einen Menschen nach seiner Geburt auf eine 
wüste Insel und laß ihn dort aufwachsen, ohne mit 
anderen Menschen in Berührung zu kommen. Was 
meinst Du, daß aus ihm werden würde? Ein vernünf- 
tiges Tier, weiter nichts, ein Geschöpf, das keine an- 
deren Interessen kennt als seinen Bauch, Essen und 
Schlafen. Was denkst Du, würde dieser Unglückliche 
sagen, wenn er auf einmal in die Welt käme und an- 
finge zu begreifen, daß es außer den Dingen, die ihn 
bisher beschäftigten, noch andere Interessen gibt? Er 
würde nichts verstehen und sich furchtbar dumm vor- 
kommen. Nun ist aber gar nicht ausgeschlossen, daß 
dieser Mensch die besten Anlagen von der Welt hat, 
und wenn er sie hat, werden sie sich entwickeln, so- 
bald sich Gelegenheit bietet, und er wird in kurzer 
Zeit ebenso klug sein wie die andern. — Je bessere 
Anlagen er aber hat, um so mehr wird er das Drük- 
kende seiner Unwissenheit fühlen, denn wenn er das 
nicht fühlte, würde er nicht das Bedürfnis haben, sich 
auszubilden, und würde Zeit seines Lebens dumm 
und einfältig bleiben. 

Generalstab Berlin, 12. Januar 1878. 

Um mich von gestern zu erholen, ging ich heute 
nach der Akademie in die Gemäldegalerie, wo einige 
neue, sehr schöne Gemälde aufgestellt sind. Ich habe 
mich da lange umhergetrieben und habe es versucht, 

39 



dem Geist auf die Spur zu kommen, mit dem der eine 
odei der andere Künstler seine Figuren geschaffen 
hat. Man kann sich bei einigen Bildern so viel, bei 
anderen so wenig denken, alle aber sehen einen stumm 
und bedeutsam an, als wollten sie sagen: Willst du 
mich verstehen, so denke über mich nach. Vergiß 
dich und die Zeit und Welt, in der du lebst, und ver- 
setze dich in meine Welt und in meine Zeit. — Dann 
werden die Figuren lebendig und die Geschichten 
der Vergangenheit, die sie darstellen, werden leben- 
dig und steigen auf aus der alten grauen Zeit mit 
ihren Freuden und Schmerzen, ihren guten und bö- 
sen Taten. 

Generalstab Berlin, 24. Januar 1878. 

Wenn Dir ein Mensch gegenübertritt mit kleinlichen 
Gedanken, ein Mensch, der im Staube kriecht und 
der sich wohlfühlt im Schmutz, dann laß den ganzen 
Stolz deiner Seele aufbrausen wie einen Orkan, wende 
Dich ab voll Verachtung von allem, was klein und 
gemein ist, und halte fest an dem Idealen, an dem 
Wahren und Schönen, dann sei stolz, stolz in Dei- 
nem Glauben an Wahrheit und Recht, stolz gegen 
kleinliche Menschen, stolz gegen Lüge und Verleum- 
dung. Wende Deinen Blick immer nach oben, nie- 
mals nach unten, öffne Dein Herz weit, wo Wahr- 
heit und Schönheit ihm entgegentritt, aber schließe 
es fest ab gegen alles, was unrecht ist. 

Generalstab Berlin, 28. Januar 1878. 

Welch ein Glück, daß gelegentlich des Turmbaues 
zu Babel die Musik sich aus der Sprachverwirrung 
gerettet hat und Gemeingut aller Nationen geblieben 
ist! Denke Dir, wenn jedes Volk wie seine eigene 

40 



Sprache so auch seine eigene Musik hätte, die der 
Fremde nicht verstehen könnte oder erst mühsam 
erlernen; glücklicherweise steht die Musik über den 
Völkern, daß alle sich in ihrem gemeinsamen Genuß 
vereinigen und sie verstehen und sich an ihr erfreuen 
können. 

Generalstab Berlin, io.Februar 1878. 

Heute war ich in der Kirche, es ist ein sehr guter 
Kanzelredner, nur hat er den Fehler, daß er nicht 
lassen kann, die Politik in seine Rede hineinzubrin- 
gen. Nach meinem Gefühl muß die Predigt frei blei- 
ben von allem, was nicht in direkter Beziehung zu 
unserem Glauben steht. Eine Ecclesia militans, das 
heißt eine zum Streit gerüstete Kirche, ist nicht nach 
meinem Sinn. Unsere Religion ist die der Liebe und 
der Duldsamkeit, der Humanität und Vergebung, 
darin liegt nach meiner Auffassung die hohe Schön- 
heit derselben. Der Gott meines Herzens ist kein Gott 
der Rache, sondern ein Gott, der den Sünder auf- 
nimmt, der sich mit bußfertigem Herzen ihm zuwen- 
det, der Gott, der auf das Herz sieht, und nicht auf 
das Bekenntnis, ein Gott, der gleich nahe allen Men- 
schen steht und der sich finden läßt von jedem, der 
ihn sucht. — Wir leben aber in einer Zeit, wo es von 
unten auf gärt und sich rührt an aller Welt Ecken. 
Hier in Berlin, in der großen Stadt, wo mit vielen 
Menschen viel Not und Elend zusammengekommen 
ist, fangen die Geister mehr und mehr an sich zu er- 
hitzen. Das dringt selbst bis auf die Kanzeln und tönt 
wider aus dem Munde der Prediger, das dringt ein in 
die Religion und will sie ersticken. Die aufklärenden 
Lehren der Wissenschaft üben ihren ganzen gefähr- 
lichen Einfluß auf die Massen, welche diese Lehren 
hören, ohne sie verdauen zu können, und die ein- 

4i 



zelne herausgerissene Sätze derselben auf die Fah- 
nen ihrer sozialistischen Bestrebungen schreiben. — 
Es werden schlimme Zeiten kommen, wenn noch 
nicht bald, so werden sie kommen, wir beide werden 
noch mitten drin stehen in dem Sturm. — Mein ar- 
mes Vaterland, du schönes, stolzes Reich, dessen 
mächtiger Adler seine Schwingen breitet über alle 
Meere, was werden sie aus dir machen! Solange die 
Armee nur aushält, ist alles gut, da steckt ein guter 
und gesunder Stamm darin, und die militärische Ehre 
ist stark in ihr, aber die Armee formiert sich aus dem 
Volk, und wenn die Balken morsch werden, stürzt 
das Haus ein. — Diese unsinnigen Menschen, sie wis- 
sen nicht, was sie tun, sie legen die Fackel an das 
Pulverfaß, ohne zu denken, daß sie sich selber mit in 
die Luft sprengen; sie glauben, die Bewegung leiten 
zu können und bedenken nicht, daß der rasende Strom 
des entfesselten Pöbels sie hinwegschwemmen wird 
wie Strohhalme, wenn der Damm gebrochen ist, den 
sie langsam unterwühlen. Sie nennen sich Volksbe- 
glücker und haben nicht acht auf das namenlose 
Elend, das sie über dasselbe Volk bringen werden, das 
sie beglücken wollen; wenn sie sich doch ein Bei- 
spiel nehmen wollten an den Girondisten der franzö- 
sischen Revolution, edle Männer mit den besten Ab- 
sichten, die die Früchte ihrer Volksbeglückung auf 
dem Schafott der Guillotine fanden. 

Jetzt bin ich wohl zu weit gekommen und Du schüt- 
telst den Kopf über diesen politischen Brief. Magst 
Du ihn immerhin lesen, warum solltest Du nicht Teil 
haben an dem, was uns alle so nahe angeht. — Mache 
Dir übrigens keine Sorge, noch ist alles nur im An- 
fang, aber ich sehe es kommen, wie es werden wird. 
— Wärst Du hier, könnten wir besser miteinander 
sprechen und Du würdest ebenso gut Deine politische 

42 



Meinung haben wie ich, denn auch darin sollst Du 
mit gleichem Verständnis an meiner Seite stehen. 
Adieu, mein Kamerad. Wir stehen fest auf unserem 
Posten. 

Generalstab Berlin, io.Februar 1878. 

— Ein Knoten und ein Stück Vaterlandsfarbe, das 
habe ich nun von Deinen Arbeiten. Soll ich Dir auch 
einmal von den meinen schicken? Was wird's wer- 
den? Einige Gedanken über Taktik und Fortifikation 
oder ein Stück Kriegsgeschichte, daraus man ersehen 
kann, daß die Menschen sich bekriegt haben, solange 
die Welt steht, daß sie ihr Blut vergossen um Phan- 
tome, die in ihrer Hand zergingen wie Seifenblasen. 
— Schwarz-weiße Kriegsgeschichte könnte ich Dir 
auch schicken, so hat jeder seine zweifarbige Arbeit! 

Generalstab Berlin, io.Februar 1878. 

Wir fangen nachgerade an, die Politik etwas auf- 
merksam zu betrachten. Was mag sich da noch aus- 
bauen, wenn erst der große Topf der Konferenz kocht, 
vorausgesetzt, daß er überhaupt soweit kommt und 
nicht vorher noch die Engländer unter der unglaub- 
lichen Leitung ihres israelitischen Premier sich eine 
Lektion für die allzu humanen Finger holen. Ich 
gönnte es ihnen von Herzen, diesem Volk mit der 
hochmütigen Anmaßung gegen außen, den abgeleier- 
ten Phrasen der Humanität auf der Zunge, und im 
Herzen nichts als Gewinnsucht, Baumwolle und Han- 
delspolitik. 

Generalstab Berlin, 22.Februar 1878. 

Die Blumen haben ja auch eine Sprache, wenn auch 
nicht in Worten, so sprechen sie doch zum Herzen, 
es kommt nur darauf an, daß das Herz sie versteht, 

43 



daß es empfänglich ist für die Sprache der feinen 
Blätter, die so graziös auf dem Stile sitzen, die mit 
ihren lichten Farben das Auge erfreuen, die ihren 
Duft von Schweden herübertragen und Grüße brin- 
gen! 

Generalstab Berlin, 28. Februar 1878. 

Es ist still um mich her, fast könnte man glauben, 
daß man die Atemzüge des vergehenden Monatshören 
könnte. Er geht dahin in die endlose Vergangenheit 
zu der unendlichen Zahl seiner Brüder, ein vorüber- 
geschwundener Sekundenschlag an der großen Uhr 
der Zeit und doch wie unendlich viel hat sich in ihm 
zusammengedrängt. — Was wird sein Nachfolger 
bringen? Die Wogen der politischen Strömung schla- 
gen hoch. Was wird daraus werden? 

Generalstab Berlin, 22. März 1878. 
An Sr. Majestät des Kaisers Geburtstag! 
Möge der gute Gott ihn uns noch lange erhalten, 
möge er tausend und aber tausend Wünsche für das 
Heil unseres geliebten Kaisers erhören, die an dem 
heutigen Tage aus allen Gauen des deutschen Rei- 
ches zu ihm aufsteigen, dieses Reiches, das er groß 
und mächtig gemacht hat, dieses Reiches, dessen 
Traum, den es geträumt hat seit hunderten von 
Jahren, er zur Erfüllung gebracht hat, den Kindheits- 
traum des jungen Deutschland, an dem es gehalten 
hat bis in sein Mannesalter hinauf, den seine Dichter 
gesungen haben in zahllosen Liedern und den es im 
Herzen getragen hat, trotzdem es zerrissen und zer- 
fallen war, wie seinen köstlichsten Schatz, dieses Ideal 
des deutschen Volkes, das sein Leitstern gewesen ist 
in der Nacht der Knechtschaft und Unterdrückung; 
das Völkermorgenrot, das uns gestrahlt hat in den 

44 



Befreiungskriegen, jetzt ist die Sonne aufgegangen 
und leuchtet weithin über alles deutsche Land, so 
weit die deutsche Zunge klingt, die deutsche Einig- 
keit ist erkämpft und unser Kaiser hat sie uns errun- 
gen. Durch Blut und Kampf mit unerhörten Opfern 
ist sie erstritten, die besten der Landeskinder sind ge- 
blieben und ihre Leichen ruhen wie Gedenksteine in 
fremdem Boden, aber ihr Tod ist nicht verloren, aus 
der blutigen Saat ist die goldene Ernte aufgesproßt. 
— »Vergeßt der treuen Toten nicht!« — sie starben 
einen schönen Tod, wir aber rufen aus vollem Her- 
zen: »es lebe unser Kaiser!« — Auf dem Königsplatze 
unter der Siegessäule ist eine Batterie aufgefahren 
und nun folgt in rascher Folge Schuß auf Schuß! — 
Wie kenne ich sie, diese Stimmen, die so mächtig 
zum Herzen sprechen, diese schweren Hammer- 
schläge in der Schlachtenmusik, wie oft hat ihr Klang 
mich umdröhnt, während wir dastanden auf blutigem 
Felde, während der Tod seine Ernte hielt und wenn 
das menschlich schwache Herz erzittern wollte, wenn 
es heiß wurde und die Zahl der Kampfgenossen ge- 
ringer und geringer, dann rollte der frische Klang 
herüber und rief mit mächtiger Stimme: Noch fliegt 
der Preußen Adler hoch, steht fest, Kameraden, der 
Sieg ist unser! — Dein Herz wird auch deutsch füh- 
len mit dem Manne, dem Du so lieb bist, Dein star- 
kes mutiges Herz versteht es, was es heißt: sein Va- 
terland und seinen König lieben, und da Du es mir 
geschenkt hast, dies Herz, wird es auch mit mir ju- 
beln und Gott danken, daß er uns diese Heiligtümer 
gegeben hat in einer Zeit, wo Materialismus und 
Nichtachtung sich ausbreiten. — Wie sie auseinander- 
laufen, die vielen Menschen, die um die Geschütze 
standen, in den Straßen zerschlägt sich die Menge, 
Männer und Weiber und Kinder, ja geht nur hin, 

45 



wenn auch mancher unter euch ist, der sich aufleh- 
nen möchte gegen den Kriegerstand, der so eisern 
auf dem Volke liegt, ihr seid doch alle Deutsche, und 
wenn das Vaterland und der Kaiser ruft, seid ihr doch 
alle da und haltet den Schild der deutschen Ehre 
hoch und rein in starker deutscher Hand, daß an 
seiner ehernen Festigkeit zerschellen müssen alle 
Feinde, die die Hand nach den heiligen deutschen 
Gütern ausstrecken, ihr liebt es ja doch alle so sehr, 
euer deutsches Vaterland. 

Generalstab Berlin, i. April 1878. 

Heute ist also der Tag, auf den ich so lange gewar- 
tet habe — nun mögen auch seine Nachfolger sich 
schleunigst auf die Reise machen in die Regionen 
der Vergangenheit, aus denen nichts wieder zurück- 
kehrt, das einzige, was Macht hat, diese Toten zu be- 
suchen, ist die Erinnerung. Erinnerung und Hoffnung, 
diese beiden Gottesgaben, die wir Menschen zur Ver- 
schönerung unseres Erdenlebens mitbekommen ha- 
ben, das eine der Vergangenheit, das andere der Zu- 
kunft angehörig. So berühren sie sich immer mit An- 
fang und Ende, ohne jemals die Gebiete wechseln zu 
können. — Der Raum der Hoffnung wird enger und 
enger mit den kommenden Jahren, mit ihnen das Ge- 
biet der Erinnerung weiter und weiter, und mitten 
zwischen beiden, gerade da, wo die eine anfängt, die 
andere aufhört, steht der Mensch mit seinem klopfen- 
den Herzen, das unter dem Einfluß beider lebt und 
bebt. Immer hofft es, und doch wie selten hält die 
Erinnerung das, was die Hoffnung versprochen hatte, 
und doch bleibt diese ewig jung und ewig neu, bis 
mit dem letzten Atemzuge die Hoffnung aufhört und 
die Erinnerung ihre lange Liste abschließt. — So geht 
es ja auch mir. Ich habe viel von beiden. Die Erinne- 

46 



rung zeigt mir so schöne Stunden, die Hoffnung malt 
mir noch schönere vor, und je näher die Stunde rückt, 
wo sie sich erfüllen soll, um so schneller schlägt das 
Herz ihr entgegen: Komm doch bald, wie lange ist es 
noch bis dahin — und dann wieder: Eile nicht so 
schnell vorüber, du flüchtige Zeit, kann man dich 
denn nirgends fassen, nirgends halten? — Aber die 
Vernunft will auch mitsprechen, wie würde es aus- 
sehen in der Welt, wenn jeder nach Gelüste und Gut- 
dünken die Zeit stellen könnte wie seine Taschenuhr, 
wie könnte sich bei solchem Charivari eine ruhige 
Weltgeschichte abwickeln, die die Menschen auf- 
zeichnen, die die Kinder in den Schulen lernen könn- 
ten. — Es ist schon besser so, wie es ist, und doch 
wie gerne würde jeder den Uhrmacher am unend- 
lichen Zeitengetriebe machen, wenn er nur nicht ein 
so ohnmächtiger schwacher Mensch wäre. Ein Atom 
in der langen Kette des Lebendigen, ein Sonnenstaub, 
der hinweggeblasen wird, und man sieht seine Spur 
nicht mehr, ein Nichts, dessen Bedeutungslosigkeit 
man erst daraus erkennt, daß sein Verschwinden keine 
Lücke zurückläßt. — Und doch, welch eine Welt der 
Gefühle steht still, wenn ein Menschenherz aufhört 
zu schlagen. Welch eine Fülle von Gedanken erlischt 
in dem Momente, wo das lebendige Blut nicht mehr 
durch die Adern strömt, Gedanken, die weit ausgrei- 
fend die Welt umspannten, die eindrangen in alles, 
was seit Jahrtausenden das Menschengeschlecht be- 
wegte, die im Gigantenfluge der Zeit vorauseilten und 
in die Ferne schweifend erwogen, was kommen wird 
des Guten und des Bösen. Wie hat es gebebt in Leid 
und Schmerz, wie hat es aufgejauchzt zum strahlen- 
den Himmel über das Glück, wenn seine Hand es be- 
rührte, wie hat es gehofft und gewartet, wie hat es 
geduldet und geblutet und wie hat es geliebt — dies 

AT 



kleine Menschenherz, dies Nichts, das verschwindet 
ohne Weg und Spur, welche Welt hat es in sich ge- 
borgen! Die Tage kommen und gehen, in der Perlen- 
schnur der Ewigkeit reiht sich Stunde an Stunde und 
wir ziehen mit dem Unbekannten entgegen, wie der 
Schiffer auf dem Meere, der den Winden folgt, die 
ihn treiben und nur den Kompaß hat, der ihm seine 
Richtung weist. — Mein Kompaß zeigt nach Norden, 
er ist also gut imstande, am Steuerruder meines Le- 
bensschiffes sitzt die Hoffnung, der Wind ist günstig 
und die Segel schwellen. Glückliche Fahrt! — Ich 
weiß es ja, daß ich es nicht alleine rufe. Ich bin ja 
nicht alleine in dieser öden Welt. 

Generalstab Berlin, 3. April 1878. 

Nun habe ich von allem, was Gesellschaft heißt, ge- 
nug, mache einen Strich darunter und ziehe das Fa- 
zit. Was kommt dabei heraus? Nicht viel Profit, den 
ich gehabt hätte. Dieselben Menschen wie immer, 
dieselben Interessen, dieselben Gedankenkreise, die 
ich schon im vorigen Winter kennen lernte und die 
mir jetzt wieder entgegengetreten sind. Wie sind sie 
doch kleinlich, diese Menschen, die nichts im Kopfe 
haben als ihre liebe Person, denen ihr Ich der Gott 
ist, dem alles geopfert wird. — Ich weiß nicht, ob ich 
in diesem Jahre schärfer urteile als früher oder ob 
vielleicht meine Beobachtung unbefangener ist wie 
im vergangenen Jahr, aber ich habe noch nie so die 
Nichtigkeit der Gesellschaftsmenschen bemerkt wie 
diesen Winter, und wenn ich aufrichtig sein soll, ich 
selber bin mir noch niemals so töricht vorgekom- 
men als die verflossenen Monate, wenn ich in Gesell- 
schaften den Liebenswürdigen spielte, ohne mit dem 
Herzen dabei zu sein. Ich will nichts von dieser Ge- 
sellschaft, ich finde nichts in ihr, das wert wäre, sich 

48 



danach zu bücken, wenn man es zu seinen Füßen 
sieht, sie bietet nichts, an dem man sich erheben 
könnte, sie ist nur ein Abklatsch des Alltagsmenschen 
mit allen seinen Fehlern, allen seinen kleinlichen In- 
teressen, all seinem Egoismus, seiner Engherzigkeit, 
seiner Frivolität. — Jetzt ist all dies untergegangen, 
alle diese Vergnügungen und Eitelkeiten haben ihren 
Wert verloren, ich habe den wahren Wert des Lebens 
gefunden. — Du schriebst mir einmal: Das Leben der 
großen Welt hat keinen bleibenden Wert. Wahrhaf- 
tig, Du hast Recht gehabt, ich glaube, daß Du sehr 
oft Recht hast, nur mußt Du es mir auch immer 
sagen. 

Generalstab Berlin, 13. Mai 1878. 

Von dem Attentat auf den Kaiser hast Du wohl ge- 
lesen. Unbeschreiblich war der Enthusiasmus der vor 
dem Palais versammelten unzähligen Menschenmas- 
sen. Ich ging hin, gleich nachdem die Nachricht ge- 
kommen war. Kopf an Kopf standen die Mengen, 
sangen »Heil dir im Siegerkranz«, »Ich bin ein Preuße« 
etc., am ergreifendsten war es, wie die ganze Masse 
von vielen Tausenden das alte schöne Luthersche 
Lied anstimmte: »Nun danket alle Gott«. — Der Kai- 
ser trat auf den Balkon hinaus und die Luft erzitterte 
von endlosem jubelnden Zuruf. — Die Wut auf den 
Schweinehund von Kerl war kolossal, ich glaube, das 
Volk hätte ihn zerrissen, wenn ihn nicht die Polizei 
geschützt hätte. Die ganze Nacht hindurch standen 
die Menschen vor dem Palais und, als am andern: 
Tag der Kaiser wieder wie immer ausfuhr, standen 
die Straßen voll jubelnden Volks, der Wagen mußte 
im Schritt fahren, wenig fehlte, so hätten sie ihm die 
Pferde ausgespannt, um den geliebten Kaiser selber 
zu ziehen, den alle sehen, dem jeder zurufen wollte. 

Moltke. 4. 49 



Generalstab Berlin, 25. Mai 1878. 

Wenn die Leute sich in Paris den Krieg wahrsagen 
lassen, so finde ich, können sie einem nur leid tun. 
Dann kannst Du ganz sicher sein, daß keiner kommt. 
Außerdem traue ich mehr auf die politische Lage als 
auf das Geschwätz, das aus dem Munde eines alten 
Weibes kommt und mit dem ich meine Ohren nicht 
beschmutzen möchte. Wie kann man nur so . . . sein! 

Generalstab Berlin, 31. Mai 1878. 

Ich denke mir, Ihr seid in den jetzigen Tagen ein- 
mal in Versailles gewesen und habt Euch dort im 
Schloß die wundervollen Gemälde von Horace Ver- 
net angesehen. Wie manches Mal bin ich durch diese 
Säle gewandert und habe mich an den schönen Bil- 
dern erfreut. — Besonders ist mir eins in der Erinne- 
rung geblieben, ein Überfall eines maurischen Lagers 
durch französische Chasseurs ä cheval, ferner die Er- 
stürmung des Malakoff, wo der kleine Tambour so 
schnell vor der Mauerlücke vorbei läuft, um wieder 
den schützenden Wall zu gewinnen. — Schön ist 
diese Sammlung, und es ist zu bedauern, daß nicht 
auch Deutschland einen Schlachtenmaler hervorge- 
bracht hat, der aus der reichen und ruhmvollen kriegs- 
geschichtlichen Entwickelung desselben in ähnlicher 
Art wie Vernet die bedeutendsten Episoden für die 
Nachwelt fixiert hat. Die Schlachtenbilder, welche 
unsere Maler gemalt haben, lassen meistens kalt und 
sind ohne Leben, ohne Aktion und unnatürlich, nur 
wenige Ausnahmen zum Besseren wüßte ich. Merk- 
würdig, daß wir es verstehen, die Schlachten zu schla- 
gen, aber nicht den Geist des Gefechtes auf die Lein- 
wand zu übertragen! — Jedenfalls darfst Du Paris 
nicht verlassen, ohne Versailles gesehen zu haben, 

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besonders Trianon, alle diese Stätten von so großem 
geschichtlichen Interesse, diese still verborgenen Ra- 
senplätze, auf denen die unglückliche Marie Antoi- 
nette ihre Schäferspiele abhielt, während schon die 
schwarzen Wolken der Revolution so drohend über 
ihrem Haupte sich zusammenzogen, diesem Haupte, 
das noch so harmlos lachte und scherzte und das 
doch später zum blutigen Denkstein für die entfessel- 
ten Gewalten eines lange unterdrückten Volkes wer- 
den sollte. 

Generalstab Berlin, 3. Juni 1878. 

Mit welchen Gefühlen ich Dir heute schreibe, 
kannst Du Dir denken. — Noch kann ich kaum zur 
Besinnung kommen, kann es nicht fassen und be- 
greif en, wie es möglich ist, daß eine solche Schandtat 
geschehen konnte. Wie stehen wir da vor den Völ- 
kern der ganzen Welt. Die Mörderhand dieses ruch- 
losen Buben hat unser Volk mit einem Schimpf be- 
lastet, der ihm anhängen wird, solange die Geschichte 
existieren wird. Unser alter Kaiser, der Mann, der 
Deutschland zu dem gemacht hat, was es ist, der 
Mann, der einzige in der Welt, der heute die Frie- 
denshoffnungen aller in sich vereinigte, es ist zu nie- 
derträchtig, zu gemein. — Wie standen wir da nach 
dem glücklich vollendeten Kriege, ein neu geeintes 
Volk, stark und mächtig, stolz auf unsere Kraft, stolz 
auf unseren Kaiser, den Liebling des Volks, wie hoch 
schlug das Herz, wenn man sich sagte: Du bist ein 
Deutscher und du kannst stolz darauf sein, — jetzt 
liegt Schmach und Schande auf uns, unser Kron- 
prinz in England von deutschen Arbeitern verhöhnt, 
unsere Schiffe zertrümmern sich gegenseitig, unser 
Kaiser in seiner eigenen Hauptstadt von Mörderhand 
verwundet, zweimal in so kurzer Zeit. Unser Reichs- 

51 



tag schwach und tatlos, elende feige Gesellen, die es 
nicht wagen, gegen das aufzutreten, was sie die Volks- 
rechte nennen, und dadurch die blutigen Leidenschaf- 
ten der Kanaille entfesseln, unsere Minister mit dem 
Liberalismus kokettierend, unsere Industrie liegt 
brach, ihre Produkte werden im Auslande beiseite- 
geschoben, alles vorbei und aus, und nun noch dieser 
Schimpf. — Ich war so froh in dem Gedanken, Dich 
in unser deutsches Land bringen zu können, was 
mußt Du jetzt von uns denken! Wie kann ich wieder 
nach Schweden kommen, wo die Leute mit Fingern 
auf mich zeigen werden und sagen: Das ist einer von 
denen, die ihren Kaiser erschießen. — Das ist ge- 
kommen, wie ein Hagelschlag, der die junge Saat ver- 
nichtet, zerknickt und zu Boden drückt, zu Boden tief 
in den Schmutz. — Was hilft es uns, wenn Tausende 
auch mit Freuden mit ihren Leibern unseren Kaiser 
decken möchten, wenn wir jeden Augenblick bereit 
sind, unser Herzblut für ihn zu vergießen, was hilft 
es uns! Die feige Mörderhand sucht den Hinterhalt 
auf und die Schande der Tat liegt auf uns allen. 

Generalstab Berlin, 4. Juni 1878. 

Hier sitze ich wieder mit dem Schmerz und der 
Scham im Herzen. Ich kann das Gefühl nicht los 
werden, daß eine unauslöschliche Schande auf unse- 
rer Nation liegt. Das Blut schreit zum Himmel und 
klagt das Volk an, für das es gesorgt und gearbeitet 
hat ein Leben von 81 Jahren hindurch. — Diese Bu- 
ben im Auslande, die den Namen des deutschen Vol- 
kes an den Pranger stellen, daß jeder pfui über uns 
rufen muß, die die Gastfreundschaft, welche ein frem- 
des Volk unserem Kronprinzen angedeihen läßt, be- 
sudeln mit ihren unflätigen Händen, die das in den 
Schmutz ziehen, was jedem Menschen von Ehre hei- 

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lig ist, die ihrem Volke Schande machen, Schande 
und Schimpf auf ewig. Es ist schwer, das zu tragen, 
wenn man nur einiges Gefühl für Anstand und guten 
Namen hat. Ja, das ist schlimmer, als wenn Unglück 
und Armut über einen hereinbricht. Not und Sorge 
können schmerzen und den Menschen verzehren und 
aufreiben, aber die Ehre ist wenigstens makellos, was 
will dann alle Not sagen. — Wir haben unsere deut- 
sche Ehre verloren, wenigstens fühle ich so, und ha- 
ben sie verloren durch die Schuld dieser Bestien, die 
nicht verdienen, daß ein deutsches Weib sie geboren 
hat, die selbst die Tiere ausstoßen würden, wenn sie 
Vernunft hätten, denn sie stehen weit unter den Tie- 
ren und wälzen sich mit ihren ekelhaften Leibern im 
Schmutz. — Und wir müssen dabei stehen und zu- 
sehen, wie der deutsche Name geschändet wird, und 
können nichts machen, — wir können sie ja nicht 
fassen, diese Halunken, die im Dunkeln schleichen, 
die nur von Zeit zu Zeit hervorgrinsen unter dem 
Schild unserer humanen liberalen Gesetzgebung, wo 
sie sicher sind, ganz sicher, und lachen können mit 
ihren häßlichen Satansfratzen. Keine Revolution, kein 
Aufstand, Angst haben die Hunde, frei herauszutre- 
ten und für ihre Prinzipien zu kämpfen. — Alles wird 
stille und heimlich gemacht, Stein auf Stein gelöst, 
wo keine Gefahr ist. Hätte ich nur einen von diesen 
Burschen unter meinen Fingern, hätte ich zwanzig 
oder hundert gegen mich, ich wollte meinem Gott 
auf den Knien danken und mit Freude, wie ich sie 
nie gekannt, zum Kampfe gehen gegen diesen Aus- 
wurf der Menschheit. Aber Handschuhe würde ich 
mir anziehen, denn man könnte in Versuchung kom- 
men, diesen Schmutz anzufassen. 

Was sollen wir noch in diesem Lande, wenn unser 
Kaiser stirbt, den Kronprinzen werden sie auch er- 

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schießen, und unser Reichstag wird sich in den Trauer- 
mantel seiner humanen Gesetze wickeln, denen sie 
das Leben des edelsten Hohenzollern geopfert haben, 
der je gelebt hat, wird die Achseln zucken und sagen: 
Wir mußten die liberalen Gesetze aufrecht erhalten. 

— Sie werden sitzen, diese humanen Schlafmützen, 
bis auch über ihnen der Staatsbau zusammenbricht 
und sie unter seinen Trümmern begräbt, bis das Ge- 
heul des blutig roten Sozialismus durch die Straßen 
gellt, bis die Fackeln der Volkshefe das junge Deut- 
sche Reich in Asche legen und unsere Feinde ihren 
Fuß auf den Nacken unseres zerrissenen Volkes set- 
zen. Es gibt keine Nation, die so wenig Patriotismus 
hat wie die Deutschen. — Ich telegraphierte gleich an 
Onkel Helmuth*. Gestern ist er gekommen. Er hat 
auch einen Drohbrief bekommen, der Schreiber sagt 
ihm: Du hast Dein Leben lang von dem Schweiße 
der Arbeiter gepraßt usw. — Ein zu gemeines Mach- 
werk, aber doch schmerzlich für einen Mann, der 
sein Leben lang nur seine Pflicht getan und so viel 
dazu beigetragen hat, dies Deutschland zu der Höhe 
zu heben, auf der es stand. — Wahrhaftig, man könnte 
Ekel empfinden über die Feigheit und Unschlüssig- 
keit der Gesinnungen, welche zu herrschen scheinen. 

— Wäre ich ein freier Mann, ich schnürte mein Bün- 
del und wendete dem ganzen Schelmenpack den 
Rücken, ginge nach Amerika oder nach Afrika zu 
den Hottentotten. 



• Der Chef des Generalstabes Generalfeldmarschall Graf Helmuth Moltke. 

54 



Dritter Teil 

Moltkes Gedanken 

und sein Wirken in Teilen aus 

Briefen an seine Frau 

1879—1914 



Laub an, ig. Juli 1879. 

Gestern sind wir hier eingerückt. Eine freundliche, 
kleine Stadt, leider unser letztes Quartier, übermor- 
gen ist unsere Generalstabsreise vorbei. Ich hätte den 
ganzen Sommer so weiter reiten mögen. Ich fühle 
mich so gesund, daß ich immer Lust habe, zu singen 
und zu springen. Mit meinen Arbeiten glaube ich auch 
zufrieden sein zu dürfen. Von einem Expose, das ich 
ausgearbeitet, sagte unser Major sogar: Ich wüßte 
nicht, wie man es besser machen könnte. Du kannst 
Dir denken, wie stolz ich bin. 

Potsdam, 29. Juli 1879. 

Also: Potsdam! Da sitze ich nun wieder in meiner 
alten Garnison, aus der ich drei Jahre ausgeflogen 
war, ein flügge gewordener Vogel, den das Geschick 
doch wieder in sein altes Nest zurückführt. Mir ist 
ganz heimatlich zu Mut. Die altbekannten Klänge des 
Glockenspieles auf der Garnisonskirche klingen mir 
so vertraut in Herz und Ohren, die schönen Kerls 
in ihrer strammen Haltung, das Kommando, die straffe 
Disziplin, das holperige Steinpflaster, die leeren Stra- 
ßen, lauter gute und liebe alte Bekannte, die mich 
begrüßen, als hätte sich an ihnen auch nicht eines 
Haares Breite geändert während der drei Jahre mei- 
ner Abwesenheit. Drei Jahre! welch eine lange Zeit! 
Zehnmal derselbe Zeitabschnitt und ein Menschen- 
leben ist dahin. Verblüht wie die Blumen auf dem 
Felde und vom Winde verweht. 

Am Sonntag kamen wir hier an und meldeten uns 
beim Regiment zurück. Ich bin kommandiert zur Füh- 
rung der Leibkompagnie, solange der Hauptmann auf 

57 



Urlaub ist. Das ist sehr angenehm. Ich kann mir sel- 
ber den Dienst ansetzen und mich allmählich wieder 
an die kleinen Finessen des praktischen Soldaten ge- 
wöhnen. Gleich am Montag hatten wir eine große 
Übung im Bataillon. Wir marschierten morgens V25 
Uhr ab. Zuerst wurde ein großes Gefecht gemacht 
und dann rückten wir in ein Biwak. Wir hatten herr- 
liches Wetter. Unser Biwakplatz war unter schattigen 
Eichen, durch deren dunkelgrüne Blätter die Sonne 
grüngoldige Reflexe warf, die zitternd über die blan- 
ken Helme der Soldaten spielten. Bald brannten die 
Biwakfeuer und dicht gedrängt standen die Soldaten 
um ihre Kochkessel, in denen Fleisch und Kartoffeln 
zur Mittagsmahlzeit brodelten. Wir Offiziere saßen 
währenddem auf unseren Feldstühlen an unseren 
kleinen Feldtischen, und während wir abwarteten, bis 
unsere Mahlzeit, von den Ordonnanzen gekocht, fertig 
sei, rauchten wir unsere Zigarre und hörten der Re- 
gimentsmusik zu, die, im großen Kreise aufgestellt, 
vor dem Biwak ihre lustigen Weisen spielte. Oder 
wir lagen der Länge nach auf dem Rücken im Grase 
und sahen den kleinen blauen Wölkchen unserer Zi- 
garre nach, die leicht und luftig durch die grünen 
Blätter schwebten, bis sie sich verloren in dem Blau 
des hohen Himmels, der sich wie eine kristallene 
Glocke über uns ausspannte. In i x / 2 Stunden war das 
Essen fertig und wir tafelten im Grünen mit einem 
Appetit, wie ihn nur der Soldat kennt, der schon von 
Sonnenaufgang an auf den Beinen gewesen ist. Nach 
dem Essen fingen die Soldaten an, ihre drastischen 
Tänze aufzuführen. Immer zwei und zwei, Polonaise, 
Quadrille, immer rund um die Musik herum. Einer 
hat einen großen Stock in der Hand und komman- 
diert den Tanz. Er ist ein Lothringer aus der Gegend 
von Metz, der, wie er zum Regiment kam, nur Fran- 

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zösisch verstand. Wunderlich klingen die französi- 
schen Worte in dem deutschen Biwak, en avant, 
changez les dames! etc., aber alle verstehen sie und 
führen tadellos die vorgeschriebenen Touren aus. An 
einer anderen Stelle wird ein Rekrut »geprellt«. Eine 
lange Reihe von Soldaten stehen sich vis-a-vis und 
haben sich fest an den Händen gefaßt. Auf diese Ket- 
tenbrücke von Armen wird der Geprellte gelegt und 
in taktmäßigem Wurfe wird er hoch in die Luft ge- 
schleudert, herunterfallend wieder aufgefangen und 
wieder hochgeworfen, bis er am Ende der Reihe an- 
gekommen ist und — nicht immer auf die sanfteste 
Weise — endlich nach seiner Luftfahrt den Boden 
wieder erreicht. Lauter Jubel und Lachen tönt durch 
die Luft. Wenn die Musik schweigt, stimmen die Sol- 
daten, auf dem Boden gelagert, ihren Chorgesang an. 
Die alten Lieder, wie gut ich sie noch kannte und 
wie leicht es wurde, in sie mit einzustimmen. So wird 
es allmählich dunkel und wie es Abend geworden, 
brechen wir auf, um noch eine Nachtübung zu ma- 
chen. Vorposten werden aufgestellt, Losung und Feld- 
geschrei ausgegeben, und bald liegt Dunkel und Stille 
über der vorhin so laut lustigen Gesellschaft. Die 
Nacht ist angebrochen. Am Horizont steht eine dunkle 
Wolkenbank, durch deren Schleier ab und zu der 
Mond hervorlugt, als wollte er einen erstaunten Blick 
werfen auf die nächtliche militärische Übung. Tiefe 
Stille rings umher. — In den Wipfeln der Pappeln 
flüstert leise der Nachtwind. Die Luft ist warm und 
weich, erfrischend im Walde. Ab und zu tönt der 
leise Ruf eines Postens durch die Dunkelheit, der 
eine zurückkehrende Patrouille anruft. Losung und 
Feldgeschrei werden ausgetauscht, dann geht die Pa- 
trouille weiter, leise, schattenhaft in der Dunkelheit 
verschwindend. Nun ist wieder alles still. Plötzlich 

59 



blitzt weit vorne ein kurzes Licht auf. Gleich darauf 
kommt der Knall eines Schusses durch die Nacht an un- 
ser Ohr. Zwei bis drei andere Schüsse knattern hinter- 
her, dann wieder alles still. Jetzt fallen wieder Schüsse, 
fünf bis sechs, rasch hintereinander. Erst sieht man den 
Blitz, dann kommt der Knall. Die Feldwache eilt an 
die Gewehre, in zwei Minuten steht die ganze Kom- 
pagnie aufmarschiert, wie eine dunkle Mauer, kein 
Laut wird dabei vernehmbar, kein Mensch spricht ein 
Wort, alles geht auf den leisen Zuruf der Offiziere, 
die wie ein dunkler Punkt vor ihren Zügen stehen. 
Jetzt kommt eine Meldung von den vorgeschobenen 
Patrouillen. Der Feind hat eine Rekognoszierung auf 
der Chaussee gegen unsere Stellung gemacht, ist je- 
doch wieder abgezogen, wie er auf unsere Patrouillen 
gestoßen ist. Die Gewehre werden wieder zusammen- 
gesetzt, in wenigen Minuten herrscht dieselbe Stille 
wie vorher. Um u Uhr bekommen wir den Befehl, 
abzumarschieren. Um 1 / i i Uhr sind wir in unseren 
Quartieren. Das war der erste Tag meines Hierseins. 

Wüstemark, n. September 187g. 

Wir liegen sehr gut, in einer Mühle mitten im 
Walde. Ganz einsam, ich mit meinem ältesten Offi- 
zier und dem Fähnrich. Zwei Meilen von Witten- 
berg. Ich bin mit meiner Kompagnie ganz alleine. 
Sehr angenehm. Vorige Nacht biwakierten wir bei 
strömendem Regen. Das war weniger angenehm. Was 
aber der Mensch nicht alles aushält. Die Kleider sind 
am nächsten Morgen auf dem Leibe getrocknet. Die 
Nacht aber war übel. Das Wasser lief einem zum 
Kragen hinein und aus den Hosen wieder hinaus. 
Ich war mit meiner Kompagnie auf Vorposten und 
hatte Glück, wie Du gleich sehen wirst. Mein Major 
sagte mir: »Wenn Sie angegriffen werden, liegt Ihre 

60 



Verteidigung naturgemäß in der Lisiere.« Ich sah 
aber mit meinem angeborenen militärischen Scharf- 
blick sofort, daß meine Verteidigung nicht in der Li- 
siere des Waldes, in dem ich biwakierte, lag, sondern 
auf einem vorliegenden Höhenzug. Ließ den Major 
Major sein und hob auf der Höhe Schützengräben aus 
und richtete dort eine Verteidigungsstellung für meine 
Kompagnie ein. Als wir nun am nächsten Morgen 
wirklich angegriffen wurden, kam der Oberst und 
sprach seine Anerkennung aus über die zweckmäßige 
Einrichtung, und der Major, der das Lob bekommen 
hatte, kam zu mir und sagte mir, ich möchte nun 
auch mit meiner Kompagnie die Stellung besetzen, 
die ich »so gewandt« eingerichtet hätte. Wirklich wurde 
auch der feindliche Angriff abgeschlagen, und ich 
war so stolz, daß ein gewöhnlicher Stratege wie On- 
kel Helmuth mir sehr klein vorkam! — Ich fühle mich 
so wohl wie nur möglich. Gesund und kräftig und 
voll Lebenslust und Freude an meiner Tätigkeit. 

Wittenberg, 14. September 1879. 

Hier sitze ich in der alten Luther-Stadt an der Elbe. 
Heute ist wieder ein Ruhetag. Wir liegen auf einem 
Dorf Dabrun in der Nähe der Stadt und sind heute 
hereingefahren, um uns die Sehenswürdigkeiten der- 
selben anzusehen. In der Tat sehr interessant. — 
Lange stand ich vor der Tür der alten massiven 
Schloßkirche, an welche Dr. Martin Luther einst seine 
fünfundneunzig Thesen anschlug und damit den Fun- 
ken in die aufgeregten Geister warf, der in wenigen 
Jahren die Riesenfackel des Dreißigjährigen Krieges 
anfachte, die sengend über Deutschlands blühende 
Fluren hinging und die Kultur um Jahrhunderte 
zurückdämmte. Gleichzeitig aber in diesem europäi- 
schen Brand die alte verfilzte Religion reinigte und 

61 



zu neuen, reineren Anschauungen durchläuterte. — 
Jetzt ist eine Tür von Erz dort eingelassen, in wel- 
cher die Sätze Luthers in das Metall eingegraben sind. 
In altem, schwerfälligem Lateinisch. Damals war ja 
die deutsche Sprache nicht in dem Munde der Kir- 
chenstreiter zu finden. Die Ecclesia militans stritt mit 
dem römischen Schwert. Heute ist das anders, und 
unsere einheitliche Sprache, vielleicht das einzig Ei- 
nige, was wir besitzen, verdanken wir zum besten 
Teil jenem Wittenberger Mönch, der unerschrocken 
den Kampf gegen Papst und Kaiser aufnahm und 
siegreich durchfocht. — Dann waren wir in Luthers 
Wohnung in der alten Universität. Sein Wohnzim- 
mer ist noch unverändert erhalten. Die Bänke an den 
Wänden, der große Tisch, der Ofen. Bildnisse von 
Luther, von Cranach gemalt. An jenem Fenster mit 
den trüben bleigefaßten Scheiben saß Frau Katha- 
rina Bora, seine Frau, und schaute nach dem Herrn 
Doktor aus, wenn er aus dem Kolleg nach Hause 
kehrte. In der Aula des Universitätsgebäudes steht 
noch der alte, hochgebaute Lehrstuhl, von dem herab 
er Vorträge hielt und auf dem er, fast ein Knabe noch, 
seine Doktordissertation abhielt und den Doktorhut 
erlangte. Das alles ist interessant zu sehen. Es um- 
weht einen wie der alte Geist der Reformation, wenn 
man durch diese Räume schreitet. Altertümlich, kräf- 
tig, hausbacken und derbe. Aber gesund und dauer- 
haft. War doch eine große, gewaltige Zeit, und der 
Luther ein ganzer Mann. 

Potsdam, 22. September 1879. 

Wenn die unsinnigen und unbegründeten Het- 
zereien der russischen Presse gegen Deutschland zu 
einem Konflikt zwischen beiden Staaten geführt hät- 
ten, was ja durch die Reise unseres Kaisers glücklich 

62 



vermieden ist, so wäre natürlich nach der unpar- 
teiischen und absolut richtigen Meinung des Aus- 
landes Bismarck wieder der Krakeeler gewesen ! Wollt 
ihr uns armen Deutschen denn nicht einmal das Recht 
einräumen, das doch sonst durch die Zivilgesetz- 
gebung aller Staaten geht, das Recht der Selbstver- 
teidigung!? 

* Wildberg, 30. Mai 1880. 

Wie Du siehst, bin ich nun an dem ersten Ort mei- 
ner Bestimmung eingetroffen. — Gestern habe ich 
meine Vorübung fertiggestellt und heute morgen fuhr 
ich hierher ab. Ich hatte einen sogenannten Leiter- 
wagen, auf dem mein großer Koffer und alle meine 
Instrumente, Max und ich saßen. Ersterer oben auf 
dem Koffer wie ein Araber auf dem Rücken seines 
Kamels. Pluto hinterher, so ging es mit Hü und Hott 
die Chaussee herunter. Schließlich mußten wir den 
braven Pluto auch noch aufladen, denn er wurde 
müde und konnte nicht mehr mitkommen. Es war 
eine herrliche Fuhre, Du hättest uns sehen sollen. 
Eine halbe Meile vor Wildberg neigte sich plötzlich 
der Wagen auf die Seite, das eine Vorderrad war ab- 
gelaufen. Da saßen wir nun. Glücklicherweise waren 
wir nicht umgeworfen, so daß die Instrumente kei- 
nen Schaden gelitten hatten. Ich ließ Max mit dem 
Kutscher zurück, um die Sache in Ordnung zu brin- 
gen, und ging zu Fuß vorauf. Sie kamen auch bald 
nach. 

Hier traf ich eine tüchtige Fuhrmannskneipe, in der 
ich mich einlogiert habe. Ein Zimmer, in dem die 
Tapeten in großen Lappen von der Wand herunter- 
hängen. Das Bett verspricht eine schmerzliche Nacht. 
Mein Diner bestand in Schweinebraten und Kartof- 

* Kommandiert zur Kgl. Landesaufnahme. 

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fein, alles in Fett schwimmend. Dies Etablissement 
führt den stolzen Namen »Hotel zum alten Zieten«! 
Nachdem ich diniert hatte, machte ich eine Reko- 
gnoszierung rund um das Dorf herum, das seinen 
Namen mit Unrecht führt, denn es ist weder wild 
noch bergig, im Gegenteil, die ganze Gegend flach 
wie ein Teller, ich werde Mühe haben, die Niveau- 
linien laufen zu sehen. Auf der einen Seite sind weit- 
gestreckte Wiesen, ziemlich sumpfig, mitten in den- 
selben eine eigentümliche Ruine aus alter Zeit. D.h. 
Ruine kann man es eigentlich nicht nennen, denn es 
ist nur ein Erdwerk, kreisrund, Wälle von Haushöhe 
und ein Graben mit Wasser rund herum. An einer 
Seite sieht man noch die Pfeiler einer alten Brücke. 
Das kolossale Bauwerk ist offenbar von Menschen 
aufgefahren. Viele tausend Fuhren Erde müssen nö- 
tig gewesen sein, um es in dem morastigen Unter- 
grund herzustellen. Aber es muß eine feste Position 
gewesen sein. Hier wird wohl ein alter Raubritter 
sein Nest gehabt haben, unangreifbar in den morasti- 
gen Wiesen, die nur durch einen Damm, auf dem 
jetzt die Chaussee läuft, mit dem festen Lande in 
Verbindung standen. Das Ding macht einen eigen- 
tümlichen Eindruck. Man sieht die mächtigen Wälle 
in den flachen Wiesen von weit her. Rund herum an 
ihrem Fuße stehen Bäume. Das Ganze ist kreisrund. 
Ich ging hinein. Inwendig ein großer, leerer Raum, 
keine Spur von Mauerwerk, daß aber solches dage- 
wesen, erkannte ich bald. Ein Teil des inneren Wal- 
les war abgestochen, der Besitzer hatte die Erde ge- 
braucht, um die sumpfigen Wiesen damit auszufül- 
len. Bei diesem Abstechen war ein Stück eines alten 
Grundbaues bloßgelegt, aber keine Ziegelsteine, son- 
dern Granit und ohne Mörtel gefügt. Man nennt das 
Zyklopenmauern, und sie sind immer ein Beweis sehr 

64 



hohen Alters. Ferner fand ich in demselben Abstich 
eine durchlaufende Schicht Holzkohlen, woraus ich 
schloß, daß die Gebäude, die hier gestanden hatten, 
einmal abgebrannt sein müßten. Dann hatte das Ka- 
stell offenbar lange Zeit unbewohnt gestanden, denn 
es folgte über den Kohlen wieder eine ungefähr drei 
Meter dicke Erdschicht. Später ist es wieder ange- 
baut und dann abermals abgebrannt, wie mir eine 
zweite Kohlenschicht bewies, über der dann aber- 
mals zwei Meter Erde lagen. In dieser zweiten Schicht 
fand ich auch bereits Steine, an denen Mörtel klebte, 
also eine spätere Zeit. Daß die untere Schicht, also 
der ganze Bau, schon sehr alt sein muß, fand ich be- 
stätigt durch Scherben von Töpfen, die ich heraus- 
kratzte. Diese waren aus ungebranntem Ton gefertigt. 
Ich nahm einen Henkel und den Rand eines Topfes 
zum Andenken mit. Beide zeigen die grobe Kunst- 
fertigkeit des Altertums. Mit der Hand gearbeitete Ver- 
zierungen, Eindrücke und Rillen. Wo mögen die 
Hände jetzt sein, die diese Scherben gearbeitet haben, 
die hier vor mir auf dem Tisch liegen und mich so 
grau und uralt ansehen? Einen Arbeiter, der oben auf 
dem einen Wall Rüben pflanzte, fragte ich, ob man 
niemals Münzen gefunden hätte, was er verneinte. 
Es muß also eine powere Gesellschaft gewesen sein, 
die hier gehaust hat. — Ein Stückchen Eisen fand ich 
auch, es war aber so von Rost durchfressen, daß ich 
nicht erkennen konnte, was es gewesen, es zerbrök- 
kelte mir in der Hand. Der Arbeiter zeigte mir die 
Klinge eines Beils, die er ausgegraben, zwar auch 
sehr verrostet, aber doch offenbar neueren Ursprungs, 
so daß ich kein Verlangen danach trug und sie liegen 
ließ. Die alten Topfscherben, die ich aus der unter- 
sten Schicht auskratzte, sind mir viel interessanter, 
sie sind viele hundert Jahre alt, soweit meine unvoll- 

Moltke. 5. 65 



kommene Beurteilung reicht, noch aus heidnischer — 
wahrscheinlich wendischer Zeit. — Morgen fahre ich 
das Terrain ab, welches ich aufnehmen soll, zweiein- 
halb Quadratmeilen. Übermorgen geht die Arbeit an. 

Wildberg, 6. Juni 1880. 

Heute ist Sonntag, und es hat den ganzen Tag, vom 
Morgen bis zum Abend, ohne eine Pause geregnet. 
Das ist wirklich fürchterlich. Ich habe den lieben lan- 
gen Tag gesessen und gezeichnet, bis mir die Augen 
weh taten, dann bin ich im Zimmer umhergegangen 
und habe gepfiffen und gesungen und deklamiert, es 
half alles nichts, ich langweile mich entsetzlich! — 
Pluto liegt mitten im Zimmer auf dem Rücken und 
streckt alle vier Beine in die Luft, ihm ist sauwohl, 
er möchte, daß das Topographieren nie ein Ende 
nähme. — Eine gute Unterhaltung habe ich doch, 
nämlich Treitschkes Deutsche Geschichte des neun- 
zehnten Jahrhunderts. Du hast vielleicht schon von 
diesem Buch sprechen hören, das alle Welt jetzt liest, 
mir hat es mein Hauptmann als Trosteinsamkeit ge- 
liehen, und ich muß gestehen, daß ich mich nicht 
erinnere, jemals von einem Geschichtswerk so gefes- 
selt worden zu sein. Das ganze Buch ist dramatisch. 
Man fühlt und lebt mit den Personen, man denkt,, 
hofft und fürchtet mit ihnen, man wird so lebhaft in 
die Zeit zurückversetzt, die es schildert, daß man sich 
erstaunt in der Wirklichkeit wiederfindet, wenn man. 
das Buch zuklappt. Und dabei weht ein Geist des 
Patriotismus und deutscher Vaterlandsliebe durch das 
Ganze, ohne jedoch der historischen Wahrheit je- 
mals Gewalt anzutun, es ist herrlich. 

Vichel, 19. Juni 1880. 
Ich bekam gestern die Meldung von meinem Haupt- 

66 



mann, er werde heute kommen, um mit mir zu ar- 
beiten. Er bestellte mich an einen bestimmten Ort, 
wo er aufnehmen wollte, um, wie er schrieb, mir et- 
was vorwärts zu helfen. Wie er ankam, hatte ich aber 
schon das ganze umliegende Terrain fix und fertig 
aufgenommen, so daß er sagte, er sähe, daß ich kei- 
ner Hilfe bedürfe, war sehr erstaunt, wieviel ich schon 
fertiggebracht hatte, und sagte, nach meinen bisheri- 
gen Leistungen zweifle er nicht, daß ich einer der 
ersten fertig sein würde. Er war überhaupt sehr zu- 
frieden und fuhr nach einer halben Stunde wieder 
ab, ohne mir geholfen zu haben. Ich kann schon 
auf meinen eigenen Füßen stehen! 

Vichel, ii. Juli 1880. 

Ich habe meinen »Faust« wieder als steten Begleiter. 
Du solltest mich sehen, wenn ich über meinen Meß- 
tisch gebeugt stehe und einsam mitten im wehenden 
Buschgras laut Monologe aus »Faust« deklamiere, 
während ich mit dem Zirkel die Entfernungen abgreife. 
Bisweilen muß ich selbst über mich lachen, das 
klingt dann wieder ganz eigen und verloren durch die 
stille Luft. Ein Mensch, der über sich selbst lacht, 
ist in der Einsamkeit immer etwas Wunderliches, nur 
gut, daß es nicht das schneidende Lachen des Hoh- 
nes oder der Verzweiflung, sondern das gemütliche 
innere Lachen über einen Phantasten ist, der mitten 
in der handgreiflich praktischsten und prosaischsten 
Arbeit es nicht lassen kann, den Seelendurst nach 
Schönheit mit einem Schluck aus dem Kristallbron- 
nen Goethischer Poesie zu stillen. So fliegen die Stun- 
den wie Minuten dahin, und immer wieder entdecke 
ich neue Schönheiten, an denen man bisher achtlos 
vorübergeeilt ist. Solch ein Arbeitstag von zwölf bis 
dreizehn Stunden befriedigt mich immer. Wenn ich 

67 



abends nach Hause gehe, habe ich ein gewisses freu- 
diges Gefühl der Genugtuung. 

Nackel,2i.Juli 1880. 

Siehe, wie schön die Welt ist ! Was wäre der Mensch, 
wenn er nicht hoffen könnte. Eine verkümmerte Exi- 
stenz, in dunklen, unklaren Schmerzen wühlend und 
mit geheimem Grauen sich selbst peinigend. Die Ver- 
gangenheit, das Verlorene, das Nichterreichte betrau- 
ernd und beweinend, mit Selbstvorwürfen in namen- 
loser Qual sich ängstigend. Nein, die Hoffnung, diese 
wahre Tochter des Himmels, wurde nach der schö- 
nen alten Sage den Menschen geschenkt, als aus der 
Büchse der Pandora alle Leiden über sie daher- 
geflogen waren, sie alleine wog alle Leiden auf. Vor- 
wärts sind die Augen der Menschen gerichtet, vor- 
wärts soll man auch blicken, dem Licht entgegen, 
das uns den Morgen bringt. Wer umblickt und zu- 
rückschaut, wird zur Salzsäule wie Lots Weib. — 
Offene Augen und offene Herzen, siehst Du, das ist 
meine Ansicht und Meinung. 

Segeletz,4. September 1880. 

Ich habe heute doch einen gewissen kleinen Tri- 
umph gefeiert, wie mein Hauptmann mir sagte, daß 
ich der erste fertig sei. Selbst die alten Topographen, 
die schon im achten bis zehnten Jahr aufnehmen, 
sind noch hinter mir zurück. Er fuhr alles sehr genau 
mit mir ab, ich glaube, eigentlich meinte er, ich hätte 
bei der großen Leistung von fast dreißig Minuten im 
letzten Monat flüchtig gearbeitet, er fand aber nichts 
und drückte mir gerührt die Hand, als er wegfuhr 
und sagte : »Eine wirklich außerordentlich fleißige Ar- 
beit, die ich manchem alten Topographen als Muster 
hinstellen kann.« 

68 



Wildberg, 6. September 1880. 

Nun bin ich denn also wieder da, wo ich angefan- 
gen habe, nach dreimonatlicher Arbeit im großen Zir- 
kel wieder an dem Ausgangspunkt angelangt. Dies- 
mal bin ich doch mit bedeutend leichterem Herzen 
hier. Hieß es damals: anfangen, so bedeutet mir mein 
jetziges Hiersein: aufhören, und das werde ich tun 
mit tausend Freuden, sobald der letzte Strich der Ar- 
beit getan ist. Es kommt mir so eigentümlich vor, 
daß meine mühsame Arbeit nun wirklich fast fertig ist, 
daß ich mich gar nicht in den Gedanken hineinver- 
setzen kann, es schien immer so, als könnte sie nie 
fertig werden. Der Sommer freilich ist mir vergan- 
gen, ohne daß ich eigentlich ein Gefühl davon habe, 
daß er vorbei ist. Ich meine immer noch, die Ler- 
chen müßten singen und die Erdbeeren da sein, und 
doch fallen schon die ersten gelben Blätter von den 
Bäumen, und die Schwalben rüsten sich zum Abzüge. 
Die Störche sind schon fort, hingezogen über das 
Meer, der Sonne entgegen. — Unsere Erdensonne, 
die ja allen scheint, hat es in den letzten Tagen recht 
gut mit uns gemeint. Sie hat eine solche Glut auf 
unseren Scheitel gehäuft, daß Tier und Mensch re- 
gungslos und lechzend dalag, nur den Moment er- 
wartend, wo der glühende Feuerball unter den Hori- 
zont gesunken sein würde und die Schatten des 
Abends eine wenn auch geringe Kühlung bringen 
werden. Nur der Topograph zog durch die Glut des 
Weges, ohne Rock und Weste, mit offenem Hemde, 
dennoch fast verschmachtend. 

Berlin, 18. Juni 1881. 

Du sollst sehen, wenn wir erst wieder unsere Woh- 
nung hier in Berlin haben und uns ein klein wenig 

69 



eingelebt haben, wird es Dir auch bald gut hier ge- 
fallen. Nur stehst Du jetzt vor einem Ungewissen und 
siehst nur die Vergangenheit in dem verschönern- 
den Lichte, das sie, dank der gütigen Weltordnung, 
immer annimmt, wenn sie schöne Stunden aufzu- 
weisen hat. Das Schlimme vergessen wir ja so rasch, 
das Angenehme setzt sich in der Erinnerung fest, und 
das ist gut so. Aber auch in die Zukunft sollen wir 
festen Mutes sehen und die Hoffnung festhalten, diese 
gute Fee des Menschengeschlechtes, die von der 
Wiege bis zum Grabe an der Seite des Menschen 
steht und mit ihrer goldig leuchtenden Fackel helle 
Streiflichter in das Dunkel der Zukunft wirft. — Und 
nach diesen Streiflichtern hascht der Mensch sein 
ganzes Leben lang wie das Kind nach Schmetterlin- 
gen. — Wer die Hoffnung verliert, hat alles verloren, 
denn er hat dann einen gebrochenen Mut und ein 
totes Herz, und ist so gut als ob er schon gestorben 
wäre. — Darum, lassen wir der Vergangenheit ihr 
Recht und freuen uns der sonnigen Erinnerungen, 
aber vergessen wir über dem, was hinter uns liegt, 
nicht das, was vor uns liegt. Wenn wir uns der Ver- 
gangenheit freuen, so wollen wir auf die Zukunft 
hoffen und nicht ungerecht werden gegen das, was 
über kurz oder lang ja doch auch zur Vergangenheit 
werden wird. 

Generalstab Berlin, 21. Juni 1881. 

Ich bin diesen Moment von oben heruntergekom- 
men, wo ich von 10 bis 7 Uhr gesessen und gearbeitet 
habe. Ich soll übermorgen einen Vortrag halten über 
das Geniewesen der österreichischen Armee, und muß 
das Material dazu aus allen möglichen Instruktionen, 
Berichten, Verordnungsblättern usw. zusammen- 
suchen. Eine mühselige Arbeit. 

70 



Generalstab Berlin, 23. Juni 1881. 

Heute habe ich meinen Vortrag gehalten. Es ging 
gut und meine Herrn Vorgesetzten waren befriedigt. 
Vom i.Juli ab bin ich zum Leiter der Übungen im 
Aufnehmen kommandiert. Wo? weiß ich noch nicht. 

Charlottenburg, 10. Juli 1881. 

Könnte ich doch bei Dir sein, um mich mit Dir der 
herrlichen gigantischen Natur zu freuen, deren gan- 
zer ungeahnter Zauber Dich jetzt schon gefesselt hal- 
ten muß. — Welche Empfindungen werden Dich wohl 
bestürmen, wenn Dein Blick zum ersten Male auf 
diese starren Schneehäupter fällt, die mit ewig un- 
veränderlicher Stille in den blauen Himmel hinein- 
ragen, die Wolken wie einen Kranz um ihre Stirne 
flechtend, herabsehend aus eisiger Ruhe auf das un- 
ruhige Gewühl der Menschen unter sich mit ihrem 
Zank und Hader, ihren Tränen und Freuden, ihrem 
Hassen und Lieben. Fühlt man sich nicht der Natur 
gleichsam nähergetreten, wenn man so in die gewal- 
tigen Formen eindringt, die sie geschaffen? Glaubt 
man nicht, noch den Odem des allmächtigen Schöp- 
fers um diese Bergesgipfel wehen zu spüren, kommt 
man sich nicht unendlich klein vor, wenn man an 
den Felswänden hinaufschaut, die schon gestanden 
haben, lange bevor der erste Mensch sein unbehilf- 
liches Erdenleben zu lernen begann? Wie wunder- 
voll ist doch dies Anschauen der reichen Natur. Frei- 
lich nicht lieblich und zart geschwungen. Rauh und 
zackig tritt sie uns hier entgegen, aber voll Kraft und 
Mark, voll geheimnisvoller Schauer eines allgewalti- 
gen Weltgeistes und mächtigen Schöpfers. Das stärkt 
und stählt Herz und Sinne. Du wirst sehen, wie die 
Nerven fest werden im Anschauen des Großen und 

7i 



wie die Brust weit wird und das Blut rascher pulsiert 
beim Einatmen der würzigen Bergesluft. — Ihr seid 
wohl über den Bodensee gegangen und dann das 
Rheintal hinauf? Du bist ja jetzt dicht an der Quelle 
dieses uralt deutschen Stromes, um dessen reben- 
umwachsene Ufer schon soviel deutsches und frän- 
kisches Blut geflossen ist. Später wirst Du diesen 
Stromfürsten ja auch in seinem unteren Lauf sehen 
und Dich an der entzückenden Schönheit desselben 
berauschen. »An den Rhein, an den Rhein, zieh' nicht 
an den Rhein« — singt der Dichter, denn hast Du ihn 
erst gesehen, haben seine Zauber Dein Herz umspon- 
nen, so krankst Du an ewiger Sehnsucht nach seinen 
grünen Ufern! — Wie groß ist das Stück Welt- 
geschichte, das sich an diesen Strom knüpft, dessen 
schwache rieselnde Quelle Du gesehen haben wirst. 
Du thronst jetzt soundsoviel tausend Fuß über uns 
anderen Sterblichen, die wir in tiefer sandiger Ebene 
unser Dasein weiterspinnen. 

Berlin, 15. Juli 1881. 

Du schreibst so hübsch und so interessant, daß ich 
alles, was Du gesehen, mit Dir zusammen noch ein- 
mal durchkoste. — Aus Deinem Briefe sehe ich so 
recht, wie sehr Dein inneres Leben mehr und mehr 
erwacht ist und zum Lichte, zur Erkenntnis seiner 
selbst und der Dich umgebenden Außenwelt drängt. 
Fahre nur so fort, alles was Du siehst, auf Dich wir- 
ken zu lassen, öffne Dein Inneres den Großartig- 
keiten und Schönheiten der Welt, und Du wirst sel- 
ber fühlen, wie Du täglich reineren Genuß an diesen 
Freuden haben und täglich besser lernen wirst, mit 
ungetrübtem Inneren zu genießen und Dich des schö- 
nen Lebens zu freuen. Dann, wenn Du Dich selber 
innerlich glücklich fühlst, wirst Du auch andere glück- 

72 



lieh machen und aus dem Bewußtsein, Dich mit Dei- 
nen Mitmenschen in Harmonie zu befinden, wieder 
ein immer neues Moment des Glückes ziehen. Des- 
halb lege ich auch so sehr großen Wert auf diese 
Reise, weil ich weiß, daß nichts mehr geeignet ist, 
einen Geist von sich selber abzuziehen und der Außen- 
welt zuzulenken, als eine Reise mit ihren täglich neuen 
Bildern, ihrem Zwang, auf alles zu achten, ihrem In- 
teresse an noch nie Gesehenem und ihrer inneren 
Wanderlust, die jedem Menschen innewohnt und ge- 
weckt wird, sobald das Posthorn bläst und die Rä- 
der auf dem Steinpflaster rasseln. Das zwingt den 
Sinn aus sich selber heraus, und indem täglich neue 
Eindrücke an ihn herantreten, bleibt ihm keine Zeit, 
in Grübeleien zu versinken, keine Zeit zum Speku- 
lieren und Brüten, denn die schöne Welt lockt doch 
gar zu goldig draußen, die Bächlein von den Felsen 
springen, die Lerchen jubeln laut vor Lust — wer 
möchte nicht mit ihnen singen mit frischem Sinn 
aus freier Brust! 

Berlin, 20. Juli 1881. 

Von Onkel Helmuth habe ich heute einen Brief be- 
kommen mit der Anfrage, ob ich zehn Tage Urlaub 
bekommen könnte, er wollte mich gerne mitnehmen 
zu einer Reise auf dem Tatra-Gebirge. Ich glaube 
aber nicht, daß ich Urlaub bekommen werde, da ich 
vom 22. ab der einzige Offizier in meiner Abteilung 
bin, da alle anderen auf Urlaub sind. 

Creisau, 30. Juli 1881. 

Laß Dir erzählen, wie alles gekommen ist! Ich 
schrieb Dir schon von Kandrzin, daß ich ohne alle 
Sachen hatte abreisen müssen, da der Koffer nicht 
auf dem Bahnhof war. Ich hatte alles so schön vor- 

73 



bereitet, Briefpapier, Feder und Tinte mit, nun mußte 
ich reisen, ohne ein Stück davon mitnehmen zu kön- 
nen. L. borgte mir glücklicherweise ein paar Hemden 
und Strümpfe, die mit in Onkel Helmuths kleinen 
Handkoffer gepackt wurden, das war unser ganzes 
Gepäck! Wir fuhren den ersten Tag bis Ratibor, wo 
wir in einem kleinen Hotel übernachteten, Onkel Hel- 
muth und ich beide in einem Zimmer. Übrigens war 
er natürlich überall gleich erkannt, obgleich er, wie 
er sagte, ganz inkognito reisen wollte! Wir kamen 
abends 7 Uhr an, gingen ins Hotel, ich immer mit 
dem Koffer, Reisedecke usw. in der Hand — und 
dann gleich wieder aus, um die Stadt zu besehen. — 
Auf dem Rückwege kam uns der Bürgermeister in 
Frack und weißer Binde entgegen, der Onkel Hel- 
muth begrüßte und ihn um die Ehre bat, ihn bis an 
sein Hotel begleiten zu dürfen. Onkel Helmuth war 
ziemlich kurz angebunden, verstand auch nicht, was 
der Mann sagte, und so zogen wir denn durch die 
Stadt, der Bürgermeister immer im Rinnstein neben- 
her mit dem krampfhaften Bemühen, Konversation 
zu machen, was ihm gänzlich mißglückte! — Am 
nächsten Morgen auf dem Bahnhof große Versamm- 
lung, um Onkel Helmuth abfahren zu sehen. Die 
Eisenbahnverwaltung hatte einen Salonwagen in den 
Zug einstellen lassen, was für uns sehr angenehm 
war, da er rund herum Fenster hatte und man so einen 
freien Blick auf die wirklich reizende Gegend des 
Riesengebirges und der Sudeten hatte. Die Ankunft 
von Onkel Helmuth war immer bereits von der Bahn- 
verwaltung telegraphisch vorausgemeldet, so daß alle 
Schaffner und Bahnbeamten bereits avertiert waren. 
— In Oderberg tritt die Bahn auf österreichisches Ge- 
biet über. Auch hier war alles sehr höflich und sehr 
neugierig. Die österreichische Bahnverwaltung ließ 

74 



den Salonwagen weiter mitgehen, und so fuhren wir 
denn bewundert und angestaunt in Österreich hin- 
ein! — Nun kam eine wirklich großartig schöne Fahrt 
durch das immer bergiger werdende Land den Kar- 
pathen entgegen. Die Bahn überschreitet, fortwährend 
steigend, den Tablenkau-Paß in einer Höhe von tau- 
send Meter über dem Meere und steigt dann in das 
Waagtal hinab, um ferner in diesem Tal wieder an- 
steigend und immer dem Laufe der Waag folgend an 
dieser stromauf zu gehen. Die Gegend wird, je weiter 
wir kommen, immer großartiger. In mannigfachen 
Windungen dem Flußlaufe folgend, durch Tunnel 
und in scharfen Kurven um Felsvorsprünge biegend, 
steigt die Bahn bergan. Auf der anderen Seite des 
Tablenkau-Passes, der Wasserscheide zwischen Do- 
nau und Weichsel, wird schon alles charakteristisch 
ungarisch. Die Leute, welche auf dem Felde arbeiten, 
zeigen das malerische Kostüm der Ungarn, die wei- 
ten weißen Hosen und Hemden, mit dem Filzhut mit 
breiter Krempe, die Weiber alle in hohen Stiefeln 
mit weißem Hemd und Überwurf oder die Beine bis 
zu den Knien mit Filzlappen umwickelt. Alles Korn 
wird mit der Sichel geschnitten und in eigentümlichen 
Mandeln aufgesetzt. Kleine melancholische Pferde, 
die doch viel leisten und aushalten, ärmliche mit zer- 
fallendem Strohdach gedeckte Hütten, aber überall 
eine überreiche Vegetation, die in mächtigen, wo- 
genden Kornfeldern ihr ursprüngliches reiches Schaf- 
fen zeigt. 

Von Rattek ab verlassen wir die Pester Bahn, um 
auf der Raschauer Zweigbahn unserem Zielpunkte 
Poprard zuzueilen. Jetzt zeigen sich schon die höch- 
sten, mit ewigem Schnee bedeckten Spitzen des Ta- 
tra zur Linken, während zur Rechten das weniger 
steile Tatragebirge aufsteigt. Die Fahrt auf dieser letz- 

75 



ten Strecke ist bezaubernd schön. Je näher man dem 
Tatra kommt, der als ganz abgesonderte mächtige 
Gruppe fast unvermittelt aus der flacheren Ebene auf- 
steigt, desto schöner wird der Anblick, den dies im- 
posante Gebirge bietet. Die Spitzen sind sehr steil. 
Schroffe Felswände aus grauem Granit, senkrecht steil 
aufsteigend, bis zum dritten Teil der Höhe kriecht 
dichtes Nadelholz in den Schluchten hinauf, dann 
kommen Föhren und Arven, darüber nackter Fels 
mit langen, schneegefüllten Tälern und den ganz 
spitzen Gipfeln, die rauh und zerrissen in den blauen 
Himmel hineinstarren. — Die Beleuchtung der gan- 
zen Partien ist wundervoll. Blaue tiefe Schatten wech- 
seln mit grell beschienenen Wänden, bisweilen hängt 
eine der ziehenden Wolken sich wie ein wehender 
Schleier um eines der Bergeshäupter, kann sich nicht 
von ihm loslösen, verzweigt sich in den Rissen und 
Schluchten, als wollte sie sich festsaugen, wallt hin- 
auf und zur Seite, gibt aber immer noch nicht den 
Gipfel frei, der mit seinen spitzen Felszacken ganz 
in ihr verschwunden ist, kriecht dann hinab und zer- 
reißt, und über ihr starren auf einmal wieder grau 
zerrissen und unbeweglich die Felsspitzen in den 
blauenden Himmel hinein. Dies immer wechselnde 
Schauspiel ist wunderbar schön, und ich kann wohl 
sagen, daß ich mich schon in das Gebirge verliebt 
hatte, bevor wir es noch betreten hatten. — Endlich, 
abends 8 Uhr, kamen wir in Poprard an und stiegen 
aus. Onkel Helmuth hatte dem Schaffner gesagt, er 
wollte in Poprard die Nacht bleiben, wie aber neben 
dem Bahnhof eine Reihe Landwagen, mit den klei- 
nen, mageren ungarischen Pferden bespannt, hielten 
und mehrere Kutscher im zerlumptesten Kostüm, das 
sich denken läßt, sich erboten uns zu fahren, da der 
Abend schön war und die Luft erfrischend kühl nach 

76 



der heißen Fahrt im Coup6, schlug Onkel Helmuth 
vor, gleich denselben Abend noch nach Schmeks zu 
fahren, dem Bad, in dem wir ein paar Tage bleiben 
sollten und das eine gute Stunde Wegs entfernt war. 
»Und«, setzte er hinzu, »wir haben dann den Vorteil, 
daß wir so ganz inkognito ankommen!« Den Vorteil 
hatten wir nun allerdings, und wie uns derselbe be- 
kam, will ich Dir morgen erzählen, denn heute abend, 
es ist ii Uhr, fallen mir die Augen zu. Morgen mit 
frischen Kräften mehr. 

Creisau, 31. Juli 1881. 

Nun sollst Du die Fortsetzung meines gestern abend 
abgebrochenen Briefes haben. — Also, wir fuhren 
abends 1 / 2 & Uhr von Poprard auf einem kleinen schmie- 
rigen Wagen ohne Federn, mit kleinen, schmierigen 
Pferden bespannt, gen Schmeks — den Gebirgsweg 
hinan. Da wir nur einen kleinen Handkoffer mithatten, 
war mit dem Fortbringen keine Schwierigkeit. — Der 
Weg steigt von Poprard an fortwährend. Schmeks 
liegt am Fuße des Tatra mitten in dunkelgrünem Tan- 
nenwald versteckt, unmittelbar dahinter steigt der stei- 
nige, felsige Gebirgskamm auf. Es war ein wunder- 
voller Abend, eine balsamische Luft, die man mit 
voller Brust einsog und die belebend die Lungen 
füllte. 

Um V2 10 Uhr kamen wir in Schmeks an. Wir wand- 
ten uns an den Portier um Zimmer und erhielten so- 
fort den wenig tröstlichen Bescheid, daß wahrschein- 
lich kein Zimmer mehr frei sein würde. Der Direktor 
wurde gerufen und uns natürlich zuerst die übliche 
Frage vorgelegt, ob wir längere Zeit oder nur ein 
paar Tage bleiben wollten. Nachdem wir gesagt, daß 
letzteres unsere Absicht sei, hatten wir entschieden 
verspielt. — Wir waren richtig ganz inkognito, wie 

77 



Onkel Helmuth es gewünscht hatte, und mußten die 
Folgen tragen! Nachdem wir in zwei falsche Häuser 
geführt waren, fanden wir endlich in einem dritten, 
hoch auf einer Lehne liegend, ein dürftiges Unter- 
kommen in einem ganz kleinen Zimmerchen mit 
einem mäßigen Bett, einem kleinen Fenster nach dem 
Hof und einer rechten Kellerluft. Onkel Helmuth war 
sehr indigniert. »Das soll nun das erste Bad Ungarns 
sein! Das ist ja wie in einer Baude auf dem Riesen- 
gebirge. Eine schrecklich unzivilisierte Nation« usw. 
— Er mußte aber doch aus der Not eine Tugend 
machen, und ich war froh, wie mir eine Lagerstatt 
auf dem steinharten Sofa zubereitet wurde. — Nach- 
dem unser Gepäck abgelegt war, gingen wir hinunter 
in ein tiefer liegendes Haus, auf dessen Außenseite 
mit großen Buchstaben »Speisehaus« geschrieben 
stand. Wir traten in einen großen Saal, der gedrängt 
voll Menschen, Männlein und Weiblein saß. Mit 
Mühe fanden wir ein Unterkommen an der Ecke 
eines Tisches gerade vor der offenstehenden Tür, 
im schönsten Zug! — In der Mitte des Zimmers saßen 
an einem Tisch der Badearzt und der Geistliche, 
welche eine Menge kleiner Gewinne vor sich stehen 
hatten, einen Sack mit Nummern, und von Zeit zu 
Zeit etwas auf ungarisch mit lauter Stimme durch 
den Saal riefen, von dem wir natürlich keine Silbe 
verstanden. Fast alle Gäste hatten kleine Lottokarten 
vor sich, die sie aufmerksam betrachteten, und end- 
lich wurde es uns klar, daß die ganze Gesellschaft in 
ein Tombolaspiel vertieft war, das eben im besten 
Gange war, als wir eintraten. — Wie allgemein das 
Interesse an diesem Spiel sei, sollten wir zu unserer 
Betrübnis bald dadurch erfahren, daß auch alle Kell- 
ner eine Lottokarte in der Hand hielten und ihre Auf- 
merksamkeit zwischen dieser und den Gästen sehr 

78 



zu Ungunsten der letzteren teilten. Nach langer Mühe 
gelang es mir, einen solchen in seine Karte vertieften 
Buben durch lautes Anschreien dazu zu bewegen, 
daß er uns in einer Pause, die der Ausrufer machte, 
ein Backhuhn brachte, welches wir bis auf die alier- 
härtesten Knochen verzehrten. Mehr zu bekommen 
glückte uns indessen absolut nicht, wir mußten den 
Versuch aufgeben und uns in unser kellerartiges Ge- 
mach zurückziehen, wo Onkel Helmuth unter man- 
chem Stöhnen und Seufzen in sein viel zu kurzes 
Bett kroch, während ich mich auf dem Sofa ein- 
richtete. Wir waren eben gründlich inkognito! 

Der nächste Morgen fand uns schon früh auf. Es 
war herrliches Wetter, die Sonne warf ihr grelles 
Licht auf die steilen Felswände zu unseren Häupten, 
tiefblau, fast purpurn hoben sich die schattengefüll- 
ten Schluchten von den Wänden ab, hie und da ein 
schmaler Streifen Schnee in die Sprünge des Gesteins 
hinein verweht. — Ein großartig schöner Anblick. Die 
Luft dabei so klar und schön, man schlürfte sie or- 
dentlich ein wie den köstlichsten Wein. Es war, als 
ob das Atmen ganz von selber ginge, als ob jemand 
anderes für uns atmete und wir nur den Genuß da- 
von hätten. Wir nahmen uns nun einen Wagen und 
fuhren auf steilem unbequemem Wege, den eben nur 
diese ungarischen Katzen überwinden können, hin- 
auf in das Kohlbachtal. Hier fanden wir eine Schutz- 
hütte, eine Art Blockhaus, in dem es vortrefflichen 
Ungarwein und gute Forellen gab, saßen auf einer 
Terrasse mit schöner Aussicht über das Tal, in dem 
die Kohlbach brausend hinabkommt, und einem wei- 
ten Blick über die getreidewogenden Ebenen zu 
Füßen des Gebirges. — Während Onkel Helmuth 
sitzen blieb, machte ich mich auf und stieg noch eine 
Stunde in dem Tal hinauf auf ziemlich schwierigem 

79 



Wege bis an den sogenannten Riesenwasserfall der 
Kohlbach. Derselbe ist zwar sehr schön, verdient aber 
seinen Namen nicht wegen der zu unbedeutenden 
Wassermenge. — Wie ich wieder umdrehte, standen 
die hohen Berggipfel noch gerade so hoch über mir, 
als sei ich ganz unten in der Ebene geblieben. Das ist 
das Schöne hier im Gebirge, daß alles noch so ist, 
wie es die Natur geschaffen hat. Hier sind keine 
künstlich gestauten Wasserfälle, keine auskostümier- 
ten Sennerinnen, keine musikalisch gebildeten und 
in malerische Bauernkostüme verkleideten Schalmei- 
bläser, keine sorgsam durchgehauenen Fernblicke, 
keine Ruinen, die uralt verwittert an steilem Fels kle- 
ben und die doch erst im vorigen Jahr der Aussicht 
wegen aufgemauert und künstlich alt gemacht wor- 
den sind, keine gußeisernen Brücken und bequemen 
Fußwege, keine Geländer mit verzierten Knäufen vor 
jedem zehn Fuß tiefen Abgrund — rein und unver- 
fälscht tritt die Natur uns entgegen, rauh und zackig, 
wie sie geschaffen. — Die Tannen, die hier mit aus- 
gerissenem Wurzelwerk über die Schlucht gestürzt 
sind, hat sicher der Wind geworfen, das Wasser braust 
seit Jahrtausenden über dieselben Felsblöcke, hier 
hat keine Menschenhand seinen Lauf reguliert, keine 
Schleuse staut es an, um es gegen 50 Pfennig Entree 
eine Minute frei zu lassen. — Hie und da zieht sich 
ein kaum ausgetretener Fußpfad rauh und rücksichts- 
los über Wurzeln und Felsen an den Hängen hin, es 
ist nur der Fuß des Menschen, der ihn ausgetreten 
hat, nicht die Hand hat ihn zur Bequemlichkeit ge- 
schaffen. Wo du an einen Abgrund trittst, hemmt 
kein Geländer deinen Schritt, noch einen und du liegst 
zerschellt zwischen den Felsen. Kunstlos sind wenige 
notdürftige Stege über den Bach geschlagen. Ein paar 
kaum behauene Tannenstämme, ein harziges Gelän- 

80 



der auf der einen Seite genügt, um hinüberzukom- 
men und auf der andern Seite weiterklettern zu kön- 
nen. — Das alles ist wunderbar schön, ergreifend 
mächtig, wenn man aus unserer erbarmungslosen Zi- 
vilisation wie mit Zauberschlag auf einmal so mitten 
in die urgeschaffene Natur versetzt wird. — Mächtig 
quillt die Vegetation überall hervor, an den Tannen 
hängt langbärtig das Flechtenmoos, hoch und üppig 
wuchern Bickbeeren und Fairen um die feuchtdunk- 
len Stämme, und darüber der zackige zerklüftete Gra- 
nit, himmelansteigend, scharf abgehoben vom Äther 
und untermischt mit seinem tiefblauen Schatten. Keine 
Menschenstimme, soweit das Ohr reicht, kaum der 
Laut eines vorbeihuschenden Vogels. Man könnte 
glauben, der einzige Mensch in diesen Einsamkeiten 
zu sein, der erste Mensch vielleicht und der letzte, 
und das weitgestreckte Bild der fruchtgelben Ebene 
mit den in den Tälern zusammengekrochenen Dör- 
fern ist eben nur ein Bild, ist keine Wirklichkeit, nur 
ein Symbol menschlichen Erdenlebens, hier oben in 
der gottgeschaffenen Einsamkeit umweht uns der 
starke Hauch der schaffenden Gewalt, uralt, doch 
ewig jung, milde und süß gleichso, wie starr, kräftig 
und unbeugsam. Ich sehnte mich hinauf bis dahin, 
wo die Wolken vergebens strebten, die Bergspitzen 
zu erreichen, aber — , unten saß Onkel Helmuth und 
wartete, also zurück und wieder im Wagen mit ihm 
hinab in unser Kellergeschoß! 

Unten spielten die Zigeuner vor dem sogenannten 
Promenadenplatz. — Geige, Zymbal und Klarinette 
ohne Noten, einer spielt vor, die andern wild hinter- 
drein, wenn auch manch abenteuerlicher Sprung mit 
unterläuft, die allgemeine Richtung halten doch alle 
wie eine Herde wilder Pferde, die in rasendem Ga- 
lopp hinter dem Leithengst über die Pußta brausen. 

Moltke. 6. 8l 



— Wir waren hungrig geworden, und doch war es 
uns unmöglich, etwas zu essen zu bekommen. Im 
Speisehause war die Küche »gesperrt«, um '/ 2 8 Uhr 
abends wird erst wieder zur Nacht gespeist, jetzt kön- 
nen Sie nichts bekommen! — Da zog sich denn Onkel 
Helmuth grollend und hungrig in sein Zimmer zu- 
rück, um bei einem englischen Roman die Zeit zu 
verbringen; ich aber strich hinaus die Kreuz und Quer, 
folgte den brausenden Bächen talab, stieg wieder hin- 
auf, schwärmte unter den Tannen umher und war 
herzlich froh, keinem Menschen zu begegnen, der mir 
den Genuß hätte trüben können. — Es ist eine himm- 
lische Natur und nach dem, was ich von den Alpen 
gesehen, d. h. die Tour über den St. Bernhard vom 
Luzerner See bis zum Luganer See, steht der Tatra 
ihnen an wild romantischer Schönheit in keiner Weise 
nach. — Wie ich müde und abgetrieben zurückkehrte, 
saß Onkel Helmuth noch immer finster und in sehr 
schlechter Laune bei seinem Buch. Er hatte noch 
einen Versuch gemacht, ein besseres Zimmer zu be- 
kommen, aber vergebens. Der Direktor hatte ihm auf 
die Schulter geklopft und gesagt: »Ja, schauen's, Sie 
können froh sein, daß Sie überhaupt noch unterge- 
kommen sind und nicht haben auf Stroh liegen müs- 
sen.« — Wir waren also noch immer im höchsten 
Grade inkognito. — »Morgen reisen wir ab,« sagte On- 
kel Helmuth, »dann werde ich aber feurige Kohlen auf 
ihr Haupt sammeln. Sie sehen uns nicht für voll an — 
(natürlich, dachte ich), wenn wir aber abreisen, werde 
ich mich einschreiben: Graf Moltke, Generalfeldmar- 
schall, Ritter pp. mit allen Titeln und Würden!!!« — 
Mir tat es leid, schon wieder fort zu sollen, ich wollte 
gern noch mehr von den Bergen sehen und ge- 
brauchte demnach eine Kriegslist. — Wie wir wieder 
zum Abendessen hinabgingen, blieb ich zurück und 

82 



fragte dann einen Kellner, ob er nicht gesehen hätte, 
ob der Graf Moltke schon hineingegangen wäre? — 
Nun hättest Du sehen sollen! — Wer? Der Graf 
Moltke? Der Feldmarschall? Der berühmte — oh! und 
von Mund zu Mund ging die Kunde! Auf einmal wa- 
ren alle Kellner geschmeidig und aufmerksam, auf 
einmal stürzte der Wirt herbei und wies uns Plätze 
an, auf einmal hieß es: was befehlen Exzellenz? Ich 
werde eigens für Ew. Gnaden kochen lassen, bitte Ex- 
zellenz, hier Platz zu nehmen, hier ist ein gepolster- 
ter Stuhl, hier zieht es nicht, dieser Wein ist zu emp- 
fehlen, nein, nicht der, Exzellenz, das ist nur ein Land- 
wein. — Da stand plötzlich hinter jedem Stuhl ein 
Kellner, ihn zurecht zu rücken, da sprang plötzlich 
einer nach Zahnstochern, einer nach Wasser, einer 
nach Wein, da war auf einmal das Tischtuch nicht 
ganz frisch, da wurde das Brot vom Tisch gerissen, 
weil es von gestern war, und frisches hingestellt, da 
fuhr der Wirt mit Donnerstimme einen Kellner an, 
der zu langsam lief: was das für eine Bedienung sei, 
ob er nicht gehört habe, daß Exzellenz rasch essen 
wolle, da rannte er selber in die Küche und kam 
atemlos zurück mit dem Rehfilet, das er ganz eigens 
für Exzellenz habe braten lassen! Bitte, Ew. Gnaden, 
sind Exzellenz zufrieden? Ist es weich? Soll ich ein 
anderes machen? Bitte schön, Ew. Gnaden! — Und 
Onkel Helmuth, ruhig und behaglich sich fixieren 
lassend, blinzelt mir über den Tisch zu und flüstert: 
»Es muß mich doch jemand erkannt haben.« — Daß 
er aber nicht unzufrieden war mit dem gebrochenen 
Inkognito, sah ich an dem leisen Schmunzeln seiner 
Mundwinkel! — Jetzt auch die Bewegung unter den 
Gästen. Alle Köpfe drehen sich nach uns um. Jeder, 
der hereinkommt, hat es schon erfahren und wirft 
einen langen neugierigen Blick auf Onkel Helmuth. 

83 



— Nach einer Viertelstunde kommt auch der Direk- 
tor, aber nicht um Onkel Helmuth wieder auf die 
Schulter zu klopfen, sondern um zu sagen, daß ein 
sehr schönes Zimmer für ihn eingerichtet sei: das 
Zimmer vom Minister, Exzellenz ! Das beste Zimmer, 
das wir haben. Herr Gott, dreht er sich um, ich hätt' 
mir mögen die Haare ausraufen, wie ich gehört hab', 
daß ich den Grafen Moltke in das Zimmer da oben 
getan hab'! Halten zu Gnaden, Exzellenz, die Sachen 
sollen sofort heruntergebracht werden. — Und drei 
stämmige Hausdiener werden geschickt, um die Sa- 
chen zu holen! Zwei können dann wieder umkehren, 
denn schon kommt der erste ihnen triumphierend 
entgegen, in der Hand unseren Koffer schwingend, 
er hat die »Sachen« von Exzellenz schon alleine hin- 
untergebracht! 

Die Enthüllung von Onkel Helmuths wahrem We- 
sen brachte uns also den doppelten Vorteil, gut be- 
dient zu werden und ein besseres Zimmer zu erhal- 
ten. — Wir saßen noch bei unserem Abendbrot, als 
aus der Schar der den Saal füllenden Gäste, ein älte- 
rer Herr sich erhob, auf Onkel Helmuth zuschritt 
und mit würdevollem Ton sagte: Exzellenz, ich be- 
grüße Sie im Namen der Badegäste! — Dieser ältere 
Herr entpuppte sich als ein katholischer Propst aus 
Szegedin, der Stadt, die im vorigen Jahr durch die 
Überschwemmung derTheis fast ganz zerstört wurde. 
Er war Präses des Vergnügungsausschusses der Gäste 
und hieß Oltvarrgi Päl-prepost, päpai Kamares, Fe- 
rencz Jözsef rend lovag keresztese. — Von dieser lan- 
gen Mitteilung seiner Visitenkarte ist mir nur ver- 
ständlich: Propst, päpstlicher Kammerherr. — Dieser 
wackere Propst redete sehr viel, von dem Onkel Hel- 
muth nur den zehnten Teil verstand, und teilte uns 
schließlich mit, daß heute Abend im Tanzsalon des 

84 



Bades der große Annaball gefeiert würde, der am 
St. Anna -Tage in allen Bädern Ungarns in gleicher 
Weise stattfände. Gewiß würde es Exzellenz interes- 
sieren, einen echten ungarischen Szardas anzusehen. 
Exzellenz würden in keiner Weise inkommodiert wer- 
den, könnten aus einer Ecke zusehen etc. — Wirk- 
lich sagte Onkel Helmuth zu meinem Erstaunen zu, 
und so gingen wir abends auf den Annaball! — Die- 
ser Ball wurde erst um V2 11 Uhr eröffnet und fing 
mit einem Szardas an, wie alle Bälle in Ungarn, wie 
mir der vergnügungskundige Geistliche versicherte. 
— In einer Ecke des großen Tanzsaales hatten sich 
die Zigeuner postiert und unmittelbar vor diesen sie- 
ben bis acht Paare, die zum Szardas angetreten wa- 
ren. Ich muß sagen, daß ich mir diesen berühmten 
Tanz ganz anders vorgestellt hatte. Die Herren im 
Frack und weißer Halsbinde, Lackstiefeln, die Damen 
in großer Balltoilette. Sehr hübsche Erscheinungen, 
besonders auffällig durch die wunderhübschen kleinen 
Füße und das ausgezeichnet sitzende Schuhzeug. — 
Herr und Dame standen sich vis-a-vis. Der Herr mit 
beiden Händen seine Dame um die Taille gefaßt, diese 
ihre Hände auf die Schultern des Herrn gelegt. Die 
Zigeuner spielten mit sehr viel Feuer die wilden Tanz- 
weisen und dazu hüpften und sprangen die Paare 
dicht aneinandergedrängt, ohne sich von der Stelle 
zu bewegen, vor einander auf und nieder. Bald hoben 
sie sich auf die Fußspitzen, bald schlugen sie Wirbel 
mit den Füßen, aber kein Herr ließ seine Dame los, 
um in wechselnden Pas, Biegungen und Verschlin- 
gungen den Tanz durchzuführen, wie er in unserer 
Einbildung lebt. So machte das Ganze den Eindruck 
einer Gesellschaft von Tollen, die unermüdlich auf 
und ab sprangen, bis ihnen der Schweiß in großen 
Tropfen von der Stirn rann und Herr und Dame keu- 

85 



chendnach Atem rangen. Wunderbar sah es aus, der 
große Saal ganz leer, nur an den Wänden herum die 
nicht tanzenden Damen, und dann in der einen Ecke, 
oft bis so dicht in die Zigeuner hineintanzend, daß 
diese ihre Geigen erheben mußten, um nicht an die 
Köpfe der Tanzenden zu stoßen, dieser wirre Knäuel 
von auf und ab hüpfenden Gestalten in der elegante- 
sten Balltoilette! — Wäre eine solche Szene auf ei- 
nem deutschen Ballsaal vorgefallen, man hätte sofort 
nach dem Irrenarzt geschickt, hier saß und stand die 
ganze Gesellschaft in stummem Staunen den weni- 
gen Paaren zusehend, die sich bei der großen Hitze 
einer so enorm anstrengenden Beschäftigung hin- 
gaben! 

Onkel Helmuth, der zehn Minuten durch die Tür 
dem Spektakel zugesehen, drückte sich kopfschüt- 
telnd nach Hause, während ich noch blieb, da es 
mich interessierte zu beobachten, wie lange wohl ein 
Mensch dieses Herumspringen würde aushalten kön- 
nen! — Der ganze Tanz dauerte über eine halbe 
Stunde. Ab und zu fiel ein Paar ab, immer die Damen 
zuerst, die sich unter heftigem Sträuben ihres Herrn 
zurückzogen, um völlig ermattet auf einen Stuhl zu 
sinken. Hatte sie sich etwas erholt, traten sie wieder 
ein. Andere, offenbar mit ausdauernden Waden und 
Lungen versehen, hielten länger durch. — Nach einer 
Viertelstunde schwitzten alle Herren, als wären sie 
in einem römischen Bade. Sie ließen eine Hand los, 
um mit dem Taschentuch über die triefende Stirn zu 
fahren, ohne jedoch im Hüpfen innezuhalten. Die Da- 
men, gleichfalls immer hüpfend, brauchten stark die 
Fächer. Dann, als schämten sie sich ihrer Schwäche, 
sprangen die Herren doppelt so hoch wie vorher, 
schüttelten die Hand mit dem Taschentuch den Zi- 
geunern bis unmittelbar unter die Nasen, riefen ihnen 

86 



zu, und diese braunen Kerle spielten dann mit neuem 
Feuer darauf los. — Allmählich blieben weniger und 
weniger Paare zurück, die vollständig fertigen lagen 
und hingen auf Stühlen umher, zuletzt tanzte nur noch 
ein einziges Paar, doch auch hier war die Dame ganz 
fertig, nachdem sie vergebliche Versuche gemacht 
sich loszureißen, dann ihren Tänzer zum Stehen zu 
bringen, indes mit demselben Erfolg, mit dem ein 
Unerfahrener, der die Arretierung nicht kennt, es ver- 
suchen würde, den stampfenden Kolben einer Dampf- 
maschine anzuhalten, hatte sie sich resigniert in ihr 
Schicksal ergeben, stand bewegungslos still und ließ 
ihren Herren wie ein junges, an einen Pfahl gebunde- 
nes Füllen an sich hinauf- und hinunterhüpfen. Ich 
bin überzeugt, dieser Herr spränge noch heutigen 
Tags wie ein Gummiball weiter, wenn nicht allmäh- 
lich auch die Kraft der Zigeuner ermattet wäre, deren 
zitternde Hände den Bogen nicht mehr zu führen 
vermochten. Plötzlich brach die Musik ab, und der 
Herr, der alle anderen geschlagen und sogar die Mu- 
sik totgetanzt hatte, machte noch einen letzten Hop- 
ser und führte seine wankende Dame auf ihren Platz, 
den sie nach norddeutschem Maß gemessen inner- 
halb vierundzwanzig Stunden nicht wieder zu verlas- 
sen imstande gewesen sein würde. So endigte dieser 
wüste Hexensabbat, in dem weder Grazie noch Ge- 
wandtheit, weder schöne Figuren noch verschlun- 
gene Tanzweisen zu bemerken waren, sondern bei 
dem es bloß darauf ankommt, in einer möglichst klei- 
nen Ecke möglichst dicht zwischen die Zigeuner ge- 
drückt möglichst lange auf und ab zu springen und 
bei dem eine Menge Schweiß vergossen wird, der 
noch nach Aufhören des Tanzes den feuchten Boden 
dampfen machte, während Zigeuner, Herren und Da- 
men mit lautem Schnaufen schwitzend nach Atem 

87 



ringend, eine notgedrungene Pause machten! — Die 
armen Damen taten mir leid. Es waren zum Teil rei- 
zende, graziöse Erscheinungen, die auch im Tanze 
eine gewisse Würde bewahrten, während bisweilen 
bei den Herren blitzartig eine Bewegung auftauchte, 
die in unangenehmer Weise an die schlenkernden 
Verdrehungen des Pariser Cancan par excellence er- 
innerte. 

Ich machte es wie Onkel Helmuth, schüttelte den 
Kopf, sagte meinem Propst, der mit leuchtenden Au- 
gen dem Tanze zugeschaut hatte, ich hätte es sehr 
schön, jedenfalls sehr originell gefunden, und suchte 
mein Bett auf, um am andern Morgen um 5 Uhr 
wach zu sein, wo ich einen Führer bestellt hatte, um 
auf den sogenannten polnischen Kamm zu steigen, 
der die Scheide zwischen Galizien und Ungarn bil- 
dend, sich scharf und zackig vom Himmel abhebt. — 
Denn, siehe da, Onkel Helmuth hatte in Gnaden be- 
schlossen, noch einen Tag in Schmeks zu bleiben, 
und ich wollte die Gelegenheit ausnutzen. 

Schwere trübe Wolken, wallende Nebel, eine 
schwere schwüle Luft, das gibt sicher einen Regen- 
tag, wie ich am Morgen um 5 Uhr vor die Türe trat. 
Doch, der Tag muß genommen werden, wie er ist, 
sicher kommt er nicht wieder, also hinauf und ob 
alle Schleusen des Himmels sich über mich öffnen 
möchten! 

Vor mir stand der bestellte Führer, ein Junge von 
fünfzehn bis sechzehn Jahren, mit gutmütigem deut- 
schen Gesicht, ein echter Abkomme jener vertriebe- 
nen sächsischen Protestanten, die überall im Zipser 
Komitat angesiedelt noch unverkennbar ihre germa- 
nische Abstammung bewahrt haben, sowie auch die 
Sprache fast überall deutsch ist. — Er hatte in einem 
Sack auf dem Rücken Proviant für uns beide ; Schnür- 

88 



schuhe, einen Bergstock mit Hammer oben und sah 
sehr malerisch und nett aus. — Ein anderer Bube, 
kaum drei Käse hoch, mit einer Jacke angetan, die 
offenbar vom Vater abgelegt war und durch deren 
Ärmel er sich vergeblich bemühte die Hände frei- 
zubekommen, kam mit einem kleinen Pferdchen ge- 
zogen, das mit gesenktem Kopf und hängenden Ohren 
geduldig dem schrecklichen Schicksal entgegenging, 
mein Gewicht von zweihundert Pfund die erste Hälfte 
des Weges bergan zu schleppen. Ich stieg wirklich 
auf dieses kleine Tier auf, da mir mein Führer ver- 
sicherte, es hätte schon viel schwerere Lasten ge- 
tragen. Da ich aber bei jedem Schritt rechts und links 
mit den fast die Erde streifenden Fußspitzen an Fels- 
stücke und Wurzeln stieß, machte ich der Qual nach 
zehn Minuten ein Ende, schickte das Roß samt dem 
Buben zurück und erklärte meinem Führer, die Tour 
ganz zu Fuß machen zu wollen. — Hierob sah dieser 
mich erstaunt an — denn die Tour ist ganz gehörig 
anstrengend und dauert doch gegen acht Stunden. — 
Wir also traten den Weg zu Fuß an, er vor mir her- 
steigend, ich ihm Schritt für Schritt folgend. Jetzt 
schon will ich Dich daran erinnern, daß ich nur einen 
Anzug mithatte und nur ein Paar Schuhe, daß also 
Regen etwas war, das ich sehr zu fürchten hatte, und 
doch sollte dieser mir nicht erspart bleiben. Vorläufig 
allerdings war es nur trübe, ja bisweilen trieb ein 
Luftzug sogar die Nebel zur Seite und ein goldiger 
Sonnenstrahl fiel über das Gebirge, mir guten Mut 
zur weiteren Reise machend. — Immer auf einem 
Fußsteig aufwärts steigend, der vom Wasser ausge- 
waschen, voll Steine und Geröll liegt, gelangten wir 
nach eineinhalbstündigem Steigen über die Grenze 
des Nadelwaldes hinaus. Leider war es wieder so 
trübe geworden, daß von all den schönen Aussich- 

89 



ten, die wir nach Aussage des Führers passierten, 
nichts zu sehen war. — Nach zwei Stunden kamen 
wir, das Felkatal, in dem wir bis jetzt aufgestiegen 
waren, verlassend, an ein roh gezimmertes Block- 
haus, welches vom Karpathenverein zum Besten der 
Touristen erbaut ist und in dem wir Ruhe hielten 
und frühstückten. Der »gute Weg«, wie mein Führer 
sagte, hörte hier auf, und von nun ab kamen wir auf 
den schwierigen Weg. Nach einer halben Stunde ging 
es weiter. Jetzt kam bald der erste schlimme Weg. 
Eine steile Felswand, über die in ewigem Regen das 
Wasser hinuntersprüht. Unter diesen schweren Trop- 
fen hin geht der Stieg hinauf, jetzt wurde es schon 
bedenklich steil, und wenn man zurückschaute, der 
Absturz bedenklich tief. Nach Überwindung dieser 
ersten Schwierigkeit kamen wir in ein Tal, welches 
den Namen »Der Blumengarten« führt. Und in der 
Tat verdient es diesen Namen und den großen Ruf, 
den es wegen seiner Schönheit in der ganzen Gegend 
genießt. 

Ich hatte jetzt schon das Gefühl, daß wir so un- 
gefähr auf dem höchsten Punkt sein müßten, und 
nun denke Dir mein Staunen, wie ein glücklicher 
Windstoß plötzlich den Nebel zerriß, der uns ein- 
hüllte, und ich folgenden Anblick hatte. 

Wir standen auf einer mäßig großen Wiese, auf 
der das üppigste Gras wucherte, mitten durch die- 
selbe floß sanft murmelnd mit kristallklarem Wasser 
die Felka über flache Steine dahin, ringsumher aber 
blühte und duftete es von Tausenden der buntesten 
Blumen. Da stand der tiefblaue Enzian, Vergißmein- 
nicht so tiefdunkel wie das Meer, gelbe gefüllte 
Wiesenrosen, wer kann sie alle nennen, die vielfälti- 
gen Blumen und Kräuter, die hier oben in der berg- 
hohen Einsamkeit ihre glühenden Kelche entfalteten 

90 






und nickend an dem Ufer des glasreinen Wassers 
standen. Und, rings um diese blühende Pracht, um- 
schließend wie der eiserne Kasten des Geizigen seine 
Schätze hütet, ragten himmelhoch, eisengrau, kahl, 
zerklüftet und zerrissen die senkrecht steilen Fels- 
wände empor. — Wie war mein Gefühl, als ich da 
hinaufblickte, den Nacken zurückbeugend, ich, der ich 
schon geglaubt hatte, auf der Höhe zu sein und der 
nun sah, daß ich tief unter den Spitzen in einem eng 
umschlossenen Tal stand! Wunderbar schön und er- 
greifend war dieser Augenblick, das Schönste, was 
ich gesehen und erlebt, als der Nebel ganz plötzlich 
zerflog, als habe eine Zauberhand ihn hinweggestreift, 
gleichsam als wenn im Theater der Vorhang aufgeht 
und prächtige Dekorationen enthüllt. 

Nur nach einer Seite, die, von der wir gekommen, 
war das Tal offen, hier brauste die Felka im jähen 
Sturz über hundert Fuß tief hinab, und über den Rand 
dieses Absturzes, an dessen Wänden wir hinaufge- 
klettert, senkte sich der entzückte Blick meilenweit 
hinaus, bergestief hinab über die Ebene da unten, bis 
ganz hinten am Horizont blaue Bergesschatten, wie 
mit Feenhänden gemalt, zart und duftig das Bild ab- 
schlössen, über das die Sonne rein und goldig ihre 
warmen Strahlen breitete. Dieses ganze Anblicken 
und Anstaunen dauerte nur eine Minute, dann kroch 
schwer und ungeschlachten schon wieder der nasse 
graue Nebel heran, alle Zauber auslöschend, alle 
Fernsicht verschleiernd, alle Schönheiten einhüllend. 
Vielleicht hat sich mir dies wunderbare Bild mit des- 
halb so tief eingeprägt, weil es mir nur einen kurzen 
Augenblick vergönnt war, mich an ihm zu erfreuen. 
So aber steht es vor mir wie umflossen von allen 
Zaubern einer unbeschreiblichen Schönheit, einer 
wilden, rauhen Großartigkeit, verbunden mit der lieb- 

91 



lichsten Anmut und düftedurchwobenen Blumen- 
pracht, Fels und Gestein, feuchte Wände, steile Klip- 
pen und zackige Grate, eine blühende Wiese, ein mur- 
melnder Silberbach und dann ein Blick in die Weite, 
als könne man die Welt mit seinen Augen überflie- 
gen — wo findet man eine solche Vereinigung wie- 
der, und wann — ja wann werde ich dergleichen 
wiedersehen! — Ein Glück am Ende, daß der Nebel 
wieder kam, sonst hätte es mir gehen können wie 
dem Ritter Toggenburg, und statt heute hier in Creisau 
zu sitzen und schwache Abklatsche schöner Erleb- 
nisse auf das Papier zu zirkeln, säße ich vielleicht 
noch immer da oben und würde sitzenbleiben und 
staunen und schauen, bis mir die Winterkälte über 
das warme Blut gekommen wäre, bis mir die Blicke 
erstarrt und gefroren wären, bis ich nach Jahr und 
Tag den Reisenden als Merkwürdigkeit gezeigt wor- 
den wäre, als mißgeformter Stein, als Felszacke oder 
wer weiß was! — So also kam er gekrochen wie mit 
tausend Füßen, wand sich um die Felsecken, wickelte 
uns ein, blies uns kalt ins Gesicht und scheuchte 
mich aus stummem Staunen auf. — Wir stiegen in 
dichtem Nebel weiter den Höhen zu. Jetzt hörte jeder 
Weg und Steg auf, eine Viertelstunde, nachdem wir 
den Blumengarten verlassen hatten, trat unser Fuß 
schon auf das erste Schneefeld. Weiter ging's über 
riesige Felsblöcke, über die wir kletterten und spran- 
gen und unter denen unsichtbar, aber in der Tiefe 
laut brausend das Wasser dahinfloß. Glücklicherweise 
fiel ich nicht hin, sonst hätte ich mir sicher ein Bein 
gebrochen, doch wenn im Reisehandbuch steht: »Das 
Wort ,Weg* ist aber hier nur sehr euphemistisch zu 
verstehen, denn es gehört eine Gemsjägergewandt- 
heit dazu, diese Granitblöcke zu erklettern und Klüfte 
zu übersetzen« — und weiter: »Das Panorama ist zwar 

92 



sehr lohnend, aber wer nicht schwindelfrei, nerven- 
stark und mit tüchtigen Kniesehnen versehen ist, der 
unterlasse diesen letzten Teil der Partie« — so trafen 
Gott sei Dank alle Vorbedingungen bei mir zu, und 
ich machte den ganzen Weg, ohne eigentliche Er- 
müdung zu spüren. — Das allerletzte Stück war das 
schlimmste, hier ging es so steil an glatten Granit- 
wänden hinauf, über vom Nebel naßglattes Geröll, 
dann wieder nur eine Spalte, um den Fuß hineinzu- 
setzen, nur ein loser Grasbüschel, um sich daran zu 
halten, daß ich wirklich einen Augenblick dachte: 
Ja, hinauf geht es schon, wie aber soll man da jemals 
wieder herunterkommen! 

Endlich waren wir oben auf dem eigentlichen Kamm. 
Ein schmaler Grat, kaum zwei Meter breit, nach bei- 
den Seiten steil in die unendliche Tiefe hinabsin- 
kend. Wie tief es sei, konnte man nicht sehen, denn 
der Nebel hüllte alles ein. Jetzt pfiff ein scharfer, 
naßkalter Wind über die Höhen, ich war vom Stei- 
gen sehr warm geworden und drückte mich schau- 
dernd in eine Felsspalte, um etwas Schutz zu suchen 
und zu verschnaufen. In großen Perlen setzte sich 
der Nebel auf meinen Kleidern ab und überzog mich 
und meinen Begleiter mit feuchtem, glitzerndem 
Schleier. — Die Luft war dünn und rauh. Von der so 
berühmten Aussicht nach Galizien auf der einen, Un- 
garn auf der andern Seite war nichts zu sehen, nur zu 
unseren Füßen sah man trübe durch den Nebel blin- 
kend den sogenannten »gefrorenen See« liegen, der, 
Sommer und Winter hindurch mit Eis bedeckt, Zeug- 
nis gibt für die Höhe, auf der wir uns befanden. Ich 
mußte mich also mit dem Bewußtsein begnügen, oben 
zu sein, das Ziel erreicht zu haben, welches ich er- 
reichen wollte, auf die Früchte der Arbeit mußte ich 
leider verzichten. 

93 



Wir warteten eine Viertelstunde, ob nicht der Ne- 
bel einen Moment verziehen werde, aber er blieb un- 
beweglich, undurchdringlich. — So mußte ich denn 
die Aussicht aufgeben, und wir machten uns an den 
Abstieg. Das war noch schwieriger wie der Aufstieg. 
Zuerst mußte mir mein Führer hier und da den Fuß 
zurechtsetzen, während ich auf den Händen und mit 
Erlaubnis zu sagen — Stück für Stück hinunter- 
rutschte. Später ging es besser und kam ich allein 
vorwärts, doch oft noch kamen Stellen, wo ich das 
Bewußtsein hatte, daß ein falscher Tritt mich ret- 
tungslos in die Tiefe stürzen würde. — Nach einer 
halben Stunde war ich doch so sicher geworden, daß 
ich mit Leichtigkeit meinem gewandten Führer fol- 
gen konnte, der mir denn auch das Zeugnis aus- 
stellte, daß ich sehr viel Anlage zum Steigen hätte 
und er mir sehr riete, die Besteigung der Gerlsdorfer 
Spitze zu unternehmen, der schwierigsten und hals- 
brecherischsten Partie im ganzen Tatra. — Allmäh- 
lich kamen wir in immer dichter sich lagernden Ne- 
bel auf das mit Granitblöcken übersäte Feld zurück. 
Unterwegs scheuchten wir ein Rudel Gemsen auf, 
die in wilder Flucht über die scharfen Grate dahin- 
stäubten. Man sah sie nicht, hörte nur den scharfen 
Schlag der Hufe auf dem Fels, kleine Steine und Ge- 
röll lösten sich unter ihren flüchtigen Füßen und 
rollten, sprangen und hüpften in hundert Aufschlä- 
gen kollernd und polternd in die Tiefe. Erst nach 
einer Weile kam der Ton zu uns herauf, wie sie un- 
ten klappernd aufschlugen oder platschend ins Was- 
ser stürzten. — Nach zehn Sekunden war alles wie- 
der totenstill, nur der Nebel um uns her, kein Ton 
eines lebenden Wesens in der erhabenen Stille der 
Bergesriesen. — Dann stieß mein Führer einen lang- 
gezogenen Juchzer aus, wir standen und lauschten, 

94 



schwerfällig, wie im Nebel erstickt, kam zwanzigfach 
das hallende Echo zurück. 

Wie wir den Blumengarten zum zweitenmal pas- 
sierten, pflückten wir einen mächtigen Strauß; blau, 
gelb, rosa, lila, hundertfarbig faßten wir die Blumen 
zusammen, ein prächtiger glühender Strauß, wie man 
ihn wohl in keinem von Menschenhand gepflegten 
Garten binden könnte! Ein kräftiger Geruch durch- 
strömte die Blumen, würzig, kräuterhaft, echte Kin- 
der der Berge. 

Nach vier Stunden, seit wir es verlassen, kamen 
wir bei dem Blockhause wieder an und setzten uns 
mit einem urgesunden Appetit zum Frühstücken nie- 
der. Hier wurde alles aufgezehrt, was der Ranzen 
enthielt und was die Flaschen bieten konnten, und 
dann, während wir noch saßen und ruhten, fing der 
Regen an herunterzuströmen. Erst in kleinen Pausen, 
als wollte er seine Kraft prüfen, dann unablässig, un- 
ermüdlich, gerade und gleichmäßig, ein richtiger an- 
dauernder Landregen. — Und wir saßen und warte- 
ten. Mein Führer machte ein Feuer an und briet, auf 
ein Stück Holz gespießt, das letzte Stück Speck. — 
Der Regen strömte ruhig und gleichmäßig weiter. Da 
faßte ich denn den großen Entschluß, allem zu trot- 
zen und mit aufgeschlagenem Rockkragen, den Hals 
in die Schultern gezogen, ging es hinein in das 
fließende Naß, hinunter auf den zweistündigen Heim- 
weg. Der Blumenstrauß hatte gut davon, frisch, als 
sei er eben gebrochen, brachten wir ihn hinunter, 
aber ich — ! Aus den Schuhen, aus den Ärmeln und 
Hosen floß mir das Wasser, wie ich in unser Zimmer 
trat, und nun — nicht ein Stück zum Umziehen! Ich 
zog mich aus, rang das Wasser aus meinen Kleidern, 
stopfte meine Schuhe mit Strümpfen und Taschen- 
tüchern aus, hing alles zum Trocknen über Stühle 

95 



und — legte mich zu Bett! — Ich mußte es machen 
wie weiland Kato, wenn seine einzige Toga, was übri- 
gens nicht zu oft vorgekommen sein soll, zum Wa- 
schen gegeben war! 

Onkel Helmuth war unten im Kaffeehaus, es war 
3 Uhr. Eben war ich warm geworden, kam er zurück, 
und nun fing mein Leiden an! — Es regnete immer 
ruhig weiter und er setzte sich mit einem Buch zum 
Lesen. Mit der Zeit wurde es ihm langweilig, daß ich 
im Bette lag, und er fing an mich zu intrigieren, daß 
ich aufstehen sollte. — Glücklicherweise hatte ich ja 
von L. Hemden und Unterzeug mit, soweit ging es also 
ganz gut, dann aber konnte ich nicht in meine nas- 
sen Schuhe hinein. — Die Küche war wie gewöhn- 
lich »gesperrt«, Feuer zum Trocknen gab es also 
nicht. Mit unsäglicher Mühe klemmte ich endlich 
meine Füße, die doch von dem ungewohnten Stei- 
gen etwas geschwollen waren, in das nasse Leder 
hinein, konnte aber die ersten fünf Minuten keinen 
Schritt darin machen. Dann sollte ich ein Paar Hosen 
von Onkel Helmuth anziehen, die mir bis halb unter 
die Knie reichten und die ich über dem Bauch nicht 
zukriegen konnte. Onkel Helmuth behauptete zwar, 
sie säßen wie angegossen, das will ich schon glau- 
ben, nur daß der Guß ein gut Stück zu kurz und zu 
eng geraten ist! Dazu zog ich L.s Sommerpaletot an, 
der in Weite und Länge das wieder gutmachte, was 
die Beinkleider verbrachen, und so sollte ich mit On- 
kel Helmuth hinuntergehen, um zu Abend zu essen! 
Energisch weigerte ich mich indessen. Naß wie sie 
waren, zog ich meine eigenen Sachen wieder an und 
tröstete mich mit dem Gedanken, daß sie an mei- 
nem Leibe am ehesten trocknen würden. Inzwischen 
hatte Onkel Helmuth beschlossen, auf seinem Zim- 
mer Tee zu trinken, und ich ging, naß und kühl bis 

96 



ans Herz hinan, alleine hinunter. — Am nächsten 
Morgen schien hell und klar die Sonne am Himmel 
und funkelte in den regenschweren Tannenzweigen 
über die Millionen Tropfen hin, die in ihnen verfan- 
gen saßen. Es war ein Glanz und Funkeln, ein Blit- 
zen und Ineinanderschmelzen von Licht und Schat- 
ten, wie ich es noch nie gesehen, und dabei eine 
Luft, so balsamisch rein, so stärkend und belebend, 
daß man nicht satt werden konnte des wonnigen 
Vergnügens, sie einzuatmen, unbeschreiblich erquik- 
kend. — Wir aber rüsteten uns zur Abfahrt. — Mir 
wurde das Herz schwer, wie ich lustige Gesellschaf- 
ten, des schönen Tages froh, in die Berge steigen sah, 
wie jeder sich beeilte, das im Freien nachzuholen, 
was ihm der gestrige Regentag an Zimmersitzen ge- 
kostet hatte, — wir packten unser Kofferchen, stie- 
gen auf einen federlosen Wagen, und fort ging es, 
den steinigen Bergweg hinab nach der Eisenbahn- 
station! — Ade du schönes Stück Gotteswelt, du 
herrliche Bergnatur mit deinem kristallenen Was- 
ser, deinen blaugrauen Felswänden, deinem diaman- 
ten blitzenden Tannendunkel, wie gerne wäre ich 
noch dort geblieben, wie hast du in zwei Tagen, wie 
ein Kind, das lächelt und weint, mit Sonnenschein 
und Regen mein ganzes Herz gefangen. — Das aber 
gelobte ich bei mir selbst, daß wenn uns Gott das 
Leben läßt, so reisen wir beide, Du und ich, noch 
einmal auf ein paar Wochen hierher und freuen uns 
gemeinsam der schönen Natur, atmen gemeinsam 
die reine Luft der Berge und lauschen zusammen 
den fremdartigen Klängen der Zymbal und Geige, de- 
nen die braunen Zigeuner ihre wilden Weisen ent- 
locken. — 

Wir fuhren den ganzen Tag. Um 8 Uhr ging der 
Zug von Poprard ab, abends um 1 J 2 n Uhr waren wir 

Moltke. 7. 97 



in Neiße, den nächsten Morgen um 6 Uhr ging es 
weiter, um 12 Uhr waren wir in Creisau — wo ich 
meinen Koffer vorfand! — So endete also unsere 
kurze Reise, die trotzdem eine Fülle der herrlich- 
sten Erinnerungen mir gebracht hat. — Die Blumen, 
welche ich hier oben eingeheftet habe, schickt Onkel 
Helmuth Dir. Er selbst ist einen steilen Berg hinab- 
geklettert, um sie zu pflücken, hat sie selber mitge- 
nommen, getrocknet und mir hier gegeben mit den 
Worten: »Wenn du an Eliza schreibst, grüße sie von 
mir und schicke ihr dies Bukett aus dem Tatra.« — 
Ich war so gerührt über den alten Herrn. 

Creisau, 2. August iS8r. 

Heute haben Onkel Helmuth und ich einen langen 
Ausflug gemacht, er mit der Baumschere, ich mit 
einer Säge bewaffnet, und haben furchtbar unter den 
jungen Schößlingen gewütet! 

Generalstab Berlin, 2Q.August 1881. 

Ein Generalstabsoffizier, der nicht im Terrain rei- 
ten kann, ist nicht zu gebrauchen, und da ich bisher 
nicht reiten gekonnt habe, muß ich es jetzt lernen. 
Daß ich mein Genick dabei riskiere, weiß ich wohl, 
aber lieber den Hals brechen, als auf einem Posten 
stehen, den man mit Bewußtsein nicht ausfüllen kann. 
Ich muß reiten können und werde es lernen, und 
sollte ich noch hundertmal stürzen, das hilft nun ein- 
mal nicht. 

Die Manöverluft fängt schon an zu wehen und mu- 
tet mich eigentümlich an. Man sehnt sich hinaus aus 
den engen vier Wänden, hinaus ins freie frische 
Feldleben unter lebendige Soldaten, unter Schweiß 
und körperlicher Mühe statt dieser papierenen Ar- 
meen, die einem täglich dasselbe langweilige Zahlen- 

98 



gesicht entgegenhalten. "Wie freue ich mich auf die 
wenigen Tage, wo ich in Holstein dem Manöver bei- 
wohnen soll, es wird zu hübsch werden. 

Generalstab Berlin, 8. September 1881. 

Die Manöver beim X. Korps sind nun beendet, und 
für die Zwischenzeit, bis sie beim IX. Korps an- 
fangen, ist Onkel Helmuth nach Kiel gegangen. Der 
Kaiser geht nach Danzig, wo die Zusammenkunft mit 
dem Kaiser von Rußland stattfinden soll, von wel- 
cher alle Zeitungen jetzt voll sind. Bismarck kommt 
auch hin. Der Kaiser soll in den letzten Tagen bei 
den Manövern nicht ganz wohl gewesen sein. Er hat 
einen Tag denselben im Wagen beigewohnt, was er 
sonst noch nie getan hat. 

Itzehoe, 12. September 1881. 

Die Parade war sehr hübsch. Um V2 10 Uhr fuhren 
wir hinaus nach dem Lockstädter Artillerieschieß- 
platz, einer großen Ebene, auf der das ganze IX. Korps 
aufgestellt war. Um 11 Uhr kam der Kaiser, der Kron- 
prinz, Kronprinzeß, Prinz Wilhelm usw. Der Vorbei- 
marsch war sehr gut, wenngleich nicht so tadellos, 
wie ich ihn in Berlin vom Gardekorps sah. Die meck- 
lenburgischen Regimenter gefielen mir am besten, 
wunderschöne große Leute. Eine riesige Men- 
schenmenge ist hier zusammengeströmt. Wo der Kai- 
ser sich sehen läßt, wird er mit endlosen Hurras be- 
grüßt. Das Wetter hielt sich während der ganzen Pa- 
rade. Kaum war aber der Kaiser in seinen Wagen 
gestiegen und abgefahren, so ging ein wahrer Platz- 
regen nieder. Wie merkwürdig, als ob es nur darauf 
gewartet hätte, bis der Kaiser im trockenen Wa- 
gen sei! 

99 



Itzehoe, 13. September 1881. 

Ich kann Dir gar nicht sagen, wie unendlich wohl 
ich mich fühle in diesem frischen, regen Manöver- 
leben. Mitten unter den Truppen, in freier Luft, im 
Gefecht, alles sehend, beobachtend, und nicht im 
beschränkten Gesichtskreise des Frontoffiziers. Zu 
Pferde, dahin, wo die Hauptmomente des Gefechts 
sich abspielen, kritisierend, prüfend und beurteilend, 
es ist zu schön. Nur das Quartier müßte etwas schlech- 
ter sein, ein Strohsack oder Biwak, kein Federbett und 
dann etwas mehr Gefahr. Mit einem Wort, ein rich- 
tiges Gefecht, ein wirklicher Feldzug, und dann möchte 
ich selber nach meinen eigenen Ideen das Gefecht 
leiten! Und wenn das nicht, nur ein Moment, wo man 
einmal wieder das Pfeifen der Kugeln hörte und den 
Erfolg mit Blut und Eisen dem Feinde abringen 
müßte! Wie das arabische Pferd den heißen Hauch 
der Wüste, so atme ich in langen, tiefen Zügen den 
Pulvergeruch ein. Hier ist mein Element, hier mein 
Leben, Fühlen und Denken. Mit tausend Freuden 
würde ich einen Feldzug begrüßen und mit wahrer 
Wollust mich in das Kriegsgetümmel stürzen. Was 
gibt es Schöneres als das Soldatenleben. Der Mann, 
der auf seinen eigenen Füßen steht, dem Feinde ge- 
genüber, und nun beginnt der Kampf auf Tod und 
Leben. Du mußt das aber nicht so ernst nehmen. Ich 
habe die Nase noch voll Pulverdampf, und das be- 
rauscht mich immer wie junger Wein. Doppelt aber 
fühlt man sein inneres Leben pulsieren. Alle Nerven 
angespannt, alle Sinne geschärft, du schönes, herr- 
liches Kriegsleben! Ich glaube, ich bin zum Feld- 
soldaten geboren, und danke Gott, daß er mich in 
eine Karriere gebracht hat, in der man in überfließen- 
der Berufsfreudigkeit sein Herz schlagen fühlt. 

100 



Itzehoe, 14. September 1881. 

Das Manöver gestern war sehr schön. Das ganze 
Armeekorps manövrierte gegen einen markierten 
Feind. Es fing an mit einem großen Reitergefecht, 
wo vier Regimenter gegeneinander losplatzten. Da es 
nicht das mindeste staubte, konnte man das ganze 
Attackenfeld herrlich übersehen.Dann entwickelte sich 
die Infanterie, ging zum Angriff vor, unterstützt von 
einer Artilleriestellung von 12 Batterien, 48 Geschüt- 
zen. — Der Kaiser sah sehr frisch aus. Es gewährte 
einen schönen Anblick, wenn er, gefolgt von der glän- 
zenden Suite, über das Feld galoppierte, ungefähr 
zweihundert Offiziere der verschiedensten Armeen 
der Welt hinter sich. Onkel Helmuth tauchte auch 
bisweilen auf. — Prinz Wilhelm ritt gestern lange mit 
mir. Ich glaube, er ist froh, einen alten Bekannten 
unter den Massen fremder Menschen zu finden. — 
Die Kronprinzeß ist auch immer draußen zu Pferde. 
Der Kronprinz schön und imposant wie immer. 

Generalstab Berlin, 25. September 1881. 

Gestern abend gingen wir alle zusammen, natürlich 
in Zivil, in eine Volksversammlung, in welcher der 
Pastor Stöcker reden sollte. Er ist der Begründer der 
sogenannten Christlich-sozialen Arbeiterpartei und 
hat öfters gegen das überwuchernde Judentum ge- 
sprochen. Ein riesiger Saal, Tivoli, war mit wenig- 
stens zweitausend Menschen gefüllt, die ihn mit 
Bravo und Händeklatschen empfingen. Ich hatte viel 
von der hinreißenden Beredsamkeit des Pastors ge- 
hört und war sehr neugierig auf ihn. Er sprach denn 
auch sehr hübsch und stellenweise sogar mit flam- 
mender Begeisterung. Als er sagte, daß die soziale 
Reform von der Familie ausgehen müsse, daß die 

101 



rechtschaffene, treue alte deutsche Ehe, das feste Zu- 
sammengehen zwischen Mann und Frau, wiederher- 
gestellt werden müsse, brach ein unendlicher Jubel, 
ein minutenlanges Händeklatschen und Bravo aus. 
Man bekam den Eindruck, daß alle diese Männer, 
Arbeiter und Kaufleute, mit ganzem Herzen danach 
streben, ein nationales Deutschland wiederaufzurich- 
ten. Gegen Ende der zweistündigen Rede wurde 
Stöcker etwas zu salbungsvoll und geriet zuletzt völ- 
lig in den Kanzelton. Das ist schade, die erste Hälfte 
war stellenweise von wahrhafter Schönheit und oft 
hinreißend. 

Generalstab Berlin, 26. September 1881. 

Ich habe jetzt eine Arbeit, die mich sehr interes- 
siert, nämlich eine Berichterstattung anzufertigen 
über die diesjährigen österreichischen großen Manö- 
ver. Man muß sich aus Zeitungsnachrichten und mili- 
tärischen Blättern das Material zusammensuchen, was 
ziemlich mühsam ist. Es ist mir privatim gesagt wor- 
den, daß ich im Winter die Sektion Skandinavien als 
Sektionschef übernehmen sollte, doch kommt mir 
dies unwahrscheinlich vor, da unsere Hauptleute noch 
nicht Sektionschefs sind, und ich bin doch noch im- 
mer der ewige Premierleutnant. — 

Onkel Helmuth ist mit seinen Offizieren in einem 
Zuge von Schleswig nach Eckernförde geritten, eine 
ganz tüchtige Leistung! Wie gerne hätte ich diese 
Reise mitgemacht! Doch man muß nicht zuviel ver- 
langen. 

♦Ragaz, 26. April 1882. 

Wie Du siehst, sind wir nun hier eingetroffen, aber 
nur um morgen oder übermorgen bereits wieder ab- 

* Persönlicher Adjutant des Generalfeldmarschalls Graf Helmuth von Moltke und 
Hauptmann im Großen Generalstab. 

102 



zureisen. Das Bad hier ist nämlich noch gar nicht er- 
öffnet, da aber nicht gebadet werden kann, will On- 
kel Helmuth auch nicht hier bleiben und spricht be- 
reits davon,nach Berlin oder nach Creisau zu gehen. 
Ich vermute, daß er doch zunächst nach Berlin zu- 
rückgehen wird, und da man bei ihm immer darauf 
rechnen kann, daß er dort, wo er ist, einen oder zwei 
Tage kürzer aushalten wird als er vorher sagt, so 
brauchst Du Dich nicht zu wundern, wenn wir in 
drei bis vier Tagen schon wieder in Berlin eintreffen! 
— Nun muß ich Dir doch erzählen, wie und wo wir 
uns diese Tage umhergetrieben haben. Du kannst 
glauben, wir haben eine anstrengende Tour gemacht, 
und um diese Art zu reisen als ein Vergnügen zu 
bezeichnen, muß man eben Onkel Helmuths Anschau- 
ungen über Komfort haben! — Also, von Zürich fuh- 
ren Onkel Helmuth und ich morgens 9 Uhr ab nach 
Luzern. Es war beabsichtigt, daß wir den Tag in Lu- 
zern bleiben sollten und am nächsten Tage über den 
Vierwaldstätter See weitergehen sollten. Da aber so 
schönes Wetter war, so aßen wir nur etwas Früh- 
stück, — ich lief in aller Eile hin und besah mir den Lö- 
wen und den Gletschergarten, und dann fuhren wir mit- 
tags mit dem Schiff über den See. Prachtvolles Wet- 
ter, eine entzückende Fahrt. Gegen Abend kamen 
wir in Fluelen an, wo wir übernachteten. Am näch- 
sten Morgen hatten wir zwei Plätze auf der Post, 
Bankett, genommen, bestiegen mit einer Leiter un- 
seren luftigen Sitz und fuhren bei leidlichem Wetter 
in die Berge hinein, dem Gotthardt entgegen. Ob- 
gleich die Bahn bereits völlig fertig ist und von Ar- 
beiterzügen auf der ganzen Strecke von Luzern bis 
Mailand befahren wird, wird sie doch erst im näch- 
sten Monat dem Verkehr übergeben. Bis jetzt muß 
man mit der Post bis Göschenen fahren, wo der große 

103 



Haupttunnel, der unter dem Gotthardt durchgeht, an- 
fängt. Bis dahin hatten wir Gelegenheit, die kolos- 
salen Bauten zu bewundern, welche ausgeführt sind, 
um diese Bahnstrecke zu ermöglichen. Auf himmel- 
hohen Viadukten übersetzt die Bahn tiefe Abgründe, 
um in Tunnel hinter Tunnel zu verschwinden und 
wieder zu erscheinen. Zweimal macht sie eine voll- 
ständige Schleife, d.h. geht über sich selber weg, so 
daß die beiden Tunnelöffnungen genau übereinander 
liegen. Es ist wirklich ein Riesenbau, der hier aus- 
geführt ist, und man weiß nicht, was man mehr an- 
staunen soll, die gewaltigen Formen, welche die Na- 
tur hier geschaffen, oder die Kühnheit der winzigen 
Menschen, welche alle diese Felswände durchbohrte, 
diese Abgründe überbrückte und einen dünnen Ei- 
senweg mitten durch das Herz der mächtigen Berg- 
riesen hindurchzog. — In Göschenen stiegen wir in 
die Bahn und vertieften uns gleich nach dem An- 
fahren in die Nacht des Gotthardt -Tunnels. Die Lam- 
pen waren angesteckt und so war es genau dasselbe, 
als ob man in der Nacht führe. Nur wenn man das 
Fenster öffnete, strömte die dunstige erstickend 
warme Luft hinein und erinnerte daran, daß die Ar- 
beiter bei Bohrung des Tunnels unter einer Hitze bis 
zwanzig Grad zu leiden hatten! — Die Fahrt dauerte 
fast dreiviertel Stunden. In der Mitte des Tunnels 
ward einen Moment gehalten und es sah eigentüm- 
lich aus, wie bei Fackellicht die Bahnarbeiter sich 
bewegten, während ihre flackernden Schatten in gro- 
tesken Verzerrungen an der dunklen Wölbung dahin- 
huschten. — Bei Airolo tauchten wir plötzlich wieder 
in den Sonnenschein der offenen Landschaft hinaus. 
— Die Augen mußten sich erst an das Licht gewöh- 
nen. — Nun ging es wieder auf die Post, eigentlich 
wollten wir in Biasca übernachten, da wir aber ein- 

104 



mal unterwegs waren, stiegen wir in Biasca wieder in 
die Bahn und kamen abends 9 Uhr in Bellinzona an, 
wo wir zur Nacht blieben. Wir waren gerade zwölf 
Stunden unterwegs, und es war mir nicht möglich ge- 
wesen, Onkel Helmuth dazu zu bewegen, daß er etwas 
zu sich nahm. Nur eine Tasse Kaffee glückte mir 
ihm einzuflößen und im übrigen ab und zu einen 
kleinen Schluck von dem aus Berlin mitgenomme- 
nen Portwein. In Bellinzona aßen wir wenig und 
schlecht zu Abend und gingen dann zu Bett. Am 
nächsten Morgen um 5 Uhr auf, um 6 Uhr mit der 
Bahn nach Como. Jetzt regnete es schon sachte, aber 
beharrlich, trotzdem machten wir einen Spaziergang, 
von dem wir durchnaß nach Hause kamen und es 
mir dann gelang, Onkel Helmuth, der ganz matt und 
ausgehungert war, zu Bett zu packen. Er schlief dann 
bis 12 Uhr, wo wir warm frühstückten. Eigentlich 
hatten wir in Como einen Tag bleiben und von dort 
aus einige schöne Punkte am Corner See besuchen 
sollen, da es aber schlecht Wetter war, beschloß On- 
kel Helmuth, lieber gleich weiter zu fahren. Wir gin- 
gen also um 2 Uhr an Bord und fuhren den Corner 
See hinauf nach Colico. Trotzdem es nun wirklich 
abscheuliches Wetter war, entzückte mich dieser See 
doch in höchstem Maße. Bei Sonnenschein muß es 
da himmlisch sein. Überall Zypressen, an denen sich 
blühende Schlingpflanzen hinaufwinden, mit Blüten 
überdeckte wuchernde Rosen an allen Häusern, es 
ist wirklich unbeschreiblich schön. Wir passierten 
die wundervoll gelegene Villa Carlotta, die unserem 
Kronprinzen gehört. — Abends 8 Uhr kamen wir in 
Colico an, wo wir übernachten wollten, da wir aber 
gerade die Post zur Abfahrt fertig stehen sahen, be- 
schloß Onkel Helmuth, noch denselben Abend bis 
Chiavenna zu fahren, wo wir um 12 Uhr nachts an- 

105 



kamen. Wir waren also achtzehn Stunden unterwegs. 
Da von Chiavenna die Post über den Splügen um 2 Uhr 
nachts weitergeht, blieben wir die Nacht dort, und für 
den nächsten Morgen 6 Uhr war Extrapost bis Splügen 
bestellt. — Jetzt hatte ich eine Flasche Wein und 
etwas kalte Küche heimlich in den Wagen geschmug- 
gelt und hatte den festen Entschluß gefaßt, Onkel 
Helmuth nötigenfalls auf der einsamen Landstraße 
unter Anwendung von Gewalt zum Essen zu zwingen! 
— Unter herrlichem Sonnenschein fuhren wir berg- 
an. Diese Straße ist mit das Schönste, was ich ge- 
sehen. In unglaublich steilen Serpentinen steigt sie 
hinan und eröffnet immer neue Blicke in das Tal und 
auf die weißen Bergeshäupter, welche vor uns lagen. 
In der Nacht hatte es oben geschneit und der Schnee 
lag bis tief in die Täler hinab auf den grünen Blättern 
der Nußbäume, die hier unten eben anfingen auszu- 
schlagen. Alles erstrahlte im Sonnenschein, aber der 
hohe Gipfel des Splügen war in eine kleine graue 
Wolke gehüllt und unser Kutscher schüttelte bedenk- 
lich den Kopf und meinte, oben würde es nicht sau- 
ber hergehen! — Um 12 Uhr mittags waren wir an 
der Schneegrenze und mußten nun den Wagen ver- 
lassen, um in einen kleinen Schlitten gepreßt zu wer- 
den. Hier frühstückten wir auch von den mitgenom- 
menen Vorräten. Gut, daß ich etwas mit hatte ! — Unser 
eines Pferd wurde vor den Schlitten gespannt, das 
andere lief wie ein Hund ganz von selber hinterher. 
So ging es über den Paß fast zwei Stunden im Schnee. 
Je höher wir kamen, desto ungemütlicher wurde es. 
Ein heftiger Wind pfiff uns entgegen, dabei schneite 
es ziemlich stark, stellenweise war es bitter kalt. — 
Dann wieder kamen wir an eine geschützte Stelle, 
wo plötzlich die Sonne schien, so grell, daß man kein 
Auge öffnen konnte, und so heiß, daß man ihre Strah- 

106 



len ordentlich brennen fühlte. — Dann im nächsten 
Augenblick wieder alles grauer Dunst und eisiger 
Schnee gerade ins Gesicht. Bergab ging es in großer 
Eile. In dem tiefen Schnee, der alle Risse und Klüfte 
ausfüllte, fuhren wir, die Serpentinen der Straße über- 
springend, direkt bergab. Unser armes Pferd rutschte 
auf allen Vieren und war immer nahe daran, sich zu 
überschlagen. Komisch sah es aus, wie das ledige 
Pferd pflichttreu mit erstauntem Gesicht ebenfalls auf 
allen Vieren hinter uns herrutschte. — Um 2 Uhr 
hatten wir den Schnee hinter uns und stiegen wieder 
in den Wagen. Wir passierten dann die romantische 
wunderschöne Via mala und kamen dann nach Thu- 
sis. — Daß ich hier besonders lebhaft an Dich dachte, 
kannst Du Dir denken. Hier bist Du ja auch gewesen. 
— Dann kamen wir abends 7 Uhr nach Chur, wo wir 
ordentlich zu Mittag aßen. Das erstemal seit unserer 
Abreise von Zürich, aber Onkel Helmuth war jetzt auch 
so weit, daß er sägte: »Wenn ich jetzt nicht bald etwas 
zu essen bekomme, klappe ich um.« — Um 8 Uhr fuhren 
wir dann mit der Bahn nach Ragaz, wo wir um 9 Uhr 
ankamen nach einer ununterbrochenen Tour 
von vierzehn Stunden. Hier packte ich Onkel Hel- 
muth gleich mit einer Wärmeflasche zusammen ins 
Bett und heute morgen war er wieder ganz munter. 
Nur im Gesicht sehen wir beide krebsrot aus. Der 
rasche Wechsel von Sonnenhitze und Schneegestö- 
ber macht, daß wir beide wie die Schlangen im Ge- 
sichthäuten. — Heute morgen haben wir bereits eine 
lange Spaziertour gemacht, und ich habe mir die 
schöne Tamina-Schlucht angesehen. Dann haben wir 
gegessen und eben hatte Onkel Helmuth sich etwas 
hingelegt, ist aber jetzt wieder auf. Nun werden wir 
es nicht lange mehr hier aushalten und wie ich ver- 
mute, in nächster Zeit wieder in Berlin eintreffen! 

107 



Was sagst Du zu unserer »kleinen Vergnügungs- 
reise an die oberitalienischen Seen mit einiger Zeit 
Aufenthalt an irgendeinem schönen Punkt«, wie On- 
kel Helmuth dieselbe vorher bezeichnete? Sollte man 
glauben, daß er zweiundachtzig Jahre zählt? »Aber« 
— sagt er — »wenn man so mit allem Komfort reisen 
kann, wie wir es machen, dann kann es nichts Be- 
quemeres geben!« 

Wildbad Gast ein, 2. August 1882. 

Nun sind wir denn glücklich hier. Wir haben viel 
Schönes gesehen, und ich habe daneben auch schon 
manchmal meinen gründlichen Ärger gehabt, wie Du 
Dir denken kannst, ohne diesen geht ja eine Reise 
mit Onkel Helmuth nun einmal nicht ab! — Meine 
Karte aus Wien wirst Du erhalten haben. Am näch- 
sten Tage fuhren wir nach Ischl, eine prächtige Tour 
an dem Ufer des lieblichen Traunsees entlang, leider 
unter beständigem Regen. Nachmittags kamen wir 
daselbst an, logierten uns im Hotel »Elisabeth« ein, 
demselben, in welchem eine Szene aus Ouidas »Mot- 
ten« spielt, auch der Balkon, auf dem Correz saß und 
seine Stimme ertönen ließ, war richtig da, darunter 
die brausende Traun. Alles stimmte! — Nachdem wir 
gegessen, machten wir einen langen Spaziergang in 
die schönen Umgebungen dieses reizend gelegenen 
Ortes. — Bei Tisch saß neben uns die Wegner vom 
Wallner-Theater, der »jüngste Leutnant«, über deren 
auch im Zivilverhältnis beibleibende Komik Onkel 
Helmuth und ich uns höchlich ergötzten. Sie stu- 
dierte Onkel Helmuth offenbar, ich fürchte, sie bringt 
ihn nächstens auf die Bühne! 

Am andern Morgen fuhren wir bis Aussee, wo wir 
abermals unter strömendem Regen die Umgebung 
abspazierten, dann aßen und nach Tisch weiter fuh- 

108 



ren bis Lend. Auch diese Tour bot viel des Schönen. 
Die Berge des Salzkammergutes sind großartig schön. 
Sie stehen mehr vereinzelt in einzelnen gewaltigen 
Stöcken, wodurch die gigantischen Massen dersel- 
ben mehr zum Eindruck kommen, als die Alpen. In 
Lend blieben wir die Nacht von Montag zum Diens- 
tag im Hotel »zur Post« mit miserablen Betten, On- 
kel Helmuth und ich in einem kleinen Zimmer zu- 
sammen. Beide fast ohne zu schlafen, obgleich wir 
uns durch sechs bis sieben Patiencen beruhigt hatten! 
Eigentlich wollte Onkel Helmuth denselben Abend 
noch mit der Post hierher, wo wir um 12 Uhr angekom- 
men wären, da dieselbe aber wegen Zugverspätung 
schon weg war, mußten wir bleiben und fuhren nun 
heute morgen mit Extrapost hierher, wo wir um 1 1 Uhr 
morgens ankamen. Gleich nach Ankunft nahm Onkel 
Helmuth sein erstes Bad, dann legte er sich schlafen, 
und ich ging aus, begegnete dem Kaiser, der jugend- 
lich frisch aussieht und sich nach Onkel Helmuth er- 
kundigte. — Dann wurde ich umgehends für heute 
abend zu einer Soiree dansant bei Graf Lehndorff 
eingeladen, wo wir dem Kaiser vortanzen sollen. 

Wildbad Gastein, 3. August 1882. 

Gestern abend habe ich mich ganz gut amüsiert. 
Der Kaiser saß den ganzen Abend in einer Ecke und 
sah zu. Er amüsierte sich offenbar sehr gut dabei. 
Er sieht prächtig aus, frisch und gesund. Heute mor- 
gen waren wir ein paar Stunden ohne Regen. Onkel 
Helmuth und ich gingen auf die Promenade, wo wir 
den Kaiser auf einer Bank sitzend fanden, der Onkel 
Helmuth sehr herzlich begrüßte. Onkel Helmuth ist 
heute zum Diner dort. Seit 12 Uhr regnet es wieder, 
es ist wirklich zum Verzweifeln. Ich habe trotzdem 
eine Tour in die Berge gemacht. Der Fall der Ach ist 

109 



wirklich wunderbar schön. Sie kommt sechshundert 
Fuß hoch in einer ganz engen Schlucht herunterge- 
braust, lauter weißer Gischt und Schaum. Gerade vor 
unserem Fenster stürzt sie in ihr Becken mit donner- 
ähnlichem Brausen hinab. Über dem Becken steht 
haushoch eine Wolke von Wasserstaub, in welchem 
sich der Dampf der hinabströmenden heißen Wasser 
mischt. Die schneebedeckten Gipfel der Berge hoben 
sich herrlich gegen den tiefblauen Himmel ab, wie es 
einen Moment aufklärte, leider nur so kurze Zeit. — 
Onkel Helmuth läßt Dich bitten, doch recht viel über 
Creisau, Wetter und Ernte zu schreiben. Er will acht- 
zehn Bäder nehmen. 

Wildbad Gastein, 4. August 1882. 

Onkel Helmuth war sehr erfreut über die Mitteilun- 
gen betreffend Wetter und Ernte. Wir leben hier ruhig 
weiter. Morgens um 7 Uhr nimmt Onkel Helmuth sein 
Bad und liegt darauf noch zwei Stunden zu Bett. Dann 
trinken wir Kaffee und lesen die Zeitung, worauf wir 
etwa um V2 11 Uhr auf die Promenade gehen, dem 
Kaiser begegnen, der auf irgendeiner Bank sitzt und 
Onkel Helmuth immer sehr freundlich begrüßt. Um 
2 Uhr essen wir zu Mittag, dann trinken wir irgendwo 
Kaffee und spazieren wieder bis 8 Uhr, wo wir in Onkel 
Helmuths Zimmer Tee trinken und dann bis 10 Uhr 
Patiencen legen. — Heute nachmittag nahmen wir 
einen kleinen Einspänner und fuhren nach einem Ort 
Bockstein, der eine halbe Stunde höher im Gebirge 
liegt. Von dort gingen wir zurück. Unterwegs erklärte 
Onkel Helmuth, die Hauptsache bei der Kur sei, daß 
man sich ganz ruhig verhalte und sich nicht anstrenge. 
Dabei waren wir den Morgen schon zwei Stunden 
bergauf und -ab geklettert und gingen nun eine Stunde 
zurück. Er war ganz ermattet, und ich habe ihn ge- 

110 



hörig ausgescholten und werde von nun an keine 
solche Extravaganzen mehr dulden. Im übrigen ist 
er guter Laune und recht mobil. Ich glaube, die Bäder 
tun ihm gut, wenn er sich nur vernünftig benimmt. — 
Die Umgegend und das Land selbst sind in der 
Tat von einer entzückenden Schönheit. Wohin man 
kommt, immer neue Schönheiten. In jedem Tal ein 
brausender Wasserfall, doch der König aller, der 
Achenfall, mitten zwischen den Logierhäusern. On- 
kel Helmuth kennt hier jeden Schritt und Tritt und 
weiß immer, wo eine Aussicht oder sonstiger schö- 
ner Punkt zu finden ist. 

Wildbad Gastein, 6. August 1882. 

Gestern waren Onkel Helmuth und ich zum Diner 
beim Kaiser. Heute ist feierlicher Gottesdienst in der 
kleinen protestantischen Kirche. Ich habe soeben 
Onkel Helmuth dorthin begleitet. Der ganze Hof ist 
dort, und die sehr kleine Kirche war zum Ersticken 
voll. — Wann wir zurückkommen, kann ich ja nicht 
wissen, doch glaube ich, daß Onkel Helmuth am 20. 
etwa seine Kur für beendet erklären und dann in for- 
cierten Eilmärschen nach Hause eilen wird; er hat 
mir einen ganz besonderen Gruß für Dich aufgetragen. 

Wildbad Gastein, 8. August 1882. 

Der Regen fällt ganz fein und ganz gerade herunter 
mit einem Gleichmut, der einen zur Verzweiflung 
bringen kann. Alle Wege sind grundlos, die ganze 
Gegend in ein monotones Grau gehüllt. Das wenige 
Korn, welches hier oben gebaut wird, steht faulend 
und ausgewachsen auf den Feldern, es ist zu trüb- 
selig. Wenn man hier nicht heraus kann, ist es ge- 
radezu zum Auswachsen. Den ganzen Tag mit Onkel 
Helmuth in der Stube sitzen, der nachgerade auch 

in 



anfängt schlechter Laune zu werden, gehört nicht zu 
den größten Annehmlichkeiten! Gestern aßen wir 
beim Kaiser. Heute fuhr er mit seinem ganzen Ge- 
folge ab. Den Moment, wo er von dem gesamten 
Bade mit Hochrufen begleitet abfuhr, schien die 
Sonne, zehn Minuten darauf regnete es wieder los! 

Wildbad Gastein, i4.August 1882. 

Onkel Helmuth will nicht länger als bis zum 19. 
hierbleiben. Er will dann, wenn es schön Wetter ist, 
noch eine Tour von einigen Tagen nach Berchtes- 
gaden, dem Königsee, Reichenhall, Salzburg machen 
und beabsichtigt, etwa am 1. September in Creisau 
einzutreffen. Doch kenne ich diese Vergnügungs- 
touren schon, die auf acht Tage projektiert und dann 
in ein oder höchstens zwei Tagen durchrast werden! 
— Gestern habe ich ein Schachspiel gekauft und mit 
Onkel Helmuth eine Partie Schach gespielt. Da ich 
ihn nach heißem Kampf matt setzte, erklärte er, das 
Spiel rege ihn zu sehr auf, und wir kehrten zur Be- 
ruhigung zu der Patience zurück! Diese Nacht hatte 
er schlecht geschlafen, wie er sagte, noch infolge 
der Aufregung vom Schachspiel her! Sonst geht es 
ihm ausgezeichnet. — Die Kur bekommt ihm sehr 
gut, ergeht jeden Morgen zwei bis drei Stunden ohne 
Beschwerden und sieht vortrefflich aus. 

Dresden, Palais, 17. September 1882. 

Diesen Brief habe ich schon dreimal unterbrechen 
müssen. Inzwischen sind wir mit dem Kaiser, dem 
König und dem ganzen Rummel bei Professor Schil- 
ling gewesen, wo wir den Gipsentwurf zu dem Na- 
tionaldenkmal auf dem Niederwald sahen, dann Ka- 
serneninspektion in der Albrechtstadt und großes 

112 



Frühstück bei dem Regiment des Kaisers, eben zu- 
rückgekommen, und in einer halben Stunde sollen 
wir wieder fahren, zu einem großen Gartenfest. Da- 
nach um 5 Uhr Diner, heute abend Theater und dann 
Soiree beim Kriegsminister — und das nennt man 
einen freien Sonntag! 

Merseburg, 15. September 1883. 

Die Parade gestern war sehr hübsch, etwas sehr stau- 
big, aber sonst wohlgelungen. Der Kaiser sieht sehr 
wohl aus, Prinz Wilhelm in seiner Husarenuniform 
entwickelt sich immer mehr zu seinem Vorteil. — 
Onkel Helmuths Stute ging ausgezeichnet, gestern 
wie heute. Morgen gehen wir alle zusammen in Be- 
gleitung des Kaisers nach Halle, wo eine Rundfahrt 
durch die Stadt und Besichtigung der dortigen Sehens- 
würdigkeiten vorgenommen werden soll. Übermor- 
gen ist abends ein großes Fest, welches die Stände 
dem Kaiser geben, verbunden mit einer Theatervor- 
stellung, zu welcher die großherzogliche Truppe aus 
Weimar herkommen wird. Am 18. ist dann noch ein 
solches Fest. Am 20. gehen wir nach Homburg. 

Merseburg, 18. September 1883. 

Dem Kaiser ist der gestrige Tag doch zu anstren- 
gend gewesen, so daß er die heute beabsichtigte Fahrt 
nach Halle aufgeben mußte. Infolgedessen sind wir 
auch nicht gefahren, sondern haben uns statt dessen 
den sehr schönen alten Dom, der recht geschickt in letz- 
ter Zeit renoviert worden ist, und den recht hübschen 
Schloßgarten und Hof besehen. Der historische Rabe 
erfreut sich des besten Wohlseins. — Vor vielen 
Jahren ließ einer der alten Bischöfe von Merseburg 
einen seiner Pagen hinrichten, weil er ihn im Ver- 
dacht hatte, ihm einen wertvollen Ring gestohlen zu 

Moltke. 8. 113 



haben, es war dies ein Krosigk. Nach einigen Jahren 
fand man dann zufällig bei einem Umbau den ver- 
mißten Ring in einem Rabennest auf einem der Türme. 
Zur Entschädigung schenkte der Bischof dem Bru- 
der des Enthaupteten ein ansehnliches Gut, auf dem 
jedoch die Verpflichtung haftet, zum Andenken an den 
unschuldig Gerichteten auf der Burg einen Raben zu 
unterhalten. Gleichzeitig bekamen die Krosigks einen 
Raben, der einen Ring im Schnabel trägt, ins Wap- 
pen. Dieser Rabe wird' noch immer in einem großen 
Käfig gehalten. Wenn er stirbt, muß er sofort ersetzt 
werden, da an seiner Unterhaltung der Besitz des 
noch in der Familie befindlichen Majorats hängt. 

Im Dom ist eine prachtvolle Orgel, die die ganze 
Höhe des einen Schiff sf lügeis einnimmt, einige schöne 
alte Eichenschnitzereien und das unschöne Bronce- 
grabmal des Kaisers Rudolph, der von der früher ka- 
tholischen Bevölkerung für einen Heiligen gehalten 
worden und an einigen Stellen ganz blank geküßt 
worden ist. Sonst ist an der Stadt selbst absolut gar 
nichts zu sehen. Gottlob ist der heutige Ruhetag bald 
überstanden, und morgen gehen die Manöver wie- 
der an. 

Merseburg, 18. September 1883. 

Soeben kommen wir müde und bestaubt vom Ma- 
növerfelde zurück. — Das Manöverleben ist von je- 
her meine höchste Lust gewesen. — An den Tagen, 
wo Goßler mit Onkel Helmuth zum Diner geht, esse 
ich mit den Kameraden zusammen und sitze abends 
mit ihnen in der Kneipe, Bier trinkend und Anek- 
doten anhörend, was ich richtig genieße, nachdem 
ich so lange keinen Soldatenmenschen mehr gesehen 
und mit keinem Kameraden mehr mich harmlos und 
ungezwungen habe unterhalten können. Onkel Hel- 

114 



muth ist immer sehr liebenswürdig und heiter, ein 
vollkommen anderer Mensch als sonst. Das Manö- 
ver macht auch ihm Freude, und er ist so aufgetaut, 
wie man es gar nicht bei ihm für möglich halten 
sollte. 

Merseburg, ig. September 1883. 

Heute abend haben wir einen großen Genuß ge- 
habt. Um J /a7 Uhr hatte der Prinz Albrecht sich den 
Organisten in den Dom bestellt, um ihm auf der wun- 
dervollen Orgel vorzuspielen. Onkel Helmuth und ich 
waren auch da und hörten mit Entzücken ein Adagio 
von Mendelssohn und mehrere Präludien von Bach. 
Wenn man die Augen schloß, hatte man förmlich 
das Gefühl, als ob die mächtigen Tonwellen einen 
aufhoben und mit sich davontragen könnten. Es war 
herrlich. — Der heutige letzte Manövertag verlief sehr 
hübsch. 

H o m b u r g , 23. September 1883. 

Am 20. abends kamen wir hier um 7 Uhr an, um 
V 2 8 Uhr mußten wir schon wieder im Schloß sein 
zum Diner, das ging alles Hals über Kopf. Den näch- 
sten Tag Parade, um 5 Uhr Diner, um 7 Uhr Theater, 
gestern Korpsmanöver. Das Wetter war trübe, und 
gegen 12 Uhr fing es an gehörig zu regnen, so daß 
wir um Vz3 Uhr durchnaß nach Hause kamen. Um 
5 Uhr Diner und abends Theater. Heute ist Sonntag, 
und habe ich so einen freien Vormittag. Um 2 Uhr 
ist Offiziersrennen, zu dem wir hinauswollen. Am 
28. sind wir am Nationaldenkmal bei Rüdesheim, von 
dort gehen wir abends nach Wiesbaden. — Hier ist 
eine unglaubliche Versammlung von Fürstlichkeiten. 
Am meisten Interesse erregt der König von Spanien, 
der sich als ein vortrefflicher schneidiger Reiter zeigt. 

"5 



Er war zuerst in bayerischer Uniform, die ihm nicht 
gut stand, in spanischer sieht er viel besser aus. Er 
ist ein kleiner eleganter Herr mit ein klein wenig jü- 
dischem Typus. Der König von Serbien, größer und 
ziemlich dick, sieht nicht sehr vornehm aus. — Die 
Kaiserin sieht sehr wohl aus. Sie ist stärker gewor- 
den, was ihr gut steht, und wohnt den Manövern im 
Wagen bei. Während des Regens hält sie unbeküm- 
mert ohne Schirm im offenen Wagen und läßt sich 
naßregnen, ebenso wie der Kaiser, der in jugendlicher 
Frische allen Unbilden des Wetters trotzt. Außerdem 
wimmeln hier eine Menge von Hoheiten und König- 
lichen Hoheiten umher, von denen man früher nie 
etwas gehört hat. Diniert wird in den prachtvollen 
Sälen des Kurhauses, in denen in früheren Zeiten die 
Bank gehalten wurde. Das Schloß ist klein und un- 
ansehnlich, überhaupt Homburg ein kleiner, wenig 
schöner Ort. Die Umgegend ist hübsch, mit stellen- 
weise schönen Blicken auf die Taunuskette, der Bo- 
den außerordentlich fruchtbar. Eigentümlich berühren 
einen die rot und weißen Grenzpfähle des hessischen 
Gebiets. — Onkel Helmuth befindet sich vortrefflich. 

Homburg, 24. September 1883. 

Gestern nach dem Offiziersrennen fuhr ich mit un- 
serem Wirt auf die eine halbe Stunde entfernte, auf 
einem Gebirgssattel liegende Ruine der Saalburg. Im 
höchsten Grade interessant. Es sind die Überreste 
eines alten befestigten römischen Lagers, welches 
etwa im Jahre 30 vor Christi gebaut und über drei- 
hundert Jahre besetzt gehalten worden ist. Das Ganze 
ist in Form eines Rechtecks gebaut, von einem hohen 
Wall umgeben, mit gemauerter Brustwehr und dop- 
peltem Graben. Vier Tore führen hinein, jedes von 
zwei Türmen flankiert. Alle Grundmauern sind noch 

116 



vollständig erhalten. Man sieht das Exerzierhaus, die 
Offizierswohnungen, Lazarette, Küchen, Vorratshäu- 
ser, ein kleines Amphitheater und ein Badehaus, in 
dem man noch vollständig die Heizvorrichtungen 
sehen kann, die in Röhren unter dem Fußboden hin- 
geführt worden sind. Etwa fünf Minuten vor dem 
Lager zieht sich noch deutlich erkennbar der uralte 
römische Grenzgraben hin, den sie gegen die Ger- 
manen von der Sieg über den ganzen Taunus bis zur 
Donau hingeführt hatten. Das Lager soll ganz einzig 
in seiner Art sein und verdankt seine Erhaltung dem 
Umstände, daß es mitten im Walde gelegen war. Erst 
in letzter Zeit ist es freigelegt und zum Teil ausgegra- 
ben worden, wobei eine Menge interessanter Funde 
gemacht worden sind, die in einem Museum im hie- 
sigen Kurhause zusammengestellt sind. 

Ragaz, 7. August 1884. 

Nun sind wir denn glücklich hier. Viel Erzählens- 
wertes ist uns nicht begegnet. Den ersten Tag litten 
wir sehr unter einer unerträglichen Hitze und kamen 
halb gebraten und staubbedeckt in Prag an, wo wir 
den ersten Reiseschmerz dadurch erlebten, daß wir 
auf dem Staatsbahnhof ankamen und den nächsten 
Morgen von dem Westbahnhof wieder abfahren muß- 
ten, der am entgegengesetzten Ende der Stadt liegt, 
so daß jede Kombination betreffend Hinterlassung 
unserer Koffer auf dem Bahnhof ausgeschlossen 
blieb! — Im Hotel, wo man offenbar über Onkel Hel- 
muths Persönlichkeit seiner Sache nicht ganz sicher 
war, bekamen wir zwei schauderhafte Zimmer und gin- 
gen sofort aus, um uns die Stadt anzusehen. Wir gin- 
gen über die historische Nepomuk-Brücke mit ihren 
zahlreichen Heiligenstatuen, schauten von dem Ge- 
länder, wo ein eingelassenes Metallkreuz die Stelle 

117 



bezeichnet, von der der heilige Nepomuk in die Mol- 
dau gestürzt wurde, nachdenklich in die rauschenden 
Fluten, konnten aber nichts besonderes bemerken. 
Vielleicht war das Wasser, welches gerade unter uns 
dahinbrauste, dasselbe, das einst dem Heiligen in 
Mund und Nase drang, und nun, im ewigen Kreis- 
lauf wiederkehrend, nachdem es im Meere verdun- 
stet, als Wolke aufgestiegen, von Pflanzen aufgeso- 
gen, sich in allen möglichen Tier- und Menschen- 
leibern umhergetrieben, als Regen zum tausendsten 
Male niedergeschlagen, jetzt gerade wieder hier vor- 
beifloß. Wer weiß! — Wir gingen bis an den alt- 
ehrwürdigen Hradschin, schwenkten dann links, ver- 
loren uns in unzähligen Gassen und Gäßchen und 
tauchten endlich an der Kettenbrücke wieder auf, die 
weiter stromauf über den Fluß zur alten Stadt zu- 
rückführt. — Hier wurden wir in Verlegenheit gesetzt, 
als wir pro Person einen Kreuzer Brückengeld be- 
zahlen sollten und über keinen Kreuzer österreichisch 
Geld verfügten. Ein Fünfzigpfennigstück, das ich an- 
bot, wurde zurückgewiesen, und wir hätten den gan- 
sen langen Weg zurückspazieren müssen, wenn nicht 
der edle Tscheche, der als Einnehmer fungierte, zu 
stolz, um seine Hände mit deutschem Gelde zu be- 
flecken, ebenso großmütig wie national gewesen wäre 
und uns umsonst hätte passieren lassen. Dieser merk- 
würdige Beweis, daß es auch unter den Tschechen 
großdenkende Menschen gibt, söhnte uns mit der Be- 
merkung aus, die wir auf unserem Gange durch die 
Stadt gemacht hatten, daß das deutsche Element aus 
Prag mehr und mehr verschwindet, daß fast alle In- 
schriften tschechisch sind und nur noch hin und wie- 
der wie halb mitleidig verstohlen die deutsche Über- 
setzung hinter den tschechischen Hieroglyphen steht. 
— Eine Nation, die, wie gesagt, so großdenkende Män- 

118 



ner zu den ihrigen zählt, wie jenen Zöllner, hat ent- 
schieden die Berechtigung, die Deutschen, die ihr einst 
die Kultur brachten, nun aber soweit gesunken sind, 
mit Fünfzigpfennigstücken sich den Übergang über 
die Kettenbrücke erkaufen zu wollen, hinauszudrän- 
gen und Herr im eigenen Lande zu sein! — Mitten 
auf der Brücke, die über eine Insel gebaut ist, ent- 
deckten wir unter uns einen Garten mit einem großen 
Tanzsaal und einer Gartenmusik. Wir kletterten also 
hinab, der Eingangswächter war hier weniger skru- 
pulös und wechselte uns einen Taler. Wir saßen dann 
mitten unter dem Volk, anscheinend kleine Hand- 
werker und Bürger, Dienstmädchen usw. vor einem 
tschechischen Musikprogramm, das uns völlig un- 
verständlich war, und tranken eine Flasche Pilse- 
ner Bier. — Am nächsten Tag fuhren wir nach Re- 
gensburg. Wir kehrten wie weiland Kaiser Karl V. im 
»Goldenen Kreuz« ein. Die Stadt ist überhaupt höchst 
interessant. Das alte Rathaus mit dem unveränderten 
Saal, in dem früher der Reichstag des Heiligen Römi- 
schen Reiches Deutscher Nation tagte, viele alte Häu- 
serfronten, Türme, Giebel etc. Der schönste Schmuck 
des Ganzen, der prachtvolle Dom, der im vierzehnten 
Jahrhundert begonnen, ist jetzt ganz fertiggestellt. 
Im reinsten gotischen Stil gehalten, gibt er an Schön- 
heit wohl kaum dem Kölner Dom etwas nach. 

Unerkannt und im tiefsten Inkognito verließen wir 
am nächsten Morgen die alte Reichstagsstadt, doch 
schon auf dem Bahnhof wurde Onkel Helmuth re- 
kognosziert und wie wir in München ankamen, war 
der Bahnhofinspektor in füll dress zur Stelle, ein be- 
sonderes Zimmer bereit und ein Salonwagen ange- 
boten. Onkel Helmuth lehnte indessen alles dankend 
ab. — Nach einer Stunde fuhren wir weiter nach Lin- 
dau, wo wir nachmittags ankamen und unter rück- 

119 



sichtsloser Beiseitelegung jedes Inkognitos im »Bay- 
rischen Hof« Wohnung nahmen. Nächsten Mor- 
gen fuhren wir über den See nach Rorschach und 
von dort mit der Bahn hierher, wo wir mittags 2 Uhr 
ankamen. — Ich hatte sehr recht, Onkel Helmuth zu 
raten, hierher und nicht nach Gastein zu gehen. Die 
Freude des Herrn Kinberger über Onkel Helmuths 
Ankunft war wirklich rührend, er vertraute mir an, 
daß ihm ordentlich das Herz geschlagen habe vor 
Freude, wie er Onkel Helmuth gesehen habe, und 
der Gärtner Joseph, eine berühmte Persönlichkeit, 
habe vor Freude förmlich Luftsprünge gemacht. Sehr 
amüsant war es, wie Onkel Helmuth abends 7 Uhr 
zur Table d'hote erschien. Es ist hier eine ganze Ko- 
lonie von Franzosen, die zum Teil vor der Cholera 
geflüchtet sind, und mit ungeheucheltem Interesse 
wurde Onkel Helmuths Persönlichkeit von ihnen be- 
staunt. 

Ragaz, 12. August 1884. 

Gestern machten wir eine Tour in die Berge nach 
einer alten Ruine, dem Wartenstein, in deren Nähe 
ein spekulativer Unternehmer eine Restauration auf 
einen überhängenden Felsen geklebt hat. Onkel Hel- 
muth fuhr mit der Bahn hinauf, und ich ging zu Fuß, 
wobei ich eine Viertelstunde vor ihm oben ankam. 
Dann ging ich noch eine halbe Meile weiter, um zu 
der sogenannten Naturbrücke zu gelangen, d.h. der 
Stelle der Tamina-Schlucht, wo sich dieselbe oben 
vollständig geschlossen hat, so daß man darüber hin- 
weggehen kann. Um von der oben auf dem Berge 
hinführenden Chaussee dorthin zu kommen, steigt 
man eine fast senkrecht abfallende Felswand auf ei- 
ner Art von Treppe hinab, die über vierhundert Stu- 
fen, teils in den Fels gehauen, teils aus Tannenstäm- 

120 



men hat. Es ist die reine Hühnerstiege, die im schärf- 
sten Zickzack hinunterführt. Unten angekommen, 
steht man auf einigen mächtigen Felsblöcken, die 
quer über der hier nur etwa zwei Meter weiten Öffnung 
der Tamina-Schlucht liegen. Man blickt wie durch 
einen Schornstein in die dunkle Tiefe hinunter, auf 
deren Grunde die Tamina ihr gräuliches Wasser ko- 
chend hinabwälzt. Eigentümlich klingt das Brausen 
von unten hinauf. — Von hier aus wurden in alten 
Zeiten, wo man noch keine Fahrstühle, keine Bade- 
hotels und Eisenbahnen kannte, die Kranken an ei- 
nem Strick zu der heilbringenden Quelle hinabgelas- 
sen, die aus der Seitenwand der Schlucht dampfend 
hervorquillt. Über derselben schwebte, auf Balken, 
die in die Felswände eingehauen waren, das alte 
Badehaus, in dem die Kranken sich während der drei 
Wochen ihrer Kur aufhalten mußten, ohne jemals 
die Sonne zu sehen, um dann nach beendetem Ge- 
brauch des Bades, wie ein Kolli wieder ans Tages- 
licht gehißt zu werden. Nachdem ich mich genugsam 
in eine grausliche Stimmung hineingedacht hatte, 
stieg ich die vierhundert Stufen wieder hinauf und 
ging zu unserer Restauration zurück, wo ich wie ein 
Pudel ankam, der für seinen Herrn aus dem Wasser 
apportiert hat, denn wir hatten 28 Grad Wärme. — 
Dann aßen wir zu Mittag und spazierten hernach hier- 
her zurück, wo ich voller Bewunderung für Onkel 
Helmuth ankam, der mit vierundachtzig Jahren noch 
solche Fußpartien zu machen imstande ist. 

Ragaz, 18. August 1884. 

Heute steht im »Figaro« ein langer Artikel über On- 
kel Helmuth, den wir mit vielem Vergnügen gelesen 
haben und der die unglaublichsten Dinge enthält. Un- 
ter anderem teilt der Verfasser die besonders für On- 

121 



kel Helmuth höchst interessante Neuigkeit mit, daß 
Onkel Helmuth zur Zeit todkrank auf seinem Gut 
Creisau läge, wo er nur von seinem Neffen Burt, der 
wie er einem der zahlreichen kleinen mecklenburgi- 
schen Adelsgeschlechter enstamme, Besuch emp- 
finge, man erwarte mit Besorgnis sein Abscheiden. 
Der Artikel wirkt um so drastischer, da er aus Inter- 
laken geschrieben ist, also demselben Lande, dem 
Onkel Helmuth durch seine Anwesenheit einen greif- 
baren Beweis seines Wohlseins gibt. Der Verfasser 
erhebt die Glaubwürdigkeit seiner Mitteilungen da- 
durch über allen Zweifel, daß er sie einer Unterhal- 
tung mit einem Obersten des Preußischen General- 
stabes entnimmt, den er die oben angeführte Mittei- 
lung mit den Worten beschließen läßt: Der Wille 
Gottes geschehe! — Auch das Neue verdankt er die- 
sem pfiffigen Oberst, daß Onkel Helmuth auf einem 
Bein lahm sei und dasselbe nur mühsam nachziehe, 
und daß er bei Paraden mit Vorliebe einen Küraß 
trage, der auf ihm schlottre wie auf einem Skelett, 
während Bismarck immer vor ihm reitet und ihn da- 
durch, daß er sein Pferd vor ihm stallmeistert, von 
dem Kaiser abzudrängen versuche, an den Onkel Hel- 
muth sich heranmachen möchte etc. Den hier an- 
wesenden Badegästen scheint diese Farce auch viel 
Spaß zu machen, wenigstens geht der »Figaro« unab- 
lässig von Hand zu Hand. 

Gestern machte ich eine sehr schöne, wenn auch 
ziemlich anstrengende Tour. — Um 9 Uhr fuhr ich 
nach Chur, von wo ich zu Fuß in dem reizenden Tal 
der Rabiusa hinaufging bis Passug, von dort weiter 
bis Churwalden, wo ich zu Mittag aß, und dann, da 
die Post erst in eineinhalb Stunden ging, mit der ich 
nach Chur zurückzufahren gedachte, machte ich 
mich, des langen Wartens müde, auf und ging zu 

122 



Fuß nach Chur zurück, wo ich mit der Post gleich- 
zeitig eintraf. So hatte ich gut meine vier Meilen auf 
zum Teil recht steilen Wegen marschiert und war, 
wie ich um 7 2 5 Uhr auf dem Bahnhof in Chur ankam, 
herzlich müde. Um 7 Uhr war ich in Ragaz zurück 
und fand Onkel Helmuth ausgeflogen. Kein Mensch 
wußte, wo er geblieben war. Die Teezeit kam, aber 
kein Onkel Helmuth. Es wurde später und dunkler, 
um 9 Uhr war er noch nicht zurück. Du kannst Dir 
denken, welche Angst ich hatte. Schon war ich im 
Begriff, das gesamte Hotelpersonal aufzubieten und 
Nachforschungen anzustellen, als er auf einmal ganz 
vergnügt anmarschiert kam. Wo war er gewesen? In 
Chur! — Wahrscheinlich in dem Gedanken, mit mir 
dort zusammenzutreffen. — Da er indessen mich nicht 
bei Abgang meines Zuges auf dem Bahnhof aufge- 
sucht hatte, sondern außerhalb der Stadt spazieren 
gegangen war, hatten wir uns »unbegreiflicherweise« 
verfehlt! Nun kam er mit dem Abendzug wieder zu- 
rück und begriff gar nicht, daß ich es mir nicht hätte 
denken können, daß er in Chur gewesen sei! 

Ragaz, 20. August 1884. 

Der heutige »Figaro« bringt noch einen ergänzen- 
den Nachtrag zu seinem neulichen Artikel, von dem 
ich Dir schrieb, indem er sich aus Berlin telegraphieren 
läßt: Feldmarschall Moltke ist von einer Paralyse des 
Gehirns befallen, er kann nicht mehr gehen und nur 
noch mit Mühe Nahrung zu sich nehmen, er stirbt 
an Altersschwäche und hat nur noch wenige Wo- 
chen vor sich, — ich habe wörtlich übersetzt! Ein 
ausgezeichnet unterrichtetes Blatt! 

Seit Onkel Helmuth mir neulich den Schrecken ein- 
gejagt, wo er nach Chur gefahren war, entferne ich 
mich nicht wieder auf einen ganzen Tag. Er fängt 

123 



schon an, die Rückreise aus dem Kursbuch heraus- 
zustudieren und hat offenbar von seinem hiesigen 
Aufenthalt mehr als genug. Ich kann auch nicht leug- 
nen, das mein Bedarf an Bergluft vollständig gedeckt 
ist. Ich sehne mich ordentlich danach, einmal wieder 
ein Pferd zu besteigen. 

Ragaz, 25. August 1884. 

Onkel Helmuth hat mir wieder ein paar reizende 
Geschichten gemacht, die ich in aller Kürze mitteile, 
denn zu längerem Schreiben fehlt mir Zeit und 
Ruhe. Erstens: Vor einigen Tagen saßen wir mor- 
gens im Garten, als er mir sagte, er hätte Lust, nach 
der Ruine Wartenstein hinaufzugehen. Da es etwas 
anstrengend zu steigen, könnten wir langsam den die 
hinaufführende Chaussee kreuzenden Fußweg gehen 
und unterwegs die Post abfassen, die um 10 Uhr hin- 
auffährt. Dann gab er mir Geld, mit dem Auftrag, es 
zu wechseln. Ich gehe also aufs Bureau, er bleibt auf 
der Bank sitzen. Wie ich nach zehn Minuten zu- 
rückkomme, ist er nicht mehr da. Dies wunderte 
mich nun eigentlich nicht, denn ich hatte, wie ich 
ihn kenne, nicht erwartet, ihn noch auf demselben 
Platz vorzufinden. Ich mache mich also resigniert 
auf die Suche, durchstreife den Garten, das Lese- 
zimmer, suche ihn auf seinem Zimmer, nirgends eine 
Spur von ihm. Ich denke also, er ist vielleicht schon 
voraufgegangen, gehe also im Geschwindschritt den 
steilen Fußsteig hinauf, finde ihn nicht, denke, so 
weit kann er unmöglich sein, kehre um, suche noch- 
mals die ganze Umgebung ab, frage Portier und Kell- 
ner, kein Mensch hat ihn gesehen. Inzwischen ist es 
fast zehn Uhr geworden, ich denke mir, wenn er die 
Post noch hat abfassen wollen, muß er schon weit 
oben sein, renne also wie ein Hirsch, die Krümmun- 

124 



gen der Fußsteige abschneidend, direkt bergan, hoch 
über mir fährt die Post bereits dahin, in fünfzehn 
Minuten war ich oben am Wartenstein, noch nie in 
meinem Leben habe ich so geschwitzt, das Wasser lief 
mir am ganzen Leibe hinunter,aberichkamnoch etwas 
vor der Post oben an. Onkel Helmuth ist nicht darin! 
— Jetzt mußte ich alle Hoffnung aufgeben, kehre um 
und zog mich, zu Hause angekommen, von Kopf bis 
zu Füßen um. — Um i Uhr kommt Onkel Helmuth 
ganz vergnügt an. Wo ist er gewesen? Quer durch den 
Garten durch nach Magenfeld, das gerade in der ent- 
gegengesetzten Richtung des Wartensteins liegt. Hier 
hatte er sich ein altes Schloß angesehen und dann, 
wie er mir mit vielem Vergnügen erzählte, dem Be- 
sitzer, der ihm alles gezeigt und den er für den Gärt- 
ner gehalten, Trinkgeld geben wollen, und habe sei- 
nen Irrtum erst erkannt, als dieser entrüstet die Spende 
zurückgewiesen habe! — 

Zweitens: Gestern, wie ich um 8 Uhr noch mit mei- 
ner Toilette beschäftigt bin, klopft Onkel Helmuth, 
wie er es immer macht, wenn er Kaffee trinken gehen 
will, im Vorbeigehen mit dem Stock an meiner Tür. 
Ich komme in etwa fünf Minuten nach und finde ihn 
bereits mit Kaff eetrinken fertig. Ich sage: Guten Mor- 
gen, er sagt: Guten Morgen, sitzt noch einen Augen- 
blick, während ich Kaffee trinke, und geht dann in 
den Garten. Ich trinke ruhig fertig und gehe nach. 
Kein Onkel Helmuth zu finden. Ich gehe den ganzen 
Garten durch, keine Spur. — Zufällig komme ich auf 
den Flur des Hotels zurück, da sagt mir der Portier: 
»Exzellenz läßt Ihnen sagen, er wäre auf den Bahn- 
hof gegangen, um, wenn es noch Zeit wäre, mit dem 
Zug nach Glarus zu fahren.« Ich also hinterher und 
hole ihn ein. Er ist wütend und sagt mir: »Natürlich 
kommen wir zu spät, Du hättest auch früher auf- 

125 



stehen können.« Ich sage: »Ja, wenn ich nur ein Wort 
davon gewußt hätte, daß wir nach Glarus fahren soll- 
ten!« Nach einigen Schritten sagt er: »Du hättest auch 
wohl den Baedeker mitnehmen können und dich er- 
kundigen, ob wir wieder Anschluß zurück haben.« — 
Ich erkläre, beides noch nachholen zu wollen, kehre 
um, laufe ins Hotel, hole den Baedeker und renne wie- 
der hinter ihm her. Ich begreife nicht, daß ich ihn 
nicht sehe, bis ich ihn schließlich ganz klein in der 
Ferne auf einem falschen Wege entdecke. Nun ging 
ich aber ruhig an den Bahnhof und wartete ihn ab. 
Er kam denn auch fünf Minuten vor Abgang des Zu- 
ges, halbtot vor Asthma und noch immer ärgerlich auf 
mich, daß ich diese Reise, von der ich kein Sterbens- 
wort wußte, so mangelhaft vorbereitet habe. Den in 
mir auftauchenden Gedanken: ,Warum hast du, als 
du an meine Tür klopftest, mir nicht ein Wort ge- 
sagt?', sprach ich nicht aus! Übrigens ist er immer 
reizend liebenswürdig, und als wir nun glücklich mit 
Retourbillett I. Klasse im Zuge saßen, mit der Gewiß- 
heit, Anschluß zur Rückkehr zu haben, war seine gute 
Laune sehr bald wieder da. 

Benrath, 17. September 1884. 

Wir haben gestern unseren ersten Manövertag mit- 
gemacht, der sehr hübsch verlief. Am Montag abend 
kamen wir hier an, haben ein sehr gutes Quartier bei 
dem Bürgermeister Josten gefunden. — Wir fuhren 
den nächsten Morgen um 7 Uhr per Bahn etwa eine 
Stunde über Düsseldorf nach Bedburg, wo die Pferde 
bereitstanden. Ich habe einen Ulanengaul bekommen, 
der ausgezeichnet geht, wenngleich etwas klein für 
mich ist. Onkel Helmuth ritt auf der ausgezeichnet 
gehenden Stute sehr schneidig, so daß er allgemeine 
Bewunderung erregte. Die Truppen waren ausgezeich- 

126 






net und machten trotz der großen Hitze und ziem- 
lich anstrengenden Anmärsche einen sehr frischen 
Eindruck. Der Kronprinz war unermüdlich, ritt das 
ganze Manöverfeld ab und an alle einzelnen Batail- 
lone heran. Sehr hübsch war eine Attacke der Kaval- 
leriedivision, welche die Arrieregarde des VII. Korps 
außer Gefecht brachte. Der Anmarsch war sehr ge- 
schickt unter Benutzung des Terrains angelegt, das 
Auftreten völlig überraschend und der Aufmarsch 
schnell und geordnet. Die Infanterie wurde direkt im 
Rücken gefaßt und überritten, ehe sie Zeit hatte, sich 
zu rangieren. Um 12 Uhr wurde das Manöver nach 
einem allgemeinen Angriff des VIII. Korps gegen das 
VII., der siegreich ausfiel, beendet. Dann hielt der 
Kronprinz eine sehr sachgemäße kurze Kritik ab. Er 
sprach sehr hübsch und treffend, lobte und tadelte 
ziemlich scharf, etwas ganz Ungewohntes, da der 
Kaiser sich immer nur lobend ausspricht. 

San Remo, 30. März 1885. 

Heute sind wir nun gerade vierzehn Tage hier und 
unser Abmarsch ist nahe bevorstehend. Kein Weg 
und Steg um San Remo, den wir nicht gewandelt 
wären, kein Aussichtspunkt, den wir nicht aufge- 
sucht. — Nun geht es zunächst nach Bordighera, wie 
dann weiter, weiß ich noch nicht. 

Die französischen Zeitungen sind wieder ganz kin- 
disch in Mitteilungen über Onkel Helmuth. — Bald 
heißt es, er wäre in Nizza, wo er jedoch polizeilicher- 
seits scharf überwacht werde. Onkel Helmuth meinte: 
»Das mag ein netter Kerl sein, den sie da überwachen, 
hoffentlich stiehlt er keine silbernen Löffel!« — Bald 
werden Betrachtungen darüber angestellt, warum On- 
kel Helmuth in einem Privathause wohne. Doch der 
Korrespondent kann sich dies erklären, denn er hat 

127 



in Erfahrung gebracht, daß in diesem Hause nur eine 
Magd ist, die nur patois spricht, also nichts von den 
strategischen Arbeiten verraten kann, die in Onkel 
Helmuths Zimmer angefertigt werden, wenn sie dort 
aufräumt! Dann wird mitgeteilt, daß der deutsche Kon- 
sul eifrigst Karten und statistisches Material für den 
Feldmarschall herbeischleppe — (in Wirklichkeit hat 
er ihm einige Hefte »Fliegende Blätter« zur Unter- 
haltung geschickt) — und das Bedenklichste ist, daß 
eine Menge deutscher Offiziere hier sind, die mit einer 
solchen gegen alle deutschen Gewohnheiten versto- 
ßenden Großartigkeit der Mittel auftreten, daß sie of- 
fenbar vom Staat ausgerüstete Generalstabsoffiziere 
sind. Also die Sache ist klar, Moltke ist hier mit einem 
Teil seines Generalstabes, und der Zweck ihrer An- 
wesenheit ist dem schlauen Berichterstatter auch 
nicht verborgen geblieben: es ist auf Corsica abge- 
sehen, das zur deutschen Kolonie gemacht werden 
soll. — Es ist wirklich amüsant, diese hirnverbrann- 
ten Kombinationen zu lesen, man glaubt, Privatkorre- 
spondenzen aus dem Irrenhaus vor sich zu haben! 

Nervi, 17. April 1885. 

Wer hätte geglaubt, daß sich nach all dem Säbel- 
gerassel England und Rußland nun doch noch fried- 
lich einigen würden. Sie machen mir gerade den Ein- 
druck wie zwei Hunde, die sich mit grimmigem 
Zähnefletschen gegenseitig anknurren und dann mit 
gesträubten Rückenborsten auseinandergehen, weil 
keiner sich traut, den ersten Biß zu tun. 

Rapallo, 24. April 1885. 

Wir befinden uns noch immer sehr wohl in dem 
schönen Rapallo, in dessen Umgebung wir täglich 
neue Schönheiten entdecken. Die Gegend hier ist des- 

128 



wegen soviel lieblicher, weil alle Täler mit Maulbeer- 
bäumen, Pappeln, Rüstern und Eichen bewachsen 
sind, lauter Bäumen, die das Laub abwerfen und sich 
nun mit dem saftigen jungen Grün der frischen Blät- 
ter bekleidet haben, das ja auch dem nordischen 
Walde jenen eigenen goldigen Frühlingszauber ver- 
leiht, den man hier unter den immergrünen südlichen 
Bäumen und Pflanzen so schmerzlich vermißt. Schön 
sind auch die Feigenbäume, die bei unserer Ankunft 
an der Riviera noch ganz kahl waren, jetzt aber ihre 
mächtigen, großen Blätter fast sichtlich von Tag zu 
Tag mehr auseinanderfalten, indem sie die unschönen 
polypenartigen Formen ihrer Äste ganz darunter ver- 
bergen. Wundervolle mächtige Pinien heben ihre ku- 
gelartigen Kronen von dem lichtblauen Himmel ab; 
ein Ausrufszeichen, von dem Schöpfer hingesetzt, 
wie er das herrliche Werk dieser Natur niederschrieb, 
ragen dunkle Zypressen aus dem bunten Farbenspiel 
hervor, und wie in einem mächtigen kristallgeschlif- 
fenen Spiegel beschaut der Himmel seine strahlende 
Herrlichkeit in der klaren Tiefe des stahlblauen 
Meeres. Von den felsigen Landzungen blicken ernst- 
hafte, grau zerfallene Kastelle in die Tiefe, an eine 
Zeit mahnend, in der das Meer die Straße bildete, auf 
der Raub und Verderben an diese Küsten herantrat, 
wo die Schiffe der Sarazenen Tod und Gefangen- 
schaft brachten, wenn nicht das wachsame Auge des 
Türmers sie rechtzeitig erblickte, oder wo später die 
immerwährenden Kriege der Bürger untereinander 
dem Frieden, den Gottes Hand über dies sonnige 
Land gebreitet, Hohn sprachen. Indes, die dunkel 
gähnenden Geschützscharten der mächtigen Mauern 
sind schon seit lange nicht mehr erzittert von dem 
Knall der Kanonen, hier und da hat sich auf der Platt- 
form ein Engländer angesiedelt, der sich dort oben 

Moltke. 9. 129 



seine Cottage baute und nun, umgeben von allem 
Komfort seines aus der nebeligen Heimat mitgebrach- 
ten Lebens, vergnüglich über Land und Meer schaut. 
— An den geborstenen Quadersteinen klettert der Efeu 
empor, und von den Ecktürmen, von denen einst der 
Arkebusier Tod und Verderben dem Angreifer her- 
untersandte, nicken jetzt unzählige Rosen grüßend 
herab. Die Natur überkleidet alles mit ihrem ewig 
jungen treibenden Leben, und über dem zerbröckeln- 
den Gebilde von Menschenhand schwenkt sie trium- 
phierend die grüne Fahne ihres blühenden, duften- 
den Daseins. — Mit leisem Gemurmel plaudern die 
Wellen zwischen den Felsen, als wollten sie Mär- 
chen erzählen, anmutig wiegen sie die Fischerboote 
auf ihrem Rücken, deren eigentümliche lateinische 
Segelformen, von sanftem Wind gebläht, als leuch- 
tende Punkte auf dem Wasser schimmern und das 
Auge weit hinauslocken in die unbegrenzt scheinende 
Ferne. Ganz hinten, vom weichsten Duft vermählt, 
schmilzt die scheinbar ansteigende Fläche mit der 
Kuppel des Himmels zusammen, man glaubt zu sehen, 
wie sich der Himmel auf die Erde senkt, und jene un- 
bestimmbare Sehnsucht, die in jedes Menschen Brust 
liegt, wenn sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, 
berührt mit wundersamem Klingen das Herz. — Wie 
das alles blüht und duftet! Aus dem üppigen Grase 
der Wiesenflächen ringen sich Tausende von offe- 
nen Kelchen empor, gleichsam die eine über die an- 
dere wegkletternd, duften blaue, rote und gelbe Blu- 
men der Sonne entgegen, es ist ein förmliches Kämp- 
fen der überschwenglichsten Üppigkeit ; von den Weg- 
rändern nicken gedrängte Glockenblumen, und wo 
ein gefälliger Wind eine Handvoll Erde zwischen 
Steinen zusammengetragen, da hat sich auch ein 
Blümlein eingenistet, das, dankbar des gefundenen 

130 



Heims, mit Duft und Farbe seine graue Umgebung 
schmückt. — "Wie weitet sich die Brust beim Einat- 
men dieser Ströme von Licht und Wohlgeruch, be- 
haglich strömt der reine Atem der Natur durch alle 
Adern und weckt in allen Fibern das Gefühl unend- 
lichen Wohlbehagens. — Und wenn nun die Sonne 
sinkt, gleichsam zögernd, als täte es ihr Leid, Ab- 
schied zu nehmen von ihren verwöhnten Kindern, 
dann leuchtet noch einmal alles auf in den herrlich- 
sten blauen Tinten. Die Abhänge der Berge heben 
sich scharf und klar aus der Dämmerung der Täler 
hervor, wie ausgemeißelt stehen ihre ragenden Spit- 
zen, kein Blatt rührt sich an Bäumen und Büschen, 
und durch die stille Luft klingt wie ein Dankgebet 
zum Herrn empor das Ave-Läuten der zahlreichen 
Glocken! 

R ap all o, 26. April 1885. 

Nun scheint es ja wirklich mit dem englisch-russi- 
schen Kriege ernst zu werden. Gott mag wissen, wie- 
weit diese Flamme um sich greifen wird und ob es 
der Staatskunst Bismarcks gelingen wird, das Deutsche 
Reich hindurchzusteuern, ohne daß es mit anfängt 
zu glimmen. — Hier in Italien ist die öffentliche Mei- 
nung bereits sehr erregt, besonders da es wirklich 
scheint, als wollte der Staat die zweifelhafte Erb- 
schaft Englands im Sudan antreten und Suakiu mili- 
tärisch besetzen, wenn die englische Garnison von 
dort zurückgezogen werden sollte, um in Indien dem 
nordischen Feinde gegenüberzutreten. Wenn sich 
Italien so mehr oder weniger engagiert, wird sich 
auch die arme, zwischen Hammer und Amboß sit- 
zende Türkei nicht neutral halten können. — Dies 
kann ein Krieg werden, der die ganzen bisherigen 
Staatenverhältnisse umgestaltet und bei dem es sich 

131 



für England um Tod und Leben handelt, denn In- 
dien ist der Lebensnerv Englands, ohne den es eben- 
sowenig leben kann, wie ein Mensch ohne Magen. 
Indessen noch ist ja der Krieg nicht erklärt, und ich 
glaube, Mr. Gladstone würde gerne seinen kleinen 
Finger hergeben, wenn er auf eine anständige Weise 
aus dieser Patsche wieder herauskommen könnte, 
ohne zum Schlagen genötigt zu sein. — Ob Bismarck 
sich wohl auf das undankbare Amt eines Vermittlers 
einlassen wird. Er wohl kaum, aber der Kaiser wird 
es vielleicht wollen. 

Straßburg, h. September 1886. 

Nun bin ich da in der alten, vielumstrittenen Stadt. 
Es ist doch ein eigenes Gefühl, das einen überkommt, 
wenn man in diese nach jahrhundertlanger Entfrem- 
dung dem Deutschen Reiche zurückgewonnenen Orte 
kommt. Wieviel Blut ist geflossen vor den Wällen 
der bisher unbezwinglichen Festung, von der es 
schon in dem alten deutschen Liede heißt: »O Straß- 
burg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt, darinnen 
liegt begraben so mancher Soldat«. Und in der Tat, 
wunderschön ist die Stadt, wie ein mahnend ausge- 
streckter Finger winkt der schlanke Turm des herr- 
lichen Münsters in die rechtsrheinischen Lande, als 
ob er sagen wollte: Du deutsches Volk, das mich ge- 
gründet und gebaut, willst du mich nicht wieder heim- 
führen zu dir? — und als ein Repräsentant der befolg- 
ten Mahnung ziehen in diesem Augenblick mit klin- 
gendem Spiel die verschiedenen deutschen Trup- 
pen unter meinem Fenster hinaus zur Parade vor 
dem Kaiser, Preußen, Bayern, Württemberger, Sach- 
sen, ein bunter Anblick in ihren blitzenden Parade- 
uniformen. — Ich wohne am Ufer des 111, der sich 
mit der Aar hundert Schritt weiter mitten in der 

132 



Stadt vereinigt, zahlreiche Brücken schwingen sich 
hinüber und im Hintergrunde hebt sich der noch im 
Bau begriffene neue Kaiserpalast mit seiner schönen 
Fassade vom blauen Himmel ab. Links liegt alle Häu- 
ser überragend das Münster, wie aus Steinfiligran ge- 
woben mit seinen Tausenden von Spitzen und Säu- 
len, durch die hohen Fenster des leicht sich hinauf- 
schwingenden Turmes blaut der lichte Himmel, die 
Steinrose der Spitze zittert im Sonnenlicht. Die Ge- 
sichter der Einwohner sind unverfälscht deutsch und, 
wo man geht, hört man nur das breite Elsäßer Deutsch, 
aber über den Läden stehen die französischen In- 
schriften, an denen niemand etwas geändert hat. — 
Gestern war ich mit Onkel Helmuth zum Diner beim 
Kaiser. Eine Menge Fürstlichkeiten sind hier versam- 
melt. Abends war das Münster erleuchtet, ein wahr- 
haft feenhafter Anblick, der ganze Turm bis zur 
höchsten Spitze mit Lampen besetzt. Da man in der 
Dunkelheit den unteren nicht erleuchteten Bau nicht 
sah, schien es, als ob ein Zauberschloß von Geistern 
getragen in den Lüften schwebe, es war unbeschreib- 
lich schön. — Die Stadt hatte auch ziemlich durch- 
gehend illuminiert und ist auch sonst reich und schön 
dekoriert, die Stimmung der Bevölkerung eine recht 
animierte. Vielfach sieht man Leute mit der Korn- 
blume im Knopfloch und Onkel Helmuth wurde, wo 
er sich blicken ließ, mit stürmischen Hochrufen be- 
grüßt. Die Begrüßung des Kaisers war geradezu en- 
thusiastisch. Abends großer Zapfenstreich, bei dem 
Tausende von Menschen vor dem Palais standen und 
dem am Fenster stehenden Kaiser zujubelten. Immer 
und immer wieder schallten die Hochrufe durch die 
stille Nacht, ein Ausbrechen des uralten Deutsch- 
tums, das zwei Jahrhunderte der Fremdherrschaft 
nicht vermocht haben auszurotten. — In einer Stunde 

133 



sollen wir nun hinaus zur Parade. Der Himmel ist 
leicht bewölkt, die Hitze hat etwas nachgelassen, ganz 
windstill, ein schönes Kaiserwetter. 

Straßburg, 12. September 1886. 

Heute haben wir einen bewegten Tag hinter uns. 
Es ist nämlich Sonntag, Ruhetag, den wir benutzten, 
um uns in und vor der Stadt umzusehen. Wir fuhren 
erst durch allerlei Straßen nach der Orangerie, einem 
großen öffentlichen Garten, nach der Zitadelle, ei- 
nem noch von Vauban, dem Festungsbaumeister Lud- 
wigs des XIV., gebauten Werk, mit dem dieser die 
Stadt befestigte, nachdem er mitten im Frieden die- 
selbe besetzt hatte. — Die Ohnmacht des damaligen 
Deutschen Reiches war so groß, daß kein ernsthaf- 
ter Versuch gemacht wurde, dieselbe zurück zu ge- 
winnen, und die beiden alten Provinzen Elsaß und 
Lothringen waren seit der Zeit für Deutschland ver- 
loren. — Die Zitadelle, nach dem damaligen Stand 
der Belagerungsmittel, ein ungemein festes Werk, ist 
noch heute imposant durch seine massiven Kon- 
struktionen, wenn auch, da größtenteils ungedecktes 
Mauerwerk, gegen den heutigen Angriff nicht mehr 
auf die Dauer haltbar. Sie liegt aber auch jetzt inner- 
halb der Umwallung und ist einem solchen nicht 
mehr ausgesetzt. — Dann fuhren wir ein ganzes Stück 
der neuen Befestigungen ab, bestiegen auch den Wall 
und besichtigten dann in der evangelischen Kirche 
das berühmte Denkmal des Herzogs Moritz von 
Sachsen. — Von da in den Dom, wo wir von einem 
sehr höflichen Priester umhergeführt wurden, der 
nach hunderten zählenden Volksmenge wegen, die 
Onkel Helmuth umdrängte, aber wenig sehen konn- 
ten. Überhaupt, wo Onkel Helmuth sich blicken läßt, 

134 



wird er mit stürmischen Hochrufen begrüßt und alles 
rennt hinter ihm her. 

Straßburg, 14. September 1886. 

Gestern war Korpsmanöver, das sehr hübsch ver- 
lief. Der Kaiser war im Wagen draußen. Onkel Hel- 
muth ritt sehr flott und wir sahen alles sehr gut, 
zwei große Kavallerieattacken von zwölf Kavallerie- 
regimentern gegeneinander. Es sind hundertfünfzig 
französische Offiziere auf der hiesigen Kommandantur 
angemeldet, ebensoviel mögen wohl noch unangemel- 
det hier sein. Jedenfalls müssen diese Herren den Ein- 
druck empfangen, daß die Gesinnungen des hiesigen 
Volkes gut deutsch sind. Überall sind die Ortschaften 
reich geschmückt, große Ehrenpforten errichtet und 
der Kaiser wird überall mit großem Enthusiasmus 
begrüßt. Ebenso Onkel Helmuth, den alle kennen. 
Wo man durch ein Dorf kommt, stehen die Leute 
mit Wasser, Wein und Bier vor den Türen, das sie 
den vorbeimarschierenden Truppen zureichen, die 
Offiziere der Front sagen, daß sie sich vor der Lie- 
benswürdigkeit der Bauern, bei denen sie einquar- 
tiert sind, kaum zu retten wissen. Es ist ein schöner 
Volksschlag hier, viele Bauern sieht man in weißen 
Hosen, hohen Stiefeln, kurzen Jacken und ihrem 
breitkrämpigen Filzhut zu Pferde auf dem Manöver- 
feld. 

Straßburg, 16. September 1886. 

Die Reise des Kaisers nach Metz ist noch immer 
ganz unbestimmt. Die Ärzte möchten ihn gerne da- 
von abbringen, da die Sache für den alten Herrn sehr 
anstrengend werden dürfte. 

Heute morgen haben Onkel Helmuth und ich eine 
Fahrt nach dem sieben Kilometer vor der Stadt lie- 

135 



genden Fort Moltke gemacht und dasselbe eingehend 
von innen und außen besichtigt. Es hat mich sehr 
interessiert, einmal ein nach den neueren Prinzipien 
konstruiertes Fort zu sehen. 

* Generalstab Berlin, 24. April 1887. 

Onkel Helmuth hat sich noch immer nicht darüber 
geäußert, was er eigentlich vorhat. Ob und wann er 
abreisen will und ob er dabei auf meine Begleitung 
rechnet, ist völlig dunkel! — Ich bliebe natürlich am 
liebsten hier, bis Du zurückkommst, aber der Him- 
mel mag wissen, wo ich hinverschlage, nachdem ich 
am 1. Mai mein Kommando niedergelegt habe. Wir 
haben nun nur noch drei Exerziertage. Am Montag 
und Dienstag werden wir auf dem Tempelhof er Felde 
im Bataillon exerzieren, am Mittwoch ist die Batail- 
lonsvorstellung. Es wird mir ganz wunderbar vor- 
kommen, wenn ich wieder ohne Zusammenhang mit 
der Truppe dastehe, die mir während der Monate 
meiner Dienstleistung doch sehr ans Herz gewach- 
sen ist. 

Generalstab Berlin, 30.April 1887. 

Bei der gestrigen Vorstellung des Füsilier-Batail- 
lons war auch Prinz Wilhelm zugegen. — Ich hatte 
bei dieser Vorstellung Gelegenheit, mich gleich bei 
allen Vorgesetzten abzumelden. Heute nachmittag 
übergebe ich nun die Kompagnie an ihren alten Chef 
G., dessen Hoffnung, Major zu werden, sich nun doch 
nicht erfüllt hat. 

Generalstab Berlin, i.Mai 1887. 

Gestern war Liebesmahl und zugleich mein Ab- 
schied vom Regiment. Der Oberst sagte mir viel 

* Kommandiert zur Dienstleistung- beim 2. Garde-Rgt. z. Fuß. 
136 



schöne Sachen, und alle schienen mich ungern zu 
verlieren. Am meisten die Unteroffiziere der Kom- 
pagnie, die mir mit Tränen in den Augen Adieu sag- 
ten. Nach Tisch ging ich noch einmal durch alle Stu- 
ben der Kompagnie, wo die Leute zum Teil schon 
zu Bett waren, und sagte ihnen Adieu. 

Generalstab Berlin, 3. Mai 1887. 

Gestern war ich um V25 Uhr bei G. zu Tisch ge- 
laden. Ich fand Herrn und Frau v. W. — außerdem 
Herrn und Frau v. B. vor. — Nach Tisch gingen wir 
alle zusammen in die Concordia, um die hypnoti- 
schen Produktionen des dänischen Magnetiseurs 
Hansen zu sehen. Diese Vorstellungen sind wirklich 
interessant, unerklärlich und zum Teil unheimlich. 
Es meldeten sich aus dem Publikum etwa dreißig 
Herren und zwei Damen, die alle auf Stühle gesetzt 
wurden und jeder ein kleines Glasprisma in die Hand 
bekamen, mit der Weisung, dasselbe scharf anzu- 
sehen. Inzwischen ging Hansen von einem zum an- 
deren und machte magnetische Striche. Nach fünf 
Minuten war die Hälfte eingeschlafen, die andere 
Hälfte wurde als unbrauchbar entlassen. Die Ent- 
schlafenen hatte Hansen nun völlig in seiner Gewalt. 
Er zwang sie durch den bloßen Blick aufzustehen 
und, wie der Magnet vom Eisen angezogen, hinter 
ihm herzulaufen. Er ließ sie sich wie ein Kreisel 
drehen, legte einen mit dem Kopf und den Füßen 
auf zwei Stühle und stellte sich auf seinen Bauch, 
knickte ihn dann zusammen wie ein Taschenmesser 
und setzte ihn wie ein Scheit Holz auf die Erde. — 
Es war hier entschieden kein Humbug mit im Spiel, 
sondern eine bis jetzt noch unerklärliche Kraft, die 
man nicht deuten, aber auch nicht ableugnen kann. 

137 



Generalstab Berlin, 10. Mai 1887. 

Gestern war ich mit Onkel Helmuth einer Ein- 
ladung des Vorstandes vom Wagner- Verein gefolgt. 
Ich habe mich nie mit dem Unternehmen befreun- 
den können, Wagner von der Bühne loszulösen und 
in den Konzertsaal zu verpflanzen. Man kann gerade 
so gut eine Eiche aus dem Boden, in dem sie wur- 
zelt, herausheben und ins Zimmer stellen. Sie wird 
vertrocknen, die Blätter verlieren und von dem herr- 
lichen, winddurchbrausten Baum wird bald nur das 
Skelett der Äste übrigbleiben, interessant für den, der 
Baumstudien machen will, aber etwas Totes und Star- 
res für den, der gekommen ist, sich zu freuen an der 
Schönheit der urgewaltigen Natur. — Ich finde es 
von den Wagner-Verehrern unbegreiflich, daß sie mit 
den Werken ihres vergötterten Meisters diese gewag- 
ten Experimente machen, und es scheint mir, daß 
keiner die Absicht Wagners in dessen Sinne verstan- 
den hat, der selber wiederholt betont hat, daß die 
Musik seiner Werke nur das Gewand ist, welches die 
lebendige Gestalt des Dramas umhüllt; er nennt ja 
auch selber seine Werke nicht Opern, sondern musi- 
kalische Dramas. Kaum glaube ich, daß er einverstan- 
den sein würde, wenn man diesen seinen gewaltig 
einherschreitenden Gestalten den Rock auszieht und 
diesen wie in einem Trödlerladen aushängt. 

Stettin, 13. September 1887. 

Eben kommen wir von der Parade zurück, die bei 
herrlichstem Wetter sehr schön verlief. Onkel Hel- 
muth führte sein Regiment sehr nett vorbei, kam gut 
und richtig in Galopp und sah gut aus. Der Kaiser 
sehr frisch und seelenvergnügt über die vielen Sol- 
daten. 

138 



Stettin, 14. September 1887. 

Das Korpsmanöver ist heute vollständig verregnet. 
Seit 7 Uhr goß es, um 9 Uhr regnete es, um 10 Uhr 
war Nebel und um 11 Uhr schien die Sonne I Der 
Kaiser fuhr nicht hinaus, schickte Graf Lehndorff 
und ließ Onkel Helmuth bitten, auch nicht hinaus- 
zufahren, da er sich leicht erkälten könne. Onkel Hel- 
muth, der nun einmal in Zug ist, war dies gar nicht 
recht, er wäre um 10 Uhr gerne hinausgefahren. So 
mußten wir aber zu Hause bleiben, machten eine 
Spazierfahrt durch die Stadt und dann nach der 
großen Schiffsbauanstalt Vulkan hinaus, die wir un- 
ter Leitung des Direktors sehr eingehend besichtig- 
ten. Sehr interessant, zwischen vier- und fünftausend 
Arbeiter. Eine Panzerkorvette, der Vollendung nahe, 
besichtigten wir innen und außen. 

Creisau, 29. Mai 1888. 

Ich habe mir eine Art Maleratelier aufgeschlagen 
und angefangen, eins von den Landschaftsstücken 
zu kopieren. Mein Cello kultiviere ich auch dabei, 
lebe also ganz in den Künsten. 

Generalstab Berlin, 16. Juni 1888. 

Um 10 Uhr fahren Onkel Helmuth und ich nach 
Potsdam, wo Onkel Helmuth sich bei dem jungen 
Kaiser melden will. — Nun sind wir wieder zurück 
aus Potsdam, und ich habe auch diesen toten Kai- 
ser gesehen wie den vorigen. — Wie verschieden 
aber war der Eindruck. Damals Friede und Ruhe, der 
Abschluß eines Lebens, das sich ausgelebt hat und 
still verrinnt, hier die Spuren eines schrecklichen 
Leidens, das mitten aus seiner vollsten Kraft hinaus 
einen Mann dahingerafft, der von der Natur bestimmt 

139 



schien, noch lange zu wirken. — Niemals würde ich 
diese eingefallenen Züge als die des Mannes wieder- 
erkannt haben, den ich zuletzt in blühender Kraft und 
Gesundheit gesehen hatte. Die Nase ganz scharf und 
hervortretend, die Augenhöhlen tief eingesunken, die 
Backenknochen vorspringend. Um den Mund deut- 
lich, trotz des Bartes erkennbar, zwischen den zu- 
sammengezogenen Augenbrauen ein Zug tiefsten 
Wehs, namenlosen Schmerzes. Etwas ganz Fremdes 
in dem gelblich blassen, abgemagerten Gesicht, aus 
dem der Schnurrbart fast struppig hervorstand. Die 
Haare auf der breiten Stirn dünn geworden, der Kinn- 
bart gräulich schattiert. Aus der ganzen Erscheinung 
sprach unheimlich, fast teuflisch triumphierend der 
Dämon der grausigen Krankheit. Dies tote Gesicht 
erzählte eine erschütternde Geschichte namenlos 
schmerzlichen Ringens mit dem Würgengel des To- 
des. — Es war, als ob dieser die sich sträubende 
menschliche Kraft unter die Füße getreten habe, bis 
sie aufstöhnend zerbrach, jammervoll, herzzerreißend. 
Die großen starken Hände bis auf die Knochen ab- 
gemagert, fast durchsichtig blaß, über der Brust ge- 
kreuzt, hielten seinen schweren Kürassierpallasch, der 
lang und blank über das Bett hinlag. Es sah aus, als 
ob er sein eigenes Richtschwert an die Brust drücke. 
Unter der Bettdecke zeichnete sich die lange starre 
Gestalt ab. — Ich kann nicht sagen, wie schmerzlich 
dies alles sich mir einprägte, welch namenloser Jam- 
mer aus dem allen sprach. — Wie furchtbar ist über 
den Zustand des armen Kaisers gelogen worden, 
denn nicht plötzlich und unvermutet ist das Ende an 
ihn herangetreten, das sieht man nur gar zu gut, lang- 
sam und allmählich, Schritt für Schritt, hat es ihn 
zu Tode gequält; und wenn er repräsentieren mußte 
und wenn es von ihm hieß: er hat eine gute Nacht 

140 



gehabt, so zählte er schlaflos die Schläge der Uhr, 
deren jeder, wie er verhallte, ihn um eine Spanne 
dem Ende näherbrachte, dem Ende namenloser Qual, 
das er, Gott allein weiß wie heiß ersehnt und erfleht 
haben mag. — Armer Kaiser, mit seiner Brust er- 
füllt von Plänen für die Ausübung einer Macht, auf 
die er warten mußte über die besten schaffensfreudi- 
gen Jahre hinaus, mit seinem warmen Herzen für 
das Wohl des Volkes, mit dem er gekämpft und ge- 
stritten in schwerer, doch so heldenhaft frischer, 
schöner Zeit, wie grausam ist sein Geschick gewesen. 
Ist es nicht, als ob er gebüßt habe für alle Sünden 
dieses Volkes, er, der reine, der ideal denkende Fürst! 
Kann die verhältnismäßig kurze Qual am Stamm 
des Kreuzes furchtbarer gewesen sein als dies mo- 
natlange Sterben, als dies grausam erzwungene Ver- 
zichtleisten auf alles, was Herz und Gemüt erfüllt, 
auf die vorbereitende Arbeit eines ganzen Lebens? 
Armer Kaiser, erschüttert bis ins tiefste Innere wen- 
den wir uns ab, wie eine schmerzliche Betäubung 
liegt es auf Kopf und Sinnen. — Ich weiß kaum, wie 
wir zurückgekommen sind, aber mitteilen mußte ich 
den Eindruck, den ich empfangen, und ich weiß, Du 
wirst mit mir fühlen. 

Generalstab Berlin, 17. Juni 1888. 

Heute um 1 Uhr hat Onkel Helmuth die General- 
stabsoffiziere vereidigt. — Den schönen Erlaß des 
jungen Kaisers an die Armee wirst Du in der Zei- 
tung gelesen haben. — Es weht jetzt in allem ein 
bedeutend anderer Wind. Der junge Kaiser ist in be- 
ständiger Tätigkeit, hat den ganzen Tag konferiert, 
Befehle erteilt, Unterschriften erledigt. Schon vor- 
gestern abend kam die erste Kabinettsorder mit der 
Unterschrift Imperator Rex zu uns. 

141 



Generalstab Berlin, 18. Juni 1888. 

Soeben kommen wir aus Potsdam zurück, wo wir 
den hochseligen Kaiser zur letzten Ruhestätte geleitet 
haben. — "Wie wir im Saale des Stadtschlosses wa- 
ren, kam Prinz Heinrich angefahren und suchte On- 
kel Helmuth auf, um ihm ein kleines Etui zu über- 
bringen, in dem die Orden en miniature lagen, die der 
Kaiser Friedrich zum Zivil zu tragen pflegte. Die ver- 
witwete Kaiserin Viktoria schickte dieselben als An- 
denken an Onkel Helmuth, und zwar hatte der junge 
Kaiser das Etui in der Tasche gehabt, um es selber 
an Onkel Helmuth zu geben, da er aber keine Ge- 
legenheit dazu gefunden hatte, schickte er den Prin- 
zen Heinrich auf die Suche hinter Onkel Helmuth her. 

Generalstab Berlin, 19. Juni 1888. 

Gott segne den jungen Herrn ! Dabei hatte er alle Pro- 
klamationen selbst geschrieben, keine fremde Feder 
darin, alle Vorschläge verworfen und die Sache selbst 
gemacht. 

Generalstab Berlin, 25. Juni 1888. 

Bei unserer Rückkehr gestern abend aus Ratzeburg 
fanden wir das Programm der feierlichen Eröffnung 
des Reichstages vor, die heute stattfinden soll. Onkel 
Helmuth war in demselben wie auch in dem Pro- 
gramm der Trauerfeierlichkeit überhaupt gar nicht er- 
wähnt. Er war mit Recht auf das tiefste gekränkt und 
erklärte im ersten Moment, sofort abreisen zu wollen, 
wollte seinen Abschied nehmen, sagte, er sei in den 
Skat gelegt usw. Alles ganz richtig. — Heute morgen 
hat er einen Brief an den diensttuenden Adjutanten 
geschrieben, worin er sagt: Da er als ältester Feld- 
marschall, Kanzler des Schwarzen Adlerordens usw. 
wohl hätte erwarten können, einen Platz im Gefolge 

142 



Sr. Majestät, und zwar zunächst hinter dem Reichs- 
kanzler zu finden, in dem Programm aber gar nicht 
erwähnt sei, es auch mit seiner militärischen Würde 
nicht vereinbar finde, als Abgeordneter zu erschei- 
nen, bäte er, Sr. Majestät zu melden, daß er von der 

Feier fernzubleiben sich gezwungen sähe. Die 

ganze Schuld trifft natürlich die Hofschranzen, die 
denken, laß den Alten laufen, und sich lieber den 
neuen Sternen zuwenden! Hoffentlich wird es ihnen 
etwas in die Bude regnen, und Onkel Helmuth in Zu- 
kunft, wenn dem Kaiser die Augen geöffnet worden 
sind, seiner Stellung entsprechend behandelt werden. 

Generalstab Berlin, 26. Juni 1888. 

Das war gestern ein sehr schöner, feierlicher Akt, 
dem wir mit beiwohnen durften. Um 12 Uhr fuhren 
wir, Onkel Helmuth, Goßler und ich, im offenen Wa- 
gen, begleitet von den ununterbrochenen Hurrarufen 
der dicht auf den Straßen stehenden Menschen nach 
dem Schloß, wo wir dem Gottesdienst in der Ka- 
pelle beiwohnten, eine sehr schöne Rede von Kögel 
hörten. Der gegebene Text war: Durch Gottes Gnade 
bin ich, was ich bin. Der Kaiser, der, zur Rechten den 
König von Sachsen, zur Linken den Regenten von 
Bayern, eintrat, sah sehr schön und würdevoll aus. 
Nach dem Gottesdienst versammelte sich die ganze 
Gesellschaft, der gesamte Reichstag im Weißen Saal, 
Bismarck, der die Mitglieder des Bundesrats wie 
eine Herde von Lämmern hereinführte, sah in sei- 
ner Kürassieruniform vortrefflich aus, das ganze 
Arrangement machte einen großartigen Eindruck. 
Das Hereinmarschieren einer Kompagnie der Schloß- 
garde im Tritt mit Gewehr auf, mit eingetretenen Of- 
fizieren mit gezogenem Degen, machte einen groß- 
artigen Eindruck. Der Thron mit großen Draperien 

143 



von gelbem Samt, die rotsamtene Estrade für die 
Kaiserin, die Sessel für die Fürsten rechts und links 
des Thrones, alles sehr feierlich. Wie alles versam- 
melt, ging Bismarck es dem Kaiser melden. Dann 
nahm der Hof seinen Eintritt. Erst Pagen in schwar- 
zen Eskarpins mit Trauerflor an den Knien, dann 
die Reichsinsignien. — Onkel Helmuth hatte einen 
besonderen Ehrenplatz erhalten, indem er ganz al- 
leine hinter den Insignienträgern und unmittelbar vor 
dem Kaiser ging. Er sah in dem großen roten Samt- 
mantel des Schwarzen Adlers sehr gut aus, mit sei- 
nem auf die Hüfte gestemmten Marschallstab. — Der 
Kaiser, wieder mit dem König von Sachsen und dem 
Prinzregenten zur Rechten und Linken, wie alle Rit- 
ter vom Schwarzen Adler, in langem wallenden Pur- 
purmantel, sah ungemein hoheitsvoll und tiefernst 
aus. Geradezu majestätisch, wie er mit sicherem 
Schritt auf den Hautpas des Thrones trat und die 
Versammlung mit feierlicher Neigung des Kopfes be- 
grüßte. — Dann, nachdem alles geordnet und Ruhe 
eingetreten war, hatte er wieder einen sehr schönen 
Moment, als der Kanzler ihm die Thronrede über- 
reichte, er dieselbe ergriff, mit einem energischen 
Ruck den Helm aufsetzte und den Mantel zurück- 
warf, um hochaufgerichtet den Blick über die lautlos 
harrende Versammlung gleiten zu lassen. Dann be- 
gann er zu lesen. Ich achtete genau darauf und sah, 
daß das Blatt in seiner Hand nicht zitterte. Dennoch 
war die Stimme zuerst umflort und undeutlich. Die 
Sätze kamen ruckweise und mühsam heraus, er war 
trotz der Totenstille kaum zu verstehen. Nach und 
nach aber hob sich das Organ, der Vortrag wurde 
fließend und wie er an die Stelle kam: Ich bin geson- 
nen, Frieden zu halten mit jedermann, so weit es an 
mir liegt, betonte er das Wort mir so laut und schön, 

144 



daß es wie ein elektrischer Funke durch alle Hörer 
fuhr, es lag soviel darin, das volle Bewußtsein der 
Herrscherkraft, es grollte gleichsam darin die Beteue- 
rung: aber wehe dem, der es wagen sollte, mir zu nahe 
zu treten, eine ungemeine Stärke und Sicherheit lag 
in dem einen Wort, so daß spontan alles in lauten 
begeisterten Beifallsruf ausbrach. — Die letzten Sätze 
der Rede sprach er mit schöner, durchdringender 
Stimme, jede Spur von Befangenheit war gewichen 
und er stand da, fest und stolz, der kraftvolle, selbst- 
bewußte Herrscher eines mächtigen Reiches. 

Du kannst Dir nicht denken, wie wohltuend das 
Gefühl war, einen jungen, kräftigen Kaiser zu haben, 
der weiß, was er will. — Es war ein schöner, groß- 
artiger Akt. — Nachher sprach beim Auseinander- 
gehen Bismarck Onkel Helmuth an, und beide saßen 
fast eine halbe Stunde lang nebeneinander in der 
sonst ganz leeren Bildergalerie, scheu von allen ge- 
mieden, die hereinkamen. Was sie verhandelt haben, 
weiß ich nicht, Onkel Helmuth ist stumm wie das 
Grab, ich glaube aber, daß Bismarck ihm auseinan- 
dergesetzt hat, daß er unmöglich seinen Abschied 
nehmen dürfe und Onkel Helmuth wird das wohl 
eingesehen haben, er ist heute still und feierlich. 

Generalstab Berlin, 27. Juni 1888. 

Gestern schickte der Kaiser durch den Oberstleut- 
nant v. B. seine außerordentlich gut gemachte Büste 
in Lebensgröße (Gips) an Onkel Helmuth mit einem 
eigenhändigen Schreiben, in dem er etwa folgendes 
sagte: Verehrter Feldmarschall! Zum Andenken an 
den gestrigen Tag (Eröffnung des Reichstags), den 
wir durch Ihre Taten im Siebziger Kriege als eine Er- 
rungenschaft derselben feiern durften, bitte ich Sie, 
Ihnen meine Büste überreichen zu dürfen, freilich 

Moltke. 10. 145 



vorerst nur in Gips, bis dieselbe in Erz fertiggestellt 
ist. In treuer Freundschaft Ihr wohlaffektionierter 
Wilhelm. — Die Büste ist von Schott gemacht und 
zeigt den Kaiser in Husaren-Uniform mit einem sehr 
schönen, ungemein kühnen Blick. 

Heute findet die Vereidigung des Kaisers auf die 
Verfassung statt, in derselben feierlichen Weise, wie 
die Eröffnung des Reichstages. 

In dem gedruckten Programm, das gestern ankam, 
ist Onkel Helmuth persönlich aufgeführt und ihm 
wieder der Platz unmittelbar vor dem Kaiser ange- 
wiesen. Bei der Gruppierung um den Thronsessel 
steht Onkel Helmuth auf dem Hautpas hinter dem 
Thron, ganz alleine, während alles andere rechts und 
links steht. — Es hat somit die wohltätigsten Folgen 
gehabt, daß er einmal die Zähne gezeigt hat, und 
wird das Hofmarschallamt ihn wohl so leicht nicht 
wieder vergessen. Wie ich nachträglich hörte, soll 
der Kaiser infolge Onkel Helmuths Brief ganz außer 
sich gewesen sein, er hatte gleich einen Flügeladju- 
tanten an Bismarck geschickt und fragen lassen, ob 
es wohl angängig sei, daß er Onkel Helmuth mit den 
Fürstlichkeiten zusammen gehen lassen könnte, wo- 
rauf B. geantwortet, ja wohl, das ginge sehr gut. — 
Onkel Helmuth aber hat im Schloß erklärt, nein, da 
gehöre er nicht hin und hat sich selber seinen Platz 
hinter den Kroninsignien vor dem Kaiser gewählt, 
der ihm denn auch heute offiziell wieder angewie- 
sen ist. 

Ganz Berlin, und wie es nach den Zeitungen scheint, 
so ziemlich das ganze Deutschland aller Parteifär- 
bungen, ist entzückt und begeistert von dem Auftre- 
ten des jungen Kaisers, alles atmet auf, wie von 
schwerem Druck befreit, und ein Gefühl der Ruhe 
und Sicherheit macht sich überall geltend. Auch das 

146 



Ausland hat ja die Thronrede sehr sympathisch auf- 
genommen, die ruhige Sicherheit und die vollbewußte 
Kraft derselben haben allseitig imponiert. 

C r e i s a u , 26. Juli 1888. 

So gern ich Dir auch den unverkürzten Genuß Deiner 
Ferien lassen möchte, muß ich Dich doch bitten, so 
bald wie möglich zurückzukommen. Die Sache geht 
hier nicht mehr ohne Dich. Onkel Helmuth wird, da 
Du ihn nicht mehr fütterst, von Tag zu Tag kümmer- 
licher, er ißt so gut wie gar nichts mehr und ist ent- 
setzlich Hypochonder. Um sich zu beschäftigen, ar- 
beitet er täglich fünf bis sechs Stunden im Busch 
und sinkt immer mehr zusammen. Der Whist en trois 
ist für alle Beteiligten geradezu vernichtend. Bitte 
telegraphiere mir, wann ich Dich erwarten kann. 

♦Generalstab Berlin, 28. Oktober 1888. 

Heute morgen hatte ich per Telephon anfragen las- 
sen, ob und wann sich Onkel Helmuth bei Sr. Maje- 
stät melden könne. Als Antwort kam zurück: Se. Ma- 
jestät bittet den Feldmarschall, um i l / 2 Uhr bei ihm 
zu frühstücken. — Ich wollte die Gelegenheit benut- 
zen, um mich gleich beim Kaiser zu melden, und fuhr 
daher im Paradeanzug mit. In Potsdam angekommen, 
fuhren wir quer durch den Lustgarten und nach dem 
Marmorpalais hinaus. Hier wurden wir in ein kleines 
Zimmer geführt und gebeten zu warten, da Se. Maje- 
stät noch Vortrag habe. Nach einer kleinen Weile 
kam die Kaiserin ganz alleine ohne Damen hinein, 
sagte Onkel Helmuth sehr freundlich Guten Tag und 
setzte sich mit ihm hin. Es begann nun eine etwas 
stockende Konversation, die Kaiserin ein wenig ver- 
legen, was ihr reizend stand, sehr liebenswürdig und 

* Major im Generalstab. 

147 



herzlich, und wenn sie spricht, mit einem außerordent- 
lich gewinnenden Zug im Gesicht. Sie sieht sehr gut 
aus, sehr wohl und frisch. Sie hat sehr schöne Hände, 
und ihre Bewegungen sind alle voll Grazie und An- 
mut. Sie fragte gleich nach Dir und den Kindern und 
plauderte, nachdem die erste Verlegenheit überwun- 
den, sehr hübsch und harmlos. 

Dann kam der Kaiser, der erst Onkel Helmuth be- 
grüßte und dann auf mich zukam, der ich mich in 
eine Ecke gedrückt hatte. Ich sprang ihm nun sofort 
mit meiner Meldung ins Gesicht, meldete mich : »Durch 
Ew. Majestät Gnade zum Major befördert«, wobei er 
mich während der ganzen Zeit an der Hand hielt. — 
Dann sagte er: »Mein Gott, Sie sind auch schon Ma- 
jor? Man wird alt, wenn ich denke, wie ich Sie noch 
als ganz jungen Dachs beim Regiment gekannt habe. 
Na, ich gratuliere Ihnen.« Wir gingen dann gleich zu 
Tisch. Die Tafel war in einem kleinen Saal serviert, 
dessen offenstehende Flügeltüren über eine Terrasse 
hinweg einen herrlichen Blick über den tiefblauen 
See und das gegenüberliegende Ufer gewährten. Es 
war prachtvolles Wetter, warm, windstill und ganz 
heller Sonnenschein. — Der Kaiser saß mit dem Ge- 
sicht nach der offenen Tür, die Kaiserin ihm gegen- 
über, rechts vom Kaiser die Gräfin Brockdorff, dann 
ich. Links die Gräfin Keller, dann Bissing. Onkel Hel- 
muth links von der Kaiserin, rechts von ihr der Oberst 
v. Villaume, Militärattache in Petersburg, der mit uns 
gekommen war. Dann Lyncker und auf der anderen 
Seite der Flügeladjutant Sr. Majestät v. Scholl. Das 
war die ganze Tafelrunde. Der Kaiser war sehr leb- 
haft und angeregt, sprach viel. Er sieht sehr gut aus. 
Das Gesicht ist markierter geworden und männlicher, 
die großen blauen Augen noch größer wie früher. 
Gegen Ende des Menüs sagt die Kaiserin: »Du, Wil- 

148 



heim, die Jungens könnten wohl kommen und dem 
Feldmarschall Guten Tag sagen.« »Ja, natürlich«, er- 
widert der Kaiser. Dann zu mir: »Sagen Sie mal, Ju- 
lius, der Feldmarschall hat doch eine Mütze mit?« »Ja- 
wohl.« — Sie wird gebracht; wir stehen auf und gehen 
auf die Terrasse, wo ein Tischchen mit Zigarren hin- 
gesetzt und der Kaffee serviert wird. — Dann kom- 
men die Jungens! Vier an der Zahl. Die drei ältesten 
in Samtanzügen mit kleinen Helmen mit Haarbüschen 
auf. Baby Wilhelm August im weißen Kleidchen und 
nackten Beinen. Reizende gesunde Kinder, die uns 
allen die Hand geben und sich dann sofort um On- 
kel Helmuth gruppieren. Der Älteste hat ganz die Au- 
gen des Vaters, ein feines Gesichtchen, etwas blaß; 
der zweite mit seinem Lockenkopf ist hübscher, 
ebenso der dritte, das Prachtstück aber Nr. 4, der von 
seinen Brüdern sehr verzogen wird. Mama findet, daß 
es für seine übrigens strammen Beinchen zu kalt sei, 
und sofort entsteht ein Wettrennen nach Hut und 
Mantel für Baby, aus dem der Älteste als Sieger her- 
vorgeht und sehr stolz mit beiden Sachen antritt, noch 
ganz außer Atem. Baby wird nun von der Mama an- 
gezogen, die Brüder wollen zuknöpfen, er wird um- 
gestoßen, fällt auf die Nase, macht ein schiefes Mäul- 
chen, wird aber sofort von den Brüdern wieder auf 
die Beine gestellt, abgeklopft und getröstet. Dabei ist 
weder eine Kinderfrau, noch irgendein dienstbarer 
Geist zu sehen. Die Jungens sind ganz mit ihren El- 
tern allein. — Der Kaiser steht mit der Zigarre im 
Munde lachenden Gesichts dabei und freut sich rie- 
sig über die Rangen! Es ist eine reizende Familien- 
szene. — Plötzlich stürmt die ganze Gesellschaft auf 
den Kaiser ein: »Papa, dürfen wir unsere Gewehre 
holen?« Die Erlaubnis wird gegeben, und nun kom- 
men sie mit feierlichem Ernst und Gewehr auf im 

149 



Reihenmarsch an. Baby hat noch kein Gewehr und 
versucht, ohne dies Tritt zu halten, wird aber von den 
Brüdern als Posten zur Seite gestellt, wodurch er 
unschädlich gemacht wird. Nun läßt Onkel Helmuth 
die drei Ältesten antreten und Wendungen machen, 
die gewissenhaft ausgeführt werden, dann marschie- 
ren sie unter dem Kommando von Bissing, der als 
Kavallerist Kavalleriekommandos abgibt und dafür 
von dem kleinen Kronprinzen rektifiziert wird. Dann 
wird Wache gemacht und an den Kaiser die Auffor- 
derung gerichtet: »Papa, geh' einmal vorbei, damit 
wir heraustreten können.« Schließlich wird Villaume 
arretiert, einer geht vorne, einer hinten mit gespann- 
tem Gewehr. Er reißt aus, die beiden hinterher, er 
wird am Kopf verwundet (natürlich fingiert) und muß 
sich mit seinem Taschentuch verbinden. Dann wird 
er an die Wand gestellt und zwei Stühle vor ihm, so 
ist er im Schilderhaus gefangen. »Du darfst als Ge- 
fangener nicht rauchen«, sagt Nr. i, er muß seine Zi- 
garette wegwerfen. — Die Kaiserin sieht mit seligem 
Lächeln auf ihre hübschen Kinder, deren Wangen 
glühen und deren Augen vor Vergnügen strahlen. — 
So geht die Zeit hin, bis ich plötzlich sehe, wie mir 
ein Lakai energisch zuwinkt. Es ist Zeit abzufahren. 
Ich avertiere Onkel Helmuth, der nicht weg will, bis 
ihm der Kaiser zu Hilfe kommt und ihm Adieu sagt. 
»Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie her- 
ausgekommen sind.« Mir gibt er wenigstens dreimal 
die Hand : »Adieu, lieber Julius, grüßen Sie Ihre Frau 
schön.« Auch die Kaiserin gibt mir die Hand und sagt 
mir dasselbe: »Grüßen Sie Ihre Frau herzlich.« — On- 
kel Helmuth ist in heiterster Dejeunerstimmung, hält 
Frl. v. Gersdorff für die Kaiserin, will ihr die Hand 
küssen und fragt dann: »Wo ist die Prinzeß?« Dabei 
steht die Kaiserin einen Schritt hinter ihm und sagt: 

150 



»Hier bin ich.« — Das tut aber alles nichts, alles wird 
harmlos genommen, und wir ziehen ab. — Der Lakai 
ist in allen Zuständen, denn der Zug geht in zehn Mi- 
nuten. Ich versuche Onkel Helmuth zu etwas größe- 
rer Eile zu veranlassen, aber er fängt auf dem Vesti- 
bül noch eine längere Konversation mit Maj or v. Scholl 
an, steckt sich seine Zigarre wieder an und erklärt, 
wir haben noch lange Zeit. Endlich kommen wir in 
den Wagen, der nun wie rasend mit uns abfährt. Wir 
müssen durch ganz Potsdam durch, wie wir an den 
Lustgarten kommen, haben wir noch zwei Minuten. 
Ich rufe es dem Kutscher zu, und Onkel Helmuth er- 
klärt mit größter Gemütsruhe: »Wir kommen sicher 
zu spät.« — Der Zug will gerade abfahren, wie wir vor 
dem Perron halten. Onkel Helmuth wird erkannt, die 
königliche Equipage war schon gesehen worden, und 
es wird, da alle Coup6s voll sind, noch ein Wagen 
angehängt, in den wir steigen. Kaum sitzen wir, so 
geht es los, und Onkel Helmuth meint: »Das haben 
wir gerade richtig abgepaßt!« 

Generalstab Berlin, 12. August 1889. 

Um 5 Uhr fuhren wir, Onkel Helmuth und ich, mit 
Graf Waldersee nach dem Tiergarten-Bahnhof, wo 
bald nach uns der Kaiser ankam in österreichischer 
Uniform, die ihn gar nicht kleidet. Er sieht geradezu 
schlecht darin aus, sonst sehr blühend, ganz braun 
und verbrannt, außerordentlich gesund. Er begrüßte 
Onkel Helmuth, der sich bei ihm meldete, sehr herz- 
lich und sprach lange mit ihm. Prinz Heinrich war 
auch da. Dann kam der Kaiser von Österreich, sehr 
gut aussehend, mit blühender Gesichtsfarbe und ele- 
ganter Figur, der Herzog von Este ebenfalls ausge- 
zeichnet aussehend. Wir fuhren dann unter den üb- 
lichen Hurras die Linden hinauf bis zum Schloß, 

151 



wo Onkel Helmuth sich einschrieb. — Heute abend 
sollen wir zum Zapfenstreich, morgen um 7 Uhr zum 
Diner, übermorgen nach Babelsberg. 

Generalstab Berlin, i3.August 1889» 

Wir waren gestern abend im Schloß zum Zapfen- 
streich, der wunderhübsch war und in allen seinen 
Teilen außerordentlich glückte. Der Kaiser von Öster- 
reich sagte Onkel Helmuth, daß er ihn zum Chef des 
71. Regiments (österr.) gemacht habe. Ich stand zu 
weit, um genau verstehen zu können, hörte aber, daß 
von Regiment pp. die Rede war, und sah auch, daß 
Onkel Helmuth eine seiner zweifelhaften Verbeugun- 
gen machte, die er immer macht, wenn er nicht recht 
verstanden hat. Der Kaiser von Österreich stand eine 
Weile mit etwas verlegenem Gesicht vor ihm und 
ging dann weg. Ich fragte nun Onkel Helmuth, ob 
ihm nicht der Kaiser ein Regiment verliehen habe, 
und er antwortete mir ganz gleichgültig: »Jawohl.« — 
»Welches denn?« »Ja, das hab' ich nicht verstanden.« 
Ich erkundige mich also bei dem österreichischen 
Flügeladjutanten, und er sagt mir, es ist das 71. Re- 
giment, ein sehr schönes ungarisches Regiment. Der 
österreichische Militärbevollmächtigte geht nun zu 
Onkel Helmuth und gratuliert ihm und sagt, er freue 
sich so sehr, Onkel Helmuth nun als Mitglied der 
österreichischen Armee begrüßen zu können. Onkel 
Helmuth sieht ihn ganz wild an und sagt: »Was mei- 
nen Sie?« Er wiederholt es. Onkel Helmuth steht auf 
und sagt: »Mich? Wie meinen Sie das?« Steininger 
sagt: »Exzellenz, Se. Majestät der Kaiser hat Ihnen 
doch das 71. Regiment verliehen.« — »Mir? Denkt gar 
nicht dran.« — Schließlich kommt es heraus, daß er 
verstanden hat, der Kaiser von Österreich habe ihm 
erzählt, daß er unserem Kaiser ein Regiment ver- 

152 



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Helmuth von Moltkc 
1389 



liehen habe. Onkel Helmuth ist nun ziemlich ver- 
zweifelt, daß er kein Wort des Dankes gesagt hat. 
Ich bitte Graf Wedell, es dem Kaiser mitzuteilen, daß 
der Feldmarschall ihn mißverstanden habe und daß 
er bitte, seinen Dank noch nachträglich zu Füßen 
Sr. Majestät legen zu dürfen. Dies geschieht denn 
auch. Der Kaiser steht noch einmal auf und geht zu 
Onkel Helmuth hin, der sich nun gebührend bedankt. 
Von dem Kaiser ist dieser Akt der Gnade gegen sei- 
nen alten Gegner und Besieger wirklich großartig, 
um so mehr, da es ein in Österreich sehr seltener 
Fall ist, daß ein Ausländer und nicht Prinz ein Re- 
giment bekommt. — Die österreichischen Herren, die 
alle einen sehr angenehmen Eindruck machen, sind 
voll Kampflust. Bismarck soll dagegen aus allen Ton- 
arten die Friedensschalmei blasen. Er war auch mit 
zum Empfang, sah aber blaß und elend aus. 

Generalstab Berlin, i8.November 1889. 

Ich bin heute um 11 Uhr mit Onkel Helmuth im 
Exerzierhause des 2. Garde-Regiments bei der Ver- 
eidigung der Rekruten der Berliner Garnison zugegen 
gewesen, bei welcher Gelegenheit Onkel Helmuth 
sich bei dem Kaiser meldete. — Es war ein ganz 
feierlicher Akt. Das Exerzierhaus mit Fahnen und 
Schilden geschmückt, in der Mitte unter einem Pur- 
purbaldachin ein Feldaltar aufgeschlagen, von dem 
aus erst der protestantische, dann der katholische 
Garnisonspfarrer eine Ansprache hielt. — Sämtliche 
Generale der Garnison und alle Fahnen waren zu- 
gegen. Der Kaiser sah sehr frisch und gut aus. — 
Einen Nachgeschmack unserer zerrissenen politi- 
schen Verhältnisse bekam man bei Verlesung der ver- 
schiedenen Eidesformeln. Da schwuren erst die preu- 
ßischen Untertanen a) evangelischer, b) katholischer 

153 



Religion. Dann die Braunschweiger, dann die Würt- 
temberger, dann die Untertanen der übrigen kleinen 
Bundesstaaten, zuletzt die Elsaß-Lothringer, alle ihren 
besonderen Eid! 

Generalstab Berlin, 24. November 1889. 

Gestern haben wir eine recht mäßige Aufführung 
des Lohengrin gehört. E. mit zuletzt gänzlich versa- 
gender Stimme als Lohengrin und eine Frau P., die 
ich nach ihrer entsetzlichen Aussprache als Englän- 
derin oder Amerikanerin taxiere, gab die Elsa. — Es 
war jammervoll. Diese Dame hatte einen riesigen 
Mund, den sie beim Singen so weit aufriß, daß man 
ihr mit dem Opernglas über eine gewaltige Zunge 
hinweg bis hinten in den Gaumen sehen konnte. 
Gleich wie sie anfing: »Mein armer Bruder!« schnappte 
ihr der Ton über, in allen Bewegungen war sie un- 
graziös, maniriert unnatürlich und unschön, von dem 
Wesen der Rolle hatte sie keine Ahnung, es war wirk- 
lich schrecklich. Das Orchester bald schleppend, bald 
in solcher Stärke, daß man von dem Gesang auf der 
Bühne gar nichts hörte, nur das Auf- und Zuklappen 
von Elsas riesigem Mund sah, wenn sie nicht gerade 
in Momenten der Erregung, die sie dadurch veran- 
schaulichte, daß sie mit dem ganzen Kopf zwischen 
den hochgezogenen Schulterblättern verschwand, so 
daß man nur eine rote Perücke mehr sah, dem Pu- 
blikum auch diesen Genuß entzog. Nein, unsere Oper 
ist wirklich geradezu haarsträubend miserabel. 

Generalstab Berlin, 27. November 188g. 

Onkel Helmuth und ich fahren morgen nach Prutz. 
— Wir haben jetzt eine recht interessante Lektüre, 
die Errichtung des deutschen Kaisertums durch Wil- 
helm I. von Heinrich von Sybel. Hübsch und in- 

154 



teressant geschrieben und aus den Staatsarchiven zu- 
sammengestellt. 

Kiel, Königliches Schloß, 3. April 1891. 

Heute morgen um 10 Uhr war Parade der Ma- 
trosen-Division und des Seebataillons sowie eines Ba- 
taillons 85er. Nach dem Parademarsch versammelte 
der Kaiser die Offiziere und sprach seine Anerken- 
nung über die Parade aus. Dann fuhr er etwa fol- 
gendermaßen fort: »Ich habe beschlossen, der Ma- 
rine einen neuen Beweis meines Wohlwollens zu ge- 
ben, um dieselbe zu ehren und um ihr einen neuen 
Ansporn zu verleihen zu immer erneutem Streben 
und nicht ermattender Tätigkeit und Arbeit. Der Ge- 
neralfeldmarschall Graf von Moltke hat von jeher ein 
lebhaftes Interesse der Marine entgegengebracht, und 
der gewaltige Heerführer hat es nicht verschmäht, 
unserer wenig zahlreichen und noch im Entstehen 
begriffenen Flotte immer wieder sein Wohlwollen 
und seine Sympathie zu zeigen. Um die Marine zu 
ehren, indem ich Se. Exzellenz den Herrn Feldmar- 
schall in eine noch nähere Beziehung zu derselben 
bringe, stelle ich Se. Exzellenz hiermit ä la suite des 
1. Seebataillons, und ich bitte Ew. Exzellenz, Ihre Be- 
fehle für das Bataillon erteilen zu wollen.« — On- 
kel Helmuth war sehr überrascht, hatte aber glück- 
licherweise, da er neben dem Kaiser stand, verstan- 
den, was er sagte, und machte seine Sache sehr gut. 
Das Bataillon präsentierte, Onkel Helmuth ließ sich 
das Offizierkorps vorstellen und ging die Front ab, 
dann ging er auf den Kaiser zu und dankte ihm für 
den neuen Beweis seiner Gnade. Hierauf trat der Chef 
der Admiralität, Admiral Goltz, vor die Front und 
teilte dem Bataillon mit schallender Stimme mit, was 
geschehen, schloß mit einem Hoch auf den Kaiser, 

155 



in das alle, auch das zu Hunderten auf den Dächern 
und in den Fenstern der umliegenden Häuser ge^ 
drängte Publikum (die Parade fand auf dem Kaser- 
nenhof der Marine statt) einstimmte. Dann folgte ein 
Gefechtsexerzieren einer Matrosen-Kompagnie mit 
Platzpatronen, was in dem von hohen Kasernen um- 
gebenen Hof gewaltig knallte, und schließlich ein 
Frühstück im Marinekasino, bei dem der Kaiser eine 
lange Rede hielt. Der Admiral Goltz ließ dann Onkel 
Helmuth leben, indem er an ein Wort desselben er- 
innerte, das er gelegentlich der Anlage der Kieler 
Hafenbefestigungen gesprochen habe: »Sie sollen 
hinausfliegen, meine Herrn, damit Sie dies können, 
bauen wir Ihnen ein sicheres Nest, in das Sie zurück- 
kehren können.« — Wir saßen gegen zwei Stunden 
bei Tisch, worauf wir ins Schloß zurückfuhren. Nach- 
mittags versuchte Onkel Helmuth mit mir einen Spa- 
ziergang auf der vom Schloß am Hafen hinlaufenden 
Promenade, mußte denselben aber sehr bald wieder 
aufgeben, vertrieben von dem schneidenden Ostwind 
und den in Haufen uns folgenden Neugierigen. 

Onkel Helmuth befindet sich sehr wohl. Er ißt mit 
einem riesigen Appetit und hat Interesse für alles. 

Kiel, Königliches Schloß, 7. April 1891. 

Gestern haben wir, leider bei schlechtem Wetter, 
kaltem Wind und anhaltendem, wenn auch nicht star- 
kem Regen eine Tour nach dem im Bau befindlichen 
Nord-Ostsee-Kanal unternommen. Zunächst fuhren 
wir per Wagen nach einem kleinen, in der Nähe von 
Holtenau belegenen Ort, wo drei kleine Dampfer be- 
reit lagen, uns aufzunehmen. Der Kaiser kam fünf 
Minuten nach uns an. Onkel Helmuth war in der Uni- 
form des Seebataillons. — Wir schifften uns ein und 
fuhren zunächst auf dem alten Eider-Kanal los. Voran 

156 






ein kleiner Polizeidampfer, dann die Dampfbarkasse 
mit Sr. Majestät, dem Prinzen Heinrich, dem Chef 
der Admiralität Goltz und dem Staatsminister v. Böt- 
ticher, der zu dieser Fahrt von Berlin gekommen war. 
Dann folgten wir anderen auf einer größeren Dampf- 
barkasse. — Der alte Eider-Kanal, der vor etwa hun- 
dert Jahren von der dänischen Regierung gebaut 
worden ist, ist in seiner Weise ein recht großartiges 
Werk. Wenn man bedenkt, daß damals ohne Hilfe 
der Maschinen der Jetztzeit gearbeitet werden mußte, 
daß die ganze zum Teil bedeutende Erdbewegung 
nur mit dem Spaten und der Schubkarre, nur mit 
Menschenhänden zustandegebracht worden ist, so 
kann man wohl sagen, daß diese Arbeit, mit dem 
Maße ihrer Zeit und ihrer Verhältnisse gemessen, der 
jetzt von uns unternommenen nicht viel nachsteht. 
— Der alte Kanal folgt meist dem Lauf der Eider, die 
ausgegraben und vertieft, an vielen Stellen auch ge- 
rade gelegt worden ist. Er steigt mit drei Schleusen 
über die Wasserscheide und bietet nur kleineren 
Küstenfahrzeugen die Möglichkeit der Passage. Er 
ist vielfach gewunden und gekrümmt und vermeidet 
möglichst das Durchschneiden bedeutender Boden- 
hebungen. 

Der neue Kanal folgt zum Teil seinem Zug, schnei- 
det aber überall die Krümmungen ab und stellt sich 
dar als eine ziemlich gerade, im ganzen etwas gegen 
Norden gekrümmte Linie. Er beginnt bei Holtenau 
im Kieler Hafen und mündet in der Nähe von Bruns- 
büttel in den Unterlauf der Elbe. 

Die Arbeit ist sehr verschieden vorgeschritten, ein- 
zelne Strecken sind ganz fertig, andere erst eben be- 
gonnen. Der Kanal bekommt eine obere Breite von 
fünfundneunzig Metern, also hundert Schritten, so 
daß überall zwei Schiffe einander begegnen und vor- 

157 



beipassieren können. Es ist eine ganz gewaltige Ar- 
beit, die zurzeit siebentausend Arbeiter und eine 
Unzahl von Maschinen, hauptsächlich Grund- und 
Trockenbagger, beschäftigt. Sehr interessant ist eine 
Strecke, wo der Kanal ein flüssiges Moor durch- 
schneidet. Da hier die Böschungen bei einfachem 
Ausstechen immer wieder nachsinken und die Tiefe 
wieder füllen würden, werden zunächst auf beiden 
Seiten in der Breite des projektierten Ausstichs ge- 
waltige Sand- und Kiesdämme geschüttet. Das Ma- 
terial wird von anderen Stellen entnommen, wo 
durch hohes Land durchgestochen wird. Beiderseits 
sind provisorische Eisenbahnschienen gelegt, auf de- 
nen mit kleinen Lokomotiven der ausgehobene Bo- 
den angefahren wird. Der Ausstich erfolgt meistens 
mit Trockenbaggern, die den Boden ausheben und 
direkt in die Eisenbahnloris schütten. Ist ein Wag- 
gon vollgeladen, schiebt sich der ganze Bagger, der 
ebenfalls auf Schienen geht, um einen Wagen wei- 
ter und ladet so einen Zug von zwanzig Wagen in 
etwa zehn Minuten voll. Der Zug fährt nun bis da- 
hin, wo der Damm geschüttet werden soll, worauf 
alle Wagen an der Seite geöffnet und umgestürzt 
werden. Der auf diese Weise gebildete Damm sinkt 
in das flüssige Moor ein, das sich zwischen den bei- 
den Dämmen vollständig heraushebt, von dem Druck 
derselben, und dann wird zwischen den so erst ge- 
schütteten Dämmen der eigentliche Kanal ausge- 
stochen, dessen Ufer nun stehen. — An einer an- 
deren Stelle sahen wir einen sogenannten Spritz- 
bagger. Der arbeitet folgendermaßen: Er hebt vom 
Grunde unter Wasser den Boden aus, bringt ihn nach 
oben, wo er durch dieselbe Maschine, die gleichzeitig 
ein Wasserpumpwerk bewegt, mit Wasser zu einem 
ganz dünnen Brei gemischt wird, der dann wiederum 

158 



durch eine Leitung auf ein abseits gelegenes sump- 
figes Terrain abfließt. Das Wasser staut sich hier 
auf, setzt den mitgeführten Boden ab und fließt sei- 
nerseits über ein Wehr wieder ab. Auf diese Weise 
wird nicht nur der Transport des ausgehobenen Ma- 
terials erspart, sondern gleichzeitig ein nicht benutz- 
bares Stück Land in guten kulturfähigen Boden um- 
geschaffen. — Ich mußte bei allen diesen großarti- 
gen Arbeiten an den zweiten Teil des »Faust« den- 
ken. — Wieder an einer anderen Stelle sah man von 
der Böschung einer durchstochenen Bodenwelle auf 
ein Stück ausgehobenen Kanal, der noch trocken lag, 
wie in ein tiefes Tal hinab. Ameisenartig arbeiteten 
die Menschen da unten, keuchten und pfiffen die 
Lokomotiven und ächzten die Trockenbagger. — Alle 
diese Bagger sind groß wie Häuser, und alle natür- 
lich arbeiten mit Dampf kraft. — Sieben Millionen Ku- 
bikmeter Erde sind etwa zu bewegen. — Die ganze 
Strecke ist in sogenannte Lose eingeteilt, die an Un- 
ternehmer vergeben sind. Einer derselben hat allein 
vier Millionen Mark in Arbeitsmaterial stecken. Jedes 
Los steht unter einem Baubeamten, der die Arbeiten 
kontrolliert und leitet. Für die Arbeiter sind Baracken 
aus Wellblech gebaut, kleine, einzeln liegende Häus- 
chen mit je zwei Zimmern, hell und freundlich. Die 
Verpflegung dieser Armee von Arbeitern wird von 
der Kanal-Bauinspektion geleitet. Der Mann hat Woh- 
nung, Morgenkaffee und Mittagsbrot für 60 Pfennig 
täglich, er bekommt 3 Mark Lohn, so daß er also täg- 
lich nach Bezahlung seiner Bedürfnisse 2,40 Mark er- 
übrigen kann. — Natürlich mußten wir, um all dies 
zu sehen, wiederholt aus- und wieder einsteigen, was 
bei dem feinen Regen, der anfing zu fallen, nicht ge- 
rade angenehm war. — Onkel Helmuth hat aber alles 
sehr gut überstanden und ist ganz wohl. 

159 



Bei der Stadt Rendsburg gingen wir durch die 
Schleuse des alten Eider-Kanals, die an beiden Sei- 
ten von Hunderten von Menschen besetzt war, und 
fuhren noch ein ganzes Stück auf die Untereider hin- 
aus, drehten dann um und kamen um 5 Uhr in den 
auf dem Rendsburger Bahnhof bereitstehenden kai- 
serlichen Sonderzug, der uns nach Kiel zurückführte. 
— Heute morgen waren Onkel Helmuth und ich beim 
I. Seebataillon, wo er die Kaserne besichtigte und 
mit dem Offizierkorps frühstückte, auch ließ er sich 
mit den Herren zusammen photographieren, zu de- 
ren größter Freude. — Dann fuhren wir spazieren 
und kamen um 1 Uhr zum Frühstück ins Schloß zu- 
rück. Nach demselben waren wir auf der »Moltke«, die 
heute morgen in Dienst gestellt wurde, wo wir ein- 
gehend das ganze Schiff besichtigten, das in drei Ta- 
gen in See gehen soll. — Es ist ein schönes stolzes 
Schiff mit 3 Masten und 2 Schrauben, ganz weiß ge- 
strichen, führt 12 schwere Geschütze und 430 Mann 
Besatzung. Unter dem Bugsprit ist Onkel Helmuths 
Kopf in riesiger Größe angebracht und die Mann- 
schaft trägt den Namen »Moltke« auf der Mütze. 

♦Neues Palais, 15. Mai 1891. 

Der Kaiser war sehr gnädig und gütig gegen mich, 
ich mußte ihm noch viel von Onkel Helmuth er- 
zählen. Ebenso die Kaiserin. 

Berlin, 7. November i8gi. 

Um 5 Uhr hatte der Kaiser sich bei dem Reichs- 
kanzler zu Tisch angesagt, und wir fuhren um 4 1 / i Uhr 
mit Sonderzug nach Berlin. Ich aß zum erstenmal in 
den Räumen, in denen mir noch der Geist des ge- 
waltigen Vorgängers zu wehen schien. Was haben 

* Diensttuender Flügeladjutant S. M. des Kaisers. 
l60 



diese Zimmer alles erlebt! Auch dem Kaiser kamen 
die Erinnerungen mächtig herauf und wie wir weg- 
fuhren, sprach er sich mir gegenüber wieder einmal 
mit großer Offenheit aus, voll Bitterkeit und rechtem 
Herzenskummer über die trüben Erfahrungen, die er 
mit krassem Undank gemacht hat. Er tat mir so leid, 
denn kaum jemand versteht es, wie tief ihn das Zer- 
würfnis mit Bismarck berührt und wie innerlich er 
den Bruch empfindet. 

Wartburg, 23. April 1892. 

Der Großherzog hat die Burg, die arg zerfallen war, 
mit großer Pietät restaurieren lassen. Alles was zu er- 
halten war, ist erhalten und das Neue genau nach 
den alten Meistern angefügt. Man glaubt mitten in 
das Mittelalter hineinzutreten, wenn man das nied- 
rig gewölbte Tor durchschritten hat und nun auf den, 
von gewachsenem Fels gebildeten Burghof tritt. — 
So stand die Burg da, wie unter der Regierung des 
Landgrafen Philipp und der heiligen Elisabeth die 
Minnesänger aus allen deutschen Gauen zu ihr hin- 
aufzogen, um in dem Festsaal den Sängerkrieg mit 
Sang und Harfenspiel auszufechten. Das sind die 
Schwellen, die Heinrich von Ofterdingen, Hartmann 
von der Aue, Walther von der Vogelweide und Tann- 
häuser überschritten, das ist derselbe Saal, in dem 
ihre Weisen ertönten und Widerhall weckten, so 
weit die deutsche Zunge klang. — Dies ist das Frauen- 
gemach, in dem die heilige Elisabeth lebte, da steht 
die alte Truhe, in der sie das Brot und den Wein für 
ihre Armen aufbewahrte, das sich in ihrem Korbe in 
Rosen verwandelte, als der Gemahl sie wegen ihrer 
verschwenderischen Milde hart anließ. Noch tragen 
dieselben Säulen die Wölbungen, die sich damals 
über ihr wölbten, und auf dem zerschlissenen Est- 

Moltlce. 11. l6l 



rieh hat ihr Fuß gewandelt. — Leider reicht meine 
Zeit nicht aus, um alles zu schildern. Der Großherzog 
sagte mir aber gestern: »Sagen Sie Ihrer Frau Ge- 
mahlin, ich lüde sie ein, mit Ihnen zusammen mich 
auf der Wartburg zu besuchen. Grüßen Sie sie sehr 
von mir.« 

Weimar, 10. Oktober 1892. 

Die wenigen freien Stunden, die mir blieben, habe 
ich benutzt, um mir das Goethe-Haus und die von 
ihm eingerichtete Bibliothek anzusehen. Das Sterbe- 
zimmer, ein kleiner, nach dem Garten zu belegener 
Raum, in dem ein Bett mit groben Laken, der vor 
dem stehende Lehnstuhl, in dem Goethe starb, sein 
ganz kleiner Waschtisch mit einfachster Wasch- 
schüssel und einem braunen irdenen Wassergefäß 
stehen, ist völlig so erhalten, wie es war. Ein feier- 
liches Gefühl überkommt einen, wenn man in dieses 
Kämmerchen eintritt, in dem nicht einmal ein Ofen 
steht, und dies schmucklose, fast ärmliche Zimmer 
betrachtet, in dem einer der größten Geister sich von 
der irdischen Hülle loslöste. Das danebenliegende Ar- 
beitszimmer zeigt dieselbe Einfachheit. Steife grad- 
linige Möbel ohne jede Verzierung, ohne jeden Kom- 
fort. Die reichbelebte geistige Welt, in der er lebte,, 
ließ ihn wohl keinen Wert auf die Äußerlichkeiten 
legen. Gerne hätte ich stundenlang in diesen Räumen: 
geweilt, in denen alle von ihm angelegten und selbst 
geordneten Sammlungen aufbewahrt werden, aber die 
Zeit war knapp bemessen, und ich mußte mich mit 
flüchtigem Durchwandern begnügen. 

Berlin, 15. Dezember 1892.. 

Daß Du offenen Sinn hast für die schönen alten 
Erinnerungen, an denen Weimar so reich ist, weiß* 

162 



ich ja und kann mir Dein heiliges Gruseln vorstellen, 
mit dem Du die Stätten betrittst, über denen noch ein 
Hauch der großen Geister schwebt, die dort gelebt 
und — wie Du meinst — gelitten haben. Gewiß haben 
sie gelitten, wie hätten sie sonst so Großes schaffen 
können. — Wie der Mensch mit Schmerzen geboren 
wird, so gehen auch seine besten geistigen Schöp- 
fungen aus Leid und Schmerz hervor, und was er 
selber durchlitten hat, wird zur Wohltat für die Mit- 
menschen. — Die äußere Umgebung dieser Geistes- 
heroen war schlicht und einfach, sie bauten sich ihre 
Tempel im Inneren, der Mann, der einen »Faust« 
empfinden und ausdrücken konnte, ist auch nicht 
vorstellbar inmitten der Bequemlichkeiten unseres 
modernen Lebens. 

KABINETTSORDER. 

Ich habe Sie heute zum Oberstleutnant befördert und gereicht 
es Mir zum Vergnügen, Ihnen dies hierdurch bekanntzumachen. 

Berlin, den 27. Januar 1893. 

Wilhelm R. 
An Meinen diensttuenden Flügeladjutanten, Major v. Moltke. 

KABINETTSORDER. 

Ich ernenne Sie hierdurch zum Kommandeur der Schloßgarde- 
Kompagnie. 

Potsdam, den 9. Februar 1893. 

Wilhelm R. 
An Meinen Flügeladjutanten, Oberstleutnant v. Moltke. 

Schloß Urville, 3. September 1893. 

Wir haben eine vollgepfropfte Zeit hinter uns, und 
es wird ja noch vierzehn Tage so weitergehen. — Die 
Beleuchtung des Rheins in Koblenz am 1. September 
war wunderbar schön. — Von Trier haben wir nicht 
viel gesehen, sind nur durchgeritten, unter anderem 

163 



auch durch die berühmte Porta nigra, eins der schön- 
sten Bauwerke altrömischer Zeit. — Heute morgen 
sind wir von Koblenz nach Metz gefahren, wo großer 
Feldgottesdienst stattfand. Dann ritten wir mit dem 
Kaiser an der Spitze der gesamten Garnison nach Metz 
hinein bis auf die Esplanade, wo der Kaiser unter 
dem Denkmal des alten Kaisers Wilhelm die Trup- 
pen an sich vorbeimarschieren ließ. 

Man hat von dort oben einen herrlichen Blick auf 
das Moseltal und die dahinter liegende imposante 
Höhe des Mont St. Quentin, ein großartiges Panora- 
ma. — Die Beteiligung der Bevölkerung in Metz war 
mäßig, es waren nicht allzuviel Leute auf den Stra- 
ßen. Die Fenster dünn besetzt, von der Landbevölke- 
rung fast nichts zu bemerken, dennoch wurde mir 
gesagt, daß die Beteiligung eine viel regere sei, als 
beim letzten Kaiserbesuch. 

Von Kurzell bis hier ans Schloß fährt man keine 
zehn Minuten. — Die ganze Chaussee war dicht be- 
setzt mit Schulen, Vereinen pp., alle mit deutschen 
Fahnen und Fähnchen, aber natürlich alles gelieferte 
Ware. Hier war auch ein größerer Teil der Land- 
bevölkerung zusammengeströmt, der sich spontan an 
den Huldigungen beteiligte. 

Schloß Urville, 5. September 1893. 

Heute haben wir den ersten Manövertag gehabt. 
Die Übungen sind sehr interessant. Es klingt merk- 
würdig, wenn der Kaiser an einer Gruppe Landleute 
vorbeikommt und dieselben mit Begeisterung vive 
l'empereur rufen. — Die frische und schöne Erschei- 
nung des Kaisers wirkt sichtlich auf die Leute. Alles 
spricht hier französisch, und die Leute sehen aus wie 
Stockfranzosen, Blusen, Jabots und weiße Hosen. 

164 



Schloß Urville, 8. September 1893. 

Es ist 4 Uhr morgens, ich sitze mit Säbel und 
Schärpe bei der Lampe, um das Tagwerden abzu- 
warten. Der Kaiser führt heute die zu einem Kaval- 
lerie-Korps vereinigten beiden Kavallerie-Divisionen, 
und wir sind heute Zuschauer, da er einen Kavallerie- 
stab hat. Wir sind diese Tage sehr matinös, jeden 
Morgen um 3 Uhr auf und abends nicht vor 11 oder 
12 Uhr zu Bett. — Der Kaiser führte gestern das 
XVI. Korps. Unsere Pferde, Schwadronspferde, sind 
sehr abgetrieben, der Boden ist ungemein schwierig 
für sie, steinhart mit großen festen Klumpen und Ge- 
röllsteinen, dabei immer bergauf und -ab. Ich staune 
oft über die Leistungsfähigkeit der Pferde, die zum 
Teil erst bei Dunkelwerden ins Biwak kommen und 
morgens um 2 Uhr wieder gesattelt werden, um den 
ganzen Tag unter dem Sattel zu bleiben ohne Futter 
und Tränke. 

Schloß Karlsruhe, 12. September 1893. 

Übermorgen ist der letzte Manövertag hier, dann 
kommen noch die beiden Tage in Stuttgart, und dann 
ist das Manöver vorübergeflogen, kann ich wohl sa- 
gen. Es kommt mir vor, als ob wir eben erst mit dem- 
selben angefangen hätten, mich hat noch kaum ein 
Manöver so interessiert, wie das diesjährige. Die 
nicht unbedeutenden körperlichen Anstrengungen be- 
kommen mir ausgezeichnet, ich fühle mich wohl und 
frisch und könnte noch Wochen so aushalten. 

Besuch des Fürsten Bismarck bei Sr. Majestät dem 
Kaiser in Berlin am 26. Januar 1894. 

Am Freitag, den 26. Januar 1894, mittags 1 Uhr, war 
das Hauptquartier Sr. Majestät des Kaisers und Kö- 

165 



nigs nach dem Berliner Schloß, Portal 5, bestellt, um 
daselbst bei der erwarteten Ankunft des Fürsten Bis- 
marck anwesend zu sein. Es waren zugegen der Kom- 
mandant des Hauptquartiers, General v. Plessen, die 
Flügeladjutanten Kapitän zur See v. Arnim, Oberst- 
leutnant v. Scholl, v.Arnim II, v. Moltke, Major v.Ja- 
kobi. Der Oberst v. Kessel, Kommandeur des 1. Garde- 
Regiments, war ebenfalls von Sr. Majestät zum Emp- 
fang befohlen worden. Außerdem die Kabinettschefs 
General v. Hahnke, Admiral v. Senden, Geheimer Ka- 
binettsrat v. Lucanus. Um dem Empfang den Charak- 
ter des Militärischen zu wahren, hatte Se. Majestät 
befohlen, daß die Offiziere im Dienstanzug, Achsel- 
stücke und hohe Stiefel, erscheinen sollten. Der 
Flügeladjutant Major Graf Moltke, den der Kaiser 
drei Tage vorher mit einem Handschreiben, in dem 
er den Fürsten einlud, als sein Gast nach Berlin zu 
kommen, nach Friedrichsruh geschickt hatte, war für 
die Anwesenheit des Fürsten zu ihm kommandiert 
und erwartete mit Sr. Königlichen Hoheit dem Prin- 
zen Heinrich von Preußen, dem Kommandanten 
Oberst v.Natzmer und dem Gouverneur, Generaloberst 
v. Pape, die Ankunft des Fürsten auf dem Lehrter 
Bahnhof. Zur Vertretung des Grafen Moltke, welcher 
den II. Dienst bei Sr. Majestät hatte, war ich kom- 
mandiert. Ich kam um 12 Uhr ins Schloß. Vor dem 
Brandenburger Tor und Unter den Linden wogte be- 
reits eine dichtgedrängte Menge, den Fürsten erwar- 
tend, und immer neue Scharen zogen auf der Char- 
lottenburger Chaussee und aus den Nebenstraßen 
herbei. Überall sah man frohe, erwartungsvolle Ge- 
sichter. Das Wetter war schön, die öffentlichen Ge- 
bäude hatten auf Allerhöchsten Befehl geflaggt, viele 
Privathäuser waren festlich geschmückt. In der Ein- 
fahrt des Portals 1 im Schloß stand bei meiner An- 

166 



kunft eine Deputation des 7. Kürassier-Regiments, be- 
stehend aus dem Regimentskommandeur, Grafen Klin- 
kowström, dem Rittmeister v. Zitzewitz, einem Leut- 
nant und sechs Unteroffizieren im Paradeanzug mit 
Küraß, die Se. Majestät herbefohlen hatte, da er be- 
absichtigte, den Fürsten zum Chef dieses Regiments 
zu ernennen. Ich ging ins Adjutantenzimmer hin- 
auf, wo Kapitän v. Arnim, welcher den I. Dienst hatte, 
anwesend war. Schon um 12V2 Uhr meldete uns der 
Leibjäger, daß Se. Majestät sich soeben durch den 
Nonnengang nach der für den Fürsten bereitgehalte- 
nen Terrassenwohnung bei Portal 5 begebe. Wir eil- 
ten rasch hinterher und trafen den Kaiser auf der 
Theatertreppe. Se. Majestät trugen die Uniform der 
Gardes du Corps, blauen Waffenrock, hohe Stiefel, 
Achselstücke, Helm und Schärpe. Der Kaiser wollte 
gerade die Treppe hinaufsteigen, als wir ihn erreich- 
ten und Arnim ihn darauf aufmerksam machte, daß 
er im Gegenteil hinuntergehen müsse, um nach Por- 
tal 1 zu kommen. Er war augenscheinlich nervös und 
aufgeregt, gab keine Antwort, drehte kurz um und 
ging rasch die Treppe hinab, während wir ihm folg- 
ten. Unterwegs versuchte Arnim ein paarmal, einen 
Befehl von ihm zu erlangen, wann die Deputation 
der 7. Kürassiere vorgeführt werden sollte usw., er- 
hielt aber nur kurze, abweisende und unfreundliche 
Antworten in ungeduldigem Ton. Wie wir in die Woh- 
nung eintraten, waren Kammermädchen und Lakaien 
noch damit beschäftigt, Blumenkörbe und riesige 
Sträuße, die von vielen Seiten für den Fürsten abge- 
geben waren, in den Zimmern zu ordnen. Der Haus- 
marschall v. Lyncker lief ab und zu und beschleu- 
nigte die Arbeit. Der Teppich wurde gefegt und Tische 
abgewischt, allgemeine Unruhe herrschte, die noch 
erhöht wurde, als der Kaiser befahl, alle Blumen aus 

167 



dem Wohnzimmer hinaus und in das Vorzimmer zu 
bringen, da der Geruch zu stark sei. Derselbe war in 
der Tat betäubend, die Fenster mußten geöffnet wer- 
den. Draußen vor der Rampe stand die Menge Kopf 
an Kopf , das dumpf e Brausen sich drängender Volks- 
massen tönte herein, man hörte das Stampfen der 
Pferde der berittenen Schutzmannschaft auf dem 
Asphalt. Die Mitte des Schloßplatzes war in breiter 
Ausdehnung frei gehalten, unter den Fenstern der 
Wohnung stand eine Kompagnie des 2. Garde-Regi- 
ments mit Fahne und Musik im Paradeanzug als 
Ehrenwache. Der Kaiser ging unruhig durch die Zim- 
mer. Um ihn herum schleppten Bedienstete die Blu- 
menkörbe und gingen Mädchen mit Staubbesen und 
Wischtuch, um Teppich und Möbel zu reinigen. 
Wir drückten uns in eine Ecke und sahen dem Ge- 
haste zu. Endlich war Ordnung geschaffen und die 
Leute wurden hinausgejagt. Nach und nach fanden 
sich die zum Empfang Befohlenen ein. Sie scho- 
ben sich hin und her, keiner wußte, wo wir Aufstel- 
lung nehmen sollten, und alles flüsterte leise. Der 
Kaiser sprach diesen und jenen hastig an, hatte aber 
keine Ruhe, brach kurz ab und ging wieder in ein an- 
deres Zimmer. Plötzlich schritt er rasch auf den Aus- 
gang zu und ging durch das Portal auf den Schloß- 
platz hinaus. Arnim und ich folgten. Der Kaiser ging 
an den rechten Flügel der Ehrenkompagnie heran, 
bot derselben Guten Morgen und schritt die Front 
ab. Dann kehrte er ebenso rasch und ohne ein Wort 
zu sagen in das Schloß zurück. Dann befahl er, daß 
eine Sektion von der Schloßwache die Rampe be- 
setzen und keinen Menschen auf dieselbe hinauflas- 
sen sollte. Dies geschah. Es war schon vorher kein 
Mensch auf der Rampe gewesen. Jetzt traf auch der 
Oberhofmarschall Graf zu Eulenburg ein, ebenso die 

168 



Kabinettschefs, als letzter, wie gewöhnlich, der Ge- 
neral v. Hahnke. Der Kaiser hatte schon wiederholt 
nach jedem einzelnen gefragt, ob er noch nicht da 
sei. Es war inzwischen i Uhr geworden, und alle 
waren versammelt. Tags zuvor hatte der Kaiser be- 
fohlen, daß die beiden ältesten Prinzen von einem 
Flügeladjutanten bei Ihrer Majestät der Kaiserin ab- 
geholt und nach Eintreffen des Fürsten zu seiner Be- 
grüßung hinuntergeleitet werden sollten. Der General 
v. Plessen hatte den Oberstleutnant v. Scholl hierfür 
bestimmt. Dieser trat jetzt an den Kaiser heran und 
fragte, wann Se. Majestät befehle, daß die Prinzen ge- 
holt werden. Der Allerhöchste Herr wurde hierauf 
sehr ungehalten und sagte, er werde schon rechtzei- 
tig befehlen, was geschehen solle, worauf Scholl sich 
stumm zurückzog. Der Oberhofmarschall traf inzwi- 
schen die näheren Anordnungen. Das Hauptquartier 
sollte sich im Vorzimmer aufstellen, um den Fürsten 
zuerst zu begrüßen; der Kaiser hatte befohlen, daß 
der General v. Plessen uns alle vorstellen solle. Se. Ma- 
jestät verblieben im Vorzimmer. Der Fürst sollte hier 
alleine zu ihm eintreten. Auf einem Tisch des Vor- 
zimmers lag ein großes Album, auf dessen Deckel in 
goldenen Lettern gedruckt war: »Der neue Herr«. Es 
enthielt eine Sammlung von Photographien einer 
Reihe von Szenen aus diesem Schauspiel, und mochte 
wohl schon Jahr und Tag dort gelegen haben. Ich 
schlug das Album auf und betrachtete das Bild. Es 
war die Szene, wo der Kanzler Graf Schwarzenberg 
vor dem Kurfürsten kniet, der, hochaufgerichtet, vor 
ihm steht. Ich machte den Grafen Eulenburg auf das 
Album aufmerksam, das hier so wenig ä propos war, 
und er legte es sorgsam in eine Schublade. — Um 
i 10 Uhr traf der General v. Plessen, der zum Emp- 
fang auf der Bahn gewesen war, mit der Meldung 

169 



ein, daß der Fürst angelangt sei, daß in seiner Be- 
gleitung außer dem Dr. Schwenninger und dem Dr. 
Chrysander, die erwartet wurden, auch der Graf Her- 
bert Bismarck sich befinde, der nicht erwartet wurde. 
Dem Kaiser war dies augenscheinlich unangenehm. 
Er befahl, daß der Graf Herbert im Vorzimmer blei- 
ben und nicht mit dem Fürsten zu ihm hineinkom- 
men solle. Das Hofmarschallamt war in großer Auf- 
regung, wie man sich mit diesem unerwarteten Fait 
accompli abfinden solle. Der Fürst konnte jetzt je- 
den Moment eintreffen. Wir hatten im Vorzimmer 
Aufstellung genommen und blickten in gespannter 
Erwartung durch das Fenster. Jetzt hörte man brau- 
senden Jubel von den Linden herauftönen. In die 
vor dem Schloß gestaute Menge kam Bewegung, al- 
les schob und drängte nach vorwärts, alle Köpfe wa- 
ren der Schloßbrücke zugewandt, über die in schlan- 
kem Trabe, mit in der Sonne blitzenden Kürassen, die 
voranreitende Eskorte daherkam, dahinter der große, 
geschlossene Galawagen, in dem der Fürst mit dem 
Prinzen Heinrich saß. Vor der Ehrenwache ange- 
kommen, schwenkte die Eskorte ab, der Wagen hielt, 
unterstützt von dem Prinzen Heinrich stieg der Fürst 
aus und ging auf den rechten Flügel der Kompagnie 
zu. Diese präsentierte, und in die jauchzenden Zu- 
rufe, den brausenden Jubel der Menge, die die Hüte 
schwenkte und mit Tüchern wehte, mischten sich 
die Klänge der Musikkapelle, die den Präsentier- 
marsch spielte. Während der Fürst mit seinem lang- 
samen, schleppenden Schritt die Front der Kom- 
pagnie hinunterging, drückten wir die Nasen an die 
Fensterscheibe. Im Nebenzimmer, dessen Türen ge- 
schlossen waren, war der Kaiser allein. Was mag in 
diesem Augenblick durch die Seele des Monarchen 
gezogen sein, wie er den Mann, der ihm so bitter weh 

170 



getan und dem er so großmütig verziehen, umtost von- 
der Begeisterung Tausender an der Front seiner Garden 
dahinschreiten sah. Vier Jahre des Grolls lagen zwi- 
schen ihnen, und in wenigen Minuten sollten sie sich 
Auge in Auge gegenübertreten. Nachdem der Fürst die 
Front der Ehrenkompagnie abgeschritten, bestieg er, 
vom Prinzen Heinrich unterstützt, wieder den Wa- 
gen, der nach wenigen Augenblicken unter dem Por- 
tal des Schlosses hielt. Die Türen wurden geöffnet, 
und am Arm des Prinzen trat der Fürst in das Vor- 
zimmer. Wir alle verneigten uns tief. Die mächtige 
Figur des Altkanzlers, der seinen sorgsamen Führer 
um Kopfeslänge überragte, schien ungebrochen, ge- 
rade und aufrecht, der runde Kopf mit den gewalti- 
gen, von dichten Brauen überbuschten Augen war 
von blasser Farbe. Er überflog uns mit einem raschen 
Blick und nahm die Vorstellung durch den General 
v. Plessen entgegen, der unsere Namen nannte. Er 
begrüßte jeden von uns mit einer freundlichen Hand- 
bewegung. Dem Oberst v. Kessel gab er die Hand 
und sah ihm forschend ins Gesicht. »Kessel?« sagte er 
in fragendem Ton. »Mir scheint, Sie sind kleiner ge- 
worden seit damals.« Wie der General v. Plessen den 
Namen des Geh. Kabinettschefs v. Lucanus nannte, 
der etwas verlegen schien und sich sehr zurückhielt, 
machte der Fürst eine steife Verbeugung und sagte: 
»Ich habe schon von früher her die Ehre.« Nachdem 
die Vorstellung vorüber, nahm ein Lakai dem Fürsten 
den Mantel ab. Er hatte den dunklen Waffenrock der 
Kürassiere an, lange Beinkleider, und knöpfte ruhig an 
seinen Handschuhen herum. Seine Hände zitterten 
ein wenig, und er war augenscheinlich gespannt und 
aufgeregt. Der Prinz Heinrich trat nun an ihn heran 
und sagte: »Wollen Ew. Durchlaucht nun zu Sr. Ma- 
jestät hereintreten.« Der Fürst verbeugte sich stumm. 

171 



Die Flügeltüren wurden geöffnet, und er trat über 
die Schwelle. Der Kaiser, welcher mitten im Zimmer 
stand, trat ihm rasch mit ausgestreckter Hand ent- 
gegen, die der Fürst, sich tief verneigend, mit beiden 
Händen ergriff. Da beugte der Kaiser sich vor und 
küßte ihn auf beide Wangen. Die Türen schlössen 
sich, die beiden waren allein. Draußen stand Kopf an 
Kopf. Die Menge war bis an die Rampe herange- 
drängt und schrie ihre unaufhörlichen Hochs, die 
Hüte wurden geschwenkt, mit den Tüchern gewinkt, 
und immer wieder erneuerten sich die Zurufe. Schließ- 
lich fing einer an »Deutschland, Deutschland über 
alles« zu singen, andere fielen ein, und bald scholl 
das Lied vielhundertstimmig empor, unterbrochen 
von immer wiederholten Hurras, sobald jemand sich 
am Fenster zeigte. — Nach etwa zehn Minuten öff- 
nete der Kaiser wieder die Tür und befahl, daß die 
beiden ältesten Prinzen geholt werden sollten. Dann 
winkte er den Prinzen Heinrich hinein. Während S choll 
ging, um die Prinzen zu holen, blieben wir im Vor- 
zimmer im Gespräch mit dem Dr. Schwenninger und 
Herbert v. Bismarck. Dann kamen die Prinzen in der 
Uniform des i. Garde-Regiments und mit dem Bande 
des Schwarzen-Adler-Ordens. Sie blieben etwaf ünf Mi- 
nuten im Zimmer des Fürsten und wurden dann von 
Scholl wieder zurückgeleitet. Nachdem abermals et- 
wa zehn Minuten verstrichen waren, öffnete der Kai- 
ser wieder die Tür, um uns zu entlassen. Sein Gesicht 
war hell und heiter, es lag auf demselben wie der 
Schimmer einer großen Freude. Während die übri- 
gen Herren von den Hofmarschällen zum Frühstück 
hinausgeleitet wurden, gingen Arnim und ich auf das 
Adjutantenzimmer, um ebenfalls zu frühstücken. Dann 
zogen wir uns um zum Reiten. Der Kaiser hatte um 
1 / 2 3 Uhr die Reitpferde bestellt. Im Portal i stand noch 

172 



immer, nun seit über zwei Stunden, die Deputation 
des 7. Kürassier-Regiments. Erst nachdem das Früh- 
stück beendet, hatte der Kaiser dem Fürsten die Ka- 
binettsorder überreichen lassen, in der er zum Chef 
dieses Regiments ernannt wurde, und ihm die Depu- 
tation vorstellen lassen. Der Fürst soll tief gerührt 
und dankbar gewesen sein. 

Der Fürst war inzwischen mit dem Kaiser und dem 
Prinzen Heinrich zu Ihrer Majestät der Kaiserin hin- 
aufgegangen, um dieselbe zu begrüßen. Das Früh- 
stück wurde von den beiden Majestäten, dem Prin- 
zen Heinrich und dem Fürsten allein eingenommen. 

Es wurde 7 2 4 Uhr, bevor wir abritten. Vor dem 
Schloß und Unter den Linden wogten noch immer 
die Menschenmassen hin und her. Wie sie des Kai- 
sers ansichtig wurden, erhob sich ein unendlicher 
Jubel. Alles drängte ihm zu. Die Schutzmannschaft 
bemühte sich vergeblich, die Leute zurückzuhalten, 
die alle Schranken durchbrachen. »Hoch! edler Kai- 
ser!« »Es lebe unser großmütiger Kaiser!« »Hoch! ge- 
liebter Kaiser!« scholl es von allen Seiten. Wir muß- 
ten rechts und links von Sr. Majestät reiten, um ihn 
einigermaßen frei zu halten. Die ganzen Linden hin- 
unter begleitete uns der Jubel, direkt aus dem Her- 
zen des begeisterten Volkes strömend. Auf der Char- 
lottenburger Chaussee, wo der Kaiser, den Reitweg 
benutzend, anfing zu traben, rannten die Leute atem- 
los neben uns her und begleiteten uns mit ihren Ru- 
fen, eine ganze Wagenkolonne fuhr auf der Chaussee 
neben und hinter uns, und die Insassen wehten uner- 
müdlich mit Tüchern und Hüten. Zuletzt hielten nur 
noch die Jungens aus, bis auch von diesen einer nach 
dem andern erschöpft zurückblieb, mit einem keu- 
chenden »Adieu, geliebter Kaiser!« den Lauf auf- 
gebend. Wir ritten nach dem Hippodrom, wo wir un- 

173 



sere viertausend Meter abgaloppierten. Dann ging es 
in einem Galopp nach dem Brandenburger Tor durch 
den Tiergarten zurück. Der Kaiser war in sehr ge- 
hobener Stimmung. Er sprach lebhaft und scherzte 
mit uns. Er erzählte, wie er dem Fürsten beim Früh- 
stück von seinem besten Rheinwein vorgesetzt und 
wie der ihm gemundet habe. Die begeisterten Ova- 
tionen, deren Gegenstand er geworden war, hatten 
ihn augenscheinlich tief ergriffen, und er freute sich 
des Sieges, den er über sich selbst gewonnen, des 
schwersten, den ein Mensch erringen kann. Von dem 
Augenblick an, wo wir uns dem Brandenburger Tor 
näherten, wo schon eine dichte Menge die Rückkehr 
des Kaisers erwartete, umbrauste uns wieder derselbe 
Jubel. Es war fast dunkel, wie wir im Schloß wieder 
anlangten. 

Um 6V4 Uhr fand in den Räumen des Fürsten ein 
kleines Diner statt. Wie wir, dem Kaiser folgend, hin- 
untergingen, gab der Kaiser mir den Befehl, für den 
morgigen Tag, seinen Geburtstag, eine Ehrenkom- 
pagnie zur Paroleausgabe nach dem Zeughaus zu be- 
stellen. Ich ging auf unser Zimmer, um den Befehl 
auszufertigen. Wie ich wieder hinunterkomme, öff- 
net mir ein Lakai eine Tür, ich trete ein und stehe 
dem Kaiser gegenüber, der mit dem Fürsten und dem 
Prinzen Heinrich im Gespräch ist. Ich melde dienst- 
lich, daß der Befehl ausgeführt sei, und stehe stramm 
neben der Tür. Indem sagt der Kaiser zum Fürsten: 
»Das ist der Oberstleutnant von Moltke, der lange 
Adjutant des verstorbenen Feldmarschalls war.« Der 
Fürst nickt freundlich und sagt: »Oh, ich kenne Herrn 
von Moltke, und habe ihn auch schon begrüßt.« Dar- 
auf sagt der Kaiser: »Die beiden« (womit er Cuno von 
Moltke und mich meint) »sind nämlich Vettern.« Wie 
ich nun wieder zum Zimmer hinauswischen will, in 

174 



das ich so unvermutet geraten, sagt mir der Kaiser: 
»Sagen Sie doch dem Grafen Eulenburg, daß wir 
hungrig wären und gerne essen möchten.« 

Die im Vorzimmer gedeckte Tafel hatte elf Kuverts. 
Rechts vom Kaiser saß Prinz Heinrich, links der 
Fürst. Außerdem nahmen an dem Diner teil: Herbert 
v. Bismarck, Graf Eulenburg, Graf Klinkowström, der 
als Ordonnanzoffizier kommandierte Leutnant von 
Niesewand von den 7. Kürassieren, v. Arnim, der Adju- 
tant des Prinzen Heinrich, v. Colomb, Cuno v.Moltke 
und ich. Die Unterhaltung war animiert und zwang- 
los, der Verkehr zwischen dem Kaiser und dem Für- 
sten herzlich und ohne alles Gene. Wiedergab es den 
alten Rheinwein, dem der Fürst kräftig zusprach. Mit 
seiner leisen, stockenden Stimme erzählte er Geschich- 
ten von der Kaiserin Augusta, und wie sein alter Hund 
Tyras einmal beinahe den Großherzog von Weimar 
angepackt hätte, der ihn besuchte. Es wurde viel ge- 
lacht, und auch Se. Majestät erzählte lebhaft und an- 
geregt. Wie wir beim Braten waren, wurde Sr. Maje- 
stät gemeldet, daß Graf Wilhelm Bismarck draußen 
wäre, worauf der Kaiser befahl, es solle noch ein Ku- 
vert aufgelegt und er hereingerufen werden. Der Graf 
war aber inzwischen schon wieder fort und wurde 
von den nachgeschickten Boten erst kurz vor Ende 
des Diners eingebracht. Kaffee und Zigarren wurden 
bei Tisch gereicht. Der Fürst rauchte ebenso wie der 
Kaiser eine Zigarette. Der Kaiser hatte mit dem Für- 
sten getrunken und ebenso mit den beiden Grafen 
Bismarck. Um 7 Uhr fuhren wir nach dem Lehrter 
Bahnhof voraus, wo wieder das ganze Hauptquartier 
versammelt war. Der Kaiser begleitete den Fürsten 
im Galawagen, dem eine Schwadron voraufritt. Wie 
der Wagen vor dem Bahnhofsgebäude hielt, war der 
Prinz Heinrich, der vorausgefahren, dem Fürsten 

175 



beim Aussteigen behilflich, dann folgte der Kaiser. 
Beim Eintreten in die Bahnhofshalle gab der Kaiser 
dem Fürsten den Arm und führte ihn die Stufen hin- 
ab. Donnerndes Hurra der auf dem Perron versam- 
melten Menschenmenge begrüßte beide. Vor dem Sa- 
lonwagen nahm der Fürst Abschied von seinem Kai- 
serlichen Herrn, der ihn wieder auf beide Wangen 
küßte, er neigte sich über die Hand des Kaisers und 
führte sie an seine Lippen. Seine Augen waren feucht. 
Wie er eingestiegen und noch am offenen Fenster 
stand, sagte ihm der Kaiser: »Nun, lieber Fürst, wer- 
den Sie hoffentlich gut schlafen nach dem anstren- 
genden Tage.« Und dann fügte er noch hinzu: »Wenn 
ich im Februar nach Wilhelmshaven gehe, werde ich 
einmal in Friedrichsruh anfragen, ob ich Sie besu- 
chen kann.« — Dann pfiff die Lokomotive und der 
Zug fuhr langsam hinaus, während der Fürst am Fen- 
ster stand und mit der Hand winkte. Das Gewölbe 
hallte wider von den Hurras der Leute, wie wir uns 
zur Rückfahrt wandten. Uns war den ganzen Tag 
hochzeitlich zumut gewesen. 

Für Liza geschrieben von Helmuth. 

Berlin, den 28. Januar 1894. 

St. Petersburg, 17. November 1894. 

Das ging alles so rasch und unerwartet, die Nach- 
richt von dem Tode des Papas und unsere Abreise, 
an der sich nun nichts mehr ändern ließ. — Nun habe 
ich an der Bahre eines anderen Toten gestanden, an 
einer Bahre, um die sich noch einmal aller Pomp 
und Glanz des Irdischen entfaltet, bevor der stille 
Mann, der auf ihr ruht, in der Gruft beigesetzt werden 
wird, und zur selben Zeit liegt in Schweden der an- 
dere stille Mann, wohl noch auf seinem einfachen 

176 



Bett, und welcher Unterschied ist nun geblieben zwi- 
schen beiden? Sie sind gleich geworden vor dem all- 
mächtigen Gleichmacher, sie sind dem menschlichen 
Tun entrückt und Gott der Herr wird sie wägen ohne 
Rücksicht auf das, was im Leben der Unterschied 
zwischen ihnen war. 

Hier tönen die Gesänge der Priester, Wolken von 
Weihrauch steigen gen Himmel, und ein ganzes Volk 
liegt auf den Knien, für den Toten zu beten — dort 
spricht vielleicht gerade jetzt der einfache Landpfar- 
rer ein schlichtes Gebet. — Wie rasch war der Wech- 
sel der Geschehnisse auch für mich, die Taufe unter 
dem frischen Eindruck der Todesnachricht, dann un- 
mittelbar darauf die Abreise, der nächste Tag mit 
dem Überschreiten der Grenze, die vielen fremdarti- 
gen Eindrücke, die Ankunft heute morgen in Peters- 
burg, gleich darauf der Besuch am Katafalk, wo wir 
den mitgebrachten Kranz des Kaisers niederlegten, 
dann im Laufe des Tages zwei Seelenmessen am 
offenen Sarge, dazwischen eine endlose Fahrt mit 
Einschreiben usw., alles in einem grauen, dampfenden 
Nebel, in dem die Riesengebäude der Stadt gespen- 
sterhaft ausschauen. Der tote Kaiser liegt in seinem 
prächtigen Sarkophag in der Kathedrale der Peter- 
Pauls-Festung, über ihm spannt sich ein Himmel von 
Silberbrokat und Hermelin. Der Kaisermantel bedeckt 
seine Figur. Der Kopf ist frei. Das Gesicht abgemagert 
und eingefallen, die Hautfarbe fast braun, das Kopf- 
haar dünn, die Züge scharf, von Leiden durchfurcht. 
Es ist, als ob selbst die sonst so mächtige Stirn zu- 
sammengesunken wäre, der Kopf sieht klein aus, als 
ob er sich verstecken wollte in all der Pracht, die ihn 
umgibt. Die Luft ist von Weihrauch geschwängert 
und unaufhörlich tönt die Litanei der betenden Prie- 
ster. — Das Volk strömt an den Sarg und küßt das 

Moltke. 12. 177 



Heiligenbild, das auf der Brust des toten Kaisers liegt, 
und draußen weint der traurige Himmel über die Stadt 
und über ganz Rußland. 

St. Petersburg, 20. November 1894. 

Die Beisetzung des verstorbenen Kaisers hat heute 
stattgefunden. Es war eine ergreifende Zeremonie, 
nur durch die Länge der Handlung etwas monoton. 
Die Feier dauerte zweieinhalb Stunden. Um V2 11 Uhr 
versammelten wir uns in der Peter-Pauls-Kirche, in 
deren Mitte der Sarkophag mit der Leiche aufgebahrt 
steht. Die Kirche ist nicht groß und die Tausende, 
welche der Feier beiwohnten, standen dicht gedrängt, 
ohne sich während der ganzen Zeit bewegen zu kön- 
nen. — Die zahlreiche Geistlichkeit in prunkvollen 
weißen Silberbrokatgewändern umstand den Sarg. 
— Der berühmte Chor sang in der ergreifendsten 
Weise, nie habe ich einen schöneren Gesang gehört, 
die Bässe von der Tiefe einer Orgel und dazwischen 
wehklagend weiche Sopranstimmen. Räucherwerk 
füllt den Raum und steigt in blauen Wolken zur 
hohen Wölbung hinan. Immer wieder erhebt der 
Priester seine tiefe Stimme, um Gott um Frieden für 
den Verstorbenen anzuflehen, und rhythmisch fällt 
der Chor in die Schlußworte ein. — Endlich nimmt 
die Familie Abschied von dem Toten. Zuerst die Kai- 
serin-Witwe, dann der junge Kaiser, dann alle Groß- 
fürsten und Großfürstinnen treten an den Sarg heran 
und küssen den Toten auf die Stirn. Dann wird der 
Sarg geschlossen und vom Kaiser und den Groß- 
fürsten von dem Sarkophag herabgehoben und bis 
dorthin getragen, wo er in die Gruft hinabgesenkt 
werden soll. Der Kaiser selber legt den Hermelin- 
mantel über den Sarg, und langsam sinkt er in die 
Tiefe. — Das Gedränge beim Ausgang war fürchter- 

178 



lieh. — Nachmittags hatten wir noch das imposante 
Schauspiel des Zurückbringens der Kronjuwelen in 
das Winterpalais, fünfzehn vierspännige Wagen, alle 
vergoldet und mit Scharlachsamt ausgeschlagen, führ- 
ten die Kleinodien zurück. Alle Wagen mit Schim- 
meln bespannt, die reiche goldene Geschirre tragen, 
und von je vier Leuten in langen, goldgestickten 
Scharlachmänteln am goldenen Zügel geführt wer- 
den. Den Zug eröffnet eine Schwadron der Chevalier 
garde, alle auf Rappen, mit dem Küraß und dem flie- 
genden Doppeladler auf dem goldenen Helm. Eine 
ebensolche Schwadron schließt den Zug. — Das dicht- 
gedrängte Volk läßt diesen märchenhaft schönen Zug 
schweigend an sich vorbei passieren. Die Entfaltung 
der Pracht hier ist unbeschreiblich. Alle Maße sind 
riesenhaft. Die Breite der Straßen, in denen sich Pa- 
last an Palast reiht, steht im Einklang mit der Größe 
der freien Plätze. Von dem Winterpalais, in dem wir 
wohnen, kannst Du Dir eine Vorstellung machen, 
wenn ich Dir sage, daß unter anderen hier ein Saal 
ist, in dem bei großen Festen dreitausend Personen 
an kleinen Tischen soupieren können. Über all die- 
sen riesigen Massen liegt ein dichter, grauer Nebel, 
der jede Fernsicht verhindert. — Wir bleiben noch 
hier bis nach der Vermählung, die am 26. stattfindet. 

St. Petersburg, 21. November 1894. 

Wir waren heute wieder zu einer großen Zeremo- 
nie in der Kirche, die diesmal an der geschlossenen 
Gruft abgehalten wurde. Es war die letzte, und ich 
kann sagen : Gott sei Dank. Auf die Dauer sind diese 
Zeremonien ermüdend und fangen an theatralisch zu 
wirken. Das Wesen verliert sich zu sehr unter äuße- 
rem Gepränge und Schein. Ein stilles Gebet würde 
erhebender sein. 

179 



Heute nachmittag bin ich zum erstenmal etwas in 
die Stadt gekommen, aber einen rechten Eindruck 
habe ich noch nicht erhalten. Es ist alles zu massig 
und groß und dabei alles in den ewigen dicken Nebel 
gehüllt, den selbst London nicht schöner aufweisen 
könnte. 

St. Petersburg, 23. November 1894. 

Den heutigen Tag haben wir benutzt, um uns zwei 
Sehenswürdigkeiten von Petersburg anzusehen, die 
Isaakskirche und den Marstall. Die erstere ist in ihrer 
Art ein Wunderbau. Sie liegt auf dem schönsten 
freien Platz der Stadt, die sie mit ihrer vergoldeten 
Kuppel hoch überragt. Da ganz Petersburg auf Sumpf- 
boden steht, ist man genötigt gewesen, allen Gebäu- 
den durch unzählige eingerammte Baumstämme eine 
feste Unterlage zu schaffen. Um den Prachtbau der 
Isaakskirche zu tragen, muß ein ganzer Wald von 
Mastbäumen nötig gewesen sein. Breite Granitstufen 
führen zu der Plattform hinan, auf welcher sie sich 
erhebt. Die beiden Haupteingänge gegen Nord und 
Süd werden durch zwei von Säulen getragenen Peri- 
stylen gebildet. Diese Säulen sind sechsundfünfzig 
Fuß hoch und sieben Fuß dick und bestehen jede aus 
einem einzigen Granitblock, der bis zur Glätte des Mar- 
mors poliert ist. Sie ruhen auf bronzenen Basen und 
tragen ein bronzenes korinthisches Kapital. Über- 
haupt ist die ganze Kirche durchweg aus Granit, Mar- 
mor und Erz gebaut, im Gegensatz zu den meisten 
übrigen Petersburger Kolossalbauten, die fast alle aus 
Backsteinen aufgemauert sind. Mächtige Türen aus 
Bronze mit reicher Hautrelief arbeit führen in das 
Innere der Kirche, das in seiner ganzen Anordnung 
an St. Peter in Rom erinnert. Nur ist dort die Kuppel 
von doppelt so großer Spannung wie hier. Entspre- 

180 



chend dem byzantinischen Stil, ist hier die Kuppel im 
Verhältnis zum Unterbau eng und hoch, in Halb- 
kugelform. Ihre in der Höhe angebrachten Fenster 
lassen nur ein gedämpftes Licht in den Raum drin- 
gen, das Auge muß sich erst an das Halbdunkel ge- 
wöhnen, und in diesem mystischen Licht, das man 
übrigens in allen russischen Kirchen liebt, kommt die 
Pracht des verwendeten Materials nicht voll zur Gel- 
tung. Wie es der griechische Ritus vorschreibt, ist 
auch hier das Allerheiligste von dem übrigen Raum 
der Kirche durch die Bilderwand getrennt, wodurch 
der Raum verengert wird. In der Ikonostate stehen 
zunächst der Kaiserpforte zwei kolossale Säulen aus 
poliertem Lapislazuli, daneben sechs solche aus Ma- 
lachit. Zwischen diesen befinden sich Darstellungen 
von Heiligen in dem schönsten Mosaik, den ich 
mich erinnere gesehen zu haben. Ein Kirchendiener, 
welcher sich unserer sofort bemächtigt hatte und mit 
einem brennenden Wachslicht vor uns herleuchtete, 
führte uns auch in das Allerheiligste selbst, in dem 
ein aus Gold ausgeführtes Modell der Kirche von 
sechs Fuß Höhe steht. Den Hintergrund schließt ein 
Fenstergemälde, den griechischen Christus in der vor- 
geschriebenen Haltung darstellend, ab. Das Allerhei- 
ligste wird nur während des Zelebrierens der Messe 
als solches behandelt, sobald der Gottesdienst vorbei 
ist, verliert es jeden Anspruch auf besondere Berück- 
sichtigung, meistens benutzen die Priester es als Gar- 
derobe. Bewunderungswert sind die vielen aus mas- 
sivem Silber hergestellten Kirchenleuchter, die über- 
all im Schiff umherstehen und zum Teil weit über 
Mannshöhe sind. Der ganze Bau, von Kaiser Niko- 
laus I. ausgeführt, ist wohl die schönste griechisch- 
katholische Kirche, die existiert. 

Im Marstall sahen wir eine unendliche Reihe ver- 

181 



goldeter Prachtkutschen, meist aus der Zeit Katha- 
rinas II., zum Teil von Boucher und Pesne gemalt 
und mit Edelsteinen reich verziert, dann die Zere- 
monienwagen für den Transport der Regalien, von 
denen zehn ganz gleich sind, aus stark vergoldetem 
Silberblech und rotem Samt gebildet. Mitten unter 
dieser goldenen Pracht, die wirklich betörend wirkt, 
steht das einfache Coupe des Kaisers Alexander II., 
dessen ganzer Rückteil von der Bombe zersplittert 
ist, die unter dem Wagen krepierte, ohne den Kaiser 
zu verletzen, der erst der zweiten Bombe zum Opfer 
fiel. Eine ernste Mahnung für alle kommenden Herr- 
scher! 

St. Petersburg, 24. November 1894. 

Wir haben heute morgen die hiesige Reitschule 
besucht, zu der wir gelangten, nachdem wir fast eine 
Stunde in der Irre gefahren waren. Die uns beige- 
gebenen Lakaien sind das Stupideste, was denkbar 
ist, der meinige hat mich noch nicht ein einziges Mal 
richtig an Ort und Stelle gebracht. — Gegen Pferde 
und Kutscher verfährt man hier mit großer Rück- 
sichtslosigkeit. Keinem Menschen, der ein Diner oder 
eine Abendgesellschaft besucht, fällt es ein, den Wa- 
gen nach Hause zu schicken, er bleibt einfach auf 
der Straße halten, der Kutscher, in seinen langen Pelz 
gehüllt, schläft auf dem Bock, indem er den Kopf 
gegen die Kante des Kutschkastens lehnt und die 
Pferde stehen mit gesenkten Köpfen regungslos da. 
— Von der drakonischen Strenge, mit der hier die 
Polizei gehandhabt wird, habe ich ein Beispiel erlebt. 
Ich hatte eines schönen Tages einen neuen Kutscher 
und auf meine Frage nach dem alten, erwiderte mir 
mein Lakai nur, der sei fortgeschickt. Am nächsten 
Tage las ich in der Zeitung unter der Rubrik: Tages- 

182 



befehl des Herrn Stadthauptmanns — folgendes: Der 
Aushilfskutscher des Marstallamts Iwan usw. wurde 
nachts betrunken im Marstallgebäude angetroffen. 
Zur Rede gestellt, gab er eine freche Antwort. Er ist 
deswegen mit vierzehn Tagen Arrest, wovon acht 
Tage bei Wasser und Brot abzusitzen, bestraft wor- 
den, und der Aufenthalt in Petersburg ist ihm auf 
zwei Jahre verboten. Der Fuhrherr, welcher diesen 
Kutscher gestellt hat, ist in eine Strafe von fünfzig 
Rubel zu nehmen. — Ich zweifle nicht, daß dieser 
Iwan mein Rosselenker war, der die freie Zeit, die 
ich ihm gelassen, in so verbrecherischer Weise ge- 
mißbraucht hat. 

Heute, wie gesagt, fuhren wir fast eine Stunde um- 
her, mein Lakai brachte mich zu allen möglichen 
Reitbahnen, nur nicht zur richtigen, wir landeten 
auf einem Holzhof, kamen aber schließlich nach un- 
endlichen Fragen an der Reitbahn an. — Hier sahen 
wir in der sehr schönen, geräumigen Bahn eine Ab- 
teilung dorthin kommandierter Offiziere reiten. Die 
Leistungen waren nach unseren Begriffen recht man- 
gelhaft. — Das Pferdematerial erbärmlich. Das Sprin- 
gen über Hürde und Steinmauer schlecht. Kein ein- 
ziges Pferd ging in glattem Sprunge über die Hinder- 
nisse, fast alle stutzten und machten verhaltene 
Sprünge. Die Tempos waren unausgeglichen, die Ab- 
stände wurden gar nicht gehalten, der Sitz der Reiter 
war lose, eine Einwirkung der Schenkel gar nicht zu 
bemerken. Sodann sahen wir das Reiten der Kosaken- 
offiziere, alle reiten die hohen tatarischen Sättel, auf 
denen der Reiter in den Bügeln stehend über dem 
Pferde schwebt. Die Zäumung ist die einfache Trense, 
infolgedessen gehen alle Pferde mit der Nase in 
der Luft und treten im Trabe unter sich. Der Schritt, 
wo das Pferd sich losläßt, ist geräumig, Galopp wird 

183 



nicht geritten, nur Schritt, Trab und Karriere. Auch 
hier war das Springen über die niedrige Hürde höchst 
mangelhaft. Oftmals mußte das vor dem Hindernis 
stutzende Pferd durch Hiebe mit der ledernen Ko- 
sakenpeitsche, die jeder Reiter am Faustriemen trägt, 
hinübergebracht werden. — Es wurde dann noch ein 
Gestell in die Bahn gebracht, auf dem fingerdicke 
Weidenruten aufgesteckt waren. Die Offiziere ritten 
mit Rechtsauslage vom Fleck in der Karriere einzeln 
ab an dem Gestell vorbei, und es kam darauf an, im 
Vorbeijagen eine der Ruten mit dem Säbel zu durch- 
hauen. Den meisten gelang dies Manöver, einige der 
Stäbe waren glatt wie mit dem Rasiermesser durch- 
schnitten. Der Kommandeur der Reitschule, der vor 
einigen Wochen erst aus Hannover zurückgekehrt 
ist, wo er einem Kursus unserer Reitschule beige- 
wohnt hat, erzählte uns, daß er im vorigen Jahr acht- 
zehn Pferde mit abgeschlagenen Ohren gehabt habe. 
Wenn der haarscharfe Säbel nicht sehr geschickt ge- 
führt wird, ist ein solches Malheur leicht erklärlich. 
Wir sahen dann noch einzelne, wohl besonders aus- 
gesuchte Leute, auf alten Schulpferden voltigieren. Sie 
machten ihre Sache sehr gut, einer von ihnen hätte 
gleich im Zirkus als Jockeireiter auftreten können. 

Nachdem die Vorstellung beendet war, fuhr ich 
nach der Kasan-Kathedrale, die berühmt ist wegen 
ihres ungeheuren Reichtums an gediegenem Silber. 
Die Kirche, ebenso wie die Isaaks-Kathedrale, im by- 
zantinischen Stil erbaut, liegt auf einem freien Platz 
am Newski Prospekt, der größten Straße Petersburgs. 
Von beiden Seiten wird sie flankiert durch eine of- 
fene, halbkreisförmige Säulenkolonnade, einer Nach- 
ahmung der großen Kolonnade von St. Peter in Rom. 
Im Inneren hat sich die Vorliebe der Russen für Säu- 
len Genüge getan, die auch in den privaten und öf- 

184 



fentlichen Profangebäuden überall hervortritt, deren 
Mehrzahl Säulenarrangements, freilich aus Backstein 
und mit Kalk abgeputzt, zeigen. Im Inneren dieser 
Kirche sind einige vierzig Granitsäulen aus einem 
Stück aufgestellt. Da hierfür durchaus kein Platz war 
und obgleich für die Säulen durchaus nichts zu tra- 
gen ist als ihre eigenen Kapitale, so hat man sie in 
doppelter Reihe gesetzt. 

Ich sah das berühmte Bild der Mutter Gottes von 
Kasan, das mit Juwelen und Edelsteinen bedeckt ist 
und vor dem immer einige Menschen auf den Knien 
liegen, mit der Stirn die Fliesen des Fußbodens be- 
rührend. An den Säulen hängen eine Anzahl erober- 
ter französischer Fahnen, ferner der erbeutete Mar- 
schallstab des Marschalls Davoust und eine Anzahl 
Schlüssel von eroberten Städten. An einer Seiten- 
wand befindet sich das einfache Grabmal des Feld- 
marschalls Kutusoff. Die Ikonostate mit prächtigen 
Bildern geschmückt und von ungeheurer Größe, ist 
fast ganz aus getriebenem Silber hergestellt. Eine 
massive silberne Barriere, lang und hoch genug für 
eine mäßige Brücke, trennt sie vom inneren Kirchen- 
raum. Überall stehen hohe, silberne Kirchenleuchter 
umher, auf denen Wachslichte von der Dünne eines 
Bleistiftes bis zur Dicke eines Armes brennen. Die 
Gläubigen stecken dieselben dort auf und bemessen 
die Stärke derselben nach dem Maßstab ihrer Mittel 
und — nach der Größe ihres Anliegens an die heilige 
Mutter Gottes. 

Um die wenigen Stunden, die mit bleichem Schein 
den kurzen Petersburger Tag andeuten, auszunutzen, 
schenkte ich mir das Frühstück und fuhr in die Ere- 
mitage, die größte Sehenswürdigkeit Petersburgs. 
Wohl an keinem anderen Orte der Welt sind so viele 
und wertvolle Kunstschätze auf so engem Raum ver- 

185 



einigt, wie hier. Hier sind die berühmtesten Meister- 
werke der Malerei und Skulptur aller Lande in einer 
unermeßlichen Reihe von Zimmern und Sälen ver- 
teilt, deren jeder selbst ein Kunstwerk an Schönheit 
und Geschmack ist. Es gibt keinen berühmten Maler, 
der hier nicht durch seine vorzüglichsten Schöpfun- 
gen vertreten wäre. Rubens, Raphael, Tizian, van Dyk, 
Ruisdael, Teniers, Wouwerman, Corregio und Mu- 
rillo füllen ganze Säle aus, leider ist die Beleuchtung 
eine so schlechte, daß fast keins der erhebenden Mei- 
sterwerke zur vollen Geltung gelangt. — Um 2 Uhr 
war es schon so dunkel, daß man fast nichts mehr 
sah, der neblige, graue Himmel erstickt alles Licht. 
— Den Teil der Sammlungen, welcher die Antiken, 
die Mosaiken, Juwelen und geschnittenen Steine um- 
faßt, habe ich nicht gesehen, ich konnte von den Bil- 
dern nicht loskommen. — Sehr merkwürdig sollen 
auch die dort aufbewahrten Ausgrabungen von 
Kertsch in der Krim sein, wo vierhundert Jahre vor 
Christi griechische Kultur blühte, bis die Völkerwelle 
der Skythen und die tatarischen Horden sie hinweg- 
spülte. 

KABINETTSORDER. 

Ich habe Sie heute zum Obersten befördert und gereicht es 
Mir zum Vergnügen, Ihnen dies hierdurch bekanntzumachen. 

Neues Palais, den 18. August 1895. 

Wilhelm R. 

An Meinen diensrt Flügeladjutanten, Oberstleutnant v. Moltke, 
Kommandeur der Schloßgarde-Kompagnie. 

Stettin, 7. September 1895. 

Wir sind eben aus dem Schloß gekommen, wo wir 
Manöverbesprechungen gehabt haben. — Dies Le- 
ben, so ermüdend es ist, bekommt mir außerordent- 
lich gut. Es ist mir immer, als ob meine Kräfte sich 

186 



erst entwickelten, wenn größere Anforderungen an 
sie gestellt werden, und das tröstet mich wieder im 
Hinblick auf die Zukunft, ich hoffe doch noch mei- 
nen Mann stehen zu können, wenn es einmal gilt. 

An Bord S.M.Jacht »Hohenzollern«, 
14. September 1895. 

Am 15. Oktober werde ich etwa wieder den Dienst 
bekommen, dann geht das Reisen sogleich wieder 
an. Nach Urville bei Metz, wo eine Kirche einge- 
weiht und nachWörth, wo ein Denkmal Kaiser Fried- 
richs enthüllt wird. 

Jagdhaus Rominten, 27. September 1895. 

Ich schreibe Dir nur ein paar Worte, um Dir mit- 
zuteilen, daß ich morgen vormittag nach Petersburg 
abreise. Der Kaiser schickt mich mit einem Hand- 
schreiben an den Kaiser von Rußland. 

St. Petersburg, 2. Oktober 1895. 

Am 29. September kam ich hier an, hatte, da die 
Sendung mir völlig überraschend kam und ich keine 
Sachen mit hatte, Uniform und Paß telegraphisch aus 
Berlin requiriert. Die Sachen kamen mit demselben 
Zuge an, mit dem ich weiterfuhr und wurden mir in 
Trakehnen auf dem Bahnhof übergeben. Auf der rus- 
sischen Grenzstation Wirballen war meine Ankunft 
mitgeteilt, ich wurde von dem Chef des Zollamts sehr 
höflich empfangen und ohne alle Schwierigkeiten 
durchgelassen. — Derselbe Herr hatte mir ein Schlaf - 
coup6 reserviert, das, wie er mir sagte, zwar schon 
verkauft gewesen, aus dem man aber den Inhaber 
ohne weiteres herausgesetzt hatte, ein Verfahren, das 
zwar für denjenigen, der davon profitiert, sehr ange- 
nehm ist, für denjenigen, der darunter zu leiden hat, 

187 



aber ebenso unangenehm sein muß. Da mir der Ex- 
mittierte unbekannt war und blieb, schlief ich mit 
ziemlich ruhigem Gewissen auf dem bequemen 
Schlafsofa des breiten Wagens, das bei dem sehr 
langsamen Fahren des russischen Zuges ein vor- 
treffliches Lager bot. Um 9 Uhr morgens war ich 
aus Rominten, um 11V2 Uhr ausTrakehnen weggefah- 
ren, am nächsten Tage um 12 Uhr mittags lief der 
Zug mit einer Stunde fahrplanmäßiger Verspätung 
in Petersburg ein. Auf dem Bahnhof fand ich unse- 
ren Botschafter Fürst Radolin und den Militärattache" 
Hauptmann Lauenstein, die eine volle Stunde auf 
mich gewartet hatten. Der erstere sagte mir, daß ich 
von Seiten des Kaiserlich russischen Hofmarschall- 
amts in dem Hotel d'Europe als Gast Sr. Majestät 
einquartiert sei, und daß Hof wagen und Lakai zu 
meiner Verfügung gestellt wären. — Ich fuhr nun in 
mein Hotel, wo ich eine hübsche Wohnung, beste- 
hend aus Vorzimmer, Salon und Schlafzimmer bereit 
fand, — dann in unsere Botschaft, um daselbst mei- 
nen Besuch zu machen und dort zum Frühstück 
zu bleiben. — Abends war ich mit Lauenstein zusam- 
men in der Oper. Das riesige, soeben neu restaurierte 
Haus, macht einen prächtigen Eindruck, es ist in 
Weiß und Gold gehalten, Vorhänge und Draperien 
aus blauem Damast. Es wurde das Ballett Copelia ge- 
geben, und da die Russen das Ballett besonders lie- 
ben, ist auf Ausstattung und Personal ein großer 
Wert gelegt. Nie habe ich ein dankbareres Publikum 
gesehen. Jede Leistung wurde mit Stürmen des Bei- 
falls begrüßt, und viele Solotänze mußten wiederholt 
werden. — Am 30. September, dem folgenden Tage, 
war ich vormittags 11 Uhr zur Audienz bei Sr. Maje- 
stät dem Zaren angesagt. Ich hatte schon tags vorher 
an den Adjutanten des Großfürsten Wladimir, des 

188 



einzigen zurzeit hier anwesenden Mitglieds des kai- 
serlichen Hauses, telegraphiert und gebeten, mich 
nach meiner Audienz bei Sr. Kaiserl. Hoheit melden 
zu dürfen. Der Großfürst wohnt in einem besonderen 
Palais, ebenfalls in Zarskoje Selo, wo der Kaiser re- 
sidiert. Ich fuhr mit dem um 10 Uhr von hier ab- 
gehenden Zuge hinaus. Man fährt dreißig Minuten, 
wie von Berlin bis Potsdam. Auf dem Bahnhof emp- 
fing mich der Adjutant des Großfürsten, Graf Versen, 
und sagte mir, daß Se. Kaiserl. Hoheit mich empfan- 
gen wollten und mich bitten ließen, bei ihm zu früh- 
stücken. Nun fuhr ich nach dem etwa zehn Minuten 
vom Bahnhof gelegenen kleinen Alexanderpalais, in 
dem Se. Majestät wohnen, während das große Palais, 
von der Kaiserin Katharina im Barockstil erbaut, leer 
steht. Ich wurde sogleich von dem Hof marschall Gra- 
fen Benckendorff empfangen und unmittelbar darauf 
durch eine Reihe von Zimmern, Sälen und Gängen 
in das Vorzimmer des Kaisers geleitet. Wie wir einen 
schmalen Gang durchschritten, an dessen Eingang 
zwei riesige, pechschwarze Mohren in orientalischem 
Kostüme und bis an die Zähne bewaffnet Wache 
standen, öffnete sich, gerade wie wir vorbeischritten, 
eine Tür, und der Kaiser erschien im weißen Pikee- 
jäckchen, im Begriff, die gegenüberliegende Tür zu 
erreichen. Sowie er uns erblickte, zog er die Tür 
rasch wieder zu, und wir machten unsere tiefe Ver- 
beugung vor dem Türflügel! — Nun gelangten wir in 
das Vorzimmer, in dessen Mitte, gerade wie in dem 
Adjutantenzimmer in Berlin, ein Billard stand und in 
dem ein kleiner dicker Herr mit einer großen Rolle 
Zeichnungen unter dem Arm auf den Moment war- 
tete, wo er zum Vortrag vorgelassen werde. Er wurde 
mir von dem Hofmarschall als der Marineminister 
vorgestellt. 

189 



Nach wenigen Minuten des Wartens wurde ich 
durch einen Kammerdiener, den Graf Benckendorff 
damit beauftragte, bei Sr. Majestät angemeldet. Es war 
wederein General, noch ein Flügeladjutant zu sehen. 
Der Kaiser soll so ziemlich ganz ohne militärische 
Umgebung leben; wie ich hörte, ist im Schloß außer 
dem Hofmarschall nur der Oberstallmeister und der 
Kommandeur des Leibkonvois anwesend. — Ich trat 
nun, ziemlich belastet, in das Arbeitszimmer Sr. Ma- 
jestät. Ich war natürlich im Paradeanzug, hatte in 
der einen Hand den Helm und Säbel, in der andern 
den Brief unseres Kaisers, und unter dem Arm ein 
aufgerolltes Bild, das nach dem Entwurf unseres Kai- 
sers von dem Professor Knackfuß ausgeführt und im 
Steindruck vervielfältigt ist. Dieses Bild sollte ich 
gleichzeitig mit dem Brief übergeben. Der Zar kam 
mir sogleich mit ausgestreckter Hand entgegen und 
sagte mir: »Ich freue mich, Sie hier zu sehen, wir 
kennen uns ja schon.« — Nachdem ich nicht ohne 
Schwierigkeit alle meine Gegenstände, zu denen noch 
der ausgezogene Handschuh der rechten Hand kam, 
in der linken konzentriert hatte, konnte ich die mir 
gütig dargebotene Hand annehmen. — Ich überreichte 
dann den Brief und gab sodann eine Erläuterung des 
Bildes, bei dessen Aufrollung auf einem Tisch Se. Ma- 
jestät mir selber behilflich waren. — Das Bild zeigt 
eine Gruppe weiblicher Figuren, die im antiken Ko- 
stüm, in der Art der Walküren, auf einem Felsvor- 
sprung stehen und über eine mit blühenden Städten, 
schiffbefahrenen Flüssen und beackerten Feldern be- 
deckte Ebene hinwegschauen. Sie stellen die euro- 
päischen Staaten vor. Im Vordergrunde Deutschland, 
eng an dasselbe geschmiegt Rußland, zur Seite Frank- 
reich, dahinter Österreich, Italien, England usw. — 
Vor ihnen steht, mit der Hand in die Ferne weisend, 

190 



das Flammenschwert in der anderen, der Cherub des 
Krieges, über der Gruppe schwebt, von Strahlen um- 
geben, das Kreuz. Hinter der blühenden Landschaft, 
die Handel und Gewerbe, europäische Kultur und Ge- 
sittung versinnbildlicht, sieht man den qualmend auf- 
steigenden Rauch einer brennenden Stadt. Der Schwa- 
den zieht in dicken Wolken, die sich zur Form eines 
Drachens zusammenballen, drohend heran. Aus dem 
Qualm steigt das Bild Buddhas auf, das mit stieren, 
kalten Augen auf die Zerstörung blickt. — Der Sinn 
des Ganzen ist der in der Zukunft heraufdämmernde 
Existenzkampf der weißen und gelben Rasse. — Die 
Idee zu dem Bilde ist Sr. Majestät gekommen, wie bei 
Abschluß der Friedenspräliminarien zwischen China 
und Japan die Gefahr vorlag, daß die ungeheure 
Masse des chinesischen Reiches, auf dessen Ent- 
wicklung Japan einen entscheidenden Einfluß zu ge- 
winnen suchte, durch dieses tätige, nach expansiver 
Entwicklung strebende Land organisiert und in Gä- 
rung gebracht werden könnte, und daß dann die Woge 
der gelben Rasse sich verderbenbringend über Eu- 
ropa ergießen würde. Unter dem Bild stehen, von der 
Hand des Kaisers geschrieben, die Worte: »Völker 
Europas, wahrt eure heiligsten Güter«. — Ich ver- 
fehlte nicht, nachdem ich die Erläuterung gegeben, 
hinzuzufügen, daß diese Gefahr durch die Weisheit 
der Politik und des gemeinsamen Handelns Rußlands, 
Deutschlands und Frankreichs vorläufig zurückge- 
dämmt sei. — Der Kaiser interessierte sich lebhaft für 
die Zeichnung, und ich mußte ihm alle Details er- 
klären. — Ich wies darauf hin, wie in den Silhouetten 
der Städte die Kuppel der orthodoxen Kirche neben 
dem Turm des protestantischen Münsters aufrage, 
und als der Kaiser auf eine Stadt deutend fragte, ob 
das Moskau sein solle, erwiderte ich, daß ich zwar 

igi 



nicht wüßte, ob Se. Majestät, mein allergnädigster 
Herr, gerade diese Stadt im Auge gehabt habe, daß 
aber Moskau sicherlich ebenso bedroht sein würde 
wie jede andere europäische Stadt. — Nachdem das 
Bild besichtigt, hatte der Kaiser die Gnade, mich 
noch einer längeren Unterredung zu würdigen, und 
erteilte mir dann den Auftrag, das Antwortschreiben 
wieder an unseren Kaiser zurückzubringen. — Nach- 
dem der Kaiser mich dann in gnädigster Weise ver- 
abschiedet, sagte er noch zu mir: »Sie wollen gewiß 
gerne die Kaiserin sehen, lassen Sie sich doch bei ihr 
anmelden.« Wie ich mich rückwärts zur Tür hinaus- 
dienerte, verlor ich einen Handschuh, der mir von 
dem Kammerdiener nachgebracht wurde. Ein aber- 
gläubischer Mensch würde hierin vielleicht ein Omen 
erblickt haben, was Gott und alle Heiligen verhüten 
wollen. 

Ich ließ mich nun bei Ihrer Majestät anmelden. 
Nach kurzer Zeit wurde ich zur Kaiserin geführt, die 
mich ganz allein empfing. Es war auch hier keine 
Dame zugegen, und die Anmeldung erfolgte eben- 
falls durch einen Kammerdiener. Die Kaiserin sah 
vortrefflich aus. Sie hatte frische Farben, strahlende 
Madonnaaugen und sah in ihrem faltigen Trauerkleide 
aus wie eine wahre Kaiserin. — Sie unterhielt sich 
sehr freundlich mit mir, ich mußte erzählen von dem 
Kaiser aus Rominten, von der Kaiserin und den Kin- 
dern, und wie sie mir zum Abschied die Hand reichte, 
führte ich sie mit der Empfindung an die Lippen, daß 
die Russen ihrem orthodoxen Gott wohl dankbar sein 
können, daß er einen solchen Lichtengel auf den 
Thron des Zarenreiches berufen hat. — Von hier fuhr 
ich nun zu dem Palais des Großfürsten Wladimir, 
wo Versen mich empfing und mich alsbald zu Sr. Kai- 
serlichen Hoheit führte, der mich freundlichst be- 

192 



grüßte und sich gegen eine halbe Stunde mit mir 
unterhielt. Wir gingen dann zum Frühstück, an dem 
außer dem Großfürsten, Versen und mir noch ein 
Russe mit einem unaussprechbaren Namen teilnahm. 
Se. Kaiserliche Hoheit ist ein sehr passionierter Jäger 
und kannte alle Jagdgründe Deutschlands, hatte früher 
öfters Hirsche in Rominten und der Schorfheide ge- 
schossen und konnte ein leises Bedauern nicht unter- 
drücken, daß diese Zeiten jetzt vorbei seien. Er ließ 
auch die Geweihe der zuletzt von ihm geschossenen 
Hirsche hereinbringen, die ich aufrichtig bewundern 
konnte, da sie in der Tat kapital waren. — Nachdem 
das Frühstück, bei dem ausschließlich deutsch ge- 
sprochen wurde, beendet, entließ mich der Großfürst 
mit den Worten: »Ich hoffe, Sie jedenfalls noch zu 
sehen, bevor Sie abreisen.« Daß es ihm damit ernst 
gewesen, beweist ein Telegramm, das mir gerade ge- 
bracht worden ist: »Voulez-vous venir diner chez moi 
demain jeudipar trains sept heures. Überrock, Mütze. 
Wladimir.« — Wenige Augenblicke später erhielt ich 
ein Telegramm vom Hofmarschall Benckendorff : 
»L'Empereur vous recevra demain jeudi ä onzes 
heures. Train ä dix heures.« — So werde ich also 
morgen, Donnerstag, mein Antwortschreiben erhal- 
ten, und kann morgen abend 12 Uhr von hier ab- 
reisen. 

Nachdem ich mit dem Zuge aus Zarskoje Selo zu- 
rückgekehrt war, ging ich auf unsere Botschaft, von 
wo ich ein zweieinhalb Bogen langes Telegramm an 
unseren Kaiser richtete, an dem die Chiffreure über 
zwei Stunden zu arbeiten hatten. — Am Dienstag fuhr 
ich wieder nach Zarskoje Selo, um einer Einladung 
des Grafen Versen zum Frühstück zu folgen. — Wir 
frühstückten sehr nett, und dann ließ er anspannen 
und fuhr mich eine fast zweistündige Tour durch die 

Moltke. 13. 193 



herrlichen Parkanlagen von Zarskoje Selo. — Auf die 
Herstellung der weitläufigen Anlagen ist eine unge- 
heure Mühe verwendet. Das Terrain ist durchweg 
sumpfig, nur auf einzelnen festen Inseln, die in dem 
morastigen Wiesenboden liegen, wachsen schöne 
Baumgruppen, die freilich schon fast durchweg das 
Laub verloren hatten. Alle Wege (und es sind mei- 
lenlange breite Chausseen, von doppelten Eichen- 
alleen flankiert), sind aufgeschüttet. — Sobald man 
vom Wege herunterkommt, versinkt man im Sumpf. 
— Dennoch macht das Ganze, dem viele ausgedehnte 
Wasserspiegel Abwechslung verleihen, ein land- 
schaftlich schönes Bild. Man fährt an vielen größe- 
ren und kleineren Schlössern vorüber, an den Kaser- 
nen der Gardekavallerie-Regimenter, an chinesischen 
Gebäudekomplexen, wo rachensperrende Drachen 
auf den Dächern und alte pensionierte Generale in 
den Häuschen sitzen und das Gnadenbrot des Zaren 
essen. Den Mittelpunkt bildet das große Palais der 
Kaiserin Katharina, die, wie Peter der Große Peters- 
burg, so ihrerseits Zarskoje Selo aus dem Sumpf her- 
vorgestampft hat. Die Front des mächtigen Schlos- 
ses ist wohl zweimal so lang wie die des Neuen Pa- 
lais. Das niedrige Dach wird getragen von dicken 
weißen Säulen, zwischen denen enorme Karyatiden, 
ganz vergoldet, in Form des die Welt tragenden At- 
las, sich unter der Last der Fenstersimse bücken. 
Zwei massive, hochragende Giebel unterbrechen die 
langgezogene Linie der Front, die zu beiden Seiten 
in kreisförmige Flügel ausläuft, an deren einen sich 
die griechische Kirche mit ihren vielen zwiebelförmi- 
gen Kuppeln und hohen, blau gemalten Fenstern an- 
schließt. Die mit dicker Goldbronze beschlagenen 
Kuppeln glänzen in der Sonne, und aus den mar- 
morweißen Wänden treten die himmelblauen Fen- 

194 



ster etwas indiskret hervor. Alle Fenster- und Türein- 
fassungen des Schlosses sind barock geschweift und 
vergoldet. So liegt das Ganze in wuchtiger Macht da, 
wie ein Stein gewordener Ukas der selbstherrischen 
Kaiserin, die es geschaffen. — Von dort fuhren wir 
nach dem Paulowskschen Palais, erbaut von dem un- 
glücklichen Kaiser Paul, der sein Leben unter der 
drosselnden Schärpe des Generals von Benningsen 
aushauchen mußte. Ebenso einfach, fast furchtsam 
zusammengebogen ist dies im beinahe geschlosse- 
nen Kreise gebaute Schloß, wie das der Mutter her- 
ausfordernd anspruchsvoll, breit und gerade ausge- 
laden. Auch die Umgebung ist eine ganz andere. 
Wenn dort weite Flächen sich breiten, gerade ge- 
haltene Chausseen strahlenförmige Ausblicke eröff- 
nen oder mathematisch rechtwinklig einander kreu- 
zen, so liegt das Palais des Kaisers Paul mitten in 
hochstämmigem Fichtenwald. Keine Hand hat an die- 
sem Waldboden gemodelt, er trägt seine hohen 
Stämme und sein wucherndes Gestrüpp, wie die 
Gärtnerin Natur es ihm anweist, und mitten durch 
diesen Wald schmiegen sich weiche, aber gut ge- 
haltene Wege an die wellenförmigen Bodenerhebun- 
gen, zu denen das Gelände hier ansteigt. Es fährt 
sich herrlich durch diesen Urwald, bald an stillen 
Waldseen entlang, bald über bescheidene Holz- 
brücken, die geschickt über rauschendes Wasser 
führen. In ihrer Art sind diese bequemen Wege, die 
mitten durch einen Wald führen, in dessen Dunkel 
und Gewirr ein Durchqueren fast unmöglich ist, 
ebenso überraschend wie die Fjorde Norwegens, auf 
denen man glatt und bequem bis mitten in das Hoch- 
gebirge fährt. 

Von Pawlowsk über Zarskoje Selo führt die älteste 
Bahn Rußlands nach Petersburg. Es ist die vierte 

195 



Bahn, die überhaupt in Europa gebaut worden ist, 
und dadurch ein Unikum, daß ihre Spurbreite noch 
breiter ist als die der übrigen russischen Bahnen. 
Die hölzernen Stationsgebäude, die hölzernen Per- 
rons, die unendlich breiten, mit klapprigen Fenstern 
und schmutzigen, zerschlissenen Sitzsofas ausge- 
rüsteten Wagen, machen den Eindruck, als ob seit 
Erbauung der Bahn nichts daran geändert und nie 
etwas repariert worden wäre. Und trotzdem ist dies 
die befahrenste Bahn, denn im Sommer strömt all- 
nachmittäglich halb Petersburg hier heraus, um unter 
den taufeuchten, alten Bäumen auf den trockenen 
Wegen zu lustwandeln oder vor dem riesigen, aus 
Holz gebauten Musikpavillon zu sitzen, in dem von 
den besten Kapellmeistern täglich Konzerte gegeben 
werden. Es war fünf Minuten vor 3 Uhr, wie wir vor 
dem Bahnhofsgebäude hielten, das ungefähr aus- 
sieht, wie ein polnischer Ochsenstall. Um 3 Uhr ging 
der Zug, der mich nach Petersburg zurückbrachte. 

Gestern abend habe ich wieder ein Diner unserer 
Botschaftsherren gehabt, diesmal aber waren wir un- 
ter uns. Graf Pückler, Du kennst ihn ja, und Herr 
v. Romberg haben sich auf den jenseits der Newa ge- 
legenen Inseln gemeinsam eine Datsche gemietet, in 
deren kleinen Räumen sie ein gemütliches Sommer- 
leben in friedlicher Ehe führen. Das andauernd gute 
Wetter gestattet ihnen noch draußen zu bleiben, ob- 
gleich die Saison längst vorbei ist. Beide hatten mich 
eingeladen, abends in ihrer Hütte zu speisen, und 
außer mir war noch Lauenstein und der erste Bot- 
schaftsrat, ein Herr von Tschirschky, dort. Lauen- 
stein holte mich ab, und wir fuhren in meinem Hof- 
wagen hinaus. Trotz des wahnsinnigen Tempos, in 
dem hier alles, und allen voran die kaiserlichen Wa- 
gen fahren, brauchten wir über eine halbe Stunde, 

ig6 






um hinaus zu kommen. Die Inseln liegen umschlos- 
sen von der vielarmigen Newamündung und sind 
durchweg parkartig gehalten. Zwischen den Bäumen 
liegen zerstreut die kleinen Datschen, in denen im 
Sommer alles sich einquartiert, was irgend die Mittel 
dazu hat. Hier spielt sich an den langen, hellen Som- 
merabenden der Korso der Petersburger Welt ab, der 
darin gipfelt, daß jeder an einen bestimmten Punkt, 
ein weit ausspringendes Rondell, fährt, das die West- 
spitze der letzten Insel bildet. Hier hält Wagen an 
Wagen gedrängt und alles blickt hinaus über eine 
weite Wasserfläche, die von Bäumen eingerahmt ist, 
und an deren einer Seite ein plumpes Holzhaus in 
die öde Landschaft eine schwermütige Silhouette 
zeichnet, und alles wartet auf den Augenblick, wo 
der Sonnenball, nachdem er seine lange Reise über 
den nordischen Sommerhimmel zurückgelegt hat, 
hinter der glänzenden Wasserfläche verschwunden 
ist. Sobald der letzte Funke verglommen ist, wirrt 
sich der Knäuel der Wagen auseinander und jeder 
fährt stumpfsinnig nach Hause. 

Heute morgen bin ich in der Peter-Pauls-Kathedrale 
gewesen und habe einen Kranz auf dem Sarkophag des 
verstorbenen Kaisers Alexander III. niedergelegt. Ich 
hatte einen Kranz ganz aus Lorbeerblättern machen 
lassen mit großer schwarz-silberner Schleife, auf de- 
ren einem Bande ich ebenfalls aus Lorbeerblättern 
ein W und auf dem andern ebenso eine Krone hatte 
anbringen lassen. De la part de Samajeste l'Empereur 
d'Allemagne — wie ich dem Kommandanten der Fe- 
stung sagte. Die Kirche war voll Menschen, die mich 
in meiner preußischen Uniform verwundert anstarr- 
ten. 



197 



Bericht über die Abschiedsaudienz bei Sr. Majestät 
dem Kaiser von Rußland am 3. Oktober 1895. 

St. Petersburg, 3. Oktober 1895. 

Am Vormittag des 2. Oktober erhielt ich durch Tele- 
gramm des Oberhofmarschalls Graf Benckendorff die 
Mitteilung, daß Se. Majestät der Kaiser mich am fol- 
genden Tage, vormittags 11 Uhr, in Zarskoje Selo 
empfangen wollten. 

Ich fuhr mit dem um 10 Uhr von Petersburg ab- 
gehenden sogenannten Hofzug am 3. Oktober nach 
Zarskoje Selo, wo ein Wagen für mich bereitstand. 
Wieder — wie bei meiner ersten Audienz — wurde 
ich, im Alexander-Palais angelangt, durch den Gra- 
fen Benckendorff in das Vorzimmer Sr. Majestät ge- 
führt und sofort bei Allerhöchstdemselben angemel- 
det. In dem Vorzimmer fand ich den Minister des 
Innern und einige Generale, die zum Vortrag befoh- 
len waren, und denen ich durch Graf Benckendorff 
vorgestellt wurde. — Nach wenigen Minuten wurde 
ich zu Sr. Majestät hereinbefohlen. 

Der Kaiser kam mir in liebenswürdigster Weise 
entgegen, reichte mir die Hand und fragte mich, wie 
mir Petersburg gefallen habe. Sodann fragte der Kai- 
ser nach Ew. Majestät und ließen Sich von Aller- 
höchstdero Aufenthalt in Rominten erzählen. Nach- 
dem das Gespräch sich eine Weile um Jagd gedreht, 
fand ich Gelegenheit, Sr. Majestät zu melden, daß ich 
am gestrigen Tage in der Peter-Pauls-Kathedrale ge- 
wesen und dort einen Kranz im Auftrage Ew. Maje- 
stät auf dem Grabstein des hochseligen Kaisers Alex- 
ander III. niedergelegt habe, was Se. Majestät augen- 
scheinlich angenehm berührte. 

Dann sagte der Kaiser, Sich der französischen 
Sprache bedienend, während Er bis dahin deutsch ge- 

198 



sprochen hatte: »Maintenant j'ai encore quelques 
mots ä vous dire, mais il me faut parier francais, 
parce que en allemand je ne peux pas exprimer ce que 
j'ai ä vous dire.« Se. Majestät setzten Sich sodann an 
den Schreibtisch Seines Arbeitszimmers und forder- 
ten mich auf, neben Ihm auf einem Stuhle Platz zu 
nehmen. 

Der Kaiser sagte sodann etwa folgendes, das ich 
mir nach beendeter Audienz sofort notiert habe: »Se. 
Majestät beunruhigen sich wegen der Anwesenheit 
meines Ministers Lobanoff in Frankreich. Derselbe 
hatte von mir Urlaub ins Bad erbeten, und telegra- 
phierte mir von dort, ob ich gestatte, daß er der Revue 
beiwohne, die ihn sehr interessiere. Ich antwortete, 
daß ich nichts dagegen einzuwenden habe. Ich hatte 
ihm bei seiner Abreise den Auftrag gegeben, in be- 
ruhigendem Sinne auf die Franzosen zu wirken. 
Nachdem ich nun gesehen und auch durch den Brief 
Sr. Majestät aufs neue darauf hingewiesen worden 
bin, daß im Gegenteil der französische Chauvinis- 
mus lebhaft erregt worden ist, habe ich Lobanoff 
aufs neue telegraphisch befohlen (und bei dem letz- 
ten Wort stießen Se. Majestät energisch mit dem 
Zeigefinger auf die Tischplatte), sich nicht nur jeden 
demonstrativen Auftretens zu enthalten, sondern auch 
den französischen Chauvinismus abzukühlen, wo er 
ihm entgegentritt. Ich habe ihm ferner befohlen, auf 
seiner Rückreise eine Audienz bei Sr. Majestät dem 
Kaiser nachzusuchen, und stelle es Allerhöchstdem- 
selben anheim, ob er ihn empfangen will. Wenn er 
ihn empfängt, wird er aus seinem Munde dasselbe 
hören, was ich Ihnen jetzt sage. Es war mir bisher 
nicht genügend bekannt, wie leicht die Franzosen 
Feuer fangen. Hätte ich dies gewußt und vorher- 
sehen können, so hätte ich weder Lobanoff noch 

199 



Dragomirow die Erlaubnis erteilt, nach Frankreich 
zu gehen, und ich werde in Zukunft vorsichtiger mit 
meinen Herren sein.« 

Se. Majestät kamen sodann auf die französische 
Presse zu sprechen, äußerten Sich darüber, wieviel 
Unheil die Presse schon in der Welt angerichtet, und 
fuhren dann etwa fort: »Ich vermute, daß Se. Majestät 
in der Stille seines Jagdaufenthalts, wo keiner seiner 
Minister bei ihm war, erregt worden ist, durch die 
Lektüre der Zeitungsausschnitte, und ich kann dies 
vollkommen begreifen. Wenn man nur in dieser Form 
die Nachrichten aus Frankreich liest, so kann ich mir 
denken, daß die Nachrichten von dort alarmierend 
wirken müssen. Ich selber habe mir die Zeitungs- 
ausschnitte verbeten, die man mir zuerst auch vor- 
legen wollte. Ich fürchte durch sie nur Kenntnis zu 
erhalten von einer bestimmten Richtung, die zu be- 
stimmen in der Hand desjenigen liegt, der Ausschnitte 
auswählt und anfertigt. Ich lese statt dessen eine 
deutsche (ich glaube, es ist die Kölnische, die ich 
wenigstens im Zimmer Sr. Majestät liegen sah), eine 
französische — den Temps — , eine englische und 
eine russische Zeitung, — letztere nicht gern, denn 
sie taugen alle nichts, und indem ich so die verschie- 
denen Stimmen höre, suche ich mir mein Urteil sel- 
ber zu bilden. Ich lege aber nicht zu viel Wert auf 
die Zeitungen, denn ich weiß, wie sie gemacht wer- 
den. Da sitzt irgendein Jude, der sein Geschäft dabei 
macht, wenn er die Leidenschaften der Völker ge- 
geneinander aufhetzt, und das Volk, meist ohne eige- 
nes politisches Urteil, hält sich an die Phrase. Des- 
wegen werde ich auch die russische Presse nie frei- 
geben, solange ich lebe. Die russische Presse soll 
nur schreiben, was ich will (und dabei stießen Se. 
Majestät wieder mit dem Zeigefinger auf den Tisch), 

200 



und im ganzen Lande darf nur mein Wille herr- 
schen.« 

Se. Majestät führten sodann aus, wie der Russisch- 
türkische Krieg nur den Hetzereien der Presse zu 
verdanken sei, und wie diese auch jetzt die Bezie- 
hungen zwischen Deutschland und Rußland sowie 
Frankreich verderbe und die Empfindungen verbit- 
tere, und sagten dann: »Zwischen Deutschland und 
Rußland ist seit hundertfünfzig Jahren kein Krieg ge- 
wesen. Deutschland hat sich mit ungefähr allen sei- 
nen Nachbarn geschlagen, nur mit uns nicht, und es 
ist auch ein Unding, an einen Krieg zwischen Deutsch- 
land und Rußland zu denken, da diese beiden Län- 
der gar keine miteinander kollidierenden Interessen 
haben.« 

Sodann erzählte Se. Majestät, daß Ihm aus den 
deutsch-russischen Grenzdistrikten laufend Berichte 
zugingen, aus denen Er zu Seiner Freude ersehe, wie 
das Verhältnis zwischen den beiderseits an der Grenze 
stehenden Truppen ein ausgezeichnet gutes sei. Die 
Offiziere machten sich gegenseitig Besuche, lüden 
sich ein und hielten gute Kameradschaft. Alles Nach- 
richten, worüber Er Sich aufrichtig freue. Hier we- 
nigstens sei nichts von der Animosität zu bemerken, 
die sich in der Presse breit mache. 

Ich bemerkte nun: »Wollen Ew. Majestät mir al- 
lergnädigst erlauben, noch einmal darauf zurückzu- 
kommen, daß wir nach den Gesinnungen, die Ew. 
Majestät äußern, gewiß keinen Grund haben, Be- 
sorgnisse von sehen Rußlands zu hegen. Das was 
wir aber befürchten müssen, ist das leicht erregbare 
Temperament der französischen Nation, das natür- 
lich durch die Anwesenheit der russischen Generale 
und Staatsmänner noch mehr erhitzt wird.« Der Kai- 
ser erwiderte: »Ich weiß es, aber sagen Sie dem Kai- 

201 



ser, daß ich die Ruhe aufrecht erhalten werde! Vor- 
läufig haben die Franzosen Madagaskar auf dem 
Buckel. Sie können nicht anders, als um der Ehre 
willen diese Sache durchführen. Sie müssen neue 
Kredite fordern und neue Truppen hinschicken. Das 
wird sie gewiß noch ein Jahr beschäftigen, so lange 
können sie an nichts anderes denken. Und wenn das 
Jahr vorbei ist, so garantiere ich Sr. Majestät, daß sie 
dann auch ruhig sein werden und sich ferner ruhig 
verhalten werden. Es liegt mir außerordentlich viel 
daran, daß wir (Deutschland und Rußland) die guten 
Beziehungen zueinander aufrecht halten. Wir sind 
gegen Sie noch weit zurück, haben unendlich viel zu 
tun im Inneren. Wir produzieren hauptsächlich Ge- 
treide, Sie industrielle Waren, die wir austauschen 
müssen. Ein Krieg zwischen uns würde beiden Völ- 
kern unendliches Elend bringen.« 

Ich sagte: »Ew. Majestät kennen meinen allergnä- 
digsten Herrn selber gut genug, um zu wissen, daß 
Er in nichts anderem Seine Lebensaufgabe sieht, als 
darin, Seinem Volk eine friedliche Entwicklung zu 
ermöglichen.« Der Kaiser erwiderte: »Das weiß ich, 
und ich kann Sie versichern, auch ich will nichts von 
Krieg wissen, und werde streben, den Frieden zu er- 
halten, bis an das Ende meines Lebens. Ich will fort- 
fahren in der friedlichen Politik meines verstorbenen 
Vaters.« — Auf den Brief Ew. Majestät zurückkom- 
mend, sagte der Kaiser dann noch: »Se. Majestät mei- 
nen, daß ich infolge des Trauerjahres keine Gele- 
genheit hätte, mich genügend zu orientieren. Ganz 
das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil ich so still 
leben kann, habe ich mich eingehend mit allen Ver- 
hältnissen meines Reiches und der Politik beschäf- 
tigen können, und ich glaube mir das Zeugnis aus- 
stellen zu können, daß ich fleißig gearbeitet und vor 

202 



allem gestrebt habe, mir ein eigenes, unbefangenes 
Urteil zu bilden. Ich weiß, was uns noch alles fehlt, 
und ich will friedliche Arbeit im Lande, ich will kei- 
nen Krieg und werde ihn nie zugeben. Das alles habe 
ich Sr. Majestät auch in meinem Briefe auseinander- 
gesetzt, aber mir liegt daran, daß Sie es ihm auch 
mündlich wiederholen.« 

Ich erwiderte, daß ich nach allem, was Se. Majestät 
die Gnade gehabt hätten mir zu sagen, mich sehr 
glücklich schätze, die kundgegebene Gesinnung Sr. 
Majestät, meinem Herrn und Kaiser übermitteln zu 
dürfen. 

Se. Majestät erhoben sich sodann und trugen mir, 
wieder zur deutschen Sprache zurückkehrend, die 
herzlichsten Grüße an Ew. Majestät sowie auch die- 
jenigen der Kaiserin an beide Majestäten auf. Hierauf 
verabschiedeten Se. Majestät mich mit einem kräfti- 
gen Händedruck. 

Die Audienz hatte etwas über eine halbe Stunde 
gedauert. 

In tiefster Ehrfurcht verharre ich als 

Ew. Majestät 

alleruntertänigster 

v. Moltke, 

Oberst und Flügeladjutant. 

Besuch S. M. des Kaisers beim Fürsten Bismarck in 
Friedrichsruh am 16. Dezember 1895. 

Am 16. Dezember 1895 war Se. Majestät der Kaiser 
morgens von Kiel nach Altona gefahren, wo die 
Werft von Blohm & Voß besichtigt wurde, und hatte 
dann das Frühstück bei dem Kommandierenden Ge- 
neral des IX. Armeekorps, Grafen Waldersee, einge- 
nommen. Um 4 Uhr nachmittags fuhren Se. Majestät 

203 



wieder von Altona ab, und um 5 Uhr hielt der kaiser- 
liche Sonderzug in Friedrichsruh. Der Fürst Bis- 
marck erwartete die Ankunft Sr. Majestät. Im Über- 
rock und Helm, ohne Paletot, stand die reckenhafte 
Gestalt des Altreichskanzlers auf dem Perron. Der 
Kaiser stieg rasch aus und begrüßte den Fürsten mit 
herzlichem Händedruck, er nötigte ihn, den Mantel 
umzunehmen, und nach kurzer Begrüßung des Ge- 
folges und der mit dem Fürsten erschienenen Her- 
ren, Grafen Rantzau und Professor Schwenninger, 
schritten wir alle dem Hause zu. In der Tür desselben 
stand die Gräfin Rantzau und im Vorzimmer ihre bei- 
den jüngsten Söhne. 

Der Kaiser hatte für den Fürsten das illustrierte 
Werk über die deutsche Flotte von Wislicenus mit- 
gebracht, und während er dasselbe aufschlug, um 
dem Fürsten die Zeichnungen zu erläutern, zogen 
wir uns in das Nebenzimmer zurück. Der Monarch 
und der Altreichskanzler blieben alleine. Sie saßen 
sich gegenüber, jeder in einem großen Fauteuil an 
dem runden Tisch des kleinen Salons, die große 
Mappe mit den Zeichnungen der Schiffe lag zwi- 
schen ihnen. Von dem, was da etwa drei Viertel- 
stunden lang gesprochen wurde, hörten wir nichts, 
wir kamen bald in lebhafte Unterhaltung mit der Grä- 
fin Rantzau. So verging die Zeit rasch, bis um 6 Uhr 
gemeldet wurde, daß serviert sei. Der Kaiser gab der 
Gräfin Rantzau den Arm, um sie in das anstoßende 
Speisezimmer zu führen, wohin wir alle folgten. Wir 
waren zwölf Personen an der Tafel. An ihrer Spitze 
saß der Kaiser, zu seiner Linken der Fürst, zu seiner 
Rechten die Gräfin Rantzau. Es folgten dann auf der 
Seite des Fürsten General von Plessen, Admiral 
von Senden, Kalckstein, Schwenninger, auf der Seite 
der Gräfin Exzellenz von Lucanus, Lyncker, Dr. Leut- 

204 



hold, ich. Am unteren Ende des Tisches saß Graf 
Rantzau. Das Diner war gut, die Weine ausgezeich- 
net. Das Gespräch drehte sich um die alltäglichen 
Themata. Ab und zu redete der Kaiser einen der un- 
ten sitzenden Herren an oder trank einem derselben 
zu. Wie der Sekt eingeschenkt wurde, erzählte der 
Fürst, daß er einmal mit Friedrich Wilhelm IV. über 
dessen damalige Minister gesprochen habe und dem 
König gegenüber geäußert hätte, die Minister tränken 
zu wenig Sekt, sie hätten zu wenig Raketensatz in 
sich. Zum Nachtisch wurde ein weißer italienischer 
Wein geschenkt, der im Geschmack etwas an Chä- 
teau d'Yquem erinnerte und von dem der Fürst sagte, 
daß er ihn jedes Jahr von Crispi geschenkt erhielte. 
Er fügte dann hinzu : »Er vergißt mich kein Jahr, wir 
sind ja beide so ein paar alte Seeräuber.« 

Nachdem die Tafel aufgehoben war, versammelten 
wir uns wieder in dem kleinen Salon, es wurden Zi- 
garren gereicht, und der Fürst sprach mit verschiede- 
nen Herren des Gefolges. Der Kaiser hatte ihm bei 
seiner Ankunft einen Strauß von Flieder und Mai- 
glöckchen überreicht, den der Fürst jetzt wieder in 
die Hand nahm, daran roch und seine Freude über 
die frischen Blumen äußerte. Er sprach dann über 
das Aussehen des Kaisers, meinte, er sähe etwas an- 
gegriffen aus, und sagte dann: »Se. Majestät wird sich 
wohl über seine Minister geärgert haben. Ein König 
könnte ja sehr viel ruhiger leben, wenn er keine Mi- 
nister hätte, aber bisweilen ist es doch ganz gut, wenn 
die Flut kommt und wenn dann so ein Deich da ist.« 
Er wendete sich dann an Oberst von Kalckstein und 
fragte ihn, wo er während des Feldzuges gestan- 
den hätte, und als er erfahren, daß Kalckstein beim 
i . Garde-Landwehr-Regiment gestanden, fragte er, wie 
die Leute gewesen wären, ob sie willig gegangen wä- 

205 



ren und wie sie sich im Gefecht gemacht hätten. Er 
erinnerte sich mit Vergnügen der prächtigen Erschei- 
nungen der Garde-Landwehr, die an der Seinebrücke 
Posten gestanden hätten und zu denen die kleinen 
Franzosen mit scheuer Verwunderung aufgeblickt 
hätten. — Inzwischen war die lange Meerschaum- 
pfeife des Fürsten gebracht worden, er setzte sich in 
einen Lehnstuhl an den Tisch, nahm das große Bern- 
steinmundstück zwischen die Lippen und zündete sie 
an dem Streichholz an, das Professor Schwenninger 
bereithielt. Der Kaiser, welcher jenseits des Tisches 
im Sofa saß, sagte zu mir, ich möchte mich neben 
den Fürsten setzen und ihm etwas vom Zaren er- 
zählen. Ich setzte mich nun auf einen Stuhl dem Für- 
sten gegenüber und erzählte ihm, daß Se. Majestät 
mich vor einiger Zeit nach Petersburg geschickt hät- 
ten, um dem Zaren das Bild des Professors Knack- 
fuß zu überreichen, und daß ich gefunden hätte, daß 
der Kaiser sich sehr zu seinem Vorteil entwickelt 
hätte. Der Fürst unterbrach mich sehr bald mit der 
Frage: »Was ist denn der Zar für ein Mann? Ich 
meine, würde er sich entschließen können, vom Le- 
der zu ziehen?« Dabei machte er eine Handbewegung, 
als ob er das Schwert ziehen wollte. Ich erwiderte, 
daß nach meiner Ansicht der Zar hauptsächlich ein 
Gemütsmensch sei, worauf der Fürst sagte: »Damit 
wird er seine Gesellschaft nicht in Ordnung halten. 
Hat er denn wenigstens den Willen, Herrscher zu 
sein?« Ich erzählte nun, wie gelegentlich der Unter- 
redung, die der Zar mir gewährt, das Gespräch auf 
die Presse gekommen sei, und wie der Kaiser dabei 
geäußert habe: »Ich werde die russische Presse nicht 
freigeben, solange ich lebe. Eine freie Presse richtet 
das größte Unheil an. Die russische Presse soll nur 
schreiben, was ich will, und im ganzen Lande soll 

206 



nur ein Wille herrschen, und das ist der meinige.« 
Der Fürst sagte darauf: »Das gefällt mir, und er tut 
sehr wohl daran, denn wenn er erst die öffentliche 
Diskussion gestattet, dann wird er bald einem ufer- 
losen Meer gegenüberstehen. Für den russischen 
Bauer muß der Zar, das Väterchen, ein Halbgott blei- 
ben, ja beinahe ein Gott. Ich kenne Rußland und 
seine Leute, ich bin volle drei Jahre dort gewesen 
und habe mich umgesehen. Wenn man die sechzig 
Millionen Russen ihrem Zaren entfremden wollte, 
würden sie bald lauter Verrücktheiten machen.« — 
Nachdem ich gesagt, daß ich fürchte, der Zar werde 
nicht der Mann dazu sein, seinen Willen rücksichts- 
los durchzusetzen, fragte der Fürst nach der Zarin, 
ob sie Einfluß auf ihn habe. Ich sagte, daß die Zarin 
den allerbesten Eindruck auf mich gemacht hätte, 
daß sie entschieden Einfluß auf ihren Gemahl habe 
und daß zu hoffen sei, dieser werde an ihr eine feste 
Stütze haben. Der Fürst sagte darauf: Ich habe auch 
nur Gutes von ihr gehört.« — Hierauf kam der Fürst 
ohne Übergang auf den Kaiser Napoleon III. Wäh- 
rend die Sätze ruckweise, in der Art wie eine Ma- 
schine den Dampf abstößt, aus seinem Munde ka- 
men, sog er in den Zwischenpausen heftig an der 
immer wieder ausgehenden Pfeife. Der mächtige 
Kopf war scharf von der Lampe beleuchtet, und 
die gewaltigen Augen blickten starr vor sich hin. Er 
wendete sich an keinen einzelnen, sondern sprach 
gerade hinaus. Die ganze Gesellschaft stand dicht 
zusammengedrängt, aller Augen hingen an seinem 
Munde, aller Sinne standen unter dem Bann seiner 
Persönlichkeit. 

»Ich erinnere mich, daß, wie ich im Jahr 1856 in 
Paris war, — da ließ mich der Kaiser Napoleon ein- 
mal rufen and legte mir die Frage vor, — ob er 

207 



absolut oder konstitutionell regieren solle. — Ich 
sagte ihm: — ,Solange Ew. Majestät die Garde haben, 
können Sie sich den Luxus dieses Experiments ja 
erlauben, — aber wenn einmal die Flut kommt, — 
dann ist es doch ganz gut, wenn ein Damm da ist, 
der zwischen Ihnen und dem Volk steht. Aber so- 
lange die Garde da ist, können Sie ja das Experiment 
machen.' — Mit den fünfzigtausend Mann Garde 
konnte Paris beherrscht werden und damit Frank- 
reich. Das waren lauter ausgesuchte Truppen, große, 
schöne Leute, die den Hut fürquer aufgesetzt hat- 
ten und die wußten, daß sie Paris beherrschten. Die 
Leute waren gut gestellt, — sie konnten bei einer 
Veränderung nur verlieren, — es konnte ihnen gar 
nicht besser gehen. — Wenn sie auf der Straße gin- 
gen, wichen sie keinem Menschen aus, sie gingen 
immer zu zweien — und wichen keinem beladenen 
Wagen aus.« Der Kaiser fragte: »Wer komman- 
dierte doch das Gardekorps damals?« Der Fürst er- 
widerte: »Darauf kommt es gar nicht an. Der Kaiser 
konnte sich unter allen Umständen auf sie verlassen. 
Wer sie kommandierte, — darauf kommt es gar nicht 
an. Ich erinnere mich, daß wenn ich damals zum 
Vortrag ging, ich bisweilen einen verbotenen Weg 
benutzte. Wenn da einer von den kleinen Südfran- 
zosen auf Posten stand, so sagte ich bloß: ,Le mi- 
nistre de Prusse', — wenn aber einer von den Gar- 
disten dastand, so sagte der mir: ,Cela m'est tout ä 
f ait 6gal'.« — Alles lachte, und der Fürst lachte selber 
herzlich mit, mit großen, offenen Augen, und nur 
den Mund ein wenig verziehend, gleichsam wie er- 
staunt darüber, daß er einen Witz gemacht habe. 

Der Fürst fuhr dann fort: »Ja, — also, — solange er 
diese fünfzigtausend Mann Garde hatte, da sagte 
ich Napoleon, könnte er das Experiment machen. 

208 



Aber es wäre doch gut, wenn er einen Wall von Mi- 
nistern um sich hätte, um den ersten Stoß aufzufan- 
gen. Sonst würde das Volk ihn für jedes schlechte 
Wetter verantwortlich machen, c'est l'art de regner! 
Der Kaiser war damals schon kränklich, — er hatte 
keine rechte Energie mehr, — und dann fühlte er 
sich auch gedrückt durch die überwiegende Intelli- 
genz der Kaiserin. Sie war die schönste Frau, die ich 
gesehen habe.« — 

Der Kaiser sagte, sie sei noch immer eine schöne 
Frau, mit ganz weißen Haaren und trotz ihres Alters 
von tadelloser, schlanker Figur. Bismarck erwiderte: 
»Ja, sie war eine energische Frau, — viel energischer 
wie der Kaiser — ich sprach zu ihm, wie man zu ei- 
nem gesunden, energischen Menschen redet, — aber 
er mag mir wohl nicht recht geglaubt haben, — er 
war kränklich und fühlte sich seiner Frau gegenüber 
inferior.« — Ich warf ein, daß er dies doch wohl mit 
Unrecht getan habe, worauf der Fürst erwiderte: 
»Wenn er unverheiratet gewesen wäre, würde er nie 
den Krieg gegen uns angefangen haben.« 

Irgend jemand fragte, ob der Kaiser deutsch ge- 
sprochen habe, worauf der Fürst erwiderte: »Er soll 
es sehr gut gesprochen haben, mit mir hat er aber 
nie ein Wort anders als französisch gesprochen, und 
selbst wenn er einmal ein deutsches Wort inter- 
kalieren mußte, so sprach er es affektiert französisch 
aus, so zum Beispiel das Wort Kreuzzeitung.« — 

Inzwischen war es 1 / 2 S Uhr geworden, die Abfahrt 
war auf 7 Uhr festgesetzt gewesen, und der Graf 
Rantzau meldete dem Kaiser, daß die Zeit bereits 
verstrichen sei. 

Se. Majestät standen auf. Die Säbel wurden umge- 
schnallt und es wurde Abschied genommen. Irgend 
jemand fragte den Fürsten nach einem in Gips aus- 

Moltke. 14. 209 



geführten reizenden Entwurf zu einem Bismarck- 
denkmal für Rudolstadt, der im Nebenzimmer auf 
dem Tisch stand. Auf einem Sockel ist der Fürst als 
Student sitzend dargestellt. Die geschmeidige Figur 
lehnt lässig in einem Sessel, ein Knie über das an- 
dere geschlagen; die herabgesunkene rechte Faust 
hält den Schläger. Jugendliche Kühnheit, gepaart mit 
sicherer Energie sprechen aus der Figur. Ein großer 
Hund strebt von unten an dem Sockel zu seinem 
Herrn empor. — Der Fürst nannte den Namen des 
Künstlers und erzählte, wie er sich dadurch haupt- 
sächlich zur Annahme habe bewegen lassen, daß der 
Hund auf dem Halsband den Namen Ariel trage, — 
»und« — fügte er hinzu — »so hieß mein Hund damals. 
In meinem Alter«, — fuhr er dann fort, »muß man die 
Fluten im guten wie im schlimmen über sich ergehen 
lassen.« 

Als ihm jemand sagte, die im guten könne er 
sich schon gefallen lassen, — sagte er: »Nein, gegen 
die schlimmen kann man sich wehren, aber gegen 
die guten ist man machtlos.« 

Der Kaiser verabschiedete sich nun von der Grä- 
fin Rantzau und ging, von dem Fürsten geleitet, zum 
Zuge. Nachdem er dem Alten wiederholt die Hand 
gedrückt, bestieg er den Zug, der sich alsbald in Be- 
wegung setzte. 

Der Fürst stand hochaufgerichtet da, die Hand zum 
militärischen Gruß an den Helm gelegt. 

Palermo, 2. April 1896. 

Der alte Graf Roger von der Normandie, der sein 
nordisches Schwert in diesen Boden stieß und ihm 
alle Wunder der edelsten Kunst entsprossen ließ, ist 
mir jetzt so vertraut, als hätte ich mit ihm zusammen- 
gelebt, und vor wenig Tagen noch ahnte ich nichts 

210 



davon, daß er existiert habe. Welch entsetzliches 
Stückwerk ist doch unser Wissen und wie viel kost- 
bare Zeit verschwendet man, die man besser verwen- 
dete, um sich in etwas zu orientieren über die Zeiten, 
die Großes geschaffen, und die Männer, die Großes 
vollbracht haben. Erst dann erwacht das wahre In- 
teresse an einem Land, an einer örtlichkeit, wenn 
man sie sich als Schauplatz der Begebenheiten den- 
ken kann, sie sich vorstellen kann als das große The- 
ater, auf dem sich das große Drama des Lebens ab- 
gespielt hat. Dann fangen die alten Steine an zu re- 
den, aus zerfallenem Gemäuer bauen sich Paläste und 
Kirchen neu auf in ihrer längst versunkenen Herr- 
lichkeit, der Blick, der Anfang und Ausgang einer 
Epoche umfaßt, schärft sich für die Spuren, die der 
Gang gewaltiger Ereignisse hinterlassen hat und die 
alten Fürsten, ihre Trabanten, ihre Künstler und Ge- 
lehrten treten greifbar deutlich aus dem Dunkel der 
Vergangenheit hervor. 

Syrakus, 7. April 1896. 

Es ist ein entsetzlich heruntergekommenes Ge- 
schlecht, das auf den Stätten alten Glanzes wohnt. 
Damals muß es ein anderes gewesen sein, denn nur 
kraftvolle Menschen können imstande gewesen sein, 
so Großes zu schaffen. 

Wenn Jehova einst zu Moses sprach: Zieh deine 
Schuhe aus, denn der Boden, auf den du trittst, ist 
heiliges Land, was soll man da von diesem Hafen 
sagen, von diesen Felshöhen, in die die Weltge- 
schichte ihre unvergänglichen Spuren eingegraben 
hat! 

Moskau, 18. Mai i8g6. 

Nun sind wir glücklich hier bei strömendem Re- 
gen angekommen. — Die Reise war sehr nett. Im 

211 



übrigen ist die Tour selbst unglaublich öde, man 
fährt sechsunddreißig Stunden lang durch Sumpf 
und verkümmertes Holz, sieht elende Hütten auf fla- 
cher Gegend und könnte meinen, immer am selben 
Ort zu sein, so sehr gleicht ein Teil der weiten Land- 
schaft dem andern. Seit heute morgen, wo wir Smo- 
lensk um 5 Uhr passierten, hat es geregnet, stellen- 
weise etwas geschneit. 

In Warschau — gestern morgen — meldete sich 
der Ehrendienst, ein General Graf Puschkin und ein 
Admiral Fürst Scharawskoy beim Prinzen Heinrich. 
Wir wechselten hier den Zug, da wir von dort ab auf 
die breitspurige russische Bahn kamen. Der russische 
Sonderzug, der uns von dort ab gestellt wurde, war 
bequem und gut eingerichtet, hatte aber furchtbar 
schlechte Achsen, so daß wir entsetzlich gerüttelt 
worden sind. — Nun sind wir in unserem Quartier, 
einem hübschen Hause, das einem reichen Kaufmann 
gehört und von ihm gemietet worden ist. Wir woh- 
nen hier: General v. Villaume, General v. Bülow, 
Klinckowström und ich. Von den Besitzern ist kein 
Mensch da. Der Prinz wohnt uns schräg vis-a-vis. — 
Außer Wasser und Schmutz habe ich bis jetzt von 
Moskau nichts gesehen. 

Moskau, 20. Mai 1896. 

Wir waren gestern nachmittag im Petrof sky-Palais, 
um uns beim Kaiser zu melden. Man fährt fast eine 
Stunde bis hinaus. In dem Palais wohnte Kaiser Na- 
poleon bei seiner Anwesenheit in Moskau. — Der Kai- 
ser und die Kaiserin empfingen beide unsere gesamte 
Deputation. Sie ist viel stärker geworden, sie sah sehr 
schön aus in einem einfachen, grauen Kleid. Der Kai- 
ser sah sehr elend, blaß und angegriffen aus, es mag 
auch eine anstrengende Zeit für ihn sein. Beide Maje- 

212 



stäten sprachen mit jedem einzelnen von uns. — Ge- 
genüber dem Palais liegt das ungeheure Übungsfeld 
der Garnison, auf dem zur Zeit das Grenadier- und 
ein Teil des Gardekorps im Sommerlager in Baracken 
liegt. Am Abend sollte ein Umritt durch das Lager 
gemacht werden, an dem wir uns beteiligen wollten, 
dann sollte ein großer Zapfenstreich sich anschlies- 
sen. Wie wir aber hinauskamen, war alles wegen des 
schlechten Wetters abgesagt, so daß wir unverrich- 
teter Sache wieder zurückfuhren. — Klinckowström 
und ich benutzten den freien Abend, um noch rasch 
auf den Kreml zu fahren, von wo man einen herr- 
lichen Blick auf die vielgekrümmte Moskwa und die 
Stadt mit ihren hunderten von Kirchtürmen hat. Die- 
ser Blick ist überwältigend schön, groß und eigen- 
artig. — Hier erst sieht man, was Moskau eigentlich 
ist. — Der Kreml selbst ist eine Stadt für sich mit 
Palästen und Kirchen, riesenhaft ins Große gehend, 
wie es eben nur in einem solchen Riesenreich wie 
Rußland möglich ist. 

Moskau, 22. Mai 1896. 

Über den feierlichen Einzug der Majestäten vom 
Petrofsky-Palais nach dem Kreml wirst Du schon 
lange in der Zeitung gelesen haben, bevor dieser 
Brief in Deine Hände kommt. 

Wir hatten glücklicherweise herrliches Wetter. Es 
ist, als ob der Sommer mit einem Schlage hier ein- 
gekehrt sei, schöner warmer Sonnenschein und milde 
Luft. Der Glanz des Einzugs war großartig und im- 
posant. Wir mußten schon morgens V2 12 Uhr nach 
Petrofsky hinausfahren, da später alle Straßen ab- 
gesperrt waren. Das Leben in der Stadt war ein un- 
geheures. Ganze Menschenströme fluteten durch die 
Straßen und stauten sich an allen Orten, wo der Zug 

213 



vorüberkommen sollte. Die Truppen, zirka fünfzig- 
tausend Mann, bildeten Spalier auf dem ganzen acht 
Kilometer langen Wege bis zum Kreml. Draußen im 
Palais versammelten sich alle Suiten, die ein Gefolge 
von gegen dreihundert Reitern bildeten. Wir mußten 
fast drei Stunden warten, bevor der Zug sich in Be- 
wegung setzte. Endlich kamen die Pferde, auf die 
wir gesetzt werden sollten. — Nun fuhren die golde- 
nen, mit edlen Steinen geschmückten Kutschen für 
die Kaiserin und die Kaiserin-Mutter vor, jede mit 
acht Schimmeln bespannt, dann setzte sich der Kai- 
ser zu Pferde. Er ritt ebenfalls einen Schimmel. Da 
wir uns gleich den Fürstlichkeiten anschließen muß- 
ten, die ihm unmittelbar folgten, sahen wir von dem 
Zuge nur einen Teil, um so interessanter war es, die 
Truppen und das Volk im Vorbeireiten zu sehen. 
Erstere sahen sehr gut aus. Die schönen Uniformen 
der Chevalier garde, der Garde ä cheval, der Grena- 
diere zu Pferde, der Gardekosaken, die lange schar- 
lachrote Röcke tragen, der Uralschen Kosaken, die 
himmelblau angezogen sind, mit blauen Lanzen und 
dito Schabracken, leuchteten in der Sonne. Dann kam 
das Paulowsksche Grenadier-Regiment, mit Grena- 
diermützen, in das zur Erinnerung an den Kaiser Paul 
nur Leute mit Stumpf nasen eingestellt werden, schließ- 
lich das Preobratschenske Regiment, das unserem 
i. Garde-Regiment entspricht. — Die ganze lange 
Straße war dick mit Sand bestreut, zu beiden Seiten 
standen die Tausende, die herbeigeströmt waren, um 
zu schauen. Alle Bäume saßen voll Menschen, es 
sah aus, als ob sie mit riesigen Raupen bedeckt wä- 
ren. — Alles Volk stand entblößten Hauptes da und 
rief seinem Väterchen ein rollendes Hurra zu. Die 
Begeisterung leuchtete den Leuten aus den Augen. 
Wahrhaft imposant war der Blick auf die Straße der 

214 



Stadt, nachdem wir die Porta triumphalis passiert hat- 
ten, wo dem Kaiser Brot und Salz gereicht wurde. — 

Alle Fenster voll Menschen, überall große Tribü- 
nen errichtet, die von Damen in hellen Toiletten be- 
setzt waren, wie Riesentreibhäuser von weißen Aza- 
leen. Alle Häuser in reichem Flaggenschmuck, zwi- 
schen dem der glänzende Zug sich langsam, aber 
ohne Stockung fortbewegte. Vierundzwanzig goldene 
Kutschen, mit rotem Samt ausgeschlagen, alle mit 
Schimmeln bespannt, goldstrotzende Uniformen, eine 
märchenhafte Pracht. — Vor den Kirchen stand die 
Geistlichkeit in überladener Pracht, weihrauchdamp- 
fend, in der Mitte das große, goldene Heiligenbild 
der Kirche, Fahnen und Goldmonstranzen in den 
Händen. Es ist unmöglich, den ganzen Pomp dieses 
Einzugs zu schildern. — Vor dem Tore des Kremls 
erwartete der Metropolit, umgeben von den höchsten 
geistlichen Würdenträgern, die Majestäten, die hier 
auf purpurner Estrade den Segen empfingen. 

Wir ritten inzwischen durch das Tor auf den wei- 
ten Schloßhof, wo alle Deputationen aus dem weiten 
Reich aufgestellt waren. — Da standen Samojeden 
aus den eisigen Gefilden Finnlands, Kirgisen vom 
Ural, Tataren vom Don, vom Asowschen und Kaspi- 
schen Meer hatten die Stämme ihre Abgesandten ge- 
schickt, aus den Steppen Sibiriens waren sie gekom- 
men, das ganze ungeheure Reich war hier auf engem 
Raum vertreten. Die Gemeindevorsteher aus dem 
Inneren standen in langen, gescheitelten Haaren, 
breite Bauerngesichter neben den braunen, ver- 
schmitzten Kaufleuten aus Kasan, es war eine Aus- 
stellung der verschiedensten Menschenrassen, wie sie 
wohl auf der Welt nicht wieder zu sehen ist. — Der 
Kaiser ritt die lange Front ab, dann ging es durch das 
Heilige Tor, wo alles das Haupt entblößt, in das In- 

215 



nere des Kremls. — Hier wurde vom Pferde gestie- 
gen, und nun betrat das Kaiserpaar die beiden inneren 
Kirchen nacheinander, um eine kurze Andacht zu ver- 
richten. Damit war die Zeremonie für uns beendet. 
Abends waren wir in der Oper und machten dann 
eine Rundfahrt durch die illuminierte Stadt. Was illu- 
minieren heißt, habe ich erst hier kennen gelernt. 
Tausende und Abertausende von bunten Glaslämp- 
chen bedecken die Gebäude. Ganze Kirchen ragen, 
aus Licht bis zur höchsten Turmspitze gebaut, in den 
dunklen Nachthimmel, ein feenhafter Anblick. Mitten 
durch die dichtgedrängte Menge fuhren wir. Man 
hört kein lautes Wort, kein Schreien, kein Schimp- 
fen. Alles macht dem Hofwagen als selbstverständ- 
lich Platz, viele Leute ziehen den Hut und machen 
tiefe Verbeugungen, während unser Wagen sie zur 
Seite drängt! 

Moskau, 25. Mai 1896. 

Jetzt haben wir angefangen, uns Kirchen, Galerien 
und andere Sehenswürdigkeiten anzusehen. Ich ver- 
suche meine Eindrücke, wenn auch nur in skizzen- 
hafter Form, in meinem Tagebuch festzuhalten, aber 
sie stürmen so massenhaft auf mich ein, daß ich 
schwer Ordnung hineinbringe. Wir haben das Innere 
des Kremls wenigstens zum Teil gesehen. Der Kreml 
ist eine Stadt für sich mit zwei großen Schlössern, 
Kaserne, Arsenal, fünf bis sechs Kirchen, drei Klö- 
stern, Kavalierhäusern, Stallungen usw. Das Ganze 
umschlossen von hoher, kremelierter Mauer mit fünf 
Toren. Hier ist das Heilige Tor, das Sspassky Tor, 
durch das kein Russe bedeckten Hauptes gehen darf. 
Vor demselben stets eine dichtgedrängte Menge Pil- 
ger, armes Volk, das aus dem weiten Zarenreich zu- 
sammenströmt, um im heiligen Moskau seine An- 

216 



dacht zu verrichten, und das vor allem, sogar vor der 
Viktoria auf dem Tor sich andächtig bekreuzt. Die 
Männer in groben Kitteln, die Weiber mit filzum- 
wundenen Beinen, den Pilgerstecken in der Hand, 
das Bündel auf dem Rücken. 

Das große Schloß im Kreml hat die schönsten Säle, 
die vielleicht je eines Menschen Auge gesehen. Da- 
neben der älteste Teil mit den kleinen, engen Ge- 
mächern der alten Zaren, die in historischer Treue 
erhalten und restauriert sind. 

Dann waren wir in der schönsten Kirche Moskaus, 
der Erlöserkirche, die zur Erinnerung an 1812 gebaut 
ist und eine Bauzeit von fünfzig Jahren und ein 
Kapital von fünfzig Millionen Mark gekostet hat. — 
Von ihrer Höhe, die wir erstiegen, habe ich den er- 
sten umfassenden Blick auf die Stadt tun können, von 
der ich mir bis jetzt gar keine Vorstellung machen 
konnte, obgleich wir tagelang in ihr herumgefahren 
waren. Von hier oben sieht man deutlich, wie die 
Stadt sich um den Kreml herumkristallisiert hat. Wie 
die Jahresringe um das Mark des Baumes legen sich 
die Stadtteile um die Höhe des Kremls. Die Straßen 
sind kreisförmig um diesen Mittelpunkt gezogen, von 
radial auslaufenden Straßenzügen durchschnitten. 
Einen klaren Überblick gewinnt man aber auch von 
hier oben nicht. Um Moskau ganz sehen und er- 
kennen zu können, müßte man in einem Luftballon 
ein paar hundert Meter über der Stadt schweben. 
Endlos dehnen sich nach allen Seiten die grünen 
Dächer der meist niedrigen Häuser, die wieder ein- 
zeln in Gärten und zwischen freien, grünen Plätzen 
liegen, und aus dem Gewirr des ganzen, ungeheuren 
Bildes steigen unzählbar die Kuppeln und Türme der 
vierzigmal vierzig Kirchen und Kapellen der Stadt 
auf. Sie glänzen als goldene Zwiebeln oder tiefblau 

217 



gefärbt, als Zinnen und Spitzen in verwirrender 
Masse, ganz unmöglich, sie zu zählen. Im Hinter- 
grunde liegen die dunkel bewaldeten Sperlingsberge, 
von denen aus Napoleon einst auf die Stadt blickte, 
die ihm so verhängnisvoll werden sollte; bis in die 
weiteste Ferne leuchten Klöster von Mauern um- 
schlossen herüber. — Unaufhörlich durchtönt Glok- 
kenklang die Luft und auf den Straßen flutet ein ge- 
drängtes Leben von Droschken, Drei- und Vier- 
spännern, alle Pferde nebeneinander gehend. 

Heute morgen hatte der berühmte Li-Hung-Tschang 
Audienz beim Prinzen. Wir waren alle zugegen und 
wurden dem großen Chinesen vorgestellt. Die Unter- 
haltung ging per Dolmetsch. Ich interessierte ihn be- 
sonders wegen Onkel Helmuth. Er sieht äußerst in- 
teressant aus, ein kluges, geistvolles Gesicht. Die be- 
rühmte gelbe Jacke hatte er an. — Nachher haben 
wir die Wiege der Romanows, das alte Bojarenhaus 
besucht, in dem der Stammhalter des jetzt regierenden 
Geschlechts geboren wurde, höchst interessant. — 
Dann die wüsteste Ausgeburt architektonischer Phan- 
tasie, die Kirche Wassily-Blashenyi, die von Iwan 
dem Schrecklichen gebaut wurde. Ferner sahen wir 
eine Gemäldegalerie, in der nur russische Künstler 
vertreten sind, mit einem interessanten Porträt Tol- 
stois. 

Moskau, 27. Mai 1896. 

Gestern fand die Krönung bei herrlichstem Wetter 
statt. Die Russen haben wirklich Glück mit diesen 
Veranstaltungen. Ebenso wie der Tag des Einzugs 
war es auch gestern am Krönungstage das herr- 
lichste Wetter. Die Sonne brannte mit fast südlicher 
Glut vom wolkenlosen Himmel. — Bei Regenwetter 
würde auch die Krönung eigentlich gar nicht statt- 

218 



finden können, da der ganze Umzug mit all seinem 
Pomp sich zum größten Teil unter freiem Himmel 
bewegt. — Wir mußten schon um 7 2 8 Uhr morgens 
nach dem Kreml hinausfahren, wo wir Plätze auf ei- 
ner Tribüne hatten, die in dem weiten Schloßhof er- 
richtet war. — Um 72 9 Uhr begann der feierliche 
Akt mit dem Kirchgang der Kaiserin-Mutter, die un- 
ter einem goldenen, mit Straußenfedern geschmück- 
ten Baldachin mit der Brillantkrone auf dem Kopf 
und den von zehn Kavalieren getragenen Hermelin- 
mantel um die Schultern vom Palais aus nach der 
Uspenskyschen Kathedrale schritt, in der die Krö- 
nung stattfindet. — Wir hatten einen sehr guten Platz, 
von dem aus wir den ganzen Schloßhof übersehen 
konnten. In demselben waren kreuzweise zwei Wege 
für den Aufzug aus Bretterplanken hergestellt, die 
mit rotem Tuch überkleidet waren. Der eine führte 
von der großen Treppe des Palais zur Kathedrale, ein 
paar hundert Schritt, der andere durchschnitt den Hof 
quer. Ein dritter führte im Umgang von der Krö- 
nungskathedrale zu dem Iwan Weliky, von diesem 
zur Archangelschen Kathedrale, von dort zur Kirche 
Maria Verkündigung und von da zurück zur Frei- 
treppe. — Diesen Weg hat der Zar nach vollzogener 
Krönung zurückzulegen und in jeder der genannten 
Kirchen, die um den Schloßhof herumliegen, eine 
Andacht zu verrichten. — Der ganze weite Hof war 
Kopf an Kopf gefüllt mit den Deputationen des ge- 
samten Volks, alle Völker, die das russische Zepter 
vereinigt, waren hier vertreten, vom turbantragenden 
Bucharen an bis zum pelzbekleideten Finnländer. Die 
Chevalier garde in Helm und Küraß bildete Spalier 
auf der einen Seite des Hofes, die in lange Schar- 
lachröcke gekleideten Leute des kaiserlich kaukasi- 
schen Leibkonvois auf der anderen. — Gegen 9 Uhr 

219 



verkündeten Trompetenstöße, daß der Zug sich in 
Bewegung setze. Alles entblößte die Häupter. Ein 
rollendes Hurra stieg aus den hundertsprachigen 
Kehlen der Massen, die in Erregung durcheinander- 
drängten. Der ganze weite Hof, umsäumt von zahl- 
reichen Tribünen, auf denen die hellen Toiletten der 
Damen schimmerten, dazwischen die leuchtenden 
Uniformen der spalierbildenden Truppen, das Ganze 
umstanden von den goldgedeckten Türmen und Kir- 
chen und von der hohen Front des alten Zaren- 
schlosses und überflutet von glühendem Sonnenlicht, 
machte schon an und für sich einen zauberhaften 
Eindruck. — Und auf der mitten durch das Gewirre 
führenden roten Plankenbahn zog nun der Krönungs- 
zug in seiner ganzen orientalisch märchenhaften 
Pracht an uns vorüber nach der Kathedrale, an deren 
Portal der Metropolit von St. Petersburg, umgeben 
von der hohen Geistlichkeit mit dem heiligen Bilde 
der Mutter Gottes stand, um den Eingang des Kaiser- 
paares zu segnen. — Fast eine Viertelstunde dauerte 
es, bis der ganze Zug vorüber war. Da kam zuerst 
eine Abteilung Chevalier garde, dann die Pagen, die 
Zeremonienmeister, die Syndikate des ganzen Rei- 
ches, die Munizipalitäten, Delegierte des Adels, der 
Bürgerschaft, des Handelsstandes, der Künstlerschaft, 
dann endlose Kammerherren in goldüberladenen Uni- 
formen, die Vertreter der Universitäten, der Mini- 
sterien, die Delegierten der verschiedenen Kosaken- 
stämme, die Adelsmarschälle, die Generalsynode, die 
Senatoren, der Staatsrat, Herolde, die Schloßgarde, 
dann in feierlichem Pomp die Reichsinsignien, die 
Reichsfahne und Schwert, Krone, Zepter, Apfel, Män- 
tel usw., ein Peloton der Chevalier garde der Kaiserin, 
die Oberhof- und Hofmarschälle und endlich der Kai- 
ser und die Kaiserin unter einem goldenen Baldachin 

220 



mit Straußenfedern, der von zwanzig Generalen ge- 
tragen wurde. — Nach altem Zeremoniell schritt die 
Kaiserin unter demselben Baldachin hinter dem Kai- 
ser. — Nun folgte der lange Zug aller russischen 
Großfürsten und aller der Fürstlichkeiten, die zur 
Krönung hier versammelt sind, dann der lange Zug 
der Hof-, Ehren- und Palastdamen in der russischen 
Hoftracht, dem rotsamtenen Überkleid, den Kokosch- 
nik auf dem Kopf, wieder eine Abteilung Chevalier 
garde und dann noch eine Menge Generale, Flügel- 
adjutanten, Vertreter des erblichen Adels usw. — Das 
alles zog wie ein Märchen an uns vorüber und ver- 
schwand in der Kathedrale. Dazu Geläute aller Glok- 
ken, Kanonendonner und brausendes Hurra, in der 
Tat ein Bild von unbeschreiblichem Eindruck. — Die 
Zeremonie in der Kirche dauerte von 9 bis V2 2 Uhr. — 
Nach Beendigung derselben trat der Zug wieder her- 
aus zum Umgang. Jetzt trug der Kaiser die schwere 
Brillantkrone, den Mantel und in der Hand das Zep- 
ter, an dessen Spitze der größte Diamant der Welt, 
der Orloff , funkelt, und den Reichsapfel, ein Anblick, 
den man sonst nur auf Bilderbogen sieht. — Er hatte 
sich selber und dann die Kaiserin gekrönt, hatte die 
heilige Salbung empfangen und als höchstes kirch- 
liches Oberhaupt das Abendmahl in beiderlei Gestalt 
genossen. Nun trat er erst als rechtmäßiger Kaiser 
im ganzen Glanz seiner riesigen Macht vor sein Volk. 
— Es liegt etwas Großes in diesen Feierlichkeiten, 
deren Kunde von allen den Deputationen, die ihnen 
beiwohnten, hinausgetragen wird in die endlosen 
Steppen des Reiches, die erzählen werden, wie sie 
den Weißen Zaren gesehen haben in dem ganzen 
Glanz seiner Macht, gefolgt von Hunderten unter- 
worfenen Fürsten, gesegnet von Gott, der für ihn die 
Sonne scheinen ließ und gebenedeit von der Geist- 

221 



lichkeit, angejubelt vom ganzen Volk, bedeckt mit 
den Schätzen der Erde, ein höheres Wesen, in des- 
sen Hand das Wohl und Wehe ungezählter Mil- 
lionen liegt. — Dies Volk und dies Reich braucht eine 
solche äußere Schaustellung, und man tut weise 
daran, sie in allen Stücken nach altgeheiligtem Ritus 
aufrechtzuerhalten. Religion und Weltherrschaft sind 
hier so innig verschmolzen, daß keins vom anderen 
zu trennen ist, ohne daß beide sich verbluten. — Man 
muß dies alles gesehen haben, um zu begreifen, wes- 
halb in Rußland die orthodoxe Kirche oft mit dra- 
konischer Strenge durchgeführt wird, um zu ver- 
stehen, wie es möglich ist, dies endlose Reich, das 
vom ewigen Eis des Nordens bis zum ewigen Som- 
mer des Südens reicht, in einem Gedanken zusam- 
menzufassen und zu erhalten. Nur die absolute Ge- 
walt, getragen von der allgemeinen orthodoxen Kirche, 
kann Rußland regieren, und jeder Riß zwischen die- 
sen beiden Grundpfeilern würde das ganze riesige 
Gebäude zum Einsturz bringen. 

Nachdem der Krönungszug alle Kirchen passiert, 
steigen Kaiser und Kaiserin die rotbelegte Freitreppe 
zum Schloß hinauf. Oben angekommen, wandten 
beide sich um und grüßten das Volk mit dreimaliger 
Verbeugung. Die beiden Majestäten sahen prächtig 
aus, die edlen Steine auf ihren Häuptern blitzten in 
der Sonne, die Figuren umwallten die weiten Falten 
der Hermelinmäntel, es schien, als ob der Himmel 
einen segnenden Kuß über sie hinhauchte und alle 
die Tausende, die draußen auf den Knien gelegen 
hatten, während in der Kirche ihr Kaiser gesalbt 
wurde, jubelten zu dem Herrscherpaar hinauf, man 
fühlte sich umströmt von der Flut der Segenswünsche, 
der Begeisterung und der monarchischen Treue eines 
ganzen Volkes. 

222 



An diesem Tage wurden gegen dreitausend Men- 
schen auf dem Kreml gespeist, in Zelten, in Sälen 
und Hallen waren die endlosen Tafeln gerichtet. — 
Wir entzogen uns dem Gedränge und fuhren zu 
Haus, wo wir gegen 5 Uhr ankamen. Neun Stunden 
hatte die ganze Zeremonie gedauert! 

Die Kaiserin sah reizend aus. Das feine Gesicht 
blaß von Erregung und Anstrengung. Sie trug ein 
Kleid aus Silberbrokat. — Die Kaiserkrone, ganz aus 
Diamanten gearbeitet, die ihr der Kaiser in der Kirche 
aufgesetzt, nachdem er sich selber gekrönt und mit 
seiner Krone die vor ihm Kniende an der Stirn be- 
rührt hat, saß wie ein Strahl des Himmelslichtes sel- 
ber auf ihrem reichen Haar. Auch der Kaiser trug 
die schwere Krone mit kaiserlichem Anstand. Sie 
muß furchtbar schwer sein, denn auch sie besteht 
ganz aus Brillanten. Die Spitze bildet ein Rubin von 
der Größe eines Hühnereis, in dem das Sonnenlicht 
sich mit blutigrotem Schein brach. 

Abends war Moskau illuminiert. Was das heißen 
will, ist schwer zu beschreiben. Der ganze Kreml er- 
strahlte in elektrischem Licht. Die Türme und Tore 
bauten sich aus Millionen von Lampen auf, vom Fuß 
bis zur höchsten Kreuzspitze. Sie standen da wie Er- 
scheinungen einer anderen Welt. Die ganze acht Kilo- 
meter lange Umfassungsmauer war in ihrer Kreme- 
lierung von Lampen umfaßt. Dieses ganze Feuer- 
meer entzündet die Hand der Kaiserin. Sie ergreift 
ein Bukett, und im selben Nu flammt alles auf. Von 
der Terrasse des Kreml sahen wir hinab auf eine 
Stadt von Feuer. Blau, rot, grün erstrahlten die Häu- 
ser, Brücken, Türme in blitzenden Funken. Girlan- 
den von Lampen zogen sich an den Ufern der Mos- 
kwa hin, soweit das Auge reichte. Es war eine so 
unbeschreibliche Pracht, daß wir ganz betäubt waren. 

223 



Es ist auch ganz unmöglich, den Eindruck wieder- 
zugeben. Laß Deine Phantasie ins Ungemessene 
schweifen und Du wirst noch lange nicht die Wirk- 
lichkeit erreichen. Hier hört jedes Denken auf. Selbst 
wenn man diese Illumination sieht, hält man sie für 
unmöglich. Man faßt sich an die Stirn und fragt sich, 
ob man bei klarem Verstände ist oder ob man Fieber- 
phantasien hat. Und drei Abende hintereinander soll 
sich dies Schauspiel erneuern! — 

M o s k a u , 30. Mai 1896. 

Der Trubel der letzten Tage war groß. Wir waren 
permanent unterwegs von morgens bis abends, ohne 
Pause. — Wir hatten große Gratulationscour, die 
Stunden dauerte. Einzeln vorbeidefiliert mit zwei Ver- 
beugungen. Die Kaiserin reichte mir die Hand zum 
Kuß, nie habe ich einer Fürstin mit mehr Freude die 
Hand geküßt! — Gestern waren wir mit dem Prinzen 
Heinrich im Lager. Wir fuhren morgens nach dem Pe- 
trof sky-Palais, wo wir Pferde vom Marstall bekamen. 
Es war interessant, das Lager zu sehen, in dem drei 
Inf anterie-und eine Kavallerie-Division so wie zweiBri- 
gaden Artillerie liegen. Die Leute sind teils in Holz- 
baracken, teils in Zelten untergebracht. Wir ritten ge- 
gen drei Stunden durch das Lager. — Abends war 
Galaoper. Das riesige Haus sah prächtig aus. Die 
Ränge mit juwelengeschmückten Damen, das Par- 
terre mit Offizieren besetzt. Brausendes Hurra und 
Nationalhymne begrüßte die Majestäten, die, gefolgt 
von allen Großfürsten und Prinzen, in die große Hof- 
loge traten. — Es wurde ein Akt aus der Oper »Das 
Leben für den Zar« gegeben. Die Pracht der Kostüme 
war ungeheuer, wie überhaupt der Luxus, der hier 
entwickelt wird, alles hinter sich läßt, was ich bisher 
gesehen. Am Schluß wurde wieder die National- 

224 



hymne gespielt, die der ganze Chor des Theaters, zu 
einer gold- und silberglänzenden Gruppe vereinigt, 
mitsang. Wir kamen um V2 2 Uhr nach Hause. 

Heute ist großes Volksfest, bei dem hunderttausend 
Menschen unter freiem Himmel gespeist werden. Je- 
der nimmt sein Geschirr und einen Becher mit dem 
Bild des Zaren mit nach Hause. 

Moskau, i.Juni 1896. 

Seit ich Dir zuletzt schrieb, haben wir ein Mas- 
senfest auf der französischen Botschaft mitgemacht. 
Das merkwürdigste an diesem Fest war das, daß es 
uns gelang, ohne erdrückt worden zu sein, wieder 
hinauszukommen. Fast wäre es uns gegangen wie 
den armen Tausenden des Volkes, die elend zu Tode 
gedrückt worden sind. Nach offiziellen Berichten 
sind 1365 Tote und 320 Verwundete gemeldet. Man 
kann sich nichts Grausigeres denken, als ein Volk, 
das sich gegenseitig zerquetscht und unter die Füße 
tritt. Auf dem riesigen Platz sollen gegen eine Mil- 
lion Menschen versammelt gewesen sein. 

Berlin, 1. September 1896. 

Jetzt heißt es allgemein, ich werde das Alexander- 
Regiment bekommen, und zwar nach dem Manöver. 
Das ist auch wahrscheinlich, denn Se. Majestät liebt 
es, dergleichen Dinge am letzten Manövertage abzu- 
machen. Daß ich als Kandidat für das Alexander-Re- 
giment genannt werde, hängt wohl mit meinen rus- 
sischen Beziehungen zusammen. — Ich freue mich 
darauf, hinauszukommen. Für meine Zukunft ist es 
nötig, daß ich nach langer, zwanzigjähriger Pause ein- 
mal wieder in die Front komme. Der Gedanke, auf ei- 
nem Posten alt und überständig zu werden und schließ- 
lich nur noch aus Gnade so weiter mitgeschleppt zu 

Moltke. 15 225 



werden wie ein ausgedienter Gaul, dem man wider- 
willig ein Gnadenbrot gibt, würde mir unerträglich 
sein. Dann lieber vorher von selber gehen. — So habe 
ich die Zuversicht zu mir selber, daß ich mein Exa- 
men als Regimentskommandeur gut bestehen und mir 
damit die Berechtigung erwerben werde, mit gutem 
Gewissen auf der militärischen Stufenleiter weiterzu- 
klettern, solange Kraft und Gesundheit ausreichen. 

Breslau, 6. September i8g6. 

Gestern morgen 6V 2 Uhr nach Brieg gefahren, wo 
wir warteten, bis der russische Sonderzug einlief. Wir 
wurden in einem sehr schön ausgestatteten Salon- 
wagen verstaut, wo wir die Bekanntschaft der russi- 
schen Begleitung machten. Nach einer halben Stunde 
erschienen der Kaiser und die Kaiserin, um uns zu 
begrüßen. Der Kaiser hatte die Uniform des Alexan- 
der-Regiments an, die ihn nicht besonders kleidet. Er 
sah blaß und kränklich aus, war sehr liebenswürdig 
und sprach mit jedem einzeln von uns. — Auf dem 
Bahnhof Breslau war großer Empfang, unser Kaiser 
und Kaiserin standen auf dem Perron. Die Begrüßung 
sehr herzlich, — Ehrenwache, ein Gewimmel von 
Fürsten, Prinzen, Generalen usw. — Wir begaben uns 
in das Landeshaus, wo wir eine Stunde hatten, um 
uns zur Parade fertig zu machen. Diese fand bei schö- 
nem Wetter statt. Der russische Kaiser führte das 
Alexander- Regiment zweimal sehr nett vorbei. Abends 
Paradediner und dann großer Zapfenstreich. 

Die Anrede des Kaisers beim Diner wirst Du in der 
Zeitung gelesen haben, sie war sehr gut, maßvoll 
und doch warm. — Die Antwort des Zaren geben die 
Zeitungen nach russischer Redaktion etwas abge- 
schwächt wieder, er sagte wirklich : »Je remercie votre 
majeste et la ville de Breslau pour le bon acceuille 

226 



qu'elle a bien voulu me preparer. Je partage sincere- 
ment les relations traditionelles, qui unissent nos deux 
pays. Je bois ä la santö usw.« — In der Zeitung ist 
dies dahin abgeändert: »Je partage les sentiments tra- 
ditionelles, qui existent entre nous.« — Das ist ein 
großer Unterschied und klingt viel kühler. Die Ab- 
änderung ist sicher eine Konzession an Paris ! 

Görlitz, ii. September 1896. 

Wir haben nun morgen unseren letzten Manöver- 
tag und gleichzeitig für mich den letzten Tag eines 
sich nun abschließenden Lebensabschnitts. Der Vor- 
hang fällt, ein neues Stück beginnt! 

So laß uns denn den neuen Weg gehen, als gute, 
treue Kameraden. Im Anfang wird es uns beiden nicht 
leicht werden. Wir sind des Lebens in der Truppe 
seit langen Jahren zu ungewohnt geworden, aber bei 
gutem Willen werden wir auch die schönen Seiten 
bald empfinden und wir werden, jeder in seiner Art, 
einen dankbaren Wirkungskreis haben. Es ist wohl 
das letzte Mal, daß ich Dir als diensttuender Flügel- 
adjutant Sr. Majestät schreibe. — Heute hat der Kai- 
ser das V. und VI. Korps geführt und natürlich einen 
glänzenden Sieg erfochten. 

KABINETTSORDER. 
Ich ernenne Sie hierdurch, unter Belassung in dem Verhältnis 
als Mein Flügeladjutant und unter Entbindung von der Stellung 
als Kommandeur der Schloßgarde-Kompagnie, zum Komman- 
deur des Kaiser-Alexander-Gardegrenadier-Regiments Nr. 1. 
Görlitz, den 12. September 1896. 

Wilhelm R. 
An Meinen diensttuenden Flügeladjutanten Obersten v. Moltke. 

Berlin, 14. September 1896. 

Mich selber findest Du nicht mehr vor, ich bin 

mittags ins Manöverterrain des Gardekorps abgereist, 

227 



um mein Regiment zu übernehmen. Ich komme ge- 
rade zum großen Korpsmanöver zurecht, fasse gleich 
zwei Biwaknächte und werde so mit einem Schlage 
mitten in die Praxis des Soldatenlebens hineinver- 
setzt, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr kennen- 
gelernt habe. Ich bin Flügeladjutant geblieben. Daß 
ich das Regiment bekommen hätte, sagte mir der Kai- 
ser am letzten Manövertage. Er war sehr gütig, sagte 
mir: »Nun, ich denke, der Zar wird mit dem neuen 
Kommandeur zufrieden sein.« — Nicht wahr, Du siehst 
ein, daß ich recht habe, wenn ich etwas »auf die 
Front« gedrängelt habe. Der Kaiser hat's mir nicht 
übel genommen, das fühle ich gut genug. Es wird 
sehr wunderbar für mich werden, wenn ich zum er- 
stenmal den Degen vor der Front des Regiments ziehe 
und fünfundvierzig Offiziere und zweitausend Mann 
auf mein Kommando hören. Ich freue mich sehr dar- 
auf und besonders, daß ich gleich im Manöver füh- 
ren kann. 

St. Petersburg, 9. März 1897. 
Durch meine Depesche hast Du ersehen, daß ich 
wohlbehalten hier angekommen bin. Ich hatte gerade 
Zeit, mich umzuziehen, um dann sofort wieder auf 
die Bahn und nach Zarskoje Selo zu fahren, da Se. 
Majestät der Kaiser mich noch am selben Nachmit- 
tag empfangen wollten. — Heute wurde ich von der 
alten Großfürstin Konstantin in einer langen Audienz 
empfangen und darauf von ihrem Sohn, dem Groß- 
fürsten Konstantin und dessen Gemahlin, einer Prin- 
zeß von Anhalt — Morgen hat mich der Großfürst 
Wladimir zum Frühstück eingeladen. 

St. Petersburg, 11. März 1897. 
Die Woche geht so sachte hin, ich sitze unbeweg- 
lich hier und weiß noch nicht einmal, wann ich über- 

228 



haupt zurückkommen kann. Gestern beim Großfür- 
sten Wladimir, ganz en famille, als ob ich mit dazu 
gehörte! Ich mußte von Berlin erzählen, als ob es 
nur diese Stadt auf der Welt gäbe! Dann war ich bei 
dem alten Großfürsten Michael, der sich wohl drei- 
viertel Stunden mit mir unterhielt, es war, als ob man 
in einem alten Tagebuch läse, so aus den sechziger 
Jahren, wo Preußen und Rußland noch Arm in Arm 
durch die Welt gingen wie zwei lustige Studenten, 
Schmollis tranken und alles anrempelten, was ihnen 
in den Weg kam. 

Petersburg ist still und tut Buße, geht zur Beichte 
und Kommunion und hat alles abgestreift, was an 
die Vergnügungen dieser Welt erinnern könnte. Kein 
Musikton erklingt, kein Theater ist offen, dafür drängt 
das Volk in Scharen in die Kirchen. 

Ich war heute in der Peter-Pauls-Festung, dann be- 
suchte ich das kleine Holzhäuschen, in dem der große 
Peter wohnte, während die Stadt, die seinen Namen 
trägt, aus den Sümpfen des Newaufers hervorwuchs, 
während er sein Fenster in die Mauer der Unkultur 
brach, die damals das russische Reich umschloß, da- 
mit das Licht europäischer Kultur in sein riesiges 
Reich hineinfalle. 

Döberitz, i.Juli 1897. 

Morgens wird Gefecht exerziert. Der ganze Übungs- 
platz ist eine Quadratmeile groß, abwechselnd Wald 
und abgeholzte Flächen. — Man kann alle möglichen 
Gefechtsbilder auf demselben aufführen und da man 
keine Rücksicht auf Flurschäden zu nehmen braucht, 
ist man in allen Bewegungen ganz unbehindert. — Die 
armen Pferde leiden sehr unter den unzähligen Brem- 
sen. Vorgestern bekam »Nyalka« einen Kolikanfall. 
Ich ließ gleich einen Tierarzt holen, sie bekam ein 

22g 



halb Liter Hoffmannsche Tropfen, wurde massiert 
und mit Prießnitzschem Umschlag behandelt. Nach 
einigen Stunden war der Anfall vorüber. — Übermor- 
gen habe ich Regimentsbesichtigung, da kannst Du 
mir den Daumen halten, denn natürlich werde ich für 
meine Person besichtigt, damit meine Herren Vor- 
gesetzten ein Urteil darüber gewinnen, wie töricht 
ich etwa bin. 

Berlin, 3. Juli 1897. 

Meine heutige Regiments Vorstellung ist sehr gut 
verlaufen. Der Divisionskommandeur und eine Menge 
Zuschauer waren zugegen. Die Kritik fiel sehr gut 
aus und alles war befriedigt. Ich habe dann meinen 
Offizieren Adieu gesagt und bin mittags hierher ge- 
fahren. Von hier geht es morgen früh weiter nach 
Travemünde. Ich kann es noch nicht verwinden, vom 
Regiment fortzumüssen. 

Norwegen, Odde, 12. Juli 1897. 

Gestern wurde Se. Majestät von einem herunterfal- 
lenden Tauende am Auge verletzt und am selben 
Nachmittags kam der Leutnant von Hahnke, der Sohn 
des alten General v. Hahnke, der auf der »Hohenzol- 
lern« im Dienst war, ums Leben. — Die Matrosen sa- 
gen, das ganze Unglück kommt daher, daß ein Pastor 
an Bord ist. 

Die Verletzung des Kaisers ist eine ganz unbedeu- 
tende, die Sache wird in ein paar Tagen vorüber sein, 
er kommt heute schon wieder an Deck. — Das Un- 
glück mit dem jungen Hahnke hat sich folgender- 
maßen zugetragen. Einige der Schiffsoffiziere woll- 
ten eine Partie nach dem zwanzig Kilometer von 
Odde entfernten Lotefoß machen. Hahnke und ein 
Leutnant v. Levetzow per Rad, ein anderer Offizier 
mit einem Beamten fuhr mit Karriol hinterher. Leut- 

230 



nant v. Hahnke fuhr als erster auf der schmalen, zum 
Teil in den Fels gesprengten Straße voraus, etwa 
vierhundert Meter hinter ihm folgte Levetzow, eben- 
falls auf dem Rade, dann die anderen. Nachdem sie 
etwa eine Stunde gefahren, kamen sie an eine Stelle, 
wo der Weg sehr schmal ist. — An der einen Seite 
steiler Fels, rechts das felsige Bett des mit reißender 
Gewalt dahinströmenden Elfs. Die Straße liegt hier 
etwa vier Meter über dem Flußbett. Gerade hier sind 
starke Stromschnellen und Wirbel, das Wasser kocht 
zwischen großen Felsblöcken und bildet tiefe Stru- 
del. Dicht über der Stelle führt eine schmale Holz- 
brücke über den Fluß zu einem Bauernhaus, das auf 
dem andern Ufer der Straße gegenüberliegt. — Wie 
Leutnant v. Levetzow, der abgestiegen war und sein 
Rad führte, da die Straße hier ansteigt, an diese Stelle 
kam, kamen ihm über die Holzbrücke laufend, zwei 
Jungen im Alter von zehn und sieben Jahren ent- 
gegen, Söhne des gegenüber wohnenden Bauern und 
sagten ihm, sie hätten am andern Ufer gestanden und 
hätten gesehen, wie ein Mann, der auf einem Rad ge- 
fahren sei, eben von der Straße herab in den Fluß 
gestürzt sei, mit seinem Rade. Glücklicherweise ver- 
steht Levetzow Dänisch. — Er hatte Hahnke, der 
wie gesagt, etwa vierhundert Meter vor ihm fuhr, 
wegen der Straßenkrümmung nicht sehen können. 
Hahnke ist seitdem spurlos verschwunden, der rei- 
ßende Strom hat ihn verschlungen und nicht einmal 
ein Stück seiner Kleidung, Hut oder irgend etwas 
wieder herausgegeben. — Die Jungen sagen, der Herr 
wäre ganz langsam auf der Straße entlang gefahren, 
auf der dem Fluß zuliegenden Seite. Wie er gerade 
ihnen gegenüber gewesen, habe er sein Taschentuch 
herausgezogen, um sich den Schweiß abzuwischen, 
dabei sei das Rad ins Schwanken gekommen, er habe 

231 



noch rasch mit der Hand an die Stange gegriffen, das 
Rad sei aber vorn an einen Prellstein gestoßen, habe 
sich überschlagen und der Herr sei kopfüber hinab- 
gestürzt. Im Fallen habe er einen lauten Schrei aus- 
gestoßen. Eine kurze Strecke abwärts sei er noch ein- 
mal aus dem Strudel aufgetaucht, habe beide Arme 
in die Luft geworfen und nochmals einen Schrei aus- 
gestoßen, im selben Augenblick sei er verschwun- 
den. — Seit gestern nachmittag wird der Fluß von 
Matrosen mit Netzen und Greifankern abgesucht. 
Heute sind hundertzwanzig Mann an der Arbeit, es 
ist keine Spur des Verunglückten gefunden. Wenn 
die beiden Jungen nicht wären, verschwand Hahnke 
von der Erde, ohne daß jemals ein Mensch gewußt 
hätte, wo er geblieben sei. — Der arme Vater, der in 
Karlsbad zur Kur ist, ist durch den ältesten Sohn, der 
telegraphisch benachrichtigt wurde, von dem Un- 
glück unterrichtet. Der Kaiser, selber liegend, war tief 
ergriffen und will hier bleiben, bis die Leiche gefun- 
den. Stahlheim usw. ist natürlich aufgegeben, und tiefe 
Niedergeschlagenheit herrscht auf dem ganzen Schiff. 

Odde, 14. Juli 1897. 

Wir sind drei Tage hier geblieben, um Nachfor- 
schungen nach der Leiche des jungen Hahnke anzu- 
stellen. Es ist mit hundertvierzig Mann tagaus tagein 
gearbeitet worden, um sie zu finden, doch völlig re- 
sultatlos. Der reißende Gebirgsstrom, der ihn ver- 
schlungen, hat nichts wieder herausgegeben. Es sind 
in dem felsigen Flußbett so tiefe Wirbel und unter- 
höhlte Felsen, daß sie aller Versuche spotten, mit 
Greifankern usw. hinabzugelangen. So muß die Hoff- 
nung aufgegeben werden, der Leiche ein Grab in 
deutscher Erde bereiten zu können, der Elf hält ihn 
fest und umrauscht ihn mit seinem kühlen Wasser in 

232 



dunkler Felskluft, ein Grab von düsterer Majestät. 
Heute hatten wir einen ergreifenden Gedächtnis- 
gottesdienst an Bord. Der Kaiser wird an der Un- 
glücksstelle einen Gedenkstein an der Felswand er- 
richten lassen. 

Norwegen, Digarmulena.d.Lof oten, 20.Juli t8g8. 

Wir passierten mittags den Polarkreis an Deck sit- 
zend, von der warmen Sonne geliebkost, die so heiß 
auf das Verdeck niederbrannte, als ob man tief im 
Süden wäre. — Wir sahen Walfische, die ihre stäu- 
benden Wasserstrahlen aufspritzten, Pamorane und 
Eidergänse strichen über die Fläche, und weit ge- 
breitet lag zu unserer Rechten das bergige Gestade 
Norwegens in tausendfacher Abwechslung der For- 
men und Farben, meilenweit streckte sich zwischen 
den violetten Berggestalten der schimmernde Rücken 
des größten Schneefeldes der Welt, des Svart Jisen, 
hin. Es ist unbeschreiblich schön hier oben, wenn 
der Himmel klar ist. Die Weite der Ausblicke zieht 
den Geist ins Unendliche, die Großartigkeit der Na- 
tur, die um ihrer selbst und nicht der Menschen we- 
gen gemacht zu sein scheint, stimmt das Gemüt zu 
feierlicher Empfindung. Unbeschreiblich ist auch das 
wechselnde Spiel der Farben, die von den tiefsten 
Tönen durch zarte Vermittlung bis zur lichtesten 
Färbung übergehen. — Man sieht sich nicht satt an 
dem Panorama, wohin der Blick sich wendet, trifft 
er neue Schönheiten, und trunken von Sonnenglanz 
und Klarheit eilt er über das unendliche Meer, das in 
endloser Ferne mit dem Himmel zusammenschmilzt. 

Norwegen, Lofoten, 23. Juli 1898. 

Sehr schön war die Mitternachtssonne, die unter 
einer Wolkenbank bis auf etwa dreißig Bogenminu- 

233 



ten über den Horizont herabsank, dann etwa zehn 
Minuten stehen blieb, das Schiff und die fernen Berg- 
spitzen der Lofoten mit purpurnem Schein überflu- 
tete und dann wieder langsam emporstieg. — Der 
Fürst von Monako kam zu uns an Bord, um den 
Fang zu zeigen, den er mit seinem Schleppnetz ge- 
macht hatte. Er brachte mehrere große Glasgefäße 
mit, in denen in Spiritus abermals eine Anzahl gräß- 
licher Tiere waren. Da waren große Seespinnen, mit 
Beinen so lang wie dieser Briefbogen hoch ist, See- 
gurken, die aussehen wie greuliche, dicke Blutegel, 
die vorne und hinten eine Öffnung haben, damit der 
Schlamm des Meeres durch sie hindurchfließen kann. 
Usw. usw. — Mit einem Wort, eine Sammlung von 
Gräßlichkeiten, die aber höchst interessant war. Man 
fragt sich, wozu alle diese Bestien existieren. Was 
ist die Absicht der Schöpfung mit ihnen? Wird man 
vielleicht zur Strafe schlechten Lebens später in eine 
Seegurke verwandelt und muß nun in tiefer Finster- 
nis den Schlamm schlucken? 

Auf der Fahrt nach Kiel, i. August 1898. 

Die Nachricht vom Tode des Fürsten Bismarck kam 
gestern morgen in Bergen an, ganz unerwartet, denn 
die Depeschen, die Se. Majestät über den Fürsten von 
Professor Schwenninger zuletzt erhalten hatte, lau- 
teten durchaus beruhigend. So hatten wir keine Ah- 
nung von dem, was ganz Deutschland wußte, daß es 
mit dem alten Recken zu Ende ging. Der Kaiser be- 
fahl nun die beschleunigte Rückkehr. — Die Depesche 
des Kaisers an den Sohn Bismarcks, in welcher der- 
selbe sagt, daß er den Fürsten in der Hohenzollern- 
gruft neben seinen Ahnen beisetzen wolle, wirst Du 
wohl schon in der Zeitung gelesen haben. Die Söhne 
antworteten dankend, daß der Fürst selber den Platz 

234 



im Sachsenwald bestimmt habe, wo er beigesetzt sein 
wolle. 

Berlin, 10. August 1898. 
Heute war ich in der Kunstausstellung, um mir die 
großen Wandgemälde von Prell anzusehen, die als 
Fresken nach der deutschen Botschaft Villa Caffa- 
relli nach Rom kommen. Sie sind sehr schön, von 
großer Wirkung und zum Teil von bestrickendem 
Liebreiz. — Die Motive sind der altgermanischen My- 
thologie aus der Edda entnommen. — Im ersten Bilde 
ist der junge Frühlingsgott Baidur zur Erde herab- 
gestiegen, um die von den Eisriesen gefesselte Göttin 
der Erde — Gerda — zu befreien. Er wird von Schwa- 
nenjungfrauen begrüßt. — Im zweiten Bilde kämpft 
er gegen die Riesen, die ins Hochgebirge zurück- 
geworfen werden (Sommer). Gewitter. Der alte Win- 
ter in seiner Schwäche, zieht sich in rauhe Berge 
zurück. — Im dritten versinkt die Sonne im Meer 
(Winter). Die verlassene Erdgöttin trauert ihrer Ge- 
fangenschaft entgegen. Baidur ist erschlagen, nur der 
Sänger ist übriggeblieben, um von der Schönheit des 
Sommers zu singen. — Ihm zur Seite steht eine Norne, 
die auf dem Arm das Knäblein der Gerda hält, den 
künftigen Frühling. Du mußt diese Bilder sehen, wenn 
Du kommst. 

Berlin, 12. August 1898. 
Ich werde in etwa acht Tagen wieder einmal nach 
Rußland fahren müssen. Am 27. findet die Enthül- 
lung des russischen Nationaldenkmals in Moskau 
für Kaiser Alexander III. statt, und es soll dazu eine 
Deputation vom Regiment hingehen. 

Paris, 22. Februar 1899. 

Wir haben eine sehr gute Reise gehabt, wurden an 

der Grenze tadellos behandelt und bei unserer An- 

235 



kunft in Paris auf dem Bahnhof von einem eigens 
dazu geschickten Obersten en parade von dem Maison 
militaire des Präsidenten und einem höheren Zivil- 
beamten empfangen. Wir fanden zwei Wagen, die 
vom Elysöe für uns gestellt waren. Gegen vierzig Poli- 
zisten waren aufgeboten, die einen ununterbroche- 
nen Ring um uns bildeten und sofort jeden beim 
Kragen kriegten, der nur den Hals vorstreckte, um 
uns anzusehen! Einige Pfiffe ertönten aus der dicht- 
gedrängten Menge, sonst blieb alles ruhig. — 

Wir wollen jetzt ausfahren und auch in den Dome 
des Invalides. Nachmittag ist Empfang beim Präsi- 
denten und beim Minister des Äußeren Delcassö. — 
Morgen sollen wir den ganzen Zug mitmachen, zirka 
acht Kilometer. — Es haben jetzt auf das Beispiel 
Deutschlands hin alle anderen Staaten auch Depu- 
tationen geschickt, die Hals über Kopf ankommen. 

KABINETTSORDER. 

Ich ernenne Sie hierdurch, unter Beförderung zum General- 
major, zu Meinem General ä la suite und zum Kommandeur 
der i. Garde-Infanterie-Brigade. Gleichzeitig beauftrage ich Sie 
mit Wahrnehmung der Geschäfte der Kommandantur von Pots- 
dam. Es gereicht Mir zum Vergnügen, Ihnen dies bekanntzu- 
machen. 

Berlin, den 25. März 1899. 

Wilhelm R. 
An Meinen Flügeladjutanten, Obersten v. Moltke, Kommandeur 
des Kaiser-Alexander-Gardegrenadier-Regiments Nr. 1. 

TELEGRAMM. 

Oberst von Moltke, Kommandeur Kaiser-Alexander-Gardegrena- 
dier-Regiments Nr. 1, Regimentsbureau, Alexanderstraße 56. 

Ich ernenne Sie zum 1. April zu Meinem General ä la suite 
und Kommandeur der 1. Garde-Infanterie-Brigade. Indem Ich Sie 
mit schwerem Herzen von Ihrem vortrefflichen und unter Ihrer 
bewährten Leitung hervorragend ausgebildeten Regimente ab- 

236 



berufe, wünsche Ich Ihnen durch die Beförderung Meine vollste 
Zufriedenheit darüber auszudrücken, wie Sie es verstanden ha- 
ben, Meinen Intentionen in Ihrer bisherigen Stellung völlig zu 
entsprechen und dadurch ein so glänzendes Resultat erzielt haben. 

gez. Wilhelm R. 

Döberitz, 29. Juni 1899. 

Am Montag halte ich die Besichtigungen des 
3. Garde-Regiments, am Dienstag die des 1. Garde-Re- 
giments ab. — Dann beginnen die Brigadeexerzitien 
unter meiner Leitung, und am 12. Juli werde ich mit 
meiner Brigade durch den Herrn Divisionskomman- 
deur besichtigt. So überzeugt sich immer einer von 
den Leistungen des andern. 

Potsdam, 19. Juli 1899. 

Die einsame Höhe des Kommandanten und Bri- 
gadekommandeurs ist recht langweilig. — Gestern 
habe ich lange Manöverarbeiten gemacht. 

Potsdam, 23. Juli 1899. 

Da ich nun einmal in Berlin war, ging ich in die 
Ausstellung, wo ich noch nicht gewesen war und be- 
sah mir zwei Stunden lang die recht mäßigen Bilder. 
Mit der Kunst scheint es mir rapide zurückzugehen, 
das Beste dort sind alte bekannte Bilder, von dem 
Neueren habe ich nichts Bemerkenswertes gefunden. 

Potsdam, 30. Juli 1899. 

Mit großem Interesse habe ich Bebeis Buch über 
die Frau gelesen, das ich unter Deinen Büchern fand. 
Gott behüte uns und unsere Kinder davor, daß wir 
diesen Staat erleben, in dem das Leben in trostloser 
Monotonie verlaufen wird und die ganze Erde in 
einen großen Fabriksaal umgewandelt wird, in dem 

237 



alle gleichmäßig unglücklich sein sollen, bloß damit 
nicht einige glücklich sind. 

Potsdam, 23. August 1899. 

Die Kanalangelegenheit ist eine recht betrübende 
und ernste Sache. Ich fürchte, sie wird noch unan- 
genehme Folgen haben in bezug auf die Stellung der 
Konservativen zu Sr. Majestät. — Daß im Ministerium 
Veränderungen eintreten werden, betrachte ich als 
sicher. Meines Erachtens nach wäre es auch nicht 
weiter schade um ein ganz Teil der Herren. Wie sich 
alles noch entwickeln wird, weiß ich nicht. Die Ab- 
lehnung war doch wohl eine große Dummheit, denn 
kommen wird der Kanal doch. 

Potsdam, 25. August 1899. 

Der Kaiser setzte sich mit mir hin und sprach lange 
über die Kanalvorlage usw. Ich habe getan, was in 
meinen Kräften stand, um zu mildern und versöhn- 
lich zu stimmen. Die Erregung Sr. Majestät war aber 
sehr tiefgehend, und ich fürchte, daß bereits Anord- 
nungen erlassen waren, die nicht mehr rückgängig zu 
machen sind. 

Potsdam, 5. September 189g. 

Da ich die Manöver selber leite, habe ich sehr viel 
zu tun und werde so ziemlich den ganzen Tag zu 
Pferde sein müssen. Ich bin selber neugierig, wie es 
gehen wird, es ist das erste Mal, daß ich solche Ma- 
növer selber angelegt habe. 

Döberitz, 14. Juni 1900. 

Vorgestern und gestern habe ich das 1. und 3. Garde- 
Regiment besichtigt, im Beisein des Divisionskom- 
mandeurs und des Kommandierenden Generals. Alles 
ging herrlich, und am Schluß bekam ich noch ein 

238 



Lob vom Kommandierenden, der mir seine beson- 
dere Anerkennung aussprach über die hübsche Art 
meiner Besichtigung. Er sagte noch: »Ich empfehle 
Ihnen allen, meine Herren, die kriegsmäßige und in- 
teressante Art der Besichtigung, wie sie der Herr Bri- 
gadekommandeur uns vorgeführt hat.« 

Wilhelmshaven, 4. Juli 1900. 

Heute abend soll die »Hohenzollern« in See gehen. 
Der Kaiser will die Panzerdivision, die nach China 
gehen soll, vor dem Auslaufen noch sehen. — Bülow 
gefällt mir sehr gut, er ist ruhig, klar und bestimmt. 
Sein Einfluß auf den Kaiser, wie mir scheint, ein 
günstiger. Leicht ist seine Aufgabe nicht, seine große 
Klugheit und Gewandtheit kommt ihm sehr zustatten. 
Gestern abend spät kam Schlief fen noch an, heute 
kommt Hahnke. 

Es kribbelt mir in allen Gliedern, die China-Expedi- 
tion mitzumachen. Es muß riesig interessant werden, 
wenn ich auch glaube, daß das Ganze weniger auf 
einen Einzug in Peking als auf einen Schutz von 
Schantung hinauslaufen wird. Ich vermute, daß letz- 
teres nötig geworden sein wird, bis wir dort sein kön- 
nen, denn daß die ganze Bewegung so rasch erstickt 
sein wird, glaube ich nicht. Die politischen Verwick- 
lungen zwischen den europäischen Mächten werden 
wohl noch kommen. 

Kiel, 7. Juli 1900. 

Die politischen Verhältnisse scheinen bis jetzt gün- 
stig zu liegen. Die Anlässe zu Zerwürfnissen zwi- 
schen den europäischen Mächten werden ja auch erst 
später eintreten. Der Aufstand in China scheint sich 
inzwischen mit rapider Gewalt auszubreiten, in eini- 
gen Wochen wird wohl das ganze ungeheure Reich 

239 



in Flammen stehen. — Was man sich eigentlich bei 
einem Unternehmen gegen Peking denkt, ist mir völ- 
lig unklar und ich fürchte den Herrn metteurs en 
scene ebenso. Die paar Mann, die wir dorthin (nach 
Taku) schaffen können, werden nutzlos sein dem An- 
sturm von Hunderttausenden f anatisierter Horden ge- 
genüber, und nun eine Kriegsführung von zehn ver- 
schiedenen Kontingenten unter einer Führung, der 
sich keiner wird unterordnen wollen, der Franzose 
wird nicht unter deutschem, der Deutsche nicht unter 
russischem, der Russe nicht unter japanischem Ober- 
befehl stehen wollen, dazu kein Kriegsobjekt, keine 
legale Regierung, mit der man selbst im günstigsten 
Fall Frieden schließen könnte, nichts als ein grund- 
loser Abgrund von Menschen, in dem die europäi- 
schen Häuflein ertrinken werden. Keine Ausrüstung 
mit Trains usw., keine Basis als fünf bis sechs Schiffe, 
keine geregelte Nachfuhr von Lebensmitteln usw. — 
Ich sehe dies ganze Unternehmen als ein wüstes 
Abenteuer an und hoffe, daß der Druck der Verhält- 
nisse uns vor demselben bewahren und dahin führen 
wird, uns auf das einzige zu beschränken, das wir tun 
können und meiner Meinung nach tun müssen, näm- 
lich unsere Kolonie Kiautschou zu schützen, dann 
.den chinesischen Riesenbrand sich ausbrennen zu 
lassen und uns später durch Kompensationen schad- 
los zu halten. — Was wollen wir in Peking? — Wir 
müssen darauf hoffen, daß die Zeit, die gottlob ver- 
streichen muß, bevor unsere ersten Transporte an- 
langen können, Ruhe und Überlegtheit auch bei uns 
die Oberhand gewinnen lassen. Vorläufig sind wir 
jeden Moment einer unvermuteten Willensexplosion 
ausgesetzt, die gänzlich unberechenbar ist. Die Rat- 
geber haben einen schweren Stand. — Mit Besorgnis 
:sehe ich den unvermeidlich kommenden Vorwürfen 

^40 



in der Presse entgegen, die mit dem Vorwurf kom- 
men werden, daß übereiltes Handeln uns in kopflose 
kriegerische Verwicklungen gestürzt hat im fernen 
Osten, wo wir eigentlich nichts zu suchen haben. — 
Das wird sicher kommen, wenn wir auf Peking aven- 
turieren und uns unser Schutzgebiet darüber verloren 
geht, wenn unser Häuflein in dem Riesenreich all- 
mählich zerschmilzt und aufgezehrt wird, wie ein 
Schneeball auf einem Ofen, wenn wir dann genötigt 
sein werden, neue Kräfte heranzuziehen, um die alten 
womöglich noch zu retten, wenn dann der Reichstag, 
den man jetzt völlig beiseite liegen läßt, mitreden wird 
und die enormen Mittel dargelegt werden müssen, 
die wir an die Erreichung eines Phantoms gesetzt 
haben und noch setzen müssen, das man nicht an- 
ders bezeichnen kann als: Rache. Ich sehe mit trüber 
Besorgnis in die Zukunft. Doch ich bin ja Pessimist, 
und vielleicht wird noch alles besser. 

Kiel, 9. Juli 1900. 

Hier ist in den letzten zwölf Stunden ein völliger 
Umschwung eingetreten und ich bin sehr froh dar- 
über, denn die Entschlüsse, die der Kaiser jetzt ge- 
faßt hat, decken sich völlig mit dem, was ich als rich- 
tig angesehen habe. Der Rachezug nach Peking ist 
aufgegeben. Alle Truppen, die unterwegs sind und 
noch abgehen sollen, werden nach Kiautschou be- 
ordert. Dort wird eine sichere Basis geschaffen und 
Ruhe und Ordnung hergestellt resp. aufrecht erhal- 
ten. Damit begnügen wir uns fürs erste, sehen die 
Entwicklung der Dinge an, lassen den Brand in 
China ausbrennen und halten nur mit dem Wasser- 
schlauch in der Hand Wache, daß das Feuer nicht 
unser eigenes Haus ergreift. Damit sind wir aus allen 
politischen Wirren heraus, brauchen es weder mitRuß- 

Moltke. 16. 241 



land noch mit England zu verschütten und können 
später unsere Rechnung präsentieren. Ich habe die- 
sen Standpunkt von Anfang an vertreten. Nun ist der 
Kaiser ganz dafür gewonnen, wie ich zu Gott hoffe, 
wird er festhalten zum Wohle des Vaterlandes. Es 
war eine aufregende Zeit, die tollsten Projekte wur- 
den gemacht, und die Zukunft stand oft auf des Mes- 
sers Schneide. Ich bin sehr froh, daß alles so ge- 
kommen. Der Kaiser hat sehr nett mit mir gespro- 
chen und ich habe auch unverfroren meine Meinung 
gesagt. Über unsere Abreise ist noch immer nichts 
bestimmt. Ich hoffe stets noch, sie unterbleibt ganz, 
aber wenn wir auch nun noch hinausgehen, so tue 
ich es doch mit leichterem Herzen. 

Kiel, 10. Juli 1900. 

Ich kann Dir noch sagen, daß ich gebeten hatte, mir 
das Kommando nach China zu geben, gestern war 
Hahnks hier und hatte in den Sachen Vortrag, da bat 
ich ihn noch einmal, mich dem Kaiser in Vorschlag 
zu bringen, was er auch getan hat, aber ohne Erfolg. 
Der Kaiser hat mich nicht gehen lassen, nicht wie ich 
glaube, weil er mich für unfähig hält, sondern weil 
er, wie er sagt, mich nicht entbehren kann. Eine wun- 
derliche Idee, ich habe auch gesagt, daß meine Bri- 
gade jeder führen könne und daß ich mit der größten 
Leichtigkeit zu ersetzen wäre, aber umsonst. Ich war 
recht enttäuscht, denn ich hatte mir schon einen 
großen Feldzugsplan zurechtgelegt und der alte Sol- 
datengeist mit seinem Drang nach Gefahr und Tätig- 
keit war wieder ganz in mir erwacht. Nun habe ich 
ihn fein sanft wieder schlafen gelegt und werde fort- 
fahren, meinen Beruf zu pflegen und mir im übrigen 
recht überflüssig vorzukommen. 

242 



Norwegen, Kopervik, n.Juli 1900. 

Die Stellenbesetzung der nach China gehenden 
Truppen ist wohl inzwischen veröffentlicht. Als Ober- 
kommandierender General v. Lessei. Das ist die Stel- 
lung, die ich gerne gehabt hätte. Da ich aber »unent- 
behrlich« bin, habe ich ja darauf verzichten müssen. 
Es ist sehr komisch, so ganz unentbehrlich zu sein 
und sich dabei so ganz überflüssig vorzukommen. — 
Du findest meine Idee gewiß abenteuerlich und doch, 
wie gerne hätte ich die schwarz-weiß-rote Fahne ge- 
gen die gelben Halunken geführt, die unsere Lands- 
leute umgebracht haben. — Auf das eigentlich trei- 
bende Motiv der ganzen Expedition muß man frei- 
lich nicht eingehen, denn wenn wir ganz ehrlich sein 
wollen, so ist es Geldgier, die uns bewogen hat, den 
großen chinesischen Kuchen anzuschneiden. Wir 
wollten Geld verdienen, Eisenbahnen bauen, Berg- 
werke in Betrieb setzen, europäische Kultur bringen, 
das heißt in einem Wort ausgedrückt, Geld verdienen. 
Darin sind wir keinen Deut besser als die Engländer 
in Transvaal! 

Norwegen, Molde, 21. Juli 1900. 

Von China haben wir keine neuen Nachrichten von 
Bedeutung. Nachdem Tientsin von den Europäern 
genommen, wird zunächst wohl ein Stillstand ein- 
treten. Unsere Truppen haben sich brav benommen, 
wie es nicht anders zu erwarten war. Von hier aus 
werden Orden über Orden hingeschickt, ich glaube 
kein Offizier ist mehr undekoriert. Der Kapitän U. ist 
Flügeladjutant geworden, es ist das gewohnte Über- 
maß in allem, das stets wieder hervortritt. 

Potsdam, 28. Juli 1900. 

Politisch kann ich Dir nichts mitteilen, da ich nichts 

weiß. Bülow und der Reichskanzler kamen, wie ich 

243 



von Bord ging, so weiß ich nicht, was abgemacht 
worden ist. Die Lage ist aber, glaube ich, für uns 
nicht ungünstig. 

Potsdam, 2. August 1900. 

Die Ermordung des armen Königs von Italien ist 
eins der gemeinsten Bubenstücke, die es je gegeben. 
Er war ein wahrer Vater seines Volks und tat nur 
Gutes. Der Halunke, der ihn niedergeschossen, sollte 
öffentlich gepfählt werden. Ich denke so oft mit Be- 
sorgnis an unseren Kaiser, über dessen Haupt doch 
auch immer der Mordstahl schwebt, und der so 
außerordentlich unvorsichtig ist. — Ich begreife nicht, 
warum man alle Anarchisten nicht einfach als all- 
gemeingefährlich hinter Schloß und Riegel setzt. 
Wenn ein Geisteskranker herumläuft und Menschen- 
leben bedroht, so steckt man ihn ein, wenn diese Ver- 
brecher aber öffentlich erklären, daß sie morden wol- 
len und ihre Worte auch gelegentlich zur Tat werden 
lassen, so behandelt man sie wie eine gleichberech- 
tigte politische Partei. Die Menschen sind eben mit 
Blindheit geschlagen und werden selbst dann nicht 
klug werden, wenn ihnen das Dach überm Kopf an- 
gezündet wird. 

Potsdam, 8. August 1900. 

J. sagte mir heute, daß die Entsendung des Grafen 
Waldersee nach China auf Wunsch Rußlands erfolge, 
das gebeten habe, Deutschland möge den definitiven 
Oberbefehl dort übernehmen. Ich halte dies für ein 
sehr glückliches Omen als Beweis für den Zusam- 
menschluß Deutschlands und Rußlands, dem sich 
natürlich Frankreich angliedern wird. 

Potsdam, 9. August 1900. 
Heute morgen war ich in Berlin, wo in der Hed- 
wigs-Kirche ein Hochamt für König Humbert zele- 

244 



briert wurde. Auf mich machte die ganze Handlung 
mit den unverständlichen Manipulationen der Prie- 
ster vor dem Altar, den Weihrauchwolken und dem 
näselnden Gesang einen fast abstoßenden Eindruck. 
Es ist doch genau wie ein Götzendienst. — Ich kann 
mir nicht denken, daß Christus mit dieser Art Gottes- 
dienst einverstanden sein kann, er, der seine Predig- 
ten unter Gottes freiem Himmel hielt und der alles 
verwarf, was an die ritualen Gebräuche des alten Ge- 
setzes erinnerte und der selber sagte, wenn ihr betet, 
so sollt ihr nicht plappern wie die Heiden. 

Döberitz, ig. Mai 1901. 
Gestern bin ich besichtigt worden. Es verlief alles 
glatt und gut und ich habe von allen Seiten Glück- 
wünsche über die gute Besichtigung empfangen. Ich 
bin froh, daß dieser Tag glücklich verlaufen ist, der 
einzige im Jahr, wo man vom Lehrer zum Schüler 
degradiert wird und zeigen muß, daß man nicht nur 
anderen sagen kann, wie sie es hätten machen müs- 
sen, sondern auch selber seine Sache zu machen ver- 
steht. Ich habe das Glück gehabt, alle Aufgaben, die 
der Brigade gestellt wurden, in zufriedenstellender 
Weise zu lösen. 

Neu-Ruppin, 19. September igoi. 
Morgen würde es schlimm aussehen, wenn es wei- 
ter gießt, denn morgen ist der erste Korpsmanöver- 
tag, wo alle Truppen biwakieren müssen. Wie ich in 
der Zeitung sehe, hat der Kaiser wegen Regen die 
großen Manöver für einen Tag unterbrochen. Der 
Laie wird sich kaum eine Vorstellung davon machen 
können, was das für die Manöverleitung sagen will. 
Alle die Dispositionen werden über den Haufen ge- 
worfen. — Die Eisenbahntransporte, die mit den 
Bahnverwaltungen lange vorher vereinbart worden 

245 



sind, müssen innegehalten werden, alles geht drüber 
und drunter und abgesehen von allen Schwierigkeiten 
wird in der Armee die Empfindung erweckt, als ob 
die Soldaten keinen Regen mehr vertragen könnten. 
— Man denke sich die Folgen, wenn im Ernstfall ein 
solches gewaltsames Eingreifen stattfinden sollte. 

KABINETTSORDER. 

Ich habe Sie heute, unter Beförderung zum Generalleutnant, 
zu Meinem Generaladjutanten und zum Kommandeur der i. Garde- 
Infanterie-Division ernannt. Es gereicht Mir zum besonderen Ver- 
gnügen, Ihnen dies hierdurch bekanntzumachen. 

Berlin, den 27. Januar 1902. 

Wilhelm R. 
An Meinen General a la suite, Generalmajor v. Moltke, Komman- 
deur der 1. Garde-Infanterie-Brigade und beauftragt mit Wahr- 
nehmung der Geschäfte der Kommandantur von Potsdam. 

Madrid, 16. Mai 1902. 

Ich hätte so viel zu erzählen, aber wir sind schon 
wieder in der gewöhnlichen Hetze und ich weiß nicht, 
wie weit ich kommen werde. Darum vorweg, daß es 
mir ausgezeichnet geht, daß die Reise glücklich über- 
standen ist, daß wir gestern, am 15., nachmittags, hier 
angekommen sind, und daß ich mit noch zwei ande- 
ren Herren des Gefolges in unserer Botschaft wohne, 
wo wir ganz vorzüglich untergebracht sind. — Also 
am 13., mittags, Abfahrt von Berlin. In Braunschweig 
meldeten wir uns im Reiseanzug bei dem Prinzen 
Albrecht, der von dort aus mitfuhr. Wir wurden 
abends 7 Uhr zum Prinzen in den Speisewagen be- 
fohlen und saßen dann zusammen, bis wir abends 
10 Uhr in Köln ankamen, wo wir den Zug wechselten 
und uns in den Luxuszug Köln — Paris einschifften. 
Am nächsten Morgen um 8 Uhr war wieder mit dem 
Prinzen und seinen Herren zusammen Frühstück 

246 






und um V29 Uhr kamen wir in Paris an, wo der Bot- 
schafter Fürst Radolin uns auf dem Bahnhof emp- 
fing. Wir bestiegen nun sofort bereitstehende Wagen 
und fuhren zunächst nach dem Palais de Justice, wo 
wir die reizende Sainte Chapelle besahen mit ihren al- 
ten, wundervollen Glasfenstern und ihren herrlichen 
Mosaik- und Emailbildern, die alte venezianische 
Arbeit sind. Sodann sahen wir die unteren Räume, 
von denen am meisten das kleine Kellerloch interes- 
siert, in dem die unglückliche Königin Marie Antoinette 
das letzte Jahr ihres Martyriums verlebte. Von dort 
fuhren wir in den Louvre, durch den wir einen Run 
machten, die Venus von Milo besuchten und die schön- 
sten Stücke der Gemäldesammlung besichtigten. Dann 
eine Fahrt über den Place de la Concorde, die Elys6es, 
über den Pont Alexandre II. nach der Botschaft, wo 
ein großes Frühstück mit allen Mitgliedern derselben 
stattfand. Paris war wunderschön, das Wetter klar, 
alles grün, ich war doch wieder überrascht von der 
Großartigkeit der Stadt, die, seit ich sie zuletzt ge- 
sehen, noch durch die beiden großen Paläste erhöht 
worden ist, die vor der Alexander-Brücke gelegent- 
lich der Weltausstellung gebaut worden sind. Unmit- 
telbar nach dem Frühstück ging es auf die Bahn. Um 
12 Uhr mittags fuhren wir ab, über Orleans, Bordeaux 
nach der spanischen Grenzstation Irun, wo wir um 
11 Uhr abends ankamen. Leider war es schon dun- 
kel, wie wir an die Pyrenäen herankamen, so daß wir 
von den schönsten Gegenden, San Sebastian und 
Biarritz nichts gesehen haben. — Die Tour durch 
Frankreich war aber herrlich, es ist ein wundervolles 
Land, Reichtum und Kultur zeigen sich überall, Wein- 
bau und sorgsam bestellte Felder mit sauberen Ort- 
schaften. Alles grünt und blüht, der erste Klee war 
schon gemäht, das Korn hatte schon Ähren und 

247 



das Vieh war auf der Weide. — Von Irun ab hatten 
wir einen spanischen Extrazug, der als Fürstensam- 
melzug gestellt war. Außer uns wurden in demselben 
verstaut Großfürst Wladimir, der Prinz Christian von 
Dänemark, der Kronprinz von Siam, Prinz Eugen von 
Schweden, der Prinz von Monako usw. — Ich bekam 
noch ein kleines Coupö für mich, wo ich auf der 
Bank leidlich geschlafen habe. Die Herren des Prin- 
zen waren zu vier in einem Abteil. Auch bei dieser 
Fahrt ging uns der schönste Teil der Nacht wegen 
verloren. Ich wachte um 7 Uhr morgens auf. Wir 
fuhren durch kahles, ödes Land und es wurde auch 
nicht anders, bis wir in Madrid ankamen. Weite, öde, 
unbebaute Strecken, nackte Berglehnen, die Felder un- 
beschreiblich lotterig bestellt, das Getreide so dünn 
wie meine Haare, ab und zu eine Schafherde oder ein 
Trupp Maulesel, die zwischen den Steinen weideten. 
Die Häuser elend, aus ungebrannten Lehmziegeln auf- 
gebaut, verfallen, zum Teil ohne Dächer. Die Bevölke- 
rung zerlumpt, schmutzig. Dazwischen feiste Pfaffen 
mit fettglänzender Soutane. Ein elendes Land. Ab 
und zu etwas Weinbau in der Ebene. Alle Wohnun- 
gen in Ortschaften zusammengedrängt, auf den wei- 
ten Landstrecken kein Haus, kein Bauernhof, kein 
Baum, alles heruntergeschlagen. Später einige dürre 
Pinienwälder oder Balsamfichten, alle mit aufge- 
schnittener Rinde und unter der Wunde ein Topf, 
um das herausfließende Harz aufzufangen, es sah aus, 
als ob das Wild geschält hätte. Natürlich gehen alle 
Bäume mit der Zeit aus. Fast kein Vogel, kein Stück 
Wild, öde Verlassenheit unter der strahlenden Sonne. 
In der Nähe von Madrid einige Olivenpflanzungen, 
alles grau. Dabei schwerer, schöner Boden, auf dem 
alles von selber wachsen würde, wenn die Felder 
ordentlich bestellt würden. Es ist traurig, dieses dem 

248 



Verfall entgegengehende Land zu sehen. — Um 4 Uhr 
nachmittags kamen wir in Madrid an, bereits im Pa- 
radeanzug, in der Bahn umgezogen. — Große Auf- 
fahrt nach dem hochgelegenen, sehr schönen Schloß, 
das wirklich hervorragend schön ist. Auf der breiten 
Treppe im Inneren Empfang durch die Königin, Hat- 
schiere mit Hellebarden, Musik, Fanfaren. Alles sehr 
prächtig und zeremoniell. Feierliche Begrüßung der 
sukzessive nach dem Rang eintreffenden Fürstlich- 
keiten. Dann allgemeine Vorstellung der Gefolge. Wir 
schlagen alle anderen durch Kopfzahl und Körper- 
länge. Die Königin sehr liebenswürdig, der kleine Kö- 
nig schmächtig, zart, noch ein Kind, aber in guter 
Haltung und von anerkennenswerter Sicherheit. Dann 
fahren wir, die wir hier wohnen, nach unserer Bot- 
schaft, die am anderen Ende der Stadt liegt, sehr 
schön, mitten in einem blühenden Garten, umgeben 
von blühenden Rosen, Akazien, Kastanien, dazwi- 
schen hohe dunkle Zedern. Es ist die hübscheste Bot- 
schaft, die ich bisher gesehen, und wir sind vortreff- 
lich hier aufgehoben. Abends 8 Uhr großes Galadiner 
im Schloß. Prachtvoller Saal, elektrisch beleuchtet, 
mit einer Fülle von Blumen auf der Tafel. Alles erster 
Klasse. — Abends 11 Uhr zu Hause. Am 16. Fahrt mit 
dem Prinzen in den Prado (Museum) mit seinen mas- 
senhaften Meisterwerken von Murillo, Velasquez, Ti- 
zian, Raphael, herrlich schön. Um 3 Uhr im Parade- 
anzug im Schloß. Der König hat preußische Uniform 
angezogen und bedankt sich beim Prinzen für die 
Verleihung des Regiments. Dann Visitenfahren. Ge- 
gen Abend Spazierfahrt in dem großen, schönen Park 
Buen retiro. Hunderte von sehr schönen Equipagen, 
darin angemalte Spanierinnen mit Glutaugen und se- 
mitischen Nasen. Abends großes Diner auf der Bot- 
schaft. Um 3 Uhr zu Bett. 

249 



Madrid, 18. Mai 1902. 

Wir festen inzwischen weiter. Gestern um 1 Uhr 
waren wir in Parade im Schloß, um an der großen 
Auffahrt zur Eidesleistung des Königs teilzunehmen. 
Diese fand mit dem ganzen Pomp statt, den der Hof 
aufbringen kann. Staatskarossen, Galageschirre, alle 
Pferde mit Riesenfederbüschen, die ganzen Trup- 
pen in den Straßen als Spalier. Wir versammelten 
uns in dem Saal der Cortes, einem verhältnismäßig 
kleinen Sitzungssaal, in dem ein Podium für den Hof 
hergestellt war. Während wir noch auf den König 
warteten, wurde die Nachricht eines Attentats ver- 
breitet, große Aufregung. Der Präsident steht auf und 
sagt, daß ein Verrückter oder ein Halunke ein Atten- 
tat versucht habe, Hoch auf den König. Endlich 
kommt er. Riesige Akklamation, Händeklatschen, 
Hochs. Er sieht ganz vergnügt aus und hat eine gute 
Haltung. Mit klarer Stimme verliest er die Eidesfor- 
mel. Hochs. Rückfahrt nach der Kirche. Tausende 
von Menschen auf der Straße. Alles nach der Kirche, 
die gepfropft voll ist. Tedeum. Wundervolle Musik, 
herrlicher Gesang, es war das Schönste von allem. 
Nach der Kirche ist es kaum möglich, den Prinzen 
in seinen Wagen zu bekommen. Alles verfahren. Die 
wüsteste Unordnung. Keine Spur von irgendeinem 
Freihalten der Straßen oder Ordnung im Auffahren. 
Wir sitzen beinahe eine Stunde im Volksgewühl fest, 
ohne Rücken und Rühren, in der brennenden Sonne. 
Endlich kommen wir ins Schloß. Hier Gratulation. 
Dann alle auf den Balkon. Vorbeimarsch der Trup- 
pen vor dem Schloß. Volksmenge Kopf an Kopf, ein 
hübscher Anblick von oben. Die Truppen sehr gut 
angezogen, sehr farbenreich und malerisch. Schöne 
Pferde in ganz spanischem Typus. Abends großer 

250 



Ball bei einem Granden, wo viele Beautös mit ge- 
malten Augenbrauen und zum Teil prachtvollem fal- 
schen Schmuck. Große Illumination. In der Botschaft 
geht auf einmal das gesamte elektrische Licht aus 
und läßt sich den ganzen Abend nicht mehr sehen. 
Wir müssen uns mit Stearinkerzen behelfen. Unsere 
Wirte sehr liebenswürdig. — Die Nächte sind sehr 
kalt, die Tage meist sehr heiß. Madrid ist eigentlich 
eine ganz moderne Stadt, Häuser sehr hoch, ohne 
charakteristischen Stil. Eine schöne breite Avenue, 
an der die Botschaft liegt, und dann der große, schöne 
Park Buen retiro. Viele Akazien in der Stadt, die ganz 
von dem süßlichen Geruch ihrer Blüten durchduftet 
ist. Der Manzanares ist ein kleines Wässerchen in 
einem breiten Bett. — Wir sollen jetzt zu einem Polo- 
spiel. Um 4 Uhr Grundsteinlegung des Denkmals Al- 
fons XII. Paradeanzug. Abends Galaoper. 

Madrid, ig. Mai 1902. 

Uns geht es andauernd gut, wir sind aber in perma- 
nenter Hetze, so daß ich zum ordentlichen Schreiben 
nicht kommen kann. — Gestern abend Oper. Ein 
Riesenhaus mit fünf Rängen, dreitausend Menschen. 
Sehr schöne Toiletten und schöne Frauen. Das Haus 
sah sehr hübsch aus, wenn es auch gar nicht deko- 
riert war wie bei uns üblich bei solchen Gelegen- 
heiten. Die Vorstellung — Don Juan — war recht 
gut. Hübsche Stimmen. Die Mise en scene miserabel, 
auch hier gänzlicher Mangel an dekorativer Ausstat- 
tung. Die Vorstellung dauerte von g Uhr bis V2 1 Uhr 
mit endlosen Pausen. — Die gestrige Grundstein- 
legung war wieder eine Komödie mit Volksmassen 
und gräßlicher Unordnung. Keine Spur von irgend- 
welchem Freihalten oder Ordnung in den Wagen- 
kolonnen, die alle wüst durcheinander fahren. Es ist 

251 



immer fast lebensgefährlich, an seinen Wagen zu ge- 
langen, wenn man ihn überhaupt findet. — Heute 
nachmittag V25 Uhr Parade, die in den Straßen der 
Stadt abgehalten werden soll. 

Paris, 24. Mai 1902. 

Gestern abend 11 Uhr sind wir hier nach fünfund- 
zwanzigstündiger Fahrt von Madrid angekommen und 
im Hotel quai d'Orsay abgestiegen. Wir fahren heute 
nachmittag 2 Uhr weiter nach Berlin, wo wir am 
25. morgens ankommen. 

Berlin, 25. Mai 1902. 

Ich bin um g Uhr heute morgen angekommen. Ge- 
stern mittag 2 Uhr aus Paris abgefahren. Ich hoffe 
noch Zeit zu finden, über das eine und andere zu 
schreiben, besonders über die große Corrida, der wir 
beiwohnten, bei der neun Stiere, einige zehn bis 
zwölf Pferde und zwei Menschen umgebracht wur- 
den, sodann über unseren Besuch des Escorial, der 
Burg Philipps II., des Vaters der Inquisition. Jetzt 
komme ich nicht dazu. Ich habe soeben zwei Stun- 
den Vortrag gehabt und soll um 7 Uhr zum Diner 
zum Prinzen Albrecht, der sehr gütig und liebens- 
würdigwar. Morgen habe ich Brigadebesichtigung in 
Döberitz, am Dienstag Prüfungsschießen daselbst. 
Am Mittwoch Exerzieren der Kaiserbrigade daselbst, 
am Donnerstag soll ich morgens den Kronprinzen 
von Siam und nachmittags den Schah von Persien 
in Potsdam auf dem Bahnhof empfangen, am Frei- 
tag ist Parade hier in Berlin, am Sonnabend Parade 
in Potsdam. Die Woche ist also rund ausgefüllt! 

Berlin, 26. Mai 1902. 

Bis zum Juli bin ich sehr besetzt, und dann kommt 
die Nordlandreise, und dann gleich das doppelte Ma- 

252 






növer, dann ist der Herbst da und der Wind streicht 
über die Stoppeln. So geht ein Sommer nach dem 
andern wie im Fluge dahin, und aus dem Sommer 
unseres Lebens wird auch bald der Herbst. 

Berlin, 31. Mai 1902. 

Nun ist die zweite Parade auch glücklich überstan- 
den, bei glühendem Sonnenbrand unter den blühen- 
den Kastanien des Potsdamer Lustgartens. Ich kom- 
mandierte die Parade, und alles ging gut. Der Kaiser 
war sehr zufrieden und lobte die Truppen besonders. 
— Am Montagnachmittag muß ich nach Beeskow 
fahren, wo den Dienstag Besichtigung ist. Dienstag 
nachmittag nach Lübbenau ins Manövergelände. Mitt- 
woch abend hier zurück. 

Norwegen, Bergen, 15. Juli 1902. 

Morgens machten Cuno, Se. Majestät und ich einen 
langen Spaziergang an Land, besuchten einen alten 
Schleswig-Holsteiner, der eine niedliche Villa auf ei- 
nem Bergvorsprung hat, mit schöner Aussicht über 
die Reede der Stadt, und dann seinen Nachbarn, ei- 
nen alten norwegischen Schiffskapitän. Wir saßen 
lange in den am Steilhang hinaufkletternden Gärten 
und schwatzten mit den Leuten und ihren Frauen. 
Der Kaiser ist bei solchen Gelegenheiten von einer 
bezaubernden Liebenswürdigkeit, harmlos wie ein 
Kind, es macht ihm Freude, mit diesen einfachen 
schlichten Leuten ohne alle Zeremonie zu verkehren, 
ihre Ansichten über die Zustände ihrer Heimat zu 
hören und sich ihre kleinen Freuden und Sorgen er- 
zählen zu lassen. Diese Menschen sind dann immer 
in einem Zustand der grenzenlosesten Begeisterung. 

253 



Norwegen, Molde, i8.Juli 1902. 

Wir gingen von Bergen am Dienstag nach Gud- 
vangen, wo wir Mittwoch ankamen. Hier machten 
wir eine Partie nach Stahlheim, wo gegessen wurde, 
am selben Nachmittag an Bord zurück. Ich fuhr mit 
dem Kaiser in seinem Karriol, das mit einem mu- 
tigen kleinen norwegischen Pferdchen bespannt war. 
Er kutschierte selber, und ich hatte ab und zu etwas 
Herzklopfen, wenn wir herabkommenden Wagen be- 
gegneten, denen wir auf der schmalen Landstraße aus- 
weichen mußten, und er hart am Absturz vorbeifuhr, 
in dessem Grunde das Wasser über die Felsen braust, 
die Zügel mit der Linken haltend und mit der Rech- 
ten den Hut abnehmend, um die Grüße zu erwidern. 
Wir kamen aber glücklich oben an. Hinab ließ er 
mich fahren, was mir lieb war, denn der kleine Gaul 
ging wie das Donnerwetter und lag hart auf den Zü- 
geln, so daß ich wieder froh war, ihn ohne Unfall un- 
ten abliefern zu können. Er ist immer sehr nett und 
freundlich zu mir, gab mir neulich einen Beweis be- 
sonderen Vertrauens, indem er mich in sein Arbeits- 
zimmer holen ließ und mir einen Brief vorlas, den er 
soeben geschrieben hatte an den Kronprinzen, und 
meine Meinung hören wollte. Er ist eigentlich noch 
nie so freundlich gewesen wie auf dieser Reise, ich 
habe ihn überhaupt noch nie so liebenswürdig und 
gleichmäßig gesehen. Er bespricht jetzt oft militäri- 
sche Fragen mit mir und will oft meine Ansicht 
hören. In solchen Augenblicken kann man ihm alles 
sagen, dann ist er reizend, wie ein guter Kamerad, 
und man kann ganz ungezwungen das sagen, was 
man meint, wovon ich auch weitgehenden Gebrauch 
gemacht habe. 



254 



Berlin, 5. August 1902. 

Ich habe sie (E.) für morgen abend nach »Alt-Hei- 
delberg« eingeladen, damit sie auch einmal einen Spaß 
hat. Die kleine . . . war auch da. Sie behandelt augen- 
blicklich einen Mann, der seit Jahren blind ist, und 
hat sich damit meiner Meinung nach gleich von An- 
fang an vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Natür- 
lich hat sie, wie alle Scientisten, die beste Hoffnung 
und behauptet, daß er bereits den berühmten »Schim- 
mer« habe, den alle Blinden, die scientistisch behan- 
delt werden, unfehlbar bekommen und über den hin- 
aus — wenigstens soweit ich erfahren habe — ebenso 
unfehlbar bisher noch nie einer gekommen ist. Wir 
haben lange über das Thema der Science gespro- 
chen, sie hat viel verständigere Ansichten als die 
waschechten Scientisten und sieht selber ein, daß in 
der ganzen Bewegung der Keim des Erstarrens in 
einem neuen Dogma enthalten ist. 

St. Petersburg, Palais d'Hiver, 
16. Januar 1903. 

Wir sind vor zwei Stunden hier wohlbehalten an- 
gekommen nach sehr angenehm verbrachter Reise. 
Nach Ankunft hier fuhren wir ins Winterpalais, wo 
Kaiser und Kaiserin uns begrüßten. Letztere sieht 
außerordentlich wohl aus und ist noch hübscher ge- 
worden, als sie früher schon war. Von dort zur Kai- 
serin-Mutter, die uns ebenfalls sämtlichst begrüßte. 
Wir wohnen alle im Winterpalais. Die ganze Reise 
war sehr nett und harmonisch. Mir ist ganz so zu- 
mute, als ob ich nach einiger Abwesenheit wieder 
in altbekannte Gegenden käme. Ich kenne nun ja auch 
fast den ganzen hiesigen Hof. 

255 



Palais d'Hiver, 17. Januar 1903. 

Gestern abend war große Galatafel, sehr schön und 
prunkvoll. Ich saß links neben der Großfürstin Maria 
Georgiewna, Tochter des Königs von Griechenland, 
rechts von ihr saß der Zar. Wir unterhielten uns sehr 
angeregt, sie spricht fließend deutsch. Mir gegenüber 
der Kronprinz, neben ihm die beiden Kaiserinnen. 
Der arme Kronprinz war sehr aufgeregt wegen seiner 
zu haltenden Rede. Erst nachdem sie vorüber war, 
wurde er lebhaft. Nach Tisch unterhielt sich die Kai- 
serin-Mutter lange mit mir und war außerordentlich 
gnädig. Ebenso die regierende Kaiserin und die Groß- 
fürstin Wladimir. Der Großfürst Wladimir ist leider 
krank. Er ließ mir durch die Großfürstin sagen, er 
wolle mich gerne sprechen und ich möchte einen der 
nächsten Tage zu ihm kommen. Die regierende Kai- 
serin imponierte wieder durch ihre Schönheit. Sie ist 
etwas stärker geworden, was ihr sehr gut steht. Der 
Kaiser sah wohler aus als morgens. Heute morgen 
waren wir in der Eremitage und sahen leider nur sehr 
im Galopp die herrlichen Kunstschätze, die einzig in 
ihrer Art sind. 

Palais d'Hiver, 18. Januar 1903. 

Wir waren heute in der evangelischen Kirche, wo 
wir eine entsetzlich langweilige Predigt hörten, der 
eine endlose Liturgie folgte. Sodann Frühstück hier 
im Palais. Gestern abend im Französischen Theater, 
wo ein namenlos dummes Stück gegeben wurde. 
Nach dem Theater saß ich noch bis 1 Uhr mit dem 
Kronprinzen, der mir von seinen russischen Ein- 
drücken erzählte. Er ist sehr gerne hier und gefällt 
allgemein. Ich glaube, die ganze Reise wird sehr nett 
und harmonisch verlaufen und den guten Erfolg ha- 
ben, daß persönliche Beziehungen gebildet werden. 

256 



Palais d'Hiver, 19. Januar 1903. 

Heute war das Fest der Wasserweihe. Da die Er- 
kältung des Kaisers noch nicht ganz behoben ist, ging 
er nicht hinaus, und wir konnten uns den gefürch- 
teten zweiten Teil der Feier, der im Freien mit bloßem 
Kopf stattfindet, von einem Fenster des Palais aus 
ansehen. Die ganze Sache war höchst interessant. Im 
Palais Deputationen aller Garderegimenter mit den 
Fahnen durch eine lange Flucht von Sälen aufge- 
stellt. Wunderschöne Leute, brillant angezogen. Ein 
wahrer Staat von Truppen. Großer Gottesdienst in 
der Schloßkirche, dann die Feier am Ufer der Newa, 
dann Vorbeimarsch der Fahnen vor dem Kaiser und 
sodann Frühstück. Die Sache dauerte von V2 11 bis 
3 Uhr. Gestern war ein großes Galadiner auf der Bot- 
schaft. Abends um 10 Uhr hörten wir ein wunder- 
volles Konzert von dem kaiserlichen Sängerkorps, 
achtzig Knaben und vierzig Männer, das Idealste von 
Gesang, das man sich denken kann, die reine Sphären- 
musik. Bässe, die wie Orgeln klingen, und dazu die 
feinen Stimmen der Knaben, die wie mit Engelstönen 
singen. 

Brief Moltkes an eines seiner Kinder. 

Berlin, 29. Januar 1903. 

Die Mama sagte mir, daß Du gerne etwas Näheres 
über Rußland, Land und Leute, hören willst und als 
gehorsamer Vater, der von seiner Tochter gut ge- 
zogen ist, beeile ich mich, Deinem Wunsche nach- 
zukommen und Dir zu berichten, was ich dort er- 
lebte. 

Wir waren unserer sieben, die den Kronprinzen be- 
gleiteten, drei Regimentskommandeure, die die Regi- 
menter kommandieren, von denen der Kaiser Niko- 

Moltke. 17. 257 



laus Chef ist, nämlich Oberstleutnant v. Schwerin von 
den 6. Kürassieren, Oberstleutnant v. Lyncker von 
den 8. Husaren und Oberst v. Schenck vom Alexan- 
der-Regiment, außerdem der Flügeladjutant v. Friede- 
burg und ich, ferner Oberst v. Pritzelwitz, der militä- 
rische Gouverneur des Kronprinzen und sein Adju- 
tant Stülpnagel. Am 14. Januar, abends, meldeten wir 
uns bei ihm auf dem Bahnhof Friedrich Straße, wohin 
auch der Kaiser kam, um seinem Sohn Adieu zu 
sagen. Es war ein Schlafwagen für uns reserviert, 
in dem jeder seinen Abteil hatte, ich als Exzel- 
lenz und piece de resistance der Gesellschaft zwei! 
Nach ruhig durchschlafener Nacht kamen wir am 
15. gegen 10 Uhr in Eydtkuhnen, unserer Grenz- 
station, an, von wo unser Zug sofort nach dem rus- 
sischen Grenzort Wirballen oder wie die Russen sa- 
gen: Wirballowo, überführt wurde. Hier erwartete uns 
der russische Ehrendienst und, was auch nicht zu 
verachten war, ein kaiserlich russischer Extrazug. 
Ersterer bestand aus dem Generaladjutanten Fürsten 
Dolgoroucki, dem Rittmeister im Regiment Gardes 
ä cheval, Flügeladjutant Graf Schuwalow und dem 
Leutnant vom Regiment Chevalier garde, Fürst Kan- 
tacouzeme; letzterer aus einem Salonwagen mit 
Schlafzimmer für den Kronprinzen, einem Küchen- 
wagen, einem Speisesalon, einem Versammlungs- 
salon, drei Wagen mit kleineren Wohn- und Schlaf- 
zimmern für das Gefolge, drei Wagen für die Diener- 
schaft und einigen Gepäckwagen, alles elektrisch be- 
leuchtet. Zwei Lokomotiven vorne zum Ziehen und 
eine dritte hinten zum Schieben sollten diesen Zug, 
der den Größenverhältnissen des russischen Reichs 
entsprach, nach Petersburg befördern. — Die russi- 
schen Bahnen haben bekanntlich breitere Geleise wie 
die unsrigen und fahren bedeutend langsamer, nicht 

258 






über fünfzig Kilometer in der Stunde, beides trägt 
sehr zur Bequemlichkeit des Reisens bei. Die Ma- 
schinen werden nur mit Holz geheizt, was bei Dun- 
kelheit ein prächtiges Feuerwerk gibt, indem der ganze 
Zug in ein Meer von fliegenden Funken eingehüllt 
ist, die wie tausende kleiner, leuchtender Kometen in 
langen Streifen vor den Fenstern vorbeiziehen. Mir 
wurde eine Kammer angewiesen, die ein breites Bett, 
ein bequemes Sofa, Waschtoilette, Schreibtisch und 
Kleiderschrank enthielt und so geräumig war, daß 
sie füglich als Empfangsraum für Besuche dienen 
konnte. Alles war mit hellfarbigem Seidenstoff aus- 
geschlagen und ich würde in diesem luxuriösen Ge- 
mach gerne die Reise über die sibirische Bahn nach 
Wladiwostock gemacht haben, zu der man nur acht 
Tage gebraucht. — Die unerreicht dastehende russi- 
sche Gastfreundschaft nahm uns von nun an völlig 
in ihren Wirkungsbereich auf. Kaum hatten wir uns 
in Bewegung gesetzt, so wurden wir schon zum 
Frühstück gebeten, das, wie alle russischen Mahl- 
zeiten, mit der Sakkuska anfing, das heißt einem so- 
genannten Imbiß, bei der der ungesalzene Kaviar mit 
Löffeln gegessen wird und alle möglichen Delikates- 
sen den Neulingdazu verleiten, sich schon völlig satt zu 
essen, bevor man dazukommt, sich zum eigentlichen 
Frühstück niederzusetzen. Hier tranken wir zur Be- 
grüßung unserer neuen russischen Freunde unseren 
ersten Schnaps, um dann beim Frühstück sofort zum 
Sekt überzugehen, einem Getränk, das auf dem rus- 
sischen Tisch eine ähnliche Rolle spielt, wie bei uns 
der Moselwein, das Liter zu fünfzig Pfennig. Die 
Sektflasche blieb denn auch unser unzertrennlicher 
Genosse, wo wir in die Nähe eines gedeckten Tisches 
kamen bis zu dem Augenblick, wo wir auf der Rück- 
reise die Grenze wieder überschritten und sie sofort 

259 



von dem Seidel »echt Münchener« abgelöst wurde. 
Den ganzen Tag verbrachten wir mit frühstücken, 
dinieren und soupieren und hatten uns nach den er- 
sten zwölf Stunden schon so an den Kaviar gewöhnt, 
daß wir kaum noch begreifen konnten, wie es für 
einen anständigen Menschen möglich sei, tage-, ja 
wochenlang ohne denselben zu leben. Wie herrlich 
hätte man in dem seidenen Bett schlafen können, 
leise gewiegt von dem sanften Rütteln des breiten, 
langsamen Zuges, wenn man nur nicht so unendlich 
viel gegessen hätte. Ich lag lange wach und sah auf 
das Feuerwerk der sprühenden Funken, die vor mei- 
nen Fenstern vorbeizogen. Endlich schloß ich die 
Vorhänge und löschte das elektrische Licht, dann 
verfiel ich in einen Halbschlummer, in dem alle 
Pasteten, Haselhühner, Wachteln und geräucherten 
Fische, die ich gegessen, mir als Vision erschienen, 
während dickbäuchige Champagnerflaschen mit ei- 
nem Kranz von Kaviarkörnern im Haar mich um- 
gaukelten, um endlich im Dunkel des tiefen Schlafes 
zu verschwinden. 

So fuhren wir Kilometer um Kilometer durch das 
heilige Rußland, durch öde, schneebedeckte Flä- 
chen, durch Moraste und Gestrüpp, durch Winter und 
Einsamkeit, hinein in das unendliche Riesenreich, des- 
sen unermeßlicher Raum uns enggewohnten West- 
europäern die Empfindung gibt, als ob man den Pla- 
neten verlassen hätte und hinaussteuerte in die Un- 
begrenztheit des Wertenraumes. — Am nächsten Mor- 
gen, den 16., um 10 Uhr, kamen wir in Petersburg 
an. Unser Botschafter, Graf Alvensleben, hatte eine 
Stunde vorher in Gatschina den Zug bestiegen und 
brachte die letzten Bestimmungen über den Emp- 
fang. 

Der Kaiser konnte nicht, wie er beabsichtigt hatte, 

260 



auf dem Bahnhof erscheinen, da er an einer Ohrenent- 
zündung litt, die ihn ans Zimmer fesselte. Alle nicht 
an der Influenza erkrankten Großfürsten waren zum 
Empfang erschienen. Auf dem Bahnsteig stand eine 
Ehrenkompagnie vom Regiment Preobratschensk, 
das unserem i. Garderegiment entspricht. Wunder- 
schöne, riesengroße Leute mit den offenen, gutmü- 
tigen russischen Bauerngesichtern. Alles ging nun 
nach internationalem Muster. Abgehen der Front, 
Vorstellung des Gefolges usw. Ich bin ja nachgerade 
schon ein alter Bekannter in diesen Kreisen gewor- 
den. — Dann fuhren wir in das Winterpalais, in dem 
wir alle untergebracht waren. Hier wurde der Kron- 
prinz vom Kaiser und der Kaiserin empfangen und 
in seine Gemächer geleitet. Dann wurden wir von 
den Majestäten begrüßt. Im Vorzimmer war der ganze 
Hofstaat aufgestellt. Da war die Oberhofmeisterin, die 
alte, dicke Fürstin Galitzin, die immer, wie die Juden 
in der Synagoge, den Hut auf dem Kopf haben muß, 
unter dessen großer Krempe sie mit müden, hängen- 
den Augen vor sich hinblinzelt, der Oberhofmar- 
schall Fürst Dolgoroucki, ein Bruder unseres Beglei- 
ters und eine ganze Reihe von Hofdamen, alle mit 
der Brillantchiffre der Kaiserin auf der Achsel. Vor 
den Türen stehen je zwei Mohren in phantastisch 
bunter Tracht, die mich ebenfalls als alten Bekann- 
ten mit weißen Zähnen grinsend begrüßten. Ein lei- 
ser Geruch nach Weihrauch schwebt durch alle 
Räume, in einer Ecke jedes Zimmers hängt das Heili- 
genbild, dem die spezielle Überwachung dieses Ge- 
lasses obliegt, und das Licht der elektrischen Lam- 
pen, die bei der trüben Petersburger Atmosphäre den 
ganzen Tag brennen, glitzert in den Kristallen der 
Kronleuchter und wirft glänzende Reflexe auf das 
kunstvolle, spiegelglatte Parkett. 

261 



Die Majestäten begrüßten uns in freundlichster 
Weise. Der Kaiser sah elend aus, er hatte ein Ge- 
schwür im Ohr gehabt, das erst kürzlich aufgegangen 
war und ihm viel Schmerzen gemacht hatte. Die Kai- 
serin sah blühend aus. An den feinen Mundwinkeln 
haben sich ein paar allerliebste Grübchen gebildet, 
die schön gezeichneten Augenbrauen stehen herrlich 
auf der weißen Stirn. Endlich ist alles vorüber. Die 
Hofstaaten werden entlassen. Mit einem tiefen Seuf- 
zer und einer leichten Verbeugung verabschiedet die 
imposante Oberhofmeisterin ihre Damen, die ihrer- 
seits mit einer tiefen Verbeugung und einem leichten 
Seufzer hinausgleiten. — Wir werden auf unsere Zim- 
mer geführt. Ich sehe sofort die Unmöglichkeit ein, 
ohne ortskundigen Führer jemals den Weg wieder 
zurückzufinden. Glücklicherweise habe ich einen 
deutsch sprechenden Lakaien. Ich wohne wieder 
recht bescheiden. Wenn man vom Korridor durch 
die Tür tritt, ist rechts ein Badezimmer, links mein 
Schlafzimmer. Geradeaus kommt man in mein Ar- 
beitszimmer mit unendlichen Polsterstühlen, Chaise- 
longues, Sofas, Schreibtisch usw. Daran stößt mein 
Speisesaal, an diesen mein Empfangszimmer. Ich 
brauche allein eine ganze Weile, um mich in meiner 
Wohnung zurechtzufinden. — Wir sind frei bis zum 
Diner um 7 Uhr. Es soll große Galatafel sein. A. mit 
meinen Sachen ist schon da und packt aus. Dann 
steige ich ins Bad, um den Reisestaub abzuwaschen. 
Wie ich zurückkomme, ist A. verschwunden und hat 
mich meinem Schicksal überlassen. Er geht mit un- 
erschütterlicher Konsequenz von der Ansicht aus, 
daß dergleichen Reisen zu seiner Unterhaltung unter- 
nommen werden, und daß ich eine höchst überflüs- 
sige und nebensächliche Zugabe dazu bin, von der 
man am besten so viel wie möglich absieht. Das ist 

262 



von seinem Standpunkt eine sehr verständige An- 
schauung, und ich bin auch schon so daran gewöhnt, 
daß ich mich auch diesmal nicht darüber aufgeregt 
haben würde, wenn nur nicht jetzt gerade einige rus- 
sische Herren gekommen wären, die mich besuchen 
wollten, und wenn ich nur meine Hosen hätte finden 
können. — Die aber waren ebenso spurlos verschwun- 
den wie A. — Vergebens durchsuchte ich alle 
Schränke, ohne etwas zu finden, mit dem ich meine 
untere Blöße hätte bedecken können. Röcke, Helm, 
Mütze, alles war da, aber nicht eine einzige Hose! 
— Immer wieder klopfte der Lakai an meine Tür, um 
mir zu sagen, daß er den Grafen Lüttke, einen mir 
bekannten Offizier vom Preobratschensk, in den Emp- 
fangssalon geführt habe. Auch er wußte weder, wo A. 
noch wo meine Hosen geblieben wären. Erst später 
entdeckte ich sie in einem Wandschrank des Vor- 
zimmers, in dem A. sie als ordentlicher Mann, unter 
Vermeidung aller im Schlafzimmer selbst befind- 
lichen Schränke, untergebracht hatte. Da liegen sie 
friedlich eine neben der andern, wie die Bücklinge 
im Rauch. — Wie ich die Hoffnung aufgab, sie je- 
mals zu finden, überlegte ich kurz, ob ich den Waf- 
fenrock ohne Beinkleider anziehen sollte, oder ob 
ich die Konsequenzen meiner Lage bis aufs äußerste 
ziehen sollte, entschied mich für letzteres und emp- 
fing meine Visiten in Hemd und Unterhose! Erst wie 
der Fürst Orloff sich bei mir melden ließ, der im 
Auftrag des Kaisers kam, um mir einen Orden zu 
überbringen, sank mir der Mut meiner Nacktheit und 
ich verhandelte mit ihm durch die Türspalte, ohne 
ihn zu sehen, so daß ich mich ihm erst am Abend 
vorstellen konnte. Durch diese Türspalte nahm ich 
ein rotes Saffiankästchen in Empfang, in dem ein 
blitzender Diamantstern lag. Die Hand, welche es mir 

263 



darreichte, war groß und fett, woraus ich schloß, daß 
der dazugehörige Fürst groß und wohlbeleibt sei. 
Wie ich abends feststellen konnte, hatte ich mich 
nicht getäuscht, er war groß und fett. — Ich legte 
mich schließlich zu Bett und wartete auf A. Er er- 
schien nach einigen Stunden und erklärte, daß er zu 
Mittag gegessen habe. Ich wagte nicht in diesem na- 
türlichen Vorgang etwas Ungeziemendes zu finden 
und suchte seine Freundschaft wieder zu gewinnen. 
Die Galatafel war prächtig. Alle Großfürsten und 
Großfürstinnen waren erschienen, alle Würdenträger 
des Reichs zur Stelle. Ich saß in der Mitte der Tafel, 
zu meiner Rechten die Großfürstin Marie Georgiew- 
na, Tochter des Königs von Griechenland, rechts ne- 
ben ihr der Kaiser. Zu meiner Linken die Oberhof- 
meisterin der Kaiserin-Mutter, die ein unverständ- 
liches Französisch vor sich hinmurmelte. Mir gegen- 
über die beiden Kaiserinnen, die den Kronprinzen 
zwischen sich hatten, der vis-a-vis dem Kaiser saß. — 
Die griechische Großfürstin sprach fließend Deutsch 
und war sehr lebhaft, liebenswürdig und unterhal- 
tend. Der arme Kronprinz sah blaß und präokkupiert 
aus und aß so gut wie nichts. Erst wie er seine Rede 
gehalten hatte, lebte er auf. Die beiden Kaiserinnen 
strahlten in den herrlichsten Brillanten. Beide sind 
sehr vorteilhafte Erscheinungen. Die Kaiserin-Mutter 
ist nicht gerade hübsch, sie hat aber ein Paar wunder- 
bare Augen, deren Glanz die Jahre nicht verdunkelt 
haben, und über denen man den zu großen Mund 
vergißt. Sie hat von ihrem Vater, dem König von 
Dänemark, die Kunst der ewigen Jugend geerbt, man 
würde ihr kaum vierzig Jahre geben. Geistig bedeu- 
tend, klug und, wenn sie will, bestrickend liebenswür- 
dig, hat sie einen großen Einfluß auf den Kaiser. Sie 
ist bei allen offiziellen Anlässen die erste Dame, die 

264 



selbst der regierenden Kaiserin vorgeht, solange diese 
keinen Sohn hat. Bis jetzt ist die Kaiserin-Mutter als 
Mutter des Großfürsten-Thronfolgers Nummer eins. 
— Die regierende Kaiserin ist geschaffen dafür, einen 
Thron zu zieren und in großer Parade die wallnuß- 
großen Diamanten des Kronschatzes auf ihrem wei- 
ßen Busen zu tragen. Ihre blendende Erscheinung 
paßt so sehr zu diesem Schmuck, daß man meinen 
könnte, sie sei mit demselben geboren. — Nachdem 
die Tafel aufgehoben war, wurde Cercle gemacht. Die 
Großfürstin Wladimir, eine geborene Prinzeß von 
Mecklenburg, die mir, ebenso wie ihr Mann, stets 
mit größter Freundlichkeit entgegengekommen ist, 
nahm mich in Beschlag. Sie bat mich, ich möchte 
einen der nächsten Tage den Großfürsten besuchen, 
der an Influenza erkrankt zu Bett läge. Dann unter- 
hielt sich die Kaiserin mit jedem einzelnen von uns. 
Währenddem stellte der Kaiser dem Kronprinzen die 
Hauptpersonen vor. Da waren recht interessante Ge- 
stalten. Der Graf Lambsdorff, ein kleiner, kahlköpfi- 
ger Mann, der immer so aussieht, als ob er auf den 
Zehenspitzen stände, um größer zu erscheinen, selbst 
die spärlichen Haare hat er hinter den Ohren nach 
oben gebürstet, daß sie in die Luft stehen, und dabei 
macht er ein halb finsteres, halb wohlwollendes Ge- 
sicht und schiebt die Unterlippe vor. — Der Minister 
Witte, der allmächtige Finanzminister des Reiches, 
der das Kunststück fertig gebracht hat, in Rußland 
die Goldwährung einzuführen, ohne daß das Land 
Bankerott machte, ein Mann von meiner Größe, mit 
einem klugen kleinen Kopf und dunklem Vollbart. 
Sehr bescheiden, etwas verlegen, drückt er sich am 
liebsten in verborgenen Ecken. — Der Kriegsminister 
Kuropatkin, der seinen Blick so fest auf Asien ge- 
richtet hält, daß er das bißchen Europa in seiner 

265 



Flanke mit wohlwollender Gleichgültigkeit behan- 
deln kann, — sein Antipode, der Chef des General- 
stabs, Sacharin, ein kleiner, fetter Mann mit listigen 
Augen, großer Franzosenfreund und Deutschenfres- 
ser, der lieber heute wie morgen gegen uns los- 
schlüge. Ja, wenn Kuropatkin mit seinem Asien und 
wenn Witte mit seinen Reformplänen nicht wären! 
Diese beiden aber brauchen uns, denn sie brauchen 
den Frieden! — Der kleine Kronprinz müht sich tap- 
fer ab, mit allen den ihm Vorgestellten Unterhaltung 
zu machen. Er sieht sehr nett aus in seiner kleid- 
samen russischen Uniform, seine schlanke, elegante 
Figur und sein offenes, freundliches Gesicht gefal- 
len allgemein. — Um V2 11 Uhr ziehen die Herrschaf- 
ten sich zurück, und wir gehen — selbstverständlich 
geführt von Ortskundigen — über die endlosen Trep- 
pen und Korridore nach oben, um in einem meiner 
Salons noch ein Glas Bier zu trinken. Ich werde 
dann, eben oben angelangt, zum Kronprinzen her- 
untergerufen, der wohl das Bedürfnis hat, sich über 
seine Eindrücke noch etwas auszusprechen, und mit 
dem ich bis 1 Uhr zusammensitze. Wie ich wieder 
auf mein Zimmer komme, sind alle fort, sie haben 
mir nur einen dicken Tabakrauch und eine Batterie 
geleerter Flaschen zurückgelassen! 

Dies war unser erster Petersburger Tag. Wenn ich 
aber in demselben Stil fortfahren wollte, Dir die fol- 
genden acht Tage zu schildern, so würde dieser Brief 
ein Buch werden, und ich fürchte, Du würdest dar- 
über einschlafen. Ich muß also etwas kursorischer 
verfahren. 

Am zweiten Tag nach unserer Ankunft war das 
Fest der Wasserweihe. Dies in ganz Rußland ge- 
feierte Fest wird stets in glänzendster Weise began- 
gen. Es wird von allen Beteiligten gefürchtet, denn 

266 



im allgemeinen gilt der 18. Januar als der kälteste Tag 
des kalten russischen Winters, und es ist ein zweifel- 
haftes Vergnügen, an einem Tage von zwanzig Grad 
Reaumur unter Null eine halbe Stunde mit unbedeck- 
tem Kopf im Freien zu stehen. Diesem Fest zu Ehren 
hatten wir uns alle mit Pelzen und Filzstiefeln ausge- 
rüstet. Wir sollten sie nicht gebrauchen. Die ganze 
Zeit unseres Petersburger Aufenthaltes fiel das 
Thermometer nicht unter acht Grad. Es war den Gra- 
den nach wärmer als es gleichzeitig in Deutschland 
war, auch lag wenig Schnee, so daß täglich große 
Fuhren Schnee von außerhalb in die Stadt gebracht 
wurden, wo der Schnee auf den Straßen ausgebrei- 
tet wurde, wie bei uns Sand gestreut wird, um die 
Schlittenbahn zu verbessern. Auch an dem Tage des 
Festes waren nur sieben Grad Kälte, aber die Luft ist 
trotzdem schneidend und jeder Windzug scheint ver- 
doppelte Kälte mitzubringen. Die Newa, dieser ge- 
waltige, stolze Strom, der die Stadt in einer Breite 
von zwei Kilometern durchschneidet, lag vom Eis 
gebändigt. — Elektrische Bahnen, Straßen für Schlit- 
ten und Wagenverkehr gehen über die Eisdecke, 
Gasleitungen sind über das Eis gelegt, und abends 
sind alle Straßen erleuchtet, unter denen das schwarze 
Newawasser gurgelt. — Das Fest der Wasserweihe 
ist das Erinnerungsfest an die Taufe Christi im Jor- 
dan. Am Ufer des Stroms ist ein Pavillon für die 
Geistlichkeit und den Hof erbaut, von dem aus eine 
Treppe zum Eis hinabführt, in das ein Loch geschla- 
gen wird. In dieses Loch wird unter Gesang und Se- 
gen das Kreuz getaucht und damit das Wasser ge- 
weiht. — Um ii Uhr fing die Zeremonie im Palais 
an. Da standen in den endlosen Sälen, die sich in 
langer Flucht aneinanderreihen, Deputationen von 
allen Petersburger Regimentern. Immer sechzig Mann 

267 



von jedem Regimente in Paradekostüm. Ein schöner 
Anblick. Lauter ausgesuchte Leute. Da waren zum 
Beispiel die Gardes ä cheval, lauter Leute in meiner 
Größe, alle mit schwarzem Haar und kurz gehalte- 
nem schwarzen Vollbart, was zu den weißen Waffen- 
röcken prächtig aussah. Daneben die Chevalier garde, 
lauter blonde Leute, das Regiment Paulowsk, in dem 
nur Leute mit Stumpfnasen eingestellt werden, zur 
Erinnerung an Kaiser Pauls Stumpfnase, der das 
Regiment begründete. Da sind die Kosaken des Leib- 
konvois, in ihren bis auf die Füße fallenden schar- 
lachroten Röcken mit silberbeschlagenen Wehrge- 
henken, die schwarze Kirgisenmütze schief auf dem 
rechten Ohr, während um das linke sich eine große 
Locke des dichten krausen Haares legt. Die Don- 
schen Kosaken in himmelblauen Röcken, die Grena- 
diere zu Pferde mit langen Roßschweifen auf den 
altertümlichen Bärenmützen, die Gardeequipage der 
Marine, zu der nur die ausgesucht schönsten Leute 
kommen, die dort sieben Jahre dienen — wer kennt 
die Truppen, nennt die Namen! — eine Blütenlese 
der Garde, wie sie schöner wohl kein Volk der Erde 
stellen kann. In Rußland wird jährlich nur etwa ein 
Drittel der gestellungspflichtigen Mannschaft einge- 
stellt, man kann sich denken, welche Auswahl man 
da hat, und zur Garde kommt nur das Allerbeste. — 
Durch diese spalierbildenden Truppen schreitet nun 
in langem, feierlichem Aufzug der Hof in die Kapelle 
des Winterpalais. Die Kaiserinnen im Schmuck ihrer 
Brillanten, alle Damen im rotsamtenen, goldgestick- 
ten Hofkleid mit langer Schleppe, auf dem Kopf den 
Kokoschnik, den altrussischen, halbmondförmigen 
Kopfschmuck. Voran die Geistlichkeit in ihren sil- 
berstarrenden Gewändern, der Patriarch mit der Bi- 
schofsmütze, auf der ein Vermögen von Steinen fun- 

268 






kelt, goldene Monstranzen, Weihrauchgefässe, ge- 
stickte Fähnchen, ein überwältigendes Bild des äus- 
sersten Prunkes und der denkbar größten Pracht. Mit 
dem Erlös der Steine, die hier vor unseren Augen 
vorbeiziehen, könnte man ein Königreich kaufen. Und 
vor all diesem Pomp, in dem sich das Höchste ver- 
einigt, das das russische Riesenreich an weltlicher 
und geistlicher Macht, an irdischem und himmlischem 
Glanz aufzubieten vermag, steht mit präsentiertem Ge- 
wehr der russische Bauernsohn in seiner Paradeuni- 
form und starrt mit aufgerissenen Augen auf all den 
Schimmer. Ist es ein Wunder, wenn er meint, Gott 
selber und seine Heiligen vorüberziehen zu sehen, 
ist es ein Wunder, wenn in seinem treuherzigen 
Bauernsinn sich die Begriffe der Göttlichkeit und der 
Monarchie verschmelzen und daß er in die Knie 
sinkt vor seinem Zar Väterchen, der nicht nur sein 
weltlicher Herrscher, sondern auch der Träger der 
höchsten geistlichen Gewalt ist! — Hier liegt die Rie- 
senkraft der russischen Monarchie. Die beiden Säu- 
len, auf denen das ganze russische Staatswesen ruht: 
Kirche und Kaisertum vereinigen sich in der Person 
des Zaren. Unzertrennbar ist der eine Begriff vom 
anderen und sie beherrschen alles, was es Heiliges 
und Mystisches in der Seele des russischen Bauern 
gibt. — Und wie ist es bei uns, wo zwei verschiedene 
Bekenntnisse sich bekämpfen und wo der Titel eines 
Summus Episcopus alles ist, was dem Inhaber des 
Thrones geblieben ist, ein Titel, den kaum jemand 
kennt oder versteht! 

Nun beginnt in der Kapelle das Hochamt. Diese 
Kapelle ist mindestens so groß, wie die Garnisons- 
kirche in Potsdam. Unbeschreiblich schön tönt von 
ihrer hohen Wölbung der Gesang des kaiserlichen 
Sängerchors wieder. Dieser berühmte Chor, wohl der 

269 



schönste A-cappella-Chor, den es auf der Welt gibt, 
besteht aus achtzig Knaben und ebensoviel Männern. 
Wie auf Engelsfittichen schweben die silberklaren 
Knabenstimmen über den orgelartigen Bässen. Um 
solche Bässe zu hören, muß man nach Rußland kom- 
men, man kann es kaum glauben, daß sie einer 
menschlichen Brust entstammen und doch, es gibt 
kein Instrument, das so weich klingen könnte. Der 
ganze Chor ist in Scharlach gekleidet, vorne stehen 
die Kinder mit andächtigen Gesichtern, wie mystische 
Verzückung klingt es aus dem Gesang. Allmählich 
füllt sich die Kirche mit Weihrauch. Was hier auf- 
geführt wird, ist nach unseren nüchternen Begriffen 
kein Gottesdienst mehr, es ist ein Schaugepränge, 
Gottesdienst aber, und zwar erhabenster Art, ist der 
Gesang. Und doch, wie ich mir das Gebaren der 
Geistlichkeit ansah, wie sie kommen und gehen, den 
Patriarchen schmücken, die heiligen Geräte mit ge- 
heimnisvollen Zermonien umgeben, kam es mir zum 
Bewußtsein, wie in dem allen nur das Bestreben des 
Menschen liegt, das, was ihm das Heiligste ist, in 
einer Weise der äußeren Feier zu gestalten, in die er 
alles hineinlegen will, was ihm an Schönem und 
Feierlichem gegeben ist. Aller Glanz und alle Pracht 
soll vor dem Altar des Höchsten niedergelegt wer- 
den in dem Gedanken, daß das Herrlichste, was wir 
besitzen, nur gerade gut genug ist, um das Göttliche 
zu verehren. Dieser Gedanke mag irdisch genug sein, 
aber er ist begreiflich für die große Masse der Men- 
schen, die noch nicht gelernt haben, Gott anzubeten 
im Geist und in der Wahrheit. 

Ein solches russisches Hochamt dauert gut ein- 
einhalb Stunden, und alle Teilnehmer müssen wäh- 
rend der ganzen Zeit stehen, wenn sie nicht zur Ab- 
wechslung einmal hinknien. Das ist eine anstrengende 

270 



Sache und, wenn sie vorbei ist, sind die meisten An- 
dächtigen kreuzlahm. Nachdem die Feier beendet 
war, ging der feierliche Zug wieder zurück und nun 
begann die Feier draußen am Newaufer. — Der Kai- 
ser ging nicht hinaus seines Ohrenleidens wegen und 
so blieb auch der Kronprinz und mit ihm wir im 
Inneren. Wir sahen die Zeremonie von einem Fen- 
ster des Palais an und hatten herzliches Mitleid mit 
den Armen, die entblößten Hauptes um das Loch im 
Eis der Newa herumstanden. Nachdem auch dies vor- 
über, ließ der Kaiser in einem Saale alle Fahnen des 
Gardekorps an sich vorbeimarschieren. Alle kamen 
einzeln hintereinander, jede von einem Offizier ge- 
führt. Dazu spielte die Musik einen Parademarsch. 
Es war eine höchst eigenartige Parade. — Dann wurde 
gefrühstückt. Gegen zweitausend Personen an klei- 
nen Tischen. Alle plaziert. Das russische Hofmar- 
schallamt ist großartig in solchen Arrangements. 

Nach dem Frühstück übergab der Kronprinz dem 
Kaiser ein von uns mitgebrachtes Schiffsmodell. Er 
klagte mir gegenüber dabei schon über Erschöpfung 
und Müdigkeit. Nachmittags hatte er sich denn auch 
richtig zu Bett gelegt und war krank. Influenza, wie 
die Ärzte sagten. Ich glaube, es war nur Überan- 
strengung, denn nach zwei Tagen war er wieder ganz 
munter. 

Diese Erkrankung machte natürlich einen Strich 
durch unser Programm, aber sie ist dem Zweck der 
Reise, eine persönliche Annäherung herbeizuführen, 
nur dienlich gewesen. Der Kaiser und die Kaiserin 
waren rührend in ihrer Fürsorge für den Kranken. 
Sie saßen stundenlang an seinem Bett, brachten ihm 
kleine Geschenke, aßen in seinem Zimmer und ge- 
wannen ihn, wie ich glaube, wirklich lieb. Ebenso 
knüpfte sich ein sehr hübsches Verhältnis zwischen 

271 



ihm und dem Thronfolger an, der ein sehr sympathi- 
scher, offener und liebenswürdiger Mensch ist. 

Ich fuhr am nächsten Tage, dem Wunsch der Groß- 
fürstin entsprechend, zum Großfürsten Wladimir. 
Wie ich ankam, wurde mir gesagt, daß er gerade 
schlafe, aber die Großfürstin lasse mich bitten, zu 
ihr heraufzukommen. Ich saß dann etwa eine Stunde 
mit ihr zusammen. Sie wollte mich nicht fortlassen, 
da sie behauptete, der Großfürst würde böse werden, 
wenn ich fort sei, daß man ihn nicht geweckt habe. 
Dann wurde die Kaiserin-Mutter angemeldet und 
kam schon ins Zimmer, bevor ich mich verabschie- 
den konnte. Sie sagte mir gleich: Ihr Kronprinz ist 
ein ganz charmanter junger Mann. Er hat mir ein 
sehr schönes Bukett geschickt. Sehr aufmerksam usw. 
— Ich freute mich, daß er bei der wichtigsten Dame 
des Hofes sich in ein so gutes Licht gesetzt hatte. — 
Nachmittags mußte ich wiederkommen und wurde 
alsbald zum Großfürsten hereingeführt. Er lag im Bett 
und sah recht elend aus. Es war mir schmerzlich, 
diesen Mann, den ich noch in der Fülle seiner Kraft 
und männlichen Schönheit gekannt habe, so gebro- 
chen und gealtert zu sehen. Ich fürchte, er wird nicht 
lange mehr leben und wir werden einen guten Freund 
an ihm verlieren. — Die Großfürstin saß mit einer 
Handarbeit an seinem Bett. Er begrüßte mich sehr 
freundlich und reichte mir seine fieberheiße Hand. 
Dann mußte ich mich setzen und erzählen, wie Pe- 
tersburg dem Kronprinzen gefalle. Es dauerte eine 
ganze Weile, bis ich mich sammeln konnte, immer 
durchforschte ich dies Krankengesicht, über dessen 
eingefallenen Wangen die mit grünem Schirm ver- 
deckte Lampe unsichere Lichter warf. — Nachdem 
ich etwa eine halbe Stunde gesessen und erzählt 
hatte, wurde ich entlassen. — Am Abend desselben 

272 



Tages aßen wir alle in dem berühmten Restaurant 
Cubat, das meines Wissens an der Spitze aller un- 
verschämtesten Preise der Welt marschiert. — Dann 
waren wir im Deutschen Theater, wo eine Wiener 
Posse aufgeführt wurde, und machten dann spät in 
der Nacht eine Schlittenfahrt in Troikas nach den 
Inseln, wo wir auf einer russischen Rutschbahn im 
Schlitten hinabsausten, daß einem Hören und Sehen 
verging. Sodann fuhren wir ins Aquarium, einem 
großen Vergnügungslokal außerhalb der Stadt, wo 
in reserviertem Zimmer ein lukullisches Mahl für uns 
bereitet war, während ein für uns engagierter Chor 
in russischem Nationalkostüm musizierte. — Um 
4 Uhr morgens kamen wir nach Hause. — Das Hüb- 
scheste sind die Troikafahrten. Ein großer Schlitten 
mit breit ausladenden Schneeflügeln. Bis an die 
Ohren sitzt man im Pelz, warm und mollig, wie die 
Dotter im Ei. Der Kutscher steht vorn unmittelbar 
vor dem Sitz, er trägt das russische Kutscherkostüm, 
den langen Pelz mit buntgesticktem Leibgurt und das 
Pelzbarett. Von den drei mit silberbeschlagenen Ge- 
schirren reich aufgezäumten Pferden, geht das mit- 
telste unter dem hohen Bügel, an dem Glöckchen 
hängen. Die beiden Seitenpferde, die ohne Deichsel 
gehen, sind scharf nach rechts, resp. links angebun- 
den, so daß sie mit ganz seitwärts gebogenem Hals 
galoppieren, während das Mittelpferd nur traben darf. 
Zu ihm werden die besten Harttraber genommen. 
Man sagte mir, daß die Seitenpferde nicht länger als 
zwei bis drei Jahre aushalten. So geht die Fahrt in 
einem rasenden Tempo vorwärts. Das laute Rufen 
des Kutschers, der bald zu den Pferden spricht, bald 
andere Schlitten anruft, ihm Platz zu machen, tönt 
mit den Glocken zusammen und alles weicht ehr- 
erbietig aus und macht der Troika Platz, in der nur 

Moltke. 18. 273 



ein Barim, ein »Herr« fahren kann. Ein solches Ge- 
spann, mit nachtdunklen Rappen bespannt, ist wirk- 
lich ein herrlicher Anblick, es kann allerdings nur auf 
den breiten russischen Straßen fahren, bei uns würde 
es fast die ganze Chaussee sperren. Man sitzt pracht- 
voll in dem tiefen, bequemen Schlitten, die kalte Luft 
weht einem ums Gesicht, an dem ganze Schneeklum- 
pen, von den Hufen der galoppierenden Pferde ge- 
schleudert, vorbeisausen, während ein feiner Schnee- 
staub einen von oben bis unten bepudert. 

Alles, was wir erlebt und gesehen, kann ich Dir 
nicht erzählen, ich müßte tagelang am Schreibtisch 
sitzen. — Wir waren in der Eremitage, diesem einzig 
dastehenden Museum, mit seinen auserlesenen Kunst- 
schätzen, wir besuchten die Nikolaus- und die Ka- 
sansche Kathedrale, wir waren in einer Industrieaus- 
stellung, wir dinierten auf der Botschaft, wir fuhren 
und gingen über das Eis der Newa, wir besuchten 
die Kasernen des Preobratschensk-Regiments und 
frühstückten mit den Offizieren in ihrem schönen 
Kasino, wir waren bei den Gardes ä cheval, die uns 
in ihrer großen, geheizten Manege oder wie wir sa- 
gen Reitbahn ein Schwadronsexerzieren vormachten^ 
wir dinierten einmal bei ihnen und frühstückten ein- 
mal dort, genug, wir standen immer einige Zollhoch 
unter Sekt und ich mußte Reden halten auf die rus- 
sischen Kameraden. — So vergingen die Tage wie 
im Fluge. — Am 23. war großer Ball beim Großfür- 
sten Michael. Der Kronprinz war wieder gesund und 
freute sich sehr auf das Tanzen. In dem großen Saal 
war die Creme der Petersburger Gesellschaft ver- 
einigt, es wimmelte von Fürstinnen, Gräfinnen usw. 
— Wie der Kotillion getanzt wurde, ließ mich die 
regierende Kaiserin rufen und ich mußte mich neben 
sie setzen. So tanzten wir einen Sitzkotillion zusam- 

274 






men, rechts und links von uns ein leerer Raum von 
zehn Schritt, angefüllt nur von Ehrfurcht, und wir 
beide mitten darin. Wir unterhielten uns sehr gut und 
ich lernte sie auch einmal als Mensch kennen und 
fand Gelegenheit, ihre natürliche Liebenswürdigkeit 
und ihren einfachen geraden Sinn zu bewundern. Ich 
gab ihr alle Buketts, Schleifen, Körbe und sonsti- 
gen Sachen, die die Touren brachten und sie nahm 
alles fröhlich an, um, wie sie sagte, es ihren Kindern 
mitzubringen. Dann kamen die Schleifen für die Da- 
men, und nun bekam ich eine von ihr. Ich sagte ihr: 
»Majestät, das ist das erstemal in meinem Leben, daß 
ich eine Kotillionsschleif e von einer regierenden Kai- 
serin bekommen habe.« Der Kotillion dauerte fast 
eine Stunde und unsere Unterhaltung riß nicht einen 
Augenblick ab. — Tanzen wollte sie aber nicht, ob- 
gleich der alte Großfürst Michael kam, um ihr zu sa- 
gen, sie möchte doch einmal mit mir tanzen. Er sagte, 
auf mich zeigend, »je suis sur, que Monsieur est un 
bon marcheur!« — aber sie wollte nicht. — Mir war's 
auch lieber so. Dann kam das Souper, bei dem ich 
neben die Kaiserin-Mutter gesetzt wurde, so daß ich 
diesen Abend fast nur mit Kaiserinnen verkehrte. — 
Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von 
den Majestäten und fuhren nach Nowgorod zum 
Wyborgschen Regiment. Von der dicht herbeige- 
strömten Bevölkerung wurde der Kronprinz mit end- 
losen Hurras begrüßt. — Von dort zurück im selben 
bequemen Hofzug bis Eydtkuhnen, wo wir uns von 
unseren russischen Freunden verabschiedeten. Am 
26., morgens 6 Uhr, waren wir in Berlin. 

Nun nur noch eine kurze Mitteilung über die Art, 
wie man Bären schießt. Ich habe ja nur die einmalige 
Erfahrung, die ich zugrunde lege. — Also man steht 
morgens 8 Uhr auf. Das ist sehr früh für die russi- 

275 



sehen Verhältnisse. Dann fährt man in leichtem Jagd- 
kostüm auf den Bahnhof, wo ein Extrazug bereit- 
steht. In diesem wartet bereits ein Frühstück mit Tee, 
Kaffee, kaltem Aufschnitt und Sekt, natürlich Kaviar. 
Der Zug setzt sich in Bewegung, und man fährt zwei 
Stunden, das ist sehr lange, aber der Bär hat nun ein- 
mal die Marotte, so weit von Petersburg zu über- 
wintern. Kurz bevor man ankommt, zieht man die 
bereitgehaltenen warmen Sachen an. Einen Pelz, eine 
Pelzmütze und weiße, weiche Filzstiefel, in die man 
bloß mit Strümpfen hineinfährt. Dann hält der Zug, 
man steigt aus und setzt sich in einen bereitstehen- 
den Schlitten, der ganz mit Pelz ausgefüttert ist. Für 
jeden von uns steht ein Schlitten da. Der Oberjäger- 
meister Fürst Galitzin nimmt die Tete, und man hat 
nun auf glatter Bahn zehn Minuten zu fahren. Im Walde 
sind alle Zweige, die unbequem werden könnten, aus- 
gehauen. Man kommt auf einen freien Platz, auf dem 
der Schnee sorgfältig festgetreten ist, damit man 
keine nassen Füße beim Aussteigen bekommt, und 
steigt aus. Dort sind bereits die Treiber versammelt, 
etwa hundert Mann, die uns mit abgezogenen Müt- 
zen begrüßen. Etwa zwanzig Mann tragen rote Kit- 
tel, Mützen und Handschuhe. Dies sind die Spezial- 
treiber, die den Bären »heben« sollen, wenn er nicht 
freiwillig aufsteht. Von diesem Platz führt ein sauber 
festgetretener Weg ins Innere des Dickichts. Im 
Gänsemarsch gehen wir vor. Jetzt darf nicht mehr 
laut gesprochen werden. Alles bewegt sich schwei- 
gend vorwärts, Jäger und Treiber. Nach zwei Minuten 
sind wir an den numerierten Ständen. Ich bekomme 
den für den Kronprinzen bestimmten. Eine starke 
Brustwehr aus Tannenreisern geflochten, der Boden 
mit kleinen Tannenzweigen belegt. Ein kaiserlicher 
Leibjäger stellt eine Doppelbüchse neben mich, glatte 

276 



Läufe und Rundkugel. Meine Büchse stellt er als Re- 
serve seitwärts. Er selber ist ebenfalls mit Doppel- 
büchse bewaffnet, sowie mit einem armdicken Speer. 
Ein Treiber mit einer Dogge so hoch wie ein Tisch, 
bleibt hinter uns, sie ist darauf dressiert, einen attak- 
kierenden Bären sofort an der Gurgel zu fassen. Man 
fühlt sich also einigermaßen sicher. Nachdem die Jä- 
ger aufgestellt sind, ist auch schon der »Ring« durch 
die Treiber gebildet. Sie umstehen das Lager des Bä- 
ren im Halbkreis von etwa dreihundert Schritt Durch- 
messer. Ein Hornsignal und der Spektakel geht los. 
Alle schießen mit Pistolen, schreien, quitschen, krei- 
schen, lassen Kanonenschläge los. Das dauert zehn 
Minuten, kein Bär kommt. Hornsignal: Der Bär muß 
gehoben werden. Die roten Treiber gehen mit Hunden 
vor. Diese bellen den Bären in seiner Höhle an, die 
Treiber rücken vor und stoßen mit langen Stangen in 
das Lager. Plötzlich Explosion, Schnee, Eisstücke, 
Zweige und Blätter fliegen umher, der Bär ist aufge- 
standen und hat sein Lagergesprengt, er ist»gehoben«. 
Hornsignal macht dies den Jägern bekannt. Weitere 
zehn Minuten. Die Hunde bellen hinter dem Bären her, 
der langsam in dem Kreise der Treiber einherzieht und 
einen Ausweg sucht. Plötzlich kommt er gerade spitz 
auf mich zu. Er watet langsam durch den knietiefen 
Schnee. Vierzig Schritt vor mir bleibt er stehen und 
sichert. Ich kann den Kopf nicht freikriegen, der 
durch einen Baum gedeckt ist, aber ich halte auf die 
Schulter und reiße Feuer. Der Bär sinkt zusammen, 
macht einen Sprung nach der Seite, ich bekomme 
das Blatt frei und gebe ihm dorthin die zweite Kugel. 
Er fällt, versucht wieder hoch zu kommen, mir ist 
bereits eine andere Büchse in die Hand geschoben 
und ich feuere noch zwei Kugeln auf den armen Petz, 
der nun mausetot ist. Die Jagd wird abgeblasen, der 

277 



Bär herausgeschleppt. Es ist ein schönes Exemplar, 
fast schwarz, ein Männchen. Nun wieder zurück zur 
Bahn. In dem Zuge wartet schon das Frühstück, das 
mit Kaviar und Sekt beginnt. Dann wieder in den 
Schlitten und zum zweiten Bären, der allerdings 
sechzehn Kilometer weit liegt. Hier genau dasselbe. 
Ich habe meinen Platz an Pritzelwitz abgetreten, und 
er schießt den Bären. Diesmal war es eine Bärin mit 
zwei Jungen, die kaum acht Tage alt sind und die die 
Hunde totbissen. Dann wieder in den Zug, wo Tee 
und Kaffee serviert wird. Um 6 Uhr sind wir in Pe- 
tersburg zurück und sitzen um 7 Uhr beim Diner. — 
Wohl bekomm's, wirst Du sagen. Und ich sage Dir: 
Wohl bekomm's, nämlich die Lektüre dieses Werks. 

Berlin, 31. März 1903. 

Glaube mir, daß mir nichts ferner liegt, als Dir Dei- 
nen Glauben nehmen oder auch nur antasten zu 
wollen. Nur zur Vorsicht möchte ich Dich mah- 
nen, denn Dein gutes Herz wird nur zu leicht miß- 
braucht und Du siehst die Menschen in der Ver- 
klärung gemeinsamen Anschauungskreises, nicht ob- 
jektiv, wie sie wirklich sind. — Das was wirklich 
schön und tröstlich in diesem Glauben ist, will ich 
gerne mit Dir teilen, in dem aufs Ideale gerichte- 
ten Streben, glaube ich, werden wir uns immer fin- 
den, nur in diesen häßlichen Äußerlichkeiten kann 
ich nicht mit. Du idealisierst sie Dir, ich sehe immer 
die nackte und oft abstoßende Wirklichkeit, und ver- 
mag sie mir nicht einzureihen in die Vorstellungen, 
die ich vom Geist und Geisteswesen habe. Sie sind ja 
unklar, diese Vorstellungen, aber ich muß suchen, 
ihnen ein gewisses Klares zu unterlegen, etwas was 
über unserem Erdendasein liegt und nicht in die trü- 
ben Tiefen desselben hinabtaucht. — Wer einen Edel- 

278 






stein besitzt, soll denselben nicht an die Brust stecken 
und damit auf den Markt gehen, sonst greifen schmut- 
zige Hände nach ihm und er kann leicht in den Kot 
fallen und unter die Füße getreten werden. 

Kopenhagen, 2.April 1903. 

Nun sitze ich hier in dem alten Kopenhagen, in dem 
Schloß, an dem ich in alten Zeiten so oft vorbeige- 
gangen bin, mit dem Blick aus meinem Fenster auf 
den Schloßplatz mit seiner alten Reiterfigur! — Es 
ist ganz eigenartig. Unsere Reise war vortrefflich. 
Wir gingen heute morgen 7 Uhr an Bord in Kiel, 
das Wetter war kalt und unfreundlich. Je mehr wir 
uns der dänischen Küste näherten, desto heller wurde 
es aber, und wie wir an die Forts herankamen, die 
uns mit Kanonendonner begrüßten, war es ganz klar 
geworden und die Sonne schien freundlich. Viele 
Tausende von Menschen standen dicht gedrängt am 
Ufer, wie wir bei Tre Kroner vorbei in den Hafen 
hineinfuhren und Anker warfen. — Der König mit 
allen Prinzen kamen an Bord, wo wir im Parade- 
kostüm aufgebaut standen. — Der Kaiser fuhr mit 
dem König in einer Glas-Staatskarosse, eskortiert 
von einer Schwadron Husaren. Auf dem ganzen 
Wege waren Truppen als Spalier aufgestellt, und eine 
unzählige Menge drängte sich in den Straßen. 

Kopenhagen, 6.April 1903. 

Wir sind die ganzen Tage unterwegs gewesen und 
haben viel gesehen. Die Stimmung ist gut, der Kaiser 
hat sehr gewonnen durch seine Leutseligkeit, und 
seine Rede hat einen vortrefflichen Eindruck ge- 
macht. 

279 



Kiel, 6. April 1903. 

Die Zeit in Kopenhagen war sehr hübsch und in 
jeder Beziehung geglückt. Das Verhältnis zwischen 
den beiden Monarchen war vortrefflich und gestal- 
tete sich sehr herzlich. Die Stimmung war ausge- 
zeichnet und wurde auch im Publikum von Tag zu 
Tag wärmer, bei der Abfahrt bekam der Kaiser sogar 
ein ganz nettes Hurra. — Der Kaiser war dauernd 
sehr guter Laune und immer sehr freundlich gegen 
mich. Ich frühstückte jeden Morgen mit ihm und den 
beiden Flügeladjutanten vom Dienst. Die dänischen 
Herrschaften waren rührend liebenswürdig. 

Zum erstenmal habe ich bei der Gelegenheit dieses 
Besuches, obgleich ich schon so oft in Kopenhagen 
war, Rosenborg und Frederiksborg zu sehen bekom- 
men, beides höchst interessante Schlösser mit sehr 
wertvollem Inhalt. Wir waren auch in dem Sana- 
torium von Professor Finsen, was zwar interessant, 
aber gräßlich anzusehen war. Nie in meinem Leben 
habe ich soviel Menschen ohne Nasen gesehen. 

Berlin, 10. April 1903. 

Heute waren E. und ich in der Kaiser-Friedrichs- 
Kirche, wo wir eine sehr schöne Predigt hörten. Sel- 
ten ist mir eine Predigt so zu Herzen gegangen und 
die Erhabenheit des reinen christlichen Glaubens in 
ihrer undefinierbaren Gewalt so zum inneren Be- 
wußtsein gekommen. Wie beneidenswert sind doch 
die Menschen, die aus voller innerer Überzeugung 
diesen friedebringenden Erlöserglauben haben, der 
dem tief innerlichen Bedürfnis der ringenden und su- 
chenden Menschenseele volles Genügen gewähren 
muß, wenn er sich wirklich zur ganzen Höhe uner- 
schütterlicher Gewißheit erhebt. Du weißt, daß diese 

280 



Wohltat mir nicht gegeben ist und daß ich vergebens 
nach ihr gerungen habe und noch ringe. Wenn ich 
meinen sogenannten Verstand ausschalten könnte, 
würde es mir vielleicht gelingen, den Frieden zu er- 
ringen, der höher ist als alle Vernunft. Aber das Dog- 
ma der Erlösung steht vor mir unverständlich und 
unfaßbar. Ich kann es nicht begreifen, weshalb es 
für einen Gott, der die Liebe sein soll, nötig war, ein 
blutiges Opfer des Unschuldigen zu verlangen, um 
sich mit den Schuldigen zu versöhnen, und wie es 
möglich sein soll, daß mir meine Schuld erlassen 
werden soll, weil ein anderer gelitten hat. Aus die- 
sem Konflikt komme ich nicht heraus, und da ich so- 
mit die Erlösung nicht begreifen und daher nicht für 
mich beanspruchen kann, kann ich auch nicht auf 
den Felsengrund des Glaubens kommen und wate 
stetig weiter in dem Triebsand der grübelnden Zwei- 
fel. Ich hoffe aber, daß Gott mir helfen werde, und 
wenn nicht in diesem, dann in einem anderen Leben 
einen Lichtstrahl schenken werde, dem ich folgen 
kann. — 

Um 2 Uhr hatten wir Deine Mama zu Tisch bei 
uns. E. hatte ihr einen kleinen Geburtstagstisch auf- 
gebaut — , ein Bild, das sie besorgt, der durch blühen- 
den Mohn schreitenden Blinden, war mir wie ein 
Gleichnis meiner Seele, auch sie geht blind und ta- 
stend ihren Weg, Dunkelheit bedeckt die Augen, und 
doch weiß sie, daß die Sonne scheint und daß der 
Mohn blüht in roter Pracht, der Mohn, das Sinnbild 
des Schlafes — jenes Schlafes, der auch der Blinden 
Augen öffnen wird. 

Berlin, 15. April 1903. 

Gewiß sollen wir nach immer größerer Vergeisti- 
gung streben, aber meiner Ansicht nach nicht da- 

281 



durch, daß wir das Materielle einfach negieren und 
verachten, sondern dadurch, daß wir aus ihm die 
ideellen Momente immer reiner hervortreten lassen, 
dadurch, daß wir es verklären und durchleuchten mit 
dem Geistigen, als da ist: Liebe, Sorge für den Näch- 
sten, Zartheit der Empfindung, Nachsicht mit den 
Fehlern anderer. So werden wir uns im materiellen 
Kleide eine geistige Welt schaffen, wir werden nicht 
das Irdische verachten, sondern es veredeln, nicht 
die Welt, in der wir leben, gewaltsam aus den An- 
geln heben wollen, sondern unser materielles Dasein 
als das erkennen, was es sein soll, eine Durchgangs- 
stufe zum besseren Dasein. Wenn wir diese Stufe 
aus der Leiter der Weltentwicklung herausbrechen 
wollen, so tritt unser Fuß ins Leere und wir fallen, 
da wir noch keine Flügel haben. Ich meine, wir sol- 
len fest und sicher auf dieser Stufe stehen, den Blick 
nach oben gerichtet, im Bewußtsein, daß noch wei- 
tere Stufen kommen, aber auch in dem klaren Be- 
wußtsein, daß wir zur nächsten erst weiterschreiten 
können, wenn wir das Gleichgewicht auf der jetzigen 
erlangt haben. 

Berlin, 16. April 1903. 

Ich habe die letzten Tage ein recht interessantes Buch 
von Chamberlain gelesen, es heißt »Dilettantismus — 
Babel und Bibel — Rom«, laß es Dir doch kommen. 
Unter anderem fand ich darin, als Beleg für die man- 
gelhafte Übersetzung der Bibel durch Luther, und 
damit den Schlußfolgerungen, die man dem Buch- 
stabenglauben machen kann, den Nachweis, daß der 
erste Vers der Genesis, der nach der Lutherschen 
Übersetzung lautet: »Im Anfang schuf Gott Himmel 
und Erde« — Punkt — , ersteres nur der Vordersatz 
zu dem dann folgenden Nachsatz: »und die Erde war 

282 



wüst und leer« — ist, daß also kein Punkt stehen darf; 
zweitens, daß es wörtlich aus dem Hebräischen über- 
setzt lauten müßte: »Wie die Dämonen anfingen die 
Luft und das feste Land auseinanderzutrennen, war 
die Erde noch leer und unbewohnt.« Es steht näm- 
lich »elohim« im Text, was Plural ist und »die Dä- 
monen« bedeutet. Im Singular müßte stehen »el«, was 
Gott bedeutet. So ist also schon der erste Vers zu- 
gunsten des Monotheismus gefälscht usw. Ob Cham- 
berlain recht hat, kann ich natürlich nicht beurteilen, 
möchte es aber glauben. 

Berlin, 23. April 1903. 

Ich war gestern im Kleinen Theater, wo ich »Pel- 
leas und Melisande« von Maeterlingk sah, eine vor- 
treffliche Aufführung dieses merkwürdigen märchen- 
haften Stückes, das wenig dramatisch, aber sehr po- 
etisch ist. Ich kannte es von der Lektüre her, hatte 
selbst einmal die Absicht, es zu übersetzen, kam nicht 
dazu. 

Berlin, 25. April 1903. 

Abends war ich im »Nachtasyl«. Das ist ein schreck- 
liches Stück! Nichts wie Elend und Verkommenheit, 
eine Photographie des versumpften menschlichen Da- 
seins. Dabei ist es unbefriedigend, ohne dramatische 
Steigerung und ohne Schluß, zwecklos wie die Mi- 
sere des Lebens, und trostlos, weil kein einziger sich 
aus dem Elend herausarbeitet, sondern alle drin zu- 
grunde gehen oder hoffnungslos drin sitzen bleiben. 
Die wenigen, die einen schwachen Anlauf zu ihrer 
eigenen Errettung machen wollen, werden aufs neue 
in Schuld verstrickt, kein einziger Lichtstrahl in all 
der erstickenden Dunkelheit, das Leben zermahlt 
gleichgültig und schwer wie Mühlsteine diese elen- 

283 



den Menschen, die mit all ihrem Menschentum nicht 
über die stumpfsinnige Frage hinauskommen: Wozu 
bin ich auf der Welt? Das Stück hat mir einen tiefen 
und häßlichen Eindruck hinterlassen, und ich kann 
die Berechtigung dieser Lebensanschauung nicht an- 
erkennen. — Wenn immer nur gesagt wird: Weshalb 
arbeiten? Es hat ja gar keinen Zweck, ist ja ganz sinn- 
los, so ist das der Pessimismus in seiner häßlichsten 
Gestalt. Wäre auch nur eine Figur in dem Stück, die 
sich durch Arbeit frei machte, so wäre es etwas an- 
deres. Der alte vertrottelte Pilger ist auch kein Licht- 
punkt, seine Bemühungen trösten zwar eine Ster- 
bende, treiben aber einen Lebenden in den Tod, und 
seine Theorie, daß die Menschen nur für den Tüch- 
tigsten da sind, ist wertlos, da kein einziger sich fin- 
det, der nun aus eigener Kraft dieser Tüchtigste wer- 
den will. 

Berlin, 27. April 1903. 

— Daß der Anblick einer solchen Verwüstung übel- 
erregend auf Dich wirkt, kann ich mir wohl erklären. 
Es ist das Sinnlose, daß Du als solches empfindest, 
die Zerstörung als solche, ohne denkbaren Grund; 
man ist gewohnt, Ursache und Wirkung zu verknüp- 
fen, wenn man diese logische Folgerung nicht kon- 
struieren kann, fehlt die Festigkeit der Gedankenver- 
bindung, die Begriffe kommen ins Schwanken, man 
wird geistig seekrank. 

Berlin, 27. April 1903. 

Morgen ist der Tag, dem wir alle mit Besorgnis 
entgegensehen, die Besichtigung der Bataillone des 
i.Garde-Regiments durch den Kaiser. Kein Mensch 
freut sich auf diesen Tag, wie es früher war, wenn 
der alte Herr kam, um sein Regiment zu sehen. Jetzt 

284 



herrscht im besten Fall eine dumpfe Resignation wie 
dem Fatum gegenüber, und wenn es glücklich vorbei 
ist, ohne Windbruch, atmet alles auf wie erlöst. Wo 
ist die Freudigkeit geblieben, mit der früher jeder sei- 
nen Dienst tat! 

Berlin, 30. April 1903. 

Du wunderst Dich über die Ernennung H.s zum 
Feldmarschall, er war aber schon Generaloberst, was 
etwa dasselbe ist. Er ist an allen drei letzten Kriegen 
beteiligt gewesen und hat sich stets ausgezeichnet. — 
Du meinst wohl, daß er nicht im Anschluß an einen 
Krieg dazu ernannt ist, das ist ja richtig. Solange On- 
kel Helmuth der einzige Feldmarschall war, hatte man 
eine andere Vorstellung von diesem Titel, da wir aber 
keine Kriege mehr haben, muß man eben Friedens- 
marschälle machen — wenn man sie überhaupt für 
nötig hält. 

Berlin, 4. Mai 1903. 

— Wie lange wird's dauern, dann steht man vor 
der Beantwortung aller der ungelösten Fragen, mit 
denen man hier im Leben sich so andauernd abge- 
plagt hat. Inzwischen ist es ja schön, wenn es um 
den alten Stamm sprießt und wächst, ein neues Ge- 
schlecht mit neuen Anschauungen, neuen Leiden und 
Freuden und neuen ungelösten Fragen! 

Berlin, 6. Mai 1903. 

— Alle Bäume mit Ausnahme der alten Eichen sind 
grün, die Buchen sind prachtvoll in ihrem frisch grü- 
nen Laub. Ich kann so eine frühlingsfrische Buche 
nicht sehen, ohne an meine Kinderzeit zu denken, an 
die Buchenwälder in Ranzau, die mir unvergeßlich 
sind. Ich sehe mich selber als Junge durch den Wald 

285 



streifen, die Tiere beobachten und auf den Gesang 
der Vögel lauschen, deren Stimmen ich alle kannte, 
und ich habe die Empfindung, als ob ich heute mich 
für das moosbekleidete Nest eines Buchfinken noch 
ebenso lebhaft interessieren könnte wie vor — einem 
halben Jahrhundert. 

Berlin, 14. Mai 1903. 

In militärischen Kreisen zerbricht man sich den 
Kopf darüber, wer das VI. Korps bekommen wird. 
Genannt wird in erster Linie der Herzog Albrecht von 
Württemberg. Auch Prinz Friedrich Leopold wird 
stark gehandelt. Ich glaube, für Breslau wäre es am 
besten, wenn einmal kein Prinz hinkäme, damit die 
Leute sich erst einmal wieder beruhigen, und das 
Wettrennen nach Fürstengunst aufhört. 

B erlin , 31. Mai 1903. 

Ich habe heute morgen Kirchweih gehabt, das heißt 
eine Kirche eingeweiht, zusammen mit M., der die 
Kaiserin vertrat. Wir hörten zwei Predigten, die erste 
von F., sehr interessant wie immer, mehr philoso- 
phisch als dogmatisch. Der Mann macht mir immer 
den Eindruck, als ob er sich selber davon überreden 
wollte, daß alles wahr sei, was er sagt, und daß er 
selber daran glaubt. Aber er ist geistvoll und fesselnd, 
wenn auch nicht zu Herzen gehend, sondern sich 
mehr an den Verstand wendend. — Dann kam der 
Pastor loci mit einer endlosen, inhaltslosen Rede, 
viel Worte und wenig Sinn. Er versuchte mehr durch 
Betonung als durch Gedanken die Herzen seiner Zu- 
hörer zu rühren! 

Norwegen, Molde, 21. Juli 1903. 

Heute bei Tisch erklärte mich der Kaiser für einen 
Heiden, da ich behauptete, es wären drei Jünger nach 

286 






Emmaus gegangen, während es nur zwei gewesen sein 
sollen! Ich sagte ihm, ich glaube nicht, daß ich we- 
gen dem einen Jünger in die Hölle komme, außer- 
dem kann man ja nicht wissen, ob nicht noch einer 
mitgegangen ist! — Der Kaiser ist immer gleichmäßig 
nett und freundlich mit mir, und hier auf dem Schiff 
wird behauptet, ich sei der einzige, dem er nicht grob 
geworden sei. 

Norwegen, Insel Florö, 4.August 1903. 

Dabei fällt mir ein, daß heute ja der neue Papst ge- 
wählt ist, wie zu erwarten war, ein Outsider, ein Kom- 
promißpapst. Die Kardinäle haben sich über die mar- 
kanten zur Wahl stehenden Persönlichkeiten nicht 
einigen können, und wählen schließlich den, der 
ihnen allen am wenigsten unbequem ist. — Welche 
Ungeheuerlichkeiten ergeben sich doch, wenn man 
dieser Sache nachdenkt. Jetzt ist der Mann, der aus 
solchen Gründen gewählt wurde, der Unfehlbare! — 
Der souveräne Beherrscher des Seelenheils von Mil- 
lionen von Menschen, denen er die Tür des Para- 
dieses öffnen oder vor der Nase zuschlagen kann. 
Es ist doch ganz unfaßbar, wie ein denkender Mensch 
glauben kann, daß Gott in dieser Weise seine Stell- 
vertretung auf Erden angeordnet habe. Und welche 
Macht verkörpert doch dieser Glaube, der sich auf 
die breite Basis der Denkunfähigkeit der großen 
Masse der Menschen gründet! 

Norwegen, Odde, 8.August 1903. 

— Wir leben so ruhig weiter, als ob es keinen Tod 
gäbe, und wissen nicht, wie nahe uns der unsrige 
ist — . Wie zart und vergänglich ist doch ein Men- 
schenleben, wenn man es an der vieltausendjährigen 
Dauer dieser granitenen Berge mißt. Und doch wer- 

287 



den auch sie einst vergehen, der Unterschied liegt 
nur in der Spanne der Zeit, und was ist Zeit, wenn 
man sie mißt an der Ewigkeit! 

— Das ist so ein Leben, wie ich es mir wünschen 
möchte, den Tag, der seine Last gehabt hat, ab- 
schließen mit einem Vortrag tiefen Gehalts, und dann 
vielleicht eine Diskussion zur Klärung der Meinun- 
gen, in der jeder einmal hinabsteigt in seine ei- 
gene Gedankenwelt und forscht nach der Perle der 
Wahrheit. 

KABINETTSORDER. 

Ich kommandiere Sie hierdurch bis auf weiteres zur Dienst- 
leistung zum Chef des Generalstabes der Armee. 

Berlin, den i. Januar 1904. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, 
Kommandeur der 1. Garde-Division. 

KABINETTSORDER. 

Ich ernenne Sie hierdurch, unter Belassung in dem Verhältnis 
als Mein Generaladjutant und unter Versetzung in den General- 
stab der Armee, zum Generalquartiermeister. 

Berlin, den 16. Februar 1904. 

Wilhelm R. 

An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, Kom- 
mandeur der 1. Garde-Division und kommandiert zum Chef des 
Generalstabes der Armee. 

Berlin , 5. März 1904. 

Wie hübsch wäre es, wenn wir alle hätten zusam- 
men sein können. Ja, wenn man frei wäre! Nicht bloß 
meine ungewisse Stellung und Zukunft lastet auf mir, 
ich empfinde wie einen Druck die ganze Unwahrheit 
und Unnahbarkeit unserer vaterländischen Verhält- 
nisse. Das deutsche Volk ist doch in seiner Gesamt- 
heit eine erbärmliche Gesellschaft. Lauter Kirchturms- 

288 



Politiker, ohne eine Spur von Großzügigkeit, klein- 
lich, hämisch, voller Neid und Mißgunst, gehässig 
und kurzsichtig, daß es zum Erbarmen ist. Überall 
wird heruntergerissen, mit Schmutz beworfen, ver- 
leumdet und gelogen, und das alles unter dem Man- 
tel tugendhafter Entrüstung. Heuchelei wohin man 
sieht, engherziger Egoismus und krasser Materialis- 
mus. Keine Ideale gelten mehr, alles ist äußerer 
Schein. Was noch Bestand hatte, wird herunterge- 
rissen, jeder will sich selbst erheben, und wenn der 
große Trümmerhaufen fertig ist, wird das Straf- 
gericht über uns kommen. — Klingt es nicht wie eine 
Äußerung aus dem Narrenhause, wenn im Reichs- 
tag gesagt wird, wir dürften jetzt keine Schiffe mehr 
bauen, sondern müßten erst die Erfahrungen des See- 
krieges in Ostasien abwarten. Und das sagen Män- 
ner, die sich für weise halten. Sie wollen abwarten, 
welcher Deckel wohl am besten auf den Brunnen 
passen wird, in den das Kind fallen wird. — Keiner 
hat einen Begriff davon, welches Gewitter sich über 
uns zusammenzieht, statt mit heiligem Ernst sich auf 
Schweres vorzubereiten, zerhackt sich die Nation ge- 
genseitig. Wie lange wird es dauern, bis die Säulen 
in dem stolzen Reichsbau krachen, der mit Blut und 
Eisen aufgebaut ist und der nun in kleinlichem Ge- 
zänk untergraben wird. 

Berlin, 6. März 1904. 

Waldersees Tod ist doch sehr überraschend ge- 
kommen. Ich habe ja keinen Freund und Gönner an 
ihm verloren, aber ich bedaure seinen Abgang doch. 
Er war immerhin eine der alten Standarten der Armee. 

Im Generalstab ist man der Ansicht, daß Graf 
Schlieffen jetzt an Stelle von Waldersee Armeein- 
spekteur werde und ein Nachfolger für ihn dem- 



Moltke. 



289 



nächst ernannt werden wird. — Hoffentlich spricht 
wenigstens Se. Majestät mit mir vorher und schickt 
mir nicht wieder einfach einen blauen Brief ins Haus. 
Ich hatte gehofft, die Entscheidung würde sich hin- 
ziehen, bis ich zum Korps heran wäre, darüber kön- 
nen aber noch Gott weiß wie viele Jahre vergehen, 
da gar kein Avancement mehr ist und die höheren 
Stellen wie gerammt feststehen. 

Ich lese jetzt ein sehr interessantes Buch von Dr. 
Steiner über Nietzsche, der mir bisher völlig unver- 
ständlich war. In diesem Buch ist seine Entwicklung 
und sein Gedankengang so klar und faßlich dargelegt, 
daß es eine wahre Freude ist. Wie Schopenhauer 
alles menschliche Tun und Denken auf den transzen- 
dentalen Willen zum Leben zurückführt, so behaup- 
tet Nietzsche, daß das Grundmotiv aller Handlungen 
der reale Wille zur Macht sei. Die Schwachen, die 
sich fürchten, diesem Willen zur Macht zu folgen, 
konstruieren sich einen fremden (göttlichen) Willen, 
dem sie sich unterwerfen. — Daher die Begriffe von 
Gut und Böse, während in Wirklichkeit gar nicht be- 
wiesen ist, was eigentlich Gut und Böse sei. Jenseits 
von Gut und Böse. Du mußt das Buch auch einmal 
lesen. Man bekommt doch einen Begriff davon, was 
der Mann eigentlich sagen will. 

B e rl i n , 8. März 1904. 

Gestern abend habe ich noch ein Buch von Steiner 
gelesen über Haeckel, das mich, wie alle seine Schrif- 
ten, sehr interessiert hat. Er bekennt sich in dem- 
selben ganz zu der monistischen Naturphilosophie 
Haeckels (nicht zu verwechseln mit monotheistisch), 
und es ist mir ganz unbegreiflich, wie er von ihr aus 
den Sprung zur Theosophie gemacht hat. Ich bin 
sehr begierig, ihn einmal wiederzusehen, um ihn da- 

290 



nach zu fragen. Nach diesem seinem Werk kann man 
ihn getrost mitten in Phalanx der Materialisten stel- 
len, und dabei ist es eins seiner neueren Schriften. 
Aber klar und fesselnd ist er immer. Kein philoso- 
phierender Schriftsteller ist mir bisher so verständ- 
lich gewesen wie er. 

Saarunion, i6.Juni 1904. 

Wir ritten heute 6 Uhr früh ab und kamen hier nach 
12 Uhr an. Wir haben heute den ganzen nördlichen 
Ausläufer der Vogesen durchquert von Zabern bis 
Saarunion an den Ufern der Saar. Hier ist bereits 
Lothringen, und ein charakteristischer Unterschied 
macht sich bemerkbar. Die Häuser sind anders ge- 
baut, alle haben den Misthaufen nach der Straße zu. 
Die französischen Inschriften mehren sich. Mitten 
darunter steht immer als stattlichstes Gebäude die 
»Kaiserliche Post«. Das Gelände wird hier weniger 
bergig, breite, flache Höhenzüge haben die waldbe- 
standenen oft recht steilen Kuppen des Gebirges ab- 
gelöst. Morgen kehren wir noch einmal in dieses zu- 
rück, indem wir unser Quartier nach der kleinen Berg- 
festung Bitsch verlegen, die uns im Kriege 1870/71 
bis zum Friedensschluß widerstand. Damit kommen 
wir in die Gegend, die damals die 3. Armee, zu der 
ich gehörte, nach der Schlacht bei Wörth durchzog. 
Oft muß ich an diese nun so weit hinter mir liegende 
Zeit denken. Damals ein junger Fähnrich, heute wo 
ich zum erstenmal wieder in diese Gegend komme, 
ein alter, kahlköpfiger General. Sic transit gloria 
mundi! 

Du kannst Dir denken, wie diese Ritte mich in- 
teressieren. Mit Schlieffen komme ich sehr gut aus. 
Er ist höflich und bisweilen sogar liebenswürdig ge- 
gen mich. Bisweilen erzählt er sogar etwas. Ich be- 

291 



wundere aufrichtig seine Rüstigkeit. Nicht viele in sei- 
nem Alter würden diese Ritte mehr machen, und da- 
bei arbeitet er fleißig im Quartier. Die Offiziere wer- 
den gehörig herangenommen, müssen Rekognoszie- 
rungen und Erkundungen machen und haben viel zu 
reiten und zu schreiben. 

St. Avold, i8.Juni 1904. 

Ich wohne im »Hotel zur Post« in dem Zimmer, in 
dem der alte Kaiser Wilhelm 1870 vom n. bis 13. Au- 
gust gewohnt hat. Onkel Helmuth hat auch hier ge- 
wohnt. Heute ist Sonntag, und die Pferde haben Ruhe- 
tag, der ihnen sehr angenehm sein wird. — Von 4 Uhr 
ab wurde das Kriegsspiel im Zimmer fortgesetzt bis 
7 Uhr, wo wir aßen. Graf Schlief fen fragt mich ab 
und zu um meine Ansicht, und diese deckt sich fast 
nie mit der seinigen. Man kann sich keine größeren 
Gegensätze denken, als unsere beiderseitigen Ansich- 
ten. Ich sage aber die meinige rund heraus, und er 
nimmt meine Äußerungen mit Anstand und Würde 
entgegen. 

Berlin, 29. Juni 1904. 

Der vierzehntägige Ritt durch die Reichslande hat 
mich sehr interessiert. Elsaß und die Vogesen sind 
ein herrliches Land. In Lothringen verkommt die Be- 
völkerung in Schmutz und Indolenz. Ich habe mit 
Kummer gesehen, daß eine dreiunddreißigj ährige Zu- 
gehörigkeit zum Deutschen Reich ohne die mindeste 
Einwirkung geblieben ist, die dortigen Landräte oder, 
wie sie da heißen, Distriktsdirektoren, müßte der 
Teufel holen. Es ist rein gar nichts geschehen, nicht 
mal eine ordentliche Verwaltungsbehörde ist einge- 
richtet, und alles geht im gröbsten Schlendrian, wie 
es eben mag. Von der Liederlichkeit der Felder- 

292 



bestellimg macht man sich keine Vorstellung, meist 
weiß man nicht, ob die Leute Weizen oder Unkraut 
bauen, dabei ist es ein herrlicher, fruchtbarer Boden, 
auf dem alles von selber wächst, die Rebe und der 
Nußbaum gedeihen. Die Dörfer bestehen zur Hälfte 
aus Misthaufen, die alle vor den verlumpten Häusern 
nach der Straße zu liegen, mitten zwischen ihnen die 
Ziehbrunnen. Typhus grassiert infolgedessen. Es ist 
ein Herrgottsjammer um das schöne Land. Die Leute 
haben sehr schönes Vieh, ähnlich wie die Simmen- 
taler, nur etwas kleiner, dabei bekommt man nur ran- 
zige Butter. In den Gärten wächst der Kohl wie auf 
den Osdorfer Rieselfeldern, überall gebeugt volle 
Kirschbäume und Aprikosen, aber die Gasthöfe star- 
ren von Schmutz, alle Zimmer mit herabhängenden 
Tapeten, das Essen schauderhaft bis auf die guten 
frischen Kartoffeln. Es ist ein Jammer, anzusehen, 
wie dies gesegnete Land verlumpt und verludert, ohne 
daß etwas geschieht. 

KABINETTSORDER. 
Ich habe bestimmt, daß Sie bei den in diesem Jahre vor Mir 
stattfindenden Manövern des Garde- und IX. Armeekorps als 
Schiedsrichter Verwendung finden, wovon Ich Sie hierdurch in 
Kenntnis setze. Gleichzeitig lasse Ich Ihnen beifolgend ein Ver- 
zeichnis der übrigen von Mir bestimmten Schiedsrichter zugehen. 
Kiel, an Bord M. J. »Hohenzollern«, den 30. Juni 1904. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, 
Generalquartiermeister. 

Norwegen, Bergen, 10. Juli 1904. 
Ich lese jetzt ein Buch von dem Philosophen Hart- 
mann: »Religionsphilosophie«. Er versucht nachzu- 
weisen, daß die Religion sich ebenso wie die Welt- 
anschauung entwickeln muß, wenn sie nicht rück- 
ständig werden und absterben will. 

293 



Norwegen, Bergen, 12. Juli 1904. 

Gestern nach Tisch las der Kaiser einen hübsch 
geschriebenen Artikel aus einer englischen Zeitschrift 
vor, den er gleich ins Deutsche übersetzte, über das Ra- 
dium und seine merkwürdigen Eigenschaften. Zur Be- 
griff lichmachung des Atoms, des kleinsten, nicht mehr 
zerlegbaren Teiles eines Körpers, war folgendes Bild 
gebraucht. Man denke sich einen Wassertropfen bis 
zur Größe der Erde vergrößert, dann würde ein Atom 
etwa die Größe einer Walnuß haben. In diesem Atom 
sind etwa hundertfünfzigtausend sogenannte Elek- 
tronen enthalten. Wenn man sich nun dieses Atom in 
der Größe der Peters-Kirche vorstellt, so würde jedes 
Elektron die Größe eines Punktes in einer Druck- 
schrift haben. Diese hundertfünfzigtausend Elektro- 
nen sind durch Zwischenräume getrennt, die sich zu 
ihrer Größe verhalten, wie die Abstände der Planeten 
von der Sonne und alle diese Elektronen bewegen 
sich mit rasender Schnelligkeit um den Zentralpunkt 
des Atoms. Die größte bisher bekannte Schnelligkeit 
eines Körpers ist diejenige des Sterns Arkturus, der 
hundert Meilen in der Sekunde zurücklegt. Die Be- 
wegungsschnelligkeit der Elektronen beträgt etwa das 
dreifache davon. Sie werden unablässig von dem Ra- 
dium hinausgeschleudert und durchdringen ungehin- 
dert eine fünfzöllige Panzerplatte. — Bei der merk- 
würdigen Erscheinung, daß sich das Element Radium 
in das Element Helium umwandelt, eine Erscheinung, 
die die Wissenschaft bisher für unmöglich hielt, war 
gesagt, hierin läge eine Ehrenrettung für die alten 
Alchimisten, die dasselbe erreichen wollten und über 
die so viel gespottet sei. — Im Atom wiederholt sich 
also im Kleinsten die Erscheinung des Sonnen- und 
Planetensystems im Großen. Alles ist Bewegung, alle 

294 



Materie ist Bewegung und im letzten Grunde elek- 
trische Kraft, also Materie gleich Kraft. Man braucht 
nun bloß noch zu folgern: Kraft ist Geist, so hat man 
die spiritualisrische Weltauffassung. — Interessant war 
auch die gemachte Folgerung, daß die gesamte Mate- 
rie in Evolution begriffen sei, die dauernd in ungemes- 
senen Zeitläuften zu einer Verfeinerung, das heißt Ver- 
geistigung führen müsse. Merkwürdige Schlüsse, zu 
denen eine rein materialistische Anschauung kommt, 
und das alles hat ein Körnchen Radium bewirkt, das 
nicht größer ist als ein Stecknadelkopf. Der alte L., 
als Vertreter der alten Wissenschaft, schüttelte un- 
gläubig den grauen Kopf und bestritt zunächst alles. 
Er gehört zu der Richtung der Wissenschaft, die alles 
ergründet zu haben meint und in deren scharf um- 
grenztem Gebiet kein Raum für etwas Neues ist. 

Norwegen, Molde, 17. Juli 1904. 

Ich lese jetzt die »Geschichte der französischen Re- 
volution« von Carlyle. Das Buch ist geistvoll geschrie- 
ben, wenn auch etwas manieriert. — Daneben be- 
schäftige ich mich mit Steiners »Theosophie«. Ge- 
stern kam zufällig das Gespräch auf die theosophische 
Weltauffassung. Wir saßen unserer fünf oder sechs 
zusammen und da ich der einzige war, der von diesen 
Dingen etwas wußte, mußte ich das Wort führen. 
Erst lachten einige, dann wurden sie immer ernster 
und zuletzt hörten sie mir zu wie dem Pastor in der 
Kirche. Es ist merkwürdig, wie dieses Thema die 
Menschen alle interessiert, wenn sie auch so tun, als 
ob sie hoch darüber erhaben wären. 

Hier ist ein Prinz an Bord, dessen Bruder ein eif- 
riger Spiritist ist, und schließlich hatte fast jeder das 
eine oder andere erfahren, selber oder in seiner näch- 
sten Umgebung etwas erlebt. Kaum einer aber hatte 



versucht, sich darüber Rechenschaft abzulegen oder 
den Dingen nachzudenken. Die Menschen sind so 
denkfaul und legen beiseite, was ihnen Kopfzerbre- 
chen machen könnte und in das gewohnte Lebens- 
schema nicht paßt. 

Norwegen, Trondhjem, 23. Juli 1904. 

Der Kaiser harangierte mich unterwegs wegen der 
Manöver usw., ich mußte dem Grafen Schlieffen die 
Stange halten. Immer mehr sehe ich ein, wie schwie- 
rig die Erbschaft sein wird, die sein Nachfolger an- 
zutreten haben wird. Daß dem so ist, ist gewiß zum 
großen Teil Schlief fens Schuld. — 

Bis es dahin kommt, daß die Menschen so vergei- 
stigt sind, um die Naturgewalten zu beherrschen, hat 
es noch gute Wege. Viele tausende von Jahren wer- 
den wohl nötig sein. Du lebst in Deiner eigenen Welt, 
unter lauter gleichgestimmten Büchern und manchen 
gleichgestimmten Menschen, da verlierst Du die große 
Masse der Menschheit aus den Augen, hast gar keine 
rechte Vorstellung von der riesigen Rückständigkeit 
derselben und meinst schon Licht zu sehen, wo 
nichts ist als faustdicke Finsternis. Dein Licht brennt 
in Deinem Innern, in der schwerlastenden Masse ist's 
dunkel und wird noch dunkel bleiben in undenkbare 
Zeiten. Indes, aller Anfang ist klein. Auch der höchste 
Menschengeist mußte sich aus dem Ei der Mutter 
entwickeln und langsam ausreifen, und sicher ist, daß 
die Wahrheit siegen wird, wenn auch nach langen 
und schweren Kämpfen. — Es freute mich so, daß 
Du mir mal wieder philosophisch geschrieben hast. 

Norwegen, Trondhjem, 25. Juli 1904. 

Unser Hauptverkehr besteht in Amerikanern. Alle 
Finanzgrößen der neuen Welt lauern dem Kaiser hier 

296 



auf und wissen ganz genau, daß er zu ihnen an Bord 
kommt. Und der Allerhöchste Herr glaubt wirklich, 
daß er mit diesem Entgegenkommen gegen ein paar 
amerikanische Geldprotzen eine Einwirkung auf das 
gegenseitige politische Verhältnis der beiden Staaten 
ausüben könne, glaubt, daß er, wenn er an Bord eines 
Mr.Vanderbild, Drexel oder Goelette besucht oder zu 
Mittag speist, wenn er diese Leute mit ausgesuchter 
Höflichkeit auf der »Hohenzollern« empfängt und be- 
wirtet, die widerstreitenden wirtschaftlichen Inter- 
essen von hundert Millionen Menschen schlichten 
könne, die alle im Kampf ums Dasein stehen, die alle 
leben und reich werden wollen, jeder auf Kosten des 
anderen, die um ihre Existenz ringen in Landbau, 
Handel, Industrie, die hungrig und durstig sind und 
die sich den Teufel um etwas anderes bekümmern, 
als um die günstigsten Lebensbedingungen. 

Die gestrige Predigt, die besser war als ihre faden- 
scheinigen Vorgängerinnen, hatte zum Thema: Wenn 
das Leben köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und 
Arbeit gewesen. — Wie wahr das ist, empfinden wir 
alle in unserem aufgezwungenen Müßiggang. Alle 
bis auf einen leider. 

Ich habe jetzt die Carlylesche »Geschichte der fran- 
zösischen Revolution« beendet, drei Bände. Es ist 
geistvoll und dramatisch geschrieben, vom Stand- 
punkt des Philosophen, der in dem bunten Wirrsal 
der Erscheinungen nach den treibenden Motiven 
sucht und sie tief unter der schäumenden, blutigen 
Oberfläche in den Menschenherzen findet. — Das ist 
ja das Schlimme bei den meisten Monarchen und 
bei den herrschenden Klassen, daß sie vergessen, wie 
in der Brust jedes, auch des geringsten ihrer Unter- 
tanen, ein Herz schlägt voll Verlangen nach Glück 
und Daseinsfreude, daß sie alle Menschen sind mit 

297 



menschlichem Empfinden und dem Willen zum Le- 
ben. — Hier liegen wir nun und essen und trinken, 
als ob es weiter auf der Welt nichts zu tun gäbe, und 
dort oben in Schlesien verdurstet das Land, versagt 
sogar die Erde das einzige, was sie umsonst her- 
zugeben pflegt, das Wasser, müssen die wirtschaft- 
lich Schwachen ihr Vieh verkaufen, vielleicht Haus 
und Hof verlieren, wieviel vernichtete Existenzen, 
wieviel verbitterte Herzen, Jammer und Elend, dessen 
Notschrei freilich nicht hineindringt in die eleganten 
amerikanischen Decksalons, in denen wir Tee trin- 
ken und Zigaretten rauchen. — In solcher Umgebung 
ist es gut, ein Buch wie das Carlylesche zu lesen! 

Norwegen, Molde, 31. Juli 1904. 

Alle unsere Gottesdienste fangen mit einem Wehe- 
ruf des alten Jehova an, wehe dir, daß du dies tust, 
wehe dir, daß du das tust! — Dann wird das Evange- 
lium verlesen, aber nicht erklärt, sondern der Predigt 
wird wieder ein alttestamentlicher Spruch unterlegt. 
Heute hörten wir das Evangelium vom ungerechten 
Haushalter, eines der verworrensten Gleichnisse aus 
der ganzen Bibel, das von den Abschreibern der alten 
Handschriften augenscheinlich völlig mißverstanden 
oder verstümmelt ist und die Gedanken darüber wohl- 
weislich dem eigenen Scharfsinn der Hörer überläßt. 

Ich habe vor einigen Tagen ein Buch gelesen, das 
Du unbedingt lesen mußt, es wird Dich sehr interes- 
sieren, es heißt: »Die Quellen des Lebens Jesu« von 
Professor Dr. Paul Wernle, Basel. Es ist das beste, 
was ich bisher über die Entstehung der Evangelien 
gelesen habe und wirkt geradezu überzeugend durch 
seine Gedankenklarheit und logischen Schlüsse. Für 
mich war es interessant, meine Ansicht bestätigt zu 
finden, die ich durch das Lesen der Evangelien ge- 

298 



wonnen hatte, daß das Markus-Evangelium in seiner 
naiven Darstellung das ursprünglichste ist. 

Eine andere Schrift in demselben Genre habe ich 
auch gelesen: »Was wissen wir von Jesus?« von Bos- 
suet. Sie steht aber nicht auf der Höhe der ersteren, 
ist mehr eine Polemik gegen eine Schrift von Kalt- 
hoff, der in der Geschichte Jesu nichts weiter sehen 
will als eine posthume Einkleidung der Geschichte 
der christlichen Kirche in das Gewand der Person 
Christi. Kalthoff will also den historischen Christus 
überhaupt beseitigen, was meiner Ansicht nach un- 
bedingt falsch ist. 

Norwegen, Bergen, 5. August 1904. 

Die armen Russen, es geht ihnen doch gar zu 
schlecht. Die Mandschurei ist so gut wie verloren für 
sie, und ich fürchte, daß es noch zu einer Katastrophe 
kommt und Kuropatkin, wenn nicht mit seiner gan- 
zen Armee, so doch mit beträchtlichen Teilen der- 
selben kapitulieren muß. — Er ist von den Japanern 
schon fast ganz umstellt, und ich halte es für sehr 
unwahrscheinlich, daß er noch wird zum Abmarsch 
auf Mukden und weiter nach Charbin kommen können. 

Berlin, 1. September 1904. 

Der »kluge Hans« fängt an eine ähnliche Rolle zu 
spielen, wie seinerzeit die Rote. — Der Streit der Mei- 
nungen ist heftig entbrannt, doch scheint mir die Par- 
tei, die nur Dressur sehen will, allmählich obzusie- 
gen. — Daß auch diese Sache mit einem leiden- 
schaftlichen Fanatismus pro und contra behandelt 
und beurteilt wird, ist bedauerlich. Fanatismus trübt 
immer Blick und Urteil und wenn man nicht einmal 
einem Pferde gegenüber objektiv und leidenschafts- 
los bleiben kann, wie soll man es dann einem Men- 

299 



sehen gegenüber sein. — Es ist mir völlig unbegreif- 
lich, weshalb man sich über ein Problem in so 
hohem Maße aufregt, das weder neu noch von welt- 
erschütternder Bedeutung ist. Von Hunden, Papa- 
geien und Staren hat man schon ganz andere Sachen 
erzählt und schon in Brehms Tierleben kann man 
viele Züge von diesen Tieren lesen, die unverkenn- 
bar auf einen gewissen Grad von Intelligenz deuten, 
und wer wollte leugnen, daß ein Hund, der viel mit 
Menschen verkehrt, bis zu einem gewissen Grade die 
menschliche Sprache versteht? Das ist doch eigent- 
lich ganz selbstverständlich. 

Berlin, 4. September 1904. 

Ich hatte immer noch gehofft, Kuropatkin würde in 
dieser Hauptschlacht obsiegen. Nun wird es wohl 
zunächst mit ihm alle sein und die Russen müssen 
einen ganz neuen Feldzug auf neuer Basis anfangen, 
wenn sie nicht einen demütigenden Frieden auf sich 
nehmen und damit ihr Prestige vor Europa und Asien 
in unheilvoller Weise schädigen wollen. 

Berlin, 5. September 1904. 

Ich habe gestern lange in Chamberlains »Grund- 
lagen« gelesen und gefunden, daß ich viele Erörte- 
rungen jetzt viel besser verstehen und beurteilen 
kann wie früher. Ein Satz fiel mir als sehr treffend 
auf. Er spricht von der Dualität der Erscheinungen, 
etwa wie man sagen könnte, der materiellen und gei- 
stigen Welt und sagt, man könne diese beiden Seiten 
des Daseins am besten definieren als die Erschei- 
nungen, die mechanisch erklärbar sind, und diejeni- 
gen, die nicht mechanisch erklärbar sind. Das finde 
ich sehr gut ausgedrückt. »Die vier Religionen« von 
A. Besant habe ich mit großem Interesse gelesen. Es 

300 



wundert mich, daß sie sich auf diese vier, Hinduis- 
mus, Zoroastrismus, Buddhismus und Christentum 
beschränkt und die Religion gar nicht erwähnt, die 
nächst dem Buddhismus wohl die meisten Bekenner 
auf der Erde hat, die mohammedanische. Vieles in ihren 
Äußerungen über das Christentum deckt sich mit den- 
jenigen Chamberlains. Wenn man diese Sachen liest, 
wird es einem immer unerklärlicher, wie es möglich 
war, daß das Zerrbild von Religion, das die Mensch- 
heit aus den Lehren Christi gemacht hat, ihr selber 
so lange genügen konnte. Ein Beweis dafür, wie ge- 
dankenlos die Masse an der äußeren Form hängt und 
wie mächtig doch das geistige Leben dieser Lehre 
sein muß, wenn es darin nicht ganz erstickte. 

Berlin, 6. September 1904. 

Der arme . . . Ich zweifle nicht daran, daß er ein 
wahrheitsliebender Mann ist und nach seinen Dar- 
legungen ist der größte Teil dessen, was ihm vor- 
geworfen wird, einfach erlogen. Wehe dem Mann, 
auf dessen Spur die Bluthunde einer gewissenlosen 
Presse gehetzt werden, sie hetzen ihn zu Tode, und 
je anständiger er ist, um so wehrloser ist er. Er hatte 
das Unglück, Unbequemlichkeiten zu verursachen, 
und damit war ihm der Boden unter den Füßen weg- 
gezogen, auf dem er so fest zu stehen meinte. Ein 
redendes Menetekel für alle, die meinen, einen festen 
Rückhalt zu haben. — Es ist schon gut, wenn man 
sich immer darüber klar bleibt, daß es heutzutage 
nur einen Maßstab gibt, nach dem man gemessen 
wird, ob man bequem oder unbequem ist. Was einer 
sonst leistet, ist weniger wichtig. 

Berlin, 18. Dezember 1904. 
Ich lese jetzt ein Buch von General Bonval: »Le 

301 



manceuvre de Saint Privat«, aus dem ich einige Stel- 
len ausziehe und ins Deutsche übertrage, die recht 
lehrreiche Einblicke in die Art und Weise gewähren, 
wie sich einer der hervorragendsten französischen 
Militärschriftsteller einen künftigen Krieg zwischen 
Deutschland und Frankreich denkt. 

B e r 1 i n , 20. Dezember 1904. 

Daß E. die alten säugenden Madonnen nicht son- 
derlich gefallen, kann ich mir denken. Sie sind ja 
auch zum überwiegenden Teil nicht schön, sondern 
nur interessant als ein Zeugnis dafür, wie sich die 
Kunst allmählich an der Hand des religiösen Emp- 
findens entwickelte, bis sie schließlich, dieser Lehr- 
meisterin entwachsen, selbständig wurde und ihre 
fester werdenden Schritte nun in das große Gebiet 
der Natur lenkte, wie das Kind es tut, wenn es ge- 
lernt hat, alleine zu gehen, und nun in den Garten 
läuft, um Blumen zu pflücken. — In dieser ersten 
Zeit des Erwachens der Kunst betätigte sich in ihr 
ein Drang, das tiefste Empfinden, dessen die Men- 
schen damals fähig waren, das religiöse, dies be- 
wegte sie am tiefgründigsten und sie fühlten den 
Drang, ihm sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Daher 
hielten sich alle alten Maler an religiöse Themen und 
so wurde die Madonnenmalerei die Mutter der heuti- 
gen Malerei, wie die christliche Baukunst diejenige 
der heutigen Architektur. Wie diese alten Maler mal- 
ten, hatte man noch keine Kunde von den längst ver- 
schollenen Meisterwerken griechischer Kunst, das in 
den mitteleuropäischen Völkern erwachende Bedürf- 
nis nach künstlerischem Ausdruck mußte sich selber 
tastend seinen Weg bahnen und erst im langsamen 
Werden viele Roheiten und Kindlichkeiten über- 
winden. 

302 



Hannover, 8. Januar 1905. 

Ich war gestern abend bei Sr. Majestät. Ich habe 
eine dreiviertelstündige Unterredung mit ihm gehabt 
und ihm alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. 
Ich glaube, so hat noch nie ein Mensch mit ihm ge- 
sprochen. Ich schreibe Dir darüber ausführlich, wenn 
ich Ruhe finde. 

Berlin, 25. Januar 1905. 

Ich machte bei einem Diner in Rom, bei Rotenhahn, 
die Bekanntschaft eines Priesters, dessen Name mir 
leider entfallen ist, der bekannt geworden ist durch 
sein Werk über die Katakomben Roms. Er ist Auto- 
rität auf diesem Gebiet und ist vom Kaiser pekuniär 
unterstützt worden, ein sehr interessanter Mann, Deut- 
scher, das wäre so einer für Dich. 

Bei unseren Nachbarn, den Russen, sieht es übel 
aus. Daß Arbeiterrevolten in Petersburg gewesen, die 
mit Waffengewalt niedergeworfen worden sind und 
bei denen viel Blut geflossen ist, hast Du wohl ge- 
lesen. Solange das Militär treu bleibt, werden sie in 
Rußland wohl damit fertig werden, aber die »Ideen« 
breiten sich immer weiter aus und ergreifen immer 
breitere Schichten der Bevölkerung und mit denen 
wird man nicht mit Soldaten fertig. Ich fürchte, daß 
die Ära der Attentate wieder anfangen wird. Kuropat- 
kin steht noch immer unbeweglich den Japanern 
gegenüber. Eine so verrückte Art der Kriegsführung 
war noch nicht da, solange die Welt steht. 

Berlin, 26. Januar 1905. 

Ich denke mir, es müßte interessant sein, etwas rö- 
mische Geschichte zu lesen, die man gleich an den 
Örtlichkeiten nacherleben könnte. Doch wohl interes- 
santer, als ein Roman irgendeiner Art. Wenn Ihr 

303 



Euch z.B. Mommsens »Römische Geschichte« ver- 
schaffen könntet, vielleicht hat sie jemand von der 
Botschaft 

Berlin, 29. Januar 1905. 

Vor etwa vier Wochen ritt ich eines Morgens mit 
dem Reichskanzler zusammen im Tiergarten. Das Ge- 
spräch kam auf die politische Lage, die damals sehr 
gespannt war. — Er frug mich, wie wir uns trennten, 
ob ich nicht bald den Grafen Schlief fen ersetzen 
würde, mit dem er anscheinend nicht übereinstimmte, 
worauf ich ihm sagte, ich hoffe, daß dieser Kelch an 
mir vorübergehen werde. Einige Tage darauf kam . . . 
zu mir, um mir folgendes zu sagen: Der Reichskanz- 
ler habe in einem Gespräch mit Sr. Majestät diesem 
gesagt, daß ich nicht geneigt wäre, die Stellung eines 
Chefs des Generalstabs zu übernehmen. Se. Majestät 
sei hierüber aufs äußerste erstaunt und beunruhigt 
gewesen, er schicke nun ... zu mir, um mir zu sagen, 
daß er unbedingtes Vertrauen zu mir habe. Es habe 
ihm leid getan, daß, wenn ich nicht annehmen wolle, 
ich ihm dies nicht selber gesagt habe, und daß er es erst 
durch den Reichskanzler erfahren habe. Ich hatte nun 
eine längere Besprechung mit . . ., in der ich ihm 
meine Gründe entwickelte, die mir die Übernahme 
dieser Stellung erschwerten. Er war auch mit mir ein- 
verstanden und frug mich, ob er Sr. Majestät dies sa- 
gen solle, worauf ich ihm erwiderte, es wäre mir das 
liebste, wenn ich mich selber Sr. Majestät gegenüber 
aussprechen könne und ich würde Sr. Majestät dank- 
bar sein, wenn er mich empfangen und anhören 
würde. — Zwei Tage darauf erhielt ich eine Einladung 
zum Abendessen im Schloß und gleichzeitig die Mit- 
teilung, ich möchte eine halbe Stunde früher kom- 
men und mich bei Sr. Majestät melden lassen. — Daß 

304 



ich mit ganz eigenen Gefühlen ins Schloß fuhr, 
kannst Du Dir denken. Ich war fest entschlossen, Sr. 
Majestät alles gerade heraus zu sagen und wußte 
nicht, wie die Sache ablaufen würde. Ich sagte mir 
aber, daß es hier gar nicht auf die Person ankomme, 
daß ich verpflichtet sei, mich, wenn es sein müßte, 
der Sache zum Opfer zu bringen und daß ich Sr. Ma- 
jestät nur wirklich nutzen könne, wenn ich ihm ein- 
mal sagte, was überall in den Offizierskreisen geredet 
und heimlich gemunkelt wird, ohne daß je einer den 
Mut gefunden hätte, es Sr. Majestät auszusprechen. 
Ich wurde von dem Flügeladjutanten in das Arbeits- 
zimmer Sr. Majestät geführt, ich stand, wie lange weiß 
ich nicht, und wartete! — Endlich kam der Kaiser 
herein und begrüßte mich sehr freundlich. Er lehnte 
sich an den Arbeitstisch, als ob er sagen wollte: nun 
laß einmal hören, was du vorzubringen hast! 

Ich fing nun damit an, ihm zu sagen, daß meine 
Äußerung dem Reichskanzler gegenüber eine rein 
private gewesen und daß es mir nicht in den Sinn ge- 
kommen sei, daß dieser sie Sr. Majestät wieder über- 
bringen werde. — Weiter kam ich nicht, denn der 
Kaiser unterbrach mich mit großer Lebhaftigkeit und 
sagte mir : »Nun will ich Ihnen mal erzählen, wie das zu- 
sammenhängt. Wie der Reichskanzler neulich abends 
bei mir war, sprachen wir von der schwierigen poli- 
tischen Lage, in der wir uns England gegenüber be- 
fänden, und daß wir darauf gefaßt sein müßten, eines 
schönen Tags von dort angegriffen zu werden. Es 
ist klar, daß dieser Krieg nicht lokalisiert werden kann, 
sondern, daß er weitere europäische Verwicklungen 
nach sich führen wird. — Da sagte der Reichskanz- 
ler, er fände, daß der Graf Schlieffen recht alt werde, 
worauf ich ihm erwiderte, wenn der nicht mehr kann, 
dann ist Moltke da. — Darauf sagte er: Ew. Majestät, 

Moltke. 20. 3°5 



der nimmt die Stellung nicht an. — Sie können sich 
denken, daß ich durch diese Äußerung völlig ver- 
blüfft wurde. Ich habe Sie vor einem Jahr zum Gene- 
ralstab kommandiert, damit Sie sich orientieren sol- 
len, und ich hatte natürlich sicher darauf gerechnet, 
daß Sie da wären um einzuspringen, wenn der Graf 
Schlief fen aus irgendeinem Grunde zurücktreten 
muß. Er ist alt und es kann ihm etwas passieren, er 
kann krank werden oder dergleichen und dann muß 
jemand da sein, der ihn ersetzen kann. Nun ist mir 
noch der General v. der Goltz vorgeschlagen, den ich 
nicht will, und dann der General v. Beseler, den ich 
nicht kenne. Sie kenne ich und zu Ihnen habe ich 
Vertrauen. Ich weiß wohl, daß Sie zu bescheiden sind, 
um zu glauben, daß Sie der Stellung genügen könn- 
ten. Der Graf Schlieffen, den ich gefragt habe, sagt 
mir, er habe Sie nun ein Jahr beobachtet und könne 
mir keinen besseren Nachfolger vorschlagen als Sie 
in erster Linie. Ihr verstorbener Onkel hat einmal 
geäußert, es komme bei der Wahl zu dieser Stellung 
viel weniger darauf an, daß der Betreffende genial 
sei, als darauf, daß man sich unter allen Umständen 
auf ihn verlassen könne, der Charakter sei die Haupt- 
sache, dieser ist es, der im Kriege auf die Probe ge- 
stellt wird. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich zu 
Ihnen völliges Vertrauen habe. Sie sind eine bekannte 
Persönlichkeit in der Armee, jeder schätzt Sie und 
wird Ihnen wie ich Vertrauen entgegenbringen. Wie 
ich als junger Mensch auf einmal auf den Thron kam, 
da habe ich mir auch gesagt, die Aufgabe übersteigt 
deine Kräfte. Ich war ganz auf mich allein gestellt, 
niemand konnte mir helfen, und wie ich nun das 
Schwerste gleich vollbringen mußte, den Abschied 
von dem alten Reichskanzler, da habe ich mir gesagt, 
es muß gehen, und ich habe das durchgeführt, was 

306 



ich tun mußte. So wird es Ihnen auch gehen. Wenn 
Sie an die Aufgabe herantreten, werden Sie die Kraft 
in sich selber finden.« 

Dies war in kurzem der Inhalt dessen, was Se. Ma- 
jestät sagte. Er sprach in seiner Lebhaftigkeit sehr 
lange und führte alles viel mehr aus, als ich es hier 
wiedergegeben habe. Ich sah es kommen, daß er mir 
keine Gelegenheit geben werde, meinerseits das zu 
sagen, was ich zu sagen hatte, aber ich war fest ent- 
schlossen, nicht fortzugehen, bis ich es getan hätte. 
Ich hörte also ehrerbietig zu, bis er ausgeredet hatte. 
Dann sagte ich: Ew. Majestät wollen mir gestatten, 
meinen tiefempfundenen Dank auszusprechen für den 
ehrenden Ausdruck des Vertrauens, dessen Ew. Ma- 
jestät mich würdigen, um so mehr aber fühle ich 
mich verpflichtet, mich Ew. Majestät gegenüber ganz 
offen und ehrlich auszusprechen. Es kommt nicht 
nur darauf an, daß Ew. Majestät Vertrauen zu mir 
haben, sondern auch darauf, ob ich dies Vertrauen 
verdiene oder nicht. Das werden Ew. Majestät erst 
dann beurteilen können, wenn Ew. Majestät meine 
Ansichten genau kennen und ich bitte daher aller- 
untertänigst um die Erlaubnis, Ew. Majestät gegen- 
über meine Bedenken so offen darlegen zu dürfen, 
wie meinem eigenen Gewissen gegenüber. Sollte ich 
dabei etwas sagen, was Ew. Majestät vielleicht nicht 
gefällt, so wird dies jedenfalls die Folge haben, daß 
Ew. Majestät mich ganz und völlig beurteilen und da- 
nach abschätzen können. — Ew. Majestät haben mich 
als eventuellen späteren Chef des Generalstabes in 
Aussicht genommen. Wie ich mich als solcher im 
Fall eines Feldzuges bewähren würde, weiß ich nicht. 
Ich beurteile mich selber sehr kritisch. Meiner Mei- 
nung nach ist es überhaupt sehr schwierig, wenn 
nicht unmöglich, sich jetzt schon ein Bild davon zu 

307 



machen, wie sich ein moderner, europäischer Krieg; 
gestalten wird. — Wir haben jetzt eine über dreißig- 
jährige Friedensperiode hinter uns und ich glaube, 
daß wir in unseren Anschauungen vielfach sehr frie- 
densmäßig geworden sind. Wie und ob es überhaupt 
möglich sein wird, die Massenheere, die wir aufstel- 
len werden, einheitlich zu leiten, kann, glaube ich, 
kein Mensch vorher wissen. Auch unser Gegner ist 
ein anderer geworden, wir werden es nicht mehr wie 
früher mit einem feindlichen Heer, dem wir mit Über- 
legenheit entgegentreten können, zu tun haben, son- 
dern mit einer Nation in Waffen. Es wird ein Volks- 
krieg werden, der nicht mit einer entscheidenden 
Schlacht abzumachen sein wird, sondern der ein lan- 
ges, mühevolles Ringen mit einem Lande sein wird, 
das sich nicht eher überwunden geben wird, als bis 
seine ganze Volkskraft gebrochen ist, und der auch 
unser Volk, selbst wenn wir Sieger sein sollten, bis 
aufs äußerste erschöpfen wird. Wenn ich nun sehe, 
wie die strategischen Kriegsspiele, die Ew. Majestät 
Jahr für Jahr unterbreitet werden, regelmäßig mit der 
Gefangennahme feindlicher Armeen von fünf- bis 
sechshunderttausend Mann, und zwar nach Verlauf 
weniger Operationstage enden, so kann ich mich der 
Empfindung nicht verschließen, daß dieselben den 
Verhältnissen des Krieges in keiner Weise gerecht 
werden. Solche Kriegsspiele kann ich nicht machen. 
Ew. Majestät wissen selber, daß die von Ihnen ge- 
führten Armeen regelmäßig den Gegner einkesseln 
und so angeblich den Krieg mit einem Schlage be- 
enden. Diese Resultate sind meiner Meinung nach 
nur dadurch zu erreichen, daß den Verhältnissen in 
einer Weise Gewalt angetan wird, die dem Grund- 
satz, daß das Kriegsspiel eine Studie für den wirk- 
lichen Krieg sein soll und daß es alle Reibungen und 

308 



Hindernisse, die im Kriege auftreten, möglichst be- 
rücksichtigen muß, in keiner Weise entsprechen. 
Diese Art des Kriegsspiels, bei dem der Gegner Ew. 
Majestät gewissermaßen von vorneherein mit gebun- 
denen Händen ausgeliefert wird, muß ganz falsche 
Vorstellungen erwecken, die verderblich werden müs- 
sen, wenn der Krieg wirklich kommt. Doch ist dies 
meines Erachtens nach noch nicht das schlimmste. 
Für noch bedenklicher halte ich es, daß durch die 
Gewalt, die dem Kriegsspiel angetan wird, dem gan- 
zen großen Kreis der daran beteiligten Offiziere das 
Interesse an der Sache genommen wird. Jeder hat 
die Empfindung, es ist ganz gleichgültig, was Du 
machst, ein höheres Fatum dirigiert die Sache und 
führt sie so oder so zum gewollten Ende. Ew. Maje- 
stät werden bemerkt haben, daß es immer schwie- 
riger wird, Offiziere zu finden, die gegen Ew. Maje- 
stät führen wollen. Das kommt daher, weil jeder sich 
sagt, ich werde ja doch nur abgeschlachtet. — Das, 
was ich aber am allermeisten beklagen und was ich 
Ew. Majestät sagen muß, das ist, daß das Vertrauen 
der Offiziere zu ihrem Allerhöchsten Kriegsherrn da- 
durch aufs tiefste erschüttert wird. Die Offiziere sa- 
gen sich, der Kaiser ist viel zu klug, als daß er nicht 
merken sollte, wie hier alles zurechtgemacht wird, 
damit er siegen soll, er muß es also doch so haben 
wollen. 

Hier unterbrach mich der Kaiser und versicherte, 
er habe keine Ahnung davon gehabt, daß nicht auf 
beiden Seiten mit gleichen Waffen gekämpft worden 
sei. Er sei ganz bona fide gewesen. — Ich solle 
Schlief fen sagen, daß er beim nächsten Kriegsspiel 
ihn nicht besser behandele wie seinen Gegner. 

Ich erwiderte ihm: Der Graf Schlieffen sagt, wenn 
der Kaiser spielt, muß er siegen, er kann als Kaiser 

309 



nicht von einem seiner Generale geschlagen werden. 
Das ist auch ganz richtig. Ew. Majestät dürfen daher 
überhaupt nicht führen. Lassen Ew. Majestät sich 
doch ein Kriegsspiel vorlegen, in dem Ew. Majestät 
die Oberleitung haben und so über den Parteien ste- 
hen, statt selber Partei zu sein. 

Der Kaiser pflichtete mir hierin bei. — Ich sagte 
ihm dann noch, wenn Ew. Majestät sich bei den Her- 
ren erkundigen wollten, ich glaube, alle würden be- 
stätigen, was ich hier gesagt habe, das heißt, wenn sie 
den Mut haben, Ew. Majestät die Wahrheit zu sagen. 

Und dasselbe, was ich vom Kriegsspiel gesagt habe, 
gilt auch von den Manövern. Der Wert der großen 
Manöver als Vorbereitung für den Krieg liegt in der 
Übung der höheren Führer einem Gegner gegenüber, 
der eigenen Entschluß hat. Die Truppe als solche 
lernt in den großen Manövern weniger als in den 
Detachementsübungen, bei denen man auf alle De- 
tails achten kann. Wenn nun die Entschlüsse der 
Kommandierenden Generale immer durch das Ein- 
greifen Ew. Majestät beeinflußt werden, so wird ihnen 
die Lust zur Initiative genommen, sie werden un- 
lustig und unsicher gemacht. 

Hier unterbrach mich der Kaiser wieder und sagte, 
er habe den Kommandierenden Generalen immer die 
Freiheit des Entschlusses gelassen. Ich erwiderte: In 
dem letzten Kaisermanöver bin ich als Schiedsrichter 
verwendet worden, war daher nicht selber zugegen, 
aber es ist mir gesagt worden, daß Ew. Majestät an 
einem Tage dem Kommandierenden General des 
. . Armeekorps den Befehl für sein Korps, entgegen 
seinen Absichten wörtlich diktiert hätten. — Das 
mußte Se. Majestät zugeben. Er sagte: Ach ja, das 
war, wie er mit seinem Korps zurückgehen wollte, 
so daß es an dem Tage zu gar keinem Gefecht ge- 

310 



kommen wäre. — Ich: Da hätten Ew. Majestät ihm 
doch einfach sagen lassen können, ich wünsche mor- 
gen ein Gefecht zu sehen, und ihm dann die Art der 
Ausführung überlassen können, oder Ew. Majestät 
hätten ihm irgendeine Supposition geben können, die 
ihn zum Stehenbleiben veranlaßt hätte. So weiß es 
die ganze Armee, daß Ew. Majestät einem Komman- 
dierenden General die Befehle für sein Korps einfach 
diktiert haben, und das trägt nicht zur Hebung des 
Ansehens des Generals seinem Korps gegenüber bei 
und muß deprimierend auf ihn wirken. Ein Komman- 
dierender General hat vielleicht während der ganzen 
Zeit, wo er in seiner Stellung ist, nur einmal bei den 
Kaisermanövern Gelegenheit, sein Korps gegen ei- 
nen Gegner zu führen, und das sind meistens nur drei 
Tage. Wenn nun Ew. Majestät noch selber im Ma- 
növer ein Korps führen, so geht ihm einer von den 
drei Übungstagen verloren. Im Kriege führen Ew. 
Majestät doch kein Korps. — Se. Majestät: Nein, das 
ist richtig. — Ich: Da soll es der Kommandierende 
General machen, und er muß jede Stunde ausnutzen, 
in der er sich darin üben kann. — Se. Majestät: Ich 
führe, um den Kommandierenden Generalen zu zei- 
gen, wie ich wünsche, daß es gemacht werden soll. — 
Ich: Das können Ew. Majestät bei der Besprechung 
zum Ausdruck bringen. Die Manöver können meines 
Erachtens nach nur kriegsmäßig und dadurch von 
Nutzen sein, wenn sie sich ohne gewaltsamen Ein- 
griff von oben abspielen. Werden Fehler gemacht, 
so schadet das nichts, denn man lernt nie mehr, als 
aus seinen Fehlern. Wenn aber Ew. Majestät führen, 
so weiß jeder, Se. Majestät muß siegen, und die ganze 
Gegenpartei fühlt sich von vorneherein als Schlacht- 
opfer und wird mißmutig. Die Manöver werden in 
der ganzen Armee besprochen, das gesamte Offiziers- 

3ii 



korps beurteilt sie und die Kritik wird immer schär- 
fer. — Und dann kommt noch eins hinzu. Die Trup- 
pen bekommen Ew. Majestät nicht zu sehen, was von 
der größten Wichtigkeit ist, denn der Soldat, der Ew. 
Majestät im Manöver gesehen hat, vergißt das sein 
ganzes Leben lang nicht. — Ew. Majestät wollen zu 
Gnaden halten, wenn ich mich freier ausgesprochen 
habe, als Ew. Majestät es zu hören gewohnt sind. Ich 
würde es nicht gewagt haben, wenn es sich nicht um 
das handelte, was mir das höchste ist, Ew. Majestät 
und der Armee Wohl. — Der Kaiser sagte mir nun: 
Warum haben Sie mir das alles nicht schon längst 
gesagt? — Ich: Ich habe mich nicht berechtigt ge- 
fühlt, Ew. Majestät meine Ansicht aufzudrängen. Es 
kann doch nicht jeder zu Ew. Majestät kommen und 
sagen: Ich finde dies nicht richtig, was Sie tun, und 
das nicht richtig. — Se. Majestät: Sie sind aber Ge- 
neraladjutant, und da wissen Sie, daß Sie immer 
kommen können. — Ich: Wenn Ew. Majestät mich 
um meine Ansicht befragen, werde ich sie immer 
freimütig äußern. 

Der Kaiser gab mir darauf die Hand und sagte: Ich 
danke Ihnen. — Ich sagte ihm dann: Wenn Ew. Ma- 
jestät es wirklich mit mir versuchen wollen, dann ge- 
ben Sie mir doch Gelegenheit, mich einmal zu erpro- 
ben. Lassen Ew. Majestät mich doch in diesem Jahr 
einmal die Kaisermanöver anlegen. Geht es gut, kön- 
nen Ew. Majestät mich ja behalten, zeigt es sich, daß 
es nicht geht oder werden die Schwierigkeiten zu 
groß, dann stellen Ew. Majestät mich einfach beiseite 
und nehmen einen anderen. Hier liegt wirklich nichts 
an einer Person, es kommt nur darauf an, daß der 
Sache gedient wird. — Der Kaiser war ganz damit 
einverstanden und sagte: Ich werde es dem Grafen 
Schlieffen sagen. — Ich: Wenn Ew. Majestät gestat- 

312 



ten, meldeich dies selbst dem Grafen Schlieffen und 
bitte um seine Einwilligung. 

Dann gab Se. Majestät mir nochmals die Hand und 
ging voraus in den Empfangssalon, wo die Kaiserin 
und die Tischgesellschaft schon lange gewartet hat- 
ten. — Der Kaiser war den ganzen Abend sehr schweig- 
sam und nachdenklich. Er tat mir eigentlich furcht- 
bar leid, aber weiß Gott, ich konnte nicht anders. 

Ich war sehr gespannt, wie er gegen mich sein 
würde, wenn ich ihn wiedersehen würde, nachdem 
eine Zeit verflossen und die erste Überraschung über- 
wunden war. Er zeigte sich aber auch dann gleich- 
mäßig freundlich. Wie dies alles nun weiterwirken 
wird, weiß ich nicht. Vielleicht ist es von Dauer, viel- 
leicht verwischt es die Zeit wieder. — 

Wie ich das wegen der Manöver dem Grafen Schlief- 
fen meldete, machte er ein sehr verdutztes Gesicht. 
Es war ihm offenbar äußerst unangenehm, und er 
versuchte auszuweichen, sagte, wie ich ihn direkt 
fragte: Sind Ew. Exzellenz damit einverstanden, wenn 
ich die Manöver in diesem Jahr anlege? — Darüber 
können wir ja noch sprechen. — Geht er nicht darauf 
ein, so nehme ich den Kampf auf. Ich habe die Zu- 
sicherung Sr. Majestät, und die laß ich mir nicht wie- 
der nehmen. 

So, nun weißt Du Bescheid. Bitte, laß mich gleich 
wissen, daß dieser Brief in Deine Hände gelangt ist, 
denn ich möchte nicht, daß irgend jemand sonst da- 
von erfährt, und bin eigentlich unruhig, ihn auf die 
Post zu geben. Bewahre ihn so auf, daß er in keine 
unrechten Hände kommt. 

Berlin, i. Februar 1905. 

Die Zustände in Rußland sind sehr bedenklich. Bis 
jetzt waren es nur Arbeiterunruhen, die mit leichter 

313 



Mühe vom Militär unterdrückt worden sind, wobei 
ziemlich viel Blut geflossen ist. Das waren aber wohl 
nur die Ballons d'essay. Es gärt überall, besonders 
in den Kreisen der Intelligenz. Wenn der Zar nicht 
vernünftig ist und seinem Volk mehr Freiheit ge- 
währt, wird's schlimm werden. Für eine Konstitution 
und allgemeines Wahlrecht ist Rußland wohl noch 
nicht reif. Aber er muß eine Habeas-corpus-Akte ge- 
ben, das heißt einen Schutz gegen Willkür und Gewalt, 
und eine ständische Vertretung. Damit würden alle 
zufrieden sein, und er würde der Vater des Vater- 
landes sein. Tut er das nicht, sondern beharrt auf 
dem Standpunkt der brutalen Gewalt, so wird er diese 
gegen sich selber herausfordern und über kurz oder 
lang dem Fanatismus zum Opfer fallen. Die Truppen 
haben sich bisher überall zuverlässig bewiesen, die 
Gerüchte von Meuterei sind englische Erfindun- 
gen. Rußland wird die allerschärfsten Gesetze willig 
ertragen, aber es müssen eben Gesetze sein und 
nicht Willkür, bei der kein Mensch sicher ist. — Gebe 
Gott dem armen Zar verständige Ratgeber. — Der 
Oberst Schebekow sagte mir neulich, er wäre schon 
verschiedene Male gefragt worden, ob keine Aussicht 
wäre, daß ich hingeschickt würde! Wie findest Du 
das!? 

Mit der Kriegsführung steht es auch schlecht für die 
Russen. Kuropatkin hat einen wieder verunglückten 
Versuch gemacht, vorzugehen, hat eins auf die Nase 
bekommen und ist wieder hinter den Hunho gekro- 
chen. Es ist der reine Jammer. Übrigens glaube ich, 
daß wir indirekt der großen Schwäche Rußlands es 
verdanken, wenn England jetzt so friedfertig gegen 
uns ist. Ich denke mir, daß Frankreich in England 
vorstellig geworden ist, Frieden zu halten. Die Fran- 
zosen wissen es ganz genau, daß sie es mit uns zu 

314 



tun bekommen, wenn der Krieg zwischen England 
und Deutschland anfangen sollte, und da ihr guter 
Freund Rußland zurzeit ganz ohnmächtig ist, wür- 
den sie es alleine mit uns aufnehmen müssen, und 
davor haben sie einen höllischen Respekt. Wäre es 
nicht so, könnte ich mir die englischen Friedens- 
schalmeien nicht erklären. Nun aber genug der Poli- 
tik. Ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied, sagt 
der Student in Auerbachs Keller. 

B e r 1 i n , 4. Februar 1905. 

Der Zar scheint wirklich die Absicht zu haben, ein 
etwas liberaleres Regime einzuführen, was für ihn und 
das Land ein Segen sein würde. Vorläufig empfängt 
er Arbeiterdeputationen, was nicht viel zu bedeuten 
hat. In der Mandschurei ist es nach dem neulichen 
kläglichen Versuch einer russischen Offensive wie- 
der still geworden. Die Kriegsführung dort ist gleich 
miserabel von beiden Seiten. 

Bei uns zu Hause wirkt der nun schon wochenlang 
währende Streik der Kohlenarbeiter im Ruhrrevier 
störend weiter. Die Kohlennot wird dringlich. Viele 
Fabriken müssen die Arbeit einstellen, englische und 
belgische Kohle wird massenhaft importiert, deckt 
aber den Bedarf nicht. Man sieht wieder mal, wie 
künstlich unser modernes Kulturleben aufgebaut ist, 
wenn ein Faktor versagt, kommt alles ins Stocken. 
Die Ruhe und Ordnung ist übrigens nirgends gestört, 
und die streikenden Arbeiter haben reichlich zu leben 
von den Hilfsmitteln, die ihnen von allen Seiten zu- 
fließen. Sogar unsere brave Geistlichkeit sammelt für 
sie. Die Leute sind recht töricht, ihre Politik reicht 
nicht weiter als ihre Nasenspitzen, auch hier wird 
alles von Schlagwörtern regiert. 

315 



Berlin, 6. Februar 1905. 

Ich habe jetzt ein sehr interessantes Buch »Paulus, 
die Anfänge des Christentums und des Dogmas« von 
Professor Weinel. Ein ganz klein wenig riecht es 
doch nach Orthodoxie, wenn auch der Professor dar- 
über empört sein würde, wollte man ihm das sagen, 
denn er ist bekannt als der freisinnigste aller freisin- 
nigen Theologen, aber kein Mensch kann aus seiner 
Haut, und wenn er auch meint, die christlich-dogma- 
tische Haut, die ihm wohl in der Jugend anerzogen 
war, ganz abgestreift zu haben, so ist doch noch hier 
und da ein Läppchen hängengeblieben, so fein, daß 
man's nicht sehen kann, nur fühlen, wenn man mit 
dem Finger des Geistes den Aufbau seines Werkes 
nachfühlt. 

Berlin, 7. Februar 1905. 

Daß dies Volk (die Italiener), das einst die Welt be- 
herrschte, so heruntergekommen ist, daß sie zu Die- 
ben und Lumpen geworden sind, das ist traurig ge- 
nug, liegt aber wohl im Lauf der Welt. Sie sind auf 
dem absterbenden Ast, wir Germanen sind ja noch 
jünger, werden aber seinerzeit wohl denselben Weg 
gehen, um jüngeren Platz zu machen. In der Be- 
ziehung ist es mit den Nationen wie mit dem einzel- 
nen Menschen. 

Berlin, 9. Februar 1905. 

Der gestrige Hofball hat mich nicht weiter gefes- 
selt. Es macht mir immer wieder einen ganz merk- 
würdigen Eindruck, wenn ich den Einzug des Hofes 
in den Weißen Saal sehe, der Kaiser bringt immer 
so ein Stück Mittelalter hinter sich her. S. in Perücke, 
ebenso den alten Süß, den Offizier der Leibwache 
der Kaiserin ebenso; es ist, als ob die Toten aufer- 
stehen mit Zopf und Puder. 

316 



Berlin, 12. Februar 1905. 

Ich lege Dir ein paar Worte bei, die ich aus dem 
Weineischen Werk über Paulus ausgezogen habe. 
Es ist nur kurz und gedrängt. Die Entwicklung 
frappierte mich, weil sie genau meiner Ansicht über 
den Opfertod Christi entspricht. Ich stimme ihr durch- 
aus bei. Hoffentlich kannst Du es lesen und wird es 
Dich auch interessieren. — Paulus : Zwei Wege, auf 
denen die Menschheit zu ihrem Gott zu gelangen ver- 
sucht: Offenbarung, Sakrament — Gebet und 
Opfer. — In Paulus seit Damaskus ist Christus leben- 
dig geworden, hat sich ihm offenbart. Nun lebe ich, 
aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Jetzt 
spricht sein Gott zu ihm nicht mehr aus den Papieren 
der Gesetzesvorschriften, sondern aus der Feuer- 
flamme, die in seinem Herzen lodert. Er hat damit 
lebendige Religion, er hat sie als persönliches Er- 
lebnis. 

Berlin, 14. Februar 1905. 

Die Beerdigung des alten Menzel wurde mit großem 
Pomp in der Rotunde des Alten Museums abgehalten. 
Vor dem Portal die Leib-Kompagnie des 1. Garde- 
Regiments mit Grenadiermützen, auf der Freitreppe 
die Schloßgarde-Kompagnie und die kunststudenti- 
schen Vereine in Wichs mit ihren Fahnen, ein far- 
benprächtiges Bild. Im Innern eine gedrängte Ver- 
sammlung aller Stände und Berufsklassen, sogar Sin- 
ger war da als Reichstagsdeputation! Auf der Balu- 
strade oben Joachim mit seinem Quartett und der 
Sängerchor der Hochschule. Neben dem kleinen 
Sarg, der aussah wie ein Kindersarg, Dryander. Nach- 
dem Kaiser, Kaiserin und sämtliche Prinzen einge- 
troffen, wurde eine sehr schöne Kantate von Beetho- 
ven gesungen, dann hielt Dryander eine schlichte und 

317 



daher wirkende Ansprache, darauf Quartett, ein Satz 
von Haydn und dann Einsegnung, worauf wieder 
Chorgesang. Dann wurde der Sarg von sechs Unter- 
offizieren des i. Garde-Regiments herausgetragen und 
auf den Leichenwagen gesetzt, der mit sechs Mar- 
stallpferden bespannt war und von kaiserlichen Kut- 
schern eskortiert wurde. An der Tete des Zuges die 
Leib-Kompagnie, dann die Chargierten der studen- 
tischen Verbindungen mit ihren bunten Trachten und 
Federhüten. Hinter dem Sarg der Kaiser mit der 
ganzen Generalität, und dann ein endloses Gefolge 
schwarzer Zylinder. Vor dem Schloß schwenkte der 
Kaiser links, die Kompagnie rechts ab und ließen den 
Zug an sich vorüberdefilieren. So ist wohl noch kein 
Künstler geehrt worden, und die kleine Exzellenz 
wird ihre Freude daran gehabt haben, wenn er sein 
eigenes Leichenbegängnis etwa hat sehen können! 

B e r 1 i n , 20. Februar 1905. 

Die geistige Ära, auf die Du hoffst, wird, glaube 
ich, noch nicht so bald kommen. Ich fürchte, daß die 
Menschheit noch durch viel Blut und Elend wird 
gehen müssen, bis sie soweit kommt. Wir werden 
das Tausendjährige Reich wohl nicht mehr anbrechen 
sehen, auf das die Menschheit schon seit Christi Zei- 
ten hofft. — Die neue schreckliche Bluttat in Ruß- 
land ist auch wie eine blutrote Fackel, die in eine 
dunkle Zukunft leuchtet. Der arme Zar, der selber 
jeden Augenblick das neue Opfer sein kann! Und da- 
bei keine Energie, um neue Bahnen einzuschlagen 
und sich und sein Volk zu retten! Ich glaube, daß 
Rußland und Japan bald Frieden machen werden. 
Der Krieg ist für ersteres hoffnungslos. 

3i8 



Berlin, 4« März 1905. 

Es freut mich, daß Du Bekanntschaft mit dem 
Katakombenpriester gemacht hast und daß er Dir et- 
was zeigen wird. Er ist Autorität auf diesem Gebiet 
und wird Euch gewiß interessant erzählen können. 
Vielleicht triffst Du bei Rotenhahn mit dem Kardinal- 
staatssekretär Merry del Val zusammen, der mich 
sehr interessiert hat. Er ist der Mann an der Spritze, 
der die ganzen weitverzweigten Fäden der vatikani- 
schen Diplomatie in der Hand hat. 

Berlin, 7. März 1905. 

Ich habe heute einen ersten Strauß mit Graf Schlief- 
fen durchgefochten. Ich schrieb Dir doch, daß der 
Kaiser mir erlaubt habe, in diesem Jahr die Manöver 
anzulegen. Dies hatte ich dem Grafen Schlief fen ge- 
meldet, worauf er mir sagte, er wolle sich es noch 
überlegen. Seitdem habe ich ihn zweimal wieder ge- 
fragt, ob er es sich nun überlegt habe, was er immer 
verneinte, sagte, es wäre ja noch lange Zeit usw. und 
immer Ausflüchte machte. Vor einigen Tagen hat er 
nun dem Kaiser, ohne daß ich vorher etwas erfahren 
hatte, eine Manöveranlage, die er gemacht hatte, vor- 
getragen. Wie . . . mir sagte, habe der Kaiser gesagt: 
Ich denke, Moltke macht die Anlage? Worauf Graf 
Schlieffen etwas Unverständliches gemurmelt habe. 
Ich ging darauf zu H. und bat ihn, Sr. Majestät den 
Sachverhalt mitzuteilen, damit dieser nicht von mir 
glaube, daß ich mich drücken wolle oder dergleichen. 
Heute hat nun der Kaiser H. zu Graf Schlieffen ge- 
schickt mit dem Befehl, daß ich die Manöver zu be- 
arbeiten hätte. Letzterer kam ziemlich bedrückt zu 
mir herein und sagte mir, er habe den Befehl bekom- 
men, mir die Anlage des Manövers zu überlassen. 

319 



Dann machte er allerlei Entschuldigungen, er habe 
mich nicht richtig verstanden gehabt usw. — Ich sagte 
ihm nur, daß ich ihm alles klar und deutlich damals 
gemeldet hätte. Es war ihm offenbar sehr unange- 
nehm, ich konnte es ja aber nicht ändern, und mir 
blieb nach den Vorgängen ja gar nichts anderes 
übrig, als eine Entscheidung Sr. Majestät herbeizu- 
führen. Er hätte sich das ersparen können, wenn er 
loyaler gegen mich verfahren wäre. Wenn er es auf 
Biegen oder Brechen ankommen lassen will, so ist 
mir's auch recht, jedenfalls hat er mich falsch taxiert, 
wenn er meint, mich einfach beiseite drücken zu kön- 
nen. In diesem Fall habe ich nun gesiegt, was er sich 
hätte anders und ohne alle Unannehmlichkeiten ein- 
richten können, wenn er sich auf den Standpunkt ge- 
stellt hätte, einem Mann, den er selber als seinen 
Nachfolger bezeichnet hat, zu helfen, statt ihn ge- 
wissermaßen zu behumpsen. Ich bin übrigens nicht 
nachträgerisch, und an mir wird's nicht liegen, wenn 
mein Verhältnis zu ihm gestört werden sollte. — Dies 
mußt Du natürlich für Dich behalten. Ich weiß, daß 
Du das sowieso tust, und sage es nur für mich, nicht 
für Dich. 

Berlin, n.März 1905. 

Ich traf Frau v. B., deren Mann, wie Du weißt, mit 
dem Prinzen Friedrich Leopold in der Mandschurei 
bei den Japanern ist, wo er in diesen Tagen wohl 
Zeuge des großen Sieges gewesen ist, den die Ja- 
paner über die Russen erfochten haben. Mit letzteren 
ist es nun wohl definitiv vorbei. Es scheint, als wenn 
die Armee vollständig geschlagen und zersprengt ist 
und wohl zum größten Teil in Gefangenschaft ge- 
raten. Eine fürchterliche Blamage für die Russen, die 
gegen hunderttausend Mann stärker waren als die Ja- 

320 



paner. Meiner Meinung nach bleibt ihnen nun nichts 
anderes mehr übrig, als coute que coute Frieden zuma- 
chen. — Die Folgen dieses Krieges werden im Osten sich 
sehr bald fühlbar machen und in einer unbeschränk- 
ten Vorherrschaft der Japaner bestehen. Ich hoffe nur, 
daß wir nicht mit ihnen wegen Kiautschou aneinan- 
der geraten, denn wir würden ihnen gegenüber noch 
ohnmächtiger sein als die Russen, und wenn sie wol- 
len, können sie uns jeden Moment aus China hinaus- 
werfen, wozu unsere Freunde, die Engländer, bereit- 
willig die Hand bieten würden. — Aus diesen Grün- 
den bedauere ich den völligen Mißerfolg der Russen, 
so sehr ihnen sonst eine ordentliche Tracht Prügel 
zu gönnen ist. Die Zustände in diesem Lande sind 
doch zu verrottet. 

Berlin, 12. März 1905. 

— Wenn ich dies Friedensbild sehe, muß ich im- 
mer an die armen Russen in der Mandschurei den- 
ken, die zerstreut, geschlagen und verfolgt durch die 
öden Berge irren oder verstümmelt in ihrem Blut lie- 
gen. Die Niederlage muß entsetzlich gewesen sein. 
Ich glaube nicht, daß die Armee als solche überhaupt 
noch existiert. Der Zar sollte nur schleunigst Frieden 
machen, Aussicht auf Erfolg hat er nicht mehr, das 
ist sicher. 

Berlin, 13. März 1905. 

Die Russen scheinen den Krieg trotz aller Nieder- 
lagen doch noch fortsetzen zu wollen. Ich halte sie 
aber fast für unfähig dazu. Sie können nicht viel 
Truppen mehr aus dem Lande ziehen, wo sie sie 
brauchen, um überall die Unruhen niederzuhalten, 
und ich bin überzeugt, daß mit dem Frühjahr die Un- 
ruhen auch unter den Bauern anfangen werden, die 

Moltke. 21. 321 



dem Beispiel der Städte folgen werden. Bei der letz- 
ten Niederlage bei Mukden haben sie den dritten Teil 
ihrer Armee an Toten, Verwundeten und Gefange- 
nen eingebüßt, gegen 150000 Mann und 60 Geschütze. 

Berlin, 21. März 1905. 

Ich habe im Generalstab jetzt eine andere Quartier- 
meisterstelle als bisher. Ich wollte gern tauschen, und 
bat Graf Schlieffen darum, der es sofort genehmigte. 
Jetzt habe ich die Abteilungen, in denen Rußland, Ja- 
pan, Frankreich, England, Österreich, Italien, Schweiz, 
Türkei usw. bearbeitet werden, was ungleich interes- 
santer ist als meine bisherige Stellung. So bekomme 
ich alle Berichte aus erster Hand und die Nachrich- 
ten aus der ganzen Welt. 

Was aus dem russischen Feldzug werden soll, ist 
mir ganz unklar. Es scheint wirklich, daß die Russen 
den Krieg fortsetzen wollen. Menschen haben sie ja 
genug, aber es wird allmählich knapp mit dem Gelde 
werden, was nicht so leicht zu beschaff en ist. — Nach 
ungefährer Schätzung müssen sie in ein bis zwei Mo- 
naten mit ihrem Gelde fertig sein. Vorläufig befindet 
sich die gesamte Armee in ununterbrochenem Rück- 
zug, und die Japs sind immer feste hinterher. Zu einer 
Vernichtung der Russen, oder selbst nur Gefangen- 
nahme größerer Teile derselben, haben sie es aber 
auch diesmal nicht gebracht. 

Berlin, 31. März 1905. 

Ich habe immer ein Gefühl der Beschämung als 
Europäer, wenn ich mit diesen kleinen gelben Leu- 
ten zusammenkomme, die seit ihren Erfolgen im 
Kriege auf uns alle mit souveräner Verachtung her- 
absehen. — Es scheint übrigens, als ob die Russen 
jetzt Frieden machen wollen, es heißt, der Zar wäre 

322 



umgefallen, nachdem er eben erst aufs äußerste krie- 
gerisch und zum äußersten entschlossen war. — Daß 
Japan geneigt sein wird, unter billigen Bedingungen 
Frieden zu machen, glaube ich gerne, es kann eigent- 
lich kaum mehr erreichen, als es schon erreicht hat, 
und wird mit seinen Geldmitteln wahrscheinlich ziem- 
lich fertig sein. 

Ich bin begierig, wie der Besuch des Kaisers in 
Tanger ablaufen und was für Resultate er zwischen 
Deutschland und Frankreich zeitigen wird. Die Stim- 
mung in Frankreich ist ziemlich gereizt, wenn Ruß- 
land nicht so elend am Boden läge, würde es sicher 
mit Freuden die Gelegenheit als Casus belli ergreifen. 
So ist es freilich immerhin etwas gewagt, jetzt mit 
uns anzubinden, da aber Frankreich das Land der 
Launen und Leidenschaften ist, kann man nie wis- 
sen, wie sich dort die Dinge gestalten. 

Berlin, 12. April 1905. 

Neugierig bin ich, wie sich die Marokko-Sache zwi- 
schen Frankreich und uns entwickeln wird. Daß sie 
zu einem Säbelziehen ausarten wird, glaube ich nicht, 
wenn auch von beiden Seiten etwas geschnaubt wird. 
— Ebenso gespannt bin ich auf den Ausgang des rus- 
sischen Argonautenzuges, ich habe jedes Vertrauen 
zu einem glücklichen Ausgang für die Russen ver- 
loren. Die dortigen Verhältnisse sind doch, wenn 
man Näheres über sie erfährt, noch verrotteter, als 
ich geglaubt hätte. — Da sind mir unsere Verhält- 
nisse, soviel daran zu mäkeln ist, doch noch lieber. 

S. M.Jacht »Hohenzollern«, 10. Juli 1905. 

Ich habe eben dem Kaiser meine Manöveranlage 
für das Kaisermanöver vorgetragen, mit der er ganz 
einverstanden war und die er sehr hübsch und in- 

323 



teressant fand. — Ich bin sehr froh, daß alles gut ein- 
geleitet ist, und habe die verwegene Hoffnung, daß 
es gelingen wird, einmal ein kriegsmäßiges Manöver 
ohne gewaltsame Eingriffe und ohne unnatürliche 
Kavallerieschlachten usw. zu machen. — Gelingt mir 
dies, so habe ich nicht umsonst gelebt. Übrigens 
würde ich keinen Moment zögern, meine Person der 
Sache wegen einzusetzen, wenn es nötig werden 
sollte. Ich hoffe aber, daß alles gut gehen wird. Der 
Kaiser wollte augenscheinlich mir in allem entgegen- 
kommen und war überaus gnädig und zufrieden. Da- 
mit ist mir eine Besorgnis, die ziemlich schwer auf 
mir lag, abgenommen, und ich habe Hoffnung und 
Vertrauen. — Ich weiß, daß wenn es mir gelingt, den 
Kaiser von unmilitärischen Unnatürlichkeiten abzu- 
halten, ich der Armee einen großen Dienst erweise, 
und nicht bloß ihr, sondern auch Sr. Majestät selber. 
Das ist ein Ziel, das wohl des Strebens wert ist, und 
neben dessen Erreichung die Person des einzelnen 
nicht ins Gewicht fallen kann. 

Schweden, Hernösand, i8.Juli 1905. 

Die norwegische Krise scheint sich dahin aufzu- 
lösen, daß Prinz Karl von Dänemark als Prätendent 
kandidieren wird, da der König von Schweden kei- 
nen Prinzen geben will. Damit würde der englische 
Einfluß in Norwegen dominierend werden, da der 
Prinz ein Schwiegersohn König Eduards ist. Ob die 
Norweger ihn wollen, weiß ich nicht, ich glaube aber, 
daß der Ehrgeiz dieses Volkes dahin geht, einen eige- 
nen König zu haben. Ein Wiederzusammenschluß 
mit Schweden scheint mir ganz ausgeschlossen. Auch 
diese Angelegenheit ist ein Teil des großen Unsiche- 
ren und Ungewissen, das rings umher aufsteigt. Wer 
doch in die Zukunft sehen könnte, und doch, man 

324 



würde sie vielleicht ebensowenig verstehen, wie man 
die Gegenwart versteht, die auch meistens erst klar 
wird, wenn sie Vergangenheit geworden ist. 

S. M.Jacht »Höh enzol lern«, 21. Juli 1905. 

Der Kaiser will mich absolut zum Chef des Ge- 
neralstabs machen, gleich nach dem Manöver. Ich 
habe ihm geraten, erst das Resultat des Manövers ab- 
zuwarten, um zu sehen, ob es überhaupt mit uns bei- 
den ginge. Ich werde meinem Geschick wohl nicht 
mehr entgehen. — Der Kaiser wollte heute, ich sollte 
bei der Enthüllung von Onkel Helmuths Denkmal 
diesen Herbst die Rede halten, ich habe ihm aber 
gesagt, daß er das dem alten Schlief fen nicht antun 
könne, und er ging dann auch darauf ein, ihn noch 
so lange in seiner Stellung zu belassen. Ich habe nur 
zu tun, daß er ihn nicht Hals über Kopf fortschickt, 
was gegen den verdienten General sehr unrecht wäre. 

Schweden, Wisby, 26. Juli 1905. 

Wir kamen um 7 Uhr hier an, direkt von Björkö 
im Finnischen Meerbusen, wo wir das Rendezvous 
mit dem Kaiser von Rußland hatten. — Wie wir aus 
Hernösand abfuhren, wußten wir nichts anderes, als 
daß wir nach Gotland steuern sollten. Wir waren 
aber, wie wir morgens erwachten, auf offenem Meer, 
und merkten bald, da wir östlich Kurs liefen, daß wir 
nicht auf dem Wege nach Gotland seien. Über das 
Ziel unserer Fahrt wurde aber tiefstes Schweigen be- 
obachtet. Stunde um Stunde verging, und noch im- 
mer fuhren wir mit achtzehn Knoten Geschwindig- 
keit nach Osten. Da wurde es uns allmählich klar, 
daß wir in den Finnischen Meerbusen fahren muß- 
ten, sonst hätten wir längst eine Küste erreichen müs- 
sen. Unsere Spannung wuchs dauernd im Laufe des 

325 



Tages. Alle möglichen Kombinationen wurden laut, 
aber wir erhielten keine Aufklärung. Es wurde Nach- 
mittag, noch immer kein Land in Sicht, und immer 
der Kurs nach Osten. — Plötzlich kam ein Schiff in 
Sicht, ein Kriegsschiff, das salutierte, es führte die 
russische Flagge. Nun wurde unsere Vermutung zur 
Gewißheit, wohin wir aber fuhren, ahnte keiner von 
uns. Der Kaiser war undurchdringlich geheimnisvoll. 
Die Seeoffiziere hatten strenge Order, keine Auskunft 
zu geben. — Um 6 Uhr, wie wir alle im Salon saßen 
und hin und her rieten, ob Reval, ob Riga, ob Kron- 
stadt, kam der Kaiser herein und sagte : »Nun, Kinder, 
macht euren Paradeanzug in Ordnung, in zwei Stunden 
steht ihr vor dem Kaiser von Rußland«. — Kein Mensch 
sagte ein Wort, wir waren wie erschlagen, Totenstille 
im ganzen Raum. Keiner von uns ahnte die Motive 
dieses plötzlichen und so geheimnisvoll eingeleiteten 
Besuchs, wir alle aber empfanden die ungeheure po- 
litische Wichtigkeit der kommenden Stunden, deren 
Folgen niemand berechnen konnte. — Um 9 Uhr lie- 
fen wir in eine Bucht ein, flache einsame Ufer, mit 
dürftigen Tannen bestanden, felsige Höhen dahinter, 
keine menschliche Wohnung, soweit das Auge reichte, 
kein lebendes Wesen, grauer Himmel, graues Was- 
ser und eine unendliche Einsamkeit. Vor uns im her- 
absinkenden Dunkel ein mächtiges dunkles Schiff, 
der »Polarstern« mit dem Zaren an Bord. Wir gingen 
in geringer Entfernung von ihm vor Anker, die Boote 
wurden zu Wasser gelassen, und der Kaiser fuhr hin- 
über. Bald darauf wurde nach uns geschickt, wir soll- 
ten alle hinüberkommen. Wenige Minuten später 
standen wir auf dem Deck des »Polarstern« und wur- 
den von dem Kaiser dem Zaren vorgestellt. Er sah 
ernst, aber nicht gebrochen aus, wie er so oft ge- 
schildert worden ist. Uns alle redete er auf deutsch 

326 



an, mir sagte er: »Es ist mir eine große Freude, Sie 
wiederzusehen«. — Sobald die Vorstellung beendet 
war, fuhren wir wieder auf die »Hohenzollern«, wo- 
hin kurz darauf auch die beiden Monarchen mit dem 
russischen Gefolge kamen. Dann wurde auf der 
»Hohenzollern« diniert. Ich war ganz erstaunt über 
den Zaren. Je länger wir bei Tisch saßen, desto mehr 
taute er auf, zuletzt war er ganz vergnügt, lachte und 
unterhielt sich lebhaft, man merkte ihm deutlich an, 
daß er sich wohl fühlte in einer Umgebung, in der 
er sicher war. Er sowohl wie alle Herren seines Ge- 
folges waren von ausgesuchter Liebenswürdigkeit, 
alle sprachen auf einmal deutsch, sie waren gar nicht 
wiederzuerkennen. Nach Tische unterhielt sich der 
Zar lange mit jedem einzelnen von uns. Er sprach 
ganz fließend deutsch, wann und wie er das gelernt 
hat, ist mir ein Rätsel. — Es war 3 Uhr nachts, wie er 
mit seinen Herren auf den »Polarstern« zurückfuhr. 
Wie wir am nächsten Morgen erwachten, hatten 
sich um uns herum sechs bis acht russische Tor- 
pedoboote eingefunden, die dauernd patrouillierten. 
— Der Kaiser fuhr um 9 Uhr alleine auf den »Polar- 
stern« zum Frühstück, um 11 Uhr mit dem Zaren auf 
den Kreuzer »Berlin«, unser Begleitschiff, und um 
i Uhr waren wir alle zum Frühstück auf den »Polar- 
stern« befohlen. Wir wurden wiederum mit ausge- 
zeichneter Liebenswürdigkeit empfangen — Der Bru- 
der des Zaren, Großfürst Michael, hatte ihn begleitet, 
sonst waren mit ihm der Hof marschall Graf Bencken- 
dorff, der General Frederiks, der alte Leibarzt Dr. 
Hirsch, ein prächtiger alter Herr, Deutschrusse, sie- 
benundsiebzig Jahre alt, aber ganz rüstig, der Ma- 
rineminister Birilew, der Generalgouverneur von 
Finnland, Fürst Obolenski, und einige Flügeladju- 
tanten von der Marine. — Beim Frühstück saß ich 

327 



neben dem Dr. Hirsch, der sich sehr offen aussprach. 
Er sagte, es sei eine große Freude für den Zaren ge- 
wesen, zu sehen, daß sich in seinem Unglück noch 
jemand um ihn bekümmere, und man könne unse- 
rem Kaiser nicht dankbar genug für diesen Freund- 
schaftsbeweis sein. — Der Zar habe alle Unglücks- 
fälle standhaft und ruhig ertragen, seine Gesundheit 
sei gut und seine Nerven vollkommen in Ordnung. 
Mit großer Verachtung sprach der alte Herr von der 
Umgebung seines Monarchen. »Sie können sich den- 
ken,« sagte er, »daß es für den Zaren eine wahre Er- 
holung sein muß, sich in einem Kreise anständiger 
Menschen zu fühlen. Sehen Sie doch seine Umge- 
bung an, keine Intelligenz, alle unter Mittelmäßigkeit, 
kein Herz und Gefühl.« — Im Verkehr zwischen den 
beiden Kaisern herrschte eine große Herzlichkeit, un- 
ser Kaiser erzählte uns nachher, der Zar sei ihm, wie 
sie alleine gewesen, wiederholt um den Hals gefallen 
und habe ihn umarmt und geküßt. — Unter allen rus- 
sischen Herren herrschte eine unglaubliche Energie- 
losigkeit in bezug auf den Krieg. Keiner kam über 
den Gedanken hinaus, daß man abwarten müsse, was 
die Japaner weiter unternehmen würden, keine Spur 
von Offensivgeist. Auf die Frage, ob die Russen, 
wenn die Armee nun, wie behauptet wurde, wieder 
ganz retabliert sei, nicht die Japaner angreifen und 
werfen würden, wurde erwidert, das sei nicht mög- 
lich, denn beide Heere hätten so feste Stellungen 
inne, daß der Teil, der angreifen werde, unfehlbar ab- 
geschlagen werden würde. Was denn nun werden 
solle, wenn die Japaner auch ihrerseits nicht angrif- 
fen? Dann würde der Krieg so lange dauern, bis Ja- 
pan erschöpft sei. — Über die innerpolitischen Ver- 
hältnisse waren die Meinungen im ganzen sehr opti- 
mistisch, Rußland habe schon wiederholt dergleichen 

328 



Krisen durchgemacht und habe sie immer glücklich 
überwunden, so zum Beispiel nach dem Krimkriege. 
Im Jahre 1858 seien die Verhältnisse genau so gewe- 
sen wie heute. Dies bestätigt in der Tat ein Brief Bis- 
marcks, den er damals als Gesandter von Petersburg 
aus an den Minister Schleinitz schrieb, und der in 
dem letzten Heft der »Preußischen Jahrbücher« mit- 
geteilt wird. Man könnte glauben, der Brief sei heute 
geschrieben. Bismarck ist schon damals der Ansicht, 
der Zusammenbruch Rußlands sei unvermeidlich, er 
hat sich geirrt. — Heute ist allerdings die Aufklärung 
mehr vorgeschritten und die internationale revolutio- 
näre Propaganda ist organisiert, die Bomben spielen 
ihre Rolle und breitere Schichten des Volkes sind 
von Freiheitsideen durchdrungen. Der Zar scheint 
dem Frieden zuzuneigen. Gebe Gott, daß er bald zu- 
stande kommt und wir wieder in ruhigere Zeiten kom- 
men, damit endlich die drohende Brandfackel eines 
allgemeinen europäischen Mordkrieges vom Horizont 
verschwinde. — Ich kann mir denken, wie die Zeitun- 
gen diese neueste kaiserliche Überraschung hin und 
her zerren werden. Stoff genug für mehrere Monate 
zu den ausschweifendsten Kombinationen! Auf den 
Gedanken des rein menschlichen Empfindens, den 
Wunsch, einem gedemütigten und vom Unglück er- 
drückten Monarchen einen Beweis der Teilnahme zu 
geben, ihm Mut zuzusprechen, vielleicht auch zum 
Frieden zuzureden, ihm vorzustellen, wie nötig es für 
Rußland sei, Recht und Gerechtigkeit dem Volk zu 
geben, wird wohl keiner der Zeitungsschreiber und 
Artikelschmiede kommen. 

Diesen Abend und den folgenden Tag werde ich 
nie vergessen. Das Ganze war zu eigenartig, fast mär- 
chenhaft. Die bedeutsame Begegnung, die umgewan- 
delte Stimmung der früher so hochmütigen Russen, 

329 



die graue Einsamkeit, die weltferne Bucht, ein Auf- 
flackern der Dankbarkeit bei dem Herrscher, der vor 
Jahr und Tag das stolze Wort sprach: »Man greift 
Rußland nicht an, es ist kein Staat, dem man den 
Krieg erklärt, es ist ein Kontinent« — und deT nun mit 
suchender Hand nach dem festen Stab Deutschlands 
greift, — das alles machte einen tief ergreifenden Ein- 
druck. — Und dann am Nachmittag des zweiten Ta- 
ges Abschied, Salut, Umarmung, Dank und abermals 
Dank, daß Du gekommen! — Die Schiffe dampfen 
langsam an, fahren eine Zeitlang nebeneinander her, 
die Kaiser stehen auf Deck, winken und grüßen, die 
Klänge der russischen Nationalhymne und das »Heil 
Dir im Siegeskranz« mischen sich, die Matrosen ru- 
fen ihre Hurras hinüber und herüber, dann dreht der 
»Polarstern« nach Norden, wir nach Westen, noch ein- 
mal werden Signale getauscht: Glückliche Reise! — 
dann verschwindet das mächtige, dunkle Zarenschiff 
allmählich unseren Augen und taucht in die graue, 
neblige Ferne, während wir dem offenen Meere zu- 
steuern. Die Entrevue ist vorüber und vor uns steht 
riesengroß und dunkel wie die Sphinx die Frage: 
Was wird die Folge dieser Stunden sein? 

Wie anders ist diese Reise, als die Fahrten in den 
norwegischen Fjorden. Wir suchen diesmal nicht die 
Stille der Gletscherwelt und der hellen Nächte. Wir 
fahren umher und drehen das Seil der Politik, dessen 
Ende sich im Finstern der Zukunft verliert und das 
unser Vaterland mit seinen sechzig Millionen Men- 
schen dem Unbekannten entgegenführen wird. Gebe 
Gott, daß es zu seinem Heil ist. 

Dan zig, 30. Juli 1905. 

Die Mißstimmung zwischen Deutschland und Eng- 
land verschärft sich leider in einer bedrohlichen 

330 



"Weise. Der von England annoncierte Besuch der Ka- 
nalflotte in der Ostsee ist nicht anders als eine De- 
monstration aufzufassen. Wie diese Angelegenheiten 
auslaufen und sich entwirren sollen, weiß ich nicht. 
Es wird von englischer Seite in der unglaublichsten 
Weise gehetzt, die scheußlichsten Lügen werden in 
die Welt gesetzt und Deutschland als der böse Geist 
der ganzen Welt dargestellt. Der erste Schuß, der zwi- 
schen England und Deutschland gewechselt wird, 
wird sicher das Signal zu einem allgemeinen europäi- 
schen Massaker werden, an dessen Greuel man nur 
mit Schauder denken kann. Und dabei liegt absolut 
kein eigentlicher Grund vor, kein vitales Interesse 
eines der beiden Staaten ist bedroht oder verletzt 
und wenn es zum Schlagen kommt, wird niemand 
wissen, weswegen es so weit gekommen ist. — Die 
Zukunft steht dunkel vor uns. Möge Deutschland die 
Kraft haben, auch schwere Zeiten zu ertragen. 

S.M.Jacht »Hohenzollern«, 3. August 1905. 

Wie Du weißt, begleitete ich den Kaiser nach Bern- 
storff. Der alte König war wie immer von einer rüh- 
renden Liebenswürdigkeit, er war frisch und munter, 
von unverminderter Elastizität und Rüstigkeit. Außer 
ihm waren anwesend der Kronprinz, der Dich sehr 
grüßen läßt, mit Frau und allen Kindern. Unter diesen 
interessierte der Prinz Karl am meisten wegen seiner 
Kandidatur auf Norwegen und seine Gemahlin Maud 
von England. Er ist ein sehr gut aussehender schlan- 
ker Mensch. — Dann Prinz Harald, den der Kaiser 
zu den Manövern eingeladen hat. — Der Prinz und 
Prinzessin Waldemar mit ihren fünf Kindern. Alle 
Herrschaften sind von ausgesuchter Liebenswürdig- 
keit. Ich glaube, man findet auf der Welt keinen zwei- 
ten Hof von gleicher natürlicher Menschlichkeit und 

33i 



Freundlichkeit, von einer so wohltuenden, vornehmen 
Atmosphäre. Kaiser und König waren gegenseitig 
sehr befriedigt voneinander. Gestern abend war ein 
Diner bei unserem Gesandten Schön. Der Kaiser war 
in strahlender Laune. Wir kamen erst gegen 12 Uhr 
an Bord zurück. Heute morgen 10 Uhr sind wir in 
See gegangen und fahren jetzt bei Sonnenschein und 
stillem Wetter durch den Sund nach Saßnitz. 

Saßnitz, 3. August 1905. 

Daß wir in ernsten politischen Zeiten leben, ist ge- 
wiß. Man braucht ja nicht gleich das Schlimmste zu 
befürchten, aber Zündstoff genug ist da, darin hast Du 
ganz recht. — Das Schlimmste für uns ist die Eifer- 
sucht Englands auf unseren aufstrebenden Handel 
und unsere industrielle Entwicklung. Wenn man die 
englischen Zeitungen einsieht, erschrickt man vor der 
systematischen und gehässigen Deutschenhetze, die 
durch die Blätter aller Parteien geht. Die Presse ist 
geradezu blutdürstig und möchte uns am liebsten mit 
Stumpf und Stiel ausrotten, um unbeschränkt die 
Welt beherrschen und ausbeuten zu können. Diese 
Zeitungsschreiber und Schreier richten viel Unheil 
an und spielen gewissenlos mit dem Feuer. Wenn's 
zum Schlagen kommt, brauchen sie ihre Haut frei- 
lich nicht zu Markte zu tragen, bleiben hübsch da- 
heim, tauchen die Feder in Gift und Galle und lassen 
die anderen sich totschlagen. 

Saßnitz, 5. August 1905. 

Ich werde wohl erst am 8. oder g. nach Berlin zu- 
rückkommen, da ich noch einen Tag nach Norder- 
ney muß, wo ich einen kaiserlichen Auftrag an Bü- 
low auszurichten habe. 

332 



Berlin, 9. August 1995. 

Heute bin ich im Generalstab gewesen, habe aber 
den Grafen Schlief fen nicht gesehen, der am heuti- 
gen Morgen beim Reiten im Tiergarten von dem 
Pferde eines Bereiters beim Vorbeireiten einen Schlag 
gegen das Schienbein erhalten hat, der den Stiefel 
durchschlagen und eine mehrere Zentimeter lange 
Wunde hinterlassen hat. Es ist ein Glück, daß der 
Knochen nicht zerschlagen ist, so daß die Sache 
wohl in nicht allzulanger Zeit überstanden sein wird. 
Der alte Herr mußte die Treppe hinaufgetragen wer- 
den, da er nicht mehr gehen konnte. 

Berlin, 10. August 1905. 

Die politische Situation scheint sich in letzter Zeit 
etwas geklärt zu haben. Der Versuch, eine Zusam- 
menkunft zwischen König Eduard und dem Kaiser 
herbeizuführen, ist von englischer Seite ausgegan- 
gen. Nachdem der unzweifelhaft gehegte Plan, Frank- 
reich in einen Konflikt mit Deutschland zu bringen, 
an der Unlust der Franzosen zum Kriege gescheitert 
ist, werden nun in England die Friedensschalmeien 
geblasen. Die guten Engländer hätten gar zu gerne 
als Tertius gaudens im Trüben gefischt. Während 
Deutschland und Frankreich sich die Köpfe einge- 
schlagen, hätten sie in aller Gemütsruhe unseren ge- 
fährlichen Handel ruiniert, vielleicht unsere kleine 
Flotte vernichtet und unsere afrikanischen Kolonien 
eingesteckt, um ihren Plan eines neuen südafrikani- 
schen Weltreichs unter britischer Flagge zu verwirk- 
lichen. Die Sache war nicht übel ausgedacht und 
der gefällige Gefolgsmann Englands, M. Delcasse, 
war im besten Zuge sie zu verwirklichen, bis die 
Franzosen infolge des deutschen Einspruchs in der 

333 



Marokko -Angelegenheit mit einemmal erkannten, 
daß sie benutzt werden sollten, den Engländern die 
Kastanien aus dem Feuer zu holen, und daß sie, 
wenn die Sache schief ging, alleine die Zeche zu 
bezahlen haben würden. Mit dem Sturz Delcasses 
fingen die schönen Pläne an zu zerfließen, denn 
die Franzosen wollen keinen Krieg, in dem sie es 
alleine mit Deutschland zu tun haben. Die russi- 
sche Hilfe, auf die sie seit Jahren gerechnet haben, 
versagt wegen der russischen Schwäche. So ist Eng- 
land auf sich alleine angewiesen und findet nun auf 
einmal, daß eigentlich gar kein Grund vorliegt, sich 
mit dem deutschen Vetter zu zanken! So liegen die 
Sachen, und es ist das unbestreitbare Verdienst Bü- 
lows, das Gewebe, das sich um Deutschland spann, 
erkannt und mit kräftigem Griff zerrissen zu haben. 
Die Marokko-Sache, die bei uns vielleicht kaum be- 
griffen wurde, war die Staroperation für Frankreich. 
Das deutsche Volk ahnt aber gar nicht, wie nahe das 
Verhängnis über seinem Haupte schwebte. 

Berlin, u. August 1905. 

Dem alten Schlieffen geht es verhältnismäßig gut. 
Er muß aber noch längere Zeit liegen, da der Bein- 
knochen leicht angeknaxt ist. Zum Glück war das 
Pferd, das ihn schlug, hinten nicht beschlagen, sonst 
wäre fraglos der Knochen zersplittert worden. Das 
Manöver wird er wohl nicht mitmachen können. — 
Ich habe für die Kavallerie-Aufklärungsübung in 
Preußen ein Automobil gestellt bekommen. Für die 
Manöver haben wir einige vierzig Maschinen zur 
Verfügung, die auf die Korps und Divisionen verteilt 
werden, so daß wir mit ganz modernen Hilfsmitteln 
arbeiten können. 

334 



Berlin, 12. August 1905. 

Anliegendes Telegramm* bekam ich heute vom 
Kaiser. Du kannst aus demselben sehen, daß ich 
wieder einmal etwas habe in die Reihe bringen müs- 
sen, es ist aber nett von ihm, daß er mir Mitteilung 
macht. 

Berlin, 21. August 1905. 

Graf Schlieffen ist nun auf die Chaiselongue 
übergesiedelt, wie mir der Adjutant sagt. Er läßt 
niemanden vor, so daß auch ich ihn noch nicht ge- 
sehen habe. 

Onkel Helmuths Bildsäule ist nun aufgestellt. Er 
steht da in ein großes Laken gehüllt wie in ein Sterbe- 
laken. An der äußeren Umgebung werden anschei- 
nend allerlei Allotria gemacht, ohne die unsere mo- 
derne Bildnerei nun einmal nicht mehr schaffen kann. 
Die Figur selbst ist einfach und ohne Brimborium, 
ohne Genius der Kriegskunst und sonstige Götter ge- 
halten. Das ist wenigstens etwas. 

Mit den Friedensverhandlungen in Portsmouth 
sieht es schlecht aus. Die Russen wollen nicht zah- 
len, weil sie nicht können, und Japan will absolut 
Münze haben, da es selber fast bankerott ist. Ich glaube 
fast, es geht noch einmal wieder los, die Russen ver- 
stärken ihr Heer in der Mandschurei dauernd und 
schicken jetzt wieder drei neue Korps hinaus, womit 
sie ihre Armee auf fünfhunderttausend Mann brin- 
gen. — Das Manifest des Zaren ist für die Konservati- 
ven zu viel, für die Freiheitshoffer zu wenig. Immer- 
hin ein Anfang. Es ist nicht unmöglich, daß sich die 
einzuberufende Duma in derselben Weise mausert, 
wie dazumal die Nationalversammlung in Paris. Eine 

• Der Kaiser dankt Moltke für seine Bemühungen. (Der Herausgeber.) 

335 



feste Hand wird jedenfalls dazu gehören, diesen rie- 
sigen Staatskörper zu leiten, wenn er in abschüssige 
Bahnen gerät. Nicki wird sie wohl nicht haben! — 
Der freundnachbarliche Besuch der englischen Flotte 
in der Ostsee steht uns bevor. Hoffentlich behalten 
wir kaltes Blut von oben bis unten, zwar ist meine 
Hoffnung darauf minimal. Ein Regierungskommu- 
niqu6, das den Deutschen Verhaltungsmaßregeln vor- 
schreibt und ihnen wohlanständiges Benehmen an- 
empfiehlt, ist gut gemeint, wird aber an der politi- 
schen und Bildungsunreife unseres Volkes spurlos 
vorübergehen. Unsere leider so ganz ungebildete 
Presse wird wohl Orgien feiern. 

Berlin, 22. August 1905. 

Ich mache die Übungen J. P. Müllers gewissenshaft 
jeden Morgen, und sie bekommen mir ausgezeichnet. 
Dieser Müller würde ein Segen für die Menschheit 
sein und zahllosen Ärzten das Handwerk legen, wenn 
er allgemein befolgt würde. Aber dazu sind die mei- 
sten Menschen wieder zu bequem, sie lassen es gehen, 
solange es geht, und wenn der vernachlässigte Kör- 
per sich rächt und krank wird, dann müssen Medizin 
und Bäder heran, um die Symptome zu bekämpfen, 
während das Grundübel unbeachtet bleibt. — 

Die japanisch-russischen Friedensverhandlungen 
scheinen sich endgültig zu zerschlagen, und bald wird 
das Gemetzel in der Mandschurei wohl wieder an- 
fangen. — In der allgemeinen politischen Stimmung 
hat sich bei uns und um uns nichts geändert. Alle 
anderen Nationen sind ziemlich einstimmig darin, auf 
Deutschland zu schimpfen und die ausgestunkensten 
Lügen über uns in die Welt zu setzen. Ich glaube, 
nichts würde eine so allgemeine Weltfreude zu er- 
regen imstande sein, als wenn Deutschland gehörig 

336 



verhauen würde. Alles behauptet, daß wir der Stören- 
fried seien, und niemand sieht ein, daß Deutschland 
nichts weiter will, als in Ruhe gelassen werden. 

Berlin, 25. August 1905. 

Ich gehe schon am 6. September, morgens, nach 
Homburg, wo der Kaiser am 7. früh eintrifft. Am 8. ist 
dort die Parade des XVIII. Korps. Am 10. bin ich in Ko- 
blenz, wo die Parade des VIII. Korps am 11. ist. Am 
13., 14. und 15. sind die Manöver. Wahrscheinlich wird 
sich die zweite Generalstabsreise unmittelbar an das 
beendete Manöver anschließen. Das hängt davon ab, 
ob Graf Schlieffen bis dahin wieder felddienstfähig 
ist, was ich glauben möchte, da er schon wieder auf 
ist und im Stuhl sitzt. Gesehen habe ich ihn noch 
nicht, er läßt außer seinen Adjutanten niemanden vor. 
— Am nächsten Sonntag ist hier große Fahnennage- 
lung im Zeughaus. Wir meinen noch immer, daß wir 
in einem Kampf auf Leben und Tod den Sieg mit 
einem Lappen gestickten Tuches erringen werden! 
Wir sind in einer schrecklich friedensmäßigen An- 
schauung befangen, es graut mich, wenn ich all die- 
sen Unfug mit ansehe, über dem die Hauptsache, sich 
ernsthaft und mit bitterlicher Energie auf den Krieg 
vorzubereiten, völlig vergessen wird. — Da werden 
den Leuten bunte Schnüre als Schützenabzeichen an- 
gehängt, die sie nur in der Handhabung des Gewehrs 
hindern, durch alle möglichen äußeren Auszeichnun- 
gen wird der Ehrgeiz angeregt, statt das Pflichtgefühl 
zu entwickeln, die Uniformen werden immer glän- 
zender, statt feldmäßig unscheinbar gestaltet zu wer- 
den, die Übungen werden zu parademäßigen Theater- 
stücken, dekorativ ist die Losung des Tages, und hin- 
ter all diesem Firlefanz grinst das Gorgonenhaupt 

Moltke. 22. 337 



des Krieges hervor, der über uns hängt wie eine Wet- 
terwolke. Und keine Einsicht und keine Umkehr auf 
diesem Wege, es wird nur immer schlimmer. — 

Ich traf heute ... im Tiergarten, der schrecklich 
nervös herunter und fast fertig ist. Er klagte, daß es 
kaum mehr zum Aushalten sei. Ja, er hat viele Lei- 
densgefährten. Wieviel guter Wille ist da bei so vielen, 
und wie schwer wird es jedem gemacht, der gerne 
sein bestes Können einsetzen möchte und der nie 
mit Freuden Ja sagen kann. Wir alle leben unter ei- 
nem dumpfen Druck, der die Schaffensfreude ertötet, 
und kaum jemals kann man etwas beginnen, ohne die 
innere Stimme zu hören: Wozu, es ist ja doch ver- 
gebens. — Nun aber genug mit diesem Jeremiasbrief . 
Das sind Wolken, die vergehen, und die Sonne steht 
doch am Himmel, und sie ist der Glaube an die Zu- 
kunft unseres Volkes und Vaterlandes. — 

Was Du über die Notwendigkeit eines gesunden 
Seelenlebens sagst, ist gewiß richtig. Leider sind wir 
äußerst weit von einem solchen entfernt. Der Lateiner 
hat das Sprichwort: »Mens sana in corpore sano«, 
das heißt: »Ein gesunder Geist in einem gesunden 
Körper«. Wo beides zusammentrifft, ist das höchste 
erreicht. Ich finde, wir sollen nur immer mit dem 
Körper anfangen, und es scheint mir, daß Müller ein 
guter Wegweiser dazu ist. 

Berlin, 31. August 1905. 

Graf Schlief fen kann noch immer nicht wieder 
gehen. Er wird das Manöver nicht mitmachen. Es ist 
ja gut, daß ich es in diesem Jahr angelegt habe. Ge- 
sehen habe ich ihn noch immer nicht. Die Abtei- 
lungschefs kommen nun mit allen Vorträgen und 
Unterschriftsachen zu mir, so daß ich dauernd in 
Anspruch genommen bin. 

338 



Berlin, i. September 1905. 

Ich bin heute zum ersten Male bei Schlieffen ge- 
wesen. Er lag auf dem Sofa und sah miserabel aus. 
Die Sache ist doch nicht unbedenklich, er hat gestern 
einen neuen Gipsverband bekommen, der vom Ober- 
schenkel an das ganze Bein heruntergeht. Er klagte 
über die Qual eines so festgenagelten Beines. — Seine 
Stimmung war ziemlich deprimiert, er sprach mit 
mir über seinen Abschied, wollte gleich gehen, ich 
habe versucht, ihm Mut zuzureden, und wie ich ihn 
verließ, schien er mir etwas getröstet. Ich war fast 
zwei Stunden bei ihm, und zuletzt waren wir beide 
sehr nett gegeneinander. Der alte Herr tut mir doch 
leid, er hängt mit allen Fasern seines Denkens an 
seiner Stellung, und da muß es allerdings nicht leicht 
sein, sie aufzugeben. Übrigens sagte er mir, er hätte 
sowieso nicht mehr lange bleiben können, denn seine 
Augen und Ohren würden zu schlecht. 

Berlin, 3. September 1905. 

Du fragst, ob der Friede halten wird? Das ist schwer 
zu beantworten. Alle Vorbedingungen für einen neuen 
Ausbruch der Feindseligkeiten sind gegeben, aber ei- 
nige Jahre lang wird es wohl dauern. — Die Teilung 
der Insel Sachalin ist recht bedenklich, ebenso die 
Teilung der Mandschurischen Bahn, von der von nun 
ab jeder Staat seinen Teil bewachen soll. Streitpunkte 
wird es viele geben. Zum Wiederausbruch der Feind- 
seligkeiten wird auch die Stimmung in Japan drän- 
gen. Das Land ist mit den milden Bedingungen des 
Friedens nicht zufrieden, es soll eine sehr tiefgehende 
Mißstimmung herrschen. Daß Japan in allen Forde- 
rungen nachgegeben hat, ist ein Beweis dafür, daß 
es mit seinen Leistungen dicht am Schluß angekom- 

339 



men war, es konnte eben nicht weiter kriegen, wohl 
hauptsächlich aus Mangel an Geld, und ich glaube, 
ein taktischer Erfolg der Russen im Felde hätte ge- 
nügt, um die ganze Situation umzuwerfen. Daß die 
Russen sich zu einer energischen Anstrengung nicht 
aufraffen konnten, war ein Glück für Japan. Die hoch- 
mütige Eingebildetheit der Russen, die jetzt bereits 
erklären, sie hätten zwar etwas Unglück gehabt, aber 
geschlagen wären sie nicht, hat sich bei den Frie- 
densverhandlungen in schönstem Licht gezeigt, hat 
aber diesmal einen guten Erfolg gehabt, sie scheint 
ein Bluff für die Japaner gewesen zu sein. — Welche 
weiteren Folgen der Friedensschluß in der großen 
internationalen Politik haben wird, ist wohl kaum 
schon jetzt zu übersehen. England scheint mir den 
größten Nutzen aus der Sache zu ziehen. Wie ge- 
wöhnlich, wenn sich zwei Völker die Köpfe ein- 
schlagen, hat es still im Hintergrund gestanden, 
um seinen Vorteil abzupassen. Nach dem neuen 
Bündnisvertrag mit Japan hat England sich die Bei- 
hilfe der Japaner für den Fall gesichert, daß es in In- 
dien angegriffen werden sollte. Damit hat es eine er- 
hebliche Sicherung für diese seine Achillesferse er- 
reicht und würde mit vielem Vergnügen sehen, wie 
die Japaner sich für es totschießen lassen, während 
England nur einige Schiffe und einiges Geld zu der 
Sache beizusteuern brauchte. Die Gegenleistung soll 
angeblich in einer englischen Hilfe bestehen, wenn 
die Errungenschaften Japans aus dem russischen 
Kriege bedroht werden sollten. Daß Rußland das ein- 
zige Land ist, das dies unternehmen könnte, daß es 
aber auf lange Jahre hinaus dazu nicht in der Lage 
sein wird, wissen die Engländer nur zu gut. — Es 
wird also gute Weile haben, bis ihr Teil des gemein- 
sam ausgestellten Wechsels eingeklagt werden wird. 

340 



— Im übrigen kann man sich ja nur darüber freuen, 
daß der Krieg zu Ende ist. — Ich glaube aber, daß 
die inneren Schwierigkeiten in Rußland jetzt noch 
viel größer und sich nun erst entfalten werden. Der 
Krieg, den das Zarentum gegen den Freiheitsdrang 
seiner Untertanen, zunächst gegen die Vorläufer 
durchgreifender Reformen, die Räuber- und Mörder- 
banden der Umsturzparteien zu führen haben wird, 
wird viel erbitterter werden als der Krieg gegen die 
Gelben. 

KABINETTSORDER. 

Am Schluß der von Mir abgehaltenen Manöver, deren Leitung 
Ich Ihnen in vollem Vertrauen zu Ihren Fähigkeiten zum ersten 
Male übertragen habe, nehme ich gerne Veranlassung, Ihnen 
Meine lebhafte Anerkennung für die kriegsgemäße Anlage und 
den belehrenden Verlauf der Übungen auszusprechen. Ich wün- 
sche Ihnen Meinen Dank hierfür und Meine gnädige Wohlge- 
neigtheit dadurch zu betätigen, daß Ich Ihnen den Roten-Adler- 
Orden i. Klasse mit Eichenlaub und der Königlichen Krone ver- 
leihe, dessen Insignien Ich Ihnen hiermit zugehen lasse. 

Koblenz, den 15. September 1905. 

Wilhelm R. 

An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, 
Generalquartiermeister. 

Berlin, 16. September 1905. 

Ich habe mit den Manövern viel Glück gehabt. Sie 
werden wohl entscheidend auf mein ferneres Ge- 
schick einwirken. Der Kaiser hat alles getan, was ich 
in der Sache verlangen zu müssen glaubte; er hat 
nicht selber geführt, obgleich es ihm bitterlich schwer 
geworden ist, er hat nicht gewaltsam in den Gang 
der Gefechte eingegriffen, und es ist jede Unnatür- 
lichkeit damit vermieden worden. Ich habe manchen 
Strauß mit ihm durchgefochten, aber immer habe ich 

34i 



in ihm den gleich gütigen Herrn gefunden, und 
niemals hat er mir es nachgetragen, wenn ich ihm 
freimütig entgegentrat. Ich würde nach diesen Er- 
fahrungen beruhigter der Zukunft entgegensehen, 
wenn ich nicht genau wüßte, daß die Hauptschwie- 
rigkeiten für mich erst beginnen werden, wenn ich 
definitiv die Stellung übernommen habe, die der Kai- 
ser mir zugedacht hat. Bisher war ich ihm ein un- 
sicherer Kantonist, der immer auf dem Sprung stand, 
ihm auszubrechen, mit dem Amt aber wird mir 
die Kette angelegt, an der meine Überzeugungen 
sich wundscheuern und -zerren werden, und es ist 
schwer, eine Fessel zu brechen, die man sich frei- 
willig hat anlegen lassen. — Der Kaiser hat mir ei- 
nen sehr hohen Orden verliehen, der mir ziemlich 
gleichgültig sein würde, aber er hat, entgegen allem 
Gebrauch, die Verleihung mit einer Kabinettsorder 
verbunden. 

Wie das Manöver schloß, rief mich der Kaiser her- 
an, gab mir die Hand und sagte mir: »Es ist mir ein 
Bedürfnis, Ihnen zu danken. Es ist das keine Redens- 
art, es ist aufrichtig gemeint. Ich habe noch nie so 
interessante und so wirklich kriegsmäßige Manöver 
gehabt wie diesmal. Ich hätte gerne in meiner Be- 
sprechung Ihnen diesen Dank zum Ausdruck ge- 
bracht, aber ich fürchtete, es würde Ihnen nicht an- 
genehm sein.« 

Ich sagte dann dem Kaiser: »Ich danke Ew. Maje- 
stät, daß Sie meiner keine Erwähnung getan haben, 
denn es liegt nichts an der Persönlichkeit. Wenn aber 
Ew. Majestät sagen, daß die Manöver kriegsmäßig 
verlaufen sind, so ist dies nur dadurch ermöglicht 
worden, daß Ew. Majestät mir volle Freiheit gelas- 
sen, daß Sie mich in allen meinen Ansichten unter- 

342 



stützt und daß Ew. Majestät sich jeden Eingriffs in 
den Gang derselben enthalten haben.« 

Schweden, Tulesbo, 28. September 1905. 

Gestern war der Pastor loci hier, um M. zu besu- 
chen, ein sehr angenehmer Mann, durchaus liberal, 
gescheit und belesen. Wir hatten ein langes reli- 
giöses Gespräch zusammen an M.s Bett, und ich 
freute mich über die Ansichten, die er entwickelte. 
Er würde mit diesen bei uns wahrscheinlich längst 
vor das Konsistorium gefordert worden sein. Er ist 
der Ansicht, daß die Entwicklung der Menschenseele 
nach dem Tode weitergeht, daß ein Zwischenreich 
existiert; er meinte, daß die Seele nach dem Tode 
durch Sympathie in Kreise gezogen werde, die ihr 
gleichgestimmt seien, daß höhere Geister sich der 
Seelen der Verstorbenen annehmen, sie belehren und 
sie allmählich von Sphäre zu Sphäre heben. Was 
würde Pastor H. zu diesem Amtsbruder sagen! — Er 
hat viel gelesen, auch die Schriften der deutschen 
Theologen, kannte alle die Alten, Origines usw., die 
buddhistische Lehre, war sehr beschlagen in allen 
verschiedenen Religionssystemen und hatte einen 
klaren Blick für alle. Ich war äußerst erstaunt, einen 
solchen Mann hier in der Einsamkeit einer kleinen 
Landpastorenstelle zu finden. 

KABINETTSORDER. 

Es gereicht Mir zur aufrichtigen Freude, Sie hierdurch, unter 
Belassung in dem Verhältnis als Mein Generaladjutant, zum Chef 
des Generalstabes der Armee zu ernennen. Ich übertrage Ihnen 
diese für die Armee so hochwichtige Stellung, da Ich zu Ihrer 
Mir wohlbekannten Einsicht, zu Ihren militärischen Eigenschaf- 
ten und Kenntnissen, wie zu der Energie und Zuverlässigkeit 
Ihres Charakters, das unbedingte Vertrauen habe, daß es Ihnen 

343 



gelingen wird, die vielfachen und schwierigen Aufgaben des 
Generalstabes, insonderheit diejenigen, welche Ihnen als Chef 
des Generalstabes zufallen, in einer für die Wohlfahrt der Armee, 
wie des Vaterlandes ersprießlichen Weise zu lösen. 

Berlin, den i. Januar 1906. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, 
Generalquartiermeister. 

KABINETTSORDER. 

Ich nehme gern Veranlassung, Ihnen heute bei Beendigung 
der diesjährigen großen Herbstübungen, die in Anlage und Ver- 
lauf voll Meinen Erwartungen entsprochen haben, einen erneu- 
ten Beweis Meiner Zufriedenheit und Meiner gnädigen Wert- 
schätzung zu geben und Ihnen den beifolgenden Stern der Kom- 
ture des Königlichen Haus-Ordens von Hohenzollern zu ver- 
leihen. 

Liegnitz, den 13. September 1906. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, 
Chef des Generalstabes der Armee. 

KABINETTSORDER. 

Ich habe Sie heute zum General der Infanterie befördert und 
gereicht es Mir zum besonderen Vergnügen, Ihnen dies hier- 
durch bekanntzumachen. 

Bonn, den 16. Oktober 1906. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, Generalleutnant v. Moltke, 
Chef des Generalstabes der Armee. 

Generalstab Berlin, ig. Mai 1907. 

Du hast ja Verständnis dafür, daß die Dinge dieser 
Welt, für die ich in meiner Stellung so schwer ver- 
antwortlich bin und möglicherweise noch einmal in 
allerernstester Weise werde aufkommen müssen, mir 
zurzeit noch näher liegen als Dein Streben. — Ich 
habe immer das Bewußtsein, daß ich mein Leben 

344 



nicht so einrichten darf, wie ich es vielleicht tun 
würde, wenn ich nur für mich lebte, ich muß mein 
eigenes Interesse hierin zurückstellen und so leben 
und arbeiten, wie es meine Stellung erfordert. — Da 
ich nun einmal auf diesen Posten gestellt bin, muß 
ich seine Forderungen über alles stellen, das weißt 
Du ja auch. 

Generalstab Berlin, 24. Mai 1907. 

Der Kaiser hat mich am 20. Mai gelegentlich des 
Schrippenfestes ä la suite des Alexander-Regiments 
gestellt, was mir eine große Freude gewesen ist, da 
ich nun wieder dem Regiment angehöre und seine 
Uniform tragen kann. Bei der Parade am i.Juli werde 
ich das Regiment vorbeiführen können. 

Freiburg i. B., 17. Juni 1907. 

Meine Stute ist in Müllheim stehen geblieben, der 
Tierarzt ist der Ansicht, daß sie vor acht bis vier- 
zehn Tagen nicht transportfähig sein wird. Der große 
Fuchs ist heute mit den Handpferden hierhermar- 
schiert. Wie er ankam, war er stocklahm, wurde un- 
tersucht, und es fand sich, daß er sich einen finger- 
langen Nagel in den Huf getreten hatte. Zwei Tier- 
ärzte habe ich also in Tätigkeit und zwei kaputte 
Pferde. Es ist mein altes Pferdepech, das ich trotz 
bestem Willen nicht ableugnen kann, wenn Du mich 
auch als Pessimisten bezeichnest. 

Generalstab Berlin, i.Juli 1907. 

Diese Nordlandsreise liegt mir etwas auf dem Ma- 
gen, ich werde mich nicht so leicht mehr in den mir 
schon ungewohnt gewordenen Lokalton derselben 
hineinfinden, außerdem habe ich ein schlechtes Ge- 
wissen, wenn ich an die kostbare Zeit denke, die ich 

345 



zu vertrödeln gezwungen sein werde. Indessen auch 
dies ist ja Dienst fürs Vaterland. 

Norwegen, Bergen, 7. Juli 1907. 

Der Kaiser ist sehr munter und sehr liebenswürdig. 
Die politischen Aussichten scheinen auch besser zu 
sein als das Wetter. Die sehr freundschaftlich ge- 
haltene Einladung Onkel Eduards bedeutet fraglos 
einen Wendepunkt in der englischen Richtung ge- 
gen uns. Was diesen Wandel veranlaßt hat, ist mir 
noch nicht ganz klar, ob es die Verhältnisse in Frank- 
reich sind, ob diejenigen in Indien oder ein Wider- 
stand der Regierung in London, weiß ich nicht. Ir- 
gendein gewichtiger Grund muß aber vorliegen, je- 
denfalls ist diese Einladung ein Symptom. Ich glaube 
daher, daß die nächsten Wochen ruhig verlaufen 
werden. — 

Es ist Sonntag heute, und wir haben den Gottes- 
dienst mit der obligaten Verfluchung aus dem Alten 
Testament eingeleitet und dann zum Trost eine Pre- 
digt über den Glauben gehört unter Zugrundelegung 
des Wortes: »Wer da glaubt, wird selig, wer aber 
nicht glaubet, wird verdammt werden.« — Der Verfas- 
ser der Predigt wies nach, wie man sich selber den 
Glauben nicht geben könne, also im Grunde die aus- 
gesprochenste Prädestinationslehre, daß nämlich Gott 
nur gewissen Menschen den Glauben und damit die 
Seligkeit gibt, während die andern, mögen sie sich 
quälen soviel sie wollen, verloren bleiben, eine der 
barbarischsten und trostlosesten Lehren, die es gibt. 
Ich habe mal wieder einen wahren Horror vor dieser 
Art Religion bekommen, und möchte nur wissen, was 
die armen Matrosen sich bei der Auseinandersetzung 
gedacht haben — wenn sie überhaupt etwas gedacht 
haben! — 

346 



Ich muß mich allmählich erst wieder in dies Leben 
hineinfinden, dessen ich mich schon so ziemlich ent- 
wöhnt hatte, es ist aber doch ganz gut, daß ich die 
Reise mitmache, aus mancherlei Gründen, als Ver- 
gnügungssache fasse ich sie ja auch nicht auf, es ist 
eben Dienst wie jeder andere, und dem Kaiser ist es, 
glaube ich, auch lieb, daß ich mit bin, da er sich mir 
gegenüber sehr offen ausspricht, was ihm ein Be- 
dürfnis ist. 

Norwegen, Bergen, 9. Juli 1907. 

Morgens waren wir mit dem Kaiser an Land und 
machten den programmäßigen Besuch bei der Witwe 
des alten Schiffskapitäns, die in einem kleinen Häus- 
chen auf dem äußersten Klint vorm Hafen wohnt, 
und die wir nun seit zehn Jahren immer besuchen. 
Der alte Mann ist vor drei Jahren gestorben. Seine 
Witwe lebt mit ihrer Schwester und zwei bereits ält- 
lichen Töchtern dort oben. Ihr Bruder ist Schirm- 
fabrikant in Bergen, die eine Tochter Ladenmamsell. 
Der Kaiser sitzt alle Jahre auf demselben Stuhl, ich 
auf demselben Puff und alle Jahre wird dieselbe 
Konversation gemacht. Es gibt ein Glas selbstgemach- 
ten Johannisbeerwein und selbstgebackenen Kuchen, 
die alten Damen reden wie Wasserfälle und ich muß 
den Dolmetsch machen. 

Norwegen, Victoriahavn, 17. Juli 1907. 

Ich weiß nicht mehr, ob ich Dir schon schrieb, daß 
ich am 1. August mittags in Swinemünde entlassen 
werde, also am 1. abends in Berlin zurück sein 
werde. 

Ich sehne diesen Tag herbei. Unter diesen klima- 
tischen Verhältnissen ist die Reise einfach eine Pö- 
nitenz, auch gewöhne ich mich nicht mehr in den 

347 



auf den Kalauer gestimmten Grundton unseres Krei- 
ses und vermisse meine ernste Arbeit. So friere ich 
innerlich und äußerlich. Ich vertrage die Sache aber 
von dem Standpunkt der Pflichterfüllung, und meine 
Gesundheit hat nicht gelitten. Gottlob, daß ich kein 
Karlsbad oder dergleichen gebrauche. 

Generalstab Berlin, 4.August 1907. 

Wie ich eben das Datum schrieb, fiel mir ein, daß 
eine gewisse Ähnlichkeit mit dem heutigen 4. Au- 
gust 07 und demselben Tag vor siebenunddreißig 
Jahren, 4. August 70, ist, nur die beiden letzten Zif- 
fern sind umgestellt. Am 4. August 1870 hatte ich 
mein erstes Gefecht, bei Weißenburg. Wie lange das 
her ist und wie deutlich doch alles vor mir steht. — 

Die Entrevue zwischen dem Kaiser und Zaren 
scheint programmäßig zu verlaufen. Natürlich knüp- 
fen sich an sie die abenteuerlichsten Kombinationen 
in der Presse. Sie ist meiner Meinung nach von kei- 
ner erheblichen politischen Bedeutung. Die Interes- 
sen der Länder werden nicht durch die Zusammen- 
künfte von Monarchen bestimmt, sie gehen ihren ei- 
genen Gang und führen konsequent und unerbittlich 
zu Kollisionen oder zu Verständigungen. — Zurzeit 
sieht die Weltlage, soviel ich es beurteilen kann, 
nicht bedrohlich aus. Unser westlicher Nachbar hat 
zuviel im eigenen Hause zu tun, um aggressive Poli- 
tik zu machen, und England scheint sich allmählich 
in seinen weit gespannten Koalitionen selber zu ver- 
stricken. — Solange wir ruhig und stark bleiben, brau- 
chen wir nichts zu fürchten, beides ist allerdings nö- 
tig, besonders das letztere. Ein schwaches Deutsch- 
land wäre die größte Gefahr für den europäischen 
Frieden. 

348 



KABINETTSORDER. 

Ich verleihe Ihnen in dankbarer Anerkennung Ihrer unaus- 
gesetzten und erfolgreichen Bemühungen um die kriegsgemäße 
und lehrreiche Anlage und Leitung der in diesem Jahre von Mir 
abgehaltenen großen Manöver das Großkreuz des Roten- Adler- 
Ordens mit Eichenlaub und der Königlichen Krone, dessen In- 
signien Ihnen beifolgend zugehen. 

Wilhelmshöhe, den u. September 1907. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, General der Infanterie v. Moltke, 
Chef des Generalstabes der Armee. 

Norwegen, Odde , 14. Juli 1908. 
Daß Du die Freude haben wirst, in Bayreuth Dich 
in die reine Atmosphäre der Kunst zurückzuziehen, 
gönne ich Dir von ganzem Herzen. Es gibt so we- 
niges, an dem Du wirklich Freude hast. Die Stim- 
mung an Bord ist eine gute, nicht so blödsinnig al- 
bern wie sonst wohl. Der Ernst der Weltlage macht 
sich auch in unserer Gesellschaft unbewußt geltend. 
Auch die Allerhöchste Stimmung gefällt mir recht 
wohl. 

Norwegen, Bergen, 18. Juli 1908. 

Wenn ich nicht auf allen Deinen Wegen mitgehe, 
so liegt es daran, daß ich eben einen sehr realen Be- 
ruf habe und mit beiden Beinen auf dieser Erde stehen 
muß, solange ich ihm gerecht werden will. Das weißt 
Du ja auch und hast Verständnis dafür. 

Generalstab Berlin, 12. September 1908. 
Die Manöver sind gut verlaufen, wir haben vier 
Tage lang gutes Wetter gehabt, was bei dem schwe- 
ren lothringischen Boden, der bei Nässe unergründ- 
lich wird, fast eine Notwendigkeit ist, um dort zu ma- 
növrieren. Alles ist nach Wunsch gegangen, und die 
Manöver haben, glaube ich, allgemein befriedigt. Der 

349 



Kaiser war guter Laune und enthielt sich jeden Ein- 
greifens. Der Erzherzog Franz Ferdinand, der nach 
dem Tode des alten Kaisers den österreichischen 
Thron besteigen wird, hat mir sehr gut gefallen. Er 
hat wiederholt und lange mit mir gesprochen, ist ein 
kluger und scharfblickender Herr, der augenschein- 
lich weiß, was er will. — Die lothringische Bevölke- 
rung war sehr enthusiasmiert, wo sie den Kaiser zu 
sehen bekam. — Die Truppen waren hervorragend 
gut. Die Gefechtsausbildung tadellos, alles ordentlich 
und von großer Ruhe. Dabei gutes Ertragen der zum 
Teil enormen Marschleistungen. Die militärischen 
Eisenbahntransporte verliefen ohne Störung, die Ei- 
senbahnabteilung des Generalstabes bewährte sich 
vorzüglich. In seiner Schlußbesprechung erteilte der 
Kaiser beiden Korps das größte Lob. — Nun weißt 
Du wohl genug von den Manövern. 

Moltkes Bitte um Enthebung von der Stellung als 
Chef des Generalstabes.* 

Berlin, 25. Februar 1909. 

Am 25. hatte ich Vortrag bei Sr. Majestät im Neuen 
Palais. Ich bat Se. Majestät um eine Aussprache un- 

• Ende Februar 1909 richtete der Kaiser ein Schreiben an Moltke, in dem er sich 
mit Nachdruck dagegen wandte, daß jüngere, zum Generalstab kommandierte Offi- 
ziere ein Thema aus dem Zweifrontenkrieg als Schlußprüfungsaufgabe zu bearbeiten 
hätten. Der Kaiser befürchtete, daß durch eine solche Aufgabenstellung wichtigste 
militärische Geheimnisse preisgegeben würden. Zudem seien Aufgaben dieses Um- 
fanges nur für Armeeführer und Generalstabschefs zur Durcharbeitung geeignet, keines- 
falls für jüngere Offiziere. Der Brief des Kaisers schließt mit dem Ersuchen, in Zu- 
kunft möge weiter aus dem bewährten Rahmen eines begrenzten Themas, das den 
Herren näher läge und keine Rückschlüsse auf Absichten im Ernstfalle zulasse, eine 
Auswahl für die Arbeiten getroffen werden. 

Für Moltke war diese Angelegenheit eine Prinzipienfrage. Moltke hatte das in Frage 
stehende Thema deshalb gewählt, um gerade auch den Nachwuchs des Generalstabes 
frühzeitig mit solchen Gedankengängen vertraut zu machen, von denen Moltke an- 
nehmen mußte, daß sie im Falle eines Krieges an zahlreiche Generalstabsoffiziere heran- 
treten würden. Er hielt es für notwendig, daß auch diese jüngeren Generalstabsoffi- 
ziere über den Rahmen eines begrenzten Themas hinaus Gelegenheit bekämen, sich über 
solche Lagen ein Urteil zu bilden, die im Ernstfalle mutmaßlich eintreten würden. 

Dieser prinzipielle Standpunkt war es, der Moltke dazu bewog, auf das Schreiben 
des Kaisers hin die Enthebung aus seiner Stellung zu erbitten. (Der Herausgeber.) 

350 



ter vier Augen, die Se. Majestät mir sofort gewährten. 
Ich sagte Sr. Majestät, daß in dem Allerhöchsten 
Schreiben ein Vorwurf für mich enthalten sei, wie er 
schwerer nicht erhoben werden könnte, der Vorwurf 
der Indiskretion und Preisgabe von geheimen Din- 
gen und fügte hinzu, daß Se. Majestät, da Allerhöchst- 
derselbe mit der Leitung der Ausbildung nicht ein- 
verstanden seien und mir diesen Vorwurf machten, 
wohl nichts anderes von mir erwarten könnten, als 
daß ich um Enthebung von meiner Stellung als Chef 
des Generalstabes bitte. 

Nachdem Se. Majestät darauf erklärten, daß ihm 
nichts ferner gelegen habe als ein Vorwurf, daß ich 
seine Worte falsch aufgefaßt hätte und daß er mit 
meiner Leitung vollkommen einverstanden sei, daß 
von meinem Fortgang keine Rede sein könne, er- 
klärte ich, daß ich »in Anbetracht der kritischen poli- 
tischen Lage nach dieser Erklärung Sr. Majestät mein 
Amt weiterführen werde.« 

Kiel, 8. Juli 1909. 

Wenn dieser Brief in Deine Hände gelangt, wird 
wohl schon alles erledigt sein, und Du wirst dann 
klüger sein, als ich es jetzt bin, denn ich weiß bis 
jetzt noch nicht, wer Reichskanzler werden soll. Ich 
bedauere es aufrichtig, daß Bülow fortgeht. Er hat 
trotz aller Schwächen und Fehler doch seine großen 
Verdienste, und es ist sehr die Frage, ob er durch ei- 
nen besseren Mann ersetzt werden wird. 

T., unser Gesandter in Christiania, ist der einzige, 
mit dem man über ein ernsthaftes Thema sprechen 
kann. Der Kaiser ist wohlauf und guter Dinge. Man 
sollte nicht glauben, daß wir vor einer Entscheidung 
stehen, die denn doch von einiger Wichtigkeit für 
das Reich ist. Wahrscheinlich am Sonntag oder 

35i 



Montag wird er nach Berlin gehen, um Bülow zu 
verabschieden, und den Nachfolger zu ernennen, 
dann solls nach Norwegen gehen. 

Kiel, 16. Juli 1909. 

Ich traf auf der Bahn Bülow-Botkamp, der eben 
von einer Mutung auf Petroleum in Hannover zu- 
rückkam. Er sagte, er hätte große Petroleumquellen 
mit der Wünschelrute festgestellt, es soll nun gebohrt 
werden. Er kann nun mit der eisernen Rute Petro- 
leum feststellen, mit der Holzrute Wasser. Es muß 
sich bald zeigen, ob er richtig gemutet hat. 

Karlsruhe, September 1909. 

Die Tage in Österreich waren sehr hübsch. Herr- 
liches Wetter, interessante Manöver. Ich bin äußerst 
kameradschaftlich aufgenommen und man hat mir 
alles gezeigt, was ich sehen wollte. Der alte Kaiser 
war rührend gütig. Ich traf T., der bei einem Divi- 
sionsstabe kommandiert war. Ich war an dem Tage 
dreizehn Stunden unterwegs, teils zu Pferde, teils per 
Auto, kam zu spät zur Hoftafel, wo ich dem Kaiser 
Franz Joseph gegenüber plaziert war. Er freute sich, 
daß ich soviel Interesse für die Manöver zeige. Es 
geht mir ausgezeichnet. 

KABINETTSORDER. 

Die von Ihnen wohl vorbereitete Anlage der diesjährigen gros- 
sen Herbstübungen und ihr besonders lehrreicher Verlauf haben 
Meinen Erwartungen durchaus entsprochen. Ich freue Mich des- 
halb, Sie heute bei Beendigung der Manöver Meiner im hohen 
Maße verdienten Anerkennung und Meines Königlichen Dankes 
versichern zu können. Als ein Zeichen dieses Dankes verleihe 

352 






Ich Ihnen Meinen hohen Orden vom Schwarzen Adler, dessen 
Insignien Ihnen beifolgend zugehen. 

Mergentheim, den 17. September 1909. 

Wilhelm R. 

An Meinen Generaladjutanten, General der Infanterie v. Moltke, 
Chef des Generalstabes der Armee. 

Frankfurt a. M., ig. September 1909. 

Meine Manöver sind gut verlaufen, ich bin im all- 
gemeinen zufrieden. Mit Sr. Majestät bin ich gut aus- 
gekommen, habe mich ab und zu schwer geärgert, 
aber auch das ging. Er war sehr zufrieden, hat mir, 
wie Du wohl gelesen hast, den Schwarzen-Adler- 
Orden verliehen. Ich habe mich förmlich geschämt. 
Onkel Helmuth gebrauchte einen siegreichen Feld- 
zug dazu, um diese höchste preußische Auszeich- 
nung zu erringen. Wir Epigonen machen das mit drei 
Manövertagen ab!!! 

Gesundheitlich geht es mir ausgezeichnet. Man hat 
mir viel Komplimente über das Manöver gemacht, 
indessen gebe ich nicht viel darauf. Die Beurteilung 
der Presse habe ich noch nicht erfahren. Mein 
Freund G. wird bei mir wohl wieder den Gipfel des 
Idiotismus festgestellt haben. — Der Erzherzog Franz 
Ferdinand, der österreichische Thronfolger, war ganz 
begeistert, was er mir einmal über das andere sagte, 
besonders freute es mich, daß mein österreichischer 
Kollege, General Conrad von Hötzendorff, sehr zu- 
frieden war. Über den Kaiser habe ich mehrmals Ge- 
legenheit gehabt, mich aufrichtig zu freuen. Er tat 
das, was ich ihm sagte, und besonders in der Schluß- 
besprechung sagte er genau das, was ich ihm vor- 
getragen hatte, blieb durchaus sachlich und hielt die 
beste Kritik ab, die ich je von ihm gehört habe, so 
daß alles ganz entzückt war. — Ich lege den reichen 

Moltke. 23. 353 



Ordenssegen, der sich von allen Seiten über mich er- 
gossen hat, zu dem übrigen — in der zweiten Schub- 
lade meiner Kommode! 

Rede Moltkes bei der Enthüllung der Moltke-Büste 
in der Walhalla am 10. Mai igio. 

Voll Dankbarkeit, daß die Gnade Sr. Königlichen 
Hoheit des Prinzregenten es uns gestattet hat, an der 
erhebenden Feier des heutigen Tages teilzunehmen, 
und tief bewegt in der Erinnerung an unseren großen 
Schöpfer und einstigen Chef, sind wir, die Vertreter 
des Generalstabes, in diesen weihevollen Raum ein- 
getreten, der eindringlicher als Worte es vermöchten, 
von deutscher Geisteskraft und Größe zu uns spricht. 

Das, was die Männer geschaffen haben, deren Na- 
men dieser stolze Bau geweiht ist, das haben sie uns, 
den jetzt Lebenden, als heiliges Vermächtnis hinter- 
lassen, uns liegt es ob, das schwer Errungene treu 
zu wahren. In Ehrfurcht und Bewunderung blicken 
wir zu ihnen auf und unverrückbar steht vor unse- 
rem Geist das Beispiel und die Lehre, die sie uns 
gegeben. 

Mit dem Generalstab, in dem wie in keiner anderen 
militärischen Organisation die Angehörigen aller 
deutschen Kontingente vereinigt sind, feiert das ge- 
samte deutsche Heer und in ihm das deutsche Volk 
das Andenken seines unsterblichen Führers und Leh- 
rers, des Feldmarschalls Grafen Moltke. 

Mit vollem Recht hat ihn der Herr Kriegsminister 
eine Nationalgestalt genannt. Unberührt von der Par- 
teien Haß und Gunst steht sein Bild in reiner Größe 
vor den Augen der Nation, das Bild eines Mannes, 
gleich bewundernswert als Feldherr wie als Mensch, 
ein Vorbild jedem Strebenden und Kämpfenden, sei 

354 



er Soldat oder Bürger. War er doch selber ein Kämp- 
fer sein Leben lang, der Tapfersten und der Edelsten 
einer, die je gerungen und gestritten haben. Als Sieb- 
zigjähriger führte er den Kampf, der den tausendjäh- 
rigen Traum der Deutschen zur Wirklichkeit machte, 
als Siebzehnjähriger mußte er den Kampf mit dem 
Leben aufnehmen, das ihn vor Mangel und Entbeh- 
rungen stellte. In harter Schule stählte er den Charak- 
ter, lernte er die Entsagung, die Selbstzucht und die 
Verachtung alles äußeren Scheins, lernte er das Le- 
ben zu besiegen und zu beherrschen, dessen wech- 
selnde Erscheinungen sein klarer und durchdringen- 
der Verstand nach ihrem Wert und Unwert sonderte, 
errang er sich die Fähigkeit, das Vielseitige und 
Widersprechende unter wenige, einheitliche Gesichts- 
punkte einzuordnen. In dieser kristallklaren Erkennt- 
nis der Dinge und Verhältnisse liegt die nur dem 
Genie erreichbare Größe seines Feldherrntums. 

Und dieser Mann, der still und bescheiden den 
Ruhm trug, den die bewundernde Welt seinen Taten 
zollte, blieb sich selber treu bis zum letzten Atem- 
zuge. Die Pflicht war die Richtschnur seines langen 
Lebens, seine Begleiterin die Arbeit, sein Wesens- 
kern die Treue. Nie suchte er eigenen Vorteil, stets 
ordnete er seine Person der Sache unter, der er diente. 
Seinem König, seinem Volk, dem Heer, dem er an- 
gehörte, galt sein Mühen und Sorgen, sein Schaffen 
und Arbeiten. 

Das sind die idealen Güter, die er uns hinterlassen 
hat, der von den Strahlen seines Genius erhellte 
Weg, den er uns vorgezeichnet hat. Diese Güter zu 
wahren, auf diesem Wege ihm nachzustreben, bleibt 
unsere ernste Aufgabe. 

Dem Andenken unseres großen Chefs weihen wir 
diesen Kranz, den ich namens des Generalstabes zu 

355 



Füßen seiner Büste niederlege, und mit ihm bringen 
wir dar die nie verlöschenden Gefühle unserer Liebe 
und unserer Dankbarkeit. 

Plön, 19. Juni 1910. 

Seit gestern sind wir hier auf diesem schönen Fleck 
Erde. Ich bekomme freilich wenig davon zu sehen, 
da ich gestern und heute den ganzen Tag nicht vom 
Schreibtisch fortkomme. Ich habe schon zwei Be- 
sprechungen der bisher stattgehabten Operationen 
abgehalten, was immer eine tüchtige Arbeit ist, da 
ich alles im Kopf haben, wiedergeben und beurteilen 
muß. Gestern abend die zweite, zu der uns der große 
Saal des hiesigen Kadettenhauses zur Verfügung ge- 
stellt war. Morgen vormittag ist die dritte, die Schluß- 
besprechung, die die ganze Reise abschließt. 

Generalstab Berlin, 26. Juni 1910. 

Daß Du alle diese alten Stätten einmal wieder sehen 
kannst, ist mir eine große Freude. Mit diesen Orten 
geht es genau so wie mit uns Menschen, die wir uns 
im Laufe der langen Jahre verändert haben und doch 
dieselben noch sind, wie vor dreißig Jahren. — Wie 
wunderbar einen die Kinderheimat umfängt, wenn 
man nach langen Jahren als älterer Mensch sie wie- 
der betritt, habe ich bei meinem vorjährigen Besuch 
in Ranzau und auch gelegentlich meiner diesjährigen 
Generalstabsreise in Holstein so tief empfunden. Es 
ist, als ob die alten Orte die Arme nach einem aus- 
streckten, als ob die Bäume einen grüßten als alten 
Bekannten, als ob die Luft sich leichter und wohliger 
atmete und der Erdgeruch einem entgegenduftete. 
Wie schön das alles ist, wie lieb ud vertraut und wel- 
che Flut von Erinnerungen strömt aus den Stätten 
der Kinderzeit! Wie wir durch die herrlichen Buchen- 

356 



wälder Holsteins ritten, da fühlte ich mich wieder als 
Kind, lauschte auf die hundert Vogelstimmen und 
nickte den Sonnenstrahlen zu, die goldig durch den 
stolzen Dom der grünen Laubkronen flimmerten. 
Wie bekannt war das alles und wie schön! 

Norwegen, Bergen, 14. Juli 1910. 

Es ist V2 11 Uhr abends, ich sitze bei offenem Fen- 
ster und schreibe ohne Licht. Auf den höchsten Berg- 
gipfeln glüht noch die Sonne, unser Schiff liegt im 
Schatten. Nie in meinem Leben habe ich ein schöne- 
res Panorama gesehen als heute abend, es läßt sich 
ja nicht beschreiben. Die tiefvioletten Schatten der 
Berge, die rotstrahlenden Gipfel, die rosigen Schnee- 
felder — wie Goethe sagt: »Entzündet alle Höh'n, be- 
ruhigt jedes Tal« — ich hatte den Eindruck, als ob 
diese Berge Übergossen von Licht, glühend vor 
Liebe ihrem Schöpfer entgegenleuchteten und als ob 
sein Auge mit stillem Entzücken auf ihnen ruhen 
müßte. Wie zauberhaft schön ist dies Norwegen, 
wenn es sich in Sonnenlicht und Gottesliebe badet. 

Norwegen, Molde, 22. Juli 1910. 

Wir waren alle an Bord der »Nassau« und besahen 
dies Riesenschiff in allen seinen Teilen. Es ist höchst 
interessant, die Summe von Intelligenz zu bewundern, 
die in dem komplizierten Mechanismus zur Tat ge- 
worden ist. Ein solches Schiff hat sein Gehirn und 
seine Nervenstränge, wie ein Lebewesen. Die elek- 
trischen Leitungen beherrschen jedes Glied und mit 
derselben Leichtigkeit, mit der wir einen Arm aus- 
strecken oder ein Bein heben, bewegt das Schiff 
seine Riesengeschütze rechts und links, hinauf und 
hinab und setzt seine Maschinen in Tätigkeit. 

357 



KABINETTSORDER. 

Ich bewillige Ihnen hierdurch einen vierwöchigen Urlaub von 
Mitte April bis Mitte Mai ign nach Karlsbad. 

Venedig, den 27. März 191 1. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, General der Infanterie v. Moltke, 
Chef des Generalstabes der Armee. 

Karlsbad, 19. April 1911. 

Ich mußte dem Arzt meine Krankheitsgeschichte 
erzählen und er sagte sofort, daß durch die gewalt- 
same Behandlung meiner Mandeln der Krankheits- 
stoff in den Körper getrieben worden sei und daß ich 
wahrscheinlich noch immer an den Folgen laboriere. 
Er war von der Herztätigkeit durchaus befriedigt. 
Meinte, es wäre — nachdem er mich lange beklopft 
hatte — nur eine leichte Indisposition des Magens 
und eine leichte Schwellung der Leber zu konsta- 
tieren. 

TELEGRAMM. 

General v. Moltke, Königsplatz 6, Berlin. 

Magdeburg, den 23. Mai 191 1. 
Zu Ihrem Geburtstage sende Ich Ihnen, mein lieber Julius, 
den herzlichsten Glückwunsch. Ich freue Mich zu hören, daß 
der Aufenthalt in Karlsbad den letzten Rest Ihrer Krankheit be- 
seitigt hat und hoffe, daß Ihre unvergleichliche Arbeitskraft Mir 
noch lange erhalten bleiben wird zum Besten des Vaterlandes. 
Möchte die Uhr, die Ihnen als Zeichen meines Gedenkens heute 
zugeht, Ihnen nur glückliche Stunden schlagen. 

Wilhelm R. 

Molsheim, 19. Juni 1911. 

Mir bekommt das Herumziehen im Lande ausge- 
zeichnet, ich fühle mich vollkommen frisch und wohl, 
habe keine Spur von irgendwelchen Beschwerden, 
weder beim Reiten noch bei den langen Fahrten im 

358 



Auto, noch bei dem gelegentlichen Steigen bergan. 
Heute morgen ritt ich zunächst bis Oberehnheim. Die 
Luft war so klar, daß man deutlich die Höhen des 
Schwarzwaldes sah, während zu unserer Rechten 
sich die Kette der Vogesen hinzog mit ihren schö- 
nen waldigen Kuppen und zahlreichen Burgruinen. 
— Wir fuhren dann nach dem weit und breit be- 
rühmten Kloster Odilienberg, das oben auf der Berg- 
spitze gelegen, einen wundervollen Rundblick über 
die Rheinebene und die Ausläufer der Vogesen bie- 
tet. Es ist eine uralte Niederlassung, die schon im 
Jahre 800 unter Karl dem Großen erwähnt wird. In 
weitem, zehn Kilometer langen Bogen zieht sich um 
die Bergspitze die sogenannte Heidenmauer, eine Zy- 
klopenmauer aus urkeltischer Zeit, mit riesigen Qua- 
dern aufgetürmt, man begreift kaum, wie Menschen- 
kräfte sie haben bewegen können, es ist eines der 
merkwürdigsten Bauwerke seiner Art, sowohl was 
Ausdehnung als auch Mächtigkeit betrifft, die Mauer 
ist stellenweise zehn Meter dick und ebenso hoch, 
es ist unverständlich, wie die Leute es angefangen 
haben, die Steine, die zum Teil ein Gewicht von hun- 
dert Zentnern haben, zu heben. — In dem Kloster ist 
jetzt eine Art Sommerfrische mit Pension eingerich- 
tet, die viel besucht wird. Es ist ein Kloster für Laien- 
schwestern, die in ihrer schwarzen Ordenstracht und 
weißen gesteiften Hauben die Gäste bedienen. — 
Nachmittags waren wir auf der Feste Kaiser Wilhelm, 
wo unsere Vorträge gehalten werden. Morgen gehen 
wir nach Zabern, übermorgen nach Dieuze, dann 
nach Metz. Ich denke am Montag, den 26., die Schluß- 
besprechung zu halten, am Dienstag nach Köln zu 
einer Besichtigung der Bahnkommandantur zu gehen 
und am 28. nach Berlin zurückzukommen. 

359 



Kiel, 4. Juli igu. 

Wir haben uns gestern abend beim Kaiser gemel- 
det, der sehr vergnügt und gnädig war. Heute mor- 
gen haben wir alle die Arbeiten an der Erweiterung 
des Kaiser-Wilhelm-Kanals besichtigt, die ebenso 
großartig wie interessant sind. Es wird eine ganz neue 
Schleuseneinfahrt gebaut, in der die Schleusentore 
von bisher dreißig auf fünfundvierzig Meter Breite 
angelegt und die Kanalstrecke dahinter geradegelegt 
wird. Der ganze Kanal wird entsprechend verbreitert 
und vertieft. Die ungeheuren Mauerungen der neuen 
Schleusen stehen schon zum Teil, und mit Staunen 
blickt man auf die gewaltige Erdbewegung, die hier 
ausgeführt wird. Die verschiedenartigsten Maschinen 
arbeiten überall. Hier schaufelt ein Erdgrubber den 
Boden aus; als ob er ein vernunftbegabtes Wesen 
wäre, beißt er mit eisernem Rachen in den Boden, 
frißt Erde, Sand, Steine, ja ganze Felsblöcke in sich 
hinein, erhebt dann das bodengefüllte Maul und speit 
nach leicht gemachter Drehung den ganzen Inhalt in 
einen bereitstehenden Eisenbahnwagen, ihn mit ei- 
nem Happen füllend. Dann wendet er sich wieder 
dem Boden zu, reißt das Maul auf und frißt wieder, 
während der Eisenbahnzug um eine Wagenlänge 
weiterrückt. So wird mit einem solchen Zug in einer 
halben Minute die sonst stundenlange Arbeit von 
hundert Menschen geleistet. Das ganze bodenfres- 
sende Ungetüm wird von zwei Mann bedient. — Dort 
rollt auf einem Stahlseil ein Riesenkorb, gefüllt mit 
Zement, heran. Über der Stelle angekommen, wo das 
Material gebraucht wird, macht er Halt, senkt sich 
herab, öffnet sich und entleert seinen Inhalt. Sofort 
schwebt er wieder in die Höhe und läuft auf seinem 
Seil eilig davon, um neue Ladung zu holen, während 

360 



die erste mit mechanischen, elektrisch angetriebenen 
Stampfen eingestampft und geglättet wird. Man sieht 
auf dem ganzen Arbeitsfeld fast keine Menschen. 
Hier arbeitet der menschliche Geist, umgesetzt in 
Maschinen, und die Materie folgt willig, wenn auch 
pustend und stöhnend, dampfend und sprühend den 
ihr vorgezeichneten Gesetzen. Das ist wirklich im- 
posant, und es muß für den Ingenieur ein stolzes 
Bewußtsein sein, seine Gedanken so in Arbeit um- 
zusetzen. 

In See, 9. Juli 1911. 

Die Stimmung an Bord ist gut. Der Kaiser verhält- 
nismäßig ruhig. Die politischen Verhältnisse sind ja 
noch in der Schwebe. Daß etwas Ernsthaftes aus dem 
Erscheinen unserer Schiffe an der marokkanischen 
Küste folgen sollte, glaube ich nicht. Es wird dazu 
beitragen, klare Verhältnisse zu schaffen. 

Baleholm, 16. Juli 1911. 

Vor einigen Tagen hatte ich eine sehr interessante 
Unterhaltung mit Sr. Majestät über religiöse Fragen. 
Er war aufs äußerste schlecht zu sprechen auf die 
Pastoren, ihre Engherzigkeit und Orthodoxie. Er war 
der Meinung, daß der Tod nur den Beginn einer wei- 
teren Entwicklung bedeute, hat überhaupt viel über 
diese Dinge nachgedacht und ist viel freier in seinen 
Ansichten, als man glauben sollte. Er sucht nach 
Wahrheit, und alles öde Formelwesen ist ihm ein 
Greuel. Er will keinen Stillstand in der religiösen Ent- 
wicklung, sondern ein Fortschreiten, und fühlt das 
Bedürfnis, Religion und Wissenschaft in Einklang 
zu bringen. Er erzählte, wie er den Pastoren gesagt 
habe, wenn die Kinder in der »Urania« die Weltent- 
wicklung sehen und hören und ihnen dann im Reli- 

361 



gionsunterricht gesagt werde, in sechs Tagen habe 
Gott die Welt geschaffen, so müsse der Zweifel in 
ihr Herz gesät werden. Wenn ihr Pastoren nicht fort- 
schreitet, wird die Wissenschaft über euch hinweg- 
gehen, und wenn ihr nichts Neues zu sagen wißt, 
werden die Steine reden. 

Generalstab Berlin, 19. August 1911. 
Die unglückselige Marokko-Geschichte fängt an, 
mir zum Halse herauszuhängen. Es ist gewiß ein Zei- 
chen lobenswerter Ausdauer, unentwegt auf Kohlen 
zu sitzen, aber angenehm ist es nicht. Wenn wir aus 
dieser Affäre wieder mit eingezogenem Schwanz her- 
ausschleichen, wenn wir uns nicht zu einer energi- 
schen Forderung aufraffen können, die wir bereit sind 
mit dem Schwert zu erzwingen, dann verzweifle ich 
an der Zukunft des Deutschen Reiches. Dann gehe 
ich. Vorher aber werde ich den Antrag stellen, die 
Armee abzuschaffen und uns unter das Protektorat 
Japans zu stellen, dann können wir ungestört Geld 
machen und versimpeln. — Du wirst wohl zurzeit 
wenig Interesse für Politik haben, Deine Beschäfti- 
gung ist auch jedenfalls interessanter und nützlicher. 

Bukowina, Koszczuja, 1. Oktober 1911. 
Bin neugierig, wie sich die Sache zwischen Italien 
und der Türkei weiterentwickeln wird. Wenn die klei- 
nen Balkanhunde anfangen zu bellen, kann man nicht 
wissen, was daraus entsteht. 

Karlsbad, i6.April 1912. 
Der Dr. H. hat mich heute sehr eingehend unter- 
sucht und ist sehr zufrieden. Das Herz ganz in Ord- 
nung. In den Nieren ist noch eine leise Gereiztheit 
bemerkbar, aber, wie er sagt, so wenig, daß er es 
gar nicht bemerken würde, wenn er nicht wüßte, daß 

362 



im vorigen Jahr eine Reizung da war. Er meint, im 
Laufe des jetzigen Jahres würde sie völlig ver- 
schwunden sein. Der Befund bestätigte seine An- 
nahme, daß es sich bei mir um eine Infektion ge- 
handelt hat. Er sagt, die Nieren brauchen immer am 
längsten Zeit, wieder ganz frei zu werden, meistens 
etwa zwei Jahre, was also auch bei mir stimmen 
würde. — Schonen brauche ich mich nicht, kann 
gehen und steigen. Ich bin sehr froh über das gün- 
stige Resultat der Untersuchung, um so mehr, da der 
Dr. H. ein sehr penibler und genauer Untersucher ist. 

Karlsbad, 24.April 1912. 

Politisch ist anscheinend alles ziemlich ruhig. Der 
Italienisch-türkische Krieg schleppt sich mühsam wei- 
ter, ohne daß ein Ende abzusehen wäre. Im deut- 
schen Reichstag ist nun endlich die Wehrvorlage zur 
Verhandlung gekommen, von einer Rede Bethmanns 
äußerst schwach eingeleitet. Dieser Mann wird sich 
nie zu einem klaren und energischen Wort aufraffen. 
Auch hier wieder die alte Milchsauce. Kein Mensch 
denkt an Krieg, Deutschland ist ganz friedfertig, 
und die anderen Mächte ebenso, dennoch kann man 
nicht wissen, was einmal passieren könnte, und da- 
her ist eine Verstärkung der Wehrmacht nötig. — Es 
wäre zum Lachen, wenn's nicht zum Weinen wäre! 
— Trotzdem wird die Vorlage anscheinend glatt ange- 
nommen werden. Das Volk hat ein gesünderes Emp- 
finden von der Weltlage als seine berufenen Leiter. 

Telegramm Moltkes an den Kaiser. 

Berlin, 23. Mai 1912. 

Ew. Majestät wollen meinen tief empfundenen Dank 

für das mir allergnädigst zum Geburtstag übersandte 

Tintenfaß und die huldvollen Begleitworte entgegen- 

363 



nehmen. In dem Vertrauen, das Ew. Majestät mir so 
oft betätigt und auch heute wieder ausgesprochen 
haben, liegt die Wurzel meiner Kraft, ihm ist alles zu 
verdanken, was ich habe leisten können. Ich bitte 
Gott, er möge mir Kraft geben, mich dieses höchsten 
Gutes auch fernerhin würdig zeigen zu können. 
Ew. Majestät treu gehorsamster 

General v. Moltke. 

Norwegen, Baleholm, i8.Juli 1912. 

In den mit dem Kurier gekommenen Zeitungen 
stand, daß ich zum Herbst meine Entlassung nehmen 
und durch General v. W. ersetzt werden würde. Ich 
weiß nicht, wer diesen Unfug ausgeheckt hat. Der 
Kaiser hatte neben die Nachricht geschrieben: »Un- 
verschämt!« Im übrigen rege ich mich nicht darüber 
auf. Wenn's sein soll, werde ich es am besten wis- 
sen. Noch ist es nicht so weit. 

Norwegen, Baleholm, 20. Juli igi2. 

Gestern nachmittag war der Kaiser mit vier Herren, 
darunter ich, auf einer hier eingelaufenen englischen 
Jacht, die einem Sir Wächter gehört, ein alter Herr, 
der die verrückte Idee des allgemeinen Weltfriedens 
propagiert! 

Generalstab Berlin, i8.August 1912. 

Obgleich das Wetter nicht sehr günstig war, haben 
wir den Flug mit der »Hansa« doch unternommen; 
leider konnte er nicht in der ursprünglich geplanten 
Ausdehnung stattfinden. Wir fuhren am Sonnabend- 
morgen nach der Halle hinaus, in der das mächtige 
Schiff untergebracht ist. — Mit hundertzehn Meter 
Länge nahm es fast die Gesamtlänge der Halle ein. 
Das Wetter war trübe und wolkig, der Wind ziemlich 

364 






frisch, aber es regnete wenigstens nicht. Der Führer 
des Schiffes sagte mir, daß durch Versuchsballons 
festgestellt sei, daß in der Höhe von achthundert Me- 
tern ein starker Wind wehe von fünfzehn bis sech- 
zehn Sekundennietern, und daß er annehme, gegen 
Mittag werden starke Böen herunterkommen, wir 
könnten daher nur eine Fahrt von einigen Stunden 
machen und müßten gegen Mittag wieder in der Halle 
sein. Um 8 Uhr gingen wir an Bord, und das Schiff 
wurde aus der Halle herausgezogen. Es hat eine sehr 
geräumige Kabine, in der sechzehn Personen bequem 
sitzen können, wir waren nur acht. — Man hat einen 
bequemen Korbsessel zur Benutzung, in dem man 
am großen offenen Fenster sitzt und auf die Welt 
herabschaut. Man merkt keinen Zug und absolut 
keine Erschütterung. Es ist ein Steward an Bord, der 
eine kleine Pantry mit kalter Küche und einen klei- 
nen Eiskeller hat, in dem der Wein auf Eis liegt. — 
Auf kleinen Tischen kann man die Karten vor sich 
ausbreiten oder seine Mahlzeit halten. Die Kajüte ist 
sehr hübsch in hellem Lack gehalten, und so hoch, 
daß ich bequem darin stehen konnte. 

Wundervoll war der Aufstieg. Nachdem das Schiff 
mit der Spitze gegen den Wind gedreht war, wurden 
auf ein Kommando die Haltetaue von den Mann- 
schaften losgelassen, die Propeller begannen sich zu 
drehen, und langsam stieg das Riesenfahrzeug in die 
Luft. Man merkte es nur daran, daß die Menschen, 
Häuser, Bäume usw. immer kleiner, der Rundblick 
immer größer wurde. In wenigen Minuten hatten wir 
die Höhe von dreihundert Meter erreicht, die wir nun 
dauernd, mit geringen Abweichungen innehielten. Die 
Fahrt ging quer über Hamburg weg, das in einen trü- 
ben Dunst von Rauch und Nebel gehüllt war, die 
Alster blitzte hell durch die verqualmte Luft. Der 

365 



Wind war stark, etwa zehn Meter in der Sekunde, 
trotzdem kamen wir, da das Schiff eine Eigenge- 
schwindigkeit von einundzwanzig Meter hat, schnell 
vorwärts. Die »Hansa« hat an ihren zwei Gondeln 
vier Propeller, in der Mitte zwischen den beiden Gon- 
deln liegt die Kajüte, durch einen schmalen Gang mit 
der vorderen und hinteren Gondel verbunden, der 
aber nicht von den Passagieren betreten werden darf. 
Man sitzt in der Kajüte genau wie in einem Salon- 
wagen, das Geräusch der Propeller stört gar nicht, 
man kann sich in Ruhe unterhalten. Jetzt sind wir 
über dem Hafen mit seinen zahllosen Schiffen und 
kleinen Dampfbooten, die hin und her schießend das 
Wasser unablässig aufwühlen. Alle Schiffe grüßen 
die »Hansa« mit ihren Dampfpfeifen, wir winken aus 
den Fenstern mit Taschentüchern, unten stehen die 
Menschen mit nach oben gedrehten weißen Gesich- 
tern und winken zurück. Dann fahren wir die Elbe 
hinab. Reizvoll ist der Blick auf die begrünten Höhen 
von Blankenese, die zahlreichen, hell schimmernden 
Villen, die unter uns die Flut durchziehenden Schiffe. 
Überall zusammengelaufene Menschen, die herauf- 
grüßen; aus den Fenstern, von den Dächern wehen 
sie mit weißen Tüchern. Mit einem Blick übersieht 
man die vielen Einschnitte des Hafens, die Docks, 
die Kais, überall dampfen die Essen, und das Krei- 
schen der Kräne tönt herauf. — Unablässig dröhnt 
das Geräusch der Arbeit, webt und wirbelt der Han- 
del, die Industrie. Schiffe werden entladen und be- 
laden, Warenballen verfrachtet, die Eisenbahnlinien 
glänzen und die Züge kriechen auf ihnen dahin wie 
schwarze Raupen. — Allmählich schwindet die Stadt 
hinter uns, wir folgen dem Lauf des mächtigen Stro- 
mes, sehen seine beiden Ufer, die Baggerarbeiten, die 
Inseln und Stromzeichen. Auf der großen Welthan- 

366 



delsstraße ziehen die Schiffe, der Schnelldampfer 
rauscht durch das Wasser, die ablaufende Ebbe be- 
nutzend, wir überholen ihn spielend, die Züge am 
Ufer können nicht die gleiche Fahrt mit uns halten. 
So geht es den Strom hinab bis Kuxhaven, und vor 
uns liegt das Meer in bleigrauer Farbe. Wir haben in 
zwei Stunden hundertdreißig Kilometer zurückgelegt. 
Aber uns entgegen kommt eine blauschwarze Wand 
über das Meer herüber, die Wolken jagen an uns 
vorbei, uns oft einhüllend, daß die Aussicht ver- 
schwindet, der Wind wird allmählich stärker, und wir 
müssen umdrehen, wenn wir nicht von der heran- 
kommenden Böe erfaßt werden wollen. Schade, 
schade, aber es hilft nichts, denn wir machen keine 
Kriegsfahrt, sondern eine Lustfahrt, und wir dürfen 
das Schiff nicht gefährden. Also zurück. — Jetzt trei- 
ben wir vor dem Winde. Die Maschinen gehen mit 
halber Kraft, dennoch zieht die Landschaft unter uns 
dahin wie ein Wandelpanorama. Wir haben eine Ge- 
schwindigkeit von hundertzwanzig Kilometer in der 
Stunde. Bewunderungswürdig gehorcht das Schiff 
dem Steuer. Wir senken uns hinab bis auf wenige 
Meter über den Wasserspiegel, dann steigen wir wie- 
der hinauf in die Lüfte. Ein herrliches Gefühl, so in 
der Luft zu schweben, dem Vogel gleich, sich zu er- 
heben, sich zu senken, wie es beliebt, und immer in 
gleichmäßigem Fluge, ohne alle Erschütterung. — 
Nun fahren wir in nordöstlicher Richtung über das 
Land, lassen den Strom hinter uns. Unter uns liegen 
in regelmäßigen Vierecken die Felder, stehen die Häu- 
ser und Höfe, weidet das Vieh. Interessant ist die 
Wirkung des Schiffes auf die Tiere. Die auf den Kop- 
peln grasenden Pferde heben den Kopf, und mit we- 
hendem Schweif und Mähnen jagen sie in gestreck- 
tem Galopp davon, ebenso die Kühe und Schafe, alles 

367 



reißt aus, als wenn es gälte, das Leben zu retten. Die 
Hühner in den Hühnerhöfen gebärden sich wie toll. 
Sie flattern und fliegen durcheinander, ducken sich 
platt an die Erde, rennen in die Ställe, sich zu ver- 
bergen. — Von oben schauen wir in die Wälder hin- 
ein, sehen die Gestelle wie gerade Linien, hier und 
da ein paar Rehe, die in schnellster Flucht ein Dik- 
kicht aufsuchen, einige Störche, die angstvoll über 
den Wiesen davonflattern. Überall Angst und Schrek- 
ken bei den Tieren, nur die Menschen stehen und 
grüßen und winken hinauf! — Über die holsteinische 
Geest fliegen wir hin, Heide, Felder, Gehölze, Ort- 
schaften und einzelne Höfe wechseln miteinander 
ab. — Jetzt sind wir über Elmshorn, dann nehmen 
wir die Richtung nach Barmstedt, dessen flachen 
Kirchturm ich von weit her erkenne. Da ist Voßloeh, 
wo wir als Kinder Warmbier und Butterbrot aßen, 
dann der Buchenwald, in dem wir uns herumtrieben, 
in dem unklaren Gefühl seiner unermeßlichen Größe ! 
Jetzt überblicken wir ihn mit einem Blick, eine grüne 
Insel in der Landschaft. Jetzt sehen wir die vielge- 
krümmte Pinau, und jetzt kommt Ranzau. Da liegt 
das alte Haus unserer schönen Jugend auf seiner 
kleinen Insel, umgeben von Grün und von Wasser. Je- 
den Fleck kann ich erkennen, jeden Fleck, auf dem 
wir gespielt, die Bäume, in die ich meinen Namen 
geschnitten. Die Fenster, hinter denen ich gewohnt 
habe, die Brücken, über die wir gegangen sind. Wie 
unverändert ist alles, und wie tief in die Erinnerung 
eingegraben. Da ist der Garten, in dem ich so manche 
Winternacht im Schnee gesessen habe, um den Ha- 
sen zu schießen, der nächtens zum Kohl kam, der 
Teich, in dem die vielen Karauschen waren, die alten 
Tannen, in deren Gipfel W. und ich uns bargen, wenn 
wir die Zeichenstunden schwänzten, die Bornholter 

368 



Mühle, das Gerichtshaus, die Amtsgerichtsrats-Woh- 
nung, alles ist da, alles von oben gesehen, alles wie 
ein Spielzeug aufgebaut, und auch hier wieder Kin- 
der wie damals, die heraufstarren, im Spielen unter- 
brochen, die wohl glücklich sind, wie wir es waren, und 
die denken, daß dies herrliche Dasein nie ein Ende 
nehmen werde, wie — wir es dachten! — Die Pro- 
peller der »Hansa« knattern über dem alten lieben 
Fleck Erde und Wasser, wir machen eine Schleife 
und fahren noch einmal das ganze Stück Vergangen- 
heit ab. Die Propeller knattern, und in ihren Tönen 
höre ich den Kinderjubel der alten Zeit, die Stimme 
der Eltern, das Rauschen der Blätter, das Raunen der 
vergangenen Tage. "Wie fern, wie weltenfern liegt 
diese Zeit hinter dem, der jetzt da oben in den Lüf- 
ten schwebt und fühlt, wie Vergangenheit, Gegen- 
wart und Zukunft sich mischen. — Wenn's nicht so 
trivial klänge, möchte ich sagen: Wer uns das damals 
gesagt hätte! — Doch wir müssen uns losreißen, denn 
auf den Flügeln des Sturmes reitet das Wetter hin- 
ter uns her. Wir drehen ab, und in zehn Minuten sind 
wir über Altona, dann über Hamburg, jetzt schon über, 
der Halle. Auf dem Platz davor liegt ein weißes La- 
ken mit einem roten Pfeilstrich, der die Windrich- 
tung bezeichnet, denn wir müssen gegen den Wind 
landen, damit dieser nicht den Riesenkörper des 
Schiffes von der Seite faßt. Die Mannschaften stehen 
bereit, den herabschwebenden Vogel einzufangen. 
Nun drehen wir gegen den Wind. Die Spitze des 
Schiffes senkt sich, und in schrägem Gleitflug sinken 
wir hinab, bis dicht über den grünen Rasen. Die 
Haltetaue werden ausgeworfen, von den Leuten ge- 
faßt, die Maschinen stehen still. Im Laufschritt ziehen 
die Soldaten das Schiff vor die Halle, richten es, und 
dann drehen sich die Propeller noch einmal, und in 



Moltke. 



369 



raschem Zug taucht die »Hansa« durch die mächtige 
Pforte in das Innere der Halle, stoppt ab und wird 
festgemacht. Wir steigen aus, alle in dem Bewußt- 
sein, das war eine herrliche Fahrt. — Zwei Minuten 
darauf kommt das Wetter, dem wir so rasch ent- 
flohen sind, heran, und der Regen prasselt auf das 
Blechdach der Halle. Gerade zur rechten Zeit unter 
Dach und Fach! Meisterhaft abgepaßt. 

Generalstab Berlin, i4.September 1912. 
Das Manöver ist gut und glatt verlaufen. Der Kaiser 
war sehr zufrieden und sprach mir seine Anerken- 
nung in besonders warmer Weise aus; auch sonst 
habe ich gehört, daß das Manöver allgemein befrie- 
digt hat. Zu der von mir befürchteten Komplikation 
ist es nicht gekommen, ich hatte mich schon auf der 
Nordlandsreise mit Sr. Majestät ausgesprochen, und er 
hat sich mit großer Aufopferung im Zaume gehalten. 
— Se. Majestät der Kaiser hielt eine sehr hübsche 
Besprechung ab. Morgen vormittag fahre ich nun 
nach Wilhelmshaven, um am Montag auf der »Hohen- 
zollern« den Flottenübungen beizuwohnen. 

Generalstab Berlin, i7.September 1912. 
Der Tag auf der Flotte war sehr schön. Ein stol- 
zer Anblick, 66 Torpedoboote, 14 Unterseeboote und 
46 große Schiffe. Die Vorbeifahrt dauerte fast eine 
Stunde. Ich war mit dem Kaiser auf dem Linien- 
schiff »Deutschland«. — Mir geht es gut. Wie mir 
gesagt wird, hat das Manöver in der Presse viel Bei- 
fall gefunden. Von militärischer Seite habe ich viel 
Anerkennung gehört. 

Bankau, 21. September 1912. 

Was die Manöver anbetrifft, so habe ich — wie 

man zu sagen pflegt — eine »gute Presse« gehabt. 

370 



Die Zeitungen haben es sich offenbar jetzt abgewöhnt, 
mich als Trottel zu bezeichnen! 

Generalstab Berlin, 16. Mai 1913. 

Es scheint, daß der Tanz auf dem Balkan wieder 
losgehen wird. Serbien und Bulgarien können sich 
nicht über die Verteilung des Bärenfelles einigen, und 
stehen sich mit den Waffen in der Hand gegenüber. 
Griechenland ist ebenso im Konflikt mit Bulgarien, 
das einen gewaltigen Heißhunger nach Land hat. — 
Wenn's zum Kriege unter den bisherigen Verbünde- 
ten kommt, werden Serbien und Griechenland gegen 
Bulgarien stehen. — Inwieweit dieser Krieg auf das 
Verhalten der Großstaaten einwirken wird, kann kein 
Mensch voraussehen. — Wir sind also noch ziemlich 
weit von definitiven friedlichen Verhältnissen. 

KABINETTSORDER. 

Es macht Mir besondere Freude, Ihnen an dem heutigen Tage 
Meines fünfundzwanzigjährigen Regierungsjubiläums erneut Mein 
gnädiges Wohlwollen dadurch zu betätigen, daß Ich Sie hier- 
durch auch zum Chef des Füsilier-Regiments Generalfeldmar- 
schall Graf Moltke (Schlesischen) Nr. 38 ernenne. Das Regiment 
bewahrt mit seinem Namen eine tiefe verehrungsvolle Dankbar- 
keit für den verewigten Feldmarschall und somit bestehen in der 
Erinnerung und in der Gegenwart Beziehungen an den Namen 
»Moltke«, die Mich annehmen lassen, daß Sie in der Ernennung 
zum Chef dieses Regiments einen Beweis Meiner besonderen 
Anerkennung Ihrer Mir in allen Dienststellungen, insonderheit 
als Chef des Generalstabes der Armee, geleisteten stets bewähr- 
ten, treuen und guten Dienste erkennen werden. — Ich habe das 
Regiment anweisen lassen, Ihnen den Rapport und die Offiziers- 
Rangliste vorschriftsmäßig einzureichen. 

Berlin, den 16. Juni 1913. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, General der Infanterie v. Moltke, 
Chef des Generalstabes der Armee, ä la suite des Kaiser-Alexander- 
Gardegrenadier-Regiments Nr. 1. 

371 



Generalstab Berlin, 16. Juni 1913. 

Der Kaiser hat mich heute zum Chef des Füsilier- 
Regiments Generalfeldmarschall Graf Moltke Nr. 38 
ernannt. Das Regiment stand früher in Schweidnitz, 
jetzt in Glatz. 

Generalstab Berlin, 17. Juni 1913. 

Berlin feiert und jubiliert noch immer; vom frühen 
Morgen an ziehen Vereine, Innungen, Studenten usw. 
mit Musikkorps und Fahnen durch die Straßen, voll- 
führen einen Mordsspektakel und sperren jeglichen 
Verkehr. Der Kaiser war gestern sehr frisch und gu- 
ter Laune. Es liegt doch etwas Großartiges in dieser 
Riesenbeteiligung an seinem Jubiläum, und das mag 
er wohl empfinden. 

Kuxhaven, 9. Juli 1913. 

Heute meldet sich der neue Kriegsminister, General 
von Falkenhayn. Ich weiß nicht, ob Du ihn erinnerst; 
er war lange im Generalstab. 

Norwegen, Bergen, 11. Juli 1913. 

Die Ereignisse auf dem Balkan verlaufen nicht so, 
wie ich es eigentlich gewünscht hätte. Die Bulgaren 
scheinen überall im Nachteil zu sein. Ihr Verhalten 
ist mir unbegreiflich. Der König scheint ganz elimi- 
niert zu sein; man hört nichts von ihm. Seine viel- 
gerühmte diplomatische Geschicklichkeit scheint völ- 
lig zu versagen. Ich habe den Eindruck, daß er wil- 
lenlos der Militärpartei ausgeliefert ist. Bulgarien spielt 
va banque, es kann unmöglich den Krieg gegen Ser- 
bien, Griechenland und Rumänien durchführen. Auch 
die Türkei scheint sich wieder zu regen ; es wäre auch 
dumm, wenn sie keinen Vorteil aus der Lage zöge. 
Die Meldungen vom Kriegsschauplatz sind übrigens 

372 



so widersprechend, daß es fast unmöglich ist, sich 
ein klares Bild der Lage zu machen. 

Norwegen, Baleholm,ig.Juli 1913. 

Gegen die Ereignisse auf dem Balkan sind wir alle 
etwas abgestumpft. Kein Mensch weiß mehr, was dar- 
aus werden soll. Nun fangen die Türken auch wieder 
an, benutzen die Wehrlosigkeit Bulgariens und mar- 
schieren auf Adrianopel. Bulgarien hat zu unsinnig 
alles aufs Spiel gesetzt, um, wie es scheint, alles Ge- 
wonnene wieder zu verlieren. Qui trop embrasse, mal 
ötreint! — Ich denke mir, das nächste Ereignis wird, 
wenn Bulgarien abgetan ist, der Krieg zwischen Ser- 
bien und Griechenland, den beiden jetzt Verbünde- 
ten, werden. Man täte am besten, den ganzen Balkan 
mit einem Gitter zu umgeben, und es nicht eher wie- 
der aufzumachen, bis alles dort sich totgeschlagen 
hat. — Solange Österreich und Rußland sich nicht in 
die Wirren einmischen, sehe ich keine Gefahr eines 
europäischen Konflikts. — Das unglückliche Land, 
in dem die Kriegführenden abwechselnd die Bewoh- 
ner hinschlachten, je nachdem sie irgendwo hinkom- 
men, kann einem leid tun. Was für fürchterliche Greuel 
werden dort verübt, denn einer ist des andern wür- 
dig; die Serben schlachten die Einwohner genau so 
regelmäßig wie die Bulgaren, und die Griechen schei- 
nen es nicht besser zu machen. 

Norwegen, Baleholm, 22. Juli 1913. 

Was die Entwicklung der kriegerischen Ereignisse 
auf dem Balkan und ihre politische Rückwirkung be- 
trifft, so glaube ich, daß wir mit dem Verlauf ganz 
zufrieden sein können. Rußland, das so gerne die 
Rolle des Protektors der Balkanstaaten gespielt hätte 
und eine entscheidende Vermittlung ausüben wollte, 

373 



hat sich stark in die Nesseln gesetzt. Die Kriegfüh- 
renden haben ihm einfach einen Korb gegeben und 
erklärt, sie würden ihre Sache ohne Vermittlung un- 
ter sich ausmachen. — Griechenland tritt durch seine 
Erfolge den Bulgaren gegenüber immer mehr in den 
Vordergrund und wenn eine Verständigung zwischen 
ihm und Rumänien zustande kommt, was anschei- 
nend der Fall ist, dann wird damit ein Gegen- 
gewicht gegen die panslawistischen Bestrebungen 
auf dem Balkan geschaffen und eine Mächtegruppe 
hergestellt, die nicht auf russisches Kommando hin 
marschieren wird. 

Auch Österreich scheint endlich einzusehen, daß 
es mit den Verhältnissen rechnen muß, wie sie sind 
und nicht mit solchen, die es sich wünschen möchte. 
Die unerfreuliche Spannung zwischen ihm und Ru- 
mänien scheint behoben, das ist für uns, in Anbe- 
tracht eines eventuellen Zusammenstoßes zwischen 
Germanen- und Slawentum, von großer Bedeutung. 
— Bulgarien sitzt in einer hoffnungslosen Klemme. 
Die rumänische Kavallerie streift schon in die Ge- 
gend von Sofia und König Ferdinand mag das Herz 
wohl recht tief in die Hosen gefallen sein! Es bleibt 
ihm nichts übrig, als Frieden zu machen und alles zu 
bewilligen, was seine Gegner verlangen. — Ein sol- 
cher Umschwung vom größten Erfolg zu völliger 
Ohnmacht, ist ohne Beispiel in der Weltgeschichte. 
Übrigens ist das den Bulgaren zu gönnen. Sie sind 
nach den von ihnen verübten Greueltaten nicht mehr 
als kriegsführender Staat, sondern als eine Horde von 
Verbrechern zu betrachten. In der Stadt Serres haben 
sie beim Rückzug von 2700 Einwohnern nur ein paar 
hundert am Leben gelassen und alles verbrannt, die 
reinen Hunnen. Ich glaube, daß der Friede bald ge- 
schaffen werden wird, denn sie sind am Ende. 

374 



In China ist auch wieder der Teufel los. Der Süden 
empört sich gegen Peking und Yuan Shi Kai. Der 
Krieg ist im Gange, und schon streckt Rußland seine 
gierige Hand nach der Mongolei und der nördlichen 
Mandschurei aus. Wieviel Menschen werden täglich 
umgebracht! 

Posen, 27. August 1913. 

General Pollio, der hier ist, hat mir gut gefallen, er 
spricht nur französisch, scheint für unsere Armee 
eine aufrichtige Bewunderung zu haben. 

Generalstab Berl in, 22. Dezember 1913. 

Das Kommando des Kronprinzen ladet mir eine 
nicht leichte und verantwortungsvolle Aufgabe auf. 
Nicht persönlich, denn er ist ein sehr charmanter 
und liebenswürdiger Herr, aber sachlich. Er muß zur 
Arbeit, wenigstens zur Wertschätzung der Arbeit er- 
zogen werden, er muß einsehen lernen, daß Pflicht- 
erfüllung wichtiger ist als Sporttreiben. 

Rede Moltkes am Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers 
27. Januar 19 14. 

Meine Herren! 

Ich möchte namens des Generalstabes unserer 
Freude darüber Ausdruck geben, daß es uns heute 
vergönnt ist, den schönsten Festtag der Armee, den 
Geburtstag unseres Allerhöchsten Kriegsherrn, im 
Verein mit einer großen Zahl früherer Angehöriger 
des Generalstabes feiern zu können, und ich möchte 
den Herren dafür danken, daß sie durch ihr zahlrei- 
ches Erscheinen das Gefühl kameradschaftlicher Zu- 
sammengehörigkeit betätigt haben. 

Für diese kameradschaftliche Zusammengehörig- 
keit, die alle Teile des gesamten Heeres umfaßt, ist ja 

375 



der Generalstab der prägnanteste Ausdruck, denn er 
vereinigt in sich die Angehörigen aller deutschen 
Bundeskontingente zu gemeinsamer Arbeit für Kai- 
ser und Reich. 

Aber nicht nur die Kameradschaft ist es, die uns 
heute zusammengeführt hat, es ist die uns allen ge- 
meinsame, uns alle umfassende, treue Hingabe an 
unseren kaiserlichen Herrn. 

Meine Herren, lassen Sie uns als Geburtstagsgabe 
für unseren Kaiser das Gelübde erneuern, fest zu ihm 
zu stehen in guten und schlimmen Tagen. — Je mehr 
eine vaterlandslose Demagogie an der Arbeit ist, Un- 
frieden und Zwietracht zu säen zwischen den deut- 
schen Stämmen und Ständen, je mehr sie daran ar- 
beitet, die letzte und festeste Stütze von Staat und 
Monarchie, das Heer, zu untergraben, desto mehr wird 
es unsere Pflicht, uns fest zusammenzuschließen zur 
Wahrung der heiligen Güter, die eine große Vergan- 
genheit uns überliefert hat. 

Lassen Sie uns in dem Bewußtsein, daß das ge- 
samte Heer, getragen von dem Geist der Treue und 
der Pflicht, geschlossen hinter unserem Allerhöch- 
sten Kriegsherrn steht, unsere Gläser erheben auf die 
Zukunft Deutschlands und auf das Wohl unseres 
Kaisers und Herrn. 

Generalstab Berlin, 22.Februar 1914. 

Mit dem kommenden Frühling fängt es wie all- 
jährlich wieder an, politisch zu kriseln. Man sieht in 
Österreich einer politischen Aktion Rußlands ent- 
gegen und Österreich hat sich militärisch durch seine 
unverständliche Politik gegen Rumänien selber in 
eine schwierige Lage gebracht. — Nun soll Berlin 
das wieder gut machen. Ist aber nicht so leicht! 

376 



Generalstab Berlin, y.März 1914. 

Heute morgen habe ich einer Anzahl von Reichs- 
tagsabgeordneten einen Vortrag über Photostereo- 
skopie im Bibliotheksaal des Generalstabes halten 
lassen, mit Lichtbildern. Es handelt sich darum, daß 
ich einen Abteilungschef mehr beantragt habe und 
daß im Reichstag für diese Materie kein Verständnis 
vorhanden war. Um ihnen dies beizubringen, fand 
diese Veranstaltung statt. Sie haben alle viel Inter- 
esse gezeigt und ihrem Erstaunen über die techni- 
schen Möglichkeiten der Ausnutzung der Photogra- 
phie Ausdruck gegeben. 

Generalstab Berlin, g. März 1914. 

Morgen habe ich ein Diner zu zwölf Personen aus 
Anlaß der Anwesenheit einer italienischen Militär- 
mission. 

Generalstab Berlin, 11. März 1914. 

Ich trank bei Tisch dem italienischen General Zuc- 
cari zu, ohne eine Rede zu halten, worauf er aufstand 
und eine Rede auf mich hielt, in der er sagte, daß 
ich mir das größte Verdienst erworben habe, daß man 
in Italien und in Österreich mit dem größten Ver- 
trauen auf mich blicke usw. usw. — Es war mir recht 
peinlich, wie Du Dir denken kannst. 

Generalstab Berlin, 22. März 1914. 

Ich war heute vormittag bei der Eröffnungsfeier 
der Neuen Bibliothek. Das Gebäude ist sehr schön, 
mit mächtigem Kuppelsaal, dessen Kuppel etwas 
größer sein soll, als diejenige der Peterskirche. Ganz 
aus Eisenbeton erbaut, der genau so aussieht wie 
grauer Sandstein. Es wurden eine ganze Reihe von 

377 



Reden gehalten, unter denen diejenige des Kaisers 
die beste war. 

Karlsbad , 27. April 1914. 

Die Geschichte in Mexiko wird, soweit ich es be- 
urteilen kann, ein Reinfall für die Union werden, denn 
das ganze Land schließt sich gegen die Amerikaner 
zusammen, und es wird ihnen nicht leicht werden, 
mit dem Lande, das etwa viermal so groß ist wie 
Deutschland, fertig zu werden. — Ich glaube, Präsi- 
dent Wilson wird froh sein, wenn er mit einem blauen 
Auge aus der Affäre herauskommt. Zu internationa- 
len Verwicklungen wird die Sache nicht führen. 

Baden-Baden, 30. Mai 1914. 

Wir waren heute auf den Schlachtfeldern von 
Weißenburg und Wörth, auf denen ich vor vierund- 
vierzig Jahren die Feuertaufe erhielt. Du kannst Dir 
denken, daß auf diesen blutgetränkten Geländen die 
Erinnerungen an die große Zeit lebhaft wieder er- 
wachen. Mir wurde der Gefechtsbericht überreicht, 
den ich als Fähnrich am Abend der Schlacht von 
Weißenburg im Biwak geschrieben hatte und den 
man in den Kriegsakten, merkwürdigerweise, vorge- 
funden hatte. Ich mußte ihn damals schreiben, da 
alle Offiziere der Kompagnie gefallen waren und ich 
die Kompagnie führte. Hatte es ganz vergessen. Der 
Bericht, auf einen Bogen groben Papiers geschrie- 
ben, gefiel mir ganz gut, er ist einfach, sachlich und 
ganz verständig, ohne Prahlerei, vonmir selber sprach 
ich bescheidenerweise nur in der dritten Person als: 
der Fähnrich. — Das Papier machte mir Spaß. Es ist 
interessant, die Striche im Gelände wieder aufzufin- 
den, die ich damals im Feuer gegangen bin. 

378 



Metz, 5. Juni 1914. 

Es macht mir Freude, den Kronprinzen in die Ver- 
hältnisse unserer Grenzlande einzuführen. Er ist vol- 
ler Interesse bei der Sache. Es steckt viel gute An- 
lage in ihm, der junge Most kann einmal einen guten 
Wein geben. 

Kyllburg, 7. Juni 1914. 

Du hast gewiß Recht mit Deinen Ausführungen 
über die Entwicklung der Seelenfreiheit, ich habe 
sie mit großem Interesse gelesen. Du weißt, daß 
heute (Sonntag) mein Arbeitstag ist, ich habe viel zu 
tun, habe schon stundenlang geschrieben und muß 
mich kurz fassen, kann daher auf Dein Thema heute 
nicht näher eingehen. — Ich denke am 11. in Köln 
die Schlußbesprechung abzuhalten. Nachmittags will 
ich dann nach Homburg und von dort am 12. einen 
Tag ins Manövergelände fahren. Am 13., morgens, 
denke ich in Berlin einzutreffen. 

Generalstab Berlin, 16. Juni 1914. 

Wir sind lange getrennt gewesen, seit langer Zeit, 
laß uns hoffen, daß uns mal wieder ein längeres Zu- 
sammensein beschieden werde. Am Donnerstag hoffe 
ich Vortrag bei Sr. Majestät zu haben, dann will ich 
ihn bitten, mich von der Nordlandsreise zu dispensie- 
ren. Es muß eben mal ohne mich gehen. 

Generalstab Berlin, 18. Juni 1914. 

Wenn ich von der Nordlandsreise dispensiert werde, 
denke ich am 2. Juli nach Karlsbad zu kommen. Ich 
kann vorher nicht gut weg, da ich noch zu viel dienst- 
liche Dinge zu erledigen habe. Wenn Ihr fünf Wo- 
chen dort bleibt, würden wir ja auch dann noch etwa 
drei Wochen zusammen sein. 

379 



Generalstab Berlin, ig. Juni 1914. 

Gestern abend habe ich nun Se. Majestät gebeten, 
mich von der Nordlandsreise zu dispensieren. Die 
Sache machte keine Schwierigkeiten, er bedauerte es 
zwar sehr, daß ich nicht mitkäme. 

Karlsbad, 17. Juli 1914. 

Was Deine Reise nach Bayreuth anbetrifft, so wirst 
Du sie nach den neuesten Nachrichten, die ich er- 
halten habe, ruhig machen können. — Vor dem 25. 
wird nichts Entscheidendes geschehen. 

Karlsbad, 18. Juli 1914. 

Ich hoffe sehr, daß Du an Deiner Bayreuther Reise 
nichts ändern wirst. Wenn ich auch zwei Tage al- 
leine in Berlin bin, so schadet das wirklich gar nichts. 
Ich freue mich sehr auf unser Zusammensein im Au- 
gust, wenn Du aus Bayreuth zurückkommst. 

Karlsbad, ig. Juli 1914. 

Ich glaube noch nicht recht an ein ungestörtes Zu- 
sammenleben im August. Entweder wirst Du zu Olga 
gehen oder, wenn es mit der Mama schlecht gehen 
sollte — nach Gvesarum, oder es wird irgend etwas 
anderes kommen. 

Karlsbad, 21. Juli 1914. 

Es freut mich, daß Du Dr. Steiner gesehen und ge- 
sprochen hast, es ist Dir ja immer eine solche innere 
Erfrischung und Stärkung, mit ihm zu reden. Ich 
würde mich auch freuen, ihn im August zu sehen, 
wenn er nach Berlin kommen sollte. 

Nun soll also der Donnerstag die Entscheidung 
bringen! Ich fange allmählich an, etwas skeptisch in 
dieser Sache zu werden! 

380 



Generalstab Berlin, 26. Juli 1914. 

Hier im Generalstab wartete W. auf mich und wir 
hatten eine längere Besprechung. — Ich will nach- 
her — es ist jetzt 10 Uhr — aufs Auswärtige Amt 
gehen, um mich mit J. zu besprechen. Die Lage ist 
noch ziemlich ungeklärt. Die weitere Gestaltung der 
Dinge hängt lediglich von der Haltung Rußlands ab, 
unternimmt dies keinen feindlichen Akt gegen Öster- 
reich, so wird der Krieg lokalisiert bleiben. Gestern 
abend zogen Tausende von Menschen vor der öster- 
reichischen Botschaft vorbei und brachten Ovatio- 
nen aus, bis spät in die Nacht dauerten die Hurra- 
rufe, die Leute sangen patriotische Lieder, es war 
beinahe so, als ob wir selber mobil gemacht hätten. 
Die Stimmung in der Presse ist gut, sogar das »Ber- 
liner Tageblatt« schreibt energisch in österreichi- 
schem Sinne. Du wirst aber wohl am Dienstag zu- 
rückkommen. Bis dahin wird auch kaum eine grös- 
sere Entscheidung gefallen sein. Genieße das Schöne, 
das Dir noch geboten wird. 

Generalstab Berlin, 27. Juli 1914. 

Heute morgen war ich lange bei Bethmann, komme 
eben von dort zurück und muß in einer Stunde nach 
dem Neuen Palais, wo der Kaiser um 3 Uhr eintref- 
fen wird. Die Lage ist dauernd recht unklar. Sehr 
schnell wird sie sich nicht klären, es werden noch 
etwa vierzehn Tage vergehen, bevor man etwas Be- 
stimmtes wissen oder sagen kann. Du kannst diese 
Zeit in Bayreuth ruhig zu Ende bleiben, meinetwegen 
brauchst Du keine Sorge zu haben. — Ich habe den 
gestrigen Tag, der allerdings etwas anders war als 
der Karlsbader Kurtag, ausgezeichnet durchgehalten, 
fühle mich wohl und frisch. 

38i 



Luxemburg, 2g.August 1914. 

Ich sitze hier in der Schule, in der wir auch hier 
unsere Bureaus errichtet haben. Es ist alles noch un- 
fertig und bei weitem nicht so bequem wie in Ko- 
blenz. Wir haben weder Gas noch elektrisch Licht, 
nur trübe Petroleumlampen. Desto helleres Licht er- 
strahlt mir aus den Meldungen, die von unseren Ar- 
meen heute eingelaufen sind. Im Osten ist ein voller 
Sieg erfochten, so viele Gefangene, daß die Armee 
nicht weiß, wie sie sie fortschaffen soll. — Im We- 
sten meldet die 2. Armee unter Bülow einen vollen 
Sieg, der heute gegen fünfeinhalb französische Korps 
erfochten worden ist. 

Wir wohnen alle zusammen, das heißt meine Her- 
ren und ich, in dem Hotel de Cologne, das einen 
deutschen Wirt hat. Es ist nicht sehr schön, aber 
man muß im Felde vorliebnehmen. Es kommt ja 
auch nicht darauf an, ob man's ein bißchen besser 
oder schlechter hat. 

Ich bin froh, für mich zu sein und nicht am Hofe. 
Ich werde ganz krank, wenn ich dort das Gerede höre, 
es ist herzzerreißend, wie ahnungslos der hohe Herr 
über den Ernst der Lage ist. Schon kommt eine ge- 
wisse Hurrastimmung auf, die mir bis in den Tod 
verhaßt ist. — Nun, ich arbeite mit meinen braven 
Leuten ruhig weiter. Bei uns gibt es nur den Ernst 
der Pflicht und keiner ist sich darüber im unklaren, 
wie viel und Schweres noch getan werden muß. 

Luxemburg, 31. August 1914. 

Der Erfolg im Osten ist groß und wird unsere un- 
glückliche Provinz hoffentlich von den Russen säu- 
bern. Die Verwüstungen, die sie angerichtet haben, 
muß eine spätere Zeit heilen, wenn wir wieder Frie- 

382 



den haben. — Auch im Westen wieder ein Erfolg 
bei der 2. Armee unter Bülow, zu der das Gardekorps 
gehört. Es soll schwere Verluste gehabt haben. Heute 
und morgen kämpfen die Armeen der Mitte, es wird 
ein Entscheidungskampf sein, von dessen Ausgang 
unendlich viel abhängt. 

Luxemburg, 1. September 1914. 

Heute, am Schlachttage von Sedan, haben wir wie- 
der einen großen Erfolg über die Franzosen errun- 
gen. Der Kaiser war auf meinen Wunsch heute draus- 
sen bei dem Oberkommando der 5. Armee, bei dem 
Kronprinzen, und bleibt die Nacht draußen. Es ist 
gut für ihn, daß er einmal zur Truppe kommt und 
daß sie ihn sieht, auch, daß er auf französischem Bo- 
den ist. 

Luxemburg, 2. September 1914. 

Ich bin eben aus Frankreich zurückgekommen. Ich 
war auf dem Fort Longwy, das gleich nach dem Ein- 
marsch zusammengeschossen wurde. Die Wirkung 
unserer schweren Artillerie ist vernichtend. Das ganze 
Fort, das eine kleine Stadt umschloß, ist ein Trüm- 
merhaufen. — Der Kaiser kam heute von den Trup- 
pen zurück, in Hurrastimmung. — In Österreich geht 
es schlecht. Die Armee kommt nicht vorwärts. Ich 
sehe es kommen, daß sie geworfen wird. 

Luxemburg, 3. September 1914. 

Heute ist nichts Neues vorgefallen. Mit den Öster- 
reichern geht es schlecht, und wir können ihnen zur 
Zeit nicht helfen, müssen Gott danken, wenn wir mit 
unseren Gegnern fertig werden. Gott gebe, daß bald 
irgendein Ereignis in Rußland eintritt, das uns von 
den moskowitischen Massen entlastet. 

383 



Luxemburg, 7. September 1914. 

Heute fällt eine große Entscheidung, unser ganzes 
Heer von Paris bis zum oberen Elsaß steht seit ge- 
stern im Kampf. Müßte ich heute mein Leben hin- 
geben, um damit den Sieg zu erkämpfen, ich täte es 
mit tausend Freuden, wie es wieder Tausende unserer 
BrüderheutetunundTausendeesgetanhaben.Welche 
Ströme von Blut sind schon geflossen, welcher na- 
menlose Jammer ist über die ungezählten Unschuldi- 
gen gekommen, denen Haus und Hof verbrannt und 
verwüstet ist. — Mich überkommt oft ein Grauen, 
wenn ich daran denke, und mir ist zu Mute, als müßte 
ich dieses Entsetzliche verantworten, und doch konnte 
ich nicht anders handeln, als geschehen ist. 

Luxemburg, 8. September 1914. 

Ich kann es schwer sagen, mit welcher namenlosen 
Schwere die Last der Verantwortung die letzten Tage 
auf mir gelastet hat und noch lastet. Denn noch im- 
mer ist das große Ringen vor der gesamten Front 
unseres Heeres nicht entschieden. Es handelt sich 
hierbei um Wahrung oder Verlust des bisher mit un- 
endlichen Opfern Errungenen, es wäre furchtbar, 
wenn all dies Blut vergossen sein sollte, ohne einen 
durchschlagenden Erfolg. Die schreckliche Span- 
nung dieser Tage, das Ausbleiben von Nachrichten 
von den weit entfernten Armeen, das Bewußtsein 
dessen, was auf dem Spiel steht, geht fast über 
menschliche Kraft. — Die furchtbare Schwierigkeit 
unserer Lage steht oft wie eine schwarze Wand vor 
mir, die undurchdringlich scheint. — Heute abend 
sind etwas günstigere Nachrichten von der Front 
eingetroffen. Gott gebe, daß wir noch einmal mit un- 
seren zusammengeschmolzenen Truppen einen Er- 

384 



folg haben. Das Gardekorps ist wieder schwer im 
Kampf gewesen, es soll fast bis auf die Hälfte seines 
Bestandes heruntergekommen sein. 

Es ist eine schwere Zeit, und namenlose Opfer hat 
dieser Krieg schon gefordert und wird sie weiter for- 
dern. Die ganze Welt hat sich gegen uns verschwo- 
ren, es sieht so aus, als ob es die Aufgabe aller übri- 
gen Nationen wäre, Deutschland endgültig zu ver- 
nichten. — Die wenigen neutralen Staaten sind uns 
gegenüber nicht freundlich gesinnt. Deutschland hat 
keinen Freund in der Welt, es steht ganz alleine auf 
sich angewiesen. 

Von der heutigen Entscheidung hängt es ab, ob 
wir noch hier bleiben. — Lange jedenfalls nicht mehr. 
Der Kaiser muß nach Frankreich hinein, näher an die 
Armee heran, er muß wie seine Truppen in Feindes- 
land sein. 

Luxemburg, 9. September 1914. 

Es geht schlecht. Die Kämpfe im Osten von Paris 
werden zu unseren Ungunsten ausfallen. Die eine 
unserer Armeen muß zurückgehen, die andern wer- 
den folgen müssen. Der so hoffnungsvoll begonnene 
Anfang des Krieges wird in das Gegenteil umschla- 
gen. — Ich muß das, was geschieht, tragen, und werde 
mit meinem Lande stehen oder fallen. Wir müssen 
ersticken in dem Kampf gegen Ost und West. — Wie 
anders war es, als wir vor wenigen Wochen den Feld- 
zug so glanzvoll eröffneten — die bittere Enttäu- 
schung kommt jetzt nach. Und wie werden wir zu 
zahlen haben für alles, was zerstört ist. 

Der Feldzug ist ja nicht verloren, ebensowenig wie 
er es bisher für die Franzosen war, aber der französi- 
sche Elan, der auf dem Punkt stand, zu erlöschen, 
wird mächtig aufflammen, und ich fürchte, unser 

Moltke. 25. 385 



Volk in seinem Siegestaumel wird das Unglück kaum 
ertragen können. — Wie schwer dies mir wird, kann 
niemand besser ermessen — als Du, die Du ganz in 
meiner Seele lebst. 

TELEGRAMM S.M.DES KAISERS UND KÖNIGS. 

Mit bestem Glückwunsche 

Luxemburg, 14. September 1914. Wilhelm. 

Chef des Generalstabes. 

Die Wilnaer Armee, II., III., IV., XX. Armeekorps, drei bis 
vier Reserve-Divisionen, fünf Kavallerie-Divisionen, ist durch die 
Schlacht an den Masurischen Seen und die sich daran anschlies- 
sende Verfolgung vollständig geschlagen. Die Grodnoer Reserve- 
Armee, XXII. A.-K., Rest des VI. A.-K, Teile des III. Sibirischen 
Korps, hat im besonderen Gefecht bei Lyk schwer gelitten. Der 
Feind hat starke Verluste von Toten und Verwundeten. Die 
Zahl der Gefangenen steigert sich. Die Kriegsbeute ist außer- 
ordentlich. Bei der Frontbreite der Armee von über hundert 
Kilometern, den ungeheuren Marschleistungen von zum Teil hun- 
dertfünfzig Kilometern in vier Tagen, bei den sich auf dieser 
ganzen Front und Tiefe abspielenden Kämpfen, kann ich den 
vollen Umfang noch nicht melden. Einige unserer Verbände sind 
scharf ins Gefecht gekommen. Die Verluste sind aber doch nur 
gering. Die Armee war siegreich auf der ganzen Linie gegen ei- 
nen hartnäckig kämpfenden, aber schließlich fliehenden Feind. 
Die Armee ist stolz darauf, daß ein Kaiserlicher Prinz in ihren 
Reihen gekämpft und geblutet hat. 

gez. Hindenburg. 
(Eigenhändig vom Kaiser geschrieben und Moltke zugeschickt 
am 14. September 1914.) 

Mözieres, 27. September 1914. 

Ich fahre heute mittag wieder von hier ab nach 
Brüssel, um dort die Sache in Schwung zu bringen. 
Unsere Lage in Frankreich ist noch immer unverän- 
dert. Wir brauchen einen Erfolg an irgendeiner Stelle, 
er kommt und kommt nicht. 

386 



Mezieres,3- Oktober 1914. 
Unsere Lage ist noch immer kritisch, aber auch 
hier in Frankreich kann jeden Tag eine Wendung 
eintreten, wie wir gestern vor Antwerpen einen schö- 
nen Erfolg gehabt haben. Ein solcher Erfolg im We- 
sten, und alles ist gerettet. — Du weißt, daß ich mich 
gesträubt habe, mich krank zu melden und abzurei- 
sen, Du weißt, daß ich Dir sagte, mein Platz ist hier, 
ich stehe und falle mit dem Heere. — Ich werde viel- 
leicht schon morgen nach Brüssel zurückkehren, wo 
die Entscheidung heranreift, und es gut ist, wenn ich 
dort bin, damit die Einheitlichkeit gewahrt bleibt. — 
Das Gardekorps ist an eine andere Stelle gezogen und 
wird wohl wieder neue Kämpfe zu bestehen haben. 

TELEGRAMM DES KAISERS. 
Generaloberst v. Moltke, Gouvernement Brüssel. 

Den 10. Oktober 1914. 
Ich spreche Ihnen Meinen Königlichen Dank aus für Ihre 
erfolgreiche Mitwirkung bei der Einnahme von Antwerpen, die 
für immer eine der ruhmreichsten Waffentaten sein wird, und 
verleihe Ihnen in hoher Anerkennung Ihrer Mir bisher geleiste- 
ten vortrefflichen Dienste das Eiserne Kreuz erster Klasse. Ich 
bin voll Dank gegen Gott für diesen herrlichen Erfolg. 

Wilhelm LR. 

Mezieres, 11. Oktober 1914. 

Ich versuche, soviel wie möglich, mich zu orien- 
tieren über alles, was gemacht wird, und das Verhält- 
nis zwischen Falkenhayn und mir aufrecht zu erhal- 
ten, es ist nicht leicht, aber ich tue, was ich kann. Ich 
glaube, eine schwerere Prüfung kann einem Men- 
schen kaum auferlegt werden. — Gestern bin ich von 
Antwerpen zurückgekommen. Ich habe dort wenig- 
stens etwas helfen können, während ich hier nur Zu- 

387 



schauer bin. — Der Fall Antwerpens war seit langem 
wenigstens mal wieder ein Erfolg. 

Mezieres, 22. Oktober 1914. 

Ich bin nun doch zusammengeklappt, nachdem 
mein Körper sich bisher so gut gehalten hatte. Es ist 
eine Entzündung der Gallenblase und Stauung im 
rechten Leberlappen. An und für sich ist die Sache 
nicht schlimm, ich muß aber liegen. Dr. N. vom Kai- 
ser behandelt mich in netter und angenehmer Weise, 
er rechnet damit, daß die Sache in noch acht Tagen 
ganz überwunden sein wird. — Für mich war diese 
Erkrankung ein harter Schlag, gerade am Tage vor- 
her hatte ich mit Sr. Majestät gesprochen. Es war so, 
wie ich es gedacht hatte. Der Kaiser war in der Idee, 
daß ich eigentlich die Sache leitete und Falkenhayn 
nur gewissermaßen Hilfsarbeiter sei. Ich habe ihm 
die Sache nun klargelegt und gesagt, daß ich ganz 
ausgeschaltet bin. Er sagte, er wolle »Remedur« ein- 
treten lassen. 

Mezieres, 24. Oktober 1914. 

Der Kaiser war gestern eine Stunde bei mir, sehr 
gütig, persönlich ist er augenscheinlich der Alte mir 
gegenüber geblieben. Einen klaren Einblick in die 
Lage, in die er mich gebracht hat, hat er wohl nicht. 
Ich konnte gestern auch nicht darüber sprechen, muß 
es aber tun, wenn ich gesund bin, in drei bis vier 
Tagen denke ich. — P. sagte mir, der Kaiser wollte 
mir eins seiner Jagdschlösser anbieten, wenn ich mich 
einige Zeit erholen wollte. Vielleicht ist dies der ein- 
zige Weg, um zu einer Änderung zu kommen, ich 
weiß es noch nicht, möchte es sehr ungern. 

Der Erfolg, auf den wir hofften, ist nicht eingetre- 
ten, immer wieder Enttäuschung. Es ist, als ob uns 

388 



nichts mehr glücken sollte, und doch muß endlich 
der Erfolg kommen, wenn wir nicht in der Masse 
unserer Gegner ersticken sollen. 

Mezieres, 26. Oktober 1914. 

Es geht nicht vorwärts mit unseren Operationen. 
Alle unsere Hoffnungen, die wir auf die neuen Korps 
gesetzt haben, sind trügerisch gewesen. Wir kommen 
zu keiner Entscheidung, der Feldzug quält sich hin 
wie ein stagnierender Sumpf. — Körperlich geht es 
täglich besser. 

Mezieres, 28. Oktober 1914. 

Die Verhältnisse Rußland gegenüber machen mir 
schwere Sorge. Ich sehe es kommen, daß nachdem 
die Österreicher wieder geschlagen sind, unsere Ar- 
mee zurückgehen muß. — Diese österreichische Nie- 
derlage ist der schwerste Schlag, den wir erleiden 
konnten. 

KABINETTSORDER S. M. DES KAISERS. 

Infolge Ihrer Erkrankung habe Ich Mich zu Meinem größten 
Bedauern in die Notwendigkeit versetzt gesehen, die Stelle des 
Chefs des Generalstabes des Feldheeres in andere Hände zu 
legen, und habe Ich den Kriegsminister Generalleutnant von Fal- 
kenhayn zu Ihrem Nachfolger ernannt. Es berührt Mich im höch- 
sten Grade schmerzlich, daß Sie Ihre langjährige, unermüdliche 
und segensreiche Friedensarbeit nun nicht mehr selbst in wei- 
tere Taten umsetzen und an dem Erfolge Ihres Wirkens aus 
nächster Nähe teilnehmen können. Ihr Verdienst um den Ge- 
neralstab bleibt aber deshalb doch ungeschmälert und wird Ihre 
Persönlichkeit und Ihre Tätigkeit an der Spitze des in der ganzen 
Welt ruhmreich bekannten deutschen Generalstabes bei Mir und 
Meiner Armee unvergessen bleiben. Von Herzen wünsche Ich 
Ihnen baldige Genesung und hoffe, daß Sie Ihre bisherige Rüstig- 
keit völlig wieder erlangen werden. 

Ihrem Wunsche um Begleitung durch einen Generalstabsoffi- 

389 



zier habe ich gern entsprochen, und betreffs des weiteren Bezugs 
Ihrer bisherigen Gebührnisse an den Kriegsminister verfügt. 

Großes Hauptquartier, den 3. November 1914. 

Wilhelm R. 

An Meinen Generaladjutanten und Chef des Generalstabes des 
Feldheeres Generalobersten v. Moltke. 

Vorwort Moltkes für »Das deutsche Soldatenbuch«.* 

Geschrieben November 1914. 

Euch, deutsche Krieger, die ihr Eltern, Geschwi- 
ster, Weib und Kind, Haus und Hof verlassen habt, 
um hinauszuziehen in den Krieg, ist dies Buch gewid- 
met: Es soll euch einen Gruß aus der Heimat brin- 
gen, die ihr mit eurem Blute und Leben schützt. Es 
ist eine heilige Sache, um die ihr im Felde steht. 
Nicht aus selbstsüchtigem Interesse hat Deutschland 
diesen Krieg unternommen. Wir wollten Frieden hal- 
ten mit aller Welt, und wir trachteten nicht nach 
fremdem Gut oder Land. Der Krieg ist uns aufge- 
zwungen worden durch den Neid und den Haß un- 
serer zahlreichen Feinde, die das Reich, deutsches 
Leben, deutsche Kultur und Friedensarbeit vernich- 
ten wollten. Die Deutschland austilgen wollten aus 
der Reihe der Kultur und uns das verderben wollten, 
was wir in langer, stiller Friedensarbeit geschaffen 
haben. Zur Verteidigung unseres nationalen Lebens, 
für die Existenz unseres Landes führen wir diesen 
Krieg, und wir werden die Waffen nicht eher nieder- 
legen, bis wir einen Frieden erkämpft haben, der es 
unseren Kindern und Enkeln ermöglicht, sicher vor 
neuen Angriffen das wieder aufzubauen und weiter- 
zuführen, was der Krieg zerstört hat. Aber es handelt 
sich nicht nur um materielle Güter, das wollen wir 

* Verlag: Deutsche Bibliothek, Berlin W. 
390 



nicht vergessen, es handelt sich um etwas Höheres, 
darum, der gesamten Welt das führende deutsche 
Geistesleben zu erhalten. Deshalb ist es ein heili- 
ger Krieg, den wir führen, das weiß und fühlt das 
ganze deutsche Volk, und es steht einmütig in treuer 
Brüderschaft hinter seinem Heere. Es wird aushal- 
ten mit euch und jedes Opfer bringen, bis der Sieg 
errungen ist. Und wenn ihr dann heimkehrt, werdet 
ihr als kostbarstes Gut aus dem Felde die Gewiß- 
heit mitbringen, daß Deutschland unbesiegbar war, 
mit allen seinen Stämmen und Parteien wie Brü- 
der zusammenstand, und ihr werdet in eurem Her- 
zen das Bewußtsein tragen, daß die deutsche Volks- 
seele unendliche Kräfte birgt, wenn sie ideale Ziele 
in sich aufleben läßt. Daß dieses Gut dem deutschen 
Volke auch nach dem Kriege erhalten bleibe in aller 
Zukunft, ist der heiße Wunsch aller, die eurer heute 
und täglich gedenken. Haltet aus, ihr deutschen Krie- 
ger, wenn der Kampf auch noch so schwer ist. Bleibt 
treu und fest, wie ihr es bisher gewesen seid, und ihr 
werdet siegen. 

AUSZUG AUS EINEM BRIEF VON KRONPRINZ WILHELM 
AN MOLTKE. 

Stenay, den 15. Dezember 1914. 

Euer Exzellenz 

habe ich schon lange einmal schreiben wollen, wie sehr ich mit 
Ihnen fühle in dieser für Sie so schweren Zeit. Es hat mir ins 
Herz geschnitten, wie ich Sie damals in Mezieres so vereinsamt 
und krank sehen mußte. Von alten Zeiten her habe ich stets so 
riesig viel von Euer Exzellenz gehalten und speziell als wirklich 
treuer, aufrichtiger Freund meines Vaters, der ja leider wenig 
von dieser Art besitzt. — Während meiner Zeit im Generalstab 
habe ich nur Güte und Nachsicht und Verständnis, was den Ver- 
lust meines Regiments anbetrifft, bei Euer Exzellenz gefunden. 
Endlich verdanke ich Ihnen allein mein jetziges Kommando und 

391 



sollte Gott mich gesund nach dem Kriege in die Heimat zurück- 
kehren lassen, so werden die Schlachten von Longwy, an der 
Lotaine, dem Maasübergang und den Kämpfen bei Varennes und 
in den Argonnen bis zu meinem letzten Augenblick herrliche, er- 
hebende Erinnerungen für mich immer bleiben. — Alles dieses 
gibt mir das Recht jetzt, in den für Sie trüben Tagen, an Ihre 
Seite zu treten und Ihnen die Hand fest zu drücken in dem Ge- 
fühl der Hochachtung und der treuen Anhänglichkeit, ich bin 
gewiß, daß ich verstanden werde, auch wenn ich mich unge- 
schickt ausdrücke, viel Worte habe ich nie machen können, aber 

das Gefühl ist warm und echt. 

Nun auf Wiedersehen, Euer Exzellenz, und einen herzlichen 
Gruß an Ihre liebe Frau, die in dieser Zeit die einzige wirkliche 
Trösterin sein kann. 

In alter Treue 

Wilhelm. 

KABINETTSORDER S. M. DES KAISERS. 

Ich ernenne Sie hierdurch für die Dauer des mobilen Verhält- 
nisses zum Chef des Stellvertretenden Generalstabes der Armee. 

Großes Hauptquartier, den 30. Dezember 1914. 

Wilhelm R. 
An Meinen Generaladjutanten, Generalobersten von Moltke, Chef 
des Füsilier-Regiments Generalfeldmarschall Graf Moltke (Schle- 
sisches) Nr. 38, ä la suite des Kaiser-Alexander-Gardegrenadier- 
Regiments Nr. 1. 



392 



Vierter Teil 

Moltke nach der Marneschlacht 



Moltke 
an den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. 

Berlin, 8. Januar 1915. 
Ew. Exzellenz 

wollen verzeihen, wenn ich durch handschriftliche 
Antwort auf Ihr Schreiben vom 5. d. M. Schwierig- 
keiten beim Lesen mache, ich möchte aber dies 
Schreiben keinem Abschreiber anvertrauen. 

Ich spreche mich im Vertrauen auf den von Ew. 
Exzellenz gewählten Weg rein persönlicher Mittei- 
lung so offen aus, wie es mir die Schwierigkeit der 
Sache gestattet. 

Es ist keine Frage, und es ist mir hier von den 
verschiedensten Seiten entgegengetreten, daß die Ver- 
einigung des Amtes des Chefs des Generalstabes und 
des Kriegsministers in einer Hand in weiten Kreisen 
des Landes in ungünstigem Sinne beurteilt wird. Ich 
persönlich halte diese Vereinigung nicht für günstig. 
Generalstab und Kriegsministerium sind zwei Behör- 
den, die ein Gegengewicht gegeneinander bilden müs- 
sen, wenn in zweckdienlicher Weise gearbeitet wer- 
den soll. Außerdem gehört der Kriegsminister nach 
Berlin, an die Zentralstelle seiner Wirksamkeit. Per- 
sönlich ist die Vereinigung beider Stellen für den In- 
haber gewiß sehr bequem, wo sich entgegenstehende 
Auffassungen gegenüberstehen, kann er diktatorisch 
entscheiden. Das hat sich kürzlich gezeigt, wie es 
sich um die Frage der Neuaufstellung der Korps han- 
delte, wo das Kriegsministerium und, wie mir gesagt 
ist, auch der General v. Falkenhayn als Kriegsminister 
gegen die Neuaufstellung und für die Stärkung un- 
seres Westheeres war, während General v. Falkenhayn 

395 



kurz darauf als Chef des Generalstabes die Aufstellung, 
befahl. Ich würde mich in diesem Falle der Ansicht 
des Kriegsministeriums angeschlossen haben. — Es 
ist aber sehr schwer für mich, über diese Dinge ein 
begründetes Urteil abzugeben, da mir jede Orientie- 
rung über die tatsächliche Lage des Heeres fehlt. Von 
dem Augenblicke an, wo Se. Majestät mir durch den 
Chef des Militärkabinetts sagen ließ, ich solle mich 
krank melden und nach Berlin fahren, da dem Gene- 
ral v. Falkenhayn die Leitung der Operationen über- 
tragen werden solle, habe ich keinen Einfluß auf die 
Führung des Krieges mehr gehabt. Da der General 
v. Falkenhayn mir gleichzeitig erklärte, er könne die 
Verantwortung nur übernehmen, wenn ich mich in 
keiner Weise einmischte, habe ich mich zurückge- 
halten und bin seitdem weder um meine Ansicht ge- 
fragt, noch über die beabsichtigten Maßnahmen der 
Heeresleitung vorher unterrichtet worden. Seitdem 
ich am i. November auf Wunsch Sr. Majestät nach 
Homburg gegangen war und dort nach zwei Tagen 
die Order über meine Entlassung von meiner bis- 
herigen Stellung erhalten hatte, habe ich mich auch 
nicht mehr über die Lage durch Umfrage im Gene- 
ralstab orientieren können, da ich nun völlig ausge- 
schaltet war. — Ich sage dies nicht, um mich zu be- 
klagen, sondern nur, um darzulegen, wie schwer es 
für mich ist, ein begründetes Urteil über die operati- 
ven Geschehnisse und eine Bewertung derselben ab- 
zugeben. 

Das einzige, was ich sehe und was ebenso wie ich 
alle Welt sehen kann, ist das Ergebnis der letzten 
Kriegsmonate. — Ich sehe, daß unser ganzes West- 
heer im Schützengraben liegt, und daß eine operative 
Kriegsführung nicht mehr stattgefunden hat. Der Un- 
terschied zwischen der Kriegsführung im Osten und 

396 



im Westen muß auch dem militärischen Laien klar 
sein. — Es ist einleuchtend, daß die Wiederherstel- 
lung der Operationsmöglichkeit im Westen nur durch 
ein Loslösen vom Feinde und in einer Konzentrie- 
rung der Heeresgruppen weiter rückwärts bewirkt 
werden kann. — Zu dieser Maßregel, die eine Ent- 
scheidung in offener Feldschlacht gegen den Geg- 
ner suchen würde, der unbedingt folgen muß, hat 
man sich bisher nicht entschlossen. — Über die 
Gründe bin ich ebensowenig unterrichtet, wie über 
die jetzt im Westen verfolgten Ziele. Ebensowenig 
kenne ich die Ansichten der Armeeführer hierüber 
und weiß nicht, ob sie darüber befragt worden sind. 
— Ich würde die Kriegsführung im Westen verstehen, 
wenn sie von dem Gedanken getragen würde: im 
Westen zunächst hinhalten, im Osten eine Entschei- 
dung herbeiführen. — Es ist mir unverständlich, daß 
die Wichtigkeit der letzteren nicht schon vor langem 
erkannt worden ist. — Wären wir mit Rußland zu ei- 
nem Frieden gekommen, so wäre meiner Ansicht 
nach alles gewonnen gewesen. Ob es jetzt noch mög- 
lich sein wird, diese Entscheidung herbeizuführen, 
kann ich von hier aus nicht beurteilen. Bei dem Ver- 
sagen der österreichischen Kriegsführung ist es jeden- 
falls viel schwerer geworden, als es vor zwei Monaten 
gewesen wäre. — Ew. Exzellenz sagen, daß Se. Maje- 
stät und der General v. Lyncker den General v. Fal- 
kenhayn unter allen Umständen als Chef des Gene- 
ralstabes behalten wollen, selbst wenn die beiden jetzt 
vereinigten Funktionen getrennt werden sollten. — 
Damit ist die Frage ja von vorneherein entschieden. 
General Ludendorff ist zum Chef des General- 
stabes wohl zu jung. — Er würde ausgezeichnet am 
Platze sein als Chef der Operationsabteilung oder 
als Oberquartiermeister, aber er ist eine eigenwillige 

397 



Persönlichkeit, die mit dem Kopf durch die Wand 
geht, und er würde niemals mit dem jetzigen Chef 
des Generalstabes zusammenarbeiten können. — Er 
ist sehr befähigt und ehrgeizig, hat auch dafür eine 
Berechtigung, aber er würde sich nur einer Persön- 
lichkeit unterordnen, die er achtet. 

Generaloberst v. Bülow ist nach meinem Urteil der 
befähigtste unserer Armeeführer. 

Darüber, ob General v. Falkenhayn Vertrauen in 
den Kreisen der letzteren entgegengebracht wird, 
habe ich kein Urteil. Es wäre sehr zu wünschen, daß 
es geschehe, denn Vertrauen ist eine wichtige Sache. 

Ew. Exzellenz werden von meinen Ausführungen 
kaum befriedigt sein, das fühle ich selber. Es ist mir 
aber unmöglich, mich bestimmt auszusprechen. Ew. 
Exzellenz werden das verstehen. — Wenn Sie ein 
kompetentes Urteil haben wollen, setzen Sie sich mit 
dem General v. Bülow in Verbindung. Ob dies mög- 
lich ist, ohne daß Sie den Anschein erwecken, sich 
in militärische Fragen einzumischen, weiß ich nicht. 

In den letzten Tagen sind mehrfach Herren bei mir 
gewesen, die schwere Besorgnisse über die Nah- 
rungsmittelfrage zur Sprache gebracht haben. Ich 
werde Ew. Exzellenz demnächst über diese Ange- 
legenheit berichten, die von vitaler Wichtigkeit ist. 
Es waren Vertreter der Landwirtschaft, der Industrie 
und der Getreideaufkaufsgesellschaft, die alle die glei- 
chen Besorgnisse äußerten. 

Mit der größten Hochachtung bin ich Ew. Exzellenz 

sehr ergebener 

v. Moltke. 



398 



Moltke 
an den Reichskanzler v. Bethmann Hollweg. 

Berlin, 10. Januar 1915. 
Ew. Exzellenz 
bitte ich, von tiefer Sorge um das Vaterland getrie- 
ben, die nachstehenden Zeilen unterbreiten zu dürfen. 

Ich bin in betreff der Nahrungsversorgung unse- 
res Volkes mit den verschiedensten Autoritäten : Ge- 
heimrat Sering, Professor Eltzbacher, Professor Bal- 
lod u. a. in Verbindung getreten, außerdem sind zu 
mir gekommen, ohne gerufen zu sein: Herr v. Wan- 
genheim, Klein-Spiegel, ferner Vertreter der Großin- 
dustrie, Herr Stinnes, Müllheim, Geheimrat Hugen- 
berg, Essen, sowie viele Private, alle von der glei- 
chen Sorge um das Land getrieben. 

Wenn nicht sofort und zwar mit rücksichtsloser 
Energie eingegriffen wird, werden wir, nach Ansicht 
aller, einer Katastrophe entgegengehen. — Die in der 
Anlage beigefügten Richtlinien sind das Ergebnis 
des gemeinsamen Urteils aller Herren, mit denen ich 
gesprochen habe. — Ew. Exzellenz werden vielleicht 
der Ansicht sein, daß ich mich hier um Dinge beküm- 
mere, die mich nichts angehen. Die Frage der Volks- 
ernährung ist aber von so einschneidender Bedeutung 
für die Kriegsführung, daß ich mich verpflichtet fühle, 
sie zur Sprache zu bringen. Unsere Heere nützen uns 
am letzten Ende nichts, wenn wir genötigt sind, aus 
Mangel an Nahrungsmitteln, vor allem an Brotge- 
treide, um Frieden zu bitten, bevor eine Entschei- 
dung durch die Waffen herbeigeführt ist, und nie- 
mand kann wissen, wie lange der Krieg noch dauern 
wird. — Ich habe gehört, daß von der Durchführung 
radikaler Maßnahmen durch den Bundesrat bisher 
Abstand genommen worden ist, um keine Unzufrie- 

399 



denheit bei den linksstehenden Parteien zu erregen. 
— Unser Volk wird jetzt noch energische Maßnah- 
men ruhig hinnehmen, es ist noch opferbereit und 
fordert sogar in weiten Kreisen, daß die Regierung 
mit starker Hand eingreift, aber dasselbe Volk wird 
Rechenschaft von der Regierung fordern, wenn Not- 
stände eintreten, die noch in letzter Stunde hätten 
vermieden werden können. Auf die Regierung wird 
die ganze Verantwortung mit voller Schwere fallen, 
wenn nichts geschieht. — Ich beschwöre Ew. Exzel- 
lenz daher, sofort einzugreifen. — Wenn jetzt erst wie- 
der Kommissionen einberufen und endlose Beratun- 
gen abgehalten werden, werden erfahrungsmäßig alle 
ergebnislos verlauf en, geht die kostbare Zeit verloren, 
und wie Ew. Exzellenz aus der Anlage ersehen, ha- 
ben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Es kommt nicht 
darauf an, das absolut Beste zu machen, man kann 
nicht alle Sonderinteressen berücksichtigen, die sich 
dauernd widersprechen werden. Hier handelt es sich 
nicht um Einzelinteressen, sondern um die Gesamt- 
heit des Volkes und um die Existenz des Staates und 
der Monarchie. 

Das Bewußtsein, daß es sich um die Wahrung un- 
serer höchsten Güter handelt, hat mich zu diesem 
Schreiben veranlaßt. 

Eine zweite wichtige Frage, über deren Entschei- 
dung ich nicht unterrichtet bin, ist die, ob die in 
nächster Zeit verfügbar werdenden Streitmittel im 
Osten oder im Westen eingesetzt werden sollen. Dar- 
über müssen Ew. Exzellenz orientiert sein, um da- 
nach die Politik des Reiches leiten zu können. — 
Ich glaube mit Ew. Exzellenz derselben Ansicht darin 
zu sein, daß das einzige große Ziel, das wir jetzt 
noch verfolgen müssen, trotzdem die Gelegenheit 
schon einmal versäumt ist, die Herbeiführung einer 

400 



Entscheidung gegen Rußland ist, die uns die Mög- 
lichkeit eines Friedens mit ihm eröffnet. Ich habe 
Ew. Exzellenz schon vor Wochen gesagt, daß, wenn 
dies gelingt, meines Erachtens nach der Krieg so gut 
wie gewonnen ist. — Ich halte den hier zu fassenden 
Entschluß für den sowohl militärisch wie poli- 
tisch wichtigsten der gesamten bisherigen Kriegs- 
führung. 

In größter Verehrung 

Ew. Exzellenz sehr ergebener 

v. Moltke. 

Anlage. 
An den Reichskanzler eingesandt am 10. Januar 1915. 

Eingehende Berichte und Rücksprachen mit nam- 
haften Persönlichkeiten der Finanz, Industrie und 
Volkswirtschaf t haben ergeben, daß wir nur noch ge- 
ringe Vorräte an Brotgetreide in Deutschland haben, 
und zwar Weizen nur noch für ein bis zwei Monate, 
Roggen in so beschränkter Menge, daß er für die 
beiden letzten Monate des Erntejahres voraussicht- 
lich völlig fehlen wird. 

Die Vorschriften des Bundesrates über die stärkere 
Ausmahlung des Brotgetreides sind hierbei schon 
berücksichtigt. 

Die erweiterte Vorschrift des Einbackens von Kar- 
toffelmehl in Brot vermag den Mangel keineswegs 
zu beheben. 

Die Aufgabe besteht jetzt darin, jede Verschwen- 
dung und jeden Luxuskonsum mit allen, selbst den 
schärfsten Mitteln, zu beseitigen. 

Ferner ist der Vorrat menschlicher Nahrungsmittel 
dadurch zu vergrößern, daß die Verfütterung von 
Roggen und Kartoffeln mit aller Energie verhindert 

Moltke. 26. 401 



wird. Jede Verfütterung menschlicher Nahrungsmit- 
tel bedeutet eine Verschwendung wertvollen Natio- 
nalvermögens. Die riesenhaften Schweinebestände 
können daher nicht durchgehalten werden. 

Das einzig Erfreuliche ist, daß unsere große Rauh- 
futterernte gestattet, die Milchkühe einigermaßen voll- 
ständig zu erhalten, so daß der Milch-, Käse- und But- 
terverbrauch voraussichtlich keine über das erträg- 
liche Maß hinausgehende Einschränkung erfahren 
wird. 

Überfluß besitzen wir nur an Zucker. Dieser muß 
dazu nutzbar gemacht werden, den Ausfall an Über- 
see eingeführten Fetten auszugleichen, sowie Lücken 
in der Getreideversorgung auszufüllen. — Es ist 
durchaus unzulässig, daß die bisher ausgeführten 
Zuckermengen eingesperrt bleiben, um den Besitzern 
nach dem Friedensschluß große Spekulationen zu er- 
möglichen. Es darf sich hier nicht um Vorteile ein- 
zelner, sondern um die Gesamtheit des Volkes han- 
deln. — Im einzelnen werden von allen Autoritäten 
auf dem Gebiet der Volkswirtschaft folgende Maß- 
nahmen für unbedingt nötig erachtet: 

i. Sofortige Aufhebung der Höchstpreise für Wei- 
zen. 

2. Ermächtigung an Kriegsgetreidegesellschaften, 
höhere Preise als Höchstpreise für Roggen, Weizen, 
und Gerste zu zahlen und zwar ohne jede Bindung. 

Anweisung an K.-G.-G. alle Getreide-, insbesondere 
sämtliche Weizenvorräte, soweit es irgend möglich 
ist, an sich zu bringen. 

3. Höchstpreise für Roggen sind vorläufig um drei- 
ßig Mark zu erhöhen, die der Speisekartoffeln um 
dreißig bis vierzig Prozent. 

4. Schweine sind bis um fünfzig Prozent des Be- 
standes durch große Ankäufe der Stadtgemeinden 

402 



mit Unterstützung des Reiches einzuschlachten und 
zu konservieren. Kontingentierung nach der Bevöl- 
kerungsziffer. — Die Heeresverwaltung hat sich an 
dem Ankauf zu beteiligen. 

5. Vollständige Verhinderung jeder Ausfuhr von 
Nahrungsmitteln an das Ausland. — Österreich-Un- 
garn hat die bisher empfangenen Getreidemengen 
durch andere Nahrungs- oder Futtermengen, z. B. 
Hülsenfrüchte, als Bohnen usw., zu ersetzen. 

Die Heeresverwaltung kann die bisher durch 
Deutschland erfolgende Verpflegung der österrei- 
chisch-ungarischen Truppen in Polen nicht weiter 
übernehmen. 

6. Nutzbarmachung der Zuckervorräte: 

a) durch Erhöhung der sperrfreien Kontingente 
derart, daß dem Verbrauch um monatlich eine gegen 
das Vorjahr um wenigstens die Hälfte erhöhte Zuk- 
kermenge zur Verfügung gestellt wird, 

b) durch Herabsetzung der Zuckersteuer von vier- 
zehn auf sieben Mark für den Doppelzentner, 

c) durch Ankauf von einer Million Doppelzentner 
Zucker seitens der Heeresverwaltung für die Truppen, 

d) durch Beimengung von Zucker zu dem Hafer- 
futter seitens der Heeresverwaltung, auf zehn Pfund 
Hafer zwei Pfund Rohzucker. 

7. Die Eisenbahnverwaltung hat statt Kohlen, so- 
weit noch nicht geschehen, Koks zum Verbrauch 
heranzuziehen, dies gilt besonders auch für die Mili- 
tärtransporte. 

8. Weit stärkere Heranziehung der Gefangenen als 
bisher zum Urbarmachen der ödländereien und Moor- 
kulturen, um sie im Frühjahr ausbauen zu können. 

9. Sicherstellung der Hülsenfrüchte (auch von Som- 
mergetreide) zur Aussaat durch Verleihung des Ent- 
eignungsrechtes an die Landwirtschaftskammer. 

403 



io. Die Gefangenen sind in viel weiterem Maße mit 
Fisch (Stockfisch) zu ernähren, der in großen Men- 
gen aus Norwegen bezogen werden kann. 

v. Moltke.* 

Moltke an Se. Majestät den Kaiser. 

Generalstab Berlin, io. Januar 1915. 

Ew. Majestät 

melde ich alleruntertänigst, daß ich heute an den 
Herrn Reichskanzler einen Bericht über die Nah- 
rungsmittelfrage eingereicht habe. Ich bitte Ew. Ma- 
jestät alleruntertänigst, Sich über die in demselben 
angeregten Fragen und Vorschläge Vortrag halten zu 
lassen. Die Sicherstellung der Versorgung des Heeres 
und des Volkes ist so ernst, daß ich mich verpflichtet 
gefühlt habe, sie zur Sprache zu bringen. 

Ich habe mich mit vielen maßgebenden Persön- 
lichkeiten auf dem Gebiete der Lebensmittelversor- 
gung in Verbindung gesetzt, überall ist mir die An- 
sicht entgegengetreten, daß wir einer schweren Krisis 
entgegengehen, wenn nicht unverzüglich mit den 
energischsten Maßnahmen vorgegangen wird. 

Ich habe die Richtlinien, in denen diese sich zu be- 
wegen hätten, und die von allen Herren, die teils mit der 

* Ein Urteil über Moltkes wirtschaftliche Betätigung: sei hier angeführt: 

Berlin, 6. August 1918. 
Sehr verehrte Exzellenz! 
Es wird jetzt die »Geschichte der deutschen Volkswirtschaft während des Krieges« 
geschrieben. An dem Aufbau unserer Ernährungswirtschaft hat Ihr verstorbener Herr 
Gemahl einen grofien Anteil gehabt. Der von mir hochverehrte Mann hat mich mehr- 
fach zu Beratungen über diesen Gegenstand herangezogen, und es erscheint mir als 
ein Gebot der Gerechtigkeit und historischen Wahrheit, sein Verdienst der Vergessen- 
heit zu entziehen. Wir haben es nach meiner Überzeugung nur seinem entschlosse- 
nen und wie immer selbstlosen Eintreten zu verdanken, daß nicht schon im ersten 
Jahre des Krieges eine Hungersnot ausbrach. . . . 

M. Sering 

Geheimer Regierungsrat, Universitäts-Professor. 

Z. Zt. Vorsitzender der Wissenschaftl. Kommission des Kgl. Preufi. Kriegsministeriums. 

404 



Bitte zu mir gekommen sind, Ew. Majestät die Lage 
darzulegen, teils von mir gebeten sind, mir ihre An- 
sichten zur Kenntnis zu geben, übereinstimmend als 
nötig bezeichnet sind, dem Herrn Reichskanzler unter- 
breitet. — Von allen Seiten ist mir übereinstimmend 
gesagt worden, daß es die zwölfte Stunde sei, wenn 
noch geholfen werden soll. — Ew. Majestät brauche 
ich nicht darzulegen, daß diese Angelegenheit von 
vitalster Bedeutung für die Kriegsführung ist. Das 
stärkste Heer wird Ew. Majestät nicht den glück- 
lichen Ausgang des Krieges sichern können, wenn 
Ew. Majestät gezwungen werden wegen Mangel an 
Nahrungsmitteln Frieden zu schließen, bevor eine 
endgültige Waffenentscheidung herbeigeführt ist. — 
Das Volk wird jetzt noch bereit sein, selbst das schärf- 
ste Eingreifen der Regierung als berechtigt anzuerken- 
nen, es wird sogar in weiten Kreisen gefordert. Tritt 
der von den maßgebenden Autoritäten auf dem Ge- 
biet der Nahrungsmittelversorgung befürchtete Not- 
stand ein, der durch rechtzeitiges Eingreifen hätte 
verhindert werden können, so sind die schlimmsten 
Folgen zu erwarten. 

Die Sorge um die Zukunft der Monarchie und des 
Vaterlandes drückt mir die Feder in die Hand. Ich 
bitte Ew. Majestät inständigst zu befehlen, daß hier 
mit eiserner Hand eingegriffen wird, nur dadurch wird 
Hilfe geschaffen werden können. 

Ich habe mich in früheren Zeiten des Vertrauens 
Ew. Majestät erfreuen dürfen und in der Gewißheit, 
daß Ew. Majestät mir auch jetzt noch glauben, daß 
ich keine anderen Motive kenne als Kaiser und Va- 
terland, bitte ich noch das Folgende über die großen 
Ziele des Krieges, wie sie sich mir darstellen, hin- 
zufügen zu dürfen. 

405 



Nach meiner innersten Überzeugung liegt die Ent- 
scheidung des Krieges im Osten. Gelingt es, auch 
jetzt noch, die Russen so zu schlagen, daß man zu 
einem Friedensschluß mit ihnen gelangen kann, so 
wird Frankreich sehr bald den Widerstand aufgeben. 
Ew. Majestät werden dann den Krieg so gut wie ge- 
wonnen haben. Solange Rußland im Felde steht, wird 
Frankreich keinen Frieden schließen. Es wird auch 
dann nicht Frieden schließen, wenn es gelingen sollte, 
seine Linien zu durchbrechen oder ihm eine Teil- 
niederlage beizubringen, es wird und es kann den 
Krieg nicht aufgeben, solange Rußland nicht erledigt 
ist und solange ein englischer Soldat auf französi- 
schem Boden steht. Dafür wird England sorgen. Ist 
aber die Hoffnung auf die russische Hilfe vernichtet, 
wird auch die Macht Englands über Frankreich ge- 
brochen sein. — Ich halte es daher für unbedingt er- 
forderlich, alle verfügbaren Kräfte einzusetzen, um 
Rußland niederzuwerfen, und dies um so mehr, da 
Österreich augenscheinlich militärisch mehr und mehr 
versagt. Nicht Österreichs wegen, aber um der Ge- 
fahr zu begegnen, daß nach einem Separatfrieden 
Österreichs uns die gesamte Heeresmacht Rußlands 
gegenübersteht. 

Ich bin nicht darüber unterrichtet, wie Ew. Majestät 
entscheiden wollen, und ich bitte Ew. Majestät, es zu 
verzeihen, wenn ich meine Ansicht ungefragt Aller- 
höchstdenselben ausspreche. Ich habe es aber stets 
für meine Pflicht gehalten, Ew. Majestät offen und 
ohne Rücksicht auf meine Person zu dienen, und an 
dieser Auffassung werde ich festhalten bis zu mei- 
nem Tode. 

In tiefer Ehrfurcht verharre ich als Ew. Majestät 
alleruntertänigster 

v. M o 1 1 k e , Generaloberst. 

406 



Moltke an General . . . 

Generalstab Berlin, 12. Januar 1915. 
Ew. Exzellenz 

Schreiben vom 3. d. M. ist mir erst am 10. d. M. durch 
Major . . . überbracht worden. — Ich ersehe aus dem- 
selben, daß der Reichskanzler sowie Ew. Exzellenz 
den Versuch gemacht haben, den Kaiser über die all- 
gemein herrschende Stimmung gegen den General 
v. Falkenhayn aufzuklären. 

Daß diese Stimmung nicht nur in der Armee, son- 
dern auch im Volk dieselbe ist, tritt mir von Tag zu 
Tag mehr entgegen. Ich habe bis jetzt geschwiegen, 
da Se. Majestät mich nie um meine Ansicht befragt 
hat, und da ich nach den Orders, die ich von ihm er- 
halten habe, annehmen muß, daß ich für ihn abgetan 
sei, aber die Sorge um Kaiser und Reich drückt mir 
fast das Herz ab. Ich fürchte, daß wir, wenn kein 
Wandel geschaffen wird, der schwersten Katastro- 
phe entgegengehen. 

Wenn ich auch völlig ausgeschaltet worden bin, so 
sehe ich doch die Ergebnisse der Kriegsführung der 
letzten Monate. Sie sind geradezu erschreckend. — 
Wir haben unseren Gegnern drei Monate Zeit ge- 
schenkt und jede eigene Initiative verloren. General 
v. Falkenhayn hat großen persönlichen Ehrgeiz, die 
Fähigkeit, die großen Verhältnisse dieses gewaltigen 
Krieges richtig zu beurteilen, kraftvolle Entschlüsse 
zu fassen, den Augenblick und den Ort zu erkennen, 
wo ein Erfolg von Bedeutung zu erringen ist, sich 
große Ziele zu stecken und sie energisch zu verfol- 
gen, fehlt ihm augenscheinlich. Es wird seit drei Mo- 
naten gewurschtelt. Seit Monaten liegen einige vier- 
zig Armeekorps in den Schützengräben. Von einer 

407 



Operation ist nicht mehr die Rede. General v. Falken- 
hayn hat sich nicht entschließen können, das Heer 
wieder bewegungsfähig zu machen. 

Man hätte dies auf zwei Wegen erreichen können. 
Entweder indem man die Armeen gruppenweise nach 
rückwärts konzentrierte, um die Entscheidung gegen 
den Gegner, der folgen mußte, in der Feldschlacht zu 
suchen, oder indem die jetzt gehaltene Linie durch 
Zurücknehmen des nach Westen ausspringenden Bo- 
gens verkürzt und damit die Möglichkeit geschaffen 
würde, starke Kräfte freizubekommen. Wäre dann er- 
kannt worden, daß die Entscheidung des ganzen 
Feldzuges zunächst im Osten lag, denn eine vernich- 
tende Niederlage der Russen würde uns wahrschein- 
lich den Frieden mit ihnen gebracht haben, wären 
die so verfügbar gewordenen Kräfte rechtzeitig dort 
eingesetzt worden, so hätte unendlich Großes erreicht 
werden können. Das hat General v. Falkenhayn nicht 
erkannt. Er hat sich vielleicht davor gescheut, einen 
Teil des gewonnenen Geländes aufzugeben. Es kommt 
aber nicht darauf an, einige Kilometer Boden zu be- 
haupten, sondern eine Entscheidung herbeizuführen. 
— Das Stillstehen im Westen hat nur einen Sinn, 
wenn man hier die Entscheidung im Osten zunächst 
abwarten wollte. Seit Monaten erfährt man nichts 
weiter, als daß hier ein Schützengraben genommen, 
dort einer verloren ist, das ist alles. — Im November 
konnte im Osten Großes erreicht werden. Die Bitten 
und Vorstellungen des Feldmarschalls Hindenburg 
sind ungehört verhallt. — Ob es jetzt noch möglich 
sein wird, dort das zu erreichen, was versäumt ist, 
kann ich von hier aus nicht beurteilen. In schreck- 
licher Weise ist unsere militärische Kraft verzettelt 
worden. Wir gehen einer Katastrophe entgegen, wenn 
nicht Wandel geschaffen wird. 

408 



Ew. Exzellenz wissen, daß ich dieses Urteil nicht 
abgebe, um etwa durch Kritik meines Nachfolgers 
mich selbst in empfehlende Erinnerung zu bringen. 
Ich habe mit meinem Leben und Wirken abgeschlos- 
sen und würde nie wieder auf meine alte Stelle zu- 
rücktreten können. — Aber ich sehe die Dinge, wie 
sie liegen, und ich glaube, daß so wie ich die ganze 
Armee urteilt. Fragen Sie einmal die ehrlichen und 
urteilsfähigen Leute im Generalstab, Oberst H. und 
Oberst B., Sie werden entsetzt sein, wenn diese Ihnen 
offen ihre Ansicht sagen. Das Vertrauen ist zum Teu- 
fel, und das Vertrauen ist eine Riesenkraft. 

Möge Se. Majestät den General Ludendorff nehmen, 
vielleicht kann er noch retten, was zu retten ist. Er 
ist keine bequeme Persönlichkeit, aber darauf kommt 
es doch, weiß Gott, nicht an. Hier handelt es sich 
um Thron und Land und um die Zukunft eines Vol- 
kes, das schon unendliche Opfer gebracht und Ströme 
von Blut vergossen hat. — Gott helfe uns weiter. 

Treulich der Ihrige 

v.Moltke. 

Moltke an Generalfeldmarschall v. Hindenburg. 

Berlin, 14. Januar 1915. 
Ew. Exzellenz 
bitte ich, meinen besten Dank entgegennehmen zu 
wollen für Ihr letztes Schreiben und die Beteuerung 
Ihrer kameradschaftlichen Gefühle, die mir eine herz- 
erquickende Freude war. Seien Sie versichert, daß 
ich dieselben Empfindungen Ihnen gegenüber hege 
und bewahren werde, wie auch mein ferneres Le- 
bensschicksal sich gestalten sollte. 

Ich weiß, wie schwer Ihrem königstreuen Herzen 
es geworden ist, den Gedanken, den Sie über General 

409 



v. Falkenhayn haben und Ihr Urteil über ihn in die 
Tat Ihres Schreibens an Se. Majestät den Kaiser um- 
zusetzen. — Gott gebe, daß Ihr Vorgehen Erfolg habe. 
Dieser Mann stürzt uns alle, Thron und Vaterland 
ins Verderben. Wenn Ihr Schritt sein Ziel erreicht, 
werden Sie nicht nur der Retter Preußens und Schle- 
siens, sondern der Retter unseres ganzen Landes sein. 
— Ich kenne den Inhalt Ihres Schreibens nicht, aber 
ich kenne und teile die Gedanken, denen Sie Aus- 
druck gegeben haben. Nur Sie konnten und mußten 
so schreiben. Was kann es Höheres geben, als sein 
ganzes Selbst für das Vaterland einzusetzen. — Ich 
drücke Ihnen die Hand, Exzellenz. Ich stehe und falle 
mit Ihnen. Halten Sie unbeirrbar und unbeeinfluß- 
bar durch. Das Wohl und Wehe des Landes steht 
auf dem Spiel. 

Treulichst der Ihrige 

v. Moltke. 

Moltke an Se. Majestät den Kaiser. 

Berlin, 15. Januar 1915. 
Ew. Majestät 
bitte ich alleruntertänigst, nachstehende Gedanken 
über die weitere Durchführung dieses über das Schick- 
sal Deutschlands entscheidenden Weltkrieges vortra- 
gen zu dürfen. 

Wie ich Ew. Majestät in meinem Schreiben vom 
10. d. M. bereits anzuführen wagte, muß, nachdem die 
Kriegsführung im Westen seit Monaten zum völligen 
Stillstand gekommen ist, das nächste Ziel der Opera- 
tionen die Niederwerfung Rußlands und Serbiens 
sein, um hierdurch die Möglichkeit für einen Sonder- 
frieden mit Rußland zu erlangen. Sollte es gelingen, 
zu einem erfolgreichen Abschluß des Krieges mit 

410. 



Rußland zu kommen, so halte ich auch den Anschluß 
der neutralen Balkanstaaten und Italiens an unsere 
Sache für möglich. — Es erscheint mir sehr wahr- 
scheinlich, daß Frankreich dann nicht lange mehr 
gewillt sein wird, den Krieg in der Gefolgschaft Eng- 
lands weiterzuführen. — Die durch einen Frieden mit 
Rußland gewährte Möglichkeit, alle bisher im Osten 
stehenden Streitkräfte im Westen einzusetzen, wird 
Frankreich sicher zu einem Frieden geneigt machen. 

Daß England sich einem friedlichen Ausgleich 
Deutschlands mit Frankreich anschließen wird, halte 
ich dagegen für durchaus unwahrscheinlich. Es wird 
meiner festen Überzeugung nach den Krieg auch dann 
allein gegen uns weiterführen, um ein rasches Wie- 
deraufblühen unseres Wirtschaftslebens und unseres 
Außenhandels zu verhindern. 

Die Wahrscheinlichkeit der Weiterführung des 
Krieges gegen England müßte schon jetzt ins Auge 
gefaßt werden. Mit unserer Flotte kann meines Er- 
achtens nach ein vernichtender Schlag gegen Eng- 
land nicht geführt werden. 

Ist eine Blockade nach Ew. Majestät maßgeben- 
dem Ermessen nicht ausführbar, so müßte — vor- 
ausgesetzt, daß wir mit unseren übrigen Gegnern 
zu einem Abkommen gekommen sind — der alte 
Napoleonische Gedanke eines Angriffs gegen die 
verwundbarste Stelle Englands, Ägypten, wieder auf- 
gegriffen werden. — Der Plan Napoleons ist geschei- 
tert, weil er damals keine Bahnen hatte. Heute be- 
sitzen wir dieses gewaltige Kriegsmittel. Der Ausbau 
der noch im Taurus und Amanos vorhandenen Lük- 
ken der Bagdadbahn sowie die Herstellung einer 
Zweiglinie der Hedschasbahn bis zum Suezkanal 
würde einen direkten Schienenweg von Deutschland 
bis nach Ägypten herstellen und uns die Möglichkeit 

411 



bieten, eine große Entscheidung gegen England auf 
dem Lande herbeizuführen, die von dem mit unzu- 
reichenden Mitteln augenblicklich ausgeführten tür- 
kischen Unternehmen nicht zu erwarten ist. Im- 
merhin darf man hoffen, daß das türkische Expe- 
ditionskorps sich im Sinai halten kann, um einen 
Bahnbau zu decken. 

Die Fertigstellung der Bagdadbahnstrecken im Tau- 
rus und Amanos nimmt bei äußerster Anstrengung 
aller Kräfte etwa ein Jahr in Anspruch. Ihre Kosten 
belaufen sich auf etwa fünfzig Millionen Mark. Ein 
provisorischer Bau würde etwa die Hälfte der Zeit 
und Kosten beanspruchen. Ist auch dies zurzeit nicht 
ausführbar, so würde der Ausbau der vorhandenen 
Straßen für einen Lastkraftwagenbetrieb großen Stils 
in Aussicht zu nehmen sein. 

Die Früchte der gewaltigen Opfer, die Deutschland 
in diesem Kriege hat bringen müssen, können, neben 
wirtschaftlichen Vorteilen auf dem Kontinent, nur von 
England durch den Ausbau eines deutsch-zentralafri- 
kanischen Kolonialreiches gefordert werden. — Frank- 
reich und Rußland haben Deutschland großen Ge- 
winn — insbesondere territorialen — nicht zu bieten. 

Die Inangriffnahme des Baues der besprochenen 
Bahn würde auch für den Fall, daß England früher 
zu einem Frieden mit Deutschland geneigt ist, ein 
wertvolles Instrument für etwaige Friedensverhand- 
lungen bieten, bei denen wir durch diese Bahn einen 
gewaltigen Druck auf England auszuüben imstande 
wären. 

Ich halte es für so wichtig, die Gedanken über die 
eventuelle Weiterführung des Krieges rechtzeitig klar- 
zulegen und ihre Durchführung rechtzeitig einzulei- 
ten, daß ich es gewagt habe, Ew. Majestät das Vor- 
stehende zu unterbreiten. 

412 



Ich bitte Ew. Majestät alleruntertänigst, die Vor- 
schläge zu prüfen, und falls Ew. Majestät denselben 
zustimmen, ihre unverzügliche Inangriffnahme zu be- 
fehlen. 

In tiefer Ehrfurcht verharre ich als Ew. Majestät 
alleruntertänigster 

v. Moltke, Generaloberst. 

Moltke an Se. Majestät den Kaiser. 

Berlin, 17. Januar 1915. 
Ew. Majestät! 

Durch den Feldmarschall v. Hindenburg erfahre ich, 
in welch schwerer Krisis sich augenblicklich die Mon- 
archie und das Vaterland befinden. Als ältester treue- 
ster Diener Ew. Majestät muß ich, selbst auf die Ge- 
fahr hin, daß mein Schritt, wenn auch nicht von Ew. 
Majestät, so doch von anderen, mißdeutet werden 
könnte, es wagen, Ew. Majestät in aller Ehrfurcht 
rückhaltslos und offen meine Ansicht auszusprechen. 

General v. Falkenhayn ist nach meiner festen Über- 
zeugung weder nach seinem Charakter noch nach 
seiner Befähigung geeignet, der erste Ratgeber Ew. 
Majestät auf militärischem Gebiet in diesen schweren 
Zeiten zu sein. — Seine Person bildet eine ernste 
Gefahr für das Vaterland. — Trotz eines äußerlich 
starken Willens und geschickter äußerer Aufmachung 
besitzt er nicht die innere Kraft des Geistes und der 
Seele, großzügige Operationen zu entwerfen und 
durchzuhalten. — Die von ihm im Westen Ew. Maje- 
stät vorgeschlagenen und zur Ausführung gelangten 
Operationen haben zu keinem Ergebnis geführt, sie 
sind eine Strategie der verpaßten Gelegenheiten. — 
Durch seine Kurzsichtigkeit — ich sage absichtlich 

413 



nicht seinen Ehrgeiz — haben wir einen schweren 
Mißerfolg an der Yser erlitten und dabei die sich da- 
mals bietende Gelegenheit versäumt, den Feldzug ge- 
gen Rußland durch einen schnellen, entscheidenden 
Schlag zu beendigen. Es liegt die ernste Gefahr vor, 
daß im jetzigen Augenblick der gleiche Fehler be- 
gangen wird. — Unsere gesamte Kriegslage ist jetzt 
so kritisch, daß nur ein ganzer und voller Erfolg im 
Osten sie retten kann. Es ist keine Zeit zu verlieren, 
wenn die Gefahr beschworen werden soll, daß Ru- 
mänien und Italien sich auf die Seite unserer Gegner 
stellen. Sie wird abgewendet werden, wenn es ge- 
lingt, die Russen entscheidend zu schlagen und zu 
einem Frieden mit ihnen zu kommen. Ich glaube, 
daß dies zu erreichen ist, wenn wir billige Forderun- 
gen stellen. Es ist aber nur möglich, wenn wir alle 
irgend verfügbaren Kräfte, auch unter Heranziehung 
der im Westen etwa noch entbehrlichen Gewehre, im 
Osten einsetzen, selbst auf die Gefahr hin, dort in 
eine schwierige Lage zu kommen, ja zu einer Ver- 
kürzung unserer Linien gezwungen zu sein. 

Wie ich Ew. Majestät schon dargelegt habe, kön- 
nen wir im Westen jetzt nur Teilerfolge erringen, die 
ohne Einfluß auf die Beendigung des Krieges blei- 
ben werden. Setzen wir jetzt auch im Osten unzu- 
reichende Kräfte ein, so können auch dort nur Teil- 
erfolge errungen werden und Ew. Majestät werden 
binnen kurzem, bei der unzuverlässigen Haltung der 
Neutralen, gezwungen sein, noch stärkere Kräfte als 
jetzt erforderlich, aus dem Westen nach dem Osten 
zu ziehen. Das führt, wie es schon einmal geschehen, 
zu einem tropfenweisen Einsetzen, ohne einen ent- 
scheidenden Erfolg zu haben. Bleibt ein solcher jetzt 
aus, so werden Rumänien und Italien gegen Öster- 
reich vorgehen und es zu einem schimpflichen Frie- 

414 



den zwingen, der auch uns um die Früchte der schwe- 
ren und blutigen Opfer dieses Krieges bringen muß. 

Durch einen Zufall ist es zu meiner Kenntnis ge- 
langt, daß Feldmarschall v. Hindenburg Ew. Majestät 
vorgeschlagen hat, mich wieder in meine alte Stel- 
lung zurückzuberufen. Ich bitte Ew. Majestät instän- 
digst, hiervon unter allen Umständen Abstand neh- 
men zu wollen. Nicht meiner Gesundheit wegen, die 
wieder vollkommen hergestellt ist, sondern weil ich 
die Empfindung habe, daß Ew. Majestät mir nicht 
mehr das alte Vertrauen bewahrt haben. — Ew. Maje- 
stät haben von dem Tage ab, wo Allerhöchstdiesel- 
ben mir die Leitung der Operationen abnahmen, keine 
Meinungsäußerung mehr von mir verlangt, und es 
würde unmöglich für mich sein, diesen Brief zu 
schreiben, wenn eine selbstsüchtige Absicht ihm zu- 
grunde läge. Auf meine Person kommt es jetzt gar 
nicht an. Darauf kommt es an, das Vaterland aus sei- 
ner schweren Krisis zu erretten. Im jetzigen Augen- 
blick ist zum Chef des Generalstabes jede Persön- 
lichkeit geeignet, welche die Fähigkeit besitzt, die 
Forderungen der strategischen Lage zu erkennen und 
den Charakter, sie mit Entschlossenheit durchzu- 
führen, ein Mann, dem Ew. Majestät berechtigt sind 
Vertrauen zu schenken. 

Aus den vorstehenden Darlegungen wollen Ew. Ma- 
jestät erkennen, daß es nur sachliche Gründe sind, 
die mir die Enthebung des Generals v. Falkenhayn 
von seiner Stellung als Chef des Generalstabes im 
eigensten Interesse Ew. Majestät und des Vaterlan- 
des geboten erscheinen lassen. 

General v. Falkenhayn hat so wenig Vertrauen in 
der Armee, daß neue Operationen unter seiner Lei- 
tung nicht begonnen werden dürfen. — Selbst wenn 
er jetzt, unter dem Druck der Verhältnisse, geneigt 

415 



sein sollte, alle Forderungen des Oberkommandos 
Ost zu erfüllen, so wird er morgen seine Verspre- 
chungen nicht halten, und es besteht die Gefahr, daß 
er der Kriegsführung im Osten neue Schwierigkeiten 
bereiten wird, statt sie mit allen Kräften zu unter- 
stützen. 

Falls Ew. Majestät diese offenen Ausführungen 
nicht als den Ausdruck meiner unbedingten Hingabe 
an Ew. Majestät Person und an mein Vaterland auf- 
fassen, sondern als eine unbefugte Einmischung in 
die Kriegsführung und die Entschlüsse Ew. Majestät, 
so bitte ich, mich in Gnaden entlassen zu wollen. — 
Meine Worte werden dann der letzte warnende Rat 
eines treuen Dieners gewesen sein, der sich mit schwe- 
rem Herzen, aber getrieben vom Gefühl der Pflicht, 
zu diesem Schritt entschlossen hat. 

In tiefer Verehrung verharre ich als Ew. Majestät 
alleruntertänigster 

v. Moltke. 

Zusatzbemerkung Moltkes. 

Auf vorstehenden Brief hat Se. Majestät in dem an- 
liegenden uneröffneten Schreiben geantwortet. Be- 
vor dasselbe in meine Hände kam, erhielt ich ein 
Telegramm von Generaloberst v. Plessen, ich sollte 
den Brief auf Befehl Sr. Majestät nicht öffnen, bevor 
Generaloberst v. Plessen bei mir gewesen sei, um mir 
mündlich Erläuterungen zu machen. Generaloberst 
v. Plessen traf am 24. Januar, vormittags 10 Uhr, bei 
mir ein. — Eine Stunde nach seinem Eintreffen wurde 
mir der anliegende Brief überbracht. Ich erklärte Ge- 
neraloberst v. Plessen, daß ich, nachdem ich seine 
Erläuterungen entgegengenommen hätte, den Brief 
Sr. Majestät nicht öffnen werde, da ich nach Kennt- 
nisnahme seines Inhaltes — wie mir nach den münd- 

416 



liehen Mitteilungen des Generalobersten v. Plessen 
klargeworden sei — gezwungen sein würde, die Kon- 
sequenzen zu ziehen. Ich werde den Brief uneröffnet 
zu den Akten geben, und bäte, dies Sr. Majestät zu 
melden. Damit wäre ich so weit gegangen, wie mir 
möglich sei, um dem Lande noch weiter dienen zu 
können. 

Berlin, 24. Januar 1915. 

v. Moltke. 

Dringend! TELEGRAMM. 

Generaloberst v. Moltke, Berlin, Königsplatz, Generalstabsgebäude. 

Großes Hauptquartier, 23. Januar 1915. 

Bin morgen, 24. Januar, vormittags 10 Uhr, bei Ihnen in Berlin. 
Bitte Brief Sr. Majestät vor meiner Ankunft nicht eröffnen. 

Auf Allerhöchsten Befehl 

v. Plessen, 
Generaladjutant. 

Moltke an Generalfeldmarschall v. Hindenburg. 

Streng vertraulich. Berlin, 23. Januar 1915. 

Hochgeehrter Herr Feldmarschall! 

Major v. . . . ist gestern abend aus dem Großen 
Hauptquartier zurückgekehrt. Bevor er hier ankam, 
war bereits ein Telegramm hier mit seiner Verset- 
zung in den Generalstab des Gouvernements . . . und 
dem Befehl, sofort dorthin abzureisen. — Er ist heute 
abgefahren, konnte also seine Absicht, Ihnen persön- 
lich Bericht zu erstatten, nicht ausführen. Mir ist mit 
ihm meine beste Hilfskraft genommen; er war mein 
Ludendorff in den hiesigen Verhältnissen. 

Seine Mission ist gescheitert, vollkommen. Sie ist 
sehr ungnädig aufgenommen, ohne Verständnis. Der 
brave Mann, der seine Existenz für sein Vaterland 

Moltke. 27. 4*7 



eingesetzt hat, ohne alle Rücksicht auf seine Person, 
der bereit war, alle Folgen auf sich zu nehmen, ist 
nun von mir getrennt. — Der Schritt, den er, Sie Herr 
Feldmarschall, ich und die Kaiserin unternommen 
hatten, alle geleitet von der gleichen Sorge um das 
Land und das Ergebnis des Krieges, hat immerhin 
die Wirkung gehabt, daß Ihnen nun vier Korps zur 
Verfügung gestellt werden. Meine Bitte, alles, was 
irgend entbehrlich sei, aus dem Westen herauszu- 
ziehen und nach dem Osten zu schicken, bleibt uner- 
füllt. Ob es Ihnen möglich sein wird, mit diesen vier 
Korps einen so großen Erfolg zu erringen, wie wir 
ihn brauchen, wenn wir diesen Krieg überhaupt be- 
enden wollen, kann ich nicht beurteilen. Gott gebe 
es. — Sie kennen ja meine Ansichten, die sich mit 
den Ihrigen decken. — Der zweite Erfolg ist die Rück- 
kehr des Generals Ludendorff zu Ihnen. Darüber 
bin ich sehr froh. — Mir scheint, man muß jetzt wei- 
tere Schritte unterlassen, die nur die Stimmung ver- 
schlechtern können. Es kommt ja doch nur auf die 
Sache an. 

H. meinte, daß die volle Selbständigkeit Ihrer Ope- 
rationen gewahrt bleiben werde. Auf Ihren Vorschlag, 
mich in meine alte Stellung zurückzuberufen, hat 
Se. Majestät kurzweg erklärt, ich wäre zu krank, wie 
ihm der Oberst v. M. gemeldet habe, der sich bei mei- 
nem Arzt erkundigt habe. Letzteres ist gelogen, er 
ist weder bei ihm gewesen, noch hat er schriftlich 
angefragt. Im übrigen geht es mir gut, ich bin wieder 
ganz auf dem Posten. 

Auf meinen Brief an Se. Majestät habe ich bisher 
keine Antwort bekommen. Morgen kommt P., der 
sie mir wohl bringen wird. Ich sehe ihm mit Ruhe 
entgegen und bin ebenso wie H. bereit, alle Konse- 
quenzen zu tragen. 

418 



Ich bitte um Verzeihung, wenn ich rate, etwaigen 
ferneren Abgesandten gegenüber recht vorsichtig zu 
sein. Ihre Äußerungen über Stimmung im General- 
stab sind Sr. Majestät berichtet worden und haben zu 
scharfen Reprimanden geführt. 

Herr Feldmarschall, ich habe getan, was in meiner 
Macht stand, um Ihnen und dem Vaterlande zu hel- 
fen. Das Geschick des letzteren liegt nun in Ihrer 
Hand. Möge unser Gott im Himmel sein deutsches 
Volk nicht verlassen und möge er mit Ihnen sein in 
den Entscheidungsstunden. 

Treulich der Ihrige 

v. Moltke. 

Rede Moltkes am Geburtstag Se. Majestät des 
Kaisers am 27. Januar 1915. 

Unter ganz anderen Verhältnissen haben wir uns 
heute versammelt an dem Geburtstag des Deutschen 
Kaisers, als wir es unter früheren Verhältnissen ge- 
wohnt waren. Wir sind mitten im Kriege, in einem 
Kriege, der wie noch kein früherer über das Schick- 
sal unseres Vaterlandes entscheiden wird. Da sind 
unsere Seelen nicht in der friedensmäßigen Jubel- 
stimmung, die an Kaisers Geburtstag zu herrschen 
pflegt, einer Stimmung, die sich kaum über den Ge- 
danken des Liebesmahles oder der sonstigen zu ver- 
anstaltenden Festlichkeiten erhebt, — heute sind wir 
tiefernst, denn wir stehen heute dem Schicksal gegen- 
über, das über Tod und Leben eines ganzen Volkes 
entscheidet. Ich denke, diese ernste Stimmung ist ge- 
rade am heutigen Tage besonders am Platz. Wir stel- 
len das Schicksal unseres Volkes vor unsere Seele, 
wenn wir uns heute hier in schlichter Weise versam- 
melt haben. Millionen deutscher Herzen vereinigen 

419 



sich heute in einem gemeinsamen Gedanken. Er 
richtet sich auf den Kaiser, und indem er gewisser- 
maßen in ihm die Gesamtheit des deutschen Volkes 
begreift, bildet er den Zentralpunkt, in dem alles zu- 
sammenströmt, was an Wünschen für unser Land in 
der Gesamtheit der deutschen Volksseele lebt. So 
wollen auch wir heute unsere Wünsche auf unser 
Volk und unser Land richten. Wir wollen hoffen, 
daß es aus der schweren Prüfung, die ihm Gottes 
Ratschluß auferlegt hat, gestärkt im Innern und ge- 
reinigt von vielen häßlichen Seiten des langen Frie- 
denslebens hervorgehen wird. — Heute wollen wir 
nicht in ein Hurra einstimmen, wir wollen ernst und 
still auseinandergehen, und an diesem Kaisergeburts- 
tag wollen wir geloben, dem Vaterlande zu dienen 
mit aller Kraft, und wir wollen alle sagen : Gott segne, 
Gott schütze, Gott erhalte unser deutsches Vaterland. 

Moltke an General Ludendorff. 

Berlin, 29. Januar 1915. 
Lieber Ludendorff! 

Ich bin Ihnen herzlich dankbar für Ihren Brief und 
dafür, daß Sie bei Ihrer Arbeitsüberlastung sich die Zeit 
abgerungen haben, mir so ausführlich zu schreiben. 
Sie wissen wohl kaum, welche Wohltat Sie mir mit 
diesem Zeichen des Vertrauens erwiesen haben. Wer 
wie ich ausgeschaltet, mit Füßen getreten, verleum- 
det ist, der empfindet das doppelt dankbar. 

Mein Herz ist zerrissen, wenn ich an die Monate 
der Kriegsführung denke, die dahingegangen, die ver- 
loren sind, seit ich abgesetzt wurde. — Ich will nicht 
behaupten, daß ich es besser gemacht hätte, aber an- 
ders jedenfalls. Aber kein Mensch, weder der Kaiser 

420 



noch sonst jemand, hat seitdem nach mir gefragt. 
Der Kaiser hat es nicht einmal der Mühe wert gehal- 
ten sich zu erkundigen, ob ich gesund oder krank sei, 
ob ich den Wunsch hätte, wieder in meine alte Stel- 
lung zurückzukehren oder nicht. 

Mein Nachfolger und das Militär-Kabinett haben 
mich zu den Toten geworfen. Vom Kaiser habe ich, 
seit General P. mit meiner Antwort nach dem Großen 
Hauptquartier zurückgekehrt ist, nichts mehr gehört. 

Ich versuche nun hier der Not des Landes zu 
steuern, soviel ich kann. Ich weiß, daß ich mir viele 
neue Feinde damit mache, das ist mir völlig gleich- 
gültig. 

Mein lieber Ludendorff, auf Ihnen und dem Feld- 
marschall ruht jetzt die Zukunft Deutschlands. — 
Wenn wir in zwei Monaten nicht Frieden mit Ruß- 
land haben, weiß ich nicht, was aus uns werden soll. 
Nicht militärisch, aber wirtschaftlich. In frevelhafter 
Weise sind die Hilfsquellen des Landes vergeudet. 
Monat nach Monat ist dahingegangen, ohne daß et- 
was Durchgreifendes geschehen ist, immer ist das 
Volk in der Illusion erhalten, daß wir Überfluß an 
Nahrungsmitteln hätten. Jetzt zeigt sich die traurige 
Wahrheit. Ich habe an den Kaiser, an den Reichs- 
kanzler geschrieben, gestern noch zum zweitenmal, 
und die bevorstehende Gefahr schonungslos aufge- 
deckt. Aber was hat die Stimme eines Abgeschobe- 
nen für einen Wert! Ich erwarte nun, als Querulant 
entfernt zu werden — in Gottes Namen! 

Ich habe wenigstens das Bewußtsein, meine Pflicht 
getan zu haben, ohne jede Rücksicht auf meine Per- 
son. — Sehen Sie, lieber Ludendorff, deshalb ist es von 
so unendlicher Bedeutung, daß Sie rasch und mit 
rücksichtsloser Energie handeln. Wir müssen mit 
Rußland zu einem Abkommen gelangen, wir müssen 

421 



wenigstens Rumänien durch einen Erfolg dahin brin- 
gen, daß es uns die Einfuhr von Brotgetreide gestat- 
tet. Es hängt unendlich viel von der Gestaltung der 
militärischen Lage im Osten ab, daß dies nicht schon 
seit Monaten von leitender Stelle erkannt ist, ist ein 
Fehler, der sich in schwerster Weise an Land und 
Volk, an Thron und Monarchie rächen kann. — Gegen 
fünfzig Armeekorps liegen im Westen im Schützen- 
graben, jeder Gedanke, dies Riesenheer wieder opera- 
tionsfähig zu machen, ist aufgegeben. Man kann sich 
nicht entschließen, einen Meter Land aufzugeben und 
die Entscheidung in der offenen Feldschlacht zu su- 
chen. Das ist keine Kriegsführung mehr, es ist ein 
vollständiges Fiasko. 

Ich kann Ihren Operationen nur in Gedanken und 
mit heißen Wünschen folgen. Was Sie beabsichti- 
gen, finde ich durchaus richtig. Die Operation auf 
das rechte Weichselufer zu verlegen, ist meiner Mei- 
nung nach das einzig Richtige. Wenn es gelingt, müs- 
sen die Russen aus ihrem Mauseloch heraus. Sie 
werden ja alle Mittel anwenden, um ihnen die Lebens- 
ader, die Bahn nach Warschau zu durchschneiden. 
— Gott sei mit Ihnen. 

Ich weiß, wenn es jemanden gibt, der das Vater- 
land noch retten kann, so sind Sie es und Ihr Feld- 
marschall. 

Treulichst wie in alter Zeit der Ihrige 

v. Moltke. 

Chef des Generalstabes des Feldheeres 
Nr. 227. 

Groß es Hauptquartier, den ... Februar 1915. 

Bei Gelegenheit einer Konferenz habe ich zufäl- 
lig von einer Denkschrift über die Ernährungsfrage 

422 



Deutschlands in ihrer Beziehung zum Kriege erfah- 
ren, die der stellvertretende Generalstab an den Herrn 
Reichskanzler gerichtet hat. Ich weiß nicht, von wel- 
cher Stelle im besonderen die Schrift bearbeitet ist, 
habe mich auch nach ihrem Inhalt im einzelnen nicht 
erkundigen wollen. — Indessen möchte ich Ew. Ex- 
zellenz bitten, sehr gefälligst Maßnahmen zu treffen, 
die es verhindern, daß Auslassungen des stellvertre- 
tenden Generalstabs, die für Entschlüsse der Ober- 
sten Heeres- oder Staatsleitung von Einfluß sein 
könnten, nach außen gelangen, ehe sie mir vorge- 
legen haben. 

An den Chef des stellv. General- Ohne Datum und ohne Unter- 

stabes Herrn Generaloberst schrift eingegangen am Freitag, 

v. Moltke, Exzellenz, j den 5. Februar 1915. v. Moltke. 

Moltke an General . . . 

Berlin, 4. Mai 1915. 

Ew. Exzellenz 

sage ich meinen besten Dank für Ihren Brief vom 
30. v. M. 

Die Offenheit, mit der Sie mir geschrieben haben, 
ist mir der beste Beweis Ihrer aufrichtigen Freund- 
schaft. Nichts ist schlimmer, als unklaren Verhält- 
nissen gegenüberzustehen. — Jetzt weiß ich, woran 
ich bin, und kenne den mir bisher unerklärlichen 
Grund meiner dauernden Ausschaltung. 

Ich kann nicht leugnen, daß Ihre Mitteilung, meine 
Tätigkeit in Sachen der Volksernährung werde als 
Zeichen der Nervosität gedeutet, mich doch über- 
rascht hat und ich muß offen gestehen, daß ich ohne 
Ihre Aufklärung auf diesen Gedanken nie gekommen 
sein würde. — Sie macht mir etwa den Eindruck, als 
ob man von einem Menschen, der das Haus brennen 

423 



sieht und der die Feuerwehr alarmiert, sagen würde, 
er tue dies aus Nervosität! Ich glaube, daß man im 
Großen Hauptquartier über die Zustände in der Hei- 
mat nicht sehr eingehend unterrichtet ist. Das ist ja 
auch begreiflich, da die Kriegsführung selbstverständ- 
lich im Vordergrund der Interessen steht und da die 
Zeitungen infolge der Zensur völlig gebunden sind. 
Dadurch ist es vielleicht erklärlich, daß die Notwen- 
digkeit dessen, was ich getan habe, nicht erkannt 
worden ist. Ich kann aber versichern, daß es sehr nö- 
tig war, den verantwortlichen Behörden die Augen 
zu öffnen, wenn Unheil verhütet werden sollte. Da 
kein anderer da war, der dies übernehmen wollte, 
habe ich es getan. Von außerordentlich vielen Sei- 
ten ist mir auch dafür Dank geworden. — Wenn in 
der Umgebung Sr. Majestät mein Eingreifen gegen 
mich ausgenutzt worden ist, so bedauere ich dies, 
kann es aber nicht ändern, und würde in einem zwei- 
ten Fall genau ebenso handeln. — Allerdings war es 
schon zu meiner Kenntnis gekommen, daß man 
neuerdings auch den Rückzug von der Marne im 
September vorigen Jahres auf Nervosität meinerseits 
zurückführen will. Diese Unterstellung ist ebenso 
falsch, wie die obige. Der Rückzug war eine nach 
Lage der Dinge unvermeidlich gewordene Notwen- 
digkeit, die ich — wenn auch schweren Herzens — 
mit voller Überlegung habe anordnen müssen, und 
ich bin sicher, daß die Kriegsgeschichte mir einmal 
Recht geben wird. — Doch dies bemerke ich nur 
nebenbei. 

Wie ich Ende September hierher kam, haben mich 
zahlreiche Herren aus den Kreisen der Industrie, der 
Landwirtschaft, der Wissenschaft aufgesucht. Sie 
kamen alle unabhängig voneinander, aber alle mit 
derselben Bitte um Hilfe, und alle in derselben Über- 

424 



zeugung, daß wenn so weiter gewirtschaftet werde 
wie bisher, eine wirtschaftliche Katastrophe unver- 
meidlich sein würde. Das war nicht Schwarzseherei 
von mir, sondern die Ansicht der kompetentesten Be- 
urteiler unserer Volkswirtschaft. Es war eben in den 
verflossenen fünf Kriegsmonaten so gut wie nichts 
geschehen, alles ging weiter wie im Frieden und alle 
mahnenden Stimmen verhallten ungehört. Ich wurde 
gedrängt, an Se. Majestät zu berichten und ihn um 
sein Eingreifen zu bitten, in dem von vielen Seiten 
die einzige Rettung gesehen wurde. — Ich habe mich 
nicht leicht dazu entschlossen, mich in diesen Din- 
gen, denen ich doch als Laie gegenüberstand, einzu- 
setzen und habe es erst getan, nachdem ich zu der 
Überzeugung gekommen war, daß im Interesse des 
Landes eine radikale Änderung des bisherigen Ver- 
fahrens nötig sei. Es war nötig, daß ein einheitlicher 
und großzügiger Wirtschaftsplan und eine dem 
Kriege angepaßte Organisation der Volkswirtschaft 
coute que coute herbeigeführt wurde. — Ich wußte, 
daß ich in ein Wespennest greifen würde, das war 
mir aber gleichgültig, hier kam es auf die Sache an. 
Ich glaube auch den richtigen Weg beschritten zu 
haben, indem ich eine Denkschrift an den Reichs- 
kanzler richtete, in der ich die Lage schilderte und 
gleichzeitig Se. Majestät bat, sich über dieselbe Vor- 
trag halten zu lassen. Damals haben Se. Majestät mir 
seinen Dank aussprechen lassen. Das scheint verges- 
sen zu sein. — Nicht alles, aber doch die Hauptsache 
dessen, was ich nach eingehender Beratung mit un- 
seren bedeutendsten Nationalökonomen in dieser 
Denkschrift vorgeschlagen habe, ist heute — aller- 
dings leider erst nach Monaten — zur Einführung 
gekommen. Manche Schwierigkeiten, zum Beispiel 
die Haferkalamität, hätten vermieden werden können, 

425 



wenn der schwerfällige Apparat unserer Zivilverwal- 
tung rascher in Bewegung zu setzen gewesen wäre. 
Immerhin ist das, was ich herbeiführen wollte, im 
wesentlichen erreicht und ich bin befriedigt in dem 
Bewußtsein, meine Pflicht getan und dem Kaiser und 
dem Lande einen guten Dienst geleistet zu haben. 

Daß ich bei der Wichtigkeit der Sache sehr ener- 
gisch vorgegangen bin, halte ich nicht für einen Feh- 
ler. — Ich glaube, hier zu Hause wird man schwer- 
lich, außer vielleicht bei denjenigen, die in meinem 
Vorgehen eine Verletzung ihrer Privilegien gesehen 
haben, die Ansicht vertreten finden, ich habe aus 
Nervosität gehandelt. 

Wenn dies jetzt dem Kaiser so dargestellt wird, 
so kann ich wohl vermuten, von welcher Seite das 
kommt, und ich werde mich auch hiermit gleich- 
mütig abfinden. — Ich kann Ew. Exzellenz versichern, 
daß nach den Erfahrungen, die ich vom ersten Mo- 
bilmachungstage an habe machen müssen, meine 
Ruhe und mein inneres Gleichgewicht durch nichts 
mehr erschüttert werden können. 

Verzeihen Sie dies lange Schreiben. Ich bin dank- 
bar, daß Sie mir gute Kameradschaft immer bewahrt 
haben und es lag mir nur daran, daß nicht auch Sie 
zu falschen Vorstellungen über mich kommen. Es 
soll aber das letztemal sein, daß ich Sie mit meiner 
Person belästige. 

Treulich der Ihrige 

v. Moltke. 

TELEGRAMM DES KAISERS AN MOLTKE. 

Neues Palais, 23. Mai 1915. 
Generaloberst v. Moltke, Königsplatz, Berlin. 
Mein lieber Moltke! Empfangen Sie meine herzlichsten Glück- 
wünsche zu Ihrem Geburtstage. Das vergangene Jahr brachte 

426 



uns den schwersten Krieg der Weltgeschichte! Daß Meine Ar- 
mee für denselben mustergültig vorbereitet war und im ersten 
Teil des Feldzuges glänzende Erfolge erkämpfte, das war we- 
sentlich mit Ihr Verdienst, für welches Ich und das Vaterland 
Ihnen für alle Zeiten tief dankbar bleiben. — Seitdem hat die 
Vorsehung unsere Aufgaben immer gesteigert, Gottes Gnade half 
uns, sie glücklich zu vollbringen. Unser festes Gottvertrauen wird 
uns auch weiter helfen. In dieser Zuversicht wünsche Ich Ihnen 
für Ihr kommendes Lebensjahr Gottes Segen. 

Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen die Briefe Friedrichs 
des Großen zu schenken, der auch wie Ich gegen eine Welt von 
Feinden zu kämpfen hatte und sich durch schwerste Zeiten 
durchringen mußte. 

Wilhelm I. R. 



TELEGRAMM DES KAISERS AN MOLTKE. 

Pleß, Schloß, 7. August 1915. 
Generaloberst v. Moltke, Königsplatz, Berlin. 
Bei der Wiederkehr des Tages, an dem vor einem Jahre die 
Festung Lüttich im Ansturm heldenhaft vorwärtsdrängender Trup- 
pen genommen und der Aufmarsch an der Westfront sicher- 
gestellt war, gedenke Ich dankbar Ihrer Verdienste. Ihr Werk 
war es, daß die Armee mustergültig in diesen uns aufgezwun- 
genen größten aller Kriege zog, daß Mobilmachung und Auf- 
marsch ungeheurer Massen sich in tadelloser Weise vollzog, und 
daß in raschem Anlauf der größte Teil von Belgien und Nord- 
frankreich mit großen, für unbezwinglich gehaltenen Festungen 
in unsere Hand fiel. In langen Friedensjahren haben Sie es ver- 
standen, im Geiste Ihrer Vorgänger, deren Wirken Ich in hoher 
Anerkennung gedenke, den Generalstab weiterzubilden und für 
die ihm jetzt obliegenden großen Aufgaben zu schulen, so daß 
der Generalstab überall, wo unsere Waffen kämpfen, seine Pflicht 
vortrefflich erfüllt. — Ich und das Vaterland sind Ihnen allezeit 
dafür dankbar. — Ich verleihe Ihnen am heutigen Gedenktage 
den Orden Pour le merite. 

Wilhelm I. R. 



427 



Moltke über den Rückzug an der Marne. 

Berlin, Sommer 1915. 

Ich habe mich nie über die Schwere des Kampfes 
getäuscht, den Deutschland durchzufechten haben 
würde, wenn einmal der Brand in Europa zum Aus- 
bruch kommen sollte. — Meine alljährlich dem Reichs- 
kanzler eingereichten Denkschriften über die militär- 
politische Lage, nicht am wenigsten diejenige, in der 
ich vor drei Jahren die letzte Armee Verstärkung for- 
derte, die leider nicht in dem Maße, wie ich sie wollte, 
zur Durchführung gekommen ist, könnten darüber 
Auskunft geben. 

Die schwerwiegendste Entscheidung, vor die ich 
als Chef des Generalstabes gestellt war, war diejenige, 
ob Deutschland den zu erwartenden Zweifrontenkrieg 
defensiv oder wenigstens nach einer Seite offensiv 
führen solle. — Ich habe mich nach eingehenden Prü- 
fungen und Studien für das letztere entschieden und 
den Aufmarsch so angelegt, daß die Offensive im 
Westen mit möglichst starken, die gleichzeitige De- 
fensive im Osten mit einem Mindestmaß von Kräften 
geführt werden konnte. — Es war zu erhoffen, daß 
im Westen eine schnelle Entscheidung herbeigeführt 
werden würde. Eine solche war nötig, um Freiheit 
des weiteren Handelns zu gewinnen, sie war aber nur 
zu erwarten, wenn man die französische Armee im 
freien Felde treffen konnte. Ein Angriff gegen die be- 
festigte Ostgrenze Frankreichs mußte aller Voraus- 
sicht nach zu einem langwierigen Positionskrieg füh- 
ren und eine Entscheidung hinausschieben. — Die 

428 



Kriegsereignisse bei der 6. und 7. Armee sprechen für 
die Richtigkeit dieser Ansicht. — Daraus ergab sich 
die Notwendigkeit, den französischen Festungsgürtel 
zu umgehen, was der Raum- und Heeresstärkever- 
hältnisse wegen nur unter Benutzung belgischen Ge- 
bietes geschehen konnte. 

Soweit stimmte meine Auffassung mit derjenigen 
des Grafen Schlief fen überein. Wesentlich unterschied 
sie sich in der Ausführung. Der von meinem Vorgän- 
ger ausgearbeitete Aufmarsch war so angelegt, daß 
der deutsche rechte Heeresflügel über Roermond vor- 
gehen, also nicht nur belgisches, sondern auch hol- 
ländisches Gebiet durchschreiten mußte. Graf Schlief - 
f en war der Ansicht, daß Holland sich auf einen Pro- 
test beschränken, die Verletzung seines Gebietes im 
übrigen ungehindert geschehen lassen würde. — Ich 
habe gegen diese Auffassung die schwersten Beden- 
ken gehabt, ich glaubte nicht, daß Holland eine Ver- 
gewaltigung ruhig hinnehmen werde, dagegen sah ich 
voraus, daß dem deutschen Heeresflügel durch ein 
feindliches Holland so starke Kräfte entzogen wer- 
den würden, daß er die nötige Schlagkraft gegen den 
Westen einbüßen müßte. Der Vormarsch durch Bel- 
gien konnte meiner Ansicht nach nur unter der Vor- 
aussetzung eines strikt neutralen Hollands ausgeführt 
werden. 

Wenn ich auch nicht wußte, welche Haltung Eng- 
land bei einem Kriege Deutschlands gegen Rußland 
und Frankreich einnehmen werde, so hielt ich es doch 
für mehr als wahrscheinlich, daß dieser Staat an die 
Seite unserer Gegner treten würde, sobald wir die 
belgische Neutralität verletzten, um so mehr, da Eng- 
land schon im Jahre 1870 dies als casus belli erklärt 
hatte. Es war mir klar, daß die Wahrung der Neu- 
tralität Hollands schon deswegen unbedingtes Erf or- 

429 



dernis sei, und ich habe alle Schwierigkeiten in den 
Kauf genommen, die unserem Aufmarsch und Vor- 
marsch erwachsen mußten, wenn wir keinen hollän- 
dischen Boden betreten wollten. Gleich nach dem 
Ausspruch der Mobilmachung habe ich dem hollän- 
dischen Gesandten in Berlin erklärt, daß ich mich für 
eine strikte Achtung der holländischen Neutralität von 
Seiten Deutschlands feierlich verbürge. Ich glaube, 
daß die Verhältnisse mir recht gegeben haben. Man 
braucht sich nur zu vergegenwärtigen, wie sie sich 
gestaltet haben würden, wenn wir es mit einem feind- 
lichen Holland, dessen Küsten einer englischen Lan- 
dung offen standen, zu tun gehabt hätten, was aus 
dem Unternehmen gegen Antwerpen unter der Vor- 
aussetzung einer nicht neutralen Scheide geworden 
wäre, wieviel Truppen zu unserer Rückendeckung bei 
dem Vormarsch nach Westen erforderlich gewesen 
sein würden. 

Ich war und bin noch heute der Überzeugung, daß der 
Feldzug im Westen scheitern müßte, wenn wir Hol- 
land nicht geschont hätten. — Außerdem war ich mir 
klar darüber, daß dieses Land gewissermaßen als 
Luftröhre für unser wirtschaftliches Leben unter al- 
len Umständen erhalten werden mußte. — Schonten 
wir dagegen Holland, so konnte England, nachdem 
es angeblich zum Schutz der kleinen Neutralen uns 
den Krieg erklärt hatte, seinerseits die holländische 
Neutralität unmöglich verletzen. 

Allerdings komplizierte sich der geplante Vormarsch 
durch Belgien in hohem Maße durch die Ausschal- 
tung Hollands : unser durch die Bahnlinien bedingter 
Aufmarsch mußte mit dem rechten Flügel bis in die 
Gegend von Krefeld ausgedehnt werden. Es wurde 
nötig, die starke i. Armee, die beim weiteren Vor- 
marsch den Umfassungsflügel bilden sollte, nach Sü- 

43o 



den über Aachen vorzuziehen. — Zwischen Lüttich 
und der holländischen Grenze gab es nur den einen 
Übergang bei Vise, der außerhalb des Feuers der 
Festung lag. 

Um den ungeheuren technischen Schwierigkeiten 
begegnen zu können, die bei diesem Vorgehen zu er- 
warten waren, habe ich jahrelang theoretische Ar- 
beiten über den Vormarsch unserer Armeekorps auf 
einer Straße und die Regelung der rückwärtigen Ver- 
bindungen ausführen lassen, und ich glaube, daß in 
dieser Hinsicht die von mir ins Leben gerufenen Ver- 
waltungs-Generalstabsreisen sich belohnt haben. 

Von allergrößter Bedeutung für die Ausführung der 
geplanten Operation war die frühzeitige Inbesitznahme 
von Lüttich. Die Festung mußte in unserer Hand sein, 
wenn der Vormarsch der i. Armee überhaupt ermög- 
licht werden sollte. Diese Erwägung ließ mich den 
Entschluß fassen, Lüttich durch Handstreich zu neh- 
men. 

In allen früheren Operationsentwürfen war mit ei- 
ner ordnungsmäßigen Belagerung Lüttichs gerech- 
net, erst sollte der Aufmarsch planmäßig erfolgen, 
dann der Vormarsch auf der ganzen Linie angetreten, 
Lüttich eingeschlossen und artilleristisch angegriffen 
werden. — Aber auch hierfür war der früher geplante 
Vormarsch des rechten Heeresflügels durch Holland 
Voraussetzung. — Sicherlich würde die Belagerung 
viel Zeit und Truppen gekostet haben, die belgische 
Armee hätte inzwischen Mobilmachung und Auf- 
marsch vollendet, wir hätten ein kriegsmäßig ausge- 
bautes Lüttich vorgefunden, unbedingt hätte man dann 
ferner mit der Zerstörung der Bahn Verviers — Lüt- 
tich rechnen müssen, deren Erhaltung für unseren 
Vormarsch durch Belgien von der allergrößten Be- 
deutung sein mußte. 

43i 



Bei dem von mir beabsichtigten Handstreich kam 
alles auf Schnelligkeit des Handelns an. — Ich hatte 
die Verhältnisse bei Lüttich auf das genaueste reko- 
gnoszieren und alle Wege festlegen lassen, auf de- 
nen Kolonnen gegen die innere Stadt vorgehen konn- 
ten, ohne in das Gesichtsfeld der Außenforts zu kom- 
men. Es waren fünf solcher Straßen festgestellt, Of- 
fiziere zur Führung der Kolonnen auch bei Nacht 
waren durch örtliche Erkundungen ausgebildet und 
wurden dauernd ergänzt. Trotz des allgemein herr- 
schenden Vorurteils gegen Unternehmungen mit im- 
mobilen Truppen habe ich fünf Friedensbrigaden für 
das Unternehmen bestimmt. Es kam darauf an, den 
Handstreich auszuführen, bevor die Zwischenwerke 
in der Fortlinie ausgebaut sein konnten. 

Ich war mir völlig darüber klar, daß, wenn das Un- 
ternehmen mißglückte, mir von der gesamten mili- 
tärischen Welt der Vorwurf gemacht werden würde, 
etwas Unmögliches gewollt und mit dem Wagnis ei- 
nes infanteristischen Angriffs auf eine moderne Fe- 
stung meine völlige Unfähigkeit bewiesen zu haben. 
Aber gerade der Umstand, daß Lüttich eine moderne 
Festung war, das heißt eine solche ohne innere Um- 
wallung, ließ mich den Plan fassen, durch die Zwi- 
schenräume der Außenforts hindurch direkt in das 
Innere der Festung vorzustoßen. 

Ich habe mit diesem Unternehmen alles auf eine 
Karte gesetzt und dank der Tapferkeit unserer Trup- 
pen das Spiel gewonnen. 

Man wird in Zukunft keine solche modernen Fe- 
stungen mehr bauen. 

Erst mit dem Falle von Lüttich war die Bahn für 
das Vorgehen der i. Armee frei, außerdem war den 
Belgiern keine Zeit geblieben, die Maasbahn zu zer- 
stören. Damit war ungeheuer viel gewonnen, wie im 

432 



späteren Verlauf der Ereignisse in die Erscheinung 
trat, wo die Bahn über Lüttich die einzige verfüg- 
bare Linie für unsere Truppenverschiebungen bildete. 

Der den nun folgenden Operationen zugrunde lie- 
gende Gedanke war der, das belgische Heer wenn 
irgend möglich von Antwerpen, ebenso das franzö- 
sische Heer, das ich an der Maas und Sambre zu fin- 
den erwartete, unter Umfassung seines linken Flü- 
gels, von Paris ab und nach Südosten zu drängen. 
— Während die i.bis 5. Armee mit dem Drehpunkt 
Metz — Diedenhofen eine Schwenkung nach Süden 
ausführten, sollten die 6. und 7. Armee zwischen Nancy 
und Epinal die Maas überschreiten, um südlich Ver- 
dun den Anschluß an die 5. Armee wieder zu ge- 
winnen. 

Über die Absichten der Franzosen war uns vor Er- 
öffnung des Krieges nichts bekannt geworden, eben- 
so hatten wir keine sicheren Nachrichten über ihren 
geplanten Aufmarsch. Die starke Betonung des Of- 
fensivgedankens, die in den letzten Jahren in der fran- 
zösischen Militärliteratur hervortrat, war bei uns nicht 
unbeachtet geblieben. Anzeichen dafür, daß dieser 
Gedanke durch den Versuch eines mit starken Kräf- 
ten zu unternehmenden Vorstoßes beiderseits Metz 
sich verwirklichen würde, lagen uns nicht vor. 

Die starke 6. Armee war aber durch die Aufmarsch- 
anweisungen so in Lothringen bereitgestellt, daß sie 
sowohl nördlich wie südlich Metz eingesetzt werden 
konnte. Erst das Vorgehen starker französischer Mas- 
sen zwischen Metz und den Vogesen nach vollende- 
tem französischen Aufmarsch brachte Klarheit. 

Ich hatte die 6. Armee, der die 7. unterstellt wurde, 
angewiesen, vor dem Vormarsch der Franzosen zu- 
nächst auszuweichen, es lag mir daran, den Gegner 
möglichst weit südlich Metz vorkommen zu lassen, 

Moltke. 28. 433 



um dann womöglich seine beiden Flügel von Nor- 
den und Süden her mit umso größerer Aussicht auf 
einen entscheidenden Erfolg anzugreifen. — Die Er- 
klärung des Führers der 6. Armee, daß er seine Trup- 
pen nicht weiter zurückgehen lassen könne, ohne 
ihren inneren Halt zu gefährden, daß er angreifen 
müsse, ließen diese Absicht nicht zur Ausführung 
kommen. 

Die Schlacht in Lothringen wurde geschlagen, be- 
vor die 7. Armee und die der 6. Armee zur Verfügung 
gestellten Ersatz-Divisionen vollzählig eingetroffen 
waren. Sie brachte einen vollen taktischen Erfolg, 
aber die Verfolgung kam an der Maas zum Stehen 
und der geplante Durchstoß zwischen Nancy und 
Epinal gelang nicht. — Zum erstenmal zeigte sich 
hier die Stärke der Defensive in feldmäßig vorberei- 
teten Stellungen, die dem ganzen Verlauf des Krie- 
ges nach der Schlacht an der Marne seinen Charak- 
ter aufgedrückt hat. — Bald wurde es klar, daß die 
von den Franzosen errichtete Verteidigungslinie zwi- 
schen Nancy und Epinal nur durch den Vormarsch 
der 5. Armee geöffnet werden würde. 

Während die i.bis 5. Armee in siegreichem Vor- 
gehen über Maas und Sambre waren, machten die 
Verhältnisse im Osten, wo die Russen gegen Erwar- 
ten schnell in Ostpreußen eingedrungen waren, eine 
Entsendung von Verstärkungen dorthin nötig, bevor 
eine endgültige Entscheidung gegen das französisch- 
englische Heer hatte erreicht werden können. — Ich 
beabsichtigte, diese Verstärkungen der 7. Armee zu 
entnehmen, die ebensowenig wie die 6. trotz langem 
schwerem Ringen an der Maas vorwärts kommen 
konnte. Die bestimmten Meldungen beider Armeen, 
daß der Feind ihnen dauernd mit überlegenen Kräf- 
ten gegenüberstehe und daß die eigenen Verluste 

434 



so groß seien, daß eine andere Verwendung von Tei- 
len der 7. Armee erst nach Wiederauffüllung möglich 
sei, waren Veranlassung, nach dem Fall von Mau- 
beuge dem deutschen rechten Flügel zwei Korps zu 
entnehmen und sie nach dem Osten zu führen. Ich 
erkenne an, daß dies ein Fehler war, der sich an der 
Marne rächte. 

Die über die Gruppierung der französischen Streit- 
kräfte während des Vormarsches nach Nordfrank- 
reich hin einlaufenden Nachrichten lauteten stets da- 
hin, daß Paris von Truppen so gut wie entblößt sei. 
In den Meldungen der Armeen war bisher dauernd 
von »fluchtartigem Rückzug« und von »beginnender 
Auflösung« des Gegners die Rede gewesen, die Ar- 
mee-Oberkommandos hatten wiederholt betont, daß 
»rücksichtslose Verfolgung« die Vernichtung des Geg- 
ners vollenden würde. Erst in den letzten August- 
tagen kamen Meldungen über Transporte franzö- 
sischer Truppen vom Osten in Richtung Paris, der 
Gegner schien sie vor der Front der 6. und 7. Armee 
herauszuziehen. Der Abtransport der 7. Armee nach 
St. Quentin wurde nun angeordnet, es war beabsich- 
tigt, sie auf dem rechten Heeresflügel einzusetzen. 

Ein französischer Vorstoß von Paris aus gegen den 
rechten Flügel der 1. Armee wurde jetzt wahrschein- 
lich. Die Nachrichten hierüber wurden den Armeen 
des rechten Flügels mitgeteilt, sie wurden — wenn 
ich nicht irre — am 28. oder 29. August — über das 
Aktenmaterial verfüge ich nicht — angewiesen: die 
I.Armee zwischen Oise und Marne, die 2. Armee zwi- 
schen Marne und Seine Halt zu machen. — Gleich- 
zeitig wurde die 1. Armee darauf hingewiesen, sie 
solle nicht näher an Paris herangehen, als es die 
Wahrung der Operationsfreiheit gestatte. — Als die 
obige Weisung die 1. Armee erreichte, hatte sie mit 

435 



Teilen die Marne bereits überschritten. Sie beantragte, 
die Verfolgung noch einen Tag fortsetzen zu dürfen, 
um die Früchte ihrer Siege zu ernten. Das wurde ihr 
zugebilligt, die Notwendigkeit der Staffelung und 
Sicherung gegen Paris aber gleichzeitig nochmals be- 
tont. 

Es erfolgte nun der französische Gegenangriff ge- 
gen den rechten Flügel der i.und die Front der 2., 
4. und 5. Armee. Die 1. Armee zog, um die Bedrohung 
ihres rechten Flügels abzuwehren, ihre beiden linken 
Flügelkorps hinter ihre Front herum auf den rechten 
Flügel. Dadurch entstand eine 25 Kilometer breite 
Lücke zwischen der i.und 2. Armee, in die drei eng- 
lische Divisionen eindrangen, worauf die 2. Armee 
ihren rechten Flügel zurücknahm. 

Am 7. September kamen Nachrichten, die erken- 
nen ließen, daß die 1. Armee einen sehr schweren 
Stand habe. Es erschien nötig, eine Anweisung zu 
geben für den möglichen Fall, daß sie geworfen wer- 
den sollte. Ich schickte deshalb den Oberstleutnant 
Hentsch zur 2. und 1. Armee. Er sollte sich über die 
Lage orientieren, hatte aber nicht den Auftrag, die 
I.Armee zurückzuführen, sondern sollte sie nur an- 
weisen, für den Fall, daß sie sich nicht halten könne, 
in die Linie Soissons — Fismes auszuweichen, um so 
wieder den Anschluß an den rechten Flügel der 2. Ar- 
mee zu gewinnen — um so die entstandene Lücke 
zu schließen. Wie wenig ich daran gedacht habe, 
dem Oberstleutnant Hentsch den Befehl für die 
i.Armee zum einfachen Rückzug hinter die Aisne 
mitzugeben, geht aus meinem Funkspruch vom 10. 
September, 10 Uhr nachmittags, an A.-O.-K. 1 und 2 
hervor: »I.Armee stellt sich als rückwärtige Staffel 
bereit. Umfassung des rechten Flügels der 2. Armee 
ist durch Angriff zu verhindern.« Die i.Armee be- 

436 



hauptet, Oberstleutnant Hentsch habe ihr den Be- 
fehl zum Zurückgehen überbracht, Oberstleutnant 
Hentsch bestreitet dies, er meldete mir bei seiner 
Rückkehr, daß die Anordnungen für den Rückzug der 
Armee bei seiner Ankunft dort bereits ausgearbeitet 
gewesen wären. — Daß die i. Armee nicht mehr in 
der Lage war, frei zu handeln, geht daraus hervor, 
daß es ihr nicht gelang, den Anschluß an die 2. Ar- 
mee bei Fismes zu erreichen. Sie mußte statt mit 
dem rechten, mit dem linken Flügel auf Soissons 
zurückgehen, so daß die Lücke zwischen ihr und der 
2. Armee nicht geschlossen wurde und später die in- 
zwischen eintreffende 7. Armee hier eingesetzt wer- 
den mußte. 

Ich fuhr am 11. September zu den Armee-Oberkom- 
mandos. — Ich hatte angeordnet, daß die 3., 4. und 
5. Armee stehen bleiben sollten. Ich glaube, daß der 
Befehl, den ich bei der 4. Armee diktierte, in den Ak- 
ten der 4. Armee enthalten sein muß. Ich habe ihn 
dann aber aus folgenden Gründen nicht weiter ge- 
geben. Wie ich zum Oberkommando der 3. Armee 
kam, erklärte mir der Oberbefehlshaber, daß seine 
Armee nicht mehr imstande sei, die zwischen der 2. 
und 4. Armee befindliche Geländestrecke zu halten, 
wenn die Franzosen ihn angreifen sollten. Die Armee 
habe so starke Verluste gehabt und sei durch ihr 
Eingreifen teils auf dem linken Flügel der 2., teils auf 
dem rechten Flügel der 4. Armee so ermüdet, daß sie 
keine Gefechtskraft mehr habe. — Ich fuhr nun zur 
4. Armee zurück, um nochmals die Lage zu bespre- 
chen. Hier erreichte mich eine Meldung der 2. Armee 
folgenden Inhalts: »Feind scheint Hauptdruck gegen 
rechten Flügel und Mitte 3. Armee zu richten, um hier 
durchzubrechen. Dies bei Breite der Armeefronten 
und verminderten Gefechtsstärken bedenklich. Durch 

437 



Zurücknahme der deutschen Mitte unter fester An- 
lehnung an linken Flügel 2. Armee bei Thuizy bis in 
Höhe von Suippes — St. Menehould und östlich kann 
dem begegnet werden. Später neue Offensive vom 
rechten Flügel aus dann aussichtsvoll.« — Wenn die 
Auffassung der 2. Armee richtig war, und ich hatte 
keinen Grund sie anzuzweifeln, so mußte ich nach 
den bei der 3. Armee empfangenen Eindrücken be- 
fürchten, daß sie nicht mehr imstande sein werde, 
den bevorstehenden feindlichen Durchbruchsversuch 
abzuwehren. Gelang derselbe, so mußten die 4. und 
5. Armee in eine so schwierige Lage kommen, daß 
eine Katastrophe zu befürchten stand. — Bei einer 
Besprechung, die ich am 11. September abends mit 
dem Oberbefehlshaber der 2. Armee in Reims hatte, 
bestätigte mir derselbe seine, dem Telegramm vom 
11. früh zugrunde liegende Ansicht, er rechnete be- 
stimmt mit einem schon am 13. zu erwartenden An- 
griff der Franzosen auf die 3. Armee. 

Ich mußte mich daher entschließen, der 3. Armee 
eine verkürzte Linie zuzuweisen, in der sie sich mei- 
ner Ansicht nach mit Bestimmtheit halten konnte. 
Das war nur durch Zurücknehmen der Armee mög- 
lich. Damit wurde auch das Zurücknehmen der 4. und 
5. Armee bedingt. Die Versammlung der 3., 4. und 
5. Armee in der Linie Reims — Verdun bedeutete eine 
erhebliche Verkürzung der Frontlinie und mußte es 
ermöglichen, nachdem sie erreicht war, Truppen aus 
der Front zur Verstärkung des bedrohten rechten 
Heeresflügels herauszuziehen. — Ich gab daher, da 
hier rasch gehandelt werden mußte, am 11. Septem- 
ber, 4 Uhr nachmittags, den Befehl aus, nach dem 
die 3. Armee die Linie Thuizy (ausschl.) — Suippes 
(ausschl.), die 4. Armee die Linie Suippes (einschl.) — 
St. Menehould (ausschl.), die 5. Armee die Linie St. 

438 



Menehould (einschl.) — und östlich erreichen sollten. 
Die erreichten Linien sollten ausgebaut und gehalten 
werden. Die somit der schwachen 3. Armee zugewie- 
sene Linie hatte nur 20 Kilometer Frontbreite, die 
Gesamtausdehnung für die 1. bis 5. Armee betrug nach 
ihrer Zusammenfassung etwa 150 Kilometer. 

Da die französischen Angriffe der letzten Tage vor 
der Front des linken Heeresflügels abgewiesen wa- 
ren, ließ sich erwarten, daß die Armeen die ange- 
wiesenen Stellungen ohne Schwierigkeiten würden 
erreichen können. Leider gelang es, wie erwähnt, der 
1. Armee nicht, den Anschluß an den rechten Flü- 
gel der 2. zu gewinnen. Ebenso erklärte die 5. Ar- 
mee, bei St. Menehould nicht stehen bleiben zu kön- 
nen, sondern bis nördlich des Argonnenwaldes zu- 
rückgehen zu müssen. (Siehe Operationsakten der 
5. Armee vom 11. September.) 

Somit kam der Zusammenschluß des Heeres in der 
Linie, die ich beabsichtigt hatte, nicht zur Ausfüh- 
rung. 

Am i3.September ordnete ich das Herausziehen von 
je einem Korps der 3., 4. und 5. Armee und den Ab- 
marsch dieser Korps nach Westen an, um den rech- 
ten Heeresflügel zu verstärken und um die Lücke 
zwischen den. und 2. Armee zu schließen. Dies wurde 
nötig, da die 7. Armee erst mit den Anfängen St. Quen- 
tin erreicht hatte. 

Am 14. September wurde die weitere Leitung der 
Operationen dem General v. Falkenhayn übertragen, 
gleichzeitig wurde mein Oberquartiermeister, General 
v. Stein, zum Kommandierenden General des XIV. Re- 
servekorps ernannt. 

Somit endete meine militärische Tätigkeit. 



439 



Fünfter Teil 

Aus Moltkes letzter Lebenszeit 



Moltke und die Gründung der »Deutschen 
Gesellschaft 1914«. 

Ansprache Moltkes bei Eröffnung der »Deutschen 
Gesellschaft 1914« am 28. November 1915. 

Als Ältester des Ausschusses zur Gründung der 
»Deutschen Gesellschaft 1914« fällt mir die ehrenvolle 
Aufgabe zu, die Versammlung zu eröffnen, und über- 
nehme ich zunächst den Vorsitz. 

Meine Herren, während wir uns hier in gesicherter 
Ruhe versammeln können, tobt draußen der Krieg, 
stehen unsere Brüder und Söhne im Kampf gegen 
eine Welt von Feinden, bereit, täglich und stündlich 
ihr Leben hinzugeben, um durch das Opfer ihres in- 
dividuellen Lebens das Leben der Gesamtheit, der 
Nation vor dem Untergang zu bewahren, den unsere 
Gegner uns zugedacht haben, um in heißem, bluti- 
gem Ringen dem Deutschen Reich einen siegreichen 
und dauernden Frieden zu erkämpfen. Schulter an 
Schulter stehen und kämpfen sie, ohne Unterschied 
des Standes, des Berufs, der Geburt, der politischen 
Richtung, — eine große, einheitliche Masse, die ge- 
sammelte Kraft des Volkes, zusammengehalten und 
durchglüht von dem einen großen Gedanken des 
Vaterlandes. Geeint wurde unser Volk, das von Par- 
teiungen zerrissen schien, das so oft seine beste Kraft 
in kleinlichem Zank vergeudet hatte, durch diesen 
Krieg. Die heilige Flamme der Vaterlandsliebe zer- 
schmolz die Schranken, die der Egoismus des Wohl- 
lebens unter uns aufgerichtet hatte, wir lernten uns 
als Brüder kennen, wir erlebten das Wort Lagardes: 
»Ein Volk sein, heißt eine gemeinsame Not empfin- 

443 



den«, und diese Einigkeit ist es, die uns unüberwind- 
lich macht. 

Wohl reißt der Krieg auch vieles nieder, vernichtet 
er viel Wertvolles, Leben und Güter, aber er erzeugt 
und offenbart auch Kräfte und Fähigkeiten, mit deren 
Hilfe nicht nur Bewährtes wieder aufgerichtet wer- 
den kann, sondern dem Menschenwerk neue, Größe- 
res verheißende Bahnen gewiesen werden. Wer sollte 
es nicht fühlen, daß dieser Krieg einen der großen 
Wendepunkte der Weltgeschichte bedeutet, daß sein 
Ausgang entscheidend sein wird für die Richtung, 
die der Menschheitsentwicklung, der Menschheits- 
kultur auf Jahrhunderte hinaus gegeben werden wird. 
Eine neue Zeit, neue Entwicklungsmöglichkeiten, 
ein neues gefestigtes Gemeinleben, neue Betätigungs- 
formen des geistigen Lebens, muß dieser Krieg uns 
bringen. Wir werden manches hinter uns lassen müs- 
sen, das uns vorher der höchsten Mühe wert erschien 
und das sich doch als wertlos erwiesen hat, in dieser 
großen, eisernen Zeit. Aber wir haben die Überzeu- 
gung, daß in unserem Volk die Zauberkraft lebt, die 
furchtbaren Spuren des Kampfes zu tilgen, und 
neues, schaffendes Leben an den Stätten des Todes 
und der Verwüstung wachzurufen. 

Diese schöpferische Kraft, die sich schon jetzt so 
vielfach und so herrlich offenbart hat, diese Einigkeit 
der Gesinnung, die uns gelehrt hat, Sonderwünsche 
und Sonderinteressen einem großen gemeinsamen 
Ziele unterzuordnen, müssen wir pflegen und bewah- 
ren als unser höchstes Gut, als die sicherste Gewähr 
einer aufwärtsstrebenden Zukunft. 1871 wurden wir 
ein Reich, jetzt gilt es, daß wir ein Volk werden. 

Das sind die Gedanken, die der Gründung der »Deut- 
schen Gesellschaft 1914« zugrunde gelegen haben. 
Daß sie ein wohlvorbereitetes Feld gefunden haben, 

444 



beweist die Anzahl unserer Mitglieder und die statt- 
liche Zähl, in der Sie heute abend zu unserer Eröff- 
nungssitzung erschienen sind. Ich danke Ihnen und 
heiße Sie herzlich willkommen. 

Brief Moltkes an den Herausgeber der »Tat« 
vom i.Januar 1916*. 

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich Ihren Auf- 
satz über die Gründung der Deutschen Gesellschaft 
gelesen. Ich habe auch die anderen Artikel der Num- 
mer der »Tat« gelesen, und ich will gerne erklären, 
daß der Geist und die Gesinnung, die in ihnen wal- 
ten, in mir freudige Zustimmung gefunden haben. 
Das Programm Ihrer Zeitschrift: Alles umfassend, 
was ernsthaft der Erneuerung des Lebens zustrebt, 
die Erneuerung Deutschlands aus den irrationalisti- 
schen Anlagen seines Volkstums heraus — umfaßt 
die Gedanken, die auch mich bewogen haben, mich 
an der Gründung der Deutschen Gesellschaft zu be- 
teiligen. Daß uns eine Erneuerung des geistigen Le- 
bens bitter not tut, war mir Gewißheit, schon lange 
bevor dieser Krieg unser Volk auf die Goldwage der 
Weltentwicklung legte, und mit ganzer Seele habe 
ich gehofft, daß es sich wert erweisen möge der 
hohen Aufgabe, die ihm die Weltenlenkung gestellt 
hat. — Hier handelt es sich um geistige Waffen, nur 

* Diesen Brief brachte die »Tat« im Juliheft 1916 mit der hier folgenden Einleitung : 
Der sympathischen Persönlichkeit des anfänglichen Leiters unserer Kriegsopera- 
tionen wurde bei den Nachrufen zu seinem jähen Tode allgemein gedacht, denn Moltke 
war nicht nur Berufssoldat, sondern ein warmherziger, kultivierter Mensch mit ideali- 
stischer Tendenz. So beschäftigte ihn das Werden des neuen Deutschland nach dem 
Kriege besonders stark, und bekanntlich ist die Gründung der »Deutschen Gesell- 
schaft 1914« in Berlin auf ihn zurückzuführen. Das Januarheft der »Tat« befaßte sich 
eingehend mit dieser Gründung, und es dürfte wohl für die Leser der »Tat« von In- 
teresse sein, wie sich Moltke anläßlich dieses Aufsatzes zur »Tat« stellte. — Er schrieb 
später noch einmal dem Herausgeber anläßlich des Märzheftes : »Wenn man der An- 
sicht ist, daß in der Denkweise Ihrer Monatsschrift diejenige der kommenden Jugend 
Deutschlands zum Ausdruck kommt, so darf man meiner Überzeugung nach der Zu- 
kunft mit frohem Vertrauen entgegensehen.« 

445 



mit ihnen kann die Zukunft bezwungen werden. Es 
liegt so unendlich viel Ideales, nach oben Streben- 
des in der Seele unseres Volkes. Lange war es unter- 
drückt durch die dicke Schrift materiellen Lebens, 
es durchbrach sie, als der Krieg die Äußerlichkeiten 
des Daseins verschwinden ließ vor dem idealen 
Sturm der Vaterlandsliebe, der alle Herzen durch- 
brauste. — Wenn Gott unser Volk lieb hat, wird er 
diese geistige Erhebung ihm bewahren. Aber jeder 
muß dazu mitarbeiten. — Das wollen Sie mit Ihrer 
Zeitschrift, und das wollte ich mit dem Inslebenruf en 
einer Gesellschaft, die nicht, wie Sie sagen, ein »poli- 
tischer Klub« sein soll, sondern ein Versammlungs- 
ort aller der Geister, die die Kraft haben, Einzel- 
wünsche und Bestrebungen im Dienste des deut- 
schen Einheitsgedankens zurückzustellen. In Klassen 
geschieden, in Parteien getrennt, haben wir uns vor 
dem Kriege kaum gekannt. Die Schranken, die der 
Egoismus der Einzelexistenz zwischen uns aufge- 
richtet hatte, wollten wir niederlegen und Mensch 
dem Menschen nahebringen. Gewiß, Sie haben recht, 
es wird darauf ankommen, dem Seelenadel zum Sieg 
über den Geschäftsgeist zu verhelfen, die Pflänzlein 
zu pflegen, die schon seit Jahren in vielen Menschen 
wuchsen, und von deren stiller Entfaltung sich jeder 
überzeugen konnte, der mit offenen Augen in unser 
Volksleben hineinsah. Über die Schwierigkeiten, die 
uns seit Jahren anerzogene mechanische Lebensauf- 
fassung zu überwinden, sind wir alle uns von Anfang 
an klar gewesen. Aber man darf vor den Schwierig- 
keiten nicht zurückscheuen, wo es sich um Großes 
handelt. Immerhin wird ein idealer Gedanke einmal 
in die Realität hineingeboren gewesen sein. Es ist 
bekannt, daß, wenn man einen Wald auf einem Bo- 
den aufforsten will, der vorher kein Waldboden war, 

446 



die erste Anpflanzung oft nach einer Reihe von Jah- 
ren zugrunde geht, aber die zweite gedeiht dann. Man 
muß nur nicht verzagen. Gelingt der Wurf diesmal 
nicht, so wird eine spätere Generation den einmal 
geborenen Gedanken wieder aufnehmen. Wir müs- 
sen für die Zukunft arbeiten. Wir gehen bald dahin, 
aber unser Volk soll in die kommenden Jahrhun- 
derte hinein leben, es soll nach oben leben, und jedes 
Samenkorn, das jetzt gelegt wird, wird einmal auf- 
gehen. Das ist meine Hoffnung und Zuversicht und 
mein Glauben an die Weltmission unseres Volkes. 

Auszug aus einem Brief Moltkes. 

Berlin, 20. März 1916. 

Die Jetztzeit bietet viele wenig erfreuliche Erschei- 
nungen, zu denen im Innern in erster Linie der Streit 
zwischen der Regierung und den Parteien des Reichs- 
tags gehört. Wo bleibt der berühmte Burgfriede und 
wo die Einigkeit zwischen Volk und Regierung. Mir 
scheint, letztere ist sich durchaus nicht klar über die 
tiefgehende Mißstimmung weiter Kreise, und, was 
das Schlimmste ist, sie macht Versuche, einerseits 
durch schärfstes Anziehen der Zensur die Zeitungen 
zu knebeln, andererseits durch offiziöse Mitteilungen 
einzuwirken, die nicht immer ganz den Tatsachen 
entsprechen. Ich sehe darin einen bedauerlichen Man- 
gel an Vertrauen zum Volk. Gebe Gott, daß uns bald 
eine Entscheidung auf militärischem Gebiet zufällt, 
es wird Zeit, der Krieg muß zu Ende gebracht wer- 
den, wenn wir nicht alle mit ihm versumpfen und 
versauern wollen. 

Zuschauer zu sein, wie es mir beschieden, ist 
schwer. Ich bin oft am Rande der Verzweiflung ge- 
wesen, besonders wenn ich sah, wie manches anders 

447 



gemacht wurde, als es meiner Meinung nach hätte 
gemacht werden müssen. Erst nach langen und schwe- 
ren Kämpfen habe ich mich selbst bezwingen kön- 
nen, und habe gelernt, die Schwere des Drucks zu 
tragen. Ich denke nicht an mich, sondern nur an 
unser Vaterland. Ihm nicht dienen zu können, ist 
das Opfer, das ich täglich wieder bringen muß. 

Gestern war ich bei Tirpitz, auch einem Schick- 
salsgenossen. Er fühlt es wie eine Erlösung, aus 
dienstlichen Verhältnissen heraus zu sein, die ihm 
unerträglich geworden waren. Möge der Kaiser es 
nie bereuen, Männer beiseite geschoben zu haben, 
die doch vielleicht ihm hätten nutzen können. 

Bethmann wird einen schweren Stand haben im 
Reichstag. Wie unsinnig handelt dieser Mann, indem 
er es versäumt, Fühlung zu nehmen mit dem Volk 
und seiner Vertretung. 

Auszug aus einem Brief Moltkes. 

Berlin, 21. April 1916. 

Es war mir eine große und herzliche Freude, nach 
langer Zeit wieder eine Nachricht von Ihnen zu er- 
halten und aus Ihren Worten den alten Ton herz- 
licher Zuneigung herauszuhören, der alle Wechsel- 
fälle des Lebens überdauert. Haben Sie Dank für 
diese treue Freundschaft, die ich, wie Sie wohl wis- 
sen, von Herzen erwidere. 

Ich danke Ihnen auch für das, was Sie mir über 
Ihre Unterredung mit Sr. Majestät schreiben. Wenn 
der hohe Herr mir so freundschaftliche Empfindun- 
gen entgegenbringt, wie Sie meinen, so hat er die- 
selben jedenfalls nur rein platonisch betätigt. — Ich 
habe mich Weihnachten 1914 persönlich bei ihm ge- 
sund gemeldet und auch telegraphisch gemeldet, daß 

448 




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ich zu jeder Verwendung, wo und wann Se. Majestät 
es befehlen, bereit sei. Seitdem ist nichts erfolgt, man 
hat sich so wenig um mich gekümmert, als ob ich 
schon längst begraben wäre. Ich habe nie in meinem 
Leben um etwas für mich gebeten und werde dies 
auch nie tun. 

Wollte Se. Majestät mich wirklich verwenden, hätte 
er wohl bei mir selber anfragen können, ob ich mich 
befähigt hielte, diese oder jene Stellung zu über- 
nehmen, er hätte das Vertrauen zu mir haben kön- 
nen, daß ich rein sachlich geantwortet hätte. Ich habe 
aber nie ein Wort von ihm gehört. Wenn er jetzt 
sagt, ihm wäre immer, wenn er mich hätte verwen- 
den wollen, gesagt worden, meine Gesundheit ver- 
biete eine Verwendung, so weiß ich nicht, wer so 
über mich orientiert war, um dies wissen zu können. 
Bei meinem Arzt ist niemals nach mir gefragt worden. 

Ich habe in den ersten Monaten meiner Inhaf- 
tierung einige Male an Se. Majestät geschrieben. Nach- 
dem General . . . mir mitgeteilt hat, ich möchte mich 
dem Kaiser gegenüber nicht zur Kriegslage äußern, 
da ihn dies vielleicht unsicher machen könnte, habe 
ich die Korrespondenz unterlassen. Über das Wetter 
zu schreiben, hatte keinen Reiz für mich. 

Ich habe im vorigen Frühjahr mein möglichstes 
getan, um durch Schreiben an den Reichskanzler die 
ganz im argen liegende Volksernährungsfrage in 
Fluß zu bringen. Schon damals war es für den Vor- 
ausschauenden zu erkennen, daß die traurigen Ver- 
hältnisse eintreten mußten, die nun wirklich gekom- 
men sind und die durch eine großzügige, das ganze 
Wirtschaftsleben umfassende einheitliche Organisa- 
tion und Vorsorge hätten vermieden werden können. 
Von vielen Seiten aus den Kreisen der Landwirt- 
schaft, der Industrie, der Nationalökonomie ist mir 

Moltke. 29. 44g 



Dank geworden, daß ich eingegriffen habe, wo un- 
sere Verwaltungsbehörden versagten; von dem Ge- 
neral . . . habe ich dagegen gehört, daß an höchster 
Stelle meine Bemühungen als Nervosität, Schwarz- 
seherei und unzulässige Einmischung bewertet wor- 
den seien. Der Kaiser könne einem so kranken Mann 
nicht die Verantwortung einer Heerführung anver- 
trauen. Damit war die Sache für mich erledigt, und 
ich habe mich nicht weiter vorgedrängt. 

Übrigens habe ich Sr. Majestät zu den Erfolgen in 
Russisch-Polen seinerzeit meinen Glückwunsch tele- 
graphisch ausgesprochen. Sie sehen, lieber . . ., daß 
ich keine Veranlassung habe, mich erneut an Se. Ma- 
jestät heranzudrängen. 

Betteln habe ich in meinem Leben nicht gelernt. 

Ich weiß sehr wohl, daß der Kaiser persönlich nicht 
den Willen hat, mich links liegen zu lassen, aber er 
ist ebenso machtlos gegen die Einflüsse, die gegen 
mich gerichtet sind, wie ich. 

Hätte er nicht z. B. jetzt mir den Oberbefehl in 
Schleswig-Holstein anbieten können? Auch hier wie- 
der kein Wort an mich. Meine Vergangenheit ist aus- 
gelöscht, für mich hat sie nur den Wert des Bewußt- 
seins, meine Pflicht getan zu haben. 

Gott helfe unserem Lande und unserem unver- 
gleichlichen Volk, wir werden noch viel Schweres 
durchzumachen haben. Möge es dem Kaiser dann 
nicht an Männern fehlen, die nur den Gedanken ha- 
ben, ihm und dem Lande zu dienen, und die ihre Per- 
son der Sache unterordnen. 

Leben Sie wohl, lieber . . ., Sie tun meinem schwer- 
geprüften Herzen wohl, wenn Sie mich ab und an 
etwas von sich hören lassen. Ich bleibe immer Ihr 
alter Freund 

Moltke. 

450 



Rede Moltkes bei der Trauerfeier 

für den Generalfeldmarschall Frhrn. v. d. Goltz 

am 18. Juni 1916. 

Hochverehrte Anwesende! 

Das Bild des Mannes, zu dessen Gedächtnisfeier 
wir uns hier versammelt haben, ist in einer so aus- 
führlichen, glänzenden und wahrheitsgetreuen Weise 
geschildert worden, daß Sie es von mir nicht als Ver- 
messenheit ansehen wollen, wenn ich Sie bitte, mir 
zu einem ganz kurzen Worte ein geneigtes Ohr zu 
schenken. — Es sind zwei Gründe, die mich dazu be- 
wegen, zu Ihnen zu sprechen: Erstens meine lang- 
jährigen persönlichen, kameradschaftlichen, ich darf 
wohl sagen freundschaftlichen Beziehungen, die mich 
mit dem Verstorbenen verbunden haben. Und zwei- 
tens die Empfindung, daß an dem Grabe eines Sol- 
daten auch aus soldatischem Munde ein Wort für 
ihn erklingen muß; denn Soldat war er doch in erster 
Linie. 

Ich war ein junger Offizier, wie ich von der Kriegs- 
akademie zum Generalstab kommandiert wurde und 
mit dem damaligen Major v. d. Goltz in Beziehungen 
trat. Er hatte die reichen Erfahrungen, die er im Ver- 
laufe des Feldzuges 1870/71 bei der Armee des Prin- 
zen Friedrich Karl gesammelt hatte, bereits schrift- 
stellerisch verwertet zum Segen der Armee, und wir 
sahen schon mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht 
zu ihm auf. Diese Ehrfurcht wich aber bald einer auf- 
richtigen Verehrung und Hingebung. Wie rasch lern- 
ten wir den Mann kennen, der uns nicht als Vor- 
gesetzter, sondern als Kamerad entgegentrat, in dem 
Bestreben, wir alle wollen dasselbe, wir alle wollen 
arbeiten für die Armee und für unser Land. — Ich 

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glaube, wenn auf irgend j emand der lateinische Spruch 
»Homo sum, nihil humani mihi alienum esse puto« 
zutrifft, so war es der Verstorbene. Seine hervor- 
ragenden menschlichen Eigenschaften, seine Her- 
zensgüte gewannen ihm die Herzen aller, die mit ihm 
in Berührung traten. Diese kameradschaftlichen Emp- 
findungen sind allen denjenigen geblieben, die das 
Glück gehabt haben, mit ihm in persönliche Be- 
ziehungen zu treten. Bei mir haben sie angedauert 
bis an sein Ende, und sie sind ausgeklungen in einem 
Briefwechsel, der erst kurze Zeit vor dem Tode des 
Feldmarschalls seinen Abschluß gefunden hat. 

Meine hochverehrten Herrschaften I Ich darf das 
nicht wiederholen, was hier gesagt worden ist. Sie 
wissen ja den Lebensgang des Verstorbenen, Sie 
wissen, daß er als junger Offizier bereits nach der 
Türkei ging, daß er dort zwölf Jahre lang dem Sultan 
gedient hat, und daß er damals den Grundstein gelegt 
hat zu den freundschaftlichen Beziehungen, die heute 
das Osmanische Reich und das Deutsche Reich in 
gemeinsamen Kriegsunternehmungen vereinigen. Sie 
wissen, daß er, von dort zurückgekehrt, die Geschäfte 
als Generalinspekteur der Pioniere übernahm, und 
alle diejenigen, die damals mit ihm gearbeitet haben, 
bewahren ihm noch heute ein Andenken, denn auch 
diese ihm fremde Materie wußte er nach kurzer Zeit 
entsprechend zu beherrschen. — Dann kam seine 
schönste Zeit, als er von Sr. Majestät zum Komman- 
dierenden General des I. Armeekorps berufen wurde. 
Wie freute sich sein Herz, da war er in seinem Ele- 
ment, unermüdlich im Zusammenleben mit der 
Truppe, die höchsten Anforderungen an sich selbst 
stellend. Keine Mühen scheuend, lebte er mit seinen 
Soldaten zusammen, als Vater, Freund und Kame- 
rad. Er mußte dann die Stellung eines Generalinspek- 

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teurs übernehmen, die ihm die Truppen in die Ferne 
rückte, und erst nach Eröffnung des jetzigen Feld- 
zuges, als ihm das Generalgouvernement von Bel- 
gien übertragen wurde, trat er wieder in aktive Tätig- 
keit. Ich habe damals Gelegenheit gehabt, des öfte- 
ren mit ihm zusammenzutreffen. Wenn ich nach 
Brüssel kam — während der Belagerung von Ant- 
werpen — man traf ihn selten zu Hause; stets hieß 
es: »Der Feldmarschall ist draußen an der Front.« — 
Es hielt ihn nicht an dem Schreibtisch, er mußte hin- 
aus, und diejenigen, die mit ihm waren, erzählten, 
mit welch unbeschreiblicher Tapferkeit und Todes- 
verachtung er mitten im Gefecht stand in den Reihen 
seiner Soldaten, als wenn er auf dem Exerzierplatze 
stand. Und wenn er abends zurückkam, besprach er 
die Ereignisse des Tages, wie man ein Manöver be- 
spricht mit vollständiger Ruhe und Objektivität. Und 
mancher von denen, die mit ihm im Schützengraben 
waren, kehrte nicht mehr zurück; der Feldmarschall 
selbst war auch verwundet. — Aber wenn er auch 
mit unermüdlicher Treue und Aufopferung durch 
seinen scharfen Verstand es wohl verstanden hat, die 
zerrütteten Teile des okkupierten Landes zunächst 
wieder in geordnete Verhältnisse zu bringen, so war 
doch sein Herz nicht bei der Sache, er war Soldat, 
und ich glaube, er ist nicht ungern von seinem schwie- 
rigen und undankbaren Posten zurückgetreten, als er 
dann auf Wunsch des Sultans von dort als oberstes 
Bindeglied zwischen der osmanischen und deutschen 
Armee nach der Türkei berufen wurde. Er erlebte 
den gewaltigen Kampf unserer Bundesgenossen auf 
Gallipoli, er sah die Früchte seiner jahrelangen Tätig- 
keit greifbar vor sich, und dann kam der Augenblick, 
wo er selbst das Kommando übernehmen mußte und 
hinauszog nach Bagdad, um den Kampf gegen die 

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Engländer aufzunehmen. Als er in Bagdad eintraf, 
fand er die Engländer in starker Stellung bei Kut el 
Amara. Seine Aufgabe war, sie zurückzuschlagen. Mit 
wie schwierigen Verhältnissen, mit welch schlechten 
Zufahrtsstraßen, mit einer wie großen Entfernung 
mußte er rechnen, bis überhaupt Verstärkungen her- 
angeführt werden konnten. 

Meine verehrten Herrschaften! Es wiederholt sich 
in der Geschichte öfters, daß Heldentum und Tragik 
nebeneinander stehen. — So war es auch hier. So, 
wie es Moses einstmals zwar vergönnt war, einen 
Blick in das Gelobte Land zu tun, nicht aber es zu be- 
treten, so war es auch dem Generalfeldmarschall nicht 
vergönnt, den letzten Kampf seiner Armee zu erleben, 
aber sein scharfer Blick hat wohl den Ausblick in das 
Gelobte Land getan, denn sicher hat er den Sieg von 
Kut el Amara vorausgesehen. 

Meine verehrten Herrschaften! Ich habe dem Bilde 
des Feldmarschalls nur noch eine persönliche Note 
hinzufügen können. Ich habe es getan, weil ich 
glaube, daß ich in diesem Falle wohl im Namen der 
Armee und namens des Generalstabes sprechen darf, 
dem wir beide lange Jahre angehört haben. 

Ich will nicht sprechen von dem tiefen Schmerze, 
der auch mich ergriffen hat, als die Kunde von dem 
tragischen Ende des Feldmarschalls eintraf, und ich 
möchte nicht, daß dieser Tag vorbeigeht, ohne daß 
wir an diesem Tage ein Lorbeerblatt auf die Bahre 
gelegt haben*. 



• Fast unmittelbar nach der Beendigung dieser Rede starb Helmuth v. Moltke 
noch während der Gedächtnisfeier für Generalfeldmarschall Frhrn. v. d. Goltz im 
Reichstagsgebäude an Herzschlag am 18. Juni 1916. 



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Telegramm Sr. Majestät des Kaisers. 

18. Juni 1916. 
Exzellenz Frau von Moltke, 

Berlin, Generalstabsgebäude. 

Ich erhalte soeben die erschütternde Nachricht vom plötzlichen 
Tode Ihres Gemahls. Mir fehlen die Worte, um Meinen Empfin- 
dungen dabei vollen Ausdruck zu geben. Tief bewegt gedenke 
Ich seiner Erkrankung im Beginn dieses Krieges, dessen glän- 
zende Vorbereitung der Inhalt seines rastlosen Wirkens als Chef 
des Generalstabes der Armee gewesen ist. Das Vaterland wird 
seine hohen Verdienste nicht vergessen, und Ich werde, solange 
Ich lebe, in dankbarem Gedächtnis behalten, was dieser auf- 
rechte, kluge Mann mit dem goldenen Charakter und dem war- 
men treuen Herzen für Mich "und die Armee war. 

In aufrichtiger Trauer spreche Ich Ihnen und Ihren Kindern 
Meine herzliche Teilnahme aus. Ich weiß, daß Ich an ihm einen 
wahren Freund verloren habe. 

Wilhelm LR. 



Der am 24. Januar 1915 von Sr. Majestät dem Kaiser und König 
an Generaloberst v. Moltke in meiner Gegenwart eingetroffene 
Brief ist mir heute von Ihrer Exzellenz der Frau v. Moltke nach 
dem Tode Ihres Gemahls uneröffnet zurückgegeben worden, 
behufs Rückgabe in die Hände Sr. Majestät. 

Berlin, 23. Juni 1916. 

v. PI essen, 
Generaladjutant. 

Brief von Kronprinz Wilhelm. 

8. Juli 1916. 
Liebe gnädige Frau! 

Mit Absicht schreibe ich erst jetzt, nachdem einige Zeit ver- 
strichen ist. Viel Worte brauche ich nicht zu machen. Sie wissen, 
wie sehr ich Ihren Mann geliebt und verehrt habe. Die Hand 
möchte ich Ihnen drücken, um Ihnen mein inniges Mitgefühl 
zum Ausdruck zu bringen. Nie werde ich vergessen, daß der zu 
früh verblichene alte Chef es war, der mir das Kommando über 
die herrliche s.Armee verschaffte, indem er Sr. Majestät sagte: 

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»So wie die anderen macht der Kronprinz die Sache noch lange.« 
Und dann, wie mein Vater mir gesagt hatte, ich müßte das tun, 
was Knobelsdorff mir riete, drückte mir Ihr Mann warm die Hand 
und sagte: »Lassen Sie sich nur nicht Ihr gesundes eigenes Urteil 
ausschalten, Sie sind und bleiben der Armeeführer, der allein 
Sr. Majestät verantwortlich ist!« — Ich habe diese Worte den 
ganzen Feldzug über beherzigt und bin gut dabei gefahren. 

Sein Andenken bleibt groß und rein in meinem Herzen. — Es 
küßt Ihre Hand, liebe gnädige Frau, Ihr getreuer 

Wilhelm, 
Heeresgruppe Kronprinz. 



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BRIG HAMYOUNGUNIVERSjTY 



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