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Full text of "Erzherzog Carl Ludwig, 1833-1896. Ein Lebensbild, Hrsg"

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ERZHERZOG CARL LUDWIG 

1833-1896. 

EIN LEBENSBI LD 

HERAUSGEGEBEN VON 

ALFRED VON LINDHEIM. 






WIEN. 

DRUCK UND VERLAG DER K. K. HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 
1897. 



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KAISERLICHEN UND KÖNIGLICHEN HOHEIT 



DER DURCHLAUCHTIGSTEN 



FRAU ERZHERZOGIN MARIA THERESIA 



TIEFSTER EHRFURCHT 



GEWIDMET 



VOM HERAUSGEBER. 



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KAISERLICHE UND KÖNIGLICHE HOHEIT! 

DURCHLAUCHTIGSTE, 
GNÄDIGSTE FRAU ERZHERZOGIN! 



pUERER KAISERLICHEN UND KÖNIGLICHEN HOHEIT lege ich, 
I tief bewegt, jene Blätter zu Füßen, in denen versucht wurde, den 
, Lebenslauf des verewigten Herrn Erzherzogs Carl Ludwig, des 
[ Gemahls Euerer kaiserlichen und königlichen Hoheit, zu verzeichnen. 
Nur ein Versuch, ein unvoIIkomnienesWerk muss jede Darstellung bleiben, 
welche ganz und voll ein Charakterbild des verewigten unvei^esslichen Fürsten 
liefern soll. Was sein großes, für alles Schöne und Edle warm empfindendes Herz 
gewollt, und in welch hohem Grade dem Dahingegangenen die Eigenschaften 
innewohnten, sein Streben zu bethätigen: dafür bietet nicht das geschriebene, 
noch das gesprochene Wort die Kraft zu erschöpfender Schilderung. 

Es wird zunächst die sonnige Kinderzeit behandelt, die das gütige Geschick 
dem Erzherzoge verliehen, und der hohen Eltern gedacht, welche auf ihre Söhne 
einen noch nicht hinreichend gewürdigten Einfluss nahmen. Wir erinnern uns 
seines Vaters, als eines gütigen, dem Volke unendlich wohlwollenden Prinzen, 
wir verehren in der Mutter eine kluge und starke, für alles Gute und Edle 
erglühende Frau, die mit überaus liebevoller Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit die 
Erziehung ihrer Kinder leitete. 




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In pietätvoller Erinnerung wird darauf hingewiesen, mit welch verständiger 
Auswahl die Frau Erzherzogin Sophie die besten Lehrkräfte zu gewinnen, wie 
richtig sie mit ihnen den LehrstolTzu vertheilen, wie sorgfaltig sie den Unterricht 
zu überwachen wusste. 

Wir sehen, wie mit Seiner Majestät dem Kaiser fast gemeinsam auferzogen 
und unter BetheiUgung eines kleinen, aber auserwählten Kreises treuer Spiel- 
genossen der Erzherzog die Tage seiner Kindheit verbrachte, bis das Jahr 1848 
ihm plötzlich, fast unvermittelt, den Ernst des Lebens vor die junge Seele führte, 
wie sich große Schwierigkeiten der inneren und äußeren Politik aufthürmten und 
für unser Herrscherhaus ernst, doch hoffnungsvoll gestalteten, als an den noch im 
jugendlichsten Alter stehenden Erzherzog Franz Josef die Aufgabe herantrat, in 
drangvoller Zeit die Zügel der Regierung zu ergreifen. 

Es folgt dann die Schilderung der Reifezeit, in der sich Erzherzog Carl Ludwig, 
welchen Neigung und Begabung zunächst dem politischen Dienst zuführten — 
noch ein Jüngling — nach Galizien begab, um die Aufgaben der Verwaltung 
zu erlernen. 

Darauf wird die Periode der Statthalterschaft in Tirol dargestellt, und es wird 
gezeigt, mit welchem Geschick der Erzherzog die Amtsgeschäfte leitete und mit 
welch glänzendem Erfolge er in dem Kriegsjahre 1859 eine neue Ordnung der 
Landesvertheidigung durchführte. 

An die nun folgende Erörterung des Lebens in der Familie und der Bezie- 
hungen zur Gesellschaft schließt sich die Behandlung jenes höheren und umfang- 
reicheren Wirkungskreises, in welchem der Erzherzog Seine Majestät den Kaiser 
als Schirmherrn künstlerischer, wissenschaftlicher oder gewerblicher Bestrebungen 
vertrat. Es wird ausgeführt, wie Erzherzog Carl Ludwig, dem im Jahre 1873 eine 
mühevolle, aber dankbare Aufgabe gelegenilich der Wiener Weltausstellung zutheil 
geworden war, als Protector internationaler und regionaler Ausstellungen berufen 
und zum Beschützer einer Reihe der wichtigsten humanitären und gemeinnützigen 
Vereinigungen ernannt, eine höchst erfolgreiche und segensvolle Wirksamkeit 
entfaltete. 

Dieser nahezu 25 Jahre umfassende Lebensabschnitt des Herrn Erzherzogs 
wurde selbstverständlich als ein hochwichtiger Gegenstand dieses Werkes 
in den Vordergrund gestellt; denn in diesem spiegelt sich in reinster und 
ungetrübter Klarheit die Individualität des Verstorbenen ab. Der Thätigkeit des 
Herrn Erzherzogs als Prolector des Rothen und Weißen Kreuzes wurde, 
da diese Vereine der Kriegsverwaltung dienen, eine ausführliche Besprechung 
gewidmet. Das Wirken des Erzherzogs in Körperschaften mit anderen humani- 
tären Zwecken oder in solchen von künstlerischer, wissenschaftlicher 
oder gewerblicher Bedeutung gelangt in getrennten Abschnitten zur Dar- 
stellung. 



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War der Herr Erzherzog auch stets von den gleichen edlen Grundsätzen 
geleitet, so passte sich sein Wirken in liebevollstem Verständnisse den Zielen an. 
welchen die einzelnen Vereinigungen zustrebten. Gerade darin verstand es der 
Herr Erzherzog, wie kaum je ein Fürst es verstanden hat, den Pulsschlag des 
öffentlichen Lebens nachzufühlen, und so durften nicht nur alle Körperschaften, 
denen er als hoher Protector vorstand, zu ihm als Schlrmherm emporblicken, 
sein interessevolles Eingehen auf alles, was sie berührte, sein Fleiß wie seine 
Opferwilligkeit ließen in ihm überall auch das beste und treues te Mitglied 
erkennen. Darum gibt es auch in Österreichs weiten Gauen nach Seiner Majestät 
keinen Mann, der so bekannt, geliebt, verehrt war wie Erzherzog Carl Ludwig, 
in dem wir nach dem Ausspruche seines kaiserlichen Bruders und Monarchen in 
gerührtem Nachrufe das «beispielvolle Muster eines guten Österreichers 
und treuen Unterthanen» preisen. 

Viele unvergängliche weltgefeierte Namen hat das altehrwiirdige Erzhaus aus 
seiner Mitte dem Andenken spätester Geschlechter überliefert, glänzende Heer- 
führer, gewiegte Staatsmänner, Fürsten, welche Reiche schufen, in denen die Sonne 
nie untergieng, erleuchtete Gesetzgeber, Männer und Frauen, deren Namen die 
Geschichte mit dem Lorbeerkranze umflicht. Allein die Geschichte soll auch eine 
Bezeichnung finden für das volksfreundliche Walten eines schlichten Heroen der 
Humanität. 

Tief und innig hat sich sein Bild mit den milden Augen und dem Ausdruck 
gewinnender Seelengüte eingesenkt in die Herzen Tausender und Abertausender 
Unglücklicher, die seinen Namen mit dankerglühendem Erinnern segnen werden 
bis zum letzten Athemzuge. 

Unverwelklich ist dieses Andenken, denn unter allem, was dieser edle Fürst 
geleistet, hat ihm nichts so dauernd die Herzen der Gesammtbevölkerung 
erobert, als sein rastloser Eifer auf dem Felde der Barmherzigkeit. Fast ein 
Lebenselement war ihm die Mildthätigkeit, und er übte sie nicht bloß in edelster 
Hingabe, sondern auch in zartem Verständnisse. 

Hierin aber standen Euere kaiserliche und königliche Hoheit dem 
hohen Gemahl thätig zur Seite. 

Euerer kaiserlichen und königlichen Hoheit seien diese Blätter 
dankbarster Erinnerung in tiefster Ehrfurcht gewidmet. 



Alfred von Lindheim. 



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lis hatten die Güte, dieses Werk durch schriftliche Beiträge oder durch 
mündliche Mittheilungen, durch Überlassung von Quelienmaterial oder durch 
nützliche Rathschläge zu unterstützen und dadurch wesentlich zu fördern: 

Seine Excellenz Herr Graf Franz von Falkenkayn. 

» » » Graf Andreas von Csekonics. 

» • > Graf Franz Coronifti. 

» » - Graf Carl Coronini. 

- • Geheimer Rath Dr. von Willek. 

Herr k. u. k. Kämmerer Graf August Dzteduszyckt. 



Herr Prof. Dr. Franz Weikrich. 

» Archiv- Di rector Privat- Docent 
Dr. Mayr. 

• Schulrath Prof. Dr. Smolle. 

• Hofrath Dr. von Catharin, 

» Hofrath Dr. von Schönherr. 

> Prof. Dr. von Mosetig-Moorhof. 

' Regierungsrath Dr. RoUett. 

• Prof. Dr. Josef Hirn. 

• Hofrath Director Wilhelm Ezner. 
» Hofrath Dr. Migerka. 

• Hofrath Director von Scala. 

' Hofrath Prof. Dr. von Schrölter. 

. Dr. Moriz WeiÜof. 



Herr Custos Dr. Alois Karpf. 

• Hofburgschauspieler Ritter von 
Sonneitthal. 

» Rittmeister Kreuth. 

- Oberbibliofhekar Prof. Dr. Veike. 

' kaiserl. Rath Leopold Alhnann. 

• General-Director Gstettner. 

• Director Ludwig Mekler. 

» Vice-Director Julius Böhm. 
« Isidor Löii. 

• Angelo Kitter von Eisner-Eisenhof. 
» A. Weiser. 

• Großindustrieller Franz Bujatli sen. 
Frau Hofrath Olga von Catharin. 



^Die k. k. Hof- und Staatsdruckerei, die Herren Hofrath Director Volkmer und 
Regierungsrath Vice-Director Frits, dann der technische Inspector Nagy waren 
bemüht, dem Buche eine würdige Ausstattung zu geben. 



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I. Capitel. 

Einleitung und geschichtlicher Überblick der Ereignisse vom 
Jahre 1830 bis zum Jahre 1848. 



Den Herrschern des Habsburgischen Stammes und seines kraftvoll blühenden 
Lothringischen Zweiges ist vor allem eine Tugend in reichem Maße eigen, die 
sieden Herzen ihrer Unterthanen näher rückt; volksthümliche Leutseligkeit, 
Bürgerfreundlichkeit. 

Diese Eigenschaft zierte schon das Charakterbild des Ahnherrn unseres 
Kaiserhauses, Rudolfs von Habsburg. Zahlreiche Erzählungen über seine 
Einfachheit und Leutseligkeit waren und sind noch jetzt im Munde des Volkes. 
Dieselben zu Herzen sprechenden Züge waren auch verkörpert in der von Sage 
und Poesie umwobenen Persönlichkeit Maximilians L, des letzten Ritters. — 
Wer wüsste nichts zu erzählen von der Seelengüte Maria Theresias, der 
Stammutter des Habsburgisch-Iothringischen Fürstenhauses ? Allbekannt sind 
Erzählungen, die zu berichten wissen, wie ihr hoher, edler Geist dem Volke 
näherzutreten, von den Leiden und Freuden desselben unmittelbar Kenntnis 
zu gewinnen suchte. — Und was machte ihren Enkel, den letzten römisch- 
deutschen Kaiser Franz IL, bei seinen Völkern, besonders bei den Wienern, so 
beliebt, als eben die schlichte ßürgerlichkeit seiner Lebensführung, die Leutselig- 
keit, mit der er dem Höchsten wie dem Niedrigsten begegnete, der praktische 
Sinn und die scharfe Beobachtung des Nächstliegenden, für die vor allem der 
Mann aus dem Volke Verständnis und Theilnahme hat? 

Diese milde Gerechtigkeit, dies besonnene Urtheil, diese Volksfreundlichkeit, 
sie zieren in edelster Weise auch unseren Kaiser Franz Josef I. und alle Glieder 
der kaiserlichen Familie. Unter allen Prinzen des Kaiserhauses besaß wohl keiner 
ein reicheres Erbtheil davon als der verstorbene Erzherzog Carl Ludwig, der 
zweite Bruder unseres geliebten Herrschers, dessen Lebensbild die folgenden 
Blätter in schlichten, doch aus dem Herzen kommenden und daher wohl auch zu 
Herzen dringenden Worten erzählen sollen. 

Es gibt wohl keine Schichte, keinen Stand der Bevölkerung, dem der Erz- 
herzog nicht rathend, fördernd, helfend näher getreten wäre, dessen Angelegen- 

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heiten und Wünsche er nicht zu den seinigen gemacht, für dessen Bedürfnisse 
und Bestrebungen er nicht einen offenen klaren Sinn gehabt hätte. Er war 
ein warmherziger Förderer aller humanitären Bestrebungen, ein hochherziger 
Gönner der Künste und Wissenschaften, ein umsichtiger und nie ermüdender 
Berather aller gewerblichen und industriellen Unternehmungen, vor allem ein 
Wiener mit Leib und Seele, der an dem großartigen Aufschwünge, den die stolze 
Kaiserstadt an der Donau unter der Regierung seines kaiserlichen Bruders Franz 
Josef auf allen Gebieten, besonders auf gewerblichen und künstlerischen, 
genommen hatte, den regsten und wärmsten Antheil nahm. 

In dieser seiner echt wienerischen Eigenart, seinem hellen, klaren Blick für 
das Praktische, seinem schlicht bürgerlichen, lauteren Familiensinn berührt sich 
auch sein Charakterbild mit dem des «guten Kaisers» Franz, in dessen 
Regierungszeit noch seine früheste Kindheit fallt 



Lassen wir zunächst im Fluge die geschichtlichen Ereignisse an unserem 
geistigen Auge vorüberziehen, welche seit den Dreißiger- Jahren unseres Jahr- 
hunderts bis zum Sturmjahre 1848 Europa und speciell unser Vaterland erfüllten. 

Die Napoteonischen Kriege, die Österreich so viele Leiden, so viele Opfer 
auferlegt hatten, waren vorübergerauscht, und der Monarch, der durch sein ganzes 
Wesen, durch seine ganze, rastloser Friedensarbeit zuneigende Naturanlage vor 
allem berufen schien, seinen Völkern die Segnungen des Friedens zu schenken, 
konnte endlich, nach mehr als zwanzigjährigem Kriegstoben, das Schwert in die 
Scheide stecken. 

Kein Wunder, dass der erste Kaiser Österreichs, Franz I., der die wilden 
Greuel der französischen Revolution, die zauberhafte Stegeslaufbahn des Corsen 
Napoleon, aber auch den Zusammenbruch seiner Herrlichkeit miterlebt, der alte 
Throne wanken, neue auf den Trümmern erstehen sah, nur in einem Mittel Heil 
und Rettung erblickte, das mühsam Wiederauferrichtete zu erhalten und gegen 
alle Bestrebungen, von denen er, ohne die segensreichen Keime, die sie enthielten, 
zu erkennen, eine Beeinträchtigung des Bestehenden besorgte, ängstlich zu 
behüten und selbst mit Gewalt zu vertheidigen. 

Daher war seine äußere Politik seit dem Wiener Congresse vor allem 
daraufgerichtet, das, was dieser geschaffen, mit UnerbittMchkeit zu vertheidigen, 
im Inneren aber suchte er die Völker seines Reiches gegen alle etwa von außen 
kommenden oder im Schöße des eigenen Staates selbst sich regenden, das 
Bestehende gefährdenden Ideen zu schützen. 

In dieser äußeren und inneren Politik war der Staatskanzler Fürst Metter- 
nich sein getreuester Rathgeber. 

Von diesem Gesichtspunkte aus sollte der Congress zu Aachen, auf 
welchem die Monarchen von Österreich, Preußen und Russland persönlich 
erschienen waren, das Verhältnis zu Frankreich endgiltig regeln. Die Karls- 
bader Beschlüsse, denen die Wiener Schlussacte folgte, hatten die Aufgabe, 



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Umsturzbestrebungen, die sich in Deutschland regten, zu unterdrücken. Die 
Congresse zu Troppau (Herbst 1820) und Laibach (Frühling 1821) beauftragten 
Österreich zum bewaffneten Einschreiten in Italien, wo in Neapel gegen den 
vom Wiener Congresse wieder eingesetzten König beider Sicilien Ferdinand II. 
ein Aufstand ausgebrochen war. Der Congress zu Verona (October 1822) 
ertheilte Frankreich einen ähnlichen Auftrag bezüglich Spaniens, denn auch 
in diesem Lande war eine Revolution gegen das bourbonische Königshaus auf- 
geflackert. 

Erreichte so Fürst Metternich in allen diesen Fällen die vollständige Durch- 
führung seiner Politik unbedingter Aufrechthaltung der durch den Wiener Congress 
geschaffenen Zustände, so hatte er dagegen im Osten Europas, wo mittlerweile 
der heldenmüthige Aufstand der Griechen die Blicke aller Hellenenfreunde auf 
sich gelenkt halte, keine so glückliche Hand. Er versäumte die Gelegenheit, mit 
allem Nachdrucke in die für unser Vaterland so hochwichtigen orientalischen 
Angelegenheiten einzugreifen, andrerseits stieß er Russland von sich, dessen 
Sympathien für die christlichen Donaufürstenthümer und die hartbedrängten 
Griechen mächtiger sein mussten, als sein Festhalten an den Grundsätzen des 
Wiener Congresses und der heiligen Allianz. Solange Alexander I. lebte, trat dies 
noch nicht so scharf hervor, aber nach seinem Tode (1825) vollzog der neue Czar, 
der willensstarke und energische Kaiser Nikolaus I., die Annäherung an die 
Westmächte immer offener und rückhaltsloser. Der Friede von Adrianopel 
(19. September 1829), durch den die Freiheit Griechenlands bestätigt und der 
russische EinOuss in den DonaufiirstenthUmern gesichert wurde, beraubte unsere 
Monarchie für lange Zeit des ihr durch die geschichtliche Entwicklung gebürenden 
und für unseren Staat so hochwichtigen Einflusses in den orientalischen 
Angelegenheiten. 

Fürst Metternich mochte wohl einsehen, dass die Ziele, die im Osten anzu- 
streben waren, mit den Grundsätzen seiner Politik nicht erreicht werden konnten, 
und er klammerte sich umso fester an das Bündnis mit Russland, als die Ereignisse 
in Frankreich den ganzen Continent in Aufregung zu setzen drohten. Dort war 
im Jahre 1830 durch die Juli-Revolution Carl X. vertrieben und der Bürgerkönig 
Ludwig Philipp von Orleans auf den Thron gesetzt worden. 

Sogleich brachen in Italien, in Polen und auch in Deutschland mehr oder 
minder bedenkliche Unruhen aus. In Deutschland wurde ein Aufstand anlässlich 
des sogenannten Hambacher Festes (1832) rasch unterdrückt. Die Revolution in 
Russisch-Polen dämpfte Czar Nikolaus mit starker Hand und beseitigte den 
letzten Rest der Unabhängigkeit, den diese Provinz seit dem Wiener Congresse 
noch besaß. In Italien, wo der Geheimbund der Carbonari, der die nationale 
und politische Einigung des Landes erstrebte, eine immer ausgebreitetere Thätig- 
keit entfaltete, wurde der Herzog Ferdinand IV. von Modena vertrieben und die 
einstige Kaiserin Marie Louise musste aus ihrem Herzogthum Parma fliehen, doch 
ein österreichisches Heer unter General Frimont stellte rasch die alten Zustände 
auf der Halbinsel wieder her. 



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Dennoch sah Kaiser Franz I. mit sorgenvollen Blicken in die Zukunft, und 
auch die Herrscher von Preußen und Russland konnten sich ernster Besorgnisse 
nicht erwehren. Deshalb erfolgte im September 1833 die Monarchenzusammen- 
kunft in Münchengräz, wohin der alternde Kaiser von Österreich in Begleitung 
des Königs von Sachsen und des Kronprinzen von Preußen gereist war und wo 
auch Czar Nikolaus sich einfand. Diese Entrevue sollte die heilige Allianz, sowie 
die Zukunft Österreichs und die Herrscherfoige des Kronprinzen Ferdinand 
sichern. Es war die letzte Zusammenkunft gekrönter Häupter, die auf öster- 
reichischem Boden unter Kaiser Franz stattfand. 

Besiegelt wurde dieser Bund, was Österreich und Preußen betrifft, durch die 
Zusammenkunft Kaiser Ferdinands mit Kaiser Nikolaus und dem Könige Friedrich 
Wilhelm III. von Preußen in Teplitz, die aus Anlass der Errichtung des Krieger- 
denkmals in Kulm stattfand; stolze Erinnerungen an die einstige glorreiche 
Waffenbruderschaft der Verbündeten lebten hier wieder auf. 

Kaiser Franz I. war mittlerweile am 2. März 1835 schon gestorben. Bis zum 
letzten Athemzuge hatte er dem Thronfolger die Aufrechthaltung der Metter- 
nich'schen Politik empfohlen. Seinen patriarchalischen Sinn spiegelt treu sein von 
Bürger und Bauer hoch in Ehren gehaltenes und in tausend und tausend Abdrücken 
unter Glas und Rahmen aufbewahrtes Testament wieder, weiches seine Liebe 
allen seinen Völkern vermachte. 

Kaiser Franz I. schloss die Augen, ohne zu ahnen, dass es mit den stillen 
Tagen Österreichs bald vorüber sein werde. Zwar war der Thronfolger bei dem 
Tode seines kaiseriichen Vaters schon im reifen Mannesalter, aber seine schwache 
Gesundheit, seine weiche, nachgiebige Seele, die ihm bald den schönen Beinamen 
des «Gütigen» verschaffte, waren den schweren Aufgaben des Herrscheramtes 
nicht gewachsen. ^ So fiel denn die eigentliche Regierung der sogenannten 
Staatsconferenz zu, in welcher des Kaisers Oheim, Erzherzog Ludwig, und in 
dessen Abwesenheit der Staatskanzler Fürst Mettemich den Vorsitz führte, und 
der außerdem als präsumtiver Thronfolger des Kaisers Bruder Franz Carl und 
für die Finanzen der Staatsminister Graf Kolowrat angehörten. 

Zwar schien sich zunächst in den äußeren und inneren Zuständen Öster- 
reichs wenig zu ändern, dennoch erfolgten manche Ereignisse, welche Österreich 
von dem Boden des Wiener Congresses und damit von der Grundlage derMetter- 
nich'schen Politik abdrängten. In Deutschland hatte die Gründung des deutschen 
Zollvereines, der Österreich ferne stand, die schüchternen Anfangslinien einer 
Einigung Deutschlands unter Preußens Vorherrschaft vorgezeichnet; in Galizien 
waren in dem kleinen Freistaate Krakau, den der Wiener Congress geschaffen 
hatte, Unruhen ausgebrochen, die zwar zur Einverleibung des Krakauer Gebietes 
mit Galizien führten {November 1846), aber auch dem englischen Premierminister 
Lord Palmerston Anlass boten, zu erklären, er betrachte nunmehr die Wiener 
Congressarbeit für durchlöchert. 

Auch die inneren Zustände unseres Vaterlandes boten immer mehr Anzeichen 
dafür, dass sich ein Umschwung vorbereite. In Ungarn wurde das Auftreten der 



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Fortschrittspartei immer kühner und offener. In den westlichen Ländern unserer 
Monarchie regten sich revolutionäre Bestrebungen, die im Auslande angestiftet 
und durch geheime Beziehungen beständig genährt wurden. 

Es entstand sogar eine eigene österreichische Literatur, die, außerhalb 
Österreichs gedruckt, doch vielfach auch von Österreichern geschrieben war und 
hauptsächlich in Österreich gelesen wurde, so das Buch «Österreich und dessen 
Zukunft* und die in Leipzig gegründeten »Grenzboten», 

Von Frankreich aus, wo die Bewegung im Februar 1848 mit der Vertreibung 
des Königs Ludwig Philipp und der Einsetzung der Republik begonnen hatte, 
nahm die Revolution ihren Weg durch fast ganz Europa. In Österreich wurzelte sie 
hauptsächlich in dreierlei Ursachen: in dem Ankämpfen des Liberalismus gegen 
die strengen Formen des absoluten Staates, gegen alle diejenigen Erscheinungen, 
die man später gemeinhin als «vo'rmärzliche» zu bezeichnen pflegte, in der 
Nationalitätsidee, die freilich, wenn sie nicht in richtige Bahnen gelenkt wurde, 
für einen so vielsprachigen Staat, wie es Österreich war, wo vorzugsweise nur 
die dynastische Treue der Völker das einigende Band bildet, verhängnisvoll 
werden konnte, und endlich drittens in den autonomistischen, nach Selbständigkeit 
ringenden Bestrebungen der Provinzialstände Ungarns und der österreichischen 
Kronländer. Die Gefahr für unser Vaterland wurde noch verstärkt durch die 
Kriegserklärung des Königs Carl Albert von Sardinien, durch welche die im lom- 
bardisch-venetianischen Königreiche, damals noch einer blühenden Provinz 
unserer Monarchie, schon lange glimmende nationale Bewegung zu mächtigem 
Brande angefacht wurde. Auch die Unabhängigkeitspartei Ungarns unter der Füh- 
rung Ludwig Kossuths schritt bald zum offenen Kampfe gegen das angestammte 
Herrscherhaus vor. 

In Wien begann die revolutionäre Bewegung mit der Adresse der Wiener 
Studentenschaft vom 11. März 1848, worin Press-, Rede-, Lehr- und Lemfreiheit 
gefordert und eine allgemeine Volksvertretung angestrebt wurde. Nach solchen 
Anfängen gerieth die Bewegung in Bahnen,von denen sich jeder rechtlich denkende 
Vaterlandsfreund mit Abscheu abwenden musste. Indessen ist nicht zu verkennen, 
dass aus den Ruinen des zusammenbrechenden alten Staates ein neuer Bau 
aufgeführt wurde, der sich allmählich ausgestaltet. 

In den Stürmen der Revolution waren die Zügel der Regierung den müden 
Händen des gütigen Kaisers Ferdinand L entglitten; er entsagte freiwillig einer 
Krone, die für ihn eine zu schwere Bürde geworden war, und so fand denn am 
2. December 1848 zu Olmütz die heimlich vorbereitete Abdankung des Kaisers 
und die Thronbesteigung seines Neffen Franz Josef statt, zu dessen Gunsten sein 
Vater, Erzherzog Franz Carl, auf seine Herrscherrechte Verzicht geleistet hatte. 

Mit diesem hochbedeutsamen Ereignisse, mit dem eine neue £lüte unseres 
Vaterlandes ihre hoffnungskräftigen Keime anzusetzen begann, schließen wir den 
historischen Überblick, den wir dem Lebensbilde des Erzherzogs voranstellten; 
fortan verflechten wir die geschichtlichen Ereignisse mit den einzelnen Phasen 
dieses dem stetigen Aufblühen des Vaterlandes geweihten Lebens selbst. 



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Versetzen wir uns zunächst aus dem Sturmjahre 1848, in dem der Erz- 
herzog als blühender Jüngling an der Schwelle seines Schaffens stand, in den 
heiteren Frieden und die sonnige Ruhe seiner Kinderjahre, in denen die treue Hut 
eines edlen, hochsinnigen Eltempaares und die Sorgfalt weiser Lehrer seine ersten 

Schritte lenkte. 



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II. Capitel, 
Kindheit und Jugend des Erzherzogs. 



Die «Wiener Zeitung» vom 31. Juli 1833 brachte an der Spitze des Blattes 
nachstehende MittheiUing, die wir hier im Wortlaute wiedergeben: 

«Ihre kaiserliche Hoheit die Frau Erzherzogin Sophie, Gemahlin Seiner 
kaiserlichen Hoheit des Herrn Erzherzogs Franz Carl, sind gestern, den 30. Julius, 
um ein Viertel nach 2 Uhr nachmittags im k. k. Lustschlosse Schönbrunn von 
einem Erzherzoge glücklich entbunden worden und befinden Sich sammt dem 
neugeborenen Erzherzoge mit Rücksicht auf die Umstände bei erwünschtem 
Wohlsein. 

Die feierliche Taufe des neugeborenen Erzherzogs wird heute, 31. d. M., 
nachmittags 2 Uhr in Schönbrunn stattfinden und wird unmittelbar darauf 
Cercle gehalten werden.» 

Die «Wiener Zeitung» vom folgenden Tage, 1. August 1833, schreibt; 

•Gestern, Mittwoch, 31. Julius, Mittag 12 Uhr, fand nach der vorgestern 
glücklich erfolgten Entbindung Ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau Erzherzogin 
Sophie, Gemahlin Seiner kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Franz Carl, die 
öffentliche Taufe des neugeborenen Erzherzogs in Gegenwart Ihrer Majestäten des 
jüngeren Königs von Ungarn und höchstdessen durchlauchtigster Gemahlin, wie 
auch im Beisein sämmtlicher hier anwesenden höchsten Familienmitglieder mit 
dem herkömmlichen Gepränge statt 

Die feierliche Taufhandlung wurde vom Fürsterzbischofe von Wien unter 
Assistenz von Bischöfen und infulierten Prälaten verrichtet Taufpathe waren 
Seine kaiserliche Hoheit der Erzherzog Carl. Der durchlauchtigste Täufling erhielt 
die Namen: Carl Ludwig Josef Maria. 

Der Obersthofmeister Seiner kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Franz Carl, 
Graf von Goess, trug den neugeborenen Erzherzog aiff weichem Kissen, dessen 
Hülle von zwei k. k. Kämmerern gehalten wurde, in Begleitung des erzherzog- 
lichen Hofstaates zur Taufe und nach derselben wieder ebenso in die erzherzog- 
liche Kammer Zurück. 

Das diplomatische Corps und der k. k. Hofstaat wohnten dieser Feierlichkeit 
in Gala bei. Die k. k. Leibgarden, gleichfalls in Gala, hatten das Appartement 
besetzt und leisteten im Cortege die gewöhnliche Nebenbegleitung. 



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Unmittelbar nach dem Taufacte geruhten Ihre königlichen Majestäten in der 
Gallerie des Schlosses Cercle zu halten, wobei Seine kaiserliche Hoheit der Erz- 
herzog Franz Carl die Glückwünsche des diplomatischen Corps und des k. k. Hof- 
staates empfiengen.o 

Mit Erzherzog Carl Ludwig hatte, wie dies schon unsere Einleitung betonte 
und wie die folgenden Blätter dieses seinem Andenken gewidmeten Buches wohl 
fast auf jeder Seite darthun werden, einer der sympathischesten und edelsten 
Prinzen des alterlauchten Herrscherhauses das Licht der Welt erblickt. 

Die hohen Tugenden seines Elternpaares, edelstes Wohlwollen und 
strengstes Pflichtgefühl, Eigenschaften, die in dem Charakter unseres geliebten 
Kaisers vor allem hervorleuchten, sie spiegeln sich auch frühzeitig in dem Denken 
und Thun unseres Prinzen wieder. 

Der Vater, Erzherzog Franz Carl, war am 7. December 1802 geboren und 
vermählte sich am 4. November 1824 mit Prinzessin Sophie von Bayern, der 
Tochter des hochsinnigen Königs Maximilian von Bayern. Erzherzog Franz 
Carl starb am 8. März 1878. Sein Andenken wird jedem Österreicher, speciell 
allen älteren Wienern, die den gütigen alten Herrn noch unter sich leben und 
wandeln gesehen haben, unvergesslich bleiben. Für alle Zeiten bleibt ihm der 
schöne Beiname eines *Vaters der Armen- gesichert. 

Welcher Wiener erinnerte sich wohl nicht mit einer gewissen wehmüthigen 
Freude des Sechsgespannes von Schimmeln, mit dem der Erzherzog fast täglich 
in den Prater zu fahren pflegte. Es war dies fast der einzige Luxus, den sich der 
sonst so schlichte und einfache kaiserliche Prinz gestattete, und zwar wählte er, 
wie man erzählte, dies Gespann nur deshalb, damit die mit diesen Fahrten für die 
Kutscher und Diener verbundenen Zulagen den Bediensteten nicht entgiengen. 

Aus der Fülle der Erzählungen und Geschichten, die noch jetzt im Volks- 
munde fortleben und die alle des Erzherzogs Milde und Seelenadel widerspiegeln, 
möge nur folgendes Geschichtchen hier Platz finden.*) 

Zwei Herren in Civil, der eine mit grauem Haupt- und Barthaar, der andere 
bedeutend jünger, schritten einst an einem Wintertage des Jahres 1878 in der 
ersten Nachmittagsstunde gemessenen Schrittes die Hauptallee des Praters hinab. 
Da tritt plötzlich ein kaum zehnjähriges Mädchen auf sie hin und hebt die von 
Frost starrenden Händchen bittend empor. Auf ein Wort des alten Herrn greift 
sein jüngerer Begleiter sogleich in die Tasche und reicht dem armen Kinde ein 
ansehnliches Geldgeschenk. Freudig eilt das Mädchen auf einen abseits vom 
Wege stehenden, ärmlich gekleideten Greis zu und streckt ihm das Almosen 
entgegen; doch im selben Äugenblicke naht sich den beiden ein livrierter Diener 
und bedeutet ihnen in ziemlich barscher Weise, dass es unziemlich sei, Mitglieder 
des Allerhöchsten Kaiserhauses anzubetteln; auch ein Wächter der öffentlichen 
Sicherheit eilt bereits herbei und macht Miene, den Alten und das Mädchen 
wegzuführen. Doch kaum will er sich anschicken, seines Amtes zu walten, ertönt 

*) Wir theilen di?se Begebenheit nach : «Smnllc, Das Buch von unserem Kaiser.* Wien, 1388, 
S. 176, mit. 



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iuj/iif, Erzhitzogin voa OsUricich, mll ihrem Sohne Hrzktrzog f raiu Justf. 

hinter ihm eine Stimme: -Lassen Sie die armen Leute, sie haben ja nichts gethan, 
ich wünsche es.» Und zu dem ärmlich gekleideten Manne, dem Vater des 
Mädchens, gewendet, sagte der vornehme Herr mit dem weißen Haar und Bart 
und den milden gütigen Gesichtszügen: «Gehen Sie jetzt ruhig Ihrer Wege und 
kommen Sie morgen in den Nachmittagsstunden zu mir; ich bin — Erzherzog 
Franz Carl.* Mit Thränen in den Augen setzte der arme Mann ungestört und 



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getröstet seinen Weg fort, war er doch gewiss, dass der gute freundliche Erzherzog 
sich auch weiter noch seiner annehmen werde. 

Ihrem Gatten ebenbürtig anAdel derGesinnungwar'Erzherzogin Sophie, ein 
Charakter.der sich ebenso sehr durch zarteHerzensregung,wie durch Entschlossen- 
heit und Festigkeit des Willens auszeichnete. Erzherzogin Sophie glühte für 
Österreichs Ruhm und für die Größe und Macht des Kaiserhauses. 

Die glänzenden Waffenthaten Radetzkys in Italien, die den Bestand und 
die Einheit des Staates retteten, fanden in der Erzherzogin die dankbarste und 
begeistertste Bewundererin. Es ist bekannt, dass Feldmarschall Radetzky nach 
den glorreichen Kriegsthaten der Jahre 1848 und 1849 zu seinem Namensfeste am 
19. März 1850 durch eine ebenso kostbare als sinnige Spende der Erzherzogin 
erfreut wurde. Das Geschenk stellte einen auf einem Marmorpostamente ange- 
brachten silbernen Adler mit ausgebreiteten Fittigen dar, der in einem seiner 
Fänge das Miniatürporträt des jugendlichen Kaisers Franz Josef hielt. Ein 
eigenhändiges Schreiben der Erzherzogin, das nachfolgende, von ihr selbst 
gedichtete Verse enthielt, begleitete das Geschenk der für Habsburgs Ruhm 
erglühenden Prinzessin: 

«Der du gedeckt Jen Kaiseraar, 

Du gottesstarker Hcldenschild, 

O werd" der Mutter Dank gewahr 

In ihres Herrn und Kaisers Bild. 

Dein Vateraug' sich dran erfreu', 

Bis dass, vom Reich beweint, es bricht 

Und dir der Herr Tür deine Treu 

Ums Schwert den ew'gen Lorbeer flichl.> 

Es gemahnt an die Zeiten des Ritterthums, wo edle Frauen für Waffenehre 
und Tapferkeit erglühten und den ritterlichen Streitern holden Lohn spendeten, 
wenn wir hören, dass Erzherzogin Sophie dem greisen Helden Radetzky, als 
dieser in Wien eingetroffen war, über die Treppe der Hofburg entgegenschritt und 
einen Kuss auf seine Wange drückte. 

Es ist unseres Erachtens noch viel zu wenig gewürdigt worden, welch 
bestimmenden, tiefgehenden Einfluss Erzherzogin Sophie auf die Erziehung ihrer 
Söhne, besonders der drei älteren Erzherzoge Franz Josef, Ferdinand Max 
und Carl Ludwig, genommen hat und wie sehr besonders sie es war, welche 
den Sinn für peinlich strenge Pflichterfüllung, wohlgeregelte Arbeitsamkeit und 
Hochhaltung ihres erhabenen Berufes in den drei Prinzen unablässig zu wecken 
und zu fördern bemüht war. 

Ehe wir an der Hand hochinteressanter und wertvoller Mittheilungen, die 
uns hierüber zugegangen sind*), ein Büd der Kindheit und Erziehung des 

*) Wir verdanken dieselben zunächst der Güte des Grafen Franz Coronini, dessen Vater, 
Graf Johann Coronini, mit unter den Lehrern der Erzherzoge war, sowie der Einsicht in die Aufzeich- 
nungen des im Jahre 1836 zum Unterrichte bei den Sühnen des Erzherzogs Franz Carl berufenen 
hochverdienten Officiers Herrn Johann Ritler von Wittek. 



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Erzherzogs Carl Ludwig entwerfen, können wir es uns nicht versagen, die Worte, 
mit denen F'reiherr von Helf ert in seinem hochbedeutsamen Buche: -Die Thron- 
besteigung des Kaisers Franz Josef I.» die Erziehungsprincipien charakterisiert, 
die im Hause Habsburg allezeit gelten, gewissermaßen als Einleitung zu unserer 
Schilderung hieher zu setzen. 

Die kaiserliche Familie hat zu allen Zeiten die besondere Sorgfalt aus- 
gezeichnet, die sie der Heranbildung ihrer Prinzen und Prinzessinnen zuwandte. 



Krihmog Fram Josif, Ferdinand Max, Carl Luduig uad Erihervigin Maria Aaaa. 

Monarchen von vielseitiger Beschäftigung, wie Maria Theresia, Josef II., 
fanden gleichwohl die Zelt, persönlich alte Einzelheiten der Erziehung zu Über- 
wachen, die genauesten Instructionen dafür zu ertheilen. 

Venvöhnt und verzärtelt wurden die Kinder unseres Herrscherhauses wahr- 
haftig niemals; gerade dagegen waren vielmehr die nachdrücklichsten Mahnungen 
für Lehrer und Erzieher gerichtet. -Keine Familiaritäten sind nicht zu gestatten,» 
schrieb Maria Theresia der Hofmeisterin ihrer Tochter Maria Josefa vor; «jedoch 
sollte sie mit allen Leuthen gnädig sein, der üble Humor gegen denen Cammer- 
leuthen ist besonders verbothen. Man muss sich nicht gewöhnen, sich sehr warm 
zu halten oder häcklich zu sein, indehme sie ohnedem apprehensive ist, aber 
auch in gegentheil nichts vernachlässigen, sondern gleich mir, der Aja und dem 
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van swieten sagen lassen, wan es auch in der nacht wäre daß sie krank würde 
oder ein anderes accident zustoßete, so muß solches nicht verschwiegen werden». 
Als der Erstgeborene des Großherzogs Leopold von Toscana von Josef II. 
nach Wien genommen wurde, galt er diesem als ein «verzogenes Muttersöhnchen» 
und der Kaiser setzte darum ausführliche «Betrachtungen über des Erzherzogs 
Franz weitere Erziehung» auf, die sowohl dessen Oberhofmeister Grafen Coüoredo 
als den zwei General-Adjutanten zur Richtschnur dienen sollten. «Ein jeder 
einzelne Bürger des Staates>, heißt es darin unter anderem, «kann sagen, dass, 



Ferdinand Max und 

wenn sein Sohn geräth, er auch nutzbar sein wird, und, wenn er nicht gerath, er 
doch, da er kein Amt oder Dienst alsdann überkommen wird, dem Staate nicht 
nachtheilig werden könne. Ein Erzherzog aber, ein Thronfolger, ist nicht in diesem 
Falle; da er das wichtigste Amt, die Leitung des Staates, einst auf sich hat, 
so ist nicht die Frage: ob er geräth? er muss gerathen, weil er in jedem Theil der 
Geschäftsleitung, die er nicht hinlänglich kennen lernt, über die er nicht echte 
Grundsätze annimmt und zu deren Ausführung und Festhaltung er sich nicht die 
Seele und den Leib stark genug bildet, er schon dem allgemeinen Besten nach- 
theilig und schädlich ist.» 

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So war denn die Bestimmung, zum künftigen Beherrscher von Österreich 
heranzuwachsen, für den Träger derselben von jeher keine leichte Sache, und 
sparsamer als den Sprossen anderer Familien sind ihm die heiteren Spiele und 
Freuden der Jugend zugemessen. Nicht bloß die Erziehung, sondern selbst das 
Lernen beginnt mit den ersten Kinderjahren. 

Denn der künftige Kaiser hat nicht nur die Hauptsprachen des großen Welt- 
verkehres, er hat auch die bedeutendsten seines vieizüngigen Vaterlandes sich zu 
eigen zu machen, und da heißt es frühzeitig beginnen, um mit einigen derselben 
noch vor der eigentlichen Schulzeit fertig zu werden. Ist die allgemeine Umgangs- 
sprache an unserem Hofe die deutsche, so werden für die unmittelbare Umgebung 
des kaiserlichen Kindes Personen gewählt, aus deren Munde sein Ohr von allem 
Anfang auch an die ungarische und böhmische Landessprache gewöhnt wird, so 
dass seine Zunge diese Idiome bald mit dem eigenthüm liehen Accente wieder- 
geben lernt. 

Sind die Jahre der beginnenden Entwicklung gekommen, so umgibt den 
Prinzen ein Kreis sorgfältig ausgewählter Lehrer, und genau werden die Stunden 
geordnet, die der allgemeinen Bildung, dem Religionsunterrichte, alten und neuen 
Sprachen, Spielen und körperlicher Bewegung gewidmet sind; der heranwachsende 
Jüngling muss staatswissenschaftlichen Studien besondere Pflege widmen. 

Wenden wir uns dem Bildungsgange des Erzherzogs Carl Ludwig selbst zu. 

Der Erzherzog war, wie Graf Franz Coronini erzählt, gleich nach seiner 
Geburt ein sehr schwaches Kind, das alle Kinderkrankheiten, wie Ausschläge, 
Keuchhusten, durchmachen musste, und später sogar an einem sehr schweren 
Typhus erkrankte, während dessen man längere Zeit an seinem Aufkommen 
zweifelte. 

In späteren Jahren aber wurde die Gesundheit des Erzherzogs immer kräftiger, 
und er zeigte schon in den Jünglingsjahren jene körperliche Gewandtheit und 
Rüstigkeit, die ein hohes Alter erhoffen ließ. Besonders viel trug zu dieser 
Festigung des körperlichen Wohlseins die außerordentlich umsichtige Erziehung 
bei, in deren Rahmen die körperlichen Übungen, Bewegungsspiele, Reiten, Fechten, 
Schwimmen u. s. w. einen hervorragenden Platz einnahmen. 

Über die erste Kindheit des Erzherzogs Carl Ludwig wachte Baronin 
Sturmfeder, Sobald er männlichen Händen anvertraut werden konnte, wurde 
er in den Organismus eingefügt, der für die Erziehung der drei Erzherzoge Franz, 
Ferdinand und Carl (damals nannte man nämlich die Prinzen noch durchaus 
mit einem Namen allein; nur bei dem Zweitgeborenen trat der zweite Name Max 
bald mit in den Vordergrund, wohl, weil er selbst für diesen eine große Voriiebe 
hatte) geschaffen worden war. Der jüngste der Söhne des Erzherzogs Franz Carl, 
Erzherzog Ludwig Victor, der um fast neun Jahre jünger war als Erzherzog Carl 
Ludwig, wurde später ganz selbständig erzogen. 

Die Leitung der gesammten Erziehung der drei Prinzen lag in den Händen 
des Grafen Heinrich Bombelles, der den Titel eines Ajo führte. Ihm waren die 
drei Dienstkämmerer des Erzherzogs Franz Carl beigegeben, von welchen, obwohl 



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sie den Dienst gemeinsam versahen, doch jeder einem der Prinzen besonders 
zugewiesen war, und zwar dem Erzherzog Franz Josef Graf Johann Coronini, 
ein Mann von wahrhaft ritterlicher Sinnesart, doch starrer Militär, dem Erzherzog 
Ferdinand Max Graf Timotheus Ledochowski und nach dessen um die Mitte 
der Vierziger- Jahre erfolgtem Tode Freiherr Franz G o r i z z u 1 1 i und dem Erzherzog 
Carl Ludwig Graf Carl Morzin. Graf Heinrich Bombelles, Franzose von Geburt, 
war ein Aristokrat im edelsten Sinne des Wortes, von ebenso vornehmer Gesinnung 



Gra/BomMUs. 

wie feinen Lebensformen; wie Helfert sagt, «ein Mann von vielseitigen Kennt- 
nissen, von gereifter Einsicht und Erfahrung»; man nannte ihn «das liebens- 
würdigste Gemisch des Philosophen mit dem Hofmanne». Bombelles war Diplomat 
gewesen; alle anderen Herren waren Militärs. 

Jeder der Prinzen hatte einen eigenen Kammerdiener, jener des Erzherzogs 
Cari Ludwig hieß Eberle. 

Die Prinzen bewohnten in der kaiserlichen Burg den zweiten Stock jenes 
Tractes, welcher den Namen Schweizerhof führt, und hatten je ein Zimmer, in dem 



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sie studierten und schliefen. Erzherzog Carl Ludwig bewohnte das Zimmer, 
welches heute Staatsrath Freiherr von Braun, der Vorsteher der kaiserlichen 
Cabinetskanzlei, als Schreibzimmer benützt. An dieses Gemach stieß in der Rich- 
tung gegen den Leopoldinischen Tract der Hofburg das Zimmer des Erzherzogs 
Ferdinand Max; hierauf folgte ein Gemach, in dem sich der dienstthuende 
Kammerherr auch des Nachts aufhielt und an diesen Raum schloss sich das 
Zimmer, das unser jetziger Kaiser als Knabe bewohnte. 

Der erste Unterricht lag zunächst in den Händen des im Jahre 1801 gebore- 
nen, 1876 als Oberst und Trabanten- Leibgarde-Oberlieutenant verstorbenen 



Johann Ritter von Wittek, der im Jahre 1836 noch als Artillerie-Unterofficier 
(Oberfeuerwerker und Qua-Adjutant im Bombardier-Corps) zum Unterrichte bei 
den Söhnen des Erzherzogs Franz Carl berufen wurde und seine außerordentlich 
wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe zunächst bei dem ältesten Erzherzoge 
Franz Josef begann, der seinem Lehrer schon im December 1836 das Portepee 
eines Unterlieutenants voll Freude selbst überreichte. 

Wittek — ein wissenschaftlich hochgebildeter Militär, aus der trefflichen 
Schule des Bombardier-Corps hervorgegangen ^ hatte eine selten schöne Schrift 
und war als geborener Böhme der böhmischen Sprache vollkommen mächtig. Er 
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HanJz,ic!iiiiing des dreizehnjährigen Herrn Erzherzogs Carl luAwig. 



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leitete daher den ersten Schreibunterricht der erzherzogUchen Zöglinge und unter- 
wies sie in der böhmischen Sprache. 

Bei den Erzherzogen Ferdinand Max und Carl Ludwig wurde damit 
begonnen, dass Wittek dreimal wöchentlich die Spiele der kleinen Prinzen leitete 
und mit ihnen böhmisch sprach. Diese Vorübungen für den eigentlichen Unterricht 
fanden stets in Anwesenheit der erlauchten Eltern statt. Erzherzogin Sophie, die, 
wie wir schon oben sagten, den regsten Einfluss auf die Erziehung der Prinzen 
nahm, wohnte auch, als sie älter wurden, sehr häufig den Lehrstunden bei; sie 
setzte sich mit einer Arbeit an den Tisch und beobachtete Lehrer und Lernende. 

Seinen ersten Lehrer Wittek hatte Erzherzog Carl Ludwig, der überhaupt 
ein außerordentlich dankbares und erkenntliches Gemüth hatte, mit rührender 
Liebe ins Herz geschlossen. Seine Lehrer zufriedenzustellen und ihnen Freude zu 
bereiten machte dem Erzherzog schon in seiner zartesten Kindheit aufrichtiges 
Vergnügen. Fast täglich schrieb er Wittek einen Brief, den er ihm beim Beginne 
der Unterrichtsstunde selbst übergab. Wir können es uns nicht versagen, einige 
dieser Briefe, die alle von dem tiefen Gemüthe und der kindlichen Dankbarkeit des 
Prinzen Zeugnis geben, an dieser Stelle einzufügen. 

So lautet ein liebes Brieflein des Prinzen mit einem in das Briefpapier ein- 
gedruckten rothen Röschen in der linken Ecke in wortgetreuer Orthographie 
folgendermaßen : 

LieberWittek; 
Mich hat «s sehr gefreut das ich Sic heute gesehen habe. Ich u-erde 
imitier so gut schreiben wie heute. Und ich bleibe ihr innigst liebender 
Carl. Carl/ 

Das herzige Document rührt, wie ein Bleistiftvermerk am unteren Rande 
uns belehrt, aus dem August 1840 her; der Erzherzog war also gerade sieben Jahre 
alt geworden. 

Ein anderes Brieflein (vom 4. Jänner 1841) lautet: 

LieberWittek; 
Gestern waren wir noch bei der Mama, und die Mama hat mit mir vor 
gelesen und dann habe ich mit den Brüdern supirt dann bin ich schüren 
gegangen. Heute werde ich recht gut schreiben damit Sie an mir Freud« 
haben und das auch die Mama Freude hat. Ich bleibe Ihr Sie innigst 
liebender Schüler Carl. 

Wie rührend herzig sind doch folgende Zeilen (nach der Bleistiftbemerkung 

des Empfängers vom 27. December 1840): 



, Ich werde heute recht brav sein und werde nicht seh wetzen 'damit 
ich Ihnen recht viel Freude machen kann. Ich bin heute bei Ihrem Haus 
vorbeigegangen. Carl. 

Diese wenigen schlichten Worte lassen bereits die volle Liebenswürdigkeit 
des Charakters erkennen, die sich in späteren Jahren so schön entfaltete. 



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Und endlich das Brieflein vom 6. August 1841 mit der vom Prinzen geschrie- 
benen Adresse: »An den Herrn Herrn Oberlieutenant Wittek in Schönbrunn» 
und dem nachstehenden Inhalte: 

Lieber Witt«k, 

Hat es Ihnen geta-Uen di« Reise. Sind Sie über den Scbneeberg 
gereist oder über Lilienfeid. Ist es Ihnen gut gegangen auf der Reise, 
waren Sie in keiner Gefahr ich schenke Ihnen eine menge Zucicerl, damit 
Sie es Kindern geben kCnnen. Ich bleibe 
Ihr 
innigst liebender Sehühler Carl. 

Von den Übrigen Lehrern des Erzherzogs seien genannt: Domherr Colum- 
b US, dem der Unterricht in der Religion zugewiesen war, Dore, welcher die 
französische, Boiza, der die italienische Sprache lehrte, Professor Hoffer unter- 
richtete in den naturwissenschaftlichen Fächern, Professor Fick in Geschichte; 
letzterer wusste den Unterricht außerordentlich anregend zu gestalten, und Graf 
Franz Coronini, der Spiel- und Lerngenosse des Erzherzogs, theilte uns mit, dass 
er sich noch mit aufrichtigem Vergnügen der Stunden erinnere, in denen Professor 
Fick seinen Zöglingen längere Bruchstücke aus Herodot vorlas. Den Unterricht 
im Zeichnen ertheilte Dullinger, und Erzherzog Carl Ludwig machte hierin 
rasch schöne Fortschritte. Durch die Güte des Grafen Coronini sind wir in der 
Lage, unserem Werke ein gewiss hochinteressantes Document einzufügen; es ist 
dies eine kleine Handzeichnung, welche der Erzherzog für das Stammbuch des 
Grafen machte ; sie zeigt, dass der Prinz gewiss nicht ohne künstlerische 
Begabung war. 

Den Ciavierunterricht erhielten die jungen Erzherzoge von Josef Geiger, 
dem Vater der berühmten Constanza Geiger, die sich im jugendlichsten Alter am 
Ciavier hören ließ und als Wunderkind angestaunt wurde, später sich in morga- 
natischer Ehe mit dem Prinzen Leopold von Sachsen- Coburg-Gotha vermählte 
und den Titel einer Freün von Ruttensteln erhielt 

Den Unterrichtsstunden der drei Erzherzoge durften auch gewöhnlich 
ihre vertrautesten Spielgenossen anwohnen, und zwar nahmen die Söhne des 
Grafen Bombelles, Marcus und Carl, an den Lehrstunden der Erzherzoge Franz 
Josef und Ferdinand Max, Graf Coronini am Unterrichte des Erzherzogs Carl 
Ludwig theil. 

Dass auch auf die körperliche Ausbildung der immer kräftiger heranblühen- 
den Prinzen das größte Gewicht gelegt wurde, haben wir schon betont. Reiten 
lehrte der pensionierte Rittmeister von Bobics, der als Bereiter der damals so 
genannten Hof-Compagnie-Reitschule angestellt war; im Fechten ertheilte ein 
Franzose Unterricht, der, wenn wir uns recht erinnern, Proteaux hieß; der 
Turnunterricht war einem gewissen Schmutz, Feldwebel eines in Wien garni- 
sonierenden Regiments, übertragen; im Tanzen unterwies die Prinzen Monsieur 
Bretel, gleichfalls ein Franzose. 

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Den ersten Unterricht im Schwimmen ertheilte ein Schwimmeister in der 

Schwimmschule des Schönbrunner Parks; später wurde ein Schwimmeister der 
Wiener Militär-Schwimmschule, namens Langer, beigezogen. 

Die erlauchte Mutter, Erzherzogin Sophie, wohnte auch dem Fecht- und 
Turnunterrichte der Prinzen sehr häufig bei, und auch Ihre Majestät die 
verwitwete Kaiserin Carolina Augusta war ein oder das anderemal bei diesen 
Unterrichtsstunden gegenwärtig und erfreute sich an dem frischen und fröhlichen 
Treiben ihrer Stiefenke!. Für den winterlichen Fecht- und Turnunterricht war ein 
Saal in der Hofburg, der an die Appartements der durchlauchtigsten Frau Erzher- 



HiindMlchnung des Herrn Ershtnogs Carl Lvthrig. Slammbuchblall. 

zogin Sophie stieß, hergerichtet, während im Sommer in dem auf der Seite gegen 
Meldung liegenden abgesperrten Theiie des Schönbrunner Parks geturnt wurde. 

An diesen herrlichen Park und das schöne Kaiserschloss Schönbrunn 
knüpften sich für den Erzherzog Carl Ludwig gewiss die liebsten Jugend- 
erinnerungen; waren doch die schattigen Laubgänge und schönen Rasenplätze 
des Parks der Schauplatz fröhlicher Knabenspiele, bei denen Jugendlust und 
Jugendmuth so recht zu frischer, froher Bethätigung gelangen konnten. 

Zu diesen Spielen sammelten die Erzherzoge eine große Anzahl gleich- 
alteriger Genossen um sich, die sie als gute «Kameraden» ins Herz geschlossen 
hatten; es waren dies außer den beiden schon genannten jungen Grafen Bombelles 
und Graf Franz Coronini die beiden Söhne des Fürsten Metternich: Richard und 
Paul, ferner die Grafen Franz, Rudolf, Julius und Ladislaus Falkenhayn, dann 
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Graf Eduard Taaffe, der spätere Ministerpräsident, Thomas und Franz Erdödy, 
Denes Szechenyi, Eduard Stadion, Ernst Hoyos, endlich auch Max Freiherr 
von Gorizzutti, der Sohn des Dienstkämmerers, und Graf Franz Clemens Coronini, 
ein Vetter des oben Genannten und noch andere. 

Bei schlechtem Wetter dienten im Sommer die beiden großen mittleren . 
Gallerten des Schönbrunner Schlosses als Tummelplatz. Doch bei aller munteren 
Ungebundenheit, die in diesen Spielen zum Ausdrucke gelangte, wurden sie doch 
frühzeitig ernsteren Zwecken zugeleitet. 

Bereits in den ersten Vierziger-Jahren wurde von den jungen Erzherzogen 
unter der Leitung Witteks das feldmäßige Exercieren durch Einrichtung eines 
eigenen Soldatenspieles fleißig geübt, und zwar in den ersten Jahren nach den 
Vorschriften der Infanterie, später nach jenen der Jägertruppe, zuletzt auch jenen 
der Artillerie, wobei eine im verkleinerten Maßstabe, aber genau nach dem Armee- 
Modelle hergestellte, von zwei Ponnies gezogene Kanone in Verwendung kam. 

Die Chargen in den Detachements waren durch die Erzherzoge besetzt und 
die jungen Herren ganz feldmäßig adjustiert. An einem bestimmten Tage der 
Woche versammelte sich die jugendliche Truppe in dem abgeschlossenen Theile 
des Parks, dem sogenannten Bowlinggreen, und nun wurden Evolutionen, Auf- 
märsche und Gefechte ausgeführt, wobei oft auch der reservierte Theil des 
Gartens verlassen und im Trab oder Galopp in den umliegenden Theilen des 
Parks bis gegen Hetzendorf manövriert wurde. 

Einen Haupteffect dieser mit aller Verve der Jugend betriebenen militä- 
rischen Übungen bildete die Erstürmung des sogenannten -grünen- Thores, 
welches den Park gegen die Hetzendorfer Allee abschließt. 

Die Truppe brach durch das Gitterthor nächst der Maria-TheresienbrÜcke 
aus dem Parke hervor, beschoss mit den kleinen, aber genau nach dem Muster 
der Armeewafie construierten Gewehren und mit der Kanone das geschlossene 
Thor. Nach einiger Zeit wurde dieses von innen geöffnet und in hellem Jubel 
hielt die siegreiche Armee von jungen Heiden ihren Einzug durch das 
erstürmte Thor. 

Gewöhnlich sammelte sich in der Umgebung dieser militärischen Spiele ein 
sehr zahlreiches Publicum, welches mit großer Freude den Evolutionen der 
jungen Soldaten folgte, und die Gewandtheit und Behendigkeit, sowie die vorzüg- 
liche Leitung durch die Erzherzoge voll Bewunderung beobachtete. Später 
wurde im Bowlinggreen eine Schanze errichtet, die noch heute besteht und 
damals von den erlauchten jungen Kriegern belagert und erstürmt wurde. Auch 
Bivouacs wurden in lauen mondhellen Sommernächten im Parke abgehalten. 

Auf das Exercitium folgten gewöhnlich andere lustige Kinderspiele. Im 
Winter oder Überhaupt im geschlossenen Raum wurde, wie es eben unter Kindern 
üblich ist, «Mehlschneiden«, «König Verdruss», «Vater leih mir die Scher'» u.dgl. 
gespielt; im Sommer war längere Zeit hindurch Cricket das bevorzugte Spiel. 

Bei den Kindern des Grafen Bombelles befand sich als Erzieher Abb§ 
Mislin, der es vortrefflich verstand, für die jungen Prinzen Unterhaltungen und 
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spiele aller Art auszudenken und vorzubereiten. Auch an diesen Vergnügungen 
der Jugend nahm Erzherzogin Sophie gerne Antheil. Unter der Leitung des 
genannten Abbe wurde ein kleines, von ihm für die Darstellung durch Kinder 
und Adolescenten eingerichtetes Schauspiel einstudiert, welches zur Feier des 
Namensfestes der durchlauchtigsten Frau Erzherzoghin Sophie am 15. Mai 1845 
vor dem ganzen Hofe durch die drei Prinzen und mehrere ihrer Spielgenossen 
aufgeführt wurde. 

Diese theatralische Aufführung ist schon deshalb hochinteressant, weil sie 
unseres Wissens die erste und auch einzige war, bei welcher Seine Majestät der 



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Kaiser vor einer größeren Zuhörerschaft auftrat. Wir bringen den Theaterzettel, 
dessen Mittheilung wir der Güte des Grafen Franz Coronini verdanken, hier 
zum Abdrucke. 

Den jungen Prinzen, die am Tanze großen Gefallen fanden, zu Ehren wurden 
bei Hofe in jedem Fasching große Kinderbälle gegeben, und auch an solchen Bällen 
in einigen der vornehmsten Häuser, so zum Beispiel beim Fürsten Mettemich 
und bei dessen Schwager, Grafen Paul Szechenyi, durften die Prinzen theilnehmen. 

Was den Charakter des Erzherzogs Carl Ludwig anbelangt während der 
Zeit, die der Ausbildung aller seiner geistigen und körpertichen Kräfte, sowie dem 
intensiven Unterrichte in den mannigfachen Zweigen des Wissens gewidmet war, 
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so äußerten sich alle seine Lehrer übereinstimmend dahin, dass er im Verhältnisse 
zu seinen erlauchten Brüdern, besonders dem lebhaften und phantasiereichen 
Erzherzoge Ferdinand Max, mehr ernst, ruhig und in sich gekehrt war. Er war ein 
vortrefflicher Sohn, fügsam und leicht zu lenken, jede Bosheit war ihm fremd. Ein 
wahrhaft frommer Sinn, rege Lernbegierde, hohes Pflichtgefühl und innigste 
Theilnahme an den Schicksalen anderer Menschen waren ihm eigen. Anderen 
eine Freude zu machen, war er stets gleich bereit, und oft verschenkte er zu 
diesem Zwecke Dinge, an denen sein Herz hieng. Er ließ schon als Kind jene 
Leutseligkeit ahnen, die ihm in seinen Mannesjahren so viele Herzen gewann. 

Bald sollten auf die sonnigen Tage der Kindheit trübe Scljatten fallen ; die 
Ereignisse des Jahres 1848 störten den glücklichen Frieden, in dem bisher das 
Leben unseres Prinzen dahingeflossen war. 

An wichtigeren Ereignissen, die dem Jahre 1848 vorangiengen, erwähnen 
wir noch die Reise, welche Erzherzog Carl Ludwig mit seinen Brüdern im 
Herbste 1845 nach Italien unternahm, sowie die Reise, welche die Erzherzoge 
zwei Jahre später nach Böhmen antraten. Der Erzherzog äußerte sich damals voll 
Entzücken über das Land und die Aufnahme seitens der Bevölkerung. 



So kam das Revolutionsjahr 1848 heran; am 25. April nahm der Erzherzog 
mit seinem Vater und ältesten Bruder, der damals wohl noch nicht ahnen mochte, 
dass ihn nur wenige Monate von dem Empfange der Kaiserwürde trennten, an 
der Abhaltung einer Revue über die Garnison, die Nation al-Bürgergarde und 
Studentenlegion auf dem Glacis theil, wonach zur Feier der Constitution eine Feld- 
messe stattfand. Es war dies das erstemal, dass Erzherzog Carl Ludwig bei 
einem Staatsacte öffentlich auftrat. 

Infolge der politischen Ereignisse, deren Schauplatz Wien in den stürmischen 
Frühlingsmonaten des Jahres 1848 war, reiste der Allerhöchste Hof; das Kaiser- 
paar, die Eltern der Erzherzoge und diese selbst, aber ohne den ältesten, Erz- 
herzog Franz Josef, welcher sich von seinem Vater die Erlaubnis erbeten hatte, 
sich auf den italienischen Kriegsschauplatz zu begeben, in der Nacht des 18. Mai 
in aller Stille in die Landeshauptstadt des treuen Tirol. 

Am 19. Mai, gegen */,\l Uhr Nachts langten die Majestäten und die erz- 
herzogliche Familie in Innsbruck an. Der Jubel der Bevölkerung, die auf die erste 
Kunde von der bevorstehenden Ankunft des Hofes die Straßen der Stadt füllte 
war unbeschreiblich und musste auf das Gemüth des jugendlichen Prinzen den 
üefsten Eindruck hervorbringen. Die Vorliebe für das schöne Tiroler Land und 
seine treuen Bewohner, die Erzherzog Carl Ludwig zeitlebens bewahrte und bei 
jeder Gelegenheit auch bewies, wurzelte sicherlich in den nachhaltigen Eindrücken, 
die er bei seinem ersten Aufenthalte in Tirol empfieng. 

Innsbruck, welches damals kaum über 14.000 Einwohner zählte, war durch 
die Anwesenheit des Hofes zur bedeutsamsten Stadt der Monarchie geworden. 
Die gesammte diplomatische Welt war nach und nach dem Kaiser dorthin gefolgt, 
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und überdies war die über Innsbruck nach Italien führende Reichsstraße that- 
sachlich eine Heeresstraßegeworden, auf der unaufhörlich reguläres Militär, sowie 
zahlreiche freiwillige Schützencompagnien nach dem Süden gezogen, wo Feld- 
marschall Radetzky die Hoffnungen aller treuen Österreicher an sein Schwert 
gefesselt hielt 

Alle diese aufregenden Ereignisse verfehlten natürlich auch auf das empfäng- 
liche Gemüth des Erzherzogs Carl Ludwig nicht ihre Rückwirkung; besonderes 
Interesse schenkte der junge Prinz den aus- und einziehenden freiwilligen 
Schützencompagnien, bei deren Abmarsch oder Ankunft er regelmäßig zu 
erscheinen pflegte. Sonst sah man den Erzherzog nur auf seinen täglichen 
Spazierfahrten mit den durchlauchtigsten Eltern oder auf seinen Spaziergangen 
in die reizende Umgebung der Tiroler Landeshauptstadt; besonders gerne wurde 
der liebliche Wallfahrtsort Absam bei Hall besucht, dem die Erzherzogin Sophie 
mit ihren Söhnen Carl Ludwig und Ferdinand auch bei der Abreise von Innsbruck 
noch einen Abschiedsbesuch machte. 

Aber auch einige anstrengende Fußpartien unternahm der erst fünfzehn Jahre 
zählende Erzherzog. Durch die schauerliche Felsenpartie der Kranebitter Klamm 
bestieg er wiederholt den Hechenberg, der, von der nördlichen Alpenkette ins Inn- 
thal vorspringend, einen überaus lohnenden Aussichtspunkt über die Landes- 
hauptstadt hinweg bis tief ins Unterland und westlich nach Oberinnthal bildet. 

Eine bedeutendere touristische Leistung des Erzherzogs aber war die mit 
seinem Bruder Ferdinand Max am 17. August unternommene Besteigung des 
2655 Meter hohen Solsteins. Unsere Leser werden uns gewiss Dank wissen, 
wenn wir die anziehende und lebhafte Schilderung, welche Hofrath Dr. David 
Schönherr aus Innsbruck von dieser ersten größeren Alpentour des Erzherzogs 
entwirft, hier folgen lassen. 

Am Nachmittag des 17. August fuhren der Kaiser und die Kaiserin, Erz- 
herzog Franz Carl, Erzherzogin Sophie und die drei Prinzen Carl Ludwig, Ferdi- 
nand Max und Ludwig Victor in zwei Wagen nach Kematen und machten von 
da eine Fußpartie über den sogenannten «reißenden Ranggen» nach Zirl (drei 
Stunden von Innsbruck). Da die Wagen bedeutend früher in Zirl eingetroffen 
waren und die Bevölkerung, die von der Ankunft der Allerhöchsten Herrschaften 
keine Ahnung gehabt hatte, jetzt erst davon Kenntnis erhielt, wurde in aller Eile 
an einem geeigneten Punkte jenseits des Inns auf grünem Rasen ein Tisch 
aufgeschlagen und mit Butter, Milch, Honig und Brod und was sonst zum 
ländlichen Imbiss gehört versehen. Die Alterhöchsten Herrschaften nahmen das 
Gebotene angenehm überrascht an und verweilten hier nahezu eine Stunde. Die 
Erzherzoge Carl Ludwig und Ferdinand Max, welche die Besteigung des Sol- 
steins vorhatten, waren jedoch bald aufgebrochen, um noch am selben Abend 
die Galtalpe Solen am Fuße des Solsteins zu erreichen, dort zu übernachten und 
anderen Tags den Bergriesen zu besteigen. Von Hof aus begleitete die Prinzen 
Hauptmann Wittek. Als Bergführer fungierte der bei Hof beliebte Frühmesser 
Moriggl von Zirl. Gegen 8 Uhr erreichte die kleine Gesellschaft die Höhe von 
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Steiben, von wo aus der Weg ins Thal einlenkt und, der schauerlichen Kreuz- 
klamm entlang, dem Solstein zuführt. Auf diesem schönen Aussichtspunkte 
wurde einige Zeit Haltgemacht, Unten im Thale lagerte bereits tiefer Schatten 
über Dorf, Feld und Flur, oben war noch alles hell und licht. Kein Wölkchen 
stand am Himmel, als im unbeeinträchtigten Glänze der Mond zwischen dem 
Patscher Kofi und dem Kreuzjöchi seine volle Scheibe in das tiefblaue Firmament 
emporhob, und feierliche Stille herrschte ringsum. 

Während die beiden Prinzen unter dem sichtlichen Eindrucke des auf 
solcher Höhe noch nie genossenen Sommerabends ins Thal blickten, erscholl 
plötzlich vom Dorfe herauf festliches Glockengeläute, rauschende Musik und das 
Gekrache der Polier, deren endloses Aufblitzen den Prinzen besonderen Spass 
machte. Als ihnen der Begleiter mittheilte, dass diese laute Festfreude dem eben 
in Zirl angelangten Kaiser gelte, klatschten die Prinzen beifällig mit den Händen 
und riefen fortwährend: Bravo! Bravo! 

Den Weg rüstig fortsetzend, erreichte die Gesellschaft um 10 Uhr die Galt- 
alpe. Die Hirten hatten diesen Posten eben verlassen und waren mit ihrem Vieh 
auf die höher liegende Alpe Erl aufgefahren. Der zurückgelassene Comfort war 
gerade nicht geeignet, die hohen Gäste zu befriedigen. Nicht ohne Mühe gelang 
es Feuer zu machen ; denn das vorgefundene Holz war nicht dürr genug und 
erzeugte weniger Feuer als Rauch, und da die Hütte nach oben keine Öffnung 
hatte, war sie bald von Rauch so angefüllt, dass die Prinzen wiederholt ins Freie 
flüchten mussten, um die brennenden Augen auszureiben und frische Luft zu 
schöpfen. 

Nachdem der nach der Alpe Erl um Milch geschickte Träger zurückgekehrt 
war, wurde Kaffee gemacht, welcher, in Bechern serviert, das Hauptgericht des 
Alpensoupers bildete. Dem, wie es schien, unverwüstlichen Humor der beiden 
Prinzen stand aber die stärkste Probe erst bevor. Auf der Lagerstätte fand man 
nur verdorrte Fichtenzweige, von denen die Nadeln längst abgefallen waren und 
die also nur das Gerippe der Matratze der weggezogenen Hirten darstellten. Die 
beiden Prinzen ließen die dürren Fichtenzweige auf den Fußboden der Hütte 
werfen und legten sich, in ihre Mäntel gehüllt, auf das ungewohnte Bett. Der Herr 
Hauptmann hatte sein Lager in der «Schlemme» — so nennen die Alpler die 
Ruhestätte des schlummerbedürftigen Hirtenvolkes — aufgeschlagen. Die übrigen 
Begleiter verbrachten die Nacht im Freien. Eine leise Klage eines der beiden 
Prinzen über das harte Lager am kalten Boden schnitt der gestrenge «Hauptmann» 
mit der Bemerkung ab: «So haben es jetzt die Soldaten alle Tage.» Die schlecht 
gebetteten Prinzen ergaben sich mit Resignation in das Unvermeidliche und 
erhoben sich, wenn auch durch die Nachtruhe nicht sonderlich gestärkt, mit 
jugendfrischer Entschlossenheit schon um 2 Uhr zum weiteren Anstiege des noch 
von der Nacht umlagerten Bergriesen, In einer halben Stunde wurde die Alpe Erl 
erreicht, von wo aus das schwerste Stück Arbeit zu bewältigen war. Beide Prinzen 
aber stiegen rüstig den steilen Berg hinan, auf dessen Spitze sie bereits um 
47* Uhr mit berechtigtem Stolze ihren Fuß setzten. Alle Beschwerden der Nacht, 
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die rauchige Hütte, das harte Lager und alle Mühen des Aufstieges waren ver- 
gessen über den Anblick der Herrlichkeiten, welche ringsum vor den Augen der 
erstaunten Prinzen im Glänze der Morgensonne ausgebreitet lagen. 

Leider musste aber auch dieser Genuas schwer bezahlt werden. Eiskalter 
Wind zog über die Höhe des Solsteins und vereitelte den mehrmals wieder- 
holten Versuch der Prinzen, zu zeichnen. Jedesmal entßel der BleistiTt den 
erstarrten Fingern der Erzherzoge, welche aber trotzdem eine Stunde lang auf der 
Höhe verweilten und an der Fernsicht sich ergötzten. Beim Abstiege pflückten 
sie, der geliebten Eltern gedenkend, mit rührendem Eifer für dieselben die köst- 
lichsten Alpenblumen, die sie finden konnten, um sie, in einen mächtigen Strauß 
gebunden, bei ihrer Ankunft in Innsbruck überreichen zu können. Um V*12 Uhr 
mittags waren die Prinzen bereits wieder in Zirl, von wo sie ohne Aufenthalt in 
dem bereitstehenden Hofwagen nach Innsbruck fuhren. 

Erzherzog Carl Ludwig blieb den Bergen bis in sein Alter treu und bewahrte 
eine seltene Frische und Ausdauer, was touristische Leistungen betrifft. Acht- bis 
zehnstündige Touren von Wartholz auf die Rax waren ihm auch in reiferen 
Jahren ganz unbeschwerlich. 

In Innsbruck wurden die Erzherzoge Franz Josef, der am 8. Juni von Italien 
am kaiserlichen Hoflager in Innsbruck eingetroffen war, Carl Ludwig und ' 
Ferdinand Max von dem Bischöfe von Trient, Johann von Tschiderer, gefirmt, 
wobei Seine Majestät der Kaiser Ferdinand selbst die Pathenstelle übernahm. Die 
Erzherzoge empfiengen das heilige Sacrament in der Kapelle der Innsbrucker 
Hofburg, welche die Kaiserin Maria Theresia zur Erinnerung an ihren Gemahl 
hatte errichten lassen, indem sie das Zimmer, in welchem der Kaiser plötzlich am 
Schlagflusse verschieden war, hiezu bestimmte. In dieser Kapelle ließ Erzherzog 
Carl Ludwig auch später das Herz seiner ersten Gemahlin, die ein grausames 
Schicksal so früh von seiner Seite gerissen hatte, beisetzen. 

Am 8. August um 8'/, Uhr morgens erfolgte die Abreise des Allerhöchsten 
Hofes von Innsbruck und die Rückkehr nach Wien. Die Reise gieng über Schwaz, 
St. Johann, Unken, Salzburg und Linz; von dort mittelst Dampfbootes nach Wien, 
woselbst bei der Landung in Nussdorf die Bevölkerung den zurückkehrenden 
Allerhöchsten Herrschaften einen enthusiastischen Empfang bereitete. Der Aller- 
höchste Hof bezog das Lustschloss Schönbrunn; in einem Schreiben des Erz- 
herzogs Carl Ludwig an einen Jugendfreund (den schon oft genannten Grafen 
Franz Coronini), datiert vom 10. September 1848, erzählt er von dem Einzüge des 
Kaisers und des kaiserlichen Hofes in Wien nach der Rückkehr aus Innsbruck 
und gibt seiner Freude über den jubelnden Empfang durch die Bevölkerung von 
Wien Ausdruck. Gleichzeitig aber äußert er sich bestürzt über die Arbeiter- 
unruhen vom 21., 22. und 23. August, die er sehr eingehend beschreibt und 
welche die an den vorerwähnten Empfang geknüpften Hoffnungen zum großen 
Theile zerstörten. Über das Verhalten der Nationalgarde und der Sicherheits- 
wache bei diesen Unruhen scheint man in Hofkreisen sehr befriedigt gewesen zu 
sein. Seine persönlichen Verhältnisse betreffend erwähnt Erzherzog Cart Ludwig 
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in diesem Briefe, dass nun an Stelle des Professors Fick Abt Rauscher 
Geschichte vortrage, und dass er, der Erzherzog, die «Presse» halte. 

Infolge der Schreckensthaten in Wien verließ der Hof Schönbrunn und trat am 
6.0ctober nachts unter Miütärbed eckung die Reise nachOlmütz an, die überHaders- 
dorf, Pulkau, Znaim, Seelowitz, Wischau erfolgte und ziemlich langsam vonstatten 
gieng, so dass der Allerhöchste Hof erst am 14. October in Olmütz eintraf. 

Hier spielten sich jene denkwürdigen Ereignisse ab, welche die Abdankung 
Ferdinands des Gütigen und die Thronbesteigung unseres Kaisers Franz Josef I. 
zur Folge hatten. 

Die Briefe, die Erzherzog Carl Ludwig an den oben genannten Jugendfreund 
aus Olmütz und Kremsier richtete, spiegeln in schlichter Treue die Eindrücke 
wieder, welche die wechselnde Umgebung auf den Erzherzog ausübte. 

In dem Briefe aus Olmütz vom 23. November 1848 schildert der Erzherzog 
in allen Einzelnheiten das Leben, das er in Olmütz führt. Er ist nicht ungern dort, 
schreibt aber doch: *Mein liebes Wien und besonders meinen Geburtsort Schön- 
brunn kann ich nicht vergessen». Es freut ihn, dass er den ganzen Tag die Uni- 
form, «den kaiserlichen Rock» trägt. 

Er erzählt mit Freude, wie ein durchmarschierendes ungarisches Regiment 
(Nr, 37) von dem Kaiser ausgezeichnet worden war, und kommt dann auf den 
Fortgang seiner Studien zu sprechen; von seinen Lehrern nennt er Abt Rauscher 
für Philosophie und Geschichte, Abbe Hovänyi für das Ungarische, Wittek für 
Mathematik und Geometrie; zum Unterrichte bei dem kleineren Bruder Ludwig 
(Victor) warWeyda berufen worden. Von Wien wurden noch Dore für den 
Unterricht im Französischen und Clairmont für den im Englischen, womit schon 
in Schönbrunn begonnen worden war, in Olmütz erwartet In militärischen Zweigen 
unterrichtete Hauptmann Baron Saffran. 

Die Abfahrt jenes Bataillons vom Regiment Großfürst Michael (Nr. 37) bot in 
der That auch dem Erzherzoge Franz Josef, «der damals schon in das 
Geheimnis seiner hohen Bestimmung eingeweiht war, Gelegenheit, ritterlich her- 
vorzutreten. Der Prinz begab sich auf den Bahnhof, durchschritt die Reihen der 
Truppe und sprach sie dann in ihrer Muttersprache an, indem er ihre Ausdauer, 
ihre Treue und Anhänglichkeit an das Kaiserhaus lobte und sie ermahnte, auch 
fernerhin an ihrer Pflicht, an dem Eide zu ihren alten ruhmgekrönten Fahnen zu 
halten. Die Soldaten weinten vor Freude, als sie ihren künftigen Kriegsherrn so 
kräftig und zugleich so wohlwollend in den Lauten ihrer Heimat sprechen hörten, 
und riefen dem schmucken Ritter donnernde Eljens zu». (Belfert, a a. O. S, 388). 

Der Erzherzog schreibt ferner seinem Jugendfreunde, dass er bereits alle 
Trauerspiele Schillers gelesen habe, daneben auch Lessings Dramen, sowie 
«Goethes herrliche drei Stücke: Iphigenie auf Tauris, Egmont und Torquato 
Tasso», überhaupt habe er sich vorgenommen, jetzt recht viel und fleißig zu 
lesen. Wieder schreibt er: «Olmütz gefällt mir recht gut, schon wegen der Nähe 
Wiens, das man mit der Bahn in acht Stunden erreichen kann, und wegen des 
Telegraphen», den er eine ,herrliche Erfindung' nennt. Kremsier, das der Erzherzog 
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am 9. November in Gesellschaft seines Bruders Ferdinand Max und des Erzherzogs 
Josef besuchte, und wo die höchsten Herrschaften von dem Erzbischofe bewirtet 
wurden, findet er «sehr schön und grandios». 

In Olmütz war die erzbischöfliche Residenz dem Kaiserpaare, den erzherzog- 
lichen Eltern, die den jüngsten Erzherzog Ludwig (Victor) bei sich hatten, ein- 
geräumt worden; unmittelbar daran wohnte im Hause des Domherrn Baron 
Mattincloit der Erzherzog Carl Ludwig mit seinem älteren Bruder Ferdinand 
Max, während der älteste, Erzherzog Franz Josef, dessen Haupt wenige Tage, 
nachdem der Brief geschrieben worden war, das Kaiserdiadem schmücken sollte, 
beim Dompropste Baron Peteani untergebracht war. 

Mit seinem Heim war Erzherzog Carl Ludwig sehr zufrieden; er findet es 
sehr hübsch gelegen, mit schöner Aussicht, hübschen, gut eingetheilten Zimmern, 
und lobt besonders den schönen Garten, der häufig benützt wird. Gespeist wurde 
regelmäßig um drei Uhr gemeinschaftlich bei Seiner Majestät dem Kaiser. 

Inzwischen hatte sich, in aller Stille vorbereitet, das Ereignis des Thron- 
wechsels vollzogen. Selbst die nächste Umgebung des präsumtiven Thronfolgers 
war nicht in das Geheimnis eingeweiht. Dem Erzherzog Ferdinand (Max) war es 
nicht entgangen, dass etwas im Werke sei; «gewiss hat man für den Franzi 
wieder einen Statthalterposten», meinte er. Äui3erlich gieng alles seinen gewohnten 
Gang. Erzherzog Franz (Josef) war noch fortwährend Schüler, Noch am 
1. December wurde die Stunde für das Canonicum abgehalten, freilich nur pro 
forma; der Ernst des Augenblicks lag zu schwer auf Lehrer und Schüler, als dass 
sie mit gewohnter Aufmerksamkeit bei ihrem «Helfert» (Handbuch des Kirchen- 
rechts) verweilen konnten. «Lebe wohl, meine Jugend!» Mit diesen Worten soll 
der jugendliche Prinz seinen Entschluss angekündigt haben, mit ernster 
Entschlossenheit und männlicher Reife das schwere Herrscheramt, das die 
Vorsehung seinen Schultern auferlegt hatte, zu übernehmen.*) 

Die Briefe des Erzherzogs Carl Ludwig gewähren uns leider keinen Einblick 
in die persönliche Antheilnahme, mit der der Erzherzog die Thronbesteigung 
seines ältesten Bruders begrüßte. Der nächste Brief des Erzherzogs Carl Ludwig 
aus Olmütz datiert vom 20. März 1849. Er schreibt darin, dass er bei vier Wochen 
krank gewesen sei, die Gelbsucht durchgemacht habe, dass er sich aber freue, 
während dieser Zeit recht stark gewachsen zu sein. Der Erzherzog, arbeitsam 
und pflichteifrig wie immer, bedauert, durch die lange Krankheit am Studieren 
verhindert worden zu sein, nimmt sich aber vor, das Versäumte recht bald 
wieder einzubringen. Während der Krankheit habe er ein Buch über die Berliner 
Märztage gelesen, das ihn sehr interessiert habe. 

Seeburger, der eben von Seiner Majestät zum Hofrathe und ersten Leibarzte 
ernannt worden war, bezeichnet der Erzherzog als einen «sehr guten, angenehmen 
und sehr höflichen Doctor». In demselben Briefe beneidet Erzherzog Carl Ludwig 

■) So erzählt Alexander Freiherr von Helfert in dem oben ongegebenen Werke «Die Thron- 
besteigung des Kaisers Franz Josef I.> Prag 1872,5. 388 und 396. 



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seinen Vetter Erzherzog Ferdinand von Österreich-Este, der zur Ai-mee nach 
Italien abgieng, und wünscht unseren Waffen den besten Erfolg. 

Die neue Adjustierungsvorschrift gefällt dem Erzherzog, er findet den 
Waffenrock sehr kleidsam, er freut sich darauf, im Frühjahr im Freien exercieren 
zu können, aber »nicht so kindisch, wie wir immer alle zusammen in Schönbrunn 
sowohl, als auch in der Burg exercierten». Zum Schlüsse räth er noch dem 
Freunde, Soldat zu werden. 

Am 18. April 1849 begleitete Erzherzog Carl Ludwig seine Eltern nach Prag 
zum Besuche des Kaisers Ferdinand, der, nachdem er der Krone entsagt hatte, 
in dem stolzen Königsschlosse auf dem Hradschin sein schlichtes, nur demWohl- 
thun geweihtes Leben fortan verbrachte. Der «österreichische Soldatenfreund* 
schrieb damals über den scheidenden Kaiser so wahr als schön: «Sein Regieren 
war Liebe, sein Entsagen Großmuth. Nachdem er das ganze Füllhorn seiner Gaben 
erschöpft hat, tritt er bescheiden zurück, wie im schönen Schmerze darüber, dass 
ihm nichts mehr zu gewähren übrig bleibe und als sei ihm das Scepter gleich- 
giltig geworden, seit es nicht mehr für immer neue Geschenke ausreichen will.» 

Am 26. Mai 1849 reisten die Erzherzoge von Olmütz ab und nahmen in 
Schönbrunn Aufenthalt. 

Am 28. November übersiedelten die Erzherzoge in die Wiener Hofburg. Im 
folgenden Winter wurde der Lecture von classischen Dramen mit vertheilten 
Rollen eifrig gehuldigt. 

In einem Briefe an den Grafen Franz Coronini aus Wien, datiert vom 
31. Jänner 1850, spricht der Erzherzog von Camevalsunterhaltungen, die ihm viel 
Vergnügen boten, und erwähnt der Brüder Marcus und Carl Bombelles, welch 
letzterer sehr gewachsen und elegant geworden sei. Ein Brief des Erzherzogs aus 
Schönbrunn vom 8. August 1850 erzählt von dem schönen Feste, welches ihm 
Bruder Max (Erzherzog Ferdinand Max) zur Feier seines Geburtstages in dem 
hübschen Schweizerhause (Maxing bei Schönbrunn) gegeben habe. 

In die Zeit vom 1. September bis 19. October 1850 fällt die Orientreise, die 
der Erzherzog mit seinem Bruder Ferdinand Max unternahm, Sie gieng von Triest 
über Athen nach Smyrna und brachte eine reiche Ausbeute neuer Eindrücke und 
Anschauungen mit sich, sowie auch eine wertvolle Sammlung orientalischer 
Curiositäten, Teppiche, Waffen u. s. w. In voller Jugendfrische unternommen, hat 
diese Reise auf den Erzherzog den lebhaftesten Eindruck ausgeübt und ihm 
durchs ganze Leben die angenehmsten Erinnerungen zurückgelassen. 

Im Sommer des Jahres 185! reiste Erzherzog Carl Ludwig nach Ischl und 
mit diesem Zeitpunkte schließt auch die dienstliche Thätigkeit Witteks beim 
Erzherzoge ab. 

Doch blieb Erzherzog Carl Ludwig diesem seinem ältesten Lehrer stets 
überaus gewogen und nahm an seinem und seiner Familie Schicksal den regsten 
Antheil. Wittek wurde im erzherzoglichen Palais in der Favoritenstraße ständig als 
zum Hause gehörig betrachtet und im Sommer meist zu mehrwöchentlichem Auf- 
enthalte in Artstetten und später in der Villa Wartholz in Reichenau eingeladen. 
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Wie dankbar der Erzherzog seinem einstigen Lehrer gewesen und wie sehr 
er dessen Wirlcen schätzte, beweist wohl auch der Umstand, dass er ihn im 
Jahre 1867 dazu bestimmte, seinem ältesten Sohne, dem Erzherzoge Franz 
(Franz Ferdinand von Österreich-Este), den ersten Unterricht im Lesen und 
Schreiben sowie im Böhmischen zu ertheilen. Die gleiche Aufgabe wurde Wittek 
auch bei den zwei jüngeren Söhnen, den Erzherzogen Otto und Ferdinand, 
zutheil. Der Unterricht bei Erzherzog Ferdinand dauerte bis in die letzte Lebens- 
zeit Witteks. 

Mit dem Jahre 1853, im Alter von zwanzig Jahren, trat Erzherzog Carl 
Ludwig in den Staatsdienst; er war von Seiner Majestät dem Kaiser der 
galizischen Statthalterei in Lemberg zugetheilt worden, um durch den praktischen 
Dienst in die Verwaltung eines großen Kronlandes eingeführt zu werden. 

Was den Gang des Unterrichtes und die wissenschaftliche Ausbildung des 
Erzherzogs betrifft, so tragen wir noch nach, dass im Sommer des Jahres 1 849 
Johann v. Perthaler, der geistvolle, philosophisch durchgebildete Rechtslehrer 
und Publicist, nach seiner Rückkehr aus der Frankfurter Nationalversammlung 
nach Wien berufen wurde, um den beiden Erzherzogen Ferdinand Max und Carl 
Ludwig Vorträge über Rechts- und Staatswissenschaften zu halten, die bis zum 
Jahre 1853 fortgesetzt wurden. Beide Prinzen bewahrten ihrem Lehrer bis zu 
dessen frühzeitigem Tode dankbare Verehrung. 

Perlhaler blieb auch in den folgenden Jahren, als Erzherzog Carl Ludwig 
in Lemberg weilte, in Correspondenz mit demselben. Ein Brief vom 1. Jänner 1854 
lässt erkennen, welch hohe Erwartungen Perthaler von dem jungen Erzherzoge 
hegte. Es heißt in diesem Schreiben: 

•Unter den Stunden, welche zu den schönsten und leuchtendsten meines 
Lebens gehören, nehmen die erste Stelle diejenigen ein, in welchen Euere kaiser- 
liche Hoheit, begeistert von der hohen Bestimmung, welche Ihres erhabenen 
Bruders Majestät Ihnen zu gewähren geruhte, mit pflichttreuem Herzen die hohen 
Entwürfe Ihrer künftigen Thätigkeit entwickelten. — Es gibt nichts Schöneres, 
als die heiligen Vorsätze eines Jünglings, begeistert für die Pflichten einer gott- 
gegebenen Stellung am Throne eines Weltstaates — es gibt nichts der Erfüllung 
Würdigeres.» 

An die Erfüllung dieser Pflichten schritt jetzt der Erzherzog mit heiligem 
Ernste, nachdem die goldene Zeit der Jugend vorübergerauscht war, die ihm so 
viele heitere Freuden, aber auch so reichlichen Wissensstoff aus dem Munde 
geliebter und verehrter Lehrer dargeboten hatte. 



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m. Capitel. 
Erzherzog Carl Ludwigs Aufenthalt in Lemberg. 1853 — 1855. 



Das Vorspiel des Krimkrieges, der Krieg an der Donau, entwickelte sich 
soeben in seinen Anfängen und die DonaufUrstenthümer waren, nachdem die 
Westmächte ihre Schiffe bereits am 14. Juni 1853 in der Besika-Bai hatten 
erscheinen lassen, seit Juli 1853 durch ein russisches Corps unter dem Fürsten 
Gortschakoff besetzt worden, als im September 1853 in Olmütz Seine kaiseriiche 
und königliche Apostolische Majestät unser Kaiser mit dem Czar Nikolaus I. 
von Russland eine Zusammenkunll hatte und von dem Czar die Zusicherung 
erhielt, dass die russischen Truppen die Donau nicht überschreiten würden. Bei 
dieser denkwürdigen Gelegenheit geschah es, dass Seine Majestät den Statthalter 
von Galizien, Grafen Agenor Gotuchowski, durch den Generaladjutanten, Feld- 
marschall-Lieutenant Grafen Grünne, telegraphisch an das Allerhöchste Hoflager 
berufen ließ, worauf der Statthalter, dem Allerhöchsten Rufe folgend, am 14, Sep- 
tember 1853 von Lemberg abreiste und drei Tage in Olmütz verweilte. Hier 
geruhten Seine Majestät dem Statthalter die erste Mittheilung zu machen, dass 
der durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig noch im Laufe des Jahres 
nach Lemberg kommen und daselbst längere Zeit verweilen werde, um den 
praktischen politischen Dienst kennen zu lernen. Der bedenkliche Verlauf, den 
der Orientkrieg nahm, als Omer Pascha am 23. October 1853 den Krieg an der 
Donau bei Widdin und Kalafat eröffnete und die Flotte der Westmächte am 
25. October in den Bosporus einlief, änderte nichts an dem kaiserlichen Ent- 
schlüsse. Der Minister des Innern, Bach, verständigte unter dem 20. November 
den Statthalter von der bevorstehenden Reise des Erzherzogs nach Lemberg, und 
Graf Goiuchowski veriieß die galizische Hauptstadt am 7. December, um an der 
Landesgrenze Seine kaiserliche Hoheit würdig zu empfangen. 

Mit lebhafter Freude vernahm man in allen Landestheilen die Nachricht, 
dass der kaiserliche Prinz, der dem Throne am nächsten stand, in Galizien weilen 
werde, und die frohe Kunde erweckte Hoffnung und Vertrauen in der gesammten 
Bevölkerung. Mit wahrer Genugthuung empfanden es alle Kreise, dass der Höchste 
Aufenthalt dem Lande ebensosehr zum Heile als zur Ehre gereichen werde. 
Durchdrungen von dem Gefühle der Dankbarkeit gegen den erhabenen und 
hochherzigen Monarchen, der seinen durchlauchtigsten Bruder entsandte, um in 
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Galiziens Hauptstadt den Verwaltungsdienst kennen zu lernen, und ihm Gelegen- 
heit gab, mit den Verhältnissen des Landes sich vertraut zu machen, beeilten sich 
alle Stände zu bekunden, wie hoch man diese der Bevölkerung erwiesene Ehre 
schätze, und waren bestrebt, sich des in sie gesetzten Vertrauens würdig zu 
erweisen. Alle Schichten beeiferten sich im Einklänge mit den Behörden, dem 
Erzherzoge an allen Orten, durch die er seinen Weg nahm, und überall, wo er zu 
verweilen gedachte, einen glänzenden Empfang zu bereiten und die allgemeine 
Freude über den hohen Besuch nebst der ihm gebürenden Ehrfurcht zum Aus- 
drucke zu bringen. 

Dienstag, den 20, December 1853 traf der Erzherzog mit seinem Kammer- 
vorsteher Baron Hörn stein und dem Dienstkämmerer Baron Buol in Szczakowa 
ein, der Grenzstation an der Oderberg-Kosel-Krakauer Eisenbahn. Hier wurde der 
kaiserliche Prinz vom Statthalter begrüßt und nach Krakau geleitet, wo die Ein- 
fahrt in den Bahnhof um 12'/« Uhr mittags erfolgte. Bei der Ankunft daselbst 
wurde der Erzherzog von dem Landespräsidenten des Krakauer Verwaltungs- 
gebietes, Grafen Franz Mercandin, an der Spitze der Civilbehörden, sowie von 
dem zahlreich versammelten Adel feierlich willkommen geheißen und durch das 
St. Florianthor, wo der Magistrat mit dem Bürgerausschusse und den Zünften den 
Höchsten Herrn begrüßte, in das Hotel geleitet, wo der Empfang von Seiten der 
Generalität und des Officierscorps stattfand. Nach Besichtigung der daselbst mit 
Fahne und Musik aufgestellten Ehrencompagnie begab sich der Erzherzog sofort 
in die Kathedralkirche, an deren Pforte er von dem Weihbischofe Lgtowski 
erwartet wurde, und wohnte einer kurzen Andacht bei, nach deren Beendigung 
er die Kirche besichtigte. Alsdann besuchte er das Schloss und widmete einige 
Zeit der Besichtigung der Festungswerke und der Fortificationsarbeiten, die 
damals gerade unternommen wurden. Als mit einbrechender Dämmerung die 
Stadt glänzend beleuchtet worden war, fuhr der durchlauchtigste Herr um 7 Uhr 
ins Theater, wo sofort nach seinem Erscheinen die Volkshymne gesungen wurde 
und ein ausgewähltes Publicum seine ebenso freudige als ehrerbietige Begrüßung 
kundgab. Nach dem Theater brachten die Bewohner Krakaus dem kaiserlichen 
Prinzen einen Fackelzug und vielfach ertönten begeisterte Zurufe, wofür der Erz- 
herzog vom Fenster wiederholt dankte. 

Die Reise wurde am 21. December früh über Bochnia und Tarnöw nach 
Göra Ropczycka fortgesetzt, wo im Schlosse des Grafen Kasimir Starzenski 
das Nachtlager stattfand, und am 22. wurde die Richtung über Rzeszöw, Laficut, 
Przeworsk und Jarosiau genommen, um als nächstes Ziel Przemysl zu erreichen, 
wo man im Kreisamtsgebäude bei dem Kreishauptmanne Saar das Höchste 
Quartier bereitet hatte. Um 6 Uhr abends in Przemysl angekommen, warder 
Erzherzog von dem großartigen Empfange, der ihn hier erwartete, aufs ange- 
nehmste überrascht. Das Militär, der Kreishauptmann und der Finanzbezirks- 
director sammt ihren Beamten, der lateinische und der griechische Bischof mit den 
beiden Domcapiteln, der Gymnasialdirector mit dem Lehrkörper, der Magistrat mit 
dem Bürgerausschusse und den Zünften hatten sich zur Begrüßung aufgestellt, und 
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die ganze Stadt war glänzend illuminiert. Der Höchste Herr dankte gnädigst für 
den schönen Empfang und zog sofort die Spitzen der Militär- und Civilbehorden 
nebst den beiden Bischöfen zum Diner. In der Nacht eilte der Statthalter nach 
Lemberg voraus, um sich von den dort getroffenen Vorbereitungen zu überzeugen 
und bei der Ankunft des Erzherzogs in der Hauptstadt anwesend zu sein. 

Am 23. December früh um 8'/« Uhr verließ der Erzherzog, nachdem er in 
der römisch-kathol. Kathedrale die heilige Messe gehört hatte, die Stadt Przemysl, 
von den Behörden und der zahlreich versammelten Volksmenge ehrfurchtsvoll 
begrüßt. Nachmittags 3 Uhr traf er in Lemberg ein, wo man alles aufgeboten 
hatte, um den Empfang recht feierlich und glänzend zu gestalten, so dass der 
Erzherzog aus der ihm hier zutheil gewordenen Verehrung einen überaus 
günstigen und nachhaltigen Eindruck von der loyalen Gesinnung der Bewohner 
gewann. 

Als Wohnung war für Seine kaiserliche Hoheit und den Hofstaat das 
Haus Nr,4*/» in der damaligen Stadtstraöe, die später, bei der Abreise des gnädigsten 
Herrn, den Namen «Untere Carl Ludwig-Straße* erhielt, an der Stelle, an der sich 
jetzt die «Galizische Landes-Creditanstalt» befindet, mit allen verfügbaren Räumen 
hergerichtet. Noch am folgenden Tage, am 24. December, fanden die Vorstellungen 
statt, und es hatten die Beamten der politischen, judiciellen und finanziellen 
Behörden, der Landesausschuss, der Magistrat, der in Lemberg anwesende Adel 
mit den Landeswürde nträgem, sowie die Vertreter der in Lemberg befindlichen 
Institute die Ehre, von Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit huldvollst 
empfangen zu werden. 

Mit der Einführung in den praktischen Verwaltungsdienst war dem Erzherzog 
der Vice-Präsident der Statthalterei, Carl Mosch, zugewiesen, der sich der hohen 
Aufgabe mit größtem Eifer und eingehendster Gründlichkeit unterzog. Unmittelbar 
nach dem Weihnachtsfeste, am 27. December 1853, begannen in Gegenwart des 
Statthalters Grafen Gofuchowski die Vorträge aus dem Gebiete der politischen 
Verwaltungskunde. Es wurde zunächst eine eingehende geographische Be- 
schreibung des Landes vorgenommen, die Beschaffenheit und Production des 
Bodens erörtert, die industriellen Anstalten und gewerblichen Leistungen 
besprochen, sodann die Bewohner hinsichtlich ihrer Nationalität und Religion, des 
Charakters und der Geistesanlagen geschildert, ferner die Städte mit ihren Bildungs- 
und Wohlthätigkeitsanstalten beschrieben, endlich eine übersichtliche Darstellung 
der im Lande befindlichen Behörden und Ämter, der Sitze der geistlichen Ober- 
hirten, der Gliederung der Verwaltungszweige gegeben. Auf gesicherter Grund- 
lage wurde so das Verwaltungssystem aufgebaut, und an die theoretischen 
Vorträge schloss sich die praktische Einführung in die laufenden Amtsgeschäfte. 
Mit den Unterweisungen in der Justiz wurde der Präsident des Oberlandesgerichtes, 
Stroynowski, mit den Anleitungen im Finanzwesen der Vice-PräSident der 
Finanzlandesdirection, Freiherr v. Eminger, beauftragt. Auf allen Gebieten aber 
entwickelte der junge Erzherzog einen bewunderungswürdigen Eifer; er widmete 
allen Gegenständen im großen wie im kleinen ungethellte Hingebung, und wie 



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er stets die Übersicht über das Ganze zu gewinnen wusste, so ließ er sich in 
seinen Studien nicht die geringfügigste Einzelnheit entgehen. 

Drei Abende in jeder Woche verbrachte der kaiserliche Prinz im Kreise der 
gräflichen Familie Goiuchowski. Da aber die Bekanntschaft mit den hervor- 
ragenden und maßgebenden Persönlichkeiten des Landes unerlässlich war, so 
wurde darauf Bedacht genommen, die gesellschaftlichen Beziehungen in möglichst 



Carl Ludwig, Erzlieriog von Oslimich. 

umfassender Weise anzuknüpfen. Am 2. Januar 1854 wurde der unterdessen in 
Lemberg zahlreich eingetroffene Adel vom Statthalter vorgestellt, und am 
25. Januar machte eine Deputation des Adels der Bukowina unter Führung des 
Landespräsidenten die Aufwartung. Graf Goiuchowski veranstaltete Soireen, 
und der Erzherzog beehrte sogleich die erste Soiree am 12. Januar 1854 mit seiner 
Anwesenheit. Auch der interimistische ArmeecommandantFeldmarschall-Lieutenant 
Fürst Edmund Schwarzenberg gab Soireen, die von Seiner kaiserlichen Hoheit 
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gleichfalls besucht wurden. Besonders prunkvoll aber pflegten die Bälle arrangiert 
zu werden, die man dem Erzherzog zu Ehren mit großem Aufwände zu veran- 
stalten bemüht war. Am 28. Januar 1854 fand der erste, am 8. Februar der 
zweite Ball bei dem Grafen Gotuchowski statt, und der Erzherzog zeichnete 
diese Feste durch sein Erscheinen aus, worauf er auch am 15. Februar den 
schönen Ball bei Seiner Excellenz dem Obristlandfalkenmeister Grafen Cajetan 
Lewicki in dessen Palais, sowie am 22. Februar den dritten Ball beim Statthalter 
mit seiner Gegenwart beehrte. 

Während der Erzherzog in kurzer Zeit bei diesen freudigen und gern 
benützten Gelegenheiten eine ausgedehntere Personalkenntnis und vermöge seiner 
unermüdlichen, liebenswürdigen und anregenden Conversation einen tieferen 
Einblick in die Verhältnisse gewann, setzte er seine Studien mit immer regerem 
Eifer fort. Besonders liebte er es auch, die Bildungsstätten und Wohlthätigkeits- 
anstalten durch seine Besuche auszuzeichnen und durch seine Theilnahme zu 
fördern. Am II. Februar 1854 besuchte er das gräflich Ossolinski'sche 
Nationalinstitut, eine Anstalt, welche der Graf Josef Max Ossolinski, ehemals 
erster Custos der k. k. Hofbibliothek in Wien, gründete, indem er seine Bibliothek 
von 40.000 Bänden dem Lande Galizien vermachte und zu deren Vermehrung seine 
Güter als Dotation bestimmte, wobei er zugleich anordnete, dass literarische 
Arbeiten unterstützt werden sollten. Zum Andenken an den Kaiser Franz, welcher 
die Errichtung dieses Institutes, dessen Bibliothek jetzt schon auf 100.000 Bände 
angewachsen ist, bewilligt hatte, wurde nach dem Willen des Stifters in jedem 
October eine Gedächtnisfeier abgehalten. In den geräumigen Sälen dieser Anstalt 
gaben die Stände am 27. Februar dem Erzherzog ein großartiges Ballfest, das 
seinen herrlichen Verlauf einem vielgliedrigen Comite verdankte, an dessen 
Spitze der Statthalter nebst Gemahlin stand. Die Räume waren feenhaft beleuchtet 
und Stiege wie Eintrittszimmer mit einem Gartenspalier aus prächtigen 
Gewächsen geschmückt. Die Zufahrt begann um 7'/« Uhr, und die Ballgäste, bei 
hundert Edelleute in der kleidsamen Nationaltracht, das Militär und die Beamten 
in großer Gala, füllten in kurzer Zeit die Säle. Bereits um 8 Uhr erschien der 
Erzherzog, am Eingange ins Gebäude vom Statthalter und mehreren Herren des 
Comites, beim Eintritt in die Säle von der Statthalterin und einigen Damen 
begrüßt; er eröffnete den Bau mit der Gräfin Maria Gohichowska und verblieb in 
animierter Stimmung bis zum Ende. 

Am 18. März 1854 besichtigte der Erzherzog das Taubstummeninstitut, eine 
Stiftung des Abtes Hoffmann (pseudonym Holdheim), welcher durch Testament 
ein Capital bestimmt hatte, das durch weitere Spenden vermehrt wurde, so dass ein 
eigenes Gebäude aufgeführt und gehörig eingerichtet werden konnte. 

Als die Vermählung Seiner Majestät bevorstand, rüstete sich der Erzherzog 
zur Fahrt nach Wien, und am 30. März beehrte er die Soireen beim Statthalter 
zum letztenmale in dieser Saison. 

Drei Monate rastlosen Fleißes und reicher Erfahrung waren verstrichen. 
Mit erweitertem Gesichtskreise und gereifterem Urtheile verließ der Erzherzog, 
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der Erfolge seines eifrigen Strebens sich freuend, zu kurzer Unterbrechung seiner 
Studien die galizische Hauptstadt, um in Wien an dem frohen Feste, das mit dem 
Allerhöchsten Kaiserpaare die ganze Monarchie begieng, in brüderlicher Liebe 

theilzunehmen. 

Die Reise nach Wien wurde Samstag, den S.April 1854, um 5 Uhr früh 
angetreten, wobei sich die obersten Vertreter aller Behörden nebst den geistlichen 
Oberhirten zur Verabschiedung eingefunden hatten. Der Weg wurde über 
Przemysl, Rzeszöw, Tarnöw und Bochniä gewählt und nur in i^hcut nahm der 
Erzherzog einen einstündigen Aufenthalt bei dem Obersten Grafen Pälffy zu einem 
Thee vor der nächtlichen Fahrt. In Przemysl waren bei der Umspannung vor dem 
Postgebäude der Kreishauptmann Saar, der Militärcommandant und die Bischöfe 
der beiden Riten zur Begrüßung erschienen, ebenso war in Tarnöw am 9. früh, 
6'/, Uhr, der Kreisvorsteher, der Commandant und der lateinische Bischof 
anwesend. In Bochnia am 9. April 1854 um 9»/» Uhr vormittags eingetroffen, hörte 
der Erzherzog in der Pfarrkirche eine heilige Messe und setzte um 1 1 *j,^ Uhr 
vormittags die Reise nach Wieliczka fort. Um 2'/» Uhr nachmittags kam Seine 
kaiserliche Hoheit in Wieliczka an und widmete drei Stunden der Besichtigung 
des berühmten Salzbergwerkes. An der Einfahrt zum Schachte, welche mit einem 
Triumphbogen geziert war, harrte der Landespräsident Graf Mercandin an der 
Spitze des gesammten Salinenpersonals und der Divisionär Feldmarschali - 
Lieutenant Graf Leiningen, eine Compagnie Jäger mit Musik und das uniformierte 
Bergknappencorps mit Fahne und Musikbande. Nach Besichtigung der Ehren- 
compagnie begab sich der Erzherzog in die Gruben, die mit ihren schönen und 
weiten Räumen, Straßen und freien Plätzen aufs glänzendste beleuchtet waren, 
und fuhr im Kahn über den großen Teich, der in der herrlichen Illumination 
seiner Ufer einen feenhaften Anblick bot. Der Erzherzog schrieb sich in das 
Gedenkbuch ein und nahm an der im Bergwerk vorbereiteten Tafel platz, um 
einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Aufs höchste befriedigt, veriieß der Erz- 
herzog das Bergwerk um '/,6 Uhr und traf um '/,7 Uhr in Krakau ein. Bei dem 
Absteigequartier in der Wohnung des Landespräsidenten von den Behörden, der 
Geisthchkeit und dem Adel begrüßt, nahm Seine kaiserliche Hoheit die 
Vorstellungen entgegen, begab sich schon nach 9 Uhr zur Ruhe und fuhr am 
10. April früh um 4 Uhr mit einem Separatzug nach Wien. 

In gehobener Stimmung nahm der Erzherzog an allen Festlichkeiten der 
Allerhöchsten Hochzeitsfeier theil und verbrachte noch die Frühlingstage zu Wien 
und Schönbrunn. 

Aus Anlass der Vermählungsfeier des Kaiserpaares kam auch der Statthalter 
Graf Gotuchowski in die Reichshaupt- und Residenzstadt und wurde nebst der 
galizischen Deputation am 26. April um 12'/» Uhr von Seiner Majestät und darauf 
von den durchlauchtigsten Eltern empfangen. 

Am 31. Mai 1854 erfolgte die Rückreise des Erzherzogs nach der Hauptstadt 
Gaüziens. Der Statthalter fuhr am 28. von Lemberg nach Biala zur Begrüßung und 



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Begleitung entgegen. Es war ein Ausflug in die hohen Karpathen in Aussicht 
genommen, der freilich infolge anhaltender Regengüsse und ungewöhnlicher Fröste 
nicht in vollem Maße gelang. Der Erzherzog fuhr von Teschen, wo er das erste 
Nachtlager hielt, nach Neumarkt und traf daselbst am 2, Juni nach 2 Uhr früh bei 
empfindlicher Kälte ein. Eine Triumphpforte war hier zur Begrüßung des hohen 
Besuches errichtet, und die Stadt war trotz der vorgerückten Stunde der Nacht 
festlich beleuchtet. Von Neumarkt wurde die Fahrt in die herrlichen Gebirgsthäler 
gegen die hohe Tatra angetreten. Noch am 2. Juni gelangte der Höchste Herr nach 
Zakopane, wDein feierlicher Empfang mit einer aus Krakau gekommenen Militär- 
Musikbande stattfand und am Abend ein großartiges Feuerwerk, einen flammenden 
kaiserlichen Adler darstellend, an dem Waldabhange gegenüber der Wohnung des 
Erzherzogs abgebrannt wurde. Nach Besichtigung der großen industriellen Werke, 
die der aus der Thalschlucht stürzende Weiße Dunajec treibt, begab sich der Erz- 
herzog nach dem reizenden Thale von Koscielisko, wo am Eingang der langen, 
von steilen Felswänden eingefassten Schlucht, durch die der Schwarze Dunajec 
fließt, von dem Besitzer Homolacz eine schöne L.aube aus Tannenreisern errichtet 
war, in welcher Seine kaiserliche Hoheit ein bereit gehaltenes Frühstück annahm. 
Bis zum Ursprung des Dunajec konnte man vordringen, doch das Meeresauge zu 
erreichen, war wegen der massenhaften Schneefalle unmöglich geworden, weshalb 
die Rückfahrt nach Zakopane bewerkstelligt wurde. Am 4. Juni, Pfingstsonntag, 
reiste der Erzherzog nachmittags nach Neumarkt, am Montag den 5. Juni, nach 
8 Uhr früh, nach dem Gottesdienste, in der Richtung des Dunajec weiter und traf 
noch vormittags in Czorsztyn ein, woselbst der Erzherzog von Herrn Szalay, dem 
Besitzer von Szczawnica, mit einer Flotille, die aus festlich mit bunten Flaggen 
geschmückten Kähnen bestand, auf dem Dunajec erwartet wurde. Als sich der 
Himmel nach mehrstündigem Regen aufheiterte, bestieg Seine kaiserliche Hoheit 
nebst Gefolge die Kähne und unternahm unter dem Donner der überall an den 
Felspartien aufgestellten Mörser und unter den Freudenrufen des in Festtags- 
kleidem an den zugänglichen Stellen des Ufers sich herandrängenden Gebirgs- 
volkes die Fahrt auf dem Dunajec durch Pieniny nach Szczawnica, wo er von der 
Geistlichkeit und den Volksgemeinden der Umgegend, sowie von den Curgästen 
begrüßt wurde. Von der Fahrt höchst befriedigt, setzte er die Reise zu Wagen über 
Kroscienko und Alt-Sandec, wo er das Nonnenkloster der Ciarissen mit seinem 
Besuche beglückte, nach Neu-Sandec fort Von Dorf zu Dorf begleiteten berittene 
Bauern den Heisewagen, und an allen bedenklichen Punkten warteten Bauern, um 
den Wagen zu stützen. Von Neu-Sandec gieng die Route am 6. über Gorlice, Biecz, 
Jasl'o, Krosno und Rymanöw nach Sanok, am 7. über Lisko, Chyröw, Starasol 
nach Sambor, am 8. Juni überRudki und Grodek nach Lemberg, wo die Ankunft 
nachmittags 3'/» Uhr erfolgte und der durchlauchtigste Herr von dem Magistrate 
und Gemeindeausschusse beim Schranken, von dem Militär und den Behörden bei 
der Wohnung freudigst erwartet und begrüßt wurde. 



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Nach der Rückkehr wurde zunächst die Herrichtung der Sommerwohnung im 
Hause des Ritters Ludwig Skrzynski, Schwiegervaters des gewesenen Minister- 
präsidenten Grafen Kasimir Badeni, oberhalb des Jesuitengartens gegen den 
St. Georgsplatz, angeordnet und nach einigen Tagen bewerkstelligt. Hier wurden 
sofort die Vorträge über politische Gesetzkunde begonnen und vor- wie nach- 
mittags pünktlich und eifrig fortgesetzt. 

Daneben fuhr der Erzherzog auch fort, persönlich an allen Vorgängen 
Antheil zu nehmen, die geeignet waren, religiöse und dynastische Gesinnung zu 
bethätigen, die öffentliche Erziehung und Bildung zu fördern, der allgemeinen 
Wohlfahrt zu dienen. 

Am 22. Juni besuchte er die von der Agronomischen Gesellschaft im 
Jesuitengarten veranstaltete landwirtschaftliche Ausstellung und wirkte 
ermunternd und erhebend auf Aussteller und Unternehmer durch seine liebevolle, 
auf alle Einzelnheiten eingehende Theilnahme. Am 16. Juni begieng er das 
Frohnleichnamsfest mit den römischen Katholiken, am 27. Juni nach dem 
griechisch-katholischen Ritus mit den Ruthenen, die seit 1848 gleichfalls einen 
öffentlichen Umgang hielten; ebenso wohnte er zur Feier des Allerhöchsten 
Geburtstages wie Namensfestes am 18. August und 4. October dem Gottesdienste 
sowohl in der römisch-kathol. Kathedrale, als auch in der ruthenischen Himmel- 
fahrtskirche bei, nachdem er am Vorabende auch zu den Festlichkeiten im Theater 
erschienen war. 

Am 18. August verherrlichte der durchlauchtigste Herr die feierliche Grund- 
steinlegung zu einem Gebäude für eine Kleinkinderbewahranstalt bei der 
St. Martinskirche mit seiner Anwesenheit. Nach der zuerst von Schießler in den 
Dreißiger- Jahren gegebenen Anregung war es dem eifrigen Wirken der Baronin 
Dorothea Krieg von Hochfelden, Gemahlin des Gubernialpräsidenten, unter dem 
Protectorate des Erzherzogs Ferdinand d'Este, damaligen Civil- und Militär- 
gouverneurs, gelungen, solcher Anstalten mehrere für Christen und Juden zu 
errichten. Es hatte sich aber das Bedürfnis herausgestellt, ein eigenes Haus als 
beständiges Asyl zu besitzen, und dieses Ziel erreichte die «Gesellschaft zur 
Unterstützung der Lemberger Klein kinderbewahranstalten» unter dem Protectorate 
der Gräfin Maria Gofuchowska, nachdem die Commune einen Platz dafür gewidmet 
hatte. Um 2 Uhr nachmittags versammelten sich der Statthalter (die Gräfin war 
unwohl), die Damen der Gesellschaft, die Geistlichkeit, die Beamten nebst den 
Vertretern der Bürgerschaft; alsbald erschien Seine kaiserliche Hoheit in Begleitung 
des Armeecommandanten Grafen Schlick und der Generalität auf dem Festplatze. 
Nachdem die Urkunde von dem Director des Vereines, Bürgermeister Höpfüngen- 
Bergendorf, vorgelesen, von den Anwesenden unterschrieben und in die Öffnung 
gelegt worden war, setzte der Erzherzog eigenhändig den Grundstein nieder, 
worauf derselbe von dem Erzbischofe Baraniecki geweiht wurde. Im Anschlüsse 
daran wurde ein nicht minder wichtiger Act der Wohlthätigkeit vorgenommen^ 
indem die im Jahre 1848 unterbrochene Waisenversorgung aus den Stiftungen, 
die der Abt Hoffmann 1832 errichtet und wohlhabende Bürger durch Beiträge 
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am Jahrestage der vierzigjährigen Regierung des Kaisers Franz 1835 vermehrt 
hatten, feierlich erneuert wurde. Die Ansprache des Bürgermeisters, in Gegenwart 
des kaiserlichen Prinzen an diesem Orte und bei dieser Gelegenheit gehalten, 
machte auf die Waisenkinder wie auf die Vormünder, denen sie in Pflege gegeben 
wurden, einen tiefen Eindruck. Während die Versammlung sich zu einem Kinder- 
feste begab, fuhr Seine kaiserliche Hoheit auf die städtische Schießstätte und 
eröffnete das Festschießen der SchützengeseUschaft. Am 4. October wurde in 
Gegenwart des Erzherzogs die neuerrichtete städtische « Elisabeth-Mädchen- 
schule* eingeweiht und eröffnet. 

Während so derSommer unter fleißiger Arbeit und mit bedeutungsvollen Festen 
verstrich, empfieng Seine kaiserliche Hoheit auch einmal einen hohen Besuch, 
indem der General- Geniedirector Erzherzog Leopold, der am 13. Juli wegen 
der großen Truppenbewegungen, welche in Galizien damals stattfanden, aus 
Krakau nach Lemberg kam, die Gelegenheit benützte, bei der Villa Skrzyiiski 
vorzusprechen, aber bald nach Krakau zurückkehrte. 

Nachdem der Erzherzog auf Grund seiner eingehenden Studien bei der 
Statthalterei bereits eine große Gewandtheit im Verwaltungsdienste erreicht hatte, 
begann er in Begleitung des Statthalters im Herbst die Bereisung des Landes. 
Schon anfangs September machte der Erzherzog in Begleitung des Grafen Gohi- 
chowski eine Fahrt nach der drei Meilen von Lemberg entlegenen Herrschaft 
Janöw und besichtigte bei dieser Gelegenheit auch bei dem Dorfe Stracz eine 
Berghöhle, in welcher die in Polen eingefallenen Tataren die Ortsinsassen, die 
sich in die Höhle geflüchtet hatten, durch ein am Eingange angezündetes Feuer 
erstickten. 

Am 13. September 1854 wurde zum Zwecke praktischer Instruction ein 
Ausflug nach iotkiew unternommen. 

Darauf folgte am 8, bis 13. November eine größere Fahrt in die Kreise 
Brzezany, Tarnopol und Zloczöw. Die Reise gieng über Winniki, Przemyslany, 
Narajöw nach Brzezany, wo der Erzherzog, obwohl das Absteigequartier im 
Kreisamtsgebäude hergerichtet war, auf die Bitte des Grafen Stanislaus Potocki 
dessen reizende Villa Raj, das Paradies, als Wohnung annahm. Ein feierlicher 
und freudiger Empfang wurde dem Erzherzoge vom Adel und vom Volke, von der 
Geistlichkeit, den Behörden und dem Militär bereitet, und viele der Erschienenen 
hatten die Ehre, zur Tafel gezogen zu werden, die Graf Potocki dem hohen 
Gaste zu Ehren gab und bei der sich die herrliche Beleuchtung des Gartens und 
die Klänge der Musik zu einem würdigen Ausdrucke der Freude gestalteten. Den 
folgenden Tag widmete der Erzherzog ganz der Besichtigung der Ämter. Nach 
Anhörung der heiligen Messe besuchte er die Finanzbezirks-Direction und das 
Gymnasium, wo er einzelnen Lehrstunden beiwohnte, hielt darauf Revue über die 
Garnison, die unter dem Commando des Feldmarschall-Lieutenants Lederer aus- 
gerückt war, und inspicierte schließlich die politische Behörde bis in die kleinsten 
Details mit der allgemein angestaunten Sachkenntnis eines erfahrenen Beamten. 
Erst um '/j6 Uhr beendigte Seine kaiserliche Hoheit die Besichtigungen und ehrte 



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den Grafen Potocki durch die Annahme eines festlichen Mahles, zu welchem 
zahlreiche Einladungen ergangen waren. Am 10. verließ der Erzherzog Brzezany 
und machte auf dem Privatwege über Kozowa und Chodaczköw die Fahrt nach 
Tarnopol, wo wiederum ein großartiger Empfang stattfand. Erzherzog Carl 
Ferdinand, der mit seinem Armeecorps hier stand, war gerade auf Urlaub 
abwesend. Am 11. wurde nach der heiligen Messe Revue über die Truppen 
unter dem Commando des FeldmarschalULieutenants Teimers abgehalten, das 
Gymnasium und die jüdische Schule besucht, hierauf die Finanzbehörde und 
dann die politische Kreisbehörde eingehend inspiciert Um »/«Ö Uhr fand das 
Diner statt, zu welchem 20 Personen gezogen wurden. Am 12. gieng die Reise 
nach ZIoczöw. Unterwegs wurde in Jarczowce bei Zboröw das Gestüt des 
Grafen Julius Dzieduszycki besichtigt und die arabischen Pferde bewundert, 
die der Graf persönlich einige Jahre vorher aus Arabien mitgebracht hatte. 
In Z*oczöw angekommen, wurde der Erzherzog vom Kreishauptmanne Theodor 
Friedhuber von Grubenthal nebst allen Behörden und dem Generalmajor Kusevich 
mit den Oflicieren begrüßt. Die alte Stadt mit dem Schlosse der Familie Sobieski 
interessierte den Erzherzog lebhaft. Nach Beendigung der Visitationen wurden 
22 Personen zur Tafel gezogen. Es war noch eine Excursion nach Podhorce 
zum Besuche des durch seine Sammlungen berühmten, dem Grafen Leon 
Rzewuski, gegenwärtig dem Statthalter Fürsten Eustache Sanguszko gehörigen 
Schlosses und etwa auch eine Fahrt nach dem Schlosse Olesko, in welchem der 
König Johann Sobieski geboren wurde, beabsichtigt gewesen; allein sie musste 
unterbleiben, da der Erzherzog nach Lemberg Eile hatte. Noch in der Nacht 
wurde die Rückfahrt unternommen und am 13. November früh kam Seine 
kaiserliche Hoheit mit dem Statthalter nach Lemberg zurück. In dem durch- 
reisten Gebiete hatte manches die besondere Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich 
gezogen, so die Gestaltung des Bodens mit der merkwürdigen Wasserscheide, 
die Bug und Styr (zur Weichsel) von Ztota Lipa, Sereth und Zbrucz (zum 
Dniestr) trennt, die schönen Fichtenwaldungen im Ztoczöwer Kreise, welche 
Mastbäume nach Triest und Danzig lieferten, in ihrem Contraste gegen die 
holzarmen und wasserarmen Strecken des Tamopoler Kreises, wo man Stroh- 
kränze zum Kochen und Backen, selbst zum Bauen benützte, der für Weizen 
und Heide geeignete fruchtbare Boden von Tarnopol gegenüber den Wiesen von 
Brzezany und Ztoczöw, der lebhafte, von Juden betriebene Handel gegenüber 
dem überall noch sehr mangelhaft entwickelten Handwerke. Insbesondere fielen 
dem Erzherzoge die mannigfaltigen Unterschiede in der Cultur der Bewohner, in 
Sitten und Gewohnheiten, in Wohnung und Nahrung auf. 

Bald darauf, schon am 25. November 1854, wurde eine neue Bereisung 
vorgenommen, und zwar nach den herrlichen, durch Naturschönheit anziehenden 
und durch die Ergiebigkeit des Bodens so gesegneten Abhängen der Karpathen, 
in die Kreise von Sambor und Stryj, wo der Erzherzog mit der symbolischen 
Gabe von Brot und Salz, dem Überflüsse des Bodens, empfangen wurde. Um 
Mittag auf der Durchreise in Lubieii, dem vielbesuchten Badeorte, von dem Kreis- 
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hauptmanne Hofrath Kratter und dem Adel begrüßt, besichtigte der Erzherzog die 
Anstalten des Curortes, sowie die Cavallerie-Dtvision und nahm eine von dem 
Besitzer Baron Constantin Brunicki vorbereitete Tafel an. Über Rudki fuhr er dann 
nach Sambor, um daselbst zu übernachten. Einer gründlichen Revision wurden 
am 27. alle Behörden und Anstalten unterzogenj die Arbeiten derGrundentlastungs- 
commission durchgesehen und insbesondere die Acten der Kreisbehörde inspiciert, 
worauf um 6 Uhr die angesehenen Persönlichkeiten zum Essen geladen wurden. 
Am 28. gieng die Reise in den nächsten Kreis. Ein Aufenthalt war unterwegs in 
Drohobycz, wo nach dem Gottesdienste bei dem Domherrn Zaigski ein Frühmahi 
genommen wurde. In Truskawiec, dem reizenden Badeorte mit seinen wunder- 
wirkenden Mineralquellen, war der Erzherzog von der Schönheit der Gegend so 
entzückt, dass er den Maler Tepa beauftragte, ihm Landschaftsbilder von dort 
anzufertigen. Nach einem Besuche der Saline Stebnik langte Seine kaiserliche 
Hoheit am Abend in Stryj an, mit wahrer Begeisterung begrüßt, und besichtigte 
am 29. die Amter bis zum Abend, wo er wiederum um 6 Uhr Gäste zur Tafel 
zog. Das letzte Ziel war Bolechöw, zur Besichtigung der ergiebigen Saline, die, 
auf amerikanische Art in Betrieb gesetzt, Steinsalz und Soole aus größter Tiefe 
leicht und rasch zutage fördert. Von der hier herrschenden musterhaften Ordnung 
höchst befriedigt, kehrte der Erzherzog am 30. November nach Lemberg zurück. 

Das heilige Weihnachtsfest gedachte der Erzherzog im Kreise der Seinen zu 
begehen und nahm für kurze Zeit Abschied von Lemberg. Er beehrte noch am 
14. December, Donnerstag, die sehr zahlreich besuchte Soiree beim Grafen 
Go*uchowski, die zweite nach Eröffnung der Salons in diesem Winter, und, indem 
er sich in der heitersten Laune unterhielt, verblieb er bis gegen 10'/« Uhr, 

Vor der Abreise machte der Erzherzog mehrere Geschenke. Dem Maler 
Tysiewicz, welcher die Appartements in Aquarell gemalt und mehrere Bilder 
geliefert hatte, übersandte der Erzherzog eine wertvolle goldene Uhr als Ehren- 
geschenk für die besondere Freude, die ihm die Bilder bereitet hätten. 



Die Reise nach Wien zum Weihnachtsfeste trat der Erzherzog am 
17. December um 9 Uhr vormittags an, übernachtete in Przemysl bei Hofrath 
Saar, dinierte am 18. in Rzeszöw, verweilte am 19. anderthalb Stunden in Brzesko 
bei dem Grafen Veit Zelenski, besuchte in Bochnia den Erzherzog Rainer und traf 
gegen 5 Uhr in Krakau ein. Im Regierungsgebäude bei dem Landespräsidenten 
Grafen Mercandin abgestiegen, widmete der Erzherzog den 20., den Jahrestag 
seines ersten Eintreffens in Krakau, vom Grafen Mercandin, Polizeidirector Neußer 
und Baron Hornstein begleitet, der Besichtigung der Ämter, des botanischen Gartens 
und des Observatoriums und begab sich in die eben eröffnete «Ausstellung der 
schönen Künste«, in welcher Fürst Ladisl aus Sanguszko als Präsident dieHonneurs 
machte. Er besuchte dann den Erzherzog Leopold und lud denselben nebst zahl- 
reichen vornehmen Gästen, darunter Bischof tgtowski, zur Tafel. Dann erschien er 
noch im Theater, wo die Oper «Hernani» gegeben wurde. Am 21. December früh 
3'/i Uhr reiste er mit der Bahn ab und traf gegen 8 Uhr abends in Wien ein, 
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Nachdem er die Feiertage im häuslichen Kreise verbracht hatte, kehrte er am 
15. Januar 1855 nach Lemberg zurück, übernachtete in Krakau, besuchte am 16. 
wieder den Erzherzog Rainer in Bochnia, kam am 17. früh nach Rzeszöw, abends 
nach Przemysl, wo das Diner genommen wurde und das Nachtlager stattfand, 
aus welchem Anlasse Kreishauptmann Saar vom Grafen Gotuchowski die 
erneuerte kategorische Weisung erhalten hatte (Z. 248), dass nur Folgendes 
serviert werden dürfe: Suppe, Rindfleisch, Gemüse, Braten, Mehlspeise, ein leichter 
weißer und ein gewöhnlicher rother Wein, zum Frühstück Kaffee mit Semmeln 
oder «Gugelhupf». In Lemberg am 18, Januar 1855 nachmittags 3 Uhr ange- 
kommen, fand der Erzherzog den Statthalter und die Generalität, die Erzbischöfe, 
die Behörden und den Magistrat zu freudiger Begrüßimg versammelt. 



Die Vorträge aus der praktischen politischen Gesetzkunde wurden von 
Mosch wieder aufgenommen und die aus der Finanzgesetzkunde von dem Ober- 
finanzrathe Ludwig Biegelmaier begonnen. Am 21. Januar 1855 begann der 
Erzherzog auch das Studium der polnischen Sprache unter Anleitung des Statt- 
haltereirathes Grafen Moriz Dzieduszycki und verlegte sich mit solchem Ernste 
darauf, dass er es nach kurzer Zeit im Lesen und Schreiben sehr weit brachte. 

Während der Faschingszeit wurden, theils zur Pflege der gesellschaftlichen 
Beziehungen, theils zu wohlthätigen Zwecken, Bälle abgehalten, welche die 
früheren an Großartigkeit übertrafen. Am 28. Januar 1855 fand zu Gunsten der 
Kleinkinderbewahranstalt in den gräflich Skarbek'schen Redoutensälen ein Ball 
statt, bei welchem der Erzherzog eine namhafte Spende machte. 

Einen großen und höchst bemerkenswerten Ball gab der Statthalter am 
5. Februar, zu welchem er über 400 Personen einlud. Wirkungsvoll war vor allem 
die übrigens sehr geschmackvoll hergerichtete Toilette der Damen, indem die 
Tänzerinnen alle weiß, die nicht tanzenden Damen alle schwarz gekleidet waren. 
Erzherzog Carl Ludwig erschien mit Erzherzog Carl Ferdinand vor 9 Uhr, und 
nach einer animierten und liebenswürdigen Conversation nahmen die durchlauch- 
tigsten Herren den Thee mit Graf und Gräfin Gofuchowska, Fürstin Jabtonowska 
und der Gemahlin des Statthalterei-Vicepräsidenten Kalchberg. Der Erzherzog Carl 
Ludwig tanzte mit den Gräfinnen Maria Gotuchowska und Isabella Russocka, 
Sophie Lewicka (Mazur), Dunin-Borkowska, sowie mit Fräulein Brzozovvska. Um 
1 '/» Uhr wurde das Souper serviert, welches Erzherzog Carl Ludwig, während 
Erzherzog Carl Ferdinand sich bereits entfernt hatte, anzunehmen geruhte, und es 
hatten die Ehre, an seinem Tische zu sitzen, außer den Gastgebern die Gräfinnen 
Russocka, Karnicka, Wladimir Dzieduszycka und Eduard Fredro, die Grafen 
Lewicki, Heinrich Fredro und Fürst Leo Sapieha. Der Erzherzog tanzte noch nach 
dem Souper (mit Gräfin Dunin-Borkowska und Helene TurkuW) und verließ erst 
gegen 5 Uhr den Saal. 

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Eine überaus zahlreich besuchte Soiree war am 15. Februar beim Grafen 
Goiuchowski. Am Theetische saßen mit dem Höchsten Herrn die Fürstin Jablo- 
nowska, die Gräfinnen Badeni und Dunin-Borkowska, General der Cavallerie Graf 
Schlick, Generalmajor Baron Henickstein und Graf Kasimir Krasicki. 

Den zweiten Ball veranstaltete Graf Goluchowski am 18. Februar und lud 
450 Personen ein. Der Erzherzog kam um 8'/* Uhr, und nachdem er den Thee 
mit Gräfin Goluchowska, mit den Damen Zaleska, Gorayska und Stroynowska 
genommen hatte, begann der Tanz, an dem sich der Erzherzog mit der Statt- 
halterin, den Gräfinnen Sophie Lewicka, Maria Kamicka (Mazur), Isabella 
Russocka, mit Baronin Hornstein, Malvina Korytowska und Gräfin Wanda 
Borkowska (Mazur) betheiligte. Auch nach dem Souper, das Seine kaiserliche 
Hoheit mit den Gastgebern, Gräfinnen Lewicka, Dunin-Borkowska, Baworowska, 
Frau Malvina Korytowska, Feldmarschall-Lieutenant von Weigel, Graf Karnicki 
und Josef Ritter von Gorayski nahm, tanzte der Erzherzog {mit Gräfin Dunin- 
Borkowska und Frau Woyczynska) und entfernte sich erst nach 5 Uhr. 

Auch bei dem Grafen Siemiehski fand ein Ballfest statt, das vom Erzherzog 
beehrt wurde und einen glänzenden Verlauf nahm. 



Im Allerhöchsten Kaiserhause sah' man einem freudigen Ereignisse entgegen, 
und Erzherzog Carl Ludwig trat am 23. Februar in strengstem Incognito eine 
schleunige Reise nach Wien an. In Mosciska nahm er ein Gabelfrühstück bei dem 
Pfarrer Szafraüski; in PrzemysI wurden bei der Post die Pferde gewechselt; das 
Diner und Nachtlager fand in Radymno bei dem Postmeister Löffler statt. Am 
24. gieng die Reise bis Göra Ropczycka, wo bei dem Grafen Kasimir Starzenski 
gerastet und diniert wurde, und dann nach Tarnöw, wo der Erzherzog im Kreis- 
amtsgebäude übernachtete. Sonntag, den 25. Februar erfolgte die Weiterreise sehr 
früh bis Brzesko, wo die heilige Messe gehört und beim Grafen Veit Zelenski 
ein Dejeuner genommen wurde. InKrakau abends 7</, Uhr angekommen, hielt der 
hohe Herr das Nachtlager im Regierungsgebäude und reiste am 26. Februar früh 
3»/* Uhr mit dem Schnellzuge nach Wien, wo die Ankunft abends 7 Uhr erfolgte. 

Am 5. März kam die Tochter des Allerhöchsten Kaiserpaares, Erzherzogin 
Sophie, auf die Welt. An demselben Tage schenkte Erzherzogin Elisabeth dem 
Erzherzog Carl Ferdinand den ersten Sohn Franz, der aber schon am 13. März 
starb, Nach den Tauffeierlichkeiten reiste der Erzherzog Carl Ludwig mit seinem 
Bruder Ferdinand Max am 19. nach Prag und kehrte am 22. nach Wien zurück. 

Eine Woche darauf, am 29. März, wurde die Rückreise nach Galizien 
angetreten. Um 1 Uhr in der Nacht zu Krakau angekommen, setzte der Erzherzog 
die Reise früh um 6 Uhr über Bochnia, Tarnow, Rzeszöw, PrzemysI in strengstem 
Incognito fort und traf am 1. April um 5"/» Uhr nachmittags in Lemberg ein, vom 
Statthalter und der Generalität ehrfurchtsvoll und freudigst empfangen. 



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Während die Vorträge in der Gesetzkunde, die sofort wieder aufgenommen 
wurden, ihren ungestörten Fortgang nahmen, besuchte der Erzherzog jetzt auch 
die Sitzungen der Statthatterei und wohnte den Gerichtsverhandlungen 
und Sitzungen im Oberlandesgerichte bei, zu denen der Oberlandesgerichts- 
Präsident Ignaz Stroynowski den Erzherzog geleitete, stets eifrig beflissen, die 
gewünschten Aufschlüsse zu geben. 

Bald wurde die Sommerwohnung in der Villa Skrzyiiski bezogen und der 
Garten in Stand gesetzt, wobei der Universitätsgärtner Bauer nach den Angaben 
des Erzherzogs neue Wege durch den Rasen zog. Die Vorträge fanden meist Im 
Gartensalon oder im Freien in der langen Allee statt. Hier übte sich der Erzherzog 
bisweilen auch im Scheibenschießen. In der Nachbarschaft regte sich vorübergehend 
größeres Leben, als Anfang Mai der Sw, Jur-Markt begann und der vom Magistrat 
übernommene Theil des Jesuitengartens umgegraben und vom Universitätsgärtner 
neu angelegt und in einen englischen Park verwandelt wurde. 

Der Erzherzog erhöhte wiederum einige Festlichkeiten durch seine Gegen- 
wart. Am 29. April 1855 wurde zur Danksagung für die glückliche Erhaltung des 
Papstes Pius IX., der beim Einsturz des Fußbodens zu Sanf Agnese fuori le mura 
in Rom wunderbar gerettet blieb, in der Lemberger Metropolitankirche ein feier- 
liches Hochamt gehalten, bei welchem der Erzherzog, die Generalität und die 
Spitzen der Behörden anwesend waren. 'Am 22. Mai war Fahnenweihe bei dem 
Grenadierbataillon des Linieninfanterie-Regiments Graf Coronini Nr. 6 auf dem 
Jabionowski-Kasemenplatz und auch dieser Feier, bei welcher sich die Kaiserin 
als Fahnenmutter durch die Statthalterin vertreten ließ, wohnte der Erzherzog bei. 
Wie im vorhergehenden Jahre nahm der durchlauchtigste Herr am 7, Juni an der 
Frohnleichnamsprocession der römisch-katholischen Kirche und am 10. Juni an 
dem Umgang der Ruthenen theil. 

Die Witterung war bis tief in den Mai rauh und kalt, so dass die Vegetation 
fast ganz zurückgehalten war und sich gar nicht entwickeln konnte. In den letzten 
Tagen des Mai aber geschah der Übergang mit Umgehung des Frühlings so 
plötzlich, dass man vom Winter in die heißesten Sommertage versetzt wurde, 
indem das Thermometer im Schatten die seit Jahren nicht mehr wahrgenommene 
Höhe von 27 Grad Reaumur um die Mittagszeit zeigte, während in der Sonne die 
Hitze bis auf 44 Grad stieg. Diese Witterungsverhältnisse bewirkten die sonst weit 
später vorkommenden Erkrankungen, die vielfach beunruhigend waren, wenn sie 
sich auch leicht beheben ließen. 

Den Orient krieg verfolgte der Erzherzog mit größter Aufmerksamkeit und 
verschaffte sich von allen Vorgängen genaue Kenntnis. Er ließ sich Berichte 
erstatten über die Ursachen des Conflictes, die diplomatischen Verhandlungen, 
die Stimmung der polnischen und der ruthenischen Bevölkerung gegenüber Russ- 
land und Österreich, über den Einfluss der polnischen Emigration auf ihre Lands- 
leute, die Aufstellung der österreichischen Truppen, die Zusammensetzung des 
Commandos und des Generalstabes, die Verpflegung der Truppen und die dabei 
entstandenen Schwierigkeiten, über «Eigenmächtigkeiten» und «Ausartungen*, 
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über den Bau der Fortificationen und der Communicationsstraßen, die Aus- 
schreibung des Nationalanlehens, den Einmarsch der österreichischen Truppen in 
die Donaufürstenthümer und behielt diese Angelegenheiten auch später im Auge. 

Bei der Aufstellung der Armeen in Galizien im Jahre 1854 war das Haupt- 
quartier des vom Erzherzog Carl Ferdinand befehligten Armeecorps in Mona- 
sterzyska, im Juli 1854 wurde es nach Tarnopol verlegt, rückte aber schon im 
August 1854 nach Zaieszczyki vor, während Feidmarschall -Lieutenant Fürst 
Edmund Schwarzenberg mit seinem Armeecorps nach Tarnopol kam. Allein am 
29. September 1854 rückte Erzherzog Carl Ferdinand nach Tarnopol zurück 
und verblieb daselbst, bis das Armeecorps im Juli 1855 nach Ungarn abrückte. 
Zur Wohnung war ihm hier das ärarische Gebäude eingeräumt, in welchem bisher 
die Kreisbehörde untergebracht war, während Amt und Kreishauptmann in ein 
neues Haus übersiedelten. In der Charwoche 1855 kam auch Erzherzogin 
Elisabeth nach Tarnopol, da in den dem Erzherzog zur Verfügung stehenden 
Räumen eine passende Wohnung für sie hatte hergerichtet werden können. Die 
durchlauchtigsten Herrschaften, die sich in diesen Aufenthalt fanden, häutig 
Promenaden zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen machten, empfiengen hier manche 
Besuche. Als Erzherzog Albrecht, um die hier dislocierten Abtheilungen der 
von ihm commandierten III. Armee zu besichtigen, aus Ungarn kam und dann 
nach Stanislau zurückfuhr, begleiteten ihn Erzherzog Carl Ferdinand und Erz- 
herzogin Elisabeth bis Chodaczköw wieiki, worauf nach ihrer Rückkunft in 
Tarnopol sich das bekannte Hagelwetter entlud. Auch Erzherzog Carl Ludwig 
machte von Lemberg aus den Höchsten Herrschaften in Tarnopol einen Besuch. 
Er führ, nur von dem Dienstkämmerer Baron Buol begleitet, am II. Juni 1855 
über Ztoczöw nach Tarnopol, wohnte hier beim Kreishauptmanne, speiste aber bei 
Erzherzog Carl Ferdinand und Gemahlin und brachte daselbst den ganzen Tag 
zu. »Nur eine volle Stunde, von 12 — 1 Uhr mittags» — bemerkt ein hoher Beamter 
in einer vertraulichen Mittheilung an einen befreundeten Statthaltereibeamten in 
Lemberg — «geruhten Seine kaiserliche Hoheit in Höchstseinem Zimmer mit mir 
im Gespräch zuzubringen», von Amtsgeschäften und von den Verhältnissen des 
Landes redend, »wobei ich nicht genug staunen konnte, wie gut Seine kaiserliche 
Hoheit von allem informiert sind». Am 13. Juni früh fuhr der Erzherzog von 
Tarnopol nach Lemberg zurück. 

An demselben Tage, Mittwoch, den 13. Juni 1855, früh 7 Uhr 20 Minuten 
kam Seine Majestät in Szczakowa, um 8'/» Uhr in Krakau an, um behufs 
«Inspicierung der in Galizien aufgestellten Truppen» das Kronland zu 
bereisen. Als nun der Kaiser von Przeworsk nach Jarostau fuhr, reiste Erzherzog 
Carl Ludwig von Lemberg nach Przemysl, um am folgenden Tage in der Früh 
mit Seiner Majestät in Jarostau zusammenzutreffen. Am 18. Juni mittags kam 
der Kaiser in Jaroslau an, und am 19, morgens erschien Erzherzog Carl Ludwig 
daselbst zur Begrüßung des kaiserlichen Bruders, kehrte aber schon am 20. Juni, 
als Seine Majestät von da nach Przemysl fuhr, nach Lemberg zurück. Indessen 
reiste der Kaiser am 21. um 6 Uhr früh aus Przemysl ab. Schon auf der Poststation 
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Bartatöw traf er den von Lemberg bereits dahin geeilten Bruder an und hielt in 
dessen Begleitung am 21. Juni 1855 nachmittags 3 Uhr seinen Einzug in Lemberg. 
Der Kaiser wohnte in der Statthalteret, nahm aber das Diner bei Erzherzog Carl 
Ludwig in dessen Sommerwohnung. Am 25. Juni verließ der Kaiser Lemberg bei 
rauhem und regnerischem Wetter und reiste über Zioczöw, Tarnopol, Czortköw, 
Zaieszczyki nach Czernowitz, am 4. Juli über äniatyn nach Kolomea, wo 
Erzherzog Albrecht den Kaiser begrüßte, am 5. Juli nach Stanislawöw, über 
Kalusz nach Bolechöw, wo Seine Majestät wiederum durch die Anwesenheit 
des Erzherzogs Carl Ludwig erfreut wurde, der den kaiserlichen Bruder nach 
Stryj begleitete, wo großer Empfang stattfand und eine Deputation aus Lemberg 
ihre Abschiedshuldigung darbringen durfte. Hier verabschiedete sich der Kaiser 
von seinem Bruder, der nach Lemberg zurückkehrte. Die Allerhöchste Reise gieng 
dann von Stryj nach Drohobycz, Sambor, Przemysl, wo der Statthalter Graf 
GoJuchowski, der Seine Majestät auf der ganzen Reise begleitet hatte, in Gnaden 
entlassen wurde, von da ohne Unterbrechung nach Krakau. Um 6 Uhr morgens, 
den 9. Juli, daselbst angekommen, reiste Seine Majestät um 6"/* Uhr nach Wien 
und traf abends 9 Uhr in Laxenburg ein. 

Die Truppenaufstellung in Ostgalizien wurde aufgehoben, und an einem 
sehr warmen Julimorgen verließen Erzherzog Carl Ferdinand und Erzherzogin 
Elisabeth die Stadt Tarnopol, nachdem am Abend vorher eine sehr große Abschieds- 
feier stattgefunden hatte. 

Der Kaiser war von der galizischen Reise im höchsten Grade befriedigt. Der 
Statthalter Graf Goluchowski, der unter schwierigen Verhältnissen seit Ende 
Januar 1849 das Land verwaltete und die glänzendsten Erfolge erzielte, indem er 
die aufgeregten Gemüther auf kluge und thatkräftige Weise zu zügeln und zu 
beruhigen wusste und das wahre Wohl des Landes zu fördern verstand, erhielt 
schon in Galizien von Seiner Majestät ganz besondere Beweise der Anerkennung 
und des Vertrauens. 

Am 29. und 30. Juli 1855 feierte die Hauptstadt Galiziens das 22. Geburtsfest 
des Erzherzogs Carl Ludwig in glänzendster Weise. Am Vortage, den 29., wurde 
die kaiserliche Standarte mit 4 Fahnen in städtischen Farben am Rathhausthurme 
auf 48 Stunden gehisst. In der bürgerlichen Schießsfätte fand ein Festschieflen statt, 
welches der Erzherzog persönlich eröffnete, wobei er 20 sehr gelungene Schüsse 
machte. Den Schluss bildete eine Serenade mit bengalischer Beleuchtung. Am 
30, um 9 Uhr vormittags war feierlicher Gottesdienst in der Metropolitan -Dom- 
kirche. Um lOUhr erfolgte die Inauguration der «Carl Ludwig-Straße». Die Stadt- 
vertretung hatte sich nämlich, um das die Stadt so sehr ehrende Andenken an den 
Aufenthalt des Erzherzogs in Lemberg auf künftige Geschlechter zu verpflanzen, 
die Gnade erbeten, die Promenadestraßen am Peftew, in welchen Seine kaiserliche 
Hoheit gewohnt hatte, mit dem Höchsten Namen auszeichnen und «Obere» und 
•Untere Carl Ludwig-Straße» benennen zu dürfen. Nachdem der Erzherzog die 
Zustimmung ertheilt hatte, fand am 30. nach dem Gottesdienste die Enthüllung 
der Straßenaufschriften statt. In dem Sommersitze des Erzherzogs wurden alsdann 
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die Glückwünsche dargebracht. Alle Fenster der neubenannten Straßen wurden 
am Abend von den Bewohnern beleuchtet, und als um 9 Uhr abends der Erz- 
herzog in Begleitung des Bürgermeisters die Beleuchtung in Augenschein nahm, 
wurde er von der Volksmenge, die trotz des starken Regens sich ansammelte, 
freudigst begrüßt. Das schönste und erfreulichste Angebinde erhielt der Erzherzog 
von Seiner Majestät dem Kaiser. 

Die Ernennung Seiner kaiserlichen Hoheit zum Statthalter von Tirol, die 
bereits am Festtage selbst in Lemberg dem Herrn Erzherzog durch den Tele- 
graphen mitgetheilt worden war, brachte die «Wiener Zeitung» Dienstag, den 
31. Juli 1855 mit den Worten: 

«Seine k. k. Apostolische Majestät geruhten vermöge Allerhöchsten Hand- 
schreibens vom 30. Juli Höchstseinen Bruder, Seine k. k. Hoheit Erzherzog Carl 
Ludwig, zum Statthalter in Tirol allergnadigst zu ernennen und den bisherigen 
Statthalter daselbst Cajetan Grafen Bissingen in gleicher Eigenschaft nach Venedig 
zu übersetzen.» 

Donnerstag, den 2. August meldete das amtliche Blatt die Beförderung des 
Erzherzogs zum Generalmajor. 

Der kaiserliche Prinz trat nun in Begleitung des Statthalters sofort die noch 
geplante Reise in die Bukowina an, die 16 Tage dauerte. Noch am Abend 
des 30. verließ der Erzherzog Lemberg und traf am 31. Juli um Vt6 Uhr nach- 
mittags in Stanislawöw ein, worauf nach feierlichem Empfang die Vorstellungen 
erfolgten. Am 1 . August unterzog der Erzherzog nach Anhörung der heiligen Messe 
die Ämter und die Strafanstalt einer Besichtigung und machte einen Ausflug 
nach Ttumacz, um die Zuckerfabrik anzusehen. Von Stanislawöw reiste er am 
2. August um 8 Uhr früh ab und traf, nachdem er unterwegs den Bau der Franz 
Josef-Saline besichtigt hatte, um 4'/» Uhr nachmittags in Kolomea ein, wo nach 
der üblichen Vorstellung zahlreiche Persönlichkeiten die Ehre hatten, zum Diner 
gezogen zu werden. Am 3. August wurde um 8 Uhr morgens die Weiterreise 
angetreten, unterwegs die Saline zu Kossöw besichtigt und um 3 Uhr die Grenze 
der Bukowina bei Wisznitz erreicht, wo ein feierlicher Empfang stattfand, indem 
sich hier eine Deputation des Adels, OtBciere, Geistlichkeit und Beamten einge- 
funden hatten. Der Landespräsident, der dem Erzherzog entgegen geeilt war, legte 
an der Landesgrenze bei der Ehrenpforte die Gefühle der Ergebenheit des Landes 
dar, worauf der Erzherzog erwiderte, dass er Lemberg nicht verlassen durfte und 
seiner künftigen Bestimmung nicht folgen konnte, ohne die Bukowina besucht zu 
haben. Begleitet von berittenen Bergschützen fuhr der Erzherzog nach Berho- 
meth, wo er im Edelsitze des Freiherrn von Wassilko abstieg. Nach dem Diner 
begab er sich in den Curort Lopuszna, wo er mit feierlichem Empfange erfreut 
wurde und gestattete, dass die Heilquelle «Carl Ludwig-Brunnen» genannt werden 
dürfe. Die Rückfahrt wurde in der Abenddämmerung angetreten und der Curort 
wurde glänzend illuminiert. Auf der ganzen Strecke waren Fackelträger auf- 
gestellt, auf den Gipfeln der umliegenden Höhen brannten Freudenfeuer und der 
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Edelhof war herrlich beleuchtet. Die hieher berufene Militär-Musikkapelle brachte 
noch eine Serenade, 

Am 4. August gieng die Reise von Berhometh um 8 Uhr früh Über Storozynec, 
Czudin und Wikow nach Kadautz, wo die Ankunft um 2 Uhr erfolgte und nach 
dem Diner eine Ausfahrt nach dem k. k. Gestüt unternommen wurde. Am 5. August 
war Hochwildjagd in den Forsten von Radautz und am 6. wurde die Reise über 
Mardzina und Solka nach Kaczyka fortgesetzt. Hier nahm der Erzherzog die 
Grundsteinlegung zu dem neuen Salinenwerke vor, wobei eine feierliche Messe 
abgehalten, der Stein geweiht und das Document vom Erzherzoge unterzeichnet 
wurde. Bei dem Festmahl brachte der Erzherzog einen Toast auf das Wohl des 
Landes aus, der von den Anwesenden mit Begeisterung aufgenommen und vom 
Landespräsidenten mit Worten des ehrerbietigsten Dankes erwidert wurde. Der 
Erzherzog reiste am Abend weiter und übernachtete auf dem Gestüthof Frasin. 
Am 7. August machte er die interessante Gebirgsreise nach Kirlibaba, wo der 
Bergwerksbesitzer Manz mit den Bergknappen einen feierlichen Empfang bereitete. 
Nach dem Diner wurde auf der Goldenen Bistritza eine Wasserfahrt durch die 
Gebirgsschluchten bis Jacobeni gemacht, wo die Ankunft um 8'/» Uhr erfolgte 
und nach einem herzlichen Empfange bei der Ehrenpforte durch die Bergknappen 
und eine Schar weißgekleideter Mädchen in dem Edelhofe des Herrn von Manz 
das Absteigequartier genommen wurde. Abends fand festliche Beleuchtung der 
Ehrenpforte, der Kirche und der Hochöfen statt, worauf die Illumination der 
Wohngebäude an den Berglehnen und die Freudenfeuer auf den Gipfeln bis in die 
weite Ferne der Bergschlucht ein ununterbrochenes Lichtmeer verbreiteten. Unter- 
dessen fand eine stimmungsvolle Serenade statt, worauf ein Festaufzug der Berg- 
leute mit Freudenrufen und Schwingen der Lampen folgte. Am 8. August wurde 
ein Ausflug in das Hochgebirge nach Pojana stampi unternommen und die 
Bergspitze Pripora Kandry bestiegen, wo sich eine weite Fernsicht in das Sieben- 
bürgener Hochgebirge darbot. Die Rückkehr erfolgte zu Pferde über die Gebirgs- 
kette nach Dorna Kandreny und dann nach Jacobeni. Höchst befriedigt Über 
diesen Aufenthalt, verließ der Erzherzog am 9. August Jacobeni und reiste über 
Poschoritta, Kimpolung und Eisenau, wo er die Eisenwerke des Herrn von Manz 
besichtigte und mit den huldreichsten Worten sich von letzterem verabschiedete, 
nach Gura Humora und erreichte Suczawa um 5 Uhr, wo sofort die Vorstellungen 
stattfanden. Nach dem Diner besuchte der Erzherzog "das griechisch-orientalische 
Kloster Dragomirna, woselbst er von dem griechisch-orientalischen Bischöfe 
Hackmann und den Mönchen begrüßt wurde. Auf dem Rückwege, von berittenen 
Fackelträgern begleitet, nahm er noch spät abends das Bethaus der Lipowaner Secte 
in Lipoweni in Augenschein und empfieng Brot und Salz. Am 10. August hörte er 
in der Frühe die heilige Messe in der Pfarrkirche zu Suczawa und reiste über Sereth 
nach Czernowitz, immerfort von einer Anzahl berittener Landleute begleitet. 

In Czernowitz nachmittags um 3«/» Uhr angekommen, wurde Seine kaiser- 
liche Hoheit vom Bürgermeister mit dem städtischen Ausschusse und der Schul- 
jugend an der Ehrenpforte begrüßt und vor der Wohnung des Landespräsidenten, 
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wo das Höchste Quartier genommen wurde, von der Generalität empfangen, sowie 
von dem Adel, der Geistlichkeit und den Behörden. Nach Besichtigung der Ehren- 
compagnie fand sofort die Aufwartung der Behörden statt, die dann um 4 Uhr 
zum Diner gezogen wurden. Nach dem Diner wurden dem Erzherzoge, der auf 
einer Tribüne Platz genommen, in einem Festaufzuge sämmtliche Nationahtäten 
der Bukowina vorgestellt, die dabei der Reihe nach einzeln ihre Nationaltänze 
aufführten. Dann begab sich der Erzherzog zum Festschießen der Schützen- 
gesellschaft und besuchte noch am Abend in dem Lustwäldchen Horecza die 
alterthümliche griechische Kirche. Spät fand noch ein Fackelzug statt mit einer 
musikalischen Aufführung, wobei eine eigens verfasste Cantate abgesungen wurde. 

Der Erzherzog inspicierte am 1 1. August, nachdem er um 10 Uhr die hellige 
Messe gehört, Steuerdirection, Landeshauptcasse , Landesregierung und Straf- 
gerichtshof und begab sich dann in die landwirtschaftliche Ausstellung, wo er 
zahlreiche Gegenstände mit eingehendem Interesse in Augenschein nahm. ■ 

Dem Diner, das um 2 Uhr stattfand, wohnten die Generale und Officiere, der 
Adel und die Behörden, der Bürgermeister und der Gemeindeausschuss bei, und der 
Landespräsident hielt eine schwungvolle Tischrede, auf die unendlicher Jubel folgte. 

Abends um 5 Uhr reiste der Erzherzog unter lebhaftem Zurufe der Menge 
von Czernowitzab und fuhr über Kotzmann nach Zaleszczyki, wobei ungeachtet 
des strömenden Regens die Landleute in der Abenddämmerung herbeigeeilt waren, 
die Straße mit Fackeln zu erleuchten. In Zaleszczyki um 8 Uhr abends ange- 
kommen, versicherte er den Landespräsidenten in der huldvollsten Weise der 
höchsten Zufriedenheit. 

Von hier setzte er am 12. August, nachdem er die heilige Messe gehört, um 
11 Uhr die Reise nach Skala, dem Gohichowski'schen Landsitze, fort, und kam 
auf der Weiterfahrt über Chorostköw nach Strusöw in das Schloss des Grafen 
Baworowski. Zum Empfange ließ der Graf seinen großen, am Sereth gelegenen 
Park, der sich an einen bewaldeten, im Halbkreis sich hinziehenden Berg anlehnt, 
prachtvoll beleuchten, und in festlichem Gepränge wurde die Anwesenheit des 
hohen Gastes in dem Schlosse gefeiert. Der Erzherzog übernachtete in dem 
Schlosse und es waren ihm die Appartements des ersten Stockes zur Verfügung 
gestellt. Am folgenden Tage gegen 10 Uhr setzte er die Reise nach Tarnopol fort, 
wo man wegen der herrschenden Cholera die Maßregel getroffen hatte, dass die 
Pferde zur Umspannung nicht neben dem Postgebäude in der Stadt, sondern hinter 
der Stadt bei der Brücke aufgestellt wurden. Hier empfieng der Erzherzog, dem von 
der Cholera keine Mittheilung gemacht worden war, die telegraphische Nachricht, 
dass die gefürchtete Krankheit bereits in Lemberg aufgetreten sei. Gegen 3 Uhr 
kam die Reisegesellschaft nach Ptotycza und wurde im Schlosse des Erazm 
R, von Korytowski bewirtet Wegen der Cholera wurde während des Diners bei 
jeder Speise die Zulässigkeit erwogen, und während die vorsichtigen Gäste stark 
dem rothen Weine zusprachen^ hatte der Erzherzog seine große Sorge mit dem 
Statthalter, der sich gar keine Diät auferlegen wollte, und die gefährlichsten Dinge, 
wie Gurken und rohes Obst, verzehrte. Der junge Prinz tadelte den Grafen wegen 
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seiner Sorglosigkeit und erkundigte sich am anderen Tage früh nach seinem 
Befinden, das indessen nichts zu wünschen Übrig ließ. Die Rückreise erfolgte 
über ZaJosce und Podkamien nach Lemberg, wo der Erzherzog mit dem Statt- 
halter am 16, August in der Früh um 1 Uhr ankam. 



Das Allerhöchste Geburtsfest wurde am 18. August besonders festlich 
begangen. Der Erzherzog, der um 9 Uhr dem Festgottesdienste in der Kathedral- 
kirche beiwohnte, wurde am Portale vom Statthalter Grafen Goluchowski und 
dem Erzbischofe Baraniecki empfangen und in das Innere des Domes geleitet; nach 
dem Hochamt mit Tedeum wurde die Volkshymne gesungen. Um 5 Uhr gab 
Seine kaiserliche Hoheit ein großes Diner in den Sälen der Statthalterei. Wegen 
der traurigen Sanitätsverhältnisse konnte kein Theater stattfinden. 

Am 19. August 1855 um '/il2 Uhr verließ der Erzherzog Lemberg 
nach beinahe zweijährigem Aufenthalte, Er schied mit sichtlicher Wehmuth, und 
als er, vom Statthalter herabgeleitet, der Bevölkerung Höchstseinen Dank für die 
bewiesene Zuneigung und Liebe aussprach, konnte sich die Umgebung nicht der 
Thränen erwehren. Der Erzherzog befahl, um möglichst von der ganzen 
Bevölkerung Abschied zu nehmen, einen Umweg durch die entfernteren 
Straßen bei der Abfahrt einzuschlagen, wobei der Bürgermeister Carl Ritter 
von Höpflingen vorzufahren und zu geleiten die Ehre hatte. An den Stadtmarken 
war der Magistrat und Gemeinderath versammelt, und als hier der Bürgermeister 
in einer Ansprache den Scheidegruß sprach, erwiderte Seine kaiserliche Hoheit 
aufs tiefste bewegt und gab die herzlichsten Versicherungen. 

Mit gründlichen und umfassenden Kenntnissen im politischen Dienste aus- 
gestattet, kehrte Erzherzog Carl Ludwig nach Wien zurück und trat, theoretisch 
und praktisch wohl vorbereitet, das ihm von Seiner Majestät übertragene Amt 
eines Statthalters von Tirol an. 

Seinen Lehrern in Lemberg bewahrte er treue Erkenntlichkeit und blieb 
noch lange mit ihnen im Briefwechsel, indem er ihnen stets seine Dankbarkeit 
bezeigte. Er hinterließ, ihnen auch sinnige Zeichen der Erinnerung. Dem Grafen 
Moriz Dzieduszycki zum Beispiel schenkte er eine colorierte Photographie, ein 
vortrefflich gelungenes Porträt des 22jährigen Erzherzogs, eine der ersten photo- 
graphischen Aufnahmen, die damals überhaupt in Lemberg gemacht wurden, femer 
eine kostbare, mit Diamanten besetzte Busennadel und noch andere Gegenstände, 
die alle als theuere Andenken ebenso wie die Briefe des Erzherzogs in den Samm- 
lungen der Familie aufbewahrt werden. Am 8. December 1863 schrieb er in einem 
Briefe an den Statthalterei -Vicepräsidenten Mosch: «In diesem Monate sind es 
schon zehn Jahre, dass ich nach Lemberg kam. Ich erinnere mich sehr gerne dieser 
Zeit; denn ich war so zufrieden dort, und ein Gefühl der Dankbarkeit fesselt mich 
an diesen Aufenthalt . . . Nächst dem Grafen Goluchowski habe ich auch Ihnen, 
heber Mosch, recht viel zu danken , , . Seit den zehn Jahren bin ich viel herum- 
gekommen und habe vieles erlebt, Kummer und Sorgen, aber auch freudige Zeiten 
und Genugthuung . . .> 

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IV. Capitel. 
Erzherzog Carl Ludwigs Statthalterschaft in Tirol. 1855 — 1861. 



So vortrefflich das centralJstische System Bachs an sich war, so hatte es 
doch im Lande Tirol durch unpopuläre neue Schöpfungen, wie jene der 
72 k. k. Steuerämter und der Gendarmerie, eine gewisse Misstimmung hervor- 
gerufen. Das Steuerwesen hatte nämlich bisher die Landschaft besorgt, für die 
öffentliche Sicherheit aber ein Gerichtsdiener in jedem Landgerichte vorkommen 
genügt. Zudem hatte gerade im Jahre 1855 manches schwere Unglück das Land 
betroffen. Im südlichen Landestheile forderte die Cholera zahlreiche Opfer; im 
Bezirke Trient allein hatte sie bis 8. October 6155 Personen dahingeraüft, und im 
oberen Vinstgau waren im Juni infolge des Ausbruches des Grauner Sees mehrere 
Dörfer theilweise der Zerstörung anheimgefallen. Wie ein Sonnenstrahl aus 
düsterem Gewölk fiel nun die Nachricht von der kaiserlichen Ernennung des 
Erzherzogs Carl Ludwig zum Statthalter von Tirol auf das in seinem Innersten 
verstimmte Land. Die Kunde von dem unerwarteten Ereignisse war in der Landes- 
hauptstadt am l. August 1855 eingetroffen, durfte aber erst am 3. August den Weg 
der Öffentlichkeit betreten; denn sie lag noch nicht gedruckt in der amtlichen 
•Wiener Zeitung> vor. 

In der Ernennung des Erzherzogs Carl Ludwig zum Statthalter von Tirol 
erblickte die Bevölkerung des Landes nicht bloß ein Zeichen besonderer Huld 
Seiner Majestät des Kaisers, da bisher nur in Ungarn ein kaiserlicher Prinz an 
der Spitze der Verwaltung stand, sondern gab sich Hoff'nungen hin, an deren 
Erfüllung nur die eingetretene begeistertste Stimmung glauben konnte. «Redeunt 
Saturnia regna, die guten alten Zeiten kehren wieder!» erscholl es aus Stadt 
und Land. 

Hatte Innsbruck erst das Eintreffen der officiellen'WienerZeitung» abwarten 
müssen, um der Freude über das Ereignis Öffentlichen Ausdruck zu geben, veran- 
staltete die Bürgerschaft von Bozen noch am Abend des 1 . August einen groß- 
artigen Fackelzug, zu welchem auch der letzte Mann der alten Handelsstadt aus- 
gerückt war. 

Die schon für den August in Aussicht genommene Reise des Erzherzogs 
nach Tirol und die Übernahme der Statthalterschaft erlitt eine mehrwöchentliche 
Verzögerung, welche die Bevölkerung zu Vorarbeiten für den festlichen Empfang 

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benützte. Am allereifrigsten erwiesen sich hierin die in großem Aufschwünge 
begriffenen Schießstände nebst den Schützengeseltschaften. 

Am 24. September gegen Mittag an der Landesgrenze, an dem kriegs- 
geschichtlich berühmten Passe Strub angekommen, wurden Seine kaiserliche 
Hoheit von der landschaftlichen Activität (dem ständischen Ausschusse), vom 
Vice-Präsidenten der Statth alterei, von Corporationen und hochgestellten Persön- 



Carl Luduig, Erzherzog von Österreich, Slallkallcr in Tirol. 

lichkeiten unter dem Jubel der in Parade aufgestellten Schützencompagnien und 
der herbeigeströmten Volksmenge empfangen. Die ersten Worte, welche Seine 
kaiserliche Hoheit auf tirolischem Boden sprach, waren Worte des Dankes gegen 
Seine Majestät für seine Ernennung zum Statthalter dieses Kronlandes, für dessen 
Bestes er mit Gottes Segen seinen hohen Beruf ausüben zu können hoffe. 

Der Festjubel an der Landesgrenze pflanzte sich wie die mit dem Fort- 
schreiten wachsenden Lawinen durch alle folgenden Orte und Städte fort. Selbst 
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entlegene Seitenthäler hatten zum Empfange des kaiserlichen Prinzen ihr 
Contingent an waffenfähiger Mannschaft, ihre Fahnen und Trophäen, ihre besten 
Musikanten und Sänger und ihre fröhliche Jugend mit Blumen und Kränzen an 
die allerorts mit Triumphbögen geschmückte Heerstraße gestellt, um in den Jubel 
ihrer Nachbarn draußen auf dem Lande einzustimmen. Alles Überbot an Fest- 
lichkeiten die Landeshauptstadt selbst, in welcher der Erzherzog am 26. Sep- 
tember seinen Einzug hielt. An der Stadtgrenze vom Bürgermeister begrüßt, 
erwiderte der Erzherzog wie an der Landesgrenze vor allem mit warmen 
Worten des Dankes an Seine Majestät, dessen Gnade er die Freude verdanke, 
als Statthalter des treuen Tiroler Landes die Stadt Innsbruck betreten zu können, 
in welcher er vor sieben Jahren Zeuge des Jubels gewesen sei, als der Kaiser 
in dem jederzeit ergebenen Lande Schutz fand. Wie tief die Erinnerung an den 
Aufenthalt des Allerhöchsten Hofes in der Bedrängnis des Jahres 1848 in dem 
warmen Gemüthe des Erzherzogs Carl Ludwig wurzelte, beweist wohl am 
besten, dass er jener Tage noch bei seiner letzten Anwesenheit in Innsbruck 
(1895) mit der warmen Versicherung gedachte: «So etwas vergessen wir nicht.» 

Die den Einzug des Erzherzog- Statthalters in Innsbruck begleitenden 
und die in den Tagen vom 26. September bis 1. October ununterbrochen 
folgenden verschiedenen Festlichkeiten näher zu beschreiben gienge weit über 
den Rahmen dieses Buches hinaus. Die Decorierung der Stadt, zu welcher 
Gärten und Wälder die letzten Blumen und den letzten Tannenzweig geopfert 
zu haben schienen und die Bewohner allen geeigneten Schmuck ihrer 
Wohnungen verwendeten, die feenhafte Beleuchtung aller Gassen und Gässchen 
der Stadt am 29. September und die alle sichtbaren Gipfel und Höhen der Berge 
meilenweit belebenden Freudenfeuer ließen alles bisher in Innsbruck Gesehene 
dieser Art weit hinter sich zurück, und kaum jemals wurde die Hofburg in 
Innsbruck von so vielen Deputationen von Dörfern, Städten, Gemeinden u. s. w. 
betreten, wie am 29. September 1855. Den Glanzpunkt alles dessen, was ein von 
wahrer Begeisterung ergriffenes Volk zu leisten vermochte, bildete aber der am 
30. September stattgehabte Kestaufzug der Scharfschützen Tirols. 

Im Mai hatte in Innsbruck das für dieses Jahr durch die Schießstands- 
ordnung anberaumte große kaiserliche Freischießen mit einem seit der Huldigung 
im Jahre 1838 nicht mehr vorgekommenen festlichen Aufzuge der Scheiben- 
schützen aus allen Landestheilen stattgefunden und 211 1 Schützen hatten sich an 
dem Schießen selbst betheiligt. Es gehörte daher wahrlich die höchste Begeiste- 
rung des Volkes dazu, ein solches Fest, dessen Besuch beim Mangel einer Eisen- 
bahn nur zu Fuß und mit großem Geld- und Zeitaufwande möglich war, ein 
zweitesmal ins Werk zu setzen, und wenn das Schützenfest zur Feier der Ankunft 
des Erzherzogs Carl Ludwig das im Mai stattgehabte kaiserliche Freischießen noch 
weit übertroffen hat, so war dies der sprechendste Beweis einer alle Schichten 
der Bevölkerung Tirols durchdringenden freudigen opfenvUligen Stimmung. 

Der über 3000 Mann starke Festzug war in 61 Abtheilungen aufmarschiert. 
500 Musikanten und Spielleute besorgten den Marschtact der aus allen Thälern 
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des Landes ausgerückten Scharfschützen, welche «kolbenhoch» ihre Stutzen 
trugen und in den mannigfaltigsten, damals der nivellierenden Zeit noch nicht zum 
Opfer gefallenen Volkstrachten erschienen waren. Bei diesem Anlasse sah man 
hier, freilich zum letztenmale, auch noch die Tuxer in ihrer Tracht, die in Stoff 
und Schnitt gleich originell war. Sie bildeten ein Elitecorps freudig erregter Kraft- 
menschen, in welche nur der ihnen an Stärke und Größe überlegene «Haupt- 
mann» die zum festlichen Aufzug nothwendige stramme Haltung zu bringen 
vermochte, allerdings nur bis zum Momente der Defilierung vor Seiner kaiser- 
lichen Hoheit; denn in diesem Augenblicke verfügte über die gesammte Mann- 
schaft überhaupt nur die begeisterte Stimmung, welche in den natürlichen Formen 
der Freude allein sich auszusprechen vermag. 

Nach dem Festzuge wurde das große Festschießen auf dem Landes-Haupt- 
schießstande von Seiner kaiserlichen Hoheit persönlich eröffnet. In Mitte der vor 
dem festlich decorierten Gebäude aufgestellten Schützen des Festzuges brachte 
der Oberschützenmeister Seiner kaiserlichen Hoheit als nunmehrigem Landes- 
Oberschützenmeister die Huldigung namens der ganzen Schützenschaft des 
Landes dar. Der Erzherzog gab hierauf seiner Freude Ausdruck, die herbei- 
gekommene wehrfähige Mannschaft Tirols zu sehen, und erklärte, dass er das 
Landes-Oberschützenmeisteramt mit Vergnügen übernehme und dass das 
■ Schützenwesen, mit welchem die Treue und Anhänglichkeit und die Hingebung 
an den Allerhöchsten Thron immer in Verbindung gestanden sei, auf seinen 
Schutz rechnen könne. 

An dem Schießen selbst sich betheiligend, zeigte sich der Erzherzog, wie 
bereits bei dem Festfreischießen, das zu seinem festlichen Empfange in Kufstein 
stattgefunden, mit dem Feuergewehr vollkommen vertraut und, obwohl eines ihm 
fremden Stutzens sich bedienend, hatte er am Landes- Hauptschießstande bald 
auch einen Schwarzschuss, dem ein Beifallssturm der ihn umgebenden Schützen 
folgte, aufzuweisen. Dem lauten Sport des Schießens huldigte jedoch der kaiser- 
liche Prinz, wie es scheint, nur in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in diesem 
Lande,besonders auf der bald nach den Innsbrucker Festlichkeiten vorgenommenen 
Inspectionsreise, wenn er auch als Landes-Oberschützenmeister dem Schießwesen 
den versprochenen Schutz jederzeit angedeihen ließ. 

Trotz der vielen geistigen und körperlichen Anstrengungen seit dem 
Betreten des Landes gönnte sich der Erzherzog nicht einen Tag der Ruhe, 
sondern trat bereits am 6. October in Begleitung seines Kammervorstehers Baron 
Hornstein und des Ministeriatsecretärs Joh, Vorhauser die Reise zur Inspection 
des seiner Verwaltung anvertrauten Kronlandes Tirol und Vorarlberg an. 

Aller Orten und Enden, wohin der Erzherzog kam, wiederholte sich das 
Schauspiel allgemeinen Jubels, welcher den neuen Statthalter vom Passe Strub 
bis in die Landeshauptstadt begleitet hatte. So stand denn wieder vor jedem 
Dorfe eine Ehrenpforte, durch die er, wie einer der seit dem Eintritte des großen 
Ereignisses zahllos erschienenen poetischen Ergüsse unserer Dichter und Reim- 
schmiede versicherte, <in das Herz des Volkes» einzog; überall paradierten Schützen- 
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compagnien und was sonst Macht und Ansehen zu repräsentieren oder einen 
fröhlichen, festlichen Eindruclt zu machen geeignet schien, stellte sich an den 
Eingang der im Festschmucke prangenden Ortschaft. So in Zirl, Telfs, Stams, 
Silz, Haiming und Imst. Beim festlichen Empfange an letzterem Orte betonte 
der kaiserliche Prinz in seiner Erwiderung auf die festliche Begrüßung durch 
den Bezirksvorstand «die schmerzliche Erinnerung an den betrübenden Todfall 
des Königs Friedrich August von Sachsen*, welchen die Unglücksstätte im 
nahen Brennbichl ihm so lebhaft vor Augen gestellt hatte. 

Am darauffolgenden Tage (Sonntag) begab sich der Erzherzog nach dem 
durch den Tod des Königs von Sachsen zur traurigen Berühmtheit gewordenen 
Brennbichl, um in der Votivkapelle dortselbst einer von dem Priesterveteranen 
Stephan Krismer gelesenen heiligen Messe beizuwohnen, und als an diesem Tage 
in Imst selbst die von einer ungewöhnlich großen Volksmenge gebildete 
<Rosariprocession> stattfand, nahm der kaiserliche Prinz persönlich daran theil, 
was begreiflicherweise in der ganzen Bevölkerung einen großen Eindruck 
machte. Tiefe, im Herzen begründete Religiosität mit allen ihren strengen 
Consequenzen im Öffentlichen und privaten Leben hat Erzherzog Carl Ludwig 
in hohem Maße ausgezeichnet, und es ist daher nicht zu verwundem, dass 
ihm hierlands nicht bloß die seiner hohen Stellung gesicherte äußerliche Ver- 
ehrung zutheil ward, sondern jener hohe persönliche Wert zuerkannt wurde, 
welchen die volle Übereinstimmung des ganzen Lebens mit der ausgesprochenen 
idealen Gesinnung voraussetzt. 

Am Abend des 7. October zuvor ward dem erlauchten Herrn von den Markt- 
bewohnem von Imst noch ein glänzender Fackelzug unter rauschender Musik und 
Nationalgesängen gebracht und 130 Freudenfeuer loderten auf den Bergspitzen 
und Höhepunkten der Umgebung. Der so warme Empfang des Erzherzogs in dem 
wegen seiner sprichwörtlich «felsenfesten* Gesinnung, im übrigen aber seiner 
nüchternen Ruhe wegen bekannten Oberlande bewies mehr als aller sonstige Jubel, 
welche Freude der Kaiser seinem Lande Tirol durch die Entsendung seines 
Bruders bereitet habe. 

Am 8. October setzte der Prinz, welchem in Imst in den mannigfaltigsten 
Formen die lautesten Sympathien entgegengebracht und ausgedrückt wurden, 
seine Reise über Nassereith und den Fernstein, dessen eben vollendeten neuen 
Straßenzug er unter entsprechender Festlichkeit eröffnete, nach Reutte fort 

Im Markte Reutte, in welchem zum Empfange des Erzherzogs aus dem 
Lechthale allein 600 Mann Scharfschützen eingerückt waren, wiederholten sich 
unter gleichem Jubel und Gepränge die Festlichkeiten von Imst. 

Auf der weiteren Reise, deren nächstes Ziel Bregenz war, betrat der über 
Tannheim reisende Erzherzog das bayerische Gebiet, welches die Festfreude des 
Landes Tirol theilen zu wollen schien. In Sonthofen wurde nämlich der Erzherzog 
von einer großen Volksmenge mit lautem Jubel empfangen, in Bregenz selbst aber 
hatten sich zur Begrüßung Seiner kaiserlichen Hoheit neben dem österreichischen 
Gesandten am königlich bayerischen Hofe, Grafen Apponyi, Repräsentanten der 
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Civil- und Militärbehörden der Uferstaaten des Bodensees, Bayern, Württemberg 
und Baden, eingefunden. 

Wenn auch der am Bodensee gelegene Theil Vorarlbergs landschaftlich und 
das an die äußerste Westgrenze des Kaiserstaates vorgeschobene Land sprachlich 
von Tirol verschieden sich repräsentierte, theilte doch die ganze Bevölkerung die 
Freude des Landes Tirol so vollkommen, dass die dem Erzherzog-Statthalter dort 
bereiteten, von gleicher Begeisterung durchdrungenen Festlichkeiten lediglich als 
Fortsetzung gleich loyaler Kundgebungen erschienen. Jedes Dorf, jede Stadt Vor- 
arlbergs, welche der Erzherzog betrat, hatte wie in Tirol alles nur Mögliche auf- 
geboten, der allgemeinen Freude entsprechenden Ausdruck zu geben. 

Eine geradezu bewundernswerte Ausdauer bekundete der kaiserliche Prinz 
in der Bewältigung der Tag für Tag und fast Stunde für Stunde sich wieder- 
holenden Ansprüche, welche die endlosen Festlichkeiten, die zahllosen zur 
Audienz gekommenen Deputationen und verschiedenartigsten Persönlichkeiten an 
ihn stellten. Ebenso gewandt als unerschöpflich in seiner Nachsicht und Liebens- 
würdigkeit fand jedoch der Erzherzog für den einfachsten Bauer wie für den form- 
gewandten Herrn, rür den ergrauten Veteranen wie für die mit Blumen und 
Gedichten nahende Schuljugend ein wohlwollendes freundliches Wort. Niemals 
zeigte der Erzherzog trotz anstrengender Reisestrapazen Ermüdung, wo es 
galt, seiner Amtsvvirksamkeit genügezuleisten. Obwohl sich oft die Audienzen 
häuften und den Erzherzog Hunderte mit ihren Angelegenheiten angiengen, bewies 
er stets unerschöpfliche Geduld. So gewann jeder den Eindruck, dass seine eigene 
Angelegenheit keinen besseren Vertreter, keinen wohlwollenderen Beurtheiler, 
keinen bereitwilligeren Helfer finden könne als den Erzherzog, der außerdem 
noch die Gabe in hohem Grade besaß, sich dem tirolischen Wesen verständnis- 
voll zu nähern und daher auch von vornherein schon Vertrauen zu erwecken. 

Dem gerade in jener Zeit allerorts blühenden Schützenwesen zeigte der 
Prinz, welcher selbst für den geräuschvollen Sport des Scheibenschießens nicht 
geschaffen schien, durch persönliche Theilnahme an diesem National vergnügen 
der Tiroler und Vorarlberger seine Sympathie, und zahlreiche Schießstände 
bewahren noch heute die Scheibe, auf welcher der Erzherzog während dieser 
seiner Inspectionsreise sich als Schütze bewährte, so der Hauptschießstand Bozen, 
die Schießstände Landeck, Brixen und andere. Im Schießstande Landeck prangt 
noch heute die Scheibe mit dem Punktschusse des Erzherzogs vom 14. October 
und in Biudenz die Scheibe, welche den glücklichen Schuss bei dem in der Nacht 
des 12. October abgehaltenen Lichtschießen zu verewigen bestimmt ist. Zu 
Landeck blieb der Erzherzog gegenüber einem anderen Punktschusse durch einen 
darnach abgegebenen ■ Ritters chuss» Sieger und gewann den ausgesetzten Preis. 

Trotzdem die Festprogramme an den einzelnen Orten dem Erzherzog in 
Berücksichtigung der einzelnen Punkte eine zwar wohlgemeinte, aber starke Zu- 
muthung auferlegten, gieng die Bethätigung des Prinzen doch noch weit über den 
Rahmen derselben hinaus, indem er überall die humanitären Anstalten der ver- 
schiedensten Orte auf der Reiseroute, alle Spitäler und Unglücksorte persönlich 
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besuchte und über deren Stand sich informierte, überall half und sein tiefgefühltes 
Beileid ausdrückte. Um die im oberen Vinstgau durch den Ausbruch des Grauner 
Sees verursachten Verwüstungen in Augenschein zu nehmen, fuhr der Erzherzog- 
Statthalter am Tage seiner Ankunft in Mals zurück zu den Höhen oberhalb Burgeis, 
gegenüber dem Benedictinerstifle Marienberg, und verfolgte von da aus den vom 
entfesselten Gewässer an Dörfern und Feldern angerichteten Schaden. In gleicher 
Weise besuchte der Erzherzog am 16. October von Schlanders aus das nahe 
Dorf GÖflan, das durch große Wasserverheemngen eine traurige Unglücksstätte 
darbot, und sicherte Hilfe zu. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass der leutselige 
Erzherzog auf dieser Reise in der schönen Kapelle, die bei dem großartigen Passe 
Hochfinstermünz eben erbaut worden war, dem ersten heiligen Messopfer bei- 
wohnte, das Patronat über dieses Kirchlein übernahm und gestattete, dass es 
seinen Namen führe. 

Hatte selbst das arme, im Laufe dieses Jahres von Überschwemmungen 
schwer heimgesuchte Vinstgau, durch neue Hoffnungen belebt, die Festesfreude 
des Landes redlich getheilt, so wetteiferte die glücklichere und von der Natur 
gesegnetere Gegend von Meran und Bozen, die alte Tiroler Landeshauptstadt und 
das handelsreiche Bozen, mit seinen Festlichkeiten zum Empfange des Erz- 
herzogs selbst mit der Landeshauptstadt Innsbruck. 

Als der Erzherzog in Fortsetzung seiner Reise über Kaltem und Tramin am 
20. October abends an der Grenze des italienischen Tirol anlangte, erneuerte 
sich der bisherige Jubel der Bevölkerung, welcher nur durch das allzeit lebhafte 
Temperament des Italieners sich verzehnfacht zu haben schien und in Trient bei 
der von 3000 Fackelträgern vor dem Absteigquartier des Erzherzogs dargebrachten 
Ovation den Höhepunkt erreichte. 

Der Erzherzog-Statthalter hatte aber auch dem italienischen Landestheile von 
vorneherein seine volle Aufmerksamkeit geschenkt, dem Welschtiroler nicht bloß 
dieselbe freundliche, wohlwollende Gesinnung wie dem Bewohner des deutschen 
Landestheiles entgegengebracht, sondern er hatte sich auch wie wenige Statt- 
halter vor ihm und nach ihm die italienische Sprache so vollkommen angeeignet, 
dass er mit der Bevölkerung stets in deren Idiom verkehren und damit dem 
dynastischen Gefühle, welches in einem vom Auslande so vielseitig wie Tirol 
umrahmten Kronlande manche ideale und reale Interessen aufwiegt, unmittelbarere 
Rechnung tragen konnte. Sein Lehrer im Italienischen war zu Ende der Vierziger- 
und zu Anfang der Fünfziger- Jahre Professor Giovanni Maria de Battaglia, ein 
gebürtiger Trientiner, gewesen, welchen er auch nachher stets, so oft er nach 
Trient kam, in dankbarer Gesinnung besuchte, wie es denn ein besonderer Zug 
des kaiserlichen Prinzen war, ehemalige Lehrer, Mitarbeiter und Bedienstete nie 
zu vergessen. 

Hatte daher Erzherzog Carl Ludwig schon durch seine ebenso höchst 
liebenswürdige als äußerst vornehme Erscheinung dem Italiener den besten Ein- 
druck gemacht, so gewann er die Zuneigung des mit Recht auf seine Sprache 
stolzen Volkes vollends, als er demselben in fließendem Italienisch seine Freude 



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über den ihm bereiteten Empfang aussprach und zugleich sein tiefes Beileid über 
die durch die Cholera diesem Landestheile auferlegten schweren Opfer ausdrückte. 

Den festlichen Empfang hatte die Bevölkerung des Kreises Trient mit einer 
dem Erzherzog schon beim Betreten des italienischen Bezirkes überreichten, mit 
zahllosen Unterschriften bedeckten Adresse eröffnet und darin der Ergebenheit 
und dem Danke gegen Seine Majestät und der Begeisterung über die dem ganzen 
Lande Tirol durch die Entsendung des kaiserlichen Bruders als Statthalters dieses 
Kronlandes erwiesene besondere Gnade in der denkbar loyalsten Weise Ausdruck 
gegeben. Die Deputationen der Stadt Trient und der Gemeinden des Bezirkes 
waren dem Erzherzoge in 60 Wägen bis Lavis entgegengefahren, um ihn mit der 
von überallher zusammengeströmten Bevölkerung auf das lebhafteste zu begrüßen. 
Wie in Deutschtirol, so sollte der Erzherzog-Statthalter auch in Welschtirol durch 
die ihm allerorts errichteten Triumphpforten «in das Herz des Volkes einziehen*. 
Während aber dort der architektonische Ausdruck der Festfreude mit dem Ablaut 
ihrer Zeit wieder verschwand, wurden hier in einem lithographischen Prachtwerke 
die zu Ehren des Erzherzogs im italienischen Landestheile errichteten Triumph- 
bögen mit ihren Emblemen und Inschriften in 45 Abbildungen derNachwelt erhalten. 

Wie lieb der Erzherzog-Statthalter den üalienischenLandestheil, insbesondere 
dessen Hauptstadt Trient gewonnen hatte, beweist ein neuerlicher, längerer Auf- 
enthalt daselbst im Frühjahre 1858, wo er mit seiner erlauchten Gemahlin und 
dem ganzen Hofstaate die herrlich gelegene prachtvolle Villa des Grafen Leonhard 
Saracini-Belfort in Povo bei Trient bewohnte. Eine Gedenktafel in der Villa ver- 
ewigt diese dem Besitzer zutheil gewordene Auszeichnung. 

Nachdem der Erzherzog unter demselben Jubel wie in Trient seine erste 
Landesbereisung noch durch die wichtigsten Städte und Orte des italienischen 
Tirol und darauf durch das ganze Pusterthal sammt Ampezzo fortgesetzt hatte, 
traf er am 3. November wieder in Innsbruck ein, wo ihm erneuerter festlicher 
Empfang bereitet worden war. Tagsdarauf erschien folgender erster Erlass 
Seiner kaiserlichen Hoheit: 

•Nachdem ich von meiner Rundreise durch Tirol und Vorarlberg gestern 
abends glücklich in die Landeshauptstadt zurückgekehrt bin, ist es mir ein 
wahres Bedürfnis, der Bevölkerung des ganzen Landes für den so feierlichen und 
so herzlichen Empfang,, der mir ohne Ausnahme in allen Orten, die ich berührte, 
zutheil geworden, meinen wärmsten Dank und meine vollste Anerkennung aus- 
zudrücken. 

Die bei dieser Gelegenheit vielfältig erneuerten Beweise von Liebe und 
Anhänglichkeit der Bewohner an Seine k. k. Apostolische Majestät haben mich mit 
der innigsten Freude erfüllt, und ich wiederhole heute mit der vollsten Über- 
zeugung die schon beim ersten Überschreiten der Grenzmarken gesprochenen 
Worte, dass ich mich glücklich schätze, zum Statthalter dieses Landes berufen 
zu sein. 

Innsbruck, den 4. November 1855. — Erzherzog Carl Ludwig, Statthalter 
der gefürsteten Grafschaft Tirol mit Vorarlberg.» 
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Durch die eingehende Bereisung des Landes auf das beste für sein hohes 
und in der schweren Zeit so verantwortungsreiches Amt vorbereitet, konnte 
der Erzherzog seine Wirksamkeit als Statthalter beginnen, als welcher er durch 
nahezu sechs Jahre in zwar stiller, aber um so emsigerer Arbeit, überall Wohl- 
thaten spendend und das Gute und Edle fördernd, im Lande verblieb. 

Kaum hatte sich der Erzherzog von den Beschwerden der langen Reise 
recht erholt, traf am 8. November die Unglücksbotschaft von dem Unfälle seines 
Bruders Erzherzogs Ferdinand Maximilian ein, welcher in Triest durch einen 
Sturz aus dem Wagen anscheinend eine schwere Verletzung erlitten hatte. Zwei 
Stunden nach dem Eintreffen der Unglücksbotschaft saß der Erzherzog wieder im 
Reisewagen, zum Schmerzenslager seines geliebten Bruders eilend. Glücklicher- 
weise waren jedoch die telegraphisch ausgesprochenen Befürchtungen nicht 
zutreffend, und Erzherzog Carl Ludwig konnte schon nach acht Tagen mit vollster 
Beruhigung die Rückreise antreten. 

Am 21. November finden wir ihn bereits wieder in Brixen, das gleich den 
Übrigen Städten des Landes ihm große Festlichkeiten bereitete und wo er auf dem 
Schießstande unter großem Jubel der Schützen abermals einen Punktschuss zu 
verzeichnen hatte und das Hauptbest gewann. 

Seine kaiserliche Hoheit unternahm noch im Jahre 1856 eine Reise nach 
Vorarlberg und besuchte Bludenz, Feldkirch, Bregenz und Reutte. Schon im 
Juni desselben Jahres folgte eine Amtsreise ins Unterinnthal und ins Zille rthal. 
Mitte September 1857 trat der Erzherzog eine dritte Inspectionsreise an und wandte 
sich ins Pusterthal. Im April 1858 folgte die vierte große Amtsreise, die nach 
Südtirol gieng, wohin ihn auch Frau Erzherzogin Margaretha überall als 
hilfreicher Schutzgeist der Armen und Bedrängten begleitete. Der Erzherzog 
besuchte an allen Orten, in die er kam, die Ämter, Kreisämter, Gerichte, Steuerämter, 
Gefängnisse und was sich sonst an Öffentlichen Institutionen an jedem Orte befand, 
und hielt dabei nicht oberflächliche Überschau, sondern verschaffte sich gründliche 
Kenntnis der jeweiligen Amtsführung. In Mezzolombardo zum Beispiel, wo es ihm 
nöthig schien, auf den Grund zu sehen, ließ er sich, wiewohl die Ankunft der Frau 
Erzherzogin Margaretha erwartetwurde, die Acten desBezirksamtes zur Durchsicht 
auf sein Zimmer bringen, und bewies in seinem Urtheil über die Amtsgebarung 
eine tiefe Sachkenntnis sowohl in politischen als auch in gerichtlichen Amts- 
angelegenheiten. Sodann wandte der Erzherzog-Statthalter an allen Orten, die er 
berührte, sein Augenmerk auf die Spitäler, Waisenhäuser, Kinderasyle und andere 
Wohlthätigkeitsanstalten und besichtigte dieselben eingehend. Er sprach in leut^ 
seligster Weise mit den Kranken und Pfründnetn und tröstete die Leidenden durch 
theilnehmende Worte. Ebenso besuchte die Erzherzogin die Frauenabtheilungen 
der Spitäler und spendete Trost und Linderung den Armen und Unglücklichen. 
Überall aber hinterließen die Höchsten Herrschaften den Bedürftigen reichliche 
Gaben. Wie überall, so schenkte der Erzherzog- Statthalter besonders in Südtirol 
den Schulanstatten die aufmerksamste Beachtung. In Trient, Roveredo und Ala 
besuchte er die Gymnasien und verweilte während des Unterrichtes in mehreren 
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Classen. Stets bewies sich, der Höchste Herr auch als Kinderfreund. Überall, wo 
Schulkinder mit dem Lehrer zu seiner Begrüßung erschienen waren, verließ der 
Erzherzog sogleich den Wagen und begab sich mitten in die Kinderschar. Die 
Kinder gewannen immer alsbald ein auffallendes Zutrauen zu ihm. Als in Sarmonico 
ein kleiner Knabe, schüchtern mit einer Bittschrift dastehend, bemerkt hatte, dass 
er übersehen worden war, trippelte er zu dem Wagen und fasste den Erzherzog- 
Statthalter zutraulich bei der Hand, um in dieselbe die Bittschrift zu legen, die der 
gnädigste Herr gütig lächelnd entgegennahm. 

Die materiellen Bedürfnisse der Bevölkerung ließ sich der Erzherzog- 
Statthalter besonders angelegen sein. Er nahm in den großen Flussthälem, Unter- 
innthal, Pusterthal und Etschthal, die Uferschutzbauten, Dämme, Brücken, Viaducte 
und Straßenanlagen überall in Augenschein. In Windischmatrei unternahm er bei 
seiner Amtsreise am 24. September 1857 einen beschwerlichen Gang zur dritten 
Thalsperre des Brettenwandbaches und überzeugte sich von der Nothwendigkeit 
umfassender Schutzbauten daselbst, zu denen er sofort die Vorbereitungen 
beschleunigte. Die Bewohner athmeten dankbar auf, als sie den ernsten Willen des 
Erzherzogs wahrnahmen und auf gründliche Abhilfe aus großer Noth hoffen durften. 

Größere Fabriksetablissements ebenso wie kleinere gewerbliche Betriebe 
beehrte er immer mit seinem Besuche und unterrichtete sich von dem Stande der 
gewerblichen Arbeit im Lande. 

Wohl im Hinblicke auf seine baldige Vermählung hatte Erzherzog Carl 
Ludwig in dem für den Sommeraufenthalt ausersehenen Schlosse Ambras 
Baulichkeiten vornehmen lassen. 

Von Erzherzog Ferdinand völlig neu erbaut, bot das Schloss nicht entfernt jene 
Bequemlichkeiten, welche in unserer Zeit das an Annehmlichkeiten jeder Art 
gewöhnte Leben verlangt. Zur Vornahme der nothwendig erachteten Bauten hatte 
der Erzherzog den Wiener Architekten Ludwig Förster ausersehen, dessen Atelier 
er bei seiner Anwesenheit in Wien (12. Juli 1856) besucht hatte, und übertrug 
ihm wahrscheinlich schon bei dieser Gelegenheit die vorzunehmenden Baulich- 
keiten, für die er sich auch genaue Kostenvoranschläge machen ließ. 

Bei diesen Adaptierungen des Schlosses galt es vor allem, die Wohnzimmer 
mit separierten Eingängen zu versehen. Der Erzherzog, welcher gegen Ende Mai 
im Schlosse zeitweiligen Aufenthalt genommen hatte, erfuhr selbst die Unbequem- 
lichkeit der Wohnung, welche zwar auf jedem der beiden Schlosstlügel aus einer 
Reihe von unter sich zusammenhängenden Zimmern bestand, von denen aber nur 
das erste und letzte vom Corridor aus betreten werden konnte. 

Der Architekt half diesem Übelstande dadurch ab, dass er im Hofraume des 
Schlosses längs der beiden Zimmerreihen auf eisernen, in die Mauer eingelassenen 
Trägern Gänge herstellte und diese nach Bedarf mit den einzelnen Zimmern durch 
ausgebrochene Thüren verband. Diese Adaptierung hatte freilich den unvermeid- 
lichen Nachtheil, dass der Schlosshof seinen alten Charakter bedeutend einbüßte 
und die aus der Bauzeit des Schlosses stammenden Malereien an den beiden, nun 
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mit Gallerien versehenen Seitenwänden des Hofes vielfach durchbrochen werden 
mussten. 

Eine noch bedeutendere Veränderung an dem Schlosse hatte die dem Archi- 
tekten gestellte und von ihm gelöste Aufgabe, eine Zufahrt bis hinauf zum Schloss- 
thore selbst herzustellen, zur Folge. Bisher führte nämlich vom unteren Schloss- 
hofe eine gedeckte lange Treppe, deren Begehung in unserer Zeit allerdings nicht 
zu den Annehmlichkeiten eines Wohngebäudes gezählt werden kann, zum Schlosse 
selbst hinauf. Der Architekt ließ den Treppenaufgang entfernen und eine breite 
Fahrstraße, für welche er durch eine Wendung an dem Schlossfelsen und eine 
cyklopische Mauer die erwünschte Steigung gewann, hinauf bis zum Thore 
anlegen. 

Mit der Herstellung dieser Fahrstraße und der Gallerie im Hofe des Schlosses 
selbst war nun den beiden Übelständen, welche der Erzherzog beseitigt wissen 
wollte, abgeholfen. Der Architekt aber war damit noch lange nicht zufrieden, riss 
vielmehr noch manches nieder, was leicht hätte stehen bleiben können, wie zum 
Beispiel den Speisesaal mit dem so interessanten Plafond in dem Gebäude vor dem 
Schlossthore und baute andererseits auf, was zum Schlosse in baulichem Wider- 
spruche stand, wie den Thurm mit der Uhr, den er, allerdings kühn, auf die Front- 
mauer des Schlosses setzte. 

Von bleibendem Werte für das Schloss und seine Besucher ist die auf Ver- 
anlassung des Erzherzogs erbaute neue prächtige Straße, welche aus der Thal- 
ebene, vom sogenannten Fürstenwege abzweigend, zur Höhe des unteren, vordem 
nur durch einen steilen Hohlweg zu erreichenden Schlosstheiles führte. Einen 
ganz besonderen Schmuck aber erhielt das Schloss und die ganze Umgebung 
durch die vom Erzherzog veranlasste Wiederherstellung des das Schloss in weitem 
Umkreise einst umgebenden, später barbarischer Ausrottung anheimgefallenen 
Parkes, welcher, von der noch heute bestehenden Ringmauer eingefasst, zu Zeiten 
Erzherzog Ferdinands und seines Sohnes, des Markgrafen Carl von Burgau, den 
vielgerühmten Thiergarten bildete. 

Die baulichen Hersteilungen, welche der Erzherzog in Ambras veranlasste, 
hatten mehr den Zweck, Vorhandenes den Bedürfnissen der Gegenwart ent- 
sprechend zu adaptieren; in Innsbruck selbst ließ der kaiserliche Prinz aber einen 
Neubau herstellen, für den er besonders die auf ungenügende Räumlichkeiten 
beschränkte Statthaltereibehörde zu Dank verpflichtete. Er Heß nämlich das 
unzureichende Statthaltereigebäude durch einen drei Stockwerke hohen Flügel 
mit zahlreichen Bureaux gegen Nordost vergrößern und erzielte damit die Mög- 
lichkeit der Vereinigung der zu dieser Behörde zählenden Departements. Damit 
hatte er allerdings nur einen Theil seines weiter gehenden Planes zur Ausführung 
gebracht; denn in der Absicht des Erzherzogs lag es, auch an der Ostseite des 
Gebäudes einen solchen Flügel erbauen und ihn mit dem anderen in gleicher 
Weise verbinden und damit das ganze Viereck mit einem stattlichen Hofraume 
dazwischen herstellen zu lassen. Diese Erweiterung, die sich in der Folge als so 
nothwendig herausgestellt hat, wäre indessen nur dem alles vermögenden Erz- 
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herzöge möglich gewesen, welcher jedoch infolge der Zeitereignisse leider zu früh 
von seinem Wirkungskreise in Tirol abberufen wurde. 

Neben den humanitären Anstalten des Landes waren es besonders die 
Mittelschulen und die Universität, welche das Interesse des Erzherzogs Carl 
Ludwig in Anspruch nahmen. Schon bei seiner ersten Inspectionsreise besuchte er 
neben den in seinen Wirkungskreis fallenden k. k. Ämtern und den humanitären 
Anstalten auch verschiedene Lehranstalten, namentlich Gymnasien. Bei solchen 
Besuchen war es nun vor allem der Geschichtsunterricht, dem er seine Auf- 
merksamkeit schenkte. Der jugendliche Prinz zeigte dabei gegenüber der nur 
juridisch geschulten Unterrichtsbureaukratie, deren Blick über den Paragraphen- 
zaun nicht hinausfiel, mehr Verständnis für die politische Tragweite des Geschichts- 
unterrichtes, welchen er in Deutschland, speciell in Preußen, mit so großen Erfolgen 
gepflegt erblickte. Nach und nach besuchte der Erzherzog fast alle Gymnasien 
und jedesmal Heß er den betreffenden Lehrer die Schüler aus der Geschichte 
prüfen, wobei er Bemerkungen und Ausstellungen machte, welche seine volle 
Objectivität in der Beurtheilung historischer Thatsachen bewiesen, aber jede 
tendenziöse Behandlung derselben in Österreich feindlichem Sinne zurückwies. 
Mancher Lehrer, der seine Weisheit aus Büchern holte, welche die Geschichte in 
einer unserem Kaiserstaate missgünstigen Tendenz behandelten, musste sich eine 
Richtigstellung durch den jugendlichen Erzherzog gefallen lassen. 

Seine Vorliebe für die Geschichtswissenschaft bekundete Erzherzog Carl 
Ludwig auch durch das Interesse und das Verständnis für den Wert archivalischer 
Schätze, an denen bekanntlich gerade das k. k. Statthaltereiarchiv in Innsbruck 
einen großen Reichthum aufzuweisen hat. Bei der Vergrößerung des Statthalterei- 
gebäudes, die er ins Werk setzte, nahm er besonders Bedacht auf die zerstreut 
aufbewahrten Archivalien, zu deren würdiger Unterbringung er das ganze 
Parterre des großen Anbaues der Statthalterei bestimmte und zweckdienlich 
herstellen und einrichten ließ. Am Eingange zu diesem Archivtheile hängt daher 
noch heute zu dankbarer Erinnerung das Bildnis des jugendlichen Erzherzog- 
Statthalters. 

Die Geschichte war jedoch nicht die einzige Disciplin, welche ihn anzog 
und die er zu würdigen verstand; die vielen Besuche, welche er der Universität 
machte, in deren Sammlungen er genaue Umschau hielt, und die verschiedenen 
Vorlesungen an der juridischen und philosophischen Facultät, denen er beiwohnte, 
beweisen sein weitgehendes wissenschaftliches Interesse. 

So interessierte ihn speciell auch das Fach der Rechtsphilosophie. Da er sich 
einmal zum Behufe einer solchen Vorlesung anmelden ließ, glaubte der Professor 
für diesen Fall eine Extra Vorstellung nach bestem Wissen und Können geben zu 
müssen. Der Erzherzog, durch einen Zufall verhindert, erschien jedoch nicht, und 
da der Professor seinen Vortrag bereits begonnen hatte, konnte derselbe damit 
nicht mehr zurücktreten, gab ihn jedoch, ungerührt durch die stille Heiterkeit 
seiner Studenten, bei dem einige Tage später erfolgten Besuche des Erzherzogs 
in unveränderter Auflage ein zweitesmal. 
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An der Universität nahm er auch am 16, November 1857 die feierliche Ein- 
führung der theologischen Facultät vor. 

Selbst dem Elementarunterrichte schenkte er seine Aufmerksamkeit, Am 
3. März 1858 wohnte er den Semestralprüfungen in der Haupt- und Musterschule 
bei und vertheilte in Höchsteigener Person die Preisbücher an die besten Schüler. 

Sobald sich die Gelegenheit bot, bekundete der Erzherzog für Kunst und 
Alterthum persönliches Interesse in hervorragender Weise, und speciell das 
Landesmuseum Ferdinandeum ist ihm zu vielfachem Danke verbunden. Nach 
dem 1859 erfolgten Ableben Erzherzogs Johann ernannte Seine Majestät als 
oberster Protector der Anstalt im Jahre 1 86 1 Erzherzog Carl Ludwig zum Protector- 
Stellvertreter, und seit dieser Zeit hat der Erzherzog bis zu seinem Tode dieser 
vaterländischen Anstalt seine Aufmerksamkeit zugewendet. Noch bei seiner 
letzten Anwesenheit in Innsbruck widmete der Erzherzog mit seiner Tochter 
Maria Annunziata dem Museum einen dritthalbstündigen Besuch und besichtigte 
mit lebhaftem Interesse die verschiedenen Sammlungen, über deren fortwährende 
Bereicherung er seine Freude ausdrückte. Erzherzog Carl Ludwig hat aber nicht 
bloß durch häufige Besuche diese Anstalt beehrt, sondern auch dieselbe durch 
verschiedene Geschenke bereichert. Schon im Jahre 1859 übergab er eine von dem 
Bildhauer Benzoni in Carraramarmor ausgeführte Büste des Papstes Pius IX., 
1873 sein eigenes Porträt, Ölgemälde des zur Zeit berühmten Wiener Porträt- 
malers Schrotzberg, und 1879 die höchst wertvollen Streichinstrumente aus dem 
Nachlasse des Kaisers Franz, unter welchen sich ein hochgeschätztes Cello von 
Anton und Hieronymus Amati vom Jahre 1625 und eine zweite Geige von Nikolaus 
Amati aus dem Jahre 1664 befinden. In seinem Testamente vermachte der Erz- 
herzog dem Landesmuseum überdies die von ihm im Schlosse Rottenstein auf- 
bewahrten Holzstatuen, welche von dem Bildhauer Sebastian Steiner sen. nach 
den Bronzefiguren in der Hofkirche zu Innsbruck geschnitzt sind. 

Ein großes Verdienst erwarb sich Erzherzog Carl Ludwig auch um die 
Erhaltung und Restaurierung der alten landesfürstlichen Burg von Meran, zu 
welchemZwecke er aus eigenem Antriebe den bedeutenden Betrag von 1000 Gulden 
spendete. Dem mit Pietät und Sachkenntnis wiederhergestellten historischen Bau- 
denkmale widmete er bei jedem längeren Aufenthalte in Meran einen Besuch. 



Mit großer Freude erfüllte alle gebildeten Kreise des Landes die gegen Ende 
des Jahres 1855 sich verbreitende Nachricht, dass die nach dem Friedensschlüsse zu 
Pressburg nach Wien gekommene Ambrasersammlung von Kunst- und Alterthums- 
sachen, welche einst den Stolz des Landes Tirol bildete und Ambras zu einer Welt- 
berühmtheit machte, wieder in ihre alte Heimat, in der sie durch den Kunstsinn des 
Erzherzogs Ferdinand von Tirol und die allerdings schweren Opfer des Landes 
zustande gekommen war, zurückkehren werde. Die nur gerüchtweise verbreitete 



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Nachricht bestätigte später der Erzherzog selbst, und zwar gelegentlich seiner 
Anwesenheit beim «Kaiserschießen» in Bregenz. Bei der aus diesem Anlasse 
daselbst gegebenen Tafel, zu welcher auch ein für die Ambrasersammlung 
besonders schwärmender Herr aus Innsbruck befohlen worden war, sagte der 
Erzherzog zu dem an seiner Seite sitzenden Statthaltereirathe: «Heute werde ich 

dem eine große Freude machen», und bei dem Cercle nach der Tafel 

eröffnete der Prinz dem freudigst Überraschten in der That die Nachricht von der 
Allerhöchsten Genehmigung der Sendung der Ambrasersammlung nach Tirol. 

Erzherzog Carl Ludwig scheint schon gleich nach seiner Ernennung zum 
Statthalter dieses Kronlandes bemüht gewesen zu sein, demselben ein wahrhaft 
kaiserlichesGeschenkzuvermitteln. Hatte auch die Sammlung durch Extradierungen 
an die kaiserliche Schatzkammer, die Gemäldegallerie und die Hofbibliothek 
bereits die allerwertvoUsten Stücke längst schon abgeben müssen, so bildete doch 
der unter dem Namen «Ambrasersammiung» im unteren Belvedere in Wien ver- 
bliebene Rest einen immerhin noch kostbaren Schatz von Kunst- und historisch 
merkwürdigen Stücken, welche nicht bloß das alte Schloss Ambras zu neuer 
großer Berühmtheit, sondern dem Lande selbst Ehre und Gewinn gebracht hätte. 
Das für Tirol so wichtige Bestreben des Erzherzogs in dieser als entschiedene 
Thatsache betrachteten Angelegenheit entbehrte doch schließlich des vermeinten 
Erfolges. Die Sammlung blieb in Wien und, nachdem später die wertvollen Stücke 
derselben dem Hofmuseum, der Schatzkammer und der Hofbibliothek einverleibt, 
der dazu ungeeignete Rest aber von Dr. Ilg nach Schloss Ambras gebracht worden 
war, verschwand auch der einst so stolze Name «Ambrasersammiung» in den 
Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten Wiens. 



Das Jahr 1855 endete mit der Einleitung eines Ereignisses von tiefgehendster 
Bedeutung nicht bloß für Tirol, sondern für den ganzen Kaiserstaat. Minister von 
Toggenburg erschien mit dem Entwürfe eines neuen Gewerbegesetzes, welches 
das ganze industrielle Leben der österreichischen Völker auf eine neue Grund- 
lage stellen sollte. 

Das Schicksal des «Entwurfes» war mit der Verlautbarung entschieden. Es 
verdient indessen auch erwähnt zu werden, dass in Tirol das damals einfluss- 
reichste und gelesenste Blatt, die «Volks- und Schützenzeitung., in den Jubel 
nicht einstimmte, in der Publicierung des Gewerbegesetzes nichts als die «Procia- 
mierung der Herrschaft des Capitals. und in der Freiheit des Gewerbes nichts 
anderes erblickte, als «für Hunderte die Freiheit, zu verhungern». Das Blatt wollte 
• den Wohlstand eines Volkes nicht in der Quantität der erzeugten Güter, sondern 
in deren gleichmäßiger Vertheilung unter die arbeitenden Volksclassen» gesucht 
wissen und stellte den gepriesenen englischen Warenbergen und der aufblühenden 
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französischen Industrie «die hungernden Proletarierhaufen, die socialistischen und 
communistischen Erhebungen gegenüber, vor denen der Besitz in Frankreich 
keine andere Rettung wusste, als unter den Schutz der Eajonnette und einer abso- 
luten Herrschaft zu flüchten*. 

Welche Ansicht der Erzherzog in dieser schwerwiegenden Sache hatte, ist 
nicht bekannt; als Statthalter war er gezwungen, derselben wenigstens neutral 
gegenüberzustehen. 

Das Ende des Jahres 1855 brachte noch eine Änderung an der obersten 
Stelle des Polizeiwesens in Tirol, indem an Stelle des nach Graz versetzten 
Polizeidirectors von Waneczek der Wiener Polizeirath Lorensi ernannt wurde, eine 
Veränderung, welche man damals auf politische Motive zurückführte und nicht wie 
heute lediglich vom Standpunkte der Öfi'entlichen Sicherheit beurtheilte. An Stelle 
der suspendierten Landesvertretung verblieb der Landesausschuss, welcher, aus 
vier MitgRedem bestehend, die vier Stände des Landes repräsentieren, dessen 
Berathungen aber unter dem Vorsitze des jeweiligen Statthalters vorgenommen 
werden sollten und dessen Beschlüsse von der Genehmigung des Statthalters 
abhiengen. Erzherzog Carl Ludwig sah sich bisweilen in der Lage, das, was unter 
seinem Vorsitze im Landhause beschlossen wurde, im Bureau des Statthalters 
nach dem Sinne des Ministeriums abweislich zu bescheiden. 

Von den im ständischen Ausschusse sitzenden Persönlichkeiten genoss der 
bäuerliche Vertreter sein besonderes Wohlwollen. Der Erzherzog, welcher die Wohl- 
dienerei so wenig als die scharfe Tonart, wie man heute dieSprache der Verbissenen 
nennt, liebte, verlangte dagegen Geradheit und Offenheit in der Darlegung von 
Wünschen und Beschwerden, und Leute, welche aus Rücksicht auf die hohe 
Persönlichkeit eine bemerkbare Reserve sich auferlegen zu müssen glaubtenj 
wurden von ihm ermuntert, ihre Meinung unumwunden auszusprechen. Der im 
Landesausschusse sitzende Bauer von Feldthums, welcher in angestammter 
Ruhe, aber ganz offen sich aussprach, stand daher bei ihm in großem Ansehen. 
Noch bei seiner letzten Anwesenheit in Innsbruck gedachte der Erzherzog, welcher 
stets Herren gegenüber, deren öffentliche Thätigkeit bis in die Fünfziger-Jahre 
zurückreichte, auf seine Statthalterschaft in Tirol zu sprechen kam, des Bauers von 
Feldthurns, den er nach einer humorvollen Charakterisierung der übrigen Mitglieder 
der ständischen Activität für den «gescheitesten» unter denselben bezeichnete. 

Jedermann durfte Wünsche und Beschwerden unmittelbar dem Erzherzog- 
Statthalter vortragen, und über Mangel an Gelegenheit dazu konnte sich niemand 
beklagen. Zweimal in der Woche ertheilte er Audienz, von welcher sich niemand 
ausgeschlossen sah. Gerechten Beschwerden abzuhelfen war der Erzherzog allzeit 
bereit, wie die Leute auch gut wussten. So erschien einmal ein Praktikant zur 
Audienz und beschwerte sich über seinen Amts-Chef, der ihn unverdienterweise 
schlecht behandelt hätte. Der Erzherzog, welcher in Personahen unglaublich genau 
unterrichtet war und daher wohl auch den Beamten, welcher neben sonst vorzüg- 
licher Qualiflcation den vollkommensten Gegensatz von Liebenswürdigkeit bildete, 
sicher auch von dieser Seite kannte, befahl denselben zur Audienz und verwies 



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ihm dessen unziemliches Benehmen in einer Weise, die zwar bestimmt und 
entschieden, aber mit Rücksicht auf die Verdienste des Mannes Überaus 
schonend war. 

Der Erzherzog-Statthalter ließ den Beamten, die das Glück hatten, unmittelbar 
unter seinem Befehle zu stehen, sobald sie ihre Pflicht erfüllten, stets in der 
Hebenswürdigsten Form und aus vollem Herzen seine Anerkennung zutheil werden 
und bewahrte ihnen treue Zuneigung durch das ganze Leben. Dies hat unter 
anderen auch Graf Carl Coronini in Görz, damals Kreishauptmann in Trient, 
erfahren, der uns hierüber folgende Mittheilung zugehen ließ: 

«Maßgebend zur Beurtheilung des Charakters eines jeden Menschen und 
insbesondere jenes einer hochgestellten Persönlichkeit ist die nachhaltige Treue, 
welche dieselben unter allen Umständen und Verhältnissen ihren Anhängern 
bewahren; denn daraus ist die Tiefe des Gemüthes und, wir wollen sagen: des 
allgemein Menschlichen, das in der inneren Natur des Individuums Hegt und ihm 
seinen ethischen Wert verleiht, zu erkennen. Unter den zahlreichen Briefen, welche 
Erzherzog Carl Ludwig dem Grafen Carl Coronini zukommen ließ, der vom Ende 
des Jahres 1855 drei Jahre hindurch als Kreishauptmann in Trient unter den 
unmittelbaren Befehlen des Erzherzogs, damaligen Statthalters von Tirol, stand, 
und dem er unentwegt bis kurz vor seinem Hinscheiden, somit über vierzig Jahre 
hindurch viele Beweise seiner wohlwollenden Zuneigung gab, sind mehrere vor- 
handen, aus welchen das liebevolle, zartfühlende, äußerst empfängliche Gemüth 
des Erzherzogs uns so klar und deutlich entgegentritt, dass wir am besten thun 
durch Veröffentlichung folgender zwei Schriftstücke ihn selbst zu seinen Gunsten 
sprechen zu lassen. 

Das erste, ein amtlicher Erlass vom Jahre 1858, ist, abgesehen davon, dass 
es uns über die richtige Auffassung seines Berufes als Statthalter von Tirol Zeugnis 
gibt, insbesondere deshalb charakteristisch, weil aus demselben, obwohl in 
olticieller Form, die volle Liebenswürdigkeit eines jugendlichen Gemüthes hervor- 
bricht, dem es Bedürfnis ist, das Herz sprechen zu lassen, wo es sich sympathisch 
berührt fühlt, und dem es Freude macht, mit gutem Gewissen Anerkennenswertes 
hervorheben zu können. 

•An den k, k, Kreishauptmann von Trient Grafen Coronini. 

Mit besonderem Vergnügen eröffne ich Ihnen meine volle Zufriedenheit und 
Anerkennung bezüglich meiner Bereisung des Trienter Kreises. 

Die Erzherzogin und ich wurden überall von der Kreisgrenze bis zum Austritt 
aus dem Kreise sehr freundlich empfangen. Die Landbevölkerung, welche gewiss 
eine gute Gesinnung hat, war sichtHch von Herzen erfreut, uns zu sehen und zu 
begrüßen. Der Adel war überall entgegenkommend und bemühte sich, wo es an 
ihm lag, zugleich mit der treuen Bevölkerung uns den Aufenthalt angenehm zu 
machen, was auch ganz gut gelang. Ich habe mit Vergnügen wahrgenommen, dass 
die Städte und Ortschaften im allgemeinen nicht zu großartige Empfangsfeierlich- 
keiten veranstaltet haben, wie es auch in meinem Wunsche lag; denn nicht der 



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äußere Glanz macht eine gute Aufnahme aus, sondern das freundliche 
und herzliche Benehmen ist das, was wohlthut und woraus man 
erkennt, wie die Gesinnung ist. 

Man hat sich mir mit Vertrauen genähert, wodurch es mir möglich wurde, 
manche Bedürfnisse und Wünsche zu vernehmen, die ich durch Abhilfe zu 
befriedigen und zu erfüllen suchte. Die Bedürfnisse auf diese Art kennen zu lernen 
ist gewiss der Hauptzweck solcher Reisen. 

Ich ersuche Sie den Magistraten und Gemeinden in meinem Namen meinen 
verbindlichsten Dank für ihren guten Empfang auszudrücken und sie zu versichern, 
dass ich dieses Merkmal der Gesinnung für den Kaiser und sein Haus sehr zu 
schätzen weiß. Die Städte Trient, Roveredo und Riva, wo wir uns am längsten 
aufhielten, haben uns sehr angenehme Tage bereitet, an die wir uns stets mit Freude 
erinnern werden. Soviel ich Gelegenheit hatte, die Amter zu inspicieren, fand ich 
sie in Ordnung. Es arbeiten die Beamten im allgemeinen, soviel in ihren Kräften 
steht, und sind bemüht, ihre Geschäfte in geregeltem Gang zu erhalten, das Wohl- 
ergehen der Gemeinden zu fördern, sie in ihren Handlungen zu unterstützen und 
ihnen mit Rath beizustehen. Hlefür wollen Sie dem Kreisamte und den Präturen 
meinen Dank ausdrücken. 

Ihnen danke ich herzlichst für Ihre Bemühungen, die Sie bei der Leitung 
meiner Reise hatten. Ich habe mich neuerlich bei mehreren Gelegenheiten und in 
vielen Beziehungen überzeugt, dass Sie es verstehen, die Schwierigkeiten, die in 
der Verwaltung dieses wichtigen Kreises liegen, zu überwinden, mit den Leuten 
vom Volke und überhaupt mit allen Ständen vertrauensvoll umzugehen, so dass 
Sie deren Zuneigung und die Achtung derihnen unterstehenden Beamten genießen. 
Dieses halte ich für das wichtigste Moment, welches Sie durch Ihre Gewandtheit 
sich selbst geschaffen haben und wodurch es Ihnen möglich wurde, so viel zu 
wirken, als Sie es schon in diesem Kreise thaten. 

Schloss Ambras, den 14. Juni 1858. Erzherzog Carl.» 

Das zweite Schriftstück, ein Privatbrief aus Wartholz vom Jahre 1 894, ist 
ein Beweis der treuen freundschaftlichen Zuneigung des hohen Herrn. 

«Lieber Graf Coronini! Indem ich Ihnen für Ihr freundliches Schreiben bestens 
danke, theite ich Ihnen mit, dass ich Ihnen bisher den Zeitpunkt, wann es mir 
möglich sein wird, Sie hier zu sehen, worauf ich mich schon sehr freue, noch nicht 
angab, weil ich selbst kaum von meinerReise nach Lemberg, Thüringen undSachsen 
zurückkam und die Erzherzogin noch nicht hieher zurückgekehrt ist. Nachdem die 
Erzherzogin und ich wohl bald nach ihrer Rückkunft uns nach Gmunden begeben 
werden, um da unsere älteste Tochter und unseren Enkel wiederzusehen, so 
ersuche ich Sie, wenn es Sie nicht geniert und es Ihnen so passt, Ihr Reiseprogramm 
darnach einzurichten, dass Sie zu uns in der zweiten Hälfte August zwischen dem 
20. und 30. kommen. Da sind wir wohl hier. Es ist auch vor der Manöverzeit und 
im September habe ich noch einige Fahrten vor; dann werden wir uns wohl auf 

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unseren Besitz nach Ungarn begeben. Sie können sich denken, dass so, wie Sie, 
auch mich die Nachrichten über den Aufenthalt des Kaisers in Trient und die 
Fahrt von da nach Campiglio lebhaft interessierten. Die patriotischen Kund- 
gebungen, namentlich auf dem Lande, in den Dörfern, waren wohlthuend und 
erhebend. Diese herzliche Aufnahme hat den Kaiser gewiss sehr gefreut. Sehr 
gerne erinnere ich mich dabei meiner Bereisung eines Theiles der Gegenden, die 
der Kaiser durchfuhr. Das waren für mich schöne Zeiten! 

Der Erzherzogin werde ich, sobald sie zurückkehrt — sie war längere 
Zeit bei ihrer Schwester, der Erbgroßherzogin von Luxemburg — Ihre Erinnerung 
an sie mittheilen. Sehr erfreut war ich im vorigen Frühjahre, Ihren Landsmann, 
den Baron Calice, wiederholt bei mir zu sehen; er ist ein sehr angenehmer und 
gescheiter Mann. 

Leben Sie wohl, lieber Graf. Auf frohes Wiedersehen! 

Indem ich Sie ersuche, mich Ihrer Schwester bestens zu empfehlen, und Sie 
freundlichst grüße, verbleibe ich stets Ihr wohlgeneigter 

Wartholz, den 7. Juli 1894. Erzherzog Cari.» 

Diese zwei Schriftstücke, zwischen welchen ein Zeitraum von über 36 Jahren 
liegt, sprechen mit größter Deutlichkeit für die unwandelbar edle Gesinnung 
ihres .Tutors.» 



Bei dem Neujahrsempfange 1859 hatte Napoleon III. in unzweideutiger 
Weise dem Österreichischen Gesandten die Aussichten auf den bevorstehenden 
Krieg eröffnet, der auch im Frühling thatsächüch zum Ausbruche kam. Das Land 
Tirol, das noch in jedem Kriege, in welchem Frankreich auf gegnerischer Seite 
stand, in Mitleidenschaft gezogen wurde, blieb diesmal vom Kriege umsoweniger 
verschont, als der dem Lande zunächst gelegene TheU Italiens den Schauplatz 
des Kampfes bilden musste und dem Kronlande Tirol die Aufgabe wurde, zur Ver- 
theidigung seiner südlichen Grenzen mitzuwirken. 

Bis zum Jahre 1846 trug noch jeder waffenfähige Tiroler das Gefühl der 
Pflicht in sich, gegebenenfalls zur Vertheidigung des Landes auszurücken. Die 
von einem ganz unpraktischen Idealismus dlctierte neue Schießstandsordnung 
von 1846 setzte aber an Stelle der Pflicht die Freiwilligkeit und stellte in eigener 
Überschätzung es als selbstverständlich hin, dass im Kriegsfalle jeder Tiroler 
begeistert zu den Waffen greifen werde. Dabei geschah aber auch gar nichts zur 
Erfüllung der nothwendigsten Vorbedingungen, welche der Marsch vor den Feind 
von dem einzelnen Mann bezüglich der für den Krieg tauglichen Bewaffnung und 
sonstigen Ausrüstung forderte. Man glaubte alles gethan zu haben, wenn die 
junge Mannschaft durch geeignete Mittel zu den Schießübungen angeeifert wurde. 
Hatte daher auch gerade um diese Zeit das lebhafteste Schützenleben auf den 
Schießständen sich entwickelt, so war der dabei übliche Scheibenstutzen wohl 
geeignet, den Schützen als solchen auszubilden, für den Krieg aber seines 



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Gewichtes und seines feinen Mechanismus wegen wenig tauglich. Die sonstige 
Adjustierung und feldtaugliche Bekleidung fehlte ganz, ebenso die Ausbildung von 
Compagnien für den Felddienst Obwohl man diese Erfahrungen bereits im Jahre 
1848 gemacht hatte, so wurde die Sache im Frieden wieder völlig vergessen. 

Die in erster Linie zum Ausrücken berufenen freien Gesellschaften der 
Schießstände fühlten diese Mängel selbst am bes.ten, und es gehörte daher eine 
begeisterte Liebe zu Kaiser und Vaterland dazu, Haus und Familie zu verlassen 
und so, ganz mangelhaft gerüstet und geschult, dem Feinde entgegenzuziehen. 

So stand es auch mit der Landesvertheidigung beim Ausbruche des Krieges 
im Jahre 1859. Am 10. Janner war der Erzherzog- Statthalter in Begleitung der 
Königin Maria von Sachsen nach längerer Abwesenheit in aller Stille in Innsbruck 
eingetroffen. Auf die Freude des Wiedersehens war der tiefe Schatten der Weh- 
muth und Trauer um die in so jugendlichem Alter verstorbene Gemahlin gefallen. 
Gleichzeitig begannen auch schon die Truppenmärsche nach Italien. Von Inns- 
bruck marschierte das Kaiserjägerbataillon vorläufig nach Trient ab. Das officielle 
Schweigen des deutschen Bundes, der allein den drohenden Krieg hätte ver- 
hindern können, rief in Österreich eine peinliche Stimmung hervor, und wenn auch 
der bayerische Landtag seine Stimme zu Gunsten Österreichs erhob, so war dies 
ein schwacher Ersatz für die mangelnde Bundestreue. Während bereits am Feste 
des heiligen Josef der Fürstbischof von Brixen in einem Circulare an den gesammten 
Clerus betonte, dass die Erhaltung des Friedens kaum mehr in der Macht der 
Menschen liegen dürfte, und die Geistlichkeit aufforderte, als wahre Hirten in der 
Ausübung ihrer Pflicht selbst das Leben nicht zu schonen, und auch tirolische 
Zeitungen einige Tage früher schon den Krieg als unvermeidlich erkannten und 
für ein energisches Eingreifen riethen, gieng Erzherzog Carl Ludwig rasch und 
mit Erfolg daran, die Tiroler und Vorarlberger Landesvertheidigung neu zu orga- 
nisieren und für den Bedarfsfall wehrhafter zu gestalten, als dies bisher möglich 
gewesen wäre. Inzwischen war der Krieg thatsächlich ausgebrochen. Am 23. April 
war das österreichische Ultimatum vom 21. desselben Monats in Turin übergeben 
worden, wenige Tage später rückten die Verbündeten des Königs von Sardinien, 
die Franzosen, in Piemont ein; die Österreicher giengen am 29. über den Ticino 
und besetzten Mortara. Noch an demselben Tage wurde in Innsbruck das inhalt- 
schwere Manifest des Kaisers an die Völker Österreichs vom 28. bekannt, welches 
den Entschluss Seiner Majestät verkündete, nachdem alle Mittel zur Erhaltung 
des Friedens fruchtlos erschöpft wurden, zur Vertheidigung der Ehre und der 
Rechte Österreichs gegen das von Frankreich unterstützte Sardinien die Waffen 
zu ergreifen. Dem Schutze Gottes vertrauend, erfüllt Seine Majestät mit schwerem 
Herzen diese ernste Regentenpflicht und zählt bei der Vertheidigung seiner 
gerechten Sache auf die Treue, die Hingebung und die Opferwilligkeit der Völker 
Österreichs. Unmittelbar darauf erließ auch der Fürstbischof von Brixen einen 
Hirtenbrief an alle Qlaubigen seiner Diöcese, worin er in flammenden Worten 
die gerechte Sache des Kaisers schilderte, und zur Treue und Opferwilligkeit 
mahnte. 



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Während alles unter dem Banne des eben entbrannten Krieges stand, traf 
am 12. Mai die für das ganze Land Tirol höchst schmerzliche Nachricht vom 
Ableben des Erzherzogs Johann ein. Die Geschichte des Landes hieng seit mehr 
als einem halben Jahrhundert auf das engste mit dem Namen dieses kaiserlichen 
Prinzen zusammen; Freud und Leid, Krieg und Frieden, Sieg und Bedrängung 
hatte Erzherzog Johann seit seinen Jugendjahren mit dem ihm lieb und theuer 
gewordenen Tiroler Volke getheilt Den so oft und stets mit Erfolg geübten 
Beruf, das treue Tiroler Volk für Kaiser und Vaterland unter die Waffen zu rufen, 
wusste der scheidende Erzherzog den guten Händen seines erlauchten Neffen 
anvertraut. Trotzdem wendete der greise Erzherzog, den letzten Zeitereignissen 
mit Spannung folgend, gerade jetzt wieder seine Blicke auf das Tiroler Land. 
Noch die letzten Zeilen, die der Erzherzog nach Tirol richtete, legen Zeugnis ab 
von seinem Vertrauen auf das Land: «Bereit sind wir alle, wenn es sein sollte, 
unseren alten Wahlspruch ,Für Gott, Kaiser und Vaterland!' zu verwirklichen. 
Die Büchsen sind nicht verrostet und das Schießen haben wir nicht verlernt» 

Unter solchen Eindrücken hatte der Erzherzog-Statthalter in unermüdlicher 
Arbeit die neue Landesvertheidigungsordnung vollendet, welcher Seine Majestät 
mit nachstehendem Allerhöchsten HandbiUet am 17. Mai die Genehmigung 
ertheilte: 

«Lieber Herr Bruder Erzherzog Carl Ludwig! 

In der Erwägung, dass die dermaligen Verhältnisse die Nothwendigkeit 
herbeiführen dürften, die Wehrkraft Meiner braven Tiroler und Vorarlberger zur 
Landesvertheidigung in Anspruch zu nehmen, habe ich Mich bestimmt gefunden, 
die beifolgenden provisorischen Normen filr die gegenwärtige Organisierung des 
Landesvertheidigungswesens zu erlassen. Ich trage Euer Liebden auf, unverzüg- 
lich die weiteren Einleitungen zur Durchführung dieser Bestimmungen zu treffen, 
damit für den Fall, als Ich Mein treues Volk in Tirol und Vorarlberg zur Landes- 
vertheidigung aufrufen sollte, die Activierung der Landesschützen körper sofort in 
gehöriger Ordnung erfolgen könne. Vertrauensvoll lege Ich die Organisierung und 
Leitung dieses altbewährten, volksthümlichen Institutes in die erprobten Hände 
Euer Liebden und hege die Überzeugung, dass die Landesschützen, wenn Mein 
Ruf an sie ergeht, sich zahlreich und willig zum Schutze des Landes versammeln 
und sich als würdige Söhne des Meinem Herzen besonders theueren Volkes 
bewähren werden, dessen Treue und Tapferkeit seit Jahrhunderten der Stolz 
Unseres Hauses ist.» 

Diese höchst anerkennenden kaiserlichen Worte brachte der Erzherzog- 
Statthalter am 22. Mai der Bevölkerung zur Kenntnis mit dem Beifügen, dass er 
sich glücklich schätze, mit der Leitung dieses Landes der Anhänglichkeit an den 
Monarchen nicht bloß in Betreff der politischen Verwaltung, sondern auch zufolge 
Allerhöchsten Handbillets vom 6. d. M. mit der Oberleitung der Landesvertheidigung 
in so ernsten Zeiten betraut zu sein. Seine kaiserliche Hpheit erklärte, die im 
Allerhöchsten Handschreiben angeführten Normen würden ohne Verzug abgeson- 
dert kundgemacht werden und die Überzeugung gewähren, dass dem Institute der 
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Landesvertheidigung der volksthümüche, rein bürgerliche Charakter bewahrt und 
den Gemeinden die freieste Bewegung und Mitwirkung dabei eingeräumt sei, dass 
die Kosten vom Ärar und nicht vom Lande bestritten würden, dass die bisherige 
Begünstigung bei der Heeresergänzung auch für die Zukunft bleibe, und dass 
sowohl Belohnung für hervorragende Thaten, als auch Unterstützung der invalid 
gewordenen Landesschützen und Versorgung der hinterbliebenen Witwen und 
Waisen gefallener Landesvertheidiger festgestellt sei. Der Erzherzog-Statthalter 
versicherte, bis jetzt handele es sich nur um die Einleitungen und Vorbereitungen, 
damit, wenn der Kaiser rufe, die Landesschützen mit ihren geweihten Fahnen und 
unter demalten Wahlspruche «Für Gott, Kaiser und Vaterland!» an die vom Feinde 
bedrohten Punkte eilen könnten. 

Dieser erzherzogliche Commentar zu der gleichzeitig veröffentlichten 
«Tiroler und Vorarlberger Landesvertheidigungsordnung» gibt in präciser Kürze 
den wesentlichen Inhalt der neugeschaffenen Ordnung und ist wie die ganze 
Ordnung selbst der glänzendste Beweis der hohen Einsicht und des Verständ- 
nisses, welches sich der Erzherzog-Statthalter in so kurzer Zeit durch den engen 
Verkehr mit dem Tiroler Volke für alle Bedürfnisse desselben wie kein zweiter 
anzueignen verstanden hatte. 

Die allgemeinen Bestimmungen in 19 Paragraphen, die Bestimmungen über 
die Organisierung der Schützencompagnien in drei Zuzügen, die Wahl der OfRciere 
für jede in der Regel aus 120 — 240 Mann bestehende Compagnie, die Dienstzeit, 
die Vorschriften über Ausrüstung, Bezüge und Gebüren, die Organisierung des 
Landsturmes im Falle größter Feindesnoth und die Bestimmungen über Beloh- 
nungen, Strafen und Gelöbnis bilden ein so einfaches, dabei doch tiefdurchdachtes 
einheitliches Reglement auf Grundlage freiester Bethätigung und Rücksichtnahme 
auf die Leistungsfähigkeit des einzelnen und der Gemeinden, dass die Aufstellung 
der für das ganze Land angenommenen Mannschaft von 24,000 Köpfen, deren 
gleichmäßige Vertheilung und die geregelte Ablösung der Schützencompagnien 
im Falle der praktischen Anwendung keinen ernstlichen Schwierigkeiten 
begegnen. 

Als der Kaiser bereits wenige Tage nach der Veröffentlichung dieser Landes- 
vertheidigungsordnung gezwungen war. die Tiroler zur Vertheidigung ihrer 
Landesgrenzen unter die Waffen zu rufen; stand auch dank dieser emsigen vor- 
bereitenden Thätigkeit und dem unermüdlichen persönlichen Eingreifen des 
Erzherzog-Statthalters in kürzester Frist nahezu ein Drittel der angenommenen 
Anzahl der Landesvertheidiger an den bedrohten Grenzen und, hätte nicht der 
Friedensschluss dem blutigen Ringen in Oberitalien ein frühes Ende bereitet, wäre 
sicherlich in wenigen Tagen das ganze Contingent kampfbereit dem Feinde an 
den Landesgrenzen gegenübergestanden. 

Mit wahrem Vergnügen vernimmt der Geschichtschreiber, welcher die 
Stimmen aus dem Volke in den tirolischen Zeitungen des Jahres 1859 überblickt, 
das allgemeine Lob über die Einfachheit und Klarheit und infolgedessen über das 
vorzügliche Functionieren der Landesvertheidigung in der Zeit der Gefahr, 



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Noch ein anderer Umstand war es, welchen der Erzherzog in kluger Berech- 
nung und weiser Voraussicht, die nur auf der genauesten Vertrautheit mit den 
Stimmungen, Wünschen und alten Gewohnheiten des Landes beruhten, im 
Momente der Gefahr trefflich auszunützen verstand. Den Tirolern und Vorarl- 
bergern war allzeit seit Jahrhunderten schon ein großes Maß von Freiheit und 
Selbständigkeit in der Verwaltung der Landesangelegenheiten eingeräumt, und 
es hatte bittere Verstimmung und tiefgehende Unzufriedenheit hervorgerufen, 
dass die letzten Jahre her die Thätigkeit des Landtages eine so weitgehende 
Einschränkung erfahren hatte, dass nur noch ein kleiner Ausschuss des Land- 
tages an der Landesverwaltung theilnehmen durfte. 

Mit richtigem Blicke setzte da der Erzherzog-Statthalter ein und erwirkte 
das kaiserliche Handbillet vom 1 7. Mai, wodurch der bestehende Ausschuss des 
tirolischen Landtages bis auf weiteres in der Weise verstärkt wurde, dass je drei 
Mitglieder aus den bisher vertretenen vier Ständen als Vertrauensmänner ernannt 
wurden. Die Gesammtzahl der Ausschussmitglieder betrug mit angemessener 
Berücksichtigung Vorarlbergs 16; die Zeit der Einberufung behielt sich der Erz- 
herzog vor. 

Als Zweck dieser Einberufung bezeichnete der Erzherzog-Statthalter in seiner 
Kundmachung vom 20. Mai: «Den Rath und die Bitten einsichtsvoller patriotischer 
Männer zu vernehmen, um in diesen schwierigen Zeitverhältnissen mit vereinten 
Kräften die Gefahren abzuwenden, von welchen die Ordnung alles Bestehenden 
bedroht ist. Indem Ich"., fährt der Erzherzog fort, -in dieser Allerhöchsten Schluss- 
fassung ein Zeichen huldvollsten Vertrauens erblicke, welches Seine Majestät in 
die Treue des Landes Tirol und Vorarlberg zu setzen geruhten, so erwarte Ich 
auch mit ruhiger Zuversicht, dass dasselbe die ererbte Tugend der unerschütter- 
lichen Ergebenheit unter allen Umständen auch femer an den Tag legen und red- 
lichen Sinnes bestrebt sein wird, mit Rath und That die gute Sache und das Wohl 
des Vaterlandes zu fördern.» 

Durch die erweiterte Heranziehung der Landesvertreter zur Berathung und 
Organisierung zunächst der Landesvertheidigung, aber auch zur Theilnahme an 
der Verwaltung des Landes selbst wurde die patriotische Begeisterung und Opfer- 
willigkeit der Bewohner wesentlich gehoben, der bisherige Groll über die erfah- 
renen Beschränkungen gemildert oder ganz getilgt. 

Reichlich begannen im Lande die freiwilligen Gaben zur Deckung der außer- 
ordentlichen Staatsbedürfnisse, meist mit der Widmung für die Landesvertheidi- 
gung, zu fließen, nachdem der Erzherzog-Statthalter sich selbst mit der ansehn- 
lichen Summe von 6000 (1. an die Spitze der Zeichnungen gestellt hatte, während 
sich die Frauen des ganzen Landes unter Vorantritt der Gräfin Ottilie von Enzen- 
berg zu einem großen Bunde für werkthätige Unterstützung der verwundeten 
und kranken Soldaten organisierten. 

Die unglücklichen Ereignisse in Oberitalien und die kriegerischen Unter- 
nehmungen Garibaldis verschärften zusehends den Ernst der Lage und riefen 
schneller, als man geglaubt hatte, die Tiroler und Vorarlberger unter die Waffen. 
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Am 1. Juni erließ der Kaiser aus Verona ein Manifest folgenden Inhalts: 

«An Meine treuen Tiroler und Vorarlbergerl 

Ich rufe Euch auf zu den Waffen! Es ist der Ruf, Eure Treue und Mann- 
haftigkeit, Euren frommen, gottbegeisterten Sinn der Mit- und Nachwelt aufs 
neue zu beweisen. Ich rufe Euch auf für die gerechteste Sache, für welche je 
das Schwert gezogen wurde. Nehmt die altgewohnte Landeswaffe in Eure 
geübte Hand, sammelt Euch in den Schützenkörpern und zieht dem Feinde an 
die Grenze entgegen, sie mit der Brustwehr Eurer Treue und Entschlossen- 
heit zu decken, gegen denselben Feind, der oft schon das Eindringen in Eure 
Berge blutig büßte. Gegen diesen Feind, der sich zum Bundesgenossen der 
Rebellion gegen die rechtmäßige, von Gott eingesetzte Herrschaft gemacht, vertraue 
Ich die Grenzen Meines geliebten Landes Tirol Eurem Schutze! Wenn der 
Gegner sie bedrohen sollte, werdet Ihr es ihn fühlen lassen, es wohne inner der- 
selben ein treues Volk, das wie seine Väter für Gott und Vaterland zu 
kämpfen und zu siegen weiQ.> 

Am nächsten Tage brachte der Erzherzog-Statthalter das kaiserliche Mani- 
fest zur Kenntnis der Bevölkerung, Der Höchste Herr fügte in einer Kundmachung 
bei, es sei Ehrensache jedes wackeren Tirolers und Vorarlbergers, zur Organi- 
sierung der Schützencompagnien kräftigst mitzuwirken, und fuhr also fort: «Über 
den Fortgang der Bildung der Schützencompagnien haben die Defensions- 
commissäre (diese stehen nach den Vorschriften der Landesvertheidigungsordnung 
an der Spitze des Bezirksausschusses für jeden Amtsbezirk) von acht zu acht 
Tagen Bericht an das Kreis-Defensionscomite zu erstatten und dieses hat Mir das 
Resultat anzuzeigen. Utn den bedrohten Grenzen näher zu sein und um nöthigen- 
fatls in jener Gegend persönlichen Einfluss auf die Geschäfte der Organisierung der 
Schützencompagnien nehmen zu können, begebe Ich Mich morgen nach Bozen 
und werde dort einige Zeit verweilen. Zu den erhebenden, wahrhaft aus dem 
Herzen gesprochenen Worten Unseres geliebten Kaisers und Herrn füge Ich bei, 
dass Ich seinerzeit jeder der 20 Compägnien, welche mit dem Stande von wenig- 
stens 180 Mann wohlausgerüstet sich zuerst zum Ausmarsche melden, ein 
bleibendes Andenken für die Compagniefahne bestimmen werde. Die Reihen« 
folge und die Zeit des Ausmarsches wird von Mir bestimmt.» 

Ohne Zaudern begann es sich nun allenthalben in Tirol und Vorarlberg 
kriegerisch zu regen. Überall gieng man, Innsbruck voran, an die Aufstellung und 
Ausrüstung der Schützencompagnien. Die Zeitungen veröffentlichten patriotische 
Artikel, von Begeisterung für die gerechte Sache des Kaisers getragene An- 
sprachen und Aufrufe aus verschiedenen Theilen des Landes, zum Beispiel den 
Aufruf des Bozener und Innsbrucker Kreis-Defensionscomite vom 7. und 9. Juni, 
oder «Des Kaisers Vertrauen auf die Treue der Tiroler. Eine patriotische Ansprache 
aus dem Eisackthale an die Landsleute». Die sehr populäre und Verbreitete «Volks- 
und Schützenzeitung*, welche an wahrhaftem Patriotismus stets voranleuchtete, 
brachte durch eine Reihe von Nummern als besondere Beilage einen Brief deä 
berühmten, verdienstvollen und vom Erzherzog immer hochgeschätzten Schrift- 
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stellers Alban Stolz in Freiburg i. B., betitelt: «Der Kreuzzug gegen den 
Welschen», in welchem die Entwicklung und Bedeutung des gegenwärtigen 
Krieges in volksthümlicher Weise auseinandergesetzt wurde. Die drei Fragen: 
Wie sieht es aus? Wer ist schuld daran? Was ist zu thun? sind in treffendster 
Weise klar und verständlich, kurz und schlagend beantwortet in dem Sinne, dass 
ganz Deutschland verpflichtet sei, Österreich in diesem gerechten Kriege Hilfe zu 
leisten. Tausende von ausgegebenen Sonderexemplaren waren in kurzer Zeit 
vergriffen. 

In ganz Tirol nährte man denn auch bis zum letzten Augenblicke die durch 
das Verhalten Preußens vereitelte Hoffnung auf deutsche Bundeshilfe und 
erwartete dieselbe um so sicherer, als der Feind sich Tirol und damit den Grenzen 
des deutschen Bundesgebietes nahte. Leider blieb dieselbe aus! 

Mit dem kaiserlichen Rufe zu den Waffen begannen für den Erzherzog- 
Statthalter Tage aufopferungsvoller, schaffensfroher Hingebung unter körperlichen 
und geistigen Anstrengungen und Mühsalen im Dienste des Vaterlandes. Um den 
durch den Aufstand in Veltlin bedrohten Landesgrenzen näher zu sein, begab er 
sich, wie er bereits angekündigt, am 4. Juni nach Bozen. Vor der Abreise brachte 
ihm die Bürgerschaft und die Studenten der Universität, die sich in diesen Tagen 
der Noth, ermuntert von ihren Vorgesetzten, durch eine erhebende patriotische 
Haltung und Hingabe auszeichneten, eine Serenade mit Fackelbeleuchtung. Tags- 
darauf langte der Erzherzog in Verona an, um dem kaiserlichen Bruder seine 
Aufwartung zu machen, sicherlich auch um über die Haltung des Landes Bericht 
zu erstatten und Informationen zu empfangen. Am 6. Juni war er wieder in Bozen 
eingetroffen. Am gleichen Tage konnte er nach Innsbruck telegraphieren, dass 
das 3. Bataillon Kaiser-Jäger die erste gezogene Kanone erobert, ein erneuerter 
Beweis der bekannten Tapferkeit und Entschlossenheit des tirolischen Landes- 
regiments. Damit fiel diesem auch der von einem ungarischen Edelmanne 
ausgesetzte Preis von 100 Ducaten zu. 

Während der Erzherzog am 0. Juni sich nach Lana und Meran begab, um 
persönlich auf die sofortige Bildung von Schützencompagnien einzuwirken, wurde 
bekannt, dass Garibaldi mit seinen Freischaren von Bormio aus sich den südwest- 
lichen Landesgrenzen nähere. Darum erließ der Erzherzog am 10. Juni von Bozen 
aus einen neuen flammenden Aufruf: «Der vermessene Feind naht unseren 
Grenzen; er bedroht unsere Armee im Rücken; darum auf! zu den Waffen! ihr 
tapferen Männer. Im Namen Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers und 
Herrn- rufe Ich Euch nochmals zu: Schützet Euer Haus und Hof und Ihr 
schützet das Haus Habsburg, das noch nie vergebens auf Euch gezählt Mit Gott! 
für Kaiser und Vaterland!» 

Die «Volks- und Schützenzeitung» schrieb schon unmittelbar vorher an- 
knüpfend an die erste Nachricht vom Nahen des Feindes: 

«Jetzt gilt kein Bedenken oder Zaudern mehr, sondern jeder, der noch ein 
Tiroler Herz im Leibe hat, greife nach seiner Waffe, trete in seine Compagnie 
und rücke aus an die Grenze, die wir noch gegen jeden Feind mit Ehre ver- 
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theidigt haben. Scharfschützen des Landes, die wir so viele Tausende von Kugeln 
in das Schwarz der Scheibe gejagt und so manchen Preis erobert haben, betreten 
wir jetzt den geheiligten Schießstand des Vaterlandes und feuern wir die Kugeln 
in das schwarze Herz der Feinde, die uns bedrohen, und lasst uns auch einstehen 
um den Preis, für welchen unsere Soldaten im heißen Kampfe ihr Blut und Leben 
geben. Es gilt die gerechteste Sache, die je verfochten wurde, es gilt einen Feind 
abzuhalten, welcher Lüge, Treubruch, Raub und Mord an seine Fahnen knüpft 
Es gilt, das Vertrauen zu rechtfertigen, welches der Kaiser auf uns gesetzt; es 
gilt die Ehre und die Freiheit des Vaterlandes. Gott, der jede gerechte Sache zum 
Siege führt, sei mit unseren Waffen.» 

Die Aufstellung und Ausrückung der Schützencompagnien nahm trotz der 
dringenden Sommerarbeiten nun im ganzen deutschen Landestheile und in Vor- 
arlberg einen raschen Fortgang. Historische Erinnerungen an die glänzenden 
Zeiten der Befreiungskriege zu Beginn des Jahrhunderts wurden überall wach- 
gerufen. Allenthalben entwickelten die Bezirksausschüsse und Defensionscom- 
missäre groöe Thätigkeit, vielfach unter den Augen und der ermunternden Bei- 
hilfe des Erz herzog- Statthalters, welcher von Bozen abermals nach Meran und 
von da durch das Vinstgau und Oberinnthal reiste. Am 16. Juni traf er wieder 
in Innsbruck ein, wo er die zum Empfange erschienene Geistlichkeit wegen ihrer 
erfolgreichen Verwendung zur Abwehr der dem Vaterlande drohenden Gefahren 
in rührender Weise belobte. Tagsdarauf dankte er in einer Kundmachung für die 
Opferwilligkeit und Thätigkeit des Landes gelegentlich der vielfachen Durch- 
märsche von Truppen durch das Land. Er habe von dieser patriotischen Auf- 
opferung auch dem Kaiser Mittheilung gemacht, ein besonderes Dankschreiben 
gleichen Inhaltes ergieng an den Stadtmagistrat von Innsbruck und wenige Tage 
später machte der Erzherzog dem Rector der Universität — es war dies der noch 
in Innsbruck lebende große Historiker J. v. Ficker — Mittheilung von einer Aller- 
höchsten Entschließung vom 18. Juni, womit der Universität das Allerhöchste 
Wohlgefallen für ihre Kundgebung der Ergebenheit und Opferwilligkeit, wodurch 
sich dieselbe rühmlichst hervorgethan habe, ausgedrückt wird. Unmittelbar vorher 
war der Erzherzog-Statthalter von einer mehrtägigen Bereisung des Unterinn- 
thales zurückgekehrt, wo er überall auf die Bildung von Schützencompagnien 
unmittelbaren und erfolgreichen Einfluss genommen hatte, denn es herrschte auch 
im Unterlande noch der alte Sinn und Muth. Schon am 25. Juni war der Erz- 
herzog wieder auf der Reise in das Wipp- und Pusterthal in Angelegenheiten der 
Landes vertheidigung, in welch letzterem seit längerer Zeit zu wenig überwachte 
italienische Emissäre und Spione als Holzhändler sich herumtrieben und die 
Bevölkerung gegen den angeblichen österreichischen Druck aufzustacheln und 
für die Glückseligkeit italienischer Freiheit, jedoch fruchtlos, zu gewinnen ver- 
suchten. 

Sein Hauptquartier schlug der Erzherzog wiederum in Bozen auf und kehrte 
erst am 18, Juli nach Abschluss des Waffenstillstandes in Italien wieder nach 
Innsbruck zurück. 



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Wie im Vinstgau und Innthal wirkte er auch da mit nie ermüdendem Eifer 
auf die rasche Bildung der Schützencompagnien persönlich ein und besuchte die 
entlegensten Thäler. 

Bei der Audienz der Gemeindevorstehung und der Defensions-Bezirksaus- 
schüsse in Sillian im Pusterthale ließ sich der Erzherzog-Statthalter über diegegen- 
wärtige Lage, die Ursache des Krieges, die Nothwendigkeit, Zweckmäßigkeit und 
Pflichtmäßigkeit derWehrhaftmachung undLandesvertheidigungTirols durch seine 
eigenen Kräfte und über die Pflicht zur diesfalligen Beihilfe auf eine so belehrende, 
überzeugende und herzlich rührende Weise vernehmen, dass jeder Anwesende 
sichtlich ergriflfen sich gewiss in seinem Pflichtgefühle gestärkt und gefestigt 
fühlen musste. Die Erscheinung Seiner kaiserlichen Hoheit des Herrn Erzherzog- 
Statthalters, heißt es in einem Berichte aus dem Oberinnthal, wo vermöge der 
eigenthümlichen Grundbesitzverhältnisse und des Charakters der Bevölkerung die 
Neuerungen der letzten Zeiten in wirtschaftlicher und politischer Beziehung viel 
drückender als anderswo empfunden wurden, hat, da er überall die Gemeinde- 
vorstände und Räthe und die sonstigen Landesnotabilitäten gnädigst zu sich 
kommen ließ und an sie huldvollste Worte zu richten geruhte, dem schwer 
bedrängten Herzen des Ober) nn thalers wohlgethan. Seine kaiserliche Hoheit 
geruhten jeder Versammlung den hohen Trost zu geben, dass Höchstderselbe die 
Klagen, Bedürfnisse und Wünsche des Landes genau kenne und sprachen offen 
aus, dass viele Beschwerden gerecht seien. Das Bewusstsein von der 
Erkenntnis der Berechtigung dieser Beschwerden machte das Volk opferwillig, 
den äußeren Gefahren vor allem und zuerst zu begegnen; den inneren würde 
dann um so sicherer und besser gesteuert werden. Zu welcher Begeisterung der 
Erzherzog die Bevölkerung für die Vertheidigung des Landes zu entflammen 
wusste, mag eine Erzählung der «Schützenzeitung» vom 22. Juni aus Oberperfuß 
bei Innsbruck beweisen, die, wenn sie auch eine Anekdote sein mag, deutlicher 
als lange Schilderungen den Geist und die Gesinnung des Landvolkes zeigt. Als 
es antieng bekannt zu werden, dass die Schlacht bei Magenta unglücklich aus- 
gefallen, fiengen die drei stämmigen Schmiedtöchter zu weinen an und forderten 
ihre. Brüder und andere anwesende Bursche auf: «Jetzt auf! und macht Anstalt, 
dass man geschwind ausrückt, und wenn Ihr nicht geht, so nehmen wir die Besen 
und treiben Euch über den Brenner hinein!» Wirklich rückten von dieser 
geachteten Familie und deren nächster Verwandtschaft vier Söhne und zwei 
Knechte aus. Ähnliche Begeisterung herrschte in allen Theilen des Landes. Das 
Burggrafenamt sandte nicht bloß das erste Drittel, sondern stellte das auf alle 
drei Zuzüge treffende ganze Schützencontingent auf einmal ins Feld. Durch 
Kampfesbereitwilligkeit und Freigebigkeit in der Stellung der Mannschaft 
zeichneten sich vor allem die Ultner aus, ebenso stand die deutsche Gemeinde 
Proveis im Nonsberg voran, die von der welschen Nachbargemeinde Rumo 
darob manches zu leiden hatte, und Glurns stellte um eine ganze Compagnie 
mehr, als es verpflichtet war. Tirol und Vorarlberg hätten in kürzester Frist ihre 
gesammte Pflichtige Mannschaft unter die Waffen gestellt gehabt und an den 
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bedrohten Grenzen bereit gehalten, den Feind wohlgerüstet zu empfangen und 
nach alter Väter Sitte siegreich zurückzuschlagen, hätte nicht der Krieg durch 
den am 1 2. Juli zu Villafranca abgeschlossenen Vorfrieden sein vorschnelles, 
allgemein unerwartetes Ende erreicht und damit auch dem Ausmarsche der 
Tiroler und Vorarlberger Landesvertheidiger ein rasches Ziel gesetzt 

Es waren bis zum 1 2. Juli im ganzen 50 Schützencompagnien mit 7500 Mann 
an die Grenze marschiert und 7 Compagnien standen marschbereit. Dazu kam 
noch eine trefflich ausgerüstete Freiwilligen-Compagnie der in Wien lebenden 
Tiroler, die jedoch bei ihrem Einrücken in Innsbruck am 13. Juli infolge des 
Friedens Haltbefehl erhielt und wieder zurückkehrte. 

•Die Landesvertheidigung hat sich, so urtheilt die «Volks- und Schützen- 
zeitung* am 22. Juli, trotz der unverkennbar gedrückten Stimmung im Lande 
wieder glänzend bewährt, wozu freilich das treffliche Landesvertheidigungsgesetz 
und besonders der persönliche Einfluss Seiner kaiseriichen Hoheit des Erzherzog- 
Statthalters das Wesentlichste beitrugen. Am 22. Mai war die Landesvertheidi- 
gungsordnung erschienen, am 3. Juni der Aufruf zu den Waffen und am 18. Juni 
waren schon Compagnien mobil, obwohl bekanntlich gar nichts vorbereitet war. 
Alle Compagnien sind mit der festesten Überzeugung ausmarschiert, dass es zu 
blutigen Kämpfen kommen werde, dass sie es nicht mehr mit Piemontesen und 
Briganten, sondern mit den Franzosen zu thun haben würden. Wir sind darum 
aus diesen und anderen Gründen vollkommen überzeugt, dass die Schützen des 
Landes überall, wo es zum Kampfe gekommen wäre, sich wacker gehalten haben 
würden. Wenn man die Auszugsverhältnisse mit den früheren Kriegsjahren ver- 
gleicht, sagt die «Volks- und Schützenzeitung, weiter, so stellt sich heraus, dass 
die Marschfertigkeit der Compagnien diesmal viel präciser war. Im Jahre 1796 
zum Beispiel erschien Ende Mai der Aufruf, und damals erkannte man es als 
etwas Ungewöhnliches, dass schon Ende Juli 6000 Mann an der Grenze standen. 
Was könnte nun aber unsere Landesvertheidigung leisten, wenn alles schon im 
Frieden vorbereitet und insbesondere das treue, felsenfesttreue Volk in gutem 
Humor erhalten würde ! Unter diesen Voraussetzungen und nach Herstellung der 
Brennerbahn könnte man leicht über Nacht und aus dem Innthale allein 
Tausende von wohlgeordneten, kampflustigen Schützen an die welsche Grenze 
stellen.» 

Von den ausgerückten Compagnien waren die Pusterthaler Schützen für 
die Deckung der Grenzen gegen das Venetianische in Ampezzo und am Kreuz- 
berge bestimmt, die übrigen hatten die südlichen Grenzen gegen Venedig am 
Monte Baldo, gegen die Lombardei im Ledro- und Chiesethale, den Tonaiepass 
iin Sulzberg und die Übergänge am Stilfserjoch und im Münsterthale zu ver- 
theidigen. Im übrigen italienischen Tirol, dessen Bevölkerung, theilweise durch 
Emissäre irregeführt, dem -Befreier» Garibaldi hoffend entgegensah und dem 
Feinde vielfach Unterstützung bot, stand reguläres Militär. Besonders die welschen 
Adeligen verhöhnten die Milde der deutschen Verwaltung als «Schwäche» und 
bauten darauf ihre Hoffnungen. Die Haltung dieser «Herren» in der Stunde der 
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Gefahr passte schlecht zu dem Jubel des wirklich kaisertreuen Volkes, welcher 
dem Erzherzog-Statthalter auf seiner ersten Rundreise 1855 überall im italienischen 
Tirol entgegentönte. Der italienische Laodestheil, welcher sich von der activen 
Theilnahme an der Landesvertheidigungmit Ausnahme weniger Gemeinden aus- 
schioss, hatte übrigens wenig Vortheil davon; er musste dafür bei der am 6, Juni 
angeordneten zweiten Recrutenaushebung 1000 Mann ins Feld stellen, Deutschtirol 
und Vorarlberg dagegen nur 300 Mann. 

Zählte unter den erwähnten Umständen der Aufenthalt der Schützen- 
compagnien Im südlichen, italienischen Tirol nicht zu den Annehmlichkeiten, 
so hatten dieselben als Vorposten auf gefährdeten Grenzpunkten eine recht 
schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen und hatten trotz des 
raschen Waffenstillstandes mancherlei Gelegenheit, ihren Muth und ihre unbe- 
zähmbare Kampfeslust, die sie alle beseelte, zu bewähren. Die Studentencompagnie 
vollführte eine beschwerliche Streifpatrouille über den Monte Baldo ins Venetia- 
nische, die Kitzbichler Schützen standen acht Stunden weit über der Grenze ange- 
sichts Peschiera, die erste Sonnenburger Schützencompagnie (Umgebung Inns- 
bruck) leistete, weit gegen die brescianische Grenze vorgeschoben, schwierige 
Vorpostendienste angesichts des Feindes, die Haller hatten am Idrosee Vor- 
postengefechte zu bestehen, ebenso die aus Forstbeamten gebildete Compagnie 
bei Caffaro. Am Tonalepass im Sulzberg kam der Feind den Landesschützen 
wiederholt zu Gesicht, doch fand sich keine Gelegenheit zu einem ersehnten 
Zusammenstoße. 

Hatten doch die Passeirer Schützen auf ihrem Marsche dahin in Cl es bereits 
zum Schrecken der dortigen weniger Gutgesinnten ihre Säbel und das Bajonnett 
geschliffen, «damit's schneidet, wenn man Fleisch hacken soll», wie sie sagten. 
Ernstlicher gieng es am Stilfserjoch her. 

Dieser wichtige Grenzpunkt gegen das lombardische Königreich war schon 
seit Mai von Kaiser-Jägern besetzt. Thatsächlich begannen auch schon am 2. Juli 
die feindlichen Operationen zur Erstürmung des Stüfserjoches. Am 8. Juli wurde 
der Hauptschlag versucht, der aber dank der vortrefflichen Stellungen und der 
Tapferkeit derKaiser-Jäger vollkommen misslang. Es gab da täglich hitzige Gefechte 
gegen einen weit überlegenen Feind, dessen Angriffe Garibaldi selbst leitete. Der 
Erfolg war ein glänzender und der Sieg in diesen Gefechten ein vollständiger. Zu 
ihrem Leidwesen gelangten als Unterstützung der Kaiser- Jäger die Landesschützen 
nirgends in das volle Feuer. Die Maiser Schützencompagnie holte sich zum 
Andenken an diese Tage ein schönes Zeugnis vom General Grafen Huyn. Mit 
welchem Ernst und mit welcher Begeisterung die Landesschützen den ihnen zu- 
theil gewordenen Aufgaben nachkamen, zeigt ein Brief eines Schützen vom 7. Juli, 
welcher mit einem Forstwart zusammen seit dem 21. Juni auf der Matritscher 
Schafalpe, mitten in ewigem Eis, zu hinterst im wilden Martellerthal, drei Stunden 
von der lombardischen Grenze stand, um die Verbindung zwischen dem Tonale- 
pass und dem Stilfserjoch herzuhalten. Stolz auf seine Vertrauensstellung schließt 
er sein Schreiben mit den Worten: «Ich werde auf diesem sibirischen Posten 



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stehen bleiben, bis ich abberufen werde, und sollte es bis zum jüngsten Gerichte 
dauern». 

Der schönste Dank für das thatlcräftige Eingreifen des Landes zum Schutze 
seiner Grenzen ist das Allerhöchste Handschreiben an den Erzherzog-Statthalter, 
welches der Kaiser unmittelbar nach dem Abschlüsse des Friedens noch am 
12. Juli von Verona aus erlie6, und durch welches er die Landesschützen jeder 
weiteren Verpflichtung entband. Dasselbe lautet wörtlich : 

■Lieber Herr Bruder Erzherzog Carl Ludwig! 

Meinem Aufrufe mit Begeisterung folgend, haben die Bewohner Tirols ihren 
Herd verlassen, um die Grenzmarken ihres Landes gegen die Angriffe des Feindes 
zu vertheidigen. Ruhmreich wird diese Thatsache in den Annalen der Geschichte 
glänzen als ein erhebendes Beispiel der Vaterlandsliebe und der Unterthanen- 
treue, worin Meine braven Tiroler niemals übertroffen wurden. Nachdem Ich Mich 
jedoch zum Frieden entschlossen habe, so entbinde Ich die ausgezogenen Landes- 
schützen für jetzt jeder weiteren Verpflichtung und ersuche Euer Liebden, 
denselben gleichwie der gesammten Bevölkerung Tirols und Vorarlbergs für ihre 
an den Tag gelegte OpferwilÜgkeit und Anhänglichkeit an Meine Person Meinen 
vollsten Dank und die Versicherung Meiner kaiserlichen Gnade auszusprechen, > 

Mit der Beendigung des Krieges war auch für den Erzherzog-Statthalter, 
der seine nie erlahmende Thätigkeit und Fürsorge für das Land in ernster Zeit 
mit den schönsten Erfolgen gekrönt sah, wieder eine ruhigere Zeit gekommen, er 
konnte sich wieder mit unermüdlichem Eifer seiner hohen Aufgabe, der Verwal- 
tung des Landes und dem materiellen Glücke desselben, widmen. Zunächst aber 
galt es seinem dankbaren und warmfühlenden Herzen als Pflicht, überall, wo es 
nur im Bereiche der Möglichkeit lag, durch Kundgebungen der Anerkennung für 
die bewiesene Treue und Opferwüligkeit seiner Freude und seinem Dankgefühle 
Ausdruck zu verleihen, Verdienste zu belohnen, Thränen zu trocknen und alte 
wie frischgeschlagene Wunden zu heilen. 

So finden wir zu wiederholtenmalen namhafte Spenden für verwundete 
Krieger, es ergiengen Dankschreiben für die Unterstützung der Soldaten, nament- 
lich der Verwundeten, so am 29. Juni ein kaiserliches Handbillet an das ganze 
Land Tirol, worin infolge eines Berichtes des Erzherzogs für die liebevolle Auf- 
nahme der durchmarschierten Truppen, für die aufopfernde Pflege der Verwun- 
deten, sowie nochmals für die unerschütterliche Treue gedankt wird. Der Stadt- 
magistrat von Trient erhielt am 14. Juli ein erzherzogliches Anerkennungs- 
schreiben für die den durchmarschierten Truppen und Verwundeten von den 
Bewohnern erwiesenen Wohlthaten, desgleichen am 31. October der Kreisverein 
für Schwaben und Neuburg ein sehr warmes Dankschreiben für die zur Pflege 
verwundeter Soldaten reichlich gespendeten Utensilien. 

Der Innsbrucker Universität gab der Erzherzog-Statthalter am 23. September 

eine Allerhöchste Entschließung kund, durch welche der Studentencompagnie 

für ihre ausgezeichnete Haltung, musterhafte Disciplin und ihren vorzüglichen 

Eifer der kaiserliche Dank ausgesprochen wird. Am 9. November erhielt die 

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akademische Compagnie eine Erinnerungsmedaille für ihre Fahne. Am gleichen 
Tage verkündete er auch der Stadt Innsbruck den Dank des Kaisers für ihre 
Opferwilligkeit. In besonderer Weise ehrte der Erzherzog seinem Versprechen 
gemäß die zuerst ausgerückten SchüCzencompagnien. Die Schwazer und Kuf- 
steiner Compagnien erhielten je einen prachtvollen silbernen Pokal, und am 
6. November widmete er den zwanzig zuerst an die bedrohten Grenzen ausge- 
rückten Compagnien ein bleibendes Andenken in Form einer silbernen Medaille für 
die Fahnen. Ein schönes und sinniges Neujahrsgeschenk waren femers die «Ehren- 
und Erinnerungsblätter aus den Tagen der Gefahr des Jahres 1859, dem treuen 
Volke in Tirol und Vorarlberg gewidmet vom Erzherzog Carl Ludwig, Statthalter>, 
welche am 31. December an jede Gemeinde des Landes vertheilt wurden. Diese 
Blätter enthalten die vier Allerhöchsten Handschreiben an den Erzherzog-Statt- 
halter vom 17.Mai, I.Juni und 1 2. Juli bezüglich der neuen Landesvertheidigungs- 
ordnung, des kaiserlichen Aufrufes zu den Waffen, den Allerhöchsten Dank an 
das Land für die Aufnahme und Verpflegung der Krieger und Verwundeten und 
endlich die kaiserliche Enthebung der Schützen von ihrer Dienstleistung. Vier 
schöne Randvignetten stellen den Inhalt im Bilde dar: Vorbeimarsch der Tiroler 
Schützen vor der kaiserlichen Hofburg in Innsbruck, Zug der k. k. Soldaten durch das 
Land, Ankunft verwundeter Krieger in Tirol und Kampf der Kaiser-Jäger in Italien. 

Dem Schießwesen blieb der Erzherzog Zeit seines Aufenthaltes im Lande 
nach den Erfolgen im Jahre 1859 ein besonderer Gönner. 

Am 22. April 1860 gab der Erzherzog als Landes-Oberstschützenmeister in 
dankbarer Anerkennung der Bereitwilligkeit, mit der die waffenfähigen Bewohner 
des Landes im vorigen Jahre an die bedrohten Landesgrenzen zogen, ein großes 
FreischieSen auf dem Landes-Hauptschießstande in Innsbruck und bei den Kreis- 
Hauptschießständen von Schwaz, Imst, Bruneck, Bozen und Bregenz und widmete 
dafür große Beste. 

Mit besonderer Freude erfüllte den Erzherzog-Statthalter die lebhafte 
Antheilnahme der Trientiner Schützen an diesem Freischießan auf dem Kreis- 
schteßstande in Bozen, und er fand sich bewogen, in einem eigenen Hantjschreiben 
an die Vorstehung des Kreisschießstandes Trient am 10. November seiner freu- 
digen Anerkennung warmen Ausdruck zu verleihen. Er fügte hinzu: »Die gemein- 
schaftliche Theilnahme an diesen so schönen vaterländischen Übungen bildet 
einen festen Haltpunkt, an den sich die Bande der Freundschaft und Eintracht, 
welche die zwei benachbarten Völker zum wechselseitigen Vortheil zu vereinigen 
bestimmt sind, mehr und mehr knüpfen.» 

Auf Veranlassung des Erzherzog-Statthalters gieng im Herbste des gleichen 
Jahres eine Abordnung Tiroler Schützen unter Führung des Unterschützenmeisters 
und Redacteurs der «Volks- und Schützen-Zeitung« David Schönherr zum großen 
nationalen Schießen nach Köln, zum erstenmale, dass Tiroler Schützen zu einem 
Wettschieflen außerhalb des Landes in so weite Ferne zogen. 

Große Verdienste um das Schützenwesen erwarb sich der Erzherzog-Statt- 
halter auch noch durch die Revision der am 17. Mai 1859 genehmigten provi- 



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sorischen Landesvertheidigungsordnung, welche auf Grund einiger nachträglicher 
Bestimmungen durch ein Allerhöchstes Handschreiben vom 19. August 1860 
abgeändert wurde und dem nächsten Landtage von Tirol und Vorarlberg zur 
Berathung vorgelegt werden sollte. 

Am Schlüsse dieses Abschnittes muss der gewissenhafte Biograph und 
Geschichtschreiber noch einer Fürsorge für das materielle Wohl der Bevölkerung 
ganz besonders gedenken, durch weiche der Erzherzog-Statthalter seiner dank- 
baren Gesinnung für den opferwilligen Auszug zur Verlheidigung des Vaterlandes 
ein bleibendes Denkmal im Herzen des Volkes gesetzt hat. Es ist die Abänderung 
des als besonders drückend empfundenen Forstgesetzes für Tirol und Vorarlberg 
vom 19. April 1856, welche der Erzherzog bei seiner Anwesenheit in Verona vom 
10. bis 12. Juli vom Kaiser erwirkte, und die gleichzeitig mit der Entlassung und 
'dem kaiserlichen Danke an die ausgerückten Landesschützen veröffentlicht wurde. 

Jenes Forstgesetz war seit seinem Bestände der feststehende Gegenstand 
lauter Klagen aller Bezirke und Gemeinden, und seine Abänderung bestimmt 
neben einer bedeutenden Vereinfachung der Geschäftsführung und der Nachsicht 
der noch ausstehenden sehr hohen Zahlungsrückstände für Aufforstungen seit 
1856, dass die hohen Auslagen für das Forstpersonale nicht mehr den Privaten 
und Gemeinden, sondern dem Staatsschatze zur Last fallen. Dieser Act der 
kaiserlichen Huld für das Land gerade in diesem Momente wurde von der dank- 
baren Bevölkerung überall mit Jubel begrüßt. 

Dem mächtigen Sachwalter des Landes, dem Erzherzog-Statthalter, welcher 
schon zu Beginn der Feindesgefahr durch die Berufung des erweiterten ständischen 
Ausschusses den freudigen Opfermuth zu entfachen verstanden hatte, verblieb 
durch diese neue Bethätigung seines edlen Wohlwollens die unvergängliche 
Anhänglichkeit und Dankbarkeit des Volkes gesichert. 



Mit der Beendigung des italienischen Krieges brach für unseren Kaiserstaat 
eine neue Periode der Entwicklung an. Es ist die Zeit der Begründung 
dauernder verfassungsmäßiger Zustände. Wir stehen unter dem Zeichen des ver- 
stärkten Reichsrathes, des Octoberdiploms und des Februarpatentes, des auf Grund 
desselben berufenen neuen Reichsrathes und der Einführung neuer Landes- 
ordnungen für die einzelnen Kronländer. 

Der unglückliche Ausgang des Krieges in Italien und die zunehmenden 
politischen und finanziellen Schwierigkeiten hatten eine Änderung der Regierungs- 
form zur Folge. Bereits das kaiserliche Manifest vom 15. Juli 1859, das den 
Völkern Österreichs den Friedensschluss mit Frankreich-Piemont bekannt gab, 
verkündete, dass Seine Majestät «die wiedergesicherten Segnungen des Friedens 
für Österreichs innere Wohlfahrt und äußere Macht durch zweckmäßige Ent- 
wicklung seiner reichen geistigen und materiellen Kräfte, wie durch zeitgemäße 
Verbesserungen in Gesetzgebung und Verwaltung dauernd zu begründen 
wünsche». 



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Das Ministerium Gotuchowski, welches das bisherige Bach'sche System 
ablöste, stellte bereits am 22. August ständische Vertretungen für die einzelnen 
Länder in Aussicht. 

Auch in dieser Zeit neuer Entwicklungen von der größten Tragweite für das 
politische Leben und die Zukunft unseres Vaterlandes war es dem Erzherzog- 
Statthalter beschieden, noch durch zwei Jahre an der Spitze seines geliebten Tirol 
und Vorarlberg zu verbleiben und für die mit vielen und großen Schwierigkeiten 
verbundene Neugestaltung der Dinge sein ganzes reiches Wissen und Können 
einzusetzen, bis der Beginn der vollen Wirksamkeit der neuen constitutionellen 
Ära es nicht mehr passend und der Würde und hohen Stellung eines Prinzen des 
kaiserlichen Hauses nicht mehr angemessen erscheinen ließ, an der Spitze einer 
Landesverwaltung zu stehen und außer dem obersten Landesherrn auch der 
Volksvertretung gegenüber verantwortlich zu sein. 

In Tirol und Vorarlberg hatten die «zeitgemäßen Verbesserungen in Gesetz- 
gebung und Verwaltung», welche das kaiserliche Manifest vom 15. Juli 1859 ver- 
sprach, durch die besondere Gnade des Kaisers und die außerordentliche Fürsorge 
des Erzherzog-Statthalters bereits früher ihren Anfang genommen. Der erste 
Schritt hiezu war durch das kaiserliche Handbillet vom 17. Mai und die Kund- 
machung des Erzherzogs vom 20. Mai geschehen, wodurch die Verstärkung des 
ständischen Ausschusses erfolgte zu dem Zwecke, dass die Landesregierung den 
Rath und die Wünsche patriotisch gesinnter, das allgemeine Vertrauen genießen- 
der Männer entgegennehme. Geschah dies zunächst zur Abwehr der drohenden 
äußeren Gefahren, so war dieser Ausschuss in der Folge doch auch der berufene 
Factor, den Erzherzog-Statthalter über die Wünsche und Beschwerden des Landes, 
welche in allen Thälem, in allen Orten die gleichen waren, zu informieren und 
über die nothwendig erscheinenden Verbesserungen unter seinem Vorsitze zu 
berathen. 

Die Wünsche des Landes, wie sie von den einberufenen Vertrauensmännern 
oder auch sonst zur Kenntnis des Erzherzog-Statthalters gelangt waren, bewegten 
sich im wesentlichen in der Forderung einer Landesverfassung, einer freien 
Gemeindeordnung, Regulierung des Forstwesens, Herabsetzung der Percentual- 
gebüren, Verminderung der Beamten durch Vereinfachung der Verwaltung. Wie 
rasch einer der dringendsten Wünsche, die Abänderung des Forstgesetzes, durch 
kaiserliche Großmuth erfüllt wurde, ist bereits erwähnt; die Verminderung der 
Übertragungsgebüren für den bäuerlichen Grundbesitz geschah durch einen 
weiteren kaiserlichen Gnadenact am 11. Jänner 1860. Zum Zwecke eifriger 
und gründlicher Berathung der Wünsche des Landes berief der Erzherzog- 
Statthalter schon für den L August 1859, kaum dass die Mühen und Sorgen für 
die Landesvertheidigung beendigt waren, den verstärkten ständischen Landes- 
ausschuss ein, dessen Sitzungen der Erzherzog selbst präsidierte. 

Nachdem er sich auf diese Weise von zuständiger Seite nochmals genau 
orientiert und informiert halte, erwirkte er ein weiteres kaiseriiches Handbillet vom 
7. September, welches nach dem Wunsche Seiner Majestät, dass in den zu 



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erlassenden Landesstatuten die Verhältnisse und Bedürfnisse des Landes berück- 
sichtigt und den billigen und begründeten Wünschen der Bevöllcerung, soweit es 
mit den Gesammtinteressen des Reiches vereinbar sei, entsprochen werden solle, 
den Erzherzog-Statthalter ermächtigte, einen Entwurf des Landesstatuts für 
ganz Tirol und Vorarlberg von dem verstärkten Landesausschusse berathen 
zu lassen. 

Das Land erhielt hledurch zum erstenmale vor der Öffentlichkeit die 
Gewissheit, dass es eine Landesvertretung erhalten werde, deren Mangel seit 
zehn Jahren schmerzlich beklagt wurde. Die Vorberathungen über die zukünftige 
Tiroler Landesverfassung begannen auch noch kurz vor Weihnachten und fanden 
mit Beginn dieses Festes ihren Abschluss. 

Am 19. Jänner 1860 wurde dann unter dem Vorsitze des Erzherzogs die 
meritorische Berathung über die Landesordnung im Landhause eröffnet und am 
24. desselben Monats beendigt. 

Näher auf diese geheim gebliebenen Berathungen einzugehen ist hier nicht 
der Ort; es genügt zu erwähnen, dass dank der eifrigen Bemühungen des Erz- 
herzog-Statthalters das groBe Werk zum glücklichen Abschlüsse gelangte und am 
20. October 1860 vom Kaiser in Anerkennung der treuen und kräftigen Stütze, 
welche die Stände der gefürsteten Grafschaft Tirol seit nahe 500 Jahren jederzeit 
und vorzüglich bei den schwersten und drangvollsten Ereignissen geboten haben, 
genehmigt wurde. Obwohl das Landesstatut nicht die Wünsche aller befriedigte, 
so wurde doch aligemein anerkannt, dass dadurch eine rechtliche Basis für die 
freie politische Bethätigung und für ein erfolgreiches Wirken zum Wohle des 
Landes geschaffen sei. War doch der Landtag berechtigt, über die kundgemachten 
allgemeinen gesetzlichen Anordnungen und Einrichtungen Anträge an den Kaiser 
zu stellen, bei Schaffung von Gesetzen für das Land mitzuwirken und über 
besondere Landesangelegenheiten zu berathen und zu beschließen. 

Am 15. November gab die Landeshauptstadt ihrer Freude über die Verlei- 
hung der tirolischen Verfassung, des Gotuchowskischen Statuts, wie es genannt 
wurde, durch einen Festgottesdienst, durch eine Beleuchtung des Landhauses und 
durch große Ovationen für den Erzherzog-Statthalter vor der Hofburg und im 
Nationaltheater Ausdruck in gleich loyaler Weise, wie dies anlässlich der Ver- 
kündigung der Reichsverfassung vom 20. October, des Octoberdipioms, als dessen 
Ausduss sich die Landesordnung darstellt, geschehen war. 

Wenige Tage später wurde der neue Landeshauptmann in der Person des 
Grafen Leopold von Wolkenstein-Trostburg ernannt und angewiesen, die Leitung 
der ständischen Angelegenheiten sofort zu übernehmen. Dadurch wurde der 
Erzherzog- Statthalter von seinen bisherigen Geschäften als Vorsitzender des 
bestandenen verstärkten Landesausschusses entlastet. 

Bevor jedoch der erste Landtag thatsächltch zusammentrat, erfuhr die 
Landesordnung vom 20. October 1859 eine durch das kaiserliche Patent vom 
26. Februar 1861, welches ein neues Grundgesetz über die Reichsvertretung fest- 
stellte, gebotene Erweiterung und Abänderung. Gleichzeitig mit dieser erneuerten 



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Landesordnung für Tirol- am 26. Februar 1861 erhielt auch das Land Vorarlberg 
eine eigene Landesordnung. Am 6. April fand die feierliche Eröffnung des neuen 
Landtages für Tirol statt. 

Zum Zeichen der allgemeinen Freude über dieses für die künftige Entwick- 
lung des Landes höchst wichtige Ereignis wurde gleichzeitig ein großes Frei- 
schieOen veranstaltet und damit eine Kunstausstellung im Landesmuseum ver- 
bunden. Die Berathungen im neuen Landtage gestalteten sich allerdings bald sehr 
stürmisch, wozu namentlich die Protestantenfrage AnJass bot 

In dem Handbillet des Kaisers vom 7. September 1859, welches die 
Berathung der Landesordnung dem verstärkten ständischen Ausschusse überwies, 
wurde der Erzherzog-Statthalter über die von ihm an die Stufen des Thrones 
gebrachten Bitten des Ausschusses auch ermächtigt, zur Berathung eines neuen 
Gemeindegesetzes eine eigene Commission zusammenzustellen, welche das Recht 
haben sollte, wesentliche Abänderungen des bestehenden Gesetzes zu beantragen. 

Dadurch wurde die Commission in die Lage gesetzt, ein Gemeindegesetz 
zustande zu bringen, weiches ganz den Verhältnissen und Bedürfnissen des 
Kronlandes angepasst war, und es kam nur auf den Willen und die Einsicht der 
Vertrauensmänner an, das Vertrauen der Regierung und des Erzherzog-Statthalters 
wie des ganzen Landes zu rechtfertigen. 

Am 19. November eröffnete der Erzherzog die Berathungen über den Ent- 
wurf der Gemeindeordnung; am 9. December beendigte er die Berathungen mit 
einer erhebenden Ansprache an die Mitglieder der Commission, worin er ihnen 
seinen verbindlichsten Dank für die viele Mühe und den unausgesetzten Eifer 
aussprach, welche sie auf dieses bedeutungsvolle Werk verwendet hätten. Die 
neue Gemeindeordnung gelangte jedoch erst für Tirol sieben, für Vorarlberg fünf 
Jahre später zur Wirksamkeit. 

In Bezug auf eine weitere Bitte des Landesausschusses, welche die Verein- 
fachung der Verwaltung betraf, wurde nach dem Willen des Kaisers und dem 
Wunsche des Erzherzog-Statthalters bei der Berathung des Landesstatuts und 
der Gemeindeordnung gleichzeitig Rücksicht genommen. 

Ein anderer Wunsch der Tiroler und Vorarlberger betraf die Frage der 
Ansässigmachung von Akatholiken im Lande, eine Frage, die dem tief religiös 
empfindenden Volke besonders nahe gieng. Auch darauf wurde dem Lande eine 
Einflussnahme zugestanden, indem die Berathung dieser für das durch und durch 
katholische Land heiklen und nach den eigenen Worten des Kaisers *von allen 
Seiten reitlicher Erwägung bedürftigen» Frage dem künftigen Landtage zur 
Berathung zugewiesen wurde. 

Dieserwurde, wie bereits erwähnt, unter großen Feierlichkeiten und Dankes- 
kundgebungen an den Kaiser für die Verleihung der Verfassung am 6. April 1861 
vom Erzherzog-Statthalter eröffnet. Von den zahlreichen Gegenständen, welche 
zur Verhandlung und Beschlussfassung kamen, waren zwei von besonderer 
politischer Tragweite: die Forderung der itahenischen Abgeordneten des Landes, 
welche größtentheils nicht erschienen waren, nach einer eigenen Landesordnung 
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und einem eigenen Landtage und die Protestantenfrage oder die Aufrechthaltung 
der Glaubenseinheit. 

Während in ersterer Beziehung nach icurzer Berathung entschieden wurde, 
den Provinzialverband zwischen Deutsch- und Italienisch-Tirol strengstens auf- 
recht zu erhalten, entfesselte die Frage der Glaubenseinheit, deren Berathung 
durch das kaiserliche Handschreiben vom 7. September 1859 dem Landtage 
vorbehalten war, um so größere Stürme und um so heftigere Erregung im ganzen 
Lande, als unmittelbar nach dem Zusammentritte des Landtages, am 8. April, 
das kaiserliche Patent erschien, welches den Protestanten in allen deutsch- 
slavischen Erbländern freie Religionsübung sicherte. Der Landtag brachte 
dagegen ein eigenes Landesgesetz in Vorschlag, welches die Glaubenseinheit 
in Tirol aufrecht erhalten sollte. 

Nachdem dieser erste Landtag unter aufrichtigen Loyalitätsbezeugungen 
schon am 24. April geschlossen worden war und der Erzherzog-Statthalter 
dem Berichterstatter des Ausschusses in der Religionsfrage über sein warmes 
Eintreten für die Glaubenseinheit noch gelegentlich der Aufwartung der Abge- 
ordneten am Schlüsse der Session seine Sympathie kundgegeben hatte, reiste 
er noch am selben Tage nach Wien ab zur Berichterstattung über die Ergebnisse 
des Landtages und zur Eröffnung des Reichsrathes. Niemand im Lande ahnte, 
dass der geliebte Erzherzog an diesem Tage zum letztenmale als Statthalter 
und Stellvertreter des Kaisers in Tirol geweilt hatte, obwohl schon des öfteren 
Gerüchte von einer anderen Bestimmung Seiner kaiserlichen Hoheit aufgetaucht 
waren. Mit der Begründung des neuen Verfassungslebens, mit dem Beginne 
der geregelten Wirksamkeit desselben und der Bildung des politischen Partei- 
lebens, welches mit der Verfassung seinen Anfang nahm, war die jetzt in 
ihrer Machtbefugnis wesentlich beschränkte Stellung eines Landes-Chefs nicht 
mehr vereinbar. So musste das treue Land seinen größten Freund und Wohl- 
thäter schon nach wenigen Monaten endgiltig scheiden sehen. 

Schon am 11. Juli erschien das kaiserliche Handschreiben an den Erz- 
herzog, welches ihn über seine Bitte von der Stelle des Statthalters in Tirol und 
Vorarlberg in Gnaden enthob. Zugleich sprach der Kaiser dem erzherzoglichen 
Bruder für die als Statthalter »unter schwierigen Verhältnissen mit erprobter 
Hingebung und Umsicht geleisteten, ausgezeichneten Dienste» seinen an- 
erkennenden Dank aus. Diese kaiserlichen Worte der Anerkennung und ebenso 
die bereits am 21. September 1859 erfolgte Verleihung des Großkreuzes des 
St Stephansordens «für die vielen Verdienste, welche sich der Erzherzog als Statt- 
halter in Tirol und Vorarlberg und in der letzten bewegten Zeit durch unermüdete 
Fürsorge für das Beste des Landes erworben hat>,sind der sprechendste Beweis, 
wie hoch der kaiserliche Bruder und Landesherr die unermüdliche, nur Gutes 
schaffende und fördernde reiche Thätigkeit des Erzherzog-Statthalters in politisch- 
administrativer Beziehung schätzte. 

Der Dank des Volkes, dessen Wohle der Erzherzog als Statthalter und 
Stellvertreter des Kaisers durch fast sechs Jahre die ganze Vollkraft seiner Jugend 
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widmete, stand und steht fest und unauslöschlich in treuen, anhänglichen Herzen 
geschrieben. Nachfolger des Erzherzogs als Statthalter des Landes wurde Fürst 
Carl zu Lobkowitz, gewesener Statthalter in Niederösterreich. 

Neben der reichen politischen Thätigkeit, welche der Erzherzog-Statthalter 
zum Gedeihen des Landes in dieser wichtigen, überall Neues schaffenden Zeit- 
periode entfaltete, versäumte er nicht, für das geistige und materielle Wohl der 
ihm anvertrauten Bevölkerung in der gleichen hochherzigen Weise zu sorgen, 
wie er es seit seinem Einzug in das Land gewohnt war, obwohl vielfache Reisen, 
welche das Interesse des Landes und gewiss auch die Angelegenheiten des 
Gesammtstaates erheischten, seine Abwesenheit aus Tirol bedingten. 

Die Förderung von Industrie, Kunst und Wissenschaft, die Aus- 
übung öffentlicher wie privater Wohlthätigkeit nahmen die von den Staats- 
geschäften erübrigende Zeit des Erzherzogs vollauf in Anspruch. Namentlich der 
Pflege von Kunst, Industrie und Gewerbe, welcher der Erzherzog in späteren 
Lebensjahren bekanntlich seine ganz besondere Förderung angedeihen ließ, 
hatte er schon als Statthalter in Tirol lebhafte Aufmerksamkeit gewidmet. 
Während seiner Amtswirksamkeit wurde zum erstenmale im Lande der Gedanke 
angeregt, die Erzeugnisse tirolischer Kunst und tirolischen Gewerbefleißes in 
einer Landesausstellung zu vereinigen. Es war bereits der Beginn der Aus- 
stellung für den 15. Mai des Jahres 1859 festgesetzt, als in letzter Stunde die 
Wirren des Krieges dieses schöne Werk vereitelten. 

In einer Kundmachung vom 30. März, welche die nothwendig gewordene 
Verschiebung der geplanten Industrie-, Kunst-, landwirtschaftlichen und forst- 
wirtschaftlichen Ausstellung für Tirol und Vorarlberg ausspricht, constatiert der 
Erzherzog-Statthalter, er habe mit besonderem Wohlgefallen ersehen, dass fiir 
diese Ausstellung bisher bereits über 700 Anmeldungen eingelangt seien und dass 
für das Gelingen derselben im ganzen Lande ein reger Geist herrsche. Die 
zuversichtliche Erwartung des Erzherzogs, dass diese Ausstellung in Zukunft 
mit demselben Eifer in Angriff genommen und ein durch seinen Erfolg das ganze 
Land ehrendes Unternehmen sein werde, erfüllte sich, wie bekannt, erst im Jahre 
1893 in einer allerdings glänzenden Weise, die alle Erwartungen hinter sich ließ. 
Erzherzog Carl Ludwig besuchte auch damals die Tiroler Landesausstellung, 
welcher er alle Anerkennung zollte, und erinnerte sich mit Vergnügen an seine 
ersten Anregungen zu derselben als Statthalter des Landes. Als er Ende September 
1860 die neu eröffnete Grödner Straße besichtigte, versäumte er nicht, imThale die 
größten und weit berühmten Grödner Schnitzwarenlager zu besuchen und überall 
durch freundliche Anerkennung ermunternd auf den Gewerbefleiß einzuwirken. 

Unter der Statthalterschaft des Erzherzogs wurde auch die von der General- 
gemeinde Fleims gegründete Gewerbeschule am 1. November 1860 eröffnet, ein 
höchst lobenswertes Unternehmen, welches die Tagesblätter dem ganzen Lande 
zur Nachahmung empfahlen. 

Selbst noch bei seinem Scheiden aus dem Lande richtete Erzherzog Cari 
Ludwig am 13. Juli von Schönbrunn aus an die Industrieschulen und Kinder- 



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bewahranstalten in Innsbruck ein eigenhändiges Handschreiben, welches zum 
Beweise seines Wohlwollens mit einer namhaften Spende begleitet war. Noch in 
den letzten Jahren seines Lebens übernahm der Erzherzog das Protectorat über 
den Tiroler Gewerbeverein in Innsbruck. 

Wie für Industrie und Gewerbe, Culturzweige, die damals noch in ihren 
Anfängen staken, war der Erzherzog-Statthalter auch ein großer Förderer der 
heimischen Kunst, jederzeit bereit, Werke derselben, wie einzelne Künstler zu 
unterstützen. In erster Linie verdankt ihm das Landesmuseum, eine der schönsten 
Zierden des Landes, als dem Protector-Stellvertreter Seiner Majestät des 
Kaisers auch in der letzten Periode der Statthalterschaft, sein damaliges rasches 
Aufblühen. Die Stadt Trient erfuhr die besondere Fürsorge des Erzherzogs für 
das schönste Bauwerk in ihren Mauern, den altehrwürdigen Dom, zu dessen 
nothwendiger Restaurierung der Erzherzog- Statthalter im Jahre 1859 die 
berühmten Essenwein'schen Pläne anfertigen lieB. Bei seinen Reisen im Lande 
interessierte sich der Erzherzog-Statthalter jederzeit auch für die alten Denkmäler 
der Kunst, deren es gerade in Tirol so viele gab und auch heute noch gibt, und 
griff rettend und erhaltend ein, wo es nothwendig schien. Als er Ende September 
1860 nach Meran kam, um die Wasserverheerungen in dem hochgelegenen 
Hafting zu besichtigen und die armen Verunglückten zu trösten, erreichte er nach 
einem höchst beschwerlichen Aufstieg zu Pferde unterwegs auch das Kirchlein 
St. Katharina in der Scharte. Das alte, aus dem XII. Jahrhundert stammende 
Kirchlein fesselte sofort seine besondere Aufmerksamkeit; er sah aber auch gar 
bald, dass der dort befindliche Altar ganz und gar nicht zum gothischen Baustile 
der Kirche passe, während der frühere schöne gothische Altar an einer Seitenwand 
der Kirche hingenagelt war. Der Erzherzog verfügte sofort die Versetzung des 
alten schönen Altars an seine frühere Stelle und übernahm die Kosten einer stil- 
gerechten Restaurierung auf seine Privatrechnung. Auf der gleichen Bereisung 
verfügte er sich auch zum alten, einst in hohen Würden gestandenen Stamm- 
schlosse Tirol bei Meran und besichtigte das Schloss, welches gegenwärtig auf 
Kosten des Staates einer durchgreifenden, sehr glücklichen Restaurierung unter- 
zogen wird, und die Überreste der alten Bauwerke mit höchstem Interesse und 
genoss mit Entzücken das herrliche Landschaftsbild, welches von dieser historisch 
denkwürdigen Stätte aus den Gesichtskreis umspannt. 

Welch große Aufmerksamkeit der Erzherzog dem gesammten Unterrichts- 
wesen und der fortschreitenden Bildung widmete, davon legte er schon in der 
ersten Periode seiner Amtswirksamkeit die glänzendsten Beweise ab, die sich bis 
zu seinem Scheiden stetig wiederholten. 

Die Wohlthätigkeitsinstitute, besonders das Margarethinum und die 
Erziehungsanstalt der Salesianerinnen in Thurnfeld bei Hall, wie nicht minder 
die Armen des Landes fanden immer wieder Anlass, in dem Erzherzog ihren 
größten Wohlthäter zu verehren. 

Mehr noch als für die Förderung von Wissenschaft, Kunst und Industrie 
fand das warmfühlende Herz des Erzherzog-Statthalters auch in diesen Jahren 
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Gelegenheit, dem armen Bauernstande, dem Rückgrate des Landes, dem der 
Erzherzog jederzeit die höchste Achtung zollte, der so oft von elementaren 
Unglücksfällen heimgesucht wird, helfend und tröstend beizuspringen, oder die 
Bedingungen seiner harten Existenz zu erleichtem und zu verbessern. 

Als im April des Jahres 1859 ein großer Brand in Mais im Vinstgau wüthete, 
als zu gleicher Zeit die arme Berggemeinde Gramais bei Imst durch die Typhus- 
epidemie hart mitgenommen wurde, als im August des gleichen Jahres ein Brand- 
unglück das Dorf Absam bei Hall ebenfalls heimsuchte, war es immer wieder der 
Erzherzog-Statthalter, welcher schnell auf die Unglücksstätte eilte, mit zartester 
Besorgnis tröstete und Unterstützung bot 

Im September 1860 wurde das stille und glückliche, weltentlegene Sarnthal 
von Wildbächen schwer heimgesucht, ebenso die Umgegend von Meran und 
wiederum die armen Dörfer des oberen Vinstgau. Überall fand sich Erzherzog 
Carl Ludwig persönlich ein, scheute keine Mühe, die Schäden zu besichtigen und 
den bedrängten Bewohnern Abhilfe zu schaffen. Überall folgten aber auch dem 
edlen Fürsten die heißesten Danksagimgen des Volkes. Einen weiteren Beweis, 
wie sehr dem Erzherzog- Statthalter das allgemeine Wohl des tirolischen und 
vorarlbergischen Bauernstandes am Herzen lag, gab er durch die Erwirkung 
des kaiserlichen Handschreibens vom 11. Jänner 1860, welches in Erwägung 
der besonderen Verhältnisse dieser Länder die Übertragungsgebüren von allen 
bäuerlichen Besitzungen und Grundstücken, deren Wert 4000 fl. nicht übersteigt, 
dergestalt ermäßigt, dass bei Übertragungen unter Lebenden und von Todes- 
wegen nur die Hälfte des Wertes der Gebürenbemessung zugrunde gelegt werden 
durfte. Die Freude auf dem Lande, wo der bäuerliche Grundbesitz durch das 
Gebürengesetz bisher so empfindlich berührt wurde, war groß, nicht minder die 
Dankbarkeit des Bauernstandes. 

Auch die Landeshauptstadt Innsbruck, die Residenz des Erzherzog-Statt- 
halters, erfreute sich seiner eifrigsten Fürsorge für ihr Emporblühen. Unter seiner 
Statthalterschaft wurde zu Beginn des Jahres 1860 eine neue Gemeindeordnung 
berathen und beschlossen; unter ihm wurde die Stadt mehrfach verschönert und 
vergrößert, so im Jahre 1858 durch die Eröffnung der Landhausstraße und 
im folgenden Jahre durch die Genehmigung des Baues der späteren Rudolfs- 
straße auf Kosten des Approvisionierungsfondes. 

Innsbruck, welches in dankbarer Erinnerung im Jahre 1896 einen neuen 
schönen Platz dem Erzherzog zu Ehren benannte, erwies sich für das ent- 
gegengebrachte Wohlwollen des Erzherzog- Statthalters stets dankbar. Es 
benützte jeden besonderen Anlass, sei es ein freudiges oder trauriges Familien- 
ereignis des Erzherzogs, sei es eine glückliche Rückkehr oder ein politisches 
Ereignis von größerer Tragweite für den geliebten Erzherzog oder für das 
Land, um ihm die erhebendsten Beweise von dankbarer Anhänglichkeit und 
Liebe zu bekunden. Das schönste Zeugnis stellte der Erzherzog der Landes- 
hauptstadt noch nach seiner Enthebung vom Posten eines Statthalters durch 
sein Handschreiben an den Magistrat vom 13. Juli 1861 aus, worin er den 



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Bewohnern von Innsbruck in den wärmsten Worten für ihre jederzeit bewiesene 
Anhänglichkeit, für ihr herzliches Entgegenkommen, ihre bewährte und erhebende 
Opferwilligkeit namentlich im Jahre 1859 und für die Gefühle der herzlichsten 
Antheilnahme anlässlich des Todes der erlauchten Gemahlin 1858, welche 
in seinem Herzen geschrieben bleiben, dankt und das Margarethinum als 
bleibendes Andenken an die selige Erzherzogin dem Wohlwollen des Stadt- 
magistrates empfiehlt. 

Wie die Landeshauptstadt dachte und empfand, so dachte und empfand 
ganz Tirol und Vorarlberg, Hoch und Nieder, allen voran das Landvolk. Tirol 
und Vorarlberg hatten durch fast sechs Jahre den edlen Prinzen als Leiter 
und Führer, als väterlichen Freund und mächtigen Sachwalter kennen, ver- 
ehren und lieben gelernt. «Alle, welche den feierlichen Einzug des Erzherzogs 
am 26. September 1853 in die Landeshauptstadt mitansahen*, sagt ein Nach- 
ruf an den scheidenden Statthalter, «mussten erkennen, mit welcher Freude, 
mit welchem Vertrauen, mit welcher Liebe unser Volk den erhabenen Bruder 
des angestammten Kaisers und Landesherrn empfieng, mit welcher Befriedi- 
gung, mit welchem Stolze sich die Brust hob, dass seit Jahrhunderten wieder 
zum erstenmal ein Prinz aus Habsburgs Hause, und zwar des Kaisers Bruder 
selbst die Zügel des Landesregiments ergreifen, die so lange verwaiste 
Kaiserburg wieder bewohnen, sowie das altberühmte Residenzschloss seines 
unvergesslichen Ahnen, des Erzherzogs Ferdinand, an das sich so vielfache 
Erinnerungen der Landesgeschichte knüpfen, aus seinem Verfalle heben soll. 
Diese Periode ist nun wieder abgeschlossen und nach mehrjährigem Walten 
unter schwierigen Umständen, ja unter drohenden Zeitverhältnissen verlässt 
der Erzherzog das ihm treu ergebene Land. Eines wissen wir, und das ist, 
dass es bezüglich der Liebe und Verehrung zum erhabenen Prinzen bei uns 
keine Parteiung gibt, dass sie eine ungetheilte ist, dass des Erzherzogs Liebe 
zu Land und Leuten, seine warme Theilnahme für das Wohl des Vaterlandes, 
die sorgsame, umsichtige und kräftige Vertretung der Interessen desselben 
beim Throne ebenso die allgemeine dankbare Anerkennung fanden und finden, 
als Höchstdessen vom reinsten Herzensadel zeugende Menschenfreundlichkeit 
und Leutseligkeit, sowie die nach dem großartigsten Maßstabe angelegte Wohl- 
thätigkeit in Stadt und Land unvergessen und gesegnet bleiben werden und — 
dass, was auch die Zukunft unserem Vaterlande bringen möge, dasselbe unter 
allen Umständen dem durchlauchtigsten Erzherzoge ein liebevolles Andenken 
bewahren wird. Der wehmuthsvoUe Scheidegruß, das Lebewohl, das aus Berg und 
Thal dem Erzherzog aus tief bewegter Brust nachgerufen wird, es wird, wir sind 
dessen gewiss, ein Echo finden im Herzen des edlen Fürsten, und er wird, er 
kann nimmer vergessen das treue, dankbare Volk von Tirol und Vorarlberg, das 
in froher wie in trüber Zeit Freude und Leid mit ihm getheilt hat» 

In ähnlicher Weise lauten alle Kundgebungen des Landes seit dem Herbste 
des Jahres 1859, wo zum erstenmale Gerüchte von einer anderen Bestimmung 
des Erzherzog-Statthalters in die Öffentlichkeit drangen und sich wiederholten, 



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bis sie am 11. Juli 1861 zur schmerzlichen Wahrheit wurden. Wurde auch der 
herbe Schlag tür das Land mit dem Wandel der Zeit verwunden, das Andenken 
an die kurze Periode stolzen Glückes, welches durch die kaiserliche Gunst Tirol 
und Vorarlberg verliehen ward, wirkt heute noch in aller Erinnerung lebhaft 
nach, der Name des Erzherzog-Statthalters Carl Ludwig wird für alle Zeit in den 
Annalen der Landesgeschichte und im Herzen des Volkes ein gesegneter sein. 
Der edle Prinz hat aber auch Zeit seines Lebens, wie er in einem Dank- 
schreiben vom 6. August an den Landesausschuss auf dessen Abschiedsadresse 
versprach, das treue, dankbare Volk von Tirol und Vorarlberg nimmer vergessen. 
Zum erstenmale durfte das Land Tirol den unvergesslichen Erzherzog- Statthalter, 
welcher zunächst In Wien dauernden Aufenthalt nahm, wiederum Im Jahre 1863 
anlässlich der großen Jubelfeier der 500jährigen Vereinigung Tirols mit Öster- 
reich als Stellvertreter des Kaisers begrüßen; ebenso erschien er im Jahre 1866, , 
als wiederum die Grenzen des Landes gefährdet waren, zu aufmunternder Thätig- 
keit in der Vertheidigung des Vaterlandes. Er kehrte fortan Jahr für Jahr, wenn es 
seine hohen Aufgaben erlaubten, für einige Zeit in dessen Mitte zurück und 
wusste Tirol zu würdigen, wie der alte Kaiser Maximilian, der es oft mit einem 
Lodenrocke verglich: er ist zwar rauh, aber er hält warm in Sturm und Wetter. 



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V. Capitel. 
Erzherzog Carl Ludwigs Familienleben. 1856 — 1896. 



Das Erscheinen des Octoberdiplomes, durch welches Seine Majestät am 
20, October 1860 den Völkern Österreichs die Freiheiten eines Verfassungsstaates 
gewährte, bedeutete schon den bevorstehenden Abschluss der politischen Wirk- 
samkeit des Herrn Erzherzogs als Statthalters von Tirol, Das Februarpatent vom 
26. Februar 1861 benahm den Kronländern einen Theil ihrer Selbständigkeit und 
brachte die Statthalter in völlige Abhängigkeit unter das dem Reichsrathe ver- 
antwortliche Ministerium. Mit der Einrichtung des constitutionellen Staates war 
es nunmehr unverträglich, dass ein Mitglied des regierenden Hauses das Amt 
eines Statthalters bekleide und so zu einem Minister in dienstliches Unterordnungs- 
verhältnis trete. Daher vollzog der Erzherzog im Jahre 1861 seinen Rücktritt von 
diesem bisher mit so glänzendem Erfolge und im Kriegsjahre 1859 auch mit so 
eifervoller Energie verwalteten Amte, und damit erfolgte zugleich im October 1861 
sein Abschied von dem ihm so liebgewordenen Lande, von dem ihn auch ferner- 
hin vergötternden Tiroler Volke, welchem dieTage seiner segensvollen Wirksamkeit 
im Lande niemals aus dem Gedächtnisse entschwanden. 

Allein, wenn auch die nunmehr sich vollziehende staatliche Umgestaltung 
Österreichs dem Erzherzoge dieses bisher innegehabte Amt entzog, so hat diese 
dem regsamen Geiste des Fürsten einen Beruf zugetheilt, der in seiner Sphäre 
weit hinausgriflf über die engen Grenzen einer Alpenprovinz, Ja, segnen vielmehr 
müssen wir des Schicksals freundliche Fügung, welche diese mild angelegte, echte 
Fürstennatur über den aufwirbelnden Straßenstaub politischer Parteikämpfe 
emporgetragen hat in die Regionen einer leidenschaftslosen Culturmission, auf 
deren Gefilden unverwelklicher Lorbeer grünt. So hat fortan der hochsinnige 
Erzherzog sich selbst einen Lebensinhall vorgezeichnet, eine Laufbahn ein- 
geschlagen, auf welcher ihn die lichten segenspendenden Genien der Arbeit, der 
Humanität, der Kunst und der Wissenschaft bis zum Grabe geleiteten. 

Wohl mag dem noch nicht dreißigjährigen Fürsten das Scheiden von 
dem herrlichen Alpenlande noch aus einem besonderen Grunde ans Herz gegriffen 
haben. Vergisst doch kein zartbesaitetes Gemüth so leicht der Stätte, an welcher 
der häusliche Herd sich aufgebaut hat. Bei dem ausgeprägten Sinne des Erz- 
herzogs für das Glück einer freundlichen Häuslichkeit musste ihm ja die Stätte 
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besonders theuer werden, in die es ihm gegönnt war, seine Braut aus fernem 
Sachsenlande als traute Lebensgefährtin einzuführen. 

Es ist nicht näher bekannt, wie dieses glückliche Ehebündnis zustande 
kam. Man weiß nur, dass der Erzherzog am 27, Juni 1856 Innsbruck verließ, um, 
wie sich später zeigte, in Pillnitz seine Verlobung mit Prinzessin Margarethe, 
Tochter des Königs Johann von Sachsen, zu feiern, tn Innsbruck scheinen von dem 
bevorstehenden freudigen Ereignisse die Wenigsten eine Ahnung gehabt zu haben, 
pie Bevölkerung wurde erst am 21. Juli, tags nach der vollzogenen Verlobung, 
durch eine Kundmachung der vom Erzherzoge selbst telegraphisch benach- 
richtigten Statthalterei davon überrascht. In der Landeshauptstadt, wie überall, 
wohin die freudig« Kunde gelangte, wurde diese Nachricht von der Verlobung des 
so aufrichtig geliebten Erzherzog-Statthalters mit Enthusiasmus aufgenommen. 
Noch am Abende ^^es genannten Tages wurde in Innsbruck von Mitgliedern des 
Handels- und Gewerbestandes ein stattlicher Fackelzug mit Musik veranstaltet, 
welcher unter Begleitung der Liedertafel jubelnd durch die Straßen der Stadt vor 
die Wohnung des Statthaltereipräsidenten, Grafen Terlago, als Stellvertreters des 
Erzherzogs, zog, wo die Liedertafel die Volkshymne sang und der Bürgei-meister 
von Peer das dreifache Hoch auf das hohe Brautpaar unter begeisterter Aufnahme 
seitens der ganzen Volksmenge ausbrachte. Wie in Innsbruck, so wurde 
auch an vielen anderen Orten des Landes das glückliche Ereignis gefeiert und 
Corporationen und Städte, unter diesen auch die Stadt Trient, richteten Beglück- 
wünschungsadressen an den hohen Verlobten. Der Erzherzog sah sich daher noch 
vor seiner Rückkehr veranlasst, für die loyalen Kundgebungen seinen Dank aus- 
zusprechen. «Esthut meinem Herzen wohl», schrieb er aus Teplitz den 12. August 
an das Rathsgremium der Statthalterei, «zu hören, wie die Nachricht von diesem 
für mich so beglückenden Ereignisse im ganzen Lande Tirol mit aligemeiner 
Freude aufgenommen wurde; dieses gibt von neuem kund, wie das treue Kron- 
land an aliem stets den lebhaftesten Antheii nimmt, was sein Herrscherhaus 
berührt. Gott erhalte diese edlen Gefühle der treuen Unterthanen.» 

Aber auch das königliche Haus Sachsen, welches nur mit schmerzlicher 
Erinnerung an den in diesem Lande erfolgten Tod des Königs Friedrich August 
denken konnte, fand in der Verlobung der Prinzessin Margarethe mit Erzherzog 
Carl Ludwig einen versöhnenden Trost. So schrieb die Königin-Witwe an den 
oftmaligen Begleiter des Königs auf dessen Bergtouren, Frühmesser Monggl in 
Zirl, aus Wachwitz bei Dresden 14. August: -Die Verlobung meiner Nichte 
Margarethe mit ihrem braven Statthalter ist mir ein großer Trost. Wie würde sich 
mein theurer König gefreut haben, seine Margarethe in seinem lieben Tirol zu 
wissen.» 

Erzherzog Carl Ludwig, welcher in seiner Herzensangelegenheit nach dem 
hierlands hochgehaltenen Grundsatz «kurz gefreit hat niemand gereut» vorgieng, 
traf bereits am 25. August am königlich sächsischen Hofe in Pillnitz ein, wo am 
6. September die feierliche Bewerbung um die Hand der Prinzessin Margarethe 
vor sich gehen und darauf die allgemeinen Beglückwünschungen am königlichen 
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Hofe stattfinden sollten und am genannten Tage auch thatsächlich stattfanden. 
Sie erfolgte durch den Österreichischen Gesandten am sächsischen Hofe, Fürsten 
Metternich, welcher von dem Legationssecretär Freiherrn von Blittersdorff und 
zwei aus Wien eingetroffenen außerordentlichen Attaches, Oberstlieutenant Fürst 
Auersperg und Legationssecretär Graf Traun, begleitet war. Nach dem feierlichen 
Acte fand bei den Majestäten und der Prinzessin-Braut die übliche Glückwunsch- 
cour statt. 

Eine heitere Episode aus diesen Tagen veranlasste eine Wiener Kunst- 
handlung, welche in aller Eile ein lithographiertes Bildnis der Erzherzogin 
Margarethe anfertigen ließ und damit im Land Tirol Ehre und Gewinn zu 
erlangen hoffte. 

Hier war man aber über die Schönheit der künftigen Erzherzogin besser 
unterrichtet als der Wiener Kunstindustrielle, der sein misslungenes Porträt für 
die Tiroler gut genug fand, aber dafür in den Blättern, die sämmtlich für die 
Schönheit der Prinzessin eine Lanze brechen zu müssen glaubten, arg mit- 
genommen wurde und selbst bei dem sonst nicht als galant bekannten Bezirks- 
gerichte keinen Schutz finden konnte. 

Am 4. November, am Namenstage des Erzherzogs, fand zu Dresden die 
feierliche Vermählung statt 

Schlag 12 Uhr setzte steh der festliche Trauungszug aus dem königlichen 
Schlosse über den bedeckten Verbindungsgang nach folgender Ordnung zur 
Hofkirche in Bewegung: Die nicht dienstthuenden Flügeladjutanten, die Kammer- 
herren, die Herren II. Classe der Hofrangordnung, der Rector Magnificus der 
Universität Leipzig, sämmtliche Zutrittsdamen der Königin, die künftigen Hofdamen 
der Frau Erzherzogin Margarethe, die Gräfinnen Wurmbrand und Bombelles, 
die Staatsminister Rabenhorst, Behr, Falkenstein und Freiherr von Beust, 
in ihrer Mitte der österreichische Gesandte Fürst Metternich. Hierauf folgten, 
umgeben von ihrem Dienst, Erzherzog Franz Carl und Seine Majestät der 
König, der 22jährige, in der Blüte der Jugend prangende Bräutigam, in der 
Mitte Ihre königliche Hoheit die zarte, jugendfrische Prinzessin-Braut und Ihre 
Majestät die Königin, die Prinzessin Sidonie, Erzherzog Ferdinand Max 
und Ihre königliche Hoheit die Kronprinzessin, Prinz Gustav Wasa und der 
Erbprinz von Anhalt-Dessau und Seine königliche Hoheit der Kronprinz und 
Prinzessin Anna. 

Das diplomatische Corps war vollständig anwesend; es waren erschienen 
die Gesandten und Vertreter von Russland, Frankreich, England, Preußen, Baiern, 
Hannover, Württemberg, Hessen-Kassel, Belgien, Sardinien, Schweden,Niederlande 
und Toscana. 

Die Kirche war dicht gefüllt von auserwähltem Publicum der vornehmsten 
Kreise der sächsischen Hauptstadt. 

Den kirchlichen Act der Trauung vollzog der apostolische Vicar Bischof i. p. 
Forwerk unter Giockengeläute, dröhnenden Geschütz- und Infanterie-Salven. 
Nach dem Schlussgebet und dem Segen vom Altare kehrte der Zug wieder in 



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derselben Ordnung in das königliche Schloss zurück. Die Herrschaften versam- 
melten sich hierauf in den Paradesälen, Damen en manteau, Herren in Uniform 
oder Hofkleid, um in festgesetzter Ordnung die Glückwünsche bei den königlichen 
Majestäten, bei den Höchsten Neuvermählten und bei dem Vater des Bräutigams 
darzubringen, wobei diese Gratulationscouren um 2 Uhr nachmittags begannen. 

Um 6 Uhr abends fand im Eckparadesaale des Schlosses königliche Cere- 
monientafel statt, Mittwoch Theätre pare im königlichen Schauspielhause. Gegeben 
wurde *lphigenie aufTauris». Der Donnerstag brachte einen großen Hofball in 
den Paradesälen des Schlosses; mit einem Galadiner am Freitag schloss die Feier. 

Am 8. und 9. November, Sonnabend und Sonntag, wurden glänzende Ball- 
feste beim Staatsminister Freiherm von Beust und beim Fürsten Metternich 
abgehalten. 

Zahlreiche Deputationen, darunter aus Leipzig und Meißen, erschienen zur 
Beglückwünschung des hohen Paares. 

Den Armen Dresdens widmete der König und der Bräutigam je 500 Thaler. 

Zur Erinnerung an den Ehrentag Seiner kaiserlichen Hoheit gab die Stadt 
Dresden mit Genehmigung des Königs einer Straße der sächsischen Hauptstadt 
den Namen «Carlstraße» und ließ durch ihren Bürgermeister der Prinzessin 
Margarethe ein von Dresdener Künstlern ausgeführtes prachtvolles Album über- 
reichen. 

Die Stadt Innsbruck, in welcher auf ausdrücklichen Wunsch des Erzherzogs 
am Vermählungstage keine größeren Festlichkeiten stattfinden sollten, feierte den 
Tag mit einem Festgottesdienste in der Stadtpfarrkirche und einem WohJthätig- 
keitsacte, indem sie an diesem Tage 100 arme Kinder mit Winterkleidern reich- 
lich beglückte. 

Nach einer Reihe glänzender Festlichkeiten, die der Vermählung des Erz- 
herzogs in Dresden folgten, trat das neuvermählte Paar am 11. November die 
Reise über Prag und Wien nach Innsbruck an. Der König selbst hatte die Neu- 
vermählten bis an die österreichische Grenze begleitet. In Prag, besonders aber 
in Wien ward dem Erzherzoge und dessen Gemahlin der wärmste Empfang 
bereitet Die Bürgerschaft der Residenz gab ihrer Freude über das Ereignis im 
kaiserlichen Hause vielfachen Ausdruck und Bürgermeister und Rath über- 
reichten in besonderer Audienz die Glückwunschadresse der Stadt Wien. Im 
Hofoperntheater fand zu Ehren des hohen neuvermählten Paares eine Fest- 
vorstellung statt. Mit dem lautesten Jubel aber wurde das erzherzogliche Paar in 
Innsbruck empfangen, wo dasselbe am 25. November vormittags eintraf und mit 
großem Gepränge empfangen wurde. Die in vollstem Glänze jugendlicher Schön- 
heit prangende Frau Erzherzogin erfüllte die Erwartungen in vollem Maße und 
mit besonderem Stolze blickten auf sie diejenigen, welche ihre Schönheit gegen 
das aus Wien hieher gekommene Bildnis so ernstlich vertheidigen zu müssen 
geglaubt hatten. 

Mit dem Erscheinen der Erzherzogin in Innsbruck hatten die Armen und 
Bedrängten eine mütterliche Beschützerin gefunden, welche mit vollen Händen 
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Wohlthat und Segen ausstreute im ganzen Lande. Bis in ferne Zeiten wird in der 
Landeshauptstadt eine herrliche Stiftung den Namen der gütigen Fürstin, von 
welcher sie gegründet wurde, späteren Geschlechtern verknüpfen mit dem 
Gedächtnisse einer hohen Frau, die im Wohlthun ihre Lebensaufgabe erblickte. 
Nur allzurasch riss der Tod die traute Gattin von der Seite des Gemahls aus dem 
Lande, das ihre zweite Heimat geworden war. 



ETsh/riogin Margatelha, etsli Grmahtin des Erzherzogs Carl Ludwig. 

Von hoher Freude wurde der gnädigste Herr und sein treues Land in tiefste 
Trauer gestürzt. Aus Wien war am 24. August 1858 die frohe Nachricht von der 
Geburt des Kronprinzen in Innsbruck eingetroffen und das erzherzogliche Paar 
widmete aus diesem Anlasse den Armen Innsbrucks den Betrag von 1000 fl. Bald 
darauf erkrankte die Frau Erzherzogin auf einer Reise nach Italien in der Villa 
Reale zu Monza. Von dort brachte die «Wiener Zeitung» von Dr. Obersteiner als 
behandelndem Arzte nachstehendes, vom 14. September 1858 datiertes Bulletin: 
•Ihre kaiserliche Hoheit die Frau Erzherzogin Margarethe ist auf Höchstihrer 
Reise in Italien an einem typhösen Fieber erkrankt. Die Krankheit ist dermalen 
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von mäßiger Intensität und dermalen kein Grund für ernste Besorgnisse vor- 
handen.» Auch das zweite, von Monza, 15. September 1858, datierte Bulletin 
behauptete noch, nach dem bisherigen Gange der Krankheit sei die Hoffnung auf 
günstigen Verlauf begründet. Aber noch war dieses Bulletin in der Hauptstadt 
den Lesern der «Wiener Zeitung, nicht zu Gesichte gekommen, als schon in 
Monza die edle Fürstin, nachdem sie einige Stunden vorher mit den heiligen 
Sterbesacramenten versehen war, um halb 12 Uhr in der Nacht des 15. zum 
16. September die Seele ausgehaucht hatte. An dem Sterbelager der hohen Frau 
weilte eine Fürstin, welcher auch ein herbes Schicksal das erschütterndste Wehe 
vorbehalten hat, die später so unglücklich gewordene Erzherzogin Charlotte, 
nachmalige Kaiserin von Mexico. Der Schmerz des Erzherzogs lässt sich nicht 
ermessen, noch weniger beschreiben. Trug er sich doch anfangs mit dem 
Gedanken, in den geistlichen Stand zu treten und seinen Schmerz hinter stillen 
Klostermauern vernarben zu lassen. 

Überall, wo man diese lebensfrohe, in der Blüte der Jugend prangende 
deutsche Frau gekannt hatte, erregte die Kunde von ihrem Hinscheiden tiefe auf- 
richtige Trauer; zumal im Tirolerlande ward freiwillige Landestrauer gehalten, 
alle festlichen Veranstaltungen eingestellt, das Freischießen in Meran und das vom 
Erzherzoge Johann geplante Festschießen in Schönna sofort abgesagt. Auch aus 
Dresden brachten die Tagesblätter Schilderungen über die allgemeine Trauer, 
welche dort die Kunde von dem Hinscheiden der Landestochter hervorgerufen hat; 
alle Vergnügungs- und Festveranstaltungen wurden sofort abgebrochen, Gebäude 
und Schiffe am Elbeufer trugen Flaggen mit Trauerrand. In der Hofkirche wurden 
am 20. September feierliche Exequien abgehalten. 

Die irdische Hülle der verblichenen Fürstin traf zur Beisetzung in der 
Kapuzinergruft in Wien daselbst am 22. September abends 8 Uhr am Südbahn- 
hofe ein, welcher in Trauerschmuck gehüllt war. Zum Empfange hatten sich der 
Obersthofmeister, General der Cavalierie Fürst Liechtenstein, zwei Palastdamen 
und zwei Kämmerer mit Hilfspersonal eingefunden. Der Weg wurde durch die 
Belvederelinie genommen, innerhalb deren von der Hofgeistlichkeit die Einsegnung 
vorgenommen wurde. Bis zum Schweizerhofe den ganzen Weg entlang wurde 
der Leichenzug von den dichten Reihen der Zugeströmten theilnahmsvoll begleitet. 
In Laibach und Graz waren auf den Bahnhöfen die Behörden und der Clerus zur 
Begrüßung der Leiche erschienen. 

Im Schweizerhofe angelangt, wurde der Sarg vom Wagen gehoben, in der 
Vorhalle der Hofburgpfarrkirche aufgebahrt, nochmals eingesegnet und auf das 
Schaubett in der Kirche gestellt. Nachmittags 4 Uhr des nächsten Tages wurde 
das Leichenbegängnis nach dem herkömmlichen Hofceremoniell in Anwesenheit 
der Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften abgehalten; die Einsegnung vollzog 
Cardinal-Fürsterzbischof Rauscher. 

Der Bitte des Stadtmagistrats von Innsbruck: der Erzherzog geruhe zu ver- 
fügen, dass ein Theil des Irdischen von der hohen Verblichenen in Tirol bei- 
gesetzt werde, entsprach der tiefgebeugte Witwer durch ein Handschreiben, in 



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welchem Höchstderselbe erklärte, «es sei schon früher seine Absicht gewesen, das 
Herz seiner unvergesslichen Frau im treuen Tirol, wo man sie so sehr geliebt und 
ihren Wert verstanden habe, ruhen zu lassen». Es wurde demnach die Beisetzung 
des Herzens der Erzherzogin in der Hofkapelle zu Innsbruck angeordnet und 
diese Trauerfeier auch unter dem Zudrange einer ungeheueren Menschenmenge in 
Anwesenheit vieler landstädtischer Deputationen zum Vollzüge gebracht. Das zur 
Aufbewahrung des Herzens bestimmte, in architektonischer wie plastischer 
Beziehung gleich ausgezeichnete, neun Fuß hohe Kunstwerk wurde von Meister 
Sickinger in München angefertigt und in der Hofburgkapelle {April 1859) vom 
Künstler selbst aufgestellt 

Den Erzherzog Carl Ludwig drängte es, Trost und Theilnahme in seinem 
Schmerze bei den Eltern seiner dahingeschiedenen Gattin zu suchen. Anfangs 
October reiste der Erzherzog nach Sachsen und traf in Wesenstein den Vater der 
verewigten Erzherzogin. Es war ein erschütterndes Wiedersehen. Wortlos fassten 
sich die beiden eines so theuren Wesens Beraubten an der Hand, während stille 
Thränen ihre Wangen befeuchteten. 

Im nächsten Monate trat der Erzherzog eine Reise nach Rom an. Es litt ihn 
nicht mehr an der Stätte, wo er kurz zuvor so hohes Glück genossen. In Rom 
suchte er Trost in frommen Andachtsübungen und in Versenkung in die 
Betrachtung von Denkmälern einer unsterblichen Kunst. 

Er nahm aus den Händen des Papstes, der ihm in feierlicher Audienz in 
milden Worten Trost zugesprochen hatte, am 14. December 1858 die Communion. 
Er besichtigte Antiquitäten und Kunstschätze und setzte als gründlicher Kenner 
die ihn begleitenden Gelehrten oft in Erstaunen; auch österreichische Künstler 
beehrte der Erzherzog mit seinem Besuche. Am 28. December 1858 verließ der 
hohe Herr die ewige Stadt, in der er einen vollen Monat geweilt hatte, und trat 
die Rückreise über Ancona an. 

Um das Andenken an die verblichene Fürstin zu ehren, hatte der Gemeinde- 
rath in Innsbruck einem schönen Platze der Hauptstadt den Namen Margarethen- 
Platz beigelegt. Dass der Erzherzog aber trotz seines tiefen Seelenleides seines 
lieben Tirol nicht vergessen hatte, bewies er durch eine Preisausschreibung 
vom 7. October 1858, in welcher 25 Ducaten für die beste Bearbeitung der 
Geschichte der Entwicklung der tirolischen Ständeverfassung vom XIV. Jahr- 
hundert bis einschließlich zum sogenannten «offenen Landtag» des Jahres 1790 
ausgesetzt wurden. 

Nur in dem gesteigerten Eifer und in verdoppelter Hingabe an seine Amts- 
obliegenheit suchte der seiner Lebensgefährtin beraubte Fürst Linderung im 
Schmerze; im nächsten Jahre zwang ihn der drohende Krieg zur Entfaltung seiner 
ganzen ungewöhnlichen Energie, die man in seinem milden Wesen nicht vermuthet 
hätte, um die Bergveste des Reiches zu einer unangreifbaren Wehr zu rüsten. 

Freudig wie immer, wo es gilt, des Vateriandes Ehre zu vertheidigen. folgte 
das Land seinem Rufe zu den Waffen, bereit, die Feinde, wenn sie an den Gemar- 
kungen Tirols sich zeigen, mit blutigen Köpfen zurückzuweisen. Doch früher, als 



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man erwartet hatte, als östeireichs Heer zu frischem Kampfe gerüstet war und 
das unbezwingliche Festungsviereck dräuend den Franzosen und Piemontesen die 
Stirne bot, endigte des Kaisers menschenfreundlicher Sinn den verderblichen Krieg. 
Damit wurde der Erzherzog den Künsten des Friedens zugeführt. Nach Ein- 
führung derFebruarverfassungl861 verließ er im October 1861 Innsbruck für immer, 
um Stadt und Land später nur bei besonderen Gelegenheilen oder auf der Durch- 
reise vorübergehend zu berühren. Seinen Wohnsitz nahm der Erzherzog nunmehr 
zunächst für kürzere Zeit in Wien und zeitweise auch in Görz. Der öftere Wechsel 



Enhinogln Maria Annunsiala, vwciti Gemahlin dts Erzhtrzogs Carl Ludwig. 

des Aufenthaltes lässt wohl vermuthen, dass der Erzherzog überall das Behagen 
vermisste, das einer Natur wie der seinigen nur ein eigener trauter Hausstand 
gewährt. Gewiss fühlte er sich vereinsamt; sein Gemüth drängte nach dem Besitze 
eines theilnahmsvollen, sich verständnisinnig seiner Richtung einfügenden Frauen- 
herzens. Eine solche Lebensgefährtin glaubte er in der Tochter des Königs 
Ferdinand IL, der Schwester des Königs beider Sicilien Franz li. von Bourbon, 
gefunden zu haben. Maria Annunziata, die schöne Blume des Südens, ward 
seine Braut. Sie war geboren zu Neapel am 24. März 1843 und stand in dem 
blühenden Alter von lO'/t Jahren. 



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Am 17. October 1862 reiste Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig 
von Wien nach Venedig ab, um dort seine hohe Braut zu erwarten und heim- 
zuführen. Am 20. October begaben sich auch Erzherzog Franz Carl, Erzherzogin 
Sophie und Erzherzog Ludwig Victor nach Venedig, um daselbst dem feierlichen 
Trauacte anzuwohnen. IVfittlerweile hatte am 16. October in Rom die Trauung der 
Erzherzogin durch Procuration stattgefunden. 

Vormittags 9 Uhr fand im apostolischen Quirinalpalaste die Feierlichkeit 
der ehelichen Verbindung zwischen Seiner kaiserlichen Hoheit dem Herrn Erz- 
herzoge Carl Ludwig und Ihrer königlichen Hoheit der Prinzessin Maria 
Annunziata Isabella von Bourbon statt. Der Trauungsact wurde nach dem Ritus 
der römisch-katholischen Kirche vom Cardinal Riario Sforza, Erzbischof von 
Neapel, in privater Form vorgenommen. Er hatte die Ermächtigung hiezu von 
Seiner Heiligkeit dem Papste mitgebracht. Seine Eminenz celebrierte an einem 
eigens hiezu in der großen Aula della Perspettiva aufgestellten und für die glück- 
liche Veranlassung geschmückten Aitar. Den abwesenden Bräutigam vertrat per 
procura der Graf von Trapani, der mit der Braut vor den Altar trat. Nach der 
Verlesung des päpstlichen Breve, welches von dem Verwandtschaftshindernisse 
dispensiert, das zwischen dem Brautpaar besteht, und nach weiterer Verlesung 
zweier Documente vollzog Seine königliche Hoheit die vom Ritus vorgeschriebenen 
Bedingungen. Zeugen des feierlichen Actes waren Monsignore Apuzzo, Erz- 
bischof von Sorrent, Monsignore Ricciardi, Erzbischof von Reggio, der k. k. öster- 
reichische Botschafter Freiherr vonBach und GrafSzechenyi, außerordentlicher 
Gesandter und bevollmächtigter Minister Seiner Majestät des Kaisers von Öster- 
reich bei dem Könige von Neapel. Der Herr Cardinal Antonelli, Präfect der 
apostolischen Paläste, wohnte der heiligen Ceremonie bei. Ebenso waren 
anwesend die Königin-Mutter von Neapel, die Mutter der Braut, König Ludwig 
von Bayern, die Prinzen von Neapel und die Gräfin von Trapani, ferner der 
Bischof Monsignore MartinelU, päpstlicher Sacristan, und mehrere hervorragende 
Prälaten, endhch noch Obersthofmeisterin Gräfin GoSss und alle aus Wien eigens 
gekommenen Hofdamen und der Hofstaat, sowie die Damen des Hofes von Neapel 
und dessen Hofstaat. 

Als Hochzeitsgabe hatte Papst Pius IX. der Braut des Erzherzogs Carl 
Ludwig ein sehr schönes Miniaturgemälde zum Geschenke gemacht, welches 
Rafaels «Madonna della Seggiola» vorstellt. 

Die hohe Braut verfügte sich bald darauf nach Civita vecchia und bestieg 
daselbst den Bord des Dampfers «Greif-, um am 21. October in Venedig einzu- 
treffen. 

Des nächsten Tages um 5 Uhr nachmittags wurde daselbst in der Kapelle 
des k. k. Palastes in Anwesenheit der Eltern und der Brüder des hohen Bräu- 
tigams, des Erzherzogs Ferdinand Max mit Erzherzogin Charlotte und des Erz- 
herzogs Ludwig Victor, sowie des gesammten Hofstaates durch den Cardinal- 
Patriarchen von Venedig die feierliche Copulation des Erzherzogs Carl Ludwig mit 
Prinzessin Maria Annunziata Isabella von Bourbon nach festgesetztem Ceremoni<?lt ' 



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vollzogen. Am 25. October sind von Venedig zufolge einer telegraphischen 
Depesche Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig und Gemahlin, dann 
Herr Erzherzog Franz Carl und Erzherzogin Sophie abgereist, und zwar Erzherzog 
Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Annunziata nach Görz; Erzherzog Franz Carl 
und Erzherzogin Sophie nach Schönbrunn; Erzherzog Ferdinand Max und Erz- 
herzogin Charlotte kehrten von der Trauung in Venedig nach Miramar zurück. 

Das hohe neuvermählte Paar nahm zunächst den Aufenthalt in Görz, weil 
der Erzherzog seine Gemahlin unter dem Einflüsse eines milden Klimas auf ihren 
Aufenthalt im Norden vorbereiten wollte. Die höchsten Herrschaften wohnten in 
der Villa Böckmann, und der Erzherzog pflanzte in dem dazu gehörigen Garten 
einige Bäume, die er später jedesmal, wenn er nach Görz kam, aufsuchte. In 
einem Briefe aus Görz vom 13, Jänner 1863 an den Vicepräsidenten der Statt- 
halterei in Lemberg, Carl Mosch, schrieb der Erzherzog: «Dem Grafen Goluchowski 
habe ich imNovember als Antwort auf seinen Beglück wünschungsbrtef geschrieben; 
ich hoffe, es geht ihm immer wohl; ich kann mir denken, dass er jetzt ein recht 
angenehmes, zurückgezogenes Leben führt. Ich habe stets mehr Sinn für solches 
Leben in Stille und Ruhe gehabt; daher verstehe ich die Freude daran und weiß 
es zu schätzen. Hier in Görz bringen wir auch so unser Leben zu, ungestört von 
der großen Welt, viel beschäftigt mit Lesen und Schreiben; sonst auch mit 
Bewegung in der schönen Natur, Hier ist die Gegend wirklich sehr hübsch und 
das Klima vortrefflich .... Es wird hier schon so grün und die Luft so milde, dass 
man sich dem Frühjahr schon ganz nahe glaubt. Wir denken bis zum Frühjahr 
hier, wo es uns in der Stille eben sehr gut gefällt, zu bleiben und wollen dann 
über Wien, wo einiger Aufenthalt sein wird, nach Artstetten in Niederösterreich . . .• 
und am 7. März 1863: «Wir sind immer gleich zufrieden mit dem schönen Auf- 
enthalt in Görz und gedenken noch bis Mai hier zu bleiben, um welche Zeit wir 
nach Wien reisen wollen. Den Sommer hoffen wir ruhig auf einer kleinen Besitzung 
in Niederösterreich an der Donau zuzubringen.» Dieser Aufenthalt in Görz war 
dem Erzherzog immer in angenehmer Erinnerung geblieben, und Görz suchte er 
später immer gerne wieder auf. So kam er auch 1872 dahin mit den beiden älteren 
Söhnen, den Erzherzogen Franz Ferdinand und Otto, die sich nach einer Kinder- 
krankheit in dem milden Klima vorzüglich und rasch erholten, und wieder 1883 aus 
Anlass der Eröffnung des Staatsmuseums in Aquileja, sowie 1891 bei Gelegenheit 
der Görzer Landwirtschaftlichen Ausstellung, wobei er von der Bevölkerung 
stets mit wahrer Herzensfreude empfangen wurde. Die Übersiedlung nach 
Artstetten erfolgte über Wien Ende Mai 1863, doch nahm die Einrichtung des 
Schlosses, sowie der Bau und die Gartenanlage die Aufmerksamkeit der höchsten 
Herrschaften für den Anfang noch sehr in Anspruch. Am 22. Juni schrieb der 
Erzherzog; «Hier in Artstetten, wo wir nun seit mehr als drei Wochen sind, hoffe 
ich Zeit zu gewinnen, um mich mehr meinen Schreibereien hinzugeben . . . Die 
Erzherzogin und ich, wir beide sind sehr gerne hier, diese ländliche Ruhe, die 
rfrjsche Gebirgsluft und das Gefühl, im eigenen Hause zu sein, thun uns wohl . , . 
:A^f kurze Zeit denke ich wohl eine Excursion nach Böhmen zum Kaiser Ferdinand 



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und nach Pillnitz zu meinen Schwiegereltern zu machen. Gegen Hälfte October 
wollen wir nach Graz, wo wir den Winter zuzubringen gedenken . . . . » Von 
Artstetten begaben sich die kaiserlichen Hoheiten zunächst nach Wien, von wo 
aus der Erzherzog am 24, October 1863 schrieb: »Wir sind nun seit 12. d. M. hier, 
vom Lande hereingekommen . . . Wir wollen bis zum 29. hier bleiben und dann 
über Weilburg, wo wir zum Besuch meiner Schwiegermutter bei Erzherzog 
Albrecht noch zwei Tage bleiben, nach Graz reisen ... Ich verspreche mir von 
Graz einen angenehmen Aufenthalt; es ist eine hübsche Stadt in einer schönen , 
Gegend. Gleichwohl habe ich für die Fälle, dass ich längeren Aufenthalt in Wien 
zu nehmen habe, hier jetzt ein Haus auf der Wieden, nahe dem Theresianum, 
gekauft ... Im Augarten, den ich übrigens sehr gerne habe, konnten wir nicht 
mehr länger bleiben, weil das Gebäude zu klein ist. Ich hatte die große Freude, 
wie Sie in der Zeitung gelesen haben werden, vom Kaiser nach Innsbruck zu dem 
Jubelfeste gesendet zu werden. Der herzliche Empfang, der mir im Lande geworden 
ist, that mir sehr wohl, und ich war sehr erfreut, die vielen bekannten Personen 
und Orte wiederzusehen. Den Glanzpunkt des Festes bildete die überraschende 
Ankunft des Kaisers; da war ein Jubel, eine vom Herzen kommende Freude ohne 
Vorbereitung; es zeigte sich von neuem das dynastische Gefühl der Tiroler.» 

Bald erfolgte nun die Reise nach Graz. Am 8. December 1863 schreibt der 
Höchste Herr von hier aus: «Wir sind seit dem 31. October in Graz und recht 
zufrieden mit unserem Aufenthalt. Graz ist angenehm; es hat die Vortheile einer 
größeren Stadt ohne die Nachtheile einer solchen .... Ich kann recht viel für 
mich arbeiten und bin nicht in dem ewigen rastlosen Getriebe, wie dies in Wien 
der Fall war.» 

Um seiner jungen Gemahlin ein würdiges Heim zu bieten, erwarb der Erz- 
herzog gleich im Jahre 1863 von dem Herzoge Leopold von Sachsen-Coburg 
das Palais im IV. Bezirke Wiens in der Favoritenstraße und beauftragte den 
Architekten L. Friedrich, dasselbe in stilvoller Weise umzubauen. Friedrich gab 
dem Neugebäude jene einfache und doch vornehme Gestalt, in welcher wir es 
jetzt noch erblicken, dem Palais, welches später, wenn der Erzherzog in Wien 
weilte, seiner Familie als Wohnsitz diente. Einfach, aber mit Geschmack, vornehm 
und wohnlich, aber nicht prunkhaft, wurde es nach den Befehlen des Erzherzogs 
ausgestattet. 

Vorläufig blieb Graz der Aufenthalt des FUrstenpaares nahezu drei Jahre. Es 
waren dies Tage reinsten Glücks; die innige Neigung, welche den Erzherzog mit 
seiner geliebten Gemahlin verband, war aller Welt bekannt Und zu dem Glücke des 
geliebten Gatten gesellte sich bald ein neues. Welches Hochgefühl ward dem hohen 
Paare beschieden, als am 18. December 1863 der Erzherzog, nunmehr Vater, seinen 
erstgeborenen Sohn, den ihm seine hohe Gemahlin in Graz geschenkt hatte, in seinen 
Armen halten, seine Geburt mit einer Freudenthräne begrüßen durfte. Das amtliche 
Bulletin dieses Datums hatte nachstehenden Wortlaut: 

»Ihre kaiserliche Hoheit die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Maria 
Annunziata, Gemahlin Seiner kaiserlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn 
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Erzherzogs Carl Ludwig, sind heute '/^ nach 7 Uhr früh zu Graz von einem Erz- 
herzoge glücklich entbunden worden. Die höchste Wöchnerin und das durch- 
lauchtigste Kind befinden sich wohl.» 

Sofort eilten die hocherfreuten Eltern des hohen Paares, Erzherzog Franz 
Carl und Erzherzogin Sophie, an die Seite ihrer Kinder nach Graz, um theilzu- 
nehmen an deren Freude und den jungen Enkel zu begrüßen. Noch am selben 
Tage nachmittags 3 Uhr wurde in Graz die Taufe des neugeborenen Erzherzogs 
durch den Fürstbischof von Seckau Grafen Alterns unter Assistenz zahlreicher 
Geistlicher in feierlicher Weise vorgenommen. Die kirchliche Handlung fand in 
Gegenwart der Erzherzoginnen Sophie und Charlotte, der Erzherzoge Franz 
Carl, Carl Ludwig, Ferdinand Max, Ludwig Victor, Heinrich und Seiner 
königlichen Hoheit des Grafen von Girgenti statt. Taufpathe war Herr Erzherzog 
Franz Carl. Der neugeborene Erzherzog erhielt die Namen «Franz Ferdinand 
Carl Ludwig Josef Maria». Unter den geladenen Gästen befand sich Statt- 
halter Graf Strassoldo und Gemahlin, der Truppen-Commandant Feldmarschall- 
Lieutenant Baron Handel, Oberland esgerichts-Präsident Graf Mittrowsky, Landes- 
hauptmann Graf Gleispach, Bürgermeister Ritter von Frank und Frau Gräfin 
von Meran, 

Das Befinden der Frau Erzherzogin und des neugeborenen Prinzen fand 
nicht die geringste nachtheilige Störung, letzterer gedieh vielmehr zusehends zur 
Freude der Eltern. 

Die Theilnahme an dem Glücke des Erzherzogs war eine außerordentliche, 
und auch aus Galizien, sowie insbesondere aus Tirol liefen zahlreiche Beglück- 
wünschungen ein. Die Antwort, welche zum Beispiel dem Grafen Moriz 
Dzieduszycki zugieng, möge hier eine Stelle finden als Ausdruck der warmen 
Empfindung. 

»Lieber Graf Dzieduszycki! Heute erhielt ich mit wahrem Vergnügen und 
innig gerührt Ihr Schreiben mit den freundlichen Glückwünschen zur Geburt 
unseres Sohnes. Empfangen Sie, lieber Graf, dafür meinen herzlichsten Dank und 
.seien Sie überzeugt, dass mich diese Aufmerksamkeit und Erinnerung an meine 
Person sehr erfreut hat. Das Andenken an Sie und das an meinen Aufenthalt in 
Lemberg sind in mir nicht verwischt. Es ist ein Gefühl der Dankbarkeit, das mir 
sagt, dass es mir dort gut gegangen ist und ich da wahre Freunde gefunden habe. 
Gott sei Lob und Dank, dass die Niederkunft meiner geliebten Frau glücklich vor- 
übergegangen ist, und sich dieselbe, sowie unser lieber kleiner Franz wohl 
befinden. Er ist ein kräftiges, gesundes Kind: Gott erhalte ihn uns so, und dass er 
fortan gedeihe! Die allgemeine herzliche Theilnahme an unserem Familienglück 
hat mir sehr wohl gethan. Mit Freuden erhalte ich öfters Nachrichten aus Galizien 
durch Grafen Gotuchowski und den lieben Mosch. Letzteren habe ich öfters 
ersucht, Ihnen meine freundlichsten Grüße auszurichten. Ich wäre sehr froh, wenn 
ich Sie, lieber Graf, einmal wiedersehen könnte und mit Ihnen über die vergangenen 
Zeiten sprechen würde. Wie sind diese zehn Jahre, seit ich nach Lemberg kam, 
schnell vergangen! Ich hoffe, es geht Ihnen und Ihrer Familie wohl, so gut es 
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eben in diesen trüben Zeitverhältnissen sein kann. Leben Sie wohl, lieber Graf, 
Ich verbleibe stets Ihr wohlgeneigter Erzherzog Carl. 

Graz, den 28. December 1863. 

An Seine Hochgeboren den Herrn Grafen Moriz Dziediiszycki, k. k, Statt- 
haltereirath und Kämmerer in Lemberg.» 

Graz ist auch die Geburtsstadt des zweiten Sohnes, den die glückliche 
Mutter ihrem frohbewegten Gatten am 21, April 1865, mittags V»12 Uhr — wie 



Das eriher:oglichi Palais in der Favoriltnsiraßc za Wien. 

das officielle Bulletin angibt — geboren hatte; ein gesundes, kräftiges Knäblein, 
des Vaters Stolz, der Mutter Freude. Seine Majestät der Kaiser, an dem Glücke 
seines guten Bruders freudigen Antheil nehmend, begab sich unverzüglich nach 
Graz, um daselbst der Taufe des neugeborenen Erzherzogs beizuwohnen. Um 
10 Uhr traf der Monarch daselbst ein und wurde vom Publicum bei der Ankunft 
enthusiastisch begrüßt; denn an dem frohen Familienereignisse im Hause des 
Erzherzogs nahm die gesammte Bevölkerung der steirischen Landeshauptstadt 
freudigen Antheil. Um 12 Uhr des 22. April fand die feierliche Taufe des Prinzen 
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statt, dem die Namen «Otto Franz Josef» beigelegt wurden. Den ganzen Tag 
bis abends 10 Uhr verweilte der Kaiser im Hause seines Bruders, um welche 
Stunde Allerhöchstderselbe mittels Sonderhofzuges die Rückreise na<;h Wien 
antrat. 

Inzwischen war das neue Palais des Erzherzogs in der Favoritenstraße 
fertiggestellt und in allen Räumen comfortabel und mit feinem Geschmacke ein- 
gerichtetworden, wobei der Erzherzog den Grundsatz festhielt, alles, was 
irgendwie inWienoderdochim Inland e durch einheimische Gewerbs- 
leute oder Industrielle angefertigt oder bezogen werden konnte, durch 
diese besorgen und herstellen zu lassen, ein Grundsatz, den bekanntlich 
auch Seine Majestät der Kaiser der Hofhaltung vorgezeichnet hat. 

Die Familie des Erzherzogs weilte in diesen Jahren abwechselnd in Graz, 
Wien und oftmals längere Zeit hindurch auch in dem schön gelegenen Schlosse 
Artstetten im Bezirke Amstetten, einer Besitzung Seiner kaiserlichen Hoheit des 
Erzherzogs Franz Carl, höchstweicher den genannten Herrschaftsbesitz mit altem 
Zugehör schenkungsweise an seinen Sohn Erzherzog Carl Ludwig übertragen 
ließ. Seltener nahm die erzherzogliche Familie später in Persenbeug Aufenthalt, 
welches schöne, hart an der Donau gelegene Felsenschloss sammt Grundbesitz im 
Wege letztwiUiger Verfügung Ihrer Majestät der Kaiserin -Witwe Carolina 
Augusta nach AUerhöchstderen Ableben am 9. Februar 1873 ins Eigenthum des 
Erzherzogs Carl Ludwig übergieng. Später diente dieses Schloss dem zweit- 
geborenen Sohne des Erzherzogs Carl Ludwig, dem Erzherzoge Otto und seiner 
durchlauchtigsten Gemahlin, zu längerem Sommeraufenthalte. Seit 12. April 1866 
nahm Erzherzog Carl Ludwig mit Familie fortan seinen ständigen Aufenthalt im 
neuen Palais zu W i e n, in welchem er so viele Tage ungetrübten Glückes genoss, 
aber auch des Lebens Bitterkeiten und Prüfungen, Stunden banger Sorge als den 
Leidenskelch hinnehmen musste, der auch an den Mächtigsten der Erde nicht 
vorübergeht. 

Vorerst war es das Kriegsjahr 1866 mit seinen Prüfungen und Sorgen, 
die er mit seinem erhabenen Bruder, dem Kaiser, als wahrer Patriot theilte. 

Mit wahrer innerlicher Freude verfolgte der Erzherzog die sich mehrenden 
Zeichen mächtiger Wiedererhebung Österreichs, der inneren ConsoHdierung der 
Gesammtmonarchie, sowie des Aufschwunges auf allen Gebieten geistigen und 
volkswirtschaftlichen Lebens, zu dessen Förderung er als officieiler Vertreter 
seines kaiserlichen Bruders und Monarchen alle Kräfte einsetzte. 

Abermals lächelte ihm häusliches Glück; das neue Palais begrüßte im 
Jahre 1868, am 27. December, 2»/* Uhr früh, als ersten, der in seinen Räumen 
geboren ward, den jüngsten Sohn des Erzherzogs Carl Ludwig und der Erzher- 
zogin Maria Annunziata. Bei der großen Popularität, die des Erzherzogs gütiges, 
leutseliges Wesen in Wien rasch erobert hatte, fühlte die Hauptstadt das freudige 
Ereignis mit wie eine große theilnehmende Anverwandtschaft, namentlich der 
IV. Bezirk, wo die gute Erzherzogin geradezu vergöttert wurde, weil man wusste, 
wieviel tausend Thränen sie in aller Stille zu trocknen verstand. Die Blätter 
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berichteten über die Taufe des neugeborenen Erzherzogs am 29. December 1868, 
wie folgt: 

• Die Taufe des neugebornen Erzherzogs hat gestern, den 29. d., mittags 
1 Uhr, im Palais des Erzherzogs Carl Ludwig durch Cardinal Fürsterzbischof 
Rauscher stattgefunden. Der Cardinal erwartete, mit den Pontificalien bekleidet 
und umgeben von zwei Prälaten und zahlreicher Assistenz, in dem zur Kapelle 
umgewandelten prachtvoll decorierten Festsaale die Ankunft der beiden Majestäten 
und der Mitglieder des kaiserlichen Hauses. Präcise l Uhr erschien Ihre Majestät 
die Kaiserin Elisabeth am Arme des Erzherzogs Carl Ludwig, Ihre Majestät 
die Kaiserin Carolina Augusta, geführt von Seiner Majestät dem Kaiser, die 
Kaiserin-Mutter Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Carl, Erzherzogin 
Gisela und Kronprinz Rudolf, sowie die übrigen in Wien anwesenden Mitglieder 
des kaiserlichen Hauses sammt ihrem Hofstaate. Nachdem die Herrschaften sich 
versammelt und ihre Plätze eingenommen hatten, wurde von dem Obersthofmeister 
des Erzherzogs Carl Ludwig Freiherm von Hörn stein der hohe Täufling zum Altar 
getragen und nun begann die heilige Taufhandlung. Erzherzog Franz Carl fun- 
gierte bei derselben als Stellvertreter Seiner Majestät des Kaisers Ferdinand, Pathen 
desPrinzen, welcher bei der heiligenTaufe die Namen «Ferdinand Carl Ludwig 
Josef Maria- erhielt. 

Nach beendeter Tauffunction hielt der Cardinal eine kurze weihevolle 
Ansprache, stimmte dann das Te Deum laudamus an und erthellte schließlich 
den Pontificalsegen, Die kirchliche Feierlichkeit war hiemit gegen 2 Uhr beendigt 
und die Majestäten und Höchsten Herrschaften verließen in der früheren Ordnung 
den Taufsaal. In den anstoßenden Appartements fand hierauf Cercle statt, wobei 
die Glückwünsche dargebracht wurden. Reichskanzler Graf Beust befand sich 
unter den geladenen Gästen.» 

Des Erzherzogs Carl Ludwig und der Erzherzogin Maria Annunziata Tochter 
erblickte nicht im Wiener Palais, sondern im Schlosse Artstetten — ein Kind 
des Wonnemonds — am Jahrestag der Geburt der großen Kaiserin -Königin 
Maria Theresia und der Lieblingstochter dieser, Maria Christine, am 13. Mai 1870 
das Licht der Welt. Der Frau Erzherzogin Sophie zu Ehren, die voll Freude an 
die Wiege ihrer holden kleinen Enkelin herbeigeeilt war, erhielt die neugeborene 
Prinzessin die Namen «Margaretha Sophia». 

Allein nicht lange war es dem sorglichen Mutterauge mehr gegönnt, über 
ihre Kinder zu wachen; zumal die Jüngstgeborene musste des Glücks entbehren, 
ihre liebe Mutter kennen zu lernen, denn nach einem Jahre schon entriss das 
grausame Geschick dem Gatten abermals die Lebensgefährtin. Eine acute Lungen- 
krankheit knickte die zarte Blume des Südens, «die Rose sonder Dornen, die 
Taube sonder Galle», wie Walther von der Vogelweide sie genannt haben würde. 
Dienstag, den 2. Mai 1871 abends wurde die Erzherzogin in Gegenwart mehrerer 
Mitglieder der Familie mit den heiligen Sterbesacramenten versehen und am 
4. Mai um '/»^ Uhr abends erlöste sie der Tod. Sie stand in dem jugendlichen 
Alter von 28 Jahren. 



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Maria Annunziata, welche mit Engelsgeduld ihre Leiden getragen hatte, 
hauchte ihre Seele aus in den Armen des tiefgebeugten Gatten, umgeben von den 
Ihrigen, in deren Kreise sie so bescheiden und still sich frommem und humanitärem 
Walten hingegeben hatte. Sonntag, den 7. Mai um 11 Uhr abends wurde der 
Leichnam aus dem Palais in der Favoritenstraße auf einer Sänfte in die Hofburg- 
pfarrkirche übertragen und nach dem herkömmlichen Hoftrauerceremoniell am 
folgenden Tage nachmittags 3 Uhr in Anwesenheit des Kaisers und aller Mit- 
glieder des Allerhöchsten Kaiserhauses vom Wiener Weihbischofe eingesegnet 
und in der Kapuzinergruft beigesetzt. Der Damenverein in Graz zur Unterstützung 



armer Executen, dessen Wohlthäterin die hohe Frau gewesen, veranstaltete in 
dankbarem Andenken an die hohe Verblichene am 8. Mai in der Grazer Stadt- 
pfarrkirche ein feierliches Seelenamt. 

Im nächsten Jahre riss der unerbittliche Tod abermals ein theures Haupt aus 
der Mitte der kaiserlichen Familie: des Erzherzogs gute Mutter, Frau Erzherzogin 
Sophie, verrieth seit dem Tode ihres geliebten Sohnes Max, des Kaisers von Mexico, 
eine sichtlich fortschreitende Abnahme der Kräfte, Ein leichtes Unwohlsein gieng 
am 13. Mai in eine typhöse Krankheit über, und, obwohl der erste Verlauf der 
Krankheit einen günstigen Ausgang erhoffen ließ, so wurde die hohe Frau auf 
ihren ausdrücklichen Wunsch am 15. Mai, ihrem Namensfeste, mit den heiligen 
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Sterbesacramenten versehen. Feldbischof Mayer trug das AUerheiligste; der Kaiser, 
Erzherzog Franz Carl und Ludwig Victor begleiteten es. Erzherzog Carl Ludwig, 
der sich auf einer Reise in Smyrna befand, wurde telegraphisch an das Sterbebett 
der Mutter berufen. Die Erzherzogin fühlte sich durch die heilige Handlung 
wunderbar gestärkt; doch am 20. führte eine leichte Erkältung eine Complication 
herbei und bewirkte eine Erkrankung des Gehirnes mit tödlichem Ausgange. Am 
22. wurde die hohe Kranke mit der letzten Ölung versehen und starb am 28. Mai 
früh um '/*3 Uhr im 68. Lebensjahre. Sie war eine Frau von mächtigem Geiste, 
festem Charakter, voll Liebe und Aufopferung für ihre Familie, eine Frau, deren 
Hingang — so schrieb der «Fester Lloyd» — auch ganz Ungarn aufrichtig 
betrauert. Unzählige Beileidskundgebungen aus ganz Österreich beklagten ihr 
Hinscheiden. Lange vermochte das liebewarme Gemüth des Erzherzogs diese 
grausamen Schicksalsschläge nicht zu venvinden. 

Bereits in den letzten Lebensjahren der Erzherzogin Annunziata seit 1867 
hatte die erzherzogliche Familie mit Vorliebe die Sommerfrische im schönen wald- 
umrauschten Alpenthale am Fuße der Rax bei Reichenau aufgesucht. Zuerst 
diente die sogenannte *Rudolfsvil!a» der fürstlichen Familie zum Sitze, die nächsten 
Jahre wurde das sogenannte Schloss am Platze als Sommerwohnung gemietet. 

Dem Erzherzoge that die alpenfrische, tannenduftende Luft des Höllenthaies 
Überaus wohl, «lue me praeter omnes terrarum angulos ridet», dachte er mit dem 
classischen Dichter, dieser reizende Erdenwinkel heimelte den Naturfreund im 
Fürstenpurpur so sehr an, dass er dort sein Buen retiro dauernd aufzuschlagen, 
oder, wie der Erzherzog selbst oft launig zu sagen pflegte, sein «Nest» zu bauen 
beschloss. 

Auf einem langgestreckten, breiten Hügel, der aus den Vorbergen des Kreuz- 
berges gegen Norden vorspringt und quer vor die Öffnung des Preinerthales 
gelagert ist, steht das Wartholz, ein schöner Tannen- und Buchenwald. Bei diesem 
Gehölze pflegte man an der Stelle, die heute noch durch das Wartkreuz bezeichnet 
ist, den Prälaten des Stiftes Neuberg behufs feierlicher Begrüßung zu erwarten, 
wenn er über das Gescheide auf seinen Reichenauer Besitz herüberkam. Unter 
Kaiser Josef II. gieng 1784 das ganze Reichenauer Gebiet aus dem Besitze des 
Stiftes an die Innerberger Hauptgewerkschaft über, die es 1869 an eine Actien- 
gesellschaft verkaufte, und als diese die Herrschaft von der Gewerkschaft zum 
Zwecke weiterer Veräußerung trennte, wurde das Wartholz von der erzherzog- 
lichen Familie erworben. Im Jahre 1872 ließ der Erzherzog durch die Meisterhand 
des berühmten Architekten Ferstel jene prächtige, in edler Renaissance ausge- 
führte Villa errichten, auf die der Name «Warthoiz» übergieng. Es kam leider nur 
der Mittelbau mit dem Thurme und der südliche Seitentract zur Vollendung. 
Einige Jahre später wurde aus den Reichenauer Parcellierungsgründen das Stück 
zwischen der Straße nach Hirschwang und dem Wege zur Prein hinzugekauft 
und darauf der Park angelegt. 

Wartholz ist mit dem Namen des verblichenen Erzherzogs Carl Ludwig 
ebenso innig verknüpft, wie die Weilburg bei Baden mit dem des Feldmarschalls 
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Erzherzog Albrecht. Der stattliche, aber durchaus nicht Überladene Bau ist in 
rothem und gelbem Backstein aufgeführt; vor der Schlossterrasse breitet sich ein 
pleasure ground und ein klarspiegelnder stillerTeich aus, umrahmt von dem saftigen 
Grün und der Blumenpracht des wohlgepflegten, in künstlerischem Geschmacke 
vom k. und k. Hofgarteninspector Vetter angelegten Parkes voll Schattenkühle 
und reizender Ausblicke, Wundervoll hebt sich dieses Feenschlösschen ab von dem 
oft bis in den Sommer im Glänze des Alpenschnees schimmernden Hintergrunde 
mächtiger Alpenkuppen. Hier weilte der Erzherzog am liebsten, hieher zog's 



Schloss Warlhoh. 

ihn aus dem Lärm und Staub und Treiben der Hauptstadt, und meist schon Ende 
Mai wurde alljährlich die Übersiedlung aus der Residenzstadt bewerkstelligt. 
Dreiundzwanzig Jahre lang erfreute sich der Erzherzog dieses seines -Tusculums», 
hier fand er in der ihn umgebenden hehren Gottesnatur Ruhe und Erholung. 
Damit aber der zauberisch liebliche Sommersitz auch beglänzt werde von 
dem Sonnenstrahle des freundlichen Waltens einer trauten Hausfrau, damit den 
verwaisten Kindern doppelt froh und friedevoli der Einzug ins neue Heim werde, 
gab der Erzherzog demselben noch im selben Jahre eine Herrin in der anmuth- 
vollen Prinzessin Maria Theresia, Tochter des Königs Dom Miguel von 
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Portugal, Herzogs von Bragan^a. Geboren zu Heubach (Unterfranken) am 
24. August 1855, hatte die hohe Braut bisher auf dem Schlosse Bronnbach 
(Baden), das der Fürst von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg ihren Eltern als 
Wohnsitz überlassen hatte, und bisweilen zu Heubach auf dem Schlosse ihres 
Oheims selbst, des Fürsten von Löwenstein, glückliche Tage verlebt. Seine Durch- 
laucht Fürst Carl von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, sowie dessen durch- 
lauchtige Gemahlin, Fürstin Sophie, geborene Prinzessin von Liechtenstein, 



Kr:htTzog Fram Fcrdiaand van Osltrrcich-Esle und Ershcnog Ollo, SShnc des Erzherzog dirl Ltidviig. 

Schwester des regierenden Fürsten Johann U. von Liechtenstein, hatten stets, 
insbesondere aber nach dem Hinscheiden des Königs Dom Miguel, die königlichen 
Kinder mit liebevoller Fürsorge betreut, und Ihre kaiserliche und königliche 
Hoheit die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Maria Theresia, sowie deren 
sämmtliche Geschwister sind dafür auch dem hochherzigen Fürstenpaare von 
Löwenstein in treuer Anhänglichkeit und wahrhaft kindlicher Liebe zugethan. 
Die Infantin-Braut stand in dem sehr jugendlichen Alter von 17 Jahren und 
11 Monaten, in unvergleichlicher Schönheit prangend. 
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Es kennzeichnet die pietätvolle Gesinnung des Erzherzogs, dass er sich, 
ehevor er abreiste, um seine Braut heimzuführen, Mittwoch am 20. Juli nach 
Ischl begab, um sich zu seiner bevorstehenden Vermählung den Segen seines 
Vaters, des Erzherzogs Franz Carl, zu erbitten. Die Trauung wurde zu Heubach 
am 23. Juli 1873 vollzogen. 

Das Schloss Heubach, der Sitz des ehemals souveränen Fürstenhauses 
Löwenstein, im schönsten Renaissancestile erbaut und in größter Pracht einge- 
richtet, gehört mit seinen herrlichen Parkanlagen zu den vornehmsten Residenzen 



Dil SMosstircht in Heabach. 

Deutschlands. Die Schlosskirche, von dem gegenwärtigen Fürsten in einer Reihe 
von Jahren durch Heranziehung der hervorragendsten deutschen Meister voll- 
ständig renoviert, bildet eines der bedeutendsten Denkmäler der christlichen Kunst, 
und die Fresken von Steinle insbesondere sind eine Sehenswürdigkeit ersten 
Ranges. Hier vollzog sich bereits die Vermählung der Prinzessin Adelheid von 
Löwenstein mit dem König Dom Miguel, der in der fürstlichen Gruft in der 
Franciscanerkirche auf dem Engelsberge bei Heubach seine letzte Ruhestätte fand, 
hier vermählte sich dann 1871 die älteste Tochter, die Infantin Dona Maria das 
Neves mit dem Infanten Don Alfonso von Spanien, jetzt 1873, die Infantin Dona 
Maria Thereza mit Erzherzog Carl Ludwig und schon 1874 die dritte Tochter 

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Dona Maria Jose mit Herzog Carl Theodor in Bayern, während die Hochzeit der 
jüngeren Infantinnen in Salzburg und Fischhorn stattfand. 

Am 21. Juli 1873 war der hohe Bräutigam, Erzherzog Carl Ludwig, in 
Heubach eingetroffen, und in seinem Gefolge befanden sich die Obersthofmeisterin 
der Frau Erzherzogin Gräfin Herberstein, die Hofdame Baronin Walters- 
kirchen, der Obersthofmeister des Erzherzogs Baron Hörnst ein und der Dienst- 
kämmerer Graf Albert Nostiz. Am 22. kam seine kaiserliche Hoheit Erzherzog 
Ludwig Victor, Andere Gäste waren zum Theil schon früher angelangt, Seine 
Durchlaucht Fürst Carl zu Isenburg-Birstein und Gemahlin Ihre kaiserliche Hoheit 
Erzherzogin Maria Louise Annunziata von Österreich - Toscana, Prinzessin 
Sophie von Isenburg, die durchlauchtigen Prinzen von Leiningen, Seine Erlaucht 
Graf von Erbach-Erbach und Graf von Erbach-Schönberg, femer zehn Edetleute 
aus Portugal, darunter Conde da Redinha, nebst zwei geistlichen Würdenträgern. 
An dem Feste nahmen noch theil Ihre königlichen Hoheiten Frau Herzogin Adel- 
heid von Bragan9a, die Mutter, Herzog Dom Miguel, der Bruder, und die 
Infantinnen Maria Jose, Adelgunde, Maria Anna und Antonia von Portugal, 
die jüngeren Schwestern der Braut 

Am 22. Juli mittags traf der hochwürdigste Herr Wilhelm Emanuel Frei- 
herr von Ketteier, Bischof des heiligen Stuhles von Mainz, welcher den kirch- 
lichen Trauungsact vollziehen sollte, in Heubach ein. 

Am Vorabende des eigentlichen Festtages, den 22. Juli abends, fand das 
Galadiner statt. Am 23. Juli in der Frühe las der Bischof von Mainz eine heilige 
Messe, bei welcher das Brautpaar die heilige Communion erapfieng. Um 1 1 Uhr 
gieng der glänzende Hochzeitszug aus dem Schlosse in die Kapelle. Bischof 
Ketteier, bekanntlich ein ausgezeichneter Redner, hielt zunächst eine ergreifende 
Ansprache über das Sacrament der Ehe und über den Bund der Kirche mit der 
Menschheit, sodann nahm er die kirchliche Einsegnung des hohen Brautpaares 
vor. Nach der Trauung las der eine der portugiesischen Prälaten die Messe pro 
sponso et sponsa, die der vortrefflich geschulte Regensburger Domchor unter der 
Leitung des berühmten Professors Witt mit herriichen Kirchenliedern begleitete. Um 
1 '/» Uhr bewegte sich der Zug in das Schloss zurück, wo ein Dejeuner stattfand. Erz- 
herzogCarl Ludwig verehrte dem Bischof ein sehr wertvolles Pectorale aus Brillanten 
und dem assistierenden Domherrn ein prachtvoll ausgestattetes, nicht minder 
elegant gebundenes Missale. Die hohen Neuvermählten verreisten noch an dem- 
selben Tage um 4 Uhr nach Bronnbach und trafen am 25. Juli abends in Ischl zum 
Besuche des Vaters des Bräutigams, des Erzherzogs Franz Carl, ein. Wie die 
Blätter meldeten, beeilten sich wegen der Ankunft des Schah in Wien die Höchsten 
Herrschaften zur Reise nach Wien, um von dort sich nach Reichenau zu begeben. 
Am Tage der Trauung hatte der erzherzogliche Hofstaat in Wien einer 
feierlichen Messe beigewohnt, welche unter Assistenz von zwei Priestern in der 
Paulaner Pfarrkirche des IV. Bezirkes abgehalten wurde, während die Erzherzoge 
Franz Ferdinand d'Este und Otto am selben Tage in Payerbach den Gottesdienst 
besuchten. 



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Ihre taistrlicHt mid iSnigliclK Hoheit Frau Enhtnogin Maria Theresia. 



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Am 7. August mittags 12 Uhr fand im k. k. Lustschlosse Schönbrunn das 
solenne Hofceremoniell des Empfanges der neuvermählten Frau Erzherzogin 
JMaria Theresia, Gemahlin des Erzherzogs Carl Ludwig, statt. 

Der Kaiser und die Kaiserin, die hier anwesenden Erzherzoge und Erz- 
herzoginnen bewillkommten die Neuvermählten, worauf die Vorstellung des 
ersten Obersthofmeisters und der Obersthofmeisterin der Kaiserin, dann jene des 
Ministers des kaiserlichen Hauses und des Äußern, der Obersthofchargen, des 
Genera] -Adjutanten Seiner Majestät, der Gardecapitäne und Hofdienste, sowie der 
Begleitung der höchsten Herrschaften vor sich gieng. 

Bei der Frau Großherzogin Maria Antoinette von Toscana, sowie bei der 
königlichen Familie von Hannover hatte das hohe neuvermählte Paar schon auf 
der Rückreise aus Bayern am 25. Juli seinen Besuch abgestattet. 

Ein holder Genius hielt nun seinen Einzug in Wartholz, eine liebevolle 
Frauenseele, zu allem bereit, den Kindern die verstorbene Mutter zu ersetzen, ein 
hochsinniger, umfassender Geist, der es voll Anmuth verstand, dem Gemahl 
Unangenehmes möglichst fern zu halten, an allen Unternehmungen, die den 
Erzherzog beschäftigten, lebhaftesten Antheil zu nehmen, auf seine Intentionen 
einzugehen und zumal ihn in seinen humanen, der Förderung wohlthätigerZwecke 
zugewendeten Bestrebungen in allem Nachdruck und mit dem Zartsinn echter 
Weiblichkeit zu unterstützen. Gar oft, wenn Abordnungen von Vereinen oder 
Gesellschaften, deren Protector oder Vorsitzender der Erzherzog war, bei Höchst- 
demselben in Audienz vorsprachen, erschien auch die hohe Frau im Sprechsalon, 
um zum Entzücken der Hörer an dem bewegten Austausche von Meinungen, an 
der Erstattung von Berichten, wozu der Erzherzog in seinem leutseligen Wohl- 
wollen aufzufordern pflegte, regen Antheil zu nehmen. Wie sie ihren hohen Gemahl 
würdigte, setzte sie auch alles daran, auf dass er auch von anderen so gewürdigt 
werde. Es war der Einklang reinster Seelenharmonie, welche dieses hohe Paar 
so innig verband, und eben darum fühlte sich auch der Erzherzog nirgends 
behaglicher als an ihrer Seite, im trauten Kreise der Seinen. Bei seinem ausge- 
prägten bürgerlich-hausväterüchen Sinne galt ihm Familienglück im trauten Heim 
über alles. Das pflegte der Erzherzog oft so manchem seiner Besucher gegenüber 
zu betonen. Zu den tausenden Wienern, denen der Erzherzog ein gnädiger Gönner 
gewesen, gehörte auch Hofkapellmeister Leopold Eder, mit welchem der Erzherzog 
nach seiner gewohnten liebenswürdigen Art sich auch über dessen persönliche und 
Familienangelegenheiten zu erkundigen pflegte. Derselbe war viermal verheiratet. 
So oft er Witwer geworden war, versäumte der Erzherzog niemals, ihm nachdrück- 
lich ans Herz zu legen, er möge seine Häuslichkeit durch eine Wiederverehelichung 
herstellen. Und wenn dann Kapellmeister Eder vor den Erzherzog trat, um zu 
melden, er habe den Rath Seiner kaiserlichen Hoheit befolgt und wieder geheiratet, 
da nickte der hohe Herr freundlich lächelnd: «So ist's recht, so ist's recht!» 

Einer der ersten Besucher des Erzherzogs in seinem neuen Landsitze war 
Seine königliche Hoheit Graf Chambord, welcher am 13. September 1873 in 
Wartholz als «Nachbar* aus Frohsdorf vorsprach. 
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Nachmals ist Wartholz gleich der Wartburg des Mittelalters eine Wallfahrts- 
stätte derKunstund der Humanität geworden, und unsere hervorragendesten Männer 
der Kunst und Wissenschaft, der Industrie- und Handeiswelt fanden sich beglücltt, 
wenn sich ihnen gastlich die Pforten dieses Fürstenhauses erschlossen, wo ihr 
Streben Verständnis und Achtung fand. 



Die Villa Wartholz ist auch darum dem väterlichen Herzen des Erzherzogs 
so theuer geworden, weil zwei holde Mädchenblumen von dort entsprossten, 
deren Geburtsstätte Wartholz ward. Es war am 30. Juli 1876 der 44. Geburtstag 
des Erzherzogs herangekommen. Der hohe Herr wollte diesen Tag, wie jede 
solche Gedächtnisfeier, gern inmitten der Seinen zubringen. Aber auch die Bevölke- 
rung Reichenaus wollte sich's nicht nehmen lassen, mitzufeiern das Wiegenfest 
des hohen Schlossherrn, den die ganze Umgebung als Wohlthäter verehrte. 

Über dieses Fest lesen wir im Abendblatte der «Neuen Freien Presse» vom 
31. Juli nachstehenden Bericht aus Reichenau, der ein Bild von der gemüthvollen 
Leutseligkeit gewährt, mit welcher der edle Fürst mit seinen «Nachbarn» zu ver- 
kehren pflegte. Der Bericht lautet: 

«Erzherzog Carl Ludwig, der mit seiner Familie den Sommer in seiner Villa 
in Reichenau zubringt, begieng gestern Sonntag seinen 44. Geburtstag. Aus 
diesem Anlasse brachte ihm Samstag abends die hiesige Feuerwehr einen Fackel- 
zug mit Serenade. Gestern morgens empfieng der Erzherzog die Honoratioren des 
Ortes und die Vertretung der Bürgerschaft Der Erzherzog unterhielt sich über 
Verschiedenes, sprach über die schweren Zeiten und bemerkte, dass darunter alle, 
auch er, mehr oder minder zu leiden hätten. «Sehen Sie», bemerkte der Prinz 
wörtlich zu einem der Herren, «mein Sohn Franz hat jetzt eine große Erbschaft 
(vom Herzog von Modena) gemacht; allein, es befinden sich darunter auch 
Gewerkschaften, die nichts tragen, sondern bei denen man froh sein muss, wenn 
man so viei herausschlägt, dass die Arbeiter bezahlt werden können.» — Die 
reizend gelegene Villa des Erzherzogs war mit Reisiggewinde hübsch geschmückt 
und vom Flaggenbaume wehte die Fahne mit den habsburgischen Hausfarben. 
Mittags fand eine Familientafe) statt, während welcher eine von Wien requirierte 
Militär-Kapelle ihre Weisen executierte. Abends OUhrwurde die Villa mit hunderten 
farbigen Lampions beleuchtet und ein hübsches Feuerwerk abgebrannt. Den 
Schluss bildete eine bengalische Beleuchtung des schlossartigen Gebäudes, welches 
sich bald in blendender Weiße, bald in intensivstem Roth in reinen architekto- 
nischen Linien von dem großartigen Hintergrunde, der Raxalpe, abhob. Die Musik- 
Kapelle trug bis spät in die Nacht verschiedene Pie9en vor, die an den felsigen 
Hängen ihr Echo fanden und so eine ganz eigenthümliche Klangwirkung hatten. 
— Heute (31. d.) früh haben sich die beiden ältesten Söhne des Erzherzogs in 
Begleitung ihres Erziehers nach Schloss Persenbeug begeben. Schon in den 
nächsten Tagen wird in der erzherzoglichen Villa das Eintreten eines 
freudigen F"amilienereignisses erwartet» 
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Das schönste Angebinde zum Feste des Erzherzogs aber brachte die Frau 
Erzherzogin Höchstihrem Gemahle. Denn, als die Leser von diesem Berichte Kunde 
erhielten, war in Wartholz bereits ein anderes «Wiegenfest» eingetreten: Schon 
am 1. August meldete ein amtliches Bulletin in der «Wiener Zeitung» die Geburt 
einer Tochter des Erzherzogs Carl Ludwig, welche auf Schloss Wartholz am 
31. Juli um 7 Uhr abends dem Erzherzoge geschenkt ward. Einem Zeitungs- 
berichte entnehmen wir, dass am 3. August in der Villa des Erzherzogs die Taufe 
stattgefunden hat und zu diesem feierlichen Acte der Bürgermeister von Reichenau 
als Taufzeuge geladen war. Die neugeborene Erzherzogin erhielt die Namen 
Maria Annunziata Adelheid und wurde von Ihrer königlichen Hoheit der 
Frau Herzogin Adelheid von Bragan9a, Mutter der Frau Erzherzogin, zur 
Taufe gehoben. Als Amme war eine frische, kerndeutsche Bauersfrau aus Hochberg 
bei Iglau, namens Anna Kampf, bestellt worden, deren Voreltern aus dem 
.Schwabenlande» unter Maria Theresia nach Österreich eingewandert waren. Der 
Bericht fügt hinzu, dass seit der Geburt des Kronprinzen Rudolf jedesmal Ammen 
aus der Iglauer Gegend die Auszeichnung genossen, zur kaiserlichen Familie 
berufen zu werden. Ganz Reichenau feierte das frohe Ereignis in der erzherzog- 
lichen Familie mit, und am 10. August wohnten Seine k. und k. Hoheit der 
durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig in Begleitung Ihrer k. und k. 
Hoheiten des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Ferdinand und der durch- 
lauchtigsten Frau Erzherzogin Margarethe einem Kinderfeste bei, welches 
in Reichenau aus Anlass der Geburt Höchstseines Töchterchens, der kleinen Erz- 
herzogin Maria Annunziata, veranstaltet wurde. Ein an einer uralten Eiche 
angebrachtes Bild Seiner Majestät des Kaisers wurde hiebei von den Kindern reich 
mit Blumen und Kränzen geschmückt. 

Zwei Jahre später — am 7. Juli 1878 — genas die durchlauchtigste Frau 
Erzherzogin Maria Theresia in der Villa Wartholz abermals eines holden 
Töchterchens, welches den Namen Elisabeth erhielt. Taufpathin war Ihre 
Majestät die Kaiserin, die sich durch Ihre kaiserliche und königliche Hoheit die 
Frau Erzherzogin Christine vertreten ließ. Einer Zeitungsmeldung zufolge begab 
sich am 10. Juli auch Seine Majestät der Kaiser nach Reichenau, um dem Taufacte 
beizuwohnen. Die Festlichkeiten, die aus diesem Anlasse in Reichenau und Payer- 
bach stattfinden sollten, wurden übrigens auf später verschoben. 

Behütet und gepflegt von der zarten Sorgsamkeit einer feinsinnigen Gattin 
und liebevoll waltenden Hausfrau, beglückt von der innigsten Anhänglichkeit 
blühender Kinder, die er unter seinen treuen Vateraugen gedeihen, heranreifen 
sah, zog er, sobald der Frühling eben erwachte, hinaus in sein tannenumsäumtes 
Wiesenthal, voll Blumenduft und heiterem Vogelsang. Dort legte er Waffen- 
rock, Ordensketten und Sterne ab, um in dem schlichten Bürgerkleide Wald, 
Feld und Flur zu durchwandern, öfters mit einem Begegnenden ein leutseliges 
Gespräch anknüpfend. Als tüchtiger ausdauernder Bergsteiger im Älplergewande, 
ausgerüstet mit dem eisenbeschlagenen Bergstock, liebte er es, zumal in 
Gesellschaft seiner Söhne, in tüchtigen Märschen über Schrofen und Geröll zu 
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hohen Alpenhütten emporzuklimmen, wo sich lohnende Aussicht bot. Darin fand 
der sinnige Naturfreund Genuss, Erholung, Stärkung. Hierin glich er völlig dem 
Grafen von Limburg, von dem der große Dichtir singt: 

«Kein Sturm und auch kein Regen 

Verleidet' ihm den Gang.» 

Allerdings gehörte der Erzherzog keineswegs zu den leidenschaftlichen 
Jägern, nur im ersten Frühling zog er sich zurück in die Waldeinsamkeit seines 
weltabgeschiedenen Bauernhauses St. Jakob bei Vorau in Steiermark, um sich 
dort auf einige Tage an der Auerhahnjagd zu erholen, Den Sommer und Herbst 
liebten die durchlauchtigsten Herrschaften in der ländlichen Stilie der Villa Wart- 
holz, umgeben von einer großartigen Naturschönheit, bis gegen die heilige Zeit 
des Weihnachtsfestes zu verbringen, so dass sie des herrlichen Landsitzes nicht 
nur in der Blütenpracht der warmen Tage, sondern auch bei schneebedeckter 
Landschaft an hellen, klaren Kältetagen oder im wirbelnden Schneesturm genossen. 

Dieser lange Aufenthalt brachte es mit sich, dass der Höchste Herr in 
innigsten Verkehr mit den Bewohnern des Reichenauer Gebietes trat. Zu dem täg- 
hchen Gottesdienst in der Kapelle zu Wartholz hatte jedermann freien Zutritt 
und die Leute aus dem Thale machten gerne von dieser gnädigsten Erlaubnis 
Gebrauch; an manchen Sonntagen des Sommers war die Kapelle auch mit 
Sommergästen dicht gefüllt, und es kam vor, dass selbst Bekenner einer anderen 
Religion den heiligen Ort betraten. Um die Wohlfahrt der Thalbewohner kümmerte 
sich der Erzherzog unablässig, und es ist wahrhaft rührend, mit welchem Eifer er 
sich oft der Interessen der Gemeinde oder einzelner Bevölkemngsclassen annahm. 



Die Tagesordnung des Erzherzogs war, wenn nicht außerordentliche 
Ereignisse eine Änderung mit sich brachten, meist sehr einfach. Er pflegte um 
7 Uhr aufzustehen, zuweilen auch etwas früher. Während der Toilette, die' regel- 
mäßig eine Stunde in Anspruch nahm, dictierte er dem Kammerdiener, zuweilen 
auch seinem Leibjäger sein Tagebuch. In diesen Aufzeichnungen, welche der 
Erzherzog seit 1863 führte, wurden alle Einzelnheiten des vergangenen Tages 
bis auf die geringfügigsten Umstände eingetragen. In früheren' Jahren schrieb 
der Erzherzog selbst meist noch am Abend, später dictierte er seinem Secretär, 
in letzterer Zeit dem Kammerdiener oder Jäger. So führte er das Tagebuch auch 
während der Krankheit fort noch bis zum 13. Mai 1896 und schloss mit den 
Worten «M. Th. — bei mir. Früh mich zur Ruhe begeben». Nach beendeter 
Toilette verrichtete der Erzherzog auf dem Betschemel in seinem mit Reliquien 
ausgestatteten Schlafgemache kniend seine Morgenandacht, und zwar mit solch 
frommer Inbrunst, dass er selbst das Eintreten einer anderen Person in das Gemach 
nicht bemerkte. Nach dem Gebete nahm der Erzherzog mit seiner Gemahlin, Frau 
Erzherzogin Maria Theresia, und mit den Kindern das Frühstück gemeinsam. 
Nach dem Frühstücke las der Erzherzog eingelaufene Acten, Briefe und Geschäfts- 
stücke; um 10 Uhr begannen dann die Audienzen. Das Dejeuner fand um '/,! Uhr 
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statt; nach demselben unternahm der Erzherzog, wenn er sich in Wien befand, 
meist eine kurze Ausfahrt in den Prater oder nach Schönbrunn, woselbst er dann 
den Wagen verließ, um längere Zeit sich im Parke zu ergehen. Nach dem Diner, 
welches gewöhnlich um 5 Uhr stattfand, und an dem der ganze Hofstaat theil- 
nahm, pflegte der Erzherzog gern ein Theater oder ein Concert zu besuchen. 
Nach Hause zurückgekehrt, las oder schrieb er noch häußg bis nach Mitternacht. 
Als der Bezirkshauptmann Graf August Dzieduszycki, in dessen Behausung zu 
Grodek der Erzherzog im Jahre 1886 bei den großen Kaisermanövern Wohnung 
genommen hatte, die ausdauernde Thätigkeit des Erzherzogs bewunderte und 
sagte, dass Seine kaiserliche Hoheit zu spät in die Nacht arbeite, erwiderte der 
Erzherzog: «Ich treibe dies schon 25 Jahre so; es werden mir auch Acten von 
Seiner Majestät gesendet, und ich liebe es, rasch zu erledigen.» 



An seinen Kindern hieng der Erzherzog mit zärtlichster Vaterliebe. Alls 
Erinnerungszeichen und Andenken derselben bewahrte er mit peinlichster Sorgfalt 
auf, zumal das Schlösschen Wartholz war von deren Zeichnungen und Gemälde- 
skizzen ganz angefüllL 

Für die Gesundheit seiner Lieben zeigte sich der hohe Herr ängstlich 
besorgt und äußerte sich dritten Personen gegenüber oft mit wahrem väterlichen 
Stolze über das Aussehen und Gedeihen seiner Kinder, Wie des Erzherzogs 
Hausarzt Dr. Rollett berichtet, Heß sich der Erzherzog oft über die Gesundheits- 
verhältnisse des Ortes, den eben seine Familie besuchen sollte, Meldung erstatten, 
insbesondere betreffend eine etwa aufgetauchte Infectionskrankheit, Bei Über- 
siedlungen von Wien nach anderen Orten wurden regelmäßig vorher Erkundi- 
gungen über dortige Gesundheitsverhältnisse eingeholt 

An Freuden und Leiden der Kinder nahm der Erzherzog innigsten Antheil; 
wo er'einem derselben einen Lieblingswunsch absah, that er was möglich, Freude 
zu bereiten, indem er ihren Neigungen zartsinnig entgegenkam. 

Der Erziehung und dem Unterrichte seiner Kinder widmete der Erzherzog 
unausgesetzte Aufmerksamkeit und er verfolgte die geistige wie körperliche Aus- 
bildung bei den Verschiedenheiten der Naturanlagen jedes einzelnen mit stets 
wachsamem Auge. Während für den Unterricht der Söhne durch die Lehrziele 
und Unterrichtspläne der öffentlichen Anstalten eine feste Norm des Studienganges 
von selbst gegeben war, so trat bei dem Unterrichte der Töchter die Nothwendig- 
keit ein, für die höheren Stufen einen eingehenden Plan vorzuzeichnen, und der 
Entwurf dazu, der dem Höchsten Herrn vorlag, erweckte das lebhafte Interesse 
des kaiserlichen Prinzen. Der Erzherzog besprach, sorgfältigst prüfend, alle 
Einzelnheiten; er fand nicht allein die Erstrebung der höchsten Ziele auf allen 
Gebieten seinem Wunsche entsprechend, sondern er wusste auch das einzu- 
schlagende Vorgehen zu der Veranlagung der Kinder in Beziehung zu setzen und 
bei der Organisation auf besondere Begabung hinzuweisen. Von dem Gange des 
Unterrichtes überzeugte sich der sorgsame Vater unablässig, indem er die Lehr- 
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stunden in allen Gegenständen häufig besuchte und durch seine persönliche 
Anwesenheit während der vollen Stunde Lehrer wie Lernende erfreute. An man- 
chen Tagen kam es vor, dass er zwei, selbst drei Stunden nacheinander bei den 
Lectionen aushiett. Immer, ob er nun Fragen stellte oder Bemerkungen einstreute, 
verstand er es, auf Lehrer wie auf Zöglinge anregend zu wirken. 



Seint kaistrlicht und Haigllche Hohtil Enhtrzog Carl Ludwig, umgeben roa stiair ganxen Familie. 
Aufgenommen von Ihrer kaiserlichen und kSnlgüchen Hoheit Freu Erzherzogin Maria Theresia. 

Besonderes Interesse schien er dem Unterrichte in der Geschichte zu widmen 
und bekundete seinerseits in diesem Gegenstande gründliche Detailkenntnisse; er 
Hebte es, das Historische mehr an Personen als an Ereignissen anzuschauen, und 
konnte einzelne historische Gestalten trefflich charakterisieren. Mit der Genealogie 
befasste er sich gerne, wobei ihm sein ungewöhnliches Gedächtnis in erstaun- 
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lichem Maße zuhilfe kam, und er lenkte in gelegentlichen Fragen mit Vorliebe 
auf dieses Gebiet ein, indem er die hohe Bedeutung dieser historischen Hilfs- 
wissenschaft in vollem Maße würdigte. 

Auch der Kunstgeschichte wandte er die eingehendste Aufmerksamkeit zu; 
sowohl auf Grund systematischen Studiums, als auch infolge der vielen Reisen, 
auf denen er alle Kunstschätze, die sich nur darboten, in Griechenland (Athen, 
Eleusis, Korinth), Italien {Rom, Pompeji, Paestum, Ravenna) und Spanien (Burgos, 
Cordova, Granada), sowie alle Museen und Gallerien von einiger Bedeutung in 
Rom und Athen, in Paris, London und Petersburg, in Neapel, Florenz und 
Mailand, in Madrid und Sevilla, in Berlin, München und Dresden und an so vielen 



anderen Orten bis in 
das kleinste Detail 
kennen gelernt hatte, 
beherrschte er gleich 
dem erfahrensten 
Fachmanne dieses 
weite Gebiet, und 
widmete diesem 
Gegenstande, insbe- 
sondere auf dem 
vaterländischen Bo- 
den, ein stets wach- 
sendes Interesse. 

Den Nutzen, den 
dieser Unterrichts- 
zweig bei geschick- 
ter Methode für die 
ästhetische Erzieh- 
ung abwarf, hatte er 
immer vor Augen, 
wie er auch die 



F.rdimog Cai 



Ludwig mit Ershtrsogin Elisi 



gleichen Ergebnisse 
von dem Studium der 
Literaturen erhoffte. 
Sowie er selbst nicht 
allein die Quellen 
selbst alter Denk- 
mäler, wie zum Bei- 
spiel den Codex ar- 
genteus des Ulßlas 
in Upsala, die Am- 
braser Handschrift 
mit der Gudrun und 
andere wertvoUeMa- 
nuscripteaus eigener 
Anschauung kannte 
und mit den bedeu- 
tenderen poetischen 
Erzeugnissen aller 
Völker,vorzugsweise 
mit der dramatischen 
Poesie, vertraut war. 



so ließ er sich auch den Unterricht in der Geschichte der Literatur sowie die 
Leetüre und Erklärung geeigneter Dichtungen bei den Kindern angelegen sein. Es 
war sein besonderer Wunsch, dass die dramatischen Meisterwerke nicht nur 
durch lautes Lesen und durch Memorieren einzelner Partien, sondern auch aus der 
Aufführung im Burgtheater kennen gelernt würden. Ein wahrer Freudentag war 
es immer, wenn das Repertoire einmal ermöglichte, eine Tochter ins Theater zu 
führen. Bei der großen Vorliebe für das Theater ist es aber geradezu bewunderns- 
wert, welche Vorsicht die durchlauchtigsten Eltern in der Auswahl und Zulässigkeit 
der Stücke walten ließen. Die Stücke wurden in jedem einzelnen Falle vorher auf 
das genaueste geprüft und mit wahrem Schmerze, aber auch mit aller Entschieden- 
heit opferten die Eltern selbst eine classische Tragödie, sobald nur gewisse 
Radewendungen das Zartgefühl verletzen konnten. Welches Glück dagegen war 
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es, wenn Minna von Barnhelm gegeben wurde, oder Wallenstein, Die Jungfrau 
von Orleans, Wilhelm Teil, Iphigenie auf Tauris, Torquato Tasso, Macbeth, 
Coriolanus, Richard 11., Der Traum ein Leben, König Ottokars Glück und Ende, 
Sappho, Weh' dem der lügt, Schach dem König, Bürgerlich und romantisch, Die 
Maler oder ähnliche Stücke! 

Bei festlichen Anlässen in Wartholz machte es Seiner kaiserlichen Hoheit 
stets die größte Freude, wenn die erzherzoglichen Kinder ein Theaterstück auf- 
führten oder auch nur ein kleines Gelegenheitsgedicht vortrugen. War er schon 



Er^trsogiii JUargartlha Soplila und Enheriog Firdinaad Carl. 'Rocoto: 

der dramatischen Kunst mit so feinem Verständnisse zugethan, so erblickte er in 
solchen Vorstellungen ein wichtiges Moment für die Erziehung. Er war der An- 
sicht, die Jugend ziehe daraus, ganz abgesehen von dem höheren Nutzen, auch 
den praktischen Vortheil, dass sie sich an den Vortrag vor einer aufmerksamen 
Zuhörerschaft gewöhne und dadurch lerne, natürliche Schüchternheit zu über- 
winden und aus sich herauszutreten, eine gute Aussprache sich anzueignen und 
in die Dichtung sich einzuleben. Er sprach daher bei jedem Anlasse den Wunsch 
aus, dass die Familienfeste, die in die Zeit des Landaufenthaltes in Wartholz 
fielen, durch solche Aufführungen gefeiert werden möchten, und Heß ein präch- 
tiges kleines Haustheater herstellen, das in der Halle des Schlosses Wartholz bei 
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geeigneten Anlässen aufgeschlagen wurde. Unter den Mitgliedern des Hofstaates 
fanden sich glücklicherweise zu allen Zeiten vorzügliche Darsteller für Lustspiele, 
und anfänglich betrat der gnädigste Herr sowohl als auch die Frau Erzherzogin 
selbst die Bühne. Die jüngeren Kräfte brachten zunächst kleine Declamationen, 
Charaden, einfachere Dialoge, Scenen aus größeren Stücken oder auch Geiegen- 
heitsfestspiele zur Aufführung und nahmen allmählich später an dem Ensemble- 
Spiel in gröDeren Stücken theil. Als Souffleur bei diesen Spielen diente Herr Weiser 
in Payerbach, der sich den Aufführungen stets mit ausdauernder Hingebung 
widmete. 

Es wurde mit diesen Vorstellungen schon frühzeitig begonnen; mit beson- 
derem Eifer aber wurden die dramatischen Spiele seit der Mitte der Achtziger- 
Jahre betrieben, als die heranwachsenden kaiserlichen Hoheiten Erzherzogin 
Margarethe und Erzherzog Ferdinand, der sich als geschickter und sachkundiger 
Regisseur erwies, für die darstellende Kunst sich begeisterten und der Aufführung 
von Lustspielen zur Feier der hohen Gedenktage eine immer steigende Theiinahme 
widmeten; und wiederum wurde der Sache ein neues Interesse zugewandt, als 
auch die jüngsten Erzherzoginnen Annunziata und Elisabeth dem Beispiele der 
älteren Geschwister folgten. 

Zum Namenstag der Frau Erzherzogin am 15. October 1874 stellte man das 
Buchstabenräthsel »Marie Therese» dar. Das eine R ward durch «Rococo» aus- 
gedrückt, eine Kindergruppe, die wir in der Abbildung wiedergeben, das andere R 
durch «Rothkäppchen>, worin die Schwestern Ihrer kaiserlichen Hoheit, die 
Infantinnen Adelgunde, Prinzessin von Bourbon, Gräfin von Bardi, Maria Anna, 
Erbgroßherzogin von Luxemburg, und Maria Antonia, Herzogin von Parma, 
mitwirkten. Sodann begann auch die Darstellung von lebenden Bildern nach 
historischen Ereignissen oder nach Gemälden, und gedieh zu größeren Leistungen, 
wie es die großen Tableaux nach Defregger waren, die am 4. November 1886 
unter der Leitung der Frau Erzherzogin dargestellt wurden; «Der Tanz auf der 
Alm», «Der Salontiroler», »Der Zitherspieler», in welchen Ihre kaiserlichen 
Hoheiten die Erzherzoginnen Maria Theresia, Maria Josefa, Margaretha Sophia, 
Maria Annunziata und Elisabeth, die Erzherzoge Otto und Ferdinand, der Herzog 
von Bragan9a, sowie der gesammte Hofstaat mitwirkten, und das stimmungsvolle 
lebende Bild «Das Ave-Läuten», worin sich hinter Seeschüf ein Boot zeigte, in 
welchem an dem vorderen Ende Erzherzogin Annunziata als Kapuzinermönch im 
Brevier lesend, am anderen Erzherzogin Maria Josefa als junge Bäuerin das Steuer 
lenkend saß, während als Bauer Erzherzog Ferdinand das Ruder führend in der 
Mitte stand. Bald gelangten jedoch auch Gelegenheitsdichtungen zur Aufführung, 
wie das zum 4. November 1876 von einer Hofdame verfasste Festspiel «Die 
Huldigung der Blumen». Die erzherzoglichen Kinderbrachten darin als Alpen- 
blumen dem gnädigsten Herrn zum Namenstage ihre Glückwünsche dar. Ihren 
Rollen gemäß costümiert, begründeten sie im ersten Theile der Dichtung ihr 
Erscheinen in so vorgerückter herbstlicher Zeit durch ein Zwiegespräch mit dem 
Herbste und trugen im zweiten Theile ihre Huldigung vor. In dem letzteren 
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Theile des schönen Festspieles sprach beispielsweise Rittersporn (Erzherzog 
Franz Ferdinand, 12 Jahre alt): 

Der Name macht den Ritter nicht. 
Es macht ihn nicht das Kleid; 
Doch Muth und treu erföüle Pflicht 
Schmückt ihn zu jeder Zeit. 



Dass du mich ritterlich gesinnt 
Sollst finden Tort und fort. 

Den Schwächern will ein Hort ich sein, 
Dem stolzen Feind ein Dorn, 
Und nur das Gute, nie der Schein, 
Das sei mir Ritter — Spornt 

Darauf folgten mit ebenso schönen Sprtlchen Edelweiß, Gentiane und 
Türkenbund (Erzherzog Ferdinand Carl, 7 Jahre, Erzherzogin Margaretha 
Sophia, 6 Jahre, und Erzherzog Otto, 10 Jahre alt), wozu dann Edelweiß beifügte: 

Der Sommer hat uns noch gebracht 

Ein fünftes Blümchen fein, 

Ein Alpenröslein, eine Pracht! 

Doch ist es noch sehr klein. 

Es darf noch nicht mit uns hinaus 

Und blieb zurück im warmen Haus. 

Zum Schlüsse versprachen alle zusammen: 

Wir wollen alle uns bemühen. 

Dir nur 2ur Freude stets zu blühen! 

Sobald der Höchste Herr sowohl als auch die Frau Erzherzogin Maria 
Theresia sich, um durch das eigene Beispiel aufzumuntern, sogar selbst dazu 
herabließen, die Bühne zu betreten, kam es unter Betheiligung des Hofstaates 
auch früh zur Darstellung von kleineren und größeren Lustspielen. 

In einem kleinen Stück von Carl Tuin, betitelt «E. S. S. oder die Aus- 
staffierung«, das 1875 aufgeführt wurde, übernahm die Erzherzogin die Rolle 
der Sophie, worin sie durch ihre anmuthige Erscheinung, ihre gewandte Action 
und ihr schönes Organ die Zuschauer zu lebhaftem Beifalle hinriss. Am 18. De- 
cember 1878, zum Geburtsfest des Erzherzogs Franz, trat der Erzherzog in dem 
Schwank «Er muss taub sein* von Jules Moinaux in der Rolle eines Feldhüters 
auf und entzückte durch sein meisterhaftes Spiel, worauf an demselben Abend 
die Frau Erzherzogin als Blanche in dem Lustspiel «Erlauben Sie, gnädige 
Frau» abermals die höchste Bewunderung erregte. 

Eine neue Epoche der Aufführungen von Ensemble-Spielen begann am 
30. Juli 1884 mit der Posse -Servus, Herr Stutzerl. von Carl Tuin und Louis 
Flerx, worin die Frau Erzherzogin Maria Theresia als Evchen, Erzherzogin 
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Margarethe als Seferl, Erzherzog Ferdinand als Heix Stutzer! und Erzherzog 
Otto als Träger auftraten. Mit noch größerem Eifer wurden die Darstellungen 
1886 fortgesetzt. Am 17. August 1889 wurde aufgeführt «Regen und Sonnen- 
schein», Lustspiel in 1 Act, nach dem Französischen von Heinrich Grans, mit 
Erzherzogin Margarethe als Victorine, darauf »La lettre chargee», fantaisie par 
Eugene Labiche, zuletzt «Die Burgruine», Lustspiel in 1 Act von Carl Carö, 
mit Erzherzogin Margarethe als Emi, Erzherzog Ferdinand als Eduard Leuthold, 
Erzherzog Otto als Theodor Sperber. Zum Namenstag des Erzherzogs am 
4. November 1886 wurde gegeben «Mein Stern», Lustspiel von Scribe, deutsch 
von Laube, worin Erzherzogin Maria Josefa als Hortense, Erzherzogin Margarethe 
als Josseline, Erzherzog Ferdinand als Paimpol und der Herzog von Braganfa als 
Kerbennek auftraten, und «Er experimentiert», Lustspiet in 1 Act von Hollpein, 
worin Erzherzog Ferdinand die Rolle des Julius spielte. Für diese Vorstellung war 
der k. k. Hofburgschauspieler Adolf Ritter von Sonnenthal als Ober-Regisseur 
eingeladen worden, welcher auch am Schlüsse, nachdem die großen Tableaux 
nach Defregger vorgeführt waren, einige Gedichte, wie den Erlkönig, mit 
bekannter Meisterschaft vortrug. Es folgte am 1 5. Juli 1 887 (wiederholt am 1 8, Juli) 
-Der Damenkrieg., Lustspiel in 3 Aufzügen von Scribe und Legouve, deutsch 
von Laube, und am 4. November 1887 «Er soll dein Herr sein», Lustspiel in 
1 Act von G. von Moser, darauf «La souris», comedie en 1 acte par M. Amand 
des Roseaux, zuletzt «Sie schreibt an sich selbst», Lustspiet in 1 Act nach 
dem Französischen von Carl von Holtei. Am 30. Juli 1888 gelangte zur Aufführung 
■Scylla und Charybdis» von Feuillet mit Erzherzog Ferdinand als Henry und 
Erzherzogin Maria Josefa als Odette, «Lasouris» und schließlich «Recept gegen 
Schwiegermütter», Lustspiel in 1 Act nach dem Spanischen des Manuel Juan 
Diano, deutsch von Fastenrath, mit Erzherzogin Maria Josefa als Mariana und 
Erzherzog Ferdinand als Federico; am 4. November 1888 «Die alte Schachtel», 
Lustspiel in 1 Act von Gustav von Putlitz, mit Erzherzogin Maria Josefa als 
Gustchen, Erzherzogin Margarethe als Cornelia und Erzherzog Ferdinand als 
Hans; zum Schlüsse wiederum «Recept gegen Schwiegermütter». Durch 
alle diese Vorstellungen war bereits eine große Fertigkeit erzielt worden und die 
Aufführung am 4. November 1890 gelang in ganz vorzüglicher Weise. Die Musik- 
Kapelle des Regimentes Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 unter der Leitung des 
Kapellmeisters Ziehrer eröffnete den Abend mit der Ouvertüre zu «Mignon», darauf 
hob sich der Vorhang und es begann das Stück «Einer muss heiraten», Lust- 
spiel in 1 Act von A. Wilhelmi, mit Erzherzogin Maria Josefa als Louise und 
Erzherzog Ferdinand als Wilhelm Zorn; dann folgten Scenen aus «Der Wider- 
spenstigen Zähmung-, in denen Erzherzog Ferdinand den Petrucchio, Erz- 
herzogin Margarethe die Katharine, Erzherzogin Annunziata den Diener Curtis 
und Erzherzogin Elisabeth den Schneider gab. 

Die beiden jüngsten Erzherzoginnen Annunziata und Elisabeth pflegten in 
den früheren Jahren nach den Vorstellungen entweder eine Scene aus einem 
größeren Stück aufzuführen oder einen Epilog zu sprechen, und es waren zwei von 
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einer Hofdame gedichtete Epiloge dieser Art von besonderem Interesse, so das zum 
Geburtstage des Erzherzogs 1886 vorgetragene «Räthse!» und deram4.November 
1888 gesprochene Diatog<Altes und neues Burgtheater*, dessen Schlussverse 
lauten; 

Denn unsre Kunst ist nicht an Ort und Raum gebunden; 

Wo sie im Geist gepflegt, im Herzen wird empfunden. 

Da weiU sie gern und hat ein Heim gefunden! 

Mit dem Herbst 1894 begann die letzte, freilich kurze Periode der Theater- 
spiele. Die höchsten Herrschaften nahmen um diese Zeit einen längeren Aufent- 
halt in Kis-Tapolcsäny (Bars) auf der neuen Besitzung, welche der Erzherzog aus 
der Concursmasse des Grafen Stephan Keglevich am 12. August 1890 käuflich 
erworben hatte. Auch hier wurde in einem geräumigen Saal des Schlosses eine 
Bühne errichtet, und der 4. November 1894 ward festlich begangen. 

Es wurden in kurzer Zeit drei Lustspiele einstudiert und mit bestem Erfolge 
aufgeführt, zuerst «Der grade Weg der beste», Lustspiel in 1 Act von 
A. von Kotzebue, mit Erzherzog Ferdinand als Friedrich Wahl, alsdann «Wenn 
man nicht tanzt», Lustspiel in 1 Act von S.Schlesinger, mit Erzherzog Ferdinand 
als Dr. Meinold, Erzherzogin Annunziata als Helene und Erzherzogin Elisabeth 
als Hermine, endlidh «Er ist nicht eifersüchtig», Lustspiel in 1 Act von 
Alexander Elz, mit Erzherzog Ferdinand als Dr. August Hohendorf. 

Zur Feier des hohen Geburtstages im Jahre 1895 wurde zum letztenmale 
gespielt. Als die durchlauchtigsten Herrschaften eben von der Reise nach England, 
wo Höchstdieselben der Königin Victoria einen Besuch in Windsor abgestattet 
hatten, zurückgekehrt und in Wartholz angekommen waren, kamen am 1. August 
zwei Stücke zur Aufführung und wurden mit großem Beifalle dargestellt; nämlich 
"L'amour de t'art», comedie en 1 acte par Eugene Labiche, worin Erzherzogin 
Annunziata als Comtesse und Erzherzogin Elisabeth als Mariette, femme de 
chambre, auftraten, und darauf «Papa hat's erlaubt». Schwank in 1 Act von 
G. von Moser und A. L'Arronge, worin Erzherzogin Annunziata die Aurora und 
Erzherzogin Elisabeth die Jette gaben. 

Die große Vorliebe des Erzherzogs Carl Ludwig für die dramatische Kunst 
bildet eine Art angeerbter Neigung Höchstdesselben vom Vater, Bekanntlich war 
Erzherzog Franz Carl ein warmer Freund des Theaters; fast kein Abend vergieng 
ihm, ohne eine Vorstellung besucht zu haben. Das Sommertheater in Ischl ver- 
dankte geradezu der stets gern gewährten Subvention des Erzherzogs seinen 
Bestand. 

In der Unterrichtsorganisation gab es keinen Zweig, dem der Höchste Herr 
nicht seine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Die Sprachen der großen Cultur- 
völker mussten eifrig gelernt werden und auch in den Landessprachen des Reiches 
forderte er volle Geläufigkeit. Der Erzherzog selbst pflegte sich durch regelmäßige 
Conversation mit dem Vorleser von Dezsö und dem Kapuzinerordenspriester 
P. Andreas Csäk, der in Wartholz die Messe las, in der ungarischen, mit Lewis 
in der englischen Sprache zu üben, wie er auch in rechts- und staatswissenschaft- 
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liehen Fächern, in denen Sectionsralh Felgel Vorträge hielt, in Geschichte, Kunst 
und Literatur niemals aufhörte zu lernen. Auch dem naturwissenschaftlichen 
Unterrichte ließ er ein großes Ausmaß, wodurch bei der durchweg vorhandenen 
Gabe der Naturbeobachtung gute Früchte erzielt wurden. 

Am meisten aber ließen sich der Erzherzog, sowie seine hohe Gemahlin die 
religiöse Erziehung der Kinder angelegen sein. War schon der Religionsunterricht 
einer so bewährten Kraft anvertraut, so wurden die religiösen Übungen in der 
Pfarrkirche bei den Paulanern, in der Hauskapelle im Wiener Palais, in der Villa 
Wartholz oder in Meran mit einer Andacht und Frömmigkeit verrichtet, dass sie 
allen Anwesenden zu wahrer Erbauung gereichten. 

In Wartholz wurden die hohen Namens- und Geburtsfeste durch feierlichen 
Gottesdienst mit Hochamt und Tedeum begangen, und wie der Erzherzog der 
nächste, aber auch beste Unterthan des Kaisers war, so ließ er die Allerhöchsten 
Gedenktage des Kaisers und der Kaiserin durch Festgottesdienste in Wartholz 
feiern. Zu den schönsten und erhebendsten Festen aber, die Wartholz jemals sah, 
gehörten auch die Tage, an welchen die jungen Hoheiten von ihrem Religions- 
lehrer, dem Prälaten Marschall, die erste heilige Communion empfiengen, und die- 
jenigen, an welchen Höchstdenselben von dem Cardinal-Fürsterzbischofe von 
Wien das heilige Sacrament der Firmung gespendet wurde. Es waren dies immer 
Tage der reinsten und höchsten Freude, die demjenigen unvergesslich bleiben, 
der das Glück hatte, Zeuge dieser heiligen Handlungen zu sein. 

Auch auf die körperliche Ausbildung legte der Erzherzog hohen Wert. Es 
mussten nicht allein Turnen, Schwimmen, Schlittschuhlaufen, die englischen 
Spiele im Freien betrieben, sondern auch regelmäßig Spaziergänge ohne Rücksicht 
auf die Witterung gemacht werden. Um die Kinder praktisch selbständig und von 
der Bedienung unabhängig zu machen, ließ er auf der Passhöhe zwischen dem 
Preiner Thale und den Adlitzgräben beim Ortbauer aus einem Vorarlberger 
Bauernhause, das er auf der Weltausstellung 1873 erworben hatte, den -Carlshof- 
errichten, damit die Kinder bisweilen daselbst ohne Bedienung Aufenthalt nehmen 
und sich ohne Dienerschaft behelfen sollten. 

In die Abende des Landaufenthaltes wusste der Erzherzog zu allen Zeiten 
eine für die Kinder nützliche Abwechslung zu bringen, wobei er stets einen 
hohen Zweck verfolgte und von der besten Absicht geleitet war. So lud er öfters 
Künstler und Gelehrte nach Wartholz und gestaltete manchen Abend zu einer 
geistig anregenden und ästhetisch bildenden Soiree. Bald trug der k. k. Hofopern- 
sänger Schrötter, der sich auf seinem schönen Besitze in der Prein aufzuhalten 
pflegte und oft den nachbarlichen Besuch des Höchsten Herrn empfieng, in der 
Halle zu Wartholz seine entzückenden Lieder vor, bald hielt Alexander 
Strakosch, der bisweilen aus Wien berufen wurde, seine bewunderungswürdigen 
Declamationen, bald erfreuten andere Gäste aus Wien durch poetische und 
musikalische Vorträge. Gelehrte, wie der Geschichtsschreiber Hofrath J. B. von 
Weiß aus Graz oder Onno Klopp wurden oft zu längerem Verweilen in Wart- 
holz eingeladen, wo die hohen Bewohner deren interessanten Gesprächen zu 
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lauschen und auf deren wissenschaftliche Arbeiten ermunternd und fordernd zu 
wirken pflegten. Um aber ernste Dinge auch mit einer gewissen Heiterlteit und 
Geistesfreiheit betrachtet zu sehen, lud der Erzherzog oft den Prälaten Sebastian 
Brunner ein, der mit seinem drastischen Humor und kaustischen Witz dem 
erzherzoglichen Hause eine ungewöhnliche Unterhaltung zu bereiten pflegte. 

Als die Kinder nun allmählich aus dem elterlichen Hause traten, waren sie 
auf allen Lebenswegen von der Liebe und Sorge der Eltern begleitet, und bei 



itjiif kaiserliche iinä königliche Hnheil Erzherzog Franz Ftrdinaud vua Oslemieh-Eile. 

jedem wichtigeren Schritte stand den Kindern die innigste Theilnahme zur Seite. 

Ein herzergreifender Augenblick war es, als Erzherzog Franz Ferdinand die 
seit längerem geplante Reise um die Erde zu Studienzwecken unternehmen sollte 
und die Seinen, die ihm nach Triest das Geleite gaben, sich von ihm verab- 
schiedeten. 

Die letzten Stunden vor der Abreise verbrachte Erzherzog Franz Ferdinand 
am Morgen des 15. Üecember 1892 noch mit seinen Eltern und seinen Brüdern, 
seinen jüngeren Schwestern und seiner Schwägerin; dann begleitete er die Seinen 
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an Bord des -rGreif» und nahm Abschied, um an Bord des Kriegsdampfers 
•EUsabeth- die große Reise anzutreten. 

Als die Yacht «Greif», die erzherzoglichen Herrschaften an Bord, in Triest 
erschien, brachte bei der Einfahrt in den Hafen eine zahlreiche Volksmenge 
begeisterte Ovationen. 




Ihre taisirliche und tSiiigllcJu Hoheit Frau Erihtnogin Maria Jostfa mit dtn Sehntn Carl und -W. 



Die Schilderung der Seereise würde für sich allein mehr als einen stattlichen 
Band füllen, hier sei nur erwähnt, dass Erzherzog Franz auch in der Ferne seiner 
guten Eltern und Geschwister in Treue gedachte, zugleich die sinnige Art hervor- 
gehoben, wie der Christ- und der Sylvester-Abend an Bord der 'Elisabeth» unter 
fernen Himmelsstrichen gefeiert worden war, wie uns verschiedeneZeitungsberichte 
mittheilen. Den besten Bericht über diese Reise gibt der Erzherzog selbst in seinem 
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geistvollen und lehrreichen Prachtwerk »Tagebuch meiner Reise um die Erde 
1892— 1893«, 2 Bände. Wien {Verlag von Alfred Holder, I. Rothenthurmstraße 15). 
Während Erzherzog Franz bis zur Stunde unvermählt geblieben ist, hatte 
Erzherzog Otto in der jugendfrischen, am 31. Mai 1867 geborenen Prinzessin 
Maria Josef a, Tochter Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Georg von Sachsen, 
eine holde Braut gefunden. Das Hochzeitsfest wurde am 2. October 1886 in 
Dresden gefeiert, wohin sich die hohen Eitern des Bräutigams, femer die Brüder, 



Seine kaiserUche and kSnigliche Hoheit Erzherzog Ollo. 

Erzherzoge Franz Ferdinand d'Este und Ferdinand Carl, sowie Erzherzogin 
Margarelha Sophia begeben hatten. Das jugendliche Brautpaar wurde von der 
Bevölkerung der Hauptstadt Sachsens und der Umgebung mit Huldigungen über- 
schüttet. Außer einem kunstvollen silbernen Tafel aufsatze, dem Brautgeschenke 
der Stadt, und einer von Professor Hähnel in Bronze-Miniatur ausgeführten Copie 
einer herriichen plastischen Gruppe, widmete Dresdens Künstlergesellschaft eine 
interessante Sammlung von 60 Originalwerken. Die umliegenden Dörfer hatten die 
Schuljugend zu einem Huldigungszuge mit Musikbegleitung entsendet, wobei die 
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Mädchen grünweiße, die Knaben schvvnrzgelbe Lampions trugen; 21 Ehren- 
jungfrauen umringten die holde Braut unter Anstimmung des bekannten 
Brautliedes aus Webers 'Freischütz*; am Vorabend der Trauung brachten 
1200 Dresdener Sänger, begleitet von 600 Fackelträgern, den Höchsten Herr- 
schaften eine schöne Serenade, und am Trauungstage selbst durchwogte eine 
freudig bewegte Menge die Straßen der Hauptstadt. Nachdem vormittags im 
Palais des Prinzen Georg die standesamtliche Verbindung vollzogen worden war, 
setzte sich nach 1 1 Uhr der Brautzug von dort nach dem Königsschlosse in 



Säue iaiscrlLh/ und königliche Hoh/il Erzherzog Ftrdinaiid Carl. 

Bewegung. Dort fand durch die Königin die übliche Ceremonie der Kranz- 
aufsetzung statt; hierauf ordnete sich der Zug durch den Verbindungsgang zur 
Hofkirche, voran der Bräutigam mit Höchstseinem Vater und dem Könige Albert, 
sodann die Braut mit Höchstihrem Vater und der Königin Carola, endlich 
die anderen anwesenden Erzherzoge — auch Erzherzog Ludwig Victor war 
erschienen — dann Prinzessinnen und Prinzen von Bayern, Meiningen, Altenburg 
und Hohenzollern. Unmittelbar nach der unter Glockengeläute und Geschützsalven 
vollzogenen Trauung begab sich das Höchste Brautpaar auf Wunsch des Königs 
auf den Balkon des königlichen Schlosses, um sich dem Volke zu zeigen, wobei 
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die nach Tausenden zählende Menschenmenge in unbeschreiblichen Jubel aus- 
brach. An die nun folgende Gratulationscour schloss sich Galatafel und abends 
große Auffahrt sämmtlicher fürstlichen Herrschaften zum Hoftheater, woselbst 
ein Festspiel seinen Anfang nahm. Beim Eintritte des Brautpaares erhob sich 
der Oberbürgermeister, um ein »Hoch!« auf die hohen Neuvermählten auszu- 
bringen, welches von der Versammlung mit stürmischem Enthusiasmus erwidert 
wurde. Am 3. October beschloss ein Hofball die Reihe der Feierlichkeiten. Bei 
der Polonaise führte Erzherzog Carl Ludwig die Königin, der König die Erz- 
herzogin Maria Theresia, Erzherzog Otto seine junge reizende Gemahlin. Froh- 
bewegt von den schönen Eindrücken und Erinnerungen des Festes kehrte 
Erzherzog Carl Ludwig mit Familie am nächsten Tage wieder in sein Heim 
nach Wien zurück. Erzherzog Otto zeichnet sich durch hohen Kunstsinn aus. 

Erzherzog Ferdinand Carl bildete sich durch gründliche Studien zum 
vorzüglichen Militär heran und ist dem 1. Regiment der Tiroler Kaiserjäger in 
Innsbruck zugetheilt, wo er die Bewohner durch seine Liebenswürdigkeit 
entzückt. 

Erzherzogin Margaretha Sophia wurde am 23. Mai 1886 zur Äbtissin 
des Theresianischen adeligen Damenstiftes auf dem Hradschin ernannt und am 
S.Juni 1888 zu Prag feierlich installiert. Sie blieb in dieser Würde, bis sie im 
Begriffe stand, sich zu vermählen und resignierte am 15. Jänner 1893. Kurz vor 
ihrer Verlobung wurde sie nebst Eltern und Geschwistern durch eine schwere 
Prüfung heimgesucht, in der sich so recht zeigte, was aufopferungsvolle Eltern- 
liebe, innige Geschwisterliebe, Gottvertrauen und Glaubensstärke, Gebet und Für- 
bitte zu erreichen vermögen. In Ausführung eines Beschlusses des Erzherzogs 
waren Vorbereitungen getroffen worden, um die Abreise der erzherzoglichen 
Familie nach Kis-Tapolcsäny (Bars) für Sonntag, den 19. October 1891 ins 
Werk zu setzen. Dort sollte für längere Zeit Aufenthalt genommen werden. An 
diesem Tage klagte die Erzherzogin Margaretha Sophia über Unwohlsein. Man 
legte demselben in der Hoffnung, dass es sich bloß um ein leichtes, bald vorüber- 
gehendes Unwohlsein handle, keine besondere Bedeutung bei. Infoige dessen 
reiste auch bloß der Erzherzog mit seinen beiden jüngeren Töchtern Erzherzogin 
Maria Annunziata und Elisabeth mit kleinem Gefolge nach Kis-Tapolcsäny ab, 
während die Gemahlin des Erzherzogs Maria Theresia bei der Erzherzogin 
Margaretha Sophia zurückblieb. Das Unwohlsein verschlimmerte sich jedoch und 
es traten ernstere Erscheinungen zutage. Außer dem Hausarzte der erzherzog- 
lichen Familie Dr. Rollett wurden nun auch Kahler und Kaposi zu Rathe 
gezogen. Erzherzog Carl Ludwig, von der Verschlimmerung der Krankheit in 
Kenntnis gesetzt, kehrte augenblicklich um und traf am 22. October mittags mit 
den jüngeren Erzherzoginnen wieder ein. Um 6 Uhr abends, dieses Tages 
erschien auch Seine Majestät der Kaiser im Palais des Erzherzogs, um Über 
das Befinden der Erzherzogin Kunde einzuziehen. Inzwischen war es den Ärzten 
gelungen, die Krankheit zu erkennen, die nun einen Verlauf nahm, der zu 
schweren Befürchtungen Anlass gab. Es folgten Tage bitterer Leiden unter hin- 

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gebungsvoller Fürsorge der Arzte Rollett, Kaposi, Kahler und aufopfernder Pflege 
von Seite der Erzherzogin Maria Theresia, unter allgemeiner Theilnahme der 
Bevölkerung bei öffentlichen Gebeten in Maria am Gestade, unter frommen 
Andachtsübungen der Geschwister und lebhafter Antheilnahme des Papstes, der 
zweimal den apostolischen Segen schickte. Der Kelch gieng vorüber. Doch in 
diesen Tagen schwerer Prüfung bedurfte der Erzherzog aller Seelenstärke, um 
sich aufrecht zu erhalten. Stundenlang war er die Tage her am Krankenbette 
gesessen, das Auge mit banger Sorge auf die Leidende geheftet; in den Nacht- 
stunden fand der geprüfte Fürst weder Ruhe noch Schlummer; stundenlang hörten 
ihn die Diener in seinem Gemache auf- und abgehen. Die Erzherzogin wich nicht 
vom Krankenbette ihrer Stieftochter, der ihre leibliche Mutter nicht theilnahms- 
voUere Pflege hätte zu widmen vermocht. Und diesem Engel der Barmherzigkeit, 
der verklärenden allmächtigen Mutterliebe gelang es, den nahenden Todesengel 
vom Lager des holden Töchterleins zu verscheuchen. 

Vom 20, November berichten die Tagesblätter: »Gestern wohnten Erzherzog 
Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia einem Festdiner zu Ehren des 
Brautpaares Prinzen August von Sachsen und Erzherzogin Maria von Toscana 
bei. Erzherzogin Maria Theresia, deren Diamanten bei Gelegenheiten, wo die 
Kaiserin fehlt, die aller anderen überstrahlen, erschien in einfacher Toilette 
und trug nur ein kostbares Halsband. Die hohe Frau sah sichtlich angegriffen 
aus in der Sorge um die schwerkranke Tochter und betheiligte sich nur wenig 
an der Conversation. Sie sprach meistens mit König Albert, der ihr zunächst 
Platz genommen hatte. Dem Hofconcerte am 20. November blieb die Frau 
Erzherzogin ferne.» 

Bald war die zarte Erzherzogin in voller Gesundheit ihren überglücklichen 
Eltern wiedergegeben. Post nubila Phoebus! Der Enkelsohn des Siegers von 
Custozza, Herzog Alb recht von Württemberg, bestimmt, dereinst die Königskrone 
dieses Landes auf sein Haupt zu setzen, erhielt von Margaretha Sophia zum 
dauernden Lebensbunde das Jawort und der doppelt glückliche Vater der 
Erzherzogin gab, freudig bewegt, zu diesem Bunde seinen Segen. 

Es war ein gar liebliches und doch so bewegtes Weihnachtsfest, welches 
im nächsten Jahre, 1892, wenige Wochen vor der Hochzeit der Erzherzogin, 
gefeiert wurde: ihr letztes im Vaterhause. 

•Den Mittelpunkt dieser Weihnachtstage bei Hofe» — so berichteten die 
Blätter — «bildete das Haus des Erzherzogs Cari Ludwig, in dem als deutsche 
Hausfrau und Mutter Erzherzogin Maria Theresia waltet. Ein eigener freund- 
licher Glücksstern scheint über diesem Hause zu wachen, an dem im Vorjahre 
der Todesengel barmherzig vorübergieng. Auch deshalb ist heuer Erzherzogin 
Margaretha Sophia abermals Mittelpunkt aller liebevollen Aufmerksamkeit, weil 
es diesmal die letzte Weihnacht ist, die sie im Vaterhause verlebt, um schon nach 
einigen Wochen ihrem Bräutigam in die Ferne zu folgen. Die Mitglieder der 
kaiserlichen Familie haben sich verabredet, ihre Geschenke so einzurichten, dass 
sie, zusammengestellt, ein Ganzes bilden sollten. Alle Spender wählten Schmuck 
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mit Brillanten und Rubinen: der Kaiser das Diadem, Erzherzog Albrecht die 
Brosche, der Bräutigam ein Brustbouquet aus Brillanten und Rubinen, die Mutter 
des Bräutigams und andere Allerhöchste Herrschaften spendeten äußerst wert- 
und geschmackvolle Schmuckgegenstände. 



lickr Hoheit Her:og Albrrchl v 

Der heilige Abend begann um 5 Uhr mit dem Diner, bei dem auf des Bräu- 
tigams Wohl angestoßen und auch des auf fernem Ocean befindlichen Erzherzogs 
Franz herzlichst gedacht wurde. Alle anderen Mitglieder der hohen Familie fanden 
sich im trautesten Kreise vereinigt. Um 7 Uhr begann die Christbescherung, 
weiche bis 9 Uhr dauerte.* 



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Die persönliche Liebenswürdigkeit der jungen Erzherzogin, für deren Leben 
noch kurz zuvor Tausende treuer Herzen in Wien gezittert hatten, nicht minder 
als die allgemeine Popularität des Erzherzogs Carl Ludwig hatte zumal die Wiener 
Bevölkerung zu sympathischer Antheilnahme angeregt. Derselben Stimmung 
getreuen Ausdruck leihend, hatte die Wiener Stadtvertretung eine ansehnliche 
Summe votiert mit der Bestimmung, für die Erzherzogin durch das von Höchstdero 
Vater so angelegentlich geförderte einheimische Kunstgewerbe ein Brautgeschenk 
in feinstem künstlerischen Geschmacke anfertigen zulassen. Das Geschenk wurde 
von einer Festdeputation feierlich überreicht. In lebhaften Dankesworten gaben 
die hohe Braut und der erzherzogliche Vater ihrer Bewunderung für das herrliche, 
durch die Firma J. Mayer angefertigte Kunstwerk Ausdruck. Auch von verschie- 
denen Corporationen Wiens trafen Huldigungsadressen und Geschenke ein. 

Die Hochzeitsgaben hatten sich inzwischen zu einer solchen Fülle und Herr- 
lichkeit angehäuft, dass man im rückwärtigen Tracte des erzherzoglichen Palais 
drei große Säle und noch dazu den Festspeisesalon ausräumen musste, um die 
vielen Vitrinen und Schaukästen mit Trousseau- und Prachtgegenständen unterzu- 
bringen. Vielzuweit würde die Aufzählung der Unmasse von Kleinodien, Schmuck- 
gegenständen von auserlesener Pracht und feinstem Geschmack führen. Sinnig 
war das Geschenk des Erzherzogs Carl Ludwig, des Vaters, nämlich ein drei 
Finger hohes, diamantenbesetztes Armband, in dessen Mitte ein Miniaturbjld 
prangt, den Erzherzog Carl Ludwig als Jüngling darstellend. Schließlich griff 
Erzherzogin Maria Theresia selbst ordnend ins Arrangement ein, um mit ihrem 
künstlerischen Auge und geläuterten Geschmacke alles nach Licht- und Schatten- 
wirkung zu vertheilen. Höchlichst befriedigt musterte auch Erzherzog Carl Ludwig 
die ausgestellten Schätze. Es wurde bestimmt, am ersten Tage die Säle den Hof- 
mitgliedern, am zweiten Tage der Aristokratie, am dritten dem übrigen Publicum 
zur Besichtigung zu eröffnen. Einem schönen Zuge ihres Herzens folgend, 
bestimmte die Braut, das Hochzeitsgeschenk der Stadt Wien — vorstellend den 
Brunnen von Rafael Donner am Neuen Markte — möge zur öffentlichen Besichti- 
gung ausgestellt und der Erlös aus Eintrittsgeldern den Armen Wiens zugewendet 
werden, welchen der Erzherzog überdies bei dieser Gelegenheit eine Spende von 
1000 fi. zukommen ließ. 

Am 2 1 . um 1 1 Uhr vormittags fand in der geheimen Rathsstube die Ceremonie 
der Renunziation statt, bei welcher der Kaiser eine Anrede an die scheidende 
Erzherzogin hielt, worauf der Minister des kaiserlichen Hauses Graf Kälnoky die 
Verzichtleistungsurkunde verias. Die Erzherzogin verneigte sich vor dem Kaiser, 
schritt hierauf zudem auf dem Tischchen neben dem Throne stehenden Crucifix und 
legte die zwei ersten Finger der rechten Hand auf das ihr vom Cardinal-Fürsterz- 
bischofe vorgehaltene Evangelienbuch, las die Eidesformel und leistete den Eid. 
Nachdem die Erzherzogin die Urkunde der Verzichtleistung unterfertigt hatte, trat 
der hohe Bräutigam vor, um gleichfalls die Urkunde zu unterzeichnen, was auch 
seitens des württembergischen Gesandten Grafen Maucler vollzogen wurde. Abends 
desselben Tages erschien der gesammte Hof zum Theätre pare in der Oper. Bei 
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Seiner Majestät dem Kaiser hatte im großen Redoutensaale ein Familiendiner 
stattgefunden, an welchem dreizehn Erzherzoge und neun Erzherzoginnen theii- 
nahmen. In aller Frühe des nächsten Tages hatte die Mariahilferstraße und die 
Zufahrtsstraßen zum Westbahnhofe und letzterer selbst Flaggenschmuck angelegt, 
da das Königspaar von Württemberg erwartet wurde. Als König Wilhel m il. und 
Königin Charlotte mit einem Zuge von 32 Wagen durch die tausendköpfige 
Menge von dem Bahnhofe fuhren, erdröhnte die Luft von brausenden Hochrufen, 
Männer entblößten ihr Haupt, Damen wehten mit Tüchern. *Hie gut Württemberg 
allewege!' war der Willkommgruß, den die Stadt Wien den hohen Gästen bot. 



Ihre kaiscrliclir and kiinigliche HoH/il Enhcr:agtu Maria Aaiiunziala. 

Abends erschienen die königlichen Gäste und der ganze Hof auf dem glanzvollen 
Hofballe, während dessen zur Zeit des Cotiilons das Hofceremoniell zu Gunsten 
heiterer Geselligkeit etwas zurücktrat. Der 23. Jänner brachte ein Galadiner im 
Redoutensaale und einHofconcert im Ceremoniensaale. Am 24. Jänner 1893 wurde 
in der Hofburgkapelle die feierliche Trauung durch den Cardinal-Fürsterzbischof 
von Wien in Gegenwart des Kaisers und des Königspaares von Württemberg voll- 
zogen. Nach der Trauung beglückwünschte der Kaiser im Salon der Kaiserin im 
Amalienhofe das neuvermählte Paar. Ein Familiendiner im engsten Kreise bei den 
Eltern der Neuvermählten beschloss das Hochzeitsfest. Von ihren Lieben nahm die 
junge Herzogin von Württemberg nun herzlichen Abschied; auch ihre tiefbewegten 
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Dienerinnen vergaß die junge Fürstin nicht; jeder reichte sie die Hand. Nach- 
mittags erfolgte dann die Abreise der Neuvermählten nach Stuttgart. 

Erzherzogin Maria Annunziata, welche vonSeiner Majestät am 28. Juni IS94 
zur Äbtissin des Theresianischen adeligen Damenstiftes auf dem Hradschin ernannt 
wurde, worauf am 19. October 1895 die feierliche Installation erfolgte, und Erz- 
herzogin Elisabeth, die jüngste Tochter Seiner kaiserlichen Hoheit, leben, 
Wohlthätigkeit übend und alles Gute fördernd, mit Wissenschaft und Kunst 
beschäftigt, im elterlichen Hause, und bilden den Stolz und die Freude ihrer durch- 
lauchtigsten Mutter. 



An den Aufenthalt der erzherzoglichen Familie in Reichenau knüpfen sich 
noch einige Erlebnisse in der Umgebung, welche gleichwohl nicht übergangen 
werden dürfen, insbesondere, da eine dieser Episoden auch einen grässlichen 
Ausgang hätte nehmen können. 

Vorerst führte Seine k. k. Hoheit den Erzherzog sein Amt als Vertreter des 
Kaisers in die «allzeitgetreue» Wiener-Neustadt, welche am 5. September des 
Jahres 1892 das Jubiläumsfest des 700jährigen Bestandes dieser alten Baben- 
bergerstadt feierte. Mit dieser Festlichkeit war auch die solenne Grundsteinlegung 
zum Wiederaufbaue der beiden herrlichen romanischen Thürme der Probstei- 
und ehemaligen Domkirche daselbst verbunden, wobei der Herr Erzherzog noch 
überdies als Protector des Neubaues sein Erscheinen gnädigst zugesagt hatte. In 
einer, ein Chronogramm bildenden Inschrift, die in einer Kapsei in den Grunds^pin 
gelegt wurde, ist bekundet, dass der Act «unter dem wohlwollenden Protectorate 
des eriauchten Schirmherrn Erzherzogs Carl Ludwig vor sich gegangen sei». Der 
Erzherzog, welcher von der gesammten Stadtvertretung und den Spitzen der 
Behörden, voran dem Cuitusminister Dr. Freiherrn von Gautsch und von dem 
Bürgermeister Dr. Haberl feierlichst empfangen worden war, unterzeichnete am 
Kirchenplatze die Bauurkunde, nach ihm der Minister und der Bürgermeister. 
Letzterer hielt eine Ansprache, in welcher dem Kaiser und dem Erzherzoge für 
die großherzigen Spenden zum Baue der Dank zum Ausdrucke gebracht wurde. 
Der Erzherzog erwiderte, er habe das Protectorat gerne übernommen und sei 
mit Freude bei dem schönen Feste erschienen. 

Nach dieser Feier stattete der Erzherzog der Militär-Akademie einen kurzen 
Besuch ab. Bei seiner Rückfahrt nach Reichenau sprach Höchstderselbe noch dem 
Bürgermeister seine Anerkennung bezüglich des schönen Festes aus. 

An der Zufahrtsstraße zur genannten Stadt wurde einen Monat später das 
erzherzogliche Paar von einem Unfälle betroffen, bei dem man nur sagen kann, 
Gottes Hand habe über dasselbe gütig gewacht und es vor einer ernsten 
Katastrophe bewahrt. Am 17. October 1892 war nämlich Erzherzog Carl Ludwig 
und seine durchlauchtigste Gemahlin Erzherzogin Maria Theresia schon bei ein- 
tretender Dunkelheit von Sebenstein, wo sie bei der Gräfin Bardi zu Besuch 
geweilt hatten, begleitet von einem Lakaien, der neben dem Kutscher auf dem 



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Kutschbocke saß, nach Wiener-Neustadt gefahren, um von dort mit der Bahn 
nach Reichenau zurückzukehren. Bei der Einfahrt nach Wiener-Neustadt 
herrschte dichter Nebel, so zwar, dass man — nach Aussage des begleitenden 
Lakaien — trotz der Gasflamme, die in der Nähe des Rossbacher'schen Gast- 
hofes an der Straßenkreuzung brennt, nicht zehn Schritte weit vor sich sehen 
konnte. Der Kutscher fuhr statt links geradeaus und gerieth dadurch mit dem 
Wagen bei einer kleinen Holzbrücke an einem Radabweiser seitwärts an einen 



Ihre kaistrlieht and königlicki Hoheit Erihtr^giti Elisabilh. 

Graben; die Pferde verloren den Halt unter den Füßen und rissen den Wagen 
über den ziemlich tiefen Graben. Dabei fiel Erzherzog Carl Ludwig, der sich der 
empfindlichen Kälte halber fest in seinen Pelz gewickelt hatte, seitwärts, der 
Kutscher Höllisch wurde nach der einen Seite, der Lakai nach der anderen 
geschleudert. Die Erzherzogin gerieth unter den Wagen und in eine Lage, dass 
ihr Leben einen Augenblick in großer Gefahr stand. Doch erhob sich die Erz-^ 
herzogin voll Geistesgegenwart und suchte mit großer Umsicht nach dem 
Erzherzoge. Sie überzeugte sich jedoch bald, dass der weiche Pelz den Fall des 
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Erzherzogs gemildert hatte und demselben nichts von Bedeutung zugestoßen sei. 
Sie suchte nun mit dem Lakaien den Kutscher auf, der bei der ganzen Sache am 
allerübelsten weggekommen war. Er war voll Contusionen und hatte an der 
Schläfe eine klaffende Wunde, aus welcher Blut rieselte. Das erzherzogliche Paar, 
gefolgt von Kutscher und Lakai, begab sich nun zu Fuß nach dem Bahnhofe und 
Erzherzog Carl Ludwig, der seiner Gemahlin den Arm reichte, befürchtete, den Zug 
zu versäumen, an welchen der Hofsalonwagen angehängt worden war. Erz- 
herzogin Maria Theresia hatte zufaltig früher den Dr. Theodor Mayer aus 
Wiener-Neustadt auf den Bahnhof bestellt, weil sie noch einiges vor ihrer Abreise 
nachKis-Tapoicsäny mit ihm besprechen wollte. DiesenHerrn suchte sie nun selbst 
auf und führte ihn zuerst zum Hofsalonwagen, damit er bestätige, dass dem Erz- 
herzoge kein Leid widerfahren sei, dann gieng sie mit dem Doctor in den Warte- 
saal, wo sie ihm den Kutscher zur Behandlung übergab, der ins Spital gebracht 
wurde. Die Erzherzogin hatte nur Worte des Bedauerns für den Mann, der nicht 
über seine Verletzung klagte, aber ganz unglücklich war, dass ihn ein solches 
Missgeschick, das erstemal in seinem Leben, betroffen hatte. 



Die erste Frühlingszeit liebte Seine kaiserliche Hoheit, sobald nur die 
ermüdenden Verpflichtungen, die der Fasching mit seinen unendlichen Audienzen 
und Repräsentationen erforderte, einmal aufhörten, entweder allein auf einige 
Tage oder mit der ganzen Familie auf längere Zeit in Rottenstein, dem beschei- 
denen und doch so reizvollen Schlosse mit dem prächtigen Parke, zu Obermais bei 
Meran zu verbringen. Es ist dies einer der schönst gelegenen Edelsitze Merans, 
der seinen Namen von den Herren von Rottenstein, die um die Mitte des XIV. Jahr- 
hunderts unter Margaretha Maultasch und dem Markgrafen Ludwig von Branden- 
bürg nach Tirol gekommen sein und mehrere Güter angekauft haben, aber 1495 
nach Kärnten ausgewandert sein sollen. Die Besitzer waren seit 1667 Johann 
Venerand von Wittenbach, dann Fröhlich von Fröhlichsburg, darauf Prak von 
Asch, endlich durch das ganze XVIII. Jahrhundert die Freiherren von Priami, 
weshalb das Schloss im Volksmunde «Priamischloss» genannt wurde. Nach dem 
Aussterben dieser Familie, 1805, wurde der Ansitz von dem Bauersmanne Matthias 
Innerhofer angekauft und 1843 erwarb ihn der berühmte bayerische Hofarchitekt 
Leo von Klenze, um ihn für König Ludwig I. zu zeitweiligem Aufenthalte 
entsprechend umzugestalten; doch kam der Plan nicht zur Ausführung, und der 
Besitz gieng 1850 an die Familie von Plawen über, die dem Gebäude durch 
Umbauten sein jetziges Aussehen gab. Um die Mitte der Fünfziger- Jahre gelangte 
das Schloss in den Besitz des preußischen Hauptmannes Appel, der es 1859 dem 
König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zur Unterkunft überließ. Am Anfange 
der Sechziger-Jahre erwarb es der russische Graf Steenbock, kurze Zeit darauf 
aber kaufte es Ihre Majestät die Kaiserin Carolina Augusta und trat es 
schließlich dem Erzherzog Carl Ludwig ab, worauf das Schloss Rosenstein oder 
Wenterschlössl dazu erworben und mit Rottenstein zu einem geschlossenen Besitze 
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vereinigt wurde. (Stampfer, Schlösser und Burgen in Meran. Innsbruck 1894, 
S. 129—132.) 

Rottenstein besitzt die reichhaltige Bibliothek der Kaiserin Carolina Augusta. 
Es hat bequeme Wohnräume mit herriicher Aussicht ins Etsch- und Passeierthal, 
zur Muthspitze und zum Jaufen. Erquickenden Schatten gewähren die prachtvollen 
seltenen Bäume des Parkes, und entzückend schön ist es hier, wenn im erwachenden 
Frühling die Banksien und Glycinen in ihrer Blütenpracht die Wände des Hauses 
bedecken und die auf Spalier gezogenen Obstbäume in ihrer Blütenfüile stehen. 



Im April oder Mai pflegten oft die Geschäfte wieder nach Wien zu rufen, wenn 
gerade die Meraner Rosen in ihrer Pracht und Fülle das Auge zu erfreuen begannen. 
in Meran weilte jedes Frühjahr auch der Herzog Carl Theodor in Bayern, 
der berühmte Augenarzt und edle Menschenfreund, der hier Tausende von armen 
Augenkranken operiert, mit seiner hochherzigen Gemahlin Herzogin Maria Jose 
in aufopferungsvoller Weise behandelt und oft noch mit reichem Geschenk aus 
der wunderbaren sorgfältigen Pflege geheilt entlässt. Fast täglich sahen sich dann 
die Höchsten Herrschaften in gegenseitigen Besuchen. 



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Mit den drei ihm verschwägerten Familien* fühlte sich der Erzherzog über- 
haupt aufs innigste verbunden, und wie er den Schwiegereltern die größte 
Ehrerbietung erwies, so betrachtete er Schwager und Schwägerin wie seine 
eigenen Geschwister. 

Dem König Johan n von Sachsen zollte er eine unbegrenzte Verehrung und 
übertrugdie zartesten Gefühle auf dessen Sohn, den König Albert, seinen Schwager, 
und die Königin Carola, die sechs Tage nach dem Erzherzog zu Schönbrunn am 
S.August 1833 geboren ward. Überaus glücklich schätzte ersieh, wenn ihm möglich 
war, nach Pillnitz oder nach Dresden zu reisen und die Verwandten Margarethas zu 
sehen. Während mehrere von deren Geschwistern, wie die Großherzogin Anna von 
Toscana, die in demselben Monate wie Erzherzogin Margaretha heiratete, früh- 
zeitig starben und die Herzogin von Genua schon 1850 aus dem elterlichen Hause 
geschieden war, so sind ihm außer dem Königs- und Kronprinzenpaar noch Prinz 
Georg, der später als Vater der Erzherzogin Maria Josefa durch neue Bande 
an das erzherzogliche Haus gefesselt war, und die Herzogin Sophia, die erste 
Gemahlin des Herzogs Carl Theodor, die aber auch, erst 22 Jahre alt, nach zwei- 
jähriger glücklicher Ehe starb, in der sächsischen Verschwägerung um so enger 
verknüpft geblieben. (Tafel 1). 

Innig gestalteten sich auch die Beziehungen zum Königshause von Neapel. 
Mit dem Könige Franz II., dessen charaktervolle Haltung in den politischen 
Kämpfen er bewunderte, verkehrte er persönlich oft und gerne; so war er zunächst 
auch mit den älteren Geschwistern, dem Prinzen Ludwig, Grafen von Trani, dem 
Prinzen Alfonso, Grafen von Caserta, dem als jetzigem Chef des Hauses die 
Königskrone von Neapel gebürt, und der Erzherzogin Immaculata in inniger 
Freundschaft verbunden, und von ganz besonderer Bedeutung wurden diese zarten 
Bande, als die beiden jüngsten sicilianischen Prinzessinnen Maria Pia und Louise 
die beiden bourbonischen Brüder aus der Linie Parma, die königlichen Hoheiten 
Robert, Herzog von Parma, undHeinrich, Grafen von Bardi, heirateten. (Tafel 11.) 

Von der wärmsten Empfindung war der Erzherzog Carl Ludwig schließlich 
für das portugiesische Königshaus Bragan^a beseelt. Seine kaisediche Hoheit 
verkehrte fast ununterbrochen mit den Geschwistern der Frau Erzherzogin Maria 
Theresia; sie waren nicht allein bei ihm wie zuhause, sondern er suchte sie 
auch, sobald es eben angieng, persönlich auf, sei es in Wien bei deren vorüber- 
gehendem Aufenthalte in der Stadt, sei es auf deren Landsitze in Graz, in Tegem- 
see, in Sebenstein, in Schwarzau am Steinfelde oder in Pianore. Seinen Schwager 
Dom Miguel, Herzog von Braganfa, schätzte er überaus hoch. An dessen 
geistvoller, anregender und heiterer Unterhaltung fand der Erzherzog ein außer- 
ordentliches Vergnügen und er sah ihn deshalb stets gerne bei sich. Er räumte 
demHerzog in seinem Palais in Wien nicht nur eine ständige Wohnung ein, sondern 
er freute sich auch immer, wenn Dom Miguel nach Wartholz oder nach Rottenstein 
zu Besuche kam. Die innigen Bande, die den Erzherzog mit den fünf Schwägerinnen 
verknüpften, erstreckten sich auch auf deren Gatten und Kinder. Wie theuer waren' 
ihm die drei Schwäger, die, während sie schon durch so hervorragende persön- 
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Hche Eigenschaften sich auszeichneten, zum zweitenmale in das Verhältnis der 
Schwägerschaft zu Ihm traten, Ihre königlichen Hoheiten Herzog Carl Theodor 
in Bayern, dessen Mutter Ludovica zudem eine Schwester der Erzherzogin Sophie 
war und der als Bruder Ihrer Majestät unserer Kaiserin dem Erzherzog noch 
besonders nahe stand und auch durch seine anderen Schwestern, die Königin Maria 
von Neapel und die Prinzessin Mathilde Gräfin von Trani, mit ihm verbunden 
war, sodann Herzog Robert von Parma und Prinz Heinrich von Bourbon-Parma, 



Herzog Carl Theodor in Bayern. König Franz II. ton jWajwJ. 

Er^cnog Carl LiidKig. Kaiser Franz Josef l. 

König Alberl eon Sachsen. 

kflnlglichen Huhell Frau Erzherzogin 

Graf von Bardi, die Gatten der Infantinnen Maria Jose, Herzogin in Bayern, 
Antonia, Herzogin von Parma, und Adelgunde, Prinzessin von Bourbon, Gräfin 
von Bardi. Mit lebhafter Freude erfüllte es ihn, als die Infantin Maria Anna 
mit dem Erbprinzen Wilhelm von Luxemburg in jenen glücklichen Ehebund trat, 
dem eine Mission von historisch-politischer Bedeutung zufiel. Die höchste 
Bewunderung zollte er seiner Schwiegermutter, einer Schwester des Fürsten Carl 
zu Löwenstein, der Herzogin Adelheid von Bragan9a, jener heiligen Frau, die 
soeben am 25. Juni 1897 in der Abtei Ste. Cecile zu Solesmes (Sarthe) in den Orden 
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der Benedictinerinnen trat, nachdem sie seit 12. Juni 1896 als Novize in diesem 
Kloster gelebt hatte, wo auch ihre Nichte, die Prinzessin Agnes Löwenstein, sich 
als Nonne befindet und deren Schwester Prinzessin Maria am 2. Juli 1896 als 
Nonne gestorben Ist, während Prinzessin Francisca dem Orden der Armen 
Schwestern vom heiligen Franciscus angehört. Mit der größten Anerkennung und 
Hochschätzung ehrte der Erzherzog die unendlichen Verdienste, welche das 
fürstliche Haus Löwenstein-Wertheim-Rosenberg durch den Fürsten Carl 
sich erworben hat, der auf ebenso vornehme wie loyale Weise den Katholicismus 
in Deutschland gegen die Vorurtheile, die selbst in maßgebenden Kreisen herrschen, 
und die Verfolgungen, die durch Entstellungen und Verleumdungen gegen die 
Kirche unablässig ins Werk gesetzt werden, mit so großem Erfolge zu vertheidigen 
bemüht war. (Tafel III.) 

So bethätigte Erzherzog Carl Ludwig auch in den Beziehuijgen zu seinen 
Anverwandten immer das edle und wohlwollende, für alles Gute und Schöne 
empfangliche, für Recht und Gerechtigkeit warm empfindende Gemüth. 



Die gleiche Milde und Güte des Herzens, mit der sich der Erzherzog in allen 
Beziehungen selbst unverändert gab, zeigte er auch innerhalb des Hauses. Seinem 
gesammten Hofstaate bewies er das gnädigste Wohlwollen und die persönlichen 
Verhältnisse jedes einzelnen Mitgliedes lagen ihm wie seine eigenen am Herzen. 
Er betrachtete sich als Hausvater; das Wohlbefinden aller schien mit seinem 
eigenen Wohlgefühle untrennbar. Er liebte es, einen patriarchalisch-gemüthvollen 
Ton in der Umgebung anzuschlagen; wer ihm diente, hat nie ein hartes Wort aus 
seinem Munde vernommen. 

Als Obersthofmeister des Erzherzogs fungierten Ihre Excellenzen Feld- 
marschall-Lieutenant Wilhelm Freiherr von Hornstein — seit 1853 Major und 
dem Erzherzoge als Kammervorsteher zugetheilt — hierauf seit 1879 Graf 
Ladislaus Pejäcsevich, zuvor Dienstkämmerer bei Seiner kaiserlichen Hoheit 
Erzherzog Franz Carl. Das Amt der Dienstkämmerer bekleideten nachstehend 
benannte Cavaliere: 

Baron Buol, von December 1853 bis August 1855; 

Graf Trapp, von September 1855 bis August 1861 ; 

Baron Schneeburg, von October 1859 bis März 1871; 

Graf Ferdinand Degenfeld, von Juli 1870 bis April 1871; 

Graf Marschall, von August 1871 bis Februar 1873; 

Graf Albert Nostiz, von März 1873 bis September 1875; 

Baron Carl DIauhowesky, von December 1875 bis November 1883; 

Graf Ladislaus Cavriani, von December 1883 bis December 1888; 

Graf Leonce Oldofredi, von Jänner 1889 bis November 1889; 

Graf Franz Schaaffgotsche, von December 1889 bis October 1893; 

August Altgraf zu Salm-Reifferscheidl, von November 1893 bis zum 
Ableben Seiner k. und k. Hoheit des Erzherzogs, 
142 



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Zu Seite 142. (Text Seite 140.) 



a b c 


d 






' / 


l iHuimiHui, Hz. zu 


Sachsen 


* 1759, Ap. 13, verzichtet auf die Thronfolge 11 




,,v 1)1792. Mal 9; 


Caroline 




Farma, T. des Hs. Ferdinand!, idii f 




\rj2)182S,ff.7.-M 


arie Louise v 


n Parma, T. des K. Ludwig von Elnrin, 




\ t 1857. Uz. 18 (wt 


fdervermdUl 


mit Francesco de Rossi und «,ieäet mit 


2 ^Amklia, ^Mui^ i ^FRIEDRICH ^ 


Clemeiia, 




j^HariaAnna, ^JOHANN, ■ 1801, 


•17HAue.lO, ■]7(«,Ap.27, W^ 


B" AUGUST U., 


17B8,Mal 




■ 1789, N. 16, W^ 


S'tlB73,OcL29. 


1 1870,3.18. tl8a5,J».3. 


• 1797, Mai 18, 1 1822, Ja. 


4. 


1 1832, Mz. 24. 


fjm2.S'.21:> 


r»li21, Mai S: 


Mitregenl 1830, 






AJ 1817, N. 16: 


von Bayern.' mi 


Ferdinand HL, 


S. 13, K.V. Sach- 






Leopold IL, 




Grhi.v.Tosca«a, 


se» 1836, Juni e, 






Grht.v.Toscana, 




'1769, Mai 6, 


f 1854, Aug. e. 






• 1797, Ocl. 3. 




f. 1790. Juli 21, 


f\Jl)lSI9.0cl.7: 






f 1870. Ja. 29 




Kf. von Salz- 


Caroline. Ert- 






(tviedcrnjmll 




burg ISOI. F. 9. 


henogin v. Osl., 






Anlouitv.Sicil.). 




Grhi.vonWür^ 


T.a.Ks.Framl., 










_ bürg 1806, F.l. 


• 1801, April 8, 






i^ÜMiU AugaM,fl 


^ALBERT. i 


meinbHndßirsI 


f 1832, Mal 22. 






•1827, Ja. 22, W» 1828, Ap. 23, 


laos, S. 25, 


f^2)lS33.Ap.24! 






1 1867, Ocl. & K. von SichHn 




Mariav.Bayim. 






1873, Oclober ». 


1814. Mal 30, 


T. da Königs 






rv 1853, Juni U: 


f 1824. Juni 18 


Maximilian 1.. 






Carola, T. dts 


(vorhir fl. mit 


• 1805, Ja. 27. 








Louisi, Przss. V. 








WasafHolileii- 


Boi.rb.-SlciIlen, 








Gollorp) von 












•1773. Juli 27, 








-1833, Aug. S. 


IV 1790, S. 19, 










f 1802, S. 19). 
4 










Abkürzuneen: 








Grbz. GroBhenos Ka. 


Kaiasr 


• gebo 


en 




Hz. H«rios Kf. 


Kurtnnt 




Ehll 




Inf. Inrant, Inranlln Pr. 


Prinz. Prinzessin 


t gesl 


rbB 




^ K. KOnig T. 


Zeichen: 


f. folgt 


nd 


r Regieren g 


® KOnig, 


• Prinz, 9K P' 


nzEssin. 







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Königliches Haus Sachsen 

(Albertinische Linie des Hauses Wettin) 
seit 1830. 



.mS.ia,tl838.J». 3. 
■laniifl, 'mO, N.22, tlS04,Mt.I, 
T. PrinxissiH von Lucca, ' IS02, Ocl. 2, 
■t Giovanni ConU VimrrcaUJ. 

i: D. IZ, K. V. SachEen ISM. Aug. 10, 4 ''■^^ Joiafi, ' 1 803, D. 8, f 1839, Mai 17. 

) Aj JMS, Ocl. 20: Ferdinand VI!., K. v. Spanien, • 17S4, Ocl. 14, f 1833, 

. Imalla, T. des K. Maximilian I. S. 29 (vorher iv mit 1) Anlonit von Sicilien. tSOZ—lSOS, 2} IsabtUa von 
■-• I, .V. 13, f 1871, N. 8. Foringal, 1818— 18IS, nachkirrv mit 4} Christine von Sieiiien, seil 1829, 

D. II, Regentin 1833, S. 29, bis 1840, Oct. 12, • 1806, Ap. 27, f 1878, 

Aug. 22). 



«EUiabeth, A^nut, l 




: • 1830, F. 4. ' 18S1, Ap. 5, 


■ I83Z. Aug. a ■ 1834, Aug, 16, • 1838, Ja. *, • 1810, Mai 24, • 1845, Uz. 15, 


:. '<jl)lS50,Ap.22.- tl»*7,MBil3. 


fv 1859, Mai 11: tl80Z,Mi.l. + 1859, F, 10, t '868, S. 16. 1 1887, Mi. B. 


•: Ftrdinand.Pr. 


Maria Anna von ~ 3SSS. N. 24: rv 1856, N. 4: ^ 1865, F. 11: 


. van Sardinien. 


Sacisen-Cobnrg- Ferdinand IV.. Carl Ludwig, Carl Theodor. 


i H:. von Genua, 


PoriHgal, In/., Grht-v.Toscana, Ershtrxog Hi. in Bayern, 


i f 1855, F. 10. 


' lS43,JuU21, '1835, Juni 10 (wieder rv tnil • 1839, Aug. 9 


,. '^ 2} 1836: 






Alice V. Parma, Fr. von Sicilien, MariaJoü, 


chrs, Rapallo. 


1868, Januar 11). 1862-1870, In/, v. Porlugal, 


i 1 1882, N. 27. 


3)Mar.Thtreta. seil 1874. Ap.29). 




In/. V. Portugal. 




seitlS73MI23J. 


4r Mathilde, 1 


Friedrieh 4 Maria Joaara, #Jahaiu Georg, 1 Max, ^Ubert, 


* 1E«3, Mi. ib. 


August, * 1887, Mal 31. • 1886, Juli 10. • ISTO, N. 17, * 1870, F. 25. 




■I865,Mal26. ^me,0cl.2.- r^l894,Ap.S: Priesterwil 




rvlS91.N.2I; Erzherzog Otto, Isabella, Fr. v. 1896,Juli2e. 




Louise Anlonit '18SS,Ap.2L WürtUmherg, [London.) 




van Oslerreich- • 1871. Aug. 30. 




Toscana, Erzh., 




' 1870, S. 2. 




Georg, ^Friedr. ChrUt., 




• 18e3,Ja IS. • 1893, D. 31. 



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Königliches Haus Beider Sicilien 

(Bourbon) 
seit 1880. 



*c«T 



■ r\j 1843, S. 4: 
Pedro IL, Ks. 

• 1825, D. 2, 



I iLndwlg, Graf Ton Aquila, 
- IS34, Juli 19. 

i\i 1844, Ap. 28: Januarta von 
Bragaiifa, 7. des Ks. Pedro I. von 
Brasilitn, ' 1822, Mz. II. 






i iFruida Paula, Grarvon TrapanI, 
- 1827, Aug. 13, t 1892, S. 24. 
AJ ISSO, Ap. 10: Isabelta, Efxker- 
togin von Ostenrtick-Toscttna, 
• 1834, Mai 21. 



• 1855, Ja. 21, 
+ 1874, Aug. 23. 

rolS73,N.25: 
Heinrich, Pr. 

Pamtd, Graf 

' lasi, F. 12 

(wilder rvMil 
Aidegonda, Inf. 
von Poringat). 



{ Ludwig, « 

■ 1846, Juli 18. 
18t3, Ml. 22: 



^ttalner, 
' 1883, D. 3. 



•Philipp, 
, 1885, D. I< 



#FTaaiv.ABilsl,AGabric1, 
• 1888, Ja. 13. ■ 1887, Ja. 1 



• i8ee,Mz.m 
rv lass, fl. it: 

Andreas Graf 
Zamoysii. 



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a b 


c 


< 


/ 


Königliches 


Haus Portugal 


Po 


1 


(Herzogs 


on Braganea) 








seit 1826. 










Brasilien. 




2 «Theraia, ^Fttaeiaeo 


hi^TiX lMb«llM 


SjPEDRO I.. • 17B8, Ocl. 12, Ks. von * Frindic«, 


^UabetU 


Priss, von Beir«, 


Antonio, 


• 1797, Mai 18, S 




Hmri>, 


• 1793. Ap. 29, 


Prinz von Bei 


■a, 1 1818, D. 28. 


den porlug. Thron «Is Pedro IV. «r f 1B34. S. 4. 


■ 1801, Juli 4, 


+ 1874,Jtl7. 


•1796, Mi. 21, 


r^mSficLS: 


seine Tochter, aus Brasilien ver- nj 181S, S. 29: 


Regenlln I828v 


rvlflSlO.MailS: 


1 1801, Juni 4. 




trieben 1831, Ap.V.erobert Portugal Carlos, Infant 


Mi.lObisl82S. 


Pittr, In/anI 






mit Hilfe des interessierten Auslan- von Spanitn, 


F. 2S (wihrend 


von Spanien, 






des, + 1834, S. 24, f ISSS, Mz. 10. 


derAbwesenhei 


fI812,jHtl4. 








des Kön. Dom 


ni2}IS38,<kt.Z0: 




f 1833,5.29. 


hmogln,T.disKs.Franzt.,'m7, 


Miguel in Wien 


Carlos, Infant 






Ja. 22. f 1826. D. 11, 


1 1876, April 2S. 


von Spanic«. 






f^, 2) 1S29, Ocl. 17: Amalie. Pr. von 




f 18SS, Ms. 10. 






LluMcnberg.'lS12,Jnli31,fm3. 








^VLtiiA das 


DA GLOWA. 


'1822, Mi. 11. 


• 1824, Aug. 2. "^ 


^'Brasilien 1831, Ap. 7, durch Abdan- • 1831, D. 1, 




•181fl,Ap.4. 


Aj 1844, Ap. 2 


.■ r., 1843. Mail: 


kung des Vate«, BelbBländig 1840, f 1B53. F. 4. 


• IS52,'Aug. 5. 


alsKOnlglnnebsl 


Ludwig von 


Frani von 


Jul. 23, des Thrones verlustig 1889. 


nilS7J.Ap.2S: 


derCanuConsti- 


Bonrbon. Graf Ortians, Prim 


N. 15, 1 1881, D. S. 


Alfonso. Infam 


lucioa&Ivoadim 


von Aqnlla. 


vonJoinvSUt. 


n^ 1843. S. 4 : Thtnst. Pr. v. Sicillin, 


von Spanif«, 


Kl. V. BniUien 






• 1822, Ms. 14, f 1889, D. 28. 


• IS49, S. 12. 


den Porluglescn 




















den DBUtn Cones 




















mOndlg erkllit 










18J4. Septmh. 18. 
4 1 1B&3. N. 16. 
















fvl)1835,Ja.26: 






IM 1864, Ocl. 15 : Ludwig Gaslon • 1847, Juli 13, 




Augnsl, Hz. von 






von Orlians, Graf von En. 1 187t, F. 7. 




Lencklenbtrg, 






^1864.D.15: 




• mo, D. 9, 






Aiigisl.Hi.zM 




f 1S35, Mx. 28. 






Sachs/n, Pr. 




^2)lS36.Ap.9.- 






von Sachsen- 




Ferdinand, Hz. 






Coburg-Golka. 




zu Saclistn, 










Pr.v.Sacksra- 










Coburg-Kohary, 










• 1816, Od. 29, 










TiMarUnig 










von Porivgal 










1837. Stpl. IS. 










Rtginll853J{.15 






kung. Die beiden Primen Miguel und Joao und Prinzessin Paula vor 


bi! 1855, S. IS. 




Brujilcn. Kinder der Kaiserin Leopoldine, starben rrOh; so auch die beiden SShne dei 






Kaiserin Therese 


PrlnzPedro(tlS47, Juni 11) und Prinz AlfonsoCt 1850, Ja. 10). 



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rlugal. 

bJOXo VI„M7fl7,M«il3,Regenl179fl,Julll5,KOniBvonPorlugiüI818,Mi.ZO,+ lS2a,Mi. 
Wcarlolta Joaqitina Therna, T. dts K. Karl IV. von Spanitn, ' 1775, Ap. 25, ru I7S0, Ja. 
f 1830, Ja. e. 



^HIGUEL, - 1802, Oci. ze, Regent 1S2S, F. 26, halte infolge Ablebens desjjtHula da «Anna, 

■E nach dem alten portugiesischen Slaitsracht als KOnlg zu folgen, Assumpflo * 1806, D. 23. 

:r lltere Sohn bereits souverin in einem unabhlnglgen Reiche Joana, f 1867. Jun. 22, 

e Kronen nicht vereinigen und selbst bei Verzicht auf die * IKß, Jnl. 36, rv 1S27, D. 1; 

I bisherige die neue nicht eriangen konnte, wurde von den compelenten t 183*. Ja. 7. Nuin Stvero 

Reichsstlnden als KOnIg erUlart iSSS, Juni 30, von dem Altkaissr von dt Mctidosa, 

I Brasilien und dessen VeibUndeten. dem Franzose nkSnig Louis Philippe, Marquis di 

n Whigs und Christinos, verdrängt 1834, Mal 26, 1 1868, N. 14. Lo»li. 
I Adelheid,!. des ErbpT.Conslaxlln von LOwtnsUin-Wtrlhctm-Roseaberg. 
• 1S31, Ap. 3, f\J ISSl, S. 24, Benrdictintrin IS97, Juni 25. 



HJguel, i^ Muik Tbereiai^Harla Josi, 

1863, S. 19. • 1BG5, Aug. Zt. ' 1867, Mz. 18. 

il)lS7J,0cl.n: ,v 1873, Juli 23: eu 1874, Ap. 29: 

EllsabeihPr.voH Carl Lndmig, Carl Thtodor, 

ThUTH 1. Taxis, Erxherxog Hi. in Bayern 

• 1860, Mai 28, (vorher fJ mit (vorher ni mit 

1 1881, F. 7, 1/ Mariaretha, Sophia, Pnss. 

n, 2) 1893, N. 8: Pr. v. Sachsen, von Sachsen, 

Therese, Pr. van 1856—1858. 1865-1867). 

LSiveitsItin- 2) Anunnilala, 

IVrrtheim, Pr. von Sicilien, 

' 1870, Ja. 4. 1852-1870). 



Aldegonda, 


^Haila Aana. 


LHarla Aotonla, 3 


■1858.N. la 


■1861,Jul. 13. 


• 1882, N. 28. 


rv ms, oct. 15 


e^ 1893. Juni 21: 


™ WM, Oct. 15: 


HtinrUh, Pr. 


Wilhelm, Pr. 


Robtri, Fr. 


von Bourbon- 


mn Nassau, 


von Bourbon, 


Parma, Graf 


Erbgroßkenog 


Ht.v. Parma 










' 1852, Ap. 22. 


Maria Pia, Fr. 


Loalsi. Pnss. 




von Sicilitn, 


von Sicilien. 




1869-1882). 


1873-1874). 







4Hlguel, 



■ PrandicD Josj.^Haria Therew, jf 
■ 187B, S. 7. • 1881. Ja. 26. 



Zu Z r vgL Tafel I 2 f und II 2 f ; zu 3 ft vgl. Tafel H 2 o; zu 34 vgl. Tafel II 2 n. - 
ZuSfevgt. Tafel 13 m und IIS ;>; zu 3 ( vgl. Tafel I S » ; 
zu 3 t vgl. Tatel 11 3 «; su 3 m vgL Tafel 11 3 l. 



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Zur Erziehung der durchlauchtigsten Herren Söhne des Erzherzogs waren 
berufen worden: 

Ferdinand Graf Degenfeld, welcher zugleich mit der Oberleitung betraut 
war, ferner Graf Carl Coreth, Johann Graf Nostiz, Graf Aichelburg, Graf 
Wallis, Graf Szapäry, Graf Brandis, Baron Blangy. 

Zu seinem Secretär hatte der Erzherzog Herrn Jur, Dr. Wilhelm Reichsritter 
von Catharin erwählt, einen ehemaligen Zögling des Löwenburg'schen Con- 
victes, welcher eine Zeitlang beim Garnisonsauditoriate in Graz gedient und bis 
December 1871, dem Tage seiner Berufung an das Hoflager des Erzherzogs, 
Advocaturspraxis ausgeübt hatte. Mit dem Titel eines Hofrathes und dem Orden 
der Eisernen Krone ausgezeichnet verblieb Dr. von Catharin auch nach dem Tode 
des Erzherzogs in seiner Stellung als erzherzoglicher Hofsecretär im Dienste der 
Familie des hohen Verblichenen, 

Von dem Zartsinne und der Herzensgüte des hohen fürstlichen Paares hat 
vor allen Hofrath Dr. von Catharin und dessen Familie einen rührenden Beweis 
erhalten. Letztgenannter war nämlich am 19. November 1886 auf einer Bergtour 
auf den Mittagstein im Schneeberggebiete von einem so furchtbaren Schnee- 
sturme überrascht worden, dass er sich hoffnungslos verirrte. Hätte er nicht eine 
vom und rückwärts offene Holzknechthütte gefunden, in welcher es gelang, mit 
dem einzigen im Besitze befindlichen Streichhölzchen Feuer anzumachen, so wäre 
Dr. von Catharin erfroren. Zwei Tage wüthete der Schneesturm, die Temperatur 
war auf 8 Grade unter Null gesunken. Inzwischen hatte der Erzherzog die ganze 
Gegend aufgeboten, den Vermissten zu suchen; mehr als hundert Männer, in 
Gruppen vertheilt, machten sich auf den Weg. Mit großem Zartsinne war eben 
die in gesegneten Umständen befindliche Gattin des Gesuchten von der Gefahr 
verständigt worden, als endlich am dritten Tage das Wetter sich aufhellte und 
Dr. von Catharin, bereits im Abstiege zum HöIIenthale begriffen, von einer Streif- 
colonne gefunden wurde, worauf in Wartholz die Frau Erzherzogin in äußerst 
sachkundiger und erfolgreicher Art die Verpflegung besorgte. Wie der Erzherzog 
die geeigneten Anordnungen traf, dass dem Geretteten, der während dieser beiden 
Tage im Angesicht der Lebensgefahr und in der Sorge um die Seinigen gelitten 
hatte, eine angemessene Behandlung zutheil werde, so widmete sich die Frau 
Erzherzogin, deren Güte in den Diensten einer barmherzigen Pflegerin stets wahre 
Genugthuung fand, ganz der Sorge um den Wiedergefundenen. 

Alle zahlreichen TheiJnehmer an der Nachsuche wurden in wahrhaft 
nirstlicher Weise honoriert oder mit Schmuckandenken bedacht. 

Von der Lebensrettung des Hofrathes Dr. von Catharin wurde jahrelang und 
wird noch heute in den Thälem des Reichenauer Alpengebietes gesprochen. In 
jeder Hütte wird erzählt, wie das erzherzogliche Paar bemüht war, die Familie des 
verloren gegangenen verdienstvollen Beamten auf den schweren Schicksalsschlag 
vorzubereiten, und Frau Hofräthin von Catharin selbst schildert in ergreifender 
Weise die rührende Sorgfalt, die ihr erwiesen wurde, sowie die umsichtige Pflege, 
die ihr Gemahl unter der Leitung Ihrer kaiserlichen Hoheit selbst erfuhr. 
143 



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Erkrankte eine Hofdame oder ein Dienstcavalier, dann erhielt auQer dem 
ständigen Hausarzte auch noch des Erzherzogs Leibarzt Dr. Rollett Auftrag, an 
der ärztlichen Behandlung theilzunehmen; oft trat die Frau Erzherzogin selbst 
ans Krankenbett der Angehörigen ihres Hofstaates, «wobei Höchstdieselbe- — so 
schreibt Dr. Rollett — <eine wunderbare Geschicklichkeit und Sachkenntnis, sowohl 
in medicinischen Dingen überhaupt, als insbesondere in der Krankenpflege ent- 
wickelte. Namentlich bei der Erkrankung der Erzherzogin Margaretha Sophia an 
Typhus und zuletzt bei der Erkrankung Ihres erhabenen Gemahls hat die Erz- 
herzogin das Unglaublichste und Bewunderungswürdigste geleistet an Ausdauer, 
Aufopferung persönlicher Fliege, geschickter Handhabung und Besorgung der 
verschiedensten Erfordernisse und Verrichtungen. Ich kann als Arzt dieser werk- 
thätigen, ausdauernden und für den Kranken ungemein wohlthuenden Unter- 
stützung nicht genug dankbar und bewundernd gedenken». 

Der Dienerschaft gegenüber war der Erzherzog der beste, gütigste Herr, 
der für alle Bedürfnisse derselben aufs reichlichste sorgte. Die Behandlung war 
die denkbar mildeste. Den Befehl kleidete er in die Form der Bitte und die Voll- 
ziehung lohnte er mit ausdrücklichem Danke. 

Bei der Dienerschaft, die der Person Seiner kaiserlichen Hoheit zugetheilt 
war, musste Dr. Rollett auch bei leichten Erkrankungen sofort ärztliche Unter- 
suchung pflegen; in solchen Fällen ordnete der Erzherzog sofort weitestgehende 
Schonung und zeitweilige Enthebung vom Dienste an. Selbst krank, so erzählt 
Dr. Rollett, hatte der Erzherzog einmal seinen fast unentbehrlichen Kammerdiener, 
dessen Frau in die Wochen kam, dennoch über Nacht zu seiner Familie nach 
Hause geschickt 

Der Erzherzog ließ einen Diener namens Lorenz, der im Dienst erblindete 
bis an dessen Lebensende verpflegen und sorgte auch noch für die Hinterbliebenen 
desselben. Seinen Kammerdiener Alois Fasolt aus Kuens im Passeierthal, den er 
als Knaben vom Kirschbaum herab in seinen Dienst nahm und ausbilden Heß, 
versorgte er so, dass er sowohl ihm, als auch der Frau desselben, einer Tochter 
des früherenSchlosswärters in Rottenstein, eine lebenslängliche Pension vermachte. 
Aus Pietät für den Höchstseligen Herrn stellte dann Erzherzog Ferdinand Carl 
den treuen Diener dazu noch als Schlosswärter in Rottenstein an. 



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VI. Capitel 
Erzherzog Carl Ludwigs Beziehungen zur Gesellschaft. 



Seine kaiserliche und königliche Hoheit war infolge der ausgedehnten 
Verwandtschaft des österreichischen Kaiserhauses, zunächst schon allein durch 
seine Mutter, Erzherzogin Sophie, die durch ihre Geschwister, ihre Mutter Caroline 
und ihre Tante Wilhelmine von Baden den Mittelpunkt einer weitverzweigten 
Familiengruppe bildete, mit regierenden und mediatisierten Häusern Deutschlands 
sowie mit den großen deutschen Herrscherhäusern in auswärtigen Staaten aufs 
engste verbunden, und seine Verschwägerungen verknüpften ihn durch neue Bande 
an hervorragende Fürstenhäuser Europas. Nun ist es ihm durch die Liebenswürdig- 
keit seines Charakters gelungen, auch bei den Besuchen, die er, von der Frau 
Erzherzogin Maria Theresia begleitet, in Allerhöchstem Auftrage und ofticieller 
Mission an auswärtigen Höfen abstattete, die innigsten Bande der Freundschaft 
anzuknüpfen, wodurch er sich unstreitig um die Monarchie große Verdienste 
erwarb. Denn so wie er sich die Förderung der öffentlichen Wohlfahrt im Innern 
des Reiches angelegen sein ließ, so war er auch stets darauf bedacht, soviel in 
seiner Stellung möglich war, für die Pflege der guten Beziehungen zum Auslande 
und für die Machtstellung der Monarchie das Seinige beizutragen. 

Den Staatsbeamten, die sich einmal in leitender, einflussreicher Stellung 
hohe Verdienste erwarben, bewahrte er das gnädigste Wohlwollen. Den ehe- 
maligen Minister Alexander Kreiherrn von Bach, dessen bewährte Gesinnung er 
hochschätzte, betrachtete er als treuen, hochsinnigen Vertreter der guten Sache 
und stand mit ihm bis zu dessen Tode in innigem Freundschaftsbunde. 

Mit den Bevollmächtigten der auswärtigen Staaten in Wien verkehrte er 
persönlich in der liebenswürdigsten Weise und pflegte die an auswärtigen Höfen 
beglaubigten Gesandten des Kaisers durch Ehrungen aller Art auszuzeichnen. So 
oft zum Beispiel der Botschafter Freiherr von Calice aus Constantinopel nach 
Wien kam, wurde er auch von dem Erzherzoge in gnädigster Audienz empfangen 
und war der freundschaftlichsten Aufnahme gewiss. 

Wer aber immer in irgend einer Function mit dem Erzherzoge in Berührung 
trat und sich seiner Sympathie erfreute, wurde durch treue Freundschaft während 
seines ganzen Lebens geehrt. Als der Erzherzog im Jahre 1857 mit seiner ersten 

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Gemahlin Erzherzogin Margaretha bei dem neuvermählten Erzherzog Ferdinand 
Max, damaligem Generalgouverneur des lombardisch-venetianischen Königreiches, 
von Innsbruck aus in dem kaiserlichen Lustschlosse Monza zu Besuch war, lernte 
er den Höchstseinem Bruder vom Ministerium des Äußeren zur Dienstleistung 
zugetheilten Hofsecretär und nachmaligen bevollmächtigten Minister Freiherm 
De Pont kennen und würdigte denselben durch nahezu 40 Jahre seines Wohl- 
wollens, indem er mit ihm in Briefwechsel stand und ihn Öfter bei sich sah. 

Wie er in Tirol bewiesen, hatte er die Wehrkraft des Reiches und die 
Schlagfertigkeit des Heeres stets im Auge. Er gab durch regelmäßige militärische 
Audienzen allen höheren OfBcieren Gelegenheit, über militärische Fragen jeder 
Art ihre Ansichten zu äußern, und betheiligte sich alljährlich an den Manövern 
und Inspicierungen, obwohl er kein Commando innehatte. 

Dem höchstcommandierenden Admiral Freiherm von Sterneck war der 
Erzherzog überaus gewogen. Den Generälen erwies er bei jeder sich bietenden 
Gelegenheit die größte Aufmerksamkeit. Mit dem Feldzeugmeister Freiherrn von 
Kuhn stand er in regelmäßiger Correspondenz. Innig und freundschaftlich war sein 
Verkehr mit dem General der Cavallerie Grafen Clam-Gallas. Der Erzherzog 
zeichnete Seine Eriaucht den Grafen Erwin Neipperg, General der Cavallerie 
und Gardecapitän, auf alle Weise aus und ebenso wie Seine Majestät suchte er 
denselben in dessen Wohnung auf, um ihm zum achtzigsten Geburtstage zu 
gratulieren. 

Wer jemals dem Erzherzoge einen persönlichen Dienst erwiesen hatte, 
dem blieb Seine kaiserliche Hoheit aufs innigste verbunden. Die in Galizien 
angeknüpften Beziehungen setzte der Erzherzog durch sein ganzes Leben fort 
und, wenn er wieder nach Lemberg kam, erneuerte er die alten Freundschaften. 
Die Erkenntlichkeit gegen seine ehemaligen Lehrer blieb stets lebendig und 
gieng selbst auf deren Nachkommen über. Ein Beispiel dafür ist der vertraute 
und familiäre Verkehr des Erzherzogs mit dem Grafen August Dzieduszycki, dem 
Sohne des Grafen Moriz Dzieduszycki, seines Lehrers in der polnischen Sprache. 
Als der Erzherzog im Jahre 1886 an den großen Kaisermanövern theilnahm, bei 
welchen Seine Majestät in Lubieii wohnte, hatte Erzherzog Carl Ludwig in Grodek, 
wo Graf August Dzieduszycki Bezirkshauptmann war, Wohnung genommen. Der 
Erzherzog, vom Grafen Cavriani begleitet, hatte die ganze Wohnung des Grafen 
Dzieduszycki inne, lud den Grafen täglich zum Diner und sah auch dessen Brüder, 
sowie den Schwager Ostaszewski. 

Damals waren auch die russischen Manöver bei Brzesc Litewski ganz in 
der Nähe. Baron von Kaulbars, Militärattache der russischen Botschaft, wurde 
von den Manövern aus Lubieii telegraphisch in das russische Lager berufen, und 
seine Verabschiedung erregte großes Befremden. Seine kaiserliche Hoheit Erz- 
herzog Cari Ludwig interessierte sich sehr für diese unerwartete Abreise des Barons 
Kaulbars und ließ sich die Karten geben, um den Weg zu verfolgen, den Kaulbars 
nehmen werde. Bald darauf erschien Kaulbars in Bulgarien, wo er die Mission 
erfüllte, die er damals erhielL 



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Da der Erzherzog Obst gerne hatte, so telegraphierte Graf Dzieduszycki 
nach Bozen und ließ Tiroler Äpfel kommen. Das Obst war sehr schön und fand 
großen Beifall. Als sich dann Seine kaiserliche Hoheit zur Landesausstellung nach 
Czemowitz begab, sorgte Graf Dzieduszycki dafür, dass solche Apfel auch auf 
die Reise mitgegeben wurden, und auf dem Bahnhofe, wo der Graf von dem 
Erzherzoge Abschied nahm, dankte Seine kaiserliche Hoheit ausdrücklich für 
diese Aufmerksamkeit. Im Jahre 1887 wurde dem Grafen Dzieduszycki nebst 
Gemahlin in Wien die Ehre zutheil, auch Ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau 
Erzherzogin Maria Theresia vorgestellt zu werden; zum großen Erstaunen des 
Grafen erinnerte Ihre kaiserliche Hoheit an die schönen Äpfel, von denen der 
Erzherzog einige nach Reichenau mitgebracht habe, und bemerkte: *Wir haben 
alle davon gegessen; die Äpfel waren vorzüglich.» 

Bei der Abreise von Lemberg sagte Seine kaiserliche Hoheit: «Ich fahre 
jetzt nach Czemowitz zur Landesausstellung; denn ich bin der Erzherzog der 
Ausstellungen. Dann reise ich nach Wien zur Enthüllung des Tegetthoff- 
Monumentes.» 

Der Erzherzog kam auf der Rückreise durch Grodek und wurde vom Grafen 
Dzieduszycki auf dem Bahnhofe begrüßt. Er zeigte dem Grafen den schönen 
Waggon, der mit Asbest ausgelegt war. Schon hörte man das dritte Läuten, so 
dass der Graf aussteigen musste, und noch bemerkte Seine kaiserliche Hoheit: 
»Ich bin froh, dass Otto schon heiratet; er ist ein so guter, lieber, junger Mann 
und sieht seiner Mutter sehr ähnlich; er spielt Violine und malt sehr schön. Jetzt 
wird die Hochzeit sein. Kennen Sie Dresden? Kommen Sie nicht nach Dresden? 
Es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie der Hochzeit beiwohnen würden. Unser 
Gesandter wird Ihnen Karten verschaffen. Also auf Wiedersehen in Dresden!» 

Graf Dzieduszycki folgte dieser höchst gnädigen Einladung und reiste nach 
Dresden. Auf der Station Tetschen traf er den von Seiner Majestät zur Vertretung 
entsandten Oberstkämmerer, dem er sich anschloss. In Dresden um Audienz zu 
bitten war nicht möglich; doch ließ der Graf seine Karte überreichen. Als er dann 
bei dem Gesandten um Zutnttskarten zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ersuchte, 
erfuhr er, zumal kurz vorher ein anderer Herr mit dem gleichen Anliegen 
erschienen war, eine wenig freundliche Zurückweisung. Der Graf gieng dann zu 
einem Antiquar, um wegen des Ankaufes von Perlen zu unterhandeln, und wurde 
■im Geschäftshause auf Seine kaiserliche Hoheit den Erzherzog aufmerksam 
gemacht, der zufällig in Civilkleidung mit dem Grafen Pejäcsevich vorübergieng. 
Der Graf suchte eine Begegnung und Begrüßung auf der Straße, und als der 
Erzherzog sich die prächtigen Hofwagen ansah, die zur Hochzeit verwendet 
werden sollten und die noch aus der Zeit Augusts II. und IIL stammen, erblickte er 
den Grafen und sprach ihn an: «Es freut mich sehr, Sie hier zu sehen! Waren Sie 
beim Gesandten?» Als der Graf erzählte, wie es ihm ergangen sei, erwiderte Seine 
kaiserliche Hoheit: «Es geht alles, wenn man will!» Graf Dzieduszycki gieng 
dann nach der Brühl'schen Terrasse zum Speisen. Gegen 3 Uhr fuhr ein Wagen 
ein; es kam der Gesandte und bat um Verzeihung; er sagte, dass er den Grafen 

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im Hotel Victoria, seinem Absteigquartier, aufgesucht und bei dem Portier die 
Karten zu den Festliclikeiten hinterlassen habe; er lud den Grafen für 6 Uhr zum 
Diner, zu welchem auch die Hofbeamten erscheinen würden, und als der Graf 
dankend ablehnte, da er bereits gespeist habe, bat er ihn, dennoch zu kommen. 
Der Portier übergab dann die Karten, welche zu allen Festen bei Hofe und bei dem 
Prinzen Georg, in der Kirche und beim Theätre pare den Zutritt ermöglichten. 
Ungeachtet der Graf nur in Frack erscheinen konnte, da er die Uniform nicht bei 
sich hatte, bekam er überall einen vorzüglichen Platz, so dass er alles sehr gut 
sehen konnte. So verdankte er der besonderen Gnade des Erzherzogs eine der 
großartigsten Erinnerungen seines Lebens. Der Erzherzog sah bei den Festlich- 
keiten nach dem Grafen und bemerkte ihn; er theilte dann auch dem Gesandten 
mit, dass er den Grafen Dzieduszycki gesehen habe. Der Graf hatte noch eine 
Audienz im Schlosse, bei welcher der Erzherzog bemerkte: «Dresden ist eine 
schöne Stadt; aber es verändert sich alles.* 

Sein ganzes Leben hindurch brachten den Erzherzog Freundschaft und 
Zuneigung, amtlicher und geselliger Verkehr persönlich mit dem höchsten Adel 
der Monarchie in nähere Beziehung. Schon durch seine Jugendgespielen kam er 
mit den Familien Bombelies, Coronini, Erdödy, Falkenhayn, Hoyos, Metternich, 
Stadion, Szechenyi und Taaffe in Berührung, und den Kameraden von Schön- 
brunn bewahrte er Treue und Freundschaft durch das ganze Leben. Der Erz- 
herzog war aber auch durch historische und socialwissenschaftliche Studien 
dahin geführt worden, den Adel als eine wichtige staatserhaltende Macht anzu- 
sehen und, von der hohen Bedeutung desselben in seiner innersten Überzeugung 
durchdrungen, fühlte er sich zu diesem höchsten Stande der Gesellschaft vorzugs- 
weise hingezogen. Er hielt den von materiellen Interessen völlig freien und unab- 
hängigen, durch seine feine Erziehung und Bildung ausgezeichneten Adel für 
berufen und vermögend, sich den höchsten Culturaufgaben erfolgreich hinzugeben; 
er wünschte daher auch, dass dieser Stand die ihm von Natur aus gesteckten 
Ziele erkenne und die ihm obliegenden Pflichten erfülle. Er betrachtete den Adel 
sowohl in volkswirtschaftlicher, als auch in politischer Hinsicht als ein im Staats- 
leben wünschenswertes und fast unentbehrliches Element, .das die auf Erwerb 
angewiesenen und nach materiellem Gewinn strebenden Stände zu ergänzen und 
moralisch aufzuwiegen habe, aber auch bei entsprechender Lebensführung durch 
Freigiebigkeit und Opferwilligkeit, durch Uneigennützigkeit und Edelmuth ver- 
pflichtet sei. Daher machte es ihm stets ein besonderes Vergnügen, die gut admini- 
strierten Edelsitze hervorragender Familien durch persönlichen Besuch kennen 
zu lernen, und es bereitete ihm die größte Freude, wenn jüngere Talente ernsten 
Studien oblagen, um dann die politische Laufbahn zu betreten und sich dem 
Verwaltungsdienste zur Verfügung zu stellen, oder um sich der diplomatischen 
Carriere zu widmen und das Reich im Auslande in würdiger Weise zu vertreten. Die 
großartigen Schlösserund Herrschaften derFürstenLi echten stein in Eisgrub und 
Vaduz, Schwarzenberg in Frauenberg, Krumau und Wittingau, Lobkowitz in 
Raudnitz, der Grafen Clam in Friedland, Czernin in Neuhaus, Harrach in Brück, 
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Larisch in Freistadt, Potocki in Lancut, Hunyadi in Ürmenyi wurden von ihm 
stets gerne aufgesucht, und den ihm befreundeten Grafen Ernst Hoyos beehrte 
er oft auf der Rosenburg oder in Gutenstein und Stixenstein. Er schätzte sich aber 
auch glüclclich, mit den großen Familien während der Wintersaison in persönlichen 
Verkehr treten zu können, um Anschauungen und Stimmungen der höchsten 
Kreise in allen Fragen des öffentlichen Lebens zu vernehmen; jeden Winter 
besuchte er die Gräfinnen Wilczek-Reischach, Clam-Galias-Dietrichstein, Czernin- 
Paar, Markgräfin Pallavicini-Fürstenberg, Prinzessin Rosa Thum und Taxis und 
Obersthofmeisterin Gräfin GoÖss, sowie viele hohe Familien, und sah stets auch 
Vertreter aller aristokratischen Häuser Österreichs, Böhmens, Ungarns 
und Galiziens bei sich. 



Die hohen civilisatorischen Aufgaben aber, die ihm zu den Obliegenheiten 
des Adels zu gehören schienen, fand er in erster Linie auch sich selbst gestellt, und 
er erblickte in der Förderung der Kunst und Wissenschaft, in der Unterstützung 
der Industrie und des Handwerks, in der Hebung der Land- und Forstwirtschaft, 
in der Bethätigung der Nächstenliebe gegenüber den Bedürftigen die höchste 
persönliche Befriedigung. 

Die redenden wie die bildenden Künste hatten vor allem an dem Erzherzog 
Carl Ludwig einen warmherzigen Gönner. Den Schauspielern des Burgtheaters 
schenkte er zunächst ein ganz besonderes Interesse. Er kannte noch die gute alte 
Zeit des Theaters, und der unvergesslichen Amalie Haizinger drückte er oft 
seinen aufrichtigen Beifall über ihre künstlerischen Auffassungen aus. Aber auch 
die jüngeren Kräfte, wie Hohenfels und Wolter, die Künstlerpaare Gabillon 
und Hartmann, lohnte er oft durch seine Anerkennung und besonders hoch 
pflegte er Sonnenthal zu schätzen. Auf wie feinem Kunstverständnisse und wie 
genauer BUhnenkenntnis aber sein Urtheil beruhte, kann ein Künstler ersten 
Ranges bezeugen, und es ist eben Adolf Ritter von Sonnenthal, der uns hierüber 
auf unsere Bitte folgende Mittheilung machte: 

«Alle Welt weiß, welch mächtigen Protector die Kunst, die Wissenschaft, 
die Industrie, das Gewerbe in dem Höchstseligen verloren hat, wie alle Welt auch 
weiß, welch edlen Förderer die Schauspielkunst und ganz besonders das Burg- 
theater in dem kunstsinnigen Fürsten verior; denn mit geradezu eifersüchtiger 
Fürsorge wachte er über unser erstes Kunstinstitut, dessen fortschreitendes 
Wachsen und Gedeihen dem Höchsten Herrn zum wahren Herzensbedürfnisse 
geworden. 

Es vergieng keine Novität, ja oft nur eine interessante Neubesetzung eines 
Stückes, von welcher der durchlauchtigste Prinz nicht eifrig Notiz genommen 
hätte, und wenn mich dann nach einem solchen Theaterereignis der Höchste Herr 
oftmals zur Audienz befehlen ließen, so glich dieselbe vielmehr immer einer 
künstlerischen Unterredung, in welcher das jeweilige Stück nach allen Richtungen 
hin besprochen wurde und in welcher der hohe Fürst eine solch umfassende 
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Kenntnis auch der internsten Details des Theaters bekundete, die mich nicht 
selten in Erstaunen versetzte. Er bemangelte oft den Abgang einer Nuance, die 
nur das schärfste Auge des erfahrensten Regisseurs herauszufinden vermocht 
hätte, wobei er jedoch gleichsam seinem Tadel entschuldigend hinzusetzte; «Aber 
vielleicht irre ich mich, ich verstehe es ja doch nicht so wie Sie; ich habe es nur 
so gefühlt.» Und er hatte sich nicht geirrt; er hatte immer richtig gefühlt. Und wo 
er andererseits sein volles Lob spenden konnte, geschah dies nicht etwa in conven- 
tioneilen, liebenswürdigen Phrasen, sondern aus der jeweiligen Auffassung der 
Rolle des betreffenden Darstellers künstlerisch begründet, wobei ihm gelegentlich 
eines Vergleiches mit früheren Darstellern der betreffenden Rolle sein bewunderns- 
wertes Gedächtnis zuhilfe kam. Er wusste noch ganz genau die Betonungen 
eines Anschütz, Löwe, Laroche, Fichtner, Korns bei irgend einer markanten Stelle 
ihrer Rollen, ja nicht selten citierte er selber Stellen aus den Rollen einer Haizinger, 
Neumann, Rettich, wie er ja überhaupt stets mit dankbarer Verehrung von dem 
alten Burgtheater sprach, was ihn jedoch nicht hinderte, auch uns, den Epigonen, 
sein vollstes Interesse zuzuwenden und mit wahrer Freude constatierte er Jedesmal 
auch nur den kleinsten Fortschritt irgend eines neu eingetretenen Mitgliedes des 
Burgtheaters, dem er auch sofort sein künstlerisches Horoskop stellte, bei dem er 
sich nur in den seltensten Fällen zu täuschen pflegte. 

Diese Audienzen waren im höchsten Grade anregend und belehrend für mich 
und veranlassten mich gelegentlich zu der Äußerung, dass es Schade wäre, dass 
Seine kaiserliche Hoheit seine Erinnerungen nicht zu Papier gebracht. «Sie sind 
aufbewahrt«, erwiderte Seine kaiserliche Hoheit lächelnd, »hier und hier«, indem er 
auf Kopf und Herz deutete. Diesen Audienzen pflegte in der Regel auch sein nicht 
minder kunstbegeisterter jüngster Sohn Erzherzog Ferdinand Carl anzuwohnen; 
mit wahrer Andacht hieng er an den Worten des durchlauchtigsten Vaters und 
nicht selten ließ er in bescheidenster, aber immer zutreffendster Weise seine 
eigenen künstlerischen Ansichten einlließen, wie ja überhaupt Erzherzog Ferdi- 
nand als Amateur und namentlich als Regisseur bei verschiedenen theatralischen 
Vorstellungen, die im erzherzoglichen Palais zu Ehren der durchlauchtigsten 
Eltern stattfanden, ganz außergewöhnliche Begabung an den Tag legte. So arran- 
gierte er einmal in der Villa Wartholz in Reichenau zum Namensfeste seines durch- 
lauchtigsten Vaters eine künstlerische Soiree, die aus den einactigen Lustspielen 
«Mein Stern» und «Er experimentiert«, sodann aus «Lebenden Bildern» zusammen- 
gesetzt war und woran sich die ganze erzherzogliche Familie, sowie der gesammte 
Hofstaat des Erzherzogs betheiligte. 

Mir ward die Höchste Auszeichnung zutheil, zu diesem Feste als Regisseur 
zugezogen zu werden, und die zwei Tage, die ich als Gast auf der Villa veriebte, 
werden mir unvergesslich bleiben. Meine Regie-Obliegenheiten nahmen mich nicht 
sehr in Anspruch, denn als ich zur ersten Probe kam, fand ich bereits das Lust- 
spiel durch den Erzherzog Ferdinand und die «Lebenden Bilder« durch das 
geist- und geschmackvolle Arrangement der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin 
Maria Theresia so vortrefflich in Scene gesetzt, dass mir anzuordnen oder zu 
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verbessern fast nichts mehr übrig blieb; dafür konnte ich mich während dieser 
Tage, die ich im engsten Kreise der erzherzoglichen Familie verlebte, mit Muße 
meinen Eindrücken über den Höchstseligen Herrn als Oberhaupt seiner Familie 
hingeben; und in der That war es für mich von außerordentlichem psychologischen 
Interesse, den edlen Fürsten, fern von allem Ceremoniell, nur einzig und allein als 
Mensch im Kreise der Seinen, mit seinem Hofstaate, mit der Dienerschaft schalten 
und walten zu sehen. Es war ein rührendes Bild der Einfachheit, der Natürlichkeit, 
der Menschlichkeit, des wahren Herzensadels, der sich zu dem Niederstehenden 
nicht herablässt, sondern diesen zu sich emporhebt Die Conversation während 
der Mahlzeiten und im Salon wurde so ungezwungen heiter, so geistig anregend 
geführt, dass ich mich des öfteren gehen lassen wollte und erst an meinen 
Rockärmel zupfen musste, um nicht zu vergessen, in welchem Kreise ich mich 
befand. 

Als ich mich am dritten Tage, entzückt von der mich so hochbeglückenden 
gastlichen Aufnahme, ehrerbietigst verabschiedete, reichte mir der durchlauchtigste 
Prinz huldvollst die Hand und entließ mich mit den Worten: -Sowie ich nach 
Wien komme, mache ich meinen Gegenbesuch.» Ich dachte anfänglich, dies wäre 
nur ein gnädiger Scherz Seiner kaiserlichen Hoheit gewesen; aber nein, es war 
ganz ernst gemeint; denn kurz nach seiner Rückkehr von dem Sejour in Reichenau 
erwiesen mir der durchlauchtigste Herr die Höchste Ehre, mich in Begleitung des 
Erzherzogs Ferdinand aufzusuchen und gegen zwei Stunden in meinem Hause zu 
verweilen. 

Diesen Besuch wiederholte der edle Prinz, als ich später meine Wohnung 
veränderte und mein Heim im Cottage aufschlug, und als er acht Tage später 
nach diesem letzten Besuche wieder ganz unerwartet und diesmal in Begleitung 
des Erzherzogs Ferdinand bei mir eintrat und meine freudig überraschte Miene 
gewahrte, bemerkte der Höchste Herr huldvollst: «Sie staunen, dass ich so rasch 
wiederkomme, aber heute ist der Namenstag des Erzherzogs Ferdinand, und ich 
wollte ihm eine besondere Freude bereiten und brachte ihn zu Ihnen.» Diese wahr- 
haft herzliche Äußerung bedarf wohl keines weiteren Commentars; so denkt, so 
fühh und spricht nur ein edler Mensch! Aber ich empfieng noch weitere Beweise 
seiner Gunst. 

Es war im letzten Sommer vor seinem Hinscheiden; ich befand mich zu 
einem kurzen Aufenthalte bei Freunden in Reichenau; der durchlauchtigste Herr 
erfuhr davon und lud mich huldvollst zum Frühstück. Ich befand mich ganz allein 
mit Seiner kaiserlichen Hoheit; die Unterhaltung kam wieder auf das Burgtheater. 
«Ich kenne kein größeres Vergnügen-, meinte der Erzherzog, «als einen Abend im 
Burgtheater zu verbringen und ein geistreiches Conversationsstück oder eines 
unserer Classiker mit anzusehen; es ist die reinste, geistige Erholung, die man 
genießen kann.> .... Das letztemal, als mir die höchste Auszeichnung zutheü 
wurde, den edlen Prinzen zu sehen und zu sprechen, war kurz vor seiner Reise 
nach Ägypten, und obgleich er sich damals schon nicht ganz wohl fühlte, freute er 
sich doch unendlich auf das Wiedersehen mit seinem Sohne, dem Erzherzog Franz 



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Ferdinand von Österreich- Este, und versprach mir gnädigst, nach seiner Rückkehr 
über seine Reiseeindrücke erzählen zu wollen. 

Ganz kurz nach seiner erfolgten Ankunft in Wien besuchte er sofort das 
Burgtheater, das vorletztemal. Es war am 20. April vorigen Jahres ; man gab den 
«Hüttenbesitzer* und es fiel mir auf, dass der Erzherzog noch vor Ende des 
Stückes seine Loge verließ, was sonst nie seine Gepflogenheit war. Einen Tag 
später hörte ich schon von seinem Unwohlsein und bald darauf von der schweren 
Erkrankung, von welcher der edle Prinz nicht mehr genesen sollte ...... 

Es lag nahe, ein so eingehendes Interesse für die darstellende Kunst, welche 
die Meisterwerke der Poesie durch die Handlung vor Augen führt, öfter nach 
außen zu bekunden, da die Theatervorstellungen hiezu regelmäßige Gelegenheit 
und immer wiederkehrenden Anlass boten. Allein von nicht geringerer Theilnahme 
war der Erzherzog für die Dichter selbst erfüllt. In freundschaftlicher Zuneigung 
verkehrte er zum Beispiel mit Oscar von Redwitz, den er in dessen nahe bei 
Rottenstein gelegener Villa »SchiUerhof« zu Obermais häutig besuchte und Öfter 
zu steh einlud, wie auch Ihre kaiserliche Hoheit die Frau Erzherzogin Maria 
Theresia des Dichters Frau und Töchter gerne zu sehen pflegte. 

Auch fremde Künstler fanden an dem Erzherzoge einen Gönner. Als 
Mascagni bei seinem Aufenthalte in Wien 1892 im erzherzoglichen Palais 
erschien, unterhielt sich der Erzherzog anderthalb Stunden mit dem Meister, 
indem er ihm seine aufrichtige Bewunderung ausdrückte, und spendete der 
letzten Aufführung der «Cavalleria rusticana* hohes Lob. Der Erzherzog sprach 
über Kunst im allgemeinen, er rühmte die italienischen Schauspieler, wie Rossi, 
Salvini, Düse, und bat seinen Gast, wenn er nach Italien zurückgekehrt sei, 
dem hochgeschätzten Rossi von seinem Wiener Bewunderer Grüße auszurichten. 
Der Erzherzog empfahl dem Meister, in diesen aufregenden Tagen des Ruhmes 
auf seine Gesundheit zu achten, und rieth ihm, doch auch die schöne Umgebung 
Wiens, besonders den Kahlenberg, zu besuchen. 

Musik und Gesang liebte der Erzherzog in hohem Grade. Componisten, 
ausübende Musiker und Sänger, selbst der Werkelmann, fanden in Wartholz 
Zutritt. Der Ciaviervirtuose Grünfeld durfte sich vor den Höchsten Herrschaften 
producieren. Der Componist Isidor Löti, der jahrelang in Reichenau wohnte, hatte 
öfters die Ehre, auf der Straße von dem Erzherzoge angesprochen zu werden, 
wobei sich der Höchste Herr um die kleinsten Details erkundigte, sei es über die 
Familie des Angeredeten, sei es über andere Leute, die in Reichenau wohnten. 
Als er einmal die Ehre hatte, einer Familientafel zugezogen zu werden, waren die 
Höchsten Herrschaften von einer Leutseligkeit und Natürlichkeit des Verkehres, 
wie man dies in den einfachsten bürgerlichen Familien selten findet. Seine kaiser- 
liche Hoheit wusste über alles zu sprechen und treffende Antworten zu geben. 
Eines Sonntags morgens erhielt Löti eine Depesche aus Wien, dass Chormeister 
Kremser vom Wiener Männergesangverein in einer dringenden Angelegenheit eine 
Audienz bei Seiner kaiserlichen Hoheit noch im laufenden Vormittag sich erbitte. 
Um 8 Uhr früh kam Löti nach Wartholz und brachte das Anliegen vor. Der 
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Erzherzog bewilligte die Audienz umgehend nach der Messe. Löti kam mit Kremser, 
der seine Bitte vortrug. Der Männergesangveretn beabsichtigte, eine groSe Lieder- 
tafel im Dreherpark -abzuhalten, und hatte bereits alle Proben mit der Regiments- 
musik Freiherr von Bauer, Kapellmeister Komzak, durchgemacht, als eine Depesche 
eintraf, dass an demselben Tage, an dem das Concert stattßnden sollte, Seine 
kaiserliche Hoheit die Kapelle nach Reichenau befohlen habe. Daher stellte 
Kremser die unterthänigste Anfrage, ob es nicht möglich wäre, dass Seine kaiser- 
liche Hoheit sich eine andere Kapelle kommen lasse, da sonst der Männergesang- 
verein genöthigt wäre, die Liedertafel abzusagen. Der Erzherzog erwiderte: «Ich 
werde doch nicht das Vergnügen Tausender von Menschen stören; das wäre ja 
eine Prinzenlaune!» Er gab sogleich Auftrag, dass eine andere Kapelle aus Wien 
befohlen wurde, und entließ die beiden Herren in der huldvollsten Weise. 

Im Sommer veranstaltete Löti mit dem Wiener Kaufmännischen Gesang- 
verein, dessen Präsident er damals war, einen Ausflug nach Reichenau, um dort ein 
Concert zu Gunsten des Kinder-Asyls zu geben. Es ergab sich ein schöner Rein- 
ertrag, und dem Gesangverein wurde die Ehre zutheil, von Seiner kaiserlichen 
Hoheit auf Wartholz empfangen zu werden, um einige Chöre zu singen. Der 
Erzherzog sammt der ganzen hohen Familie lauschten dem Vortrage und hatten 
die Güte, jedes einzelne Mitglied des Vereines durch eine huldvolle Ansprache 
auszuzeichnen. Der Chor «Alt-Wien» von Kremser, der aus Lannerischen Walzern 
zusammengesetzt ist, gefiel Seiner kaiserlichen Hoheit ausnehmend, und der 
Erzherzog bemerkte; «In den alten Wiener Weisen steckt halt viel Gemüth; ich 
könnte stundenlang denselben lauschen.» Die Sänger wurden nach Schluss der 
Production in huldvollster Weise entlassen, und als Löti den Höchsten Herrn 
darauf aufmerksam machte, dass die Reichenauer und Payerbacher Feuerwehr 
außerhalb des Schlosses mit brennenden Fackeln auf sie warteten, um sie wieder 
in stockfinsterer Nacht zurückzugeleiten, bemühte sich Seine kaiserliche Hoheit 
trotz empfindlicher Kälte hinaus und dankte den Herren, dass sie die Wiener 
Gäste zu ihm geleitet hätten. Als die Sänger den Rückweg antraten, erschienen 
Ihre kaiserlichen Hoheiten auf dem Balkon und dankten nochmals durch Gruß, 
was durch kräftige Hoch!-Rufe erwidert wurde. Einige Tage darauf traf Löti 
Seine kaiserliche Hoheit wieder, und der hohe Herr war voll des Lobes über die 
Leistung und über die Aufmerksamkeit, dass der Verein ihn in seinem Heim 
aufgesucht habe. 

Wenn nun auch dramatische Poesie und Musik infolge einer angeborenen 
Neigung sich der Gunst des Erzherzogs erfreuten, so war Seine kaiserliche 
Hoheit doch stets aufs eifrigste bemüht, auch die bildenden Künste zu pflegen 
und zu fördern. 

Vorträge über kunsthistorische Gegenstände besuchte er immer gerne und 
war über die neueren Arbeiten unserer Künstler stets unterrichtet. 

Es wurde kein bedeutenderes Werk der Architektur, Bildhauerei oder Malerei 
hergestellt, ohne dass der Erzherzog schon dem Entwürfe das höchste Interesse 
entgegengebracht und der Ausführung seine beständige Aufmerksamkeit zuge- 
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wendet hätte. Er beehrte regelmäßig die hervorragenden, mit Aufträgen reichlich 
bedachten Meister, wie Makart, Canon, Laufberger, Müller, Blaas, Schön, 
Passini, Amerling, Felix, L'Allemand, Hasch, Probst, Obermüllner und 
Angeli, ferner Kund t mann, Benk, Zumbusch, Tilgner, Weyrund Hellmer 
mit seinem Erscheinen in deren Ateliers, um die Entstehung ihrer Werke zu 
verfolgen; er suchte aber auch die weniger bekannten, in Bescheidenheit zurück- 
gezogenen und oft mit der Noth kämpfenden Künstler in deren Wohnungen auf, 
immer unterstützend und aufmunternd. 



Seine Stellung als Protector gelehrter Gesellschaften, insbesondere der unter 
seinem Schutze entstandenen Akademien der Wissenschaften in Krakau und Prag, 
Beziehungen zur Akademie der Wissenschaften in Wien und Angelegenheiten der 
Hochschulen brachten den Erzherzog vielfach mit den Gelehrten in Berührung, 
und es machte ihm immer auch große Freude, die Celebritäten der Wissen- 
schaft bei sich zu sehen. Während er viele Gelehrte, namentlich vom historischen 
Fache, aus ihren Schriften kannte, wie zum Beispiel Hofrath von Arneth, dessen 
Publicationen ihn bisweilen schon bei den vorbereitenden Arbeiten interessierten, 
oder Freiherrn von Helfert und andere, die er öfter bei sich sah, pflegte er sich 
bezüglich solcher, deren persönliche Bekanntschaft er noch nicht gemacht hatte, 
aus Anlass gewährter Audienzen stets vorher über die wissenschaftlichen 
Leistungen jedes einzelnen genau zu unterrichten, was ihm bei seinem seltenen 
Gedächtnisse nicht schwer fiel, so dass er in seinen Gesprächen durch die nie 
geahnte Detailkenntnis alle in Staunen versetzte und durch die Aufmerksamkeit, 
die ihnen auf solche Art erwiesen wurde, im höchsten Grade beglückte. 

Wie er aber Männer der Wissenschaft zu literarischen Arbeiten antreiben 
konnte, zeigt zum Beispiel die Geschichte der wissenschaftlichen Lauftiahn des 
Universitätsprofessors Dr. Josef Hirn in Innsbruck. Im Jahre 1879 besuchte 
Erzherzog Carl Ludwig in dem Wiener Stadttheater die Aufführung des Stückes 
»Philippine Welser« von Redwitz. Nach Hause zurückgekehrt, wollte ersieh aus der 
historischen Literatur über Philippine informieren und überzeugte sich bald, dass 
diese Persönlichkeit überhaupt noch keine geschichtswissenschaftliche Behandlung 
gefunden. Er wandte sich an den damaligen Domherrn Grafen Welsersheimb in 
Olmütz, einen Bruderder jüngst verstorbenen Obersthofmeisterin Gräfin Goess, mit 
der AuiTorderung, nach einem Historiker Umschau zu halten, der eine Geschichte 
Philippinens schreiben wollte. Graf Welsersheimb setzte sich mit dem Statistiker 
Sections-Chef Adolf Ficker in Verbindung, der auf Dr. Josef Hirn aus Sterzing 
in Tirol, damals Gymnasialprofessor in Krems, aufmerksam machte, Hirn erhielt 
demnach von Welsersheimb die Aufforderung, das Werk in Angriff zu nehmen. 
Wie ehrend nun auch die Einladung für ihn war, so zögerte er doch, auf die Sache 
einzugehen, da er in seiner Berufstellung keine Möglichkeit sah, den nothwendigen 
archivalischen Forschungen, die in Wien und Innsbruck betrieben werden mussten, 
nachzugehen. Er theilte diese Bedenken dem Domherrn mit ; doch GrafWelsersheJmb 
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ermunterte ihn neuerdings und legte ihm nahe, darüber mit dem Erzherzog selbst 
zu sprechen. Sogleich wurde dem Gymnasialprofessor eine Audienz zugesagt. 
Es war ein Sonntag Ende Jänner 1879, da ihn Seine kaiserliche Hoheit in einem 
kleinen Zimmer seines Palais auf der Wieden empfieng. Nachdem Hirn etwa eine 
Viertelstunde gewartet hatte, trat der hohe Herr mit den Worten ein: «Entschul- 
digen Sie das Warten; es war soeben Seine Majestät, mein Bruder, bei mir, und 
ich musste noch einen Löffel Suppe zu mir nehmen.» Der-Erzherzog ließ sich mit 
ihm an einem runden Tische nieder und begann ihm zuzusprechen. Nach kurzer 
Frist erschien Ihre kaiserliche Hoheit die durchlauchtigste Gemahlin mit zweien 
der Söhne und begrüßte den Professor, der sofort vorgestellt worden war, aufs 
herzlichste. Einem der beiden Söhne gab der Erzherzog den Auftrag, aus einem 
anderen Gemache eine Photographie von demTableau «Philippine mit ihren Knaben 
vor Kaiser Ferdinand» zu holen, das die erzherzogliche Familie kurz vorher im 
engsten Kreise dargestellt hatte. Der Erzherzog versprach dem Professor Hirn 
sofortige Förderung, wenn er sich der Arbeit unterzöge, und fast eine Stunde 
währte die Unterredung. Hirn sagte, durch die ausnehmende Liebenswürdigkeit 
bezaubert, schließlich zu und wurde aufs freundlichste entlassen mit der Auf- 
forderung, Seine kaiserliche Hoheit über den Fortgang der Forschungen auf dem 
Laufenden zu erhalten. Als Hirn im Wiener Staatsarchiv und auf der Hofbibliothek 
vorsprach, sagte man ihm, dass er bereits vom Erzherzog Carl Ludwig empfohlen 
sei. Brieflich und in einzelnen Audienzen gab er dem Erzherzog Nachricht über 
den jeweiligen Stand seiner Untersuchungen, was der hohe Herr immer dankbar 
und mit Interesse entgegennahm. Die Arbeit erweiterte sich bald zu einer 
«Geschichte des Erzherzogs Ferdinand». Durch die gegebene Anregung wurde 
Josef Hirn auf ein Arbeitsgebiet gewiesen, das er seither nicht mehr verließ, und 
sein wissenschaftliches Leben erhielt wohl dadurch auf dessen ganze Dauer Maß 
und Richtung. Als ein Zeichen seiner dankbaren Empfindung hat er auch dem 
Erzherzog Carl Ludwig sein Werk über Erzherzog Ferdinand (2 Bände, 1885 
und 1888) gewidmet. 

Den Erzherzog interessierte aber ganz besonders die Organisation und der 
Betrieb des öffentlichen Unterrichtes. Zahllose Lehranstalten inspicierte er 
persönlich, und es waren hauptsächlich die Gymnasien, denen er schon während 
seines Aufenthaltes in Galizien, dann in seiner Stellung als Statthalter in Tirol und 
später bei seiner Anwesenheit in Graz seine Aufmerksamkeit zuwandte. In der 
Folge schenkte er auch den Realschulen und denjenigen Anstalten sein Interesse, 
die man als Gewerbeschulen oder gewerbliche Fachschulen bezeichnet. So beehrte 
er zum Beispie! am 10. Juni 1878 die landwirtschaftliche Lehranstalt Francisco- 
Josephinum in Mödiing mit seinem Besuche zur Eröffnung des neuerbauten techno- 
logischen Laboratoriums. Der hohe Gast wurde am Haupteingange des Instituts von 
dem Sectionschef des Ackerbauministeriums, dem Curator der Anstalt und dem 
Statthalter bewillkommt, und der Director Gohren begrüßte mit dem Lehrkörper den 
Erzherzogin längerer Ansprache. Nach eingehender Besichtigung der geräumigen 
schönen Hörsäle, der Sammlungen, des chemischen Laboratoriums und der 
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ausgedehnten Baumschule verfügte sich der Erzherzog ins Technologicum. Alle 
Apparate prangten in ihrer Neuheit, und überraschend war der Anblick, alles in 
Bewegung zu sehen. In dem Augenblicke, da der Erzherzog die Räume betrat, 
wurde eben Bier gebraut. Mit dem Ausdrucke der vollkommenen Zufriedenheit 
verließ der Erzherzog, von den Hoch-Rufen aller Versammelten begleitet, das 
Francisco-Josephinum. 



Die Vertretef der Industrie und des Handels hatte der Erzherzog als 
Protector der Ausstellungen und so vieler gewerblicher Vereine Öfter Gelegenheit 
zu empfangen oder bei Besichtigung von großen Etablissements, Warenniederlagen 
und Ausstellungen zu sehen. Alle aber, die bei solchen Gelegenheiten das Glück 
hatten, mit dem Erzherzoge zu sprechen, staunten nicht nur über die gnädigste 
Herablassung, die Einfachheit und Natürlichkeit des Verkehrs, sondern auch 
über die eingehende Sachkenntnis in ailen, noch so verschiedenen Ange- 
legenheiten. Solche Erfahrungen konnten vorzugsweise diejenigen machen, die 
der Erzherzog während des Sommeraufenthaites nach Wartholz zur Audienz 
berief, wo der hohe Herr bei ungezwungenem Verkehre in aller Muße sich aus- 
zusprechen pflegte. 

•Ein unvergesslicher Tag war es Herrn A. von Lindheim, als er, dem Rufe 
des Erzherzogs folgend, in Reichenau erschien, um Seiner kaiserlichen Hoheit als 
dem Protector der Ausstellung in Barcelona ausführlich Bericht über den Erfolg 
unserer Arbeiten daselbst zu erstatten. Mit erzherzoglichem Wagen wurde er von 
dem Bahnhofe in Payerbach nach Wartholz abgeholt und von dem gnädigsten 
Herrn im Arbeitscabinete der Villa empfangen. 

Der Besucher, welcher die Schwelle derselben überschreitet, gelangt links 
vom Vestibüle zu einer einfachen, in edelster Renaissance erbauten Hauskapelle, 
die sich bis in das obere Stockwerk der Villa erhebt, wo sich ihr ein Oratorium 
angliedert. Altar, Kanzel und Kniebänke sind in Übereinstimmung mit dem Stil 
der Kapelle gehalten und in lichtbraunem Holze ausgeführt. 

An das Vestibüle der Villa grenzt ein großer luftiger Raum, ein Pariour. 
Hier herrscht selbst an den heißesten Hochsommertagen erquickende Kühle, und 
gerne weilte al&dann die erzherzogliche Familie in der hohen lichtgedämpften 
Halle, welche mit vornehmer Einfachheit möbliert ist. Unter den Bildern, welche 
die Wand schmücken, bemerkt man das verblichene Bildnis des Lehrers des 
Erzherzogs, Perthaler, und eine von dem Obersthofmeister Grafen Ladislaus 
Pejäcsevich, dem langjährigen treuen und ergebenen Repräsentanten des 
erzherzoglichen Hofstaates, meisterhaft angefertigte Skizze, darstellend die Villa 
auf Sicilien, in welcher Erzherzog Carl Ludwig 1880 gewohnt hatte. 

Rechts vom Pariour hat Frau Erzherzogin Maria Theresia ihr Arbeitszimmer 
gewählt, in welchem mehrere von der hohen Frau selbst geschaffene Werke der 
Malerei und der Holzschneidekunst, insbesondere sogenannte «Stichelarbeiten» 
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das Auge fesseln. Geradezu überraschende Wirkung übt ein Stichelbild durch 
seine meisterhafte Ausführung. 

Die Werke ihrer hohen Kunst weiht die Erzherzogin edlem WohUhun. Als 
bei Gelegenheit der Gründung eines Spitals für Augenkranke in Meran Vorberei- 
tungen zur Ausgabe von Wohlthätigkeits-Lotterielosen getroffen wurden, bildete 
den Haupttreffer ein von der Frau Erzherzogin Maria Theresia gemalter Paravent, 
dessen überaus geschmackvolle Ausführung in der Tagespresse gerühmt wurde. 
In Reichenau benützt die Erzherzogin das Atelier Angeli, wo sie in freien Stunden 
ihre hohe Wurde ablegt, um nur als Künstlerin sich edlem Schaffen zu widmen. 

Auf getäfelten Wänden im Arbeitszimmer der Villa sind Jugendporträts des 
Erzherzogs und der Erzherzogin angebracht. 

Von ihrem Schreibzimmer genießt die hohe Frau einen wunderlieblichen 
Ausblick auf das Reichenauer Thal. Auf dem Schreibtische jenes Gemaches prangt 
auf einem Gestelle ein Pastellbild der Kaiserin Elisabeth, vielleicht das schönste, 
das die edlen, feinen Züge der Monarchin wohlgetroffen wiedergibt. Ein Teleskop, 
einst Eigenthum des unglücklichen Kaisers Maximilian von Mexiko, ein Stein, 
welchen einst der Erzherzog Carl Ludwig von der Habsburg mitgebracht hatte, 
und derlei andere theure Erinnerungszeichen vervollständigen den Schmuck des 
traulichen Raumes. 

Der Speisesaal enthält Jagdbilder von Pausinger. 

Das Arbeitscabinet des hochseligen Erzherzogs bot eine Art Ausstellung im 
kleinen, eine Unzahl von Photographien, Stichen, Zeichnungen und Porträts 
berühmter Männer, wie Radetzky, Grillparzer, Amerling, La Roche, die Haizinger 
als «Bärbel», bedeckten die Wände, außerdem Landschaftsbilder und Souvenirs 
von seinen mannigfachen Reisen. Den liebenswürdigen Erklärer der Bilder machte 
der Erzherzog selbst, seine Mittheilungen über Land und Leute hie und da mit 
einem witzigen Impromptu würzend, das er zuweilen einfließen ließ, und gerade 
diese Aper9us verliehen seiner Schilderung eine eigene anziehende Färbung. 
Der Erzherzog kannte schon seit langen Jahren — von seinem galizischen Auf- 
enthalte schon zum Theile — die bedeutendsten Staatsmänner Russlands, wie 
jene Frankreichs und Deutschlands und der Pforte; er kannte das Leben am Hofe 
des Czars Alexander III., dessen Krönung in Moskau der Erzherzog mit seiner 
hohen Gemahlin bekanntlich als Vertreter des Kaisers beigewohnt hatte, wie an 
Napoleons 111. und der Kaiserin Eugenie Hofe; bekannt war ihm der Sultan 
und sein Hofstaat, den er 1872 kennen gelernt hatte: all dies, sowie die welt- 
bewegenden Ereignisse Deutschlands, mit dessen Fürsten er so vielfach verwandt 
ist, zumal die Erinnerung an seinen trefflichen Schwiegervater König Johann von 
Sachsen, bildeten eine Fülle fast unerschöpflichen Gesprächsstoffes. Allein ebenso 
heimisch war der fürstliche Mäcen und Kunstkenner in den Werkstätten und 
Wohnungen der Herren der Kunst, zumal der dramatischen, und in den Studier- 
sluben der Gelehrten, deren Werke er vor sich hatte. 

Einen eigenen originellen Anblick bot die Decoration des erzherzoglichen 
Schlafzimmers; es war nämlich von unten bis oben gleichsam tapeziert mit den 
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Arbeiten der erzherzoglichen Kinder. Unter diesen beansprucht besondere Wert- 
schätzung ein von wirklichem Talente zeugendes Bild der Erzherzogin Maria 
Theresia, von Erzherzog Otto. Erzherzog Carl Ludwig hatte unter jede Gabe mit 
eigener Hand einen Vermerk über Urheber und Anlass der Spende geschrieben, 

beispielsweise «Von Margarethe mir zum Geburtstage am geschenkt.» 

Eine Fülle von Gratulationsschreiben, Gedichten und Programmen erinnerten an 
frohverbrachte innigbewegte Familienfeste. 

«Und jetzt, damit wir's nicht etwa vergessen», meinte der Erzherzog, am 
Ende der Besichtigung angelangt, «schreiben Sie sich ins Fremdenbuch ein; denn 
es darf mir nicht gehen wie jüngsthin, wo ich dies völlig vergessen habe. Wenn 
Sie nicht müde s'ind, wollen wir noch vor dem Frühstücke eine Promenade im 
Parke unternehmen.* Mit diesen Worten nahm der Erzherzog einen tüchtigen Stock 
und durchschritt nUn mit A. von Lindheim den schönen, erst von ihm geschaffenen 
Garten, über dessen herrliches Gedeihen er sich sichtlich freute. Da gab es wohl 
keine Blume und keinen Strauch, dessen Bestand nicht sein Herz entzückte. So 
war im Gespräche über Kunst und insbesondere über Ausstellungsangelegen- 
heiten die Mittagsstunde herangekommen, als ein Diener mit der Meldung erschien, 
dass das Frühstück bereit stehe. Der Erzherzog nahm mit dem Gaste allein am 
Tische des nach dem Parke führenden Salons Platz und machte in der gnädigsten 
und herablassendsten Freundlichkeit die Honneurs. Wie ein schlichter Privat- 
mann forderte er ihn auf, Bescheid zu thun nach dem langen — wie er nieirite 
— wahrscheinlich ungewohnten Spaziergang und in gnädigster Erinnerung an 
Lindheims Familie ließ er sein Glas zu deren Wohle erklingen. 

Als die Tafel aufgehoben war, hatte der Erzherzog die Güte, mir die herr- 
liche Photographie, auf welcher sein Aufenthalt inmitten der Säulengänge der 
Alhambra verewigt ist, als Geschenk zu versprechen. Mit seiner Unterschrift 
versehen, ziert sie noch heute meine Wohnung und gewährt mir zugleich die 
Erinnerung an die liebenswürdigen Reisegefährten des Erzherzogs, den Oberst- 
hofmeister Grafen Pejäcsevich, dessen bereits oben S. 157 gedacht ist, und den 
Grafen Cavriani, einen der würdigsten und verdienstvollsten Cavaliere des 
erzherzoglichen Gefolges. Der Wagen stand vor dem Thore, der gütige Prinz 
begleitete mich zu demselben und machte mir huldvoll die Zusage, mich auf 
meinem Landsitze in Lilienfeld zu besuchen. Seine kaiserliche Hoheit löste dieses 
Versprechen bald ein, und unvergesslich ist mir dieser hohe Besuch. Stets 
eingedenk werde ich auch des Momentes sein, als der Erzherzog in Barcelona 
1889 nach seiner Ankunft mich ins Hotel de las Cuatro Naciones befahl und mit 
einem Winke auf ein Bildchen, das die österreichische Ausstellungscommission 
in dem Zimmer des Erzherzogs hatte anbringen lassen — es stellte die Villa 
Wartholz vor mit dem Bilde der Erzherzogin Maria Theresia und der Töchter des 
erzherzoglichen Paares — mich freundlich anredete: «Ich verdanke Ihnen diese 
Bilder und bin Ihnen herzlichst erkenntlich für die Aufmerksamkeit, mir das Bild 
der Heimat und der Meinen hier im fernen Süden beschafft zu haben.» Als ich 
dann, seinem Winke folgend, an Seiner kaiserlichen Hoheit Seite mich zum Thee 
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niederließ, war es sichtlich die Erinnerung an Heimat und Familie, die einen 
Schimmer des Glückes über sein Antlitz g05s.> 

Sein hoiies Interesse für die Industrie- und Handelswelt bethätigte der 
Erzherzog nicht allein durch höchst gnädige Audienzen, sondern auch durch 
häuflge Besuche in Fabriken, Werkstätten und Warenniederlagen. Mit rührender 
Theilnahme sah er bei Besichtigung der Fabriken den Beschäftigungen der Arbeiter 
in allen Einzelnheiten zu. Manche Etablissements interessierten ihn wegen der 
Eigenart der Manufactur, wie die Stahlfedemfabrik von Kuhn oder die Goldketten- 
fabriken von Bolzani und Füßl, andere Werkstätten gefielen ihm wegen der darin 
herrschenden Ordnung, Übersichtlichkeit und Evidenzhaltung, wie die Hof- 
schlosserei Milde oder die Hofbuchdruckerei Engel, andere wegen der Größe der 
Anlage, wie die Tuchfabrik Schöller, andere wegen der hohen Bedeutung der 
erzeugten Waren, wie die Cassenfabrik Wertheim. Es ist unmöglich, alle die 
Stätten der Arbeit zu nennen, denen der Erzherzog sein Interesse schenkte und 
die Ehre seines Besuches zutheil werden ließ. Stets lag es dem hohen Herrn, 
namentlich wenn eine Ausstellung bevorstand, am Herzen, den mit so großartigen 
Arbeitsmitteln geübten Gewerbefleiß durch sein Erscheinen zu ehren, so dass es 
kein größeres Etablissement der Industrie gab, das der Erzherzog nicht selbst 
gesehen und gründlich in Augenschein genommen hätte. 

Waren es auch vielfach die Protectorate, die den Höchsten Herrn zu solchen 
Besuchen veranlassten, so widmete er sich diesen Besichtigungen mit derHingebung 
seines ganzen Wesens, so dass dabei ebensosehr das wohlwollende und theil- 
nehmende Gemüth hervortrat, wie die dienstliche Sache zur Geltung kam. Am 
1. März 1867 besuchte er die zur Weltausstellung in Paris bestimmte Vor- 
ausstellung der Erzeugnisse in dem Geschäftshause Franz Bujatti sen.; er sprach 
sich in gewohnter Huld über die einzelnen Gegenstände aus, so über ein Panneau 
■ mit reicher Wappenbordüre für den Vorsaal der Hof-Festloge im Hofopemtheater 
in Wien und über Kirchenstoffe in Original-Dessins nach dem Geschmack des 
Museums für Kunst und Industrie, und schrieb sich schließlich in das Haus-Album 
ein. Als Franz Bujatti senior am 29. December 1894 im Niederösterreichischen 
Gewerbeverein in Anwesenheit des Höchsten Herrn über eine neue Gespinstfaser 
(Maulbeerbaumfaser) Bericht erstattete, wurde er von Seiner kaiserlichen Hoheit 
huldvollst angesprochen und unter anderem gefragt, ob er einer italienischen 
Familie angehöre, worauf er erwiderte, sein Vater sei 1811 mit seinem Geschäfte 
unter Mitnahme einiger Seidenweber aus Görz nach Wien übersiedelt, da die 
Fabrication in Görz, ungeachtet diese Stadt mitten in der Seidenproduction stehe, 
bedeutend zurückgegangen sei; im vorigen Jahrhunderte seien dort 800 Webstühle 
im Gange gewesen, während jetzt keine Seidenweberei mehr bestehe; dass die 
Wiener Fabrikanten, so weit entfernt von den Orten der Seidenerzeugung und mit 
Fabriken sogar In nördlichen Kronländern, prosperieren, zeuge von höherer 
Intelligenz, eine Ansicht, der Seine kaiseriiche Hoheit beistimmte. Am 4, April 1884 
beehrte der Erzherzog das Etablissement des Ciavierfabrikanten Carl Hofmann 
mit seinem Besuche, um die berühmten Mignon-Flügel zu sehen, die für die 
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Londoner Ausstellung angefertigt worden waren; er besichtigte mit größtem 
Interesse sämmtliche Fabriksräume und verblieb daselbst über eine Stunde; er 
äußerte sich mit der größten Zufriedenheit über die Fabriltate dieser Firma und 
zeichnete auch den Clavier-Professor Anton Ciol für sein Vorspielen auf den 
Ausstellungs-Clavieren mit schmeichelhaften Worten aus. Am 25. Februar 1885 
erschien der Erzherzog in der Fußbodenfabrik von Alexander Engel, er sah die 
Pläne und Zeichnungen, sowie die für die Ausstellung in Antwerpen bestimmten 
Objecte an und schritt endlich zur Besichtigung des ganzen Etablissements, indem 
er auf die Frage, welchen Theil der räumlich sehr ausgedehnten Fabrik er zu 
sehen beliebe, einfach bemerkte: «Alles*. Der Rundgang dauerte über eine Stunde. 
Seine kaiserliche Hoheit sprach wiederholt einzelne Arbeiter an und bekundete 
das größte Interesse an allen Erzeugnissen, besonders an den reicheren Fußböden, 
die für das Schloss Lainz eben in Arbeit standen und von dem Höchsten Herrn 
mit größter Aufmerksamkeit betrachtet wurden. Der Erzherzog betrat aber auch 
die Privatwohnung des Fabriksbesitzers. Noch eine Viertelstunde verweilend, 
erkundigte er sich theilnehmend über Familienangelegenheiten, über den Sommer- 
aufenthalt der Familie und dergleichen, und schrieb hier seinen Namen in ein 
Gedenkbuch, das immer eine theuere Erinnerung bleibt an die Huld eines hoch- 
herzigen Fürsten. 

Es waren aber nicht allein die Großindustriellen, die Capitalisten und 
Unternehmer, die sich der Gunst des Erzherzogs erfreuten, sondern Seine 
kaiserliche Hoheit war auch ein warmer Freund der Arbeiter. Wie er die 
rücksichtslosen und grausamen Versuche der Ausbeutung des Arbeiters von 
Seiten des Unternehmers aufs tiefste verabscheute, so wirkte er stets versöhnend 
auf die Arbeiter, indem er bei seinen Besuchen in den großen Fabriken mit ihnen 
sprach und ihnen zu Gemüthe führte, dass die Arbeit für alle Menschen eine Noth- 
wendigkeit und Pflicht, aber auch eine Wohlthat und die Quelle ihres Glückes 
sei, dass auch die geringste und niedrigste Verrichtung immer einem höheren 
Zwecke diene, der ihr erst die Weihe gebe und den rechten Wert verleihe, und dass 
das Bewusstsein getreuer Arbeit die höchste Zufriedenheit und den wahren 
Genuss des Lebens gewähre. Wie erhebend war es doch für einen Arbeiter, wenn 
der hohe Herr sich über dessen Verhältnisse, über Heimat, Eltern und Geschwister 
erkundigte! In größeren Fabriken, die sich wiederholten Besuches erfreuten, 
kannte der Erzherzog alle Werkführer und sprach gerne mit ihnen über ihre 
persönlichen Angelegenheiten. Er verlangte aber andererseits auch von dem 
Fabriksherrn die pflichtmäßige Obsorge für das geistige und leibliche Wohl der 
ihm dienenden Arbeiter. Als wahre Muster erschienen ihm in dieser Hinsicht 
Etablissements wie die Spitzenfabrik von Ludwig Damböck oder die Berndorfer 
Metallwarenfabrik von Arthur Krupp, von deren vortrefflichen Einrichtungen er oft 
erzählte, und er fand hier die anderwärts so oft widerstreitenden Interessen auf 
der richtigen Grenze versöhnt und ausgeglichen. Der Erzherzog war insbesondere 
aber der Ansicht, dass der Arbeiter, abgesehen von der Irreleitung durch 
interessierte Führer, sich vor einer Lebensweise hüten müsse, die über seine 



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Verhältnisse hinausgehe, und dass eine vernünftige Lebensführung jedem Stande 
einen haushälterischen Verbrauch des Erworbenen gebiete. 

Auch der kleinbürgerlichen Werkstätte gönnte der Erzherzog ofl die Ehre 
seines Besuches, den er niemals unterließ, wenn er hörte, dass ein gelungener 
Gegenstand aus derArbeit einesHandwerkers zu einer Ausstellung abgehen sollte. 
Es leuchteten seine Augen vor Vergnügen, wenn er mit einem gewerbfleißigen 
Manne sprechen konnte, der sich aus eigener Kraft in redlicher Arbeit empor- 
gebracht hatte. Sein Bemühen war aber auch stets daraufgerichtet, den kleinen 
Unternehmer und Geschäftsmann, der oft gegenüber dem unlauteren Wettbewerb 
ein schweres Dasein fristet, sowie den Arbeiter, der im Dienste fremden 
Capitales stand, durch die Eortschritte ernster Bildung voranzubringen und 
dadurch dem Gewerbe einen allgemeinen Aufschwung zu verleihen und zugleich 
dem Arbeiter und kleinen Gewerbsmanne Zufriedenheit und Freude an der 
Arbeit zu bereiten. Durch Begründung von Stipendien und Stiftungen strebte er 
namentlich eine gründliche Ausbildung der Lehrlinge an. Gedachte er mit 
Hilfe des Technologischen Museums und im Gewerbeverein durch jüngere 
Talente den Handwerkerstand zu veredeln, so sann er unablässig darüber nach, 
das Handelsmuseum zu einem Central isationspunkte für die Entwickelung des 
Verkehres auszugestalten. Bei diesen Bestrebungen sah er sich durch die Hofräthe 
von Exner, Migerka und Scala unterstützt. 

Bewundernswert aber war gerade auf diesem Felde der Thätigkeit des 
Erzherzogs zunächst das Pflichtgefühl, in welchem er stets ganz aufgieng und 
das ihn auch hier anspornte, sich die gründlichste und umfassendste Sachkenntnis 
in allen Fragen zu erwerben, und dann das Wohlwollen, durch das er alle 
bezauberte, die mit ihm in Berührung zu kommen das Glück hatten. Welches 
Zartgefühl der Erzherzog im Verkehre bethätigte, wissen auch die Vertreter der 
Industrie- und Handelswelt zu berichten. 

Hofrath Migerka erzählte: -Ich genoss die Ehre, zur Tafel befohlen zu 
werden. An diese schloss sich ein Cercle. Die hohen Frauen zogen sich zurück. 
Bald darauf erhielt der Erzherzog eine Meldung, die ihn bestimmte, mit einem an 
die Anwesenden gerichteten freundlichen Gruße sich zu entfernen. Am folgenden 
Morgen wurde ich zu Seiner kaiserlichen Hoheit beschieden. Der Erzherzog 
bemerkte in seiner herzgewinnenden Weise: ,Es wird Sie gestern gekränkt haben, 
dass ich nicht auch mit Ihnen gesprochen habe. Aber es wurde mir gemeldet, dass 
die Erzherzogin unwohl geworden sei. Glücklicherweise gieng es bald vorüber. 
Ich fühlte das Bedürfnis, Ihnen zu sagen, warum ich mich so eilig zurückziehen 
musste.'* 

Bei der Vorstellung von Industriellen und Kaufleuten bemerkte der Erz- 
herzog einmal, als Hofrath Migerka in Rücksichtnahme auf dessen Ermüdung 
Bedenken trug, fortzusetzen: «Dafür bin ich da; es warten so viele, die mir vor- 
gestellt zu werden wünschen. Fahren Sie nur fort!' Ein andermal sagte er in 
einem ähnlichen Falle: "Ja, ja, ich bin etwas müde. Nichtsdestoweniger stellen Sie 
mir nur noch die Herren vor, welche dies wünschen. Ich bin ja deswegen da!« Als 



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der Erzherzog einmal nach einer Ausstellung einer langen Reihe von Prämiierten 
die Auszeichnungen in Begleitung von Fragen und Bemerkungen, die dem Einzel- 
falle angepasst waren, überreichte, hielt er wohl einmal recht erschöpft inne, doch 
raffte er sich, über die noch immer stattliche Anzahl hinblickend, welche sich des 
Momentes der Ansprache sichtlich freuten, förmlich auf, mit der an Dr. Migerka 
gerichteten Bemerkung: «Diese Herren haben ein Recht, berücksichtigt zu werden; 
ich darf ihre Erwartung nicht täuschen.* 

Dieselbe Auffassung, denselben Zug wohlwollender Gesinnung war Hofrath 
Migerka in der Lage zu beobachten anlässlich der Vorstellung der zahlreichen 
Theilnehmer an einem internationalen Congresse, welche in die Hofburg geladen 
waren. Zunächst hatten die ausländischen Gäste die Ehre angesprochen zu werden. 
Seine kaiserliche und königliche Hoheit verkehrte in gleicher Geläufigkeit deutsch, 
französisch, italienisch und englisch. Jedem Zurücktretenden sah man die 
Befriedigung an ob des Inhalts des Gespräches und der Weise, in welcher das- 
selbe geführt worden war. Die große Zahl der Fremden war endlich absolviert. Dem 
aufmerksamen Beobachter entgieng es nicht, dass der Prinz ermüdend schwankte, 
ob er nicht die anwesenden Österreicher mit einem allen geltenden Gruße ver- 
abschieden solle. Doch es siegte seine Herzensgüte; sah ja doch jeder der 
Anwesenden mit Gespanntheit der individuellen Ansprache entgegen. Und, als 
wollte der Erzherzog die unfreiwillige Zögerung wettmachen, richtete er an jeden 
das Wort in einer Frische, als hätte dieser keinen Vorgänger zu bezeichnen. Inner- 
lichst befriedigt traten die Einzelnen zurück und verließen die Hofburg, bereichert 
durch eine dauernd angenehme Hoffnung und Erinnerung. 

Als vor etwa drei Jahrzehnten zu Slowikowitz bei Raufinitz in Mähren zur 
Erinnerung an die denkwürdige Thatsache, dass der Kaiser Josef 11. durch 
eigenhändige Führung des Pfluges die hohe Wertschätzung des Bauern- 
standes bethätigte, eine Erinnerungsfeier veranstaltet worden war, bezauberte der 
anwesende Erzherzog, wie Hofrath Migerka als Augenzeuge berichtet, die in 
ungeheurer Anzahl herbeigeströmten Bauern durch seine herablassende Leutselig- 
keit so sehr, dass sie sich vor Begeisterung für ihn kaum zu fassen wussten. In 
markigen Worten kennzeichnete der hohe Herr beim Festmahle die erhebende 
Bedeutung dieser Feier; es war eine schlichte, schmucklose Beredsamkeit, die 
gerade darum das Landvolk bis ins Innerste ergriff. 

Den Bauernstand schätzte der Erzherzog sehr hoch, und es machte ihm 
großes Vergnügen, mit der bäuerlichen Bevölkerung zwanglos zu verkehren, wozu 
er nicht nur in der amtlichen Stellung in Tirol stets veranlasst war, sondern auch 
später jede Gelegenheit benützte. Als der Ortbauer Wegerer in der Kirche der 
Prein seine goldene Hochzeit feierte, geruhte Seine kaiserliche Hoheit, begleitet von 
Ihrer kaiseriichen Hoheit der Frau Erzherzogin Maria Theresia, durch persön- 
liches Erscheinen das Fest des schlichten Bauersmannes zu verherrlichen. Mit allem 
Eifer nahm er sich der gefährdeten Interessen der Bruderlade in Edlach an und 
erzielte den angestrebten Erfolg. Um das Wohl der Gemeinde Artstetten kümmerte 
sich der Höchste Herrin so theJInehmender Weise, dass er die unterthänigste Bitte 
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der Gemeinde, das Bürgermeisteramt zu übernehmen, mit Freude gewährte, und wie 
es kaum jemals einen kaiserlichen Prinzen gegeben haben dürfte, der die Bürger- 
meisterei einer kleinen Landgemeinde verwaltet hätte, so wird wohl niemals ein 
Gemeindevorsteher gefunden werden, der sein Amt mit mehr Eifer und Sorgfalt 
geführt hätte, als derBürgermeister Erzherzog Carl Ludwig bei allem Humor es that. 

Wenn nicht gerade das Hofceremoniell die Einhaltung besonders feierlicher 
Formen als herkömmlich erscheinen ließ, zog es der Erzherzog vor, zumal im 
Verkehr mit jenen, die eine gemeinsame cullurelle Arbeit ihm persönlich näher- 
brachte, von Umständlichkeiten oder Äußerlichkeiten abzusehen. So trugen die 
Mittheilungen, in denen der Erzherzog beispielsweise bei Hofrath Migerka sein 
Erscheinen ankündigte, meist den ausdrücklichen Zusatz: man wolle ihn «in 
Bureaukleidung* erwarten. 

Vermöge seiner Milde und Herzensgüte achtete er auch die Meinungen und 
Anschauungen anderer, und niemals Heß er sich in den Sinn kommen, seine 
Meinung jemandem aufdrängen zu wollen. Aus dieser edlen Duldsamkeit fremden 
Ansichten gegenüber erfloss das eigene Wort des Erzherzogs: «Wir alle können 
irren!» Überaus rücksichtsvoll war der Erzherzog gegen fremde Meinungen, wenn 
er bemerkte, dass sie auf wissenschaftlicher oder religiöser Überzeugung beruhten. 
Es versteht sich bei einem solchen Charakter von selbst und bedarf kaum der 
Erwähnung, dass er auch die Religion eines Andersgläubigen achtete, wenn er 
einen aufrichtigen Glauben bei ihm voraussetzte. So sagte er zu dem Hofschau- 
spieler Adolf Ritter von Sonnenthal, als im Laufe des Gespräches die religiöse 
Frage zur Erörterung kam: -Ich bin ein gläubiger Christ, sowie Sie ein gläubiger 
Jude sind; ich weiß es — » und seine Hand wohlwollend auf des Angeredeten 
Schulter legend, fügte er hinzu, -das achte und schätze ich an Ihnen wie an 
jedem Menschen, der seinem Glauben, seiner Überzeugung treu bleibt.» 

Das hoch entwickelte Pflichtgefühl, das dem Erzherzog seit früher Jugend 
eigen war, trieb ihn an, in seiner Wirkungssphäre nicht nur immer pünktlich zur 
Stelle zu sein, sondern namentlich auch sich über alle wirtschaftlichen Dinge genau 
zu orientieren. Es wurde vielfach bewundert, mit welcher Schärfe der Erzherzog 
bei aller Unbefangenheit über sachliche Fragen der Industrie und des Handels 
oder über persönliche Anschauungen sein Urtheil begründete. Als Hofrath Migerka 
einmal unverhohlen sein Erstaunen darüber ausdrückte, erwiderte der kaiserliche 
Prinz lächelnd: «Ich höre viel; ich habe mich in der Kunst des Hörens ausgebildet. 
Ich höre oftmals verschiedene, mitunter entgegengesetzte Meinungen. Diese in 
Verbindung mit eigener Beobachtung ermöglichen wohl in vielen Fällen ein 
zutreffendes Urtheil.» 

Auf solche Weise war der Erzherzog ohne Unterlass bemüht, durch 
persönliche, unmittelbare Einflussnahme das wirtschaftliche Leben der Monarchie 
zu fördern, und wo immer sich fleißige Hände regten, durch seine sachkundige 
Anerkennung zu ermuntern und anzuspornen. Wo aber beim besten Willen keine 
erfolgreiche Arbeit möglich war und in aussichtsloser Verarmung alle Kräfte 
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erlahmten, war Seine kaiserliche Hoheit wiederum ein Tröster und Helfer. Zahllos 
sind die Fälle, in denen er jene geheime Wohlthätigkeit übte, die stets das Zeichen 
eines edlen Herzens sind, und was er zu Lasten seines eigenen Vermögens an ■ 
milden Gaben spendete, dürfte sich auf eine Million Gulden belaufen. Allbekannt 
sind indessen auch Fälle öffentlicher MildthätigUeit. Mit unendlicher Freude pflegte 
der hohe Herr zu Weihnachten im Palais eine Christbaumfeier für die ärmsten 
Kinder des IV. Bezirkes abzuhalten, wobei nach einer Ansprache des Pfarrers der 
Paulanerkirche die Kinder mit Kleidern und Esswaren reich beschenkt wurden und 
durch den Vortrag von Liedern und Gedichten ihre Dankbarkeit ausdrückten, die 
sie in treuem Andenken an den edlen Spender für das ganze Leben bewahren. 
Es gab kein Unternehmen für Öffentliche Wohlthätigkeit, das an dem Erzherzoge 
nicht einen Gönner und Förderer gefunden hätte. Die Wärmestuben besuchte 
Seine kaiserliche Hoheit persönlich, um Suppe und Brot zu kosten. Mit Ihrer 
kaiserlichen Hoheit der Frau Erzherzogin Maria Theresia erschien er, als die 
hohe Frau eine neu erbaute Wärmestube persönlich eröffnete. Es war eine Freude, 
zu sehen, wie sich beide Hoheiten in leutseliger Weise mit den Ärmsten der Armen 
unterhielten und sich über das Schicksal eines jeden einzelnen erkundigten. 
Selbstverständlich wurden dem Unternehmen auch größere Geldbeträge gespendet 
und waren Ihre kaiserlichen Hoheiten bemüht, die Interessen der Wärmestuben 
zu fordern. Die gleiche Theilnahme wandten die höchsten Herrschaften auch den 
Volksküchen zu. Als der Bau des von dem berühmten Menschenfreunde Herrn 
von Sieberer gegründeten Waisenhauses in Innsbruck vollendet war, eilte Seine 
kaiserliche und königliche Hoheit eigens selbst nach Innsbruck und verherrlichte 
die Eröffnungsfeier dieser schönen Wohlthätigkeitsanstalt durch seine Anwesenheit. 

Vorzugsweise waren es aber auch die Kranken, denen Seine kaiserliche und 
königliche Hoheit ebenso wie seine hohe Gemahlin innigste Antheilnahme und 
Fürsorge zuwandten. Zahllos sind die Krankenbesuche, durch welche Erzherzog 
Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia in Spitälern und in Privat- 
häusern den Leidenden Trost und Linderung brachten, ohne dass die Öffentlichkeit 
davon erfuhr. Um aber ein Beispiel der Opferwitiigkeit des erzherzoglichen Paares 
in dieser echt christlichen Nächstenliebe anzuführen, soll hier ein Fall erwähnt 
werden, der nur wenigen bekannt sein dürfte. 

Zur Zeit des Feldzuges im Occupationsgebiete, 1 878, fasste Seine kaiserliche 
Hoheit Erzherzog Carl Ludwig den hochherzigen Entschluss, sein Schloss 
Persenbeug als Spital für die verwundeten Krieger zu verwenden, und wurde 
in diesem Plane von Ihrer kaiserlichen Hoheit Erzherzogin Maria Theresia 
nachdrücklich bestärkt In den ersten Tagen des September war der Erzherzog in 
der Lage, sein Anerbieten dem Kriegsminister bekanntzugeben, der im Interesse 
des Krank enzerstreuungssy Sternes, auf welches die Militär-Sanitätsverwaltung mit 
Recht so großes Gewicht legte, dankbar darauf eingieng und die geeigneten 
Schritte einleitete. Schon am 5. September erhielt der Verwalter von Persenbeug, 
der nach Wartholz berufen worden war, die entsprechenden Weisungen über die 
sofort zu treffenden Vorbereitungen. Am folgenden Tage fuhren Ihre kaiserlichen 
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Hoheiten von Reichenau nach Wien. Professor Dr. Adalbert Ritter von Mosetig- 
Moorhof, zur Audienz berufen, erklärte sich bereit, die ärztliche Leitung dieses 
Spitales zu übernehmen, und die von ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau 
Erzherzogin Maria Theresia zum Empfang beschJedene Oberin der Barmherzigen 
Schwestern aus dem Mutterhause in Gumpendorf versprach, eine größere Zahl von 
Schwestern zur Krankenpflege zu senden. Am 8. September begaben sich Ihre 
kaiserlichen Hoheiten selbst nach Persenbeiig zu einem Aufenthalte von mehreren 
Tagen. Hier trafen sie wegen der Bestimmung der Zimmer und der Aufstellung der 
Betten die Anordnungen und pflogen mit dem am 9, aus Wien nach Persenbeug 
berufenen Professor Dr. von Mosetig-Moorhof die betreffenden Berathungen. Die 
Frau Erzherzogin gab der Beschließerin bezüglich der Wäsche die geeigneten 
Weisungen und entsandte noch am Abend ihre Kammerfrau, Fräulein Anna von 
Altenburger, nach Wien mit zahlreichen Aufträgen über Neuanschaffungen für die 
Bedürfnisse des Spitales. Auch in religiöser Hinsicht wurde für die aufzunehmenden 
Krieger gesorgt, und der Erzherzog richtete als tiefgläubiger Katholik an den 
Schlosscaplan die Worte: «Es werden demnächst 40 .Schwerverwundete hier 
eintreffen; ich übertrage Ihnen deren Seelsorge und mache Sie dafür verantwortlich, 
dass mir keiner derselben, ohne versehen worden zu sein, stirbt.* Zu Spitals- 
zwecken wurde der ganze Herrentract des Schlosses benützt und die Enfilade der 
Prachträume des ersten Stockes in Verwendung gezogen. Es waren gute Betten 
eingestellt und die Spitalrequisiten, die zur Pflege und Heilung Schwerverwundeter 
nur erforderlich sein konnten, in reichster Weise bereit gehalten. Zehn Barmherzige 
Schwestern aus dem Gumpendorfer Mutterhause standen dem Krankendienste 
vor und bewährten sich glänzend unter der vortrefflichen Leitung der Schwester 
Norberta, welche die Erzherzogin Annunziata, die Erzherzogin Sophie und die 
Kaiserin Carolina Augusta in deren Todeskrankheiten gepflegt hatte. 

Am 16. September brachte der Malteserzug die zur Unterbringung auf 
Schloss Persenbeug bestimmten Verwundeten, 39 Mann und 1 Officier, nach Wien 
und fuhr direct zur Donau-Uferbahn, wo die Ausladung in das vom Erzherzog 
gemietete Dampfschiff zur Weiterreise erfolgte. Seine kaiserliche Hoheit war zum 
Landungsplatze bei der Reichsbrücke gefahren, betrat das Schiff und sprach jeden 
einzelnen mit einigen Worten an. Auch Professor Dr. von Mosetig-Moorhof nebst 
seinem Assistenzarzt Dr. Adolf Jahn war anwesend, um sofort die ärztlichen 
Functionen anzutreten. Am nächsten Tage, 17. September, bei Morgengrauen 
ward Persenbeug erreicht und die Installation des Lazarethes begann. Die Ver- 
pflegung wurde in vorzüglicher Weise von der Schlossküche besorgt. 

Um in der Nähe des Spitales zu sein, übersiedelten Ihre kaiserlichen Hoheiten 
später nach Artstetten und besuchten von hier aus das Lazareth zu wieder- 
holtenmalen. Erzherzog Carl Ludwig sprach mit allen Verwundeten in deren 
verschiedenen Sprachen, deutsch, böhmisch, ungarisch und italienisch, und 
beglückte die Leute durch seine liebenswürdigen Gespräche. Erzherzogin Maria 
Theresia widmete sich mit der vollen Glut ihres theilnehmenden tiefen Gemüthes 
der Sorge um die für Kaiser und Reich so schwer verwundeten Krieger. Die 
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kranken Soldaten aber, die sich von der umsichtigen Aufmerksamkeit Ihrer 
kaiserlichen Hoheiten so völlig umgeben sahen, vergaßen ihre Schmerzen und 
wurden von jener zuversichtlichen Hoffnung erfüllt, die immer das Allgemein- 
befinden zu heben und eine wesentliche Beschleunigung der Heilung zu bewirken 
vermag. Ihre kaiserlichen Hoheiten pflegten bei ihren Besuchen in drei kleinen 
reservierten Zimmern des Schlosse* nebst den erzherzoglichen Kindern zu wohnen 
und zu speisen, mit dem Primarärzte, dem Verwalter kaiserlichem Rath Wettstein 
Ritter von Westersheimb, dem Schlosscaplan und der Schwester Norberta sich zu 
besprechen und am Abend nach Artstetten zurückzukehren. 

•Von den 40 Verpflegten waren 39 Verwundete, der vierzigste war ein 
lungenkranker Soldat, der durch ein Versehen im Malteserzuge anstatt eines 
Verwundeten auf das SchifT gebracht worden war. Unter den Schussverletzten 
befanden sich einige sehr schwere Fälle. Ein Jäger, namens Maxi, musste gleich 
am Tage der Ankunft einer Operation unterzogen werden. Er hatte beim Einzüge 
in Sarajevo einen Schuss am Kopfe entsprechend dem linken Scheitelbein erhalten 
und war im dortigen Militär-Hospitale in Pflege genommen worden. Nach mehr- 
wöchentlichem Aufenthalte dortselbst wurde er evacuiert und auf einem offenen 
Leiterwagen mit anderen Leidensgenossen bis an die Save geführt. Während der 
mehrtägigen Fahrt geschah es, dass die Wagenachse brach und die ganze 
Gesellschaft in den Straßengraben kollerte. In wahrhaft bejammernswertem 
Zustande erreichte der Jäger Persenbeug. Er fieberte heftig, klagte über starke 
Kopfschmerzen und wurde halb besinnungslos, während sich klonische Krämpfe 
an den rechtsseitigen Extremitäten — Arm und Bein — bemerkbar machten. 
Solchen bedenklichen Erscheinungen von Gehimreizung musste sofort abgeholfen 
werden. Noch am Abende des 17. wurde bei Kerzenschein die Trepanation des 
Schädels in schwacher Narkose ausgeführt, das losgebrochene eingedrückte 
Knochenfragment des Scheitelbeines entfernt und damit auch ein über hühnerei- 
großer Abscess eröffnet, der in der Gehimsubstanz seinen Sitz hatte. Schon am 
nächsten Tage war das Fieber verschwunden, die Besinnlichkeit wiedergekehrt, 
die Krämpfe hatten aufgehört; der Kranke convalescierte und genas. Schwere 
Schussfractionen der Gliedmaßen erforderten große Mühe, da alie eiterten. Zwei 
Verwundete, bei denen Eitervergiftung des Blutes drohte, mussten jeder an einem 
Beine amputiert werden, fünf anderen konnten die zerschmetterten Arme und 
Beine noch erhalten werden. Unter letzteren war ein Verwundeter aus dem 
Gefechte bei Doboj, dem die feindliche Kugel den rechten Oberschenkelknochen 
zerschossen hatte. Trotz dieser schweren Verletzung schleppte er sich, auf dem 
Boden fortkriechend und das unverbundene Bein nachschleppend, angeblich sechs 
Stunden lang fort, bis er die österreichische Linie erreicht hatte, in wahnsinniger 
Angst, den Aufständischen in die grausamen Hände zu fallen. Auch er genas. Es 
wurden im ganzen 23 Operationen ausgeführt, alle in Chloroformnarkose, alle mit 
günstigen Erfolgen. Von den übernommenen 39 Verwundeten starb keiner, und 
selbst der hochgradig Schwindsüchtige erholte sich in der guten Luft und bei der 
vorzüglichen Pflege so weit, dass er evacuiert werden konnte.» 
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Als am 19. October 13 Mann geheilt entlassen wurden, sprach ein Unter- 
officier beim Abschiede im Namen der übrigen, die alle zusammen dabei aui- 
gestellt waren, Ihren kaiserlichen Hoheiten den Dank für die genossene Pflege 
aus. An Stelle des geheilten Hauptmannes Martinek war ein anderer Hauptmann, 
Andreanszky, aufgenommen worden, welcher sich auch einer Operation unterziehen 
musste und, während er in Persenbeug zu ßflte war, das Verdienstkreuz erhielt. 
Ende October kehrten Ihre kaiserlichen Hoheiten nach Wartholz zurück. Am 
20. November fuhren HÖchstdieselben bei empfindlicher Kälte nochmals nach 
Persenbeug. Es lagen noch 14 Mann im großen Saale und im Schreibzimmer, 
die alle auf dem Wege der Besserung waren. 

Das Lazareth auf Schloss Persenbeug wurde am 30, November aufgelöst, 
und die wenigen übrig gebliebenen Reconvalescenten nach Wien überführt und 
im Spitale der Barmherzigen Schwestern in Gumpendorf untergebracht, wo sie in 
der Behandlung des Herrn Dr. Adolf Jahn Ms zu ihrer völligen Wiederherstellung 
verblieben und die Besuche Ihrer kaiserlichen Hoheiten empflengen. Für den 
Hauptmann Andreanszky war im Hotel Victoria eine Wohnung genommen worden, 
wo er vom Erzherzoge besucht wurde und bis zur Ausheilung blieb. Ihre kaiser- 
lichen Hoheiten konnten mit größter Befriedigung auf die Erfolge ihrer schönen 
That zurückblicken. Dem Herrn Professor Dr. Adalbert Ritter von Mosetig-Moor- 
hof aber, der den schwierigen Dienst mit so erfreulichem Ergebnisse in edler und 
selbstloser Weise unentgeltlich durchgeführt und jede ihm angetragene Entlohnung 
in rühmenswerter Uneigennützigkeit abgelehnt hatte, zollten Ihre kaiseriichen 
Hoheiten die höchste Anerkennung für diesen doppelten glänzenden Beweis 
seines hochherzigen und opferwilligen Patriotismus und seiner vollendeten ärzt- 
lichen Kunst. 



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VII. Capitel. 

Erzherzog Carl Ludwig als Schirmherr der Österreichischen 

Gesellschaft vom Hothen Kreuze, des Vereines vom Rothen 

Kreuze für die Länder der heiligen Krone Ungarns und der 

österreichischen Gesellschaft vom Weißen Kreuze. 



Wo immer in Österreich ein patriotischer oder gemeinnütziger Gedanke 
nach Verwirklichung rang, da trat sicherlich Erzherzog Carl Ludwig als der 
Erste hervor, welcher mit freudigster Bereitwilligkeit die Hand hiezu reichte und 
sich in vorderster Reihe als kräftigster Förderer desselben bethätigte. 

So konnte es nicht fehlen, dass vornehmlich die allbekannten, ebenso humanen 
als patriotischen Ziele des Vereines vom Rothen Kreuze in dem Erzherzoge 
einen mächtigen Schirmherrn und opferbereiten Mitarbeiter fanden , welcher die 
ganze Macht seiner gewinnenden Persönlichkeit zu deren Verwirklichung einsetzte, 
das Aufstreben, die Entfaltung und Entwicklung des Vereines mit liebevoller 
Hingebung verfolgte und bis in die allerletzten Tage des Lebens die Blüte des 
Vereines als eine Herzenssache betrachtete. 

Im Nachstehenden sei einem genauen Kenner der Wirksamkeit des Herrn 
Erzherzogs nach dieser Richtung, Seiner Excellenz dem Herrn Grafen Franz von 
Falkenhayn, das Wort gegönnt, welcher sich, wie folgt, über diesen Gegenstand 
verbreitet: 

«Der staatsrechtlichen Gestaltung der österreichisch-ungarischen Monarchie 
entsprechend, ist auch das Hilfswesen zur Unterstützung der staatlichen Sanitäts- 
einrichtungen im Kriegsfälle, sowie bei besonderen Nothfällen im Frieden nach 
den beiden Theilen des Reiches getrennt eingerichtet; für die im Reichsrathe ver- 
tretenen Königreiche und Länder besteht die österreichische Gesellschaft 
vom Rothen Kreuze, während der Verein vom Rothen Kreuze für die 
Länder der heiligen Krone L'ngarns zur Pflege des Htlfswesens für diese 
Länder gegründet wurde. Hier wird nun von der österreichischen Gesellschaft 
vom Rothen Kreuze zu sprechen sein, 

Die Vereinsleitung des Österreichischen Patriotischen Hilfsvereines war es, 

welche im Mai 1879 die Anregung zur Organisierung des freiwilligen Hüfswesens 

für Kriegsfälle gab und einen Statutenentwurf verfasste, dessen Bestimmungen 

für die Grundsätze der Organisation und die Thätigkeit des Hilfsvereinswesens in 

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den Reichsrathsländern maßgebend sein sollten. Nach längeren Verhandlungen 
mit den bis dahin in den verschiedenen Königreichen und Ländern gegründeten 
Landes- und Frauen- Hilfsvereinen und einer von der k. k. Regierung veranlassten 
Enquete wurde dieser Statutenentwurf allseitig gutgeheißen, und auf Grund des- 
selben traten die sämmtlichen Hilfsvereine in einen Bund zusammen, der sich 
die österreichische Gesellschaft vom Rothen Kreuze nannte und am 
14. März 1880 seine erste constituierende Bundesversammlung in Wien abhielt. 
In dieser wurde vom Vorsitzenden auf Grund eines Erlasses der k. k. Regierung 
mitgetheilt, dass Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin geruht haben, das 
Protectorat über die neu begründete Gesellschaft zu übernehmen. Dieser kaiser- 
liche Gnadenact gab den unschätzbaren Beweis, wie ernst an Allerhöchster Stelle 
die von der Gesellschaft freiwillig übernommenen Aufgaben gewürdigt und deren 
Wichtigkeit für die Wehrkraft des Reiches anerkannt werden wollte. Des Kaisers 
Fürsorge für diese zeigt das schon am 5. April 1880 erflossene Befehlschreiben 
Seiner Majestät des Kaisers, in welchem verfügt wurde, dass — um schon im Frieden 
eine gemeinsame Spitze zu schaffen und dadurch die Möglichkeit zu bieten, sich 
über Wesen und Umfang aller von der freiwilligen Sanitätspflege beider Reichs- 
hälften getroffenen Vorsorgen in steter Kenntnis zu erhatten und gewisse, alten 
Theilen der freiwilligen Sanitätspflege gemeinsame Aufgaben mittels Einberufung 
der obersten Ordens-, beziehungsweise Bundes- und Vereinsspitzen planmäßig 
zur Besprechung und Austragung zu bringen — die Ernennung eines Protector- 
Stellvertreters für zweckentsprechend erachtet worden sei und Seine Majestät für 
diesen Posten Allerhöchstseinen Herrn Bruder, Seine kaiserliche Hoheit den durch- 
lauchtigsten Erzherzog Carl Ludwig zu designieren geruht habe. 

So fand sich der Erzherzog an die Spitze aller Vereine vom Rothen Kreuze 
in der österreichisch - ungarischen Monarchie gestellt und war durch die 
geschaffene oberste Leitung des Hilfsvereinswesens in beiden Hälften der 
Monarchie jene hochwichtige Vereinbarung angebahnt, welche zu einem gedeih- 
lichen Zusammenwirken der österreichischen Gesellschaft und des ungarischen 
Vereines vom Rothen Kreuze im Falle eines Krieges unerlässlich ist. 

Sofort nach dem Antritte dieser, von dem Vertrauen des Kaisers ihm über- 
tragenen Stellung widmete sich der Erzherzog den Aufgaben derselben mit einem 
Eifer und einer Gründlichkeit, die das hohe Interesse zeigten, welches er den 
Zielen der Geseilschaft entgegenbrachte. In der Absicht, sich über alle einschlägigen 
Verhältnisse, sowohl des Centrale der Gesellschaft, als auch der dieselbe bildenden 
Landes- und Frauen-Hilfsvereine vom Rothen Kreuze möglichst genau zu unter- 
richten, trat er in persönlichen Verkehr mit der Bundesleitung und den Vereins- 
leitungen, indem er eine Anzahl von Ländern bereiste, um den Stand des 
Hilfswesens und die Personalverhältnisse der Vereinsleitungen durch eigene 
Anschauung näher kennen zu lernen. In Bethätigung seiner lebhaften Theilnahme 
an den Vorbereitungen der Gesellschaft für den Kriegsfall widmete der Erzherzog 
dem Centralfonde einen namhaften Geldbetrag, der die Möglichkeit ergab, an 
die geplante Errichtung von Blessierten-Transports-Colonnen des Rothen Kreuzes 
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zu schreiten und wendete sich persönlich an den hochwürdigsten Episcopat, durch 
welche Intervention reiche Anerbietungen für die Unterbringung von Verwundeten 
und Reconvalescenten im Kriegsfalle erzielt und gesichert wurden. Zum großen 
Theile ist es der Befürwortung des Erzherzogs zu danken, dass zur Kräftigung 
der Mittel der Gesellschaft derselben der ganze Ertrag einer außerordentlichen 
Staats- Wohlthätigkeits-Lotterie zugewiesen und ihr zur Erbauung von Magazinen 
für den Fahrpark der Blessierten- und Material-Transports-Colonnen vom Rothen 
Kreuze im Prater zu Wien ein Bauplatz, welcher Privateigenthum Seiner Majestät 
des Kaisers ist, überlassen wurde. • 

Der Erzherzog hatte in seinem Palais in der Favoritenstrasse für den Dienst 
des Rothen Kreuzes eine eigene Kanzlei eingerichtet, in der alle Geschäftsstücke 
der Gesellschaft zur Unterbreitung an den Höchsten Herrn einliefen. Seine 
kaiserliche Hoheit unterzog sämmtliche Acten, sobald sie präsentiert wurden, 
der genauesten Durchsicht und erledigte jedes einzelne Stück ohne Verzug, 

•Am 23. und 24. Februar 1882 wurde über Initiative des Erzherzogs in Wien 
der erste Vereinstag mit den Vertretern des Vereines vom Rothen Kreuze in 
den Ländern der heiligen Krone Ungarns abgehalten, auf welchem unter dem 
Vorsitze des Erzherzogs volle Verständigung erzielt wurde über eine ganze Reihe 
von wichtigen Fragen, welche das Zusammenwirken der beiden Gesellschaften 
im Kriegsfalle betreffen. Beim Ausbruche der Insurrection im Occupationsgebiete 
übernahm der Erzherzog sogleich einen Theil der Functionen des General- 
Inspectors der freiwilligen Sanitätspflege und ertheilte den auf den Actions- 
schauplatz abgesendeten Delegierten des Rothen Kreuzes und deren Hilfspersonale 
die vorgeschriebene Legitimation. Der österreichischen Gesellschaft wurde durch 
die zur Unterstützung des Militär-Sanitätswesens während der Insurrection unter- 
nommene Action die erste Gelegenheit geboten, ihre allerdings noch wenig 
ausgebildeten Einrichtungen praktisch zu erproben; mit welchem befriedigenden 
Erfolge, kann aus einem Telegramme ersehen werden, welches der Erzherzog an 
den Bundespräsidenten, Carl Freiherm von Tinti, richtete, welches wie folgt lautete : 

'Seine Majestät der Kaiser hatten die Allerhöchste Gnade folgendes Hand- 
schreiben an mich zu richten: 

.Lieber Herr Bruder, Erzherzog Carl Ludwig! Aus dem Schlagfertigkeits- 
berichte Meines Reichs-Kriegsmin isters habe Ich mit Befriedigung das ersprießliche 
Wirken der Vereine des Rothen Kreuzes zur Kenntnis genommen, welches die- 
selben in beiden Reichshälften, sowohl hinsichtlich der im Frieden zu treffenden 
Vorsorgen, als auch durch die Unterstützung der sanitären Maßnahmen im 
Insurrectionsgebiete bethätiget haben. 

Indem Ich Euer Liebden aus diesem Anlasse für die segensreiche Mühe- 
waltung als Prot e et or-St eil Vertreter wärmstens danke, spreche Ich den beiden 
Präsidien, sowie den Vereinen für die freiwillige Sanitätspflege für die neuerdings 
bewiesene patriotische Opferwilligkeit Meine Anerkennung aus und haben Euer 
Liebden dieselben hievon in Kenntnis zu setzen. 

Budapest, am II. Mai 1882. Franz Joseph m. p.' 



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Hievon setze ich Sie mit wahrer Freude in Kenntnis und ermächtige Sie, 
ausnahmsweise hievon in meinem Namen den Landes- und Frauen-Hilfsvereinen 
Mittheilung zu machen. Car! Ludwig m. p.« 

Während dieser Action hatte sich der Erzherzog fast in jeder Woche durch 
den Bundespräsidenten über den Fortgang der Action persönlich Bericht erstatten 
lassen und bekundete das regste Interesse an allen Einzelheiten derselben. 
Mehreren Landes- und Frauen-Hilfsvereinen wurde die Ehre seines Besuches 
zutheil, und wir verdanken seiner Anregung und Fürsorge in diesem und dem 
folgenden Jahre sehr bedeutsame Erfolge. Es kann hiezu die Überwindung 
der Schwierigkeiten gerechnet werden, welche die Durchführung des Lotterie- 
Anlehens des Rothen Kreuzes erforderte, ferner eine gelegentlich des Eintretens 
verheerender Elementar-Ereignisse in Tirol und Kärnten unternommene Samm- 
lung, zu welcher die ersten Spenden vom Erzherzoge und seiner durchlauchtigsten 
Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, einliefen. 

Am 28. April 1883 fand unter dem Vorsitze des Erzherzogs im Bureau der 
österreichischen Gesellschaft der dritte Vereinstag des österreichischen und unga- 
rischen Rothen Kreuzes statt, dessen Hauptgegenstand die Vereinbarung betreffs 
Ergänzung, beziehungsweise Abänderung der Grundsätze für die Organisation 
und die Thätigkeit der beiden Vereine war, die auch — dank dem collegialen 
Zusammenwirken derselben — im gemeinschaftlichen Einverständnisse der beider- 
seitigen Delegierten, vorbehaltlich der Zustimmung der Bundesversammlung und 
der Generalversammlung des ungarischen Vereines, abgeschlossen wurde. 

Im Laufe des Jahres 1883 fanden die Vereinbarungen mit einer Anzahl von 
Militär- Veteranenvereinen zu dem Zwecke statt, um den Feldabtheilungen 
unserer Gesellschaft für den Fall einer Mobilisierung die nöthige Bemannung zu 
sichern, und es wurde vom Erzherzoge mit dem Befehlschreiben vom 16. December 
1883 die Ernennung sämmtlicher Delegierten für den Kriegsschauplatz vollzogen, 
womit die definitive Aufstellung der Blessierten-Transports-Colonnen, deren 
Fahrpark und Materialausrüstung bereits fertig gestellt worden waren, ihren 
Abschluss fand. 

Für das Central-Nachweise- und Auskunfts-Bureau, von denen ersteres im 
Kriege dem General-Inspector des Hilfswesens directe unterstellt ist, wurde das 
Organisations-Statut, das auf dem Vereinstage — als eine gemeinsame Angelegen- 
heit — in Berathung gestanden hatte, noch in diesem Jahre endgiltig festgesetzt 
und hiedurch eine für den Ernstfall ungemein wichtige Einrichtung vorbereitet. 

Ein Befehlschreiben des Erzherzogs vom 16. Mai 1884 gab der Bundes- 
leitung den Wunsch der Kriegsverwaltung bekannt, die Gesellschaft möge sich bei 
der Einrichtung und Ausstattung der zu errichtenden Kranken-Haltstationen mit 
Personal und Material betheiligen, und es wurden in einer unter dem persönlichen 
Vorsitze des Erzherzogs am 4. Juni abgehaltenen Berathung zwischen Vertretern 
des Reichs-Kriegsministeriums und der Gesellschaft, in welcher auch die früher, 
25. Mai, mit dem ungarischen Vereine vereinbarten Punctationen besprochen 
wurden, die Details über diese Haitstellen, deren Bedarf an Ärzten, Trägern, 
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Pflegern, an Medicamenten, Verbandmaterialien, Kücheneinrichtung etc., dann die 
vom Militär-Ärar zu gewärtigenden und die vom Rothen Kreuze gewünschten 
Leistungen zur eingehenden Erörterung gebracht und darauf sofort die Vorein- 
leitungen getroffen, um die Ausfiihrung dieses der Bundesleitung von höchster 
Stelle so dringend empfohlenen Ansinnens zu ermöglichen. 

Der vom Erzherzoge für den 19. Februar 1885 einberufene vierte Vereinstag 
hatte sich unter Leitung des Erzherzogs selbst mit den Directiven zu beschäftigen, 
die im Mobilisierungsfalle dem kaiserlich-königlichen Commissär und dem 
königlich-ungarischen Commissär zu ertheilen wären, dann mit jenen für die Wirk- 
samkeit des General-Inspectors der freiwilligen Sanitätspflege im gleichen Falle. 

An der vom November 1885 bis in die zweite Hälfte Jänner 1886 durch die 
Gesellschaft übernommenen freiwilligen internationalen Hilfeleistung im serbisch- 
bulgarischen Kriege hatte der Erzherzog nicht unmittelbar sich zu betheiligen 
Veranlassung gehabt, da die Monarchie ihre Streitkräfte nicht mobihsierte; allein 
er bewies das warme Interesse, das er der Action entgegenbrachte, welche die 
ihm so nahe stehende Gesellschaft unternommen hatte, durch die theilnehmende 
Art, wie er in ganz kurzen Zwischenräumen die Berichte über dieselbe und 
deren Erfolge in beiden kriegführenden Ländern entgegennahm und seine volle 
Anerkennung den in der Führung derselben beschäftigten Personen zum Aus- 
drucke brachte. Im Jahre 1886 hatte der Erzherzog die Landes-Hilfsvereine in 
Galizien und der Bukowina, sowie deren Einrichtungen für die Sanitätspflege 
inspiciert und die nun vollkommen eingerichteten Prater-Depots der Gesellschaft 
einer eingehenden Besichtigung unterzogen, nach welcher er der Central-Leitung 
der Gesellschaft, sowie den Präsidien der beiden Landes-Hilfsvereine für Nieder- 
österreich sowohl bezüglich des von der Gesellschaft aufzustellenden eigenen 
Feldspitales, als wegen der Vorsorgen für die Einrichtung von zwei im Mobili- 
sierungsfalle in Wien zu errichtenden Vereins-Reservespitälern seine besondere 
Befriedigung und Anerkennung schriftlich ausdrückte. 

Am 1 3. Jänner 1 888 fand abermals unter Vorsitz des Erzherzogs eine gemein- 
schaftliche Conferenz mit Vertretern der Vereine vom Rothen Kreuze beider 
Reichshälften in Angelegenheiten der vorbereitenden Friedensthätigkeit statt. 

Eine in die Organisation tief eingreifende Maßregel wurde in den Jahren 1 888 
und 1 889 völlig durchgeführt. Wie oben erwähnt, waren bei der Aufstellung der 
Blessierten-Transports-Colonnen der Gesellschaft mit einer Anzahl von Militär- 
Veteranenvereinen bindende Verabredungen getroffen worden, um für den Fall 
einer Mobilisierung den nothwendigen Stand an Mannschaften für diese Colonnen 
durch sich freiwillig zu diesem Dienste meldende Mitglieder dieser Vereine zu 
sichern. Der vorgeschriebene Stand war völlig completiert, außerdem eine ent- 
sprechende Reserve gewonnen, die gesammte Mannschaft durch Militär -Ärzte 
geschult und für ihre Bestimmung abgerichtet, von der Gesellschaft aber ganz mit 
den vorgeschriebenen Monturen und Feldausrüstungsgegenständen versehen 
worden. Nun traten in der Heeresergänzung neue Vorschriften ins Leben, die es 
gestatteten, auch den Anstalten des Rothen Kreuzes Mannschaften zu überweisen, 
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welche den Wehrpflichtigen, und zwar der k. lt. Landwehr entnommen wurden, 
und infolge dessen die Militär- Veteranen ihrer freiwillig übernommenen Dienst- 
verpflichtung zu entheben. Die Veranlassung hiezu und die hohe Anerkennung, 
welche die großentheils auf Einwirken des Erzherzogs erzielten Erfolge der 
patriotischen Thätigkeit der Militär- Veteranen durch den Obersten Kriegsherrn 
gefunden hatten, werden aus dem nachfolgenden Allerhöchsten Handschreiben 
ersehen werden können, welches Seine Majestät der Kaiser unter dem Datum: 
Schönbrunn, 4. November 1889, an den Erzherzog richtete: 
• Lieber Herr Bruder, Erzherzog Carl Ludwig! 

Mit Befriedigung habe Ich aus einem Mir erstatteten Vortrage Meines 
Ministers für Landesvertheidigung ersehen, in welch patriotischer Weise die 
Militär-Veteranenvereine bei der, entsprechend den Anträgen Meines Reichs- 
Kriegsmin isters, von der österreichischen Gesellschaft anerkennungswert durch- 
geführten Errichtung von Blessierten-Transports-Colonnen sich bereit erklärt 
haben, die von Euer Liebden angeregte Beistellung der für diese Colonnen 
erforderlichen Mannschaften zu übernehmen. 

Durch fachliche Ausbildung für den Dienst der Blessiertenträger geschult, 
haben die Veteranen zur Kriegsbereitschaft einer wichtigen Ergänzung der Feld- 
sanitätsanstalten wesentlich beigetragen und gezeigt, dass sie von jenem opfer- 
willigen Geiste, welcher Meinen braven Soldaten jederzeit eigen war, auch noch 
im bürgerlichen Leben beseelt sind. 

Da nunmehr erweiterte gesetzliche Einrichtungen es ermöglicht haben, die 
Blessierten-Transports-Colonnen vollständig mit Wehrpflichtigen zu bemannen und 
demnach die Militär-Veteranenvereine ihrer Verpflichtung zu entheben, nehme Ich 
gerne Anlass, um Euer Liebden für Ihre in dieser Angelegenheit bethätigle Für- 
sorge Meinen Dank und allen jenen, welche hierbei werkthätig mitgewirkt und 
bereitwillig sich betheiligt haben. Meine Anerkennung auszusprechen. 

Franz Joseph m. p.« 

Auf Befehl des Erzherzogs wurde dieses Allerhöchste Handschreiben allen 
betheiligten Militär-Veteranenvereinen durch das Bundespräsidium zur Kenntnis 
gebracht und demnächst die Zuweisung und Schulung der für den Dienst beim 
Rothen Kreuze bestimmten Landwehrmänner durchgeführt. In diesem Jahre hatte 
der Erzherzog eine Inspicierungsreise unternommen, um die Localitäten für das 
im Kriegsfälle zu errichtende Vereins-Reservespital in Sanok in Galizien, dann die 
Anstalten des Rothen Kreuzes in Pardubitz, Josefstadt, Königgrätz, Leitmeritz und 
Theresienstadt zu besichtigen und von der Friedensthätigkeit und den Vorsorgen 
für den Kriegsfall der dortigen Vereine sich persönlich zu überzeugen. 

Die vom Erzherzoge im Auftrage Seiner Majestät des Kaisers vollzogene 
Eröffnung der Landesausstellung in Prag 1891 benützte derselbe, um sein warmes 
Interesse an dem Wirken des dortigen Landes- und des Frauen- Hilfsvereines vom 
Rothen Kreuze durch die Besichtigung ihrer Ausstellung zu bekunden und seiner 
vollen Anerkennung über dieselbe dem Präsidium beider Vereine Ausdruck zu 
geben. Anlässlich eines Besuches des Erzherzogs in Schlesien, in Görz und in 
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Triest wurden mehrere Hilfsvereine inspiciert und über die Wahrnehmungen, 
welche bei diesen Anlässen sich ergaben, den Vereinen in mehreren, ihre Einrich- 
tungen und Wirksamkeit anerkennenden, schmeichelhaften Handschreiben Mit- 
theilung gemacht. 

Als beim Herannahen der Gefahr einer Einschleppung der Cholera 1892 die 
beiden niederösterreichischen Landes-Hilfsvereine im XIV. Bezirke der Stadt Wien 
ein Baracken-Choleraspital errichteten und mit aller nöthigen Ausrüstung versahen, 
hatten sie die hohe Ehre, am 12. November 1892 vom Erzherzoge und seiner 
durchlauchtigsten Frau Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, gelegentlich 
deren sich auf alle Einzelheiten erstreckenden Besichtigung der Baracken den 
Ausdruck höchster Zufriedenheit mit der Thätigkeit beider Vereine zu empfangen. 

Die in den beiden letzten Jahrzehnten in den großen Mititärstaaten Europas 
und daher auch in unserer Monarchie immer weiter vorgeschrittene Entwicklung 
des Kriegswesens und damit innig zusammenhängende Vermehrung der Wehr- 
kraft ließ auch eine Stärkung des freiwilligen Hilfsvereinswesens für den Kriegs- 
fall als im Interesse der eventuellen Unterstützung der staatlichen Militär-Sanitäts- 
einrichtungen gelegen erkennen, und es wurde deshalb der Gedanke angeregt, das 
freiwillige HilfsWesen mehr auf die breitere Grundlage der organisierten politischen 
Gemeinden zu stützen, deren Beitritt als solche zu den Hilfsvereinen schon im 
Frieden anzustreben wäre und die im Mobilisierungs- und Kriegsfalle als Sammel- 
stellen für die der Armee im Felde zu übermittelnden Unterstützungen die besten 
Dienste leisten könnten. Der Erzherzog, dem hierüber ein mptivierter Bericht 
erstattet worden war, trat mit alier Energie als Förderer dieses Projectes auf, 
dessen Verwirklichung er selbst in einem besonderen Erlasse dem Ministerium 
des Innern zu dem Zwecke dringend empfahl, damit durch Einwirkung auf die 
Statthalter und Landes-Chefs <iei\ Bezirkshauptleuten die kräftigste Unterstützung 
der Landes-Vereine aufgetragen werde, wenn diese die Gemeinden zum Beitritte 
auffordern würden. 

Diese .Anregung des Erzherzogs hat den durchschlagenden Erfolg der 
geplanten Maßregel gesichert, durch welche es gelang, im Laufe der folgenden 
Jahre bis heute an (3000 Gemeinden als Mitglieder anzuwerben, von denen ein 
großer Theil, und zwar alle bedeutenderen, sich für den Kriegsfall verpflichteten, 
als Sammelstellen für ihren betreffenden Stammverein zu fungieren. Wenn dieses 
Resultat in so überraschend kurzer Zeit erzielt worden ist, kann der Dank dafür 
nur der ebenso entschiedenen als wohlwollenden Ingerenz des Erzherzogs gezollt 
werden, welcher die staatlichen Behörden zur Belehrung und Aneiferung der 
Gemeinden zu veranlassen wusste. 

In den letzten Jahren hatte das österreichische Rothe Kreuz keine Veran- 
lassung, bei einer kriegerischen Action seine Thätigkeit zu entfalten und seine 
allezeit verfügbar gehaltenen bedeutenden Mittel bei einer feindlichen Gelegenheit 
dem Vateriande zur Verfügung zu stellen. Dafür traten aber wiederholt im Frieden 
Nothstände ein, welche eine auf Grund der Statuten zulässige Hilfeleistung gestat- 
teten und bedingten. So beim Einbrüche der Cholera über die ungarisch-gali zische 
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Grenze unter die an der Bahn Stanislau-Nadworna-Woronienka beschäftigten 
Arbeiter durch Beistellung eines Nothspitales, aus Döcker'schen Baracken mit com- 
pleter Einrichtung bestehend, dann gelegentlich der Erdbebenkatastrophe 1895 in 
Laibach, wo an Stelle des gänzlich unbelegbar gewordenen alten Landes-Spitales 
im März alle Abtheilungen desselben in einem aus 28 Baracken zusammen- 
gesetzten und im Spitalsgarten aufgestellten Nothspitale bis zum October unter- 
gebracht waren, das zur vollen Zufriedenheit der Sanitäts- und politischen Behörden 
functionierte. Dieses Spital wurde vom Erzherzoge gelegentlich seiner Besichtigung 
der durch das Erdbeben veranlassten Schäden im Detail inspiciert, und es sind der 
Bundesleitung über diese Leistungen in den ehrenvollsten Ausdrücken die Aner- 
kennungen des Erzherzogs bekannt gegeben worden. Schließlich wäre noch der 
Besuch zu erwähnen, den der Erzherzog in diesem Jahre den beiden Landes-Hilfs- 
vereinen für Böhmen in Prag abstattete, wobei er das von dem Frauen-Hilfsvereine 
ins Leben gerufene weltliche Pflegerinnenheim seiner besonderen Aufmerksamkeit 
würdigte und seine hohe Zufriedenheit mit einer Einrichtung aussprechen wollte, 
welche der Stadt Prag ebenso eine wohlgeschulte und verlässliche weibliche 
Pflege zu sichern, als im Kriegsfälle eine größere Anzahl von Pflegerinnen dem 
Rothen Kreuze zuzuführen bestimmt ist. 

Auf den vorangehenden Blättern wurde versucht, das Lebensbild des Erz- 
herzogs zu zeichnen in seiner Thätigkeit für das freiwillige Hilfswesen in Öster- 
reich. Ohne aus diesem begrenzten Rahmen herauszutreten, könnten demselben 
noch zahlreiche Striche beigefügt und manche Züge hervorgehoben werden, die 
den edlen Charakter des Erzherzogs in das hellste Licht zu setzen geeignet wären, 
dessen Patriotismus, Opferwilligkeit und echt christliche Nächstenliebe in seiner 
Stellung an der Spitze des Rothen Kreuzes vielleicht am meisten dazu beitrug, 
jene Popularität zu begründen, deren sich der verewigte Erzherzog in allen Classen 
der Bevölkerung und in allen Ländern der Monarchie erfreute.» 

Soweit Graf Franz Falkenhayn über die Thätigkeit des Erzherzogs im 
Interesse des Rothen Kreuzes. 

Weich schwerer Verlust deshalb die Österreichische Gesellschaft vom Rothen 
Kreuze durch den Hingang eines so eifrigen Protectors betroffen hat, geht auch 
aus dem tiefbewegten Nachrufe hervor, welchen der erste Bundes-Vicepräsident 
Dr. Brichta in der zu feierlicher Trauerkundgebung einberufenen außer- 
ordentlichen Bundesversammlung vom 30. Mai 1896 dem gesegneten 
Andenken des hohen Verblichenen gewidmet hat. Der Nachruf hat folgenden 
Wortlaut: 

• Hochansehnliche Bundesversammlung! 

Noch stehen wir unter dem erschütternden Eindrucke jenes schmerzlichen 
Ereignisses, das Seine Majestät unseren erhabenen Monarchen und allergnädig- 
sten Protector unserer Gesellschaft, die eriauchten Mitglieder des Allerhöchsten 
Kaiserhauses, die Völker Österreichs und alle die zahlreichen Kreise und Corpo- 
rationen, die sich die Pflege der Kunst und Wissenschaft, des Gewerbes und der 
Industrie, der Humanität und Wohlthätigkeit zur Aufgabe machten, darunter nicht 
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zum wenigsten die österreictiische Gesellschaft vom Rothen Kreuze, in die 
tiefste Trauer versetzte. 

Seine kaiserliche und l<Önigliche Hoheit der durchlauchtigste Erzherzog 
Carl Ludwig, unser erlauchter Protector-Stellvertreter, ist nicht mehr! 

Was dieser Verlust für das Allerhöchste Herrscherhaus und den Staat 
bedeutet, wurde bereits an anderer Stelle und von berufener Seite in beredten 
Worten ausgesprochen. 

Hier in unserem engeren Kreise sei es mir nur gestattet, der besonderen 
Verdienste des hohen Verblichenen um die Sache des Rothen Kreuzes und um 
die Organisation unserer Gesellschaft, zugleich aber auch des schweren, ja uner- 
setzlichen Verlustes zu gedenken, den unsere Gesellschaft durch den Hintritt 
ihres erlauchten Beschützers erleidet. 

Wer gleich den Mitgliedern der Bundesleitung in der glücklichen Lage war, 
zu sehen, mit welch strenger Gewissenhaftigkeit unser gnädigster Protector- 
Stellvertreter und General-Inspector der freiwilligen Sanitäts pflege im Kriege alle 
unsere Schritte und Bestrebungen an der Hand der Acten und im Wege münd- 
licher Berichterstattung des Bundespräsidenten bis zum kleinsten herab prüfend 
und urtheilend verfolgte, mit welch offener Bereitwilligkeit der durchlauchtigste 
Erzherzog überall, wo es galt, die Sache des Rothen Kreuzes zu fördern, das 
ganze Gewicht seiner hohen Persönlichkeit einsetzte, und mit welch väterlicher 
Fürsorge er dagegen jeden schädigenden feindlichen Einfluss in weiser Voraus- 
sicht abzuwehren und unserer Institutton die errungene festgegliederte Organi- 
sation unversehrt zu erhatten suchte, wer, sage ich, dies alles mit eigenen Augen 
seil dem Bestände unserer Gesellschaft zu beobachten in der Lage war, vermag 
allein die Verdienste Seiner kaiserlichen Hoheit auf dem Gebiete der freiwilligen 
Sanitäts pflege in ihrer wahren Bedeutung und den Verlust unserer Gesellschaft 
in seiner vollen Tragweite zu ermessen. 

Nicht bloß den Verlust eines hohen, mächtigen Gönners und Schutzers 
unserer Sache haben wir zu beklagen; den wärmsten Freund, den treuesten 
Anhänger, den eifrigsten Verfechter, den überzeugungsvollsten Propagator der 
Ideen des Rothen Kreuzes haben wir an dem edlen Prinzen des Allerhöchsten 
Kaiserhauses verloren. 

Das rege Interesse Seiner kaiserlichen Hoheit für unsere Institution zeigte 
sich insbesondere auch darin, dass unser durchlauchtigster Protector-Stellvertreter 
alljährlich unsere Bundesversammlung mit Höchstseiner Gegenwart beehrte, 
unseren Verhandlungen mit großer Theilnahme folgte und hier durch Aufmun- 
terung, dort durch Anerkennung den Eifer des einzelnen für die Sache anzuregen 
und wach zu erhalten wusste. 

Und noch in jüngster Zeit anlässlich seiner Orientreise bekundete der 
erlauchte Erzherzog uns sein gnädigstes Wohlwollen damit, dass er unmittelbar 
vor Antritt der Reise noch in unseren KanzleUocalitäten unerwartet und unan- 
gemeldet, gleichsam um Abschied zu nehmen, erschien und in der gewohnten 
leutseligen und herablassenden Weise die anwesenden Referenten der Bundes- 
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leilLing über gesellschaftliche Angelegenheiten, insbesondere aber auch über 
den Bau eines eigenen Hauses, für den sich Seine kaiserliche Hoheit lebhaft 
interessierte, gnädigst in das Gespräch zu ziehen geruhte. 

Es sollte leider ein letzter Besuch, ein Abschied für immer sein. Eines aber 
soll uns unvergesslich bleiben, eines soll in den Annalen der Geschichte unseres 
Vereinslebens mit ehernen Lettern verzeichnet werden: 

Das Andenken an unseren dahingegangenen erlauchten 
Beschützer, das durch sein erhabenes Wirken und die Verdienste um die 
Organisation und die weitere Ausgestattung unserer Gesellschaft in markigen, 
unauslöschlichen Zügen für immer gekennzeichnet ist. 

Zur Ehrung dieses Andenkens und zum Zeichen der Trauer um den ver- 
blichenen durchlauchtigsten Erzherzog haben Sie sich bereits von den Sitzen 
erhoben und habe ich mir nur die Ermächtigung noch zu erbitten, diese Trauer- 
kundgebung der Bundesversammlung Seiner Majestät unserem allergnädigsten 
Protector in geeignetem Wege ehrfurchtsvollst zur Allerhöchsten Kenntnisnahme 
bringen zu dürfen.» (Zustimmung.) 

Das Bundespräsidium legte an dem Sarge des hohen Verblichenen einen 
Kranz nieder, betheiligte sich am Leichenbegängnisse und veranstaltete einen 
feierlichen Seelengottesdienst in der Votivkirche, Derselbe wurde celebriert von 
dem hochwürdigen Prälaten Marschall, jenem ausgezeichneten Priester, welcher 
in unermüdlicher Obsorge für die Zwecke der freiwilligen Krankenpflege vom 
Rothen Kreuze und als Vertreter der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin 
Maria Theresia, der hohen Schutzfrau der einschlägigen Frauen-Vereine, sich 
seit Jahrzehnten große Verdienste um diese ganze Institution erwarb. 



In Ungarn führte der Erzherzog am 17. Mai 1881 in der constituierenden 
Generalversammlung des genannten Vereines persönlich den Vorsitz. Es handelte 
sich damals um Schaffung einer wohlauszubildenden Organisation, in welche das 
ganze ungarische Reich eingefügt werden könnte. DasGewicht des persönlichen 
Einflusses des Erzherzogs brachte es sehr bald dahin, dass nach Eriassung eines 
entsprechenden Aufrufes an alle Municipien behufs Inangriffnahme der Gründung 
von Zweigvereinen durch Organisationscommissionen ein Netz von solchen 
Filialen entstand, welche mehr oder minder ergebnisreiche Thätigkeit entfalteten. 
Der Grund war gelegt; an dem Weiterbaue nahm der Erzherzog in jedem Stadium 
den lebhaftesten Antheii. Alle wichtigeren Actionen begleitete er mit Rath und 
Förderung, über alle belangreicheren Vorkommnisse ließ er sich Bericht erstatten. 
Auch im Jahre 1883 präsidierte der Erzherzog am 7. Mai der Generalversammlung 
des Vereines persönlich, während unter seinem Vorsitze in den genannten, sowie 
in den darauffolgenden zwei Jahren eine Art Statut ausgearbeitet wurde, in 
welchem die Wirksamkeit des Vereines für den Kriegsfall planmäßig festgestellt 
wurde. Im Vereine mit dem Präsidium der gleichnamigen österreichischen Gesell- 
schaft und den Vertretern des gemeinsamen Kriegsministeriums wurden unter 
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Vermittlung des Erzherzogs Grundsätze formuliert, welche sich auf nachbezeich- 
nete Gegenstände erstrecken: 1. Instruction für die Blessierten -Transports- 
Colonnen; 2. Instruction für das Central-Nachweise-Bureau und das Budapester 
und Wiener Nachrichtenvermittlungs- Bureau; 3. Instruction für die Haupt- 
delegierten, Delegierten und die mobilen Vereins-Depots; 4. Zoll- und Portofreiheit, 
sowie freie Fahrt und Fracht im Kriegsfalle. 

Im Jahre 1885 nahm der Erzherzog unter anderem die Eintheilung der 
Delegierten und Hauptdelegterten für den Kriegsfall vor, in dem ihm selbst die 
Stellung eines General-Inspectors des gesammten freiwilligen Sanitätsdienstes 
zukam. 

Für den Bau des großartigen Elisabeth-Spitales in Budapest trat der Erzher- 
zog mit wahrem Feuereifer ein. Außer anderen Beträgen, die er diesem Zwecke 
widmete, errichtete er mit dem Betrage von 1000 fl. in Gemeinschaft mit der Frau 
Erzherzogin Maria Theresia eine Bettstiflung in diesem Spitale und seinem 
Beispiele folgten auch andere Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses mit 
großen Spenden. 

Besonders unermüdlich erwies sich der Erzherzog und die Frau Erzherzogin 
MariaTheresia im Besuche der verschiedenen Anstalten und Magazine des Vereines 
in allen Theilen des Stephansreiches, und es gibt kein Spital, keine Krankenstation, 
zu welchen der Erzherzog nicht seine Inspectionsreisen ausgedehnt hatte. 

So besuchten Ihre kaiserlichen und königlichen Hoheiten in der Zeit vom 
28. August bis 8. September 1889 allein nachstehend benannte Anstalten des 
Vereines: die Kranken - Haltstationen ohne Nachtruhe in Hatvan, Miskolcz, 
Nyiregyhäza, Debreczin, Szathmär, Beregszäsz, Mezölaborcz, Popräd, Ruttka und 
Trencsin; die Kranken-Haltstationen mit Nachtruhe zu S.-.^.-Ujhely, Zsolna und 
Nagyszombat; das Spital zu Bustyahäza; ferner die Reconvalescentenhäuser zu 
Bereg-Szent-Miklös, Barlangliget, Kesmark und Rajecz-Teplicz. Die kaiserlichen 
und königlichen Hoheiten wurden seitens der Vereinsdirection durch den 
Präsidenten Grafen Julius Kärolyi und Curator Emerich v. Ivänka begleitet. 
Obwohl Ihre kaiserlichen und königlichen Hoheiten überall ein anerkennendes 
oder ermunterndes Wort für die huldigenden Vereinsmitglieder hatten, hat noch 
Seine kaiserliche und königliche Hoheit der Herr Erzherzog in seinem an den 
Herrn Präsidenten Grafen Julius Kärolyi gerichteten hohen Erlasse Z, 32/V. H. 
vom 26. September 1889 über das im Gebiete des Vereines Gesehene und 
Erfahrene seine wärmste Anerkennung und seinen Dank ausgedrückt. 

Im Juni 1887 besuchten die kaiserlichen und königlichen Hoheiten das 
Reserve-Vereinsspital in Agram und die Kranken-Haltstation daselbst wie in Esseg. 
Am 8. Juni 1891 geruhte die Erzherzogin Maria Theresia in Begleitung Ihrer 
königlichen Hoheit der Infantin Maria Anna von Bragan9a, des Obersthofmeisters 
Grafen Ladislaus Pejäcsevich, der Gräfin Carola Zichy und des Hauptmannes 
Camillo Geißberg das Elisabeth-Spital in Budapest mit ihrem hohen Besuche zu 
beehren. Ihre kaiserliche Hoheit verweilte mit Gefolge 2'/i Stunden im Spitale, 
besuchte auch die Kranken und hatte für jeden ein Wort des Trostes. Nach 

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der Besichtigung zeichneten die hohen Gäste ihre Namen in das Besuchsbuch, 
und die durchlauchtigste Frau Erzherzogin sprach ihre besondere Anerkennung 
über die vorgefundene Ordnung und die zweckmäßige Einrichtung des Spitales 
aus. Am selben Tage besuchte der Erzherzog die für die Budapester Kranken- 
Haltstation bestimmten Localitäten, und zwar das Magazin III des Donau- 
frachtenbahnhofes, sowie die südliche Hälfte des Magazins I des Westbahnhofes, 
Der Höchste Herr fand die Localitäten für die genannten Zwecke sehr geeignet 
und drückte sowohl den erschienenen Mitgliedern der Vereinsdirection, wie auch 
den Organen der Eisenbahnen und dem Vertreter des Bethesda-Spitales seine 
hohe Zufriedenheit aus. Seine kaiserliche Hoheit besichtigte femer am 22. August 
1890 die Einrichtungen des Pressburger Vereines und der Kranken-Haltstation, 
sowie die unter der Obsorge des städtischen Ausschusses Pozsony (Pressburg) 
stehende Blessierten-Transports-Colonne. Später wurden die Krankenhäuser in 
Siebenbürgen besichtigt 

Am 6. Juni 1891 präsidierten Erzherzog Carl Ludwig als Protector-Stell- 
vertreter und Frau Erzherzogin Clotilde persönlich der Generalversammlung in 
Budapest, bei welcher Gelegenheit der Erzherzog eine Ansprache hielt. 

Am lÖ. August 1891 richtete Erzherzog Carl Ludwig von Wartholz aus ein 
umfangreiches Aufmunterungs- und Anerkennungsschreiben an die Vereinsleitung. 
Am 6. November verlangte der Erzherzog, es möchten ihm Ende Jänner eines jeden 
Jahres detaillierte Berichte über die Thätigkeit des vom Vereine ins Leben 
gerufenen Central-Nachweise-Bureaus eingesendet werden. 

Von besonders nachhaltiger Wirkung erwies sich der Schritt des Erzherzogs, 
dem Clerus Ungarns die Förderung des Rothen Kreuzes anzuempfehlen. Schon 
früher hatte der Cardinal-Erzbischof Haynald dem Vereine eine großartige Stiftung 
gewidmet, nun folgten andere Kirchenfürsten und Cleriker nach Maßgabe ihres 
Vermögens diesem Beispiele. 

Aufs nachhaltigste förderte der Erzherzog auch die Actionen des Vereines, 
welche auf Abwendung der Choleragefahr und Hilfeleistung für Bewohner 
durch Elementarunglück geschädigter Gegenden abzielten, zu welch letzt- 
genanntem Zwecke der Verein alljährlich bedeutende Opfer brachte. Denn der 
ungarische Verein hat sich nicht bloß zu dem Zwecke gebildet, um Verwundete 
im Kriege zu pflegen, sondern auch dazu, «um in jeder menschenfreundlichen 
Richtung Wohlthätigkeit zu üben». Der ungarische Rothe Kreuz-Verein wusste, 
dass ebenso wie die Feldzüge ihre Verwundeten haben, so auch die Arbeit ihre 
Verwundeten und Invaliden hat, und dass, wer sich im Interesse des einen bemüht, 
dem andern gegenüber nicht theilnahmslos sein könne. 

Als der Vereinspräsident Graf Csekonics zwischen dem 8. und 15. Juli 1894 
eine Rundreise unternommen hatte, zu dem Zwecke, von der Eignung der Locali- 
täten für die Sanitätsanstalten, weiche durch die betreffenden Filialvereine zu 
unterhalten waren, und von den bisherigen Vorbereitungen sich persönlich Über- 
zeugung zu verschaffen, nahm der Erzherzog den hierüber erstatteten eingehenden 
Bericht mit dem lebhaftesten Interesse entgegen und erklärte, dass er allen 



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jenen, die für den Kriegsfall bezüglich der Verpflegung einer größeren Anzahl 
reconvalescenter Krieger Anträge stellen, für ihre auf diese Weise bekundete 
Opferwiiligkeit in höchsteigener Person zu danken beabsichtige. 

An dem erfreulichen Ergebnisse der vom Vereine ins Werk gesetzten unga- 
rischen Rothen Kreuz-Lotterie gebürt den Bemühungen des Erzherzogs ein 
hervorragender Antheil. Alle Protokolle und Unterbreitungen las er aufmerksam 
durch, und die Randbemerkungen, die er eigenhändig auf die Acten schrieb, werden 
bis in späte Zeiten seine persönliche Theilnahme an allen Angelegenheiten des 
Vereines beweisen. In wichtigeren Fragen verzeichnete er wörtlich, wie die Erledi- 
gung der Geschäfte sein möge. Er blieb in ununterbrochenem geistigen Contacte 
mit allen patriotischen Männern und Frauen, welche die Ziele des Rothen 
Kreuzes zu den ihrigen gemacht hatten. Es kam ihm hiebei zustatten die Tiefe 
seiner Gefühlswelt, weiche mit der Höhe seiner Stellung wetteiferte: jene wahrhafte 
Menschenliebe und jene Samariterdenkart, die sein ganzes Wesen durchdrang, 
und die edle Einfachheit seines Charakters, welche jeden gewann und bezwang. Es 
gab nichts Geringes, was ihm zu gering gewesen wäre ; es gab keine große Frage, 
deren Schwierigkeit ihn zurückgeschreckt hätte. Wenn ein Detail dem Vereins- 
präsidium entgieng, er kehrte gewiss auf dasselbe zurück und er erinnerte sich 
desselben; wenn anderen eine heikle Frage Zwang auferlegte, er machte sich 
herzhaft an dieselbe, und wenn nicht anders, so suchte er die Lösung auf dem 
Wege persönlicher Berührung und vertraulicher Berathung und führte so die 
gedeihliche Entscheidung herbei. 

Eben hatte er sich entschlossen, auch der Generalversammlung des Rothen 
Kreuzes in Budapest seine Gegenwart zu schenken, den Tag hiefür hat er noch 
persönlich anberaumt. Ein für den Verein trauriges Geschick hat es leider gefügt, 
dass an diesem Tage nur mehr das Andenken an ihn, an einen Hingeschiedenen 
begangen werden konnte. 

Seit den 16 Jahren segensreichen Wirkens seitens des hohen Protector- 
Stellvertreters hat der Verein vom Rothen Kreuze in Ungarn kolossale Leistungen 
aufzuweisen. DerVerein, der 1879 mit 2000 Mitgliedern und einer Jahreseinnahme 
von 47.000 fl. rechnete, zählte 1895 28.000 Mitglieder mit einem Vermögen von 
2,200.000 fl. Außerdem wurde für Mobilisierungszwecke bis 1895 ein Fond von 
393,000 fl. angesammelt und überdies für Verunglückte und von Elementarschäden 
Betroffene 520.000 fl. ausgegeben. Für den Kriegsfall hat der Verein zur Unter- 
bringung von 450 Officieren und 38.000 Personen des Mannschaftsstandes vor- 
gesorgt. 

So dankt ihm das Vaterland, dankt ihm die Armee in erster Linie die glänzende 
und heilversprechende Entwicklung dieser Institution, und viele Tausend ver- 
wundeter und kranker Krieger werden in ihm einst, wenn die Armee zum Kampfe 
gerufen werden sollte, den erlauchten Spender von Linderung und Heilung segnen. 



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Wie der Hilfsverein vom Rothen Kreuze sich das patriotische Ziel gesteckt 
hat, im Kriege die Obsorge über Pflege und Unterstützung verwundeter oder 
erkrankter Krieger in organischem Zusammenwirken zu übernehmen, so fand sich 
— und hierin ist Österreich allen Staaten mit nachahmenswertem 
Beispiele vorangegangen — eine Gesellschaft von Patrioten zusammen, 
welche zur Ergänzung der Wirksamkeit des Rothen Kreuzes sich bekanntlich die 
Aufgabe gestellt hat, auch in Friedenszeiten für Unterkunft und Pflege leidender 
Angehöriger des kaiserlich-königlichen Heeres in Curanstalten des In- und Aus- 
landes, sowie für Errichtung eigener Curhäuser Sorge zu tragen. Die glückliche 
und rasche Begründung eines erwähntem Zwecke dienenden Militär-Curhauses 
zu Marienbad im Jahre 1881 hatte den Wunsch wachgerufen, auch an anderen 
Orten ähnliche Heilanstalten zu errichten. So entstand am 2. Februar 1882 die 
Österreichische Gesellschaft vom Weißen Kreuze, welche in .Anerkennung 
ihres patriotischen Bestrebens von Allerhöchster Seite bald in Seiner kaiserlichen 
und königlichen Hoheit dem Kronprinzen Erzherzog Rudolf einen erlauchten 
Protector fand. Zusehends erstarkte der Verein, so dass im Jahre 1889 bereits in 
Abbazia, Bad Hall, Meran, Hof-Gastein und Marienbad Curhäuser in 
Benützung standen, der Bau eines solchen in Carlsbad und die Erwerbung des 
• Mecklenburger Hauses» in Gräfenberg in Aussicht genommen werden konnte, 
in erwähnten Curhäusern bis zu oberwähntem Zeitpunkte bereits 1477 Officiere, 
103 Cadetten, 468 Offleiersfrauen und Kinder und 15 sonstige Armee-Angehörige 
Unterkunft und Verpflegung fanden und mehr als 15.000 Flaschen Mineralwässer 
verabreicht wurden. Am Schlüsse des Jahres 1889 stellte sich das Reinver- 
mögen der Gesellschaft auf 151.695 fl., worunter 72.800 fl. an schuldenfreien 
Realitäten. 

Ein schwerer Schlag traf im genannten Jahre den jungen Verein, indem der 
hohe Protector der Gesellschaft, weiland Kronprinz Rudolf, durch den Tod dahin- 
gerafft wurde. Auf den Verein übte diese Katastrophe geradezu einen zeitweilig 
lähmenden Druck aus. 

Um dem verwaisten Vereine die Gönnerschaft eines mächtigen Schirmherrn 
zu sichern, brachten im .Auftrage des Ausschusses Seine Durchlaucht Fürst 
Schwarzenberg und Seine Excellenz Freiherr von Bezecny als Vorstände der 
Gesellschaft in einer Audienz bei Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit dem 
Erzherzoge Carl Ludwig am3. December des obgenannten Jahres die ergebenste 
Bitte vor, Höchstderselbe wolle geruhen, das Protectorat über die Österreichische 
Gesellschaft vom Weißen Kreuze zu übernehmen. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit erklärte sich in huldvollster Weise 
bereit, das Protectorat über die Gesellschaft zu übernehmen und sprach die 
Versicherung aus, dass er bemüht sein werde, die Interessen der Österreichischen 
Gesellschaft vom Weißen Kreuze in jeder Richtung kräftigst zu fördern. 

Der Central-Ausschuss nahm diese hocherfreuliche, eine glückliche und 
gedeihliche Fortentwicklung der Gesellschaft verheißende Mittheilung stehend und 
unter allseitigem Zurufe entgegen. 

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Es war dies ein Freudentag für die ganze Gesellschaft; denn längst war es 
bekannt, wie lebhaft sich Seine kaiserliche und königliche Hoheit für die edlen 
Zwecke des Weißen Kreuzes interessierte, eine Thatsache, welche gelegentlich 
des Besuches des Herrn Erzherzogs Carl Ludwig, der das Militär-Curhaus 
•Kronprinz- Rudolf- Stiftung- in Marienbad am 22, December 1889 in allen Theilen 
eingehend besichtigte und sich über die Vertiältnisse daselbst gründlich Bericht 
erstatten Heß, anspornend und neubelebend auf die gesammte Vereinsthätigkeit 
zurückwirkte. 



Miliiar-CurhaHS ;« Area. 

Mit neuem Muthe, erhöhter Schaffensfreudigkeit gieng man ans Werk, 
Vorwärts! hieß die Losung. Und in der That blühte seither bis zu dem Hinscheiden 
des hohen verewigten Erzherzogs 1896 die Gesellschaft ungeahnt rasch empor. 

Bereits früher hatte der Herr Erzherzog den Zwecken des Vereines einen 
namhaflen Betrag gewidmet. Von jetzt an bot er seinen maßgebenden Einfluss an 
Alterhöchster Stelle auf, um dem Vereine großartige öffentliche Zuwendungen zu 
verschaffen. Laut Allerhöchster Entschließung vom 29. October 1895 wurde dem 
Weißen Kreuze eine Erträgnisquote der XVilL Staat s- Wo hlthätigkeits- Lotterie in 
erheblichem Betrage zugewendet. Wie sehr das sichtliche.Aufblühen und Gedeihen 
des Vereines den Erzherzog erfreute, klingt auch aus einem Handschreiben 
Höchstdesselben an den Fürsten Schwarzenberg vom 20. November 1895 



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gelegentlich der Entgegennahme des Vereinsberichtes vom Jahre 1895 in sym- 
pathischer Weise wieder. Der Wortlaut jenes Handbillets ist folgender: 
«Euer Durchlaucht! 

Mit lebhafter Befriedigung habe ich das Jahrbuch der österreichischen 
Gesellschaft vom Weißen Kreuze pro 1895 zur Kenntnis genommen und daraus 
ersehen, dass dieselbe durch die Errichtung von zwei neuen Militar-Curhäusern 
eine fortschreitend segensreiche Wirksamkeit entfaltet und überdies eine namhafte 
Vermögensvermehrung erzielt hat. 

In Würdigung dieser lobenswerten Erfolge spreche ich allen hiebei 
betheiligten Persönlichkeiten und Functionären für deren patriotische Mitwirkung 
meinen besten Dank und meine vollste Anerkennung aus. 

Rottenstein, 20. November 1895. Erzherzog Carl Ludwig m. p.» 

So oft der Erzherzog in Meran weilte, unterließ er niemals, dem dortigen 
gesellschaftlichen Militär- Curhause durch seinen Besuch seine Theilnahme zu 
bekunden. Bei jeder Gelegenheit fand er für Gönner und Wohlthäter des Vereines 
ein Dankeswort, bei jeder neuen Unternehmung der Vereinsleitung wirkte sein 
Lob, seine Aufmunterung, sein wohlwollender Rath und seine Vorschubleistung 
zur Anspannung aller Kräfte im Dienste des Gemeinwohles. So boten die mit 
jedem Jahre sich steigernden Erfolge die Früchte redlichen Bemühens, die am 
augenfälligsten in der Sprache der Ziffern zutage treten. 

Schon nach sechs Jahren, Ende 1 895, waren zu den bereits bestehenden noch 
in Portorose, Rohitsch, Sauerbrunn, in Arco, welches seinerzeit von Seiner kaiser- 
lichen und königlichen Hoheit dem Herrn Erzherzog Albrecht mächtig gefördert 
wurde, und Carlsbad neue prächtige Militär-Curhäuser entstanden, an vielen 
anderen Curorten Freiplätze für Militärs geschaffen worden, die Zahl der in den 
Curhäusern Untergebrachten aus dem Offleiersstande war auf 3691 gestiegen, die 
Gesammtzahl der Pfleglinge auf 5332, eine große Zahl neuer Zweigvereine wirkten 
für das Fortschreiten der guten Sache und — last not least — auch das reine 
Vermögen der Gesellschaft hatte sich in den sechs Jahren unter dem Protectorate 
des Herrn Erzherzogs mit Schluss des Jahres 1895 auf 317.868 fl., darunter 
229.751 fl. an schuldenfreien Realitäten und Inventar, alsb mehr als um das 
doppelte gehoben. 

Ehre, dem Ehre gebürt! Einen Hauptantheil an diesen so herrlichen Erfolgen 
wird die Geschichte des Vereines dem Namen des trefflichen Protectors zu- 
erkennen. Welchen Verlust daher das Hinscheiden des so segensreich wirkenden 
Protectors für den Verein in sich schloss, darüber gibt es in den Kreisen des 
Vereines nur eine einmüthige Stimme der Klage und Trauer. Mit unverlöschl icher 
Dankbarkeit und Verehrung werden die Mitglieder allezeit zu dem Bildnisse des 
Verewigten emporblicken, das ein Gönner des Vereines und begeisterter Anhänger 
des hingeschiedenen Protectors für den Sitzungssaal des Central-Ausschusses 
gespendet hat. 



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VIII. Capitel. 

Erzherzog Carl Ludwig als Förderer der Künste und Wissen- 
schaften. 



Ein dauerndes Andenken hat sich der Erzherzog als Beschützer der schönen 
Künste und Wissenschaften gesichert. Zunächst war es die Kunst, die ihm in all 
ihren edlen Formen einen verschönernden Lebensgenuss bot; sie zu fördern war 
ihm Bedürfnis und an dem Streben der Künstler nahm er stets den lebhaftesten 
Antheil. Dies bethätigte er vorzugsweise als Protector der Genossenschaft der 
bildenden Künstler Wiens. 

«Gönner und Berather unserer Genossenschaft durch drei Decennien» — so 
schreibt der Vereinsbericht der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens vom 
Jahre 1896 — «hat der hohe Verblichene ihr in frohen wie in bewegten Tagen 
Höchstseine wertvolle Theilnahme erhalten, in thatkräftigster Weise ihre Interessen 
wahrgenommen und höchstpersönlich eingegriffen, wo immer es galt, künstlerische 
Bestrebungen zur Geltung zu bringen. 

Durch diese machtvolle Fürsorge ist unsere Genossenschaft stetig mehr zu 
jener Bedeutung gelangt, deren sie sich heute erfreut. Die damit erzielten Erfolge 
österreichischer Kunst sichern dem durchlauchtigsten Fürsten ehrenvollstes 
Gedenken für alle Zeit.> 

Als einer der markantesten Beweise von Höchstdessen Fürsorge bezüglich 
der Künstlergenossenschaft sei der Wortlaut des Stiftsbriefes verzeichnet, 
durch den der Erzherzog zur Ermunterung strebsamer Künstlertalente äine seinen 
Namen tragende Medaille widmete. Der Text ist nachstehender: 

•Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Erzherzog Carl Ludwig 
geruhen einen Capitalsbetrag von 1 2.000 fl. in einheitlichen, in österreichischer 
Währung verzinslichen Staatsschuldverschreibungen zu dem Zwecke zu widmen, 
dass von den Interessen dieses Capitals jährlich drei goldene Medaillen, jede zu 
30 Stück Ducaten, und zwar zwei für inländische Kunstwerke ohne Unterschied 
und ebenso eine fiir ausländische Kunstwerke vertheilt werden. 

Diese Medaillen haben auf dem Avers das Bildnis des durchlauchtigsten 
Stifters mit der Umschrift .Erzherzog Cari Ludwig, Protector des Künstlerhauses', 
auf dem Revers die Hauptfa9ade des Künstlerhauses zu enthalten. 
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Die Vertheilung würde bei der Jahres-Ausstellung im Künstlerhause auf 
Grundlage der gesammten daselbst aufgestellten Kunstwerke als Auszeichnung 
den Besten unter denselben nach den von der Künstlergenossenschaft ausgehenden 
und von derselben noch näher zu bestimmenden Anträgen, deren Bestätigung 
Seiner kaiserlichen Hoheit vorbehalten wird, erfolgen. 

Die Kosten des Prägestockes, sowie eine etwaige durch den höheren Curs- 
wert des Goldes oder sonst wie sich ergebende, den Geldwert der Medaillen über- 
steigende Differenz geruhen Seine kaiserliche Hoheit für Lebenszeit aus Eigenem 
zu bestreiten. 

Jährliche Activreste aber werden insolange aufgehäuft, bis eine für ein 
Reisestipendium Seiner kaiserlichen Hoheit geeignet erscheinende Sumtne 
vorhanden ist, deren Verleihung auf Grund von diesfalligen Vorschlägen der 
Künstlergenossenschaft Höchstdemselben respective Höchstdessen Descendenz 
reserviert bleibt. 

Das Stiftungscapital verbleibt in der Verwahrung und Verwaltung der 
Künstlergenossenschaft und hätte nur bei allfälliger Auflösung derselben an den 
durchlauchtigsten Herrn Stifter oder Höchstdessen Erben zurückzufallen. 

Seine kaiserliche Hoheit gewärtigen über diese Punkte die Vorlage einer 
Stiftungsurkunde. 

Im Auftrage 

Dr. W. Ritter von Catharin m. p. 
Erz herzoglich er Secrclär,» 

Infolge Allerhöchster Entschließung vom 23. Jänner 1890 wurde die Errich- 
tung der Böhmischen Kaiser Franz- Josef- Akademie der Wissen- 
schaften, Literatur und Kunst genehmigt und durch ein Allerhöchstes 
Handschreiben von demselben Datum zum Frotector derselben Seine kaiserliche 
und königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig 
ernannt, der bereits seit 1872 auch Frotector der Akademie der Wissen- 
schaften in Krakau gewesen war. Seine kaiserliche und königliche Hoheit 
nahm an der ersten feierlichen Versammlung, welche am 18. Mai 1891 abgehalten 
wurde, persönlich theil, inaugurierte damit in solenner Weise die Thätigkeit der 
Akademie und ermangelte nicht, auch bei der folgenden, letzten Anwesenheit in 
Prag am 20. October 1895 die Räumlichkeiten der Akademie zu besuchen und den 
neu hergerichteten großen Versammlungssaal, die Präsidialtocalitäten und die 
Bibliothek derselben zu besichtigen. Seine kaiserliche und königliche Hoheit war 
der Böhmischen .Akademie stets ein hochherziger Förderer und verfolgte die 
Entwickelung derselben mit regem Interesse. Der persönlichen Fürsprache ihres 
unvergesslichen ersten Protectors verdankt die Akademie manche Allerhöchste 
Gunstbezeugung, beispielsweise die Schenkung eines lebensgroßen, von einem 
Akademiemitgliede gemalten Porträts SeinerMajestät für den großenVersammlungs- 
saal, die .-^usfolgung einer von Seiner Majestät unterzeichneten, in böhmischer 
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BUhmischt Kaiser Frau: Josef-Akademie der Wlsseiisehaßeii :n Prag. 

Sprache verfassten Gründungsurkunde, die Erhöhung der Staatsdotation und noch 
anderes. 

In dankbarem Andenken widmete die Akademie an dem Sarge des hohen 
Verblichenen einen Kranz und richtete an Ihre kaiserliche Hoheit die durchlauch- 
tigste Frau Erzherzogin Maria Theresia ein Beileidstelegramm, 



Als die k. k. Geographische Gesellschaft nach dem Hinscheiden Seiner 
kaiserlichen und küniglichen Hoheit des durchlauchtigsten Kronprinzen Herrn Erz- 
herzogs Rudolf durch nahezu drei Jahre ohne Protector blieb und der Wunsch 
immer lebhafter sich äußerte, der verwaisten Gesellschaft wieder einen Protector 
zu gewinnen, richteten sich die Blicke aller auf Seine kaiseriiche und königliche 
Hoheit, den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Carl Ludwig, dessen reger Sinn 
für Kunst und Wissenschaft, dessen rastlose, hingebungsvolle Thätigkeit auf 
wissenschaftlichem, künstlerischem und gewerblichem Gebiete ja allgemein 
bekannt war, welcher ferner als EhrenmitgUed schon seit dem Jahre 1858 der 
Gesellschaft angehört hatte. Die vielfach bewährte Herzensgüte des verehrten 
Fürsten ließen auch eine Geneigtheit Höchstdesselben erhoffen, das Protectorat 
über die k. k. Geographische Gesellschaft gnädigst zu übernehmen. 

So begab sich denn am 23. December 1892 eine Deputation, bestehend aus 
dem Präsidenten Hofrath Ritter von Hauer, aus den Vice-Präsidenten Sections-Chef 
Dr. Ritter von Lorenz, Generalmajor Ritter von Arbter und Linienschiffs-Capitän 
Ritter von Kalmar, endlich aus dem General-Secretär Dr. Freiherrn von Buschman, 



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zu dem Herrn Erzherzoge und trug Höchstdemselben die ehrfurchtsvolle Bitte 
vor, das Protectorat hochgeneigtest zu übernehmen. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit, welcher in seinem eifrigen Bestreben 
altes Gute zu fördern, in seiner regen Antheilnahme an allen Leistungen und 
Errungenschaften auf wissenschaflHchen und künstlerischen Gebieten stets ein 
besonderes Interesse für Reisen und geographische Forschungen an den Tag 
gelegt hatte, erklärte sich in huldvollster Weise hierzu bereit und betonte aufs 
nachdrücklichste, die Interessen und Bestrebungen der k. k. Geographischen Gesell- 
schaft unterstützen und fördern zu wollen, worauf die Deputation ihren ehr- 
erbietigsten Dank für diesen Beweis gnädigen Interesses an dem Wirken der 
Gesellschaft aussprach. 

Der durchlauchtigste Herr Erzherzog hat auch dieses rege Interesse bei 
wiederholten Anlässen bekundet, insbesondere bei einem neuerlichen Empfange 
des gesammten Präsidiums im Jänner 1894 anlässlich der glücklich beendeten 
Weltreise Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn 
Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este. Auch bei dieser Gelegenheit 
versicherte der durchlauchtigste Protector zu wiederholtenmalen, dass er an dem 
Wirken der k. k. Geographischen Gesellschaft lebhaftes Interesse nehme, und gab 
auch freudig seine Zustimmung, dass sein durchlauchtigster Sohn zum Ehren- 
mitgliede der Gesellschaft ernannt und demselben das erste Exemplar der zur 
Feier des 70. Geburtsfestes des Präsidenten Hofrath Ritter von Hauer gestifteten 
Hauer-Medaille für hervorragende Verdienste auf dem Gebiete der Erdforschung 
verliehen wurde. 

«Mehr als einer von uns» — so berichtet Hofrath Dr. von Hauer — «dem 
das Glück zutheil geworden war, bei dieser oder jener Gelegenheit von dem leut- 
seligen Prinzen empfangen oder sonst ins Gespräch gezogen zu werden, hatte 
Gelegenheit, seine reichen Kenntnisse auf geographischem Gebiete zu bewundern, 
an der Begeisterung sich zu erwärmen, mit welcher er von seinen eigenen Reisen 
zu erzählen wusste, deren Eindrücke sein wunderbares Gedächtnis in allen Einzel- 
heiten festhielt; oder sich der regen Theilnahme zu freuen, mit welcher Höchst- 
derselbe die Weltreise seines Sohnes des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs 
Franz Ferdinand von Österreich-Este besprach und erörterte.» 

«Unter der Fahne seines glänzenden Namens» — so erklärte der Präsident 
der Gesellschaft in dem warmgefühlten Nachrufe für den hohen Verblichenen — 
« erreichte in den letzten Jahren unser Verein, wie Ihnen ja allen bekannt ist, einen 
überraschenden Aufschwung. Zahlreiche neue Mitglieder, darunter viele aus den 
hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft traten derselben bei, und unsere 
wissenschaftlichen Versammlungen, an welchen beinahe regelmäßig Mitglieder 
des Allerhöchsten Kaiserhauses theilnahmen, erfreuten sich eines so lebhaften 
Besuches, dass der Vortragssaal die Hörer oft kaum zu fassen vermochte.» 

Zum letztenmale war der durchlauchtigste Herr Erzherzog in der Monats- 
versammlung im December 1895 in Mitte der Geographischen Gesellschaft 
erschienen, in welcher Professor Dr. Umlauft das großartige Werk des Hofrathes 



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Dr. Simony über das Dachsteingebiet einer eingehenden Besprechung unterzog 
und dann über Peter Apianus und seine Beziehungen zu Kaiser Carl V. einen 
Vortrag hielt. 

Insbesondere das erstgenannte Referat gab dem durchlauchtigsten Protector 
Anlass, in huldvoller Weise des Hofrathes von Simony zu gedenken, indem er 
gesprächsweise erwähnte, er habe selbst als junger Prinz unter Simonys Führung 
den Dachstein bestiegen. 

. Als der Generalsecretär der Gesellschaft Dr. Gallina die hohe Ehre erfuhr, 
im Mai 1895 von Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit dem durchlauch- 
tigsten Protector in längerer Audienz empfangen zu werden, erkundigte sich 
Seine kaiserliche und königliche Hoheit eingehendst um die Verhältnisse der 
Gesellschafl, um die Mitgliederanzahl, um das Verhältnis der Einnahmen zu den 
Ausgaben, des Zuwachses und Abganges und freute sich über den Aufschwung, 
den die Gesellschaft in der letzten Zeit genommen hatte. Der durchlauchtigste 
Protector forderte den Generalsecretär zur weiteren Wirksamkeit mit den huld- 
vollen Worten auf: 

«Setzen Sie nur Ihre erfolgreiche Thätigkeit in der bisherigen Weise fort 
und die Gesellschaft wird Ihnen gewiss zu Dank verbunden sein.» 

Auch auf seine zahlreichen Reisen kam der Herr Erzherzog zu sprechen 
und erwähnte insbesondere des ungeschwächten Zaubers, welchen die ober- 
italientschen Seen stets auf ihn ausgeübt haben. Als der huldvoll Angesprochene 
erwähnte, er kenne leider den Lago maggiore nicht, bemerkte der durchlauchtigste 
Protector mit Wärme: »Wenn Sie einmal die Borromäischen Inseln 
besuchen und nach Paüanza kommen, dann gedenken Sie meiner 
und erinnern Sie sich an meine Worte.» 

Von besonderer Bedeutung aus der Zeit des Protectorates Seiner kaiserlichen 
und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Carl Ludwig ist 
vor allem die große Festversammlung gewesen, welche aus Anlass der glücklichen 
Rückkehr Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn 
Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este am 23. Jänner 1894 im Festsaale 
des Militärwissenschaftlichen und Casino-Vereines vor einem glänzenden Audi- 
torium stattfand und in welcher der k. und k. Linienschiffs-Lieutenant Sanchez 
de la Cerda die Festrede hielt. 

Ferner erregten zumal die Vorträge des Nordpolfahrers Payer und des 
Colonels Slatin Pascha das lebhafteste Interesse des hohen Protectors. 

Der tiefe, aufrichtige Schmerz, die innige Theilnahme, welche die Kunde 
von dem Hinscheiden des allverehrten durchlauchtigsten Protectors in den Kreisen 
des Ausschusses, sowie der Gesellschaft hervorrief, veranlasste das Präsidium, 
trotz vorgerückter Jahreszeit in den Räumen des «Wissenschaftlichen Clubs» am 
26. Mai 1896 eine Trauerversammlung abzuhalten, in welcher der Präsident Hof- 
rath Ritter von Hauer der besonderen Vorliebe des Erzherzogs Carl Ludwig' für 
Reisen und geographische Forschungen, sowie der Theilnahme Höchstdesselben 
an dem wissenschaftlichen und patriotischen Wirken der k. k. Geographischen 



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Gesellschaft in warmen Worten gedachte und der aufrichtigen, tiefgefühlten 
Trauer über das Hinscheiden dieses edlen, unvergesslichen Prinzen in ergreifender 
Weise Ausdruck gab. 

Bei Übernahme des Protectorates durch den Herrn Erzherzog Carl Ludwig 
Ende 1893 zählte der Verein 1202 Mitglieder und hatte einen Schriftenaustausch 
mit 244 wissenschaftlichen Vereinen und Instituten des In- und Auslandes; der 
Vermögensstand ergab Einnahmen in der Höhe von 7552 fl. 91 kr., Ausgaben im 
Betrage von 7470 fl. 67 kr.; der Reservefond hatte die Höhe von 1927 fl. 48 kr. 
erreicht. Am Schlüsse des Jahres 1895 zählte der Verein 1541, wozu noch im 
Jahre 1 896 neu 80 Mitglieder eintraten ; der Verein pflegte einen Schriftenaustausch 
mit 260 wissenschaftlichen Corporationen des In- und Auslandes; die Bibliothek 
hat eine höchst bedeutende Vermehrung von Werken erfahren; der Rechnungsab- 
schluss für 1895 wies an Einnahmen 1 1.196 fl. 22 kr, an .ausgaben den Betrag von 
10.912 n. 88 kr. aus; der Reservefond hatte die Höhe von 2896 fl. 78 kr. erreicht. 

Es ist von hohem Interesse, wenigstens an einem einzelnen Beispiele zu 
zeigen, mit welcher Theilnahme der Höchste Herr die wissenschaftlichen Fragen 
der geographischen Forschung verfolgte und in wie liebenswürdiger Weise er 
fördernd und ermunternd auf die Mitglieder der Gesellschaft, auf Reisende und 
Forschende einwirkte. Herr Rittmeister Wilhelm Kreuth, correspondierendes 
Mitglied der Geographischen Gesellschaft, macht über seine Audienz bei Seiner 
kaiseriichen und königlichen Hoheit dem Erzherzoge Carl Ludwig am 17. Mai 
1893 folgende Mittheilung: 

• .Am 16. Mai 1893 setzte mich eine Depesche vom Obersthofmeisteramte 
Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erz- 
herzogs Cßri Ludwig in die freudigste .Aufregung: Ich war für den nächsten Tag 
zur Audienz befohlen. Einige Zeit vorher hatte ich, von einer einjährigen 
Forschungsreise aus Südamerika zurückgekehrt, einen mit Beifall aufgenommenen 
Vortrag in der Geographischen Gesellschaft abgehalten. Der Gegenstand meines 
Vortrages, die Republik Paraguay, war nicht ohne Interesse, da ich der erste 
Österreicher gewesen, der über diese terra incognita nähere Mittheilungen heim- 
brachte, welche alsbald den Anlass zum .Aufrollen mancher Frage boten und eine 
von mir veröffentlichte Broschüre in den Vordergrund rückten. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit, der Protector der Geographischen 
Gesellschaft, der solchen Fragen immer ein großes Interesse entgegenbrachte, 
hatte auch von meinem Berichte über Paraguay Kenntnis genommen und nun den 
Wunsch geäußert, mich selbst in Audienz zu empfangen. 

Ein kurzer Urlaub wurde mir von Seite meines Commandos sofort gewährt, 
bald hatte ich mein Garnisonsstädtchen im Rücken und fuhr der Kaiserstadt in 
freudigster Stimmung entgegen. Die Zeit war karg bemessen. Ich ftatte mich schon 
in Parade geworfen und eilte vom Bahnhofe direct in das Palais des Erzherzogs. 
Daselbst erfuhr ich jedoch, dass die Audienz für 3 Uhr verschoben sei, da der 
Höchste Herr durch die Anwesenheit eines orientalischen Souveräns in Anspruch 
genommen werde. 

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Vor 3 Uhr war ich von neuem in der Antichambre Seiner kaiserlichen und 
königlichen Hoheit, woselbst ich von dem dem Hofstaate zugetheilten Ober- 
lieutenant Grafen Schaaffgotsche empfangen und alsbald in das Arbeitszimmer 
des hohen Herrn geführt wurde. Seine kaiserliche und königliche Hoheit, in der 
Uniform seines Uhlanen-Regiments, trat mir herablassend entgegen, reichte mir 
die Hand und hieß mich Platz nehmen. 

•Ich habe von Ihrer Reise gehört,» sagte er mit seiner klangvollen Stimme 
und das helle, geistvolle Auge des hohen Herrn blickte mir voll ins Gesicht, 
• und ich interessierte mich umsomehr, als auch mein Sohn gegenwärtig über den 
Ocean reist.» 

•Es ist schade,» entgegnete ich, «dass Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit der Herr Erzherzog Franz Ferdinand nicht auch Südamerika in sein 
Reiseprogramm aufgenommen hat. Als Jäger hätte Höchstderselbe in diesen 
Gegenden ebenfalls reiche und seltene Beute gemacht.» 

• Es wurde allerdings daran gedacht,» sagte der Erzherzog, «aber die Zeit 
ist hiezu nicht hinreichend gewesen. — Lebenjetzt viele Österreicher in Paraguay?» 

•Jawohl, kaiserliche Hoheit, genug, besonders Dalmatiner, die sich als 
Schiffsleute eines ausgezeichneten Rufes erfreuen. Ich selbst war der erste 
Österreicher, der über diese halbvergessenen Länder neuere Mittheilungen der 
kaiserlich-königlichen Geographischen Gesellschaft zu machen in der Lage war.» 

•Ich weiß es. — Was sind Sie für ein Landsmann?» 

«Ein Triestiner, kaiserliche Hoheit.» 

•Ah, da müssen Sie ja Italienisch sprechen?» sagte der Erzherzog lächelnd 
und setzte in einem fließenden, sehr correcten Italienisch fort; «Wir waren kürzlich 
in Triest wegen des Stapellaufes des neuen Kriegsschiffes und haben uns über den 
schönen Empfang und den gelungenen Verlauf der Festlichkeiten sehr gefreut.» 

-Wozu Ihre kaiserliche und königliche Hoheit die durchlauchtigste Frau 
Erzherzogin Maria Theresia das meiste beigetragen hat,* bemerkte ich. 

Der Erzherzog lächelte freundlich, indem er sagte: «Woher wissen Sie das?» 

• Es ist darüber nur eine Stimme in den Journalen, und dann schrieben es 
mir meine Verwandten,» sagte ich. 

Hierauf geruhte Seine kaiserliche und königliche Hoheit sich über meine 
Familien- und Dienstverhältnisse aufs eingehendste zu erkundigen. 

Über die Zukunft der von mir bereisten Gegenden sprechend zeigte der 
Erzherzog eine außerordentliche Sachkenntnis, die mich umsomehr wunderte, als 
Seine kaiserliche und königliche Hoheit so vielseitig und mannigfach in Anspruch 
genommen war. 

• Und was hört man drüben von dem Projecte der Verbindung des Amazonen- 
stromes mit dem La-Plata?» fragte der Erzherzog, welcher als Protector der 

-. Geographischen Gesellschaft sich mit allen wichtigeren schwebenden Fragen aufs 
eingehendste beschäftigt hatte. 

• Über dieses Project, kaiserliche Hoheit? Es ist eben Project geblieben, 
denn die Durchführung ist mit riesigen Unkosten verbunden und die Lösung wird 

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viel späteren Zeiten, wenn einmal die dichtere Besiedlung dieser Gegenden eine 
solche Communication nothwendig macht, vorbehalten bleiben.» 

«Ja, solche Projecte machen sich eben nur als Projecte schön», und verband 
diese Bemerkung mit einer Darstellung der obwaltenden Verhältnisse. Der Erz- 
herzog nahm noch den Separat-Abdruck meines Vortrages über Paraguay gnädigst 
entgegen. 

Hierauf verabschiedete mich der hohe Herr, nachdem die Audienz fast eine 
halbe Stunde gedauert hatte, in derselben herablassenden Weise. Ich selbst hatte 
die Empfindung, einen schönen Moment erlebt zu haben, den die Zeit nicht ver- 
löschen werde, und den Eindruck, dass die Geographische Gesellschaft in Seiner 
kaiserlichen und königlichen Hoheit einen wirklichen Protector hatte.» 



Was der höchstselige Fürst für Tirol im allgemeinen war, wie sehr er dort 
alle Herzen sich erobert hat, geht nicht minder wie aus anderen Kundgebungen 
aufrichtiger Trauer und Betrübnis über sein Hinscheiden auch aus der Würdigung 
seines fürsorglichen Wirkens für das Museum Ferdinand eum in Innsbruck 
hervor, welches von dessen Vorsitzenden in der Generalversammlung dieser 
Körperschaft in treffender Weise geschildert wird. 

«Der Verein des tirolischen Landesmuseums», sagte der Vorsitzende, 
«nimmt nicht nur innigen Antheil an diesem neuen großen Schmerze unseres 
geliebten Monarchen, wir beklagen nicht bloß den allzufrühen Heimgang eines der 
edelsten und hochsinnigsten Prinzen unserer Herrscherfamilie — zu dem tirolischen 
Landesmuseum stand der Verewigte in engeren persönlichen Beziehungen. Seit mehr 
als einem Menschenaiter hielt er als Protector-Stellvertreter seine schützende Hand 
über unserem aufstrebenden Institute und versäumte keine Gelegenheit, um sich 
als wahrer Freund und Gönner desselben zu bethätigen. Mit dem lebhaften Inter- 
esse, das der hohe Herr allen künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen 
entgegenbrachte, verfolgte er auch die Entwicklung des Ferdinandeums und trug 
selbst vielfach zur Bereicherung unserer Sammlungen bei. Ich erinnere dies- 
bezüglich nur an die kostbare Sammlung der Streichinstrumente des Kaisers 
Franz, welche wir der munificenten Fürsorge unseres erlauchten Protector- 
Stellvertreters verdanken. So oft der Erzherzog Carl Ludwig in der tirolischen 
Landeshauptstadt weilte, benützte er die Gelegenheit zu einem Besuche des 
Museums, und hatte stets für die gemachten Fortschritte ein offenes Auge und 
ein anerkennendes Wort. Noch im vorigen Herbste — am 30. September 1895 — 
besichtigte der Erzherzog mit unermüdlichem Interesse sämmtliche Abtheilungen 
des Museums. Damals stand der erlauchte Herr noch in der Fülle seiner Kraft, 
und niemand ahnte, wie nahe bereits das Verhängnis drohe. Um so erschütternder 
traf uns die Todesnachricht, um so schmerzlicher ist unsere Klage über den 
Verlust des edlen Mannes. 

Nicht Rücksichten äußerer Convenienz waren es, die den Erzherzog Carl 
Ludwig mit dem Tiroler Landesmuseum verbanden, sondern wahres innerliches 
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Interesse und jene Sympathie, welche der Verewigte seit den Zeiten seiner Statt- 
halterschaft unserem engeren Vaterland mit wahrhaft rührender Treue bewahrt hat. 

Der Name unseres hohen Protector-Stellvertreters Erzherzogs Carl Ludwig 
ist mit goldenen unverwischbaren Lettern in den Annaten unseres vaterländischen 
Museums eingeschrieben; sein Andenken wird in den Herzen der Tiroler fortleben 
allezeit. Der Ausschuss des Ferdinandeums hat bereits Gelegenheit genommen, 
durch Vermittlung Seiner Excellenz des Herrn Statthalters den Ausdruck der 
tiefgefühlten Trauer vor die Stufen des Thrones gelangen zu lassen. 

Von der Generalversammlung des Ferdinandeums erbitte ich mir den Auf- 
trag, auch der erzherzoglichen Familie, speciell Seiner kaiserlichen Hoheit unserem 
allverehrten Erzherzog Ferdinand Carl die Gefühle unseres Schmerzes und unserer 
Trauer zur Kenntnis zu bringen.» 

Außer anderen Spenden und Zuwendungen des Herrn Erzherzogs, welcher 
schon im Jahre 1861, der Bitte des Vereines willfahrend, als Stellvertreter des 
obersten Schutzherm Seiner Majestät des Kaisers Ferdinand dem Museum seine 
Unterstützung zugesichert hatte, erhielt das Museum bedeutende und sehr wert- 
volle Geschenkobjecte, wie folgt: 

(1858) Modell der in Tirol üblichen Seidenspinnmethode; 

(1859) Büste Seiner Heiligkeit des Papstes Pius IX. in weißem Carrara- 
marmor, von Benzoni; 

(1860) Galvanoplastische Copie des Geheimsiegels Carls des Kühnen, nach 
dem Original in Luzem; 

(1860) Bronzeabguss eines Medaillons von Antoninus Pius; 

(1861) Cybulz: Plastische Vorlagen zum Terrainzeichnen; 

(1863) Porträt Seiner kaiseriichen Hoheit des Erzherzogs Carl Ludwig, 
Ölgemälde von Schrotzberg in Wien; 

(1879) die kostbaren Streichinstrumente aus dem Nachlasse Seiner Majestät 
des Kaisers Franz, darunter ein Cello von Anton und Hieronymus Amati und eine 
Violine von Nicolaus Amati. 

Noch in seinem Testamente gedachte Seine kaiserliche Hoheit des tirolischen 
Landesmuseums und legierte demselben fein ausgeführte Holzstatuetten, nach den 
Bronzetiguren in der Innsbrucker Hofkirche von dem tirolischen Holzbildhauer 
Steiner geschnitten, sowie sämmtliche Tirotensien aus seiner auf Schloss Rotten- 
stein befindlichen Bibliothek. (Vgl. S. 63.) 

Die Entwicklung des Vereines unter dem Protectorate des Herrn Erzherzogs 
wird auch durch die Vermehrung des Vermögens von dem Cassareste im Betrage 
von 909 fl. im Jahre 1861 auf 14.455 fl. augenfällig gekennzeichnet. 



Wie die Schreibkunst überhaupt ein bedeutendes Hilfsmittel zur Förderung 

wissenschaftlicher Studien und aller geistigen Thätigkeit ist, so muss die Fähigkeit 

einer raschen und gedrängten Aufzeichnung der Gedanken von um so größerem 

Nutzen sein, und der Stenographie kommt in diesem Betracht eine hohe culturelle 

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Bedeutung zu. Der Erzherzog schätzte denn auch die Fertigkeit schneller und 
enger Schrift, doch unter der Voraussetzung, dass diese Kunst mit Gewandtheit 
und Sicherheit ausgeübt werde, und dass die Niederschrift auch zuverlässig und 
schnell wieder gelesen werden könne. Seine kaiserliche Hoheit war daher immer 
bereit, dazu beizutragen, dass die Kunst der Stenographie sich möglichst verbreite 
und dass bei der Erlernung derselben auch Gründlichkeit und Sicherheit erzielt 
werde. 

Als im Jahre I8B3 das Land Tirol das Fest der 500jährigen Vereinigung 
des Landes mit der Habsburgischen Monarchie feierte, wetteiferten alle Vereine in 
Kundgebungen patriotischerBegeisterung. So betheiligte sich auch der Tirolische 
Stenographen-Verein an der Feier mit einer Widmung zu einem BesCschieQen 
als Festgabe. Bei dieser Gelegenheit erschien als Vertreter Seiner kaiserlichen und 
königlichen Majestät der Herr Erzherzog Carl Ludwig, »von seiner segensreichen 
Wirksamkeit als Statthalter von Tirol bei der ganzen Bevölkerung des Landes, 
insbesondere der Landeshauptstadt in heiligstem Andenken«, um das Fest mit 
seiner Gegenwart zu beehren. Der Vorstand des Stenographen- VereinesDr.Plaseller, 
ermuthigt durch die hinreißende Leutseligkeit des erhabenen Fürsten bei der 
damals in Innsbruck stattgehabten Hofsoiree, glaubte es wagen zu dürfen, an den 
durchlauchtigsten Festgeber mit der Bitte um huldvollste Übernahme des Protec- 
torates über den Tirolischen Stenographen-Verein heranzutreten. Die Bitte wurde 
gnädigst gewährt; denn schon nach wenigen l'agen gelangte an erwähnten Verein 
nachstehende Zuschrift: 

«Ich habe vor einigen Tagen die Bitte des Vereines um Annahme des 
Protectorates über denselben erhalten und komme mit Vergnügen diesem Wunsche 
entgegen. Mit Interesse habe ich von den Fortschritten gehört, die der Verein seit 
seinem Entstehen gemacht hat, und wünsche, dass diese gedeihlichen Erfolge 
auch fernerhin andauern mögen, Erzherzog Carl.» 

Hiezu berichtet die Jubelfestschrift des genannten Vereines vom Jahre 1871: 

•Der Annahme des Protectorates folgte das wahrhaft fürstliche Geschenk 
von 100 fl. Dem Vereine wurden viele neue Gönner gewonnen, und die nächste 
Generalversammlung erfreute sich eines äußerst zahlreichen Besuches, sowie des 
Erscheinens der Spitzen der Landesbehörden und vieler hervorragender Per- 
sönlichkeiten. » 

Im Jahre 1865 übernahm der gnädigste Herr auch das Protectorat über den 
Stenographen-Verein in Graz. 



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IX. Capitel. 
Erzherzog Carl Ludwig als Protector volkswirtschaftlicher Vereine. 



Wie diejenigen, die durch einzelne Thaten auf die politische Entwicklung 
ihres Volkes einen bestimmenden Einfluss nahmen, der Geschichte angehören, 
so verdient auch jeder, der, durch seine Stellung mit allen geistigen und materiellen 
Strömungen einer fortschreitenden Bildung in Berührung gebracht, zur Förderung 
aller edlen Bestrebungen beiträgt, in der geschichtlichen Erinnerung festgehalten 
und dem Gedächtnisse der Nachwelt überliefert zu werden. Unvergessen muss 
der Name desjenigen sein, der in solcher Lage opferwillig und selbstlos alle Ent- 
wicklung beschleunigt, indem er anspornend und aufmunternd in das thätige 
Leben eingreift oder vermittelnd und ausgleichend die Hemmnisse beseitigt. In 
dieser Weise hat Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig auf wirtschaft- 
lichem Gebiete Großes geleistet und wird mit Recht als Wohlthäter der Mensch- 
heit gepriesen. 

Seitdem Erzherzog Carl Ludwig den selbstgewählten Berufeines Schirm- 
herm aller wirtschaftlichen und culturellen Entwicklungen innerhalb der Gaue, 
die das erhabene Erzhaus beherrscht, ergriffen hatte, erhob ihn seine mit treuester 
Hingebung entfaltete Thätigkeit zur historischen Persönlichkeit auch in 
der Geschichte der Volkswirtschaft Österreichs. 

Mit dem wirtschaftlichen Gedeihen Österreichs aber ist in den letzten 
50 Jahren der Niederösterreichische Gewerbeverein untrennbar verknüpfL 
Seine Gründung reicht in die Dreißiger-Jahre zurück. Vermögende Industrielle 
hatten sich durch ein Majestätsgesuch die Genehmigung erbeten, einen Verein 
zur Hebung des Gewerbestandes, der Formengebung und Vervollkommnung bei 
Erzeugnissen des Gewerbefleißes zu gründen. Zwei Jahre und noch länger, vom 
16. Jänner 1836 bis 11. April 1838, hatte es gebraucht, ehe sich die Regierung 
entschließen konnte, eine Antwort zu ertheiien. Der Verein, dem es endlich nach 
Beseitigung obwaltender Bedenken gelungen war, sich am 27. Februar 1839 zu 
constituieren, genoss schon von vornherein allgemeine Sympathie, Die Theil- 
nahme für den Verein wuchs, da derselbe gleich anfangs durch eine Anfrage des 
Landespräsidiums, »ob derselbe gewillt sei, die Staatsverwaltung auf die Hinder- 
nisse aufmerksam zu machen, die der Entwicklung des Handels und der Industrie 
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entgegenstehen», Gelegenheit bekam, sich auf den Boden der Staatsökonomie zu 
stellen und dadurch wirklich dem sachlichen Fortschritte zu nützen. Die 
Einsicht hievon war es auch, die dem Erzherzoge Franz Carl die größte Theil- 
nahme für den Verein einflößte, so dass er die Sitzungen in den Localitäten des 
Vereines regelmäßig besuchte und namentlich mit den älteren Mitgliedern in höchst 
ungezwungener Weise verkehrte. Und als im Sturmesdrange des Jahres 1848 auch 
aus dem Gewerbevereine die schärfsten Pfeile wider das Mettemich'sche System 
gerichtet wurden, da waren es die patriotischen Gründer des Vereines, die in 
Gegenwart des Erzherzogs in einer ehrfurchtsvollen Adresse dem Kaiser in ihrer 
kaisertreuen Gesinnung ihren Besorgnissen um den Staat Ausdruck liehen mit der 
Bitte, Hochderselbe geruhe, die redlichen Wünsche der Bürgerschaft an den Stufen 
des Kaiserthrones zu befürworten. «In der Mitte solcher Männer zu stehen, 
ist eine wahre Freude-, hatte der Erzherzog unter anderem darauf erwidert, 
welcher auch über die sturmbewegten Zeiten des Jahres 1848 hinaus dem Vereine 
ein stets gnädiger, wohlwollender Protector geblieben war, da der Verein im Sinne 
seines Gründers Spoerlin an den «nur zu lebendigen Bewegungen der Politik> 
nicht mehr, als sein volkswirtschaftliches Programm es erforderte, Antheil nahm, 
-um sich zur ,Fahne der Industrie' zu bekennen». 

Der Verein war eben seither stets nur ein Hort des sachlichen und fach- 
lichen gründlichen Fortschrittes, ein Sammelpunkt für das schaffende Bürgerthum. 
In diesem Sinne glich nun Erzherzog Carl Ludwig völlig seinem allbeliebten 
Vater; conservativ für den ethischen Inhalt bestehender Einrichtungen, aber leb- 
hafter Hingabe und Opferwilligkeit fähig für Förderung concreten, sachlichen 
Fortschrittes und für die Quellen desselben, der Schulung in allen Formen, 
Stufen und Erscheinungen. 

Diese auf Veranlagung und Charakter basierten Neigungen des Erzherzogs 
führten daher in ihm dem Niederösterreichischen Gewerbevereine schon bei Leb- 
zeiten des Vaters einen warmen Gönner zu. Schon die Wiener Weltausstellung 
des Jahres 1873, zu welcher aus dem Schöße des Gewerbevereines Gedanke 
und Anregung geboren worden war, brachte den Protector derselben, Erzherzog 
Carl Ludwig, in vielfache Berührung mit dem Gewerbevereine und dessen 
maßgebenden Persönlichkeiten. Im Saale des sogenannten Jury-Pavillons wurden 
erläuternde Vorträge über die Ausstellung gehalten, deren Inscenesetzung dem 
Professor Exner übertragen war. Diese Veranstaltung interessierte den Erzherzog 
lebhaft. Er war einer der fleißigsten Besucher dieser Vorträge; weder die Über- 
füllung des Saales, noch die dort herrschenden sonstigen Unbequemlichkeiten 
hinderten den Erzherzog an der Benützung dieser Gelegenheit, sich eingehend 
über einzelne Theile der Ausstellung zu informieren. Ungeladen erschien der 
Erzherzog und enthusiasmierte die Zuhörerschaft für die Redner durch seine 
sichtbare Theilnahme. Als Professor Dr. Exner am 2. November 1873, nachdem 
die Pforten der Weltausstellung für immer geschlossen worden waren, die 
Ehre hatte, von Seiner kaiserlichen Hoheit angesprochen zu werden, sagte der 
Erzherzog am Schlüsse, «es erfülle ihn fast mit Wehmuth, dass der Vorhang 

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gefallen, dass das schöne Schauspiel zu Ende sei», dem er mit unablässiger 
Ausdauer gefolgt war. 

Mit hohem Handschreiben vom 23. October 1873 widmete Erzherzog Carl 
Ludwig dem Niederösterreichischen Gewerbevereine den Betrag von 2000 fl. als 
Grundcapital für eine seinen Namen tragende Stiftung, aus deren Erträgnis 
alljährlich in der December-Generalversammlung des Vereines mehrere aus- 
gezeichnete Schüler der Wiener gewerblichen Fachschulen prämiiert werden. Das 
Handschreiben lautet: 

-An das Präsidium des niederösterreichischen Gewerbevereines in Wien. 

Zur Erinnerung an den 27. September 1. J., an welchem Tage ich, dem 
Wunsche des Präsidiums des Niederösterreichischen Gewerbe- 
vereines entsprechend, Gelegenheit hatte, die Vertheilung der Preise 
für die hervorragenden Leistungen der Arbeiter vorzunehmen, wünsche 
ich den in der Verwaltung des Vereines befindlichen Stiftungen eine neue hinzuzu- 
fügen mit der Widmung, alljährlich am 27. September aus den Erträgnissen dieser 
Stiftung einen oder mehrere ausgezeichnete Schüler der hiesigen Gewerbe- 
fachschulen zu prämiieren. 

Die verschiedenen Fachschulen Wiens würden nach einem vomVerwaltungs- 
rathe des niederösterreichischen Gewerbevereines zu bestimmenden Turnus in 
der Bewerbung ihrer Schüler um diesen Preis alternieren; die Landesschul- 
commission hätte die bezüglichen motivierten Vorschläge zu erstatten ; die 
Zuerkennung des Stiftungspreises hätte durch den Verwaltungsrath und die 
Übergabe an die zu Prämiierenden in einer am 27. September jeden Jahres einzu- 
berufenden Versammlung des Vereines zu erfolgen. 

Indem ich zugleich genehmige, dass diese Stiftung meinen Namen führe, 
widme ich als Grundcapital derselben den Betrag von Zweitausend Gulden. 

Der Verein wolle mir den, nach den angedeuteten Principien ausgefertigten 
Stiftsbrief vorlegen. 

Wien, am 23. October 1873. Erzherzog Carl.Ludwig.. 

In der Folge pflegte der Erzherzog mit besonderem Vergnügen im Gewerbe- 
vereine die Vertheilung der Prämien an verdienstvolle Arbeiter und selbständige 
Gewerbetreibende in eigenerPerson regelmäßig vorzunehmen. Er lernte hierdurch 
viele tüchtige Männer kennen und nahm Antheil an deren Bildungsgange. Indem 
er so den Wert des gewerblichen Bildungswesens schätzen lernte, trat er auch 
mit der behördlichen Gewerbeschulcommission in Verbindung und wurde ein 
fleißiger Besucher der Fachschulen, denen er mindestens zwanzigmal eine ein- 
gehende Besichtigung zutheil werden Heß. Dem leitenden Ausschusse, welcher 
die Ehre hatte, dem Erzherzog bei solchen Besuchen als Führer zu dienen, gab 
der hohe Herr stets seine Anerkennung des Wertes dieser Schulen kund. 

Schon früher, in der Generalversammlung des Gewerbevereines vom 

19. Mai 1869, war Erzherzog Carl Ludwig mit dem Ausdrucke des Dankes für 

dessen warme Bemühungen um das Gelingen der österreichischen Abtheilung 

der Pariser Ausstellung 1867 zum Ehrenmitgliede ernannt worden, dem er bis 

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dahin schon als -Gründer» angehört hatte. Auch gelegentlich der Erbauung eines 
eigenen Vereinshauses in der Eschenbachgasse, wobei durch die kaiserliche 
Gnade der Baugrund zu ermäßigten Preisen überlassen worden war, erwies sich 
der Erzherzog als opferwilliger werkthätiger Förderer, wie ihn die Ehrentafel in 
der Vorhalle des neuen Heims mit Recht bezeichnet, dessen Eröffnung er im 
Vereine mit den Erzherzogen Rainer und Ernst nebst den Obersthofmeistern bei- 
gewohnt hatte. 

Am 8.März 1878 verschied Seine kaiserliche Hoheit Herr Erzherzog Franz 
Carl, der seit Gründung des Vereines demselben als Protector unzählige Beweise 
seines Wohlwollens gegeben hatte. Der Verein beklagte diesen Verlust aufrichtig 
und unterbreitete Seiner Majestät dem Kaiser und S;iner kaiserlichen Hoheit dem 
Herrn Erzherzoge Carl Ludwig Beileidsadressen. Vom Erzherzoge erhielt hierauf 
der Verein folgendes Handschreiben: 

•An den Niederösterreichischen Gewerbeverein in Wien, 

Der Ausdruck der innigen Theilnahme, welcher mir von Seiten des Nieder- 
österreichischen Gewerbevereines anlässlich des Hinscheidens seines langjährigen 
Protectors, meines Herrn Vaters, zur Kenntnis gelangte, hat mich sehr gerührt. 

Die aufrichtige Anhänglichkeit und Verehrung, welche dem Verewigten von 
den Mitgliedern des Vereines entgegengebracht wurden, wovon ich selbst durch 
eine Reihe von Jahren Zeuge war, sowie das hohe Interesse, welches mein Vater 
an diesem ihm besonders am Herzen gelegenen heimischen Vereine genommen, 
sie geben mir in meinem Schmerze wahrhaft Trost und gewähren mir die Ver- 
sicherung eines lange dauernden Andenkens. 

Wien, am 10. März 1878. Erzherzog Carl Ludwig.-* 

In der Generalversammlung im Mai 1878 wurde sodann einstimmig 
beschlossen, an Seine kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig 
die Bitte um Übernahme des Protectorates über den Verein zu richten. Dieser Bitte 
Folge leistend übernahm Seine kaiserliche und königliche Hoheit das Protectorat 
und gab seine Entschließung durch nachstehendes Handschreiben bekannt: 

•An den Niederösterreichischen Gewerbeverein in Wien. 

Es gereicht mir zur wahren Befriedigung, dem einhelligen Wunsche des 
Niederösterreichischen Gewerbevereines zu entsprechen und das Protectorat über 
diesen Verein zu übernehmen. 

Ich komme diesem Wunsche um so bereitwilliger entgegen, als ich in der 
Wahl meiner Person einen Act der Pietät gegen meinen seligen Vater erblicke, 
welcher durch einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren das Protectorat aus- 
übte, und hoffe, dass dieser Verein, dem ich wie bisher mein volles Interesse, so 
auch in Zukunft meine werkthätige Förderung angedeihen lassen werde, auch 
fernerhin gedeihe und zur Erreichung seiner gemeinnützigen Ziele gelange, 

Wartholz, 30. Juni 1878. Erzherzog Carl Ludwig.* 

Der Vermögensstand des Vereines bezifferte sich Ende 1875 auf 21.517 fl., 
abgesehen vom Vereinshause; die Zahl der Mitglieder betrug 1476; die Bibliothek 
zählte 4106 Werke in 10.708 Bänden. 



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«Die Einflussnah me auf die Geschicke des Vereines, welche der Erzherzog 
sich zur Pflicht machte, die Hingebung, mit welcher er alle ihm bekannt gewordenen 
Wünsche förderte, endlich die Art des Verkehres zwischen ihm und den Mit- 
gliedern schildern zu wollen, wäre ein gewagtes und zugleich überflüssiges 
Beginnen, oder wer vermöchte es denn zu schildern, wie ein Händedruck, wie ein 
Lächeln des Mundes wirkt, und uns erscheinen, wenn wir uns den Gewerbeverein 
personificiert vorstellen, die Beziehungen des Erzherzogs zum Gewerbevereine wie 
ein fortdauernder, warmfühüger Händedruck, wie eine liebevolle Beobachtung des 
Freundes durch den Freund, ein herzliches Mitempfinden für das Hingen und 
Trachten des Schwachen und Bedrängten, der dadurch stärker und angesehener, 
einJlussreicher und mächtiger wird, weil ein Allverehrter und Unantastbarer dicht 
neben ihm steht als Bundesgenosse.» 

Bei Differenzen im Vereine wurde oft die Intervention des Proteetors 
angerufen, und er wirkte versöhnend und ausgleichend, indem er stets Gerech- 
tigkeit übte. 

Das tiefe Verständnis und der überaus rege Eifer, welchen der Erzherzog 
dem Vereine jederzeit entgegenbrachte, bewährte sich am glänzendsten in seinem 
energischen Eintreten für die Idee einiger zielbevvusster Vereinsmitgiieder, unter 
denen allen voran der derzeitige Director Hofrath Wilhelm Exner 
als eigentlicher Begründer und unermüdlicher Vorkämpfer genannt 
werden muss, betreffend Errichtung eines Technologischen Gewerbe- 
museums. 

Es muss daran erinnert werden, dass von dem Museum eigentlich außer 
höchst bescheidenen Anfängen einer einzelnen Section, der Section für Holz- 
industrie, welche kümmerlich in Gassengewölben des Getreidemarktes unter- 
gebracht wurde, nichts vorhanden war, als die Organisationsidee und einige 
Personen, die sie trugen. Diese kleinlich erscheinenden Anfänge einer Reichs- 
centralanstalt wurden verhöhnt, verspottet, belächelt, als «Spielereii» oder als 
»gewagtes Experiment» bezeichnet, ja selbst in den Kreisen des Gewerbevereines 
waren die meisten skeptisch, viele der Wohlwollenden schwiegen, einige wenige 
nur nahmen überzeugten Antheil. Zuversichtlich, unerschrocken war aber die 
Parteinahme des Erzherzogs; er hatte Vertrauen, er glaubte an die Idee, er wollte 
die Personen, welche sie vertraten, nicht entmuthigen, er beglaubigte das Institut 
in seinem Keime; die bescheidenen Dimensionen, welche im Anfange diese neue 
Schöpfung aufwies, hielten ihn nicht ab, öffentlich auch seine Parteinahme für den 
Grundgedanken der Organisation, ihre Ziele, ihre Träger kundzugeben. Diese 
Parteinahme war es, welche die Gegner zum Verstummen gebracht, die Zweifler 
zu Anhängern, die Anhänger zu begeisterten Mitkämpfern der neuen Idee umge- 
stimmt hat. Die Idee hatte also ihren Rückhalt in einem mächtigen Vorkämpfer, 
ihr Sieg war damit entschieden. 

Als am 26. October 1879 die feierliche Eröffnung der I. Section der Anstalt 
in ihrem vorläufigen Heim vollzogen wurde, verlieh die Gegenwart des Erzherzogs 
diesem Tage erhöhte Bedeutung. 

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Die Antwort des Herrn Erzherzogs auf die Anrede des Präsidenten hatte 
nachstehenden Wortlaut: 

• Es gereicht mir zu wahrer Freude, in Ihrer Mitte, meine Herren, zu erscheinen 
und die EröPfnung des Technologischen Gewerbemuseums heute vornehmen zu 
können. Möge dasselbe, wenn auch gegenwärtig nur in bescheidenem umfange, 
den angestrebten Zwecken stets entsprechen, sich allmählich auf weitere Gebiete 
ausdehnen und zur gedeihlichen Entwicklung, zur Hebung von Industrie und 
Gewerbe beitragen. Ich baue hiebei auf die fernere Mitwirkung jener Factoren, 
welche das Zustandekommen des Technologischen Gewerbemuseums ermöglichten, 
wie auf das anhaltende werkthätige Interesse jener Kreise, zu deren Nutzen diese 
Institution gegründet wurde.» 

Schon am Eröffnungstage verfügte das Museum über einen Fond von 
14.000 tl. Ohne Zweifel ist es auch dem Einflüsse des hohen Protectors zuzu- 
schreiben, dass Seine Majestät in den Räumen der Anstalt erschien — 1 3. Februar 
1880 — und dem Museum als Stifter die Summe von 1000 11. widmete. 

Mit stets gesteigerter Theilnahme begleitete der Erzherzog-Protector fortan 
jeden neuen Fortschritt, jede neue Phase der Entwicklung der Anstalt, bemüht, 
jedes wo immer auftauchende Hemmnis ihres Wirkens zu beseitigen, 

Das bereits über den Gewerbeverein seit oberwähnter Zeit übernommene 
Protectorat wurde 1879 auch auf die Schöpfung des Gewerbevereines, das 
Technologische Gewerbemuseum, ausgedehnt, Seither unternahm der 
Herr Erzherzog in seinem wohlwollenden Eifer aus eigenem Antriebe Schritte, 
welche für das Gedeihen der Anstalt und der ihr dienlichen Mittel entscheidend 
wurden. 

Erhöhungen der Staats-Subvention, die Allerhöchste Ermächtigung zur 
Führung des Titels «Kaiserlich-königliches Technologisches Gewerbemuseum», 
eine Reihe Allerhöchster Auszeichnungen für besonders verdiente Beamte des 
Institutes, endlich die Systemisierung von Staatsbeamtenstellen im Status der 
Bediensteten des Museums sind in erster Linie der Befürwortung durch den 
Erzherzog-Protector zu danken. 

«Von nachhaltigster Bedeutung — wenn auch Imponderabilien — waren die 
hundertfältig gespendeten Worte der Anerkennung, Belobung, Ermunterung und 
des Trostes, welche der gerechten Würdigung unserer Anstrengungen und der 
bezaubernden Herzensgüte des Erzherzogs entsprangen. Der hochstehende Herr 
hatte Sinn und Gedächtnis für jedes persönliche und sachliche Detail in der 
Geschichte des Technologischen Gewerbemuseums. Er war ein Genosse der Idee 
— im vollsten Sinne des Wortes — ein rückhaltsloser Gegner der Widersacher 
desselben. 

Unermüdlich im Bringen von Opfern an Zeit und Mühe und unerschöpflich 
an Geduld und Güte für die Personen, denen die Verwaltung des Museums anver- 
traut ist, war der Erzherzog der erste Mitbegründer, der erste Mitarbeiter. Die 
heute nach Tausenden zählenden Schüler und Berathenen des Institutes sind ihm 
zum Danke verpflichtet. 

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Das k. k. Technologische Gewerbemuseum hat einen in der Geschichte der- 
artiger Institutionen sowohl im In- als auch im Auslande seinesgleichen suchenden 
Aufschwung genommen — es hat aber auch einen wirklichen Prötector gehabt, 
und dieser war Erzherzog Carl Ludwigl» 

Der warmgefühlte Nachruf, der dem Andenken des Erzherzogs von den 
Leitern des erwähnten Institutes gewidmet wird, klingt aus in nachstehenden 
trefflichen Worten: 

«Zahlreiche Bürger unseres Vaterlandes betrauern das Hinscheiden Seiner 
kaiserlichen Hoheit, des Bruders unseres Kaisers, des Gemahls der durchlauch- 
tigsten Erzherzogin Maria Theresia — niemand hat aber mehr Grund zu der 
tiefschmerzlichen, wohl nie versiegenden Trauer als wir, deren Streben er gebilligt, 
deren Ideen er gewürdigt, deren Erfolge er wie oft ermöglicht. Und wenn, wie 
wir überzeugt sind, das k. k. Technologische Gewerbemuseum ein Factor der 
gewerblichen Betriebsamkeit Österreichs und seiner wirtschaftlichen Kraft 
geworden ist, ein Factor, der die Bürgschaft wachsender Bedeutung in seiner 
bisherigen Entwicklung trägt, so muss es am Sarge des durchlauchtigsten 
Prinzen gesagt, und es wird nie vergessen werden, dass diese eigenartige, 
aus dem Willen und der Kraft von Bürgern hervorgegangene öster- 
reichische Institution einen Prötector hatte, und dieser war Erzherzog 
Carl Ludwig.» 

Der Erzherzog-Protector zeichnete die unter Professor Exners trefflicher 
Leitung prosperierende Anstalt oft durch seinen Besuch aus, und zwar am 
28. Mai 1880, 18. März 1882, 28. März 1883, 3. Jänner 1884, 5. Februar 1884, 
23. Februar 1885, 17. März 1886, 17. Februar 1892, 5. Februar 1894. 

Über die Einzelnheiten dieser Besuche wurde in den »Mittheilungen» des 
Gewerbe verein es Bericht erstattet. 

Von den zahlreichen Handschreiben, welche Erzherzog Carl Ludwig an das 
Technologische Gewerbemuseum bei den verschiedensten Gelegenheiten richtete, 
mögen hier jene — sechs an der Zahl — erwähnt sein, mit denen Seine kaiserliche 
und königliche Hoheit Über Antrag der Direction besonders hervorragende Fach- 
männer des In- und Auslandes zu «Correspondenten des k. k. Technologischen 
Gewerbemuseums» ernannte. 

Seine kaiserliche Hoheit und Höchstdessen erlauchte Gemahlin, als Protec- 
torin des Industriellenballes, billigten es, dass aus dem Erträgnisse dieses Festes 
immer wieder namhafte Beträge dem Technologischen Gewerbemuseum zu- 
gewendet wurden. Unvergesslich bleibt der Anstalt auch der mit Zustimmung des 
Herrn Erzherzog-Protectors erfolgte Besuch desTechnologischen Gewerbemuseums 
durch Ihre kaiserliche Hoheit die Frau Erzherzogin Maria Theresia, welche 
der Generalversammlung der »Gesellschaft zur Förderung des Museums» am 
19. April 1894 anzuwohnen geruhte. 

In das Jahr 1880 fallen auch die Vorbereitungen für die niederöster- 
reichische Gewerbeausstellung, welche anlässlich des vierzigjährigen Jubi- 
läums des Gewerbevereines zu veranstalten beschlossen worden war. 



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Am 4. Mai 1880 wurde, nämlich genau vierzig Jahre nach der ersten Mai- 
Generalversammlung, die Festversammlung zur Feier des vierzigjährigen Vereins- 
bestandes abgehalten. Nach der Begrüßung durch den Präsidenten richtete der 
durchlauchtigste Protector Erzherzog Carl Ludwig folgende Ansprache an die 
Versammlung: 

«Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät hatten die Aller- 
höchste Gnade, am gestrigen Tage folgendes Handschreiben an mich in meiner 
Eigenschaft als Protector des Niederösterreichischen Gewerbevereines aus Aniass 
dessen vierzigjähriger Bestandfeier zu richten: 

,Lieber Herr Bruder, Erzherzog Carl Ludwig! 

Mit besonderer Befriedigung habe Ich von den eifrigen Bemühungen Kennt- 
nis genommen, welche der unter Ihrem Protectorate stehende Niederösterreichische 
Gewerbeverein der Pflege des Gewerbefleifles und der Hebung der industriellen 
Leistungsfähigkeit zuwendet, und durch welche zum Wohle der vaterländischen 
Industrie die schönsten Erfolge erzielt worden sind. 

Ich spreche deshalb diesem Vereine aus Aniass der Feier seines vierzig- 
jährigen Bestandes für seine hervorragende gemeinnützige Thätigkeit Meine 
volle Anerkennung aus und betraue Euer Liebden mit deren Bekanntgabe an 
den Verein. 

Wien, am 3. Mai 1880. Franz Joseph.' 

Es gereicht mir zur besonderen Ehre und Freude, die Gelegenheit zu haben, 
diese Anerkennung unseres allergnädigsten Kaisers dem Vereine bekannt zu 
geben. 

Ich bin es gewiss, dass diese huldvollen Worte dem Vereine stets in werter 
und dankbarer Erinnerung bleiben werden.- (Allgemeine lebhafte Zustimmung.) 

Nach der Festrede überreichte der Herr Erzherzog persönlich eine Reihe 
von Auszeichnungen, welche Seine Majestät aus dem Anlasse des Festes verliehen 
hatte, den damit beehrten Persönlichkeiten. 

Am 17.Juli 1880 wurde die Jubiläumsausstellung des Niederösterreichischen 
Gewerbevereines, über welche der Herr Erzherzog gnädigst das Protectorat über- 
nommen hatte, von Seiner Majestät dem Kaiser feierlich eröffnet. Diese Aussteilung 
gehörte zu den glänzendsten Leistungen des Vereines, mit denen auch das 
stattliche Reinerträgnis von 153.742 fl. gleichen Schritt hielt. 

Am 1 5. December 1 880 nahm der Herr Erzherzog persönlich die Vertheilung 
der Goldmedaillen und Ehrendiplome an prämiierte Aussteller vor. 

Aus diesem Überschusse wurden zur Erhöhung des Capitals der Erzherzog 
Carl Ludwig-Stiftung der Betrag von 2000 fl. bestimmt. 

Als im Jahre 1 884 der Verein den Beschluss gefasst hatte, eine internationale 
Ausstellung von Motoren und Werkzeugen zu veranstalten, fand sich der durch- 
lauchtigste Herr Erzherzog sofort bereit, abermals das Protectorat über diese 
Ausstellung zu Übernehmen, und lieh in seinem diesbezüglichen Handschreiben 
der Überzeugung Ausdruck, «dass durch eine solche Ausstellung dem Klein- 
gewerbe eine mächtige durchgreifende Anregung gegeben werde, die Concurrenz 
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mit der Großindustrie aufzunehmen, die Nachtfieile der Concurrenz für das 
Kleingewerbe zu paralysieren und in fruchtbringende Bahnen zu lenken.« Am 
26. Juli wurde diese Ausstellung in feierlicher Weise vom Erzherzoge eröffnet. 

Als am 2. Juli 1886 der Gewerbeverein den Beschluss fasste, zur Feier der 
vierzigjährigen Regierung Seiner Majestät des Kaisers eine niederösterreichische 
Gewerbeausstellung in der Rotunde des Praters zu veranstalten, übernahm aber- 
mals der Herr Erzherzog in bereitwilligstem Entgegenkommen das Protectorat 
hierüber. Seine Majestät der Kaiser, welcher in Gegenwart des Herrn Erzherzogs 
in feierlicher Weise den Act der Eröffnung vornahm, ertheilte dem Wirken des 
Vereines in einer Ansprache die wärmsten LobsprDche. Das Kaiserpaar, das Kron- 
prinzenpaar, der Erzherzog mit seiner durchlauchtigsten Frau Gemahlin beehrten 
die Ausstellung oft und gerne mit Höchstihrer Gegenwart und trugen dadurch 
vornehmlich zur Popularisierung dieser Ausstellung bei, welche unter Leitung des 
Präsidenten Freiherrn von Banhans und des bewährten Secretärs, kaiserlichen 
Rathes Auspitzer, nicht nur in ihrer moralischen Wirkung, sondern auch in 
Betreff des materiellen Erträgnisses — 150.000 fl, — die in das Unternehmen 
gesetzten Erwartungen in vollstem Umfange rechtfertigte. 

Besonders das Jubelfest des fünfzigjährigen Bestandes des Vereines bot dem 
hochverehrten Protector desselben willkommenen Anlass, dem Vereine nach außen- 
hin seine Wertschätzung und wärmste Hingebung in augenßilligen Bezeugungen 
der Huld und Gewogenheit zu beweisen. 

Es war am 28. Februar 1890, als um 5 Uhr abends in den Räumen des 
Musikvereinssaales eine überaus zahlreiche und glänzende Festversammlung des 
Erscheinens des hohen Protectors harrte, welcher dem Vereine durch die Zusage, 
den Vorsitz in dieser Festversammlung zu führen, einen neuen Beweis HÖchst- 
seines gnädigen Wohlwollens zu geben beabsichtigte. Als Hochstderselbe, beglei- 
tet von seinem Obersthofmeister Grafen Pejäcsevich, den Saal betrat, wurde er 
von brausenden Hochl-Rufen empfangen. 

In der Begrüßungsansprache an Seine kaiserliche und königliche Hoheit 
gedachte der Vereinspräsident M.- Matsch eko der gnädigen Fürsorge, welche der 
hochselige Vater des Herrn Erzherzogs den Gründern des Vereines entgegen- 
brachte, dem es zu danken war, dass der neue Verein unter seinem erhabenen 
Schutze in der k. k- Hofburg sein Geburtsfest feiern durfte, Hochstwelcher ein 
häufiger, stets freudig begrüßter Gast des Vereines bis an sein Lebensende geblieben 
ist. «In pietätvoller Fortführung dieser Tradition», fuhr der Redner fort, -haben 
auch Euere kaiserliche Hoheit, in welcher die Industrie und das Gewerbe Öster- 
reichs den stets hilfsbereiten, unermüdlichen, gnädigen Gönner verehren, geruht, 
rieht nur das Protectorat über den Niederösterreichischen Gewerbeverein zu über- 
nehmen, sondern dem Wirken und Schaffen desselben Höchstihre lebhafte Theil- 
nahme und die werkthätigste Förderung und Unterstützung angedeihen zu lassen.» 
(Lebhafte Zustimmung.) «Euere kaiserliche Hoheit geruhten auch, unseren hervor- 
ragenderen, oft weit über den Rahmen der engeren Vereinsthätigkeit hinausgehenden 
Unternehmungen den höchsten Schutz in einer Weise angedeihen zu lassen, dass 
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deren Bedeutung wuchs und ihr Gelingen im vorhinein gesichert wurde. Euere 
kaiserliche und königliche Hoheit haben durch all dies die betheiligten Kreise zu 
wärmstem Danke verpflichtet und aus vollem Herzen bringen unsere Vereins- 
genossen ihrem hohen E^otector den innigsten Dank entgegen. Geruhen Euere 
kaiserliche Hoheit dem Vereine einen neuen Beweis Ihrer Gnade zu geben und 
dem seltenen Feste, welches wir am heutigen Tage begehen, dadurch die höchste 
Weihe zu verleihen, dass Euere kaiserliche Hoheit den Vorsitz in dieser Ver- 
sammlung gnädigst übernehmen.» (Anhaltender, stürmischer Beifall.) 

Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig (den Vorsitz über- 
nehmend): 

«Ich willfahre gerne Ihrem Wunsche, Herr Präsident, anlässlich der fünfzig- 
jährigen Jubelfeier den Vorsitz in der heutigen Festversammlung zu übernehmen 
und danke Ihnen veibindlichst für Ihre sowohl dem Andenken an meinen seligen 
Vater, den ersten Protector des Vereines, gewidmeten, wie für die an meine Person 
gerichteten freundlichen Worte. 

Vom Herzen beglückwünsche ich den Verein zu seinem heutigen Festtage 
und heiße alle dazu erschienenen Gäste freundlichst willkommen. Diebedeutenden 
Erfolge unseres Vereines haben Seine Majestät unser allergnädigster Kaiser aus 
Anlass dieses Jubiläums neueriich anzuerkennen geruht, indem Allerhöchst- 
dieselben nachstehendes Handschreiben an mich zu erlassen sich bestimmt fanden: 
,Lieber Herr Bruder, Erzherzog Carl Ludwig! 

Mit berechtigter Genugthuung kann der Niederösterreichische Gewerbe- 
verein in Wien anlässlich der Feier seines fünfzigjährigen Bestandes auf die Erfolge 
zurückblicken, die er in richtiger Erfassung seiner Aufgabe durch sorgfältige 
Pflege der gewerblichen Interessen auf dem Gebiete seiner Thätigkeit erzielt hat. 
Seiner Bestimmung treu, aneifernd und belehrend auf die gewerblichen Kreise 
einzuwirken, hat der Verein bei Verfolgung seiner patriotischen Bestrebungen zu 
vielem Guten und Nützlichen die Anregung gegeben und, wie namentlich durch 
die Gründung des Technologischen Gewerbemuseums, Bedeutendes geschaffen. 
Gerne nehme Ich daher die bevorstehende Feier zum Anlasse, um für dieses 
fortgesetzt verdienstliche Wirken dem Niederösterreichischen Gewerbevereine, 
welchem Euer Liebden als Protector Ihre bewährte Fürsorge in so dankenswerter 
Weise zuwenden, neuerdings Meine volle Anerkennung auszusprechen. — Hieven 
wollen Euer Liebden den Verein in Kenntnis setzen. 

Budapest, 20. Februar 1890. Franz Joseph.' 

(Anhaltende Hoch!-Rufe.) 

Ferner geruhten Seine Majestät der Kaiser in Ihrem gegenwärtigen Präsi- 
denten Matsch eko den ganzen Verein dadurch auszuzeichnen, dass Allerhöchst- 
derseibe ihm das Comthurkreuz des Franz Josef-Ordens zu verleihen die Gnade 
hatten.* 

Nachdem der Herr Erzherzog unter stürmischem Beifall noch von der 
Zuerkennung anderer Auszeichnungen an verdiente Industrielle berichtet hatte, 
schloss er seine Ansprache mit nachstehenden Worten: 
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• Die Erfolge, welche der Niederösterreichische Gewerbeverein während 
seines fünfzigjährigen Bestandes aufzuweisen hat, sind die Frucht des unter der 
allergnädigsten Fürsorge Seiner Majestät des Kaisers und Seiner Regierung 
besonders gedeihenden gemeinsamen Zusammenwirkens aller Mitglieder des Ver- 
eines und namentlich jener hervorragenden Persönlichkeiten, die in aufopfernder 
Weise die Vereinsangelegenheiten im Interesse des Fortschrittes bisher geleitet 
und auf dieselben einen maßgebenden Einfluss genommen haben.» (Beifall.) <Es ist 
mir daher ein Bedürfnis, an dieser Stelle mit inniger Dankbarkeit derselben und 
auch jener Männer zu gedenken, welche heute nicht mehr unter uns weilen, und 
die durch ihr umfassendes Wissen, ihren Eifer und edlen Sinn wesentlich zur 
Hebung des Vereines beigetragen haben.» (Lebhafter Beifall.) 

■ Seien Sie überzeugt, meine Herren, dass ich, sowie mein seliger Vater 
mit seinem ihm angeborenen Wohlwollen sich stets mit besonderer Fürsorge des 
Vereines annahm, in Zukunft wie bisher Ihrem thatkräftigen Wirken das lebhaf- 
teste Interesse entgegenbringen und wie nur immer möglich, mit meiner Person 
für die Erreichung Ihrer Ziele und für das Wohl des Vereines eintreten werde.» 
(Stürmischer Beifall.) «Nachdem ich als Protector des Vereines auch meinerseits 
zur Erinnerung an diesen Festtag beitragen möchte, so widme ich eine Spende 
für die seinerzeitige Errichtung eines Museums der Geschichte der öster- 
reichischen Arbeit und erkläre die Festversammlung für eröffnet!» (Die Ver- 
sammlung bringt ein dreifaches begeistertes *Hoch!> aus.) 

In bewegten Worten stattete hierauf der Vereinspräsident Matscheko dem 
fürstlichen Gönner den tiefsten Dank für die Allerhöchsten Huldbeweise ab und 
stellte an Seine kaiserliche und königliche Hoheit die Bitte, den ergebensten 
Dank dafür aussprechen zu dürfen, dass Höchstdieselben die Gnade hatten, den 
Vorsitz in der heutigen Festversammlung zu übernehmen und derselben 
die Allerhöchsten Gnadenacte in Höchsteigener Person zu übermitteln. 

Seine kaiserliche Hoheit übergab nunmehr den Decorierten die im Aller- 
höchsten Handschreiben namhaft gemachten Auszeichnungen und ersuchte den 
kaiseriichen Rath Dr. Auspitzer, die Vertreter der Begrüßungsdeputationen zum 
Vortritte einzuladen, worauf die Begrüßungsansprachen und Überreichung von 
Adressen und Widmungs-Gedenkblättern stattfand. 

Der Herr Erzherzog fuhr hierauf in der Leitung der Versammlung fort und 
brachte verschiedene Anträge zur Beschlussfassung, darunter betreffend, eine 
Widmung von 15.000 fl. zur Altersversorgung, femer Beträge für Arbeitsvermitt- 
lung, Errichtung einer Lesehalle und zu anderen gemeinnützigen Zwecken und 
schloss die Festversammlung mit einem dreifachen «Hoch!» auf den Kaiser und 
König, in das dieselbe begeistert einstimmte. 

Bei der nun folgenden Festtafel im Sophiensaale brachte Präsident Matscheko 
zuerst einen Toast auf Seine Majestät aus und setzte in seiner Ansprache mit den 
Worten fort; 

-Und zu einem zweiten hellen Gläserklingen möchte ich Sie einladen, meine 
hochgeehrten Herren. Mein zweiter Trinkspruch gilt dem hochsinnigen Fürsten, 
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der vor einer Stunde in der Mitte der Bürger erschien und dadurch die Hoch- 
schätzung bürgerlicher Arbeit aufs neue bekundete, unserem gnädigsten Protector, 
Seiner kaiserlichen Hoheit dem durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Carl Ludwig, 
ihm, der — wie uns allen bekannt — an dem Wohle der Industrie und des 
Gewerbes den lebhaftesten und innigsten AntheÜ nimmt, der helfend und fördernd 
seinen mächtigen Schutz jedem gemeinnützigen Unternehmen angedeihen lässt; 
ihm, der insbesondere der Entwicklung des gewerblichen Unterrichtes die sorg- 
samste Aufmerksamkeit andauernd zuwendet; ihm, dessen Schutz das Gelingen 
unserer größten Unternehmungen, die großen Ausstellungen sowohl, wie die Aus- 
gestaltung des Technologischen Gewerbemuseums und die Gründung des neuen 
Museums der Geschichte der österreichischen Arbeit in erster Reihe zu danken 
ist; dem huldvollen, leutseligen, liebenswürdigen Fürsten, Seiner kaiserlichen 
Hoheit dem durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Carl Ludwig sei unser zweites 
Glas geweiht. Seine kaiserliche Hoheit lebe hoch, hoch, hoch!» (Begeisterte 
Zustimmung der Versammlung.) 

Am 1 . März wurden der Verwaltungsrath des Niederösterreichischen 
Gewerbevereines, die Mitglieder der ungarischen Deputation, hierauf die Vorstände 
der einzelnen auswärtigen Vereine, welche Delegationen zu dem Feste entsendet 
hatten, von Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit dem durchlauchtigsten 
Protector des Vereines Herrn Erzherzog Carl Ludwig in besonderer Audienz 
empfangen. Besonders huldreich gestaltete sich die Audienz des Verwaltungs- 
rathes, welcher von Seiner kaiserlichen Hoheit mit folgender Ansprache empfangen 
wurde : 

• Es freut mich, meine Herren, Sie bei mir zu sehen, weil ich hierdurch 
Gelegenheit habe, Ihnen allen gemeinschaftlich meinen herzlichsten Dank aus- 
zusprechen für die Wirksamkeit des Vereines, welche so reiche Erfolge zeitigte 
und die ein so schönes Fest ermöglichte. 

Seien Sie überzeugt, meine Herren, dass der persönliche Antheil, welchen 
ich an dem Feste genommen habe, sowie der herrliche und glänzende Verlauf des 
ganzen Festes mir stets eine erhebende Erinnerung sein wird. Ich werde nicht 
verfehlen, auch Seiner Majestät dem Kaiser über den glänzenden Eindruck, 
welchen das Fest auf alle Theilnehmer gemacht hat, zu berichten. 

Fahren Sie fort, meine Herren, in jenem Geiste der Eintracht und Ein- 
müthigkeit, welcher bisher die Arbeiten Ihres Vereines auszeichnete, für die fort- 
schrittliche Entwicklung auf dem Gebiete des Gewerbes und der Industrie ernst 
und anhaltend thätig zu sein, und seien Sie versichert, dass ich Ihre Wirksamkeit 
mit andauerndem Interesse begleiten und mich glücklich schätzen werde, so oft 
ich Gelegenheit erhalte, Ihre Bemühungen und Bestrebungen zu unterstützen. 
Nochmals herzlichen Dank - 

Im Namen des Verwaltungsrathes und des gesammten Vereines dankte der 
Vereinspräsident Seiner kaiserlichen Hoheit in ehrerbietigsten Worten für die 
außerordentliche Huld und Gnade, welche der durchlauchtigste Protector dem 
Vereine aus Anlass seines Jubiläums angedeihen ließ. 
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Durch mehr als zwei Stunden währten sodann die Audienzen der einzelnen 
Deputationen, deren Führern Seine kaiserhche Hoheit in der alibekannten liebens- 
würdigen und herzgewinnenden Weise entgegenkam. 

Um sechs Uhr abends fand bei Seiner kaiserlichen Hoheit aus Anlass des 
Vereinsjubiläums ein Diner mit vierzig Gedecken statt, welchem nebst dem 
Unterrichtsminister und dem Handelsminister und einer Reihe von hervorragenden 
Festtheilnehmern das Präsidium und ein Theil des Verwaltungsrathes des Nieder- 
österreichischen Gewerbevereines beigezogen waren. Auch bei diesem Anlasse 
äußerte Seine kaiserliche Hoheit bei dem an das Diner sich anschließenden 
Cercle wiederholt seine herzlichste Freude und Befriedigung über das glanzvolle 
Gelingen des Festes, 

Jene Mitglieder des Verwaltungsrathes, welche diesem Diner nicht bei- 
gezogen werden konnten, genossen die Auszeichnung, am Mittwoch den 5. März 
zur Tafel bei Seiner kaiserlichen Hoheit zugezogen zu werden, so dass der Verein 
die beglückende Überzeugung gewinnen musste, dass der durchlauchtigste Pro- 
tector den höchsten Wert darauf legte, den Verein aus Anlass seines Jubiläums 
mit einer ganzen Reihe von huldvollen Gnadenbeweisen auszuzeichnen. 

Aus Anlass des Vereinsjubiläums widmete im Sinne seiner Zusage der hohe 
Protector Erzherzog Carl Ludwig für das zu gründende Museum der Geschichte 
der österreichischen Arbeit die Summe von 1000 fi.; ein ermunterndes 
Beispiel, dem andere Gönner des Vereines mit ansehnlichen Beträgen nachfolgten. 

Seit der Übernahme des Protectorates durch den Herrn Erzherzog ent- 
wickelte sich der Gewerbeverein, sowie dessen Schöpfungen gleich einem herr- 
lichen Fruchtbaume, dessen Krone sich imposant ausbreitet zum Segen für mit- 
und nachlebende Geschlechter. Am Technologischen Museum fand von Jahr zu Jahr 
eine stets steigende Zahl strebsamer Schüler Aufnahme. Im Schuljahre 1879/80 
zählte die Anstalt bei ihrem Inslebentreten 44 Schüler, am 31. December 1895 die 
enorme Zahl von 916 Schülern; im ganzen hatten seit Errichtung der Anstalt 
7424 Schüler Aufnahme gefunden! Das Gesammtvermögen des Technologischen 
Museums bezifferte sich am 31. December 1894 auf 125,510 fl. 48 kr, der 
Vermögenszuwachs bis 31. December 1895 auf 5744 fl. 7 kr., zusammen 
131.254 fl, 55 kr,; also eine lebensvolle, kräftig pulsierende Schöpfung, an deren 
Emporblühen dem hohen Protector ein hervorragender Ruhmesantheil gebürt. 

Mit gerechtem Selbstgefühl darf die Mutterstätte des Museums, der Gewerbe- 
verein, auf seine Tochteranstalt blicken, in welcher sich zugleich auch ein Theil 
der Wirksamkeit des Gewerbevereines verkörpert. Der Aufschwung, welchen letz- 
terer unter der Ägide seines hohen Protectors auf allen Gebieten aufweist, gelangt 
am augenfälligsten in ziffermäßiger Darstellung zum Ausdrucke. 

Der Niederösterreichische Gewerbeverein unter der bewährten und vorzüg- 
lichen Leitung des Präsidenten Anton Harpke zählte am Ende des Jahres 1896: 
2222 Mitglieder, worunter 17 Ehrenmitglieder, 52 correspondierende und 2153 
ordentliche Mitglieder, und das mächtige Anwachsen seines Vermögens, namentlich 
aller seiner Fonds, ergibt sich aus der nachstehenden Bilanz: 
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Bilanz pro 31. December 1896: 











WenelTeclen (zum Ankaurspreise) : 




36.180-35 

53.9 14- 83 
409-43 


















.. fl. 




Realiläten: 

a) Realität I., Esche nb ach gasse 11 


196.000- - 
378.O0O- - 
"1T236^9Ö 
236-90 
T9.268 35 
1.288-25 










Abschreibung , . , 




. 11.000- — 






. 18.000 ■— 


















Cn-rtitnren: ^- P-^-" 

a) GnindbÜcherlich Einverleibte Forderungen 

b) Andere Forderungen 

a) Capitalconto 

h) Reservefond 


.. fl 

.. n. 


210.016 72 
11.114-80 

242.013-39'/, 
57.241 -öl 


n. 7 10.673 ■35'/i 
n. 221.131-52 

. 299.255-30'/- 



■. Speciatre 

a) Stadt Wien-Fond 

b) Kunstgewerbe-Fond 

c) Präsidial-Fond 

d) Prämiierungs- und Berichtcrstallungs-Resen'e 

[. Fonde: 

a) Spörlin-Fond 

b) Erzherzog Frani Cari-Fond 

e) Freiherr von Banhans-Fond 

d) Engel-Doiifus-Fond 

t) Webcschul-Fond 

ß Museum der GESchichte der österreichischen Arbeit . . . 

g) Gewerblicher Unterstützufigs-Fond 

h) Pensions-Fond 

i) H. Dräsche von Wartimberg-Fond 

*J Louis Freiherr von Haber-Linsberg-Fond 

l) E, Warrens-Fond 

i. Stiftungen: 

a) Eraherzog Carl Ludwig-Stiftung 

b) Josef Baec hie -Stiftung 

c) M, J. Elsinger-Sliftung 

d) Hermann Hild-Sliftung 

t) Anton Pelerle-Stiftung 

f) Friedrich Freiherr von Lcitenberger- Stiftung 

g) Alois Regenhart-Stiftung 

h) Schwarz-Senbom-Stiftung 

i) Dr. Arenstein-Stiftung 

k) Eduard Göpfert-Stiftung 

1) Moriz Faber-Sliftung 



42.210-72 
20.944-35 
l.giO-65 

209-50 

2.122 -e? 

4.020-02 

10.000- — 

3.000- — 

523-71 

34.258-92 
1.592-26 

15.000- — 
5.000 ■ — 
1.000- - 
2.000- — 



2.610-84 
1.377-40 
15.317-42 

5.385 61 
600-60 
8.939-21 
1.037-88 
1.180-21 



fl. 46.493 -73 
fl. 710.673-35i/i 



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Wie in der Hauptstadt, so ward auch in den Provinzen, wo immer ein gemein- 
nütziges Institut bestand, das der Fürsorge des Erzherzogs sein Emporblühen 
verdankt, das Hinscheiden des allverehrten Fürsten als schwerer Schlag empfunden. 

Dem Trauergefühle über den Hingang des Unersetzlichen leiht das Organ 
des Nordböh mischen Gewerbemuseums, die -Mittheilungen» (XIV. Jahrgang, 
Nr. 2) vom Jahre 1896, ergreifenden Ausdruck in folgenden Ausführungen: 

• Für das Nordböhmische Gewerbemuseum bedeutet das Ableben Seiner 
kaiserlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Carl Ludwig einen 
schweren, unersetzlichen Verlust, und schmerzerfültt zollt das dankbare Institut 
der hohen Witwe — deren aufopfernde, liebevollste Pflege im Vereine mit der 
Kunst der Arzte die tückische Krankheit nicht zu bekämpfen vermochte — den 
Tribut seines innigsten Beileides, seiner tiefsten Trauer. Die großen Verdienste, 
die sich weiland Erzherzog Carl Ludwig auf den verschiedensten Gebieten 
erworben, sichern ihm ein bleibendes, ehrendes Andenken, und der leise Hall des 
Mitgefühls, der die weiten Gaue des ganzen Reiches durchzittert, entspringt einem 
schönen Zuge der österreichischen Volksseele, der Liebe und Dankbarkeit für die 
dahingeschiedenen Wohlthäter des Vaterlandes, deren einer der größten Erzherzog 
Carl Ludwig gewesen ist. 

Von einer unmittelbaren Theilnahme an den Staatsgeschäften sich fern- 
haltend, führte Höchstderselbe das Leben eines Privatmannes, dessen persönliche 
Neigungen in ersprießlichster Weise den wirtschaftlichen Interessen des Gesammt- 
Vaterlandes untergeordnet waren und ihnen dienten. Er verknüpfte seinen 
erlauchten Namen mit den wichtigsten Ereignissen auf dem Gebiete der Industrie, 
der Gewerbe und Künste; sein thatkräftiges Protectorat schirmte alle Veranstal- 
tungen, welche auf Hebung und Förderung österreichischer Arbeit abzielten. So 
hatte das Nordböhmische Gewerbemuseum die Ehre, sich seiner besonderen Gunst 
erfreuen zu dürfen. Mit Recht nennt ihn der tiefempfundene Nachruf, den ihm eine 
der unseren ähnliche Corporation gewidmet hat, einen Fürsten, der die bürger- 
liche Arbeit so hoch schätzte, dass er ihre Förderung aus freiem Antriebe 
zur Hauptaufgabe seines Lebens erhob. 

Im März des Jahres 1878 — es handelte sich damals um die Vorarbeiten 
zur Pariser Weltausstellung — kam Seine kaiserliche Hoheit zum erstenmale nach 
Reichenberg und trat hier mit den führenden Persönlichkeiten des industriellen 
und gewerblichen Lebens in Fühlung. Nach Besichtigung der hervorragendsten 
Etablissements erkundigte sich der Herr Erzherzog eingehend und in liebens- 
würdigster Wöise in einer besonderen Audienz, die er dem Vorstande, dem Vor- 
stand-Stellvertreter und dem Secretär des Gewerbevereines ertheilte, nach den 
Verhältnissen dieses Vereines, nahm die Jahresberichte huldvollst entgegen und 
zeichnete seinen Namen in das Gedenkbuch des Museums ein. 

Nachdem auch bekannt war, dass Seine kaiserliche Hoheit der durch- 
lauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig verschiedene andere Vereine und gewerb- 
liche Erziehungsanstalten als Protector förderte, fasste man den Plan, auch mit 
der Bitte um Übernahme des Museums-Protectorates an ihn heranzutreten. 



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Das von Seiner Excellenz dem damaligen Statthalter von Böhmen, Freiherrn von 
Weber- Ebenhof, übermittelte Ansuchen fand ein geneigtes Gehör und als Antwort 
auf das officielle Gesuch kam folgendes Höchste Handschreiben: 
,An das Curatorium des Reichenberger Museums. 

Es gereicht mir zur wahren Befriedigung, das Protectorat des Reichenberger 
Museums zu übernehmen. Ich ersuche um baldige Einsendung der behördlich 
genehmigten Statuten, um danach meinen Wirkungskreis als Protector dieser 
Anstalt näher ermessen und bestimmen zu können. 

Wartholz, 13. Juni 1878. Erzherzog Carl Ludwig.' 

Damit trat die Wirksamkeit des Museums in eine neue Phase. Das Museum, 
bisher von vielen in seinem Werte verkannt, wurde durch diese Protectorats-Über- 
nahme von Seite des durchlauchtigsten Bruders Seiner Majestät auf eine Rang- 
stufe gehoben, auf welcher sich Im ganzen Lande kein zweites Institut dieser Art 
befindet. Heute, nachdem der erste Eindruck des erschütternden Ereignisses, 
welches unser allgeliebtes Kaiserhaus, wie die Völker der Monarchie getroffen, 
einer ruhigeren Zeit gewichen ist, sind wir erst im Stande, unserer Aufgabe gerechter 
zu werden und eine würdige Schilderung dessen zu geben, was unser nun dahin- 
geschiedener Schirmherr dem Nordböhmischen Gewerbemuseum gewesen ist. 
Durch sein reges Interesse für alle industriellen und gewerblichen Fragen, durch 
seine Empfänglichkeit für alles Schöne und Edle erklärt sich die Vertrautheit mit 
der Bedeutung und den Bedürfnissen der einzelnen Industriezweige, wie er sie als 
Protector unserer Anstalt so oft gezeigt hat. So fand eine am 10. September 1883 
zur Audienz zugelassene Deputation des Museums-Curatoriums — welche den Auf- 
trag besaß, für das bisher in so erfolgreicher Weise geübte Protectorat zu danken 
und die Bitte um fernere Förderung der Museumsbestrebungen vorzulegen — 
Seine kaiserliche Hoheit in vollster Kenntnis aller auf das Gewerbemuseum 
bezüglichen Angelegenheiten. Der verstorbene Erzherzog-Protector gab damals 
der Deputation die huldvollsten Veraicherungen seiner Geneigtheit und sprach sich 
nicht nur über die Bestrebungen des Museums, sondern über Reichenberg, seine 
Fürsorge für Schulen und gemeinnützige Institutionen überhaupt sehr schmeichel- 
haft aus. 

Desgleichen konnte der damalige Museumspräsident Herr Wilhelm Siegmund 
von einer höchst beifalligen Aufnahme seines Vortrages über die Fortschritte des 
Museums berichten, als er am 4. Juni 1884 abermals die Ehre hatte, von Seiner 
kaiserlichen Hoheit in Audienz empfangen und mit der erneuten Versicherung 
andauernder Huld und Fürsorge für die Fortentwicklung der Anstalt gnädigst 
entlassen zu werden. 

Dem edlen Schirmherm genügte es jedoch nicht, die Entfaltung des vom 
Centrum des Reiches so entlegenen Reichenberger Museums aus der Ferne zu ver- 
folgen. Seine kaiserliche Hoheit wollte an Ort und Stelle sehen, in welcher Weise 
das Nordböhmische Gewerbemuseum seinen wichtigen Aufgaben obliegt, und sein 
Besuch Reichenbergs im Herbste 1889 galt nach seiner wiederholten ausdrück- 
lichen Versicherung einzig und allein dem Institute, dessen Ausgestaltung und 
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Förderung ihm so sehr am Herzen lag. Der 17. September 1889 wird als ein denk- 
würdiger Moment in der Geschichte unserer Anstalt festgehalten werden, der von 
einschneidender Bedeutung für die Entwicklung des Institutes gewesen ist. Der 
hohe Besuch des Erzherzog-Protectors ist nicht nur ein erhebender Beweis seines 
dem Museum gewidmeten Wohlwollens, der allein schon Ansporn genug wäre, 
mit allen Kräften auf den allseitigen Ausbau der Anstalt hinzuarbeiten. Dieser 
hohe Besuch ist auch eine fürstliche Anerkennung des bürgerlichen Schaffens 
auf dem Felde der Arbeit und Ehre. Den Bewohnern der industriereichen Gaue 
unserer schönen, nordböhmischen Heimat sind die herzerfreuenden Worte noch 
in Erinnerung, welche Seine kaiserliche Hoheit auf die Begrüßungsansprache des 
damaligen Museumspräsidenten Herrn Wilhelm Siegmund erwiderte, dass er seit 
dem 24. März des Jahres 1 878, an welchem Tage er das Museum zum ersten- und 
letztenmale besichtigt habe, die fortschreitende Entwicklung desselben mit regstem 
Interesse verfolgt hätte und dass der diesmalige Besuch von Reichenberg nur und 
ausdrücklich dem Nordböhmischen Gewerbemuseum gelte. Im Laufe der Besich- 
tigung der Sammlungen, bei welcher die Herren Präsident Wilhelm Siegmund, 
Vice-Präsident Gustav Schirmer, Baron Heinrich von Liebig, Franz Edler von 
.Siegmund, Ludwig von Ehrlich und andere, sowie Custos Albert Hofmann mit 
Erklärungen zur Seite standen, betonte dies Seine kaiserliche Hoheit noch mehrere- 
male. Sehr anerkennend sprach sich der hohe Schirmherr über Bibliothek und 
Vorbildersammlung aus und äußerte in zahlreichen Aussprüchen seine hohe 
Befriedigung über die große Reichhaltigkeit der kunstgewerblichen Sammlungen, 
über ihren hohen, vorbildlichen Wert, sowie über die zweckgemäße Aufstellung. In 
besonderer Weise bemerkte Seine kaiserliche Hoheit, in welch hervorragendem 
Grade sich die Familie Liebig am Weiterausbau des Museums durch zahlreiche 
Geschenke betheiligte. Mit eingehendem Interesse besichtigte der Erzherzog- 
Protector damals alle Theile der Sammlungen und war auf das angenehmste durch 
die Mittheilung berührt, dass alle diese Objecte in liberalster Weise der Schule, 
der Industrie und dem Handwerke zur Verfügung ständen; die angegebenen stati- 
stischen Daten errangen seinen vollsten Beifall. Der Besichtigung der Sammlungen, 
welche über 1'/, Stunden währte, folgte die Besichtigung des offenen Zeichen- 
saales, der Textilsammlung, deren großem Bestände, deren Reichhaltigkeit und 
vorzüglicher Ordnung er das höchste Lob zollte. Seine kaiserliche Hoheit gab 
seiner höchsten Befriedigung über das Gesehene Ausdruck, was ihn — wie er 
sagte — umsomehr freue, als er eigens des Museums wegen nach Reichenberg 
gekommen sei. Er zweifle nicht, dass bei der fortgesetzt so zielbewussten, 
rührigen und streng wissenschaftlichen Leitung des Museums dasselbe bald eine 
hervorragende Stellung einnehmen werde. Auch am folgenden Tage hatte Seine 
kaiserliche Hoheit die Güte, einer Deputation des Nordböhmischen Gewerbe- 
museums, bestehend aus den Herren Präsident Wilhelm Siegmund, Vice-Präsident 
Ehrencurator Gustav Schirmer, Ehrencurator Baron Heinrich von Liebig und 
Custos Albert Hofmann, gegenüber, dem Ausdrucke seiner höchsten Befriedigung 
nochmals Worte zu leihen und versprach für einige schwebende Angelegenheiten 
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des Museums in huldvollster Weise seine Verwendung. Und als die Museums- 
baufrage in den Vordergrund gerückt werden konnte und das Curatorium eine 
Subscription zum Neubau auszuschreiben in die Lage kam, da zeigte sich wiederum 
die Opferwilligkeit des hohen Erzh erzog- Protectors, welcher sich mit einem nam- 
haften Betrage an die Spitze derselben stellte. 

In der schwebenden Neubaufrage ergriff Seine kaiserliche Hoheit oft und 
gern die Initiative zu thatkräftiger Förderung derselben und die hierauf bezüglichen 
Anliegen, die durch den jetzigen Museumspräsidenten, Herrn Willy Ginzkey, 
bei ihm vorgebracht wurden, fanden stets die Hebenswürdigste und rascheste 
Erledigung. 

So bildet dieses siebzehnjährige Protectorat eine ununterbrochene Kette von 
empfangenen Wohlthaten, und voll innigen Dankes blickt unsere Anstalt auf diese 
Periode ihres Aufschwunges, welche sie nicht zum geringsten Theile dem viel- 
vermögenden Schutze ihres nun entschlafenen hohen Schirmherm zu danken hat; 
in den Annalen der nordböhmischen Arbeit wird dem erlauchten Gönner und 
Freunde des industriellen und gewerblichen Schaffens stets ein ehrendes Andenken 
gesichert bleiben. 

Mittwoch den 20. Mai 1896 mittags fand anlässlich des Ablebens des hohen 
Museums-Protectors eine feierliche Trauerkundgebung statt. Die Curatoren ver- 
sammelten sich in Trauerkleidung im Sitzungssaale, in dessen Mitte, von Palmen 
umgeben und mit Trauerflor drapiert, die Büste weiland Seiner kaiserlichen Hoheit 
Aufstellung gefunden hatte. Der Vice-Präsident E. F. Schmidt ergriff das Wort zu 
folgender Ansprache, welche von der Trauerversammlung stehend angehört wurde: 
,Sehr geehrte Herren! 

Eine tieftraurige Veranlassung ist es, die uns heute hier vereinigt. Das 
Dahinscheiden Seiner kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Carl Ludwig, welches 
in der ganzen Bevölkerung Österreichs die größte Erschütterung hervorgerufen 
hat, berührt das Nordböhmische Gewerbemuseum aufs tiefste und schmerzlichste, 
weil wir in ihm unseren hohen Protector, den wärmsten Förderer unseres 
Institutes verloren haben. Waren wir doch das einzige Institut in Böhmen, welches 
die Auszeichnung genoss, unter dem Protectorate eines Mitgliedes unseres kaiser- 
lichen Hauses zu stehen. Schon in nächster Zeit gedachten wir mit der Bitte an 
ihn heranzutreten, anlässlich der Grundsteinlegung unseres neuen Museums- 
gebäudes uns durch seine persönliche Theilnahme auszuzeichnen. Leider hat die 
rauhe Hand des Todes diese, sowie manche andere schöne Hoffnung vereitelt. 

Tiefbewegt geben wir in diesen Augenblicken unserer aufrichtigen und 
innigen Trauer Ausdruck, wie wir auch nicht verabsäumt haben, bereits auf 
telegraphischem Wege Ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau Erzherzogin-Witwe, 
sowie dem erzherzoglichen Secretariate unser Beileid zu bekunden. 

Ich bitte Sie noch, die Traueradresse, welche ich zur Verlesung bringen 

lassen werde, zu genehmigen, und erlaube mir bekannt zu geben, dass ich mich 

in Abwesenheit unseres Präsidenten mit unserem Custos Herrn Dr. Pazaurek in 

Vertretung des Museums morgen nach Wien zur Leichenfeier begeben werde.' 

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Im Anschlüsse an diese bewegte Ansprache des Vorsitzenden richtete noch 
Herr W. Siegmund, welcher öfter Gelegenheit hatte, mit Seiner kaiserlichen Hoheit 
zu sprechen, tiefempfundene Worte an die Versammlung, der Überzeugung Aus- 
druck gebend, dass das Institut in steter Dankbarkeit das Andenken an die 
Zuneigung des hohen Protectors lebendig bewahren werde. 

Hierauf gab der Custos Dr. G. Pazaurek eine Übersicht über die denk- 
würdigsten Momente des hohen Protectorates und schlägt folgende Trauer- 
adresse vor: 

jEuere kaiserliche Hoheit, durchlauchtigste Frau Erzherzogin ! 

Die unerforschliche Schicksalsfügung hat Euerer kaiserlichen Hoheit den 
geliebten Gemahl, unserem erhabenen, schon oft so schwer geprüften Monarchen 
den theueren Bruder geraubt, und die Völker Österreichs, die an den Geschicken 
des Allerhöchsten Kaiserhauses stets den innigsten Antheil nehmen, abermals in 
tiefste Trauer versetzt. Das Nordböhmische Gewerbemuseum, das seit dem 
Jahre 1878 die hohe Ehre und Auszeichnung genoss, weiland Seine kaiserliche 
Hoheit den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Carl Ludwig als Protector ver- 
ehren zu dürfen, wurde durch die jähe Trauerkunde schmerzlich erschüttert und 
beklagt den allzu frühen Hingang seines mächtigsten, unersetzlichen Gönners, 
seines unermüdlichen, liebevollen Förderers. Das ehrfurchtsvoll gefertigte Cura- 
torium erlaubt sich die unterthänigste Bitte, Euere kaiserliche Hoheit geruhen, 
den in der heutigen Trauersitzung beschlossenen Ausdruck unseres innigsten 
Beileides entgegenzunehmen. Das allgemeine innigste Mitgefühl möge Euerer 
kaiserlichen Hoheit ein Trost sein in dem großen Schmerze!' 

Das Curatorium gab die Zustimmung zu dieser Trauerkundgebung, welche 
noch am selben Tage in künstlerischer Ausführung ^ einer im angeführten 
Jahrgang reproducierten Composition des Museums-Assistenten C. Lederle — 
an die Frau Erzherzogin-Witwe Maria Theresia abgesandt wurde. An der 
Bahre des verewigten Erzherzogs wurde ein Palmenkranz mit der Widmung: 
,Seinem durchlauchtigsten Schirmherrn — das Nordböhmische Gewerbemuseum 
in Reichenberg* niedergelegt. 

Wenn die Kränze in der Wiener Kapuzinergruft fahl und trocken geworden 
sind, wenn die hastende Zeit mit ihren täglich wechselnden Aufregungen die Auf- 
merksamkeit nach anderen Richtungen abgelenkt, — für das Nordböhmische 
Gewerbemuseum ist der Verlust zu groß, der Schmerz zu herb, als dass die dank- 
bare Erinnerung an den hohen Verblichenen je verblassen könnte.» 



Der Orient war von jeher ein wichtiges Absatzgebiet der österreichischen 
Industrie, die in der neueren Zeit darauf bedacht sein muss, sich diesen bedeuten- 
den Markt zu erhalten und dessen Gebiet zu erweitern. Es erschien in betheiligten 
Kreisen ersprießlich, die Aufmerksamkeit auf dieses Feld zu lenken und den 
heimischen Industriellen die Kenntnis der geläutertsten Formen des orientalischen 
Geschmackes zu ermöglichen. Zu diesem Zwecke gedachte man eine Pflanzstätte 
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zu errichten, durch welche orientalische Erzeugnisse als Vorbilder ausgestellt 
und die Pflege der orientalischen Stilformen verbreitet würden, indem man hoffte, 
auf diese Weise eine gesteigerte Nachfrage an derartigen Exportartikeln aus 
Österreich zu erzielen. 

Bereits im Jahre 1873 hatte sich ein Comite zum Zwecke des Ankaufes 
einer Sammlung orientalischer, zumal persischer Industrieerzeugnisse gebildet, 
welche den Grundstock bei Errichtung des sogenannten «Orientalischen 
Museums» bildeten. Dem feinen Verständnisse des hohen Protectors dieser 
auf einer richtigen Idee aufgebauten Schöpfung, dem Herrn Erzherzoge Carl 
Ludwig, musste bei Beobachtung des Effectes dieser Gründung die Thatsache 
sich aufdrängen, dass das Institut bei seinem beschränkten Wirkungskreise 
in seiner Ausgestaltung und Entwicklung gehemmt war. Im Verkehre mit einem 
Kenner der Verhältnisse gelangte der Erzherzog so bald zur Nothwendigkeit der 
Erweiterung der Wirkungssphäre der Anstalt, im Sinne einer Organisation, wie 
sie das Brüsseler Handelsmuseum bereits besaß. Der heimische Gewerbefleiß und 
die Kunstindustrie sollte durch Vorlage, Eintausch, kurz Erwerbung der beliebtesten 
und geschmackvollsten Muster genau informiert werden, was verkäuflich und zu 
lohnendem Exporte geeignet sei. So erweiterte sich das •Orientalische Museum- 
durch Aufnahme weiterer Gesichtspunkte unter des Erzherzogs Ägide zum 
österreichischen Handelsmuseum. 

Der erwähnte Schritt hiezu wurde über Veranlassung des Erzherzogs durch 
eine Expertise gethan, welche 1886 von der Handelskammer unter Mitwirkung 
von Delegierten verschiedener Fachvereine darüber berathen hatte. Einem Bericht- 
erstatter aus dem Schöße des Handelsmuseums sei in Nachstehendem das Wort 
hiezu überlassen. 

Derselbe schreibt: «Von unschätzbarem Werte zeigte sich die Mitwirkung 
des kaiserlichen Prinzen an der Ausgestaltung des Orientalischen Museums 
zum Handelsmuseum. Als sich die Agenden dieser Anstalt in unerwarteter 
Weise mehrten und die Interessentenkreise dem Museum Aufgaben stellten, 
welche die Grenzen seines ursprünglichen Programmes weit überschritten, galt es 
dem Institute in seinen Statuten wie in seinem Titel das Mandat zur Lösung 
dieser Aufgaben zum Ausdrucke zu bringen. Bei dem Umstände, dass sich hier- 
zulande bei jeder neu aufspringenden Vereinsaufgabe stets eine größere Zahl von 
Corporationen findet, von denen jede sich selber in allererster Linie für die Lösung 
derselben berufen und befähigt hält, bedurfte es der Autorität des hohen Schutz- 
herrn, um die erweiterten Aufgaben, die für die Anstalt ins Auge gefasst waren, 
von der hohen Regierung unter .Assistenz der betheiligten, mitunter auch con- 
currierenden Corporationen zugewiesen zu erhalten. In voller Würdigung der 
Schwierigkeit der Position, aber auch der Tragweite seines persönlichen Ein- 
flusses stellte sich der Erzherzog persönlich an die Spitze der im Jahre 1886 
abgehaltenen Museal-Enquete, beschied die einzelnen maßgebenden Persön- 
lichkeiten zu sich, um sie für die Sache zu gewinnen und krönte die vollendete 
Ausgestaltung durch eine gesellige Zusammenkunft der an 50 Köpfe zählenden 
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Theilnehmer an der Enquete" im Palais Erzherzog Carl Ludwig. Der Tag war 
ein denkwürdiger für alle geladenen Gäste. Heiterkeit und Befriedigung über die 
geglückte Thal spiegelten sich auf dem Antlitze des hohen Gastgebers, der mit 
jedem der Geladenen den einen oder anderen ihm nahegehenden Gegenstand 
besprach, gleichwohl aber mit der ihm eigenen Ausdauer und fascinierenden 
Liebenswürdigkeit sich gerade mit jenen Persönlichkeiten am angelegentlichsten 
und eingehendsten über das Institut unterhielt, die demselben aus dem einen 
oder anderen Grunde gerade nicht die stärksten Sympathien entgegenbrachten.» 

Schon von der Gründung der Anstalt her pflegte der Erzherzog sich die 
Protokolle jeder Sections- und Curatoriumssitzung vorlegen zu lassen und beschied 
zumeist nach jeder der letzteren, wenn er in Wien anwesend war, ehe er die 
statutenmäßig vorgesehene Sanction zu den gefassten Beschlüssen gab, den 
Director'* des Museums zu sich, um sich über dieselben und deren Motive ein- 
gehend zu erkundigen. 

Die in früheren Jahren im Museum abgehaltenen Vorträge beehrte der 
Prinz häufig mit seiner Anwesenheit, und es waren namentlich die Vorträge von 
Orientreisenden, die das Interesse des hohen Gastes in Anspruch nahmen. 

Nach solchen Vorlesungen unterhielt sich der hohe Gönner meist längere 
Zeit mit dem Vortragenden und gab dann manche Erinnerung an seine eigenen, 
in seinen Jugendjahren unternommenen Orienttouren zum besten. Nochmals den 
farbenglühenden Osten wiederzusehen, namentlich Ägypten und Palästina zu 
bereisen, war sein bei jedem solchen Anlasse ausgesprochener Wunsch. 

Auch den Generalversammlungen gab der kaiserliche Prinz, wenn immer er 
zu dieser Zeit in Wien weilte, durch seine Anwesenheit, die dann stets das 
Erscheinen mancher Würdenträger im Gefolge hatte, eine höhere Bedeutung. 

Ein besonders warmes Interesse wendete der hohe Protector den Wien 
passierenden Reisenden aus fernen Ländern überhaupt zu. Der Director des 
Museums erhielt den Auftrag, den Erzherzog auf die Anwesenheit solcher, nach 
der einen oder anderen Richtung bedeutender Männer aufmerksam zu machen. 

Wenn immer sich Gelegenheit dazu bot, berief der Erzherzog diese Reisen- 
den zu sich und ließ sich über die Zustände der Länder, die sie besuchten oder 
in denen sie längeren Aufenthalt genommen, eingehend berichten. Vor allem 
interessierten den Erzherzog die Mittheilungen des Österreichers Hermann 

• Der Herausgeber dieser BläHer halte die Ehre, dem Herrn Erzherzoge im Sommer 1885 im 
Bad Schwalbach Vortrag über die Ergebnisse der Antwerpener Ausstellung zu erstatten, und bei 
dieser Veranlassung die Umgestaltung des Orientalischen Museums in ein allgemeines Handels- 
museum (nach Brüssels Vorbild) anzuregen. Auf die Besprechung unserer Export Verhältnisse über- 
gehend, sind mir des Erzherzogs Worte unvergesslich : 

•Es mag Reiche geben, die das Weltmeer auf breiteren Flachen bespült, als 
die Adria unser Vaterland, an FleiQ und Forscherlust sollte es dem öster- 
reichischen Kaufmanne niemand zuvor thun,und das zu unterstützen, ist eine der 
ersten Pflichten der Regierung.. 

' ' Seil Gründung der Anstalt Hofrath von Scala, der sich um das Institut die grüOten Verdienste 
erwarb, derzeit Director des Museums für Kunst und Industrie. 



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Mandl, der während seines langjährigen Aufenthaltes in verschiedenen Theilen 
Chinas wiederholt nach Europa zurückkehrte und häufig in Wien verweilte. In 
stundenlangen Audienzen musste Mandl, der in seiner Stellung als ehemaliger 
Secretär und Reisebegleiter Li-Hung-Changs, sowie infolge seiner Beziehungen 
zur Seezollbehörde die chinesischen Verhältnisse eingehender studiert hatte als 
mancher in China durch lange Zeit etablierte Europäer, seinem fürstlichen Zuhörer 
seine Wahrnehmungen über das himmlische Reich und seine Bewohner eingehend 
darlegen. 

Die warme Theilnahme des Protectors brachte es dann mit sich, dass sich 
— wie dies im Falle Mandl in hervorragendem Maße geschah — die betreffenden 
Reisenden für das vom Erzherzog stets in liebenswürdig anerkennender Weise 
hervorgehobene Museum interessierten und demselben reiche Donationen zu- 
wendeten, sich an den Publicationen der Anstalt betheiligten oder ihr Wissen auf 
kaufmännischem Gebiete in den Dienst des Museums stellten. 

So verdankte die Anstalt dem Erzherzoge nicht bloß indirect so manche 
Bereicherung durch wertvolle Objecte, sondern auch den moralischen Gewinn 
neuer gediegener Mitarbeiter an den Zielen des Museums. 

Jede der vom Museum veranstalteten größeren Ausstellungen wurde vom 
Erzherzoge persönlich eröffnet. Gelegentlich der Keramischen Ausstellung war es 
der Protector, der in seiner Ansprache des zehnjährigen Bestandes des Museums 
gedachte, seiner Anerkennung für das Geleistete und seiner Hoffnung für das 
künftige Gedeihen der Anstalt Ausdruck gab. 

Handelte es sich dann um größere, sich an derartige Schaustellungen 
reihende Prachtpublicationen, so war es abennals der Protector, weicher Projecte 
dieser Art sofort aufgriff, aufs freudigste begrüßte und sich an die Spitze der 
Subscriptionen stellte. 

Er war zu genau mit den Agenden des Museums vertraut, als dass es 
seinem feinen Verständnisse entgangen wäre, dass der ersprießlichste Theil der 
Thätigkeit des Museums auf commerciellem Gebiete die Verwertung der Erfolge für 
Reclamezwecke zu Gunsten der Anstalt nicht gestattete. Die gewöhnliche Ailtags- 
arbeit des Museums, die Leistungen auf dem Gebiete der vielseitigen Information, 
sind ja stets nur dem Bureau und den Interessenten bekannt geworden. Je spär- 
licher dann die Anerkennung dieser Leistungen seitens der Außenwelt und so 
mancher maßgebender Factoren ausfiel, welche die Thätigkeit der Anstalt nur 
nach den Sitzungen des Curatoriums beurtheilt wissen wollten, desto wärmer trat 
der hohe Protector persönlich für das Museum und seine Arbeiten ein.* 

So schätzte der Erzherzog die Leistungen des Bureaus und seines vor- 
trefflichen Leiters Herrn Julius Böhm. 

•Von hoher Bedeutung für die Anstalt schien dem Erzherzoge vom Anbeginn 
her die Erlangung eines eigenen Hauses, und von der Zeit an, wo die Sammlungen 
eine gewisse Bedeutung erlangt hatten und namhafte Werte repräsentierten, 
unterstützte der Erzherzog alle nach diesem Ziele gerichteten Bestrebungen. 
Die Erreichung desselben ist in allererster Linie ihm zu danken. 
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Als die Musealräume im Börsenbau 1 894, woselbstdies Museum vom Jahre 1878 
an sein Heim besaß, halbjährig gekündigt wurden und die rasche Auffindung eines 
geeigneten Locales zweifelhaft erschien, beschied derProtector sofort den Director 
zu sich. »Also aus?, die Sammlungen vertheilenunddas Institut, das so viel geleistet 
und sich mit ehrlicher Arbeit zu seiner hervorragenden Stellung emporgerungen, 
auflösen? oder was meinen Sie?» hub der Prinz verdrießlich an. «Ich meine, dass 
wir jetzt, wenn kaiserliche Hoheit uns Ihren Schutz nicht entziehen, sondern wie 
bisher im vollen Maße angedeihen lassen, zu einem eigenen Hause gelangen werden.» 

Diese Erwiderung des Directors hatte der Erzherzog augenscheinlich 
erwartet. Daraufhin wurde die vom Director vorgetragene Bitte: Seine kaiserliche 
Hoheit der Erzherzog wolle geruhen, Handschreiben an hervorragende geldkräftige 
Persönlichkeiten und Institute zu richten und diese in seiner Eigenschaft als 
Protector um Beiträge für die Erwerbung eines eigenen Hauses zu ersuchen — 
vom Erzherzog sofort ais erfüllbar bezeichnet. 

Man könne die Person des Erzherzogs nicht so direct in der Sache enga- 
gieren, sagte wohl mancher, andererseits könne man auch auf die betreffenden 
Persönlichkeiten keinen so großen directen moralischen Zwang ausüben. «Wes- 
halb sollte ich mich nicht mit meiner Person ganz für eine gute Sache 
engagieren?» meinte der Erzherzog lächelnd, als ihm diese Bedenken bekannt 
gegeben wurden, «und was den Zwang anlangt — um so besser, wenn es eine 
gemeinnützige Aufgabe gilt,* So wurde denn ein Dutzend der vom Director bean- 
tragten Handschreiben erlassen. Seine kaiserliche und königliche Hoheit stellten 
sich Höchstselbst mit einem namhaften Betrage an die Spitze der Subscription. 
Keines der Schreiben verfehlte seine Wirkung; binnen wenigen Wochen war die 
Erwerbung des eigenen Hauses gesichert!» 

Soweit unser Berichterstatter. 

Das Haus Nr. 16 der Berggasse im IX. Bezirke, vom Grafen von Festetics 
erworben, wurde zur Aufnahme des Museums in würdigster Weise ausgestattet. 
Ein überaus reger Verkehr entfaltet sich daselbst zwischen den verschiedenen 
Consulaten Österreichs im Auslande und heimischen Exportfirmen, die Vervoll- 
kommnung des Geschmacks österreichischer Industrie durch die gewähltesten 
nationalen und regionalen Mustervorlagen hat seither erstaunliche Fortschritte 
zutage gefordert, welche naturgemäß auch dem Export zugute kamen. 

Aus kleinen, fast dürftigen Anfängen hat sich das Handelsmuseum unter der 
Leitung Seiner Excellenz des Herrn Grafen Franz Coronini und des unermüd- 
lichen Vjce-Präsidenten Geheimen Rathes Freiherrn von Schwegel zu einer 
großen, mit bedeutenden Mitteln wirkenden Anstalt entwickelt und ist ein Segen 
der österreichischen Industrie- und Handelswelt geworden, welche nebst anderem 
unter dem Titel commercjelle Muster allein jährlich etwa 4000 fl. verausgabt. Das 
Museum verfügte im Jahre 1894 über Einnahmen im Betrage von 50.199 fl., die 
Ausgaben bezifferten sich auf 49.849 fl,, die im Besitze des Museums befindlichen 
Wertpapiere bezifferten sich im Curswerte vom 31. December 1893 auf 48.289 fl., 
die Cassabestände auf 4152 fl. 



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Der Baufond bestand mit Ende 1 894 aus 26.400 fl. fünfprocentigen ungarisch- 
galizischen Eisenbahn-Prioritäten I. Emission, 21.200 fl, vierprocentigen galizischen 
Carl Ludwig-Bahn-Prioritäten und 1.494 fl. 90 kr. in Barem. Durch die großen 
Geldbeträge, welche für den Hausfond einflössen, ist nun der Vermögensstand 
des Museums ein noch viel günstigerer. 

Alle diese großen Erfolge, sie wären bestimmt nicht eingetreten, hätte nicht 
der Herr Erzherzog von Anbeginn an den Schild seines Namens und seiner 
Persönlichkeit über die junge Schöpfung gehalten; darum hat auch die öster- 
reichische Handelswelt alle Ursache, wo sie aus dieser Schöpfung Früchte erntet, 
mit unverlöschlichem Dankgefühle stets ihres Förderers zu gedenken. 



Die Bedeutung des kaufmännischen Berufes im staatlichen und wirtschaft- 
lichen Organismus erzeugte, wie leicht erkläriich, bei dessen Angehörigen das 
Bedürfnis engen Zusammenschlusses behufs Wahrung und Förderung der Stan- 
desinteressen und moralischer Hebung des Standes überhaupt. Eine Reihe von 
Lebensfragen für die selbständige Kaufmannschaft sowohl als für die Bediensteten 
derselben — Vorschuss- und Creditwesen, Krankenpflege, Stellenvermittlung, fach- 
liche Heranbildung und Fortbildung, Unterstützungswesen, Altersversorgung — 
heischten dringend die Inangriffnahme einer Lösung. So entstand am 17. Juni 1870 
aus der Verschmelzung des damals bereits bestehenden «Kaufmännischen Bundes» 
und des «Kaufmännischen Fortbildungsvereines» der «Wiener Kaufmännische 
Verein». 

Aller Anfang ist schwer. Das gilt ganz besonders für dieThätigkeit eines 
Vereines mit großen humanitären und culturellen Agenden. Ein 
solches Wirken erfordert materielle Mittel, und diese fließen nur langsam ein. 
Auch der Wiener Kaufmännische Verein blieb von dieser Erfahrung nicht frei. Er 
verfügte vorerst über so geringe Mittel, dass nicht einmal an die Beschaffung 
von ausreichenden Räumlichkeiten gedacht werden konnte. 

Unter den größten Schwierigkeiten und nur in recht bescheidenem Ausmaße 
konnte eine Unterstützungsabtheilung ins Leben gerufen werden; Handelsschul- 
Director Porges gestattete die freie Benützung seiner Schulräume und gewährte 
vielen VereinsmitgÜedem unentgeltlichen Unterricht; der «Volkswirtschaftliche 
Verein» stellte seine fachwissenschaftliche Bibliothek zur Verfügung, und auch 
bezüglich der Krankenpflege wurde nach Maßgabe der Mittel Entsprechendes 
verfügt. Die Regierung dagegen brachte dem entstehenden Vereine nur sehr 
mäßiges Wohlwollen entgegen; die beabsichtigte Errichtung eines Spar- und 
Vorschüss-Consortiums im Schöße des Vereines wurde nämlich seitens der 
Statthalterei von Bedingungen abhängig gemacht, welche die ganze Basis 
des Vereines verschoben hätten, und es musste endlich von der Schaffung 
einer derartigen Institution Umgang genommen werden. 

Schon war der junge Verein im hoffnungsvollen Aufblühen begriffen, zur 
Errichtung eines projectierten Pensionsfonds war durch ein Bailerträgnis von 1 27 7 fl, 
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der Anfang gemacht, und auch von der Ersten österreichischen Sparcasse der 
Betrag von 1000 fl. eingeflossen, als die Krisis des Jahres 1873 einen verhängnis- 
vollen Rückschlag auf den Verein ausübte. Von Jahr zu Jahr trat Vermögens- 
verminderung ein, bis im Jahre 1877/78, seit Übernahme der Präsidentschaft 
durch den hochverdienten Ministerialrath Dr. Migerka, sich ein großer Fortschritt 
bemerkbar machte; die Vereinsthatigkeit gestaltete sich lebhafter, die Unterrichts- 
curse wiesen steigenden Besuch auf, im Jahre 1885 war das Vereinsvermögen bis 
auf 30.500 fl. angewachsen. 

Allein seit Inslebentreten der neuen Gewerbeordnung entbrannten heiße 
Kämpfe, bedauerliche Strömungen traten hervor; es krystallisierten sich aus unaus- 
gegohrenen Ansichten Parteien heraus, die auch in der Wiener Kaufmannschaft 
Boden zu fassen trachteten. Nicht nur wurde versucht, von außen her gegen den 
Verein Stellung zu nehmen und ihm Gegner zu werben, auch innerhalb des 
Vereines selbst traten gewisse Meinungsverschiedenheiten auf, in den Vereins- 
versammlungen riss ein Ton ein, der, die sachlichen Grenzen überschreitend, ins 
Persönliche überschlug. Diese unerquicklichen Verhältnisse veranlassten leider 
Herrn Dr. Migerka zum Rücktritte. 

Der nachfolgende Vereinspräsident Czjzek, ein verdienstvoller, hochehren- 
werter Mann, gelangte zur Überzeugung der Nothwendigkeit, eine Ausscheidung 
der turbulenten Elemente vorzubereiten, sollte der ganze Verein nicht zum Tum- 
melplatze wüster unfruchtbarer Hetzerei herabsinken. Es gelang dies, so dass die 
Krise glücklich überwunden und der Verein einer neuerlichen Kräftigung entgegen- 
geführt werden konnte. Ende 1889 betrug das Vereinsvermögen bereits 42.000 fl. 

Nochmals erhob sich ein Sturm gelegentlich der Gründung der Gremial- 
Krankencasse; allein nur 56 Mitglieder traten aus, und wenn auch gelegentlich der 
Berathung eines neuen Statutenentwurfes die Formen des parlamentarischen 
Anstandes soweit verletzt wurden, dass darüber der verdienstvolle Herr Czjzek 
seine Präsidentenstelle niederlegte, so war es den störenden Elementen doch nicht 
mehr möglich geworden, wie anderwärts, den Organismus der Vereinigung in die 
Hände zu bekommen. 

An Stelle des Herrn Hans Czjzek übernahm Landtags-Abgeordneter Alfred 
Ritter von Lindheim im Mai 1891 die Stelle des Vereinspräsidenten. Wie die 
Jubelgedenkschrift zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestandes des Vereines 
vom Jahre 1895 betont, <setzt mit dem Vereinsjahre 1891/92 ein neuer Abschnitt 
der Geschichte des Vereines, setzt eine Epoche ein, welche für das Ansehen des 
Vereines nach außen und für den Segen der Arbeit nach innen von höchster 
Bedeutung war*. Der durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig, welcher schon 
seit einer Reihe von Jahren als Protector des Kaufmännischen Balles dem 
Vereine lebhaftes Interesse entgegenbrachte, hatte die Huld, das Protectorat über 
den Verein zu übernehmen. 

Das bezügliche Handschreiben lautete: 

«Es gereicht mir zum Vergnügen, das Protectorat über den Wiener Kauf- 
männischen Verein anzunehmen. 



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Möge dieser Verein, der in höchst verdienstlicher Weise das Wohl aller dem 
kaufmännischen Berufe Angehörigen, sowie die Hebung der geistigen Ausbildung 
und die Verbesserung der materiellen Lage derselben anstrebt, seiner Bestimmung 
auch in Zukunft gerecht werden und immer mehr gedeihen! 

Als Protector werde ich dem Vereine mit Freuden stets mein lebhaftes 
Interesse und meine Fürsorge zur Erreichung seiner edlen Ziele angedeihen 
lassen. 

Wien, 7. December 1891. Erzherzog Carl Ludwig.» 

Dieses frohe Ereignis wurde von allen Mitgliedern des Vereines mit den 
Gefühlen berechtigten Stolzes, innigster Freude und warmer Dankbarkeit begrüßt, 
aber auch die gesammte Kaufmannschaft fasste die hochherzige Entschließung 
des kaiserlichen Prinzen als eine sie ehrende Auszeichnung auf, und von Nah und 
Fem, insbesondere von den Brudervereinen empfieng der Verein anlässlich dieses 
Beweises hoher Anerkennung seiner Bestrebungen die herzlichsten Glückwünsche. 

Die Stellung des Vereines war jetzt eine so hervorragende, sein Ansehen 
ein so allgemeines, dass er gegründete Aussicht haben durfte, ein kühnes 
Project zu verwirklichen, das im Schöße der Leitung und im Mitgliederkreise 
lange schon als Wunsch und Sehnsucht lebendig war. Der Verein, ermuthigt 
durch den Herrn Erzherzog, erstrebte sein eigenes Heim. Besprechungen, welche 
vorerst in einem engen Kreise von Freunden und Gönnern des Vereines statt- 
fanden, ließen erkennen, dass es nicht nur gelingen würde, die dem Vereine nahe- 
stehenden, sondern auch die kaufmännischen und industriellen Kreise Wiens 
überhaupt für das Project zu interessieren, zu erwärmen und selbst zur materiellen 
Unterstützung zu bewegen. Ohne Zögern wurden nach einer Darlegung des 
Vereinspräsidenten Ritters von Lindheim am 22. December 1891 in einer Ver- 
sammlung im Hotel Müller die Actionen sofort begonnen, und in einer verhältnis- 
mäßig sehr kurzen Zeit waren durch freiwillige Spenden sowohl als durch niedrig 
verzinsliche Darlehen namhafte Beträge subscribiert. Schon am 2. Mai 1892 konnte 
der erste Spatenstich zu dem neuen Vereinshause vorgenommen werden. Eine 
Subscriptionsaction behufs Erzielung von Baudarlehen hatte den Betrag von 
198.000 n. ergeben. 

Das genannte Jahr gestaltete sich überhaupt zu einem der glänzendsten des 
Vereines, es brachte den Höhepunkt seines Strebens. Der 29. Mai 1893 wird 
in den Annalen des Vereines und in denen des gesammten Handelsstandes mit 
unvergänglichen Lettern verzeichnet stehen: 

Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät geruhte in Aller- 
höchst eigener Person die Eröffnung des neuen Heims im Beisein des hohen 
Protectors Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten 
Herrn Erzherzogs Carl Ludwig vorzunehmen, (1. Johannesgasse 4.) 

Es war dies ein Tag der Erhebung, ein Jubeltag, welcher den reichsten 

Lohn darbot für viele Jahre redlichen Bemühens. Der hohe Protector, von dem 

Vereinspräsidium ehrfurchtsvoll empfangen, unterhielt sich bei dieser Gelegenheit 

in huldvoller Weise mit den einzelnen Herren und bemerkte, dass er die Fa9ade 

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des Hauses schon vor einigen Tagen bei einer zufälligen Vorbeifahrt gesehen und 
dieselbe außerordenllich schön finde. 

Mit dem Glockenschiage Eins wurden in den Zufahrtsstraßen brausende 
Hoch [-Rufe laut, in welche die vor dem Hause harrende Menge begeistert 
einstimmte. 

Es langte unser gnädigster Monarch Seine kaiserliche und 
königliche Apostolische Majestät Kaiser Franz Josef I. an der Pforte 
des neuen Hauses an. 

Seine Majestät, welcher in Generalsuniform erschien, war begleitet von dem 
Generaladjutanten Geheimrath Eduard Grafen Paar und dem Flügeladjutanten 
k. und k. Oberstlieutenant Victor Grafen Schaaffgotsch, begrüßte zuerst seinen 
erlauchten Bruder und wandte sich dann an den Vereinspräsidenten Herrn Alfred 
Ritter von Lindheim, mit welchem er einige huldvolle Worte wechselte. Auch für 
jeden der Vorgestellten hatte der Monarch freundliche Worte; ebenso ließ sich 
der hohe Vereinsprotector durch den Herrn Vice-Präsidenten Popper zwei um 
den Verein sehr verdiente Männer und fast alle Herren der Vereinsleitung und des 
Beamtenkörpers vorstellen. 

Einer gestellten Bitte entsprechend geruhten sowohl Seine Majestät als Herr 
Erzherzog Carl Ludwig sich in das zur Erinnerung an den Festtag gestiftete 
Gedenkbuch einzuzeichnen. 

Als Seine Majestät und der Vereinsprotector wieder das Treppenhaus durch- 
schritten, um sich zum Ausgange des Hauses zu begeben, intonierte der kauf- 
männische Gesangverein, welcher mittlerweileim Vestibüle Aufstellung genommen 
hatte, neuerdings die Volkshymne. 

Auf die bei der Verabschiedung von Seite des Herrn Präsidenten von Lind- 
heim gesprochenen Worte, dass die Eröffnung des kaufmännischen Vereinshauses 
durch Seine Majestät nicht nur eine große Auszeichnung für den Wiener Kauf- 
männischen Verein, sondern für die gesammte Kaufmannschaft der Stadt Wien 
sei, erwiderte Seine Majestät der Kaiser; Ich habe Mich mit großer 
Freude hieher begeben und wünsche, dass die Wirksamkeit Ihres 
Vereines auch fernerhin in dem neuen Hause eine reich gesegnete sei. 

Auch Seine kaiserliche und königliche Hoheit der Herr Erzherzog Carl 
Ludwig geruhte zum Abschied unter huldvollen Worten seine Befriedigung über 
die Feier auszusprechen, worauf der Herr Vereinspräsident nach einigen 
warmen Worten des ehrerbietigsten Dankes ein dreifaches Hoch auf den hohen 
Gönner des Vereines ausbrachte, in welches die Umstehenden jubelnd einstimmten. 

Damit war der für den Verein ewig denkwürdige und erhebend feierliche 
Act zu Ende, das Haus des Wiener Kaufmännischen Vereines war seiner Bestim- 
mung übergeben! 

• Die Begeisterung, welche — so erzählt der Festbericht — das Ereignis des 

Tages in den Seelen der daran Betheiligten entzündet hatte, loderte bei dem 

Festbankett empor, welches das Programm des bedeutungsvollen Tages 

beschloss. Trotz eines gleichzeitig stattfindenden Empfanges bei Hofe, welcher 

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eine Reihe der hervorragendsten Persönlichkeiten abhielt, der Einladung des 
Vereines Folge zu leisten, war doch die große Mehrzahl der Ehrengäste erschienen, 
und sämmtliche Entschuldigungen trugen das überzeugende Gepräge herzlichster 
Sympathie Tür den Wiener Kaufmännischen Verein und seine Bestrebungen. 
Neunzig Personen, die alle durch das volle Verständnis des Anlasses und die 
Liebe für den Festgeber, den jungen Hausherrn, den Verein, innerlich verbündet 
waren, saßen an dem Festtische und ließen frohgemuth die Becher kreisen, 
während auf der Gallerie eine Musikkapelle concertierte. Nachdem der Vereins- 
präsident Herr Alfred Ritter von Lindheim unter allgemeiner Begeisterung dem 
Kaiser als dem ,Schützer des Reiches und Freund des Bürgers' und dem Vereins- 
protector einen von Liebe und Verehrung beseelten, in seinem Schwünge alle 
Herzen mitreißenden Trinkspruch gewidmet hatte, war die Flut der Toaste ent- 
fesselt, die nun manche Musterrede brachte.» 

Eine mit stürmischem Beifalle aufgenommene Rede des Vereinspräsidenten 
beendete den zweiten Theil des bisher größten Fest- und Ehrentages des Wiener 
Kaufmännischen Vereines. Ein dritter Theil, der an Begeisterung hinter den 
anderen nicht zurückstand, folgte am 6. Juni, an welchem die Vereinsleitung das 
stolzfreudige Ereignis der Eröffnung des Vereinshauses im großen Kreise der 
Mitglieder feierte. Der Fest commers, bei welchem eine Musikkapelle concertierte, 
fand unter großer Betheiligung der Mitglieder statt und nahm einen sehr animierten 
Verlauf. In der einleitenden Rede gab der Vereinspräsident Herr Alfred Ritter von 
Lindheim in großen Zügen eine Skizze der Geschichte des Hausbaues und knüpfte 
hieran eine Darlegung der großen Aufgaben, die der Verein im eigenen Heim zu 
erfüllen hat und für die er der Mitarbeiterschaft aller Mitglieder bedarf. 

Jeder fühlte mit Stolz und Freude die Wahrheit der Worte, welche einer der 
Redner dem neuen Hause gewidmet hatte: -Es ist mehr als ein Vereinshaus, es 
ist ein Wahrzeichen in des Wortes vollster Bedeutung, der erste körperliche Aus- 
druck des kaufmännischen Standesbewusstseins in Wien!> 

Mit welcher Beflissenheit der Erzherzog bemüht war, zur Hebung des Ver- 
einsvermögens beizutragen, bewies Höchstderselbe auch durch die gnädige 
Bereitwilligkeit, womit derselbe seit dem Jahre 1881 alljährlich regelmäßig das 
Patronat über den -Kaufmännischen Ball- übernahm, durch welches Reinein- 
nahmen bis zu 2610 fl. erzielt wurden. Die Summe, weiche durch die Reinerträg- 
nisse der vom Herrn Erzherzoge für Zwecke der Krankenunterstützungs-, des 
Reisestipendien-, des Migerka-, des Kaiser Franz Josef-Fonds patronisierten Ver- 
einsbälle hereingebracht werden konnte, reicht nahezu an 27.000 fl. 

In welch großem wohithätigen Einflüsse für die Vermehrung des Vereins- 
vermögens das hohe Protectorat zutage trat, ergab sich unter anderem, abge- 
sehen von der Erbauung des Vereinshauses, in einem rapiden Emporschnellen des 
Vereinscapitals, welches in einem Jahre — von 1891/92 auf 1892/93 — von 
51.281 auf 82.168 fl. sich gehoben hatte. 

Von geradezu winzigen Anfangen war der Verein zu einer Körperschaft von 
imposantem Umfange und höchst achtunggebietenden Mitteln emporgeblüht. Das 
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Vereinshaus, um das sich der Bauleiter, der vortreffliche Architekt Oberbaurath 
Professor Ullrich, und der Referent im Baucomite, Simon, hohe Verdienste 
erwarben, wurde von einer landesgerichtlichen Schätzung auf 375.000 fl. bewertet 
— um mehr als 40,000 fl. höher als die Baukosten betrugen. 

Von 1003 fl. im Jahre 1870 war das Vermögen im Jahre 1894 auf 84.518 fl. 
angewachsen, die Mitgliederzahl von 760 im Gründungsjahre auf 2636 am 
1. Juni 1895, die Bibliothek von 160 Büchern auf 12.000 Bände, und mit diesen 
Daten hielten auch die übrigen Agenden des Vereines — Krankenpflege, wofür fast 
67.000 fl. ausgegeben wurden, Stellenvermittlung (in 7717 Fällen) und andere — 
in ihrer Ausdehnung gleichen Schritt. Im Vereinsjahre 1894/95 rief der Verein 
eine eigene zweiclassige Handelsschule ins Leben. Kurz: enormer Fortschritt auf 
allen Linien seit Übernahme des Protectorates durch den wohlwollenden Herrn 
Erzherzog! 



Allem Gemeinnützigen ein wohlgeneigter Führer ließ es sich der Erzherzog 
angelegen sein, überall, wo Keime des Fortschrittes zum Durchbruch sich empor- 
rangen, dieselben verständnisvoll zu pflegen und zur Blüte gelangen zu lassen. 
So wendete sich auch des sinnigen Naturfreundes liebevolle Aufmerksamkeit den 
dem Ackerbau und der Gartenpflege gewidmeten Vereinen zu. 

Was der Herr Erzherzog diesbezüglich der k. k. Gartenbaugesellschaft 
in Wien an gnädiger Fürsorge angedeihen ließ, darüber mögen im Nachstehenden 
die Ausführungen eines leitenden Mitgliedes dieser Gesellschaft Platz finden: 

•Wenn auch im Jahre 1827 die erste Anregung zur Gründung einer Garten- 
baugesellschaft nach dem Vorbilde der Royal Horticultural Society in London 
von einem Mitgliede des Allerhöchsten Kaiserhauses, weiland Seiner kaiserlich- 
königlichen Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Anton, gegeben wurde, 
so fand doch leider deren Constituierung erst nach dem Ableben dieses hohen 
Gönners am 11. Jänner 1837 statt, als Carl Freiherr von Hügel, von seinen aus- 
gedehnten Orientreisen zurückgekehrt, das Präsidium übernahm und thatkräftig 
für die Entwickelung des österreichischen Gartenbaues alle seine reichen Erfah- 
rungen und Kenntnisse, sowie seinen unleugbar mächtigen Einfluss einsetzte. 

Unbestreitbare Erfolge lohnten die Bemühungen der k. k. Garten baugesell- 
schaft, welche aber erst zu hohem Ansehen kam, als es ihr unter dem Präsidium 
Seiner Erlaucht des Herrn Franz Grafen von Harrach gelang, im Jahre 1861 das 
heutige an der Ringstraße gelegene Areal, dank der außerordentlichen Gnade 
Seiner Majestät des Kaisers, geschenksweise zu erhalten. 

Dadurch musste unsere Gesellschaft eine ganz veränderte äußere Gestalt 
annehmen, in der zwar schon ein reges Leben pulsierte, welches sich aber wesent- 
lich steigerte, als weiland Seine kaiserliche und königliche Hoheit der durchlauch- 
tigste Herr Erzherzog Carl Ludwig das Protectorat gnädigst zu übernehmen 
geruhte. Hoch erfreut und beglückt nahm am 14. März 1867 der Verwaltungsrath 
diese Höchste Entschließung zur Kenntnis und mit unbeschreiblichem Jubel wurde 
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in den Gärtnerkreisen die Nachricht aufgenommen, dass der hohe Protector am 
15. Mai desselben Jahres die Vertheilung der bei der F"rühjahrs- Ausstellung zuer- 
kannten f rämien persönlich vornehmen werde. Alle Aussteller fühlten mit Recht 
diesen hochherzigen Act als die höchste Anerkennung ihrer bisherigen Leistungen. 

Seit dieserZeit geruhten Seine kaiserliche und königliche Hoheit stets unseren 
Ausstellungen eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er unterließ es 
niemals mit jedem Aussteller in der huldvollsten, leutseligsten Weise zu verkehren, 
dieselben zu neuen Culturen anzueifern und sie seines höchstens Wohlwollens 
zu versichern, was in der That allseitig in hohem Grade anregen musste. Seine 
kaiserliche und königliche Hoheit erwies sich auf diese Weise nicht nur als 
fürsorglicher Protector der k. k. GartenbaugesellschaA in Wien, sondern auch 
. alle Gärtner sahen zu ihm empor als zu ihrem höchsten Schutzherm und dies 
umsomehr, als Seine kaiserliche und königliche Hoheit häufig eine Gelegenheit 
fand, die hiesigen Gärten durch seinen hohen Besuch auszuzeichnen und dadurch 
sein hohes Interesse für die Ziele dieses Culturzweiges zu bekunden. 

Mit dem lebhaftesten Interesse verfolgte Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit auch die Thätigkeit der k. k. Gartenbaugesellschaft auf allen anderen 
Gebieten und geruhte seiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen, als ihm die 
Gründung der Gartenbauschule im Jahre 1868 und die der höheren Gartenbau- 
schule in Eisgrub im Jahre 1895 zur wohlgeneigten Kenntnisnahme angezeigt 
wurde. Auch den von der k. k. Gartenbaugesellschaft veranstalteten populär- 
wissenschaftlichen Vorträgen folgte Seine kaiserliche und königliche Hoheit mit 
besonderer Aufmerksamkeit und häufig erschien unser hoher Herr Protector bei 
derartigen Anlässen. Das größte Wohlwollen geruhte aber Seine kaiserliche und 
königliche Hoheit der k. k. Gartenbaugesellschaft gegenüber dadurch zum Aus- 
drucke zu bringen, dass ihr Seine kaiserliche und königliche Hoheit am 8. März 
1874 huldvollst bekanntgab, für die Dauer seines Lebens alljährlich 
2 goldene und 4 silberne Protectormedaillen allergnädigst widmen zu wollen, 
welche gelegentlich der Frühjahrsausstellung im Jahre 1874 zum erstenmale für 
ganz außerordentliche Leistungen auf dem Gebiete der Pflanzen-, Gemüse- und 
Obstcultur zur Vertheilung kamen. Diese Medaillen mit dem Bilde des hohen 
Protectors künstlerisch ausgeführt, regten unsere Cultivateure zur erfolgreichen 
Thätigkeit an, da ein jeder von dem Bestreben beseelt war, sich wenigstens eine 
solche Medaille zu erringen. 

Bei dem lebhaften persönlichen Verkehre, den unser Herr Präsident Johann 
Graf Harrach mit dem hohen Protector pflegte, war es ganz selbstverständlich, 
dass Seine kaiserliche und königliche Hoheit von allen internen Angelegen- 
heiten unserer Gesellschaft genau informiert war und manchmal sogar durch 
Ertheilung seines wohlwollenden Rathes auf die Erledigung manches das Wohl 
der Gesellschaft betreffenden Actes einen wesentlichen Einfluss nahm. Demzufolge 
war Seine kaiserliche und königliche Hoheit wirklich unser höchster Schutzherr, 
dessen wir jederzeit mit unendlicher Liebe und unbegrenzter Dankbarkeit gedenken 
müssen. 



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Wer hätte es wohl geahnt, als Seine kaiserliche und königliche Hoheit in 
diesem Jahre von seiner Orientreise zurückkehrte, mit dem Keime seiner schweren 
Krankheit behaftet, am 23. April dieses Jahres unsere Blumenausstellung gesuchte, 
dass dies sein letzter Ausgang sein werde! Wie herablassend und huldvoll war er 
noch an diesem Tage, wie lebhaft schilderte er die Schönheit und Üppigkeit der 
tropischen Vegetation der von ihm durchquerten Gebiete, die aber nicht verglichen 
werden dürfe mit der unserer Hochwälder, die an Seiner kaiserlichen und könig- 
lichen Hoheit einen begeisterten Verehrer fanden.» 

Wenn auch das Jahr 1895 mit einem Fehlbetrage von 9995 fl. 58 kr. abschließt, 
so findet diese missliche Thatsache hauptsächlich darin ihre Begründung, dass 
einerseits das Erträgnis aus den Saalvermietungen hinter dem der früheren Jahre 
zurückgeblieben ist und andererseits, dass die Gesellschaftsrealitäten in die volle 
Steuerpflicht gelangten, wodurch eine jährliche Mehrauslage an Steuern von circa 
8000 fl. erwachsen ist. 

Immerhin verfügt der Verein über ein Activum von 528,310 fl. 93 kr., zu 
dessen Vermehrung der Herr Erzherzog wiederholt seinen dankenswerten Einfluss 
geltend gemacht hatte. 



Als im Jahre 1890 die k.k. Ackerbaugesell Schaft zu Cörz sich anschickte, 
die Feier ihres 125jährigen Bestandes zu begehen, glaubte sie mit Recht, durch 
kein anderes Mittel besser für das Emporblühen dieser Anstalt sorgen zu können, 
als durch eine Bitte an Seine kaiserliche Hoheit den Erzherzog Carl Ludwig, das 
Protectorat zu übernehmen. Auch die Unterthanen Österreichs italienischer Zunge, 
insbesondere die Bewohner von .Görz, in deren Mitte Seine kaiserliche Hoheit 
wiederholt länger verweiit hatte, wussten gleich denen deutschen Stammes den 
hochsinnigen Charakter des Erzherzogs richtig zu schätzen, wie aus dem Wort- 
laute des bezüglichen Beschlussprotokolles vom 7. Juli 1890 hervorgeht. Der 
betreffende Absatz lautet: 

•Accennando alla protezione sempre goduta dal nostro Sodalizio dall'Augusta 
Dinastia felicemente regnante, opina che in quella radunanza festiva venga fatta 
la proposta di pregare Sua Altezza Imperiale e Reale il Serenissimo Signore 
Arciduca Carlo Lodovico, il quäle ha soggiornato in varie epoche nella nostra 
cittä, e che ha sempre dimostrato Interesse vivissimo per tutte le 
istituzioni create al pubblico vantaggio che voglia degnarsi di assumere 
il Protettorato di questa 1. R. Societä agraria.* 

Der Herr Erzherzog geruhte nicht nur der Bitte der k. k. Ackerbaugesellschaft 
in Görz, betreffend die Übernahme des Protectorates, zu entsprechen, Seine kaiser- 
liche und königliche Hoheit erschien auch in der Festversammlung zur Jubiläums- 
feier am 18. September 1891 persönlich, wobei der Festredner in dankbarer Pietät 
auch des Erzherzogs Johann gedachte, der als früherer Protector der k. k. Acker- 
baugesellschaft auch der Jubelfeier am 7. Juni 1847 beigewohnt hatte. 
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Für das seitens des Erzherzogs dieser Körperschaft bewiesene gnädige 
Wohlwollen brachte der Vorsitzende in nachstehenden schwungvollen Worten den 
Dank der Gesellschaft zum Ausdrucke: 

«L'Augusto nostro Protettore ha voluto onorarla della Sua presenza e con ciö 
darci una prova lampante che, se si e compiaciuto di accettare graziosamente il 
Patrocinio della nostra Societä Desso ha pure l'intenzione di usarne a vantaggio 
della medesima. Nutriamo ferma fiducia che l'autorevolissima ed influentissima 
Sua parola gioverä molto a sostenere i conati della nostra Societä, rivolti a miglio- 
rare la situazione economica della popolazione agricola da lei rappresentata, e che, 
come faceva risaltare il chiarissimo odiemo nostro oratore, pur troppo non k tanto 
florida quanto noi tutti la desideriamo. 

Compiacciasi adunque Altezza Imperiale di aggradire graziosamente da parte 
del nostro Sodalizio (die Versammlung erhob sich) le espressioni di affettuoso 
ossequio e di profonda riconoscenza, per essersi degnata di mettersi alla sua testa 
in qualitä di suo Protettore, per averle dato un saggio preziosissimo della bene- 
volenza Sua coli' essere intervenuta a questa Radunanza e finalmente per tutto 
quello che generosamente vorrä operare ancora a pro del medesimo e degli 
interessi agricoli di questa Provincia in generale, 

A nostro rammarico altro non abbiamo per dimostrare i nostri sentimenti 
d'indellebile attaccamento che le povere parole colle quali li estemiamo. Ma lo 
facciamo con genuina sinceritä e con 1' effusione dei cuore, ed a confermare ciö 
invito tutti gU astanti di porgere a Sua Altezza Imperiale una professione di 
riverente devozione e di fervida gratitudine esclamando meco Evviva Sua 
Altezza Imperiale e Reale 1' Augustissimo nostro Protettore 1' Arciduca 
Carlo Lodovico!» 

Die Festversammlung antwortete begeistert mit einem dreimaligen Ewiva! 
Und als der hohe Gast sich vom Sitze erhob und den Festsaal verließ, brach die 
Versammlung neuerdings in stürmische Zurufe aus. 

Der Herr Erzherzog, welcher gelegentlich der im selben Jahre 1891 zu Görz 
abgehaltenen land- und forstwirtschaftlichen Ausstellung und des vierten öster- 
reichischen Weinbaucongresses drei Tage in Görz verweilte, besuchte zweimal 
die Ausstellung, nahm höchsteigenhändig die Vertheilung der Prämien an die 
hiezu bestimmten Aussteller von Pferden und Hornvieh vor und gestattete gnädigst, 
dass ihm der Centralausschuss des Weinbaucongresses vorgestellt werde, wobei 
sich Seine kaiserliche Hoheit besonders für die Weinzollfrage interessierte.' In 
Bethätigung seines gnädigen Wohlwollens widmete der Herr Erzherzog dem 
-Ausstellungsfonde 20 Ducaten, wovon zwei Preise zu je zehn Ducaten an zwei 
Landwirte, welche hervorragende Leistungen auf agricolem Gebiete aufweisen, 
verabfolgt wurden. Übereinstimmende Schilderungen melden von dem stürmischen 
Jubel, mit dem der hohe Gast sowohl bei seiner Ankunft als auch mehrmals 
während seiner Anwesenheit von der Gesammtbevölkerung gefeiert wurde. 

Aufrichtige Trauer erfüllte denn auch alle Gemüther in Görz bei der betrüben- 
den Kunde von dem Hinscheiden des allverehrten fürstlichen Gönners, In aufier- 



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ordentlicher Sitzung des Ausschusses vom 28. Mai 1896 hielt an Stelle des 
erkrankten Präsidenten der Vice-Präsident einen tiefgefühlten Nachruf, welcher 
in Nachstehendem bezeugt, in welch treuem Gedächtnisse die vom Erzherzoge 
erwiesenen Gnadenbeweise in jenen Kreisen fortlebten: 

• La nostra Societä ebbe 1' alto onore di averlo per suo Protettore e tutti 
avranno grata ricordanza dei Suo soggiorno durante !' Esposizione agricola forestale 
che ebbe luogo in Gorizia nel 1891. In quell' occasione Egli, dando tante prove di 
benevolenza per la nostra provincia, presenziando alla Radunanza generale della 
nostra Societä in cui il Nestore dei nostri soci, Cav. Doliac, ne fece la storia, 
elargendo ricompense in denaro, distribuendo di propria mano i premi alla Espo- 
sizione, ed inflne incoraggiando con affabili paröle i nostri sforzi, volle dimostrare 
il Suo piü ampio interessamento per le nostre sorti. E la Societä agraria colla Sua 
dipartita perde un Augusto Protettore a cui noi tutti eravamo legati di riconoscenza. 
Possa la Sua memoria aiutarci nei nostri sforzi futuri!» 

Der Vereinsvorstand wurde mit der Aufgabe betraut, telegraphisch Ihrer 
kaiserlichen und königlichen Hoheit durch den Obersthofmeister Grafen Pejäcsevich 
den ehrfurchtsvollsten Ausdruck tiefster Theilnahme an Höchstdero schmerzlichem 
Verluste zur Kenntnis zu bringen. 



Mit dem wirtschaftlichen Leben ist die sociale Frage der Wohnungsreform 
in der Großstadt aufs innigste verknüpft, und der Erzherzog richtete auf diese 
wichtige Angelegenheit in Wien sein besonderes Augenmerk, was bei den öffent- 
lichen Verwaltungsorganen auch gebürende Beachtung fand. 

Hoch über dem Qualm und dem Dunst der alteren Stadttheile Wiens 
empfangt die .Ansiedelung des Cottage-Vereines bei der vorherrschenden Luft- 
strömung frische Luft aus den bewaldeten Ausläufern der Alpen. Der Gedanke 
des genannten Vereines, im Gegensatze zu den Zinspalästen und Mietkasernen, 
dem Mittelstande die Möglichkeit zu bieten, für eine Familie ein eigenes Heim 
bewohnen zu können, muss als ein so zeitgemäßer und humaner bezeichnet werden, 
dass den Vorkämpfern dieser Idee, welche dieselbe ohne Geschäftsgewinn durch- 
zuführen bestrebt sind, gewiss .Anerkennung gebürt. Diese Erwägung mag denn 
auch für den Herrn Erzherzog, der alles, was das Wohl der Wiener Bevölkerung 
fördern konnte, auch seinerseits zu fordern und jedem gesunden Gedanken seine 
Unterstützung zur Durchführung zu leihen bereit war, maßgebend gewesen sein, 
nach Gründung des so gemeinnützigen Wiener Cottage-Vereines am 13. April 
1873 das Protectorat über denselben huldvollst zu übernehmen. 

Für den Verein war diese an Höchster Stelle dem Unternehmen eben dadurch 
kundgethane Anerkennung seiner Ziele von größtem Werte, denn nun konnte 
sich die Vereinsleitung versichert halten, dass ihre Schritte und Anträge bei den 
Behörden einflussreiche Befürwortung finden würden und die Fürsorge Seiner 
kaiserlichen Hoheit für den Verein gelangte denn auch in mehreren Fällen ganz 
augenscheinlich zur Geltung, 

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So ist es eine Thatsache, dass dank der huldvollen Fürsprache des durch- 
lauchtigsten Protectors, des Herrn Erzherzogs Carl Ludwig, die Bemühungen 
wegen Verlegung der Vorortelinie der Wiener Stadtbahn aus der Cottage-Anlage, 
unterstützt durch wohlwollendes Eingreifen der Behörden und durch kräftige 
Mitwirifung der betroffenen Haus- und Grundbesitzer, zu dem günstigen Ergeb- 
nisse geführt, dass diese Linie die Sternwarte und den Park auf der Türkenschanze 
westlich umgehen wird. 

Während der Zeit, in welcher der Cottage-Verein das Glück genoss, unter 
dem Protectorate Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit zu stehen, erfreute 
er sich stets thatkräftigster Förderung seiner Ziele durch Höchstdenselben über- 
haupt, und zwar war der Verkehr zumeist ein familiärer; kein Anlass war zu gering- 
fügig, um Seine kaiserliche und königliche Hoheit nicht behelligen zu dürfen, und 
stets konnte man auf huldvollste eifrige Erledigung der vorgebrachten Anliegen 
rechnen. 

Hervorgehoben zu werden verdient die Thatsache, dass Seine kaiserliche 
und königliche Hoheit wiederholt die Familienhäuser-Anlage des Wiener Cottage- 
Vereines in Währing-Döbling in Augenschein nahm und sich von deren Fort- 
schritten gerne persönlich überzeugte. Der Verein hat sich vornehmlich durch die 
Patronanz des Erzherzogs verschiedene Vortheile erkämpft, und sein Gedeihen 
wird am besten durch die Thatsache gekennzeichnet, dass auf der demselben zu 
Gebote stehenden Grundfläche gegenwärtig über 200 Familienhäuser errichtet 
wurden, welche, von anmuthigen Vorgärtchen umrahmt, eine stille, grüne, luftige 
Oase bilden an der Grenze des Getriebes der dunst- und stauberfüllten Großstadt 
Dankbar wird der Name des ersten Protectors durch die Bezeichnung festgehalten, 
welche einer schönen Straße in diesen Anlagen beigelegt wurde, der Carl Ludwig- 
StraOe. 

Der Park auf der Türkenschanze wurde 1883 unter fördernder Mit- 
wirkung des hohen Protectors Erzherzogs Carl Ludwig zur 200jährigen 
Gedenkfeier der Befreiung Wiens von der Türkenbelagerung errichtet und im 
Jahre 1888 zum 40jährigen Regierungs-Jubiläum Seiner Majestät des Kaisers 
Franz Josef L eröffnet. 

Bei der Eröffnung des Parkes am 30. September 1888 sprach Seine Majestät 
die denkwürdigen Worte: 

•Ich wünsche herzlichst, dass mit dem Blühen und Gedeihen dieses jungen 
Gartens auch der erfreuliche Aufschwung der Vororte, welche, sobald dies möglich 
sein wird, auch keine physische Grenze von der alten Mutterstadt scheiden soll, 
stets zunehmen werde.* 

Diese kaiserliche Verheißung erfüllte sich am 19. December 1890 durch die 
Sanctionierung des Gesetzes über die Vereinigung der Vororte mit Wien. 

Der schöne Park, der sich seitdem prächtig entwickelte, bietet nicht nur den 
Bewohnern des umgebenden Bezirkes eine Stätte der Erholung in reiner Luft, 
sondern er wird auch stets eine bedeutsame historische Erinnerung lebendig 
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erhalten. Während der zweiten Belagerung Wiens, 1683, hatten die Türken auf 
dieser Anhöhe ein starkes Befestigungswerk angelegt und mit Kanonen besetzt. 
Hier kämpften sie mit zäher Ausdauer gegen das anrückende christliche Entsatz- 
heer, und der Herzog Carl von Lothringen führte die Seinigen mehrmals vergeblich 
zum Sturme. Erst als Prinz Ludwig .von Baden die sächsischen Dragoner, mit 
denen er zur Unterstützung herbeikam, absitzen und mit zwei kaiserlichen 
Regimentern vereinigt zum Sturme vordringen ließ, wurde die Schanze am späten 
Nachmittag genommen. Aber auch schon bei der ersten Belagerung, 1529, scheinen 
die Türken hier eine Verschanzung errichtet zu haben, deren Reste nach ihrem 
Abzüge die Bezeichnung »Türkenschanze» für den Ort veranlassten, da dieser 
Name bereits in Merlans Topographie, Frankfurt am Main 1649, vorkommt. Die 
Anlegung eines Parkes an dieser Stelle erfüllte somit auch den besonderen Zweck, 
durch die Umgestaltung des blutgetränkten Bodens in einen wohlgepflegten 
Garten das Andenken an die siegreichen Kämpfe auf dieser Stätte und an die 
Errettung Wiens zu bewahren, 



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X. Capitel. 
Erzherzog Carl Ludwigs Thätigkeit auf den Ausstellungen. 



Hervorragende Industrielle und Volkswirte Österreichs hielten, da seit 1845 
keine Industrieausstellung in Wien abgehalten worden war, die Veranstaltung 
einer Weltausstellung daselbst für Bedürfnis und Ehrensache zugleich. Ihrem Ein- 
flüsse, ihrer Anregung Raum gebend, hatte 1869 die Wiener Handels- und Gewerbe- 
kammer an das Handelsministerium das Ersuchen gerichtet, den Plan zur Abhal- 
tung einer internationalen Industrie- und Agrarausstellung der Verwirklichung 
zuzuführen. Aller Welt sollte in anschaulichen Thatsachen der Beweis vor Augen 
gerückt werden, dass Österreichs wirtschaftliche und industrielle Bedeutung unge- 
achtet zweier blutiger, verhängnisvoller Kriege mit nichten geschwächt sei, dass 
vielmehr die Segnungen der Regierung des Kaisers Franz Josef I. im Frieden 
Schaffenskraft und Regsamkeit auf allen Gebieten des geistigen und wirtschaft- 
lichen Lebens ermuthigt. 

Nach den erfolgreichen Ausstellungen zu London 1862 und Paris 1867 
mehrten sich die Rufe nach einer Weltausstellung in Wien. Die verjüngte 
Vindobona wollte sich mit einer grofiartigen, alles Dagewesene überbietenden Weit- 
ausstellung in die Reihe der Weltstädte einfügen. Zu der allgemeinen Begeisterung 
für diesen Plan, welcher eine Deputation der Handelskammer bei den Ministern 
beredten Ausdruck lieh, kam der Umstand, dass Wien in seinem unvergleichlichen 
Prater eine für solche Veranstaltungen wie selten prädestinierte Stätte besaß, die 
an landschaftlicher Schönheit, wie an Ausdehnung alles hinter sich ließ, was Paris 
oder London in dieser Art zu bieten hatte. 

Mit Allerhöchster Entschließung vom 24. Mai 1870 wurde denn auch die 
Abhaltung einer am I.Mai 1873 im Wiener Prater zu eröffnenden Ausstellung 
angeordnet, Geheimrath Freiherr von Schwarz-Senborn zum Generaldirector 
ernannt und durch zwei Gesetze ein unverzinslicher Staatscredit von 1 5'7 Millionen 
Gulden bewilligt. DerKalser ernannte Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Rainer zum 
Präsidenten, Seine kaiserliche Hoheit den Erzherzog Carl Ludwig zum Protector 
der Ausstellung, worauf eine große Central-Commission in Wien und Commissionen 
in den Provinzen gebildet wurden. Der müde Winter 1872 — 1873 begünstigte die 
Ausstellungsbauten in außerordentlichem Maße und so stand programmgemäß der 
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^anze Bau mit der vielangestaunten Rotunde fertig, wenngleich Installation und 
innere Einrichtung noch manches zu wünschen übrig ließ. 

Ein überaus glanzvoller Festtag brach für Österreichs Hauptstadt am 1. Mai 
1873 an, als Seine Majestät der Kaiser in Gegenwart Ihrer Majestät der Kaiserin, 
umgeben vom gesammten Kaiserhause, vielen fremden, zu Gaste erschienenen 
Fürsten, einer glänzenden Reihe der höchsten Staatswürdenträger, bei ungeheurem 
Fremdenandrange die Weltausstellung feierlichst eröffnete. Eine so imposante Auf- 
fahrt von Pracht-Carrossen wie an diesem Tage hat der Prater bis dahin schwer- 
lich gesehen. Die fremden fürstlichen Gäste wurden am Südportale der Rotunde 
von den Erzherzogen Carl Ludwig und Rainer bewillkommt. Ais die Majestäten 
die Thronestrade betreten hatten, trat Erzherzog Carl Ludwig vor zu nach- 
stehender weihevoller Ansprache: 

• Euere kaiserliche Majestät, allergnädigster Herr! 

In festlicher Stimmung begrüße ich Euere Majestät in diesen dem friedlichen 
Fortschritte geweihten Räumen. Die Allerhöchste Theilnahme Euerer Majestät gibt 
einem Werke den Abschluss, das den Blick der Welt auf Österreich lenkt und 
unserem Vaterlande die Anerkennung hervorragender Theilnahme an der Förde- 
rung von Menschenwohl durch Unterricht und Arbeit sichert. Nicht uns, die das 
Vertrauen Euerer Majestät zunächst zur Durchführung Allerhöchstihres Ent- 
schlusses berufen hat, ziemt es, Richter des eigenen Vollbringens zu sein. Aber 
es sei uns gestattet, auf die Elemente hinzuweisen, welche das Werk geschaffen 
haben, auf die erhabene Initiative Euerer Majestät, auf das zielbewusste und opfer- 
willige Zusammenwirken eigener und fremder Volkskraft, auf die sittliche Macht 
der Arbeit und Cultur. Diese Elemente sind es, die der Schöpfung Euerer Majestät 
heute ihren inneren Wert verleihen und Ehren und Andenken vererben werden 
auf die nachlebenden Geschlechter. 

Geruhen Euere Majestät den Ausstellungskatalog und die Denkschrift über 
die historische Entwicklung der Ausstellung huldvollst entgegenzunehmen und 
die Weltausstellung des Jahres 1873 für eröffnet zu erklären.» 

Seine Majestät der Kaiser erwiderte hierauf: 

«Mit lebhafter Refriedigung sehe Ich die Vollendung eines Unternehmens, 
dessen Wichtigkeit und Bedeutung Ich im vollsten Maße würdige. Mein Vertrauen 
in den Patriotismus und die Unterstützung der uns befreundeten Nationen hat die 
Entwicklung des großen Werkes begleitet. Mein kaiserliches Wohlwollen und 
Meine dankbare Anerkennung sind seinem Abschlüsse gewidmet Ich erkläre die 
Weltausstellung des Jahres 1873 für eröffnet.* (Stürmische Hoch!-Rufe) 

Der Maler Chevalier, welcher von der Weltausstellung behufs Herstellung 
in Ölmalerei eine Anzahl Skizzen aufnahm, hat als Hauptskizze die historisch 
denkwürdige Scene verewigt, in welcher Erzherzog Carl Ludwig vor dem Kaiser 
und der Kaiserin, umgeben von Fürsten und Großen des Reiches und einer 
glänzenden Versammlung, jene Ansprache hält. 

Nach den nun folgenden Reden des Ministerpräsidenten Fürsten Auersperg 
und des Bürgermeisters Dr. Felder traten die Majestäten in Begleitung des 
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gesammten" glänzenden Gefolges den Rundgang durch die Räume der Ausstellung 
an, London und Paris waren durch den Umfang der Ausstellung weit überboten. 
Denn während die erste Weltausstellung in London 1851 eine Fläche von 81.591, 
die Pariser 1867 441.750 Quadratmeter eingenommen hatte, bedeckte die Wiener 
Ausstellung einen Gesammtraum von 2,330.631 Quadratmetern. 

Leider wurden die hoffnungserweckenden Aussichten auf einen glänzenden 
volkswirtschaftlichen, durch die Ausstellung bekundeten Aufschwung infolge des 
fürchterlichen hnanzieilen Zusammenbruches vom 8. Mai aufs schmerzlichste 
zunichte gemacht, ein Umstand, der auch auf die Ausstellungscampagne lähmend 
zurückwirkte. 

Am 18. August, dem Geburtstage des Kaisers, wurde die feierliche Preis- 
zuerkennung an die prämiierten Aussteller durch den Erzherzog-Protector Carl 
Ludwig als Vertreter des Kaisers in Anwesenheit des Erzherzog-Präsidenten 
Rainer in der Winterreitschule der Hofburg vorgenommen. Am 2. November 1873 
erfolgte in würdiger Weise die Schließung der Ausstellung, die von 39.500 Aus- 
stellern, darunter 12.208 aus Österreich, beschickt und von mehr als sieben 
Millionen Personen besucht worden war. Trotz der außergewöhnlichen Hemm- 
nisse und Schicksalstücken, mit welchen das Unternehmen gleich von der Eröff- 
nung an bis zum Schlüsse zu kämpfen hatte, beispielsweise die anhaltend 
ungünstigen Witterungsverhältnisse des Sommers, ein alles verheerender Orkan, 
die schon erwähnte Börsenkrisis, die vielfach übertriebenen Alarmgerüchte über 
den schlimmen Gesundheitszustand in Wien, welche den Besuch arg beein- 
trächtigten und direct schädigend wirkten, hat das Werk doch seiner Aufgabe, 
eine Ausstellung der ganzen Welt und für die ganze Welt zu sein, entsprochen, 
wenn es auch die hochgespannten Erwartungen zumal der Wiener Industriellen 
und Gewerbetreibenden nur in geringem Maße erfüllte. Ungünstig gestaltete sich 
auch das finanzielle Ergebnis, denn der Schlussabgang von 15 Millionen Gulden, 
ungerechnet die Vorschüsse, musste durch die Staatscasse gedeckt werden. 

Die Ausstellung selbst bot dem überaus wissbegierigen und für alle 
Anregungen empfänglichen Erzherzog Carl Ludwig eine Fülle des Stoffes. Es 
vergieng fast keine Woche der Ausstellungszeit, ohne dass der Erzherzog, wenn 
er in Wien verweilte, den Ausstellungsräumen seinen Besuch gewidmet hätte. 
Diese Anlässe benützte er, um in leutseligstem, gemüthlichstem Tone mit den 
Ausstellern zu verkehren, ihre Objecte und was daran neu galt, sich eingehend 
erklären zu lassen, die verschiedensten Maschinen und Vorrichtungen während 
des Functionierens zu beobachten. Halbe Tage giengen darüber hin, so beispiels- 
weise am 9., 10. und 16. Mai, am 26, und 29. Mai, 7. und 9. Juni; im October war 
der Erzherzog an neun Tagen in der Ausstellung. 

Am 16. Mai erfolgte die Eröffnung der Kunsthalle. Seine Majestät der 
Kaiser und Erzherzog Carl Ludwig fuhren präcise 12 Uhr an der Kunsthalle im 
Prater vor und unternahmen einen Rundgang durch alle Räume bis gegen 3 Uhr. 
Seine Vertrautheit mit allen Objecten der .Ausstellung bewies der Erzherzog 
zumal den fremden Fürsten und Souveränen gegenüber, denen er sich als der 
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beslinstruierte Führer erwies. Gewöhnlich war es der Erzherzog Carl Ludwig, 
der bei solchen Anlässen als Protector des Hauses den Allerhöchsten Gästen das 
Geleite durch die Ausstellungsräume gab. 

Am 3. Juni traf der russische Thronfolger, der nachmalige Czar Alexander III., 
mit seiner Gemahlin Maria Feodorowna zum Besuche der Ausstellung in Wien ein 
und wurde von den Erzherzogen Carl Ludwig und Rainer empfangen. Zwei Tage 
darauf machten beide Erzherzoge dem Czar Alexander II. die Honneurs in der 
Ausstellung. Während des Rundganges erschien plötzlich unangemeldet auch 
Kaiser Franz Josef in der Rotunde, um sich dem Czar als Führer anzuschließen. 
Auch am 7. Juni erschien Erzherzog Carl Ludwig mit zwei russischen Großfilrsten, 
dem Großherzoge von Weimar und dem Herzoge von Nassau in der Ausstellung. 

Am 9. Juni erschien Erzherzog Carl Ludwig in Begleitung seiner zwei Söhne 
im Cercle oriental, wurde daselbst vom Eigenthümer Dr. Hardt empfangen, in alle 
Räume des Baues geführt und trug seinen Namen in das aufliegende Album ein. 
Beim Abschiede sprach er seine Befriedigung über die Einrichtung und Special- 
ausstellung aus. Im Laufe des Nachmittags besichtigte der Erzherzog auch die 
Pläne und Skizzen des israelitischen Taubstummen-Institutes. 

Auch am 15. Juli besuchten. frühmorgens die Erzherzoge Carl Ludwig und 
Rainer die Ausstellung. Ersterer bestieg um 7 Uhr morgens trotz des heftigsten 
Orkans die Rotunde und ließ sich über die Details der Construction des Aufstieges 
erläuternde Erklärungen von dem ihn begleitenden Ingenieur geben. 

Für den 27. Juli vormittags war der Besuch der deutschen Kaiserin in 
der Ausstellung angesagt. Um 10 Uhr erschienen Erzherzog Carl Ludwig und 
Erzherzog Rainer, eine halbe Stunde später der Kaiser; die Allerhöchsten Herr- 
schaften erwarteten im Vestibüle die Ankunft der Kaiserin, welche »/*1I Uhr 
in sechsspännigem Hofwagen mit der Gräfin Schulenburg und Grafen Alfred 
Potocki anlangte und zumal die Kunstausstellung mit gespanntestem Interesse 
besichtigte. 

Am 14. August sprach eine Abordnung des Festcomites für das Ausstellungs- 
fest der Stadt Wien bei den Erzherzogen Carl Ludwig und Rainer in Audienz vor, 
um Höchstderen Erscheinen zu diesem Feste zu erbitten. Beide kaiserliche und 
königliche Hoheiten ertheilten huldvollst die Zusage ihres Erscheinens. Das Fest 
selbst verlief in höchst glänzender Weise. 

Am 19. August begrüßte Erzherzog Carl Ludwig im Namen des Kaisers auf 
dem Nordwestbahnhofe den ankommenden Kronprinzen von Sachsen und die 
Kronprinzessin von Sachsen. 

Als am 24. August der Fürst-Primas von Ungarn die Weltausstellung 
besuchte, traf Erzherzog Carl Ludwig mit demselben in der englischen Abtheilung 
zusammen und beehrte denselben durch eine längere Unterredung. 

In derselben Woche nahm Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig 
unter anderem auch Hampels Kolossalbüste der Kaiserin in der Kunsthalle in 
Augenschein und sprach sich über die Ausführung des Werkes in höchst aner- 
kennenden Worten aus. 



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In Schönbrunn fand am 22. September ein großer Empfang bei Hör 
statt, wobei die fremdländischen Ausstellungsmissionen geladen waren. Erz- 
herzog Carl Ludwig übernahm als Protector der Ausstellung die Bewillkommnung 
der Gäste. 

Am 24. September besichtigten die Erzherzoge Carl Ludwig, Carl Ferdinand 
und der Erbgroßherzog von Oldenburg die internationale Pferdeausstellung in der 
Krieau im Prater, 

Am Nachmittage desselben Tages besuchte Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit Erzherzog Carl Ludwig mit Höchstseiner Gemalin Erzherzogin Maria 
Theresia die historische Ausstellung der Stadt Wien und äußerte sich über 
dieselbe in hohem Grade befriedigt. 

Am 26. September besuchten die kaiserlichen Hoheiten Erzherzog Carl 
Ludwig, Ludwig Victor, Rainer, Carl Ferdinand, Wilhelm und Carl Salvator von 
Toscana mit den Frauen Erzherzoginnen Maria Theresia und Maria die inter- 
nationale Pferdeausstellung in der Krieau. 

Am 8. October erschienen Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria 
Theresia bei der tagszuvor zum Besuche der Weltausstellung eingetroffenen 
Königin von Griechenland. In ihrem Absteigequartier im »Hotel Imperial" veran- 
staltete die Königin am 10. October eine Soiree, welcher die kaiserlichen Hoheiten 
Erzherzog Carl Ludwig, Ludwig Victor, Albrecht, Friedrich, Rainer und Wilhelm 
und die Erzherzoginnen Maria Theresia, Elisabeth und Maria beiwohnten. 

Am 18. October erschien der deutsche Kaiser Wilhelm I. in Wien zum 
Besuche der Ausstellung. Die Erzherzoge Carl Ludwig und Rainer hatten den 
hohen Gast an der Rotunde begrüßt und bewillkommt. Nach Besichtigung der 
Ausstellung stattete Wilhelm I. den Erzherzogen Carl Ludwig, Ludwig Victor, 
Albrecht und Ratner Besuche ab. Dem folgenden Familiendiner in Schönbrunn 
wohnten Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia bei. Am 
22. October wurde abermals Kaiser Wilhelm I. am Südportale der Ausstellung von 
den Erzherzogen Carl Ludwig und Rainer empfangen und durch die Räume der 
Ausstellung geleitet Tagsdarauf fuhr um 5 Uhr nachmittags Kaiser Wilhelm zur 
Tafel in das Palais des Erzherzogs Carl Ludwig. Das Diner trug einen so streng 
familiären Charakter, dass auch die betreffenden Generaladjutanten demselben 
nicht beigezogen wurden. Außer den beiden Kaisern und den in Wien weilenden 
Erzherzogen und Erzherzoginnen nahm auch noch der Großherzog und die Groß- 
herzogin von Baden und der Kronprinz von Dänemark an der Familientafel theil. 
Um 6 Uhr fuhr Fürst Bismarck bei dem erzherzoglichen Palais vor, um sich von 
den hier versammelten Allerhöchsten Herrschaften zu verabschieden. Der deutsche 
Kaiser nahm ebenfalls von den Prinzen im Hause des Erzherzogs Carl Ludwig 
Abschied und begab sich von dort zum Nordwestbahnhofe, woselbst die Rückfahrt 
nach Berlin angetreten wurde. 

Den letzten Besuch widmete Erzherzog Carl Ludwig der Weltausstellung 
am letzten Tage, am 2. November, 2 Uhr nachmittags, in Begleitung anderer Erz- 
herzoge und des Herzogs von Bragan^a, um von Wien nach Dresden zur Erfüllung 
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einer schmerzlichen Pflicht, zur Einsegnung der Leiche seines Schwiegervaters, 
des Königs Johann von Sachsen, abzureisen. 

Was an eifervoller Hingebung für das Aufblühen des Gewerbefleißes, der 
Arbeit, der Kunst nur immer ein ermunternder, aufmerksamer, für allen Fortschritt 
mit dem Gewichte seines Ansehens rastlos eintretender Fürst für sein Vaterland 
zu leisten vermag, hat der hohe Protector der Ausstellung bis zur letzten Stunde 
gewirkt. Mögen auch unter der Ungunst der Zeiten die Früchte nicht sofort unter 
den Augen der Erwartenden gereift sein, die Opfer dafür wurden nicht vergebens 
gebracht! 



Die trüben Erfahrungen, welche den österreichischen Industriellen in der 
Nähe bei der Wiener Weltausstellung nicht erspart geblieben waren, konnten nicht 
sehr ermuthigend wirken, als der Staatssecretär für auswärtige Angelegenheiten der 
Vereinsstaaten Nordamerikas an das kaiserliche und königliche Ministerium 
des Äußern die Einladung richtete, die Theilnahme der österreichischen Indu- 
striellen auf einer in einer Großstadt der Union abzuhaltenden Weltausstellung 
zu bewerkstelligen. Der königlich ungarische Ministerpräsident ertheilte betreffs 
officieller Theilnahme Ungarns eine ablehnende Antwort. 

Auch die diesseitige Regierung sah sich veranlasst, noch im Jahre 1874 
sich dahin auszusprechen, dass sie angesichts des finanziellen Deflcits der 
Wiener Ausstellung den Staatsschatz nicht in Anspruch nehmen könne, sondern 
sich darauf beschränken müsse, die Betheiligung der Privaten anzuregen und 
dieselbe nach Thunlichkeit zu fördern. Nur den Bemühungen des Handels- 
ministers Dr. Banhans, des Präsidenten Isbary und der energischen Mitwirkung 
des k. k. Ministerialrathes Dr. Migerka ist es zu danken, dass in einer Ver- 
sammlung von Vertretern der Handelskammer, des Gewerbevereines, der Handels- 
und Gewerbekammer und des Exportvereines die Grundzüge eines Programmes 
für die BetheiUgung der österreichischen Industrie an der Weltausstellung zu 
Philadelphia festgestellt wurden. Als Erzherzog Carl Ludwig, wie immer, in 
huldvollster Bereitwilligkeit das Protectorat über diese Ausstellungsarbeiten über- 
nahm, giengen die Vorbereitungen hiezu umso erfolgverheißender vonstatten, als 
die österreichische Regierung sich veranlasst sah, durch das Gesetz vom 5, April 
1875 zur Förderung der Österreichischen Industrie auf der erwähnten Ausstellung 
nun doch einen Credit von 150.000 (1. aus Staatsmitteln zur Verfügung zu stellen. 
Zugleich wurden Zollbegünstigungen für Ausstellungsgüter erwirkt. Erfreulicher- 
weise konnte die Thatsache gemeldet werden, dass sich die österreichische 
Ausstellungssection in Philadelphia ungetheilt günstige Beurtheilung seitens der 
öffentlichen Meinung und der Presse in der Union erwarb, ein Umstand, welcher 
auch in einem sehr lebhaften Besuche der österreichischen Abtheilung zutage trat, 
und dass, trotz der Kleinheit der Ausstellung, Verkäufe in ungefährer Höhe von 
einer Viertel million Dollars zu verzeichnen waren. 
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Die Zahl der Österreichischen Aussteller betrug 518, die der ungarischen 30. 
Davon erhielten 294 Aussteller Medaillen. Von allen 26.986 Ausstellern wurden 
48*7 Percent ausgezeichnet 

Mit welchem warmherzigen Interesse für die Arbeit und das Streben seiner 
Landsleute der Erzherzog-Protector hinsichtlich der Beschickung der Ausstellung 
in Philadelphia die Errungenschaften heimatlicher Kräfte verfolgte, welches Ver- 
ständnis der hohe Herr socialen Fragen überhaupt entgegenbrachte, darüber sei 
dem Herrn Hofrathe Dr. Migerka, dem hochverdienten Fachmanne, das Wort 
überlassen. Derselbe schreibt hierüber; 

«Als ich im Jahre 1875 zum österreichischen Commissär für die Welt- 
ausstellung in Philadelphia 1876 bestellt wurde, sprach mir der hohe Herr, unter 
Betonung seines lebhaften Interesses für Nordamerika und für den reichsten 
Erfolg unserer Unternehmung, den Wunsch aus, dass ich ihm über meine Wahr- 
nehmungen thunlichst oft Bericht erstatten möge. Lehrreich, wie mir das Jahr 1876 
gewesen, war mir des Stoffes für Berichterstattung in Fülle geboten. Zu Beginn 
des Jahres 1877 zurückgekehrt, wurde ich alsbald zu mündlichen »Vorträgen» 
über Land und Leute, Industrie und Handel, Verkehrs- und Unterrichtswesen zum 
hohen Protector befohlen. Die mir gestellten Fragen und eingestreuten kritischen 
Bemerkungen zeigten, dass Seine kaiserliche Hoheit eingehende Studien gemacht 
hatte und erstaunlich genau unterrichtet war. 

Ein besonderes Interesse brachte der hohe Herr meinen Mittheilungen ent- 
gegen, welche ich über Seine Majestät den Kaiser von Brasilien, Dom Pedro, zu 
machen in der Lage war. 

Der Kaiser hatte die Ausstellung eingehendst studiert, der österreichischen 
Abtheilung seine besondere Theilnahme zugewendet und hatte durch sein ebenso 
gründliches, als vielseitiges Wissen, seinen Forschertrieb, durch sein Wohlwollen 
und Güte athmendes Wesen und eine nicht zu ermüdende Arbeitskraft Amerikaner 
und Europäer entzückt. 

Wie bei Kaiser Dom Pedro, so hatte man es als Berichterstatter oder als zur 
Auskunft Berufener dem Herrn Erzherzoge gegenüber nicht leicht. Die Vertraut- 
heit mit dem betreffenden Gegenstande und die Würdigung seiner Bedeutung 
verwehrten oberflächliche Äußerungen oder ein Hinübergleiten über dunkle 
Punkte. Die eigene Klarheit des Wissens und der Drang nach Ergänzung 
erheischte, dass der Gefragte genauesten Bescheid geben oder sofort sein Nicht- 
vertrautsein offen bekennen musste.» 

Abgesehen von den Prämiierungen traten die Errungenschaften öster- 
reichischen Gewerbefleißes übrigens auch in dem stark gesteigerten Absätze 
österreichischer Producte in die Union zutage. Die von den amerikanischen Con- 
suln in Österreich, und zwar in Wien, Triest und Prag, legalisierten Facturen 
weisen für den Zeitraum vom 1. October 1876 bis 1. April 1877 an österreichischen 
Ausfuhrartikeln einen Wert aus in der Höhe von 4,143.797 fl. Die Consular- 
agenten in Brunn legalisierten in dem Zeiträume vom 1. .-Vpril 1876 bis I. April 1877 
Facturen im Werte von 259.504 fl. Ein Vergleich der gleichen Zeiträume von 
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1875-76 und 1876—77 ergibt bei den Consularausweisen in Wien für den 
letzteren ein Mehr von 540,599 fl., bei jenen in Brunn ein Mehr von 46.665 fl. 



Der Wunsch der Franzosen, der Welt zu beweisen, dass trotz der schweren 
Schicksalsschläge, die Frankreich in den letzten Jahren betroffen, unerschöpfliche 
Lebenskraft im Lande pulsiere, hat den Plan, eine Weltausstellung in Paris zu 
veranstalten, zum Reifen gebracht. Allein, da in einem Zeiträume von nur eilf Jahren 
vier große Ausstellungen — Paris 1867 — Wien 1873 — Philadelphia 1876 — 
München 1877 — stattgefunden hatten, machten sich gegen eine Betheiligung 
Österreichischer Industrieller an derselben, die ihnen allzu große Opfer auferlegte, 
gewichtige Bedenken geltend, und nur der Umstand, dass fast alle anderen Staaten, 
Deutschland ausgenommen, sich für die Beschickung ausgesprochen, ja selbst 
Ungarn einen Beschluss in diesem Sinne gefasst hatte, ließ den Österreichern 
wohl keine Wahl mehr. Die Regierung entschloss sich daher, in ofHcieller Weise 
an der Ausstellung theilzunehmen, und legte dem Reichsrathe ein Gesetz behufs 
Bewilligung eines unüberschreitbaren Credites zu obgenanntem Zwecke vor. Der 
Reichsrath bewilligte hiefür 600.000 fl. 

Mit Allerhöchster Entschüeßung vom 9. März 1877 wurde unter Bezugnahme 
auf die kaiserliche Entschließung vom 26. October 1865 Seine kaiserliche Hoheit 
der Erzherzog Carl Ludwig als Protector für die Betheiligung Österreichs an 
der internationalen Ausstellung des Jahres 1878 zu Paris bestätigt und Seine 
Excellenz der k. k. Handelsminister Freiherr von Chlumecky zum Präsidenten der 
zu bildenden österreichischen Central-Commission in Wien ernannt, an deren 
Spitze Seine kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig stand. 

Höchstderselbe widmete sich dieser neuen Aufgabe mit jenem Ernste und 
Eifer des Strebens, in dem er seinen Mitarbeitern voranleuchtete. Das Executiv- 
Comit^ der kaiserlich-königlichen Central-Commission hatte sich noch gar nicht 
constituiert, als der Herr Erzherzog schon seine Entschließung verlautbart hatte, 
eine Reise in die industriereichen Handelskammerbezirke Mährens und Böhmens 
zu unternehmen, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen, wieweit die Vor- 
arbeit zur Beschickung der Ausstellung durch die dortigen Industriellen bereits 
gediehen sei und wo etwa sich zu oberwähnten Zielen ein Eingreifen der Central- 
Leitung oder eine Unterstützungs-Action als wünschenswert oder nothwendig 
herausstellen sollte. Die Reise sollte über Znaim, Iglau, Brunn und Mährisch- 
Schönberg den Weg nach Prag und Reichenberg nehmen. Allein kurz vor Antritt 
dieser Rundfahrt erkrankte Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Franz Carl am 
6. März an katarrhalischer .'Vffection und zwei Tage darauf war auch der greise 
Vater des Erzherzogs aus diesem Leben abberufen worden. Die Pflicht kindlicher 
Pietät, die der Erzherzog stets in rührender Zartheit seinem Vater gegenüber 
schon bei Lebzeiten bewiesen hatte, zwang ihn, diese Reise zu verschieben, 
um den Trauerfeierlichkeiten bei der Beisetzung der Leiche anzuwohnen. Die 
beabsichtigte Instructionsreise wurde nach einem Monate angetreten und überall 
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wirkte das Erscheinen des Erzherzogs belebend, anspornend, ermuthigend aut 
die Industriellen, deren Etablissements der Erzherzog überall die sorgsamste Auf- 
merksamkeit widmete, wie dies der Kammer-Präsident Isbary auf der Versamm- 
lung vom 9. April rühmend hervorhob. Isbary fügte hinzu, dass das Oberhofmeister- 
amt und das Oberstkämmereramt die Ausstellungszwecke thatkräftig gefördert 
haben. 

Nicht incognito, wie der «Figaro», ein Pariser Blatt, irrthümiich berichtete," 
sollte der Erzherzog in Paris erscheinen, sondern, wie officiöserseits betont wurde, 
officiell, als Protector der österreichischen Ausstellungs-Section, sowie als kaiser- 
licher Prinz des Hauses Österreich und in dieser Eigenschaft begleitet werden 
von Höchstseinem Obersthofmeister Baron Hornstein, dem Grafen Ernst Hoyos- 
Sprinzenstein und dem Rittmeister Grafen Pejäcsevich. Von Rottenstein, woselbst 
sich die Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, befand, reiste Seine kaiserliche 
Hoheit am 20. Mai 1878 nach Paris ab. In Innsbruck schloss sich Baron Hornstein 
dem Erzherzoge an, in Rosenheim fanden sich die beiden anderen Herren zur 
Begleitung ein. 

Am 21. Mai nachmittags 5 Uhr kam der Höchste Herr auf dem Ostbahn- 
hofe in Paris an, wo er von dem Botschafter Felix Grafen von Wimpffen und 
Generalconsul Walcher, sowie dem General -Adjutanten des Präsidenten der 
Französischen Republik feierlich empfangen wurde. Der Erzherzog fuhr in das 
Hotel Bristol an der Place Vendöme, wo er von der österreichischen Ausstellungs- 
Commission begrüßt wurde und alsbald den Besuch des Königs Franz II. von 
Neapel, seines Schwagers, empfieng. Nachdem Seine kaiserliche Hoheit bei dem 
Grafen und der Gräfin von Flandern, die in demselben Hotel wohnten, und dann 
bei dem König und der Königin Maria von Neapel vorgesprochen, begab sich der 
Erzherzog am 22. Mai vor 1 Uhr zum Präsidenten der Französischen Republik, 
Marschall Mac Mahon, in das Palais de l'Elysee, wo Seine kaiserliche Hoheit im 
Jahre 1867 mit Seiner Majestät dem Kaiser und Erzherzog Ludwig Victor 
wohnte. Der Höchste Herr kannte den Marschall sowohl, als auch dessen Gemahlin 
seit 1861, da derselbe mit ihr als Vertreter Napoleons III. bei der Krönung des 
Kaisers Wilhelm I. als Königs von Preußen gleichzeitig mit Erzherzog Carl Ludwig 
in Beriin war, und Seine kaiserliche Hoheit freute sich sehr, den Marschall unter 
so ganz anderen Verhältnissen in Paris wiederzusehen. Er fuhr alsdann unverweilt 
in die Weltausstellung beim Trocadero, wo ihn die österreichische Commission 
am Portal ehrfurchtsvollst begrüßte, und schritt mit dem Vice-Präsidenten der 
französischen Commission, Berger, zur Österreichischen Abtheilung, wo er vom 
Comite erwartet wurde. Den ganzen Nachmittag verweilte er in der seinem 

' Die Nachricht des Pariser <Figaro>, die Erzherzoge Carl Ludwig und Ludwig Victor seien 
in Btrengstem Incognito am 7. Mai in Paris eingetroffen, erwies sich als willkürliche Erfindung eines 
Zeitungsschreibers. Es mag dieses merkwürdige Versehen auf einer Verwechselung mit zwei anderen 
hohen Herren beruht hohen. Erzherzog Carl Ludwig weilte damals in Rottenslein und machte am 
B. .Mai eine kurze Fahrt nach Mailand, Como, Bellagiound Monza, von wo er am 11. Mai wieder in 
Rottenstein eintraf. 



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Schutze befohlenen Section der Weltausstellung, um vorerst Überschau zu halten. 
Der Erzherzog äußerte Freude, Landsleute wiederzusehen, und Befriedigung, 
von den Franzosen Gutes und Rühmliches über die österreichische Ausstellungs- 
Abtheilung vernommen zu haben. 

Seine kaiserliche Hoheit besichtigte eingehend die Glaswaren, wobei er 
Lobmeyr's künstleriechem Geschmack Anerkennung zollte, dann wurden unter 
anderem Wiener Artikel, Spitzen, Möbel, sorgfaltig gemustert; Haas'sche Teppiche, 
Fayence, Leder- und Holzwaren entgiengen nicht seiner Aufmerksamkeit. Überall 
ließ sich der Erzherzog Aussteller und Repräsentanten vorstellen, die er belobte 
und ermunterte. Als er an der von Rieger erbauten Orgel vorbeikam, wurde darauf 
die Volkshymne intoniert; als er die Maschinenhalle betrat, läuteten alle Glocken 
darin und auf einen Pfiff begannen sämmtliche Maschinen zu arbeiten. Die Näh- 
maschinen wurden von festlich .gekleideten Mädchen gehandhabt. Der Erzherzog 
ließ sich die Wirkungen der Maschinen vorzeigen und begab sich von dort in 
den Annex, welcher die Naturproducte enthielt, und hierauf in die ungarische 
Abtheilung, wo Harkany, der ungarische Commissär, seiner wartete. Zigeuner 
stimmten in der Csarda die Volkshymne an, als der Erzherzog daselbst eintrat. 
Die Csarda selbst war von festlich gekleideten Männern und Frauen gefüllt, 
welche Tücher schwenkten und freudig bewegte Zurufe ertönen ließen. Der 
Erzherzog gieng ins ungarische Haus, dessen Besitzer ihm mit einem Glase des 
besten Tokayers bewillkommend entgegentrat. Der Erzherzog dankte: «Gern thu' 
ich Bescheid, das wird mich auf meinem Rundgange stärken.> Er 
besichtigte im Anschlüsse ungarische Kleider, ungarisches Fayence, sowie andere 
Landeserzeugnisse und verfügte sich von hier in die Kunstabtheilung, wo 
Munkäcsy, der selbst ein Bild «Der blinde Milton, seinen Töchtern das Verlorene 
Paradies dictierend» ausgestellt hatte, dem Erzherzoge ungarische Bildwerke vor- 
wies und erläuterte. Vor Makarts Werk «Carls V. Einzug in Antwerpen> sagte 

er: «Ei, da ist ja ein guter Bekannter aus Wien • Der Erzherzog betrachtete 

noch aufmerksamen Blickes die Porträts, darunter das Beaconsfields. Dann schritt 
er die verschiedenen fremden Fa9aden entlang, die er sich erklären ließ. Obwohl 
die Polizei während des Rundganges des kaiserlichen Prinzen strenge Ordnung 
hielt, konnte sie die Menge dennoch nicht hindern, sich näher heranzudrängen, und 
als Erzherzog Carl Ludwig in seiner Nähe fragen hörte: ,Lequel est VArckiduc?^ 
wendete er sich um und sagte in gemüthlichem Tone: ,Cest moi, Messieurs.'' Ehe 
er die Ausstellung verließ, erklärte er, von deren Anordnung befriedigt zu sein. 
•Der Menschenandrang*, so bemerkte er, «hat mich heute gehindert, manches 
Bemerkenswerte zusehen; ich komme bald wieder und hole das Versäumte nach.» 

Nachdem er noch Herrn Berger für seine Begleitung gedankt hatte, verließ 
er die Ausstellung um 6 Uhr und fuhr nach Passy zur Infantin Margaretha von 
Spanien, Herzogin von Madrid, und deren Gemahl Don Carlos, dann zum König 
von Hannover und kehrte über die Place de la Bastille ins Hotel zurück. 

Am folgenden Morgen um 9 Uhr erschien der gnädigste Herr wieder in der 
Ausstellung und besichtigte die ungarische Abtheilung den ganzen Vormittag. 
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Dann nahm er im Hotel das Dejeuner und machte nachmittags eine Reihe von 
Besuchen bei der Königin Isabella, Königin Christine und König Franz von Spanien, 
bei dem Prinzen Ludwig von Sicilien, Grafen von Aquiia, bei dem Herzoge von 
Orleans, dem Herzoge von Alen9on und dessen Gemahlin Sophie von Bayern. Den 
Abend verbrachte er mit dem König Franz und dem Prinzen Pascal von Neapel, 
Grafen von Bari, mit denen er im Cafe Anglais das Diner nahm. Am 24. widmete 
er den ganzen Tag wiederum der Ausstellung und sah die französische Abtheilung 
an. Er wurde von Monsieur Duval, Prefet de la Seine, geführt, und es kam auch 
bald der Handelsminister dazu. Den Erzherzog interessierten sehr die ausgestellten 
Lehrmittel für die französischen Schulen, und man erklärte ihm in anziehender 
Weise die Ergebnisse der wissenschaftlichen Expeditionen Frankreichs unter 
Vorzeigung der gesammelten Gegenstände. Bei einem Restaurant der Ausstellung 
nahm der Erzherzog das Dejeuner mit dem Grafen Pejäcsevich und Generalconsul 
Walcher; darauf setzte er die Besichtigungen fort und blieb bis zum Abend. Nach 
dem Diner im Hotel ertheilte der gnädigste Herr Audienzen und fuhr mit dem 
Prinzen Pascal zuerst in den Park von Monceau, dann in das Bois de Boulogne, 
wo es sehr belebt war. Am 25. früh empfieng Seine kaiserliche Hoheit Besuche 
und begab sich dann mit dem Grafen Hoyos und Generalconsul Walcher in die 
französische Section, wo er, mit der Besichtigung fortfahrend, die Bronzewaren, 
Christofle, Kirchengeräthe, Möbel und Zimmereinrichtungen ansah. Nach dem 
Dejeuner fuhr der Erzherzog zum Bon Marche und in das Musee de Cluny, wo er 
vom Direct(nr erwartet wurde, den er vom Jahre 1 867 her gekannt und in Wien 1 873 
wiedergesehen hatte. Es war eine große Leistung, nach den Besichtigungen 
der Ausstellung am Vormittag nun dieses an interessanten Gegenständen so 
reichhaltige Museum, von einem sachkundigen Manne geführt, mit der gewohnten 
Gründlichkeit in Augenschein zu nehmen. Am Abend war Gala-Diner bei dem 
Präsidenten Mac Mahon, wozu der Erzherzog in Parade-Uniform mit dem 
Groß-Cordon der Ehrenlegion erschien, während er wegen der tiefen Trauer 
sonst nur schwarze Civilkleidung trug. Es war hier eine glänzende Tisch- 
gesellschaft versammelt, darunter Herzog und Herzogin von Alen9on, Graf 
und Gräfin von Flandern, der Botschafter Graf Wimpffen und Botschaftsrath 
Graf Kuefstein mit Gemahlinnen, die Minister mit Gemahlinnen, Herzog von 
Beaufort,Marquise d'Harcourt, auch die Mitglieder der österreichischen Commission 
und des Comites. Auf das Diner folgte ein kleines Concert. Sonntag den 26. 
hörte der Erzherzog die heilige Messe in Sainte-Madeleine und gieng wieder 
in die Ausstellung, wo er, von Berger geführt, die Section Frankreich beendigte 
und in der Kunstabtheilung Italien, Schweden, Norwegen und England ansah. 
Daraufgab er der Ausstellungs-Commission ein officielles Dejeuner. Nachmittags 
fuhr er mit dem König Franz von Neapel in den schönen Park Buttes Chaumont, 
den er 1864 im Entstehen sah, und zurück über die äußeren Boulevards und die 
Champs-Elysees ins Hotel. Am 27. früh holte der Graf von Bari mit einem Vierer- 
Zuge, den er selbst kutschierte, den Erzherzog ab und brachte ihn zum König 
Franz von Neapel, bei dem Seine kaiserliche Hoheit auch die Königin Maria sah. 
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Dann eilte der Erzherzog in die Ausstellung und besichtigte die ungarische und 
die österreichische Abtheilung nochmals. Nach dem Dejeuner im Hotel ertheilte er 
Audienzen und empfieng den Prinzen Leopold von England, dessen Liebens- 
würdigkeit und Bescheidenheit den Erzherzog entzückte, undden Engländer 
Hart aus Peking, der vieles Interessante über die Verhältnisse in China erzählte. 
Darauf machte der Höchste Herr einen Besuch bei Seiner königlichen Hoheit dem 
Grafen von Eu und fuhr mit dem Grafen Hoyos in die Ausstellung, um die russi- 
sche Abtheilung zu besichtigen. Er begrüßte den russischen Commissär Geheimen 
Rath von Butowski, den er von der Wiener Weltausstellung von 1873 kannte, und 
ließ sich die Mitglieder der russischen Gommission, darunter Fürsten Giedroyc, 
vorstellen. Nachdem er diesen Theil beendigt hatte, fuhr er zum Könige von 
Hannover, um ihm zum Geburtstage zu gratulieren. Dann folgte er der Einladung 
des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten Waddington zum Diner. Der Erz- 
herzog saß zwischen der Gemahlin des Ministers und der liebenswürdigen Marquise 
d'Harcourt, der Frau des französischen Botschafters in London. Auf das Diner 
folgte ein großer Empfang beim Minister, wozu zahlreiche Gäste, darunter mehrere 
Diplomaten, erschienen. Um 9 Uhr am 28. Mai war Seine kaiserliche Hoheit mit 
dem Grafen Pejäcsevich und dem Generalconsui Walcher wiederum in der Aus- 
stellung. Er sah den großen Concertsaal im Trocadero-Palaste und trat auf die 
Terrasse, die damals eine freie Aussicht nach dem Marsfelde bot. Unter Führung 
Bergers und des Handelsministers besichtigte der Höchste Herr die Ausstellung 
der französischen Staatswaldungen mit vielen Plänen über Wildbachverbauung 
eingehend, sodann die Ausstellung von Algier mit zahlreichen interessanten Pro- 
ducten. Nachdem er im Hotel Bristol noch Audienzen ertheilt hatte, gab er um I Uhr 
ein Dejeuner mit vielen Gästen, unter denen sich der Botschafter Graf Wimpffen, 
der Director des Musee de Cluny, der Präsident der Wiener Handels- und Gewerbe- 
kammer Gögl befanden. Er empfieng darauf die Mitglieder der Ausstellungs- 
Commission im Hotel und fuhr wieder in die Ausstellung zur Besichtigung der 
englischen und indischen Section und der russischen Kunstwerke. Darauf besuchte 
er mit dem Grafen Pejäcsevich die Infantin Margaretha von Spanien, Herzogin von 
Madrid, bei der er auch Don Carlos und die Töchter sah, und fuhr zum Diner bei 
dem Botschafter Grafen Wimpffen, zu welchem außer vielen anderen Gästen der 
französische Minister des Äußern und die Mitglieder der österreichischen Gom- 
mission geladen waren. Nach kurzem Morgenbesuche bei dem Könige Franz und 
dessen Onkel, Prinzen Ludwig von Bourbon-Stcilien, Grafen von Aquila, am 29. 
widmete der Erzherzog nahezu drei Stunden der Bilderausstellung «Salon» im 
Industriepalaste, machte dann mit seinem Schwager Grafen Bari einige Einkäufe 
und nahm das Dejeuner auf Einladung des Königs Franz bei Vefourt im Palais 
Royal. Nachmittags besuchte er den Grafen von Flandern im Hotel, fuhr mit Baron 
Hornstein zu den Herzogen von Penthievre und von Nemours, dann durch den 
Park von Monceau auf den Nordbahnhof und begab sich nach Chantilly in das 
berühmte Schloss, das den Prinzen von Conde als Residenz gedient hatte, und das 
deren Erbe, der Herzog von Aumale, in denjenigen Theilen, die bei der Revolution 
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gelitten hatten, gerade damals restaurieren ließ. Hier besuchte der Erzherzog Cari 
Ludwig seine achtzigjährige Tante, Erzherzogin Marie Clementine, Schwester des 
Kaisers Ferdinand I. und des Erzherzogs Franz Carl, Witwe des 1851 verstorbenen 
Prinzen Leopold von Bourbon-Sicilien-Salemo, die über den Besuch sehr erfreut 
war und viel erzählte. Nachdem er dann das interessante, von dem Connetable 
Anne de Montmorency durch Jean Bullant erbaute Schloss und den noch von 
Lenötre angelegten Park angesehen hatte, kehrte er nach Paris ins Hotel zurück. 
Am Feste Christi-Htmmelfahrt, Donnerstag, den 30. Mai, hörte er die heilige Messe 
wieder in Sainte-Madeleine. Dann begab er sich mit Generalconsul Walcher in 
die Ausstellung zur Besichtigung der Christofle-Waren und der Abtheitungen 
Nordamerika, Schweden, Norwegen, Italien, Spanien, Japan und China. 

Baron Hirsch hatte sich in der österreichischen Abtheilung sehr hervor- 
gethan, indem er nicht nur bei der Ausschmückung derselben mitwirkte, sondern 
auch einen ganz enormen Geldbetrag zum Ankauf von Ausstellungsgegenständen 
für die österreichischen Gewerbemuseen widmete. Der Erzherzog hatte ihm schon 
beim Empfange für diese groflmüthigen Spenden in den huldvollsten Worten 
gedankt und ihm Höchstseinen Besuch in dessen Wohnung in Aussicht gestellt 
Nun ließ Baron Hirsch Seine kaiserliche Hoheit nebst den drei Herren der Suite 
in überaus prunkvoller Equipage mit vier Pferden und zwei Postillons nach 
Schloss Beauregard zum Dejeuner abholen. Wiewohl dem Höchsten Herrn solche 
Auffahrten in aufgeputzten Carrossen immer überaus missfallig und unangenehm 
waren, so freute ihn die gute Meinung, und er versagte dieser Aufmerksamkeit 
nicht seine Anerkennung. Die Fahrt gieng über die Place de la Concorde, die 
Champs-Elysees und Saint-Cloud nach dem Edelsitze des Herrn Barons. Es waren 
sehr viele Herren geladen, auch die Mitglieder der österreichischen Ausstellungs- 
Commission und des Comites, und mehrere Damen, darunter die Herzogin Decazes, 
geborene Baronin Löwenthal. Zu dem exquisiten Mahle leistete eine Zigeuner- 
kapelle die Tafelmusik. Der Erzherzog besichtigte alle Räume des Schlosses, 
und der Baron zeigte auch sein Badezimmer, das der Höchste Herr überaus 
anerkennend bewunderte. Ins Hotel zurückgekehrt, empfleng der Erzherzog den 
Präsidenten der französischen Weltausstellungs - Commission und andere in 
Audienz und folgte mit König Franz der Einladung des Prinzen Pascal zum 
Diner im Caf£ de la Paix. Am andern Morgen um 9 Uhr begann Seine kaiserliche 
Hoheit wieder die Besichtigungen und wandte sich zur englischen Abtheilung, bei 
deren Commission ihm mehrere Herren, besonders der Secretär Mr. Owen, vom 
Jahre 1873 her bekannt waren. Es interessierten ihn hier die landwirtschaftlichen 
Maschinen und Geräthe, die Gas- und Beheizungsapparate, auch die Vacuum- 
bremse, die er sich von dem Erfinder Hardy zeigen und erklären ließ. Dann sah er 
die Ausstellung der englischen Colonien und die von Nordamerika, die französischen 
Sculpturwerke und die Exposition du Ministere des traveaux publics. Es war 
Freitag, und der Erzherzog nahm ein Fasten-Dejeuner bei dem Restaurant Fanta 
an der Seine, einem in Paris etablierten Landsmann aus Prag. Darauf schritt der 
Höchste Herr zu den Abtheilungen Belgien, Dänemark, Schweiz, Griechenland, 
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Persien, Siam, Südamerikanische Staaten, Luxemburg, Holland und Portugal. 
Nach diesem anstrengenden Rundgange unternahm er eine kurze Fahrt ins Bois 
de Boulogne, machte der Königin Maria von Neapel seinen Abschiedsbesuch und 
kehrte ins Hotel zurück, wo er mit der Suite speiste. Samstag, den I. Juni, fand 
sich Seine kaiserliche Hoheit mit dem Grafen Pejäcsevich und Generalconsul 
Walcher wieder in der Ausstellung ein und betrat die Exposition retrospective,. 
in welcher bedeutende Schätze aus Privatsammlungen vereinigt waren. Graf 
L^dislaus Czartoryski ordnete eben die von ihm ausgestellten Gegenstände. Darauf 
gteng der Höchste Herr in den Festsaal des Trocadero-Palastes, wo die erste 
musikalische Probe wegen der Akustik stattfand. Der Erzherzog begrüßte Hanslick 
und knüpfte mit Gounod eine liebenswürdige Conversation an. Nach Besichtigung 
des ägyptischen, japanesischen und chinesischen Pavillons begab sich Seine 
kaiserliche Hoheit in die Anthropologische Ausstellung, welche interessante Aus- 
grabungen aus Hatlstadt und dem Laibacher Moor enthielt, und freute sich, die 
österreichischen Delegierten dieser Abtheilung, auch Graf Gundaker Wurmbrand 
und Graf Dzieduszycki, hier anwesend zu sehen. Er begab sich dann in das 
gleichfalls an der Place Vendöme gelegene Hotel du Rhin zudem Herzoge Robert 
und der Herzogin Maria Pia von Parma, mit denen-er nebst deren älteren Töchtern, 
der damals achtjährigen Prinzessin Marie Louise, jetzigen Fürstin von Bulgarien, 
und der Prinzessin Louise frühstückte. Nachmittags machte der Erzherzog seinen 
Abschiedsbesuch bei dem Prinzen Leopold von England, fuhr dann zum Invaliden- 
Dom, um nochmals das Grab Napoleons L zu sehen, dessen Gebeine hier in dem 
freistehenden Sarkophage ruhen, darauf in den Jardin des plantes, von dem der 
Höchste Herr in gewisser Beziehung enttäuscht war, und in die Grands Magasins 
du Louvre, Um 8 Uhr war Diner beim Handelsminister, und der Erzherzog machte 
hier viele neue Bekanntschaften. Die Abreise Seiner kaiserlichen Hoheit war für 
den folgenden Morgen um 9 Uhr festgesetzt. Am 2. Juni, Sonntag, noch vor 8 Uhr 
kam der Präsident Marschall Mac Mahon, der bereits am vorhergehenden Tage 
vorgesprochen, aber den Erzherzog nicht angetroffen hatte, Abschied zu nehmen. 
Der Erzherzog begab sich dann zu Fuß mit den beiden Grafen Hoyos und 
Pejäcsevich in die nahe (rue Saint-Honore) gelegene Kirche de l'Assomption, um 
die heilige Messe zu hören. Darauf empfieng er den Besuch des Königs Franz von 
Neapel und des Herzogs Robert von Parma. Auf dem Ostbahnhofe waren der 
Botschafter mit den übrigen Herren der Botschaft, zwei General-Adjutanten des 
Marschall-Präsidenten, die Ausstellungs-Commission und viele Österreicher zum 
Abschiede versammelt. 

Um 9 Uhr 20 Minuten vormittags reiste Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit der Erzherzog in demselben Salonwagen, in dem er gekommen war, mit 
dem Eilzuge nach Wien, 

Den rastlosen Bemühungen des Erzherzogs, seiner großen Energie und 

dem Eifer der Commission entsprachen aber auch die Ergebnisse in glänzender 

Weise. Abgesehen von der trefflichen Wirtschaft, die von dem bewilligten 

Staatszuschusse von 600.000 fl. noch 131.106 fl. erübrigte, wurden unter 1304 

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österreichischen Aussteilem 86, mit Hinzurechnung der einzelnen Theilnehmer 
prämiierter Corporativ-Aussteilungen 98 Percent, im Ganzen 1308 Aussteller 
prämiiert. Im Jahre 1867 zählte Österreich auf der Pariser Ausstellung 1720 Aus- 
steller, auf welche 884 Preise entfielen. An diesen glänzenden Erfolgen ist der 
großartige Fortschritt unwiderleglich dargethan, welchen Österreichs Kunst und 
Industrie in einem Jahrzehnte erfahren hat. Mit diesen Eri"olgen, welche gerecht- 
fertigte Genugthuung hervorriefen, hielten auch die geschäftlich erzielten Vortheile 
gleichen Schritt. Nach den Zusammenstellungen des Hauptberichtes erreichte der 
Verkauf in der österreichischen Abtheilung zum mindesten die stattliche Summe 
von f ,034.947 fl. in Gold, da ein Theil der Aussteller absichtlich mit Verkaufsdaten 
zurückhielt und viele Firmen ihre infolge der Ausstellung entrierten En-gros- 
Geschäfte damals nicht mit Sicherheit anzugeben in der Lage waren. Außer diesen 
Verkäufen wurden noch bedeutende Aufträge von dem commerciellen Bureau 
überschrieben und erhebliche aussichtsreiche Geschäftsverbindungen eingeleitet. 



Im Jahre 1883 wurde in Amsterdam eine Ausstellung veranstaltet, die von 
Österreich nicht sehr stark, aber in gewählter Weise beschickt wurde. Für die 
Österreichische Abtheilung war auch hier Erzherzog Carl Ludwig Protector. 
Höchstderselbe besuchte die Ausstellung mit Ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau 
Erzherzogin Maria Theresia, und Ihre kaiserlichen Hoheiten widmeten den 
ausgestellten Gegenständen eine eingehende Besichtigung. 

Der kaiserliche Rath Leopold Altmann war damals Mitglied der österreichi- 
schen Commission und Präsident einer Jury-Gruppe. Eines Tages, da Altmann, 
seine Jury-Arbeiten ordnend, ganz allein im Commissionszimmer saß, erschien um 
die Mittagszeit, während die Ausstellung wenig besucht war, unerwartet der Erz- 
herzog-Protector in Begleitung seines Töchterchens Erzherzogin Margaretha. 
Diesmal kam er im einfachen Reiseanzuge und sprach den Wunsch aus, die 
österreichische Abtheilung gründlich zu besichtigen. Altmann übernahm die 
Führung. Der kaiserliche Prinz sprach sich sehr befriedigt im allgemeinen aus und 
lobte viele Details. «Die Österreicher», bemerkte er huldvoll, «haben auch diesmal 
Tüchtigkeit und Geschmack bewährt. Aber da ist ein Etablissement für musika- 
lische Instrumente, das wird von einem Mädchen behütet, welches unaufhörlich 
die Ocarina bläst; jetzt hält sie wahrscheinlich die wohlverdiente Mittagspause, 
und das ist gut. Die Ocarina ist kein sehr sympathisches Instrument.» Altmann 
hatte das richtige Verständnis für diese Anmerkung. Wie oft hatte ihn die Ocarina- 
Virtuosin zur Verzweiflung gebracht! Diesmal suchten seine Augen nach einem 
Ausstellungsdiener, um das Unheil zu verhüten, aber es war zu spät. Die musika- 
lische Wienerin hatte von ferne den Erzherzog erlcannt. Sie begann auf ihrem 
Instrumente in unerbittlicher Beharriichkeit mit falschen Tönen die Volkshymne 
zu spielen. Altmann wollte abwinken, aber der Erzherzog in seiner Milde und Güte 
duldete das nicht, er winkte dem Mädchen sogar freundlich zu und verließ dann 
erst die Unglücksstätte. 

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Einige Tage nachher wurden die CommissionsmitgÜeder zu Seiner kaiser- 
lichen Hoheit nach Zantfort, einem kleinen Seebade in der Nähe von Amsterdam, 
berufen, wohin sich der Erzherzog für einige Tage zurückgezogen hatte. Die 
Jury-Arbeiten waren beendet, und es konnte dem Erzherzog-Protector berichtet 
werden, dass die Österreicher sehr viele und hohe Preise errungen hatten. Das 
versetzte den Prinzen in eine sehr fröhliche Stimmung. Er besprach alles Mögliche 
Land und Leute, die Bildersammlungen, auch die holländische Kost kamen zur 
Sprache. 

Der Erzherzog, der ein erstaunliches Personengedächtnis hatte, gieng von 
Amsterdam nach München und erkannte dort Herrn Altmann im Foyer des Hotels 
Bellevue. Er zog ihn durch längere Zeit ins Gespräch und conversierte über die 
holländische Ausstellung, über die Münchener Kunstausstellung und über die 
Theaterereignisse. 



Da mehrere Ausstellungen aufeinander gefolgt waren, schien einerseits der 
Reiz der Neuheit solcher Veranstaltungen verblichen, andererseits war zumal die 
österreichische Industrie durch so vieles Widerwärtige, das sich an die Wiener 
Weltausstellung des Jahres 1873 geknüpft hatte, in ihrer Begeisterung für dieselben 
und in ihren Erwartungen von den fruchtbringenden Erfolgen bei einer Bethei- 
ligung von ihrer Seite dergestalt herabgestimmt und gewissermaßen ermüdet, dass 
die Mittheilung des k. k. Handelsministeriums an die Wiener Handels- und Gewerbe- 
kammer, es werde von Mai bis October 1885 unter dem Protectorate Seiner 
Majestät des Königs der Belgier in der altberühmten Hafenstadt Antwerpen eine 
internationale Weltaustellung stattfinden, durchaus keine Zugkraft auf die zur 
Betheiligung berufenen Kreise auszuüben vermochte. Bei der damals im Handels- 
ministerium herrschenden Richtung fühlten sich die Industriellen Österreichs umso- 
weniger zum Hervortreten auf den Plan zum internationalen Preiswettbewerbe 
angeregt, als die österreichische Regierung das Ansuchen der Ausstellungs-Com- 
mission betreffs Ernennung eines österreichischen Commissärs «unter Hinweis auf 
den Beschluss der gemeinsamen Ministerien, von jeder officiellen Theilnahme der 
Regierungen an Ausstellungen des Jahres 1885 abzusehen», eine ablehnende 
Antwort ertheilt hatte, obwohl von der Commission wiederholt darauf aufmerksam 
gemacht worden war, welch großes Gewicht seitens der belgischen Regierung auf 
die Ernennung eines österreichischen Regierungscommissärs gelegt werde. Da es 
somit der Handelskammer überlassen blieb, die Betheiligung an dieser Aussteilung 
in ihrem Wirkungskreise thunlichst zu fordern, so konnte die Kammer wohl nichts 
anderes thun, als die kaufmännischen und industriellen Vereine des Kammer- 
bezirkes davon in Kenntnis setzen. Das Ergebnis war nicht sehr ermuthigend; 
denn im Hinblick auf die außerordentlich hochgeschraubte Platzgebür und die mit 
einer Betheiligung in so weiter Feme verbundenen Transport- und Installations- 
kosten liefen nur vereinzelte Zustimmungserklärungen für die Beschickung dieser 
.Aussteilung ein. 

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Glücklicherweise ist das nicht das einzige Beispiel für den Erfahrungssatz 
aus der Österreichischen Geschichte, dass die Allerhöchste Dynastie eine 
verfahrene Angelegenheit durch unmittelbares Eingreifen ins richtige Geleise zu 
bringen vermag. So war es hier der Ansporn, der von Höchster Seite ausgieng, 
welcher die bereits in den Schofi gelegten Hände zu neuer Schaffensregsamkeit 
erheben ließ. Als die maßgebenden industriellen Kreise, man braucht kaum erst 
auszuführen, woher, die Versicherung erhielten, es werde von Höchster Seite das 
Unternehmen jede mögliche Vorschubleistung finden, da gelangte in dem loyalen 
und arbeitsamen Bürgerthum Österreichs der Ehrenpunkt zur Geltung, dem Aller- 
höchsten Kaiserhause zu erweisen, dass in patriotischer Rücksichtnahme für die 
Höchste Familie des Kronprinzen, für das Stammland der erlauchten Gemahlin 
desselben das Bürgerthum auch die größten materiellen Opfer nicht scheue, wenn 
auch ein praktischer mercantiler Erfolg sich nicht ergeben sollte, auf dem Wett- 
kampfe in Antwerpen die ganze Kraft des Könnens einzusetzen zur Ehre des 
Vaterlandes. 

Als eine von 40 hervorragenden Wiener Industriellen besuchte Versammlung 
im Niederösterreichischen Gewerbevereine, dessen hoher Protector für alles, was 
gewerblichen, industriellen und mercantilen Fortschritt betrifft, so regen Eifer und 
richtiges Verständnis bekundete, den Beschluss gefasst hatte, zur Theilnahme an 
der Ausstellung zu ermuntern, glaubte die Kammer auf ein diesbezügliches 
Ansuchen des Gewerbevereines die Angelegenheit mit Aussicht auf Erfolg in die 
Hand nehmen zu sollen, 

Schon am 21. August 1884 constituierte sich eine Commission, welche unter 
dem Titel «österreichische Commission für die Weltausstellung in 
Antwerpen 1885» ursprünglich aus acht Vertretern der Wiener Kammer, sieben 
Vertretern des Niederösterreichischen Gewerbevereines und drei Vertretern des 
Wiener Kunstgewerbevereines bestand und sich später auf 59 Mitglieder unter 
Vorsitz des Präsidenten der Handels- und Gewerbekammer Rudolf Isbary ergänzte. 

Mit voller Begeisterung schickten sich die österreichischen Industriellen an, 
sich zur Antheilnahme an der Antwerpener Ausstellung zu rüsten und zur 
würdigen Inscenierung alle Kräfte einzusetzen, als sie ihr Werk unter das hohe 
Protectorat Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten 
Herrn Erzherzogs Carl Ludwig gestellt wussten. 

Durch den mächtigen Beistand des hohen Protectors und seine starke 
Vorschubleistung kam jener Zug des Wetteifers in das Ganze, der ein eifriges 
Zusammenwirken aller betheiligten Factoren mit glänzendem Erfolge zu krönen 
vermochte, so dass das Vaterland mit gerechtem Stolze, Österreichs Industrie mit 
inniger Genugthuung auf die erzielten Ergebnisse zurückblicken darf. 

Im September 1884 gelangte ein an die hervorragendsten Industriellen gerich- 
tetes Einladungsschreiben der Wiener Handels- und Gewerbekammer zur Theil- 
nahme an der Antwerpener Ausstellung in großer Anzahl zur Versendung und dass 
die betreffenden Kreise diesem an sie ergangenen Appell gerne Folge leisteten und 
die Idee der Beschickung dieser Exposition durch Österreich vielfach beifälligen 
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Anklang fand, ergibt sich aus der Tliatsache, derzufolge die Zahl der Aussteller 
von Tag zu Tag sich vergrößerte, so dass am Eröffnungstage der Ausstellung 
Österreich durch 277, Ungarn durch 18 Aussteller — wobei der Wiener Kunst- 
gewerbeverein corporativ 35 Exposeurs umfasste — vertreten erschien. 

Auch der von der Handels- und Gewerbekammer erlassene Aufruf zur Bei- 
tragsleistung behufs würdiger Instandsetzung der österreichischen Abtheilung und 
Bestreitung sonstiger Ausgaben fand lebhaften Anklang, so dass alle aufgelaufenen 
Kosten gedeckt erschienen. Außer einem Betrage von 1250 fl. auf Reisestipendien 
zum Zwecke der Entsendung von Arbeitern nach Antwerpen zur Instruction waren 
40.560 fl. aufgebracht worden. 

Wie der Ausstellungsbericht der österreichischen Commission ausdrücklich 
hervorhebt, «gelang es infolge Einflussnahme von höchster Stelle,» welche hie- 
bei angerufen worden war, durch Vermittlung des königlich belgischen Gesandten, 
Grafen de Jonghe d' Ardoye, den vom Installations-Ingenteur Bressler als günstigst 
bezeichneten Platz von der belgischen Regierung, welcher die Raumeintheilung an 
die einzelnen Staaten zufiel, im Ausmaße von 2800 Quadratmetern und 100 Qua- 
dratmetern in der Maschinenhalle für die österreichische Ausstellungsabtheilung 
zugewiesen zu erhalten. Später wurden, als der Raum nicht mehr ausreichte, 
einige Aussteller im Garten und in den später eigens hiezu errichteten «galeries 
internationales du travail» untergebracht. Auch erwirkte die Commission den 
österreichischen Ausstellern die namhafte Begünstigung einer fünfzigprocentigen 
Ermäßigung für Platzmiete gegenüber dem bestehenden hohen Tarife. 

Sowie bei diesen Gelegenheiten die Einflussnahme des hohen Protectors 
stets thätig einwirkte, um, wo irgend es erforderlich war, Schwierigkeiten über- 
winden zu helfen, entwickelte Erzherzog Carl Ludwig großen Eifer, das Unter- 
nehmen nach jeder Richtung zu fördern. So geruhten Seine Majestät der Kaiser 
Über Verwendung des Erzherzogs der Bitte der Ausstellungs-Commission statt- 
zugeben und die beiden imposanten, als Decorationsstücke der österreichischen 
Abtheilung benützten eisernen Gitterthore aus der Zeit Carls VI., welche sich im 
kaiserlichen Schlosse Schlosshof bei Marchegg befinden, für die Dauer der Aus- 
stellung allergnädigst zur Verfügung zu stellen. Auch gestattete Seine kaiserliche 
Hoheit Kronprinz Rudolf gnädigst die Aufstellung eines Kunstschrankes, sowie die 
Ausstellung von Porträts und Bildern aus Höchstdessen Privatbesitze. Ebenso 
wurden auf Wunsch Seiner Majestät des Königs der Belgier die Allerhöchstdem- 
selben von Seiner kaiserlichen Hoheit Kronprinzen Rudolf und dem Herzoge von 
Coburg zum Geschenke gemachten, von dem Wiener Kunstschlosser Albert Milde 
angefertigten Prachtschränke mit den herrlichen Prunkpokalen aus dem Atelier 
Lobmeyr zur öffentlichen Besichtigung ausgestellt. 

Da die Regierung die Ernennung eines officiellen Ausstellungs-Commissärs 
abgelehnt hatte, war beschlossen worden, eine Commission unter der Bezeichnung 
• österreichische Localcommission für die Weltausstellung Ant- 
werpen 1885» zu bilden, deren zwölf Mitglieder Seine kaiseriiche Hoheit der 
Erzherzog-Protector ernennen sollte. Zum Vorsitzenden dieser Commission, welche 
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die Leitung der österreichischen Ausstellungs-Agenden in Antwerpen zu besorgen 
und deren Mitglieder sich abwechselnd daselbst zur Zeit aufzuhalten hätten, 
wurde Herr Ritter von Waldheim ernannt, welcher den Titel eines österreichi- 
schen Aussteüungs-Commissärs führte und welchem ebenso wie dem zu seinem 
Stellvertreter ernannten Herrn Alfred Ritter von Lindheim durch die Intervention 
des Herrn Handelsministers im Wege des k. und k. Ministeriums des Äußern jene 
Stellung und jener Einfluss bei jeglichem Anlasse und insbesondere in Hinsicht 
der Vertretung in der internationalen Jury in Antwerpen eingeräumt wurde, 
welchen die Repräsentanten der österreichischen Ausstellungs-Commission auch 
beim Wegfalle einer officiellen Betheiligung beanspruchen durften. Das vom 
Vollzugsausschusse am 23. Februar entworfene Organisationsstatut für die Öster- 
reichische Local-Commission wurde mit hohem Handschreiben vom 2. März 1885 
von Seiner kaiserliehen und königlichen Hoheit dem Herrn Erzherzoge Carl 
Ludwig genehmigt. Zugleich wurden laut §. 1 desselben von Seiner kaiserlichen 
Hoheit zu Mitgliedern derselben ernannt die Herren: 

Rudolf von Wald heim, Ausstellungs-Commissär; 

Alfred Ritter von Lindheim, Stellvertreter des Commissärs. 

Als Mitglieder: 

Leopold Altmann, Josef Gugler, Philipp Ritter von Haas, Heinrich Klinger, 
Emil Ritter von Kubinzky, Franz Kupelwieser, Friedrich Freiherr von Leitenberger, 
Carl Edler von Oberleithner, Gustav Schweinburg, Franz Stiasny, Josef Storck, 
Louis Freiherr Weber von Treuenfels. 

Der Verkehr der Aussteller mit dieser Commission gestaltete sich der Natur 
der Sache nach äußerst umfangreich; eine Unmasse von Anfragen, Ersuchen, 
Reclamationen war zu bewältigen, zugleich die Zusammenstellung des Ausstel- 
lungskataloges zu besorgen, die Installation zu fördern und zu überwachen, für 
Assecuranz und Begleitpapiere der Transporte das Erforderliche vorzukehren. 

Die für die Ausstellung bestimmten Objecte vieler hervorragenden Firmen 
wurden vor ihrem Abgange nach Antwerpen von Seiner kaiserlichen und könig- 
lichen Hoheit dem Herrn Erzherzoge Carl Ludwig, welcher bei dieser Gelegen- 
heit von dem Präsidenten der Commission Herrn Rudolf Isbary begleitet war, in 
deren Etablissements besichtigt, und Seine kaiserliche und königliche Hoheit sprach 
sich durchgehends sehr lobend und anerkennend über die Leistungen aus. 

Auf Wunsch einer Anzahl der hervorragendsten Aussteller berief der 
Präsident der Commtesion am 9. Februar eine zahlreich besuchte Versammlung 
von Ausstellern ein, welche erklärte, dass ihre Theilnahme an der Ausstellung 
als eine huldigende Manifestation für das hohe Kronprinzenpaar zu betrachten 
sei; dieselbe beschloss, aus ihrer Mitte eine Deputation zu Ihren kaiserlichen und 
königlichen Hoheiten dem Kronprinzen und der Kronprinzessin zu entsenden, um 
diese Gefühle und ihre patriotische Gesinnung zum Ausdrucke zu bringen. Die 
Deputation benützte auch diesen Anlass, die Installationspläne des Architekten 
Bressler vorzulegen, für welche das Kronprinzenpaar das lebhafteste Interesse 
bekundete. 



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Dieselbe Deputation wurde am 15. Februar auch von Seiner kaiserlichen und 
königlichen Hoheit dem Herrn Erzherzoge Carl Ludwig empfangen, Höchst- 
weichem der Dank für die Übernahme des Protectorates der österreichischen 
Abtheilung ausgesprochen wurde. An beiden Stellen fand die Abordnung die huld- 
vollste Aufnahme, sowie die Zusicherung des hohen Besuches der Ausstellung in 
Antwerpen. 

Am 20. März wurde mit der Versendung der Ausstellungsgegenstände nach 
Antwerpen begonnen und bis Mitte April waren dieselben zum großen TheÜe nicht 
nur dort angelangt, sondern auch installiert, so dass am Eröffnungstage sich die 
österreichische Ausstellung als die gegen andere Länder am weitesten vor- 
geschrittene repräsentieren konnte; die decorative Anordnung des Hofrathes 
Storck galt als Meisterwerk. Bald darauf erfolgte die Ernennung der 19 Haupt- 
und 3 Ersatz- Juroren, der Classen-Präsidenten Alfred Ritter von Lindhelm und 
Heinrich Klinger und des Vice-Präsidenten Herrn J. Edlen von Schroll junior. 
Die Juroren widmeten sich mit allem Fleiß« und völliger Sachkenntnis ihrer 
Aufgabe, und es gelang ihnen, überall das Interesse der Aussteller zu wahren. Der 
Generalbericht der Commission hebt hervor, dass der Vice- Präsident der öster- 
reichischen Local-Commission vom 29. April bis 27. Mai, von Anfang Juli bis Ende 
August als Juror und Präsident der Gruppen-Jury und, da Österreich die Ehre 
der Vice-Präsidentschaft im Conseil superieur zugefallen war, in dieser 
Function in Antwerpen verblieb und zum drittenmale daselbst am 14. September 
bei der feierlichen PreisvertheUung erschien. Es galt, vor dem Kronprinzenpaar 
und dem Erzherzog-Protector Ehre einzulegen, weshalb allseits weder Zeit 
noch Mühe gespart wurde. 

Da in Antwerpen auch Versuche mit elektrischen Apparaten stattfinden 
sollten, wofür sich sieben Aussteller gemeldet hatten, so wurden seitens der Com- 
mission ins internationale Comite für Elektricität die Herren Friedrich Bechtold, 
Telegraphen- Vorstand der österreichischen Nordwestbahn, und Josef Kareis nomi- 
niert, eine Wahl, die von Seiner kaiseHichen und königlichen Hoheit dem Herrn 
Erzherzog-Protector Carl Ludwig genehmigt wurde. 

Am 2. Mai 1885 wurde die Ausstellung durch Ihre Majestäten den König 
und die Königin der Belgier feierlich eröffnet. Bei Gelegenheit des Rundganges 
besuchten Ihre Majestäten auch die größtentheils vollendete österreichische 
Abtheilung und gaben ihrer freudigen Überraschung über die reiche Beschickung 
und das überaus glanzvolle Arrangement wiederholt Ausdruck; der König besich- 
tigte eingehend die zahlreich ausgestellten Objecte und versprach mit lobenden 
Worten den nochmaligen Besuch der Ausstellung. Der Präsident der Local- 
Commission erstattete hierüber sofort telegraphischen Bericht an den hohen 
Protector, ferner an den Kronprinzen und die Local-Commission in Wien. Bei 
einem am darauffolgenden Tage von der Local-Commission veranstalteten Bankette 
wurden die telegraphisch eingelaufenen Antworten verlesen. Dieselben lauteten: 

•Budapest, 2. Mai 1885. Herzlichsten Dank für Telegramm; freue mich sehr 
über den schönen Erfolg. Viele Grüße an alle Österreicher in Antwerpen. Rudolf.» 
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■Budapest, 3. Mai 1885. Danke bestens für Ihr Telegramm; reue mich sehr 
über die Anerkennung bei den Majestäten und wünsche aufrichtig weitere Erfolge, 
Erzherzog Carl Ludwig.» 

Diese Telegramme wurden mit stürmischem Beifalle aufgenommen. 

Ende Mai wurde die österreichische Ausstellung von Seiner Excetlenz dem 
Handelsminister Freiherrn von Pino besucht, bei welcher Gelegenheit derselbe sich 
sehr anerkennend über das schöne Arrangement und die reiche Beschickung der 
österreichischen Abtheilung aussprach. 

Von ganz hervorragendem Einflüsse sowohl für die Bedeutung der 
gesammten internationalen Ausstellung zu Antwerpen, als ganz besonders für die 
bei derselben vertretene österreichische Commission und die Aussteller — so hebt 
erwähnter Ausstellungsbericht hervor — waren die Besuche, welche Ihre kaiser- 
lichen Hoheiten die Herren Erzherzoge Carl Ludwig und Rudolf der Stadt Ant- 
werpen im Sommer abstatteten. Hier folgt diesbezüglich die Darstellung den 
telegraphischen Berichten der Tagesblätter, zumal der «Neuen Freien Presse». 
Derselben wird berichtet; 

«Antwerpen, 27. Juni. Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria 
Theresia sind hier incognito unter dem Namen Graf und Gräfin Rottenstein aus 
Paris angelangt und im Grand Hotel abgestiegen. In deren Begleitung befanden 
sich Graf Pejäcsevich und Hofdame Gräfin Ludovica Zichy. Für den Aufenthalt in 
Antwerpen sind drei Tage in Aussicht genommen.» 

«Antwerpen. 29. Mai. Erzherzog Carl Ludwig besuchte heute vormittags, 
vom Commissär von Waldheim geleitet, die österreichische Abtheilung der Welt- 
ausstellung; Erzherzogin Maria Theresia die Rosenausstellung, wo sie mit dem 
belgischen Königspaare zusammentraf. > 

• Antwerpen, 3. Juni. Der Protector der österreichischen Abtheilung der Ant- 
werpener Ausstellung hat gestern in Begleitung des Grafen Pejäscevich zum 
erstenmale unsere Section mit seinem Besuche beehrt und, dieselbe unter Führung 
des Commissärs von Waldheim besichtigend, seine Zufriedenheit über dieselbe aus- 
gedrückt Nachdem der Aufenthalt des Erzherzogs auf vier Tage anberaumt ist, 
versprach er, heute mit seiner Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, wieder 
zu kommen, um alle Einzelnheiten eingehender zu würdigen. Der gestrige Besuch 
wurde dadurch abgekürzt, dass der Erzherzog mit dem aus Ostende zur feierlichen 
Eröffnung der internationalen Pferdeausstellung hier angekommenen belgischen 
Königspaare zusammenzutreffen wünschte; dies geschah auch im Festsaale, wo 
heute die Rosenausstellung dem allgemeinen Besuche eröffnet wurde. Die 
Begrüßung war eine überaus herzliche. Vor seiner Abreise von Antwerpen fuhr 
das belgische Königspaar beim Grand Hotel vor und begrüßte die Erzherzogin. 
Während das Königspaar in der Pferdeausstellung weilte, besuchte der Erzherzog 
auch die Kunstausstellung, in der sich auch das Porträt der Erzherzogin von Angel! 
befindet, sodann besichtigte er alle Gartenanlagen und begab sich in das für die 
Congoneger reservierte Gebäude, wo man gerade mit der Installation der auf den 
Congo bezüglichen Ausstellungsobjecte wissenschaftlicher und culturhistorischer 



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Natur beschäftigt ist. Der Erzherzog ließ sich da den • König» Massala vorstellen, der 
seine schwarzen Hände zum Gruße bot, die der Erzherzog mit freundlicher Herab- 
lassung drückte, machte dann die Bekanntschaft der anderen Neger, die sich ganz 
artig zu benehmen wussten, und gestattete auch, dass ihm Kassonbon ein Stück auf 
seiner Trommel vorwirbeln durfte. Heute morgens erschien das erzherzogliche Paar 
in Begleitung des Grafen Pejäcsevich und der Gräfin Zichy in der österreichischen 
Ausstellung, wo sie länger als zwei Stunden verweilten. Der gestrige Besuch der 
belgischen Majestäten beim Erzherzoge hatte bewirkt, dass das bisher beobachtete 
strenge Incognito gelüftet wurde, und die Regierung entsendete denn auch sofort 
einenhöherenBeamten,welcherderSuite desErzherzogs beigegeben wurde. Fast alle 
hier weilenden Österreicher wurden mit Ansprachen beehrt; die Herren von Schroll 
junior, österreichischer Juror für die Textilbranche, Baron Weber, österreichischer 
Honorarconsul, und kaiserlicher Rath Römer wurden vorgestellt. Das erzherzogliche 
Paar, welches vor seiner Abreise noch die Kunst- und Pferdeausstellung zu besich- 
tigen gedenkt, besorgte auch in unserer Section mehrere Einkäufe. Erzherzog 
Carl Ludwig hat von Antwerpen aus nachstehendes, vom 1 . JuÜ datiertes Telegramm 
an Herrn Isbary, Präsidenten der Wiener Handels- und Gewerbekammer, gerichtet: 

,Bei meinem wiederholten Besuche der hiesigen österreichischen Abtheilung 
nahm ich mit besonderer Freude wahr, dass dieselbe unserer Heimat würdig ist, 
Sie, sowie die hier vertretenen Industriellen finden in diesem Gelingen den Lohn 
Ihrer eifrigen Bemühungen um das Zustandekommen derselben. 

Erzherzog Carl Ludwig.'» 

Heute, 2. Juli, wird uns aus Antwerpen telegraphiert: 

«Erzherzog Carl Ludwig empfieng die Juroren in einstündiger Audienz. 
Der Erzherzog und die Erzherzogin reisen morgen zum Besuche des belgischen 
Königspaares nach Ostendo 

Erzherzog Carl Ludwig hat nach dem Berichte obgenannten Blattes vom 
4. Juli an den Vorstand der Wiener Künstlergenossenschaft August Schäffer nach- 
stehendes Telegramm gerichtet: 

«Ich war wiederholt in der österreichischen Kunstabtheilung, sie ist unserer 
fortschreitenden Kunstentwickiung würdig und verdient die vollste Anerkennung; 
ein schönes Ergebnis Ihrer und der Kunstgenossenschaft besonderen Thätigkeit 
bei Zustandebringung derselben. Cari Ludwig.» 

Es ist nicht zu verkennen, dass diese von Höchster Seite ertlossene 
Ermunterung auch auf die Bildung eines Aquarellistenclubs anregend wirkte und 
die Veranstaltung einer ersten Aquarellausstellung in Aussicht genommen wurde. 
Auch der Generalbericht der Commission hebt hervor, dass der Erzherzog dem 
Glanzpunkte der Ausstellung, der vom Hofrathe Storck arrangierten Collectlv- 
abtheilung des Wiener Kunstgewerbevereines, In allen Theilen sorgsamste Auf- 
merksamkeit widmete, sich wiederholt sehr befriedigt über die empfangenen 
Eindrücke aussprach, sich durch persönliche Rücksprache mit den Ausstellern 
über alle einschlägigen Verhältnisse Informierte und die amtierenden Commissions- 
mitglieder wiederholt aufs huldvollste in seinen Wohnräumen empfieng. 
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Am 9. Juli erschien KronprinzJiudolf und Kronprinzessin Stephanie zum ersten- 
male in der österreichischen Abtheilung der Antwerpener Ausstellung und wurden 
daselbst mit stürmischen Ovationen begrüßt. Über die Anwesenheit des kronprinz- 
lichen Paares sei hier der Bericht der Tagesblätter im Nachstehenden vorgeführt: 

«Der Hofzug mit dem Königspaare, sowie mit dem österreichischen Kron- 
prinzenpaare, in dessen Gefolge sich Graf Bombelles, von Wohlgemuth und Grätin 
Sylva-Tarouca befanden, traf um ! •/» Uhr in der Maschinenhalle ein. Der Kronprinz 
trug Civilkleidung, die Kronprinzessin ein graublaues, reichgesticktes Crepekleid, 
Hut und Schirm von gleicher Farbe. Zur Begrüßung bei der Ankunft des Hofzuges 
erschienen der Präsident der Wiener Handelskammer Isbary, Alfred Ritter von 
Lindheim und Freiherr von Leitenberger. Der Kronprinz schritt auf dieselben sofort 
zu und drückte seine Freude darüber aus, dass er sie hier sehe. Der officielle 
Empfang fand bei dem Gitterthore statt, wo beim Erscheinen des Kronprinzenpaares 
Hoch!-Rufe erschollen. Der Kronprinz stellte dann dem Königspaare die Herren 
Isbary, Ritter von Lindheim, Freiherm von Leitenberger, Hofrath Storck und Haas 
vor, worauf Dr, Banhans, Hofrath Exner, Altmann, Römer, Klinger und Kubinzky 
durch Herrn Isbary vorgestellt wurden. Präsident Isbary dankte dem Königspaare 
dafür, dass es Österreich Gelegenheit geboten habe, seine Gewerbe- und Kunst- 
erzeugnisse in Belgien zur Anschauung zu bringen und dankte dem Kronprinzen- 
paare, dass es sich der Mühe einer weiten Reise unterzogen habe, um die Producte 
österreichischen Fleißes zu besichtigen. Das Unternehmen sei ein Zeugnis der 
Treue und Anhänglichkeit an das Kaiserhaus. Er schloss, indem er für die Huld 
und Gnade des Kronprinzenpaares dankte, mit einem Hoch! auf dasselbe. Sodann 
sprach der Kronprinz dem Könige den Dank für den Besuch der österreichischen 
Abtheilung aus und bot der Königin den Arm, während der König, die Kron- 
prinzessin führend, die österreichische Abtheilung betrat. 

Im Pavillon des Kronprinzen wurde nach Beendigung des Rundganges 
Cercle gehalten, wobei sich der Kronprinz mit den Juroren unterhielt und längere 
Zeit mit Isbary, von Lindheim, von Leitenberger, von Banhans und von Chlumecky 
Besprechung pflog. Dr. Banhans dankte dann dem Kronprinzen- und dem Königs- 
paare, worauf der Kronprinz erwiderte, dass ihn der Besuch herzlich freue und 
er dafür danken müsse, dass sein Wunsch ein so glänzendes Resultat zur Folge 
hatte. Unser theueres Vaterland könne befriedigt sein, dass es so glänzend in 
der Heimat der geliebten Kronprinzessin vertreten sei. Es wurde hierauf noch die 
österreichische Kunstabtheilung besichtigt, woselbst Ritter von Lindheim die 
Führung übernahm; denSchluss bildete derBesuch derdeutschen und französischen 
Abtheilung. Das Porträt der Erzherzogin Maria Theresia in der österreichischen 
Kunstabtheilung fand volle Würdigung. Um '/i6 Uhr kehrte der Hofzug nach 
Schloss Laeken zurück. Auf der Station dankte die Kronprinzessin Herrn Isbary 
und sagte, sie freue sich darauf, die Österreichische Abtheilung oft besuchen zu 
können. Zur Hoftafel in Schloss Laeken wurden vom Königspaare Präsident Isbary, 
Vice-Präsident Ritter von Lindheim, femer Hofrath Storck, Baron Leitenberger, 
Dr. Banhans und Ritter von Chlumecky geladen. 
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Wie am Vortage trafen auch am 10. Juli das Königs- und das Kronprinzen- 
paar und Prinzessin Clementine sammt Begleitung um '/i2 Uhr in Antwerpen 
ein. Kronprinz Rudolf trug das belgische Leopoldskreuz. Die Herrschaften ver- 
fügten sich zunächst in die Ausstellung der französischen Colonien. in derTonking- 
Section wurden mehrere Chinesen vorgestellt. Der Kronprinz erklärte daselbst den 
Gebrauch der Opiumpfeifen. Sodann begab man sich in den Congo-Pavillon. Auf 
Wunsch des Königs wurden hierauf König Massala, Negerweiber und Kinder 
herbeigeholt, denen dann der König durch einen Dolmetsch mittheilte, dass das 
österreichische Kronprinzenpaar zu Besuche hier sei; ein Negerweib ergriff nun 
zutraulich die Hand der Kronprinzessin und sagte «Bonhour Altesse!» Der Kron- 
prinz bemerkte lächelnd zu seiner Umgebung, dass der Häuptling Massaia eine 
Phantasieunifqrm trage, einen verschnürten Attila, wie sie früher die ungarischen 
Husaren trugen. In der belgischen Section wurde der Frau Kronprinzessin ein 
herrliches Riesenbouquet überreicht. 

Am 1 1 . Juli war, da an diesem Tage das Kronprinzenpaar das letztemal in der 
Ausstellung erschien, dieselbe ungemein zahlreich besucht. Das Kronprinzenpaar 
wurde zur angesagten Stunde vom Präsidenten Isbary, Ritter von Lindheim, Frei- 
herrn von Leitenberger, den Commissionsmitgliedern und Juroren, von dem Grafen 
und der Gräfm Chotek sammt Comtessen, Attache Baron Braun und Consul Baron 
Weber mit lebhaften Hochl-Rufen begrüßt; Comtesse Chotek überreichte der 
Kronprinzessin ein Riesenbouquet. Das .Kronprinzenpaar begab sich durch die 
französische Section, wo eine für die Prinzessin Elisabeth bestimmte hübsche 
Puppe präsentiert wurde, in die österreichische Abtheilung und nahm wieder eine 
eingehende Besichtigung aller Objecte vor. Die Herrschaften hielten sich bei den 
Ausstellungen verschiedener hervorragender Firmen längere Zeit auf und kauften 
bei verschiedenen Industriellen Waren. Nach dem abermaligen Besuche der kunst- 
gewerblichen Ausstellung fuhr das Kronprinzenpaar in das Grand Hotel, wo in 
einem mit der Büste Kaiser Franz Josefs geschmückten Saale um i/»12 Uhr ein 
Dejeuner zu 56 Gedecken stattfand. Dem Kronprinzen zur Rechten saßen die Kron- 
prinzessin, Graf Chotek, Gräfin Sylva-Tarouca, Ritter von Chlumecky, Comtesse 
Chotek, Freiherr von Leitenberger, Hofrath Storck, Consul Weber; zur Linken 
die Gemahlin des Gesandten Gräfin Chotek, der belgische Hofmarschall Graf 
Oultremont, die Hofdame Gräfin Chotek, Dr. Banhans, Ritter von Lindheim, Hofrath 
Exner, Attache Baron Braun. Dem Kronprinzenpaare gegenüber saßen Isbary und 
Graf Bombelles, außerdem war der belgische Hofzugsleiter, Commissionsmitglieder, 
Juroren und mehrere österreichische Aussteller anwesend. Bei dem fünften Gange 
erhob sich der Kronprinz, worauf alle Anwesenden aufstanden, und sprach frei 
folgenden Trinkspruch; 

«Es ist ein schöner, erhebender Moment, wenn eine Schar Landsleute, fem 
von der theueren Heimat, sich versammelt und man das erste Glas erhebt, um 
auf das Wohl des geliebten Landesherm zu trinken. Seine Majestät unser aller- 
gnädigster Kaiser und Herr soll leben! Hoch! (Stürmisches dreifaches Hoch!) Es 
ist für mich eine Herzenspflicht, Ihnen, meine Herren, meinen wärmsten Dank 
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auszusprechen, dass Sie jetzt während unserer Anwesenheit in Antwerpen so 
zahlreich erschienen sind, und dass Sie diese Ausstellung auf so reiche und 
schöne Weise beschickt haben. Ich kenne den Grund, warum Sie meinem Rufe 
gefolgt sind, und bin stolz darauf und erfreut, nachdem ich den Erfolg gesehen 
habe, den Sie hier errungen haben, österreichischer Geschmack, österreichische 
Genialität, Reichthum an Abwechslung und die Ideen unserer Industriellen haben 
Ihnen wie bei allen Ausstellungen so auch bei dieser gerechtfertigte Anerkennung 
verschafft. Mögen alle jene zukünftigen Unternehmungen ebensolche Erfolge und 
Triumphe feiern wie diese und möge unsere Industrie, diese Hauptzierde der 
großen Culturbewegung der letzten Decennien, auch fürderhin, trotz Schwierig- 
keiten und Hemmnissen aller Art, trotz des schweren Concurrenzkampfes ihre 
mächtige Stellung behaupten und sich immerdar fortschrittlich weiter entwickeln. 
Das walte Gott! Ich trinke auf das Wohl aller Österreicher in Antwerpen und 
zugleich auf das Wohl aller Industriellen und Gewerbetreibenden Unserer theueren 
Heimat und auf das Wohl und auf die Blüte unseres geliebten Österreich!» 
(Stürmische Hoch!-Rufe.) 

Alles war tiefbewegt. Die Kronprinzessin blickte zu ihrem Gemahl, der mit 
unvergleichlichem Schwünge gesprochen, in tiefster Bewegung hinan; ihre Augen 
wurden feucht. 

Präsident Isbary toastirte hierauf auf das Kronprinzenpaar. Nach der Tafel 
begab man sich in den Garten, woselbst Gerde gehalten wurde. Zu Isbary sagte 
die Kronprinzessin, Wien sei die schönste aller Städte. Baron Leitenberger, Hofrath 
Exner, Hofrath Storck, Ritter von Lindheim, Dr. Banhans, Dr Ritter von Chlumecky, 
Stiasny, Schroll, Schweinburg, Klinger, Römer, Altmann und Kubinzky wurden 
durch Ansprachen des hohen Kronprinzenpaares ausgezeichnet. Um 4 Uhr fand 
die Rückkehr nach Schloss Laeken statt. Auf dem Bahnhofe versammelten sich 
alle hier weilenden Österreicher und brachten dem hohen Paare Ovationen dar. 
Des nächsten Abends erfolgte die Rückreise nach Laxenburg. 

Alle österreichischen Aussteller und Commissionsmitglieder waren von der 
Überzeugung durchdrungen, dass die wiederholte, eingehende Würdigung der 
Ausstellung seitens der höchsten Mitglieder unseres erhabenen Kaiserhauses auch 
im ganzen Lande Belgien und weit darüber hinaus nicht ohne den nachhaltigsten 
ersprießlichsten Einfluss bleiben werde. 

Die Ankäufe für die belgische Ausstellungs-Lotterie wurden von einem 
belgischen Comite unter dem Vorsitze des Herrn Grafen Albert de Beaufort 
besorgt. Von der zu Ankäufen bestimmten Summe — 500.000 Francs — entfielen 
30.000 Francs auf die österreichischen Aussteller. Im allgemeinen gestaltete sich 
der Verkauf der österreichischen Erzeugnisse sehr lebhaft. 

Für den 14. September 1885 war die feierliche Preisvertheilung anberaumt. 
Da sich ei-warten ließ, es würden viele hervorragende Persönlichkeiten und Aus- 
steller daran theilnehmen, so beeilte sich die Commission, das officiell festgestellte 
Programm hiezu, nebst einer diesbezüglichen Einladung, an alle Aussteller und 
Mitglieder der Commission zu versenden. 

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Am bezeichneten Tage begann die officielle Feierlichkeit um 2 Uhr nach- 
mittags im Beisein beider Majestäten und der gesammten königlichen Familie von 
Belgien, dem diplomatischen Corps, den höchsten Staatswürdenträgem und 
Repräsentanten der Generalcommissariate, Minister und anderer Notabilitäten. Das 
Ergebnis der Preiszuerkennung war für die Österreicher ein äußerst günstiges. 
"Von 14.461 Ausstellern wurden>, nach einem telegraphischen Berichte des Vice- 
Präsidenten Ritters von Lindheim vom 1 6. September an die Handels- und Gewerbe- 
kammer, .8618 ausgezeichnet, hieran participiert Österreich mit 91 Procent seiner 
Aussteller, Deutschland mit 88, Italien und Russland mit 86, Frankreich mit 85,Eng- 
land mit 71, Belgien mit 70, die Niederlande mit 56, Portugal mit 19 und Brasilien mit 
15 Procent. Österreich ist somit das günstigst beurtheilte Land. Des Königs Majestät 
beauftragt mich, die österreichischen Aussteller zu diesem selten glänzenden Jury- 
Ergebnisse herzlich zu beglückwünschen.» Von 296 Ausstellern waren 251 prämiiert. 

Bei der Feierlichkeit war Österreich, nach der Meldung des «Neuen Wiener 
Tagblatt«, durch den Vice-Präsidenten der Ausstellungs-Commission Ritter von 
Lindheim, das Mitglied Kubinzky und Secretär Schlichtegroll vertreten; weiters war 
auch der Juror von Schroll aus Wien erschienen. Für die zweite Gruppe verlas der 
Gruppen-Präsident von Lindheim die zuerkannten Preise. Der König verlieh den 
Herren Waldheim, Lindheim und Zeller das Commandeurkreuz des Leopoldordens, 
Schäffer das Officierskreuz, dem Secretär Schlichtegroll und dem Architekten 
Bressler das Ritterkreuz. 

Am 2. November erfolgte programmäßig der Schluss der Ausstellung. 
Übrigens gab es noch sehr viele schwebende Angelegenheiten, zumal betreffend 
Rücktransport, Platzmiete und anderes zur Erledigung zubringen; die eigentlichen 
Au sstellungs- Agenden konnten mit Ausnahme der Prämienvertheilung am 1 . Jänner 
1886 als beendet angesehen werden. 

Donnerstag am 14. Jänner 1886 fand bei Seiner kaiserlichen Hoheit dem 
Kronprinzen in Wien ein Diner statt, zu welchem die Commissäre und Juroren 
huldvollst eingeladen wurden; ebenso wurden die Leiter der österreichischen 
Ausstellungsabtheilung Donnerstag 16. März bei Seiner kaiserlichen Hoheit dem 
Herrn Erzherzog-Protector zur Tafel zugezogen. In gnädigen Ansprachen an die 
Betheiligten wurde von den Höchsten Herrschaften mit wahrer Genugthuung des 
Erfolges der österreichischen Aussteller in Antwerpen gedacht. Einem Comite von 
Ausstellern, welches dem Ritter von Lindheim eine künstlerisch ausgestattete 
Dankadresse für seine erfolgreiche Thätigkeit für die österreichischen Aussteller 
überreichte, erwiderte der Genannte dankend, diese erfreulichen Erfolge seien 
nebst den glänzenden Leistungen der Industrie und der thatkräftigen Unterstützung 
seines Wirkens durch die Jury vornehmlich der aliergnädigsten Förderung zu 
verdanken, welche den Ausstellern und der Commission in dem mächtigen Ein- 
flüsse und Mitwirken der Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses zustatten 
gekommen sind, diesen gebüre tiefster Dank, 



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Zu wiederholtenmalen wendete sich der Blick des patriotischen Österreichers 
nach jener schönen Halbinsel des romantischen Südens, die vor Jahrhunderten 
gemeinsam mit unserer Heimat unter dem Scepter des Erzhauses Habsburg 
gestanden. Am Anfange unseres Jahrhunderts war es das Heldenvolk Spaniens, 
dessen unerschrockener Freiheitskampf gegen den bonapartischen Weltbezwinger 
gerade in Wien in jenen Tagen, da sich Österreich mit aller Macht rüstete, gleich- 
falls das Joch des Eroberers abzuschütteln, einen wahren Sturm von begeisterten 
Sympathiebezeugungen entfesselt hatte. 

In neuester Zeit dagegen waren es berechnende Erwägungen handels- 
politischer Art, die bei uns ein Band gegenseitiger vertrauensvoller Annäherung 
wünschenswert erscheinen ließen. 

Als nun ein spanischer Patriot mit dem Gedanken hervorgetreten war, in der 
größten Seestadt Spaniens eine internationale Ausstellung zu veranstalten, regten 
sich auch in Österreich Sympathien für ein solches Unternehmen, obwohl damals 
auch die Vorarbeiten für eine niederösterreichische Gewerbeaussfellung zur Feier 
des 40jährigen Regierungsjubiiäums des Kaisers im Zuge waren und gleichfalls 
für das Jahr 1888 Ausstellungen in Brüssel, Melbourne, Kopenhagen und München 
geplant wurden, so dass sich ein Misserfolg befürchten ließ. Der Gedanke, dass für 
Österreichs Industrie Spanien ein leicht zu eroberndes, bisher aber allzu gering 
ausgenütztes Exportgebiet bilde, das einen lohnenden Absatz verheiße, kam ins- 
besondere dann zum siegreichen Durchbruche, als die Stadt Barcelona selbst den 
Beschluss gefasst hatte, die Veranstaltung der ersten Weltausstellung Spaniens 
unter ihre Ägide zu nehmen und die spanische Regierung eine Subvention von 
zwei Millionen Pesetas gewährleistete, womit die Basis eines erfolgreichen Fort- 
schreitens des Ausstellungsplanes geschaffen war. Von da ab begannen sich auch 
die Aussichten für die Beschickung der Ausstellung in Barcelona zu klären. 

Am 20. Februar 1887 wurde unter Genehmigung des Handelsministeriums 
durch die Wiener Handels- und Gewerbekammer eine selbständige Commission 
für die Weltausstellung in Barcelona ernannt, welche den Herrn Alfred Ritter von 
Lind he im zu ihrem Präsidenten, den Herrn' Emil Ritter von Kubinzky zu dessen 
Stellvertreter und die Herren Altmann zum Vice-Präsidenten und Gustav Schwein- 
burg zum Schriftführer wählten. 

Der Erfolg des Aufrufes dieser Commission an Österreichs Industrielle war 
ein überraschender, das Unternehmen, obwohl kein officielles, war namentlich 
durch die Bedeutung der ausstellenden Firmen thatsächlich ein volksthümliches 
geworden und erhielt zugleich die schönste Weihe, als Seine kaiserliche Hoheit 
Erzherzog Carl Ludwig das Unternehmen unter seinen persönlichen Schutz 
nahm und gleichzeitig seinen Besuch in Barcelona in Aussicht stellte. 

Nur so erklärt sich die Thatsache, dass, obgleich die Regierung eine 
finanzielle Unterstützung des Unternehmens abgelehnt hatte, die Aufbringung der 
erforderlichen Geldmittel ohne Schwierigkeiten vonstatten gieng und, trotzdem 
die Installation der österreichischen Abtheilung ein wahrhaft würdiges, geschmack- 
volles, vom Ade! der Kunst überhauchtes Bild darbot, mit den gesammelten Fonds 
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nicht nur das Auslangen gefunden, sondern noch ein Theil für gemeinnützige 
Zwecke erübrigt werden konnte. Bereits am 3. März 1888 konnte der Präsident 
Ritter von Lindheim in der Commissionssitzung 200 Aussteller anmelden, so dass 
die österreichische Section vermöge ihrer fast ausnahmslos bedeutenden Aussteller 
als Qualitätsausstellung ersten Ranges bezeichnet werden konnte und auch that- 
sächlich von der AusstelJungs-Direction als solche erklärt wurde. Neben dem 
Geschmacke des Arrangements, worin Architekt Bressler mit geringen Mitteln Großes 
leistete, hat auch die Schlagfertigkeit und Promptheit der Installation, um die sich 
Herr Gustav Schweinburg hochverdient machte, allseitig imponierend gewirkt. 
Während «Frankreich-, •Italien* und «England» noch zur Hallte in den Kisten 
vergraben lagen, stand die österreichische Section als erste unter allen am Aus- 
stellungstage, am 8. April 1888, vollendet. 

Diese Leistung ist um so höher anzuschlagen, als bei den umständlichen 
Zollformalitäten in Spanien und anderweitigen schwerfälligen Verkehrsverhältnissen 
enorme Schwierigkeiten überwunden werden mussten. Die Sections-Commission 
hatte aber den höchsten Wert darauf gelegt, die österreichische Abtheilung bis 
zum kleinsten für den Tag fertigzustellen, da der erhabene Protector für den 5., 6. 
und 7. Mai zum Besuche derselben angemeldet war. 

Über den großartiger, enthusiastischen Empfang, welcher dem Erzherzoge 
von allen Schichten der Bevölkerung der wundervollen spanischen Seestadt 
bereitet wurde, veröffentlichten die Tagesblätter, denen nachstehender Bericht 
entnommen ist, spattenlange glänzende Schilderungen. 

So wurde aus Barcelona vom 6. Mai den Wiener Blättern gemeldet: 

• Nicht bald ist ein österreichischer Prinz in der Fremde mit gleicher Liebe 
und Herzlichkeit aufgenommen worden; Hoch und Niedrig rühmt es, dass es ein 
österreichischer Prinz war, der in seiner Eigenschaft als Protector einer internatio- 
nalen Section der Weltausstellung in Barcelona zuerst hiehergekommen, um die 
Werke seiner Landsleute und zu gleicher Zeit die mächtige Entwicklung der 
größten Handelsstadt Spaniens kennen zu lernen. Der Herr Erzherzog langte, vom 
Botschafter Grafen von Dubsky begleitet, am 5. d. abends, aus dem Süden kommend, 
in Barcelona an, woselbst er vom Generalcapitän, dem Civilgouverneur, dem 
Alkalden, den Spitzen der Behörden und einer ungeheueren Volksmenge unter 
begeisterten Zurufen empfangen und von den Behörden, sowie von der öster- 
reichischen Commission feierlichst begrüßt wurde, worauf HÖchstderselbe im 
Hotel de las Cuatro Naciones Absteigequartier nahm. 

Noch am Abende der Ankunft hatte der Herr Erzherzog den österreichischen 
Ausstellungs-Präsidenten empfangen, von dem er sich einen eingehenden Bericht 
über den Stand der Ausstellungsarbeiten erstatten ließ. Um 10 Uhr vormittags 
erschien Höchstderselbe im Ausstellungs-Palais, er bewunderte die Großartigkeit 
der ganzen Anlage, die aber noch keineswegs in ihrer Installation vollendet war. 
Um so freudiger überrascht war der Erzherog, als er, von stürmischen Hoch I-Rufen 
empfangen, in die gänzlich vollendete österreichische Section trat. Der Präsident 
der Österreichischen Commission begrüßte hier Seine kaiserliche und königliche 
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Hoheit mit einer, von einem Beifallssturm aufgenommenen Anrede, in welcher der 
Sprecher hervorhob, dass man wohl gewusst habe, es würde das Herz des Erz- 
herzogs bei den entfernten Landsleuten in Spanien weilen, wenn der Erzherzog 
seinen Reiseplan auch auszuführen verhindert gewesen wäre, dass aber nun Freude 
und Dank doppelt empfunden werden, da der Erzherzog- Protector, die Mühselig- 
keiten der langen beschwerlichen Reise nicht scheuend, nun thatsächlich selbst 
gekommen sei, das nicht ohne große Schwierigkeiten vollendete österreichische 
Ausstellungsunternehmen zu besichtigen. Der Erzherzog erwiderte in längerer 
Ansprache: Er sei wahrhaft erfreut, in der Lage gewesen zu sein, seine 
Absicht auszuführen; er habe die immensen Schwierigkeiten von 
Anfang an zu würdigen gewusst, unter denen die Industrie Öster- 
reichs auf eigene Kosten und so weit entfernt vom Vaterlande ihre 
Vertretung etabliert habe. Er sei stolz darauf, der Protector einer 
Ausstellungs-Section zu sein, die unter allen Nationen allein voll- 
endet dastehe. Er habe nur einen Wunsch gehabt: an der Spitze der 
Männer, welche dieses geleistet, der Königin- Regentin Christina 
selbst die Werke österreichischen Gewerbefleißes zeigen zu können. 
Hierauf besichtigte der Erzherzog die Ausstellung bis ins kleinste Detail, so die 
Installationen der Firmen: Haas, Thonet, Stranski, F. Schmitt, Schwarz in Prag, 
Samek, LÖw-Beer und Engel in Brunn, Schlöglmühl, Parkettenfabrik Engel, 
Calderara und Bankmann, Klopfer, Bernhard und Richard Ludwig, Tischler Albert, 
dessen Kunstschrank er besonders bewunderte. Aschleb y la Ferme, Lobmeyr, 
Reich, Graf Harrach, die Schöller'schen Zucker-, Mehl- und Eisenfabriken, bei 
denen Paul von Schöller selbst als Führer auftrat. Seine kaiserliche Hoheit war 
von dem Eindrucke unserer heimischen Industrie sehr befriedigt und fand auch 
Veranlassung, sich über einzelne Erzeugnisse äußerst lobend und schmeichelhaft 
auszusprechen. Der Herr Erzherzog besichtigte ferner den von den Österreichern 
Iwinger und Milde hergestellten königlichen Pavillon, bewunderte die Möbel von 
Iwinger und die Kunstschlosserarbeiten von Milde, das geschmackvoll decoderte 
Commissionshaus und die trefflichen Decorationsbilder von Gilbert Lehner, 
Diese letzteren, die ganze Gallerie einfassend, besichtigte er in allen Details und 
bemerkte, diese Decoration sei neu und wirke geradezu überraschend; er fand in 
den Bildern alle wichtigen Hauptstädte Österreichs, und wiederholt äußerte er, 
dass man sich in der Section wahrhaft ins Vaterland versetzt fühle. Nachdem der 
Erzherzog so den Rundgang vollendet, wurde er von den spanischen Ausstellungs- 
behörden in alle übrigen Compartiments der Ausstellung geführt, die er ebenfalls 
genau besichtigte. 

Die sympathische Erscheinung und gewinnende Art des Erzherzogs hatte 
demselben wie im Sturm die Herzen der gesammten Bevölkerung Barcelonas 
erobert. Als sich der edle Fürst am 7. Mai in den Straßen dieser Großstadt zeigte, 
um die städtischen Anstalten, Bauten und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, 
wurde er überall, wo das Publicum seiner ansichtig ward, mit stürmischen Zurufen 
und Fächerschwenken der Damen begrüßt und gefeiert. .Auch dem größten Waren- 



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hause der Stadt, Vidal & Comp., welches seinesgleichen in der Welt sucht, 
wurde die Ehre zutheil, den Erzherzog in seinen Räumen zu begrüßen. 

Bei dem großen, den Autoritäten und der österreichischen Ausstellungs- 
Commission gegebenen Diner toastierte Herr Erzherzog Carl Ludwig auf das 
spanische Königshaus Bourbon, der Generalcapitän auf die österreichische 
kaiserliche Familie. Präsident von Lind he im brachte einen Toast auf die Ausstellung 
aus, welchen ein spanischer Ausstetlungsfunctionär dahin erwiderte, dass Barcelona 
niemals die Dienste vergessen werde, welche Österreich der Ausstellung leistete. 

Auch am zweiten Tage seines Aufenthaltes besuchte der Erzherzog durch 
mehrere Stunden die Österreichische Abtheüung und beglückwünschte ,die Energie, 
welche dieses alles geleistet habe'. Mit den Worten herzlichster Anerkennung 
schied der hohe Protector von seinen treuen Landsleuten, in den Herzen eines 
jeden die Gefühle höchster Genugthuung über die der ehrlichen Arbeit gezoUte 
.Achtungsbezeugung hinterlassend.« 

Erzherzog Carl Ludwig ordnete an, dass eine Reproduction des Gruppen- 
bildes aus dem Löwenhof der Alhambra, mit der eigenhändigen Unterschrift des 
hohen Spenders versehen, dem Präsidenten der österreichischen Ausstellungs- 
Commission in Barcelona übersendet werde. 

Bei der Zusammenstellung der Jury war Österreich durch 17 Juroren 
vertreten, die über Vorschlag der Commission durch den Erzherzog-Protector 
zu diesem Ehrenamte ernannt wurden. 

Die Erfolge der Österreichischen Aussteller auf der Ausstellung in Barcelona 
sind wahrhaft glänzende zu nennen. Bei der feierlichen Prämiierung wurden von 
den österreichischen Ausstellern etwa 90 Procent in den Medaillen höherer 
Kategorie und 33 Procent in Auszeichnung erster Classe bedacht und unter ihren 
17 Juroren vier ein Ehrenplatz in den Bureaux der Jury zuerkannt. 

Auch die Hoffnung, es würden sich auch geschäftliche Ergebnisse an 
diese erste spanische Weltausstellung knüpfen, täuschte nicht, da sich allein im 
Amtsbezirke des spanischen Consulates in Wien die Zahl der ausgefertigten 
Ursprungscertificate für den Export in den letzten neun Monaten des Jahres 1888 
um mehr als 800 Stück gegen den gleichen Zeitraum des Jahres 1887 gehoben hatte. 

Welch lebhaftes Interesse der Erzherzog-Protector der Ausstellung und 
ihren Ergebnissen jederzeit entgegenbrachte, bewies Höchslderselbe auch durch 
seine Gegenwart bei dem Vortrage, welchen der Präsident der Commission Alfred 
Ritter von Lindheim am 16. Jänner 1889 im österreichischen Handelsmuseum 
über Verlauf und Ergebnisse der Ausstellung in Barcelona abhielt. An den 
genannten Präsidenten der Commission richtete der hohe Protector nachstehendes, 
eigenhändig gezeichnetes Schreiben: 

• Als Protector der österreichischen Abtheilung der im Vorjahre in Barcelona 
stattgefundenen Weltausstellung finde ich mich veranlasst, Ihnen als Präsidenten, 
ferner dem Vice-Präsidenten Emil Ritter von Kubinzky und Leopold Altmann, 
sowie den Mitgliedern der österreichischen Commission und Jury meinen 
besonderen Dank für die allseitige Mühewaltung auszusprechen. 



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Ist es schon überhaupt anerkennenswert, dass die Commission mit eigenen 
Mitteln und bedeutenden materiellen Opfern unter Beseitigung von mannigfachen 
Schwierigkeiten ihrer Aufgabe gerecht wurde, so erfüllte es mich in meiner Eigen- 
schaft als Protector bei meiner damaligen persönlichen Anwesenheit in Barcelona 
umsomehr mit Befriedigung, die Section Österreich am officiellen Eröffnungstage 
ihre Aufgabe erfüllt und die heimische Industrie auf einem, von uns noch nicht 
genügend gesuchten Absatzgebiete in der ehrenvollsten Weise vertreten gesehen 
zu haben. 

Wien, 17. Februar 1889. Erzherzog Carl.» 



Die eigenthümliche, durch die famose Kinley-Biil gekennzeichnete neuere 
Handelspolitik der nordamerikanischen Union hätte es vollauf erklärlich erschei- 
nen lassen, wenn Europa gelegentlich der an alle Länder und Staaten der Welt 
ergangenen Einladung zur Beschickung einer Weltausstellung in einer Stadt der 
Union übereinstimmend im ablehnenden Sinne beantwortet hätte, denn die Gegner 
einer Betheiligung hatten es leicht, darauf hinzuweisen, dass bei dem Bestände 
jener Kinley-Bill der Export dorthin so gut wie unterbunden sei, demnach jedes 
praktische Interesse von vorneherein mangle. 

Freundlicher gestaltete sich die Sachlage nach der Wahl Chicagos als Aus- 
stellungsort. Nach Anhörung einer Reihe hervorragender industrieller und gewerb- 
licher Körperschaften, sowie des Wiener Kunstgewerbevereines stellte die Wiener 
Handels- und Gewerbekammer der Regierung die würdige Betheiligung, zunächst 
der Kunst und der am Export nach Amerika betheiligten Industrien als eine Noth- 
wendigkeit vor, weshalb die Regierung zu einer ofticiellen Beschickung einen 
Staatszuschuss von 150.000 fl. in Aussicht nahm. 

Seine Majestät der Kaiser geruhten mit Allerhöchster Entschließung vom 
8. Februar 1892 Seine kaiserliche und königliche Hoheit den durchlauchtigsten 
Herrn Erzherzog Carl Ludwig in der Eigenschaft als Protector der öster- 
reichischen AussteUungs-Section zu bestätigen, sowie die Einsetzung einer Central- 
Commission in Wien mit Seiner Excellenz dem damaligen Herrn Handelsminister 
Marquis Bacquehem genehmigend zur Kenntnis zu nehmen. Die Regierung 
erließ ein Organisationsstatut und ernannte eine Central-Commission unter dem 
Präsidium des Handelsministers, dessen geschäftsführenden Präsidenten — nach 
dem Tode des Herrn Isbary — Herrn Max Mauthner, Präsidenten der Wiener 
Handelskammer, dem General-Commissär von Palitschek, k. und k. Generalconsul, 
und den Herren (Haardt von Hartenthurm, gestorben December 1892) Alfred Ritter 
von Lindheim, M. Matscheko, F. Roth, Freiherr von Schwegel, F. Sebor, Bela 
Freiherr von Weigelsperg als Vice-Prasidenten. Das Executiv-Comite wies in 
seinem Aufrufe an die Industriellen unter anderem darauf hin, welch günstige 
Vorbedeutung für das Unternehmen es sei, dass Seine Majestät der Kaiser geruht 
habe, das Protectorat in die Hände Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit 
des Erzherzogs Carl Ludwig zu legen. Da somit die Ausstellung von Höchster 
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Seite jeder Förderung sich versichert halten konnte, gelang es auch, nach einem 
Vorberichte des Architekten Bressler, eine Erhöhung des Staatszuschusses bis auf 
275.000 n. zugesichert zu erhalten. Eine Vorjury unter Vorsitz des Ritters von 
Lindheim sichtete die mehr als 700 zählenden Anmeldungen bezüglich der Raum- 
zutheilung und sonstigen Zulässigkeit, und da nur das Auserlesenste geboten 
werden sollte, wurden etwa 150 Anmeldende von der Nichtzulassung verständigt. 

Am 3. October 1892 wurde der geschäftsführende Obmann Herr Max 
Mauthner von Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit dem Herrn Erzherzog- 
Protector Carl Ludwig in Audienz empfangen, um Seiner kaiserlichen Hoheit 
Bericht über den Stand der Arbeiten für die Theilnahme der österreichischen 
Industrie an dieser Ausstellung zu erstatten. Der hohe Herr nahm den Vortrag 
mit wohlwollendstem Interesse entgegen, sprach seine Befriedigung über die ver- 
hältnismäßig zahlreiche Betheiligung der österreichischen Industrie an dieser 
Exposition aus und übergab dem Kammer-Präsidenten eine ihm vom amerika- 
nischen Gesandten Mr. Grant überreichte Liste in der Theater- und Musikaus- 
stellung der Rotunde befindlicher Objecte, deren Exposition auf der Ausstellung 
in Chicago sehr wünschenswert sei, da in Amerika das lebhafteste Interesse für 
diese wichtigen Gegenstände bestehe. Leider konnte dieser Anregung durch 
den Erzherzog nicht durchwegs entsprochen werden, da die Besitzer der Objecte 
die Erklärung abgaben, dieselben für Chicago aus einleuchtenden Gründen nicht 
überlassen zu können. 

Über Einladung des Gesandten der Union am Wiener Hofe wurde auch ein 
Damen-Comite gegründet, um von dem Stande der Frauenarbeit auf dem Gebiete 
der Kunst und Literatur, der Humanität und des Gewerbefleißes ein Bild iu geben; 
die Regierung stellte im Jänner 1893 diesbezüglich ein eigenes offtcielles Programm 
auf; das Protectorat über das Damen-Comite geruhten Ihre kaiserliche und könig- 
liche Hoheit die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Maria Theresia huldvollst 
zu übernehmen. Die hauptsächlichsten Gegenstände dieses Ausstellungszweiges 
bildeten Kunststickereien, die Prachtstücke des Central-Spitzencurses und des 
Wiener Frau enerwerbve rein es, eine reiche Sammlung österreichischer Frauen- 
arbeit in drei Hauptgruppen; Kunstgewerbe, Malerei und Literatur. 

Die Collection, welche wahre Prachtstücke enthielt, wurde von Seiner kaiser- 
lichen und königlichen Hoheit dem Herrn Erzherzoge und Höchstdessen Gemahlin, 
Ihrer kaiserlichen und königlichen Hoheit der Frau Erzherzogin - Protectorin 
Maria Theresia, und vielen Notabilitäten besichtigt, wobei Ihre kaiserlichen und 
königlichen Hoheiten mit dem Ausdrucke Höchstihrer Befriedigung und vollsten 
Anerkennung nicht zurückhielten. Auch von diesen erwähnten Objecten konnte 
Raummangels halber nur eine Auslese nach Chicago entsendet werden. Besonders 
hervorgehoben wurde im administrativen Berichte der Commission, dass sich Ihre 
kaiserliche und königliche Hoheit die durchlauchtigste Frau Protectorin des 
Damen-Comites, Erzherzogin Maria Theresia, mit einem selbstgemalten Paravent 
— wie der Bericht constatiert — -einem der schönsten Stücke der Frauen- 
abtheilung überhaupt», an dieser Schaustellung betheiiigte. 
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Als zu Anfang des Jahres 1893 mit der Fortschaffung der Güter begonnen 
wurde, erfuhren vor deren Inangriffnahme noch mehrere Wiener Aussteller eine 
höchst ehrenvolle Anerkennung in einem huldvollen Besuche, welchen theils Seine 
Majestät der Kaiser, theils der durchlauchtigste Erzherzog-Protector, theils der 
Handetsminister in den Räumen der Aussteller abstatteten. 

Eine wichtige und erfolgreiche Ergänzung erfuhr die österreichische 
Abtheilung durch die Errichtung des «Alt-Wien» («Old-Vienna»), einer Nach- 
bildung eines Wiener Platzes aus dem achtzehnten Jahrhunderte auf der soge- 
nannten Midway-Plaisance in Chicago. Es bot dieses Unternehmen einen der 
gelungensten, besuchtesten Unterhaltungsorte der Ausstellung. Die Errichtung 
•Alt-Wiens», welches Etablissement gleichfalls unter das hohe Protectorat des 
Erzherzogs Carl Ludwig gestellt war und einen Kostenaufwand von nahezu einer 
halben Million Gulden erheischte, fand großen Beifall und Besuch. 

Über den Eindruck, welchen die zwar nicht sehr umfangreiche, allein in 
qualitativer Beziehung allgemeinem Urtheile zufolge als Eüte-Section bezeichnete 
österreichische Abtheilung hervorrief, gibt ein anfangs Jänner 1894 eingelangtes 
Schreiben des Generaldirectors der columbischen Ausstellung, G. R, Davis, an den 
geschäftsführenden Präsidenten der k. k. Central -Commission vollwichtiges Zeugnis. 
Dasselbe spricht von der österreichischen Ausstellung in den Ausdrücken wärmster, 
rückhaltlosester Anerkennung. Dieses Belobungsschreiben wurde auch Seiner 
kaiserlichen und königlichen Hoheit dem Erzherzog-Protector zurKenntnis gebracht. 

Als Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz 
Ferdinand von Österreich-Este auf seiner Reise um die Erde durch Nordamerika 
kam, besuchte er die Ausstellung in Chicago, und höchst interessant ist die geist- 
reiche Schilderung, die er in seinem berühmten Werke «Tagebuch meiner Reise 
um die Erde», IL Band, Seite 513 — 523, über die gesammte Ausstellimg, wie über 
die österreichische Abtheilung im besonderen gibt. 

Trotz des Ausbleibens der östlichen Reichshälfte erschien Österreich dem 
Räume, der Bedeutung und der Repräsentation gemäß zu urtheilen als Großmacht 
und rangierte an fünfter Stelle hinter den Vereinigten Staaten, Deutschland, Eng- 
land und Frankreich. Diese Thatsache verdient umsomehr hervorgehoben zu 
werden, als in Wirklichkeit um 40.000 ff. weniger als die ursprünglich in Anschlag 
gebrachten 250.000 fl. verausgabt wurden, während Deutschland und Frankreich 
je 27i. England 1 Million Gulden zur Verfügung hatten. 

Diesem außerordentlich günstigen Eindrucke der österreichischen Aus- 
stellungsabtheilung entsprachen auch in jeder Richtung die von den Österreichern 
im industriellen Wettbewerbe erzielten Preise. 

Bei einer effectiven Anzahl von annähernd 600 Ausstellern, wobei 15 Firmen 
hors de concours blieben, entfielen 500 Auszeichnungen; demnach wurden etwa 
84Procent aller österreichischen Aussteller prämiiert. In Bezug auf Auszeichnungen 
für Werke der bildenden Kunst stand Österreich an erster Stelle. 

Was den materiellen Erfolg unserer Betheiligung in Chicago betrifft, der 
dem Ausstellungsberichte zufolge sich wohl nicht sofort wahrnehmen lassen 
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konnte, darf derselbe insofeme als günstig bezeichnet werden, als die offlciellen 
Berichte, welche nach Schluss der Ausstellung über den Verkauf von Ausstel- 
lungsgütern in Chicago erschienen sind, den auf Österreich entfallenden Antheil 
mit etwa 2'/^ Millionen Gulden beziffern. Diesen Berichten zufolge haben sämmt- 
liehe europäische Staaten und Japan Waren im Werte von etwa 10 Millionen 
Dollars verkauft. Von diesem Betrage entfielen auf Italien 25, auf Deutschland 1-5, 
auf Frankreich, England, Österreich und Japan je 1 Million Dollars. 

Das Präsidium der Ausstellungs-Commission hatte die Ausführung einer 
Anzahl photographischer Ansichtsbilder der interessantesten Partien der öster- 
reichischen Section, dazu Ansichten von -Alt-Wien' — je 40 Bilder in vier 
geschmackvoll ausgeführten Prachtalbums — veranlasst. Seine Majestät der Kaiser 
geruhte den Präsidenten Mauthner und Vice-Präsidenten Ritter von Lindheim in 
besonderer Audienz zu empfangen und das Überreichte Album mit dem Ausdrucke 
der Allerhöchsten Zufriedenheit und Anerkennung entgegenzunehmen. Ebenso 
wurde dem Erzherzog-Protector von den Genannten ein gleiches Album überreicht, 
wobei Höchstderselbe sich in sehr anerkennenden Worten über das Wirken der 
Commission und die in Chicago erzielten Erfolge auszusprechen geruhte. 



Unter den Veranstaltungen, die durch das hohe Protectorat Seiner kaiser- 
lichen und königlichen Hoheit des hochseligen Herrn Erzherzogs ausgezeichnet 
wurden, nimmt vermöge ihres wissenschaftlichen Charakters, sowie ihres in 
cultur- und kunstgeschichtücher Beziehung bedeutsamen Inhaltes auch die 
Internationale Musik- und Theater-Ausstellung, die im Jahre 1892 in 
Wien stattfand, einen hervorragenden Platz ein. Die Durchführung dieser schönen, 
zum erstenmale angeregten Idee, zwei der wichtigsten Gebiete der Kunstthätigkeit 
in übersichtlicher Weise darzustellen, und zwar nicht etwa im begrenzten Rahmen 
der localen Kunstgeschichte zu bleiben, sondern weit ausschauend auch die 
anderen Nationen heranzuziehen und damit dem zu bietenden Bilde eine erfreu- 
liche Vollständigkeit zu sichern, war kein geringes Wagnis. Die mannigfachen 
Schwierigkeiten, welche sich diesem, wie jedem großen Unternehmen entgegen- 
stellten, konnten nur durch die unermüdliche, aufopferungsvolle Thätigkeit der 
Präsidenten, der Fürstin Metternich-Sandor und des Markgrafen Alexander Palla- 
vicini, sowie des Directors, kaiserlichen Rathes Auspitzer, überwunden werden. 
Welch wertvolle Förderung aber der Ausstellung der Name Seiner kaiserlichen 
und königlichen Hoheit als ihres hohen Schutzherrn verlieh, ist aus der lebhaften 
Antheilnahme zu erkennen, die ihr von allen maßgebenden Factoren des In- und 
Auslandes in ungewöhnlich hohem Grade zutheil ward. Doch hatte sich das 
Unternehmen auch des persönlichen Eingreifens seines hohen Protectors zu 
erfreuen. Er war mitthätig bei dem Entwürfe des Programmes, er verfolgte mit 
eingehendem und alles erwägendem Interesse die Bauten, sowie die Gliederung 
in einzelne Referate, deren Specialabtheilungen durch seine fürsorgliche Leitung 
wieder in ein harmonisches Bild vereinigt werden konnten. Er unterzog sich der 
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Obsorge fUr die finanzielle Dotierung; seiner liebenswürdigen Einflussnahme 
entsprang der Eifer, mit dem alle Mitarbeiter des Unternehmens am Werke waren, 
er verstand durch sein Wohlwollen alle Zwistigkeiten zu schlichten und die 
Arbeiten zu gedeihlichem Ende zu lenken. 

Von der Eröffnung an erschien dann Seine kaiserliche Hoheit mit seiner 
hohen Gemahlin, der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Maria Theresia, 
sowie mit den erzherzoglichen Söhnen und Töchtern häufig in der Ausstellung, 
und Ihre kaiserlichen Hoheiten gehörten zu deren eifrigsten Besuchern. Mit 
intensivster Aufmerksamkeit besichtigte er jeden einzelnen ihrer Theile und wurde 
nicht müde, seiner Bewunderung der kostbaren Objecte, die dort gesammelt 
waren, Ausdruck zu geben. Sein Verständnis für die Kunstwerke und seine 
Kenntnis der Theater- und Musikgeschichte waren geradezu staunenswert, Angelo 
von Eisner-Eisenhof hatte oft die Ehre, dem Erzherzog in den Fachabtheilungen 
als Cicerone dienen zu dürfen. Jedes einzelne Stück dieser reichhaltigen Samm- 
lungen war dem Erzherzog in kurzer Zeit vollständig vertraut. Sein Gedächtnis, 
das von wunderbarer Schärfe war, verließ ihn niemals und gieng selbst in die 
kleinsten Details lange hinter der Gegenwart liegender Begebnisse ein. Er wusste 
zahlreiche Episoden aus dem Leben berühmter Künstler zu erzählen, Citate aus 
den Classikern aller Sprachen waren ihm geläufig und er beherrschte mit klarem 
Blicke das weite Feld des Wissens, welches die Ausstellung bot. Als ein Italiener, 
der mit den Objecten seiner vaterländischen Ausstellung nicht sehr vertraut zu sein 
schien, bei den exponierten Prachtgewändem der berühmten Tragödin Adelaide 
Ristori dem durchlauchtigsten Herrn Erzherzog erzählte, die große Künstlerin sei 
schon lange gestorben, erwiderte Seine kaiserliche und königliche Hoheit lächelnd, 
dies müsste wohl erst vor wenigen Tagen geschehen sein, da ja die Ristori vor 
kurzem in einer Wohlthätigkeitsvorstellung aufgetreten sei , was auch der 
Wahrheit vollkommen entsprach. Das Zimmer Beethovens und namentlich das 
Testament des gewaltigen Tondichters fesselten immer seine Aufmerksamkeit. 
Warme Pietät widmete er den kostbaren, aus Weimar gebrachten Goethe- und 
Schiller-Reliquien und dem rührend einfachen Marbacher Schiller-Zimmer. Die 
Pracht der russischen Abtheilung, die er, als sie noch im Entstehen war, 
mehreremale besichtigte, die reichhaltigen Sammtungen eminenter Kunstwerke 
der italienischen und französischen Abtheilungen gewannen sein Lob; inniges 
und herzliches Interesse wendete Seine kaiserliche und königliche Hoheit 
besonders dem Pavillon der Stadt Wien zu und erfrischte mit sichtbarer Freude 
eigene Erinnerungen an heitere Wiener Theaterzeit. Für alles und für alle 
wusste er stets den richtigen Ausdruck des Lobes zu finden, und wie beglückt 
waren alle Referenten, in dem hohen Protector dieser Ausstellung so hohen Kunst- 
sinn, immer rege Theilnahme und ehrenvolle Anerkennung zu finden. 

Mit der Theater- und Musikausstellung war auch eine gewerbliche Abtheilung 

verbunden. Auch ihr wendete sich in reichem Maße die liebevolle Fürsorge des 

hohen Protectors zu und das Wiener Gewerbe, welches Seiner kaiseriichen und 

königlichen Hoheit den großartigen Aufschwung, den es in letzter Zeit genommen, 

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zum guten Theile zu danken hat, sieht gerade in dieser Ausstellung eines jener 
Mittel, die seinem Streben kräftigsten Vorschub leisteten. Die Resultate der 
wissenschaftlichen Abtheilungen aber sind von der fachmännischen Kritik mit 
rückhaltlosem Lobe gepriesen worden. Diese Ergebnisse hatten der theater- und 
musikgeschichtlichen Forschung ein außerordentlich reiches Quellenmaterial 
erschlossen, zugleich aber auch in allgemein fasslicher Darstellung diese Gebiete 
der Kunstthätigkeit dem großen Publicum in vollkommenster und anschaulichster 
Weise vorgeführt. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit eröffnete die festlichen Veranstal- 
tungen der Ausstellung durch ein Dejeuner, dem alle aus- und inländischen 
Referenten beigezogen wurden und das überaus anregend und zwanglos verlief. 
Der hohe Gastgeber lieferte den ausländischen Commissären und den Mitgliedern 
des Ausstellungs-Ausscbusses den Beweis, welche Liebe zur Kunst und welch 
freudiges Interesse ihn beseelte. Es wird allen, welche die hohe Ehre und die 
Auszeichnung genossen, unter dem Protectorate des durchlauchtigsten Herrn 
Erzherzogs gearbeitet zu haben, diese Zeit stets unvergesslich bleiben und die 
Erinnerung, an den verständnisvollen Herrn und hohen Gönner als ein Ansporn 
für weitere Thätigkeit auf dem Gebiete der Pflege von Kunst und Wissenschaft 
stets im Gedächtnisse bleiben. 



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XL Capitel. 

Erzherzog Carl Ludwig als Protector von Vereinen zur Bethätigung 
der Nächstenliebe und Barmherzigkeit. 



Als sich im Jahre 1872 unter Vorsitz des Hofrathes M. Dr. Rudolf Ritter 
von Vivenot aus Menschenfreunden ein Comite zur Errichtung eines Spitales 
gebildet hatte, wurde von demselben der Beschluss gefasst, dem Spitale anlässlich 
des Hinscheidens der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Sophie auf ewige 
Zeitenden Namen der hohen Verblichenen beizulegen, wozu laut Allerhöchsten 
Handschreibens vom 7. Juni 1872 die Ermächtigung eintraf mit dem weiteren 
Allerhöchsten Gnadenbeweise, dass diese Krankenanstalt fernerhin unter dem 
speciellen Protectorate eines Mitgliedes des Allerhöchsten Kaiserhauses stehen 
solle. Daraufhin geruhten Seine kaiserliche und königliche Hoheit der durch- 
lauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig das Protectorat über die Anstalt huld- 
vollst zu übernehmen. Oberwähntes Comite erwirkte, dass Ihre kaiserlichen und 
königlichen Majestäten, der hohe Protector und mehrere Mitglieder des Aller- 
höchsten Kaiserhauses, sowie- andere Wohlthäter durch ansehnliche Spenden 
an Geld, Wertpapieren und Spitalseinrichtungen den ersten Grund zur Errichtung 
des Spitales legten. 

Aber erst dadurch, dass Frau Eugenie Louise Kenyon, geb. Turowsky, 
welche am 8. October 1877 zu Wien starb und schon bei Lebzeiten dem Comit^ 
einen namhaften Betrag zugewendet hatte, nun auch in ihrem Testamente 
vom 11, August 1875 «das zu errichtende Erzherzogin Sophien-Spital» zum 
Universalerben einsetzte, ward die Möglichkeit gegeben, den gefassten Plan zu 
verwirklichen. 

Mit großer Sorgfalt widmete sich der Erzherzog dem Liebeswerke der 
Förderung dieser dem Volkswohle gewidmeten Anstalt. Am 28. Juni 1880 vmrde 
das Spital eröffnet, und schon am 8. Juli 1880 wurde das Krankenhaus mit dem 
hohen Besuche Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des durchlauchtigsten 
Protectors Herrn Erzherzogs Carl Ludwig beehrt. 

Seine kaiserliche Hoheit, Höchstweicher der Anstalt schon früher 2500 fl. 
gespendet hatte, geruhten nahezu eine Stunde in der Anstalt zu verweilen, die 
Krankensäle zu besichtigen, mit jedem Kranken huldvollst zu sprechen, auch die 

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sonstigen Räume der Anstalt, insbesondere Küche und Magazinsräume, in Augen- 
schein zu nehmen und schließtich seine vollste Zufriedenheit mit den gewonnenen 
Eindrücken auszusprechen. 

Bei Eröffnung der Krankenanstalt verfügte dieselbe über ein bewegliches 
Vermögen von 259.879 fl., ein unbewegliches — Haus und Spitalgebäude — im 
Werte von 150.000 fl. Wenn die Anstalt seither in stattlicher Weise vergrößert 
werden und ihre segensreiche Thätigkeit zusehends erweitern konnte, so verdankt 
sie dies zu weitaus größtem Theile der energischen Geltendmachung des hoch- 
mögenden Einflusses ihres menschenfreundlichen Protectors. 



Erihirzogin Sophiinspilal, Witn, VII. Kaisrrsiraßi 7. 

Der besonderen Verwendung Höchstdesselben hat die Anstalt die Subvention 
von 40.000 fl. aus dem Reinerträgnisse der XXIII. Staats-Wohlthätigkeitslotterie 
(1885), sowie eine Subvention im Betrage von 20.000 fl, aus dem Reinerträgnisse 
der XXX. Staats-Wohlthätigkeitsiotterie (1895) zu verdanken gehabt. Im Jahre 
1893 sind dem Spitale über Höchstseine Befürwortung aus dem Erträgnisse des 
Carroussels in der kaiserlichen und königlichen Hofreitschule 200011. zugeflossen. 
Weiters haben weiland Seine kaiserliche und königliche Hoheit Höchstseinen 
Einfluss geltend gemacht, dass nach Auflösung der Linierwälle die an die Spitals- 
realität angrenzenden Theile der Linienwallgründe zu einem verhältnismäßig 
sehr geringen Preise — 10 fl, pro Quadratmeter — in das Eigenthum des Spitales 
übergehen konnten. So wie sich weiland Seine kaiseriiche und königliche Hoheit 
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stets über den Geschäftsgang und den Betrieb der Anstalt in laufender Kenntnis 
erhielt, nahm er auch Veranlassung, sich wiederholt vom Gedeihen der Anstalt 
persönlich zu überzeugen. Er zeichnete das Spital Jahr für Jahr durch Höchst- 
seinen Besuch aus, bei welchem er immer Gelegenheit nahm, sich nicht nur im 
allgemeinen, sondern auch im einzelnen über die jeweilige Lage der wirtschaft- 
lichen Verhältnisse der Anstalt zu erkundigen, die Kranken in liebevoller Weise 
anzusprechen und über deren Befinden von den Anstaltsorganen Bericht zu 
verlangen. 

So erschien der hochselige Fürst noch einmal am 28. Mai 1895 nachmittags 
in den Räumen dieses Hauses der Barmherzigkeit, geruhte, wie fast jedesmal, an 
jeden Einzelnen der Kranken Worte huldvollster, wohlthuendster Theilnahme zu 
richten und über alle gewonnenen günstigen Einrichtungen beim Verlassen des 
Spitales an die anwesenden Anstaltsfunctionäre anerkennende Worte zu richten. 
Niemand hätte geahnt, dass es das letztemal war, dass die milden Augen des 
Menschenfreundes im Fürstenpurpur auf diesen Stätten ruhen werden, die ihm so 
viel Liebes und Gutes verdanken. 

Ein Zeichen Höchstseiner besonderen Fürsorge für das den Namen seiner 
durchlauchtigsten Mutter führende Spital muss auch darin erblickt werden, dass 
er im Verkehre mit der Anstalt es vermied, sich der Hilfe von Mittelspersonen zu 
bedienen, sondern stets selbst und persönlich eingriff und es besonders liebte, 
durch Höchstpersönliche Einflussnahme dem Spitale angestrebte Vortheile und 
Wohlthaten zu erringen und zu sichern. 

Die Erinnerung an die besondere Fürsorge des für die Anstalt leider viel zu 
früh aus dem Leben geschiedenen Protectors hält das von weiland Seiner kaiser- 
lichen und königlichen Hoheit anlässlich der Wiedergenesung seiner schwer 
erkrankt gewesenen Tochter, der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Margaretha, 
gewidmete Bild, darstellend die heilige Margaretha, fest, welches Höchstderselbe 
mit einem Barbetrage von 1000 fl. zu ewigem Gedächtnisse stiftete. 

Zufolge vermehrten Spendeneinlaufes war es schon im Jahre 1894 ermög- 
licht worden, die seither neugeschaffenen Räumlichkeiten voll auszunützen. Am 
31. December 1895 bezifferte sich das bewegliche Vermögen der Heilanstalt auf 
451.645 fl., das unbewegliche — Spitalgebäude, Realität, Garten- und Linienwali- 
gründe — zusammen auf 221.000 fl. Mit einem Belage von 20 Betten war die 
Anstalt 1880 eröffnet worden; im Jahre 1895 wurden aufgenommen 810 Kranke 
mit 20.119 Verpflegstagen, 

Wenn je des Dichters Wort eine Wahrheit ist: -Die Stätte, die ein guter 
Mensch betrat, ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt sein Wort und seine 
That dem Enkel wieder,« so ist die dem Andenken der Mutter des Erzherzogs 
gewidmete Stätte der Barmherzigkeit dflrch ihres Sohnes edles Wirken geweiht 
für alle Zeiten. 

Unter den humanitären Anstalten, welche dem hochseligen Erzherzoge als 
Gegenstand seiner eingehendsten Fürsorge besonders am Herzen lagen, nimmt 

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unstreitig eine der hervorragendsten Stellen das Asylhaus für arme kranke 
Mädchen in Innsbruck ein. 

Als durch die Gnade Gottes der Mordanschlag eines Ruchlosen auf das 
Leben Seiner kaiserlichen und königlichen Majestät im Jahre 1853 glücklich 
vereitelt worden war, beschloss unter anderem der Elisabethen-Verein in Innsbruck 
zur Erinnerung und zum Danke an Gott für die Rettung unseres allergnädigsten 
Monarchen die Gründung einer Zufluchlsanstalt für arme kranke Kinder, welche 
darinnen unentgeltlich Pflege und Erziehung erhalten sollten. Doch diese «Marien- 
Anstalt> entbehrte genügender Mittel zu gedeihlicher Fortführung des Liebes- 
werkes, weshalb die damals aus Laien bestehende Verwaltung der Anstalt den 
Beschluss fasste, das Spital aufzulösen, die Zahl der aufzunehmenden größeren 
Kinder zu erhöhen und dieselben gegen ein sehr mäßiges Kostgeld zu braven 
Dienstboten heranbilden zu lassen. Zugleich trat in der Leitung der Anstalt ein 
Wechsel ein, indem dieselbe den ehrwürdigen Barmherzigen Schwestern über- 
tragen wurde. Von segensreichster Bedeutung für die Anstalt aber erwies sich 
der hochherzige Entschluss der verblichenen höchstseligen Frau Erzherzogin 
Margaretha, das Protectorat über dieses Haus zu übernehmen und dem Institut 
ihren Namen zu verleihen (1858). Die hochsinnige Wohlthäterin wendete dem 
Margarethinum bedeutende Summen zu und erwarb, als der unerforschHche 
Rathschluss des Himmels diese edle Fürstin aus dem segensreichen Wirken ihres 
Erdendaseins riss, der von ihr beschirmten Anstalt als letzte Gunst das gnädige 
Wohlwollen des hohen Gemahls gleichsam wie eine Erbschaft. In gewohnter 
Großherzigkeit nahm sofort der Herr Erzherzog die armen und kranken, nun 
doppelt verwaisten Kinder in seinen mächtigen Schutz und vergaß niemals, der 
Anstalt alljährlich bedeutende Unterstützungen zuzuwenden. 

Als der Erzherzog von Innsbruck schied, widmete der hohe Gönner dem 
Institute am 13. Juli 1861 ein Capital von 2000 fl. Aber auch in späteren Jahren 
ließ der hohe Schutzherr keine Gelegenheit vorübergehen, ohne dem Marga- 
rethinum sein Wohlwollen zu bekunden. Niemals auf seinen Durchreisen unter- 
ließ es der edle Fürst, nach dem Wohle seiner armen Schützlinge persönlich zu 
sehen und dem Institute Geld- oder sonstige Ausstattungsgeschenke zukommen 
zu lassen. So erhielt die Anstalt 1871 als hochwertes Andenken an einen Besuch 
des Erzherzogs ein kostbares Messgewand ; im Jahre 1 875 widmete Höchstderselbe 
die Summe von 1000 fl, zur Errichtung eines Freiplatzes, und als die unter der 
Fürsorge des hochfürstlichen Gönners sichtlich gedeihende und emporstrebende 
Anstalt eines Neubaues bedurfte, da widmete Erzherzog Cari Ludwig diesem 
Zwecke abermals 500 fl. Überdies wurden nach dem Hinscheiden weiland Ihrer 
Majestät der Kaiserin Carohna Augusta vom hohen Protector eine Reihe wert- 
voller Gegenstände an das Margarethinum aus dem Nachlasse der höchstseiigen 
Verblichenen übersendet, insbesondere ein herrliches Madonnenbild, welches seit- 
her die Hauskapelle der Anstalt ziert. 

Bei allen Besuchen, mit welchen der hohe Schirmherr das Heim seiner 
Schutzbefohlenen beglückte, wie im October 1889 und im October 1893, nahm 
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der hochsinnige Fürst mit sichtlichem Interesse das ganze Haus in Augenschein, 
bemerkte wohlgefällig jeden Fortschritt und bethätigte im huldvollsten Verkehre 
mit Lehrerinnen und Schülerinnen eine so herzgewinnende väterliche Güte, dass 
solche Tage der ganzen Anstalt unvergesslich geblieben sind. Befanden sich 
Fremde unter den Pfleglingen, dann redete sie der Erzherzog in ihrer Mutter- 
sprache freundlichst an und zauberte damit einen Sonnenschein des Glücks 
auf das Antlitz der verlassenen Kinder, Bei solchen Gelegenheiten vergaß der 
•menschenfreundliche Fürst niemals, für Verabfolgung einer splendiden Jause zu 
sorgen; er wollte Glück um sich sehen, Freude und heitere Kinderfröhlichkeit. 

Mit rührendster Fürsorge gedachte der unvergessliche Protector seiner 
Schutzbefohlenen in seinen letztwilligen Anordnungen. Im Testamente des Herrn 
Erzherzogs, datiert von Wartholz am 29, November 1892, bestimmte er dem 
Margarethinum eine Summe von 3000 fl, zur Errichtung von Stiftplätzen. 

Mit tiefster, ungeheuchelter Trauer erfüllte daher die Kunde von dem Hin- 
scheiden des väterlichen Schirmherrn das ganze Haus der Verwaisten, der Ver- 
lassenen; ein unersetzlicher Verlust hatte die Armen betroffen. Denn mit der 
Klage um den hochsinnigen Dahingeschiedenen verbindet sich auch die schwere 
Sorge um die Zukunft des Asyls, da der Neubau der Anstalt eine Schuldenlast 
aufgebürdet hat. Die Vorsteherin dieser Anstalt bemerkt zum Schlüsse ihres 
Berichtes über das letzte Jahr seit dem Hinscheiden des Herrn Erzherzogs: 

• Ein gar schwerer Schlag hat im verflossenen Jahre das Margarethinum 
getroffen, der Tod weiland Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit Erzherzogs 
Carl Ludwig, unseres unvergesslichen, hohen und gnädigen Protectors! 

Das Interesse, welches der hohe Herr unserer Anstalt widmete, die mora- 
lische Unterstützung seiner Huld und Gewogenheit kann uns nimmermehr ersetzt 
werden, und unaufhörlich wird das Margarethinum sich der Schuld der Dank- 
barkeit gegen seinen hohen Gönner bewusst bleiben ; allein auch in materieller 
Beziehung haben wir durch diesen Tod bedeutend verloren und sehen daher 
nicht ohne Sorge der Zukunft entgegen.» 



Einem Zuge seines Herzens folgend — so erklärte der Herr Erzherzog in 
seinem Schreiben an das Präsidium des Hilfsvereines für Hausarme — über- 
nehme er das Protectorat über diesen Wohlthätigkeitsverein. Seine ganze milde 
Volksfreundlichkeit, seine Liebe für Wien, sein edler Gemeingeist leuchtet so 
sympathisch anmuthend aus jeder Zeile dieser Zuschrift hervor, dass wohl schon 
die Veröffentlichung dieses einen Schriftstückes genügen würde, einen Blick zu 
thun in dieses edle Fürstenherz, das leider für immer aufgehört hat, für die 
Leidenden und Bedrängten zu schlagen. Das Schriftstück lautet: 

«Indem ich mit Freude das Protectorat über einen Verein annehme, welcher 

sich schon seinerzeit unter dem Protectorate des verstorbenen Kronprinzen in 

kräftiger Entwicklung der Armut und Hilflosigkeit annahm, folge ich zugleich 

einem Zuge meines Herzens, ein Unternehmen zu unterstützen, welches seine 

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segensreichen Wirkungen an das corporative Zusammenwirken der Mitbürger 
knüpft. 

Es ist mein inniger Wunsch, dass der Verein für Hausarme, welcher schon 
nahezu 40 Jahre seine segensreiche Thätigkeit entfaltet, zum Wohle der wahren 
Armut und damit im Interesse des Gesammtwohles unserer Kaiserstadt recht 
gedeihe. 

Wien, am 23. März 1890, Erzherzog Carl.. 

Seither ist der Erzherzog dem Vereine stets ein gnädiger hilfsbereiter» 
Gönner geblieben. Alljährlich ließ er demselben einen namhaften Betrag zugehen 
und verabsäumte keine Gelegenheit, mit sorglichem Blicke das Wirken des 
Vereines zu beobachten; wo immer ein Anlass zu Lob und Ermunterung sich bot, 
fand der hohe Herr stets ein Wort gütiger Anerkennung, und zu wiederholten- 
malen ließ er Belobungen an eifrige Vereinsfunctionäre ergehen, wie insbesondere 
eine solche in nachstehendem, an einen Sectionsleiter des Vereines gerichteten 
huldvollen Schreiben vorliegt; 

•Als Protector des Wiener Wohlthätigkeitsvereines für Hausarme gereicht 
es mir zur besonderen Befriedigung, Ihnen für Ihr bisheriges mühevolles, unver- 
drossenes und opferwilliges Wirken in Ihrer Eigenschaft als Bezirks-Director 
dieses humanitären Vereines meinen verbindlichsten Dank und meine vollste 
Anerkennung auszudrücken. 

Die namhaften Verdienste, welche Sie sich im Interesse des öffentlichen 
Wohles um die Armenpflege damit erworben haben, berechtigen mich zu dem 
lebhaften Wunsche, Sie mögen diesem Vereine, der bereits durch 44 Jahre seines 
Bestandes in so ausgezeichneter Weise im Interesse der Humanität thätig ist, 
auch noch ferner in der bisherigen Weise Ihre thatkräftige Förderung angedeihen 
lassen. 

Wien, 16. März 1893. Erzherzog Carl.. 



Der Verein zur Versorgung und Beschäftigung erwachsener 
Blinder unterhält eine Anstalt, in welcher gegenwärtig 95 Blinde Versorgung 
und Beschäftigung finden, und hat sich von jeher, wie die Leitung dieses 
Humanitätsinstitutes dankbar hervorhebt, der ganz besonderen Huld und Gnade 
der Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses erfreut. In Bethätigung dieser stets 
gewährten Auszeichnung übernahm nach dem Ableben des Protectors, Seiner 
kaiserlichen und königlichen Hoheit des Erzherzogs Kronprinzen Rudolf, Seine 
kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig im Jahre 1889 in 
huldvollster Weise das Protectorat. 

Der hohe Protector zeichnete die Anstalt wiederholt unangemeldet mit 
seinem Besuche aus, besichtigte dieselbe stets in allen ihren Räumlichkeiten, ver- 
weilte unter den Pfleglingen bei ihren gewerblichen Arbeiten, beim Schreiben und 
Lesen, schenkte den Aufführungen mehrerer Tonstücke durch das Hausorchester, 
den Vorträgen auf der Zither, der Harfe, dem Ciavier und dem Gesänge ungetheilte 
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Aufmerksamkeit und verlieS stets sichtlich befriedigt die Anstalt, nicht ohne 
vorher dem anwesenden Directionsvorstande Herrn Dr. Johann Loidold, wie auch 
der Verwaltung die vollste Anerkennung über die musterhafte Leitung der Anstalt 
ausgedrückt zu haben. 

Als im Jahre 1896 am 19. Mai der Verein durch das Ableben seines Pro- 
tectors, Erzherzogs Carl Ludwig, den schwersten Verlust erlitt, fand zu pietät- 
voller Todtenfeier in der Kapelle ein Requiem statt, an welchem sämmtliche 
Pfleglinge in Begleitung der Directionsmitglieder theilnahmen, und der Trauer 
über das Hinscheiden des gnädigsten Herrn wurde durch den Directionsvorstand 
in der Sitzung vom 20. Mai in würdiger Weise Ausdruck verliehen. 



Als die Leitung des Missionshauses zum heiligen Josef in Brixen 
Kunde von dem geplanten Unternehmen erhielt, welches die Herausgabe einer 
Lebensbeschreibung des hochseligen Herrn Erzherzogs Carl Ludwig zum Zwecke 
hat, beeilte sich dieselbe, auch ihrerseits ihrer freudigen Theünahme hiezu «mit 
dem besten Wunsche für den glücklichen Erfolg des schönen Unternehmens» 
Ausdruck zu leihen. 

Über das Protectorat und das gnädige, dem Unternehmen des Missionshauses 
zugewendete Wohlwollen des Erzherzogs schreibt der «St. Josefs-Missionsbote» 
vom 25. Jänner 1897 wörtlich: 

«Das Erscheinen dieses Buches (der Lebensgeschichte des Herrn Erzher- 
zogs) hat für ganz Österreich und besonders für Tirol großes Interesse und muss 
mit wahrer Freude begrüßt werden. Der am 19. Mai vorigen Jahres verstorbene 
edle Bruder des Kaisers Franz Josef, Herr Erzherzog Carl Ludwig, war allgemein 
beliebt und hochverehrt. Zu den besonderen Verehrern des hohen Verblichenen 
gehören die St. Josefs-Missionäre und speciell jene, die aus der Zweiganstalt 
dieser Missionsanstalt in Brixen hervorgehen. 

Es war im März des Jahres 1893, als der Generalsuperior dieser Missions- 
gesellschaft, Cardinal Vaughan, nach Wien kam, dass der durchlauchtigste 
Herr Erzherzog sich aus eigenem Antriebe erbot, das Protectorat über das 
Missionshaus in Brixen zu übernehmen. Seine besondere Vorliebe für Tirol, wo 
er unter großem Jubel des kaisertreuen Volkes vom Jahre 1855 bis 1861 das 
Statthalteramt innehatte, und der schöne Zweck des Unternehmens zur Civili- 
sierung und Bekehrung der armen Heiden bewogen den hohen Herrn, diese 
Anstalt unter seinen besonderen Schutz zu nehmen. Die liebevolle Freundlichkeit, 
mit der er unseren Generalobern in Wien behandelte, zeigte er auch in der Folge- 
zeit dem Institute in Brixen und dem Leiter desselben. Nie blieb eine schriftliche 
Anfrage an Seine kaiserliche und königliche Hoheit unbeantwortet, sei die Ange- 
legenheit auch nur von der geringsten Bedeutung. Nie werde ich vergessen, mit 
welcher Herablassung mich der Herr Erzherzog bei einer Audienz am 3. Mai 1895 
in Meran behandelte, und wie großes Interesse Höchstderselbe über die Einzel- 
heiten meiner Mittheilungen an den Tag legte. Beim Abschiede sagte der durch- 
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lauchtigste Herr zu mir: ,Wenn Sie meiner Hilfe in irgend einer Angelegenheit 
bedürfen, so wenden Sie sich ohne Furcht an mich.' 

Diese Andeutungen mögen genügen, um unseren Lesern zu zeigen, welche 
triftigen Gründe uns bewegen, um diesen edlen Fürsten zu trauern und unseren 
früheren, unvergesslichen Protector, den durchlauchtigsten Herrn Erzherzog Carl 
Ludwig, im gesegneten Andenken zu bewahren. — A. Stotter, Rector.» 

Das Heftchen bringt zu dieser pietätvollen Besprechung für seine Leser 
ein Bild des unvergesslichen frommgläubigen Fürsten. 



Keine Art des Wohlthuns und der Menschenfreundlichkeit ist dem edlen 
Sinne des unvergesslichen Erzherzogs fremd geblieben. So warf er auch einen Blick 
des Erbarmens auf die von doppelter Lagt der Armut und des Alters Gebeugten 
und, wie niemals ein Appell an seine Großmuth vergebens gerichtet ward, so war 
er auch gerne bereit, auf Bitten des Curatoriums des von der wohlthätigen Frau 
Hedwig Malfatti von Monteregio gestifteten Greisen- Asyls in Unter-St. Veit 
1884 das Protectorat über diese humane Schöpfung zu übernehmen. Bei dieser 
Gelegenheit erschien der gütige Fürst persönlich in den Räumen, die hilflosen 
Greisen eine Zufluchtsstätte bieten, erkundigte sich aufs sorgfältigste über die 
Mittel der Stiftung, unterzog die Anstalt einer genauen Besichtigung, wobei er 
in höchst leutseliger und herablassender Milde mit Pfleglingen des Hauses ver- 
kehrte. Alljährlich widmete der Herr Erzherzog einen größeren Betrag zu Gunsten 
des Asyls. 

Die Ordensschwestern aus der Congregation der «Dienerinnen des heiligen 
Herzens Jesu» in Wien, welcher kirchlichen Corporation Frau von Malfatti noch 
bei Lebzeiten die Obsorge über das Asyl übertragen hatte, fanden, so oft sie für 
die Anstalt Sammelreisen unternahmen, beim Herrn Erzherzog und der Frau 
Erzherzogin in Villa Wartholz leutseligsten Empfang und Beherbergung und 
schieden nie ohne reichliches Almosen. Die Schwestern konnten bei ihrer Rück- 
kehr nicht genug von der herzgewinnenden Güte des hohen Herrn und der 
Freundlichkeit der gesammten erzherzoglichen Familie erzählen. Schwer und 
schmerzlich fühlt das Greisen-Asyl, dass ihm im Erzherzoge der treueste, liebe- 
vollste Wohlthäter entrissen ist. 



Der Verein zur Errichtung und Erhaltung einer klimatischen Heilanstalt 
für Brustkranke (Tuberculose) hatte sich nach mühevollen Vorarbeiten 1890 
constituiert, und die Bestrebungen desselben beschäftigten um diese Zeit, da 
von Wien aus eine rege Action eingeleitet worden war, schon allerwärts die 
Fachkreise. Allein das nach so vielen Richtungen hin neue Unternehmen, das 
gleichzeitig in großem Maßstabe angelegt werden musste, sollte es überhaupt 
einen richtigen Nutzen bringen, hatte noch mit so bedeutenden Schwierigkeiten zu 
kämpfen, dass es eines mächtigen Schutzes bedurfte, wenn es mit Aussicht auf 
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Erfolg sein Ziel anstreben wollte. Die Hoffnung und die Wünsche des Vereines 
knüpften sich sofort an die Persönlichkeit Seiner kaiserlichen und königlichen 
Hoheit des Erzherzogs Carl Ludwig, von welch hochherzigem Prinzen bekannt 
war, dass er sich nicht nur gerne an die Spitze wahrhaft humanitärer Unter- 
nehmungen stelle, sondern gerade für ärztliche Dinge ein lebhaftes Interesse 
bekunde. Professor von Schrötter wurde damit betraut, die nöthigen Schritte zu 
unternehmen. Der Herr Erzherzog ließ sich zuerst die diesbezüglichen Schriften 
Schrötters überreichen. Nachdem er dieselben durchgelesen und sogleich ein 
warmes Verständnis für die ganze Sache zeigte, ließ er sich auch noch weitere 
sehr eingehende Aufklärungen geben. 

Bald war der hohe Herr mit der Sache vollkommen einverstanden, glaubte 
jedoch befürchten zu müssen, dass es nicht möglich sein werde, die nöthigen, 
gewiss sehr hohen Geldmittel aufzubringen. Das Interesse an den neuen Ideen 
aber siegte bald über alle Befürchtungen. Der hohe Herr übernahm das Protectorat 
des jungen Vereines und versprach die Bestrebungen desselben, soweit es in 
seinen Kräften stehen würde, zu unterstützen, und sich zu bemühen, Hindemisse, 
welche sich unzweifelhaft dem neuen Unternehmen entgegensteilen würden, mög- 
lichst hinwegräumen zu helfen, ein Versprechen, das der edelsinnige Prinz bis zu 
seinem Tode treu erfüllte. 

In der That bewies er seine warme Theilnahme dadurch, dass er seine hohe 
Gemahlin von dem Ziele des Vereines in Kenntnis setzte, und Ihre kaiserliche 
Hoheit Erzherzogin Maria Theresia geruhte, das Protectorat eines Damen- 
Comites zu übernehmen, das sich unter der edelsinnigen Präsidentin, Ihrer Durch- 
laucht Frau Prinzessin Rosa Croy-Dülmen, gebildet hatte, und dem nicht geringe 
Verdienste in der Aufbringung der Geldmittel zuzuschreiben sind. 

Von diesem Augenblicke an unterstützten sowohl Erzherzog Carl Ludwig 
als auch Erzherzogin Maria Theresia alle wohlthätigen Unternehmungen, die für 
das junge Institut veranstaltet wurden, auf das wärmste. 

Nur durch die Unterstützung und den auszeichnenden Besuch der Höchsten 
Herrschaften war es möglich, dass ein Concert im Saale der k. k. niederöster- 
reichischen Statthalterei ein Reinerträgnis von 3175 fl. abwerfen konnte. 

Mit regstem Eifer verfolgte Seine kaiserliche und königliche Hoheit der hohe 
Protector den weiteren Verlauf aller Unternehmungen, ließ sich über jedes 
wichtigere Ereignis eingehenden Bericht erstatten und konnte sich nicht genug 
über die finanziellen Erfolge des Vereines freuen. Er äußerte sich hiebei stets mit 
Entzücken über die Gutherzigkeit und den Wohlthätigkeitssinn der Wiener; helle 
Freude aber verursachten die hervorragenden Spenden Seiner Durchlaucht des 
regierenden Fürsten von und zu Liechtenstein und des Freiherm Albert von 
Rothschild. 

Wie ernst Erzherzog Carl Ludwig seine Aufgabe erfasste, beweist der 

Umstand, dass er am 3. October 1895 mit seiner hohen Gemahlin, Erzherzogin 

Maria Theresia, einen Ausflug nach Alland unternahm, eingehend und, zu 

unserer großen Freude sei es gesagt, mit großer Befriedigung die ganze Realität 

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besichtigte, sich höchst beifällig über die Wahl des Platzes äuBerte und schließlich 
die Gnade hatte, auf dem Acker, der jetzt bereits ein stolzes Gebäude trägt, den 
ersten Spatenstich vorzunehmen. Der Höchste Herr war von solchem Eifer für 
das Unternehmen beseelt, dass Seine kaiserliche und königliche Hoheit vor seiner 
Abreise nach dem Oriente ablehnte, die künstlerisch ausgestatteten Gründer- 
dtplome durch einen Stellvertreter fertigen zu lassen, vielmehr sich ausdrücklich 
vorbehielt, dies nach seiner Rückkehr höchsteigenhäHdig zu vollführen. Nur mit 
Wehmuth können wir dieses Umstandes gedenken; denn leider hinderte ihn die 
tödliche Erkrankung, die schöne Absicht, die vielen ein theures Andenken hinter- 
lassen hätte, zu verwirklichen. 



Dil Heilanslall xu Alland. 

Der Verein drückte seinen tiefgefühlten Schmerz nach dem Ableben seines 
ersten Protectors durch Niederlegung eines Kranzes am Todtenbette desselben aus 
und betheiligte sich durch sein Präsidium an der Leichenfeier. Aber auch in Alland 
gab eine vom Directionsgebäude wehende Trauerfahne in jenem stillen Thale 
ernsten Ausdruck über den schweren Verlust, der den Verein getroffen. 

Zum bleibenden Andenken führt ein stiller, waldumsäumter Wiesenplatz auf 
dem an der Ostseite des Besitzes gelegenen Hügel den Namen «Carl Ludwigs- 
ruhe». Maler Wilhelm Vita widmet dem Vereine' ein Bildnis des verblichenen 
Protectors, welches den Festraum der Anstalt in Alland zieren und Tausenden 
Kranken dadurch Trost gewähren soll, dass dieselben den Eindruck bekommen, 
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dass auch die Ärmsten der Armen unter dem wohlwollenden Schutze des Aller- 
höchsten Kaiserhauses stehen. 



Eine überaus segensreiche Wirksamkeit entfaltet der Verein zur Errich- 
tung und Förderung von Seehospizen und Asylen für Kranke, insbe- 
sondere scrophulose und rhachttische Kinder in Wien. 

Der Verein steht unter dem Protectorate Ihrer kaiserlichen und könig- 
lichen Hoheit der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Maria Theresia, und 
auch deren Gemahl Erzherzog Carl Ludwig war dem Vereine seit dessen 



Maria Thtr/sla-Scihospit San Feiagio bei Rovigno (SüdwisiJ. 

Gründung ein hochherziger Gönner und Förderer. Dem Berichte, den der Verein 
über seine Thätigkeit im Jahre 1896 veröffentlichte, sind zwei ärztliche und 
ökonomische Referate über die Thätigkeit und die Heilerfolge des Erzherzogin 
Maria Theresia-Seehospizes ih San Pelagio bei Rovigno und des Kaiser 
Franz Joseph-Kinderhospizes zu Sulzbach bei Isch! erschienen. Im Jahre 
1896 gewährte der Verein 020 Kindern in diesen beiden Anstalten Verpflegung 
und ärztliche Behandlung während 71.961 Verpflegstagen. Von den Pfleglingen 
wurden 295 geheilt, 79 wesentlich gebessert entlassen. Im Anschlüsse an seinen 
Thätigkeitsbericht widmete der Verein dem höchstseligen Herrn Erzherzog Carl 
Ludwig einen tiefempfundenen, warmen Nachruf. 

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Wenn das Bestehen von Thierschutzvereinen einen Gradmesser abgibt für 
den in breitere Schichten eindringenden Abscheu vor Rohheit, die sich in brutaler 
Behandlung der Thierwelt kundgibt, die bestimmt ist mit und für den Menschen 
zu arbeiten und ihm zu dienen, so erscheint der Thierfreund auch als Menschen- 
freund, indem er die Denkart vernunftbegabter Wesen zu milderen Anschauungen 
zu heben sucht. Wir danken es ja schon dem, der Blumen und Anpflanzungen 
gegen bübische Verwüstung und Schädigungen in Schutz nimmt, um wie viel 
mehr Dank verdient derjenige, der im Schutz der Thiere auf die Sitten der 
Menschheit selbst veredelnd einzuwirken sucht. Einen Vorkämpfer in dieser 
Veredlung des menschlichen Fühlens und in dieser Pflege milder Gesinnung ver- 
ehrte der Wiener Thierschutzverein in seinem edlen Protector Erzherzog Carl 
Ludwig, 

Das Organ des Vereines «Der Thierfreund- meldet in Nr. 12 seines 
43. Jahrganges, December 1889, Nachstehendes: 

«Außerordentliche Ausschuss-Sitzung, abgehalten am 5. December 1889. 
Freudig bewegten Herzens können wir heute unseren geehrten Mitgliedern die 
beglückende Kunde bringen, dass unser verwaister Verein einen neuen Schirm- 
herrn, einen neuen Protector erhalten. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog 
Carl Ludwig, der ob seiner ausgezeichneten Geistes- und Herzenseigenschaften 
allgemein verehrte Bruder unseres vielgeliebten Monarchen, hat, getreu den Inten- 
tionen des habsburgischen Hauses, alles Gute, Edle und Schöne zu schützen und 
wirksam zu unterstützen, das Protectorat über unseren Verein huldvollst 
angenommen. 

Diese Nachricht wird nicht verfehlen, in den Herzen unserer Mitglieder den 
freudigsten Nachhall zu erwecken. 

Durch dieses Ereignis hat sich der Präsident von Tunkler bestimmt gefunden, 
eine außerordentliche Ausschuss-Sitzung einzuberufen. Die Sitzung, bei welcher 
die Ausschussmitglieder vollzählig erschienen waren, wurde vom Präsidenten 
von Tunkler mit folgender Ansprache eröffnet: 
,Meine geehrten Herren! 

Mit freudig bewegtem Herzen mache ich Ihnen die beglückende Mittheilung, 
dass Seine kaiserliche und königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog 
Carl Ludwig über die ehrfurchtsvoll vorgebrachte Bitte des Wiener Thierschutz- 
vereines das Protectorat über denselben huldvollst zu übernehmen geruhte. 

Dieses für die Entwicklung unseres Väreines so hochwichtige und denk- 
würdige Ereignis wird für immerwährende Zeiten in dessen Annalen mit goldenen 
Lettern verzeichnet bleiben. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erz- 
herzog Carl Ludwig geruhte am 3. December d. J. Um '/, 12 Uhr vormittags das 
Vereinspräsidium in längerer Audienz gnädigst zu empfangen und Höchstderselbe 
bekundete das wohlwollendste Interesse für die humanen Tendenzen unseres 
Vereines. 

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Ich gebe den freudigen Gefühlen, welche uns alle beherrschen, Ausdruck, 
indem ich auf Seine kaiserliche und königliche Hoheit den durchlauchtigsten 
Herrn Erzherzog Carl Ludwig als den erhabenen Protector des Wiener Thier- 
schutzvereines ein begeistertes Hoch ausbringe.' 

(Die Versammlung bricht in dreimalige begeisterte Hoch!-Rufe aus.) 

Der Vorsitzende theilt weiters mit, dass der hohe Protector dem Vereine 
eine großmüthige Spende von 100 fl. zur Förderung der Vereinszwecke 
übersenden zu lassen geruhte, welch hochherziger Act mit tiefster Dankbarkeit 
zur Kenntnis genommen wird.» 

Im Jahre 1891 erwies der Erzherzog dem Vereine die große Ehre, bei der 
Generalversammlung zu erscheinen und den wegen ihrer Verdienste um den 
Thierschutz zur Prämiierung erschienenen k. k. Sicherheitswachleuten die Prämien 
persönlich huldvollst zu übergeben. 

Über das Wohlwollen des Erzherzogs dem Vereine gegenüber berichtet unter 
anderem das genannte Organ in Nr. 2 des 45. Jahrganges, Februar 1893, wie folgt: 

«Freitag, den 20. v. M., empfieng der Protector unseres Vereines, Seine 
kaiserliche und königliche Hoheit der durchlauchtigste HerrErzherzog Carl Ludwig, 
eine aus dem Präsidenten Richard Tunkler Edlen von Treuinfeld und den beiden 
Vice-Präsidenlen Magistratsrath J. Lekisch und Piaristenordens-Provincial F. Benda 
bestehende Deputation des Wiener Thierschutzvereines, welche dem Erzherzog- 
Protector anlässlich der Vermählungsfeierlichkeiten Seiner durchlauchtigsten 
Tochter, der Frau Erzherzogin Margaretha Sophia, eine geschmackvoll aus- 
gestattete HuldigungS' und Glückwunschadresse überreichte. 

Der Herr Erzherzog empfieng die Deputation auf das huldvollste, dankte der- 
selben tlir die ihn erfreuende Theilnahme und nahm zugleich Anlass, seiner vollen 
Anerkennung über das selbstlose, humane Streben des Vereines Ausdruck zu geben. 

In der nun folgenden Conversation berührte Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit mehrere Thierschutzfragen, und sprach unter anderem seine Befriedigung 
aus über die Maßnahmen, welche der Thierschutzverein in dem so überaus 
strengen Winter zum Schutze der Vogelwelt in so umfassender Weise getroffen 
habe. Das Streuen von Futter auf öffentlichen Plätzen und in den Gartenanlagen 
sei eine sehr zweckmäßige und anerkennenswerte Fürsorge. 

Aus den weiteren, an die Deputation gerichteten Bemerkungen gab sich das 
hocherfreuliche rege Interesse Seiner kaiseriichen und königlichen Hoheit für die 
Bestrebungen des Wiener Thierschutzvereines kund. 

Nach nahezu halbstündiger Audienz entließ der Herr Erzherzog die Depu- 
tation in huldvollster Weise. 

Der neuerliche Beweis von Huld und Gnade, welchen der durchlauchtigste 
Herr Erzherzog-Protector unserem Vereine zutheil werden ließ, wird in den Herzen 
der Mitglieder gewiss die lebhafteste Freude erwecken!- 

Als der Verein zum 60. Geburtstage des Herrn Erzherzogs Höchstdemselben 
eine Glückwunsch adresse zugehen ließ, antwortete der Herr Erzherzog verbindliJihE -. 
dankend in einem huldvollen Handschreiben. " : 



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Nach diesen innigen Beziehungen, in denen Seine kaiserliche Hoheit zu dem 
Vereine stand, musste das Ableben des gnädigsten Herrn als ein überaus schwerer 
Verlust für den Verein empfunden werden, und anlässlich des HJnscheidens des 
hohen Protectors schreibt das erwähnte Vereinsorgan: 

• Der schwere Schlag, welchen unser Kaiserhaus und mit ihm die Völker des 
ganzen Reiches getroffen, wird im Kreise des Wiener Thierschutzvereines ganz 
besonders schmerzlich mitempfunden werden, da der Verein in Erzherzog Carl 
Ludwig seinen Protector verehren konnte und zahllose Beweise seiner Huld 
empfangen hat. 

Unsere Dankbarkeit hiefür wird unvergänglich währen, und in unseren 
Herzen wird die Erinnerung an den hohen Gönner stets fortleben. 

Angesichts des beklagenswerten Ereignisses sieht sich die Veremsleitung 
veranlasst, die für Donnerstag, den 21. Mai 1. J., anberaumte Generalversammlung, 
an weiche sich die Feier des 50jährigen Bestandes des Wiener Thierschutz- 
vereines hätte anschließen sollen, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.» 



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XII. Capitel. 

Erzherzog Carl Ludwig als Schinnherr des österreichischen 
Touristen-Clubs und der Schützenvereine. 



In der großartigen Schönheit der Alpennalur hat sich unser unvergesslicher 
Fürst, Erzherzog Carl Ludwig, immer am wohlsten gefühlt. Als warmer Natur- 
freund durchstreifte er oft in schlichtem Gewände des Bergsteigers die roman- 
tischen Berghalden und Thalgelände der Alpen; ihnen recht nahe zu sein, die 
würzige Luft von ihren Höhen zu athmen und sein Auge zu weiden an dem 
majestätischen Anblick ihrer Gipfel, hatte er ja das herrlich gelegene Thal von 
Reichenau gewählt, um sich dort in der Villa Wartholz einen anmuthig gelegenen, 
dem Geräusch der Hauptstadt entrückten Ruhesitz zu schaffen. Gerade er war 
deshalb der Weise im Purpur, der das Streben derer voll würdigte, welche gleich 
ihm einen der Hochgenüsse des Lebens darein setzen, dem Treiben der Weltstädte 
zu entfliehen und wenigstens zeitweise durch eine Fußreise oder durch längeren 
Aufenthalt in der Hochgebirgsnatur und Wanderungen daselbst wieder Kraft und 
Lebensfreude zu gewinnen. So führten die von dem Erzherzoge sympathisch 
mitgefühlten Bestrebungen des österreichischen Touristen-Clubs diesem 
Vereine 1877 in der Person Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit einen 
begeisterten, stets opferwilligen Protector zu. 

Zu den herrlichsten Gegenden der Alpenwelt, die überdies nicht allzufem 
der Hauptstadt entlegen sind, um sie zu den beliebtesten Ausflugszielen zu 
machen, gehört unstreitig das Gebiet des in Niederösterreich weithin sichtbaren 
Schneeberg-Gebirgsstockes mit der Raxalpe und dem romantischen Höllen- und 
Nasswaldthal. Die Ehre des Gedankens, auf der Höhe der Raxalpe ein Schutzhaus 
zu erbauen, gebürt keinem Geringeren als dem Erzherzog selbst, und dieser 
Umstand brachte ihn in Berührung mit den alpinen Vereinen, deren Ziele bekannt- 
lich sich in dieser erwähnten Richtung bewegen. Der unvergessliche Fürst hatte 
selbst, als er einstmals mit Höchstseiner Familie die Raxalpe bestieg und, von 
einem greulichen Unwetter überrascht, sich genöthigt gesehen hatte, die Nacht in 
einer recht unwirtlichen Alpenhütte zu verbringen, den Entschiuss gefasst, ein 
Haus auf der Höhe der Raxalpe zu erbauen. Höchstderselbe ersuchte in einem 
Schreiben an die Section Austria des Deutschen und Österreichischen Alpen- 
vereines die Alpenvereine Wiens, ihm bei diesem Unternehmen mit ihrer ErfahnAig 
an die Hand zu gehen. 

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Nach kurzer Berathung über Größe und Stellung des Hauses, sowie andere 
Fragen wurden zwei Pläne verschiedener Größe angefertigt und dieselben nebst 
Angabe der beiläufigen Kosten für jedes Seiner kaiserlichen und königlichen 
Hoheit unterbreitet. Höchstderselbe entschied sich jedoch vorläufig dahin, vom 
Baue eines solchen Hauses abzusehen. 

Indessen griff der Touristen-Club den Gedanken des Erzherzogs auf und 
beschloss unter Mitwirkung der Section Austria des Deutschen und österreichi- 
schen Alpenvereines ein Schutzhaus auf der Raxalpe zu bauen, sowie Seine 



Er^Htnog Carl Ludu-Is-Haus an/äer Ratalpe. 

kaiserliche und königliche Hoheit den Erzherzog Carl Ludwig zu bitten, er wolle 
geruhen, dieses Unternehmen gnädigst zu fördern und das Protectorat hierüber 
zu übernehmen. Der Touristen-Club votierte vorläufig für die Jahre 1875 und 1876 
den Betrag von je 1000 fl. aus der Clubcasse und beschloss, den Reinertrag des 
am 29. Jänner 1876 abzuhaltenden Touristen-Kränzchens dem Raxhaus-Baufond 
zuzuwenden. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig geruhte das 

Protectorat zu übernehmen und widmete hochherzigst zum Bau des Raxhauses 

..den Betrag von 1000 fl. Mit dieser Summe und mit dem Erträgnisse des Kränzchens 

■irn-'der Höhe von 1907 fl. konnte schon an den Bau gedacht werden, obgleich die 

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Section Austria von der Gemeinschaft des Baues zurückzutreten sich veranlasst 
gefunden hatte. In einer Generalversammlung des Clubs vom 21. April 1876 wurde 
für den Bau die Summe von 10.000 fl. bewilligt. Spenden liefen von allen Seiten 
für diesen Zweck ein und am 10. September konnte die feierliche Grundstein- 
legung durch Seine kaiserliche und königliche Hoheit den Protector vorgenommen 
werden. Der Club betheiligte sich an diesem schönen Feste fast vollzählig; von 
nah und fern strömten Gäste herbei, so dass weit mehr als 400 Personen, darunter 
zahlreiche Damen, trotz keineswegs günstiger Witterung gegenwärtig waren. Im 
nächsten Sommer stand das Haus bereits vollkommen eingerichtet und nett mit 
allem Comfort ausgestattet da; man hatte alles aufgeboten, damit das Haus des 
Namens würdig sei, den es trägt, und des Protectorates, welches Seine kaiserliche 
und königliche Hoheit der Herr Erzherzog Carl Ludwig über dasselbe am 3. Juli 

1876 huldvollst anzunehmen erklärte. Auf der Höhe der Rax, umspielt von den 
reinen Lüften der Alpenwelt, leuchtet das Haus weithin in die Lande hinaus, ein 
Musterbau, der mit keinem seiner Art den Vergleich zu scheuen braucht. Das 
längere Zeit im Künstlerhause ausgestellt gewesene meisterhafte Aquarell- 
Panorama des Carl Ludwig-Hauses wurde vom Künstler, Herrn Anton 
HIavacek, dem Club, dessen Mitglied er ist, mit der Widmung für Seine kaiserliche 
und königliche Hoheit den Protector gespendet, von welchem es auch huldvollst 
angenommen wurde. 

Seither entwickelte sich zwischen dem hohen Protector und dem Touristen- 
Club ein höchst reger Verkehr, ein fast familiär zu nennendes Verhältnis, wie aus 
den Zuschriften des leutseligen Gönners an den Verein hervorgeht. Am 1. Februar 

1877 beehrte Höchstderselbe das Kränzchen des Clubs in Wien mit seiner Gegen- 
wart. Die moralische Rückwirkung dieses hohen Besuches kam der Clubcasse 
zugute, welcher zu Gunsten des Raxhaus-Baues der stattHche Reinertrag von 
2811 fl. zugeführt werden konnte. Diesem Feste des Clubs reihte sich ein neues 
am 16. September 1877 an, das Fest der Schlussteinlegung des Carl Ludwig- 
Hauses auf der Raxalpe, Da der hohe Protector im Seebade TrouviUe weilte, 
beehrten Höchstdessen Söhne, die Erzherzoge Franz Ferdinand und Otto, in 
Begleitung der Grafen Degenfeld und Nostiz, die Feier mit ihrer Anwesenheit. 
Eine Gedenktafel an der Ostseite des Hauses mit einer Inschrift, die den Namen 
des Protectors und der Erbauer verewigt, gelangte nach einer Festrede zur Ent- 
hüllung. Der Verein hatte kein Wetterglück, denn an diesem Tage tobte ein Sturm, 
der in steigender Heftigkeit in einen Orkan ausartete. Mit welchem Interesse der 
hohe Protector die bevorstehende Feier der Eröffnung des Schutzhauses auf der 
Raxalpe verfolgte, beweist nachstehender, undatierter Brief an den Clubvorstand: 

«Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig 
beauftragen mich, dies Schreiben an den Ausschuss des österreichischen Touristen- 
Clubs zu richten, mit dem Ersuchen, Seiner kaiserlichen Hoheit umgehend 
durch einige Zeilen bekannt zu geben, wie die Feierlichkeit bei Eröffnung des 
Schutzhauses auf der Raxalpe vor sich gehen wird und in was dieselbe 
bestehen wird. 



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Seine kaiserliche Hoheit werden gegen '/, 10 Uhr Sonntag, den 27. dieses 
Monats, auf der Raxalpe erscheinen und wünschen, dass sämmtüche Herren, die 
an der Feierlichkeit theilnehmen, in gewöhnlicher Land- oder Bergpartie-Toilette 
erscheinen mögen. 

Im hohen Auftrage 

B. Dlauhowesky, Oberlieutenant.» 

Da die Feier hatte verschoben werden müssen, konnte Seine kaiserliche 
Hoheit sein Vorhaben, in zwangslosem Verkehre bei dieser Gelegenheit dem 
Vereine einen Beweis seines Wohlwollens zu geben, nicht ausführen. 

Allein kein Jahr vergieng, in dem die Annalen des Touristen-Clubs nicht 
eine Gunstbezeugung seitens des Erzherzogs zu verzeichnen hatten. 

Nur einzig und allein der huldvollen Unterstützung des fürstlichen Vereins- 
Protectors hatte es der Club zu verdanken, dass dieser auf der Pariser Welt- 
ausstellung des Jahres 1878 den erforderlichen Raum für seine Ausstellungsobjecte 
zugewiesen erhielt. Unter den letztgenannten befanden sich auch zwei zur Eröff- 
nungsfeier des Carl Ludwig-Hauses auf der Raxalpe im Jahre 1877 geprägte 
Gedenkthaler. Der Herr Erzherzog erschien am 3. April, 1 Uhr nachmittags, in der 
Clubkanzlei in der Gusshausstraße, woselbst eine Voraussteilung veranstaltet 
worden war, verweilte zur Besichtigung über eine Stunde, und geruhte sich über 
das Gesehene sehr anerkennend auszusprechen. Im Jahre 1881 erhielt der Club 
durch huldvolle Vermittlung seines Protectors die gegenwärtigen, sehr günstigen 
Kanzieilocalitäten in Miete. Der Gaschäftsumfang hatte in bedeutenden Verhält- 
nissen eine Erweiterung erfahren, die allgemeine Theilnahme des Pubiicums an 
den Bestrebungen des Vereines, der über 250.000 fl. für alpine und touristische 
Zwecke auszugeben in der Lage war, verdankt derselbe zum großen Theiie den 
Bemühungen seines hochherzigen fürstlichen Gönners. 

Als es dem Touristen-Club möglich war, seine Erfolge durch Errichtung 
eines neuen Schutzhauses auf dem Schneeberg zu vermehren, hatte der Erzherzog 
einer Deputation des Clubs gegenüber wiederholt seine Befriedigung über dessen 
schöne Errungenschaften ausgesprochen und zugleich sich bereit erklärt, die 
Schlussteinlegung zu diesem Schutzhause persönlich vornehmen zu wollen. 

Reges Leben herrschte Samstag, den 14. August 1880 abends im Restau- 
rationsgarten des Südbahnhofes in Wien, denn eine überaus stattliche Anzahl 
von Clubmitgliedem und Alpenfreunden folgte der Einladung zur Betheiligung an 
diesem Feste des Clubs. Leider hatte die Witterung an den Ausflüglern ihre 
bösartigste Tücke ausgelassen. Kaum war der Zug, der früh an den Berghalden 
sich emporwand, bei dem Baumgartner-Hause angelangt, so öffneten sich die 
Schleusen der Regenwolken. Alles flüchtete in die Räume des alten und neuen 
Hauses. Um </»10 Uhr verkündeten dröhnende Kanonensalven, die an den Berg- 
wänden in vielfachem Echo wiederhaflten, das Herannahen des Herrn Erzherzogs 
und Höchstdessen ältesten Sohnes, des Erzherzogs Franz Ferdinand von 
Österreich-Este. Beide Höchste Herren, welche steierische Gebirgstracht trugen 
und nur von einem Träger begleitet waren, legten den Weg von Villa Wartholz 
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bis zum Krummbachsattel theils auf bosnischen Gebirgspferdchen, theils zu 
Fuß, zumeist aber in strömendem Regenguss zurück. Vom Krummbachsattel, 
wo die icaiseriichen Hoheiten von den Vertretern des Clubs ehrfurchtsvollst 
begrüßt wurden, stiegen Höchstdieselben rüstig, die geübten Bergsteiger ver- 
rathend, zum Baumgartner-Hause empor. Eine Musikkapelle intonierte die Volks- 
hymne, Polier donnerten und die Touristenschar, mehr als 600 an der Zahl, 
jubelten ihre begeisterten «Hoch!» und schwenkten die Tücher. Leutselig grüßten 
die Höchsten Herren nach allen Seiten und traten, sichtlich erfreut über den 
herzlichen Empfang, zu kurzer Rast ins Damböck-Zimmer ein, woselbst die Vor- 
stellungen der um den Bau verdienten Persönlichkeiten erfolgte. Für jeden hatte 
der Herr Erzherzog freundliche Worte; die Angesprochenen, sowie jene, welche 
die Ansprachen vernahmen, fühlten sich gehoben und begeistert, Nach Unter- 
zeichnung der Bauurkunden durch die kaiserlichen und königlichen Hoheiten 
begann der Festact, der ein materisches Bild bot; denn oberhalb desselben hob 
sich terrassenförmig die Berglehne als Hintergrund. Dr. E. Klotzberg hielt eine 
Ansprache an den hohen Protector, indem er dem freudigen Gefühle Ausdruck 
lieh, Höchstdenselben begrüßen zu dürfen, die Huld und Gnade pries, die der 
Erzherzog so vielfach dem Vereine zugewendet, die denselben zu so schönen 
Erfolgen geführt habe und mit dem Rufe schloss: «Gott schütze, Gott segne, Gott 
erhalte Euere kaiserliche Hoheit und Höchstdero durchlauchtigste Familie!» In 
freudigen minutenlangen Hoch!-Rufen wurde das dreimalige Hoch des Festredners 
von der Versammlung erwidert, die Volkshymne erklang und Polier donnerten. 
Die beiden kaiserlichen und königlichen Hoheiten schüttelten dem Redner die 
Hand und mit volltönender, weithin vernehmbarer Stimme sprach Erzherzog Carl 
Ludwig folgende Worte: 

«Ich bin sehr erfreut, dass ich trotz des ungünstigen Wetters mit meinem 
Sohne heraufgekommen bin, um bei der Schlussteinlegung gegenwärtig zu sein, 
und besonders bin ich erfreut, dass ich als Protector des österreichischen 
Touristen-Clubs mich von so vielen Mitgliedern umgeben sehe, und fühle mich 
stolz, der Protector dieses Clubs zu sein.» 

Ein brausender Sturm der Begeisterung ward durch diese huldvollen Worte 
entfesselt Fräulein Gabriele Bopp, Mitglied des Clubs, trat nun vor, um einen 
prachtvollen Blumenstrauß zu überreichen, den Erzherzog Carl Ludwig mit 
freundlichsten Dankesworten entgegennahm. Seine kaiseriiche und königliche 
Hoheit geruhten hierauf den Schlusstein in die dazu bestimmte Öffnung nach 
Einlegung der Bauurkunde einzufügen und die üblichen Hammerschläge zu 
vollziehen. 

Die nun folgende Widmungsrede des Dr. Klotzberg klang in einem drei- 
fachen «Hoch!» auf den Kaiser aus, worauf die Volkshymne von allen ent- 
blößten Hauptes gesungen wurde. Der Baumeister Öffnete die Pforte des neuen 
Hauses, lud den Erzherzog als ersten ein, dessen Schwelle zu überschreiten und 
grüßte mit dem Segensspruch: «Gott segne den Eingang Euerer kaiserlichen 
Hoheit!« Der Erzherzog wendete sich hierauf um und sprach mit lauter Stimme: 
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«Ich erkläre dieses Schutzhaus für eröffnet.» Hierauf besichtigten die kaiserlichen 
und königlichen Hoheiten die Zimmer und hielten sich in den von den Tisch- 
gesellschaften -Waldegger. und «Höllenthaler» reich geschmückten Zimmern 
längere Zeit auf. Im Zimmer der «Höllenthaler» trugen sich die Prinzen ins 
Gedenkbuch dieser Gesellschaft ein und Erzherzog Carl Ludwig versprach huldvoll 
für dieses Zimmer sein Bild in Bergtracht zu spenden. Um '/tI2 Uhr nahmen die 
Herren Erzherzoge im DambÖck-Zimmer ein Gabelfrühstück ein, dem auch sechs 
Herren beigezogen wurden. Speisen und Bedienung fanden die vollste Anerken- 
nung der Höchsten Herrschaften. Unter begeisterten Hoch!-Rufen verabschiedete 
sich der Herr Erzherzog Carl Ludwig mit seinem Sohne, nachdem Dr. Klotzberg 
nochmals sowohl für die Unterstützung des Baues, als auch für die hohe Ehre 
der heutigen Gegenwart den Dank des Clubs ausgesprochen hatte. Beide Prinzen 
stiegen, von dem Träger begleitet, zu Fuß nach Payerbach ab. Solange die ver- 
ehrten Herren zu sehen waren, hallten ihnen vielhundertstimmige Hochl-Rufe und 
PöUerschüsse nach. 

Der strömende Regen vermochte die allseitig gehobene Stimmung nicht im 
mindesten zu beeinträchtigen; die Musik spielte heitere Weisen und wo nur ein 
Fleckchen leer war, drehten sich die Paare; auf der Veranda saßen mehr als 
Hundert an den Tischen, wohl waren Leinen über ihre Häupter gespannt, doch 
trieften dieselben von Regen; das störte aber mit nichten die muntere Gesellschaft, 
sie blieben tapfer sitzen. Durch und durch «eingeweicht», aber in rosigster Laune 
langte die rückkehrende Gesellschaft in Payerbach an. Kurz vor Abgang des 
Eilzuges nach Wien wurde die Musikkapelle in dem Bahnhofe aufgestellt, und als 
Seine kaiserliche Hoheit, begleitet von den Söhnen Erzherzogen Franz Ferdinand 
und Otto, heranfuhr, brausten luflerschüttemde Zurufe. Die Höchsten Herrschaften 
verabschiedeten sich dankend von den Veranstaltern des Festes; der Erzherzog lud 
schließlich den Dr. Klotzberg ein, die Fahrt nach Wien mit ihm in seinem Salon- 
wagen zu machen, «um noch weiter über den Club zu sprechen». Hochbeglückt 
dankte der Geladene für diese hohe Auszeichnung, bedauerte jedoch aufs tiefste, 
dieser huldvollen Einladung nicht folgen zu können, da ihn seine Stellung als 
Obmann des Fest-Comites verpflichte, die Touristen unter seiner Führung wieder 
nach Hause zu geleiten. 

Der Club wusste auch die ihm selbst in seinem Vorstande erwiesene Ehre 
in vollem Maße zu würdigen. Besonders bemerkt wurde es allseitig, dass der Herr 
Erzherzog seine Reise nach Ischl aus dem Grunde auf den Abend verschob, um 
die Schlussteinlegung selbst vornehmen zu können, und dass weder Sturm noch 
Regen Seine kaiserliche und königliche Hoheit abhielten, seine Zusage einzulösen. 
Unvergesslich ist dieser Tag allen Clubgenossen geblieben, ein Markstein in der 
Geschichte des Vereines. 

Erzherzog Carl Ludwig gestattete ferner gnädigst, dass das in den Julischen 

Alpen vom Club errichtete Schutzhaus nach dem Namen der durchlauchtigsten 

Frau Erzherzogin Maria Theresia, dasjenige bei den «Sieben Seen» nach dem 

Namen Seiner kaiserlichen Hoheit seines ältesten Sohnes Erzherzogs Franz 

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Ferdinand benannt werden dürfe, «da Seine kaiserliche und königliche Hoheit in 
der Erschließung der hervorragendsten Partien der JuUschen Alpen für weitere 
Kreise einen erneuerten Beweis des regen,. gemeinnützigen Schaffens des öster- 
reichischen Touristen-Clubs erblicke-. Auch wurde von Allerhöchster Seite verfügt, 
dass das Jahrbuch, sowie andere Publicationen des Clubs Aufnahme in die Aller- 
höchsten Privatbibliotheken Seiner Majestät, sowie der durchlauchtigsten Herren 
Erzherzoge Carl Ludwig und Rainer zu finden haben. 

Das Archiv des Touristen-Clubs bewahrt in pietätvoller Gesinnung noch eine 
Reihe von Zuschriften, welche theils von den Beauftragten des Herrn Erzherzogs, 
theils von HÖchstdemselben selbst eigenhändig gezeichnet sind, aus welchen 
hervorgeht, welch gemüthvollen, zwanglosen, ja zuweilen fast familiären Ton der 
leutselige Fürst im Verkehre mit dem Club anzuschlagen pflegte. Am 17. November 
1876 erfloss ein Dankschreiben für Hefte und Zeichnungen, die an Seine kaiser- 
liche und königliche Hoheit übersendet worden waren, mit der Bemerkung, «es 
gereiche dem Herrn Erzherzoge zum Vergnügen, dem Wunsche des Touristen- 
Clubs nachzukommen und zu gestatten, dass das Haus auf der Raxalpe Höchst- 
dessen Namen trage-. 

Unter dem 17. November 1876 ergieng an den Club nachstehende Anfrage: 

•Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog Carl Ludwig 
haben sich mit den Prinzen vor einiger Zeit beim Alpenhaus photographisch auf- 
nehmen lassen, — da bis jetzt noch kein Bild erschienen, so beauftragen mich 
Seine kaiserliche Hoheit, beim österreichischen Touristen-Club hierüber nachzu- 
fragen. Ergebener 

Baron Dlauhowesky, Oberlieutenant. 

Club-Präsident A. Silberhuber erwiderte hierauf, die photographischen Auf- 
nahmen vom 1 0. September laufenden Jahres seien so schlecht ausgefallen, dass der 
Club es gar nicht über sich gebracht habe, dieselben dem Erzherzog vorzulegen. 
Ursache des Misslingens sei nach Aussage des Photographen der Umstand, dass 
infolge der Kälte das Objectivglas des Apparates angelaufen gewesen sei. Silber- 
huber legte dem Antwortschreiben ein Bild bei und bezeichnete diesen Abzug, 
der noch zu den besseren gehöre, gleichfalls als misslungen. Der Clubvorstand 
erwähnte ferner, er habe den Photographen beauftragt, von der Gruppenaufnahme, 
die auch nicht zu den vorzüglichen gehöre, dem Unterzeichner des vorigen 
Schreibens ein Exemplar zu überbringen. 

Unter dem 2. Jänner 1883 erfolgte ein huldvolles Dankschreiben an den Club 
für dessen Loyalitätskundgebung aniässlich des sechshundertjährigen Bestandes 
des Erzhauses Habsburg und dargebrachter Neujahrswünsche. In einem Schreiben 
vom 30. Juni 1885 nahm Erzherzog Carl Ludwig mit Befriedigung Kenntnis von 
dem Berichte des Centralausschusses über seine zur Entwässerung über- 
schwemmter Kesselthäler in Krain entfaltete Thätigkeit. Der Verein, welcher an 
allen Leiden und Freuden in der hohen Familie seines Protectors innigsten 
Antheil nahm und nie verabsäumte, denselben bei jeder sich darbietenden Gele- 
genheit zum Ausdrucke zu bringen, erhielt unter dem 10. April ein eigenhändig 



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vom Erzherzoge gefertigtes Schreiben, welches schon seines gemüthlichen Tones 
haiber der Mittheilung nicht vorenthalten werden darf. Es lautet: 

"Verbindlichst danke ich dem Centralausschusse des Österreichischen Touri- 
sten-Clubs für die freundliche Erinnerung an meine Person aus Antass meiner 
und meiner Kinder Erkrankung, sowie auch für die guten Wünsche zur Wieder- 
genesung. 

Ich befinde mich bereits in vollkommener Reconvalescenz, wie auch mein 
Sohn. Meiner Tochter geht es gottlob viel besser und dieselbe geht ihrer Genesung 
entgegen, 

Wien, am 10. April 1886. Erzherzog Carl.» 

Unter dem 29. Juli 1886 ließ der Herr Erzherzog «eben im Begriffe abzu- 
reisen« verbindlichst danken liir die Glückwünsche des Clubs sowohl zu Höchst- 
dessen Geburtsfeste als auch anlässlich der Verlobung Seiner kaiserlichen und ' 
königlichen Hoheit des Erzherzogs Otto. 

Unter dem 27. Juni 1887, datiert aus Wartholz, Heß der Herr Erzherzog 
dem Club seinen Dank melden für eingesendete Zusammenstellungen für Ausflüge. 

Unter dem 1 1. August 1887 gelangte an den Club nachstehendes Schreiben: 

• Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Herr Erzherzog-Protector 
lassen für die Glückwünsche zum hohen Geburtsfeste dem Touristen-Club verbind- 
lichst danken. 

Höchstdieselben haben mit lebhaftem Interesse in den Journalen die Reise- 
berichte vom Nordcap und den verschiedenen Stationen, welche der Touristen- 
Club auf seiner Reise dahin und zurück berührte, gelesen. 

Seine kaiserliche Hoheit haben auch vor kurzem das Friedrich Schüler- 
Haus auf dem Sonnwendstein mit besonderer Freude eingehend zu besichtigen 
die Gelegenheit gehabt. Das Haus, sowie der Aussichtspunkt haben dem Herrn 
Erzherzoge sehr gefallen, wovon ich das Präsidium des Touristen-Clubs im 
Höchsten Auftrage verständige. 

Wartholz, 1 I.August 1887. Gezeichnet: Doctor Catharin, k.k.Regierungsrath.» 

Auf Höchsten Befehl verständigte Obersthofmeister Graf Pejäcsevich unter 
dem 14. Februar 1889 den Club, Seine kaiserliche und königliche Hoheit werde, 
dem Ansuchen des Clubs entsprechend, nicht ermangeln. Seiner Majestät dem 
Kaiser den Ausdruck des tiefsten Schmerzes und innigsten Beileids anlässlich des 
erschütternden Ablebens Seiner kaiserlichen Hoheit des durchlauchtigsten Kron- 
prinzen Erzherzog Rudolf zur Allerhöchsten Kenntnis zu bringen. 

Den Bemühungen des Club-Präsidenten Herrn Silberhuber zur Ausführung 
des schon im März des Jahres 1883 vom Club beschlossenen Baues einer -Habs- 
burgwarte* auf dem Hermannskogel bei Wien brachte der Herr Erzherzog 
lebhafte Sympathien entgegen. Höchstdessen gnädigster Fürsprache verdankte der 
Bau seine Förderung durch reiche Geldspenden, die von Seiner Majestät dem 
Kaiser und Ihren kaiserlichen und königlichen Hoheiten den Herren Erzherzogen 
für diesen Zweck gewidmet wurden. Seine Majestät geruhten auch die Bewilligung 
zu ertheilen, dass der zu errichtenden Warte an diesem herrlichen, in 542 Meter 

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Meereshöhe gelegenen F^inkte des Wienerwaldes der Name -Habsburgwarte» 
beigelegt werde. Das hochwürdige Stift Kiosterneuburg überließ in entgegen- 
kommender Bereitwilligkeit hiezu den Bauplatz und der Erfolg der für dieses 
schöne, der Umgebung Wiens zur Zierde gereichende Denkmal patriotischer 
Gesinnung überstieg alle Erwartung. Zahlreiche Kunsthandwerker erklärten 
freiwillig, zur Herstellung und Ausschmückung der Warte beitragen zu wollen. 
In gewohntem Wohlwollen übernahm der Herr Erzherzog das Protectorat über 
den Bau der Warte, so dass es möglich wurde, dieselbe im Jubiläumsjahre der 
vierzigjährigen Regierung des Kaisers zu beginnen und auch in seiner äußeren 
Erscheinung zu vollenden. Am 19. November 1888, dem Namensfeste Ihrer 
Majestät der Kaiserin, konnte die feierliche Schlussteinlegung vorgenommen 
werden. 

Mehr als 2000 Personen waren trotz zweifelhaften Wetters hiezu erschienen. 
In den nächst dem Hermannskogel gelegenen Ortschaften Sievering und Grinzing 
waren die Häuser mit Fahnen, Reisigguirianden, Festons und Wappen, Kaiser- 
bildern und Büsten in sehr wirkungsvoller Weise geschmückt An der Straßen- 
kreuzung außerhalb Döblings ragte eine mächtige Triumphpforte empor mit der 
.Aufschrift «Hoch das Haus Habsburg!» Hier wurde Seine kaiserliche Hoheit 
von den Notabilitäten zur Eröffnungsfeier erwartet. 

Der Erzherzog-Protector kam um I Uhr 40 Minuten nachmittags in offener 
Hof-Equipage an der Seite seines Obersthofmeisters, Excellenz Majors Grafen 
Pejäcsevich, bei der Triumphpforte an, nahm die ehrfurchtsvollen Begrüßungen 
entgegen und setzte hierauf die Fahrt durch das von Menschen erfüllte Sievering 
fort. Währenddessen dröhnten von allen Anhöhen die PöUer. Auch am oberen Ende 
von Ober-Sievering stand eine aus Reisig hergestellte Triumphpforte mit der aus 
lebenden Blumen gebildeten Aufschrift »Hoch Habsburg!» 

Auf der Rohrerwiese, dem Sammelplätze, wurden die Wagen verlassen und 
Seine kaiserliche Hoheit stieg, dem gewöhnlichen Fahrwege folgend, unter 
Führung des Präsidenten A. Silberhuber zur Höhe des Hermannskogels empor. 

Auf der Höhe der Rohrerwiese wurde der Herr Erzherzog durch die vom 
Waldhom-Ciub des Wiener Schützenvereines unter der Leitung des Professors 
Wunderer ausgeführte prächtige Kaiserfanfare begrüßt. Indessen hatten auf der 
Goldwiese bereits die Productionen der beiden Musikkapellen der Infanterie- 
Regimenter Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 und Großherzog von Baden Nr. 50 
begonnen. Die sich hier vor den reich geschmückten Euschenschänken tummeln- 
den Menschenmassen gewährten im Rahmen des Waldes ein interessantes und 
farbenreiches Bild. 

Beim Herannahen des Erzherzogs dröhnten die Polier und erklang die 
Volkshymne. Von stürmischen Hoch!-Rufen begrüßt durchschritt der hohe Herr 
die Goldwiese und betrachtete mit sichtlichem Interesse die daselbst getroffenen 
Veranstaltungen. Vor dem Schutzhause wurden Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit von dem hochwürdigsten Prälaten des Stiftes Kiosterneuburg, Herrn 
Uhald Kostersitz, mit Assistenz empfangen und zum P'estplatze geleitet, welcher. 



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mit Flaggen und Festons geschmückt, einen stattlichen Anblick bot. Vor dem 
Eingange zur Warte stand ein kleiner Altar aufgerichtet. Bei dem Betreten des 
Festplatzes wurde Seine kaiserliche und königliche Hoheit wieder mit der Kaiser- 
fanfare begrüßt. 

Nachdem eine Festhymne gesungen worden, dankte Gemeinderath 
Dr. Haindl dem Erzherzoge für seine huldvolle Anwesenheit, An die Begrüßungs- 
worte knüpfte der Sprecher in schwungvoller Rede noch den Hinweis auf die 
unter dem Schutze des erlauchten Protectors stattgefundene außerordentliche Ent- 
wicklung des Clubs und schloss mit einem Hoch auf den durchlauchtigsten 
Erzherzog, in welches die Anwesenden unter Hüteschwenken begeistert ein- 
stimmten, und wozu die Kapelle mit der Volkshymne einfiel. 

Herr Erzherzog Carl Ludwig erwiderte, er freue sich, dass das edle Werk 
so rasch und schön zustande gekommen, er freue sich der Fortschritte des 
Touristen-Clubs und wünsche dem Vereine vom Herzen bestes Gedeihen. Erneuerte 
Hoch!-Rufe begleiteten diese Worte. 

Hierauf wurde «zum Gebet- geblasen, die Flügel der Eingangsthüre der 
Warte öffneten sich, und der hochwürdigste Herr Prälat Ubald Kostersitz nahm 
die feierliche Benediction der Warte vor. 

Nach diesem weihevollen Acte stieg Präsident Anton SÜberhuber zur 
Eingangspforte empor und hielt eine von patriotischer Begeisterung durchwehte 
Festrede, in welcher an die zahlreichen historischen Vorfälle erinnert wurde, die 
sich an den Hermannskogel knüpfen. Künstlerische und landschaftliche Schönheit 
seien hier zu einem glanzvollen Bilde vereinigt, würdig, den glorreichen Namen 
Habsburg zu tragen, und würdig der nahen, prunkvollen Residenz und des 
Umkreises herrlicher Berge. Dreifach sei die Bedeutung, welche dem stolzen Baue 
innewohne. Er sei vor allem ein sichtbares Zeichen der Liebe des Österreichers 
zu seinem Kaiserhause, ein Denkmal des Kunstsinnes und eine Wallfahrtsstätte 
für den Naturfreund im Vaterlande, ein Stolz der Stadt Wien. Redner schloss mit 
einem «Hoch Habsburg! Unser Kaiserhaus dreimal hoch!» 

Begeisterte Hoch!-Rufe, Pöllerschüsse und die Klänge des Marsches -Hoch 
Habsburg» folgten der wirkungsvoll vorgetragenen Rede. 

Nach der Eröffnung wurde vom Gauverbande der Gesangvereine Wiens 
imd der Vororte der Chor «Gruß an Deutsch-Österreich- von Franz Mair in aus- 
gezeichneter Weise zum Vortrage gebracht. 

Inzwischen bestieg Herr Erzherzog Carl Ludwig, geleitet von dem Präsi- 
denten A. Silberhuber und dem Baurathe Franz Ritter von Neumann, die Warte, 
verweilte längere Zeit auf der Plaftform, in die schöne Aussicht versunken, und 
besichtigte sodann die anderen Räumlichkeiten und deren Einrichtung, sowie auch 
das vom österreichischen Touristen-Club herausgegebene Panorama des Her- 
mannskogels, Pläne und Kartenwerke. Bei dieser Gelegenheit wurden die zahlreich 
anwesenden Persönlichkeiten und die bei dem Baue betheiligt gewesenen Bau- 
und Kunsthandwerker Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit vorgestellt. 
Nachdem der hohe Herr außerdem viele der Anwesenden mit Ansprachen oder 
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längerer Conversation ausgezeichnet und seinen erlauchten Namen ins Fremden- 
buch eingetragen hatte, veriieß er nach mehr als einstündigem Aufenthalte die 
Warte und begab sich in zahlreicher Begleitung unter Führung des Präsidenten 
A. Silberhuber und der Mitglieder des Centralausschusses nach dem Kahlenberge, 
um von dort mittels der Zahnradbahn zu seinem in Nussdorf wartenden Wagen 
zu gelangen. Während des nahezu eine Stunde in Anspruch nehmenden Wald- 
ganges unterhielt sich der Herr Erzherzog mit den Herren seiner Begleitung 
in der leutseligsten Weise und, bei der Zahnradbahnstation angelangt, sprach 
Höchstderselbe zu dem Präsidenten A. Silberhuber und zu dem Baurathe Ritter 
von Neumann huldvolle Worte der Anerkennung über den durchgeführten Bau 
und über das gelungene Fest. 

Welche Popularität der Name des Erzherzogs zumal in Touristenkreisen 
nahe und ferne erlangt hatte, erhellt aus den Zuschriften und Gratulationen, die 
seitens des Centralausschusses des Clubs und der Stationen Krems, Langenlois 
und Rossatz anlässiich der fortschreitenden Genesung der durchlauchtigsten Frau 
Erzherzogin Margaretha an Seine kaiserliche und königliche Hoheit gerichtet 
wurden, wofür an das Clubpräsidium freundliche Dankschreiben vom 18. Novem- 
ber 1891 und 10. Jänner 1892, letzteres eigenhändig vom Herrn Erzherzoge 
gefertigt, einlangten. 

Auch der vierte Salzburgische Delegiertentag des Clubs zu Werfen am 
5. Mai 1892 gedachte des großen Gönners und Förderers der Alpentouristik durch 
ein an den Erzherzog abgesendetes Huldigungstelegramm, worauf aus Wien 
sofort nachstehende Drahtantwort eintraf. 

•Seine kaiserliche Hoheit der durchlauchtigste Protector danken den ver- 
sammelten Vertretern des Centralausschusses verbindlich für den telegraphischen 
Ausdruck der treuen Gefühle und Anhänglichkeit. — Graf Pejäcsevich, Oberst- 
hofmeister.- 

Bei jedem freudigen Ereignisse in der hohen Familie des Protectors stellte 
sich der Clubvorstand als Glückwünschender ein, so bei der Verlobung und bei 
der Vermählung der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Margaretha mit dem 
Herzoge Aibrecht von Württemberg. Jedesmal erHossen eigenhändig gezeichnete 
Dankschreiben des Herrn Erzherzogs, die hier nicht übergangen werden dürfen. 
Das erste lautet: 

• Die Glückwünsche, welche der österreichische Touristen - Club mir als 
seinem Protector aus Anlass der Verlobung meiner Tochter, der Erzherzogin 
Margaretha, sowie anlässlich meines Geburtstages übersendete, haben mich sehr 
gefreut. Ich spreche dem Centralausschusse hiefür meinen verbindlichsten Dank 
aus, weichem ich auoh den Dank im Namen der Erzherzogin und unseres Braut- 
paares beifüge. 

Wartholz, den 12. August 1892. Erzherzog Carl.» 

Das zweite hat folgenden Wortlaut: 

• Die Glückwünsche, welche der Österreichische Touristen-Club aus Anlass 
der bevorstehenden Vermählung meiner Tochter, der Erzherzogin Margaretha, mit 

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Seiner königlichen Hoheit dem Herzoge Albrecht von Württemberg mir als dem 
Protector des Clubs ausgedrückt hat, haben mich sehr gefreut, und ich spreche 
hiefür dem Centralausschusse meinen verbindlichsten Danlc aus. 

Ebenso dankt auch das Brautpaar vielmals für die innigen Glück- und 
Segenswünsche. 

Wien, den 21. Jänner 1893. Erzherzog Carl.* 

Unter dem 1. August 1894 entbot der hohe Protector dem Club seinen Dank 
für das ihm anlässlich seines Geburtsfestes übersendete Glückwunschschreiben 
des Club vorstand es und lässt seiner Freude Ausdruck geben, dass dem Präsidium 
des Clubs vor kurzem die Allerhöchste Ehre zutheJI wurde, Seine kaiserliche und 
und königliche Apostolische Majestät bei AUerhöchstderen alpinem Ausfluge in 
Tirol empfangen zu dürfen. 

Das letzte vom Herrn Erzherzoge persönlich gezeichnete Schreiben an den 
Club vom 24. Februar 1895 enthält einen Dankesausdruck für die Beileidskund- 
gebung des Clubs anlässlich des Hinscheidens Seiner kaiserlichen und könig- 
lichen Hoheit des Erzherzogs Albrecht, welche der Erzherzog-Protector zur 
Kenntnis Seiner Majestät zu bringen verheißt. 

Von kleinen Anfangen hat sich der Touristen-Club zu einer achtunggebieten- 
den Körperschaft mit ansehnjichen Leistungen emporgearbeitet. Als Erzherzog 
Carl Ludwig das Protectorat über denselben übernahm, 1877, zählte der Club im 
neunten Jahre des Bestandes 2006 Mitglieder, seine Gesammt-Jahreseinnahme 
bezifferte sich auf 13.421 fi., wovon er zu alpinen Bauten in diesem Jahre 7741 fl. 
widmen konnte. In dem fünfundzwanzigsten Jahre seines Bestandes, 1894, hatte 
der Club kaum geahnte Erfolge hinter sich. Nicht weniger als 214.870 fl, konnte 
er für Schutzhäuser, Aussichtswarten und Wegbauten verausgaben, hat bei 
Elementarunfalten in den Alpenländern Tausende von Gulden zur Unterstützung 
der Verunglückten verausgabt und, als die Alpenländer in den Jahren 1882 und 
1885 von furchtbaren Überschwemmungen betroffen wurden, im Vereine mit 
seinen Sectionen und alpinen Gesellschaften durch Sammlungen zu dem gleichen 
Zwecke einen Betrag von 15.G70 fl. 58 kr. aufgebracht. 

Eine andere humanitäre Leistung des Clubs, welche fast bei allen anderen 
alpinen Vereinen Nachahmung gefunden hat, sind die von ihm zuerst eingeführten 
Weihnachtsbetheilungen armer Alpendorfkinder. Unterstützt von dem hochherzigen 
Protector, sowie von zahlreichen Gönnern und Freunden hat der österreichische 
Touristen-Club in dem Zeiträume von 1883 bis 1893 9784 fl. bar und an Effecten 
mindestens den gleichen Wertbetrag zur Vertheilung gebracht. 

Wie schon mehrfach an anderer Stelle her\'orgehoben, hat der Touristen-Club 
diese wahrhaft großartigen Erfolge wohl in her\-orragendem.Maße der Mitwirkung 
seines hochsinnigen Protectors zu seinen Zielen zu verdanken und hat dies auch 
zu wiederholtenmalen in dankbarem Aufblick zu ihm rückhaltlos ausgesprochen. 
In diesem Bewusstsein glaubte auch der Club die Festnummer der Touristen- 
Zeitung zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestandes des Clubs nicht sinniger, 
nicht entsprechender schmücken zu können, als durch die Voranstellung des 
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vollendet ausgeführten Widmungsbildnisses Seiner kaiserlichen und königlichen 
Hoheit, Höchstseines Protectors, dessen Andenken in dankesglühender Verehrung 
im Club fortleben wird immerdar. 



Es war bekannt, dass der Herr Erzherzog Carl Ludwig schon von seinem 
Aufenthalte in Tirol her den Bestrebungen der Scharfschützen- Vereine auf das 
sympathischeste gegenüberstand, da er überzeugt war, in denselben indirect die 
Wehrhaftigkeit des Volkes zu fördern. Aus denselben Gründen, die den Erzherzog 
veranlassten, über einige tirolische Landesschützenstände das Protectorat huld- 
vollst zu übernehmen, genehmigte der Erzherzog auch im December 1850 die 
Bitte des Hermannstädter Bürgerlichen Scharfschützen-Vereines durch 
eine im Wege des Ministeriums des Innern diesem Vereine zugegangene Zuschrift. 
Die damalige Vereinsleitung, hocherfreut über die Gewährung ihrer Bitte, beeilte 
sich an Seine kaiserliche und königliche Hoheit ein Dankschreiben zu richten und 
gleichzeitig mit dem Ausdrucke der ehrerbietigsten Ergebenheit ein Exemplar der 
Vereinssatzungen beizulegen. 

Seit dieser Zeit sind sämmtliche Jahresberichte, Programme und Einladungen 
des Vereines zu dessen Festlichkeiten und sonstigen Veranstaltungen alljährlich 
an Seine kaiserliche und königliche Hoheit gesandt und laut Verständigung seines 
Obersthofmeisters auch immer huldvollst entgegengenommen worden. 

Besonders muss der Huldbeweis des gütigen Fürsten hervorgehoben werden, 
welcher dem Schützenvereine gelegentlich der feieriichen Begehung de525jährigen 
Jubiläums seines Bestandes eine sehr schöne Spende für den Gabentempel eines 
Festschießens übersandte. 

Ebenso ließ der Erzherzog im Jahre 1884, als der in Rede stehende Scharf- 
schützen-Verein zur Feier der 700jährigen Einwanderung des stets kaisertreu 
gebliebenen Sachsenvolkes nach Siebenbürgen ein großes Best- und Freischießen 
veranstaltete, dem Vereine für den Gabentempel zwei kostbare Glasvasen, um- 
sponnen mit einem Goldnetze, zukommen, wofür beidemale der unterthänigste 
Dank der Beschenkten zur Kenntnis des gnädigen Spenders gebracht wurde. 

Eine hohe Ehre wurde den Vorständen des Vereines im Jahre 1888 zutheit, 
welche, als der Höchste Protector mit seiner erhabenen Gemahlin behufs Inspicie- 
rung der Veranstaltungen des Vereines vom Rothen Kreuze in Hermannstadt 
erschien, am Bahnhofe vom Herrn Erzherzoge bei der feierlichen Begrüßung 
huldvollst angesprochen wurden, wobei sich Seine kaiserliche und königliche 
Hoheit theilnahmsvoU nach den Verhältnissen des Vereines zu erkundigen und 
denselben seines gnädigen Wohlwollens zu versichern geruhte. 

Als der genannte Verein im Jahre 1894 sein öOjähriges Jubiläum mit 
einem großen Best- und Freischießen feierte, übersendete derselbe vorerst an den 
hohen Protector hiezu die geziemende Einladung, und zwar unter gleichzeitiger 
Übermittelung einer goldenen Denkmünze, welche der Verein aus Anlass seines 
Jubiläums hatte prägen lassen. Dieselbe trägt auf der Aversseite das wohl- 
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getroffene Brustbild weiland Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit des Herrn 
Erzherzogs Carl Ludwig, auf der Reversseite das Wappen des Hermannstädter 
Schützenvereines. Hierauf ergieng seitens des Herrn Erzherzogs ein überaus huld- 
volles Schreiben an den Verein mit einer Ehrengabe für die Bestscheibe, bestehend 
aus zehn Stück Ducaten. 

Der Verein, der seinen hohen Protector stets mit wahrer Begeisterung ver- 
ehrte, beklagt aufs tiefste sein Hinscheiden und wird dem hohen unvergesslichen 
Verblichenen immerdar ein dankbares Andenken bewahren. 



Auf Anregung des Josef Czemiewski Ritters von Szreniawa verbanden sich 
im Jahre 1825 mehrere Bürger der königlichen Kreishauptstadt Czernowitz in 
der Absicht, während der Sommermonate an Feier- und sonstigen Festtagen 
Schießübungen auf die Scheibe zu veranstalten. Es beseelte die Gründer der zu 
creierenden Gesellschaft der echt patriotische Gedanke, rüstige und angesehene 
Bürger einen engeren, auf gegenseitiger .\chtung beruhenden Bund schließen zu 
lassen, denselben die Möglichkeit zu bieten, sich mit der Handhabung von Feuer- 
waffen vertraut zu machen, um eventuell, im Falle drohender Gefahr zur Ver- 
theidigung des Monarchen und des eigenen Herdes aufgerufen, waffengeübt und 
kampfgerüstet der ergangenen Aufforderung Folge leisten zu können. Anfanglich 
von den damaligen Regierungsorganen mit Misstrauen betrachtet, war der 
Bestand der Gesellschaft erst durch eine gnädige Namensfertigung des Herrn 
Erzherzogs Ferdinand von Este einigermaßen sichergestellt. Bis zur Bestätigung 
der Statuten verflossen aber siebzehn Jahre, und erst, als Seine Majestät Kaiser 
Franz Josef am 29. Juli 1855 die Landeshauptstadt besuchte und der Schützen- 
gesellschaft in Czernowitz einen prachtvollen Silberpokal widmete, schlug 
die Stimmung der Behörden um, und es konnte eine Schießhalle aufgeführt 
werden. 

In demselben Jahre, in dem der Besuch des Kaisers stattfand, hat ein zweites 
hochwichtiges Ereignis auf das Schicksal der Schützengesellschaft unmittelbarsten 
Einfluss genommen, nämlich die Anwesenheit Seiner kaiserlichen Hoheit 
des Erzherzogs Carl Ludwig in der Bukowina und deren Hauptstadt. Der 
Bruder des Kaisers, mit herzlichster Freude empfangen, geruhte am 10. August 
die Schießstätte mit Höchstseiner Anwesenheit zu beglücken und an dem aus 
diesem Anlasse veranstalteten Festschießen durch Abgabe von fünf Schüssen auf 
die Scheibe thätigen Antheil zu nehmen. 

Die Scheibe wurde pietätvoll bis zur Stunde aufbewahrt, sowie auch der 
sehr wertvolle prächtige Scheibenstutzen, welchen Seine kaiserliche und könig- 
liche Hoheit damals widmete. 

Schon im Jahre zuvor, 1854, hatte der Schützenverein den Beschluss 
gefasst, sich unter das mächtige Protectorat des Erzherzogs zu stellen (Sitzungs- 
beschluss vom 25. Mai 1854), welcher damals schon in Galizien weilte, jedoch 
scheint dieser Gedanke, aus unbekannter Ursache, nicht zur Ausführung gelangt 

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zu sein. Am 27. December 1 855 aber wagte er in einer eigenen Eingabe dieser Bitte 
ehrfurchtsvollen Ausdruck zu leihen, und zu allgemeiner Freude wurde die Bitte 
huldreichst gewährt. Überdies erhielt der Schützenverein vom Erzherzoge den 
erwähnten Scheibenstutzen, dessen Übergabe in ähnUch feierlicher Weise, wie die 
des vom Kaiser gespendeten Pokals erfolgte und der mit Dankjubel entgegen- 
genommen wurde. Seit dieser Zeit führt der Verein in seinem Titel das Wappen 
und den Namen Seiner kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Carl Ludwig und 
veranstaltete alljährlich zur Feier des Geburtstages Höchstdesselben ein Best- 
schieöen am 30. Juli, wovon dem hohen Protector pflichtschuldige Kunde wurde, 
die sich stets einer gnädigsten Antwort erfreute. 

Der Erzherzog genehmigte, dass Höchstdessen Sohn Otto Franz Josef 
die Ehrenmitgliedschaft des Vereines annehme, so dass nun das Band, das den 
Verein an seinen erhabenen Protector knüpfte, ein doppeltes genannt werden darf. 
■Die Schützengesellschafl trachtet aber auch immerfort», so liest man in der 
Vereins-Jubiläumsschrift vom Jahre 1875, «der ihr gewordenen Auszeichnung 
seitens eines Mitgliedes des Allerhöchsten Herrscherhauses sich würdig zu 
erweisen, nicht allein durch Worte, sondern auch durch Thaten. 

Die historische Entwicklung der äußeren Verhältnisse der Schützen- 
gesellschaft gelangte infolge der Annahme des Protectorates durch den Erzherzog 
Carl Ludwig zu einem Ruhepunkte. Es trat in den Geschicken der Schützen- 
gesellschaft ein gedeihlicher Umschwung ein, kein Hindernis stellte sich ihrem 
Thun und Lassen entgegen, es war kein Widerstand noch ferner zu bekämpfen, 
im frohen Genüsse des Erreichten, in vollster Würdigung der hohen und seltenen 
Auszeichnung verflossen Jahre, während welcher der Schützenverein durch den 
Beitritt angesehener Männer erstarkte und sich immer mehr ausbreitete. Fem 
von jeder Anwandlung, sich über den eigenen Wirkungskreis zu erheben, 
arbeiteten die Schützen eifrig daran, ihrem Bunde sowohl die zu seiner Erhaltung 
und Entwicklung nothwendigen materiellen Grundlagen zu schaffen und zu 
sichern, dann aber auch den Zweck ihres Daseins zu erweitem, und aus den 
Schranken, die einem bloß geselligen Vergnügungen gewidmeten Vereine gezogen 
sind, herauszutreten und, ohne diese ganz fallen zu. lassen, auch nach außen hin 
eine lobenswerte Thätigkeit zu entwickeln. Der Wunsch der Schützen, in ein 
uniformiertes bürgerliches Schützencorps eingereiht zu werden, konnte 
in seiner unbestimmten Form ursprünglich nicht verwirklicht werden. In der 
jüngsten Vergangenheit äußerte sich das Begehren dahin, dass es dem zu 
schaffenden Corps bewaffneter Bürger gestattet werde, mit Fahne und klingendem 
Spiele bei festlichen Anlässen auszurücken, hauptsächlich aber, dass deren Ver- 
wendung bei Aufrechthaltung der öffentüchen Ruhe und Ordnung ausdrücklich 
als Verpflichtung hervorgehoben werde. 

Mittels Allerhöchster Entschließung vom 29. März 1873, laut Erlass des 
Landesvertheidigungs-Ministeriums vom 31. März, geruhte Seine Majestät die Bitte 
des Schützenvereines allergnädigst zu bewilligen und, die bewährte Treue und 
Anhänglichkeit der Schützenmitglieder an Kaiser und Reich, ihren uneigennützigen 



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Patriotismus huldreichst anerkennend, den Schützen alle oben angeführten Befug- 
nisse und Rechte zu verleihen. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig gestattete 
überdies, dass zum sichtbaren Zeichen seines unwandelbaren Wohlwollens die 
Fahne des Uniformierten Bürgerlichen Schützencorps mit Höchstseinem Wappen 
geschmückt werde; gleichzeitig geruhte seine durchlauchtigste Gemahlin, Ihre 
kaiserliche Hoheit die Frau Erzherzogin Maria Theresia, die Pathenstelle bei 
der Fahnenweihe zu übernehmen. 



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XIII. Capitel. 
Erzherzog Carl Ludwigs größere Reisen. 

Schon in früher Jugend zeigte sich bei dem Erzherzoge die Lust, Reisen zu 
unternehmen. Der ihm so eigene Trieb, fremde Verhältnisse kennen zu lernen, 
sowie die im Auslände gemachten Erfahrungen für die Heimat zu verwerten, blieb 
ihm durch das ganze Leben. Gern ergriff er die Gelegenheit, die sich nur bieten 
mochte, eine größere, ins Ausland führende Reise zu machen, und immer wusste 
er damit einen höheren Culturzweck zu verbinden. Freudig unterzog er sich den 
Allerhöchsten Missionen, die ihn in andere Länder brachten, um an fremden Höfen 
bei festlichen Anlässen Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät zu 
vertreten, und nie war ihm ein Reiseziel zu ferne, um eine Ausstellung als 
Protector zu besuchen oder um einem anderen bedeutsamen Anlasse Folge zu 
geben. Dadurch gewann er einen weit umfassenden Gesichtskreis, eine Errungen- 
schaft, die den Völkern zur Wohlfahrt gereicht, wenn sie von denen gewonnen 
ist, die dem Throne am nächsten stehen. Unter den vielen Reisen, die der Erzherzog 
in seinem Leben gemacht, sind, abgesehen von den wiederholten Fahrten nach 
England und Frankreich, Italien und Griechenland, nach Sachsen und Thüringen, 
nach Berlin und München, von besonderer Wichtigkeit die Reisen an den 
russischen Hof, die Reise nach Spanien, die Reise nach Schweden und Norwegen, 
und endlich die letzte große Fahrt, die Reise nach Ägypten und Palästina. 

Es waren theils freudige, theils traurige Ereignisse, welche den Erzherzog 
viermal an den russischen Hof nach Petersburg, Peterhof und Moskau 
führten; doch die bedeutsamste Reise -war die, welche durch die Theilnahme 
an der Krönungsfeier 1883 veranlasst war. Nach dem schrecklichen Tode 
Alexanders II., dessen Leichenbegängnis der Erzherzog schon 1881 beigewohnt 
hatte, ließ der neue Czar Alexander IIL nicht nur das Trauerjahr, sondern auch 
noch ein zweites Jahr verstreichen, ehe er sich und seiner Gemahlin die heilige 
Krone aufs Haupt setzte. Er wollte, dass die durch die entsetzliche Katastrophe 
erregten Gemüther sich beruhigten, bevor das Freudenfest, das mit der Krönung 
verbunden war, gefeiert würde. 

Erzherzog Carl Ludwig ward von seinem kaiserlichen Bruder mit dem 
hohen Auftrage betraut, nebst seiner durchlauchtigsten Gemahlin, Erzherzogin 
Maria Theresia, den Allerhöchsten Hof bei dem glänzenden Feste in Moskau 
zu vertreten. Mit großem Gefolge trat das erzherzogliche Paar die Reise an, und 
angesehene Mitglieder des österreichisch- ungarischen Adels fanden sich in 
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Moskau ein. Aus Petersburg hatte sich der österreichisch-ungarische Botschafter 
mit seinem Personal in die Krönungsstadt begeben, und die österreichische 
Colonie in Moskau war hocherfreut und beglückt, den kaiserlichen Prinzen und 
dessen anmuthvoUe Gemahlin in der alten, an historischen Erinnerungen so 
reichen'Czarenstadt begrüßen zu können. 

Die russische Kaiserkrönung wird immer von dem ganzen russischen Volke 
niitempfunden und mitgefeiert. Die festliche Ceremonie ist eine heilige Handlung, 
welche als sichtbares Zeichen der göttlichen Mission des Czarenthums, als Unter- 
pfand der dem Czar von Gott verliehenen irdischen Gewalt betrachtet wird. Jeder 
Russe schätzt sich glücklich, an dem Feste auf irgend eine Art theünehmen zu 
können und ein Erinnerungszeichen des großen Augenblicks zu erhalten; als 
theures Andenken werden die zum Krönungsfeste unter die Menge vertheilten 
Volksspenden in den Familien selbst der Ärmsten aufbewahrt, und außerordentlich 
ist der Zudrang zur Verabreichung solcher Geschenke. Diesmal aber erfüllte 
besondere Freude und weittragende Hoffnung die Herzen aller Russen, da die 
bange Stimmung, die sich an die entsetzliche Todesart des verstorbenen Czars 
geknüpft hatte, allmählich gewichen war und die ängstliche Besorgnis zuversicht- 
lichem Vertrauen platzgemacht hatte. Dieser SonnenbUck vergoldete mit seinem 
Glänze das Krönungsfest und beleuchtete mit hellen Strahlen die alte Czarenstadt. 
Auch die zur Theilnahme an der Feier erschienenen Fürsten waren von fester 
Zuversicht und von jener frohen Hoffnung erfüllt, die das ganze Reich empfand. 
Alle jene Vorkehrungen, die zum Schutze der hohen Gäste getroffen waren, die 
Überwachung der Bahnen und Wege und ähnliche Maßregeln, wurden nicht mehr 
als Bedürfnis empfunden, und die Truppenaufstellungen, die den Schutz der 
Höchsten Herrschaften verbürgten, trugen mehr den Charakter einer Parade als 
den des Sicherheitsdienstes an sich. 

Unter dem Geläute aller Glocken, von der Geistlichkeit, von den staatlichen, 
militärischen und bürgerlichen Würdenträgern festlich begrüßt, war das Kaiser- 
paar in das alte Moskau eingezogen und hatte den kleinen Palast im Petrowski- 
Parke außerhalb der Stadt bezogen, da vor dem Krönungsfeste der Czar den Kreml 
nicht betritt. Der Sammlung für das bedeutungsvolle Fest hatte sich das Kaiser- 
paar einige Tage hingegeben. Alsdann folgte der feierliche Einzug aus dem 
Petrowski-Palais in den Kreml. 

Unterdessen hatten sich die Vertreter der Mächte in der Krönungsstadt 
eingefunden. Erzherzog Carl Ludwig und Gemahlin Erzherzogin Maria 
Theresia hatten ihr Absteigequartier in einem besonderen Palaste genommen, 
der aus dem Besitze eines reichen Moskauer Kaufherrn vom russischen Hofe 
eigens zu dem Zwecke, damit es dem hohen Vertreter unseres Kaisers zum 
Aufenthalte diene, übernommen und prachtvoll ausgestattet worden war. Feinste 
Einrichtung und möglichste Bequemlichkeit, Abgeschiedenheit und Ruhe eines in 
einem Garten entfernt vom Getriebe der großen Straßen gelegenen Aufenthaltes 
waren hier dem erzherzoglichen Paare geboten. Der Palast lag jenseits der Moskwa 
nahe der neuen Heilandskirche und angesichts des neuen Kreml in freundlicher 
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Umgebung. Dort empfiengen Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria 
Theresia die Aufwartung aller Würdenträger, die gekommen waren, Ihren kaiser- 
lichen und königlichen Hoheiten ihre Ehrfurcht zu bezeigen, und dort gewährten 
sie auch den in Moskau ständig oder zeitweilig sich aufhaltenden Österreichern 
und Ungarn huldvollste Audienz, Innige Anhänglichkeit an die Heimat und tiefe 
Ehrfurcht für das Kaiserhaus, die Zusammengehörigkeit der verschiedenen Völker 
der Monarchie und die Eintracht der einzelnen Volkstheile in der Fremde kamen 
bei diesen Empfängen recht zum Ausdrucke, und die kaiserliche F'amilie erschien 
als das einigende Band, das sie alle liebevoll umschließt. Der Erzherzog als 
Stellvertreter des Kaisers überbrachte die Grüße aus der Heimat, die Erzherzogin 
gab das Wohlwollen kund, das die kaiserliche Familie für alle Angehörigen der 
Monarchie empfindet. So spiegelten die Empfange das Familienbild wider, das 
in der Vereinigung des Kaiserhauses mit den Völkern der Monarchie besteht. Der 
Erzherzog hatte in seiner bekannten liebenswürdigen Art für jeden der zum 
Empfange Erschienenen herzliche Worte, indem er seine Theilnahme an dem 
Schicksale der in der Fremde lebenden Staatsangehörigen bekundete und sich 
von jedem über dessen persönliche Verhältnisse berichten ließ. Erzherzogin Maria 
Theresia bezauberte alle durch den Liebreiz ihrer Erscheinung und die Anmuth 
ihres Wesens, durch die gemüthvolle Innigkeit ihrer Ansprache und die warme 
Empfindung ihres Herzens. 

In den höchsten Kreisen aber, mit denen Ihre kaiserlichen Hoheiten während 
ihres mehrtägigen Aufenthaltes im regsten Verkehre standen, zog das erzherzog- 
liche Paar allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Erzherzogin Maria Theresia, 
deren hoheitsvolle Gestalt hervorragte, fand allerorts die höchste Bewunderung. 
Die Pracht ihrer Toiletten blendete das Auge; mit künstlerischem Geschmacke 
waren die Formen und Farben der Kleidung gewählt. Der Geist, den ihre Reden 
athmeten, entzückte alle, und die Herzlichkeit, die ihre Worte beseelte, fesselte 
alle. Es war, als ob von ihrem Wesen Licht und Wärme in den Kreis ihrer 
Umgebung strömten. Während aber Herren und Damen sich willig dem Zauber 
ihrer unvergleichlichen Persönlichkeit unterwarfen, nahm sie selbst alle Huldi- 
gungen mit jenem feinsinnigen Tacte und jener natürlichen Bescheidenheit auf, 
welche zu den schönsten Zierden ihres Charakters gehören. Erzherzog Carl 
Ludwig war stets in engstem Verkehre mit den Staatsmännern, er stand in theil- 
nehmendem Umgange mit den Vertretern der Kunst und Wissenschaft und hatte 
für Handel und Gewerbe offenen Blick, Er benützte den Aufenthalt, soweit es 
die Festlichkeiten gestatteten, zu umfassenden Wahrnehmungen und gründlichen 
Beobachtungen. Sein scharfer Blick und seine rasche Auffassung setzten ihn in 
den Stand, wie im Fluge zu lernen und in Moskau alles zu erfassen, was die Stadt 
Eigenthümliches bietet. 

Eine F"estlichkeit folgte auf die andere, eine Veranstaltung wurde von der 

anderen abgelöst. Es fanden großartige Feste bei Hofe statt, es wurden aber auch 

Feste beim Generalgouvemeur Fürsten Dolgoruki und bei den Vertretern der 

fremden Mächte abgehalten. Im Theater wurde eine Gala-Vorstellung gegeben und 

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auf dem Chodinsky-Felde feierte man das große Volksfest. Überall aber waren es 
nach dem Kaiserpaare Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia, 
denen alle Augen sich zuwandten und denen alle Herzen zuflogen. 

Während der drei Tage, welche das Kaiserpaar nach dem Einzüge in den 
Kreml der inneren Vorbereitung zur heiligen Handlung durch Beten und Fasten 
widmete, konnten der Erzherzog und seine hohe Gemahlin die nothwendigen 
Besuche abstatten. Am Tage der Krönung aber war das durchlauchtigste Paar 
durch die Pflichten der Repräsentation in Anspruch genommen. Der Krönungszug 
bewegte sich aus dem Kreml-Palais in die Himmelfahrtskirche, wobei unmittelbar 
hinter den Söhnen des Kaisers Erzherzogin Maria Theresia am Arme des Herzogs 
von Edinburg schritt und Erzherzog Carl Ludwig die Großfürstin Maria Paulowna 
geleitete. Bei der Krönung, die in dieser Kirche stattfand, wohnten Erzherzog Carl 
Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia auf der zwölfstufigen Estrade unmittel- 
bar nächst der Kaiserfamilie der heiligen Handlung bei. Es folgte der Zug in die 
drei anderen Kirchen des Kreml, in denen der festliche Dank- und Lobgesang 
angestimmt wurde, und endlich die Rückkehr in das Kreml-Palais, wo das kaiser- 
liche Festmahl in Gegenwart aller Gäste und Würdenträger stattfand. Nach kurzer 
Pause folgte die große Cour in den herrlichen und bezüglich der Größe und 
Ausstattung geradezu als unübertroffen geltenden Räumen des Kreml. Der Kaiser 
und die Kaiserin durchschritten in wiederholtem Rundgange die Gemächer, in 
denen die vornehmsten Damen in russischer Nationaltracht und mit reichem 
Schmucke, sowie die Herren in Uniformen sich tief vor dem Herrscherpaare 
verneigten. Beim zweiten Rundgange reichte der Kaiser der Erzherzogin Maria 
Theresia, der Erzherzog Carl Ludwig der Kaiserin den Arm. Es war eine Freude, 
die beiden majestätischen Paare dah erschreiten zu sehen. 

Am folgenden Tage erschienen die Völker zweier Welttheile, um vor dem 
Kaiser und der Kaiserin im Kreml ihre Huldigung darzubringen, Brot und Salz in 
goldenen und silbernen Gefäßen überreichend. Die beiden Majestäten standen vor 
dem Throne und ihnen zunächst die Großfürsten mit Erzherzog Carl Ludwig. In 
schier endloser Reihe zogen die Deputationen vorüber, die Khane von Khiwa und 
Bokhara, von Samarkand und von jenseits des Baikalsees, die alle schon am 
Einzüge und Umzüge theilgenommen und die lebhafte Aufmerksamkeit des 
Erzherzogs und der Erzherzogin auf sich gelenkt hatten. 

Bei der Festvorstellung im Theater saß die Erzherzogin an der Seite der 
Kaiserin, Erzherzog Carl Ludwig dem Kaiser zunächst, und bei allen anderen 
Festlichkeiten war das erzherzogliche Paar mit der zartesten Aufmerksamkeit 
ausgezeichnet worden. 

Man konnte es deutlich erkennen, dass alle die Liebe und Güte, die dem 
hohen Paare zugewendet wurde, sowohl an der befehlenden Allerhöchsten Stelle, als 
auch bei den ausführenden Organen aus dem Grunde des Herzens kam. Man sah, 
dass die erwiesene Aufmerksamkeit nicht nur dem hohen Range Ihrer kaiserlichen 
Hoheiten und der Vertretung des allzeit befreundeten Monarchen eines mächtigen 
Nachbarstaates galt, sondern auch dem bewunderungswürdigen Charakter der 
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Persönlichkeiten des Erzherzogs und der Erzherzogin gewidmet war. Sie hatten 
sich in Russland überall, wo sie erscheinen mochten, die Herzen aller erobert, wie 
sie denn überhaupt im Auslande nicht minder als in der Heimat stets innig geliebt 
werden von jenen, die das Glück haben, ihnen jemals näher gestanden zu sein. 



Während die Reise nach Russland dem besonderen Zweck der Vertretung 
Ihrer Majestäten galt, wurde der Erzherzog bald darauf in seiner Eigenschaft 
als Schirmherr der österreichischen Industrie nach dem fernen Süden geführt. 

Von jeher war Spanien für den Erzherzog ein Land der Sehnsucht und 
nachdem er im hohen Norden Petersburg und Moskau kennen gelernt hatte, zog 
es ihn mit um so größerer Macht nach Spanien, das durch seine eigenartige Natur- 
schönheit und seine herrlichen Kunstdenkmäler, durch seine mit der Geschichte 
des Hauses Habsburg so eng verknüpfte glänzende Vergangenheit und durch die 
handelspolitischen Interessen der neueren Zeit eine unwiderstehliche Anziehung 
übte. Da Seine kaiserliche Hoheit die Weltausstellung in Barcelona 1888 als 
Protector der österreichisch-ungarischen Abtheilung besichtigen wollte, womit ein 
Besuch am Hofe zu Madrid verbunden werden musste, so benützte der Erzherzog 
diesen Anlass zu einer ausgedehnteren Bereisung des schönen Landes. 

Seine kaiserliche und königliche Hoheit fuhr am 10. April 1888 abends, von 
Seiner Excellenz dem Obersthofmeister Grafen Pejäcsevich und dem Dienst- 
kämmerer Grafen Cavriani begleitet, mit dem Orientexpresszuge nach Paris. Hier 
wurde der Erzherzog bei der Ankunft, die am nächsten Abend um 6 Uhr erfolgte, 
auf dem Ostbahnhofe von seinem Schwager König Franz II. von Neapel und dem 
Botschafter Grafen Hoyos begrüßt und fuhr mit ihnen durch die Stadt nach dem 
Bahnhofe der Linie von Orleans, um von hier mit dem Expresszuge die Reise fort- 
zusetzen. Am 12. April gegen 1 Uhr in Irun, der ersten Stadt auf spanischem 
Gebiete, eingetroffen, wurde er bereits officiell von dem Präfecten bewillkommnet. 
Nachdem auch auf dem Bahnhofe in Vittoria Beamte zur Aufwartung erschienen 
waren, fand in Miranda de Ebro ein größerer Empfang durch den Präfecten und 
den Präsidenten der Districtsdeputation von Burgos statt, die nach dem gemein- 
schaftlichen Diner, das auf dem Bahnhofe genommen ward, bis Burgos mitfuhren, 
wo die Ankunft um 9 Uhr abends erfolgte. Auf dem Bahnhofe zu Burgos von 
dem commandierenden General mit einer Ehrencompagnie, den politischen und 
städtischen Behörden empfangen, fuhr der Erzherzog mit dem Präfecten, dem 
Präsidenten der Provincialdeputation und dem Bürgermeister in das Gebäude der 
Provincialdeputation, wo das Nachtlager bereitet war. Am folgenden Tage begab 
er sich mit denselben Herren zum Dom, den er längere Zeit besichtigte, wobei er 
sowohl die reichen Schätze der Architektur und Malerei im Inneren, als auch die 
kunstvolle decorative Arbeit des Äußeren bewunderte. Darauf besuchte er das in 
schöner, aber schattenloser Gegend gelegene Karthäuserkloster La Cartuja de 
Miraflores, dessen Bewohner sehr zufrieden aussahen, da ihnen aus Anlass dieses 
hohen Besuches gestattet war, an diesem Tage zu sprechen, und besichtigte die 



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Kirche des Klosters, die historisch interessante Grabmonumente enthält; dann 
beehrte der Höchste Herr das unter kÖnigUchem Patronate stehende Kloster der 
Benedictinerinnen Las Huelgas, das große, schöne Räume enthält und von dessen 
Terrasse aus sich eine weit ausgedehnte Aussicht eröffnet. Nach der Rückkehr 
besichtigte der Erzherzog das Rathhaus von Burgos, wo die Gebeine des Cid 
gezeigt wurden, die früher im Schlosse des Fürsten Anton von Hohenzollem- 
Sigmaringen waren. Im Hause der Deputation gab der Erzherzog schließlich den 
verschiedenen Behörden ein Diner und reiste um 9 Uhr abends nach Madrid ab. 
In der Hauptstadt harrte des kaiserlichen Prinzen ein großer Empfang. Am 
14. April morgens kam der Erzherzog in Madrid an. Auf dem Bahnhofe, wo eine 
Ehren com pagnie aufgestellt war, hatten sich der Herzog Anton von Montpensier, 
der Minister des Äußeren und die Spitzen der Behörden eingefunden, um den 
hohen Gast feierlich zu begrüßen. Im königlichen Palais kamen ihm die Königin- 
Regentin Erzherzogin Christina, deren Mutter Erzherzogin Elisabeth und des 
Erzherzogs Schwägerin Infantin Isabella, Gräfin von Girgenti, in der für Seine 
kaiserliche Hoheit bestimmten Wohnung entgegen; nach dem Dejeuner erschienen 
auch die Kinder, die beiden anmuthigen und wohlerzogenen Infantinnen und der 
kleine König Alfonso. Am Nachmittag fuhr der Erzherzog mit den ihm beigegebenen 
Herren, worunter General Pacheco, nebst seinem Gefolge ins Museum del Prado, 
wo er in der reichhaltigsten Gemäldesammlung der Welt vor allem die herrlichen 
Bilder von Velasquez und Murillo, sowie auch einige von Rafael und Tizian 
ansah und längere Zeit der Betrachtung dieser berühmten Kunstwerke widmete. 
Nach 5 Uhr machte er Besuche bei der Infantin Eulalia und deren Gemahl, 
Herzog von Montpensier, die in einem kleinen gemieteten Hause wohnten, 
sowie bei der Infantin Donna Christina, der Schwester des Titularkönigs Franz 
von Assisi. Nachdem er am anderen Tage mit der Infantin Isabeila im Oratorium 
der Palastkapelle die heilige Messe gehört hatte, besichtigte er mit ihr die 
königliche Sammlung von Waffen und Rüstungen, die wohl einige schöne Stücke 
besitzt, aber der Ambraser Sammlung an Bedeutung und Reichhaltigkeit weit 
nachsteht, und die königliche Bibliothek, die wertvolle Manuscripte enthält. Am 
Nachmittag fuhr er mit der Schwägerin zum Stiergefecht, das die Höchsten Herr- 
schaften von der königlichen Loge in der Arena nur kurze Zeit ansahen. Der Erz- 
herzog hatte wenig Gefallen an diesem Schauspiele und fand es geradezu ekelhaft, 
dass die Pferde noch angetrieben wurden, als ihnen schon die Gedärme aus dem 
Leibe hiengen. Am anderen Tage fuhr der Erzherzog mit Gefolge nach Toledo, 
wo am Bahnhofe Viererzüge von Hof-Mauleseln zur Verfügung standen. In der 
Stadt, auf deren alten Thoren der kaiserliche Adler in Relief bemerkt wurde, 
schenkte der Höchste Herr nach einem Besuche im .Alcazar und in der Militär- 
Akademie der Besichtigung des Domes zwei volle Stunden und war von den 
Eindrücken der vielen Kunstschätze ganz entzückt. Nach einem Besuche bei 
dem Cardinal- Erzbischof, dessen freundliches und verbindliches Wesen Seiner 
kaiserlichen Hoheit gefiel, sah der Erzherzog mit dem eingehendsten Interesse 
die Paramenten Weberei an. Er besichtigte dann die Waffenfabrik, in der die 



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berühmten Toledo-Klingen erzeugt werden, und, bestellte hier einige Klingen, 
um sie den drei Söhnen und dem Herzog Dom Miguel von Bragan^a mitzubringen. 
Abends spät erfolgte die Rückkehr nach iMadrid. Am nächsten Tage sah der 
Erzherzog in der Bildergallerie des Museums die Sammlung der neueren spani- 
schen Schule und begab sich dann zur Kirche Maria Atocha. Nachmittags besich- 
tigte er die prachtvollen Gobelins des königlichen Schlosses, die man im großen 
Palastgange zu diesem Zwecke aufgehängt hatte. Später empfieng er das diplo- 
matische Corps und fuhr abends zum Botschafter Grafen Dubsky, bei dem alle 
Minister versammelt waren, worauf er in den königlichen Palast zurückkehrte und 
zur großen Soiree erschien. Den folgenden Tag widmete er dem Besuche des 
berühmten Klosters Escorial. Vom Bahnhofe fuhr er nebst Gefolge mit Vierer- 
zügen von Maulthieren zum Hauptportal und schritt durch den großen Hof in die 
Kirche, in der die beiden großen betenden Gruppen aus vergoldeter Bronze, die 
künstlerisch und historisch interessanten Statuen des Kaisers Carl V., der 
Gemahlin Isabella, der Tochter und der beiden Schwestern Eleonore und Maria 
rechts, des Königs Philipp II. mit der ersten, dritten und vierten Frau und dem Sohne 
Don Carlos links an den Seiten des Hauptaltares seine Bewunderung erregten. 
Nach Anhörung einer heiligen Messe begab er sich in die königliche Gruft. In 
den der königlichen Familie vorbehaltenen Gemächern des Klosters wurde ein 
Gabelfrühstück genommen, und der Höchste Herr erfreute sich dann an dem 
herrlichen Blick, den die Terrasse auf die Ebene und die schneebedeckten Berge 
gestattet. Der Erzherzog besichtigte darauf die Bibliothek und Philipps II. Zimmer 
nebst Oratorium, in welchem die Einrichtung aus jener alten Zeit geblieben ist, 
und bewunderte den großen Reichthum an Gobelins in den schönen Räumen, 
sowie die bemerkenswerten Fresken in der Decke des prächtigen Stiegenhauses. 
Zuletzt sah er noch den Pavillon Carls IV., la Casita del Principe, ein nettes und 
freundliches Haus, und kehrte nach Madrid zurück. Nachdem er am folgenden 
Morgen frühzeitig eine Infanterie- und eine Cavallerie-Kaserne mit General Pacheco 
besichtigt und noch verschiedene Botschafter aufgesucht hatte, widmete er den 
Tag einem interessanten Ausfluge. Mit einem Separathofzuge fuhr er mit der 
Königin-Regentin Christina, Erzherzogin Elisabeth und der Infantin Isabelta nach 
Aranjuez, wo er mit den übrigen Höchsten Herrschaften den Jardin del Principe 
und die Casa del Labrador ansah und nach dem hier eingenommenen Dejeuner 
das Schloss eingehend besichtigte, worauf am Abend die Rückkehr nach Madrid 
erfolgte. 

Am 20. April vormittags fuhr der Erzherzog mit Gefolge in Hofwagen, die 
je mit vier Mauleseln bespannt waren, nach dem Schlosse Pardo, in welchem die 
prächtigen Gobelins und die gestickten Teppiche sowohl, als auch einige wertvolle 
Bilder hohe Bewunderung erregten. Nachmittags ritt der Erzherzog mit der 
Königin-Regentin Christina zur Truppen-Revue und besichtigte dann, von 
General Pacheco begleitet, die drei Museen der Marine, der Artillerie und der 
Genietruppe, alles interessante, reichhaltige und hübsch aufgestellte Sammlungen. 
Nach dem Diner fuhr der Erzherzog ins Teatro Real, wo «Feodora- mit Sarah 



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Bernhard gegeben wurde, die den Tod durch Salbstvergiftung in einer Weise 
darstellte, dass sie zu einem Vergleiche mit der Wolter in dieser Rolle anregte. 

Der letzte Tag in Madrid ward noch gut ausgentitzt. Nach Besichtigung 
einiger größerer Gebäude besuchte der Erzherzog die Akademie der bildenden 
Künste, wo ihm die Werke Murillo's und Bildnisse der spanischen Königsfamilie 
gefielen, und sah die Teppich- und Gobelinfabrik, in der er die Arbeiten mit großem 
Interesse und lebhafter Aufmerksamkeit verfolgte. Nachdem er noch den Ver- 
wandten des Hofes die letzten feierlichen Besuche abgestattet, verabschiedete er 
sich nach dem Diner von der Königin-Regentin Erzherzogin Chrtstina und den 
übrigen Höchsten Damen, indem er für die ihm in so reichem Maße erwiesene 
Aufmerksamkeit dankte, und trat abends die Reise nach Cordova an. 

- Gleich nach der Ankunft in Cordova am nächsten Tage fuhr der Erzherzog 
von der Bahn in den Dom, jene berühmte, mit fast 900 Säulen und eigenthüm- 
lich'en Bogen gezierte große Moschee im maurischen Stile, in die ein Chor mit 
Hochaltar hineingebaut ist. Nach Besichtigung des großartigen Bauwerkes hörte 
der Erzherzog daselbst die heilige Messe und fuhr dann ins Hotel de Suisse, wo 
er nachmittags Corresponden2en erledigte und nach den anstrengenden Tagen 
von Aladrid froh war, etwas Ruhe zu genießen. 

Am 23. April reiste er um 11 Uhr nach Sevilla durch die schönen Land- 
schaftsbilder mit der südlichen Vegetation und genoss entzückt den prächtigen 
Anblick, den die Stadt Sevilla mit ihren vielen Thürmen aus der Ferne bietet. Vom 
Bahnhofe begab er sich direct zum Dom, der ihm als der schönste Kirchenbau 
erschien, den er in Spanien gesehen, und betrachtete mit höchstem Interesse 
Murillo's heiligen Antonius. Dann fuhr er über die sehr belebte große Promenade, 
einen breiten, mit Alleen besetzten Weg am Ufer des Quadalquivir, zum Alcazar, 
einem historisch merkwürdigen maurischen Gebäude, in dessen oberem Stockwerk 
eine Wohnung für die königliche Familie zum Winteraufenthalte hergerichtet ist, 
und von dessen Terrasse man über den Garten mit seinen prächtigen Bäumen und 
Gewächsen einen herrlichen Bück genießt. Nach dem vortrefflichen Diner im Hotel 
de Madrid empfleng der Erzherzog am Abend den Maler Egghofer, einen Öster- 
reicher, der 'sich seit einiger Zeit in Sevilla aufhielt, und ließ sich auch dessen 
Frau, eine geborene Baronin Pereira, vorstellen. Am folgenden Tage begab sich 
der Erzherzog nochmals zum Dom, um Murillo's Antonius-Bild zu sehen, und 
bestieg die Giralda, den Thurm, von dessen Höhe das Auge die Gegend in weitem 
Umkreis beherrscht. Die übrige Zeit des Tages war noch ganz der Kunst gewidmet. 
Im jMuseum besichtigte der Erzherzog die berühmten herrlichen Werke des 
Murillo und die antiken Sculpturen aus der Römerzeit, die in der Nahe der Stadt 
ausgegraben wurden, und sah dann in der Akademie der bildenden Künste die 
ausgestellten^Zeichnungen von Schülern. 

Nachmittags 3 Uhr erfolgte die Abreise nach Cadix, wo das Hotel eine 
schlechte Unterkunft bot, und am Morgen fand die Einschiffung auf einem Boote 
der Transatlantic Company zur Fahrt nach Tanger statt, das bei sehr bewegter 
See nachmittags '/«S Uhr erreicht wurde. 



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Die Stadt Tanger in ihrer reizenden Lage mit dem malerischen Gebirge 
im Hintergrunde bot einen überaus schönen Anblick. Die im Hotel Continental 
genommene Wohnung hatte eine vortreffliche Aussicht auf Meer und Gebirge. Der 
Erzherzog besuchte den Generalconsul, der zum Empfang erschienen war, in 
dessen Wohnung und bemerkte zu seiner Freude in dem Zimmer der Tochter 
lithographierte Bildnisse bekannter Persönlichkeiten, wie der Erzherzogin Maria 
Josefa, der Schauspielerin Hartmann, der Sängerin Bianchi und anderer. Ins Hotel 
zurückgekehrt, freute sich der Höchste Herr am Abend auf dem Balcon noch des 
hellen Mondes, der sich im Meere spiegelte und die Umgebung mit seinem milden 
Lichte übergoss. 

Auf einem kleinen Schiffe einer englischen Gesellschaft fuhr der Erzherzog 
am 26. April nach Gibraltar bei schönem Wetter und ruhiger See. Er war ganz 
entzückt von der herrlichen Fahrt, auf der er vor sich den hohen Felsen von 
Gibraltar hatte und rechts das Gebirge sah, dann näher die Stadt Ceuta erblickte, 
während das Meer sich bald in blauer, bald in grüner Färbung zeigte. Als das 
Schiff nach '/(3 Uhr in den Hafen einlief, machte die Stadt in ihrer hohen Lage 
am Felsen angelehnt einen imposanten Eindruck. Von dem Generalconsul begleitet, 
fuhr der Erzherzog sogleich auf die Festung, die er eingehend besichtigte. Er 
hatte von dem hohen Punkte aus, bei günstiger Witterung und Beleuchtung, eine 
einzig schöne Aussicht auf die See, das Gebirge und die Ebene von Spanien. Er 
ritt dann auf die Südseite herab und fuhr mit dem Generalconsul auf die Alameda, 
die sich durch schöne Anlagen, in denen die Büsten Wellingtons und Elliots auf- 
gestellt sind,' auf eine lange Strecke hinzieht. Im Hotel Royal stieg Seine 
kaiserliche Hoheit ab, zog den Generalconsul zum Diner und begab sich mit ihm 
in dessen Wohnung, wo er einige Zeit im Gespräch verweilte. 

Die Weiterreise erhielt ihre Richtung landeinwärts. Am 27. April um 8 Uhr 
früh brach der Erzherzog mit dem Gefolge auf und ritt über San Roque, der 
ersten spanischen Stadt, nach Gaucin, wo er, um 7 Uhr abends angekommen, in 
einer Posada übernachtete. Um 5 Uhr früh wurde der Ritt über die Höhen, die 
eine weite und schöne Aussicht bieten, bis nach Rond a fortgesetzt. Hier benützte 
der Höchste Herr einen von vier Maulthieren gezogenen Stellwagen zur Fahrt 
nach Gobantes, der Eisenbahnstation für die Richtung nach Malaga. Um »/»H Uhr 
vormittags, den 29., fuhr Seine kaiserliche Hoheit weg und traf nach */*' Uhr in 
Malaga ein, wo der Generalconsul Groß zum Empfange erschienen war. Der 
Erzherzog fuhr vom Bahnhofe unmittelbar in den Dom, der, obwohl ein Spät- 
renaissance-Bau, im Inneren einen mächtigen Eindruck machte, dann ins Hole! 
de Rome, das in angenehmen Zimmern eine würdige Unterkunft bot. Nach dem 
Diner fuhr er mit dem Generalconsul über die Alameda zur Kirche El Cristo de 
la Victoria, in der einige eroberte Fahnen aufbewahrt werden. Die Fahrt gieng dann 
längs des Hafens, darauf bei hübschen Villen und Gärten vorbei zum Consulat' 
und ins Hotel zurück. Am anderen Tage wohnte der Erzherzog um 9 Uhr dem 
Hochamte im Dom an einem ihm angetragenen Platze im Chore bei. Mit dem 
Consul, der im Hotel schon wartete, begab er sich dann in die große Spinnerei 
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des Heim Larios Marquis de Quardiaro und besichtigte einige Säle mit den 
mechanischen Webstühlen und den Färbereien, sodann sah er den hübschen 
Garten des Fabriksherrn mit den schönsten Bäumen und Blumen. Darauf fuhr er 
in die Wohnung des Generalconsuls, der, alsdann Im Hotel zum Dejeuner 
gezogen, vieles Interessante über die politischen Verhältnisse in Spanien erzählte. 
Mit dem Aussichtswagen, der durch Vermittlung des Generalconsuls bei- 
gestellt wurde und bis Bobadilla zur Verfügung stand, reiste Seine kaiseriiche 
Hoheit über das schön gelegene Loja nach Granada, wo er um 9 Uhr ankam 
und nach feierlichem Empfange durch Gouverneur und Bürgermeister ins Hotel 
Washington Irving nahe der Alhambra fuhr. Den Vormittag des 1. Mai widmete 
er ganz der Alhambra. Nach Besichtigung der so zierlich und elegant gebauten 
Räume, des Myrtenhofes und des Löwenhofes, in dessen Brunnen man die Wasser 
springen ließ, genoss der Erzherzog die herrlichen Aussichtspunkte im oberen 
Stock und ließ sich schließlich von einem im Löwenhof etablierten Photographen 
mit den beiden Grafen Pejäcsevich und Cavriani, den beiden Dienern, dem 
Gouverneur und dem Conservator der Alhambra zu einem Gruppenbilde aufnehmen. 
Nach 5 Uhr begab sich Seine kaiserliche Hoheit durch den Buchenwald zu Fuß 
in die Stadt durch die Puerta Carlos V. Mit dem Gouverneur fuhr er dann übe'r die 
Promenade und zur Stadt hinaus, wo er bei schönem Sonnenuntergänge den 
herrlichen Blick auf die Sierra Nevada hatte, und fuhr weiter zu den Zigeuner- 
höhlen, die der Alhambra gegenüber auf der anderen Seite des Flusses liegen. 
Am 2. Mai begab er sich in den Dom, Hier besuchte er vor allem in der Capilla 
Real die Grabmonumente des Königs Ferdinand des Katholischen und der Königin 
Isabella der Katholischen, Philipps des Schönen und der Königin Johanna der 
Wahnsinnigen; darauf sah er auch in der Krypta die Särge. Alsdann fuhr er zur 
Universität und nahm unter Führung des Rectors die Räumlichkeiten dieses neuen 
Baues in Augenschein, sowie das chemische Laboratorium, das physikalische 
Cabinet und die Bibliothek. Dann sah er noch die Kirche zum heiligen Augustinus 
und kehrte ins Hotel zurück, wo er mit dem Gouverneur das Dejeuner nahm. 
Nachmittags fuhr er in die Wohnung des Gouverneurs, um dessen Frau und Kinder 
zu sehen, darauf in die Akademie der bildenden Künste und in das Karthäuser- 
kloster, dessen Kirche an Marmorsculpturen reich ist und in der Sacristei schöne 
Schränke aus Cedemholz mit eingelegten Arbeiten besitzt. Als es schon dunkelte, 
begab sich der Erzherzog nochmals in die Alhambra und gieng dann zu Fuß ins 
Hotel. Er verabschiedete sich vom Gouverneur und verfügte sich gegen 10 Uhr 
auf den Bahnhof, um im Waggon zu übernachten. Nach 5 Uhr früh setzte sich 
der Zug in Bewegung und kam vor 2 Uhr in Cordova an, von wo nach einigem 
Aufenthalte die Reise mit dem großen Gepäck, das man hier mit einem Diener 
zurückgelassen hatte, nach Valencia fortgesetzt wurde. Es war eine schöne Fahrt 
bei sonnigem, warmem Wetter, und die freundliche, gut culttvierte Gegend, die 
von der Bahn durchschnitten wird, gefiel dem Höchsten Herrn ausnehmend. Am 
4. Mai vormittags in Valencia angekommen, fuhr der Erzherzog mit dem Grafen 
Pejäcsevich und dem Consul Mertens vom Bahnhofe in den Dom und wohnte 



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daselbst der heiligen Messe bei, die er für diesen Tag, als Sterbetag seiner zweiten 
Gemahlin, der Erzherzogin Annunziata, bestellt hatte. Seine kaiserliche Hoheit 
wurde am Portal vom Domcapitel erwartet und vor den Hochaltar geleitet, wo er 
den eigens hergerichteten Platz einnahm. Nach Besichtigung des Domes und seiner 
Schätze fuhr er zum Hotel d'Espaiia und begab sich nachmittags in den Justiz- 
palast und ins Provincialmuseum, über die Alameda durch die große Allee und die 
schönen Anlagen in die Wohnung des Consuls Mertens, wo er dessen Frau, 
eine angenehme Amerikanerin, mit der Seine kaiserliche Hoheit englisch sprach, 
und drei nette Kinder antraf. Über die Alameda, die sich unterdessen bei dem 
prachtvollsten Wetter sehr belebt hatte, fuhr er zur Arena für Stiergefechte, dem 
größten Circus Spaniens. Es übte darin eben Cavallerie eine Carroussel- 
vorstellung ein. Am 5. Mai begab er sich in den königlichen Garten, um die Stelle 
zu sehen, von der aus der Cid die Stadt erobert haben soll, und besuchte schließlich 
die Kanzlei des Consulates. 

Nach '/,1 Uhr erfolgte die Abfahrt in einem hübschen Salonwagen. Die Reise 
gieng am Meer entlang bei dem schön gelegenen Pefiiscola vorbei über Tortosa 
und Taragona, wo bei der Ankunft um 7 Uhr abends während des kurzen Auf- 
enthaltes ein festlicher Empfang von Seite der Behörden stattfand und der Vice- 
consul von Müller im Bahnhofe ein Souper veranstaltet hatte. 

Gegen 10 Uhr abends kam der Höchste Herr mit Gefolge in Barcelona an. 
Generäle, sowie die obersten politischen und städtischen Behörden, der General- 
consul Ritter von Schlick und der Präsident der österreichischen Abtheilung der 
Ausstellung, Alfred Ritter von Lindheim, waren zum Empfange versammelt. Der 
Erzherzog fuhr mit dem Gouverneur, das Gefolge mit den übrigen Herrn in das 
Hotel de las CuatroNaciones.Seine kaiserliche Hoheit behielt Herrn Alfred Ritter von 
Lindheim zum Thee und besprach mit ihm die Ausstellungsangelegenheiten noch 
in vorgerückter Stunde. Den 6. Mai, Sonntag, gieng der Erzherzog mit dem 
Grafen Pejäcsevich zu Fuß in die Kirche zum heiligen Nikolaus. Da er nach dem 
Evangelium zur Messe kam, hörte er noch die darauf folgende Messe ganz. Zwei 
Abtheilungen Infanterie wohnten nacheinander je einer Messe bei, und dem 
Erzherzog gefiel die anständige und gesammelte Haltung der Mannschaft beim 
Gottesdienste ausnehmend. Nach 10 Uhr fuhr er mit dem Gouverneur zum 
Ausstellungsgebäude und wurde von den Mitgliedern der spanischen Ausstellungs- 
commission und einer zahlreichen Menge enthusiastisch empfangen. Es war im 
allgemeinen noch nicht viel mehr zu sehen, als Kisten und unvollendete Kioske. 
Die österreichische Abtheilung war die einzige, die vollendet dastand. Hier 
begrüßte der Präsident Alfred Ritter von Lindheim an der Spitze der Comite- 
Mitglieder Seine kaiserliche Hoheit mit einer Ansprache, die der Erzherzog 
erwiderte. Daraufnahm der Höchste Herr die eingehendste und genaueste Besichti- 
gung der ausgestellten Gegenstände vor und sprach mit den dabei anwesenden 
Personen in der leutseligsten und liebenswürdigsten Weise. Nachmittags begab 
er sich mit dem Gouverneur und dem ihm beigegebenen General nebst den 
beiden Herren seines Gefolges in die Arena zum Stiergefecht, das er aber bald 
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wieder verließ, um mit dem Gouverneur eine Spazierfahrt in die freie Natur zu 
machen. Er fuhr durch die Stadt und durch Gracia, eine Vorstadt, die sich durch 
schmutzige Häuser und vernachlässigte Straßen von Barcelona aufTallend unter- 
scheidet und in dem Rufe steht, sehr republikanisch gesinnt zu sein, hinaus auf 
die Höhen bei hübschen Villen und Gärten vorüber mit schönen Ausblicken auf 
Barcelona und schließlich denselben Weg zurück ins Hotel. Am Abend besuchte 
dar Erzherzog das Teatro del Liceo, wo «Lohengrin« mit italienischem Texte 
gegeben und namentlich in den Frauenrollen gut gesungen wurde. In dem Theater, 
welches das größte in Europa sein soll, war die Mittelloge genommen worden, und 
es erschienen der Gouverneur, der Bürgermeister und andere Herren, ihre 
Aufwartung zu machen. Am folgenden Morgen gieng der Erzherzog in den Dom, 
einen gothischen Bau mit hohem, schönem Gewölbe, und es interessierten ihn hier 
besonders an denXhorstühlen die Wappen der Toisonisten aus der Zeit Carls V,, 
sowie die feine Arbeit der Säulen am Hochaltar, sodann die Kapelle der heiligen 
Eulalia, deren Gebeine hier liegen. Darauf besichtigte er das Archiv der Krone von 
Aragonien mit den zahlreichen Manuscripten und Urkunden, die gut erhalten sind 
und in offenen Stellagen aufbewahrt werden. In der Universität, einem neuen 
Gebäude, erregten die schone Stiege und die ansehnlichen Räume, die aus- 
gedehnte Bibliothek und der große Festsaal die Aufmerksamkeit des hohen Gastes, 
der von dem Rector begleitet und von den Studenten mit Vivatl-Rufen begrüßt 
wurde. Nach dem Besuche des Stadthauses und der Casa de la Diputaciön, in 
welcher sich die historisch wichtigen Bildnisse aller Grafen von Barcelona befinden, 
kehrte Seine kaiserliche Hoheit ins Hotel zurück, wo 20 Personen zum Dejeuner 
geladen waren. Nachmittags fuhr der Erzherzog mit Herrn Girona, dem königlich 
spanischen Commissär der Ausstellung, einem reichen Manne aus Barcelona, durch 
Gracia auf den höchsten und schönsten Aussichtspunkt, der einen weiten Blick 
über die Stadt und die umliegenden Ortschaften, auf das Gebirge und das Meer 
gestattet, darauf in den Garten und zur Villa des Herrn Girona, wo er, von der 
Familie desselben erwartet, nebst zahlreichen Gästen das Diner nahm und nach 
Tische noch längere Zeit in liebenswürdigem Gespräche verblieb. Am 8. Mai, dem 
letzten Tage seines Aufenthaltes in Barcelona, machte der Erzherzog mit dem ihm 
beigegebenen spanischen General und dem Generalconsul von Schlick einen 
Besuch bei dem Kunstindustriellen Vidal, in dessen Etablissement er schöne 
Möbel ansah, und begab sich wieder zum Ausstellungsgebäude, wo er einige 
Hallen, sowie die noch unvollendete eiserne Brücke besichtigte, welche das Haupt- 
gebäude mit der Marine- Ausstellung verbinden sollte. Nach einem Besuche bei dem 
Generaicapitän in dessen Wohnung und nach einer Fahrt zu dem schönen Aus- 
sichtspunkte Miramar unter der Citadelle Montjuich kehrte er in die Ausstellung 
zurück, um den Pavillon für Kunst, in welchem allein die Gobelins aus den 
Sammlungen des königlichen Schlosses in Madrid vollständig, die Bilder aber nur 
zum Theil aufgehängt waren, sodann das Gebäude für Antiquitäten und ein 
anderes für die wissenschaftliche Ausstellung anzusehen. Endlich begab er sich 
noch in die Kirche Santa Maria del Mar, einen alten gothischen Bau mit schönem 
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Hauptportal und prächtigen bunten Fenstern, und beschloss mit diesem Besuche 
seinen Aufenthalt in Barcelona. Es folgte im Hotel ein Dejeuner, zu dem als 
geladene Gäste die Spitzen der Behörden, der Generalconsul und der Präsident 
der österreichischen Abtheilung der Ausstellung erschienen waren. 

Auf dem Bahnhofe, wo die ganze Gesellschaft, alle Österreicher, ein zahl- 
reiches Publicum sich versammelt hatten, wurde Seiner kaiserlichen Hoheit durch 
begeisterte Ovationen ein ergreifender .Abschied bereitet, dessen Eindrücke noch 
auf der Fahrt durch die liebliche Gegend mit dem frischen Grün und dem ersten 
Frühlingstlor von dem Höchsten Herrn lebhaft nachempfunden wurden. Barcelona 
hatte dem Erzherzoge sehr gefallen, und der Aufenthalt Ist ihm eine werte 
Erinnerung geblieben. Die Rückreise gieng über Marseille, die Riviera, Genua und 
Mailand. Als der Erzherzog am 12. Mai um 10 Uhr vormittags in Pontafel 
ankam, war er froh, wieder in Österreich zu sein, und gab seiner schon oft nach 
der Rückkehr aus dem Auslande kundgegebenen Überzeugung in den bedeutungs- 
vollen Worten Ausdruck: <Es ist bei uns doch am besten.* Er bestieg den Salon- 
wagen, der von Wien hiehergekommen war, denselben, mit dem er von Wien nach 
Payerbach zu fahren pflegte, und erfreute sich auf der Fahrt an den großartigen 
Naturschönheiten Kärntens und Steiermarks, deren Anblick ihm einen erneuerten, 
erhebenden Genuss bereitete. 



Während der folgenden Jahre fasste der Erzherzog, der viel über Nordland- 
fahrten gelesen und gehört hatte, den Plan zu einer Reise nach Dänemark, 
Schweden und Norwegen ins Gebiet der Mitternachtssonne bis zum Nordcap, 
und es waren auch die norwegischen Landschaftsbilder der neueren Kunstaus- 
stellungen, die dazu beitrugen, den Plan zur völligen Reife zu bringen. 

Am 2. Juni 1890 abends reiste Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl 
Ludwig mit Höchstseinem jüngsten Sohne, Erzherzog Ferdinand Carl, mit 
dem Dienstkämmerer Grafen Franz SchaafTgotsche und zwei Dienern von Wien ab, 
nachdem auf dem Westbahnhofe ein bewegter Abschied von Ihrer kaiserlichen 
Hoheit Erzherzogin Maria Theresia und den Töchtern, sowie von derSchwägerin 
Infantin Maria Anna stattgefunden hatte. In Hamburg, wo die .Ankunft am 3. 
abends erfolgte, wurden der Besichtigung der Stadt zwei Tage gewidmet. Es wurde 
die hübsche Fahrt durch den Hafen mit dem Stationsschiffe bis Blankenese und nach 
einigem Aufenthalte der Rückweg durch Altona bei den schönen Villen der reichen 
Hamburger vorüber zu Wagen genommen. Erzherzog Carl Ludwig schrieb dann 
seinen ersten Brief von der Reise an seine Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, 
und machte eine Promenade am Alsterbassin. Der folgende Tag wurde nach 
Besichtigung der Nicolai- und der Michaeliskirche und nach Anhörung einer 
heiligen .Messe in der katholischen Kirche mit dem Besuche der Kunsthatle und 
des Zoologischen Gartens ausgefüllt. Am 6. gieng die Reise nach Kiel. In einem 
Segelboote fuhren die Höchsten Herren nach der Wilhelmshöhe, von der man die 
Stadt in einer prächtigen Ansicht überblickt, kehrten dann zurück zur Besichtigung 
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der SchifTswerfte, des Kriegsmarine-Etablissements und der Kriegsschiffe, erfreuten 
sich darauf beim Hole! Bellevue der schönen Aussicht auf das von Schiffen 
belebte Meer, machten die Fahrt durch den herrlichen Buchenwald und besichtigten 
schließlich die Universität und das Schloss. Bei ruhiger See und schönem Wetter 
erfolgte am 7. die Überfahrt nach Korsör. Einen zweistündigen Aufenthalt 
von i/tö bis VtS Uhr benützten die Erzherzoge, um die Stadt anzusehen, deren 
nette und saubere Häuser gefielen. Die Bahn brachte die hohen Reisenden um 
10 Uhr nach Kopenhagen, wo sie im Hotel d'Angleterre abstiegen. Da die 
Stadt auf der Rückreise nochmals berührt werden sollte, so wurde an dem einen 
Tage des Aufenthaltes nur ein flüchtiger Überblick gewonnen. In der Frühe 
wohnten die Erzherzoge einer heiligen Messe in der katholischen Kirche bei und 
suchten dann einige Sehenswürdigkeiten auf. Sie giengen in das königliche 
Schloss Christiansborg, das in 26 Räumen den Reichstag, in 24 den obersten 
Gerichtshof und die Gemäldesammlung, außerdem eine Kirche, ein Theater und 
ein Reithaus enthält, sahen die Frauenkirche, die mit den herrlichen Werken 
Thorwaldsens geschmückt ist, jenen überlebensgroßen zwölf Statuen der Apostel 
zu beiden Seiten des Mittelschiffes, dem die Hände gnadenspendend ausbreitenden 
Christus auf dem Altar, sowie dem 22 Meter langen, den Leidensweg darstellenden 
Relief im Chor, und besuchten das Thorwaldsen-Museum, das außer vielen Erinne- 
rungen aus dem Leben des Meisters eine Übersicht über sämmtliche Werke in 
einer erstaunlichen Fülle von Statuen und Reliefs in Gipsabgüssen bietet und das 
im Hofe das von Epheu überwucherte Grab des berühmten Plastikers birgt. 

, Am Nachmittag wurde die Rosenborg, ein altes, von einem prachtvollen Garten 
umgebenes könighches Schloss, das eine Menge von Gegenständen aus der 
Geschichte Dänemarks und des königlichen Hauses enthält, in Augenschein 
genommen. Dann begaben sich die Erzherzoge, in Hofwagen abgeholt, mit dem 
Grafen Schaaffgotsche nach Schloss Bemstorff, wo sie bei der Königin von 
Dänemark das Diner nahmen, bei welchem noch der Kronprinz, dessen ältester 
Sohn Christian und älteste Tochter Louise, sowie Prinz Waldemar und Prinzessin 
Marie nebst deren Vater, dem Herzog von Chartres, erschienen. An Bord der 
«Christiania» wurde am 9. die Fahrt nach Helsingör gemacht. Hier betrachteten 
die Erzherzoge das stattliche, dicht am Strand gelegene Schloss Kronborg, auf 
dessen Terrasse Shakespeare den Geist von Hamlets Vater an der Wache vorüber- 
schreiten lässt. Sie fuhren mit der Bahn nach Hilleröd, von wo sie sich zu Fuß 
nach dem Schlosse Frederiksborg begaben, das, von Christian 'IV. im 
Renaissance-Stile erbaut, gegenwärtig das historische Nationalmuseum, eine Fülle 
von hervorragenden historischen, kunstgeschichtlichen und kunstgewerbhchen 
Gegenständen enthält und dessen Kirche die Krönungskirche der Könige aus dem 
Hause Oldenburg war. Sehr befriedigt und überaus erfreut, dieses Schloss gesehen 
zu haben, fuhr Seine kaiserliche Hoheit mit Erzherzog Ferdinand am Abend nach 
HelsingÖr zurück. Um 10 Uhr abends war es so hell, dass man noch lesen konnte. 
Am 10. Juni mittags fand die Überfahrt nach Helsingborg in Schweden statt, 
von wo die Reise mit der Bahn über Halmstad nach Göteborg fortgesetzt wurde. 
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Im Grand Hotel zu Göteborg abgestiegen; besichtigten Ihre kaiserlichen 
Hoheiten am 11. nach einer Fahrt durch die Stadt, die, infolge mehrerer Brände 
verschönert, durch die langen und breiten Straßen, die ansehnlichen Gebäude und 
großen Plätze bei nur 90.000 Einwohnern einen großen und bedeutenden Eindruck 
machte, das Museum, das manches Eigenartige, wie eine Sammlung von Schädeln 
berühmter Männer und einen ausgestopften Walfisch besitzt. Am Nachmittag 
gieng die Fahrt nach Trollhättan, wozu sich bereits als ortskundiger Führer 
Herr Philipp aus Göteborg den Höchsten Herren angeschlossen hatte. Die groß- 
artigen Trollhätta-Wasserfälle erregten das Entzücken des Erzherzogs, der auch 
die schöne, bewaldete Gegend, die hübschen Wege und Promenaden längs des 
Göta-Elf bewunderte und die Schleusenwerke für den Dampfschiffverkehr im 
Trollhätta-Canal besichtigte. Am 12. gieng die Reise mit der Bahn weiter über 
Öxnered und Ed, wobei man von der Plattform des Salonwagens herrliche Ausblicke 
hatte nach dem Wenersee und den zahlreichen kleineren Seen, sowie nach dem 
Gebirge, in dem der König Elchenjagd hält. Sodann führte die Bahn über die 
Grenze, bei der die rothen Häuser Schwedens aufhören und die gelben und 
weißen Häuser Norwegens anfangen, nach Fredrikshald, wo man längeren 
Aufenthalt hatte und die Festung Fredriksten gewahrte, in der Carl XII. gefallen ist. 
Bei Sarpsfos sah man von der Brücke aus den hohen Wasserfall, und es folgten 
immer schöne, wechselnde Bilder. Der Zug traf in Christiania um 9 Uhr abends 
ein, und es wurde im Hotel Victoria Wohnung genommen. Der Abend blieb so 
hell, dass man noch vor Mittemacht lesen konnte. 

Am nächsten Tage wurde das W^ikingerschifT, das mit allem Zubehör in 
einem eigenen Holzbau aufgestellt ist, genauer angesehen, darauf eine Fahrt in 
die reizvolle Umgebung Christianias bei prächtigem Wetter und schöner Beleuch- 
tung unternommen und der wunderbare Blick genossen, den die Aussichtsthürme, 
besonders auch ein Thurm der städtischen Wasserleitung, auf die Stadt und den 
Fjord mit seinen Inseln gewähren. Nach Besichtigung der Kirchen machten die 
Höchsten Herren am 14. mit einem eigens gemieteten Dampf boote einen Ausflug 
nach der Insel Bygdö, wo sie das weiß aus dem Grünen schimmernde Schlösschen 
Oskarshai ansahen, das nur einige interessante Bilder, auch eine Darstellung der 
Frithjofsage, enthält, von seiner Terrasse aber oder gar von dem achteckigen 
Thurme eine unvergleichliche Aussicht auf den freundlichen Fjord bietet. Nach 
der Rückkehr ins Hotel wurde das königliche Schloss, dessen Einrichtung nicht 
gefiel, darauf das Storthing-Bygning, das Parlamentsgebäude, dessen Eintheilung 
gut und sehr zweckmäßig erschien, und zuletzt das Kunstmuseum besichtigt 
Abends erschien Herr Petersen, Gerent des Generalconsulats, zum Empfange. Am 
15. früh wurde, nachdem die Höchsten Herren einer stillen Messe in der einfach 
und hübsch gebauten katholischen Kirche angewohnt hatten, die Reise mit der 
Bahn in einem bequemen Salonwagen bis Station Eidsvold fortgesetzt und von 
da mit dem Dampfboote «Kong Oskar» die Fahrt auf dem Mjösen-See bis Hamar 
gemacht, wo sich Generalconsul Petersen verabschiedete. Nach '/»Ö Uhr erfolgte 
die Weiterreise durch das theilweise öde Thal des Glommen auf der technisch 



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vorzüglich angelegten Bahn, und es stand dazu ein längerer Salonwagen mit 
Aussichts- Plattformen und mehreren Abtheilungen zur Verfügung. Der Morgen 
des 16. war recht icühl und das Thermometer zeigte nur 5° Wärme. Abends 
'/,6 Uhr in Trondhjem angekommen, fuhren die Erzherzoge Carl Ludwig und 
Ferdinand, Graf Schaaflfgotsche und Herr Philipp direct zum Landungsplatze und 
besahen sich das Dampfschiff «Olaf Kyrre», das zur Fahrt nach dem Nordcap 
bereit lag. Hierauf fuhren die Höchsten Herren mit Gefolge zu dem ehrwürdigen 
Dome, dem herrlichsten Denkmale mittelalterlicher Baukunst in Norwegen, und 
Krönungskirche der Könige seit Hakon V., machten dann eine Fahrt durch die 
Stadt, nahmen das Diner im Hotel BritannJa und begaben sich wieder auf das 
Schiff. Die Sonne gieng erst gegen 10 Uhr unter und nach 10 Uhr fand die Abfahrt 
statt. In der Frühe des 17. Juni fuhr das Schiff einige Zeit im offenen Meere und 
nahm dann seinen Lauf zwischen Inseln und Fjorden, Beim Frühstück im Speise- 
saale war es sehr belebt^ so dass man erst die große Zahl der Passagiere bemerkte. 
Unter den Mitreisenden waren auch zwei Wiener, Baron Buschman und Baron 
Fellner, mit denen sich Seine kaiserliche Hoheit in der Folge öfter unterhielt. Nach 
1 Uhr gieng das Schiff bei der Insel Torghatten vor Anker. In Booten fuhr man 
an das Land, um einen 163 Meter langen natürlichen Tunnel zu sehen, der den 
Berg der Insel durchquert. Man fand sich zur Table d'höte auf dem Schiffe wieder 
ein, das stets eine vorzügliche Verpflegung bot. Die Fahrt gieng weiter durch 
den Bronösund und bei der Insel Alsten vorbei, auf der die schön geformte, 
1000 Meter hohe Gebirgskette der Syv Söstren, der Sieben Schwestern, einen 
imposanten Anblick gewährte. Auf dem Verd jck hatte man eine prachtvolle Aussicht 
auf stets wechselnde Bilder von reizenden G^birgsforwien und schneebedeckten 
Gipfeln, von Inseln und Fjorden, und am Ufer sah man einsame Ansiedlungen von 
Fischern und zerstreut gelegene Häuser auf grünem Lande. Nach der Table 
d'höte, die um '/»9 Uhr stattfand, begab sich Seine kaiserliche Hoheit wieder auf 
das Verdeck. Es war ein herrlicher .^bend mit wunderbarer Beleuchtung. Das Meer 
war saphirbtau, und Delphine hüpften aus dem Wasser. Bei hellem Sonnenschein 
überschritt das Schiff nach 11 Uhr abends den Polarkreis in der Nähe der Insel 
Hestemande. Bald folgte nun das grol3e Schauspiel. Die Sonne näherte sich 
zwar dem Horizont, aber sie gieng nicht unter, und als die zwöfte Stunde zu 
Ende war, stieg sie zum neuen Tageslauf empor. Ihre kaiserlichen Hoheiten 
Erzherzog Carl Ludwig und Erzherzog Ferdinand sahen zum erstenmal die 
Mitternachtssonne und begaben sich unter den Strahlen des Tagesgestirnes nachts 
um '/il Uhr zur Ruhe. Am 18. gieng das Schiff durch den Westfjord. Die Land- 
schaft wurde immer schöner. Man sah die großartigsten Gebirgsformen bei pracht- 
voller Beleuchtung, und aus den hohen Thälem blickten die Ausläufer großer 
Gletscher. Nachmittags gieng die Fahrt durch den Raftsund, und bei Lödingen 
entwickelten sich entzückend schöne Bilder. Bei Harstad ließ der Capitän das 
Schiff halten, damit man die Sonne besser beobachten konnte, die um Mitternacht 
noch ziemlich hoch am Himmel stand. Am 19. früh war «Olaf Kyrre» vor Tromsö 
angekommen. Nach 10 Uhr fuhren die Erzherzoge, Graf Schaaflfgotsche und Herr 
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Philipp in einem Boote zur Stadt und besichtigten das reichhaltige Museum. 
Nachmittags setzten sie vom Schiff aus auf das andere Ufer über und fuhren zur 
Behausung einer Lappenfamilie. In einer Erdhütte mit kleiner Öffnung saßen zwei 
Männer, eine Frau und drei Kinder in der bekannten Kleidung und schlechte Luft 
erfüllte den Raum bei hoher Temperatur, Die Höchsten Herren kehrten alsbald 
zum Schiffe zurück und erschienen zum Diner um 2 yhr. Am Nachmittag schrieb 
Erzherzog Carl Ludwig seiner hohen Gemahlin, Erzherzogin Maria Theresia, 
einen Brief. In der Frühe am 20. Juni lag das Schiff vor Hammerfest, der nörd- 
lichsten Stadt, die in ihrer Öden Lage einen traurigen Eindruck machte. Nach 
9 Uhr landeten Erzherzog Carl Ludwig und Ferdinand mit Grafen Schaaffgotsche 
in einem Boote, giengen in der Stadt umher, besichtigten die ganz aus Holz 
gebaute katholische Kirche, die sehr nett und gut gehalten ist, und die größere 
protestantische und kehrten bald zum Schiff zurück. Erzherzog Carl Ludwig 
beendigte seine bisherige Reiselectüre über Metternich und begann zu lesen 
■ Wanderbuch, handschriftliche Aufzeichnungen aus dem Reisetagebuche des 
Grafen Moltke», ein Buch, das ihn besonders interessierte, weil er sowohl Moltke 
kannte, als auch die darin berührten Länder selbst bereist hatte. Während der 
Fahrt sah man zahlreiche Rennthiere nicht weit von der Küste, und bei der Vogel- 
insel wurden die Möwen, die dort nisten, durch Schüsse und die Dampfpfeife auf- 
gescheucht, worauf ganze Massen aufflogen. Nach 8 Uhr war man am Nordcap 
angelangt, einem felsigen, theilweise zerklüfteten Berge, und nach dem Souper 
fuhr man ans Land. Erzherzog Carl Ludwig mit Erzherzog Ferdinand Carl, Graf 
Schaaffgotsche, Herr Philipp, die beiden österreichischen Beamten Baron Busch- 
man und Baron Fellner, eowie die beiden erzherzoglichen Diener Fasolt und 
Szimeth landeten zusammen in einem Boote und nahmen den Weg, der anfangs 
steil sich emporwindet, dann oben auf steinigem Plateau weitergeht, bis zur 
Pyramide, bei der sich ein weiter Blick über das Meer ausbreitet. Gegen Westen 
und Norden war der Himmel etwas getrübt, doch blickte die Sonne aus dem 
Gewölke hervor; gegen Osten sah man schöne röthliche Streifbeleuchtungen. 
Hier um die mitternächtliche Stunde tranken die Höchsten Herren von mitgenom- 
menem Champagner mit den Reisebegleitern, und Seine kaiserliche Hoheit 
Erzherzog Carl Ludwig brachte zuerst das Wohl Seiner kaiserlichen 
und königlichen Apostolischen Majestät und der ganzen Habsburgischen 
Monarchie aus; sodann trank der Höchste Herr mit seinem Sohne auf das Wohl 
seiner hohen Gemahlin, der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Maria 
Theresia, und seiner Kinder. 

Nach einiger Zeit wurde der mühsame Abstieg angetreten und im Boote 
die Rückfahrt zu dem Schiffe bewerkstelligt, wo man sich gegen 2 Uhr zur Ruhe 
begab. 

Am 21. Juni um 9 Uhr war «Olaf Kyrre» wieder vor Hammerfest ange- 
langt und nahm seinen Curs durch den Sörösund, der sich wie ein von hohen 
Bergen eingeschlossener See ausnahm. Der Lyngenfjord, der bis zum Ende 
durchschnitten wurde, gewährte herriiche Blicke auf schneebedeckte Berge, 
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prächtige Gletscher mit bedeutenden Eisfeldern und hohe Wasserfälle, am Ufer 
aber zeigte er in den Ansiedlungen der Fischer und dem Dorfe Lyngen mit der 
Kirche liebhche Bilder. Steil erhoben sich dann bisweilen die Ufer, und zwei 
Kanonenschüsse weckten an schroffen Felswänden ein lautes Echo, Die mitter- 
nächtliche Sonne, die auf der Reise am 21. abends zum letztenmale gesehen wurde, 
bildete wundervolle Beleuchtungen, und bei intensivstem Lichte war ein ganz 
eigener Duft über die Berge gebreitet. Es fiel schwer, sich von dem erhebenden 
Schauspiel und dem großartigen Rundblick zu trennen. 

Am Morgen, der mit trübem, unfreundlichem Wetter anhob, lag das Schiff 
vor Tromsö. Wolken und Nebel verdeckten die Bergspitzen. Die beiden Erz- 
herzoge nebst dem Dienstkämmerer und den Dienern fuhren im Boote nach Tromsö 
zum Besuche des sonntäglichen Gottesdienstes in der katholischen Kirche. Nach 
10 Uhr trat «Olaf Kyrre» die weitere Reise südwärts an. Erzherzog Carl Ludwig 
las das Buch von Moltke zu Ende und begann «Tirol 1812 bis 1816 und Erzherzog 
Johann von Österreich, aus seinem Nachlasse dargestellt von Franz von Krones». 
Nachmittags besserte sich das Wetter, und als das Schiff am Abend durch den 
Westfjord lief, zeigte sich die Sonne wieder mit den wundervollsten Lichteffecten ; 
eine Wolke, die auf der Spitze eines Berges saß, wurde von so starkem rothen 
Lichte Übergossen, dass der Berg einem rauchenden Vulcane glich. Aus der Heimat 
langten Briefe, von Trondhjem entgegenkommend, an und wurden in Bodo abge- 
geben. In der Frühe des 23. hielt das Schiff im Holandsfjord gegenüber dem 
Svartisen, einem der größten Gletscher Norwegens, Man fuhr im Boote ans 
Land und gieng nur eine Viertelstunde bis ganz an den Gletscher hinan. Über- 
wältigend war der Anblick des breiten, zerklüfteten Eisfeldes, das man auf der 
Rückfahrt im Fjord nochmals von einer anderen Seite erWickte. Die so gelungene 
Nordlandfahrt an Bord des «Olaf Kyrre» neigte sich ihrem Ende zu, und die hohe 
Befriedigung versetzte die ganze Reisegesellschaft in fröhliche Stimmung. Nach 
dem Souper, das wie immer um 8 Uhr stattfand, begann zu den Klängen des 
Claviers ein Tanz, an dem sich auch Erzherzog Ferdinand betheiligte. Erzherzog 
Carl Ludwig begab sich bald wieder auf das Verdeck und bestieg wie öfter die 
Commandobrücke, um die Sonne zu beobachten, die wiederum hell und klar vom 
tiefblauen Himmel strahlte und unter unbeschreiblich schönen Beleuchtungen 
um 1 1 Uhr untergieng. 

• Olaf Kyrre» langte nach «/tH Uhr vormittags am 24. Juni in Trondhjem 
an. Die hohen Reisenden nahmen vom Agenten des Touristen-Bureaus die ein- 
getroffenen Briefe und Zeitungen entgegen und begaben sich ins Hotel Britannia. 
Nach dem Dejeuner fuhren sie in die katholische Kirche und machten dann einen 
Ausflug zu den Wasserfallen des Nid. Abends reisten sie bei schönem, warmem 
Wetter mit der Bahn im Salonwagen nach der Station Stören, wo sie über- 
nachteten. In einem viersitzigen Wagen und zwei Carriolen, in deren Benützung 
gewechselt wurde, machten die Erzherzoge nebst dem Grafen Schaaftgotsche, 
Herrn Philipp und den zwei Dienern auf der vorzüglichen StraSe die Fahrt über 
Bjerhaker nach Kongsvold, wo sie abends 10 Uhr in dem geräumigen, schön 
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gelegenen und gut gehaltenen Einkehrhause abstiegen. Sie setzten die Reise des 
andern Tages bei empfindlicher Kälte und scharfem Winde durch eine zwar 
trostlos öde, aber großartige Ausblicke auf das Gletscherfeld des Snehättan 
bietende Gegend fort über Jerkin nach Folkstuen, der Mittagsstation, und 
hierauf in rascher Fahrt nach Domaas, wo ein Telegramm an Erzherzogin Maria 
Theresia aufgegeben wurde, und endlich nach Lesje, um hier zu übernachten. 
Um '/,10 Uhr den 27. fuhren sie über Mölmen und bei prächtigen Wasserfällen 
vorbei nach Ormheim, der Speisestation, wo sich viele Reisegenossen von der 
Nordlandfahrt einfanden, und dann weiter abwärts gegen Romsdal, wo die Land- 
schaft mehr grün, die Bäume größer, die Gegend freundlicher wurde. Um V48 Uhr 
kam man in Näs an und nahm im Einkehrhause Wohnung, über Nacht hatte sich 
die Witterung verschlechtert und es regnete den ganzen Vormittag. Seine kaiser- 
liche Hoheit schrieb an Erzherzogin Maria Theresia, Nach dem Dejeuner wurde 
eine Fahrt mit dem Dampfboote auf dem Romsdalfjord und dann durch den 
Moldefjord gemacht. Im Grand Hotel Melde stiegen die Höchsten Herren ab 
und begaben sich zu Wagen am anderen Morgen bei bewölktem Himmel nach der 
Stadt Molde, deren Kirche, ein schöner Holzbau mit Fenstern aus gelblichgrünem 
Glase und einem schönen Altarbilde, ebenso wie der gut gehaltene Friedhof in der 
prächtigen Lage sehr gefiel. Auch den folgenden Morgen widmeten sie einem 
Gang durch die Stadt, und nachmittags fuhren sie, da das Wetter günstiger wurde, 
in Carriolen nach Moldehajd, wo man bei der zweiten Hütte auf Fjord, Meer 
und Berge eine großartige Aussicht hat. Am I.Juli folgte, während die Bergspitzen 
sich entschleierten, eine Fahrt mit dem Dampfschiff des Grand Hotel in den 
Fanefjord mit freundlicher grüner Küste und sanft ansteigenden Höhen, dann 
in den Rödvenfjord, wo die hohen Reisenden bei Rödven landeten, um die 
800jährige, ganz aus Holz gebaute und im Innern mit Sprüchen versehene Kirche 
zu besichtigen, darauf zum Romsdalfjord, in welchem das vom Gewölke sich 
entschleiernde Romsdalshom sichtbar wurde. Vor Näs hielten die Höchsten 
Herren, speisten im neuen Hotel Bellevue und fuhren mit Carriolen ins Thal, um 
den hohen Wasserfall zu sehen, worauf sie am Abend mit dem Dampfboote von 
Näs nach Molde zurückkehrten. 

Gegen Mittag des 2. Juli gieng die Reise von Molde nach Bergen weiter 
mit dem »Sirius», einem großen Schiffe, zu dem man mit dem Dampfboote des 
Grand Hotel fuhr. Bei trübem Himmel erfolgte am anderen Morgen die Einfahrt 
nach Bergen. Im Hotel Norge stiegen die Höchsten Herrschaften ab und machten 
einen Gang durch die Stadt, auf den Torvet (Marktplatz), zur Deutschen Brücke, 
dann auf den Fjeldvei, eine Promenade, die sich zu beträchtlicher Höhe den Berg 
hinanwindet, von wo man eine unvergleichlich schöne Aussicht hat. Im Hotel 
folgte eine überraschende Begegnung. Die Kaiserin Eugenie kam mit Gefolge und 
nahm hier das Dejeuner. Sie äußerte lebhafte Freude, Erzherzog Carl Ludwig zu 
sehen, und hatte eine längere Conversation mit Seiner kaiserlichen Hoheit. Der 
Erzherzog gab ihr den Arm und geleitete sie zum Wagen, welchen sie bestieg, 
um eine Excursion zu machen. Herr Philipp, der an der Reise bisher theilzunehmen 
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die Ehre hatte, nahm Abschied und reiste über Christiania nach Göteborg zurück. 
Nachmittags machte der Erzherzog mit seinem Sohne eine Spazierfahrt durch den 
Nygaardspark, dann hinaus zu den Seen mit prächtigen Aussichtspunkten, zur 
Festung Bergenhus und zu den Hakonshallen, einem alten Bau, der zur Residenz 
der Könige als Festsaal gehörte und an dessen Wiederherstellung eben gearbeitet 
wurde. Am folgenden Tage besichtigten die Höchsten Herren, nachdem sie einer 
heiligen Messe in der katholischen Kirche beigewohnt, den Dom, einen schönen, 
einfachen gothischen Bau mit nur einem Seitenschiff im Süden, und die Marien- 
kirche aus dem XII, Jahrhundert mit romanischem Schiffe und gothischem Chor, 
sahen darauf die Fischerstände, besuchten das hanseatische Museum bei der 
Deutschen Brücke, ein Haus der Hanseaten, das noch die alte Einrichtung besitzt, 
dann das städtische Museum mit Naturalien, Antiquitäten und Gemäldegallerie. 
Hierauffuhren sie zur Frederiksborg, von wo man die Stadt, den BuddeQord und 
den Byfjord überblickt. 

Am 5. Juli wurde nach der Messe die schöne Fahrt in den Hardangerfjord 
auf dem Dampfboote »Hardanger» angetreten. Man fuhr durch den ByQord und 
Björneijord in den Hardangertjord bis Eide, dann zurück in den OifTjord, in dem 
der Folgefonden mit seinen mächtigen Eisfeldern sichtbar wurde, und gelangte 
um 1 1 Uhr nach Odde, wo man im Hotel Hardanger Zimmer nahm. In Carriolen 
gieng's am folgenden Morgen das Thal hinauf zum Sandvensee und dem durch 
die Fülle seines blaugrünen Wassers imposanten Hildalsfos, dann auf der Straße 
weiter bis zu dem Punkt, an dem. man den Wasserfall Espelandsfos sieht. Nach 
dem Dejeuner fuhren die Erzherzoge auf der Straße zurück bis zum Ende des 
Sees und bestiegen das kleine Dampf boot, das auf das andere Ufer führt zu dem 
Einkehrhause an der Mündung des wild rauschenden Buarbaches am Fuße des 
Gletschers Buarbrä. Im Hintergrunde sah man die bläulich schimmernden Eis- 
massen des Folgefonden, der den zerklüfteten Buarbrä, seinen mächtigen Arm, 
herabsendet bis nahe an die Wohnstätten der Menschen. Nach einer Stunde fuhren 
die Erzherzoge mit dem Dampfboote hinüber und giengen vom Landungsplatz 
ins Hotel nach Odde. Am 7. früh brachte sie das Schiff in dreistündiger Fahrt 
nach Eide, wo sie in Mälards Hotel abstiegen und Briefe absandten. Nachmittags 
wurde die Reise zu Wagen fortgesetzt. Die Fahrt gieng beim Gravensee und 
dem schönen Wasserfall Skjärrefos vorüber nach Vossevangen, einem größeren 
Dorfe, wo Fleischers Hotel gute Bewirtung bot. Am 8. gieng's weiter bei dem 
hohen, über mehrere Felsstulen herabstürzenden Wasserfall Tvindefos vorbei 
nach dem vorzüglichen Hotel Stalheim, das um V*l Uhr erreicht wurde. Dieser 
Punkt, einer der schönsten Norwegens, bot in der prächtigen Beleuchtung durch 
die warme Mittagssonne eine herrliche Aussicht in das großartige Närödal. In 
Gudvangen endigte die Carriolfahrt und von hier machten die Erzherzoge mit 
dem Dampfschiffe die Fahrt durch den Näröfjord, den Aardalsfjord und den 
LärdalsQord (Theüe des SogneQordes) nach Lärdalsören, um an diesem trostlos 
einsamen Orte zu übernachten. Vormittags gieng die Reise im viersitzigen Wagen 
und in zwei Carriolen nach Borgund, wo man gegen '/,12 Uhr ankam, Es wurde 
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hier die kunsthistorisch berülimte, aus dem XII. Jahrhundert stammende und ganz 
aus Holz gebaute Kirche, die ihr Licht nur durch die Thüren erhält, ebenso die 
gleichfalls in Holz ausgeführte neue Kirche angesehen und nach zweistündigem 
Aufenthalte die Fahrt bis Nystuen fortgesetzt, hier übernachtet und am 10. abends 
Fagernäs erreicht, wo im Hotel Fagerlund Wohnung genommen wurde. Der Ort 
liegt in stiller, freundlicher Waldgegend. Nach der ermüdenden Fahrt war der hier 
herrschende Friede und die köstliche, erquickende Luft wohlthuend; eine poetische 
Stimmung trat vollends ein, als ein Mann in einem Boote auf dem See schön und 
ausdrucksvoll zur Guitarre sang. Seine kaiserliche Hoheit gab ein Telegramm an 
Erzherzogin Maria Theresia auf. Am folgenden Tage erreichten die hohen 
Reisenden Odnäs am Randsfjord, schifften am 12. an Bord des «Kong Oskar 11.» 
nach dem Orte Randsfjord, wo sie um '/»l Uhr ankamen, und fuhren gegen 
V*3 Uhr mit der Bahn in.einem von Generalconsul Petersen besorgten Salonwagen 
nach Drammen und nach dreistündigem Aufenthalte in der Stadt abends '/»9 Uhr 
weiter nach ChrJstiania, wo bei der Ankunft nach 10 Uhr im Hotel Victoria 
dieselbe Wohnung zur Verfügung stand wie am 12. Juni. Nachdem die Höchsten 
Herrschaften am 13. dem Hochamte in der itatholischen Kirche S. Olaf beigewohnt 
hatten, sandte Erzherzog Carl LudwigTelegramm und Brief an seine hohe Gemahlin 
und machte dem Generalconsul einen Besuch in dessen Villa. Am nächsten Tage 
besichtigte er mit Erzherzog Ferdinand die Johann iskirche und das Museum für 
Kunst und Industrie, wo man Glaswaren von Lobmeyr, Stoffe von Haas und 
andere Wiener Erzeugnisse ausgestellt fand, und nahm das Diner bei Herrn Petersen. 

Noch abends erfolgte die Abreise von Christiania und am 15. vormittags die 
Ankunft in Göteborg. Im Grand Hotel stiegen die Höchsten Herrschaften ab und 
fuhren, einer Einladung des Königs von Schweden auf dessen Yacht folgend, 
alsbald mit dem Schiff nach Marstrand, wo der König am Landungsplatze schon 
von weitem freundlich entgegengrüßte. Der König und Erzherzog Carl Ludwig 
umarmten sich, Erzherzog Ferdinand wurde vorgestellt, ebenso Graf Schaaifgotsche, 
worauf der König die ihn begleitenden Herren vorstellte. Dann fuhr der König mit 
den hohen Gästen in seiner Dampf barkasse zur Yacht, stellte die Offlciere vor und 
zeigte die Schiffsräume. 

Beim Gabelfrühstück brachte er die Gesundheit seiner Gäste, sowie des 
Kaisers Franz Josef und der Erzherzogin Maria Theresia aus, worauf der Erz- 
herzog mit einem Toast auf den König, die Königin und die königliche Familie 
mit Worten des Dankes für die freundliche Aufnahme erwiderte. Seine kaiserliche 
Hoheit verbrachte längere Zeit auf dem Verdeck mit dem lebhaften König in 
animiertem Gespräch. Die Erzherzoge wurden dann zurückgeleitet und von einem 
Separatdampfer, den der König beigestellt hatte, nach Göteborg gebracht. 

Abends reisten sie nach Stockholm. Auf dem Centralbahnhofe vom Gesandten 
Freiherm von Pfusterschmid, dem Legationsrath Grafen zur Lippe, dem General- 
consul und dem schwedischen Hofstallmeister begrüßt, fuhr der Erzherzog mit 
Sohn und Dienstkämmerer in einem Hofwagen zum Grand Hotel, wo er sofort 
Correspondenzen erledigte. Den fünftägigen Aufenthalt vom 16. bis 20. Juli 



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benutzte der Erzherzog zu liebenswürdigem Verkehr mit dem königlichen Hof 
und zu gründlicher Besichtigung der Sehenswürdigkeiten. In der Hofequipage 
fuhren die Erzherzoge auf die Höhe von Södermalm mit der prächtigen Aussicht 
über die Stadt und das Meer, dann in die Navigationsschule, zum Schloss 
Rosendal, in welchem Prinz Carl wohnte, und in das Schloss Haga, die Wohnung 
der verwitweten Prinzessin von Darlecarlien, darauf über die lange Brücke auf 
dem Mälarn nach Schloss Drottningholm. Bei prachtvoller Beleuchtung des 
Abendhimmels kehrten die Höchsten Herren mit dem Dampf boote auf dem Mälarn 
zurück und erschienen zum Diner bei Baron Pfusterschmid, wozu auch der 
Ministerpräsident und andere hohe Persönlichkeiten geladen waren. Am folgenden 
Morgen wurde die entzückende Fahrt nach Mariefred gemacht und das Schloss 
Gripsholm mit seiner reichhaltigen Porträtsammlung besucht. Bei der Rückfahrt 
war die Sonne dem Untergange nahe, und an dem vergoldeten Abendhimmel hoben 
sich die Silhouetten der Thürme und hohen Gebäude mächtig ab. In einem 
bequemen Salonwagen fuhren die Höchsten Herrschaften den 18. nach Upsala, 
um die Bibliothek mit dem Codex argenteus und einer Sammlung Originalbriefe 
von souveränen Häuptern, dann das neue Universitätsgebäude und den Dom mit 
den Grabmälem des Königs Gustav Wasa und des Königs Johann III. zu besich- 
tigen. In Stockholm sahen Höchstdieselben dann die Riddarholmskirche, und es 
interessierten den Erzherzog besonders die königliche Gruft, in der auch Prinz 
Wasa, der letzte des schwedischen Zweiges von Oldenburg, Vater der Königin 
von Sachsen, beigesetzt ist, sowie in der Kirche die Wappen mehrerer Seraphinen- 
ritter, welche Mitglieder oder Verwandte des Hauses Habsburg waren. Darauf 
besichtigten sie das Riddarhus, das im ersten Stock einen großen, mit den Wappen- 
schildern aller schwedischen Adeisfamilien geschmückten Saal enthält, und nahmen 
das Souper bei Hasselbacken im Djurgarden. Während Erzherzog Ferdinand in 
der Frühe, von einem Hauptmanne eines schwedischen Genie-Corps geführt, als 
militärischer Fachmann die Genie-Caseme besuchte, empfieng Erzherzog Carl 
Ludwig den Besuch des Kronprinzen und begab sich gleich darauf ins königliche 
Schloss, wo er, vom Kronprinzen geleitet, die schönen Räume ansah. Der Erzherzog 
nahm dann mit seinem Sohne beim Kronprinzen im königlichen Schloss das 
Dejeuner und abends nebst dem Grafen Schaaffgotsche und Baron Pfusterschmid 
auch das Diner. Inzwischen besichtigte er das Nationalmuseum unter Führung des 
Directors durch mehr als zwei Stunden und am Sonntag das Nordische Museum, 
das durch seine Reichhaltigkeit einen klaren Einblick in das Leben der Bewohner 
gewährt und den Erzherzog überaus interessierte. Der herrliche Morgen am 
Sonntag, 20. Juli, lud zur Fahrt nach dem Belvedere ein, wo man einen schönen 
Rundblick über die Stadt und den See, die Inseln und die Ebene genießt. Nach 
der Messe des apostolischen Vicars wurden die Insel Skepshoimen, später die 
Promenade Berzelii Park und Djurgarden besucht. Bei der Abreise nahm der Erz- 
herzog, der vom Kronprinzen zur Bahn abgeholt worden war, Abschied von allen 
Versammelten, vom Hofmarschall des Kronprinzen, von Baron und Baronin 
Pfusterschmid mit beiden Töchtern und Sohn, vom Grafen zur Lippe, vom 
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Generalsecretär des Ministeriums des Äußern, vom Hauptmann des Genie-Corps 
und den Directoren des Nationalmuseums, zuletzt vom Kronprinzen, den er 
umarmte. 

In Malmö am 21. JuÜ früh angekommen, setzten die Erzherzoge bei reinem 
Himmel und ruhigem, tiefblauem Meer nach Kopenhagen über, wo sie im Hotel 
d'Angleterre abstiegen und von wo sogleich ein Brief an Erzherzogin Maria 
Theresia abgieng. Der Erzherzog empfieng den Prinzen Wilhelm von Holstein, 
einen langjährigen, geschätzten Freund, und den Gesandten Baron Trauttenberg 
und fuhr in Galauniform mit Erzherzog Ferdinand und Grafen SchaalTgotsche in 
die AmaUenburg, die Residenz des KÖnigSj der von Bemstorff hieher kam. Nach 
liebenswürdigem Empfange machte der König dem Erzherzog im Hotel einen 
Besuch und verlieh ihm das Großkreuz des Elephantenordens. Es wechselten dann 
auch der Kronprinz und Prinz Wilhelm von Holstein mit dem Erzherzoge Besuche. 
Seine kaiserliche Hoheit widmete den Sammlungen viele Stunden. Er besichtigte 
vor allem mit Erzherzog Ferdinand und Grafen Schaaffgotsche im Schlosse Rosen- 
borg denjenigen Theil, den er beim ersten Aufenthalte in Kopenhagen nicht mehr 
hatte sehen können, dann das Ethnographische Museum, worin der 74jährige, 
geistesfrische Director Steinhauer führte, das Museum nordischer Alterthümer, 
das ganz besonders interessierte, die königliche Kunstakademie nebst der in der 
Halle untergebrachten Kunstsammlung, die früher im Schlosse Christiansborg 
war, sowie den Botanischen Garten, der eine überraschend schöne Lage hat und 
gut gehalten ist, und bestieg den runden Thurm bei der Trinitätskirche, der eine 
schöne Aussicht bis zur schwedischen Küste gewährt. In Hofequipagen wurden 
die Erzherzoge nebst dem Dienstkämmerer zum Besuche bei dem Kronprinzen 
nach Charlottenlund und zum Diner beim König nach Schloss Bernstorff 
abgeholt. Das Diner, zu welchem auch der Kronprinz, die Kronprinzessin, sowie 
deren Kinder erschienen und mehrere hohe Gäste geladen waren, verlief in ani- 
mierter Conversation, und bei dem Toast, den der Erzherzog ausbrachte, beglück- 
wünschte er das Königspaar zur Geburt des jüngsten Urenkels, des Sohnes des 
Kronprinzen von Griechenland. Der König geleitete dann seine Gäste, selbst 
kutschierend, nach Klampenborg, und nachdem am Abend noch bei der Königin 
der Thee genommen war, kehrten Höchstdieselben in die Stadt zurück. 'Am 22. 
wurde Schloss Fredensborg besucht und die Räume besichtigt, in denen die 
Familienzusammenkünfte stattzufinden pflegten, von denen man so oft hört, und 
auch die Amalien bürg noch näher angesehen. Am letzten Tage des Aufenthaltes 
nahm der Erzherzog mit seinem Sohne und dem Dienstkämmerer das Dejeuner 
beim Gesandten Baron Trauttenberg und gab im Hotel ein Diner, zu dem Prinz 
Holstein und andere Gäste geladen waren. 

Die Heimreise wurde am 24, Juli angetreten und nahm die Richtung über 
KorsÖr, Nyborg, Strib, Fredericia, Flensburg, Rendsburg, Hamburg und Köln nach 
Luxemburg, nachdem Herzog Adolf von Nassau, jetzt Großherzog von Luxem- 
burg, und dessen Sohn auf der Station Neuwied in den Zug eingestiegen waren, 
am 26. über Metz und Straßburg nach Wien, wo die Ankunft am 27. erfolgte. 
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Die lebhafte Freude, die Erzherzog Carl Ludwig an den großartigen Schön- 
heiten der Natur auf der ganzen Reise durch Skandinavien empfand, und das ein- 
gehende Interesse, das er für die geringsten Dinge, wie für die größten Erscheinungen 
an den Tag legte, wirkten auf die Mitreisenden immer anregend ein. Der familiäre 
Ton, in welchem er mit den beiden Wienern, Baron Fellner und Baron Buschman, 
auf der Fahrt nach dem Nordcap verkehrte, wurde von den übrigen Reisegefährten, 
den Amerikanern und Engländern, mit Staunen bemerkt, und man hatte Wohl- 
gefallen an der Anhänglichkeit der Österreicher an ihr Kaiserhaus und an der 
Gegenseitigkeit der innigen Gefühle zwischen dem Volke und den Angehörigen 
der kaiserlichen Familie, Indem der Erzherzog in den Städten keinen Augenblick 
unbenutzt ließ, um die Denkmäler der Geschichte und Kunst, die wissenschaftlichen 
Sammlungen, die öfTentlichen Gebäude eingehend zu besichtigen, gab er den sach- 
kundigen Directoren und Custoden beständigen Anlass zu aufrichtiger Bewunde- 
rung seiner Kenntnisse und seines Verständnisses. An den königlichen Höfen von 
Schweden und Dänemark erwies man ihm Aufmerksamkeiten, die man nicht nur 
seinem Stande angemessen erachtete, sondern, darüber hinausgehend, der Liebens- 
würdigkeit seiner Person zollte. 



Vom hohen Norden wandte Seine kaiserliche Hoheit den Blick wieder nach 
Süden, Schon vor der Bereisung Spaniens hatte der Erzherzog die Absicht, eine 
Fahrt nach Ägypten und Palästina zu machen; allein eine bedenkliche politische 
Spannung, die damals zufällig zwischen den Mächten eintrat und vorübergehend 
den Frieden Europas bedrohte, Heß die Ausführung dieses Planes nicht rathsam 
erscheinen. Mit jedem Jahre wuchs indessen dem Erzherzog die Sehnsucht nach 
diesen Reisezielen, und das alte Wunderland der Pharaonen, sowie die heiligen 
Stätten des gelobten Landes blieben sein beständiger Traum. Erst, als Erzherzog 
Franz Ferdinand von Österreich-Este nach seiner großen Weltreise zur Erholung 
einen Winter in Oberägypten verbringen musste, bot sich der Anlass, das Project 
zu verwirklichen. Gleichwie Erzherzog Franz in der Einsamkeit des weltverlassenen 
Assuan den lebhaften Wunsch hegte, die Eltern bei sich zu sehen, so hatten 
letztere das Bedürfnis, den Sohn während seines dortigen Aufenthaltes zu besuchen 
und sich von den guten Fortschritten seines Befindens zu überzeugen, Erzherzog 
Carl Ludwig und Erzherzogin Maria Theresia entschlossen sich daher, mit dem 
jüngsten Sohne Erzherzog Ferdinand Carl und den Töchtern Erzherzoginnen 
Maria Annunziata und Elisabeth die große Reise zu unternehmen. 

Die Höchsten Herrschaften fuhren am 21. Januar 1896 abends von Wien 
in zwei Salonwagen der Südbahn nach Triest, wo sie, vom Präsidenten des 
Lloyd, Baron Kalchberg, und dem Statthalter des Küstenlandes, Ritter von Rinaldini, 
begrüßt, den prächtigen Lloyddampfer . Habsburg» zur Fahrt nach Alexandrien 
bestiegen. Am 22. mittags 12 Uhr erfolgte die Abreise, und entzückend schön 
war die Ausfahrt aus dem Hafen von Triest. In hellem Glänze prangte die von 
der Sonne unter dunkelblauem Himmel bestrahlte Stadt mit den sie umgebenden 



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Höhen; blendend weiß schimmerte Miramar über dem stillen, saphirblauen Meere, 
und schneebedeckte Berge schlössen in der Ferne das reizende Bild. Auf der 
viertägigen Fahrt blieb die Witterung günstig und die See verhielt sich ruhig. 
Nach prachtvollem Sonnenuntergang leuchtete der Mond im ersten Viertel hoch- 
stehend am klaren Sternenhimmel. In Brindisi giengen die Höchsten Herrschaften, 
um 1 Uhr am 23. angelangt, bei kurzem Aufenthalt ans Land. Auf der Weiterfahrt 
sah man nachmittags die beschneiten Gipfel Albaniens und am Abend das inter- 
mittierende Feuer des Leuchtthurmes von Korfu; am 24. frühe fuhr man bei Zante, 
nachmittags bei Cap Matapan, abends bei Kreta vorüber. Am Abend des 25. 
begegnete die «Habsburg» der »Semiramis», und, mit aufsteigenden Raketen 
grüßend, sausten die beiden Schwesterschiffe in eiliger Fahrt aneinander vorüber. 

Nach 5 Uhr früh lag das Schiff am 26, im Hafen von Alexandrien. Ihre 
kaiserlichen Hoheiten wurden von dem Vertreter des Lloyd, Baron von Pitner, an 
Bord begrüßt. Sie wohnten mit Gefolge und Dienerschaft der heiligen Messe 
bei, die ein Franciscaner im Schiffe las, und verließen die «Habsburg», von 
der günstigen Überfahrt befriedigt. Der Consul Graf Khevenhüller geleitete die 
Höchsten Herrschaften bei einer kurzen Besichtigung der Stadt, und noch 
vormittags fuhren Ihre kaiserlichen Hoheiten mit der Bahn in einfachem Salon- 
wagen nach Kairo, wo sie im Gezireh Palace Hotel abstiegen. Der Generalconsul 
Baron Heidler, der bereits Achmed, den Kawassen des Generalconsulats, auf 
dem Bahnhof zur Verfügung gestellt hatte, machte seine Aufwartung im Hotel. 
Erzherzog Carl Ludwig hatte die Dispositionen für die Nilreise so getroffen, 
dass er, den Cookschen Touristendampfer *Mehemed Ali» benützend, mit der 
Fahrt die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten verbinden konnte. Indessen hatte 
Erzherzog Franz den sehnlichsten Wunsch, doch die innigst geliebte Erzherzogin- 
Mama möglichst bald sehen zu können. Daher fuhr Ihre kaiserliche Hoheit Erz- 
herzogin Maria Theresia noch denselben Tag mit der Bahn von Kairo bis 
Girge, zur Endstation der Bahnlinie, wo sie am andern Vormittag ankam, um 
mit dem Dampfschiff auf dem Nil gegen Assuan weiterzureisen. 

Erzherzog Carl Ludwig stattete unterdessen vor allem Seiner Hoheit dem 
Vicekönig von Ägypten, Abbas Hilmi, einen Besuch ab. Der Khedive, der 
Seiner kaiserlichen Hoheit entgegenkam, zeigte lebhafte Freude, den Erzherzog, 
den er von 'seinem Aufenthalte in Wien her persönlich kannte, nun in seiner 
Residenz wiederzusehen, und verblieb mit dem Erzherzog in überaus freundlichen 
und heiteren Gesprächen. Kaum war der Erzherzog ins Hotel zurückgekehrt, so 
traf der Khedive schon zum Gegenbesuche ein und wurde im Salon empfangen, 
wozu auch Erzherzog Ferdinand Carl und die Erzherzoginnen Maria Annunziata 
und Elisabeth erschienen. Am Abend besuchte Erzherzog Carl Ludwig mit 
seinem Sohne Erzherzog Ferdinand die Oper »Samson und Dclila- im Khedive- 
Theater, wo sie sich eines höchst liebenswürdigen und heiteren Verkehres 
mit dem Vicekönig in dessen Loge erfreuten. 

Am 28. Januar begaben sich Ihre kaiserlichen Hoheiten nach einem Besuche 
der Gämia Sultan Hassan, der größten Moschee in Kairo, die als das 



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bedeutendste Denkmal byzantinisch-arabischer Baukunst zu betrachten ist, auf 
die Citadelle, besichtigten hier die Gämia Muhammed Ali, die Alabaster- 
Moschee, in welcher der gelb und weiße Alabaster aus den Brüchen von Beni 
SuSf verwendet ist, aus denen der Khedive Ismail prächtige Stücke zum Bau der 
Votivkirche in Wien gespendet hat, und genossen von der Terrasse aus die unver- 
gleichlich schöne Aussicht auf die Stadt und die weite, das große Pyramidenfeld 
einschließende Umgebung. Durch das belebte Araber-Viertel kehrten sie zurück. 

Darauf fuhren die Höchsten Herrschaften zu den Pyramiden von Gize. 
Nach dem Dejeuner im Mena-House erklommen Erzherzog Ferdinand sowie 
die Erzherzoginnen Annunziata und Elisabeth die Cheops-Pyramide, während 
Erzherzog Carl Ludwig sich den Eingang derselben beleuchten ließ und dann 
den Sphinx-Koloss genauer besichtigte. 

Der folgende Vormittag galt den Moscheen. Nachdem Ihre kaiserlichen 
Hoheiten das rege Leben im Bazar wie am Tage vorher wiederum gesehen, 
begaben sie sich zur Gämia el-Azhar, mit der eine Hochschule verbunden ist, 
besichtigten dann die Kalifengräber gegen das Mokattamgebirge und die Grab- 
moschee des Kä"(t-Bey, ferner in der Stadt die Gämia Ibn-Kaläün, die Gämia 
el-Ghöri, bei welcher man auf der Straße beobachtete, wie vom Minaret mittags 
zum Gebet gerufen wurde, die Gämia Ibn Tulün, bei welcher Erzherzog 
Ferdinand mit seinen Schwestern das Minaret bestieg. Im Stadtparke el- 
Ezbekiye wurde das Dejeuner genommen. Den Nachmittag widmeten Ihre 
kaiserlichen Hoheiten dem reichhaltigen Museum ägyptischer Alterthümer 
und besichtigten zunächst die Sammlungen im Erdgeschoss, wo sie bis zur 
Sperrstunde verblieben. 

Am 30. Januar um '/»'O Uhr vormittags gieng Erzherzog Carl Ludwig mit 
dem Sohne und den beiden Töchtern an Bord des iMehemed Ali», auf dem 
sich im ganzen 20 Passagiere einfanden, um die Nilfahrt anzutreten. Nach dem 
Dejeuner ward in Bedraschen nahe der Stelle, an der das alte Memphis lag, 
gelandet. Man bestieg die bereitstehenden Esel und ritt be'i den Ruinen von 
Memphis zu der liegenden Kolossalstatue des Ramses II., dann bei der Stufen- 
Pyramide von Sakkära und dem Hause Mariettes vorbei zu einigen Grabstätten, 
zum Serapeum mit den großen Apis-Sarkophagen, sowie zur Mastaba des Ti mit 
den zahlreichen Abbildungen, die einen so tiefen Einblick in das Leben der alten 
Ägypter gewähren, und kehrte bei der Unas-Pyramide vorbei in eiligem Ritt zum 
Schiffe zurück. Nachdem man auf der weiteren Fahrt einen wundervollen Sonnen- 
untergang gesehen, stieg der Vollmond empor, mit Klarheit und Kraft leuchtend 
und als goldener Streifen auf der Wasserfläche des Nil sich spiegelnd. Der folgende 
Tag war trüb und regnerisch. Die Fahrt bot wenig Abwechslung, und nur bisweilen 
unterbrachen Dörfer, Palmenwäldchen, Getreidefelder oder grüne Kleeäcker die 
Einförmigkeit der flachen Ufer. Das Schiff hielt vor Magaga, um die Nacht über 
hier zu bleiben. Am 1. Februar war das Wetter sonnig, und der Erzherzog freute 
sich der wohlthuenden Luft. In der Nähe von Minieh, wo eine große Zuckerfabrik 
und ein Palast des Vicekönigs sich befinden, kam der stattliche Cook'sche Dampfer 
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«Ramses the Great» vorüber. Um '7*4 Uhr wurde bei Beni Hassan gelandet, und 
man besichtigte hier die berühmten F'elsengräber, zunächst Speos Artemidos und 
dann die höher gelegenen Grabkammern. Nach herrlichem Sonnenuntergänge bei 
prachtvoller Beleuchtung des Abendhimmels, auf der Höhe des Berges von der 
milden, reinen Luft erquickt, kehrten die Reisenden zum Nil zurück, und spät kam 
man nach Röda, wo das Schiff hielt, um zu übernachten. Der Aufenthalt aber 
musste auch über den folgenden Tag ausgedehnt werden, da die Maschine des 
Schiffes einen Schaden erlitten hatte, und erst am 3. um '/»^ Uhr früh war die 
Fortsetzung der Reise möglich. Die Gegend wurde jetzt freundlicher, und man sah 
auch höhere Berge. Nach dem Diner konnte man einige Zeit auf dem Verdeck 
bleiben; am späteren Abend pflegte es kühl zu werden. Nach Mittemacht gelangte 
das Schiff nach A s s i u t, von wo am Morgen des 4. um i/,7 Uhr die Reise weitergieng. 

Das Wetter war prachtvoll sonnig, und die Gegend wurde immer hübscher. 
Scharen von Reihern belebten die Sandbänke wie die Ufer, und Bachstelzen hüpften 
während der Fahrt auf dem Verdeck umher. Nachdem man bei Abutig und Tartah 
vorbeigekommen, ward der Verkehr auf dem Nil reger. Man begegnete dem 
•Prince Abbas» und bei Farschiut, das man an dem schönen Morgen des 
5. Februar erreichte, lagen mehrere Schiffe. Das Land zeigte mehr Grün, und 
Paimenhaine, Sykomoren, Tamarisken verschönerten die Ufer. Um '/,5 Uhr 
bei Denderah angekommen, machten die Reisenden den halbstündigen Ritt zu 
dem imposanten Tempel der Hathor. Es dunkelte aber bald. Zur Besichtigung des 
zweiten Tempels, des der Isis, wurden Lichter angezündet, und bei völliger Dunkel- 
heit ritt man mit Latei-nen zum Dampfer zurück, den man um 7 Uhr erreichte. 

Am 6. früh t/»? Uhr war «Mehemed AH» in Luxor angelangt. Während 
Ihre kaiserlichen Hoheiten Erzherzog Carl Ludwig mit Erzherzog Ferdinand 
Carl und den beiden jungen Erzherzoginnen beim Frühstück saßen, kam zu 
großer Überraschung Erzherzogin Maria Theresia mit Erzherzog Franz 
Ferdinand von dessen Dahabiye «Hope» an Bord des «Mehemed Ali» herüber, 
und unbeschreiblicfi groß war die Freude des Wiedersehens und die Freude über 
das gute Aussehen und Befinden des Erzherzogs Franz. Nachdem nun mit der 
Cook'schen Gelegenheit das Ramesseum und die beiden sitzenden Kolosse noch 
besichtigt waren, begaben sich Erzherzog Carl Ludwig mit dem jüngsten Sohn 
und den beiden Töchtern auf die Dahabiye «Hope» zum gemeinsamen Dejeuner. 
Erzherzog Carl Ludwig kehrte mit Erzherzogin Elisabeth auf den «Mehemed Ali» 
zurück, während Erzherzog Ferdinand Carl und Erzherzogin Annunziata bei ihrer 
Mutter, Erzherzogin Maria Theresia, und ihrem Bruder, Erzherzog Franz Ferdinand 
von Este, auf dessen Dahabiye Wohnung nahmen, wo die hohe Familie sich aber 
stets zu den Mahlzeiten versammelte. 

VierTage dauerte derAufenthalt hierbei den riesigen Trümmern vonTheben. 
Die Höchsten Herrschaften begaben sich am 6. theüs auf Eseln reitend, theils 
zu Wagen nach dem Rennplatz, wo verschiedene unterhaltende Wettrennen mit 
Kameelen, Eseln, Büffeln und Pferden stattfanden. In der Frühe des 7. Februar hörte 
Erzherzog Carl Ludwig eine stille Messe in der Kapelle nahe dem Franciscaner- 



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kloster und schrieb dann Briefe. Diesen Tag widmeten die Höchsten Herrschaften 
noch der Besichtigung des großartigen Amun-Tempels von Karnak, dessen 
Reste einen geradezu überwältigenden Eindruck machten, und sie giengen in dem 
ganzen ausgedehnten Ruinenfelde, von dem die Ausgrabungen leitenden Director 
geführt, volle zwei Stunden umher; daran schloss sich ein Besuch der Trümmer 
bei Luxor, die der Erzherzog bis_ zu völliger Ermüdung ansah. Am 8. Februar 
besuchten Erzherzog Carl Ludwig mit Erzherzogin Elisabeth auf dem linken Ufer 
die Königsgräber der thebanischen Todtenstadt im Thale Bibän el-Melük, wo 
besonders das Grab des Königs Seti I., von dessen Sohn Ramses II. dem Großen 
erbaut, die höchste Bewunderung erregte und dem Erzherzog als das Inter- 
essanteste erschien, was er an Alterthümern gesehen. Auf der Spitze des öden, 
vegetationslosen Berges hatte man eine umfassende Aussicht auf den Nil und 
das ganze weite Thal mit den großen Tempelruinen, und alles war in günstiger 
Weise von der rückwärts herstrahlenden Nachmittagssonne kräftig beleuchtet. 
Bei dem Terrassentempel wurden dann von Herrn Naville, dem Entdecker 
desselben und Leiter der Ausgrabungen, die erklärenden Aufschlüsse gegeben. 
Schließlich bot der riesige Tempelbau des Königs Ramses lü. in Medinet Habu 
in seiner großartigen Anlage einen wahrhaft imposanten Anblick. Bei einbrechender 
Dunkelheit wurde der Ritt zurück an den sitzenden Kolossalstatuen des Königs 
Amenhotep III. (Amenophis) vorüber zum Nil gemacht und die Rückfahrt im Boot 
zum «Mehemed Ali» bewerkstelligt. Am Abend statteten dann Erzherzog Carl 
Ludwig und die jüngste Tochter auf der Dahabiye einen Besuch ab. Sonntag 
den 9. hörten Ihre kaiserlichen Hoheiten alle zusammen die heilige Messe in der 
Kapelle des Franciscanerklosters. Sie besichtigten darauf die neue Kirche, die am 
folgenden Sonntag den i6. eingeweiht werden sollte, und machten dem Kloster der 
Franciscaner, die eine Schule für Knaben leiten, sowie dem der Franciscanerinnen, 
welche Mädchen zur Erziehung haben, einen längeren Besuch. Die beschädigte 
Maschine des Cook'schen Dampfers »Mehemed Ali» war noch immer nicht 
ausgebessert; daher zog Erzherzog Carl Ludwig mit seiner Tochter Elisabeth 
gleichfalls auf die Dahabiye. 

.^Ms nun am 10. der von Erzherzog Franz Ferdinand bestellte Remorqueur 
ankam, wurde die Fahrt von Luxor nach Assuan auf der Dahabiye fortgesetzt. 
Erzherzog Franz schoss auf dieser Strecke einen prächtigen Kaiseradler, zwei 
Reiher und zwei Pelikane. Am 11. Februar nach 1 Uhr vor Edfü angekommen, 
stiegen die Höchsten Herrschaften ans Land und besichtigten den berühmten, durch 
die Einfachheit und Klarheit seiner Anlage interessanten und gleichsam wie ein 
Musterbau gut erhaltenen Tempel des Horus, von wo sich auch auf der erstiegenen 
Höhe der Tempelmauer eine schöne Aussicht auf das Nilthal darbot. Der mächtige 
Pylon, der säulenumgebene Hof, der feierliche Säulensaal, der «Festglanzsaa!», der 
• Opfertischsaal», der «Saal der Mitte» und der «Großsitz» wurden eingehend in 
Augenschein genommen und an diesem mit Figuren bedeckten Bau ein Maßstab 
für die Auffassung anderer Tempelreste gewonnen. Erzherzog Franz, der den 
Tempel bereits kannte, blieb zurück, um sich nicht zu ermüden, und schoss 
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unterdessen zwei schöne Geier. Nach »/^S Uhr ging die Fahrt weiter, und immer 
neues Interesse erweckten die entgegenkommenden Bilder. Am Nilufer bemerkte 
man bei den Schöpfwerken jetzt mehrere durch Zugthiere in Bewegung gesetzte 
Wasserräder. Am 12. früh nach V*7 Uhr kam man bei Küm Ombö vorbei, wo 
man vom Schiff aus deutlich den Tempel sehen konnte, der unter Leitung Morgans 
freigelegt wurde. Während des Dejeuners, das nach 12 Uhr stattfand, erreichte die 
Dahabiye endlich Assuan, das auf die Ankommenden einen überaus gefälligen 
Eindruck machte. Die neuen Häuser, die Patmenhaine, die felsigen Höhen mit der 
Citadelle, die grüne Insel Elephantine mit dem belebten Dorfe boten ein gar 
hübsches Bild. 

Nach einem Besuche des interessanten Bazars von Assuan ritt Erzherzog 
Carl Ludwig mit seinem Sohne Ferdinand Carl zu dem Dorfe der Bischarim, wo 
die Männer ein Kampfspiel aufführten, während die Weiber sich in ihre 
Behausungen, Strohhütten, versteckten; dann ritten die Erzherzoge auf die mit 
Krupp' sehen Geschützen versehene Citadelle, von der man eine reizende Aussicht 
hat, und kehrten darauf zum Ufer zurück, von wo sie in einem Boot zur Insel 
Elephantine fuhren. Die Höchsten Damen machten indessen einen Ritt aut 
Kameelen nach einer anderen Anhöhe und genossen hier den Ausblick auf ein 
großartiges erhebendes Landschaftsbild von unvergleichlicher Schönheit. Mit 
einem Extrazug begaben sich die Höchsten Herrschaften alle am 13. nach der 
Bahnstation Philae, wo sie in einem Boot zu der lieblichen Insel Philae fuhren 
und die beiden Tempel besichtigten. Darauf durchschifften Höchstdieselben den 
ersten Katarakt, wo in mächtigen Schnellen der Strom durch unzählige Felsen- 
riffe rauschend und tosend hinabstürzt oder zwischen engen Spalten sich in 
schmalen, silberglänzenden Windungen hindurchschlängelt. Bei prachtvollem 
Wetter und völlig wolkenlosem Himmel fiel die herrliche Fahrt zur höchsten 
Zufriedenheit aus, und Erzherzog Carl Ludwig fühlte sich dabei erquickt durch 
die köstliche, «belebende» Luft. Nach der Rückkunft in Assuan besuchte 
Erzherzogin Maria Theresia mit den Töchtern noch das Kloster und Missionshaus 
und sprach mit dem hier residierenden Apostolischen Vicar für Centrat-Afrika. Am 
Abend waren die Höchsten Herrschaften nach dem Diner noch längere Zeit auf 
der Dahabiye beisammen. Daraufzog Erzherzog Carl Ludwig mit Erzherzogin 
Elisabeth wieder hinüber auf den Dampfer «Mehemed Ali-, auf welchem er am 
14, Februar morgens 5 Uhr die Thalfahrt von Assuan nach Luxor antrat. 

In Esneh besichtigte der Erzherzog den von Thutmes III. gegründeten 
Tempel, der nur zum Theil aus der Erde hervorragt und einen überwältigenden 
Eindruck macht. Bei schönem Wetter und prachtvoller Färbung des Abend- 
himmels gelangte das Schiff nach Luxor. Am 15. besuchte der Erzherzog mit 
Erzherzogin Elisabeth hier das Kloster der Franciscane rinnen, in deren Kapelle 
die Höchsten Herrschaften nebst dem Gefolge die heilige Messe hörten, worauf 
Erzherzogin Elisabeth in den Ruinen von Luxor photographische Aufnahmen 
machte. Unterdessen waren auch Erzherzogin Maria Theresia, sowie Erzherzog 
Ferdinand Carl und Erzherzogin Annunziata mit dem Propeller der Dahabiye, auf 
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welcher Erzherzog Franz noch, um zu jagen, zurückgeblieben war, in Luxer 
angekommen, um auf dem westlichen Ufer die Königsgräber und Tempelbauten 
zu besuchen. 

Dem Cook'schen Reiseprogramm entsprechend fuhr Erzherzog Carl Ludwig 
mit seiner jüngsten Tochter nach 12 Uhr auf dem «Mehemed Ali» weiter von 
Luxor nach Assiut. In Keneh, dem wichtigen Handelsplatz, von dem aus 
die Straße nach Kosseir (Leukos Limen) am Rothen Meere führt, wurde um 
V,4 Uhr ein einstündtger Aufenthalt zum Ritt durch die Stadt benützt und der 
Bazar angesehen, der wieder manches Eigenthümliche bot, ohne indessen von 



Erzhcrzogt Carl Liidn/ig. Frans Frrdinand und Ferdinand Carl, EriMtnoginnrn Maria Annunziala und FAisabtlh 

am Nitufrr gtgenSber drr !nset Philat. 

Aurgcnommcn \an Ihrer kaiserJichin Hoheit enhenogin Maria Theresia. 

Bedeutung zu sein. Bei Desneh legte das Schiff zum Übernachten an und nach 
der Weiterfahrt hielt es am Vormittag des 16. in Belianeh. Von hier ritten die 
hohen Reisenden nach Abydos und besichtigten den von König Seti I. begonnenen 
und von dessen Sohn Ramses 11. vollendeten Tempel, in welchem die Königstafel, 
jene wichtige historische Urkunde, gefunden worden war. In den Tempelruinen 
nahm man das vom Schiffe mitgebrachte kalte Dejeuner. Dann ritt man zum zweiten 
Tempel, einem von Ramses errichteten Bau, der zwar stark zerstört ist, dessen 
farbige Figuren aber an den Wänden gut erhalten sind. Nach einem kurzen Blick 
in das verwahrloste Koptenkloster kehrten die Höchsten Herrschaften zum Fluss 
zurück. Vormittags am 17. Februar langte -Mehemed Ali» bei Assiut an. 
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Am Nachmittag wurde ein Ritt nach der aufTallend schön gelegenen Stadt 
Assiüt unternommen, die in ihrer sehr cu)tivierten Umgebung sich gar vortheilhaft 
ausnimmt, und dann weiter hinauf zu den hoch am Berg gelegenen Gräbern, die mit 
Magnesiumlicht erhellt wurden. Von der Höhe genießt man hier eine prachtvolle 
Aussicht auf die Stadt mit den zahlreichen Minarets inmitten von grünen Wiesen 
und gut bebauten Feldern, und das Auge erreicht sogar einen Theil der libyschen 
Wüste, die zu dem belebten, üppigen Nilthale einen grellen Contrast bildet. Der 
Anblick war umso schöner, als gerade an dem warmen Tag die Sonne kräftig von 
dem klaren dunkelblauen Himmel strahlte und in starker Beleuchtung die Landschaft 
mit glitzerndem Lichte übergoss. Die Höchsten Herrschaften ritten durch den 
Markt und die Bazare der Stadt nach dem SchitTe, das nun die Nacht hindurch in 
Assiüt verblieb. Die Gegend gefiel dem Erzherzog besonders als eine der schönsten, 
die er auf der Reise gesehen. Nachdem der glühende Sonnenball unter den 
lybischen Rand hinabgetaucht war, prangte der Himmel in wundervollem, gelbem 
Lichte. In der Frühe um 5 Uhr gieng das Schiff weiter. Der Tag war stürmisch und 
kalt. Der Wüstenwind trübte die Luft und verhüllte alles wie in Nebel. Die folgende 
Nacht blieb das Schiff in Magaga. Mittwoch, den 19. Februar, um 4 Uhr nachmittags 
war Kairo erreicht. Obwohl die Witterung trübe und regnerisch war, so war die 
Einfahrt nach Kairo doch sehr schön, und die Pyramiden, sowie die noch gut 
beleuchtete, hoch gelegene Citadelle boten mit der Stadt einen prächtigen Anblick 
dar. Der Erzherzog fuhr mit seiner Tochter Erzherzogin Elisabeth und dem 
Gefolge ins Gezireh Palace Hotel, und er fand die Ruhe im Hotel nach dem 
lärmenden Schiffsleben angenehm und wohlthuend. 

Noch 14 Tage verblieb Seine kaiserliche Hoheit in Kairo und benützte 
diesen Aufenthalt, um sich über alles Bemerkenswerte eingehend zu unterrichten. 
Donnerstag, den 20., begab sich der Erzherzog mit seiner Tochter nebst 
Dienstkämmerer und Hofdame, vom Kawassen Achmed begleitet, ins Museum 
ägyptischer Alterthümer, durchgieng die ebenerdigen Räume, die er schon 
früher gesehen hatte, rascher, und schenkte den reichhaltigen Sammlungen des 
ersten Stockes die größte Aufmerksamkeit. Es interessierten ihn die Mumien, 
darunter die des Königs Ramses II., deren Gesichtsausdruck noch ganz den 
Charakter dieser großen Persönlichkeit erkennen lässt, Sarkophage, Statuen, Urnen, 
Papyrusrollen, Waffen, Kleider, Geräthe, Gegenstände aller Art, und es getlel ihm 
auch der Bau dieses Hauses, das, ehemals Palast des Vicekönigs Ismail (1863 bis 
1879), durch die schön angelegte Stiege und die großen, zum Theil mit Gold 
verzierten Säle einen bedeutenden Eindruck machte. Den Nachmittag widmete er 
den Moscheen und besuchte dieOämia el-Burdeni mit den schönen Mosaiken und 
farbigen Fenstern, Metallverzierungen und Einlegearbeiten in Holz und Perlmutter, 
die Gämia el-Muaiyad mit der hübschen Bronzethüre und den prächtigen Marmor- 
arbeiten, die Gämia in der Barkükiye mit den vergoldeten Säulencapitälen. Am 
Abend sah der Höchste Herr mit Erzherzogin Elisabeth den widerlichen Aufführungen 
der heulenden Derwische zu. Das Wetter war wieder günstig geworden, und überaus 
gelungen war am folgenden Tag der Ausflug auf Eseln nach dem Versteinerten 



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Wald, einem aus versteinerten Holzstilcken nebst Porphyr und Granit bestehenden 
Berg, bei welchem die Höchsten Herrschaften verweilten und das mitgebrachte 
kalte Dejeuner nebst dem von Achmed bereiteten türkischen Kaffee nahmen. Der 
Ritt führte dann bei der sogenannten Moses-Quelle vorbei über das Mokattam- 
Gebirge zur Moschee Giyüschi, von der sich eine wahrhaft entzückende Aus- 
sicht über die Citadelle und die Stadt, das Nilthal und die Delta-Ebene darbot, 
zumal von der Höhe des Minarets, welches Erzherzogin Elisabeth bestieg. Von 
besonderem Interesse war auch die Fahrt nach dem Dorfe Matariye zu den 
geringen Resten von Heliopolis mit dem alleinstehenden Obelisken und zu dem 
Muttergottesbaum, einer alten Sykomore, an die sich die Legende knüpft, dass 
unter deren Schatten die heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde auf der Flucht nach • 
Ägypten geruht habe. 

Samstag, den 22. Februar, abends waren auch Ihre kaiserlichen und 
königlichen Hoheiten Erzherzogin Maria Theresia sowie Erzherzoge Franz 
Ferdinand von Este und Ferdinand Carl nebst Erzherzogin Annunziata 
auf der DahaWye »Hope« in Kairo eingetroffen und verblieben nun, indem sie 
gleichfalls im Gezireh Palace Hotel Wohnung nahmen, mit Erzherzog Carl 
Ludwig und Erzherzogin Elisabeth zusammen bis zur Abreise von Kairo. 

Der gnädigste Herr setzte die Besichtigungen mit allem Eifer fori. Er 
besuchte mit Erzherzogin Elisabeth das in einem Theil der ehemaligen Moschee 
el-Häkim befindliche Arabische Museum, das bemerkenswerte Kunstgegen- 
stände aus den zerfallenden oder umgebauten Moscheen, namentlich Metallarbeiten, 
Intarsien, Fayence und Steingut enthält und den Höchsten Herrschaften ganz 
besonders gefiel. Später besichtigte der Erzherzog auch die vicekönigliche 
Bibliothek, in der sich interessante alte Koran -Handschriften befinden. Erz- 
herzogin Maria Theresia und die übrigen Höchsten Herrschaften begaben sich in 
das Museum ägyptischer Alterthümer, wo sie von Dr. von Becker-Bey, dem 
Leibarzt des Vicekönigs, durch die Säle geleitet wurden und sachkundige Auf- 
schlüsse über die Sammlungen erhieltea 

Mit den Höchsten Damen besichtigte Erzherzog Carl Ludwig die Amru- 
Moschee, in deren östlichem Liwan auf die Säule, die durch ein Naturspiel 
die Namen Allah, Muhammed und Suleiman im Geäder des Marmors enthält, 
aufmerksam gemacht wurde, worauf im westlichen Theil der Säulenhalle ein 
rechtschaffener Araber die Tugendprobe zeigte, indem die aus der ursprüng- 
lichen Anlage der Moschee stehengebliebene Doppetsäule ihn durch den engen 
Zwischenraum durchließ. 

Sodann begaben sich der Erzherzog mit Gemahlin und Töchtern ins 
koptische Stadtviertel in Alt-Kairo (Fostat) und besichtigten die Marienkirche, 
Abu Serge, eine dreischiffige Basilika, in der alte Heiligenbilder sowie eine 
Wand mit Schnitzereien in Elfenbein und Einlegearbeit in Ebenholz und Perl- 
mutter zu sehen waren und in deren düsterer Krypta die Sitze gezeigt wurden, 
auf denen die heilige Familie bei der Flucht nach Ägypten ruhte, nebst dem Tauf- 
becken, in dem die koptischen Täuflinge dreimal untergetaucht werden. 
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Ihre kaiserlichen Hoheiten besuchten am 27. Februar die heulenden 
Derwische und machten am 1. März einen gemeinsamen Ausflug zu dem großen 
Sphinx und zu den Pyramiden von Gize, deren größte nun auch Erzherzogin 
Maria Theresia bestieg. Sie besuchten auch das unter österreichischem Schutz 
stehende Institut für katholische arabische und abyssinische Knaben, das von 
Geistlichen aus dem Orden des heiligsten Namens Jesu geleitet wird, sowie das 
Frauenkloster mit der entsprechenden Mädchenschule in GezTreh. Am 27. Februar 
fuhren sie mit der Bahn nach Heluän, dem bekannten Bad mit warmen Schwefel- 
und Kochsalzquellen. Hier besuchten sie den Baron Rüdiger von Biegeleben, 
der mehrere Jahre als Gesandter bei den Höfen von China, Japan und Siam 
erfolgreich und verdienstlich gewirkt hatte und, wegen seines leidenden Zustandes 
damals in Disponibilität versetzt, sich in Heluän aufhielt Der Baron, der ebenso 
wie sein Vater vom Erzherzog sehr hochgeschätzt wurde, erwartete Ihre kaiser- 
lichen Hoheiten auf dem Bahnhof. Sie begaben sich zunächst zum Erbprinzen 
Carl von Croy und dessen Gemahlin Ludmilla, gebornen Prinzessin Arenberg, die 
mit vier Kindern eine einfache Villa bewohnten. Dann fuhr Erzherzogin Maria 
Theresia mit Erzherzogin Maria Annunziata direct zur Baronin Biegeleben, 
gebornen Baronin Kübeck; Erzherzog Carl Ludwig besichtigte mit Erzherzogin 
Elisabeth unterwegs das Grand Hotel, wo zu seiner Freude und Verwunderung 
ein mit einer Ansicht von Reichenau geschmückter Prospectus des Hotels Thalhof 
an der Wand hieng, und fuhr dann auch zu Baron Biegeleben und Gemahlin, bei 
denen er mit Erzherzogin Maria Theresia und den Erzherzoginnen-Töchtern 
längere Zeit verweilte. Ihre kaiserlichen Hoheiten begaben sich dann zu der 
hübschen, in türkisch-arabischem Stil gebauten Kirche, worauf sie die damit ver- 
bundene, unter österreichischem Schutz stehende Missionsanstalt nebst Knaben- 
schule, bei der sie einen aus dem Sudan stammenden Neger sprachen, der katho- 
lischer Geistlicher ist, sowie das Frauenkloster nebst Mädchenschule, bei der 
sie zwei italienisch sprechende Klosterfrauen aus Süd-Tirol sahen, einer theü- 
nehmenden Besichtigung unterzogen. Der Erzherzog sah sich inzwischen auch 
das Badehaus der Schwefeltherme an. 

Am 23. Februar und am 1. März wohnten Ihre kaiserlichen Hoheiten tns- 
gesammt dem Sonntagsgottesdienst in der Kirche zum heiligen Josef in Kairo bei. 

Während dieses ganzen Aufenthaltes zeichnete Seine Hoheit der Khedive 
Abbas Hilmi die erzherzogliche Familie durch die liebenswürdigsten Auf- 
merksamkeiten aus. Er stellte dem Erzherzoge seine Loge im Theater zur 
Verfügung, und als Seine kaiserhche Hoheit mit Erzherzogin Elisabeth zur Oper 
• Der Prophet> und später mit Erzherzog Ferdinand zu einigen Lustspielen 
erschien, wurde er von dem Intendanten und dem Ceremonienmeister ehrfurchts- 
vollst begrüßt. Beim Wettrennen lud der Vicekönig die erzherzogliche Familie ein, 
in seine Loge zu kommen. Als er in seine Villa nach Alexandrien übersiedelt war, 
hatte er Vorkehrungen getroffen zu aufmerksamen Huldigungen aller Art. In 
hübschen Equipagen des Khedive wurden die Höchsten Herrschaften abgeholt 
und nach dem Palaste Kubbe gebracht. Ihre kaiserlichen und königlichen Hoheiten 

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Erzherzogin Maria Theresia und Töchter Erzherzoginnen Maria Annunziata und 
Elisabeth besuchten hier die Mutter des Vicekönigs, die Khedivah Em in eh Hanem, 
Tochter des Prinzen Ibrahim el Hami, eine durch hohe Eigenschaften des Geistes 
und des Herzens ausgezeichnete Frau, die Ihren kaiserlichen Hoheiten den 
durchlauchtigsten Damen einen überaus herzlichen Empfang bereitete. Erzherzog 
Carl Ludwig und die beiden Söhne wurden indessen von dem Ceremonienmeister 
und Herrn Smart im Palast empfangen. Die Höchsten Herren wurden durch die 
Räumlichkeiten geleitet und dann zu den Staltungen geführt, wo sich auch die 
Gestüte befinden. In verschiedenen Höfen zeigte man, wozu auch die Frauen 
Erzherzoginnen erschienen, die Kameele, auch das geschmückte und mit Quasten 
behangene Kameel, das der Khedive bei seinen Reisen in die Wüste reitet, und es 
wurden die schönen arabischen und englischen Pferde vorgeführt und vorgeritten. 
Nachdem Ihre kaiserlichen Hoheiten noch einige Zeit in einem Salon des Patastes 
verblieben waren und Thee genommen hatten, fuhren Höchstdieselben in den 
Equipagen des Vicelcönigs ins Hotel zurück. Ganz besondere Freude machte es 
dem Erzherzog Carl Ludwig, dass er auch, begleitet von Erzherzog Franz, den 
prachtigen Garten des Prinzen Hussein Khamil, eines Onkels des Vicekönigs, 
sehen konnte. Der Garten erschien sehenswert sowohl wegen der vorzüglichen 
Haltung und sorgfältigen Pflege, als auch wegen der Schönheit und Üppigkeit der 
Pflanzen, Sträucher und Bäume. Der Ziergarten steht in seltener Pracht mit seinem 
dunkelgrünen, kurz und gleichmäßig gehaltenen Rasen, seinen verschiedenartigen 
Blumen in den schönsten Farben, seinen großen und breiten Palmen, hohen 
Magnolien und seltenen Bäumen aller Art, und ist belebt durch einen munter 
fließenden Bach, über den mehrere Brücken führen, deren Getänder mit den 
herrlichsten Blumen geziert sind. Bei den Glashäusern befinden sich gedeckte 
Räume, in denen Palmen gepflegt und gegen die Sonne geschützt werden. In dem 
Obstgarten stehen die kostbarsten Fruchtbäume, Orangen, Mandarinen, Datteln, 
Feigen. Auch der vicekönigtiche Garten von Schubra, von Mehemed Ali und 
seinem Sohne Abd el Halim Pascha angelegt, den Seine kaiserliche Hoheit mit 
Erzherzogin Elisabeth ansah, hatte für den Erzherzog einen eigenen Reiz wegen 
seines völlig orientalischen Charakters und seiner fast tropischen Vegetation, 
und war auch dadurch interessant, dass er seltenen und schönen Schmetterlingen 
zum ungestörten Aufenthalte diente. In dem großen Kiosk arabischen Stils befindet 
sich ein Marmorbassin mit Wasserkünsten, um welches offene Gänge mit 
Colonnaden führen; die Eck-Kioske dienen als Unterhaltungsräume und sind mit 
vergoldeten Möbeln und Vorhängen aus reichen Stoffen geziert Von einer Terrasse 
des Gartens hatte man eine schöne Aussicht auf den Nil und zu den Pyramiden 
von Gize. 

Von Seiner Hoheit dem Vicekönige war Erzherzog Carl Ludwig schon am 
30. Januar zu den Manövern eingeladen worden, die der Herzog von Cambridge 
über ägyptische Truppen abzuhatten im BegrilTe stand; er hatte jedoch, da die 
Abreise nach .'^ssuan festgesetzt war, ablehnen müssen und sich auch bei dem 
Herzoge von Cambridge, der im Hotel seine Karte abgegeben, durch den 
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Consul Baron Sonnleithner entschuldigen lassen. Besonders aufmerksam war 
dann später der Herzog von Cambridge, der in einer viceköniglichen Dahabiye 
gleichfalls nach Assuan fuhr, Ihren kaiserlichen Hoheiten in Luxor mehrmals 
begegnete und sich immer längere Zeit, mit ihnen unterhielt. Die Höchsten 
Herrschaften wohnten in Assuan am 13. Februar der Parade bei, die der Herzog 
über sechs Compagnieii ägyptischer Truppen abhielt. Die großen und schönen 
Leute, die gut aussahen, marschierten stramm und geschlossen und führten alle 
Übungen präcis aus. Es wurde die englische Hymne »God save the Queen» 
gespielt, und unter den Klängen des Marsches «Hoch Habsburg» und «Unter dem 
Doppeladler» zogen die Truppen ab. Als am 27. Februar Ihre kaiserlichen 
Hoheiten in Kairo der Parade eines englischen Bataillons, mit der eine Fahnenweihe 
verbunden war, unter dem Publicum zusehen wollten, lud der Herzog von 
Cambridge, der, zu Wagen kommend, die Höchsten Herrschaften bemerkte, 
Höchstdieselben ein, in seine Nähe zu kommen, um die Feier bequemer zu 
übersehen. Er stellte dem Erzherzoge Carl Ludwig den Lord Cromer (Evelyn Baring), 
den Vertreter Großbritanniens, vor, mit dem Seine kaiserliche Hoheit dann längere 
Zeit conversierte. Von Leuten der Musik und Soldaten, die Hymnen sangen, wurden 
zwei Fronten links und rechts gebildet, in der Mitte die Trommeln zu einer Pyramide 
aufgestellt, zwei neue Fahnen hingetragen und daraufgelegt. Ein anglikanischer 
Geistlicher, assistiert von zwei anderen, sprach eine Weihe darüber und ließ kurze 
Gebete folgen; zwei Soldaten brachten dann die Fahnen dem Herzog und übergaben 
sie kniend. Darauf hielt der Herzog eine Rede, und der Commandant erwiderte 
einige Worte des Dankes. Bei der Feier wurde die Hymne «God save the Queen» 
wiederholt gespielt. Noch am selben Tage traf ein Schreiben des Herzogs von 
Cambridge im Hotel ein, durch welches Ihre kaiserlichen Hoheiten zu Übungen 
ägyptischer Artillerie und zur Ausrückung englischer Cavailerie eingeladen wurden. 
Am 29. Februar fuhr Erzherzog Carl Ludwig mit beiden Söhnen zum Polygon von 
Abbästye, wo eine Gebirgsbatterie, mit Kameelen und Mauleseln, sowie eine reitende 
Batterie, mit Schimmeln bespannt, aufgestellt waren; beide Batterien schössen auf 
bewegliche Scheiben, und es gelangen die meisten Schüsse. Am 2. März fuhren 
Ihre kaiserlichen Hoheiten alle bei den Kasernen in Abbäsiye vor; es war ein 
englisches Dragonerregiment und ein Artillerieregiment aufgestellt; der Herzog 
ritt die Fronten ab und kam dann zu Ihren kaiserlichen Hoheiten, mit denen er 
sprach; hieraufließ er defilieren und verschiedene Übungen vornehmen, zwischen 
welchen er immer zu den Höchsten Herrschaften heranritt. Erzherzogin Maria 
Theresia machte von der Parade mehrere photographische Moment-Aufnahmen. 

Die so rasch verflogenen Tage des Aufenthaltes in Ägypten hatten dem 
Erzherzoge Carl Ludwig großen Genuss gewährt und reiche Erfahrung gebracht. 

Wenn Ägypten dem Naturfreunde wenig landschaftliche Schönheit bietet 
und nur in der Ausbreitung des Nils bei der Insel Philae, in der Einengung des 
Flusses bei Selsele, in seinen Katarakten und Stromschnellen eine reizvolle 
Abwechslung zeigt, so gewährt es für den Mangel an großartigen, ausgedehnten 
Landschaftsbilde m einen herrlichen Ersatz in der zauberhaften Beleuchtung, 
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welche der Himmel allezeit spendet. Bei der hohen Empfänglichkeit des Erzherzogs 
für die Schönheiten der Natur insbesondere in den Wirkungen des Lichtes hatte 
denn auch Seine kaiserliche Hoheit die eigenthümlichen Lichteffecte, welche der 
ägyptische Himmel bei Tag und Nacht hervorbringt, stets lebhaft empfunden, Die 
Farbenglut, welche die untergehende Sonne dem Himmel und der Erde mittheilte, 
die Felsen der Wüste wie die Ruinen der Kunst verschönernd, und der strahlende 
Glanz, den nach kurzer Dämmerung Mond und Sterne wie ein Flammenmeer vom 
Firmamente herabsandten, waren am nördlicheren Himmel niemals in solcher 
Pracht gesehen worden. Auch die Mondfinsternis am 28. Februar war umso 
schöner und wirkungsvoller verlaufen und hatte die aufmerksamste Beobachtung 
gefunden. 

Mit steigender Bewunderung hatte der Erzherzog indessen die Werke des 
ägyptischen Alterthums betrachtet Er staunte über die Riesengröße der Arbeiten, 
wie der Apisgräber oder der Säulen in dem hypostylen Saale des Amun-Tempels 
zu Kamak. Er war entzückt von der gediegenen Ausführung im Kolossalen 
wie im Kleinen, die eine vollkommene Herrschaft über die Masse, die Schwere 
und die Härte des Materiales verrieth. Er war überwältigt von dem Eindrucke der 
unzerstörbaren Festigkeit, die dem Einflüsse einer Zeit widerstand, in der Jahr- 
hunderte wie Monate vergiengen, wie bei den Pyramiden von Gize, die ja Moses 
schon gesehen hatte. Seine kaiserliche Hoheit erkannte in diesen Arbeiten jenen 
hohen Schwung des Geistes und jenes ernste Streben nach dem Erhabenen, das 
in der That den Charakter der ägyptischen Kunst ausmacht. Er bewunderte die 
Ausbildung der Technik, die sich theoretisch nur auf die Wissenschaft des alle 
Kunstthätigkeit leitenden und in feste Grenzen bannenden Priesterthums zurück- 
führen lässt und die praktisch nur durch die traditionell in den Handwerker- 
familien vererbte erfahrungsreiche Übung ihre Erklärung findet. 

Das Leben der heutigen Bewohner des alten Pharaonenlandes hatte des 
Erzherzogs besondere Aufmerksamkeit auf sich gelenkt Er verfolgte die von dem 
großen Pascha Mehemed Ali erfolgreich angeregte volkswirtschaftliche Thätigkeit, 
sowie die politischen Verhältnisse und die socialen Zustände der Gegenwart mit 
hellem Blicke. Seine kaiserliche Hoheit besichtigte die landwirtschaftlichen und 
industriellen Unternehmungen, wie die Zuckerfabrik in Minieh und die Straußen- 
zucht in Matariye, und nicht minder interessierten ihn der Baumwollhandel in 
Tanta oder die Schwefelquellen in Heluän. Der Erzherzog gewann Einblick in die 
Beschäftigungen der Araber, der Kopten und der Fellachen; er lernte das Treiben 
der Bevölkerung im Bazar, auf der Straße, in den Behausungen kennen. Anregend 
war wohl in diesen Richtungen der innige Verkehr mit kundigen Persönlichkeiten, 
mit dem viceköniglichen Hofe, mit den Beamten des General-Consulates, mit Slatin 
Pascha, der so anziehend von seinen Erlebnissen zu erzählen wusste, mit dem 
Delegierten bei der internationalen Commission Grafen Zatuski. Der Erzherzog gab 
auch durch seine Gespräche mit anderen Reisenden, denen die Höchsten Herr- 
schaften wiederholt begegneten, mit Erzherzog Josef August und Gemahlin 
Erzherzogin Auguste, mit dem Erbprinzen Carl Croy und Gemahlin Ludmilia 
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Prinzessin Arenberg, mit den beiden Diplomaten Baron Brück und Baron Biege- 
teben, zu Mittheilung und Gedankenaustausch öfteren Anlass. 

Das freudige Interesse aber, mit welchem der Erzherzog alles Bemerkens- 
werte des grauen Alterthums wie der frischen Gegenwart erfasste, war wesentlich 
erhöht worden durch die Theilnahme Ihrer kaiserlichen und königlichen Hoheit der 
Frau Erzherzogin Maria Theresia, welche überdies zur bleibenden Erinnerung 
photographische Aufnahmen von allen wichtigen Gegenständen, Ansichten und 
Vorgängen machte. Auch die Erzherzoginnen Maria Annunziata und Elisabeth 
photographierten alle bedeutenderen Sehenswürdigkeiten mit ihren vorzüglichen 
Apparaten und schrieben in Briefen treffliche Schilderungen von der ganzen Reise. 

Im Atelier und Geschäftslocal des Hofphotographen J. Heymann in Kairo 
waren Ihre kaiserlichen Hoheiten öfter erschienen, um Einkäufe zu machen oder 
Aufträge zu ertheilen, und am 28. Februar ließen sie sich daselbst zu einer 
Gruppe aufnehmen, die in nebenstehendem Bilde reproduciert ist. 

Am 4. März verließ Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Carl Ludwig mit 
Gemahlin und beiden Töchtern die Hauptstadt Ägyptens, um nach Syrien und 
Palästina zu reisen. Nachdem der Erzherzog auf dem Bahnhofe an die Beamten 
der diplomatischen Vertretung, sowie an den vom Khedive entsandten vice- 
königlichen Ceremonienmeister huldvolle Worte gerichtet hatte, erfolgte ein 
ergreifender Abschied von den beiden Söhnen, insbesondere von Erzherzog 
Eranz Ferdinand, der erst viel später nach der Heimat zurückkehren sollte. 
Erzherzog Carl Ludwig umarmte seinen ältesten Sohn, Erzherzog Franz Ferdinand, 
wiederholt. Er sah ihn hier zum letztenmate. Als der Zug schon im Gange war, 
winkten Ihre kaiserlichen Hoheiten, Eltern und Schwestern, noch lange von den 
Fenstern des Waggons. 

Während eines anderthalbstündigen Aufenthaltes in Ismailiya fuhren die 
Höchsten Herrschaften durch die schöne Allee nach dem maritimen Canal von 
Suez, wo mehrere Schiffe zu sehen waren. 

Um '/i9 Uhr kamen Ihre kaiserlichen Hoheiten in Port Said an, Consul 
Pogafiar war zur Begrüßung erschienen. Im Auftrage des Khedive emptieng der 
Generalgouvemeur des Suez-Canals die Höchsten Herrschaften feieriich und 
geleitete sie in seinen eigenen zwei Wagen nach dem Hotel Continental. Am 
folgenden Morgen, den 5. März, wurde ein Jagdausflug auf den Menzale-See 
unternommen. Erzherzogin Maria Theresia schoss einen Flamingo, Erzherzog 
Carl Ludwig erlegte zwei Wildenten. Es war schon finster, als Ihre kaiserlichen 
Hoheiten zurückkehrten. Sie fuhren zu dem noch denselben Abend nach Beirut 
in See gehenden «Senegal», einem langen und schmalen Schiffe der Messageri^ 
Franfaise, das in Bezug auf Einrichtung hinter der • Habsburg» weit zurückblieb. 
Nach dem Souper, das um 8 Uhr stattfand, setzte sich das Schiff in Bewegung. 
Prächtig war die Ausfahrt aus dem Hafen der beleuchteten Stadt an dem schönen, 
sternhellen Abend. 

Durch einen guten Schlaf erquickt, genoss der Erzherzog den herrlichen 
Morgen des 6. März in der milden Luft auf dem Verdeck bei ruhiger See. Gegen 



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II 
.11 



äl s. 



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Mittag bemerkte man schon das von Schnee bedeckte Libanon-Gebirge mit dem 
Dschebel Sannin, und nach dem Dejeuner erfolgte die Einfahrt in den Hafen der 
schön gelegenen Stadt Beirut, Das Schiff musste Quarantäne halten, und General- 
consul Remy konnte Ihre kaiserlichen Hoheiten nur von seinem Boote aus 
begrüßen. Erst am 8. früh erschien der internationale Sanitätsinspector mit dem 
Generalconsul an Bord, worauf die Höchsten Herrschaften landeten und sich in 
die Franciscanerkirche zum sonntäglichen Gottesdienst begaben. Nachmittags 
wurde eine Fatirt durch die terrassenförmig ansteigende Stadt unternommen und 
nach Besichtigung der Maronitenkirche hinaus bis zum Pinienwalde ausgedehnt 

Gleich am andern Morgen früh traten Ihre kaiserlichen Hoheiten die Reise 
nach Baaibek und Damascus an. 

Die Höchsten Herrschaften fuhren um »74? Uhr mit der Bahn von Beirut 
über den Libanon. Die aufsteigende Fahrt gewährte herrliche Aussichten über die 
Stadt, über das Meer und die Berge, auf Oliven- und Pinienwälder. Die schnee- 
bedeckte Höhe machte sich bei der Ankunft in Sofar durch empfindliche Kälte 
bemerklich. Beim Hinabfahren öffneten sich ostwärts schöne Blicke auf das 
fruchtbare breite Thal des munter fließenden Barada. Auf der Station Muallaka, 
wo sich der Kaimakäm vorstellte, wurde die Bahn verlassen und nach dem 
Dejeuner, das in einem kleinen Holzbau genommen ward, die Reise in vier Wagen 
durch das Thai el-Bekäa nach dem nördlich gelegenen Baaibek fortgesetzt. 
Schon unterwegs ward Ihren kaiserlichen Hoheiten ein hübscher, feierlicher 
Empfang bereitet. Mehrere Bewohner, an deren Spitze der Sohn des Mutran 
Pascha, kamen entgegengeritten, mit Ansprache und freudigen Zurufen unter 
PöUerschüssen grüßend, und gaben zu Pferde das Geleite. Zu Baaibek, dem 
syrischen Heliopolis, stiegen Ihre kaiserlichen Hoheiten im Hole! Palmyra ab. 
Alsbald besichtigten sie auf der Akropoiis die Ruinen der beiden mächtigen 
Tempelbauten unter Leitung des dortigen Fremdenführers Michel M. Alouf, eines 
Autodidakten, der nur die Schule der Jesuiten besucht und sich in das Studium 
der Alterthumskunde so eingearbeitet hatte, dass er ein Buch «Geschichte von 
Baaibek* in französischer Sprache veröffentlichte, dessen deutsche Obersetzung 
(von Ottilie v. Kubinzky, Prag 1898) er Ihrer kaiserlichen Hoheit Erzherzogin 
Maria Theresia zu überreichen die Ehre hatte. Bei dem großen Tempel ließen die 
schon von weiter Ferne sichtbaren sechs Säulen des Peristyls, die noch aufrecht 
stehen, durch ihre gegen 20 Meter betragende Höhe, ihr reich geschmücktes 
korinthisches Capital, den dreigliedrigen Architrav, den mit Consolen versehenen 
Fries und das weit ausladende Gesimse die großartige Wirkung des ursprünglichen 
Bauwerkes ahnen. Der Reichthum der schönen Ornamente an den Exedren des 
großen Vorhofes erregten hohe Bewunderung. Auch der Säulenbau des etwas 
niedriger gelegenen und besser erhaltenen Sonnentempels mit der schönen 
Cassettendecke im Peristyl und dem mächtigen Portal der Cella erweckten großes 
Interesse. Die untergehende Sonne verüeh den Ruinen durch die reizende Beleuch- 
tung einen eigenen Zauber. Im Hotel unterhielt sich der gnädigste Herr mit dem 
Fremdenführer, der beim Souper servierte, über die Geschichte von Baaibek, über 



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den Kaiser Antoninus Pius, der die Tempel errichtet, über Kaiser Theodosius, der 
den großen Tempel in eine Kirche verwandelt, und über das Erdbeben von 1759, 
das die letzte große Zerstörung verursacht hat. 

Am folgenden Morgen wurde nach dem Besuch der griechisch-katholischen 
Kirche die Akropolis nochmals und mehr in den Einzeinheiten angesehen, sowie 
an der Westseite der Umfassungsmauer die berühmten Drei Steine, Riesenquadern 
von 20 Metern Länge und 4 Metern Höhe, die in einer Höhe von 7 Metern in die 
Mauer eingefügt sind, ferner der kleine Tempel in der Stadt, ein zierlicher Bau mit 
schönen Säulen und Nischen, besichtigt. Ihre kaiserlichen Hoheiten fuhren 
nachmittags nach einem Gegenbesuch bei dem Gouverneur von Baalbek zu den 
Steinbrüchen, aus denen das Material für die Tempel genommen ist, und begaben 
sich zu Fuß auf eine Anhöhe, von der sie einen schönen Blick auf Baalbek, das 
Bekäa-Thal und den Libanon hatten. Am Abend folgten sie einer Einladung zum 
Diner bei dem wohlhabenden Mutran Pascha, der ein reiches Mahl bot, von allem 
zu essen nöthigend, wobei der Sohn eine angenehme Conversation unterhielt. 
Mutran Pascha ist ein katholischer Armenier, der sich durch große Wohlthätigkeit 
und gute Gesinnung auszeichnet Er hat auch Häuser in Beirut und in Paris, wo 
sich zwei Söhne aufhalten. 

Am 1 1. März in der Frühe fuhren die Höchsten Herrschaften von Baalbek bei 
scharfem, kaltem Winde zur Bahnlinie zurück und reisten mit der Bahn über den 
Antilibanon nach Damascus weiter. Die schöne Fahrt gieng durch felsiges 
Gebirge mit WasserföUen, durch Erlenwaldungen und Olivenpflanzungen, grüne 
Wiesen und bebautes Ackerland. Mandeln, Pfirsiche und Aprikosen standen in 
voller Blüte. Vom Vice-Consul und den obersten Behörden empfangen, begaben 
sich Ihre kaiserlichen Hoheiten ins Hotel Victoria. 

Es wurden vor allem die belebten und interessanten Bazare angesehen. In 
der Mekkastraße wurde das rege Leben beobachtet, als eine Schar Kameele mit 
Waren beladen nach Bagdad abgehen sollte. Man besichtigte die große Moschee 
der Omaijaden, die ehemalige Johannes-Basilika, von der noch behauptet wird, dass 
sie das Haupt des heiligen Johannes des Täufers berge. Sie war im Jahre 1893 
theilweise durch Brand zerstört worden ; Mosaikstücke, die man an den stehen- 
gebliebenen Mauern wahrnahm, ließen die Pracht der inneren Ausstattung 
erkennen; der ausgedehnte, mit Marmor belegte und auf drei Seiten mit 
Colonnaden eingeschlossene Hof, sowie die Anlage der Moschee selbst gaben 
eine Ahnung von der Bedeutung dieses ganzen Baues. Vom Minaret hatte man 
eine Aussicht, welche sich über die Stadt und die weite Umgebung erstreckte. 
Auf dem türkischen Friedhofe ließ man sich das Grab der Fatime, der Tochter 
des Propheten, zeigen. 

Mit besonderem Interesse aber wurden die an die Bekehrung des Apostels 
Paulus nach dem 9. Capitel der Apostelgeschichte erinnernden Punkte besichtigt, 
wenn auch die speciellen localen Angaben der Zuverlässigkeit entbehrten. Ihre 
kaiserlichen Hoheiten giengen in das Haus des Ananias, wo sich eine mit Krypta 
versehene Kapelle befindet, in der die Franciscaner Messe lesen, fuhren auf die 



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Straße vor der Stadt zu dem Orte von Pauli Bekehrung in der Nähe der Friedhöfe 
der Katholiken und Griechen, sahen das Grabmal des heiligen Georg und kamen 
an der Stadtmauer bei der Stelle vorüber, von der gesagt wird, dass der Apostel 
hier in einem Korbe heruntergelassen worden sei. 

Die geräumige Maronitenkirche, sowie die einfache griechische Kirche wurden 
noch angesehen, und das Kloster der französischen Vincentinerinnen, ein größerer 
Gebäudecomplex, wurde eingehend besichtigt. 

Auch die für Damascus so charakteristischen Privathäuser reicher Bewohner 
wurden mit Besuchen beehrt; Ihre kaiserlichen Hoheiten betraten das Haus der ) 
Familie des Assad Pascha, wo sie eine prächtige, theilweise geschmackvolle 
Ausstattung fanden, und das Haus eines reichen Juden, wo der Salon in weißem 
Marmor mit Gold verziert und mit Ornamenten überladen war. Sie giengen femer 
zu den Stätten des entsetzlichsten Elends, zu dem Hause der Aussätzigen und zum 
Irrenhause. Auf der Citadelle sahen sie in dem Gefängnisse den kurz vorher 
gefangen genommenen, wild und trotzig blickenden Sohn des Scheich der Drusen, 

Am 14. März machten die hohen Reisenden einen Ausflug nach dem Orte 
Sälihiye und auf die Höhe des Dschebel Kasiün, wo sie einen schönen Überblick 
über die herrliche Lage von Damascus erhielten, indem sich eine unvergleichliche 
Aussicht auf die mit zahlreichen Kuppeln versehene, mit Obstgärten umgebene 
Stadt und die vom Antitibanon im Nordwesten, von vulkanischem Gebirge im Osten 
begrenzte Ebene vor ihren Blicken ausbreitete. Längs des Flusses Barada kehrten 
sie in die Stadt zurück und besuchten noch zwei große Gärten, die durch prächtige 
Vegetation, besonders durch hübsche Obstbäume, die in schönster Blüte standen, 
bemerkenswert waren. 

Der Leiter des kaiserlichen und königlichen Vice-Consulates, AIcibiades 
Xanthopulo, der in längerer Audienz empfangen wurde, machte interessante 
Mittheilungen über die Verhältnisse in Damascus, und auch die beiden höchsten 
türkischen Verwaltungsbeamten, die ihre Aufwartung machten, gaben erwünschte 
Aufschlüsse. 

Sonntag, den 15. März, begaben sich Ihre kaiserlichen Hoheiten um '/« 7 Uhr 
in die Franciscanerkirche, wo sie am Eingange empfangen und zum Hochaltare 
geleitet wurden, und reisten um '/» 9 Uhr mit der Bahn nach Beirut ab. 

Um '/, 6 Uhr trafen die Höchsten Herrschaften auf dem Bahnhofe in Beirut 
ein, wo sie eine Abtheilung Infanterie mit Musik und einige Mann zu Pferde 
aufgestellt fanden; sie wurden vom Gouverneur von Beirut, welcher erklärte, dass 
der feierlichere, militärische Empfang auf Befehl des Sultans erfolgt sei, freudig 
bewillkommt und vom Generalconsul Remy begrüßt, worauf die Tochter des 
Mutran Pascha, welche in Begleitung ihres Bruders erschienen war, Ihrer kaiserlichen 
Hoheit ein Veilchenbouquet überreichte. Bei der Ankunft erhielt Seine kaiserliche 
Hoheit ein Telegramm von seinem Schwiegersohne Herzog Albrecht von Württem- 
berg mit der Mittheilung der glücklichen Geburt eines Sohnes, dessen Taufpathe 
Erzherzog Carl Ludwig wurde. Die Höchsten Herrschaften stiegen in dem 
vortheilhaft am Meere gelegenen Hotel Orient ab. Am folgenden Tage zogen sie den 
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Generalconsul Remy und dessen Tochter, mit denen sie eine Fahrt durch die 
Stadt und die im Frühlingsflor prangende Umgebung machten, zum Dejeuner 
und besuchten die Frau des Mutran Pascha, bei der sie auch deren Sohn und 
drei Töchter sahen und die Einladung zum Thee annahmen. 

Um 7 Uhr abends giengen die Höchsten Herrschaften nach huldvollem 
Abschiede von allen am Landungsplatze Erschienenen mit dem Lloyddampfer 
"Diana* in See nach Jaffa, wo sie nach günstiger Fahrt am 17. um '/, 10 Uhr 
ankamen. Sie nahmen im Hotel Hardegg das Dejeuner und fuhren alsbald mit der 
Bahn nach der heiligen Stadt. 

In Jerusalem kamen sie abends um 6 Uhr an, vom Consul Cischini 
empfangen, und fuhren zum New Hotel, das durch seine hohe Lage in der Nähe 
des Jaffa-Thores gegenüber der Davidsburg einen Überblick über die Stadt 
gewährte. Sie giengen sofort in die nahe gelegene Kirche des heiligen Grabes, 
die beim Betreten einen ergreifenden Eindruck machte. Ein Franciscaner, aus 
Salzburg gebürtig, führte Ihre kaiserlichen Hoheiten, die an verschiedenen Stellen 
hier auf Golgatha Gebete verrichteten. Da es dunkelte, kehrten sie bald ins 
Hotei zurück. 

Sieben Tage verblieben die hohen Reisenden nun im heiligen Lande. Der 
Rector des österreichischen Pilgerhauses, Dr. Malecek, diente als Führer. 

Am Morgen des 18. März hörten Ihre kaiserlichen Hoheiten in der Haus- 
kapelle des österreichischen Hospizes die bestellte heilige Messe, die der Rector 
in Paramenten, die Seine Majestät Kaiser Franz Josef I. geschenkt hat, für das 
Allerhöchste Kaiserhaus las. Darauf begiengen sie die Via Dolorosa, den Leidensweg 
Christi, bei jeder Station, wenn auch auf öffentlicher Straße, niederkniend und 
betend. Sie sahen die an die Grabeskirche anstoßende Kirche der Kopten und 
das Kloster der Abyssinier, machten dem römisch-katholischen Patriarchen einen 
Besuch, besichtigten das Kloster der Armenier und die damit verbundene Jacobus- 
Kirche, die Kathedrale des nichtunierten armenischen Patriarchen, dann das östlich 
vom großen armenischen Kloster gelegene Ölbaumkloster, wo das Haus des 
Annas, darauf das Sionsbergkloster, wo das Haus des Kaiphas gestanden war, 
und schließlich das Cenaculum an der Stätte des Saales, in welchem das letzte 
Abendmahl gehalten wurde. Am Josefsfeste, den 19. März, empfiengen sie die heilige 
Communion in der GrabkapiUe und traten noch am Vormittag die Reise nach 
Bethlehem und zum Todten Meere an. 

Um '/, 1 1 Uhr fuhren Ihre kaiseriichen Hoheiten mit Gefolge und Diener- 
schaft weg und legten die erste Strecke, da es regnete, in geschlossenem Wagen 
zurück. Mehrere Beduinen, darunter zwei Scheichs, bildeten, hübsche arabische 
Pferde reitend, die Begleitung. 

Die Höchsten Herrschaften hielten zunächst unweit von Mär Elias und 
besuchten Tantur, das unter österreichischem Protectorate stehende Hospiz 
des souveränen Malteser-Ordens. Das freundliche Haus gewährte durch seine 
vortreffliche Lage auf freier Höhe schöne Ausblicke südlich nach Bethlehem und 
nordwärts nach Jerusalem, den Stätten der Geburt und des Todes Jesu. In dem 



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Spital besorgten vier Barmherzige Brüder, deren Superior aus Bozen war, die 
Pflege. Mit jedem der daselbst untergebrachten Kranken sprach der Erzherzog 
in theilnehmender Weise, indem er sich über die Krankheit und deren Verlauf 
erkundigte. Ihre kaiserlichen Hoheiten nahmen in dem Hospiz eine Erfrischung 
und schrieben sich in das Fremdenbuch ein. Auf der weiteren Fahrt kamen sie zum 
Grabe Rachels, einem einsamen Kuppelbau am Wege. Rachel, bei der Geburt 
Benjamins gestorben, war hier »am Wege, der gen Ephrata führt«, begraben 
worden, »und Jakob errichtete ein Denkmal über ihrem Grabe, das ist das Denk- 
mal Rachels bis auf diesen Tag. (Gen. 35, 16—20. 48, 7), eine Stätte, deren 
Echtheit durch Moses und Jeremlas, Matthäus und Hieronymus gut beglaubigt ist. 

Gegen Mittag trafen die hohen Reisenden in Bethlehem ein. Sie betraten 
die Marienkirche (S. Maria a praesepio), eine über der Geburtsstätte Christi 
errichtete funfschiffige Basilika, an deren nördlicher Seite, vermöge einer 
hochherzigen Spende Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. prächtig aus- 
gestattet, die römisch-katholische dreischiffige Kirche der heiligen Katharina in 
romanischem Stil sammt dem Franciscaner-Kloster angebaut ist. Die Franciscaner 
gelangen sowohl von ihrem Kloster, als auch von der Katharinenkirche aus durch 
eigene Eingänge zur Marienkirche, in deren Mitbesitz die Katholiken wieder seit 
1852 sind, und haben auch einen besonderen Zugang zu den heiligen Grotten, die 
sich unterhalb der Marienkirche befinden. Ihre kaiserlichen Hoheiten besuchten, von 
einem Franciscaner geführt, die Grotte der Geburt Christi, eine ursprünglich als 
Stall benutzte Höhle, und sahen im östlichen Hintergrund derselben die Stätte der 
Geburt des Heilands, jetzt eine im Halbkreis ausgehöhlte, mit einem Altar versehene 
Nische, in deren weißem Marmorboden ein silberner Stern eingelegt ist, sodann die 
den Katholiken gehörige Kapelle der Krippe und den Dreikönigsaltar, ferner die 
Kapelle des heiligen Josef und die der Unschuldigen Kinder, das Grab, den Altar und 
die Zelle des heiligen Kirchenlehrers Hieronymus, der hier seinen Arbeiten bezüglich 
der Heiligen Schrift oblag (f 420), die Gräber der heiligen Frauen Paula (f 404) 
und ihrer Tochter Eustochium (f 419), und endlich das Grab des heiligen Eusebius 
von Cremona. Nachdem Ihre kaiserlichen Hoheiten wieder ins Kloster gegangen 
waren, wo ihnen Kaffee serviert wurde, begaben sie sich mit dem Guardian zu der 
südöstlich von Bethlehem gelegenen Milchgrotte, in der sich die heilige Jungfrau 
mit dem göttlichen Kinde vor der Flucht nach Ägypten verborgen hielt, und die, 
in eine den Kathohken gehörige Kapelle verwandelt, auch von Türken und 
Arabern sehr verehrt wird. Darauf giengen sie zu dem östlich von Bethlehem 
gelegenen Felde der Hirten, einem fruchtbaren Thale mit Weideplätzen und 
Ackerland, Feigen- und Olivenhainen, in welchem die Engel den Hirten erschienen 
waren. In einem von der Firma Cook dahin gebrachten Zelte nahmen die Höchsten 
Herrschaften das Dejeuner. Sie brachen um 3 Uhr wieder auf und bestiegen nun 
die Pferde. 

In Mär Säba, wo sie um 6 Uhr ankamen, besichtigte der Erzherzog mit 
dem Dienstkämmerer das wie eine Festung gebaute, von sechzig Mönchen 
bewohnte griechische Kloster, welches, vom heiligen Euthymius gegründet, dem 
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heiligen Sabas, nach dem es benannt ist, sowie dem letzten Kirchenvater Johannes 
von Damascus zum Aufenthalte gedient hatte. Bald erreichten die kaiserlichen 
Hoheiten das einen Kilometer vom Kloster westlich aufgeschlagene Zeltlager. 
Sie nahmen in dem großen Speisezelt das Diner, Es folgte eine warme Nacht. 
Die Reisegesellschaft begab sich in den verschiedenen Zelten zur Ruhe, und ein 
guter Schlaf erquickte nach dem langen Ritt. 

Am 20. März, Freitag, in der Frühe wurde die Reise fortgesetzt und die 
Strecke bis zum Todten Meere ohne Unterbrechung zurückgelegt. Der Weg gieng 
durch den anfänglich ostwärts laufenden, dann nördlich umbiegenden Wadi auf 
schwierigen Steigen über steile Lehnen hinab in die tiefe Bodensenkung el-Ghör, 
und um '/, I Uhr erreichten die hohen Reisenden das Todte Meer am nördlichen 
Ufer. Der Erzherzog war von dem Anblick überrascht. Der liebliche Eindruck wich 
bald dem unheimlichen. Die blaugrüne Farbe des Wassers, die schroffen, gelb- 
braunen Felsen des Ufers und die in blauem Dufte sich verlierenden Berge der 
Umgebung bildeten ein unerwartet schönes Landschaftsbild; es war aber kein 
Fahrzeug auf der Wasserfläche, kein Haus am öden Lande, keine Spur von 
menschlicher Ansiedelung zu bemerken. Die Erzherzoginnen sammelten einige 
Steine am Ufer, Aus einem von da mitgebrachten Feuerstein wurden in Wien 
durch die Güte eines hervorragenden Fachmannes am Naturhistorischen Hof- 
museum, des Herrn Custos Dr. Franz Wähn er, schöne Dünnschliffe hergestellt, in 
welchen unter dem Mikroskope etliche Foraminiferen zu erkennen sind. 

Nach einigem Aufenthalte ritten Ihre kaiserlichen Hoheiten weiter und 
erreichten in einer Stunde, um y,3 Uhr, die Furt des Jordan, welche für die Stelle 
gilt, an der Johannes den Heiland getauft hat. In dem Weidengebüsch der schönen 
Auen hielten sich viele Vögel auf, und auch die Palästina-Nachtigall (Bül-Bül) ließ 
sich vernehmen. Etwa 500 Meter nördlich von der Taufstelle war das Zelt auf- 
geschlagen, in welchem das Gabelfrühstück genommen wurde. 

Ihre kaiserlichen Hoheiten verweilten hier anderthalb Stunden und ritten dann 
nach Jericho durch eine weite, fruchtbare und nur zu weni