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Full text of "Öesterreichischer Erbfolge-krieg, 1740-1748: Nach den Feld-acten und anderen ..."

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IN COMMEMOR^VTION OOF THE VISIT OF 
HIS ROYAI. HIGHKESS 

PRINCE HENRY OF PBÜSSIA 

MARCH SIXTH,l90i 

ON BEIIALF OF HIS MAJEHTY 

THE GEKMAN EMPEROR 




ASSISTANT PROFES SrOR OV HISTORT 




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Der 



Oesterreichische Erbfolgekrieg 



) 



1740—1748. 



I. Band, 

1. Theil. 



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(Geschichte der Kämpfe Oesterreichs.) 



KRIEGE 

unter der Regierung der Kaiserin -Königin 

Maria Theresia. 



Im Auftrage des 

K. und k. Cliefs des Generalstabes 

herauggegeben von der 

Direetion des k. und k. Kriegs-Arehivs. 



Wien 1896. 

Verlag von L. W. Seidel & Soh.n 

K. und k. Uorbuohhliidler 



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OESJEI^REICHISCHBR''- j 



■ fi.^.V: 



ERBFOLGE- 




1740-1748. 



Nach den Feld- Acten und anderen authentischen Quellen bearbeitet 

in der 

kriegsgesch.ich.tlich.en Abtheilung 

des 

XuAtXj-A- — K. und k. Kriegs -Archivs. 



1. BA.1VI3 

(MIT ACHT BEILAGEN). 



Cc- r 

Wien 1896. 

Verlag von L. W. Seidel & Soh.n 

K. und k. Uofbuckhlndlor. 



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Harvard College Library 

MAR 17 1908 

Hohenzollern Collcction 
Gift of A. C. Cooiidge 



'^\rvA^ ^^ H-^ OJcU^J 



Druck von Joief Boiler & Comp., Wien. 



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Vorbemerkung. 



Oesterreichischer Erbfolgokrieg. I. Bd. 



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V^eine Excellenz der k. und k. Chef des Generalstabs, Feld- 
^^ zeugmeister Freilierr v. Beck, hat in weiterer Entwicklung 
der für die Darstellung der „Feldzüge des Prinzen Eugen von 
Savoyen" bestimmend gewesenen Absichten nach Vollendung des, 
dreiundzwanzig Kriegsjahre und siebenundsechzig Feldzüge auf den 
verschiedenen Kriegs-Schauplätzen umfassenden Werkes, derDirection 
des k. und k. Kriegs-Archivs den Auftrag ertheilt, durch die 
kriegsgeschichtliche Abtheilung die Geschichte der „Kämpfe Oester- 
reichs" fortzusetzen und hiebei zunächst zur Schilderung des 
„Oesterreichischen Erbfolgekriegs 1740 — 1748" zu schreiten, den 
Türkenkrieg 1737 — 1739 einer nachträglichen Bearbeitung vor- 
behaltend. Mit dem vorliegenden ersten Bande hat die Direction 
des k. und k. Kriegs-Archivs die Durchführung des erhaltenen 
Auftrags begonnen. 

Der Einheitlichkeit der ganzen Publication wegen, welche 
nach weitem Plane angelegt, nach den Kämpfen aus der Regierungs- 
zeit der Kaiserin und Königin Maria Theresia und des Kaisers 
Joseph n., dann den Kriegen mit Frankreich und den kriegerischen 
Ereignissen der Revolutionsjahre 1848 und 1849, den Anschluss an 
die bereits bestehenden quellenmässigen Schilderungen der modernen 
Kriege gewinnen soll, war es geboten, auch für den „Oesterreiclii- 
schen Erbfolgekrieg" Form und Art der „Feldzüge des Prinzen 
Eugen" thunlichst beizubehalten imd nur von der Beigabe um- 
fangreicher Correspondenzen abzusehen, wie sie bei jenem Werke 
mit Rücksicht auf die besonders hervortretende Persönlichkeit des 
Prinzen geboten war. 

1- 



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IV 

Der „Oestoireichische Erbfolgekrieg'' umfasst acht Kriegsjahre 
und in denselben zweiundzwanzig Feldzüge in Selilesien imd Bölunen, 
Bayern und dem Elsass, den Niederlanden und Italien. 

AVas die Anordnung des Stoffes anbelangt, so werden, wie 
bei den ,,reldztigen des Prinzen Eugen" die Artikel des ersten 
Bandes die allgemeine Orientierung bezwecken, die folgenden Bände 
aber dann den politischen und kriegerischen Ereignissen der Zeit 
gewidmet sein. Die streng chronologische Eintheilung des AVerkes 
,, Feldzüge des Prinzen Eugen'' wurde modificiert und mehr Gewicht 
auf die Eintheilung nach Kriegs-Schauplätzen gelegt, wodurch die 
Gliederung jedes Bandes in allzuviel gleichzeitige Feldzüge auf 
den verschiedenen Kriegstheatem vermieden und die einzelnen 
Bände zusammenhängender und einheitlicher in sich werden sollen. 

Für die Mitarbeit an dem AVerke standen der Direction des 
k. und k. Kriegs- Arcliivs noch einzelne, schon bei der Bearbeitung 
der „Feldzüge des Prinzen Eugen" bewälute Officiere, sonst aber 
wieder nur junge, für ilire Aufgabe begeisterte, arbeitslreudige, 
aber noch uneq)robte Ki'äfte zur Verfügung. 

Die unentbehrlich scheinende Schilderung der (iesammtlage 
im Beginne der liegierungszeit Maria Theresia's forderte aber 
in einzelnen wesentliclien und schwierigen Puncten, zunäclist der 
Finanzlage und der ungarischen Verfassungsfrage, Kenntnisse und 
Studien, welche höchstens von Fachgelelirten gefordert werden 
konnten. Die Direction des k. und k. Kriegs-Arcliivs sah sich 
daher veranlasst, über den Rahmen der bisherigen Mitarbeiterschaft 
an den Publicationen hinauszugehen und für die genannten wich- 
tigen Capitel des ersten Bandes die Mithilfe von Fachmäimern in 
Ansj)ruch zu nehmen. Die Herren Hofrath und k. k. Professor Dr. 
Adolf Beer in AVien und der kgl. img. Professor Dr. Marczali 
in Budapest haben diese Mithilfe bereitwillig und in einer AV^eise 
gewährt, für welche die Direction des k. und k. Kriegs-Arcliivs sich 
zu besonderem' Danke verpflichtet fühlt. 

Für das vorliegende AVerk wurde das (iuellenmaterial in erster 
Linie in den Archiven und Archiv-Publicationen gesucht und die 
Darstellung auf diese begründet. Zunäclist bot das eigene k. und k. 
Kriegs- Archiv in seinen älteren, iiicht zur Publication gelangten 
Elaboraten, in den Feld-Acten zum böhmisch -schlesischen, bay- 



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erischen, niederländischen und italienischen KJriegs-Schauplatz für 
den Krieg selbst, in seinen kriegswissenschaftlichen M6moires und 
hofkriegsräthlichen Acten für das Wehrwesen reiche Quellen. Ihm 
folgten die seither mit dem Kriegs-Archiv vereinigten historischen 
Bestände der Registraturen der Corps- und früheren Territorial- 
Commanden u. A. m. 

Das zweite, noch bedeutendere Gebiet archivalischer Arbeit 
eröflhete das k. und k. Haus-,' Hof- und Staats-Archiv mit Kriegs- 
tmd politischen Acten, sowie gesammelten Correspondenzen, ferner 
das k. und k. Hofkammer-Archiv (Reichs-Finanz) und das Arohiv 
des k. k. Ministeriums des Innern mit den Actenbeständen der ehe- 
maligen österreichischen und böhmischen Hofkanzlei, endlich die 
Manuscripten- Sammlung der k. und k. Hof-Bibliothek. 

Die weiteren noch benützten Staats- und Landes-Archive, 
sowie das Archiv der bestandenen kgl. ungarischen und sieben- 
bürgischen Hofkanzlei und das ungarische Landes- Archiv in Buda- 
pest, die Archive der fürstlichen und gräflichen Familien Liechten- 
stein, Schwarzenberg, Schaumburg-Lippe, Neipperg, Daun, 
KhevenhüUer, Pälffy u. A., städtische Archive, sowie jene der 
geistlichen Stifte Wilhering, Seitenstetten, Zwettl haben mit höchst 
dankenswerther Bereitwilligkeit die erbetene Unterstützung gewährt. 
Neben den österreichischen Archiven, deren Schätze dem Kriegs- 
Archiv in der gewohnten, jede historische Arbeit so eifrig fördernden 
Art geboten wurden, welche vor Allem dem in echt wissenschaft- 
lichem, hochsinnigem Geiste gegebenen Beispiele des Directors des 
k. und k. Haus-, Hof- und Staats-Archivs, dem Wirklichen Ge- 
heimen Eathe Alfred Ritter v. Arne th, zu danken ist, wurden dem 
k. und k. Kriegs-Archiv und seinen delegierten Officieren das kgl. 
bayerische allgemeine Reichs-Archiv, das kgl. bayerische geheime 
Staats- und das kgl. bayerische Kriegs-Archiv in München, das 
Kreis- Archiv in Amberg, sowie das Archiv des Ministeriums des 
Aeusseren in Paris, das „Depot de la guerre", die ,,Archives 
nationales" und die „Bibliotheque nationale" mit ihrem reichen Mate- 
riale in nicht genug anzuerkennender Weise zugänglich gemacht. 

Der wenigstens für jenen Theil des „Oesterreichischen Erbfolge- 
krieges", welcher als „schlesische Kriege" bezeichnet wird, wich- 
tigsten Gruppe, den kgl. preussischen Archiven, gegenüber sah sich 
die Direction des k. und k. KJriegs-Archivs bezüglich ihrer be- 



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VI 

sonderen und theilweise neuerlichen Durchforschung vor eine Frage 
schuldiger Rücksicht gestellt. 

Die Abtheilung für Kriegsgeschichte des Grossen Generalstabes 
in Berlin hatte die Veröffentlichung ihres ausgezeichneten Werkes 
„Die Kriege Friedrich^s des Grossen" begonnen. Es war hier wohl- 
bekannt, dass hiefiir ausser dem Archiv des Grossen GeneraJstabes 
und des kgl. Kriegs-Ministeriums aUe wichtigen Archive des 
deutschen Reiches, soweit sie Material fiir die sohlesischen Kriege 
boten, in eifriger, sachkundiger und gründlicher Weisö durchforscht 
und die Ergebnisse in dem erwähnten Werke niedergelegt worden 
waren. So gediegener archivalischer Arbeit der Abtheüung für Kriegs- 
geschichte des Grossen Generalstabes in Berlin gewissermassen 
noch einmal nachzugehen, erschien der Direotion des k. und k. 
Kriegs-Archivs als ein Act unzulässigen Zweifels an einer mit 
ausserordentlicher Hingabe, mit wissenschaftlichem Eifer und reichem 
Talent geschehenen Leistung. 

Sie verzichtete auf diesen Weg, indem sie willig imd mit der 
Ueberzeugung, recht zu thun, dem preussischen Generalstabswerk, 
als einem Ergebnisse correotester Forschung, unbedingt das volle 
Gewicht einer Quelle erster Bedeutung zuerkannte. 

Was die kgl. preussischen Staats-Archive anbelangt, so W6ir 
in der „Politischen Correspondenz Friedrich des Grossen", in den 
„Preussischen Staats-Sohriften" u. a. 0. das Archiv-Material der- 
selben bereits in so ausreichender Art geboten, dass eine aber- 
malige Durchforschung kaum Besseres zu erlangen vermocht haben 
würde, insoweit überhaupt dem fremden Forscher noch mehr hätte 
zugänglich gemacht werden können. 

Die Direction des k. und k. Kriegs-Archivs hat sich daher 
darauf beschränkt, nur in speciellen FäUen und Fragen die weitere 
Unterstützung der preussischen Archive, sowie des kgl. sächsischen 
Haupt-Staats-, dann des sächsischen Kriegs-Archivs in Anspruch zu 
nehmen, welche dem vorliegenden Werke auch in förderlichster Weise 
zu Theil geworden ist. 

Ganz besonders aber muss hiebei das von wirklich kamerad- 
schaftlichem Geiste erfüllte Entgegenkommen der Abtheilung für 
Kriegsgeschichte, sowie des Archivs des Grossen Generalstabes in 



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VII 

Berlin hervorgehoben werden und gerade dem gegenseitigen Ein- 
verständniss wird es wohl am meisten zu danken sein, wenn die 
beiden Werke „Kriege Friedrich des Grossen" und der „Oester- 
reichische Erbfolgekrieg", obgleich dieselbe Zeit und an bestimmter 
Stelle dieselben Ereignisse behandelnd, dennoch jedes als ein 
durchaus selbststäudiges erscheinen und auf verschiedenen Wegen 
demselben Ziele zustreben können: eine historisch und militärisch hoch- 
bedeutsame und folgenreiche Epoche im Lichte der Wahrheit, so- 
weit sie zu erlangen und zu erkennen, zur Ehre der grossen 
historischen Gestalten der kämpfenden Staaten, wie der treuen und 
tapfem Heere und der opferwilligen Völker zu schildern und statt 
aus ihnen eine Quelle ewigen Haders, fortwährender stiller Feind- 
seligkeit, eine solche reichen Nutzens und gegenseitiger Werth- 
schätzung zu machen för alle Zeit. 

An gedruckten Quellen fallen für die Zeit zum Eingang und 
während des österreichischen Erbfolgekrieges nebst den Original- 
Staatsschriften jener Periode hauptsächlich in das Gewicht: 

Ameth, „Maria Theresia's erste Regierungsjahre 1740 — 1748"; 
Friedrich H., „Histoire de mon temps"; „Preussische Staatsschriften 
aus der Eegierungszeit König Friedrich H.", herausgegeben von 
Droysen und Max Duncker, bearbeitet von Koser; „Politische 
Correspondenz Friedrich des Grossen", herausgegeben von Sybel, 
Droysen und Max Duncker; „Die Kriege Friedrich des Grossen", 
herausgegeben vom Grossen Generalstab; Droysen, „Geschichte 
der preussischen Politik"; Eanke, „Zwölf Bücher preussischer Ge- 
schichte", die Correspondenzen und Memoiren von Belleisle, 
Broglie, Coigny, Croy, Khevenhüller, Noailles, dann die Werke 
von Arvers, Adolf Beer, Broglie, Buffa, Dove, Droysen, Max Duncker, 
Carl V. Duncker, Förster, Grünhagen, die vorzüglichen Arbeiten 
von Heigel, dann Jahns, Koser, Max Lehmann, Macaulay, Marczali, 
Oncken, Orlich, Pajol, Eousset, Saluzzo, Schels, Schöning, Stenzel, 
V. Taysen, Unzer, Weiss u. A. m. 

Von diesen Werken trat in erste Linie das hervorragen^de 
und wichtige Werk Alfred v. Arneth's „Maria Theresia's erste 
Eegierungsjahre 1740 — 1748", hervorragend durch seine ganze 
Fassung, wichtig vor Allem dadurch, dass dasselbe das einzige 
grössere Werk über jene Epoche ist, in welchem auch die öster- 
reichischen Quellen zur vollen Geltung gekommen sind. 



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VIII 

Dass nach der Art der benützten Hauptqnellen in den Dar- 
stellungen der einen Seite der österreichische, in jenen der anderen 
der preussische Standpunct mehr hervortritt, ist natürlich und dabei 
wissenschaftlich gar nicht zu beklagen, insolange das aufrichtige 
Streben mitwirkend bleibt, Gerechtigkeit walten zu lassen, die 
eigenen Fehler und Schwächen nicht zu Terhehlen, die grossen 
Eigenschaften des Gegners nicht hämisch zu verkleinern, die Erfolge 
nicht zu übertreiben, die Motive nicht zu entstellen, der Wahrheit 
zu dienen nach bestem Wissen und Gewissen. 

Dieses Verdienst hat Arneth in hohem Grade. Bei aller, 
einem ritterlich denkenden Manne so natürlichen Begeisterung für 
jene unvergessliche königliche Frau, scheut er nirgends die Wahrheit, 
er übt das hehre Amt des Geschichtschreibers: nach Recht zu 
richten, Freimd imd Feind — in vornehmer Art., massvoll imd mit 
eifrig erstrebter Objectivität. Auch hierin nimmt sein AVerk ohne 
Frage den ersten Rang ein. 

Sein AVerk wdrd noch als ein sicheres, vertrauenswürdiges, 
fahrendes gelten, wenn die Masslosigkeiten so mancher heute noch 
viel geltenden Gegner längst überall nach ihrem wirklichen AA^erthe 
gewürdigt und nach überwundenem Hader ohne Dank zu den 
Tendenz- und Streitschriften vergangener Tage und erledigter 
Fragen gelegt sein werden. 

In anderer Art treten unter den österreichischen Bearbeitungen 
des Erbfolgekrieges die in der früheren „Oesterreichisch-militärischen 
Zeitschrift" durch Schels publicierten hervor. Sie haben bis jetzt 
für die Historiker zumeist als das bequemst gebotene Material zur 
Darstellung der Kriegsereignisse gedient, sie gewannen durch den 
militärischen Charakter des Autors, wie der Zeitschrift- eine gewisse 
Authenticität und sie ersparten Vielen das mühsamere (Tcschäft der 
eigenen archivalischen Forschung. 

Die Arbeiten Schels' sind auch im Wesentlichen sehr 
s(;hätzenswerth, aber sie sind durchaus nicht unbedingt zuverlässig. 
Sie sind nicht einmal, wie seine Darstellungen aus dem spanischen 
Successionskrieg, directe aus den Acten des Kriegs-Archivs ent- 
nommen, sondern erst in zweiter Linie auf diese gegründet. In der 
Hauptsache sind sie lediglich die AViedergabe jener auf Befehl 
Kaiser Joseph II. durch den Feldzeugmeister Johann Georg (Irafen 



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IX 

Browne, einem entfernten Verwandten des berühmten Feldherm 
der Kaiserin-Königin Maria Theresia, verfassten Bearbeitung 
der Kriege der theresianischen Epoche, welche als „Browne' sches 
Manuscript" im Besitze des k. und k. Kriegs-Archivs sich befindet. 

Ein Theil der Aufsätze in der „Oesterreichisch-militärischen 
Zeitschrift" stehen höher; es sind diejenigen, welche von dem seiner 
Zeit als militärischer Schriftsteller rühmlichst bekannten, einstigen 
Chef des Generalquartiermeister-Stabes Feldmarschall-Lieutenant 
Grafen Rothkirch und Panthen mit unmittelbarer Benützung der 
Original- Acten verfasst worden sind. 

Von den zahlreichen Detail-Arbeiten, welche von österreichi- 
scher Seite über Episoden und Theile de^ Erbfolgekrieges in Auf- 
sätzen und Zeitschriften im Laufe der Zeit erschienen sind, wie 
von den, durch die Direction des k. und k. Kriegs- Archivs in den 
,, Mittheilungen" veröffentlichten «Vorarbeiten zum vorliegenden 
"Werke, bei denen besonders auf die actenmässigen Darstellungen 
Carl V. Duncker's über die Besitzergreifung von Schlesien und 
den Beginn des Krieges hingewiesen werden darf, kann hier im 
Allgemeinen abgesehen werden. Sie haben jedenfalls viele jener 
Lücken auszufällen vermocht, welche auch eine emsige, allgemeine 
Forschung nicht immer zu beseitigen oder zu vermeiden vermag 
und es mindestens ermöglicht, die Schilderung der kriegerischen 
Ereignisse in Verbindung mit den eigentlichen archivalischen und 
gedruckten Hauptquellen aller betheiligten Parteien annähernd voll- 
ständig zu gestalten. 

Schwierigkeiten besonderer Art bot das Auffinden geeigneten 
Quellenmateriales für das ziu* Zeit des Todes Carl VI. so arg zer- 
rüttete „Wehrwesen Oesterreichs" und für die „Lineren Zustände 
in den Erblanden, ihre Verfassung und Verwaltung". Für die 
letztere Aufgabe sind in ganz hervorragender Weise die Andeu- 
tungen imd Mittheihmgen der vortrefflichen „Oesterreichischen 
Reichsgeschichte" von Prof. Dr. Alf ons Huber, dann die Arbeiten 
Fellner's, Mischler's, Ulbrich's u. A. forderlich gewesen. 

Von den bayerischen Quellen und quellenmässigen Bearbei- 
tungen sind neben den Archiven, den Törring'schen und Secken- 
dor ff 'sehen Schriften, den Comitial-Relationen aus dem bayerischen 
allgemeinen Reichs- Archiv, sowie der Materialiensammlung T o e p f e r- s, 



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die zum Theil im Besitz des bayerischen Kriegs- Archivs, zum Theil 
in jenem des preussischen Generalstabs ist, die Publicationen 
HeigeTs von ganz besonderem und hervorragendem Werthe. 

Die Schriften Heigel's zeichnen sich durch die Ruhe der 
Darstellung und ihre Objectivität aus und sind von wesentlichem 
Belange ftir die Kenntniss der Lage und der Ereignisse im öster- 
reichischen Erbfolgekriege. 

Eine empfindliche Lücke verursacht das Fehlen der franzö- 
sischen officiellen Quellen, wie sie durch Pelet für den spanischen 
Successionskrieg nach der Bearbeitung des verdienstvollen de Vau It 
herausgegeben wurden. Von de Vault liegt aber auch die Be- 
arbeitung des österreichischen Erbfolgekrieges auf Grund der fran- 
zösischen Feld-Acten fertig im Archiv des französischen Kriegs- 
Ministeriums, der Zeit harrend, in der sie eine geschickte Hand, 
wie Pelet und eine hochsinnige Auffassung an oberer Stelle der 
Oeffentlichkeit und der wissenschaftlichen Benützung zuführt. Das 
"Werk von Arvers über den Beginn des Krieges in Italien kann 
kaum schon als Anfang einer solchen Publication angesehen werden. 

Bezüglich der französischen, italienischen und spanischen 
Quellen ist der Forscher daher fast allein auf die M6moiren-Literatur 
und auf Sanmielwerke angewiesen, über die nur allenfalls des 
Herzogs von Broglie neueste Schriften und Pajol „Les guerres 
sous Louis XV.", wenn auch nicht über den Parteien stehend, sich 
rühmlich herausheben. 

Auch ein 1784 erschienenes Werk „Tableau de la guerre de 
la Pragmatique-Sanction en Allemagne et en Italic", als dessen Ver- 
fasser ein unbenannter„aide-de-camp-g6n6ral dans Farmöe d'Espagne" 
angegeben ist, verdient Beachtung. 

Von Italienern ist es Buffa, der mit „Carlo Emanuele IH. 
di Savoia e diffesa deUe Alpi nella campagna del 1744" eine sehr 
verdienstliche, mit grossem Verständniss gemachte Arbeit geliefert 
hat. In der Vorrede bezeichnet der Verfasser als seine, allerdings 
nicht ganz zuverlässigen, Quellen St. Simon, Minutoli, dann 
d'Agliano (Memorie storiche sulle giierre del Piemonte del 1741 
al 1747) und Domenico Carutti (Storia del regno di Carlo 
Emanuele IH.). 



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XI 

Hieher gehören noch: 

Moris, „Operations militaires dans les Alpes et les Apennins 
pendant la guerre de la Succession d'Autriche 1742 — 1748^\ Der 
Autor ist nicht Soldat. Was er bringt, ist italienischen Ursprungs. 
Viel Neues bringt Moris nicht, so wenig, als Saluzzo, der in 
seiner „Histoire militaire de Pi^mont" eine übrigens sehr fleissige 
und gewissenhafte Arbeit bietet. 

Im Allgemeinen ist der Krieg in Italien bis jetzt kriegswissen- 
schaftlich, wie politisch sehr wenig berücksichtigt worden und ein- 
gehendere Darstellungen mangeln gänzlich. Es erwies sich nicht 
als ausftihrbar, auf ungewisse Vermuthung hin, eigens Officiere in 
italienische oder spanische Archive zu entsenden, wie dies nach 
München und Paris geboten erschien. Das gesammelte Material für 
die Schilderung der Ereignisse auf dem italienischen Kriegs-Schau- 
platze gestaltete sich daher weniger reichhaltig, als für die übrigen 
Schauplätze des Erbfolgekrieges. 

Von den preussischen Werken gebührt den Schriften des 
Königs selbst unbedingt der Vorrang. Die Autorität des Verfassers, 
der Freimuth und die Klarheit, welche diese Werke auszeichnen, 
geben ihnen einen massgebenden Werth unter allen Umständen. 
Bedeutsam vor Allem, weil immittelbarer entstanden, ist die im Druck 
erschienene gesammelte ,, Politische Correspondenz König Friedrich 
des Grossen". 

Die „Politische Correspondenz" verdankt ihr Entstehen einem 
hochsinnigen Impidse König Friedrich Wilhelm IV., der im Jalu-e 
1840 der Akademie der Wissenschaften in Berlin den Auftrag er- 
theilte, „die Schriften König Friedrich 11. vollständig zu sammeln 
und nach den authentischen Texten zu pubücieren". Mit der Heraus- 
gabe wurden J. G. Droysen, Max Duncker und Sybel betraut. 
Nach Max Duncker muss Sybel, dessen Nachfolger in der 
Direction der preussischen Archive, wohl als der leitende Geist bei 
Herausgabe dieser, zunächst die politische Correspondenz des Königs 
umfassenden Sammlung angesehen werden. Die Redaction der be- 
deutsamen Veröffentlichung führte bei den hier zunächst in Be- 
trachtung kommenden ersten Bänden Reinhold Koser. 

Die „Politische Correspondenz" ist eine Piiblication eigener 
Ai-t. Wenn die Thaten des Königs als Acte eines ungewöhnlichen. 



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XII 

nur sich selbst gehorchenden, kraftvollen Willens und in ihrem Er- 
gebniss für das Wohl Preussens aufgefasst werden sollen, so bietet 
die „Politische Correspondenz", nebst den vertrauten Briefen des 
Königs, fast allein den leitenden Faden för König Friedrich ü. 
Denken und Handeln, einseitigen principiellen Lobrednem legt sie 
aber grosse Schwierigkeiten in den Weg. 

So wie das Werk ist, muss es jedenfalls als ein in erster Linie 
ausschlaggebendes bezeichnet werden, an des Königs eigenen Worten 
lässt sich wenig deuteln. Trat aber das Werk mit dem Anspruch 
an das Licht, als ein, mit geradezu gross gedachter Offenheit, der 
Wissenschaft gewidmetes zu erscheinen — zweifellos der königliche 
Gedanke in dem Unternehmen — so hat das Walten der Herausgeber 
dasselbe mit einem leisen Makel verdunkelt: es scheinen Briefe 
des Königs in demselben zu fehlen. Li seiner Vollständigkeit lag 
die Vertrauenswürdigkeit, in, wenn selbst nur kleinen Lücken, liegt 
ein Zweifel, ob es nicht noch grössere gebe. Schon Dove, „Zeit- 
alter Friedrich des Grossen imd Joseph H." in seiner „Deutschen 
Geschichte" erhebt dieses Bedenken und dass ihn Kos er in der 
„Historischen Zeitschrift" (XVI. 1884), auf „eigene Nachforschungen" 
verwies, die statt seiner und für seine besondere Aufgabe anzu- 
stellen „die Herausgeber der ,, Politischen Correspondenz" nach 
Zweck und Programm dieser Publication keine Veranlassung hatt-en", 
beseitigt den Vorwurf nicht, es bestätigt die Thatsache. Für die 
vorliegende Arbeit haben sich zunächst schon im ersten Bande 
ähnliche Bedenken bezüglich der Correspondenz des Königs mit 
dem Obersten Camas erhoben. Es scheinen wesentliche Lücken 
vorhanden zu sein. 

Wer ein Werk, wie diese „PoHtische Correspondenz", vor sich 
hat, von dem soll nicht noch gefordert werden, dass er eine be- 
sondere Forschung nach aus oder zu bestimmten Absichten nicht 
aufgenommenen Schriftstücken unternehme. Erschien bei einem so 
liberal gebotenen Werke, wie die „Politische Correspondenz", der 
Lihalt gewisser Partien selbst den Herausgebern als zu difficil, so 
liegt der Gedanke nahe, dass es Schriftstücke gebe, welche, wie 
vorher der Oeffentlichkeit, so nun auch dem Forscher unzugänglich 
bleiben würden. 

Unter den sonstigen preussischen Geschichtswerken über die 
Zeit der schlesischen Kriege tritt der preiLssisehe Grosse General- 



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XIII 

Stab mit seinen „Kriegen Friedrich des Grossen'* sichtlich immer 
mehr in die vorderste Eeihe. Nicht nur die klare, sachliche 
Schilderung des Krieges ist der glänzende Vorzug dieses Werkes, 
soweit es bis jetzt vorUegt, sondern ganz besonders seine ganze 
Art und Fassung. Die Abtheilung fiir Kriegsgeschichte des Grossen 
Generalstabs hat den Beweis erbracht, dass der Euhm König 
Friedrich 11. nicht abhängig gemacht werden müsse von der 
grundsätzlichen Herabwürdigung seines Gegners Oesterreich, sondern 
im selben Masse sich erhöhe, als auch diesem Gegner Achtung 
und Gerechtigkeit erwiesen wird. 

Ernste Hindemisse bieten dagegen die Werke der sonst 
herrschend gewordenen Schule preussischer Geschichtschreibung. 
In der Benützung der Schriften dieser Historiker liegt eine fast 
unbesiegbare Schwierigkeit. Es scheint unmögHch, sie mit jener 
ßuhe und jenem wissenschaftlichen Gewinn zu studieren, die von 
Quellen erhoffi werden, die doch dazu dienen müssten, Ansichten 
zu läutern, Gegensätze aufzuklären und damit zu mildem, den 
Dingen von diesem oder jenem Gesichtspuncte aus, neue oder 
richtigere Beleuchtung, den „Worten wieder ihre wahre Bedeutung" 
zu geben. Der fast unabweisbare Zwang, das Bedürfniss, die beinahe 
in jeder Zeile wiederkehrenden beweislosen Ausfälle zu widerlegen, 
entfernt den Forscher unbedingt von seiner eigentlichen Aufgabe, 
von ruliiger, objectiver Arbeit und fülirt zu polemischer Stimmung, 
zu erregter Abwehr, statt zur sachgemässen, nützhchen Dar- 
stellung des Geschehenen. 

Es liegt in dem Programme des vorliegenden Werkes, überall, 
soweit dies irgendwie möglich ist, in ruliiger, massvoller All 
die Dinge und Personen zur Darstellung zu bringen. Diese Pflicht 
müsste daher auch bei Besprechung der einschlägigen preussischen 
Werke zur Geltung kommen, aber hier ist es, wo ihre Erfüllung 
mindestens recht schwer wird. Die neuere, oder wenn die Zeichen 
nicht trügen, mindestens „jüngstvergangene" preiissische historische 
Schule kaim, gleichviel, welche die grössere oder geringere Be- 
deutung ihrer Mitglieder, gleichviel auch, welche Zeit der Gegenstand 
der Bearbeitung, sobald Oesterreich in Frage kommt, fast nur als ein 
Gemeinsames betrachtet werden. Diese Gemeinsamkeit aber zeigt 
sich überall in einer, über den positiven historischen Boden weit 
hinausgehenden, fast krankhaften politischen Feindseligkeit gegen 
Oesterreich, mit einem satten Grundton confessionellen Hasses. 



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XIV 

Zur Widerlegung der endlosen Beschuldigungen, welche gegen 
Oesterreich und sein Kaiserhaus gerichtet worden und der Ent- 
stellungen, welche auch die Geschichte der Zeit Maria Theresia's 
und König Friedrich 11. erlitten hat, bedürfte es einer fast ebenso 
umfangreichen Literatur. 

Der Versuch allein, auf solche Geschichtsmache kritisierend 
einzugehen, hat sofort ergeben, dass dies Citate und Beleuchtungen 
derselben erfordern würde, welche den Ton eines Werkes, wie des 
vorliegenden, wesenthch verändern müssten. 

Mit der Geschichte des österreichischen Erbfolgekriegs be- 
tritt man ein viel umstrittenes Gebiet und Neigungen, wie Ab- 
neigungen, Stimmungen und Meinungen, Ueberzeugungen und 
Vorurtheile jeder Art stossen auf demselben hart aufeinander. Wäre 
es zum redlichen Bestreben der historischen Forschung geworden, 
Wahrheit zu suchen und zu bieten statt Tendenz, so würde viel- 
leicht jene Periode aUmählig in einem ruhigeren, abgeklärteren 
Bilde den Nachkommen erscheinen können; sie würde hinaus- 
gehoben sein über den Zank und Streit, ihre Geschichte wäre be- 
freit von herausforderndem Uebermuth imd Ueberhebung der einen, 
von Verbitterung der anderen Seite. Die Zeit würde ihre versöhnende 
AVirkung ausgeübt haben, das Grosse in den handelnden Personen 
würde allseitiger geschätzt und gewürdigt, ihre Schwächen und 
Fehler milder beurtheilt werden. 

Eine nicht leichte Aufgabe wurde für die bei diesem Werke 
verwendeten Kräfte die Darstellung der dominierenden Persönlich- 
keit König Friedrich IE. Es war unmöglich, ihn ganz nur im 
Geiste der zeitgenössischen österreichischen Quellen zu schildern, denn 
diese urtheilen begreiflicherweise hart über ihn imd sein Handeln. 

Es war ebensowenig zulässig, modemer preussischer Dar- 
stellung unbedingt zu folgen, denn diese hat die Gestalt des Königs 
in eine Legende gehüllt, sie mit so viel eigenem Beiwerk, eigenen 
Meinungen und Bestrebungen umgeben, dass die liistorische Ge- 
stalt kaum mehr zu erkennen und zu verstehen ist. 

Es blieb daher nur übrig, nach Mögliclikeit die competenteste 
Quelle über Friedrich 11. sprechen zulassen: ihn selbst. AVo es, 
besonders im politischen Theile, irgend möglich ist, wird daher der 



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XV 

König selbst zu Worte kommen müssen und es werden die öster- 
reicliischen Quellen sogar eher zurückstehen gegen ihn, um der 
Gefahr eigener Einseitigkeit, so viel dies sein kann, aus dem Wege 
zu gehen. 

Das vorliegende Werk wird zunächst nur eine militärische 
„Geschichte des österreichischen Erbfolgekriegs'* sein, aber es soll 
ihm das Recht gewahrt bleiben, unbeirrt durch aufgezwungene 
Legenden und tonangebende Vertreter der landläufig gewordenen 
Anschauungen über jene Zeit, eine eigene freie Meinung, gestützt 
auf die wirklichen Quellen, auszusprechen. Eine Veranlassung, eine 
besondere Parteistellung zu suchen, liegt keineswegs vor. 

Die Archive in Oesterreich stehen jedem ernsten Forscher 
weit oflfen, wir haben in Oesterreich nichts zu verhehlen und nichts 
zu beschönigen. Wir wünschen nur, dass diese Quellen elirlich be- 
nützt werden und dass die Wahrheit zu ihrem Rechte komme, 
denn wir wissen, dass Oesterreich und sein Kaiserhaus in der un- 
geschminkten AVahrheit allein ilu'e glänzende Rechtfertigung in der 
Geschichte, ihre wirksamste Vertheidigung, ihren edelsten Ruhm 
finden. 



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Inhalt. 



OetterreiohlBoher Erbfol^ekiieg. I. Bd. II 



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I. Band: 

1. TheiL 

Seite 

Yorbemerkung i 

Die pragmatische Sanction i 

Die herkömmliche Erbfolge 3 

Pactum mutuae successionis 9 

Das Entstehen der pragmatischen Sanction 14 

Die Verhandlxmgen mit den Erblanden und Ungarn 26 

Die Anerkennung der pragmatischen Sanction durch die fremden 

Mächte und das Eeioh 45 

Die Yeifassung und Yerwaltnng der deutschen Erblande^ der 

Niederlande und der Besitzungen In Italien 57 

Die österreichischen Erblande 65 

Nieder-Oesterreich 76 

Inner-Oesterreich 81 

Ober- und Vorder-Oesterreich 91 

Die böhmischen Erblande 103 

Böhmen 106 

Mähren 116 

Schlesien 119 

Die Niederlande 126 

Die Besitzungen in Italien 135 

Ungarn bei dem Tode Cail III. (Kaiser Carl YI.) i43 

Das Inaugural-Diplom 147 

Die königliche Gewalt 156 

Verwaltung 161 

Die Stände 169 

Die Diät (Eeichstag) 176 

Zustand des Landes 178 

Gravamina, schwebende Fragen 181 

Staatsmänner und Feldherren 190 

Das Finanzwesen der Monarchie 197 

Finanzlage beim Eegierungs- Antritt Carl YI 199 

Einrichtung der Hofkammer 208 

n* 



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XX 

Seite 

Landeskammem 212 

Cameral- Verwaltung in Ungarn 212 

Staatshaushalt 213 

Directe Steuern 290 

Die indirecten Abgaben 252 

Schulden 264 

Ständische Aerarial- Schulden 264 

Ausländische Schulden 270 

Die Banco-Schulden 272 

Schuldentilgung 287 

Uebersicht der Bewilligungen der Erblande für Müitärzwecke 1716 bis 

1739 294 

Das Wehrwesen in Oesterreich 297 

Die Heeresleitung 301 

Der Allerhöchste Oberbefehl 801 

Der Hof-Kriegsrath 306 

Generale und Festungs-Commandanten 326 

Das General-Kriegs-Commissariats-Amt 385 

Das Obrist-Proviant-Amt 341 

Das Obrist-Land- und Haus-Zeug-Amt 344 

Das Fortifications-Zahl-Amt 348 

Das Obrist-Schiff-Amt 348 

Das General-Feld-Kriegs-Auditoriats-Amt 850 

Die Generalität 351 

Grosser und kleiner Generalstab 351 

Die Truppen 357 

Reductionen seit dem Frieden von Passarowitz 1718 .... 357 

Die Reductions-Projecte der Jahre 1789 und 1740 360 

Die Fusstruppen 372 

Die regulären Infanterie-Begimenter 372 

Das regulierte Tyroler Land-Bataillon 379 

Ausrüstung, Bewaffnimg, Gebühren, Dienst 880 

Gamisons- und Besatzungs-Truppen 392 

Frei-Corps zu Fuss 395 

Die Beiterei 398 

Die Cürassiere und Dragoner 898 

Die regulären Husaren-Begimenter 401 

Die National-Milizen zu Pferde in Ungarn und Siebenbürgen 410 

Die Frei-Corps zu Pferde 412 

Innere Zustände und Schwierigkeiten bei den Truppen 

um das Jahr 1740 413 

Die Artillerie 480 

Das Geschütz-Material 436 

Specielle Corps 442 

Ingenieure 442 

Pontonniere und Kriegsbrückenwesen 444 

Feld-Proviant-Fuhrwesen 447 

Tschaikisten- und Donau-Flottille 451 



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XXI 

Seite 

Sanitätswesen 452 

Die Heeres-Ergänzung 469 

Eintritt und Abgang von Officieren nnd Mannschaft .... 459 

Pferdewesen 473 

Mobilisierung 475 

Die Verwaltung des Heeres 477 

Geldbeschaffung und Cassawesen 477 

Verpflegung der Truppen und deren Verrechnung 480 

Die Grenzer 491 

Die Landes-Aufgebote 602 

Das Wehi-wesen fremder Staaten 517 

Das Wehrwesen In Preussen 519 

Aufbringung und Ergänzung des Heeres 626 

Land-Miliz und Land-Regimenter 581 

Das Canton-System 532 

Beurlaubungs-System 535 

Standesbewegung im Heere 588 

Mobilmachung 540 

Pferde-Aufbringung 541 

Die Ausbildung der Truppen 542 

Artillerie-, Ligenieur- und Befestigungs -Wesen . . . 651 

Besoldung, Bekleidung, Bewaflnung, Verpflegung 556 

Sanitätswesen 561 

Rechtspflege 562 

Stärke der Armee im Februar 1713, beziehungsweise Mai 1740 563 

Feld-Truppen 563 

Gamisons-Truppen 566 

Weitere Vermehrung der Armee im Laufe des Jahres 1740 . 568 

Die Führung des Heeres im Jahre 1740 674 

Das Wehrwesen In Sachsen 582 

Das Wehrwesen in Bayern 689 

Militär-Behörden 590 

Heeres-Ergänzung 691 

Officiers-Nachwuchs 592 

Enegs-Material 592 

Verpflegung 593 

Geld-Erfordemiss 593 

Bemontierung und Ausrüstimg 594 

Dienstvorschriften 596 

Zustand der bayerischen Armee 595 

Das Wehrwesen des deutschen Reichet und einiger Reiohs-Stlnde 597 

Die Beichs-Armee 597 

Die Truppen einiger bedeutenderer Reichsfarsten 600 

Chur-Pfalz 601 

Chur-Maynz 602 

Chur-Cöln 602 

Chur-Trier 602 

Hessen-Darmstadt 602 



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xxn 



Seit« 

Baden 603 

Die sächsischen Herzogthümer 603 

Geistliche Reichs-Stände 603 

Das Wehrwesen in Hessen- Catsel 604 

Behörden 604 

Rahmen und Bestand 605 

Versorgungswesen 606 

Das Wehrwesen Dttnemarks 607 

Geworhene Regimenter 607 

Infanterie 607 

Cavallerie 607 

Artillerie 607 

National-Regimenter 608 

Das Wehrwesen Hannovers 609 

Behörden 609 

Rahmen, Bestand, Adjustierung und Bewaffiaung 609 

Garden 609 

Infanterie 610 

Cavallerie 610 

Artillerie 611 

Ingenieure 6ll 

Gesammtstärke des Heeres 6l2 

Officiers-Corps 612 

Unterofficiere 612 

Ergänzung 618 

Militär-Gerichtsbarkeit 613 

AVaffen-Industrie 613 

Geld- und Natural -Verpflegung 613 

Transportwesen 614 

Bemontierungswesen 616 

Unterkunftswesen 616 

Sanitätswesen 616 

Versorgnngswesen 616 

Bestehende Dienstvorschriften 616 

Das Wehrwesen Englands 618 

Landmacht. Stehendes Heer 618 

Behörden 618 

Ergänzung und Bestand 619 

Die Truppen 619 

Das Officiers-Corps 622 

Unterofficiers-Corps 628 

Militär-Gerichtsbarkeit 623 

Waffen-Industrie 624 

Geld- und Natural-Verpflegung 624 

Transportwesen 626 

Bemontierung 626 

Unterkunftswesen 626 

Versorgimgswesen 625 



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xxin 

Seite 

Frei-Corps 626 

See-Soldaten-Corps 626 

Miliz 626 

Schottische Kriegsverfassung 627 

Die Seemacht 629 

Veisorgungswesen 630 

Das Wehrwesen Frankreichs 631 

Aufbringung und Stärke des Heeres 631 

Behörden, Befehlgebung und Militär-Hierarchie 634 

Truppen 638 

Maison du roi 638 

Infanterie 639 

Cavallerie 642 

Frei-Corps ^ 644 

Artillerie 644 

Ingenieur- Corps 645 

Trainwesen 646 

Sanitätswesen 648 

Verwaltung und Gebühren 648 

Verpflegswesen 651 

Beförderungen und Auszeichnungen 662 

Versorgungswesen 653 

Die Armee im Felde • 653 

Zustände im französischen Heere 657 

Seemacht 659 

Das Wehrwesen Sardiniens 661 

Das Wehrwesen Spaniens 663 

Das Wehrwesen des Königreichs beider SicÜien 668 



I. Band: 

2. Theil. 

Die Kriegführung zui* Zeit des österreichischen Erbfolge- 
krieges 671 

Die allgemeinen Grundsätze des Krieges 675 

Das allgemeine Bild des Krieges 716 

Tactische Grandzüge. Verpflegs-Sj'stem 722 

Militärische und geographisch - statistische Schilderung der 

Kriegs-Schanplätze 731 

Der Kriegs-Schaupiatz in Nieder- und Ober-Oesterreich, Böhmen, 

Sohlesien, Sachsen, Bayern 733 

I. Das böhmischL-mährisclie Gebirgs-Systetn 734 

Orographie, Bodenbedeckung, Gangbarkeit 735 

Die Rand-Gebirge 735 



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XXIV 



Seite 

Das Innere von Böhmen und Mähren 741 

Das Wiener Becken 743 

Hydrographie 743 

Bodenproduction 746 

Das Königreich Böhmen mit der Grafschaft Glatz . 748 

Politische Verhältnisse 748 

Wohnorte. Befestigungen und deren Bedeutung für die 

damalige Kriegsepoche. Militärische Würdigung 749 

Die Markgrafschaft Mähren 754 

Politische Verhaltnisse 754 

Wohnorte. Befestigungen und Bedeutung. Militärische 

Würdigung 754 

Das dem böhmisch-mährischen Gebirgs-Systeme 

nördlich vorgelagerte Gebiet 756 

Urographie. Bodenbedeckung. Allgemeine Gangbarkeit 756 

Hydrographie 757 

Das Churfürstenthum Sachsen 758 

Politische Eintheilung 758 

Bodenproduction 759 

Wohnorte. Befestigungen und deren Bedeutung. Mili- 
tärische Würdigung 760 

Die preussische Mark Brandenburg 762 

Schlesien 763 

Bodengestaltung und Bodenbedeckung. Gangbarkeit . 763 

Die Gewässer Schlesiens 764 

Bodenproduction 765 

Politische Verhältnisse 765 

Wohnorte. Befestigungen und deren Zustand. Mili- 
tärische Würdigung 766 

IT. Das Donau-Thal 769 

Bodengestaltung und Bodenbedeckung. Gangbarkeit . 769 

Hydrographie 771 

Bodenproduction 775 

Das Churfürstenthum Bayern 776 

Politische Verhältnisse 776 

Wohnorte. Befestigungen imd deren Bedeutung . . . 777 

Das Erzherzogthum Oesterreich 779 

Militärische Würdigung 780 

Verkehrs-System 783 

Die grossen Verkehrsrouten 783 

Das Strassenwesen 765 

Wasserstrassen und Schilffabrt 787 

Handel, Gewerbe und Industrie 788 

Die oberdeutschen Reichsstädte 788 

Die österreichischen Erblande 790 

Preussen 795 

Sachsen 795 

Bayern 796 



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XXV 

Seite 

Der Kriegs-Sohauplatz am Ober-Rhein und im Eitass 797 

Die Bodenerhebungen und deren Einfluss auf die Operationen. 

Gangbarkeit 797 

Die Gewässer 801 

Bodenproduction und Bodenbedeckung 805 

Das Königreich Frankreich 807 

Politische und culturelle Verhältnisse 807 

Das Elsass 808 

Das Herzogthum Lothringen 809 

Das Römische Reich 809 

Politische Zustände. Bevölkerung 809 

Das Städtewesen 813 

Befestigungen und deren Bedeutung für die damalige 

Kriegsepoche 814 

Der Kriegs-Schauplatz am mittleren Rhein bis zum Neckar süd- 

wttrts und in den Niederlanden 821 

Orographie. Bodenbedeckung. Gangbarkeit 822 

a) Das Land östUch des Rheins 822 

b) Das Land zwischen dem Rhein und der Mosel 828 

c) Das Land zwischen der Mosel, dem Rheine 

und der Maas 824 

d) Das Land zwischen der Nordsee und der 

Maas-Sambre Linie 826 

Die Gewässer 826 

Bodenproduction 834 

Die Niederlande 836 

Politische und culturelle Verhältnisse 836 

Wegsamkeit. Strassenwesen 840 

Die Wohnplätze und das Städtewesen 841 

Die Befestigungen und ihre Bedeutung für die damalige 

Kriegsepoche 842 

Der Kriegs-Schauplatz in Italien 857 

Die italienischen Staaten 857 

Politische Verhältnisse 857 

Das Gebiet der Alpen 861 

Oro - hydrographische Gliederung. Bodenbedeclnmg. 
Bodenproduction. Gangbarkeit. Militärische Wür- 
digung 861 

Die Verkehrswege zwischen Frankreich und Italien. 

Alpen-Uebergänge 864 

Die Apenninen-Landschaften 866 

Oro - hydrographische Gliederung. Bodenbedeckung. 
Bodenproduction. Gangbarkeit. MiHtärische "Wür- 
digung 866 

Die Apenninen-Uebergänge 871 

Das oberitalienische Tiefland 873 

Bodengestaltung und Bodenbedeckung. Gewässer. Boden- 

cultur. Gangbarkeit. Militärische Würdigung . . 873 

Oesterreiohischer Erbfolgekrieg. I. Bd. III 



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XXVI 

Seite 
Die Befestigung und deren Bedeutung für die damalige 

Kriegsepoche 880 

Der Wiener Hof und die Lage der eoropfUschen Mächte . . 898 

Der Wiener Hof 895 

Frankreich und Spanien 906 

Sardinien 919 

Das Römische Reich 921 

Bayern 923 

Sachsen 981 

Preussen 932 

Die Ansprüche auf Jägemdorf 987 

Die Ansprüche auf Brieg, Liegnitz und Wohlau . . . 941 

Schwiebus 946 

Die ersten Könige in Preussen 960 

England und die Generalstaaten 984 

Russland und Schweden 986 

Die politische Yorbereitnng zum Kriege 991 



Anhang. 

I. Sanctio Pragmatica über die Erbfolge des Durchlauchtigsten Ertz- 
Hauses Oesterreich. Wien, den 19. April 1713. (Nach dem Supplemen- 
tum Codicis Austriaci, Seite 688, 68i) 1099 

II. Pragmatische Sanction. Publication in den österreichischen Nieder- 
landen vom Jahre 1724. (Aus: „Die Staats-Grundgesetze und die 
damit in näherem Zusammenhange stehenden Gesetze etc." Offi- 
cielle Handausgabe der österreichischen Gesetze und Verordnungen, 
3. Heft, 5. Aufl. vom Jahre 1882) 1101 

III. Geheime Instruction für den Obersten von Camas, welcher an 
den Hof von Frankreich in der Eigenschaft eines ausserordent- 
lichen Gesandten geht. Ruppin, den 11. Juni 1740. Polit. Corresp. 
König Friedrich d. Gr. I. 4 1104 

IV. Churbayerisches Protest-Decret. München, den 8. November 1740. 
Königlich bayerisches allgemeines Reichs-Archiv. Acta über den 
österreichischen Successionskrieg 1 1106 

V, Die Ergebnisse der Rheinsberger-Rerathung. 29. October 1740. 

PoHt. Corr. I. 199 1107 

VI. Instruction für den Grafen Gotter, Obersthof marschall, bei seinem 
Abgehen an den Wiener Hof als bevollmächtigter Minister. Berlin, 
8. December 1740. Polit. Corresp. I. 192 IUI 

Vn. Königliches Rescript, welches unterm 29. December 1740 nach 
Regensburg abgegangen. K. und k. Kriegs-Archiv. Oesterreichischer 
Successionskrieg 1740, Fase. XID. 7 1115 

Vin. Entwurf eines Defensiv-Alliance- Vertrages zwischen dem Könige 
von Frankreich und dem Könige von Preussen. (Dem Herrn 



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xxvn 



IX. 
^ XI. 

^xn. 
^xnr. 



Seite 
V. Valory zugesandt am 4. Januar 1741). Staate-Archiv in Paris. 

Berlin. Valory 1741. Nr. 116 1118 

Musterungs-Instruction ,.In was vor dem gegenwärtigen System 
von Anbeginn der Regimenter bis 1748 das Agendum eines Enegs- 
Commissarius bei den Musterungen hauptsächlich bestanden ist'\ 

K, A. Kanzlei-Archiv, III. 9 1122 

Dislocation der kaiserlichen Armee beim Tode Carl VI. (20. October) 

1740 ♦ 

Die österreichischen Infanterie-Begimenter in den Jahren 1786 bis 

1748 

Die österreichischen Cavallerie-Regimenter in den Jahren 1786 bis 
1748 



Oesterreichische Artillerie- und Zeugsvorräthe in den festen Plätzen 
der k. k. Erbländer mit Ausnahme von Luxemburg, Italien (ausser 
Mantua), Süd-Tyrol, Inner- und Vorder- esterreich um das Jahr 1740 
Stärke des brandenburgisch-preussischen Heeres im Februar 1713 

und im Mai 1740 . • 

Uebersich t der preussischen Infanterie-Regimenter im December 1740 
Uebersicht der preussischen Cavallerie-Regimenter im Jahre 1740 
Etat de toutes les troupes de Son Altesse i^lectorale de Saxe, 
comme elles se trouvent effectivement complötes pour Fannie 
Gourante 1741. 14. Acut. Paris, Ministerium des Aeussem. Volume 

Saxe 1740. 23 

XVni. Stand der französischen Armee im December 1740 



''XIV. 

^XV. 
v^XVI. 

rxvn. 



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S 



Genealogische Tafeln. 

Seite 

• Das Haus Habsburg von Rudolph 1 4 

' Oesterreich von Ferdinand 1 896 

' Spanien aus dem Hause Bourbon • 909 

Bayem-Oesterreich 927 

'Sachsen-Polen 983 

^Brandenburg 936 

TMe Piasten zu Liegnitz, Brieg und Wohlau 941 

'Das Haus Witteisbach 968 

' Die Jülich-Berg'sche Erbfolge 968 

'Bussland 987 

'Schweden 990 



Graphische Beilagen. 



^ Tafel I: üebersichtskarte der Habsburgischen Länder zur Zeit des Todes 

Carl VI., 1740, mit innerer Eintheilung. 1 : 3,500-000. 
^ ,. II: Europa. Politische Uebersicht zur Zeit des Todes Carl VI. I:9,4ß0.000. 

m* 



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xxvin 

^ Tafel III: Dislocationskarte der kaiserlichen Armee beim Tode Carl VL, der 
preussisclien, bayerischen, dann sächsischen Armee vor dem Aus- 
bruch des Krieges. 1 : 3,600.000. 

^ ., IV: Oesterreichische Truppen. 

^ „ V: Preussische und sächsische Truppen. 

V „ VI: Französische, bayerische, piemontesische und englische Truppen. 

V , VII: Hypsometrische Karte der Kriegs-Schauplätze. 1 : 1,500.000 in vier 

Blättern. 
^ ., VIII: üebersichtskarte von Schlesien. 1 : 900.000. 



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Die pragmatische Sanction. 



österreichischer Erbfolgekrieg:, I. Bd. 



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Die herkömmliche Erbfolge. 

jjOanctio pragmatica'* pfleget in jure publico nichts Anderes 
zu heissen, als eine solche Art eines Gesetzes, worinnen des Be- 
herrschers oder Regenten Gerechtigkeit (Recht) und Befugniss ent- 
halten ist." *) Die von Kaiser Carl VI. gegebene Sanctio pragmatica 
ist ein solches Gesetz über die Ordnung der Erbfolge im erzherzog- 
lichen Hause Oesterreich und über die Untheilbarkeit der König- 
reiche und Länder, welche dem Scepter dieses Hauses unter- 
worfen waren. 

Die Bestimmungen über die Erbfolge sind ein aus der Macht- 
vollkommenheit des Hauptes der Dynastie hervorgegangenes Haus- 
gesetz, die Bestimmungen über die Untheilbarkeit und das gegen- 
seitige Verhältniss der Länder zu einander und zum regierenden 
Hause wurzeln in den mit den Ländern erfolgten Verhandlungen 
und sind daher nicht in einer einzelnen Urkunde zu suchen; die 
Verhandlungen mit den fremden Mächten, um Einsprachen und 
Angriffen gegen die getroffenen Einrichtungen vorzubeugen, erweitem 
die Zahl der zu dem ganzen Staatsacte gehörigen Documenta 

Wenn auch in der Regel das ProtocoU über die feierHche 
erste Erklärung der geplanten Erb-Ordnung vom 19. April 1713 
als „Haupt-Listrument" bezeichnet zu werden pflegt, oder eine 
einzelne Formulierung, wie jene vom' 6. December 1724 in den 
Niederlanden publicierte, als „Pragmatische Sanction" in der 
„Officiellen Handausgabe der österreichischen Gesetze und Verord- 
nungen, ni. Heft, Staatsgrundgesetze", ihren Platz gefunden hat, 
so ist unter „Pragmatische Sanction Kaiser Carl VT." doch stets 
der ganze Complex der auf die Darlegung und Durchführung der 
Willensmeinung dieses Kaisers in Bezug auf Erbfolge und Untrenn- 
barkeit der Länder bezugnehmenden Verhandlungen, Verfügungen 
und Urkunden zu verstehen. 

*) Unumstössliche Ausführung und rechtliche Grund-Ursachen der best- 
stabilierten Erbfolge in dem Allerhöchsten Erzhause Oesterreich etc. 1740. 



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„Der Inbegriff dieser einzelnen Kundgebungen, der 2ustini- 
mungs-Urkunden der Königreiche Tmd Erbländer, wonach diese 
auf spontane Trennung verzichten, aber auch vom Throne herab 
die Zusicherung erhielten, dass sie nicht mehr unter die Sprossen 
des Hauses getheilt werden, ist die pragmatische Sanction". ') 

Die pragmatische Sanction trägt daher nicht nur den Charakter 
eines Hausgesetzes, sondern wegen der Feststellung der Verhältnisse 
der Erb-Königreiche und Länder unter sich und mit Ungarn, sowie 
der Dynastie zu allen diesen Gebieten, ebenso den eines Staats- 
grundgesetzes imd zwar des wichtigsten von allen. 

Die "Wechselverbindung und die Erneuerung der älteren Erb- 
verträge zwischen Ungarn, Böhmen und Oesterreich, welche König 
Wladislaw H. von Böhmen und Ungarn zur Stärkung imd Siche- 
rung seiner ungarischen Lande gegen die Ttirkengefahr sowohl, als 
zu seiner eigenen gegen die mächtige Partei des siebenbürgischen 
Wojwoden Johann Zapolya, mit dem habsburgisohen Kaiserhause 
angestrebt hatte, waren durch die Vereinbarung einer Doppelehe 
zwischen den Enkeln Kaiser Maximilian L, den Kindern Philipp 
des Schönen, Ferdinand und Maria, mit König Wladislaw II. 
Kindern, Anna und Ludwig, 1521 zu Stande gekommen. Nach. 
dem Tode dieses Ludwig H., 1526 in der Schlacht bei Mohics, 
nach schweren Kämpfen mit den Türken und Johann Zapolya, 
der die Königskrone an sich gerissen, hatte König Ferdinand !• 
endlich seine durch die Ehe mit Anna erworbenen Rechte zu be- 
haupten vermocht und war am 3. November 1527 in Stuhlweissen- 
biu*g zum König von Ungarn gekrönt worden. 

Damit erschienen nun Ungarn, wie Böhmen, mit jenen Theilen 
des römischen Reichs in einer Hand vereinigt, welche als Erbbesitz 
einer deutschen habsburgisohen Linie bei der Theilung des Reichs 
zwischen Kaiser Carl V. und seinem jüngeren Bruder Ferdinand 
von dem älteren, nun die spanische Linie darstellenden, Hause ab- 
getrennt worden waren. 

König Ferdinand I. wurde von den ungarischen Ständen 
zwar wohl in Würdigung und Anerkennung seiner Anrechte auf 
die Krone, aber doch freiwillig zimi Könige gewählt. Im Jahre 
1547 gaben die Stände jedoch die feierliche Erklärung einer imlös- 
baren Verbindung mit dem König, wie mit seinen Erben, also dem 
Hause Habsburg, ab: cum sese Ordines et Status regni non solum 



*) Mayer, „Die letzten Habsburger'*, U. 81. 

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K«»ifp 



Jolf, 

^akeo, f^est. 1289. 



'arrlcida. 



in: 
182. 
iria 



Ernst der Eiserne, 

geaU 1424. 



Albreoht VI., 



Friedrich von Tyrol, 

gest. 1499. 

Slgismund von Tyrol, 

gest. 1493. 



na, 

sa- 



Margaretha, 

gest. 1590. 



Isabella, Ferdinand I., Maria, Katharina, 

st. 15^. Gemahl: Kaiser, gest. 15^, renn. gest. 1666. Oemahl : gest. 1577. 

nig Christian II. von mit Anna von Böhmen König Lndwig II. von 
Dänemark. nnd Ungarn. Ungarn. 



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Majestät! suae sed etiam suomm haeredum imperio et potestati in 
omne tempus subdiderint." *) 

Mit dieser Anerkennung war nicht das überkommene Recht 
der Wahl aufgegeben, wohl aber die Wahl auf das Haus Habsburg 
beschränkt und sonach sonstigen gefährlichen Aspirationen ein Ende 
zu bereiten versucht worden. Das Erbrecht des Hauses und das 
Wahlrecht der Stände waren jetzt gleichmässig vertreten in den 
Bedingungen zur Erlangung der Königskrone. Es bestand die 
zweifellose Absicht, diese beiden grundlegenden Bedingungen 
beiderseits stets im Einklang zu erhalten, aber es war eine natür- 
liche Erscheinung, dass von Seite der Dynastie doch stets das 
Hauptgewicht mehr auf das Erbrecht, von Seite der ungarischen 
Stände mehr auf das Wahlrecht gelegt wurde. Die Klrönung der 
folgenden Könige: Maximilian, wie Rudolf (als Kaiser H.), er- 
folgte indessen ohne eigentliche Wahl, doch wurde bei Maximilian 
auch vom Kaiser Ferdinand I. „Zustimmung, Wissen und Ge- 
nehmigung" als erforderlich anerkannt und so das Princip eines 
Wahlrechts keineswegs verneint, bei Rudolf aber von den unga- 
rischen Ständen die rechtzeitige Vornahme der Wahl sogar selbst ge- 
fordert und selbe sonach zwar ebenfalls grundsätzlich vorbehalten, 
thatsächlich aber nicht wirklich vorgenommen, sondern die Krönung 
ohne solche durch einen eigenen Landtag vollzogen. 

Die Umwälzung, welche der erzwiangene Verzicht Rudolf H. 
hervorgerufen hatte, äusserte ihre tiefe Wirkung auch auf die 
Thronfolge in Ungarn. Die Haltung des Erzherzogs Matthias hatte 
nicht dazu beitragen können, seine Stellung den Ständen des unga- 
rischen Reichs gegenüber zu stärken, er musste ihre Mitwirkung 
bei seinen Bestrebimgen eher durch ein grosses Entgegenkommen 
zu gewinnen trachten. So trat im Jahre 1608 das Erbrecht gegen 
das Wahlrecht ganz zurück und König Matthias wurde vom unga- 
rischen Landtag in aller Form gewählt. Die Versuche des Kaisers 
Matthias, für seinen zum Nachfolger bestimmten Vetter Ferdinand 
von der steyerischen Linie des Hauses Habsburg, wieder mehr das 
Erbrecht geltend zu machen, misslangen ebenso. Die vereinbarte 
Formel, dass Ferdinand von den ungarischen Ständen „nach ihrer 
alten Gewohnheit und immer beobachteteten Freiheit" einstimmig 
zum König gewählt worden sei, ^ verhüllte einigermassen die 
schärfer gewordenen Q-egensätze der Anschauung, 

*) Hub er, Oesterreichische Reichsgeschichte, 128, nach „Monum. 
comitialia Hungariae". UI, 135, Art. 5. 

*) Hub er, Oesterreichische Reichsgeschichte, 190. 



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Auch Ferdinand lU., sein Sohn Ferdinand IV., der noch 
vor dem Antritte der Nachfolge früh verstarb und sein zweiter 
Sohn Leopold I. wurden „gewählt", wenn auch ohne Widerspruch. 
Ein anerkanntes Recht der Erbfolge in Ungarn nach der Erst- 
geburt bestand aber noch immer nicht wirklich, bindend war 
höchstens nur die Wahl aus dem Hause Habsburg. 

Es darf nicht unbeachtet bleiben, dass diese bald verhüllteren, 
bald sichtbareren Verschiedenheiten in der Auffassimg ihre Wurzel 
wohl am wenigsten in besondem dynastischen Zielen oder etwa in 
ständischen Freiheitsbestrebungen fanden. Der Einfluss der äusseren 
Verhältnisse musste wohl mehr in das Gewicht fallen. Ungarn, 
dessen ständische Rechte so sehr vertheidigt wurden, war fast bis 
an die Raab und Gran türkisch, mit unsäglicher Mühe hielten die 
Habsburger den schmalen Streifen ungarischen Bodens fest, der 
noch übrig geblieben war und unausgesetzt drohte die Gefahr, auch 
dieses und noch mehr von der nächsten Osmanenwelle weggerissen 
und vernichtet zu sehen. Dabei aber richtete sich der Wider- 
stand der Ungarn dennoch keineswegs gegen das siegreiche Türken- 
thum, sondern immer nur gegen den einzigen und natürlichen 
Beschützer des Landes, den König und seine österreichische Macht. 
Das konnte hier verstimmen, aber es fehlten allerdings auch noch 
die grossen kriegerischen Erfolge auf dieser Seite, welche das 
königliche Uebergewioht hätten wirklich begründen können. 

Doch auch diese erschienen endlich unter der Regierung des 
standhaften Leopold I. Mit dem grossen Siegestage von Wien 
1683 begann jene Reihe glorreicher Kriege, in denen des Kaisers 
Heeresmacht und — es war bedeutsam für die ganze Lage — nicht 
die eigene Kraft Ungarn dem Türkenthum entriss und Land 
und Volksthum vor sicherem Untergange retteten für die deutsche 
Cultur und freies inneres Aufblühen. Das konnte nicht geschehen 
ohne manchen schmerzenden Eingriff, das Osmanenthum und nicht 
weniger die Reformation hatten tiefe Wurzeln im Wesen des unga- 
rischen Volkes geschlagen, aus denen nur Feindseligkeit gegen die 
deutsche und katholische Dynastie zu erwachsen vermochte. Auch 
dieses wurde einigermassen überwunden imd im Gefühle der endlich 
erfolgten Rettung und wiedergewonnenen Freiheit erhob der 
Landtag 1687 im Artikel H das unbedingte erbliche Recht des 
Mannesstammes des ganzen Hauses Habsburg, nach dem Range der 
Erstgeburt, auf die Nachfolge an der ungarischen Krone zum 
bindenden Gesetze. Nur wenn der Mannesstamm ganz erlösche, 
sollten die Stände wieder das Recht der Wahl besitzen. 



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Das Gesetz war gegeben, aber noch fehlte viel an dem Ge- 
horsam, den es zu beanspruchen hatte. Noch konnte der furchtbare 
Aufstand eines Rdkoczy, im Bunde mit Türken und Franzosen, 
alle diese theuer errungenen Eechte mit frevelnder Hand in Frage 
zu stellen versuchen, noch konnte Franz Riköczy, angeeifert 
durch Frankreich, auf dem „blutigen" Landtag zu Önod am 9. Juni 
1707 es wagen ^), das Haus Habsburg der Krone Ungarns für ver- 
lustig zu erklären und einen fremden Fürsten als Throncandidaten 
zu proclamieren. Aber auch dieser Aufetand erlosch endlich wieder 
unter der Wucht kaiserlicher Waflfen und kluger Politik wirklich 
patriotischer Männer. Der Vertrag von Szatmdr 1711; und die 
Capitulation auf der Ebene von Nagy-Majteny ^ schlössen diese 
tragische Episode in der Geschichte Ungarns. 

Als Gemahl der Tochter König Wladislaw H. von Ungarn 
und Böhmen, trat König Ferdinand I. nach dem Tode König 
Ludwig n. von Ungarn bei Mohäos, auch die Eegierung der 
böhmischen Lande, 1526, durch Wahl der böhmischen Stände 
an. Dieses Wahlrecht wurde aber bald und in entschiedener Weise 
in Frage gestellt. Schon 1545 liess Ferdinand I. die Erklärung 
in die Landesgesetze eintragen, dass seine Gemahlin Anna, als 
Schwester König Ludwig H., von den Ständen als „wahre Erbin 
und Königin" anerkannt worden sei. 1647 gelang es, diese Er- 
klärung wirklich bei den Ständen als rechtsgiltig durchzusetzen 
und 1549 wurde des Königs ältester Sohn Maximilian von diesen 
als König „angenommen"; in derselben Form dann auch dessen 
Sohn Rudolf 1575 und ebenso willig nach der Abdankung 
Rudolfs sein Bruder Matthias. Erst bei der 1617 von Kaiser 
Matthias an die böhmischen Stände gerichteten Aufforderung, den 
Erzherzog Ferdinand von Steyermark zimi König „anzunehmen, 
auszurufen und zu krönen", wurde noch ein schwacher Versuch 
gemacht, das Recht der freien Wahl zur Geltung zu bringen, doch 
gelang der Versuch nicht. 

Zwei Jahre später, 1619, nahmen die böhmischen Stände ein 
freies Wahlrecht wieder in Anspruch, indem sie Ferdinand H. als 
abgesetzt erklärten und den Churflirsten Friedrich von der Pfalz 
zum König wählten. Das wax ein Act revolutionärer Gewalt und 
ohne rechtliche Bedeutung. 



*) Feldzüge des Prinzen Eugen, DC, 5. 
*) Feldzüge des Prinzen Eugen, XIII, 485. 



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8 

Die Besiegimg dieses Aufstandes in der Schlacht am weissen 
Berge führte dann zur völligen Annullierung des unhaltbar ge- 
wordenen Wahlrechtes. Kaiser Ferdinand 11. beschränkte in der 
„Vemewerten Landesordnung" 1627 das Wahlrecht lediglich auf 
den Fall, wenn vom königlichen Hause „eine Mannes- oder Weibs- 
person" nicht mehr vorhanden sei. Die Huldigung sollte immer 
nur noch dem „Erbherm" geleistet werden und die Stände wurden 
nicht mehr zu einer Wahl oder Annahme, sondern nur noch zur 
Krönung berufen. ^) 

Die althabsburgischen Stammlande am Ober-Rhein, im Breis- 
gau, dem Elsass und der Schweiz, das spätere „Vorder-Oester- 
reich", bildeten den Besitz des Hauses ziu: Zeit, als Kaiser Rudolf I. 
durch den Sieg auf dem Marchfelde über Ottokar H. die alten 
Reichslehen Oesterreich, Steyermark, Krain und die Portenau dem 
Reiche wieder zurückgewann und sie durch die Belehnung seiner 
Söhne mit denselben, dem habsburgischen Besitze zuflihrte. Im 
Frieden mit Kaiser Ludwig dem Bayer wurde 1336 Kämthen, 
durch Vertrag mit Tyrol 1363 diese geftirstete Ghtrfschaft, durch 
Erb vergleich Krain und die windische Mark gewonnen. 1382 stellte 
sich Triest unter den Schutz Herzog Alb recht HI. Aus diesen 
„Erbländem" war bei dem Theilungsvertrag der deutschen und 
spanischen Linie des Hauses Habsburg der Besitz der ersteren ge- 
bildet worden. Li allen diesen Ländern galt das Erbrecht des 
Hauses Habsburg ohne jede Beschränkung durch die Stände, aber 
das Erstgeburtsrecht so wenig, wie die Untheilbarkeit waren ge- 
setzlich sichergestellt. 

Nach dem Tode Ferdinand L, 1564, hatten sich drei regie- 
rende Linien des Hauses Habsburg in Oesterreich gebildet, nach 
mehreren Veränderungen vermochte es erst nach Kaiser Matthias' 
Tod, Ferdinand H. von der steyerischen Linie, alle österreichischen 
Königreiche und Länder wieder in einer Hand zu vereinigen und 
er suchte nun die weitere Untrennbarkeit durch ein Testament 
sicherzustellen. Dennoch aber hielt selbst Kaiser Leopold L noch 
nicht unbedingt an dem Gedanken der Untheilbarkeit des Gesammt- 
besitzes der österreichischen Erblande fest. Dieser Gedanke fand 
nur eine erhöhte Festigung durch jene Lösung der spanischen 
Erbfolgefrage, welche durch die Abneigung der Seemächte, den 

*) Hub er, Oesterreichische Keichsgeschichte, 181. 



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gajazen habsburgischen Besitz der deutschen und der nun aus- 
gestorbenen spanischen Linie etwa in derselben Hand wieder ver- 
einigt zu sehen, nothwendig geworden war. 

Der Ausgleich wurde darin gesucht, dass der älteste Sohn 
des Kaisers, Joseph, römischer König, mit der Kaiserkrone die 
deutschen Länder des Hauses erben und hiefur auf Spanien ver- 
zichten, während der zweite Sohn, Carl, König von Spanien 
werden sollte. 

Ein besonderer Vertrag Kaiser Leopold L und seiner beiden 
Söhne Joseph und Carl, das „Pactum mutuae successionis" vom 
12. September 1703 regelte die Nachfolge. Es sollte das Recht der 
Erstgeburt gelten, der Mannesstamm in Spanien, wie Oesterreich 
der weiblichen Descendenz stets vorausgehen, beim Erlöschen des 
Mannesstammes der einen Linie dessen Länder an den nächst- 
berechtigten Agnaten der anderen Linie fallen. Es wäre also, im 
Falle Carl ohne männliche Nachkommen in Spanien gestorben 
wäre, Joseph dessen berechtigter Erbe gewesen, wie uingekehrt 
Carl im gleichen Falle jener Josephs auch wirklich wurde. 

Bezüglich der weiblichen Nachfolge, im Falle sowohl von 
Joseph, wie von Carl keine männlichen Erben vorhanden sein würden, 
wurde jene, später zu so viel Zweifeln und Anständen^) Veranlassung 
gebende Bestimmung eingefügt, dass in dem Rechte auf den Ge- 
sammtbesitz des Hauses die Töchter Joseph's den Vorrang vor den 
Töchtern Carl's haben sollten. 

Das „Pactum mutuae successionis". 

(Vertrag betreffs wechselseitiger Erbfolge.) 
(12. September 1703.) >) 

„Wir, Leopold etc., thun kund und bezeugen zu künftigem 
Gedächtniss, dass Wir, indem Wir heute zugleich mit Unserem 
erstgeborenen Sohne, dem römischen Könige und Könige von 
Ungarn Joseph Liebden, die durch den Tod des allerdurchlauch- 



*) Siehe : Der Wiener Hof und die Lage der europäischen Mächte 
(Bayern, Sachsen). 

•) Codex Austriacas, 111,684. Bei Fournier, Zur Entstehimgsgeschichte 
der pragmatischen Sanction. (Lateinisch.) 

Der Vertrag ist bereits vorher publiciert bei Lamberty, Memoires pour 
servir k ITiistoire du XYm. si^cle U, 518 und von dort in die deutsche 
Sprache übersetzt bei Olenschlager, Geschichte des Interregni 1,5. (Frank- 
furt 1742.) Der hier wiedergegebene Text ist eine neuerliche Uebersetzung 
nach dem lateinischen Texte bei Fournier. 



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10 

tigsten und grossmächtigsten Königs Carl n. von Spanien höchst- 
seligen Angedenkens Uns zugefallene spanische Monarchie auf 
Unseren zweiten Sohn, den durchlauchtigsten Erzherzog, jetzt 
König von Spanien und beider Indien, Carl DI. Liebden, über- 
tragen, nichts so sehr wünschen, als dass zum Wohle des gesammten 
christlichen Erdkreises die beständige Eintracht zwischen allen 
ünsem Nachkommen beider von Unseren beiden Söhnen abstam- 
menden Linien durch keine Streitigkeiten und Uneinigkeiten er- 
schüttert, sondern immerwährend erhalten bleibe und dass Wir zur 
Erreichung dieses heilsamsten Zieles es flir besonders nothwendig 
erachtet haben, noch offener auszusprechen, was Unser aller Ge- 
sinnung in Betreff* der wechselseitigen Erbfolge immer war tmd 
noch ist und zu deren genauen Befolgimg Uns und Unsere Nach- 
kommen strengstens zu verpflichten. Um dies zu thun, werden Wir 
nicht so sehr die bisher in Spanien bestehende Erbfolgeordnung 
ändern, sondern vielmehr die aus der freiwilligen Cedierung der 
spanischen Monarchie, welche ihren Gesetzen gemäss nach Uns 
Unserem erstgeborenen Sohne, dem römischen Könige Joseph 
und seinen Nachkommen vor Unserem zweiten Sohne, dem Könige 
Carl und seinen Nachkommen gebührt hätte, hervorgehende Aende- 
rung einigermassen einschränken und die ganze Angelegenheit so 
ordnen, dass Wir sowohl den gemeinsamen Wünschen Europas 
Rechnung tragen, als auch durch eine nach beiden Seiten billige 
Erbfolge die Nachkommen Unseres erstgeborenen Sohnes desto 
leichter zur willigen Einhaltung derselben vermögen, daher beide 
Linien enger vereinigen und endlich die bedeutendste Handhabe 
oder Gelegenheit zur Erregung ähnlicher Uebel, wie solche früher 
oft fast den ganzen Erdkreis erschütterten und auch jetzt erschüttern, 
so viel an Uns liegt, von Grund aus beseitigen. Wir bestimmen 
also gemäss der vollzogenen Cedienmg der spanischen Monarchie 
und des in der Cession selbst als Hauptpunct angenommenen 
Uebereinkommens, setzen fest und erklären mit Willen, Zustimmung 
imd Genehmigung Unserer beiden Söhne es als ein mit Gottes 
HiUe für alle Ewigkeit giltiges Gesetz, dass in den zum spanischen 
Reiche gehörigen Königreichen und Provinzen, ebenso wie in Unseren 
anderen Erbkönigreichen und Ländern das Erbrecht Unserer männ- 
lichen, in männlicher Linie aus legitimer Ehe entsprossenen (nicht 
der legitimierten) Nachkommen allen weiblichen und deren männ- 
lichen und weiblichen Nachkommen, welcher Linie oder welches 
Grades immer stets vorangehe imd imter den Nachfolgern stets das 
Recht der Erstgeburt berücksichtigt werde, so dass in jenen 



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11 

Reichen, welche im Besitze Unseres erstgeborenen 8ohnes 
Joseph verbleiben, die Söhne desselben, in jenen aber, welche 
Unserem zweitgeborenen Sohne, dem König Carl, überlassen 
wurden, seine männlichen Nachkommen zuerst zur Erbfolge kommen 
und in dieser Weise in beiden Linien fort, so lange diu*ch Gottes 
Gnade beiderseits in männlicher Linie aus einer legitimen Ehe 
entsprossene männliche Nachkommen vorhanden sein werden. Wenn 
aber, was Gott abwenden möge. Unser Sohn K^nig Carl rH. 
Liebden entweder ohne männliche in legitimer Ehe erzeugte Kinder 
sterben oder deren in männlicher Linie abstammende, eheliche 
männliche Naxjhkommen aussterben sollten, ob nun weibliche 
Descendenten oder deren Kinder männlichen oder weiblichen Ge- 
schlechts vorhanden sind oder nicht, dann soll die gesammte 
spanische Monarchie und aUe zu ihr gehörigen und ihr unter- 
worfenen Königreiche und Provinzen an Uns und Unseren erst- 
geborenen Sohn und dessen ihn tiberlebende eheliche (nicht legiti- 
mierte) Kinder und Nachkommen, gemäss der in unserem Hause 
eingeführten und jetzt von Neuem bestätigten Erbfolgeordnung 
sofort zurückfallen, jedoch so, dass, wenn eheliche Töchter Unseres 
Sohnes König Carl III. oder seiner Nachkommen vorhanden sein 
sollten, flir diese auf jene Weise gesorgt werde, wie es bisher in 
Unserem Hause Sitte war; aber auch ihnen soll ihr Recht, welches 
nach dem Erlöschen Unseres Mannesstammes und der weiblichen 
Nachkommenschaft Unseres erstgeborenen Sohnes, welche jenen 
(d. L den weiblichen Nachkommen Carl HI.) überall und 
immer vorangeht, nach dem Rechte der Erstgeburt irgend ein- 
mal zur Geltung kommen könnte, gewahrt bleiben. Wenn es da- 
gegen, was die göttliche Güte gleichfalls verhüten möge, geschehen 
sollte, dass Unser erstgeborener Sohn, der römische König Joseph, 
ohne in legitimer Ehe erzeugte Söhne sterben sollte, oder dass 
unter seinen Nachkommen in männlicher Linie keine ehelichen 
männlichen Descendenten vorhanden wären, dann soll Unser Sohn 
König Carl oder seine in männlicher Linie abstammenden ehe- 
lichen (nicht legitimierten) männlichen Nachkommen nach der 
Ordnung der Erstgeburt auch in allen Unseren anderen Erbkönig- 
reichen und Ländern, welche bis dahin im Besitze Unseres erst- 
geborenen Sohnes oder seiner ehelichen männlichen Nachkommen 
waren, nachfolgen und bezüglich der überlebenden Prin- 
zessinnen wird das zu beobachten sein, was in dem vorerwähnten 
Falle festgesetzt wiu-de, indem ihr Erbrecht und das ihrer männ- 
lichen Nachkommen beider Linien in allen Uns und Unseren 



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12 

NacKkommen gehörigen Königreichen, Provinzen und Herrschaften, 
jenem aller in männlicher Linie abstammenden ehelichen männlichen 
Nachkommen beider Linien immer nachsteht. Dagegen aber soll 
weder Unser Sohn, der König Carl, noch seine Kinder oder Nach- 
kommen welcher Art immer, sei es unter dem Namen einer Apanage 
oder Unterhalts, sei es unter irgend einem anderen Namen oder 
Vorwand, irgend etwas von Uns oder Unserm erstgeborenen Sohne 
oder seinen Niachfolgem verlangen oder beanspruchen können oder 
dürfen, sondern sie sollen mit der grossartigen Cession und 
Ueberlassung der spanischen Monarchie zufrieden sein 
und sowohl der König Carl, wie auch die ihm folgenden Könige 
für ihre Söhne und Brüder, Töchter und Söhne selbst sorgen. 
Ebenso soU in Betreff Unseres Sohnes, des Königs Joseph und 
seiner Nachkommen bezüglich der cedierten spanischen Monarchie 
das eben Gesagte gelten, unbeschadet des dem heUigen römischen 
Reiche und den römischen Kaisern und Königen auf die vom 
Reiche abhängigen Provinzen und Gebiete zustehenden offen- 
kundigen Rechtes. Dadurch aber soU kein anderer Vertrag, Ein- 
richtung, Gesetz oder Gewohnheit Unseres Durchlauchtigsten Hauses 
oder der demselben unterworfenen Königreiche oder Länder, inso- 
fern sie Unserer heutigen Cession und den darin ausgesprochenen 
dauernden imd nothwendigen Bedingungen nicht widerstreiten und 
desshalb in dieser Richtung aufgehoben sind, in irgend einer Weise 
aufgehoben sein, sondern in anderen Stücken soUen derlei Verträge, 
Anordnungen, Gesetze und Gewohnheiten ihre voUe und ganze 
Geltung durchaus beibehalten. 

Zu grösserer Bekräftigung Alles dessen haben Wir zugleich 
mit deni durchlauchtigsten römischen Könige Joseph diese vor- 
liegende Urkunde zugleich mit dem Cessions-Listrumente als dem 
wesentlichsten TheUe desselben eigenhändig unterschrieben etc. etc. 

Gegeben in Gegenwart der vornehmsten Würdenträger Unseres 
kaiserlichen Hofös u. s. w. in Wien, den 12. September 1703."^) 

Die Ereignisse auf dem spanischen Kriegsschauplatze Hessen 
bald die Hoffnung, dass es Carl gelingen werde, in Spanien eine 
österreichische Secundogenitur aufrechtzuerhalten, sinken. Kaiser 
Leopold L griff mit Rücksicht hierauf in seinem Testamente vom 
26. AprU 1705 wieder auf die alte Theilungsgewohnheit zurück. 
Er wies Carl, falls er aus Spanien vertrieben würde, Tyrol imd 



*) Hieran schliesst sich die Zustimmtmg König Carl TTT. 



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13 

die Vorlande zu, unter Abhängigkeit von dem Träger der Kaiser- 
krone und des grossen Hauptbesitzes der deutschen Linie. 

Die Verhältnisse gestalteten sich aber wesentlich anders und 
alle Vorsorgen hatten eigentlich eine falsche Richtung eingeschlagen. 
Wie sich die Dinge wirklich herausbildeten, wurde nun erst recht 
eine Neu-Ordnung der ganzen Erbfolgefrage erforderlich und Kaiser 
Carl VI. konnte sich einer solchen, nachdem er als Nachfolger 
seines rasch verstorbenen Bruders Joseph die römische Krone und 
die österreichischen Königreiche und Länder, wie Ungarn über- 
nommen hatte, nicht lange entziehen. 

In dem Testamente Kaiser Leopold I. vom Jahre 1705 steht 
auch von einem Vorrange der weiblichen Descendenz Joseph I. vor 
jener CarFs schon nichts mehr. Es scheint dies nicht ganz zufällig 
oder nur zur Vermeidung von Wiederholungen geschehen zu 
sein. Der Kaiser rechnet hier bereits mit dem Verluste Spaniens. 
,,So lang Unseres Erstgeboren Sohnes des Römischen Königs Liebden 
Mannesstamm währet", soll Carl Tyrol und die Vorlande „für sich 
und seinen Mannesstamm innehaben", sein Erbrecht für sich und 
seinen Mannesstamm nach dem Aussterben des josephirdschen 
Mannesstammes unverkürzt bleiben, „in jedwedem der beiden 
unverhofften Fälle" aber dann die vorhandenen unversorgten 
Töchter versorgt werden. 

Wenn Carl das österreichische Erbe Joseph I. antrat, dann 
waren die Töchter des Letzteren, Maria Josepha und Maria 
Amalia, die „vorhandenen imversorgten Töchter'', weil auch 
Lieopold I. dann nur noch eine directe weitere Erbfolge in der 
carolinischen Linie vorausgesetzt haben kann. 



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Das Entstellen der pragmatischen Sanction. 

Als Kaiser Ferdinand m. 1657 starb und auch sein dritter 
Sohn, der Hoch- und Deutschmeister Erzherzog C arl Joseph 1664 ihm 
in das Grab folgte, ruhte der Bestand des habsburgischen Mannes- 
stammes auf Kaiser Leopold I., Ferdinand's Nachfolger, allein. 
Durch vierzehn Jahre, bis zur Geburt des Erzherzogs Joseph 1678, 
aus dritter Ehe Leopold L erst, schwebte die Gefahr des Aus- 
sterbens über dem kaiserlichen Hause- Und wiederum trat sie nahe, 
als Kaiser Joseph L 1711 nach kurzer Krankheit starb und des 
einzigen überlebenden männlichen Sprossen des Hauses, nunmehr 
Kaiser Carl VI. Ehe noch kinderlos war. Wieder vergiengen fönf 
Jahre in dieser steten Sorge. 

Wie zu Kaiser Leopold's L Zeit, so musste auch jetzt der 
Gedanke an eine weibliche Erbfolge ernster in das Auge gefasst 
werden, aber Carl VI. zögerte mit Entschliessungen, die höchstens 
zu Gunsten seiner beiden, noch im Kindesalter stehenden Nichten 
Maria Josepha und Maria Amalia, der Töchter Kaiser 
Joseph I. hätten gefasst werden können. Er hoffte auf eigene 
Descendenz. 

Diese jahrelang schwer empfundene Sorge um die Gestaltung 
der Zukimft der Dynastie hatte aber auch den Ländern ihr weiteres 
Schicksal nicht minder gefahrvoll erscheinen lassen. Nach dem 
Aussterben des Hauses Habsburg im Mannesstamme war die Wahr- 
scheinlichkeit eine fast greifbare, dass eine Auftheilung der Länder 
an verschiedene Erben sich vollziehen werde. Eine Trennung der 
Länder wäre nicht neu gewesen, aber sie ward früher wenig em- 
pfunden, als die regierenden Linien doch alle demselben Hause 
angehörten und die Hilfe der einen stets der anderen gewiss war. 
Ein besonderes inneres Band verknüpfte die Länder nicht, sie er- 
hielten sich ihre Eigenart Tind die Besonderheit ihrer Einrichtungen. 



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15 

Aber die iraohtentwicklung Frankreichs und der Pforte, die 
stete Verbindung dieser beiden gefährlichen Mächte, die Umtriebe 
derselben in Ungarn, das unaufhörliche Vordringen der Türken 
gegen die deutschen Erblande hin, schufen eine Lage, die das 
particularistische Interesse immer mehr zurücktreten machte gegen 
das in der Noth erwachende Bedürfiiiss der Einigkeit und des 
gegenseitigen Schutzes. 

Eine rasche Wandlung war dies allerdings nicht und der 
kleinliche Geist in den landständischen Vertretungen der Länder 
haftete noch lange und tief trotz der aufsteigenden Gefahren. Aber 
dennoch war die endliche gesetzliche Sicherung einer einheitlichen 
Dynastie und der gegenseitigen Unterstützung der Länder, ihres 
Zusammenbleibens also, nicht eine Frage nur eines dynastischen 
bkteresses, sondern eine Lebensfrage auch für die Länder. 

Sie musste früher oder später von einer dieser beiden Seiten 
unbedingt aufgeworfen werden. 

Beeilten sich aber die Landstände nicht, ihre Einigung herbei- 
zuführen, so geschah dies auch nicht von Seite des kaiserlichen 
Hauses. Auch hier waren noch manche Besorgnisse vor der Wieder- 
kehr yon Zuständen zu überwinden, wie sie sich aus ständischen 
Verbindungen und Einigungen zur Zeit des Kaisers Matthias 
entwickelt hatten. 

Die allgemeine Zustimmung zu der Einriohtxmg einer weiblichen 
Erbfolge zu erlangen, schien dagegen nicht aussichtslos; in der 
langdauemden Sorge über das Aussterben des Majinesstammes 
hatte man sich in allen Ländern so ziemlich mit diesem Gedanken 
vertraut gemacht. Li Böhmen war er ohnehin historisch begründet 
und nicht gegen die Anschauungen des Landes, in Ungarn war 
erst vor wenig Jahren die Türkenherrschaft zusammengebrochen 
und auf den Trümmern, die sie in diesem Lande hinterlassen hatte, 
wüthete wiederum jahrelange blutige Empörung, die auf Verdrängung 
des Kaisers, des Befreiers vom Türkonjoch, abzielte imd den Wieder- 
aufbau des Zerstörten, das iiihige Aufblühen des Landes noch für 
langehin unmöglich machte. Es lässt sich fast sagen, dass unter 
diesen Umständen in Ungarn manche Frage dem öffentlichen 
Lateresse näher lag, als die weibliche Succession im regierenden 
Hause. 

War sonach in der eigentlichen dynastischen Frage eine be- 
sondere Schwierigkeit kaum zu erwarten, so scheute man sich desto 
mehr vor dem Aufrollen der staatsrechtlichen Fragen, vor dem 
Versuche, Einigungen unter den Ländern herbeizuführen. 



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16 

Dennoch wurden für einzelne besonders gefährdete Länder 
solche allmählich ein unabweisbares und dringendes Bedtirfhiss. Noch 
standen die Türken an der Save, Theiss und Maros, jeder Augen- 
blick, jede Wendung des Kriegsglücks in dem grossen Kampfe um 
die spanische Erbfolge konnte ihre verheerenden Schaaren wieder 
die Grenzländer überfluthen lassen ; die croatischen und slavonischen 
Länder besonders hatten Ursache genug, der einzigen Hilfe sich 
zu vergewissem, die ihnen in dem langen Eingen gegen das Bar- 
barenthum zu Theil geworden und die auch ihre einzige Hoffnung 
bilden konnte bei neuer Bedrohung: die deutschen und besonders 
die innerösterreichischen Länder. 

Die croatisch-slavonischen Stände erklärten daher im März 1712 
aus eigenem Entschluss ihre Bereitwilligkeit, im Falle des Aus- 
sterbens des habsburgischen Mannesstammes die Thronberechtigung 
der weiblichen Descendenz anerkennen zu wollen, jedoch nur jener, 
die das Erzherzogthum Oesterreich und die innerösterreichischen 
Länder Steyermark, Kämthen und Krain besitzen und in Oesterreich 
wirklich residieren werde. 

Die Stände hatten damit einen Schritt gethan, welcher ihrer 
Lage imd der praktischen Nothwendigkeit entsprach; eine De- 
putation aus ihrer Mitte sollte den Beschluss dem Kaiser in Wien 
selbst überbringen und ihn der Treue der Croaten und Slavonier fiir 
das Haus Habsburg versichern. 

Der Beschluss der croatisch-slavonischen Stände zielte in letzter 
Linie auf eine völlige Vereinigung der Königreiche mit den inner- 
österreichischen Landen ab. Die Steuer- und Menschenkraft dieser 
Länder bot eine bereits reichlich erprobte Unterstützung für die 
exponierten G-renzlande, während die staatsrechtliche Verbindung, 
in der sie mit dem Königreiche Ungarn standen, unter den Ver- 
hältnissen dieser Zeit für sie völlig werthlos war. Die bisherigen 
Erfahrungen hatten bewiesen, dass die Ungarn immer eher bereit 
waren, sich mit den Türken zu verbünden, als sie zu bekriegen. 

Aber die Croaten verfolgten dabei doch auch noch weitere 
Zwecke. Ihr Beschluss sollte zugleich überhaupt eine entschiedene 
Demonstration gegen das Band sein, welches sie mit Ungarn ver- 
knüpfte und eine Kundgebung zu Q-unsten eines eigenen freien 
Wahlrechts, das ihnen doch nicht so unbedingt zuerkannt 
werden konnte. Dem Einwurf, dass sie, als ein Theil Ungarns, 
nicht berechtigt seien, aus eigenem Antrieb und für sich allein 
über die Thronfolge zu beschliessen, antworteten sie in einer Adresse 
an den Kaiser mit Entschiedenheit: „Wir sind, den Gesetzen nach. 



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17 

angegliederte Theile Ungarns, aber wir sind nicht seine Unter- 
thanen und seit Alters her haben wir eigene, nicht ungmsche 
Könige gehabt."^) 

Ob die croatisch-slavonischen Stände einen ungarischen Protest 
geradezu herauszufordern beabsichtigten, ist wohl nicht festzustellen, 
dass aber ihr Schritt bei der so verschiedenen Denkungsweise der 
Ungarn nicht ohne sofortige Beschwerde bleiben werde, erkannte 
Kaiser Carl VI. wenigstens recht wohl. 

' Für ihn wurde der Beschluss der Croaten eine directe Ver- 
legenheit. Die ungarischen Stände tagten zur Zeit in Pressburg, Das 
Vorhaben der Croaten erregte hier sofort die Gemüther lebhaft; über 
die politische Tragweite, welche dasselbe gewinnen konnte,war Niemand 
im Zweifel und ein entschiedenes Auftreten dagegen wurdebeschlossen. 

Im Namen der Stände, wie im eigenen, wandte sich auch schon 
am 10. April 1712 der Cardinal-Primas von Ungarn, der Herzog 
von Sachsen-Zeitz an den Kaiser, um Einsprache gegen das 
Vorgehen der Croaten und Slavonier zu erheben. 

Dass der Kaiser dem Beschluss der Croaten ferne stand, wie 
dieser Protest des ungarischen Primas voraussetzen zu müssen er- 
klärte, war gewiss, das Anerbieten jedoch einfach abzuweisen oder 
mit Stillschweigen zu übergehen, verbot doch die Staatsklugheit; 
die gezeigten patriotischen Empfindungen der Croaten zu verletzen, 
lag kein Grund vor. Den Schein einer Stellungnahme gegen 
Ungarn wollte der Kaiser indessen auch nicht auf sich laden. Es 
wurde also geplant, sich in der Frage zuerst mit einigen ungarischen 
Dignitären zu besprechen, den Croaten aber sollte unter An- 
erkennung ihrer Anhänglichkeit erklärt werden, dass es imvermeidlich 
sei, „auch die Zustimmung der Ungarn zu dem, was sie beschlossen, 
einzuholen". Es sei dies der einzige Weg, um die „altherkömmliche 
enge Verknüpftmg der beiden Königreiche Ungarn und Croatien 
im Interesse Beider" zu festigen. 

Die Besprechung mit den ungarischen Vertrauensmännern fand 
im Juli 1712 in einer Conferenz unter dem Präsidium des Palatins 
Fürsten Paul Esterh&zy in Pressburg statt, zu welcher von 
Wien der Geheime österreichische Hofkanzler Friedrich Freiherr 
V. Seilern delegiert wurde. Seilern war stets für eine entschiedene 
Inangriffnahme der Lösung der Successionsfrage gewesen, aber er 
wollte, so wie der Kaiser selbst, die Angelegenheit stets nur als 



*) Bidermann, Geschichte der Gesammtstaats-Idee, 11, Anmerkg. G4 zum 
in. Ahschnitt. 229. 

Österreichischer Erbfolgekrieg. I. Bd. o 



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18 

reine Interessenirage der Dynastie betrachtet wissen und sträubte 
sich gegen das Hervorkehren der staatsrechtlichen Seite. Der Be- 
schluss der croatisch-slavonischen Stände hatte nun aber gerade 
diese Seite in den Vordergrund gebracht und ihre Behandlung im- 
vermeidlich gemacht, die Ungarn aber fassten die Sache eigentlich 
ausschliesslich vom staatsrechtlichen Standpuncte auf. 

Für die Annähme der weiblichen Erbfolge fand Seilern im 
Allgemeinen eine nicht gerade ungünstige Stimmung bei der Con- 
ferenz, aber die ungarischen Magnaten stellten doch sofort Be- 
dingungen, welche in Wien als unannehmbar und als eine kaum 
verhüllte Ablehnung der geschehenen Proposition angesehen werden 
mussten. Es wurde verlangt: 

1. Gütliche Vereinigung der Herrschaftsansprüche der ge- 
sammten weiblichen Deseendenz des Hauses in einer einzigen 
Prinzessin, so zwar, dass der mit solcher Machtvollkommenheit aus- 
gerüstete (weibliche) Thronfolger und jeder nach ihm alle Erblande 
einschliesslich des Königreichs Bölmien mit Schlesien und Mähren 
einheitlich und untheilbar (auch mit Ausschluss jeder Abtretung) 
besitzen und beherrschen solle, gleichwie es bei Leopold I. und 
Joseph I. der Fall gewesen und beim dermaligen Monarchen 
(Carl VI.) abermals zutraf. Damit aber dieser unlösbare Zusammen- 
hang ein desto gesicherterer sei, sollten die Erblande *) in Form eines 
unter sich zu schliessenden Bündnisses vertragsmässig feststellen, 
dass sie sämmtlich mu* unter Einem Herrscher aus der Mitte der 
weiblichen Deseendenz beisammen bleiben, furderhin nur von Einem 
regiert und verwaltet sein wollten. Grelegentlich dieses Bundes- 
vertrags müsse auch gleich ermittelt werden, mit welchen Bei- 
trägen jene Länder in Kriegs- und Friedenszeiten sowohl am 
Unterhalt der in Ungarn liegenden Militärgamisonen, als auch an der 
Erhaltung der Militärgrenze gegen die Türkei sich zu .betheiligen 
bereit wären. 

2. Baldige Vorlage des Bundes veitrages und der eben er- 
wälinten Zusicherungen, dann der Verzichte der Thronanwärter 
(zu Gunsten des einen Herrschers) an den ungarischen 
Landtag. 

3. Ausstellung eines unwiderruflichen Diplomes im Namen 
der zur Thronfolge berufenen Prinzessin, womit die Stände Ungarns 
und der Kebenländer über die Aufi'echterhaltung aller Gesetze, Rechte, 



>) Hiebei sind aber die Länder der ungarischen Krone nicht mitzu- 
verstehen. 



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19 

Freiheiten, Privilegien, Statuten und Rechtsgewohnheiten beruhigt 
und namentlich versichert würden, dass das Königreich Ungarn 
nie nach Massgabe der in den übrigen Erbländem bestehenden 
Einrichtungen, sondern stets nur nach seinen eigenen, unter Mit- 
wirkung des Landtages zu Stande zu bringenden Gesetzen regiert, 
und verwaltet, auch dessen territoriale Integrität hergestellt und 
fortan geachtet werde. 

4. Anerkennung des Palatins als Desjenigen, der nach den 
ungarischen G-esetzen allein befugt sei, während der Minderjährigkeit 
des Thronfolgers die Regentschaft zu fuhren, so dass also namentlich 
ein fremdländisches Ministerium hievon ausgeschlossen erscheint. 

5. Weibliche Thronfolger dürfen nur im Einklang mit den 
Wünschen aller Königreiche und Provinzen, sonach insbesondere 
auch Ungarns und der Nebenländer sich vermählen." ^) 

Für den Fall, dass der Aveibliche Thronfolger beim Regierungs- 
antritt bereits verheirathet wäre, stellte die Palatinal-Conferenz unter 
der Voraussetzung, dass der Gemahl der Königin sich zur katho- 
lischen Religion bekenne, demselben königliche Ehren und den dem 
König schuldigen Gehorsam, selbst die Königskrönung in Aussicht 
Von Gegenleistungen für die übrigen Erbländer, von einer Ver- 
pflichtung, auch für sie ebenso mit allen Mitteln einzustehen, wie 
es von ihnen zu Gunsten Ungarns gefordert wurde, geschah keine 
Erwähnung. Was also wirklich erfolgt war, bestand in einer das 
freie Bestimmungsrecht der andern Erbländer tief verletzenden, 
aber als Bedingung des Verbleibens unter derselben Dynastie mit 
ihnen, sobald dieselbe durch einen weiblichen Regenten vertreten 
sein würde, aufgestellten Forderung zu einer Einigung der nicht 
ungarischen Erblande, zu ihrer Verpflichtung, Ungarn militärisch 
und materiell zu unterstützen. Fiel hier die Rücksicht auf die Rechte 
der Erblande in das Gewicht, so waren auch die beschränkenden 
Forderungen an die Dynastie selbst nicht geeignet, ein Eingehen 
auf die Absichten der Palatinal-Conferenz leichthin zu empfehlen. 

Unter diesen Umständen berief der Kaiser am 18. Juli den 
Hofkanzler wieder ab, „die Sache erscheine nicht spruchreif und 
möge vertagt werden''. 

Das Einbeziehen der staatsrechtlichen Frage hatte die An- 
gelegenheit sehr compliciert und schwer lösbar gemacht. Die Be- 
stimmung der einfachen Erbfolge-Ordnung in seinem Hause und 
Besitz erachtete der Kaiser als eine nur von ihm allein abhängige 



') Bidermann, Gescliichte der östeiT. Gesanuntstaats-Idee, II, 42. 

2* 



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Sache, als eine persönUclie Aufgabe des regierenden Herrn, welche 
keinerlei Mithilfe und Bewilligung von Seite der Stände oder Länder 
bedürfe. Hausgesetze zu erlassen oder vorhandene zu ändern, aufeu- 
heben oder zu vervollständigen und zu erweitem, erschien ihm als eia 
absolutes Recht des Familienhauptes und wenn er diese nothwendig 
gewordene neue Nachfolgebestimmimg auf die älteren Hausverträge 
zu stützen gedachte, so geschah dies nicht, weil er sich zu deren 
Abänderung nicht als berechtigt ansah, sondern weil er sich in 
seiner Rechtsanschauung einig wusste mit den leitenden Gedanken 
und Grundsätzen jener älteren Familienbestimmungen. 

Hausgesetze eines fürstlichen Hauses sind Ergebnisse von 
Umständen und Verhältnissen, welche eine Regelung nothwendig 
machen; sie sind nicht, wie die allgemeine staathche Gesetzgebung, 
das Product eines stetig sich entwickelnden und fortschreitenden 
Rechtslebens. Hausgesetze bedürfen daher einer Fundierung durch 
früher schon bestehende besondere Rechtsacte nicht unbedingt, sie 
können ebensowohl aus dem augenblicklichen Bedürfniss entstehen, 
ohne danmi geringeren Werthes zu sein. 

Es ist auch wirklich keineswegs nothwendig, die pragmatische 
Sanction in einen directen Zusammenhang mit dem „Pactum mutuae 
successionis'' von 1 703, mit dem Testamente L e o p o 1 d I. von 1 705 oder 
dem Testaments-Entwurf Carl VI. von 1711 zu bringen. Die innere 
Ueb ereinsti mmimg aller dieser Acte in Bezug auf die unbedingte 
Anerkennimg des Thronfolgerechts des Mannesstammes des eigenen 
Hauses und weiter in diesem, wie in etwa folgender weiblicher 
Linie das Recht der Primogenitur, beweist nur die im Kaiserhause 
vorhandene feststehende Ueberzeugung von der Richtigkeit und 
Gerechtigkeit dieses Princips und von der Unzulässigkeit, fremde 
oder neue Anspi*üche in die Thronfolgeordnung lüneinzutragen. 
Diese Einheitlichkeit der Anschauung gibt der Sache ein mora- 
lisches Gewicht, welches für ihre Würdigimg von besonderem 
Belange ist. 

Um nun die Angelegenheit aus dem gefahrdrohenden staats- 
rechtlichen Fahrwasser entschieden und kurz in das sicherer er- 
scheinende Geleise der dynastischen Hausgesotzgebung zu leiten, 
entschloss sich Kaiser Carl VI. zu einer persönhchen Manifestation 
am 19. April 1713. An diesem Tage fand eine feierHche Versammlung 
aller Geheimen Räthe in der Geheimen Rathsstubo der Wiener Hofbiu'g 
statt. Es waren anwesend : Feldmarschall und Hofkricgsrath-Präsident 
Prinz Eugen von Savoyen; der Fürs terzbischof von Wien, 



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21 

Fürst Trautson; Fürst Schwarzenberg; der niederöster- 
reichische Landmarscliall Graf Traun; der Obersthofmeister der 
verwittweten Kaiserin E 1 e o n o r a, Graf T h u r n ; der Oberststall- 
meister Graf D ietrichstein; der Obersthofkanzler Graf S e i 1 e r n ; 
der Hofkammer-Präsident Graf Starhemberg; Graf Martinitz; 
der Vice-Präsident des Hofkriegsrathes Graf Herberstein; der 
Obersthofkanzler von Böhmen Graf S c h 1 i k ; Eeichs-Vice-Kanzler 
Graf Schönborn; der Erzbischof von Valencia; der spanische 
Geheim-Secretär Marchese Romeo; der Oberstkämmerer Graf 
Sinzendorff; der Obersthofineister der verwittweten Kaiserin 
Amalia, Graf Paar; der Vice-Präsident des Reichs-Hofrathes 
Graf Philipp Ludwig Sinzendorff; der Judex curiae in Ungarn 
Graf Nicolaus Pdlffy; der ungarische Kanzler Graf Nicolaus 
lUeshdzy; der niederösterreichische Statthalter Graf K h e v e n - 
h ü 1 1 e r ; Graf G alias; der Oberststallmeister der Kaiserin Amalia, 
Graf Salm; der Siebenbtirgische Vice-Kanzler Graf K o r e i s ; als 
Protokollführer fungierte Hofrath von Schickh. 

Der Kaiser Hess das bisher geheim gehaltene „Pactum mutuae 
successionis^' verlesen und fiigte dann bei : 

„Es sei aus denen abgelesenen Instrumentis die richtige und 
beschworene Disposition und das ewige Pactum mutuae successionis 
zwischen beiden Joseph- und CaroKnischen Linien zu vernehmen 
gewesen, dass daher nebst und zu denen von weiland Ihro kaiser- 
Uchen Majestäten Leopoldo und Josephe höchstseligsten Ge- 
dächtniss, Ihrer kaiserlichen Majestät (Carl) übertragenen Erb- 
Königreiche und Länder nimmehr nach Absterben weiland Ihres 
Herrn Bruders Majestät und Liebden ohne männliche Erben, auf 
Ihro kaiserliche Majestät (Carl) auch alle dessen hinterlassene 
Erbkönigreiche und Lande zufallen und sämmtlich bei Ihren ehe- 
lichen männlichen Leibes-Erben nach dem jure primogeniturae, so 
lange solche vorhanden, unzertheilt zu verbleiben haben, auf Ihres 
männlichen Stammes Abgange aber, so Gott gnädig abwenden wolle, 
auf ehelich hinterlassende Töchter, allezeitnachOrdnungund 
Recht der Primogenitur, gleichmässig unzertheilt kommen; 
ferner in Ermanglung oder Abgang des von Ihrer kais. Majestät (Carl) 
herstammenden ehelichen Descendenten mann- und weiblichen Ge- 
schlechtes dieses Erbrecht aller Erb- Königreiche und Lande unzer- 
theüter auf Ihro Majestät Herrn Bruders Josephi kais. Majestät 
und Liebden seligsten Gedächtnisses nachgelassene Frau Tochter 
und deren eheliche Descendenten wiederum auf obige Weise nach 
dem jure primogeniturae fallen, eben nach diesem Rechte und 



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22 

Ordnung auch ihren Frauen Erzherzoginnen all' andere Vorzüge 
und Vorgänge gegenwärtig zustehen und gedeihen müssten." *) 

Damit hielt der Kaiser die entscheidenden Grundsätze eben 
jenes Familienvertrags vom 12. September 1703, den er eben hatte 
publicieren lassen, aufrecht: 1. Die Primogenitur, 2. die Untheü- 
barkeit der Länder, 3. das Nachfolgerecht der Frauen. Es muss in 
das Auge gefasst werden, wie denn in dieser Zeit die Lage war 
und wie sie sich in den Erwägungen des Kaisers ihm darstellen 
musste. 

Carl VI. war siebenundzwanzig Jahre alt, er hatte vor zwei 
Jahren bereits Spanien und dort seine Gemahlin verlassen, welche 
bis nun die Regierung und den Kampf für das Recht ihres Ge- 
mahls an das spanische Erbe gefuhrt hatte imd gerade in diesen 
Tagen rückkehrend, sich bereits in Mailand auf der Heimreise be- 
fand. Noch war die Ehe kinderlos, aber es war kein Grund vor- 
handen, nicht auf jene „ehelichen männlichen Leibes-Erben" zu 
hoffen, denen das Gesammtreich auch weiterhin unzertheilt zu 
verbleiben habe. 

Es muss auch beachtet werden, dass Carl VI. noch nicht 
auf die spanische Krone verzichtet hatte und dass er daher unter 
den von Leopold I. und Joseph I. ihm „übertragenen Erb- König- 
reichen und Ländern" den spanischen Besitz des Hauses versteht, „zu 
denen'' nun auch nach J o s e p h I. ,,aUe dessen hinterlassene Erb- 
Königreiche und Lande", also der österreichische Besitz des Hauses, 
gefallen. Das Anrecht auf dieses Gesaromterbe wahrt er seinen 
männlichen Descendenten, ganz im Sinne des Pactums, wie in dem 
des Testaments Leopold L, welche zunächst die üntrennbarkeit 
des österreicliischen Besitzes bestimmen, aber auch die Wieder- 
vereinigung des ganzen habsburgischen Erbes, des spanischen, wie 
des österreichischen, in Aussicht behalten hatten. 

Für dieses Gesammterbe waren augenblicklich nur die Töchter 
Joseph I. ganz entsprechend dem „Pactum", als erbberechtigt anzu- 
sehen und Carl VI. wahrte das Piincip der Primogenitur auch hier 
schärfstens, indem er in seiner Anrede nur von J o s e p li I. „nachge- 
lassener Frau Tochter und deren ehelichen Descendenten" spricht, also 
nur von der altem, zur Zeit vierzehnjährigen Maria Joseph a. Er 
Hchliessfc damit jede neuerliche Tlieilung des Erbes aus, Spanien, 
wie die österreicliischen Lande bildeten somit das Object des Erb- 
anspniclis für diese Erzherzogin, \venn jetzt auch Kaiser Carl VI. 

*) Anhang 1. 



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23 

starb. Dieser Anspruch trat zunächst zurück, sobald des Kaisers 
Ehe einen männlichen Sprossen erblühen Hess, aber der Kaiser 
handelte ganz im Sinne des Grundsatzes der Primogenitur, wenn 
er auQh seine eigene etwaige weibliche Descendenz als die „nach 
seines männlichen Stammes Abgang" zuerst erbberechtigte bezeichnet 
und nun fiir diesen Fall die Tochter Joseph's in die zweite 
Linie stellt. 

Die Primogenitur eines Hauses wird gerechnet von den Kindern 
des vorhandenen Familienhauptes ab nach der Reihe ihres Lebens- 
alters, zuerst die männlichen, dann die weiblichen, die weiblichen 
Kinder des verstorbenen Bruders gehören aber nicht in diese erst- 
berechtigte Reihe. 

Sobald die neue männliche Linie wirklich Besitz ergriff von 
dem Erbe, eröflnete sie auch eine neue Rechtsnachfolgerschaft in 
ihren eigenen Descendenten. 

Der Anspruch der Erzherzogin Maria Josepha auf das 
Gesammterbe blieb, wie ein neuerer österreichischer Historiker 
überzeugend darlegt,^) nur dann ein die Rechte der etwaigen weib- 
Uchen Descendenz CarTs überwiegender, wenn das Aussterbendes 
Mannesstammes beider Linien in einem so engbegrenzten Zeitraum 
erfolgte, dass eine Besitzergreifung des Gesammt-Erbes durch den 
überlebenden Mannesstamm gar nicht verwirklicht werden konnte 
und daher zum Antritte der Regierung des Gesammtbesitzes nur 
die österreichischen und die spanischen Erzherzoginnen vorhanden 
waren. Dies ist doch wohl allein als der Sinn der leopoldinischen 
Verfügung und des „Pactum mutuae successionis" anzusehen. 
Den österreichischen Prinzessinnen und Töchtern des älteren 
Bruders, der eben zu Gunsten des jüngeren auf seine spanischen 
Rechte verzichtete, — der Grund oder die äussere Not-h wendigkeit 
ist dabei gleichgiltig — sollte in diesem kritischen Falle ein Vor- 
recht vor den spanischen zustehen und sich nicht etwa in Spanien 
eine abgetrennte Weiberlinie bilden. Sobald diese Gefahr drohte, sollte 
auch in späterer Zeit, wann immer (semper) und in welchem Uni- 
fang (ubivis) der Gesammtbesitz beider Linien zu erben sei, der 
josephinische Zweig vorangehen. 

Trat aber, wie es jetzt wirklich geschah, der eine Mannes- 
stamm das Erbe des andern wirklich und thatsäclilich an, so wäre 
es gegen den Begriff der Primogenitur und der direct(Mi Erbfolge 

*) Bach mann, Die pragmatische Sanction und die Erbfolge-Verfügung 
Kaiser Leopold L „Jurist. Vierteljahrschrift.", XXVL N. F. X. 



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24 

gewesen, wenn ein Zweifel darüber zu erheben wäre, dass unbe- 
dingt die Nachkommen dieses überlebenden Mannesstammes, männ- 
lich und dann weiblich, die nächsten weiteren Erben seien. 

Als dann später sogar der spanische Anspruch ganz aufgegeben 
werden musste, vereinfachte sich die Frage. Als es keine spanische 
Erzherzogin mehr gab, konnte die Erbfolge überhaupt nur noch 
in gerader Descendenz gedacht werden. 

Dieser letztere Fall lag noch nicht vor dem Kaiser. Er hatte 
mit seiner Erklärung der Sorge des Augenblicks genügt — bei 
der herrschenden Pest dachte Jedermann an baldiges Sterben, — 
aber für dringend hielt er die Sache keineswegs, er hoffte auf eigene 
Kinder, auf männliche Sprossen vielleicht, mit deren Erscheinen 
die ganze Successionsfrage erledigt sein musste. Es blieb — und 
auch wieder nur bis zur Geburt eines männlichen Erben — nur 
noch nothwendig, für die in Ungarn möglicherweise anstössige weib- 
liche Erbfolge die ungarischen Stände ohne lästige Bedingungen 
zu gewinnen, aber der Eifer für dieses Unternehmen war noch 
gering und das Bedenken gross. 

Die Anwesenheit der ungarischen und siebenbürgischen 
Würdenträger bei dem Acte der kaiserlichen Erklärung vom 
19. April 1713 erwies zur Genüge, dass hiermit das Hausgesetz, die 
„pragmatische Sanction" auch für Ungarn und Siebenbürgen pu- 
bliciert und giltig erscheinen sollte. Trotzdem nahm man in Ungarn 
nicht die Miene an, als bestehe jener ausgesprochene Wille auch 
fiir Ungarn. 

Im Jahre 1714 fragten ungarische Herren beim Wiener Hofe 
an, an wen die älteste Tochter Joseph L, die Erzherzogin Maria 
Joseph a, verlobt worden würde und ob deren zukünftiger Gemahl 
dann als König anzusehen sei?^) 

Bei so zweifelhafter Stimmung vermochte man sich in Wien 
nicht zu entschliessen, die Angelegenheit vor den ungarischen Land- 
tagzubringen. Ein Beschluss der geheimen Conferenz vom 1 6. März 1714 
beantragte daher eine weitere Vertagung und der Kaiser stimmte 
dieser Meinung genie bei.-) 

1) Mayer, Die letzten Habsburger, 11, 72. 

^) Seilern hatte wohl dafür gestimmt, mit der Erbfolgefrage offen 
hervorzutreten. Die weibliclie Erbfolge könne aucli in Ungarn keine anzu- 
zweifelnde sein, es handle sich höchstens mn die Ordnung, in welcher die 
Erzherzoginnen auf den ungarischen Thron Anspruch machen könnten. 
Sinzendorff pflichtete ihm bei und wollte den Landtag schon fiir den 
August einberufen wissen, Starhemberg aber bezweifelte eine günstige 



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Mit dem Absolüusse des Krieges um das spanische Erbe waren 
die Grundlagen des Pactum mutuae successionis hinfällig geworden, 
wie nicht weniger jene des Testaments Leopold I. Wohl war 
der vorher bedachte Fall eingetreten, dass Carl den spanischen 
Besitz nicht zu behaupten vermöge, aber die Dinge hatten sich 
auch nicht so gestaltet, dass Carl hätte eine Entschädigung im Besitze 
Tyrols suchen müssen. Es gab thatsächlich und bald darnach auch 
rechtlich nur noch das österreichische Erbe des Hauses und 
dieses besass nun Carl zugleich mit der römischen Kaiserkrone. 
Die Geburt eines Sohnes, des Erzherzogs Leopold, am 
13. April 1716 schien auch alle Schwierigkeiten zu ebnen, der 
erwartete männliche Erbe war vorhanden und die gerade Erbfolge 
des den Kaiser Joseph I. überlebenden carohnischen Stammes 
schien nun völlig gesichert. 

Diese Hoffiiung zerstörte der frühe Tod des Prinzen am 
4. November desselben Jahres. 

Als nun am 13. Mai 1717 die Erzherzogin Maria Theresia, 
ajn 14. September 1718 die Erzherzogin Maria Anna geboren 
wurde, erwachte die alte Sorge wegen der weiblichen Sucoession 
in ihrem vollen Umfange wieder, noch verschärft und erweitert 
dadurch, dass der Kaiser jetzt für die Sicherung der Thronfolge 



Stimmung in Ungarn für die Angelegenheit. „Die wenigsten Ungarn würden 
sich mit dem Gedanken, dass eine Frau den Thron besteige, befreunden. Viele 
hegten Sjonpathien für den Chui'fürsten von Sachsen, Andere fiir den von 
Bayern, so dass der Kaiser Gefahr laufe, noch bei Lebzeiten in Ungarn 
gleichsam des Thrones verlustig erklärt zu werden." Die Churfürsten würden 
Veranlassung nehmen, sich schon jetzt mit einer zukünftigen Kaiser wähl zu 
beschäftigen, wenn sie sähen, dass man an der Hoffiiung, es könne dem re- 
gierenden Kaiser noch ein männHcher Erbe geboren werden, geradezu ver- 
zweifle. Fürst Trautson sprach gleichfalls für die Verschiebung. 
(Bidermann, Entstehen und Bedeutung der pragmat. Sanction. Zeitschrift 
für das private und öflfentiiche Recht der Gegenwart. 1876. 11. Band.) Die 
Conferenz beantragte mit Rücksicht darauf, „dass diese Nation, wenigst der 
Adel durchgehends und unter diesem auch sogar ein E. k. Maj. jederzeit treu 
Verbliebener nicht ausgenommen, sich ohne Verhalt verlauten lassen, dass 
sie sich zwar endlich in dieses Begehren zu willigen äusserUch anstellen, im 
Herzen aber, wie sie sagen, niemalen aufrichtig dazu bequemen würden, 
sondern beständig einen König, nicht aber eine Königin haben wollten," die 
Erbfolgefrage von dem Programme der nächsten Landtags-Verhandlungen ab- 
zusetzen, „wie geneigt nun auch hiezu neben dem Königreich Croatien 
die Städte in Ungarn und die von protestierender ReHgion sich bezeigen". 
(H. H. und St. Arch. Diaetalia 1707—1749.) Bidermann, Entstehen und 
Bedeutung der pragmat. Sanction. Zeitschrift für das private und öffentliche 
Recht der Gegenwart. 1876. 11.) 



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20 

seiner eigenen Tochter zu sorgen hatte und dass nun sogar 
streitige Ansprüche zu versöhnen, nothwendig werden konnte. 

Von dieser Zeit an gehört die politische Thätigkeit Kaiser 
Carl VI. fast ausschliesslich den Bemühungen um die allgemeine 
Anerkennung der Nachfolge seiner Tochter Maria Theresia. 

Die Verhandlungen mit den Erbländem und Ungarn. 

Welche vorbereitenden und ausgleichenden Schritte in diesen 
Jahren gethan wurden, lässt sich nicht genau erkennen. Aber schon 
die Vermählung der eigentlich allein etwa in Frage kommenden 
ältesten Tochter des Kaisei*s Joseph L, der Erzherzogin Maria 
Josepha am 20. August 1719 mit dem Churprinzen Friedrich 
Augus t von Sachsen, nachmaligem Chiuf Urs tenFriedrichAugustn. 
und als König von Polen August HI., war von einer in herkömm- 
licher Form ausgestellten vöUigen Renunciation der Erzherzogin 
begleitet, nach der sie „kraft der im Jahre 1713 errichteten Erb- 
folge-Ordnung allen ihren Rechten und Ansprüchen auf die öster- 
reichischen Länder entsagte und zwar nicht nur zu Gunsten der 
männlichen Erben Carl VI., sondern auch der weiblichen Descen- 
denten und der nachmaligen Erben derselben". Auch Churprinz 
Friedrich August stellte die gleiche Verzichtleistung aus und 
der Vorgang wiederholte sich am 5. Oetober 1722, als sich die zweite, 
für die Succession allerdings neben ihrer älteren Schwester nicht 
Ln Betracht kommende Tochter Joseph I., die Erzherzogin Maria 
Amalia mit dem Churprinzen Carl Albert von Bayern vermählte. 

Damit war so ziemlich Alles, was im Rahmen eines Haus- 
gesetzes und zu seiner Durclifülining geschehen konnte, erschöpft, 
aber nun fehlte noch der zweite wichtige Punct, die Sicherung der 
üntheilbarkeit der sämmtlichen Länder, jene der ungarischen Krone 
mit inbegriflen. Dies gieng über das ,, Hausgesetz" hinaus, eine 
solche Union war niu: durch die volle Zustimmimg aller König- 
reiche und Länder zu erlangen und eine Regienings vorläge, welche 
von der Geheimen österreichischen Hofkanzlei ausgieng und am 
19. Januar 1720 an die böhmische, ungarische und sieb enbürgische 
Hofkanzlei, an den Obersten Rath in den österreichischen Nieder- 
landen und an den Obersten spanischen Rath versendet wurde, 
sollte diese Action einleiten. Diese obersten Stellen erhielten damit 
Auftrag, jene kaiserliche Erklärung vom 11). April 1713 nunmelir 
den Ständen der betreffenden Länder vorzulegen. Li dieser Vorlage 
ist neben der Thronfblgefrage als Zweck der pragmatischen Sanction 



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27 

nun auch die bleibende unaullösliohe Verbindmig der Königreiche 
und Länder bezeichnet und damit die eigentlich staatsrechtliche 
Seite der Frage in Erwägung gestellt. Von dieser Union, wurde 
betont, hänge das Wohl der Länder und der Ruhestand der Völker, 
Stände und Unterthanen ab. 

„Der Kaiser wende sich an die Stände aller von ihm be- 
herrschten Länder mit dem väterlichen Anliegen und mildesten 
Befehle, dass sie diese seine Anordnungen pflichtschuldigst und 
bereitwilligst als eine unabänderliche, fiir alle Zukunft geltende 
Norm entgegennehmen, auf den öffentlichen Landtagen verkünden 
und unter allen Umständen befolgen." 

Es war damit jener Forderung der Palatinal-Conferenz vom 
Jahre 1712 nach einer Einigung der nichtungarischen Länder ent- 
sprochen, wohl aber mit der Hoffnung, dann auch die Annahme 
der pragmatischen Sanction als ungarisches Staatsgrundgesetz ohne 
weitere erhebliche Schwierigkeiten von den ungarischen Ständen 
erlangen zu können. 

Die Zustimmimgs-Erklärungen der Länder sollten von jedem 
unmittelbar dem kaiserl. Hause gegenüber abgegeben werden, aber 
keineswegs eine wechselseitige Angelobung stattfinden. Damit war 
sowohl jener „Länder-Congress" vermieden, der in diesen Jahren 
von einem nicht genannten Staatsmann in einer Schrift angeregt 
wurde ^), um „auch den gemeinen Mann zu Wort kommen zu lassen'^ 
als auch der Eingriff in das Selbstbestinmiungsrecht der einzelnen 
Erbländer, wie er in der Forderung der Palatinal-Conferenz vom 
Jahre 1712 unzweifelhaft vorhanden war, glücklich umgangen. 

Der Gedanke einer engeren Verbindung der Länder unter sich, 
die naturgemäss dann doch auch zu einem „Länder-Congress" hätte 
fuhren müssen, fand indessen doch noch eine Vertretung in der 
Erklärung der niederösterreichischen Stände, bei denen auch unga- 
rische Magnaten, der Judex curiafe Graf Nicolaus P&lffy, Graf 



^) Niederösterr. Landes-Archiv, Handschrift Nr. 143. Bid ermann, Ge- 
schichte der österr. Gesammtstaats-Idee, II, Anmerkungen zum III. Abschn. 
48, weist auf die Möglichkeit hin, dass der Hofkammerrath v. Palm, jener 
hochbedeutende Vertraute des Prinzen Eugen vonSavoyen um das Jahr 1719 
oder 1720 der Verfasser sei. Wäi-e dies der FaU, so könnte bei der vertrauton 
Verbindung Palm's mit dem Prinzen Eugen fast angenommen werden, dass 
der Prinz diesem ersten Gedanken an eine gemeinsame Reichsvertretung 
nicht ferne gestanden sei. In Bezug auf die Finanzverwaltvmg hatte Graf 
Starhemberg übrigens schon im Jahre 1714 eine „Haupt-Einrichtungs- 
Deputation", aus Delegierten aller Landtage, zu der auch „Vertreter des 
gemeinen Mannes evociert werden" sollten, vorgeschlagen. 



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28 

Ludwig Batthydnyi und Marcus Graf Szobor als Landschafts- 
Mitglieder mitstimmten. *) 

Ein ausserordentlicher Landtag trat am 22. April 1720 zu- 
sammen und am 30. April überbrachte eine Deputation desselben, 
unter Führung des Landmarschalls Grafen Harrach, den Landtags- 
beschluss dem Kaiser, „dass, wenn Ihre Römische Kaiserliche 
Majestät ohne männliche Erben dereinst mit Tod abgienge, sämmt- 
liche Erbkönigreiche und Lande auf Dero älteste Erzherzogin 
Maria Theresia und Dero Erben gelangen sollten''. Aber die 
Stände legten es des Kaisers „höchster und allerweisester Penetra- 
tion weiters zu überlegen anheim", ob nicht, „da alle Erbkönig- 
reiche und Lande, wie man nicht zweifelt, ihre unserer gleiche 
einmüthigste und willfährigste Erklärung Ew. Kaiserl. Majestät 
überreichet haben werden, auch eine solche Erbverbrüderung 
weiters zu errichten wäre, dass solche Länder es nicht allein Ew. 
Kaiserl. Majestät als Unserem und der ganzen Christenheit zeit- 
lichem Oberhaupt angelobten, sondern dass ein Land das andere 
zu dessen Manutenenz weiters animieren und auf allen, wider 
bestes Verhoffen sich bezeigenden widrigen Fall, die allein zu Be- 
hauptung der eingefiihrten Successions-Ordnung nöthige Assistenz 
an einander auf das Allerverbindlichste versprächen, garantierten 
und angelobten."' ^ 

Der Antrag entsprach einer aufrichtigen und loyalen Meinung, 
denn die Stände bewiesen mit ihrem Wunsche nach einer Erb- 
verbrüderung mit allen habsburgischen Ländern, bei denen hier 
auch Ungarn mitgemeint und mitgezählt ist, eine bemerkenswerthe 
Selbstlosigkeit. 

Die Stimmung war sonst keine Ungarn sonderlich günstige 
bei den Niederösterreichem gewesen imd die Klagen und Beschwerden 
wegen Beeinträchtigung des Territoriums durch Abtrennung von 
Herrschaften, welche als Pfandobjecte an die österreichischen 
Fürsten gekommen, von den Ungarn aber im Liaugural-Diplom 
Ferdinand II. von IG 18 zum „Lohne für die dem Hause Oester- 
reich von den Ungarn bezeigte Zimeigung" gratis zurückverlangt 
worden waren ^), wie nicht minder wegen Rechtsverweigerungen 

^) An der Abstimmung nahmen 287 Votanten (23 vom Prälatenstand, 
1Ö2 vom Herrenstand, 63 vom Eitterstand, 39 vom „vierten Stand" (Städte 
imd Märkte) theil. (Niederösterr. Landes-Archiv. Antiqua 48/1.) 

') Bidermann, Geschichte der österr. Gesammt-Staats-ldee. 11, 47. 

^) Es waren dies die Herrschaften Pemstein, Homstein, Eisenstadt, 
Güns, dann die Pfandgüter Forchtenstein amd Kobersdorf. Noch 1712 stellten 



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29 

gegen österreicliische Grundherren waren zaUreich. Unvergessen 
blieb es in Nieder - Oesterreioh, wie sehr es „durch Türken 
und Eebellen so arg mitgenommen worden; wie es immer in An- 
spruch genommen war durch Lieferungen für die in Ungarn 
stehenden Truppen." ^) 

Dennoch boten sie jetzt willig die Hand zu einer Verständi- 
gung. Die Regierung konnte von der Haltung der niederöster- 
reichischen Stände nur in hohem Grade befriedigt sein, aber dass 
die Idee der Erb-Einigung ihr besonders erwünscht gewesen wäre, 
lässt sich nicht erweisen, wenn sie auch durchaus keine oflfen ab- 
lehnende Haltung einnahm. Der Grund, wesshalb sie schweigend 
darüber hinweggieng, ist ein naheliegender. Es handelte sich jetzt 
nur darum, die Zustimmung der Stände zu der weiblichen Erbfolge 
und zu dauerndem Verbleibe aller Lande in einer Hand zu erlangen 
und dies konnte noch mancher Schwierigkeit begegnen. Die Ein- 
heitlichkeit war zunächst ohnehin durch den einheitlichen Regenten 
gesichert. Begannen aber Verhandlungen zwischen den Ländern 
über die Modalitäten einer Erbverbrüderung und Einigung Aller, 
so musste mit Sicherheit fast vorausgesetzt werden, dass eine Reihe 
von streitigen Fragen, von Gegensätzen und Weiterungen ent- 
stehen würde, welche dann nur zu leicht den Hauptzweck ge- 
fährden oder doch die Lösimg der wichtigsten Frage weit hinaus 
verzögern konnten. 



die Ungarn Ansprüche auf die Herrschaft Scharfeneck in Nieder-Oesterreich mit 
den Ortschafben Hof, Au, Mannersdorf, Sommerein und Zülingsdorf, die sie 
indessen nicht bekamen. 

>) „Es ist wider des Landes Natur und Eigenschaft, dass das opulente 
Königreich Ungarn mit hierlands abgängigem (schwer zu entbehrendem) weichem 
und glattem Futter und anderen Leb ensmittehi versehen werden soll, während 
es doch die tägliche und stündliche Erfahrung lehrt, dass wie vormals, so 
auch derzeit aus Ungarn eine imbeschreibliche Menge derartigen Futters nach 
Wien, Fischamend, Wiener-Neustadt u. a. 0. zum Verkaufe gebracht wird. 
Der Erlös dient dazu, sie, die getreuenUnterthanen, zu bekriegen; 
zumal damit allerlei Munition zur Unterstützung der Untreue angekauft und 
heinüich über die Grenze geschafft wird. Schon stehen in Folge der ungarischen 
Einfalle hierlands 16.000 Häuser öde und sind mit Einrechnimg der in den 
Jahren 1656 und 1683 angerichteten Verwüstungen 8000 ein Opfer der von 
Rebellen gelegten Brände geworden. Gilt es, Kuruzzen oder andere nationale 
Soldaten zu unterhalten, so haben die Ungarn stets die nöthigen Mittel ge- 
funden; nur der kaiserlichen Müiz 'gegenüber behaupten sie die Unmöglichkeit, 
Ausreichendes zu deren Subsistenz beizutragen." (Erklärung der niederösterr. 
Stande vom 23. December 1707. Niederösterr. Landes-Archiv, Act 17 ex 1708. 
Bei Bi der mann IT, Anmerkung GG zum II. Abschnitt.) 



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30 

Schon am 19. April 1720 hatten die oberösterreichischen 
Stände die Anerkennung der Sanction einhellig beschlossen, womit 
sie „sich und ihre Nachkommen zur unverbrüchlichen Beobachtung 
und steten Festhaltung dieses Erbfolgestatuts verpflichteten, auch 
es standhaft zu vertheidigen, mit allen Kräften dafür einzutreten, 
Gut und Blut dafür zu opfern gelobten". *) 

In Kärnthen, in dessen Landtag sich besonders der Fürst- 
bischof von Lavant, der Vicedom des Fürstbischofs von Bamberg 
und der Landeshauptmann für die Annahme einsetzten, erfolgte 
diese schon etwas zögernder. Am 4. Juni 1720 kam auf die Mahnung 
des Landeshauptmannes, wie gross das Unglück wäre, wenn „die 
Monarchie in Abgang einer genau geregelten Erbfolge angefochten 
oder gar zertrennt werden könnte'', ein zustimmender Landtags- 
beschluss zu Stande, der aber keine Gelöbnisse, auch für die Auf- 
rechterhaltung der Sanction wirklich einzustehen, enthielt. ^ Die 
Stände fügten sogar noch eine Verwahrung bei, indem sie die Er- 
wartung aussprachen: ihre Ergebenheit in den Willen des Kaisers 
werde den Landes-Privilegien nicht „präjudicieren" und alle folgen- 
den Landesfürsten würden dieselben vielmehr „manutenieren". ^) 

Erst als die Kämthner Besorgnisse wegen einer dadurch her- 
vorgerufenen Unzufriedenheit derRegiening empfanden, versicherten 
sie dann im Jahre 1725, es sei schon bei Annahme der Sanction 
ihre Absicht gewesen, ,, dafür in allen Fällen mit Hab', Gut und 
Blut unwandelbar einzustehen". 

Am 19. Juni 1720 nahmen die Stände in Krain und den 
dahin „incorporierten Herrschaften Windische Mark, Möttling, 
Tsterreich, Karst und Poykh" nicht nur die Ausdehnung der Erb- 
folge auf die weibliche Descendenz, sondern auch „die fiirgeseheno 
unzertrennliche Beisammenhaltung Dero dermalig wirklich inne- 
habenden, auch künftig zufallenden Erbkönigreiche, Fürstenthümer 
und Lande als „Sanctio pragmatica" an, die sie als eine „von 
Gott eingegebene allerweiseste Anordnung" bezeichneten."^) 



*) Landes- Archiv Linz. Act I, 67. Bei Bid ermann, Anmkg. 79 zu 11, 
3. Abschnitt. 

*) Landtags- und Ausschuss-Protocoll ex 1720. Landschafts-Archiv zu 
Klagenfurt. Bei Bi der mann, II, Anmerkung 80 zu Abschn. 3. 

•) Bid ermann, Gesammtstaats-Idee II, 49. 

*) Mayer, Die letzten Habsburger. II," 77. 



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31 

Im steyerischen Landtag kam am 10. Juni 1720 zwar auch 
die Wahrung der Landes-Privilegien zur Sprache, sachlich aber 
fand die Anerkennung der Sanction keinen Widerspruch. Der An- 
trag des Landeshauptmannes, die Erbfolge-Ordnung anzunelmien 
und „zu dieses Erbrechtes immerwährender, unzerbrechlicher Be- 
obachtung und Festhaltung alle äussersten Kräfte, auch Gut und 
Blut vorzustrecken", drang durch. 

Die angesehensten Mitglieder der Landschaft, die Grafen 
Wurmbrand, Thurn, Wildenstein, Saurau, Schrattenbach, 
Auersperg, Strassoldo, die Freiherren von Pranckh, Lang und 
Stadel forderten indessen die Beifügung des Wimsches, dass die 
katholische Religion geschützt werde und jedenfalls der zukünftige 
Gemahl der Thronfolgerin dieser Religion anzugehören habe, doch 
fanden sie nicht die Majorität.*) Mit Annahme dieses Antrages wäre 
eine Annäherung an die ungarischen Forderungen auch von Seite 
der steyerischen Stände geschehen, die indessen nicht gerade als 
beabsichtigt anzusehen sein dürfte. 

Li Prag erfolgte die Vorlage der Sanction an die böhmischen 
Stände am 12. October 1720 durch den Statthalter und Obrist- 
burggrafen zu Prag, Johann Joseph Grafen Wrtby auf Konopist 
und Nu sie. Die Stände waren „in einer weit grossem Anzahl als 
sonsten" hiezu in der gewöhnlichen Landstube auf dem Hradschin 
„so willigst als schuldigst" erschienen. Sie nahmen die Proposition 
mit dem Danke dafiir, dass „Se. Kaiserl. und Königl. Majestät ge- 
dachte, Dero sorgfältigste imd gerechteste Disposition uns aus 
purem Ueberflusse Ihrer angeborenen Clemenz eröifnen lassen", 
an, unter der Voraussetzung, dass das Gesetz zur Beibehaltung der 
katholischen Religion, „als der Gnmdfeste, worauf dieses heilsame 
und erspriessliche Werk hauptsächlich gebaut ist, dann zur Auf- 
nahme und Erhaltung, wie aller Dero Erblande, also insonderheit 
dieses getreuesten Königreichs" dienen werde. Sie sprachen ebenso 
die Hoffnung aus, dass dem Königreich und seinen incorporierten 
Ländern die Landes-Privilegien nach der Goldenen Bulle Kaiser 
Carl IV. vom 7. April 1348, den Majestätsbriefen König Wl ad islaw's 
„Freitag nach der heiligen drei Könige Tag" 1510 und Kaiser und 
König Ferdinand L „Mittwoch nach St. Aegydi" 1545, endlich 
der durch Kaiser Ferdinand 11. gegebenen Landesordnung und 



*) Steyer. Landes- Archiv. Landtags-Protocoll, Band 1833, 79—92. Bei 
Bid ermann, U. Anmerkung 83 zu Abschnitt 3. 



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32 

Confinniening der Privilegien yom 29. Mai 1627 erhalten bleiben 
würden. *) 

Die Stände erklärten dann, „dieser Allergnädigsten Disposition 
qua legi et sanctioni ftindamentali perpetuo valiturae, mit unserer 
pflichtschuldigsten Submission per unanimia Vota hiermit nicht 
nur beitreten, sondern auch uns vigore gegenwärtigen Instrumenti 
mit Verzicht auf alle Ausnahmen, wie die immer Namen haben 
mögen, auf das Kräftigste dahin verbinden, dass wir mit unseren 
Nachkömmlingen öfters berührte, von Hiro Kaiserl. und Königl. 
Majestät gerechtest stabUierte Erbsuccession in Allem und Jedem 
vollkommentlich zu beobachten und zu erhalten, ja auch mit 
imserem Gut imd Blut, also wie ims hiezu unsere Treue und schwere 
Pflicht ermahnet, zu allen Zeiten zu verthätigen beflissen sein 
wollen und sollen''. 

Die ständische Erklänmg wurde imterfertigt durch 18 Mit- 
glieder des geistlichen Standes, danmter der Erzbischof von Prag, 
Graf Kienburg, der Bischof Graf Wratislaw imd der Gross- 
prior der Johanniter, Dubsky Freiherr von Strzebomyslitz, 
durch 25 Mitglieder des Herrenstandes, unter ihnen Obrist-Land- 
hofmeister Graf Nostitz, Obristlandmarschall Graf Waldstein, 
Oberstlandrichter Graf Schaffgotsch, Obristlehenrichter Graf 
Wrbna u. A. Vom Ritterstand unterschrieben 18, aus dem Bürger- 
stand 26 Vertreter, darunter die Primatoren der Altstadt und der 
Neustadt Prag, Wor^ikowsky von Kundratitz und Franz 
Crusius, der Syndicus von Pilsen Hubalek, der ßathsverwandte 
von Budweis Daublebsky von Sternegg. 

Nachdem die Regierungsvorlage von der Hofkanzlei am 
19. Januar 1720 an die Länderstellen abgesendet worden und die 
Verhandlxmg in einer gewissen Reihenfolge eingeleitet worden war, 
kam ein kaiserliches Patent vom 30. August 1720, in deutscher 
und böhmischer Sprache gedruckt, mit der Einberufung des Land- 
tages auf den 17.0ctober auch an die Stände des Markgrafenthums 
Mähren. Sie wurden besonders ermahnt, diesmal „in einer grossem 
Frequenz, als sonsten, vornehmlich aber Diejenigen, welche von 
ilinen zu Brunn und sonderlich mit ansehentlichen Diensten oder 
Eliren-Aemtem bekleidet sind", zu erscheinen, ^j 



^) Erklärung der böhmischen Stände. Austria 1849. 

*) Elvert, Die Einführung der pragmatischen Sanction in Mäliren. 
NotizenbUitt der historisch-statistischen Section in Briinn, 1875. 



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33 

In Vei-tretung des dienstlich abwesenden Landeshauptmanns, 
Grafen Kaunitz, dessen Rückkehr bis zum 17. October nicht mit 
Gewissheit vorausgesetzt werden konnte, erhielt der mährische 
Obristlandrichter Graf Althann am 30. September 1720 das Original- 
Rescript mit dem Befeld, es den Ständen zu eröffnen. 

Graf A 1 1 h an n entledigte sich seines Auftrages in ganz entsprechen- 
der Weise und konnte schon am 30. October die Annahme-Erklärung 
der mährischen Stände dem Kaiser einsenden. Auch die Mährer 
sprachen ihren Dank für die Vorlage aus, welche sie, wie die Böhmen 
und Schlesier, als eine Vorsorge, dass die „ßömisch-Katholische 
Religion beständig behalten, befördert und vermehrt und selbe bei 
Abweichung von der diesfälligen, den wahren apostolischen Glauben 
hauptsächlich mitbegleitenden Erbsuccession nicht etwa labe- 
factieret werde", bezeichneten. 

Die Stände erklärten die vorgelegten Erbfolgeverfügungen 
als „ohnedem auch denen in der Landes-Ordnung recensierten 
Fundamental-Landesgesetzen allerdings übereinstimmig" und ihre 
Bereitwilligkeit, dieser Successions-Ordnung „treu pflichtgemäss zu 
Orccedieren, beizutreten und sich in omnibus punctis, articulis et 
clausulis und was selbe in terminis nur immer vermag, ohne einzige 
Reservation oder Vorbehalt zu unterwerfen, gelobende, versprechende 
uiid zusagende solchemnach wohlbedächtUch für sich und ihre 
Posterität hiermit aufs Kräftigste rnid Verbindlichste, dass sie, 
treugehorsamste Stände, sothane Allergnädigste Dispositiones und 
Declarationes für jezt und inskünftig für ein unverbrüclüiches 
Fundamentalgesetz erkennen, dawider in keinerlei AVeg noch Weise 
uec directe nee indirecte weder selbst handeln, noch Anderen es 
gestatten, sondern darob je und allezeit stet, fest und unzerbrüch- 
lich halten, auch zu dessen Handhabe und Beschirmung alle ihre 
Kräfte, ja ihr Hab', Gut und Blut sammt und sonders anwenden 
und sacrificieren wollen und sollen". 

Das Instrument wurde unterfertigt von zwei Deputierton des 
Olmützer Domcapitels und zehn Aebten und Prälaten, den Fürsten 
von Liechtenstein, den Grafen Koggendorf undOsteschau,nebst 
sechs Vertretern des Herren- und sechs des Ritterstandes und den 
städtischen Deputierten von Olmütz, Brunn, Znaym, Hradisch, 
Iglau und Gaya. 

Eine Anzahl Ständemitglieder waren zwar in Brunn, erschienen 
aber nicht bei dem feierlichen Acte, weil sie als Kämmerer und 
von hohem Adel den „kaiserlichen Eäthen und Landrecht s-Beisitzern, 
so allererst ganz kürzlich in den HeiTenstand erhoben worden 

Oesterreichischer Erbfolgekrieg. I. Bd. g 



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34 

nicht füglich nachsitzen wollen'\ Es waren dies, wie das „ohne 
Entschuldigung" wohl besagen soll, der Landes-Unterkämmerer 
Graf Brenner, die Freiherm von Sackh, Horetzky, die Grafen 
Mittrowitz und Lamberg. *) 

Als ProtokoUftihrer fungierten der Vicelandschreiber Franz 
Anton R2ikowsky von Dobrschitz, der Kämmerer v. Hermann 
an Stelle des Landesburggrafen Johann Wenzel v. R2ikowsky, 
der mitstimmte, der Landschafts-Secretär Panitz und der Land- 
schafts-Buchhalter Binder. 

Der Kaiser sprach seine Zufriedenheit mit der Erklärung der 
Stände aus, wies aber doch auch auf das Wegbleiben so Mancher 
tadelnd hin. 

Auch in Schlesien nahm die Beschlussfsissimg über die An- 
nahme des Erbfolgegesetzes einen durchaus glatten Verlauf. ^ In 
übermässiger Vorsicht hatte zwar der Oberamts-Director Graf Hans 
Anton Schaffgotsch auf die erste von der böhmischen Hofkanzlei 
erfolgte Verständigung von der einzuleitenden Vorlage der kaiser- 
lichen Proposition eine Reihe von Massregeln ziu* Beschränkung 
der Verhandlungsfreiheit der Stände in Antrag gebracht. Der Kaiser 
wies Alles ab, was gegen das Herkommen und die ständische Frei- 
heit sei. 

Am 21. October 1720 versammelten sich die einundvierzig Ab- 
geordneten der Fürsten und Stände im Fürstensaal des Breslauer 
Rathhauses und Graf Schaffgotsch übernahm den Vorsitz. Der 
Oberamts-Kanzler Graf Kottulinsky erläuterte die Bedeutung des 
zur Berathimg stehenden Actes und Oberamts-Secretär Gross a 
verlas die Proposition. Am nächsten Tage erfolgte die Zustimmungs- 
erklärung der Stände, etwas zurückhaltender die färstlich-freiherr- 
liche Curie, unbedingter und offener die zweite Curie der Erb- 
fürstenthümer, welche gleich den Böhmen erklärte, dass ihnen die 
kaiserliche Vorlage* „zu allem Ueberfluss'' bekanntgegeben worden, 
und die Stimmen der Städte. Das „Accessions- und Submissions- 
Instrument" wurde dann dahin abgeschlossen: „als verbinden wir 
vermittelst gegenwärtigen Listrumenti ims und unsere Nachkommen 
kräftigst und zu ewigen Zeiten, dass wir allem Demjenigen, so 



*) Es fehlten aber auch die Waldstein, DietrichsteLn, CoUalto, Liechten- 
stein-Kastelkom, Slavata, Questenberg, Werdenberg, Kaunitz, Wlassim, Oppers- 
dorf, Sinzendorff, Dubsky, Bnkovsky etc. Elvert, pragm. Sanction in Mähren. 

*) Nach Dove, Die pragmatische Sanction in Schlesien. „Zeitschrift des 
Vereines für Geschichte und Altoi-thum Schlcaiens". XTV, 299. 



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35 

Allerhöchstgedachte Se. Kaiserl. und Königl. Majestät an uns wegen 
erwähnter Thron- und Erbfolge in kaiserlichen und königlichen 
Gnaden gelangen lassen, uns vollkomm^ntlich submittieren und 
erwähnte Dispositiones tanquam leges fundamentales et perpetuo 
valituras in treugehorsamster Devotion erkennen, auch dawider sub 
quocumque praetextu weder selbst handeln, noch Anderen solches 
gestatten, so vielmehr Gut und Blut dabei auszusetzen jederzeit 
bereit sein werden, treulich und ohne Gefährde/' 

Die Genehmigung der Zustimmungs-Erklärung erfolgte flir 
Böhmen, Schlesien und Mähren in einem, mit geringen besonderen 
Einschaltungen für die einzelnen, besonders für Schlesien, gleich- 
lautenden Rescripte vom 17. März 1721. 

Weit schwieriger fanden sich die Tyroler. Der Landtag 
wurde auf den 26. November 1720 einberufen, trat aber erst am 
9. December 1720 zusammen. Den Sommer überhatten die Stände 
mit der Regierung einen heftigen Kampf mn Geldbewilligungen 
und Gegenansprüche wegen der Kosten der vielen Truppendurch- 
zöge gefiihrt, eine neue Vermögenssteuer und Vorbereitungen zu 
einem umgearbeiteten Grundsteuerkataster hatten viele Unzufrieden- 
heit erregt und die Stimmung des Landtages war daher keineswegs 
die beste. Die Bischöfe von Brixen und Trient Hessen sich bei 
diesem Landtage gar nicht vertreten, indem sie sich auf ihre Eigen- 
schaft als reichsfürstliche Stifte beriefen. Es scheint dies in einer 
etwas ungewöhnlichen Art geschehen zu sein, denn die Innsbrucker 
Regierung berichtete hierüber an den Kaiser, dass sich „die stift- 
und domcapiterschen Gesandten diesfalls auf eine solche Weise 
declariert haben, welche künftig Dero hierländischen hohen Juribus 
allzusehr präjudicierlich sein würde.'* ^) Die Aebte und Prälaten von 
Gries, Neustift, Georgenberg, Stams u. A. sprachen die Besorgniss 
aus, dass der künftige „regierende Herr'' sich nicht für verpflichtet 
erachten werde, die von den Habsburgem gemachten Staatsschulden 
anzuerkennen ; sie beklagten, dass künftig in Tyrol kein besonderer 
Landesfurst mehr vorhanden sein werde. Der Prälat von Gries 
nannte die Landtagsverhandlimg „etwas Unerhörtes" und betonte 
seine Befürchtimg, dass die Landes-Privilegien geschädigt werden 
könnten. 

Der Abt von Stams erinnerte wenigstens daran, dass für 
Tyrol ein weiblicher Landesfiirst nichts Neues sei und der Landes- 



*) Archiv des Ministeriums des Inneru ad 10 vom Jahre 1721, Tyrol. 

3* 



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36 

hauptmann erklärte mit Festigkeit, dass kein Land das Recht habe, 
seinem Herrseher eine Thronfolge-Ordnung nach eigenem Willen 
aufzunöthigen, dass abgr auch die Landesfreiheiten darum nicht 
preisgegeben seien, wenn man sich dem Willen des Kaisers in 
dieser Frage unterwerfe. Die Vertreter der Städte zeigten sich 
williger, sie stimmten mit Vorbehalt der Landes-Privilegien für die 
Annahme der Erbfolge-Ordnung, aber auch aus ihrer Mitte beklagte 
der Vertreter Linsbrucks, Johann Peter, dass dann nie mehr ein 
eigener Landesfiirst in Tyrol sein werde, der Landstand Rolandin 
rieth „ein teutsches Haupt" sich auszubitten und der Landstand 
V. Indermaur verlangte, dass das künftige regierende Haupt 
von „teutschem Geblüt" zu sein habe. Es wurde getadelt, dass 
dieses ,, hochwichtige österreichische Successionsgeschäft, so viel 
dieses das allergetreuesto Erbland Tyrol anbetrifft, mit uns, denen 
treugehorsamsten Ständen, wie vormals in derlei wichtigen Begeben- 
heiten öfter geschehen'', nicht „consultando" überlegt worden. 
Schliesslich kam es indessen doch zur Annahme und der Versiche- 
nmg, daäs die Stände das Erbfolgegesetz ,,auf all' und jeden Noth- 
fall gegen männiglich mit ungesparter Aufsetzung Guts und Bluts 
kräftigst verfechten und vertheidigen wollen". ^) 

Auch den kleineren Provinzial-Verbänden, wie Görz und 
Gradiska, dem Egerland, Triest und Fiume wurde die Vorlage der 
Regierimg bekanntgegeben und ihre Zustimmimg erbeten. Die 
Stände von Görz gelobten am ü. August 1720 über Antrag des 
Landeshauptmannes Grafen W i 1 d e n s t e i n einstimmig die Beob- 
achtung imd standhafte Vertheidigung der pragmatischen Sanction 
mit dem Beisatze, dass sie hofllen, der Kaiser werde sie bei den 
althergebrachten Freiheiten erhalten. ^) 

Die Eg erländer schlössen sich der Erklärung der böhmischen 
Stände an und bekundeten damit ihre Zugehörigkeit zu diesem 
Königreiche. Um jedoch dem heiligen römischen Reiche in keiner 
Weise zu präjudicieren und die Stadtprivilegien zu wahren, wurde 
der Beitritts-Erklärung des Egerlandes über Antrag des Bürger- 
meisters der Stadt Eger, Johann Adam Junckler von Ober- 
C u n r e u t h, der Beisatz eiiigefügt : ,.salvis tarnen semper privilegiis 
ab Lnperatoribus regibusque Bohemiae urbi Egrae et circulo con- 



') Bei Bid ermann, Gesammtstsiats-Idee, II, Anmerkg. 84 zu Abth. 3. 

*) Die Ausfertigung geschah in deutscher Sprache. Bidermann, II, 
Anmerkung 88 zu Abschn. 3. Original im Archiv des Ministeriums des Innern, 
ad 2 ex 1726 Inner-Oesterreich. 



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37 

cessis und inwieweit es sich auf den Pfandschilling Eger appli- 
cieren lasset.'^ *) 

Die Zustimmung und Anerkennung der Stadt Triest^ am 
30. September 1720 bezieht sich nur auf die neue Thronfolge- 
Ordnung „riconoscendo adesso all 'ora la proposta Augusta suc- 
cessione''. 

Die Erklärung der Stadt Fiume"*) enthielt nicht nur die 
Versicherung der Anhänglichkeit und des Festhaltens an der neuen 
Erbfolge-Ordnung, sondern ergieng sich auch in der Hervorhebung 
der segensreichen Folgen des neuen Gesetzes. Es werde zur Kräfti- 
gung der Macht des Hauses Oesterreioh, zum Schutze der katho- 
lischen Kirche, zur Verbreitung des christlichen Glaubens gereichen. 
„Das römisch-deutsche Reich werde an Ansehen gewinnen, Deutsch- 
land beruhigt, der ganze Weltkreis geehrt und gesclunückt werden." 

Die Landtage in denB reisgauisc h-S c h w ä b i s c h-0 ester- 
reich- und Vorarlbergischen Landen"^) wurden zur „Publi- 
cierung der Thron- und Erbfolge in Unserem Durchlauchtigsten 
Erzhause" unmittelbar von Wien aus einberufen und die Innsbrucker 
Regierung hie von am 1. October 1721 nur verständigt mit dem 
Auftrage, die Publication in der österreichischen Stadt Constanz 
durch den Regimentsrath und Hauptmannschafts-Verwalter v. Land- 
see bewirken zu lassen. Für die breisgauischen Stände wurde der 
Vice-Statthalter Freiherr von Rost, in den schwäbisch-österreichi- 
schen Landen der Landvogt der Markgrafschaft Burgau, Freiherr 
von Ulm, in Vorarlberg der Vogt Pappus Freiherr von Traz- 
b e r g zu kaiserlichen Commissären ernannt und ihnen die Aufgabe 
der Publication der Erbfolge-Ordnung und die Bewirkimg der An- 
nahme durch die Stände übertragen. 

Die Commissäre erhielten Weisung, die Stände zu ermahnen, 
sich die „zum Besten abzielende Absicht gehorsamst zu Gemüth" 
zu nehmen und sich darüber „wie es in denen nieder- und inner- 
österreichischen Landen, wie auch in Tyrol bekannteniiassen bereits 
beschehen'*, schriftlich zu erklären. 



') Bidermann, II, Anmerkung 89 zum Abschn. 3. 

*) Bid ermann, ü, Anmerkung 90 ebenda. Die Erklärung war in italie- 
nischer Sprache. 

•) Bidermann, II, Anmerkg. 91 ebenda. Die Erklärung ist in lateinischer 
Sprache abgefasst. 

*) Archiv des Ministeriums des Innern. Nr. 11 vom Jahre 1721. Tyrol. 



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38 

Es scheint dies auch ohne Zögern von den Ständen Vorder- 
Oesterreichs geschehen zu sein. 

Nun kam der schwierigere Theil der Aufgabe an die Reihe, 
die Vorlage an den ungarischen und siebenbürgischen Landtag. 
Die Angelegenheit wurde mit grosser Umsicht und von langer 
Hand vorbereitet. Die Geheime Conferenz in Wien unter dem Vor- 
sitz des Prinzen Eugen von S a v o y e n, aus den Fürsten Trau t s o n, 
dem obersten Hofkanzler Grafen Sinzendorff und dem Hof- 
kammer-Präsidenten Grafen Gundacker Starhemberg bestehend*), 
stellte in einer Sitzimg am 13. Juli 1721 den einzuschlagenden 
Weg fest. 

Die Einberufiingsschreiben sollten nach diesem Vorschlage 
bezüglich der Thronfolge nur die Stände mahnen, das Nöthige 
vorzukehren, um sich und das Vaterland vor innem und äussern 
Gefahren in der Zukunft zu schützen, die Uebertragung der Suc- 
cession an die weibliche Descendenz aber sollte nur im Allgemeinen 
berührt werden. Es war zu hoffen, dass hiedurch vorzeitige 
Besprechungen der Sache vermieden würden, die leicht nachtheilige 
Stimmungen schaffen konnten. Als besonders wichtig wurde erachtet, 
vor Allem den hohen Clerus imd die Magnaten zu gewinnen, sowie 
einen zuverlässigen „Personalis" zu ernennen, der geschickt genug 
sei, um zu verhindern, dass die Magnaten sich des niederen Adels 
bedienten, um „nur simidierte fayorable Nota" in der Magnaten- 
Tafel zwar abzugeben, aber durch die „imtere Tafel" wieder zu- 
nichte machen zu lassen. Am meisten wünschenswerth hielt es 
die Geheime Conferenz, wenn die Ungarn sich dazu verstehen 
würden, das neue Thronfolgegesetz „motu proprio" anzunehmen. 
Einer etwaigen Opposition aber sollte jedenfalls energisch entgegen- 
getreten, jede Erörterung der vorgebrachten „Gravamina" bis zur 
günstigen Erledigung der Successiöns-Angelegenheit abgelehnt und 
auch eine Verhandlung über die von den Ungarn so sehr gewünschte 
Einverleibung der „Neoacquistica" — der vom Prinzen Eugen in 
dem ruhmvollen Krieg gegen die Türkei 171G — 1718 eroberten 
serbischen und walachischen Gebiete, wie des Temeser Banats — 
verweigert werden. Der Kaiser selbst soUte während des Land- 
tages seinen Aufenthalt in Pressburg nehmen. 



*) Bidermann, II, Anmerkung 95 zum B. Abschnitt. Der Geheime 
Hofkanzler v. Seüem war am 8. Januar 17 IB, siebzig Jahre alt, gestorben. 



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39 

Der siebenbürgische Landtag wurde flirden lO.Febniar 1722 
nach Hermannstadt einberufen, fiiiher als der ungarische, welcher 
zwar für den 1. Mai berufen, doch erst am 20. Juni dieses Jahres 
in Pressburg zusammentrat. Mit dem frühem Einberufen der sieben- 
bürgischen Stände verband man die leise Hoffnung, einen förder- 
lichen Druck auf die Entschliessungen der ungarischen ausüben zu 
können. ^) 

Die frühere Einberufung des siebenbürgischen Landtags 
beweist ein vorhandenes grosses Vertrauen in die leichte Ab- 
wicklung der Verhandlung mit demselben, da eine imgünstige 
Haltung der Siebenbürger ein höchst bedenkliches Präjudiz für 
die. ungarischen Stände hätte bilden können. Dieses Vertrauen 
widerlegt am besten gelegentliche Erzählungen von angewendeten 
Pressions-Mitteln. 

Thatsächlich ergaben sich auch keine Schwierigkeiten. Der 
erkrankte Gouverneur G. d. C. Graf Virmond empfieng die Stände 
in seiner Wohnung, um ihnen die kaiserliche Proposition zu über- 
geben, aber die Verhandlimg und Beschlussfassung, über welche 
die Stände am 30. März ihre Erklärung abgaben, fand erst einige 
Tage nach jenem Empfang statt. Der Entwurf znr Beistimmungs- 
Erklärung wurde am 1. April zur Lesung gebracht und hiebei nur 
von den Calvineni noch einige Wünsche vorgebracht. Der Gubemial- 
Präsident Graf Sigmimd Kornis und die Barone Stefan Weszel6ny 
und Johann Bornemisza setzten schliesslich die Annahme der 
Proposition in befriedigendster Weise durch und die ,,drei Nationen" 
nahmen die Thronfolge-Ordnung bedingungslos an. Die Hoffnung 
der Siebenbürger, in der „Verschmelzung und dem untrennbaren 
Aneinanderhängen aller Erbkönigreiche zum Zwecke wechselseitiger 
und reciproker Vertheidigung", wie Graf Virmond es ihnen als 
Folge darstellte und wahrscheinlich sie sich selbst so dachte, den 
besten Schutz für ihr stets gefährdetes Grenzland zu finden, Hess 
ihnen die ganze Proposition in hohem Masse erfi-eulich und begehrens- 
werth erscheinen. 

Für die Propositionen an die ungarischen Stände hatten 
sich seit dem Jahre 1712 und besonders seit den abgegebenen 
Erklärungen der erbländischen Stände die Verhältnisse wesentlich 
geändert. Der Kaiser hatte von seinen sämmtlichen deutschen nnd 



>) Bid ermann, II, Anmerkg. 93 zw Absch. 3. H. H. und St.-A. Vortrag 
vom 14. Juli 1721. 



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40 

böhmischen Ländern, im Ganzen beclingiingsh>s, die volle Aner- 
kennung und Zustimmmig zu seiner pragmatischen Sanction erhalten 
und es lag somit eine Macht in dieser Einhelligkeit vor, welche 
einen vollen Ersatz fiir jenes engere Bündniss der Erblande bieten 
konnte, welches die Ungarn in der Palatinal-Conlerenz 1712 ak 
Vorbedingiuig fiir ihre Zustimmung zur neuen Tlironfolge-Ordnimg 
bezeichnet hatten. Diese Macht, in der Hand des Kaisers wirksam, 
stand bereit ziu* Unterstützung Ungarns, wenn dieses in Gefahr 
kam und es schien jetzt an der Zeit, in den mm an die Stände 
zu richtenden Propositionen auf jene Lücke aufmerksam zu machen, 
welche die Palatinal-Conferenz in ihrer Erklärung ofien gelassen: 
dass nämlich fiir die Hilfe imd Unterstützung durch die Erblande, 
wie sie die Ungarn gewünscht imd für iliren Schutz und ihre 
Sicherheit als nothwendig bezeiclmet hatten, man auch von 
ungarischer Seite zu positiven Gegenleistungen verpflichtet sei. 

Wenn Ungarn ein Schutzbedürfniss empfand, wie es nicht nm* 
jene Palatinal-Conferenz von 1712 dm-ch ihre Forderungen, sondern 
auch der Vice-Palatin Stephan Nagy gleich in der ersten Sitzung 
des Landtags am 30. Juni und nach ihm der Palatinal-Protonotar 
Franz Szluha in oflener Weise in ihren Reden erwiesen, dann 
war eine billige, freiwillige Beschränkung der ungarischen Selbst- 
ständigkeit eine unvermeidbare und natürliche Consequenz. Man 
kann Dem nicht unbeeinflusst und nur dem eigenen Willen 
gehorchend gegenüberstehen, auf dessen Hilfe man angewiesen ist 
und rechnet, es sei denn, dass man ihm die gleichwerthige Unter- 
stützimg zu gewähren geneigt und befähigt ist. 

Dies war nun aber keineswegs der Fall. Die Anschauungen, 
von denen man sich in Ungarn leiten liess, schildert ein neuerer 
imgarisch(T Historiker, ihnen zustimmend, sehr anschaulich'): 

„Wenn im Jahre 1722 von einer Union mit den österreichischen 
Erblanden die Kede gieng, so bedeutete dies nichts Neues. Sie 
bestand auch früher schon, indem Steyermark und Känithen um 
Croatien und das südUch von der Donau gelegene Ungarn, Böhmen 
und Oesterreich um das nördlich von der Donau gelegene Ungarn 
sich kümmerten." „Aber in den vorausg(4ienden zwei Jahrhunderten 
war dieser Vertrag nur insofern ein zweiseitiger, als, wenn Ungarn 
sich selbst vertheidigte, die benachbarten Provinzen sich als 



») Salomon, Geschichte der Besetzung des kgl. ungar. Thrones und 
die Pragmatische Sanction. Citiert bei Bidormann, II, Anmerkg. 94 zum 
3. Ahschn. 



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41 

schon liiedurcli beschützt zu betrachten hatten und dass die- 
selben ans Dankbarkeit hie für und in ihrem eigenen Interesse 
zur Erhaltung der ungarischen Grenzfeztungen und Truppen bei- 
trugen. Ungarns Verpflichtung bezog sich nur auf die Abwehr 
der Türken ; wurde z. B. Böhmen vom Westen her angegritlen, so 
waren die Ungarn keineswegs verpflichtet, zu dessen Schutze die 
Waffen zu ergreifen. '^ ') 

Dass fiir solche Aiüfassungen ein Verständniss in den Erb- 
ländem nicht zu finden war, ist erklärlich und der Kaiser suchte 
ein Einvernehmen dadurch anzubahnen, dass in den Einberufungs- 
schreiben auf die Nothwendigkeit der Bildung eines Staatskörpers 
hingewiesen wurde, welchem auch Ungarn wie Siebenbürgen, dem 
Gedanken der Gesammt-Thronfolge entsprechend, dauernd eingefugt 
sein sollten. Der Kaiser sprach den Wunsch nach einer „Ver- 
ständigimg und Union" Ungarns mit den übrigen Erblanden und 
^iner gesetzlichen Begründung einer Vereinigung mit denselben aus, 
deren Mittelpunkt er selbst blieb. Es ist aber nicht zu behaupten, 
dass dieses directe Einvernehmen der ungarischen Stände mit jenen 
der Erblande so ganz unbedingt der Hauptzweck hiebei gewesen 
wäre. Eine dem Kaiser gegebene bindende Erklänmg der Annahme 
der Sanction würde dieselbe Absicht annähernd auch erreicht haben 
und es scheint fast, als wäre eine solche dem Kaiser innerlich sogar 
Wünschenswerther gewesen. ^ 



*) Einen Vertrag dieser Art hat es nie gegeben. Bidermann in 
„Geschichte der österr. Gesamrat-Staats-Idee, 11, 268" sagt hierüber: „An dem 
damit geschiklerten Sachverhalt ist nur das Eine unrichtig, dass ihm ein 
Vortrag zu Grunde lag. Auf Seite der genannten, nicht zur imgarischen 
Krone gehörigen Länder war es lediglich guter Wille, wenn sie sich der 
letzteren in den Kriegsbedrängnissen annahmen imd die Millionen haaren 
Geldes, die sie nebst ungezählten Menschenleben dafür opferten, nicht lieber 
auf den unmittelbaren Grenzschutz verwendeten, der in den Zeiten, wo die 
Magyaren mit den Türken gemeinsame Sache machten, sich wirk- 
samer würde erwiesen haben, als jenes angebliche Vertragsverhältniss. Dass 
dem guten Willen Eigennutz beigemischt war, ist nicht in Abrede zu stellen. 
Aber dass die NiederösteiTeicher, Böhmen, Steyermärker u. s. w. es sich als 
Gegenleistung anrechnen lassen mussten, wenn die Ungarn ihrem 
Selbsterhaltungstrieb folgten und sich den Türken gegenüber zur Wehre 
setzten, ist eine ebenso kühne Behauptung, als es unter der Voraussetzung 
eines Vertrags-Verhältnisses ein doppelt berechtigter Tadel wäre, der die 
Ungarn wegen ihres häufigen Zusammengehens mit den Türken dann treffen 
würde." 

») Vergleiche Bidermann, IE, 52 und Anmerkg. 96 zu Abschn. 3. 



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42 

Der Hauptzweck blieb doch wohl immer die Erlangung der 
Zustimmimg zur weiblichen Thronfolge auch in den ungarischen 
Ländern, die als das wesentlichste Mittel nicht umgangen werden 
konnte, wenn eine gegenseitige Verbindung imd Unterstützimg der 
Länder erreicht werden sollte. Li des Kaisers und seiner Nach- 
folger Hand lagen dann die Kräfte und Mittel jedes einzelnen 
Landes, er konnte sie verwenden nach Bedarf für jedes und er 
allein blieb Weg imd Mittel jeder Verständigung zwischen den 
Ländern. Eine directe Union aber der Länder unter sich, Ungarn 
eingeschlossen, hätte einen Factor in das Staatsleben gebracht, der 
unter Umständen dem Kaiser gegenüber als bedenklich angesehen 
werden konnte. 

Der Kaiser eröiFnete persönlich am 20. Juni den Landtag in 
Pressburg, auf dem er dann bei seiner Abreise als seinen Vertreter 
den Präsidenten der Hofkammer, Grafen Gundacker Starhemberg, 
und den böhmischen brist- Hof kanzler, Grafen Franz Kinsky, 
beliess. ') 

Die geschickt geführte Landtags-Verhandlimg führte zu den, 
dem Wunsche des Kaisers ganz entsprechenden Ergebnissen. Die 
formelle Proposition des Kaisers kam den Ständen erst am 8. Juli 
1722 zu, aber schon in der ersten Sitzung forderten die Magnaten 
die „untere Tafel" durch eine Deputation zu raschem Eingehen auf 
die zu ei'wartende Proposition auf. Der Vice-Palatin Stephan Nagy, 
der statt des erkrankten Personalis präsidierte, hielt an das Haus 
eine ungarische Ansprache, in der er die Nothwendigkeit einer 
Vorsorge für den Fall, dass der Kaiser ohne (männliche) Erben 
sterbe, hervorhob. Ilim folgte der Palatinal - Protonotar Franz 
Szliiha de Iklad mit seiner berülimt gewordenen zündenden 
Rede, welche die Stände zu einer unter Jubelrufen und durch 
Acclamation abgegebenen Annalmie und Genehmigung der weib- 
lichen Thronfolge im habsburgischen Hause hinriss. Nun beantragte 
der Vice-Palatin die sofortige Verständigung der Magnatentafel 
durch eine Deputation und die Erklärung wurde abgegeben, die 
Zustimmung zu der weiblichen Thronfolge sei eine durchaus 
spontane. 

Die Deputation der „unteren Tafel" wnirde sofort durch eine 
von der Magnatentafel entsendete beantwortet, als deren Führer 
der Bischof Graf Gabriel Erdödy die Zustimmung der Magnaten 



*) Mayer, Die letzten Habsburger, II. 



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43 

zu dem Beschlüsse der „unteren TafeF' erklärte. Am 3. Juli über- 
brachte eine von beiden Häusern des Landtags entsendete Deputation 
die Zustimmungs-Erklärungen dem Kaiser und König nach Wien. 
Cardinal Graf Emerich Cs&ky betonte hiebei die Vortheile, welche 
Ungarn fiir seine äussere Sicherheit und seine innere Ruhe von 
dem Beschlüsse erwarte und sprach die bestimmte Hoffiaung aus, 
dass die Krone des marianischen Königreichs nach diesem Beschlüsse 
niemals an einen Herrscher fallen könne, der nicht römisch-katho- 
lischen Glaubens sei. Er wahrte im Allgemeinen die hergebrachten 
Freiheiten und Vorrechte. Von der „Union'' der Länder scheint 
nicht mehr gesprochen worden zu sein, auch der Kaiser äusserte 
sich nicht weiter darüber. 

Die genauere Formulierung der Thronfolge-Ordnung wurde 
dann am 16. Juli nach einem Entwürfe Szluha's, aber nicht ohne 
einige Debatte, angenommen. Die Ausstellung einer besonderen 
Urkimde über die Zustimmung zur pragmatischen Sanction wurde 
indessen vom Landtag als „überflüssig" erklärt, da die Diätal- 
ProtokoUe hieför vollkommen ausreichend seien. 

Carl VI. sprach in einem besonders gnädigen Schreiben an 
den Palatin seinen Dank und seine Befriedigung über den Land- 
tagsbeschluss aus und reiche Geschenke bezeugten seine Dankbarkeit 
Denen, die ein hervorragendes Verdienst an dem Gelingen des 
Werkes in Anspruch nehmen konnten. *) 

Der § 4 des I. Gesetz-Artikels vom Jahre 1722/23 besagte, 
als nunmehr bestimmte Formulierung des Landtagsbeschlusses : 
Diejenige Erbin oder derjenige Erbe, welcher, beziehungsweise 
welche nach der vom österreichischen Herrscherhause angenommenen, 
im vorhergehenden Paragraph näher bezeichneten Primogenitursnorm 
die übrigen Königreiche und Länder, die sich dieser Norm bereits 
unterworfen haben, als ein seitdem unlösbares Ganzes überkommt, 
solle stets unfehlbar dem gleichen Erbrecht zufolge auch als König 
Ungarns und der damit ebenso unzertrennlich verbundenen Neben- 
länder anerkannt und gekrönt werden. ^ 

Und im § 7 des H. Gesetz-Artikels heisst es, dass die ungarische 
Krone stets derjenige Erzherzog von Oesterreich, gleichviel ob männ- 
licher oder weiblicher Descendent, empfange, welcher in den übrigen 
Erb-Königreichen und Ländern durch die neue Thronfolge-Ordnung 



') Die Vorgänge auf dem Landtag 1722 nach Bidermaun, Geschichte 
der österr. Gesamrat-Staats-Idee, 11, Anmerkg. zum 3. Abschn. 
*) Bidermann, 11, 53. 



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44 

zum Tlirone berufen sei. („Imperatorum et ßegum Hungariae des- 
cendentes", wenn sie ,,legitiini, Eomano-Catholici" und „Austriae 
Archiduces'^ sind.) Als Bedingung galt nur, dass von den Erb- 
landen weder durch Theilung oder sonstwie ein Gebiet losgelöst 
werden solle und dass die Erblande miteinander, gleiclizeitig und 
mit Einschluss des Königreichs Ungarn, sowie der zu diesem 
gehörigen Nebenländer eine vererbliehe Besitzmasse zu bilden 
hätten. 

Mit den Wünschen nach Vereinigimg Siebenbürgens, der 
Mihtärgrenz-Dist riete imd des Temeser Banats, die auch auf dem 
Landtage zur Berathung kamen, drangen indessen die Stände 
nicht durch. 

Die gewichtige Ansicht des Prinzen Eugen von Savoyen 
war schon während des Türkenkrieges gegen diesen Gedanken 
ausschlaggebend ziun Ausdruck gebracht worden. Er hatt^ am 
21. Juni 1717 aus dem Feldlager vor Belgrad bereits an den Hof- 
kriegsrath geschrieben *) : „Auf welche AVeise die Einrichtung des 
Temesvärer Banats dermalen angetragen imd mit einer löblichen 
kaiserlichen Hofkammer conferentiaUter einverstanden wurde, Lst 
mir wohl erinnerlich und lasse ich dahin gestellt sein, ob und wie 
die quaestio reincorporationis ad Hungariam bis nach dem Frieden 
zu verschieben und alsdann ein endlicher Schluss abzufassen sei. 
Indessen bin und bleibe ich der unveränderlichen Meinung, dass 
weder die gegenwärtigen (Kriegs-) noch die zukünftigen Friedens- 
umstände die Incorporirung mit dem gedachten Königreich, wohl 
aber die Art einer abgesonderten Provinz wie Siebenbürgen, cum 
reservatione domini supremi territorialis et secundi terrestris, zu 
Ihro kais. Majestät Dienst anrathen können, also zwar, dass, wenn 
ein anderes System abgefasst (wird), weder dem kaiserlichen Aerar 
ein Nutzen, dem Land eine gute Einrichtung und noch weniger 
persördiche wie öffentliche Sicherheit anzuhoffen ist, worüber nicht 
nur die verschiedenen Ursachen, sondern hauptsächlich die ver- 
flossenen Zeiten ein Melu'eres bestätigen werden." 

Diese Beurtheilung der Frage blieb auch jetzt noch die mass- 
gebende. 

Die selbstständige Meinungsabgabe des siebenbürgischen Land- 
tags wurde indessen von Seite der Ungarn als ungesetzlich betrachtet 
und dagegen protestiert. 

») Feldzüge de« Prinzen Eugen von Savoj^en, XVII. Band. Supplement 
Nr. 70. 



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45 

Erst im folgenden Jahre wurde die Erbfolge-Ordnung auch 
den Ständen in den österreichischen Niederlanden vorgelegt. Am 
G. Juli 17*23 versammelten sich jene von Brabant, am 22. August 
die von Flandern. 

Bemühungen von französischer Seite, die Anerkennung zu 
hindern, blieben erfolglos, die beiden Stände nahmen die Erbfolge- 
Ordnung wie den Grundsatz der Untheilbarkeit der Länder sowohl 
innerhalb wie ausserhalb des römischen Keiches ohne Bedingung 
an. Die Stände sprachen indessen die Bitte aus, der Kaiser möge 
diese Successions- Ordnung in allen Königreichen, Provinzen und 
Erblanden „als ein unwiderrufliches und unveränderliches Gesetz*' 
pubUcieren lassen. *) Dass dies mit Rücksicht auf die Verfassung 
in den Erblanden wie in Ungarn nicht wolil in dieser Form 
geschehen könne, beachtete man in den Niederlanden nicht, doch 
liess Carl VI. in den Niederlanden durch ein Patent vom 6. De- 
cember 1724 die Erbfolge-Ordnung in Gi^setzesform am 15. Mai 1725 
durch den Statthalter ad Interim Grafen Dann in Brüssel ver- 
öffentlichen. 

Dieser in den Niederlanden publicierte Gesetzesact wird irr- 
thümlich häufig als die eigentliche endgütige Formulierung der 
„Pragmatischen Sanction" angesehen und hat als solche selbst in 
officiellen Gesetzessammlungen der neuesten Zeit noch Aufnahme 
gefiinden. *) 

Im Herzogthum Mailand wurde das Gesetz über die Thron- 
folge-Ordnung in einem Patent vom 14. März 1725 durch den 
Gouverneur Grafen Colloredo kimdgemacht. 



Die Anerkennung der pragmatischen Sanction durch die 
fremden Mächte und das lleich. 

Es schien Kaiser Carl VI. wichtig, die Anerkennung des 
weiblichen Tlironfolgerechtes in directer Linie in den habsburgisclien 
Ländern nicht nur in seinen Erblanden festgesetzt zu sehen, sondern 
sie auch von Seiten der fremden Mächte zu erlangen. 

Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass ein gewisser Unterscliied 
in den Absichten festzuhalten sein dürfte, von welchen die 

*) Nach Mayer, Die letzten Habsburger. U, 80. 
^ Siehe Anhang. II. 



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46 

Forcierungen an die Erblande und jene an die fremden Mächte 
geleitet sind. Die Erbfolge nach der Primogenitur auch in weib- 
licher Linie ist der nach beiden Seiten hin überwiegende Haupt- 
zweck, die Untrennbarkeit der Länder aber konnte wohl nur im 
Sinne einer gegenseitigen Zusage des Kaisers und der Erblande, 
wie Ungarns, einen vertragsmässigen Ausdruck finden, von den 
fremden Mächten indessen doch nur etwa als Zusage einer Garantie, 
einer Hilfeleistung, wenn ein fremder Eroberer sich dieses oder 
jenes Theiles des habsburgischen Besitzes bemächtigen wollte, auf- 
gefasst werden. Eine absolute Sieherstellung der Untrennbarkeit 
der österreichischen Länder aber koimte kein fremder Staat bieten 
und darauf da und dort etwa hinweisende Vertragsstellen sind 
diplomatische Formeln und Redewendungen im übertreibenden 
Style der Zeit, die aber doch das wirkliche und erreichbare Mass 
der Sicherstellung nicht zu vergrössern oder zu erweitem ver- 
mögen. 

Der Werth der Zustimmung der fremden Mächte zu der Erb- 
folge-Ordnung Carl VI. bestand gewiss mehr in der in solcher 
Anerkennung liegenden bindenden Zusage, den Erbbesitz nicht 
aus Gründen der Erbfolge oder der Auftheilung selbst angreifen 
zu wollen; die Veimeidung aller Kriege überhaupt imd selbst 
Verluste einzelner Provinzen gelegentlich solcher konnte Carl VI. 
wohl kaum von der Garantie seiner Successions-Ordnung durch 
die fremden Staaten erhoffen wollen. 

Carl VI. trat an die fremden Mächte nicht erst nach der 
erlangten Einigung mit seinen eigenen Ländern heran, wenn auch 
die massgebendsten Verhandlungen in dieser Richtung wirklich 
erst nach VoDendung der internen erfolgte. Aber principielle 
Anerkennungen der neuen östeiTeichischen Erbfolge-Ordnung finden 
sich sjßhon in den Friedensschlüssen von Rastatt vom 17. März 
und Baden vom 7. September 1714, also schon bald genug nach 
der ersten öffentUchen Kundgebimg des Kaisers über seine beab- 
sichtigte Thronfolge-Ordnung. 

Im Artikel XIX des Rastatter Friedens-Instnmients trat 
Frankreich die spanischen Niederlande an den Kaiser ab, um sie 
„selbst wie seine Erben und Nachfolger von jetzt und für immer 
ganz und imangefochten" zu besitzen, „selon Tordre de succession 
ötabli dans la maison d'Autriche". ^) 



») Feldzüge des Prinzen Eugen, XV, 575. Anhang 19. Friede zu Rastatt. 



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47 

Und mit denselben Worten bekräftigt der XIX. Artikel des 
Friedens zu Baden ^) die Anerkennung der Erbfolger im Hause 
Oesterreich „nach dessen Successions-Ordnung". 

Eine weitere Bestätigung fand das Erbrecht der österreichischen 
weiblichen Descendenz in dem IV., V. und VII. Artikel des am 
2. August 1718 zwischen dem Kaiser, Frankreich, England, den 
Generalstaaten und Sardinien zu London geschlossenen Allianz- 
vertrags, nicht weniger durch den 1725 zwischen dem Kaiser und 
Spanien geschlossenen Frieden zu Wien. ^ 

Der fortwährende Wechsel der politischen Scene in jenen 
Jahren imd die Unsicherheit aller Bündnisse und Verträge veran- 
lassten den Kaiser nun, eine ausschliesslich der Erwirkung allseitiger 
Zustimmung der Mächte zu den Bestimmungen der Erbfolge-Ordnung 
gewidmete politische Action einzideiten. 

Nachdem schon auf dem Congress zii Cambray 1722 — 1724 
die Erbfolgefrago in OesteiTeich berührt worden war, kam nach 
dem Bruche Spaniens mit Frankreich, der in der rücksichtslosen 
Zurücksendung der zur Braut des jungen Königs Ludwig XV. 
bestimmten Infantin, einer Tochter Philipp V. und der Königin 
Elisabeth Farnese am 5. Mai 1725 nach Spanien, einen hässlichen 
Ausdruck fand, eine rasche Annäherung Spaniens an den Kaiser 
zu Stande, die schon am 30. April 1725 zum „Wiener Bündniss'^ 
führte. 

In demselben wurden die Bestimmungen der Quadnipel-Allianz 
bestätigt; König Philipp erkannte die Eechte Carls VI. auf die 
Niederlande, Mailand, Neapel und Sicilien an und gai'antierte 
feierlich die Aufrechthaltung der pragmatischen Sanction, wogegen 
Carl VI. seinen Hechten auf Spanien und der Anwartschaft auf 
Parma, Piacenza und Toscana entsagte. ^) Die Anerkennung wurde 
wiederholt 1731. 

Nach langwierigen Verhandlimgen wurde auch ein Vertrag 
zwischen dem Kaiser imd Kussland einerseits, Dänemark anderer- 
seits zustande gebracht. Die Mächte garantierten einander ihre Be- 
sitzungen und verj)flichteten sich, im Falle die eine oder andere 
angegriffen würde, einander entweder auf diplomatischem Wege. 



») Feldzüge des Prinzen Eugen. XV. 592. 

") Olenschlager, Geschichte dos Interregni nach Absterben Carl VI, 
Frankfurt 1742. I. Bd. 

') Der Vertrag bei Dumont, Corps universel diplomatique. VIII, II, 106. 



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48 

oder, falls dies resnltailos bleiben sollte, mit den Waffen zu Hilfe 
zu eilen. Im Artikel IV hiess es ausserdem, dass „Se. Königl. 
Majestät zu Dänemark, Norwegen .... für Sich, dero Erben und 
Nachkommen beiderlei Geschlechts, die in dem durchlauchtigsten 
Erzhause Oesterreich eingefulirte und von Se. Köm. Kais, und 
Kath. Maj. unter dem 19. April 171H erklärte, auch nachher von 
Dero gesammten Erb-Königreichen und Landen mit dem' submissesten 
Dank angenommenen Erbfolge-Ordnung zu garantieren und deren 
imveränderliche Beibehaltung gegen Alle und Jede kräftig(?rmassen 
maintenieren zu helfen; dergestalten, dass Se. Königl. Maj. zu 
Dänemark, Norwegen, dero Erben und Nachkommen, diese Garantie 
so oft zu leisten sich verbinden und anheischig machen, als ent- 
weder Se. Eöm. Kais, imd Kath. Maj. in Lebzeiten oder nach 
dero zeitlichem Hintritt .... deroselben Erben und Nachkommen 
zuwider erwähnter den 19. April 1713 erklärter Erbfolge-Ordnung 
in dem Besitz Dero sämmtlichen in und ausser Reichs gelegenen 
Erb-Königreichen und Landen, oder eines derselben, nirgends und 
nichts davon ausgenommen, von Jemandem, wer dergleichen sei, 
würden beunruhiget, angegrilfen worden." 

Ratificiert wurde dieser Vertrag diu*ch die Kaiserin Anna 
Iwanowna am 10. Juni 1732.') 

Von Seite Preussens geschah die Anerkennung der Prag- 
matischen Sanction im „Geheimen Berliner Tractat" vom 23. De- 
cember 1728, Artikel 11. ,, Gleichwie Sr. Königl. Majestät in Preussen 
glorwürdige Vorfahren in denen mit dem durchlauchtigsten Erz- 
hause Oesterreich vorhin emchteten Allianz-Tractaten, als nämlich 
in dem Tractat de anno 1()86, Ali:. I imd II, damals regierender 
Rom. Kais. Majestät auch namentlich Derselben Erben und Nach- 
kommen, Königen und Erzherzogen, alle Dero Erb -Königreiche und 
Lande in und ausser Reichs zu garantieren übernommen haben, 
Avollen Ihro Königl. Majestät in Preussen nicht allein vermeldete 
Garantie hiemit erneuert und wiederholt, sondern auch noch über 
das, fiir sich, Dero Erben und Naclikommen, zur Leistung sothaner 
Garantie, in Ansehmig aller mid jeder von Ihro jetzt regierenden 
Rom. Kais. Majestät, so in als ausser Reichs besitzenden Erb-König- 
reichen und Länder, und zwar in specie nach der von Allerhöchst- 
gedachter Ihrer Kais. Majestät unterm 11). April 1713 erklärten 
imd bestätigten, auch nachgehend von denen gesammten Erb-König- 



*) Mertens, Recueil des Traites. 1. 50 f. 



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49 

reichen und Ländern mit submissestem Dank angenommenen Erb- 
folge-Ordnung, auf das Kräftigste sich verbunden haben ; also und 
dergestalt, dass Se. Königl. Majestät in Preussen, Dero Erben und 
Nachkommen Ihro Kais. Majestät, auch Dero Erben und Nach- 
kommen beiderlei Geschlechts, wie sich dieselben nach Massgebung 
obvermeldeter Erbfolge-Ordnung der Succession nach und nach zu 
erfreuen haben, ermeldete Garantie so oft zu leisten schuldig und 
gehalten sein sollen, als entweder Ihro Kais. Majestät in Lebzeiten 
oder nach Dero zeitlichem Hintritt (welchen Gott der Allmächtige 
lange Zeit in Gnaden verhüten und abwenden wolle) Deroselben 
Erben und Nachkommen beiderlei Geschlechts zuwider vorerwähnter, 
anno 1713 erklärten Successions-Ordnung, in dem Besitz Dero sämmt- 
lichen, in und ausser Reichs gelegenen Erb-Königreiche und Lande 
oder eines dererselben, nirgends und nichts ausgenommen, von 
Jemand, wer der gleich sein würde, beunruhigt, angefallen und 
angegriffen werde." 

„Herentgegen", als* Gegenleistung garantierte Carl VI. für 
sich und Nachfolger die preussische Succession, „wie selbige nach 
denen dermaUgen bekannten Verfassungen des königl. preussischen 
und churbrandenburgischen Hauses^' zu erfolgen habe. 

Im V. Artikel verwahrte sich Preussen gegen einen Uebergang 
des Pfalz-Neuburg'schen Erbes in Jülich und Berg an einen Pfalz- 
Sulzbach'schen Prinzen, die folgenden Artikel hielten die Rechte 
und Ansprüche Preussens auf diese Länder aufrecht und verein- 
barten das in dieser Frage einzuhaltende gemeinsame Verfahren. 

Im XTT. Artikel wiederholte König FriedrichWilhelmL 
die Uebemahme der vollen Garantie der pragmatischen Sanction 
nochmals und versprach, mit dem Kaiser „in und ausser Reiches 
für einen Mann stehen" zu wollen. 

Der XTTT. Artikel aber bedang, dass, wenn Einer der Vertrag- 
schliessenden oder der Nachkommen gegen diesen Vertrag handeln 
würde, „der andere Theil an nichts, was in den gegenwärtigen 
Tractaten enthalten ist, verbunden sein soll." *) 

Die Unmöglichkeit, die Jülich'schen Ansprüche im Sinne 
Preussens zu erledigen, gab den Anlass, aus diesem Artikel XTTT 
die Ungiltigkeit der Garantie Preussens zu deducieren. 

Eine zweite Anerkennung der pragmatischen Sanction durch 
Preussen fand 1 732 ohne Vorbehalt einer eintretenden Ungiltigkeit 
des Vertrages statt, als es sich als Mitstand des Römischen Reiches 

') Förster, Friedrich Wilhelm I., König von Preussen, n, 216. 
Oeiterreiohisoher Brbfolgekrieg^. I. Bd. 4 



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BO 

dessen Garantie- und Anerkennungs-Erklärung beim Reichstag in 
Regensburg anschloss. 

England und die Generalstaaten übemahmen die 
förmliche Garantie der pragmatischen Sanction im 11. Artikel des 
Wiener Tractats vom 16. März 1731. Sie erklärten: „dass, nachdem 
von Ihrer Kais. Majestät öfters remonstriert worden, dass die all- 
gemeine Ruhe nicht lange bestehen und dauern und man kein 
sicheres Mittel, das Aequilibrium in Europa zu erhalten, finden 
könnte, als eine Vertheidigung, eine Verbindung, eine Gewähr, 
oder, wie man zu sagen pflegt, eine General-Garantie gegen Ihre 
Kais. Majestät, wegen der Ordnung Ihrer Succession, wie selbige 
durch die kaiserliche Declaration von 1713 reguKert und in dem 
durchlauchtigsten Hause Oesterreich angenommen worden, so 
nähmen Ihro Majestät der König von Grossbrittannien und Ihro 
Hochmögenden, die Herren Generalstaaten der vereinigten Nieder- 
lande, aus Antrieb eines eifiigen Verlangens, die allgemeine Ruhe 
zu versichern und das Aequilibrium von Europa zu erhalten, wie 
auch in Ansehung der in folgenden Artikeln etablierten Conditionen 
und die über alle Massen dienlich sind, zu dem einen und andern 
Zweck zu gelangen, kraft des gegenwärtigen Artikels die General- 
Garantie oben besagter Successions- Ordnung auf sich und ver- 
obUgieren sich, dieselbe aUemal, wenn es die Noth erfordert, wider 
wen es auch sein möchte, zu soutenieren und versprechen folglich 
auf die allemachdrücklichste Art, als immer mögHch, diese Suc- 
cessions-Ordnung, welche Ihre kais. Majestät durch eine solenne 
Acte vom 19. April 1713, *) nach Art eines einigen, unzertrennlichen 
imd untheilbaren Fideicommissi, in Faveur der Erstgeborenen vor 
alle Erben beiderlei Geschlechts Ihrer Majestät declarieret und 
etabheret, aus allen Kräften zu vertheidigen, zu maintenieren und, 
wie man sagt, zu garantieren, aUemal, wenn es die Noth erfordert 
und wider wen es auch sein möchte." 

„Alle Classen und Stände aller Königreiche, Erzherzogthümer, 
Fürstenthümer, Provinzen und Domänen, so dem durchlauchtigsten 
Haus Oesterreich erbrechtlich zugehören, haben gedachte Acte 

*) Die Berufung auf den Act vom 19. April 1713 als massgebend für 
Begriff und Formulierung der pragmatischen Sanction in diesem Wiener Tractat 
ist ein Beweis dafür, dass jene Publication der Sanction vom Jahre 1724 von 
Seite des Kaisers keineswegs als die eigentliche und authentische Urkunde 
über die Sanction angesehen wurde, als welche sie irrigerweise heute noch 
manchmal betrachtet wird. 



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51 

allsobald einhelliglich angenommen, sich derselben mit aller Demuth 
und mit Danksagung unterworfen und sie in die Protooolle getragen, 
^ als welche die Kraft eines Gesetzes und einer pragmatischen Sanction 
hat, welche auf ewig in aU' ihrer Kraft bestehen soll. Und da 
vermöge dieser Eegel und Successions-OrdAung, faUs Gott nach 
seiner Barmherzigkeit Ihrer Kais. Majestät männliche Erben geben 
sollte, der Erstgeborene Ihrer Prinzen, oder wenn dieser vor Ihro 
Kais. Majestät mit Tod abgienge, des Erstgeborenen ältester Sohn, 
und wenn nach Ihrer Kais. Majestät keine von Deroselben her- 
stammende männliche Linie übrig bliebe, die älteste Ihrer Prin- 
zessinnen, die durchlauchtigsten Erzherzoginnen von Oesterreich 
nach der Ordnung und dem Eecht der Erstgeburt, welches man 
jederzeit unzertheüt beobachtet, Ihrer besagten Kais. Majestät in 
aUen Dero Königreichen, Provinzen und Domänen, so wie sie die- 
selben wirklich besitzt, ohne dass man jemals befiigt sein könnte, 
dieselben in Faveur der- oder dererjenigen, welche, sie seien männlich 
oder weibKch, von der andern, dritten oder weiter hinausgesetzten 
Linie sein werden, oder endlich aus was für einer andern Ursache 
es sei, zu zertheilen oder zu zertrennen, succedieren soll ; und eben 
diese Ordnung und unzertheilbares Recht der Erstgeburt in allen 
Fällen und Altem, sowohl in der männlichen Linie Hiro Kais. 
Majestät, wenn Ihr Gott dieselbe verwilliget, als auch in der weib- 
lichen Linie Ihrer Kais. Majestät, nach Absterben der männlichen 
oder endlich in allen Fällen, da es auf die Succession derer König- 
reiche, Provinzen und Erb-Domänen des durchlauchtigsten Hauses 
Oesterreich ankommen wird, auf ewig soll gehalten und beobachtet 
werden, so entsprechen und verbinden sich Ihro Majestät der König 
von Grossbrittannien und Ihre Hochmögenden, die Herren General- 
staaten der vereinigten Niederlande, denjenigen oder diejenige, 
welcher oder welche, nach der Kegel und Ordnung, so man anjetzt 
vorgelegt, in denen Königreichen, Provinzen und Domänen, welche 
Ihro Kais. Majestät wirklich besitzt, succedieren solle, zu mainte- 
nieren und verpflichten sich, gedachte Eegel und Ordnung wider 
alle Diejenigen, welche diese Besitzung, auf waserlei Art es sei, 
vielleicht möchten troublieren wollen, auf ewig zu defendieren." ') 
Dieser genau formulierte Vertragsartikel, welcher den ganzen 
Umfang und Inhalt des unter die Garantie zu stellenden Gesetzes, 
wie den Umfang und das Mass der Garantie selbst umständlich 
zum Ausdrucke bringt, ist desshalb von weiterem Belang, weil er 

*) Olenschlager, Geschichte des Interregni, I, 19. 

4* 



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52 

auch die Grundlage der Berathung für den Reichstag zu Regens- 
burg zu bilden hatte. 

Der Kaiser berief sich auf die Darlegungen dieses englisch- 
holländischen Vertragsartikels, um auch das Mass der vom Reiche 
zu übernehmenden Garantie -Verpflichtung deutlich zu bezeichnen. 

Am 18. October 1731') wandte sich der Kaiser mit dem Wunsche 
nach der Garantie der Sanction an das Reich ,,in der gänzlichen 
und gnädigsten Zuversicht, dass gleichwie die Macht Dero Erz- 
hauses forthin zur Vormauer der Christenheit, anbei dazu dienen 
würde, die Freiheit Europas und bevorab des Uro Kais. Majestät 
so hoch angelegenen werthen Vaterlandes gegen alle fremden 
Eingriffe und widrige Unternehmungen kräftigst zu vertheidigen, 
also auch ein jeder patriotisch gesinnte Reichsstand unschwer er- 
kennen und beherzigen werde, dass von unzertrennter Erhaltung 
solcher Macht seine selbsteigene, nebst der allgemeinen Sicherheit 
und Wohlfahrt abhänge.'* 

Der kaiserliche Principal-Commissär Graf Fürstenberg übertrug 
für die Verhandlung über die Anerkennung der pragmatischen 
Sanction beim Reichstag den Vorsitz an Salzburg. 

Auf dem Regensburger Reichstag legte S Izburg dieses kaiser- 
liche Verlangen befürwortend zur Berathung vor. 

Bayern erklärte sofort, dass eine Garantie für die Niederlande 
oder Italien dem Reiche nicht zugemuthet werden könne, Ungarn 
aber ein „absonderlich Königreich und für der Deutschen Vaterland 
gar nicht zu rechnen", die deutschen Lande aber ohnehin durch 
den Reichsverband genügend garantiert erschienen. Es lehnte eine 
Garantie unbedingt ab. 

Magdeburg stimmte für Brandenburg- Culmb ach filr die Garantie, 
im Namen Preussens erklärend, dass der König sein Votum „hiemit 
von ganzem und willigem Herzen dazu ertheilt haben wollten, auch 
bedürfenden Falles zu wirklicher Prästierung solcher Garantie als 
ein getreuer Reichsstand und Ihrer Rom. Kais. Majestät und Dero 
d\u*chlauchtigsten Erzhaus ganz getreuesten Freund mit willigster 
Darsetzung Guts und Bluts zu leisten und beizutragen nicht 
mangeln würde." 

Beinahe einhellig, Bayern imd Leuchtenberg ausgenommen, 
votierte der Reichstag die verlangte Garantie, im Reichsgutachten 
vom 11. Januar 1732 den Bescliluss niederlegend: „In Dero so 

*) Acta publica, I, Nr. VII. 



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53 

gerecht, als höchstbilliges zu des gesammten deutschen Reichs 
höchsteigener Conservation, Heil und Besten gereichendes Ver- 
langen und Gesinnen der Garantie oder Gewährung der in Ihrem 
durchlauchtigsten Erzhause eingeführten und von Deroselben unter 
dem 19. April 1713 erklärten Erbfolge-Ordnung in allen von Gott ver- 
liehenen dermal besitzenden Erb-Königreichen und Landen auf Mass 
und Weise des IE. Artikels des zwischen Allerhöchst erwähnter Kais. 
Majestät und der Krone England am 16. März des abgewichenen 
1731. Jahres geschlossenen Tractats etc. von Reichswegen, wie 
hiemit beschiehet, zu gehelen, zu consentieren und zu übernehmen, 
mithin so oft, als Der- oder Diejenige, welchem oder welcher die 
Succession nach Mass obgedachter Erbfolge-Ordnimg gebühren 
würde, in dem Besitz einiger von Ihro Kais. Majestät dermalen 
innehabenden Erb-Königreichen und Landen auf einigerlei Weise 
angefochten werden sollten,Der- oder Dieselbe gegen jedermänniglich, 
der etwa solche unzertrennliche Posessionen zu stören oder zu tur- 
bieren sich anmassen würde, zu allen Zeiten mit allen Kräften zu 
schützen, zu maintenieren, auch bedürfenden Falles zu wirkUcher 
Vollziehung solcher Reichs-Gewährung das Nöthige demnächst zu- 
verlässig zu leisten und zu prästieren sei, da hingegen das Reich 
auch auf alle unverhoffte widrige feindliche Gefahr und Angriff 
sich einer mitverbundenen nöthigen Beihilfe getröstete." 

Ln Churfürsten-CoUegium kam es dann noch zu Zwistigkeiten.*) 
Chur-Bayem und Chur-Sachsen protestierten schon gegen die Ab- 
gabe des Reichsgutachtens, auch Chur-Pfalz machte Schwierigkeiten, 
aber Chur-Maynz, Trier, Cöln, ebenso wie Chur-Brandenburg imd 
Chur-Braunschweig gaben ein einmüthiges Votum und eine Ver- 
wahrung gegen das nachträgliche Bemängeln des „vom gesammten 
Reich" errichteten Gutachtens ab und verliessen die Sitzung, die 
protestierenden drei Churstimmen allein zurücklassend ^). 

Der Kaiser ratiiicierte am 3. Februar 1732 mit Versicherungen 
seines Dankes das Reichs -Gutachten und die damit gewährte 
Garantie. 

Am 3. October 1735 wurde der Präliminarfrieden ^) zwischen dem 
Kaiser und Frankreich in Wien unterzeichnet, in welchem der 



*) Acta publica, I, Nr. X. 

«) Acta publica, I, Nr. XI. 

•) Das Friedens-Instrument in lateinischer Sprache. In deutscher Ueber- 
setzung zuerst veröffentlicht bei Olenschlager, Gescliichte des Inter- 
regni, I, 2i. 



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54 

Kaiser an den spanischen Infanten Don Carlos Neapel und 
Sicilien, an den König von Sardinien das Herzogthum Mailand, 
an König StanislausLesczynski das Herzogthum Lothringen 
überliess, dessen Besitzer hiefiir Toscana erhalten sollte. Als Gegen- 
leistung für diese grossen Opfer, die allerdings der nicht mit Glück 
geführte Krieg der polnischen Thronfolge wegen, überwiegend 
bedingte und unvermeidlich machte, versprach Frankreich die 
Gewähr und den Schutz der pragmatischen Sanction mit der Zu- 
sage, auch Spanien und Sardinien hiezu zu veranlassen. 

Beim definitiven Frieden zu Wien am 18. November 1738 
wurde die Garantie der Sanction durch Frankreich im Artikel X 
genau bestimmt imd festgesetzt. 

„Es beziehet sich gleichfalls auf das, worüber man bereits 
schon mit einander übereingekommen ^), die von Sr. Allerchrist- 
lichsten Majestät auf die beste Weise, als solches nur immer sein 
kann, vermöge des VI. Artikels der Präliminarien, in Ansehung 
der von Ihro Kais. Majestät sowohl bereits damals zum Theil inne- 
gehabten, als auch zum Theil in Conformität sothaner Präliminar- 
Artikel in Besitz zu nehmenden Landen übernommene Beschützung 
und Gewährung, welche insgemein die Garantie der Erbfolge in 
dem Hause OesteiTeich genannt wird und in der am 19. April 1713 
publicierten pragmatischen Sanction weitläufig erklärt zu finden ist. 

Denn, nachdem man reiflich erwogen, dass die allgemeine Ruhe 
von keiner allzulangen Dauer und Bestand sein und man zur Erhaltung 
eines dauerhaften Gleichgewichtes in Europa kein sichereres Mittel, 
als die Handhabung obgedachter Erbfolge-Ordnung ausfindig machen 
könnte^): „so sind Se. Allerchristlichste Majestät sowohl durch ein 
eifriges Verlangen, den allgemeinnn Ruhestand zu beschützen und 
das Gleichgewicht von Europa zu erhalten, als auch in Betrachtung 
derjenigen Friedensbedingungen, welche Ihro Kais. Majestät ein- 
gegangen, bewogen worden, fürnehmlich aus dieser Ursache auf 
die allerbeständigste Weise (quam validissime) obbesagte Erbfolge- 
Ordnung verbindlich zu machen. Auch damit sich nicht der geringste 
Zweifel in Ansehimg der Wirklichkeit dieser Versicherung oder 
Garantie künftighin erheben möge, so verpflichten sich hoch- 

') Im Präliminarfrieden. 

*) Man sieht, dass die österreichischen Staatsmänner bemüht waren, 
in allen Verträgen eine gewisse Gleichartigkeit der Begründung, wie der 
Formulierung zur Geltung zu bringen ; wohl, um der Garantie der fremden 
Staaten eine grössere Einheitlichkeit und damit, vermeintlich wenigstens, 
Festigkeit zu geben. 



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55 

besagte Se. Allerchristlichste Majestät, in Kraft gegenwärtigen 
Artikels, diese Gewährleistung oder sogenannte Garantie, so oft 
und so viel es nöthig sein dürfte, zur wirklichen Vollstreckung zu 
bringen, wobei dieselben für sich, Ihre Erben und Nachfolger auf 
die beste und beständigste Weise, als solches immer geschehen 
kann, hiemit versprechen, diese Erbfolge-Ordnung, so Ihro Kais. 
Majestät in der Form eines ewigwährenden, unzertrennlichen und 
untheilbaren Fideicommisses, zum Vortheil der Erstgeburt für Ihro 
Majestät sämmtliche Erben beiderlei Geschlechts, vermittelst der 
unter dem 19. April 1713 errichteten und am Ende des gegen- 
wärtigen Tractats beigefügten feierlichen Acte festgestellt und 
erklärt haben und welche in Kraft eines Gesetzes und ewig 
geltenden pragmatischen Sanction, deren Beschützung oder soge- 
nannte Garantie das heilige Römische Reich vermöge des am 
11. Januar 1732 ergangenen Reichs-Schlusses über sich genommen, 
denen öffentlichen Urkunden einverleibet worden, mit aller Ihrer 
Macht zu unterstützen und wider Alle und Jede, so oft es die Noth 
erfordern wird, wie man zu sagen pflegt, zu garantieren.'* 

Der Schluss des Artikels ist die sinn- und wortgetreue Wieder- 
holung des n. Artikels des Wiener Tractats vom' 16. März 1731 
mit England und den Generalstaaten. 

Kaiser Carl VI. ist ob seiner langjährigen rastlosen Be- 
mühungen um die Anerkennung der pragmatischen Sanction, ob 
seiner grossen und zahlreichen Opfer für dieselbe viel getadelt 
worden. Es wird versichert, dass Prinz Eugen ihm den Rath 
erth.eüt habe, die Erbfolge seiner Tochter durch ein starkes und 
tüchtiges Heer und einen wohlgefiillten Staatsschatz zu sichern, 
statt Versprechungen zu erkaufen, die Niemand halten werde. 

Die Meinung mochte der Prinz wohl haben, wenn auch der 
Ausspruch nicht nachweisbar ist. Es ist aber ebensowenig ein 
Beleg dafür vorhanden, dass er ein Gegner der Politik des Kaisers 
in dieser Frage gewesen. 

Die Bemühungen des Kaisers, durch feierliche Verträge und 
sorgsame Berücksichtigung aller vorhandenen Rechte der eigenen 
Länder, wie der fremden Höfe die Thronfolge zu ordnen und im 
Frieden zu begründen, führten nicht zu dem erhofften Ziel. Trotz- 
dem darf ihr Werth auch nicht ganz unterschätzt werden. 



*) Arneth, Prinz Eugen von Savoyen, III, 166. 



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^6 

In wahrer Weise zeichnet Arneth die Bedeutung und den 
Werth der moralischen Erfolge für die Befestigung der Sanction, 
welche Carl VI. doch erworben hat. *) 

„Durch einen Zeitraum von fast dreissig Jahren gewöhnten 
sich die österreichischen Erbländer daran, dasjenige Gesetz, welches 
ihnen fortwährend als die Grundlage ihres öflentlichenllechtszustandes 
hingestellt wurde, auch als solche anzuerkennen.'* 

Es „blieben auch hinsichtlich der fremden Staaten die zahl- 
reichen Opfer des Kaisers, die Anerkennung der pragmatischen 
Sanction zu erwirken, trotz des fast allgemeinen Treubruchs, in 
welchem nach seinem Tode die Mehrzahl dieser Mächte sich ver- 
einigte, nicht ohne alle günstige Wirkung. Mit welch' anderem 
Nachdruck hätten die Prätendenten aufzutreten vermocht, wenn 
sie nicht feierliche Zusagen gebrochen, wenn sie selbst, wenn 
Andere an ihr vorgebliches Recht geglaubt hätten. Jedem Un- 
parteiischen war es klar, dass sie zu ihrer Handlungsweise durch 
die Habsucht und die Begierde nach Ländergewinn getrieben 
wurden. Und daher neigten sich denn auch die Sympathien aller 
derjenigen, die noch einen Funken der Achtung bewahrten für 
Recht und Gesetz, lebhaft zu der erlauchten Fürstin, welche sie 
in ungerechter Weise angegriffen sahen. Dieses Gefühl aber war 
ein mächtiger Verbündeter Maria Theresia's und dass es all- 
gemein vorherrschte in Europa, daran hatten die vorsorglichen 
Bemühungen Carl VI. wohl den wesentKchsten Antheil.'' 

(V. Wetzer,) 



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Die Verfassung und Verwaltung 



der 



Deutschen Erblande, der Niederlande und der Besitzungen 

in Italien. 



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Uer habsbui'gische Länderbesitz im Ausmasse von 10.431*29 
geographischen Quadratmeilen oder 574.375 Quadrat-Kilometern, wie 
er zur Zeit des Todes Carl VI. bestand, bildete kein einheitliches 
Staatswesen mit gemeinsamen Gesetzen und Verwaltungsformen, 
sondern eine Reihe von Ländergruppen, welche miteinander in 
einer engeren oder loseren Verbindung standen und zum Theil nur 
durch die Gemeinsamkeit des Herrschers und die Bestimmungen 
der pragmatischen Sanction zu einem Ganzen verbunden waren. 
Durch die Art und die Umstände ihrer Erwerbung waren aus dem 
habsburgischen Hausbesitze oder den „gesammten Erb-Königreichen 
und Landen", wie sie officiell gewöhnlich genannt wurden, fünf 
politisch und administrativ von einander getrennte Ländergruppen 
mit mehrfachen ünterabtheilungen entstanden, nämlich: 

L Die österreichischen Erblande, die Stammlande 
der Monarchie, aus welchen sich durch die vorausgegangenen 
Erbtheilungen und die dadiu*ch bedingte administrative Trennung 
drei Unter- Abtheilungen gebildet hatten: 1. Nieder-Oesterreich, be- 
stehend aus dem Erzherzogthum Oesterreich unter und ob der 
Enns; 2. Liner-Oesterreich, d. i. die Herzogthümer Steyermark, 
Kämthen, Krain mit dem dazu gehörigen Theile von Istrien, die 
Grafschaften Görz und Gradisca, nebst deren Confinien und den 
Gebieten von Triest und Fiume oder dem österreichischen Litorale ; 
3. Ober- und Vorder-Oesterreich, nämlich Tyrol, Vorarlberg und die 
Vorlande, d. i. der Breisgau mit dem Hauptorte Freiburg, das obere 
Eheinviertel mit den vier „Waldstädten'' Laufenburg, Rheinfelden, 
Säckingen und Waldshut, dann in Schwaben die Grafschaften 
Burgau, Nellenburg, Hohenberg und Thengen, die obere und 
untere Landvogtei Schwaben, die Donaustädte Munderkingen, 
Waldsee, Sulgau, Eieblingen, Mergen, fem er die Orte: Constanz, 
Steckbom, Radolfzell, Schelklingen, Ach, Ehingen und Vehringen. 



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60 

n. Die böhmischen Erblande, nämlich 1. das Königreich 
Böhmen mit der Grafschaft Glatz, dem Egerlande und dem Bezirke 
Elbogen, 2. die Markgrafschaft Mähren und 3. das Herzogthimi 
Schlesien. 

Die österreichischen und die böhmischen Erblande 
zusammen heissen die deutschen Erblande oder kurzweg „die 
Erblande". 

m. Die Länder der ungarischen Krone, d. i. die König- 
reiche Ungarn, Croatien und Slavonien, das Fürstenthum Siebenbürgen 
und das Temeser Banat. 

rV. Die österreichischen Niederlande, bestehend aus den 
Herzogthümem Brabant, Limburg, Luxemburg und Geldern, den 
Grafschaften Flandern, Hennegau, Namur und Mecheln^ endlich die 
Herrschaft Doomik oder Toumay; die Grafschaft Mecheln wurde 
jedoch gewöhnlich zu Brabant, die Herrschaft Tournay oder Doomik 
zu Flandern gerechnet. 

V. Die österreichischen Besitzungen in Italien, nämlich 
ein Theil des Herzogthums Mailand, dann die Herzogthümer Mantua, 
Parma und Piacenza. 

Ebenso mannigfaltig und verschieden, wie die unter dem 
Scepter Kaiser Carl VI. vereinigten Länder und ihre Bewohner, 
war die Verfassung und Verwaltung der einzelnen Länder und 
Landestheile. Hatte auch in dem jahrhundertelangen Streite 
zwischen den Landesfilrsten und den Ständen die Landeshoheit 
der ersteren den Sieg davongetragen, so war doch der Inhalt und 
Umfang der landesfiirstlichen und ständischen Rechte fast nirgends 
der gleiche. Neben Verwaltvmgsgebieten ohne Stände und Stände- 
versammlungen, z. B. den im Passarowitzer Frieden erworbenen 
Territorien, fanden sich solche mit schwachen Resten ehemaliger 
ständischer Herrlichkeit bis zu solchen mit ausgedehnten Rechten 
der Stände, wie z. B. in Ungarn und den Niederlanden. Diese 
länderweise verschiedenen Verfassungen hatten auch eine nach 
Ländern und Landestheilen gesondeite Verwaltungsform zur noth- 
wendigen Folge : hier gab es nur landesfiirstliche, dort neben diesen 
auch ständische Verwaltungsbehörden und Organe. Es bestand 
weder eine einheitliche Staatsverfassung, noch eine gleichartige 
StEiats Verwaltung, sondern nur Landesverfassungen imd 
Landesverwaltungen, zwischen denen durch die Person des 
gemeinsamen Landesftirsten und seine persönliche Einflussnahme 
auf die obersten Regierungsgeschäfte, dann auch durch die zwischen 
einzelnen Ländern und Ländergruppen geschlossenen Vereinbarungen 



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61 

und Einigungen der unumgänglielist nothwendige Zusammenhang 
und die unerlässlickste Uebereinstimmung in den wesentlichsten 
Gesichtspuncten hergestellt wurde. „Wer die österreichische Ver- 
waltung bis 1748 übersieht, dem rollt sich das Bild einer gross- 
artigen Unordnung auf, aber es war eine historische Unordnung, 
das Product von Jahrhunderten, das mit seinem Wurzelwerk in 
dem gesellschaftlichen Boden früherer Zeiten festgewachsen war, 
nun aber vielfach verbraucht, vermorscht sich zeigte'' *). 

Die österreichischen Erblande hatten ihre Behörden- und 
Verwaltungs-Organisation von Maximilian I. und Ferdinand I. 
erhalten, zu ihnen kamen im Jahre 1526 die Länder der böhmischen 
Krone und ein Theil des Königreiches Ungarn und seiner Nebenländer 
mit eigener Verwaltung. Während aber die Länder der böhmischen 
Krone als ein Ganzes und auf einmal neben die altösterreichischen 
Länder traten und ihren fertigen Verwaltungs - Organismus mit- 
brachten, gelangten die Länder der Stephanskrone nur stückweise 
im Verlaufe von zwei Jahrhunderten an das Haus Habsburg und 
die näheren Umstände der einzelnen Erwerbungsphasen machten stets 
eine Aenderung oder Neueinrichtung der Verwaltung des betreffenden 
Landestheiles nöthig, so dass Ungarn und seine Nebenländer zur 
Zeit Carl VL in eine Reihe von einander vollständig getrennter 
und selbstständiger Verwaltungsgebiete zerfiel. Ebenso verhielt es 
sich mit den als Ergebniss des spanischen Erbfolgekrieges er- 
worbenen niederländischen Provinzen und den Besitzungen in 
Italien. Die Niederlande besassen von altersher eine ziemlich weit- 
gehende Autonomie, deren Aufrechthaltung nicht nur verbrieft, 
sondern auch ein Gebot der Staatsraison war. Li Italien waren 
die Königreiche Neapel und Sicilien wieder verloren gegangen und 
der ganze Besitz aus der spanischen Erbschaft bestand in Folge 
der Verluste und Ländertausche in den letzten Eegierungsjahren 
Carl VI. nur noch aus einem Theile des Herzogthums Mailand 
und den Herzogthümem Mantua, Parma und Piacenza, welche 
ebenfalls ihre alte Verfassung und Einrichtung besassen und keiner 
der alten Ländergruppen einverleibt werden konnten. 

Die von Kaiser Maximilian I. begonnene und von Fer- 
dinand I. fortgesetzte Einrichtung und Organisierung der Ver- 
waltungsbehörden hatte unter den folgenden Kaisern im Laufe der 
Zeiten mannigfache Veränderungen erfahren, so dass zur Zeit Kaiser 
Carl VI. die politische Landesverwaltung der sämmtlichen zur habs- 



*) A. Wolf, „Oesterreich unter Maria Theresia." 212. 



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G2 

burgischen Monarchie gehörigen Königreiche und Länder folgenden 
obersten Behörden anvertraut war ^) : 

Als oberster Rath der Krone bestand seit 1670 die geheime 
Conferenz unter dem Vorsitze des Kaisers, deren Mitglieder 
geheime Oonferenzräthe oder auch Minister genannt 
wurden. Es waren dies die Präsidenten der obersten Hofstellen, 
die obersten Hofwürdenträger und jene geheimen ßäthe, welche 
eigens als Mitglieder der geheimen Conferenz berufen wurden. 

Je nach der Beschaffenheit der Berathungsgegenstände und 
der etwa nöthigen besonderen Geheimhaltung wurden entweder 
alle oder nur einzelne Oonferenzräthe der Berathung beigezogen, 
in letzterem Falle hiess dieselbe die kleine Conferenz und bestand 
unter Carl VI. nur aus den Präsidenten der Central-Hofstellen, 
wesshalb sie mit einem Ministerrathe in modernem Sinne vergUchen 
werden kann^). 

In der Conferenz, welche unter Kaiser Leopold I. bezüglich 
der äusseren und inneren Staatsangelegenheiten an die Stelle des 
geheimen Käthes getreten war, wurden alle wichtigen An- 
gelegenheiten, mochten sie die äussere oder innere Politik, die 
Landesverwaltung, Krieg oder Frieden betreffen, berathen. Nur 
in jurisdictionellen Angelegenheiten, wenn der Landesftirst als 
oberster Eichter in gewissen Fällen selbst Recht sprach, hatte 
bis zur Schaffung der obersten Justizstelle im Jahre 1749 der 
geheime Kath wie fiiiher sein Gutachten über die eingelsmgten 
Processacten abzugeben und der Landesftirst entschied erst nach 
Anhören des geheimen Raths^. 

Die Berathungen der geheimen Conferenz erstreckten sich 
auf die Angelegenheiten aller Königreiche und Länder und dess- 
halb waren in derselben auch die Präsidenten der obersten Hof- 
stellen der Ländergruppen und hervorragende Angehörige der 

*) A r n e t h, Maria Theresias erste Eegierungsjahre. — A. Wolf, 
Oesterreich unter Maria Theresia. — K r o n e s , Handbuch der Geschichte 
Oesterreichs. — Bidermann, Gescliichte der österr. Gesanuntstaats-Idee. 
— H u b e r, Oesterreichische Reichsgeschichte und Geschichte der österr. 
Verwaltungs-Organisation. — Fellner, Zur Geschichte der Österr. Central- 
verwaltung (in den Mitth. des Inst. f. österr. Gesch., VII. Bd.) und dessen 
Bespr. V. B i d e r m a n n's Gesammtstaats-Idee in den Mitth. des Inst, fiär 
österr. Gesch., XV. Bd. S. 517—531. — Seidler, Studien zur Geschichte 
und Dogmatik des österreichischen Staatsrechtes. — Lustkandl, Central- 
stellen in Oesterreich-Ungam (im österr. Staatswörterbuch) — u. A. m. 

') S e i d 1 e r, Studien etc., 144. 

«) F e 11 n e r, Mitth. des Inst., XV. 529. 



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63 

verschiedenen Theile der Monarchie vertreten. Sie war jedoch 
keine gemeinsame Centralbehörde, auch kaum ein 
Ministerrath im modernen Sinne, denn sie bestand nicht aus- 
schliesslich aus verantwortlichen Ressortministern, sondern sie war 
der oberste Beirath des gemeinsamen Landesfursten aller 
Erb-Königreiche und Länder. Die auf Grund der Conferenz-Be- 
. rathungen gefassten Allerhöchsten EntSchliessungen, respective die 
Allerhöchst genehmigten Conferenz-Anträge, wurden dem Präsidenten 
der betreffenden Hofetelle behufs deren Ausführung mitgetheilt. 
Für besondere Angelegenheiten wurden Commissionen oder Depu- 
tationen eingesetzt, in welche die mit der Sache vertrautesten 
Mitglieder berufen wurden. Im Jahre 1721 erhielt die geheime 
Conferenz eine neue Instruction, nach welcher der erste öster- 
reichische Hofkanzler als die Hauptperson im Eathe der 
Krone anzusehen war und fast als Minister der auswärtigen 
Angelegenheiten erscheint. Der bezügliche Passus der Instruction, 
woraus sowohl die Stellung der Conferenz, als auch jene des 
österreichischen Kanzlers in derselben ersichtlich ist, lautet: 
„Demnach die von meiner Hofkanzlei insonderheit besorgende 
Staats- und Hausgeschäften, dann auch die, so von meinem Hof- 
kriegs-, Spanischen und Niederländischen Rath expediert und beob- 
achtet werden, wie denn auch, wenn einige von der ungarisch- oder 
böhmischen Kanzlei vorhanden, mich entschlossen habe, selbe in 
dem Lauf von zwei "Wochen in meiner Gegenwart dreimal (wenn 
aber die Reichskanzlei zweimal vorkommete, diese auch nur zwei- 
mal alsdann den Vortrag zu machen hätte) vorzunehmen. Als ist 
folgendes zu beobachten: I. es wird der erste Hofkanzler einen 
Extract von den ihm zukommenden Relationen, wie dann ebenfalls 
eine schriftliche Anmerkung von deme, was die fremden Ministri, 
so an ihn angewiesen, demselben an und vorgebracht und das ein 
sowohl, als das andere in der obangeföhrten Conferenz beibringen 
lind sein mündliches Votum über derselben Enthalt zum ersten 
vortragen." ^) 

Durch die im Jahre 1742 erfolgte Errichtung einer selbst- 
ständigen Haus-, Hof- und Staatskanzlei für die äusseren An- 
gelegenheiten und durch die vollständige Neuorganisierung der 
Behörden im Jahre 1749 und den folgenden Jahren war der Wirk- 
samkeit der Conferenz und des geheimen Rathes der Boden ent- 
zogen und im Jahre 1760 errichtete die Kaiserin Maria 
- ~ - ^ - ^ ^ - — « 

») Fellner, Mitth. des Inst., XV. 630. 

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64 

Theresia auf neuer Grundlage und mit einem erweiterten und 
fester begrenzten Wirkungskreis einen Staatsrat h, der mit 
wechselnden Befugnissen und wiederholt geänderter Organisation 
ein volles Jahrhundert bestand. 

Die obersten politischen Hofstellen für die verschiedenen 
Ländergruppen waren in den letzten Regierungsjahren Carl VI. 
folgende : 

1. Die österreichische Hofkanzlei für die öster- 
reichischen Erblande; 

2. die böhmische Hofkanzlei für die böhmischen Erb- 
lande ; 

3. die ungarischeHofkanzlei flir das eigentliche König- 
reich Ungarn und Croatien; 

4. die siebenbürgische Hofkanzlei für das Fürsten- 
thimi Siebenbürgen; 

5. der Hof kriegsrath und die Hof kämme r gemein- 
schaftlich für die sogenannten neoacquistischen Länder, nämlich 
das Temeser Banat, Slavonien und vor dem Belgrader Frieden vom 
18. September 1739 auch das Königreich Serbien und die fünf westlich 
der Aluta gelegenen walachischen Districte (die cisalutanische oder 
österreichische Walachei (ValaKjhia austriaca) *) ; 

6. der niederländische Eath flir die österreichischen 
Niederlande ; 

7. der italienische (vor dem Jahre 1737 genannt der 
spanische) Rath für die kaiserlichen Besitzungen in Italien. 

Als Eessort - Hofstellen flir bestimmte Verwaltungszweige 
fungierten: 

a) für die äusseren Angelegenheiten eine besondere Abtheilung 
der österreichischen Hofkanzlei, welche im Jahre 1742 
von der letzteren getrennt und als selbstständige Hofstelle unter dem 
Namen Haus-, Hof- und Staatskanzlei organisiert wurde. 
Diese mit der Führung der auswärtigen Geschäfte betraute Ab- 
theilung der österreichischen Hofkanzlei wurde auch schon vor 
dem Jahre 1742 gewöhnlich Staatskanzlei genannt. 

b) Die Besorgung des Finanzwesens oblag der Hofkammer 
und den ihr coordinierten und subordinierten übrigen Finanz-, Hof- 
und Landesstellen. 



*) Unter der „kleinen Walachei" verstand man damals den von Walachen 
bewohnten PoÄegan er District in Slavonien, keineswegs aber die westalutanischen 
Districte der Walachei; diese wurden gewöhnlich die österreichische (austriaca) 
oder auch die kaiserliche (caesarea) Walachei genannt. 



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65 

c) Das gesammte Militärwesen stand unter der Obsorge des 
Hofkriegsrathes, nachdem Kaiser Joseph I. die bis dahin 
selbstständig gewesenen inner- und oberösterreichischenLandesstellen 
mit den betreffenden niederösterreichischen vereinigt und das dortige 
Kriegswesen und die daselbst bestandenen Militärbehörden dem 
Wiener Hofkriegsrathe untergeordnet hatte. Der Hofkriegsrath in 
Wien nahm eine ganz eigenthümliche Stellung ein. Ihm unter- 
standen zwar einige Festungen im Reiche, aber keineswegs die 
Kriegsmacht des Reiches. Obwohl er den Titel „kaiserlich'* 
führte, war er doch keine eigentliche Reichsbehörde und desshalb 
mussten auch die Räthe desselben nicht aus dem Reichsadel ge- 
nommen sein. ^) 

Auch einige „Oberste Hofämter'' müssen in gewissem Sinne 
als Staats- oder Landesbehörden betrachtet werden, da ihr Wirkungs- 
kreis unter Carl VI. ein anderer war, als jetzt. So übte der 
Oberst-Hofmeister damals manche Functionen, namentlich 
im Verkehr mit den auswärtigen Gesandten mid den Hofstellen der 
verschiedenen Ländergruppen, welche jetzt entweder dem Minister 
des Aeussem oder einem Minister - Präsidenten zustehen. Das 
Ob erst-Hofmarschallamt versah ausser seinen Functionen 
als eines der obersten Hofämter auch die Gerichtsbarkeit über die 
zum Allerhöchsten Hofe und den obersten Hofstellen gehörigen 
Personen imd auch über die mit wirklichen Privilegien versehenen 
Juden und ihre Familien. ^) Das Oberst-Hofmeisteramt und das 
Oberst-Jägenneisteramt z. B. übten auch die mit dem Grundbesitze 
des Allerhöchsten Hofes verbundene grimdherrliche Rechtspflege 
aus und erscheinen also auch in dieser Beziehung gewissermassen 
als Behörden. 



Die österreichischen Erblande. 

Den ältesten Bestandtheil des habsburgischen Hausbesitzes 
bilden die österreichischen Erblande. Diese waren jedoch nicht 
wie die Länder der böhmischen Krone auf einmal und als ein 
Ganzes in den Besitz der Dynastie gelangt, sondern es bedurfte 
dazu eines längeren Zeitraumes und selbst nach ihrer Erwerbung 



*) Jani Perontini de consiliis ac dicasteriis, quae in urbe Vindobona 
habentur, liber singularis. Halae Magdeburgicae 1732. 33. 
«) Codex austr., IV. 672. 

Oesterreiohisoher Erbfolgekrieg. I. Bd. <^ 



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fanden wiederholt Tlieilungen derselben statt, so dass diese Länder 
eigentlich nie ein vollkommen einheitliches Gepräge erhielten und 
sich ihre provinziellen Sonderheiten zum Theil bis auf die Gegen- 
wart bewahrten, wovon z. B. noch die heutige Wehrverfassung 
Tyrols einen Beweis liefert. Die drei Gruppen Nieder-Oest er- 
reich, Inner-0 esterreich, Ober- und Vorder-Oester- 
reich bildeten bis in die Zeit Carl VI. von einander ebensosehr, wie 
etwa von Böhmen und seinen Nebenländem getrennte Organis- 
men; hatte ja doch bis unter Joseph I. Inner - Oesterreich, 
ebenso wie TjTol und die Vorlande ein eigenes, vom Wiener 
HofToiegsrathe unabhängiges Kriegswesen, während in Nieder- 
Oesterreich, Böhmen und Ungarn die Militärangelegenheiten von 
einer gemeinsamen obersten Militärbehörde, dem Hofkriegsrathe 
in Wien, geleitet wurden. Allein, wenn auch unter getrennter 
Administration, so wurde doch im Allgemeinen die Erreichung 
einer ziemlichen Gleichheit wenigstens in der Verwaltung der ein- 
zelnen Länder angestrebt und allmählig, besonders in Folge der 
Eeformen unter Maria Theresia, traten die provinziellen Unter- 
schiede immer mehr in den Hintergrund. 

Die landesfürstlichen Rechte, welche die Erzherzoge von 
esterreich ki^aft ihrer Landeshoheit und der ilmen verliehenen 
Privilegien ausübten, galten • nicht blos für das Erzherzogthiim 
Oesterreich, sondern für alle Länder, welche sie, wann und unter 
welchem Titel immer, erworben. Desshalb gilt das im Nachstehenden 
Gesagte nicht nur für die österreichischen, sondern auch fiir 
die böhmischen Erblande. 

Obwohl die Echtheit eines Theiles der alten österreichischen 
Freiheitsbriefe und Privilegien wohl mit Recht bestritten wird, so 
hatten dieselben doch dadurch, dass sie am G. Januar 1453 von 
Kaiser Friedrich HI. mit Zustimmung der Churfürsten bestätigt 
wurden, die Geltimg und das Ansehen von Reichsgesetzen erlangt 
und wiu-den als solche von späteren Kaisem wiederholt anerkannt. 
Auf Grund derselben genossen die Erzherzoge von Oesterreich 
beträchtliche Freiheiten und Vorrechte, deren sich kein anderer 
Reichsstand rühmen konnte. ^) Durch dieselben war Oesterreich 
ein auch in weiblicher Linie erbliches Lehen und vom Reiche fast 
miabhängig geworden. Der Erzherzog war von allen Reichsabgaben 

^) H u b e r , Oesterreichische Reichsgeschichte, 28 ff. — Seidler, 
Studien etc. 4 ff. — Schrotte r, Erste Abhandlxmg aus d. österreichischen 
Staatsrecht. — Kurze Nachricht von der inneren Beschaffenheit und Ver- 
fassung des Erzherzogthums Oesterreich. (H. H. u. St, A. Handschr. Nr. 62} 



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67 

befreit und nur zur Tlieilnahme an jenen Reichskriegen, welche 
gegen ein Oesterreieh benachbartes Land geführt wurden, blos 
zum Zeichen seines reichsfürstlichen Charakters mit einem ver- 
schwindend kleinen Contingente verpflichtet. Er brauchte nur auf 
den in Bayern abgehaltenen Hoftagen zu erscheinen und war auch 
nicht verbunden, an den Reichstagen selbst oder durch Abgesandte 
theilzunehmen ; erscliien er aber, so gebührte ihm der erste Sitz 
nach den Churfürsten. Die Erzherzoge waren berechtigt, in ihrem 
Lande frei zu schalten und zu walten, ohne dass Kaiser und Reich 
darin etwas zu ändern vermochten. Alle Vorzüge und Privilegien, 
welche ein Reichsstand jemals erworben hatte oder künftighin 
erwerben würde, sollten den Erzherzogen ohneweiters zukommen 
und zwar nicht nur für den ziu* Zeit der Verleihung bestandenen 
Länderbesitz, sondern für alle Länder, welche sie, wann und miter 
welchem Titel immer, erwerben würden. Das Reich konnte kein 
auf österreichischem Boden gelegenes Lehen vergeben und daher 
ein auswärtiger Fürst in Oesterreieh nur solche Güter besitzen, 
welche er von dem Erzherzoge von Oesterreieh als Lehen empfangen 
hatte. Ebenso konnte Niemand in Oesterreieh eine Gerichtsbarkeit 
ausüben, wenn er nicht die Gewalt von dem Erzherzoge erhalten 
hatte. Oesterreieh bildete ein „Territoriiun clausum*^ d. i. ein 
geschlossenes und jeder fremden Landeshoheit und 
Gerichtsbarkeit verschlossenes Land. Noch weniger 
musste der Erzherzog von Oesterreieh einem Reichsgerichte Rede 
und Antwort stehen, sondern er konnte die gegen ihn erhobenen 
Klagen durch einen von ihm im eigenen Lande hierzu be- 
stellten Vasallen untersuchen und entscheiden lassen. Von grösster 
Bedeutung für die Entwicklung der Landeshoheit war das von 
Kaiser Carl IV. bald nach seiner Thronbesteigung verliehene und 
am 30. August 1361 erneuerte „Privilegium de non evocando sub- 
ditos extra territorium Austriacum", gewöhnlich kurzweg , , Privi- 
legium de non evocando" genannt, d.i. das Privilegium, dass 
kein österreichischer Unterthan vor einem aus- 
wärtigen Gerichte belangt werden dürfe, selbst dann 
nicht, wenn er einem auswärtigen Herrn als Lehensmann oder in 
anderer Weise verpflichtet wäre; ferner das aus dem „Privilegium 
de non evocando" nothwendigerweise folgende „Privilegium de non 
appellando", d. h., dass von dem Urtheile eines öster- 
reichischen Gerichtes keine Berufung an ein 
Reichsgericht oder an den Kaiser selbst ergriffen 
werden konnte. 

5* 



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Weil Alle, welche in Oesterreich Güter besassen, in dieser 
Eigenschaft ohne alle Ausnahme wirkliche Landsassen und 
Unterthanen des Erzherzogs waren, so waren auch die inländischen 
Bischöfe und Prälaten keine Eeichsfürsten, die auswärtigen geist- 
lichen oder weltlichen Fürsten aber wurden in Bezug auf ihre in 
Oesterreich gelegenen Güter den übrigen Landsassen völlig gleich- 
gehalten und waren auch bei der Erbhuldigung der Erzherzoge zu 
erscheinen verpflichtet. Sie wiurden auf* dieselbe Weise, wie die 
übrigen Landesmitglieder ordentlich eingeladen und mussten also 
durch Abgeordnete vertreten sein oder eine grundhältige Ent- 
schuldigung ihres Ausbleibens bei dem Landmarschall vorbringen. •) 

Gross waren die Rechte des Erzherzogs von Oesterreich gegen- 
über der Geistlichkeit. Aus dem obersten Schutz- oder Vogteirechte 
der Erzherzoge über die gesammte Geistlichkeit, die Gotteshäuser 
und die milden Stiftungen folgt das Recht, in ihre Vermögens- 
verwaltung Einsicht zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die 
Stiftungen nach ihrer wahren Bestimmung genau erfiiUt und er- 
halten wiu'den. Zu diesem Zwecke war in allen Ländern eine 
eigene Commission für die müden Stiftungen aufgestellt. Das 
Präsentationsrecht über die Pfarren gehörte theils dem Landes- 
fürsten, theUs den Bischöfen, theils den Privatherrschaften. Viele 
landesfürstliche Pfarren wm-den schon in älteren Zeiten den 
Klöstern eingeräumt oder zu milden Stiftungen gewidmet. Kein 
Kloster durfte ohne landesherrliche Bewilligung errichtet, kein 
Prälat, keine Aebtissin ohne vorläufige Einholung der landesfürst- 
lichen Zustimmung und Abordnung landesfürstlicher Commissäre 
gewählt, noch die getroflfene Wahl ohne vorausgegangene Aller- 
höchste Bestätigung publiciert, viel weniger der Erwählte von 
jemand Anderem, als den erwähnten Commissären in die Tempo- 
ralien eingesetzt werden. Sogar bei der Wahl des Erzbischofe von 
Salzburg und des Bischofs von Passau war wegen des dem Erz- 
hause über beide Bisthümer zustehenden Vogteirechtes nebst dem 
kaiserlichen Commissär zugleich ein erzherzoglich öster- 
reichischer Abgesandter anwesend, welch' letzterer von dem 
Neugewälilten einen schriftlichen Revers abforderte, da«s er mit dem 
Erzhause Oesterreich beständig gute Nachbarschafc halten und die 
älteren Verträge, insbesondere „quoad jus aperturae'* unverbrüclüich 
beobachten woUe, gleichwie auch das Erzhaus Oesterreich ver- 
pflichtet sei, das Hochstift Salzbiu*g imd Passau wider alle Gewalt 

*) Schrötter, Dritte Abhandlung, 27. — Pütter, Historisch-politisches 
Handbuch von den besonderen deutschen Staaten, I. 198 



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69 

2U schützen, wogegen aber auch beide Stifter gehalten sind, dem 
Erzhaus nach äussersten Kräften beizuspringen. Keine päpstliche 
Bulle durfte publiciert werden, bevor nicht der Erzherzog von 
Oesterreioh dieselbe eingesehen und seinen Rechten und den Staats- 
interessen flir unschädlich erkannt, somit seine Zustimmung oder 
das sogenannte „Placetum regium" ertheilt hatte. Keine Streitsache 
durfte nach Rom gezogen werden, weil dies dem alten Herkommen 
und dem „Privilegium de non evocando" widersprochen hätte, 
sondern wenn eine Partei sich über das Erkenntniss der Consistorien 
und der Nuntiatur beschweren wollte, konnte die Curie nichts 
Anderes thun, als Commissäre in Oesterreich ernennen, welche als 
apostolische Delegierte das endgiltige Urtheil zu fällen hatten. Die 
Jurisdiction in allen Civilrechts- Angelegenheiten der Geistlichkeit, 
mit Ausnahme jener Fälle, die rein geistliche Angelegenheiten be- 
trafen, gebührte dem Erzherzog von Oesterreich. Die erste 
Instanz für die Civilrechts-Angelegenheiten der Geistlichen war die 
Landesbehörde, d. i. die Regierung, Landeshauptmannschaft u. s. w. 
Nach der Bulle des Papstes Nicolaus V. vom Jahre 1451 hatten 
die Erzherzoge von Oesterreich die Befugniss, in Nothfallen den 
Clenis mit einem massigen „Subsidium" oder ausserordentlichem 
Beitrage zu belegen, auch musste der österreichische Clerus von 
seinen Gütern und Einkünften die gleichen Lasten tragen wie die 
weltlichen Lisassen. *) 

Die Rechte der österreichischen Landesfiirsten waren im All- 
gemeinen folgende: 1. Das Recht, die Erbhuldigung zu fordern; 
2. die oben besprochenen Rechte über die Geistlichkeit; 3. das 
Recht, die Landtage zu berufen und von denselben die Bewilligung 
der Contribution, der nöthigeii Recruten und anderer Staatserforder- 
nisse zu verlangen; 4. das Recht, Gesetze und Verordnungen zu 
erlassen; 5. die Civil- und Criminalgerichtsbarkeit mit den zwei 
Vorrechten, dem Privilegium „de non evocando" und jenem „de 
non appellando"; 6. die landesherrliche Gewalt und das Besteuerungs- 
recht über die Juden ^) ; 7. das Recht, den Adel zu verleihen ^) ; 

1) H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 62. 

') Ursprünglich war der Kaiser allein der Schützer und Eichter über 
die Juden in ganz Deutschland, nur Oesterreich übte seit den Zeiten Kaiser 
Friedrich I. ebenfalls dieses Eecht in seinen Landen aus ; erst später 
erhielten dasselbe auch die Churfürsten und andere Reichsstände. 

■j Als Curiosum sei hier erwähnt, dass auch die philosophische Facultät 
in "Wien den Adelstand verlieh, welches etwas zweifelhafte Recht ihr erst 
zufolge einer Allerhöchsten Entschliessung vom 20. Mai 1752 entzogen wurde. 
(Cod. austr. V. 648.) 



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70 

8. unehelich Geborene zu legitimieren und den unehrlich Erklärten 
ilire Ehre und Würde wieder zurückzustellen; 9. öffentliche Jahr- 
und Wochenmärkte mit verschiedenen Freilieiten zu bewilligen und 
Stapel- und Niederlags-Gerechtigkeiten zu verleihen; 10. eigene 
Posten in den Erblanden zuhalten; 11. hohe Schulen zu errichten; 
12. das Epecht über die Bergwerke, Forste, Flüsse, dann die Jagd- 
und Fischerei-Gerechtigkeit; 13. das Recht, Münzen zu prägen; 

14. das Regal der offenen Landstrassen und des sicheren Geleites; 

15. das Recht, Zölle, Mauthen und Steuern auszuschreiben und 
einzuheben; 16. das Recht des Krieges und des Aufgebotes, sowie 
Festungen und Burgen zu bauen; 17. das Recht, Gesandtschaften 
zu halten ; 18. Bündnisse und Frieden zu schliessen. *) 

In dem jahrhundertelangen Kampfe der landesfiirstlichen Terri- 
toriallioheit gegen die Macht der Stände waren schliesslich die 
letzteren unterlegen. Seit der Schlacht am Weissen Berge und der 
Unterdrückung des Protestantismus in den österreichischen und 
böhmischen Ländern waren die Grenzen der beiden Machtfactoren, 
des Landesfursten und der Stände, selir zu Ungunsten der letzteren 
verrückt worden. Die Zustimmimg der Stände zu einer beabsichtigten 
Kriegserkläning oder einem Friedensschlüsse wurde nicht mehr ein- 
geholt und ihre Mitwirkung an der Gesetzgebung durch die Ent- 
ziehimg jeder Liitiative auf den Landtagen beseitigt. Dennoch 
waren die Rechte imd Privilegien der Stände sowohl als Corporation, 
wie der einzehien Mitglieder auf administrativem und volkswirth- 
schaftlichem Gebiete ganz bedeutend und dadurch waren die Stände 
auch gar häufig in der Lage, die politische Haltung der Regierung 
zu beeinflussen. Ohne Zustimmung der Stände konnte keine neue 
Steuer eingeführt werden und die Einhebung der bereits be- 
stehenden lag in den Händen der Stände, die höchsten Landes- 
ämter waren mit iliren Mitgliedern besetzt: Mittel genug, um eine 
Pression auf die Regierung zu üben. Die Stände gliederten sich in den 
meisten Ländern hi vier Classen: Geistliclikeit, Herren, Ritter und 
landosfiirstliche Städte. Den geistlichen Stand bildeten die Bischöfe 
und Prälaten, den Herrenstand die Fürsten, Grafen imd Freiherren, 
den Ritterstand der übrige Adel, jedoch alle nur unter der Voraus- 
setzung, dass sie Landsassen oder Landmänner und Be- 
sitzer landtäflicher Güter waren. Zum Besitze landtäflicher Güter 



*) Krön OS, Gesch. Oesterreichs, III. 42 ff. — Schrotte r, Vierte 
Ahhandlung. 



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71 

war die Landsässigkeit oder das Indigenat erforderlich, welches nur 
vom Landesflirsten verliehen werden konnte. Die Rechte und 
Privilegien, welche der landsässige Adel vor dem nicht land- 
sässigen voraus hatte, waren: Das Eecht, dass ihre Güter in die 
Landtafel eingetragen werden, das Eecht, ein Grunddienst-, Urbai- 
oder Salbuch zu halten und von den Unterthanen gewisse Dienste 
und Gaben zu fordern, das Jagd- und Holzschlagsrecht, die Bier- 
brauerei und das Ausschankrecht, das Berg-, Zehent- und Vogt- 
recht, die Civil- und Crüninalgerichtsbarkeit über ihre nichtadeligen 
Unterthanen, deren erblose Verlassenschaften ebenfalls dem Grund- 
herrn zufielen. Endlich konnten die meisten Stellen bei den höchsten 
landesfiirstlichen und die obersten Landesämter nur an Mitglieder 
des landsässigen Herren- und Ritterstandes verliehen werden. Die 
sogenannten Erbämter, welche allerdings blosse Ehrenämter waren, 
befanden sich ausschliesslich im Besitze der vornehmsten Familien 
des landsässigen Adels. Ausserdem besass der landsässige imd 
der nichtlandsässige Adel noch folgende Privilegien : Führung 
des adeligen Wappens und Titels, das Recht des adeligen Forums 
oder des besonderen Gerichtsstandes, Befreiung von der Aushebung 
zur Miliz, das Vorrecht zur Erlangung gewisser Aemter und 
Stiftungen, die Fähigkeit zur Aufiiahme in andere Ritterorden u. s. w. ^) 

Die landesfurstlichen Städte, welche den vierten Stand bildeten, 
waren diejenigen, welche keiner Gutsherrschaft, sondern direct dem 
Landesförsten unterthan waren und ihren eigenen, selbstgewählten 
Magistrat hatten, welcher die Gerichtsbarkeit über die Bürger aus- 
übte, während die unterthänigen oder Municipalstädte unter der 
Gerichtsbarkeit des Gutsherrn standen. 

Vor Kaiser Ferdinand H. wurden alle auf die Verwaltimg 
der österreichischen Erblande und auf die Angelegenheiten des 
Deutschen Reiches bezüglichen Agenden, sowie die in dieser Be- 
ziehung erforderlichen Erlässe und Expeditionen ausschliesslich luid 
allein von der Reichskanzlei besorgt und die Contrasignatur 
von dem jeweiligen Reichs- Vicekanzler vollzogen. Eine besondere 
österreichische Kanzlei bestand damals nicht, sondern nur 
eine österreichische Expedition als Abtheilung derReichs-Hofkauzlei.^ 



*) Lichtenstern, Staatsverfassung der österr. Monarcliie. 255 ff. 

^ Fellner, Zur Geschichte der österr. Centralverwaltung. (Mitth. d. 
Inst. f. österr. Geschichte, VII.) — Fellner, in „Mitth. d. Inst. f. österr. 
Geschichte", XV. 520 f. — Vollständiges Diarium etc. von der "Wahl 
Carl VII. etc. 40 ff. — Seeliger, Erzkanzler und Reichskanzleien. — 
G. W o 1 f, Geschichte der k. k. Archive in Wien. 



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72 

Vorstand dieser österreichischen Abtheilung war der Reichs- Vice- 
kanzler. Bis zu Ferdinand ü. Zeiten waren die österreichischen 
Erblande gewöhnlich getheilt und da die kaiserliche Linie öfters 
nur den kleineren Theil davon besass, so verzichtete der Kaiser 
auf die kostspielige Bestellung eines eigenen österreichischen Kanzlers. 
Dieser Zustand dauerte bis zum Jahre 1620, zu welcher Zeit 
Ferdinand 11. die österreichische Expedition von der Reichs- 
Hofkanzlei trennte und eine eigene österreichische Hof- 
kanzlei errichtete und an deren Spitze zuerst einen Vicekanzler, 
später einen Hofkanzler stellte. Die österreichische Hofkanzlei 
sollte nun alle inneren Angelegenheiten der österreichischen Erb- 
lande und des erzherzoglichen Hauses, die Reichs-Hofkanzlei aber 
die Reichs- und auswärtigen Angelegenheiten besorgen, aber bald 
entstand eine Reihe von Competenz-Streitigkeiten, welche zu einer 
steten Erweiterung des Wirkungskreises der österreichischen auf 
Kosten der Reichs-Hofkanzlei führten. Nachdem durch die Wieder- 
vereinigung aller österreichischen Erblande die früheren erzherzog- 
lichen Hofkanzleien für Inner-0 esterreich und Ober-OesteiTeich ihre 
Selbstständigkeits-Berechtigung eingebüsst hatten und mit der öster- 
reichLschen Hofkanzlei in Wien vereinigt worden waren, bestanden 
bei derselben drei Abtheiliingen, nämlich die niederösterreichische, 
die innerösterreichische und die oberösterreichische Expedition, 
denen man zur Schonung des Particularismus der einzelnen Länder 
auch den Namen Hofkanzlei beliess, so dass auch von drei öster- 
reichischen Hofkanzleien, der niederösterreichischen, inneröster- 
reichischen und oberösterreichischen gesprochen wird. Es sind dies 
jedoch nur Abtheilungen oder „Expeditionen" der österreichischen 
Hofkanzlei. 

Aus der von Kaiser Carl VL am 2G. März 1720 der öster- 
reichischen Hofkanzlei einheilten Instruction ') ergibt sich am ein- 
fachsten die Organisierung und der Wirkungskreis der genannten 
Hofstelle während der letzten Regienmgsjalire Kaiser Carl YI. 
Der wesentliche Inhalt derselben ist folgender: 

„Artikel I. Bei der österreichischen Hofkanzlei sollen künftig 
zwei Hofkanzler, ein Vicekanzler und neun Räthe angestellt sein. 
Weil bei der östeiTeicliischen Hofkanzlei nicht allein die Haus- imd 
fremden Staatssachen, sondern auch alle andeni Angelegenheiten 



^) Archiv des k. k. Minist, des Innern. Nieder-OesteiTeich, III. A. 2. Nr. 25 
ex 1720. 



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73 

der österreichischen Länder verhandelt werden, so soll der erste 
Kanzler mit den ihm bereits zugetheilten zwei Räthen die Haus- 
und Staatssachen unter sich haben, zugleich auch, so oft er will 
und es ihm die Staatsgeschäfte erlauben, das Präsidium bei der 
Kanzlei fiihren, dem zweiten Kanzler aber mit den übrigen Käthen 
soll die Besorgung der politischen Verwaltungs- imd Justiz- 
Angelegenheiten überlassen werden. Ausschliesslich unter des ersten 
Kanzlers Obsorge und Expedition mit den ihm zugewiesenen Räthen 
und Beamten bleiben alle Haus- und fremden Staatssachen und 
aile dahin einschlagenden Materien, als Verträge mit auswärtigen 
Staaten, Friedensschlüsse, Heiraths-Angelegenheiten von Mitgliedern 
des Allerhöchsten Hauses, Ernennung der Gresandten, Botschafter 
und geheimen Räthe, die Correspondenz und Verhandlungen mit 
den fremden Mächten und was immer zu den auswärtigen An- 
gelegenheiten gehört, die Ceremonialien bei den Krönungen, die 
Landtags-Propositionen, wenn dieselben mündlich in Gegenwart 
des Kaisers geschehen, jedoch so, dass diese letzteren in formaler 
und meritorischer Beziehung gleich allen anderen Landesangelegen- 
heiten bei der Kanzlei verhandelt werden; der erste Kanzler hat, wie 
vorhin, an den Staats-, Reichs- und allen solchen Conferenzen theil- 
zunehmen, in welchen die eben erwähnten Angelegenheiten zur 
Verhandlung kommen; nebst ihm hat aber auch der zweite Kanzler 
jenen Deputationen, dem geheimen Rath, Conferenzen und andern 
Versammlungen, in welchen die Provinzial-Angelegenheiten berathen 
werden, beizuwohnen. Die Hofsachen sind nach obigem Princip zu 
unterscheiden: wenn sie auswärtige oder Staatsangelegenheiten, 
Gesandtschaften u. dgl. betreffen, gehören sie unter die Obsorge 
des ersten, wenn sie aber Provinzial-Angelegenheiten betreffen und, 
wenn darüber eine Verfügung an die Länder oder Landesbehörden 
iiöthig ist, femer die Ernennung der inner- und oberösterreichischen 
geheimen Räthe und aller andern hohen und niedem Beamten, 
Belehnungen, Standeserhöhungen, Privilegien, Hoffreiheiten, Schutz- 
briefe u. dgl. gehören in den Wirkungskreis des zweiten Kanzlers 
und der Kanzlei. Alle dem zweiten Kanzler obliegenden Geschäfte, 
ebenso die Besetzung erledigter Stellen sollen bei der Hof kanzlei dica- 
sterialiter (im Raths-Gremium) berathen mid darüber die kaiserliche 
EntSchliessung eingeholt werden. Alle einlangenden Zuschriften, 
Berichte u. s. w. hat der erste Kanzler zu eröffnen und die in den 
Wirkimgskreis des zweiten Kanzlers und der Kanzlei gehörigen 
dem zweiten Kanzler zur instructionsmässigen Behandlung zu- 
zuschicken. Wenn Proviiizial- und Justiz-Gegenstände in Abwesenheit 



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74 

des ersten Kanzlers berathen und verhandelt werden, so soll der 
zweite Kanzler dem ersten hiervon und von den gefassten Be- 
schlüssen Nachricht geben, damit dieser bei den Conferenzen, 
Deputationen und im geheimen Kath gehörig informiert erscheine. 
Die Provinzial-Angelegeidieiten, sie mögen Verwaltungs- oder Justiz- 
Gegenstände betreflen, müssen immer in der Rathssitzimg behandelt 
werden. Keiner der beiden Kanzler hat das Recht, an dem Majoritäts- 
Beschlusse etwas zu ändern oder denselben gar airfeuheben, nur 
wenn ein allerunterthänigster Vortrag hierüber zu erstatten ist, 
kann er in demselben auch seine Meinung beisetzen; wo kein Voi- 
trag nöthig ist, ist der Majoritäts-Beschluss unbedingt auszufiihren. 
Der zweite Kanzler ist in Provinzial- und Justiz-Sachen ganz im- 
abhängig von dem ersten HolTianzler; dieser hat nur das Recht, 
sich über alle Angelegenheiten diu'ch die Referenten informieren 
zu lassen. Die der Hofkanzlei untei^stehenden Creschäfte sind seinem 
Einflüsse gänzlich entrückt. Vorträge an den Kaiser sollen von 
beiden Kanzlern miterschrieben sein; wenn aber der erste Kanzler 
sie binnen zwei Tagen nicht unterschreibt, hat der zweite Kanzler 
das Recht, dieselben mit seiner Unterschrift allein zu erstatten. 
Dasselbe gilt von den Erlässen und Expeditionen an Behörden 
und Parteien. Aus den Rätlien sollen zwei besondere Senate ge- 
bildet werden, der eine für die Provincialia (politischen Verwaltungs- 
Gegenstände), der andere für Justizsachen. Die Kanzler haben das 
Recht, in einem beliebigen Senate den Vorsitz zu fuhren. Den 
Senat für politische Angelegenheiten bilden drei Räthe, den Justiz- 
Senat die übrigen; es steht aber dem Kanzler frei, den einen 
oder den andern Senat durch eine grössere Anzahl von Mitgliedern 
zu verstärken oder Plenar-Sitzmigen aller Räthe anzuordnen. Wenn 
es sich um landesfiirstliche Rechte und Regalien, imi das Wohl 
der Länder, Besetzung von Stellen oder lun ein wichtiges End- 
urtheil handelt, ist immer das Plenum zu versammeln. Der Umstand, 
dass für die gesammten deutsch-österreichischen Erblande nur eine 
gemeinsame Hofkanzlei besteht, soll in der Kanzlei-Manipulation 
auch äusserlich zum Ausdrucke gebracht werden". 

„Artikel H. Die fiscalischen Angelegenheiten oder andere, das 
Aerar, dessen Reclite und Prärogative betreffenden Gegenstände 
sollen von der Hofkaminer und der Hofkanzlei in gemeinschaft- 
licher Borathung verhandelt werden. Der präsidierende Kanzler soll 
die Räthe in der Freilieit des Votierens auf keinerlei Weise hindern, 
noch auch seine eigene Meinung voraus merken lassen. Der Vor- 
sitzende enunciert das Votum der Majorität ; bei Stimmengleichheit 



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75 

wird zuerst eine zweite Abstimmung vorgenommen und wenn diese 
abermals resultatlos bleibt, dann gibt auch der Vorsitzende seine 
Stimme ab, wodurch eine Majorität hergestellt wird. Der Vorsitzende 
hat jedoch auch das Recht, nach zweimaliger fruchtloser Ab- 
stimmung einen Abänderungs- oder Vermittlungsantrag zu stellen 
oder auch, wenn beide Parteien gewichtige Gründe für ilire Ansicht 
haben, die Sache sammt den Gründen der Allerhöchsten Ent- 
scheidung vorzulegen." 

„Artikel m. Die Hofkanzlei soll keine Angelegenheit mit 
Hintansetzung der ersten oder zweiten Instanz an sich ziehen, 
welche nicht nach Recht und Gewolmheit unmittelbar vor den 
Landesfürsten gehört, vielmehr sollen diejenigen, welche sich mit 
Uebergehung der ersten und zweiten Instanz direct an die Hof- 
kanzlei wenden, an ihre Behörde zurückgewiesen werden. Die Ent- 
scheidimgen und Urtheile sollen nach den Landesgewohnheiten, 
nach dem gemeinen Recht und nach den Präjudicaten gefallt werden. 
Wenn einmal in einem Falle nach reiflicher Ueberlegimg gewisse 
und dem Rechte conforme Principien angenommen win^den, so soUen 
diese auch in andern gleichen Fällen, wenn die veränderten Um- 
stände nicht etwas Anderes erfordern, ebenfalls beobachtet und 
einander widersprechende Entscheidungen nach Möglichkeit ver- 
mieden w^erden. In Streitsachen soll zunächst auf einen gütlichen 
Vergleich zwischen den Parteien hingewirkt und zu diesem Zwecke 
Commissionen in den Ländern bestellt werden ; doch soll in dieser 
Beziehung auf die Parteien kein Zwang ausgeübt werden. Da alle 
bei der österreichischen Hofkanzlei vorkommenden Angelegenheiten 
vor den Kaiser als Erzherzog und Landesfürsten gehören, indem 
der Landesfiirst das oberste Haupt und Richter ist, so soll auch in 
-wichtigen Sachen kein Endurtheil publiciert werden, bevor dasselbe 
dem Kaiser vorgetragen und die Allerhöchste Entschliessung darüber 
ertheilt worden ist, ebenso ist bei Besetzung von Amtsposten mid 
Vergebung geistlicher Beneficien immer die Allerhöchste Resolution 
mittelst eines allenmterthänigsten Vortrages einzuholen. Für die 
Parteienvertretung bei der Hofkanzlei sind beeidete Advocaten und 
Agenten bestimmt." 

Die österreichische Hofkanzlei behielt diese Eimichtmig bis 
in die Regienmgszeit der Kaiserin Maria Theresia, welche zuerst 
im Jahre 1742 die als Staatskanzlei fimgierende Abtheilung los- 
löste und zu einer selbstständigen Hofstelle erhob imd endlich 
im Jahre 1749 bei Gelegenheit der durchgreifenden Reform der 



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76 

gesammten Verwaltiing die österreichische und die böhmische Hof- 
kanzlei in eine einzige Centralbehörde, das „Dii-ectorium in Publicis 
et Cameralibus" vereinigte. 

1. Nieder-Oesterreich, 

Das Erzherzogthum Oesterreich zerfallt in das Land unter und 
ob der Enns, welch' letzteres zwar auch jederzeit sein eigenes 
Gubemium hatte, jedoch mit einer gewissen Dependenz von der 
mederöstorreichischen Regierung. Diese von Maximilian I. im 
Jahre 1510 als „Regiment" errichtete Behörde erstreckt-e bis zum 
Jahre 15G4 ihre Wirksamkeit auch auf Inner-Oesterreich, wiu-de daim 
in Folge der Theilung der österreichischen Erblande unter die 
Söhne Kaiser Ferdinand I. auf Nieder-Oesterreich, d. i. auf das 
Land unter und ob der Enns, beschränkt und war die zweite 
Instanz für alle politischen und Justiz-Angelegenheiten von 
Oesterreich unter und ob der Enns. Von ihr gieng die Berirfimg 
an die österreichische Hofkanzlei. An ihrer Spitze stand ein Präsident 
oder Statthalter, ein Vice-Präsident und ein Kanzler. Hire Instructionen 
stammten im Wesentlichen noch aus der Zeit Kaiser Ferdinand H. 
und Ferdinand HI. und zwar vom 4. März ir)25 und 15. Juni 1638; 
bei späteren Ernennungen von Präsidenten waren einzelne Be- 
stimmungen abgeändei-t und mit den Erfordernissen des Dienstes 
mehr in Einklang gebracht worden.^) Im Allgemeinen war der 
Geschäftsgang jenem bei der Hofkanzlei ähnlich, natürlich mit dem 
Unterschiede, dass die Regierung in allen Fällen, wo es sich um 
politische Anordnungen oder um Erläuterungen einer Allerhöchsten 
Resolution handelte, sowie in allen wichtigeren administrativen und 
Justiz-Angelegenlieiton an die Hof kanzlei, respective im Wege der- 
selben an den Hof zu berichten und die Allerhöchste Entscheidung 
zu erwarten hatte. 

Der Wirkungskreis der niederösten^eichischen Regierung bezog 
sich auf alle Angelegenlieiten der politischen Verwaltung und auf 
das Justizwesen, nämlich : auf die Aufrechthaltung der katholischen 
Religion, Handhabung der Reformations-Patente und Sorge für die 
Bestellung von Seelsorgern; die Oberaufsicht über alle Stiftungen; 
die Handhabung der landesfiirstlichen Hoheitsrechte, Regalien und 
Gerechtsame; Erhaltung der öffentlichen Ruhe und Bestrafung der 
Ruhestörer; die Sorge für die Sanität und Abwendung aller In- 

fectionsgefahr; Handhabung der Münzpatente; Aufsicht über die 
— — _ ^ 

') Arch. d. Min. d. Inn. „Nieder-Oesterr." III. 4. A. Nr. 7 ex 1724. 



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77 

herrschaftlichen Privatmauthen und Strassenreparatioii; Beförderung 
der Wohlfeilheit der unentbehrlichen Lebensmittel und Festsetzung 
der Preise derselben (Satzung); Ueberwachung der Marktordnung, 
der Gewichte und Masse und Abstellung alles monopolischen Ver- 
kaufs; die Oberaufsicht über alle landesförstlichen Städte und 
Märkte, Hebung der Gewerbe und des damit verknüpften Con- 
tributionsstandes ; Aufsicht über die Feuerordnung und das Vor- 
handensein der nothwendigen Lösch-Geräthe ; Hebimg des Unter- 
richtes; Bücher-Censur; Abstellimg der Handwerks-Missbräuche und 
die Sorge, dass die Zahl der Meister den Bedarf nicht übersteige; 
Abstellung des ungestümen Betteins; Sorge für die Verpflegung 
der Armen; Erhaltmig der Kirchen und öfl'entlichen Gebäude; Auf- 
sicht über die Juden, welchen der Aufenthalt in den Ortschaften, 
wenn sie nicht besonders privilegiert waren, ausser den Jahr- 
märkten verboten war. 

Als untergeordnete Verwaltungsorgane zur Ausführung der 
Regierungs-Erlässe und ziu: Handhabung der Polizei fungierten in 
den landesfürstlichen Städten und Märkten die Magistrate, in 
den übrigen Ortschaften aber die Gutsherrschaften oder die von 
denselben eingesetzten Beamten und Magistrate. 

Dieselbe Angabe hatte die Landes-Hauptmannschaft in Linz 
fiir Oesterreich ob der Enns und auch ihr miterstanden dieselben 
Verwaltimgs-Organe erster Instanz, nur dass die Landes-Haupt- 
mannschaft in Linz der niederösterreichischen Regierung unter- 
geordnet war, alle Berichte an dieselbe zu erstatten und ilire Be- 
fehle und Anordnungen zu befolgeii hatte, üeber das sogenannte 
Salzkammergut erstreckte sich die Wirksamkeit der Landes- 
Hauptmannschaft nicht, denn dieses unterstand auch in allen 
poUtischen Angelegenlieiten unmittelbar dem Salz - Oberamte in 
Gmimden. 

Für die Rechtspflege war damals im Erzherzogthum Oester- 
reich geradeso, wie in den übrigen Ländern der Monarchie und in 
fremden Staaten nicht nur die Rechtssache, sondern auch die 
Person von Bedeutung, denn weit mehr von der Person als von 
der Sache hieng es ab, welches Gericht in den einzelnen Fällen 
zur Entscheidung und Urtheilsfällung berufen war. Die rein geist- 
lichen und Ehe-Angelegenheiten gehörten unmittelbar vor die 
bischöflichen Consistorien, von denen die Berufung an die 
Nuntiatur, niemals aber ausser Landes oder nach Rom ergriffen 
werden konnte. Das Forum der Stände-Mitglieder war das ,,La nd- 
recht" oder das „landmarschallische Gericht^' unter dem Vorsitze 



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78 

des Landmarschalls mit mehreren Beisitzern aus dem Herren- und 
Eitterstande ; für die Bediensteten und Beamten des Hofes und der 
Hofstellen, mit Ausnahme des Hofkriegsrathes imd der Reichs- 
Hofkanzlei, femer für alle Fremden, welche zum Hofe gehörten und 
ihre Diener, dann in den sogenainiten „Hofquartiers- Angelegen- 
heiten", d. i. in den aus der Verpflichtung der Wiener Bürger zur 
unentgeltlichen Beistellung von Wohnungen für die Hof- und 
Staatsbediensteten entspringenden Rechtssachen, endlich für die 
mit förmlichen Privilegien für sich imd ihre Familien versehenen 
Juden, war das hofmarschallische Gericht'), für die Professoren, 
Doctoren, Studenten und andern Angehörigen der Universität bildete 
das Universitäts-Gericht die erste Instanz. Die Rechts-An- 
gelegenheiten derjenigen Adeligen, welche nicht landstÄndische 
Mitglieder waren, der Geistlichen, sofern es nicht rein geistliche 
Dinge betraf, der kaiserlichen Beamten, der Grosshändler und 
Fabrikanten, sowie alle iiscalischen Streitsachen entschied die 
niederösterreichische Regierung als erste Instanz. Die übrigen 
nichtadeligen Civil[)er8onen standen unter den Stadt- und Land- 
Gerichten; die Civil- und niedere Polizei-Gerichtsbarkeit über die 
uuterthänige Einwohnerschaft der nicht landesfürstlichen Ortschaften 
übte die „Herrschaft", d. i. der Gutsherr, entweder persönlich 
oder diircli einen hierzu bestellten Justitiar aus. Diese herrschaft- 
liche oder Patrimonial-Gerichtsbarkeit über ihre Unterthanen stand 
selbstverständlich auch jenen Hofstellen und Aemtem zu, welche 
grundherrliche Rechte ausübten, z. B. dem Oberst-Jägermeisteramt, 
dem Vicedomamt u. s. w. Für Streitigkeiten in Lehenssachen war 
das Lehen-Gericht, für Wechselklagen das Wechsel -Gericht 
competent. Alle Militärpersonen standen sowohl in Civilrechts-, als 
in Criminal- Angelegenheiten luiter der Jurisdiction der Militär- 
Gerichte. Bezüglich gewisser schwerer Verbrechen, als Majestäts- 
beleidigung, Falschmünzerei, Brandlegung, hatte der Landesfürst 
sich das Recht vorbehalten, besondere Judicia delegata zu 
bestellen. 

Von den Gerichten erster Instanz, mit Ausnalmie der Militär- 
gerichte, gieng die Berufung an die niederösterreichische Regierung 
und weim auch da Jemand sich für verkürzt hielt, stand ihm der 
Weg mit der Bitte um Revision an den Landesfürsten offen. 
Namentlich die Kaiser Leopold I. und Carl VI. Hessen sich 

^) Jani Perontini, de consiliis et Dicasteriis etc. 98. — Cod. austr. 
IV. 672. 



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79 

alle wichtigeren Rechtssachen, welche in judicio revisorio schwebten, 
sowie alle wichtigeren Verwaltungs-Angelegenheiten in dem geheimen 
Eathe vortragen, hörten die Meinungen der Minister an und fassten 
darüber ihre Entschliessung. 

Die Zersplitterung der Rechtspflege bereitete nicht nur dem 
ßechtsuchenden ungemeine Schwierigkeiten und Hindemisse, sondern 
war auch die Ursache einer ununterbrochenen, endlosen Reihe von 
Competenz-Streitigkeiten zwischen den einzebien Gerichtsstellen. 
Wer einen Band des Codex austriacus aufschlägt, wird finden, dass 
ein ganz ansehnlicher Theil desselben mit Entscheidungen über 
Jurisdictions-Streitigkeiten geftillt ist. Es herrschte nicht nur ein 
beständiger Streit über die Grenzen der Civil- imd MiUtärgeiichts- 
barkeit, welche durch die Jurisdictions-Normen vom 17. August 1740 
und 3. September 1745 ^) einigermassen geschlichtet wurde, sondern 
es fehlte auch nicht an Conflicten zwischen den verschiedenen 
anderen Gerichten, insbesondere wegen der Führung von Verlassen- 
schafts -Abhandlungen mit Rücksicht auf die zu entrichtenden 
Taxen und Gebühren. Es durfte nur ein Adeliger, ein Uni- 
versitätsmitglied, ein Hofbediensteter oder ein Geistlicher zugleich 
Besitzer eines bürgerlichen Hauses sein, so war der Conflict 
gegeben. 

Zur Besorgung des niederösterreichischen Finanzwesens fun- 
gierte die Hofkammer zugleich als Kammer für Nieder-Oesterreich, 
während in anderen Ländern, z. B. in Böhmen, Schlesien u. s. w. 
liandeskammem mit der Unterordnung unter die Hofkammem 
bestanden. ^ Als Finanzbehörden erster Instanz gab es in Oester- 
reich unter der Enns das Vicedomamt, welches hauptsächlich mit 
der Verwaltung der landesfürstlichen Städte und Märkte, sowie der 
Domänen betraut war, das Handgrafenamt ^, das Zehentamt, das 
Grundbuchsamt, die Mauthämter u. s. w. In Oesterreich ob der 
Eiins trat noch das Salzamt in Gmunden hinzu, welches nicht nur 
das Salzwesen zu verwalten hatte, sondern zugleich die politische 
Behörde für das Salzkammergut war. 



») Cod. austr., IV. 1138 u. V. 183. 
*) Mensi : „Die Finanzen Oesterreiclis" 4. 

') Eigentlich „Hansgrafenamt" von „Hansa" ; dasselbe hatte die Zölle, 
, die Consumsteuem, d. i. den sogenannten „Aufschlag" u. a. zu erheben. 



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80 

Neben dem staatlicheu bestand ein ausgebildeter ständischer 
Verwaltungsapparat*). Die Stände übten die ihnen zustehenden 
Rechte der Stouerbewilligung und der Vorbringung von Wünschen 
luid Beschwerden auf den Landtagen aus, welche, so oft sich die 
Nothwendigkeit einer neuen Steuerbewilligung oder ein anderer 
zwingender Grund ergab, durch den Landesfiirsten oder durch den 
hiezu ausdrücklich Bevollmächtigten einberufen wurden. Das vom 
Landesfürsten den Ständen gegebene Oberhaupt war in Oesterreich 
unter der Eims der Land mar s c hall , in den anderen öster- 
reichischen Ländern der Landeshauptmann. Dieser war der Re- 
präsentant des Landesfürsten, er berief im Namen des Kaisers die 
Stände zum Landtage und führte auf dem Landtage und im land- 
marschallisclien Goriclit (Lan(h'echt) den Vorsitz. Die Einberufung 
des Landtages komite in Nieder-Oesterreich ebenso, wie m den anderen 
Ländern nur diu*ch den Landesfürsten oder denjenigen, dem er 
die Gewalt dazu verliehen hatte, geschehen. In Oesterreich ob der 
Enns wurden zu den jälirlichen regelmässigen Landtagen drei 
landesfürstliche Commissäre ernannt, welche den Landtag eröfiueten 
und demselben die landesfiirstüchen Postulate vortrugen. Li Oester- 
reich unter der Enns aber, wo der Landesliirst am Versammlungs- 
orte des Landtages residierte, war es ein altes Herkommen, dass 
die Stände an dem bestimmten Tage zur bestimmten Stunde in 
der kaiserlichen Burg erschienen, dort aus dem Allerhöchsten Mund 
den Vortrag anhörten imd sodann die schriftliclien Postulate über- 
nahmen ^). 

Zur Vollziehung und Ausfülirung der Landtagsbeschlüsse be- 
stellton die Stände aus ihrer Mitte einige Deputierte, welche 
ständische Verordnete genannt wiu'den. Li OesteiTeich imter 
der Enns wurden die Verordu(».ten nur aus den drei oberen Ständen, 
d. i. dem Prälaten-, Herren- und Ritterstande und zwar aus jedem 
Stande zwei, in OesteiTeich ob der Enns aber aus allen vier 



*) P f i b r a m, Die niederö.steiTeichischen Stände und die Krone in 
der Zeit Kaiser Leopold I. (im XIV. Baude der „Mittheil, des Inst, für 
Osten*. Gesch." — Huber, OesteiT. Reichsgeschichte. l()3 ff. — Seidler, Studien 
zur Geschichte und Dclgmatik des österr. Staatsreclites. 140. f. 

') Nach dem Jahre 1748 wurde, weil in Folge des mit den Ständen 
geschlossenen Recesses kein neues Ansinnen an die Stände zu bringen war, 
die Landtagseröffnung in der "Weise vereinfacht, dass nach Eröffnung des 
Landtages an einem Ihrer Majestät beliebigen Tage eine ständige Deputation 
zur Privataudienz erschien und die recessmässigen Postulate aus den Händen 
der Kaiserin empfieng. 



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81 

Ständen gewählt. Es hat dies seinen Grund darin, weil in 
Oesterreieh unter der Enns die städtische Contribution nicht durch 
die Stände, sondern durch einen besonderen Einnehmer, in Oester- 
reieh ob der Enns dagegen, gerade so, wie jene der Gutsherrschaften, 
durch die Stände eingehoben wurde. Zur Berathung wichtiger 
Gegenstände war ein Ausschuss aus je vier Mitgliedern der 
drei obersten Stände und zwar immer nur aus solchen Mäimem, 
welche frülier schon ein ständisches Amt bekleidet, somit in den 
Geschäftsgang einen tieferen Einblick hatten. Ausserdem bestanden 
noch mehrere ständische Aemter und Functionäre, wie die Rait- 
kammer (Rechnungskammer), Obereinnehmer, Viertelcommissäre ^), 
Buchhaltung, Rentamt, Bauamt und die verschiedeneu Kanzleien. ^ 

Fast alle Städte des Erzherzogthums Oesterreieh unter und 
ob der Enns waren dem Landesförsten unmittelbar xmterworfen, 
also landesfürstliche Städte und Märkte und zwar in Oesterreieh 
unter der Enns : Wien, Wiener-Neustadt, St. Polten, Krems, Tulln, 
Komeuburg, Retz, Waidhofen an der Thaya, Zwettl, Laa, Kloster- 
neuburg, Hainburg, Brück, Langenlois , Mödling , Perchtoldsdorf 
und Gumpoldskirchen ; in Oesterreieh ob der Enns: Linz, Steyr, 
Wels, Enns, Gmunden, Preistadt imd Vöcklabruck. 

Die wirthschaftliche Lage der Bevölkerung des Erzherzog- 
thums Oesterreieh war im Allgemeinen verhältnissmässig besser, 
als jene der andern Erbländer. Wien, die Residenz des Hofes und 
der Aufenthaltsort der fremden Gesandten, war zugleich der Haupt- 
handelsplatz, welcher den Verkehr zwischen Deutschland und Ungarn, 
sowie der Türkei vermittelte. Li Wien befanden sich Niederlagen 
der angesehensten und reichsten Handelshäuser Deutschlands, aus- 
gestattet mit werthvollen Privilegien und Schutzbriefen. Die bei 
den Niederlagen der fremden Kaufleute Angestellten, die so- 



*) In jedem Viertel, in welche das Erzherzogthum eingetheilt wurde, 
bestand ein Ober- und Unter- Commissär, beide von den Ständen und zwar der 
erstere aus dem Herrenstande, der letztere für beständig ernannt. Sie hatten 
insbesondere für die Bequartierung und Verpflegung der durchmarscliierenden 
Truppen, sowie für die BeschaflPang der sonstigen Bedürfnisse für dieselben 
zu sorgen. Ihr Wirkimgskreis gieng später auf die unter Maria Theresia 
angestellten Kreisämter über. Von den in Böhmen und Mähren schon vor 
Haria Theresia bestandenen Kreishauptleuten unterschieden sich die nieder- 
Österreichischen Viertelcommissäre dadurch, dass diese ständische, jene 
aber landesfürstliche Organe waren. 

«) H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 62. - PHbram, a. a. O. 598. ff. 

Oesterreiohischer Erbfolgekrieg^. I. Bd. 6 



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82 

genannten „Niederläger*', genossen das Recht der freien Religions- 
tibung und standen unter der unmittelbaren Jurisdiction der „Re- 
gierung". Speciell fiir den Handel nach der Türkei bestand die 
reich privilegierte „Orientalische Handelscompagnie". Und wo gab 
es auch in der Zeit, da die Eisenbahnen noch unbekannt waren, 
eine für den Handel günstiger gelegene Landstadt, als Wien an der 
grossen Wasserstrasse der Donau? Neben dem Handel war auch die 
Industrie stark entwickelt, insbesondere die Leinwand- und Woll- 
waaren-Fabrication und vor allem die Eisenindustrie in Oesterreich 
ob der Enns, welch^ letztere sich schon damals den Markt der 
fernsten Länder erobert hatte. Die Salzgewinnung im Salzkammer- 
gute brachte den Einwohnern dieses felsigen Bezirkes, der wenig 
Feldbau und Viehzucht besass, ihren Unterhalt, indem sie theils bei 
der Salzgewinnung, theils als Schiffer und Fuhrleute Verdienst fanden. 

Auch die Landbevölkerung war günstiger gestellt, als jene in 
manchem anderen Erblande ; der Bauer war unterthänig und robot- 
pflichtig, aber nicht leibeigen, wie in Böhmen und Mähren und 
wurde in der Regel von seiner Gutsherrschafb nicht schlecht behan- 
delt. Li Oesterreich unter der Enns hafteten nämlich die Q-utsherr- 
schaften für die Contribution ihrer Unterthanen und hatten daher 
schon aus diesem Grunde ein Interesse daran, dass die Unterthanen 
in aufrechtem und zahlungsfähigem Stande erhalten wurden. Acker- 
bau und Viehzucht wurde überall gut betrieben, daneben in Oester- 
reich luiter der Enns ausgedehnter Weinbau und im Lande ob der 
Enns eine erträgnissreiche Obstcultur. Alle Landesproducte fanden 
reichlichen Absatz, da einerseits das dichtbevölkerte und kauf- 
kräftige Wien, anderseits die Industrieorte starke Abnehmer der 
Bodonerzeugnisse waren ^). 

Inner-Oesterreich. 

Unter Inner-Oesterreich*) waren bis in die Zeit der Kaiserin 
Maria Theresia nicht blos die Herzogthümer Steyermark, Kämthen 
und Krain, nebst dem österreichischen Theile Istriens, die gefursteten 
Grafschaften Görz und Gradisca sammt deren Confinien und die 
Seestädte Triest und Fiume begriffen, sondern auch Zengg, Carlopago, 



') H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 62. 

') Mayer, Mittheilungen aus A. M. S t ii p a n's von Ehrenstein Beschreibung 
von Inner-Oesterreicli (Beiträge z. Kunde steyermärkiächer Goschichtsquellen; 
24. Jalirg. Graz, 1892) — H. H. u. St. Arch. Handschr, Nr. 171. 



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83 

die Bucoaranischen Güter, die Grafschaften Licca und Corbavia, 
ja in gewissem Sinne selbst die Warasdiner, Carlstädter und Meer- 
Grenze. Zengg, Carlopago, die Grafschaften Licca und Corbavia 
wurden nach ihrer Befreiung aus der türkischen Botmässigkeit in 
Bezug auf das Cameralwesen der innerösterreichischen Hof kammer, 
in allen übrigen Beziehungen aber dem innerösterreichischen Hof- 
kriegsrathe zur Verwaltung übergeben. Zengg wurde allerdings im 
Jahre 1741 als eine königlich ungarische Freistadt erklärt, aber im 
Jahre 1752 abermals dem Commercien-Directorium übergeben und 
als zu Inner-Oesterreich gehörig angesehen. Die Buccaranischen Güter 
waren nach der Verschwörung der Grafen Zriny und Frangipan 
im Jahre 1670 confisciert, dem ungarischen Fiscus übergeben, von 
diesem aber im Jahre 1692 um 500.000 fl. der innerösterreichischen 
Hofkammer verkauft worden. Die Warasdiner, Carlstädter imd Meer- 
Grenze wurde auf Grund eines Beschlusses der im Jahre 1578 in 
Brück a. d. Mur auf einem allgemeinen Landtage versammelten 
Stände Liner-Oesterreichs mit Zustimmung Kaiser Rudolph H. als 
Königs von Ungarn den Ständen der Herzogthümer Steyermark, 
Kämthen und Krain überlassen, um durch die militärische Organi- 
sierung dieser Gebiete und durch die Anlage von Festungen einen 
wirksamen Schutz gegen türkische Einfälle zu gewinnen. Bei dieser 
Einrichtung blieb es bis zum Jahre 1748. Es gehörten also diese 
Landestheile damals, imbeschadet dessen, dass sie in staatsrechtlicher 
Beziehung Theile der Länder der Stephanskrone waren, in admini- 
strativer Hinsicht zum innerösterreichischen Verwaltungsgebiete ^). 

Durch die Theilung der österreichischen Erblande imter die Söhne 
Kaiser Ferdinand's I. wurde eine wesentliche Aenderung in dem Ver- 
waltungs-Organismus Inner-Oesterreichs bedingt. Vor der erwähnten 
Erbtheilung war auch hier, wie anderwärts, die Verwaltung sehr 
einfach; die Kriegsmacht bestand einzig aus dem Landesaufgebote, 
landesfurstiüche Einkünfte gab es nicht viel und die Verwaltungs- 
geschäfte besorgten die Stände und die Grundobrigkeiten. Ein 
Landeshauptmann als Vorsitzender in der Ständeversammlung und 
zur Ausübung der Justiz, ein Landesverweser als Stellvertreter des 
Landeshauptmanns, dann ein Vicedom zur Verwaltung der landes- 
fürstlichen Güter und Einkünfte in jedem Lande, das waren so 
ziemlich die einzigen Repräsentanten des Landesherm. Die nieder- 
österreichische Regierung oder das ,, Regiment" in Wien 



*) Bidermann: „Gesammtstaats-Idee." H. 85. 

6* 



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84 

war die Berufungs-Instanz für alle politischen und Justizgegenstände, 
der „Hofrath", respective der Landesfürst selbst, entschied in den 
wichtigsten Angelegenheiten. Als nun nach dem Tode Kaiser 
Ferdinand's L im Jahre 1564 dessen jüngster Sohn, Erzherzog 
Carl, die innerösterreichischen Länder erhielt, errichtete er für 
dieselben ähnliche Behörden, wie sie unter seinem Vater in 
Wien bestanden hatten, nämlich einen geheimen Rath, eine Re- 
gierung, eine Hofkammer und einen Hofkriegsrath. Die Organi- 
sierung und der Wirkungskreis dieser innerQsterreichischen Hof- 
stellen war jener der niederösterreichischen in der Hauptsache gleich, 
nur der innerösterreichische Hofkriegsrath unterschied sich damals 
dadurch vom Wiener Hofkriegsrathe, dass er zugleich pohtische 
Verwaltungsbehörde für einzelne Landestheile war, nämlich für die 
Grafschaften Licca und Corbavia und die übrigen Grenzgebiete, 
während der Wiener Hofkriegsrath zu jener Zeit noch auf die 
militärischen Angelegenheiten beschränkt war. Obwohl Kaiser 
Ferdinand H. die gesammten österreichischen Länder wieder unter 
seiner Herrschaft vereinigte und seine Residenz in Wien nahm, 
liess er doch die innerösterreichischen Behörden in ihrem früheren 
Wirkungskreise bestehen. Auch die nach Wien verlegte inner- 
österreichische Hofkanzlei behielt trotz ihrer scheinbaren Einver- 
leibung iu die österreichische Hofkanzlei ihre fiühere Selbstständigkeit 
und ihren Namen, denn die ganze Unterordnung der inneröster- 
reichischen, wie der ober- und vorderösterreichischen Hofkanzlei 
unter den österreichischen Hofkanzler bestand eigentlich nur darin, 
dass der österreichische Hof kanzler zugleich auch innerösterreichischer 
und oberösterreichischer Hofkanzler war. Die innerösterreichischen 
und die ober- und vorderösterreichischen Behörden behielten bis 
in die Zeit Kaiser Joseph's I. ihre volle Selbstständigkeit und 
verkehrten mit dem Kaiser nur durch die Vermittlung der ent- 
sprechenden Hofkanzlei.*) Die drei Gruppen der österreichischen 
Länder waren nur durch die Person des gemeinsamen Landesfürsten, 
also nur durch Personalunion mit einander verbunden; sie waren 
politisch und administrativ vollständiger von eiuander geschieden, 
als Böhmen und Nieder-Oesterreich. Während in Böhmen und Nieder- 
Oesterreich die Heeres- und die Cameral-Angelegenheiten von den- 
selben Hofstellen, dem Hofkriegsrathe und der Hofkammer in Wien 
geleitet wurden, hatte sowohl Liner-, wie Ober-Oesterreich (Tyrol) 
seine eigene, von der Wiener unabhängige Hofkammer und Lmer- 
Oesterreich auch seinen Hofkriegsrath. 

') Seidler, Studien etc. 136. 



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85 

So blieb es bis unter Kaiser Joseph L Unter diesem Kaiser 
machten Inner-Oesterreich und Tyrol, allerdings nur ungern, einen 
bedeutenden Schritt nach vorwärts zur einheitlichen Gestaltung der 
österreichischen Erblande. Die bisher unmittelbaren Hofstellen 
Inner-Oesterreichs wurden ebenso, wie jene für Tyrol und Vorder- 
Oesterreich trotz des heftigsten Sträubens derselben und der Stände 
den obersten Hofstellen für Nieder-Oesterreich, nämlich der Hof kanzlei, 
dem Hofkriegsrathe und der Hofkammer imtergeordnet.^) Um der 
Empfindlichkeit der in ihren Prärogativen geschmälerten Behörden 
und dem in Inner-Oesterreich und Tyrol besonders stark entwickelten 
Particularismus einige Zugeständnisse zu machen, wurde der geheime 
Bath in Graz und Innsbruck bei seinen früheren Befugnissen belassen; 
auch Hess man es geschehen, dass die betreffenden nunmehrigen 
Landesstellen und deren Functionäre noch weiter den Titel der 
Hofstellen führten und dass die nunmehr der österreichischen Hof- 
kanzlei vollständig einverleibte innerösterreichische und oberöster- 
reichische Abtheilung als innerösterreichische oder oberösterreichische 
Hofkanzlei bezeichnet wurde. Durch die Unterordnung aller öster- 
reichischen Erblande unter dieselben HofsteUen war die Regierung 
und Verwaltimg derselben nach einheitlichen Principien der Ver- 
wirklichung einen bedeutenden Schritt näher gerückt. Die landes- 
förstlichen, wie die ständischen Rechte waren ohnedies ziemlich 
gleich, daher gilt auch für Inner-Oesterreich das Meiste von dem, 
was über Nieder-Oesterreich gesagt wurde. 

Nach der Durchführung der Reformen unter Kaiser Joseph I. 
und Carl VI. blieben die innerösterreichischen Stellen bis 1747 
ohne besondere Aenderung und war die Verwaltung Inner-Oesterreichs 
in den letzten Regierungsjahren Kaiser Carl VI. folgendermassen 
eingerichtet *) : 

Als eigentliche innerösterreichische Landesstelle bestand in 
Graz der vom Erzherzog Carl H. errichtete geheime Rath 
oder die geheime Stelle, welche die anderen Behörden zu 
überwachen und deren Verkehr untereinander und mit der Hof- 
kanzlei zu vermitteln hatte. In den einzelnen Ländern waren die 
Landeshauptleute, im Litorale die zur Beförderung des Handels, 
insbesondere des Seehandels, zu Triest eingesetzte Commercial- 



*) Bidermann, Gesammtstaats-Idee. II. 9. iF. 

•) Gebier, Geschichte des Herzogth. Steyermark, 293. ff. — Göth, Das 
Herzogtham Steyermark, I. 82 ff, — Aelschker, Geschichte Kämthens, 
n. 901 ff. 



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86 

Intendanz, welcher die Hauptmannschaften zu Triest, Fiume 
und Zengg untergeordnet waren, in der Warasdiner und Carlstädter 
Grenze aber die innerösterreichische Kriegsstelle mit der politischen 
Verwaltung betraut. Die untersten Verwaltungsorgane waren die 
Grundherrschaften und die Magistrate der landesfiirstlichen Städte 
und Märkte. Die Gerichtsverfassung entsprach fast ganz der nieder- 
österreicliischen ; die Ortsgerichte auf dem Lande, die Magistrate 
oder Stadtgerichte' übten die Gerichtsbarkeit über die unadeligen 
Bewohner, welche weder dem geistlichen, noch dem Militärstande 
angehörten; das Landrecht unter dem Vorsitze des Landeshaupt- 
manns oder seines Stellvertreters war die Gerichtsinstanz für den 
Adel, die Ständemitglieder, den Clerus, für die Angelegenheiten 
der landesfiirstlichen Städte und Märkte u. s. w. Für alle diese 
Gerichte bildete die „Regierung" in Graz die zweite Instanz, 
von welcher nur noch die Berufung „nach Hof ^ d. i. an die Hof- 
kanzlei oder vielmehr an den Kaiser als Landes fü raten zulässig 
war. Nur die Carlstädter und Warasdiner Grenze standen, sowie 
die Militärpersonen überhaupt unter der Militärgerichtsbarkeit und 
die innerösterreichische Kriegsstelle war die zweite Instanz für die 
Eegimentsgerichte. ^) 

Das Finanz- und Cameralwesen wurde von der inneröster- 
reichischen Kammer, den Vicedomämtem, den ZoU-, Mauth-, Münz-, 
Berg- u. a. Aemtem in Verbindung mit den ständischen Einnehmer- 
ämtem besorgt. 

Die landesfiirstlichenRechteinlnner-Oesterreich waren dieselben, 
wie in Nieder-0 esterreich und den österreichischen Erblanden über- 
haupt. Weil alle Besitzungen des Erzhauses Oesterreich ein : „Terri- 
torium clausum" sind und daher nach dem Grundsatze: „Quidquid 
est in territorio, illud quoque est de territorio" ^ jeder im Lande 
Begüterte als ein Landsasse anzusehen ist, waren auch die Bischöfe 
von Seckau, Gurk und Lavant trotz ihres fürstlichen Ranges keine 
Reichsfürsten, sondern Landstände. Dessgleichen konnten auch 
die ausländischen geistlichen Ordinariate, deren Diöcesen sich nach 
Inner-Oesterreich erstreckten, selbst in rein geistlichen Angelegen- 
heiten weder eine geistliche, noch eine weltliche Person in ihre 
Residenz citieren, sondern alle Vorfallenheiten mussten dem „Privi- 



*) Kr. A. — Kanzl. A. IX a, Nr. 10. Instruction für die innerösterreichische 
Blriegsstelle vom 20. August 1722. 

•) Alles, was im Lande ist, gehört zum Lande. (Küchelbecker, 
Nachrichten etc. 85.) 



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87 

legium de non evocando'^ gemäss bei den mit landesfiirstlicher 
Genehmigung im Lande selbst bestellten Vicaren oder Erzpriestem 
und ihren Consistorien verhandelt und entschieden werden. Die 
Ausübung landesfurstlicher Hoheitsrechte durch auswärtige geistliche 
oder weltliche Fürsten war noch weniger gestattet und desshalb 
begab sich das Bisthum Bamberg mit Recess vom 20. De- 
cember 1674 aller landesfiirstlichen Obrigkeit und Territorial- Juris- 
diction auf seinen Besitzungen in Kämthen, doch wurden ihm ver- 
schiedene, in die landesfurstliche Hoheit eiuschlagende Rechte 
belassen, woraus in der Folge vielerlei Streitigkeiten und Hinder- 
nisse für die Einführung neuer Landeseinrichtungen entstanden. In 
Folge dessen übernahm, um die Sache gänzlich zu ordnen, die Kaiserin 
Maria Theresia durch den Vertrag vom 5. Mai 1759 alle bam- 
bergischen Herrschafben, Städte und Märkte in Kämthen gegen 
eine Kaufsumme von einer Million Q-ulden. 

Als oberste Vogt- und Schutzherren über alle Gotteshäuser, 
Stifter und Klöster hatten die Landesförsten das Recht, sogenannte 
„Panisbriefe" oder Laienpfründen zu verleihen, d. i. alte, zu weiteren 
Diensten unfähige Hofbeamte oder deren Witwen den steyerischen 
und kämthner Klöstern zur unentgeltlichen Versorgung zu über- 
geben, welcher Verpflichtung die Klöster gewöhnlich durch Ver- 
abreichung eines jährlichen Geldbetrages an die ihnen zur Ver- 
sorgung Zugewiesenen nachkamen. ^) 

Die innerösterreiohischen Stände besassen ansehnliche und 
alte Privilegien, welche in den Landhandvesten verzeichnet sind 
und jedesmal vor der Erbhuldigung bestätigt wurden; doch ist 
durch dieselben die landesfürstliche Machtvollkommenheit keines- 
wegs eingeschränkt. Die besondere Art, auf welche die Stände 
Kämthens dem Lande die Huldigung auf dem Zollfelde zu leisten 
pflegten, war längst ausser Uebung gekommen. Die Stände der 
einzelnen innerösterreichischen Länder in ihrer Eigenschaft als 
Corporation wurden gewöhnlich „die Landschaft'' genannt und es 
bedeutet also „die Landschaft Kämthen" so viel als „die Stände 
Kämthens''. Ausser der Besorgung der innern Landesangelegen- 
heiten war die wichtigste Aufgabe der innerösterreichischen Stände 
die Landesvertheidigung, zu welchem Zwecke die Stände von 
Steyermark, Kämthen, Krain und Görz auf dem allgemeinen Land- 



*) Mayer, Mittheüungen aus Stupan's Beschreibung von Inner-Oester- 
reich, in Beiträge zur Kunde steyermark. Geschichtsquellen, 24. Jahrgang, 12. -— 
R H. u. St. A. Handschr. Nr. 171. 



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88 

tage in Brück a. d. Mur im Jahre 1578 die Militarisierung der an 
die Türkei grenzenden Theile von Croatien, Slavonien und Dal- 
matien und die Anlage von Festungen beschlossen und hierzu 
sogleich einen Betrag von 548.205 fl. widmeten. Für die weitere 
Erhaltung des militarisiei'ten Grenzgebietes wurde in der Weise 
vorgesorgt, dass Steyermark die Kosten fiir die Warasdiner, die 
andern innerösterreichischen Länder aber jene für die Carlstädter 
Grenze übernahmen. Kaiser Rudolf IE. übertrug seinem Oheim 
Erzherzog Carl die Administration dieser Grenze und die Stände 
wahrten sich einen den gebrachten Opfern entsprechenden Einfluss 
durch das Präsentationsrecht für die Besetzung der Haupt- 
manns- und Obristenstellen in den Grenzen und der Hof kriegs - 
rathsstellen in Graz, welche sämmtlich niu* an imierösterreichische 
Landsassen verliehen werden konnten, so lange nämlich die Ver- 
waltung und Erhaltung dieser Grenzen eine rein inneröster- 
reichische Angelegenheit und die Grazer Kriegsstelle vorzugsweise 
eine innerösterreichische Administrativbehörde blieb. "Wenn, wie es 
. wiederholt der Fall war, eine dem innerösterreichischen landsässigen 
Adel nicht angehörige Persönlichkeit, gegen welche die Stände 
keine Einwendung erhoben, für eine solche Stelle in Aussicht ge- 
nommen war, so wurde, um der Form zu genügen, derselben zuerst 
das Incolat in einem der innerösterreicliischen Länder verliehen. 
Die Vereinigung der innerösterreichischen „Landschafben'' zur ge- 
meinsamen Erhaltung der Grenzmiliz bedingte einen steten regen 
Wechselverkehr zwischen denselben und häufig auch gemeinsame 
Berathungen. Es bestand also zwischen den innerösterreichischen 
Ländern und ihren Ständen eine weit engere und innigere Ver- 
bindung als zwischen den Theilen der übrigen erbländischen Gruppen. 

Zur Diu*chfiihrung der Landtagsbeschlüsse, sowie zur Besorgung 
der currenten Verwaltirngs-Angelegenheiten wurde von den Ständen 
jedes Landes ein Ausschuss aus Mitgliedern der drei obem Stände 
bestellt, welche den Namen ,, Verordnete" führten. 

Die Privilegien der Stände gründen sich auf die verschiedenen 
Landhandvesten, laut welchen dieselben das Berg-^) und 

') „Bergrecht'* (eine Abart des Weinzehent, nicht zu verwechsehi mit 
dem „Bergrecht" als dem Inbegriff aller für das Montan wesen geltenden 
Rechte und Gesetze) ist eine für die Weinberge zu entrichtende Abgabe. 
Dasselbe unterscheidet sich vom „Zehent" dadurch, dass dessen Höhe nicht 
nach dem jedesmaligen Ertrage bestimmt wurde, sondern stets in dem fest- 
gesetzten Betrage entrichtet werden musste, auch selbst dann, wenn das 
damit belastete Grundstück längst nicht mehr zum Weinbaue verwendet wurde. 
(de L u c a , Justizcodex, I, 365. — Cod. austr. I, 594.) 



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89 

Zehentrecht, das Einstands- oder Vorkaufsrecht auf die zum Ver- 
kaufe gelangenden Freihäuser und Freigründe, sowie auf die Be- 
sitzungen ihrer Unterthanen besassen, femer das Kecht, keine 
Protestanten ansässig werden zu lassen und keinen Juden zu 
dulden, Befreiung von verschiedenen Lasten und Abgaben, ins- 
besondere von der Entrichtung des sogenannten „innobilitiei-ten 
Zinsguldens" u. dgl. Auch konnte kein ständisches Mitglied schulden- 
halber mit körperlichem Arrest belegt werden, hingegen durfte 
dasselbe auch kein bürgerliches Gewerbe betreiben. 

Die Stände Kärnthens hatten auf Grund des ihnen vom Erz- 
herzog Ferdinand am 12. Juli 1521 verliehenen „Münz-Privi- 
legiums" das Recht, in Klagenfurt Münzen nach Wiener Schrot 
und Korn mit dem Bildnisse des Landesfiirsten auf der einen, dem 
kämthner Landeswappen allein oder in Verbindung mit dem öster- 
reichischen auf der anderen Seite und der Umschrift „archidux 
Austriae et Carinthiae" zu prägen. Dieses Privilegium war jedoch 
wegen Nichtausübung in Vergessenheit gerathen und ein im Jahre 
1736 von den Ständen an den Kaiser gerichtetes Ansuchen lun 
Erneuerung desselben hatte keinen Erfolg*). 

Der Handel Liner-Oesterreichs hatte unter Kaiser Carl VI. 
einen grossen Aufschwung genommen. Der Kaiser erhob im Jahre 
1730 Triest und Fiume zu Freihäfen und verlieh ihnen ansehnliche 
Vorrechte und Privilegien, durch welche der Verkehr nach diesen 
Städten gelenkt werden sollte^). Die Verbesserung der Häfen von 
ßuccari und Porto-R6, die grossartigen Strassenbauten waren auf 
die Hebung des Handels berechnet. Der Transitverkehr durch 
Liner-Oesterreich stieg auf eine früher nie geahnte Höhe. 

Von Industriezweigen war die steyerische und kämthner 
Eisenindustrie von altersher berühmt, doch erlitt dieselbe in 
Kämthen durch das im Jahre 1728 erlassene Verbot der Einfuhr 
venetianischer Weine nach Kämthen eine grosse Einbusse, weil 
die Venetianer nun auch kein kämthner Eisen kauften und daher 
der italienische Markt für dasselbe verloren gieng. 

Der Landbau war natürlich je nach der Beschaffenheit der 
Gegend verschieden; in den gebirgigen Theilen mussten die an 
harte Arbeit gewöhnten Bewohner dem Boden mühsam einen kärg- 



1) Arch. d. Min. d. Inn. Inner-Oesterr. IV. H. 1, Nr. 12, ex 1736. - 
Aelschker, Gesch. Kärnthens, II. 893. 

«) Cod. austr. IV, 629, 646, 664. — Mayer, Die Anfänge des Handels 
und der Industrie in Oesterreich, 108 ff. 



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90 

liehen Ertrag abringen, in den flachen Gegenden war dagegen 
häufig die geringe Arbeitslust der Bevölkerung ein Hinderniss des 
Aufschwunges und die Ursache, dass in manchen Gegenden die 
Landesumlagen und sonstigen Abgaben nur schwer und mit Auf- 
wendung aller Strenge eingebracht werden konnten ^). Bedeutend 
war der Weinbau, besonders in der südlichen Steyermark, wo ehemals 
fast zwei Drittel des Landes dem Weinbau gewidmet waren, so dass 
schon in den ältesten Zeiten Vorkehrungen zur Einschränkung des 
übermässigen Weinbaues gemacht wurden. Der steyerische Wein 
fand eben nicht den der erzeugten Menge entsprechenden Absatz 
in andern Ländern. Solange der grösste Theil Ungarns unter 
türkischer Herrschaft stand, fanden die steyerischen Weine guten 
Absatz, besonders in Schlesien und es wurden daher viele Aecker 
und Wiesen in Weingärten umgewandelt. Nach der Vertreibung 
der Türken aus Ungarn stieg der Export des ungarischen Weines 
m die Nachbarländer und schliesslich konnten die steyerischen Weine 
die neue Concurrenz nicht aushalten. 

Die Stellung der Bauern in den innerösterreichischen Ländern 
war, wie in Nieder-0 esterreich, jene der Unterthänigkeit. Es gab 
zwar auch freie, d. h. keiner Gutsherrschaft unterthänige Grund- 
besitzer, sogenannte „Freisassen", aber ihre Zahl war nicht gross; 
die Realitäten derselben waren ebenso, wie jene der Stände, in 
die Landtafel eingetragen. Die Pflichten der unterthänigen Bauern 
gegen ihre Grundobrigkeit waren die gewöhnlichen: Grundzins, 
Eobot, das Mortuar, d. i. eine Abgabe von 3% des reinen Nach- 
lasses, das Pfundgeld, Laudemium, eine auf verschiedenen Dominien 
verschieden bemessene Gebühr, die bei Besitzveränderungen von dem 
Erwerber einer Realität entrichtet werden musste, das Abfahrts- oder 
Kauf-Freigeld, 107o ^^^ Kaufschillings, welches der Abziehende 
entrichten musste, dann verschiedene andere Abgaben und Leistungen. 
Auch stand der Gutsobrigkeit das Abstiftungsrecht zu, d. h. der 
Zwangsverkauf, wenn die Unterthansdienste nicht geleistet wiurden, 
dann das Recht, sich für ausstehende Dienste oder Schuldigkeiten 
selbst zu entschädigen. 

Schwerer, als durch die Lasten der Unterthänigkeit wurden 
die steyerischen Bauern durch die Schäden gedrückt, welche das in 
übermässiger Zahl gehegte Schwarz- und Rothwild verursachte. 
Die Jagd war eine beständige Qual für den Landmann. Die Bauern 



') H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 171. 



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91 

durften keine solchen Hunde halten, welche das Eothwild nieder- 
reissen oder das junge beschädigen konnten ; es war ihnen verboten, 
das Wild durch Schreien, Singen, Klopfen oder Hundegebell aus 
seiner Ruhe aufeuscheuchen und die Jäger durften den Bauern ihre 
spitzigen Zäune, an denen sich das Wild verletzen konnte, nieder- 
werfen. Desshalb entstanden im Jahre 1740 in verschiedenen Gegenden 
Zusammenrottungen der Bauern, welche den Wildstand vernichteten. 
Maria Theresia Hess gleich nach ihrem Regierungsantritte die An- 
stifter der Zusammenrottungen bestrafen, aber auch den Wildstand 
vermindern und die Gründe durch Umzäunung schützen *). 

Bezeichnend für die allgemeine Mittellosigkeit der Bauern 
Kämthens erscheint es, dass die Millstätter Bauern nur mühsam 
jene sechs Gulden zusammenbrachten, die sie ihren drei Deputierten 
im Jahre 1737 als Zehnmg für die Reise nach Wien mitgeben 
mussten ^. 

Ober- und Vorder- Oesterreich. 

In vielen Beziehungen waren die Einrichtungen Ober- und 
Vorder-Oesterreichs, d. i. Tyrols und der Vorlande, von jenen der 
anderen Erblande verschieden. Die wiederholte Trennung dieser 
Länder von dem übrigen habsburgischen Hausbesitze hatte eine 
selbstständige Entwicklung der Verfassung und Verwaltung dieser 
Theile der Monarchie begünstigt und auch nach ihrer Wiederver- 
einigimg unter einem Landesfürsten hatten viele Einrichtungen 
ihren früheren Charakter durch längere Zeit bewahrt'). Bis zum 
Jahre 1751 hatten die gesammten ober- und vorderösterreichischen 
Lande gemeinschaftliche Regierungsbehörden, die Landesstellen oder 
„Wesen" in Linsbruck, welche daJber ober- und vorderöster- 
reichische Stellen genannt wurden. Es waren dies die von 
Kaiser Maximilian L errichtete Regierung oder das „Regi- 
ment", welchem die Besorgung der Justiz- Angelegenheiten und 
die oberösterreiohische Hofkammer, welcher nebst der 
Cameral- und politischen Verwaltung bis zum Jahre 1706 auch das 
Militärwesen anvertraut war. Zu diesen trat im Jahre 16G6 nach 
dem Tode des Erzherzogs Siegismund noch eine dritte hinzu, 
nämlich der ober- und vorderösterreichische geheime 



») H. H. XL. St. A. Handschr. Nr. 171. — Gebier, Steyermai-k. 357. 
•) Aelschker, Geschichte Kämthens, IE. 917. 

«) E g g e r, Geschichte Tyrols, IE. 520 ff. — Bidermann, Gesammt- 
staats-Idee, II. 1 ff. 



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92 

Eath, welcher den beiden andern vorgesetzt war und die von 
der Hofkanzlei ergangenen Erlässe und Allerhöchsten Befehle den 
übrigen Stellen übermittelte und die von der Regierung und Kammer 
erstatteten Berichte zur Allerhöchsten Entscheidung leitete. Die 
von Erzherzog Siegismund hinterlassene oberösterreichische 
Hofkanzlei wurde zwar, sowie es unter Ferdinand H. mit der 
mnerösterreichischen der Fall war, nach Wien verlegt und als eine 
besondere Abtheilung der österreichischen Hofkanzlei 
einverleibt. EigentHch bestand die ganze Einverleibung nur darin, 
dass später alle drei Hofkanzleien einen und denselben Hofkanzler 
hatten, denn um die particularistischen Gefühle zu schonen, beliess man 
auch dieser ober- und vorderösterreichischen Abtheilung den Namen 
der geheimen tyrolischen Kanzlei oder oberöster- 
reichischen Hofkanzlei. Diese Selbstständigkeit und Unab- 
hängigkeit der Behörden und der Verwaltung Tyrols dauerte bis 
zum Regierungsantritte Kaiser Joseph I. Im Jahre 1706 wurde 
unter den gleichen Modalitäten. Schwierigkeiten, Protesten und 
Aeusserungen des passiven Widerstandes, wie in Inner-Oesterreich, 
die oberösterreichische Hofkammer der Wiener Hofkammer unter- 
geordnet, die reinen Cameral- Angelegenheiten der kaiserlichen Hof- 
karamer, die politischen und gemischten Gegenstände der öster- 
reicliischen Hofkanzlei, die Militär- Angelegenheiten endlich dem 
HofTvriegsrathe zugewiesen *), doch mussten alle Erlässe und Berichte 
in politischen und Cameral-Angelegenheiten den oberösterreichischen 
geheimen Rath und die Kanzlei des Gubernators passieren. Der 
Kaiser hatte nämlich auf die Bitten der Tyroler ihnen die Er- 
nennung eines eigenen Gubernators als Ausdruck und Zeichen der 
politischen Individualität Tyrols und der Vorlande zugestanden und 
den Pfalzgrafen Carl Philipp von Pfalz-Neuburg im Jahre 1705 
hiezu ernannt, welcher diesen Posten bis zum Jahre 1717 be- 
kleidete. Laut der ihm ertheilten Instruction vom 15. April 1705*) 
war er als „Gouverneur und Statthalter der gesammten ober- und 
vorderösterreichischen Fürstenthümer und Länder'' der unmittelbare 
Repräsentant des Landesfürsten ; er führte das Gubemium, wie auch 
alle Stadt- und Landessachen und die Civil- und Militär- Justiz ; er 
war der Präsident des oberösterreichischen geheimen Rathes, an ihn 
giengen alle Erlässe und Decrete, welche er dem Hof-Vicekanzler 
oder jenem, der dessen Stelle vertrat, übergeben sollte. Die 

») Kr. Arch. H.K.R. 1707. Aug. 270, Rg. ; Sept 380, Exp. ; Dec. 139, 
Exp. — 1708, Dec. 250, Exp. 

«) Arch. d. Min. d, Inn. III. A. 4. Tyrol. Nr. 7 ex 1705. 



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98 

Beschlüsse des geheimen Rathes wurden per majora gefasst; im 
Falle der Gouverneur mit euiem Beschlüsse nicht einverstanden 
war, musste er denselben mit seinem Gutachten zur Allerhöchsten 
Entscheidimg vorlegen. Als der Pfalzgraf anlässlich der Uebemahme 
der Regierung seiner Erblande die Gub er natorss teile im Jahre 1717 
niedergelegt hatte, führten nun die alten drei obersten Stellen oder 
„Wesen" die Landesverwaltung ; für die Militärangelegenheiten war 
eine neue Behörde, das ober- und vorderöstorreichische 
Militär-Directorium in Innsbruck hinzugekommen. Unter 
Kaiser Leopold war zwar ein General als Mitglied des geheimen 
Raths in Lmsbruck bestellt, aber derselbe übte seine Gewalt nur 
im Auftrage der Tyroler Stellen aus und hatte keinen selbstständigen 
Wirkungskreis *), da es in Tyrol noch kein reguläres Militär gab. 
Unter der Regierung Kaiser Joseph I. wurde die erste stehende 
Tnippe in Tyrol geschaffen, ein regelmässiges Landbataillon imd 
zugleich wurden die Militär-Angelegenheiten einem Militär-Director 
unterstellt, welcher unmittelbar dem Hofkriegsrathe untergeordnet 
war und dessen Aufträge ohne weitere Dazwischenkunft der Wiener 
Hofkanzlei, des oberösterreichischen geheimen Raths und der beiden 
,,AVesen" zu vollziehen hatte. 

Nach diesen vorausgegangenen Veränderungen war die Landes- 
verwaltung und die Justizpflege in Tyrol und den Vorlanden 
während der letzten Regienuigsjahre Kaiser Carl VI. folgender- 
massen organisiert : ^ 

Der ober- und vorderösterreichische geheime 
Rath war die oberste Landesstelle imd der Ober-Schiedsrichter 
und Ober-Entscheider über die ober- und vorderösterreichische 
Regierung und die ober- und vorderösterreichische Hofkammer. 

Der ober- und vorderösterreichischenRegierung 
waren nebst der Civil- und Criminal- Justiz alle übrigen Landes- 
Angelegenheiten zugewiesen, jedoch so, dass in jenen Fällen, wo 
ein landesfürstliches Interesse in Betracht kam, die oberöster- 
reichische Hofkammer imi ihre Meinung gefragt und ein Vertreter 
derselben zu den Sitzungen beigezogen werden musste. Waren 
beide Stellen einig, so war die Sache entscliieden ; bei getheilten 
Meinungen musste dieselbe dem ober- imd vorderösterreichischen 
geheimen Rathe vorgelegt werden. 



') B i d e r m a n n, Geschichte der landesf[irstlichen Behörden in und für 
Tyrol. (Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Tyrols. 3. Jahrg. 1866. 342 f). 

•) H. H. u. St A. Ober- u. vorderösterreicliische Miscellanea. Handschr. 
Nr. 1108. 



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Das Cameralwesen besorgte die ober- und vorderöster- 
reichische Hofkammer, welche aber nicht, wie der Titel 
vermuthen Hesse, eine Hofstelle, sondern eine der „Allgemeinen 
Hofkammer" in Wien untergeordnete Behörde war. 

Verwickelt und verworren war die Justizpflege. Als erste 
Instanz für Bürger und Bauern fungierten die herrschaftlichen 
Gerichte, kurzweg Gerichte genannt, deren Sprengel ebenfalls 
diesen Namen fährten und der Ausgangspunct der politischen 
Landeseintheilung waren. So viel Herrschaften, so viel Richter. 
Diese Gerichte waren aber nicht, wie in den andern Erblanden, 
ein Ausfluss der obrigkeitlichen Gewalt der Grundherren über ihre 
Unterthanen, sondern sie sind landesförstliche Lehen und die In- 
haber derselben konnten die Gerichtsbarkeit nur im Namen des 
Landesflirsten ausüben. Die Richter wurden von den Herrschafbs- 
besitzem bestellt, weu'en aber zugleich in landesftirstlichen Pflichten ; 
sie hatten keine Besoldung, sondern mussten von den Sportein 
leben, dalier sie gewöhnlich durch Weitläufigkeiten ihr Ein- 
kommen zu vermehren suchten. Eben diese Richter hatten auch 
die Criminal-Gerichtsbarkeit, doch mussten sie meistens die ge- 
schlossenen Processe an die oberösterreichische Regierung zur Re- 
vision einschicken und die weiteren Anordnungen abwarten. Einige 
Herrschaften, besonders jene an den wälschen Confinien, hatten den 
Blutbann und waren daher von der Einsendung der Processacten 
befreit; sie wollten sich sogar das Begnadigungsrecht zueignen. 

Der Herren- und Ritterstand im Vintschgau, im Burggrafen- 
amt, am Eisack und an der Etsch hatte ein besonderes Oberhaupt 
an dem Landeshaup t'm a n n, welcher die zwischen seinen Mit- 
gliedern vorfallenden Civilstreitigkeiten in erster Instanz zu ent- 
scheiden hatte. Der übrige, ausser diesen Vierteln sesshafte Adel 
unterstand direct der oberösterreichischen Regierung. 
Früher sprach der Landeshauptmann persönlich Recht; später 
überliess er wegen seiner beständigen Abwesenheit das landeshaupt- 
männische Gericht seinem Amtsverwalter und dieser pflegte es 
wieder einem andern Edelmann oder gar dem Amtsschreiber zu 
übertragen. Von dem Landsclireiber hieng also das Schicksal der 
streitigen Habschaften des Adels ab. Weder der Verwalter, noch 
der Amtsschreiber genossen einen Gehalt, desshalb suchte jeder 
möglichst viel Spoiiieln herauszuschlagen und das war der Grund, 
warum Klagen wegen kleinerer Forderungen häufig unterlassen 
wurden, denn die Gerichtstaxen betrugen oft mehr, als der Streit- 
gegenstand. 



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95 

Die Regierung war, wie oben bemerkt, directe Instanz 
eines Theiles des Tyroler Adels und Berufungsinstanz in jenen 
Justiz-Angelegenheiten, welche in erster Instanz vor einem andern 
Gerichte verhandelt worden waren ; zugleich wax sie Lehenshof für 
Tyrol und die Vorlande und dies verlieh ihr ein besonderes An- 
sehen, weil sich mehrere Reichsförsten und Stände des schwäbischen 
Kreises zur Ablegung der Lehenspflichten daselbst persönlich stellen 
mussten. 

Für die Criminal-Justiz war in den deutschen Bezirken die 
peinliche Halsgerichtsordnung Carl V., in den wälschen Bezirken 
aber die verschiedenen besonderen Statuten in Geltung. In dem 
einen wurden viele Todesstrafen, in dem andern wieder zumeist 
Geldstrafen verhängt; alle Statuten an den wälschen Oonfinien 
gestatteten die Sühnung eines Todtschlages (Meuchelmord ausge- 
nommen) durch die Entrichtung eines Blut- oder Wehrgeldes an 
die Verwandten. Ueberhaupt erfreute sich ausser den Niederlanden 
und Schlesien kein anderes Erbland eines solchen Reichthums an 
besonderen Rechten, Statuten und Municipalgesetzen. Die Tyroler 
Landesordnung vom Jahre 1573 galt für den grössten Theil Tyrols, 
mit Ausnahme der drei Herrschaften Kufstein, Kitzbühel und Ratten- 
berg, welche ihr mitgebrachtes bayrisches Recht behalten hatten 
und der wälschen Confinien, wo theils das Trienter Municipalgesetz, 
Statutum Tridentinum, theils für jede Stadt ein besonderes, vom 
Landesfürsten bestätigtes Gesetz oder Statut in Geltung stand. 
Diese Verschiedenheit äusserte sich nicht blos in den Urtheilen, 
sondern auch im Gerichtsverfahren, im Stra^rocess. Im deutschen 
Tyrol wurde die Untersuchung vom Richter geführt, dann wurde 
ein sogenanntes Rechtsgeding gehalten; dieses bestand aus zwölf 
von dem betreifenden Gericht ausgesuchten Männern, welchen der 
Richter den Inhalt der Untersuchung vortrug, worairf alle ihre 
Meinung abgaben und das Urtheil mit Stimmenmehrheit sofort 
geschöpft wurde, aber vor der Vollstreckung der oberösterreichischen 
Regierung vorgelegtwerdenmusste. In Wälsch-Tyrol wurde das Urtheil 
vom Richter allein gefällt. Da die Kosten der Untersuchung und 
der Vollstreckung des Urtheils, wenn der Verbrecher vermögenslos 
war, der Gerichtsobrigkeit zur Last fielen, so wurden häufig, um 
die Kosten der Gerichtspflege zu vermindern, Geldstrafen statt der 
Todes- oder Leibesstrafen verhängt. 

Bis zum Jahre 1754, d. i. vor der Bestellung der Kreishaupt- 
leute, gab es in Tyrol ausserhalb Innsbruck mit Ausnahme der 
minderen Cameralbeamten, Zöllner und Forstbediensteten fast keine 



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in landesfürstlichen Pflichten stehenden Beamten, als den Stadthaupt- 
mann zu Trient, den Commissär an den wälschen Confinien, den 
Oberamtspfleger zu Bozen und noch die eine oder andere Amtsperson. 
Die landesfurstlichen Verordnungen luid jene der Landesbehörden 
koiuiten daher nur durch die Obrigkeiten vollzogen werden 
und wenn es sich um wictitigere Anordnungen handelte, war die 
Landesstelle gezwungen, eigene Commissäre von Linsbmck an die 
entlegensten Orte zu senden. Eine andere Folge des Mangels an 
landesfürstlichen Beamten ausserhalb Innsbruck war, dass Niemand 
einen Einblick in die Amtsthätigkeit der Richter und in den Gang 
der Rechtspflege hatte. Erst diu'ch die Aufstellung der Kreishaupt- 
leute trat eine Aenderung zum Bessern ein. 

Die Verfassung Tyrols berulite in der Hauptsache auf dem 
am 23. Juni 1511 von Kaiser Maximilian L zu Innsbruck mit 
Beiziehung aller vier Stände des Landes und der Hochstifter Trient 
und Brixen geschlossenen Vertrage und auf der Landesordnung 
vom Jalire 1573. Die ständischen Einrichtiuigen Tyrols waren von 
jenen der übrigen Erblande wesentlich verschieden. Schon der 
Zusammensetzung nach bestand zwischen den Ständen in Tyrol und 
jenen der gesammten übrigen Erb-Königreiche und Länder ein sehr 
beträchtlicher Unterschied, indem in Tyrol nebst der Geistlichkeit 
und dem weltlichen Adel, unter welchem der Herren- und Ritter- 
stand zugleich begriffen war, dami den Städten und Märkten die 
Bauern *) den vierten Stand ausmachten, femer dass in den meisten 
übrigen Erblanden der Herren- und Ritterstand von einander 
unterschieden waren. Bei den ständischen Versammlungen erschienen 
nicht nur die vier Stände des Landes, sondern auch die Bischöfe 
von Trient und Brixen und ihre Capitel entsandten Deputierte. 
Der vierte oder Bauernstand war ebenfalls durch Deputierte, und zwar 
je einen für jedes „Gericht" vertreten, welche auch bei der Landes- 
huldigung erscliienen und wie die übrigen Stände, jedoch an einer 
abgesonderten Tafel, bei Hofe speisten. 

Weil mit den zwar wohlgesinnten, aber raulien Bauern in 
Bezug auf die Landtags-Postulate nichts auszurichten war, da ihnen 
die Ueberzeugung von deren Nützlichkeit und Nothwendigkeit absolut 
nicht beigebracht werden konnte, vermied man es nach Möglichkeit, 



*) Die Tyroler Bauern erhielten im Jahre 1417 vom Herzog Friedrich 
„mit der leeren Tasche" für ihre Treue gegen den unglücklichen, in Kirchen- 
bann und Reichsacht verfallenen Fürsten die Freiheit, Eigenthum imd die 
förmliche Standschaft. (Staffier, Tyrol xmd Vorarlberg. 625.) 



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07 

eiueiiLaiidtag abzuhalten und fand donAusweg, dioLandtags-Postulate 
diu'cli sogenannte ,, engere Congresso" zu erledigen, aufweichender 
Bauernstand dui'ch die sogenannten Viertelsvertreter (je einer für 
jedes Viertel von den Gerichten gewählt) vertreten war. Wenn 
also der Landtag einberufen wurde, erschienen die Stände und die 
Abgeordneten der Gerichte nur zur Eröffiiungssitzung und zur 
Anhörung der Postulate und Vorlagen, worauf sie den sogenannten 
grösseren Ausschuss, bestehend aus den Vertretern der 
Stifter Trient und Brixen und deren Domcapitel, dann sechs Prä- 
laten, zehn Herren und Eittem, zehn Deputierten der Städte und 
allen Viertelsvertretern, wälüten und sich wieder nach Hause be- 
gaben. Mit diesem Ausschusse wurden die Vorlagen erledigt. Bevor 
aber der grössere Ausschuss sich trennte, wählte er den sogenannten 
engeren Ausschuss, welcher bis zum künftigen Landtage 
keiner weiteren Veränderung unterworfen war. Dieser engere 
Ausschuss, dessen Einrichtung als Vertreter des ganzen Landes 
und Besorger der Landes- Angelegenlieiten schon im Jahre 1573 ge- 
troffen worden war, bestand aus den Abgeordneten der beiden 
Hochstifter Trient und Brixen und dieser beiden Domcapitel, aus 
drei Mitgliedern des Prälatenstandes, vier des Herren- und Eitter- 
standes, fünf Vertretern der Städte, endlich aus den Viertels Vertretern. 
Vorsitzender des engem Ausschusses war der Landeshauptmaiui ; 
der Landmarschall wurde nicht zugezogen. Dieser Ausschuss hatte 
allerdings nur eine beschränkte Befugniss; in Angelegenheiten, welche 
eine beständige Folge nach sich zogen, konnte nur der offene 
Landtag beschliessen. Der Ausschuss versammelte sich in der 
Regel jährlich einmal zur BewilHgung der Contribution ; imr wenn 
Extra - Postulate zu bewilligen waren, z. B. in Kriegszeiten, 
zweimal. Der Versuch, BewilHgungen für mehrere Jahre zu 
erhalten, scheiterte an dem Widerstände der Stände, insbesondere 
der Stifter Trient und Brixen. Zum Vollzuge der J3eschlüsse des 
Landtages, respective des Ausschusses, dann zur Besorgung der 
ciirrenten Geschäfte, z. B. der mit den Truppen-Durchmärschen in 
Verbindung stehenden Angelegenheiten, bestanden in Lmsbruck 
und Bozen sogenamite Activitäton aus je einem Vertreter 
jedes Standes und zwar jene in Lmsbruck unter dem Vorsitze des 
Landeshauptmaimes, jene in Bozen unter dem des Landeshauptmann- 
schafts- Verwalters. 

Der Landeshauptmann wohnte urs2)rünglich im Schlosse Tyrol 
imd hiess daher auch Burggraf zu Tyrol; später wurde sein 
Sitz nach Bozen und endlich nach Innsbruck vorlegt. 

Oesterreiohischer Erbfolgekrieg. I. Bd. 7 



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Besondere Vorrechte hatte Tyrol in seiner Wehr- und Steuer- 
verfassung. In den älteren Zeiten wurden die Grenzfestungen und 
Pässe Tyrols von dem Landvolke selbst bewacht und erst im Jahre 
1703 wurden tyroler Landmiliz-Kegimenter errichtet ^), nach deren 
Reduction ein reguliertes Landbataillon bis zum Jahre 1745 bestand. 
Auf Grund des Land-Libells vom Jahre 1511 ^ betnig im Falle 
eines feindlichen Angriffes auf Tyrol das erste Aufgebot 5000, das 
zweite 10.000, das dritte 20.000 Mann. Zu dem ersten Aufgebote 
hatten die Stifter Trient und Brixen 1800, das Pusterthal 500, die 
Herrschaften Rattenberg, Kufstein luid Katzbühel 300, die übrigen 
Städte und Gerichte 2400 Mami zu stellen. ^) Diese Miliz war nur 
zur Vertheidigung des eigenen Landes, keinesfalls aber zum Dienste 
ausserhalb Tyrols verpflichtet, trotzdem kämpfte sie wiederholt 
auch ausserhalb Tyrols gegen die Feinde des Kaisers. Einer über 
das Land-Libell vom* Jahre 1511 hinausgehenden Organisierung der 
Landesvertheidigung widerstrebt<3 die Rtändevertretung beharrlich. *) 

Auf der Wehrverfassung vom Jahre 1511 beruhte auch die 
spätere Steuerverfassung. Im Jahre 1573 hatten die tyroler Stände 
auf Ansinnen des Erzherzogs Ferdinand 1,000.000 fl. Kammer- 
schulden übernommen. Diese Simiine wurde auf das im Land-Libell 
vom Jahi'e 1511 beschlossene erste Aufgebot von 5000 Streit- 
knechten vei-theilt, so dass jener, welcher nach dem Libell zur 
Stellung eines oder mehrerer gerüsteter Streitknechte verpflichtet 
war, in gleichem Verhältnisse zur Tilgung dieser Schuld beitragen 
musste. Aus den Streitknechten wurden dalier Steuer- 
knechte (Steuereinheiten)^). Ein Steuerknecht betrug 36 il. 
Innerhalb zwanzig Jahren hätte die übernommene Schuld sammt 
den Interessen getilgt sein sollen, nur zwanzig Jahre sollte diese 
Steuer dauern, ihr Erträgmiss ausschliesslicli zur Schuldentilgung 
verwendet werden und wälirend dieser Zeit das Land von jeder 
anderen Abgabe befreit sein. Allein da viele Steuerknechte ver- 
loren gegangen waren oder nachgelassen wurden, erreichte das 
Jahreserträgniss nicht die 5000 Streitknechten entsprechende Simmie 
von 180.000 fl., sondern nur etwa 138.000 fl. und da das Land 
später auch noch andere Schulden übernehmen und die durch die 
Truppen-Durchzüge entstandenen Auslagen decken musste, hörten 

*) Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen. V, 113. 

*) Brandis, Gesclüchte der Landeshauptleute von Tyrol. 412 £F. 

8) H. H. u. St. A., Ober- und Vorder-Oesterr. Mise. Handschr. 1108. 

*) Egg er, Geychichte Tyrols. U. 536. 

*) Staffier, T>to1 und*^ Vorarlberg. 044. 



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weder die Schulden, noch die Steuern auf, trotzdem die ständische 
Verwaltung sehr eingeschränkt und mit geringen Kosten verbunden 
war, indem die ganzen ständischen Besoldungen jährlich nur 
6692 fl. betrugen. 

In einem eigenthümlichen Verhältnisse zu Tyrol standen die 
Bischöfe von Trient und Brixen und ihre Stifter und Länder. ^) 
Waren sie auch „nexu inaequali", durch ein ungleiches Band, mit 
Tyrol verbunden und dem geforsteten Grafen von Tyrol zu gewissen, 
in den Verträgen ausgedrückten Leistungen verpflichtet, so waren 
sie doch weder Unterthanen der Grafen von Tyrol, noch Land- 
sassen und es kann ihnen zu damaliger Zeit die Landeshoheit über 
ihr Gebiet nicht abgesprochen werden, denn sie wurden vom Kaiser 
und nicht vom regierenden Grafen von Tyrol mit ihren Landen 
und Regalien belehnt, sie hatten Sitz und Stimme auf dem Reichstag, 
hatten daselbst ihre Gesandten, die sich bei Chur-Mainz legiti- 
mierten; von ihren rechtlichen Aussprüchen gieng die Appellation 
nicht an die tyroler Landesbehörden, sondern an die höchsten 
Reichsgerichte; endlich führten sie zum Unterhalte des Roichs- 
Kammergerichtes gleich anderen unmittelbaren Reichsfürsten die 
sogenannten Kammerziele ab ; nur waren sie durch besondere 
Verträge gebunden, in mehreren wichtigen, das gesammte Land 
T3n'ol betreffenden Angelegenheiten, z. B. im Münzwesen und in 
der Landesvertheidigung, den Verfügungen des regierenden Grafen 
von Tyrol nachzukommen. Die beiden Bischöfe und ilire Domcapitel 
waren mit ihrer Zustimmung unter Kaiser Maximilian L im 
Jahre 1511 in die Landes-Defensions-Ordnimg einbezogen und sie 
stellten nicht nur ihre 1800 Streitkneclite, sondern entrichteten auch 
gemäss dem Vertrage vom Jahre 1573 die gleiche Anzahl Steuer- 
knechte, kurz, sie trugen die öffentlichen Lasten gleich den vier 
Ständen Tyrols, dafür aber hatte das Erzhaus Oesterreich alle auf 
die Bischöfe von Trient und Brixen entfallenden Reichslasten zu 
tragen übernommen. Die Erzherzoge von Oesterreich als Grafen 
von Tyrol hatten das Besatzimgsrecht und die Vogtei; sie führten 
die Verwaltung während einer Sedisvacanz und hatten das Recht, 
zwei Drittheile, seit der Kaiserin Maria Theresia die Hälfte, der 
Domhermstellen in Trient mit östeiTeichischen Unterthanen zu 
besetzen. Was das Einverständniss und die Conformität in allen 
das Land Tyrol, einschliesslich der Bistliümer, betreffenden An- 



») H. H. u. St. A., Ober- imd Vorder-Oesterr. Mise. Hmidschr. 1106. 

7* 



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gelegenheiten angeht, kam es allerdings bisweilen vor, dass die 
Bischöfe, besonders in Münz-Angelegenlieiten manches, wozu sie 
verpflichtet gewesen wären, nur zrnn Schein oder gar nicht thaten '), 
aber in den Angelegenheiten der Landesvertheidigiing, so bei 
Truppen-Durchmärschen, Etappen, Liefenmgen u. s. w. bewiesen sie 
stets eine grosse Willfährigkeit und Vertragstreue. 

Da nicht blos die Bischöfe von Trient und Brixen, sondern 
auch die andern, deren Diöcesen sich nach Tyrol erstreckten, ent- 
weder Reichsfursten waren oder wenigstens ausserhalb des Landes 
residierten und daher nicht wie ein unterthäniger Clerus gebunden 
waren, so entstanden dadurch besonders in solchen Angelegenheiten, 
deren Erledigung ein Einvernehmen zwischen der geistlichen und 
weltlichen Obrigkeit erforderte, oft nicht geringe Schwierig- 
keiten. Auch die zwischen den Hochstiftem Trient und Brixen 
herrschende Eifersucht und Missgunst vermelu-te noch die Schwierig- 
keiten und vergrösserte die ohnehin zwischen den Inn- und 
Etschländem bestandene Uneinigkeit. 

Die socialen und volkswirthschaftlichen Verhältnisse Tyrols 
'zeigten ebenfalls viele Eigenthümlichkeiten. Adel und Geistlichkeit 
waren beiweitem nicht so reich, wie etwa in Böhmen oder Mähren, 
weil ihnen zur Bewirthschaftung ihrer Grüter nicht die unentgelt- 
liche Arbeitskraft robotpflichtiger Unterthanen zu Gebote stand. 
Auch widmete sich der tjToler Adel, nicht wie in andern Ländern, 
vorzugsweise dem Kriegsdienste oder dem geistlichen Stande luid 
dies war ebenfalls ein Grund seiner Verarmung. Li einigen Städten, 
namentlich in Bozen, waren zwar reiche Kaufleute, weil der 
Handel zwischen den nördlichen Erblanden und Italien durch 
Tyrol gieng; allein seit der Erhebung Triests zu einem Freihafen 
und dem Aufschwünge des Triester Handels sank der Waaren- 
verkehr durch Tyrol und die fiaiher so bedeutenden Bozener Jahr- 
märkte verloren von Jahr zu Jahr an Geltung. Dieser Markt hatte 
ganz besondere Privilegien. Zur Entscheidung der aus dem Markt- 
verkehr entsprungenen Streitigkeiten waren zwei eigene Listanzen 
aus Kaufleuten bestellt. Jede dieser beiden Listanzen bestand aus 
deutschen und italienischen Kaufleuten, jedoch jede nur aus drei 
Personen, nämlich einem Consul und zwei ConsigHeri und mussten, 
wenn der Consul der ersten Listanz ein Deutscher war, die Con- 
siglieri Italiener, dagegen in der zweiten Listanz in diesem Falle 

») H. H. u. St. A., Ober- und Vorder-Oosterr. Mise. Handschr. Nr. 1108. 



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ein Italiener und die beiden Consiglieri Deutsche sein. Das Religions- 
bekenntniss kam hierbei nicht in Betracht. Die Verhandlung war 
summarisch. Diese Instanzen hiessen Magistrate mercantile di 
Bolzano, Handelsgericht in Bozen. An dasselbe wandte sich zumeist 
auch das Aerar, wenn Geld-Anticipationen in Tyrol beschafft werden 
sollten ; dies konnte jedoch nur zur Marktzeit geschehen, wenn eben 
Kaufleute, welche das Geld vorstrecken konnten, anwesend waren. 
Die Industrie war nicht besonders entwickelt, namentlich nicht in 
Deutsch-Tyrol, wo wegen der Armuth der Bevölkerung und der 
Theuerung der Lebensmittel der Fabriksbetrieb gar nicht rentabel 
war; in Wälsch-Tyxol dagegen, wo Alles billiger war und folglich 
der Arbeiter auch bei einem geringeren Lohne bestehen komite, 
lieferten auch die Fabriken ein besseres Erträgniss. Verhältniss- 
mässig am besten standen in Tyrol die Bauern ; sie waren freie 
Leute und nicht wie in andern Ländern den Grundherrschaften 
unterthänig, sondern hatten Antheil an der Besorgung der Landes- 
Angelegenheiten. Für die tyroler Bauern gab es keine aus der 
Unterthäiügkeit oder gar Leibeigenschaft entspringenden Lasten und 
Pflichten, kein gnmdherrliches Abfalirtsgeld, keine Abstiftung u. s. w. 
Bauer und Bürger konnte gleich dem Adeligen und Prälaten die 
volle Grundherrlichkeit erwerben, mit welcher jedoch in Tyrol nicht, 
wie in den andern Erblanden, die niedere Gerichtsbarkeit von 
selbst verbunden war, denn in Tyrol gab es eben keine Unter- 
thanen des Grundherrn. *) Diese persönliche Freiheit der Bauern 
erzeugte im Bauernstände ein starkes Selbstgefühl, in Folge dessen sie 
sich nicht leicht leiten Hessen ; insbesondere bekundeten sie einen 
schier unbezwinglichen Starrsinn, wenn es auf da« Geldgeben ankam. 
Desshalb wurden auch, wie oben erwähnt, statt der jährlichen Land- 
tage engere Congresse, auf welchen nur aus jedem Viertel ein 
Vertreter des Bauernstandes erschien, zur Erledigimg der Postulate 
eingeführt. Die Einigkeit zwischen den einzelnen Landestheilen 
war nicht immer imd überall in wünschenswerthem Grade vor- 
handen, namentlich zwischen den Inn- und Etschländem herrschte 
selten ein gutes Einvernehmen. Jedes Viertel, jedes Thal betrachtete 
sich als eine Welt für sich. Man hat es auch sehr spät und sehr 
schwer dahin bringen können, dass jenen Gemeinden, welchen 
durch die zahlreichen Tnippen-Durchmärsche und die TlieueiTing 
der Lebensmittel grosse Auslagen für die durchmarschierenden 
Truppen erwuchsen, von den übrigen Gemeinden eine Vergütung 



») Staffier, Tyrol und Vorarlberg, 671. 



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geleistet und die Last gemeinsam getragen wurde. Die von den 
Truppen nicht berülirten Gemeinden verweigerten hartnäckig jeden 
Beitrag unter dem Vorwande, dass die von den Truppen-Durch- 
märschen betroffenen Gemeinden eben wegen ihrer Lage an den 
Verkehrswegen alle Vortheile des Strassengewerbes gemessen. ') 
In einem Stücke unterschieden sich damals die Tyroler ganz be- 
sonders von ihren Nachbarn, den Schweizern. Schweizer traf man 
damals in fast allen Aimeen; der Kaiser, die Könige von Frank- 
reich, die Päpste und andere Fürsten hatten aus Schweizern ge- 
bildete Truppenkörper in ihrem Solde ; der Tyroler aber, stets 
bereit, die Büchse zur Vertheidigung seines Heimathlandes zu er- 
greifen, verspürte keine Neigung zu fremdem Kriegsdienste. 

Vorder- Oesterreich, d. i. Vorarlberg und die 
österreichischen Vorlande, standen bis zum Jahre 1751 
unter d©n Landesbehörden in Linsbruck, denn auch im Jahre 1748, 
als mit der gründlichen Reform des erbländischen Verwaltungs- 
apparates begonnen wurde, blieb Vorder-0 esterreich noch unter 
der Repräsentation^) in Linsbruck und erst im Jahre 1 752 
wurde die Repräsentation in Constanz als politische Landes- 
behörde für Vorder-Oesterreich errichtet. Waren also bis zu diesem 
Zeitpuncte die landesfürstlichen Behörden in Linsbruck den ge- 
sammten ober- und vorderösterreichischen Ländern gemeinsam, so 
war dies bezüglich der ständischen Verwaltung keineswegs der Fall. 
Die vorderösten-eichischen Stände bildeten nicht eine einzige Körper- 
schaft, sondern waren nach den drei Gruppen der vorderöster- 
reichischen Besitzungen ebenfalls getrennt, nämlich in jene von 
Vorarlberg, vom Breisgau und von Schwäbisch-Oesterreich. Die 
Stände dieser drei vorderösteiTeichischen Landestheile hatten im 
Jahre 1730 zu Radolfszell den sogenannten „Unions-Proportions- 
Recess" abgeschlossen, durch welchen die von jeder der drei 
Gruppen zu übernehmende Quote der Gesammt-Contribution fest- 
gesetzt wurde. Li Vorarlberg gab es nur zwei Stände, nämlich die 
Städte und Gerichte, d.h. die Bürger und die Bauern; der 
Adel und die Geistlichkeit bildeten keine Stände.^) 
Die Bauern in Vorarlberg waren also ebenfalls, wie jene in Tyrol, 

») H. H. u. St. A. Ober- u. Vorderöst. Mise. Handschr. 1108, 
^) So hiessen soit 1748 in einigen Kronländern die politischen Landes- 
stellen, welche später den Namen „Guhemium", „Regierung" oder „Statt- 
halterei" erhielten. 

») Arch. d. Min. d. Inn. Tyrol, IV. H. 3. 



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frei von jeder grundherrlichen Untorthänigkeit und die Benennung 
Grundherr und Grundhold war in Vorarlberg ebenso unbekannt, 
wie die Sache selbst. Weil auch die vorderösterreichischen Länder, 
ebenso wie Tyrol im Gegensatze zu den andern Erblanden von 
der Vermögens- oder Türkensteuer, von der Recrutenst eilung 
und den Extraordinarien befreit waren, musste den Ständen bei 
jeder Landtagsbewilligung, wie dies übrigens auch in andern 
Ländern der Fall war, vom Kaiser ein Revers ausgestellt werden, 
„dass ihnen obberührte gehorsamste freie Bewilligung, welche die- 
selben vermög ihrer Privilegien, Freiheiten, Rechte und Gerechtig- 
keiten zu thun nicht schuldig waren, an ihren Privilegien, Frei- 
heiten, Rechten und Gerechtigkeiten künftig kein Nachtheil, Ver- 
letzung, Abbruch oder Schmälening gebären, sondern selben ohne 
geringsten Schaden sein solle"'). Die Bewilligung der Landtags- 
Postulate seitens der vorderösterreichischen Stände geschah häufig 
in der Art, dass dieselben einige Bevollmächtigte nach Wien 
sandten, um mit der Hofkammer und den Vertretern des Hof- 
kriegsrathes und des General-Kriegscommissariates eine Verein- 
barung bezüglich der Höhe der Landesbewilligungen zu treffen, 
worauf deren Repartiening nach der im Jahre 1730 zu Radolfszell 
geschlossenen Tind im Jalire 1733 erneuerten Subdivisions-Proportion 
erfolgte. 

Die böhmischen Erblande. 

Die im Jahre 1526 an das Haus Habsburg gelangten Länder 
der böhmischen Krone oder, wie sie später genannt wurden, 
die böhmischen Erblande, nämlich das Königreich Böhmen 
mit der Grafschaft Glatz und dem Bezirke Eger, die Markgraf- 
schaft Mähren und das Herzogthum Schlesien, hatten zur Zeit 
Kaiser Carl VI. eine ähnliche Verfassung und Verwaltung, wie 
die österreichischen Erblande; doch gab es zwischen beiden auch 
wesentliche Unterschiede. Als oberstes Grundgesetz bestand in 
Böhmen die „erneuerteLandesordnung'^ Ferdinand H. 
vom 10. Mai 1627, die „Confirmation der Privilegien des Erb- 
königreiches Böheim" vom 29. Mai 1627 und die „Declaratoricn 
und Novellen'^ Kaiser Ferdinand HI. vom 1. Februar 1640; 
von den älteren Privilegien, Freiheiten imd Majestätsbriefen war 
nur dasjenige in Geltung geblieben, was der „vemeuerten Landes- 



») Staffier, Tyrol und Vorarlberg, 660 u. 671. 



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Ordnung'* nicht widersprach. In Mähren bestand die Landes- 
ordnung Kaiser Ferdinand 11. vom 10. Mai 1028, in 
Schlesien galten die zu verschiedenen Zeiten theils dem ganzen 
Herzogthum, theils n\rr einzelnen Fürstenthümem verliehenen Privi- 
legien, Majestätsbriefe und Verträge seit Ferdinand 11. 

Für die gesammte politische Verwaltung und die Justizpflege der 
b()hmischen Erblande fungierte als oberste Hofstelle die böhmische 
Hofkanzlei in Wien, das Camerale und das Militärwesen in 
Böhmen und seinen Nebenländem unterstand denselben Hofstellen, 
wie das österreichische, nämlich das erstore der allgemeinen Hof- 
kammer, beziehungsweise der Ministerial-Banco-Deputation, das 
letztere dem Hof-Kriegsrathe. 

Die böhmische Hofkanzlei hatte, um den durch jahre- 
lang aufgehäufte llückstände ins Stocken gerathenen (xeschäftsgang 
wieder zu beleben, von Kaiser Carl VI. am 20. April 1719 eine 
neue Instniction, nebst einer den Bedüi'friissen entsprechenden 
Personal vermehnuig erhalten. Laut dieser Instruction ^), nach deren 
Muster auch die im folgenden Jahre der österreichischen Hofkanzlei 
ertheilte verfasst ist, war der Personalstand der böhmischen Hof- 
kanzlei mit einem b r i s t e n Kanzler, einem Kanzler, einem 
V i c e k a n z 1 e r und acht Kätlien, von letzteren zwei aus dem 
Herren-, die übrigen sechs aus dem Kitter- oder Gelehrtenstande, 
festgesetzt. Die Amtsfühnnig wurde dahin abgeändert, dass, sowie 
es im nächsten Jahre auch bei der österreichischen HofTcanzIei 
geschah, dm*ch die Einsetzung zweier Senate, des einen für 
die politischen (Senatus publiconim, politischer Senat), des 
andern für die Justiz-Angelegenheiten (Senatus judicalis, Justiz- 
senat), die Trennung der Justiz von der politischen Verwaltung 
eingeführt wiu^de. Die Bestimmungen über die Eintheilung der 
Käthe in die Senate, über die Führung des Vorsitzes und die Art 
der ßeschlussfassung sind dieselben, wie in der Instruction für die 
öst^iTeichische Hofkanzlei. Nur bezüglich der dem Ersten 
Kanzler der österreichischen Hofkanzlei zugewiesenen 
Leitung der auswärtigen AngelegenheitfMi unterscheiden sich beide 
Jnstnictionen, indem der betreffende Absatz in der Instruction für 
die böhmische Hofkanzlei fehlt. Horvorgelioben zu werden verdient 
folgende Stelle der Instruction : ,,Wir wollen zwar das Kecht, 
welches Uns als König in Böhmen in jui'e ferendo et lege statuenda ^) 



»j Arch. (1. Min. d. Inn. Nieder-Oesterr. lU. A. 2. Nr. 25 ex 1719. 
*) Gesetze und Rechte zu machon. Vom. Landesord. A. VIII. 



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zusteht, vollständig vorbehalten haben und solle Unsere königlich 
böhmische Hofkanzlei nicht befugt sein, neue Constitutiones, 
Declarationes, Pragmaticas oder Novellas in die Länder zu erlassen, 
es wären denn selbige nach vorheriger Vernehmung der Instanzien 
in den Ländern von Uns in dem geheimen Rath gnädigst appro- 
biert worden, inmassen Unser Wille und Mebiung ist, dass 
das Recht durch dergleichen viele und verschiedene, oft wider 
einander laufende Verordnungen in keine Ungewissheit gebracht, 
sondern vielmehr zur Abscheidung des daraus entstehenden Ge- 
zänkes und Schadens auf einen sichern Fuss gesetzt werden soll." 
Es wurde daher weiters der Hof kanzlei aufgetragen, darauf zu sehen, 
dass die etwa vorhandenen einander widersprechenden Resolutionen 
und Verordnungen mit dem wahren Rechte in Einklang gebracht 
und dass insbesondere in Schlesien, wo fast jedes Fürstenthum 
sein besonderes Recht hatte, ohne Abbruch der bestehenden Rechte 
und Gewohnlieiten wenigstens einige Gleichheit hergestellt und 
dass jene Commission, welche vor einigen Jahren eingesetzt wiu'de, 
um die böhmische Landesordnung in eine bessere Verfassung zu 
•bringen und die „Novellas'' und „Pragmaticas" mit derselben zu com- 
binieren, reactiviert und fortgesetzt oder eine neue aufgestellt 
werde, um das AVerk zu Ende zu führen. In dieser Instniction und 
m jener für die österreichische Hof kanzlei richtet Kaiser Carl VI. 
unter Hinweis auf die schwere Verantwortung vor Gott und unter 
Ablehnung jeder Verantwortinig des Kaisers, wenn durch gewissen- 
lose Anträge seiner Rathgeber die Anstellung unwürdiger Individueu 
erfolgen sollte, die eindringlichsten Mahnungen an die Hofstellen, 
immer nm: Bewerber von gutem Ruf, Fähigkeit und Integrität des 
Charakters, besonders wenn es sich um die Besetzung solcher 
Stellen handelte, mit welchen richterliche Functionen verbunden 
waren, vorzuschlagen. 

Die Länder der böhmischen Krone genossen ebenfalls das 
Vorrecht eines „Territorii clausi'', innerhalb dessen keine fremde 
Landeshoheit entstehen konnte und der Privilegien ,,de non evo- 
cando'^ und ,,de non appellando" ; daher gab es innerhalb der 
Grenzen Böhmens, Mährens und Schlesiens keine reichsunmittel- 
baren Stände oder Kirchenfürsten, keine freien Reichsstädte; kein 
Landesangehöriger konnte von einem auswärtigen Gerichte belaugt, 
keine Streitsache vor den römischen Kaiser oder die Reichs- 
behörden gebracht werden. Es gab nur eine Appellation an den 
Landesfursten als K ö.n ig von Böhmen.') 

>) Jani Perontini, De Consiliis etc. 49. 



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106 

Das Verhältniss der böhmischen Erblande zu den österreichLschen 
war das der Personal-Union, jedoch beeinfliisst durch eine weitaus- 
gedehnte Literessen-Gemeinschafb, welche zwei gemeinsame Hof- 
stellen und zahlreiche gleiche Einrichtungen entstehen Hess, trotz- 
dem die Verwaltung der beiden Ländergruppen vollständig von 
einander getrennt und unabhängig war. Zu einander standen die 
drei böhmischen Kjonländer nach dem Inslebentreten der „ver- 
neuerten Landesordnungen" im Verhältniss völliger Gleichberech- 
tigung, wobei allerdings Böhmen als der grösste und ehemals 
herrschende Theil, in dessen Hauptstadt die Königskrönungen statt- 
fanden, einen gewissen Vorrang behauptete, lunsomehr, als auch 
der Obriste Kanzler der böhmischen Hofkanzlei dem Hocbadel 
Böhmens angehörte. Ein so inniger Verband, wie er beispielsweise 
durch die gemeinsam übernommene Erhaltung des Kriegswesens in 
der Grenze zwischen den drei innerösterreichischen Herzogthümem 
entstanden war. fehlte bei den drei böhmischen Kronländem, aber 
es fehlte auch jene scharfe Scheidung, jener ausgeprägte Particu- 
larismus, welcher zwischen den drei Gruppen der' österreichischen 
Erblande, nämlich zwischen Nieder-Oesterreich, Inner- esterreich 
und Ober- und Vorder-Oesterreich (Tyrol und die Vorlande) sich 
in Folge der Erbtheilungen und der dadurch bedmgten politischen 
und administrativen Trennung entwickelt hatte. 

Böhmen. 

Nach der Unterdrückung des Aufstandes imd des Protestan- 
tismus in Böhmen war durch die vom Kaiser Ferdinand H. am 
10. Mai 1627 erlassene ,,vemeuerto Landesordnung" in diesem Lande 
thatsächlich der Absolutismus eingeführt und die ständischen Rechte 
zu einem blossen Scheine herabgedrückt worden. Nm* der König 
hatte das Recht, dem Landtage Vorlagen zumachen; jedes Mitglied 
wäre hart bestraft worden, wenn es ohne Befehl des Königs auch 
nur einen Antrag eingebracht hätte. Klar und deutlich spricht hier- 
über der Artikel VI der vemeuerten Landesordnung : ,,So soll sich 
Keiner, was Würden, Stands oder Wesens der auch sein mag, ujiter- 
stehen, vor sich selbsten, ohn Unsem oder der nachkommenden 
Könige imd Erben zum Königreich sonderbaren Befehl etwas, es 
treffe an, was es wolle, denen Ständen zu proponieren und 

zur Berathschlagung münd- oder schriftlich vorzubringen 

Derselbe Verbrecher soll mit allen Ungnaden und Ernst gestraft 
werden.'^ Erst nach dem ,,Declaratorium'' vom Jahre 1640 war den 



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107 

Ständen wenigstens gestattet, über geringere Anträge, welche des 
Königs Person, Hoheit oder Regalien nicht betrafen, mit Vor- 
wissen des Königs oder der Landtags-Commissäre zu berathen und 
ihre Beschlüsse der königlichen Sanction zu unterbreiten. Das Recht 
der Gesetzgebung und Alles, was mit demselben zusammenhängt, 
war dem Könige ausschliesslich vorbehalten. 

Das wichtigste Vorrecht, das den Ständen geblieben war, 
bestand darin, dass laut Artikel V der Landesordnung die Contri- 
bution auf den Landtagen nur gegen die gewöhnlichen, die Privi- 
legien der Stände wahrenden Reverse verlangt werden konnte. Doch 
schwindet die Bedeutung dieses Rechts erheblich durch die weitere 
Bestimmung desselben Artikels, dass an die Contributions-Bewilligung 
keine, die landesförstlichen Rechte beeinträchtigende Bedingung 
geknüpft oder dieselbe als Mittel zur Erlangung neuer Privilegien 
imd Freiheiten benützt werde. Lnmerhin blieb aber den Ständen 
wenigstens die Vertheilung und theilweise auch die Einhebung der 
Steuern und ihr grosser Einiiuss auf die Verwaltung, wodurch die 
Regierung bei allen ihren Schritten sich gelähmt fühlte. ^) 

Die Art, wie die böhmischen Stände dem Könige die Erb- 
huldigung leisteten, ist dadurch bemerkenswerth, dass in Böhmen 
ausser der allgemeinen Erbhuldigung noch eine besondere Hul- 
digung jedes Einzelnen, der zum Landtage zugelassen werden 
wollte, stattfand, eine Einrichtung, die in Oesterreich und Ungarn 
nicht üblich war. 

Die Stände zerfielen in vier Classen: G-eistlichkeit, Herren, 
Ritter und königliche Städte. Solange die Hussiten und später die 
Protostanten die Oberhand in Böhmen hatten, war der ganze Prä- 
latenstand von den Landtagen ausgeschlossen, Ferdinand H. 
aber verfugte im Artikel XXIV der erneuerten Landesordnung, 
dass der Erzbischof zu Prag mit und sammt den Prälaten und 
der ganzen Clerisei des Königreiches nicht allein für einen Stand 
desselben zu ewigen Zeiten gehalten werden, sondern auch solch' 
geistlicher Stand, wie bei andern wohl bestellten christlichen Regi- 
men ten gebräuchlich, der erste und vornehmste unter allen Ständen 
sein solle, doch also und dergestalten, dass allein der Erzbischof 
und diejenigen Geistlichen, welche eine Inful oder Bischofshut zu 
tragen durch Privilegien oder altes Herkommen berechtigt und 
daneben in der königlichen Landtafel eingeschriebene Güter 

*) Hub er, Gesdiichte der österreichischen Verwaltungsorganisation, 16. — 
P ü 1 1 e r, Historisch-politisches Handbuch, I. 157. — Landesordnung, A. VIU. 
u. XU. 



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108 

besitzen, zugedachten Landtagen berufen oder beschrieben und bei 
solchen Zusammenkünften den ganzen geistlichen Stand und die 
gesammte Clerisei repräsentieren, mithin diese inftdierten Greist- 
lichen sämmtlich in den Landtagen und anderen gemeinen Land- 
saclien nicht weniger, als gedachter Erzbischof den Herzogen und 
Fürsten vorgelien und ihre Sessionen und Stimmen sowohl vor 
denselben, als den Herren haben, dann der Erzbischof „Primas regni" 
genaimt und demselben die oberste, nach ihm aber, wenn sonst 
kein Bischof vorhanden, die nächste Stelle dem obersten Prior des 
ritterlichen Malteser-Ordens im Königreich Böhmen vor allen andern 
Prälaten gebühren sollte. 

Theils zur Entschädigung der Geistlichkeit für die verlorenen 
Güter, theils zur Ausbreitung des Katholicismus hatte Kaiser 
Ferdinand H. als König von Böhmen mit Papst Urban Vlil. 
den sogenannten Salz-Contract geschlossen, kraft dessen der Käufer 
zum Besten der katholischen Keligion imd des Clerus des König- 
reiches Böhmen von jeder grossen Kiste Salz einen Aufschlag von 
15 Kreuzern anwies und zweitens sich ver|)flichtete, diese Stiftung 
nicht zu widerrufen, ferner dass diese Abgabe nicht von den könig- 
lichen Einnelmieni, sondern von den bestellten der Geistlichkeit 
eingehoben werden und dem Papst das ausschliessliche Vei*ftigungs- 
recht darüber zustehen solle. Die „Cassa salis'', Salzkasse, befand 
sich in der erzbischöflichen Residenz in Prag und ihre Einnahmen 
beliefen sich jährlich auf etwa 30.000 fl. Es wurden davon gleich 
Anfangs den Benedictin em, Cisterciensern und Prämonstratensem, 
welche Orden diu-ch die Religionsminihen am meisten gelitten 
hatten, jährlich 56G0 fl. 40 kr. zur Unterhaltung eines Seminars 
angewiesen. Seit den Zeiten Kaiser Ferdinand ü. war die 
früher sehr herabgekommene böhmische Geistlichkeit wieder zu 
solchem Reich thum gelangt, dass der der Geistlichkeit doch so 
sehr geneigte Kaiser Leopold L schon im Jahre K^OO sich ge- 
nötliigt sah, der Geistlichkeit in Böhmen den weitern Ankauf von 
Gütern zu verbieten '). 

Der böhmische Herrenstand, unter welchem der Fürst von 
Schwarzenberg als Herzog von Krumau den ersten Rang eiimahm. 
war reicher, als jener der andern Erblande. Dasselbe galt von dem 
Ritterstande, der ehemals sehr mächtig und zeitweise sogar dem 
Herrenstande überlegen war. 

*) Bartenstein, Denkschrift über die Vorfassung von Böhmen, 
Mähren und Schlesien. (H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 63.) 



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109 

Den vierten Stand bildeten die königlichen Städte, zweiimd- 
vierzig an der Zahl, nämlich vierundzwanzig privilegierte, neun nicht- 
privilegierte und neun sogenannte königliche Leibgeding-Städte. 
F er dinandü. hatte die Städte wieder als vierten Stand aufgenommen'), 
aber dieselben für ihren Abfall dadurch gestraft, dass sie, mit Ausnahme 
von Pilsen mid Budweis, welche allein treu geblieben waren, von jedem 
Fass daselbst gebrauten oder von anderwärts dahin eingeführten 
Bieres eine Abgabe von 1 fl. rhein. Währ, entrichten mussten. Einige der 
privilegierten Städte, nämlich die drei Prager Städte, dann Pilsen, 
Budweis, Kuttenberg und Saaz, hatten das Vorrecht, dass ihre 
Bürger landtafelfähig waren. Ihre weiteren Vorrechte, dann die der 
übrigen privilegierten Städte bestanden darin, dass sie nicht dem 
Landes-Unterkämmerer, sondern einer besonderen Direction unter- 
geben waren. Die königlichen Leibgeding-Städte, von denen jede 
gekrönte Königin von Bölunon ihre besonderen Einkünfte bezog, 
standen ebenfalls unter einer besonderen Verwaltung. ^ Die unge- 
heure Mehrzahl der Städte, nämlich alle unterthänigen und die 
gesammte Bauernschaft hatten keine Vertreter auf dem Landtage. 

Weniger als die Verfassung war der Verwaltungs-Organismus 
des Königreiches Bölunen dm^ch die Landesordnmig vom 10. Mai 1G27 
verändert worden. Die Beamten geriethen durch dieselbe in grössere 
Abhängigkeit von dem Könige, da sieh der König das Recht vor- 
behielt, die Aemter nach seinem Gutdünken an geeignete in Böhmen 
sesshafte Personen zu vorleilien ; auch fand statt der früher lebens- 
länglichen Bestellung der obersten Landesbeamten jetzt zumeist 
nur eine solche auf eine bestimmte Zeit statt. Wähi'end frülier die 
obersten Landesbeamten nicht nur dem Könige, sondern auch „dem 
Herren- und Kitterstande und der ganzen Gemeinde des König- 
reichs Böhmen" schwören mussten, leisteten sie später den Eid 
•nur dem Könige allein und sollten auch nicht mehr ,, oberste 
Landesofficiere des Königi-eiches Böhmen", sondern ,,k ö n i g 1 i c h e 
oberste Landesofficiere im Königreiche Böhmen" 
genannt werden. ^) 

*) Das Recht der Städte auf Sitz und Stimme im Landtage war ihnen 
früher wiederholt geschmiüert worden, dann bildeten sie während der Ver- 
drängung des geistlichen Standes den dritten Stand. (Hube r, Oesterr. 
Heichsg. 85 f ) 

*; Bartenstein, Denkschrift etc. (H. H. u. St A. Handschr. Nr. 63.) 
^ H u b e r, Oesterr. Reichsgeschichte. 140 iF. ~ G i n d e 1 y, Geschichte 
der Gegenreformation in Böhmen. 431 ff. — Toman, Das böhmische 
Staatsrecht. 51 ff. 



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110 

Als oberste Landesoffi eiere waren bestellt: der Obrist-Bnrggrafj 
der Obrist-Landhofineister, der Obrist-Laiidmarschall, der Obrist- 
Landkämmerer, der Obrist-Laudricliter, der obriste Kanzler, der 
Obrist-Hoflehenrichter, der Äppellations-Präsident, der Kammer- 
Präsident, der Obrist-Landschreiber und der Land-Unterkämmerer. 
Diese obersten Landesbeamten, nebst dem Grossprior des Johanniter- 
Ordens im Königreiche Böhmen, dem Burggrafen des Königgrätzer 
Kreises und mehreren Beisitzern aus dem Herren- und Ritterstande 
bildeten zusammen die königliche Statthalterei. Dieselbe 
war von Rudolf 11. im Jahre 1577 eingesetzt worden und hatte 
ihre damalige Organisation im Wesentlichen beibehalten. Den 
Vorsitz führte der Obrist-Burggraf von Prag. Ihre Aufgabe bestand 
in der Wahrung der katholischen Religion imd der landesfurstUchen 
Gerechtsame, in der Förderung der öffentlichen Sittlichkeit, in der 
Ausübung der Rechtspflege und der Polizei, Ueberwachung der 
öfi*entlichen Anstalten und der Verw^altimg der königlichen Städte 
u. s. w. gemäss den Bestimmungen der Landesordnung, der ihr 
ertheilten Listruction und den Weisiuigen der böhmischen Hof- 
kanzlei *). 

Der königlichen Statthalterei untergeordnete politische Ver- 
waltungsbehörden waren die Kreishauptmannschaften. Böhmen war 
schon von Kaiser Carl IV. in 15 Kreise eingetheilt worden, zu 
denen noch der Egerer und Elbogener Bezirk imd die Grafschaft 
Glatz kamen. . Kaiser Carl Au. theilte das Land in zwölf Kreise, 
nämlich den Königgrätzer, Bmizlauer, Chrudimer, Czaslauer, 
Kaurzimer, Bechiner, Pracliiner, Pilsner, Saazer, Leitmeritzer, 
Rakonitzer und Beramier. Li den Kreisen waren Kreishauptleute 
angestellt, welche nebst der Einhebung der Contribution luid der 
Sorge fui' die Bequartienuig und Ver[)flegung der durchmarschierenden 
Truppen überhaupt darüber zu wachen hatten, dass in dem ihnen 
anvertrauten Bezirke die Gesetze beobachtet, die ergangenen Be-* 
fehle schleunig vollzogen, gute Polizei gehandhabt, die Bedrückiuig 
der Unterthanen diu'ch ihre Gutsherrschaften verhindert, Missbräuche 
und Uebelstände abgestellt werden. Da aber einige dieser zwölf 
Kreise zu gi'oss waren, als dass ein Kreishauptmann und dessen 
Untergebener sie hätten übersehen können, so wiu^den im König- 
gi'ätzer, Bechuier, Pilsner und Saazer Kreise je zwei Kreishauptleut« 
angestellt, so dass dadiu-ch eigentlich sechzehn Kreise entvStanden. 

M Fellner, Zur Geschichte der österr. Contralverwaltung. (Mitth. d. 
Inst. VII 2D8 Ü\) — Arch d. Min. d. Inuerii, Böhmen, III.A. 4. Nr. 14 ex 172a 



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111 

Die Bezirke Eger und Elbogen waren zur Zeit Kaiser Carl VI. 
dem Königreiche Böhmen bereits vollständig einverleibt und 
nicht mehr als blos zu Böhmen gehörig, sondern als Theile des- 
selben anzusehen^). In der Grafschaft Glatz bestanden seit Kaiser 
Ferdinand IE. eigene Landeshauptleute, es war Alles wie in 
Böhmen eingerichtet und auch die Contribution der Grafschaft, 
welche den 18. ITieil jener des Königreiches Bölmien betrug, wurde 
an das General-Steueramt in Prag abgeführt. 

Die Justizpflege war auch in Böhmen nach dem Principe 
organisiert, dass für die Frage, welches Gericht in jedem einzelnen 
Falle zur Untersuchung imd Urtheilsfällung competent sei, nicht 
blos die Sache oder der Gegenstand des gerichtlichen Verfahrens, 
sondern auch die Person des Belangten den Ausschlag gab. 
Daher bestanden auch in Bölmien, sowie in Oesterreich, verschiedene 
Gerichtsstellen für die verschiedenen Bevölkerungsclassen. Das 
grössere Landrecht unter dem Vorsitze des Obrist-Burggrafen 
und Mitgliedern des Herren- und Eitterstandes als Beisitzern, war 
das Gericht für alle ständischen Mitglieder und auch für jene 
Geistlichen, welclie landtäf liehe Güter besassen. Seine Competenz 
erstreckte sich auf die Criminal- und Civilrechts-Angelegenheiten 
der erwähnten Personen. Ueber geringfügigere Streitigkeiten 
ständischer Mitglieder oder geistlicher Besitzer entschied das 
kleinere Land recht, das aus einer kleinen Anzahl von Landes- 
beamten zusammengesetzt war. Das Landtafel amt oder die 
Landtafel^ entschied in gewissen Angelegenheiten, welche land- 
täfliche Güter betrafen, z. B. über Gütertheilungen, Abtretung und 
Herausgabe von Erbschaftstheilen u. s. w. selbstständig imd vollzog 
die von andern Gerichten bezüglich landtäflicher Güter gefällten 
Urtheile. Das Kammergericht imter dem Vorsitze des Obrist- 
Landhofmeisters entschied in Civilstreitigkeiten über bewegliche 
Güter, Erbschaften, Schulden, Schadenersatz u. s. w., aber keines- 
falls in Streitsachen über unbewegliche Güter. Das H of 1 eh en- 
ger ich t unter dem Vorsitze des Hoflehenrichters entschied in 
Lehensachen. In den königlichen Städten übten die Magistrate, in 
den unterthänigen aber und auf* dem Lande die Grundherren 

*) Die Abgabe der Ziistimmung des Egerlandes zur pragmatischen Saiiction 
geschah 1720 indessen noch in einer besonderen „Erklärung" und mit einem 
Hinweis auf den „Pfandschilling". 

') Der Ursprung der böhmischen Landtafel wird auf den König Johann 
von Luxemburg zurückgeführt. (Fütter, Hist. pol. Handb. I. 148.) 



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112 

entweder selbst oder durch liierzu bestellte Beamte die Rechtspflege 
aus, doch überliesseu sie dieselbe iu den unterthänigen Städten 
gewöhnhch den Magistraten, welche von den Bürgern gewählt 
wurden, aber der Bestätigung durch den GrundheiTn bedurften. Von 
den städtischen Magistraten und den giiindherrschafthchen Gerichten 
gieng die Berufung an das Appellationsgericht oder die 
Appellationskammer in Prag ; vom Landrechte und von der 
Appellationskammer konnte, sofern gerichtsordnungsmässig eine 
Berufung zulässig war, die Benifting an den König ergriffen werden. \) 
Die Competenz der Militärgerichte war in Böhmen dieselbe, wie in 
den österreichischen Ländern. 

Die Finanz- und Cameralverwaltung in Böhmen besorgte die 
der kaiserlichen Hof kammer in Wien untergeordnete böhmische 
Kammer, welcher die Mauth-, Zoll- und GefäUsämter, die landes- 
fiirstlichen Münz- und Kentmeister, die auch die königlichen Domänen 
zu verwalten hatten, untergeordnet waren. Das Deputierten- 
amt in Prag jedoch, welchem die Gebahrung mit dem Salz-, 
Wein-, Bier- und Dazgefälle ^) oblag, unterstand nicht der böhmischen, 
sondern direct der Hofkammer in Wien ^. 

Da in früheren Zeiten die Stände und die Unterthanen nicht 
in gleichem Verhältnisse besteuert waren, richtete sich die Höhe 
der von einem Eealbesitze zu entrichtenden Abgaben darnach, ob 
derselbe einer Grundherrschaft oder einem Unterthan gehörte. 
Die Dominien, der Grundbesitz der Stände, waren geringer be- 
steuert, als die Bauemgriinde, weil die Stände von der Ordinar- 
Contribution befreit waren und nur das sogenannte Extraordinarium 
aufzubringen hatten. Um mm in das Contributions-Erträgniss eine 
gewisse Beständigkeit zu bringen und festzusetzen, was als Herr- 
schafts- und was als Unterthanengrund zu besteuern sei, wurde ein 
„annus normativus", ein Normaljahr, angenommen, nämlich das 
JaJn' 1(383. Was im Jahre 1083 ein Unterthan besessen hatte, das 
mussto fortan, auch wenn es der Gutsherr S23äter an sich gezogen, 
rusticaliter, d. h. nach dem Ausmass für Unteithanen, die Steuer 
entrichten, dagegen blieb dasjenige, was damals der Gutsherr 
besessen, im Genüsse der Steuerbegünstigung und wurde dominica- 
liter, d. h. nach dem Ausmasse für GrundheiTsehaften vei^teuert, 

^) Krön OS, Geschichtfj Oesterreichs, IV. 409 if. — Hub er, Oesterr. 
lleichsgesch. 110 ff. 

''') Daz (dazio di consiuno) = Consum- oder Verzehnmgssteuer, 
*) M e u .s i, Die Finanzen Üesterreiclis, G. 



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113 

auch wenn der Q-rund einem Unterthanen überlassen wurde, nach 
dem Gnmdsatze : Die Last haftet aufdemGrunde, nicht 
auf dem Besitzer. Dadurch war das Steuererträgniss oder 
vielmehr die Steuervorschreibung in Böhmen stabil, während in 
andern Ländern, namentUch in Ungarn, wo der Adel von jeder 
Steuer befreit war, das Steuererträgniss sich verminderte, wenn 
ein Adeliger einen Bauemgrund an sich brachte. ^) 

Li keinem andern österreichischen Erblande war der Bauer 
so sehr in die Gewalt des Adels gelangt, als in Böhmen und 
zum Theil auch in Mähren. Es gab in Böhmen zwar auch freie 
Grundbesitzer, die sogenannten Freisassen, welche von aller 
gutsobrigkeitlichen Gerichtsbarkeit und den damit verbundenen 
Leistungen befreit und sowohl selbst, als ihre Güter, der landes- 
fiirstlichen Gerichtsbarkeit unterworfen waren. Diese freien Besitzer 
freier Landgüter gehörten weder zu den Ständen des Landes, 
noch zu den Bürgern der privilegierten Städte. ^) Alle übrigen 
Bauern lebten im Zustande der Hörigkeit oder Leibeigenschaft, 
waren ein Bestandtheil der liegenden Güter, wurden mit diesen 
erworben und wieder veräussert, besassen die Grundstücke nur 
zeitlich und widerruflich, waren des Erbrechtes unter Ver- 
wandten und der Freizügigkeit beraubt und nur insoferne ein Ge- 
genstand der Gesetzgebung, als sie in dem Eigenthum eines Dritten 
begriffen waren. Das Landvolk in diesen Zustand der Leibeigen- 
schaft zu setzen, war dem böhmischen Adel nach langjährigen Be- 
mühungen endlich durch den Landtagsbeschluss vom 14. März 1487 
gelungen, mit welchem die „Strafe für Ungehorsam" ausgemessen 
wurde *). Damit waren die Bauern ganz der "Willkür der Grund- 
herrschaften überliefert. Die Leibeigenen oder Hörigen standen, 
wie das Gut selbst, zu dem sie gehörten, in der „Gewer", d. i. 
im Besitze des Gutsherrn, welcher den ihm eigenen Mann mittels 
gerichtlicher Klage (sogenanntes Besatzungsrecht) in Anspruch nehmen 
konnte. Der Gutsherr nahm einen Theil des Nachlasses seiner Hörigen 
in Anspruch, besonders das beste Vieh. Zu seiner Verehelichung 
bedurfte der Hörige der Erlaubniss seines GutsheiTn, für welche er 

») Barten stein, Denkschrift etc. (H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 63.) 
— Twrdy, Pragmatische Geschichte der böhmischen Freisassen, 27 f. 

«) Twrdy, a. a. 0. 10 ft. 

•) Grünberg, Die Bauernbefreiung in Böhmen, Mähren und Schlesien, 
I. 95 AT. — Palacky, Geschichte von Böhmen, V. 1. Abth. 290 ff. 

Oesterreichigoher Brbfolgekrieg. I. Bd. ^ 



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114 

natürlicli eine Gebühr entrichten musste. Dann waren die zahl- 
reichen Zinsen und Abgaben, Zehente, Gnmdzinsen, die Lieferungen 
an Naturalien, z. B. G-arten- und Rauchhühner, Ostereier, Pfingst- 
lämmer, Martinsgänse, Zinskom, Wachs, Honig u. s. w. ; endlich 
die persönlichen Dienstleistungen, die Roboten und sogenannten 
Herrendienste. Ihren schärfsten Ausdruck aber fand die Unter- 
thänigkeit in der „ö utsbehörigkeit" oder „S c h o 1 1 e n p f 1 i c h- 
tigkeit", d. h. in der Auf hebung der Freizügigkeit unterthäniger 
Personen zu Gunsten eines bestimmten Gutsbezirkes, aus welchem 
sie sich ohne Erlaubniss der Gutsherrschaft weder zeitweilig, noch 
dauernd entfernen durften ^). Die Unterthanen besassen in Böhmen 
und Mähren, ausser ihrer Gutsherrschaft gegenüber, weder die active, 
noch die passive Processfähigkeit ; nicht die Unterthanen 
klagten, sondern die Obrigkeit trat für dieselbe als Kläger auf, 
wie auch umgekehrt sie in Vertretung ihrer Unterthanen belangt 
wurde*). 

Wenn auch der Unterthan das Recht der KJage gegen seine 
Obrigkeit hatte und speciell die Kreisämter darüber wachen sollten, 
dass keine ungebührlichen Bedrückungen der Unterthanen stattfänden, 
war es fiir den Unterthan doch sehr schwer und gefahrlich, den 
Weg der Klage zu betreten, denn einestheils hatte er die Rache 
des Gutsherrn und seiner Beamten zu fürchten und zweitens 
war die Aussicht auf einen Erfolg der Klage sehr gering, da dem 
Bauern gegenüber nur zu oft der Grundsatz zur Geltung kam : „Ver- 
pflichtet bist du nicht, aber du musst" ^). 

Einen genaueren Einblick in die Verhältnisse der Unterthanen 
zu üirer Grundherrschaft gibt das Robot-Patent für Böhmen und 
Mähren vom 27. Januar 1738, durch welches die früheren Patente 
theils erläutert, theils ergänzt wurden *). Hiemach waren den unter- 
thänigen Gemeinden und Bauern alle Zusammeiu'ottungen zum 
Zwecke der Selbsthilfe strengstens verboten, die Unterthanen 
sollten ihre Beschwerden in Form von Bitten bei den Grundobrig- 
keiten selbst vorbringen und im Falle der Fruchtlosigkeit sich an 
das Kreisamt wenden. Von den Kreisämtem stand beiden Theilen 
der Recurs an das Gubemium (Statthalterei, Tribunal) und endlich 
an den Landesförsten offen. Im Einzelnen wird bestimmt, dass die 



*) Grünberg, a. a. 0. I., 7. 
•) G r ü n b e r g, a. a. 0. I. 29. 

») Palacky, Geschichte Böhmens. V., 1. Abth. 300. 
*) Arch. d. Min. d. Innern, Böhmen, IV. K. 1, Nr. 17, ex 1733. — 
G r ü n b e r g, a. a. 0. II. 30 ff. 



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115 

Sonn- und Feiertage, ausser in Fällen dringender Noth bei ausser- 
ordentlichen Ereignissen, robotfrei und der normale Robottag mit 
höchstens zehn Arbeitsstunden bemessen sein sollte; den Bauern 
musste die nöthigeZeit zur Besorgung der eigenen Wirthschaft gelassen 
werden. Die Robot war nach der Grösse, der Güte und dem Er- 
trägnisse der dem Bauer überlassenen Grundstücke zu bemessen. 
Die Unterthanen waren verpflichtet, auch auf andern, jedoch nicht 
über anderthalb Meilen entfernten Gütern und Meierhöfen zu roboten, 
wenn auf dem Hofe, welchem sie eigentlich zugewiesen waren, nicht 
genügende Arbeit vorhanden. Der Obrigkeit stand es zwar frei, 
die nicht benöthigte Naturalrobot in einen Robotzins zu ver- 
wandeln, jedoch nur unter der Bedingung, dass dadurch die 
andern Unterthanen, welche Naturalrobot leisteten, nicht etwa zu 
grösseren Leistungen, als sie verpflichtet wären, verhalten würden 
und dass der bedungene Robotzins im Verhältnisse zu dem 
thatsächlichen Verdienste stand, welchen der Unterthan durch die 
Freilassung von der Robot erzielen konnte. Die Gespunstschuldigkeit, 
d. i. die Ablieferung einer bestimmten Menge Garns, die Unter- 
haltung einer gewissen Menge herrschaftlichen Viehes durch die 
Unterthanen, das Hopfensammeln und andere an einigen Orten 
gebräuchliche Leistungen durften nur in dem Masse gefordert werden, 
als sie in den Urbarien begründet erschienen. Der Zwang, dass 
die Unterthanen der Herrschaft eine gewisse Menge Wirthschafts- 
producte, z. B. Eier, Branntwein, Käse, Butter, Fische, Vieh, Ge- 
flügel u. s. w. unter allen Umständen zu einem bestimmten Preise 
abkaufen mussten, wurde verboten, jedoch unbeschadet des Brau- 
urbars und der Wein- und Branntweinschanks-Gerechtigkeit, vermöge 
welcher die Herrschaften berechtigt waren, die Einfuhr fremden 
Bieres, Weines oder Branntweins auf ihren Grund und Boden zu 
verbieten. Die Unterthanen sollten mit der Contribution und andern 
Steuern nicht überbürdet und namentlich nicht solche Aus- 
lagen aus der Contribution bestritten, d. h. dem Unterthan auf- 
gebürdet werden, welche nicht zur Bestreitung der Landeserfor- 
demisse, sondern nur zur Vermehrung des Einkommens der herr- 
schaflilichen Beamten dienten. Die Geldstrafen, welche einige Obrig- 
keiten zu ihrem eigenen Vortheil und zum Schaden der Contri- 
butionsfahigkeit der Unterthanen nicht ungeme verhängten, wurden 
zwar nicht gänzlich verboten, sondern im GegentheU angeordnet, 
nicht allsogleich und rücksichtslos mit ehrverletzenden Züchti- 
gungen gegen Jeden, ohne Unterschied der Person und der 
Natur des Vergehens vorzugehen, nur durften Geldstrafen niemals 

8* 



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116 

von einem obrigkeitlichen Beamten, sondern nur von der Obrig- 
keit selbst verhängt und die Strafgelder nicht zu Gunsten der 
Obrigkeit oder gar deren Beamten, sondern zirni Unterhalte der 
Armen derselben Gemeinde oder Gutsherrschaft gewidmet und ver- 
wendet werden. 

Die Kreis- und Stadthauptleute hatten über die Beachtung 
dieses Patentes zu wachen und gegebenen Falls, ohne eine Klage 
abzuwarten, ex officio einzuschreiten und Abhilfe zu treffen. Ueber 
schuldtragende Beamte konnte das Kreisamt eine Geldstrafe von 
fünfzig bis hundert Reichsthalern verhängen; war jedoch die Obrig- 
keit selbst schuldig, so hatte das Kreisamt hierüber an das 
königliche Gubemium zu berichten, welches auf eine Strafe von 
hundert bis zweihundert Ducaten erkenuen konnte und hiervon 
fallweise an den Kaiser Bericht erstatten sollte. In besonders 
schweren Fällen, wo eine Geldstrafe keine genügende Sühne ge- 
wesen wäre, sollte die Entscheidung des Kaisers eingeholt werden, 
tun solche hartherzige Herrschaften mit dem Zwangsverkaufe ihrer 
Güter und der Unfähigkeitserklärung zxmi Besitze von Immobilien 
zu bestrafen. 

Dass Bedrückimgen und rücksichtslose Ausbeutung der Unter- 
thanen in Böhmen häufiger vorkamen, als etwa in Nieder-Oester- 
reich, findet theilweise einen Erklärungsgrund darin, dass in Nieder- 
Oesterreich die Herrschaften ftlr die Contribution ihrer Unter- 
thanen hafteten und somit ein Interesse daran hatten, dfitös der 
Unterthan contributionsf ähig bleibe, während in Böhmen eine solche 
Haftung der Gutsherrsohaft nicht bestand und es somit dem Guts- 
herrn gleichgiltig war. ob seine Unterthanen die landesfiirstlichen 
Abgaben entrichten konnten oder nicht *). 

Mähren. 

Zwischen der Verfassung und Verwaltung Böhmens und 
Mährens bestand seit den von Kaiser Ferdinand H. am 10. Mai 1627 
für Böhmen und am 10. Mai 1628 fiir Mähren erlassenen Landes- 
ordnungen und den späteren Declarationen kein wesentlicher Unter- 
schied. Die Rechte der Stände waren in Mähren ebenso zu Gunsten 
der landesfürstlichen Gewalt eingeschränkt worden, wie in Böhmen 
und erstreckten sich ebenfalls nur auf die Repartition und Ein- 
hebung der Contribution. 



>) H. H. u. St A. Handschr. Nr. 62. 



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117 

Eine kurze Zeit hatte Mähren gewissermassen seine eigene 
Hofstelle, indem im Jahre 1611 bei der böhmischen Hofkanzlei 
neben dem Obristen Kanzler ein eigener Vicekanzler für Mähren 
bestellt wurde. Doch schon im Jahre 1616 wurde diese Einrichtung 
wieder aufgehoben imd die sogenannten „Nebenländer" Böhmens der 
obersten Leitung der böhmischen Hofkanzlei unterstellt.*) 

Die oberste politische Landesstelle und zugleich königliches 
Gericht für Mähren war das im Jahre 1636 errichtete Tribunal 
in Brunn, entsprechend der niederösterreichischen Regierung oder 
der böhmischen Statthalterei, nach deren Muster dasselbe auch im 
Allgemeinen organisiert war. Das Tribunal bestand aus dem Landes- 
hauptmann als Vorsitzenden und den übrigen obersten Landes- 
Officieren, nämlich dem Obrist-Landeskämmerer, dem Obrist-Land- 
richter, dem Obrist-Hofrichter, dem Landes-Unterkämmerer und 
dem Obrist-Landschreiber, dann mehreren Mitgliedern des Herren- 
und Eitterstandes als Beisitzern. Die Obliegenheiten dieses Tribunals 
waren dieselben, wie jene der böhmischen Statthalterei. Laut der 
Instruction vom 13. Mai 1739^ bestanden dieselben in der 
Förderung der katholischen Religion, in der Aufrechthaltung der 
Regalien, landesfürstlichen Hoheiten und Herrlichkeiten, besonders 
der erneuerten Landesordnung und der kaiserlichen Sanctionen, 
Beförderung des Handels und der öffentlichen Wohlfahrt, Aufrecht- 
erhaltung einer guten Polizei und der öffentlichen Sittlichkeit, sorg- 
fältigen Beobachtung aller Vorgänge im Lande imd den Nachbar- 
gebieten und sofortigen Berichterstattung, eventuell provisorischen 
Vorkehrungen. Ferner unterlagen der Judicatur des Tribunals die 
sogenannten causae summariae, summarische Processe in Civilrechts- 
angelegenheiten, welche keiner längeren Voruntersuchung bedurften, 
also Klagen in Schuld- und Bürgschafts-Angelegenheiten, wenn 
schriftliche Schuld- oder Bürgschafts-Urkunden vorhanden waren, 
Verlassenschafts-Angelegenheiten, Lohn- und Miethstreitigkeiten 
und alle jene Fälle, in welchen beide Parteien selbst einen 
summarischen Prooess begehrten. Zur Ersparung der Kosten, besonders 
wenn es sich um geringe Streitbeträge handelte, stand es dem 
Kläger frei, seine Klage entweder bei dem Tribunal oder bei dem 
Kreisamte einzubringen. Das Kreisamt hatte die Erhebungen zu 
pflegen, die Parteien zu vernehmen, auf einen gütlichen Vergleich 
zwischen denselben hinzuwirken und, wenn dieser nicht zu Stande 

. ») Hub er, Oesterr. Reichsgesch. 141, Anm. 4. 

«) Arch. d. Min. d. Inn., Mähren, UI. A. 4. Nr. 15 ex 1739. 



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118 

kam, die Acten mit einem ausführlichen Berichte und Gutachten 
dem königlichen Tribunal zur Entscheidung vorzulegen; eine 
UrtheüsfiLllung in solchen Streitigkeiten stand den Kreisämtem 
nicht zu. Schon im Jahre 1726 war eine Personalvermehrung beim 
königlichen Tribunale genehmigt worden, hauptsächlich zu dem 
Zwecke, um die Formierung zweier getrennter Senate zu ermög- 
lichen und dadurch den Geschäftsgang zu beschleunigen. Bis zum 
Jahre 1739 waren diese getrennten Senate aber nur äusserst selten 
activiert worden, desshalb wurde in der neuen Instruction festgesetzt, 
dass die bisherige Benennung „Senatus major" und „Senatus minor", 
grösserer und kleinerer Senat, aufzuhören und dafür die Eintheilung 
in „Senatus publicorum", politischer Senat, und „Senatus judicialis", 
Justiz-Senat, zu gelten habe. Im Justiz-Senat mussten ausser dem Vor- 
sitzenden noch sechs Votanten zugegen sein; waren weniger als 
sieben Personen anwesend, so konnten nur geringfügige Gegen- 
stände verhandelt werden. Wenn dem politischen Senate Zeit übrig 
blieb und wenigstens sieben Personen waren, sollte derselbe auch 
Justiz- Angelegenheiten vornehmen.^) 

Auch Mähren war, wie Böhmen, in Kreise eingetheilt, nämlich 
den Olmützer, Brünner, Znajrmer, Prerauer, Iglauer und Hradischer, in 
"deren jedem eine Kreishauptmannschafb miteinemanalogen Wirkungs- 
kreise, wie in Böhmen, aufgestellt war. Die untersten Verwaltungs- 
organe waren die städtischen Magistrate und die Grundherrschaften. 

Die Justizverfassung in Mähren war jener in Böhmen analog, 
nämlich das grössere und kleinere Landrecht, die Landtafel, die 
Magistrate, dieGnmdherrschaften, die geistlichen Gerichte, die Militär- 
gerichte u. s. w. Für alle Bewohner Mährens, welche nicht dem Land- 
rechte oder der Militär-Gerichtsbarkeit unterstanden, war die 
Appellationskammer in Prag die Berufungsinstanz; von den Urtheilen 
des Tribunals, des Landrechtes und der Appellationskammer konnte 
nur die Berufung an den Kaiser, als König von Böhmen, ergrijffen 
werden. 

Die ständischen Rechte waren durch die Landesordnung 
Ferdinand IL vom 10. Mai 1628 ebenfalls sehr eingeschränkt und 
der Landtag zu einem Postulaten-Landtag herabgedrückt worden. 

^) Dr. Elvert, Zur österr. Verwaltungsgeschichte. (Schriften der bist, 
stat. Section, XXIV. 198, ff.) — Krones, Gesch. Oesterr. IV. 410 ff. — 
Hub er, Oest. ßeichsgesch. 145. — Arch. d. Min. d. Inn. Mähren m. 
A. 4. N. 16 ex 1739. 



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119 

Seit 1686 bestand zur Führung der currenten Landesgeschäfte und 
zur Ausführung der Landtagsbeschlüsse ein aus Vertretern aUer 
vier Stände zusammengesetzter Landesausschuss. 

Das Verhältniss der Unterthanen zu ihrer Grundherrsohaft war 
in Mähren ebenso unleidlich, wie in Böhmen; auch hier bestand 
die Leibeigenschaft mit allen ihren Härten und der beinahe voll- 
ständigen Rechtlosigkeit der Unterthanen gegenüber ihrer Obrigkeit. 
Zwar wurden die Roboten und Schuldigkeiten der Unterthanen 
durch zahlreiche Patente geregelt und waren auch die Kreisämter 
mit dem Schutze der Unterthanen gegen ihre G-utsherrschaft/Cn beauf- 
tragt, aber theils wagten es die Unterthanen äusserst selten, eine 
Besehwerde gegen ihre Obrigkeit vorzubringen und theils fanden 
die Grundherrschaften Mittel und Wege, diese Beschwerden als 
unbegründet erscheinen zu lassen. Besonders waren einige Lehens- 
vasallen des Bischofs von Olmütz als grosse Bauembedrücker ver- 
rufen, gegen welche das kreisamtliche Einschreiten fruchtlos war, 
weil sie sich auf ihre Exemption beriefen und hierin von dem Olmützer 
Bischof unterstützt wurden.*) 

Schlesien. 

Das aus Ober- und Nieder-Schlesien bestehende Herzogthum 
Schlesien umfasste eine Reihe von Fürstenthümem und mehreren 
freien Standesherrschaften^), welche nach und nach, mit Ausnahme 
eines Fürstenthums, in den Besitz des Hauses Habsbiirg gelangt 
waren, nämlich in Nieder-Schlesien die Fürsten- oder Herzogthümer 
Breslau, Liegnitz, Jauer, Schweidnitz, Brieg, Oels, Wohlau, Glogau, 
Sagan, Crossen (welches jedoch nebst mehreren anderen kleineren 
Herrschaften als böhmisches Lehen dem Hause Brandenburg verliehen 
war), Bemstadt, Frankenstein, Münsterberg und Grottkau oder Neisse, 
dann die Standesherrschaften Wartenberg, Militsch, Trachenberg, 
Carolath und Geschütz; in Ober-Schlesien die Fürstenthümer Jägem- 
dorf, Troppau, Oppeln, Ratibor, Oderberg und Teschen, sowie die 
Standesherrschaften Pless und Beutlien^). Die genannten Fürsten- 



>) Arch. d. Min. d. Inn. Böhmen IV. K. 1., Nr. 15 ex 1736. Grünberg, 
Die Bauernbefreiung in Böhmen, Mähren und Schlesien. II. 30 ff. 

*) Die Standesherrschaffcen hatten den Vorrang vor den anderen Herr- 
schaften, sie besassen in dem „Conveiitus publicus", der Stände Versammlung, 
eine Curiatstimme nach den Fürsten imd waren nicht von den Fürsten, sondern 
unmittelbar von dem Könige von Böhmen als oberstem Herzog von Schlesien 
abhängig (Bartenstein: Denkschrift über die Verfassung von Böhmen, Mähren 
und Schlesien, H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 63). 

») Pütter, Histor.-polit. Handbuch. I. 10. 



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120 

thümer standen ehemals unter eigenen Herzogen, theils aus dem 
Hause der Plasten, theils aus dem böhmischen Königsstamme und ge- 
langten allmählig zuerst unter die Oberlehensherrlichkeit, sodann 
durch Lehen- und Erbverträge in den unmittelbaren Besitz der 
böhmischen Krone. Der letzte der plastischen Herzoge in Schlesien 
war der Herzog Georg Wilhelm von Brieg und Liegnitz, nach 
dessen am 21. November 1675 erfolgtem Tode auch die Herzog- 
thümer Liegnitz, Brieg und Wohlau an den Kaiser Leopold L 
als König von Böhmen fielen. 

Einzelne dieser Fürstenthümer erhielten zwar wieder Herzoge, 
denen das Land und der Titel für ihre Verdienste, insbesondere 
während des dreissigj ährigen Krieges verliehen wurde. So kamen die 
Herzogthümer Troppau und Jägerndorf an das Haus Liechtenstein, 
Sagan zuerst an den Herzog von Friedland, später an die Fürsten 
Lobkowitz, Münsterberg an Johann Weikhard v. Auersperg 
und Oels an den Herzog Sylvius Nimrod von Württemberg. Aber 
diese neuen Herzoge erhielten nicht jene Rechte, welche die früheren 
Piastenfürsten unter der Oberlehensherrschaft der böhmischen Krone 
besessen hatten. Das Recht der selbstständigen Gesetzgebung und 
Besteuerung, sowie die höhere Gerichtsbarkeit wurde ihnen nicht 
verliehen^), sie unterschieden sich eigentlich nur durch ihren Rang 
und ihr Ansehen von den Mitgliedern des Herrenstandes anderer 
Provinzen. 

In Folge der zu verschiedenen Zeiten erfolgten Erwerbung der 
einzelnen Theile Schlesiens durch die böhmischen Könige, beziehungs- 
weise die Kaiser, hatte die Verwaltung und Rechtspflege Schlesiens 
ursprünglich sehr verschiedene Formen. Als oberste Hofstellen 
fungierten, wie für die andern Länder der böhmischen Krone die 
bölunische Hofkanzlei, die Hofkammer und der Hofkriegsrath. 
Unter Kaiser Matthias hatte Schlesien zwar eine kurze Zeit 
seine eigene, von der böhmischen Hofkanzlei unabhängige, oberste 
Regierungsbehörde, indem König Matthias am 7. October 1611 
den Fürsten und den Ständen Schlesiens anlässlich der Huldigimg 
die Bewilligung zur Errichtung einer sogenannten „deutschen 
Kanzlei" für die schlesischen und lausitzer Angelegenheiten er- 
theilte; doch schon im Sommer 1616 wurde diese schlesische 
Kanzlei mit der böhmischen wieder vereinigt und so die Regierung 
von Breslau nach Prag zurückverlegt.*) Unter Kaiser Ferdinand H. 



*) Grünhagen, Geschichte Schlesiens. II. 351. 
•) Hu her, Oesterr. Reichsgesch. 141, Anm. 4. 



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121 

begann eine stetige Umwandlung der gesammten Verwaltung 
Schlesiens. ^) Vor Allem wurden die Vorrechte der Stadt Breslau, 
welche sich fast der Selbstständigkeit einer Reichsstadt erfreute, 
sehi' geschmälert. Die Stadt besass nicht nur das sogenannte „Jus 
praesidii", das Recht eigener Besatzung, sondern ihr Rath fährte 
seit Carl IV. ununterbrochen auch die Hauptmannschaft über das 
Fürstenthum Breslau. Das erstere Recht hatte die Stadt mit grossen 
Opfern behauptet und war fortan von der Verpflichtung zur Auf- 
nahme einer kaiserlichen Garnison befreit, indem sie sich dem 
Kaiser Ferdinand IL verpflichtete, erue eigene Stadtmiliz 
von vier Compagnien, welche dem Kaiser den Eid der Treue leisten 
musste, zur Versehung des Wachdienstes im Frieden beständig zu 
unterhalten, im Kriege aber mindestens 5000 waffenfähige Bürger 
zur Vertheidigung der Stadt zu stellen. Das andere Recht, die 
Hauptmannschaft über das Fürstenthum Breslau, gieng zu derselben 
Zeit verloren, indem statt des Breslauer Bürgermeisters ein kaiser- 
licher Rath als Hauptmann des Fürstenthums eingesetzt wurde. 
Weü durch die Ernennung eines Hauptmannes auch das Recht des 
Rathes von Breslau, das gleichnamige Fürstenthum auf dem 
Fürstentage in der Curie der Erbfürstenthtimer zu vertreten, er- 
loschen war, so wurde auf dem Fürsten tage vom Jahre 1636 der 
Stadt Breslau eine neue, separate Stimme in der Curie der Erb- 
fürstenthümer zuerkannt und dieser Beschluss auch vom Kaiser 
im Jahre 1637 bestätigt^. Weil aber die Stadt trotzdem die 
Eingriffe dieses Hauptmanns in ihre Jurisdiction fürchtete, so erbat 
und erhielt sie im Jahre 1639 von Kaiser Ferdinand IH. gegen 
ein Geldopfer von 60.000 Thalem die vollständige Exemption von 
der Gewalt des Hauptmanns in politischen, militärischen und Justiz- 
Angelegenheiten. Durch den Verlust der Hauptmannschaft über 
das Fürstenthum war das Ansehen des Breslauer Rathes sehr ge- 
sunken imd der Glanz dieser einst so mächtigen Corporation für 
immer erblasst. 

Vor dem Jahre 1630 bestand in Schlesien nur eine landes- 
fürstliche höhere Behörde, nämlich die von Kaiser Ferdinand I. 
im Jahre 1557 errichtete königliche Kammer, welche nicht, 
wie anderwärts eine blosse Finanzbehörde, sondern die eigentliche 
Landesregierung war, denn sie hatte die gesammte Ver- 



>) Grünhagen, U. 276 ff. 

«) Grünhagen a. a. 0. IE. 277 f. 



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\22 

waltung und die Gerichte zu überwachen. Das in Breslau bestandene 
b e r a m t war bis unter Kaiser Ferdinand IE. eine ständische 
Behörde und wurde erst von diesem Kaiser in die oberste landes- 
fürstliche Behörde für das Herzogthum verwandelt, neben 
welcher das Oberamt in Glogau seine ursprüngliche Coordination 
nicht behaupten konnte und gleich den Landeshauptmannschafken 
der andern Fürstenthümer in eine Unterordnung unter das Breslauer 
Oberamt gerieth. Durch die Einsetzung der kaiserlichen Hauptmann- 
schaft über das Fürstenthum Breslau und die Errichtung ver- 
schiedener anderer Behörden, Zoll-, Steuer-, Post- und Oommerzien- 
ämter wurde der ständische Verwaltungsapparat nahezu gänzUch 
lahmgelegt. Das königliche Oberamt in Breslau, an dessen Spitze 
ein vom Kaiser ernannter Director stand, gelangte nach und nach 
zu immer grösserem Einfluss über die Stände, so dass dasselbe 
unter Kaiser Carl Vi. fast als die den Ständen direct vorgesetzte 
Behörde erschien. Bis zum Jahre 1719 wurde nämlich in der Regel der 
jeweilige Bischof von Breslau auch zum Ober-Landeshauptmann, 
d. i. zum Oberhaupte der gesammten Stände Schlesiens bestellt und 
konnte gemäss der Landesprivilegien diese Stelle überhaupt nur 
ein schlesischer Fürst bekleiden. Als nun im Jahre 1716 der 
Bischof von Breslau, Pfalzgraf Franz Ludwig, auch zum Chur- 
fürsten von Trier gewählt worden und daher an der regelmässigen 
Führung des Amtes eines schlesischen Ober-Landeshauptmanns ver- 
hindert war, legte er diese Würde nieder und der Director des Breslauer 
königlichen Oberamtes, Johann Anton Graf Schaffgotsch, wurde 
im Jahre 1719 mit den Geschäften des Ober-Landeshauptmanns betraut. 
Allerdings sollte dies nach dem "Wortlaute dos betreffenden Patents ') 
und des vom Kaiser den Ständen ausgestellten Reverses nur ein 
Provisorium und den Privilegien der Stände, laut welchen nur ein 
schlesischer Fürst zu ihrem Oberhaupte bestellt werden konnte, 
nicht abträglich sein; allein es blieb so bis zum Einmärsche 
der Preussen. Unter Graf Schaffgotsch wurde das Ansehen 
mid der Einfluss der Stände immer mehr und schliesslich zu völliger 
Bedeutungslosigkeit herabgedrückt. Aus den ehemaligen Fürsten- 
tagen war übrigens, weil die Fürsten nicht melir persönlich er- 
schienen, sondern sich durch Abgesandte vertreten Hessen, ein ein- 
facher „Conventus publicus", eine ,,Zusammenkiuift'' geworden. Der 
Vorsitzende fungierte ganz in dem Sinne des Oberamtes und der 
Versammlung fehlte jedes Selbstbewusstsein. Das Einzige, was sie 



') Privilegien etc. des Landes Schlesien. I. 633. 



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123 

that, bestand in dem Versuche, von der verlangten Steuersumnie 
durch Jammern über die Armuth des Landes etwas abzuhandeln. 
Weit mehr noch als den Ständen anderer Erblande wurde ihnen 
der spärliche Rest eines fast nur mehr scheinbaren Initiativrechtes 
entzogen und im Vertrauen auf ihre Gefügigkeit wurde ihnen 
im Jahre 1726 überhaupt verboten, irgend etwas vorzubringen, was 
nicht mit der vom Kaiser ihnen vorgelegten Postulation zusammen- 
hieng. Es war ihnen höchstens gestattet, etwaige "Wünsche bei dem 
königlichen Oberamte vorzubringen, welches so zu einer den 
Ständen übergeordneten Behörde gemacht wurde *). 

Diejenigen Pürstenthümer, welche direct und immittelbar der 
böhmischen Krone gehörten und nicht als Lehen weitervergeben 
waren, wurden durch besondere Landesregierungen ver- 
waltet und hatten z. B. die Fürstenthümer Ratibor und Oppeln zu- 
sammen eine Landesregierung, Schweidnitz und Jauer ebenfalls, 
dessgleichen Liegnitz, Brieg und "Wohlauf. 

Ob er am t und Landesregierungen waren also die poli- 
tischen und JustizsteUen, von welchen die untergeordneten guts- 
herrschaftlichen und sonstigen Gerichte beaufsichtigt wurden, die 
Kammer und das mit derselben vereinigte Rentamt besorgte 
das Finanzwesen, zur Beförderung des Handels und der Lidustrie 
bestand seit 1716 ein Commerz ien-Collegium in Breslau, 
welches sein Hauptstreben auf die Beseitigung der Zollschranken 
gegen die übrigen Kjonländer richtete. Eine höhere L an des- 
Militär-Behörde, wie etwa in Graz oder Lmsbruck, bestand 
in Schlesien nicht und wäre auch ganz unnöthig gewesen, da 
kaiserliche Truppen in Breslau nicht gamisonieren durften und sonst 
im Lande nur verschwindend kleine Truppen-Abtheilimgen lagen. 

Durch den Artikel V des "Westphälischen Friedensvertrages 
war die Religionsfreiheit der drei Fürstenthümer Liegnitz, Brieg 
und Wohlau verbürgt und vom Kaiser Ferdinand HI. im Jahre 
1654, dann vom Kaiser Leopold I. gleich nach seinem Regierungs- 
antritte und endlich am 15. Juli 1676 nach dem Heimfall der ge- 
nannten drei Fürstenthümer die Einhaltung dieser Bestimmungen 
zugesagt; allein die gegenseitige Eifersucht und Missgunst der beiden 
evangelischen Bekenntnisse fährte schliesslich bis zur Abschaffung des 
reformierten Gottesdienstes und mit dem im Jahre 1680 in Olüau 



») Grünhagen, Gesch. Schi. n. 349 u. 420. 
*) Küchelbecker, Nachrichten etc. 97. 



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124 

erfolgten Tode der Herzogin Louise, der Mutter des letzten Herzogs 
von Liegnitz, Brieg und Wohlau, hörte der reformierte Gottesdienst 
in Schlesien für lange Zeit auf ^). Wie nicht anders zu erwarten, 
gab es in gar vielen Fällen Zwistigkeiten zwischen den einzelnen 
Confessionen im Lande, da jede derselben, Katholiken, wie Pro- 
testanten, ihre eigenen Rechte zu erweitem und jene der andern 
zu beschränken trachtete. Erschwerte man an dem einen Orte 
einem Protestanten die Ansässigmachung oder die Erlangung des 
Meisterrechtes, so geschah an einem andern Orte genau dasselbe 
einem katholischen Bewerber'^. Die fortwährenden Beschwerden 
der Protestanten veranlassten im Jahre 1707 den König Carl XII. 
von Schweden, an den in schwere Kriege verwickelten Kaiser 
Joseph I. das Verlangen nach einer Regelung der schlesisohen 
Religions- Angelegenheiten zu stellen, worauf am 1. September 1707 
der sogenannte Altranstädter Vertrag zu Stande kam, durch welchen 
die Bestimmungen des Westphälischen Friedens erneuert und er- 
weitert wurden. In jenen Landestheilen, welche im Jahre 1648 
noch eigene protestantische Fürsten hatten, d. i. in Liegnitz, Brieg, 
Oels und Münsterberg sollten die seit 1648 eingezogenen Kirchen 
zurückgegeben und die evangelischen Consistorien wiederhergestellt 
werden. Auch sollte in ganz Schlesien kein Protestant zur Annahme 
des katholischen Glaubensbekenntnisses genöthigt, noch wegen 
seines Glaubens von der Erlangung von Aemtern oder von der 
Erwerbung liegender Güter ausgeschlossen, noch in seinen übrigen 
Rechten geschmälert werden. 

Durch Privilegien geschützte Judengemeinden gab es nur in 
Glogau und Zülz ; in den übrigen Orten wurden sie stillschweigend 
geduldet. Sie hatten fast immer und überall das Branntwein- 
ausschanksrecht und die Steuereinhebung, sowie das Tabakgefälle 
gepachtet. Im Jahre 1713 war ihnen ein nach sechs, sodann 1728 
nach vier Classen abgestuftes Toleranzgeld auferlegt und ihnen 
dadurch unter gewissen Beschränkungen und Bedingungen das 
Aufenthaltsrecht zuerkannt worden^. 

Für den hohem Unterricht bestand in Breslau eine Universität 
und in Liegnitz die im Jahre 1708 errichtete ,,Josephinische Ritter- 
Akademie", welche zur Zeit der österreichischen Herrschaft fast den 



>) Grünhagen, G^esch. Schles. IL 370 u. 403. 
«) Privilegien etc. des Landes Schlesien. Breslau 1728, 11. 487 u. 493. 
.'; Privilegien des Landes Schlesien. Breslau 1739, 11 646 ff. 



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126 

Charakter einer Universität hatte, indem daselbst Rechtskunde, 
Politik, Rhetorik, Q-eschichte, Mathematik und fremde Sprachen 
gelehrt und dabei die ritterlichen Künste gepflegt wurden. 

Handel und Industrie war in Schlesien früher sehr entwickelt, 
besonders blühte die Weberei und die Tuchmacherei und ihre Er- 
zeugnisse wurden in die entferntesten Länder gebracht. Der Handel 
gieng besonders nach Polen und Russland und vermittelte den 
Austausch der Producte des Westens und des Ostens. Die prote- 
stantischen Weber und Tuchmacher zogen indessen allmählig nach 
Sachsen, in die Lausitz und nach Polen, während König August 
von Polen und Ohurfürst von Sachsen den Handel nach Leipzig, die 
im Jahre 1725 in Berlin gegründete ,, russische Handels-Compagnie" 
denselben nach Berlin, der König von Schweden in seine Ostsee- 
Städte und Peter der Grosse nach Petersburg und Archangel zu 
ziehen trachtete. 

Die Lage der Bauern war in Schlesien im Allgemeinen nicht 
so drückend, wie in Böhmen und Mähren, doch war dieselbe in den 
verschiedenen Landestheilen immerhin sehr verschieden. Eigentliche 
Leibeigenschaft existierte in Schlesien nicht, sondern nur die 
sogenannte Erbunterthänigkeit in allen möglichen Ab- 
stufungen, am härtesten in den an Polen und Mähren grenzenden 
Bezirken, am mildesten in Nieder-Schlesien, wo zumeist die Per- 
sonaldienste in eine Geldabgabe, den sogenannten „Silberzins" um- 
gewandelt worden waren. *) Die „Ordnung wegen der entwichenen 
Unterthanen" vom 1. October 1652 erklärt ausdrücklich, „die Leib- 
eigenschaft ist in Schlesien nicht Herkommens, die Bauern können 
ihre Güter erblich besitzen, verkaufen, vertauschen"^. Die schlesi- 
schen Bauern befanden sich demnach nicht in jenem aller Personen- 
rechte baren Zustande, den man nach der juristischen Termino- 
logie, sondern nur in dem Verhältnisse der Erbunterthänigkeit, das 
man nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch als Leibeigen- 
schaft bezeichnet, bis herab zur blossen Robot- oder Zius- 
pflichtigkeit. Selbst Personen der höheren Stände konnten als 
Besitzer robot- und zinspflichtiger Gründe einer andern Herrschaft 
zu diesen Leistungen verpflichtet sein, ohne an ihrer persönlichen 
Freiheit, ihrem Stand und ihren Ehren etwas einzubüssen. Ein 



») Arch. d. Min. d. Inn. Böhmen. IV. K. 1, Nr. 15 ex 1736. 
•) Privilegien des Landes Schlesien. Breslau 1731, I. 144 ff. 



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126 

arger Uebelstand für die Landwirthschaft, sowohl für Herren, 
als Unterthanen, war es, dass die Steuern noch immer auf Grund 
einer im Jahre 1527 vorgenommenen Schätzimg eingehoben wurden, 
ohne Rücksicht darauf, ob ein damals blühendes Gut nunmehr 
verödet oder doppelt und mehrfach erträgnissreicher geworden 
war. Im Jahre 1721 wurde wohl eine neue Einschätzung in Angriff 
genommen, aber bis zum Jahre 1740 noch nicht beendigt. 



Die Niederlande/) 

Die in Folge der Friedensverträge von Utrecht (11. April 1713), 
Rastatt (6. März 1714) und Baden (7. September 1714) in den 
Besitz Kaiser Carl VI. gelangten ehemaligen spanischen Nieder- 
lande fügten dem so vielgestaltigen Baue der habsburgischen 
Monarchie noch ein neues Element der Verschiedenheit in Bezug 
auf Verfassung und Verwaltung bei. 

Kaiser Maximilian I. hatte im Jahre 1512 in dem Reichs- 
abschiede zu Cöln das Herzogthum Burgund mit seinen Ländern 
als einen Kreis, den burgundischen, des heiligen römischen Reichs 
deutscher Nation erklärt und Kaiser Carl V. auf dem Reichstage 
zu Worms, 1521, in dem Landfrieden zu Nürnberg, 1522, endüch 
am 6. Juni 1548 auf dem Reichstage zu Augsburg die Verbindung 
des burgundischen Kreises mit dem Reiche bestätigt. Die Be- 
kräftigungsurkimde Kaiser Carl V. besagt, dass die Herzogthümer, 
Grafschaften und Herrschafben, welche als burgundisches Erbe durch 
die Vermählung des Erzherzogs Maximilian mit der Erb- 
prinzessin Maria von Burgund in den Besitz des Hauses 
Habsburg gekommen waren, mit allen ihren mittelbar und un- 
mittelbar zugehörigen und einverleibten geistlichen imd weltUchen 
Fürstenthümem, Prälaturen, Dignitäten, Grrafschaften, Frei- und 
Herrschaften imd derselben Vasallen, Unterthanen und Verwandten 
für ewige Zeiten in den Schutz, Schirm, Vertheidignng und Hilfe 
der römischen Kaiser und des Reiches aufgenommen werden sollen, 
so dass sie sich dadurch aller Freiheiten, Rechte und Gerechtig- 
keiten desselben erfreuen und von den römischen Kaisem, Königen 



») Luca, Ignaz de, Geogr. Handbuch. 5. Abth. — Pütt er, ffistorisch- 
polit. Handbuch etc. 1. Th. — Mömoires historiques et politiques des Pays- 
Bas Autrichiens, Paris 1784. — Actenstücke zur Geschichte der österreichischeu 
Niederlande, 1787. — Stubenrauch, Belgien unter Maria Theresia. 



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127 

und Eeichsständen jederzeit wie andere Fürsten, Stände und Glieder 
desselben Reiches geschützt und vertheidigt, auch zu allen Reichs- 
tagen und Versammlungen geladen und, wenn sie dieselben be- 
suchen wollen, zu Sitz und Stimme zugelassen werden sollten. 
Dagegen versprach der Kaiser für sich und seine Nachkommen, 
für diese Länder zu den Reichsumlagen so viel als zwei Churfürsten, 
wider die Türken aber so viel als drei Churfürsten beizutragen. 
Würden diese „Nieder-Erblande" in der Entrichtung ihrer Contri- 
bution säumig sein, so sollten sie dieserwegen dem kaiserKchen 
Kammergericht imterworfen sein und durch den kaiserlichen Fiscal, 
wie andere Reichsstände zur Bezahlung angehalten werden, übrigens 
aber sollten diese Länder und ihre Unterthanen bei allen ihren 
Freiheiten, Rechten und Gerechtigkeiten gelassen werden und der 
Gerichtsbarkeit der Reichsgerichte, wie auch den Reichsordnungen 
und Abschieden nicht unterworfen sein. Obgleich dieser Kreis, 
so wenig, wie der österreichische, eine den übrigen Reichs- 
kreisen ähnliche Verfassung hatte, so besass er doch das Recht, 
einen Kammergerichtsbeisitzer zu präsentieren und im Reichs- 
fürstenrathe unter dem Namen „Burgund" unmittelbar nach Oester- 
reich auf der geistlichen Bank sein Recht auf Sitz und Stimme 
auszuüben. ^) 

"Was Spanien von diesen Ländern bei dem Tode Carl 11. 
noch besass, das gieng in den Besitz Carl VI. über, mit Ausnahme 
einiger kleineren Bezirke, welche theils an die Vereinigten Nieder- 
lande, theils an Preussen, theils an Churpfalz abgetreten wurden ; 
ausserdem behielten die Vereinigten Niederlande oder die General- 
staaten zufolge des Barri^re-Tractats vom 15. November 1715 das 
Mitbesatzungsrecht in den Festungen Namur, Toumay (Doomik), 
Fumes, Wameton, Ypem und dem Fort Knocke. 

Die Regierungsform in den Niederlanden war beschränkt 
monarchisch ; die Grenzen zwischen den Rechten des Landesfürsten 
und der Stände waren jedoch in den einzelnen Provinzen verschieden 
und durch hergebrachte Gesetze und Privilegien geregelt, deren Beob- 
achtung imd Aufrechterhaltung der Landesfürst oder der in seinem 
Namen die Huldigung entgegennehmende General - Gouverneur 
feierlich beschwören musste. Als Grundgesetze für die Ver- 



*) Luca, Geogr. Handb. V. 2. Abth. 377. — Pütter, Hist.-pol. Handb. 
X. 207. — Beck, Spec. I. 118 f. — Moser, Staatsr. I. 296, 820 und 
XXXIV. 289. 



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128 

fassung der niederländischen Provinzen galten um 1740:* die 
pragmatische Sanction, die Bestimmung, dass Steuern nur mit Zu- 
stimmung der Stände ausgeschrieben und eingehoben werden dürfen ; 
in Flandern die uralte, seit Jahrhunderten bestandene Verfassung 
und die Erklänmg der Herzogin Maria von Burgund, der 
Gemahlin des Erzherzogs Max im il i an, vom Jahre 1474, dass 
sie nach dem Willen und dem Rathe der drei Stände ihres Reiches 
über Flandern herrschen wolle; femer das Gesetz, nach welchem 
in den meisten Provinzen Niemand ein Amt erhalten durfte, der 
nicht ifi denselben geboren war ; für Brabant und Limburg die so- 
genannte „brabsüitische goldene Bulle" Kaiser C a r IIV. vom Jahre 
1349, laut welcher kein burgundischer Unterthan in Civil-, Personal- 
oder Criminalsachen vor irgend ein weltliches oder geistliches 
Gericht des römischen Reiches citiert oder von demselben gerichtet 
werden konnte. Kaiser Carl V. fügte im Jahre 1530 noch die 
Bestimmung hinzu, dass der Rath von Brabant gegen jene Reichs- 
gerichte, welche gegen die ,,brabanter goldene Bulle" fehlten, mit 
kaiserlicher Autorität aufs Strengste verfahren und nicht nur eine 
Geldbusse von 200 Mark Goldes auferlegen, sondern auch mit dem 
Reichsbanne drohen könne. Die wichtigste und umfassendste Frei- 
heitsacte für Brabant und Limburg war aber die sogenannte „Joyeuse 
Entr6e" (vlämisch „Blyde Lakomst", „der erfreuliche Einzug"), eine 
Sammlung aller Freiheiten der Herzogthümer Brabant und Limburg, 
welche bei jeder Eidesleistung des neuen Landesfürsten umständlich 
aufgezeichnet, durch neue Zusätze vermehrt, dem Fürsten vorgelesen 
und von diesem beschworen wurden. Maria Theresia bestätigte 
am 30. April 1744 dieses in seinen Anfängen aus dem 13. Jahr- 
hundert stammende und im Laufe der Zeiten auf 69 Artikel an- 
gewachsene Grundgesetz, in welchem zwar eigentlich nur die Privi- 
legien der Herzogthümer Brabant und Limburg enthalten waren, 
deren Vorrechte aber alle niederländischen Provinzen genossen, 
wenn solches auch nicht ausdrücklich anerkannt war. Es war dies 
damals jedenfalls das freisinnigste Grundgesetz in ganz Europa. 
Sein Hauptinhalt war: Ihre Majestät wolle nicht nach eigenem 
Willen, sondern nach dem herkömmlichen Rechte regieren; ohne 
Bewilligimg der Stände von Brabant soll kein die Länder Brabant 
und Limburg betreffender Krieg angefangen werden; Ihre Majestät 
werde Titel und Wappen von Lothringen, Brabant, Limburg und 
der Markgrafsohaft des heiligen römischen Reiches und ein be- 
sonderes Siegel für Brabant führen, mit welchem alle, die Länder 
von Brabant imd über der Maas betreffenden Erlässe, aber keine 



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129 

andern gesiegelt werden sollen ; die Mitglieder des Rathes von 
ßrabant sollen, mit Ausnahme von zweien, ehelich geborene 
Brabanter sein und eine Stammbaronie besitzen; die im Conseil 
von Brabant ausgefertigten Patente sollen in der Sprache jenes 
Ortes verfasst sein, für welchen sie bestimmt sind ; kein in Brabant 
oder in dem Lande über der Maas verhafteter Verbrecher soll ausser 
Landes geführt werden ; kein Mörder soll begnadigt werden, wenn 
er nicht zuvor die Verwandten des Ermordeten zufriedengestellt 
hat; Verräther dürfen nur mit Zustimmung der Stände begnadigt 
werden; Gestattung der freien Meinungsäusserung in der Stände- 
versammlung; endlich die wichtigste Bestimmung: „Wenn Ihre 
Majestät die Privilegien ganz oder zum Theil zu beobachten auf- 
hören sollten, so bewilligen Sie, dass in diesem Fall Ihre Unter- 
thanen aufhören, Ihnen Dienste zu leisten, bis das ihnen geschehene 
Unrecht wieder gutgemacht worden ist." ^) 

Die oberste Regierungsgewalt in den Niederlanden wurde 
während der spanischen Herrschaft durch einen General-Gouverneur 
ausgeübt, zu welcher Stelle auf Grund des von Philipp 11. am 
17. März 1579 zu Arras mit den wallonischen Provinzen geschlossenen 
Vereinigungs - Träctates nur ein Prinz oder eine Prinzessin von 
Geblüt ernannt werden sollte. Der General-Gouverneur oder Statt- 
halter der Niederlande hatte die Oberdirection über alle Landes- 
Angelegenheiten und die Vollziehung aller Gesetze. Er koimte die 
Ritter des goldenen Vliesses, die Mitglieder des Staats-, des 
geheimen und Finanzraths in seiner Gegenwart oder anderswo, so 
oft er es für nöthig erachtete, versammeln. Er hatte die Ober- 
aufsicht sowohl über die Justiz-, Polizei- und Finanz- Angelegen- 
heiten, als auch über die Land- und Saemacht, die Civil- und 
Militär-Functionäre. Er hatte das Recht, Gesetze, Edicte und Ver- 
ordnungen zum Wohl und Nutzen des Landes und zur Erhaltung 
einer guten Polizei zu erlassen. Er konnte ebenso wie der Souverain 
alle erledigten Aemter und Pfründen besetzen, Gnaden erth eilen, 
die Strafen für alle Arten von Vergehen und Verbrechen erlassen, 
die Stände aller Provinzen oder jeder Provinz insbesondere, in 
welcher Stadt oder an welchem Orte er es für gut befand, zu- 
sammenberufen ; mit einem Worte, er war vermöge seines Be- 
stallungspatentes berechtigt, die höchste Gewalt im Namen des 
Souverains auf eben die Art und Weise, wie solches der Souverain 



>) Luca, Geogr. Handbuch, V. 2. Abth. 382 ff. 
Oesterreiohischer Erb folgekrieg. I. Bd. 



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130 

selbst thun könnte, in jeder Beziehung auszuüben ; doch waren dem- 
selben in Absicht auf gewisse Gegenstände durch seine Instructionen 
und durch die den CoUateral-Oonseils vorgeschriebenen Verhaltungs- 
befehle gewisse Grenzen gesetzt, indem sich der Souverain die 
Disposition über verschiedene "Würden und Aemter, das Recht, 
Einkünfte zu veräussem oder zu verpfänden, Titel imd Ehrenzeichen 
zu verleihen, die Befreiung von der Leibeigenschaft und die 
Naturalisierung der Ausländer zu ertheilen, vorbehalten hatte. 
Der General-Gouverneur repräsentierte sonst aber in allen Beziehungen 
den Souverain. Es wurden stets zwei Leibcompagnien zu seinem 
Dienste unterhalten, eine Compagnie Trabanten der adeligen Leib- 
wache Sr. Majestät und eine Compagnie Hellebardiere. Der Papst 
hielt gewöhnlich bei den General-Gouverneuren einen Nuntius oder 
Litemimtius, die Könige von Frankreich und England, die Republik 
der Vereinigten Niederlande, der Fürstbischof von Lüttich hatten ihre 
Gesandten bei demselben und auch während der österreichischen Herr- 
schaft gab es zu verschiedenen Malen fremde Minister am Hofe zu 
Brüssel, so vom König von Spanien, vom König von Preussen und 
vom Churfürsten von der Pfalz. ') 

Nach der auf Grund der Friedensverträge und des Barriere- 
Tractates im Jahre 1716 durch den Feldmarschall-Lieutenant Joseph 
Lothar Grafen von Königsegg 'erfolgten Besitzergreifung der 
Niederlande wurde zwar Prinz EugenvonSavoyen zum General- 
Gouverneur der niuimehr österreichischen Niederlande ernannt, *) 
aber derselbe war nicht in der Lage, behufs persönlicher Ausübung 
seiner hohen Würde seiue Residenz naoh Brüssel zu verlegen. 
Desshalb wurde Hercules Turinetti Marquis de P r i 6 unter dem 
Titel eines bevollmächtigten Ministers mit der Leitung der nieder- 
ländischen Regierungsgeschäfte betraut. Nach einem missglückten 
Experimente mit einer am 2. Januar 1718 decretierten neuen Ein- 
richtung, der Verwaltungsbehörden wurde im September 1725 
die zur Zeit der spanischen Herrschaft bestandene Regierungsform 
in ihrem ganzen Umfange wiederhergestellt und zugleich die Erz- 
herzogin Maria Elisabeth, Schwester Kaiser Carl VI., zur 
General-Grouvemeurin ernannt, während in Wien als Hofstelle für 
die politischen, Justiz- und Finanz- Angelegenheiten der Niederlande 
der sogenannte „Niederländische Rath" fungierte, welcher 

*) Actenstücke zur Geschichte der österr. Niederlande. 2 H. XXIX . 
») Kr. Arch. 1716 Kanzl. A IX b, 8 u. H. K. R. Aug. 411, Rg. 



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131 

eine den Hofkanzlei^n entsprechende Einrichtung und ähnliche, 
jedoch mit Rücksicht auf die bedeutenden Prärogative der öe- 
neral-Q-ouverneurin etwas eingeschränktere Befugnisse hatte, als 
die Hofkanzleien für die andern Ländergruppen. Der „Niederländische 
Rath" wurde erst im Jahre 1757 als selbstständige Hofstelle aufgehoben 
und seine Functionen der geheimen Haus-, Hof- und Staatskanzlei 
übertragen. Laut der am 1. September 1725 der Erzherzogin 
Maria Elisabeth ertheilten Instruction ^) wurde dieselbe zur 
General-Gouvemeurin mit der vollkommenen Würde und allen Prä- 
rogativen eines General-Capitains ernannt, es wurden ihr die gesammte 
jeweilig in den österreichischen Niederlanden befindlichen Truppen 
sammt allen festen Plätzen anvertraut und der commandierende 
Q-eneral, sowie alle Oommandantsn an sie angewiesen; sie hatte 
die unbeschränkte Disposition über das Militär, jedoch so, dass sie 
den jeweilig commandierenden General zu Rathe ziehen und ihren 
Beschluss durch den commandierenden General ausfertigen lassen 
sollte. Ln Falle sie aus erheblichen Gründen von dem Einrathen des 
commandierenden Generals abgehen zu müssen glaube, könne sie 
zwar ihren eigenen Entschluss fassen, müsse jedoch sodann im 
Wege des Hofkriegsrathes die Allerhöchste Entscheidung hierüber 
einholen. In politischen, ökonomischen und Justizgegenständen hatte 
sie ihre Berichte an den Kaiser im Wege des „Niederländischen 
Bathes", in reinen Militär- oder in militärisch-ökonomischen An- 
gelegenheiten aber im Wege des Hofkriegsrathes zu erstatten. 
Sie sollte darauf sehen, dass das in den Niederlanden befindliche 
Militär den richtigen Sold und Unterhalt, wenn schon nicht monat- 
lich, so doch wenigstens vierteljährlich erhalte. Die Besetzung der 
Gouvemeurstellen in den festen Plätzen, dann die Ernennung der 
Provinzial-Gouvemeure, des Castellans in Antwerpen und des Gou- 
verneurs von Ostende behielt sich der Kaiser vor, die Erzherzogin 
aber hatte einen Temavorschlag einzusenden; die andern Stellen 
besetzte die Erzherzogin. Vorzüglich sollte sie Sorge tragen für die 
Sicherung des Hafens und der Festung Ostende, als des Haupt- 
handelsplatzes, damit nicht die eben erst gegründete „Ostindische 
Compagnie" Schaden leide. In wichtigen Vorfallenheiten, wenn nicht 
Gefahr im Verzuge war, sollte sie zuerst die Willensmeinung des 
Kaisers einholen, in unaufschiebbaren Fällen aber im Einvernehmen 
mit dem commandierenden General handeln. Die militär-ökono- 
mischen Angelegenheiten und die militaria mixta hatte die General- 



») Kr. Arch. Kanzl. A. IX b 10 und H. K. R. 1770—37—126. 

9* 



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132 

Gouvemeurin einerseits mit dem commandierenden General, anderer- 
seits mit dem Finanz-Tribunal, dem ,,Conseil d' 6tat'' und dem 
„Conseil priv6" zu berathen. Der commandierende General, der 
auch wirklicher geheimer Eath sein sollte, hatte im Conseil 
d'^tat den nächsten Platz unmittelbar nach dem Obersthofmeister 
der Erzherzogin; in Abwesenheit des Obersthofmeisters führt der 
commandierende General den Vorsitz. Das Recht der Obersten der 
deutschen Regimenter, nicht allein die Compagnien zu verleihen, 
sondern auch die Stabschargen zu besetzen, wird auch den Obersten 
der National-Regimenter übertragen. 

Der General-Gouverneurin standen in der Verwaltung des 
Landes drei RathscoUegien zur Seite, nämlich: 

DerStaatsrath (Conseil d'etat), von Kaiser Carl V. im Jahre 1531 
zugleich mit den beiden folgenden errichtet, bestand aus Mitgliedern 
der vornehmsten adeligen Familien und hatte ursprünglich die Aufgabe, 
alle wichtigen Staats- Angelegenheiten im Krieg und Frieden seiner 
Berathung zu unterziehen. AUmählig waren aber seine Befugnisse 
und Prärogative auf den geheimen Rath übergegangen. Nach 
der Constitution Kaiser Carl VI. vom 19. September 1725 bestand 
der Staatsrath aus Ministern „d* 6p6e" und „de robe" und der Obei*st- 
hofmeister der General-Gouvemeurm führte den Vorsitz. Dieses 
Collegium hielt keine regelmässigen Sitzungen, sondern versammelte 
sich nur von Fall zu Fall auf Berufung durch die Erzherzogin - 
Gouvemeurin. 

Dem geheimen Rathe (Conseil prive) stand die Be- 
aufsichtigung und die Leitung aller Staats -Angelegenheiten zu. 
Das Gesetzgebungsrecht gehörte in den Niederlanden zwar dem 
Souverain allein oder Demjenigen, der in seinem Namen die höchste 
Gewalt ausübte, aber Alles, was* auf die Gesetzgebung Bezug 
hatte, die Auslegung alter sowie die Abfassung neuer Gesetze war 
der Berathschlagung des geheimen Rathes unterworfen. Dieser 
Rath stand an der Spitze der politischen Verwaltung und hatte 
auch bei der Besetzung der Aerater sein Gutachten abzugeben. 
Ausser dem Vorsitzenden gehörten ihm noch sieben Mitglieder und 
drei Secretäre an. 

Der „R ath der Finanzen" (Conseil des fi-nances) hatte 
das gesammte Finanzwesen des Landes zu besorgen. Er führte 
eine genaue Aufzeichnung über die Einkünfte und Ausgaben 
des Landes und wachte über Alles, was den finanziellen Zustand 
desselben betraf, doch stand er unmittelbar unter der Aufsicht 
des geheimen Rathes. Nicht zu verwechseln ist mit diesem Rathe die 



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133 

sogenannte ßechenkammer (Chainbre des comptes), welche die Con- 
trole über den Landeshaushalt und über die Rechnungen der Steuerein- 
nehmer fulirtejedochnichtzu den drei höchsten RathscoUegien gehörte. 

Sehr verwickelt war das Justizwesen und die Rechtspflege. 
Aus einer Unzahl, vormals unter verschiedenen Landesherren ge- 
standener Gebiete zusammengesetzt, hatte sich jede Provinz, jede 
Stadt ihre besonderen Gesetze und Gebräuche bewahrt und desshalb 
war sowohl das materielle Recht, als auch die Rechtspflege in den 
verschiedenen Landestheilen verschieden. ^) Der höchste Gerichtshof 
in den österreichischen Niederlanden war der grosse Rath von 
Mecheln, welchem die Ritter des goldenen Vliesses und die 
höchsten Staatsbeamten unterworfen waren. Er fungierte zugleich 
als Appellationsinstanz über die Urtheile der Provinzialräthe von 
Flandern, Luxemburg undNamur imd des Stadtgebietes von Mecheln. 
Keine höhere Listanz konnte seine Aussprüche cassieren. Nur der 
Statthalter konnte verfügen, dass der Spruch von denselben Richtern 
unter Beiziehung anderer Rechtsgelehrter oder Professoren der 
Hochschule zu Löwen revidiert werde. Femer bestanden als Provinzial- 
gerichtshöfe der Rath von Brabant (Oonseü de Brabant), der 
Kath von Geldern (Conseil de Gueldres), der Rath von Flandern 
(Coiiseil de Flandres) u. s. w., dann Specialgerichtshöfe für bestimmte 
Angelegenheiten, als der Lehenhof, zwei oberste Kammern für 
Domänen - Angelegenheiten, nämlich die eine für Luxemburg, 
Geldern, Flandern, Hennegau uüd Mecheln, die andern für Brabant, 
Limburg und das Land über der Maas, das Forstgericht, das Jagd- 
und Fischereigericht, Gefällsgericht, geistliche Gerichte u. s. w. 
Endlich waren die Ortsgerichte unter den Maires, Schultheissen, 
Drosten, welche mit der Eruierung der Verbrecher und der Be- 
strafung geringerer Gesetzes-Uebertretungen betraut waren. Der von 
einem Ortsgericht Verurtheilte koimte an den Gerichtshof der Pro- 
vinzial-Hauptstadt oder an den Provinzialrath selbst appellieren, 
von dessen Ausspruch in der Regel keine weitere Berufimg zulässig 
war, ausgenommen in Flandern, Luxembm-g mid Namur, wo der 
grosse Rath von Mecheln als Berufungsinstanz fungierte. 

Die ständische Verfassung der Niederlande litt ebenso wie 
die politische Verwaltung und die Rechtspflege unter dem Mangel 



*) Stubenrauch, Belgien unter Maria Theresia, 32 ff. — L u c a , 
Geogr. Handb. V. 2. Abth. 440 ff. — Memoires historiques et politiques des Pays- 
Bas Autrichiens, II. 122 ff. 



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134 

der Einheit. Nach der alten Verfassung bestand zwar eine allgemeine 
Versammlung der Stände aller Provinzen, die Generalstaaten, 
allein dieselben waren seit dem Jahre 1632 nicht mehr einberufen 
worden. Es versammelten sich nur die Stände der einzelnen Pro- 
vinzen, deren jede gleichsam einen Staat im Staat ausmachte. 
Diese Provinzialstände hatten weder gleiche Rechte, noch eine 
gleichartige Zusammensetzung, noch gleichartige Interessen. Ihr 
hauptsächlichstes Vorrecht bestand in der jährlichen Bewilligung 
der Steuern und ausserordentlichen Abgaben, die ohne ihre Zustim- 
mung nicht erhoben werden konnten. In Angelegenheit der Gesetz- 
gebung hatten die Stände kein direotes Mitwirkungsrecht , wenn sie 
auch bisweilen gleich den höheren Gerichtshöfen und dem Finanz- 
Oonseil um ihren Rath gefragt wurden ; aber dadurch, dass ohne ihre 
Zustimmung keine Steuern erhoben werden konnten, hatten sie einen 
gewaltigen Einfluss auf die Gesetzgebung. Ihre Zusammensetzung 
war in den meisten niederländischen Provinzen so, wie in den 
übrigen Erblanden ausser Tyrol, nämlich Geistlichkeit, Adel imd 
die Magistrate einiger Städte; der Bauernstand war unvertreten. 
Die Stände in Brabant bestanden aus der Geistlichkeit, dem Adel 
und den Deputierten der Städte Brüssel, Löwen und Antwerpen. 
Der geistliche Stand begriff blos die Aebte in sich, die Bischöfe 
als solche waren keine Stände; damit sie aber an den Stände- 
versammlungen theilnehmen könnten, gab Philipp 11. dem Erz- 
bisehof von Mecheln die Abtei Aflighem und dem Bischof von 
Antwerpen die Abtei zu St. Bernard, wodurch sie als Aebte Mit- 
glieder der Stände wurden. Vom Adel konnte nur jener Mitglied 
der Stände werden, welcher wenigstens Freiherr war und in Brabant 
Güter mit einem Jahresertrag von 4000 fl. besass. Li Limburg 
bestand die Ständeversammlung ebenfalls aus der GeistUchkeit, 
dem Adel und den bürgerlichen Deputierten. In Luxemburg und 
der Grafschaft Chiny wählte jeder Stand drei Deputierte, die Stände- 
versammmlung zählte daher neun Mitglieder. In Geldern wählte 
der Adel und die Stadt Ruremonde je zwei Deputierte; die Geist- 
lichkeit war ausgeschlossen. In Flandern war dagegen der Adel 
von den Ständeversammlungen ausgeschlossen und waren ebenfalls 
nur zwei Stände, nämlich Geistlichkeit und Bürgerstand. Im Henne- 
gau imd in Namur waren drei Stände. Nur Mecheln hatte keine 
Stände Versammlung," die Angelegenheiten einer solchen besorgte 
der Stadtmagistrat. '). 



>) Luca, Georgr. Handb. V. 2. Abth. 448 f. 



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135 

Zur Beschlussfassung war die Uebereinstimmung aller drei, be- 
ziehungsweise der zwei Stände erforderlich, wesshalb jeder Stand das 
gleiche Gewicht bei den Berathungen hatte. In Brabant war es Sitte, 
dass die beiden ersten Stände ihren Beschlüssen den Vorbehedt bei- 
fügten : „Mit Zustimmung des dritten Standes und anders nicht" ^. 
üeberhaupt bewiesen die niederländischen Stände eine grosse Stand- 
haftigkeit und Einmüthigkeit in der Aufrechterhaltung ihrer Frei- 
heiten und Privilegien, wenn auch in andern Fragen die einzebaen 
Provinzen weit auseinandergiengen und so wie anderwärts, nur das 
Interesse ihres engeren Bezirkes im Auge hatten. 



Die Besitzungen in Italien. 

Von dem ehemals bedeutenden Länderbesitze in Italien waren 
dem Kaiser Carl VI. am Ende seiner Regierung nur noch schwache 
Reste geblieben; Neapel und Sicilien waren durch den unglück- 
lichen Krieg vom Jahre 1734 und 1735 verloren gegangen und die 
neuerworbenen Herzogthümer Parma und Piacenza boten nur 
geringen Ersatz für die Verluste. Der ganze kaiserliche Besitz in 
Italien beschränkte sich nunmehr auf einen Theil des Herzogthums 
Mailand und auf die Herzogthümer Mantua, Parma und Piacenza. 
Auch unter der kaiserlichen Herrschaft hatten Neapel und Sicilien, 
Mailand und Mantua, ebenso wie Parma und Piacenza ihre alten 
Verfassungen und Verwaltungsformen beibehalten; in Neapel und 
Sicilien standen Vicekönige, in den Herzogthümem Gouverneure 
als Vertreter des Landesfürsten mit ausgedehnten Machtbefugnissen 
an der Spitze der gesammten politischen, militärischen und Cameral- 
verwaltung, in Wien aber fungierte der „spanische Rath" 
als oberste Hofstelle für diese Länder mit dem gleichen Wirkungs- 
kreis, wie der „niederländische Rath" für die österreichischen 
Niederlande. Nach dem Verluste Neapels imd Siciliens erhielt 
der „spa^nische Rath'' den Namen „italienischer Rath". 
Derselbe verlor gleich dem niederländischen Rath im Jahre 
1757 den Charakter einer selbstständigen Hofstelle und seine 
Agenden übergiengen an das italienischeDepartement der 
geheimen Haus-, Hof- und Staatskanzlei. Ueber die vier Herzog- 
thümer wurde im Jahre 1736 der Feldzeugmeister Otto Ferdinand 
Graf von Traun zum Interims-Gouverneur mit den Befugnissen 

•) Stubenrauch, Belgien, 25, ff. 



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136 

und Prärogativen eines General-Capitains und zum commandierenden 
General über alle in den genannten Herzogthüniem stehenden 
Truppen ernannt *), jedoch so, dass vorläufig der Administrator des 
Herzogthums Mantua, Feldzeugmeister Carl Graf Stampa, seine 
Functionen weiterfülaren sollte. Die dem Grafen Traun ertheilte In- 
struction^), ddo. Wien, den 5. September 1736, war in der Hauptsache 
jener der Erzherzogin Maria Elisabeth, General-Gouvemeurin 
der österreichischen Niederlande, ähnlich, unterschied sich jedoch 
insofern in mehreren Puncten, als der Feldzeugmeister Graf Traun in 
seiner Person zugleich auch die Würde des commandierenden Generals 
vereinigte. Ausser vom Kaiser war Graf Traun in militärischen An- 
gelegenheiten vom Hofkriegsrathe, in allen andern Angelegenheiten 
aber vom italienischen Rathe abhängig'; desshalb erhielt er auch 
das General-Capitains-Patent und die Instruction unter kaiserlicher 
Signatur durch den italienischen Rath. In rein militärischen An- 
gelegenheiten hatte er kraft seiner Vollmacht und Autorität zu ent- 
scheiden, jedoch in wichtigen militärischen A'orfallenheiten und bei 
Feindesgefahr sollte er sich mit den bei den dortigen Truppen an- 
gestellten Generalen berathen und nach dem gemeinschaftlich 
gefassten Beschlüsse handeln. Er sollte für die militärische Sicherheit 
der ilmi anvertrauten Gebiete sorgen, auf die Vorgänge in den 
Nachbarländern genau achten, sichere Kimdschaften einziehen und 
hierüber berichten. Die etwa nöthigen Truppenverlegungen und 
Vei-w^echslimgen sollten mit der möglichst geringsten Belästigung 
der Bevölkerung und zu der geeignetsten Jahreszeit, keinesfalls 
aber ohne zwingende Gründe vorgenonmien werden. Die Garnison 
in Mantua, als einem ungesunden Orte, sollte jedes Jfiüir durch 
andere, in Mailand, Parma imd Piacenza stehende Truppen ab- 
gelöst, in den Sommermonaten aber die ganze Garnison aus Mantua 
gezogen und nur ein kleines Wachdetachement zurückgelassen, 
dieses aber alle vierzehn Tage oder wenigstens alle Monate 
abgelöst werden. Er sollte strenge Mannszucht erhalten, das gute 
Einvernehmen zwischen dem Militär und der Bevölkerung sicheni 
und jede Eigenmächtigkeit verhindern, doch aber Sorge tragen, 
dass auch die Soldaten dem Bürger gegenüber ihr Recht fänden. 
Die Besetzung erledigter Officiers- und Beamtenstellen war dem 
Literims-Gouvemeur nicht zugestanden, sondern nur ein beschränktes 
Vorschlagsrecht. 

') K. A. 1736. Bestall. Nr. 6684. 

«) K. A. 1736. Kanzl. A. IX b, Nr. 18. 



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137 

Stände in dem Sinne, wie sie in den deutschen Erblanden 
bestanden, gab es in den italienischen Herzogthümem nicht *) ; 
doch hatte im Herzogthume Mailand die ,,Congregazione generale 
dello stato", welche aus den drei Verordneten der sechs Städte 
mit ihren kleinen Provinzen bestand, den Ständen ähnliche Befog- 
nisse. Für die Verwaltung bestand in den einzelnen Provinzen 
und Städten ein R a t h, welcher meistens in den Händen des Adels 
war, ein Senat für die Justizpflege, ein Procurator des Fiscus, 
eine Kammer u. s. w. In Parma und Piacenza blieb die vom Herzog 
Eanuccio Farne sc IV. am 12. December 1594 erlassene Con- 
stitution^ und Organisation der Magistrate auch unter der kaiser- 
lichen Regierung in Bjraft und wurde überhaupt an den alten Ein- 
richtungen nicht unnöthiger Weise gerüttelt. 

Eigenthümlich war die Cameral-Einrichtung dieser italienischen 
Herzogthümer. Ohne auf jedes einzelne derselben näher einzugehen, 
mögen nur einige Daten über das Herzogthum Mailand hier Platz 
finden. ^) In früherer Zeit gab es in Mailand nur zwei Steuern : 
1. den censo del sale, Salzsteuer und 2. die tassa de* cavalli, Pferde- 
steuer. Die erstere bestand darin, dass für jede über sieben Jahre 
alte Person jährlich sechs Pfund Salz zu einem festgesetzten Preise 
abgenommen werden mussten ; die zweite war eine Greldabgabe als 
Ersatz für die ursprünglich in natura geleistete Unterkunft und 
Fouragebeistellung für die herzoglichen Cavalleriepferde. Im Laufe 
der Zeit waren ausser den Kammergefällen folgende Steuern ein- 
geführt worden: 1. die Grundsteuer, 2. die Personalsteuer, welcher 
alle männlichen Personen im Alter von vierzehn bis sechzig Jahren 
unterlagen, 3. die tassa del mercimonio, eine Gewerbesteuer, welche 
die Handwerker und Kaufleute zu entrichten hatten; von dieser 
wurde jedoch nur die Hälfte als Beitrag zu den allgemeinen Staats- 
bedürfnissen verwendet, die andere Hälfte aber den Gemeinden für 
ihre Localbedürfnisse überlassen. Dazu kamen die Nebenabgaben 
für die besonderen Bedürfnisse jeder Provinz oder Gemeinde, welche 
nicht überall gleich waren. Die Höhe der Abgaben und die Ver- 
theilung derselben auf die einzelnen Steuerträger bestimmte ein 
königliches Tribunal. Befreiungen von den Abgaben gab es für 
weltliche Personen zweierlei: 1. die esenzione dei 12 figli, die Be- 
freiung wegen des zwölften Kindes, wenn nämlich bei der Gebiurt 



») Luca, Geogr. Handb. V. 2. Abth. 598. 

*) Constitutiones Placentiae et Parmae. Placentiae 1670. Kr. Arch. A. A. 
AValsegg Nr. 89, 90, 91, 92, 93, 94. 

8) Luca, Geogr. Handb. V. 2. Abth. 609 ff. 



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138 

des zwölften Kindes eines Ehepaares von den früheren Kindern 
wenigstens zehn am Leben waren, sie bestand in der völligen Be- 
freiung von der Personal- (tassa personale) und Q-ewerbesteuer 
(tassa mercimoniale) ; 2. die esenzione per privilegio (Steuerfreiheit 
auf Grund eines Privilegiums). Doch wurde im Jahre 1732 fest- 
gesetzt, dass eine solche Abgabenfreiheit sich nur auf jene Steuern 
beziehen dürfe, welche bis zum 1. Juli 1599 eingeführt waren; alle 
später eingeführten Abgaben mussten auch die per privilegio Exempten 
entrichten. Die Geistlichkeit zahlte nur die ordentlichen Steuern, 
nämlich den censo del sale und die tassa de' cavalli, aber die 
Pächter der geistlichen Güter entrichteten die Hälfte der gewöhn- 
lichen Steuern und dies hiess die tassa colonica. 



Der complicierte Verwaltungsapparat der einzelnen Länder- 
gruppen Oesterreichs, wie er zur Zeit des Todes Carl VI. bestand 
und keineswegs verlässlich und exact functionierte, gab Oesterreich 
damals noch den Charakter eines mittelalterlichen Staates, eines 
lockeren, nur durch die Dynastie zusammengehaltenen Bundes 
verschiedener Länder, von welchen jedes seine noch aus dem Mittel- 
alter stammende ständische Verfassung und Verwaltung hatte. Die 
vier Hof kanzleien, der niederländische und italienische Rath, welche 
die Verwaltung und die Justiz ihrer Länder leiteten, betrachteten 
sich nicht als Theile eines einheitlichen Organismus, welche von 
einem Geiste geleitet auf dasselbe Ziel hinarbeiten sollten, sondern 
als Vertreter verschiedener, ja, entgegengesetzter Literessen. *) 
Bartenstein verurtheilt in seiner mehrerwähnten Denkschrift über 
die Verfassung von Böhmen, Mähren und Schlesien die Sonder- 
bestrebungen der Landesstellen mit folgenden Worten : „Die Landes- 
stellen lassen sich nur von den Rücksichten auf das eigene Land 
leiten, ohne sich um das Wohl des Staates viel zu kümmern. Alle 
möglichen erkünstelten Scheingründe werden vorgebracht, welche 
selbst den erleuchtetsten Minister und den weisesten Monarchen 
auf Lrwege leiten können. Dazu kommt die Eifersucht, ja sogar 
Abneigung und Hass der Bewohner einzelner Provinzen gegen die 
andern. Jede Nation bewirbt sich um die Unterstützung Derer, 
welche bei Hof einen Fürsprecher abgeben können". *) Auch die 
Sympathien Carl VI. für die Spanier und seinen spanischen Beirath 

*) Hub er, Gesch. der österr. Verwaltung. 19 £ 
«) H. H. u. St. A. Handschr. Nr. 63. 



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139 

waren nicht von Vortheil für die Gesammtmonarchie, denn gegen 
die „Spanier'', die es trefflich verstanden, sich die Stellung bevor- 
zugter Günstlinge zu erwerben und denen die Interessen der Erb- 
lande ganz gleichgiltig waren, hatten die deutschen ßäthe gar 
häufig anzukämpfen. ^) 

Eine anschauliche, lebenswahre Schilderung der Misere der 
damaligen Staatsverwaltung bietet Arneth in zwei Denkschriften der 
Kaiserin Maria Theresia*), in welchen die Mängel und Schäden der 
damaligen Staatsverwaltung mit Offenheit dargelegt werden. Vor Allem 
habe sich, schreibt die Kaiserin, die seit jeher bestandene Gewohnheit 
als schädlich erwiesen, die österreichischen und die böhmischen 
Länder durch abgesonderte Kanzleien, deren Vorsteher immer aus 
den vornehmsten Familien dieser Provinzen gewählt wurden, regieren 
zu lassen. Darum habe jeder von ihnen stets nur an die Erleich- 
terung der ihm anvertrauten Länder gedacht, einer dem andern 
die Lasten zuzuschieben getrachtet und in nichts seien sie einig 
gewesen, als in dem Widerspruche, den sie jederzeit erhoben, wenn 
ihnen, sei es zu Gunsten der Finanzen, des Militärs oder sonst im 
Interesse des Staates irgend eine Leistung zugemuthet wurde. Die 
Hofkanzler hatten weit mehr das Interesse der Stände ihres Landes, 
als jene des Landesfürsten im Auge. Sie befolgten die landesfürstlichen 
Befehle nur dann und brachten sie zur Ausfuhrung, wenn dieselben 
ihrer vorgefassten Meinung entsprachen und verhinderten Alles, was 
ihnen unangenehm .war. Sie benützten ihren Einfluss beim Landes- 
fürsten auch dazu, um jenes Land, welchem sie vorgesetzt waren 
und dem sie als reichbegütertes und einflussreiches Ständemitglied 
€tngehörten , derart zu begünstigen , dass die ajidem Erblande 
dadurch bedrückt und so behemdelt wurden, als wären es fremde 
und nicht einem und demselben Herrscher gehörige Länder. Der 
stets herrschende Neid, die Missgunst und die gegenseitigen Ver- 
leumdungen hätten zu den schädlichsten Entzweiungen und zu 
unheilbarem Nachtheil geführt, so dass die heilsamsten Massregeln 
nicht ausgeführt und die ertheilten Eathschläge des einen von 
unzähligen eigensinnigen Vorurtheilen des andern begleitet wurden 
und dadurch der Landesfürst mehrmals in die äusserste Be- 
drängniss gerieth. „Und gleichwie man viele meiner Vorfahren," 
klagt die Kaiserin, „eines allzu langsamen Verfahrens in den Landes- 
und Staatsgeschäften beschuldigte, so lag die wahre Ursache hiervon 

') Krön es, Geschichte Oesterreichs. IV, 109 ff. 

') Arneth, Zwei Denkschriften der Kaiserin Maria Theresia. (Archiv 
für österr. Gesch., 47. 862 ff.) — Arneth, Maria Theresia, IV, 4—28. 

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140 

nur in dem unter den Ministem »tets bestandenen Zwiespalt und 
der hartnäckigen Verblieidigung der eigenen Meinung, wodurch 
natürlich ein Monarch umso unschlüssiger werden muss, als er 
seine persönliche Ansicht auch für eine irrige halten kann." Die 
Kaiserin klagt besonders über die Amtsführung der österreichischen 
Hofkanzlei, welche ganz unter dem Einflüsse der St&nde stand und 
mehrmals Anlass zu gerechtem Tadel gegeben habe. Anders und 
in dieser Beziehung besser sei die Geschäftsführung bei der böhmischen 
Hofkanzlei bestellt gewesen, denn diese Behörde habe es nicht 
leicht gestattet, dass ihrer Autorität von Seite der Stände zu nahe 
getreten werde. Dagegen habe sie unter dem Verwände, eine zu 
weitgehende Einmischung der Hofkammer in die innem Angelegen- 
heiten der böhmischen Länder zu hintertreiben, dem Landesfürsten 
selbst jeden näheren Einblick in dieselben ganz unmöglich gemacht. 
Lisbesondere war die ins Unglaubliche gestiegene Machtvoll- 
kommenheit, die mit der Stelle eines Obristen Kanzlers verbanden 
war, ein zwingender und gerechtfertigter Anlass ziu: Aufhebung 
dieses Postens. So weit sei es gekommen, dass der Landesfürst, 
wenn er etwa aus eigenem Antrieb oder auf den Rath seiner übrigen 
Minister etwas zu erreichen wünschte, gegen den Willen des 
Obristen Kanzlers damit schwerlich diurchzudringen vermochte. Ja, 
die ganze Hofkanzlei selbst sei zur Befolgung der Anordnungen 
des Obristen Kanzlers jederzeit ungleich bereitwilliger, als zur 
Vollziehung der Befehle des Landesfürsten gewesen. Diese immer 
weiter gehende Ausdehnung der Macht des Obristen Kanzlers habe 
sich zuletzt mit der nothwendigen Aufrechthaltung des Ansehens der 
königlichen Autorität imvereinbar gezeigt und dies umsomehr, weil ge- 
wisse Familien es durch ihren Einfluss dahin gebracht hatten, dass diese 
Stelle in ihnen nahezu erblich geworden war und dadurch diese „präpo- 
tenten Principien vom Vater auf den Sohn fortgepflanzt wurden", was 
endlich die gänzliche Aufhebung der Stelle eines Obristen Kanzlers 
nothwendig machte. ') Die Kaiserin bezeichnet den Obristen Kanzler 



*) Ein Beispiel merkwürdiger Vereinigung der höchsten Aemter und 
Würden in einer Familie bietet auch das grälliclie Haus Harrach. Zur Zeit 
Carl VI. standen gleichzeitig drei Brüder in den höchsten Würden, nämUch 
Franz Anton als Erzbischof von Salzburg, Alois Thomas Baimund 
als Vicekönig in Neapel und Johann Joseph Philipp als Hofkriegs- 
raths-Präsident ; die Söhne des gewesenen neapolitanischen Vicekönigs Alois 
Thomas Raimund Grafen von Harr ach wurden, „um keine von den höchsten 
Gubemüs aus dero hochgräflichen FamiHe unbesetzt zu lassen" und zwar 
der ältere, Friedrich, Gouverneur der Niederlande, der jüngere, Ferdinand, 
Gouverneur von Mailand. (Cod. austr. IV. Vorrede.) 



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141 

von Böhmen, Philipp Joseph Grafen Kinsky geradezu als den Schuld- 
tragenden an dem unglücklichen Verlaufe des Kriegs mit Preussen, 
weil derselbe, lua die böhmischen Länder zu schonen, die Verlegung 
einer grösseren Truppenmacht in dieses Land verhindert habe. 
Kein Wunder also, dass Maria Theresia bald nach ihrem Re- 
gierungsantritte zu einer Zeit, als sie ihr väterliches Erbe noch mit 
den Waffen vertheidigen musste, mit allem Eifer daran gieng, durch 
eine gründliche Reform aller Behörden an die Stelle der verrotteten, 
die ganze Kraft des Staates lälnnenden Länderverwaltungen 
eine nach gleichartigen Principien eingerichtete Staatsverwaltung 
zu setzen. 

(J. iMfiger.) 



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Ungarn bei dem Tode Carl III. 

(Kaiser Carl VI.). 



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'v^. 



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Die ersten Jahrzelmte des XVlii. Jahrhunderts bilden einen 
der wichtigsten Wendepuncte in der Geschichte Ungarns^). Bis dahin 
eine Geschichte voller Unruhen und Kämpfe, beginnt damals eine 
Periode des Friedens und einer verhältnissmässig ruhigen Ent- 
wckelung. 

Zwei grosse Ereignisse waren es, welche die Geschichte des 
Reiches in neue Bahnen leiteten : die Vertreibung der Türken und 
die Beendigung der inneren Kriege. So wie die politischen und 
gesellschaftlichen Kräfte nach den stürmischen Jahren sich krystal- 
lisierten und festsetzten; in der Gestalt verblieben sie mehr als 
ein Jahrhundert lang, bis zu dem Zeitpuncte neuer Erschütterungen 
und Entwicklungen. 

Ungarns herrschende Classe, der Adel, hatte im XVII. Jahr- 
hundert ihre Kraft zur Vertheidigung ihrer alten Gerechtsame und 
des Protestantismus aufgeboten und erschöpft. Diese Anstrengung 
verhinderte sie daran, ihrer alten Aufgabe, der Vorkämpfer Eui-opas 
gegen Osten zu sein, gerecht zu werden. Es ist eine That^ache von 
wahrhaft erschütternder historischer Tragik, dass zur Befreiung des 
ujigarischen Gebietes fremde Macht das Beste that und dass ein 
bedeutender Theil des Volkes der Hunyadi und Zrinyi seine Hoff- 
nungen an den Sieg des Halbmondes, nicht an den dos Kreuzes 
knüpfte. 

So gross auch die politische und sociale Wirkung der 
Befreiung des Landes und der Herstellung seiner territorialen 



*) Um ein möglichst deutliches Bild der Verhältnisse und Anschauungen 
der Zeit zu bieten, schien es von besonderem Werbh, die Verfassungsfrage und 
die Lage in Ungarn von einem ungarischen Gelehrten und vom ungarischen 
Standpuncte aus zur Darstellung gebracht zu sehen. Die Direction des Kriegs- 
Archivs, als Herausgeber, ist jedoch nicht in der Lage, sich mit den hier 
dargelegten Anschauungen vollständig und allseitig identificieren zu können. 

Oeiterreiohisoher Erb folgekrieg. I. Bd. 10 



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14:6 

Integrität war, das Factum selbst Hess das Herz der Nation kalt. 
Gleichzeitige Sclu'iftsteller gedenken des Friedens von Karlovitz, 
der die Träume der Bethlen, Pdzm&n, Zrinyi verwirklichte, mit 
Indifferenz oder gar in dem Tone des Bedauerns. Sie betrachten 
ihn als wichtiger für die Türken, als für Ungarn. Isak Babocsay, 
der Notar von Tarczal, nimmt wahr, dass der Friedensschluss ein 
Gravamen für das „arme Vaterland'' sei. ^) Sogar der gut königlich 
gesinnte Michael Cserei legt das Gewicht darauf, dass die Pforte 
jetzt zuerst ganze Provinzen und Städte, wo Moscheen stehen, 
aufgebe und trauert über das Loos Siebenbürgens, dem keine 
schädlichere Veränderung bevorstehen könne, als die Vereinigung 
mit Ungarn. ^ Dafür, dass das Tiefland wieder unter christliche 
Herrschaft gerathen, haben sie kaum Sinn. So sehr entscheidet nicht 
das Ereigniss selbst über das Urtheil der Zeitgenossen, sondern der 
Umstand, unter welchen Auspicien es vor sich gegangen. 

Der über die Türken erfochtene Sieg bot dem politischen 
und kirchlichen System, das sich seit der Zeit des dreissig- 
j ährigen Krieges am Kaiserhofe ausgebildet, Ursache und Ge- 
legenheit, Ungarn, das es als seine Eroberung betrachten konnte, 
gänzlich in seine Kreise zu ziehen und seine Selbstständigkeit* zu 
brechen. Dieser Versuch zog die mächtigste aller nationalen Er- 
hebungen, die Franz Rikoczy H. nach sich. Wieder war das Land 
durch acht Jahre den Gräueln und Verwüstungen des innem Krieges 
ausgesetzt, bis die innere Lähmung des Aufstandes zu gleicher 
Zeit mit den im spanischen Erbfolgekrieg errungenen Erfolgen des 
Hauses Habsburg die Ruhe wieder herstellten. So kam im Jahre 
1711 die Vereinbarung zwischen König imd Land zu Stande, welche 
sich dauernder erwies, als die lange ßeihe der früheren Friedens- 
schlüsse. Die Schlüsse von Karlovitz, Poszarovätz undBelgrad sicherten 
die Ruhe und den Besitzstand des Reiches ; auf den Puncten von 
Szatmar beruhte seine innere Einrichtung und seine Constitution. 

Es drängt sich die Frage auf: wesshalb diese Vereinbarung so 
lange Zeit hindurch neue Kämpfe verhütete, während die Pacifi- 
cationen von Wien, Nikolsburg und Linz, die doch das Werk der 
Bocskay, Bethlen imdRikoczy, ja zum Theil der Sultajns selbst 
waren, nur füi* kurze Epochen Geltung hatten? 

Bis dahin hatten sich in die Differenzen zwischen König und 
Nation stets auch Fremde eingemengt. Als letztes, wenn auch nicht 



*) Fata Tarczalensia. 

«) Vera Historia Transsylvaniae de anno 1661. 



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147 

immer offenbares Ziel schwebte den Ungarn die Idee der voll- 
ständigen Losreissung vor und als natürliche Gegenwirkung dem 
Kaiser und den Erblanden die Idee der vollständigen Verschmelzung. 
Zwischen diesen Gegensätzen war die Vermittlung unmöglich • imd 
die Einwirkung der Fremden konnte nach historischen und politi- 
schen Erfahrungen und Principien diese nur verschärfen. So diente 
jeder Erfolg nur als Stufe ziun vollstän engen Sieg der eigenen 
Anschauung, oder wiu-de wenigstens von dem argwöhnischen Gegner 
als solche beti'achtet. Das Hauptmoment des Vertrages von Szatmär 
dagegen besteht daria, dass die Ungarn, die sein Zustandekommen 
vermittelten, zugleich das Vertrauen des Königs besassen. 

Die Idee eiues unter den Habsburg'schen Erbkönigen geeinigten, 
aber seine staatlichen Einrichtungen und die Rechte des Protestan- 
tismus wahrenden Ungarns hatte also 1711- das Ueberge wicht erlangt. 
Die Durchführung dieser Idee hieng vor Allem von der Persönlichkeit 
des Herrschers, von den Bestrebungen seiner vertrauten österreichi- 
schen Räthe, dann von der Wirksamkeit jener Männer imd Stände 
ab, die damals in Ungarn das Heft in Händen hielten. Diesen drei 
Factoren fiel die geschichtliche Aufgabe zu, einträchtig, oder den 
Gegensatz der Traditionen vermittelnd, die Grundlagen für das neue 
Ungarn zu befestigen. 

Von Spanien zurückgekehrt, bestätigte Carl VI. (als König 
von Ungarn Carl HI.) den Frieden von Szatmdr, berief den Reichstag 
nach Pressburg imd liess sich daselbst 1712 krönen. Der Monarch 
selbst erschien während der ganzen Dauer seines Aufenthaltes im 
Lande im ungarischen Prachtkleid und gewann dinrch Milde und 
Herablassung alle Herzen. ^) Staatsrechtlich wichtig ist der von ihm 
bei Gelegenheit der Krönung geleistete Eid, der allen seit dieser 
Zeit geleisteten Kröiuingseiden als Muster diente. 

Die Puncte des Liaugural-Diploms lauteten wie folgt: 
1. Der König gelobt die Wahrung und Aufrechterhaltung aller 
Freiheiten, Immunitäten, Privilegien, Statuten, Gesetze, Rechte imd 
Constitutionen des Königreiches Ungarn und seiner Theile, die von 
den frühern ungarischen Königen, seinen Vorgängern, gegeben und 
bestätigt worden sind. Ausgenommen ist der eine Punct der gol- 
denen BuUe Andreas H., welcher den Ständen das Recht des 
bewaffiieten Widerstandes gegen den die Gesetze verletzenden 
König zuspricht. Der König wird diese Gesetze in allen Puncten, 



*) Bericht des preussischen Gesandten aus Wien. Kön. Archiv in Berlin. 



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148 

Klauseln und Artikeln, sowie er über ihren Sinn und Inhalt mit 
den Ständen in deren gewöhnlicher Diät übereinkommt, fest und 
heilig beobachten und auch von jedem Andern beobachten lassen. 
Die vollziehende Gewalt ist also beim König, der aber bei der Er- 
klärung der Gesetze an die Zustimmung der Ständeversammlung 
gebunden ist. 

n. Der König wi^ die heilige Krone des Reiches nach alt^r 
Sitte und Gesetz, durch dazu einstimmig gewählte Stände im Reiche 
selbst bewahren lassen. 

in. Er wird die bis jetzt zurückeroberten und annoch zu 
erobernden Theile des Reiches im Sinne seines Königseides dem 
Königreich einverleiben. Doch wird hierauf die Modalität angewendet, 
dass er über die Erklärung des Gesetzes sich das Uebereinkommen 
mit den Ständen vorbehält. 

IV. Im Falle des Aiissterbens des königlichen Mannesstammes, 
(was Gott verhüten möge), sichert er den Ständen das Recht der 
Königswahl nach altem Herkommen. 

V. So oft eine Krönung in Ungarn vorkommen sollte, so oft 
müssen seine Erben, die zu krönenden Erbkönige, diese Versicherung 
annehmen und beeiden. 

„Wir haben diese Bitte der gesammten Stände des König- 
reiches Ungarn und seiner Theile gütigst angenommen und mit 
voller Seele, mit dem Willen, ihnen Unsere Gnade zu beweisen, 
nehmen Wir alle diese Artikel als geordnet und heb an, ertheilen 
ihnen Unsere Zustimmung und bestätigen und ratificieren sie in 
ihrem ganzen Inhalt." 

„Wir versprechen und versichern die Stände mit Unserem 
königlichen Wort, dass Wir Alles, was vorangeht, selbst beobachten 
und durch Unsere getreuen Unterthanen jeden Standes und Ranges 
beobachten lassen werden". *) 

Diese feierlich bekräftigten Artikel bilden in dem Kampfe der 
constitutionellen Gewalten gewissermassen den Ruhepunct. Sie ver- 
pflichteten das Land zum Gehorsam gegen den seit 1687 schon 
erblichen König, sie sicherben auch das Fortbestehen der Ver- 
fassung und der an dieses geknüpften ständischen Freiheiten, um 
deren Behauptung bis dahin so viel Blut geflossen. Sie entldelten 
zugleich, was der III. Artikel des Gesetzes 1715 ausspricht: „dass 
Seine Majestät das Reich nach seinen eigenen gegenwärtigen und 



1) Gesetz- Artikel I. n. 1715. 



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149 

zukünftigen Gesetzen regieren wird, nicht nach der Weise anderer 
Provinzen'*. 

Unter einem König, wie Carl es war, gleich entschlossen, 
die Rechte seiner Krone zu wahren, wie seinem Eide zu entsprechen, 
musste die Verwaltung in ihren Hauptzügen der Verfassung 
gemäss sein. 

Diese Artikel, so kurz sie erscheinen, waren das Resultat von 
Jahrhunderte langen Kämpfen zwischen Königsgewalt und ständischem 
Recht. Andreas 11. hatte zuerst 1222 dem ungarischen Adel 
Rechte und Privilegien ertheilt, oder wie seine berühmte „goldene Bulle" 
es ausspricht: die von Stephan dem Heiligen eltheilten erneuert 
und ihm sogar das Recht des bewaffiieten Widerstandes eingeräumt. 
Spätere Könige hatten diese Rechte bestätigt und erweitert. Eine 
über das ständische, partitnilare hinausgehende Bedeutung erhielten 
diese Privilegien, als mächtige, fremde, in andern Reichen gebietende 
Herrscher durch Erbschaft und Wahl die ungarische Reichskrone 
erlangten. Sie dienten nun nicht blos dazu, die Königsgewalt zu 
beschränken, wie es ja auch in andern Staaten der Fall war, sie 
sicherten auch dem Reiche die nationale Selbstständigkeit gegen 
die Gefahr, durch die Umgebung des Königs unter fremden Einfluss, 
fremdes Gesetz zu gerathen. St. S t e p h a n's Krone, an deren Besitz 
von jeher die Herrscliermacht geknüpft war, wurde nun das Symbol 
dieser Selbstständiglceit, was die Verehrung, welche die ganze 
Nation dieser Reliquie dnrbrachte, vollständig erklärt. Auch in der 
traiu'igsten Zeit, als ein gutes Drittheil Ungarns im Joche der Türken 
schmachtete und die andern Bruchstücke unter den Habsburg'schen 
Königen und unter den Fürsten von Siebenbürgen sich kaum ihrer 
erwehren konnte, blieb die Krone das Sirmbild der gehofffcen Ver- 
einigung. An eine Staatenbildung, die nicht unter ihrem Schirme 
sich aufbauen sollte, dachte auch damals Niemand. Jedermann, der 
in diesem Reiche Rechte besass, galt als Mitglied der Krone 
(membrum sacrae coronae). 

Diese Bedeutung der Krone und der Verfassung gibt den 
Aufständen des XVI[. Jahrhunderts eine über das ständische weit 
hinausreichende nationale Bedeutung. Selbst formell schienen sie 
dem ,, Volke Verböczy's'' berechtigt. Und an Berufung auf anerkannte 
und beschworene Gesetze konnte es nicht fehlen, wo die Regierung 
des Lfuides, mit Umgehung der ständischen Gewalten, besonders 
des Palatins, grossentheils in der Hand der fremden Räthe des 
Königs sich befand; wo der im Lande lagernde Soldat, für den 



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150 

nicht genügend gesorgt war, nicht nur die Privilegien des Adels 
antastete, sondern auch das Landvolk unterdrückte. Dieser letztere 
Umstand erklärt nicht blos die fortwährenden Gravamina der 
Reichstage, sondern auch, dass der grösste Theil der Bevölkerung 
— auch die nichtmagyarische — für die Aufständischen Partei 
nahm. 

Ein anderes höchst bedeutendes Moment bot die Verbreitung 
der Reformation, welche im Laufe des XVI. Jahrhunderts den 
grössten Theil des Herren- und Ritterstandes, der Städte, dann auch 
des Landvolkes für sich gewann. Dadurch empfieng die schon vor- 
handene Opposition wider die königliche Gewalt und deren Organe 
neues Leben, vollem Lihalt. Dem Einschreiten desKaisersRudolph 11. 
gegen die Ausbreitung des Protestantismus setzte sich ein Wider- 
stand entgegen, dessen die Regierung nicht Herr werden konnte. 
Und da der bekannte XXH. Artikel vom Jahre 1004 nicht nur 
den Abfall vom Katholicismus verurtheilte, sondern auch das Recht 
der Reichstage in seinem Wesen angriff, ergab sich eine tiefinnere 
Verbindung zwischen ständischer Opposition und Protestantismus, 
eine Verbindung, welche das ganze XVH. Jahrhundert hindurch 
für die Geschichte Ungarns massgebend blieb. 

Der durch Stephan B o c s k a y geführten ständisch-protestan- 
tischen Partei, die beinahe das ganze Land mit sich fortriss und 
sich ausserdem auf die Union mit den gleichgesinnten Ständen 
Oesterreichs und Böhmens, auf die Sympathie der protestantischen 
Stände Deutschlands und auf das Wohlwollen der Pforte stützen 
konnte, lag es ob, die gesetzlichen Formen für den gegenwärtigen 
Zustand zu finden. Dies geschah im Wiener Frieden von 1606 und 
auf dem Pressburger Reichstage 160B. Die Freilieit der Religions- 
übung wurde unter den Schutz der Verträge gestellt, die innere 
Einrichtung des Reiches frei von jeder äusseren Einwirkung erklärt, 
der frei gewählte Palatin an die Spitze der Regierung gestellt, 
zugleich das Recht der Stände, auf die Verhandlungen mit den 
Türken Einfluss zu üben, gesetzlich gesichert. 

Kein Zweifel, dass all' Dieses die königliche ^Macht in einem 
Masse einengte, das den Interessen des Reiches doch nicht entsprach. 
Die Dreitheilung des Landes, die Uebermacht der Türken musste 
fortbestehen. Lidem die Stände die ihnen gefährlich scheinende 
königliche Gewalt lähmten, entsagten sie der Hoffnung auf Einigung 
und Befreiung des Reiches. 

Da traten nun zwei Ereignisse ein, welche das Verhältniss 
der öffentlichen Gewalten von Grund aus umgestalteten. 



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151 

Das eine war das Emporkommen der kaiserlichen Macht 
Ferdinand 11. in der ersten Hätfte des dreissigj ährigen Krieges. 
So viele Krisen und Katastrophen auch eintraten, das Hauptergebniss : 
der vollständige Sieg der Dynastie und der katholischen Religion 
in den österreichischen Erblanden und in Böhmen konnte nicht 
mehr rückgängig gemacht werden. 

Das andere war, dass im engen Anschluss an die europäische 
Gegenreformation und an das Kaiserhaus, aber zugleich auf natio- 
naler Basis, der Katholicismus auch in Ungarn die ihm entfrem- 
deten Gemüther und Gebiete wieder eroberte. Es war dies vor Allem 
ein Werk der mächtigen Persönlichkeit des Cardinais Peter Pdzmdn, 
dann der sich an ihn anschliessenden, der alten Kuxhe wieder- 
gewonnenen hochadeligen Geschlechter. Schon 1625 wurde ein 
Katholik, Nikolaus EsterhÄzy zum Palatin gewählt. Trotzdem 
die Protestanten im Verein mit den Fürsten von Siebenbürgen 
wiederholt zu den Wafifen griffen, liess sich dieser Umschwung 
nicht mehr verhindern. Ungarn blieb zwar von dem Schicksal 
Böhmens verschont, es kam aber auch hier eine katholische aristo- 
kratische Partei zur Geltung, die in religiöser, aber dann auch in 
politischer Beziehung den Tendenzen des Kaiserhauses zuneigte. 
Wo es aber die Verfassung Ungarns, seine Unabhängigkeit galt, 
standen die katholischen Magnaten zu dem protestantischen Adel. 
So geschah es nach dem Frieden von Vasvar, als gerade die Häupter 
des katholischen Adels, voran der Palatin Franz Wessel^nyi, 
dann der Oberst-Landesrichter Franz NAdasdy, der Banus Peter 
Z r i n y i, Fürst Franz K 4 k 6 c z y und Graf Frangepani eine 
Verschwörung einleiteten. Letzter Zweck war > völliger Abfall. Die 
Hilfe der Pforte und Frankreichs schien gesichert. Man kennt das 
Schicksal der Verschworenen: Zrinyi, Nädasdy und F rän- 
ge p an endeten auf dem Schatfot (1071). Bei einem so aristo- 
kratisch gesinnten Volke mussten diese Hinrichtungen tiefes Mit- 
gefühl erregen. „Nichts hat je die Ungarn dem römischen Kaiser 
mid der ganzen österreichischen Direction so entfremdet als dieses, 
so dass diese ihre Bewegung nicht aufgehört hat und bis zum 
heutigen Tage anhält", schrieb Michael Cserei 1710.^) 

Denn die Verfassung und das ganze Land musste mit den 
Männern büssen, welche die Treue gegen den König verletzt hatten. 
Ungarn wurde militärisch verwaltet. Finanziell und administrativ 
wurde das in den Erblanden schon geltende System angewendet. 



') L. c. S. 50. 



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152 

Die katholische Kestauration benutzte die wiedergewomiene Macht 
zu strengerem, selbst gewaltthätigem Vorgehen. Dem allem setzte 
sich nmi eine populäre Bewegung entgegen, die unter Thököly 
einen fähigen und thatkräftigen Führer gewann, der auch die alten 
Verbindungen mit der Pforte und Frankreich wieder anzuknüpfen 
wusste. Kaiser Leopold I. dagegen stellte die Verfassung wieder 
her, der Eeichstag wurde 1G81 nach Oedenburg einberufen und 
wieder ein Palatin gewählt. Doch der Sieg der Gegenreformation 
konnte auch auf gesetzlichem Grebiet nicht ohne Folgen bleiben. 
Die Artikel XXV und XX\1 des Oedenburger Reichstages bilden 
die erste wesentliche Einschränkung des seit dem Wiener Frieden 
aufrechterhaltenen Principes der protestantischen Religionsfreiheit. 
Es , ist das unvergängliche Verdienst des Hauses Habsburg, 
nie, auch unter den schwierigsten Verhältnissen nicht, den Kampf 
gegen die Türken aufgegeben zu haben. Ihre Niederlage, die Be- 
freiung des Landes zog auch das Ende des Thököly'schen Auf- 
standes nach sich. 

Dies ist der Zeitpunct, in welchem man an eine vollständige 
Auflösung des ungarischen Staates denken konnte. Es erhoben 
sich Stimmen dafür, dass Ungarn als Churfürstenthum dem deutsclien 
Reiche einverleibt werden solle. ^) Da aber Ungarn nie zum Reiche 
gehört hatte, konnte man hiefür nicht.s geltend machen, als das 
Recht der Eroberung. An dieser Eroberung aber hatte nicht daß 
Reich, sondern die Hausmacht der Habsburger den grössten Antheil. 
Viel näher lag es, Ungarn, wie man es mit Böhmen gethan, in die 
Administration der- Erblande einzufügen, für deren gesammten 
Complex damals die Bezeichnung „Monarchie'' aufzukommen begann. 
Dies ist der Gesichtspunct, aus dem mehrere Flugschriften dieser 
Zeit, wie : „Der in böhmische Hosen gekleidete ungarische Liber- 
tiner" die ungarische Frage behandelten. ^ 

Jedoch, die Möglichkeit vorausgesetzt, entsprach ein solcher 
Plan keineswegs dem Interesse der Dynastie selbst. Kaiser Leopold 
hatte die ungarische Verfassung beschworen und noch 1684 den 
zu ihm übertretenden Gefährten Thököly's vollständige Amnestie 
zugesichert. Doch auch hievon abgesehen, konnte man in einer 
Zeit, wo die orientalische Frage aufgerollt wurde, die Autorität der 
Stephanskrone, an deren Herrschaft auf* der Balkan-Halbinsel so 

*) Bidermann, Geschichte der österr. Gesammtstaats-Idee, I. 
«j Von Joh. Flämitzer. 1687. 



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153 

mächtige Traditionen sich knüpften, kaum missen. Leopold I. 
berief 1687 den Reichstag nach Pressburg. Ungarn sollte seine 
Verfassung behalten, jedoch ein Erb-Königthum der Dynastie 
werden. 

So war es die Dynastie, welche Ungarn vor dem Schicksal 
Polens bewahrte. Doch der errungene Sieg konnte nicht ohne 
tiefgehende Folgen bleiben. Als solche stellen sich die Befestigung 
der königlichen Gewalt, dann das neue Uebergewicht des Katholi- 
cismus dar. Das Verhältniss der politischen Kräfte hatte sich seit 
dem Wiener Frieden von Grund auf verändert. 

Alle diese Wandlungen muss der Historiker, wenn er der 
staatsrechtlichen Stellung Ungarns gerecht werden will, vor Augen 
halten. Auch der Politiker vom Anfange des XVm. Jahrhunderts 
musste mit ihnen rechnen. Denn von den beiden Tendenzen, die 
miteinander im XVII. Jahrhundert um die Herrschaft gerungen, 
der Tendenz der ständischen, nationalen und religiösen Unab- 
hängigkeit und dem Bestreben, das österreichische System auch 
auf Ungarn auszudehnen, hatte doch keine die andere vernichten 
können. Sie bestanden nebeneinander und mussten sich auseinander- 
setzen. Der ganze Zustand beruhte eben darauf, dass jede doch 
der andern Schranken setzte. 

Dadurch aber, dass die Dynastie die Verfassung anerkannte 
und die Handhabung der Gesetze den Ungarn selbst überliess, war 
nach Ende des von Franz Räkoczy H. geleiteten Aufstandes 
Eines erreicht, was die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung 
vor Allem bedingte. Es mochte wohl in manchen Kreisen Un- 
zufriedenheit herrschen, auch die sehr zahlreiche Emigration liess 
es an Kührigkeit nicht fehlen, im Ganzen hatte aber die Idee, das 
Heil für Ungarn in einer andern Verbindung, als in der mit der 
Dynastie zu suchen, vollkommen aufgehört. Um so wichtiger ist es, 
dass dies gerade damals geschah, als ja der Habsburg' sehe Mannes- 
stamm seinem Erlöschen entgegengieng und die Frage, das Wahl- 
königthum herzustellen, vor der Annahme der weiblichen Erbfolge 
wohl erörtert werden konnte. „Sollen wir uns etwa Russland oder 
einen andern Potentaten wählen?" frug der Palatin Nicolaus 
P&lffy den Protonotar Franz von Szluha, ehemals eifriger 
Anhänger R A k 6 c z y's. ^) 



*) Brief vom 7. März 1722. Mitgetheilt von Ladislaus von Szalay. Buda- 
pest! Szemle. XIX. 



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154 

Demgemäss war in der europäischen Stellung Ungarns ein 
vollkommener Frontwechsel eingetreten. Früher konnte die euro- 
päische Opposition gegen das Haus Habsburg, mochte es nun die 
Pforte, Frankreich oder der Protestantismus sein, stets mit Ge- 
mssheit darauf rechnen, einen bedeutenden Theil Ungarns in ihrem 
Lager zu sehen. Jetzt hörte dieser Zwiespalt auf. 

Im Türkenkriege von 1716 — 1717 zeichnete sich Johann P Alf fy 
imter Prinz Eugen erneuert aus. Den Angriff der Tataren in 
Siebenbürgen und Marmaros schlug die Bevölkerung selbst zurück. 
Ungarische Husaren und Heiducken kämpften an der Seite der 
kaiserlichen Streitkräfte in Sicilien, Corsica und am Po, 

Der Änschluss an die Dynastie war ohne Hintergedanken und 
wurde, so lange die Verfassung und Herrschaft der Stände nicht an- 
getastet ward, ganz als selbstverständlich und unabänderlich betrachtet. 

Ein gleiches, unbedingtes Aufgeben des während der Wirren 
eingenommenen Standpunctes lässt sich von den Kreisen der erb- 
ländischen Regierung doch nicht behaupten. In einem Protocoll, 
das Prinz Eugen, Starhemberg und Sinzendorf am 
27. Januar 1726 dem Kaiser vorlegten und das Carl mit seinem 
Placet versehen, wird als oberster Grundsatz ausgesprochen: „will 
es ohnumgänglich sein, dsiss man, so viel möglich ist, ein Totum 
aus Eurer kais. und kath. Majestät weitläufiger und herrlicher Mon- 
archie mache.'' ^) Als die Erbfolge- Ordnung vor den Reichstag kam, 
1722, war die Regierung entschlossen, im Falle die Stände sie nicht 
annehmen wollten, ,,von der in ihren Händen habenden Macht 
Gebrauch zu machen". ^) Die Centralisation, das Bestreben, Ungarn 
ganz in Oesterreich aufgehen zu lassen, gieng zwar einen leiseren 
Schritt, als unter Leopold, entsagt aber hatten ihr die Räthe, 
die das Ohr des Monarchen besassen und die Politik des Reiches 
leiteten, mit nichten. Und wer wollte es in Abrede stellen, dass 
ausser dem natüi'lichen Hange, der jeder Institution eigen ist, ihren 
Wirkungskreis auszudehnen, auch hohe st-aatliche und culturelle 
Interessen diese Centralisation zu fordern schienen? Wie dem 
fürstlichen Absolutismus, so stand aber auch der modernen Form des 
Staates, wie sie damals in Frankreich, dann in Preussen emporkam, 
das beschworene Gesetz im Wege. 

Eine kurze Darstellung der damaligen Verfassung und Ver- 
Avaltung Ungarns wird nicht nm* seinen damaligen Zustand erklären, 

*) Bidermann, 1. c. II, 77. 

*) Bericht des preussischen Gesandten in Wien. Köu. Archiv in Berlin. 



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155, 

sondern auch zeigen, an welchen Puncten die noch vorhandenen 
Gegensätze aneinander stossen mussten und was das Resultat ihres 
Bingens war. 

Die königliche Gewalt. 

Im XVn. Jahrhundert hatten die ständischen und protestan- 
tischen Literessen das Uebergewicht gehabt. Die Folge der sieg- 
reichen Türkenkriege war, dass die staatliche Organisation des 
XViU. Jahrhunderts unter dem Zeichen der aufsteigenden Königs- 
macht vor sich gieng. 

Die königliche Würde war nach 1687, G. A. I, erblich im 
Mannesstamme der Habsburger, nach 1723, G. A. I, 11, auch in 
weiblicher Linie. Wie die betreffenden Artikel es aussprachen, geschah 
die Annahme des Erbrechtes aus Dank für die grossen Wohlthaten, 
durch welche die Habsburger die Nation auf ewig ihrem Hause 
verbmiden hatten; Leopold durch die Vertreibung der Türken, 
Carl durch die Ausbreitung des Keiches und die Herstellung des 
innem Friedens. Der Sieg der katholischen Religion brachte 
es mit sich, dass die Krone an ihr Bekenntniss geknüpft war. 
(1723, m.) >) 

Viele Gresetzartikel hofften oder forderten den Aufenthalt des 
Königs im Lande. Doch erschien Carl selten in seinem Schlosse 
in Pressburg, viel häufiger wählte er den Landaufenthalt in Carl- 
burg (Oroszvir im Wieselburger Comitat, nahe der österreichischen 
Grenze). Der ungarische Hofstaat, Kämmerer, Thürsteher, Stall- 
meister war vollzählig, doch trat er nur bei feierlichen Gelegen- 
heiten, wie bei der Kj'önung, in Function. 

Jeder geistliche und weltliche Unterthan ist der Person des 
Königs zur Treue verpflichtet. Diese Treue ist nach dem Tripartitum 
I, 12 die Anerkennung dessen, dass er das Haupt des Staates ist 
und sie keinen andern Herrn über sich dulden. 

An der Gesetzgebung nehmen auch die Stände Antheil, doch 
werden die Gesetze im Namen des Königs, nicht in dem des 
Landes herausgegeben. Die Gesetze bestimmen auch, in welchen 
Angelegenheiten der König aus eigener Machtvollkommenheit ver- 
fahren kann und in welchen er an die Zustimmung der Stände 



*) Descendentes eorundem legi ti mos llomano - Catholicos successores 
utriusque sexus. 



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156 

gebunden ist. Unter den königlichen Prärogativen setzte man das 
kirchliche Patrona tsrecht an die erste Stelle. ^) Der König verleiht 
die kirchlichen Beneficden : Bisthünier, Abteien und Propsteien, nur 
die Bestätigung des Emaiuiten ist dem apostolischen Stuhle vor- 
behalten. Auch ernennt der König die Domherren zu den meisten 
Capiteln. Als Patron hat er auch das Recht, über die ihre Kirchen 
und Beneficien vernachlässigenden Prälaten das Sequester zu ver- 
fügen. ^ 

Von derselben Prärogative leitet sich das Aufsichtsrecht des 
Königs über die Studien und frommen Stiftungen her. So verbindet 
sich der mittelalterliche Titel mit einem der wesentlichsten Rechte 
des modernen Staates. Nach LXXIV, 1715, behält sich Seine 
Majestät nach seinem apostolischen Amt und seiner höchsten 
Autorität die Aufsicht über alle Seminarien, Collegien und Convicte 
der geistlichen und weltlichen Jugend, wer immer sie gegründet 
hat, selbst vor. Im LXX. G. A., 1723 stellten die Stände die 
Leitung des ganzen Unterrichtswesens ,,nach Form, Weisung und 
Mitteln" unter die königliche Majestät. 

Dies Alles gieng auf die Begründung der ungarischen Kirche 
durch Stephan den Heiligen zurück. Dem Protestantismus gegen- 
über, der doch nicht vernichtet werden konnte, war die Macht- 
stellung des Königs nicht nur durch das oberste Aufsichtsrecht 
gewahrt, sondern insbesondere durch den XXX. G. A., 1715. Der- 
selbe berichtet, dass nach vielen Zwistigkeiten der Religionsparteien 
die Entscheidung Seiner Majestät anheimgestellt worden ist, die 
aus besonderer Gnade die G. A. von 1681 und 1687 für diesmal 
noch bestätigt hat. Alle Klagen werdeil durch königliche Commissäre 
entschieden. Die Beschwerden der Protestanten sollen beim König 
eingereicht werden. So ward der König der oberste Schiedsrichter 
der streitenden Confessionen. Auf Grund dieses Gesetzes erliess 
dann Carl die bekannte Resolution von 1731, welche das prote- 
stantische Kirchen- und Schulwesen in vielen Dingen beschränkte 
und die innere Einrichtung der protestantischen Confessionen ordnete. 

Das Patronatsrecht wurde später in einem Sinne gedeutet, der 
zur Aufhebung der ständischen Rechte führen musste, deren ja 
auch der Clerus als Reichsstand theilhaftig war. So weit, wie 
KoUar unter Maria Theresia gieng man damals noch nichts 

*) Uermenyi, Jus Publ. regni Hungariae. HancLschr. des Nat. -Museums 
Budapest. 11. 7. 

») G. A. LXXI. 1723. 



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157 

aber durch die nach Kollonics genannte Convention von 1703 
waren die Güter des Clerus dem Wesen nach besteuert. ^) Die 
Inhaber der Beneficien mussten einen gewissen Percentsatz ihrer 
Einkünfte zu den militärischen Kosten oder, wie man es nannte, 
zur Fortificationscasse beitragen. 

Auch in weltlichen Angelegenheiten sicherte die Verfassung 
dem Könige einen ausgedehnten, jenseits der ständischen Ingerenz 
liegenden Maohtkreis. Sein erstes Vorrecht ist, dass er allein adelt. ^ 
Die adelige Gesellschaft überliess die Cooptation ihrem Oberhaupte. 
Ob der König nun sein Recht blos zur Verleihung des Titels oder 
auch von Gütern gebraucht, der also Ausgezeichnete wird Mitglied 
der herrschenden Classe. Der König ist „die Quelle der Ehren". 
Jede Auszeichnung, jedes Privilegium hängt von seinem Willen ab. 
Er erhebt in den Freiherm- oder Grafenstand. Er verleiht mit 
voller Autorität Befreiungen von Steuer und Zoll, Markt-, Mauth- 
und Zunftprivilegien. ^ 

Besonders aber galt die Gerichtspflege als königliches Recht. 
In Majestätsverbrechen urtheilte der König selbst. Nur allein die 
Felonie und die Beleidigung Semer Majestät können den Verlust 
des Adels nach sich ziehen. Seine Kanzlei kann den Befehl zur 
Erneuerung der Prooesse ertheilen (cum gratia), sie kann durch ihr 
Mandat lindem, verschieben oder das ganze Urtheil cassieren. Die 
könighche Tafel spricht in seinem Namen das Recht und die mit 
seinem Insiegel versehenen Beschlüsse werden vollzogen. Auch übte 
der König das Recht der obersten Aufsicht über alle Gerichtshöfe aus. 

Diese gerichtliche Gewalt macht den Adel beinahe in dem 
Grade vom König abhängig, wie das Patronatsreoht die Geistlichkeit. 
Die nota infidelitatis schwebt über dem Haupte des Ungetreuen 
und kann nicht nur ihn, sondern sein ganzes Geschlecht vernichten. 
Die Ernennung der Landsrichter hieng vom König allein ab. Und 
wieviel bedeutete diese grosse discretionäre Gewalt in einem 
processierenden Lande, wo so zu sagen jeder Rechtstitel in Frage 
gestellt werden komite? 

Der König ernennt alle Magistrate des Landes. Ausnahmen 
bilden blos die Würde des Palatins und der Kronhüter, bei deren 
Besetzung die Stände mitwirkten, dann die Comitatsmagistrate, die 
aber nach Candidation des Obergespans gewählt wurden. 



*) Conventio Kollonicsiana. 15. Juni 1703. Herausgegeben vom kön. ung. 
Cultus- und Unterrichts-Ministerium. I. Vallas-Alap. Iromanyok. 40. i^. 
«) Uerm^nyi 1. c. VIII. c. 2 
*) Tripartitum IL 9. Privilegium ex mera principis auctoritate procedit. 



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158 

Dem König steht das Recht der Begnadigung zu. Der G. A. 
XL 1715 spricht es aus, dass ihr Gebrauch stets an die Autorität 
der Majestät geknüpft ist. Er kann von Infamie und bürgerlichem 
Tod befreien, er hat das Recht, uneheliche Kinder unter den gesetz- 
lichen Formen zu legitimieren. 

Dem feudalen Recht entspricht es, dass der König der 
natürliche Vormund der verwaisten Adeligen war. Demgemäss 
hat er die Oberaufsicht über Waisen- und Vormunds-Angelegen- 
heiten. (1715, LXVm.) 

Wenn auch die Reichstage oft Vorschläge über Münzprägimg 
machten, galt das Münzrecht doch stets als ein königliches. Da 
nun der Münzgehalt die Preise bestimmte und auf Handel und 
Gewerbe grossen Einfluss ausübte, hielt der König auch den Bürger- 
stand in seiner Hand. Zudem waren ja, nach ungarischem Staats- 
reclit, die Freistädte eigentlich Königsgut. 

Diese Prärogativen gaben dem Könige die Macht über die 
einzelnen privilegierten Classen, die durch ihre gesellschaftliche 
Stellung in directer Verbindung mit dem Staate standen. lieber 
die ganze Nation aber verfügte er als absoluter Herr über Krieg 
luid Frieden. Die ehemaligen Reichstage waren zwar beflissen, 
ihre Einwirkung auch auf diesen Zweig der Regierung auszudehnen, 
seitdem aber das Reich durch Inarticulierung der pragmatischen 
Sanction unlösbar mit den Erblanden uniert war, konnte ein Theil 
sein Interesse von dem des andern nicht trennen. Uebrigens galt 
das Recht, Bündnisse zu scliliessen und Gesandtschaften abzuordnen, 
unter einigen gesetzlichen Beschränkungen stets als königliches 
Reservatrecht. Der König kann auch, ohne die Stände zu berufen, 
die sogenannte Parti cular-Iusirrrection des Adels anordnen. ^) 

Aus eben diesem Rechte floss die Vertheidigung und Ein- 
richtung der Militärgrenze, die Werbung und die Einquartierung 
im Lande, das Anlegen neuer Festungen. 

In allen andern Gesetzen und Verordnungen ist der König 
an das Zusammenwirken des Reichstages gebunden. Doch unter- 
stand auch die Ständeversammlung der königlichen Prärogative. 
Nur der König hatte das Recht, sie in einem gewissen Termin 
einzuberufen, er setzte durch seine Propositionen die Gegenstände 
der Verhandlungen fest, endlich erhielten ihre Beschlüsse nur durch 
seine Bestätigung Gesetzeskraft. ^) 



') 1715, XVIII und 1723, VI. G. A. 

*) Marczali, Magyaroszäg tört^nete II. J6zsef kordban. I. 319. 



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159 

Alle diese Rechte übte der gekrönte König gesetzlich als 
Oberhaupt des ganzen Staates oder einzelner Stände aus. Doch ist 
diese Summe von Gewalten noch sehr entfernt davon, das ganze 
Wesen der königlichen Machtvollkommenheit auszudrücken. Zu 
einem wahrhaften Bilde des politischen Zustandes gehört auch die 
Schilderung des Machtkreises, über welchen der König von Ungarn 
auf ungarischem Boden nicht auf Grund von Gesetzen oder an- 
erkannten Majestätsrechten gebot, sondern als Machthaber über 
solche Organisationen, welche dem ungarischen Staate nicht an- 
gehörten. 

Der König von Ungarn hatte das Vaterland grösstentheils 
durch die WaflFen vom Türkenjoche befreit. Daran erinnert, dass 
eine grosse Anzahl nicht einheimischer Soldaten — im Frieden 
30 — 40.000 — in den Festungen und in Garnison liegen. Ihr 
Kriegsherr, der Kaiser, ist zugleich König von Ungarn, doch 
ihre Verwaltung wurde nicht durch eine migarische Behörde, 
sondern durch den kaiserlichen Hofkriegsrath besorgt. In dieser 
Zeit wurden die ersten ungarischen ßegimenter errichtet, aber 
nicht durch den Reichstag, sondern ebenfalls durch den Hof- 
kriegsrath. 

Was man den Türken abgenommen, galt nach ungarischem 
Gesetz und Recht als wiedererlangtes Gut, in Wien jedoch wurde 
es als Eroberung angesehen. Zwar ein Theil musste gegen Ent- 
schädigung den ehemaligen Besitzern zurückgegeben werden, andere 
Dominien fielen hervorragenden, um den Fürsten und das Land 
verdienten Männern und Geschlechtem zu. Aber südlich von der 
Donau und der Marcs wurden die neugewonnenen Gebiete noch 
ausschliesslich durch den Hofkriegsrath und die kaiserliche Hof- 
kammer verwaltet. Weder die ungarische Verwaltung, noch die 
Ständeversammlung konnten auf das Einkommen, den Zoll, die 
Gerichtspflege dieser ausgedehnten Landschaften auch nur den 
geringsten Einfluss ausüben. 

Türkische Unterthanen, die aus religiösen und politischen 
Gründen ihre Heimath verliessen, hatten von diesem Territorium 
Besitz ergriffen. Der König nahm sie 1G90 auf und wies ihnen 
Wohnplätze an. Das Leopoldinische Diplom vom 21. August 1691 
ordnet die Serben ihrem Patriarchen unter und gestattet ihnen 
freie Religionsübung, erwähnt jedoch die imgarischen Obrigkeiten 
nicht. Sie wohnen auf dem Gebiete der heiligen Krone, selbst- 
ständig organisiert. In Innern und äussern Kriegen dienen sie 
dem Kaiser. 



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160 

Die Duldung der Juden hängt allein von der königlichen 
Gnade ab. Dafür zahlen sie die Toleranztaxe, welche in dieser 
Zeit beiläufig 30.000 Gulden jährlich betrug. 

Die Bergwerke sind ebenfalls königliches Gut. Der König 
aber lässt sie nicht durch seine ungarische Kammer verwalten, 
selbst die Salinen werden dieser erst durch XVII. G. A. 1741 zu- 
gewiesen, sondern durch seine Wiener Central-Finanzbehörde. Dieser 
unterstehen der Kammergraf in Kremnitz, die Bergwerks-Directionen 
in Szomolnok und Nagybinya. 

Im Allgemeinen sind die königlichen Einkünfte, die MiUtär- 
Contribution ausgenommen, beinahe jeder Einflussnahme der Reichs- 
tage entrückt. Salzbergwerke, Dreissigst- und Zollabgaben, die 
Revenue der Krön- und Kammergüter, werden als Privateinkommen 
des Monarchen betrachtet. Das Salz allein brachte beinahe soviel, 
als die ganze Contribution betrug -— an zwei Millionen. Noch 
grösser war der Ertrag der von Wien aus administrierten Gold-, 
Silber- und Kupfergruben. 

Ebenso war die Post eine ausschliesslich königliche Institution. 
Der König hatte sie organisiert zu seinem Dienste und die fürstlich 
Paar'sche Familie leitete sie als erbliche Oberpostmeister in der 
ganzen Monarchie. Der CXIV. G. A. 1723 überlässt das ganze 
Postwesen Seiner Majestät. 

Der König von Ungarn verftigte also factisch über eine noch 
viel grössere Gewalt, als sie ihm die Verfassung einräumte. Er 
besitzt einen grossen Theil des Landes als Gutsherr mit vollständig 
absoluter Macht. Der ungarische R3ichstag trägt nicht sehr 
wesentlich zu seinen Einkünften bei. In den wichtigsten Fragen 
des Staates, in Krieg imd Frieden, über das Heerwesen selbst, über 
viele bedeutende Einnahmen verfügt der König ohne ihn, ohne 
auch nur das Gesetz zu verletzen. 

Diese Position des Königthums entspricht keiner landläufigen 
theoretischen Schablone. Der König besitzt die vollziehende Gewalt 
nicht in vollem Masse ; so zu sagen jeder Adelige hat einen Antheil 
daran. Dafür aber übt er einen grossen, fast .überwiegenden Einfluss 
auf die Gesetzgebung und Justizpflege aus. Die Stellung der Mon- 
archie war eben nicht das Ergebniss politischer Deductionen, sondern 
das Resultat von wichtigen historischen Ereignissen. Diese Stellung 
in und über dem Gesetz war in jahrhunder belangen Kämpfen zu 
Stande gekommen. Und da- der Boden dos Rechts und der Macht 
in vielen Puncten streitig war, konnten die Verfassungskämpfe nicht 
vollkommen aufhören. 



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161 

Verwaltung. 

Die grossen Dicasterien, denen die Regierung Ungarns an- 
vertraut war, erhielten gerade in der Zeit CarPs ihre neue Gestalt 
Das Land tritt nach dem Ende der TürkenheiTschaft in eine neue 
Epoche, aber die ständische Verfassung sorgt dafür, dass die neu 
errichteten Institutionen der Form nach als Fortsetzung der alten 
erscheinen sollen. Die königliche Kanzlei, die Kammer, die Curie, 
selbst der Statthalterei-Rath gehen von alten, ähnlichen Zwecken 
dienenden Organisationen aus. Doch ist ihre Bedeutung umso 
viel grösser als ihi'e Vorläufer, um wie viel der Wirkungskreis des 
Königthums, in dieser seiner beinahe absoluten Epoche, an Conti- 
nuität und Entwicklung das mittelalterliche Königthum übertraf, 
dessen Thätigkeit, so zu sagen, ganz von Zufall und Persönlichkeit 
abhieng. 

Allen diesen Institutionen gemeinsam ist, dass sie zugleich 
königlich und ungarisch waren, dass ihr Bestehen geradezu einen 
Theil der Verfassung bildete. Diese doppelte Position wurde damit 
erklärt, dass die Vollziehung der Gesetze zwar dem Könige zu- 
stehe, jedoch das System des Reiches es fordere, dass die Krone 
dieses Recht durch die Stände ausübe. So sind die Mitglieder der 
grossen Dicasterien königliche Beamte und gehören zugleich dem 
ständischen Organismus an. 

Da die persönliche Einwirkung des Königs auf die Landes- 
angelegenheiten viel bedeutender war, als die mehr ins Detail 
gehende Thätigkeit der staatlichen Behörden, die der bestehende 
Zustand auf Schritt und Tiitt einengte, war es natürlich, dass unter 
diesen Dicasterien die königliche Kanzlei an Wichtigkeit vor- 
anstand. ^) Wie schon ihr Name beweist, war die königliche Kanzlei 
oder „Expedition" der Vermittler in den zwischen der Person des 
Königs und dem Lande schwebenden Angelegenheiten. Desshalb ist 
ihr Aufenthalt in Wien, zur Zeit der Reichstage in Pressburg. Sie 
erlässt alle Privilegien xmd Gnaden, die der Majestät vorbehalten 
sind, alle Rescripte an die politischen und Justizbehörden. Durch 
sie regiert der König unmittelbar. Im Siime ihrer Instruction ist 
es die Pflicht dieser Hofstelle : „Allem vorzubeugen, was die könig- 
liche Macht und Würde wie immer verkürzen könnte, dagegen alle 
ihre Rechte, Privilegien, Prärogative und Reservate miverbrüch- 
lich beobachten zu lassen, die königlichen Befehle zu vollziehen 



») 20. L. c. 329-382. 

Oesterreiohisoher Brbl'olgokrieg. I. Bd. 11 



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162 

und die Landesgesetze und das ganze System aufreckt zu erhalten." 
Als Collegium ist sie blos „Expedition" des Königs. Sie arbeitet zwar 
über die zu referierenden Gegenstände Gutachten aus, aber welches 
immer ihre Meinung sein mochte, der Vorschlag schloss mit den 
Worten: „die Allerhöchste kaiserliche königliche Resolution und 
oberste Entscheidung vorbehalten". Im Shine ihrer Pflicht ermangelt 
sie nicht, den königlichen Aufträgen gegenüber den gesetzlichen 
Standpuncb zu vertreten imd wenn dieser mit dem königlichen Be- 
fehle nicht vereinigt werden kann, auf die betreffenden Artikel 
hinzuweisen. Sie ist also nicht blos Expedition, sondern der einzige 
imgarische Eath um des Königs Person. 

Nach der gewöhnlichen Eintheilung bildeten die Gnaden und 
andere persönliche Angelegenheiten, die den Behörden betreffs der Voll- 
ziehung der Gesetze und königlichen Verordnungen zu ertheilenden 
Erlässe, das zweite Departement der Kanzlei. Dies letztere dehnte 
sich also auf das ganze politische Gebiet aus. Einerseits verband 
es den König mit den Landesämtern, besonders dem Statthalterei- 
Rath, anderntheils vermittelte es auch den Verkehr mit den Wiener 
Behörden, besonders dem Hofkriegsrath, der Hofkamnier und der 
österreichischen und böhmischen Kanzlei. Wenn irgend etwas nicht 
durch blosse Correspondenz mit diesen Stellen abgemacht werden 
kann, hält die Kanzlei mit ilmen auf Allerhöchsten Befehl eine „Zu- 
sammentrotung", eine gemeinsame Conferenz ab, deren Gutachten 
dann der Beschlussfassung des Monarchen unterbreitet wird. 

Endlich vermittelte die Kanzlei die auf die Justizpflege be- 
züglichen königlichen Entschliessimgen und Verordnungen. Sie hält 
auch das königliche Archiv unter ihrer Aufsicht. 

An der Spitze der Kanzlei steht als Hofkanzler nun mehr 
schon ein weltlicher Herr. Die Magnaten wachten eifersüchtig darüber, 
dass der Prälatenstand keinen Anspruch mehr auf diese Stelle er- 
heben könne. Bei der Thronbesteigung Maria Theresia's hatte Graf 
Ludwig Batthydny, der spätere Palatin, diese hohe Position inne. 
Von den Räthen oder Referenten gehörte gewöhnlich einer dem 
geistlichen Stande, drei bis vier dem Herrenstande, die andern dem 
Adel an. 

Der Kanzler und die Räthe geniessen im ganzen Lande hohes 
Ansehen als die einflussreichsten Patrone. Sie verfügen über die 
grösste Clientel, da die Besetzung der weltUchen und geistlichen 
hohen Aemter grösstentheils von ihnen abhängt. Dieser ausge- 
zeichneten Position entspricht jedoch iliro wirkliche Macht keines- 
wegs. Denn alP dieses war nur der Abglanz der königlichen Würde. 



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163 

In jeder Angelegenheit, auch der unwesentlichsten, entscheidet die 
Majestät selbst, die Kanzlei dient nur mit ihrem unterthänigsten 
Eath und mag dieser befolgt werden oder nicht, sinkt sie sofort 
zur gehorsamen Expedition herab. 

Insofern würde die Kanzlei dem Geiste der alten ungarischen 
Verfassung entsprechen, die ja der Selbstregierung des Herrschers 
ein so grossartiges Feld einräumte. Das Absehen der Stände war 
nur darauf gerichtet, dass der König die ungarischen Geschäfte aus- 
schliesslich durch sie besorge und sie von der Majestät des Königs 
allein, nicht aber etwa von einer andern Wiener Behörde abhänge. 
Diesem Gedanken verleiht schon der G. A. XXXVTH, 1569 Aus- 
druck, in dem über die Einflussnalime der Kammer und des Kriegs- 
rathes geklagt wird. Dieses Gesetz wird 1715 im XVII. A. bestätigt 
und zugleich ausgesprochen: „Dass die königliche Kanzlei von 
keiner andern Hofstelle abhängen solle, sondern dass sie mit den 
andern unmittelbaren Dicasterien des Monarchen auf gleichem Fusse 
stehend, mit ihnen Correspondenz pflege." 

Es ist kein Zweifel, dass dies der Angelpunct der imgarischen 
Selbstständigkeit war. Und so klar das Gesetz auch sprach, so wenig 
komite die in Wien residirende Hofstelle dem Einfluss der andern 
Hofbehörden entzogen werden. So ist in der Instruction von 1727 
die Verpflichtung der Kanzlei enthalten, die Entscheidungen, welche 
die Hofkammer in Hungaricis erlässt, zu expedieren. Verschiedene 
Gegenstände müssen laut dieser Instruction von der Kanzlei und 
der Hofkammer zusammen berathen werden, bei andern wird im 
Voraus angenommen, dass das Gutachten dem Geheimen Eath oder 
der Ministerial-Conferenz vorzulegen sein wird, wo dann ein adeliger 
Referent sie vertreten soll. Mit einem Wort: die dem Gesetze nach 
unabhängige Kanzlei wird in Wien de facto der noch im Ausbau 
befindlichen Centralregierung als einigermassen untergeordnete 
Maschinerie eingefägt. Bezeichnend dafür ist, dass die Instruction 
selbst die Unterschrift des obersten österreichischen Hofkanzlers 
trägt. Es begann schon damals die Praxis, dass die für Oesterreich 
herausgegebenen Verordnungen, wenn anwendbar, durch die Kanzlei 
auch für Ungarn erlassen wurden. 

Die zweite Hofstelle war der königliche Statthalterei- 
Rath. Er wurde durch G. A. Gl und GH 1723 errichtet und war 
eigentlich eine Neugestaltung des schon unter Ferdinand I. in 
Pressburg errichteten Gubemiums. Wie schon sein Name beweist, 
verdankte er sein Dasein der Thatsache, dass der König so selten 

11* 



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164 

im Lande residierte. Er war eigentlich kaum als königliche Rath- 
stelle anzusehen, denn was von ungarischen Geschäften unmittelbar 
vor den Monarchen gelangte, gieng von der Kanzlei aus. Er ver- 
trat nicht so sehr die Person des Königs als vielmehr die des 
Palatins, sein Rathscollegium übte jene Wirksamkeit aus, welche 
früher diesem hohen Würdenträger, nach den Gesetzen dem Stell- 
vertreter des Königs, zustand. 

Das Consilium darf nach dem Gesetz von keiner Hofetelle 
abhängen, blos von Sr. Majestät, deren Kath es ist. Es schreibt 
direct an den König und „Se. Majestät wird seine Resolutionen 
diesem Rath durch Rescript oder Decrot mittheilen. Wenn es 
Se. Majestät flir gut findet, wird er in den Geschäften, in welchen 
er ausfuhrlich informirt zu werden wünscht, die Räthe zu sich be- 
rufen". Dieses Dicasterium wird nicht direct mit den Regierungen 
„der benachbarten Königreiche und Provinzen correspondieren", 
sondern, wie diese, seine Relationen der Majestät einreichen. Es 
darf keinen, den vaterländischen Gesetzen \vidersprechenden Be- 
schluss fassen. Dagegen wird es die Beschlüsse der Diäten voll- 
ziehen lassen. Die einmal mit Majorität der Stimmen gefassten 
Beschlüsse dürfen ausserhalb des Rathes nicht verändert werden. 
Als Hauptagenden werden ihm die Massnahmen zur Förderung der 
Impopulation des Landes und die Hebung des Handels und der 
Gewerbe zugewiesen. 

Nach der vom Monarchen ertheilten Instruction ist es die 
Aufgabe des Locumtenentialrathes, die in Ungarn vorkommenden 
politischen, ökonomischen und militärischen Geschäfte vor Augen 
zu halten und für Alles Sorge zu tragen, was der Dienst des Köni^, 
die Administration, das Wohl und die Blüte des Landes, die Aufrecht- 
erhaltung der Einwohner und Contribuenten erfordern. In diesem 
Sinne sprach auch der kaiserliche Hofkanzler Graf Sinzendorff, 
als er am 20. März 1724 in Pressburg den Statthaltereirath eröffnete: 
„Se. Kaiserliche Majestät ist überzeugt, dass dieser Rath, mit voll- 
ständiger Eintracht, ohne Parbeilichkeit, nur das Gemeinwohl an- 
streben wird. Ohne Zweifel wird daraus den Geistlichen Würde, 
den Magnaten Vorrecht, den Adeligen Recht, den Bürgern Auf- 
blühen des Handels, den Landleuten Ackerbau, dem ganzen Reich 
das grösste Glück erwachsen."^) 

Diese ständische Auffassung fand auch in der Zusammensetzung 
dieser Stelle vollkommenen Ausdruck. An der Spitze steht der 

*) B61 Mathias, Notitia Hungariae Novae I. 432. 

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165 

Palatin, oder in dessen Abweseiilieifc der Oborsfc-Landesrichter, ihm 
zur Seite stehen zweiund zwanzig Räthe „aus dem Stande der Prä- 
laten, der Magnaten und Adeligen aus allen Theilen des Reiches, 
die Se. königliche Majestät ernennen wird'\ Die Bezahlung erfolgt 
aus den königlichen Einkünften. Im Jahre 1732 wurde nach dem Tode 
des Palatins Nikolaus P&lffy, Herzog Franz von Lothringen 
zum königlichen Statthalter ernannt und als solcher provisorisch 
mit der Leitung des Rathes betraut. Die Stände sprachen zwar 
schon 1723 den Wunsch aus, die Landesregierung in den Mittel- 
punct des Landes zu versetzen, sobald dies möglich sein werde, 
doch verblieb sie unter Carl und auch noch unter Maria Theresia 
in Pressburg. 

Zur Beförderung des Gemeinwohles übt dieses Dicasterium 
die Oberaufsicht über alle Magistrate der Comitate und Freistädte 
aus. „Zur Wegräumung der den Vollzug der Gesetze hemmenden 
Hindemisse sollen die Comitate und Städte dem Statthalterei-Rath 
Berichte einsenden. Sollten sie dies vernachlässigen, wird das Con- 
silium bei Sr. Majestät repräsentieren, damit er ein geeignetes Heil- 
mittel verordne." 

Dieser Punct erweist klar, worin die Schwäche dieser Regierimg 
und ihres Systemos lag. Trotzdem sie einestheils auf ständischer 
Basis stand, konnten die Municipien gegen sie, als das Organ der 
königlichen Gewalt, ihre ständischen Gerechtsame geltend machen. 
Aus eigener Macht diesen Widerstand niederzukämpfen, hatte sie 
keine Kraft. Eigentlich war doch die persönliche Regienmg des 
Königs die Stütze des ganzen Systems. Der Statthalterei-Rath konnte 
niu* schreiben imd begutachten: das Vollziehen ist nicht seine Sache. 
Die Bischöfe und Comitate werden die ihnen zugesendeten könig- 
lichen Verordnungen nur dann vollziehen, wenn diese ihren eigenen 
Interessen, ihrer gßiizen politischen Tendenz entsprechen. Der König 
nimmt seine Vorschläge nur dann an, wenn er von ihnen Ver- 
grösserung seiner Autorität und Macht erwartet. 

Da aber die königliche Macht viel stärker war als die ständische, 
wurde der Statthalterei-Rath beinahe ausschliesslich ihr Werkzeug. 
Besonders war dies der Fall, als es, wie gegen Ende der Regierung 
Carls, keinen Palatin gab und der königliche Statthalter, der von 
jeher den Ständen gegenüber unabhängiger war, seine Berathungen 
leitete. Daraus folgte nun, dass das Dicasterium im Lande unbeliebt 
WTii-de. Die Stände sahen ein, dass es vielmehr in der Befestigung 
der königlichen Prärogative, als in dem Vollzug der Gesetze seine 
Aufgabe erblickte. Der Reichstag von 1741 beschäftigte sich ernstlich 



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166 

mit der Frage seiner Auflösung und wussbe nur nichts besseres 
an seine Stelle zu setzen. 

Die dritte Regierungsbehörde war die königliche ungarische 
Kammer. Diese war von jeher, trotz aller Gesetze, m eine gewisse 
Unterordnung gegenüber der kaiserlichen Hofkammer gerathen. 
Der Reichstag von 1715 war bestrebt, auch diesem Dicasterium 
die Selbstständigkeit zu sichern und es mit den Wiener Hof&mtem 
auf gleichen Fuss zu setzen. (G. A. XVlil). Doch der König, der 
in Bezug auf Kanzlei und Statthalterei den Wünschen der Stände 
willfahrte, gab in diesem Pimcte eine ziemlich ausweichende Ant- 
wort. Er erklärte nämlich, dass er auf die Vorschläge der un- 
garischen Kammer im Wege der kaiserUchen Hofkammer seine 
Entschlüsse kundgeben werde. Doch versprach er, die Expedition 
der ungarischen Kammergeschäfte ausschliesslich durch seine unga- 
rische Kammer besorgen zu lassen und zur Verfassung der In- 
struction für diese Stelle auch ungarische Räthe beizuziehen. Zu- 
gleich werden auch die Zipser Administration, sowie die Ver- 
waltungen in Ofen, Szeged, Eszek imd Arad der ungarischen 
Kammer untergeordnet Auch der Reichstag von 1723 konnte hieran 
nichts ändern und selbst die angeordnete Einverleibung der er- 
wähnten Administration gieng sehr langsam von statten, so dass 
der Reichstag von 1741 sich aufs neue mit dieser Frage beschäftigen 
musste, wo dann diese Angelegenheit endgiltig geordnet wurde. 

In dem Zeitpuncte, von dem wir handeln, war die ungarische 
Kammer de facto unselbst^tändig. Die Hofkammer und die nen- 
en-ichtete „Universalität Bankalität", in deren Direction auch ein 
Ungar, Graf Peter Szunyogh, sass, ertheilten ihr nicht nur 
Weisungen, sondern hörten auch nicht auf, directen Einfluss auf die 
ungarischen Angelegenheiten auszuüben. So wurde z. B. trotz aller 
Repräsentationen die, der ungarischen Kammer unterstehende Münze 
in Pressburg aufgehoben. 

Diese Unselbstständigkeit war imiso empfindlicher, als die unga- 
rische Kanamer, als Fiscus, vor Allem die Aufgabe hatte, die Kron- 
rechte zu wahren. Eines der wichtigsten dieser Rechte war der 
Heimfall der Güter der ausgestorbenen oder wegen Hochverrath 
verurtheilten Familien. Die Güter der Familien Zrinyi und Fran- 
gepan wurden aber, trotz des G. A. CXVI, 1715 von der inner- 
österreichischen Kammer in Graz verwaltet. 

Selbst die Zusammensetzung dieser Stelle zeigt, dass sie kein 
rein ungarisches Dicasterium war. An ilu-er Spitze stand zwar ein 



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167 

ungarischer Magnat, von ihren zwölf Eäthen aber waren nur die 
Hälfte Ungarn, die andere Hälfte aber Deutsche. 

Aber auch abgesehen von dieser dem Staatsrechte nicht ent- 
sprechenden Stellung, wurde die Wirksamkeit der Kammer nicht 
günstig angesehen. Es hatten sich, besonders in den untergeordneten 
Beamten-Kreisen, sehr viele Missbräuche eingenistet, zu deren 
Abschaffimg die Gesetze, da deren Vollziehung durch nichts verbürgt 
war, nicht ausreichten. 

Von allen Dicasterien war die königliche Curie, der 
oberste Gerichtshof füi* alle Länder der Stephanskrone in innigster 
Fühlimg mit den Ständen mid ihrer Auffassung. Ihrem Ursprünge 
nach ist sie so alt, wie das Königthum. Seit der Zeit König Mathias 
Corvinus hatte sich aus dem alten königlichen Gerichte die 
sogenannte Octaval-Tafel mit gelehrten Richtern ausgebildet. Sie 
hatte ursprünglich sieben Beisitzer, denen durch G. A. XXIV, 
1723 acht neue zugesellt wurden. Von diesen gehörten zwei dem 
Prälaten-, zwei dem Magnaten-Stande, vier dem Adel an. Sie sollten 
aus allen Theilen des Reiches ernannt werden. Präsident war der 
Palatin, in seiner Abwesenheit der Oberstlandesrichter. Sie hält 
ihre Sitzungen in bestimmten Zeiten (Terminen) ab. Zu ihr kommen 
die Appellationen von der königlichen Tafel, dem eigentlichen 
Obergericht der Adeligen. Diese urtheilt in allen Donationalprocessen 
und Strafprocessen der Adeligen. Auch sie ist nach Ständen geordnet. 
Präsident war der königliche Personal, d.i. der Stellvertreter des 
Königs in Gerichtssachen, zugleich auch Präsident der Ständetafel 
des Reichstages. Da sie in corpore an der ständischen Versammlung 
tlieilnahm und ihre Protonotarien dort die eigentliche Arbeit, die 
Redaction der Gesetz-Artikel besorgten, musste während der Diät 
ein Juristitium eintreten. Ihre vielen Ferien trugen auch wesentlich 
dazu bei, den Weg des Gesetzes zu verlängern. 

Ausserdem gab es noch seit 1723 an ordentlichen königlichen 
Gerichtshöfen die Banaltafel in Agram für die Nebenländer, unter 
dem Präsidium des Ban oder seines Stellvertreters, dann die Distric- 
fcualtafeln in Tyrnau, Güns, Eperjes und Grosswardein. Von allen 
diesen gieng die Appellation an die königliche Tafel und an die 
Septem viral tafel. Da das ungarische Gesetz vom erbländischen 
grundverschieden war, konnte an diesen Stellen am wenigsten ein 
centralisierender Einfluss durchgreifen. Doch besass der König nicht 
blos das Emennungsrecht, sondern übte auch durch die Kauzlei 



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168 

und die Statthalterei die oberste Aufsicht über die ganze Justiz- 
pflege aus. 

Siebenbürgen war zwar den ganzen Zeitraum hindurch 
von Ungarn getrennt, hatte aber in den Grundzügen dieselbe Ver- 
waltung. ^) Es hatte ebenfalls eine Hofkanzlei in Wien ; dem Statt- 
halterei-Rath entsprach das königliche Gubemium in Hermannstadt, 
der Kammer das königliche Thesaurariat ; endlich bestand auch 
eine königliche Tafel in Maros-Väsdrhely. Doch war hier auf Grund- 
lage des Leopoldinischen Diploms von 1691 der direote gesetzliche 
Einfluss der Stände auf die Regierung weit grösser, als in Ungarn 
Zu allen Stellen sollten die Ernennungen aus allen drei Nationen 
und vier Religionen nur nach der Candidation des Land- 
tages erfolgen. Doch hielt sich der Hof nicht an die Candidation ; 
so wiu'de z.B. 1712 Graf Sigismund Kornis, den die Stände zum 
Rath proponiert hatten, zum Gubemator ernannt. Noch weniger 
blieb die Gleichstellung der recipierten Religionen in Kraft, besonders 
wurden die Unitarier von den Aemtem femgehalten. Nichtsdesto- 
weniger hatten die Protestanten noch immer eine viel gunstigere 
Stellung als in Ungarn und dies kann als eine Hauptursache 
betrachtet werden, wesshalb iluien die Vereimgung mit dem König- 
reiche, wo die katholische Restauration in voller Blüthe stand, 
damals nichts weniger als Avünschenswerth erschien. 

Dagegen wurden die Königreiche Croatien und Slavo- 
nien ganz als uitegrierende Theile des Reiches behandelt- Sie 
standen unter denselben Gesetzen und derselben Verwaltung. 
Militärisch standen sie nach dem Gesetze unter dem Banus, der 
die Autorität eines General capitäns für diese Länder haben sollte.^ 
Die croatischen Stände-Versammlungen hatten wohl das Rechte 
Statute zu verfassen, insoweit diese das Gesetz nicht verletzten, 
nicht aber Gesetze zu geben. ^) Dagegen beschäftigte sich der 
ungarische Reichstag selbst mit croatischen Angelegenheiten und 
trachtete auch, die specifisch croatischen Beschwerden zu heilen. 
In religiöser Beziehung hatte Croatien ein gesetzliches Privilegium : 
nur Katholiken konnten dort Güter besitzen. (G. A. XXXVI, 172B.) 

Dies ist in kiu'zen Zügen die staatliche, inarticulierte Ein- 
richtung Ungarns, -wie sie nach den Türkenkriegen und iimem 

*) Szilagyi Sandor, Erdelyoszug törtenete IL 
*) G. A.'CXIV, 1715. 
3) Tripartituin III. 12. 



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Kämpfen sich ausbildete und im Wesentlichen bis 1848 bestand. 
Während der Verfassungs-Streitigkeiten war oft die staatliche Selbst- 
ständigkeit Ungarns angefochten, seine Verfassung als Fiction, als 
todter BucLstabe behandelt worden. Nun war ein Compromiss vor- 
handen, welches der königlichen Macht einen grossen Wirkungskreis 
einräumte, aber innerhalb des liahmens der Verfassung. 



Die Stände. 

Sehen wir nun, wie sich die lebenden Kräfte der Nation zu 
dieser Einrichtung verhielten, in wie weit sie, nach ihren Innern 
Antrieben, der Constitution dienten oder ihr widerstrebten. 

Es fällt in die Augen, wie sehr der Text der Gesetze selbst 
einen, wenn auch blos passiven Widerstand, gegen den verfassungs- 
gemäss sich kundgebenden Staatswillen voraussetzt. Dieser Zweifel 
an der wirklichen Ausführung des beschlossenen Gesetzes oflfenbart 
sich in naiver Weise in dem schon erwähnten Artikel über die 
Errichtung des Statthalterei-Rathes, dessen Aufgabe ja eben die 
Ausführung der Gesetze sein sollte: „Die Comitate und Städte 
werden dem Statthalterei-Rath Informationen über die Hindernisse, 
welche dem Gemeinwesen und den Gesetzen im Wege stehen, 
emsenden. Sollten sie dies vernachlässigen, wird der Statthalterei- 
liath an Se. Majestät repräsentieren, damit er entsprechende Vor- 
kehrungen treffen könne." Der Verwaltung steht zur Besiegung des 
vorausgesetzten Widerstandes, den ihr böser Wille oder Nach- 
lässigkeit entgegensetzten, kein anderes Mittel zu Gebote, als der 
Eecurs an den König. Man kennt noch keine andere Regierung, als 
den persönlichen Einfluss des Monarchen. 

Wirkliche Macht lag blos in den Händen des Monarchen, der 
auch, abgesehen von Ungarn, zu den mächtigsten Herrschern zählte, 
dann in den Händen der geistlichen und weltlichen Aristokratie 
des Landes. 

Nach der Vertreibung der Türken und Zurückdrängung des 
Protestantismus brach für den Prälatenstand eme neue Epoche der 
Blüthe und Herrschaft an. An Rang stets der erste, war er es jetzt 
auch durch wirkliche Bedeutiuig. Seine Mitglieder, durch Geburt 
den ersten einheimischen und indigenen (Tcschlechtem aiigehörig, 
ragten auch diurch Bildung und geistige Begabiuig hervor. Es galt, 
das ,,liegnum Marianum" aufzurichten, nach den Türken auch die 
Ketzer und Schismatiker, d. h. die Protestanten und Griechen, die 



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man mit dem verächtlichen Namen „Akatholiken" zusammenfasste, zu 
bekehren oder zur Auswanderung zu zwingen und wenn dies nicht 
gelingen sollte, wenigstens der politischen Rechte zu berauben. Es 
waren ja kaum einige Jahrzehnte verflossen, seit Ludwig XIV. 
das Edict von Nantes aufhob und im heiligen römischen Reiche 
zwang gerade um 1730 der Erzbischof von Salzburg seine pro- 
testantischen Unterthanen zu emigrieren, warum sollte dasselbe Re- 
sultat im Reiche der Ki*one des heiligen Stephan nicht zu 
erreichen sein ? Die Verwahrlosung und Verwüstung des kirchlichen 
Lebens bot der apostolischen Thätigkeit einen grossen Spielraum. 
Die meisten Kirchen, geistliche Schulen und Fundationen in Ungarn 
wurden gerade in den ersten Jahrzehnten des XVIII. Jahrhunderts 
errichtet. Der Jesuitenorden, welcher die Herstellung des aus- 
schliesslich katholischen Staates als sein eigenstes "Werk betrach- 
tete, erfreute sich eines grossen Einflusses. Die Zahl seiner Anstalten 
und seiner Besitzungen nahm von Tag zu Tag zu. 

Die erste Folge des Sieges über die Türken und Protestanten 
war, dass der Clerus seine im Laufe der Jahrhunderte verlorenen 
Güter zurückgewami. Im XVII. Jahrhundert war ein grosser Theil 
der ungarischen Bischöfe so zu sagen in partibus infidelium. Den 
Primas und jene Prälaten ausgenommen, deren Diöcesen sich iin 
nordwestlichen Theil des Königreichs befanden, mussten sich 
mit einem minimalen Theil ihrer ehemaligen Revenuen begnügen. 
Jetzt aber erfolgte nicht blos die restitutio in integrum, sondern 
in Folge der zunehmenden Bevölkerung und der intensiven Cultur 
hoben sich die bischöflichen Einkünfte, so zu sagen, von Jahr zu 
Jahr. Sie wurden zwar, wie oben ei*wähnt, besteuert, unterlagen 
aber nicht mehr der Pflicht, Banderien zu unterhalten. Ungarns 
hohe Geistlichkeit zählte wieder zu den reichsten der Christenheit. 

Auf diesem Reichthum, dem Einfluss, den hohe Würden luid 
Auszeichnungen stets verleihen und der hervorragenden Persön- 
lichkeit einzelner seiner Mitglieder beruhte die politische und 
gesellschaftliche Macht des Clerus. Zu Gute kam ihm noch, dass 
er nicht blos seinen ständischen Rechten nach, sondern auch 
grossentheils nach dem Rechte der Geburt dem hohen Adel an- 
gehörte. Graf Emerich Esterhizy war Primas, Graf Patachich 
Erzbischof von Kalocsa, Graf E r d ö d y Bischof von Erlau, Graf 
A 1 1 li a n Bischof von Waitzen, ein anderer Graf Esterhdzy von 
Neutra, Graf B e r 6 n y i von Fünf kirchen, Graf C s ä k y von Gross- 
wardein, Graf Klobusitzky von Siebenbürgen. Dabeiwaren die 



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Erzbischöfe von Gran und Kalocsa, die Bischöfe von Erlau, Raab, 
Neutra, Fünfkirchen, Grosswardein, "Wessprim und Zdgrdb auch 
zugleich Obergespane der betreffenden Comitate. Es scliien sich 
ein Zustand heranzubilden, wie er im heiligen römischen Reiche 
bestand: der Adel hatte ein beinahe ausschliessliches Recht auf 
die Bischofswürde und die geistliche und weltliche Macht über 
grosse Territorien war in derselben Hand vereinigt. 

Seiner politischen Richtung nach war der Clerus eine der 
wichtigsten Stützen der königlichen Macht. Er wusste, wie viel 
der Katholicismus, insbesondere in Ungarn, den Habsburgem ver- 
dankte. Er hatte einen grossen Antheil an der Annahme der 
männlichen und später der weiblichen Erbfolge und in den Reden 
der Bischöfe an der oberen Tafel, sowie in denen der Domherren 
und Aebte an der unteren Tafel der Stände, giebt sich ein reges 
Gefühl der Loyalität imd der Dankbarkeit kimd. Dabei war er nicht 
gemeint, seinen speciellen Rechten, sowie denen, welche dem ge- 
sammten Adel zustanden, das geringste zu vergeben. Er musste 
auf dem Boden der Verfassung stehen, welche auf Stephan den 
Heiligen zurückgieng und seinem Glauben, sowie seinem Stande so 
grosse Vorrechte einräumte. Und als die Krone, obgleich gut 
katholisch, die Verfolgung der Protestanten nicht mehr billigte, 
rief Graf Althan, Bischof von Waitzen, aus: „Herr, ich leide 
Gewalt, antworte Du für mich." ^) 

Auch für die weltliche Aristokratie war die Friedenszeit eine 
Epoche der Restauration und des neuen Aufblühens. Seit 1G08 
waren ausser den Bischöfen, den Bannerherren und Obergespanen 
auch die erblichen Grafen und Barone Mitglieder der oberen Stände- 
tafel. Der Krieg gegen die Türken imd Protestanten bot vielen 
Greschlechtem des mittleren Adels Gelegenheit, der Krone Dienste 
zni leisten und dadurch eine erbliche Rangerhöhung zu erlangen. 
Die alten grossen Geschlechter, die noch vor der Herrschaft der 
Habsburger das Heft in Händen hatten und in den Kriegen des 
XVI. und XVn. Jahrhunderts eine beinahe unabhängige Rolle 
spielten, waren ausgestorben. Rdkoczy und seine Sölme starben 
in der Emigration, der letzte Apaffy in Wien, noch vor 1740: 
die Häuser der Zapolya, der Bäthory, der Bethlon von 
Iktdr, der Bocskay, der Zrinyi und Frangepan waren 
schon fiüher erloschen. Nach 1711 treten die Pälffy, die Ester- 

») Marczali 1, c. 22. 



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häzy, Erdödy, Batfchyäny, Csäky, Szechenyi, K&rolyi, 
Andrässy, Bänffy, Apponyi, Festetics iii den Vorder- 
grund. Die meisten weltlichen und geistlichen "Würden befinden 
sich in ihrer Hand. Ihr Besitz nimmt zu. Sie beherrschen die 
Comitate als Erb-Obergespane oder Bischöfe. Obzwar aus dem 
alten Adel hervorgegangen, treten sie dem Hofe näher und suchen 
auch dort durch Prunk und Reichthum sich hervorzuthun. Sie 
fühlen schon den Hauch des Ausländischen; sie sonnen sich im 
Glänze des Hofes, bleiben aber doch Ungarn. Ihre Correspondenz, 
ihre Testamente, ihr ganzes Leben liefern den Beweis dafür. 

Die ungarische Aristokratie war an einem der wichtigsten 
Wendepuncte ihrer Entwicklung angelangt. Im XVH. Jahrhmidert 
war in Ungarn noch die Ritterzeit vorhanden. Ihre Symptome 
waren: die häufigen Parteiimgen. die Jagd nach rohen, sinnlichen 
Genüssen; die wilde Kraft, die sich so oft gegen das Gesetz auf- 
lehnte. Der Magnat war vor Allem ein mit grossen Vorrechten 
begabter Kriegsmann. In seiner Burg, umgeben von seinen Mannen, 
haust er in der Weise eines Fürsten. Die Angelegenheiten seiner 
Güter, höchstens seiner Comitate, nehmen ihn ganz in Anspruch. 
Nie hat es in Ungarn weniger waJirhafte Staatsmänner gegeben, 
als damals und nur die imponierende Persönlichkeit eines Nikolaus 
Zrinyi koimte sich auf einen höheren, das ganze Reich um- 
fassenden Standpunct erheben. 

Nach Szatradr, 1711, giebt es in Ungarn nur ein Gesetz, eine 
Armee. Beide waren nicht in dem Masse fremd, dass die Idee des 
Widerstandes weite Kreise hätte ergreifen können, aber auch 
nicht in dem Masse einheimisch und oligarchisch, dass der Wider- 
spenstige auf Straflosigkeit hätte rechnen können. Die Aristokratie 
verlässt ihre Burgvesten und zieht in die Ebene. Nach und nach 
fallen die alten Burgvesten, unter ihnen erheben sich im Thale 
neue Castelle, von Gärten im holländischen oder französischen 
Style umgeben, die Stätten des Luxus und des Lebensgenusses. 
Schon 1683 begann der Bau des Schlosses der Esterhizy in 
Eisenstadt, das gewissermassen den Uebergang zwischen Burg und 
Palast bildet. 1714 begiimt der Bau des prächtigen Schlosses in 
Cseklesz (Lausitz), 1720 werden in Edelöny, 1725 in Nagy-Grurab 
und KirAlyfalva (Königs-x\den), 1730 in Erdöd die Schlossbauten 
in Angriff genommen. Der ungarische Horrenstand hatte also nicht 
blos im Gesetz, sondern auch thatsächlich das Widerstandsrecht 
aufgegeben. Die Vertheidigung des Reiches war nunmehr die 
Aufgabe des Herrschers und seines Heeres und die Magnaten 



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höchstens bestrebt, in diesem Dienst emporzukommen. Jedermaim 
kemit die Verdienste des Banus Johann Pälffy. 

Das eigene Gebiet der Aristokratie blieb jedoch die Politik. 
Sie stand in der Mitte zwischen den feudalen Herren des Mittel- 
alters, denen schon ilire Geburt einen Antheil an der Regienmg 
sicherte und der modernen Aristokratie, deren Rolle doch mehr 
aiif Besitz und gesellschaftlicher Stellung beruht. Ihre Geburt 
eröffnete ihnen jede Laufbahn; aber auch iln:*e Erziehung machte 
sie zur Leitung der öffentlichen Angelegenheiten geeignet. Sie 
schlössen sich, gut katholisch wie sie waren, eng dem Hof an, 
söhnten aber dadurch zugleich die Dynastie mit den Interessen 
Ungarns und mit seiner Yorfassimg aus. 

Der Einfluss und die Macht der reichbegüterten Magnaten- 
famiUen fallen am meisten in die Augen, doch darf auch der Wirkmigs- 
kreis des mittleren Adels, des Ritterstandes, wie man ihn häufig nannte, 
nicht imterschätzt werden. Auch dieser Stand hatte die Waffen nieder- 
gelegt oder war in kaiserliche Dienste getreten. Neben der Ver- 
waltmig seiner Besitzungen nalun ihn das C o m i t a t in Anspruch. 
Diese Institution, die starke Feste des Adels und der 
Nationalität behielt ihre Wichtigkeit auch, nachdem die Ursachen 
aufgehört hatten, welchen sie in der Zeit der Türkenkriege eine 
so hervorragende Bedeutung verdankte. 

Die Rolle des Comitats ist in der historischen und staats- 
rechtlichen Tradition sehr oft hervorgehoben. Wir wollen nur auf 
ein Moment aufmerksam machen, das besonders im XVlLL. Jahr- 
hundert, in der Blüthezeit der Aristokratie, Beachtung verdient. 
Damals verhinderte es das Comitat, dass der einzelne Adelige nicht 
nur wie ein Atom dem Hofe oder den mächtigen Magnaten gegenüber- 
stand. Ihm ist es zu verdanken, dass in Ungarn der Adel nicht 
in kleine Könige und in von ihnen abhängige „Schlachzizen" 
zerfiel, wie dies in Polen der Fall war. In Siebenbürgen, wo das 
Comitat nicht so ausgebildet war, waren auch die Verhältnisse den 
polnischen viel ähnlicher. Das Comitat als die „Universität des 
Adels" schloss sich nicht blos gegen fremde Einwirkung ab, sondern 
auch gegenüber den Magnaten und dem Bundschuh- Adel. Es hält 
zwischen den Extremen die gemässigten Elemente aufrecht. An 
seiner Spitze, steht ein Magnat oder Bischof; in seinem Gebiet ist 
«ler arme, unruhige Bundschuh-Adel oft sehr zahlreich, aber die 
politische Richtung erhält er doch immer von dem erbgesessenen, 
die Landes- und Particular-Interessen vertretenden Stand, aus dem 
seine Beisitzer (Tiblabir6) und Vicegespane herstammen. 



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Das Comitatsleben brachte es mit sich, dass die Haupt- 
beschäftigung des mittleren Adels seit dieser Epoche die Rechts- 
pflege wurde. In dem „Tripartitum" Verböczy's und den dieses 
später ergänzenden Artikeln fand er die feste Grundlage seiner 
staatsrechtlichen und privatrechtlichen Stellung. Das Richteramt 
bietet am häufigsten Gelegenheit, sich zu den höheren Würden 
aufzuschwingen. Im Allgemeinen ist die Grenze zwischen Magnaten- 
stand und mittlerem Adel noch sehr schwankend und durch könig- 
liche Gnade schlössen sich immer mehr neue Geschlechter den 
alten an. 

Der friedliche Zustand und seine Aufgaben brachten es mit 
sich, dass die Comitate der neugeschaffenen staatlichen Administration 
eingefügt werden mussten. Nach G. A. LVI, 1723 sollten die Ober- 
gespane ihre Comitate selbst verwalten und für die Förderung der 
politischen und öffentlichen Angelegenheiten, sowie der Justiz, Sorge 
tragen. Sie sollten also, wenn sie nicht diu-ch anderweitige Reichs- 
Angelegenheiten daran verhmdert sind, im Comitat selbst ihren 
Sitz halten. Sie sollen alle drei Jahi-e oder, wenn es nöthig ist, 
auch in kürzeren Zeiträumen in ihi'em Comitat eine „Restaurations- 
sitzung" zur Wahl der Beamten abhalten. Sie benennen zu jeder 
Stelle vier fähige Candidaten aus dem Adelstand im Einvernehmen 
mit dem früheren Vicegespan. Die Vicegeapane und die anderen 
Beamten sollen erbgesessene und inieigennützige Edelleute sein, die 
den grossen Grundherren in keiner Weise verpflichtet sind. Die 
Wahl soll mit Zustimmung des ganzen Comitats erfolgen. Um 
allen Missbräuchen vorzubeugen, sollen die Verhandlungen öffentlich 
mit gebührender Mässigung geführt und über ihr Ergebniss ein 
Protocoll aufgenommen werden. Was einmal durch die General- 
Congregationen beschlossen wurde, darf durch Obergespan oder 
Vicegespan nicht umgestossen werden. Auch die Abwesenden 
müssen sich den Beschlüssen fügen. In der Abstimmung muss nach 
Gesetz und Gewohnheit vorgegangen werden. (G. A. LViil.) 

Da viele Comitate ihre in der Türkenherrschaft unterbrochene 
Thätigkeit jetzt wieder aufnahmen, musste für ihre innere Ein- 
richtung gesorgt werden. Zu diesem Zwecke sollten alle Comitate 
thunlichst in den Freistädten oder in grösseren Flecken im Mittel- 
punct ihres Gebietes Comitatshäuser haben, in denen die Congre- 
gationen und Gerichtsverhandlungen abgehalten, das Archiv auf- 
bewahrt und die Sträflinge gefangen gehalten würden. Aucli 
die Hinrichtungen wurden dorb vollzogen. (1 723, LXXIII. G. A.) Später 
wird bestimmt, dass jedes Comitat nur einen Vicegespan haben 



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solle, dass aber die Universität des Comitates, wenn er allein die 
Bürde der Geschäfte nicht zu ertragen vermag, ihm einen Stell- 
vertreter gewähren könne. (1729, XV. G. A.) Dieselbe Diät be- 
stimmte auch die Competenz der Comitatsgerichte. 

An der Spitze des Comitates steht der vom König ernannte 
Obergespan (Comes), gewöhnlich ein Magnat oder Bischof. Mehrere 
Familien besassen die Obergespanwürde erblich. So die P&lffy 
in Pressburg, die Esterhäzy in Oedenburg, dieBatthyäny in 
Eisenburg, die Althan in Zala, die Erdödy in Varasd, die 
IllöshÄzy in Trencs^n, die R6vay in Thuröcz, die Csdky in 
Szepes. Obergespan des Pester Comitates war der Palatin. In andern 
Comitaten war die Obergespanswürde mit der bischöflichen ver- 
bunden. Das Gesetz verpflichtete zwar den Obergespan zur per- 
sönlichen Leitimg der Verwaltung, in Wirkliclikeit aber beschränkten 
sich die meisten auf Repräsentation, Candidierung der Beamten 
und Leitung der Wahl-Congregationen. Die Administration und 
Gerichtspflege lag in den Händen des Vicegespans, der gewöhnlich 
durch Familie, Grimdbesitz imd Fähigkeit das natürliche Haupt des 
Comitatsadels war. In der Gerichtspflege standen ihm die Beisitzer 
(täblabiro) bei, die angesehensten und erfahrensten Männer des 
grundbesitzenden Adels, die dieses Ehrenamt oft mit grosser Auf- 
opferung versahen. ^) Die einzelnen Bezirke verwaltete der adelige 
Stuhlrichter (judex nobilium) , mit seinem Geschworenen. Alle 
Beamten mussten adelig sein und wurden vom Obergespan candidiert 
und von der Generalversammlung gewählt. 

Das Comitat, d. i. die Gesammtheit (Universität) des Adels 
auf seinem Territorium, besorgte durch seine selbstgewählten Beamten 
alle politischen und Justizangelegenheiten. Ihm oblag die Voll- 
ziehung der von der Statthalterei erlassenen königlichen Befehle. 
Wo aber das Comitat einen solchen Befehl nicht als gesetzlich 
anerkannte, hatte es das Recht, zu repräsentieren und den Vollzug 
aufzuschieben. Dadurch erhielten die Comitats-Versammlmigen eine 
grosse politische Bedeutung. 

Noch wichtiger war ihr Recht, den Reichstag durch ihre 
Ablegaten zu beschicken. Gewöhnlich wurde der Vicegespan und 
noch ein angesehener, gesetzeskundiger Tablabirö gewählt. Vor der 
"Wahl wurde eine Instruction verfasst, an welche sich die Ablegaten 
halten mussten und welche neben den allgemeinen Reichsinteressen 
auch particulare, ja oft sogar Familien- Angelegenheiten berührte. 



») 16 IB. XXIV. G. A. 



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Die Diät (Reichstag). 

Sowie das Coinitat die Gesammtheifc der Adeligen seines Gebietes 
ist, so ist die Diät (der Reichstag) die Gesaramtheit des Reichsadels. 

Die Ständeversammhmgen beruhen noch auf dem Gesetz- 
artikel I, 1G08 (post coronat), welcher bestimmt, welche Einwohner 
als Reichsstände angesehen werden und königliche Einberufungs- 
schreiben erhalten sollen. 

Mitglieder der obem Tafel sind die Diöcesanbischöfe, dann 
die erblichen Magnaten und die BannerheiTen. An der untern Tafel 
sitzen die Ablegaten der Comitato, die Vertreter der Städte, die 
Aebte , die Pröpste der Domcapitel , ausserdem die Bevoll- 
mächtigten der abwesenden Magnaten (auch Witwen hatten das 
Recht, solche Vertreter zu senden). 

Bei den Ständen hat jedes Comitat und jede Stadt seinen 
bestimmten Platz und jeder würde es als Verletzung seines und 
»seiner Absender Rechte halten, wenn er auch das Geringste davon 
aufgeben würde. Das Reich ist in die vier Districte: diesseits und 
jenseits der Donau; diesseits und jenseits der Theiss getheilt: von 
den Donau-Comitaten haben Pressburg und Oedenburg, von den 
Theiss-Comitaten Abauj und Zemplen den Vorsitz. Bei den Städten 
folgen aufeinander: Buda, Pest, Pressburg, Kaschau, Tyrnau und 
Oedenburg. Rechts sitzt der erste, links, ihm gegenüber, der zweite 
Ablegat des Comitates oder der Stadt. Bei der obern Tafel sitzen 
die Prälaten rechts, die weltlichen Herren links, alle nach Rang und 
Würde. In wichtigen Fällen halten alle Stände eine gemeinsame 
Berathung ab (sessio mixta). Bei der untern Tafel sind auch die 
Vertreter der abwesenden Magnaten, die Aebte und Pröpste zu- 
gegen; gezählt werden aber nm* die Stimmen der Comitate und 
Croatiens. Nach altem Gebrauche hatte die ganze Curie der Städte 
nur eine Stimme. ^) 

Zugegen waren bei der Eröffiiung des stark besuchten Reichs- 
tages von 1722— 1723 an der obern Tafel: dreiunddreissig Prälaten, 
acht Reichsbarone, zwei Kronhüter, seclizehn Obergespane, acht- 
unddreissig Grafen und neunundfünfzig Freiherren, zusammen 156 ; 
an der unteni Tafel : fünfzehn Richter der königlichen Tafel, nexin- 
undachtzigComitats-Deputierte, siebzig städtische Deputierte, dreiund- 
vierzig Ablegaten derCapitel undKlöster und vierundsechzig ablegati 
absentium, zusammen 281. 



*) Marczali, Maria Terözia, 61. 

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177 

Hier begegnen einander also die Elemente, welche den gegen- 
wärtigen Zustand nnr aus Nothwendigkeit angenommen hatten, mit 
denen, welche ihn mit hervorbrachten und durch ihn regierten. 
Bei der obem Tafel, bei den Ablegaten der Städte und Capitel 
herrscht die letztere Richtung vor und der stets sich ausbreitende 
Baum des neuen Staates senkt seine Wurzeln auch in den Adel 
hinab. Nichtsdestoweniger bleiben der Geist imd die Tradition der 
Diäten stets dieselben. Jahre hindurch wartet der Comitats-Adel 
sehnsuchtsvoll der Gelegenheit, auch in Reichsgeschäften seinen 
Einfluss in die Wagschale werfen zu können. ^) Er hoffli zugleich 
dort auf die gesetzliche Heilung der Gravamina seiner Person, 
seines Standes, seiner Unterthanen und des ganzen Landes. Die 
Diät war eine Versammlung der Stände; es war uümöglich, dass 
dort andere Ansichten und Auffjissungen als ständische zur Geltung 
gelangten. Der Kampf zwischen königlicher Macht und ständischem 
Hecht, zwischen fremder Organisation imd nationalem, passivem 
Widerstand, der in den Comi taten in jeder Frage durchgefochten 
wird, erneut sich nach langem Pausen in grösserem Massstabe 
auf den Reichstagen. 

Dennoch wäre es falsch, in den Reiohsversammlxmgen dieser 
Epoche blos negative, auf kleinliche Fragen erpichte, immer die 
alten Beschwerden wieder herzählende Gravaminal-Diäten zu sehen. 
Ein kurzer Ueberblick beweist, dass gerade die unter Carl HE. 
(Kaiser Carl VI.) abgehaltenen Reichstage zu den fruchtbarsten und 
thätigsten gehören. Im Jahre 1715 werden die ständische Armee imd 
die Militär-Contribution inarticuliert, die Gerichte neu geordnet, 
das Recht der ungarischen Krone auf die noch unter militärischer 
Verwaltung stehenden Gebiete gewahrt. Im Jahre 1722 werden die 
pragmatische Sanction, die Erblichkeit der Dynastie in weiblicher 
liinie angenommen, dabei aber die Continuität der Verfassung und 
die Selbstständigkeit der Regierung Ungarns gesichert. Derselbe 
Keichstag organisiert den Statthalterei-Rath. Im Jahre 1728 wird 
besonders die Gerichtsordnung reformiert und die Comitats-Ver- 
v^-altxmg geordnet. 

Diese Verdienste der Reichstage müssen umsomehr anerkannt 
ijverden, als ihre Geschäftsordnung die möglichst langwierige und 
zeitraubende war. Die Artikel werden von den Protonotarien der 
königlichen Tafel ausgearbeitet, dann an der untern, später 



') ,,Man sieht nicht immer eine Diät, wenn man will,'* sagt Franz von 
BossÄnyi 1751. Kazinczy, P41y4m Eml6kezete. 

Oesterreiohischer Brbfolgekrieg. I. Bd. 12 



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an der obern Tafel verhandelt und in der gemeinsamen Sitzung 
beider Tafehi endgiltig redigiert. Dazwischen 'laufen aber immer 
Deputationen der einen Tafel an die andere über jede vorkommende 
Differenz. Da die Redner der Deputationen stets Prälaten, Bischöfe 
oder Domherren sind, ist der schönen lateinischen Reden kein Ende, 
denn die angesprochene Tafel muss ja gebührend antworten. Damit 
ist aber erst die Hälfte des Werkes gethan. Folgt die Unterhandlung 
mit der königlichen Kanzlei, die nicht nur an den König über 
jeden Punct referieren muss, sondern auch von diesem angewiesen 
wird, über die meisten Artikel mit seinen kaiserlichen Behörden: 
Kanzlei, Kammer, Kriegsrath zu "verhandeln. Sind nun Schwierig- 
keiten aufgetaucht, so nimmt der Artikel den Weg zurück zur 
Diät. Eine directe Communication zwischen königlicher Regierang 
und Landesvertretung war noch nicht vorhanden. Es war sehr viel 
Patriotismus, Fachkenntniss und Aufopferung nothwendig, um unter 
solchen Verhältnissen den Diätal-Tractat zu einem gedeihlichen 
Ende zu führen. Es trat immer mehr zu Tage, dass die vorhandenen 
Gegensätze einander doch nicht vernichten, sondern blos massigen. 
Nicht die Extreme tragen den Sieg davon, sondern die Nothwen- 
digkeit der Transaction. 

Wenn aber die ruhige Ueberlegung und das weise Schlichten 
der Schwierigkeiten den ruhigen Gang der Geschäfte möglich machte, 
so hatte der Monarch selbst den grössten Antheil daran. Carl war vor 
Allem auf die wirthschaftliche Hebung seiner Reiche bedacht. Ungarn 
hatte seiner Fürsorge nach so langer Verwüstung durch Krieg und 
Pest sehr viel zu danken. Bei der innern Regierung kam es ihm 
sehr zu statten, dass er in der Jurisprudenz und in der lateinischen 
Sprache wohl bewandert war. Nach dem Absolutismus Leopold I., 
nach dem stürmischen Aufbrausen der Unabhängigkeitsbestrebungen 
unter Riköczy fühlte sich die Nation unter der väterlichen, 
gerechten, gemässigten Regierung CarTs „wie im Hafen der 
Sicherheit eingelaufen". 



Zustand des Landes. 

Nach der Beendigung des RAköczy ^schen Krieges war 
überall das Gefühl verbreitet, dass man vor einer neuen Geschichts- 
epoche stehe. Wie alle Völker des Alterthums und des Mittelalters 
setzte man auch hier die geschichtlichen Ereignisse mit den Phäno- 
menen der Natur in Verbindung. Das Jahr 1711 war von Natur- 



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wundern und Plagen so erfüllfc, dass der Gläubige tiberall Gottes 
Finger erblicken musste. Es herrschte eine fürchterliche Pest, die 
in Ungarn allein an 300.000 Menschen dahinraflPbe, vielleicht ein 
Zehntel der ganzen Bevölkerung. Ueberschwemmung, Hagel, Vieh- 
seuche, Erdbeben bringen das Volk zur Verzweiflung. Die Theiss 
verlässt ihr Bett und die Fische bleiben auf dem Trockenen. Der 
alte Cserei zeichnet dies Alles mit bewunderndem Glauben auf und 
setzt hinzu: „Ich glaube, dass unsere Sache sich nicht zum Bessern, 
sondern zu noch Böserem wenden wird." ^) Unter solchen Verhält- 
nissen nahm die mit dem Namen „Labanczen" verspottete höfische 
Partei, im Verein mit den sich an sie anschliessenden alten „Kuruczen", 
die Neugestaltung des Staates in Angriff. 

Seit der Schlacht von Mohics war Ungarn nicht mehr in der 
Lage, seine innere und äussere Politik nach seinen eigenen, natio- 
nalen Gesichtspuncten und Interessen zu lenken. Es musste sich 
mit dem Möglichen, oft mit sehr Geringem begnügen. Es musste 
seine Stellung zwischen Kaiser und Pforte nach den Bedürfnissen 
des Moments wechseln. Für die Zustände, die nach Ausgang der 
Wirren sich ergaben, konnte kaum jemand sich begeistern. Sie 
konnten weder in Wien und beim Heere die Traditionen der Kol- 
lonics und Heister, noch im Lande das Andenken Eik 6 czy's ver- 
gessen machen. Aber, was die Hauptsache war: die Nation lebte 
und entwickelte sich unter ihnen. Sie bewiesen, dass man bisher 
unvereinbare Gegensätze vereinen könne. Sie bezeugen den Sieg 
der Berechnung und des Verstandes über die Leidenschaften. 

Ohne Zweifel war Ungarn im Jahre 1740 volkreicher, wol- 
habender, gebildeter und freier, als es 1711 gewesen. Sein Zustand 
entsprach nicht dem Ideal der politischen und Glaubensfreiheit, 
noch dem der nationalen Unabhängigkeit. Doch dürfen wir nicht 
vergessen, dass diese Epoche nicht auf die ruhmvolle Zeit Ludwig 
des Grossen und Matthias Corvinus' folgte, nicht einmal auf 
die Jahre Gabriel B e t h 1 e n's und Nikolaus Esterhdz y's, sondern 
dass ßie der türkischen Eroberung und den verheerenden Religions- 
tind Nationalitäts-Kämpfen ein Ende machte. Die ungarische Nation 
stand am Rande der Vertilgung, jetzt zählt sie wieder mit unter 
den Völkern Europas. Selbst Tacitus fand das Kaiserthum in Eom 
begreiflich: „denn wie wenige gab es, die die Republik noch 
sahen". *) Mit welchem Dank und welcher Zufriedenheit mussten 

*) L c. 475. Nemzeti könyotÄr. 

*) Quotus quisque reliquus, qui rem publicam vidisset, 

12* 



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jene auf die Reichstage, das Forfcschreiten der Oulfcur und der Be- J 

völkerung blicken, die einst die Thätigkeit der Heister und Caraffa 
mit angesehen, die an der Versammlung in Onod, an den Schlachten 
von Trencsön und Zsibö theilgenommen und in deren Erinnerung 
die Zeit noch nicht verwischt war, in welcher ein türkischer Pascha 
in Ofen residierte. 

Das Gefiihl der grösseren Sicherheit und der Zufriedenheit 
verbreitete sich immer mehr. Man war sich dessen bewusst, dass 
durch die Stillung der Unruhen und die Vertreibung der Türken 
die Möglichkeit des friedlichen Fortschrittes gegeben war. Kuruczen 
imd Labanczen wollten dies in gleicher Weise ausnützen. Es war 
ein alter BAköczyaner, Fr«mz von S z 1 u h a, der sich des Ausdrucks 
bedient, dass Ungarns Schüff unter König Carl in den Hafen ein- 
gelaufen sei. ^) Ein Prälat stellt in seiner auf dem Reichstage 1722 
gehaltenen Rede Carl hoch über Alexander den Grossen, denn: 
er begnügt sich nicht damit, zu erobern, er trägt auch Sorge für 
das Glück seiner Unterthanen. Als Ausfluss dieses Dank- und 
Sicherheitsgefühles ist vor Allem die einstimmige Annahme der 
pragmatischen Sanction zu betrachten. 

Diese Ueberzeugung waltete nicht blos in den regierenden 
Classen vor, sie durchdrang alle Schichten des Volkes. Noch 1717 
und 1718 befürchtete man innere Unruhen als Folge des Türken- 
krieges, Rik6czy und Bercsönyi erwarteten mit dem ganzen 
Sanguinismus der Emigrierten die Gelegenheit, nach Ungarn zurück- 
zukehren. 

Am Schlüsse der Regierung CarTs stand die Monarchie 
wieder im Kampfe mit den Türken. Der Krieg nahm einen 
unglücklichen Verlauf; alle Eroberungen Eugen's standen auf 
dem Spiele. Dazu kam noch, dass man beim Tode des Kaisers 
grosse europäische Zerwürfnisse voraussah. Der Sohn Franz 
R i k 6 c z y's 2) trat als Erbe der Ansprüche imd des Vermächt- 
nisses seines Vaters auf. Aber selbst in der Türkei, im Lande der 
Emigration, hielt man es schon für eine Sünde, den Frieden des 
Vaterlandes zu stören. „Gott möge nicht geben, dass Jemand zu 
uns komme." ,,Gott sei Dank, es kam Niemand, der was werth 
wäre," schreibt einer der getreuesteu Anhänger R 4 k 6 c z y's im 
Exil, Kelemen Mikes. ^) 



') Eede vom 30. Juni 1722 an die Stände. Gedruckt in Pressburg 1722. 

») Der ältere Sohn Franz, gest. 1738. 

•j Mikes Kelemen, Törökorszdgi levelek ed. Abafi. 



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Gravamina, schwebende Fragen. 

Die Verfassungsfragen wurden nicht mehr» mit dem Schwerte 
ausgefochten, endgiltig gelöst und ausgetragen waren sie aber mit 
niohten. Es fehlte viel daran, dass die wirklichen Verhältnisse dem 
Geiste imd dem Buchstaben der Gesetze entsprochen hätten. Und 
da die Entscheidung in den meisten Fällen nicht blos eine Rechts- 
frage, sondern auch eine Machtfrage involvierte, zog sich die 
Lösung von Jahr zu Jahr hin. Selbst „die gesetzliche Abhilfe des 
Reichstages" fährte nicht immer zum Ziele, denn in dem Vollzug 
der Artikel hatten ja auch die Wiener Behörden mitzusprechen. 

Als Hauptgravamina wurden auf dem Reichstag von 1722 — 1723 
behandelt: 1. Dass Siebenbürgen, das Banat von TemesvÄr, Syrmien, 
Serbien und die Militärgrenze dem ungarischen Reiche noch nicht ein- 
verleibt waren. 2. Die unverhältnissmässig hohe Steuer, die drücken- 
den Militärlasten der Einquartierung und des durchziehenden und 
stationierenden Militärs. 3. Die Femhaltung der Landeskinder von 
den hohen Aemtem. 4. Der hohe Salzpreis. 5. Die Reduction des un- 
garischen Militärs und die Femhaltung derEdelleute von der Armee. ^) 

Von diesen Beschwerden bezogen sich die ersten drei auf 
wirkliche Gravamina des Reiches. Die Einverleibimg der zu Ungarn 
gehörigen Länder war ein Punct des Königseides, machte aber 
nichtsdestoweniger nur langsame Fortschritte, da die kaiserlichen 
Behörden den Forderungen der Diät gegenüber sich auf die That- 
sache berufen konnten, dass die Eroberung Syrmiens, des Banates 
und Serbiens nur den Waffen und der Opferwilligkeit der ganzen 
Monarchie zu verdanken sei. Mit Siebenbürgen verhielt sich die 
Sache noch anders. Die siebenbürgischen Stände hatten 1691 be- 
sondere Gerechtsame erlangt und die dort so einflussreichen 
Protestanten widerstrebten selbst der Vereinigung mit Ungarn, 
wo die Katholisierung in voller Blüthe stand. Die im Banat aus- 
gebrochenen Unruhen, die Auswandemng vieler Serben nach 
JBussland, der Aufstand des Pdr6 Szegedinecz im Jahre 1735 
mussten die Regierung davon überzeugen, dass auf diesem neu- 
gewonnenen, so lange brach gelegenen Gebiet eine strenge und 
wache Administration Noth thue. Das Recht Ungarns stand ausser 
Frage, die Einverleibmig selbst wurde aber erst gegen Ende der 
Eegierung Maria Theresia's vollzogen. 



*) Brief Szluha's an den Palatin 2. März 1722 bei Salomon. A Magyar 
kirÄlyi tzek betölt^se 6s a pragmatica sanctio. 134—135. 



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182 

Viel wichtiger für die Gegenwart war die Klage, dass die 
Ungarn von der eigentlichen Leitung der Monarchie, von dem 
Staats-Ministerium,» wie man unter Maria Theresia sagte, aus- 
geschlossen blieben. Die grossen Geschlechter fühlten sich der 
österreichischen oder böhmischen Aristokratie gegenüber dadurch 
zurückgesetzt. Aber das ganze Reich musste es schmerzlich 
empfinden, dass gerade in der Epoche, in welcher durch die 
pragmatische Sanction eine unauflösliche Verbindung zwiscten 
den Erblanden und Ungarn angeknüpft wurde und wo de facto 
die wichtigsten Angelegenheiten Ungarns in der "Wiener Staats- 
Conferenz verhandelt wurden, Ungarn im höchsten BÄthe des 
Monarchen gar nicht vertreten war. Ein unvergleichlicher Zeuge, 
Maria Theresia selbst, entscheidet diese Frage zu Gunsten 
der ungarischen Ansprüche. Sie hielt es für sehr unbillig, dass die 
österreichischen Minister im Rathe ihres Vaters mit den Böhmen 
rivalisierten und nur darin mit ihnen einig waren, wie sie die 
Ungarn von den Aemtern ferne halten sollten. 

Diese systematische Vernachlässigung erzeugte gerade in den 
Kreisen der getreuen und loyalen Aristokratie viel böses Blut. Bittere 
Klagen werden laut, als 1737 bei dem Ausbruche des neuen Türken- 
krieges nicht Johann P dl ff y, dem der Herzog von Lothringen 
schon dazu gratuliert hatte, sondern Seckendorf zum Peldherrn 
ernannt wurde. Der greise, um die Dynastie und das Land hoch- 
verdiente Oberstlandesrichter schrieb an den Kaiser wie folgt: 
„Ich kann den tödtlichen Schmerz, der mich zu Grabe trägt, nicht 
verbergen, wenn ich sehen muss, wie ungeachtet des vielen Blutes, 
das meine Familie und noch zuletzt meine beiden Söhne für das 
Allerhöchste Haus vergossen, ungeachtet, dass Niemand je meine 
treuesten Kriegsdienste getadelt hat, man mich doch zu meiner 
öffentlichen Schande vor meinem Vaterlande und der ganzen Welt 
von dem Heeresbefehl entfernt hat und gerade bei Beginn des 
Feldzuges, als Niemand daran gedacht hat. Auch kann ich e^ nicht 
anders erklären, als dass ich Eurer Majestät Allerhöchste Gnade 
wegen meiner Unfähigkeit oder aus Misstrauen verloren habe.''^* 
Und als der schlecht geführte Krieg zum Verlust der südlich 
der Donau gelegenen Provinzen, zum Aufgeben Belgrads und zur 
Verwüstung des Baiiats führte, schrieb der königliche Personal 
Freiherr Anton Grassalkovics an den Hofkanzler Grafen 
Ludwig Batthyany: „Meine Feder kann es nicht niederschreiben. 

') Concept im Seniorats- Archiv in Pressburg. 



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188 

mit welchem Gefühle ich die Nachricht von dem imerwarteten und, 
wie ich wohl sagen darf, schändlichen Frieden vernommen habe. 
Das isf die Frucht der Zurücksetzung und Verachtung unserer 
Nation." ^) 

Nicht den Adel, sondern gerade den Bürger- und Unterthanen- 
stand berührte die Beschwerde über hohe Steuer- und Militärlasten. 
Ungarn hatte zuerst 1715 (G. A. VEI) eine ständige Steuer auf sich 
genommen. Diese Steuer wurde 1724 auf 2,138.000 Gulden be- 
stimmt, wozu noch 1728 als Ablösung des Fleischkreuzers 
118.652 Gulden kamen. Der Reichstag von 1728 — 1729 setzte die 
ganze Summe in 2V2 Millionen fest. ^) Im Vergleiche mit den 
Lasten der Erblande erschien diese Summe für ein Reich von der 
Grösse Ungarns als verhältnissmässig gering und die erbländischen 
Behörden führten auch stets Klage darüber, dass Ungarn zu ihrem 
Nachtheil bevorzugt sei. Sie vergassen, dass in Oesterreich imd 
Böhmen Handel und Industrie kräftig emporblühten, während in 
Ungarn Alles damiederlag und selbst der Export der Landes- 
producte nach den Erblanden grossen Beschränkungen imter- 
worfen war, gegen welche die Reichstage vergebens ihre Stimme 
erhoben. 

Bei Beurtheilung der ungarischen Steuer- und Finanzverhält- 
nisse darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass das Land in 
Folge der natürlichen und historischen Verhältnisse in zwei sehr 
ungleiche HÄlften zerfiel. Der nördliche bergige und imfruchtbare 
Theil blieb von den Türken verschont, aber die Bevölkerung war 
verhältnissmässig dicht und musste ihren Unterhalt durch Industrie 
suchen. Diese, ehemals blühend, sank in Folge der erbländischen 
Concurrenz und ihrer Begünstigung durch das Zollsystem von Tag 
zu Tag. Die Städte verarmten, die Landbevölkerung wanderte, wo 
die Grundherren es gestatteten, in grossen Haufen aus. Der neu- 
gewonnene Süden dagegen war noch unbevölkert, die Landescultiu* 
stand noch in ihren ersten Anfängen, die Viehzucht war vor- 
herrschend und der steuerpflichtigen Bauerngüter nur eine geringe 
Anzahl. Der Norden musste also den grössten Theil der Geldlasten 
tragen, die für um unerschwinglich waren. Bei jeder Porten- 



») Nat. Museum. Hdsch. fol. 136. 25. Nov. 1739. 

•) Archiv der kön. ung. Hof kanzlei. Vortrag vom 80. Juni 1785. Nr. 8323. 
Die croatischen Comitate und Städte trugen etwa den dreissigsten Theil zur 
Kriegs-Contribution bei. Sie zaMten nach G. A. II, 1491 verhältnissmässig nur 
halb so viel als die anderen Eeichstheüe. 



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184 

Erectification musste den dort liegenden ComitÄfcen und Städten 
ein Theil ihrer Last abgenommen werden. ^) Aber auch das Tief- 
land ward nicht verschont. Denn das meiste Militär lag dort in 
Garnison, wo die Lebensmittel und die Fourage zu den niedrigsten 
Preisen geliefert werden konnten. Da die Preise aller Bedürfnisse 
äusserst gering bemessen waren, mussten die Comitate zur Be- 
schaffung der nothwendigen Artikel beträchtliche Summen hinzu- 
steuern. (Deperditen.) *) Diese Zuschläge wurden natürlich wieder 
auf die Landbevölkerung umgelegt, die ausserdem auch durch 
Einquartierung und Excesse viel zu leiden hatte. 

Ebenso wichtig ist, dass die ganze Summe von den armen 
ünterthanen und den Bürgern aufgebracht werden musste. Geist- 
lichkeit und Adel waren steuerfrei. Und je ärmer der Bauer wew, 
umsomehr drückte es ihn, wenn er ausser dem Zehent für den 
Clerus, ausser dem Neuntel und anderen Servituten für den Grund- 
herrn noch baares Geld erlegen musste. Sehr empfindlich war 
auch in einem mit Salz gesegneten Lande der vom Aerar fest- 
gesetzte hohe Preis dieses unentbehrlichen Artikels. Man stand 
erst an der Schwelle der Naturalwirthschaft und der Staat stellte 
schon Anforderungen an die Geldwirthschaft. "Wie ein Volkslied 
dieser Zeit es ausspricht, „ist nicht einmal die Seele des Bauern 
mehr frei". „Er erwartet Tag auf Tag mit Schrecken, die Execution 
ist über ihm wie der Tartar. Oft ist das ganze Dorf nur mit einem 
Groschen im Rückstand, doch droht man den Richtern mit Prügeln 
imd Eisen, man führt sie ins Gefängniss mit ganzen Wagenftihren 
und sie können doch nicht zahlen." Die Ursache ist einfach: viele 
kennen das Geld nicht einmal der Form nach.*) 

Diese Verhältnisse mussten das Landvolk gegen die Kriegssteuer 
und die kaiserliche Armee erbittern. Kein Wunder, dass 1736 auch 
viele Ungarn auf die Seite der aufständischen Serben traten. 

Ausser diesen Fragen, welche das Verhältniss Ungarns zur 
Monarchie berührten, regten auch andere die öffentliche Meinung 
auf, welche auf das Verhältniss der einzelnen Confessionen, Stände 
und Nationalitäten zu einander Bezug hatten. 

Croatien hatte sich in den RAköczy'schen Wirren, unter der 
Führung seines Banus Johann Pdlffy grosse Verdienste um den 



*) Ueber die Porten und deren Vertheilung vergL Marczali, 11., J6zsef 
I. 65—80 und Anhang 

*) Schwartner, Statistik des Kön. Ungarn. 2. Aufl. 85. 
') Nat. Museum. Sammlung Jankovics. 4. VIII. 127. 



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185 

Thron erworben. Es bildete in allen Kämpfen des XVII. Jahr- 
hunderts einen Rückhalt för die katholische und königstreue Partei 
in Ungarn und der endlich erfochtene Sieg dieser Partei musste 
auch der Stellung des Landes zu Gute kommen. Schon 1625 wird 
der bisherige Titel Croatiens, Slavoniens und Dalmatiens „Partes 
subjectae" in „Partes adnexae" verändert. Das Regnum Marianum, 
die ausschliessliche Herrschaft des römisch-katholischen Glaubens, 
im Hauptlande ein frommer Wunsch, war hier gesetzlich gewähr- 
leistet. Durch energische Durchfuhrung der katholischen Restauration, 
sowie durch vollständiges Eingehen auf die Pläne der Dynastie, 
hoflften die Oroaten auch auf Ungarn einen Druck in derselben 
Richtung ausüben zu können. Dieser Tendenz ist es zuzuschreiben, 
dass die croatischen Stände in ihrer Versammlung vom 9. März 1712 
unter dem Vorsitz und über Antrag des Bischofs von Agram, 
Grafen Emerich Esterhdzy den Beschluss fassten, dass sie nach 
etwaigem Aussterben der männlichen Linie des österreichischen 
Hauses, auch an der weiblichen Linie festhalten und unter 
demselben Herrscher stehen wollten, „der nicht blos Oesterreich, 
sondern auch Steyermark, Kämthen und Krain besitzt und in Oester- 
reich residiert", und diesen Beschluss durch eine Deputation dem 
Kaiser unterbreiteten. Es leidet keinen Zweifel, dass die croatischen 
Stände durch einen Beschluss über die Erbfolge ihren "Wirkungs- 
kreis weit überschritten und der Kaiser konnte auch nichts anderes 
thun als sie auf die Beschlüsse der ungarischen Stände verweisen, 
auf die er in derselben Richtung einwirken wolle. Dieser Schritt 
Croatiens hatte also keine weitem Folgen.*) 

Da in Ungarn dieselben Principien das Uebergewicht erlangten, 
für welche der croatische Adel stets gekämpft hatte, konnte die 
Nationalität, so lebhaft auch ihr Geföhl auf beiden Seiten war, 
keine dauernde Zwietracht erregen. Die Adelsfreiheit und die Amts- 
sprache waren dieselbe, die Familien waren vielfach blutsverwandt. 
Es ist bemerkenswerth, dass gerade ein ungarischer Prälat croati- 
scher Abstammung, Graf Gabriel Patachich, Erzbischof von 
Kalocsa, die Magyarisierung mit dem grössten Eifer betrieb, selbst- 
verständlich nicht aus nationalen, sondern aus confessionellen 
Gesichtspuncten. *) 

Die grössten Differenzen verursachte die Nationalität in jener 
Zeit zwischen Ungarn und Serben. Hier wurde der Racenunter- 



*) Bid ermann, 1. c. IE. III. Abschn. Note 64. 
') Steph. Katona Hist. Archiep. Coloc. II. 



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186 

schied durch die Verschiedenheit der Cultur und des Griaubens 
gesteigert. Denn zwischen Ungarn, Deutschen und Slovaken hatten, 
auch bei verschiedener Beligion, die gemeinsamen geschichtlichen 
Erinnerungen und die gemeinsame Cultur schon eine gewisse 
Solidarität geschaffen. Zwischen ungarischem und croatischem Adel 
konnten keine wesentlichen Gregensätze auftauchen, da das Privi- 
legium sie zusammenhielt. Die Walachen (Eumänen) aber waren 
entweder Leibeigene oder Hirten, die noch ein halbnomadisches 
Leben führten imd in politischer Beziehung noch nicht mitzählten. 
Selbst vom Gesichtspuncte der Bekehrung beschäftigte man sich 
erst später mit ihnen. Hiezu kam, dass die walachischen und 
ruthenischen Gebiete nicht an das Gebiet des vorschreitenden, 
erobernden Katholicismus grenzten, sondern an den in sich ge- 
schlossenen, aber der Propaganda entsg^enden Calvinismus. Diese 
geographische Lage erklärt ihre grössere Widerstandskraft nicht 
nur gegenüber der Bekehrung, sondern auch gegenüber der Ma- 
gyarisierung. Die Wiener Regierung Hess sie nicht aus den Augen 
und Carl VL bekräftigte am 13. August 1720 das von Leopold I. 
am 23. August 1692 erlassene Diplom, in dem er die griechisch- 
unierte Geistlichkeit und das Volk in Schutz nahm.^) 

Die Territorien der einzelnen Nationalitäten waren in Folge 
der geringeren Besiedelung und der grössern Beweglichkeit der 
Bevölkerung noch nicht scharf abgegrenzt. Die ungarischen Gegenden 
an der Theiss und am Plattensee, die slavischen im Nordwesten 
und die croatischen im Südwesten ausgenommen, gab es lauter 
Enclaven und Exclaven. Doch auch in dieser Zeit machte die 
Magyarisierung, besonders im Tiefland und jenseits der Donau, grosse 
Fortschritte. 

Li dieser Epoche übte also die Verschiedenheit der Nationa- 
litäten keine hervorragende Rückwirkung auf die politischen Ver- 
hältnisse aus. Die politische Macht war an den Adel geknüpft imd 
darin machte die Nationalität keinen Unterschied. 

Was den Adel spaltete, war der Glaubensunterschied. 

Nach dem Unterliegen der Türkenmacht war der Protestantis- 
mus für die Dynastie politisch nicht mehr gefährlich. Andererseits 
erwies sich die katholische Partei, besonders die hohe Geistlich- 
keit, doch nicht als willenloses Werkzeug des Hofes. Unter solchen 
Umständen liess die Leidenschaft des Bekelirens, die unter Leopold L 



*) Fiedler, Beiträge zur Gescliichte der Union der Ruthenen. Kais. Aka- 
demie 1862. 514. 



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187 

so hoch loderte, unter seinen Nachfolgern beträchtlich nach. Die 
Ursache davon ist nicht in den persönlichen Geftlhlen des Monarchen 
zu suchen. Carl VI., der die spanische „katholische" Krone ftüher 
trug als die kaiserliche und ungarische, war ein so gläubiger Sohn 
seiner Kirche, als je irgend einer seiner Vorgänger. Ein Denkmal 
seines Glaubenseifers ist die reiche Carlskirche in Wien. Als der 
Krieg gegen die Türken seinen Heeren keinen Sieg brachte, hoflfte 
er von der Aussetzung des AUerheiligsten in den Kirchen eine 
günstige Wendung.*) Aber als Kaiser war er nach zwei Seiten hin 
gebunden. Einestheils bildete das Bündniss mit den protestantischen 
Seemächten und mit Preussen die Grundlage seines politischen 
Systems und wenn er auch versuchte, durch enges Anschliessen an 
Spanien und Russland seine fiiihem ADürten entbehren zu können, 
führten diese Versuche zu keinem dauernden Resultat. Anderer- 
seits war in seinem Heere der Protestantismus stark vertreten. 
Die ausschliesslich katholisierende Richtung sah stets in der Armee 
ihren gefährlichsten Gegner. 

Die Politik des Hofes gegenüber den Protestanten konnte 
nicht mehr den von der Geistlichkeit eingeschlagenen Weg 
wandeln. Diese konnte sich ihren religiösen Bestrebungen hin- 
geben, die Regierung aber musste mit politischen Factoren rechnen. 
Dieser Unterschied wird schon 1720 bis 1721 klar, als die Reichstags- 
Commission in Glaubenssachen zusammentrat und die Regierung 
den Uebergriffen der Prälaten ein Ziel setzt. 1721 lässt sie das 
"Verzeichniss der Forderungen des Clerus vernichten.^) Wohl um 
die Protestanten fiir die pragmatische Sanction zu gewinnen, 
^wünschte der König in seinem am 1. November 1722 an den Palatin 
erlassenen Schreiben, dass ihren Beschwerden noch auf diesem 
Reichstage abgeholfen werden solle. Ein anderer Erlass vom 
12. Juni 1723 machte es den Comitaten zur Pflicht, gegen die Pro- 
testanten mit grösster Schonung vorzugehen. So wichtig war das 
politische Interesse, dass selbst der Fürstprimas von Ungarn ge- 
lindere Saiten anschlug imd dem preussischen Gesandten sagte: 
,,So lange es Gott nicht wenden wolle, müsse man als communes 
Europae cives zusammen leben."^) 

In dieser Weise nahm die Krone einigermassen eine Stellung 
über den Parteien ein, indem sie, bei all' ihrem Interesse für den 



*) Friedrich der Grosse. Memoire s de Brandenburg. 

*) Kön. Archiv in Berlin. 

•) Bericht des kön. preuss. Gesandten Graeve ans Wien. Archiv. Berlin. 



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188 

Katholicismus, wenigstens den änssersten Anforderungen der Geist- 
lichkeit entgegentrat. 

Der eigentliche Kampf um das politische Recht des Protestantis- 
mus ward auf dem Reichstage 1728/29 ausgefochten. 

Der Reichstag hatte zum Behuf der Rectification der Porten 
(der Steuer -Vertheilung) eine Commission entsendet, zu deren Mit- 
gliedern auch Samuel Zsembety aus Tur6cz (evangelisch) und 
Paul Katona aus Borsod (reformiert) gehörten. Von der Commission 
wurde der Eid gefordert, ohne Parteilichkeit und gewissenhaft vor- 
zugehen. Zsembery und Katona weigerten sich, den gesetzlich 
vorgeschriebenen Decretal-Eid zu leisten, in welchem die heilige 
Jungfrau und die Heiligen vorkommen. Die katholische Majorität, mit 
dem Erlauer Bischof Graf Gabriel Er d ö dy imd dem Obersthofmeister 
Graf Josef EsterhAzy an der Spitze rief nach „Action", d. i. der 
gesetzlichen Strafe för die Störer der Berathung. Die Protestanten 
erhoben sich zur Vertheidigung ihrer Glaubensgenossen und 
endlich wandten sich beide Theile an die königlichen Commissäre 
Kinsky und Nesselrode. Diese suchten zu beschwichtigen, bis 
der königliche Bescheid herabgelangt sei. Die Majorität jedoch gab 
sich damit nicht zufrieden, sondern liess die beiden Deputierten trotz 
des Widerspruches des Paul Jeszen&k, des Bevollmächtigten des 
Prinzen Eugen, durch den Thürsteher der Statthalterei aus der 
Sitzimg entfernen. Ausserdem wurden sie zu der gesetzlichen Strafe 
von 64 fl. verurtheilt und da man ihnen mit Kerker drohte, blieb 
ihnen nichts übrig, als diese Summe zu erlegen. Damit noch nicht 
zufrieden, forderte man auch die protestantischen Deputierten der 
Comitate Veszpröm, Mittel-Szolnok und Kraszna, die ebenfalls den 
Decretal-Eid verweigerten, für den 11. August vor die Ständetafel. 
Aber die also Bedrohten schlugen den Weg nach Wien ein und 
erwirkten eine königliche Resolution des Inhaltes, dass der Beschluss 
der Stände suspendiert werde und dass man, die Frage des Eides 
bei Seite setzend, an die Rectification der Porten schreiten solle.*) 
EsterhÄzy fiel in Ungnade und wurde seiner Würden entsetzt, 
die er jedoch schon im folgenden Jahre zurückerhielt.*) 

In England wusste die Staatskirche durch die in der Test- 
Aöte vorgeschriebene gesetzliche Eidesformel die Andersgläubigen, 



>) Horvdth. Magyarorsz^g törtenelme, VU. 163— 166. Fes sie r, Gesch. 
der Ungarn, X, 354. 

•) Kalinovics, Postuma Memoria Joseph! Esterh&zy. A^, T3miaviae 
1764. 74—79. 



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189 

besonders die Katholiken, ihrer politischen Rechte, ihres Antheiles 
am Staate zu berauben. In Ungarn führte der ähnliche Versuch 
der katholischen Staatskirche nicht zum Ziele. Gesetzlich liess sich 
die politische Gleichheit des protestantischen Adels doch nicht 
verletzen ; ein derartiger Anschlag fand bei der Krone keine Unter- 
stützung. Für Fanatiker vom Schlage des Bischofs Erdödy, der 
Ungarn eher arm und katholisch haben wollte, als reich und durch 
Irrglauben befleckt, bot das System Kaiser C a r Ts keinen Raum. ^) 
Doch würde man irre gehen, wenn man von dem für die 
Protestanten günstigen Ausgange der Eides-Frage auf Gerechtigkeit 
oder auch nur Toleranz ihnen gegenüber folgern würde. Die könig- 
liche Resolution vom 21. März 1731 war sehr weit davon entfernt, 
den gesetzlich gewährleisteten Rechten der protestantischen Kirche 
zu entsprechen, wenn sie auch andererseits die Jesuiten nicht be- 
friedigte. Cardinal Althann, Bischof von Waitzen, ermangelte auch 
nicht, heftig gegen diese Resolution zu protestieren. 

Er wurde an den Hof beschieden und als er nicht erschien, 
wurden seine Beneficien unter Sperre versetzt. 

Doch blieb die Staats-Regierung in allen ihren Organen rein 
katholisch und nahm Antheil an dem katholischen Bekehrungs- 
werke. Sie duldete nur connivendo die reformierten Vicegespane 
und Beisitzer in den Comitaten, die evangelischen Richter und 
Magistrate in den Städten und erzwang selbst in Municipien, wo 
es kaum Katholiken gab, wie z. B. in Debreczin, paritätische 
Rathswahlen. Wo der Gutsherr katholisch oder gar geistlich war, 
wurden die protestantischen Kirchen und Schulen weggenommen, 
die widerspenstigen Unterthanen abgestiftet. Dem Adel gegenüber 
konnte man nicht in dieser Weise verfahren. Anstatt directer Ver- 
folgung suchte man durch Entziehung der Vortheile zum Ziele zu 
gelangen. Man wusste, dass Bekehrungen das beste Mittel seien, 
eine rasche Carriere zu sichern. 

Wenn so der Adel auf dem Reichstage von 1728 — 1729 durch 
den ö-lauben in sich gespalten erschien, hörte er doch nicht auf, 
einig zu sein, sobald es seine Vorrechte galt. 

Auf demselben Reichstage kam die Frage der Steuerfreiheit 
der adeligen Gründe zur Verhandlung. Die Regierung war selbst- 
verständlich bestrebt, für die Umlage der Steuer die möglichst sichere 
Sasis zu gewinnen. Als solche bot sich vor allem der Grund und 
Boden dar. Nach ungarischem Recht aber gehörte der Boden, auch 



*) Grollmann, StÄtistische Aufklärungen, II, 37. 



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190 

die Bauerngüter, ausschliesslich dem Adel, für den seine Steuer- 
freiheit, „die jungfräuliche Schulter", als das Palladium der Ver- 
fassung galt. Nun kam es, besonders in den obem Comitaten, von 
wo die Bauern oft auswanderten, häufig vor, dass der Grrundherr 
die verlassenen Sessionen als AUod bebauen liess. Nach der Auf- 
fassung der Regierung sollte er von solchen Gründen, die eigentlich 
Bauerngüter seien, Steuer zahlen. Dagegen sträubte sich der Reichstag 
mit aller Macht, indem er behauptete, dass die Steuerlast nicht am 
Boden, sondern an der Person des Bauers hafte. Am heftigsten 
verfochten der Graf Joseph Esterhizy, königlicher Statthalterei- 
rath, und der Protonotar Adam Zichy dieses Princip, wofür sie 
auch als Verfechter der Adelsfreiheit gefeiert wurden. Sie reisten 
auch an das Hoflager nach Graz, um den König zu einer Aner- 
kennung dieses Principes zu bewegen. ^) Carl begnügte sich mit 
der Erhöhung der Steuer, deren gerechte Vertheilung er befahl 
und liess die Freiheit des Adels unangefochten. Gesetzlich festgestellt 
wurde aber diese erst vom Reichstage 1741. Damals wurde der 
Grundsatz inarticuliert : „ne onus inhaereat fundo" und zugleich 
die „ewige'* Freiheit des Adels von jeder Steuer bekräftigt. 

(G. A.vm.) 

Dies waren also die Fragen, welche das damalige politische 
Ungarn bewegten. Sehen wir nun die Männer, welche im Rathe 
der Krone und der Nation das Meiste wogen und die besonders 
beim Thronwechsel in den Vordergrund treten mussten. 



Staatsmänner und Feldherren. 

Bei einer Verfassung, wie es die ungarische war, mussten die 
grossen geistlichen und weltlichen Würdenträger nicht nur alle 
Geschäfte leiten, sondern als natürliche Häupter auf alle Regungen 
des nationalen Lebens den grössten Einfluss üben. Sie hatten schon 
im Jahre 1722 zur Vorbereitung und Annahme der pragmatischen 
Sanction das Beste gethan. Dass die Comitate die weibliche Erb- 
folge annahmen, war vor Allem das Werk des Palatins, des Cardinal 
Fürst-Primas, des Cardinal-Erzbischofs von Kalocsa, des Bischofs 
von Erlau, des Banus und des Grafen Alexander K&rolyi. 

Es war eine m'kräftige, leidenschaftliche, im Krieg und Frieden 
gleich gewandte Generation, deren hervorragendste Mitglieder beim 

») Kalinovics, 1. o. 72—74. 



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191 

Antritte der Regierung Maria Theresia's an der Spitze der 
ungarischen Verwaltung standen. 

Voran Graf Johann Pdlffy, Oberstlandesrichter, der schon 
dreissig Jahre früher als Banus von Croatien um das Zustande- 
kommen der Pacification von Szatmdr sich grosse Verdienste 
erwarb und dann nach 1741 noch zehn Jahre hindurch als Palatin 
die erste Stelle nach dem Thron einnahm. Nicht blos ein tapferer 
Krieger, sondern auch als Feldherr ein würdiger Genosse des Prinzen 
Eugen, an dessen Siegen bei Peterwardein und Belgrad er grossen 
Antheil hatte. In seiner Jugend eine gewaltthätige, aufbrausende 
Natur, auf seine und seiner Familie Hebung ebenso bedacht, wie 
auf den Dienst seines Herrn und Königs, erhielt er sich eine 
unzerstörbar scheinende Lebenskraft bis in das hohe Alter. Mit 
achtundsiebzig Jahren gieng er 1741 die dritte Ehe ein imd ist noch 
bereit, für seine Herrin als der gesetzliche Anführer des bewaffneten 
Adels das Schwert zu ziehen. 

Ihm schliesst sich der Banus Graf Esterhäzy an. Er wurde 
zum Geistlichen erzogen, zog aber bei Beginn des R i k 6 c z y'schen 
Krieges in's Feld und führte so zu sagen einen persönlichen Krieg 
um den Besitz seiner Erbgüter *) gegen seine Brüder, die sich dem 
Aufstande angeschlossen hatten. Im Frieden ordnete er seine Güter 
imd war eines der streitbarsten Häupter der katholischen Adels- 
partei. Im Schutze der Kirche und der Adelsprivilegien setzte er 
sich 1729 sogar der Ungnade des Königs aus. Er war es, der 1741 
am heftigsten die österreichischen Minister angriff und der die 
Königin aufforderte, sie möge ihr Vertrauen in die Ungarn setzen 
lond in Ofen residieren. Mit welcher Mühe und Gefahr er auch 
seine Dominien erhalten und vermehrt, mit welcher Sorge er auch 
bestrebt war, sie in guten Stand zu versetzen, er war stets bereit, 
sein ganzes Vermögen seiner Königin zur Disposition zn stellen. 
Mehr als siebzig Jahre alt, steigt er noch 1744 zu Pferde und 
filhrt die Adels-Insurrection nach Schlesien. 

Derselben Familie gehörte auch der Pauliner-Frater, Emerich 
Esterhdzy, früher Bischof von Agram, dann Fürst-Primas von 
Ungam an. In seinem gebrechlichen Körper wohnte eine unbeugsame 
Seele. Unter allen Leiden hielt ihn sein hohes Pflichtgefühl aufrecht. 
Er widmete seine Revenuen beinahe ausschliesslich geistigen Zwecken, 
ein lebendes Denkmal jener Zeit, in der die katholische Kirche 
in Ungam noch um die Suprematie kämpfen musste. ^) 

*) Eigenhändige Aufzeichnungen im gräfl. Archiv in Csekl6sz. 
^ Fessler, 1. c. 277—289. 



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192 

Einen andern Typus des geistlichen Magnaten zeigt Graf 
Gabriel Patachich, Erzbischof von Kalocsa. Er war es, der, 
obwohl Croat, die Stadt Kalocsa magyarisierte und wenn es noth- 
wendig war, die Bevölkerung mit Geld- oder Prügelstrafen nöthigte, 
ungarisch zu reden. An den Diäten hält er sich meist zur Oppo- 
sition, wie er denn auch 1741, wegen seiner selbstständigen Haltung 
in der Frage der Mitregentschaft, die Ungnade Maria Theresia's 
auf sich zog. 

Zu diesen alten Kämpfern für Thron und Altar gesellte sich 
ihr fiüherer Gegner, Graf Alexander K 4 r o 1 y i, ehemals der tapfere 
Feldherr RÄköczy's, der mit PÄlffy den Vertrag von SzatmÄr 
abgeschlossen. Wie früher im Kriege, so war er jetzt unermüdlich 
im Frieden. Neben der Bewirthschaftung seiner ererbten und seiner 
viel grossem, durch königliche Gnade erhaltenen Güter, findet er 
Zeit fiir Comitats- und Landes- Angelegenheiten. Gerade seine Ver- 
gangenheit knüpft ihn um so enger an das Interesse des Hofes, 
in dessen Dienst er dann in die Reihe der reichsten und mäch- 
tigsten Oligarchen des Landes emporstieg. Die andern grossen 
Familien waren alle den Donau-Districten entstammt; er ist der 
erste mächtige Magnat der Theissgegend, der dem dort über- 
wiegenden protestantischen und oppositionellen Mitteladel gegen- 
über das Banner des Hofes und der katholischen Kirche hoch hielt. *) 

Alle diese Männer, geistlich und weltlich, trugen das Gepräge 
der Epoche an sich, in welcher die ungarische Nation ihr Leben 
noch nicht unauflösbar an die Dynastie gekettet hatte, an die 
Epoche, in welcher sie noch als selbstständiger Factor in den 
europäischen Angelegenheiten mitwirkte. Sie alle schlössen sich 
mit voller Aufrichtigkeit an das Haus Habsburg an. Familientradition 
und Glaubens-Literesse machten sie gleicherweise zu Anhängern des 
Hofes. Sie hatten an die Befestigung des Thrones gegen den Sultan 
und E & k ö c z y, dann auf den Diäten und durch die pragmatische 
Sanction wesentlich mitgearbeitet. Aber ihre Treue war nie eine 
knechtische, sie vergassen in ihrem königlichen Amt und Dienst 
nie ihrer Würde, welche ihnen ein gesetzliches Recht zur Leitung 
einer alten, ruhmreichen Nation einräumte. Sie betrachteten ihre 
Auszeichnung als etwas selbstverständliches und duldeten schwer die 
Zurücksetzung, wenn sie sich auch nicht mehr, wie ihre Vorfahren 
es gethan, dagegen auflehnten. Sie erinnern noch lebhaft an die 
Stammhäupter, die Arp&d und seine Nachfolger einst als ihre 

') Karolyi SÄndor Ön61etir4sa, herausgegeben von Szalay L4szl6. 

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193 

erblichen Fürsten anerkannten, aber daflir einen Theil der Beute 
fordern nnd nicht zulassen, dass man sie und ihre Nachfolger aus 
dem Bath und den Würden des Landes entferne. In ihrem Comitat 
imd in ihren Regimentern üben sie beinahe noch souveraine Rechte 
aus. In ihre Castelle, die sie nur selten verlassen, um nach Wien 
zu gehen, dringt zwar die fremde Sprache, die fremde Cultur ein, 
aber nur äusserlich, während im Innern die eigenthümliche un- 
garische Bildung und Lebensweise der Aristokratie des XVII. Jahr- 
hunderts, der Zrinyi, Riköczy und Esterhizy vorherrschend 
bleibt. 

Wir sehen den freiwilligen Anschluss der mächtigen Vasallen 
an ihren legitimen Herrscher, in dem noch das persönliche Ver- 
hältniss voraussteht, während der Staat, die Institutionen, erst in 
zweiter Linie erscheinen. 

Einigermassen in einem anderen Lichte erscheinen uns die 
Staatsmänner, welche damals in reifem Mannesalter stehen und 
den Platz der früheren Generation einzunehmen sich vorbereiten. 
Unter ihnen waren der Hof kanzler Graf Ludwig Batthyiny und 
der Personal Freiherr Anton Grassalkovics die bedeutendsten. 
Sie erhielten ihre Richtung schon von der auf die lange 
Kriegszeit folgenden friedlichen Periode. Die um die Existenz der 
Nation, um die Sicherheit der Ejrone gefochtenen Kämpfe waren 
zu Ende. Als ihr Ergebniss stellte sich dar: die Herrschaft der 
kaiserlichen Dynastie, obgleich im Rahmen der Verfassung und 
das üebergewicht der katholischen Kirche, obgleich der Pro- 
testantismus noch bestand. Für wirklich grosse politische Ambitionen 
blieb kein Raum. Daftir bot sich für die Begierde nach Macht 
und Besitz auf diesem durch so viele Kriege beinahe wüstgelegten 
Gebiete ein immenser Spielraum dar. Zum Reussieren war nichts 
noth^wendig als der bedingungslose Anschluss an die zur Herrschaft 
gelangten Factoren. Die Dynastie und die katholische Kirche 
hatten sich auch bisher als dankbar erwiesen. Im Amte, auf den 
Diäten, in den Comitaten und Städten musste man die Anhänger 
R d k 6 c z y's und die Akatholiken zurückdrängen, wenn möglich 
unterdrücken. Es war nur natürlich, dass ihr Erbe den Getreuen 
der neuen Richtung zufiel. Für Belohnung sorgte die neo- 
acqniistische Commission, denn wie viel immer die Kammer, die 
kaiserlichen Räthe und Generale von dem von den Türken zurück- 
genommenen Gebiet erhielten, war es doch nicht möglich, die 
Ungarn vollständig auszuschUessen. 

Qesterreichisoher Erbfolgekrieg. I. Bd. 13 

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194 

Bei einem Batthydny genügten der Familien-Nexus und das, 
so zu sagen, erbliche Wohlwollen des Hofes und der Geistlichkeit, 
um das rasche Emporkommen zu erklären ; Anton Grassalkovics, 
der vielleicht die glänzendste Laufbahn machte, die in Ungarn 
ausser dem Soldatenstande je vorkam, musste sich diese Familien- 
verbindimgen erst erwerben. 

Diese Männer erheben sich nicht mehr allein durch ihre, in 
schwierigen Verhältnissen entwickelte Kraft und Gewandtheit, Sie 
bereiten sich direct für den Staatsdienst vor. Ihre Erziehung und 
ihr Studium umfasst ausser der Kenntniss der Heimath auch Alles 
das, was das gemeinsame geistige Gut der damaligen ausländischen 
Beamten- Aristokratie ausmachte. Sie kennen schon die französische 
Aufklärungsliteratur ihres Zeitalters, sind in den grossen kirchen- 
politischen Fragen bewandert und auch in den damals so zeit- 
gemässen Kammer- und Wirthschaftsproblemen nicht unwissend. 
Die geborenen Magnaten schreiben und sprechen ebenso fliessend 
deutsch und französisch, als ungarisch und lateinisch. Es ist be- 
zeichnend, dass Ludwig BatthyAny, der letzte ungarische Palatin, 
der nicht aus königlichem Geblüt entspross, von seiner Mutter, der 
berühmten Eleonora Strattmann, ermahnt werden musste, er 
solle die ungarische Sprache nicht vernachlässigen. Sie fordert ihn 
auf, gewöhnlich französisch zu correspondieren, aber einmal 
monatlich ihr lateinisch, einmal deutsch, einmal ungarisch zu 
schreiben. „Er soUe die letztere nicht vergessen, denn er könnte 
ja erfahren, wie sehr er ihrer bedürfen werde." ^) Die Verschwägerung 
mit deutschen und böhmischen Familien trug ihre Früchte und die 
Herrschaft der französischen Literatur drängte nicht blos die 
ungarische, sondern auch die deutsche und lateinische in den 
Hintergrund. 

Selbstverständlich war die Bildung, die Grassalkovics 
sich angeeignet, viel ursprünglicher. Der ehemalige Bettelstudent 
erhielt den ersten Unterricht bei den Jesuiten in Tymau. Er liess 
sich als Advocat in Pest nieder und kündigte sich besondei*s der 
katholischen Kirche und ihren Anhängern als Rechtsfreund an. 
Als Referent der neoacquistischen Commission, dann als Personal 
und Präsident der königlichen Tafel, vor Allem aber als Erwerber 
grosser Güter verschafft er sich eine seltene Keniitniss in den 
Irrgäiigen des ungarischen Rechtslebens. Die prac tische Richtung 
seines Geistes prädestiniert ihn zur Kammerpräsidentschaft. Wie 

') Fürstl. Archiv in Könnend. 



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195 

er durch die Gunst der Herrsclier und sein eigenes Verdienst stets 
höher steigt, muss er nicht blos an Reich thum, sondern auch an 
Bildung und Lebensweise mit seinen ßanggenossen wetteifern. Mit 
seltener Schönheit, grossen Fähigkeiten und gewinnender Liebens- 
würdigkeit begabt, weiss er die zuerst Widerstrebenden zu bewegen, 
ihn als ihresgleichen anzuerkennen. Dabei ist er sehr behutsam 
und ruhmgierig, verweist selbst auf seine geringen Anfänge und 
auf die Hilfe Gottes, die ihn so hoch erhoben. ^) Zu seinem 
Charakterbild gehören die Aufbewahrung seines alten Betteltopfes 
als Reliquie und die Verehrung der heiligen Jungfrau in Besnyö in 
eben dem Masse, als das geschickte und schonungslose Zusammenraffen 
seiner fürstlichen Güter und die später zu Ehren der Kaiserin in 
GödöUö veranstalteten feenhaften Festlichkeiten. Die letzteren Züge 
zeigten, wohin der ungarische Edelmann sich erheben kann, die 
ersteren dienten dazu, den Neid und den bösen Willen seiner 
früheren wie seiner späteren Genossen zu entwaffnen. 

Es fällt in die Augen, dass diese Generation viel weniger 
selbstständig und unabhängig war, als die ihr vorausgehende. Es 
mangelt ihr die, unter so viel Wandlungen des Schicksals erprobte 
Tapferkeit der Ahnen, der militärische Zug der Feudalität. 

Bei den Magnaten wird doa nationale Gefühl durch die halb- 
fremde Abstammimg und durch die grösstentheils fremde Bildung 
geschwächt, bei den Emporkömmlingen durch die Sucht, es Jenen 
in Allem und Jedem gleich zu thun und durch das Bestreben, der 
königlichen Gunst durch immer neue Dienste sich würdig zu 
erweisen. Sie finden die königliche Macht schon felsenfest ge- 
gründet und können ihre Ambition nur unter deren Fittichen 
befriedigen. Wenn der König das Gesetz und die Verfassung nicht 
angriff, sind sie ohne Vorbehalt bereit, der Krone zu dienen. Es 
besteht, so zu sagen, ein stilles Einverständniss zwischen der Krone 
und ihren Räthen. Letztere rechnen auf eine persönliche Ent- 
schädigung für das, was der Herrscher unter ihrer Mitwirkung vom 
Ijande dargeboten erhält. Diese Männer waren die Begründer und 
zugleich die Vorbilder der ungarischen Auliker. 

Aber auch ihr Gehorsam und ihr Diensteseifer haben ihre 
Grenze. Sie hören nicht auf, ihrer Geburt oder ihrer Stellung und 
Würde nach, die Mitglieder, ja die Häupter der privilegierten Classe 
des ungarischen Adels zu sein. So bereit sie sind, der königlichen 



*) Eigenhändige Aufzeichnungen im Nat. Museum. Marczali, Maria 
Ter^zia, IB9-161. 

13* 



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196 

Gewalt den Gegenparteien gegenüber zum Siege zu verhelfen, so 
wenig kann man auf sie rechnen, wenn die königlichen Forderungen 
die adeligen oder geistlichen Vorrechte berühren. Nicht nur ihr 
persönliches Interesse schreibt ihnen diese Politik vor, sondern das 
tief wurzelnde Bewusstsein, dass nur die adelige Freiheit ihnen, 
ihrer Familie, ja der ganzen Nation die Selbstständigkeit innerhalb 
der Monarchie sichere ; dass die Aufrechterhaltung des ungarischen 
Königreiches, als eines politischen Factors, an diese Freiheit geknüpft 
sei. Dieser esprit de corps verbindet sie im Nothfalle sogar mit 
der Opposition der Comitate und der Protestanten. Dieser esprit 
de corps ist es, welcher das bei ihnen noch unentwickelte staatliche 
und nationale Gefühl vertritt. 

So war die Lage Ungarns beschaffen, als der Tod des Kaisers 
und Königs die Nation vor neue Aufgaben stellte. Ungarns Stellung 
zur Monarchie und zu Europa bezeichnet ein deutscher Geschichts- 
schreiber mit folgenden Worten : „Seitdem hatte Oesterreich eine 
ganz andere Grundlage als früher. Sonst wurden alle Kriege in 
Ungarn von deutschen Heeren geführt und man sagte, alle dortigen 
Flüsse seien mit deutschem Blut^ gefilrbt; jetzt erschienen die 
Ungarn als der Kern der österreichischen Heere in den deutschen 
Kriegen. Nun war es der französischen Diplomatie nicht mehr 
möglich, die Türken bei jedem Anlass in das Herz der Monarchie 
zu rufen; nur noch einmal fand sie bei den Missvergnügten 
Beistand und Hilfe; endlich war Alles ruhig; eben auf diejenige 
Provinz, die ihn bisher am meisten gefährdet hatte, gründete seit- 
dem der Kaiser seine Gewalt.'' ^) 

{Prof. MarezaU.) 

*) Bänke, Abhandlungen und Versuche, I. Die grossen Mächte, 16. 



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Das Finanzwesen der Monarchie. 



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Finanzlage beim Regierungs- Antritt Carl VD. 

-t>ei dem Regierungs-Antritte Carl VI. war die Finanzlage 
eine traurige. „Die Staatscasse ist leer, es befindet sich darin niclit 
ein HeUer," schrieb Starhemberg an den noch in Spanien 
weilenden Monarchen, „Hofstaat und Armeen sind unbezahlt, die 
Cameralgefälle auf Jahre verpfändet.'* Der seit Jahren andauernde 
Krieg hatte die ohnehin nicht reichen Hilfsmittel des österreichi- 
schen Ländergebietes stark in Anspruch genommen und heischte 
auch femer beträchtliche Summen. Auch nach Herstellung des 
Friedens trat eine Besserung nicht ein. Die Eegierungszeit C a r Ts 
war mit Kämpfen und Kriegs Vorbereitungen angefüllt. Zunächst 
erforderte der Krieg mit den Türken bedeutende Mittel und während 
des dritten Jahrzehnts mussten gewaltige Anstrengungen gemacht 
werden, um etwaigen Verwicklungen, die zeitweilig den x^usbruch 
eines europäischen Kampfes befürchten Hessen, gerüstet widerstehen 
zu können. Die aus der spanischen Erbschaft den Habsburgern 
zugefallenen Gebiete hatten sich als ein Danaergeschenk erwiesen. 
Endlich im letzten Jahrzehnt der Regierung C a r l's wurden durch 
die Kämpfe um die polnische Thronfolge und mit den Türken die 
finanziellen Kräfte geradezu erschöpft. 

So unentwickelt auch die wirthschaftlichen Vorhältnisse der 
Länder waren, welche dem Scepter Carl VI. unterstanden, einer 

') Eine die gesammte Finanzverwaltuiig umfassende Darstellung fehlt. 
Die geistvolle Arbeit S c h w a b e's : „Versuch einer Geschichte des öster- 
reichischen Staatsrechts" (zwei Hefte), ist leider unvollendet. M e n s i's : „Die 
Finanzen Oesterreichs von 1701—1740" (Wien 1890) enthält reiches Material 
zur Geschichte des Budgets und des Staatscredits ; D'E 1 v e r t : .,Zur öster- 
reichischen Finanzgeschichte", bietet brauchbare Angaben über einzelne Steuern, 
namentlich in Mähren und Schlesien. Eine einigerraassen entsprechende Ge- 
schichte der Besteuerung besitzen wir noch nicht. 



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200 

ziolbewussten, kenntnissreichen und energischen Persönlichkeit hätte 
es vielleicht gelingen können, dauernde Ordnung im Staatshaushalte 
herbeizuführen und auch für den ausserordentlichen Bedarf Vor- 
sorge zu treffen. Auch fehlte es an dem Manne nicht, der unter 
den Rathgebem des Monarchen wohl allein befähigt gewesen wäre, 
die allerdings schwierige Aufgabe zu lösen, wenn die gesammte 
Finanzverwaltung in seine Hände gelegt worden wäre. Gundaker 
Graf Starhemberg, seit 1703 Hoftammer-Präsident, besass alle 
Eigenschaften eines guten Finanzministers. ') Abgesehen von 
glänzenden Eigenschaften des Charakters, war ihm eine seltene 
Klarheit des Verstandes, ein hoher Sinn für Ordnung eigen, aber 
anstatt einer Concentration der Geschäfte, wie Starhemberg 
anrieth, trat eine bedenkliche Zersplitterung der Verwaltung ein, 
deren schädigende Folgen nicht ausbleiben konnten. 

Neben der Hofkammer gab es nämlich noch zwei Körper- 
schaften, welche auf die Finanz-Angelegenheiten Einfluss hatten. 

Seit Errichtung der Wiener Stadtbank durch das Diplom vom 
24. December 1705 war die Aufsicht über die Beobachtung der 
Statuten einer Deputation, bestehend aus Mitgliedern der Hof- 
kammer und der niederösterreichischen Regierung, übertragen 
worden. Die dem Stadtbanco zugewiesenen Fonde verwaltete eine 
Bancogefälls- Administration, Anfangs ein rein städtisches Amt, ans 
dem Wiener Bürgermeister als Präses und den Mitgliedern des 
Stadtrathes bestehend. Eine Aenderung trat ein, seitdem die Mit- 
haftung der Stadt für die Bancoschulden aufhörte, worauf die Ver- 
waltung der an die Bank überwiesenen Gefälle an den Präses der 
Ministerial-Banco-Deputation übertragen wurde. Der Wirkungskreis 
dieser Körperschaft erweiterte sich im Laufe der nächsten Jahre 
durch die Ueberweisung zahlreicher Gefälle. Eine Verbindung mit 
der Hofkammer war Anfangs insofern vorhanden, als Graf Starhem- 
berg Hofkammer-Präsident und zugleich Präsident der Ministerial- 
Banco-Deputation war. 

Seit Errichtung der Universal-Bancalität durch Patent vom 
14. December 1714, wurde der Wirkungskreis der Hofkammer stait 
in Mitleidenschaft gezogen und wenn die ursprünglichen Pläne, 
welche den Rathgebem des Kaisers vorschwebten, verwirklicht 
worden wären, würde die Bancalität wohl die wichtigste Finanz- 

') Starhemberg hatte bereits nach dem Tode Brenne r's, seit Mai 
1698 bis Ende 1700 als Vice-Präsident die Hofkammer geleitet. Am 14. Dec 
1700 trat Salaburg sein Amt als Hofkammer-Präsident an, die £menniui£ 
Starhnmberg's erfolgte am 4. Juli 1703. 



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201 

behörde geworden sein und hätte den Bestand der Hofkammer 
mit der Zeit überflüssig gemacht. Schwerwiegend war aber der 
Entschluss des Grafen Starhemberg, nach Gründung der Ban- 
calität seine Entlassung als Hofkammer-Präsident zu nehmen und 
sich lediglich auf die Geschäftsleitung der Banco-Deputation zu 
beschränken, in welcher Stellung er bis zimi Regierungsantritte 
Maria Theresia's blieb. 

Die oberste Leitung der Universal-Bancalität war Anfangs 
einem Bancal-Gouvemeur, später einem Präses, in voller Unab- 
hängigkeit von jeder anderen Behörde, übertragen. An derBerathung 
über die Ausgaben und Einnahmen hatte die Bancalität mitzuwirken ; 
die Bestreitung des Erfordernisses für den Hof, die Verprovian- 
tierung der Armee, die Unterstützung der Fabriken und Manu- 
facturen wurde derselben speciell zur Pflicht gemacht. Ein kaiser- 
licher Befehl, wie die Hofkammer und die Bancalität „Alles was 
zum Allerhöchsten Dienst nothwendig sei, communicativ agieren 
und tractieren sollen", wurde am 26. April 1716 erlassen. Dadurch 
war der Wirkungskreis der Hofkammer stark eingeengt worden, 
da die Bancalität auch auf die Verwaltung der Cameralgefälle 
einen gewissen Einfluss gewann. Die Schwerfälligkeit und Unzweck- 
mässigkeit des gesammten Verwaltungs-Apparates machte sich 
fühlbar, da es schon in der ersten Zeit an Reibungen zwischen 
Bancalität und Hofkammer nicht fehlte. Dazu kam, dass zum 
Bancal-Gouvemeur eine Persönlichkeit ernannt worden war, welcher 
jene Kenntnisse fehlten, die gerade für diesen schwierigen Posten 
imbedingt erforderlich waren. Die Nothwendigkeit , Abhilfe zu 
schaffen, machte sich bald fühlbar und mannigfache Vorschläge 
tauchten auf, darin übereinstimmend, einer Körperschaft die Be- 
rathung über alle Finanz- Angelegenheiten zu übertragen, deren vom 
Kaiser genehmigte Beschlüsse den Executivbehörden als Weisungen 
zugehen sollten. Eine von Mikosch, dem Verfasser und Ver- 
theidiger des Bancalitäts-Entwurfes, ausgearbeitete Schrift vom 
2. December 1715 wurde in einer Conferenz unter dem Vorsitze 
des Kaisers einer eingehenden Berathung unterzogen. 

Der Verfasser des Bancalitäts-Projectes, der eine vollständige 
Regelung des Staatshaushaltes durch das Institut in Aussicht 
gestellt hatte, legte das Geständniss ab, dass der gegenwärtige 
Zustand einer Aenderung dringend bedürfe; das „ganze Werk sei 
besser und rechtschaffener zu concentrieren, um zu einer soliden 
Unität der Operationen alle Haupttheile, so zusammen aus der 
Verwaltimg des Aerars ein Ganzes machen sollen, in ihrer eon- 



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202 

venienten und vollkommenen Activität, ohne Collision, zu com- 
binieren und zu perfectionnieren". Das Bancalgovemo hatte sich 
nicht bewährt, M i k o s c h zog aber daraus nicht den Schluss, dass 
die Bancalität zu beseitigen sei, sondern der „angezielte Endzweck" 
sei dadurch zu erreichen, wenn der Kaiser sich entschliessen würde, 
,, diese Incumbenz unter Seine Allerhöchste und persönliche 
Attention zu stellen"; einige Minister seien „zu einem Consess zu 
ernennen" mit der Aufgabe, ,,nicht blos die Operationen der 
Bancalität, sondern auch die Administration der Hofkammer, mithin 
alle Angelegenheiten des Aerars ohne höheren Recurs und absolute 
und autoritativ zu respicieren, dirigieren und manutenieren" ; im 
Falle der Kaiser einer Sitzung nicht beiwohne, sollte der im Range 
erste Minister den Vorsitz fuhren, die Beschlüsse und Weisungen 
sollten den Finanzbehörden nach erfolgter kaiserlicher Entschliessung 
übermittelt werden; dadurch würde eine Einheitlichkeit der ge- 
sammten Finanzverwaltung erzielt, der Wirkungskreis der Bancalität 
und der Hof kammer genau abgegrenzt werden ; auch sollte wieder 
ein Hofkammer-Präsident, welcher Posten nach dem Rücktritte 
Starhemberg's provisorisch durch einen Vice-Präsidenten ver- 
waltet wurde, „zum stabilen Capo" bestellt, för die Bancalität ein 
Director oder Inspector ernannt werden ; dem Uebelstande der bis- 
herigen Organisation und dem Zwiespalte zwischen Hofkammer und 
Bancalität sei dadurch abzuhelfen, dass die Verwaltung der Cameral- 
gefälle, insoweit sie nicht schon verpfändet seien, der Hofkammer 
anheimzufallen, die Bancalität jedoch als Generalcasse alle Aus- 
gaben zu bestreiten und gegen Ueberweisung der erforderlichen 
Fonde dem Staate Credit zu verschaffen habe. ^) 

Das von Mikosch ausgearbeitete Project wurde einer Con- 
ferenz mit der Aufforderung übergeben, dass jeder anwesende 
Minister seine Meinung über die „Practibilität", sowie auch darüber 
abgeben sollte, „ob durch Stabilierung der Conferenz die sich der- 
malen ergebenden Obstacula behoben werden können". Allein diese 
principielle Frage wurde von der Conferenz gar nicht berührt und 
in dem an den Monarchen erstatteten Berichte über die Ergebnisse 
der Berathung mit keinem Worte erwähnt, ob es angezeigt sei, 
eine neue Körperschaft in's Leben zu rufen. Der Kaiser ordnete 
daher eine neuerliche Berathung in seiner Gegenwart an. Leider 



*) Die Noth wendigkeit einer Generalcassa war längst fühlbar; 1728 
wurde ein hierauf bezügliches Project berathen, aber man konnte „trotz aller 
Mühe ein qualificiertes Subjectum, welches sich des weitsehenden Generalcassa- 
werks annehmen" wollte, nicht auffinden. Aus einem Acte. 22. Feb. 1728. 



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203 

sind uns die Ansichten der einzelnen Minister nicht bekannt, welche 
bei dieser Sitzung abgegeben wurden. Der Kaiser sprach sich nach 
Anhörung seiner Räthe dahin aus, „dass die Sach', wie es dermalen 
liegt und das völlig unbesorgt stehende Camerale unmöglich länger 
subsistieren könne und zur Behebung der Dissentionen zwischen 
den Mitteln, d. h. zwischen der Hofkammer und der Bancalität, 
ein Compelle zu finden wäre." Dieses Compelle sei die Finanz- 
coiiferenz, unter der die Hofkammer, Bancidität und Stadtbank zu 
stehen und zu operieren hätten. Auch „die bessere Stabilierung 
der Bancalität" sollte durch Errichtung der Conferenz bewerk- 
stelligt worden. „In allen Sachen," fuhr der Kaiser fort, „müssten 
gewisse Principia gefasst werden, denn wenn man sich nur de 
casu in casum über eine jede Sache determinieren und im Operieren 
keine Richtschnur haben sollte, würde man leicht in Irrungen ver- 
fallen und niemalen der Ordnung nach operieren." Auch eine 
Aeusserung des Grafen Starhemberg wird uns überliefert, der 
bemerkte, dass, so viel möglich, bei den alten Einrichtung:en zu 
verbleiben sei und die einzelnen Theile in genaue Combination 
gebracht werden sollen. Der Kaiser meinte hierauf, „dieses Hesse 
sich wohl hören, aber man müsste auch berücksichtigen, dass in 
Cameral-Angelegenheiten Aenderungen einzutreten pflegen ; die 
Experienz zeige auch, dass andere Potenzien ungeachtet der auch 
bei ihnen stabilierten alten Verfassungen ihr Camerale durch neue 
Einrichtungenr auf einen andern Fuss zu setzen pflegen." ^) 

Die principielle Entscheidung des Kaisers über die Errichtung 
der Finanz-Conferenz war erfolgt, es handelte sich blos darum, die 
näheren Modalitäten über die innere Einrichtung in Erwägung zu 
ziehen. Erst nach mannigfachen Berathungen gelangte man zu einer 
Entscheidung. Starhemberg, obgleich er die Schafiimg einer neuen 
Körperschaft nicht für nothw endig hielt, hatte sich am raschesten 
eine klare Ansicht über ihren Wirkungskreis gebildet und die 
übrigen Mitglieder der Conferenz sich derselben angeschlossen. In 
der ersten, am 1. März 1716 um halb eilf unter dein Vorsitze des 
Prinzen von Savoyen abgehaltenen Sitzung kam ein Beschluss 
nicht zu Stande. Auch in der zweiten Sitzung am 10. Mai 1716 
hatten die Räthe des Kaisers sich mit dem Plane nicht voll be- 
freundet; wenn den alten Instructionen nachgelebt worden wäre, 
hätte man diese Neuerungen nicht nöthig, meinte Fürst Tr aTit so n. 



') ProtocollG. Feb. 17l6. Anwesend: Eugen von Savoyen, Trautson, 
Sinzendorff und Starhemberg. 



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204 

der auch das Geständniss ablegte, dass es ihm schwer falle, in 
Cameralibus ein Consilium zu geben, da er nicht vollständig in- 
struiert sei, sich auch ftir einen besonderen Cameralisten nimmer- 
mehr ausgeben könne. Starhemberg machte die Bemerkung, 
es sei nicht genug, zu resolvieren, sondern auch nachzusehen, 
ob die Resolutionen ausgeführt werden und dann von Zeit zu 
Zeit auf die wichtigsten Geschäfte aufmerksam zu machen; 
vielleicht könnte diese Aufgabe dem ältesten Conferenz-Mitgliede 
übertragen werden; bei schwierigen Geschäften würde sonst 
Alles liegen bleiben, wenn nicht Einer dafür sorgt und die Sache 
wie seine eigene betrachtet. Es hat jedoch den Anschein, dass 
dieser erfahrene Finanzmann lediglich das unter den damaligen 
Verhältnissen Erreichbare in's Auge fasste und nur bemüht war, 
die Selbstständigkeit des seiner Obhut anvertrauten Bank-Instituts 
zu wahren, denn seine weiteren Ausführungen enthielten blos 
Vorschläge über die Regelung des Verhältnisses zwischen BancaUtät 
und Hofkammer. Auch der Vorsitzende der Commission, Eugen 
von Savoyen, sprach sich meritorisch über die Noth wendigkeit 
oder Erspriesslichkeit der Finanz-Conferenz nicht aus, da die kaiser- 
liche EntSchliessung über die Errichtung derselben feststand. Er 
stimmte Starhemberg bei, dass, „wenn die Gleichheit der 
Kanmier und Bancalität eingeführt werden solle, doch Einer sein 
müsste, der beide dirigiert, da sonst der alte Widerspruch und 
Confusion zu erwarten wären". *) 

*) Vortrag Laxenburg vom 25. Mai 1716. Die kaiserliche eigenhändige Ent^- 
schliessung langte am 20. Juni herab, wie aus einer Bemerkung des Protocoll- 
führers Joh. Georg Schick auf der Rückseite zu ersehen. Der Monarch 
forderte „ohne Zeitverlust" einen Vorschlag über die „Subjecta" der Conferenz 
und stimmte dem „Conclusum" des Prinzen bei; femer sollten ihm zwei 
Personen als Referenten namhaft gemacht werden, die Bancalität soll vöDig 
independent von der Hofkammer sein und nur unter der Conferenz stehen, 
auch was nicht ist in besster activitet Vndt standt gesezt auch vor allen 
die controlirung (wie es im anfang von mir befohlen worden) völlig sein 
bestandt haben, die bancal coUegia wie auch die Camer zu restringieren wirdt 
gahr gut sein wie auch mit tauglichen presidijs camer Vndt bancalitet zu 
bestellen, welches die erste operacion der conferenz neben der obigen Instruccion 
sein soll die correspondenz die bancalität wie andere solch haben Vndt 
also ein von Hofrathen besezte bancalitet bleiben Vndt benent werden ds 
Vbrig wirdt sich in der ausarbejrtung geben. 

Carl m. p. 

Eine zweite eigenhändige Entschliessung vom 19. Aug. 1716 (accepi 
20. Augusti 1716 post octavam mane): Vber ds Vorig Vndt nach dem ich die 
Vorschlag der subicctorum von allen der conferenz bekoraen resolvire abermabls 



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205 

In einem Reglement wurden die Bestimmungen zusammen- 
gefasst über die Art und Weise, wie die Berathungen gepflogen 
und die von dem Kaiser genehmigten Beschlüsse zur Durchführung 
gelangen sollen. Wenn der Kaiser in der Conferenz nicht den 
Vorsitz führte, mussten ihm die ProtocoUe vorgelesen und seine 
EntSchliessung eingeholt werden, die er sodann mündlich kimdgab 
und die von dem Schriftführer niedergeschrieben wurde. Eine 
wichtige Aenderung ist insofeme eingetreten, als ursprüngKch auch 
die Stadtbank in eine Verbindung mit der Finanz-Conferenz ge- 
bracht werden sollte, während nach dem Reglement die Conferenz 
blos die Anträge der Hofkammer und der Bancalifcät zu begut- 
achten hatte. Zwischen den beiden Behörden fand auch der 
Unterschied statt, dass die Hofkammer Vorträge an den Kaiser 
erstattete, die sodann der Conferenz übermittelt wurden, die 
Bancalität aber ihre motivierten Anträge an den ältesten Minister 
der Conferenz, dem in Abwesenheit des Kaisers bei den Sitzungen 
der Vorsitz übertragen war, zu übergeben hatte. Dem Kaiser musste 
Anzeige über die Gegenstände der Berathung erstattet und seine Ent- 
scheidung eingeholt werden, ob er der Sitzung beiwohnen wolle. 
Die Anträge über alle Angelegenheiten von grösserer Erheblichkeit 
und „mehrerem Nachdenken" machten, nebst den Voracten, zunächst 



Vnd 1 mo ds was Vorhin wegen einrichtung der Camer und Bestellung sub meo 
praesidio oder des Senioris der conferenz der financen conferenz in re et modo 
resolvirt hab es dabey in allen verbleiben soll, soll disen nachmitag dieHofkanzlay 
die notig decreta an Camer banco Vndt govemo ausfertigen, an die Zwey 
erstem dass sie Vor Vndt sub inspeccione der conferenz stehen bed ein entwurff 
ihrer instruccion Vndt combinirung Vntereinander machen Vnd der conferenz 
ad examinandum vorstellen sollen wo vorderist zu beobachten den numerum 
so vill möglich zu restringiren, den govemo aber ds ich ein ander disposicion 
gemacht Vndt anheut ds govemo in gnaden entlass Vndt aufheb sambt ge- 
habten besoldimgen, die dabey geweste Eath aber in ihre vorig Verrichtungen 
einstehen Vndt wie vorhin stehen sollen, ds personale betrefendt benene ich 
den Fürst v Trautson graven v Starnberg graven aloisio v Harrach Vndt 
Vmb ds einer der Notiz von intrinseco einiger lander hab dabey ist den Baron 
V Stork (Transcription: Stürck) Vicecanzler in innerosterreich vor den pre- 
sidem camerae den Grav v Valseg Vndt pro praesidio bancalitatis den 
Diettrichstain praesidem bancalitatis zu graz, nach diser aufrichtung wirdt 
die conferenz selbsten das weiter zu sehen Vndt zu richten haben. 

Die referendarios soll die conferenz mir selbst in der ersten Session 
vorschlagen die Besoldung der Presidenten von der Camer Vndt banco nacher 
determinirt werden. 

Carl m. p. 

Mensi giebt nur das Datum der zweiten Entschliessung. 



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206 

vor dem Sitzungstage die Runde bei den Mitgliedern, „um. das 
Votum desto fundierter ablegen zu können". 

Die Pinanz-Conferenz war lediglich eine begutachtende Körper- 
schaft. Ausdrücklich wurde bestimmt, dass sie sich in die Ad- 
ministration nicht einzumischen habe, um ihre Meinung desto freier 
eröffnen zu können. Ihre Aufgabe war, darauf ihr Augenmerk zu 
richten, dass die Hofkammer wohl eingerichtet, die Universal- 
Bancalität in eine vollkommene Consistenz gebracht und beide 
zusammen in den Stand gesetzt würden, mit der Conferenz 
gemeinsam zu operieren, „mit vereinbarten Gemüthem und An- 
schlägen, um die Beförderung des kaiserlichen Dienstes sich uner- 
müdlich zu bearbeiten und die Instructionen sammt dem, was von 
Zeit zu Zeit an sie gelangt, genau zu vollziehen". Damit man aber um 
so gewisser wisse, inwieweit die Hofkammer ihren Obliegenheiten 
nachkomme und die empfangenen Decrete befolge, sollten wöchentlich 
die Extracte der RathsprotocoUe der Finanz-Conferenz vorgelegt und 
die Bancalität angewiesen werden, verlässliche Specificationen über 
Empfang und Ausgabe und am Jahresschlüsse eine Generalbilanz 
einzureichen, um darüber ein Absolutorium zu empfangen. Der 
Finanz-Conferenz war die Prüfiing des jährlichen „Anordnungs- 
staats", wie man den Voranschlag nannte^ übertragen ; sie sollte 
auf die Verbesserung der Gefälle und Beseitigung der Missbräuche 
ihr Augenmerk richten, über die Aufbringung und „Erzeugung" 
neuer Fonde zur Bestreitung des Abganges beim Hofstaat und bei 
dem Militär „nachdenken", femer an Hand geben, wie der Credit 
vermehrt, die überflüssigen Ausgaben restringiert, die erforderlichen 
Anticipationon mit guter Wirthschaft aufgebracht, die schädlichen 
Usancen abgestellt, die guten Münzen im Lande erhalten, der 
Handel der Erblande befördert, die Manufacturen „mehr stabiliert" 
werden. 

Wie ersichtlich, sollten jene Uebelstände, welche durch den 
Bestand mehrerer Finanzstellen, deren Wirkungskreis nicht scharf 
genug abgegrenzt war, zu Tage traten, durch Schaffung der Con- 
ferenz behoben werden, welche in letzter Instanz über Finanz- 
Angelegenheiten berathen und Beschlüsse fassen sollte. Die neue 
Körperschaft sollte die Einheitlichkeit der Verwaltung herstellen, 
woran die Erwartung geknüpft war, dass erst dadiu-ch jenes Ziel 
en'eicht werden dürfte, welches bei den seinerzeit erlassenen Ver- 
fügungen bei Gründung des Bancal-Guberniums ins Auge gefasst 
worden war. Alle auf die Operation der Bancalität, die Verwaltung 
der Hof kammer und die Angelegenheiten des Aerars Bezug habenden 



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207 

Angelegenheiten sollten ohne höheren ßeonrs von der Conferenz 
entschieden werden. In Abwesenheit des Monarohen hatte ein 
Minister, und zwar der erste im Range, den Vorsitz zu fähren. 
Gleichzeitig sollte eine Generalcassa geschaffen werden, wohin alle 
Einnahmen zu fliessen hätten und von der die Ausgaben zur Be- 
streitung des Hof- und Kriegszahlamtes, des Schulden- und Credit- 
wesens geleistet werden sollten. Diese Q-eneralcassa sollte von der 
Bancalität geführt, die Verwaltung der staatlichen Einnahmen der 
Hofkammer übertragen werden, an deren Spitze „ein tüchtiger, 
laboriöser und nicht weniger Probität, als Dexterität habender Capo 
zu setzen sei". Er habe für Hofstaat und Krieg Vorsorge zu treffen, 
sowie der Finanz -Conferenz seine Vorschläge wegen Vermehrung 
der Einnahmen zu erstatten. 

Die Mitglieder der Finanz-Conferenz waren in den ersten 
Jahren: Fürst Trautson als Vorsitzender, Graf Starhemb erg, 
der nfitch dessen Tode den Vorsitz übernahm und bis zur Auf- 
hebung der Conferenz unter Maria Theresia führte, Alois 
Thomas Eaimimd Graf v. Harrach (Mitglied bis 1741) und Georg 
Christoph Graf Stürgkh (bis Ende 1719), Graf Wals egg, der 
nach seiner Enthebung als Hofkammer-Präsident zum Mitglied 
ernannt wurde. *) Seit den Zwanziger-Jahren nahmen die Grafen 
A 1 1 h a n n und Windisch-Graetz an den Sitzungen theil. Die 
Anzahl der Mitglieder, welche bei den Berathungen behufs der 
Beschlussfahigkeit anwesend sein musste, war nicht bestimmt; es 
fanden Conferenzen statt, bei denen ausser dem Vorsitzenden nur 
ein Mitglied erscheint, so nicht selten Starhemberg und Althann. 
In der ersten Zeit führte der Kaiser bei wichtigen Berathungs- 
gegenständen den Vorsitz, im letzten Jahrzehnt seiner Kegierung 
selten. Die Erklärung liegt darin, dass die wichtigsten financiellen 
Berathungen, nämlich die Beschaffimg des Credits für die Kriegs- 
kosten im letzten Jahrzehnt der Regierung C a r Ts in einer ,,Depu- 
tation^' unter Vorsitz des Kaisers stattfanden, deren ProtocoUe, 
bisher unbenutzt, einen Einblick in die Finanzlage gewähren. ^) 
Obgleich die Finanz-Conferenz die wichtigsten Angelegen- 
teiten zu berathen und auch über Personal-Angelegenheiten ihr Gut- 



*) 9. November 1719. „Zu einiger Consolation zur Finanz-Conferenz, 
wenn seine Gesundheit zulässt, gezogen werde." Vergl. auch eigenhändiges 
Handschreiben vom 8. November 1819 an Trautson. 

•) Als Schriftführer der Finanz-Conferenz erscheint M i k o s c h, nach 
dessen Tode Lachmeyer, als Protocollführer bei der Deputation David 
Heinrich Joseph v. Koch. 



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208 

achten zu erstatten hatte, wurden in einzebien Fällen überdies selbst- 
ständige Commissionen eingesetzt, wodurch der Verwaltungs- Apparat 
noch schwerfälliger gemacht wurde. So wurde Graf Harr ach mit 
der Leitung einer Ersparungs-Commission betraut, die jahrelang 
Untersuchungen anstellte und sodann Vorschläge machte, die wieder 
der Finanz-Conferenz zur Begutachtung vorlagen; Prinz Eugen von 
Savoyen wurde mit einer ähnlichen Aufgabe im Jahre 1729 betraut; 
wir finden sogar drei Commissionen mit einer und derselben Ange- 
legenheit beschäftigt, jede aus anderen Mitgliedern bestehend, deren 
Grutachten von einander abwichen und dem Kaiser die Entscheidimg 
natürlich erschwerten. Zwischen den Präsidenten der Ministerial- 
Banco-Deputation und der Hof kammer bestand nämlich ein Zwiespalt 
über die Fordening der letztem, dass die Bank anstatt einer jährlichen 
Beitragsleistung von 500.000 fl. künftig 1*2 Millionen zu gewähren 
habe, wogegen Starhemberg entschiedenen Widerspruch erhoben 
hatte. Die Durchführung der von der Finanz-Conferenz gefassten 
Beschlüsse stiess vielfach auf Schwierigkeiten. Bancalität und Hof- 
kammer lagen mit einander im Streit und die Untersuchung der 
Beschwerden, die gegenseitig vorgebracht wurden, führte nicht 
selten zu keinem Ergebnisse. Endlich beirrte die Hofkanzlei die 
Massnahmen der Hof kammer, denn sie verhandelte mit den Ständen 
und war eifrige Fürsprecherin ihrer Wünsche. Wohl ergiengen 
Weisungen an die Hofkanzlei, dass Cameral- und Fiscalsachen in 
gemeinsamer Sitzung berathen werden sollten, allein die Klagen 
hörten nicht auf, dass die Hofkammer von den politischen und 
Justizstellen gehemmt werde und die nöthige Unterstützung nicht 
finde.*) In solchen Fällen wurde in der Regel eine Commission zur 
Schlichtimg der Angelegenheit ernannt. 



Einrichtung der Hofkammer. 

Für die Hof kammer wurde eine umfassende Instruction erlassen. 
Nur die wichtigsten Bestimmungen sollen hier hervorgehoben werden. 
An die Hofkammer-Räthe wurden grosse Anforderungen gestellt; 
sie sollten theoretisch und practisch durchgebildete Männer sein, 
nicht nur mit den Institutionen der verschiedenen österreichischen 
Länder, sondern auch des deutschen Reiches wohl vertraut sein, 
eine schon an und für sich umfassende, bei der Mannigfaltigkeit 

*) Finanz-Conferenz-Protocoll, 29. November 1721. 



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200 

der Eechtsverhältnisse ungemein schwierige Aufgabe. Die Cameral- 
gesohäfte mussten in Commissionen vorgetragen werden. Einige 
derselben waren nach Materien, andere aber nach Provinzen ein- 
getheilt, da man von der Voraussetzung ausgieng, dass die ver- 
schiedenen Erbkönigreiche xmd Länder besondere Rechte und Re- 
galien hätten, deren Kenntniss nicht jedem einzelnen Rathe bekannt 
sein könne. Die sechs Haupt-Commissionen waren folgende: Eine 
Hof-Commission, welche sich mit der Hofwirthschaft xmd mit Be- 
sorgung alles dessen, was den Hof unmittelbar angieng, zu beschäf- 
tigen, femer die Reichscameral- Angelegenheiten zu besorgen hatte ; 
der zweiten Commission waren die ökonomischen Militär- Angelegen- 
heiten zugewiesen; der dritten, der „Hauptrechnungs-Commission'* 
war das gesammte Rechnungswesen, der vierten das Camerale 
in Ungarn, Siebenbürgen, Slavonien und den dazu gehörigen Pro- 
vinzen, der fünften das Cjunerale der drei böhmischen Länder, 
endlich der sechsten das Camerale der gesammten österreichischen 
Länder zugewiesen. Diejenigen Commissionen, welche sämmtliche 
Finanz-Angelegenheiten einzelner Länder zu besorgen hatten, 
wurden in Sub-Commissionen getheüt und einem jeden Rathe 
derselben eine oder mehrere Materien derselben Provinz dauernd 
zur Bearbeitung übertragen. An der Spitze einer jeden Commission 
stand ein Präsident. Die Art und Weise der Berathung und Er- 
ledigung der Geschäfte war durch specielle Bestimmungen geregelt. 
Nur wichtige Angelegenheiten, deren Erledigung keinen Verzug 
duldete, durften von Seite des Hofkammer-Präsidenten ohne Be- 
rathimg in der Plenar- Versammlung erledigt werden ^). 

Ueber das Verhältniss der Hofkammer zu den anderen Hof- 
ämtem enthielt die Listruction die Weisung, dass es bei dem alten 
Herkommen zu verbleiben habe. Da sich aber die Hofkammer zu 
wiederholten Malen beschwert habe, von der Kanzlei iu Cameral- 
sachen, namentlich aber in Geld- Angelegenheiten Befehle zu 
empfangen, indem die letztere mit dem Stande des Aerars unbekannt 
sei und nicht wissen könne, welche Lasten dasselbe zu tragen 
habe ; ausserdem aber die Hofkammer die Weisung habe, Alles zu 
befolgen, was durch die Finanz-Conferenz im kaiserlichen Namen 
an sie gelange, sollten künftighin weder die Hofämter, noch die 
Hofstellen in ausserordentlichen Angelegenheiten eine Verordnung 



*) Instruction von 1717 und Finanz-Conferenz-Protocoll vom 22. Juli 
1717 unter Vorsitz des Kaisers, in welcher berathen wurde, „ob die Agenden 
nach Provinzen oder nach Materien zu scheiden sind" ; der Beschluss lautete : 
„das medium zu amplectieren'\ 

Qesterreiobischer Erbfolgekrieg. I. B<), 14 



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210 

oder eine Assignation an die Hofkammer erlassen dürfen, ausser 
es wäre früher mit derselben hierüber eine Vereinbarung getroifen 
worden. Auch wurden die verschiedenen Centralstellen angewiesen, 
wenn grössere Summen erfordert würden, kein Referat an den 
Monarchen zu erstatten, ehe sie das Gutachten der Hof kammer 
abverlangt haben. Ueber derartige Angelegenheiten sollte von 
beiden Stellen ein gemeinsames Referat erstattet und von den 
Präsidenten unterschrieben werden. ^) 

Die Beziehungen zur Universal-Bancalität wurden neu geregelt, 
bereits am 25. April 1715 war hierüber eine Allerhöchste Entschliessung 
erfolgt. Am 5. November 1716 ward vor Errichtung derPinanz-Con- 
ferenz an die Ho&ammer und an die Bemcalität ein neues Beeret er- 
lassen mit dem Befehle, dass die Präsidenten über Materien, welche 
eine gemeinsame Berathung erfordern, woo. jeden überflüssigen Schrift- 
wechsel zu vermeiden, unter Zuziehung des einen oder des anderen 
Rathes so oft, als nöthig zusammenzutreten und Berathung zu pfl^en 
haben. In der Regel sollten sie wöchentlich einmal zusammenkommen 
und sämmtliche Angelegenheiten, die eine gemeinsame Berathung er- 
fordern, vornehmen; wenn die Meinungen gleiohstimmig ausfallen, 
die Beschlüsse, welche einer Allerhöchsten Entschliessung nicht 
bedürfen, unmittelbar in Wirksamkeit setzen, im Falle aber eine 
oder die andere Stelle erhebliches Bedenken trage und eine Aus- 
gleichung der beiderseitigen Meinungen nicht zu Stande komme, 
sei die kaiserliche Entschliessung einzuholen und zwar durch 
ein Referat, worin die sämmtlichen daftlr und dagegen sprechenden 
Gründe „treulich und ohne Hinterhalt" auseinandergesetzt werden. 

Bei ordentlichen Geldausgaben sollte auf Grund des Aller- 
höchst approbierten General - Anordnungsstaates ohne weitere 
Cameral-Anweisung die Bancalität berechtigt sein, die Ausgaben 
zu machen, bei ausserordentlichen Ausgaben, welche in dem An- 
ordnungsstaat nicht enthalten sind und über 1000 Gulden sich 
belaufen, auf Grund einer Allerhöchsten EntschHessung, welche 
durch die Hofkammer der Bancalität mitzutheilen ist, die erforder- 
liche Summe anweisen; nur bei „urplötzlichen Ausgaben", über 
welche die kaiserliche Resolution nicht eingeholt werden könne, 
besonders wenn Gefahr im Verzuge ist, habe die Bancalität ohne 



^) Diese Verfügung stand, wie es scheint, auf dem Papier; die böhmische 
Kauzlei gieng auch in der Folge selbstständig vor; die Finanz-Confereni 
tadelte die Eingriffe derselben und beantragte Bestimmungen, welche An- 
gelegenheiten von der Kammer und welche von dieser respiciert und tractiert 
werden sollen. (Finanz-Conferenz-Protocoll 16. Januar 1719). 



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211 

Anstand die ihr von der Kammer übermittelte Weisung auszu- 
führen. Die Bancalität war nicht berechtigt, an den Kaiser gegen 
eine ihr übermittelte Weisung der Hofkammer zu recurrieren, 
sondern nur in dem Falle, wenn sie erhebliohe Ursache hätte, sich 
zu beschweren und die Unterstützung des Monarchen zur Bewirkung 
der Controle nöthig hätte, sollte sie ihre Beschwerde durch den 
Senior der Conferenz dem Kaiser überreichen. 

Hinsichtlich des Wirkungskreises der beiden Körperschafben, 
der Bancalität und der Hofkammer, war durch die Instruction eine 
Aenderung nicht eingetreten. Der Hof kammer war die Administration 
der Cameralfonde überwiesen. Sie sollte bestrebt sein, darauf zu 
sehen, dass die Gefälle richtig collectiert und der nöthige Credit 
mit guter Wirthsohaft besorgt werde. Die Besorgung der Hof-, 
Staats- und Kriegsausgaben verblieb der Hofkammer, sowie die 
Beschaffung der nöthigen Fonde, die Bancalität aber sollte in 
treuer imd richtiger Menagierung der Gelder und des von ihr zu 
verschaffenden Credits ihre Aufgabe erfüllen. Das ganze Geld- 
geschäft sollte von der Bancalität geführt werden und ein jeder 
Heller nur von der Bancalität in Empfang genommen und ver- 
wendet werden; alljährhch und zwar vor Ausgang des Jahres sollten 
zwei Präliminare für das Camerale und die Mihtär-Angelegen- 
heiten entworfen werden (General- Anordnimgsstaat genannt). Hof- 
kammer und Bancalität hatten darüber eine Vereinbarung zu treffen 
und zwar in zwei Hauptrubriken; die eine enthielt die fixen, die andere 
die casualen Ausgaben; die Arbeit musste von beiden Präsidenten 
unterschrieben und dem Kaiser zur Approbation eingereicht werden. 
Rechtzeitige und gewissenhafte Rechnungslegung wurde ein- 
geschärft. Dieselbe sollte „von den Buchhaltereien ungesäumt 
revidiert werden" und nicht lange Jahre verstreichen, „bis die 
Wittiben und Waisen oder gar deren Enkel und Urenkel erst 
darüber Rede und Antwort geben". Die Eintreibung der Steuern 
und der Rückstände wurde eingeschärft mit der Drohung, dass, 
uvenn die Ausstände uneinbringlich werden sollten, an den Beamten 
Kegress genommen würde. Die ökonomischen Angelegenheiten 
des Militärs hatte das Baiegs-Commissariat zu besorgen, dem 
auch die Entwerftmg des ,, Militär- Anordnungsstaates" oblag, da 
man der Ansicht war, dass die Hofkammer dieses schwierige und 
weitschichtige Werk zu besorgen nicht im Stande sei. Eine In- 
struction vom 23. April 1713 hatte bereits das Verhältniss der 
Hofkammer zmn Kriegs-Commissariat geregelt. Erstere hatte die 
Angabe, dafür Sorge zu tragen, dass nach Beschaffenheit der Zsit- 

14* 



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212 

umstände die überflüssigen Ausgaben, so viel thunlich, restringiert 
werden sollen; die Tabellen über den Stand der Regimenter 
mussten der Hof kammer eingesendet werden, von den Blriegscassa- 
Beamten der wöchentliche oder vierzehntägige Extraot mit 
Specificierung der jedem Regimente zu verabfolgenden baaren 
Bezahlung und anderer Ausgaben abgefordert und begründet werden. 
Eine neue Organisation der Hofkammer, seit 1728 geplant 
und berathen, gelangte durch die Instruction vom 2. Januar 1732 zum 
Abschlüsse, deren Ausarbeitung S äff ran besorgt hat. Die Anzahl 
der Commissionen, welche seit 1718 von sechs auf zwölf vermehrt 
worden war, wurde vermindert. Künftighin sollten blos drei 
ständige Commissionen bestehen: für Militär- Angelegenheiten, fiir 
die ungarischen Neoacquistica, endlich für Eechnungssachen. Für 
alle übrigen Angelegenheiten wurden Referenten ernannt. Es war 
dies eine Rückkehr zur Maximilianischen Ordnung vom Jahre 1568, 
doch wurde dem Hofkammer-Präsidenten anheimgestellt, „in wich- 
tigen Vorfallenheiten de casu in casimi nach Beschaflfenheit des 
Objects'' Commissionen anzuordnen und die Mitglieder zu bestimmen. 
Die Anzahl der Räthe sollte künftighin vierundzwanzig betragen, 
die zur Erledigung der Geschäfte genügend befanden wurde, da 
ohnehin die wichtigsten Gefälle von der Wiener Stadtbank ver- 
waltet wurden. 

Landeskammem. 

Der Hofkammer unterstanden die Kammern für Böhmen, 
Schlesien, die vorderösterreichische in Freiburg, femer die oberöster- 
reichische Hofkammer zu Innsbruck und die innerösterreichische 
Hofkammer zu Graz. Die Errichtung der beiden letztgenannten 
Hofkammem rührt aus jener Zeit her, als die Städte Innsbruck 
und Graz Sitz der Hof lager der frülieren Nebenlinien des regierenden 
Hauses waren. ^) Die Kammer der ungarischen Bergstädte und die 
Zipser Kammer waren ebenfalls der Hof kammer in Wien unterstellt. 

Cameralverwaltung in Ungarn. 

Trostlos war die Cameralverwaltung jenseits der Leitha. Für 
Ungarn, Croatien und Slavonien bestand nämlich die königlich 
ungarische Hofkammer mit dem Sitze in Pressburg. In Sieben- 

*) Die Kosten der Länderkammem werden in dem Finanz-Conferenz- 
ProtocoUe vom 29. August 1728 auf 204000 Gulden angegeben. 



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213 

bürgen war die Finanzverwaltung mit dem Gubemium verbunden. 
„Das so ansehnliche ungarische Camerale befinde sich in grösster 
Verwirrung/' klagte die Pinanz-Conferenz „und sei so vernach- 
lässigt, dass es unmöglich sei, dasselbe in Ordnung zu bringen; 
auf Conservation und Melioration der Gefälle werde nicht gesehen; 
die Pressburger Kammer sei schlechter, als andere Stellen besetzt, 
weil man daselbst nur jene Subjeote, die anderweitig nicht unter- 
zubringen gewesen, angestellt habe; die Besoldung sei so schlecht, 
dass die Bedienten, um leben zu können, andere Beschäftigungen 
suchen oder untreu zu dienen verleitet werden." ^) Aehnliche Klagen 
wurden später zu wiederholtenmalen vorgebracht. Die Vorschläge und 
Gutachten der ungarischen Hofkammer wurden selbst bei minder 
wichtigen Angelegenheiten der Finanz-Conferenz übermittelt, deren 
Anträge zumeist die Genehmigung des Monarchen erhielten. Zu 
einschneidenden Aenderungen mochte man sich nicht entschliessen, 
nur die Bemühimgen der ungarischen Hofkammer zur Erweiterung 
ihres Wirkungskreises wurden verhindert. 

Staatshaushalt. 

Die Finanz-Conferenz hatte nicht blos die wichtigen An- 
gelegenheiten zu berathen; mit mannigfachen, zum Theile klein- 
lichen Angelegenheiten überhäuft, nahm die Erledigung der laufenden 
Geschäfte Zeit und Kraft in Anspruch und eiuer Neuordnung der 
Verwaltimg konnte die erforderliche Aufinerksamkeit nicht geschenkt 
werden. 

Am wichtigsten waren wohl die Berathungen über den Staats- 
voranschlag und die zur Bedeckmig des Deficits erforderlichen 
Massnahmen. Der „Anordnimgsstaat" bereitete den Männern grosse 
Sorgen, da die staatlichen Einnahmen in der Regel nicht aus- 
reichten und das Deficit sich als ein stetiger Gast erwies. Das 
Jahr 1725 vielleicht ausgenommen, konnten die Ausgaben nie durch 
die Einnahmen bestritten werden und das günstige Ergebniss 
wnrde damals auch nur dadurch erzielt, dass kurz zuvor sich die 
Stadtbank zu einem jährlichen Beitrage von 500.000 Gulden ver- 
pflichtet hatte. 

Einen klaren ziffermässigen Einblick in den österreichischen 
Staatshaushalt zu gewinnen ist bei der Mangelhaftigkeit unserer 
Quellen, schwer möglich, auch müssten eingehende Studien über 



') Finanz-Conferenz-ProtocoU vom 9. August 1718. 



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214 

die Finanzverhältnisse der einzelnen Länder vorliegen, woran es 
fehlt. Noch in den ersten Jahrzehnten der Eegiemng Maria 
Theresia's mangelten genaue Rechnttngsabschlüsse, obgleich die 
Finanzverwaltung seit 1749 einen einheitlichen Charakter erhalten 
hatte. Noch trauriger war es zur Zeit Carl VI. bestellt. Der 
Voranschlag wurde nicht immer rechtzeitig berathen; oft war ein 
halbes Jahr verflossen, ehe derselbe von der Hofkammer der 
Finanz-Conferenz vorgelegt wurde. 

Schon in der ersten Sitzung der Finanz-Conferenz am 6. Sep- 
tember 1716 wurde der Beschluss gefasst, eine Verminderung der 
Ausgaben und durch Erhöhung der Einnahmen eine Verbesserung der 
Cameralfonde anzustreben. Einen Erfolg hatte dieser Conferenz- 
beschluss vorläufig nicht, da der Türkenkrieg beträchtliche Summen in 
Anspruch nahm und durch die laufenden Einnahmen nicht bestritten 
werden konnte. Schon in den ersten zwei Kriegsjahren waren 
sämmtliche Hilfsquellen erschöpft und als im Sommer 1717 der 
Voranschlag ftir den Bedarf des nächsten J«Jires in Berathung 
stand, war die Bedeckung von 14 Millionen Gulden schwierig 
genug. Niemand wusste, woher dieselben zu beschaffen. Am 2. No- 
vember 1717 fand eine nochmalige Berathung statt. Im Laufe der 
Zeit, heisst es in den Protocollen der Finanz-Conferenz, werden 
sich vielleicht die Mittel ergeben, welche jetzt unmöglich vorzusehen 
sind. "Wohl wurden die verschiedenen Einnahmen einer Revision 
unterzogen und auf etwaige Zuflüsse hingewiesen, aber hinzugefiigt, 
dass auf dieselben mit Sicherheit nicht gerechnet werden könne. 
Ein „adaequates Remedium" lasse sich diesmal unmöglich in Er- 
wägung ziehen, da das ordentliche Erfordemiss immens gestiegen 
und die Ausgaben durch die üble Wirthschaft enorm angewachsen 
seien; die Länder seien durch die seit 1683 andauernden Kriege 
erschöpft, entkräftet und exhaiuiert, für die zwei vorhergehenden 
Jahre zwei Millionen rückständig. 

Der Friede zu Passarowitz befreite den Staat aus herber Ver- 
legenheit. Die Finanzverwaltung athmete auf. Der Türkenkrieg 
hatte mehr als 60 Millionen gekostet. Seit Jahren war auf die 
Nothwendigkeit, Erspanmgen vorzunehmen, hingewiesen worden.' 
Starhemberg drängte nunmehr, Hand ans Werk zu legen. Erst 

*) „Alle Rubriken der Ausgaben werden ohne Mass vergrössert und 
Niemand denke auf die Wirthschaft, sondern trachte zum äusserlichen Splendor 
die Spesen zu vergrössem". (F.C.P. 1. Nov. 1718). Die Ersparungen, von denen 
immer f^oredet werde, „worden nie ad effectum gebracht. Das ganze Uebel 



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215 

nach einem Jahre wurde der Heeres-Etat auf acht Millionen Gulden 
herabgesetzt. ^) Eine Herabminderung der Armee musste behufs 
Herstellung finanzieller Ordnung vorgenommen werden, wogegen 
jedoch der Hofkriegsrath Einwendungen erhob. Selbst mit 9*3 Mil- 
lionen glaubte er nicht auslangen zu können. Obwohl der Kaiser 
auf seinem Entschlüsse beharrte, wurde das Heeres-Erforderniss pro 
1 720 um vier Millionen überschritten. Die Anträge der Hofkammer, 
deren Präsident seit November 1719 Graf Dietrichstein war, 
von der Pinanz-Conferenz auf das Wärmste befürwortet, erhielten 
nicht immer die kaiserliche Genehmigung. Die Sache könnte nicht 
länger auf diese Weise dauern, heisst es in dem Protocolle der 
Finanz-Conferenz vom 17. Februar 1720, wenn nicht zwischen 
Empfang imd Ausgabe eine Proportion eingeführt werde, „gestalten 
keine Potenz in ganz Europa wäre, welche in Friedenszeiten pro 
Militari mehr ausgebe, als die Länder prästieren könnten. Es sei 
nothwendig, den statum militarem ad possibilitatem zu regulieren, 
damit er die ausgesetzten acht Millionen nicht überschreite. Die 
Macht eines Monarchen und die Securität seiner Länder bestehe 
nicht in der Anzahl seiner Regimenter, sondern in einer wohl- 
bezahlten, disciplinierten und brauchbaren Miliz." 

Hatte man bisher von der Hand in den Mund gelebt und 
mühselig den jeweiligen Bedarf angebracht, so gieng man nunmehr 
daran, zur dauernden Herstellung des Gleichgewichtes ftir einen 
längeren Zeitraum Einnahmen und Ausgaben für Heer- und Civil- 
verwaltung festzustellen. Man fasste dabei die Zeit von 1721 bis 
1731 ins Auge. Die mannigfachsten Erspanmgs-Massnahmen wurden 
in Erwägung gezogen, da die Berathungen einen Abgang von 
über 26 Millionen für den ganzen Zeitraum ergaben, ferner waren 
für die Verzinsung der erforderlichen Anlehen 14 Millionen ver- 
anschlagt, daher ein Gesammt-Deficit von 40 Millionen. 

Eine Ersparungs-Commission unter dem Vorsitze des Grafen 
Harr ach wurde niedergesetzt, um die gesammte Verwaltung 
einer kritischen Prüfung zu unterziehen. ^) 



rühre daher, dass man dem Hof-Kriegsrath allein die Disposition in militaribus 
überlasse, welcher bei Hof die Approbation einhole und sodann keine Er- 
sparongen zulasse, ohne zu ponderieren, ob das Aerar und die Länder im 
Stande seien, das Determinierte zu vollziehen." (F.C.P. 21. Nov. 1718.) 

') Finanz-Conferenz-ProtocoU vom 25. September 1719. 

*) Harrach hatte die Aufgabe „aUe rubricas der noch in der Admini- 
stration der Hofkammer sich befindenden Fundorum zu durchgehen und zu 



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216 

In den letzten Jahren hatte die Finanz-Conferenz bei ver- 
schiedenen Gelegenheiten darauf hingewiesen, dass eine Reform 
des Postwesens vorzunehmen sei, die Cameralgefälle durch Ver- 
pachtung ein höheres Erträgniss abwerfen würden, die Erzeugnisse 
der Bergwerke, namentlich Kupfer und Quecksilber gesteigert 
werden könnten. In einem ausflihrlichen Vorta'age hatte der Hof- 
kammer-Präsident Reformen beantragt. Die Ersparungs-Commission 
wusste nichts wesentlich Neues in Antrag zu bringen. Während 
die Finanz-Conferenz eine Herabminderung der Heeres-Ausgaben 
befürwortet hatte, meinte die Ersparungs-Gommission, dass diese 
mit Rücksicht auf die politische Lage weit eher im Hofstaate und 
in der Civilverwaltung durchgeführt werden könne, wofiir sich 
übrigens auch die Finanzverwaltung wiederholt ausgesprochen 
hatte. Die kaiserliche Entschliessung trug jedoch nicht einmal 
diesen bescheidenen Anträgen Rechnung; sie genehmigte die Ver- 
pachtung der G*efalle, forderte von der Hofkammer detaillierte Vor- 
schläge über Ersparungen in der Civilverwaltung und stellte eine 
Entscheidung über den Ho&taat in Aussicht. Eine spätere Ent- 
schliessung des Kaisers bemerkte, dass, eine Verringerung des 
Personals bei den Hofetellen bereits verfügt worden sei. Diese 
Beschlüsse, wenn auch mit Raschheit durchgefiihrt, liessen doch 
nur für die Zukunft einen günstigen Erfolg erwarten, allein von 
vorneherein war es zweifelhaft, ob dieselben in nächster Zeit ver- 
wirklicht werden würden. Einmal sollte die Verpachtung der 
Cameralgefälle im Einvernehmen mit der Hofkanzlei erst der Be- 
rathung unterzogen werden, was bei dem damaligen G^ange der 
Verhandlungen der Centralstellen langwierig genug war, sodann 
aber erwartete die Finanz-Conferenz von dieser Massregel keine 
grossen VortheUe, von der Einftihrung neuer Steuern keine höheren 
Einnahmen, da fast alle Lebensbedürfiiisse mit Aufschlägen belegt 
waren. Die traiuige finanzielle Lage wird dadurch am sohär&ten 
beleuchtet, dass die Gehälter der Bediensteten beim Hofetaat und 
bei der Civilverwaltung nicht bezahlt werden konnten und die 
Zahlungsrückstände ziemlich beträchtlich waren. *) Um den Abgang 
für 1721 zu decken, sollten sich die Beamten mit der Bezahlung 
von drei Quartalen ihrer Bezüge begnügen. 



überlegen, wie weit deren Erträgnisse verbessert und an denen erogandis eine 
Ersparung gemacht werden könne" (Vortrag des Fürsten Trautson vom 
11. März 1722). . 

*) Sie betrugen zwei Millionen bei der Civilverwaltung und 3'375 Mil- 
lionen bei dem Militär. 



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217 

Der Hofstaat war ziemlich kostspielig, da die Anzahl der 
in Verwendung stehenden Personen seit Leopold I. vermehrt 
worden war. Der Betrag belief sich auf 1000 Stück Species- 
ducaten monatlich, femer mussten ftir Juwelen und Kleinodien, 
sowie far ausserordentliche Erfordernisse, endlich ftir die Ausgaben 
in der Charwoche „Extraducaten*' von der Hof kammer abgeftihrt 
werden. 

In der Instruction vom Jahre 1717 wurde die bereits am 
27. März 1717 erflossene Weisung aufgenommen, dass vom I.April 
an 25.000 Gulden monatlieh dem kaiserlichen Zahlmeister zu 
verabfolgen seien, alle übrigen Beträge jedoch zu entfallen hätten. 
„Die Speisung «m der Hoftafel, die Frauenzimmertafel und die 
bisher wider den Decor des kaiserlichen Hofes eingesammelten 
Accidenzien und Neujahrsgaben" wurden gänzlich abgeschafft, 
dagegen aber den Hofstöben, als dem Obersthofmeister, Obersl^ 
kämmerer, Oberstmarschall, Oberststallmeister, der Leibgarde, 
den Hatschieren und Trabanten eine Erhöhung der Bezüge oder 
Kostgelder gewährt. 

Femer mussten von Seite der Hofkammer alle Ausgaben fiir 
die Qebäude - Erhaltung, fär Jägerei und Falknerei, für Opern, 
Comödien und BäUe, ftir Livreen, Wagen, Gnaden und Hof- 
abfertigungen, Verehrungen, Almosen, Beisteuern und Hoohzeits- 
präsenten bestritten werden. 

Die Finanz-Conferenz brachte wiederholt Ersparungen bei 
dem Hofstaate in Vorschlag, mit dem Hinweis auf das seit 
einigen Jahrzehnten gestiegene Erfordemiss. Einige Angaben 
mögen hier Platz j&nden. Die Anzahl der besoldeten geheimen 
Käthe unter Leopold betrug zehn, nunmehr vierzehn mit einem 
Gehalt von 2000 Gulden; eine Herabminderung um vier wurde in 
Antrag gebracht, wodurch 8000 Gulden erspart worden wären; unter 
Leopold waren sieben „Leib-Medici" angestellt, unter Joseph I. 
fxtnf, tmter Carl VT. neim, welche zusammen 18.000 Gulden als 
Besoldung und 2230 Gulden als Adjuten erhielten. Die fünf Leib- 
barbiere bezogen je 250 Gulden jährliche Besoldung und anderthalb 
Gulden Kostgeld täglich; der Oberstmarschallstab kostete unter 
Joseph I., aus dreiundzwanzig Personen bestehend, 6376 Gulden, 
nunmehr waren neunundzwanzig in Verwendung mit einem Aufwand 
von 14.814 Gulden; die Hofmusiker erforderten unter Leopold 
102.572 Gulden, unter Carl Anfangs 127.474 Gulden, später, im 
Jahre 1726, 159.168 Gulden; die Aufführung der Oper kostete 
"überdies 50.000 Gulden, wobei besonders bemerkt wird, dass durch 



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218 

Verpachtung ein Erspamiss von 8000 Gulden erzielt worden sei ^), 
femer Pensionen im Betrage von 19.546 Gulden vierzig Kreuzer; 
die Jägerei kostete unter Leopold 23.491 Gulden, unter Joseph 
36.877 Gulden, unter Carl über 34.000 Gulden. *) Um Erspanmgen 
zu erzielen, beantragte die Finanz-Conferenz, die Ausgaben der 
Hofstäbe, besonders fiir Hofküche, HofkeUer, Hofbau und Hof- 
miisik mit einem fixen Betrage alljährlich zu bestimmen, um die 
mannigfachen Ueberschreitungen und Missbräuohe hintanzuhalten. 

Die Kosten der Finanzverwaltung waren seit einem Jahr- 
hundert gestiegen. Unter Ferdinand HE. betrug die Anzahl 
der Räthe der Hofkammer dreizehn, beim Begierungsantritte 
Leopold's fünfzehn, bei dessen Tode zweiundsiebzig, unter 
Joseph L zweiundftinfeig, 1717 siebenundsechzig, und zwar 
zwanzig aus dem Herrenstande, filnfundvierzig aus dem Eitter- 
stande, femer ein ungarischer Referendarius und ein Rath fiir Tyrol. 
Die Qualität hatte sich verschlechtert. Früher, bemerkte der Hof- 
kammer-Präsident, „war ein Selectus hominum vorhanden", der 
jetzt mangle. Künftighin sollten blos dreissig besoldete ßäthe 
den Status bilden, zwölf vom Herren- und achtzehn vom Bitter- 
oder von einem anderen Stande. *) Der Kaiser ertheilte seine 
Genehmigung. Die kurz darauf am 30. December erlassene In- 
struction enthielt die Bestimmung, dass durch Absterben erledigte 
Stellen nicht wieder besetzt werden soUen; „nur wenn ein Sub- 
jectimi ermangle, welches eine besondere Erfahrenheit von einer 
Länderkammer oder einer Provinz habe, könne einer berufen 
werden".*) Im Mai 1722 wurde wieder eine Verminderung der 

*) Besonders kostspielig war die Aufführung der Oper j^Grossmogul" ; in 
einem Protocolle wird bemerkt, dass man dem Pächter 23.000 Gulden habe 
zulegen müssen, „wegen der extragrossen Maschinen, numerosen Combattinenten 
und Tänzen". (F.C.P. 1. Mai u. 26. JuU 1726.) 

') Ich entnehme diese Angaben F.C.P. v. 13. Aug. 1720 u. 26. Juli 1726. 
•) Finanz-Conferenz-ProtocoU vom 24. December 1717. 
*) Kais. Hofkammer-Status wie er 1718 AUergnädigst stabiliert worden: 

ord. ansserord. und Pensionen 

Hofkanmier-Collegium 108.600 14.500 

Secretär-Kammer-Procuratoren,Concipisten, 
Kanzlei- Verwandte und andere Bediente 50.770 2.600 

Hofbuchhalterei 56.010 50 

Kriegsbuchhalterei 28.570 900 

BancaUtät 62.260 12.300 

3 6.200 30.850 

336.550 



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219 

Stellen berathen. Ein grosser Theil der Räthe, bemerkte Graf 
Dietrichstein, sei ohnehin untauglich. Dietrichstein beantragte 
auch eine Verminderung der Seoretäre, Concipisten und der Stellen 
bei der Hofbuchhalterei. Am 6. August 1722 genehmigte der 
Kaiser die von der Finanz-Conferenz befürworteten und vereinbarten 
Anträge. Es scheint jedoch, dass die Durchführung auf Schwierig- 
keiten stiess und in dem beantragten Umfange nie verwirklicht 
wurde. Im Jahre 1720 waren noch dreiundseohzig Bäthi^ bei der 
Hofkammer angestellt und der gesammte Kostenaufwand belief 
sich auf 115.900 Gulden. Einige Jahre später war derselbe auf 
über 146.000 Gulden gestiegen. Die Berathungen über die Vor- 
schläge der Hofkammer, um Ersparungen zu erzielen, zogen sich 
Jahre lang hin und gelangten erst 1732 zum Abschlüsse; der 
Kostenaufwand wurde nun mit 78.000 Gulden in Aussicht ge- 
nommen. 

Bei den anderen Centralstellen wurden ebenfalls erhebliche 
Ersparungen geplant und beantragt, theilweise ohne Erfolg. Der 
Eeichs-Hofrath verschlang grosse Summen. Der Kaiser hatte 1716 den 
Aufwand von 43.000 auf 112.800 Gulden erhöht. Die Bemühungen 
der Hofkammer auf Herabminderung waren zumeist vergeblich; 
Beschlüsse wurden gefasst, aber nicht durchgeführt. ^) 

Die Eeduction der Ausgaben stand oft auf der Tagesordnung, 
wurde in der Finanz-Conferenz gutgeheissen und empfohlen, allein 
ehe die prinoipiellen Beschlüsse zur Durchführung gelangen konnten, 
mussten abermals Verhandlungen mit den verschiedenen Central- 
stellen stattfinden, die sich jahrelang hinzogen, obgleich von Seiten 
der Finanz-Conferenz bemerkt wurde, dass für die Bezüge der 



Der Hofkammer-Präsident bezog 12.000 und als Aequivalent für die 
Taxe 6000 Gulden ; der Vice-Präsident 6000 Gulden, die Käthe 1500 Gulden. 

*) Quoad aulicum et civüe, heisst es in dem Protocolle der Finanz- 
Conferenz vom 21. April 1721, sei die Disproportion so gross, dass die Kammer 
selbe zu beheben weder Kräfle, noch genugsam Autorität habe. „Die remedia 
praesentanea, je länger sie dauern, je schädlicher werden sie dem Aerar." . . . 
„Die remedia provisonalia dauern schon etliche Jahre, bemerkt die Conferenz 
ein andermal und seien schädlich, wenn sie continuieren müssen; das Haupt- 
remedium könne sogleich nicht folgen, wenn nicht Gott andere Gedanken 
schicket." — Auch die Verwaltungskosten in den Ländern hatten sich seit dem 
Beginne des XVIII. Jahrhunderts gesteigert. Die böhmische Kammer er- 
forderte 1704 nur 35.688 Gulden, 1728 45.235 Gulden. Sie bestand aus drei 
Commissionen. Der böhmische Kammer-Präsident erhielt 4000 Gulden Besoldung 
und 2000 Gulden Tafelgelder, letztere entfielen 1724, nach zwei Jahren erhielt 
der neuerannte Kammer-Präsident Graf Sternberg auf Antrag der Conferenz 
wieder 2000 Gulden Tafelgeld. 



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220 

Beamten und für Pensionen kaum so viele Mittel vorhanden seien, 
um eine Quartalrate bezahlen zu können. Man rafifte sich dann zu dem 
Beschlüsse auf, abermals eine Ersparungs-Commission einzusetzen. 
Es werden deren zwei erwähnt, die eine unter dem Prinzen von 
Savoyen, die, wie in den ProtocoUen der Pinanz-Conferenz 
klagend bemerkt wurde, ohne Ergebniss blieb, eine andere unter 
dem Vorsitze des Obersthofineisters, die, wie es scheint, längere 
Zeit verstreichen liess, ohne ihre Arbeiten zu beginnen. Während 
drastische Vorschläge gemacht wurden, um den Verpflichtungen 
gegen die Beamten nachzukommen, spendete man anderseits mit 
vollen Händen. Confiscierte Qüter wurden durch die Freigebigkeit 
des Monarchen im Gnadenwege vergeben, Fiscalgüter in Ungarn 
und Slavonien verschenkt, höheren Staatswtirdenträgem grosse 
Belohnungen gewährt. So z. B. erbat sich der Vice-Präsident des 
Hofkriegsrathes, Graf Königsegg, der 30.000 Qulden jährlich 
bezog, eine Gnadengabe von 100.000 Gulden; die Hofkammer 
beantragte 50.000 Gulden, die in der That in ungarischen Gütern 
bewilligt wurden. *) Viel würde zur Herstellung des Gleichgewichts 
beitragen, heisst es in einem Pinanz-Conferenz-Protocolle, wenn der 
Kaiser, dessen Schenkungen seit seiner sechzehnjährigen Regierung 
gegen neun Millionen und darüber betragen, etwas an sich halten 
würde imd die Hof kammer beauftragen möchte, „ohne kaiserlichen 
Befehl und besondere Gründe, wie fiüher die Observanz gewesen, 
in gratialibus imd pensionibus kein Referat mehr abzugeben". 

Es gewährt kein Interesse, die Voranschläge von Jahr zu Jahr 
vorzufahren. Kaimi hatte man sich mühselig, zumeist durch die 
Unterstützimg der Stadtbank, dem Gleichgewichte genähert, brachten 
die ausserordentlichen Ausgaben wieder ein Deficit zu Tage. Auch 
sind wir nicht in der Lage, mit Genauigkeit anzugeben, in welchen 
Posten die Rechnimgsabsohlüsse von den Voranschlägen abweichen. 
Die Finanz-Conferenz-ProtocoUe strotzen von Klagen. Selbst in 
Ftiedenszeiten müsse man immer neue Schulden machen, bemerkt 
das Finanz-Pro tocoll vom 18. Januar 1719, während man doch 
die alten Lasten abstossen und sich in den Stand setzen sollte, 
um den etwa sich ereignenden widrigen Zuföllen nach Erfordemiss 
zeitlich begegnen zu können. Der Zustand des Aerars, heisst es 
zehn Jahre später in dem ProtocoUe vom 18. Februar 1729, sowohl 



») Finanz-Conferenz-Protocolle vom 23. Mai 1732 und 7. Mai 1783. Vergi. 
Mensi, a. a. O. 654. 



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221 

in camerali, als militari geräth mit jedem Tage immer mehr in 
Verfall imd der Abgang der zur Bestreitung erforderlichen Mittel 
ist gross. Man habe diesem Abgang eine Zeit lang durch verschie- 
dene Antioipationen mit beschwerlichen Interessen und Kosten und 
harten Bedingungen zu steuern gesucht, doch wurde hiedurch das 
Aerar derart belastet, dass es nicht mehr weiter gehen könne, da 
auch der Credit bereits auf das Höchste gespannt sei und das 
gemeine Wesen unterzugehen drohe. Obgleich die Stadtbänk in 
den letzten Jahren vierzehneinhalb Millionen Gulden Schulden der 
Hofkammer übernommen hatte — 1724 neun Millionen, 1725 fänf- 
undeinhalb Millionen — hatte die Hofkammer in den nächsten 
Jahren abermals sechs Millionen Schulden gemacht. Allerdings 
waren grosse Anforderungen an sie gestellt worden. Die „zur Er- 
haltung des Friedens angewendeten geheimen Spesen" im Jahre 
1726, welche die Hof karomer mit 2*5 Millionen zu bestreiten hatte, 
die Beise des Kaisers nach Graz im Jahre 1728, die Recrutierungen, 
die Vorschüsse fiir das Militär in Tyrol und in Slavonien erheischten 
grosse Beträge, wofür die Einnahmen nicht ausreichten. Die von 
der Bank alljährlich geleisteten 500.000 Gulden wurden durch An- 
weisungen und „Gratialien" absorbiert. Der jährliche Abgang war 
beträchtlich und Graf Kolowrat machte schriftlich und mündUch 
darauf aujßaaerksam, dass er an die „Hof- und Civilbedienten'', 
sowie an die Pensionisten kaum ein Quartal ihrer Bezüge zu 
bestreiten im Stande sei. um in Zukunft die B^medur nicht 
unmöglich zu machen, sei es imumgänglich nöthig, die laufenden 
Ausgaben durch die Einnahmen ohne neue Schulden zu bestreiten. 
Und abermals, wie schon fiüher wiederholt bemerkt worden war, 
wurde auf die Vermehrung der Gefälle und auf die Beschränkung 
der überflüssigen Ausgaben hingewiesen ; Ersparungen bei der Hof- 
kammer, bei den Landeskamm em in Ungarn, Böhmen, Schlesien, 
Steyermark und Tyrol, bei der Bancaütät wurden in Antrag gebracht, 
die „unnöthigen und untüchtigen Subjecte" in Wien imd in den 
Liändem sollten mit halbem Gehalt ausser Activität gesetzt, jene, 
welche „doppelte Besoldungen gemessen" mit dem vierten Theil bis 
auf bessere Zeiten restringiert werden. ^) Auch beim Militärstatus, 
bemerkt die Conferenz, ist die Proportion zwischen Einnahmen 
und Ausgaben weit überstiegen; die Erfordernisse betrugen zehn 



*) Aus dem Finanz- Conferenz -Protocolle ist ersichtlich, dass die „Be- 
kostong" der Hofkanuner 275.000 Gulden betrug, die Länderkammem in Ungarn, 
Böhmen, Schlesien, Steyermark und Tyrol erheischten 200.000 Gulden, die 
Bancalität 50.000 Gulden. 



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222 

bis elf Millionen, die Bewilligung der Länder an Contxibution 
beiläufig über acht MiDionen, allein auch diese Beträge giengen 
nicht ein. Die Ausstände vergrösserten sich „wegen Unvermögens, 
Noth und Armuth der Unterthanen". Der Abgang müsste durch 
Antioipationen bei den Ländern und bei der Judensohafb bedeckt 
werden, wodurch die Militärfonde immer mehr beschwert und, 
„unerklecklich gemacht, die Länder im Frieden erschöpft und statt 
der bei aUen Landtagen vertrösteten Erleichterung mehr belastet- 
auch ausser Stande gesetzt werden, mit ihren Gaben fortzufahren 
oder im Kriegsfalle eine Extra-Aushilfe leisten zu können, zumal 
erfahrungsgemäss die Noth der Unterthanen im Frieden mehr zu- 
genommen habe, als selbe vorher jemals in Kriegszeiten gewesen 
sei. Der Militärstatus sei nach dem Vermögen imd den Kräften 
der Länder zu regulieren, die unnöthigen Ausgaben abzusohaflFen, 
die Commandantschaften, die den Ländern mit unbeftigten Exe 
cutionen, Vorspann und anderen Leistungen beschwerlich fallen 
und dieselben fast ganz enervieren, seien aufzuheben." 

Der „Status Universi", heisst es ein andermal, sei leider so 
beschaffen, dass man auf dem Fuss, wie die Sachen stehen, über 
kurz oder lang einen gänzlichen Zerfall zu befahren habe, welches 
dalier entspringt, dass man die Erfordernisse nie mit der MögUch- 
keit in eine Gleichheit setzt und von Jahr zu Jahr die Schulden 
statt sie zu mindern, mit neuen vermehrt und auf die Ersparungen 
nicht denken will. Mit neuen Aufschlägen imd Imposten könne 
man auch nicht weiter vorgehen und bei denjenigen, welche 
resolviert worden, finde es seinen Anstand, solche zu Stande zu 
bringen. ^) 



>) ProtocoU der Deputation Linz, 29. Sept. 1732. 

Der Kaiser verschloss sich den düster gefärbten Darstellungen der 
Finanzlage nicht, allein die auswärtigen Verhältnisse Hessen eine Herab- 
minderung der Heereserfordemisse nicht zu. „Undt weylen wohl erkenne", 
bemerkt Carl im ProtocoUe vom 5. November 1738, „wie die ländter sowohl, 
II Is ds aerarium erschöpffb Vndt sich ein grosser abgang Zeigt, Entgegen 
Vnentpörlich ds nach izigen Vmbstanden Vndt Situation ich Zu Sicherheit der 
Ländter selbst armirt verbleibe, so werdt einerseith gesehen werden, wie ds 
militar in ein Vndt andern was den dienst nicht betrifft nach moglichkeit 
restringirt Vndt nach den einkunflPben regalirt werdte, andern seyth samblich 
mit ernst Vndt eyfer dahin gesehen Vndt mir weyters eingerathen werdte, auf 
wie hoch den ländtem leichter fallendte modos et fundos contributionis tempore 
pacis anzutraa;en Vndt nach den blos nötigen kriegs Standt einzurichten, auch 
Vndt vorderist ds ein Systema gefast werdte, Vmb die auf dem fnndo mihtari 
haftendte Schuld abzustossen". 



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223 

Das Militärbudget nahm während der Regierung CarTs VI. 
stetig höhere Beträge in Anspruch, als präliminiert worden waren. 
Nach Beendigung des Tärkenkrieges durch den Frieden von 
Passarowitz und nach Beilegung der Verwicklung mit Spanien, 
schien die Buhe voraussichtlich für einige Jahre gesichert. Der 
Kaiser verftlgte daher, dass die Militärverwaltung mit acht Millionen 
jährlich ihr Auslangen finden solle. ^) Diese Summe wurde aber 
überschritten; die Militärverwaltung deckte den Abgang durch 
Schulden. Die drohenden Verwicklungen im dritten Jahrzehnte 
erhöhten die Militärausgaben und schon das veranschlagte Er- 
fordemiss war grösser als der fixierte Betrag von acht Millionen 
Gulden. "Wenn die Rechnungsabschlüsse richtig sind, so betrugen 
in den Jahren 1727 bis 1729 die Ausgaben im Durchschnitte 11-829 
Millionen Gulden, 1730 über 18-832 Millionen, 1731 16-37 Millionen. 
Das letzte Jahrzehnt der Regierung Carl VL führte zu einer 
vollständigen Erschöpfiing der Finanzen. Nur mit Mühe gelang es, 
die fiir den Krieg nothwendigen Summen aufzubringen. Als der 
polnische Thronfolgekrieg in Sicht war, berechnete man im Herbste 
1733 den Bedarf für das kommende Jahr auf zweiundzwanzig Mil- 
lionen Gulden; im September 1734 ergab sich, dass neunundzwanzig 
Millionen erforderlich sein dürften. Pläne zur Aufbringung dieser 
Sunmie wurden erwogen. Anticipationen sollten aller Orten im In- 
und Auslande aufgenommen werden, in Ungarn eine Erhöhung der 
Contribution und der Salzpreise stattfinden; von der Reichsritter- 
schaft und von den Hansa-Städten erwartete man einige Beträge. ^ Im 
Spätsonmier 1734 war Seckendorff beauftragt worden, den König 



*) Vortrag Dietrichs tein's, 25. October 1720, Protoooll derFinanz- 
conferenz, 8. Dec. 1720, worauf die kais. Entschliessung am 26. Februar 1721 
erfolgte. 

•) Selbst bedenkliche Anträge wurden berathen. Ein Mittel, heisst es in 
einem Protocolle vom 2. Nov. 1733, einige Anticipation zu erhalten, wäre, 
-wenn der Kaiser dem einen oder anderen böhmischen CavaUer entweder in 
"Wirklichkeit eine Geheime-Raths-Stelle verleihen oder die Versicherung auf offen- 
stehende oder in Apertur kommende Landdienste ertheilen würde, indem jene 
theils ein Donativum, theils eine Anticipation von 100.000 Gulden derart zu 
leisten hätten, dass sie sich durch fünf Jahre mit den Interessen begnügen vmd 
sodann in zehn Jahren die Capitalsabstattung annehmen würden; zu ihrer 
Sicherheit könnten sie entweder eine Verschreibung auf Cameralgefälle oder 
ihre Contributionen verlangen. Da es von der EntschUessung des Kaisers 
abhänge, ob er solche Gnade den böhmischen Cavaüeren bewilUgen wolle, so 
haben es der Hofkanzler und Graf H a r r a c h auf sich genommen, sowohl 
einen Vortrag an den Kaiser zu erstatten, als auch über das Quantum und 
die Bedingungen mit gedachten CavaUeren weiter zu verhandeln. 



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224 

von Preussen zu einem Anlehen von zwei Millionen zu bestimmen ^), 
ein Beleg für die herbe Noth, dass man sich zu diesem Schritte 
entschloss, weil die politischen Beziehungen zum Nachbarstaate 
sich getrübt hatten xmd die Verhandlungen über die Mitwirkung 
beim Kriege sich nicht günstig gestalteten. 

Im November 1734 ergab sich bei Entwerfung des Staats- 
voransohlages flir das kommende Jahr ein Erfordemias von 
32 Millionen. Für das verflossene Militärjahr waren Millionen 
unbezahlt. Von den ausserordentlichen Einnahmen im Betrage 
von 21-66 Millionen Q-ulden, welche flir die Ausgaben des laufenden 
Jahres benöthigt wurden, waren blos 11 '72 Millionen ein- 
gegangen, von dem Reste wurden etwa 5'66 Millionen als unein- 
bringlich bezeichnet. Um allen Anforderungen zu genügen, waren 
daher über 37 Millionen nothwendig. Die Deputation kam bei 
Berathung über die Herbeischaflftmg des erwähnten Betrages zu 
dem C!onclusum: man werde es begreiflich finden, dass es nicht 
in der Macht der Hofkammer stehe, nicht einmal die für den 
Bedarf zulänglichen Summen zu beschaflfen, ohne genügende Mittel 
aber gewiss nicht möglich sei, zahlreiche Armeen zu unterhalten; 
wenn man also die Sachlage überblicke, so wäre dem Kaiser zu 
einem Frieden einzurathen, damit er seine deutschen Erbleinde, die 
von so vielen G*efahren bedroht werden, nicht in ein grösseres 
Unheil verfallen lasse. *) 

Vorläufig waren blos flir die Recrutierung und Remontierung 
acht Millionen unbedingt nöthig, allein auch dieser Betrag war 
schwer aufeubringen. Die Vermögens-Steuer brachte blos 1-5 Millionen, 
während sie nach der angestellten Berechnung dreimal so viel hätte 
abwerfen sollen. Das Einkommen aus dem Vermögen in den 
deutschen Erblanden wurde nämlich auf 45 Millionen veranschlagt, 
aus Ungarn und den neuerworbenen Provinzen auf 20 Millionen 
Gulden. Ob nun aber, heisst es in einem Conferenz-ProtocoUe, ein 
jährliches Einkommen von einem Vermögen im Betrage von 
65 Millionen hinlänglich sein könne, einen Kriegsstatus zu erhalten, 
der in einem Jahre 32 Millionen benöthige, wolle man reifer 
Einsicht und gründlicher Ueberlegung überlassen; neue Cameral- 
fonde seien nicht aufeubringen und die Mautherträgnisse seien 
ohnehin seit der Erhöhung der Tarife auf das Höchste gesteigert 
worden, die Abgaben von Bier, Wein und anderen Gegenständen 



*) Vorträge, besonders 15. Juli 1784. 

') Conferenz-ProtoQoll vom 5, November 1734:, 



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225 

seien sehr hoch, es bliebe daher nur übrig, Salz mit einer grösseren 
Abgabe zu belegen. Es sei nicht zu ermessen, womit man zuerst an- 
fangen solle. Alle diese Bestimmungen erforderten einen baaren Pfennig, 
die Fonde seien ungewiss, der Credit liege zu Boden, weder Geld noch 
Wechsel seien zu beheben, Anlehen könne man nicht beschaffen, 
woher die Mittel flir den Bedarf der nächsten Monate herbeizubringen, 
geschweige demi für einen Sommerfeldzug, wisse man nicht Eath. 

Noch trauriger gestaltete sich die Finanzlage während des 
Türkenkrieges. An OpferwiUigkeit fehlte es nicht, allein die 
ungünstigen wirthschaftlichen Verhältnisse der Länder ermöglichten 
es nicht, selbst jene Summen aufeubringen, welche von den Ständen 
bewilligt worden waren. Je länger der Krieg dauerte, um so 
schwieriger war die Entrichtung der Contribution, um so geringer 
die Eingänge aus den sonstigen Gefällen. Besonders in Böhmen, 
Mähren und Schlesien, den ergiebigsten Ländern des Staates, waren 
die Rückstände ungemein beträchtlich. Obgleich man eine Anzahl 
von Invaliden den Kreisämtem beigegeben hatte, um die rück- 
ständigen Beträge einzutreiben, waren die seit mehreren Jahren 
hart belastetien Unterthanen nicht in der Lage, die Steuern zu 
entrichten. Abgesehen von der Contribution waren auch bedeutende 
Forderungen fiir Recruten und Verproviantierung an die Länder 
gestellt worden. Die Durchmärsche der Truppen hatten den Con- 
tribuenten ebenfalls grosse Lasten auferlegt. Die wirthschaftliche 
Lage war eine traurige, Handel und Wandel lagen ganz dar- 
nieder. Die in den letzten Jahren erlassenen Zolltarife hatten zum 
Theil den Verkehr von den österreichischen Ländern abgelenkt. 
Sämmtliche Staatsmänner, welche von dem Monarchen mit der 
Berathung über die zu ergreifenden Massnahmen betraut worden 
ivaren, legten das Geständniss ab, dass es unmöglich sei, durch 
Execution die Unterthanen zur Bezahlung ihrer Schuldigkeit zu 
zwingen. War auch volle Geneigtheit vorhanden, mit Schonung 
vorzugehen, so drängten Parteien und Regimenter auf Bezahlung 
schuldiger Beträge. Der Präsident des Hofkriegsrathes forderte 
-wenigstens Eintreibimg der Recrutengelder, damit die abgängige 
Mannschaft angeworben werden könne. ^) 

Mühselig genug wurden die Erfordernisse für den Krieg 
bestritten. Ohne Schwierigkeit wurde ausgemittelt, wie viel ein 



*) Verschiedene Protocolle aus dem Jahre 1737. Viele interessante An- 
gaben im Protocoll vom 24. Mai 1737. 

Oeiterreiohifloher Erbfolgekrieg. I. Bd. 15 

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226 

jedes Land an Türkensteuer aufzubringen habe, aber die Einbringung 
der Summe wurde in jedem Jahre schwieriger. Auch Executionen 
durch Invaliden, die man säumigen Schuldnern ins Haus legte, fruch- 
teten nichts. Bereitwillig gab der Unterthan dem Steuereintreibei 
Kost und Obdach, aber die Steuern entrichtete er nicht, weil er 
nicht zahlen konnte. Von Monat zu Monat mussten Berechnungen 
angestellt werden über die vorhandenen Mittel und wie der Abgang 
zu bestreiten sei. Die Protocolle aus dem Jahre 1739 entrollen 
die düstersten Bilder. Die Rückstände mehrten sich, die meisten 
Länder waren, die geforderten Summen aufeubringen, ausser Stande. 
Denn nebst der Contribution und der Türkensteuer waren für die 
Beschaffung von Recruten, Remonten und Flinten bedeutende 
Beträge zu leisten. Nur Nieder-Oesterreich und Ober-Oesterreich 
kamen den Verpflichtungen nach. Die „Pauschquanta" der Türken- 
steuer giengen langsam ein und namentlich die innerösterreichischen 
Länder, Steyermark ausgenommen, blieben in der Regel die grössten 
Beträge schuldig. ^) Es werde schwer sein, „nur einmal zu ideieren" 
wie der Abgang zu beschaffen, klagte der Hofkammer-Präsident; 
„das Contributionale sei mit vielen Millionen Schulden verwickelt 
das Camerale übel beschaffen und am bedauerlichsten sei, dass 
durch den sohlechten Fortgang des Krieges der ausländische Credit 
gesperrt sei. Namentlich die Stellung der Recruten sei schwierig; 
in Mähren sei ein Abgang von Leuten, in Böhmen fehlen die 
Knechte zur Bearbeitung der Güter, in Schlesien flüchten ganze 
Dorfschaften, um der Recrutierung zu entgehen, nach Polen/' 
Auch fehlte es, da die meisten Einnahmen verpfändet waren, an 
Pfandobjecten zur Versicherung der Anlehen, da sowohl die Stände, 
als auch die auswärtigen Geldinhaber selbst bei verhältnissmässig 
geringfügigen Summen die Ueberweisung staatlicher Einnahmen 
forderten. Die kaiserlichen Unterhändler waren aller Orten auf 
der Suche nach Capitalisten, was den Monarchen zu der Bemerkung 
veranlasste, es könne dem Credit nur schaden, wenn man überall 
Geld ohne sichere Hoflftiung, es zu erhalten, suche. *) 

Beim Beginn des Jahres 1739 war vollständige Ebbe im 
Staatsschätze^); „die christlichen und jüdischen Wechselhäuser' 

*) Protocollum Deputationis 2. Mai 1739. 

*) Dep. Prot. 12. Sept 1738 und einige Scliriffcstücke 1739. 

*) Im Jahre 1736 war Managetta zum Professor der Anatomie ernannt 
worden, noch drei Jahre war kein „Fond" zur Bezahlung eines Grehalfes von 
800 Gulden vorhanden; am 11. August 1739 ergieng die Weisung, einen solchen 
ausfindig zu machen. 



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227 

wären nicht mehr in der Lage, irgend einen Betrag aufzubringen, 
bemerkte der Hofkammer-Präsident, und als der Clerus kürzlich 
eine Antioipation von 1*2 Millionen Gulden geleistet, wurde der 
Vorschlag gemacht, bei den „Vermöglichen" eine gleiche Summe 
innerhalb dreier Monate aufzubringen, um nur einen Fond zu 
haben, der zur SichersteUung eines Anlehens benützt werden sollte. 
Die Bank soUte für den Betrag Banco-Obligationen ausstellen und 
derselben 120.000 Gulden aus dem böhmischen Tabakgefälle all- 
jährHch als Bedeckung angewiesen werden. Die Schwierigkeit war, 
solche Personen zu finden, welche den erforderlichen Betrag vor- 
strecken konnten, da, wie bemerkt wird, „vielleicht nicht zwanzig 
sein werden, welche je 20.000 Gulden ohne Beschwerde aufbringen 
könnten". Graf Starhemberg erhob bezüglich der böhmischen 
Tabakgefiüle Bedenken, da, „wenn dieser Fundus dem Camerali 
entgehet, man nicht im Stande sein werde, die Kuchelgelder zu 
versehen, welches das Decorum Aulae nicht wohl gestatten kann". 
Man entschloss sich, den bereits vor mehreren Jahren verfiigten 
Aufechlag auf Fleisch in Wien weiter zu erhöhen, in Erwägung, 
dass hiedurch der Bürgerstand und andere Ctentribuenten heran- 
gezogen würden, die sonst von allen Gaben und Imposten 
frei seien. ^) 

Freudig wurde in den Ländern der Friede begrüsst, der dem 
unglücklichen Türkenkriege ein Ende machte. Gross waren die 
Ansprüche gewesen, welche von Seite der Staatsverwaltung erhoben 
worden waren und nur mit Anspannung aller Kräfte hatte man 
dieselben erflült und sehnsüchtig sah die Bevölkerung einer Er- 
leichterung entgegen. Diese Hofeung erfüllte sich nicht. Die 
Türkensteuer entfiel, aber an Contribution wurden im Ordinarium 
und Extraordinarium dieselben Beträge gefordert wie bisher. Selbst 
die tragfähigsten Länder, Böhmen, Mähren, Schlesien, welche die 
g;TÖsste Opferwilligkeit bisher bekundet hatten, waren erschöpft, 
die Höhe der Rückstände hatte sich beträchtlich gesteigert. Die 
Mittel für die Verpflegung der Truppen waren nicht vorhanden, 
bedeutende Summen waren noch zu berichtigen. *) 



*) Vortrag ohne Datum. Herabgelangt 3. Febr. 1789. 

^ Am Schlüsse des Jahres 1739 betrugen die Bückstände in Böhmen 
2,742.984 Gulden, in Mähren 1,016.988 Gulden, in Schlesien 2,460.511 Gulden, 
zusammen 6,220.885 Gulden. In Nieder-Oesterreich waren allein in Wien 690.493 
Grulden im Eückstande, Kämthen hatte noch nicht die Contribution für 1738 
voll aufgebracht. An Türkensteuer waren ebenfalls pro 1739 in den deutech- 

15» 



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228 

Der geldbedürftige Hofkammer-Präsident musste das Geständ- 
niss ablegen, dass es unmöglich sein dürfte, die Rückstände ins- 
gesammt einzubringen und er bat nur, dass die Hofkanzlei dahin 
wirke, die aushaftenden Beträge der Türkensteuer, der Eecruten- 
und Remontengelder einzutreiben. Was Ungarn anbelangt, wurde 
darauf hingewiesen, dass, „um die Eeste einzubringen, das einzige 
Mittel sei, wenn die Comitate mit zulänglicher Mannschaft belegt 
und durch deren Consumtion die Praestanda ausgeglichen würden, 
jene Comitate daher mit einem stärkeren Quartierstande zu belegen, 
welche in BFCsten am weitesten zurückstehen". Der Obristkanzler 
Graf Kinsky entwarf ein düsteres Bild. Der herbe Winter hatte 
die Landwirthe stark geschädigt, „in den Teichen haben die Fische 
viel gelitten, der Schafunfall sei gross gewesen — über 800.000 
Stück seien umgekommen — in das Hornvieh habe nicht weniger 
das Sterben eingerissen und es sollen 24.800 zugrunde gegangen 
sein". Der Präsident des Hofkriegsrathes stimmte dem Präsidenten 
der Hofkammer bei, dass es besser sei, weniger Truppen zu halten 
und diese richtig zu bezahlen, als eine grössere Anzahl auf den 
Beinen zu haben, die man nicht verpflegen könne, aber er machte 
es von „politischen Reflexionen'* abhängig, wie stark die Truppen- 
macht sein solle. Der Kaiser hatte die Ausgabe für das Heer auf 
acht Millionen bestimmt, mit welcher Summe jedoch, wie der Hof- 
kammer-Präsident bemerkte, das Auslangen nicht werde gefunden 
werden ; wenn nicht Eath geschafft werde, fügte er hinzu, dass die 
Truppen die Rückstände und die Löhnungen für den Sommer be- 
kommen, so werde Alles in grössten Zerfall und in Unordnung 
gerathen. Es werde auch schwer sein, die acht Millionen Gulden 
als Ordinarium zu erhalten, der Unterthan sei verarmt, der Adel 
meist entkräftet, die Länder erschöpft. Damit aber das Heer mit 
dieser Summe auslange, müsse eine bessere Oekonomie eingeftihrt 
werden. ^) 

Auch in der Civilverwaltung wurden Ersparungen seit Jahren 
für nothwendig gehalten. 

Ln Jahre 1736 war eine Hof-Commission unter dem Grafen 
Kolowrat angeordnet worden, um den ,,Cameral- Anordnungsstaat" 
einer Revision behufs Ersparnissen zu unterziehen. Die Mitglieder 

böhmischen Erblanden noch 851.892 (Luiden nicht entrichtet worden. In 
Ungarn war die Contribution seit 1739 in beträchtlichem Rückstande, Ende 
1789 im Gesammtbetrage von 1,031.925 Gulden. 
*) Conferenz-Protocoll 27. Januar 1740. 



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229 

waren der Bancal-Director P r a n d a u, die Hof kammerräthe Z u a n a. 
Lachmayer und S äff ran. Die erste Sitzung fand am 9. No- 
vember statt und die Mitglieder kamen allwöchentlich am Freitag 
zusammen. Erst nach Jahren war die Commission mit ihren Arbeiten 
fertig, die sodann im Jahre 1740 von der Finanz- Commission geprüft 
und begutachtet wurden. Auf Grundlage durchschnittlicher Berech- 
nungen der Jahre 1731 bis 1735 wurden Erfordemiss und Bedeckung 
ermittelt. Hienach betrugen die Cameral-Erfordemisse 10*17 Mil- 
lionen, die „Amtsbekostung" 4*1 Millionen, der der Hofkammer 
zur Verfügung stehende Ueberschuss zur Bestreitung sämmtlicher 
anderen Ausgaben 6-07 Millionen. Zur Brechtfertigung der Höhe 
dieser Ausgabe wurde bemerkt, dass die BerggefaJle bei einer Ein- 
nahme von 3*92 Millionen Gulden allein 3-2 Millionen in Anspruch 
nähmen, auch das Salzgefälle einen beträchtlichen Aufwand erfor- 
derte. Das Erfordemiss fiir Hof- und Civilverwaltung belief sich 
auf 3*877 Millionen Gulden in Wien und 2*296 Millionen in den 
Ländern, zusammen daher auf 6*173 Millionen. Das Deficit betrug 
83*152 Gulden. In dem Vortrage des Hofkammer-Präsidenten wurde 
darauf hingewiesen, dass eine im Jahre 1729 angeordnete Com- 
mission unter dem Prinzen Eugen von Savoyen Ersparungen in 
Vorschlag gebracht habe, die jedoch nicht durchgeführt wurden. 
Vornehmlich wurden wieder Herabminderungen in dem Erforder- 
nisse fiir den Hof in Vorschlag gebracht. Die Jägerei, um einige 
Beispiele anzuführen, habe früher 22.000 Gulden gekostet, jetzt 
wären 38.000 nöthig, „ohne Abbruch der Jagdlust des Kaisers" 
würden 30.000 Gulden hinreichen; die Küchel- und Kellerwirth- 
schafb sei um 122.000 Gulden gestiegen, Kapellen und Musik er- 
heischten 128*574 Gulden, Pensionen und Adjuten 658.000 Gulden. 
Es wurden Ersparungen im Betrage von 850.000 Gulden beantragt. 
Die kaiserliche Entschliessung verfugte, dass die Gesammtausgabe 
,,fiär das Aulicum und Camerale" von sechs auf fünf Millionen 
herabgesetzt werden soll. ^) 

Es waren Zukunfbspläne, um Ordnung in den zerrütteten 
Staatshaushalt zu bringen. Die Verwirklichung derselben erforderte 



') Finanz-Conferenz-Protocolle, 27. Januar und 11. Mai 1740, sowie eine 
Anzahl von Beferaten der Hofkammer sammt Ausweisen. Aus den Schrift- 
stücken ist ersichtlich, wie hoch die Rückstände Ende 1739 waren ; bei den 
Hof- und Civilämtem beliefen sich dieselben auf 2*634 Millionen Gulden, beim 
Hofstaat des Kaisers 96.000, beim Hofküchenamt 41.441, beim Hoffiitteramt 
46.273; den Hofhandwerkem schuldete man 115*795, dem Hofkammermeister 
74.140 Gulden. 



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230 

Zeit. Vorläufig konnten grosse Ersparungen nicht eintreten, dieLasten 
der hart bedrückten Bevölkerung nicht erleichtert werden. Lebhaft 
wünschte Carl einige Erleichterung den Ländern angedeihen zu 
lassen^). „Wenn es nicht höchst nöthig wäre", lautet eine Ent- 
schliessung des Kaisers auf das Protocoll vom 27. Mai 1740, „so würde 
mir lieb sein, noch flir dieses Militärjahr weniger als für 1739 von 
den böhmischen Ländern zu begehren, denn ich erkenne wohl, dass 
bei allen umständen und Zufällen es schwer falle, die Steuer auf- 
zubringen; es werde ihm auch lieb sein, wenn ihm Vorschläge 
unterbreitet würden". Vorläufig müssten dieselben Forderungen an 
die Länder gestellt und an die „allezeit bezeugte Treue und 
Willigkeit der Stände" appelliert werden. 

Directe Steuern. 

Die wichtigste Einnahme floss aus der Besteuerung des 
Grundes und Bodens und war in erster Linie zur Erhaltung 
des Heeres bestimmt, daher Contributio pro militari genannt. Die 
Grundsteuersumme hieng von der Bewilligung der Stände ab und 
die Verhandlimgen mit denselben waren oft schwieriger Natur. 
Eine Instruction vom Jahre 1670 macht uns mit einer Ansicht 
der Hofkammer bekannt über die Art und Weise des Vorganges 
bei den an die Stände zu stellenden Anforderungen, die, wie aus 
den Finanz-ProtocoUen ersichtlich, auch fiir die Zeit Carl VI. 
massgebend war. Man müsse, wenn man von einem Landtage 
10.000 Gulden wünsche, wenigstens 100.000 fordern, weil immer 
weniger bewilligt, als begehrt werde. Dieser Grundsatz wurde auch 
in der That befolgt und besonders als Extra-Ordinarium stets eine 
höhere Summe verlangt. Die Verhandlungen waren nicht selten 
langwierig und erst nach wiederholtem Schriftwechsel wurde eine 
Vereinbarung erzielt. Die innerösterreichisohen Länder, Steyermark, 
Kämthen, Krain und Görz, theilten einander wechselseitig die 
Postulate und ihre darauf gegebene Erwiderung mit, um ein Ein- 
verständniss zu erzielen. Auch wurden Versuche gemacht, massgebende 
Persönlichkeiten in der Residenz zu gewinnen, um sie für die 
Gegenanträge der Stände und deren Befürwortimg günstig zu 
stimmen. ^ 



*) Kaiserliche Entschliessung vom 3. März 1740. 

•) So heisst es in einem Schriftstücke, Laibach, 11. Mai 1717 : „Dem 
Obrist-Kanzler von Sinzendorff und dem geheimen Referendar Loydl sei 



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231 

Eine sichere Grundlage für die Erhebung der Grundsteuer 
war nicht vorhanden, eine Gleichförmigkeit in den verschiedenen 
Ländern ein tiefgefühltes Bedürfiaiss. Schon Kaiser Maximilian 
versuchte eine feste Proportion über die Aufbringung der Steuer 
herbeizuführen, allein erst auf der Conferenz zu Pressburg im Jahre 
1655 wurde eine Regelung erzielt. Den Anlass gab die damalige 
neue Militärverfassimg und die Ausarbeitimg eines Generaldarlehens. 
Die vereinbarte Proportion, „damit ein Land gegen das andere sich 
nicht zu beschweren habe", gieng dahin, dass sämmtliche böhmische 
und österreichische Länder mit achtzehn Theilen in Anschlag gebracht 
wurden und hievon die böhmischen Länder zehn, die österreichi- 
schen Länder acht Theile zugewiesen erhielten. Bis zum Jahre 1668 
ergaben sich jedoch viele Schwierigkeiten bezüglich der Durch- 
führung, nicht etwa zwischen den österreichischen und böhmischen 
Ländern in ihrer Gesammtheit, sondern zwischen den böhmischen 
Ländern unter einander und ebenso den österreichischen unter sich. 
Bei einer auf Befehl des Kaisers erfolgten Zusammentretung der 
Hofetellen wurde zwar die General-Proportion von zehn und acht 
bestätigt, jedoch die Special-Proportion der beiden Ländercomplexe 
derart bestimmt, dass von den zehn Theilen, welche auf die 
böhmischen Länder entfielen, das Königreich Böhmen die Hälfte 
und von der anderen Hälfte Mähreu ein Drittel und Schlesien zwei 
Drittel entrichten sollten, ferner, dass von den acht Theilen, welche 
auf die österreichischen Länder insgesanmit entfallen, Laner- 
Oesterreich die Hälfte und von der anderen Hälfte Oesterreich 
unter der Enns zwei Drittel und Oesterreich ob der Enns ein 
Drittel tragen sollte. Als man im Jahre 1673 die bis dahin 
bestandene Militärrepartition auf Regimenter, Oompagnien und 
Portionen aufgab und die Militärerfordemisse in einen Geldbetrag 
zusammenfasste, wurden alljährlich die erforderlichen Geldansprüche 
auf Grrund der festgestellten Proportion an die Stände der einzelnen 
Länder gestellt. Es fehlte nicht an Klagen über Ueberbürdung und 
das eine oder andere Land nahm, wie es in einem Schriftstück 
heisst, Gelegenheit, „von seinem Quantum mehr^ als es die 



ein Regale zu präsentieren, damit einer löblichen Landschaftafi'aire besser künftig 
secundiert werde, welches auch callide von Seiner fürstlichen Gnaden von 
Portia recommandiert wurde. Auch für den Grafen Seilern, Vioekanzler, 
möge ein Auswurf geschehen''. Der Beschluss wurde gefasst, Sinzendorff 1000 
Speciesducaten, S eilern und Loy dl je 500 „dergestalt pro regale zu verwilligen, 
dass solche diesen Herren in silentio präsentiert werden sollen". (Laibacher 
Museal- Archiv). 



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232 

Proportion zuliess, durch öftere Deprecationen hinunter und von der 
wahren Proportion abzubringen". Im Jahre 1679 wurden drei Con- 
ferenzen über die Proportion der Länder abgehalten und zwar 
Anfangs August in Wieii, femer am 24. und am 30. October in 
Prag unter Leitung des damaligen Obristen Burggrafen Grafen 
Martinitz. Die anderen Mitglieder der Conferenz waren: Graf 
Albrecht v. Sinzendorff, die Präsidenten der Hofkammer, des 
Hofkriegsrathes und der österreichischen und der böhmischen Hof- 
kanzlei. Man einigte sich über folgenden Proportionsmodus: die 
böhmischen Länder sollten etwas weniger als zwei Drittel, die 
österreichischen Provinzen etwas mehr als ein Drittel künftighin 
entrichten. Li zwei Conferenzen des Jahres 1682 (am 14. und 
24. Januar) wurde genau bestimmt, dass 11 Vi auf die böhmi- 
schen und 6 Vi auf die österreichischen Länder entfallen sollten, 
was dann auch die Grundlage für die Aufbringung der Contri- 
bution bis in die Zeiten Maria Theresia's blieb. Auf dieser 
Grundlage erfolgte das Recruten- und Remontenpostulat in den 
verschiedenen Ländern, ebenso auch die Repartition der in die 
böhmischen und österreichischen Länder zur Verpflegung verlegten 
Miliz. In demselben Verhältnisse wurden auch etwaige ausser- 
ordentliche Anforderungen an die Länder gestellt. Nur ausnahms- 
weise, wenn irgend ein Land durch ausserordentliche Ereignisse 
gelitten hatte und eine Erleichterung beanspruchen durfte, trat 
vorübergehend eine Aenderung ein. ^) Nieder-Oesterreich erstrebte 
und erlangte durch Eecesse eine Erleichterung, was von Seite der 
böhmischen Länder zu Vorstellungen Anlass gab , „dass die 
österreichischen Erblande sich von der gesetzlichen Proportion zu 
befreien Gelegenheit gefunden haben, wodurch Böhmen unerträglich 
belastet würde". «) 

Die Grundlagen der Steuerbemessung waren nicht die gleichen. 
Li Böhmen wurde nach dem westphälischen Frieden ein Contri- 
butions - ßepartitionsmodus nach den angesessenen Unterthanen 



*) So wurde im Jahre 1683 Nieder-Oesterreich in Folge der Verwüstung 
durch die Türken erleichtert und ein Drittel seiner Proportions- Summe auf die 
böhmischen Länder, ein Drittel auf die übrigen österreichischen Länder über- 
tragen. 

•) Die Darstellung beruht auf einem Schriftstücke : „Deduction über die 
von altersher vereinbarte Proportion bei Leistungen an den Staat zwischen 
den österreichischen und böhmischen Erblanden", welches sich im Archiv des 
Ministeriums des Innern befindet. Femer: „Kurzer BegriflF über die Verfassung 
und Manipulienmg des Contributionswesens im Königreiche Böhmen". 



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233 

erhoben. Die Grundstücke derselben wurden beschrieben und 1654 
in der „Visitations-Rolle" zum Abschlüsse gebracht. Die Besteuerungs- 
Grundlage war eine rohe. Man gieng nämlich von der RobotftLhig- 
keit aus. Je nachdem ein Bauer der Grundobrigkeit mit vier Stück 
oder einer geringem Anzahl Zugvieh die Bobot verrichten konnte, 
wurde die Eintheilung in Ganz-, Halb- und Viertelbauem oder 
Chaluppen gemacht, ohne dass die Grösse des Grundes und Bodens 
in Betracht gezogen wurde. Nur in einer Beziehung hatte die 
Eectification vom Jahre 1664 ein zuverlässigeres Ergebniss geliefert, 
dass die steuerfreien Dominicalherrschaften und die steuerpflichtigen 
Rusticalherrschaften genau beschrieben wurden. Seit 1670 wurden 
Revisionen dieses primitiven Catasters vorgenommen und eine 
„Bevisions^-RoUe zu Stande gebracht. Die Ungleichheit der Be- 
steuerung auf dieser mangelhaften Grundlage liess sich insofeme 
ertragen, als der Steuerquotient ein verhältnismässig geringer 
war. Derselbe belief sich im Jahre 1656 auf 550.464 Gulden für 
die Truppenverpflegung und in barem Gelde auf 380.000 fl., 
zusammen daher auf 930.464 Gulden. Aber bereits 1673 betrugen 
die Leistungen 1,350.510 Gulden. ^) 

Ein neuer Cataster wurde unter dem Obristen Kanzler Franz 
Ulrich Grafen Kinsky in Angriff genommen. Man berechnete in 
jedem Kreise den Grund und Boden nach Strichen, dividierte die 
Gesanmitsumme durch die Anzahl der daselbst Angesessenen; der 
Quotient war der Kreisdivisor und hienach wurde die Steuer, obzwar 
noch immer in einer sehr oberflächlichen Weise bemessen, je nachdem 
der Grundbesitz des Steuerpflichtigen grösser oder kleiner als der 
Kxeisdivisor war; allein innerhalb eines Kreises war doch eine 
grössere Gleichmässigkeit der Besteuerung erzielt worden. Der 
Uebelstand lag eben darin, dass die Güte der Felder gar nicht 
berücksichtigt wurde. Noch grösser aber stellte sich die Ungleichheit 
von Kreis zu Kreis heraus und da die Steuer in dem Zeitraimie 
von 1689 bis 1708 beträchtlich gestiegen war, wurden mannigfaltige 
Aenderungen beliebt, die jedoch keine Abhilfe schafften. Im Jahre 
1712, also kurz nachdem Carl VI. die Regierung übernommen 
hatte, wurde eine Eecti&cierung des Ansässigkeitsmodus in Angriff 
genommen imd 1725 beendet. Hierauf wurde an eine „Final-Cal- 
culations- und Ansässigkeits-Einrichtungsprobe" geschritten und mit 



•) Und zwar Milizverpfleguug 1,152.810 Gulden, Werbungsgelder 67.670 
Gulden, femer pro Fortificatorio 30.000 Gulden, Hochzeitsdonativ 50.000, endlich 
ad liberam ebensoviel. 



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234 

dem kleinsten Kreise, dem Berauner, begonnen. Als Divisor wurden 
achtzig Striche guten Bodens angenommen. Es ergab sich, dass 
nur 335 „Corpora" von siebzig bis achtzig Strich in gutem Con- 
tributionsstande waren ; 641 von fünfzig bis siebzig Strich konnten 
mit der Contribution „ziemlich zurecht kommen, wo der Boden 
imd Verschleiss gut, wo aber nicht, waren sie unvermöglich" ; 664 
unter funfeig Strich waren „übel daran" und prägraviert, vor- 
nehmlich im Bechiner und Prachiner Kreis. Erst 1732 geschah ein 
weiterer Schritt. Der Referent bei der böhmischen Kanzlei, Jordan, 
lieferte eine umfassende Arbeit, die einer sorgfaltigen Berathung 
in der Kanzlei unterzogen, sodann mit den „Primoribus" berathen 
und endlich in einer Eectifications-Commission fertiggestellt wurde. 
Am 13. September 1732 konnte dem Kaiser ein Vortrag erstattet 
werden. Die Entschliessung von demselben Tage lautet: „Placet 
in toto und mitzugeben : wo sich in operatione billige und wichtige 
Anstände ereigneten, es gleich zu berichten und mit allem Fleiss 
diesem so lange dauernden Werk ein Ende zu machen." Carl VI. 
erlebte die Neugestaltung des Catasters nicht; erst unter Maria 
Theresia kam die Angelegenheit zum Abschlüsse*). 

Auch in Mähren wurde einige Jahre nach Beendigung des 
dreissigj ährigen Krieges an eine Neuordnung des höchst mangel- 
haften Contributionswesens geschritten. Auf dem mährischen Land- 
tage, der vom 13. December 1655 bis 8. Januar 1656 tagte, wurde 
der Beschluss gefasst, dass die Obrigkeiten geistlichen und welt- 
lichen Standes Fassionen über ihre Unterthanen einbringen und 
dieselben in „Lahnen" mit Ausserachtlassung der Mobilien eintheilen 
sollen, zugleich aber ersichtlich zu machen haben, welche Q-ründe 
den Obrigkeiten und welche den Unterthanen gehören. Nach dem 
Jahre 1659 begann sodann die Besteuerung nach Lahnen, deren 
es 16.134 gab. Die Steuer wurde auf die Obrigkeiten nach Anzahl 
der Lahnen vertheilt, diesen aber die freie Eepartition auf die 



*) Die Vertheilung der Contribution in Böhmen war folgende: 



Unterthanen 



1731 
1732 
1733 
1734 
1785 



Jahr fl. kr. 



37 
37 
38 
34 
36 



42 
41 

46 
17 

28 



Pfg. 



4V, 

l»«/84 

4 Vi 



Obrigkeit 



fl. I kr. Pfg. 



10 ' 2 

6 I 44 

5 I 8 

5 6 

19 14 



l*/si 
5V8 i 

4»/l6! 

3Vio| 

l»/4 < 



Unterthanen 



Jah r I fl. I kr. | Pfg. 



1736 ! 37 



1737 
1738 
1739 
1740 



49 
49 
51 
40 



25 I 3 



21 

8 

18 

52 



Obrigkeit 



22 
19 
19 
19 
17 



kr. 



2 

25 
33 
27 
82 



Pfg' 



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236 

Gemeinden und auf die einzelnen Unter thanen eingeräumt. Von Seiten 
der Behörden in Wien wurde die Mangelhaftigkeit und Ungleich- 
mässigkeit der Steuergrundlagen bald erkannt, aber erst in Folge 
kaiserlicher Entschliessungen vom 22. August 1668 und 9. Januar 
1669 in Angriff genommen und nach kurzer Zeit zum Abschluss 
gebracht. Dieses Operat, „Catasterum" genannt, bildete nunmehr 
die Grundlage der Besteuerung, wobei niu* Aecker und Wein- 
gärten in Betracht kamen, Wiesen und Wald aber ausgenommen 
blieben. 

Die Aecker und Weingärten waren nach der Verschiedenheit 
der Güte des Bodens, ihrer Lage im Gebirge oder in der Ebene 
in drei Olassen getheilt. Wiesen und Wälder unterlagen der Be- 
steuerung nicht. In die erste Classe gehörten jene, welche Weizen 
oder gutes Korn, in die zweite, welche Korn geringerer Qualität, 
in die dritte, welche Hafer, Haidekorn u. s. w. erzeugten. In den 
ersten zwei Olassen bildeten 600 Quadratklafter, in der dritten 
Classe 700 Quadratklafter einen Hetzen, weil die Besaatung des 
Ackers mit Hafer eine weit grössere Fläche zu erfordern schien; 
100 Hetzen der ersten Classe, 125 der zweiten und endlich 150 
der dritten Classe bildeten einen Lahn. Die privilegierten Schank- 
häuser in Städten und Harkten sollten den Lahnen beigerechnet, 
die Handwerksleute in den Herrenstädten, welche keinen Schank 
ausübten, auch keine Aecker und Weingärten besassen, zu ftinfzehn, 
die Judenhäuser aber zu achtzehn für einen Lahn veranlagt 
^wrerden. 

Der Besteuerung nach Lahnen imterlagen nur die Gründe der 
Unterthanen und im Jahre 1669 wurde der Beschluss gefasst, dass 
die bisher unterthänigen Gründe auch als solche zu verbleiben haben. 
Zu diesem Behufs wurde eine Generalvisitation angeordnet, die zur 
Vollendung ihrer Aufgabe neun Jahre benöthigte. 

In Folge kaiserlicher Entschliessung vom 10. November 1660 
übernahmen zur Erleichterung der Unterthanen die oberen Stände 
und königlichen Städte einen Theil der Contribution und als Ver- 
theilungsmassstab die Kamine der Häuser. Die Contributionssumme 
wurde von den Ständen auf die Steuerobjecte umgelegt. Die Re- 
gierung suchte die Unterthanen gegen Ueberlastung möglichst zu 
schützen. Namentlich unter Carl VI. wurden hierauf bezügliche 
Verftigungen getroffen, die Obrigkeiten verpflichtet, dem Kreisamte 
die Subrepartition vorzulegen, damit eine Prüfung vorgenommen 
werden könne, dass keinö Ungleichheiten vorhanden wären und 
die Obrigkeiten von den eingezogenen unterthänigen Gründen die 



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236 

Steuer entrichteten. ^) Da der Gesammtbetrag der Contribution 
unbedingt aufgebracht werden musste, war es gestattet, mittellosen 
und beschädigten Unterthanen einer Herrschaft die Steuer gänzlich 
oder theilweise zu erlassen und die Vermögenden stärker heran- 
zuziehen, jedoch durfte diese Uebertragung der Steuer von den 
Unvermögenden auf die Vermöglicheren nicht zwischen Unterthanen 
verschiedener Herrschaften, auch wenn sie einer Obrigkeit gehörten, 
stattfinden. *) 



In Schlesien wurde eine Rectification der Grundsteuer seit 
Beginn des dritten Jahrzehntes vorgenommen. ^ Das Land wurde 
in zwanzig Körper getheilt. Zwischen den einzelnen Körpern sollte 
eine Ausgleichung stattfinden. Die Commissionen hatten die 
Nutzungscapitalien zu ermitteln. Directivmassnahmen fiir die 
Classentaxation der steuerbaren Realitäten wurden in den nächsten 
Jahren erlassen, eine Rectifications-Hauptcommission in Breslau 
eingesetzt. Die Obrigkeiten hatten ftlr sich, die Ortsgerichte fiir 
die Unterthanen, die Magistrate für die Städte Fassionen über die 
Nutzungen aller der Besteuerung unterworfenen Gründe und Reali- 



*) Resolutionen vom 7. September 1730, vom 15. Januar 1734 und das 
Robot-Patent vom 27. Januar 1738. 

•) In Mähren war die VerÖieilung der Contribution folgende: 





Für 
der I 


den Lahn 


Vom Kamine 


Jnterthanen 


der 


Obrigkeiten 


der Unterthanen | 


fl. 


kr. 


Pfg. 


fl. 


kr. 


Pf«. 


fl. 


kr. 


P%. 


1717 


27 


36 




2 


58 




3 


58 


— 


Extraordinarium . . . 


7 


54 




2 


36 


2 


2 


36 


2 


1720 


22 


56 ! 


8 


3 






8 





Extraordinarium . . . 


6 


12 1 


1 


11 


1 




11 


1 


1721 (im Ordinarium) . 


25 


83 




3 


1 


2V, 




1 


2V« 


1721 (Extraordinarium) 


4 


35 




1 


4 


2 




4 


2 


1726 (Ordinarium) . . . 


28 


50 




3 


— 


IVs 




— 


l*/s| 


1726 (Extraordinarium) 


1 


52 




— 


26 


2 


— 


— 


- 


1728 (Ordinarium) . . . 


29 


2 




3 


1 


2 


4 


1 


2 


1728 (Extraordinarium) 


4 


10 




— 


58 


2 


— 


— 


— 


1736 (Ordinarium) . . . 


27 


53 




2 


55 


— 


3 


55 


— 


1736 (Extraordinarium) 


9 


58 


2 


19 


2 


2 


19 


2 


1738 (Ordinarium) . . . 


23 


53 


2 


53 


3 


3 


53 


3 


1738 (Extraordinarium) 


10 


24 




2 


26 


2»/« 


— 


— 


— 



^) Resolution vom 4. November 1711, Patente vom 1. December 17^1 
und 2. März 1722. F.C.P. 1. Juni 1722. d'Elvert's Finanzgeschichte enthalt 
eine ausführliche Darstellung. 




\ 



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237 

täten vorzulegen. Die ersten Fassionen waren allerdings lückenhaft, 
indem die ziemlicli beträchtlichen Nutzungen, welche aus Boboten 
und Zinsen herrührten, unberücksichtigt geblieben waren. Durch 
die Patente vom 17. August 1733 wurden daher neue Bestim- 
mungen erlassen und namentlich von den Obrigkeiten Ergänzungen 
zu ihren firüheren Bekenntnissen gefordert. Trotzdem waren Un- 
gleichheiten nicht ganz beseitigt, weil der Flächeninhalt der Gründe 
blos nach der Ansage veranlagt, Wiesen, Hutweiden und Teiche 
nur nach dem Augenschein gemessen wurden. Den Grundertrag 
berechnete man netch der Qualität des Bodens. In den Städten 
wurden die Erträgnisse als Steuerbasis angenommen, entweder nach 
dem wirklichen Miethzinse oder nach einer Parification desselben, 
wenn der Besitzer das Haus bewohnte. Das Einkommen der 
Städte (Waag- und Standgelder, Wein- und Bierkeller-Nutzungen, 
die Zinse von städtischen Brauhäusern und Zünften u. s. w.) wurde 
der Besteuerung einbezogen. Die wirthschaftliche Bedeutung dieses 
Landes ist daraus ersichtlich, dass das Werthcapital, welches der 
Besteuerung unterlag, sich auf neununddreissig Millionen Thaler 
belief. Die Oontribution Schlesiens betrug in den letzten Jahren 
Carl VI. über zwei Millionen Gulden, femer Beträge für Recru- 
tierung, Remontierung und andere Landeserfordemisse. Allein damit 
waren die Leistungen des Landes nicht erschöpft. Abgesehen von 
der Militäreinquartierung, Verpflegung und Vorspann brachte die 
Universalaccise, welche einzuführen in Schlesien gelang, während 
in den anderen Ländern der Widerstand der Stände nicht zu 
besiegen war, im Durchschnitte der Jahre 1736 — 1738 1*515 Mil- 
lionen. Niemand war von der Entrichtung befreit und dieselbe 
belastete besonders die Landbevölkerung. Mit der Aufhebung der- 
selben beschäftigte sich eine Commission in den Jahren 1738 und 
1739 und erörterte den Gedanken, dieselbe auf dem Lande zu 
beseitigen und nur in den Städten beizubehalten. Friedrich H. 
jRihrte nach der Besitzergreifung Schlesiens im Wesentlichen durch, 
was die Oesterreicher geplant haben. 

In den österreichischen Ländern : Oesterreich unter und ob der 
Enns, Steyermark, Kämthen und KJrain beruhte die Grundbesteuerung 
auf dem Gültanschlage, worunter das Einkommen aus dem herr- 
schaftlichen Grundbesitze mit Inbegriff der Gebäude, femer aus 
Zins, Zehent und Naturaldiensten der Unterthanen und andere 
Nutzungen verstanden wurden. Die Beitragsleistung der deutsch- 
österreichischen Länder wurde auf dem Landtage zu Brück an 
der Mur im Jahre 1544 durch ein Abkommen zwischen Oester- 



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238 



i 



4i 



1 



reich ob und unter der Enns, Steyermark, Kämthen und Krain 
geregelt. Die letztgenannten drei Länder, damals Inner-Oester- 
reich genannt, sollten an Contribution ebenso viel entrichten, 
als Oesterreich unter und ob der Enns zusammengenommen. 
Von der öesammtleistung Inner - Oesterreichs entfielen auf 
Steyermark V9, auf Kämthen und Elrain V9, von dem letzteren 
Betrage auf Kämthen Vs, auf Krain Vs. Steyermark war 
mit 72.000 Pfunden begültet, Kämthen mit 34.000, Krain 
mit 22.000. Im Jahre 1558 fand ein Landtag zu Brück an der 
Mut statt, woran die Stände von Steyermark, Krain, Kämthen 
und Q-örz Antheil nahmen. Kämthen musste auf Andringen der 
steyerischen Stände 2000 Pftmde mehr übernehmen, wodurch es mit 
36.000 Pfunden begültet wurde. Die Unterthanen hatten zwei 
Drittel, die Obrigkeiten ein Drittel zu entrichten. Ein Extra- 
ordinarium wurde seit 1650 im Betrage von 127.000 Gulden ent- 
richtet. Seit dem Jahre 1726 wurde eine Abschreibung von 
12.000 Gulden bewilligt. Femer wurde seit 1631 ein Eüstgeld 
eingehoben und zwar von jeder Hube vier Gulden, von jedem 
Zulehen zTwei Gulden zwanzig Kreuzer, von jeder Keusche fiinf- 
undfiinfzig Kreuzer, ausserdem ein Remonten- und ßecruten- 
beitrag. ^) Am 27. September 1737 erfloss eine kaiserliche Ent- 
schliessung, eine andere Contributions-Einrichtung einzufiihren, die 
jedoch erst unter Maria Theresia durch das Patent vom 
5. September 1747 in's Leben trat.*) 

Eigenartig hatte sich die Grundsteuer in Tyrol entwickelt. 
Nach dem Landlibelle Kaiser Maximilian L vom Jahre 1511 
hatte Tyrol die Pflicht, 5000 Kxiegsknechte bei jedesmaligem Auf- 
gebote zu stellen, wozu Adel, Geistlichkeit und Gerichte im Ver- 
hältnisse zur Bevölkerung und des Realbesitzes beizusteuern hatten. 
Das Land war in Folge dessen in 5000 Bezirke eingetheilt und 
jeder hatte einen Streitknecht einen Monat lang (damals die ver- 
fassungsmässige Dauer des Kriegsdienstes) zu verpflegen. Als im 

*) Auch die Aufbringung der Anzahl derRecruten, sowie die Vertheilung 
derselben auf die einzelnen Länder waren ebenfalls genau geregelt. Die öster- 
reichischen Länder hatten 6V4, die böhmischen 11 '/i aufzubringen; von der 
auf die böhmischen Länder entfallenden Quote kamen auf Böhmen öVs, auf 
Schlesien 3'Vi2, auf Mähren I'Vm. Inner-Oesterreich hatte HVs, Ober- undNieder- 
Oesterreich ebenso viel aufzubringen ; von der auf Inner-Oesterreich entfallenden 
Quote kamen auf Steyermark die Hälfte, auf Kämthen Vio, auf Krain '/u 

') Acten des Landes-Archivs zu Klagenfurt, femer fünfzig Conferenz- 
Protocolle in militaribus von den Jahren 1716—1720. (Hofkammer-Archiv). 



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239 

Jahre 1573 die Stände die Schulden des Erzherzogs Ferdinand ü. 
übernahmen, wurde die erste förmliche Grundsteuer ausgeschrieben. 
Die Repartition richtete sich nach der Theilnahme an der Aus- 
stattung eines Kriegsknechtes und die bisherigen Küegsknechte 
verwandelten sich daher in Steuerknechte, deren Anzahl sich jedoch 
durch die bei dem Grundbesitze eingetretenen Veränderungen ver- 
minderte. Zur Wiederherstellung der vollen Zahl von 5000 Kriegs- 
knechten wurde unter Carl VI. eine Reform des Steuerwesens 
begonnen und unter den Nachfolgern fortgesetzt. 

In der Regel fand die Bewilligung der Länder-Oontribution 
jährlich statt. Ladess wurden auch Vereinbarungen mit den Ständen 
(Recesse) geschlossen, wobei die Leistimgen für eine Anzahl von 
Jahren festgesetzt wurden. So wurde 1713 ein Recess auf zehn 
Jahre abgeschlossen (Decennal-Impegno). Nieder-Oesterreich ver- 
pflichtete sich, während dieser Zeit jährlich 600.000 Gulden an 
Con^ribution aufzubringen, wovon jene Summen abgezogen wurden, 
die für die Verzinsung und Rückzahlung einiger Darlehen vorbehalten 
blieben; Mähren übernahm die Aufbringung von 950.000 Gulden, 
Böhmen von zwei Millionen. Die Stände nutzten aber diese Gelegen- 
heit, um für ihre Bereitwilligkeit bestimmte Zusagen oder Be- 
günstigungen zu erhalten. Auch in der Folge kam es in einigen 
Ländern zu Abmachungen bezüglich der Höhe der Contribution 
auf eine Anzahl von Jahren, so z. B. in Nieder-Oesterreich im 
Jahre 1723 und am 9. Juli 1730. Durch den erstgenannten Recess 
vom 12. März 1723 hatte sich Nieder-Oesterreich zur Entrichtung 
einer bestimmten Oontributionssumme behufs Entrichtung der für 
den Staat aufgenommenen Schulden verpflichtet und zwar bis 
Ende 1740 ^) ; später wurde der Termin der Anlehenstügung bis 
zum Jahre 1745 erstreckt und endlich durch einen Recess vom 
9. März 1739 bis zum Jahre 1754. 

Nebst dem Ordinarium und Extraordinarium hatten die Länder 
noch mannigfache Beträge unter verschiedenen Titeln zu leisten, 
so z. B. Portificationsbeiträge für die Erhaltung der Festungen ; 
sie hatten Monturen und Gewehre f(ir die Recruten, sowie Pferde 



*) Während des pohiischen Thronfolgekrieges bewilligten die Stände 
für 1735 und 1736 weitere 200.000 Gulden unter der Bedingung, dass, im Falle 
eine Vermögens-Steuer vorgeschrieben würde, die bei den Ständen „anliegenden 
CapitaÜen" befreit bleibensollen. (Landtagsbeschlüsse vom 27. November 1734 
und 20. December 1735.) 



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240 

beizustellen, letzteres gegen eine massige Vergütung. Es wurde 
öfters Klage geftlhrt, dass die Länder viel mehr zu leisten hätten, 
als sie bewilligen und dass dieselben durch derartige Excesse 
ruiniert würden. ^) Femer hatten die Länder das vorgeschriebene 
Service (Feuer, Licht und Liegstätte), sowie Vorspanne zu leisten, 
für die Bequartierung des Militärs Sorge zu tragen, die Brot- xmd 
Pferdeportionen zu verabreichen. Die Finanzconferenz beschäftigte 
sich zu wiederholten Malen mit der Erörterung, wie die Lasten 
der Unterthanen erleichtert werden könnten und beantragte die 
Erbauung von Kasernen, um die höchst beschwerliche Quartierlast 
zu beseitigen, dann die Durchzüge, die übermässige Verpflegung 
und die Vorspannleistungen abzuschaffen, femer die Müiz ausser der 
nöthigen Besatzung nach Ungarn, Siebenbürgen und in die Walachei 
zu verlegen, wodurch der Consum der Naturalien befördert, den 
deutschen Erblanden aber der Nervus rerum gerendarum zu prästieren, 
reserviert werden könnte. *) 

Bei besonderen Anlässen wurden an die Länder noch ander- 
weitige Anforderungen gestellt, so bei Krönungen, Reisen des 
Kaisers, bei Hochzeiten im Kaiserhause. ^) Jede unvorhergesehene 
Ausgabe bereitete der Hofkammer Verlegenheiten, so die Beise des 
Kaisers zur Krönung nach Prag und spdann nach Carlsbad, deren 
Kosten auf 800.000 Gulden berechnet wurden. Von den böhmischen 
Ständen erwartete man einen Beitrag von 200.000 Gulden, der 
Eest sollte durch eine Anticipation von den „Opulentioribus regni" 
und den Prälaten eingebracht werden und zwar gegen eine sechs- 
percentige Verzinsung und einer nach drei Jahren alljährlichen Rück- 
zahlung von 100.000 Gulden.*) Einige Jahre später gerieth man 
in Verlegenheit, die Summe aufzubringen, welche die Reise des 
Monarchen nach Graz, und den anderen innerösterreichischen 
Ländern erforderte. Als die Verheirathung Maria Theresia's 
bevorstand, wurde das Anliegen an die Stände zu einer Beitrags- 
leistung damit gerechtfertigt, dass „zu der gebührenden Aus- 
staffierung namhafte Geldsummen erforderlich seien, welche dem 
enervierten Aerar herbeizuschaffen nicht wohl möglich sei". Von 



*) Finanz-Conferenz-Protocolle vom 18. Dec. 1718 u. 16. Jan. 1719. 

') Finanz-Conferenz-ProtocoU vom 13. August 1720. 

•) So z. B. bewilligten die mährischen Stände 1719 zur VermäMung der 
Erzherzogin Maria Josepha mit dem Churprinzen von Sachsen 20.000 
Gulden, zahlbar in zwei Raten. 

*) Finanz-Conferenz-ProtocoU vom 28. Januar 1728. 



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241 

den böhmisclien Ständen wurden 110.000 Gulden gefordert.^) Die 
Stände, welche „über diese Vermählung herzinnigliche Freude 
geschöpfet", bewilligten 5000 Speciesducaten als Hoohzeitsgeschenk 
und zur Ausstaffierung 90.000 Gulden. Die Obrigkeiten machten 
sich anheischig, diese Summe allein aufisubringen mit der Bemerkung, 
dass bisher die „Halbscheid" auf die Unterthanen entfallen war. ^) 

Die grössten Anforderungen wurden an die deutsch - böhmi- 
schen Länder gestellt, während die* Länder jenseits der Leitha 
im Verhältnisse zur Grösse des Gebietes verhältnissmässig wenig 
steuerten. La den massgebenden Kreisen der Residenz be- 
schäftigte man sich eingehend mit der Frage, welche Mass- 
nahmen zu ergreifen seien, imi eine grössere Beitragsleistung 
Ungarns und der dazu gehörigen Gebiete zu erzielen. Eine Denk- 
schrift liegt aus dem Jahre 1722 vor, deren Verfasser, wenn ich 
nicht irre, Prandau war, worin die Sachlage eingehend erörtert 
ist. Ungarns Verfassung, heisst es daselbst, sei so verfallen, dass 
es nothwendig sei, „auf ein zulängliches Eemedium zu kommen" ; 
im Lande selbst beschäftige man sich mit allerlei Vorschlägen, wie 
dem Uebel zu steuern sei, ohne sich einigen zu können; die so 
kostbare Landesconscription sei noch nicht so weit präpariert, um 
dem Kaiser vorgelegt werden zu können; über die ungleiche Ver- 
theilung der Contribution werde von den Ständen geklagt und 
von dem Unterthanen dargelegt, dass in den Comitaten das alterum 
tantum ausgeschrieben werde, als von dem Monarchen gefordert 
Tvorden sei; die zahlreichen Erhebungen in den Adelstand haben 
Befreiung von der Steuer zur Folge, die Contribution werde nicht 
in billiger Weise ausgemessen, die Eobot betrage in einigen Orten 
zweiundfänfzig, in anderen fünfiindsechzig Tage jährlich, die Contri- 
bution sollte justizmässig nach Vermögen aufgetheilt werden. 

Waren alle Stimmen darüber einig, ^ass die Contribution in 
Ungarn nicht nach bUligen Anforderungen eingehoben werde, über 
die Mittel zur Beseitigung der unstreitig vorhandenen Uebelstände 
giengen die Ansichten auseinander. Ein Vorschlag lag vor, eine 



*) Bescript an die Stände. 22. December 1735. 

^ Die StÄnde hatten auch Beiträge zu Besoldungen für die obersten 
Würdenträger zu leisten. So z. B. Mähren : Adjutum für den Obristen Kanzler 
2O00 Gulden, anfangs nur zeitweilig, später bleibend, femer zur Vergrösserung 
des Personals der Hofkanzlei, für das mährische k. Tribunal. Böhmen für die 
„Abschickimg und Unterhaltimg mehrerer Bot- und Gesandtschaften" ein 
„quantum camerale" von 100.000 Gulden, später 150.000 Gulden. 

Oesterreichischer Erbfolgekrieg, I. Bd. 16 



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242 

Kopfsteuer einzuführen, allein man kannte die Anzahl der Contri- 
buenten nicht, um mit Sicherheit bestimmen zu können, dass auf 
diesem Wege eine höhere Einnahme werde erzielt werden. Jeden- 
falls mussten die Geistlichkeit, der Adel, die „Bedienten" des 
Landes und der Comitate, dte eine grosse Anzahl ausmachten, 
herangezogen werden. Aber wie sollte die Neuerung bewerkstelligt 
werden, da nicht bezweifelt werden konnte, dass die neue Ordnung 
bei so Vielen, die bei der Unordnung sich besser befanden, Wider- 
stand finden dürfte? Die Einnahme aus der Contribution in Ungarn, 
überhaupt aus den Gebieten jenseits der Leitha, reichte nicht 
einmal aus, lun die Kosten für das Militär zu bedecken. Die 
während des Türkenkrieges erworbenen Länder Serbien, Walachei, 
Temesvarer Banat, Slavonien brachten nicht einmal die hiefiir 
erforderlichen Kosten auf. ^) 

Jede, wenngleich geringe Erhöhung der Contribution stiess 
auf Schwierigkeiten, sie konnte oft nur mit Mühe durchgesetzt 
werden und als im vierten Jahrzehnt die deutsch-österreichischen 
Länder während der Kriegsjahre zu höheren Leistungen heran- 
gezogen werden mussten, wurde für Ungarn nur eine verhältniss- 
mässig kleine Erhöhung der Contribution um 500.000 Gulden in 
Aussicht genommen, deren Einbringung schwierig war. ^ Alle 
Versuche, eine Gleichmässigkeit in der Beitragsleistung zwischen 
den Ländern diesseits und jenseits der Leitha herbeizuführen, 
blieben ergebnisslos. 

Der polnische Thronfolgekrieg, sowie der beld darauf aus- 
brechende Türkenkrieg nahmen die finanziellen Mittel des Staates 
stark in Anspruch, da die vorhandenen Steuern zur Bestreitung 
der Kosten nicht im Entferntesten hinreichten. Namentlich 
Starhemberg drängte zur Ausschreibung einer Vermögens- 
steuer. Die Erfordernisse, legte er dar, seien ungemein gross, 
Kanuner und Bancalität seien an baarem Gelde so entblösst, dass 
man kaum 200.000 Gulden aufbringen könne und die Umstände 
derart, dass man eine Armee in's Feld stellen müsse, wodurch 
allein die drohende Gefahr und der Euin der Länder aufzuhalten 
sei ; die Noth sei so gross, dass man auch auf Extreme verfallen, 
Vermögens- und andere Steuern ausschreiben sollte, damit man 
nur mit den erforderlichen Mitteln versehen sei, sofort auszuhelfen. 



*) Finanz-Conferenz-Protocoll vom 25. Februar 1722. 
») Protocoll der Deputation vom 3. December 1733. 



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243 

Die kaiserliche EntsGhliessung genehmigte den Antrag. ^) Die Aus- 
führung wurde durch neue Berathungen verzögert. Es schien nicht 
rathsam, einPatent vorSchluss desböhmischenLandtages, auf welchem 
die Stände zu einer beträchtlichen Anticipation von 1*2 Millionen 
Gulden ihre Zustimmung gegeben hatten, zu erlassen. In Schlesien 
waren 0*8, in Mähren 0*4 Millionen zugesagt worden. Auch giengen 
die Ansichten auseinander, ob die Bancalitätsschulden von der 
Steuer in ähnlicher Weise, wie jene der Stadtbank befreit werden 
sollten ; endlich hatte man den Ländern durch Recesse versprochen, 
nur in dem Falle eines Türkenkrieges neue Anforderungen zu 
stellen. Graf H a r r a c h bemerkte jedoch : die Noth sei jetzt grösser 
als zur Zeit des Türkenkrieges; es werde daher Jeder begreifen, 
dass man durch ausserordentliche Mittel und Anlagen das Publicum 
zu retten suche. Eine Einigung erfolgte vorläufig dahin, blos ein 
Interimspatent zu veröffentlichen, über den Steuerfuss jedoch das 
Einvernehmen zwischen Hofkammer und Hofkanzlei abzuwarten. ^ 
Auch die Erhebimg einer Kopfsteuer wurde in Erwägung gezogen, 
allein der Vorschlag stiess auf grosse Bedenken. 

Am 23. November 1733 erfolgte die Ankündigung, dass der 
Kaiser sich genöthigt sehen werde, eine Vermögenssteuer einzu- 
fiihren und am 10. Februar 1734 erschien das darauf bezügliche 
Patent. Alle Unterthanen, wie auch die Landschaften, Städte, 
Märkte und Oommunitäten in corpore wurden zur Entrichtung 
verpflichtet, die armen Bürger und Bauern, überhaupt jene Per- 
sonen, deren jährliche Einkünfte nicht über 400 Gulden betrugen, 
ausgenommen. Mit der Durchfährung wurde eine Hof-Commission 
betraut. 

Die Einhebung der neuen Steuer war aber mit Schwierigkeiten 
i7erbunden, wenn erst die Commissionen in den verschiedenen 
. Ijändem die Einschätzungen vornehmen sollten. Die Hofkammer 
befand sich in arger Noth ; die „Fundi" seien ungewiss, klagte der 
Präsident, „und man könnte eine bestimmte Zeit, wann dieselben 
einfliessen werden, nicht angeben, der Credit sei so zu Boden, dass 
^veeder Geld, noch Wechsel zu beheben imd an Baarem ein solcher 
Abgang, dass nirgends mit einer Anticipation aufzukommen möglich". 
Seine ganze Hoffiiung beruhte auf der Vermögens-Steuer und er 



*) Protocoll der Deputation vom 28. October 1783. 

') Conferenz-Protocoll vom 22. November 1733. „Die Vermögens-Steuer 
xs-t bei jetzigen Nöthen unentbehrlich", lautet die kaiserliche EntschUessimg, 
^yxnithin ohne Zeitverlust ratione publicationis, quanti et modi collectandi das 
I^Öthige zu berathschlagen". 

16* 



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244 

stellte den Antrag, den Ständen „ein raisonnables Pauschquantum'* 
anzubieten, denn es werde längere Zeit benöthigen, ehe die 
Fassionen einlangen. Die Gelder würden spärlich einlaufen und 
da man über die Höhe der Erträgnisse keine sicheren Anhalts- 
puhote habe, könne man auch den Darleihern keine bestimmte 
Zusicherung machen. ^) 

Es scheint, dass die Stände Nieder-Oesterreichs die Initiative 
ergriffen und einen Pauschalbetrag anboten, dessen Aufbringung 
ihnen überlassen werden sollte. Für den Staat war diese Modahtät 
jedenfalls erwünscht, wenn es gelang, mit allen Ländern eine Ver- 
einbarung zu treffen und die Ablieferung der von den Ständen 
übernommenen Summe innerhalb einer kurz bemessenen Frist zu 
erzielen. Dort, wo eine Abmachung erfolgte, sollte den Ständen 
die Einhebung überlassen werden, sonst aber eine „individuelle 
Collection" durch staatliche Organe eintreten. In Nieder-Oesterreich 
kam auch in der That zuerst eine Vereinbarung zu Stande; die 
Stände bewilligten 225.000 Gulden, für die folgenden Jahre 500.000 
Gulden. Die Herrschaften übernahmen die Aufbringung des Be- 
trages. Die Unterthanen sollten nicht das Geringste bezahlen. Die 
Stadt Wien übernahm als halber vierter Stand ein „Pauschquantum", 
wogegenihr die Collectation von allen bürgerlichenHäusem, aUen Capi- 
taKen und Besoldungen über 500 Gulden überlassen wurde. In Böhmen 
fanden die Stände, dass kein prompteres Mittel vorhanden, als die 
allgemeine Vermögens-Steuer durch eine „den annoch übrigen wenigen 
Kräften des Landes commensurierte Pauschhandlung zu reluieren." 
Ueber die Höhe der Summe zogen sich die Verhandlungen in die 
Länge. Die Stände boten für 1734 den Betrag von 350.000 Gulden, 
die Regierung forderte 400.000 Gulden, binnen vier Monaten zahlbar, 
worauf endlich „nothgedrungen" eingegangen wurde, nachdem die 
Zustimmung der Regierung über die Art der Aufbringung eingelangt 
war. Hienach hatten die Herrschaften und Güter von dem vertazten 
Fass Bier dreissig Kxeuzer, die Städte, die von dem Bier bereits 
den doppelten Taz zu entrichten hatten, fiinfzehn Kreuzer zu 
zahlen ; die „possessionierten Capitalisten" wurden von ihrem Ver- 
mögen mit ein Viertel Procent, die unpossessionierten und die 
Pensionisten mit einhalb Procent besteuert, letztere aus dem 
Grunde „weü sie den Landesschutz gemessen und dem PubUco 
niemalen etwas beigetragen" ; jene, „welche feiernde Gelder über 

>) ProtocoU 29. Nov. 1734. 



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246 

die Nothdurffc erliegen haben", sollten ein Procent zahlen ; mit den 
Wechslern und den ein „lucroses" Gewerbe treibenden Bürgern und 
Handelsleuten soDte die Commission eine Pauschhandlung einleiten. 
Im folgenden Jahre forderte ein kaiserliches Rescript vom 28. Januar 
1735 die Veranlagung der Steuer nach dem Muster Nieder-Oester- 
reichs. Die Stände wiesen auf die Schwierigkeiten und Incon- 
venienzen hin, indem hieraus die grössten Ungleichheiten sich 
ergeben und das Königreich stark prägraviert würde. Sie boten 
800.000 Gulden, wenn ihnen die Einhebung wie im Vorjahre über- 
lassen würde, willigten aber endlich trotz der „geldklemmenen 
Zeiten" ein, eine Million zu liefern, „weilen sie in alle Begeben- 
heiten mit ihrer Devotion sich zu distinguieren bishero besonders 
beflissen gewesen". Natürlich musste der Steuerfdss eine Erhöhung 
erfahren. Das mobile und immobile Capital, auch jenes der Kirchen 
und milden Stiftungen wurde gleichmässig mit ein Procent besteuert, 
nur jene Oapitalisten, welche sich seit 1727 an den ständischen Anlehen 
betheiligt hatten, sollten ein halbes Procent zahlen, jene, die sich 
mit Vorschüssen zur Completiening des vorjährigen Anlehens bereit- 
willig gezeigt, ganz frei bleiben. Neu war die Bestimmung, dass 
Beamte, Doctoren, Landesadvocaten, Herrschafts- und "Wirthschafts- 
bediente, "Wechselnegocianten, Juweliere, Eauchfangkehrer u. s. w., 
„ins Mitleiden" gezogen werden sollten. 

Dem Monarchen muss nachgerühmt werden, dass er zu wieder- 
holten Malen forderte, den armen Mann mit der Vermögens-Steuer 
nicht zu belasten. Carl liess sich durch die Darlegung nicht 
beschwichtigen, dass in keinem Lande, ausser in Schlesien, der 
arme und gemeine Mann zur Steuer herangezogen worden sei. 
Bei CoUectierung der Vermögens-Steuer, bemerkte der Kaiser in 
einer Entschliessung auf das Deputations-Protocoll vom 5. März 
1*736, ist nicht genug, „dass selbe von den Landschafben nicht auf 
die Unvermöglichen geschlagen werde, sondern es ist auch dahin 
zu sehen, dass es von den Herrschaften unter besonderen und 
erfindenden Auslagsrubriken nicht geschehe, wie er glaubwürdig 
berichtet worden sei, dass es ausser Schlesien da und dort 
geschehen sei, so eine Gewissenssach ist". Schwieriger wurden 
die Verhandlungen für das Jahr 1737. Noch war der Friede 
nicht geschlossen, ein Abgang von über 15 Millionen stand in 
Sicht, für dessen Bedeckung der Hofkammer-Präsident keinen 
Rath wusste. Der Abgang im Erfordemiss, bemerkte er in der 
Sitzung der Deputation vom 28. Februar, sei so gross, ds^ss er 
ohne Vermögens-Steuer nicht sehe, wie man nur einige wenige 



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246 

Monate die Löhnungen für die Truppen in Italien und im Reiche 
beschauen solle. Auch habe man vorweg Schulden gemacht und 
don Darleihern die Eingänge der Vermögens-Steuer zugesichert. Es 
war ein düsteres Bild, welches den Mitgliedern der Conferenz 
entrollt wurde und allgemein die Ansicht, dass man einen solch' 
hohen Betrag wie im Vorjahre, nicht werde aufbringen können. 
Im Vorjahre, legte der Obristburggraf von Böhmen dar, habe das 
Extraordinarium 1,152.000 Gulden, die Vermögens-Steuer 1,000.000, 
daher zusammen mehr als das Ordinarium betragen. Die Trank- 
steuer, fiüher ein Contributionsfond, sei nunmehr an das Camerale 
übergegangen, die Steigerung des Salzpreises hätte vor zwei 
Jahren aufliören sollen, das Subsidium praesentaneum im Vor- 
jahre sei eine neue Beschwerde gewesen; die Herabsetzung der 
Million für die Vermögens-Steuer sei nothwendig, ein Theilbetrag 
sollte daher durch Anticipationen aufgebracht werden dürfen. Der 
Landmarschall von Nieder-Oesterreich befürwortete ein ,, Surrogat'* 
flir die Vermögens-Steuer, die im Vorjahre nicht in der Höhe des stipu- 
lierten Betrages habe aufgelegt werden können und in ähnUcher 
Weise sprachen sich die Vertreter der anderen Länder aus. In 
einigen Ländern weigerten sich die Stände, mehr als in Friedens- 
zeiten zu bewilligen, so namentlich in Kämthen und B[rain, und 
was die Vermögens-Steuer anbelangt, so erfolgte wohl von einigen 
Ständen nach langwierigen Verhandlungen die Bewilligung des 
geforderten Betrages, dessen Höhe im Verhältniss zur Leistung 
Böhmens und Mährens ausgemittelt wurde. Jenen Landtagen, die 
mit ihrer Zustinamung zögerten, wurde eine Praeclusivfiist gestellt, 
widrigenfalls die Individual-Collecte eintreten würde, aber die an 
die Gassen abgelieferten Summen waren winzig genug. Namentlich 
Schlesien imd Mähren blieben stark im Kückstande; Schlesien 
sollte 666.666 Gulden 40 Kreuzer aufbringen und hatte blos 22.000 
Gulden erlegt, Mähren hatte statt 333.333 Gulden nur 74.000 
Gulden abgeliefert, Böhmen statt 1,000.000 blos 390.000 Gulden, 
Oesterreich ob der Enns, Steyer, Kämthen und Krain waren mit 
dem vollen Betrage im Rückstande. Bei näherer Prüftmg ergibt 
sich, dass die Länder in der That nicht im Stande waren, den 
Forderungen nachzukommen. Die Rückstände der Contribution 
waren ebenfalls beträchtlich. ^) Auch in den Ländern jenseits der 



*) Die Vermögenssteuer betrug 1734 in den böhmischen L&ndem 800.000 
Gulden, in Nieder-Oesterreich 225.000, im Lande ob der Enns 76.000, in Steyermark 
76.000, in Kämthen 45.000, in Krain 30.000, zusammen 1-25 Millionen Gulden. 
Für 1786 Böhmen 1 Million, Mähren 333.333, Schlesien 666.666, Nieder-Oester- 



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247 

Leitha waren die Rückstände beträchtlich und wurden während 
des Sommers mit Energie eingetrieben; bis October waren aber 
nur geringe Beträge eingegangen. 

Die finanzielle Lage war um so düsterer, als ein neuer Krieg 
in Sicht stand. Bereits im October 1736 beschäftigte man sich mit 
dem Voranschlage für das nächste Jahr. Die Anforderungen, welche 
an die Länder gestellt werden mussten, waren gewaltig und beliefen 
sich im Ganzen auf 12*15 Millionen. Für die Militär- Ausgaben waren 
jedoch blos 8-01 Millionen verfiigbar, da die Retinenda der Länder 
über 4 Millionen ausmachten; ja, es war fraglich, ob es gelingen 
werde, die präliminierten Beträge einzubringen. Li Nieder-Oesterreich 
war namentlich der halbe vierte Stand unvermögend, in Tuner- 
Oesterreich weigerten sich die Stände, das Extraordinarium zu 
bewilligen; der Hofkammer-Präsident klagte, dass im Camerale alles 
aufliege, niemand bezahlt werden könne; die besten Gefalle seien 
mit Schulden überladen, man könne nichts weiter verpfänden, man 
müsse das Unvermögen der Länder zugeben, da die Wasserschäden 
im Frühjahre die Unterthanen in die grösste Armuth gestürzt 
haben. 

Ln Jahre 1736 war den Ständen versprochen worden, dass 
die Vermögens-Steuer zum letzten Male zur Erhebung gelangen 
solle. Hieran musste festgehalten werden. Man gab nun dem Kinde 
einen anderen Namen: Türkensteuer. Seit December 1736 stand 
die Einfiihrung derselben auf dem Programm der Regierung und 
man erwartete eine Einnahme von drei Millionen Gulden. ^) Der 
Erlass eines Patentes wurde jedoch für den Zeitpunct vorbehalten, 
wenn die damals versammelten Stände das Ordinarium und Extra- 
ordinarium für das kommende Jahr bewilligt haben würden, da 
man befürchtete, dass, wenn während der Verhandlungen die Ein- 
führung einer neuen Steuer ruchbar würde, die Contribution nicht 
in der beanspruchten Höhe zugestanden werden dürfte. Erst im 
April 1737 gelangten die Berathungen über die neue Steuer zum 



reich 500.000, ob der Enns 100.000, Steyermark 160.000, Kämthen 50.000, Krain 
40.000, zusammen 2*84 Millionen Gulden. 

Im April 1736 waren im Rückstände : 

In Böhmen 1,659.428 fl. 

In Mähren 322.900 „ 

In Schlesien 62.000 „ 

In Nieder-Oesterreich 410.264 „ 

In Steyermark 67.719 „ 

') Conferenz-ProtocoUe vom 17. und 28. December 1736. 



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248 

Abschlüsse. Dieselbe sollte nicht als ein Postulat an die Länder 
gelangen, sondern durch ein Patent „in Ansehung der drückenden 
Noth aus landesfiirstlicher höherer Gerechtsame und landesväterhcher 
Vorsorge publiciert, angelegt und zur Execution gebracht werden". 
Wenn die Stände, wie bei der Vermögens-Steuer, die Geneigtheit, 
sich abzufinden, bekunden sollten, wollte man sich mit ihnen ver- 
ständigen ; durch die Publicierung des Patentes wäre aber wenigstens 
so viel gewonnen, „dass der Fundus selbst zu seiner Existenz 
gelangen und durch unnöthige Vorstellungen, Deprecationen und 
wiederholte ßescripte nicht Zeit verloren würde." Die Modalitäten 
der Einhebung sollten die gleichen sein, wie bei der Vermögens- 
Steuer, eine Hof-Commission in Wien mit der Einschätzung und 
Einhebung für alle nicht in den Cataster der Provinz gehörigen 
Parteien betraut werden, die Abzüge bei Besoldungen und Pensionen 
wurden der Bancalität übertragen, endlich sollte mit den Ständen 
ein Pauschbetrag vereinbart werden; wenn diese sich weigerten, von 
ihnen ein Verzeichniss jener Parteien gefordert werden, welche zur 
Vermögens-Steuer einbezogen wurden, um sodann etwa zu errich- 
tenden Hof-Commissionen das Geschäft zu erleichtem. Man erwartete, 
dass die Stände durch die in Aussicht zu stellenden Hof-Commissionen 
sich geneigt zeigen werden, auf die Forderung einzugehen. Als 
Vermögens-Steuer waren pro 1736 2,840.000 Gulden veranschlagt 
worden, eine ähnliche Forderung sollte auch als Törkensteuer 
gestellt werden. Nur in Schlesien erschien es nothwendig, einen 
um die Hälfte geringeren Betrag zu beanspruchen, da das Land 
im letzten Sonmier durch Regengüsse stark gelitten hatte. Im 
Vorjahre war auch gestattet worden, dass die Vermögens-Steuer 
innerhalb vier Jahren abgeführt werden solle und es erschien mit 
Rücksicht auf die materielle Lage nicht möglich, nebst der Ver- 
mögens-Steuer-Quote noch den vollen Betrag der Türkensteuer zu 
erheben. 

Das Patent vom 17. April 1737 verfiigte, dass Jedermann, 
geistlichen oder weltlichen Standes, der unbewegUche Güter besitze, 
von seinem Vermögen den hundertsten Theil zu entrichten habe, 
niemand ausgenommen als der arme Bauersmann, welcher „mit 
Contribution, Gaben und anderen Lasten belegt ist, nebst den 
aimen Lileuten'*. Der Werth solcher Güter sollte nach dem Mittel 
eines sechsjährigen Erträgnisses zu fünf Procent angeschlagen 
werden, doch sollten diejenigen, welche ihre Häuser in Wien ganz 
oder theilweise selbst bewohnten, von dieser ihrer Wohnung den 
hundertsten Pfennig, doch nur mit dem vierten Theil dessen, 



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249 

was sie im Fall der Bestandverlassung ungefähr zu zahlen hätten, 
abzustatten verbunden sein ; jene, welche das kaiserliche Hof quartier 
gemessen, haben anstatt des hundertsten Pfennigs die Hälfte der 
ausgewiesenen Quartiertaxe zu erlegen. Das todte Vermögen 
unterliegt dieser Steuer nicht. Jeder Contribuent ist berechtigt, 
seinen Creditoren oder anderen mit geistlichen oder weltlichen 
Stiftungen, Apanagen, Wittwenunterhalt u. dgl. angewiesenen 
Parteien den entrichteten Betrag in Abzug zu bringen. Die Be- 
kenntnisse mussten von dem Steuerpflichtigen oder von dessen 
Bevollmächtigten „sub nobili fide" eigenhändig unterzeichnet und 
längstens bis Ende Mai bei der besonders bevollmächtigten Hof- 
Commission, mit deren Vorsitz der niederösterreichische Statt- 
halter Graf Sigmund Friedrich Khevenhüller betraut war, 
„bei sonst verwirktem Duplo" eingereicht werden. Jenen, welche 
ihre Schuldigkeit binnen drei Monaten erlegen, wurde ein Abzug 
von zehn Procent gestattet. Fideicommiss- und Majoratsbesitzem 
wurde die Aufiiahme eines Anlehens auf Hypotheken bewilligt, 
doch musste die Rückzahlung binnen vier Jahren, alljährlich ein 
Viertel, erfolgen. Alle Anlage-Oapitalien, sowie die „im Hause 
feiernden Gelder" hatten „die Centesima" zu entrichten; der 
Schuldner war berechtigt, dem Gläubiger den Betrag abzuziehen. 
Ausgenommen blieben die in der Stadtbank und in der Bancalität 
angelegten Gelder. Von allen Besoldungen, Pensionen und Adjuten 
über fünfzig Gulden waren zwei Groschen vom Gulden von den 
Aemtem abzuziehen. Die „Industrial-Einkünfte, welche durch Wissen- 
schaft, Kunst, Gewerbe oder Hantierung erworben werden, sind 
zwar gleichfalls unter dieser Steuer mit einem Zehntel ihres Nutzens 
verstanden; da aber das Erträgniss derselben, des Credites und 
anderer Umstände halber, schwer zu erforschen ist, so soll dieses 
Zehntel nicht einzelweis, sondern von den gesammten CoUegien, 
Classen, Zünften und Gewerkschaften in corpore eingebracht und 
falls sie sich zu einem billigen Quantum in der Güte nicht ver- 
stünden, selbe nach Ermessen der Hof-Commission ex officio taxiert 
und erlegt werden". Hinterziehung wurde mit Entrichtung des 
doppelten Betrages bestraft. ^) 



*> Die Patente vom 7. Januar 1738 und 7. Janiiar 1739 gleichlautend: 
C. A. IV. 922, 1012 und 1055. 

Die Verhandlungen mit den Ständen wickelten sich langsam ah. Böhmen 
willigte ein, eine Mülion aufzubringen, nachdem das Anbot auf 800.000 ab- 
gelehnt worden war. In dem Patente war ein zehnpercentiger Abzug Jenen zu- 
gesagt, welche innerhalb drei Monaten die geforderte Summe abliefern; die Stände 



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250 

Eine nicht in's Gewicht fallende Einnahme bildeten die 
Toleranzgelder der Juden. In Mähren beliefen sich dieselben 
früher auf 12.000 Gulden und unter Carl VI. Anfangs auf 4000 
Gulden. Im Jahre 1717 stellte die Finanz-Conferenz den Antrag, 
den Betrag wieder auf 12.000 Gulden zu erhöhen, da sich die Anzahl 
der Juden vermehrt habe und von dem mährischen Rentmeister 
berichtet worden war, dass die Judenältesten jährlich diese Summe 



erbaten einen sechsmonatlichen Termin, der gegen eine Verzinsung von drei- 
viertel Procent zugestanden wurde, auch wurde ihnen gestattet, 4 bis 500.000 
Gulden durch Credit aufzubringen. Nieder-Oesterreich übernahm 500.000, 
wovon auf Wien 100.000 Gulden entfielen. Jene, welche die Steuer binnen zwei 
Jahren entrichten woUten, hatten überdies fünf Procent an Zinsen zu zahlen. 
Intimation der Stadt Wien, 1. October 1787 C. A. IV. 1001, 18. April 1738 
IV. 1021. 

Wie bedeutend die Last war, welche Böhmen zu tragen hatte, geht aus 
einer Consignation der Prästationen hervor. 

Das Ordinarium betrug im Jahre 1739 2,000.000 fl. 

Das Extraordinarium 1,132.800 „ 

Femer belief sich die Türkenateuer nach Abzug der 

zehn Prooent auf 900.000 „ 

Die Einbusse bei der Hecrutenreluition 96.110 „ 

„ „ „ „ Eemontenreluition 44.538 „ 

Der Landesbeitrag für die sechs Wintermonate des 
Jahres 1736 für die im Feld gestandenen General- 

stabs-Parteien und die Artillerie 60.954 „ 

Es muss nämlich bemerkt werden, dass ein „reluierter Kecrut" dem Lande 
61 fl. kostete, die Bonification von Seiten des Staates betrug 41 fl., die Ein- 
busse daher per Kopf 20 fl. ; ein „in natura gestellter Eecrut" kostete wegen 
mai^gelnder Mannschaft 90, 100 und auch mehr Gulden und die Einbusse, welche 
das Land erlitt, betrug daher 29 bis 39 fl. und darüber. 

Das Tranksteuergefälle belief sich auf 620.000 fl. 

wobei bemerkt wird, dass dieser Anschlag zu gering 
angesetzt zu sein scheint und jedenfalls mehr betrug. 

Das Salzgefälle betrug 120.000 „ 

Das ZoUgefälle 259.000 „ 

Aufschläge 50.000 „ 

Das kleine Umgeld 25.000 „ 

Der Fleischkreuzer 140.000 „ 

Der Ball-Impost 40.000 „ 

Das Tabakgefälle 225.000 „ 

Anderweitige Beiträge bei der Natural-Recruten- und 
Remontenstellung, dann fiir die Durchmärsche, sowie 
fär die Verpflegung der Hecruten beiläufig 200.000 „ 

Daher im Ganzen 5,913.402 fl. 

überdies auch noch die Beiträge zu den Landes- 
ausgaben u. dgl. m. 



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251 

einoassieren und den Ueberschuss von 4000 Gulden zu Schenkungen 
und zu eigenem Nutzen verwenden. In Böhmen hatten die Juden 
den fiinfondvierzigsten Theil der von den Ständen bewilligten 
Contribution und überdies 12.000 Gulden Toleranzgeld zu zahlen. 
In Nieder-Oesterreich hatte siclf der Magistrat der Stadt Wien, als 
im Jahre 1699 die Juden abgeschaflft wurden, unter gewissen 
Bedingungen anheischig gemacht, die Wiener Judenstadt mit Ein- 
schluss aller Privathäuser, wie auch die alte und neue S3niagoge, 
um 100.000 bis 110.000 Gulden zu kaufen, damit die abziehenden 
Juden von diesem Kaufschilling ihre Gläubiger befiiedigen könnten. 
Auch verpflichtete sich der Magistrat, zur Entschädigung fär die 
entfallenden Toleranzgelder jährlich 14.000 Gulden zu bezahlen, 
unter der Bedingung, dass dieselben in ganz Oesterreich unter 
der Enns nicht mehr geduldet werden sollen. Die beiden Anträge 
erhielten auch die kaiserliche Genehmigung. Im Jahre 1704 wurde 
auf Ansuchen der Stadt Wien die Summe, welche sie übernommen 
hatte, auf 6000 Gulden herabgesetzt und der Stadt Wien ver- 
sprochen, dass man den Juden überhaupt nur eine sehr beschränkte 
Toleranz werde angedeihen lassen. 

Ausserordentliche Einnahmen waren während der Zeit der 
Türkenkriege die „Decima", der Geistlichkeit, wozu die Bewilligung 
des Papstes eingeholt und auch ertheilt wurde. Beträchtlich waren 
dieselben nicht; wir finden die Bemerkung, dass die Geistlichkeit 
in Mähren zu geringe Beiträge liefere. ^) Auch in den Dreissiger 
Jahren wurde ein Subsidium ecclesiasticum auf fönf Jahre be- 
willigt ; die Eepartition erfolgte unter Mitwirkung des Nuntius. ^) 

Die verfügbaren Einkünfte des Deutschen Reiches waren 
unbedeutende, in Kriegszeiten wurden die Römermonate von 
den einzelnen Eeichsständen erhoben, die jedoch, wie aus den 
Finanz-ProtocoUen ersichtlich, nur unregelmässig eingiengen. Dazu 
kamen Reichs-Türkensteuem während des Krieges mit der Pforte, 
femer Beiträge der Reichsritterschaft, der Hansastädte, sowie der 
Reichslehensträger in Italien. Alle diese Beträge waren jedoch 
insgesammt geringfiigig und konnten namentlich im Reiche nur 
mühsam eingebracht werden. 



») F.C.P. vom 22. Februar 1717. 

«) Die Decima der Geistlichkeit betrug 1716—1718 418.670 Gulden llVe, 
das Quinquennalcontingent 849*402 Gulden 81 V4. Derselbe Betrag an Decima 
sollte auch 1787 gefordert werden. Deputations-Protocoll vom 1. Aug. 1737. 



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252 

Die indirecten Abgaben. 

Die Contribution war ausschliesslich für militärische Zwecke 
bestimmt. Zur Bestreitung der anderweitigen Staatsausgaben wurden 
die gegenwärtig als indirecte Steuern bezeichneten Einnahmen 
verwendet, deren es unter den verschiedenartigsten Namen viele 
gab. Einige wurden auf Grund kaiserlicher Patente erhoben, 
während andere an eine Bewilligung der Stände geknüpft waren. 
Die Regierung machte wiederholt Versuche, die Zustimmung der 
Stände zu umgehen, sah sich aber genöthigt, von dem Grundsatze, 
dass die Krone freie Hand bei Auflegung indirecter Abgaben habe, 
abzugehen und den ständischen Forderungen, die namentlich bei 
höheren Ansprüchen an Contribution gestellt wurden, zu willfahren. 
Die Bewilligung erfolgte auf eine bestimmte Zeit. Unter Carl VI. 
wurde, wie es scheint, in einigen Ländern für einige Abgaben die 
Genehmigung für immerwährende Zeiten erstrebt und erlangt. Eine 
Gleichartigkeit bei der Erhebung bestand nicht. Die verschiedenen 
Auflagen waren nicht gleichzeitig in allen Länderm eingeführt 
worden und wurden den eigenartigen Verhältnissen derselben an- 
gepasst, namentlich dann, wenn die Stände darauf Einfluss nahmen. 
„Die Vielgliedrigkeit der Verwaltung," bemerkt Plenker ganz 
richtig, „bedingte nicht nur eine Vielgliedrigkeit der Steuerformen, 
sondern erschwerte auch die Uebersicht über deren Wirkungen, 
die man am klarsten in Staaten von grösserer innerer Einförmigkeit 
wahrnimmt." Die Verwaltung war eine imgenügende, die Regie- 
kosten verhältnissmässig hohe. Der grösste Theil wurde allgemach 
an die Stadtbank verpfändet, der es gelang, die Einnahmen zu 
steigern. Auch sah man sich genöthigt, einige Gefälle den Ländern 
zu überlassen, die dafür Schulden übernahmen oder eine grössere 
Contribution bewilligten. Nicht selten wurden Gefälle von den 
Länderstellen verwaltet, welche keine Rechnung legten, mit den 
Geldern nicht ordnungsmässig gebahrten, bis man sich dann genöthigt 
sah, denselben die Verwaltung wieder abzunehmen. ^) Die Regalien, 
deren Anzahl grösser war als gegenwärtig, waren zum Theil ver- 
pachtet. Durch „Appaltierung", wie man die Verpachtung benannte, 
erzielte man wenigstens für einige Zeit höhere Einnahmen und 
half sich über manche Verlegenheit zeitweilig hinweg. 

Vielleicht die beträchtlichste Einnahme war im XVm. Jahr- 
hundert das Salzregale, dessen Entwicklung seit der Mitte des 

*) So z. B. der Ross- \md Zillen- Aufschlag in Wien, der 16.000 (Luiden 
abwarf. F.C.P. vom 26. Aug. 1718. 



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253 

XVI. Jalirhunderfcs angestrebt wurde. In den deutsch - öster- 
reichischen Ländern wurden die Salzwerke zu Gmunden, Ischl, 
HaUstatt und Aussee frühzeitig ausgebeutet; seit der Erwerbung 
Ungarns kamen die reichen marmaroser Salzwerke hinzu; die 
galizischen zu Wieliczka gehörten eine Zeit lang zu Oesterreioh. 
Der Salzbezug einer jeden Provinz war streng geregelt. So z. B. 
bezog Nieder-Oesterreich, wo der Handel mit Salz seit 1571 ein 
Begale war ^), seinen Salzbedarf aus Gmunden ; fremdes Salz durfte 
nicht eingefiihrt werden, nur in einem kleinen, genau umschriebenen 
Bezirke war die Einfuhr von Sudsalz aus Aussee unter gewissen 
Bedingungen auf bestimmten Strassen gestattet. Schwieriger ge- 
staltete sich die Regelung des Salzregales in Böhmen, obgleich 
durch die Ferdinandeische Bergordnung und den mit den böhmischen 
Ständen abgeschlossenen Bergwerksvertrag der Salzbergbau dem 
Landesftirsten ausdrücklich vorbehalten war. In Böhmen und 
Mähren musste die Salzeinftihr aus Polen verhindert werden, um 
die Einnahmen aus diesem Monopole nicht zu verkürzen und den 
ausschliesslichen Bezug aus Gmunden durchzufilhren. Salzlegestätten 
waren Budweis und Moldau-Thein. In Mähren war in der ersten 
Hälfte des XVI. Jahrhunderts das polnische Salz mit zwei Gulden 
ftinfeehn Kxeuzer per Centner belegt und wurde in grossen Mengen 
eingeschwärzt, der Schmuggel durch die ungenügende Besoldung 
der „Salzversilberer" befördert. Zahlreiche Patente beschäftigten sich 
mit der Regelung des Salzhandels, besonders mit den Verboten der 
Einfuhr des ungarischen und siebenbürgischen Salzes nach Mähren; 
die Einfuhr polnischen Steinsalzes wurde gegen einen Zoll von 
drei Gulden dreissig Kreuzer in dem Hradischer und Olmützer 
Kreise für den Gebrauch des Viehes gestattet, allein bis in's 
XVIU. Jahrhrhundert hinein waren die Unzukömmlichkeiten im 
Salzhandel nicht beseitigt, ja zeitweilig noch verschärft, da Er- 
höhungen der Preise vorgenommen wurden. Die strengen Einfuhr- 
verbote blieben erfolglos *) und hinderten das Eindringen fremden 
Salzes nicht. Man entschloss sich daher, mit den mährischen Ständen ein 
Abkommen zu treffen, womach sich diese zur Abnahme von 4200 
Pfiind Salz verpflichteten. In Ober-Oesterreich wurde 1737 das Salz- 
monopol den Ständen auf einige Jahre überlassen. In Schlesien, wohin 
polnisches Salz in beträchtlichen Mengen kam, erschwerte die Rück- 



*) Patent vom 20. März 1571; die späteren Patente theils gedruckt, 
theils in Abschriften. 

«) Patente vom 15. October 1706 und 2. Februar 1722. 



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254 

sichtnahme auf den Handel mit Polen eine endgiltige Regelung. 
In Inner-Oesterreich deckten Aussee und das Meersalz von den 
Salinen zu Grado den Salzbedarf. In Kämthen bezogen einige 
Districte Salz aus Hallein. Tyrol wurde durcb HaU versorgt. Die 
Einnahmen aus dem SalzgeÄlle blieben jedoch bis in die Mitte 
des XViii. Jahrhunderts gering. Im ersten Jahrzehnt beliefen sie 
sich auf zwei einhalb Millionen.^) Abgesehen von dem ausgebreiteten 
Schmuggel hatten die Klöster und viele Standespersonen das Recht 
zum unentgeltlichen Bezüge von Salz. ^ 

Die Besteuerung des Tabaks reicht in Mähren in 
das XVII. Jahrhundert zurück. Ein Landtagsbeschluss vom Jahre 
1652 verbot den Gebrauch des Tabaks. Nachdem aber in Schlesien 
die Stände bereits 1657 einen Tabakaufschlag eingeführt hatten, 
wurde in Mähren zwei Jahre später jedes Pfund mit einem Eüreuzer 
belegt, den Käufer und Verkäufer zu entrichten hatten. Böhmen 
folgte 1664, wo bisher der Tabak wegen der daraus entstehenden 
Feuersbrünste verboten war, mit einem Aufschlag von zwei Thalem 
per Kiste. 1665 trat Verpachtung ein. In Ober-Oesterreich erhielt 
Khevenhüller, der Sohn des Geschichtsschreibers, 1670 das 



*) Die ausführlichste, leider zu wenig lichtvolle Darstellung des Salz- 
monopols bei D'Elvert, Zur österreichischen Finanzgeschichte im XXV. Bande 
der Schriften der historisch-statistischen Section. Brunn 1881. 398. Nicht alle 
hierauf bezüglichen Patente sind im Codex austriacus enthalten. Das Hof- 
kammer-Archiv bewahrt eine grosse Anzahl, die indessen nicht verwerthet wurde. 
Eine aus archivahschen Quellen gearbeitete Geschichte des Salzmonopols, 
wofiir im Hof kammer- Archiv ein reichliches Materiale vorhanden ist, wäre eine 
verdienstliche Arbeit. 

2) Einige Angaben mögen hier Platz finden. Der Präsident des kais. 
Münz- und Bergwesens erhielt fünfzehn Fuder, die Eäthe ebensoviel, die 
Secretäre acht, die Concipisten sechs, die Kanzlisten drei Fuder; der Hof- 
kanzlei-Buchhalter acht, die Raiträthe ebensoviel; der Landmarschall von Nieder- 
esterreich fünfzehn Fuder, ebensoviel die geheimen Räthe, der Vice- Statt- 
halter, der Kanzler \md die Räthe des Herrenstandes. Die „Salzdeputate" 
wurden auf Grund des Salzstatuts vom Jahre 1622, sowie des von Ferdi- 
nand in. im Jahre 1 655 sanctionierten und von Leopold I. 1659 bestätigten 
ReformationslibeUs geliefert. Erst unter Maria Theresia wurde die Salz- 
lieferung an die Beamten eingestellt. Dietrichstein legte nämlich der 
Kaiserin einen Individual-Salzstatus vor (Vortrag 7. Juni 1748) und befürwortete, 
das „Beneficium des Salzdeputats" „den Ministem, Räthen und Bedienten bei 
den ihnen so unregelmässig ausgezahlten Besoldungen imd dem durch so 
viele Jahre erlittenen Vermögens-Steuer- Abzug angedeihen zu lassen". Maria 
Theresia resolvierte : „Placet vor dieses Jahr das leztemahl, indeme es 
nicht mehr confirmiere und also die expeditiones gleich zu verfertigen." 



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255 

ausschliessliche Recht der Tabakeinfohr, woftir er das kaiserliche 
Jagdgeräthe in Stand zu halten hatte. Um dieselbe Zeit bekam 
in Nieder-Oesterreich das gleiche Recht ein Graf Königsegg. 
Die „Aufirichtung erues Appalto von allerhand sowohl Schnupf- als 
Rauchtabak" in Böhmen, Mähren und Schlesien wurde 1688 an- 
geregt und der Reinertrag auf über 100.000 Gulden berechnet. 
Die böhmische Kammer, darüber befragt, sprach sich jedoch da- 
gegen aus, die schlesische befürwortete Verzollung mit einem 
Kreuzer per Pfund; die mährische Rentbank war dafür mit der 
Bemerkung, dass einige Herrschaften den Handel mit Schnupftabak 
betreiben lassen oder verpachten und ihre Unterthanen zwingen, 
den Tabak ausschliesslich von ihren Verwaltern oder Pächtern zu 
kaufen. Das erste Tabakpatent wurde am 20. Mai 1701 erlassen^); 
Erzeugung und Verschleiss des Tabaks wurde der Hofkammer vor- 
behalten ; der Tabakanbau blieb gegen Ablieferung des Erzeugnisses 
gestattet; das Monopol wurde in den verschiedenen Ländern ver- 
pachtet. In Mähren betrug der Pachtschilling 6100, in Schlesien 
13.000, in Glatz 2000 Gulden. In Ungarn, wo der Versuch gemacht 
wurde, das Monopol einzuführen, weigerten sich die Behörden, 
das Patent zu veröflfentlichen. Im Jahre 1704 wurde das Monopol 
wieder aufgehoben und ein Aufschlag nach dem Gewichte ein- 
gefÜhrt^; der Verschleissberechtigte hatte überdies eine Taxe zu 
entrichten. Im Jahre 1720 wurde das Tabakgefälle in sämmtlichen 
österreichischen und böhmischen Erblanden an Johann Anton 
Nütz, Grafen tmd Herrn von und zu Wartenberg für einen 
jährlichen Pacht von 103.000 Gulden übergeben, alleiu bereits nach 
einigen Jahren erfolgte eine kaiserliche Verfügung, den Contract 
aufzuheben und das Tabakgefälle wieder in ein Regale umzu- 
gestalten. Die Fabrikation des Tabaks wurde nun allgemein ver- 
boten, ebenso die Einfiihr aus dem Auslande. Der Handel im 
Inlande und die Verwaltung dieses Gefälles wurde an die Hof- 
kammer übertragen, Tabakfabriken wurden an einigen Orten er- 
richtet, so in Hainburg, Prag, Königgrätz, Budweis, Mährisch- 
Neustadt, Troppau, Neumarkt, Enns, Fürstenfeld und Triest. Der 
Erfolg entsprach nicht den Erwartungen. Der Haupt-Director war 
ein kaiserlicher Kammerdiener, dem, sowie seinen Untergebenen 
Geschäftskenntnisse mangelten. Das Jahres - Erträgniss betrug 
300.000 Gulden.^ Das Tabakregale wurde sodann an Diego 

') C. A. m. 489. 
«) C. A. m. 471. 
*) Plenker in der „Oesterreichischen Revue". 108. 



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256 

Aquilar verpachtet. Im Jahre 1726 erhielt Max Hildebrand 
Prandau die Pachtung in allen österreichischen Erblanden für 
350.000 Gulden, im Jahre 1728 Domenico di San Nicolo um 
460.000 Gulden. Im Jahre 1734 wird Margutti als Pächter 
genannt; der Pachtschilling betrug 640.000 Gulden. Seit dem 
Jahre 1737 wurde das Gefalle den Ständen Böhmens, Mährens, 
Schlesiens nach Auflösung des Contractes übertragen gegen eine 
Summe von 450.000 Gulden. In den österreichischen Ländern 
übernahm Aquilar im Jahre 1738 das Gefälle gegen einen Pacht- 
schilling von 206.000 Gulden, später bis 1748 um 260-000 Gulden. 

Das Pulver- und Salpetermonopol wurde nicht zu finan- 
ziellen Zwecken eingeführt, sondern in der Absicht, die Versorgung 
der kaiserlichen Zeughäuser mit Schiesspulver zu erleichtem. Saliter 
zu graben war gegen Lösung eines Patents gestattet, das Erzeugniss 
musstejedochgegen billige Entschädigung an dieZeughäuserabgeliefert 
werden. Der Handel war einigen privilegierten Personen gestattet. *) 

Die Abgaben auf Getränke waren mannigfacher Art. Vor 
1680 bestand in der Stadt Wien ein Bieraufschlag, indem von dem 
Eimer Bier, der in die innere Stadt eingeführt wurde, fünfzehn 
Kreuzer entrichtet wurden, welche aber der Gasse des Wiener 
Bürgerspitales zuflössen; in den Vorstädten wurde der Betrag fiir 
die landesfiirstliche Gasse erhoben; 1691 wurde die Einhebung des 
landesfiirstlichen Bieraufscblages dem niederösterreichischen Land- 
grafenamte übergeben. Eine Verdoppelung des Bieraufschlages in 
der Stadt und in den Vorstädten trat 1697 ein, von dem innerhalb 
der Linien gebrauten Bier kamen fünfzehn Kreuzer zur Erhebung. 
Der Bieraufschlag war daher von dem innerhalb der Linien ge- 
brauten Bier, sowie von dem eingeführten Bier in den Vorstädten 
ein landesfürstliches Gefalle, während in der inneren Stadt die 
eine Hälfte dem Staate, die andere Hälfte der Stadt Wien für das 
Bürgerspital zufloss. Unter Carl VI. wurde bei der Einfuhr von 
Bier überdies noch ein sogenannter Fünfkreuzer- Aufschlag erhoben, 
dessen Erträgnisse für die Hof kanzlei bestimmt waren ^) und später 
der Wiener Stadtbank überlassen wurden. 

Li Nieder-0 esterreich scheint der Weintaz 1622 eingeföhrt 
worden zu sein; er wurde von den „Ober- und Ausländem'' mit 



n Patente vom 28. März 1724 und 17. März 1727 : C. A. IV. 264 u. 420. 
*) Allerhöchste Entschliessung vom 15. Juni 1723. 



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257 

fiinfzehn Kreuzer pro Eimer entrichtet. ^) Eine Erhöhung wurde 
1703 in Antrag gebracht und zwar auf dreissig Kreuzer. Dieser 
Aufschl«bg, meinte die Hofkammer, sei „insensible" und nicht 
empfindlich, da man derzeit für jeden Eimer Bier dreissig Kreuzer 
bezahle.*) Später wird ein* Grenzaufschlag vom Weine, der 
zu Wasser und Land eingeführt wurde, erwähnt; derselbe betrag 
dreissig Kreuzer per Eimer von dem aus den Vierteln ober und 
unter dem Wiener Wald über den Tabor ausser Lands gehenden 
Weine, zwanzig Kreuzer hatte Wein aus den Vierteln ober und 
unter dem Mannhartsberg zu zahlen. Specialaufschläge waren 
ferner der Drei- und Einschillingaufschlag zu Ybbs und den dazu 
gehörigen Filialämtern, ferner ein Zehnkreuzeraufschlag zu Struden.*^) 
Seit 1717 fanden Verhandlungen mit den niederösterreichischen 
Ständen statt, welche blos fiinfzehn Kreuzer per Eimer bewilligen 
wollten, während die anderen Aufschläge aufgehoben werden 
sollten. Die Hofkammer war dagegen, indem sie hervorhob, dfiiss 
der Aufechlag nur den Weinhändlern zu Gute komme und Bayern 



*) Diese Angabe findet sich in dem Finanz -Conferenz-Protocolle vom 
18. Januar 1717, wo bemerkt wird, dass der Weiaaufschlag vor funfundneunzig 
Jahren in Nieder- Oesterreich eingeführt worden sei. 

*) Im weiteren Verlaufe des Vortrages der Hofkammer vom 4. Sep- 
tember 1703 heisst es : „wan aber berührter impost universal, volglich biUich 
Vndt ergäbig Seyn solte, so mues dassfahlss Kheine Exemption Stathhaben 
mithin dise gaabe auch, auf die hiesige Clösster Vndt Geistliche Kheller, 
alswo es schier das maisste ausstragen derflPbe, Extendiret werden, dan dise 
Ecclesiastici treiben notorife einen grossen Handel damit, Vndt Ziechen dar- 
durch aliärUchen Vil Tausend Gulden profit, es wierdet im übrigen aber, circa 
ipsam praxim, et quaestionem quomodo ? sich noch ein mehrers reden lassen, 
absonderlich ds in das Khüniftige auch, Vndt, nach demnegster Expirirung des 
appalto bey der alhiesigen Haupt Vndt Thabor Mauth auf al : Vndt ieden ein- 
führenden Extra oder frembden Wein, gegen aufhebung der vorhin auf ge- 
wisse Sorthen gesezten 2 fl: indifferenter auf ieden Emer 30 Kr. Mauth- 
gebühr, ad Exemplum Anderer frembder Khönigreich Vndt Landen, wo derley 
imposti, von ohnvergleichlich grösserer beschwährlichkeit seynt, geschlagen 
werden Khönten, wan nur Eur Khay: May zuf orderist in praesenti casu, die 
quaestionem an allergdgst zu resolviren geruehen wollen." Die Resolution des 
Kaisers lautet: Die HofCamer Thuett zwahr gar guett, alle mögliche mittel 
vorzuschlagen, allein würdet weegen dises zu consideriren seyn, wie mann es 
wierdt erhalten Khönen, Indeme 1658 Vndt 1659 denen Ständten weegen 
einer Million So Sie geben, Versichert hat, den Wein zu Ewiger Zeitt 
nicht zu beschwahren, will also vememben, wie man dieses vermeinet zu 
Superiren." 

") Der Weinaufschlag zu Ybbs und Struden brachte 88.000 Gulden ein. 
F.C.P. vom 18. Januar 1717. 

Oesterreiohisoher Brbfolgekrieg. I. Bd. 17 



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258 

am meisten Nutzen ziehen würde. Später kam ein Uebereinkommen 
mit den niederösteireicliischen Ständen zu Stande, indem ihnen die 
Einhebung zu Struden unter besonderen Bedingungen gegen ein 
Aequivalent von 82.000 Gulden bis Ende 1727 überlassen wurde; 
in den darauffolgenden zwei Jahren sollte die Einhebung ohne 
Entgelt stattfinden, wenn sie sich verpflichteten, Kasernen zu er- 
bauen, vom 1. Januar 1730 die Abgabe jedoch gänzlich aufhören. 
Dies fand jedoch erst 1748 statt. ^) Der Fünfeehnkreuzer- Aufschlag 
wurde 1728 neuerdings bewilligt und 1731 auf dreissig Kreuzer 
erhöht. ^) 

Die böhmische ordinäre Tranksteuer oder der sogenannte 
böhmische Erbtaz musste von Wein und von Bier bezahlt werden, 
späterhin auch von Branntwein, der in den Städten imd auf dem 
Lande vom Zapfen verschänkt wurde ; er betrug von jedem Eimer, 
der im Jahre 1737 zweiunddreissig Finten enthielt, vier Finten 
das Fint zu vier Seidel Frager Mass, oder den Werth desselben 
nach dem Verkaufspreise berechnet und wurde desshalb auch dai 
Vier-Pinten-Regale oder der Vier-Finten-Taz genannt. Die ordinäre 
Tranksteuer scheint in Böhmen ohne Bewilligung der Stände ein 
geführt worden zu sein^), während die böhmische ausserordentlich( 
Tranksteuer, welche, sowie die böhmische ordentliche Traukst^ue 
von allen unter dem Zapfen laufenden Getränken, sie mochtei 
verschänkt oder zum eigenen Gebrauche vertrunken werden, bezalJ 
werden musste, von jeher von der Bewilligung der Stände abhin^ 
Wie es scheint, haben die Stände im Jalire 1451 die ausserordent 
liehe Tranksteuer zum ersten Male und seit 1664 wiederholt an 
eine bestimmte Anzahl von Jahren bewilligt. Im Jahre 1701 wurd 
diese Tranksteuer den böhmischen Ständen vom 1. Januar 170 
an auf fünfzehn Jahre überlassen, nachdem sie sechs MiUioue 
Gulden Staatsschulden sammt Literessen binnen fünfizehn Jahre 
zu bezahlen übernommen hatten. Als den Ständen im Jahre 170 
eine andere Sicherstellung gewälnt wurde, bewilligten sie di 
ausserordentliche Tranksteuer unter der ausdrücklichen Bedingung 
dass hieraus keine immerwährende Abgabe entstehen sollte b; 
Ende 1716, sodann nach Verlauf dieses Zeitraumes bis 1731 ii 

>) Bancal-Act vom 30. October 1748. 

«) Patent vom 27. August 1731. 

*) Ueber die Einführungszeit schwanken die Angaben. In einem Schrif 
stücke findet sich die Notiz, dass Ferdinand I. zur Bestrafung der Prag 
Städte und anderer Orte nach dem schmalkaldischen Kriege diese Steuer ei 
geführt habe, daher auch Pönal-Taz genannt. 



V 



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259 

jährlichen Betrage von 500.000 Grulden. Bei den Verhandlungen in 
diesem Jahre wiesen die Stände darauf hin, dass die Extrasteuer 
in den übrigen Ländern nicht erhoben werde, fugten sich aber der 
Forderung auf Verlängerung für weitere fünf Jahre, bis einschliess- 
Uch zum Jahre 1746. ^ 

Der Weintaz in Mähren bestand seit 1626 und wurde wahr- 
scheinlich nur auf eine bestimmte Zeit bewilligt, seit 1716 auf 
immerwährende Zeit eingeführt imd zwar in den königlichen 
Städten Olmütz, Znaym, Iglau, Hradisch, Neustadt und Gaya. 
Ausserdem wurden auch Nebengebühren, wie der Visiergroschen für 
jedes zum Ausschank bestimmte Fass eingehoben. Gleichzeitig 
wurde auch eine Abgabe vom Bier eingeführt und ebenfalls von 
Zeit zu Zeit auf eine bestimmte Anzahl von Jahren bewilligt. Im 
Jahre 1 644 bewilligten die mährischen Stände zur Verpflegung des 
Militärs von einer jeden Braupfanne oder einem Kessel semel pro 
semper so viele Gulden, als darin viereimerige Fässer Bier auf 
einmal gebraut werden können. Im Jahre 1646 wuri3e diese Abgabe 
abermals auf drei Jahre zugestanden. Angaben über die zweite 
Hälfte des XVil. Jahrhunderts sind nicht zugänglich gewesen. 
Erst im Jahre 1716 wird eines Bier-Taz-Patentes Erwähnung gemacht, 
wonach von dem in den mährischen Städten gebrauten Bier ein 
Gulden vom Fass entrichtet werden musste; das vierzehnte Fass 
war frei. 

Die allgemeine Einführung des Fleischaufschlages 
datirt vom Jahre 1698, in Oesterreich unter und ob d(T Enns, in 
Inner-Oesterreich, Görz, Triest und Fiume (damals noch St. Veit 
am Pflaum genannt), femer in Böhmen, Mähren und Schlesien, 
jedoch nur auf drei Jahre. In Oesterreich unter und ob der Enns 
sollte der Aufschlag nur von dem zum Verkaufe verschlachteten 
Rind-, Schaf- und Schwein vi eh erhoben werden, wiu'de jedoch 
einige Monate später durch Patent vom 22. September 1698 auch 
von dem zum eigenen Hausbedarf geschlachteten Vieh entrichtet 
und betrug einen Kreuzer vom Pfund, wesshalb man diesen Aufschlag 
auch den Fleischkreuzer- Aufschlag oder kurzweg den Fleischkreuzer 
nannte. In Inner-Oesterreich war die Hausschlachtimg von Anfang 
an nicht frei. In Mähren wurde der Aufschlag ausnahmslos mit 
einem Pauschalbetrage für jedes einzelne Stück eingehoben. Im 

*) Bedingung war, dass „dieser von der Ordinari-Tranksteuer ganz 
separierte und von der freien DiätalverwiUigung dependierende fundus provin- 
ciabs in keine Perpetuität, noch viel weniger in einiges Camerale würde 
gezogen werden". 

17* 



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260 

Jahre 1701 wurde auf Wunsch der Stände der gesammten österreichi- 
schen Erblande der Fleischkreuzer au%ehoben und die Vieh- 
schlachtung nur in der Hauptstadt einer jeden Provinz mit einer 
Abgabe auf drei Jahre belegt, welche einen halben Kreuzer vom 
Pftmd betrug. Im Jahre 1703 wurde die Einführung des Fleisch- 
kreuzers in Oesterreich unter und ob der Enns, in ganz Inner- 
Oesterreich, dann in Böhmen, Mähren und Schlesien auf die früher 
übliche Art neuerdings beschlossen. Die Einhebung gieng jedoch nie 
vorschriftsmässig vor sich. Das Gefälle befand sich in den Händen 
einer Privat-Gesellschaft, die mit ihrem Pachtschilling im Rückstande 
blieb. In Nieder-Oesterreich wurde durch Recess mit den Ständen 
vom 17. December 1717 die Einhebung des Fleisohkreuzers auf 
zwanzig Jahre vereinbart. Als die Ministerial-Banco-Deputation 
sodann dieses Gefälle übernahm, war es kaum in einigen Ländern 
ordentlich eingeführt. 

Femer bestanden Aufschläge auf Mehl, durch Patent von 1714 
neuerdings eingeführt; Haarpuder und Stärke tmterlagen einer 
Abgabe. ^) In Wien bestand ein Illuminationsaufschlag, um die Kosten 
der Beleuchtung aufzubringen; Wachs, Oel, Unschlitt und Kerzen 
waren mit einer Auflage belegt. Der unter Joseph I. eingeflihrte 
Tanz-Impost von allen Tanzbelustigungen, an welchen Musiker mit- 
wirkten, im Betrage von einem bis fünf Gulden an öffentlichen 
Orten, flinfzehn bis dreissig Kreuzer fär jeden Musiker in Privat- 
wohnungen, wurde später in einigen Ländern von den Ständen gegen 
eine jährliche Pauschsumme übernommen. Der Karten- Aufechlag, 
unter Ferdinand HI. eingefiihrt, später au%ehoben und durch 
eine Kartenfabrik ersetzt, welcher die Erzeugung der planierten 
Karten zustand, wurde nach Auflassung dieser Fabrik unter 
Carl VI. wiedereingeführt. Die Abgabe bei der Erzeugung betrug 
sechs bis vierundzwanzig Kreuzer, bei der Einfuhr von Karten neun 
bis sechsunddreissig Kreuzer. ^ 

Eine Belästigung des Verkehres waren die vielen Privat- 
mauthen. Seit Jahrzehnten hörten die Klagen nicht auf und mannig- 
faltige Anläufe wurden gemacht, die eingeschlichenen Missbräuche 
zu beseitigen. In Mähren zählte man, wie eine Untersuchung ergab, 
132 Privatmauthen. Der Adel hatte auf seinen Herrschaften, Märkten 
und Flecken Abgabestellen errichtet, oft ohne Bewilligung für die 
Mauthgerechtigkeit anzusuchen, dehnte die genehmigten Mauth- 

1) Patent 13. August 1721. 
«) Cod. Austr. m. L. 



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261 

gefalle auf andere Orte, als nrsprünglioh in Aussicht genommen 
waren, aus und erhöhte nach eigener Willkür die Gebühr; dass 
dieses nur zum Nachtheil des Handels gereichte, wurde allseitig 
hervorgehoben und Mauth-Commissionen erhielten die Aufgabe, eine 
Prüfting der Urkunden vorzunehmen, ohne jedoch irgendwie 
erspriessliche Ergebnisse zu erzielen, denn nicht selten lehnten 
die Besitzer die Nachweisung ihrer Mauthgerechtigkeit ab. Unter 
Carl VI. wurden die Befehle an die Landeshauptmannschaft 
erneuert, aber wenn auch in einigen Gebieten mancher Missbrauch 
abgestellt wurde, noch tief in der theresianischen Zeit war trotz 
aller Verfügungen denselben nicht durchweg Rechnung getragen. 
In Oesterreich unter der Enns gab es noch in der Mitte des 
XVni. Jahrhunderts zahlreiche Privatmauthen, die, insoweit sie 
auf Besitztiteln beruhten, unter Maria Theresia eingelöst 
wurden. 

Nicht minder zahlreich und den Handel erschwerend waren die 
landesfürstlichen Mauthen, auf deren Aufeählung verzichtet werden 
muss, da die Verhältnisse in den verschiedenen Ländern mannigfaltig 
waren. Die in Nieder-Oesterreich erhobenen Abgaben mögen an 
diesem Orte Erwähnung finden. Abgesehen von den eigentlichen 
Zöllen, oder sogenannten ordinären Mauthen, welche von allen ein-, 
durch- und ausgeführten Waaren entrichtet werden mussten, 
vnirden erhoben : Aufschläge, welche Erhöhungen der ordentlichen 
Mauthgebühren waren, Aufschläge auf Lebensmittel nicht nur 
von den ein-, durch- und ausgeführten, sondern auch von den 
im Bezirke erzeugten und daselbst consummierten Artikeln; die kleine 
Mauth in einigen Ortschaften, zumeist von Nahrungsmitteln nach 
besonderen Tarifen. Die kalte Mauth kam in einigen Ortschaften 
in der kältesten Jahreszeit, nämlich vom St. Colomantage bis 
zum heiligen Dreikönigabend von Nahrungsmitteln zur Erhebimg, 
und zwar firüher in natura, seit dem 14. October 1734 nach einem 
eigenen Tarife. Diese Gebühr bestand seit 1524. Das GemeingefäUe 
von den in die Stadt Wien eingeführten Feilschaften wurde vor- 
nehmlich von Nahrungsmitteln entrichtet. 

Die Gefälle des Mauth-Oberamtes oder des sogenannten 
Schlüssel- und Kastenamtea^ zu Krems, dem alle Mauthämter in dem 
Viertel ober dem Mannhartsberg unterstanden, waren 1714 folgende: 
Die eigentlichen Zölle, welche bei den Mauthämtem und vor- 
nehmlich bei dem Mauth-Oberamte in Krems tarifinässig bei der 
Ein-, Aus- und Durchfuhr der Waaren eingehoben wurden; die 
mauthamtlichen Aufschläge waren Erhöhungen der schon beste- 



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262 

henden Mauthen, so der Sensenaufschlag, welcher von den in 
Oesterreich ob der Enns verfertigten Sensen, Sicheln und Stroh- 
Messern bei ihrer Einfuhr nach Oesterreich unter der Enns bezahlt 
werden musste ; die sogenannte kleine Mauth in Krems, die Brücken- 
mauth zu Stein, welche seit dem Jahre 1589 bestand und durch 
Patent vom 8. März 1736 neu geregelt wurde, eine Wegmauth, 
welche sowohl von den über die Brücke gehenden Personen, als 
auch fiir jedes Stück Vieh bezahlt werden musste. War die Brücke 
weggerissen, so musste eine Ueberfuhrgebühr entrichtet werden von 
Personen, für Vieh, Wagen und Waaren aller Art nach einem be- 
sonderen Tarife. Von den sonstigen Gefällen, welche zu Krems, 
Stein, Langenlois und Hadersdorf eingehoben wurden, sollen nur 
einige hervorgehoben werden : das Kastenrecht oder das sogenannte 
Kastenmassl, welches von Getreide, Gerste und Hafer auf den 
Wochenmärkten zu Krems, Stein, Langenlois und Hadersdorf 
verkauft wiu*de (die niederösterreichischen drei oberen Stände 
waren durch den am 12. April 1713 mit ihnen errichteten Recess 
von dieser Abgabe befreit); das Standgeld, welches von den auf 
den Kremser Markt kommenden Parteien, wenn sie daselbst einen 
Stand errichten woUten, bezahlt wurde. Endlich wurde in Krems 
von allen den Markt besuchenden fremden Juden eine Kopfsteuer 
seit 1641 eingehoben. 

Das Umgeld scheint unter König Johann von Luxem- 
burg in Böhmen bereits im Jahre 1336 eingeführt worden 
zu sein.^) Es war ein von dem ZoUe ganz verschiedenes 
Gefälle und wurde blos von den eingeführten Waaren in den 
sogenannten Umgeldstätten an der Grenze oder in Prag bezahlt. 
Später trat eine Erhebung für eine Anzahl böhmischer Waaren 
ein, welche bei der Einfuhr in den Umgeldstätten und in Prag 
zu erlegen war und zwar werden folgende böhmische Waaren 
namhaft gemacht: Ochsen, Rindviehhäute, Wein, Bier, Käse, 
Leinwand, Schleier, böhmische Tücher, Eeichenberger Boy, Ellen- 
bogener Sicheln. Das mährische Umgeld wurde in ähnlicher Weise 
erhoben wie in Böhmen. Das sogenannte kleine Umgeld hatten 
die im Lande erzeugten Kunst- und Naturproducte, welche daselbst 
consumiert wurden, zu bezahlen. Li Oesterreich unter der Enns 
wurde das Umgeld, wie es scheint, im Jahre 1359 mit Bewilligung 



*) Don Zeitpimct der Einfühning entnehme ich ans einem Finauz-Con- 
ferenz-ProtocoUe. 



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263 

der Stände als ein landesftirstliclies Gefalle emgefiihrt und musste 
von Obst- und Beerenmost, von Wein, Meth, Bier und von allen 
süssen Getränken bezahlt werden. 

Schon 1716 wurde die Aufhebung des Umgeldes von der 
Finanz-Conferenz empfohlen, als gegen die gesunden Grundsätze 
des Handels verstossend, „massen die Wohlfeilheit zu erhalten und 
die naturalia nicht zu belegen wären; durch das Umgeld werden 
die Inwohner härter als die Fremden im Handel und Wandel 
gehalten*\ Die Hofkammer stemmte sich natürlich gegen die Auf- 
hebung, da ihre Einnahmen ohnehin nicht ergiebig genug waren. ^) 
Eine Regelung in den Bezirken von Wien erfolgte durch Patent 
vom O.December 1726. Die böhmischen Stände klagten unermüdlich 
über das sogenannte „kleine UmgeW, d. h., die Abgabe von den 
einheimischen Waaren und forderten mit dem Hinweise auf Mähren, 
wo das Umgeld 1731 beseitigt worden war, die Aufhebung ent- 
schieden bei den Verhandlungen über die Vermögens-Steu©r. Durch 
Landtagsbeschluss vom 23. November 1734 erfolgte dieselbe im 
Jahre 1735 gegen 25.000 Gulden, welche die Stände an die Hof- 
kammer zu entrichten hatten. *) 



F.C.P. 13. October 1716. 

•) Im Durchschnitte der Jahre 1723 — 1727 betrugen die Einnahmen aus 

den sämmtUchen Cameralgefällen 7*126 MiU. Guld. 

Die Amtsbekostung und Besoldung 1*129 „ ,, 

Es stand daher ein Nettobetrag von 5*997 „ „ 

zur Verfügung. 

Die Ausgaben beliefen sich auf 6 668 Mill., wonach sich also ein be- 
trächtlicher Abgang herausstellte. In Wirklichkeit war das Deficit noch 
grösser, da jene Zahlungen, welche auf die Stadtbank angewiesen waren, 
in den obigen Summen nicht inbegriflen sind. In dem mir vorliegenden Schrift- 
stücke sind leider die Gefälle, aus denen die Einnahmen flössen, nicht durchweg 
angegeben, sondern die Erträgnisse nach den einzelnen Ländern beziffert. 
Einige Angaben mögen daher genügen : 

Die ungarischen Salzämter lieferten 1*144 Mill. Guld. 

Das Salzamt in Belgrad 0*103 „ „ 

„ r, „ Temesvar 0*122 „ „ 

Das Tabakgefälle 0*488 „ „ 

Was die Ausgaben anbelangt, so betrugen dieselben : 

Bei dem Hofstaate des Kaisers und der Kaiserin 724.500 fi. 

Geheime und aus besonderen Ursachen angewiesene Ausgaben , . 249.000 ., 

Hofstaat-Besoldungen, Adjuten und Pensionen 674.374 „ 

Hofamter-Bekostung 655.181 „ 

Anderweitige ordentKche und ausserordentliche Haus- Ausgaben . . 880.360 „ 
Bot- und Gesandtschaften, Couriere 639.783 ,, 



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264 

Schulden. 

Der jährliche Abgang im Staatshaushalte konnte nur durch 
Anlehen gedeckt werden. Bei den unentwickelten wirthschaftlichen 
Verhältnissen der österreichischen Länder war im Inlande das 
Capital nur spärlich vorhanden und die Beschaffung der erforder- 
Hchen Summen schwierig genug. Man war auf einige Banquiers 
angewiesen, zumeist Juden, welche die Greldgeschäfte fast aus- 
schliesslich vermittelten. Die Oppenheimer und Wertheimer imd 
wie sie alle hiessen, waren dem Staate unentbehrUch und auch 
später noch, als die Wiener Stadtbank sich in den weitesten 
Kreisen Vertrauen errungen hatte, saJi man sich zeitweilig ge- 
nöthigt, die Unterstützimg der jüdischen Häuser in Anspruch zu 
nehmen. Die Zinsen für die Darlehen betrugen sechs bis zwölf 
Procent, manchmal auch mehr; überdies wurde auch bisweilen 
eine Pro\ision gewährt und fär den Fall, als die Rückzahlimg nicht 
innerhalb der vereinbarten Frist erfolgte, ein höherer Zinssatz zu- 
gesagt. Nicht blos jüdische Banquiers suchten aus der Noth des 
Staates Vortheile herauszuschlagen, auch Staatsbeamte eiferten 
diesen Vorbildern nach. Letztere bedangen sich nebst Verzinsung 
und Eückzahlimg auch eine staatliche Anstellung. Die Geschäfte, 
welche der Hofkammer-Präsident Graf Salaburg mit dem Staate 
machte, waren gerade nicht reinlicher Natur. Sein eigenes Ver- 
mögen war nicht bedeutend, sein persönlicher Credit durch seine 
Stellung ein grosser, wodurch es ihm während seiner Verwaltung 
gelang, nicht selten beträchtliche Summen aufzubringen und dem 
Staate zur Verfügung zu stellen. 



Ständische Aerarial- Schulden. 

Eine der üblichen Formen der Anlehen waren die stän- 
dischen Aerarialschulden, d. h. der Credit und die Ver- 
mittlung der Stände wurden bei neuen Anlehen oder bei Ueber- 
nahme alter Schulden in Anspruch genommen. Der Staat haftete 
den Ständen durch Ueberweisung der Contribution oder anderer 



Von den Gesammtaiisgaben in aolico et civili entfielen in Wien 4-6 xmd 
in den Ländern nahezu 2 Millionen. Die Rückstände imd Schulden werden 
auf 5*3 Millionen angegeben. In diesen Zittern sind die auf die Stadtbank 
angewiesenen Zahlungen nicht inbegriffen. 



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266 

Einnahmen ftir die Rückzahlnng und Verzinsung. Die Anlehen 
wurden entweder unmittelbar von den Ständen aufgenommen oder 
dieselben übernahmen Verzinsung und Tilgung des Capitals der 
von der Hofkammer oder der Militär- Verwaltung contrahierten An- 
lehen, woftlr ihnen nicht selten Begünstigungen eingeräumt werden 
mussten. 

In den mit den Ständen abgeschlossenen Becessen wurden 
jene Summen namhaft gemacht, welche von der Jahres-Contribution 
in Abzug gebracht werden konnten und manchmal auch die Zu- 
sage gemacht, dass eine Steigerung derselben nicht eintreten werde, 
ein Versprechen, das nicht eingehalten werden konnte. Bisweilen 
war ein Land nicht in der Lage, den übernommenen Verpflichtimgen 
nachzukommen und die demselben überwiesene Schuld musste 
dann von dem Staate wieder übernommen werden. Wann zuerst 
derartige ständische Aerarialschulden, die mit den eigentlichen 
Landesschulden, Domesticalschulden geneuint, nicht ver- 
wechselt werden dürfen, aufgenommen wurden, lässt sich mit 
Sicherheit nicht angeben; nur eine Durchforschung der Landes- 
Archive könnte hierüber volle Klarheit verschaffen. Li der zweiten 
Hälfte des XVI. Jahrhunderts wurde jedenfalls die Mitwirkung der 
Stände zur Geldbeschaffung in Anspruch genommen, beträchtlich 
wurden jedoch die Aerarialschulden erst in der ersten Hälfte des 
XVin. Jahrhunderts. Der unter Carl VI. mit den Ständen ab- 
geschlossene „Decennal-Impegno" bezweckte die Aufiiahme einer 
Schuld von acht bis neun Millionen Gulden, welche Summe auf 
die einzelnen Länder vertheilt wurde und vom Jahre 1714 an in 
zehn Jahren rückgezahlt werden sollte. ^) Der Krieg erheischte 
einen beträchtlichen Aufwand. Die beiden damals schon bestehenden 
Banken waren nicht in der Lage, die grossen Beträge aufeubringen 
und es schien, dass nur durch die Bürgschaft der Stände Hilfe 
gebracht werden könne. Allein der voUe Betrag wurde, wie es 
scheint, von den Ständen nicht angebracht.*) 

Nebst der Wiener Stadtbank haben die Stände in kritischen 
Zeitläuften die grössten Beiträge zur Unterstützung des Staates 



>) Der Becess mit Mahren, abgedruckt bei D'Elvert, Zur öster- 
reichischen Finanzgeschichte, IE. 91. — lieber Nieder-Oesterreich vergl. 
M e n 8 i, 76. 

*) Der öesammtbetrag belief sich auf 2*19 Millionen; es entfielen auf 
Nieder-Oesterreich 0-66, auf Ober-Oesterreich 0-18, auf Steyermark Ol, auf 
Böhmen 0.6, auf Mähren 0*2, auf Schlesien 0-4 Millionen, der Best auf 
Kämthen mit 60.000 und auf Krain 40.000 Gulden. 



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266 

geliefert. Der Credit derselben war ein grösserer als jener des 
Staates. 

Zur Sicherstellung der meist zu sechs Procent verzinslichen 
Anlehen erhielten die Stände, wie erwähnt, bestimmte Ein- 
nahmen zugewiesen, welche „Eetentionsposten" natürlich die staat- 
lichen Einnahmen stark verminderten. Auch Gefälle wurden dort, 
wo die Contribution als Hypothek nicht genügend war, fiir die 
Verzinsung imd Rückzahlung angewiesen oder die Einführung 
neuer Auflagen gestattet. In den von Zeit zu Zeit abgeschlossenen 
Recessen wurden diese Schuldverhältnisse geregelt. Der Staat 
konnte jedoch den übernommenen Verpflichtungen nicht immer 
nachkommen; die Schulden mehrten sich, indem nicht selten die 
Zinsen dem Schuldcapitale zugeschlagen werden mussten. Be- 
trächtlich waren die ständischen Darlehen während des Türken- 
krieges 1716 — 1718 und in dem letzten Jahrzehnt der Regienmg 
Carl VI. Statt einer Erhöhung der Contribution gewährten die 
Stände nicht selten Anlehen, in Jahresraten durch Abzüge von 
der Jahrescontribution oder aus Gefällen rückzahlbar und mit 
sechs Pro Cent verzinslich. ^) 

In den letzten Jahrzehnten der Regierung C a r Fs musste zur 
Bestreitung des Krieges in ähnlicher Weise, wie während des 
spanischen Erbfolgekrieges, zu Zwangsdarlehen geschritten werden, 
so 1735 und 1736. In dem erstgenannten Jahre wurde die Beitrags- 
pflicht nach der Leistungsfähigkeit bestimmt. Je nach der Classe 
wurden 500, 1000 und 2000 Gulden gefordert, das Capital wurde 
von der Stadtbank mit fünf Procent verzinst und sollte vom Jahre 
1739 an in vierteljährigen Raten rückgezahlt werden. Der Gesammt- 
betrag belief sich auf 2*4 Millionen. Aehnlich war es bei dem Zwangs- 
darlehen von 1739 der Fall, welches mit Beginn des Jahres 1742 
zur Rückzahlung gelangen sollte. Thatsächlich konnte der Staat 
den übernommenen Verpflichtiuigen nicht nachkommen, denn 1749 
mussten neue Vereinbarungen getroffen werden. 

Die bei Privaten aufgenommenen Anlehen waren nicht 
unbedeutend. Eine Aufzählung derselben ist wegen der grossen 
Anzahl nicht möglich, nur einige, besonders eigenthümliche, sollen 

») Z. B. 1736 der Krainer Landschaft für ein Anlehen von 100.000 Gulden 
von dem aus Friaul, IViest, Fiume, Istrien und anderen wälschen Orten ein- 
geführten Wein ein Aufschlag von einem halben Kreuzer per Mass, vom 
st€>Tischen Wein einen Pfennig per Mass zur Verzinsung und Kückzaiilung 
des Capitals. 



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267 

erwähnt werden. Baron An dl er erbat in einem Gesuche eine 
ordentliche Besoldung und erbot sich, pro sublevatione aerarii eine 
Anticipation von 75.000 Gulden zu sechs Procent verzinslich mit 
der Versicherung auf den schlesischen Biergroschen bis 1729 
zahlbar, zu prästieren. Die Finanzverwaltung war dagegen, die 
kaiserliche Entschliessung verfügte die Annahme des Anlehens. 
Im Jahre 17-35 lieh Graf Gaisruck 50.000 Gulden gegen das 
Versprechen einer unbesoldeten Rathsstelle bei der Hofkammer, zu 
fünf Procent. Dr. P o u 1 1 e erhielt eine Hofkammerstelle, gegen 
ein zu fünf Procent verzinsliches Darlehen im Betrage von 150.000 
Gulden. 

Zur Sicherstellung erhielten die Gläubiger die zur Verfugung 
stehenden Cameralgefälle, die meisten waren jedoch bei der Stadt- 
bank verpfändet. Auch die Erträgnisse der Cameralherrschaften 
wurden als Specialhypothek verwendet mit und ohne Einräimimig 
eines Pfandrechtes auf das betreffende Gut. In den letzten Jahren 
der Regieirmg CarPs sah man sich zur Auf bringung der erforder- 
lichen Summe auch genöthigt, Bückzahlung und Verzinsung auf 
die Contribution einzehier Länder anzuweisen; die Gläubiger er- 
hielten auch eigene ständische Obligationen. Auch die Recruten- 
und Eemontengelder, die Vermögens-Steuer sowie die ausserordent- 
lichen Einnahmen aus dem Reiche wurden verpfändet. ^) In Noth- 
fällen, wenn eine Hypothek nicht zur Verfügung stand, wurden 
bisweilen gegen höhere Verzinsung sogenannte schwebende Schulden 
gemacht und wenn die Darleiher im Besitze älterer Forderungen 
waren, wurde ümen die Begleichung derselben unter günstigen Be- 
dingungen zugesagt. 

Auch die Geistlichkeit wurde zu Anlehen herangezogen. Im 
Jahre 1717 borgten drei geistliche Corporationen 136.000 Gulden 
zur Begleichtmg von Schulden. Im Jahre 1733 verpflichtete sich 
der Prälatenstand in Nieder-Oesterreich, 312.500 Gulden vorzu- 
strecken, die oberösterreichischen Prälaten liehen 187.500 Gulden, 
die steyrischen 150.000 Gulden; von den böhmischen erwartete 
man mindestens 300.000 Gulden, von den Jesuiten der böhmischen 
und österreichen Provinz 100.000 Gulden.^) Im Jahre 1734 wurde 
von dem gesammten Clerus ein Subsidium praesentaneiun im Betrage 
von 1-2 Millionen gefordert xmd zwar von den deutschen Erblanden 
750.000, von den böhmischen 311.000, von Ungarn 170.000 Gulden. 



*) Die Einzelschulden bei M e n s i, 669. 

*) Deputations-ProtocoU vom 3. December 1733. 



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268 

Der gleiche Betrag von 1-2 Millionen Gulden wurde 1739 ver- 
langt.^) 

Carl VI. war kein Freund der Juden. Die Instruction vom 
Jahre 1717 machte der Hofkammer zur Pflicht, die Anzahl der- 
selben möglichst zu beschränken^, allein in Zeiten der Noth sah 
man sich doch genöthigt, die Mitwirkung und Unterstützung 
jüdischen Capitals in Anspruch zu nehmen. Die Wiener Juden- 
schaft wurde wiederholt zu Zwangsdarlehen verhalten; anlässlich 
der Kaiserkrönung zu Frankfurt musste sie 200.000 Gulden gegen 
eine funfprocentige Verzinsung aufbringen; 1717 wurden 1*273 
Millionen, 1727 0*66 Millionen gefordert. Die Eintreibiing wurde 
einer besonderen Hof-Commission übertragen. Als im Jahre 1734 
Berathungen gepflogen wurden, um für den Krieg das nothwendige 
Geld aufzubringen, rechnete man stark auf Anticipation der Juden- 
schaft in Vorder- Oesterreich und in Prag, sodann auf die Landes- 
Judenschaft in Böhmen und Mähren. Die Hofdeputation betrieb 
die Abgabe der Vorträge der Hof kanzlei und der Hof kammer über 
die Gestattung der Heirathen der Secundogenitur der Juden. Be- 
kanntlich bestand damals die Beschränkung, dass nur der älteste 
Sohn heirathen durfte und man erwartete von dem Zugeständnisse, 
dass auch dem zweiten -Sohne das Eingehen der Ehe gestattet 

') Im Jahre 1739 hatte die erbländische Geistlichkeit folgende Vorschüsse 
als Subsidium praesentaneum gemacht : 

Der Prälatenstand in Nieder-Oesterreich 200.000 fl. 

„ „ im Lande ob der Euns 100.000 „' 

„ „ in Steyermark 100.000 „ 

„ „ in Kärnthen • . . 40.000 „ 

„ „ in Tyrol 81.000 „ 

„ „ in Krain 6.500 „ 

„ „ im Breisgau und in Schwaben . . . 55.450 „ 

„ „ in Böhmen 115.000 „ 

Jesuiten in Böhmen 100.000 „ 

Der Prälatenstand in Schlesien 85.000 „ 

„ „ in Mähren 90.000 „ 

Oesterreichische Jesuiten-Provinz 80.000 „ 

Karmeliter Barfüsser der österreichischen u. böhmischen 

Provinz . 26.000 „ 

Serviten in Oesterreich und Tyrol 15.000 „ 

Einige JtmgfrauenklÖster 58.000 „ 

Einige Frauenklöster in Inner- Oesterreich 17.800 „ 

Einige Mannesklöster in Inner-Oesterreich 9.000 „ 

*) Vergl. Kescript vom 15. April 1717 über den Handel der AkathoUken und 
der Juden in Brunn und Mähren überhaupt bei D'El vert, Notizenblatt, 1889, Nr. 9. 



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269 

werden sollte, bereitwillige Unterstützung von Seite der Juden. ^) 
In einem Verzeichnisse der für den Krieg im Jahre 1734 zur 
Verfügung stehenden Fonde ist der Betrag von der böhmischen und 
mährischen Judenschaft mit 400.000 Gulden, von der Frankfurter 
Judenschaft mit 70.000 Gulden, endlich von dem Juden Greils- 
heim mit 15.000 Gulden angesetzt. 

Die Stände der wohlhabenden niederländischen Gebiete 
wurden in dem letzten Jahrzehnte der Regierung Carl VI. zur 
Aufiiahme von Anlehen herangezogen. Die Verhandlungen mii den 
Hennegauer Ständen führte Hofkammerrath v. Prandau und 
wurde von der Statthalterin, einer Schwester des Kaisers unter- 
stützt. ^ Das Anlehen betrug 2V2 Millionen Brabanter Wechsel- 
geld; Verzinsung und Rückzahlung sollten aus den Landes- 
mitteln (moyens courants) entrichtet werden, wofür die nieder- 
ländischen Finanzen aus dem Tabakgefälle entschädigt werden 
sollten, dem Camerale wurde für den Entgang der entsprechende 
Betrag aus der böhmischen Contribution zugewendet. Ueber 
die Höhe der Zinsen konnte man längere Zeit eine Einigung 
nicht erzielen. Auch weigerten sich die hennegauischen Stände, 
die Garantie ftlr die richtige Bezahlung zu übernehmen, während 
in Wien befürchtet wurde, dass ein blosses Garantien-Instrument 
den gewünschten Effect nicht erreichen und auf kaiserliche 
Obligationen die Gelder spät und ungewiss eingehen würden, 
mithin der dringenden Noth nicht geholfen wäre. Ein Schreiben 
des Kaisers an die Statthalterin hat den Abschluss der Verhand- 
lungen beschleunigt und eine Einigung bewerkstelligt, womach die 
hennegauischen Stände gegen eine Annuität von sechs Procent (vier 
Procent Zinsen und zwei Procent Rückzahlung) in die Aufnahme 
des Anlehens willigten. ^) 



*) Vortrag der Deputation v. 12. Mai 1734. Der Kaiser genehmigte die Anträge. 

*) Max Emanuel Hildebrand v. Prandau gehört zu den verdienstvollsten 
Finanzbeomten jener Tage und hat auch noch in den ersten Jahren der 
Regierung Maria Theresia's eine erspriessHche Wirksamkeit entfaltet. 1730 
wurde er Director der orientalischen Compagnie, deren Erzeugung und Ver- 
schleiss sich unter seiner Leitung beträchtlich hoben. Im Jahre 1733 wurde er 
nach den Niederlanden entsendet, um daselbst mit den Finanzmännem über 
Anlehen zu verhandeln. Nach dem Rücktritte des Grafen KoUowrat wurde 
er mit der Leitung der Bancalität betraut, noch im ersten Jahrzehnt der 
Regierung Maria Theresia's besass er massgebenden Einfluss. 

') Conferenz-Protocoll vom 3. Mai 1735, das kaiserliche Handschreiben 
an die Statthalterin vom 6. Mai und andere bisher unbenutzte Schriftstücke. 



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270 

Ausländische Schulden. 

Die Formen der im Auslande aufgenommenen Anlehen 
waren mannigfacher Art. Einige waren auf Grund von Aller- 
höchsten Schuldverschreibungen abgeschlossen, manchmal mit 
Sichersfcellung auf eine Hypothek*), die meisten wurden jedoch 
von der Hofkammer vertragsmässig contrahiert und als Hypothek 
die Contribution eines Landes oder das Bergwerkregale verschrieben. 
Den in Holland während des spanischen Erbfolgekrieges auf- 
genofhmenen Anlehen dienten die Erträgnisse des Quecksilber- 
bergwerks in Idria zur Q-rundlage, ebenso auch den Anlehen in 
den Jahren 1734 und 1739. Bis in die Mitte des XVill. Jahr- 
hunderts wurden die europäischen Märkte in erster Linie von 
Oesterreich mit Quecksilber versorgt und mit grosser Aufmerksamkeit 
verfolgte man daher die Preise dieses Artikels. Auch die Kupfer- 
bergwerke in Ungarn zu Schmöllnitz und Neusohl wurden als Pfand 
verschrieben. 

Eine wichtige Hypothek war auch die Contribution, in erster 
Linie die schlesische ; die Stände verpflichteten sich zur Verzinsung 
und Tilgung der Anlehen. Die meisten in Holland und England 
aufgenommenen Anlehen wurden auf den schlesischen Contributions- 
fond versichert. Auch die mährische und böhmische Contribution 
diente als Hypothek.^) Die niederösterreichischen Stände über- 
nahmen 1739 die Garantie für ein in Brabant aufgenommenes An- 
lehen im Betrage von 3 Millionen Gulden. Der Zinsfuss der im 
Auslande aufgenommenen betrug 6V4 bis 8 Procent, femer musste 
dem Banquier, der die Vermittlung übernahm, eine Provision von 
einem Procent zugestanden werden. 

Vornehmlich in Holland und England wurden die meisten 
Anlehen abgeschlossen, was, abgesehen davon, dass diese Länder 
zu den capitalreichsten gehörten, durch die innigen politischen 
Beziehungen derselben zu Oesterreich Erklärung findet. Auch nach 
Herstellung des Friedens blieben Anfangs die Generalstaaten geneigt, 
die österreichische Regierung bei den daselbst zu contrahierenden 



*) Eine Allerhöchste Schuldverschreibung war noch 1855 Gegenstand 
finanzministerieller Verhandlung; dieselbe war 1740 über 3000 Gulden auf Leopold 
Prekenhueber ausgestellt worden. (Vergl. die Acten 11109, 14189 und 17362 
ex 1855.) 

*) Nach einem mir vorliegenden Ausweise waren in den Jahren 1730 — 1789 
über 17-2 Millionen Gulden, meist Anlehen in England und Holland, auf 
Schlesien versichert. 



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271 

• 
Anlehen zu unterstützen. Während des Türkenkrieges gelang es 

dem nach HoUand entsendeten Hofkammerrath Tinti im October 
1716 eine Summe von 2V2 Millionen Holländisch durch Vermittlung 
der Amsterdamer Firma Clifford unter drückenden Bedingungen 
aufeubringen. Schwieriger waren die Verhältnisse in den Zwanziger 
Jahren, als die politischen Verhältnisse Oesterreichs zu den See- 
mächten sich getrübt hatten und die Generalstaaten ihre Zustimmimg 
zur Aufnahme eines Darlehens verweigerten. In dem letzten Jahr- 
zehnt der Eegierung Carl VI. zeigten sich die Holländer, nach- 
dem die Differenzen über die Ostende-Compagnie geschlichtet waren, 
williger, Oesterreich zu unterstützen. Die Anlehen in den Jahren 
1733 und 1734, welche der nach Holland entsendete Hofkammerrath 
Hildebrand von Prandau vermittelte, wurden für Kriegsrüstungen 
verwendet und nach dem Frieden kam auch ein Anlehen zu Conver- 
tierungszwecken zu Stande. Endlich gelang es, während des Türken- 
krieges 1737 bis 1 739, holländisches Capital zu erhalten. Auch inEngland 
wurden, seitdem die Beziehungen in Folge des spanischen Erbfolge- 
krieges inniger geworden waren, grössere Beträge aufgebracht, so im 
Jahre 1716 ein Anlehen von 2 Millionen Gulden, welches mit dem 
Amsterdamer Banquier Clifford abgeschlossen, zumeist von englischen 
Capitalisten gegen achtprocentige Verzinsung gezeichnet wurde. 
Das Anlehen im Jahre 1737 im Betrage von 250.000 Pfimd Sterling, 
welches nach mühevollen Verhandlungen durch Vermittlung der Bank 
von England zu Stande kam, wurde mit sieben Procent verzinst und 
sollte von 1741 angefangen in fünf Jahren rückgezahlt werden. Als 
SichersteUung diente der schlesische Contributionsfond. Das Anlehen 
von 1737 im Betrage von 320.000 Gulden wurde auf den Kupferfond 
aufgenommen und sollte vom Jahre 1743 angefangen binnen zehn 
Jahren rückgezahlt werden. Auch in Genua wurden in den Jahren 
1736 — 1738 drei Anlehen im Gesammtbetrage von 2*3 Millionen 
Gulden abgeschlossen. 

In Deutschland borgte man bei einigen Landesfürsten, so bei 
den Churfürsten von der Pfalz und Bayern, bei den geistlichen 
Eeichs-Ständen imd einzelnen Städten, vornehmlich Frankfurt am 
Maiti imd Nürnberg. Dagegen führten Anlehensverhandlungen mit 
der Schweiz, die auf Befehl des Monarchen im letzten Jahrzehnt 
seiner Regierung wiederholt versucht wurden, zu keinem Er- 
gebnisse. 

Eine neue Schuldgattung war die Tontine. Der kaiserliche 
Gresandte in Genua brachte nämlich die Errichtung derselben im 



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272 

Betrage von einer Million Gulden in Vorschlag. Es sollten 2000 
Einlagen k 500 Gulden ausgeschrieben werden, zu acht Procent 
verzinslich. Die Actien sollten übertragbar sein gegen Entrichtung 
von zehn Procent der Einlagssumme. Die Hofkammer fand die 
Bedingungen nicht vortheilhaft und machte einen anderen Vorschlag, 
allein es musste zunächst, ehe an die Verwirklichung des Projectes 
geschritten werden konnte, die Zustimmung des Magistrates von 
Bozen für die Uebemahme der Garantie verlangt werden. Der 
Secretär des kaiserlichen Gesandten in Genua, Poli, wurde nach 
Wien zur Auskunftsertheilung berufen und erhielt später den Auf- 
trag, zu erkunden, ob die Geneigtheit bestehe, ein derartiges An- 
lehen zu leisten. ^) Es dauerte indess längere Zeit, ehe die An- 
gelegenheit zum Abschlüsse kam. Erst am 26. Januar 1737 wurde 
das darauf bezügliche Patent erlassen. *) Die hervorragendsten 
Wechsler in den verschiedensten Städten werden in der Ankündigung 
bezeichnet, welche die Antheilscheine gegen baare Bezahlung aus- 
händigen sollten; das Anlehen fand jedoch keinen Anklang und 
musste im Jahre 1739 gänzlich angelassen werden. 



Die Banco- Schulden. 

Die nachhaltigste Aushilfe gewährte die Wiener Stadt- 
bank. Als in den ersten Jahren des XVlil. Jahrhimderts der 
Gredit des Staates vollständig damiederlag, eine Erhöhung der 
Steuern unmöglich schien, selbst geringfügige Summen zur Be- 
streitung nothwendiger Erfordernisse mangelten, wähnte man in 
einem Creditinstitute das finanzielle Heil zu finden. Schon seit 
Jahren hatte man sich mit darauf bezüglichen Projecten beschäftigt. 
Am 15. Jimi 1703 trat das neue Institut unter dem Namen Banco 
del giro iq's Leben, wie das Diplom besagt: wegen der Elriegs- 
erfordemisse für die Erhaltung von zwei grossen Armeen, dann zur 
Hebung des damied erliegenden Handels nach dem Muster der 
Anstalten Venedigs, Amsterdams, Hamburgs und Nürnbergs. Die 
Dotation des Banco wurde mit vier Millionen Gulden bestimmt. 



») Conferenz-Protocoll vom 80. Juli 1736. 

*) Es sollten 4000 Actien k 500 Gulden ausgegeben werden, die Aotionäre 
waren nach dem Alter in vier Classen eingetheilt, wenn eine der Classen „durch 
zeitliches Hinscheiden aller Interessenten" erlosch, erbten die übrigen drei 
Classen die Hälfte „desjenigen Nutzens, welchen vorhin der Letzte der extin- 
guierten Classe genossen". 



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273 

welcher Betrag aus den Contributionen der Länder jährlich ein- 
fliessen sollte. Für das erste Jahr war über die Contribution schon 
anderweitig verfügt worden nnd es sollten daher zwei Millionen 
aus den erstbesten ausserordentlichen Einnahmen dem Institute 
zugewendet werden, eine hypothetische Bestimmung, da vorläufig 
keinerlei verfiigbare Einnahmen vorhanden waren. Die Hofkammer 
sollte Anweisungen an die Bank, ohne den Betrag des Fondes zu 
überschreiten, ausstellen dürfen, auch Private Geldeinlagen machen 
und für ihr Guthaben Anweisungen ausfertigen können. Den Theil- 
nehmem am Institute wurden mannigfache Privilegien eingeräumt, 
so die Uebertragbarkeit der Assignationen durch Giro^ Befreiung 
der Banco-Einlagen von Sequestration und Execution u. dergl. 
Die Assignationen hatte jedermann vom Aerar und Privaten 
an Zahlungsstatt anzunehmen. Bedenklich war die Bestimmung, 
dass alle Wechsel und Anweisungen von Kaufleuten bei Verlust 
des zehnten Theiles des Betrages durch den Banco laufen müssen. 
Der Grundgedanke, bemerkt Schwabe treffend, zielte unverkennbar 
dahin, Schuldpapieren des Staates wieder Credit zu verschaffen. 
Es sollte nämlich die neue Anstalt durch in reichlichem Masse bei 
ihr zur Einlage kommende Privatcapitalien und gezwungen durch- 
laufende Geschäftsabwicklungen sicher zahlungsfähig, wie ein grosses 
Zahlungshaus dastehen, den Schuldverschreibimgen des Staates die 
Eigenschaft allerbester Papiere, die von Hand zu Hand wie Baargeld 
giengen, verliehen werden, indem sie den „Giro des Instituts" erhielten. 
Zur Befestigung des Vertrauens in die neue Anstalt wurde auch 
die Mitwirkung der niederösterreichischen Stände und des Stadt- 
magistrates von Vitien, endlich des Handelsstandes in Anspruch 
genommen, indem Mitglieder dieser Körperschaften der Direction 
zugezogen wurden. 

Die von der Regierung an das neue Institut geknüpften 
Erwartrmgen verwirklichten sich nicht. Gerade jener Stand, von 
dessen Unterstützung am meisten erhofil wurde, der Handelsstand, 
TV'ar voU Misstrauen. Die niederösterreichischen Stände erhoben 
gegen die Einrichtung Protest ; die Verpflichtung, die Assignationen 
an Zahlungsstatt anzunehmen, war eine unglückliche Bestimmung. 
Man erblickte darin die Absicht, einen Papierhandel einzuführen 
und als Folge Ruin des Gredits und Hemmtmg des Handels. Vi^ie 
konnte auch die Handelswelt Vertrauen einem Institute entgegen- 
bringen, dessen Dotation ungenügend war! Die Nothwendigkeit 
einer Abänderung machte sich fühlbar und nach einem Jahre fanden 
die mannigfachsten Berathungen einen Abschluss. Das Patent vom 

Oesterreichisclier Erbfolgekriog. I. Bd. 18 

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274 

3. Jiini 1704 erhöhte die Dotation von vier auf fünfeinhalb 
Millionen und vorfügte, dass zu diesem Zwecke einige Cameral- 
gefäUe der Bank übergeben und derselben die Einhebung und 
Verwaltung in voUer Unabhängigkeit von der Hofkammer und 
anderen Behörden zu übertragen sei. Nur die Ueberschüsse wären 
an die Hofkammer abzuführen. Diese soUte Anweisimgen auf die 
Bank bis zum Betrage von vierzig Millionen ausstellen können, 
welche mit dem Giro versehen, in Umlauf zu bringen und binnen 
zwölf Jahren rückzuzahlen waren. Je nach der früheren oder späteren 
Fälligkeit der Anweisungen betrug der Zinsfuss vier bis acht Pro- 
cent. ^) Aber auch in dieser verbesserten Form konnte die Bank eine 
gedeihliche Wirksamkeit nicht entfalten, die Aufiiahme von Staats- 
anlehen nicht erleichtem und das Vertrauen derjenigen, welche 
dem Staate Gelder vorstrecken konnten, nicht festigen. Das 
Misstrauen war nicht zu bannen, dass aus den staatlichen Ein- 
nahmen beträchtliche Summen der Bank überwiesen werden könnten, 
während die verfügbaren Mittel zur Bestreitimg der Krieg5kosten 
nicht hinreichten. Graf Gundaker Starhemberg hatte auch mit 
einleuchtenden Gründen die Mängel des reorganisierten Institutes 
hervorgehoben : Für die Finanzen sei es geradezu unmöglich, die 
demBanco zugewiesenen Beträge zu entbehren; die Staatsverwaltung 
müsste auf beträchtliche Einkünfte Verzicht leisten, ehe noch die 
Darlehen eingeflossen wären ; der Ruin des Camerale, wie der König- 
reiche und Länder werde die Folge sein*). Unter den der Bank über- 
wiesenen Zuflüssen war auch die ungarische Contribution, auf welche 
jedoch nicht verzichtet werden konnte, da dieselbe für die Truppen 
jenseits der Leitha imentbehrlich war. Auch einige der zugesicherten 
Gefälle konnten der Bank nicht überantwortet werden. In der That 
half die Bank den finanziellen Nöthen nicht ab. Die Beträge, welche 
in der nächsten Zeit der Regierung zuflössen, waren daher winzige. 
Die Hilflosigkeit der Anstalt, die nicht einmal im Stande war, ihre 
Beamten zu besolden, wurde nach Kurzem offenbar. 

Die Gründung eines reinen Staatsinstitutes hatte Schiffbruch 
gelitten. Bei der Eim-ichtung einer neuen Bank, des „Wiener 
Stadtbanco-Institutums", schlug man einen anderen "Weg ein. 
„Ziu- Eectificiorung, Verbesserung und Feststellimg des Banco- 
Instituts", heisst es in der Ankündigung, „wird, um den Gläu- 
bigem eine grössere Sicherheit zu verschaffen, die Leitung und 



') Die Patente im Cod. Aust. II. 81—85, III. 464-467. 

«) Vortrag 3. Juli 1704. Schwabe a. a O. 80. Mensi, a. a. 0. 179 f. 



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275 

Administration der Bank an „ein notorie acereditierte^ Corpus civile", 
nämlich an die Stadt Wien übertragen und zur Aufsicht eine aus 
Mitgliedern der niederösterreichischen Regierung und der Hof kammer 
zusammengesetzte Deputation errichtet. Die Stadtbank leistete bereits 
in den ersten Jahren dem Staate nicht unbeträchtliche Dienste. Sie 
übernahm die auf den Cameralgef allen haftenden Schulden, machte 
Vorschüsse und bezahlte auch staatliche Verbindlichkeiten, z. B. die 
Deputationsgelder der Kaiserin -Wittwe. Namentlich seit Graf 
Starhemberg die ausschliessliche Leitung der Stadtbank über- 
nommen hatte (1711), befestigte sich das Vertrauen in den weiteren 
Kreisen, freiwillige Capitalseinlagen flössen ihr zu, wodurch es 
möglich wurde, dem Staate unter die Arme zu greifen, so durch 
Einlösung verpfändeter Cameralgefalle und Cameralherrsohafben, die 
jedoch der Verwaltung der Bank imterstellt wurden. Die dem 
Staate gewährten Darlehen mussten mit einem zehn Procent 
betragenden Fonde bedeckt werden, wodurch natürlich die für 
die sonstigen Ausgaben erforderlichen Summen eine Herab- 
setzung erfuhren, ein Entgang, der um so drückender empfunden 
wurde, als eine Steigerung der Einnahmen nicht leicht bewerkstelligt 
werden konnte.^) 

Seit dem Regierungsantritte Carl VE. standen mannigfache 
Pläne über die Reorganisation der gesammten Finanzverwaltung 
auf der Tagesordnung. Eine bessere Einrichtung der Hofkammer 
schien nicht genügend, denn auf diesem Wege konnte eine rasche 
Besserung der Finanzlage unter einem vorsichtigen und kühnen 
Neuerungen abholden Hofkammer-Präsidenten, wie Graf Starhem- 
berg war, nur allmälig bewerkstelligt werden. Allein der Staat 
bedurfte Geld und die Wiener Stadtbank konnte den Ansprüchen 
nicht immer Genüge leisten. Man fasste Anfangs eine Umgestaltung 
der Girobank in's Auge, um dieselbe creditfäliiger zu machen, allein 
die Veröffentlichung des bereits am 24. März 1713 fertiggestellten 
Patents erfolgte nicht, da von der Hof kanzlei und von den nieder- 
österreichischen Ständen Einwendungen gegen die neue Einrichtung 
vorgebracht wurden, mittlerweile auch ein neues Project vorlag, 
welches unter dem sonderbaren Titel „Universal-Bancal-Finanzen- 
Oekonomie-Demonstration" sich die Herstellung der Ordnung des 
Staatshaushaltes, insbesondere die Regelung des Gassen-, Control-, 
Oredits- und Schuldenwesens zur Aufgabe stellte. Der Verfasser des 



') lieber die Wiener Stadtbank, Schwabe a. a. 0. 84 f. und mit reich- 
lialtigen Einzelheiten Mensi a. a. O. 207. 

18* 



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276 

neuen Vorschlages war der Hofkammerrath Bernhard Georg von 
M i k o 8 c h, der in umfassenden Denkschriften die Anträge er- 
läuterte und vertheidigte. Der Kaiser verfügte commissionelle 
Berathung durch eine Hof - Deputation, welcher jedoch der 
Hof kammer - Präsident Graf Starhemberg nicht beigezogen 
wurde, gewiss bezeichnend für die gegnerische Strömung, womit 
der tüchtigste Finanzmann des damaligen Oesterreichs zu kämpfen 
hatte, die auch in den ProtocoUen ihren Ausdruck fand, indem die 
Wirksamkeit der Hofkammer einer abfälligen Kritik imterzogen 
und dem Monarchen sogar widerrathen wurde, dieselbe über das 
Project zu vernehmen. 

Die Aufgabe, welche dem neuen Institute in erster Linie zu- 
gewiesen wurde, war, „dem so erschöpften Aerario zu Hilfe kommen", 
wie Prinz Eugen in der ersten Sitzung am 14. Juli 1714 hervorhob, 
„Restabilierung des so sehr gesunkenen Credits und Aufrichtung 
einer Generalbancalität, wodurch alle, sowohl Militär- als Cameral- 
gelder distribuiert werden sollen". Die Conferenzmitglieder hatten 
wohl mannigfache Bedenken imd ein Schriftstück von dem Ver- 
fasser des Projectes, „Zur Dillucidienmg des Werks" betitelt, dürfte 
die Zweifel über die Erspriesslichkeit und Durchfiihrbarkeit der 
Vorschläge nicht behoben haben. Sinzendorff, bekanntlich ein 
Schwätzer ersten Ranges, bemerkte, das Werk berühre in etwas 
die alten Verfassungen und Aenderungen wären öfters schädlich, 
allein wenn das Alte nicht erklecklich sei, so müsste man zur 
Emporbringung des Credits und zur Tilgung des eingerissenen 
Wuchers endlich doch auf Neuerungen denken. Animosität gegen 
die Hofkammer leuchtet aus allen Voten hervor. Der Credit könne 
durch die Hofkammer nicht restabiliert werden, meinte Sinzendorff, 
und Graf Harr ach pflichtete ihm voll bei; das ganze Camerale 
stünde in grosser Unordnung, Hess er sich vernehmen, das Aerar 
sei schlecht versehen, die Hofbediensteten gerathen aus Mangel an 
Bezahhmg in grosse Noth, die Kammer wisse sich nicht zu helfen. 
Er imd Schlick waren der Ansicht, dass der grossen Noth durch 
die Bancalität gesteuert und die Einnahmen und Ausgaben in 
gehörige Ordnung gesetzt werden dürften. ^) 



*) Die Behauptung, dass auf die glänzenden Erfolge der verschiedenen 
ausländischen Banken hingewiesen wurde, ist übertrieben. Nur ein Mitglied 
der Minis terial-Deputation machte eine darauf bezügliche Aeusserung. Die Stelle 
im Pro to coli lautet : . . . .Graf von Sinzendorff hat in seinem dissfähligenvoto 
gemeldet, wie er ab experientia wissete, dass sowohl in Statu Monarchico, alss 
Bey anderen Republiquen, Banquen introduciret seynd, Vnd in utroque Statu, 



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277 

Es scheint, dass der Kaiser für die Errichtung der Bancalität von 
vorneherein günstig gestimmt war, was auf die abgegebenen Gut- 
achten der Hof-Deputation nicht ohne Einfluss blieb. Welche Er- 
wartungen an die neue Einrichtung geknüpft wurden, ist aus dem 
Eingange des Patents vom 14. December 1714 ersichtlich. In damals 
üblicher "Weise wurden die massgebenden Gründe für die neue 
Schöpftmg dem Publicum verkündet. Die Ergebnisse der Cameral- 
einnahmen sollten gesteigert, die Schuldenlast verringert, die Miliz 
richtig bezahlt, die Insassen und Unterthanen verschont, der Credit 
erhöht, der beschwerliche Wucher abgestellt, Zinsen erspart, das 
Erfordemiss des Hofstaates rechtzeitig beschafft, dem Handelsmann 
und Gewerbetreibenden durch billige Darlehen geholfen, dem 
Bauer zur leichteren Bestreitung seiner Abgaben die Mittel an 
die Hand gegeben werden. Natürlich mussten der Bancalität zur 
Lösung dieser umfassenden Aufgaben die erforderlichen Zuflüsse 
behufs Bildung eines sicherstellenden Fondes zugewiesen und die 
Unantastbarkeit desselben für ewige Zeiten zugesichert werden. 
Nicht nur der Staat sollte Credit finden zur Bestreitimg der unum- 
gänglichen Ausgaben, sondern auch Private Darlehen gegen eiue 
dreiprocentige Verzinsung erhalten, Hofstaat und Militär, sowie 
die Beamten in allen Erb-Königreichen und Landen die Besoldung 
vierteljährlich richtig empfangen.^) 

Graf Starhemberg sprach sich über das neue Institut in 
einem schriftlich abgegebenen Votimi abfällig aus. Von der Ban- 
calität konnte nicht erwartet werden, dass sie Erspriessliches zu 
leisten in der Lage sei, wenn man die Geldmittel einer kritischen 
Prüfung unterzieht, welche zur Bildung eines Fondes bestimmt 
waren. ^ Bei Berechnung derselben spielte die Phantasie desProjec- 



wan solche recht Bestellet, mit sonderem guten effect Succediren können. Vor 
anderen aber seyn dahin zu gedeacken, dass man soviel möglich das Werck 
mit guten willen anfange, Vnd darzu keinen Zwang nit gebrauche, dan mit 
Zwang wird kein Credit gemacht ; man müste schon alle Hilff zu Beförderung 
des Wercks, vornehmlich aber noch mehrere fundos Beyzubringen, vermittelst 
deren der Credit nicht allein gleich anfänglich formiret, sondern auch in 
Succession befestigt werde. (Referat der kaiserlichen Ministerial-Hof-Deputation 
nnter dem Vorsitz des Prinzen EugenvonSavoyen, betreffend die projectierte 
XJniversal-Bancal-Finanzen-Oekonomie ddo. 29. August 1714). 

') Die Darstellung beruht auf handschriftlichem Material. Vergl. Schwab e, 
113 und Mensi a. a. O. 

*) Diese Zuflüsse waren alle ausständigen Forderungsposten desStsiates: 
Abfahrtsgelder, Caducitäten, Tax- und Strafgelder, die Beträge jener Personen, 
Bancal-Legitimations-Ärrhen genannt, welche Bancalisten werden wollten, denen 



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278 

tanten eine grosse Rolle, da er namentlich von den freiwilligen 
Zuflüssen bedeutende Summen erwartete. 

M i k o 8 c h befürwortete die Geltung der Bancalität auch 
in Ungarn, schon aus dem Grunde, „da bei einer monarchischen 
Oekonomie es nicht richtiger und ordentlicher zugehen kann, als 
wenn die Einnahmen und Ausgaben durch eine Richtschnur und unter 
einer Verrechnung geführt werden, mithin die aus allerlei particulären 
Zahlämtem bisher geflossenen Unrichtigkeiten abgestellt werden". 
Auch könnte die Bancalität sonst einen imiversalen Anordnungs- 
staat nicht verfassen, die Meliorationen der Cameralfonde würden in 
Ungarn unterbleiben. Die Deputation machte daher auch den 
Vorschlag, das Bancalitätspatent in Ungarn zu publicieren mit der 
Bemerkung, „dass solche qua Länder zwar eximiert, die Kammer und 
Miliz aber zur Befolgung des Patentes angewiesen werden". Die Reso- 
lution des Kaisers lautete aber dahin, wegen Ungarn werde er sich 
noch vor Publicierung des Patentes resolvieren. ^) Die Militär- und 
Cameralgef alle Ungarns wurden den Bancal-Cassen überwiesen, das 
Patent aber aus staatsrechtUchem Grunde nicht verlauthart. 

Die Bancalität war ursprünglich eine vollständig unabhängige 
Behörde und erst nach Schaffung der Finanz-Conferenz derselben 
untergeordnet, nachdem das Bancal-Gubemium beseitigt und ein 



gewisse Rechte eingeräumt waren und die jährlich je nach ihrem Stande und 
ihrer Beschäftigung einen Betrag von 3 bis 200 ü. zu leisten hatten ; die Dienst- 
Arrhen aller Hof-, Civil- und Militärbeamten, in Abzügen von ihrem Gehalte 
bestehend und zwar der bereits im Dienste stehenden mit sechs Procent ein 
für alle Mal, der neu angestellten mit Erlegung von Quartalen ihres Gehaltes ; 
Assignations-Arrhen mit drei Procent der Gelder, welche Müitär- und andere 
Personen zurückzulassen hatten, die durch die Bancalitätscassen ihre Bezüge 
erhalten wollten; Reservations- Arrhen, d. i. einprocentige Abzüge bei Erhalt 
von Geldern, die bei der Bancalität angelegt waren, endlich jüdische Beitrags- 
Arrhen, welche die Juden, um Bancalisten zu werden, im Betrage von 6 bis 
300 ü, zu entrichten hatten, wofür sie berechtigt waren, mit dem Staate 
Geschäfte zu machen und in der Residenz zu bleiben. Ausser diesen ständigen 
Zuflüssen erwartete man auch freiwillige. Jeder Bancalist sollte nämlich be- 
rechtigt sein, Geld bei dem Institute einzulegen und zwar nach der Höhe der 
Legitimationsarrhe bei 8 bis zu 100 fi., bei 2C0fl. bis zu 6666 fl. 40 kr. Für den 
angelegten Betrag erhielt er eine dreiprocentige Verzinsung (Agio genannt) in 
Bancalitätsvaluta, das ist eine Assignation auf die Anstalt, welche wie baares Geld 
verwendbar sein sollte. Die angelegten Capitalien blieben von jeder Vermögens- 
Steuer befreit und unterlagen keiner Confiscation. Alle Bancalisten sollten in 
allen Aemtem und öffentlichen Functionen verbleiben und künftig nur solche 
angestellt werden, die mindestens ein halbes Jahr Bancalisten waren. 

*) Vertrag 22. November 1714. Die kaiserliche Entschliessung langte am 
14. December 1714 9 Uhr Abends herab. 



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279 

Bancalitäts-Präsident mit der Leitung betraut worden war. Die 
Hälfte des Reingewinnes sollte dem Staate zufliessen. Die Ban- 
calität war in ausserordentlichen Fällen zu Darlehen an den Staat 
gegen Sicherstellung verpflichtet. 

Die grossen Erwartungen von der Wirksamkeit der Bancalität 
fiir den Staatscredit erfüllten sich ebenfalls nicht. Die derselben 
zugewiesenen Einnahmen liefen nicht in der Höhe ein, wie voraus- 
gesetztwar, wodurch die Creditf ähigkeit schon in den ersten Anfängen 
verringert wurde. Man erhofile, dass das von der Anstalt ausgegebene 
unverzinsliche, nach einer halbjährigen Kündigungsfrist rückzahlbare 
Papier in grösseren Mengen in Umlaiif kommen werde; man erwartete 
beträchtliche Einlagen, zu drei Procent verzinslich, was schon aus 
dem Grunde nicht wohl eintreten konnte, weil die Stadtbank die 
Einlagen mit sechs Procent nach Sicht rückzahlbar verzinste. Mit 
der Leitung der Stadtbank war überdies die erste Finanzcapacität 
damaliger Tage betraut, die schon Proben ihrer Tüchtigkeit durch 
eine mehrjährige Thätigkeit an der Spitze der Hofkammer abgelegt 
hatte, während die Leitung der Bancalität Männern übertragen war, 
deren Befähigung fiir den schwierigen Posten sich erst bewähren 
musste. Es muss jedoch dahingestellt bleiben, ob eine begabtere 
Persönlichkeit, als Fürst Trautson und später Graf Kolowrat, 
im Stande gewesen wäre, einer Anstalt Lebensfähigkeit einzuhauchen, 
deren Organisation von Kennern als eine verfehlte bezeichnet wurde. 
Starhemberg's kritische Bemängelimgen wurden in der Folge 
durch die Thatsaohen erhärtet. Nach kurzem Bestände trat die 
Leistungsunfähigkeit der neuen Schöpfung klar zu Tage. Der Credit 
der Bancalität sei mit Ende Januar bereits periclitiert, heisst es 
in dem Finanz-Pro tocolle vom 17. Februar 1720, wenn nicht der 
Jud Wertheimer mit einer Anticipation von 300.000 Gulden aus- 
geholfen hätte, und am Schlüsse des Jahres wird bemerkt, die Ban- 
calität finde keinen Credit mehr. ^) Ja, es wird darauf hingewiesen, 
dass der Credit des Stadtbanco leide, weil jener der Bancalität 
„zerfallen" sei und die Li- und Ausländer zwischen Banco und 
Bancalität den Unterschied nicht zu machen wüssten, die Ausländer 
daher ihre Gelder aus dem Stadtbanco zurückziehen. ^) Um einen 
Bankerott der Bancalität zu vermeiden, mussten die Schulden von 
der Stadtbank übernommen werden und ihre Thätigkeit als Credit- 
institut hatte damit ein Ende. Erst in den letzten Jahrzehnten der 



*) Finanz-Conferenz-Protocoll, Decembei' 1720. 
*; Conferenz-Protokoll vom 13. December 1721. 



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280 

Regierung Carl VI. hat die Baiicalität bei den damals für den 
Krieg erforderlichen Finanzoperationen eine, wenn auch nicht um- 
fassende Thätigkeit entfaltet, indem ihre Mitwirkung fiir die Be- 
schafiiing von Wechseln in Anspruch genommen wurde, um für 
die Bedürfhisse des Heeres in Italien und zum Theil auch in 
Deutschland Vorsorge zu treffen ^). Die vielfach aufgestellte Be- 
hauptung, dass durch die Bancalität eine einheitliche Controle und 
Gebahrung im Staats-Cassenwesen im Grossen und Ganzen erreicht 
worden sei, kann nur mit Einschränkung als richtig bezeichnet werden, 
denn sie gilt nicht für die ganze Zeit des Bestandes der Bancalität, 
Die Bancalität sollte auch als Central-Casse dienen, deren Mangel schon 
längst fühlbar war, da bei der damaligen Organisation die Möglich- 
keit, eine Uebersi(jht über die gesammten Einnahmen und Ausgaben 
des Staates zu gewinnen, nicht vorhanden war. Hierauf bezügliche 
Berathungen wurden, wie bereits erwähnt, schon unter finiheren 
Regierungen wiederholt gepflogen. In einem Decret an den Fürsten 
Trautson wird auf die Thätigkeit der Bancalität als Staats-Central- 
Casse besonders Gewicht gelegt. Die gesammten Einnahmen der 
Cameral- und Militär-GefiÜle sollten den Bancal-Cassen zufliessen 
und von jenen Einkünften, welche den perpetuierlichen Fond der 
Bancalität zu bilden hatten, allstets separiert verbleiben.^) Allein 
auch in dieser Beziehung konnte die Bancalität der ihr zugewiesenen 
Aufgabe nicht entsprechen. *) Nicht blos die Hofkammer erhob 
gegen die Competenz der Bancalität hinsichtlich einiger SpeciaJfonde 
Widerspruch; noch in den Dreissiger Jahren wurde geklagt, dass die 
Hof kanzlei selbstständig über Gelder verfüge, ohne Hofkammer oder 
Bancalität in Kenntniss zu setzen. Ihre Mitwirkung bei Verfassung 
der Staatsvoranschläge blieb illusorisch; seit Errichtung derFinanz- 
Conferenz wurde dieser Körperschaft die Prüfung derselben übertragen. 
Während Girobank und Bancalität den Forderungen des 
Staates nicht entsprechen konnten, hat die Stadtbank beträcht- 
liche Dienste geleistet. Sie übernahm Cameralschulden , sowie 
verpfändete Gefälle und Domänen, gewährte Vorschüsse und 
ermöglichte es, dass Mitglieder des Kaiserhauses ihren Haushalt 
bestreiten konnten; nicht selten wurden Rückstände der Hof- 
zalilungen, Gnadengaben, Apanagen an die Bank überwiesen . 



*) Deputations -Pro tocoUe aus den Jahren 1734—1739. 
*) Decret vom 1. October 1714. 

^) Auch Schwabe a. a. 0. 148 ist derselben Ansicht, dagegen Mensi 
a a. O. 475, ohne für seine Ansicht einen Beleg zu bringen. 



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281 

Je fester sich ihr Credit gestaltete, um so grösser wurden die An- 
sprüche der Hof kammer, da diese den Privatgläubigem in der 
Regel höhere Zinsen zahlen musste, während die Bank Darlehen 
zu sechs Procent gewährte. Die Vereinbarungen zwischen Hof- 
kammer und Stadtbank, Recesse genannt, enthielten Bestimmungen 
über die Höhe des dargeliehenen Betrages, sowie über die der Bank 
zur Sicherstellung überwiesenen Gefälle. Durch Vereinbarung vom 
29. Juni 1719 mit der Hofkammer übernahm sie auch die Ver- 
pflichtung, alljährlich einen Beitrag von 500.000 Gulden zu leisten. 
Auch bürgerte sich ein neuer Grundsatz bei der Bedeckung für 
die von der Bank übernommenen Leistungen ein. Da die statuten- 
gemässe Sicherstellung von zehn Procent für Zinsen und Rück- 
zahlung durch Ueberweisung neuer Gefälle nicht gewährt werden 
konnte, wurden die der Bank bisher übergebenen Gefälle prolongiert, 
wodurch mancherlei Fährlichkeiten erwuchsen, wenn in kritischen 
Zeiten die neuen Einlagen zur Erfüllung der Verbindlichkeiten 
nicht hinreichten. Auf den jährlichen Beitrag von 500.000 Gulden 
-wurden von Seite der Hof kämm er bestimmte Zahlungen angewiesen, 
so Deputatgelder, Gnadengaben u. s. w. ^) Der Rest wurde von der 
Hofkammer zur subsidiären Sicherstellung für neue Bankvorschüsse 
an den Staat benützt, und wenn diese nicht ausreichend waren, 
musste sich die Bank trotz allen von Starhemberg mit Recht 
erhobenen Einwendungen zur Aushilfe ohne Einräumung neuer 
Fonde bequemen. 

Die freiwilligen Capitalsanlagen der Privaten waren mit sechs 
Procent verzinslich und nach Sicht oder gegen Kündigung rückzahlbar. 
Seit Herstellung des Friedens nahmen die Capitalseialagen stetig 
zu, wodurch die Bank in die Lage kam, dem Staate unter die Arme 
zu greifen, sei es durch Darlehen, oder durch Uebemahme von 



') Aus einem Vortrag des Grafen Starhemberg vom 25. Mai 1730. 
Folgende Posten sind auf Eechnnng der 1724 jährlich accordierben 500.000 
Gulden mit baarer Bezahlimg von der Bank übernommen worden, als : 

Jahr 1723 Managetta Gnadengabe per 25.000 11. 

„ 1723 Graf Sinzendorff 45.000 „ 

„ 1723 Schluga (Szluha), Gnadengabe 20.000 „ 

„ 1723 Graf Althann 70.000 „ 

„ 1724 Graf Stürckh 40.000 „ 

„ 1725 Churprinzessin in Bayern 100.000 „ 

„ 1725 Graf Nagy, Gnadengabe 24.000 „ 

„ 1726 Buol, Gnadengabe 30.000 „ 

„ 1729 Gräfin Brenner, Gnadengabe 30.000 „ 

„ 1729 Graf Harrach 10.660 „ 



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282 

Cameralschulden. Der Credit des Institutes steigerte sich von Jahr 
zu Jahr und die Bank konnte für die Rückzahlung bestimmte 
Termine, je nach der Höhe der Einlagen, feststellen. Auch vom 
Auslande kamen in Folge der Consolidierung der Bank Capitals- 
einlagen. Die Ausländer erhielten seit 1717 Befreiung von dem 
Abffithrtsgelde, d. h. von der Gebühr, welche von den in's Ausland 
gehenden Erbschaften erhoben wurde. 

Hatte die Stadtbank dem Staate bereits seit Beendigung des 
spanischen Erbfolgekrieges beträchtliche Summen vorgestreckt, so 
steigerten sich die Ansprüche während des Türkenkrieges bedeutend. Für 
den Feldzug 1716 betrug das Darlehen der Stadtbank im September 
bereits drei Millionen ; im darauffolgenden Jahre wurde ein weiteres 
Darlehen von zwei Millionen geleistet und Staatsschuldposten von 
mehr als dritthalb Millionen übernommen. Namentlich seit die 
Bancalität ihre Bedeutung als Creditinstitut eingebüsst hatte, musste 
die Bank dem Staate beträchtliche Unterstützungen gewähren und 
sich auch zu einem jährlichen Beitrage für die laufenden Staats- 
bedürftiisse verpflichten. Den fortwährenden Forderungen des Staates 
trat jedoch Starhemberg in der Finanz-Conferenz nicht selten 
mit Erfolg entgegen. „Gott und die Casualität hätte es geschickt," 
heisst es in dem Finanz-Conferenz-ProtocoUe vom 28. October 1720, 
„dass so viel Geld in der Stadtbank eingelegt wird imd gleichwie 
dieser Schatzkasten der landesfürstlichen Unterthanen, worin ihr Hab 
und Gut depossediert ist, wäre es nicht rathsam, den Credit derselben, 
der bereits über fünfzig Millionen extendiert sei, zu exponieren." 

Die Bemühungen Starhemberg's, die Ansprüche des Staates 
einzuengen, blieben erfolglos. Auch die Schulden der Girobank 
wurden an die Stadtbank übertraigen, die statutengemäss für 
die Bedeckung festgestellten Normen nicht eingehalten. Die 
Stadtbank übernahm die Bancalitätschulden im Betrage von 
25 Millionen Gulden, welche sammt den mit 28*8 Millionen 
berechneten Banco-Schulden in dem Zeiträume von 1721 — 1738 
getilgt werden sollten. Das Erträgniss der ihr eingeräumten 
Gefälle belief sich auf IV2 Millionen, während statutengemäss die 
sicherzustellenden Einnahmen 2Va Millionen betragen sollten. 
Stetig wurden erhöhte Ansprüche von der Hofkammer gemacht. 
Die Bank musste Zahlungen übernelmien, sei es, wenn es sich 
um Apanagen handelte, wofür die Hofkammer mit ihren Mitteln 
nicht aufkommen koimte , oder auch bei Gewährung beträcht- 
licher Gnadengaben, endhch bei Bezahlung von Rückständen der 
Beamtengehalte. Nicht selten waren es geringfügige Summen, 



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283 

welche der Hofkammer Verlegenheit bereiteten und welche sie 
einfach mit oder ohne Bedeckung zur Berichtigung der Bank 
überwies. In Zeiten, als Einlagen der Bank in reichlichem Masse 
zuflössen, konnte sie mühelos den staatlichen Anforderungen ent- 
sprechen, aber zeitweilig hatte auch ihre Leistungsfähigkeit ihre 
Grenze. In solcher Lage sah sich die Bank genöthigt,^ die bean- 
spruchten Beträge bei Privaten aufzunehmen, nicht selten gegen 
hohe Verzinsung. So oft die Hof kammer mit den ihr zur Verfligung 
stehenden Einnahmen das Erfordemiss zu decken nicht im Stande 
war, verlangte sie die Unterstützung der Bank, wogegen sich 
Starhemberg vergebens sträubte. Die Bank wurde durch kaiser- 
liche Entschliessung vom 31. December 1721 angewiesen, allmonatlich 
einen Vorschuss von 100.000 Q-ulden an die Hof kammer zu leisten. 
Die gewichtigen Bedenken des Grafen Starhemberg, dass die 
Stadtbank den Betrag nicht zu leisten im Stande sei, da die Ein- 
lagen nicht mehr so bedeutend wie bisher wären, da bereits 
der grösste Theil des in Oesterreich befindlichen Vermögens in der 
Bank angelegt sei, bestimmten den Kaiser, drei Commissionen mit 
der Prüfung der Angelegenheit zu betrauen, die zwar in ihren 
Voten von einander abwichen und nur in Bezug auf eine abfällige 
Kritik der Stadtbank und in der Forderung einig waren, dass der 
Hofkammer und den Hofkanzleien ein grösserer Einfluss auf die 
Stadtbank einzuräumen sei. In einem ausgezeichneten Schriftstücke, 
formell und inhaltlich ein Meisterstück, widerlegte Starhemberg 
die Angriffe und Anträge der Commissionen. Man forderte Einfluss- 
nahme der Behörden auf das Bankinstitut, während sich der grosse 
Credit desselben zumeist durch die Unabhängigkeit von der Hof- 
kammer befestigt hatte ; die der Bank überwiesenen Gefälle hatten 
unter ihrer Verwaltimg beträchtlichere Ergebnisse geliefert, als 
unter der Hof kammer. Der klaren, einleuchtenden Darstellung des 
Banco-Deputations-Präsidenten gelang es, die weitgehenden Forde- 
rungen der Hofkammer insoweit abzuwehren, als die Geldaushülfe 
von 100.000 Gulden monatlich nur bei zulänglichem Cassabestande 
der Bank gegen Prolongierung der Gefälle geleistet werden sollte. 
Hiemit war jedoch die Angelegenheit nicht abgethan. Die Bank 
fiihrte im Jahre 1723 über eine Million Gulden ab, die Hofkammer 
forderte aber unbedingt eine jährliche Aushilfe von 1*2 Millionen. 
Nicht ohne harten Kampf gelang es Starhemberg, die 
neuerUchen Angriffe gegen die Bank abzuwehren. Die Schriftstücke 
Starhemberg's, worin er die Ztunuthungen der Hofkammer in 
energischer Weise zurückwies und die Nothwendigkeit einer soliden 



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284 

Wirthschaft beleuchtete, sind musterhafte Arbeiten und für seinen 
Charakter und Verstand ungemein ehrenvoll. Er müsse, heisst es 
in einem Referate, dringende Vorstellungen gegen die der Wiener 
Bank von der Hofkammer zugemutheten, ganz unbedeckten Vor- 
schüsse erheben, „damit, im Falle untereinsten das Stadtbanco zu- 
grunde und hingerichtet werden sollte, ich weder bei Eurer Maje- 
stät noch vor der ganzen Welt, am allerwenigsten aber bei dem 
allerhöchsten Gott mich einiger schwerer Verantwortung diesfalls 
schuldig wissen möge, noch auch, dass durch den, des ganzen 
Universi Zerfall nur allzu gewiss involvierenden Umsturz des an 
sich so heilsamen Bankinstitutes viele Tausende deren treuherzigsten 
Darleiher so unschuldiger, als unverantwortlicher Weise in das 
äusserste und unwiederbringliche Verderben gestürzt würden, ich 
vor dem strengen Richterstuhle des allwissenden Gottes, ubi nulla 
est exceptio personarum et nihil inultum remanebit, zwar bereuend, 
aber allzu spät imglückselig seufzen müsse: Vae mihi quoniam tacui". 

Wenn es der einleuchtenden Darstellung Starhember g's 
gelang, die Angriffe der Hofkammer zurückzuweisen und die 
Unabhängigkeit der Bank zu wahren : die Uebemahme von Cameral- 
schulden „durch Einräumung einer Scheindotation" konnte er nicht 
abwehren. Auch ohne Bedeckung mussten zahlreiche Vorschüsse 
gewährt werden. In dem Zeitramne von 1721—1729 betrug die 
Gesammtleistung der Bajik über 44 Millio^ien Gulden, wovon sechzig 
Procent ohne statutenmässige Bedeckung. ^) Es war dies nur möglich, 
weil der Credit der Bank sich hob, so dass auch eine theilweise 
Herabminderung der Zinsenauslagen von sechs auf fünf Procent 
vorgenommen werden konnte. ^ 

So bedeutend auch die Unterstützung war, welche die Bank 
gewährt hatte, die Ansprüche der Hof kammer waren unerschöpflich. 
Am Schlüsse des dritten Jahrzehnts beliefen sich die Zahlungs- 
rückstände und die Cameralschulden abermals auf sechs Millionen 
Gulden, welche 1731 von der Bank übernommen werden mussten, 
und zwar ohne Bedeckung, blos durch Prolongierung der bereits 
überwiesenen Gefälle. Auch die Militär- Verwaltung erhielt ein 
Darlehen von zwei Millionen Gulden gegen Ueberweisung von 
200.000 Gulden jährlich aus der Contribution Nieder-Oesterreichs auf 
fünfzehn Jahre. Vorstellungen Starhember g's gegen die stetigen 

*) Die Einzelschulden ausführlich bei Mensi a. a. 0. 594 f. 
*) 1725 Herabsetzung auf fünf Procent, durch Verordnung vom 24. März 
1727 auf sechs Procent erhöht; 1729 neue Einlagen mit fünf Procent verzinst. 



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285 

Forderungen von Aushilfen ohne statutengemässe Bedeckung hatten 
zwar vorübergehenden Erfolg, indem der Monarch der wahrheits- 
getreuen und eindringlichen Darlegung des Banco-Deputations- 
Präsidenten sich nicht verschliessen konnte, aber die Noth war 
gross und die Staatsbedürfnisse heischten Befriedigung. ^) 

Im Jahre 1730 war fast der dritte Theil der von der Bank 
dem Staate vorgeschossenen Summen unbedeckt und wenn 
Starhemberg auf die Missverhältnisse aufmerksam machte 
und darauf hinwies, dass die Bank dadurch vielleicht in die Lage 
gebracht würde, dem Staate in Kriegszeiten keine Hilfe gewähren 
zu können, so fruchteten die Vorstellungen nur insofeme, dass eine 
Zeit hindurch neue Fordenmgen an die Bank nicht gestellt wurden. 
Ja, die Bank musste darein willigen, ihr überlassene Einnahmen an 
die Hofkammer abzutreten, wofür ihr die Prolongierung der anderen 
Gefälle auf eine grössere Anzahl von Jahren eingeräumt wiurde. 
Die Hofkammer konnte dann jene Gefälle, worüber sie durch das 
Entgegenkommen der Bank wieder verfügen konnte, zu einer 
anderweitigen Anlehensoperation benützen. 

Das Jahr 1732 kann als der Höhepunct des Bankcredits 
bezeichnet werden. Der Cassastand der Bank belief sich auf mehr 
als dritthalb Millionen, Einlagen flössen reichlich zu und Graf 
Starhemberg schritt auch an die Herabsetzung des Zinsfusses 

*) Für die Finanzlage des Staates bezeichnend ist die Thatsache, dass 
es sich bei den steten Ansprüchen der Hofkammer nicht immer um grosse 
Beträge handelte. Sehr oft musste die Bank verhältnissmässig unbedeutende 
Cameralschulden und verpfändete Objecte, sowie die Bezahlung von Schulden 
der Mitglieder des Kaiserhauses übernehmen. 

Aus einem geheimen Schriftstücke vom Jahre 1729 sind die verscliiedenen 
Cameralschulden, zu deren Uebernahme sich die Bank verpflichten musste, 
ersichtlich. Ich hebe aus denselben einige Angaben hervor : 
Für geheime Hofausgaben, an die geheime Casse, 
wie auch an die regierende und verwittwete Kaiserin, 

dann an die Erzherzoginnen 226.125 11. 

Für das Hofküchenamt Rückstände 8.164 „ 

Rückstände des Hof keUeramtes, welche verzinst werden 

raussten 126.892 „ 

Rückstände des Hoffutteramtes, ebenfalls verzinsb'ch 892.623 „ 

Für Pensionen 145.000 „ 

Für Gnadenrückstände 481.244 „ 

u. s. w., der Gesammtbetrag beÜef sich auf 6.520.199 Gulden, wobei aber 
bemerkt wird, da ,.verschiedene Cameral-Zahlamts-Extracte abgängig seien", 
könne man die Höhe des Betrages nicht ganz genau angeben. 



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286 

von sechs auf fünf Procent und an die Aufliündigung von, in festen 
Terminen rückzahlbaren Capitalien. Die Einlagen verminderten 
sich trotz dieser Conversionsoperation nioht tmd die Bank hatte 
ein nicht unbeträchtliches Zinsenerspamiss erzielt. Diese günstige 
Lage der Bank dauerte jedoch nur kurze Zeit. Die Anforderungen 
der Regierung in den nächsten Jahren waren beträchtlich; die 
Bank masste für den Krieg Vorschüsse machen, die neu eingeführten 
Steuern, wie: das ungarische Extraordinariimi, die Vermögens-Steuer 
und später die Türken-Steuer, das Subsidium charitativum der 
deutschen Reichsritterschaft, die geistliche Decima bildeten die 
Grundlage für die neuen Darlehen, allein es wurde auch an die 
Bank die Forderung gestellt, 800.000 Gulden ohne Sicherstellung 
vorzustrecken, wogegen Starhemberg in beweglichen Worten 
die Bedenklichkeit eines derartigen Vorgehens schilderte. Sein 
hohes Alter und sein Gewissen, fügte er hinzu, gestatteten ihm nicht, 
sich in diesem Geschäfte gebrauchen zu lassen, er verlange nichts, 
als sein Gewissen nicht zu verletzen und als ehrlicher Mann zu 
sterben. ^) Derartige Vorstellungen wirkten zumeist nur vorüber- 
gehend. Da die Einlagen nicht so reichlich flössen, sah sich die 
Bank genöthigt, das erforderliche Geld bei Privaten aufzubringen 
und höhere Zinsen zu entrichten. Die Gebrüder Palm und das 
Haus Tinti bildeten die Vermittler. Allein nicht blos für den 
Krieg gewähi'te die Bank Aushilfe. Im Jahre 1736 übernahm sie 
diu*ch Contract vom 15. December die Bezahlung der Apanage 
für die Erzherzogin Maria Theresia im Betrage von 20.000 
Gulden gegen Ueberlassung der Zollgefälle im Glatzischen *), femer 
kaiserliche Gnadengaben an einzelne hervorragende Personen, 
Gehalt-sansprüche der Beamten u. s. w. Sie verpflichtete sich zur 
Verzinsung und Rückzahlung eines Zwangsdarlehens, wozu durch 
Hofdecret vom 3. September alle Wohlhabenden geistlichen und 
weltlichen Standes verhalten wurden. Während des zweiten 
Türkenkriegos waren die baaren Vorschüsse der Bank zwar nicht 
bedeutend, aber sie unterstützte die Hofkammer dadurch, dass sie 
den ihr verpfändeten schlesischen Fleischkreuzer, sowie auch die 
ihr überwiesene Quote des niederösterreichischen Contributionsfondes 
gegen Prolongierung der übrigen Bankgefälle abtrat, wodurch es 
möglich wurde, bei den niederländischen Ständen und in Holland 



*) Conferenz-Protocoll vom 20. December 1734. 

*) Die Zollgefälle betrugen 6000 Gulden jährlich, reichten daher nicht 
aus. Der Abgang wurde durch Prolongierung der übrigen incorporierfcen 
Gefälle bedeckt. 



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287 

neue Anlehen zu machen. *) Auch musste die Bank auf beträcht- 
liche Guthaben an das Aerar, im Ganzen 11*6 Millionen, verzichten. 
Wie ersichtlich, hat die Bank unter Carl VI. dem Staate 
die grössten Dienste geleistet. Eine Darlegung von Starhemberg 
beziflfert die gesammten, von der Bank übernommenen Staats- 
schulden seit ihrer Errichtung auf 60 Millionen. Allein auch viele 
Darlehen an Private wurden auf kaiserlichen Befehl gegeben. So 
nicht unbeträchtliche Summen an den Herzog Franz von Loth- 
ringen, an die orientalische Compagnie u. dergl. 



Schuldentilgung. 

Bald nach der Errichtung der Bancalität wurde auch eine 
Schulden-Commission zur Prüfung der aus der Zeit vor dem Jahre 
1715 herrührenden Schuldforderungen errichtet. Dieselbe war einer 
Schulden-Conferenz untergeordnet, an deren Spitze der Bancal- 
Gubemator Fürst Trautson stand. Derselben gehörten auch der 
Präsident und der Vice-Präsident der Hofkammer an. Von dieser 
ergiengen die Aufträge an die Schulden-Casse. Zur Tilgung der 
Schulden wurde der Schulden-Casse eia bestimmter Fond zugewiesen. 



^) Welch bedeutende Aushilfen die Stadtbank dem Staate gewährt, 
machen folgende Angaben anschaulich: 

1715—1720 wurden von der Bank haar vorgestreckt 18,049.764 fl. 

An Schulden übernommen gegen Fond . 41,322.287 „ 

An Schulden übernommen ohne Fond . 505.689 „ 

Einlösung verpfändeter Cameralgefälle . 579.842 „ 

1721—1729 Cameralschulden übernommen 17,118.501 „ 

Verschiedene Posten zur Zahlung über- 
nommen 12,150.502 „ 

Cameralgefälle eingelöst 332.611 „ 

Auf Rechnung der jährlichen Beitrags- 
summe von 500.000 fl 4,446.580 „ 

Femer im Jahre: 

1719 den oberösterreichischen Ständen 500.000 „ 

den niederösterreichischen Ständen 240.000 „ 

1730 dem Staate vorgestreckt 8,884.549 „ 

1731 „ „ „ 883.033 „ 

1732 „ „ „ 898.932 „ 

1785 „ „ „ 3,333.641 „ 

1736 „ „ „ 624.752 „ 

1737—1739 dem Staate vorgestreckt 5,200.000 „ 

Ueberdies schuldete die Hofkammer der Bank: 1732: 449.539, 1733: 

1,289.950, 1734: 390.483. 



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288 

Die Schulden-Commission hatte eine grosse Aufgabe, deren 
entschiedene Lösung jedoch nur dann möglich gewesen wäre, wenn 
die Mittel zur Tilgung der Staatsschuld aus Ueberschüssen der 
staatlichen Einnahmen vorhanden gewesen wären. In Folge der 
Verwirrung in allen finanziellen Angelegenheiten hatte man von 
der Höhe des Schuldenstandes keine genaue Kenntniss und eine 
vollständige Uebersicht scheint man auch nach längerer Zeit nicht 
gewonnen zu haben. Namentlich über die Höhe der Cameral- 
schulden herrschte Unwissenheit, da die Cameralämter Rückzahlungen 
oft gar nicht verbucht haben. ^) Die Schuld en-Conferenz entschied 
nicht selbstständig. Ihre Anträge wanderten zunächst zur Hof- 
kammer und Bancalität, in letzter Instanz an die Finanz-Conferenz, 
wodurch die Erledigung sich natürlich verzögerte. Die Grundsätze, 
welche bei den eingehenden Berathungen als Richtschnur für die 
Rückzahlung aufgestellt wurden, erfuhren auch später manche Ab- 
änderungen. Während Anfangs eine Liste je nach dem Alter der 
Schuld entworfen wurde, erhielten jene Gläubiger später eine 
Begünstigimg, die sich zu einem Nachlasse vom Capitale herbei- 
liessen, ja man nahm auch Anlehen auf, um derartige Rück- 
zahlimgen zu leisten, wofür nicht selten höhere Zinsen, als für die 
bisherigen Schulden gewährt werden mussten. Mancher Gläubiger 
bequemte sich zu einem Anlehen, um für seine alte Forderung 
bessere Rückzahlimgs-Bedingnisse zu erlangen. Während der Jahre 
1716 bis 1719 wurden neue Anlehen im Betrage von 5-35 Millionen 
Gulden aufgenommen und von den alten Schuldposten gleichzeitig 
3-G5 Millionen in die neue Schuldforderung eingerechnet. Nach 
mehrjährigen Prüfimgen der Schuldposten (der Militär- und Cameral- 
schulden) hatte man endlich annähernd eine vollständige Ueber- 
sicht über den gesammten Schuldenstand gewonnen, welche durch 
die kaiserlichen EntSchliessungen vom 17. Juli 1717 imd 31. Juli 
1718 genehmigt und die Rückzahlungstermine festgestellt wurden. 
Natürlich konnten diese bei der Finanzlage nicht immer eingehalten 
werden. Die Thätigkeit der Commission erhielt nach einigen Jahren 
ihren Abscliluss, nachdem der Credit der Bancalität so gesunken 
war, dass, wie erwähnt, die gesammten Bancaütäts-Schulden von 
der Stadtbank übernommen werden mussten. Eine statutenmässige 
Schuldentilgung wiu*de erst nach Beendigung des österreichischen 
Erbfolgekrieges in Angriff genommen. 



') Finanz-Conferenz-Protoooll vom 7. März 1720. 



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289 

Die venetianischen Botschafter spenden Carl VI. grosses 
Lob. Sein ausserordentliolier Fleiss bei Erledigung der Geschäfte, 
sein Eifer, sich mit den Verhältnissen der auswärtigen Politik und 
mit den inneren Zuständen seiner Länder vertraut zu machen, 
leuchten aus der Sorgfalt, welche er der Prüfung der ihm vor- 
gelegten Schriftstücke zuwendete, hervor; sie strotzen von eigen- 
händigen Randbemerkungen. Nahmen auch die schwierigen Be- 
ziehungen zu den europäischen Mächten den Monarchen stark in 
Anspruch, auch den inneren Verhältnissen, den wirthschaftlichen 
und finanziellen, wendete er vollste Aufmerksamkeit zu ; fortwährend 
beschäftigte ihn die Ordnung der trostlosen Fiaanzen und seine 
EntSchliessungen bekunden auch eine nicht gewöhnliche Vertraut- 
heit mit den einschlägigen Fragen. Nach einer mehr als drei Jahr- 
zehnte andauernden Regierung war es ihm nicht geglückt, das in^s 
Auge gefasste Ziel zu erreichen. Waren auch die Anforderungen 
an den Staatsschatz von Seite der Heeresverwaltung beträchtlich 
und in erster Linie die Ursache des chronischen Deficits, so kann 
doch darin allein nicht die Erklärung gesucht werden, dass die 
unleugbaren Bemühungen zur dauernden Ordnung des Staatshaus- 
haltes von Erfolg nicht gekrönt waren. Die Finanzverwaltung war 
eine mangelhafte. Graf Dietrichstein, seit 1719 mit der Leitung 
der Hofkammer betraut, war seiner Aufgabe nicht gewachsen. 
Viele Rathgeber, denen der Monarch mit besonderer Vorliebe 
lauschte, zeigten selbst mit den elementarsten Kenntnissen der 
Finanzwirthschaft geringe Vertrautheit. In der ersten Zeit scheint 
JPürst Trautson das volle Vertrauen OarTs besessen zu haben, 
der, wie schon erwähnt, das offene Geständniss ablegte, dass er in 
Cameral-Angelegenheiten nicht bewandert sei. Später war Graf* 
Harr ach mit der schwierigen Aufgabe beladen. Ersparungen zu 
ermitteln, ohne dass die mühevolle Arbeit erspriessliche Ergebnisse 
zu Tage gefördert hätte. Die grossen Verdienste des Prinzen von 
Savoyen, dessen Kraft auch auf diesem Gebiete in Anspruch 
genommen wurde, lagen auf anderen Feldern. Als Feldherr und 
Staatsmann ersten Ranges ist es nicht ersichtlich, dass er seinen 
mächtigen Einfluss darauf verw^endet hätte, dem Monarchen den 
richtigen Weg anzudeuten, der eingeschlagen werden musste, um den 
vielfachen Uebelständen ein Ende zu machen. Wie berichtet wird, 
waren die Beziehungen des Prinzen zum Grafen Starhemberg 
keineswegs inniger Natur, und wenn überhaupt, konnte nur diesem 
Manne die Ordnung des Staatshaushaltes gelingen. Von der Tüchtig- 
keit dieser an schöpferischen Ideen reichen Persönlichkeit kann 

Oesterreichiicher Erbfolgekrieg. I. Bd. 19 



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290 

man nicht hoch genug denken. Die zahkeichen, seiner Feder ent- 
stammenden Schriftstücke zeichnen sich durch lichtvolle Klarheit 
und ausserordentliche Sachkenntniss aus. Starhemberg hatte 
aber auf die Finanzverwaltung keinen massgebenden Eiofluss. 
Als Präsident der Muiisterial-Banco-Deputation verwendete er seine 
ausgezeichnete Kraft, die Stadtbank musterhaft zu verwalten imd 
dadurch allein zu ermöglichen, dass dieses Institut dem Staate 
die Mittel gewährte, um seine finanzielle Existenz zu jßristen. Von 
allen Seiten angefochten, weil er den fortwährenden Forderungen 
der Hofkammer nicht selten energischen Widerstand entgegensetzte, 
hat er sich nur durch seine geistige Superiorität auf seinem 
schwierigen Posten behauptet. Mit berechtigtem Stolze sprach er 
einmal in einem Vortrage die selbstbewussten "Worte aus, dass er 
im Stande wäre, eine Vermehrung der staatlichen Einnahmen zu 
bewerkstelligen, wenn die Finanzverwaltung nur einige Monate in 
seinen Händen läge. Die Uebertragung aller, auf die Finanzen 
bezüglichen Angelegenheiten an Starhemberg wäre gewiss von 
folgenreicher Tragweite gewesen. 

Die Finanz-Conferenz konnte der ihr zugewiesenen Aufgabe 
schon aus dem Grunde nicht entsprechen, weil die OentraJ-Behörden, in 
erster Linie die Hof-Kanzleien, ohne Rücksicht auf die zur Verfügung 
stehenden Einnahmen sich in finanzieller Beziehung keinerlei Be- 
schränkung auferlegten und den Aufwand nicht herabminderten. 
Es fehlte an einer Körperschaft, welche die Leiter aller Central- 
stellen in sich vereinigte, ein Mangel, der von einsichtigen Staats- 
männern wohl empfunden wurde. Ueber Eingriffe der böhmischen 
Kanzlei wurde in der Finanz-Conferenz fortwährend Klage geführt, 
namentlich darüber, dass von ihr Zahlungsanweisungen erlassen 
wurden, und der Antrag gestellt, dass die Referate der politischen 
Stelle der Conferenz mitzutheilen und erst dann die erforderlichen 
Beschlüsse zu fassen seien. *) 

An gutem Willen, das Gleichgewicht im Staatshaushalte 
herzustellen und zu erhalten, fehlte es zwar nicht, Anläufe zur 
Erreichung dieses Zieles wurden wiederholt gemacht, allein die- 
selben verpufften. Soweit wir die Dinge überblicken können, 
stimmten die Rechnungsabschlüsse selten mit den Voranschlägen 
überein, die in der Regel optimistisch gefärbt waren. Die 
eigentliche Verwaltung entsprach auch massigen Anforderungen 
nicht imd die Apaltierung der Gefälle, d. h. die Verpachtung der- 

*) Finanz -Conferenz-ProtocoU vom 25. September 1719. 



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291 

selben lieferte weit geringere Erträgnisse als unter staatlichen 
Organen. Die von der Pinanz-Conferenz gefassten Beschlüsse stiessen 
bei der DurohfÖhrung auf stetige Gegnerschaft. Die Hofkammer 
klagte, dass sie die Pächter der Gefalle in ihren Contracten nicht 
„manutenieren" könne, weil sie von den politischen und judiciellen 
Stellen vielfach gehemmt werde und die nöthige Unterstützung 
und schleunige summarische Justiz zu erhalten, nicht im Stande sei. ^) 
Dass die Militärverwaltung mit dem veranschlagten Betrage das Aus- 
langen schwer finden konnte, ist begreiflich, wenn die territorialen 
Verhältnisse und die politische Lage der Monarchie in Anschlag ge- 
bracht werden; allein alle Weisungen, bei der Civilverwaltung und 
bei dem Hofstaate eine Verminderung der Ausgaben eintreten zu lassen, 
hatten nur einen vorübergehenden Erfolg, da dieselben nach kurzer 
Zeit in Vergessenheit geriethen und die angeordnete Verminderung 
der Beamten im vollen Umfange nicht vorgenommen wurde. "Während 
die Bezüge der Staatsdiener nicht bezahlt werden konnten, spendete 
man anderseits mit vollen Händen und die Freigebigkeit des Monarchen 
bereitete der Finanzverwaltung Verlegenheiten. Die activen Beamten 
mussten sich eine Verkürzung ihrer Bezüge gefallen lassen, während 
hochgestellten Personen Geschenke und Pensionen in einem höheren 
Ausmasse, als sie forderten, zugesprochen wurden. 

Ein grosser Uebelstand für die Verwaltung wcu:, dass die 
verschiedenen Oentralstellen ohne strengen Zusammenhalt unter 
einander waren, daher bei Fragen, woran mehrere derselben betheiligt 
waren, die Entschlussfassung verzögert wurde. Auch durch die 
Finanz-Conferenz, die für Finanzfragen in letzter Instanz als be- 
rathende Körperschaft bestellt war, wurden die Uebelstände nicht* 
beseitigt. An den Verhandlungen der Deputation in dem letzten 
Jahrzehnt der Regierung des Kaisers nahmen bei wichtigeren An- 
gelegenheiten die Präsidenten der österreichischen Oentralstellen, 
sowie der Lsuidmarschall in Nieder-Oesterreich und der Obristland- 
marschall in Böhmen Theil. Wurde nun ein Beschluss gefasst, der 
Ungarn, die Niederlande oder die italienischen Länder betraf, so 
musste wieder mit dem italienischen oder niederländischen Rathe 
unter grossem Zeitverlust Rücksprache gepflogen werden, ehe die 
betreffende Angelegenheit zum Abschlüsse gebracht werden konnte. 
Es fehlte an Politikern nicht, welche dieses sogenannte „Conferenz- 
system" bemängelten, dasselbe als „insufficient" bezeichneten und 



*; Finanz-Conferenz-Protocoll vom 29. November 1721. 

19* 

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292 

einer Conferenz, woran sich alle Minister ausnahmslos zu betheiligen 
hätten, warm das "Wort redeten. An den Deputations- Verhandlungen 
nahmen zwar die ersten Würdenträger des Staates theil, aber sie 
beschäftigten sich nur damit, durch welche Mittel der finanziellen 
Noth abgeholfen werden könne, ohne auf den Grang der Verwaltung 
Einfluss zu nehmen. Und gerade in dieser Beziehung wäre eine 
durchgreifende Neuordnung nothwendig gewesen. Die Verhandlungen 
mit den Ständen nahmen Kraft und Zeit in Anspruch und führten 
oft zu einem wenig befriedigenden Ergebniss. Von Starhemberg 
wurde ein Vorschlag gemacht, mit der Feststellung eines „äqualen 
beständigen Steuerfiisses'' und der Ordnung der Regalien eine 
Deputation zu betrauen, Abgeordnete aller Landtage und Vertreter 
des „gemeinen Mannes" beizuziehen; während die Deputation tage, 
die Landtage versammelt zu halten, um mit denselben rasch zur 
Erledigung der Geschäfte in Verbindung treten zu können. Eine 
Concentration der Geflllle, welche dem föderalistischen Charakter 
des Staates gemäss zersplittert waren, wäre die Folge gewesen. 
Dieser für die damalige Zeit gewiss grossartige Plan gelangte nicht 
zur Ausführung, ebensowenig andere Vorschläge, welche von Zeit 
zu Zeit auftauchten und der Vergessenheit anheimfielen. 

Selbst auf jenen Grebieten, wo die Verwaltung durch lang- 
wierige Verhandlungen mit den Ständen nicht eingeengt ward, 
war dieselbe eine schleppende und erst nach langjährigen Be- 
rathungen kamen Fragen zum Abschlüsse, deren rasche Erledigung 
auch im Literesse der Finanzen nothwendig gewesen wäre. Carl VL 
bekundete für die wirthschaftlichen Verhältnisse, namentlich für 
Handel und Lidustrie, grosses Literesse, wofür beredte Zeugnisse 
in zahlreichen Weisimgen vorliegen, die Entwicklung Triests nahm 
seine Aufmerksamkeit in Anspruch, seine Rathgeber standen nicht 
auf der Höhe ihrer Aufgaben. Seit dem Passarowitzer Frieden for- 
derte der Monarch eine Neugestaltung des Zollwesens, eine Hof- 
Commerz -Commission wurde zu diesem Zwecke geschajffen; es 
dauerte Jahre, ehe die Berathungen zum Abschlüsse gelangten 
und die gefassten Beschlüsse Hessen viel zu wünschen übrig. 

Ein trostloses Bild gewähren die letzten Jahre. Die Contri- 
bution stand nicht in der von den Ländern bewilligten Höhe zur 
Verfugimg. Nahezu die Hälfte musste den Ländern zur Verzinsung 
und Rückzahlung der von ümen übernommenen Schulden zurück- 
gelassen werden, der Rest war schwer einbringlich. Man unter- 
handelte im Auslande über neue Anlehen, aber der unglückliche 
Krieg war nicht ohne Einfluss, dass die Capitalisten sich spröde 



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293 

verhielten und viele Versuche, Gelder zu hohen Zinsen zu be- 
schaffen, scheiterten. Auch nach Herstellung des Friedens reichten die 
ordentlichen Einnahmen nicht aus. In einem Vortrage bemerkte 
die Hofkammer, dass selbst, wenn bessere Wirthschaft und eine 
grössere Ersparung beim Militär platzgreifen würden, der Staats- 
haushalt nicht ohne Anticipationen bestritten werden könne, und 
selbst, wenn es gelänge, gewisse Summen zu leidlichen Zinsen zu 
bekommen, neue Fonde zur Einhaltung der Verpflichtungen erst 
ausfindig gemacht werden müssten, da keine vorhanden seien. Für 
1740 waren nicht unbedeutende Summen erforderlich, um die 
fälligen Zahlungs Verbindlichkeiten bestreiten zu können. Das 
Camerale war mit Schulden so beladen, dass kaum „der Hof zu 
leben finde". Die Stadtbank hatte Millionen ohne Fonde über- 
nommen, dass man ihr nicht mehr zumuthen konnte. Zur Bestreitung 
der Erfordernisse wurde Herabsetzung der Zinsen bei den Länder- 
schulden und die Verlängerung der Abzahlungstermine geplant, 
Tvozu jedoch erst Verhandlungen mit den Ständen eingeleitet werden 
mussten, während die Noth drängte. Der in Sicht stehende Krieg 
zwischen Spanien und England drohte, eine reiche Geldquelle zu 
verschliessen, da befürchtet wurde, dass die Holländer es vorziehen 
würden, sich an englischen Anlehen zu betheiligen. Von einigen 
Ejreisen Deutschlands erwartete man Geneigtheit zu Anlehen, wenn 
ihnen die „Malefizgerechtigkeit", wie Bartenstein anrieth, über- 
lassen würde, da diese „Jura dem Kaiser nichts eintragen, wohl aber 
grosse Kosten verursachen und vornehmlich die schwäbischen Ki*eis- 
stände sich sehr gekränkt fühlen und wider die Neckereien der ober- 
österreichischenBeamten sich beschweren", ein Gedanke, den natürlich 
die bedürftige Hof kammer vortrefflich fand und dringend empfahl. ^) 

Zu solch' kleinlichen Massnahmen musste man greifen, um nur 
die Mittel zur Bestreitung des Staatshaushaltes zu finden. In den 
Staatscassen war vollständige Ebbe und die Eathgeber des Monarchen 
hielten nach allen Richtungen Umschau, um nur die nothwendigsten 
Summen zu beschaffen. Der Ansicht, dass „die Finanzlage im Todes- 
jahre Carl VE. unverkennbar eine weit minder ungünstige, als bei 
seinem Regierungsantritte" war, wird man schwerüch beistimmen 
können. Die Länder erschöpft, mit einer für die damalige Zeit grossen 
Staatsschuld beladen: in diesem Zustande hinterliess der letzte Habs- 
burger seine Staaten seiner grossen Tochter. 

{Adolf Beer.) 



») Conferenz-Protocoll, 23. November 1739. 



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294 



Uebersicht der Bewilligungen 



Jahren 1716 





Jahr 


Böhmen 


Mähren 


Schlesien 


Nieder- 
Oesterreich 




fl. Ikr. 

1 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 




1716 


2j6ß6,GG6 


40 


888.888 


53V8 


1,777.777 


46V3 


820.000 






1717 


2,700.000 


— 


900.000 


— 


1,800.000 


— 


900.000 


— 




1718 


3,200.000 


— 


888.888 


40 


2,133.000 


20 


900.000 


— 




1719 


2,866.666 


40 


955.555 


20 


1,911.102 


40 


900.000 


— 




1720 


2,666.666 


40 


888.888 


53V3 


1,777.777 


46«/3 


866.666 


40 




1721 


2,550.000 


— 


850.000 


— 


1,700.000 


— 


866.666 


40 




1722 


2,400.000 


— 


800.000 


— 


1,600.000 


— 


700.000 


— 




1723 


2,325.000 


— 


775.000 





1,550.000 


— 


700.000 — 




1724 


2,275.000 


— 


758.333 


20 


1,516.666 


40 


700.000 


— 




1725 


2,250.000 


— 


750.000 


— 


1,500.000 


— 


700.000 


— 




1726 


2,225.000 


— 


741.666 


40 


1,483.333 


20 


700.000 


— 




1727 


2,200.000 


— 


733.333 


20 


1,466.666 


40 


700.000 







1728 


2,500.000 


— 


833.333 20 


1,666.666 


40 


700.000 


— 




1729 


2,425.000 


— 


808.333 


20 


1,616.666 


40 


700.000 


— 




1730 


2,425.000 


— 


808.333 20 


1,616.666 


40 


733.333120 




1731 


2,600.000 


— 


866.666 ' 40 


1,733.333 


20 


833.333,20 




1732 


2,400.000 


— 


800.000 1 — 


1.600.000 


— 


733.333,20 




1733 


2,300.000 


— 


766.666 1 40 


1,533.333 


20 


733 333 


20 




1734 


2,300.000 


— 


766.666 ' 40 


1,533.333 


20 


733.333 20 




1735 


3,152.000 


— 


1,050.666 40 


2,101.333 


20 


900 000 — 




1736 


3,147.200 


— 


1,049.066,40 


2,098.133 


20 


900.000; — 




1737 


3,142.400 


— 


1,047.466 


40 


2,094.933 


20 


900.000 


— 




1738 


3,137.600 


— 


1,045.866 40 


2,091.733 


20 


900.000 


— 




1739 


3,132.800 


— 


1,044.266 '40 


2,088.533 


20 


900.000 


— 




Summe 


62,987.000 




20,817.888 


26^3 


41,991.324 


53 V2 


19,120.000 





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der Erblande für Militärzwecke 

den 

bis 1789. 



295 



esterreich 
ob der Enns 


Steyermark 


Kämthen 


Krain 


Zusammen 




fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 




1 

410 000 





430.000 


_ 


100.000 


_ 


70.000 ! — 


7,163.333 


20 




450 000 


— 


430 000 


— 


150.000 


— 


70.000 


— 


7,400.000 


— 




450 000 


— 


390.000 




120.000 


— 


70.000 


— 


8,152.222 


— 




450 000 


— 


320.000 




100.000 


— 


60.000 


— 


7,563.324 


40 




1 400 000 — 

j 


280.000 


— 


120.000 


— 


60.000 


— 


7,060.000 


— 




400.000 


— 


280.000 


— 


120 000 


— 


60.000 


— 


6,826.666 


40 




375 000 


— 


290.000 


— 


120.000 


— 


60 000 


— 


6,345.000 


— 




350.000 


— 


290.000 


— 


120.000 


— 


60.000 


— 


6,170.000 


— 




350 000 


— 


290.000 


— 


100.000 


— 


60.000 


— 


6,050.000 


— 




350.000 


— 


260 000 


— 


100.000 


— 


60.000 


— 


5,970.000 


— 




350 000 


— 


260.000 




120.000 


— 


60.000 




5,940.000 


— 




350.000 


— 


260.000 


— 


120.000 




60 000 - 


5,890.000 


— 




350 000 


— 


280.000 


— 


120.000 




60.000 i — 


6,510.000 


— 




350.000 


— 


280.000 


— 


120.000 




60.000 ; — 


6,360.000 


— 




S6ßM6 


40 


250.000 


— 


120.000 




60.000 — 


6,380.000 


— 




450 000 


— 


300 000 


— 


120.000 


— 


80 000 — 


6,983.333 


20 




see.eeß 


40 


280.000 


— 


120 000 


— 


60.000 — 


6,360.000 


— 




350.000 


— 


280.000 


— 


120.000 


— 


60.000 ,— 


6,143.333 


20 




350.000 


— 


280.000 


— 


120.000 


— 


60.000 | — 


6,143.333 


20 




450.000 


— 


300.000 


— 


160.000 


— 


60.000 — 


8,174.000 


— 




450.000 




300 000 


— 


120.000 


— 


60.000 — 


8,124.400 


— 




425 000 


— 


300.000 


— 


120.000 


— 


60.000 1 — 


8,089.800 


— 




450.000 


— 


300.000 ' — 


120.000 


— 


60.000 — 


8,105.200 


— 




400.000 


— 


300.000 — 


120.000 1 — 


60.000 — 


8,045.600 


— 




9,443.333 


20 


7,230.000 


— 


2,870.000 


— 


1,490.000 


— 


165,949.546 


40 





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Das Wehrwesen in Oesterreich. 



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k 



Das Wehrwesen Oesterreichs in den ersten Eegierungsjahren 
Maria Theresia's hat bis jetzt keine eingehende Darstellung 
geftinden ; die vorhandenen Werke über die österreichische Heeres- 
geschichte berühren diese Zeit meistens nur kurz, indem sie von 
der glorreichen Periode unter Prinz Eugen von Savoyen mehr 
oder minder rasch zu der mit dem Jahre 1748 beginnenden Reform 
des Heeres übergehen. ^) Und doch bilden die Jahre 1740 bis 1748 
einen sehr wichtigen Zeitabschnitt in der Geschichte der öster- 
reichischen Armee ; denn innerhalb derselben erhob sich die letztere 
aus einem, nicht nur allein durch die unglücklichen Kriege im 
letzten Jahrzehnt Carl VI., sondern nicht weniger durch die XJebel- 
stände der staatlichen Verwaltung, durch die geringe Fürsorge, welche 
dem Heere gewidmet wurde und durch die Schwäche so mancher mass- 
gebender Personen bei den obersten Stellen der Heeresleitung, ver- 
ursachten Zustand des Verfalles zu neuem Glänze und innerhalb der- 
selben vollzog sich ein bedeutsamer Schritt in der Fortführung des 
von Prinz Eugen begonnenen Baues ^, jener Schritt, welcher die 
Voraussetzung der späteren Reform wurde. In dem gewaltigen 
Ringen auf vier Kriegs-Schauplätzen, zum Theile mit überlegenen 
Gegnern, fand die Armee wieder das Bewusstsein neuerwachender 
BIraft. Diese Zeit harter Kämpfe zwang die junge Erbin des 



*) Von den in Italien und den Niederlanden obwaltenden Verhältnissen 
wird dabei gewöhnlich abgesehen. So weit als thiinlich wurde auch auf diese 
in der Darstellung eingegangen. Die erhaltenen Acten sind hierüber leider 
wenig zureichend und auch sonstige Behelfe ergeben nur ein unvollständiges 
Büd. Muss doch ein im Jahre 1874 in Loewen erschienenes Buch (P i o t, Le 
r6gne de Marie - Th6r6se dans les Pays-bas Autrichiens) hinsichtlich der 
Niederlande für die Jahre xim 1740 von einer Darstellung des Wehrwesens 
überhaupt ganz Abstand nehmen und die Schilderung erst mit dem Aachener 
Frieden beginnen. 

. ') Vergl. „Feldzüge des Prinzen Eugen", I, 182 f. 



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300 

habsburgischen Thrones, viel intensiver und umfassender, als e 
bis jetzt geschehen war, ihre Völker unmittelbar zur Vertheidigung 
von Thron und Vaterland aufzurufen ; damals zuerst drang das Wort 
„Patriotismus" in das Volk und in das Heer, welches bis jetzt 
lediglich durch das Band des Eides und der Fahnentreue an das 
Herrscherhaus geknüpft gewesen. ^) Wenn dieser Begriff auch noch 
lange nicht jene zündende Wirkung ausübte, wie später in den 
napoleonischen Kriegen, so rückte er doch den Bürger und 
Soldaten unvermerkt einander näher. Während die einzelnen 
Truppenköi^er der unmittelbar habsburgischen Länder sich früher 
immer nur als ein Theil des Heeres römisch-kaiserlicher Majestät 
fühlten, lernten sie sich jetzt, ohne Bundesgenossen „aus dem Reiche", 
ja, von dorther am meisten angefochten, als eigentlich öster- 
reichische Truppen kennen; dieses nur österreichische 
Heer, vorwiegend aus den österreichischen Kronländem sich 
recrutierend und von den verschiedenartig alt- und neugeformten 
Milizen dieser Länder willig und oft kräftig unterstützt, weckte und 
verbreitete zuerst in allen Gauen bei Hoch und Nieder das Gefühl 
der Zusammengehörigkeit, die Gesammtstaats-Idee. 

Die ersten Kiiegsjahre unter Maria Theresia waren die 
Lehrjahre für jene Männer, welche nach dem Frieden den Staat 
und die Armee auf neue Grundlagen stellten und für fernere 
Kämpfe widerstandsfähig machten : sie haben auch gezeigt, wie die 
Länder, von der Monarchin klug zu gemeinsamem Ziele gelenkt, 
trotz aller Schwierigkeiten und finanziellen Calamitäten in sich 
selbst die Mittel zu ihrer Erhaltung und Vertheidigung in Hülle 
und Fülle bargen. 

Wahrlich, Johannes v. Müller hat Recht, wenn er sagt ^) : 
„Aus der österreichischen Erde springen Männer und Hilfsquellen 
hervor, sobald eine selbstherrschende Hand mit Geschick sie berührt." 

Das österreichische Heerwesen bewegte sich der Hauptsache 
nach noch in jenen Formen, die es unter Eugen's Hand an- 
genommen hatte, weil auch die allgemein staatlichen, socialen und 
volkswirthschaftlichen Bedingungen, von denen eine Armee immer 
abhängen wird, bis nach dem Aachener Frieden im Grossen die- 
selben blieben. Vielfach aber lassen sich die Bildungen nach dem- 
selben in ihren Wurzeln bis weit in die Zeit vor 1748 erkennen ; 
so z. B. die XJmgestaltiuig der Artillerie durch den Fürsten 



*) Yergl ehendort I, 184. 

2) J. V. Müller, Ueber die Geschichte Friedrich 11. (Berlin 1805.) 12 f. 



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301 

Liechtenstein, die „ordentliche Recrutierung und Ergänzung 
der Miliz" des Jahres 1753 (in dem böhmischen Landmiliz-System), 
die Umwandlung der Grenz-Truppen in reguläre Grenz-Regimenter, 
die Ausgestaltung des Lagenieur-Corps und der technischen Truppen 
u. 8. w. Auch die zahlreichen officiellen Reglements, welche von 1748 
an erscheinen, sind als einNiederschlag'jener acht schicksalsschweren 
und kämpfereichen Jahre zu betrachten. Dagegen ist der Dienst der 
Chargen, der innere Dienstbetrieb bei den Truppen und in den 
Garnisonen, die Handhabung der Disciplin und der Militärjustiz 
bis zu den Reformen Daun's und theilweise selbst über diese 
hinaus so geblieben, wie sich die Dinge während und nach dem 
spanischen Erbfolgekriege entwickelt haben. Desshalb wurden 
Fragen solcher Art in der folgenden Darstellung nicht in ab- 
gesonderten Capiteln, sondern nur dort gelegentlich berührt, wo der 
Zusammenhang oder die Verständlichkeit es zu erfordern schienen.^) 
Als wichtigste Erscheinungen im Heerwesen während des 
Erbfolgekrieges müssen bezeichnet werden: die grössere Centrali- 
sierung der Armeeleitung im Hof-KJriegsrathe, welcher nur die gegen 
Ende der Periode genehmigte Sonderstellung des General-KJriegs- 
Commissariats einigermassen zu widersprechen schien, die Um- 
gestaltungen in den verschiedenen Gebieten der Militärgrenze, der 
Nachdruck, mit welchem die Heeres-Ergänzung sich mehr der 
eigenen Landeskinder bemächtigte, damit im Zusammenhange 
einerseits die wieder zunehmende Betheiligung des einheimischen 
Adels am Officiersdienste an Stelle der bisher unverhältnissmässig 
stark vertretenen Fremden, anderseits die erhöhte Bedeutung der 
leichten Truppen, vor Allem aber die gegenüber dem wenig 
soldatenfreundlichen Carl VI. sich gänzlich verändernde Werth- 
schätzung, welcher sich das Militär bei Hofe zu erfreuen begann, 
die allerdings erst nach dem Kriege in der Hoffähigkeit der 
Officiersurdform ihren offenen Ausdruck fand. 



Die Heeresleitung. 

Der Allerhöchste Oberbefehl. 

Es liegt in der Entwicklung der stehenden Heere, als Stütze 
der sich den widerstrebenden Ständen gegenüber herausbildenden 
absoluten Herrschermacht, dass der Oberbefehl über die gesammte 



') Eine ausführliche und quellenmässige Schilderung derselben findet 
sich in „Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen", I, 300 ff. 



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302 

Armee eines Staatswesens dem Landesfürsten zustand. So war 
Carl VI., wie seine Vorgänger im Besitze der wiedervereinigten 
habsburgischen Länder (deutscher Linie), der oberste Kriegsherr der 
aus diesen Ländern hervorgehenden Hausmaoht und vererbte diese 
Stellung auch auf seine Tochter Maria Theresia.^) Obwohl 
diese bald nach ihrem Regierungsantritte ihren Gemahl Franz 
Stephan, den Grossherzog von Toscana, zum Mitregenten er- 
nannte und die Anerkennung dieser Eigenschaft auch schliesslich 
durchsetzte (1741), Hess sie doch, wie überhaupt die gesammte 
Oberleitung des Staatswesens, auch das oberste Verfügungs- 
recht über das Heer nicht aus den Händen. Verhältnissmässig 
selten finden sich EntschUessiingen und Entscheidungen in mili- 
tärischen Dingen, die vom Grossherzog herstammen und dann 
meist nur mit der Formel „nomine reginae". Noch seltener 
geschah es und wahrscheinlich immer nur in Befolgung speciellen 
Befehles, dass Berichte oder Vorträge an den Grossherzog 
stilisiert wurden. Trotzdem darf man vielfach die Einfluss- 
nahme des Grossherzogs voraussetzen. Aber trotz derselben und 
trotz der pflichtgemässen Liformationen des Hof-Kriegsrathes bleibt 
es eine ewig denkwürdige Thatsache, dass die geniale Tochter 
Carl VI. wie in politischen, so auch in militärischen Fragen den 
entscheidenden Punct stets zu treffen wusste, eine Thatsache, die 
nur Derjenige voll zu würdigen weiss, der die äusserst zahlreichen 
eigenhändigen Bemerkungen auf den Acten des Kriegs- imd des 
Hofkammer- Archivs vor Augen gehabt. Und obwohl im Allgemeinen 
mit Recht angenommen wird, dass das Weib einem Fürworte 
leichter zugänglich sei, als der Mann, muss ausdrücklich betont 
werden, dass die Entscheidungen dieses männlichen Geistes in 
weiblicher Hülle stets mit dem Blick auf das Allgemeine, auf das 
Gesammtwohl des Staates und der Armee im Besonderen getroffen 
wurden und dass die mit hohem Gereohtigkeits- und Billigkeits- 
gefuhl begabte Frau auf Habsburgs Throne nur dann einen Ein- 
zehaen vor den Anderen bevorzugte, wenn sie dadurch dem Ganzen 
zu nützen glaubte. Li der Armee erkannte sie ihre festeste Stütze, 
als ihr der Thron von allen Seiten streitig gemacht wurde. Daher 



*) Die Anneetrauer um Carl VI. (wie auch für Leopold L und 
Joseph I.) trat dadurch in die äussere Erscheinung, dass die Officiere vom 
Major aufwärts den Flor in der Form der Schärpe am Leibe, die Officiere vom 
Hauptmann abwärts den kleinen Flor am Arme, alle Officiere aber den Degen, 
Stock imd Hut durch sechs Wochen umflort trugen. (K, A., H. K. R. 1740, 
November, 892 Exp.; Prot. Exp. Fol. 8220, 3549.) 



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303 

war sie auch unermüdlich in Vorsorge für das Heer und sie schrieb 
am 4. December 1741 an ihren Gemahl, sie erkenne nur allzuwohl, 
dass jetzt ihr eigenes Heil und das des Erzhauses Oesterreich nach 
Gott auf den Truppen beruhe; mehr als Mutter, denn als Landes- 
fürstin wolle sie für dieselben sorgen, in der Zuversicht, sie würden 
sich dessen durch treue und tapfere Dienste würdig erzeigen. ^) 
Und diese Zuversicht wurde nicht enttäuscht; gegen den halben 
Welttheil vertheidigten die Truppen die Eechte imd das Erbe der 
jungen Königin, so dass nach achtjährigen Kämpfen nur 
Schlesien imd die kleinen italienischen Po-Herzogthümer verloren 
giengen, wtJirlich nicht viel im Vergleiche zu den länderhungrigen 
Projecten der Feinde. Die Truppen hatten auch das lebhafteste 
Gefühl dafür, dass Maria Theresia mit Heranziehung aller nur 
verfügbaren Kräfte des Staates für sie sorge imd desswegen erklärt 
es sich, dass schon im dritten Jahre ihrer Kegierung eine Medaille 
geprägt wurde mit der Umschrift „Mater castrorum". ^ 

Bei Antritt der Eegierung Maria Theresia's mussten alle 
Theile der bewaffiaeten Macht folgenden Eid leisten *) : 

„Der Allerdurchlauchtigsten und Grossmächtigsten Frauen 
Frauen Maria Theresia, Königin in Hungam imd Böheim, 
Erzherzogin zu Oesterreich, Herzogin zu Burgund, in Steyer, 
Kämthen und Krain, dann Mailand, Mantova, Parma und Piacenza, 
Gräfin zu Flandern, Tyrol und Görz, vermählte Herzogin zu 
Lothringen und Bar, Grossherzogin in Toscana, als des weiland 
Allerdurchlauchtigsten, grossmächtigsten und ohnüberwindHchsten 
Fürsten und Herrn Herrn Carl des Sechsten, gewesten Römischen 
Kaisers erstgebomen leibhchen Frauen Tochter und alleinigen 
Erbnehmerin aller von dem Höchstseligen besessenen Erb-König- 
reiche imd Lande 

schwören wir Gegenwärtige 

Dero Reich, Land und Leute zu beschützen, Dero Nutz und 
Frommen zu befördern, Schaden und Nachtheil zu wenden, unsere 
Fahnen und Estandarten nie zu verlassen, sondern als getreue 
Soldaten, Unterthanen und Vasallen mit eben derjenigen Pflicht, 
womit wir Allerhöchstgedachter weiland kaiserlichen Majestät ver- 
bunden waren, gleich es unsere allerunterthänigste Schuldigkeit 



*) Arneth, Maria Theresia, n, 2. 

•) Meynert, Gresch. d. k. k. Armee, IV, 40. 

») K. A., F. A Itaüen, 1740, X, ad 1. 



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304 

mit sich bringet, Höchstderoselben Gerechtsame zu verfechten 
und zu handhaben, auch in allen Occasionen zu Wasser und zu 
Land wider und gegen den Feind uns also zu verhalten, wie es 
mannhaften, getreuen imd ehrlichen Kriegsleuten zu- und wohl 
ansteht". 

„Dass wir allem dem, so uns vorgelesen worden und wir wohl 
verstanden haben, getreu und ohnverbrüchlich nachkommen sollen 
und wollen, geloben wir mit au%ehobenen Schwörfingem, so wahr 
uns Gott helfe und sein heüiges Evangelium. Amen." 

Die Ausübung der militärischen Oberhoheit durch die Landes- 
fürsten war übrigens um 1740 noch vielfach unterbunden und zwar 
durch manche althergebrachte Gepflogenheiten, dann durch ererbte 
Rechte und Pflichten der Stände in Bezug auf Stellung der Ee- 
cruten, Verpflegung der Truppen auf Märschen und in den Quar- 
tieren, Aufbringung des Geldes für die Armee, u. s. w. ; Graf 
Haugwitz erkannte frühzeitig das Schädliche dieser Sachlage und 
erklärte schon 1742 in einer kurz nach dem Breslauer Frieden an 
Maria Theresia gerichteten Denkschrift für nothwendig, alle 
Verfügungen, welche sich auf das Militärwesen bezögen, aus den 
Händen der Landstände zu nehmen und in denjenigen der Re- 
gierung zu vereinigen. ^) Li diesem Sinne setzte dann auch that- 
sächlich die Reorganisation der Armee nach dem Aachener Frieden ein. 

Li Ausübung des Oberbefehles standen der Monarchie zur 
Verfügung: der Hofkriegsrath, die in einem der vorhergehenden 
Abschnitte dieses Buches zu würdigende Hofkammer und das zu 
diesen beiden in einem eigenthümlich schwankenden Verhältnisse 
stehende, formell beiden untergeordnete und doch factisch fast 
selbstständige , schliesslich ihnen gleichgestellte General-Kriegs- 
Commissariat. 

An kaiserlichen Leibgarden bestanden im Jahre 1740 
die Arcieren- (Hartschier-) Garde zu Pferde und die Trabanten- 
Garde zu Fuss. Beide unterstanden dem Obersthofmeister-Amte und 
verursachten demselben unter Carl VI. eine Ausgabe von 37.578, 
beziehungsweise 19.296 Gulden und unter Maria Theresia 
(1747) von 32.000, beziehungsweise 18.600 Gulden. 2) 

*) Arneth, Maria Theresia, IV, 11. 

«) Hofk. Arch., Homnanz, 3. October 1747; Unter Ferdinand m. 
26.924, beziehungsweise 14.748 fl., unter Leopold L 25.512, beziehungs- 
weise 12.836 fl., unter Joseph J. 27.074, beziehungsweise 12.784 fl. 



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305 

Die Arcieren-Garde (welche erst 1763 in die deutsche 
adelige G-arde verwandelt wurde, nachdem drei Jahre vorher die 
ungarische adelige Leibgarde errichtet worden) hatte im Jahre 1740 
folgenden Stand : ein Hauptmann (Feldzeugmeister Graf Heinrich 
Dann), eia Lieutenant, ein Oberfourier, ein TJnterfourier, ein Adju- 
tant, fünf (1747 : 5, 1748 : 4) Rottenmeister, 95 (1747 : 78, 1748 : 50) 
Arcieren, sechs Trompeter, ein Pauker, ein Feldscherer, ein Schmied 
und ein Wachtknecht. 

Die Trabanten-Garde: ein Hauptmann (G. d. C. Graf 
Cordova), ein Oberfourier, ein TJnterfourier, zehn (1747 und 
1748:9) BrOttenmeister, neunzig (1747:89, 1748 : 68) Trabanten, ein 
Tambour, ein Pfeifer und ein Wachtknecht. *) 

Jeder Mann der beiden Qttrde-Oompagnien hatte seit den 
ältesten Zeiten das Privilegium, in seinem Quartier "Wein und Bier 
zu schänken oder dieses Recht an irgendjemand gegen Entgelt 
abzutreten. Da sich aber die bürgerlichen Gustwirthe Wien's hiedurch 
beeinträchtigt fiihlten, so zahlte die Stadt mit Zustimmung des 
Hofes jedem Manne der Garden jährlich 60 Gulden „Zapfengeld" als 
Privilegiums- Ablösung. 

Jeder Mann der Arcieren-Gtu:de musste sich sein Pferd selbst 
beschaffen, wozu er „das gewöhnliche Pferde-Adjutum" von 25 
Gulden erhielt. *) 

Im Jahre 1745 wurde die grossherzoglich toscanische 
Schweizer-Garde in österreichische Dienste übernommen. ^) 

Die Officiere derselben waren mit Partisanen, die Mannschaft 
mit Hellebarden, Officier und Mann noch mit Säbeln bewehrt. 
Die Schweizer-Garde, deren „Obrister" gleichfalls Graf Cordova 
war, bestand im Jahre 1747 aus einem Hauptmann, einem Lieu- 
tenant, einem Unterlieutenant, einem Fähnrich, einem Kaplan, 
einem Secretär, einem Wachtmeister, einem Fourier, einem Feld- 
scherer, einem Profossen, vier Corporalen, vier Spielleuten und 
81 Mann; diese kosteten jährlich 15.710 7« Gulden.*) 



») Staats-Kalender oder Hof-Schematismus 1740-1748; Hofk. Arch., 
Hoffinanz. 29. März 1747. Der Act: Hoffinanz, 28. März 1748 gibt fOr die 
Trabanten-Garde mir zwei Rottenmeister imd vierzig Trabanten an; diese 
Garde trog eine rothe Livree. 

*) Hofk. Arch., 'Hoffinanz, 14 Juli 1747. 

^ Ebenda, 19. August 1746. 

*) Ebenda, 9. März 1747. — Adam Wolf (Oesterreich unter Maria 
Theresia, 142) hält irrthümlich die Trabanten- und Schweiaer-Gfarde für eine 
und dieselbe Garde. 

Oesterreiohisoher Erbfolgekrieg. I. Bd. 20 



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306 

InBrüssel bestanden für den Dienst beim Greneral-Gouvemeur 
zwei Leib-Oompagnien : 1. Die „Trabanten der adeligen Leibwache 
Seiner Majestät" und 2. die Compagnie der Hellebardiere. *) Ueber 
ihre Stärke und Kosten liegt keine weitere Nachricht vor. 

Der Hof-Erlegsrath. 

Nach der im Jahre 1705 „zur Verhütung grösserer Disconcerti" 
erfolgten Auflösung des innerösterreiohischen Hof-Kriegsrathes in 
Graz und der oberösterreichischen Kriegs-Stelle in Innsbruck war 
der iinter Kaiser Ferdinand I. entstandene kaiserliche Hof- 
Kriegsrath in Wien die alleinige Centralstelle für die Leitung des 
kaiserlichen Kriegswesens. ^ 

Nach dem Tode Carl VL, wie jedesmal nach dem Hin- 
scheiden eines Kaisers aus dem Hause Habsburg bis zur Neuwahl eines 
solchen, führte der Wiener Hof-Kriegsrath den Titel „Ihrer römisch- 
kaiserlichen Majestät hinterlassener kaiserlicher Hof-Kriegsrath", 
auch kürzer „Hinterlassener kaiserlicher Hof-Kriegsrath". Erst nach 
dem Frieden von Füssen (22. April 1746), in welchem Maria 
Theresia nachträglich die Kaiserwürde Carl VJLL. anerkannte, 
hiess der Hof kriegsrath „königlicher Hof-Kriegsrath".*) Seit der 
Kaiserwahl Franz I. (13. September 1745) hiess er „kaiserlich- 
königlich" und mit ihm ebenso die ganze Armee.**) 

Die letzte Instruction, welche vor dem Tode Carl VI. für 
den kaiserlichen Hof-Kriegsrath erlassen worden war, stammte aus 
dem Jahre 1650.*) Sein Wirkungskreis, der sich im Laufe der Zeit 
herausgebildet hat, ist in folgenden Puncten runschrieben : 



*) Actenstücke, zur Geschichte der österreichischen Niederlande gehörig 
(1787), 164. 

•) Feldzüge des Prinzen Eugen, VHI, 57 £ 

«) K. A., H. K. R., 1745, April 1008, Exp. und 11, Reg. 

*) K. A., H. K. R, 1745, Prot. Reg. fol. 2273 (September 6). Maria 
Theresia hatte vor ihrer Abreise nach Frankfurt den Befehl hinterlassen, dass 
nach solch' erwünschtem „glücklichem Ausgang der Wahl", der Hof-Kriegsrath 
und die Armee sich selbst „kaiserlich-königUch" nennen tind von andern so 
genannt werden sollten. (H. K. R. 1745, IX. 8). 

^ K. A., Kanzlei- Archiv, IX, 7. Abgedruckt bei F im h ab er, Skizze der 
Entstehung des Hof-Kriegsrathes (Archiv für österreichische Geschichte, 
30. Band, 163). Die ebendaselbst, 165 flf. mitgetheilte „Instruction für den Hof- 
Kriegsrath" vom 6. April 1675 gilt nicht, wie aus der unvoUständigen Ueber- 
schrift geschlossen werden könnte und aucK geschlossen worden ist, för den 
Hof-Kriegsrath zu Wien, sondern für den innerösterreichischen 
zu Graz. 



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307 

1. Vermittlung des Befehles zwischen dem Kaiser und den Feld- 
herm und Truppen durch Eeferate und Anträge an Allerhöchster Stelle, 
dann durchFormulierung der vonletzterer getroffenenEntecheidungen. 

2. Beantragung und Durchführung aller organisatorischen 
Yerfiigungen. 

3. Vorschläge zurEmennimg der Feldherren und ihrer Hilfs- 
organe, der Festungs-Commandanten und Regiments-Inhaber, Be- 
förderung der Generale, der Obersten und der ausserhalb der Regi- 
menter stehenden Stabsofficiere, Ausfertigung der Patente und Be- 
stallungsbriefe, Verfassung der Instructionen bei Verleihung besonderer 
Coromanden und sonstiger Functionen. In diesen Angelegenheiten 
sowohl, als auch bezüglich der Justizpflege über Individuen vom 
Stabsofficier aufwärts, dann in Hinsicht auf deren Beurlaubung und 
Entlassung blieb die Entscheidung dem Monarchen vorbehalten. 

4. Die Heeresergänzung und Beschaflfimg des Kriegsmaterials 
im Einvernehmen mit der Hofkammer und dem Öeneral-Kriegs- 
Commissiariate ; mit letzterem auch die gesammte Standes-Controle. 

5. Die Zusammenstellung von Directiven für das Gebühren- 
und Proviantwesen, im Einvernehmen mit dem General-Kriegs- 
Commissariate und dem Obrist-Proviant-Amte. 

6. Das gesammte Artillerie- und Zeugwesen durch Vermittlung 
und nach Anhörung des Obrist-Land- und Haus-Zeugamtes, 

7. Das Befestigungs- und Militär-Bauwesen durch das Forti- 
fications-Bau-Zahl-Amt und hiezu eigens berufene Ingenieure. 

8. Die Angelegenheiten des Schiffs- und Brückenwesens durch 
das General-Küegs-Commissariat und das Obrist-Schiff-Amt. ^) 

Hienach war der Hofkriegsrath schon instruotionsgemäss nur 
in wenigen Fragen ganz unbeschränkt und daher einer kraftvollen 
Initiative nicht fähig, ausser wenn ein Präsident von der Bedeutimg 
wie Prinz Eugen an seiner Spitze stand, dessen Gewicht übrigens 
noch dadurch wesentlich vermehrt wurde, dass er auch die äussere 
Politik des Kaisers leitete. Als aber diese Alle überragende Per- 
sönlichkeit aus dem Leben geschieden war, da machte sich ein solches 
Wettlaufen der verschiedenen Ministerien um den grösseren Einfluss 
geltend, dass Carl VI. sich gelegentlich der Berathungen über 
die Neugestaltung des Heerwesens nach dem letzten Türkenkriege 
bewogen fand, die Nothwendigkeit scharf zu betonen, dass nicht 



*) Ausser diesen militärischen Aufgaben oblag dem Hofkriegsrathe bis 
1720 auch der diplomatische Verkehr mit Eussland imd der Türkei, seit dem 
genannten Jahre bis zur Errichtung der Hof- und Staatskansdei (1742) nur 
noch mit der Türkei allein. 



20* 



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308 

jede Hofstelle und Kanzlei auf ihr Ressort allein, sondern dass 
alle das Gesammtstaats-Interesse im Auge haben 
m ü 8 s t e n, damit die nöthige Sparsamkeit und Schonung der Länder 
mit der Sicherheit des Reiches in Einklang gebracht werde. ^) Aber 
die Mahnung des Kaisers fruchtete nicht viel. 

Das General-Kriegs-Oommissariat liess sich dem Hofkriegs- 
rathe gegenüber manche Eigenmächtigkeiten zu Söhulden kommen, 
welche in den Acten ihren gelegentlichen Ausdruck finden. Und 
selbst nachdem das Commissariat im Jahre 1746 dem Hofkriegs- 
rathe gleichgestellt worden war, bestand der alte Zwiespalt zwischen 
beiden Behörden fort, so dass eine Stimme aus dem Jahre 1750 
dem Hofkriegsrathe Mangel an genügender Autorität zuschrieb. ^ 
Nicht nur der italienische Hofrath in Mailand hinderte wieder- 
holt die militärische Befehlsgebung der Wiener Centralstelle 
durch ganz gegentheilige Anordnungen '), sondern auch die inner- 
österreichische Kriegs-Stelle opponierte vielfach derselben trotz 
wiederholter „scharfer Rescripte" aus Wien, indem sie z. B. im 
Jahre 1736 durch Nichtanlage von Magazinen den Durchmarsch 
der aus Italien kommenden Truppen bedeutend erschwerte.*) Die 
Grazer Kriegs-Stelle war 1735 sogar so weit gegangen, dass sie 
deutlichen kaiserlichen EntSchliessungen in Gtrenz-Angelegenheiten 
direct entgegenhandelte. *) 

Schlimmer stand es um den Hof-Kriegsrath, wenn dessen 
Präsident auch in der Umgebung des Kaisers sehr gewichtige Ein- 
flüsse zu bekämpfen hatte, welche zwar nicht die Verantwortung 
für die Leitung des Militärwesens übernehmen, dieselbe aber doch von 
sich abhängig zu machen versuchten. Feldmarschall Graf Harr ach 
äusserte sich einmal sehr unwirsch darüber, dass Leute, die vom 
Kriegswesen und Friedensystemen gar nichts verstünden, trotzdem 
auch in militärischen Dingen auf den Kaiser Einfluss nähmen und 
ihn so verwirrten, „dass der Letztere nicht wisse, wem er glauben 
solle und in Gefahr stehe, allerlei verkehrte Resolutionen zu fassen.^ 



*) Hofk. Arch., Reichs-Acten, Fase. 165, Beputations-Protocoll, 5, No- 
vember 1739 (Resolution des Kaisers). 

>) K. A. Memoiren, IX, 259. 

») K. A., H. K. R., 1743, Prot. Reg. 1291. 

*)Angeli, Der Krieg mit der Pforte 1736— 1739 (Mittheilungen des 
k. k. Kriegs-Archivs, VI, 1881), 262. 

*) Vani6ek, Special-Geschichte der Militär-Grenze, I, 229 f. 

^ K. A.; F. A. Türkenkrieg, 1739, XI, 5. Harrach an Prinz Hild- 
burghausen, 16. November 1739. (Original). „Die Nachwelt wird sagen. 



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809 

Am bedenklichsten aber mnss es scheinen, dass sich innerhalb 
des Hof-Kriegsrathes selbst Unregelmäesigkeiten eingebürgert hatten, 
welche die herbste Kritik berufener Zeitgenossen hervorriefen. Zu 
deren Verständniss ist es nothwendig, zuerst über die Zusammen- 
setzung und den Geschäftsgang des Hof-Kriegsrathes das Wichtigste 
zu sagen. 

Im Jahre 1740 (respective 1741) hatte derselbe folgenden 
Personalstatus : einenPräsidenten seitEnde 1 738 (Feldmarschall Joseph 
Graf H a r r a c h) ; einen Vice-Präsidenten (Feldmarschall Ludwig An- 
dreas Graf Khevenhüller); 25 (29) EÄthe aus dem Herrenstande; 
davon waren jedoch instructionsgemäss nur die fünf ältesten der 
nicht durch ein Commando oder Landesamt von Wien abgehaltenen 
Ernannten zur Theilnahme an den Geschäften berufen und besoldet, 
darunter jedenfalls der Stadt-Commandant von Wien ; elf (fünßzehn) 
Käthe ausser dem Herrenstande (darunter die vier „geheimen 
ßeferendarien" : G. v. Lachawitz, von W ö b e r , Ignaz v. 
Koch und Ad. 0. Weingarten); femer 28 (27) Secretäre, 1 
(1) Eegistrator, 2 (2) Adjuncten des Eegistrators, 3 (3) Kegistranten, 
2 (2) Expeditores, 2 (2) Adjuncten der Expeditoren, 2 (3) Eegi- 
stranten, 16 (15) Concipisten, 2 (2) Concipisten-Accessisten, 17 
(16) Kanzlisten, 20 (25) Accessisten, 2 (1) Thürhüter, 4 (4) Kanzlei- 
diener, 1 (1) Heizer, 1 (1) Archivar, 1 (1) Adjimct des Archivars, 
1 (1) Archiv-Registrant, 1 (1) Archiv-Diener. ^) Von den Referen- 
daren angefangen nach abwärts war das ganze Personale vom Civü- 
stande. 

Aus einer Zuschrift des Hof-Kriegsrathes vom 20. August 1743 ^ 
an die Hofkammer geht hervor, dass die Beamten des ersteren 
schon seitEnde October 1741 keine Bezahlimg mehr erhalten hatten, 
weil die ungarische Contribution, auf welche die Besoldimgen der 
Hof -Kriegskanzlei bis dahin gewöhnlich angewiesen waren, von 
diesem Zeitpuncte an ganz für die sechs neuen ungarischen 
Infanterie-Regimenter verwendet wurde. Der Präsident des Hof- 



der H a r r a c h, selbmaliger Kriegs-Präsident, muss ein rcjghter .... gewesen 
sein, d&88 er dem Kaiser derlei verteufelte militärische Vor- und Anschläge 
gegeben und resol vieren machen ; man wird nicht wissen, dass solches Alles 
wider meinen Willen geschehe." 

Auch unter Maria Theresia hat das auf grösseren Einfluss bei 
Hofe hinarbeitende Intriguenspiel verschiedener Persönlichkeiten lähmend auf 
den Hof-Kriegsrath eingewirkt, wie aus einem Schreiben des Hof kriegs-Justiz- 
Rathes Dierling an Khevenhüller erhellt. (K, A., H. K. R 1743, 1, 1) 

*) Staats-Kalender oder Hof-Schematismus der Jahre 1740, 1741. 

^ Hofk. Arch., Hoffinanz, 20, September 1743. 



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810 

Kriegsrathes bezog als solcher jährlich 18.000 Gulden, ausserdem 
die Q-ebühren eines activen Generals seiner Charge und wenn er 
ein Eegiment hatte, auch die Gebühr des „wirklichen Obersten". 
Die Bezüge des Vice-Präsidenten und der Eäthe aus dem Herren- 
stande waren mit Rücksicht auf die von ihnen gewöhnlich noch 
sonst bekleideten Aemter ziemlich gering bemessen, so z. B. für 
den Feldmarschall KhevenhüUer, welcher zugleich comman- 
dierender General -von Slavonien war und für den zugleich als 
Stadt-Oommandanten von Wien fungierenden Feldmarschall Heinrich 
GrafenDaunnur mit je 800 Gulden jährlich, wogegen dieGeneral-Feld- 
waohtmeister Rudofsky und Löwenwolde als Hof-Kriegsräthe 
jährlich je 2000 Gulden hatten. Von den eilf Hof-Kriegsräthen ausser 
dem Herrenstande (1741) erscheinen einer (Lachawitz) mit 3200 
Gulden, drei (W ober, Koch, Dierling) mit 3000 Gulden, einer 
(Hefenstock) mit 2300 Gulden, vier mit 2000 Gulden und zwei 
mit 1500 Gulden Jahresgehalt. Von den Secretären genossen nur 
zehn einen Gehalt von je 1000 Gulden, die übrigen Secretäre und 
alle anderen Beamten der Hof-Küegskanzlei Besoldungen ver- 
schiedener Höhe unter 1000 Gulden. Die Gesammtkosten für das 
Personale des Hof-Kriegsrathes betrugen einschliesslich der bewil- 
ligten Pensionen jährlich 73.098 Gulden. 

In allen Geld- Angelegenheiten hieng der Hof-Kriegsrath voll- 
ständig von den Mitteln und manchmal auch von dem guten Willen 
der Hofkammer ab. Sogar das Papier wurde von der letzteren zu- 
gewiesen. ^) Nur die Taxen bildeten eine eigene Einnahms-Quelle, 
welche dem Personale der Kanzlei zugute kam; deren ungleich- 
massige Auftheilung gab aber zu mancherlei Klagen Anlass. 

Die Geschäfte des Hof-Küegsrathes theilten sich in „Publica" 
und „Judicalia". Letztere wurden meist von eigenen Hof-Kriegs- 
Justizräthen besorgt, waren aber bis 1745 noch nicht strenge ge- 
schieden, so dass hieraus manche TJebelstände erwuchsen. Die 
„Publica" zerfielen in die eigentlichen militärischen und in die 

*) Hofk. Arob. Hoffinanz, 22. August 1714. „Von uralten Zeiten her" 
erhielt der Hof-Kriegsrath von der Hof kammer folgendes Quantum : 

14 Ballen, 5 Eies weisses Papier, 8 Ballen, 5 Ries Concept-, 16 ßies Post-, 
6 Ries Median-, 4 Ries Regal-Papier. 

1744 verlangte der Hof-Kriegsrath „eine gefäUige Zulage" von acht bis 
neun Ballen weissen, sechs Ballen Concept- und acht Ries Postpapieres. Der 
Hofkammer-Präsident Graf Dietrichstein aber bewilligte eigenhändig 
„so lang der Krieg dauert, mithin ein grösseres Erfordemiss an Papier nöthig, 
jährlich über das ordinaro sechs BaUen Kanzlei-, vier Ballen Concept- und 
sechs Ries Post-Papier". 



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311 

ökonomisch-administrativen Geschäfte, welch' letztere dem mass- 
gebenden Einflüsse der Hof kammer und des General - Kriegs- 
Commissariats unterworfen waren. 

Innerhalb des Hof-Kriegsrathes sollten instructionsgemäss alle 
Heeres-Angelegenheiten in commissionellen Sitzungen berathen 
werden. 

Für Verpflegs- und Quartier- Angelegenheiten, fiir das Waffen- 
und Munitionswesen, für die Angelegenheiten der ungarischen 
Garnisonen und der immobilen Besatzungs-Truppen, für die Invaliden- 
Angelegenheiten, dann für die Truppenexcesse in den Winter- 
quartieren bestanden stabile Oommissionen. In besonders wichtigen 
Angelegenheiten, z. B. Truppen-Reductionen nach einem beendeten 
Kriege, wurden auf Befehl des Kaisers oder auf Anregung des 
Hof-Kriegsrathes die Gutachten hervorragender Generale eingeholt 
und dann erst ein endgiltiger Vortrag an den Kaiser verfasst. 
Militärische Fragen, bei welchen das Ressort einer oder mehrerer 
Hofstellen berührt wurde, gelangten sehr häufig auf Grund von 
gemeinsamen Oonferenz- oder Deputations-Sitzungen, deren Proto- 
coUe dann dem Kaiser vorgelegt wurden, zur Entscheidung. 

Der normale Geschäftsgang war im Allgemeinen schwerftLllig 
und umständlich. Ueber die eingelaufenen Schriftstücke wurde ein 
Referat verfasst, welches weitschweifig den Inhalt der Einlaufe mit 
allen Gründen für und gegen wiedergab und mit dem Antrag des 
Hof-Kriegsrathes schloss. Nur selten und wenn der Gegenstand 
besondere Eile erforderte, fand eine Abweichung von dieser Ge- 
pflogenheit statt. 

Der Verkehr mit den anderen Hofstellen war gleichfalls ein 
sehr langsamer ; gewöhnlich liegt zwischen dem Datum einer Aus- 
fertigung des Hof-Kriegsrathes und der Präsentierung bei der Hof- 
kammer eine Zeit von zwei bis vier Wochen. Nur sehr selten und 
in besonders dringenden Fällen vermindert sich dieser Zeitraum 
auf einen oder mehrere Tage. ^) 

In der Armee empfand man die Schädlichkeiten dieses lang- 
samen Verkehrs zwischen den Behörden, welche bei damaligen 



*) Die Verständigung der Hofkammer von der Ernennung des Feld- 
marschalls Grafen Königsegg zum Obrist-Land- und Haus-Zeugmeister war 
beim Hofkriegsrathe unter dem 7. August 1741 ausgefertigt, gelangte aber 
erst Anfangs Januar 1743 wirklich zur Hofkammer, welchen Umstand diese 
selbst eben nicht sehr eilfertige Hofstelle eigens constatierte. (Hofk. Arch., 
Hoffinanz, 10. Februar 1743.) 



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312 

Post- und Wegverhältaiissen zwischen Wien und den Provinzen 
sich nur potenzieren mnssten, . sehr wohl. ^) 

Füi- den Verkehr zwischen den obersten Militärbehörden und 
den Truppen bestand kein geregelter Dienstweg. Der Hof-Kriegsrath 
verständigte zwar die General-Commanden von den Truppen- 
bewegungen, verkehrte aber sonst mit den Regimentern, ausser 
wenn sie bei der Armee im Felde eingetheilt waren, in allen An- 
gelegenheiten direct. 

„Es ist aber nöthig, dass man wegen der Correspondenz mit 
dem Hof-Kriegsrath einige Ordnung einführe, dass nämlich keinem 
Subalternen erlaubt sei, dem Hof-Kiiegsräth zuzuschreiben, es wäre 
dann, dass Jemand sich zu beklagen habe und keine Aufrichtung 
von seinen Oberen bekommen könnte. Dann dieser Abusus ist also 
sehr eingeschlichen, dass sogar Fähndrich, auch Ünter-Officiers- und 
Primaplana-Personen dem Hof-Kriegsrath ohne Vorwissen ihrer 
Obern, um Avertamenten, Aggregationen, Verlaub, sich vom 
Eegimente zu begeben, dann abermal Prolongationen, die ünter- 
Of&ciers um Abschied etc. zugeschrieben, dass mehrmal die Com- 
mandanten der Regimenter sich beklagt, dass sie zu Jahr und Tag 
öfters die Officiere nicht gewusst, wo sie sind." ^ Ausdrücklich 
giebt der Verfasser des „Vorschlages' ^ welchem die vorstehenden 
Zeilen entnommen sind, Bestechung seitens der Officiere und 
Eigennutz seitens der Functionäre des Hof-Kriegsrathes als Ursachen 
der berührten Zustände an. 

Kein Geringerer als Feldmarschall Graf Khevenhüller 
bestätigt das Vorhandensein solcher und anderer Uebelstände im 
Hof-KIriegsrathe. In einem Gutachten vom 7. September 1740^) 
bezichtigte er direct die bei demselben eingeschlichenen Unord- 
nungen und Missstäude der Mitschuld an dem im Militärwesen ein- 
gerissenen Verfall. 

Er tadelte, dass die Einlaufe ad publica nur vom Präsidenten 
Grafen H a r r a c h und dem Referendar v. W ö b e r eröffiiet und 



^) So bat Feldzeugmeister O'Gilvy in Prag im December 1740 den Hof- 
Kriegsrath, es möge doch bezüglich der für Glatz zu treffenden Vertheidigungs- 
anstalten die böhmische Hofkanzlei angegangen werden, diese Dinge direct 
zu veranlassen, „massen durch die hin und wieder zu erstattenden Berichte 
vieleZeit verzelirt und der Herrendienst gehemmtwerde. (Duncker, Die Invasion 
Schlesiens 1740; 53, Anm. 3.) Mittheüungen des k. k. Kriegs- Archivs, X, 1885. 

') K. A., Memoiren, IX, 56. Der Name des Verfassers dieses „Vorschlags" 
über eine bessere Einrichtung des Hof-Kriegsrathes ist nicht bekannt. 

8) K. A., H. K. K, 1740, September, 842, Exp. (Original) 



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313 

ohne jeden Einfluss der übrigen Hof-Kriegsräthe, aber doch im 
Namen des gesammten Hof-Kriegsrathes erledigt würden; ins- 
besondere handle Wöber oft nur allein nach seinem Ermessen; 
das sei unter Guido Starhemberg und Prinz Eugen nicht so 
gewesen. Durch verschiedene Anlässe hätten die Referendarien die 
Erledigungen an sich gebracht, die fiiiher nur nach Rathssitzungen 
getroffen worden seien. Die Referendare holten oft nur zum Scheine 
des Präsidenten Befehle ein, träfen aber dabei die Entscheidungen 
eigenmächtig, um ihre Macht und ihren Einfluss zu zeigen; wenn 
sich aber hinterher ein Nachtheil herausstellte, so wälzten sie die 
Schuld auf den Befehl des ahnungslosen Präsidenten. Auch liessen sie 
aus Bequemlichkeit die Referate an den Kaiser, wie es doch 
ihrem Titel nach ihnen zukomme, durch niederere Beamte und 
auch sonst wichtige Erledigungen durch nicht informierte Subaltem- 
beamte anfertigen und doch Namens des ganzen Hof-Kriegsrathes 
mit der allgemeinen Formel, ohne specielle Namensbeisetzung unter- 
zeichnen. So seien oft die gröbsten Irrthümer geschehen und der 
Dienst in Gefahr gerathen; davon zu geschweigen, was für Unter- 
schleife sieh bei dieser Art Geschäftsgebahrung einschleichen müssten. 
Diese Missbräuche hätten sich schon in der letzten Zeit des Prinzen 
Eugen eingebürgert. Der Kaiser habe nach dessen Tode schon 
angeordnet, dass Alles wieder, wie vorher, gemeinsam berathen und 
den Referendarien ressortmässig zur Erledigung zugewiesen, deren 
Concepte aber nachher vom Vice-Präsidenten durchgesehen werden, 
ob die Ausfertigung dem Rathsbeschlusse gemäss sei. Aber das 
kam nicht ganz zur Durchführung ; denn : „Obschon die Referendarii 
in denen Referaten zugegen seind, so weiss der Herr v. Wöber 
sich dannoch das Ober-Directorium zu attribuieren und dasjenige, 
was ihm beliebt und anständig, von anderen Departements heraus- 
zuklauben und sich zu arrogieren, ja in die „hacklichen" Justiz- 
geschäften selbst extra ordinem sich einzumengen und es existieren 
Exempla, dass er sogar, was in dem Rath ausgemacht worden, auf- 
gehalten (denen beliebten Parteien zu favorisieren) und autoritative bei 
sich expedieren lassen. Von denen geschiehet es, dass durch dergleichen 
a recto tramite deviierende Expeditionen die andern Referendarii, 
die von dem Vorgegangenen weder Nachricht, noch Einsehen haben, 
irre gemacht werden, änderst expedieren; mithin entstehen, wie 
es bekannt, Contradiotionen; diejenigen, an welche rescribieret 
wird, werden confus gemacht und in fine das ansehentliche Bjriegs- 
Dicasterium selbst mit denen Capi und membris vor der Welt 
prostituieret und verkleinert." Wenn er als Vice-Präsident, seiner 



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314 

Pflicht gemäss, die Concepte zur Einsicht verlange, so schicke man 
ihm meist nur unwichtige und selbst diese enthielten oft nicht den 
vollständigen Eathsbeschluss, nicht selten das Gegentheil desselben. 
Referate an den Kaiser und dessen Entscheidungen erfahre er als 
Vice-Präsident häufig von einem Dritten als Neuigkeit. Er müsse 
sich oft schämen, wegen mangelhafter Informationen über Dislo- 
cationen, Repartitionen, Commissions- Verhandlungen, Capitulationen 
und andere wichtige Angelegenheiten nicht abstimmen zu können. 
Ihm selbst sei dieser Zustand eigentlich nicht zur Unbequemlichkeit, 
aber er sei nicht im Interesse des Dienstes. Daher müsse durch 
feste Instructionen an die Referendarien jeder Eigenmächtigkeit 
derselben und Untergebenen vorgebeugt werden, der Präsident und 
Vice-Präsident müssten von allen Einlaufen und Ausfertigungen 
wissen; Standes-Tabellen, Musterungs- und Recrutierungs-Relationen, 
Magazins- und Sanitäts-Rapporte müssten sofort in eine Haupt- 
Tabelle zusammengefasst werden, Justiz- Angelegenheiten seien aus- 
schliesslich vom Justizrath zu behandeln und der Hof-Kriegsraths- 
Präsident monatlich über die abgewickelten und laufenden Processe 
zu informieren; eine Commission für das Fortificationswesen als 
Beirath des Hof-Kriegsraths-Präsidenten sei zu creiren, endlich über 
alle Einlaufe und Ausfertigungen an die commandierenden Generale, 
Festungs- und Regiments-Commandanten, dann über die Conferenzen 
und Correspondenzen mit den Hofstellen von nun die Register 
und ProtocoUe genauestens zu führen. 

Es müsse femer der Chargenkauf, das Petitionieren von Ober- 
und selbst Unterofficieren bei dem Hof-Kriegsrath mit Umgehung 
des Regiments-Commandos aufhören, es dürfe nicht mehr geduldet 
werden, dass die Referendarien Urlaube und Verlängerungen der- 
selben ohne Wissen des Regiments ertheilten, dass selbst Leute 
aus der Kriegskanzlei Chargenhandel treiben und in dienstlichen 
Angelegenheiten Privat-Correspondenzen führen. Nur gerechte und 
gewichtige Beschwerden über den Regiments-Inhaber und Comman- 
danten sollen femer noch direct an. den Hof-Kriegsrath eingesendet 
werden dürfen. Sonstige directe Einlaufe sollen zur Begutachtung, 
aber auch zur Bestrafung an die Regimenter zurückgehen. Wichtige 
Entscheidungen solle der Hof-Kriegsraths-Präsident vorerst im Con- 
cepte genehmigen und dann erst expedieren lassen. Alles aber 
dürfe nur in der Kanzlei, nicht in den Privatwohnungen der 
Referendare geschrieben werden. Kein Act dürfe beim Secretär 
oder Referendar liegen bleiben, sondern solle sogleich in die 
Registratur oder in das Archiv hinterlegt werden, wohin nach des 



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316 

Archivars eigener Aussage schon seit 1722 kein Act mehr ge- 
kommen sei. 

Endlich müsse auch eine feste Ordnung für die Einhebung 
und Vertheilung der Kanzleitaxen gemacht werden; die letztere 
habe bisher nur von dem Belieben des Eeferendeurs v. Laohawitz 
abgehangen. 

Noch deutlicheren Einblick in die Geschäftsführung des Hof- 
Kriegsrathes, aber ein ebenso abträgliches Urtheil geben eines 
gleichzeitigen Unbekannten „Allerunterthänigste, treugehorsamste, 
wohlmeinende Gedanken" *) mit folgenden Worten : 

„Selber (i. e. der Hof-Kriegsrath) besteht aus einem Präsidenten, 
einem Vice-Präsidenten und aus Räthen, deren zwei Bänke sind: 
eine die Herrenbank, darauf die Meisten Generalspersonen, die 
andere die Bitter- und Gelehrtenbank, darauf auch die vier Referen- 
darien als Räthe sich befinden und ein und andere Doctores, die 
vormals dahier (in Wien) Advocaten gewesen sind". 

„Die Räthe von der Herrenbank, nämlich die Generalspersonen, 
werden dermalen nicht zu dem, was proprio militärisch ist, employieret, 
sondern sie werden alleinig zu dem unter Praesidio des Vice-Präsi- 
denten zweimal in der Woche gehaltenen Justiz-Rath gezogen. 
Hingegen werden alle Militaria bei dem Präsidenten zweimal in dem 
sogenannten Referat alleinig diu*ch die Referendarien tractiert und 
abgehandelt. Diese Referendarien informieren und votieren nach 
ihren Gedanken, schicken die machenden Concepte, ohne dass 
selbe der Präsident sieht, zum Schreiben in die Kanzlei. 
Sind es Decrete oder Intimationen, so wird daruntergesetzt: „Ex 
Consilio Bellico" und von demjenigen Referendario, dessen Ex- 
pedition es ist, alleinig unterschrieben; sind es aber hofkriegs- 
räthliche Schreiben, die von hier weggehen, wird nichts anderes 
daruntergesetzt als: „Von Ihro zu Hungam und Böheim Königl: 
Majestät Hof-Kriegsraths-Präsident, Vice-Präsident und Räthe" und 
weiter nichts. Sie, Referendarien, raisonnieren imd determinieren von 
allen vorkommenden Ejriegsmaterien, exempli gratia von der Qualität 
und Capacität eines Ingenieurs oder eines Artilleristen, ob er gut 
oder schlecht sei, ob er eine Emploi oder ein weiteres Avancement 
meritiere, wo doch keiner davon jemals die Ingenieurkunst oder 
das Artilleriewesen erlernt hat, dass also der Supplicant 
blos sich zu befleissen hat, vor allem andern, wie er sich 



\ K. A., Memoiren, IX, 70. 



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316 

bei dem Referendarius gut zu insinuieren weiss: sonst ist alles 
Sollicitieren umsonst". 

„Was die Hof-Kriegskanzlei anbetrifft, so haben die Officianten 
dabei, respective Andere, bei ihrer continuierliclien starken Arbeit 
sonderlich an den Posttagen, da dieselben bis eilf Uhr Nachts, auch 
öfters noch länger in der Kanzlei verbleiben müssen, eine recht 
geringe Besoldung, als specifice ein Kanzellist mehrers nicht als 
jährlich 450 Gulden Besoldung, mit welchen sie ohu möglich be- 
stehen können, wann nicht die eingehenden Kanzleitaxen denjenigen, 
die selbe zu gemessen haben, einiges Supplementum gäben. 
Gleichwie aber sothane Geniessung deren Taxen sehr ungleich 
ausgetheilt ist und einige schon viele Jahre Dienende zu diesem 
Genuss nicht kommen können, hingegen aber Einige das Glück 
haben, in Kurzem dazu zu gelangen, wie das Exempel an Hof- 
Kriegsrath v. Hefenstock ist, welcher zum allerlängsten bei 
der Kanzlei gedient, auch bereits etwelche Jahr vor dem Referen- 
dario v. W ö b e r ^) das hungarische Referat gehabt und dannoch 
nie höher, als in die Concipistens-Tax-Theilimg kommen können, 
wohingegen ein und andere Referendarien gleich bei Antretimg des 
Referats in die wirkliche Referendari-Tax-Theilung, welche jedesmal 
für einen Referendario 1000 Gulden ausmachet und der gleichen 
Theilung ein- und anderesmal, wann copiose Promotionen sind, drei- 
zehnmahl in einem Jahr geschehen,, eintreten und mithin Einer gar 
zu viel, der Andere wenig und Einige gar nichts davon bekommen". 

„Also vermeinte ich, dass auch diesfalls eine andere Ordnung 
. . . gemacht werden könnte und dieses ist die dermalige Einrichtung 
des Hof-Kriegsraths imd der Kanzlei." 



^) Der Hof-Kriegsrath Augustin Thomas v. Wöber war damals ungefähr 
vierzig Jahre alt. Er besass Verstand von nicht gewöhnlicher Schärfe, 
sowie das Talent, aus schwierigen Lagen leicht einen Ausweg zu finden. Er 
hatte als Beamter unterster Stufe begonnen, bald aber die Aufmerksamkeit 
des Prinzen Eugen auf sich gelenkt und besass dessen Vertrauen in so hohem 
Grade, dass man oft behauptete, nicht der Prinz, sondern Wöber regiere 
eigentlich den Hof-Kriegsrath. Wie Bartenstein, so war auch Wöber wegen 
seines Einflusses einer der bestgehassten Männer Wiens. Er dürfte nicht 
allein an den unleugbaren Missständen im Hof-Kriegsrathe die Schuld gewesen 
sein. Jedenfalls war er eine ausserordentHche Arbeitskraft und sein Wort 
wog nicht blos jetzt, sondern auch noch bei den Berathungen zur Reform des 
ganzen Heerwesens im Jahre 1748 schwer. 1755 wurde er durch den Grafen 
Neipporg verdrängt; Maria Theresia aber sah ihn ungern aus dem Hof- 
Kriegsrathe scheiden und verlieh ihm, der nie Officier gewesen, auf seinen 
Wmisch den Rang eines Feldmarschall-Lieutenants mit Gehalt und Ehren 
eines solchen. (Arnoth, Maria Theresia, IV, 89 ff.) 



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317 

Dass die Schilderungen Khevenhüller's und der „aller- 
nnterthänigsten, treugehorsamsten und wohlmeinenden Gedanken" 
nioht tibertirieben waren, ja dass es noch viel mehr grosse und 
kleine Uebelst&nde innerhalb des Hof-Kriegsrathes gab, erhellt am 
Besten daraus, dass schon im Juni 1741 der Entwurf einer neuen 
Instruction entstand, welcher durch Abstellung und Strafandrohung 
für Unzukömmlichkeiten deren Existenz eben bestätigte, sonst aber 
die damaligen Gepflogenheiten des Geschäftsganges möglichst 
zxi schonen und zum Gesetz zu machen suchte. ^) Dieser Entwurf 
scheint indessen nur provisorische Geltung gewonnen zu haben; 
sonst hätte Maria Theresia nicht schon wieder bis zum Jahre 
1744 einen neuen Entwurf ausarbeiten lassen. Der neue und in 
vielen Puncten strengere, aber auch würdigere Entwurf, auf welchen 
die vorstehend mitgetheilten Denkschriften unverkennbaren Einfluss 
genommen haben, fand zwar weder die Zustimmung des Hof-Kxiegs- 
raths-Präsidenten Grafen H a r r a c h, noch die des Hof-Eoiegsrathes 
Wöber, wurde aber dennoch am 23. März 1745 im Wesentlichen 
unverändert als Norm für die Zukunft in Kraft gesetzt. *) Das 
Hauptgewicht derselben ruht, ausser auf einer Verminderung des 
Personals, besonders auf einer möglichst festen Regelung des Dienst- 
betriebes zum Zwecke der Vermeidung der bisherigen Unordnungen 
und Missbräuche. 

Für die Geschäfte ,,in publicis" (d. i. für alle, die nicht dem 
J"ustiz-Collegium zufiele\i) blieben femer nur noch drei Referendare an- 
gestellt: Wöber, Lachawitz und Weingarten. Ersterer blieb 
auch jetzt wieder die wichtigste Person im Hof-Kriegsrathe, denn 
ihm ^urde ausdrücklich „das Universum, als da ist: die Militär- 
Systemata, Regulamente, Repartition und in's Feld bestellenden 
Armeen zu besorgen** aufgetragen. Starb einer dieser drei, so sollten 
fürderhia nur noch zwei Referendare bleiben. Der Hof-Schema- 
tismus des Jahres 1746 weist gegen jenen des Jahres 1740 eine 
Verminderung der Räthe vom Herrenstande von fünfundzwanzig 
anf drei, der Räthe ausser dem Herrenstande von elf auf acht, der 
Secretäre von aohtundzwanzig auf sechs, wovon vier für die Publica, 
des gesammten übrigen Personals von achtundsiebzig auf achtund- 
vierzig Köpfe auf. 



>) K. A., Kanzlei-Archiv, IX, 11. 

*) K. A., H. K R 1745, April, 1008 Exp. und 11. Heg.; Kanzlei- Archiv, 
IX. 12. Die neue Instruction scheint aus der Feder des früheren Hof-Kriegsrathes, 
nnnmehiigen Cabinets-Secretärs der Königin, v. Koch, zu stammen. 



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318 

Das Justizwesen sollte künftig j,als besonderes und separiertes 
"Werk tractiert werden" ; die vier Hof-Kriegsräthe fiir Justiz- An- 
gelegenheiten und ihr Grehilfenpersonale wurden abgesondert ernannt, 
sollten aber auch dem Hof-Kriegsraths-Präsidenten unterstehen. 

„Nach der bisherigen Observanz" blieben dem Hof-Kjiegsrathe 
auch weiter untergeordnet : das General-Kriegs-Commissariat-Amt, 
das Obrist-Land- und Haus -Zeug- Amt, das General -Auditoriat, 
das Obrist-SchifF-Amt und der Feld-Schiffbrücken-Stand, „dann 
Alles, was immer zum Militare gehört", also auch die in den Pro- 
vinzen stehenden commandierenden Generale und Militär-Directoren, 
Festungs-Commandanten, National- und Grenz-Milizen. 

Mehrere Puncte betreffen die TJebemahme und Behandlung 
der einlaufenden Geschäftsstücke durch den Präsidenten und Ee- 
ferendare, sowie über die hierüber zu verfassenden Referate. Dem 
Präsidenten stand zwar nicht das Kecht der Anstellung und Be- 
förderung des Personales, — das hatte sich die Königin hia zum 
letzten Accessisten hinab vorbehalten, — wohl aber das der Ein- 
theüung und Verwendung desselben zu ; er hatte die Referate und 
commissionellen Berathungen anzuordnen und eventuell die Bei- 
ziehung von Fachmännern zu veranlassen. Jedes einlaufende Schrift- 
stück musste er von nun an mit dem Präsentierungs-Datum ver- 
sehen und jedes Concept vor Anfertigung der Reinschrift vidieren; 
letzteres galt auch für die Referendare im Bereich ihres Ressorts. 

Alle Erlässe an Armee - Commandaliten , oommandierende 
Generale, Grenzfestungs-Commandanten, im Küege selbst an Ge- 
nerale von minderem Range erforderten jetzt die Unterschrift der 
Königin. Die Unterfertigung im Namen des Hof-Eüegsrathes wurde 
nun auf weniger Fälle beschränkt als früher. Alle Ausfertigungen, 
mit Ausnahme der geheimen, mussten in der Küegskanzlei selbst 
geschrieben werden. 

Officiere sollten nur in besonderen Fällen (z. B. wenn sie auf 
Recrutierung, Remontierung standen) directe an den Hof-Kriegsrath 
schreiben dürfen, letzteres auch dann, wenn es sich um Beschwerden 
von Officieren gegen den Regiments-Commandanten oder Inhaber, 
oder um Beschwerden der letzteren gegen den Commandierenden 
handelte. Für alle übrigen Fälle wurde damals der Dienstweg in 
auf- und absteigender Linie durch das Regiments- und General- 
(Armee-) Commando angeordnet. 

Die Expeditionen sollten rasch imd derart eingerichtet sein, 
dass namentlich jene des Hof-Kriegsrathes und des Kriegs-Commis- 
sariates sich nicht widerstritten, sondern sich viel mehr ergänzten ; 



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319 

aucli sollien correspondierende Stücke gleichzeitig laufen. Einzelnen 
Personen des Hof-Kriegsrathes wurde das Correspondieren mit Offl- 
cieren in Dienstes-Angelegenlieiten strengstens untersagt. Dem 
Hof-Bjriegsratlis-Präsidenten wurde schliesslich ein jährlicher Gehalt 
Ton 12.000 Grulden (gegen früher 18.000 Grulden) bestimmt. 

Der Taxen, welche für die Ausfertigungen des Hof-Kxiegsrathes 
an Parteien gezahlt werden mussten und deren willkürliche und 
ungleiche Vertheilung bisher zu vielen Klagen Anlass bot, wurde 
in dieser Instruction nicht gedacht; aber bald nach der Verlaut- 
barung der letzteren, mit dem 2. April 1745, trat eine eigene 
neue Tax-Ordnung fiir den Hof-Küegsrath in Kraft. ^) 

Bei demselben wurde ein eigenes Tax-Amt eingerichtet und 
unter Controle der Hofkammer eine genaue Verrechnung der ein- 
laufenden Taxen eingeleitet. Um alle gleicher "Weise an den Taxen 
theilnehmen zu lassen und doch jene, welche bisher im Genüsse 
derselben gestanden waren, nicht zu benachtheiligen, wurde einer- 
seits bestimmt, dass die Taxen in Zukunft, soweit sie ausreichten, 
zur Bezahlung der Besoldungen beim Hof-Kriegsrathe verwendet 
werden sollten, anderseits aber damit eine Gehaltserhöhung ver- 
bunden, auch im Zusammentreffen mit der eben vollzogenen Ee- 
duction des Personalstandes beim Hof-Klriegsrathe und den ihm 
unterstehenden Feldkriegs-Kanzleien viele und ausreichende Ge- 
halte bewilligt. 

Dem Freiherm v. Wöber wurden „wegen Besorgung des 
universi" jährlich 6000 Gulden zuerkannt, den beiden anderen 
Eeferendaren je 6000 Gulden, vier Secretären je 2000 Gulden etc. 
Sieben Beamte erhielten einen Jahres-Gehalt von je 1000 Gulden, 
drei eine solche von je 852 Gulden, zwei von je 800 Gulden, drei 
von je 700 Gulden u. s. w. zuerkannt. 

Die Taxen wurden meist erhöht, oft um mehr als das Doppelte ^. 

Zur schleunigen Administrierung der Justiz hinsichtlich aller 
seit vielen Jahren zwischen den Militär- und Civil-Behörden ent- 
standenen Jurisdictions-Irrungen hat Maria Theresia eine eigene 



») K. A., H. K E. 1745, Mai, 1039, Exp. Hofk. Arch., Hoffinanz, 
21. Juni 1745. 

') Darauf beruht die Stelle: „Am 27. Juni (1745) nahm Maria 
Theresia eine grosse Militär- und Generals-Promotion vor. . . . Damit aber 
gleichwohl der Hof-Kriegskanzlei an ihren juribus nichts entgehe, so mussten 
die promovierten Herrn Generals doppelte Taxgelder zahlen", in der „Ge- 
schichte und Thaten der Königin Maria Theresia etc." (1745), lY, 366. 



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320 

Norm in den deutschen Erblanden publicieren lassen. ^) Im An- 
schlüsse an die Eeorganisation des Hof-Kriegsrathes (in publicis) 
vollzog sich auch eine innere Eeform des dem Hof-Kriegsraths- 
Präsidenten instructionsgemäss untergeordneten Hof-Kriegsjustiz- 
Rathes als der obersten Stelle in allen Militär-Rechts- Angelegen- 
heiten. ^ Das Personale wurde festgesetzt mit drei Käthen aus dem 
Herrenstand (Feldmarschall Graf Cord o va, Feldmarsohall-Lieutenant 
Graf Löwenwolde und Q^neral-Feldwachtmeister E u d o f s k y), 
vier Käthen auf der Ritter- oder Gelehrten-Bank (Dierling, 
Seppen bürg, Doctor Schloissnig und Doctor Dreyling 
mit je 3000 Gulden jährlich), ferner sieben Kanzlei-Individuen, «m 



Hier einige Beispiele aus den äusserst zahlreichen Taxsätzen: 

Nach 
der alten — der neaen 
Tax-Ordnnng. 
Für das Patent eines Feldmarsohalls waren zu zahlen . . . 460 fl. 2000 fl. 

V V u ji Feldzeugmeisters \ 

„ „ „ „ Generals der CavaUerie J ^öU „ luuu „ 

„ ,, „ „ FeldmarschaU-Lieutenants 450 „ 800 „ 

j, „ „ „ General-Feld- Wachtmeisters 450 „ 600 „ 

„ „ „ „ Ohersten (nicht Inhabers) 800 „ 400 „ 

„ „ Decret „ Oberstlientenants 100 „ 200 ^ 

„ „ „ „ Oberst- Wachtmeisters 75 „ 150 „ 

„ „ „ „ Hauptmanns (Rittmeisters) 50 „ 76 „ 

., ,, ,, „ Lieutenants 36 ,, 50 „ 

„ „ „ „ Fähnrichs (Comets) 30 „ 40 „ 

Für die könig^che Erlaubniss, eine Compagnie „zu verhandeln", hatte 
nach der neuen Tax-Ordnung der bisherige Compagnie-Chef 109 Gulden, der 
neue aber zugleich für den Hauptmanns-(Bittmeisters-)Charakter und die 
Compagnie-Verleihung zusammen 200 Gulden zu bezahlen ; wenn er aber den 
Charakter schon hatte, nur 100 Gulden. Gelangte ein Fähnrich (Comet) zu 
einer Compagnie, so hatte er „den überspringenden Lieutenants- Gradum zu 
bezahlen mit 50 Gulden, ein Fremder hingegen alle Gradus mit 290 Gulden". 
Für Urlaube der Officiere in Privat- Angelegenheiten mussten per Monat 
vier Gulden Taxen gezahlt werden. Eigene Taxen waren für die Feld- und 
die Haus- Artillerie- Chargen ausgeworfen (für die Charge eines Oberstlieutenants 
200 Gulden, eines Ober-Stuckhauptmannes oder Zeuglieutenants 150 Gulden, 
eines Stuckhauptmannes 100 Gulden, eines Stuckjimkers oder Zeugwarts 50 
Gulden u. s. w. Eine grosse Gruppe zahlte den Betrag einer Quartalsbesoldung 
als Taxe. Für die Justiz- Angelegenheiten bHeb bis zur Neubemessung der 
Taxen durch das Patent vom 16. Mai 1746 die Leopoldinische Ordnung vom 
Jahre 1704 in Kraft. 

*) Meynert, Geschichte des Kriegswesens etc., IIL 181. — „Norma, 
wie es mit der Jurisdiction zwischen Militär- und Civilstellen gehalten werden 
soll" vom 6. November 1745. 

«) Hofk. Arch., HoMnanz, 9. October 1745. 



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321 

deren Spitze ein Hof-Kriegssecretär (mit jährlich 1500 Grulden) 
stand. Jedem der Jostiz-ßäthe wurde ein streng abgegrenztes Eessort 
zugewiesen, wöchentlich zwei Rathssitzungen festgesetzt und andere 
Bestimmungen über den Geschäftsgang getroffen, auch das Justiz- 
Personale Yon den fiir die Geschäfte in publicis bestimmten Kanzlei- 
Beamten räumlich abgesondert. 

Von allgemeinerem Interesse ist, dass die in Justiz-Sachen ein- 
gesetzte hofkriegsräthliche Commission auch über Diejenigen ihr Gut- 
achten abzugeben hatte, welche sich als Advocaten oder Agenten 
beim Hof-Kriegsrathe meldeten ; „und diese Anordnung will so viel 
nothwendiger sein, weil nach Zeugniss der täglichen Erfehrenheit die 
meisten Parteien durch die saumselig, schlecht oder aufzügliche Be- 
dienung der so oft ohnerfahrenen Bestellten in ihren Rechtshändeln 
vernachlässigt oder wohl gar verkürzt oder in ohnnöthige grosse 
Kosten gesetzt werden. . . . ^) Wäre auch zur Beförderung der 
heilsamen Justiz allerdings nöthig, ein Circulare an alle Regimenter 
zu erlassen, dass selbe keinen Auditor, der nicht vorher durch 
mehrwiederholte hofkriegsräthüche Commission examiniert und 
approbiert worden, annehmen sollen, in Bedenkung, dass von der 
Tauglich- und Tüchtigkeit eines Auditors sowohl eines Of&ciers, 
wie des gemeinen Mannes Ehre, Leib und Leben grösstentheils 
abhanget, auch überhaupt dem Militärdienst Selbsten an einem ver- 
ständigen, gewissenhaften Auditor Vieles gelegen ist." *) 

Die innerösterreichische Kriegs-Stelle, welche 
seit 1705 ihre Selbstständigkeit verloren hatte und dem Wiener 
Hof-Kriegsrathe untergeordnet war, bildete bis zu ihrer, Ende 
des Jahres 1743 erfolgenden vöUigen Auflösung, das Bindeglied 
in gewissen, Liner-Oesterreich und die beiden Grenz-Generalate 
betreffenden Fragen zwischen diesen Ländern und der Wiener 



*) Im Jahre 1740 gab es laut „Staats-Kalender oder Hof-Schenfatisinus" 
dreiunddreissig Hof-Kriegsraths- Advocaten und neunundneunzig beeidete, dann 
vier nicht beeidete Agenten. In der letzten Instruction für den Grafen 
£[ a r r a c h gab Maria Theresia die Ansicht kund, die Kriegs- Agenten 
successive auf die Maximal zahl von zwanzig herabsinken zu lassen und sie in 
TTinkunffc selbst zu ernennen. Diese Agenten waren Personen, welche mit der 
Vertretung der Interessen der in den Provinzen stehenden Regimenter und 
deren Officiere gegenüber dem Hof-Kriegsrathe, der Hofkammer, gegenüber 
Lieferanten von Monturs- und Rüst\mgsoi*ten, Pferdehändlern etc. betraut 
waren. 

«) K. A., Kanzlei- Archiv, IX, 12; vergl. H. K. R 1745, November, 
624 Exp. 

Oesterreiohischer Erbfolgekrieg, I. Bd. 21 



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322 

Centralstelle. Ihr verblieben ressortmässig nur die Aufsicht über 
die Landes- und Grenzbefestigungen, die Erhaltung und Ver- 
waltung der in den Plätzen ihres Bereiches liegenden Haus-Artil- 
lerie, die Gebahrung mit den Bau-, Proviant- und Munitionsgeldem, 
die Aufsicht über die in Tnn er-Oesterreich und den Grenz-Generalaten 
beßjidlichen Proviant- und Munitionsmagazine, endlieh die Prüfung 
der hierauf bezüglichen Rechnungen. Bei Besetzung der Officiers- 
und Commandanten-Stellen fiir die Grenz-Miliz und in den Grenz- 
plätzen waren, soweit sie in den höheren Chargen nicht dem Kaiser 
vorbehalten blieb, der Vice-Präsident (um 1740 Graf Heister) 
und die Käthe der innerösterreichischen Stelle durch gewisse Vor- 
rechte der Stände von Kämtlien und Krain beschränkt. Seit dem 
Jahre 1737 unterstand die Warasdiner Grenze nur noch in Artil- 
lerie- und Justiz- Angelegenheiten der Grazer Kriegs-Stelle, in allen 
anderen aber unmittelbar dem Hof-Kriegsrathe in Wien. *) Dieser 
fällte auch in rein militärischen Fragen, wie z. B. Werbung durch 
die Regimenter, Bequartierung, hinsichtlich der hmerösterreichischen 
Länder die Entscheidung, allerdings gewöhnlich im Wege der 
innerösterreichischen Kriegs-Stelle. Die letzte Instruction für dieselbe 
stammt vom 20. August 1722. ^) 

Der Feldherr, der „en chef [oder auch „in capite"] im 
Felde commandierende General", wurde vom Monarchen zumeist 
auf Vorschlag des Wiener Hof-Kriegsrathes ernannt. Da nur dieser 
vermöge seiner Verbindung mit der Diplomatie tmd weil er lange 
Zeit hindurch selbst die Orientpolitik leitete, die politischen Grund- 
lagen zur Aufstellung eines Kjriegs- oder Feldzugsplanes beschaffen 
konnte und da es femer einen Generalstab im heutigen Sinne des 
Wortes, ja, im Frieden gewöhnlich nicht einmal den General-Quartier- 
meisterstab (den „kleinen Generalstab") gab, welch' letzterem im Felde 
ohnehin nur ein sehr minderwerthiger Theil des heutigen General- 
stabsdienstes zufiel, so ist es klar, dass dem Hof-EIriegsrathe ein sehr 
wesentlicher Eiafluss nicht nur auf die erste Anlage des Krieges oder 
Feldzuges, sondern auch auf die weiteren Operationen zukam. 
War nun auch der Feldherr nur dem Kaiser allein verantwortlich, 
so war er doch auch wegen Vermittlung der Befehle des Monarchen, 
dann rücksichtlich der Beischaffimg von Kriegsmaterial und Kriegs- 
bedürfnissen aller Art an den Hof-KJriegsrath angewiesen. An diesen 



*) Vaniöek, Specialgeschichte der Militär-Grenze, I, 464. 
») K. A., H. K. R. 1744, Mai, 866, Exp. 



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323 

mussten schliesslich auch die an die Person des obersten Kriegs- 
herrn gerichteten Berichte des Feldherm aus mannigfachen Gründen 
gelangen. An die Zusammenfassung der militärischen und vielleicht 
mittlerweile geänderten politischen Situation und an die leicht sich 
daranschliessenden Vorschläge knüpfte sich naturgemäss ein grosser 
Einfluss des Hof-Kriegsrathes auch auf die nöthigen Abänderungen 
des Operations-, eventuell selbst des Kriegsplanes. Wohl ist hiebei 
nicht ausschliesslich an den eigentlichen Hof-Kriegsrath, sondern 
auch an die Heranziehung erfahrener Generale zu denken und 
auch dem General-Kriegs-Commissariate als Hilfsorgan des Hof- 
Kriegsrathes fiel wegen der für grössere Heereskörper damals meist 
sehr schwer zu beschaffenden Verpflegung tmd wegen der so häufig 
nothwendigen Neubasierung der Operationen auf die ebenso schwierig 
vorwärts oder rückwärts zu verschiebenden Proviantmagazine ein 
Theil dieses Einflusses zu. ^) Ohne dass die Sachlage immer gründlich 
erwogen worden wäre, wurden dem Hof-Kriegsrathe die angeführten 
Verhältnisse bisher häufig, aber ungerechtfertigt zum Vorwiu:fe 
gemacht.^) 

Auch unter Maria Theresia blieb dem Hof-Ejriegsrathe der 
alte Einfluss auf Kriegs- und Operationsplan, aber es dürften sich 
wenige Beispiele finden lassen, einzelne Hof-Kriegraths-Präsidenten, 
wie einst Mannsfeld, ausgenommen, nach welchen derselbe durch 
Verschulden des Hof-Kriegsrathes wirklich ein hemmender gewesen 

*) Der Hof-Kriegsraths-Referendarius v. Wöber erwähnt in seiner Begut- 
achtung der neuen Instruction für den Hof-Kriegsrath vom Jahre 1744 — 1745 
ausdrücklich, dass Maria Theresia „wöchentlich zwei Commissionen bei 
S alab ur g (dem Oberst-Kriegs-Commissär) in Operationssachen anbefohlen" habe. 

•) „Unter den Institutionen, welche mit so manchen historischen Ereig- 
nissen und Persönlichkeiten das Schicksal theilen, für Alles verantwortlich 
gemacht zu werden, was sich Generationen hindurch in dem Entwicklungs- 
processe eines Volkes Widerwärtiges ereignete, ist der Wiener Hof-Kriegsrath 
unbestritten diejenige, welche sich der Berücksichtigung aller Chronisten und 
Historiker in nahezu unbegrenzter Ausdehnung erfreut. Und ob auch mit 
Kecht? Um diese Frage endgiltig zu beantworten, müsste vorerst die 
Eiesenaufgabe gelöst sein, aus dem gesammten Actenmateriale von mehr als 
drei Jahrhunderten das Wirken des Hof-Kriegsrathes zusammenziifassen, die 
Verhältnisse klarzulegen, die sein Handeln bestimmten und aus aU' den 
verschlungenen Fäden .... ein übersichtliches Bild zu schaffen. Niemand noch 
hat sich an dieses Problem gewagt. Das Verdict aber ist dessenxmge- 
achtet längst schon vorweg gefällt: Alles Kriegsunglück während viert- 
halbhimdert Jahren fällt dem Hof-Kriegsrathe zur Last, AUes, was in dem- 
selben Zeiträume sich Günstiges ereignete, geschah — trotz ihm !" (Mittheilungen 
des Kriegs- Archivs, VI. [1881] 239.) 

21* 



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324 

wäre. Nicht nur dem Prinzen Carl von Lothringen oder hohen 
Befehlshabern, wie z.B. den Feldmarschällen Lobkowitz und 
Khevenhüller wurde von der Königin und ebenso vom 
Hof-Kriegsrathe oft nahegelegt, dass man von "Wien aus die Ver- 
hältnisse nicht richtig beurtheilen könne und sie daher nach 
eigenem Ermessen handeln müssten, sondern selbst Generale von 
geringerem Ea-nge mit selbstständigem Commando, wie z. B. 
Feldmarschall-Lieutenant Browne in Schlesien, Feldmarschall- 
Lieutenant Bärnklau in Bayern u. A. m. erhielten ähnliche 
Weisungen. *) 

Der G-eschichtsschreiber Maria Theresia's sagt in Bezug 
auf die stehenden Anwürfe gegen den Hof kriegsrath : 

„Es giebt Behauptungen, welche so oft wiederholt und so 
unumstösslich geglaubt werden, dass selbst die begründetste Wider- 
legung sich als machtlos erweiset und den Glauben an sie nicht 
zu erschüttern vermag. Zu ihnen gehört die Angabe, der öster- 
reichische Hof-Kriegsrath habe die Feldherren, welche an der Spitze 
der Heere sich befanden, in so strenger Abhängigkeit gehalten, 
dass er ihnen von Wien aus die Unternehmungen vorschrieb und 
auf deren Ausführung auch dann noch bestand, wenn die Umstände 
an Ort und Stelle sich völlig geändert hatten. Ebenso sei es ihnen 
untersagt gewesen, auch von den günstigsten Verhältnissen Nutzen 
zu ziehen und Entschlüsse zu verwirklichen, welche nicht zuvor 
die Billigung des Hof-Kriegsrathes erhalten hätten. Natürlich sei 
über die Anfrage und die Beantwortung derselben der günstige 

Moment zur Unternehmung meistens versäumt worden Sieht 

man jedoch näher zu, so ist es fast immer die Unschlüssigkeit 
des Feldherrn und die Furcht, auf eigene Verantwortung 
einen entscheidenden Schritt zu thun, wodurch die Anfrage 
an den Hof-Kriegsrath veranlasst wird. Und fast immer erfolgt die 
Antwort, dass man auf so weite Entfernung von Wien 
keine bestimmten Befehle zu ertheilen vermöge imd es 
lediglich dem Heerführer anheimstellen müsse, je nach der Lage 



*) So ergieng am 15. December 1740 durch den Hof-Kriegsrath an Browne 
nach Schlesien ein königliches Rescript, welches sich ausdrücklich dagegen 
verwahrt, dem General etwas Bestimmtes vorschreiben zu wollen und es ihm 
canz überlässt, wo er die Truppen zusammenziehen wolle und wie er sich 
dem Feinde gegenüber verhalten solle. (Duncker, Die Invasion Schlesiens 
1740. Mittheilungen des K. A., X. 1885, S. 37 ff.) Wer sich die Mühe nehmen 
will, die erhaltenen Acten jener Zeit zu lesen, wird für Obiges hundert Beispiele 
statt eines finden. 



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825 

der Dinge auf dem Exiegs-Sohauplatze selbst seine Entschlüsse zu 
fassen." ') 

Der Einfluss also, den der Wiener Hof-Kriegsrath thatsächlich 
übte, kann wohl nur selten über das nothwendige Mass hinaus- 
gegangen sein und war nicht minder berechtigt, als der analoger 
Institutionen in anderen Staaten. Wenn aber der, nach allem 
bisher Gesagten ganz legale Einfluss nicht immer den er- 
wünschten Erfolg erzielte, so theilt der Hof-Kriegsrath darin nur 
das Schicksal aller menschlichen Einrichtungen; er konnte irren 
xind hat geirrt. *) 

Für den schriftlicTien Dienstverkehr des Feldherm oder Armee- 
Commandanten mit dem Kaiser und dem Hof-Eoiegsrathe war 
jedem grösseren Armeekörper eine „Eeld-Kriegs-Expedition'' (auch 
„Feld - Kriegs - Kanzlei") beigegeben , die häufig einen eigenen 
Kanzlei-Director, gewöhnlich aber nur einen Feld-K!riegs-Secretär 
an ihrer Spitze hatte und sonst aus sechs bis fünfeehn Individuen 
bestand. Die Reformvorschläge für den Hof-Kriegsrath aus den 
Jahren 1740 und 1741 fordern, dass der letztere nur Leute in sich 
aufnehme, welche in den Feld-Kriegs-Kanzleien mit Erfolg practisch 
gedient hätten. Die Kosten der im Felde gestandenen kaiserlichen 
Feld-Kriegs-Expedition wurden flir das Jahr 1739 mit 33.579 Gulden 
angegeben. ^ 

Zur normalen Verbindung der Armeen mit dem Hof-Kriegsrathe 
war bei jedem selbstständigen Armeekörper im Felde ein „Feld- 
Post- Amt" aufgestellt, bestehend aus wenigstens zwei Post- 
officieren, mehreren Feld-Courieren und -Postillons, welche theils 
den Anschluss an die „Orduiari-Post'' besorgten, theils auch selbst 
nach Wien oder zu abgesonderten Armeetheilen giengen. Ihre 
Linien wurden nach Erfordemiss militärisch gesichert. Auch wurden 
zur Yerbiadung von Armeetheilen Ordonnanz-Linien aufgestellt, 
z. B. im Juni 1745 zwischen der Haupt-Armee und den ungarischen 
Insurgenten in Neustadt, Ziegenhals, Freiwaldau, Altstadt, Linsdorf, 
Opocno und Jaromeh*) 



*) A rn e t h, Maria Theresia, IE, 356. 

*) Das preussische Generalstabswerk „Die Kriege Friedrich's des Grossen", 
I, 176, exemplificiert zwar gerade an dem österreichischen Hof-Kriegsrathe die 
Entstehung der Kriegspläne, sagt aber doch zum Schlüsse : „Nicht viel besser 
gieng es damals in den anderen Staaten zu." 

»» K. A., Memoiren, Vm, 12. 

*) K. A., F. A. Sohlesien und Böhmen, 1746, VI, 62. 



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326 

General- und Festnngs-Commanden. 

Zur Zeit der Entstehung des Hof-Kriegsrathes unterstand dem- 
selben die gesammte Kriegsmacht des deutsch-habsburgischen Be- 
sitzes. Mit der Theilung desselben unter den Söhnen Ferdinand I. 
entstand auch ein eigener Hof-Kriegsrath in Graz und im Zusammen- 
hange mit dem Landesvertheidigungswesen Tyrols eine eigene 
Kriegs-Stelle zu Innsbruck ^) ; dem Wiener Hof-Kriegsrathe blieb also 
nur der Einfluss auf Oesterreich unter und ob der Enns, die 
böhmischen Länder und die nicht in fremdem Besitze befindlichen 
Theile von Ungarn. Der unter Kaiser Rudolf ü. in Prag ent- 
standene Hof-Kriegsrath hatte niu' eine vorübergehende Bedeutung. 
Zur Einrichtung von General-Commanden lag also damals kein 
Bedürfuiss vor. Nur die Commandanten der Grenzfestungen und 
der Festungen im Innern des stets zu Aufinihr geneigten Ungarn 
hatten eine auch über die Festung hinaus sich erstreckende Be- 
deutung^), aber mehr im politischen, als im rein militärischen Sinne, 
da die Truppen ja immer unmittelbar dem Hof-Kriegsrathe unter- 
standen und mit ihm verkehrten. 

Zuerst entwickelten sich auf Grund der durch das Brucker 
Libell (1578) zwischen den innerösterreichischen Ständen und dem 
croatischen und windischen Grenzvolke im Hinblicke auf die 
Türkengefahr geschaflFenen Verhältnisse in den Grenzgegenden 
nach und nach Organisationen, als deren Endergebniss sich nach 
dem Frieden von Carlowitz (1699) das („croatische") Carl- 
städter imd das („windische") "Warasdiner Generalat 
vorfinden. 

Mittlerweile waren unter Leopold I. wieder alle deutsch- 
habsburgischen Länder vereinigt worden ; der Sohn imd Nachfolger 
dieses Kaisers, Joseph I., fand es daher im Staatsinteresse gelegen, 
den Kriegs-Stellen in Innsbruck und Graz ihre Unabhängigkeit zu 
nehmen und sie 1705 als „ober- und vorderösterreichisches 
Militär - Directorium", beziehungsweise als „inneröstor- 
reichische Kriegs-Stolle" dem Hof-Kriegsrathe in Wien unterzu- 
ordnen. Aber sowohl der neuen Innsbrucker, als der neuen Grazer 
Stelle blieb noch ein Schein von Selbstständigkeit, der sich an ihren 
Zusammenhang mit den an beiden Orten noch bestehenden Hof- 



*) Ueber letztere siehe „Feldzüge des Prinzen Eugen", I, 434. 

*) Insofeme von Alters her gewisse Plätze regelmässig nur von Generalen 
commandiert wurden (z.B. Raab), spricht man schon frühzeitig von„Generalaten", 
ohne dass sie solche im späteren "Wortsinne gewesen wären. 



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327 

kammem anleimte und welcher für das ober- und vorderöster- 
reichische Mi 1 i tär-Dir eo torium sich in einem erhöhten Einflüsse auf 
das Artillerie- und Zeugs-, Fortifications- und Verpflegswesen 
äusserte. Für diesen Bereich bestand noch im Jahre 1740 ein 
eigener Obrist-Land- und Haus-Zeugmeister (Q-raf Montrichier). 
In diesem Jahre hatte Feldmarschall-Lieutenant Johann Gaudentius 
Graf von Rost das ober- und vorderösterreichische Militär-Direc- 
torium inne und bezog in dieser Stellung einien jährlichen Gehalt 
von 5242 Gulden, i) 

Seitdem die spanischen Niederlande in den Besitz der 
österreichischen Herrscher übergegangen waren, machten die eigen- 
artigen politischen Verhältnisse dieser Länder und ihre Entfernung 
von Wien die Schaffung der Stelle eines commandierenden Generals 
in Brüssel nothwendig, welcher einerseits wegen der Gelder für 
die dortigen Truppen an die kaiserliche (königliche) Statthalterschaft, 
anderseits in Bezug auf die Verwendung der im Lande stehenden 
Militärmacht dem Wiener Hof-Kriegsrathe untergeordnet war. Um 
das Jahr 1740 war Feldmarschall Leopold Herzog zu Aren- 
berg commandierender General in den österreichischen Nieder- 
landen. 

Eine ähnliche Stellung wie dieser hatte um dieselbe Zeit ia 
Bezug auf die Streitmacht in der Lombardie und den öster- 
reichischen Po-Herzogthümem der mit dem Literims-Gubemium in 
Mailand betraute Feldmarschall Otto Ferdinand Graf zu Abens- 
perg-Traun; unter ihm commandierte Feldmarschall-Lieutenant 
W^ achtendonck die in Toscana stehenden kaiserlichen B-egi- 
menter. 

Auch für Böhmen, Mähren, Schlesien und Sieben- 
bürgen waren damals schon aus den Commandanten der wichtigsten 
Festungen oder Städte des Landes zugleich commandierende 
G-eiierale geworden, welche Aemter um das Jahr 1740 ia Prag 
Feldzeugmeister Graf O'Gilvy, in Brunn (Spielberg) Feldmarschall- 
Lieutenant Graf Sinzendorff, in Gross-Glogau Feldmarschall- 
Jjieutenant Graf Wenzel Wallis, in Hermannstadt Feldmarschall 
Fürst Lobkowitz uinehatten. Sie waren die Vertreter des Hof- 
Kriegsrathes und der militärischen Literessen gegenüber den Land- 
ständen und sollten zur Erhaltung einer guten Disciplin der 
Soldaten in den Quartieren, zur Abstellung imd Untersuchung von 



») Hofk. Arch., Hof-Finanz, 30. December 1741, 



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328 

Mehrforderungen und anderen Excessen der Truppen, sowie bei 
der ßegelong der Verpflegung, Anordnung der Märsche und 
Einquartierungen mitwirken, in welchen Fragen die Interessen der 
Länder zunächst durch die Land-Kriegs-Commissäre gewahrt wurden. 
Nach dem Verluste Schlesiens gehörte der bei Oesterreich ver- 
bliebene Theil dieses Landes zum Bereiche des General-Commandos 
in Brunn. 

Von besonderer Bedeutung war der commandierende 
G-eneral für Slavonien, dessen Würde an das Commando 
der Festung Esseg geknüpft war. Seit 1733 hatte Feldmarschall 
Gh'af Khevenhüller diese Stellung inne und wurde während 
seiner vielfachen Abwesenheit auf den Kriegs-Schauplätzen in Italien, 
in Serbien und an der oberen Donau durch den Feldmarschall- 
Lieutenant Marchese G-uadagni vertreten. Das slavonische 
Generalat war nicht blos wegen ' der G-renzvertheidigung gegen 
die Türken, sondern auch wegen der, eben damals im Werden be- 
griffenen Einrichtung der slavonisch-syrmischen Militär-Grenze von 
grosser Wichtigkeit. *) 

Aehnlich wie Slavonien seit dem Frieden von Carlowitz, 
wurde auch das Banat von Temesvdr nach dem Frieden von Pas- 
sarowitz nicht gleich Ungarn einverleibt, sondern auch daselbst 
eine eigene von Wien dependierende Administration eingerichtet, 
an deren Spitze seinerzeit Feldmarschall-Lieutenant Graf M e r c y 
als commandierender General von Temesvdr eine segens- 
reiche Thätigkeit entfaltet hatte. Nach dem Belgrader Friedens- 
schlüsse übernahm Feldmarschall-Lieutenant Suckow die Leitung 
des General-Commandos, welches zugleich mit dem Administrations- 
Präsidium am 13. März 1741 ad iaterim „bis zur Benennung eines 
wirklichen commandierenden Generals" dem Feldmarschall-Lieu- 
tenant Freiherm v. Engelshofen übertragen wurde. „Damit 
selber mit dem behörigen Splendor sich aufführen möge", wurden 
ihm hiebei nebst seiner charaktermässigen Gage jährlich 3000 Gulden 
zuerkannt. Zu seinem Stellvertreter wurde General-Feld- Wacht- 
meister deScotti ernannt.*) Aehnlich wie im slavonischenGeneralate, 
war auch hier die wichtigste militärische Aufgabe die bereits an- 
gebahnte Einrichtung des Grenzerwesens. 

Es bestanden also zur Zeit des Todes CarTs VI. in allen 
habsburgischen Ländern, mit alleiniger Ausnahme von Ungarn, im 



') VergL Feldzüge des Prinzen Eugen, I, 4B3. 

«) K. A., H. K. K. 1741, März 547 Eeg. nnd Prot. Beg. Fol. BOO. 



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329 

engeren Sinne General-Commanden, wenn auch von ganz ungleicher 
Stellung und Wichtigkeit. Eine der ersten Eegierungshandlungen 
Maria Theresia's war es, dass sie den um ihr Haus als Krieger 
und Staatsmann gleich verdienten Feldmarschall G-rafen Johann 
Pilffy mittelst königlichen Rescriptes vom 24. October 1740 zum 
commandierenden G-eneral von Ungarn ernannte und 
alle daselbst liegenden regulären Truppen, Grenzer, Frei-Compag- 
nien und National-Milizen, dann alle Festungen, Artillerie-, SchiflFs- 
nnd Proviant- Vorräthe seiner Obhut unterstellte. *) Er sollte die 
Truppen in gutem Stande erhalten, fiir ihre richtige Verpflegung, 
dann für die Bildung eines unangreifbaren Verpflegsvorrathes 
sorgen, Excesse verhüten oder bestrafen, überhaupt Mannszucht 
und strenge Disciplin halten, die Besatzungen der Festungen, 
besonders jener in Ober-Ungarn verstärken. Mit den comman- 
dierenden Generalen von Siebenbürgen, Temesvdr, Slavonien, dann 
mit der innerösterreichischen Kriegs-Stelle sollte er in stetem Ver- 
kehre stehen, Nachrichten geben und empfangen, selbst aber nur 
von der Königin und dem Hof-Kriegsrathe Befehle empfangen. Zur 
Unterstützung wurden ihm auf seinen speciellen Wunsch der in 
Ober-Ungarn besonders angesehene Feldmarschall Graf Alexander 
KArolyi, weiters Feldmarschall -Lieutenant Römer und die 
General-Feldwachtmeister Saint-Ignon und Philibert zu- 
gewiesen. Auch eine kleine Feld-Kriegskanzlei wurde ihm bei- 
gegeben (ein Secretär imd drei Kanzlisten). 

Schon unter Garl VI. hatte der Feld-Zeugmeister Prinz zu 
Sachsen - Hildburghausen sich mit Erfolg der Neu- 
regelung der verworrenen Verhältnisse im Warasdiner Generalat 
unterzogen. Nicht nur der Türkenkrieg, sondern auch starke 
gegnerische Einflüsse Hessen die Resultate seiner Arbeit nicht 
sogleich voll zu Tage treten. Die Gegnerschaft kam von den steye- 
rischen Ständen und fand in der Grazer Kriegs-Stelle Stütze und 
Ausdruck. *) 

Die Warasdiner Grenz-Miliz war trotz alledem durch den 
Prinzen „auf einen so vortrefi'lich regulierten Fuss gesetzet und 
eingerichtet worden, dass seither in denen sowohl letzteren preussisch-, 
als (1744) noch fürdauemden französischen und bayerischen Kriegen 
so manchfältig Vortheile erfochten worden". In der Carlstädter 



') K. A., H. K. K. 1740, October, 611 Eeg. — Vergl. Arneth, Maria 
Theresia, I, 92. 

«) Vaniöek, a. a. 0., I, 463 f. 



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330 

Grenze war dieselbe Arbeit noch zu leisten, liiebei aber ein ähn- 
licher Widerstand der kämthnerischen und krainerischen Stände und 
auch wieder der innerösterreichischen Kriegs-Stelle zu gewärtigen. 
Da man jedoch auf eine Weiterbildung der Carlstädter Grenz- 
verhältnisse zu Gunsten einer Stärkung der Kriegsmacht nicht mehr 
verzichten mochte, so lag der Gedanke nicht ferne, den bereits 
bewährten Prinzen einfach an die Stelle des Grazer Vice-Präsidenten 
und seiner Eäthe zu setzen. Dadurch kam nicht nur eine grössere 
Einheit und Energie in die militärische Leitung Inner-Oesterreichs, 
sondern wurde auch das hinderhche Provinzial-Interesse bei Seite 
geschoben durch einen Mann, der schon wegen seiner fürstlichen 
Geburt, aber ebenso wegen seiner Tüchtigkeit als Heerführer und 
Erfahrenheit als Organisator hohes Ansehen genoss und unbefan- 
genen Blickes für das Gesammtwohl wirken konnte. So wurde denn 
mit Ende des Jahres 1743 die innerösterreichische Kriegs-Stelle 
aufgehoben und dafür der mittlerweile zum Feldmarschall ernannte 
Prinz Sachsen-Hildburghausen Anfangs 1744 zum „Militär-Ober- 
Director und commandierenden General in denen innerösterreichi- 
schen Landen, wie auch beiden Warasdiner und Carlstädter Genera- 
laten" ernannt.^) Er sollte in diesen Gebieten, zu welchen auch das 
Litorale austriacum zählte, nach der Königin und dem Hof-Kriegs- 
rathe allein zu befehlen haben und mit nur wenigen Beschrän- 
kungen dieselbe Gewalt ausüben, wie vordem die Kriegs-Stelle. Alle 
Truppen, militärischen Branchen, Commanden und Aemter des 
Generalates sollten auch vom Hof-Kriegsrathe nur durch ihn Befehle 
empfangen dürfen. Er selbst unterstand nur der Königin und dem 
Hof-Kriegsrathe. Die im Warasdiner Grenz-Generalat bewährten Re- 
formen sollte er auch im Carlstädter Generalatsgebiete „ehemöglichst 
vor die Hand nehmen, die Einführung guter Kriegsdisciplin und 
Ordnung, wie auch die Unterrichtung der Soldatesca in allen 
Kriegsübungen (so, wie es bereits in dem Warasdiner Generalat 
eingeführt . . .) sich äusserst angelegen sein lassen" imd es dahin 
bringen, „dass nach dem Exempel des Warasdinischen (Generalats) 
auch hierin eine, Unserem Dienst so vortheilhafte Consistenz ein- 
geführt und beobachtet werde". Auch den Kundschafterdienst nach 
(Jer Türkei sollte er einrichten und leiten. Sein besonderes Augen- 
merk wurde auf die richtige imd volle Bezahlung der von der 
steyerischen Landschaft an die Warasdiner und von Kärnthen und 
Krain an die Carlstädter vertragsmässig zu leistenden Verpflegs- 



») K. A., H. K. K. 1744, Mai 866 Exp.; Kanzlei- Archiv, VII, 283. 



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331 

gelder gelenkt. Das den inner österreichischen Ständen hinsichtlich 
der Ernennung von Commandanten mit Stabsofficiersrang in den 
Grenz-Generalaten zustehende Vorschlagsrecht blieb zwar bestehen, 
liinsichtlich der Oberofiiciersposten aber wurde es abgestellt und 
die Einholung der königlichen Entschliessung in jedem Falle an- 
geordnet. Nur die Leitimg des früher der Kriegs-Stelle imterworfenen 
Artillerie- imd Zeugswesens in Inner-Oesterreich und den Grenz- 
Generalaten wurde dem Prinzen entzogen und gänzlich dem neuen 
Land- und Haus-Zeugmeister Fürsten Wenzel Liechtenstein 
untergeordnet, was jedoch den Gehorsam gegen das neue General- 
Commando nicht ausschliessen sollte. Ausführliche Bestimmungen 
über die Justizpflege in den Gh-enz-Generalaten regelten die Be- 
rulüng an das Militär-Ober-Directorium als zweite, an den Hof- 
Kriegsrath als dritte Listanz. 

Die bisher der innerösterreichischen Regierung (,,die Unser 
Hofmarschall-Amt daselbst vertreten thuet") untergeordnete inner- 
österreichische Kriegs-Kanzlei wurde dem Einflüsse derselben gänzlich 
entzogen und ausschliesslich dem Prinzen unterstellt. 

An Gebiüiren wurden ihm nebst der Feldmarschalls-Gage 
noch jährlich 10.000 Gulden zuerkannt. Wenigstens zwei Monate 
im Jahre musste er sich in seinem Commando-Bereiche aufhalten; 
in seiner Abwesenheit fungierte der auf seinen Antrag ernannte 
Stellvertreter; aber selbst dieser durfte nur durch ihn mit dem 
Hof-Kriegsrathe Verkehren, ausgenommen bei Gefahr im Verzuge. 
Alle Dienst-Correspondenzen genossen die Portofreiheit bei den 
königlichen Postämtern. 

Nach dem Vorstehenden hatte von allen General-Commanden 
das Grazer Militär-Ober-Directorium die am weitesten gehenden 
Rechte und Pflichten, aber nur solange, als ihm Feldmarschall 
Prinz Hildburghausen vorstand. Als er seine Hauptaufgabe 
gelöst hatte und genügend befestigt glaubte, resignierte er 1749 
sein schweres Amt, in welchem er sich viel Ehre, aber auch viele 
Feinde erworben hatte und welches hierauf wieder neu organisiert 
wurde. 

Je nach der Wichtigkeit und dem Geschäfbsumfange eines 
General - Commandos waren demselben ausser dem eventuellen 
Stellvertreter und dem Personal- Adjutanten des commandierenden 
Generals, verschiedene Organe zur Ausübung des administrativen 
Dienstes und Verwaltung der Justiz-Angelegenheiten, öfter auch 
zur Leitung des Artillerie- und Fortificationswesens beigegeben ; so 
z. B. gab es für den innerösterreichischen Bereich in Graz einen 



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332 



Ober-Kriegs-Commissär , einen General - Auditor - Lieutenant , zwei 
Zeuglieutenante, einen Ingenieur-Officier, einen Fortifications-Bau- 
schreiber u. s. w. 

Den schriftlichen Verkehr besorgten die Feld-Kriegs- 
Kanzleien, deren Dienst auch zur Aufiiahme in den Hof-Kxiegs- 
rath befähigte. Der Stand derselben war verschieden, je nach den 
Dienstgeschäften des General-Commandos. Khevenhüller gibt 
für Ende des Jahres 1739 die Kosten der „Feld-Kanzleien" von 
Belgrad, Walachei (beide bald aufgelöst), Temesvir, Siebenbürgen, 
Mailand, Mantua (Festungs-Commando), Toscana und den Nieder- 
landen mit jährlich 52.906 Gulden an. ^) 

Im Jahre 1745 wurde das Personale der Feld-Kriegs-Kanzleien 
reduciert^) und gleichzeitig jene von Mantua aufgehoben, was schon 
früher auch in Toscaaia erfolgt war: 



Feld-Kriegs-Kanzlei in 






§ 
O 



03 



Mailand ... 
den Niederlanden 
Siebenbürgen . 
Temesvir . . 
Esseg .... 
Pressburg . . 
Innsbruck . . 



Jährliche Friedens-Gebühr in Gulden 



2 
2 

1 
1 
1 



2000 1 1000 700 



4 
3 
2 
3 
2 
3 
2 



500 



In Festungen waren gewöhnlich eigene Officiere oder Generale 
alsCommandanten angestellt und genossen die Gage ihres militärischen 
Ranges. Theilweise waren sie nicht mehr zu Feldkriegsdiensten 
tauglich; es lag also im Allgemeinen in der Verleihung eines 
Festungs-Commandos eine Wohlthat für verdiente Militärs, welche 



*) K. A., Memoiren, VIU, 11. — In Böhmen, Mähren und Schlesien 
gab es keine Feld-Kriegs-Kanzlei. Die commandierenden Generale dieser 
Länder waren zugleich Festungs-Commandanten und solche mussten ihre 
Correspondenz „selbst besorgen". Die innerösterreichische Kriegs-Kanzlei 
wurde damals von den innerösterreichischen Ländern mit jährlich 9600 Gulden 
unterhalten. (K. A.; H. K. R. 1744, m, 3.) 

«) K. A ; H. K. R. 1745, Mai, 916 Exp., 479/3-8 Reg. und 489/1-3 Reg. 



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333 

sonst der Pensionierung verfallen wären. Gelegentlich der Be- 
rathungen über die Armee-Reductions-Projecte tauchte wiederholt 
der Vorschlag auf, die Institution eigener Festungs-Commandanten 
faUen zu lassen und successive nach dem Absterben der schon er- 
nannten keine neuen mehr anzustellen, sondern die Comman- 
danten der Besatzungs - Truppen mit dem Festungs-Commando 
zu betrauen. Der Vorschlag kam jedoch nur in Tyrol zur Durch- 
fuhrung und zwar im Jahre 1745 zu Grünsten des Tyroler Land- 
und Feld-Regiments. 

Dem Festungs-Commandanten oblag die bauliche Instand- 
haltung der Werke, wozu freilich die Gelder weder von der Hof- 
kammer, noch von den dazu gewidmeten Mauthen und Gefällen 
immer richtig und ausreichend einliefen. Insbesondere die nicht 
nahe den Grenzen liegenden festen Plätze wurden in dieser Be- 
ziehung von der Regierung häufig recht lange vernachlässigt und 
so konnte es geschehen, dass beim Eintritte von Grenzver- 
schiebungen nach unglücklichen Kriegen, die nahe der neuen 
Grenze liegenden Plätze sich in gänzlich ungenügendem Bauzustand 
befanden und nun eiligst verstärkt werden mussten. So war es mit 
den Festungen in Slavonien, Sjrrmien und im Banat nach dem 
Belgrader Frieden, so auch mit Komom, Leopoldstadt, Trencsin, 
Brunn (Spielberg) und Olmütz nach dem Verluste von Schlesien 
der Fall. 

Die Commandanten der Festungen hatten den ganzen Festungs- 
dienst zu leiten, über welchen es strenge und detaillierte Vor- 
schriften gab, die in ihrer Wesenheit noch in den modernen 
Reglements sich wiederfinden. Der Commandant sollte für die ihm 
unterstellte Garnison alle mögliche Sorge tragen, die Officiere und 
die Mannschaft nicht mit überflüssigen Commandierungen, Wachen, 
Bereitschaften und Arbeiten abmüden, gute Mannszucht und 
Ordnung halten, weder den Soldaten, noch den Bürger im eigenen 
Interesse ausnützen, die Bürgerschaft ia Handel und Wandel nicht 
stören, sich vielmehr bei ihr beliebt zu machen suchen; er sollte 
besonders darauf achten, dass die Munitions- und Proviant- 
Magazine immer genügenden Vorrath halten und sich von Zeit zu 
Zeit selbst von dessen Vorhandensein überzeugen. Ohne seine Be- 
willigung durfte kein Geschütz von oder auf die Wälle gebracht, 
keiu Schuss, ja, nicht einmal ein fiir den Wachdienst nicht vor- 
geschriebenes Trommelsignal gegeben werden. Wenn nöthig, konnte 
er Standrecht anordnen; verhaftete Soldaten durfte er jedoch nur 
innerhalb der ersten viermidzwanzig Stunden nach erfolgter 



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334 

Anhaltuiig strafen, sonst sollte er nicht gegen die ßegiments-Privi 
legien haaideln. 

Die Besatzungs-Truppen durften nur in halber Zahl zur Kirche 
geführt werden; während des Gottesdienstes musste die andere 
Hälfte in den Quartieren sein. Die Wachmannschaft hatte das 
Gewehr scharf geladen und noch zwölf bis vierundzwanzig scharfe 
Patronen bei sich. Auf den Wällen sollten im Frieden an jeder 
Flanke zwei Geschütze scharf geladen sein, davon eines mit Kugeln, 
das andere mit Kartätschen. 

Der Platz-Maj or und der Platz-Lieuten an t waren 
die Organe der Commandanten wichtigerer Festungen für die 
Ausübung und Ueberwachung des gesammten Festungsdienstes. 
Der Platz-Major sollte „weder gegen das Militare, noch Bürger- 
schaft, eine Passion oder ohnzulässiges Interesse zeigen, sondern 
vielmehr mit Gelindigkeit jeden zu seiner Schuldigkeit halten, damit 
er von beiden ästimiert werde, woran in einer Garnison Vieles 
gelegen ist".^) 

Je nach der Wichtigkeit einer Festung wurden die Comman- 
danten aus den Generals- oder höheren Officierschargen gewählt. 
Nicht alle Plätze hatten auch eine Besatzung; von den vorder- 
österreichischen Waldstädten wird dies gelegentUch ausdrücklich 
constatiert. 

Der Festungs-Stab von Wien wurde Ende 1743 neu 
geregelt. ^) Damach sollte der gegenwärtige Festungs-Commandant 
Feldmarschall Graf Khevenhüller (mit königlicher Resolution 
vom 12. April 1743 hiezu ernannt) als solcher jährlich 10.000 Gulden, 
dessen Nachfolger 12.000 Gulden, wenn er aber ein Regiment inne 
hatte, nur 8000 Gulden Gehalt haben und dieses „eine beständige 
Norma sein".^) Der Festungs-Stab bestand aus einem Platz-Major 
mit jährlich 1000 Guldon, einem Kriegsgerichts-Schultheiss mit 
jährlich 1200 Gulden, einem Ea*iegsgerichts-Schreiber mit jährlich 
500 Gulden, einem Gerichtswebel mit jährlich 200 Gulden, einem 
Profossen mit jährlich 300 Gulden, einem Profoss-Lieutenant mit 

*) „Regulament und Ordnung" für die kaiserliche Infanterie vom Jahre 
1737 (letztes Gapitel). 

*) Hof k. Arch., Hof-Finanz, 15. Januar 1744 (Hof-Kriegs rath, 28, November 
1743, an die Hof kämm er). 

*) Trotzdem musste der nach dem Tode Khevenhüller's zum 
Festungs-Commandanten von Wien ßmannte Feldmarschall Graf Königsegg 
sich mit seinem bisher genossenen Gehalt (ohne eigene Commandanten- 
Gage) begnügen. (Hofk. Arch., Hof-Finanz, 1. September 1744.) 



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335 

j&hrlich 200 Gulden, einigen Thorsclireibem, einem Ober-Ingenieur 
mit jährlich 1200 Gulden, einem Unter - Ingenieur mit jährlich 
600 Gulden. 

Das General-Eriegs-Commissarlats-Amt. 

Dem seit dem Jahre 1650 bestehenden General - Kriegs- 
Commissariats-Amte wurde im Jahre 1726 Graf Nesselrode als 
„General-Kriegs-Commissaiius" vorgesetzt. Die bei dieser Gelegen- 
heit erlassene Instruction vom 11. Juli 1726^) fuhrt aus, dass das 
gesammte Kriegswesen „nach uralter Verfassung und beständigem 
Herkommen" nach der militärischen Seite einzig und allein dem 
Hof-Kriegsrathe, nach der öconomischen Seite einzig und allein von 
der Hofkammer abhänge imd diese beiden „Hofmitter* allein die 
bezüglichen kaiserlichen EntSchliessungen einzuholen hätten. AVenn 
es sich aber um die Ausführung der ertheilten Befehle handle, so 
könnten die genannten Hofstellen, besonders ausserhalb ihres Stand- 
ortes und vornehmlich bei den Armeen im Felde, „nicht anders, als 
per commissiones et commissarios operieren". Zur Oberaufsicht 
über diese in grosser Zahl nöthigen Commissäre und um sie ein- 
heitlich zu leiten und zu verhindern, dass sie weder durch Un- 
thätigkeit, noch durch eigenmächtiges Ueberschreiten ihrer Sphäre 
dem allgemeinen Besten Schaden zufügen, weiters, um einerseits 
alle Commissäre durch Subordination zu disciplinierter Thätigkeit 
verhalten zu können, um anderseits ein Organ zu haben, welches 
für ihr Thun und Lassen nach oben verantwortlich sei, habe der Kaiser 
den Grafen Nesselrode zum General -Kriegs-Commissarius ernannt, 
als welcher er Weisungen nur vom Hof-Kriegsrath und der Hof- 
kammer zu erhalten habe, auch nur diesen Bericht erstatten und 
von ihnen allein dependieren solle". 

Trotz der hier ausdrücklich festgesetzten Abhängigkeit des 
Kriegs-Commissariats von Hof-Kriegsrath und Hofkammer lag in 
dem grossen Wirkungskreise des ersteren und seiner Wichtigkeit, 
besonders im Felde, der stete Anreiz zum Streben nach voller 



') K. A., Kanzloi- Archiv, III, 7. Die Behauptung, dass das Commissariat 
schon von Leopold I. zu einer Hofstelle erhoben und dem Hof-Kriegsrath co- 
ordiniert worden sei, ist nach der ausdrücklichen Feststellung desHof-Kriegsraths- 
Präsidenten im Jahre 1746 irrig; doch strebten die General-Kriegs-Commissäre 
schon lange darnach, z. B. Feldmarschall Caraffa im Jahre 1689, ohne in- 
dessen zu reüssieren. (Vortrag des Grafen Harr ach vom 5. November 1746, 
H. K. R. 1747, Januar, 626 Exp.) Es geschah dies erst 1747. 



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336 

Unabhängigkeit. Als sich mit dem zunehmenden Alter und dem 
Tode des Prinzen Eugen ein wachsender Zerfall im Staats-, wie 
im Militärwesen einstellte, erstreckte sieh derselbe auch auf das 
Kriegs-Commissariat und sein Verhältniss zu den ihm vorgesetzten 
„Hofmitteln" und zu den Truppen, Die Zwietracht und die Eifer- 
süchteleien zwischen dem Hof-Kriegsrathe und dem Commissariate, 
worüber Maria Theresia sich wiederholt unzufrieden äusserte, waren 
armeebekannt und beeinträchtigten sehr das Ansehen des ersteren. 
Aber auch die Hofkammer fand oft Anlass, sich über den Mangel an 
Unterordnung seitens des Commissariats zu beklagen. Es bewies das 
Vorhandensein einer argen Verletzung ihres Rechtskreises, wenn sie im 
Jahre 1746 tadelnd constatieren musste, dass bei ihr schon seit drei 
Jahren fast gar keine Correspondenz des Commissariats eingelaufen sei 
und dass sie auch ebensolange von den Militär-Repartitionen nichts 
mehr wisse. ^) War so das Kriegs-Commissariat nach oben unbotmässig, 
so fand es auch seinerseits bei den Truppen activen und passiven 
Widerstand, indem sich dieselben nicht mustern Hessen und „nichts 
weniger als verlässliche' ^ Standestabellen einsendeten. ^) Das Amt 
sah sich daher ausser Stande, seiner eigentlichen Thätigkeit nach- 
zugehen und die Folge war, dass es Ende 1742 ohne Widerspruch 
in einer Ministerial-Deputations-Sitzung behaupten konnte, es ver- 
liere sich alle Disciplin, Jeder thue, was er wolle, die Truppen 
litten bei solchen Zuständen Mangel oder sie bedrückten die Länder. 
Maria Theresia fand sich damals veranlasst, zu resolvieren : 
„Vor Allem ist dem Verfalle der Militär-Disciplin . . . ernstlich zu 
steuern, des Commissariats Autorität herzustellen, nicht allein, um 
bessere Wirthschaft [zu erzielen], sondern um die Gebrechen all- 
sogleich anzuzeigen und zur Remedur zu bringen." 

Uebrigens war das Kriegs-Commissariat an den wenig er- 
freulichen Verhältnissen nicht schuldlos. Es ist „in der That 
allgemein bekannt," sagte der Hof-Ej:iegsraths-Präsident in einem 
Vortrage vom 28. April 1745 an die Königin^), „wie es nicht 
minder Graf Nesselrode und der Oberst-Kriegs-Commissarius 
Graf Salaburg selbst bekennen, dass sonderheitlich die auswärtigen 
amtlichen Verrichtungen so unrichtig schlecht und langsam bisher 



*) Ebendaselbst, Hof-Finanz, 30. November 1746. 

«) K. A., F. A. Böhmen und Ober-Rhein 1744, XHI, 26 c. Die Weisungen, 
den schuldtragenden Commeuidanten die Gagen jener Monate einzustellen, 
von welchen die Eingaben ausblieben, scheinen nicht befolgt worden zu sein 
oder sie haben nichts gefruchtet. 

») K. A., H. K. R. 1745, Mai, 912 Exp. 



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337 

versorgt worden, dass auch in minderen Sachen das hiesige General- 
Kriegs-Commissariats-Amt ans Mangel der Acten und Informationen 
nicht fortkonmien könne,, die von hier aus ergangenen Verordnungen 
gar nicht, oder nicht gebührend vollzögen werden". 

Um die Verwirrung zu vermehren, kam es, wie der eben er- 
wähnte Vortrag ausfuhrt, häufig vor, dass die einzelnen Länder 
über die den Truppen gewährten Leistungen an Einquartierung, 
Etapen, Vorspann u. s. w. keine Rechnungen einsendeten, sich 
dieselben aber von ihrem Contributionale selbst abrechneten. Ver- 
fasste nun das Conmiissariat blos auf Grund der gestellten Landtags- 
Postulate und ohne Kenntniss solcher Leistungen die Militär- 
Repartition, so ergab sich dann oft, dass die für die Zukunft zu 
bestimmten Verwendungen au%etheilten Contributionen nicht mehr 
verfügbar waren. Personen und Truppen, welche mit ihren Gebühren 
inskünftig an die Contributionen bestimmter Länder verwiesen 
waren, giengen nun zunächst leer aus und mussten anderswoher 
versorgt werden. 

So wuchs nicht nur die Geldnoth, sondern es wussten schliess- 
lich der Hof-Kriegsrath, die Hofkammer und das Commissariat 
nicht mehr, was sie von den Ländern noch zu fordern und was sie 
der Armee noch zu zahlen hatten. 

Das Ansehen und die Macht, die jedem controlierenden 
Organe naturgemäss zukommen, verleiteten die Organe des Com- 
missariates häufig zu Eigenmächtigkeiten und Uebergrifien gegen- 
über den Truppen und Branchen des Heeres, ja selbst gegenüber 
den Literessen der Länder und ihrer Organe, so dass deis Commis- 
sariat sich nach allen Seiten hin der weitestgehenden Unbeliebtheit 
zu erfreuen hatte, was seiner Amtsthätigkeit in jeder Richtung sehr 
hinderlich wurde. Zu alledem kam, dass die Organe des Commis- 
sariates, in erster Linie berufen, die ehrliche Gebahrung überall zu 
controllieren und zu erzwingen, selbst nicht immer reine Hände 
bewahrten und ihr natürliches Uebergewicht in eigennütziger Weise 
missbrauchten. Eine Eingabe der böhmischen Stände in Angelegen- 
heit der ständischen Recrutierung aus dem Jahre 1746 behandelt 
die grobe Bestechlichkeit der assentierenden Kriegs-Commissäre als 
eine keines Beweises bedürftige und allgemein gekannte Thatsache ^) 
und auch dasjenige, was die Protomedici Doctor Brady im Jahre 
1744 und Doctor Engel im Jahre 1746 über die kostspielige Ge- 
bahrung mit dem Sanitätsmateriale und über die Behandlung der 



») K. A., F. A. Marsch der k. k. Truppen in die Niederlande 1746, XI, 3. 
Oesterreichischer Erbfolgekrieg. I. Bd. 22 



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338 

Feldspitäler und des ärztlichen Standes durcli die Commissariats- 
beamten vorbrachten^), lässt die letzteren in einem sehr bedenk- 
lichen Lichte erscheinen. 

Eine Eeform war daher auf alle Fälle eine dringende Noth- 
wendigkeit und wurde von dem, nach Nesselrode's Resignation 
(Ende 1745) zum General- Kriegs -Commissär ernannten Grafen 
Salaburg durch die Selbstständigmachung des Commissariats ein- 
geleitet, wozu er gegen die eindringlichste Einsprache des Hof- 
Kriegsrathes und der Hofkammer die Beistimmung Maria There- 
8 i a's erlangte. Ein Eescript der Kaiserin-Königin vom 6. Januar 
1747 erhob das General-Kriegs-Oommissariat zum Eange einer un- 
mittelbaren Hofetelle (Ministerium) ^ ; die für dasselbe ausgearbeitete 
Instruction vom 28. December 1746*) hatte indessen nur noch auf 
das letzte Jahr des Krieges Einfluss. 

Insoweit sich die "Wirksamkeit des Kriegs-Commissariates auf , 
die Ueberwachung der Oeconomie einschliesslich der Standesver- 
hältnisse der Regimenter bezog, ist dieselbe aus der, in jeder Be- 
ziehung sehr illustrativen Musterungs-Instruction vom Jahre 1748 
zu ersehen.*) Musterungen waren jährlich zwei, im Frühjahr und im 
Herbste oder vor und nach einer Campagne vorzunehmen. Das 
Commisaariat war jedoch auch verpflichtet, die Truppen oderTheile 
derselben ausser den Musterungs-Terminen unvermuthet zu inspicieren, 
wofür der technische Ausdruck „Revision" in Gebrauch war. Ueber 
jede Musterung oder Revision war eine Relation zu erstatten und 
durch dieselbe die Behebung der vorgefundenen Uebelstände an- 
zuregen. 

Sonst oblag dem Commissariate noch die Verfassung der 
,,Militär-Repartition" (Budgetierung), die Ueberwachung der Schlag- 
fertigkeit der Armee, also auch die Ueberwachung der Müitär- 
Cassen, des Proviant-Stabes und der Proviant-Magazine, sowie endlich 
der Kranken- Anstalten und Apotheken, jedoch bis Ende 1746 im 
Einvernehmen und unter verantwortlicher Leitung der Hofkammer 
und des Hof-Kriegsrathes. Zur Geldanweisung bei den Militär- 
Gassen war es nur ausnahmsweise mit besonderer Bevollmächtigung 
seitens der Hofkammer, nie aber an deren Amtssitze und immer 



') Siehe unten „Sanitätswesen". 

^ K. A., H. K. R 1747, Januar, 626 Exp. 

*) Hofk. Arch., Hoffinanz, 1. Januar, 30. November und 28. December 
1746. — K. A., Kanzlei- Archiv, DI, 8 ; H. K. E. 1746, December, 612 Exp. 
und 1747 Januar 626 Exp. 

*) Anhang Nr. 9. 



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339 

nur auf begrenzte Zeit berechtigt; auch dann durfte es für 
seine eigenen Individuen sonst nichts, als die normale Besoldung 
anweisen. 

Im Felde war jeder selbstständigen Armee, bei der nicht der 
General- oder Oberst-Kriegs-Commissär selbst anwesend war, eine 
„Oeneral-Kriegs-Commissariats- Amts-Feld-Substitution" beigegeben, 
welche unter Leitung eines Ober-Kjiegs-Commissärs stand und 
Kriegs-Commissäre und Amts-Officiere nach Erfordemiss zugewiesen 
erhielt. 

Der Dienstverkehr des Kriegs-Commissariats concentrierte sich 
in dessen „Amts-Kanzlei" in Wien, mit welcher eine Buchhalterei 
(Controlstelle) verbunden war. An der Spitze derselben stand der 
Amts-Kanzlei-Director, unter demselben im Jahre 1740 vier Amts- 
Secretäre, ein Amts-Registrator und -Expeditor mit einem Ad- 
juncten, zwei Buchhaltern, fünf Concipisten, femer, in den Ländern 
zerstreut, sechsundzwanzig Kanzlisten und eilf Accessisten als Kanzlei- 
Personale der einzelnen Amtsdistricte. ^) 

An Q-ebtihren bezog Graf Nesselrode als General - 
Kriegs - Conunissär jährlich 18.000 Gulden, Graf Salaburg 
als Oberst - Kriegs - Commissär 10.800 Gulden, überdies jeder 
die Gage der von ihm bekleideten Generals - Charge (General 
der Cavallerie, respective Feldmarschall -Lieutenant), der Amts- 
Kanzlei-Director von der Mark 2736 Gulden, ein Amts - Secretär 
2160 Gulden, u. s. w. 

Den eigentlichen Dienst bei den Truppen in den Ländern 
und im Felde versahen die Ober-Kriegs-Commissäre, die Kriegs- 
Commissäre und die Amts-Officiere. Ober-Kriegs-Commissäre waren 
schon seit Jahren für folgende Districte normiert: Italien, Nieder- 
lande, Böhmen, Mähren, Schlesien, Nieder-Oesterreich, Ober-Oester- 
reich, Inner-Oesterreich, Siebenbürgen, Banat, Slavonien, Pressbiirg, 
Oedenburg, Ofen, Kaschau, Grosswardein imd Neusohl; auch für 
das „Feld-Artülerie-Haupt-Corpo" war ein Ober-Kriegs-Commissär 
festgesetzt. Im Anfang des Jahres 1745 gab es deren jedoch nur 
dreizehn (mit einem Jahresgehalte von je 1584 Gulden), von welchen 
nach Nesselrode's eigener Angabe nur fünf feldkriegsdienst- 
tauglich waren, femer sechsundvierzig Kriegs-Commissäre (mit je 
1200 Gulden) und zweiundzwanzig Amts-Officiere (mit je 540 
Gulden). Im Laufe desselben Jahres erhöhte Maria Theresia 
dön Stand der Ober-Kriegs-Commissäre auf achtzehn, den der Kriegs- 

*) Staats-Kalender oder Hof-Schematismus 1740. 

22* 



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340 

Commissäre auf dreiundfünfeig und setzte jenen der Amts-Officiere 
auf zwanzig herab. ^) 

Die Kosten für das Kriegs - Commissariat ausserhalb der 
Niederlande und Italiens betrugen für das Jahr 1739 die Summe von 
141.972 Gulden. 2) 

Nicht zu verwechseln mit dem (Feld-)Kriegs-Commis8ariate 
sind die Land-Kriegs-Commissariate, welche in jedem 
Kronlande bestanden. Sie gehörten nicht dem Kriegsstaate an, 
müssen aber hier erwähnt werden, weil sie oft in Verbindung mit 
Truppen genannt werden. Es erscheinen General-Land-Eüegs-Com- 
missäre, Viertels- oder auch Führungs-Commissäre, in Ungarn Pro- 
vincial-Commissäre u. s. w. Ihre Organisation war Sache jedes ein- 
zelnen Landes; ihre Aufgabe war überall die gleiche: das Land 
bei Gelegenheit von Truppendurchmärschen, von Transporten aller 
Art, von längeren Cantonnierungen und von Recrutierungen vor 
Schaden zu bewahren. Die krainerischen Stände fanden sich 1738 
veranlasst, fiir ihre Land-Kriegs-Commissäre eine eigene Instruction 
ausarbeiten zu lassen; sie hatten unter anderem auch gefunden, 
dass die ihnen vom Küegs-Commissariate eingesendeten Marsch- 
documente und Verpflegsentwürfe „öfters mancos und unzuver- 
lässlich" seien. ^ 

Es kam vor, dass sich die Organe des Feld-Kriegs-Oommis- 
sariats mit jenen der Land-Commissariate nicht vertrugen; so 
wollten im Jahre 1741 in Böhmen beide sich einander nicht unter- 
ordnen, beschimpften sich gegenseitig und tractierten sich sogar 
mit Thätlichkeiten, hinderten die gegenseitigen Transports- und 
andere Dispositionen, machten sich aus den beiderseitig verwalteten 
Vorräthen ein Geheimniss, beschuldigten sich gegenseitig sogar 
bezüglich der Qualität der eingelieferten Naturalien, dann boshafter 
Schwierigkeitsmacherei. Und das Gleiche war der Fall zwischen 
den Beamten des Feld-Proviant- Amtes imd jenem des Land-Proviant- 
Amtes, so dass bestimmt werden musste, es seien sowohl die Feld-, als 
die Land-Kriegs-Commissäre, sowohl die Feld-, als die Land-Proviant- 
Organe „mit gleichen Würden und Ehrenbezeigungen anzusehen".*) 



1) K. A., H. K. ß. 1745, Mai, 959 Exp. und 72 Reg.; auch H. K. R. 
1745, IV, 3 a— e. 

«) K. A., Memoiren, VIII, 12. 

«) K. A., F. A., Böhmen und Schlesien 1740, VI, 6 (Instruction für die 
Herren Land-Kriegs- Commissarien vom 27. Juni 1740). 

*) Hofk. Arch., Hoffinanz, 29. Juli 1741. 



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341 

Kein Wunder, dass bei solchen Zuständen die Verpflegung der 
Armee oftmals keine zureichende war. 

Das Obrist-PrOTiant-Amt. 

Das Obrist-(Feld-)Proviant-Amt war eigentlich ein Departement 
der Hofkammer und das ausführende Organ der letzteren in 
Bezug auf die Sicherstellung des für die Garnisonen (besonders 
in Ungarn) und die Armee im Felde nothwendigen Proviant - 
bedarfes, dessen Aufbringung, Vertheilung, Magazinierung, Con- 
servierung und Verrechnung. In Folge dessen war ihm das Militär- 
Fuhrwesen, sowie das Bäckerpersonale im Frieden und im Kjiege 
untergeordnet. 

Befehle vom Hof-Kriegsrathe konnte es nur durch Vermittlung 
der Hofkammer erhalten. Dem Kriegs-Commissariate stand organi- 
sationsgemäss die Controle seines Standes, seiner Thätigkeit und 
der Proviantvorräthe zu. Im Felde waren die Organe des Proviant- 
Amtes nächst dem Feldherm an die Commissariats - Beamten 
gewiesen. 

Sowohl das Obrist-Proviant-Amt in Wien, als auch meistens 
die Proviant-Stäbe der Armeen im Felde waren mit einer Proviant- 
Casse versehen, welche von der Hofkammer imd im Felde auch 
oft von der Operations-Casse dotiert wurde. 

In der Regel wurden die Personen des Proviant-Stabes, sowie des 
Proviant-Fuhrwesens und der Bäcker-Compagnie nur auf Kriegsdauer 
aufgenommen und im Frieden nur die Tauglichsten beibehalten, 
insoweit es der Dienst beim Obrist-Proviant-Amte, bei Magazinen in 
den Ländern und wichtigeren Festungen unbedingt erforderte. 
Daher musste nach dem preussischen Einfalle in Schlesien erst an 
die Aufstellung des Feld-Proviant-Stabes und seiner Dependenzen 
geschritten werden. ^) 

Die Stärke eines solchen Feld -Proviant- Stabes war nach 
der Stärke der Armee verschieden. 

An der Spitze des Obrist-Proviant-Amtes stand der „Obrist- 
Proviant-Amts-Obristlieutenant". Im Jahre 1740 hatte der schon 
im spanischen Successions - Kriege vielverwendete Hofkammer- 
Eath Georg Freiherr von Harrucker diese Stelle inne; nach 
seinem bald erfolgten Tode trat 1742 der bisherige Pro viant-Ober- 
Commissär Ferdinand Bosch an seinen Platz. 



*) Hofk.-Arch., Reichs- A., Fase. 165, Conferenz-Protocoll vom 5. und 
9. Januar 1741. 



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342 

Die Proviant-Amts-Kanzlei in "Wien bestand* aus folgenden 

Personen ^) : 

Im Jahre 

1740 1747 

Obrist-Proviant-Amts-Obristlieutenant .... 1 1 

Ober-Proviant-Commissar . 1 1 

Proviant-Oommissär und Amts-Cassier ... 1 1 

Proviant-Amts-Buchlialter 1 1 

Proviant- Verwalter 1 — 

Obrist-Proviant-Amts-Kanzlei-Officiere ... 6 2 

Obrist-Proviant-Amts-Buchhalterei-Ofificiere . . 3 1 

Obrist-Proviant-Amts-Fourier 1 1 

Während im letzten Türkenkriege die Organe des Obrist- 
Proviant-Amtes im Allgemeinen gut ihren Dienst versahen und, 
wo dieser doch zu wünschen übrig Uess, mehr die unzureichende 
Zahl der Fuhrwerke und Tragthiere, sowie der trostlose Zustand 
oder Mangel der Wege die Ursache waren, scheint dies in den 
ersten Jahren des Erbfolgekrieges nicht immer der Fall gewesen 
zu sein. Prinz Carl beschwerte sich im Spätherbste des Jahres 
1743 persönlich gegenüber Maria Theresia über den schlechten 
Stand des Proviantwesens. Die Königin erwiderte ihm mit 
Eescript vom 18. October: „Noch vor Einlaufung dieser Note [des 
Prinzen] habe jene Stellen, in welcher Sphaeram es einschlägt, sehr 
nachdrucksam hierüber zur Rede gestellt, diese aber mit dem sich 
entschuldigt, dass sie gar keine Kenntniss von des 
Werks Manipulation hätten. Nun ist aber ganz wohl 
begreiflich, dass, wann diese mangelt, einestheils sich von hier 
aus nicht helfen lasse und andemtheils ohnmöglich falle, geringerer 
Subalternen Eigennützigkeiten zu entdecken und abzustellen." ^ 
Auch herrschte oftmals Zwietracht und Eifersucht zwischen Beamten 
des Commissariats und des Feld-Proviant-Amtes und wollten letz- 
tere die von den ersteren mit Recht geforderte Subordination nicht 
leisten. ^) 

üeber die Standes- und die Gebühren- Verhältnisse des Proviant- 
Stabes nach Abschluss des Dresdener Friedens gibt folgende Tabelle 
Aufechluss : 



^) Staats-Kalender oder Hof-Schematismus 1740 und 1747. 
•) K. A., F. A. Bayern und Ober-Rhein, 1743, X, 35. 
') Hofk. Arch., Hoffinanz, 7. Februar, 9. Mai 1742. An diesem Um- 
stände scheint übrigens das Commissariat auch nicht schuldlos zu sein. 



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343 




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B44 

Das Obrist-Land- und Haas-Zeng-Amt. 

Die Leitung des Festungs- Artillerie- und des Zeugwesens war 
Sache des Obrist-Land- und Haus-Zeug-Amtes, an dessen Spitze 
der Obrist-Land- und Haus-Zeugmeister in Wien stand. Doch 
waren seiner Amtswirksamkeit um das Jahr 1740 entzogen: Liner- 
Oesterreich, wo das Artilleriewesen der innerösterreichischen Kriegs- 
Stelle unterstand; Ober- und Vorder-Oesterreich, für welche Länder- 
gruppe im Jahre 1740 ein eigener Functionär in der Person des 
Feld-Zeugmeisters Grafen Montrichier in Innsbruck bestand imd 
dem Militär-Directorium daselbst untergeordnet war ; endlich Italien 
und die Niederlande, wo (neben Detachements der Feld-Artillerie) 
noch eine eigene National-Artillerie unter der vom Monarchen 
eingesetzten Landes-Regierung existierte. ^) 

Eine solche vielköpfige Leitung konnte der Sache selbst nicht 
zuträglich sein. Der Vorschlag, Feld-, Land- und Haus-Artillerie 
unter einem Haupte zu vereinigen, wurde denn auch schon im 
Jahre 1741 gemacht^, ohne indessen sogleich 'durchzudringen. 

Die Instruction, welche am 7. August 1741 für den (an Stelle 
des verstorbenen Feldmarschalls Grafen Wirich Dann) zum Obrist- 
Land- und Haus-Zeugmeister ernannten Feldmarschall Grafen Lothar 
Königsegg ausgefertigt wurde ^), weist demselben noch den eben 
bezeichneten begrenzten Amtskreis zu. Er war, wie sein Vorgänger 
und Amtsnachfolger, ganz an den Hof-Kriegsrath gewiesen und 
durfte mit keiner anderen Hofstelle direct verkehren. Seiner Obhut 
waren die in den Zeughäusern seines Bereiches befindlichen „grossen 
und kleinen Artillerie-Sorten, Wehr und Waflfen mit allen Kriegs- 
requisiten, wie solche immer Namen haben mögen", anvertraut. 
Von ihm wurde die Nothwendigkeit der Nachschaffungen dem 
Hof-Kriegsrathe begründet, ohne dessen Bewilligung er die Vorraths- 
ziffer der einzelnen Zeughäuser (gewöhnlich in Festungen) nicht 
ändern durfte. Ueber das ihm unterstellte Haus-Artillerie- und 
Zeugs-Personale übte er das Disciplinar-Stxafrecht aus; schwere 
Justiz-Fälle hatte er dem Hof-Kriegsrathe zu melden. Die Anstellung 
beim Haus-Artillerie- und Zeugswesen erfolgte auf seinen gut- 
achtlichen Antrag gleichfalls von dieser Centralstelle. Besondere 



*) Oberst und Commandant des mailändischen National-Artillerie-Corps 
war seit 1726 Graf Stampa; die Instruction für diesen (mittlerweile General- 
Feld- Wachtmeister) vom Jahre 1730 im K. A., Kanzlei- Archiv, V, 62. 

*) K. A., Memoiren, IX, 70 („Allerunterthänigste, treugehorsamste wohl- 
meinende Gedanken" von einem unbekannten Verfasser). 

•) K. A., Kanzlei-Archiv, V, 69. 



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345 

Vorsicht sollten er und seine Organe bei Zeugslieferungen auf- 
wenden, damit das Aerar weder der Zahl, noch der Qualität nach 
tibervortheilt werde; immer aber sollten bei Lieferungen die in- 
ländischen Gewerkschaften, inländisches Material und die inländische 
Industrie zuerst berücksichtigt werden. Die Anregung von Fort- 
schritten und die Nutzbarmachung solcher auf dem Gebiete der 
Geschützgiesserei war seine besondere Pflicht ; doch war ihm hiebei, 
sowie in Bezug auf die Vorräthe der Zeughäuser die Geheimhaltung 
auf das Strengste geboten. Damit im Zusammenhange stand die 
Vorschrift, wenn möglich nur inländisches Personale römisoh- 
kathoHscher Iteligion zu verwenden, womit jedoch erprobte Aus- 
länder oder Akatholiken „ohne Nachtheil der ersteren keineswegs 
ausgeschlossen" wurden. Die Lieferungs-Contracte wurden bei ihm 
in Beisein von Organen des Hof-Kriegsrathes und der Hofkammer 
berathen; die Ausfertigung derselben aber geschah von der Hof- 
kammer allein. Derselben mussten auch alle Rechnungen jährlich 
eingesendet werden, während die Zeugs-Erfordemiss-Aufsätze und 
die monatliche Geldverwendung dem Hof-Kriegsrath nachzuweisen 
waren. Dem Feldmarschall Königsegg wurde nebst einer 
Naturalwohnimg neben dem Zeughause auf der Seilerstätte in Wien 
und nebst den sich ergebenden „Liefergeldem" (Taggeldem) „die 
gewöhnliche Besoldung mit jährlichen 1000 Gulden" zuerkannt. 

Als derselbe durch seine Berufung nach den Niederlanden 
dauernd von Wien abgehalten wurde, kam die Function des Obrist- 
Land- und Haus-Zeugmeisters an den General der Cavallerie 
Fürsten Joseph Wenzel Liechtenstein, dessen Name eine neue 
und ruhmvolle Epoche im österreichischen Artilleriewesen einleitet. 
Indessen trat die Wendung zum Bessern erst deutlich erkennbar 
nach Wiederherstellung des Friedens ein und fällt daher nicht 
mehr in den Rahmen dieser Darstellung. Bevor der bald zum 
Feldmarschall beförderte Fürst ungestört an seine so erfolg- 
reiche Umwandlung der österreichischen Artillerie gehen konnte, 
war es ihm noch vergönnt, auf Italiens Schlachtfeldern den Lor- 
beer des siegreichen Feldherm zu pflücken. 

In der ihm ertheilten Instruction vom 3. Juni 1744^) kam 
der schon berührte Gedanke der Unterordnung des ganzen Artillerie- 
wesens unter ein Haupt fast vollständig zum Durchbruch, wie es 
scheint, nicht ohne Widerstreben des Hof-Kriegsrathes. Mit der- 
selben wurde ihm „die Absicht und Besorgung nicht nur Unserer 

>) K. A.,F. A. Böhmen u. Ob.-Bhein, 1744, VI, 5 u. H.K. A. 1741, Mäi, 718 Eeg. 



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346 

gesammten Feld- Artillerie, sondern auch über alle Haupt- und Filial- 
Zeughäuser in den hungarischen und böhmischen, wie auch ober-, 
vorder-, dann inner- und unterösterreichischen Erb-Königreichen 
und Landen inclusive der beiden Warasdiner und Carlstädter 
Generalate, nebst der Lombardei anvertraut und aufgegeben". Seinem 
Einflüsse bHeben also blos die Niederlande entzogen. Mit Aus- 
nahme zweier Puncte über die Feld-Artillerie, welche auf dem 
vom Feld-Zeugmeister Born er eingerichteten Fusse erhalten 
werden soUte, ist die Instruction für Liechtenstein gleich 
jener für Königsegg. In Folge des erweiterten Wirkungskreises 
des Zeug- Amtes sollte es seit 1 745 auf Befehl Mari a^T h e r e s i a's 
künftighin „Q-eneral-Feld- Land- und Haus- Artillerie- 
Zeug- Amt'' heissen. ^) 

Dessen unmittelbare Organe in Wien waren die Zeug-Amts- 
Kanzlei, das Zeug-Zahlamt und der Zeug- Amts-Stab. Erstere bestand 
aus sechs Individuen, dem Zeug-Amts-Secretär, dem Zeug- Am ts- 
Expeditor und vier Zeug-Amts-Kanzlisten. *) 

Dem Zeug-Zahlamte stand bis 1742 ein Zeug -Zahl- 
meister vor. Ein Vorschlag, welcher im Jahre 1741 dem Hof-Kriegs- 
rath wegen dieses Amtes gemacht wurde ^), erzählt, dass durch die 
von verschiedenen aufeinandergefolgten Zahlmeis^m „theils began- 
genen strjrfmässigen Cassa-Eingriffe, theils sonst bei ihnen erwach- 
senen anderen namhaften Abgänge das . . . Aerarium in einen so 
unersetzHchen Schaden von vielen Tausend Gulden verfallen sei'' 
und beantragt die Reform „dieses zu immerwährenden Unrichtig- 
keiten gleichsam verhängten officii". Diese erfolgte auch zufolge 
eines gemeinsamen Vortrages des Hof-Kriegsrathes und der Hof- 
kammer am 8. Januar 1742 an die Königin*) dahin, dass die 
Charge des mit jährlich 1325 Gulden besoldeten Zeugmeisters 
aufgehoben und an dessen Stelle nur ein Zeug-Cassier mit jährUch 
600 Gulden eingesetzt wurde ; derselbe sollte dem Hof-Kriegsrathe 
unterstehen, aber nur das auszahlen dürfen, wofür er die Anweisung 
des Obrist-Land- und Haus-Zeugmeisters hatte. Der wichtigste 

*) Hofk. Arch., Hoffinanz, 9. November 1745 (Zuschrift des Hof-KÜegs- 
rathes ddo. 30. October 1745). 

«) K. A., H. K. E, 1746, August, 31 Exp., 736 Exp. und 7 Eeg. 

») Hofk. Arch., Hoffinanz, 26. September 1741. 

*) Ebenda, 30. Januar 1742. — Worin die Missstände im Zeug-Zahlamte 
bestanden, wird aus dem Entwürfe einer Instruction für den Zeug-Zahlmeister 
vom Jahre 1741 (K. A., Kanzlei- Archiv, V, 69/1} klar; dieser Entwurf kam in 
Folge der Reform nicht zur Ausfertigung. 



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347 

Theil der Reform bestand jedoch darin, dass der jährliche Verlag 
des Zeug-Zahlamtes von 60.000 auf 20.000 Gulden herabgesetzt und 
die Bezahlung der in den Ländern zerstreuten Haus- Artillerie-Posten 
an die ihnen nächstgelegenen Militär -Gassen überwiesen wurde.*) 



^) Diese 60.000 Gulden stammten aus den Contiibutionen der Erbländer 
und waren für die Haupt-Zeughäuser in Wien (56.000 Gulden) und Innsbruck 
(4000 Gulden) bestimmt. Ein Bericht des ober- und vorderösterreichisch en 
Militär - Directors Feldmarschall - Lieutenants Grafen v. Rost vom 17. Juni 
1740 (Hofk. Arch., Ober-Oesterreich, 6. August 1740) klagt, dass die seit Jahren 
für das Zeugwesen „Ober-Oesterreich" ausgeworfenen 4000 Gulden von dor 
oberösterreichisohen Hofkammer zum Theile auf den Bau der verschiedenem 
Achen und andeier Dinge verwendet worden seien, woher es komme, d&hs 
die schon seit mehreren Jahren für Kufstein angetragenen sechs eiserne u 
Mörser noch immer nicht beigestellt seien. 

Die für Wien ausgeworfenen 56.000 Gulden erhielten 1740 und 1741 
folgende D etail Widmungen : 

1740 1741 

Zur Gussfortsetzung in Wien und Ofen (eventuell Sieben- 
bürgen) für Zinn aus Schlakenwalde und Kupfer 

aus den Bergstädten fl. 1.830-— fl. 4.110-— 

Für Artillerie-Fassung und andere Zeugarbeiten (Eisen 

aus den Werken des Stiftes Admont) „ 6.584*30 „ 2.182*30 

Für die Armaturs - Meisterschaft zu Wiener - Neustadt 

„wegen Erzeugung der jährlichen 2000 Stück 

Flinten neuer Art" & 4 fl „ S.OOO*-- „ 8.000- — 

Für die Besoldung des Erzeugungspersonales daselbst . „ 392* — ,, 392* — 
Für 2000 Eeiter-Cürasse mit Hinter- und Vordertheil 

ohne Caskett (ä 15 fl. 5 kr.) „ 10.500-- „ — 

Für 1000 solche Cürasse mit ,, gehöriger Weise auf Leder 

gesetztem Caskett" (ä. 6 fl. 30 kr.) . . „ — „ -6.500-— 

Für Siebenbürgen (Gewehr-Reparatur, Zeugs-Eisen und 

Verlag) „ 1.200-— „ 1.200'- 

„Bleiben an diesjährigem Fondo auf Giesserei, Verdienste, 

Zeugs-Arbeit, Gebäu, Liefergelder (Diäten) und 

andere Bestreitungen zum Verlag an die Zeug- 

Zahlamts-Cassa" „28.493-30 „33,615-30 

An Zeugholz war in beiden Jahren genügender Vorrath vorhanden. 

Die Lieferung der Cürasse wurde dem königlichen Stuckhauptmann und 
Ober-Feuerwerksmeister Anton Penzeneder „aus seiner zu Steyer im Lande 
ob der Enns stehenden Fabrique", aus welcher er in den vorhergehenden 
und nachfolgenden Jahren auch viele Tausende von Gewehren an das Aerar 
lieferte, übertragen. (Hofk. Arch., Hoffinanz 11. Januar 1740 und 12. Juli 1731). 
Din Vortrag des Hof-Kriegsrathes vom 2. December 1742 (K. A., H. K. 
R.* 1742, December, 120 Exp.) fuhrt aus, diese 60.000 fl. seien in früheren 
Jahren auch ausgezahlt und verwendet worden, sonst hätten die Vorräthe den 
bisherigen Anforderungen gar nicht genügt. Aber seit drei Jahren seien sie 
ganz ausgeblieben, was im Interesse des AUerTiöchsten Dienstes sehr zu be- 
dauern sei, da „die Artillerie die Seele der Feld- Operationen ist". 



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848 

Das Haupt-Zeug -Amts-Stab in Wien bestand 1740 
aus folgenden Personen *) : ein Zeug-Lieutenant, ein Stuckhauptmann 
und Ober-Feuerwerksmeister (Penzeneder), ein Zeug- Amtsschreiber, 
vier Zeugdiener, ein Stuckgiesser , ein Stuckverschneider, ein 
Büchsenmeister-Corporal, fünfzehn Büchsenmeister, neim Zeughaus- 
werkmeister und noch einige untergeordnete Individuen. 

Das Fortiflcationsbau-Zahlamt 

Dieses Amt wird in den gleichzeitigen Acten so selten erwähnt, 
dass der Schluss nahe liegt, es habe seinen früheren Geschäftskreis 
zur Zeit des Todes CarTs VI. nicht mehr innegehabt, sondern 
nach und nach an andere Organe (Hofkammer, Commissariat, 
Proviant- Amt, Ingenieure, Haus-Zeugamt) abtreten müssen und 
seine Thätigkeit nur mehr auf Wien beschränkt. Seine frühere 
Aufgabe war die Besorgung der administrativen und finanziellen 
Angelegenheiten der auf Anordnung des Hof-Kriegsrathes durch 
eigens delegierte Ingenieure auszuführenden oder von den Festungs- 
Commandanten zu leitenden Festungsbauten, weiters die Beischaffung 
des Schanzzeuges und sogar die Verproviantierung der festen Plätze, 
insbesondere aber die Befestigung Wiens. 

Der „Staats-Kalender oder Hof-Schematismus" für das Jahr 
1740 führt beim Fortificationsbau-Zahlamte folgende Functionäre 
an : ein Fortificationsbau-Zahlmeister, ein Fortificationsbau-Zahlamts- 
Gegenhandler (Controlor), acht Sperr - Einlass - Nehmer, (welche 
Chargen auch noch in der hofkriegsräthlichen Taxordnung vom 
Jahre 1-745 genannt werden), vierzehn Supernumerarii, vier Schanz- 
oder Wallknechte, ein Ober- und ein Unter-Ingenieur. 

Das Obrist-Schiff-Amt 

Das Obrist-Schifi*-Amt ^ war eine Behörde, welche nicht nur 
militärischen Zwecken, sondern auch den Bedürfnissen des Hofes 
(Fahrten nach Pressburg, Jagdfahrten u. a.) und fiscalischen An- 
forderungen (Salztransporte auf der Donau und Theiss, Einhebung 
der üeberfuhr- und Brückengelder) genügen und schliesslich selbst 
den Strompolizei-Dienst versehen musste. Im Kriege wurde aus 
seinen Beständen das Material für die Kjiegsbrücken zusammen- 
gestellt. Zu all' diesen Aufgaben musste das Obrist-Schiff-Amt die 

^) Staats-Kalender oder Hof- Schematismus v. J. 1740. 

*) K. A., Memoiren, XV, 24 (ein Aufsatz des Bruckhauptmanns Eschen- 
auer vom 20. Februar 1749).' — Vergl. Feldzüge des Prinzen Eugen, I, 
200 ; auch den Staats-Kalender oder Hof- Schematismus vom Jahre 1740. 



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349 

nöfchigen Wassertransporfcmittel mit allem Zugehör, die erforderliche 
Mannschaft und fiir den „Gegentrieb" (bei der Fahrt gegen den 
Strom) die Zugthiere aiifbringen. 

Der Dienst des Obrist-Schiff- Amtes in militärischer Besdehung 
bestand nebst der Aufstellung von Feld-Kjiegsbrücken, dann stabiler 
Schiffbrücken bei wichtigen Uebergangspuncten (z. B. Linz, Kxems 
[Stein], Wieu, Pressburg, Pesth, Esseg, Szegedin) und zahlreicher 
ständiger Ueberfahren, in der Verwahrung und Verwaltung des Materials 
in bestimmten Stationen und in der Besorgung der Wassertransporte 
von Mann, Kjiegsmaterial und Kjiegsbedürfaissen aller Art. 

In den wichtigsten Stationen, besonders wo sich ständige 
Schiffbrücken befanden, waren Bruck-Hauptleute oder Bruck-Lieute- 
nants, in den minder wichtigen Schiffverwahrer oder Bruck-Ünter- 
ofi&ciere als Aulsichtsorgane in Verwendung. Solcher Stationen 
waren in Nieder-Oesterreich : Stein (bei Krems), Traismauer, Tulln, 
Komeuburg, Klostemeuburg ; in Ungarn: Pressburg, Raab, Komom, 
Gran (1745 aufgehoben), Pesth, Baja (1745 aufgehoben), Uj-Palanka, 
Peterwardein, Pancsova, Esseg, Szegedin, Zenta, Titel, Temesvir. Dem 
Ober-Bruokhauptmann in Pressburg oblag die Inspicierung der auf- 
gezählten Schiffämter und Schiffverwahrungen in Ungarn. Im August 
des Jahres 1740 befanden sich beim Obrist-Schiff- Amte in Wien und 
in den ungarischen Schiff-Stationen (ausser den zweiunddreissig 
blechernen Pontons zu Peterwardein) im Ganzen 842 Fahrzeuge, wovon 
jedoch nur 614 nach entsprechenden Reparaturen als brauchbar, 
228 hingegen als völlig unbrauchbar ausgewiesen wurden. Die Fahr- 
zeuge hatten verschiedene Grössen und verschiedene Benennungen: 
Klobzillen, Kehlheimerui,GamsziLlen, Arztzillen (Erzzillen?), Siebnerin 
(ein Schiff, welches sieben Fuder Salz verfrachtete), Sechseria (analog 
wie vorher), eichene Brackl-Schiffe, Stock-Plätten, Steuer-Plätten, 
Rosenheimer-Plätten , Salzburger-Plätten. Mit den stärksten Vor- 
räthen waren versehen: Wien, Komom, Pesth und Peterwardein.^) 

Der in Philippsburg befindliche, ebenfalls dem Obrist- Schiff- 
Amte in Wien untergeordnete Schiffbrückenstand wurde im 
Jahre 1743 abgedankt und dessen 53 fast durchgehends reparaturs- 
unfähige Schiffe verkauft. ^ 



•) Hofk. Arch., Hoffinanz, 16. November 1740. Das Schiff- Amt wurde 
bis zum Jahre 1748 „alljährlich mit einer namhaften Anzahl neuer Siebnerin 
und Sechserin aus dem Salzkammergut Gmunden versehen", in dem 
genannten Jahre aber war darauf keine Hoffiaung zu machen und derVorrath 
in Wien auf zwölf Stücke zurückgegangen. (Ebenda, 16. Juli 1748.) 

«) Ebenda, 18. October 1743. 



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3B0 

Das Obrist-SchiflF-Amfc in der Leopoldstadt („am Tabor") zu 
Wien und dessen Dependenzen standen seit dem Jahre 1730 unter 
der Leitung des „Obrist- Schiff- Amts -Obristlieutenants" Claudius 
Le Fort du Plessy, welcher jährlich 2.764 Gulden Gehalt bezog. 
SeinPersonale bestand aus: einem Obrist-Schiff- Amts-Schreiber, einem 
Obrist-Schiff- Amts- Verwalter, einem Obrist-Schiff- Amts- Officier, 
einem Schuppenmeister, einem Stadel- (Schuppen-) Knecht und 
einem Profossen. Das Amt kostete jährlich 4.175 Gulden 15 Kreuzer. 
Seine Besoldungen und den Verlaig bezog es durch das Banco- 
Bruckbau-Zahlamt, welches aus dem Bruckbau-Zahlmeister und dem 
Bruckbau-Zahlamts-Controlor, dann noch drei Individuen bestand 
und indirect von der Hofkammer dependierte. 

Das Obrist-Schiff- Amt und die Schiff- Aemter unterstanden der 
Controle des Kriegs-Commissariats. Die Erfordemiss-Aufsätze für 
das gesammte Schiffs- und Pontonswesen wurden von Delegierten 
des Hof-Kriegsrathes, der Hofkammer und des Commissariats unter 
Beiziehung des Obrist-Schiff'-Amts-Obristlieutenants berathen. 

Das Obrist-Schiff- Amt und die ungarischen Schiff- Aemter waren 
im Jahre 1740 mit Schulden so überhäuft, dass Oberstlieutenant 
Le Fort im August die Hofkammer dringend um eine Abschlags- 
rate bitten musste, da er fast stündlich um Zahlungen angegangen 
werde; das angerufene „Hofmittel" bewilligte hierauf 1000 Gulden. 

Das General-Feld-Kriegs- Anditoriats-Amt ^) 

Diese höchste militärische Justizbehörde wurde von dem 
General-Feld-Kjriegs-Auditor (1740 von Summerau) geleitet, welcher 
Referent der militärischen Centralstelle und selbst meist Hof-Kriegs- 
rath war. Er fungierte in allen jenen criminal- und civilgerichtlichen 
Fällen, über welche dem Hof kriegsrathe die Gerichtsbarkeit zustand. 

Ihm war ein General-Auditor-Lieutenant, ein Feld-Gerichts- 
schreiber und das sonst nöthige Kanzlei-Personale beigegeben. 
General- Auditor-Lieutenants standen im Jahre 1740 auch in Graz, 
Raab, Esseg, Hermannstadt, TemesvÄr, Szegedin, Mailand, Brüssel 
und in Toscana; Landes- Auditore zu Ofen, Komom, Kaschau, 
Peterwardein und Linsbruck. 

Ln Felde befand sich bei jeder grö»seren Armee ein General- 
Auditor-Lieutenant eilige theilt und besorgte jene Gerichtsfälle, 
welche ausser der Competenz der mit dem , jus gladii" ausgestatteten 
Truppenchefs lagen, also dem commandierenden General zufielen. 

*) Feldzüge des Prinzen Eugen, I, 202. — Staats-Kaleuder etc. 1740. 



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351 

Dem General- Auditoriate wal* das kaiserliche Kjiegsgericlit und 
Begiments-Schidtheissen-Amt in Wien untergeordnet. Dasselbe übte 
die Gericlitsbarkeit über die im Bereiche von Wien befindlichen 
Militärpersonen aus, soweit sie nicht der Gerichtsherrlichkeit eines 
Regiments unterstanden; namentlich Schuldforderungen an höhere 
Officiere, Klagen von Civil-Personen gegen das Militär, Bechnungs- 
Processe und dergleichen wurden diesem Amte zugewiesen. Es 
bestand um 1740 aus dem Kriegs-Gerichts- und Regiments- 
Sohultheiss, dem Kriegs-Gerichts-Schreiber, vier Beisitzern, einem 
Gerichtswebel, einem Profossen und einem Profoss-Lieutenant. 

Die Oeneraliat. 

Grosser und kleiner Generalstab. 

In der österreichischen Armee gab es von altersher immer 
nur einen General-Lieutenant als den Stellvertreter des obersten 
Kriegsherrn. Nach dem Tode des Prinzen Eugen wurde diese 
Charge im Jahre 1738 an den Gemahl Maria Theresia's, den 
Grossherzog Franz Stephan, verliehen. 

Die Zahl der Feldmarsohalle, Generale der Cavallerie und 
Feld-Zeugmeister, dann Feldmarschall-Lieutenants und General- 
Feldwachtmeister (General-Majore) war nicht beschränkt. Soweit 
die in das Feld beorderten Generale nicht selbst Comman- 
danten einer Armee oder abgesonderter Armeetheile waren, standen 
sie zur Disposition des die Armee commandierenden Generals, welchem 
sie je nach Erfordemiss und Wunsch zugewiesen wurden. Die 
ursprüngliche Bedeutung der Generals-Chargen-Bezeiohnungen hatte 
sich schon grösstentheils abgeschliffen ; aus der Benennung früherer 
Functionen waren feste Generalsgrade geworden. Es gab jedoch 
noch nicht ständige Armeekörper höherer Ordnung (tacbische und 
strategische Einheiten) und desshalb wurden die Generale als 
Trefien- und Flügel-Commandanten oder deren Gehilfen in die 
Ordre de bataille eingetheilt. Obwohl das Wort „Brigade" schon 
häufig angewendet wird und auch meistens einer Truppenstärke 
von sechs bis zehn Bataillonen entsprach, so darf doch darunter immer 
nur eine vorübergehend, auf bestimmte Zeit angeordnete Formation 
verstanden werden. ^) 



*) Die „Instruction für die, die Colonnen (in die "Winter-Quartiere) 
fährenden Generale" ddo. Hochstädt am 18. October 1743 (K. A., F. A. 
Bayern und Ober-Rhein 1743, X, 32) sagt: „Uebrigens dient hiermit zur 
weiteren Richtschnur, dass, nachdem die in Bayern zurückkehrenden Truppen 



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352 

Die Gesammtheit der Generale einer Armee bildete deren 
„grossen General st ab". Die Mitglieder desselben nalunen 
Theil an dem Kriegsrath, welchen der Armee-Commandant in wich- 
tigen Fällen zu berufen verpflichtet war, ohne an dessen Votum 
gebunden zu sein. 

Im Frieden oblag der Generalstabsdienst hauptsächlich dem 
Hof-Küegsrathe, eventuell im Vereine mit mehreren von Fall zu 
Fall zur Berathung berufenen höheren Generalen. 

Da es noch keinen eigenen Generalstab im heutigen Sinne 
gab, so fiel dessen Dienst im Felde ganz dem „grossen General- 
stab*', den Generalen selbst zu. Doch hatte sich schon seit langer 
Zeit zur Verrichtung des niederen Generalstabs-Dienstes eine 
Gehilfenschaft der Generale herausgebildet, welche im Gegensatze 
zum ,,grossen", der „kleine Generalstab" hiess. Die wichtigsten 
Repräsentanten derselben waren die General- Adjutanten und der 
General-Quartiermeister; zu ihm gehören femer der General- 
Quartiermeister-Lieutenant, der Stal^s-Quartiermeister (eventuell 
auch mit einem Lieutenant), der General- Wagenmeister, der 
General-Wagenmeister-Lieutenant, der Capitaine des guides (Chef 
der Wegweiser, Boten, Kundschafter), der General-Gewaltige 
(oberste Feld-Polizei, im Dienste immer in Begleitung einer Eeiter- 
bedeckung), der Stabs-Profoss (eventuell auch mit einem Lieutenant). 
Der Dienst dieser Chargen liegt durchaus in ihrer Benennung aus- 
gedrückt und erstreckte sich auf die Verhältnisse einer Armee und 
des Hauptquartiers. Der General-Adjutant war also nicht das, was 
wir heute darunter zu verstehen pflegen, sondern der. Gehilfe des 
commandierenden Generals, dessen Befehle er vermittelt, sowohl 
an den General-Quartiermeister und dessen Organe, als auch an 



anheuer nicht, wie im vorigen Jahr, auf Postierung stehen, sondern ihre da- 
selbst ausgezeichneten Winter- Quartiere in der Ruhe gemessen können, so un- 
nöthig als überflüssig sei, die Regimenter an ihre bisherigen Brigadiers und 
Generale angewiesen zu lassen, einf olglich die Intention dahin gehe, dass, 

wann sie Herren Generals ihre dermalen unterstehenden Regimenter in 

dem ihnen zuerkannten Quartiersnumero eingeführt haben, sie sich mit diesen 
weiter nichts einmischen, sondern einem jedweden Regiments-Commandanten 
die Sorge überlassen sollen, sowohl die eigentliche Dislocation seines unter- 
habenden Regiments nach eigenem guten Befund zu veranstalten, als auch 
sonst zu Abhinderung aller Excesse die diensam ermessenden Dispositionen 
anzukehren, anerwogen auch selber hiervor zu repondieren haben wird, woraus 
sich jedoch femers von selbst ergiebt, dass die gesammten Regimenter nur 
allein an denjenigen General, so in ersagtem Bayern das Ober-Commando 
führen wird, kriegsgebräuchigermassen assigniert (sind)". 



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B63 

die Generale und Truppen-Commandanten. Der General-Quartier- 
meister hatte die Lager und Winter-Quartiere nach den allgemeinen 
Weisungen des Feldherm auszumitteln und anzuweisen ; ihm fiel also 
auch die Recognoscierung der Gegend in der angeordneten Marsch- 
richtung in Bezug auf Verpflegung und Gangbarkeit des Terrains 
zu. Der „kleine Q^neralstab" gieng daher unter entsprechender 
Bedeckung der marschierenden Armee voraus, soweit es die für Unter- 
kunft und Verpflegung zu treffenden Vorbereitungen erheischten. 

„Die Mangelhaftigkeit, um nicht zu sagen Aermliohkeit 
der Einrichtung des Q^neral-Quartiermeister-Amtes tritt auf den 
ersten Blick hervor. Es waren eben nur die untergeordnetsten 
Functionen, welche die Oberleitung am meisten beirrten, die der 
Feldherr an besondere Ausführungs-Organe überliess. Die wichtigste 
war wohl darunter die Recognoscierung ; allein auch diese hatte bei 
Weitem nicht jene Bedeutung, die ihr heute zukommt. Bei dem 
grossen Mangel an topographischen Behelfen und dem gänzlichen 
Fehlen solcher, zum Gebrauche geeigneter, marschierte die Armee 
im eigenen Lande mit nicht minderen Schwierigkeiten, als im 
fremden; das eine war ihr nicht viel weniger unbekannt, als das 
andere. Mühsam tastend suchte sie von Lager zu Lager ihren 
Weg, von dessen Gangbarkeit, ja, oft sogar von dessen Vorhanden- 
sein sie erst durch unmittelbar vorgenommene Eecognoscierungen 
Kenntniss erhielt. Daher der heute oft unerklärlich langsam 
scheinende Gang der Operationen, welcher rasche Märsche, uner- 
wartetes Auftreten, zu den Seltenheiten machte. Die Recognoscierung 
erhielt hiedurch allerdings einen nicht zu unterschätzenden Werth, 
allein derselbe war nur relativ und stand bei den engen Grenzen, 
die diesem Dienste factisch gezogen waren, nicht viel über jenem 
der heutigen Quartiermacher." *) 

Welche Bedeutimg man dem Dienste des „kleinen General- 
Stabes" beimass, erhellt allein schon daraus, dass sich seine Standes- 
ziffer nicht nach der Stärke des Heeres oder der Eigenthümlichkeit 
des B[rieges, sondern nach dem socialen Rang und militärischen 
Grad des commandierenden Generals richtete. Die Anforderungen 
an das Personale waren nicht eben grosse; nur der General- 
Wachtmeister und dessen Lieutenant sollten „in Etwas" die 
Ligenieurwissenschaft verstehen. 



*) Angeli, Zur Geschichte des k. k. General-Stabes. (Wien 1876), 9. 
(Fusst für die Zeit des Erbfolgekrieges auf den Instructionen für das General- 
Quartiermeister-Amt und die General-Adjutanten vom Jahre 1725, K. A., 
Memoiren, XI, 58 und 69.) 

Oesterreiohisober Erbfolgekrieg. I. Bd. 23 



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354 

Da der Dienst des „kleinen Generalstabes" von den General- 
Adjutanten geleitet wurde, zu welcher Stelle Manche oft in jungen 
Jahren und nicht jedesmal mit Rücksicht auf ihre inteUectuelle 
Eignung oder gewonnene Erfahrung durch die freie Wahl des 
Feldherm berufen wurden, da weiters die General-Adjutanten nicht 
stabil blieben, sondern mit der Person des commandierenden 
Generals wechselten und da auch der General-Quartiermeister-Stab 
erst unmittelbar vor jedem Kriege zusammengesetzt und nach dem- 
selben wieder aufgelöst wurde, so ist schon allein aus diesen 
Gründen eine hervorragende Leistung weder von der einen, noch 
der anderen Seite zu erwarten. „Mochten sich auch im Laufe der 
folgenden Jahrzehnte so manche Uebelstände abgeschliffen haben 
und die Erfahrungen des Krieges nicht verloren gegangen sein, so 
überzeugten doch schon die beiden schlesischen Kriege, dass gegen- 
über der durch rasche Operationen ausgezeichneten Tactik 
Friedrich des Grossen ein so schwerfälliger und ungenügender 
Apparat, wie er dem kaiserlichen Oberbefehle zur Verfügung stand, 
nicht aufkommen konnte."^) Aber es ist auch gerade in den 
schlesischen Kriegen nicht zu verkeimen, dass unter den General- 
Adjutanten mitunter ganz ausgezeichnete Kräfte sich fanden, wovon 
z. B. der geniale Parteigänger General- Adjutant Franquini einen 
Beweis liefert. 

Häufig werden auch die übrigen Organe des Hauptquartiers 
unter die Bezeichnung „kleiner Generalstab" subsummiert, als : Die 
Stabs-Medici (immer Doctoren der Medicin), deren ältester als 
Chef-Arzt der Armee ftmgierte, die Stabs-Chirurgen (Stabs-Feld- 
scherer), die Beamten des Commissariats, des Proviant-Amts, der 
Feld-Kriegs-Cassa, des Auditoriats, der Feld-Apotheke, der Feld- 
post, einige Ligenieure und der Pater superior. ^ 

Sieht man genau zu, so gliederte sich der Dienst der Organe 
des Hauptquartieres gerade so, wie jener des „kleinen Stabes" beim 
Regimente und jener der „kleinen Prima-Plana" bei einer Compagnie, 
von welch' letzterer (da sie noch Fähnlein hiess) die Organisation 
ausgegangen ist. Folgende schematische Zusammenstellung macht 
dies ersichtlich: 



>) AngelL a. a. 0. 13. 

•) Der erste Oberst-Hofkanzler Graf Sinzendorff erhielt 1741 von der 
Bancalität 36 Scudi für ein päpstliches Breve, welches zu Eom „für Ihro 
Königlichen Majestät Beichtvater, des Patris Kampmüller Hochwürden als 
Christen Feld -Pater" ausgefertigt wurde. (Hofk. Arch., Hoffinanz, 
22. Juli 1741.) 



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355 



Armee-Haup tquarüer 


Begimeutsstab 


CompagniA 


General-Adjutant 


Wachtmeister-Lieutenant 
(Adjutant) 


Feldwebel 


General-Quartiermeister 

oder dessen Lieutenant, 

Stabs-Quartiermeister u. 

Capitaine des guides 


Eegiments-Quartier- 
meister 


Fourier 


General-Kriegs-Commis- 
sariats -Amts -Feld - Sub- 
stitution 


Derselbe als Eechnungs- 
filhrer 


Fourier 


General-Auditor-Lieut. 


Auditor 


(Compagnie - Comman- 

dant, berechtigt zu Dis- 

ciplinarstrafen) 


Feld-Kriegs-Expedition 


Derselbe als Secretarius 


bis 1740 Musterschreiber, 
hernach Fourier 


Pater superior 


Caplan 


(Einzebie Dienstesob- 
liegenheiten des Fähn- 
richs und Führers) 


Proviantstab 


Regiments-Proviant- 
meister 


Fourier 

1 


General - Wagenmeister 
oder dessen Lieutenant 


Regiments-Wagenmeister 


(Zwei Mann zur Bagage- 
Wache) 


G-eneral-Gewaltiger und 
Stabs-Profossen 


Regiments-Profoss 


1 
(Corporal) 


Stabs - Medicus, Stabs- 
Chirurgus, Feld - Apo- 
theker 


Regiments - Feldscherer 
mit dem „Medicamenten- 
Kasten" 


Feldscherer-Geselle mit 1 
Verbandzeug 



23* 



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356 

In dieser Zusammenstellung drückt sich zugleioli das Ver- 
fligungsrecht der höheren über die niederen Organe des Regiments 
und der Compagnie aus, wobei jedoch die Rechte des Regiments- 
Commandanten nicht geschmälert werden durften. 

Anfangs des Jahres 1740 waren auf die Contributionen der habs- 
burgischen Länder, mit Ausnahme Italiens und der Niederlande, fol- 
gende Generale mit den beigefiigten jährlichen Gagen angewiesen^): 

General-Lieutenant . • 50.000 fl., 

„ Feldmarschälle k 11.804 „ 

„ Feldmarschall • 9.900 „ 

„ Feldmarschälle (Titulare) k . . . 9.144 „ 
„ Feldmarschall „ .... 7.920 „ 

„ der Cavallerie 9.144 „ 

(Titular) .... 5.664 „ 
„ „ ,, „ .... 4.^40 ,, 

„ Feldzeugmeister 7.824 „ 

12 „ Feldmarschall-Lieutenants k . . 4.740 „ 
2 „ „ „ (Titulare) 4 3.960 „ 

34 „ Feldwachtmeister a 3.960 „ 

1 » ,7 4.320 „ 

Unter den Feldmarschällen befindet sich der Hof-Kriegsraths- 
Präsident Graf Joseph Harr ach, welchem in dieser Eigenschaft 
jährlich 18.000 Gulden und überdies die Gebühren des Oberst- 
Inhabers zuflössen. Letzteres war auch bei allen anderen Generalen 
der Fall, welche „wirkliche Oberste'' (Inhaber) waren. 

Es war „althergebrachte Observanz", dass die Generale im 
ersten Jahre nach ihrer Beförderung (im sogenannten „Carenz- 
Jahre'') die Gage der zuletzt innegehabten Charge genossen, sonach 
die General-Feldwachtmeister „allein die Obristens- imd Hauptmanns- 
(Rittmeisters-) Gage". Maria Theresia bestätigte am 13. Mai 
1744 diese Gepflogenheit, nur sollten die Obersten-Gagen der neuen 
General-Feldwachtmeister künftig aus der Operations-Casse bezahlt 
werden, „damit die Regimenter mit dem Gelde besser die Stabs- 
Officiere bezahlen und die vacanten Compagnien an verdiente Offi- 
eiere vergeben werden könnten, sonach nicht ohne wirkliche Haupt- 
leute wären". 

Auch die General- Adjutanten, gewöhnlich in einer der Chargen 
vom Hauptmann (Rittmeister) bis zum Obersten stehend, sollten 



») K. A., Memoiren, VIII, 12. 



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857 

Ton diesem Zeitpunote an bei den Regimentern auf ihre Comipag- 
nien „resignieren" und ebenfalls aus der Operations-Casse die Gage 
beziehen ^). Diese wird für das Jahr 1740 mit jährlichen 1824 Gulden 
angegeben. Damals werden in den deutsch-böhmisch*ungarischen 
Erblanden sieben General-Adjutanten mit dieser Gage angeführt. 
Bei der Haupt- Armee des Prinzen Carl von Lothringen befanden 
sich im Mai 1 744 allein deren fOnf^ bei BatthyÄny in Bayern zwei. 

Der General-Quartiermeister-Lieutenant Grämlich bezog 1739 
auf ein Jahr 1740 fl., der Stabs-Quartiermeister 416, der General- 
"Wagenmeister 768, dessen Lieutenant 300, der Capitaine des guides 
768, der General-Gewaltige 1080, der Stabsprofoss 800 Gxilden. «) 

An Landes- Vorspann gebührten einem Feldmarschall fünf, 
einem Feldzeugmeister oder General der Cavallerie vier, einem 
Feldmarschall-Lieutenant drei xmd einem General-Feldwachtmeister 
oder einem nicht mit seinem Regimente marschierenden Obersten 
„im Herrendienste" zwei Wagen. 



Die Truppen. 
Redactionen seit dem Frieden Ton Fassarowitz 1718. 

Zur Zeit als die kaiserlichen Truppen unter des Prinzen Eugen 
von Savoyen genialer Führung in den Kämpfen von Peterwardein, 
Temesv&r und Belgrad sich unvergänglichen Ruhm und dem Kaiser 
das Temeser Banat, nebst Theilen von Serbien, Bosnien und der 
Walachei erwarben, bestand die habsburgische Hausmacht aus 
53 Infanterie-, 22Cüra8sier-, 17 Dragoner- und 5 Husaren-Regimentern. 
Obwohl die dem Frieden von Passarowitz (Po2arevac) folgenden 
fünfzehn Jahre durchaus nicht ohne Kämpfe abliefen, gestatteten die 
Verhältnisse mehrfache Reductionen in der Zahl und Stärke der 
Eegimenter, wobei die finanzielle Lage des habsburgischen Länder- 
besitzes massgebend war. Mit Ende dieses Zeitraumes (1732) gab es 
an kaiserlichen „immediaten" Truppen 47 Infanterie-, 20 Cürassier-, 
12 Dragoner- und 3 Husaren-Regimenter. In den Kämpfen um 
die polnische Thronfolge sah sich der Kaiser neuerdings zu 
grossen Anstrengungen genöthigt und es entstanden daher in den 
Jahren 1733 bis 1735 acht neue Infanterie - Eegimenter (wobei 
das 1733 errichtete und schon im folgenden Jahre wieder aufgelöste 



») K. A., H. K. R. 1744, Mai, 241 Reg. 
«) K. A., Memoiren, VIU, 15. 



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358 

Regiment Mo Itke nicht mitgezählt wird), femer zwei Dragoner- 
und sechs Husaren-Regimenter. Nach dem Frieden wurden drei 
Infanterie-Regimenter (darunter die zwei neapolitanischen, Monte- 
leone und Spinelli), dann zwei Cürassier-Regimenter reduciert. ') 

Im Jahre 1733 bestand jedes Infanterie-Regiment aus fün&ehn 
Musketier- (auch „Füsilier-" oder „Ofdinari-") Compagnien, ein- 
getheiltin drei Bataillone imd aus zwei Grenadier-Compagnien. Eine 
der letzteren zählte 100, eine Ordinari-Compagnie aber 140 Mann, 
so dass also ein BataUlon 700, das ganze In£ajxterie-Regiment mit 
dem „completen", d. h. dem vorgeschriebenen oder Sollstande 
2300 Mann zählte. Jene Regimenter, welche im römischen Reiche 
standen oder dahin bestiomit waren, erhielten Ende 1733 ein viertes 
Bataillon, kamen sonach auf 3000 Mann. 

Ein Cürassier-Regiment zählte auf dem Kriegsfiisse 1094 Mann, 
eingetheilt in zwölf Ordinari-Compagnien k 83 und in eine Cara- 
binier-Compagnie zu 98 Mann. Die Dragoner-Regimenter hatten 
dieselbe Stärke und Eintheilung, nur hiess die dreizehnte Compagnie 
die Grenadier-Compagnie. Ein Husaren-Regiment damaliger Zeit 
hatte den Sollstand von 1000 Mann, welche in zehn Compagnien 
von je 100 Mann abgetheilt wurden. Die Compagnie war die 
administrative Unter- Abtheilung ; im Gefechte oder beim Exercitium 
bildeten bei allen Reiter - Regimentern zwei Compagnien eine 
Escadron. ^ 

Die zu Anfang des Jahres 1736 beabsichtigte Auflösung zweier 
weiterer Infanterie-Regimenter und die Reduction jedes Infanterie- 
Regiments auf 2000 Mann, der Cürassier- imd Dragoner-Regimenter 
auf je 800 Mann und 440 Pferde, dann der Husaren-Regimenter 
auf 600 Mann und 300 Pferde *) kam mit Rücksicht auf den heran- 
rückenden Türkenkrieg nicht zur Durchführung. Noch vor dem 
eigentlichen Beginn dieses Krieges erfloss jedoch am 18. October 
1736 die kaiserliche Resolution, dass alle Infanterie-Regimenter 
auf den „completen Stand" von 2300 Mann in drei Bataillonen und 
zwei Grenadier-Compagnien zu setzen, demnach die vierten Batail- 
lone, wo sie bestanden, mit 1. November 1736 zu reducieren seien *) 



») Vergl. die Tabellen, Beilage 22 A und 22 B im 20. Bande der „Feld- 
züge des Prinzen Eugen". Auf die gemietheten und Auxiliar-Truppen wird 
hier und im Folgenden keine Rücksicht genommen. „Reduciert" bedeutet im 
militärischen Sprachgebrauch jener Zeit „aufgelöst". 

•) Feldzüge des Prinzen Eugen XIX, 101, 106. 110. 

») K. A., H. K R., 1736, Prot Reg. foL 243 (Februar 22). 

*) K. A., H. K. R., 1736, Prot Reg. fol. 1421, 1660. 



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359 

und weiters am 23. Febmar 1737 die Allerliöcliste EntscKliessmig, 
die „Regimenter zu Pferd" (d. h.' Cürassiere und Dragoner) um 
vierzig Mann, also auf 1054 Mann herabzusetzen ^). Es ist ver- 
muthlich ein Ergebniss des unglücklichen Feldzuges von 1738 und 
der finanziellen Erschöpfhng des Staates, dass man gegen Ende 
dieses Jahres beschloss, die Ctirassier- und Dragoner-Regimenter 
nur mehr auf 1000, die Husaren-Regimenter gar nur mehr auf 800 
Mann imd Pferde ergänzen zu lassen. ^ 

Nachdem während des Ttirkenkrieges die Zahl der Regimenter 
nur bei den Dragonern eine Aenderung erfuhr, indem der Kaiser 
vom Hause Württemberg, laut Capitulation vom 5. October 1737 
mit demselben, das Dragoner-Regiment Ludwig "Württemberg 
übernahm^, so bestand die kaiserliche Hausmacht am Ende 
dieses KjHieges aus 52 Infanterie-, 18 Cürassier-, 15 Dragoner- 
und 9 Husaren - Regimentern. Diese repräsentierten nach dem 
eben gütigen Sollstande eine Armee von 118.700 Mann In- 
fanterie und 40.962 Reitern, somit im Ganzen von 159.662 
Mann^), eine Zahl, die in Wirklichkeit in Folge der Verluste vor 
dem ^ Feinde, der Anstrengungen auf Märschen und in Lagern, des 
vielfach ungesunden Klimas imd oft sumpfigen Bodens, endlich 
der an den Südgrenzen des Reiches damals nie ganz erlöschenden 
Pest und anderen Krankheiten freilich nicht erreicht wurde. Eine 
Standes-Tabelle der kaiserlichen Armee in Ungarn und Slavonien 
vom 20. October 1739 weist fär 74 Bataillone und 56 Grenadier- 
Compagnien der Infanterie einen Abgang von 20.508 Mann gegen 
den „completen" Stand von 57.400 Mann auf ^), d. i. 35-7 Percent 
oder mehr als ein Drittel. 



') K. A., H. K. E., 1737, Prot. Eeg. foL 283. 

*) Ebenda, fol. 1522, 1881. Auch General der Cavallerie Graf Alexander 
Kdrolyi sollte (Ebenda, fol. 1949) bei seinem Hnsaren-Regimente die 
bisherige eilfte Compagnie auf die anderen zehn anftheüen und das Eegiment 
auf 800 Mann setzen ; das soheint aber nicht geschehen zu sein ; das Eegiment 
K & r o 1 y i wird auch in den folgenden Jahren um eine Compagnie stärker 
ausgewiesen, als die anderen Husaren-Eegimenter. 

») K. A., H. K. E. 1740, März, 638, Reg, 

*) Hiebei sind die in den Niederlanden befindlichen drei National-In- 
fanterie-Eegimenter Los Eios, Pri6 und de Ligne mit je 2000 Mann, die in 
Italien stehenden Gürassier-Eegimenter Miglio und Berlichingen, dcmn das 
Dragoner-Eegiment Sachsen- Gotha mit je 1094 Mann, die ebendaselbst stehen- 
den Husaren-Eegimenter Baranyay und Havor mit je lOOO, endlich das Husaren- 
Eegiment K4rolyi mit 880 Mann angenommen; diese Eegimenter erscheinen 
noch zur Zeit des Todes des Kaisers mit diesem vorgeschriebenen Stande. 

*) K. A.; F. A. Türkenkrieg, 1739, X, 26. 



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860 

Die Bednctioiuiprojeete der Jahre 1789 und 1740. 

Zahl und Stand der Regimenter beim Tode Carl VI. 
Dislocations-Aendernng im Jahre 1740. 

Nachdem am 18. September 1739 mit den Türken der Friede 
von Belgrad abgeschlossen worden, richtete sich des Kaisers erste 
Sorge darauf, die durch den unglücklichen Krieg seinen Ländern 
geschlagenen Wunden wieder zu heilen, indem er anstrebte, die 
Lasten seiner Unterthanen soweit, als es sich mit der politischen 
und militärischen Ma,chtstellung seines Hauses vertrug, zu er- 
leichtem. 

Das nächstliegende Mittel hiezu lag scheinbar abermals in einer 
Eeduction der Zahl und Stärke der kaiserlichen Regimenter. Diese 
konnten vermöge der geltenden Grundsätze hinsichtlich ihrer Er- 
gänzung, dann der Dienstzeit des gemeinen Mannes nicht derart 
leicht ihren Stand vermindern, wie dies heutzutage geschieht. 
Dazu bedurfte es einer ausdrücklichen und detaillierten kaiserlichen 
EntSchliessung. Hervorragende Generale, wie z. B. der Feldzeug- 
meister Joseph Prinz zu Sachsen-Hildburghausen waren 
der Meinung, dass mit Rücksicht auf das geschwächte Heer imd 
dessen im letzten Kriege untergrabenes Ansehen, dann aber auch 
auf die ganze politische Lage eher eine Vermehrung als eine Vermin- 
derung der Zahl der Regimenter platzgreifen solle; aber die Er- 
kenntniss der stark herabgekommenen materiellen Leistungsfähig- 
keit der Monarchie nöthigte ihn und auch Männer, wie den Feld- 
marschall Khevenhüller, sich trotz allen Widerstrebens mit dem 
Gedanken der Reduction vertraut zu machen. Als Vorbereitender 
Schritt zu derselben ergieng am 3. und 24. October 1739 an sämmt- 
liche Regimenter zu Fuss und zu Pferd die Vei*ordnung, dass die 
schon vacanten oder noch offen werdenden Stabs-, Ober- und 
Unterofficiers-Plätze bis auf weiteren Befehl nicht besetzt werden 
dürften ^). 

Die Berathung der finanziellen Lage ergab, dass zum künf- 
tigen Unterhalt der Kriegsmacht jährlich nur auf acht Millionen 
Gulden zu rechnen sei, wovon sechseinhalb Millionen für den 
Unterhalt der Regimenter in den deutschen, böhmischen xmd 
ungarischen Erblanden, der Rest für die übrigen Militär-Erforder- 
nisse in Anschlag gebracht war^. Die Regimenter, welche nach 

») K. A., H. K. K. 1739, Prot Keg. fol. 1872, 1992. 
') Hofk. Arch., Eeichs- Archiv, Fascikel 165 Deputations-Protocoll, 6. No- 
vember 1739 und Conferenz-Protocoll, 6. April 1740. 



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361 

Italien und in die Niederlande zu stehen kamen, sollten aus den 
Einkünften dieser Provinzen erhalten werden. Der Hbf-Kriegsraths- 
Präsident Feldmarschall Graf Joseph H a r r a c h meinte zwar in 
einem Briefe vom 16. November 1739 an den Prinzen von Sachs en- 
Hildburghausen^), mit dieser Suiome könne so wenig das Auslangen 
gefunden werden, als sein Schneider aus den für ein Kleid aus- 
reichenden sieben Ellen Tuch sechs ganze Kleider machen könne, 
aber es blieb bei den trostlosen Umständen auch ihm nichts 
anderes übrig, als auch seinerseits zur Lösung des Problems bei- 
zutragen. 

Die ersten Reductionsprojecte liefen schon im October 1739 
von den Feldmarschällen Grafen Khevenhüller und S eck en- 
do rff (damals in Graz interniert) ein. Dasjenige des Letzteren^ 
beschäftigte sich mehr mit der allgemeinen Lage als mit der con- 
creten Frage und wurde daher, so beachtenswerth sonst sein Lihalt 
auch war, damals nicht weiter in Betracht gezogen. Kheven- 
hüller arbeitete seinen Entwurf wieder um und seine neue Arbeit 
kam im Laufe der ersten Hälfte *des Jahres 1740 mit noch vier 
anderen Entwürfen der Feldmarschälle Grafen Harr ach und 
Königsegg, des Feldzeugmeisters Prinzen von Sachsen- 
Hildburghausen und des Hof-Kriegsrathes von Koch zur 
commissionellen Berathung.^) 

Die Vorschläge dieser fünf Männer von Erfahrung sind 
aus nachstehender Zusammenstellung zu entnehmen. Zu deren 
Verständniss muss nur noch erwähnt werden, dass vom Kaiser 
noch vor Beginn der Berathimgen die Auflösung des „illyrisch- 
raizischen" Husaren-Regiments Cantacuzene und des Dragoner- 
Regiments Ludwig Württemberg genehmigt wurde*), so dass 
die Projecte nur mehr von der Anzahl von 52 Lifanterie-, 
18 Oürassier-, 14 Dragoner- und 8 Husaren-Regimentern ausgehen 
konnten. 



K. A.; F. A. Türkenkrieg, 1739, XI, 5. 

«) K. A., F. A. Türkenkrieg 1739, XHI, 20. Khe venhüller's Project 
vom 14. October 1739 ebendaselbst, Memoiren, VIII, 12. 

•) Die ftinf Projecte im K. A. in dem umfangreichen Acten-Convolut 
H. K. K. 1740, Juni, 1002, Exp. Khevenhüller's Project in zweiter 
Original- Ausfertigung auch in den .,M6moiren", VI ET, 9, 10 a— e. Vergl. 
„Khe V einhülle r's Wehrsystem" in den „Mittheilungen des k. k. Kriegs- 
Archivs", Jahrgang 1881. 

♦) Hofk, Arch., Eeichs-A., Fascikel 165, Conferenz-ProtocoU 10. Sep- 
tember 1789. — K. A., H. K. E. 1739, October, 271, Exp. amd 1740, März, 
633, Eeg. 



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Dragoner- 



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363 

Allen Projecten gemeinsam ist, dass sie die Zahl der Cürassier- 
Regimenter unberührt lassen und höchstens zwei Dragoner-Regi- 
menter zur Auflösung beantragen. Darin prägt sich nicht nur die 
Schwierigkeit der Wiedererrichtung solcher Regimenter im Bedarfs- 
falle, insbesondere bezüglich der Pferdebeschaffiing, sondern ebenso 
stark auch die Werthschätzung aus, die sich die „deutschen" Caval- 
lerie-Regimenter in den Kämpfen unter Prinz Eugen erworben 
hatten. Weiters ist bei allen Reiter-Regimentern die Zahl der beizube- 
haltenden Pferde weit geringer, ja bis zur Hälfte schwächer, als die 
des projectierten Mannschaftsstandes entworfen; dies entsprach der 
bisherigen Gepflogenheit. Abgesehen von dem Projecte Königs- 
egg, handelte es sich also bei den anderen um die Auflassung 
mehrerer Infanterie-Regimenter, weil schlechterdings gespart werden 
musste und mehrerer Husaren-Regimenter, welche erfahrungsgemäss 
am leichtesten wieder errichtet werden konnten. 

Khevenhüller's Hauptaugenmerk war auf die Erreichung 
eines möglichst hohen Feuergewehr-Standes, die thunlichste Ent- 
lastung des Aerars und der Länder von den kostspieligen Regiments- 
stäben und den „kleinen Prima-plana"- Parteien, dann die Ermög- 
lichung einer raschen Mobilisierung gerichtet. Die Officiere der 
aufzidösenden Regimenter sollten theils ganz abgedankt, theils mit 
halber, theils mit ganzer Gage den verbleibenden Regimentern 
zugetheilt, „aggregiert" werden, bis sich Aperturen ergäben. Die 
Zahl der Chargen sollte vermindert, die Gemeinen und die „kleine 
Primaplana", (d. h. die über dem Corporal stehenden Unteroffi- 
ciers-Parteien der Oompagnien) der aufzulösenden zwölf Regimenter 
als Gemeine in die verbleibenden vierzig Regimenter eingetheilt 
werden. Trotz der um zwölf verminderten Zahl derselben würde 
nach seinem Plane die kaiserliche Armee mehr Combattanten 
haben, als bisher; durch sein System werde auch der gemeine Mann 
mehr conserviert; „dieser kann zu Friedenszeiten ad exercitium 
armorum et operis gebracht werden ; sofort ist bei hervorbrechendem 
Krieg allezeit schon ein miles exercitatus vorhanden, da in con- 
trario die schwache Mannschaft in Wachten und Diensten strapaziert 
wird imd zu Grunde gehen muss". Im Ernstfälle könnten aus dem 
starken Mannschaftsstande leicht wieder neue Bataillone geschaffen 
werden mit einem starken Kern ausgebildeter Leute, unter welche 
ohne Gefahr noch leicht Recruten gesteckt werden könnten. Den 
Einwand, dass nach seinem Entwürfe in der Armee zu wenig 
Officiere seien, während es deren z. B. in Frankreich sehr viele 
gebe, liess er nicht gelten, „weil in Frankreich die Noblesse und 



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864 

Jugend zu dienen obligierfc, so aber bei uns nicht ist, dann unter 
den kaiserlichen Truppen die meisten Offioiere AuslÄnder, auch die 
Unteroffioiere und Gemeinen selbst in guter Anzahl Fremde sind". 
Es sollten fernerhin nicht so oft fremde, zum Theil unerfiethrene 
„Personalien" unter die Eegimenter gesteckt, sondern eher die mit 
halber Q-age aggregierten Officiere eingebracht werden; auch in 
der Generalität, in der Artillerie, bei den Ingenieuren, in den Kanz- 
leien und beim Kriegs-Commissariat hätten „viel überflüssige, ohn- 
nöthige und incapable Personen de praeterito zur Annehmung sich 
zu insinuieren gewusst", nun sei aber dagegen keine Abhilfe 
möglich, da „die Allerhöchst angestammte kaiserliche Clemenz und 
Pietät nicht verstattet, dergleichen wieder abzuschaffen". Man 
solle aber diese Leute doch entlassen, monatlich genaue Standes- 
Tabellen führen lassen, fiir jedes Ressort so, wie bei den Kegi- 
mentem, einen geschlossenen „Numerus der höchst 
nöthigen Leute" fixieren und hienach nur den wirklichen 
Abgang ersetzen; dann werde auch das Geld nach und nach 
auslangen. 

Während Feldmarschall Khevenhüller bei seinen Plänen 
nur immer an den Erbfeind der Christenheit dachte, war der 
Prinz von Sachsen-Hildburghausen der Meinung, dass 
mit Rücksicht auf die überall offenen Grenzen und schlechten 
Festungen, dann gefährlichen Nachbarn, die Armee immer in 
Bereitschaft stehen müsse, „täglich und stündlich und da 
man es vielleicht am allerwenigsten vermuthen 
möchte, in die gefährlichsten und schärfsten Klriegs-Operationen 
verwickelt zu werden". Sein Project legte das Hauptgewicht auf 
die Erhaltung des Officiers- und Unterof&ciers-Cadres ; doch er- 
kannte er, dass Khevenhüller's Vorsorge für einen möglichst 
starken Mamischaftsstand eben nicht so unbegründet wäre imd 
er suchte daher diesem Mangel seines Vorschlages dadurch ab* 
zuhelfen, dass er für die Bildung von Eecruten - Reserven in 
Ungarn eintrat. Er dachte sich dieselbe derart, dass bei den 
ständigen Garnisonen in Raab, Komom und Ofen je 2000 und 
in Siebenbürgen ebenfalls 2000 „Supemumeräre" unterhalten 
würden, ohne grosse Montur und nur mit halbem Sold, von 
wo sich die Regimenter leicht imd dabei billiger hätten ergänzen 
können. 

Das Project des Hof-Kriegsraths-Prä^identen, welches bei der 
Infanterie nur die Auflösung zweier Regimenter und bei jedem 
der verbleibenden noch die Reduction von je drei Compagnien 



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365 

forderte, ergab nach seiner DurchfÖhrung 2840 Mann zu Fuss 
weniger als das Khevenhüller's und fast 2000 Mann mehr als 
das Hildburghausen's und berührte auch nicht eine so grosse 
Anzahl Ton Officieren, 

Die beiden anderen Vorschläge hätten noch eine viel geringere 
Anzahl von Fusssoldaten ergeben und wurden desshalb kaum 
ernstlich in Betracht gezogen. 

Wenn von den Bestrebungen Carl VI. um die Anerkennung 
der pragmatischen Sanction die Bede ist, so verknüpft sich damit 
immer die Vorstellung, als hätte der Kaiser allzusehr auf den 
Werth von leicht zu brechenden Verträgen gebaut und die 
Bedeutung einer zahlreichen und tüchtigen Armee nicht richtig 
gewürdigt. 

Aus der Begründung des Projectes des Prinzen von Sachsen- 
Hildburghausen aber geht hervor, dass Carl VI. bei der vor- 
zunehmenden Reorganisation nicht nur auf die Leistungsfähigkeit der 
Länder und ihren hinreichenden Schutz, sondern gar wohl auch auf 
die Eventualitäten gelegentlich der Erbfolge seiner Tochter und die 
Rolle, welche dabei der Armee zufallen musste, gedacht habe. Dies 
wird durch die Art und Weise, wie er sich zu der als unbedingt 
nothwendig erkannten Heeres - Reduction verhielt, bestätigt. Zwar 
hatte er zuerst mit Rücksicht auf die Finanzlage den Grafen 
Harr ach wegen der Betreibung der Vorlage von Entwürfen so 
sehr gedrängt, dass sich dieser in einem Briefe an den Prinzen 
von Sachsen-Hildburghausen darüber beklagte*); als aber 
die Berathungen endlich sich ihrem Ende näherten, da zögerte 
er mit der Entscheidung und es kamen nicht einmal schon 
beschlossene Verfugungen hinsichtlich der Reduction zur Aus- 
fuhrung, obwohl die immer gleich trostlose Finanzlage und die 
dringende Durchführung einer Aenderuiig in der Truppen-Dis- 
location einen ebenso raschen, als festen Entschluss erheischt 
hätten. 

Nach dem Friedensschlüsse war nämlich die gegen die Türken 
im Felde gestandene Armee in die Winterquartiere verlegt worden, 
welche sich von Siebenbüi*gen bis nach Croatien und über ganz 
Ungarn erstreckten. Nach damaligem Gebrauche war zu Friedens- 
zeiten an einen längeren Marsch der Truppen im Winter zum 
Zwecke der Gamisonsänderungen nicht zu denken. So verblieb denn 



») K. A.; F. A. Türkeukrieg, 1739, XI, 5 

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366 

die ganze Armee die kalte Jahreszeit hindurch in Ungarn und 
dessen Nebenländem ; erst mit Eintritt des Frühjahres trat für diese 
Provinzen eine kleine Erleichterung ein. Es marschierten nämlich 
die bisher daselbst gestandenen Theile der „beiden Gamisons-Regi- 
menter" O'Gilvy und Wenzel Wallis nach Böhmen, beziehxmgsweise 
nach Schlesien; nach Vorder-Oesterreich, wo bisher nur zwei Ba- 
taillone von Salm und Walsegg sich befanden, der Best des letz- 
teren Regiments, dann Jung-Daun- und Damnitz-Infanterie ; nach 
den Niederlanden, welche bisher von fünf Infanterie- und zwei 
Dragoner-Regimentern beschützt wurden, noch drei ganze Infanterie- 
Regimenter, Salm, O'Nelly und Heister ; endlich nach Italien Gyulay- 
Infanterie. 

Was sonst noch an Truppenverschiebungen im Sommer 
des Jahres 1740 vorgenommen wurde, geschah hauptsächlich nur 
zum Zwecke einer gleichmässigeren Vertheüung innerhalb Ungarns 
imd seiner Nebenländer, aus Rücksicht auf leichtere Verpflegung 
und um die durch die Ausmärsche entstandenen Lücken auszufüllen. 
Es befand sich sonach Mitte 1740 immer noch mehr als die Hälfte 
der gesammten Kriegsmacht in den ungarischen Ländern, darunter 
jene acht Infanterie- und ein bis drei Dragoner-Regimenter, welche 
noch in die deutsch-böhmischen Erblande verlegt werden sollten. 
Trotz alles Drängens von Seite Ungarns verwahrte sich aber der 
Hof-Kriegsrath gegen jede weitere Verschiebung, bis bestimmt sein 
werde, wie viel und welche Regimenter reduciert würden, da sonst 
ein zweckloses Hin- und Hermarschieren bei einigen Regimentern 
imvermeidlich wäre. ^) 

Der Kaiser hatte endlich in einer Resolution zum Conferenz- 
ProtocoU vom 10. Juni *) sich für das Reductions-Project des Hof- 
Kriegsraths-Präsidenten Feldmarschall Grafen Harrach entschieden, 
aber zugleich bestimmt, dass drei Infanterie-Regimenter (statt zwei) 
aufgelöst werden sollten. Hof-ICriegsrath v. Koch verständigte am 
30. Juli den Feldmarschall-Lieutenant Grafen Walsegg von der 
Allerhöchsten Resolution, drei Infanterie-, zwei Dragoner- imd 
drei Husaren-Regimenter aufzulösen, welche aber noch nicht benannt 
seien (sonach um ein Husaren-Regiment weniger als nach Harrach's 
Project), ferner dass bei jedem Infanterxe-Regimente drei, bei jedem 
Cavallerie-Regimente zwei Compagnien reduciert werden sollten, 



^) Hof. K. Arch., Reichs- Acten, Fascikel 165, Deputations-Pro tocolle 
27. Mai und 22. September 1740. 

*) Erliegt bei den fünf Reductions-Projecten. 



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367 

fugte aber die Meinung bei, dass an dieser Resolution noch Aen- 
derungen vorgenommen werden dürften. ^) Thatsäclüich war es noch 
am 22. September zweifelhaft, ob nicht statt drei — sechs Infanterie- 
Eegimenter reduciert werden sollten, in welchem Falle in die 
böhmischen Erblande weniger als acht Fuss-Regimenter verlegt 
worden wären *^). Aus KhevenhüUer's Project ist nämlich er- 
sichtlich, dass der Grossherzog von Toscana seinerzeit ftir die 
Auflösung von acht Infanterie-Regimentem gestimmt hatte ^); er 
kam damit der Ansicht Khevenhüller's am nächsten. Bei dem 
unzweifelhaften Einflüsse so gewichtiger Gegner des Projectes 
Harr ach und bei der politisch ebenso gewichtigen Meinung 
Hildburghausen's, man müsse die Armee eher vermehren, 
als vermindern, ist es dem Kaiser gewiss sehr schwer geworden, 
zu einem definitiven Entschlüsse zu gelangen und in der That war 
eia solcher bis zum 16. October noch nicht an den Hof-Kriegsrath 
herabgelangt *). "Wie aber aus den am 9. Juli an sämmtliche Regi- 
menter in den deutsch-böhmisch-ungarischen Erblanden, am 8. Oc- 
tober an jene in ItaHen und noch am 19. October an die in den 
Niederlanden ergangenen Befehlen, den Stand einer Compagnie um 
einen Corporal, zwei Gefreite und zwei Fourierschützen zu ver- 
mindern *), hervorgeht, muss die Entscheidung nahe bevorgestanden 
sein, sowohl hinsichtlich der Zahl, als der Auswahl der aufzxdösenden 
Regimenter. 

Nachdem schon im August und September die Regimenter 
Botta-, Browne- und Harrach - Infanterie , dann Liechtenstein- 
Dragoner, wohl in der sicheren Annahme, dass sie nicht in Reduction 
verfallen würden, nach Schlesien und Mähren in Marsch gesetzt 
worden, ergiengen endlich am 15. und 19. October, also nur einige 
Tage vor dem Tode des Kaisers, die Befehle zu Dislocations- 
Aenderungen ^, nach welchen die „General-Tabellen pro anno 1740" 
des General-Eüegs-Oommissariates de dato 5. November 1740^ 
die zukünftige Vertheilimg der Regimenter, wie folgt, an- 
geben : 



J) K. A. ; F. A. Böhmen und Schlesien, 1740, VII, 1. 
*) Hof. K. Arch., ßeichs-A. Fascikel 165, Conferenz-ProtocoU, 3. August 
tind Deputationa-Protocoll, 22. September 1740. 
») K. A.; Memoiren, Vm, 10 d. 
*) K. A.; H. K. E. 1740, Prot. Seg. fol. 3286. 
*) Ebenda, fol 1062, 8248, 3304. 

») Ebenda, fol. 3279, 3282, 8268. 3801, 8802, 8806, 8308. 
^ K. A.; F. A. Böhmen und Schlesien, 1740, XI, 1. 



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368 



Länder 



Regimenter 



I 
I 



ü 



o 

fl 



3 



Lombardei und Toscana 

Niederlande 

Ungarn, Croatien, Slavonien und Banat 

Siebenbürgen 

Böhmen 

Mähren 

Schlesien 

Nieder-Oesterreich 

Inner-Oesterreioh 

Tyrol 

Vorder-Oesterreich 



In Summa 



13 
8 

12 
4 
6 
1 
4 

1 

1 
3 



13 
3 



1 
2 
7 
2 



B 
1 



52 



18 



14 



Die Abweichungen, welche sich durch diese Befehle vom 
15. und 19. October gegen die bisherige Dislocation zur Zeit des 
Todes Carl VI. ^) ergaben, bezogen sich blos auf die zusammen- 
hängende Hauptgruppe der Erblande und bedurften zu ihrer Durch- 
führung noch langer Zeit. Das Regiment Königsegg-Infanteri© 
wiwde nach Tyrol beordert, wo es Mitte November eintraf, während 
um dieselbe Zeit Alt-Daun-Infanterie in Steyermark einrückte. 
Harrach-Infanterie betrat in der ersten Hälfte des November 
Schlesien, ihm folgten erst im December die Infanterie-Regi- 
menter Browne und Botta imd nahe um dieselbe Zeit die theils 
nach Mähren, theils nach Sohlesien bestimmten Liechtenstein- 
Dragoner. Da Grünne-Infanterie noch im November, Kolowrat- 
und Carl-Lothringen-Infanterie im December in den böhmischen 
Erblanden einlangten imd nur noch das Infanterie-Regiment Franz 
Lothringen dahin im Marsch war, so zeigt die vorstehende Tabelle 
zugleich annähernd die Truppen-Dislocation zur Zeit des preussischen 
Angriffes (16. December), an dessen Bevorstehen man in Wien 
so wenig glaubte, dass erst vom 10. December an neuerdings 
Befehle an mehrere Regimenter in Ungarn zum eiligsten Marsche 
nach Schlesien, Mähren imd Böhmen erflosaen. 

*) Siehe Anhang Nr. 10. Dislocation der kaiserlichen Armee beim Tode 
Carl VI., dann Taf. lU. sammt Legende. 



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869 

Es war also glücklicherweise noch keine Reduction der Zahl 
der Regimenter wirklich durchgeführt. Der Tod Carl VI. am 
20. October 1740 hatte die langen Berathungen vergeblich gemacht. 
Die neue Herrscherin konnte in dem Bewusstsein, dass ihre Thron- 
besteigung manchen Anfechtungen, insbesondere von bayerischer 
Seite, ausgesetzt sein würde, nicht auf die alten Projecte zurück- 
greifen und mochte froh sein, dass ihre Ausführung nicht in Angriff 
genommen worden war. Hatte sich aber auch die Zahl der Regi- 
menter nicht gemindert, so hatten doch die gutgemeinten Absichten 
des Kaisers und der Projectanten durch die Umstände jetzt die 
schädliche Folge, dass keine einheitliche Auffassung darüber bestand, 
was fiirderhin als der „complete'* Stand gelten solle und diese 
Schwankung machte sich auch der Armee fühlbar, gieng jedoch 
ohne grösseren Schaden für dieselbe ab, weil wenigstens an der 
bisher üblichen tactisehen Eintheilung der Regimenter noch fest- 
gehalten worden war. Für die Darstellimg des Wehrwesens hat 
diese Schwankung hinsichtlich der Sollstände aber insofeme Be- 
deutung, als darnach in Frage kommt, ob der Standes-Abgang 
aller Regimenter beim Regierungs- Antritte Maria Theresia's 
wirklich so gross war, als bisher angegeben wurde, nämlich fast 
50.000 Mann (31-3%) und 9421 Pferde (23-8%) gegenüber einem 
angeblichen Sollstand von 157.000 Mann und 39.162 Pferden.^) 
Diese Ziffern sind nun wohl richtig, wenn die „completen" Stände 
der Regimenter vom Anfange des Jahres 1740 zur Grundlage der 
Berechnung gemacht werden. Einzebie Standes-TabeUen auch vom 
Ende des Jahres halten allerdings an diesen Ständen fest, weil 
die Allerhöchste Entscheidung vom 10. Juni hinsichtlich der 
Standes-Reductionen noch nicht öfficiell und allgemein verlautbart 
war, sondern die Angelegenheit sich im Stadium der durch des 
K^aisers Tod jäh unterbrochenen Durchführung befand. Doch hatte 
Carl VI. schon im Juli die Ergänzung der in den Niederlanden 
stehenden fünf deutschen Regimenter ausdrücklich auf nur je 
2OO0 Mann angeordnet^ und auch für die drei in Vorder-Oester- 



') Die Kriege Friedrichs des Grossen, I, 78 f. Vergl. Meynert, Gesch. 
d. k. k. österr, Armee, IV, 39, wo für ein Infanterie-Begiment ein durch- 
sclmittlicher Abgang von 720 Mann, fiir ein Cavallerie-Eegiment ein solcher 
von 194 Mann tind 167 Pferden angegeben wird, was einem Gesammtabgang 
von beiläufig 45.200 Mann imd 10.600 Pferden entspräche. 

») K. A., H. K. R. 1740, Prot. Reg. fol. 1084; Prot. Exp. fol. 8292, 3498, 
3Ö02» Die drei niederländischen National- Regimenter besassen schon diesen 
Sollstand. 

OesterraiohUoher Erbfolgekrieg. I. Bd. 24 



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370 

reich befindlichen ist der gleiche Befehl sicher ergangen. ^) Wenn 
weiters im November acht in Ungarn und Slavonien liegende 
Regimenter ihren Abgang auch nur auf die letztgenannte Zahl 
nachwiesen^) und laut einer Weisung des Hof-Kriegsrathes vom 
21. December, also bereits nach dem Einfall der Preussen in 
Schlesien, mehrere dahin marschierende Regimenter sich ebenfalls 
nur auf 2000 Mann ergänzen sollten^, so ist es zweifellos, dass 
auch Maria Theresia an der Entschliessung ihres Vaters vom 
10. Juni principiell festhielt. Dem entspricht auch die hofkriegs- 
räthliche Circidar- Verordnung vom 31. December 1741 an sämmt- 
liche für die Armee Neipperg's bestimmten Fuss- und Reiter- 
Regimenter, kraft welcher den Inhabern die, seit mehr als einem 
Jahre verbotene Ersetzung abgängiger Chargen nach Massgabe 
des „dermaligen completen Standes von 2000 und respective 800 
Köpf wieder gestattet wurde. ^) Also auch die Cürassier- und 
Dragoner-Regimenter hatten gemäss der Resolution des verewigten 
Kaisers ihren Stand nach dem Projecte Harrach's einzurichten 
und die einzige Wirkung der Preussen-Invasion war also nur, dass 
die Husaren nicht auf 600 Maim herabgesetzt wurden, sondern auf 
ihrem bisherigen completen Stande verblieben. 

Vollständige Klarheit erhält die Sachlage durch die nach- 
träglich am 1. Februar 1741 erflossenen königlichen Resolutionen, 
dass sämmtliche Infanterie-Regimenter in den ungarischen und 
deutschen Erblanden ausser O'Gilvy und Wenzel Wallis „bei 

*) Der Antrag hiezu erfolgte schon im April; der Abgang im November 
wurde nur mehr für den SoUstand von 2000 Mann berechnet. (Ebenda, Prot, 
Exp. fol. 1159, 3292; Prot. Eeg. fol. 3703.) 

«} Ebenda, Prot. Exp. fol. 3132. (Wurmbrand-, Alt- Wolfenbüttel-, Bayreuth-^ 
Seckendorff-, Schmettau-, Göldy-, Thüngen- \md Moltke-Infanterie.) 

») Ebenda, Prot. Reg. fol. 3637, 3648. (Baden-, Schmettau-, Thüngen-, 
Carl Lothringen-Infanterie.) 

*) Infanterie: Franz Lothringen, Alt-Daun, Harrach, Starhemberg, Cari 
Lothringen, Hessen- Cassel, Schmettau, 0*Gilvy, Wenzel Wallis, Browne, 
Thüngen, Botta, Kolowrat, Grünne, Baden; Cürassiere: Hohenzollem, Hohen- 
ems, Lanthieri; Dragoner: Batthydny, Liechtenstein; Husaren: Csdky, Dessewffjr, 
Spl6nyi. (K. A., H. K. R. 1740, December, 821 Reg.) Nach dem Conferenz-Proto- 
coU vom 27. December 1740 (Hof k. Arch., Reichs-A., Fase. 165) soll die Gesammt- 
stärke dieser Regimenter nach dem geltenden Soll - Stande bei 86.000 Mann 
ausmachen, was bei der Infanterie dem Stande von 2000, bei der Reiterei 
jenem von 8(X) Mann per Regiment entspricht. Auch die genannten acht 
Reiter-Regimenter hatten schon früher Befehl erhalten, sich auf nur 803 Mann 
und Pferde zu completieren. (K. A., H. K. R. 1740, Prot. Reg. fol. 3665, 8661, 
3666; Prot. Exp. fol. 2299.) 



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371 

dermaligen Umständen auf 2000 Köpf und sämmtliche Regimenter 
zu Pferde deutscher und ungarischer Nation in den ungarischen 
und deutschen Erblanden „bei dermaligen Zeiten und Umständen 
auf 800 Mann und Pferd gesetzt" und auf diesem Fuss mit dem 
Beginne des „1^^^^^^®^ ^iü^är- Jahrs, nämlich dem 
1. November 1740" verpflegt und ergänzt werden sollten. ^) Die 
Infanterie-Regimenter O'Gilvy und Wenzel Wallis sollten jedoch 
auch fortan auf dem „althergebrachten Fuss" von 2400, beziehungs- 
weise 2100 Mann belassen werden. ^ 

Sonach wäre nur der Sollstand der in Italien stehenden Regi- 
menter zu Fuss -und zu Pferde, dann jener der zwei Dragoner- 
Regimenter in den Niederlanden unverändert geblieben; doch 
erhielt der commandierende General in Mailand, Feldmarschall Graf 
Traun, noch im Januar 1741 den Befehl, die ihm imterstehenden 
fünf Reiter-Regimenter nur auf 1000 Mann ergänzen zu lassen. ^) 
Nach vorstehenden Ausführungen gab es also beim Regierungs- 
antritte Maria Theresia's: 
ä) 13lnf.-Reg. (in Italien) m. d. Sollstande von je 2300 -=29.900 Mann 

37 „ „ „ „ „ „ „ 2000^=74.000 „ 

1 „ „ (O'Güvy) „ „ „ „ „ 2400= 2.400 „ 

1 „ „ (WenzelWallis)m.d. „ „ „ 2100= 2.100 „ 

52 Inf. -Reg. mit dem Sollstande von zusammen 108.400 Mann 

b) 2 Oür.-Reg. (in Italien) m. d. Sollstande v. je 1000 = 2.000 M. u. Pf. 
1^ 11 „ „ ,7 „ ,, „ 800=12.800 „ ,, ,y 
18 Cür.-Reg. mit dem Sollstande von zusammen 14.800M. u. Pf. 

c) 3 Drag.-Reg. mit dem Sollstande von je 1000 = 3000 M. u. Pf. 

11 12. " " " " '* " 800 r= 8800 „ „ „ 

14 Drag.-Reg. mit dem Sollstande von zusammen 11.800 M. u. Pf. 

d) 2 Hus.-Reg. mit dem Sollstande von je 1000 = 2000 M. u. Pf. 
5 ,, „ „ „ „ ,, „ 800 = 4000 ,, ,} ,, 

1 ?) 11 11 11 11 11 }i 880 = 880 „ ,j ,, 

8 Hus.-Reg. mit dem Sollstande von zusammen 6880 M. u. Pf. 
Der Vergleich des vorgeschriebenen mit dem Effectivstande 
der „General-Tabella" vom 5. November 1740 ergibt sonach fol- 
gendes Bild : 



>) K. A., H. K. E. 1741, Prot Keg. fol. 209. Der damaHge Sprach- 
gebrauch verstand unter den „deutschen" Erblanden auch die böhmische 
Ländergruppe. 

') Ebenda, Prot. Exp. fol. 314. 

») Ebenda, fol. 811, Prot. Reg. fol. 91. 

24* 



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372 



Waffon^attung 



Infanterie .... 
Cürassiere .... 

Dragoner 

Husaren 

Reiterei zusammen 



SolUtaod 




108.400 

14,800 

11.800 

6.880 

33.480 



14.800 

11.800 

6.880 

38.480 



75.658 
14.594 
11.818 
5.827 
32.23929.741 



Totale |'|l41.880i33.48Oi07.892'29.74l!|84.006 

ll ! II I Jl 

Das ist immerhin wenigstens bezüglich der Standesverhält- 
nisse eine günstigere Situation der österreichischen Armee am Ende 
des Jahres 1740, als bisher angenommen wurde; bedenklich war 
in Wirklichkeit niu: der Abgang an Mannschaft der Infanterie und 
an Pferden bei den Cürassieren, während nach Ansicht der Zeit 
auch ein etwaiger grösserer Abgang an Husaren-Mannschaft luid 
-Pferden jederzeit leicht zu ersetzen war. 



Die Fuss-Tnippen. 

Die Fusstruppen gliederten sich um das Jahr 1740 in die re- 
gulären Infanterie-Regimenter, das regulierte Tyroler Land-BataiUon 
und die Gamisons- und Besatzungs-Truppen, an welche sich schon 
im Frieden die Grenz-Milizen im Warasdiner und Oarlstädter 
Generalate, dann an der Save, Donau, Theiss und Marcs, dazu 
im Kriege noch die Land-Milizen und die Frei-Corps anschliessen. 

Die regulären Infanterie-Regimenter. 

Carl VI. hin terliess seiner Tochter Maria Theresia 52 In- 
fanterie-Regimenter *). Je nach den Ländern, wo sich dieselben 
vorzugsweise zu ergänzen pflegten, unterschied man dieselben in 
44 deutsche, 3 ungarische (Kökenyesdy de Vettes, Leopold PÄlflfy, 
Gyulay), 3 niederländische (de Ligne, Los Rios, Pri6-Turinetti) und 
2 italienische Infanterie - Regimenter (Vasquez, MaruUi). Von 
diesen 52 Regimentern hatten zu Ende des Jahres 1740 die 
in Italien stehenden (dreizehn) einen completen Stand von 2300 
Mann, die übrigen (mit Ausnalime von O'Gilvy mit 2400 und Wenzel 
Wallis mit 2100 Mann) einen solchen von 2000 Mann. Alle waren 
eingetheUt in zwei Grenadier-Compagnien zu 100 Mann und drei 

*) Siehe Anhang Nr. XI: Verzeichniss der Inf.-Begimenter von 1736 — 1748. 



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373 



Bataillone (zu 600 oder 700 Mann), welch letztere sicli aus je fünf 
Füsilier- oder „Ordinari'^-Compagnien zusammensetzten. Die Com- 
pagnien hatten folgenden Stand: 



Eine 
Grenadier- 
Compagnie 



Eine Ordinari- 

Compagnie, wenn das 

Regiment den completen 

Stand hatte von 



2800 Mann 



T 



- (1) 



4 
2 

2 

87 (86) 



1 
1 

(1) (0) 
1 

(1) (0) 



6 (5) 

4 (2) 

12 (10) 

4 (3) 

106 (b. 112) 



2000 Mann 



(0) 



5 
2 

10 (12) 
3 (2) 
92 (bis 95) 



Benennung der Chargen 



Hauptmann 

Ober-Lieutenant 

Unter-Lieutenant 

Lieutenant 

Fähnrich 



Feldwebel 

Foürier 

(Musterschreiber) 

Führer 

Feldscherer 



Corporale 

Fourierschützen 

Gefreite 

Spielleute 

Gemeine 



Ein- 

theilung 

derselben 



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O 

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O 

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^ 



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100 |140 120 Köpfe 

Die Chargen eines Oberlieutenants und Unterlieutenants der 
Grenadier-Compagnien waren gleichbedeutend mit jenen eines 
Lieutenants und Fähnrichs der FüsUier-Compagnien. Je nachdem 
zu Zeiten die Chargen des Musterschreibers, der Compagnie-Feld- 
scherer (-Gesellen), einiger Corporale, Gefreiten, Fourierschützen 
oder Spielleute wegfielen, erhöhte sich der Stand der Gemeinen 
um ebenso viel Köpfe. Bei jeder Compagnie waren zwei Gemeine 
„auf Regimentsunkosten" als ZLmmerleute ausgerüstet ; sie sollten 
auch von dieser Profession sein. 

Der Regiments-Stab bestand im Frieden, ausser dem selten 
beim Regimente anwesenden Oberst-Inhaber, aus dem Oberst und 
Commandanten, dem Oberstlieutenant und dem Oberstwachtmeister, 
welche die „Stabs-Officiere" hiessen, dann aus folgenden Personen 
des „kleinen Stabes" : dem Regiments-Quartiermeister, dem Auditor 
und Secretarius, dem Caplan (Regiments-Pater), dem Wachtmeister- 
Lieutenant (Adjutanten), dem Regiments-Feldscherer und dem Pro- 
f ossen „cum suis", (d. h. mit seinen Gehilfen, welche der Scharfrichter 



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374 

und die Steckenknechte waren). Er zählte also im Frieden neun 
Köpfe, zu welchen im Kriege noch hinzu kamen: der Proviant- 
meister und der Wagenmeister. 

Dem Quartiermeister und Auditor konnte eine Officiers-Charge 
als Titel verliehen werden. Der Auditor hatte immer auch die 
Dienste des Secretärs zu versehen. Die Charge des Wagenmeisters 
wurde häufig nur durch einen Unteroffioier vertreten. Wenn nicht 
bei jeder Compagnie ein Feldscherer-Geselle eingetheilt war, so 
wurden beimRegiments-Stabe deren zehn bis zwölf im Stande geführt. 
Die Kopfeahl desselben ist also nicht constant ; sie wurde übrigens 
nach damaligem Gebrauche nicht in die Stärkeziffer des Regiments 
mitgezählt. Dasselbe gilt auch von den Eegimentsmusiken, 
welche, wenn sie vorhanden waren, nur auf Kosten des Inhabers 
unterhalten werden durften^). 

Auf dem Sollstande von 2000 Mann blieben die Infanterie- 
Regimenter auf dem deutschen Kriegs-Schauplatze bis nach dem 
Breslauer Frieden; denn die Resolution Maria Theresia's, 
welche der Hof-Kriegsrath am 30. September 1741 dem Feld- 



^) EinErlass des Hof-Kriegsrathes vom 21. Februar 1750 (K. A., Memoi- 
ren, IV, 86) bedrohte sie mit der Abschaffung, „wann sie von denen Begiments- 
Inhabem nicht ex propriis und ohne Beschwerde des aerarii und des gemeinen 
Mannes bestritten würden". Die „Hautboisten" und „Pfeifer" standen unter 
der Leitimg und Ausbildung des gleichfalls als solchem nicht systemisierten 
„Regiments - Tambours" ; dieser zählte auf den Stand der gemeinen Tam- 
boure und erhielt aus Regimentsmitteln eine Uebergebühr. Die Kriegs- 
Oommissäre hatten die Pflicht, bei den Musterungen eigens darauf zu sehen, 
dass von den gebührlichen anderthalb Mundportionen der jüngeren Tamboure 
und Gefreiten nicht eine halbe Portion „zur Unterhaltung deren Hautboisten 
innenbehalten werde". 

Die Hautboisten sollten sich eine Stunde vor der Ablösung der "Wachen, 
wenn diese Mittags stattfand, bei schönem Wetter vor der Hauptwache „hören 
lassen, jedoch dass sie nicht jedesmal einerlei Stuck aufmachen, sondern wie 
in denen Notenbüchem aufgeschrieben, immer damit variieren". Wenn im 
Lager zur Betstunde die Mannschaft zur Fahnen-(Haupt-) Wache geführt wurde 
und der Caplan das Gebet sprach, mussten sie das betreffende Lied spielen 
und die Mannschaft betete und sang entblössten Hauptes knieend mit. Beim 
Leichenbegängnisse des Regiments- Inhabers folgten die Hautboisten der 
ersten Hälfte des Regiments und spielten mit gedämpften Instrumenten ein 
„Sterbelied". Auf Märschen hatten sie, wenn sie überhaupt vorhanden waren, 
abwechselnd mit dem Spiele der Tamboure zu blasen. Die charakteristischen 
Instrumente, welche noch heute einer Musik-Capelle die Bezeichnung „türkische 
Musik" verleihen (türkische Trommel, Schellenbaum, Triangel, Tschinellen etc ), 
wurden nach dem Beispiele der Trenck*schen Panduren eingeführt. 



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375 

m€u:«ohall Grafen Khevenhüller mittheilte und womach die 
Eegimenter Seckendorff und Wenzel Wallis nach Prag verlegt und 
mit den böhmischen Recruten auf je 3000 Mann gebracht werden 
sollten, bekundete nur die Absicht, den in Böhmen einrückenden 
Feinden die jungen dienstfähigen Leute des Landes nicht in die 
Hände fallen zu lassen und ist daher keine organisatorische Mass- 
regeP). Hingegen ergieng schon im December desselben Jahres 
an die in den Niederlanden stehenden fünf deutschen Eegimenter 
(Arenberg, Heister, O'Nelly, Salm und Ludwig Wolfenbüttel) der 
Befehl, sich im Bömischen Reiche „auf den Feldfuss per 2300 
Mann" zu ergänzen^; doohstiess diese Ergänzung und daher noch 
viel mehr die beabsichtigte Errichtung vierter Bataillone bei diesen 
fünf Regimentern auf solche Schwierigkeiten, dass schon im Mai 
des folgenden Jahres die Reduction eines derselben behufs Com- 
pletierung der andern vier, oder die Herabsetzung aller ftnf in's 
Auge gefasst wurde ^), wozu es jedoch nicht kam. 

Auf dem süddeutschen Ejiegs-Schauplatze glaubte man bis 
Ende des Jahres 1743 bei dem Stande von 2000 Mann per Regi- 
ment bleiben zu können und hatte noch im Februar dieses Jahres 
die Ende 1741 aus Italien (wo bekanntlich der Sollstand von 2300 
Mann normiert war) nach Oesterreich und Bayern gezogenen drei 
deutschen Regimenter (Neipperg, Sachsen - Hildburghausen, Jung- 
Königsegg) befehligt, gleichfalls diesen Stand anzunehmen*). Als 
aber die politische Lage durch die Nachrichten von den Unterhand- 
lungen, welche zum preussisch-französischen Bündnisse und zur Frank- 
furter Union führten, bedenklich zu werden begann, ordnete Maria 
Theresia am 18. December 1743 für alle deutschen Lifanterie- 
Regimenter, welche bisher noch den vorgeschriebenen Stand von 
2000 Mann hatten, die Erhöhung desselben auf 2300 Mann an^), 
womit im Mai 1744 die Erlaubniss verbunden wurde, bei den Fü- 
silier-Competgnien „nach dem vorhinigen Gebrauch" wieder sechs 
Corporale (statt bisher fönf) und zwölf Gefreite (statt zehn) zu 



*) K. A., F. A. Oesterreich und Bayern 1741, IX, 55. Thatsächlich werden 
diese zwei Eegimenter im December d. J. ,,pro tempore" mit dem Stande 
von 3000 Mann in nur siebzehn Compagnien angeführt. (Hofk. Arch., Reichs.-A., 
Fascikel 166, Beilage 2 zum Commissions-Prot. vom 15. December 1741.) 

«) K. A., H. K. R. 1741, Prot. Exp. fol. 2299, 8053, 8181, 8182. Prot. 
Reg. fol. 8172, 8566. 

') Ebenda, 1742, Prot. Reg. fol. 1090 f. 

*) K. A., H. K. R. 1748, Prot. Reg. fol. 318 (Februar 9.); F. A. Bayern 
und Ober-Rhein 1748, 11, 12 c. 

») Ebenda, 1748, Prot. Reg. fol. 2609, 2610 (December 18.) 



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376 

ernennen ^). In dieser Verfassung blieben die deutschen Regimenter 
bis zum Ende des Krieges und der darauffolgenden Reorganisation 
mit der einzigen Ausnahme, dass im Jahre 1747 das Regiment 
Sachsen-Hildburghausen um ein viertes Bataillon verstärkt, somit 
auf 3000 Mann gesetzt wurde, weil es nach Auflösung der Be- 
satzungs-Compagnien im Litorale (zu Triest, Fiume etc.) daselbst 
die Garnisonen versehen musste *). Auch das zufolge Capitulation 
vom 23. Januar 1744 vom Marchese Clerici in den österreichisch- 
italienischen Besitzimgen errichtete „wälsche National-Regiment" 
(gegenwärtig Erzherzog Albrecht Nr. 44) hatte den Stand und die 
Eintheilung der deutschen Regimenter, d. i. 2300 Mann in zwei 
Grenadier-Compagnien zu 100 und 15 Ordinari-Compagnien zu 140 
Mann bis zum Ende des Jahres 1748. Ein Gleiches war seit dem 
Frühjahre von 1744 bei dem Trenck'schen Panduren-Frei-Corps der 
Fall, welches laut Decret des Hof-Kriegsrathes vom 17. März 1745 
formell in das „slavonische Panduren-Regiment" mit dem Fusse 
der deutschen Regimenter umgewandelt wurde *). 

Die Anzahl der deutschen Regimenter erlitt während des 
Krieges insofeme eine Aenderung, als 1741 Schmettau-, 1747 
Heister- und Kheul-Infanterie aufgelöst wurden; hingegen wurden 
neu errichtet im Jahre 1743 das Regiment Sprecher und 1745 das 
Tyioler Land- und Feld-Regiment. 

Die Aufstellung des ersteren wurde am 12. März 1743 mit 
dem Oberst Salomon Sprecher v. Bernegg vereinbart*); es sollte 
binnen vier Monaten aus Deutschen, Schweizern und Graubündtnern 
in der Stärke von 2300 Mann, welche nach Art der übrigen deutschen 
Regimenter einzutheilen waren, in Meran und Feldkirch marsch- 
und kriegsbereit hergesteUt sein ; doch wurde noch vor Ablauf des 
Kalenderjahres beschlossen, dasselbe auf vier Bataillone zu ver- 
stärken und zwar in der Gesammtstärke von 2600 Mann ^), wonach 
es in zwei Grenadier-Compagnien zu 100 und in zwanzig Ordinari- 
Compagnien zu 120 Mann eingetheilt war. In dieser Form bestand 
es in Italien bis zu seiner Ende 1749 erfolgenden Auflösung. Das 
„Graubündtner'' Regiment hatte eine von den deutschen Regimentern 



Q1A 

») K. A., H. K R. 1744, Mai, -j- Reg. (Circular-Rescript v. 18. Mai 1744.) 

«) K.A.,H.K.R.1746, September, 576 Exp. u. 1747 Prot. Reg. fol. 1692 
(September 19). 

*) Vergl. unten „Frei- Corps zu Fuss". 

*) K. A., F. A. Bayern und Ober-Rhein 1748, III, 8, ad 8. 
' *) K. A., H. K. R. 1743, December, 623 Exp. (kgl. Resolution) und 1744, 
Prot. Reg. fol. 1166 (April 24, an den itaUeuischen Rath). 



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377 

abweichende BezaMung und auch die Privilegien, die Justiz und 
die Disciplin nach Schweizer Art. 

Viel grössere Veränderungen giengen in der Zahl und Ein- 
theilung der National-ßegimenter vor sich. 

Vor allem wurden die ungarischen in Folge der Pressburger 
Landtagsbeschlüsse des Jahres 1741 um sechs Regimenter von je 
3000 Mann vermehrt*), welche unter den Namen ihrer ersten 
Oberste (Forgdch, Andr&ssy, Ujvdry, Haller, Szirmay und Bethlen) 
bekannt sind. Dieselben hatten Anfangs keine Grenadier-Compagnien, 
sondern wurden (abgesehen vom ßegiments-Stabe, welcher wie bei den 
deutschen Regimentern zusammengesetzt war und dazu noch zwölf 
Feldscherer-Gesellen zählte) in vier Bataillone k ftinf Compagnien zu 
je 150 Mann eingetheilt; unter diesen befanden sich ausser der 
gewöhnlichen Prima^-Plana : sechs Corporale, drei Spielleute, zwei 
Fourierschützen, zwölf Gefreite und 121 Gemeine. Diese neuen Regi- 
menter wünschten jedoch, nach Art der schon bestehenden, gleichfalls 
Grenadier-Compagnien zu besitzen ; General-Feld- Wachtmeister Baron 
Andrissy theilte daher im April 1745 ohne vorherige Anfrage sein 
Regiment in zwanzig Ordinari-Compagnien zu je 140 und in zwei 
Grenadier-Compagnien zu je 100 Mann ein und erhielt hiezu nach- 
träglich die Genehmigung^). Die Resolution Maria Theresia's 
vom 22. October 1746 erfüllte auch den übrigen jRinf neuen Regi- 
mentern ihren Wunsch, womach dieselben wie Andrissy-Infanterie 
eingetiheilt werden sollten, jedoch erst vom 1. Mai 1747 angefangen'). 

Bald nach der Errichtung der sechs neuen, hatten auch die 
drei alten imgarischen Regimenter Gyulay, Leopold PAlffy und 
Vettes, welche zu Ende des Jahres 1741 mit dem Stande von 2300 
Mann aus Italien nach Bayern gezogen worden waren, die Soll- 
stärke von 3000 Mann erlangt und zwar das Regiment Gyiday 
schon im Laufe der Jahre 1742 und 1743. Die Regierung hatte 
nämlich die Bereitwilligkeit der siebenbürgischen Stände, anstatt 
der Lisurrection nach dem Vorgange der Ungarn ein Lifanterie- 
und ein Husaren-Regiment zu errichten, dahin zu leiten gewusst, 
dass die endgiltig auf 2000 festgesetzte Zahl siebenbürgischer Fuss- 
gänger für das im Stande sehr herabgekommene, bisher ungarische 
Regiment Gyulay verwendet wurden und zwar derart, dass 1300 
Mann zur Ergänzung der schon bestehenden siebzehn Compagnien, 

*) Eüerüber handelt ausführlich Alexich: Die freiwilligen Aufgebote aus 
Ungarn 1741 u. 1742. (Mittheilungen des k. u. k. Kriegs-Arch., NeueFolge, V, 1891). 
») K. A., H. K. R 1746, Prot. Keg.« fol. 1287 (Mai 12). 
») Ebenda, Prot. Reg. 1746, fol, 2321, 2322 (Octob. 22) u. 1747, fol. 2 (Jan. 1). 



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378 

die restlichen 700 hingegen zur Errichtung eines vierten Bataillons 
in der üblichen Eintheilung dienten ; dieses neue Bataillon marschierte 
Ende Juni 1743 zur königlichen Armee im Römischen Reiche ab*). 

Um alle ungarischen Regimenter einander gleichzustellen, 
ergieng um das Neujahr 1743 die königliche Resolution, „dass die 
sämmtlichen sowohl alten, als neuen hungarischen Infanterie-Regi- 
menter auf 3000 Mann gesetzt werden sollen" ^. Die sonach auch 
bei den Regimentern Leopold Pdlffjr und Vettes zu errichtenden 
Bataillone sollten bis Ende Juli 1744 aufgestellt sein, was sich 
aber bis zum Beginne der Campagne des nächsten Jahres hinauszog. 

Die zwei italienischen Regimenter Vasquez und MaruUi hatten 
mit Allerhöchster Entschliessung vom 25. Juli 1742 den Befehl er- 
halten, den completen Stand von 2300 Mann anzimehmen*); aber schon 
wenige Monate darnach (und nur kurz vor den gleichen Entschlüssen 
hinsichtlich der Regimenter Vettes und Leopold P&lflfy) ergieng für 
sie Weisung der Königin, dass sie mit einem vierten Bataillon 
verstärkt, d. h. auf 3000 Mann Sollstand gebracht werden sollten *). 

Dieselbe Aenderung des vorgeschriebenen Standes betraf in 
diesem Jahre die drei niederländischen National - Regimenter (de 
Ligne, Los Rios, Pri6); gleichzeitig kam es auch in den Nieder- 
landen anstatt der vom Hofe gewünschten Errichtung einer Land- 
Miliz zur Aufstellung eines Wallonen - Regiments , welches am 
9. Mai 1742 den Grafen d'Arberg zum Oommandanten erhielt. 
Bis Mitte August hatten diese vier National-Regimenter ihren neuen 
Sollstand von 3000 Mann fast erreicht *) und so günstig verlief die 
Completierung derselben, dass sofort an die Bildung eines fönfben 
National-Regiments, des zweiten Wallonen-Regimentes geschritten 
wurde, zu dessen Obersten und Oommandanten am 2. Juli 1743 
Prinz Arenberg ernannt wurde ^. Dieses Regiment hatte 



*) Hofk. Arch., Eeichs-A., Fascikel 165, Confei:enz-Prot. vom 2. und 
17. April 1742 ; Hoffinanz, 29. Mai und 12. August 1743. K. A., F. A. Bayern 
1742, V, 12 ; H. K. E. 1742, Prot. Beg. fol. 876 und noch oftmals. 

«) K. A,, H. K. E Prot. Eeg. 1742, fol. 2464 (Dec. 18.) u. 1748 fol. 10 (Jan. 2.) 

») Hofk. Arch., Eeichs-A., Fascikel 165, Conferenz - Prot., 18. Juni 1742, 
Beilage (Hof-Kriegsrath, 26. Juni 1742 an die Hof.-K.) 

*) Hofk. Arch., Hoffinanz 17. Nov. u. 4. Dec. 1742. (Die bezüglichen Zu- 
schriften desHof-Kriegsrathes tragen das Datum 19. Sept., beziehungsw. 12. Nov.) 

») K. A., H. K. E. 1741, Prot. Exp. fol. 8113 und Prot. Eeg. fol. 8678 
(December 30.) ; 1742, Prot. Eeg. fol. 696, 968, 1090, 1263, 1872, 1682, 1707. 
Das erste Wallonen-Eegiment war ursprünglich dem General.Chanclo s zu- 
gedacht, wui'de ihm dann aber doch "nicht verliehen* 

«) Ebenda, 1743, Prot Eeg. fol. 261, 262, 1446. 



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379 

Anfangs vier Bataillone und die gewöhnlichen zwei Grenadier- 
Compagnien, vom August 1744 sogar fünf Bataillone mit einem 
Sollstande von 3560 Mann, welcher allerdings von der Effectivstärke 
nicht erreicht wurde ^) ; doch wurden bald nach dem Dresdner 
Frieden, als vom böhmischen Kriegs-Schauplatze eine Anzahl Regi- 
menter fiir di-e Niederlande verfügbar geworden, das vierte und 
flinfte Bataillon von Jung-Arenberg, dann die vierten Bataillone 
der drei alten National-Regimenter reduciert; dieselben kamen 
dadurch auf den Sollstand der deutschen Regimenter (2300 Mann). 
Nur das Wallonen-Regiment d' Arberg behielt bis zum Ende des 
Krieges den vorgeschriebenen Stand von 3000 Mann^. • 

Das regulierte Tyreler Land-Bataillon. 

Dieser Truppenkörper war aus den gelegentlich des Einfalles 
der Bayern im Jahre 1703 aufgestellten sechs Scharfschützen- 
Compagnien hervorgegangen^) und versah bereits im Jahre 1713 
die Garnison von Innsbruck; er konnte auch im Felde verwendet 
werden. Das Land-Bataülon war um das Jahr 1740 in vier Com- 
pagnien zu 150 Mann eingetheilt, zählte also mit dem Soll- 
stande 600 Mann, für welche das Land jährlich 45.000 Gulden 
zahlte. Im Frieden hatte es die Festungen und Pässe des Landes 
zu besetzen und auch auf abgelegenen Wegen gegen Schmuggler 
sogenannte „Wachtknechte" aufzustellen. 

Zur Zeit des Todes Carl VI. konnte es nicht einmal die 
„etUch und fünfzig" Plätze des Landes genugsam besetzen, ge- 
schweige denn Recruten-Transporte aus und nach Italien escortieren, 
wesshalb es durch Werbungen in Innsbruck, Bozen, Brunecken und 
Kitzbühel verstärkt werden sollte *) und auch daa Infanterie-Regiment 
KÖnigsegg nach Tyrol beordert wurde. Maria Theresia fand 
1743, dass das „Land-Bataillon in Tyrol nichts taugt und ausser 
Land gar nicht zu gebrauchen ist" und hätte desswegen gerne dem 
Projecte des oberösterreichischen Kammerrathes Neumeyer zur 
Errichtung eines Tyroler National-Regiments zugestimmt, wenn nur 
die Gelder zur Erhaltimg der alten Regimenter besser zugereicht 



>) K. A., F. A. Niederlande 1744, V, U-f; VHI, 24 a; IX, 11 b. 

«) K. A.; H. K. R 1746, Prot. Reg. fol. 536, 869, 937. 

») K. A., H. K. R. 1746, Februar, 950 Exp. (Ein Proraemoria über ,.Das 
Defensionswesen in Tyrol" vom Jahre 1743 und ein Conferenz-Protocoll vom 
10. Januar 1745. Dem Acte liegen wichtige Regesten zur Geschichte des 
Tyroler Land- und Feld-Regiments bis zum Jahre 1747 bei.) 

*) Hofk, Arch.jOb.-Oesterreich. 28. Januar 1741. (H. K. R. 29. October 1740.) 



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380 

hätten. ^) Nach einer eigenhändigen Bemerkung der Königin 
vom Jahre 1744 soll das Bataillon effectiv nur 200 Mann gehabt 
haben und die Monarchin fragte entrüstet, wohin denn das für 
dasselbe bestimmte viele Geld komme. ^) Auf Grund der schon 
längere Zeit hindurch mit den Landständen gepflogenen Unter- 
handlungen resolvierte die Königin am 10. Januar 1745 die 
Auflösung des Land-Bataillons und die Errichtung des „Tyroler 
Land- und Feld-Regiments", zu dem die noch tauglichen Leute 
des ersteren eingetheilt wurden und für welches das bisher fiir 
dasselbe bestimmte Geld verwendet werden sollte. Die Stärke und 
Eintkeilung des Regiments sollte die der deutschen Regimenter 
sein. Doch wurden vorerst nur eine Grenadier-Compagnie und 
zwei Bataillone (zu fünf Compagnien), im Ganzen also nur 1500 
Mann aufgestellt. Li diesem Zustande blieb das Regiment bis zur 
Heeresreform des Jahres 1748. Zum Obersten und Commandanten 
desselben wurde am 3. Februar 1745 der Oberstlieutenant Graf 
Spaur von Waldeck-Infanterie ernannt. Die zwei Bataillone sollten 
abwechselnd ausser Landes verwendet werden. ^ Noch gegen Ende 
des Jahres 1745 marschierte eines derselben zur Haupt -Armee 
nach Böhmen*) und stand hernach in Vorder-Oesterreich und 
„im Reiche". (Passau, Philippsburg, Burgau, Neuburg etc.) 

Ausrfistnng^ Bewaffnnng^ Gebühren, Dienst. 

Hinsichtlich der Bekleidung des Mannes wird auf die dem 
Bande beiliegenden Abbildungen verwiesen. ^) Das Lifanterie- 
Reglement vom Jahre 1737 schreibt vor: „Unsere unmittelbaren 
kaiserlichen Regimenter zu Fuss sind vermög schon von vorhin 
bekannter Verordnungen gleich zu mundieren (bemontieren) und 
zwar die Rock von gutem perLfarben Tuch in der altgebräuchig- 
und behörigen Länge und Weite, damit die Mannschaft, weil sie 
mit keinem Mantel versehen ist, sich imd das Gewehr damit 
genugsam bedecken möge; die Aufschlag, Camisöler und Hosen 

») K. A., F. A. Bayern und Ober-Rhein 1743, X, 36 und ad 36. Bald 
hernach lag der Königin auch vom Feldmarschall-Lieutenant Stentsch em 
Vorschlag zur Errichtung eines regulierten Tyroler Eegiments vor. Da» 
Urtheil dieses Generals über das Land-Bataillon ist gleichfalls sehr abföllig. 
(K. A., I., H. K. R 1743, XI, 3, Vortrag des Hof-Kriegsrathes vom 27. Nov. 1743.) 

«) K. A., Memoiren, X, 56. 

») K. A., H. K. R 1745, Februar, 63, 64, 65 Reg. 

*) Hofk. Arch., Hoffinanz, 12. October 1746. 

*) Eine eingehende Beschreibung siehe in : Feldzüge des Prinzen Eugen, 
I, 212 ff. 



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381 

hingegen können von einer, den bestellten Obristen beliebigen 
Farbe sein ; doch sollen die Aufechläge durchgehends auf einerlei 
Art, nämlich nach dem alten Gebrauch unten zu mit drei Knöpfen 
und so viel Knopflöchern gemacht werden, xmi solche herunter- 
ziehen imd die Hände, auch das Gewehr bei Kälte und Regen 
decken zu können. Woraus sich von selbst ergibt, dass Wir die 
bei etlichen Regimentern ad imitationem fremder Truppen ein- 
geschlichene Monturs-Art, so gar zu kurz und eng gemacht, 
folgends auf die geringste Bewegung der Zersprengung, auch bei 
nassem Wetter dem noch mehrem Eingehen unterworfen, mithin 
niemals den Mann oder sein Gewehr zu bedecken hinlänglich oder 
tauglich ist, vollends eingestellt und respective abgethan wissen 
wollen.'' Zur Montur gehörten folgende Stücke : ein Rock, ein Camisol, 
ein Paar Hosen, ein Hut (bei den Grenadieren eine Bärenmtitze), 
zwei Halstücher, zwei Hemden, ein Paar Strümpfe, ein Paar Schuhe, 
eine Patrontasche mit Zugehör (Oelfläschchen, Raumnadel, Pulver- 
hom und Bürstchen), ein Bajonnett sammt Gehänge, ein Tornister 
(Schnappsack, Ranzen) aus Zwilch oder Kalbfell. Mit diesen Sorten 
musste jeder Recrut vor den assentierenden Kriegs-Oommissär 
gebracht werden. Die Kosten hiefiir betrugen damals zwischen 
I7V2 und I8V2 Gulden und waren im Werbegelde mitbegriffen. 
Die Uniform der ungarischen Regimenter hatte nationalen Schnitt. 
Die der Officiere war nur aus feinerem Tuch und trug Gold- 
stickereien. Sonstige Kennzeichen des Officiers waren der nach 
der Charge verschieden ausgestattete Stock, die ebenso verschieden- 
artige Partisane und vor Allem die schwarzgelb-seidene Feldbinde. 

Die Hauptwaffe der kaiserlichen Infanterie war die 
anderthalblöthig-kalibermässige Bajonnettflinte mit Feuerstein- oder 
Batterieschloss, welche über eilf Pfund wog und einen hölzernen 
Ladestock besass. Das dreischneidig und hohl geschliffene, IV2 Fuss 
lange Bajonnett war seit dem Anfange des Jahrhunderts durch die 
über den Lauf zu steckende Düle imd den Querarm so vervoll- 
kommnet worden, dass nunmehr auch mit gepflanztem Bajonnett 
gefeuert werden konnte. Obwohl zur Zeit des Todes Carl VI. 
schon fertige Patronen in Gebrauch standen, bediente man sich 
zum Aufschütten des „Zündkrautes" auf die Pfanne doch noch 
längere Zeit hindurch eines Pulverhoms ; später schüttete man das 
Pulver aus der Patrone auf. Für jeden Mann des Feuergewehr- 
standes wurden vierzig Schuss in das Feld mitgenommen, wovon 
oftmals ein Theil nur als loses Pulver in Fässern und als ungegessenes 



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382 

Blei bei der Feld- Artillerie sich befand; zu deren Obliegenheiten in den 
Winter-Quartieren gehörte theilweise auch die Patronen-Erzeugung. 

Der eiserne Ladestock, welcher in Oesterreich schon 1426 
den Büchsenschützen vorgeschrieben, aber durch den hölzernen 
verdrängt worden war, wurde erst durch königliche Resolution vom 
8. December 1744 wieder eingefiihrt. *) 

Die Ober- und Unter-Officiere der Grenadier-Compagnien 
waren mit Bajonnettilinten bewafihet. Die Grenadiere trugen nebst 
dem Bajonnett auch einen Säbel. Ihren Namen hatten sie von der 
Handgranate, deren Gebrauch oft dem sie werfenden Manne gefiüirlicher 
wTirde, als dem Gegner und desshalb im Laufe der Zeiten sich allmählig 
verminderte. Die Zeughäuser der Zeit weisen noch grosse Vorräthe 
gefüllter und ungefüllter Granaten auf. Eine solche, gewöhnlich aus 
Gusseisen hergestellt, wog mit der Sprengladung zwei bis drei Pfiind. 

Die Stabsofficiere (ausser dem Oberstwachtmeister, welcher 
mit gezogenem Degen commandierte) und die Oberofficiere der 
Füsilier- Compagnien trugen zur Uniform in und ausser Dienst den 
Degen, im Dienste auch noch die ungefähr sechs Fuss langen 
Partisanen. Jene des Obersten war ganz vergoldet und trug 
eine goldene Quaste; jene des Oberstlieutenants war zur oberen 
Hälfte vergoldet und mit Quasten von Gold und schwarzer Seide 
geziert; jene der Hauptleute war unten vergoldet und mit Quasten 
von schwarzer imd gelber Seide versehen; die Partisane des 
Lieutenants war gar nicht vergoldet und besass auch keine Quaste. 
Die Fähnriche waren mit ., Springstöcken", die Feldwebel und 
Corporale mit dem „Kurzgewehr" versehen, einer kürzeren Abart 
der Partisane. Das Kurzgewehr des Feldwebels war von jenem 
des Oorporals verschieden und musste von Ersterem mit der rechten, 
von Letzterem mit der linken Hand gehalten werden ; es wurde nur 
während des Marsches geschultert. Partisane und Kurzgewehr 
verschwanden erst nach dem siebenjährigen Bjriege aus der öster- 
reichischen Armee : doch dürften die Unterofficiere, vielleicht auch 
die Officiere, wenigstens theilweise, im österreichischen Erbfolgekriege 
mit dem Feuergewehr versehen gewesen sein, denn Ende 1748 wurde 
für die Officiere der Ordinari-Compagnien die Partisane, ftlr die 
LTnter-Officiere ausdrücklich „statt der Flinten" wieder das Kurz- 
gewehr normiert. ^ 



*) Nicht, wie man gewöhnlich liest, nach der Czaslauer Schlacht 1742. 
A., H. K. R 1744, Prot. Reg. fol. 8160. 

«) K. A., H. K. R. 1748, Prot. Reg. fol. 2150 ff. (Decemher 18.) 



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383 

Das Infanterie-Reglement vom Jahre 1737 schreibt noch den 
Gebrar^ch und das Exercitium mit den „Schweinsfedem" vor. Das 
waren pikenartige Stäbe von BV« Fuss Länge, oben und unten mit 
einer spitzen Eisenkappe versehen, mit welchen in bestimmter 
Anzahl der neun Fuss lange und drei Zoll dicke, mit ent- 
sprechenden Löchern versehene Balken derart „gespickt" wurde, 
dass tragbare „spanische Reiter" entstanden, welche unter einander 
verbunden werden konnten und zum Schutze gegen Cavallerie- 
Angriflfe dienen sollten. Die Balken wurden im Regiments-Train 
auf eigenen Balkenkarren mitgefiihrt. Mit Beginn des öster- 
reichischen Erbfolgekrieges verschwanden die Schweinsfedem aus 
dem Inventar der Infanterie. Im December des Jahres 1740 und 
Anfangs 1741 erhielten die aus Ungarn nach Schlesien marschierenden 
Regimenter den Befehl, die Schweinsfedem in die nächsten Zeug- 
häuser abzugeben und den in Schlesien stehenden wurde 1741 
wiederholt au%etragen, mit der Anschaffung der Schweinsfedem 
imd Balkenkarren zurückzuhalten.^) 

Zur Ausrüstung einer Compagnie gehörten ausser der Fahne, 
den Trommeln der Tamboure und einigen Pionnier- und Zimmer- 
manns- Werkzeugen auch noch die Zelte, deren eines auf vier bis 
fiinf Mann gerechnet wurde und welche für jedes Bataillon auf 
einem eigenen Zeltwagen im Regiments-Train mitgeführt wurden. 
Auf vier bis fünf Mann kam auch ein kupferner Feldkochkessel. 

Jede Ordinari-Compagnie besass eine Fahne, die Grenadier- 
Competgnie fiihrte keine und hatte desshalb auch keinen Fähnrich 
im Stande. Die Fahne der „Leib-Compagnie" (des Oberst-Inhabers) 
war von den Fahnen der anderen Compagnien verschieden. Als 
nach und nach die Compagnien, dann auch die Bataillone die Fahnen 
abzugeben hatten, wurde aus der Leibfahne die Regimentsfahne. 
Sie war der ganzen Fläche nach mit Ausnahme "eines weiss-roth- 
schwarz-gelb geflammten Randes weiss und trug auf der einen 
Seite den kaiserlichen Doppeladler, auf der andern das Bild der 
heiligen Dreifaltigkeit, der Mutter Gottes oder eines Heiligen. ^ 



») K. A., H. K. E. 1740 und 1741, Prot. Reg. laut Index unter den 
Namen der nach Schlesien beorderten Regimenter. 

*) Bei den sechs neuen ungarischen Regimentern war eine Fahne weiss, 
die übrigen roth. (Alexich, a. a. 0., V, 126.) Gelegentlich der Errichtung des 
ersten Wallonen-Regiments (d' Arberg) hiess es ausdrücklich, die Farbe der 
Fahnen und der Partisanenquasten der Hauptleute sei gleichgiltig. (H. K. R. 
1742, Prot. Reg. fol. 1263.) 



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384 

Im Jahre 1743 ordnete Maria Theresia an, dass nicht 
nur die Feldbinden der Officiere grün und je nach dem Range 
mit Gold oder Silber, gelber oder weisser Seide durchwirkt, sondern 
dass die Hauptfarbe auch der v Compagnie - Fahnen die grüne 
sein solle und dass auf der einen Seite derselben nunmehr das 
königliche (böhmisch-ungarische) Wappen, auf der andern ebenfalls 
das Wappen oder eine Devise angebracht werde. Die Leib- 
fahne aber blieb nach wie yor auf beiden Seiten weiss und sollte 
auf beiden Seiten das Muttergottesbild tragen. Die Abänderung der 
Fahnen nach der neuen Vorschrift sollte aber erst dann geschehen, 
wenn die bisherigen unbrauchbar geworden wären. ^) Als aber 1745 
Grossherzog Franz Stephan zum römischen Kaiser gewählt 
und die österreichische Armee die „kaiserUch-königliche" ward, 
wurde auch die grüne Farbe der Feldzeichen wieder abge- 
schafft und die Fahnen waren wieder „nach dem ehemaligen 
kaiserlichen Fuss zu errichten." ^ Zu jeder Fahne war ein Ueber- 
zug aus Wachsleinwand vorhanden. 

Der Eegiments-Train bestand aus einem Zeltwagen für jedes 
Bataillon und aus sechzehn Proviantwagen, deren jede Ordinari-Com- 
pagnie einen, die beiden Grenadier -Compagnien zusammen einen be- 
sassen. Zelt- undProviantwagen waren vierspännig.DasAerar zahlte zur 
Aufstellxmg dieses Trains bei eintretender Mobilisierung ftlrjedenWagen 
sammt Pferden und Zugehör 200 Gulden.^ Mit dem Verschwinden 
der Schweinsfedem kamen auch die Balkenkarren ausser Gebrauch. 

Die Zeltwagen sollten nach einer Anordnung vom Jahre 1744 
durch Tragthiere ersetzt werden*); dies wurde jedoch wegen des 
Kostenpunctes nicht durchgeführt und nach wie vor erhielten alle 
in das Feld beorderten Bataillone ihre Zeltwagen. Auch die Bagage- 

1) K. A., F. A., Bayern und Ober-Bhein, 1743, X, 88V, j ung. Gen.- 
Comdo., 1743, II, 14. Die Aenderung der Fahnen, welche den kaiserlichen 
Doppeladler trugen, war in Folge der Wahl C arl VIL von Bayern zum römisch- 
deutschen Kaiser nothwendig geworden. 

*) K. A., H. K. R. 1745, December 424, 425 Reg. 

*) Hofk. Arch., Hoffinonz, 25. Juli 1744 (Berechnung des Gleneral- 
Kriegs-Commissariates fär den von Leopold Pdlflfy-Infanterie im Jahre 1741 
angeschafften Regiments-Train). 

*) K. A., H. K. R. 1748, Prot. Reg. fol. 659 und 1744, fol. 67. Die Ab- 
schaffimg der Zeltwagen und die Einfuhrung von Tragthieren, welche mit den 
Zelten, auch bei Detachierungen, der Truppe überallhin leicht folgen konnten, 
fand besonders an Feldmarschall Khevenhüller, im Interesse des gemeinen 
Mannes, einen warmen Fürsprecher. 



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585 

Ordnung vom Jahre 1747 kennt sie und weist ihnen die vorderste 
Stelle im Train, unmittelbar hinter dem Regimente ein. 

Dagegen blieb es bei der Anfangs 1743 angeordneten Vermin- 
derung der Proviantwagen von fünf auf zwei per Bataillon.^) Hiebei 
wurde die Instandhaltung der zwei verbleibenden Wagen aus- 
drücklich als Obliegenheit der Hauptleute des Bataillons erklärt. 
Die nunmehr überzählig entfallenden Wagen wurden gegen eine 
billige Vergütimg an die Regimenter dem Feld-Proviant-Fuhrwesen 
der Armee zugewiesen. 

Auf Märschen gebührten dem Regiments-Stabe imd jeder Com- 
pagnie zwei mit vier Pferden oder sechs Ochsen bespannte Wagen als 
Landesvorspann, einem Regimente von drei Bataillonen und zwei 
Grenadier-Compagnien im Ganzen also 36 Vorspann-Fuhrwerke. 

Zum Train gehörten auch die Pferde aller Stabs- und Ober- 
Ofiiciere, des kleinen Stabes und der Prima-Plana, deren erlaubte 
Zahl aus den nachfolgenden Gebührsangaben zu ersehen ist, femer 
die Marketenderwagen, jene Fuhrwerke, welche die Officiere auf 
eigene Kosten in das Feld mitnahmen oder von Station zu Station 
mietheten, wogegen (freilich lange vergebens) immer angekämpft 
wurde ^), endlich die Soldaten- Weiber und das Gesinde. 

Der Train stand unter Commando des Regiments- Wagen- 
meisters oder, wo dieser fehlte, eines Unterofficiers und unter 
Bewachung eines Corporals mit zwei Mann von jeder Compagnie. 

Die Gebühren wurden nach monatlich bemessenen Mund- 
und Pferde-Portionen, deren jeder Charge eine bestimmte Anzahl 

') K. A , H. K. R. 1743, Prot. Reg. fol. 506, 608, 671, 1164, 1185 u. s. w.; 
Hof k. Arch., Hoffinanz, 5. April 1743. 

«) K. A., H. K. R. 1744, December, 212 Reg. (Kgl. Handschreiben d. d. 
12. December an Carl v. Lothringen). Vergl. M e y n e r t, Geschichte 
der k. k. österreichischen Armee, IV, 71 ff. Die Bagage-Ordnung vom 
8. Februar 1788 erlaubt jedem Obersten zwei, dem Oberstlieutenant und 
Oberstwachtmeister je einen, den Personen des kleinen Stabes zusammen 
drei, jedem Hauptmann einen, einem Lieutenant und Fähnrich zusammen einen, 
endlich bei jeder Compagnie dem Marketender einen Wagen. Die Bagage- 
Ordnung vom 16. Januar 1743 gestattete dem Oberstlieutenant zwei, den Per- 
sonen des kleinen Stabes zusammen nur zwei Wagen und hielt die übrigen 
Ziffern aufrecht. Die Bespannung dieser Wagen stand aber nicht im Genüsse 
der ärarischen Fourage-Portion, sondern musste vom Eigenthümer oder Benutzer 
auf seine eigenen Kosten erhalten werden. 

Die Bagage-Ordnung Carl's v. Lothringen vom 7. September 1744 
(K. A., F. A. Böhmen und Ober-Rhein 1744, IX, 20) ordnet noch weitere Re- 
striction der Wagenzahl an. 

Oesterreiohischer Erbfolgekrieg. I. Bd. 26 



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386 



zukam, berechnet; sie sind aus nachfolgenden Tabellen, welche in 
den Jahren 1739 und 1740 anlässlich der damals im Zuge befind- 
lichen Heeres - Reduction vom General - Kriegs - Commissariate zu- 
sammengestellt wurden *), zu ersehen. 



tD 






Benennung der Chargengrade 



Mund- 
portionen 

Tfl. 14 V. 



a ! S o ^ 

— Ss-^'i - 
fl. ^ i fl. 



Betragen 

monatlich 

in Geld 



kr. 



I 

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O 
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OS 

U 



s 

o 
O 
i 



OS 

! ^ 



Oberst 

Oberstlieutenant .... 
Oberstwachtmeister . . . 
Auditor (zugleich Secretär) 
Regiments-Quartiermeister 

Caplan 

Wachtmeister-Lieutenant . 
Regiments-Feldscherer . . 
Feldscherer(-Geselle) . . 
Profoss cum suis . . . 



50 

13 

5 

5% 

4 

3V3 

272 

4 

3 

4 



Hauptmann 
Oberlieutenant 
Unterlieutenant 
Feldwebel . . 
Fourier . . . 
Corpora! . . . 
Tambour . . 
Fourierschütze 
Grenadier . . 
Hauptmann 
Lieutenant . 
Fähnrich . . 
Feldwebel . . 
Führer . . . 
Fourier . . . 
Corporal . . . 
Tambour . . 
Fourierschütze 
Gefreiter . . 
Gemeiner . . 



12 
8 
6 
4 
3 
3 
2 
3 



15 
5 

4 - 

3 - 

2 I - 
2 

IV2I - 

IV2 - 

— 1 



] 236 
. 76 
t 38 
34 
25 
23 
16 
25 
12 
25 



15 
5 
4 
3 
2 
2 
2 

1 Vsj 
1 V2 

1 V2 
1 



69 

26 

22 

12 

11 

8 

6 

6 

4 



69 

26 

22 

12 

8 

11 

8 

6 

6 

6 

4 



30 



») K. A., Memoiren, YIII, 12. 



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387 



Hienach kostete monatlich ; 



Unter- Abtheilung 



Mund- 
portionen k 



4 fl. 4 Vi Ü, 



. g . 



In Geld 



fl. ,kr. 



Ein Regiments-Stab (incl. 10 Feld- 
scherer-Gesellen) 

Eine Grenadier-Compagnie . . . 

EineFüsilier-Compagnie (mit 5 Cor- 
poralen, 3 Tambouren, 2 Fourier- 
sohützen, 12 Gefreiten, 92 Ge- 
meinen,, also zusammen) von 120 
Mann 

Eine Füsilier-Compagnie (mit 112 
Gemeinen, sonst wie vorstehend, 
also zusammen) von 140 Mann 



121 Vg 

43 



87 



44 

8 



618 
587 



158^2 



178 V, 



658 



738 



30 



Ein Regiment kostete somit (inclusive Regiments-Stab) monatlich 



o 
> 

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TS 

d 

s 
a 

© 



<5> 



2000 



2300 



3000 



a 

ö o 



^ 



3 Batail- 
lonen 



4 Batail- 
lonen 



2585 



2885 



3777'A 



174 



174 



174 



180 



180 



220 



11.663 



12.863 



16.553 



I 



Im Felde erhöhten sich diese Beträge um die Gebühren des 
Proviant- und des Wagenmeisters, deren jeder zwei Mundportionen 
zu vier Gulden und zwei Pferdeportionen zu drei Gulden genoss, 
dann um die Gebühren des Trains (für jeden Knecht eine Mund- 
portion zu vier Gulden, für ein Pferd eine Portion zu drei Gulden). 

Da jeder der drei Stabsofficiere eines Regiments auch Chef 
einer Compagnie war, so fiel jedem nebst der Gebühr seiner 
Charge auch noch die Hauptmannsgebühr zu. Die Bezüge des 
wirklichen Obersten (des Inhabers) stellten sich sonach monatlich 
auf 236 mehr 69, gleich 305 Gulden *). 



') Hiemit ist übrigens das Einkommen eines wirklichen Obersten nicht 
erschöpft. Wie hoch dasselbe amtlich angeschlagen wurde, lässt sich daraus 
entnehmen, dass gelegentlich der Einfiihrung der neuen Tax-Ordnung beim 

25* 



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388 

Bezüglich der andern Stabsofficiere aber hatte sich seit dem 
Aufkommen eines zweiten Obersten, welcher anstatt des meist ab- 
wesenden Oberst-Inhabers oder im Falle der Vacanz das Regiment 
comraandierte, die Gepflogenheit herausgebildet, dass der Oberst- 
lieutenant und der Oberstwachtmeister nur so lange ihre chargen- 
mässigen Gebühren erhielten, als kein Oberst-Regiments-Comman- 
dant ernannt war. War dieser aber vorhanden, so erhielt e r nebst 
der Hauptmanns- noch die systemisierte Oberstlieutenants-Gebühr, 
wie er denn in Anwesenheit des Inhabers auch nur Oberstlieutenants- 
Dienste versah; der Oberstlieutenant aber erhielt dann nebst der 
Hauptmanns- noch die Oberstwachtmeisters-Gebühr, der Oberst- 
wachtmeister endlich allein die Hauptmanns-Gebühr ^). 

Die wichtigste Person eines Regiments war der wirkliche 
Oberst oder Regiments-Inhaber, welchem das Regiment mit Be- 
stallungsbrief verliehen worden und nach welchem dasselbe benannt 
wurde. Nach dem Range des wirklichen Obersten wurde es in der 
Regel in die Ordre de bataille eingetheilt. 

War der Inhaber nicht bei seinem Regimente anwesend, so 
übertrug er seine Rechte zum Theile an den zweiten Obersten 
oder an den Oberstlieutenant als Commandanten. Der Inhaber hatte 
das Beförderungsrecht bis zum Oberstlieutenant hinauf; das Recht, 
Officiere zu entlassen oder zu cassieren, stand ihm nur nach 
ordentlichem Kriegsrechtsschluss zu. Auch stand es nicht mehr in 
seiner unbeschränkten Macht, längere Urlaube an Officiere zu er- 
theilen, besonders nicht in das Ausland. Diese Befugniss war an 
den Hof-Kriegsrath und die commandierenden Generale über- 
gegangen. Der 'Inhaber ertheilt<5 die Bewilligung zum Heirathen für 
Officiere und Mannschaft, sollte aber bei den ersteren dahin einwirken, 
dass nicht solche Ehen geschlossen würden, welche auf die blosse 



Hof-Kriegsrathe die Taxe für die Verleihung eines Regiments von 450 auf 
1200 Gulden erhöht wurde mit der Begründung, das sei „gegen eine Regiments- 
Ertragniss nicht zu viel". (Siehe das Capitel „Hof-Kriegsrath".) 

Als im Jahre 1744 Feldmarschall-Lieutenant Diesbach irrthümlich in 
Wien todt gesagt und dessen Regiment an den General-Feldwachtmeister 
Grafen Co 1 1 o r e d o verliehen worden war, wurde Diesbach von Maria 
Theresia dadiu*ch entschädigt, dass ihm eine jährliche Pension von 4000 
Gulden imd ausserdem noch der Feldzeugmeisters-Character zuerkannt wurde. 
(Hofk. Arch., Hofananz, 3. Juli 1746.) 

^) Hofk. Arch., Hoffinanz, 21. Juni 1746 (Vortrag des Hof-Kriegsraths- 
Präsi deuten Feldmarschall H a r r a c h vom 26. Mai 1745 zur neuen Tax-Ordnung). 
K. A., H. K. R. 1748, Prot. Reg. fol. 268, 979, 1028. 



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389 

Gage angewiesen wären. Das Recht, dem Regimente Reglements 
zu geben und dessen Uniform zu bestimmen, war durch das all- 
gemein giltige kaiserliche Infanterie-Reglement vom Jahre 1737 
aufgehoben, beziehungsweise durch schon früher ergangene Ver- 
ordnungen eingeschränkt worden, was auch schon bezüglich der 
Fahnen galt. 

Bei Todesfällen von Officieren, welche ohne Erben und ohne 
Testament verstorben, war der Inhaber Erbe des besten Pferdes 
oder von hundert Ducaten. 

Er war der oberste Administrator des Regiments. 

Der Oberst-Regiments-Commandant commandierte 
als Titular-Oberst (mit den Gebühren des Oberstlieutenants) das 
Regiment in Abwesenheit des Inhabers und übernahm auch 
alle Pflichten desselben, die aus der Entfernung nicht ausgeübt 
werden konnten. Er musste von allen wichtigeren Vorfällen im 
Regimente dem wirklichen Obersten berichten. Im Falle der Vacanz 
hieng er in allen höheren Justizfallen und in Bezug auf die Beför- 
derung der Officiere im Felde vom commandierenden General, im 
Quartier vom Hof-Kriegsrath ab. Ausser der gesammten Oeconomie 
und Cassagebahrung war seine besondere Pflicht, im besten Ein- 
vernehmen mit den Stabsofficieren den guten Geist im Ofifioiers- 
corps und 'bei der Mannschaft zu wecken und zu erhalten, über- 
haupt den Nutzen und das Ansehen des Regiments nach allen 
Kräften zu fördern. 

Es würde zu weit ftihren, auf die Dienstes-Obliegenheiten der 
einzelnen Chargengrade im Detail einzugehen ^) ; insofeme eine 
Ohargenbenennung heute nicht mehr besteht oder eine gegen 
heute anders geartete Dienstessphäre hatte, sei hier kurz nur Fol- 
gendes bemerkt: 

Der Wachtmeister-Lieutenant (Regiments -Adjutant) 
ist noch nicht Officier ; er war das die Befehle des Commandanten 
vermittelnde Organ ftlr den inneren Dienstbetrieb im Regimente 
und hatte alle hierauf bezüglichen Vormerkungen und die Standes- 
Tabellen zu ftihren. Die gesammte Correspondenz des Regiments 
nach aussen ftlhrte damals noch der Auditor in seiner Eigenschaft 
als Secretarius; ihm oblag auch die Vormerkung der für das 
Regiment wichtigen Ereignisse. 



*) Zur näheren Information hierüber sei verwiesen auf R e g a l's Regle- 
ment, auf Khevenhüller's Observations-Puncte etc. ; in neuerer Bear- 
beitung auf Müller, Die k. k. österreichische Armee, 2. Band und auf „Die 
Feldzüge des Prinzen Eugen" I, 805 ff. 



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390 

Der Eegiments-Quartiermeister war der Rechnungs- 
führer und ZaJilmeister des Regiments, versah aber auch den Dienst, 
welchen sein Name andeutet; in dieser Eigenschaft gieng er mit 
den Fourieren und Fourierschützen der Compagnien auf Märschen 
dem Regimente stets voraus und leitete die Einquartierung. 

Der Regiments-Pater (Caplan) durfte bei Verlust seiner 
St,ellung niemand ohne Bewilligung des Regiments trauen. Ihm 
war besonderer Einfluss gewährt auf die schulmässige Ausbildung 
der Kinder des Regiments, zu welcher Aufgabe ihm ein geeigneter 
Soldat beizugeben war. 

Der Regime nts-Feldscherer sollte ein „ausgemachter 
Chirurgus", ein „habiler Anatomicus" sein und „auch die Manipu- 
lation der Medicin verstehen, wenigstens was zu den Ordinari- 
Zuständen der Soldaten erfordert wird, als Fieber, Dysenterie, 
Kolik und dergleichen". Er verwaltete den Feld-Medicamenten- 
Kasten des Regiments und leitete den Dienst der Feldscherer- 
Gesellen bei den Compagnien, die kaum auf einer höheren Stufe 
standen, als die heutigen Sanitäts-Soldaten. 

Der Fähnrich hatte seinen Namen von der FcJine, die er 
trug; wurde dieselbe nicht mitgenommen, so versah er denselben 
Dienst, wie der Lieutenant. Seiner besonderen Aufsicht imterstanden 
die Kranken, wobei ihm der Führer an die Hand gehen musste; 
der letztere trug auch die Fahne in Verhinderug des Fähnrichs