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Full text of "Ethnographie der Oesterreichischen monarchie"

UMASS/AMHERST 



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ETHNOGRAPHIE 



aSTKRREICHISCJHKN MuNA fcCHIE 



KARL FREIHERRN v CZOERNIG, 

Ritter des kaiserl. österreichischen Oi'ilens der eisernen Krone zweiter Classe, Commandern- und Ritter mehrerer anderer Orden, 
rorresp. Mitglied der kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu Wien und der künigl. holiuiischcn Gesellschaft der Wissenschaften 
tu Prag, so wie vieler anderer gelehrter Gesellschaften und Vereine, kaiserlich - königlicher Seclimisr.ucf im Ministerium für 
Handel, Gewerhe und öffentliche Rauten , l'riisrs der Central-Comuiission zur Erforschung und Erhaltuug der Raudenkmale und 

ftivertur der administrativen Stalistik. 



MIT EINER ETHNOGRAPHISCHEN KARTE IN VIER BLAETTERN. 



rtERAUSGECiEBES 

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KUSEUMdl-KOKNIttMCKB MRECTION HER 4DJIINIS 

1. BAND. 

ERSTE ABTHEILUNG. 



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WIEN. 

IIS DER KA.SERUCH-KOENiGl.lCHEN HOK- UNO STAATSDRUCKEHKI. 

18S7. 



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ETHNOGRAPHIE 



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OESTERRE ICHISCHEN MONARCHIE 



KAHL FREIHERllN v. CZOERNIG, 

RITTER DES KAISERL. OESTERR. ORDENS DER EISERNEN KRONE II. ('LASSE, COMMANDEUR UND RITTER MEHRERER 
ANDERE« ORDEN, CORKESP. MITGLIED DER KAISERL. AKADEMIE DER WISSENSCHA1 TEN ZU WIEN UND DER KOENIGL. 
BOEHM. GESELLSCHAFT DER WISSENSCHAFTEN ZU PRAG, SO WIE VIELER ANDERER GELEHRTER GKSKI.I.srll UTEN 
IM. VEREINE, KAISERL. KOENIGL. SECTIONSCBEF IM MINISTERIUM FÜR HANDEL, GEWERBE UND OEFFENTLICHE 
BAUTEN, PRAESES DER GENTRAL-COMMISSION ZUR ERFORSCHUNG UND ERHALTUNG DER BAUDENKMALE UND 

DIRECTOR DER ADMINISTRATIVEN STATISTIK 



MIT EINER ETHNOGRAPHISCHEN KARTE IN VIEH BLAETTERN. 



HERAUSGEGEBEN 






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KAISERL. KOKMOL DIRKCTION DER ADMINISTRATIVEN STATISTIK. 



r. HAXI». 

ERSTE ABTHEILUNG. 




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WIEN. 

AUS DER KAISERLICH -KOENKU.KJHEN HOF- UND STAATSDRUCKEREI. 

1857. 



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LIBRARY 

UNIVERSITY OF 

MA SSACHUSET TS 

AMHERST, MASS. 



Ethnographie 



der 



österreichischen TI o n a r c li i e. 



1. Band. Erste Abtlicilun 



Vorrede. 



Der österreichische Kaiserstaat erhält sein charakteristisches Gepräge durch die 
grosse Mannigfaltigkeit der Verhältnisse, welche sich innerhalb seines weiten Gebietes 
vorlinden. Er bedeckt einen grossen Theil von Mittel -Europa, und reicht über den- 
selben hinaus in den Süden und den Norden unseres Welttheiles ; von dem südlichen 
Klima Ragusa's und dem heiteren Himmel Nord-Italien's bis zu der kalten russischen 
Ebene, von dem Fichtelgebirge bis zu den Ausläufern des Balkan's umfasst er alle 
Abstufungen der Fruchtbarkeit und der Boden-Cultur, Länder, reich an Industrie, und 
solche, welche derselben fast gänzlich entbehren, Gebiete, ausgestattet mit den treff- 
lichsten Communieations-Mitteln, und andere, welche denselben noch entgegenharren, 
Mittelpuncte der Kunst und Wissenschaft, und Landstriche, wohin deren belebender 
Hauch noch nicht gedrungen ist. Alle Hauptstämme der Bevölkerung Europa's begeg- 
nen sich in dem Umfange des Reiches, bilden hier compacte Massen , durchdringen 
dort in verschiedenster nationaler Färbung einander, und gestalten sich zu ethnogra- 
phischen Gruppen und Inseln, welche in buntester Mischung die nirgend anderswo 
wieder zu findende Ei<renthümlichkeit des Völkerbestandes von Oesterreich ausdrücken. 
Aber nicht allein die Völkermischung ist es, welche diese Eigenthümlichkeit begründet ; 
es geschieht dieses hauptsächlich durch die grossartigen Verhältnisse, in denen die 
Hauptvölkerstämme auftreten , so dass sie einander durch Zahl und innere Kraft der 
einzelnen Völker, sowie durch die Abstufungen der Civilisation das Gleichgewicht 
halten, und in ihrer Vereinigung, nicht in ihrer Unterordnung, die Grundfesten bilden, 
auf denen das Staatsgebäude ruht. 

Diese charakteristische Zusammensetzung der Bevölkerung Oesterreich's, welche 
nicht nur auf den Gang und die Entwicklung der Geschichte des Staates maassgebend 
eingewirkt hat, sondern auch die Grundlagen des heutigen Bestandes desselben bildet 
und unter den natürlichen Staatskräften des Kaiserstaates in den Vordergrund tritt, 
verdient eine genauere Untersuchung, weil nur durch die Kenntniss des Details der 
Umfang und das Gewicht der an diese Verhältnisse sich knüpfenden Thatsachen klar 
vor das Auge tritt. In unserer Zeit, in welcher bei den öffentlichen Verwaltungen 
allgemein die Ueberzeugung von der Notwendigkeit rege geworden ist, sich von den 
auf die Staatskräfte einwirkenden Zuständen die eindringendste Kenntniss zu verschaf- 
fen , um darnach die auf das Wohl der Völker abzielenden Maassnahmen zu ergreifen, 
erscheint eine solche Untersuchung auch von höherer Wichtigkeit in staatlicher Hinsicht. 
I. 



VI 

Nachdem das k. k. statistische Bureau durch seine Umwandlung in eine Direction 
der administrativen Statistik einen erweiterten Wirkungskreis erhalten hatte und der 
Unterzeichnete zur Leitung desselben (im Jahre 1841) berufen worden, war er darauf 
bedacht, neben der gleichzeitigen Bearbeitung der Darstellung der materiellen Hilfs- 
kräfte des Staates auch die Materialien zu einer ethnographischen Karte der Monarchie 
zu sammeln. Die Schwierigkeiten, welche sich diesem Beginnen entgegenstellten, 
waren beträchtlich, da fast Alles hierzu von Grund aus neu geschaffen werden musste 
und die zu Gebote stehenden Hilfsmittel häufig unzureichend waren ; selbst die ethno- 
graphische Wissenschaft befand sich noch in den ersten Stadien ihrer Entwicklung, da 
man ethnographische Karten von Sprachen-Karten noch nicht unterschied und beide 
mit einander verwechselte. Es konnten für diesen Zweck fast keine Vorarbeiten benützt 
werden. Die Verwaltung hatte ihre Aufmerksamkeit noch nicht auf diesen Zweig 
o-erichtet, und die Literatur bot nur geringe Ausbeute, die kaum zum Anhaltspuncte 
für weitere Forschungen, in keinem Falle aber zur festen Bestimmung und Begränzung 
der Verhältnisse dienen konnte, da es dem Einzelnen nur selten möglich ist, über 
seinen eigenen beschränkten Gesichtskreis hinaus das ethnographische Material zu 
sammeln. Unternehmungen von Körperschaften aber keine stattgefunden hatten. Eine 
rühmliche Ausnahme hiervon macht der slavische Gelehrte Dr. Safafik, k. k. 
Universitäts-Bibliothekar zu Prag , welcher in seinem Werke „Cesky narodopis" die 
Verbreitung des slavischen Sprachstammes nachgewiesen hat. Allerdings ist die diesem 
Werke beigefügte ethnographische Karte in zu kleinem Maassstabe gehalten, um daraus 
das ethnographische Detail für die Monarchie abzuleiten ; der Verfasser hatte jedoch 
die Gefälligkeit, seine auf österreichische Provinzial-Karten aufgetragenen Vorarbeiten 
zu diesem Werke dem Unterzeichneten mitzutheilen. Diese Vorarbeiten enthielten, 
der Hauptsache nach, eine genaue Darstellung der Wohnsitze des slavischen Stammes 
in Oesterreich , und kaum noch ist es vorgekommen, dass ein einzelner Gelehrter, 
selbst bei den ausgebreiteten Verbindungen , wie sie der Verfasser benützen konnte, 
auf einem derart umfassenden Gebiete im Wesentlichen so richtige Nachweisungen zu 
liefern vermochte. Dieselben boten willkommene Anhaltspuncte der Vergleiehung, 
enthoben aber um so weniger der Notwendigkeit eigener Special -Erhebungen, als 
sie sich nicht auf die Unterscheidungen zwischen den einzelnen slavischen Stämmen 
erstreckten und die ethnographischen Uebergänge und Inseln unbeachtet Hessen. Es 
wurden demnach eigene Formulare und Instructionen vorbereitet und an die admini- 
strativen Unterbehörden vertheilt, und auf Grundlage derselben die ersten Erhebungen 
über die Nationalität der Bewohner eines jeden einzelnen Ortes vorgenommen. 
Diese Erhebungen konnten sich jedoch unter den damaligen Verbältnissen nicht 
auf die unffrischen Länder, wo gerade die Nationalitäten sich in buntester Mischung 



■&■ 



VII 

durchdringen, erstrecken , und selbst in den anderen Ländern mit gemischter Bevölke- 
rung waren die Erhebungen einzelner den Patrimonial-Herrsehaften unterstehender 
Organe nicht frei von dem Einflüsse der herrschenden Zeitrichtung. Für Ungern boten 
die Schematismen der katholischen und zum Theile der protestantischen Geistlichkeit 
eine Aushilfe, welche, obgleich nicht überall ausreichend, dennoch zur ersten Anlage 
sehr erwünscht war. 

Die Ergehnisse dieser und vieler anderweitigen Erhebungen wurden sohin auf 
Detail-Karten (im Ganzen auf 306 Blätter) mit Farben aufgetragen; diese Auftragung 
bildete das erste und wichtigste Control-Mittel zur Beseitigung ungenauer und unrichti- 
ger Angaben. Denn wo sich durch die hiermit entstehenden Farbenbilder an einem 
Orte eine Abweichung von den ethnographischen Verhältnissen der Umgebung zeigte, 
musste die Verschiedenheit durch die Gründung einer Colonie oder sonst historisch 
nachzuweisen sein; wo diess nicht der Fall, lag die Vermuthung einer unrichtigen 
Angabe nahe. Ebenso traten an den Sprachgränzen durch die Vergleichung der Nach- 
weisungen von einer Seite mit jener von der andern Seite Widersprüche an den Tag, 
welche einer endgültigen Lösung bedurften. Die zweifelhaften Puncte, welche sich 
hierdurch herausstellten, bildeten den Gegenstand von sorgfältigen, oft mehrfach wieder- 
holten Nachforschungen, und, wo erforderlich, selbst von Entsendungen Sachkundiger 
an Ort und Stelle. Dass diese, viele Hunderte von Puncten umfassenden, zahllose 
Correspondenzen hervorrufenden Untersuchungen eine längere Zeit in Anspruch 
nahmen, wird bei dem weiten Umfange der Monarchie und der herrschenden Völker- 
mischung erklärlich erscheinen. Die meisten Schwierigkeiten in der Feststellung der 
ethnographischen Bezeichnungen boten (nebst lstrien und der VVoiwodina) die (hier 
zum ersten Male erhobenen) Gränzen zwischen dein polnischen und dem ruthenischen 
Volksstamme, jene zwischen dem polnischen und cechischen Volksstamine im östlichen 
Schlesien, die Entwirrung der kaum festzuhaltenden Uebergänge, welche im ungri- 
schen Karpathenlande zwischen den Slovaken, den Polen und Ruthenen vorkommen, 
der westliche Theil von Ungern, die Gränze zwischen den von Deutschen und Roma- 
nen, dann zwischen den von beiden Volksstämmen gemischt bewohnten Orten in Sie- 
benbürgen, endlich die der festen Begränzung beinahe entbehrende Durchdringung 
des deutschen und slovenischen Volksstammes in Steiermark und Kärnthen. 

Im Jahre 1848 war die Arbeit so weit gediehen, dass die ethnographischen Ver- 
hältnisse der Monarchie auf einer Detail-Karte (der Strassenkarte in 9 Blättern) ersicht- 
lich gemacht werden konnten; obwohl diese Darstellung im Einzelnen noch manche 
Berichtigung erforderte, so stellte sie doch die Hauptgruppen der Volksstämme hin- 
reichend genau dar, dass sie beidendamals in derGebietseintheilung der Kronländer und 
deren Bezirke stattfindenden Aenderungen benützt und dort wo erforderlich zum Grunde 



VIII 

gele°t zu werden vermochte. Bevor diese Darstellung aber als vollendet der Oeffent- 
lichkeit übergeben werden konnte, war noch Mehreres vorzukehren. Es wurde dieselbe 
in allen ihren Theilen einer genauen Revision unterzogen und jeder einer ethnographi- 
schen Insel oder Gruppe angehörige, oder an der Gränze eines Volksstammes gelege- 
ner Ort nach seiner ethnographischen Zugehörigkeit wiederholt geprüft, wozu die 
damalige Zeit, in welcher, aus Anlass der Neugestaltung so vieler öffentlicher Ver- 
hältnisse, Geschäftsmänner und andere Besucher aus allen Theilen des Reiches zahl- 
reich nach der Hauptstadt strömten, die günstige und reichlich benützte Gelegenheit 
darbot. Bei der ersten Ausfertigung der Karte') waren in dem cechischen Antheile von 
Böhmen und Mähren mehrere Städte und Marktflecken als deutsch-cechisch gemischt 
bezeichnet, da dort vorwiegend deutsch gesprochen wird; diese deutsche Bezeichnung 
musste bei strenger Festhaltung des ethnographischen Prinzipes im Gegensatze zum 
sprachlichen entfallen, da die dortige Bevölkerung, wenn sie gleich, neben ihrer Mut- 
tersprache, deutsch spricht, dem cechischen Volksstamme fast ausschliesslich ange- 
hört. In der Wojwodina und dem Banate, wo die Colonisation seit Mai*ia Theresia 
Wurzel gefasst hatte, bietet sich eine solche Vermischung der verschiedenen dort 
sesshaften Volksstämme dar. dass vereinzelte Nachforschungen daselbst das ethno- 
graphische Verhältniss nicht ins Klare stellen konnten. Es erübrigte demnach nichts, 
als eine neue Erhebung dieses Verhältnisses von Ort zu Ort vorzunehmen; Seine 
Excellenz der Herr Gouverneur FML. Graf von Coronini hatte die Güte, zu diesem 
Ende eine eigene Commission zu bestellen, welche, von Ort zu Ort sich verfügend, die 
Volksmischung eines jeden derselben genau erhob und aufzeichnete. In keinem 
Gebietsteile der Monarchie haben sich im Verhältnisse zu dem Umfange so viele 
Reste verschiedener Nationalitäten und von Abstufungen derselben noch mehr als in 
der Sprache, in der Kleidung und Sitte erkennbar erhalten, als in der kleinen Halb- 
insel von Istrien, dem Lande, wo sich die früheste Cultur unseres Welttheiles (Pola 
ist mit Adria vielleicht die älteste bekannte Ansiedhing in demselben) mit dem auf 
unsere Zeit gekommenen niedrigsten Stande der Civilisation innerhalb des Reiches 
die Hand bietet. Aber nicht allein die dreizehn ethnographischen Nuancen, welche der 
Unterzeichnete daselbst festzustellen vermochte — Italiener (directe Nachkommen der 
römischen Ansiedler und Venezianer). Romanen (Walachen), Albanesen. Slovenen 
(Savriner, Berschaner und Verchiner), Kroaten (Berg-, Ufer- und Inselbewohner, 
Beziaken und Fucky). Serben (Uskoken. Morlaken und Montenegriner) und die rät- 
selhaften Tschitschen — sind es, welche der ethnographischen Darstellung Verlegen- 
heil bereiten . sondern insbesondere die Verschmelzungen verschiedener Abtheilungen 



») Dieselbe wurde in ihrer unvollkommenen Gestalt durch den damaligen französischen Botschafter zu 
Wien. Grafen Beanmont, dem Institute der Wissenschaften zu Paris vorgelegt. 



einander nahe stehender, ja seihst der entgegengesetztesten Volksstamme, welche 
keine Schriftsprache haben, und deren gesprochene Mundart aus den verschiedensten 
kaum zu entwirrenden Elementen besteht, so dass es oft den wenigen Gebildeten dieser 
Stämme schwer hält, zu bestimmen, welcher Schriftsprache ihre Mundart am nächsten 
kömmt. Man begegnet daselbst nicht nur kroatisirten , auch serbisirten Slovenen und 
slovenisirten Kroaten, sondern auch kroatisirten Walachen, ferner italienisirten Kroaten, 
welche zumTheile selbst ihre Muttersprache vergessen haben (an der Westküste), dann 
kroatisirten Italienern, bei denen dieses ebenso der Fall ist (im Innern), endlich einem 
Mischvolke, dessen Tracht italienisch, dessen Sitte slavisch, dessen Sprache ein Ge- 
misch von serbischen und italienischen Worten ist. Hier war es erforderlich, einen 
der in Istrien gesprochenen Mundarten kundigen Mann zu finden, welcher die einzelnen 
Orte der Halbinsel besuchen und durch genaue Nachforschungen diesen Knäuel ethno- 
graphisch-sprachlicher Mischungen entwirren musste. Diess geschah, und ward dadurch 
der ethnographische Charakter dieses Gebietstheiles festgestellt, wovon inzwischen auf 
der Karte nur die Hauptumrisse ersichtlich gemacht werden konnten. 

Als das ethnographische Material gesammelt, gesichtet und festgestellt war. 
wurde zu der Entwerfung der ethnographischen Karte geschritten. Keine der vorhan- 
denen General-Karten der Monarchie zeigte sich für diesen Zweck verwendbar, weil 
diese andere Zwecke verfolgenden Karten das ethnographische Moment nicht hinrei- 
chend berücksichtigten. Man darf an eine ethnographische Karte die Anforderung 
stellen, dass sie das ethnographische Verhältniss eines jeden Ortes des Gebietes, 
welches sie umfasst, ersichtlich macht. Obwohl dieser Anforderung bei einem Reiche, 
welches 100.000 Wohnorte umfasst, schwer zu genügen ist, ohne der Karte eine 
übermässige Ausdehnung zu geben, so wurde ihr doch bei einem massigen Umfange 
der vier Blätter enthaltenden Karte dadurch entsprochen, dass auf derselben alle auch 
noch so unbedeutenden Ortschaften, welche an beiden Seiten der Gränze zwischen 
zwei Volksstämmen liegen, ferner alle, ethnographische Inseln bildenden, oder in 
ethnographischen Gruppen enthaltenen Ortschaften, dann alle jene, welche gemischt 
sind. d. h. Bewohner von mehr als einem Volksstamme in sich fassen, eingetragen 
wurden, wogegen man sich bei den compacten Massen der Nationalitäten mit der 
Angabe der grösseren oder in administrativer Beziehung belangreicheren Orte begnügen 
konnte. Auf diese Art ist es, ohne die Karte mit allzuhäufigem Detail zu überfüllen, 
möglich geworden, die Nationalität eines jeden Ortes der Monarchie kenntlich zu 
machen; denn wenn ein Ort auf der Karte nicht angegeben ist. so folgt er, innerhalb 
der bezeichneten Abgränzung, der Nationalität des zunächst liegenden Hauptortes, da, 
wo dieses nicht der Fall ist, der Ort ohnehin auf der Karte aufgetragen erscheint. Bei 
der Entwerfung dieser Karte wurde auch noch die Erreichung anderer Zwecke ange- 



strebt, wodurch die ethnographische Darstellung nur gewinnen konnte. Es wurde mit- 
telst besonderer Thonplatten das Terrain aufgetragen, wobei auf Grundlage der in 
neuester Zeit stattgefundenen militärischen Aufnahmen die Richtung und Verzweigung 
der karpathischen Gebirgszüge zwischen dem nordöstlichen Ungern und Galizien zum 
ersten Male genau angegeben erscheint. Ferner ist dieses die erste Karte der Monar- 
chie, in welcher alle Kreis- und Bezirks-Hauptorte (welche durch die gewählte Schrift- 
gattung kenntlich gemacht werden) nach der neuesten administrativen Eintheiliing als 
solche bezeichnet sind. Eben so werden darin alle Ortschaften über 2.000 Seelen 
mit der Unterscheidung in solche zwischen 2 — 5.000, dann zwischen 5 — 10.000 und 
über 10.000 Seelen (durch die gewählten Ortszeichen) ersichtlich gemacht, so wie 
auch alle Strassenzüge und die Richtung der im Betriebe stehenden und der im Baue 
begriffenen Eisenbahnen daraus zu entnehmen sind. Der rühmlich bekannte Kartograph 
Herr Sehe da, Major im k.k. militärisch-geographischen Institute, übernahm die Ent- 
wertung und Ausführung dieser Karte nach den Andeutungen des Unterzeichneten, 
und der schwierige Farbendruck wurde im k. k. militärisch-geographischen Insti- 
tute bewerkstelligt. Die Vollendung der Karte erfolgte im Jahre 1855, in welchem 
Jahre sie auch zur Industrie-Ausstellung nach Paris gesendet wurde. Die seither ver- 
flossene Zeit wurde abermals zur Prüfung des Details der Karte benützt, gewährte 
aber die beruhigende Ueberzeugung, dass, wo immer die Nachforschung erneuert 
ward, keine Unrichtigkeit aufgefunden werden konnte '). Um der kartographischen 
Darstellung der Ethnographie in Oesterreich eine grössere Verbreitung zu verschaffen, 
wurde eine Reduction der oben erwähnten Karte auf einem Blatte von dem k. k. Revi- 
denten der Direction der administrativen Statistik, Herrn Dolezal, bearbeitet und eben- 
falls unter Leitung des Herrn Majors Scheda im k. k. militärisch-geographischen 
Institute in Farben gedruckt, deren Druck so eben vollendet worden ist. 

Noch ist des besonderen Charakters dieser Karte als einer ethnographischen 
im strengen Sinne des Wortes zu erwähnen. Bisher wurden solche Karten häufig 
Sprachenkarten genannt, obwohl der Begriff ein verschiedener ist, wie eben in 
Oesterreich am anschaulichsten nachgewiesen werden kann. In allen grösseren Orten 
des cechischen Theiles von Böhmen, Mähren und Schlesien, namentlich in den Städten 
spricht man, wie bereits erwähnt, deutsch, und zwar häufig mehr deutsch als cechisch; 
diese Orte müssten in einer Sprachenkarte mindestens als deutsch-cechisch gemischt 
bezeichnet werden, während in der ethnographischen Karte, welche die Nationalität 
der Bewohner angibt, diess nicht geschehen kann. In der gesammten Monarchie nörd- 

') Die einzige seither eingetretene Veränderung wurde wahrgenommen, dass in dem kleinen Orte Ozail 
in Kroatien, mit gemischter Bevölkerung, das magyarische Element, welches aus den Beamten des 
dortigen Grundbesitzers und deren Familien bestand, nicht mehr vorkömmt. 



XI 

lieh der Alpen ist die Verwaltungssprache die deutsche; eben diese Sprache ist die 
amtliche Sprache des Heeres, wo immer es sich befindet; selbst in den nichtdeutschen 
Gebietsteilen, werden fast allenthalben, mit Ausnahme der südlich der Alpen gelegenen 
Gebietsteile, die Handelsbücher in deutscher Sprache geführt, die Wechsel in der- 
selben Sprache ausgestellt. Diess alles müsste, in einer Sprachenkarte dargestellt, 
eher zur Verwirrung als zur Veranschaulichung des ethnographischen Bildes führen. 
Unmittelbar vor und während des Jahres 1848 hatte die magyarische Sprache durch 
äussere Mittel eine grössere Ausdehnung selbst in jenen Gegenden Ungern' s, wo keine 
Magyaren wohnen, erlangt; eine Sprachenkarte, welche jene Verhältnisse berücksich- 
tigt hätte, würde heute nicht mehr anwendbar sein. Die ethnographische Karte dagegen 
ist auf bleibende Verhältnisse gestützt, die sich im Laufe der Zeiten nur allmählich 
und nicht häufig ändern. Das ethnographische Bild von Oesterreich stellte sich in 
seinen Hauptumrissen schon um das Jahr 1000 fest, in welchen nur die später begrün- 
deten Colonien und die Einwanderung der Serben in der Folgezeit einzelne Aende- 
rungen von grösserem Belange hervorgebracht haben. Im Uebrigen widersteht die 
Zähigkeit des ethnographischen Momentes (welche freilich bei den Deutschen die am 
wenigsten nachhaltige ist) jeder Einwirkung von Aussen her selbst in Mitte der widrig- 
sten Verhältnisse, und es bedarf sehr langer Zeit, ehe ein Ort (noch länger aber ehe 
eine Gegend) das ethnographische Gepräge wesentlich ändert. 

Mit der Herausgabe der Karte und der hierzu erforderlichen Beschreibung der- 
selben wäre der statistische Theil der Ethnographie von Oesterreich, d. i. die Darstel- 
lung der ethnographischen Verhältnisse im Baume, vollendet gewesen. Eine gründ- 
liche Einsicht in die ethnographischen Verhältnisse von Oesterreich aber würde damit 
noch immer nicht erlangt worden sein. Denn diese Verhältnisse wurzeln tief in der zum 
Theile über ein Jahrtausend hinaufreichenden Vergangenheit, sie haben Einfluss genom- 
men auf die Schicksale der Völker und Staaten, welche in dem Umfange des heuligen 
Kaiserthums Oesterreich bestanden, auf die Entwicklung ihres innern und äussern 
Lebens, auf die Verbreitung der Cultur und des Wohlstandes, sie sind die der Vorzeit 
entsprossenen Stämme, deren Krone den Boden der Gegenwart bedeckt. Kurz, zur 
Gewinnung dieser Einsicht wird die Darstellung der ethnographischen Verhältnisse i n 
der Zeitfolge oder der historische Theil der Ethnographie erfordert. 

Die Aufgabe, eine ethnographische Geschichte des Kaiserreiches, d. h. der einzelnen 
in historisch-ethnographischer Beziehung so mannigfach verschiedenen Länder desselben, 
zu schreiben, war aber eine noch weit schwierigere, als jene, die ethnographische Karte 
desselben zu entwerfen, und überstieg die Kräfte eines Einzelnen. Bei dem mangelhaften 
Material, welches die bisherigen Geschichtswerke von Oesterceich in ethnographischer 
Beziehuno- darbieten, musste die Fortsetzung grossentheils auf noch unbekanntem Felde 



XII 

vorgenommen werden. Doch konnte es hierbei nicht in der Absicht liegen, durch 
tiefgehende Forschungen der älteren Geschichte der österreichischen Länder neue 
Seiten abzugewinnen; hierzu hätten die verfügbaren Kräfte und die Zeit nicht hinge- 
reicht. Es sollten lediglich die Nachrichten, welche die historische Literatur, so weit 
sie zugänglich war, über ethnographische Verhältnisse darbot, gesammelt, zu einem 
Ganzen zusammengestellt und dadurch die ethnographische Geschichte bis auf die 
neue Zeit fortgeführt werden, wo es möglich war, durch Benützung mancher bisher 
noch nicht ausgebeuteter Quellen das vorhandene Material zu vermehren, und durch 
dessen Bearbeitung den gegenwärtigen Bestand der ethnographischen Verhältnisse zu 
erläutern. Diese Arbeit wurde mit dem ungrischen Länder-Complex begonnen, vor- 
zugsweise desshalb, weil dieser die grösste, bisher noch wenig bekannte ethnogra- 
phische Mannigfaltigkeit in seiner Geschichte aufzuweisen hat und darum das meiste 
Interesse darbietet, zum Theil aber auch desshalb, weil die Direction der administra- 
tiven Statistik in dem bei ihr angestellten Ministerial-Secretär Joseph Häufler einen 
der Verfolgung dieser Aufgabe mit Verständniss und glühendem Eifer sich hingebenden 
Mann gefunden hatte. Sein längeres Verweilen in Ungern unter günstigen Verhält- 
nissen (als Erzieher in dem Hause Seiner k. k. Hoheit des Erzherzogs Palatm) und 
seine Sprachenkenntniss hatten ihm zur Sammlung so manchen schätzbaren Materials, 
insbesondere magyarischer Monographien, verholfen, welches ausserhalb des Landes der 
Benützung fast gänzlich unzugänglich blieb. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei 
auf die Geschichte der in früher Zeit im Lande gegründeten Colonicn, von welchen 
der volkswirtschaftliche Aufschwung und grossentheils auch die Civilisation des Landes 
ausging 1 ), gerichtet, deren Entstehung und Nationalität, deren Privilegien mit Bezeich- 
nung der Quellen, welche hierüber handeln, umständlich angegeben wurden. Für die 
neuere Zeit noch belangreicher erscheint die einlässliche Darstellung der von Maria 
Theresia und Joseph IL bewerkstelligten Colonisation der südlichen Landestheile, ins- 
besondere des Banates, — der einzigen grösseren Colonisation neuerer Zeit, welche in 
solchem Maasse gelungen ist, und eine unwirthbare Einöde zum blühendsten und reich- 



') Merkwürdig ist die in dem ungrischen Gesetzbuche (Corpus Juris Ungariei Triparlitum) vorkommende 
Stelle einer Schrift des heil. Stephan, ersten ungrischen Königs, an seinen Sohn, den heil. Einerieh 
(Caput. 6. De aeeeptalione Exterorum et nutrimento Hospilum), wo er seine Ansieht über die Coloni- 
sirung und Berufung von Einwanderern fremder Volksstämme ausspricht: In hospilihus et advenlitiis 
viris tanta inest utilitas, ut digne sexto in loeo Regalis dignitatis possit haberi. 

§. 1. Unde inprimis Romanum crevit Imperium, Romanique Reges sublimati fuerunt et glorios! ? 
nisi quod multi nobiles et sapienies ex diversis illue contluebant partibus. Roma vero usque hodie 
esset ancilla, nisi Aeneades ipsam fecissent liberam. §. 'i. Sieut enim ex diversis parlibus provinciarum 
veniunt hospites, ita diversas linguas et consuetudines, diversaque documenta et arma seeum dueunt, quae 
Oinnia Regiam ornant et magnilieant aulam et perterritant exterorum ariogantiam. §. 3. Nam unius 
linguae uniusque moris Regnum imbecille et fragile est. 



XIII 

sten Landstriche dos gesegneten Ungorlawles erhoben hat '). Für diese Geschichte 
sowohl, als tur jene der Einwanderung der Serben wurden die urkundlichen Schätze 
der Archive des Finanzministeriums und des Kriegsministeriums benützt. Als diploma- 
tischer Beleg für die Darstellung der Colonien dient eine Sammlung der wichtigsten 
Urkunden, die Freiheitsbriefe der ungrischen Städte, der Siebenbürger Sachsen und 
der Einwohner und Einwanderer nach Kroatien, Slavonien und Dalmatien enthaltend, 
aus den Quellen (mit theilweiser Berichtigung und Vervollständigung des Textes nach 
den Original-Urkunden) abgedruckt, und zum Theile aus den Privilegien-Büchern der 
Städte (wie z. B. von Güns und Eisenstadt) oder aus den Staats-Archiven zum ersten 
Male veröffentlicht, woran sich die aus den obenerwähnten Staats-Archiven geschöpften 
Urkunden über die Colonisation des Banates und die wiederholten Einwanderungen der 
Serben reihen. Die ethnographische Geschichte der ungrischen Länder bildet den 
zweiten und dritten Band des vorliegenden Werkes, deren Druck bereits im Jahre 1849 
begann und im Jahre 1852 vollendet wurde. Es wird diess dessbalb bemerkt, weil 
hierin die Bechtfertigung liegt, dass bezüglich der älteren Geschichte Ungern's die 
neuesten Forschungen, deren Ergebniss in den Schriften der kaiserlichen Akademie der 
Wissenschaften zu Wien . insbesondere in den Werken des verdienstvollen Historikers 
Dümmler, enthalten ist, nicht mehr benützt werden konnten. Dass dessenungeachtet 
bei der Behandlung dieser dunkeln Periode der ungrischen Geschichte, namentlich in 
Bezug auf die Einwanderung der Magyaren, die zu Gebote gestandenen Quellen, ein- 
schliesslich der byzantinischen, nicht ohne Erfolg benützt wurden, mag aus dem erwäh- 
nenswerthen Umstände entnommen werden, dass die Ergebnisse, zu welchen man 
gelangte, nahezu mit denjenigen übereinstimmten, welche der ungrische Geschichtsfor- 
scher Jerney, der sich die Aufhellung jener Geschichtsperiode seines Vaterlandes zur 
Lebensaufgabe gemacht bat, in seinem neuerlich erschienenen Werke ") veröffentlicht hat. 
Der erste Band des vorliegenden Werkes soll nebst der allgemeinen historischen 
Einleitung und der Beschreibung der ethnographischen Gränzen und Inseln 3 ) sammt der 
statistisch-ethnographischen Uebersicht aller Völkerstämme der österreichischen Monar- 
chie die ethnographische Geschichte der deutschen Kronländer (welche man unter der 
Bezeichnung von Nieder-. Ober-, Inner- und V'order-Oesterreich zu begreifen pflegte) ent- 
halten, wovon inzwischen gegenwärtig nur die erste Abtheilung, die allgemeine Ueber- 



') Die Geschichte der Colonisation des Banates wurde aus dem vorliegenden Werke bereits im Jahre 1850 

als Manuscript abgedruckt und zum administrativen Gebrauche vertheilt. 
») Jerney Jänos' Keleti Utazasa a Magyarok' Öshelyemek kinyomozasa vegett. 1844 es 1845 (Jerney's 

östliche Reise zur Aufsuchung der Ursitze der Magyaren in den Jahren 1844 und 1845. Pest 1851). 
•i) Der im Texte gebrauchte Ausdruck von Sprachgränzen und Sprachinseln wurde lediglich, weil 

er bisher üblich und leicht verständlich ist, gebraucht, ist aber als vollkommen übereinstimmend mit 

jenem der ethnographischen Gränzen und Inseln anzunehmen. 



XIV 

sieht und die Darstellung von Nied er-Oesterreich (Oesterreich unter derEnns) um- 
fassend, vollendet ist. Um aber die Veröffentlichung der ethnographischen Karte (für 
welche die eben erwähnte Beschreibung der ethnographischen Gränzen den zu einem 
genauen Verständnisse derselben kaum entbehrlichen Commentar bildet) nicht noch 
länger aufzuhalten, erscheint nunmehr die erste Abtheilung des ersten Bandes mit dem 
zweiten und dritten Bande, zumal jene Abtheilung für sich allein einen sehr umfäng- 
lichen Band ausmacht. Bei der Behandlung der älteren ethnographischen Geschichte 
von Nieder-Oesterreich, wovon früher nur vereinzelte Bruchstücke bejirbeitet waren, 
konnten die trefflichen Arbeiten, welche in der neuesten Zeit der kaiserlichen Akademie 
der Wissenschaft ihr Entstehen verdanken, so wie viele specielle Mittheilungen von 
Pflegern und Freunden unserer vaterländischen Geschichte benützt werden, wodurch 
die Darstellung an (sonst nicht zu erreichender) Fülle, Genauigkeit und Uebersiehtlich- 
keit gewann. Der inzwischen leider in der Blüthe seines Alters verstorbene Ministerial- 
Secretär Häufler hatte auch diese Arbeit begonnen, welche nach seinem Hinscheiden 
von dem trefflichen vaterländischen Geschichtsforscher Ministerial-Secretär Joseph 
Feil bis auf die neuere Zeit fortgeführt wurde. 

In Beziehung auf die zweite grössere Hälfte dieser Abtheilung des ersten Bandes 
dürfte eine einlässlichere Begründung ihrer Aufnahme in vorliegendes Werk erforder- 
lich sein. Oesterreich unter der Enns bildet das Stammland der herrschenden Dynastie, 
in demselben ist Wien gelegen, die Haupt- und Besidenzstadt, zugleich der Sitz der 
Central-Begierung des ganzen Beiches. Es ergab sich hierbei von selbst, dass in der 
historisch-ethnographischen Darstellung die öffentliche Verwaltung, insbesondere der 
Einfluss derselben auf die Wohlfahrt des Landes, auf Landwirthsehaft, Industrie und 
Handel, zur Behandlung kam. und dass hierbei, namentlich in der neueren Zeit, 
Bücksicht auf die öffentliche Verwaltung von Gesanimtösterreich, weil sich das Erzher- 
zogthum in dieser Beziehung nicht wohl ausscheiden Hess, genommen wurde. In dieser 
Art ward die Darstellung bis zum Jahre 1848 fortgeführt. Hier aber konnte dieselbe 
nicht abgebrochen werden, denn wer die heutigen Zustände von Gesammtöstcrreich 
nach den Verhältnissen vom Jahre 1847 beurtheilen wollte, der würde einen gewalti- 
gen Anachronismus begehen; er stände mit seinem Urtheile näher dem Jahre 1757 
als dem Jahre 1857. Es erschien daher nothwendig, einige Paragraphe über die seit 
1848 in Oesterreich eingetretenen Aenderungen in der Verfassung, der Gesetzgebung 
und der Verwaltung beizufügen. Bei näherer Erwägung stellte sich jedoch die Unmög- 
lichkeit heraus, die gewaltige Umgestaltung, welche Oesterreich in dem kurzen, seither 
verflossenen Zeitabschnitte erfuhr, auf wenigen Seiten darzulegen, ohne in Verwirrung 
und Unklarheit zu verfallen und somit den Zweck zu verfehlen. Es mangelten alle Vor- 
arbeiten hierzu, die man hätte benützen, auf die man hätte verweisen können. Sonach 



XV 

musste entweder mit dem Jahre 1848 abgebrochen oder eine einlässliche Darstellung 
von Oesterreich's Neugestaltung versucht werden. Der Unterzeichnete wählte, obwohl 
er sich der Grösse der hiermit gestellten Aufgabe bewusst war, das Letztere. Keine 
Epoche der thatenvollen Geschichte Oesterreich's ist in ethnographischer Beziehung 
lehrreicher als jene der gewaltigen Bewegung der Jahre 1848 und 1849, welche das 
Beich erschütterte, seinen Bestand bedrohte und unter dem Schutze der Vorsehung 
mit Hilfe der eigenen Thatkraft zu der Wiederherstellung des Bechtes und der Ordnung, 
zu der Begründung eines neuen staatlichen Lebens, der Gleichstellung aller Staats- 
bürger und eines materiellen Aufschwunges, dessen allenthalben sichtbaren Anfänge 
auf seine künftige Ausdehnung schliessen lassen, führte. Das Princip der Nationalität, 
innerhalb der Schranken seiner Berechtigung die Grundlage der Cultur, die Quelle 
des geistigen und materiellen Fortschrittes, hatte sich in und ausser Oesterreicb 
aller Bande entledigt, und eine Gährung hervorgerufen, welche das historische Becht 
zu unterdrücken, den Bestand der Staaten zu vernichten drohte. Gleichwie in dem 
Beligions-Kriege der Glaube, wurde nun die Nationalität zum Panier des Aufruhrs erho- 
ben, welcher die allgemeine Anarchie zur Folge haben musste, wenn nicht der über- 
fluthende Strom in seine festen Ufer gebannt worden wäre. Während in anderen Staa- 
ten, wo eine Nationalität vorherrschend ist, die Bewegung einfach zu einer revolutio- 
nären Umgestaltung führte, entflammte in Oesterreich ein Bacenkampf, welcher nicht 
nur gegen die Begierimg gerichtet war, sondern auf die gegenseitige Unterdrückung der 
in demselben Lande wohnenden Volksstämme abzielte. Mit blutigen Zügen zeichnete die 
Geschichte ein, wohin der durch rohe Gewalt geförderte Missbrauch des Nationalitäts- 
Principes führen kann, und wie die Nationalität, der Führer der geistigen Entwicklung, 
gleich jedem anderen Elemente der Staatskraft an dem Bestände des Staates nicht 
ungestraft rütteln und durch ihr Mandat das historische Becht verdrängen kann. 

Neue Verhältnisse waren durch die Bewältigung der Bewegung entstanden, und 
veraltete Zustände, mit den Anforderungen der Gegenwart unvereinbar, waren ihr zum 
Opfer gefallen. Die neuen Zustände erforderten eine neue Begelung der Verfassung, 
der Gesetzgebung und Verwaltung. Rasch und energisch wurde an das Werk geschrit- 
ten, der ausgesprochene Grundsatz der Neugestaltung Oesterreich's in allen Richtungen 
durchgeführt, so dass keines der öffentlichen Verhältnisse von der Beform unberührt 
blieb. Acht Jahre erfolgreicher Thätigkeit reichten hin, ein Gebäude aufzuführen, 
welches, wenn auch noch nicht in allen seinen Einzelheiten vollendet, zu einem 
Umfange gediehen ist, den sonst Jahrhunderte nicht zu Stande brachten. Schwierig, 
die Kräfte des Einzelnen fast übersteigend , erscheint es , die lange Beihe von Befor- 
men in den verschiedenen Zweigen der Gesetzgebung und Verwaltung, die dadurch 
bedingten Einrichtungen und deren bisher erzielten Erfolge zu übersehen , sie nach 



XVI 

Ausscheidung der nicht mehr gehenden Uebergangsbestiinmungen zu sichten und dieses 
gesammte, Tausende von gehörig festzustellenden Thatsachen in sich hegreifende 
Material in einer geordneten Darstellung zusammenzufassen. Wenn dessenungeachtet 
der Unterzeichnete es wagte, eine solche Darstellung der Geschichte der Gegenwart 
(die nur auf den Werth eines Versuches den Anspruch stellt) zu unternehmen, so fand 
er sich hierzu durch mehrfache Gründe bewogen. Schon das allgemeine culturge- 
schichtliehe Interesse erweckt im Vaterlandsfreunde den Wunsch, die grossartigen 
Reformen der Neugestaltung Oesterreich's überblicken, den gegenwärtigen Stand 
desselben in den verschiedenen Aeusserungen der Regierungsthätigkeit sich ver- 
anschaulichen zu können. Hierzu tritt das Interesse der einen bestimmten Lebensberuf 
verfolgenden Staatsbürger, die auf ihren speciellen Wirkungskreis bezüglichen Anord- 
nungen und Zustände kennen zu lernen, ohne die Elemente hierzu in zerstreuten 
Sammlungen und Schriften aufsuchen zu müssen, wobei ihnen überdiess immer noch 
Manches, was im Innern der Regierungsmaschine vorgeht, namentlich das statistische 
Material der Ergebnisse, entgehen würde. 

Eine solche Darstellung ist daher geeignet, den Wünschen aller Derjenigen zu 
entsprechen , welche in und ausser Oesterreich an dem Gedeihen und dem Vorschrei- 
ten unseres grossen Vaterlandes regen Antheil nehmen. Bei Demjenigen, welcher sich 
mit einer solchen Darstellung befasst , muss eine aus eigener Erfahrung geschöpfte 
Kenntniss der einzelnen Verwaltungszweige, sowie der volkswirtschaftlichen Thätig- 
keit im Staate vorausgesetzt werden . weil er sonst nicht immer den Zusammenhang 
zwischen Ursache und Wirkung nachzuweisen , und über die trockene Aufzählung der 
Gesetze und Verordnungen sich zu erheben vermöchte. Der zufällige Umstand, dass 
sich der Unterzeichnete in dieser Lage befindet, musste für ihn eine Anspornung sein, 
sich dieser Arbeit zu unterziehen, zumal er als Mitlebender und (wenn auch in unter- 
geordnetem Grade) als Mithandelnder Manches in unmittelbarer Nähe auffassen und 
in frischem Gedächtnisse behalten konnte . was Anderen, namentlich den später Kom- 
menden, nur in den Umrissen der Entfernung oder im Dämmerlichte der Vergangen- 
heit erkennbar wäre. Er Hess sich von der Ausführung dieses Vorsatzes nicht durch 
das Hinderniss eines bewegten, mit amtlichen Geschäften der verschiedensten Art aus- 
gefüllten Lebens abhalten, welches ihm für diese Arbeit nebst kurzen Intervallen nur 
die Stunden gezwungener Erholung in Folge wiederkehrender Kränklichkeit übrig Hess. 
Gleichwie der Unterzeichnete diese Arbeit lediglich aus Liebe zu seinem Vaterlande 
unternahm , so wird er sich für die dabei überwundenen Mühen und Aufopferungen 
reichlich belohnt fühlen , wenn der Leser dieser Darstellung dadurch sich in eben die- 
sem Gefühle bestärkt , und wenn ihm in Folge derselben die Idee des grossen einigen 
Oesterreich's lebendiger vor das Auge tritt und in ihm die Ueberzeugung von der gedeih- 



XVII 

liehen Entwicklung; und der grossen Zukunft dieses von Gott gesegneten Ileiehes 
erweckt. Für diese Abschweifung auf das Gebiet persönlicher Verhältnisse wolle der 
Leser Nachsicht angedeihen lassen ! 

Was die innere Einrichtung dieser Darstellung betrifft, sei nur noch bemerkt, 
dass der laufende Text der Paragraphen den historischen Gang' und das Urtheil 
über den Erfolg und die Ergebnisse der behandelten Zweige öffentlicher Thätig- 
keit einschliesst . und die darauf mit kleinerer Schrift folgende Auseinandersetzung 
den Text der bezüglichen Gesetze und Verordnungen in möglichst getreuem, 
wenn auch zuweilen kurzem Auszugs . sowie das statistische Material über die 
Erfolge der behandelten Einrichtungen enthält, während in den unterhalb beige- 
fügten Anmerkungen die einschlägigen noch in Kraft stehenden Gesetze und Verord- 
nungen ihrem Datum nach angeführt werden, um alle Jene, welche sieh mit dem 
Gegenstande gründlieh vertraut machen wollen, in den Stand zu setzen, ohne Zeitver- 
lust die gesetzlichen Original-Bestimmungen aufsuchen zu können. Es erübrigt hier- 
nach dem Unterzeichneten noch, die Rechtfertigung gegen den Vorwurf beizubringen, 
dass diese Darstellung, unbeschadet ihres sonstigen Werthes, hier als Einfügung in 
ein ethnographisches Werk , in welchem sie einen unverhältnissmässig grossen Raum 
einnimmt, nicht an ihrem Platze sei. Obgleich in dieser Darstellung die ethnographi- 
schen Beziehungen, wo sie stattlinden, ausdrücklich hervorgehoben werden, und dem 
Schärferblickenden auch der innere Zusammenhang der neuen Einrichtungen mit den 
ethnographischen Verhältnissen nicht entgehen wird, so ist dieser Vorwurf doch in 
Bezug auf die verhältnissmässige räumliche Ausdehnung dieser zweiten Hälfte, welche 
nur einen entfernteren Zusammenhang mit dem unmittelbaren Gegenstände der ethno- 
graphischen Bearbeitung bewahrt, zu Recht bestehend. Der Unterzeichnete vermag 
hierauf zu seiner Entschuldigung nur zu erwiedern, dass eben die Darstellung der Neu- 
gestaltung vonOesterreich nicht geschrieben worden wäre, wenn dieses ethnographische 
Werk nicht den Anlass dazu geboten hätte: letzteres mag daher immerhin die Pathen- 
stelle hei derselben verseben. Da jedoch die Darstellung der Neugestaltung Oester- 
reich's auf einen anderen Leserkreis zählen kann, als die Ethnograpbie , so wird von 
ersterer eine abgesonderte Ausgabe, welche demnächst bei Cotta in Stuttgart 
erscheint, veranlasst. Sollte übrigens die Ethnographie eine zweite Ausgabe erleben, 
so wird bei derselben nur Dasjenige aus der Darstellung der Neugestaltung vonOester- 
reich berücksichtiget werden , was in unmittelbarem Zusammenhange mit den ethno- 
graphischen Verbältnissen steht. 

Den Scbluss der ersten Abtheilung des ersten Bandes bildet eine geographisch- 
statistische Uebersicht des Erzherzogtumes Oesterreich unter der Enns. Da ohnehin 
die statistisch-ethnographische Uebersicht der Bewohnerzahl gegeben werden musste, 



XVIII 

so lag die Absicht zum Grunde, die Beziehungen nachzuweisen, welche zwischen dem 
Boden und seinen Naturkräften, dann zwischen den Bewohnern und der Rückwirkung 
der Thätigkeit der letzteren in der Bearbeitung des Bodens und Gewinnung der Natur- 
Erzeugnisse, sowie in der gewerblichen und commerciellen Thätigkeit derselben 
obwalten. Diese Nachweisung wird durch eine geognostische und eine orographische 
(Schichten-) Karte anschaulicher gemacht, und bildet zugleich das Element zu einer 
künftigen umfassenden Darstellung, wenn von allen Kronländern ähnliche Nachwei- 
sungen vorliegen werden. Die ethnographische Statistik von Oesterreich unter der 
Enns ist sehr einfach, da es nur wenige Orte daselbst gibt, die von einem anderen als 
dem deutschen Volksstamme bewohnt werden. Dagegen erscheint in ethnographischer 
und statistischer Hinsicht die Haupt- und Residenzstadt von hoher Bedeutung, wess- 
halb dieselbe in der Darstellung, so weit die Vorarbeiten reichen, umständlicher behan- 
delt wurde. 

Schliesslich erachtet der Unterzeichnete es für seine Pflicht, denjenigen Freunden 
der Wissenschaft, welche ihn bei der Ausarbeitung der Karte sowohl als des ethnogra- 
phischen Werkes erfolgreich unterstützt haben, hier seinen Dank auszusprechen. Die 
beiden wackeren Mitarbeiter, Ministerial-Secretär Häufler und Ministerial-Secretär 
Hain hat leider ein frühzeitiger Tod, die Folge ihrer angestrengten Arbeiten, hin- 
weggerafft; an ihre Stelle ist als Mitarbeiter der Ministerial-Secretär Herr Dr. Ficker 
getreten. Unter den Lebenden hat der Herr Ministerial-Secretär Joseph Feil einen 
hervorragenden Antheil an der Ausarbeitung der historisch-ethnographischen Darstel- 
lung von Oesterreich unter der Enns genommen; viele andere Männer der Wissen- 
schaft^ wie F. M.L. Ritter v. Hauslab, Herr v. Karajan, Vice-Präsident der 
kaiserl. Akademie der Wissenschaften, Herr Sectionsrath Streffleur, HerrBergrath 
Ritter von Hauer, Herr Revident Dolezal (letzere drei namentlich im kartographi- 
schen Theile der Arbeit) haben ihre Unterstützung , beziehungsweise ihre Mitwirkung 
dem Unternehmen angedeihen lassen. 

Dass aber das Unternehmen zu Stande kommen konnte, ist einzig zunächst der 
Allerhöchsten Gnade Seiner k. k. Apostolischen Majestät dem regierenden Monarchen 
Kaiser Franz Joseph I. zu danken, Allerhöchstwelcher huldreichst die nicht unbe- 
deutenden Geldmittel zu bewilligen geruhte , welche für die Zustandebringung der 
Karten und die Drucklegung des Werkes erforderlich waren. Unter der Aegide dieser 
Allergnädigsten Unterstützung und Förderung tritt das Werk, die Frucht sechszehnjähri- 
ger Mühen, vor die Oeffentlichkeit; möge erkannt werden, dass sie keine unverdiente war! 

Wien, im August 1857. 

Czocrnig. 



XIX 



Inhalts-Verzeichniss der I. Abtheilung des I. Bandes. 



Allgemeiner Theil. 

Die österreichische Monarchie in historisch-ethnographischer Hinsicht als Ganzes. 

A. 
Allgemeine Ethnologie, 

oder Ueberblick einer Bevölkerungs-Geschichte der österreichischen Monarchie mit Andeutungen 
über die Entstehung der Sprachgrenzen und Sprachinseln. 

Seite 

§. i. Die keltisch-illyrisch-römisehe Zeit 5 

§. 2. Die Völkerwanderungs-Zeit. (Germanische, hunnische und slavische Stämme) 7 

§. 3. Karolinger-Zeit. (Gründung der Ostmark. — Verkümmerung des keltisch-römischen Sprach- 

Elcmentes im Norden der Alpen) 9 

§. 4. Grossmährisches Keich. — Einwanderung der Magyaren. (Allmähliche Bildung der ostdeutschen 

Sprachgränze und Sprachinseln in den Ostländern der Monarchie) 11 

§. 5. Völkertafel uin's Jahr 1000 nach Christi Geburt und Andeutungen ihrer nachherigen ethno- 
graphischen L'mstaltungen bezüglich der jetzigen österreichischen Länder 12 

§. 6. Ueberblick des Colonialwesens in Ungern und Galizien 15 

B. 

Allgemeine Ethnographie, 

oder übersichtliche Beschreibung der Sprachgränzen und Sprachinseln der österreichi- 
schen Monarchie samrat statistisch-ethnographischer Uebersicht aller Völkerstänime des 

Kaiserstaates. 

§. 7. Ueberblick 23 

§. 8. I. Deutsche Sprachgränzen in der österreichischen Monarchie 26 

§. 9. 1. — 3.) Die deutsch-italienische, deutsch-ladinisehe und deutsch-friaulische Sprachgränze ... 26 

§. 10. 4.) Die deutsch-slovenische Sprachgränze 07 

§. 11. 5. und 6.) Die deutsch- (serho-) kroatische und deutsch-magyarische Sprachgränze 28 

§. 12. 7. — 9.) Die deutsch-slovakische, deutsch-mährische und deutsch-cechische Sprachgränze ... 29 

§. 13. Fortsetzung 30 

§. 14. Fortsetzung 32 

§. 15. Deutsche Sprachinseln im Süden der deulsch-wälschen Sprachgränze 32 

§. 16. Deutsche Sprachinseln im Süden der deutseh-slovenischen Sprachgränze 33 

§. 17. Deutsche Sprachinseln jenseits der deutsch-magyarischen und deutsch-slovakischen Sprach- 
gränze in Ungern, in der Wojwodschaft und im Banate, in Kroatien, Slavonien, der Militär- 

gränze und in Siebenbürgen 34 

§. 18. Fortsetzung 37 

§. 19. Deutsche Sprachinseln in Böhmen und Mähren 40 

§. 20. Deutsche Sprachinseln in Galizien 41 

§. 21. Deutsche Sprachinseln in der Bukowina 43 

§. 22. II. Die slavischen Sprachgränzen in der Monarchie. 

A. Nord-Slaven. 

10. und 11.) Die cechisch-mährische und niährisch-slovakische Sprachgränze 43 

§. 23. 12.) Die mahrisch-polniscbe Sprachgränze 44 



XX 

Seite 

§. 24. 13) Die slovakisch-magyarische Sprachgränze 44 

§. 25. 14.) Die slovakiseh-polnische Sprachgränze 45 

§. 26. 15.) Die slovakisch-ruthenische Sprachgränze 45 

§. 27. Cechische und slovakische Sprachinseln 46 

§. 28. IG.) Die polnisch-ruthenische Sprachgränze samint Sprachinseln 49 

§. 29. Fortsetzung 49 

§. 30. 17.) Die ruthenisch-magyarische Sprachgränze 51 

§. 31. 18.) Die ruthenisch-romanische Sprachgränze 52 

§. 32. Ruthenische Sprachinseln in Ungern, der Wojwodschaft, Slavonien und der Bukowina ... 52 

§. 33. B. Süd-Slaven. 

19. und 20 ) Die slovenisch-friaulische und slovenisch-italienisehe Sprachgränze 54 

§. 34. 21.— 23.) Die slo venisch-serbische, slovenisch-serbokroatische und slovenisch-slovenokroatische 

Sprachgränze 55 

§. 35. 24.) Die slovenisch-magyarische Sprachgränze 55 

§. 36. 25. und 26.) Die slovenokroatisch-serbokroatische und slovenokroatisch-serbische Sprachgränze . 56 

§. 37. 27.) Die slovenokroatisch-magyarische Gränze 56 

§. 38. 28.— 30.) Die serbokroatisch-italienische, serbokroatisch-serbische, serbokroatisch-magyarische 

Sprachgränze 56 

§. 39. Serbo- und sloveno-kroatische Sprachinseln 57 

§. 40. 31.) Die serbisch-magyarische Sprachgränze 58 

§. 41. 32.) Die serbisch-deutsche Sprachgränze 59 

§. 42. 33. und 34.) Die serbisch-romanische (walachische) und serbisch-italienische Sprachgränze . . 60 

§. 43. Serbische Sprachinseln 60 

§. 44. III. Die Sprachgränzen der Romanen (im weiteren Sinne). 

A. W est- Ro man e n 61 

§. 45. 35.) Die italienisch-ladinische Sprachgränze 63 

§. 46. 36.) Die italienisch-friaulische Sprachgränze 63 

§. 47. Italienische Bezirke und Sprachinseln an der Ost-Küste des Adria-Meeres 64 

§. 48. B. Ost-Romanen. 

(Rumuni, Rumänen, Romanen, oder Walachen und Moldauer) 65 

§. 49. 37.) Die romanisch-magyarische Sprachgränze 65 

§. 50. Fortsetzung 66 

§. 51. 38.) Die romanisch- (walachisch-) deutsche Sprachgränze in Ungern und der Wojwodschaft . 67 

§. 52. Romanische Sprachinseln 67 

§. 53. IV. Das magyarische Sprachgebiet 69 

§. 54. V. Die kleinen Volksstämrae 72 

Völkertafel der österreichischen Monarchie. (Nach der Zählung des Jahres 1851 annäherungs- 
weise vertheilt) 74 



Besonderer Tkeil. 

Die Kronländer der österreichischen Monarchie. 

A. 

Vorwiegend deutsche Kronländer. 

(I. Oesterreich unter der Enns. IL Oesterreich ob der Enns. III. Salzburg. IV. Steiermark. 

V. Kärnthen. VI. Tirol.) 

I. 

Das Erzherzogthum Oesterreich uuter der Enns. 

A. Historisch-ethnographische Uebersicht. 

§. 55. Keltische Urzeit ■ • 87 

§. 56. Zeit der Römer Herrschaft ......; 89 



XXI 

Seite 

§. 57. Vöikerwanderungszeit. (Das jetzige Oesterreieh als Rugiland, bald darauf Awarcn und Slaven) . 94 

§. 58. Karolinger-Zeit. (Einwanderung deutscher Bevölkerung in die österreichische Mark) .... 97 

§. 59. Babenbciger-Zeil. (Anwachs der Oslmark bis an die jetzigen Gränzen Oesterreich's) 98 

§. 60. lieber den Namen Oesterreieh. (Ostarricbi, Oriens, Aushia) 99 

§. 61. Wiederbevölkerung der Ostmark mit deutschen Ansiedlern 101 

§. 62. Forlsetzung 103 

§. 63. Die Rechtsverhältnisse in Oesterreieh zur Babenberger-Zeit vom ethnographischen Sland- 

puncte (Landrecht, Stadtrechte) 106 

§. 64. Andeutung über den Cullur-Zusland der Oesterreicber unter den Babenbergern, zunächst vor- 
züglieb über die Dichtkunst in Oesterreieh im zwölften und dreizehnten Jahrhunderte . . 110 

§. 65. Rückblick auf die Anfänge der Kunst in Oesterreieh 115 

§. 66. Religiöse Entwicklung Oesterreich's in dieser Periode 120 

§. 67. Handels- und Gewerbs-Colonistcn. (Die Schwaben, — die Flandrenser) 125 

§. 68. Das Zwischenreich in Oesterreieh (1246—1282) 127 

§. 69. Allmähliches Wiederaufblühen Oesterreich's unter den Habsburgern (Schwaben und andere 

Reichsländer; Italiener, Griechen. Serben etc. in Wien) 129 

§. 70. Weiterer Bevölkerungszuwachs in Oesterreieh (insbesondere in Wien) unter dem Hause Habs- 

burg-Lo (bringen 134 

§. 71. Slaven in Oesterreieh unter der Enns 137 

§. 72. Juden in Oesterreieh unter der Enns 139 

§. 73. Religiöse Entwicklung unter den Habsburgern (Klöster — das Bislhum Wien) 141 

§. 74. Fortsetzung. (Reformation vom nationalen Standpuncte) 145 

§. 75. Fortsetzung. (Romanischer Einfluss) 147 

§. 76. Fortsetzung. (Neue Klöster) 150 

§. 77. Fortsetzung. (Die katholische R' ligion wieder als herrschende in Oesterreieh) 152 

§. 78. Kurzer Rückblick auf die Verfassung. Verwallung und Gesetzgebung. (Sländewcsen in Oester- 
reieh unter der Enns) 156 

§. 79. Fortsetzung. (Verwaltung) 1G4 

§. 80. Fortsetzung. (Gesetzgebung) 167 

§. 81. Andeutungen über Kleidertraeht und Moden als Ausdruck des vorherrschenden nationalen 

Zeitgeschmackes 169 

§. 82. Ueber Musik in Oesterreieh. A. Kirchenmusik 174 

§. 83. B. Profan-Musik. 1. Volksmusik 179 

§. 84. Fortsetzung. 2. Tanzmusik 180 

§ 85. Forlsetzung. 3. Opern-Musik 182 

§. 86. Entwicklung der Poesie nnd Literatur in Oesterreieh unter den Habsburgern. a) (Deutscher 

Meistergesang in Oesterreieh) 189 

§. 87. Forlsetzung, b) (Lateinische Gelehrsamkeit und Schulwesen) 190 

§. 88. Fortsetzung, c) (Vorwiegend lateinisches und romanisches Element der Literatur und Poesie 

in Wien) 192 

§. 89. Fortsetzung, d) (Vorwiegend romanischer Charakter der Poesie des sechzehnten bis achtzehnten 

Jahrhunderts) 194 

§. 90. Fortsetzung, e) (Wiederaufschwung der deutschen Poesie und Lileratur in Wien) 196 

§. 91. Fortsetzung, f) (Schulwesen und Humaniläls-Anslalten) 197 

§. 92. Enhvieklung' der Kunst unter den Habsburgern in Oesterreieh. (Vorwiegend deutscher Geist 

der Kunst im vierzehnten bis sechzehnten Jahrhunderte) 199 

§. 93. Fortsetzung. (Vorwiegend romanisch-moderner Geschmack, besonders in der Baukunst) . . . 203 
§. 94. Fortsetzung. (Regierungsmaassregeln. den Wohlsland und die Wohlfahrt Oesterreich's beireffend. 

insbesondere in Bezug auf Landbau, Industrie und Handel.) a. Land- und Bergbau . . . 207 

§. 95. Fortsetzung, b. Industrie 212 

§. 96. Fortsetzung, c. Handel 218 

Oesterreich's Neugestaltung. 

§. 97. a. Grundlagen der Reformen 224 

§. 98. b. Reformen 238 

§. 99. Fortsetzung. Organisiruug der Behörden 242 

§. 100. Fortsetzung. Auswärtige Angelegenheiten 260 



§• 


101. 


s. 


102. 


%. 


103. 


§. 


104. 


§. 


105. 


§• 


106. 


§■ 


107. 


§. 


108. 


§. 


109. 


§. 


110. 


§■ 


111. 


§. 


112. 



XXII 

Seite 

Fortsetzung. Verfassung und innere Verwaltung 269 

Fortsetzung. Oeffentliche Sicherheit 279 

Forlsetzung. Rechtspflege 283 

Fortsetzung. Finanzen 291 

Fortsetzung. Handel, Gewerbe und Schifffahrt 326 

Fortsetzung. Hilfsanstalten für den Verkehr (National-Bank , Escompte-Gescllschaft, Credits- 

Anstalt etc.) 3G5 

Fortsetzung. Communicalions-Anslalten (Land- und Wasserstrassen) 401 

Fortsetzung. Communications-Anstaltcn (Dampfschifffahrts-Unternehmungen) 423 

Fortsetzung. Communications-Anstalten (Eisenbahnen) 431 

Fortsetzung. Communications-Anstalten (Telegraphen) 478 

Fortsetzung. Communications-Anstalten (Postverwaltung) 486 

Fortsetzung Landwirtschaft, Forst-, Berg- und Hüttenwesen. (Unterrichts- und wissenschaft- 
liche Anstalten für sämmtliche Zweige der Urproduction) 492 

§. 113. Fortsetzung. Landwirtschaft, Forst-, Berg- und Hüttenwesen (Aufhebung des Palrhuonial- 

Verbandes und Grundentlastung) ° 01 

§. 114. Fortsetzung. Landwirtschaft, Forst-, Berg- und Hüttenwesen (Landwirtschaft) 530 

§. 115. Fortsetzung. Landwirtschaft, Forst-, Berg- und Hüttenwesen (Forstwirtschaft) 547 

§. 116. Forlsetzung. Landwirtschaft, Forst-, Berg- und Hüttenwesen (Berg- und Hüttenwesen) . . 556 

§. 117. Fortsetzung. Unterricht 561 

§. 118. Fortsetzung. Cultus ^' 8 

§. 119. Fortsetzung. Heerwesen ° 92 

§. 120. Forlsetzung. Kriegs-Marine 611 

B. Geographisch-statistische Uebersicht des Erzhe rzogthumes Oesterreich 

unter der Enns. 

" 121. 1.) Allgemeines 617 

122. 2.) Die Gestaltung, geognoslische Beschaffenheit und Productionskraft des Bodens (Karte 1 und 2) 619 

123. 3.) Das Klima 629 

124. 4.) Das Vorkommen und die Gewinnung nutzbringender Mineralien 631 

125. 5.) Die Mineral-Quellen 638 

126. 6.) Das Vorkommen und der Ertrag der Nutzpflanzen 6-*° 

127. 7.) Die Viehzucht 

128. 8.) Industrie und Handel C4i) 

129. 9.) Ethnographische Statistik ' 



Allgemeiner Theil. 



Die österreichische Monarchie 



in 



historisch - ethnographischer Hinsicht 



als Ganzes. 



i. 



A. 



Allgemeine Ethnologie, 



oder 



Uebcrblick einer Bevölkerungsgeschichte 

der österreichischen Monarchie 

mit Andeutung 
über die Entstehung der Sprachgränzen und Sprachinseln. 



A. 

Allgemeine Ethnologie* 

§. i. 

Die keltisch-illyrisch-römische Zeit. 

Ueber den Ländern der österreichischen Monarchie in der vorhistorischen Zeit 
und über ihren Urbewohnern schwebt , gleichwie um die Wiege der meisten euro- 
päischen Völker, ein undurchdringliches Dunkel. Fasst man zusammen , was sich im 
Dämmerschein der ältesten Mythen und Traditionen, in Verbindung mit den Forschun- 
gen älterer und neuerer Gelehrten über die Urvölker , sowie über die natürliche Be- 
schaffenheit Europa's in damaliger Zeit, erkennen lässt, so gelangt man zu dem Er- 
gebnisse, dass die Küsten des Archipelagus, des adriatischen und mittelländischen 
Meeres ihre Bevölkerung durch Colonisten zur See erhielten, während Mitteleuropa 
grossentheils von Wäldern und Sümpfen bedeckt war, von welchen noch zu Cae- 
sar's Zeit der hercynische Wald (zwischen den Quellen der Donau und des Rhein 
beginnend und längs der grossen europäischen Wasserscheide hinziehend) eine 
Breite von 4 und eine Länge von mehr als 60 Tagreisen zählte. Zu Lande öffne- 
ten sich daher von Asien in's Innere von Europa nur zwei Haupt wege, süd- 
lich an der Donau und nördlich an der Wolga aufwärts. Es war den natürlichen 
Verhältnissen entsprechend, dass die ersten Einwanderer den Hauptflüssen folgten und 
wo möglich den südlichen Gebieten bis an die Meeresküste zustrebten. So scheinen 
in unbestimmbarer Vorzeit an der Donau aufwärts die thrakischen, illyrischen 
und die ihnen wahrscheinlich stammverwandten italischen Völkerstämme gezo- 
gen zu sein, wovon die ersteren in die Haemus- (Balkan-) Halbinsel einlenk- 
ten, wo sie als Odomantes, Dentheletae, Maedi, Brysae, Bessi, Caeni, Selletae, 
Briantae, Bistones u. a. m. im eigentlichen Thracien, a ^s Paeonen in Macedonien, 
dann als Mysi, Picensii, Triballi, Tricornenses, Getae 1 ) u. a. m. in Mösien erscheinen, 
während die illyrischen Stämme der Pannonier, Japoden, Liburner, Dalmaten, 
Epiroten etc. nördlich und westlich von ersteren zwischen der Donau und dem 
adriatischen Meere lagerten, und die italischen Stämme der Ausones oder Aurunci, 
Opici, Osci, Tusci, Euganei, Umbri, Aborigines, Volsci, Aequi, Sabini, Samnitae 
u.dgl. den Weg von der Save über die Alpen einschlagend, in die italische 
Halbinsel zogen, und dort mit den zur See angelangten Tyrrhenern, Pelasgern, 
Venetern, Griechen u. a. Colonisten zusammentrafen. 



*) Die Geten in Mösien zeigenden Uebergang zu denGeten undDakern, welche nördlich der 
Donau in Dacien, neben Agathyrsen sich niederliessen. Da nach den ausdrücklichen Zeugnissen eines 
Strabo, Justin und Anderer „Geten" und „Daker" nur verschiedene Namen eines Volkes waren, 
so liegt der Schluss nahe, dass auch die Daker zum irakischen Stamme gehörten. 



6 

Die Keltenvölker, welche den Süden Europa' s bereits besetzt sahen, fanden 
den Westen an der Donau aufwärts und am Rheine frei, von wo sie sich nach Britan- 
nien und Hispanien verbreiteten und sich daselbst mit den vermuthlich aus Afrika 
gekommenen Iberiern vermischten. 

Den nördlichen Weg an der Wolga und weiter hin über die Hoch- 
ebene Waldai scheinen die Germanen (Ingaevonen, Hermionen und Istaevo- 
nen) gezogen zu sein , die in die hercynische Wildniss von Norden allmälig 
eindrangen, sie lichteten, und zwischen Rhein, Donau und Weichsel sich niederliessen 
und in viele Stämme theilten. Ihnen nach nahmen die Slaven (Wenden, Slavinen, 
Anten) die hinterkarpatischen weiten Landstriche ein, in welchen wir sie von den 
ältesten Zeiten (obwohl zum Theil unter Sarmaten begriffen) finden, und von wo sie 
erst später in zahlreichen Stämmen aus dem Dunkel ihrer Urgeschichte hervortreten. 

Den äussersten Norden und Osten füllten finnische und skythische Völker- 
schaften, womit die Hauptgruppen der europäischen bekannten ältesten oder soge- 
nannten Urbewohner abgeschlossen erscheinen. 

So weit die Kunde der eigentlichen Geschichte reicht, waren die Länder, welche 
gegenwärtig den österreichischen Kaiserstaat bilden, stets von verschiedenen Völker- 
stämmen bewohnt. Spuren eines umbrischen, dann eines aus tyrrhenisch-pelasgischen 
und tuscischen Elementen entstandenen etruskischen Reiches am Po, die mythi- 
schen Sagen von Kadmus, dem Stifter von Epidaurus, von Jason's Argonautenfahrt, 
und der dabei erfolgten Gründung von Aemona (Ober-Laibach) und Pola, von der 
Ankunft Antenor's mit einer ColonieVe neter am venetischen Strande und dessen Grün- 
dung von Pata vi um (Padua) und Adria, — sowie historische Andeutungen über 
Hyperboräer im Norden des Adria-Meeres bilden den Uebergang zur eigentlichen Ge- 
schichte, und deuten auf eine, bis in's fünfzehnte Jahrhundert vor Christus zurück- 
reichende Bevölkerung der südlichen Länder der österreichischen Monarchie, deren ver- 
schiedene Stämme die Griechen mit dem allgemeinen Namen der Illyrier bezeich- 
neten. Durch die Auswanderung keltischer Stämme aus Gallien um's Jahr 000 vor 
Christus erhielten die Alpenländer einen bedeutenden Zuwachs der Bevölkerung. Bel- 
loves stieg mit seinen kriegslustigen Kelten über die Alpen nach Ober-Italien, vertrieb 
die mit den Etruskern verwandten Rasener oderRhätier aus dem Po-Thale in die Alpen, 
unterwarf Tusker und Ligurier und erbaute Medio lanum (Mailand). Die Römer 
nannten das Land Gallia cisalpina zum Unterschiede vom grossen Keltenlande jenseits 
der Alpen (Gallia transalpina). Belloves Bruder, Sigov es, zog mit anderen keltischen 
Schaaren in die Alpenlander. — So bedeutend war deren Menge, dass in Folge die- 
ses Wanderzuges K e 1 1 e n nicht nur die vorherrschende Bevölkerung in 
den Alpenländern und an der oberen und mittleren Donau bildeten, 
sondern dass der mächtige Stamm der keltischen B oj e r auch über die Donau in den 
hercynischen Wald eindrang, die Strecken an der Moldau und Elbe lichtete, und 
sich zwischen dem heutigen Erz-, dem Riesengebirge und dem Böhmerwalde nie- 
derliess. Der Name dieser neuen Boj er -Heimat: Bojohemum, blieb mit gerin- 



ger Veränderung (Bohemum, Böheim, Böhmen) dem Lande — ungeachtet des mehr- 
fachen Wechsels seiner Bevölkerung — bis auf den heutigen Tag. 

Andere keltische Stämme, die ebenfalls — vielleicht seit diesem gallischen Aus- 
wanderungszuge — in die Alpen kamen, und wahrscheinlich mit einer bereits vor- 
gefundenen stammverwandten illyrischen Bevölkerung der Alpenländer sich ver- 
schmolzen, waren: dieTaurisker (später Noriker genannt) in den norischen Alpen, 
die Halaunen und die Ambisontier an der Salza, die Ambidraver an der obern Drave, 
die Karner in den karnischen und julischen Alpen (im jetzigen Friaul, in Kärnthen 
und im Thale der oberen Save) , die Monocateni und Catali auf dein Karste, die 
Subocrini und Secusses in Istrien, die Azaler, Kytner, Arravisker, Herkuniater, 
Bathanater und Skordisker in Pannonien. 

Als die römischen Adler siegreich längs des Ister's aufgepflanzt und die Alpen- 
und Süd-Donau-Länder unter dem Namen Rhätien, Vindelicien, Noricum und 
Pannonien als römische Provinzen eingerichtet wurden, wohnten in den 
Nord-Donau-Ländern der jetzigen österreichischen Monarchie: Markomannen 
und Q uaden (im heutigen Böhmen, Mähren und Ungern bis zur Gran), die sarma- 
tischen Jazyger (zwischen Donau und Theiss) , dann Daker und Geten im 
heutigen Siebenbürgen, in der Walachei und Moldau. 

Trajan dehnte die römische Herrschaft auch über die Donau aus, indem er die 
Daker nach verzweifelter Gegenwehr unter ihrem Könige Decebalus besiegte und D a c i e n 
zur römischen Provinz machte. Obwohl Ha dr ia n und Au reli an nach kaum 
170 Jahren die Provinz nördlich der Donau (Dacia Trajana) wieder aufgaben und die 
römischen Besatzungen und Provinzialisten an's südliche Donauufer (Dacia Aureliana) 
übersetzten, so scheint doch die durch ursprüngliche Stammes-Verwandtschaft wesentlich 
geförderte Roman isirung der dacischen Provinzen oder richtiger die Assi- 
milirung der unausgebildeten dacischen mit der verwandten, jedoch ausgebildeten römi- 
schen Sprache so vollkommen erfolgt zu sein, dass, ungeachtet der spätem gothischen, 
bulgarischen, kumanischen und magyarischen Oberherrschaft — das römisch- 
dacische Element noch das vorwiegende in der Sprache derRoma- 
nen (Rumänen, Walachen) blieb. Nach dieser Ansicht sind die Walachen Abkömm- 
linge romanisirter Daker, und zum Theile auch römischer Provinzialisten. 

§. 2. 

Die Völkerwanderungs-Zeit (Germanische, hunnische und slavische Stämme). 

Die Einfälle der verbündeten Markomannen, Quaden, Hermunduren, Gothen und 
anderer deutschen Volksstämme , sowie der Jazyger und mehrerer sarmatischen 
Stämme, waren nur das Vorspiel der grosse n hunnisch-germanischen Völ- 
kerwanderung, welche neue Volks-Elemente in das heutige Gebiet der österrei- 
chischen Monarchie brachte. Der Uebergang der Hunnen über die Wolga (Atel), im 
Jahre 376, hatte die grosse Völkerbewegung eröffnet; die Ostgothen wurden un- 
terworfen, die Westgothen flohen in's byzantinische Reich. Atila gebot von seinem 



8 

Hoflager zwischen der Donau und der Theiss über die skytisch-germanischen Völker. 
Sein Zug nach Italien gab den Anlass zur Gründung Vene dig's , indem die Bewohner 
von Aquileja und anderer benachbarten Städte auf den Inseln der Lagunen Zuflucht 
suchten. Nach Atila's Tode (Jahr 453) schwand sein Reich mit dem Arme , der es 
geschaffen. 

Deutsche Stämme wurden in demselben herrschend: die Gepiden in 
Dacien, die Ostgothen in Pannonien, Alemannen, Her uler, Scyrren, später 
(590) auch Bojoarier (Bayern) in Noricum und Rhätien. Zwischen Donau, Thaya 
und March setzten sich am Mannhartsgebirge (luna sylva) imRugiland (Oesterreich 
unter der Enns im Norden der Donau) die Rugier fest, welche beim Abziehen der 
Ostgothen auch über die Donau vorrückten. Theodorich, König der Ostgothen, 
herrschte nach Besiegung Odoaker's nicht nur über Italien, sondern auch über 
die Alpenländer bis an die Donau (493 — 526). Alemannen wurden unter 
ihm in Rhätien aufgenommen, daher ward nach dem Verfalle der ostgothischen 
Herrschaft der westliche Theil Rhätien's mit dem Herzogthume Alemannien, 
der östliche mit dem Herzogthume Bojoarien vereinigt. 

Wichtig für die ethnographische Gestaltung der Monarchie wurde das Vordrin- 
gen der Langobarden von der Elbe an die Donau, und die Niederlassung derselben 
im Flachlande („Feld") von Pannonien (526 — 568), ihr Verweilen, sowie ihre hierauf 
erfolgte Festsetzung in Italien; denn die Langobarden waren die letzte nach Süden 
dringende germanische Völkerwoge, welcher die slavische Völkerströmung 
folgte. Die Cechen hatten als die Vordersten das von den Langobarden geräumte 
Land Böhmen besetzt ( um' s Jahr 500). Die Abtheilung der Cechen (Bohemi), 
welche an der March sass, unterschied man später (seit 822) unter dem besonde- 
ren Namen der Mähr er (Moravani oder Marahani). Auch an der Donau aufwärts 
scheinen vor oder mit den wilden A waren die slavischen Stämme der Slovenen oder 
Wenden angelangt, und bei dem Abzüge der Langobarden aus Pannonien nach Ober- 
Italien (der Lombardie) bis an die Quellen der Drau und nach Istrien vorgeschoben 
worden zu sein. 

Die A waren waren nicht nur herrschend in Dacien und Pannonien, sondern 
drangen auch bis zur Enns vor; die slavischen Stämme innerhalb ihres Gebie- 
tes wurden grausam von ihnen gedrückt. Eine vorübergehende Befreiung von diesem 
Joche bewirkte die Vereinigung mehrerer slavischer Stämme (der Böhmen, Mährer, 
Wenden und anderer unter Samo um's Jahr 630). Auch die Einwanderung der 
Kroaten (Chrobati ') oder Gebirgsstämme) und Serben (d. i. Verbundenen) aus 
Gross-Kroatien und Gross-Serbien (im Norden der Sudeten und Karpathen), mit Ge- 
nehmigung des Kaisers Heraklius (um 640) ins byzantinische Dalmatienund nach Pan- 



*) Man hält sie identisch mit den alten Karpathenbewohnern, den Karpi oder Karpiani (Chrby) der Alten 
und glaubt Reste der einstigen Gross-Kroaten in den (jetzt polonisirtcn) Goralen zu finden ; auch die 
Boiker in Galizien sollen noch in der Heimat Boiki wohnen, wo Konstantin Porphyrogenita die Sitze 
der Serben andetuete. 



nonien (Pannonia savia), schwächte die Macht der Awaren im Süden der Drave und 
Save. Völlig gebrochen wurde jedoch die awarische Herrschaft erst durch Karl den 
(i rossen. 

§.3. 

Karolinger Zeil. (Gründung <ler Ostmark. — Verkümmerung des keltisch-römischen 
Sprachelementes im Norden der Alpen.) 

Im Jahre 791 vertrieb Karl der Grosse die Awaren von der Enns bis zur Raab, 
und ordnete das eroberte Land als Ostmark (Marca orientalis, Hunnia-Avaria). In 
fortgesetzten Feldzügen wurde die Ost grunze des karolingischen Reiches 
bis an die Theiss ausgedehnt (796). Die Awaren und Slaven, welche unter 
ihren Chanen, Banen und Herzogen in Pannonien zurückgeblieben waren, wurden unter 
die Aufsicht der fränkischen Markgrafen gestellt, und gingen allmälig zum Chri- 
sten thu nie über; so noch zu Zeiten Karl' s des Grossen (805) der awarische T udun, 
und im Jahre S30 Privinna. welcher aus Mähren herüberkam und das Gebiet am 
Sala-Flusse zu Eigen erhielt. Zahlreiche bayrische, fränkische und selbst säch- 
sische Colonisten langten unter den karantanischen Wenden, sowie unter 
den pannonischen Awaren, Mährern und andern Slaven an, und verbreiteten 
nebst dem Cbristenthume auch die Cultur des Landes und der Sitte. Städte, Burgen 
und Colonien entstanden nicht nur in der Ostmark: Medelica (Melk), Wiesel- 
burg, Talin, Zeiselmauer, Königstätten, Haimburg und andere, in Karantanien : 
Moosburg, die Pfalz und Residenz der Karolinger, dann Karnburg, Sachsenburg etc. 
und in Pannonien die Moosburg am Plattensee der Sitz Privinna's, Salapiugin, Fünf- 
kirchen etc., sondern selbst das Land zwischen der untern Save und Drave (Sirmien) 
wurde von den Byzantinern Frankenland (Francochorion) genannt. Auch über Libur- 
nien (fränkisch Kroatien) herrschte Karl der Grosse, wodurch wenigstens vorüberge- 
hend deutsches Element in diese Gegend verpflanzt wurde. 

Durch diese neuen deutschen und slavischen Volksstämme waren die alten 
keltisch-römischen Sprach - Elemente in jenen Ländern allmälig ver- 
kümmert. Der Donaulimes war bereits auf Befehl Odoaker's im Jahre 488 von den 
römischen Besatzungen verlassen worden. Länger hielten sich römische Provinzialisten 
in Rhätien und in Mittel-Noricum. Zu Theodorieh's Zeit bestand noch die Militia der 
Breonen (Breoni) zur Aufrechthaltung der Ordnung in Bhätien, und Paul Diacon 
(im achten Jahrhundert) sagt, dass in beiden Rhätien noch eigentliche Rhätier (pro- 
pra Rhätii) wohnten. 

In einigen norischen Gauen werden die römischen Provinzialisten noch im 
achten Jahrhunderte urkundlich von den übrigen Bewohnern derselben unterschieden. 
Die Namen Wels, Welsberg, Wals, Wallersee, Walchengau, Strasswalchen etc. erinnern 
noch an die wälschen (römisch-keltischen) Bewohner der oberösterreichisch-salzbur- 
gischen Gegenden, und die tributären „Romani" und „Romanenses" zu Zeiten Herzog 
Theodo's in den bayrischen Urkunden, deuten noch auf jene Provinzialisten hin. 
Auch im Aberglauben der Alpenbewohner hat sich noch manche Spur keltisch-roma- 
nischen Heidenthums kenntlich erhalten und die Namen der höchsten Gebirge und 
I. 2 



10 

mancher Gebirgsbäche , sowie manche andere Localnamen erinnern den jetzigen 
deutschen und slavischen Bewohner, dass er auf nicht urheimatlichem Boden stehe. 
Die karnischen Alpen und die mehrfachen T auern erheben sich als grossartige 
stumme Zeugen des keltischen Volkes der Kar n er und Taurisker, und auch die 
häufigen Gebirgsbenennungen : Alm (Alp, verwandt mit mons albius, Schneegebirg), 
Kar (Felsmulde), Tor und Taür (Hochgebirg) dürften keltischer Abkunft sein, viel- 
leicht auch die Bergnamen Pirn (Pyrn) und Pyrgas, Verwandte des Brenner (Mons 
Pyrenseus) und der Pyrenaeen, Tonion, Donigstein u. a. Auch die Donau (Don-awa), 
die Namensverwandte des Don und des Donetz , der Düna , des Dunajec , der Bhone 
(Bhodanus) und des Eridanus, bezeugt eben so, wie die Namen mehrerer ihrer Neben- 
flüsse: March (Mar-us, Mor-ava), Marosch (Mar-os), des Inn (En, Genus) etc., den 
vorrömischen, vorgermanischen und vorslavischen Ursprung, und manche Bergströme 
rauschen mit uns unverständlichen vielleicht keltisch-illyrischen oder rhätischen Namen. 
Am häufigsten kommen wohl keltische Wurzelworte, z. B. Hall (hal, Salzgrund), Dun 
(Hügel), Kel (Stein), Klamm (Glambus, Schlucht, Spalte), Mur (Moor), Gan (Gestein, 
Felstrümmer, Gerolle), Wal (Wel, Gal) etc., nebst den oben angedeuteten Benennungen: 
Kar, Taur (Tor) u. s. w. in den norischen und an der Nordseite der rhätischen Alpen 
vor, während an den Südabhängen des Brenner in Tirol etruskische (rasenische) 
Stammworte uns an die alten Bhätier erinnern '). Die oberitalischen Dialecte gestal- 
teten sich , bei dem Verfalle der lateinischen Sprache durch die Entwicklung der alt- 
italischen und gallischen Idiome im sechsten und siebenten Jahrhunderte , obgleich sie 
durch die im zwölften und dreizehnten Jahrhunderte mehr aus den südlichen Mund- 
arten entwickelte italienische Schriftsprache und andere spätere fremde Einflüsse 
manche Umbildung erlitten. Deutlich vernehmbar aber lebt das keltisch-römische 
Sprachelement — obwohl mit andern Lauten und Formen vermischt — an den Süd- 
abhängen der karnischen Alpen, dem Sitze des alten Keltenvolkes der Karner, in der 
friaulischen Mundart fort 2 ). 



l j Die genaue Scheidung von keltischen und rhätischen Localwurzeln fällt um so schwerer, als manche 
Wurzelwörter in mehreren Ursprachen analog sind, z.B. Taur (Tur, Tor) heisst im Keltischen 
Hochgebirg, aber auch das rasenische Tar (Taur, Tur), das arabische Taur, das syrische Tur und 
das hebräische Zur bedeuten Gebirg; Kar (Kor, Karn) im Keltischen: Fels oder Felsmulde, hat 
Analogie mit dem rasenischen Kar, vielleicht auch mit dem griechischen o'pos, und dem slavischen 
Hör (Gora); das keltische Hai (Salz) ist verwandt mit dem griechischen a\<; (&).os), mit dem latei- 
nischen Sal, mit dem deutschen Salz und dem slavischen Slan ; Dun (Don, Daun), Woge, Hügel, hat 
einAnalogon im Altdeutschen: Dün (Don, Dan), Anhöhe, und der Ausdruck: donleg (bergab, schief), 
ging in die Bergwerkssprache über. Die Wortformen sind aber durch die Reihe von zwei Jahrtau- 
senden so vielen Veränderungen im Munde fremder (römischer, deutscher und slavischer) Völker 
unterlegen, dass auch hieran nur selten ein richtiges Kriterium zu knüpfen ist. Einige Ergänzung 
gewährten die Fortschritte der Archäologie , auf deren Standpuncte man keltische, rasenische (roh- 
hetrurische), römische, germanische, hunnische und slavische Alterthümer unterscheiden, und hiernach 
die Wohnsitze dieser Völkerstämme sichten kann (Mehr hierüber bei den einzelnen Kronländern, be- 
sonders bei Tirol). 

2 ) Die Verwandtschaft desKeltischen einerseits mit demRöraischen, andererseits mit den germanischen 
Sprach-Elementen mag die Ausprägung dieses romanischen Idioms gefördert haben. Das keltische Ele- 
ment ist insbesondere vorwiegend in dem sogenannten „carnielischen" Dialecte oder der Mundart des 
friaulischen Gebirgslandes. 



11 



§• *• 



Grossmährisches Reich — Einwanderung der Magyaren. (Allmälige Bildung der ostdeutschen 
Sprachgränze und Sprachinseln in den Ostländern der Monarchie.) 

Wahrscheinlich hätte sich durch deutsche Colonien und deutsche Herrschaft 
die deutsche Sprachgränze allmälig bis an die Donau und Drave ausgedehnt, 
und die Germanisirung Pannonien's wäre erfolgt, wenn nicht die Erhebung des gross- 
mährisch en Reiches und die damit im Zusammenhange stehende Einwan- 
derung der Magyaren, sowohl die Germanisirung, als die Slavisirung Pannonien's 
gehindert, und ein neues asiatisches Volks-Element auf den kaum cultivirten Boden 
unter die eben erst in die Civilisation eingetretenen deutschen und slavischen Völker 
geführt hätte. Schon der mährische Herzog Rastislaw war den Karolingern auf seiner 
Felsenburg Theben (Dowina) gefährlich geworden (850 — 868). Sein Neffe Swato- 
p 1 u k, der seinen Ohm durch Verrath gestürzt, vereinigte die meisten slavischen Völ- 
ker von der Weichsel und Elbe bis zur untern Donau unter seiner Oberhoheit als 
Grossherzog '). Sein Reich wurde das grossmährische genannt (871 — 894)* 
In demselben verkündigten Cyrill und Met ho d das Christenthum und gründeten 
Kirchen zu Brunn und Olmütz. Der Versuch Swatopluk's, seinen Einfluss auch in 
Pannonien geltend zu machen, verwickelte ihn in einen hartnäckigen Kampf gegen 
Kaiser Arnulf (892). Dieser berief die Magyaren, welche eben unter Arpad 
siegreich in Bulgarien herumstreiften, als Hilfstruppen, und eröffnete ihnen 
die Klausen und Verhaue an der untern Donau. Mit ungrischer Hilfe wurde zwar 
Swatopluk besiegt, doch nach dessen Tode (894), wanderten die Magyaren in Folge 
einer durch die vereinigten Bulgaren und Petschenegen in ihrer Heimat Atelkuzu 
(Moldau und Bessarabien) erlittenen Niederlage mit der ganzen Macht ihrer sieben 
Stämme sammt einer Abtheilung Kumanen und Ruthenen über die Karpa- 
then, und eroberten nicht nur, bei der Uneinigkeit von Swatopluk's Söhnen , den 
grössten Theil des grossmährischen Reiches (das heutige Ungern nörd- 
lich der Donau), sondern bemächtigten sich auch (897) ganz Pannonien's, ja sie 
dehnten sogar nach Arnulfs Tode ihre Herrschaft bis an die Enns aus (907). — 
In der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts waren die Ungern die Geissei Europa's, 
indem sie jährlich Streifzüge nach Deutschland, Italien, Frankreich, und sogar bis über 
die Pyrenäen unternahmen. Erst seit der Niederlage am Lechfelde bei Augsburg 
(955) blieb der Westen Europa's, und zunächst Deutschland von den Beutezügen 
der Ungern verschont, und nur das byzantinische Reich wurde von denselben noch 
heimgesucht. Unter Herzog Geysa und seinem Sohne Stephan dem Heiligen erfolgte 
die Christian isirung der Magyaren, — und Ungern trat (als apostolisches 
Königreich) in die Reihe der civilisirten europäischen Staaten (im Jahre 1000). 
Die Gau-Einrichtung Deutschlands wurde bei der Constituirung des neuen Reiches 



*) Auch über einen Theil Gross-Kroatien's (Kleinpolen) und bis zur untern Moraua (in Serbien) scheint 
sich sein Einfluss ausgedehnt zu haben. 

2* 



12 

mehrfach als Vorhild genommen , doch nach dem Geiste und Bedürfnisse der un- 
grischen Nation in die Komitats- Verfassung umgebildet. 

Die Länder des österreichischen Kaiserstaates hatten damals bereits alle Volks- 
stämme, welche noch jetzt die vier Hauptvölker dieser Monarchie bilden, nämlich : 
Deutsche, Romanen, Slaven und Magyaren. Auch die Stellung dieser Völ- 
ker war ums Jahr 1000 bereits im Wesentlichen dieselbe, welche sie noch heut- 
zutage gegen einander einnehmen. Dessgleichen hatte Ungern damals den heutigen 
Umfang, ja es reichte im Westen bis an die Quellen der March und bis an das 
Kahlengebirge, indem der östliche Theil des heutigen Mähren's erst im Jahre 1036 von 
Bretislaw erobert, und durch die Siege des Babenberger's Adalbert auch Oester- 
reich's Gränze bis an die March und Leitha (1043) ausgedehnt wurde. 

Ein Ueberblick der damaligen Volksstämme und ihrer Stellung 
in den Ländern der jetzigen österreichischen Monarchie wird das 
Gesagte näher beleuchten. 

§. 5. 

Völkertafel um's Jahr 1000 nach Christi Geburt und Andeutungen ihrer nachherigen ethnogra- 
phischen Umstaltungen bezüglich der jetzigeu österreichischen Länder. 

Alle Länder und Völker dieser Monarchie, welche jetzt zu 
Deutschland gehören, machten damals im Wesentlichen ebenfalls einen Theil 
des deutschen Reiches aus und die heutigen Sprach gränzen fallen gros- 
sentheils mit den d a m a 1 i g e n Länder gränzen zusammen. Das heutige Tirol 
und Vorarlberg (damals Theile der Herzogthümer Alemannien, Bojoarien und des 
Komitates Trient) war von Alemannen, Franken und Bojoaren, Lombarden und 
Wälschen bewohnt. Der nördliche Theil Vorarlberg's gehörte zum Herzogthume 
Alemannien und war von Alemannen besetzt ; der südliche war ein Theil des roma- 
nischen Wallgau's. Der übrige Theil Nord-Tirols machte einen Theil des Herzog- 
thums Bojoarien aus, und seine Bewohner waren von deutscher, das ist: von bojoa- 
rischer, fränkischer, alemannischer und zum Theile auch langobardischer Abkunft, und 
am Südabhange des Brenner's, im Vintschgau, Eisach- und Pusterthale auch von Ro- 
manen, zum Theil noch von eigentlichen Rhätiern bevölkert. Die Gränze zwischen 
deutscher und w als eher Zunge war seit dem siebenten Jahrhunderte (mit weni- 
gen Schwankungen bis in die neuere Zeit) Deutsch- und Wälsch-Metz (meta teutonica 
et langobardica, jetzt: Mezzo tedesco und M. lombardo). Auch Süd-Tirol, der damalige 
Komitat Trient, war seit Otto dem Grossen, sammt der Mark von Verona, dem deut- 
schen Reiche einverleibt und unter die Aufsicht des Herzogs von Bayern gestellt. Seine 
Bewohner waren Wäl sehe (Italiener), und in den östlichen Gebirgen Deutsche, 
lombardiseher, alemannischer und fränkischer Abkunft, im zwölften und dreizehnten 
Jahrhunderte mit deutschen Bergwerks - Coloni sten durch die Bischöfe von 
Trient vermehrt. In den heutigen Kronländern Lombardie und Venedig war auch damals 
das italische Element das vorherrschende, indem die Langobarden zwar 
ihre eigenen Gesetze erhalten, aber ihre unausgebildete deutsche Sprache unter den die 



13 

grosse Mehrzahl der Bevölkerung' ausmachenden Gallo-Römern verloren hatten. Doch 
waren Alemannen und Franken in den Marken Verona und Aquileja (Friaul) 
zahlreich angesiedelt, seihst das Hochstift Freisingen war im Komitate Treviso 
begütert, und das deutsch e Element war in jener Periode in Oberitalien geschützt 
von weltlichen und geistlichen Machthahern. Erst mit dem U n t e r g a n g e derHohen- 
stau Ten war der deutsche Einfluss gebrochen, doch auch nachmals hatten 
die Deutschen in den dreizehn und sieben Gemeinden von Verona und 
Vicenza von den Scaligern besondere Freiheiten erhalten, deren sie gleicher Weise 
unter der Republik Venedig bis in die neuere Zeit tbeilhaftig blieben. In der istrischen 
Mark (Histerreich) erscheint das ursprünglich keltisch -illyrische Element um das 
Jahr 1000 grossentheils durch die seit dem siebenten Jahrhunderte eingewanderten 
Slaven (zunächst vom slovenischen und kroatischen Stamme) schon slavisirt, obwohl 
auch die Herrschaft deutscher Markgrafen daselbst nicht ohne Einwirkung blieb; dagegen 
erhielten sich die römische Einwohnerschaft und Municipal- Verfassung in den 
Küstenstädten von Istrien und Dalmatien 1 ), über welche Venedig, unter 
byzantinischer Schattenhoheit, die Herrschaft behauptete. Das Festland von Dal- 
matien, sammt Kroatien und Slävonien — von kroatischen und serbischen Stäm- 
men bewohnt — stand damals unter unabhängigen Königen, bis diese Länder (1 102) 
zur ungrischen Krone kamen. 

Das ehemalige Mittel-Noricum, später Innerösterreich (jetzt Kärnthen, Krain 
und Steiermark) wurde damals Karantanien (wahrscheinlich als Gebirgsland : Go- 
ratan) genannt ; dasselbe umfasste nicht nur die obere und untere Karantaner-Mark 
(Ober- und Unter-Steiermark), sondern auch die Mark Putten im Norden des Semme- 
ring und des Hartberges. Da in früherer Zeit daselbst Slaven die vorwiegende 
Bevölkerung ausmachten, so wurde ganz Karantanien auch Sclavinien oder Scla- 
vonia genannt. Vom neunten bis zum zwölften Jahrhundert bildete sich aber nörd- 
lich der Drau am Radi und Platsch und an den windischen Büheln durch die allmälig dich- 
tergewordene deutsche Bevölkerung, die heutige deutsche Sprachgränze aus, ob- 
wohl auch nördlich derselben noch einige Zeit nicht unbedeutende slavische Sprach- 
inseln im Enns- , Mur- und Palten-Thale zurückblieben, und selbst in der Gegend 
von Kraubathein Kroatengau urkundlich noch im zwölften Jahrhunderte genannt wurde. 

In der Ostmark und in Oesterreich ob der Enns, d. i. im ehema- 
ligen Ufer-Noricum und in einem Theile Ober-Pannoniens, waren die Oesterrei- 
cher aus Bayern, Franken und Sachsen, später auch aus Schwaben erwachsen. Der 
bayrische Stamm erhielt theils wegen der Nähe des angränzenden Herzog- 
thums Bojoarien, theils durch die grossen in Oesterreich liegenden Besitzungen der 
bayrischen Hochstifte Passau, Eichstädt, Freisingen und Salzburg das ethnographische 
Ueberge wicht. Die fränkische Einwanderung hatte zunächst der bayrischen auf 
die österreichische Bevölkerung Einlluss, weil die Dynastie der Babenberger nicht 
nur aus Franken stammte, sondern auch daselbst begütert blieb, von daher frän- 



] ) Auch in der Val d'Arsia in Istrien, sowie in den grösseren Inselstädten von Dalmatien, erhielt sich das 
romanische Element lange kenntlich. 



14 

kische Colonisten berief und Hörige übersetzte. Sächsische Colonisten finden 
wir an der Donau , an der Enns, Ips und Url, wo ein Zweig des sächsisch-bil- 
lunffischen Herzogs-Stammes begütert war. Slaven sassen ebenfalls nicht nur öst- 
lich des Kahlengebirges, sondern an der Ips, der Enns, der Traun und der Salza ; 
ein Zweig der Havelaner oder Stoderaner wohnte am Fusse des grossen Priel, wo 
noch das Thal Stoder die Erinnerung daran bewahrt. 

In Mähren und Schlesien, sowie in Böhmen scheint das deutsche 
Volks-Element um's Jahr 1000 noch schwach gewesen zu sein. Wenn sich 
auch in den gebirgigen Gränztheilen Deutsche aus der früheren Periode erhalten 
haben sollten, so war doch die Zahl derselben gering und die Hauptmasse der 
Deutschen in jenen Ländern kam wohl erst vom eilften bis zum dreizehn- 
ten Jahrhunderte durch Colonisation unter den Königen Wenzel I., Ottokarl., 
und vorzüglich unter Otto kar II. dahin. Ackerbau, Bergbau und Industrie wur- 
den durch Deutsche betrieben, wodurch sich ein freier Bürgerstand mit 
deutschem Bechte, als Stütze des Thrones gegen die Macht derZupanen bildete. 
In Prag hatte sich unter König Wladislaw II. (1061 — 1092) eine deutsche Ge- 
meinde ansässig gemacht, welcher unter Wenzel II. die Altstadt, unter Ottokar auch 
die Kleinseite eingeräumt wurde. In Leitmeritz, Aussig, Tetschen , Leippa, Kamnitz. 
Königgraz, Trautenau, Königinhof und Braunau galt magdeburgisches Becht. 
Andere böhmische Städte richteten sich nach dem Brunn er und I gl au er Bechte. 
Auch in Mähren galt Magdeburger Becht zu Freudenthal, Neustadt, Olmütz u. a. 
Bischof Bruno, welcher für die deutsche Colonisation Mähren's, nament- 
lich des Kuhländchen's, besonders thätig war, gründete die Stadt Braunsberg und 
führte daselbst Magdeburger Becht ein. Für die Einrichtung des böhmisch-mäh- 
rischen Hof- und Bitterwesens diente Deutschland zum Vorbilde. 
Deutsche Sprache und Sitte wurden besonders von den Königen Wenzel I., 
welcher sogar selbst deutscher Minnesänger war, sowie von Ottokar II. eifrig be- 
fördert. Die Burgen, seit dem Tataren - Einfalle (1241) häufiger erbaut, führten 
deutsche Namen, als: Löwenberg (Lemberg), Bosenberg . Sternberg, Warten- 
berg, Friedland, Grafenstein, Lichtenburg, Waldstein, Falkenstein und andere. 

Im Königreiche Ungern hatten die Magyaren bereits damals eine ähnliche 
geographische Stellung, wie gegenwärtig, in Mitte der übrigen Volksstämme einge- 
nommen, indem sie bei ihrer Einwanderung die fruchtbaren und weidereichen mitt- 
leren Theile ihres Landes besetzten unddiedeutschen,slavischen (slo vakischen 
und bulgarischen), dann die romanischen (walachischen) Stämme an die gebirgigen 
Gränzen des Beiches zurückdrängten. Doch waren die Ungern auch zwischen Drave 
und Save , sowie südlich der Maros (im heutigen Banate) und überhaupt zwischen 
den anderen Volksstämmen zerstreut ansässig. Zwischen Ondawa und March sas- 
sen die Beste der Gross- Mähr er und andere Slaven, an der galizischen Gränze 
die Ruthenen — später durch Nachwanderungen vermehrt — , doch hatten sie auch 
grössere Colonien, wie z. B. auf der Insel St. Andrä, Orosz, an der Donau im 
Wieselburger Komitate Orosz var (Karlburg), Nemes - Orosz im Honter Ko- 



15 

mitate u. s. w. Die Ueberreste der Awaren und Chazaren (Kozar), welche 
daselbst genannt werden , scheinen nebst den Bissenen oder Petschenegen 
(Bessenyök), sowie die nachwandernden Rumänen, Nogaier und Ismae- 
litcn bald mit den Magyaren sprachlich verschmolzen zu sein. Zwischen 
Donau, Theiss und Maros lebten nebst Magyaren auch Bulgaren und Roma- 
nen (Walachen). 

Zwischen Donau und Drave lagerten Magyaren neben ansässigen Deut- 
schen und Griechen und weiter aufwärts fand man Kroaten und Slovenen, 
welche auch damals bereits einen Theil der Eisenburger und Szalader Gespanschaft 
inne gehabt zu haben scheinen, sowie Deutsche ebenfalls daselbst und im 
Oedenburger und Wieselburger Komitate einen Theil der Bevölkerung bilden moch- 
ten. Im Lande jenseits des Waldes (dem heutigen Siebenbürgen) lebten Romanen 
(Walachen) als Hirtenvolk, nebst einigen sla vischen Stämmen, den östlichen 
Gebirgsstrich besetzten Sz ekler, und die wilden Petschenegen (Bessenyök) 
breiteten ihre Herrschaft über eben diese Stämme auf kurze Zeit aus , indem sie 
aus dem Gebiete zwischen Alt und Pruth den Bezirk Ertem bildeten. 

§. 6. 

Ueberblick des Coloniahvesens in Ungern und Galizien. 

Den Grund der vielen Sprachinseln in den Ostländern der Monarchie bilden die 
Colonien oder sporadischen Ansiedlungen in grösseren oder kleineren Gruppen, die in 
verschiedenen Jahrhunderten entstanden und theilweise wieder verschwanden ; während 
neue ethnographische Gruppen auftauchten, daher auch hier noch ein kurzer Ueber- 
blick über dieselben folgt. 

Unter den Volksstämmen in Ungern waren verschiedene andere, besonders 
deutsche Colonisten (hospites) sporadisch, meist in den grössern Orten ver- 
theilt. Bereits unter Geysa und Stephan wanderten deutsche und italienische 
Grafen und Ritter nach Ungern, sowie später auch französische und 
spanische Ritter - Geschlechter daselbst nationalisirt wurden. Diese Frem- 
den (hospites) waren geachtet und einflussreich auf die Gestaltung des neuen christ- 
lich-ungrischen Staates. 

Eine bayrische Colonie wurde schon unter Stephan dem Heiligen zu Szath- 
mar angesiedelt. Zahlreicher waren die sächsischen Einwanderungen unter 
Geysa II. (1141 — 1161). Da im Jahre 1136 durch Einbruch des Meeres an der 
batavischen Küste der Zuyder See entstand, so ward die Wanderlust der dortigen 
deutschen Stämme angeregt, und indem die Deutschen überhaupt aus Flan- 
dern und aus den Gegenden des Nieder-Rheinund der Elbe, dem dama- 
ligen Sachsen, gern nach Osten zogen, um dort eine neue Heimat zu finden, 
berief Geysa auch Flandrer in die wüste Gegend des Hermannstädter 
Stuhles (desertum de Cibinio). Später wurden diese Flandrer auch Teutonici und 
Saxones wahrscheinlich desshalb genannt , weil neue Einwanderer aus Sachsen 



16 

(Westphalen) und den Bheinlanden bei Köln nachkamen, woher auch die Sachsen 
in der Zip s und den Bergstädten stammen, welche ebenfalls unter Geysa II. 
anlangten. Das deutsche Element war einst in den obern Komitaten viel weiter 
verbreitet und die Grün dn er, die Krikehayer, Deutsch bronner und 
Motzen seif er u. s. w. dürften aus Thüringen, Obersachsen und Oberschlesien 
eingezogen, und — einst viel zahlreicher 1 ) — mit den Sachsen in der Zips und den 
Bergstädten ziemlich in topographischer Verbindung gestanden sein. — Andreas II. 
räumte den deutschen Ordens- Rittern das Burzenland (terra borza) im 
jetzigen Kronstädter Bezirk ein und obgleich dieser Besitz nur vorübergehend war 
(] 21 1 — 1224), so brachten sie doch an den Gränzen der Rumänen zuerst durch deutsche 
Ansiedler dem Siebenbürgerlande Sicherheit und Kultur. Ohne hier in die Aufzählung 
der weiteren deutschen Ansiedlungen speciell einzugehen, wird nur noch bemerkt, 
dass Deutsche es waren , welche nach dem Mongolen-Einfalle von 
Bela IV. nach Ungern berufen und mit erheblichen Privilegien begabt, das zur 
Einöde gemachte Land wieder zur Cultur erhoben. Unabhängigkeit von der Komi- 
tats- Verwaltung , freie deutsche Gemeinde-Verfassung mit einem selbstgewählten 
Richter an der Spitze, die Berufung an den König oder an dessen Stellvertreter 
in wichtigen Streit- oder Straffällen , Zoll- und Mauthfreiheit im ganzen Lande, 



'6 



eigene Wahl des Pfarrers, Bewahrung der deutschen Rechtsgewohnheiten und Sitte, 
waren die gemeinsamen Hauptzüge der den Deutschen ertheilten könig- 
lichen Privilegien. Das Magdeburger Recht bildete den Hauptbestand- 
teil des Ofner-Rechtes und dieses ward wieder Musterrecht für mehrere an- 
dere Städte. Nächstdem war das Privilegium von S tuhlweisse nbur g als 
Vorbild für andere städtische Privilegien beliebt. Auch andere Nationalitäten wur- 
den durch manche Privilegien in die Rechte der deutschen Colonisten (bospites) 
eingeschlossen, und die freien deutschen Rechte trugen zur Erhaltung 
und Ver grosse rung des deutschen Elementes wesentlich bei. Erst 
im fünfzehnten Jahrhundert regte sich in manchen Städten die Eifersucht der Un- 
gern gegen die Deutschen . wo sie mit letzteren nicht gleichberechtigt waren, 
z. B. in Ofen und Klausenburg. Obwohl deutsche Colonien nicht nur längs des 
Gürtels der Karpathen, sondern auch im Flachlande Ungern s, imBanate,ja selbst 
zwischen Dravc und Save aufblühten und die Grundbevölkerung der Städte bildeten, 
so hatte sich von den deutschen Dörfern doch nur eine geringe Zahl unter der Tür- 
kenherrschaft erhalten, und die jetzigen Bewohner der grösseren und kleineren 
sogenannten schwäbischen Sprach -In sc In im Graner, Pester, Stublweissen- 
burger, Vcsprimer, Tolnaer und Baranyer Komitate, sowie in der Backa, im Banate 
und der Militär-Gränze, dessgleichen die sogenannten Landler in Siebenbür- 
gen sind insgesammt erst seit dein vorigen Jahrhunderte vorzüglich unter Maria 
Theresia (1765 — 1776) und unter Joseph II. (1784 — 1789) angesiedelt worden, wo- 



>) Die deutschen Namen in vielen nun slavischcn Orten erinnern an die, zum Theile durch Urkunden 
verbürgte, einst weitere Verbreitung des deutschen Stammes in den Karpathcn-Gegenden. 



17 

durch die Deutschen zum zweitenmale zur Cultivirung des Unterlandes beitru- 
gen. Auch Böhmen's und Mähren's deutsches Element wurde durch die 
M. Theresianischen und Josephi ni sehen Institutionen wesentlich gestärkt. 

Das jetzige Königreich Galizien bestand damals aus Rothrussland, nämlich : 
aus Halicz im Südosten, einem Theile Wladimir's (Lodomerien) im Südwe- 
sten, und aus einem Theile K 1 e i n - P o 1 e n's. Im Allgemeinen genominen scheinen die 
jetzigen Sprachgränzen zwischen ruthenischen und polnischen Bewohnern 
auch beiläufig die alten Landesgränzen gebildet, doch ruthenischer Seits weiter 
nach Westen gereicht zu haben. Die Erweiterung des polnischen Elementes durch 
gemischte Bezirke und Sprachinseln geschah unter König Casimir den Grossen, wel- 
cher (1340) zum Besitze Galiziens gelangt, polnische Edelleute darin begüterte 
und das polnische Wesen daselbst förderte. 

Als Casimir der Grosse das Ruthenenland mit Polen vereinigte, waren die Grän- 
zen des ersteren im Westen noch bis zum Wislok und über die Wisloka theilweise 
ausgedehnt 1 )- Auch Deutsch e waren bereits unter Casimir daselbst anwesend 
und wurden von ihm zahlreich angesiedelt. Seit dieser Zeit erscheinen Städte mit 
deutschem, meist Magdeburger Rechte. Unter Kaiser Joseph wurde die deutsche 
Bevölkerung Galiziens zwischen 1782 und 178B durch 120 neue Colonien 
vermehrt , die Mehrzahl dieser Ansiedler (in Galizien Swabski genannt) waren 
evangelische Würtem berger und reibrmirte Pfalz er, obwohl auch Katholiken 
unter denselben sich befanden. Die Gesammtzahl derselben betrug bei 20.000 , und 
ist jetzt über 30.000 Bewohner gestiegen. 

Diese Rundschau der Volksstäm me und Colonien in den Ländern 
der österreichischen Monarchie seit dem Jahre 1000 zeigt, dass 
bereits im eilften bis dreizehnten Jahrhunderte die Völkerstellung im We- 
sentlichen ein ähnliches ethnographisches Bild, wie es die 
Völkerkarte heut zu Tage darstellt, gewähren mochte, dass ferner 
die Bildung der deutschen Sprachgränze , namentlich in den Süd- 
Donaul ändern, schon vom sechsten bis zum zehnten Jahrhunderte begann, 
sich jedoch erst vom eilften bis in's dreizehnte Jahrhundert feststellte; wäh- 
rend im Norden der Donau erst in letzterer Pei'iode die deutsche 
Sprachgränze durch Colonis ationen sich entwickelte. Die deutschen 
Sprachinseln in den Karpathen waren einst viel grösser, leiten jedoch ebenfalls 
ihren Ursprung aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert ab, jene im Flach- 
lande von Ungern und Galizien gehören aber erst dem achtzehnten Jahrhunderte 
an. Auch die Stellung der slavischen und walachisehen Volksstämme erscheint 
bereits den Hauptzügen nach, im Norden und Osten seit dem zehnten Jahrhunderte 
entwickelt. Im Süden jedoch trat eine bedeutende Vermehrung des slavischen 
Elementes seit den Einfällen der Türken in die Süd-Donauländer, namentlich 
seit der Eroberung Serbien's ein ; denn seit dem fünfzehnten Jahrhundert zogen 



') Nähere urkundliche Andeutungen hierüber folgen beim Kronlande Galizien. 
I. 



18 

die Serben in mehreren Abtheilungen nach Ungern und fanden daselbst zu wieder- 
holten Malen Aufnahme ; zuerst auf der Insel Csepel zu Räcz-Keve und St. Andrä 
unter König Sigmund, dann unter König Albrecht zu Jenopolis (Boros-Jenö) und 
im jetzigen Banate, endlich unter Mathias Corvinus, zu welcher Zeit Paul Kinisi 
50.000 serbische Familien in Sirmien und im Banate ansiedelte. Während der 
Regierung des Königs Sigmund erhielten auch die Slovaken eine Verstärkung durch 
die böhmischen Brüder, welche sich damals, namentlich im Gömörer Komitate (im 
Kishonter Bezirke) festsetzten. Unter Ferdinand I. kamen nach dem Falle von 
Jaicza und Kostainicza zahlreiche kroatische Flüchtlinge nach Ungern, welche 
im Szalader, Eisenburger, Wieselburger und Pressburger Komitate, dann in Oester- 
reich (vorzüglich im Marchfelde) und in Mähren, in der zweiten Hälfte des sech- 
zehnten Jahrhunderts, angesiedelt wurden, und seither gleichsam einen Archipel 
von Sprachinseln zwischen den Nord- und Süd-Slaven der öster- 
reichischen Monarchie bilden. Zur Zeit Leopold I. führte der Patriarch Arsenius 
Csernovich bei 36.000 serbische (rascische) Familien nach Ungern, welche in den 
früher angedeuteten Wohnsitzen der Serben angesiedelt wurden. — Unter Rudolph II. 
und Ferdinand II. kamen Uskoken , d. i. Flüchtlinge, aus Bosnien über die Save und 
Kulpa. Sie wurden im Uskoken-Bezirke und bei Zengg aufgenommen. Eine andere 
Abtheilung der Bosnier, die sogenannten Wlachen, fanden an der Chasma (im 
jetzigen Warasdiner Generalate) in den verödeten Gegenden Aufnahme. Diese sämmtlichen 
serbischen, bosnischen und rascischen kriegerischen Stämme trugen nebst den Deutschen 
zur Vertreibung der Türken aus Ungern wesentlich bei, und bildeten, militärisch 
als G ranz er organisirt, bis in die neueste Zeit einen schützenden Gürtel gegen 
den Erbfeind der Christen, sowie gegen Contrabande und Pest. Slavische, namentlich 
slovakische Co lo nisten langten in Nieder-Ungern und im Banate auch im 
vorigen Jahrhunderte an, nämlich unter Karl VI. (III.) Bulgaren zu Vinga (There- 
siopel) im Jahre 173? und Slovaken, welche aus den oberen Komitaten 1714 nach 
Csaba, dann nach Töt-Komlos, Szarvas und in zahlreiche Colonien um Pest und 
Ofen verpflanzt wurden. Albaner — nach ihrem Anführer Clemens Clementiner 
genannt — flüchteten auf österreichisches Gebiet (1737) und wurden in Hert- 
k o w c z e und N i k i n c z e angesiedelt. Juden finden wir im österreichischen Staate 
bereits seit dem neunten Jahrhunderte, zahlreicher und geldmächtiger aber seit dem 
dreizehnten Jahrhunderte, als das grosse Judenprivilegium Friedrich des Streitbaren für 
die österreichischen Juden auch in Polen und Ungern von den dortigen Königen für 
ihre Länder ertheilt wurde. Unter Ludwig I. wurden die Juden zwar aus Ungern ver- 
trieben, unter dem geldarmen Sigmund aber kehrten sie wieder. Das Toleranz- 
Edict Kaiser Josepb's II. wies ihren Familien eine bestimmte Zahl von Wohnplätzen 
an. In Ungern durften sie — die Bergstädte und die bezüglichen Komitate aus- 
genommen — überall wohnen. Die Zigeuner endlich erschienen unter König 
Sigmund im Jahre 1417 auf ungrischem Boden, und verbreiteten sich von da 
bald über die Länder der österreichischen Monarchie , besonders zahlreich über 
Siebenbürgen und Böhmen. Die Versuche Maria Theresien's und Joseph's , sie 



19 

durch Teste Ansiedlungen von ihrer nomadischen Lebensweise abzubringen und als 
sogenannte Neubauern an feste Wohnplätze zu gewöhnen, blieben von vorüber- 
gehender Wirkung. 

Diesem historischen Ueber blicke wird sich zunächst in der allgemeinen 
Ethnographie eine Uebersicbt der Völkerstämme der Monarchie, ihrer 
Vert h eilung, Sprachgränzen und Inseln in ihrem Zusammenhange 
und nationalen Zahlen Verhältnisse in allgemeinen Umrissen an- 
reihen. 

Die im allgemeinen Theile nur flüchtig skizzirten Grundlinien werden im be- 
sonderen Theile durch die folgenden Andeutungen über die Geschichte der 
Volksstämme und des Colonisationswesens in der österreichischen 
Monarchie, und die Bildung der Sprachgränzen und Inseln in den 
einzelnen Kronländern eine nähere Beleuchtung erhalten. — Auf dieser breite- 
ren geschichtlichen Grundlage lassen sich sodann in jedem Kronlande die geographisch- 
ethnographische Ansicht, die gegenwärtige Vertheilung der Stämme, sammt dem Laufe 
der Sprachgränzen und der Lage der Spracheilande genauer nachweisen, durch de- 
ren Darlegung, in Verbindung mit der statistischen Uebersicht am Schlüsse jedes 
Kronlandes, sich das ethnographische Bild der österreichischen Monarchie in seinen 
Hauptumrissen entwickeln wird. 



21 



B. 



Allgemeine Ethnographie 



oder 



übersichtliche Beschreibung der Sprachgriiuzen und Sprachinseln 

der österreichischen Monarchie 



sammt 



statistisch-ethnographischer Uebersicht aller Völkerstämme 

des Kaiserstaates. 



23 



B. 

Allgemeine Ethnographie. 

§. 7. 
Ueb erblick. 

Die Länder der österreichischen Monarchie gehören vier Meeres- und Strom- 
Gebieten an. 

Der Hauptstrom, die königliche Donau mit ihren mächtigen Flussvasallen, 
weiset diesem Staate seine Hauptrichtung als Ost-Reich an; die Elbe vermittelt 
die Verbindung mit dem deutschen Meere oder der Nordsee, die Weichsel mit dem 
baltischen oder der Ostsee; der Po sammt derEtschund anderen kleineren Alpen- und 
Küsten-Flüssen im Venezianischen, in Friaul, Istrien und Dalmatien. strebt dem adria- 
tischen Meere zu. Die Sudeten und Karpathen einerseits, welche im langen Zuge den 
Norden und Osten umschlingen, anderseits die vielgliederigen Ketten der Alpen, welche 
den Westen und Süden gleich natürlichen gigantischen Mauern beschützen und zusam- 
menhalten, bilden das grosse mittlere Donau-Becken, den einstigen Boden eines 
gewaltigen Binnenmeeres. Tirol und Siebenbürgen erheben sich in Gestalt zweier 
natürlicher Bastionen im Westen -und Osten der Monarchie. 

Dieser physischen Beschaffenheit der Ländermasse entspricht die Verkeilung ihrer 
Bevölkerung. Die drei Hauptvölker Europa's: Deutsche. Slaven und Romanen, 
vertheilen sich in den Gebirgsländern des Westens, Nordens, Südens und Ostens, während 
der asiatische Volksstamm der Magyaren das Flachland der mittleren Donau bewohnt. 
In Hauptmassen genommen, gehören die Nord-Abhänge der Alpen, dann die 
Gebirgsstrecken des Böhmerwaldes, des Erz-. Riesen- und Sudeten-Gebirges den 
Deutschen an, die auch in zahlreichen Inseln längs der Donau und an beiden Seiten 
der Karpathen weit nach Osten sich ausdehnen; während die Süd-Abhänge der Alpen im 
Südwesten von West- Romanen, im Südosten von Süd -Slaven (Slovenen, Kroa- 
ten und Serben) bewohnt sind, und in den Gebieten der Sudeten und Karpathen die 
Wohnstätten der Nor d-Slaven (Cechen, Mährer, Slovaken, Polen und Ruthenen). in 
den östlichen Karpathen aber jene der Ost-Romanen (Walachen und Moldauer) 
autgeschlagen sind, die Magyaren, gleich der zuletzt eingebrochenen Völkerfluth, 
über die pannonische Ebene sich verbreiten, und die anderen kleineren Stämme der 
Armenier, Juden, Zigeuner sich last allenthalben hin sporadisch verzweigen. 

Nach dieser Gruppirung der Hauptmassen gestalten sich die Sprachgränzen 
(welche hier der Kürze halber als gleichbedeutend mit den ethnographischen ange- 
nommen werden) zwischen den verschiedenen Völkerstämmen. 

I. Der deutsche Stamm gränzt mit den West-Romanen (Italienern, Ladinern 
und Friaulern) , den westlichen Süd-Slaven (Slovenen), den Magyaren (und 



24 

v 

Kroaten) und den Nord- Slaven (Cechen, Mährern und Slovaken) , wodurch eine 
Sprachgränze gebildet wird, welche in mancherlei Windungen vom Orteies bis zur 
Oppa , d. i. von Südwest gegen Nordost hinzieht. Getrennt hiervon erscheint in der 
Ost-Hälfte des Reiches die Sprachgränze zwischen den Deutschen und den östli- 
chen Süd- Slaven (den Serben), sowie zwischen den Deutschen und den Ost- 
Romanen (Walachen). 

II. Bei den vielgliederigen Stämmen der Slaven muss ihren Wohnsitzen nach zwi- 
schen den Nord -Slaven und den Süd-Slaven unterschieden werden. Die Nord- 
Slaven bilden eine zusammenhängende Masse, welche innerhalb des Reiches von den 
Deutschen, Magyaren und Ost- Romanen (Walachen und Moldauern) umgeben 
ist. Die Süd-Slaven breiten sich in langgestrecktem Zuge von den friaulischen 
Gebirgen und der Gränze Albanien's längs der Südgränze des Reiches bis dorthin 
aus, wo im äussersten Südosten die Donau aus Oesterreich austritt. Ihre Wohnsitze 
sind begränzt von jenen der West-Romanen, der Deutschen, der Magyaren und 
der Ost-Romanen (Walachen). 

III. Die Romanen sind, gleichwie die Slaven, in zwei gänzlich von einander 
getrennte Theile zu scheiden, die nichts als den ähnlichen Sprachlaut mit einander 
gemein haben. Die West-Romanen, nämlich die Italiener mit den Neben- 
stämmen der Friauler und Ladiner, nehmen in gedrängt zusammenhängender 
Masse den Südwesten des Reiches bis zu den Quellengebieten der in das adriatische 
Meer einmündenden Flüsse ein und sind innerhalb des Reiches von den Deutschen und 
den Süd-Slaven begränzt. Die Ost-Romanen, d.i. die Walachen mit einer 
kleinen Abtheilung von Mol dauern, halten fast die ganze Ostgränze des Reiches 
vom Austritte der Donau bis zu jenem des Pruth's in der Bukowina besetzt und dehnen 
sich weithin über Siebenbürgen, in die Ost-Hälfte von Ungern, nach dem Banate und 
der Militärgränze aus. Sie werden begränzt von Süd-Slaven, Magyaren, 
Deutschen und Nord-Slaven. 

IV. Der magyarische Stamm schaart sich in mehr oder weniger compacter 
Masse um die mittlere Donau und Theiss in Ungern und erstreckt sich, minder zusam- 
menhängend, in Siebenbürgen bis zu den Wohnsitzen der Szekler an der südöstlichen 
Gränze dieses Landes. Abgesehen von den vielen grösseren und kleineren Sprachinseln, 
welche, wie in Ungern überhaupt, so insbesondere im magyarischen Landestheile vor- 
handen sind, werden die Magyaren von den übrigen im Lande selbst ansässigen 
Volksstämmen, nämlich von den Deutschen, den Nord-Slaven, den Ost- 
Romanen und den Süd-Slaven umgeben. 

V. Die kleineren Volksstämme, die Griechen, Albanesen, Arme- 
nier und Zigeuner, kommen vereinzelt oder doch nur in kleinen Sprach- 
inseln vor und verschwinden bei der Gesammtbetrachtung der Völkermassen Oester- 
reich's. Dasselbe ist der Fall rücksichtlich der Juden, welche zwar, namentlich in 
Galizien, Böhmen, Mähren und Ungern, sehr zahlreich sind, aber selten in grösserer 
Zahl beisammen wohnen , und selbst dann öfters die Sprache des Volksstammes, unter 
welchem sie ansässig sind, annehmen, meist aber sich der deutschen Sprache bedienen. 



25 

Ihre Wohnsitze können daher wohl statistisch, schwer aber ethnographisch auf der 
Karte nachgewiesen werden. 

Die eben angedeuteten Hauptumrisse der Nebeneinanderlagerung der Völker- 
Gruppen Oesterreieh's geniigen jedoch nicht, um eine deutliche Einsicht in die viel- 
verschlungene Richtung der mannigfachen Sprachgränzen zu gewähren , welchen 
wir auf dem Boden des Kaiserstaates begegnen. Hierzu ist es erforderlich, jene 
Volkergruppen, namentlich die slavischen und romanischen, in ihre einzelnen Glie- 
derungen aufzulösen und die Begränzung der einzelnen Völkerstämme ersichtlich 
zu machen. 

Die Sprache bietet hierzu das geeignetste , obgleich nicht das einzige Mittel ; 
denn es lässt sich auch dort, wo der Sprachunterschied in den Hintergrund tritt, 
eine mehr oder weniger ausgesprochene Verschiedenheit der Volkscigenthümlich- 

v 

keit nachweisen, wie bei den Cechen, Mährern und Slovaken, bei den Serben und 
Kroaten. 

Man trennt demnach bei den Nord-Slaven den cechisehen Stamm von den Polen 

v 

und Ruth e nen , und unterscheidet in ersterem wieder die eigentlichen Cechen 
von den Mährern und Slovaken. Bei den Süd-Slaven werden die Slovenen 
(Krainer und Winden) von dem serbischen Stamme gesondert, in letzterem sind aber 
wieder die Kroaten und Serben zu unterscheiden, welche, obgleich in der Sprache 
nur unwesentlich von einander abweichend, dennoch seit einem Jahrtausende zwei 
selbstständige Volksstämme bilden. Der grossen Aehnlichkeit der Sprache der Kroaten 
mit jener der Serben halber wird jene die serbo-kroatische genannt und dadurch von 
der sloveno -kroatischen unterschieden, welche in den Komitaten von Agram und 
Varasdin und dem nördlichen Theile des Kreuzer und St. Georger Regiments-Bezirkes 
gesprochen wird, slovenischen Ursprungs ist, aber seit dem Heraufdrängen der Kroaten 
über die Kulpa und Save nach dem gegenwärtig von ihnen benannten Lande viele 
kroatische Wörter und Ausdrucksweisen in sich aufgenommen hat und dadurch zur 
Mischsprache geworden ist. Bei dem west-romanischen Stamme ist neben der ita- 
lienischen noch die lad ini sehe und die friaulische Sprache, beide ältere 
Schwestersprachen der italienischen mit vielen fremdartigen Beimischungen, anzu- 
führen ; bei dem ost-romanischen Stamme aber ist neben der weit mehr verbreiteten 
w alach i s che n die wenig davon abweichende moldauisch e, welche in der Bukowina 
gesprochen wird, zu nennen. Bezüglich des deutschen und magyarischen Stammes 
ist eine weitere besonders hervorzuhebende Unterabtheilung nicht erforderlich, da die 
massenhafte deutsche Bevölkerung dem ober-deutschen Stamme angehört, und die 
mit den Magyaren eingewanderten verwandten Stämme längst mit ihnen verschmolzen 
sind. Eine weitere Sonderung aller dieser Stämme kömmt in der ausführlicheren ethno- 
graphischen Darstellung jedes einzelnen Kronlandes zur Sprache. 

Sohin lassen sich in der österreichischen Monarchie nachstehende 38 Sprach- 
Gränzen zwischen den einzelnen Völkerstämmen , ihrem geographischen Zusammen- 
hange möglichst folgend, nachweisen. 

I. 4 



26 

§■ 8. 

I. Deutsche Sprachgränzen in der österreichischen Monarchie. 

Wenn von der deutschen Spraehgränze die Rede ist , muss vor Allem zwischen 
der Verbreitung der deutsche n Sprach e und zwischen jener des deutschen 
Volksstammes unterschieden werden. 

Die deutsche Sprache ist jene des Kaiserhauses . der Central-Begierung und des 
o-esammten Heerwesens; in den Kronländern nördlich vom adriatischen Meere und 
vom italienisch-deutschen Alpenzuge durchdringt sie vielfach auch die nicht-deutschen 
Lamlestheile , als die Sprache der öffentlichen Verwaltung und (grösstentheils) der 
Rechtspflege, als die Vermittlerin des Verkehres und des Handels, als die Sprache, 
in welcher vorzugsweise der höhere, mittlere (und zum Theile auch gleichzeitig mit 
der Landessprache der Elementar-) Unterricht ertheilt wird, als die Sprache endlich 
der allgemeinen Cultur, welche von den Gebildeten fast aller anderen Nationalitäten 
verstanden und gesprochen wird. 

Hier aber wird in ethnographischer Beziehung zunächst von der Verbreitung 
des deutschen Volksstammes gehandelt, und die Spraehgränze desselben angegeben. 
Der deutsche Volksstamm weiset 11 solche Gränzen auf 1 ) und hat sonach unter allen 
Volksstämmen der österreichischen Monarchie die meisten Berührungspuncte mit 
anderen. 

§• 9. 
1—3.) Die deutsch-italienische, d e utsch-ladinische und deutsch- 
f r i a u 1 i s c h e Spraehgränze. 

Die deutsch - westromanische oder deutsch - wälsche Spraeh- 
gränze zerfällt in drei ethnographische Gliederungen: 

1.) Die deutsch- italienische Spraehgränze. Mit dem sogenannten 
Ende der Welt (bei Trafoi). den deutschen Wirthshäusern auf der Nord-Seite der 
Stilfser Strasse und den Eisfeldern der Ortelcs-Spitze und des Sulden-Ferners, sowie 
mit dem Ulten-Thale (Vallis Ultima) hat auch die deutsche Sprache ihre südliche 
Gränzlinie erreicht, welche hier zugleich vom Orteies bis zum Gampen-Berg mit der 
Gränze zwischen dem Brixner und Trienter Kreise zusammenfällt. Auf dem Süd-Ab- 
hange des Gampen's streift die deutsche Sprache gegen das freundliche Nons-Thal (Val 
di Noee) über, indem sie die Gemeinden Proves. Laurein (Lauregno) und San Feiice 
(Senale) sammt mehreren Weilern umfasst. Nun wendet sich die deutsche Sprachlinie 
wieder mit der Kreisgränze an der Wasserscheide zwischen dem Nons- und Etsch- 
Thale nach Süden bis nach Salurn, indem die deutsche Sprache hier gleichsam 
einen vielfach aufgelockerten Damm bildet, als dessen südlichster Eckstein gegen die 
wälsche Fluth Salurn mit seinem Felsenschlosse erscheint, während am linken Etsch- 
Ufer die italienische Bevölkerung bis gegen Botzen hinauf bereits familienweise in 
die deutschen Orte gedrungen und Platten mit Kreitz und Gmünd am rechten 
Ufer der Etsch ganz wälsch ist. 

4 ) Die deutsch-serbische un:l deutsch-romanische Spraehgränze erscheinen bei 32) und 38). 



27 

Im weiteren Zuge nach Nordosten folgt die deutsch-italienische Sprachlinie der 
mehrgedachten Kreisgränze bis zum Grödner Thale (Valle Gradena) ; nur mit den 
Orten Altrei (Altariva) und Trodena biegt sie in den Trienter Kreis aus. 

2.) Die deutsch-ladinische Sp ra ch gr änze. Im Grödner Thale bildet die 
Felsenenge zwischen St. Peter und St. Ulrich den Pass zwischen deutscher und ladi- 
nischer Zunge. Von diesem Puncto zieht sich die Sprachlinie an der Wasserscheide, 
welche das Grödner und Abtei-Thal von dem Rienz- und Puster-Thale trennt, anfangs 
in östlicher, dann in nordöstlicher Schwingung herum zur Quelle des Boito-Flüsschens. 

Hierauf folgt die Fortsetzung der d e u t s c h - i t a 1 i e n i s c h e n S p r a c h g r ä n z e, 
durch den Kamm der karnischen Alpen und die damit zusammenfallenden Gränzen der 
Kronländer Tirol und Venedig bezeichnet, und zieht sich bis zu den Quellen der Piave, 
an der dreifachen Gränzscheide zwischen Tirol, Kärnthen und Friaul. Dabei bildet Bu- 
chenstein und das Ampezzo-Thal den Uebcrgang vom Ladinisehen zum Italienischen. 
Das letzte Glied dieser Reihe, 

3.) die deuts ch- friaul i sc he Sprachgränz e, folgt ebenfalls im Wesent- 
lichen der Wasserscheide der karnischen Alpen und der Landesgränze von Kärnthen 
und Friaul bis jenseits der Brücke, welche das deutsche Pontafel von dem wälschen 
Ponteba scheidet. Nur mit dem deutsch-friaulischen Orte Timaii schreitet das deutsche 
Element auf den südlichen Abhang der Alpen. 

Hiermit sind wir zugleich am dreifachen Knotenpuncte der deutschen , romani- 
schen (friaulischen) und slavischen (slovenischen) Zunge angelangt. 

§• io. 

4.) Die deu tsch-slovenische Sprachgränze. 

Sie zieht sich durch drei Kronländer: durch Kärnthen, Steiermark und Ungern. 

u) In Kärnthen. Sie beginnt nächst W T olfsbacb und geht in mannigfachen 
Schlingungen durch Kärnthen, umfasst Malborghet, zieht zwischen iYIöderndorf und 
Hermagor über die Gail, folgt der Wasserscheide zwischen der Gail und Drau, wo die 
Felswände der Villacher Alpe (Dobrac) die natürliche Mauer des deutschen zusammen- 
hängenden Sprachgebietes bis gegen die Mündung des Gail-Flusses bilden. Weiter 
östlich sind Zauchen, Dellach, Moosburg, Nussberg, Galling, St. Donat, St. Seba- 
stian, St. Gregor, Schinieddorf, Wölfnitz. Pustritz, Gönitz , Eis und Lavannind an 
der Drau die markirenden Orte des rein deutschen Sprachgebietes. Doch ist im 
Süden dieser Gränzlinie das ausgedehnte Gebiet von Thörl und Arnoldstein bis Win 
diseh-Feistritz und Bärenthal , südwärts durchgehends bis an die Landesgränze rei- 
chend, dann der Strich am Wörther See und um Klagenfurt mit den südlichen Aus- 
buchtungen bis Hollenburg und bis Gupf, weiterhin die Umgegend von Völkermarkt 
und Griffen bis hinauf nach Eberndorf, endlich ein bis Unter-Drauburg vorlaufender 
Landstrich vorwiegend deutsch, so dass erst jenseits dieses Districtes das rein slo- 
venische Gebiet beginnt. 

6") Die deutscb-slovenische (windische) Sprachscheide in Steiermark folgt 
(mit Ausnahme des rein slovenischen Ober-Kappel) der Gränze des Gratzer und Mar- 

4 * 



28 

burger Kreises bis in die Nähe von Spielfeld. Sowie sie schon das gemischte Gebiet 
von Gross-Walz bis Kranach und Ratsch einschloss, umfängt sie nun. weit südwärts 
ausgreifend, ein ähnliches um Marburg bis Bergenthal und St. Nikolai, kehrt wieder 
bis nahe an Spielfeld nach dem Norden zurück, und folgt abermals, ein gemischtes 
Gebiet von dem rein slovenischen trennend, der bezeichneten Kreisgränze bis Rad- 
kersburg, von wo sie (mit Ausnahme einer geringen Rückbeugung) mit der Landes- 
Gränze gegen Ungern zusammenfällt. 

c) Die deutsch-slovenische Gränze gelangt mit den Ortschaften Füchslinz und 
Simmersdorf in das ungrische Komitat Eisenburg und geht nordöstlich über 
Tauchen, Ober-Dressen und Neumarkt nach St. Gotthard, welches den Knotenpunct 
des deutschen, slovenischen und magyarischen Sprachgebietes darstellt. 

§. 11. 

5. und ß.) Die deutsch-(serbo-) kroatische und deutsch-magyarische 

S p r a c h g r ä n z e. 

Die allgemeine Regel, dass die Magyaren soweit in Ungern reichen als die Ebene, 
findet auch hier im Ganzen ihre Restätigung. Die Gebirgsstrecken und Hügelreihen 
des Eisenburger und Oedenburger Komitates sind von den Deutschen (den sogenannten 
Hienzen) J ) und von Kroaten besetzt, während mit dem Reginne der Fläche die magya- 
rische Bevölkerung anfängt. 

Die deutsch-magyarische Sprach g r ä n z e geht von St. Gotthard in nord- 
östlicher Richtung über Ginisdorf und Luising an die Pinka und zieht an derselben 
aufwärts bis oberhalb Schleining (Szalonak). doch so, dass die deutschen Orte Mo- 
schendorf, Beled und Pernau, Petersdorf, Neumarkt in vier getrennten Zungen auf 
das linke Ufer hinüberziehen. 

Von Schleining wendet sich die Sprachscheide südöstlich nach Neu-Hodis und 
Rechnitz, und kömmt, über das magyarisch-kroatisch-deutsche Poschendorf umbeugend, 
in die Nähe des deutsch-magyarischen Guus, welchem noch das rein deutsche Schwa- 
bendorf vorliegt. Von hier läuft sie in einer, nur durch eine starke Einbuchtung zwi- 
schen Locsmand und Vejke unterbrochenen, nordöstlichen Richtung zum Neusiedler 
See, welchen sie mit dem magyarisch-deutsch-kroatischen Homok erreicht. 

Auf diesem Zuge gränzt aber das deutsche Sprach-Element keineswegs vorwiegend 
an das magyarische, sondern ist an vier Stellen in Linien von beträchtlicher Länge 
durch (serbo-) kroatische Inselgruppen von demselben getrennt. Diess ist nämlich der 
Fall zwischen Moschendorf und Reled , zwischen Pernau und Neu-Hodis , zwischen 
Schwabendorf und Locsmand, endlich zwischen Locsmand und Vejke, wo nur Ober- und 
Mittel-Pullendorf eine magyarische Enclave bilden. Hierdurch entsteht eine deutsch- 
(serbo-) kroatische, sowie eine magyarisch- (serbo-) kroatische Sprachgränze. 



') Diese Reste bairisch- alemannisch- fränkischer Einwanderer aus der karolingischen Zeit bewahrten durch 
den geographischen Zusammenhang mit Deutschland ihre Nationalität, zumal schon im fünfzehnten Jahr- 
hunderte auch ein politischer Zusammenhang mit Oesterrcich sich herausbildete. 



29 

Der Neusiedler See ist , mit Ausnahme seiner südöstlichsten Ecke ganz vom 
deutschen Sprachgebiete (der sogenannten Heidebauern) ') umgeben, dessen Abgränzung 
gegen das magyarische sieh demnächst der Seheidelinie des Wieselburger Komitats 
gegen das Oedenburger ansehliesst, und sofort der Ilabnitz bis unterhalb des magya- 
risch-deutschen Lebeny (Leiden) folgt, in dessen Nähe sie die Rabnitz südwärts mit 
der Ortschaft Szövenyhäza überschreitet. Von diesem Puncte an zieht sie nordwestlich 
zur Donau, reicht mit dem Orte Galling in die Insel Schutt hinüber, bleibt ausser- 
dem am rechten Ufer der Donau bis oberhalb Ragendorf, umgeht weiterhin die grosse 
kroatische und kroatisch-deutsche Sprachinsel von Sarndorf bis Parendorf und Kitt- 
see, und kehrt an die Donau unterhalb Pressburg zurück, welches sich abermals als 
ein wichtiger Vereinigungspunct dreier Sprachlaute, des deutschen, magyarischen und 
slovakischen, darstellt. 

§. 12. 

7 — 9.) Die de u tsch-slovakis che, deutsch -mährische und deutsch-cechische 

Sprachgränze. 

Die deutsch- nordsl avisch e Sprachgränze hat wieder mehrfache Glie- 
derungen : 

7.) Die deutsch-slovakische beginnt bei Pressburg, geht an der Donau auf- 
wärts bis zur Mündung der March, an welcher Theben noch deutsch ist. Weiter nördlich 
bildet die March bis in die Nähe von Drösing die natürliche Gränzscheide zwischen 
deutscher und slovakischer Zunge, und zugleich zwischen Oesterreich und Ungern. Nächst 
Drösing tritt die Sprachgränze vom March-Ufer zurück und läuft über Absdorf, Haus- 
brunn, Bernhardsthal bis zur Thaya, von welcher sie nach Feldsberg zurückweicht, 
um sofort an die Landesgränzc zwischen Oesterreich und Mähren zu gelangen , wäh- 
rend Ringelsdorf, Hohenau, Rahensburg, Bischofwart von Slovaken, Ober- und Unter- 
Themenau von slovakisirten Kroaten bewohnt sind. 

8.) Die deutsch- (unter-) mährische Sprachlinie tritt zwischen Eis- 
grub und Kostel in den Brünner Kreis ein. schlingt sich um die Rebenhügel von Saitz, 
und zieht mit einer nördlichen Ausbuchtung bis Auspitz (Hustopec), welches schon 
sprachlich gemischt ist, und Gurdau. Mit der Gränze des Brünner und ZnaimerKreises 
wird auch die Schwarzawa und im weiteren Verfolge die Iglawa erreicht, an welcher 
die Sprachscheide eine Strecke lang bleibt, dann aber an den gemischten Orten Pohr- 
litz und Mohleis vorüber rasch nordwärts aufsteigt, mit einer östlichen Ausbeugung noch 
das gleichfalls gemischte Selowitz umfängt, und sofort nordwestwärts über Woikowitz, 
Latz und Prahlitz nach dem gemischten Kanitz gelangt. Von liier zieht sie in vorwie- 
gend südwestlicher Richtung abwärts, tritt bei Lodenitz in den Znaimer Kreis über, 
berührt Wolframitz , Lisnitz , Chlupitz, Gaiwitz und geht endlich an der Nordseite 
von Znaim vorbei. Diese Stadt ist deutsch , und das deutsche Sprachgebiet umfasst 
auch westlich von ihr einen namhaften Theil der Südhälfte des Kreises. Die Gränzlinie 



') Meist Einwanderer aus Sehwaben in Anfange des sechzehnten Jahrhunderts herübergekommen. 



30 

läuft über Milleschitz, Frainersdorf, Schröfelsdorf, das gemischt-bevölkerte Vöttau mit 
seinem Felsensehlosse, Dantsehowitz. Lospitz, Frauendorf und das gemischte Neuhof, 
wo die mährische Thaya und zugleich die Gränze des Iglauer Kreises überschritten 
wird. Innerhalb dieses Kreises hängt nur die südliche Ecke mit dem geschlossenen 
Sprachgebiete der Deutschen Oesterreichs unmittelbar zusammen, so dass die Sprach- 
scheide rasch über Urbantsch , Lipolz und Ober-Radischen an die mährisch-böhmische 
Landesgränze gelangt. 

§■ 13. 

Fortsetzung. 

9.) Die deutsch- cechische Sprach gränze tritt in den Budweiser Kreis 
ein und streckt sich sofort zungenförmig bis an die Nordgränze desselben hinauf. Ueber 
Kaltenbrunn, Mottaschlag, Wenkerschlag u. a. erreicht sie nämlich Neudeck, bleibt 
eine Strecke lang an der Kreisgränze , und kehrt sodann über Motten und Ober- 
Schlogles an die Landesgränze Böhmen's und des Erzherzogthumes Oesterreich unter 
der Enns zurück. Doch umschliesst sie auch die Stadt Neuhaus, welche sammt der 
Umgegend in ihrer Bevölkerung fast ganz cechisch ist, und das gemischte Heumath. 
Der Landesgränze bis Tannenbruck (gemischt) folgend, umfängt die deutsch-cechische 
Scheidelinie noch in Oesterreich einige gemischte Orte, namentlich Schwarzbach, 
Finsterau, Brand, Gundschachen, Witschkoberg, und tritt mit Julienheim (gemischt) 
wieder in den Budweiser Kreis ein. Johannesruhe, Häusles , Mairitz, Gross-Gallein, 
Kaplitz, Unter-Plandles, Füsselhof sind die markirenden Orte bis zur Moldau, welche 
bei dem vorwiegend deutschen Krumau überschritten wird. Von Krumau erhebt sich 
die Sprachlinie über den Weichsel- und Schöninger-Berg nach Mehlhütten, Jankau 
und Roschowitz , überschreitet die Gränze des Piseker Kreises mit dem gemischten 
Gebiete von Netolic und Elhenic, und kehrt nochmals für kurze Zeit an dieselbe zurück. 

Jenseits des Hohen-Lisl-Berges zieht sie nach Frauenthal und kömmt überPracha- 
titz (gemischt) und Stadlern zum Kubany- (Baubin-) Berge, von wo an Scheiben, 
Winterberg, das aber gemischt ist, Modlenitz den weiteren Verlauf bezeichnen. Die 
cechischen Orte Zdikau und Paseken umgehend, schlingt sich die Sprachscheide um 
die gemischten Gemeinden Kaltenbach und Stachau, gelangt über Nitzau und Zosum 
bis in die Nähe des (cechischen) Schüttenhofen, überschreitet hier die Wottawa, und 
erreicht über Nusserau. Chumo und die gemischten Orte Ruvna und Celetic die Gränze 
des Pilsner Kreises, innerhalb dessen sie über Gesen, Birkau (gemischt) und Krotiv 
nach Petrowitz an die Angel läuft. 

Wenn sich das deutsche Sprach-Element schon von dem Quellengebiete der Moldau 
an fast nur auf den Böhmerwald beschränkte , so tritt es nun noch stärker zurück, so 
dass seine Gränze nach Ueberschreitung der Angel der Reichsgränze bis auf beiläufig 
eine Meile nahe kömmt, und nochmals nach der Ausbuchtung gegen (das cechische) 
Neugedein fast hart an derselben hinläuft, so dass der Saum nicht mehr als eine halbe 
Stunde beträgt und nur zwei kleine deutsche Orte das cechische Gebiet von Baiern 
trennen. Indem sie aber zwischen dem deutschen Althütten und dem cechischen Posikau 



31 

ihre bisherige nordwestliche Richtung aufgibt und nach Nordosten umbiegt, beginnt 
jene Seite des Sprachiges, wo das deutsche Element am weitesten, bis auf 10 — 15 
Meilen, in das Innere Böhmen's selbst eintritt. 

Tannowa . Wayrowa (abgesehen von dem vorliegenden gemischten Bezirke von 
Trebnie, Nahosie, Privosten und Blisova), Bischof-Teinitz , die gemischten Orte 
Stankau, Sehekarzen und Honosic, endlich Holleischen, Amplatz, Dobfan, Hrobschitz, 
Lititz bezeichnen jenen Zug bis Pilsen, welches wieder gemischt ist. Nach einer Rück- 
beugung bis Nurschau und einer Ausbuchtung zu den gemischten Orten Malesitz und 
Kottiken. läuft die Sprachgränze fast gerade nordwärts über Wscherau , Kuniowitz, 
Spankau nach der Gränze des Egerer Kreises, welche jedoch nur von dem gemischten 
Orte Manetin berührt wird, indem die Scheidelinie sofort ostwärts über Voitles nach 
der Gränze des Saazer Kreises umbeugt. 

Von Hochlieben über Deslaven , Yaclavi , Poschoblik . Kolleschowitz trennt die 
Gränze des letzteren gegen den Pilsner und Prager auch Deutsche und Cechen; nur 
das gemischte Krekovic reicht in den Pilsner hinein. Wetzlau und die gemischten Orte 
Johannesthal, Konowa und Welhoten gehören dem Prager Kreise an, worauf die Sprach- 
scheide in den Saazer Kreis seihst eintritt, über Netschenitz, Hofan, Praschin, Lippenz 
nach Priesen an der Eger läuft und jenseits derselben am Saume des Mittelgebirges 
über Hradek , das gemischte Rannai, Minnichhof und Schelkowitz an die Gränze des 
Leitmeritzer Kreises zieht. 

Denselben durchschneidet sie über Merskles, die gemischten Orte Dlaskovic und 
Yrbiean, stets dem Gebirgszuge sich anschliessend, geht oberhalb Leitmeritz über die 
Elbe, und begleitet die rechte Thalseite dieses Flusses theils unmittelbar, theils durch 
kleine cechische Landstrecken, wie Branken und Wegstadtl, davon getrennt, bis Liboch. 
Die Nordgränze des Prager Kreises gegen den Leitmeritzer und Bunzlauer wird bis 
diesseits Bai auch zur Sprachscheide. Hier tritt die ethnographische Gränze in den 
letztgenannten Kreis ein, erreicht Wisko, stützt sich sofort an die Bösig-Berge und den 
Bolls-Berg, und schreitet in nordöstlichen Schlingungen über Nieder-Grupai, Prositsch- 
ka, Nahlau, Kessel, bis Drausendorf fort, von wo sie entlang des Plateau's, welches das 
Lausitzer-Gebirge mit dem Iser-Gebirge verbindet, über Hlubokej und Jährlich nach 
Liebenau wieder südwärts geht, um sodann neuerdings in die frühere Richtung einzu- 
lenken und über Kopein, Gistey und das gemischte Beiditz, an dem Knotenpunete des 
Iser- und Biesen-Gebirges zum zweiten Male sehr nahe an dieBeichsgränze zu kommen. 

Nun bietet das Biesen-Gebirge einen mächtigen Hintergrund für das in den Jiciner 
und Königgrätzer Kreis vordringende deutsche Sprach-Element. Bochlitz, VVitkowitz. 
Schreibendorf, Huttendorf und nach einer starken Rückbeugung wieder Nedai-, Stikau, 
Bilai (gemischt), Klebsch, Nieder-Emaus (gemischt), Silberleut, Dubenec (gemischt) 
bezeichnen den südöstlich niedersteigenden, Hefmanitz, Haaz (gemischt), Komarov, 
Baatsch , Alt-Sedlowitz den nordöstlich wieder aufsteigenden Zug der Sprachgränze. 
Endlich scheiden die Ausläufer des böhmischen Sandstein -Gebirges das deutsche 
Gebiet im Nordosten des Königgrätzer Kreises längs der Linie über Chliwitz, Ober- 
Drcvic, Löschau, Hutberg. Weckersdorf und Kaltwasser von dem cechischen ab. 



32 

Bei Kaltwasser geht die deutsche Sprachlinie auf preussisches Gebiet über, und 
betritt erst bei Giesshübel wieder den böhmischen Boden, wo sie durch die hohe Mense 
und die böhmischen Kämme einen festen Haltpunet gewinnt. Markirende Orte sind: 
Polom, Schediwi, Michowi (gemischt), Benatek, Bilaj, Julienthal, Niederdorf, Cihak, 
Neudörfl und, schon im Chrudimer Kreise, Vorlicka und (das gemischte) Bieders- 
dorf, wo die Sprachgränzc nach Mähren zurückkehrt. 

Fortsetzung. 

Nun beginnt die deutsch- (ober-) mährische Gränze. Schildberg bildet 
den Punct, von welchem sich die Scheidelinie wieder über Bukowitz nach Dorf Nikles 
hinauf windet, um hier die March zu überschreiten und längs wenig bedeutender Höben 
über Hermesdorf, Schönberg, Nieder-Ulischen nach Bohle hinabzusteigen. Das cechi- 
sche Schönwald umfangend, nimmt der Gränzzug, nach einer bis Aussee und zu dem 
gemischten Littau reichenden Ausbiegung , von Mährisch-Neustadt an im Ganzen eine 
südöstliche Bichtung, berührt Augezd, geht im Süden Sternberg's vorbei und kömmt 
längs der Berge im Osten von Olmütz , an deren Fusse meist sprachlich gemischte 
Orte lagern, bis Gross-Wisternitz. Das Oder-Gebirge führt aus dem Olmützer in den 
Neutitscheiner Kreis , wo über Koslau , Sehlog , Mittelwald , Pinkendorf erreicht 
wird. Hier öffnet sich gleichsam eine schmale Bucht nach Norden , deren Saum über 
Lindenau und Bernhau nach dem gemischten Glockersdorf (in Schlesien) aufwärts und 
wieder bis nach Neudeck, Kunzendorf und Litschel nächst der Becva abwärts zieht. 
Ein zweiter derartiger Einschnitt wird durch die cechischen Orte zwischen Daub und 
Neutitschein gebildet, in dessen Nähe Seitendorf und Senftleben die südöstlichsten 
Puncte des deutschen Sprachgebietes in Nord-Mähren darstellen. In einigen Schwin- 
gungen läuft die Scheidelinie endlich über Gurtendorf und Bosenthal bis zur schle- 
sischen Gränze. 

Die deutsch-mährische Sprachgränzc in Schlesien zieht anfangs 
längs der Landesgränze hin , wendet sich aber sodann nordöstlich über Stiebing nach 
(dem gemischten) Königsberg, von hier westlich nach dem gemischten Bezirke von 
Karlovic und Neuhof, und wieder südöstlich an die mährische Gränze (nächst Fulnek). 
Nachdem die Sprachscheide mit Deutsch-Markersdorf nach Schlesien zurückgekehrt 
ist, läuft sie nordostwärts über Hirschdorf. Lippin und Berghof (das gemischte Gebiet 
um Batkau und Meltsch umschliessend) und wieder nordwärts über Mladecko, Zattig, 
Gross-Herlitz bis zum gemischten Lodnitz und zum rein deutschen Skrochowitz bei 
Lobenstein an der Oppa, wo sie an der Beichsgränze endet. 

§. 15. 
Deutsche Sprachinseln im Süden der deutsch-wälsch en Sprach gränze. 

Im Süden dieser Gränze sind vier deutsche Inselgruppen vorhanden, welche in 
früheren Jahrhunderten weit ausgebreiteter waren und zum Theile im Zusammen- 
hange mit dem deutschen Sprachgebiete standen. 



33 

«) Die deutsche Gruppe der (spottweise sogenannten) Moccheni im Trienter 
Kreise besteht nur mehr aus den Gemeinden Fiorozza (Florutsch) , Frassilongo, 
Palü und Roveda (an der Fersina), dann jenseits des Hochleiten aus den Gemeinden 
S. Sebastian und Luserna '). Diese Gruppe bildet den Uebergang zu den 

b) Sette comuni (sieben Kameiin) auf dem Plateau zwischen der Brenta und 
dem Astico in der Provinz Vicenza — Rozzo. Roano, Asiago, Gallio, Fozza, Enego, 
Lusiana — theils Nachkommen von Auswanderern aus dem ehemals deutschen Val 
Sugana, theils Reste weitverbreiteter deutscher Ansiedlungen des eilften bis drei- 
zehnten Jahrhundertes. Doch hört man in diesen Gemeinden nur noch thcilweise 
deutsche Laute; in Enego und Lusiana wird seit etwa zwei Jahrhunderten die deutsche 
Sprache nicht mehr geredet. 

c) Die tredici comuni in der Provinz Verona, ostwärts der Etsch, gleich den 
sette comuni irrig für cimbrische Niederlassungen geltend, ebenfalls ein Gemisch von 
Deutsch-Tirolern mit anderen Stammverwandten in sich schliessend, haben nur mehr 
die zwei Orte Ghiazza und Campo Fontana als kümmerliche Reste deutscher Zunge 
aufzuweisen. 

d) Endlich linden sich die deutschen Inseln Sauris in Friaul und Sappada 
im Bellunesischen : die Sauraner sind Reste alter deutscher Bevölkerung Friaul's, die 
Sappadiner Ansiedler aus Villgraten in Tirol. 

§. 16. 
Deutsche Sprachinseln im Süden der deutsch-slovenischen Sprach g r ä n z e. 
ä) Gleich beim westlichen Beginne dieser Gränze bilden die Orte Raibl , Tarvis. 
Flitschl, Ober-Greuth und Goggau in Kärnthen, dann Weissenfeis in Kr ain eine 
zusammenhängende ansehnliche deutsche Sprachgruppe. 

b) Ueberhaupt hört man in den meisten grösseren slovenischen Orten 
in Kärnthen (Kappcl, Bleiburg sammt Umgegend u. v. a.) und Süd- St eiermark 
(Schönstein. Windiseh-Feistritz , Pulsgau, Pettau, Friedau, Gonobitz, Cilli, Tülfer. 
Windisch-Landsberg , Rann u. a. m.) und selbst zum Theile in Kr ain (Lak, Stein, 
Laibach. Gurkfeld) mehr oder minder auch deutsche Laute bei gemischter Bevölkerung, 
und in der Grafschaft Görz hat die. Gemeinde Deutsch-Ruth von Tiroler Abkunft 
noch ihre deutsche Sprache bewahrt, sowie auch die deutsche Bevölkerung der 
Hauptstadt Görz über ein Achttheil der Einwohner beträgt. 

c) Die grösste deutsche Sprachinsel im Süden der deutsch-slovenischen Sprach- 
Gränze bildet aber das sogenannte Gottscheer Ländchen, wo man 34 rein deutsche 
und mehrere gemischte (deutsch-slovenische) Orte zählt. Dasselbe nimmt nach der 
gegenwärtigen politischen Eintheilung den Gottscheer Bezirk und einige Parzellen der 
anstossenden Bezirke ein. 

d) Unbedeutend sind die slovenisch-deutschen Orte Kaltenbrunn und Oisnitz im 
Eisenburger Komitate. 



') Einzelne deutsche Weiler und mehrere Orle. die noch vor Kurzem deutsch waren, werden hei der 
besonderu Beschreibung der Sprachgrenze im Lande Tirol genannt werden. 

I. 5 



34 

§. 17. 

Deutsche Sprachinseln jenseits der deutsch-magyarischen und deutsch- 

s 1 o v a k i s c li e n Sprachgränze in Ungern, in der W o j \v o d s c h a f t und im B a na t e , 

in Kroatien, Slavonien, der Mili tärg ranz e und in Siebenbürgen. 

Bei diesem Ueberblicke können wir nicht in die specielle Aufzählung aller deut- 
sehen Orte eingehen, sondern geben die Hauptgruppen der zahlreichen grösseren 
und kleineren deutsehen Sprach ei lande an '), und fügen die allgemeine Be- 
merkung bei, dass die Entwicklungsgeschichte der ehemals ungrischen Länder seit 
dem eilften Jahrhunderte überdiess die Verbreitung der Deutschen in die meisten 
grösseren Orte mit sich brachte, wo sie freilich nur theilweise ihre Nationalität bewah- 
ren konnten. 

Auch hier gilt (mit Ausnahme der Wojwodsehaft) die Begeh dass die Deutsehen, 
selbst in dem pannonischen Theile (Ungern am rechten Donau-Ufer), die Gebirgs- und 
Hügelgegenden bewohnen, während die Magyaren die fruchtbaren Ebenen besitzen. 

a) Deutsche Inselgruppe im pannonischen Gebirge. Als erste deutsche 
Inselgruppe nennen wir die deutschen Ortschaften, die an den Basaltgebirgen des 
Plattensee's in den zum Theile durch deutsche Aexte gelichteten Wildnissen des Bäko- 
nyer Waldes im alten Pannonien sich ausbreiten und einen mächtigen Verbindungszug 
von der deutschen Sprachgränze zu der nächstfolgenden Inselgruppe bilden. Die 
deutschen Bewohner dieser Gruppe bewahren, gleich jenen der nächstfolgenden Sprach- 
inseln, bei verschiedener Mischung den vorwiegend schwäbischen Charakter in ihrer 
Aussprache und werden insgemein „Schwaben" genannt, wenn sie auch ungrische 
Kleidung tragen und der magyarischen Sprache mächtig sind. Sie bewohnen haupt- 
sächlich ein grösseres in sich zusammenhängendes, nur strichweise stark mit Magyaren 
gemischtes Gebiet, welches in der Veszprimer Gespanschaft liegt, von Peterd an der 
Gränze des Baaber bis nach Vöröstö und Hidegküt an der Gränze des Somogyer Ko- 
mitates reicht und nach Westen. Süden und Osten noch von zahlreichen deutschen und 
gemischten Orten umsäumt wird. 

Ein zweites solches Gebiet im Vertes-Gebirge steht mit dem deutschen Eilande 
von Ofen in unmittelbarem Zusammenhange. 

6) Deutsche Inselgruppen an der Mittel-Donau. Der erste Haupttheil 
derselben, im Graner Komitate. beginnt mit dem magyarisch-deutschen Puszta Billeg 
und Dotis, tritt mit dem rein deutschen Süttö an die Donau, und folgt derselben bis 
unterhalb des deutsch-magyarischen Täth, worauf er noch südwärts des Stromes die rein 
deutschen Orte Dorog, Csolnok und Leänyvär umfasst. 

St. György, die Vissegrader und die Waitzner gemischte Insel bilden den Ueber- 
gang nach Ofen, dessen Bevölkerung (mit Ausnahme der Baizenstadt) zu mehr als drei 
Viertheilen deutscher Abkunft ist; auch in Pest erscheint der Zahl nach das deutsche 



') Keines derselben reicht in die Zeiten der arpadischen Herzoge zurück, obwohl auch die zahlreichen 
Kriegsgefangenen Deutschen jener Periode gewiss nicht ohne bedeutende Einwirkung auf das Land 
blichen. 



35 

Element im Bürgerstande vorherrschend. Dieser zweite Bestandteil der Donau-Gruppe 
nimmt mit dem Piliser Gebirge fast die ganze westwärts der Donau gelegene Seite 
des Pest-Piliser Komitates ein. geht von dem weinreiehen Promontorium und Teteny 
auch auf die wildreiche Insel Csepel, sowie auf das linke Donau-Ufer zu dem volk- 
reichen schwäbischen Markte Soroksär und den Dörfern Haraszti und Taksony üher. 
Durch eine Reihe gemischter Ortschaften steht er mit der Osthälfte der pannonischen 
Gruppe in Verbindung, welche einen beträchtlichen Theil der Graner und Stuhlweis- 
senburger Gespanscbaft erfüllt und westwärts bis zu dem deutsch-magyarischen Acs- 
Teszer im Veszprimer Komitate reicht. Vereinzelt ziehen sich die theils mit Magyaren 
und Slovaken gemengten, theils rein deutschen Sprachinseln Lovas-Bereny. Nadap. 
Märtonväsär. Adony. Puszta Jenö und Herczegfalva auch durch den Süden des Stubl- 
weissenhurger Komitates. Gleicher Art sind die kleinen Inseln, welche sich der Buda- 
Pester Gruppe ostwärts anreihen, namentlich Ikläd und Aszod, Csömör, Keresztür, 
Veeses u. s. f. 

Die bedeutendste Sprachinsel dieser Gruppe beginnt mit dem magyarisch- 
deutschen Simontornya und dem rein deutschen Nemet-Ker an der Nordgränze des 
Tolnaer Komitates und dehnt sich längs der Donau durch die Gespanschaften Tolna 
und Baranya, so dass die Deutschen strichweise mit Magyaren und Serben gemengt 
auftreten , bis zu den gemischten Orten Beratend . Ivan . Bän und Bodolya aus. 
Nach kurzer Unterbrechung durch einen schmalen Streifen rein serbischen Sprach- 
gebietes schliesst sich mit St. Istvän und dem magyarisch-deutschen Karancs wieder 
eine deutsche Insel an, welche mit serbischer und einiger magyarischer Beimengung 
bis Euoenidorf an der Drau . und selbst über den Strom nach Essek und seiner 
(westlichen und östlichen) Umgebung reicht. Tolna (mit Meös) und Vörösmart bilden 
deutseh-mao'yarisehe Vorlagen dieser dritten Abtheiluno- nach Osten hin. 

Aus der Baranya erstreckt sich das erwähnte grosse deutsche Eiland westwärts 
mit einer Reihe deutscher und magyarisch-deutscher (auch einiger deutsch-serbischer) 
Ortschaften ununterbrochen bis Klein-Lak, Simonfa und Härsägy in der Somogyer 
Gespanschaft, während es sich noch nordwestwärts mit einer grösseren (von Puszta 
Szemes und Puszta Petend über Miklosi und Häcs bis Büssü und Poläny. mit Magyaren 
und einigen Serben gemischt) und mehreren kleineren abgerissenen Inseln bis an das 
südliche Gestade des Plattensee's fortsetzt. Vereinzelt ziehen mit deutscher Bevölke- 
rung gemengte Orte durch den Westen der Baranya. das Somogyer und Szalader Ko- 
mitat bis Gross- Kanisa und Szepetnek (nebst dem rein deutschen Petri) an der 
magyarisch-slovenokroatischen Sprachgränze hin. 

Auch am linken Ufer der Donau findet sich eine geringe Anzahl kleiner deutscher 
und deutsch-magyarischer Sprachinseln im Pest-Solter Komitate von Berczel nächst 
Irsa angefangen bis Hajos und Nädudvär an der Gränze der Baeka. 

c) Deutsche Inselgruppe in der Baeka (dem Zomborer und fast dem 
ganzen Neusatzer Kreise der serbischen Wojwodschaft). Das deutsche Sprachgebiet be- 
ginnt im Nordwesten der Baeka mit dem magyarisch-deutschen Istvänmegye und dem 

v 

deutsch-serbischen Cavolj und reicht am linken Ufer der Donau in den mannigfaltigsten 

5* 



36 

Windungen der Begränzung, über Vasküt, Kolut, Apatin, Bukin u. a. bis hinab zu dem 
deutsch-serbischen Alt-Palanka (gegenüber von Illok) und dem rein deutsehen Ceb. 
Die Deutsehen leben in diesem Gebiete theils für sieh allein, theils mit Magyaren und 
Serben gemischt. Erst nach einiger Unterbrechung beginnt an der Donau ein anderes 
deutsehes Gebiet mit dein rein deutschen Neu-Futak. dem serbiseh-deutsehen Alt-Futakund 
dem serbisch-deutseh-magyarisehcn Neusatz, steht aber nordwärts durch das rein 
deutsche Jarek und das serbisch-deutsch-magyarische Land von Neusatz bis Alt-Ker 
mit der früher bezeichneten, bis Klein-Ker reichenden Gruppe in unmittelbarem Zu- 
sammenhange. Vereinzelt liegt im Zomborer Kreise das serbisch-deutsche Sändor '). 

d) Die deutschen Gruppen im Banate. Die Westhälfte des Banates (der 
Temesvärer und Gross-Beekereker Kreis) ist von der Maros bis zur Temes vorwiegend 
deutsch, während das deutsche Element nur in grösseren und kleineren abgerissenen 
Parzellen die Temes überschreitet. Dasselbe nimmt in dem erstbezeichneten Gebiete 
von Deutsch-Csanäd, Perjämos und Deutsch-St. Peter, dem romanisch-deutschen 
Monostur, den rein deutschen Orten Zaderlak, Neu-Arad 2 ), Engelsbrunn, Schön- 
dorf, Traunau, Zabran und dem romanisch-deutsch-magyarischen Lippa an , mit 
mancherlei Ein- und Ausbuchtungen den Raum über Gross-Kikinda. Hatzfeld und 
Temesvär bis zu den Orten Csösztelek an der Bega, Ujvär noch jenseits der- 
selben und Neu-Pecs an der Temes ein. Doch ist innerhalb dieser Gränzen auch 
das magyarische, serbische . romanische und bulgarische Element dem deutschen 
zugesellt. Im Süden des Bega-Canals dehnt sich eine zusammenhängende ge- 
mischte und rein deutsche Gruppe von den deutschen und deutsch-serbischen Orten 
Johannisfeld, Pardäny, St. György und Kiek und der serbisch-deutsch-magyarischen 
Umsrebuns: von Gross-Beckcrek bis zu dem romanisch- deutschen Ecska (nordöstlich 
von Perlas), den rein deutschen Orten Ernstdorf und Szecsän an der Temes, dem 
slovakisch-deutschen Hajdusica am Canale von Alibunar, dem rein deutschen Zichy- 
dorf und Moravica aus. Nordöstlich von ihr liegt eine kleine vorherrschend deutsche 
um Detta und Obsenica, eine grössere gemischte um Cakova und Vojteg, weiterhin eine 
vorwiegend deutsche um Nitzkidorf. Buziasch und Daruvar. südwestlich eine eben 
solche um Klein-Schemlak, Clocodia und Gross-Zam. Vereinzelt linden sich im Temes- 
värer Kreise noch die gemischten Orte Bfestovac und Rekasch, und die rein deutschen 
Lieblinp-, Moritzfeld und Cudrinz. endlich das serbisch-deutsche Vcrsee. Im Luooser 
Kreise sind vorzüglich bemerkenswerth: die rein deutschen Orte Ebendorf. Werk und 
Neudörfel, die deutsch-romanisch-magyarischen Deutseh-Faget und Romanisch-Lugos. 



') Auch in den sirmischen Bezirken des Neusatzer Kreises linden sich , nebst kleineren mit deutscher Bevöl- 
kerung gemischten Puncten, das serbisch-deutsche Bunia, die gleichartige grössere Gruppe von India und 
Putince, die serbisch-deutschen Orle Csälma und Bänostor und das serbisch-deutsch-magyarische Erdevik. 

2 ) Von Neu-Arad aus steht diese deutsche Gruppe mit einer theils deutschen, theils deutsch-magyarisch- 
romanischen und serbischen im Arader Komitate in Verbindung, die sich nordwärts bis nach Elek zieht. 
Die Banaler Gruppe hängt auch von Perjämos aus mit dein romanisch-deutschen Szemlak und von Lippa 
aus mit dem romanisch-magyarisch-deutseh-slovakischen Radna und dem rein deutschen Neu-Paulis zu- 
sammen. Vereinzelt liegen das deutsch-slovakisch-niagyarisch-romanische Mezö-Hegyes und das romanisch- 
deutsche Tornya, die deutsche Puszla Gross-Kamaras , das magyarisch -romanisch -deutsche Gyula und 
das slovakisch- deutsch -magyarische Mezb-Bereny im Bekes-Csanäder Komitate. 



37 

v 

die romanisch-deutschen Deuts ch-Gladna, Zidovin, Deutsch-Bokschan, Dognaeka, 
Deutsch-Reschitza, Franzdorf, Oraviza, Deutsch-Saska und Neu-Moldova, das deutsch- 
bulgarisch-romanische Königsgnad. das deutsch-cechische Steierdorf und das roma- 
nisch-cechisch-deutsehe Deutsch-Ciklova. 

e) In Kroatien haben Agram und Varasdin eine geringe Beimischung von 
Deutschen (meist aus dem Gewerbe- und Handelsstande); stärker sind dieselben in 

v 

Tschakathurn (Cakovce) und Tragostan neben Kroaten und Magyaren vertreten. 

In Slavonien ist die Oberstadt von Essek zum Theile von Magyaren und 
Deutschen, die Unterstadt von Serben bewohnt, in der Umgebung Sarvas, Kravica, 
Josephsdorf abschliessend , Retfalu und Petrovac gemischt deutsch. Auch Vukovar 
ist deutsch-serbisch, und grössere Inseln theils rein deutscher, theils mit Deutschen 
gemischter Bevölkerung ziehen sich durch das ganze Land, namentlich: St. Lukac, der 
Strich von Rezovac über Theresienfeld und Antunovac bis Ladislav, Vaska und Cabuna, 
Rodosovac, Zvecevo, Ober-Mihaljevci, Tekic mit Tominovac u. a.. Kula mit Porec und 
Ciglenik, um Buk u. s.w. im Pozeganer; Veliskovce. der Strich von Jarmina bisCeric, 
Berak mit Tompojevce, Sotin u. s. f. im Esseker Komitate. 

f) In der kroatisch-slavonischen Militärgränze bilden die Deutschen 
nur in den Festungen Brod und Peterwardein, dann in Bellovar, Sisek, Zengg, Mitrovic. 
Semlin und Neu-Banovce einen namhaften Theil der Bevölkerung; abschliessend 
wohnen sie in Neudorf nächst Vinkovce und in Neu-Pazua. 

In der serbisch-banatischen Militärgränze ist vor Allem der sogenannte 
deutsch-banater Regiments-Bezirk zu nennen, wo Deutsche mit Serben, Romanen und 
Magyaren längs der Donau von Alt-Borca (gegenüber von Semlin) bis Kubin wohnen, 
und sich nordwärts bis Glogon ausdehnen, während in ähnlicher Mischung auch Opova, 
Zrepaja, Perlas und Usdin deutsche Bevölkerung enthalten, und Franzfeld eine rein 
deutsche Colonie bildet. 

Im Titeler Bataillons-Bezirk linden sich Deutsche zu Titel und Kac; im illyrisch- 
banater Regimente zu Weisskirchen. Mramorak. Karlsdorf; im romanen-banater Regi- 
mente zu Alt-Karansebes, Ferdinandsberg, Ruskberg. Marga- Warna, Mehadia, dann 
für sich allein wohnend in den Colonien Neu-Karansebes. Lindenfeld, Wolfsberg, Wei- 
denthal, Alt-Sadova. 

§• 18. 

Fortsetzung. 

Die meisten der bisher genannten deutschen Inseln stammen aus dem achtzehnten 
und neunzehnten Jahrhunderte her. Wir kommen aber nun zu den im nördlichen 
Ungern und an den Karpathen liegenden deutschen Colonien, welche grösstentheils 
aus früheren Jahrhunderten ihren Ursprung herleiten. 

Wir theilen dieselben in folgende Gruppen: 

g) Die deutsche Gruppe der Bergwerks-Colonisten in Ungern. Dazu 
gehören alle . welche des Bergbaues wegen nach Ungern berufen wurden oder dahin 
wanderten, und meist vom ober-deutschen (Sudeten-) Stamme sind (Teutonici), daher 



38 

nicht nur 1. die zerstreuten Deutsehen in den Bergstädten, besonders Kremnitz 
und Neusold, sondern auch 2. die sogenannten Krikehayer und Deutsch-Bronner (an 
den Gränzen des Neutraer, Barser und Arva-Thuroczcr Komitates zwei grössere 
geschlossene Gebiete einnehmend . denen noch südwärts die kleine Sprachinsel um 
Hochwiesen vorliegt); 3. die Deutsch-Pilsener (in einer Ortschaft des Honther Komi- 
tates nächst der Eipel): 4. die Gründner im südlichen Tbeile der Zips (in Schwedler, 
Einsiedel. Altwasser, Huta. Schmölnitz und Stoss. wozu noch die deutsch-slovakischen 
Orte Wagendrissel und Göllnitz und das deutscb-rutbenische Prakendorf kommen) 
und die mit ibnen im unmittelbaren Zusammenhange stehenden Metzenseifer (mit den 
slovakisch-deutscben Orten Zlata Idka und Reka) in Abaüj-Torna '). 

h) Die Zips er Sachsen (Saxones) vom nieder-deutschen Stamme, in dem 
oberen Theile der Zips in den sogenannten 16 Zipser Städten am Poprad von Deut- 
schendorf (Poprad) bis Pudlein und von dem slovakisch-deutschen Leutsehau im Süd- 
osten bis an die Tatra, sowie in den rein deutschen Orten Kniesen und Hobgarten am 
weiteren Laufe des Poprad und in Majerka. endlich in den slovakisch-deutschen Orten 
Neudorf (Iglö). Eisenbach. Kirchdrauf, Wallendorf und Krompach an und nächst 
dem Hernäd, Altendorf am Dunajec. 

i) Die Deutschen in Siebenbürgen zerfallen geographisch in drei Haupt- 
gruppen: 

1. Die Deutschen auf dem Königsboden (in dem sogenannten eigentlichen 
Sachsenlande, dem Hermannstädter Kreise), den sie (mit Schönau an der kleinen und 
Donnersmarkt an der grossen Kokel selbst in den Karlsburger Kreis reichend) von 
Seiden . Langenthai . Schölten . Haschagen . Klein-Scheuern und Gross-Aue an im 
grössten Theile seiner Ausdehnung nordwärts der Aluta theils mit Romanen gemengt, 
theils ungemischt einnehmen , in gleicher Weise sich über den Repser Bezirk des 
Kronstädter Kreises ausdehnen und bis Streitdorf an der grossen Homora reichen, 
während noch südlich davon die deutsch-romanische Insel Kerz. nordwärts die roma- 
nisch-deutsche Insel Michelsdorf im Karlsburger, westwärts die romanisch-deutsch- 
magyarische Sprachinsel Broos (Szäszväros), die romanisch-deutschen Inseln Romosz 
und Eisenhammer im Brooser Kreise liegen und eine ausgedehnte der letzteren Art im 
Westen des Hermannstädter Kreises von Sächsisch-Pian über Mühlenbach und Beis- 
markt bis nach Klein-Ludosch und Amnas sich hinzieht und eine kleinere Weingarten 
mit Gergersdorf und Peuka unifasst. 

2. Die Deutschen im Burzenlande (dem Haupttheile des Kronstädter 
Kreises), welche von Nussbach an der Alt bis Rosenau am Weiden-Bache theils 
allein theils mit Bomanen gemischt wohnen, denen auch die deutsch-romanisch- 
magyarischen Inseln Fogarasch und Törzburg und das deutsch-romanische Scharken 
zugehören. 



') Die Deutschen in Liptau, Arva-Thurocz und Gömör, welche früherhin den Zusammenhang dieser Gruppen 
unter einander und mit den Nord-Karpathen-Ländern erhielten, sind längst slavisirt. Noch erinnern viele 
Benennungen an die einstige weitere Verbreitung deutscher Zunge in dieser Gegend. 



39 

3. Die Deutschen im Nösnerlande, im westlichen Theile des Bistritzer Krei- 
ses, wo sie gröstentheils ungemischt von Mettersdorf und Klein-Bistritz bis St. Georgen 
und Botsch reichen und durch kleinere Sprachinseln um Idees und um das deutsch- 
romanisch-magyarische Regen (Szäsz-Reen) noch südöstlich längs der Maros bis 
Petelea sich fortsetzen. 

Ausserdem finden sich Deutsche mit Magyaren und Romanen gemischt in Alt- 
Rodna im Bistritzer. in Borsek und Balän im Udvarhelyer, in Läpos-Ränya im Deeser, 
in Szäntö und Hadad im Szilägy-Somlyöer Kreise, ferner zu Klausenburg. Karlsburg. 
Offenbänya. Zalathna. Deva, Kirälybänya und anderen Orten vor. 

In historisch-ethnographischer Beziehung sind sie in der Mehrzahl 

A) Sachsen (Flandrenses. Saxones. Teutoniei). die theils unmittelbar nach Sie- 
benbürgen (1140 — 1160) berufen, nicht nur das übernommene wüste Land (Desertum 
in Cibinio) zum wohlgebauten sogenannten Alt-. Wein- und Wald-Lande umwandelten, 
sondern dasselbe auch gegen äussere und innere Feinde muthig vertheidigten und ihre 
Nationalität bewahrten, — theils aus den ungrisehen Berg-Districten mach Nord- 
Siebenbürgen vorgerückt, ein Gleiches thaten. beide aber unter der osmanischen Ober- 
hoheit in ihrer Verbreitung sehr eingeengt wurden. Neben ihnen findet man 

B) Ober-Deutsche aus Baden. Breisgau. Schwaben. Salzburg. Steiermark. Kärn- 
then. die insgemein unter dem Namen der Landler in Siebenbürgen bekannt und Ein- 
wanderer aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderte sind. Meist ebenfalls 
Einwanderer dieser späteren Zeit sind 

k) die Deutschen, welche zwischen der Donau und den Karpathen 
theils rein, theils mit Slovaken . Magyaren . Ruthenen oder Romanen . theils mit 
mehreren derselben gemischt, zerstreute Orte in den Komitaten Pressburg. Ober- 
Neutra, Ahaüj-Torna, Borsod. Heves. Zemplin, Beregh-Ugocsa. Marmaros. Szaboles, 
Szathmär 1 ), Nord- und Süd-Bihar bewohnen (Eberhard mit Brück. Waltersdorf und 
Tartschendorf , Sommerein. Lansehitz. Modern. Diöszeg: Bicbersburg. Tyrnau; 
Kaschau; Hämor. Gross-Tällya. Knmpölt; Karlsdorf. Trauzendorf. Rätka ; Zbin. 
Szinyak. Bartowa. Tur-Terebes; Deutsch -Mokra. Huszt. Königsthal, Ober-Viso. 
Borscha; Rakamacz, Neu-Vencsello. Pecs-Petri: Josefhäza, Miszt-Bänya, Szenfalu 
und Unter-Homorod. Huta, Tomany, Nantii; Ujväros; Pelbarthida. Neu-Palota. 
Töttelek, Szöllös und St. Märton) und vier grössere Gruppen, zwei mit Slovaken 
von St. Johann über Ober-Schützen bis Malatzka und von Zeila und Bösing über 
St. Georgen bis Ratzersdorf im Komitate Pressburg, die dritte mit Ruthenen nächst 
Munkäcs (Kroatendörfl. Koczava. Schönborn. Lalowa) in Beregh-Ugocsa . die vierte 
mit Romanen und Magyaren an der oberen Kraszna in Szathmär von Merk über 
Gross-Majteny bis Mezö-Petri, Kiräly-Daröcz und Sändorfalu. bilden. Namentlich 
bestehen die letzteren beiden aus schwäbischen Colonisten des achtzehnten Jahr- 
hunderts, welche von den gräflichen Familien Schönborn und Käroly angesiedelt 
wurden. 



') Dil.» Sta<ll Szathmär. obwohl noch durch den Beisatz Xemelhi an deutschen Ursprung erinnernd, ist 
magyarisch. 



40 

§. 19. 

Deutsche Sprachinseln in Böhmen und Mähren. 

Jenseits der deutsch-cechischen Sprachgränze befinden sieh zwei grössere Sprach- 
inseln, welche Böhmen und Mähren gemeinschaftlich angehören, und mehrere kleinere, 
nebst Orten gemischter Bevölkerung. Während das deutsche Hauptgebiet beider Länder 
in den Gebirgen vorzüglich Beste der deutschen Urbevölkerung und nur in den ebenen 
Strichen spätere Ansiedler und germanisirte Ceehen umschliesst, sind die Sprachinseln, 
mit Ausnahme der zuerst anzuführenden, aus Colonisationen hervorgegangen. 

1. Grossere Sprachinseln. 

«) Die deutsche Sprachinsel der sogenannten Schönhengstler. 
welche aus dem Chrudimer in den Olmützer und Brünner Kreis herüberzieht, liegt 
dem deutschen Sprachgebiete an der nördlichen Gränze von Böhmen und Mähren so 
nahe, dass das slavische Element wie durch eine Meerenge das deutsche zu durch- 
brechen scheint. Die von Brunn nach Prag im Zwittawa-Thale führende Staatsbahn 
berührt diese Sprachinsel nächst Brünnlitz und Chrostau. verlässt sie vor Böhmisch- 
Trübau und durchschneidet sie nochmals bei Hilbeten nächst Wildenschwert; die von 
Olmütz nach Triebitz gehende Flügelbahn betritt dieselbe westwärts von Hochstein. 
Hiermit sind zugleich zwei Längen- und Breiten-Durschnittslinien dieses hochgelegenen 
deutschen Eilandes angedeutet, dessen übrige Haupt-Gränzpuncte in Böhmen nördlich 
Ober-Lichwc, westlich Strokele und Lauterbach bei Leitomysl, in Mähren südöstlich 
Brisen und Gewitsch (gemischt), östlich Loschitz (gemischt) und Müglitz bilden. 

b) Die deutsche Sprachinsel im böhmisch - mährischen Gränz- 
gebirge (bei Iglau) wird von der Wien-Prager Strasse ihrer ganzen Länge nach von 
Stannern bis in die Nähe von Deutschbrod durchschnitten und scheint sich von Iglau aus 
gebildet zu haben, wo Deutsche schon im dreizehnten Jahrhunderte als eine ansehnliche 
Gemeinde mit eigenem Stadtrechte auftraten, welches das Muster für viele andere 
Städte und Orte Mähren's wurde. Die grösste Breite dieser Sprachinsel reicht von 
Irschings und Alt-Steindorf im Caslauer bis nach Misching und (dem gemischten) Gross- 
Beranau im Igiauer Kreise. 

3. Kleiner e Eilande. 

A. In Böhmen, a) Die Sprachinsel von Budweis stammt ebenfalls schon 
aus dem dreizehnten Jahrhundertc her. Sie reicht von Norden nach Süden von Böh- 
misch-Feilem längs der Pilsen-Linzer Strasse bis Payresehau . und von den Teichen 
nächst Hackelhöf im Westen bis Ves am Berg . Pfaffendorf und Straps im Osten. 

Aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts aber stammen: 

//) Schönwillkomm im Pilsner, Deutsch-Nepomuk und Neudorf im Piseker Kreise: 
die deutschen Orte der ehemaligen Cameral-Herrschaft Pardubic im Chrudimer Kreise 
(Teichdorf, Kleindorf, Sehndorf, Dreidorf, Veska. Spojil, Gunstdorf. Trauendorf. 
Maidorf, Streitdorf), Kovansko im Bunalauer, Karlshof (Libinsdorf) im Caslauer 
Kreise. Doch haben sich diese sporadischen Colonisten mit Ausnahme der 
grösseren Gruppe fast ganz cechisirt. 



r) Die dem deutschen Hauptgebiete im Jiciner Kreise benachbarte Insel nächst 
Wu-Paka von Brdo bis Wüst-Prosvic. 

B. In Mähren nennen wir «) die alte deutsche Sprachinsel um Brunn.— 
deren Kern die (gemischt bevölkerte) Landes-Hauptstadt mit ihrem Gewerbfleisse und 
schon im dreizehnten Jahrhunderte berühmten Stadtrechte bildet, — von Brunn bis 
Mödritz und Schöllschitz längs der Eisenbahn und Poststrasse hinabreichend, wor- 
auf sich noch das rein deutsche Maxdorf südöstlich anreihet; 

Ä) die deutschen Sprachinseln um die gemischten Orte Austerlitz und Neu- 
llausnitz (mit Gundrum. Tschechen und Krauschek). sowie um Hobitscb.au (mit 
Tereschau, Rosternitz. Swonowitz. Lissowitz); 

c) die Sprachinsel von Olmütz und dessen Umgebung-, doch fast durch- 
gängig mit bedeutender slavischer Beimischung; endlich 

d) die rein deutsche Insel von Wachtel bis Döschna und Schwabenberg' an der 
Westoränze des Olmützer Kreises, mit den vereinzelt ostwärts vorliegenden gemischten 
Orten Sternheim und Rosenberg. 

C. Ausserdem herrscht die deutsche Sprache theils als Muttersprache eines 
«rösseren oder geringeren Theiles der Bevölkerung, theils als Umgangssprache in 
den meisten grösseren Städten Böhmen' s und Mähren's. mitten im böhmisch-mährischen 
Sprachgebiete. 

a) Vor Allem gilt diess von Böhmens Hauptstadt Prag, wo die Deutschen, seit 
dem eilften Jahrhunderte ansässig , jetzt beiläufig die Hälfte der Einwohnerzahl aus- 
machen, dann in geringerem Verhältnisse von Klattau. Kuttenberg. Deutschbrod. König- 
grätz. Josephstadt. Böhmisch-Aicha. Laun. etc. ; 

6) in Mähren von Lundenburg, Kremsier. Leipnik. Weisskirchen. Freiberg. 
Gross-Mesefic. u. a. ; 

c) in Schlesien von Troppau. Der Ursprung der deutschen Bevölkerung in allen 
diesen Orten reicht ebenfalls bis ins dreizehnte und vierzehnte Jahrhundert zurück. 

d) Zu den deutschen Inseln müssen endlich in Böhmen und Mähren in sprachlicher 
Hinsicht auch die jüdischen Gemeinden gerechnet werden, weil sie sich, wo 
nicht ausschliessend, doch vorzugsweise der deutschen Sprache bedienen. 

§. 20. 
Deutsche Sprachinseln in Galizien. 

Diese sind sporadisch über das ganze Land ausgebreitet. 
a) Im (vorwiegend polnischen) Krakauer Verwaltungsgebiete: 
a) haben Biala (sammt Umgebung) 1 ), Kety, Andryehau, Auschwitz (Oswiecim), 
Zator u. a. als Orte der ehemaligen schlesischen Herzogthümer Auschwitz 
und Zator, sowie Kr a kau selbst, eine bis in das dreizehnte Jahrhundert zurück- 
reichende deutsche neben der polnischen Bevölkerung; 



') Diese Sprachinsel hängt mit einer ähnlichen, um das rein deutsche Bielitz gelagerten, ziemlich beträcht- 
lichen in Schlesien zusammen, dessen polnisches Sprachgebiet auch die zahlreiche deutsche Bevölkerung 
von T eschen in sich scMiesst. 

I. 6 



42 

ß) in späterer Zeit, grösstenteils erst unter österreichischer Herrschaft, 
erhielten die meisten grösseren Orte ihre deutschen Bewohner, namentlich: Wadowice, 
Myslenice, Wieliezka, Bochnia (sammt Umgebung), Woyniez, Tymhark, Alt- und 
Neu-Sandec. Cieszkowiec, Gryböw, Rzeszöw, Lancut, Przevvorsk, Lezajsk; 

-)•) als förmliche An Siedlungen, vorzüglich in der josephinischen Colonisa- 
tions-Periode. entstanden die übrigen deutschen (sogenannten schwäbischen) Gemein- 
den, welche im Bochnier (Gablau. Maykowice, Boguczyee, Lednitz, Trinitatis). San- 
decer (die ganze Umgegend von Alt- und Neu-Sandec, besonders längs des Poprad 
und Dunajec, von Wiesendorf abwärts, dann Wachendorf), vorzüglich aber im nörd- 
lichen Theile des Tarnower und Rzeszower Kreises (Hohenbach. Schönanger, Josephs- 
dorf, Reichsheim, Wildenthal, Ranischau. Bauchersdorf, Steinau, Königsberg, Hirsch- 
bach [Baranöwka], Gillershof, Dornbach u. m. a.) zu finden sind. Doch ist die Bevöl- 
kerung der Ansiedlungen in den Kreisen Bochnia und Sandec durchgehends gemischt, 
und die Umgegend fast sämmtlicher Colonien vereint unter dem Einflüsse derselben 
gegenwärtig polnisches und deutsches Sprach-Element. 

b) Noch zahlreicher sind die deutschen Gemeinden im r utheniseh-polni- 
schen Antheile des Lemberger Verwaltungsgebietes, und zwar: 

a) vorzüglich in Lemb er g und anderen grösseren Orten (Jaroslau, Prze- 
mysl, Sadowa Wisznia. Zolkiew, Sambor. Starosol, Staremiasto, Borynia) ; 

ß) die zahlreichen Colonien im Lemberger Kreise, namentlich: Weinbergen, 
Unterbergen, Kaltwasser. Waldorf, Rottenhan. Schönthal. Weissenberg, Ottenhausen, 
Burgthal, Brunndorf, Vorderberg. Ebenau, Neuhof, Einsiedel, Falkenstein, Rosenberg, 
Neu-Chrusno, Dornfeld. Reichenbach, Lindenfeld u. s. f. ; 

■y) die Ansiedlungen in den Kreisen Przcmysl (meist im Territorium der ehema- 
ligen Cameral-Herrschaft Jaworöw: Rehberg, Mosberg. Kleindorf, Berdikau, Hartfeld, 
u. m. a.) und Zolkiew (hauptsächlich im Westen und Norden : Freifeld, Deutschbach, 
Beichau, Burgau. Felsendorf, Fehlbach, Lindenau, Ainsingen, Josephinendorf, Brucken- 
thal, Zboiska u. a.. und Wiesenberg nächst Zolkiew) ; 

o) jene im nordöstlichen Theile des Sanoker Kreises (auf den Camcral-Gütern 
nächst Dobromil: Makowa, Falkenberg, Engelsbrunn, Rosenberg, Obersdorf, Sie- 
genthal, Steinfels. Bandröw) und im ganzen Samborer Kreise (Kupnowice , Kaisers- 
dorf. Kranzberg. Ugartsberg, Josephsberg, Königsau , Brigidau , Neudorf, Gassen- 
dorf u. s. w.). 

c) Im vorwiegend ruthenisehen Antheile des Lemberger Verwal- 
tungsgebietes finden sich nur: 

a) die Deutschen der grösseren Orte: Brody, Busk. Brzezany, Stry, Bolechöw, 
Kalusz, Tarnopol, Zaleszczyk, Kolomea, Sniatyn; 

ß) die wenig zahlreichen Ansiedlungen in den Kreisen Zloczöw (im Nor- 
den: Bomanowka. Heinrichsdorf. Joseföw, Antonin, Hanunin, Mieröw, Kizia: dann 
Sapiszanka. Sobolöwka, Unterwald, Branislawöwka u. a.) , Brzezany (Ernstdorf, 
Rehfeld. Mühlbach. Petersdorf u. m. a.), Stry (Gelsendorf, Hoffnungsau, Ugartsthal. 
Landestreu. Ludwiköwka, Annaberg. Felicienthal . Karlsdorf u. a.). Stanislawöw 



(Eisenthal, Konstantöwka bei Hostöw) und Tarnopol (Konopköwka und Neutit- 
schein). 

Nebstbei finden sich im Krakauer und Lemberger Verwaltungsgebiete noch einige 
kleinere mit deutscher Bevölkerung- gemischte Orte '). 

§. 21. 

Deutsche Sprachinseln in der Bukowina. 

In der Bukowina stammen die deutschen Bewohner vollständig erst aus der 
Zeit der österreichischen Herrschaft. Nebst der starken deutschen Bevölkerung von 
Czernowitz und seiner nächsten Umgebung, von Sereth, Suczawa, Badautz, Alt- 
Solonetz, Solka, Arbore, Gura-Humora, Warna. Moldauisch-Kimpolung, zählt das 
Land zwei Classen förmlicher Ansiedlungen: 

a) die Colonien, welche Kaiser Joseph II. in Tereblestie, St. Onufri, Alt-Fratautz. 
Milescheutz, Satulmare. Neu-Itzkani und Illischestie begründete und aus West-Deutsch- 
land bevölkerte, und die in jüngster Zeit entstandenen Niederlassungen von Deutsch- 
Böhmen zu Lichtenberg, Buchenhain. Schwarzthal und auf der Pojana Mikuli ; 

(3) die deutschen Bewohner der Montan-Orte (Kirlibaba. Jakubeni, Poschorita, 
Louisenthal. Eisenau, Freudenthal, Bokschoja. Stulpikani). meist Grundner und Sieben- 
bürger Sachsen, und die aus den westlichen Kronländern und aus Baiern herbeigezo- 
genen Deutschen bei den Salzwerken von Kaczika und den Glashütten von Krasna. 
Karlsberg und Fürstenthal '). 

§. 22. 

II. Die slavischen Spraehgränzen in der Monarchie. 

A. Nord-Slaven. 

10. und 11.) Die ceehisch-mährische und inährisch-sl ovakische 

Sprach grunze. 

10.) Sprachlich genommen ist der Unterschied des Cechischen in Böhmen 
und Mähren nur derjenige zweier Mundarten, daher auch der deutsche Mährer 
diese Sprache die höhmische nennt. Nimmt man aber auf die mundartliche Unterschei- 
dung Rücksicht, so bilden die Landesgränzen zwischen Böhmen und Mähren insoferne 
auch eine Sprachgränze , als von den Bewohnern und Anwohnern des böhmisch- 
mährischen Gränzgebirges , Horaken und Podhoraken, ein Uebergang- zu den 
eigentlichen Mährern (den Anwohnern der Mareh) oder den Hannaken stattfindet, 
welche mit den Horaken unter den Slaven Mähren's in der Aussprache am meisten 
von der in Böhmen üblichen Sprache abweichen. 

11.) Auch von den Mährern zu den Slovaken und mährischen Walachen 
(Gebirgs-Hirten) an der Ost-Gränze (in den mährisch-ungrischen Karpathen) stellt sich 
nur ein mundartlicher Uebergang dar, daher auf der ethnographischen Karte keine Sprach- 
gränze verzeichnet ist. Im Allgemeinen kann die mährisch-ungrische Landesgränze für 

') Die am Schlüsse des §. 19 gemachte Bemerkung hinsichtlich der Juden findet auch bezüglich Gali- 
zien's und der Bukowina die vollste Anwendung. 

6* 



44 

die Gränze zwischen Mährischem und Slovakischem gelten, indem am Ost- Abhänge der 
Karpathen in Ungern die slovakische Sprache reiner ausgeprägt erscheint '). 

§. 23. 
12.) Die mährisch-polnische Sprachgr änze. 

Da das Gebiet von Troppau und Jägerndorf erst im dreizehnten Jahrhunderte von 
Mähren getrennt wurde, ganz Schlesien aber bald darauf in enge Verbindung mit der 
böhmischen Krone trat, so erklärt sich, dass die ecchische Sprache in dem längs der 
Oder und Ostravica an Mähren stossenden Theile Schlesien's abschliessend geredet 
wird, wiewohl ostwärts der letzteren schon mit polnischer Betonung. 

Als Gränzen des ee chis ch-mährischen und polnischen Idioms (des 
Dialektes der Wasserpolaken) kann man die polnischen Dörfer Pudlau (bei Oder- 
berg), Reichwaldau, Petcrswald. Schumbarg. Bludovic. Bukovec. Bzeka ansehen. In 
Pitrau, Ober-Sebisovic und Domaslovic sind beide Sprachen zu vernehmen. 

§• 24. 

13.) Die slovakisch-magyaris ehe Sprac hgränze. 

Dieselbe beginnt bei Pressburg, wo in der Vorstadt Blumenthal Slovaken 
wohnen, und zieht sich sodann längs des nördlichsten Donan-Armes bis Lanschitz. 
welches Slovaken. Magyaren und Deutsche beherbergt. Zwischen dem slovakischen 
Scharfmg und den magyarischen Orten Bei und Wartberg tritt die slovakisch-magya- 
rische Gränze nordwärts zurück, erreicht über Deutsch-Eisgrub und Puszta Födemes 
bei Waag-Szerdahely die Waag, macht am rechten Ufer derselben noch eine zweimalige 
slovakiseh-magyarische Ausbuchtung bis Sellye. windet sich um die magyarischen 
Dörfer Tornöcz und Tardosked nach Szt. György an der Gränze der Komitate Unter- 
Neutra und Komorn , und gelangt bei Bän-Keszi an die Neutra. Jenseits derselben 
greift sie mit einer stark magyarisch gemischten Vorlage bis nach Csüz und Gross- 
ülved in das Komorner Komitat hinein, beugt sich aber sofort nordwestwärts in das 
Barser über Nyer, Klein-Mälas, Unter-Pell. Em. Klein-Säri bis Verebely um, und 
zieht erst von hier nordostwärts über Üjfalu, Neved und Nemcany an die Gran. 
Das linke Ufer derselben wird bei Alt-Bars verlassen und längs der Gränze der Komi- 
tate Bars und Honth das magyarisch-slovakische Klein-Ker erreicht, von wo die Sprach- 
aränze ostwärts über Szantö , Mere. Hrusov. Csal. Priklek nach der Scheidelinie 
zwischen den Komitaten Honth und Neogräd läuft, mit den slovakisch-magyarischen 
Orten Bätorfalu, Leszenye und Klein-Csalomia wiederholt in das erstere zurückkehrt, 
weiterhin das sammt der Umgegend magyarisch-slovakische Balassa-Gyarmath um- 
schlingt, und von hier an eine nordöstliche Richtung einschlägt. Im;;Verlaufe derselben 
geht sie, mannigfach gewunden, über Gross-Selestany. Üjfalu, Klein-Zellö. Praediuni 
Felviz, um Losoncz herum nach Garäb, tritt in das Gömörer Komitat über, und gelangt 



') Bei der engen Verwandtschaft mit den Slovaken wurden die zahlreichen cechischen Einwanderer des 
fünfzehnten Jahrhunderts in Nordwesl-Ungern allmählich fast ganz slovakisirt, sowie andererseits die Slo- 
vaken im Mareh-Thale ihren Volks-Charakter heinahe vollständig mit jenem der Mährer vertauscht haben. 



45 

über Zaluzan. Ober-Pokorägy, Papoc, Meleghegy am Ralog, Brusnik, Suvete an der 
Jolsva, Stitnik. Rekena bis zu dem magyariseh-slovakischen Rosenau und weiterhin bis 
zur Gränze des Gömörer und Zipser Komitates. Nach einer Unterbrechung- durch die 
Gruppe der Gründner und Metzenseifer, begegnet sich das slovakische und magya- 
rische Sprachgebiet wieder nächst der Prämonstratenser-Abtei Jäszö, schlingt sich 
an der Bodva bis Gross-Bodolö und in verschiedenen Windungen nach Buzynka. 
Bocsärd, Deutsch-Tornyos nächst dem grossen Hernad, läuft an demselben mit unbe- 
deutenden Ueberschreitungen neuerdings aufwärts bis Mislye und endet bei Uj-Szälläs 
südöstlich von Kaschau. Doch erscheinen die Slovaken zwischen der Bodva und dem 
Hernad nicht bloss mit Magyaren, sondern zunächst dem letztgenannten Flusse auch 
schon mit Ruthenen gemischt. 

§. 25. 

14.) Die slovakiseh-polnische Sprachgränze. 
Der Zug der Karpathen, welcher Ungern von Schlesien und Galizien scheidet, 
bildet im Ganzen die Gränze zwischen der slovakischen und polnischen Sprache. 
Die Polen in den benacbbarten Karpathen-Zügen bis zur Tatra gehören dem Zweige der 
G oralen zu. Auch die Tatra selbst erscheint als ein mächtiger Gränzstock zwischen 
slovakischer und polnischer Zunge, welche weiterhin durch die Bialka und nach deren 
Mündung in den Dunajec durch letzteren, vom Uebertritte des Dunajec nach Galizien 
an durch die trockene Landesgränze zwischen Ungern und Galizien getrennt werden, 
bis zwischen Lesnica und Unter-Szczawnica slovakisches, polnisches und ruthenisches 
Element zusammenstossen 1 ). 

§. 26. 

15.) Die slovakisch-ruthenische Spraehgr änze. 
Die slovakisch-ruthenische Gränze beginnt nächst Lesnica 2 ) und zieht in mancherlei 
Windungen über Krempach nach Plavec am Poprad, kehrt mit einer ruthenischen Aus- 
buchtung bei Jakubjan nach der Gränze zwischen den Komitaten Zips und Saros zurück, 
umfängt auch in der Zipser Gespanschaft die ruthenischen Orte Toriska, Unter-Repas, 
Podprocz und Olsavica, läuft von hier nordwärts vielfach gekrümmt über Berzovice 
nach Senvic. wendet sich hierauf am linken Ufer der Tarcza wieder südöstlich bis 
zu dem slovakisch-ruthenischen Jakubovec, und steigt von da an nordwärts über 
Mosurov, Osikov, Bichwald nach Tarnov an der Topla auf. Am linken Ufer der 
Topla buchtet sich das slovakische Gebiet noch nordwärts bis Gaboltov und Smilno, 
und südostwärts nach Haslin, Kuryma, Giraldovce und Zeleznik aus. Nach einer 
westlichen Umbeugung zu den slovakisch-ruthenischen Orten Hasgut und Fu- 
länka verlässt die Sprachgränze bei Hanusovce die Topla, erreicht nächst dem ruthe- 
nischen Walköw die Ondava und läuft jenseits derselben in nordöstlicher Richtung über 
Ober-Sytnice nach Hrabovec an der Laborcza. Noch jenseits dieses Flusses erstreckt 
sich das rein slovakische Gebiet zungenförmig bis Papina und bis Sinna an der Cziroka. 



') Die Polen, welche vereinzelt in Ungern sich niederliessen, sind längst mit den vorherrschenden Natio- 
nalitäten verschmolzen. 
2 ) Doch macht sich auch in der Sprache der Maguraner Slovaken der ruthenische Einfluss geltend. 



46 

Bei Brekov tritt die Gränze des rein slovakischen Gebietes über die Laborcza 
zurück, dringt südwärts mit einem langen . scbmalen Streifen bis Tusa unweit der 
Vereinigung der Ondava und Topla vor, steigt an der letzteren wieder bis Vranov 

v 

(Varanö) auf und kehrt in den weebselvollsten Verschlingungen über Cieva, Slovakisch- 
Kajna. Karna, Jankovce in die Nachbarschaft von Ober-Sytnice zurück. Sofort wendet 
sie sieb südwestlich über Gross-Domäsa und Hermäny bis nach Zlatä-Bane und gelangt, 
nach einer nördlichen Ausbuchtung, unterhalb Eperics in die Nachbarschaft der Tarcza, 
welche sie nur mit dem slovakisch-ruthenischen Buditnir überschreitet, demnächst aber 
bei Vajkovce verlässt, um nordwestwärts nach der dreifachen Gränze zwischen Abaüj- 
Torna. Säros und Zemplin aufzusteigen, von wo sie wieder südwärts läuft und mit 
zwei grösseren Einbuchtungen Uj-Szälläs erreicht. Doch liegt von IJj-Szälläs bis 
Unghvär ein ausgedehntes Gebiet, innerhalb dessen die Slovaken mit Ruthenen. theil- 
weise auch mit Magyaren stark gemengt wohnen. Die Nordgränze dieses Gebietes fällt 
mit der slovakisch-ruthenischen Sprachscheide zwischen der Tarcza und Laborcza 
zusammen, während die Südo-ränze sich durch die Orte Bänyaeska nächst der Ronyva, 
Gross-Toronya jenseits des Bodrog, Jestrab unweit der Ondava, Kucany an der 
Laborcza. Blatne-Remiati. Tegenye. Visoka und Unghvär an der Ungh bezeichnen lässt 1 ). 

§. 27. 

Cechische und slovakische Sprachinseln. 

a) Cechische Sprachinseln. 

a) In Oesterreich unter der Enns bildet Inzersdorf bei Wien, in Böhmen 
das gemischte Gebiet um Mies im Pilsner Kreise eine solche. 

ß) In Galizien besitzt der Zolkiewer Kreis die rein cechiseben Ansiedlungen 
Rozanka und Stanislawowka ; in Zeldec wohnen Cechen unter Ruthenen und Deutschen. 

Y) Im Lugoser Kreise des Banats wohnen Cechen neben Deutseben zu Steierdorf, 
neben Romanen und Deutschen zu Deutsch-Ciklova. 

o) InSlavonien liegen die rein cechiseben Orte Koncanica und Johannesberg: 
Brestovac ist serbisch-cechiseh-slovakisch. 

e) Im Kreuzer Regiments-Bezirke sind die cechisch-serbokroatischen OrteNeu- 
Plavnice und Neu-Laminec; im St. Georg er das cechisch-serbokroatische Johannes- 
dorf; im illyrisch- und romanen-banater Regiments-Bezirke die rein cechischen 
Ansiedlungen der Jahre 1823 — 1830: Ablian, Elisabethfeld, St. Helena, Weizenried, 
Ravenska, Schnellersrube. Eibenthal, Neu-Ogradina und Schumitza mit dem romanisch- 
cechischen Neu-Schuppanek und dem cechisch-deutsehen Ruskitza. 

b) Slovakische Sprachinseln. 

Die Slovaken haben zahlreiche grössere und kleinere Inseln ausserhalb ihres 
zusammenhängenden Gebietes inne 2 ). Wir fassen sie in folgende Gruppen: 



') Selbst nie Slovaken innerhalb dieses Gebietes, Sotaken, haben viele rulhenische, zum Theile sogar 

polnische Elemente in ihre Sprache aufgenommen. 
*) Besonders trugen zu ihrer Ausbreitung nach Mittel- und Nieder - Ungern die vielen Ansiedlungen bei, 

zu wclehen sie von grösseren Grundbesitzern mit besonderer Vorliebe herbeigezogen wurden. 



7.) Zwischen der Donau und den Karpathen. Schon im Pressburger 
Komitate bilden die Slovaken einige kleine Inseln und Mischungen am Schwarzwasser 
(einem Donau- Arme, welcher die nördlichste Seite der grossen Schutt begränzt); im 
Ünter-Neutraer ist das magyarisch-slovakische Neuhäusel eine solche Sprachinsel ; im 
Komorner findet sich eine grössere um Bajcs und Gyälla. welcher noch südlich die 
kleinere Kurta-Keszi vorliegt ; im Neogräder sind Puszta Ker und Puszta Dolyän 
magyarisch-slovakisch, Zobor rein slovakisch. 

ß) Noch bedeutender sind die beiden slovakischen Gruppen an der Donau b e i 
Waitzen. indem die eine von dem magyarisch-slovakischen Leled an der Eipel im 
Honther bis zu dem rein slovakischen Klein-Marus im Neogräder Komitate sich aus- 
dehnt, die andere namhafte Strecken des Neogräder und Pest-Piliser Komitates ein- 
nimmt, so dass ihre Begränzung von Recsäg über Ober-Szätok, Klein-Ecsed, Unter- 
Szecsenke, Terjeny, Kutasö, Lucy'n nach Csengerhäza an der Zagyva ostwärts, von 
da über Sämsonhäza, Unter-Töld, Bujak, Dengeleg und Töt-Györk an den Galga süd- 
westlich, und, nach einer Ausbuchtung um Aszod, über Domony, Bottyän und Csomäd 
westlich nach Göd an der Donau läuft, aber auch viele Magyaren und Deutsche um- 
schliesst. Vereinzelt liegen das slovakisch-magyarische Puszta Ganäd und das rein 
slovakische Neogräd nordwärts der ersteren. 

f) Die Gruppen bei Pest. Am linken Ufer der Donau wohnen Slovaken von dem 
slovakiseh-magyarisehen Puszta Szt. Jakab bei Gödöllö bis zu dem deutsch-slovaki- 
schen Puszta Gubacs und den slovakiseh-magyarisehen Orten Puszta Peteri und Maglöd. 
theils allein, theils mit Magyaren und Deutschen gemischt. Am rechten Ufer der Donau 
liegt an beiden Abhängen des waldreichen Piliser Gebirges ein zusammenhängendes 
slovakisches Gebiet, welches an der Gränze des Pest-Piliser und Graner Komitates von 
den rein slovakischen Orten Szt. Läszlö und Szt. Lelek bis zu dem slovakisch-magyarisch- 
deutschenEpöly und dem deutsch-serbisch-slovakischen Cobänka sich ausdehnt. Endlich 
finden sich Slovaken mit Magyaren und Deutschen gemischt von Puszta Zämor undSös- 
kütbis Märtonväsär an der Süd-Seite des Waldes Turbal im Komitate Stuhlweissenburg. 
3) Die Gruppe im Vertes-Gebirge. Nebst ein paar kleineren Inseln 
nimmt ein zusammenhängendes slovakisches Gebiet die Ausläufer der Schildberge 
(Vertes) von dem rein slovakischen Tardos bis zu dem magyarisch-slovakisch-deutschen 
Sikvölgye im Graner Komitate ein. 

s) Die zerstreuten Inseln am linken Ufer der Mittel-Donau in den 
Komitaten Pest-Pilis und Pest-Solt. Die wichtigste bildet Pilis mit seiner theils rein 
slovakischen, theils magyarisch-slovakischen Umgebung von Peteri bis Gross-Irsa; minder 
bedeutend sind: Säri mit den anstossenden Prädien, das slovakisch-magyarische Klein- 
Körös mit dem magyarisch-deutsch-slovakischen Vadkert, Dusnok mit den magyarisch- 
slovakischen Orten Bätya und Miske unterhalb Kalocsa. Unter den vereinzelten Orten 
sind nur Säp und Egyhäza rein slovakisch, die übrigen magyarisch-slovakisch. 

C) Die Gruppe des Bekes-Cs anäder Komitates umfasst in vier kleinen 
Inseln die rein slovakischen Orte Csaba, Bänhegyes undTöt-Komlos mit Puszta Pitväros. 
das slovakisch-deutsch-magyarische Mezö-Bereny und das magyarisch-slovakische 



48 

Szarväs. Mit Tot-Komlös und Bänhegyes in unmittelbarem Zusammenhange steht ein 
ausgedehntes gemischtes Gebiet, innerhalb dessen Slovaken mit Deutsehen, Magyaren 
und Romanen gemengt wohnen. Noch südlicher liegt an der Maros das slovakisch- 
romanische Gross-Lak. 

y;) Im Norden der Komitate Zips, Säros und Zemplin umschliesst das 
rutheniscbe Gebiet zwischen dem Poprad und der Laborcza viele slovakische und 
gemischte Inseln, hierunter: Mnisek mit Pilhov; Lipnik . Legno. Obrucny, Hütte 
Stebnik, Sarbova. Komärnik, das ausgedehnte Gebiet um Strocin und Stropkov an der 
Ondava, Turany. Stropkova-Olka u. a. m. 

9) Die Gruppe am Hernad, Bodrog und den Nebenflüssen beider 
besteht aus einer bedeutenden Anzahl kleiner Sprachinseln im Gömörer, Abaüj-Tornaer 
und Borsoder Komitate, innerhalb deren Slovaken theils allein, theils mit Magyaren, 
Deutschen und Ruthenen gemischt wohnen. Die westlichste ist Dubovec an der Rima. 
die östlichste Ardov am Bodrog. während die beiden Hamor mit Huta und Görömböly 
mit Tapolcsa und Petri am weitesten nach Süden reichen. 

Die zerstreuten slovakischen Orte im Nordosten Ungern's, in den 
Gespanschaften Unghvär. Beregh-Ugocsa. Szabolcs und Szathmär reichen von dem 
rutheniseh-slovakischen Gross-Berezna an der Ungh bis zu dem magyarisch-slova- 
kischen Sima, nächst Nyiregyhäza. dem slovakisch-magyariseh-deutschen Pecs-Petri, 
dem rutheniseh-slovakischen Nyir-Csaholy. dem ruthenisch-slovakisch-magyarischen 
Särköz und dem romanisch-magyarisch-slovakischen Lapos-Bänya herab. 

x) Als äusserste isolirte Ausläufer der ungrischen Slovaken kann man die 
Sprachinseln im östlichen Th eile des Süd-B ihar er un d Ar ad er Korn i- 
tates bis nach Radna an der Maros hinab betrachten; doch sind die Slovaken in den- 
selben stark mit Romanen . theilweise auch mit Magyaren und Deutschen gemischt. 
Rein nehmen sie ein geschlossenes Gebiet ein. welches aus Süd-Bihar in den Szilägy- 
Somlyöer Kreis Siebenbürgen's hinüberreicht und dort die Ansiedlungen Szocset, 
Almaszek, Solyomkö. hier Harmaspatak und Magyarpatak umfasst. 

X) In der Wojwodschaft Serbien und dem Temeser Banate findet 
man Slovaken im südlichsten Theile der Backa rein zu Glozan. Petrovac und Kisac, 
mit Serben gemischt in Kulpin ; im Gross-Beekereker Kreise zu Aradac mit Bulgaren 
und Serben und zu Lukäcsfalva mit Magyaren und Deutschen gemischt, imTemesvärer 
zu Hajdusica am Alibunar-Canale mit Deutschen gemengt, endlich unter Deutschen, 
Magyaren, Romanen . Ruthenen und Serben in kleinen Parzellen im Osten desselben 
und an der Westgränze des Lugoser Kreises, deren nördlichste das slovakiseh- 
romanisch - deutsche Brestovac . die südlichste das serbisch - slovakische Subo- 

tica ist. 

ja) In Slavonien liegen das serbisch-cechisch-slovakische Brestovac und das 
serbisch-slovakische Nieder-Daruvär mit dem serbisch-deutsch-slovakischen Ivanopolye, 
das slovakisch-serbische Miljevci. das serbisch-deutsch-slovakiscbe Dolci . das rein 
slovakische Cepin mit dem magyarisch-slovakisch-deutschen Neuviertl. 



49 

v) Im deutsch-banater Regimente sind die slovakischen Orte Kovaciea 

und Ludwigsdorf. 

o) In der Bukowina finden sich Slovaken in grösserer Anzahl zu Czudin 
unter den Romanen; Neu-Solonetz wurde als rein slovakische Colonie. Pojana Mikuli 
als eine slovakiseh-deutsehe begründet. 

§. 28. 

16.) Die polnisch-ruthenische Sprachgränze sammt Sprachinseln. 
Im Allgemeinen kann man sagen, riass der San die G ranze des polnischen 
und ruthenischen Stammes bilde, und die neue administrative Eintheilung 
Galizien's hat jener Grunze auch eine politische Bedeutung gegeben . insoferne der 
Krakauer Regierungsbezirk das vorwiegend polnische Sprachgebiet umfasst. 

Genauer lässt sieh die Gränzlinie zwischen beiden Stämmen folgendermaassen 
zeichnen. Sie beginnt an der Gränze des Sandecer Kreises und Zipser Komitates 
zwischen dem polnischen Unter-Szczawnica und dem polnisch-ruthenischen Szlachtowa. 
Doch begleitet die galizisch-ungrische Gränze sofort ein schmaler Streifen polnisch- 
ruthenischen Gebietes, und das polnische Idiom tritt oberhalb Piwniczna unmittelbar an 
die Landesgränze, jenseits deren ihm eine slovakische Sprachinsel begegnet. Zwischen 
Lomnica und Gross -Wierzehomla nimmt erst der ununterbrochene Gränzzug seinen 
Anfang. Die gemischten Orte Barnowice, Czaczöw, Rybien und Ober-Popardowa 
markiren die anfangs nordöstliche Richtung der fraglichen Sprachgränze. welche so- 
dann von Polnisch-Krulowa an eine vorwiegend östliche Richtung einschlägt und den 
Süden des Jastoer Kreises durchzieht, wo sie durch die polnischen Orte Ropa. Szym- 
bark. Sekowa, Lipinki. Pagorek. Cieklin, Osiek, Somokleski. Mrukowa, Skalnik. Konty 
und Iwla bezeichnet wird . mit dem Eintritte in den Sanoker Kreis eine nordöstliche 
Wendung nimmt und von dem polnischen Städtchen Rymanöw bis zu dem polnisch- 
ruthenischen YYröblik-Krölewski läuft, wo sie abermals umbiegt und erst östlich von 
den polnischen Orten Zarszyn. Dlugie und Strachocina in die frühere Richtung zurück- 
kehrt. In dieser geht sie zwischen den polnischen Orten Grabownica. Wesola und Lipnik 
und den ruthenischen Pakoszöwka. Niebocko, Izdebki. Lubno. Dynöw und Bachorz, zum 
Theil parallel mit dem San. an die Gränze des Rzeszower Kreises gegen den Sanoker 
und Przemysler, an welcher sie von nun an. mit Ausnahme der bis Tarnawka in den 
Sanoker vordringenden polnischen Landzunge und einer zweiten bis zu dem polnisch- 
deutschen Jaroslau und dem polnischen Oströw bei Radymno in den Przemysler reichen- 
den Ausbuchtung, bleibt, bis sie an der Gränze Galizien's gegen Russisch-Polen endet. 
Innerhalb des so begrenzten polnischen Sprachgebietes gibt es im Jasloer Kreise noch 
einen ruthenischen Sprachbezirk von Oparöwka über Weglöwka bis Czarnorzeki. wel- 
chem nordwärts die zwei getrennten Dörfer Gwozdzianka und ßliznianka sich anreihen. 

§. 29. 

Fortsetzung. 

An die polnisch-ruthenische Sprachgränze schliesst sich einem grossen Theile 
nach ein polnisch - ruthenisch gemischtes Gebiet, dessen vielfach und 
I. 7 



50 

stark gewundene Gränzlinie gegen das rein ruthenische Sprachgebiet durch folgende 
Orte bezeichnet werden kann. 

Von Sieniawa (unweit des San-Flusses ausgehend) erhebt sich die Linie beiMajdan 
zur Gränze gegen das Königreich Polen , folgt letzterer bis Moszczanica, wendet sich 
bei Cieszanöw südlich bis Zaluze und dann westlich über Dachnöw und Oleszyce an 
die Gränze der Kreise Zolkiew und Przemysl, an der sie, mit Abrechnung einer nord- 
östlichen Ausbuchtung nach Szczutköw, bis Wolka zmijowska bleibt, zieht über Kra- 
kowiec und Starzawa südlich bis Mosciska und Sadowa (zwischen welchen beiden 
Marktflecken eine grössere polnische Sprachinsel sich lagert), steigt über Lubienie 
wieder bis zur Stadt Jaworöw nordostwärts und da umbiegend abermals mannig- 
fach gewunden nach Süden herab über Bruclmal bis Bratkowice im Lemberger und 
Rudki im Samborer Kreise , wo ihre östlichsten Puncte sind. Fast der Südgränze 
des Przemysler Kreises sich anschliessend, läuft sie sofort über Wiszenka und 
Krukienice nach Czyszki und Ober-Blozew im Samborer Kreise, erhebt sich neuerdings 
nordwestlich, an Nowe Miasto. Truszowice, Paetaw , Brylince vorbei, nach Kupno am 
San, berührt im Sanoker Kreise, in abermals vorwiegend südlicher Richtung, Sufczyna, 
Korzeniec,Kuzmina,Graciowa.Jureczkowa, Olszanica, Ustyanowa, Daszowka, erreicht 
bei Sokole und Wolkowya die südlichsten Puncte , kehrt nochmals über Zwierzyn, 
Lisko, Unter-Bezmiehowa, Tyrawa woloska bis Malawa nordwärts zurück, läuft sofort 
neuerdings südwärts über Zaluz bis Czaszyn und gelangt endlich, die Oslawa über- 
setzend, westwärts an dem polnischen Marktflecken Bukowsko vorbei nach Rymanöw, 
wo sie an das rein polnische Sprach-Element sich anschliesst. 

In diesem gemischten Sprachgebiete liegen aber auch meh rere rein 
polnische Bezirke; namentlich gehören hierher: a) der bereits erwähnte Bezirk 
bei Mosciska, ß) Tuligtowy und Rokietnica, 7) ein District südlich nächst Dynöw, 
0) Dydnia und Obarzyn, s) einzelne Ortschaften rings um Sanok u. a. m. Eben so 
kommen aber auch innerhalb desselben einzelne rein ruthenische Gruppen vor; 
namentlich a) Slonne, (3) einige Ortschaften nördlich von Przemysl, 7) Klokowice und 
Solce, 8) der Bezirk von Koniusko und Moczerady bis Pakosc und Tulkowice. 

Abgesehen von der traditionellen Verbreitung der polnischen Sprache unter den 
höheren Ständen und in den grösseren Orten auch des ruthenischen Landes- 
theil es, findet sich in demselben eine grosse Anzahl polnischer und ruthenisch- 
polnischer Orte, theils einzeln, theils unter einander zusammenhängend. 

Ein rein polnischer Bezirk liegt um Lemberg, zu welchem im Osten die 
Gruppe um Bilka und Zuehorzyce. im Süden jene um Sokolniki, Hodowice, Zubrza 
und Czyszki. im Westen Zimnawoda gehören. 

Unter den vereinzelten Orten, in welchen rein polnisch gespro- 
chen wird, sind: Kos'ciejöw im Lemberger. Piskorowice, Rudka, Milczyce im 
Przemysler. Obydow. Jasienica polska. Wicyn im Zloczower, Jasliska und Boryslavvka 
im Sanoker, Strzalkowice im Samborer, Wolczköw, Podzameczek und Tarnowica polna 
im Stanislawower. Dulibv im Czortkower Kreise u. a. m. 



51 

Unter den ruth enisch-polnischen Sprachbezirken sind die wich- 
tigeren : a) die Gruppe gegen Bussisch-Polen von Alt-Narol und Beiz.ee bis Blazöw 
und Lowcza; ß) jene um Niemiröw mit den Orten ülicko, Szezerzec u. a.: 7) die 
Gruppe um Lemberg von Russiseh-Rzesna. Bartatow und Stawezany bis an die nord- 
östliche Kreiso ranze bei Jaryczöw; 0) zwei Inseln nächst Grodek : s) eine Anzahl 
Orte nordwärts des Dniesters von Malpa und Komarno bis Pustomyty, Mylatycze und 
Mikolajöw; die Umgegend von Sambor : t;) Ustrzyki und Jasien: &) Drohobycz 
mit den umliegenden Orten; 1) dic 0rte im nördlichen Theile des Stryer und Stanis- 
lawower Kreises, besonders längs des Dniesters; z) die Gruppe um Ztoczow: X) Tar- 
nopol mit Draganöwka und Chodaczköw ; fi) Zbaraz und die Orte längs der Hnizna 
bis unterhalb Trembowla. 

Noch grösser ist die Anzahl der einzeln liegenden r uthenisch-pol ni- 
schen Ortschaften. 

§. 30. 
17.) Die ruthenisch-magyarische Sprachgränze. 

Diese beginnt unweit Üj-Szälläs, läuft südwärts längs der Gränze der Komitate 
Abaüj-Torna und Zemplin 1 ) bis zu dem magyarisch-ruthenischen Säros-Patak am 
Bodros,-. umfängt jenseits des Flusses die magyarisch-ruthenischen OrteLuka. Vajdäcska. 
Ober-Bereczko, Gross-Kövesd u. a.. und kehrt bei dem magyarisch-ruthenischen Szö- 
löske über den Fluss zurück, welchen sie nach einer nördlichen Ausbuchtung zwischen 
den magyarisch-ruthenischen Orten Zemplen und Szomotor neuerdings überschreitet. 
Sofort zieht sie nordöstlich über das rutheniseh-magyarische Polyän. das ruthenisch- 
slovakisch-magyariscbe Kucany nach Blatne-Remiati. wendet sich wieder südwärts nach 
dem slovakisch-ruthenischenTegenye an derUngh, erreicht über die magyarisch-rutheni- 
schen Orte Csicser, Keleeseny, Gross-Szelmencz. Pruksza die Latorcza. und geht an der- 
selben, die rein magyarische Einbuchtung bei Gross-Gejöcz abgerechnet, aufwärts bis 
in die Nähe des rein ruthenischen Gross-Luczki im Komitate Beregh-Ugocsa. Nach einer 
südlichen Ausbuchtung zu dem magyarisch-ruthenischen Isnyete wird sie durch ein 
deutsches und ruthenisch-deutsches Gebiet nächst dem magyarisch-ruthenischen Mun- 
kacs auf eine kurze Strecke unterbrochen, zieht sodann über das ruthenisch-deutsche 
Bartowa nach Remiti an der Borsowa. macht am rechten Ufer derselben eine bedeu- 
tende westliche Ausbuchtung bis zu den magyarisch-ruthenischen Orten Gross-Begäny 
und Daröcz, kehrt wieder ostwärts bis Egresz zurück und gelangt mit dem magyarisch- 
ruthenischen Üjlak an die Theiss. Im Süden dieses Flusses läuft sie längs der Gränze 
des Beregh-Ugocsaer und Szathmärer Komitates bis zu dem magyarisch-ruthenischen 
Almas am Tür, macht südwärts des Flusses nach Westen eine grosse magyarisch- 
ruthenische (zum Theile auch romanische) Ausbuchtung bis Klein-Nameny, Jank und 
Csefföd nächst der Szamos. kehrt unterhalb Halmi über den Tiir zurück und endet 



l ) Mit einer westlichen Ausbuchtung nach dem ruthenischen Filkehäza, den slovakisch-magyarisch-ruthe- 
nischen Orten Füzer und Komlos und den magyarisch-ruthenischen Klein-Bosva und Pälhäza. 



52 

mit einer nordöstlichen Ausbiegung nächst den romanischen Orten Biskeu und 
Batartscha. 

§. 31. 
18.) Die ruthenisch-romanische Sprachgränze. 

«) In Ungc r n. 

Diese beginnt nächst dem romanischen Orte Biskeu und zieht über Klein-Tarna 
nach der Südgränze des Marmaroser Komitates. mit welcher sie bis nordöstlich von Mo- 
sesdorf zusammenfällt. Indem sie nunmehr in die Marmaros übergeht, erreicht sie zwischen 
dem ruthenischen Bemec und dem romanischen Sapunka die Theiss, geht oberhalb des 
magyarisch-ruthenischen Hoszu-Mezö auf das rechte Ufer derselben über, biegt mit den 
romanischen Orten Unter- und Ober-Apsa nordwärts aus und kömmt bei dem ruthenisch- 
magyarischen Veresmart an den Visö. an welchem sie fortan (die südliche Ausschrei- 
tung nach dem rein ruthenischen Ober-Bona. dem magyarisch-ruthenisch-romanischen 
fihönaszek [Kostil] und dem romanisch-ruthenischen Petrova abgerechnet) bis ober- 
halb des romanisch-deutsch-ruthenischen Ober-Visö bleibt, jenseits Borscha an die 
Landesgränze Ungem's gegen Galizien und die Bukowina übergeht und mit der letz- 
teren an die Mündung des Czibou gelangt, wo Bukowina. Ungern und Siebenbürgen 
zusammenstossen. 

6) In der Bukowina. 

Hier zieht die ruthenisch-romanische Gränze von Kirlibaba, das gemischte Gebiet 
von Moldawa, Breasa, Buss pe Boul und beiden Moldawitza umfangend, nach der Mol- 
dawitza, an deren linkem Ufer sie bis zur Wasserscheide zwischen der Czomorna und 
Suczawitza aufsteigt. Die Bäche Brodinora und Brodina führen nun nach Frasin und 
Sadeu an der Suczawa herab, der Falkeu-Bach wieder nach den Höhen hinauf, welche 
den Seretschel und kleinen Sereth vom grossen Sereth trennen. Diesen letzteren 
überschreitet die Sprachgränze oberhalb Storoszinetz . umschliesst das gemischte 
Gebiet von Panka, Broskoutz und Kamenna, und kömmt über die Höhe des Cäcina 
nach Czernowitz '). Nördlich des Pruth durchschneidet sie das Territorium von Sada- 
göra und endet jenseits Czernawka an der Gränze von Bessarabien, wobei sie abermals 
das g-emischte Gebiet von Wasloutz. Werboutz und Dobronoutz umfängt. 



& 



§. 32. 

Rulhenische Sprachinseln in Ungern, der Wojwodschaf t. Slavonien und 

der B u k o w i n a. 

a) In Ungern. Einst waren die Buthenen. die seit dem neunten bis zum 
vierzehnten Jahrhunderte wiederholt in Ober-Ungern einwanderten und besonders seit 
dem Abzüge der Bomanen aus dem grössten Theile der Marmaros in derselben sich 



>) Die Bukowiner Gebh-gs-Ruthenen gehören dem Stamme der Huzulen an, welcher auch die Karpathen 
des Stanislawower und Kolomeaer Kreises innc hat, während nordwestlich von ihm die Bojken als 
die „Männer der Höhen" auftreten. 



53 

ausbreiteten, in weit zerstreuten Niederlassungen selbst bis an die Westgränze Ungern's 
ansässig, wie noch mehrere mit ,,Orosz" zusammengesetzte Ortsnamen bezeugen; 
jetzt ist am weitesten nach Westen vorgeschoben 

a) die Gruppe ruthenischer. zum Theile auch ruthenisch-slovakischer Orte in der 
Zips. Nebst den abgerissen liegenden Osturna , St. Jurske und Hundertmark zieht 
sich ein zusammenhängendes, vorwiegend ruthenisches Gebiet, an die deutsche Sprach- 
insel der Gründner und Metzenseifer nordwärts unmittelbar anschliessend, von Zawadka 
bis Koyszow und an die GränZe des Zipser Komitates gegen Abaüj-Torna. 

ß) Ruthenische Inseln und Beimischungen im slovakischen Gebiete findet mau 
noch im Säroser Komitate zu Dacov, Rencziszow und Lacno. Rezow und seiner Um- 
gebung von Lucawica bis Trocany. und am Hernad von Bujäk bis Klemberk und Rus- 
sisch-Peklany. im oberen Theile des Abaüj-Tornaer zu Zirava. in dem Striche von 
Unter-Ocvar bis Ober-Hutka. in dem Gebiete von Cany und Sandor-Bölse am Hernad. 
7) Ein ausgedehntes magyarisch-ruthenisches Eiland zieht sich an der Gränze von 
Abaüj-Torna und Borsod von Horvatzik und PusztaCsehi an der Bodva bis Reste. Unter- 
Gai , Szolnok und Jänosd hin : auch Slovaken finden sich innerhalb desselben zerstreut. 
Ausserdem enthält Abauj-Torna in seinem magyarischen Theile noch eine Anzahl klei- 
nerer Inseln, welche von Ruthenen theils ausschliessend. theils in Gemeinschaft mit 
Magyaren und Slovaken bewohnt werden. Sie ziehen sich von Baczawa (Falucska) im 
Nordwesten bis Komlöska im Osten und bis Külsö-Csobäd im Süden. In Borsod (am 
Säjo und in seiner Nachbarschaft) reichen solche Inseln von den beiden Telekes bis 
südwärts der Einmündung des Säjo in die Theiss nach Säjo-Szöged und Säjo-Örös. 
3) Sehr umfangreich ist das magvarisch-ruthenische Gebiet, welches sich von Olaszi, 
Kisfalud u. a. am Bodrog nach dem linken Theiss-Ufer zieht, einen grossen Theil des 
Szabolcser Komitates einnimmt und bis nach Dorog. Tamäsi. Abrany in Nord-Bihar, 
bis nach Dobos, Pälyi. Fabiänhäza und Puszta Terem nächst der Kraszna in Szathmär 
sich ausdehnt. Innerhalb dieses Gebietes bilden an der Gränze von Szathmär und Nord- 
Bihar die Orte Ders, Csäszäri, Nyir-Vasväri, Pilis und Puszta Terem eine rein 
ruthenische Gruppe, in Nyir-Csaholy sind den Ruthenen Slovaken heigemischt. West- 
wärts liegt diesem Gebiete noch die magyarisch-ruthenische Insel um Szerencz und 
Zombor mit mehreren kleinen, nordwärts zwei grössere an der Theiss, von Kaponya 
bis Rozsäly und von Tornyos-Pälcza bis Ajak, nebst einigen kleineren, im Osten das 
rein ruthenische Czuma vor. während noch weiter das magyarisch-ruthenisch-romanische 
Gebiet um Csenger und Vetes, und eine Gruppe von Ortschaften am Tür. innerhalb 
deren Ruthenen mit Magyaren, Deutschen und Slovaken gemischt wohnen, sich findet 
und südwärts das ruthenisch-romanische Er-Selind ganz vereinzelt liegt. 

e) In Süd-Bihar bilden das magyarisch-ruthenisch-romanischeMonus-Petri und die 
romanisch-ruthenisehen Orte Szombatsäg und Botarest zwei abgesonderte, weit vom 
Zusammenhange mit dem übrigen Buthcnenthum getrennte Districte. 

b) In der Wo j wo d schaft liegt in der Backa eine nicht unbedeutende ruthe- 
nische Colonie zu Kucura südwärts des Franzens-Canales . in welcher aber auch noch 
deutsche und magyarische Laute vernehmbar werden. 



54 

c) In Slavonien finden sich die von Ruthenen und Serben bewohnten Orte 
Rusevo und Petrovce. 

rf) In der Bukowina zieht eine ruthenische Sprachinsel längs der östlichen 
Reiehsgränze von Mamornica über Lukawica, Terescheni. Unter-Stanestie. Pojenille. 
Unter-Sinoutz (mit Rogoszestie und Kindestie) , Negosztina . Gropana bis Scherboutz 
herab und macht mit Hliboka, Kamenka und Fontina alba (Biala Kiernica) ihre 
grössten westlichen Ausbuchtungen. Doch wohnen innerhalb dieses Landstriches zu 
Terescheni, Preworokie, Unter-Stanestie, Oprischeni. Tereblestie. Kamenka. Bahri- 
nestie , Baintze , Sereth , Botoschenitza und Scherboutz auch Romanen in grösserer 
Anzahl, in Tereblestie und Sereth noch dazu Deutsche neben den Ruthenen; Ober- 
Stanestie und Ober-Sinoutz sind ganz romanisch. Eine zweite ruthenische Sprachinsel 
liegt an der südlichen Gränze der Bukowina gegen die Moldau, und umfasst die rein 
ruthenischen Orte Slatiora. Dzemine und Ostra. Auch in Czernowitz und Suczawa 
(und in der Umgebung des letzteren, namentlich zu Petroutz, Boninze und Ipotestie) 
findet sich dieser Sprachstamm stark vertreten '). 

§. 33. 

B. Süd-Slaven. 

19. und 20.) Die slovenisch-friaul ische und slovenisch-i talienische 

Sprachgränze. 

19.) Die slovenisch- friaul ische Sprachgränze beginnt an der görzisch- 
friaulischen Landesgränze beim eisbedeckten Monte Canina. indem sie die Wasser- 
scheide zwischen den Thälern (C'anali) Roccolana und Resia verfolgt und das letztere 
umfassend über den Monte Chiampon und die Orte Pers, Flaipano und Ciseriis an den 
Cornappo-Bach zieht. Das ganze Resia-Thal sammt Lusevera und den drei benannten 
Orten ist jedoch sprachlich gemischt . indem hier slovenisch und friaulisch gesprochen 
wird. Weiterhin läuft die Sprachgränze über Cergneu. Porzus. Vernasso an den Zu- 
sammenfluss des Natisone 2 ) und Torrente Erbezzo, umfängt den slovenisch-friaulischen 
Bezirk von Castel del Monte, Prepotto. Dolinja und Ruttars. und überschreitet hier 
die Recca und die görzische Landesgränze. Im Kronlande Görz greift sie bis gegen 
die Landes-Hauptstadt zurück, in welcher friaulisch. slovenisch. deutsch und italienisch 
gesprochen wird. Dem Isonzo bis Gradiska folgend geht sie in die 

20.) slovenisch-itali en ische Sprach 1 ini e über und zieht als solche bis 
S. Giovanni an der obersten Bucht des Adria-Meeres. 



') Demselben wurden hier dritthalbtausend Gross -Russen (von der Secte der Lip p owan er) beigerech- 
net, welche die Ortschaften Fontina alba (Biala Kiernica), Klimoutz und Lippoweni ausschliessend bewohnen. 

3 ) Der Natisone war die alte Gränze zwischen Friaul und der Grafschaft Görz und zugleich zwischen 
wälscher und slo venischer Zunge. Schon Marin Sanu to in seinem Itinerario per la terra ferma veneziana 
anno 1483 sagt: „Rosiman (aqua) va nel Naxidon, la quäl, ut dicitur. parle la Italia da Schiavonia". 
Ciconii und nach ihm G. v. Martens (Italien II, S. 513) bezeichnen als Grunze der Schiavi in Friaul: 
In Tarcent die Brücke über den Torre. vor Cividale die Brücke von S. Guarzo über den Natisone, bei 
Faedis den Weiler Canal di Grivo. 



55 

§. 34. 

21. — 23.) Die slovenisch-serbisclie, slovenisch-serbokroa t ische und 
slovenisch-slovenokroa tische S p räch grunze. 

21.) In Istrien scheidet die Dragogna von Grisoni bis zu ihrem Ursprünge die 
Wohnsitze der slovenisehen Sa vr in er von einem slovenisch-serbokroatiseh gemisch- 
ten Gebiete , welches sich südlich bis an die Thore der Orte Buje, Piemonte. Portole 
und Sovignacco erstreckt, so dass erst dort das Gebiet der istrischen Serben seinen An- 
fang nimmt und die vielfach gewundene Linie von Salvore über Grisignana und Giotti 
nach Snidrici unfern von Sovignacco die slovenisch-serbisclie Sprac hg ranze 
bildet. 

22.) Bei Sovignacco beginnt die slovenisch-serbokroatische Gränze, 
welche zuerst, bis Ogrin nach Norden laufend, das oben bezeichnete gemischte Gebiet, 
dann, bis Raehitovic nach Osten ziehend, das rein slovenische von den serbokroatischen 
F u c k i trennt , neuerdings nordwärts gerichtet die Savriner von den serbokroa- 
tischen C i c en scheidet, sohin von Skadancina nach Osten bis unterhalb Castelnuovo 
in fast gerader Linie geht und die slovenisehen B e r k i n e r gegen die Cicen abgränzt. 
Bei Castelnuovo beginnt neuerdings ein slovenisch-serbokroatiseh gemischtes Gebiet, 
dessen Südgränze gegen die serbokroatischen Liburner sich um Berdo, Lipa und 
Susak schlingt und nach der Scheidelinie zwischen Istrien und Krain hinüberzieht. 

Sofort fällt die slovenisch-serbokroatische Sprachgränze mit der zwischen Krain 
und Kroatien (dem Koinitate von Fiume) laufenden politischen Gränze zusammen bis 
zum Gottscheer Ländchen. Während die slovenische Zunge diese grosse deutsche 
Sprachinsel umzieht und nur längs ihres südwestlichen Randes die Inseln Alt-Winkel 
und Bergovica bildet, tritt der serbokroatische Dialekt bei Grintovce über die Kulpa 
nach Krain und begränzt den südlichen Theil des Ländchens, worauf die beiden slavi- 
schen Dialekte westwärts von Tschernembl sich wieder berühren und über Pribince an 
die Gränze zwischen Krain und Kroatien hinziehen. 

23.) Die slo venisch-sl ovenokroatische Sprachgränze wird durch 
die Landesgränze zwischen Krain, Süd-Steiermark und Ungern einerseits, Kroatien 
andererseits bis Kott an der Mur gebildet. Doch zeigen manche Strecken, z. B. jene um 
Möttling in Krain, dann jene von Krapina bis gegen Varasdin, einen gegenseitigen 
sprachlichen Einfluss, so dass in ersterer kroatische und in letzterer häufiger als sonst 
slovenische Spracheigenheiten und Worte zu hören sind. 

§. 35. 
24.) Die slovenisch-magyarische Sprachgränze. 
Die slo venisch -magyarische Gränze durchzieht die südwestliche Spitze 
des Komitates Zala, von Kott nächst der Mur über Brezovica, Turnische. Kebele, tritt 
sofort in das Eisenburger Komitat ein und geht durch dasselbe nordwärts mit unbedeu- 
tenden Ein- und Ausbuchtungen über Gerencserocz. Gross-Säl, Dolincz, bis Börgölin un- 
weit St. Gotthard. In namhaftem Grade gemischte slovenisch-magyarische Orte finden sich 
längs der Gränze nur zwei, Kapcza im Zalader und Töt-Lak im Eisenburger Koinitate. 



56 

§. 36. 

25. und 26.) Die slovenokroatiseh -serbokroatische und slovenokroatisch- 

serbische Sprachgränze. 

Der Provincial- oder slovenokroatische Dialekt, im Kronlande Kroatien ') sowie 
in dem nördlichen Theile des Kreuzer und St. Georger Regimentes üblich, bildet 
den Uebergang von der slovenisehen zur eigentlichen (serbo-) kroatischen Mund- 
art, welche in der übrigen kroatischen Militärgränze und im kroatischen Küstenlande 
gesprochen wird und mit dem Serbischen (bei geringen Abweichungen) sehr nahe 
übereinstimmt. 

Diese Sprachgränze zieht von Marienthal (im Sichelburger oder Uskoken-Bezirke) 
nach Karlstadt, überschreitet an einigen Stellen die Kulpa und mit ihr die Gränze 
zwischen Civil- und Militär-Kroatien , indem sie in gerader östlicher Richtung bis Po- 
kupsko, dann mit der Kulpa bis Sisinec, und dieselbe abermals übersetzend bis Petri- 
nia und Neu-Sisek an dem Zusammenflusse der Kulpa und Save läuft. Hierauf wendet 
sie sieb nordwärts nach der Gränze zwischen Civil-Kroatien und dem Kreuzer Regi- 
mente . welche sie zwischen Gradec und Cugovec verlässt und nordostwärts über 
St. Ivan, Cirkvena. Kapella, Pittomaca bis an die Drau geht. 

In dem letzten Theile dieser Strecke stossen aber die Sloveno-Kroaten unmit- 
telbar mit den (slavonischen) Serben zusammen, sowie auch südöstlich der Linie von 
Sisek nach Ivanic Sloveno-Kroaten mit Serbo-Kroaten gemischt bis nach Jasenovac 
an der Vereinigung der Unna und Save wohnen und von Jasenovac über Lipovljane bis 
lllova an die Serben gränzen. 

^. 37. 
27.) Die slovenokroatisch-magyarische firiinze. 
Sie überschreitet, an die vorhergehende anknüpfend, die Drau, umschliesst einen 
theils gemischten, theils rein slovenokroatischen District von Baboea bis Vizvär im 
Somogyer Komitate. kehrt sofort an die Drau zurück, geht an derselben bis zur 
Einmündung der Mur aufwärts, wo im Süden des Stromes das slovenokroatisch- 
magyarische Legrad liegt, bildet weiterhin eine bis Fityehaza und Töt-Szt. Märton im 
Zalader Komitate reichende Ausbuchtung, jenseits deren sie an der Mur bis zum 
Beginne der slovenisch-magyarischen Gränze läuft. 

$. 38. 
2». — 30.) Die serbokroatisch-italienische, serbokroatisch-serbische, 

serbo kroatisch -magyarische Sprachgränze. 
28.) Eine serbokroatisch-italienische Sprachgränze besteht nur inso- 
ferne. als einige Küsten- und Inselstädte Istrien's mit vorwiegend italienischer Bevöl- 
kerung von Serbo-Kroaten umgehen sind. Namentlich gilt diess von Montona. Pinguente, 
Pisino, Galignana. Albona. Fianona. Veglia. Cherso, Ossero u. a. m. Ein Gleiches 
ist mit Fiume in Civil-Kroatien der Fall. 



1 ) Auch die Turopolyer zwischen Save und Kulpa sind Sloveno-Kroaten. 



57 

29.) Die (Serbo-) Kroaten und die Sorben sind sprachlich so wenig von einander 
verschieden, dass sieb eine eigentliche Spraehgränze zwischen ihnen nicht herausstellt, 
wozu auch beiträgt, dass die noch immer zwischen beiden Sprechweisen bestehenden 
Abweichungen nur im allmählichen Uebergange eintreten. Nichtsdestoweniger besteht 
zwischen den beiden Volksstämmen der Serbo-Kroaten und Serben ein vielfach mar- 
kirter Unterschied, und die Bezeichnung einer Scheidelinie zwischen ihren Wohnsitzen 
unterliegt keiner Schwierigkeit. Sie gränzen aber auf drei Seiten an einander, in Istrien, 
im Osten des adriatischen Meeres und in Slavonien. 

Die Gränze zwischen (Serbo-) Kroaten und Serben in Istrien hat 
erst im siebenzehnten Jahrhunderte ihre gegenwärtige Gestalt angenommen. Schon 
bei der ersten Einwanderung besetzten die (Serbo-) Kroaten jenen von den Slovenen 
nicht betretenen Theil des heutigen Istrien's , welcher damals zu Liburnien gehörte, 
nämlich den Ost-Abhang des Monte Maggiore von Albona an der Arsa bis Fiume 
sammt dem daranstossenden nördlichen Gebirgszuge. Der Südwesten der Halbinsel 
blieb vorwiegend romanisch, bis nach einer entvölkernden Krankheit die Venezianer 
Serben aus Dalmatien dahin verpflanzten. Bei Sovignacco stossen gegenwärtig Slo- 
venen (mit Serbo-Kroaten gemischt), Serben und (Serbo-) Kroaten an einander. 
Die serbokroatisch-serbische Gränze läuft sodann, vielfach aus- und eingebuchtet, über 
Vermo und St. Martin nach der Arsa. während Montona von Serbo-Kroaten und 
Serben umgeben ist. Im Nordosten des serbokroatischen Gebietes tritt der Stamm der 
Cicen 1 ) auf, während umPinguente die Fucki, umPisino die Beziaken erscheinen. 
Die istrischen Serben sind Morlaken, welche dort, wo sie zwischen Parenzo und 
Orsera fast bis an die Küste reichen, mit slavisirten Skipetaren gemischt erscheinen. 
Die istrischen Inseln gehören gegenwärtig ganz den Serbo-Kroaten an. 

Im Osten des adriatischen Meeres ist die Gränze zwischen Militär- 
Kroatien und Dalmatien auch die serbokroatisch-serbische Sprachscheide. Endlich 
bildet die Linie, welche das St. Georger und Kreuzer Regiment von Civil-Slavonien und 
das zweite Banal-Regiment von dem Gradiskaner trennt, auch die ethnographische 
Gränze der Serbo-Kroaten gegen die Serben in Slavonien. 

30.) Da an der Drau die Sloveno-Kroaten und die Serben zwischen die Ma- 
gyaren und Serbo-Kroaten treten, würde keine serbokroatisch -magyarische 
Sprach gränze bestehen, wenn nicht die serbokroatischen Inselgruppen im Eisenburger 
und Oedenburger Komitate die beiden Volksstämme in unmittelbare Berührung brächten. 

§. 39. 

Serbo- und sloveno-kroatische Sprachinseln. 

Die kroatischen Inseln in Ungern , Oesterreich und Mähren bilden eine Art 
Archipel, welcher die Verbindung zwischen Nord- und Süd-Slaven in der Monarchie 
vermittelt. Man kann sie in folgende Hauptgruppen theilen : 



M Ueber die ursprüngliche ethnographische Stellung dieses Stammes, sowie der nicht minder gemischten 
Beziaken kann erst im Verfolge der Bevölkernngsgeschichte Istrien's gesprochen werden. 

I. 8 



58 

A) Die Kroaten in Ungern 1 ) in drei Abtheilungen: 

d) die unteren Kroaten im Eisenburger Komitate, welche einerseits zwischen 
den Hienzen die kleinen Inseln Stinac und Kumersdorf (mit Gross -Mirvisch) und. 
theils rein, theils mit Deutschen gemischt, das grosse Gebiet von Kroatendorf bis 
Hasendorf (bei Güssing) und von Stegersbach bis Edlitz bewohnen, andererseits zwi- 
schen dem deutschen und magyarischen Gebiete in zwei Abtheilungen von Schönau bis 
Kroatisch-Schützen und von Prostrum bis Nädallya (bei Könnend) sich verbreiten : 

b) die oberen Kroaten im Oedenburger Komitate. welche von der Nähe des 
Neusiedler Sees Wasser-Kroaten genannt werden, und einerseits in zwei grösseren 
Inseln im deutschen Gebiete um Eisenstadt und Oedenburg. andererseits in mehreren 
kleineren zwischen deutschen und magyarischen Ortschaften, von dem magyarisch- 
deutsch-kroatischen Homok bis zu dem rein kroatischen Siegersdorf (unterhalb 
Locsmänd) 2 ) verbreitet sind : 

c) die Wieselburger Kroaten, welche, theils rein theils mit Deutschen ge- 
mischt, längs der österreichischen Gränze von Kittsee und Parendorf bis Sarndorf und 
in den kroatischen Inseln Pallersdorf . Ungrisch- und Kroatisch-Kimling zu finden sind. 

Die Pressburger Kroaten, welche früher weit zahlreicher waren, sind jetzt nur 
noch in den Orten Kaltenbrunn (Dubrawka), Blumenau (Lamacs), Bisternitz und Neu- 
dorf, obwohl mit Slovaken vermengt, einigermassen erkennbar, so dass von einer 
(serbo-) kroatisch-slovakischen Sprachgränze nicht die Rede sein kann. 

B. Die österreichischen Kroaten erscheinen in drei Gruppen: 

d) Leitha -Kroaten unter den Deutschen in Picheisdorf. Hof. Au und mit 
einer geringen Anzahl auch in Mannersdorf ; 

b) Marchfeld-Kroaten, welche am linken Ufer der Donau von Mannsdorf und 
Breitstätten bis Engelhardstätten, abgesondert aber in Breitensee und in Zwerndorf 
an der March wohnen, jedoch schon stark germanisirt sind ; 

c) T h a y a - K r o a t e n . welche in Ober- und Unter-Themenau und der Umgebung 
unter den dortigen Slovaken leben. 

C. Die mährischen Kroaten sind in Fröllersdorf. Neu-Prerau und Gutenfeld 
bei Dürnbolz zu linden, mit Deutschen vermischt. 

§. 40. 

31.) Die serbisch-magyarische Sprachgränze. 

Die serbisch-magyarische Sprachgränze zieht von der Gränze des St. Georger 
Begimentes und der Pozeganer Gespanschaft längs der Drau, mit einer Ausbuchtung 
nach dem deutsch-serbisch-magyarischen Bares, bis sie unterhalb des magyarisch- 
deutschen Tainäsi ins Somogyer Komitat übergeht und den Uferstrich von Potony bis 
zur Gränze des Baranyaer Komitates in sich begreift. Von da folgt sie wieder der 

') Abgesehen von den beiden magyarisch-slovenokroatisehen Orten Csurgö und Berzencze im Somogye 
und dem deutseh-magyarisch-slovenokroatischen Szejietnek im Zalader Komitate. 

2 ) Dieses hängt wieder mit dem kroatisch -magyarischen Tömörd im Eisenburger Komitate unmittelbar 
zusammen. 



59 

Drau, überschreitet dieselbe neuerdings oberhalb Drava-Szt. Märton und unisehliesst 
ein ausgedehntes, stark mit Deutsehen, strichweise auch mit Magyaren gemischtes 
Gebiet bis gegen die Mitte der Baranya bei dem magyarisch-deutsch-serbischen Puszta 
Satoristje. Südöstlich schliessen sich an dieses Gebiet noch das serbisch-magyarische 
Herezeg-Szöllös. das serbisch-deutsche Monostor undKäcsfalu und die deutsch-serbisch- 
magyarischen Orte Därda und Rettalu als eben so viele inselartige Fortsetzungen an, 
während die serbisch-magyarische Gränze unterhalb Essek an der Drau wieder beginnt 
und bis Draueck an dem Flusse bleibt. 

In der Backa wohnen die Serben im ganzen deutschen Sprachgebiete längs 
der Donau, so zwar , dass sie im Norden des Franzens-Canals nur in Santova und 
Bereg rein, in Cavolj. Baja. Bikic (diese Orte nebst einigen kleineren sind durch 
einen schmalen Streifen rein deutschen Landes vom serbischen Hauptgebiete getrennt), 
Gara. Katymar. Stanisic. Zombor. Canoplja und Sivac vorwiegend auftreten, im 
Süden des Canals aber die Mehrzahl der Bevölkerung bilden, jedoch auch hier von 
nicht unbedeutenden deutschen, slovakischen und magyarischen Gebietsteilen durch- 
brochen werden. Ostwärts an das deutsche Sprachgebiet sich unmittelbar anschliessend, 
liegen zwei serbisch-magyarische Gruppen: Ober-Szt. Ivan mit Praedium Bern und 
Nemes-Militics mit Pacser. Praedium Baglatica, Bajsa und dem rein serbischen 
Szeghegy. Der östliche pusztenreiche Theil der Backa ist vorwiegend magyarisch, doch 
schliesst sich an Szeghegy ein ausgedehnter serbisch-magyarischer Bezirk, welcher 
längs der Theiss von Zenta über Ada, Mohol. Petrovoselo, Alt-Bece nach Földvär 
läuft und noch am Franzens-Canale Szt. Tamäs und das rein serbische Turja in sich 
begreift, auch hier wieder mit dem serbischen Hauptgebiete zusammenhängend. 

Im Banate läuft die serbisch-magyarische Sprachgränze ziemlich parallel mit 
der Theiss , durch einen schmalen Streifen Landes von ihr getrennt, von Türkisch- 
Kaniza bis in die Nähe von Päde herab, umschliesst aber auch magyarisches und 
deutsches Element. Oestlich von Pade biegt die serbisch-magyarische Gränze nach dem 
Nordosten um und endet südwärts der Aranka zwischen dem serbischen Mokrin und 
dem magyarischen Praedium Verhitza. 

32.) Serbisch-deutsche Sprachgränze. 

Von Mokrin zieht sich das serbische Gebiet theils rein, theils mit Deutschen und 
Magyaren (in Aradac mit Bulgaren und Slovaken) gemischt bis Gross-Beckerek an der 
Bega herab, so dass die Linie von Mokrin über Klein-Kikinda nach der Bega die 
Gränze gegen das deutsche bildet. Zwischen der Bega und Teuies reichen die Deutschen 
bis an die Scheidelinie des Banates und des deutsch-banater Begimentes, und bis nach 
Titel und Perlas in die Militärgränze hinein. Von Neusina läuft die serbisch-deutsche 
Sprachgränze grösstenteils längs der Temes aufwärts bis zu dem serbischen Zurjan, 
tritt nach einer kurzen Unterbrechung wieder mit dem serhisch-romanisch-deutschen 
Gaad an den Fluss und wendet sich sofort südwärts gegen Hajdusica am Canal von 
Alibunar. Nach einer abermaligen Unterbrechung durch ein schmales magyarisches und 

8* 



60 

romanisches Gebiet erstreckt sie sich von dem serbisch-romanischen Margitta über 
Gross-Gaj in mancherlei Windungen bis Vatina an der Moravica und schliesst hier 
bei dem Uebertritte des serbischen Gebietes aus dem Gross-Beckereker in den 
Temesvärer Kreis ab. 

§• 42. 
33. und 34.) Die serbisch-romanische (walachis che) und serbisch- 
italienische Sprac hg ranze. 

33.) Serben und Romanen haben im Banate schon zwischen der Maros und 
Moravica ihre Berührungspuncte, jedoch nur so, dass das zusammenhängende serbische 
Gebiet mit romanischen Sprachinseln oder umgekehrt gränzt. Die serbisch-romanische 
Sprachscheide beginnt demnach erst bei Vatina, läuft mit mancherlei Beugungen 
über Gross - Sredistje nach dem serbisch - deutschen Versec und erreicht über das 
romanisch - serbische Vlaikovec an der Römerschanze die Gränze zwischen dem 
Banate und der Militärgränze. Die Nord- und Ost-Gränze des illyrisch-banatisehen 
Regimentes bildet nunmehr bis unterhalb Alt-Moldova im Wesentlichen auch die sprach- 
liche Scheidelinie des vorwiegend serbischen Sprach-Elementes im Süden und des roma- 
nischen im Norden; doch ist einerseits die romanische Nationalität auch in einem 
zusammenhängenden Gebiete fast über das ganze illyrisch-banater Regiment und bis 
zu den romanisch-serbischen Orten Neudorf und Sefkerin und dein serbisch-romanisch- 
deutschen Alt-Borca in das deutsch-banater Regiment hinein verbreitet, so wie anderer- 
seits die Serben nordwärts der Gränzlinie in Subotica mit Slovaken gemischt wohnen. 

34.) Die serbische und italienische Sprache berühren sich an den Küsten 
von Istrien und Dalmatien, wie im §. 47 umständlicher besprochen wird. 

Was südlich der in den §§. 34, 36, 38, 40—42 erwähnten Sprachgränzen liegt, 
gehört den serbischen Sprachstämmen an, welche unter den verschiedenen Namen der 
Slavonier, der slavonischen Gränzer, der Serben 1 ) (sammt Schokacen und 
Bunjevacen), der Dalmatiner (Morlaken 3 ), Ragusaner, Bocchesen), etc. 
bis zu den Gränzen der Monarchie und an das Adria-Meer in ziemlich compacter 
Masse hinabreichen. 

§• 43. 

Serbische Sprachinseln. 
Die serbischen Sprachinseln sind zwar nicht so zahlreich als die kroatischen, doch 
nicht unerheblich. 



') Vielfach werden die in der Monarchie wohnhaften Serben „Illyrier" und ihre Sprache in den ver- 
schiedenen Abzweigungen von Ungern bis nach Istrien die „illyrische" genannt. Obwohl diese Bezeichnung 
selbst amtliche Geltung erlangt hat (z. B. die „illyrischen" Provinzen, das „illyrisch-banater" Regiment, 
der „illyrische" National-Clerical-Sehulfond) und obgleich die neue süd-slavische Literatur, namentlich 
auf L. Gaj's Antrieb, dieselbe für das ganze Süd-Slaventhum in Anspruch nahm, so wird sie dennoch 
von den vorzüglichsten slavischen Sprachforschern, wie Kopitar und Miklosich, nicht angenommen und 
zwar mit vollem Rechte, da ein Zusammenhang zwischen dein Slavismus und dem alten Ulyrismus nicht 
nachzuweisen ist und der Name ..Illyrien" eben desshalb wohl auf ein mehr oder weniger ausgedehntes 
Ländergebiet, nicht aber auf eine lebende Sprache oder auf einen Volksstamm der Gegenwart sich 
beziehen liisst. 

3 ) Die etwa unter den Morlaken befindlichen Reste der Awaren haben sich längst slavisirl. 



61 

a) I» Ungern. Südlich von Fünfkirchen bilden die Ortschaften um Birjän, Sza- 
Ianta und Udvard ein serbisches Spracheiland. Doch findet sich das serbische Element 
auch in Hertelend und Ibafa, Szigetvär, Fünfkirchen, Gross-Kozär, Siklös und anderen 
kleineren Orten, gemischt mit magyarischer und deutscher Nationalität. 

Oestlich von Fünfkirchen scbliesst die grosse deutsche Sprachinsel in ihrer Er- 
streckung durch den südlichen Theil des Tolnaer und den nördlichen des Baranyaer 
Komitates in und um Salka, in Serbisch-Meeke, in Gross-Päll, in Vemend, von Kätoly 
bis Szekcsö, in und um Mohäcs Serben, aber nur gemischt mit den Deutschen, theil- 
weise auch mit Magyaren, ein. 

Auf der Insel Csepel, wo sie einst viel zahlreicher waren, findet man noch Serben 
in Lore rein, in Csep, Tököl und Csepel mit Deutschen gemischt, sowie sie auch im 
Stuhlweissenburger Komitate zu Ereseny und Batta mit Magyaren, zu Erd (Hamsabeg 
vulgo Hanzelbek) mit Deutschen und Magyaren verbunden wohnen. Im Pest-Piliser 
Komitate leben sie in der Baizenstadt Ofen's, dann in den serbisch-deutsch-slovakiseh- 
magyariseben Orten Szt. Endre und Pomäcz, welche mit ihrer Umgebung die nörd- 
lichste serbische Sprachinsel bilden. 

Bein in Klein-Bereny, sonst aber mit Magyaren, zum Theile auch mit Deutschen 
gemischt, wohnen Serben in zwei grösseren und drei kleineren Sprachinseln des Somo- 
gyer Komitates südwärts vom Plattensee. 

b) In der Wojwodschaft und dem Banate. 

Eine namhafte Zahl serbischer Sprachinseln scbliesst das magyarische, deutsche 
und romanische Gebiet desZomborer, Gross-Beekereker und Temesvärer Kreises in sich. 
Th?ils rein, theils mit den vorwiegenden Nationalitäten gemischt, wohnen die Serben im 
Praedium Klein-Szälläs, in und um Theresiopel, vonDeska und Szöreg an der Maros bis 
Märtonyos an der Theiss, an der Maros aufwärts in Serbisch-Csanäd, Gross-Szt. Miklos, 
Saravola, Varias und Nagyfalu, Fenlak 1 ), weiter südlich in Gross-Kikinda, in Csernegy- 
häza, nächst der Bega in und um Temesvär und Klein-Beckerek, in Nemeti, Cenej, 
Checea, Cernja, am Bega-Canal zu Ittebe und Szt. György, zwischen dem Canale und 
der Temes in einer ausgedehnten Strecke von Dinyas und Pardäny bis Budna und 
Modos, südlich der Temes in Parza, Cakova, Obsenica, Soka und Denta. Ganz abge- 
sondert liegt die serbisch-romanische Insel, die sich von Duboki-Nadas bis Petrovoselo 
und Lukarec erstreckt. 

§• 44. 
III. Die Sprachgränzen der Romanen (im weiteren Sinne). 

A. West-Bomanen. 

Im Westen und Osten der Monarchie wohnen Volksstämme, deren Mundarten in 

ihren Hauptbestandtheilen aus der Sprache der ewigen Borna entstanden sind oder 

auf einer mit ihr gemeinsamen Abstammung beruhen, die Italiener nebst Ladinern 

und Friaulern einerseits und die Walacben und Moldauer andererseits, so dass 



') An Fenlak schliesst sich das serbisch-romanische Bodrog im Arader Komitate, wo auch die Haupt- 
stadt mit der nächsten Umgebung- romanisch-magyarisch-deutsch-serbisch ist. 



62 

man in Bezug auf die geographische Lage in der österreichischen Monarchie die 
ersteren als West-Romanen, die letzteren als Ost-Romanen auffassen kann. 

Eigentliche Italiener bilden im lombardisch-venezianisehen Königreiche (mit 
Ausnahme von Friaul), in Süd-Tirol, an dem Küstensaume von Grado und Monfalcone 
(Görz), in Triest, in den meisten Städten und einigen an's Meer gränzenden Gebieten 
und Sprachinseln Istrien's und Dalmatien's und zu Fiume die vorwiegende Bevölkerung. 

Ohne hier in Abgränzungen der zahlreichen italienischen Dialekte einzu- 
gehen , bemerken wir nur , dass in den lombardischen Dialekten neben dem Latein 
vorzüglich der keltische, in den venezianischen aber auch der griechische , bei beiden 
nur in untergeordnetem Maasse der spätere germanische Einfluss bemerkbar ist, 
in den Gebirgsthälern (namentlich in der Valtellina, in Val Camonica und Trompia, in 
Süd-Tirol und dem anstossenden Theile des Veroneser Gebietes) hingegen noch eine 
Modifikation durch rasenische (rhätisch-etruskische) Elemente hinzutritt. Am unver- 
kennbarsten ist die keltische Abstammung bei dem in Form und Aussprache den galli- 
schen Ursprung verrathenden Mailänder Dialekte (welcher südlich von Como nicht 
nur in der Provinz Mailand, sondern bis gegen Lodi und Pavia herrscht und auch 
ausserhalb der Monarchie im ganzen Umfange des alten Herzogthumes Mailand 
geredet wird) . insbesondere aber bei der Mundart der Bergbewohner von Como ') und 
der Valtellina sowie bei der Sprechweise der Bergamasker und Brescianer. 
Bei immer noch starker keltischer Mischung scheint der nieder-lo m bardisch e 
(emilische) Dialekt in dem Striche, welcher von Pavia längs der Niederungen des 
Po über die Römer-Colonien Cremona und Piacenza bis zu dem alt-etruskischen 
Mantua reicht, auf einer dem Latein noch näher stehenden Grundlage zu ruhen. 
Derselben nähert sich weiterhin der sonst den venezianischen beizuzählende Dialekt 
derPaduaner, deren Gesinnung, wie jene der Veneter überhaupt, schon vor der 
Begründung römischer Herrschaft durch den gemeinsamen Gegensatz zu den Kelten 
für Rom gewonnen war, deren eifriges Eingehen in römische Cultur bekannt ist, 
deren Universität späterhin zur Aufrechthaltung des lateinischen Idioms beigetragen 
haben dürfte. Das Venezianische endlich, die weichste und wohlklingendste der 
italienischen Mundarten , ging entschieden von Elementen aus , welche dem Alt- 
Griechischen nächstverwandt waren , und bildete dieselben nach dem Falle des römi- 
schen West-Reichs durch den langen enggeknüpften politischen und commerciellen 
Zusammenhang mit Byzanz noch allseitiger aus. Ihm gehört das ganze venezianische 
Flachland zu; ihm schliesst sich auch die italienisch redende Bevölkerung Istrien's und 
Dalmatien's an. Die Sprechweise des venezianischen Hochlandes hingegen vermag die 
umfassende Einwirkung der Kelten nicht zu verläugnen, die sich selbst im Veroneser 
undTrientiner Dialekte noch neben den rasenischen Modifikationen bemerklich macht. 

An den venezianischen (und b clluncsisch.cn) Dialekt gränzt jener der Friaul er, 
welcher jedoch den Charakter nicht sowohl eines italienischen Dialektes , als einer mit 
hervorstechenden alt-keltischen Elementen gemischten dem alt-katalonischen höchst 



i) Siehe Pietro Monti „Vocabolario dei dialetti della üiocesi e Citta di Como. Mailand 1845. Zweite ver- 
mehrte Auflage 1856." 



63 

nahe stehenden Tochtersprache des Romanischen an sieh trägt, und daher, wegen 
seiner Aehnlichkeit mit der Mundart der Ladiner, gleich dieser auf der ethnographi- 
schen Karte von der italienischen Sprache durch eine Sehraffirung unterschieden wurde. 

§• 45. 
35.) Die italienisch-ladinische Sprachgränze. 

Die Ladiner, deren Namen auf lateinischen Ursprung hinweist, wohnen in 
Tirol in den Thälern Gröden, Abtei und Enneherg. 

Man unterscheidet zwei Mundarten: ä) die eigentlich ladinische, 
etwas härter lautend , im Grödner Thale ( Valle gardena) und im Enneberg, welche 
mit der in Engadein herrschenden Sprechweise mehr übereinkömmt, und b) die 
badio tische im Abtei-Thale (Badia), welche etwas weicher klingt. Einen Ueber- 
gang zum Italienischen bildet die Mundart im Buchenstein- und im Fassa-Thale 1 ). 

Die italienisch-ladinische Sprachgränze wird in Tirol durch den hohen 
Gebirgszug bezeichnet, welcher das Abtei-Thal vom Ampezzo-, Buchenstein- und 
Fassa-Thale scheidet. 

§. 46. 
36.) Die italienisch-friaulisehe Sprachgränze. 

Die Friauler oder Furlaner (Forojulienses) zeigen in ihrer Sprache die 
Spuren ihrer Abstammung von den keltischen Karnern und der hinzugetretenen Roma- 
nisirung , dann in schwachen Umrissen jene ihrer theilweisen Germanisirung durch die 
kurzdauernde Herrschaft der Ost-Gothen und Franken, und durch die längerdauernde 
der Langobarden, sowie des Einflusses der Nachbarschaft der Slaven. endlich jene der 
italienischen Modificirung seit der venezianischen Herrschaft. Da diese Sprache bei 
keltisch-römischer Grundlage unter Eintluss jener verschiedenartigen Einwirkungen 
entstand, so erklärt sich wohl ihre Verwandtschaft einerseits mit dem Ladinischen, 
andererseits mit der iberisch-keltisch-romanischen Mundart, welche einst an der 
Nord-Küste des Mittelmeeres gesprochen wurde. 

Die furlanische Sprache herrscht fast ausschliessend in der ganzen Provinz Friaul; 
nur an der westlichen Gränze geht in dem Bezirke von Pordenone '•) das Friaulische 
allmählich in das Italienische über, welches in dem Bezirke von Sacile bereits 
unbedingt vorherrschend ist. Man unterscheidet im Friaulisehen zwei Sprechweisen, 
nämlich die eigentliche furlanische und die car ni e lisch e. Letztere wird auf 
dem Gebiete des ehemaligen Carnien . d. i. in den Gebirgsthälern oberhalb Zuglio 
(Julium Carnicum), besprochen und durch eine rauhere Aussprache und häufigere kel- 
tische Wurzeln eharakterisirt , während bei der ersteren das romanische Element dem 
Wortschatze und der Aussprache nach überwiegt. 



') Dass die ladinische Sprache in Tirol einst weiter im Lande verbreitet war und wahrscheinlich ent- 
lang des Viatschgaii's (vallis venusta) mit dem Ladin im Engadein zusammenhing , zeigen zahlreiche 
Loeal -Namen ladinischen Ursprungs. 

~) Dass in Pordenone (Portenau), welches seit der Erwerbung Steiermark'» den österreichischen Regenten ge- 
hörte, schon im fünfzehnten Jahrhunderte kein Deutscher zu linden war, sondern nur Friauler wohnten, sagt 
Warin Sanuto ausdrücklich in seinem Itinerarium vom Jahre 1483, 



64 

Die Gränzc zwischen dem Italienischen und Friaulischen wird 
in der nördlichen Hälfte durch die Gränzen der Provinzen Belluno und Friaul bis zu 
den Quellen des Torrente Artugna bezeichnet; Aviano an demselben, S. Quirino, 
S. Lorenzo, Casarsa und Chions sind die Gränzpuncte des rein friaulischen Sprach- 
Gebietes gegen den gemischten Bezirk von Pordenone. Weiterhin fällt die Sprach- 
Scheide mit den Provinz-Gränzen von Friaul gegen Treviso und Venedig bis zur Mün- 
dung des Tagliamento zusammen. Die friaulische Mundart greift auch über die Gränzen 
Italien's nach Görz und Gradisca bis jenseits des Isonzo, und findet westlich davon nur 
an dem sumpfigen Küstensaume (südlich von Belvedere) in und um Grado ihre Gränze. 

§• «• 

Italienische Bezirke und S prachiuseln an der Ost-Küste des A dria-Me eres. 

Die Ost-Küste des adriatischen Meeres stand zu den Zeiten der Bömer in inniger 
Verbindung mit Italien, und vorzugsweise romanisch war die Bevölkerung der dortigen 
Küstenstädte. Nachdem sich die Slaven daselbst sesshaft gemacht, wurde zwar das von 
den Romanen bewohnte Gebiet eingeengt, doch erhielten sich römische Abstämmlinge 
in den festen Städten Dalmatien's und Istrien's, und andere kamen aus Italien zur Zeit 
der venezianischen Herrschaft herüber; selbst manche der slavischen Städtebewohner 
wurden mit der Zeit italienisirt. Noch heute ist die italienische Sprache an jener Küste 
die Sprache der Verwaltung, der Gerichtshöfe, des Handels und der Schifffahrt, wor- 
nach denn auch der Gebrauch der italienischen Sprache viel weiter reicht , als die 
eigentlich eingeborne italienische Bevölkerung. 

Dem italienischen Sprachgebiete zunächst liegt T r i e s t. Sowohl die Entstehung 
dieser Stadt aus einer römischen Colonie. als ihre späteren Beziehungen zu Venedig 
und die Eigenschaft eines grossen Schifffahrts- und Handelsplatzes am Adria-Meere 
haben die italienische Bevölkerung zu der an Zahl überwiegenden gemacht, während 
ihre Sprache auch von dem nicht italienischen Theile der Bevölkerung , worunter die 
Deutschen an Zahl und Einfluss hervorragen, verstanden und gesprochen wird. 

In dem benachbarten I Strien sind sämmtliche Städte an der West-Küste von 
Italienern bewohnt, so dass sich ein italienisches Gebiet fast ununterbrochen von 
Muggia bis Pola herab erstreckt. Muggia. Capo d'Istria. Isola und Pirano bewahren die 
reine Abstammung in ununterbrochener Folge von der einstigen romanischen Bevöl- 
kerung dieser Gegend. Ebenso reichen Orsera, Rovigno , Valle und Dignano mit ihrer 
romanischen Bevölkerung bis in die Römerzeit hinauf; doch lässt ihr etwas verschie- 
dener Dialekt wahrnehmen, dass ihre Colonisirung aus einer südlicheren Gegend, als die 
der obgenannten Städte, erfolgt sein mag. Umago dagegen nebst Cittanuova, Parenzo 
und Pola wurden , nachdem die Pest wiederholt die ursprüngliche Einwohnerschaft 
weggerafft, von Venedig aus im siebenzehnten Jahrhunderte neu bevölkert. Im Innern 
der Halbinsel von Istrien bildet die italienische Bevölkerung von Buje, Portole, Mon- 
tana und Pinguente, sowie an der Ost-Küste jene von Albona und zum Theile von 
Fianona einen Ueberrest ihrer einstigen romanischen Bewohner. 

Wenn die italienische Sprache auch in Pisino (Mitterburg), dem Sitze der Kreis- 
Behörde, sowie in einzelnen anderen Orten gesprochen wird, so ist diess mehr eine 



65 

Folge der Beschäftigung' und des dadurch hervorgerufenen Bedürfnisses, als ursprüng- 
lich italienischer Absiedlung 1 ), wie denn von der gebildeten Classe der ganzen Halb- 
insel das Italienische neben der Muttersprache geredet zu werden pflegt. 

Fiume, der Haupthafen des Quarners, scheint seine vorwiegend italienische 
Bevölkerung ursprünglich durch Flüchtlinge erhalten zu haben und verstärkte sie jeden- 
falls durch Handel und Schifffahrt. Letzteres ist auch der Fall mit den quarnerischen 
Inseln, wo nur die Stadt Veglia alt-romanischen Ursprungs und fast ganz von Italienern 
bewohnt ist, während in den übrigen Hauptorten, wie Cherso, Lussin piecolo, Ossero, 
Arbe, die italienische Sprache bloss neben der serbokroatischen häufig gesprochen wird. 

In Dalmatien ist die italienische Bevölkerung der grösseren Städte, meist den 
höheren Ständen angehörig, von alt-romanischer Abstammung, namentlich in Zara, 
Sebenico. Trau, zum Theil auch in Ragusa, vorzüglich aber in Spalato, wo die eigentliche 
Stadt durchaus von Italienern bewohnt wird. Noch erscheint die italienische Sprache 
herrschend in Lesina und Curzola, indem die Beschäftigung mit Handel und Schifffahrt 
jenes Element mächtig förderte. Auch an den übrigen Küsten und auf den Inseln Dal- 
matien's wird, obgleich die herrschende Sprache die serbische ist, in Folge des ununter- 
brochenen Seeverkehrs mit Italien, die italienische verstanden und geredet *). 

§. 48. 
B. Ost-Romanen. 
(Rumuni, Rumänen, Romanen, oder Walachen und Moldauer.) 
Diese Romanen breiten sich im österreichischen Staate über den südöstlichen 
Theil von Unsern. den westlichen, nördlichen und südlichen von Siebenbürgen, sowie 
den südlichen und östlichen der Bukowina aus und stehen in ethnographisch-geogra- 
phischer Hinsicht mit ihren Stammverwandten in der Walachei und Moldau in Ver- 
bindung; ihre Wohnsitze nehmen also beiläufig den Umfang des alten (trajanischen) 
üacien's ein. so dass sich die darin eingeschlossenen Gebiete der Magyaren und 
Sachsen nur als grosse Spracheilande darstellen 3 ). 

§. 49. 

37.) Die romanisch-magyarische Sprachgränze. 

a) In Ungern. 

Sie beginnt im Beregh-Ugocsaer Komitate bei Batartscha , geht südwärts über 
Turtz an das Tür-Flüsschen, überschreitet dasselbe zugleich mit der Gränze desSzath- 
märer Komitates, umschlingt eine magyarisch-deutsch-ruthenisch-slovakische Insel und 
begränzt sodann, über Batiz. Vasväri und Papfalva bis Ura westwärts, von da nach 
Domahida südwärts ziehend, ein ausgedehntes romanisch-magyarisches Gebiet. Indem 

') Doch haben die sporadischen Niederlassungen frianlischer (carnielischer) Gewerbsleute der italienischen 

Sprache vielfachen Vorschub geleistet. 
-) Die italienischen Absiedlungen früherer Jahrhunderte im ungrischen Binnenlande verloren längst ihren 

nationalen Charakter; die Colonie Mercydorf im Banale hat sich germanisirt. 
3 ) Auch erhielt die romanische Bevölkerung des Banat's und Siebenbürgen^ noch zu verschiedenen Zeiten durch 

Einwanderungen aus den Donau-Fürstenfhümern einen Zuwachs, sowie die Romanen der siebenbürgisch- 

ungrischen Gränzgebirge erst seit dem Karlowitzer Frieden sich wieder gegen das Tiefland ausbreiteten. 

I. 9 



66 

hier eine grosse deutsche und deutseh-romaniseh-magyarisehe Insel die unmittelbare 
Berührung- zwischen dem romanischen und magyarischen Elemente unterbricht, beginnt 
dieselbe erst wieder nächst der Gränze zwischen Szathmar und Szabolcs unweit Pe- 
neszlek. Die Gränze zwischen Szathmar und Nord-Bibar trennt sofort das romanische 
Gebiet von einer ruthenisch-magyarisehen Sprachinsel, bis nächst Mihälyfalva wieder 
die Umfangung eines zweiten bedeutenden magyarisch-romanischen Landstriches ihren 
Anfang nimmt, die über Er-Tarcsa an den Er zieht und an demselben aufwärts an die 
unoriscb-siebenbürgische Landesgränze gelangt. Bei dem romanisch-magyarischen Keez 
tritt die Sprachscheide nach Süd-Bihar ein. umschlingt das magyarische Margitta und 
zieht über Keresztür (gemischt) an den Berettyö, an welchem sie bis unterhalb Farnos 
bleibt. Ueber Gross-Tötfalu und Siter-Völgy wird das romanisch-magyarische Gross- 
wardein und der schnelle Koros erreicht, welchen die Gränzlinie bis oberhalb Keresztszeg 
begleitet und nach einer grossen romanisch-magyarischen (bis Zsaka und Danas an die 
Gränze des Bekes-Csanäder Komitates und auf die sumpfreiche Körös-Insel bei Bölcsi 
sich erstreckenden) Ausbuchtung abermals erreicht, doch nur um ihn sofort zu über- 
schreiten und südostwärts über Puszta Begecs (gemischt) und Puszta Atyas an der 
Nordo-ränze des Arader Komitates zum schwarzen Koros zu gelangen. Jenseits desselben 
wird die Bichtung der romanisch-magyarischen Gränze eine rein südliche . bis sie 
nächst dem romanisch-magyarischen Klein-Jenö an den weissen Koros kömmt . mit 
welchem sie bis Gyula-Varsänd zieht. Hier beginnt die im §. 17 erwähnte theils rein 
deutsche, theils deutsch-gemischte Gruppe des Bekes-Csanäder und Arader Komitates. 
an welche westwärts wieder zwei romanisch-magyarische Territorien stossen und bis 
Puszta Eperjes in der erstgenannten und bisCurtitsch in der zweitbezeichneten Gespan- 
schaft sich ausdehnen, wo die romanisch-magyarische Sprachlinie in Ungern endet. 

§. 50. 
Fortsetzun g. 

b) In Siebenbürgen. 

Die romanisch-magyarische (szeklerische) Gränze beginnt im Osten Siebenbürgen's 
an dem Gebirgszuge Tatarmezö, welcher die Quellen der Aluta und die oberen Zuflüsse 
der Maros von jenen der Bistritz sondert ; zwar kommen in diesen fast unbewohnten 
Berg- und Waldstrecken nur einzelne kleine Orte und Gehöfte vor, sie sind aber 
in die romanische Sprachgränze einzubeziebcn. weil die Namen der Gebirge und Wild- 
bäche romanisch lauten. Die Sprachgränze überschreitet sodann zwischen Ditro und 
Värhegy die Maros und geht westwärts an die Gränze des Bistritzer Kreises gegen den 
Udvarhelyer und Väsärhelyer. an welcher sie bis unweit Telek bleibt. Dort beginnt 
das (Bomanen-Szekler) gemischte Gebiet, dessen mehrfach geschlungene östliche 
Gränzlinie durch die Orte Iszlö, Klein-Illye. Tötfalva. Moson. Andrasfalva. Szt. Läszlö. 
Szt. Häromsäg, Vaja, Karäesonyfalva. Megyesfalva und Keresztür an der .Maros und 
Fintabäza bezeichnet wird, und bei Szt. .Märton an der Nordgränze des Hermann- 
städter Kreises der Scheidelinie des deutsch-romanischen Gebietes gegen das magya- 
rische sich anschliesst. Diese letztere verläuft nordwärts des deutschen Felldorf und 



67 

iles deutsch-romanischen Sächsich-Nadesch, worauf wieder ein romanisch-magyarischer 

Sprachgärte] dazwischen tritt, dessen äussere Gränze längs der Orte Romanisch- 
Zsäkod. Ungrisch-Hidegkut, Bomanisch-Andräsfalva. Sard. Szederjes und Bethfalva 
(an der grossen Kokel) läuft. Abermals tritt an der Gränze der Kreise Hermannstadt 
und Kronstadt gegen Udvarhely das deutsch-romanische Gebiet mit Erkeden und Meh- 
burg unmittelbar an das magyarische, dann folgt das rein romanische Paloseh und wieder 
die deutscli-romanisehen Orte Draass und Streitdorf an der grossen Homora. Neuer- 
dings beginnt ein gemischter Streifen, welcher sich mit den romanischen Orten Ago- 
stonfalva und Urmös bis an die Aluta ausdehnt, und, nach einem kurzen Zurücktreten 
auf das linke Ufer derselben, am rechten durch die magyarisch-romanischen Orte 
Bölön, Sepsi Szt. György. Komollo und Bikfalva begränzt wird. Südöstlich vonBikfalva 
endlich stösst wieder rein magyarisches und rein romanisches Gebiet an einander, 
deren Scheidelinie im unwirtbbaren Hochgebirge an der Reichsgränze abschliesst. 

Die magyarischen Districte im Westen Siebenbürgen's erseheinen nur als Sprach- 
inseln inmitten eines vorwiegend romanischen Gebietes. 

§• 51. 

38.) Die romanisch- (walachisch-) deutsche Sprachgränze in Ungern und der 

Wojwodschaft. 
a) In Ungern. 

Die Linie von Gross-Pely über Ottlaca. Schiklo und Kerek bis Mikalaka bildet 
tue Gränze des romanischen Sprachgebietes gegen die in den §§. 17 und 49 erwähnte 
deutsche und deutsch-gemischte Sprachinsel. Auch der deutsche Ort Glogoväcz läuft 
in romanisches Gebiet aus. dessen Gränze gegen das deutsche sofort die Maros bis 
oberhalb Schoimusch bildet. 

6) In der Wojwodschaft. 

Hier geht die romanisch-deutsche Gränze auf das linke Maros-Ufer in das Banat 
über, folgt, in mannigfacher Mischung mit serbischen Elementen, der vielfältig gewun- 
denen Linie über Sistarovetz. Liehtonwald. Buzat. Duboki-Nadas. Janova, Giroda und 
Szt. Mihaly am Bega-Canale. gelangt oberhalb Parza an die Temes und überschreitet 
sie nächst Neu-Pecs, wo sie durch eine serbisch-romanische Sprachgränze unterbrochen 
wird. Jenseits der Temes beginnt sie neuerdings an der Gränze des Temesvärer und 
(iross-Beckereker Kreises nächst Gaad und läuft nun. unter strichweiser Beimischung des 
serbischen und bulgarischen Elementes, über Banlok. Soka, Denta. Butin an die Moravica, 
wo sie nächst dem gleichbenannten Orte in die serbisch-romanische Gränze übergeht. 

In Siebenbürgen erseheinender Königsboden und das Burzenland als gemischte, 
fast durchgängig deutsch-romanische Gebiete , so dass hier von einer romanisch- 
deutschen Sprachgränze keine Rede sein kann. Das deutsche Gebiet im Nosnerlande 
ist eine Sprachinsel innerhalb des vorwiegend romanischen Landestheiles. 

§. 52. 
Romanische Sprachinseln. 

et) In Ungern begleiten einige rein romanische oder stark mit Romanen 
gemischte Inselgruppen die feste Sprachgränze. Die vorzüglichsten sind : 

9* 



68 

a) in der Marmaros das rein romanische Rosutschka an der Kossowa; 

8) in Szathmar: das romanisch-magyarische Gebiet um Pete und Atya. die roma- 
nisch-magyarisch-ruthenischen Orte Czegöd und Vetos, das magyarisch-romanische 
Porcsalma nächst der Szamos. das deutsch-magyarisch-romanische Merk; 

7) in beiden Biliar : die grosse Gruppe von Er-Kenez und Hoszü-Pälyi bis nach 
Gross-Szäntö am kleinen Koros, die vereinzelten Puncte Bedö und Mezö-Peterd, eine 
zweite Gruppe von Mezö-Gyarak bis Mehkerek, und eine dritte von Illye bis nach 
Tamäsda am schwarzen Koros: innerhalb aller drei wohnen aber Romanen mit Ma- 
gyaren (in Pelbarthida auch mit Deutseben, in Er-Selind mit Ruthenen) gemischt ; 

8) in Bekes-Csanäd : das romanisch-deutsche Tornya. das romanisch-magyarische 
Bätonya und der deutsch-slovakisch-magyarisch-romanische District um Mezöhcgyes. 

fr) Im Banate reichen einzelne romanische und gemisebte Gebiete und Inseln. 
vorzüglich in dem Landstriche zwischen der Maros und Temes. weit gegen Westen. 
Wie schon Alt-Arad mit Gross-Buzsäk und Klein-Szt. Miklos eine aus Ungern nach 
dem Banate herüberziehende, von Romanen. Deutschen. Magyaren und Serben bewohnte 
Sprachinsel bildet, so wohnen Romanen am ungrischen und banatischen Ufer der 
Maros von Bodrog und Serbisch-Pecska bis nach Neu-Csanäd. in beträchtlicher süd- 
licher Ausdehnung, meist rein oder mit Serben (in Szemlak mit Deutschen, in Gross- 
Lak mit Slovaken) gemischt. Von Monostor und Baraczbäz schliesst sich hieran ein 
anderes umfangreiches Gebiet, innerhalb dessen romanische, deutsche und serbische 
(in Checea auch bulgarische) Laute vernommen werden, und reicht bis Bobda an der 
Be°a. An der Aranka lagert sich um Gross-Szt. Miklos. Serbisch-St. Peter und Pesak 
eine ähnliche Fortsetzung des bezeichneten romanischen Territoriums. Noch weiter 
westwärts liegen endlich Valcan und Alt-Beba als vereinzelte romanische Inseln. — 
Längs des Bega-Canales bilden solche Öregfalu. die beiden Torak und Jankabid: 
südwärts des Canales liegt Ecska an der Bega mit romanisch-deutscher Bevölkerung, 
sowie das romanisch-serbische Feny nächst der Temes. Jenseits dieses Flusses ist der 
ganze Baum von der deutsch- und serbisch-romanischen Sprachscheide bis zurLandes- 
Gränze ein Gebiet, innerhalb dessen die Romanen zahlreich theils allein (zu Togyer. 
Partosch und Prädium Topolja. St. Jänos). theils mit Deutschen und Serben gemischt 
auftreten. 

c) Im deutsch-banater Regimente liegen noch jenseits des Bezirkes, 
durch welchen die Mischung der anderen Nationalitäten mit den Romanen aus dem 
illyrisch-banater herüber sich fortsetzt, das serbiseb-deutsch-romanisebe Perlas an der 
Beffa. das serbisch-romanische Sakula und das serbiseb-deutsch-romanisebe Opowa an 
der Temes, das serbisch-romanisch-deutsche Zrepaja. endlich das romanisch-serbisch- 
deutsche Gebiet von Usdin. Jarkovae und Dobrica. welches wieder in das illyrisch- 
banater Begiment zurückgreift. 

(I) In Siebenbürgen linden sich selbst ausser der im §.50 angedeuteten Ost- 
Gränze des gemischten (romanisch-szeklerischen) Gebietes noch einige derartige 
gemischte Bezirke und kleinere Inseln, namentlich : Sükelfalva, Erdö-Szt. György und 
Bözöd-Üjfalu an der kleinen Koke! im Väsarhelyer; Gyimesbük, beide Tisz mit Jakab- 



69 

falva. Läzärfalva im Udvarhelyer; Bükszät mit Miko-Üjfalu und Üveg-Csür, Ober- 
Czernäton. Bereczk und Märtonos. Koväszna mit Papölcz und Zägon im Kronstädter 
Kreise. Vasläb und Puszta Bodzafordulasa bilden kleine rein romanische Inseln im 
Szekler-Lande. 

e) Sehr merkwürdig sind die (ost-J romanischen Sprachinseln in Istrien und 
Krain. deren Bevölkerung- in ferner Vorzeit hierher verpflanzt worden zu sein scheint. 
Die istrischen, Trümmer eines f'rüherhin viel ausgedehnteren Sprachbezirkes, beste- 
hen aus den zusammenhängenden Gemeinden Possert. Gradigne. Letaj. Grobnico, 
Susgnevizza, Berdo. Villanova und Jessenovizza, sämmtlich im Norden des Cepicer Sees, 
und dem vereinzelten Sejane im Cicenlande: die krainischen ausHrast oberhalb Möttling 
und Bojance südlich von Tschernembl. Doch haben sich fast alle Bewohner dieser Orte 
auch die slavischen Landessprachen angeeignet. 

§. 53. 

IV. Das magyarische Sprachgebiet. 

Dieses bedarf keiner näheren Begränzung, da es Ungern innerhalb der bereits 
beschriebenen deutsch-, slovakisch-. ruthenisch-. slovenisch-. slovenokroatisch-, 
serbokroatisch-, serbisch- und romanisch-magyarischen Sprachlinie einnimmt, die in 
seinem Umfange liegenden nicht-magyarischen Sprachgruppen ebenfalls schon ange- 
deutet, und auch die Hauptumrisse des magyarischen Sprachgebietes (der Szekler) in 
Siebenbürgen bezeichnet wurden. 

Die vom neunten bis zum dreizehnten Jahrhunderte abtheilungsweise eingewan- 
derten Rumänen (Polowzen) und Petschenegen (und die vorzüglich aus dem Kerne die- 
ser beiden Stämme erwachsenen Jazyger), sammt den unter ihnen sesshaft gewordenen 
Tataren, sind längst vollständig mit den Magyaren verschmolzen 1 ). 

Die frühere politische Stellung des Magyarenthums in den ehemals ungrischen 
Ländern brachte es mit sich, dass fast alle grösseren Orte derselben auch einen An- 
theil magyarischer Bevölkerung erhielten. In diese Kategorie gehören nament- 
lich: Ungriseh-Altenburg und Güns im deutschen. Pressburg. Tyrnau. Neutra. Krem- 
nitz, Schemnitz. Kaschau. Eperies im slovakischen. Munkaes im ruthenischen. Tseha- 
kathurn im slovenokroatischen. Essek. Gross-Beckerek. Temesvär. Titel. Pancova 
im serbischen. Grosswardein . Arad. Lippa. Lugos, Deva. Broos im romanischen. 
Kronstadt. Fogaras. Torzburg im deutsch-romanischen Gebiete. 

Nebst denselben sind die vorzüglichsten magyarischen Inseln (abgesehen 
von den ausgedehnten gemischten Bezirken längs der Sprachgränzen): 

«) Im deutschen Sprachgebiete: et) in West -Ungern: die magya- 
risch-deutschen Orte Zeiselhof, Kaiserwiesen und Lebern, das magyarische Wüst- 
Sommerein im Wieselburger. das magyarisch-deutsche Gebiet um Gross-Czenk und 
die magyarische Enclave Ober- und Mittel-Pullendorf im Oedenburger. die magya- 
risch-deutsche Gruppe bei Ober-Varth an der Pinka im Eisenburger Komitate. beide 



') Die Hajduken im Nord-Biharer Komitalc sind reine Theiss-Magyaren 



70 

letzteren Reste einer früheren westlichen Ausbreitung der Magyaren ; ß) im B an ate 
der magyarische Distriet um Alt-Telek am Bega-Canale und an der Bega selbst, von 
Aurelhäza bis unterhalb Ungrisch-Ittebe (mit der nördlichen magyarisch-deutschen 
Ausbuchtung bis Klein-Oroszin), im Gross-Beckereker. das magyarisch-serbisch- 
deutsche Desänfalva im Temesvärer Kreise. 

b) Im slovakischen Sprachgebiete: Nussdort im Ober-Neutraer ; Körös- 
keny nächst Neutra, die rein oder vorwiegend magyarischen Districte von Vicap und 
Egerszeg an der Neutra bis Szeleszeny. Kisfalud und Kaläsz . und von Gross-Emöke 
bis Klein-Mäna im Unter-Neutraer: das gleiche Gebiet von Hostje bis Aranyos-Maröth 

v 

imBarser; Daräsi mit Bäcsfalu. Cabrak im Honther: Zlatno im Neogräder; Solticka. 
der Distriet um Pondelek. Rima-Brezö und Rima-Bänya, Hracbovo. Dobsina im 
Gömörer: die slovakisch-magyarischen Orte von Csaj bis Gross-Szaläncz im Abaüj- 
Tornaer. die ruthenisch-magyarisch-slovakischen Orte Kolbässa, Lastovee und Legeny 
im Zempliner Komitate. 

c) Im ruthenischen Sprachgebiete: et) in Ungern: die magyarisch- 
ruthenischen Orte Helmec in Unghvär und Räkös in Beregh-Ugocsa. das rutheniseh- 
magyarisch-deutsche Huszt. die magyarisch-ruthenische Gruppe um Vyska und Tecsö, 
das magyarisch-ruthenisch-deutsche Königsthal, das magyarisch-ruthenische Hoszu- 
Mezö. die ruthenisch-magyarische Gruppe um Deutsch-Boczkova und Veresmart, Polana 
kobilska. Bocsko-Rahö in der Marmaros ; ß) in der Bukowina: Tomnatik. 

d) Im slovenokroa tischen Sprachgebiete: das slovenokroatisch-magya- 
rische Szt. Kereszt und das magyarisch -slovenokroatisch- deutsche Tragostan im 
Varasdiner. das slovenokroatisch-slovenisch-magyarische Ozail im Agramer Komitate. 

e) Im serbischen Sprachgebiete: a) in Slavonien das serbisch-magya- 
rische Dezanovac, das serbisch-deutsch-magyarische Theresovac. das serbisch-magya- 
rische Gebiet um Ober-Miholjac und Slatina. die zerstreuten serbisch-magyarischen 
Orte Neu-Bukovica. Bankovci, Vladislavce. die magyarischen Orte Alaginci , Tenja, 
Puszta Sedolovec. Korodj . Puszta Klisa und Erdöd. das serhisch-miigyarisch-deutsche 
Gebiet von Alt-Jankovce nächst Vinkovce bis Opatovac an der Donau und Gjelletovce 
am Bossuth (im Broder Regiments-Bezirke) u. m. a.; ß) in der Backa (abgesehen 
von der Verbreitung der Magyaren in dem deutsch-serbischen Gebiete) : die magyari- 
schen Orte Kupusina und Bogojeva an der Donau. Temerin, das magyarisch-serbische 
Piros; in Sirmien: die serbisch-magyarischen Orte Nestin. Sot. das serbisch- 
deutsch-magyarische Erdevik . das magyarisch-serbische Satrince u. a. m.; y) im Ba- 
nate: die rein magyarischen Orte Akäcs, Bikäcs mit dem serbisch-deutsch-magyari- 
schen Beodra, Torda mitldvornak, Szt. Mihäly, das magyarisch-slovakische Lukäcsfalva. 
das magyarische Ürmenyhäza am Alibunar-Canale (als Durchbrechung der serbisch- 
deutschen Sprachscheide): 8) in der serbisch- bana tischen Militär gränze : 
das rein magyarische Debeljaca, und die deutsch-serbisch-romanisch-magyarischen 
Orte Pancova und Jahuka '). 



') Die Magyaren des Banates, der Wojwodsehaft und Slavonien's sind grösstentheils Resle der alleren südlichen 
Ausbreitung ihres Stammes, welche erst durch die serbische Einwanderung wieder zurückgedrängt wurde. 



7t 



f) Im romanischen Sprachgebiete: a) in Ungern: die magyarisch- 
romanischen Orte Slatina, Sugatak u. a. in der Marmaros; die rein magyarischen 
Köszeg-Remete, Üjväros, Geres, Dobra, die deutsch-magyarisch-romanischen Erdöd, 
Kiraly-Daröez, Gross-Käroly und Umgebung, Merk u. a. in Szathmär; die rein 
magyarischen Micske mit Töthi und Poklostelek, die theils rein magyarischen, theils 
magyarisch-romanischen Orte an und nächst dem schnellen Koros von Rev bis Ober- 
Väsarhely. die gemischte Einbuchtung von Tarjan nach Sälyi und Bikäcs , die rein 
magyarischen Orte Harsäny und Ugra. das magyarisch-romanische Radväny mit Puszta 
Telek und Schojmusch, die romanisch-magyarischen Orte Puszta Andacs und Fekete 
Töthi, die rein magyarischen Tenke und Bel-Fenyer am schwarzen Koros, an dessen 
oberem Laufe die gemischten Eilande Ungrisch-Ganta, um Belenyes von Belenyes- 
Üjlak aufwärts bis Tarkany, und Vas-Köh sich linden . an seinen Nebengewassern 
das magyarisch-romanische Remete und das romanisch-deutsch-magyarische Rez- 
Bänya in Süd-Binar : im Arader Komitatc die magyarisch-romanischen Orte Vadöcz, 
Czermö, Boros-Jenö, Moniasa, Alt-Dezna, Fazekas-Varsänd, Galscha, Gioroc u. a. 

ß) I m B a n a t e : das deutsch-romanisch-magyarische Deutsch-Faget, das rem 
magyarische Rittberg, die romanisch-magyarischen Orte Jerseg, Gataia. Omor u. a. 

y) In Siebenbürgen kann im ehemaligen Lande der Ungern wieder als Regel 
gelten, dass die Magyaren die fruchtbaren Thalstrecken allein oder mit Romanen ge- 
mischt, die Romanen aber die Gebirge allein bewohnen; daher gestaltet sich das ethno- 
graphisch-geographische Bild, als ob mehr oder minder breite magyarische Ströme, zum 
Theile durch weitere Wasserbecken verbunden, das romanische Sprachgebiet durch- 
zögen. Die vorzüglichsten magyarischen und romanisch-magyarischen Gruppen sind: 
aa) im Kreise Szilägy-Som lyö : 

1) die aus Szathmär herüberreichende, bis Akos an der Kraszna und bis Peer 
ausgedehnte ; eine andere um Tasnäd, und zwischen beiden die kleinen Eilande um 
Pele und um Paczal; 

2) der ausgedehnte District, der an beiden Ufern der Kraszna von Särmasäg im 
Norden bis Ungrisch-Valkö . Petenye und Horväth im Süden und von der Landes- 
Gränze (welche das mit der bezeichneten Gruppe zusammenhängende Balyog und 
Szeplak überschreitet) bis Ziläh im Osten sich erstreckt: 

3) ein ziemlich beträchtlicher von Bogdand und Balla im Westen bis nach Szi- 
lägy-Szeg, Szilägy-Szt. Kiräly und Szilägyfö-Keresztur im Osten, an welchen nach 
kurzer Unterbrechung wieder von der Szilägy bis zur Szamos ein durchaus gemischter 
District um Szilägy-Cseh und Czikö sich anschliesst: 

ßß) i m K r e i s e D e e s : 

k) ostwärts der Szamos die grössere Insel von Puszta Fentös bis Sekelescheni und 
die zahlreichen kleineren um Kapnik- und Läpos-Bänya. Romanisch- und Ungnsch- 
Läpos, Gilge, Selitschka. u. a. ; 

5) ein Gebiet am linken Ufer der kleinen und an beiden Ufern der grossen Szamos 
um Dces. Szamos-Üjvär und Retteg, welches in den Bistritzer Kreis bis ßethlen und 
Somkerek in die Nähe des deutschen Districtes um Bistritz hinüberreicht; 



72 

6) die fast ebenso ausgedehnte Insel von Vieze bis Klein-Czeg, längs der Gränze 
des Bistritzer Kreises hinziehend und mit Mate und Neu-Öseh bis an den bezeichneten 
deutsehen District sieh erstreckend; 

7) die kleinere Insel um Mocs von Legen bis Berkenyes, nebst einigen minder 
bedeutenden ; 

Yy) im Kreise B i s t r i t z : 

8) die zerstreuten Inseln Alt-Bodna, Ungrisch-Nemegye, Ceghe, Somfalu, Selyk, 
Teckendorf. Harasztos u. a.. die beiden grösseren Gebiete von Sächsisch-Erked bis 
Szepter und um Gross-Ölyves, endlich die weiteste Einbuchtung des gemischten 
Romanen-Szekler Gränzstriches an der Maros bis oberhalb Disznajo und Maghura; 

oö) im Kreise Klausenburg: 

9) das magyarische Hauptgebiet in West-Siebenbürgen, welches mit mancherlei 
Ein- und Ausbuchtungen den grossen District an dem schnellen Koros, an der kleinen 
Szamos. an der Aranyos und Maros umfasst. dessen namhafteste Puncte Banfy-Hunyad, 
Gyalu, Klausenburg, Välaszüt. Thorda, Bagyon, Toroczko, Ober-Vincz bilden, während 
eine nordwestliche Ausbuchtung' bis Ungrisch-Sombor im Szilagy-Somlyöer, eine nord- 
östliche bis Szek im Deeser, eine südöstliche über den Aranyos und die Maros bis 
Csucs. Csekalaka und Hari in den Väsärhelyer Kreis reicht, und kleinere Inseln das 
geschlossene Territorium begleiten ; 

ss) im Kr eise Karlsburg: 

10) die beiden grösseren Inseln um Gross-Enyed von Decse an der Maros bis 
Tür an der kleinen Kokel. und um Tövis und Karlsburg an beiden Ufern der Maros. die 
kleinere von Abrud-Bänya und Verespatak. das vereinzelte Zalathna u. a.; 

CC) im Kreise Broos: 

11) die zerstreuten kleineren Inseln an der Maros und ihren südlichen Neben- 
flüssen, namentlich um Körös-Bänya. Illye. Pestes. Losäd, Rakosd, Hosdät. Hätszeg. 
Ober-Szalläspatak und Umgebung u. m. a. ; 

7jyj) in den Kreisen Hermannstadt und Kronstadt: 

12) eine Anzahl kleinerer Enclaven, unter welchen Lunca. Salzburg, Romanisch- 
Eibesdorf. Almasch, Birghisch. Sacadat, Muckendorf, Kobor, Halmagy, Heviz, Däk. 
Krizba und Ujfalu rein oder vorwiegend magyarisch sind; 

öö) im Kreise Udvarhely: 

13) Ivänos unweit des Bikaszul und die Gruppe um Borsek an den Nebenflüssen 
der Bistritz. 

o) In der Bukowina: die vereinzelte magyarische Colonie Jöseffalva und 
das zusammenhängende Gebiet von Andrasfalva. Haddikfalva, Istensegics und Fogod- 
isten. 

§• 54. 
V. Die kleinen Volksstämme. 
Die übrigen Volksstämme linden sich nicht zu grösseren Massen vereint, sondern 
unter die Bevölkerung der herrschenden Stämme vertbeilt. 



73 

1. Von den Gross-Russen war bereits im §. 32 die Rede. 

2. Von den uralisch-finnischen Bulgaren, welche vom neunten bis zum drei- 
zehnten Jahrhunderte in Ungern zwischen der Donau und Tbeiss bis Pest hinauf, 
so wie südwärts der Maros neben Magyaren, Romanen und Slaven zu finden waren, ist 
längst jede Spur verschwunden. Auch die nach Siebenbürgen im Jahre 1699 eingewan- 
derten slavischen Bulgaren, die in Alvincz sich niederliessen, haben ihre nationalen 
Eigenheiten allmählich verloren, und Sitte und Sprache ihrer Umgebung angenommen. 

Im Banate landen im Jahre 1737 zu Besenyö die bulgarischen Paulikianer und 
im Jahre 1739 zu Vinga andere katholische Bulgaren (meist Handelsleute), welche 
bisher in der österreichischen (kleinen) Walachei gewohnt hatten, Aufnahme, und 
das letztere wurde unter dem Namen Maria-Theresiopel oder Theresienstadt zum 
privilegirten Marktflecken erhoben (1744). Ebenfalls katholische Bulgaren wurden 
1740 im Bergwerksbezirke des Banates in Krasova und den umliegenden Orten ange- 
siedelt und daher Krasovaner benannt. In diesem Bezirke wohnen sie noch in den Orten 
Krasova, Jubuka, Nennet, Bafnik, Vadnik, Klokodie und Lupak. Auch kommen 
sie für sich allein vor zu Brestje nächst Denta, zu Bolgärtelep und Alt-Besenova an 
der Aranka; gemischt: zu Checea nordwärts der Bega unter Romanen und Serben, 
zu Rogendorf an der Bega unter Magyaren, zu Aradac neben Slovaken und Serben, 
zu Boka an der Temes unter Serben, endlich zu Butin unter Romanen und zu Königs- 
gnad unter Deutschen und Romanen. 

3. Die 1737 nach Syrmien eingewanderten Albanesen (Clementiner) haben 
sich in Hertkovce und Nikince mit ihren nationalen Eigenthümliehkeiten erhalten. Aus- 
serdem findet man Albanesen (Skipetaren) nur in Erizzo bei Zara in Dalmatien; in 
Istrien sind sie längst slavisirt. 

4. Die Macedo-Wlachen oder Zinzaren und die Griechen halten sich ver- 
einzelt in den Handelsstädten, namentlich in Ungern, in der Wojwodschaft und Sieben- 
bürgen, die Griechen nebstdem insbesondere in Venedig, in Triest und Wien auf, 
in welcher letzteren Stadt ihre Anzahl mehr als tausend Köpfe beträgt. 

5. Die Armenier leben zerstreut in den östlichen Komitaten Ungern's, im öst- 
lichen Theile Galizien's (in Lemberg, Lysiec, Horodenka, Sniatyn und Kutty), in 
der Bukowina (namentlich in Czernowitz und Suczawa) und in Siebenbürgen. Sie 
sind theils Reste der Ansiedlungen aus dem eilften bis fünfzehnten Jahrhunderte, theils 
aus der Moldau im siebenzehnten Jahrhunderte herübergekommen. Sie bewohnen sogar 
Szamos-Ujvär (Armenierstadt) , Elisabethstadt, Gyergyö Szt. Miklös und Szepviz 
beinahe ausschliessend ; ferner bilden sie in der Wojwodschaft zu Neusatz eine kleine 
Gemeinde, die aber jetzt meist deutsch spricht. Auch in Wien, Triest und Venedig 
sind einige armenische Familien sesshaft. 

6. Von spanischen Gemeinden in Ungern ist jede Spur verschwunden, und 
zum Theile auch von Franzosen 1 ), da sich alle diese fast ganz germanisirten. In 



') Französisch redende Lothringer wurden 17C9 ff. zu St. Hubert. Charlesville und Solteur im Banale 
zu Brestovac in der Backa angesiedelt. 

I. 10 



74 

Wien , wo Franzosen in grösserer Anzahl stets zu linden sind , ist entweder ihr Auf- 
enthalt nur vorübergehend, oder ihr Anschluss an das deutsehe Element durchgeführt. 

7. Die Zigeuner nomadisiren am zahlreichsten in den östlichen und nördlichen 
Komitaten Ungcrn's, dann in Böhmen, Mähren, Galizien und der Bukowina, und 
wohnen hauptsächlich in Ungern, der Wojwodschaft und Siebenbürgen. 

8. Die Juden sind in der ganzen Monarchie mehr oder weniger zerstreut, und 
machen in Galizien, Böhmen, Mähren, Ungern selbst ganze Gemeinden aus, von denen 
Brody, Lemberg und die Judenstadt (nunmehrige Josephstadt) in Prag und Pest die 
grössten sind. Dennoch können sie sprachlich schwer ausgeschieden werden , da sie 
sich zwar der Mehrzahl nach der deutschen, aber auch häufig der slavischen, magya- 
rischen und italienischen Landessprache bedienen '). 

Völkertafel der österreichischen Monarchie. 

(Nach der Zählung' des Jahres 1851 annäherungsweise vertheill.) 
A. Deutsche K,8 Tl 0.119. 

a) Ober-Deutsche 7,456.683. 

I. Bairisch-österreichischer Stamm 4,002.S28. 

1. Unter-Oesterreicher 2 ) 1,515.284 

2. Ober-Oesterreicher 706.316 

3. Salzburger (sammt Pinz-, Pon- und Lungauern) 146.007 

4. Steiermärker (Ober- und Mittel-Steiermärker) 642.194 

5. Kärnthner (im grösseren nördlichen Tbeile Kärnthen's) 223.489 

6. Krainer (darunter Gottscheer 22.898) 37.626 

7. Deutsche in Triest 12.051 

8. „ „ Görz 1-500 

9. von österreichischer Mundart in Böhmen 145.223 

10. „ „ „ n - Mähren 183.955 

11. „ „ » n » Ungern 305.570 

darunter (bajoarisch-fränkische) Hienzen 179.020 

12. Colonisten der alt-österreichischen Länder in Galizien 31.990 

!3. w „ „ „ „ der Bukowina .... 10.235 



1 ) Diess ist der Grund, wesshalb ihre Zahl in der Völkerlafel, welche das Ergebniss der Conscription des 
Jahres 1851 darstellt, entschieden zu niedrig angesetzt erscheint, während sie nach den Ausweisen über die 
Religions-Verschiedenheit 833.304 beträgt. Auch die Ziffern der Griechen, Armenier und Zigeuner sind 
nicht ohne erhebliche Lücken. 

2 ) Hierunter sind die zahlreichen in Wien (und den Landstädten) anwesenden Fremd en und Eingebür- 
gerten slavischen, romanischen und magyarischen Stammes begriffen, da sie in ihrer Vereinzelung 
nicht ausgeschieden werden konnten. Dagegen wurden auch die unter den Slaven, Romanen und Magyaren 
in den verschiedenen Kronländern vereinzelt lebenden Deutschen dem herrschenden Volksstamme bei- 
gezählt. In allen solchen Fällen machen jedoch diese Eingebürgerten und Fremden nur ein verhältniss- 
mässig geringes Percent der Gesammtbevölkerung aus, so dass sie, ohne der Richtigkeit der Angaben Eintrag 
zu thun, um so mehr unberücksichtigt bleiben konnten, als sieh deren Zahl gegenwärtig nahezu ausgleicht. 



75 

14. Colonisten der alt-österreichischen Länder in der Wojwodschaft und 

dem Banate .... 9.525 

15. „ „ „ « „ Kroatien und Slavonien 7.903 

16. Sogenannte Landler (aus Inner-, Ober- und Nieder-Oesterreich) in 

Siebenbürgen 17.550 

17. Deutsche von österreichischer Mundart in der Militärgränze .... 6.410 

II. Ba irisch- alemannischer Stamm 436.835. 

1. Tiroler in Nord-Tirol und über den Brenner in das Eisack- und Etsch- 

Thal hinab und die sogenannten Moccheni in den süd-tirolischen 
Sprachinseln 424.751 

2. Die Deutsch-Bedenden der sette und tredici comuni 12.084 

III. Alemannisch-schwäbischer Stamm 729.830. 

1. Vorarlberger, im Süden mit ganz germanisirten Ueberbleibseln roma- 

nischen Stammes gemischt, sammt den (6.000) burgundischen 
.Waisern aus Ober-Wallis 103.988 

2. Schwaben in Galizien 26.327 

3. „ „ Ungern 275.440 

4. „ „ dem Banate 296.980 

5. „ „ Siebenbürgen 8.775 

6. „ „ der Militärgränze 18.320 

IV. Fränkischer Stamm 623.610. 

1. In Böhmen (nordwestliche Gränzstriehe) 505.967 

darunter (ehemalige) Freibauern in der königlichen Waldhwozd 
(Künisch) 47.390. 

2. „ Galizien (vorzüglich Bhein-Pfälzer) 19.303 

3. „ der Bukowina 13.305 

4. „ Ungern (aus verschiedenen Theilen des einstigen fränkischen 

Kreises) 53.710 

5. „ der Wojwodschaft und dem Banate 28.575 

6. „ „ Militärgränze 2.750 

V. Ober-sächsischer Stamm 577.657. 

1. In Böhmen (im Erz-Gebirge und den anliegenden Kreisen) .... 558.530 

2. Colonisten aus dem nördlichen Böhmen, aus Sachsen etc. in Galizien . 1.743 

3. „ „ „ „ „ „ „ in der Bukowina 2.052 

4. „ „ „ „ „ „ „ „ Ungern . . . 9.837 

5. „ .. „ „ „ „ „ „ d. Militärgränze 5.495 

VI. Sude ten -Stamm 1,085.923. 

1. In Böhmen (im Biesen-Gebirge und den anliegenden Kreisen) . . . 484.112 

2. „ Mähren (Schönhengstler, Kuhlandler etc.) 313.699 

10* 



Carton vom 10. Bocen zum I. Bande- 



76 

3. In Schlesien 209.512 

4. „ Galizien (an der schlesischen Gränze und an den Karpathen) . . 7.010 

5. „ Ungern (Krikehayer, Deutsch-Bronner, Metzenseifer, Gründner, 

Deutsch-Pilsner etc.) 66.690 

6. ,, der Militärgränze (Schlesier) 4.900 

b) Nieder-Deutsche 245.236. 

1. Colonien in Galizien 7.014 

2. Zipser Sachsen 45.173 

3. Siebenbürger Sachsen 193.049 

Hierzu Deutsche der verschiedenen Kronländer im k. k. Militär 168.800 

B. Slaven lfe,$03.751. 

a) Nord-Slaven 10,850.208. 

I. Cechischer Stamm 5,854.258. 

v 

1. Cechen in Oesterreich unter der Enns ') 4.330 

2. „ „ Böhmen 2,621.450 

3. „ „ Galizien 455 

4. „ „ Slavonien 770 

5. „ „ der Militärgränze 8.822 

und zwar: im Kreuzer Regimente 420 

„ St. Georger ,, 872 

„ Illyrisch- und Romanen-Banater Regimente 7.530 

6. Mährer in Mähren 1,190.150 

hierunter: Horaken (im westlichen Gebirge) .... 253.232 

Hannaken (in der Hanna) 412.152 

Walachen (im östlichen Gebirge — Javo- 
riner. Pasekarscben, Zalezaken) . . . 14.132 

7. „ in Schlesien 88.068 

8. Slovaken in Oesterreich unter der Enns 7.513 

9. „ „ Mähren 73.877 

10. „ „ der Bukowina 1-844 

11. „ „ Ungern 1,704.312 

und zwar: Urslovaken (mit den slovakisirten Cechen, 

Mährern, Polen und Magyaren) . . . 1,387.020 

Slovakisirte Deutsche 89.120 

„ Ruthenen 23.920 

Sotaken 71.652 

Slovakische Sprachinseln 132.600 



') Siehe die Bemerkung 2 ) auf S. 74. 



77 

12. Slovaken in der Wojwodschaft und dem Banate 25.607 

13. „ „ Slavonien 3fi0 

Hierzu noch Cechen, Mährer und Slovaken im k. k. Militär . . 126.700 

II. Polen 2,055.852. 

1. Lachen oder sogenannte Wässerpolaken (in Schlesien) 138.243 

2. Mazuraken (im Flachlande von Galizien) 1,583.101 

3. Goralen (im westlichen Gebirge von Galizien) 281.000 

4. Polen in der Bukowina 4.008 

Hierzu Polen im k. k. Militär 49.500 

in. Russischer Stamm 2,940.098. 

1. Ruthenen (Bussinen) oder Klein-Bussen in Galizien 2,281.839 

darunter : eigentliche Galizier (Roth-Russen) und Lodomerier 
mit wenig Dialekt-Verschiedenheit . 1,999.439 
Gebirgs-Ruthenen (Boiker, Huzulen) . . 282.400 

2. Ruthenen in der Bukowina (Huzulen etc.) 142.682 

3. „ in Ungern 440.600 

darunter: Lemmaken 60.000 

Lissaken 90.000 

4. Ruthenen in der Wojwodschaft 6.777 

Hierzu Ruthenen im k. k. Militär 65.900 

5. Gross-Russen in der Bukowina 2.300 



b) Süd-SIaven 3,952.543. 

I. Slovenen 1,171.954. 

1. Wenden in Unter-Steiermark (mehr geographisch als mundartlich 

geschieden in Pohorjanci, Gorcani, Pesnicari, Savnicari, Doljanci, 

Polanci, Haluzani, Krainci) 363.750 

2. Slovenen in Kärnthen 95.735 

3. „ „ Krain, und zwar Ober-Krainer (Gorenci) 162.550 

Mittel- (Inner-) Krainer 95.150 

Unter-Krainer (Dolenci) 151.045 

4. „ „ Triest (sammt Gebiet) 26.948 

5. „ „ Görz 136.460 

(i. „ „ Istrien und der Poik (Berkiner, Savriner und Poiker) . 38.878 

7. „ im Venezianischen (Friäuler Slaven) 26.676 

8. Ungrische Slovenen (sogenannte Vandalen) 4i.862 

Hierzu Slovenen im k. k. Militär 29.900 



78 

II. Kroatisch-serbischer Stamm 2,757.602. 
a) Kroaten 1,329.814. 

1. Sloveno-Kroaten in Civil- und Militär-Kroatien 625.028 

2. (Serbo-)Kroaten „ der kroatischen Militärgräirze 480.494 

3. „ „ „ Krain 17-583 

U „ Istrien und auf den quarnerisehen Inseln .... 88.343 

5. Kroatische Sprachinseln in Oesterreich unter der Enns 0-460 

6. „ „ » Mäh^n 720 

7. „ „ » Ungern 71.926 

g_ „ „ der Wojwodschat't und im Banate . . . 2.860 

Hierzu Kroaten im k. k. Militär 36.400 

h) Serben 1,427.788. 

1. InDalmatien • • 378.676 

darunter: Morlaken 143.780 

Rasrusaner 45.834 

CT 

Bocchesen 31.720 

dalmatische Küsten- und Inselbewohner . . 157.342 

2. „ der Wojwodschaft und im Banate 384.046 

darunter: Nicht-unirte Serben 321.110 

sogenannte Sokacen und Bunjevacen . . 62.936 

3. „ Slavonien (Slavonier) 222.062 

4. „ der Militärgränze 310.964 

5. Istrische Serben (Morlaken) 44.160 

6. Serbische Sprachinseln in Ungern 62.880 

Hierzu Serben im k. k. Militär . . 25.000 

III. Bulgarischer Stamm 22.987. 

1. Bulgaren im Banate 22 '!?Ü 

„ in Siebenbürgt 



2. „ in Siebenbürgen ~ 07 



C. Romanen §,051.906. 

I. West-Romanen oder Wälscher Stamm 5,586.076. 

1. Italiener, und zwar: Lombarden 2,741.100 

(mit den Dialekten der Mailänder, Comasken, 
Brescianer, Bergamasken, Nieder-Lombarden) 

Venezianer 1,884.646 

(mit den Dialekten der eigentlichen Vene- 
zianer, der Paduaner, Veronesen etc.) 

in Süd-Tirol 319.852 

(mit Dialekt-Schattiriingen nach den Thälern, 



79 

doch vorwiegend Trienter und Roveretaner) 
— zum Theile romanisirte Deutsche 

in Triest \ • 51.695 

„ Istrien und dem Küstenlande / ... 85.778 

\ mit veneziani- lo^ni 

» Dalmat.cn / schem Dialekte ' * ÖWl 

„ Fiume I • 3.995 

„ der Militärgränze ...-.' • 384 

2. Friauler (Furlaner) im Venezianischen 351.805 

in Görz und Gradisca 49.552 

3. Ladiner (Grödner, Enneberger, Badioten) in Tirol 8.668 

Hierzu Wälsehe im k. k. Militär 74.900 

und zwar Italiener 69.300 

Friauler 5.600 

II. Ost-Romanen oder Romanen (Rumuni, Moldauer und Walachen) 2,454.540. 

1. Romanen in der Bukowina 184.718 

2. „ „ Ungern 526.760 

3. „ „ dem Banate 397.459 

4. „ „ der hanater Militärgränze 113.723 

5. „ „ Siehenhürgen 1,201.785 

6. „ „ Istrien 2.795 

Hierzu Ost-Romanen im k. k. Militär 27.300 

III. Neugriechen und Macedo-Wlachen (Zinzaren) 9.195. 

1 . In Ungern 6 - 288 

2. „ der Wojwodsehaft 2 - 820 

3. „ Kroatien 87 

IV. Albanesen 2.095. 

1. In Dalmatien ^44 

2. Soo-enannte Clementiner in der slavonischen Militärgränze .... 1.151 



■>■ 



D. Asiatische Sprachstämme 5,6 "33. 9? 8. 

I. Magyaren 4,866.550. 

1. Donau-Magyaren ) 2,072.500 

2. Theiss- „ > "» Ungern 1,874.100 

3. Palöczen (Barkö, Matyö, Göesej) ) 53.666 

4. Magyaren in der Wojwodsehaft und im Banate 221.845 

5. „ „ Slavonien 5.732 

6. „ und Szekler in Siebenbürgen 585.342 



80 

7. Magyaren in der Militärgränze 4.985 

8. Magyarische Sprachinseln in der Bukowina 5.586 

Hierzu Magyaren im k. k. Militär 42.800 

II. Armenier 15.996. 

1. In Galizien 2.733 

2. „ der Bukowina 2.240 

3. „ Ungern 3.144 

4. „ Siebenhürgen 7.879 

III. Zigeuner 83.769. 

1. In Ungern 18.864 

2. „ der Wojwodschaft und im Banate 11.440 

3. „ Siebenbürgen 52.665 

Hierzu Zigeuner im k. k. Militär 800 

IV. Juden 706.657. 

1. In Oesterreich unter der Enns 4.460 

2. „ Krain 2 

3. „ Istrien, Görz, Gradiska und Triest sammt Gebiet 4.756 

4. „ Tirol und Vorarlberg 944 

5. „ Böhmen 70.612 

6. „ Mähren 37.437 

7. „ Schlesien 2.763 

8. „ Galizien 312.962 

9. „ der Bukowina 11.856 

10. „ Dalmatien 394 

11. ., der Lombardie 3.018 

12. „ Venedig 4.788 

13. „ Ungern 227.940 

14. „ der Wojwodschaft und dem Banate 15.507 

15. „ Kroatien und Slavonien 2.519 

16. „ Siebenbürgen 6.220 

1 7. „ der Militärgränze 479 

Uebersicht. 

A. Deutsche . 7,870.719 

B. Slaven 14,802.751 

C. Bomanen 8,051.906 

D. Asiatische Sprachstämme 5,672.978 

Gesammtsumme . 36,398.354 



81 



Besonderer Theil. 



Die 



Kronländer 



der 



österreichischen Monarchie. 



11 



83 



A. 

Vorwiegend 

deutsche Kronländer. 

I. Oesterreich unter der Enns. 
II. Oesterreich ob der Enns. 

III. Salzburg. 

IV. Steiermark. 
V. Kiirnthen. 
VI. Tirol. 



11 



85 



I. 



Das 



Erzherzogthum Österreich 



unter der Emis. 



87 



I. 

es ter reich unter der Enns. 
A.) Historisch-ethnographische Uebersicht. 

§. 55. 

Keltische Urzeit. 

Die erste Ansiedlunff in Oesterreich verliert sich in dem Dunkel der historischen 
Urzeit. Gleichwie fast ganz Europa, so erhielt auch dieser Landstrich seine anfängliche 
Bevölkerung aus Asien. Von der umfassendsten Hochebene des Erdballs , welche in 
Nord-Asien bis an die Gränzen von China und nach Sibirien reicht , ergoss sich zwei 
Jahrtausende hindurch der Strom der sich ausbreitenden Völker, von Norden gegen 
Süden und von Osten nach Westen ziehend , über die damals zugänglichen Theile 
Europa's 1 ). Noch heute kann man die Fussstapfen dieser frühesten Wanderungen nach 
der Reihe der kegelförmig aufgeworfenen hohen Erdhügel verfolgen, womit — gleich so 
vielen Warten — die in Bewegung gesetzten Volksmassen ihre Züge bezeichneten. 
Diese wunderbaren Hügel durchziehen, vorzugsweise an die Ufer grosser Ströme 
oder Seen gelagert, das asiatische wie das europäische Russland und bezeichnen so den 
Weg nach Europa und im Norden des schwarzen Meeres bis zur Donau. 

Kelten (Galaten, Galen, Walen) 2 ) bildeten die älteste Bevölkerung in West- und 
Mittel-Europa und in einem grossen Theile des Südens unseres Welttheiles. Sie sind 
auch die frühesten nachweislichen Bewohner Oesterreich's, wohin sie aller Wahrschein- 
lichkeit nach bei ihrer Einwanderung aus Asien, der Donau entlang ziehend, gelangten. 
Wann diess geschah, darüber berichtet keine Sage , doch muss diese erste Besetzung 
auf mehr als 1.500 Jahre vor Christi Geburt zurückreichen. Denn bis zu jener Zeit 
lassen sieh die Spuren einer Bevölkerung von Gallien und Hispanien verfolgen , und 
viele Jahrhunderte mussten vergehen , um in dem von Kelten bewohnten Theile von 
Europa jene grosse weitgreifende Völkerbewegung vorzubereiten, deren unmittelbare 
Folgen in das historische Zeitalter hineinreichen. 

Das grosse Keltenland Gallien vermochte nämlich die sich mehrende Zahl des 
Volkes in herkömmlicher Weise nicht zu ernähren, wesshalb dasselbe, wie wohl auch 
früher geschehen, eroberungs- und beutelustige Schaaren nach Süden und Osten ent- 
sendete. Belloves zog ums Jahr 600 vor Christus über die Alpen und setzte sich im 
Po-Thale fest, Sigoves drang in die hereynische Wildniss und unterjochte mit seinen 

') Allgemeiner Theil. A) Ethnographie §. 1. 

! ) Die griechischen Autoren schreiben ohne Unterscheidung: KtXroc (KArai) und TaXarai, die Römer: 
Galli. Die Wurzel scheint im gaelischen Worte: gal, d.i. Kriegsdienst. Wehrpflicht, zu liegen, wornach 
Gale einen Krieger oder Wehrmann bedeutet. Erst durch die deutsche Aussprache ging die Silbe Gal 
in Wal über. 



88 

Schaaren die Alpenvölker 1 ). Diese Rückstauung des keltischen Wanderstromes 
vermehrte durch wiederholt stattfindende gallische Einwanderungen die wahrschein- 
lich dünne Alpenbevölkerung, und brachte den mächtigen Stamm der Bojer(von 
denen ein Theil mit nach Italien zog, aber später zu den Stammesgenossen an der 
Donau flüchten musste) zu festen Wohnsitzen im Süden dieses Flusses bis Pan- 
nonien hinab. 

Die nun beginnenden ersten Spuren der Geschichte zeigen uns bereits inNoricum 
die keltischen Stämme derTaurisk er und Bojer, und selbst im benachbarten Panno- 
nien keltische und illyrische Völkerschaften neben einander, ja die Japoden werden 
ausdrücklich ein keltisch-illyrisehes Mischvolk genannt. Oesterreich erscheint somit 
sammt den Alpenländern seit uralter Zeit als die Gränzscheide des keltischen 
und des il lyrischen Sprachstammes; für die Ansicht aber, dass Kelten und 
nicht Illyrier die älteste dortige Bevölkerung bildeten, spricht auch der Umstand, dass 
die Hochgebirgs- und Flussbezeichnungen, sowie die von den Ouellensehriftstellern 
angeführten Ortsnamen keltische Wurzeln haben 8 ). 

Fischfang, Jagd und Viehzucht nebst häufigen damit verbundenen nomadischen 
Wanderzügen bildeten die frühesten Beschäftigungen jener Urbewohner des Süd- 
Donaulandes, den überraschender Weise eine andere sich beigesellte, welche feste 
W'ohnsitze und mancherlei Kenntnisse und technische Hilfsmittel voraussetzt, der 
Bergbau, und zwar der Bergbau auf Eisen. Sobald Noricuin in der Geschichte 
auftaucht, finden wir Erwähnung dieses Erzeugnisses als eines dem Lande eigentüm- 
lichen, dessen Bereitung immerhin einen gewissen Grad der Cultur vorraussetzt 3 ). 
Uebrigens haben wir von der Religion und den Sitten der vor der Bömerherr- 
schaft in Noricum und den Donauländern befindlichen Keltenvölker nur sehr dürftige 
Nachrichten von Griechen und Römern , so dass wir nur durch die in Gallien und den 
übrigen Keltenländern näher bekannten ethnographischen Charakterzüge einigermassen 
im Stande sind , auch einen Schluss auf unsere Noriker (Taurisker) und Bojer zu 
ziehen. — Hiernach verehrten die Kelten mehrere Gottheiten, welche die Griechen 



') Livius (V. c. 33 — 35) erzählt diese Auswanderung, auf welche Caesar (bell. galL VI. 24) hinweist, nach 
keltischen Traditionen, welche allerdings manchen Widerspruch in sich schliessen. Grimm in der Ge- 
schichte der deutschen Sprache, 1.116, bekämpft ihre Glaubwürdigkeit sehr nachdrücklich. Doch kennt 
auch Tacitus (Germ. 28) im Osten der Helvelier die Bojer: „Igüur inter Hereyniam sylvam Rhenumque 
et Moenum amnes Helvelii, ulteriora Boji, gallica utraque gens, tenuere", und das spätere Auftreten 
der Kelten an der Nieder-Donau und in Ost-Europa scheint eine Bestätigung des ersterwähnten Wan- 
derzuges in sich zu schliessen, wobei man immerhin zugeben kann, dass die Namen der angebliehen 
Führer mythisch sind. Was die Zeit dieses kellischen Wanderzuges anbelangt, wird hier nach Livius 
das Jahr 590 oder in runder Zahl (iOO vor Christus angenommen; die näheren Gründe für diese Annahme 
gegen die neuere Ansicht Niebubi-'s und seiner Nachfolger, welche das Jahr 390 annehmen, werden 
im weiteren Verfolge dieses Werkes angegeben werden. 

~) Vergl. über die Namen der Berge und Flüsse das bereits im allgemeinen Theile, §. 3. Note 1) Gesagte, 
dann bezüglich des Landes unter der Enns den folgenden §. 56. 

3 ) In wieferne dieser Bergbau durch das im Lande reichlich vorhandene zu Tage stehende treffliche Erz 
ursprünglich entstanden, oder die Kunde hiervon aus der fernen Urheimat mitgebracht wurde — wie 
zahlreiche Spuren uralten Bergbaues in den östlichen Gebirgen Sibirien's (nach Pallas) vermuthen 
lassen — kann wohl kaum mehr fesl-cesiellt werden. 



89 

und Römer durch ähnliche Götter ihrer Mythologie zu erklären suchten 1 ). Bei den 
Kelten gab es auch einen ritterlich-priesterlichen Adel, zu welchem ein grosser Theil 
des übrigen Volkes in mancherlei Abhängigkeits-Verhältnissen stand. Gemeinde-, 
Gau- und Wehr-Verfassung und das Abhalten von Volksversammlungen hatten viele 
Aehnlichkeit mit derlei Einrichtungen der Germanen, denen die Kelten auch mehrfach 
in der Lehensweise glichen 2 ). 

Als einziger Rest der Denkmale jener vorrömischen Zeit in Oesterreich unter der 
Enns erscheinen die Leichenfelder von Kettlach (zwischen Pottschach und Gloggnitz), 
von Mahlleiten (hinter Fischau) und Rothengrub. Die spärlichen Beigaben meistens roh 
gearbeiteter Gegenstände lassen auf ein höheres Alter jener Gräher schliessen, als diess 
bei den nächst dem Rudolphsthurme zu Hallstatt aufgedeckten der Fall ist 3 ). 

Das eigentlich historische Zeitalter beginnt aber für Oesterreich unter der Enns 
kurz vor der Römerherrschaft daselhst; denn erst durch das furchtbare Erscheinen der 
Cimbern wurden die Römer mit den Alpenländern näher bekannt 4 ). 

§. 56. 
Zeit der Römerherrschaft. 
Seit dem Beginne der historischen Zeit war, wie erwähnt, bereits das heutige 
Oesterreich im Süden der Donau von norisch-kel tischen Stämmen bewohnt, nament- 
lich von Bojern (Boji), welche, vereinigt mit den Tauriskern, den von der Nordsee 
(in Jütland) bis in die Donaugegenden herabgedrungenen Cimbern (113 vor Christus) 
widerstanden, aber um die Zeiten Caesars von dem dakischen Könige Börebistes eine 
solche Niederlage erlitten , dass das ganze norische Uferland vom Inn bis Pannonien 
zu Strabo's Zeiten einen Theil der grossen Boj er wüste (deserta Bojorum) bildete 5 ). 



*) Der Hauplgott der Noriker war Belen, von den Griechen und Römern für Apollo erklärt, der zugleich 
als Schutzzoll der Eisenwerke und Eisenarbeiter galt und desshalb vorzüglich in dem eisenreichen 
Noricum in Ansehen stand; ferner kannten sie einen Donnergott Taran, dem sie auf den Spilzen 
hoher Berge pyramidenförmige Steinhaufen errichteten, dann den Kriegsgolt Esus, den sie unter dem 
Sinnbilde eines Schwertes oder einer Lanze verehrten, den gewaltigen Ogmius, welchen Lucan zum 
Herkules umdeutet, den Teutates (eine Art Merkur) und den Dis, den angeblichen Stammvater der 
Kelten, welchen Caesar aber für den Pluto der Römer hält. Ausserdem verehrten sie noch mehrere 
Naturkräfte, besonders an Quellen und in Hainen. Die Kellen hatten einen eigenen Priestersland an 
den Druiden, welche wahrsagten und verschiedene Thiere zum Opfer darbrachten. Doch kamen bei 
den Kelten auch Menschenopfer vor, wogegen noch Kaiser Augustus und seine Nachfolger Tiberius 
und Claudius Verbole erlassen musslen. 

2 ) Entsprechend der auf Wehrpflicht beruhenden Verfassung beider Völker erscheinen auch die Namen: 
Gale und Germane (Wehrmann) gleichbedeutend (vergl. die vorausgehende Note 2. Seite 87). 
Ueber das in neuester Zeit vielbesprochene ethnographische Verhältniss der Kellen und Germanen hat 
II. B. Ch. Brandes (Leipzig 1857) erschöpfend und gründlich geschrieben. 

S) Prof. A. Ritter von Franck zu Wiener-Neustadt, welcher sich mit der Aufdeckung dieser Spuren vor- 
römischer Bevölkerung seit 1851 beschäftigt, hat die Ergebnisse seiner ersten Nachforschungen im 
XII. Bande des Archivs zur Kunde österreichischer Geschichtsquellen, S. 235 — 240, mitgetheilt, seine 
Sammlungen keltischer Anlicaglien seither aber noch bedeutend vermehrt. 

4) Noch Herodot (V. 9) hielt alles Land im Norden der Thraker für unbewohnt, und Ephoros (bei Strabo 
I. p. 34) nennt die Kelten nur im Allgemeinen als das äusserste bekannti' Volk im Westen. Erst Poly- 
bios führt (XXXIV. 10) die Tauptoxot oc Nojptxoi als das äusserste ihm bekannte Volk im Norden auf. 

5 ) Ueber die Bojerwüste siehe II. B. §. 3. — Ueber den Einfall der Cimbern wird bei Inner-Oesterreich 
gehandelt, da der Hauptkampf bei Noreja vorfiel. 

I. 12 



90 

Die Römer unterjochten nach Besiegung - der Rhätier in einem Sommer (Jahr 15 vor 
Christus) ohne Kampf die schwach bevölkerten Uferstriche, machten aus dem erober- 
ten Lande von den norischen Alpen bis zum Ister und vom Inn bis zum MonsCetius 1 ) 
die Provinz Noricum 8 ). Hiervon wurde die Seite des Donau-Thales , vom Inn bis zum 
cetischen Gebirge und vom Ister bis zu den Alpen, seit Hadrian's Zeit im Gegensatze 
zum Tauriskerlande (Mittel-Noricum) als eigene Provinz Ufer-Noricum (Noricum 
ripense) unterschieden, welchem der zum Markomannen-Reiche gehörige, von Deut- 
schen bewohnte nördliche Theil unseres heutigen Oesterreich's gegenüber lag. Der 
im Osten vom Kahlen-Gebirge liegende Theil Oesterreich's gehörte schon zum oberen 
Pannonien, worin Carnuntum der Hauptort und der Standpunct einer römischen 
Donauflotte war. 

Die Ortsnamen, welche zur Römerzeit in der römischen Provinz Ufer-Noricum und 
dem oberen TheilePannonien's — der jetzt zu Oesterreich gehört — genannt werden, 
haben grösstenteils kein römisches Urgepräge; vielmehr scheint der Name der 
ober-pannonischen Hauptstadt und Colonie Carnuntum 3 ) (von Petronell bis hinter 



') Dass wenigstens Ptolomäos unter dem Mons Cetius nicht bloss das Kahlengebirge, sondern das ganze 
Gebirge von den Karavanken bis zur Donau verstand, welches er sich als eine zusammenhängende Kette 
dachte, hat Schmidt in den Sitzungs-Berichten der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, Bd. XX. 
S. 338—352 gezeigt. 
a ) Ueber den Namen Noricum sind mehrere Erklärungs-Versuche gemacht worden, 1. Einige legen den 
Namen Noriker für Nord-Beicher aus. Schon Hugo Grotius und Magnus Klein leiten das Wort 
Noricum von Nord und Bich. Bik, fliehe (Reich) ab, wornach Noricum ein gegen Norden gelegenes 
Land, ein Nordreich, so wie Oslarriche (Oesterreich) die Ostmark bezeichnete (Wächter Glossar: 
„Nord" und „Reich"). Dafür scheint auch die Analogie von Normannen (Norl-mannon) , Normandie, 
Norwegen (norwegisch Norege, bei Plinius [IV. 16]: Nerigon, bei Aetius: Noricum), Norfolk etc. zu 
sprechen. 2. Nach Ptolomäos (II. 14) waren die Noriker die ältesten Bearbeiter der Eisenbergwerke, 
und Epaphrodilus im ersten, Clemens von Alexandrien im zweiten und Eusebius im vierten Jahrhunderte 
nehmen Noropes und N o ri ci gleichbedeutend, wornach Noriker Eisenbergleute und Eisenarbeiter 
bezeichnen soll, und so hätten, wie Britannien von den reichen Zinngruhen, die Zinninscln (insulae 
Cassiterides) von Zinn (xaaaiTzpoi), auch Land und Bewohner Noricum' s von ihren reichen Eisengru- 
ben, deren Metall sie so hellglänzend (vwpotp) zu bearbeiten wussten, die Namen Noricum, Noroper und 
Noriker erhalten (Pallhausen in den Abhandlungen der k. bair. Akademie 1807, p. 441 etc.). 3. Lienhart 
leitet (in derGeschichte von Krain, I. p. 91 —96) Noricum vom Griechischen ab: von sv = auf, in, und opo; = 
Berg, Gebirge, was Bergbewohner, Aelpler, also Taurisker bezeichnet, wie denn die norischen Gebirgs- 
bewohner ihre Berge noch heutzutage mit dem Worte Tauern benennen. 4. Natürlicher dürfte es sein, 
den keltischen Namen Noricum auch aus einer keltischen Wurzel zu erklären, nämlich aus dem 
gaelischen noir (nor) = Ost und rijrh = Reich, wornach Noricum =0st-Reich und Noriker = 
Ostreicher wäre, womit die Lage Noricum's als östliche Gränzscheide keltischer und illyrischer 
Stämme übereinstimmt. 

3 ) Carnuntum war der Knotenpunct zweier mehligen Heerstrassen, der Standort der XIV. Legion 
(zeitweise auch der X. gemina) und einer Donauflotte, auch einer Schildfabrik, das Hauptquartier der 
oberpannonischen Armee, und unter Marcus Aurelius 178 — 181 der Mittclpuncl seiner Unternehmungen 
gegen Ouaden und Markomannen. Im Jahre 374 wurde Carnunl, damals der Sitz des Präses von Ober- 
Pannonien, durch einen Ueberfall der Quaden verödet und erholte sich nicht mehr (Vergl. über Car- 
nuntum: Vellej. P. II. 109. — Plio. IV. 12 [25] XXXVII. c. 11. — Spart. Sev. 5. — Eutropius VIII. 13.— 
Oros. bist. VII. — Zosimus II. 10. — Ammianus M. I. XXX. — It. Ant. p. 262, 267. — Tab. Peut. — Not. 
Imp. Occ. 30. — Ptol. II. 15). Vergl. Sacken die römische Stadt Carnuntum in den Sitzungs-Berichten 
der kais. Akademie, Bd. IX. S. 660 — 784. Ueber neuere Funde von Allerthümern daselbst berichtet 
Seidl im Archiv zur Kunde österreichischer Geschichtsquellen, Bd. XIII. S. 81 — 84 und Bd. XV. 
S. 248—253 und Sacken in den Sitzungs-Berichten, Bd. XI. S. 336—364. 



91 

Deutsch-Altenburg) auf die keltischen Carnunter, Vindobona 1 ) (Wien) auf die 
Vinden, Cetium 2 ) auf die Citii, und auch die Ortsnamen Arelape (Pechlarn), Namare 
(Melk), AusturaoderAstura 3 ) (Osterburg), Cannabiacum 4 ) (Schönbühl), Trigisamum 5 ) 
(Traismauer). Comagena c ) (Zeiselmauer), dann die tiefer im Lande gelegenen Clau- 
divium (Clana) , Gesodurum (Ober-Gösing), Gabanodurum 7 ) (Gaming), ebenso die 
Donau (Danubius. Dun-awa) , March (Mar-ns, Mar-aha), Enns (Anasus), Erlaf 
(Arelapa, Arl-apa), der Göller, Oetscher (einst Oezan), der Mons Comagene, Tuln 8 ) 
(Tullina), Pyra, Hocb-Pyra u. a. m. auf keltischen Ursprung hinzuweisen, da man 
analoge Orts- und Volksnamen in den Keltenländern findet, mehrere auch aus kelti- 
schen Wurzeln erklären kann, und die Auswanderer aller Nationen, vorzüglich aber 
die Kelten, die Erinnerung an ihre heimathlichen Orts- und Stammnamen in den 
Benennungen ihrer neuen Niederlassungen zu bewahren pflegten. Nur die Namen 
Lacus Felicis (Nieder-Wallsee), Pons Isis (Ips, mundartlich Ois) 9 ), Elegium ad Muros 



<) Vindobo na schreiben das It. Ant. p. 233, 266, die Tab. Peut, und SIein-Inscbriften; Vendobona 
Aur. Vict. de Caes. 16; OötvSößovv« Agathem. II. 4. p. 3, 38; Vindimiana die Not. Imp. und Vindomina 
Jornand. Goth. c. SO. — Wahrscheinlich sind auch identisch mit Vindobona das bei Plin. III. 24, 27 
in Noricum erwähnte Vianiomina, bei Ptol. II. 15, 3 'laukdßota. — Vergl. einerseits die Ortsnamen 
Vindinum (le Mans). Vindomagus (Vigan) und Vienna (Vienne) in Gallien; Vindonissa (Windisch an 
der Aar) in Helvetien unweit dem alten Habsburg; Vindogladia (bei Pentridge), Vindoinara (Dorf 
Echesler), Vindohala (Walls-End) und Vindotara (Old- Winchester) in Britannien; dann den Stamm der 
Vindelici (am Lech); anderseits Juliobona in Gallien und Bonna (Bonn) am Bhein. — Man hält dafür, 
dass vindo den Zusammenfluss der Gewässer, bona (vom keltischen bon oder bonn) so viel als Boden, 
Wohnstätle bedeutet. Eine andere Erklärung des Namens für Vindobona wäre: Wohnung oder Auf- 
enthalt der Vindonen oder Vinden. Später war hier der Standort der legio X. gemina. Seit der Zer- 
störung Carnunt's wurde die Station der üonauflotle nach Vindobona übertragen. Daselbst starb auch 
Marcus Aurelius (im Jahre 186 n. Chr.). 
2 ) Cetium mit dem Beinamen Aeliuin (Aelia Cetiensis. Aelia Celiensium) war der ostlichste Punct im 
Noricum. Die in Klosterneuburg ausgegrabenen Militär-Diplome lassen keinen Zweifel über die Existenz 
einer römischen Niederlassung in dieser Gegend, beweisen aber nichts für die Lage von Cetium. Die auf 
Cetium bezüglichen Inschriften-Steine, s. Seidl im Archiv etc. B. IX. S. 99 — 102. Man leitet den Namen 
des cetischen Waldgebirges von Cet (Köt, Kot), der Wald, ab. Vergl. die Namen Göttweih. Kottes, Kätsch 
etc. Der Hauptsitz der Citii oder Citui war aber zwischen der Donau und Leitha . daher noch im 
Mittelalter die Insel Schutt: Insula Cituorum genannt wird. 
• ! ) Das Itin. Ant. und die Not. Imp. schreiben Arlape. die peut. Tafel Arelate und Ptol. 'ApsXäzt) (jetzt 
Pechlarn) am Einflösse der Erlaf in die Donau. Daselbst war der Standort einer Donautlotte und 
einer dalmatischen Beiter-Abtheilung. Vergl. Arelato, Namare, Asturien in den Kelten-Ländern Gal- 
lien und Hispanien. — Die Not. Imp. schreibt: Austura, die vita S. Severini : Astura. — Dass Namare 
an der Stelle Melk's gestanden, beweiset Keiblinger, Geschichte des Benedictinersliftes Melk, B. I. 
S. 10 — 16. — In Traismauer lagerte längere Zeit die Ala I. Augusta Ituraeorum und Thracum, s. Seidl 
im Archiv z. K. etc., B. IX. S. 97, 98. 
*) Vergl. Canaliacum oder Canalicum in Ligurien, Canoma in Hispanien etc. 

5 ) Vergl. Augusta Tricastinornm, den Hauplort der Trieastiner (zwischen Drome und Isere), dann den 
Stamm der Tricasses (auch Tricasii, Trigisani) in Gallien. 

6 ) Vergl. den Lacus Comacenus (Corner See) und den Ort Comum (Como) in Gallia Cisalpina. 

7 ) EXauätduiov (Clana?), FqO'rfdouvov, raßavddbvpov (Ptol. II. 14, 3.). Analog sind Clodiana in Illyricum, 
Mons Claudius (an dessen Vorderseite die gallischen Scordisker, im Bücken die Taurisker wohnten), 
dann Gesonia, Gesobrivica und Ganodurum in Gallien. 

8 ) Analog sind Tullonium und Tullica in Hispanien, Tullum oder Tulla (Toul) in Gallien, der gallische 
Volksstamm der Tulingi, welche zwischen den Rauraci und Helvelii am Rheine wohnten, der Mons 
Tullum (Terglou) etc. 

9 ) Der Name des Flusses „Is" ist übrigens ein rein keltischer. 

12* 



92 

(Aggsbach und Mauer bei Seitenstätten), Aquae (Baden) 1 ), Aequinoctio (Fiscbamend), 
Ala nova (Kaiser-Ebersdorf) haben rein romanischen Klang, sowie auch im Dörfchen 
Venusberg (bei Traismauer) ein Nachklang an den Cultus der Römer liegen 

könnte 8 ). 

Mit den römischen Colon ien, worin römische Bürger und Krieger mit römi- 
schem Bürgerrechte lebten, verbreitete sich bald römische Sprache, Sitte und Religion 
im Ufer-Noricum ; die Verleihung des Municipalrechtes an einzelne Gemeinden jener 
Einheimischen (Provinciales), welche das Schwert des Siegers für friedliche Pflege 
der Aecker und für die gewohnten Beschäftigungen der Alpenwirthschaft, des Berg- 
baues u. dgl. verschont hatte, bahnte die Verbreitung römischen Geistes auch unter 
ihnen an 3 ). Von einer durch Kriegs-, Handels- und Staatsdienste, sowie durch Fami- 
lienbande eingegangenen Gemeinschaft der Römer und der nori sehen Pro- 
vincialen oder Eingebornen geben die Inschriften und Namen mancher römischen 
Denksteine Kunde. Ein Strassennetz, welches die eroberten Alpenländer durchzog, 
stand in Verbindung mit der Strasse längs der von Castellen wohlbewachten Donau 
(supercilia Istri), und Ausgangspuncte dieser Strassenverbindung waren Arelape, 
Vindobona und Carnuntum im unteren Ufer-Noricum und Ober-Pannonien. 

Dass nicht nur römische Militär- und Ci vil-Institutionen bei den Nori- 
kern Eingang fanden , sondern auch die bereits mit persischen und anderen orientali- 
schen Mythen vermischte und mit mystischen Culten in Verbindung gesetzte griechisch- 
römische Götterlehre, welcher sich der keltische Polytheismus leicht anschmiegte, 
an den Ufern der Donau ihre Opferstätten fand, beweisen die Altäre, Votiv- und Denk- 
steine. Sowie am adriatischen Meere zu Aquileja der norische Sonnengott Belenus 4 ) 
besonders verehrt wurde, so bezeugt das in Carnuntum gefundene Mithr as-Denkmal 
die Verehrung eines ähnlichen persischen Sonnengottes. Jupiter, Juno, Venus, 
Apollo, Mercur und die übrigen vorzüglichsten Gottheiten der Römer werden auf 



i) Die dort aufgefundenen Reste der Römer-Zeit hat Seidl in N. III. seiner Deilräge zu einer Clironik 
der archäologischen Funde (Archiv z. K. österr. G. B. IX. S. 91 ff.) zusammengestellt. Dass auch die Meid- 
linger Heilquellen schon den Römern bekannt waren, zeigt Sacken in den Wiener Blättern für Literatur 
und Kunst, 1853 Nr. 3. 

2) Römisch-archäologische Funde zeigen übrigens, dass auch an vielen von den Quellen nicht benannten 
Orten im heuligen Oesterreich römische Wohnstätten waren. So bringt Seidl's Clironik der archäolo- 
gischen Funde (Archiv etc. B. III, VI, IX, XIII, XV) derlei Notizen über Döbling, St. Polten, Meidling, 
Wr. Neustadt, Schwadorf, Brück, Mautern, Pasdorf, Gumpoldskirchen, Himberg, Vösendorf, Lanzen- 
dorf. Ueber die römischen Gräber bei Brück berichtet speciell Sacken in den Sitzungs-Berichten der 
kais. Akademie B. VII. S. 156—160, und vermuthet daselbst eine kleine römische Niederlassung an der 
Strasse von Scarabanlia nach Carnuntum. 

3) Dio Cassius lib. XIV. 536. Strabo lib. IV. 142, VIII. 202. — Eine grosse Anzahl von Norikern wurde 
unter die Legionen vertheilt, sie bildeten sogar einen Thcil der Praetorian er. Dio Cass. LXXIV. 
c. 2. Vergl. Herodian II. 107. Tacitus (Ann. 15) redet von einer: „Legio invieta Tauriscoruin", so wie 
von Anderen überhaupt: „Legiones celticae" erwähnt werden. 

*) Tertullian Apolog. c. 24: „unieuique ctiam provinciae et civitati suus est Deus utNoricis 

Belenus." — Steinschriften bei Aquileja, Klagenfurt etc. sind geweiht: Apollini Beleno und Beleno 
Augusto (Gruter p. 36, Eichhorn Beiträge I. 56). Vergl. Muchar altkeltisches Noricum §. 24. 



93 

Votivsteinen genannt, und den Diis manibus, Laribus u. dgl. sind allenthalben Denk- 
male gesetzt worden 1 ). 

Unter den kleineren germanischen Völkerschaften im Norden der Donau 
nennt Ptoloinäus 3 ) die Terakaten (Te-Rakatae, d. i. Rakaten an der Thaya) und 
die Rakaten (am Kamp) in der Nachbarschaft der Baemen. Man glaubt, dass von 
diesem Stamme der Rakatae (in oberdeutscher Aussprache Räkassäe) die böhmische 
Benennung Rakusi oder Raküsane für Oesterreicher und Raküsy für Oesterreicb 
entstanden sei 3 ). 

Eine erbebende Erscheinung in den Zeiten der Auflösung der Römerherrschaft 
war der heil. Severin, welcher tröstend, warnend und belehrend, von Provincia- 
len, Römern und Barbaren geachtet, segenreich in Noricum und Pannonien, beson- 
ders aber in Faviana 4 ) und dessen Umgebung, wirkte. Seine Biographie gewährt eine 
anschauliche Schilderung der Zustände der verschiedenen Bewohner dieser Gegen- 
den. Spuren einer geographischen Unterscheidung des norischen Landes ob und 
unter der Enns findet man bei dem Biographen des heil. Severin in der zweiten 
Hälfte des fünften Jahrhunderts, da von ihm die oberen und unteren Burgen 
Ufer-Noricum's (castella Norici ripensis superiora et inferiora) unterschieden 
werden ä ). 

Merkwürdig bleibt der norisch-pannonische Boden Oesterreich's in dieser Zeit für 
die europäische Völkerstellung; denn hier waren der tapfere Odoaker und der grosse 
Theodorich heimisch, und von hier zog ersterer zur Zerstörung des römischen 
Weltreiches und letzterer zum Aufbaue einer neuen Staatengestaltung nach Italien. 



>) Mehr über die Verhältnisse Noricum's siehe in Muchar's altkeltischem und römischem Noricum I. und 
II. Band. Vcrgl. über römische Inschriften-Steine, nebst Gruter, die Ergänzungen in Hormajr's Geschichte 
Wiens, und dessen Archiv, J. 1816, 1822, 1824, 1827, 1832, dann in den Wiener Jahrbüchern der 
Literatur, B. 46—48., Tschischka's Kunstgeographie und J. G. Seidl's Chronik der archäologischen 
Funde in der österreichischen Monarchie (v. 1840—45) in den österreichischen Blättern 1846, Nr. 18—20, 
und im Archiv zur Kunde österreichischer Geschichtsquellen, 11. cc. 

=) Kai !?yvsx"S aüVoi? (roTs Batfiotj) reapä tot reorapöv 0° Tepaxarat xai. oi' repög roi? xap.jroJ; Paxarar.. 

3 ) Safafik: Slavische Allerlhümcr, B. II. der deutschen Uebcrtragung, S. 382, 413. 

*) Ausser der Vita S. Severini erwähnt den Ort Faviana oder Favianis nur noch die Nolitia dignitatum 
Imperii (neu edirt von Eduard Böcking, Bonnae, 1839-49), cap. XXXIII. Mit Wien identiflciren dasselbe 
zuerst, wahrscheinlich durch die Inschriften-Steine der coliors Fabiana irre geleitel, Olto von Freisingen 
(in dessen Gest. Frid. c. 32) und Heinrich Jasomirgott (in drei Urkunden von 1158, 1159 und 1161: 
in Civitate nostra Favianis, quae alio nomine Wienna dicitur etc.). — Vergleiche Calles Annal. Austr. 
I. 1. II. p. 92, Hormayr Gesch. Wien's, B. I. Heft II. S. 38 etc., welche Faviana als identisch mit Vindo- 
bona an die Stelle Wien's setzen, mit Fr. B lumberger's Bedenken gegen die gewöhnliche Ansicht 
von Wien's Identität mit dem alten Faviana (Archiv der kaiserl. Akad.. J. 1849, III. B. S. 353 etc.) 
und Glücks Erläuterungen in den Silzungs-Bericbten B. XVII, 76—78. Die Angabe der Entfernung Faviana's 
von Batava, seine wiederholt vorkommende Bezeichnung als eine Ortschaft im Noricum ripense. sein 
Erscheinen neben Vindobona in der Notitia dignitatum , sein Untergang im V. Jahrhunderte gegenüber 
dem Fortbestände Vindobona's in der gothischen Zeit verleihen diesem Bedenken ein entschiedenes 
Uebergewicht; ich würde Faviana bei Mautern und Göttweih suchen. 

5 ) Eugipp, der Biograph des heil. Severin, nennt im Lande unter der Enns: Astura (Osterburg) als einen 
von den Barbaren zerstörten, Comagene aber als einen von Rügen besetzten Ort, wo sie den ersten 
Uebcrgang über die Donau versucht halten, Faviana als Sitz des Rügenkönigs, dann ad 
vineas, das nahe Burgum etc. Severin's Zelle in Sievering, sein Kloster in Heiligenstadt zu suchen, 
fiel erst dem XVI. Jahrhunderte ein. 



94 

§.57. 

Völker wanderungszeit. 
(Das jetzige Oesterreich als Rugiland, bald darauf Awaren und Slaven.) 

Als bald nachher der römische Donau-Limes (Times Danuhii) von Odoaker 
aufgegeben und ein grosser Theil der römischen Bewohner nach Italien gebracht 
wurde (488), drängten und folgten sich im raschen Wechsel Heruler, Schiren. Tur- 
kilinger, Ostgothen, Rügen, Langobarden, Sueven und andere germanische Stämme 
bis zur Ankunft der Awaren und Slaven im sechsten Jahrhunderte. Von den Rü- 
gen, welche anfangs das nördliche Donauland inne hatten, bald aber sich auch im 
Süden der Donau verbreiteten, wo ihr König Feletheus Faviana inne hatte, wurde 
der nördliche und westliche Theil des jetzigen üesterreich's unter der Enns einige Zeit 
(488 — 526) Rugiland genannt, bis dieser Name, welcher schon durch die Herrschaft 
Theodorich's des Ostgothen über das gesammte Süd-Donauland eine Schmälerung er- 
litten, seit der langobardischen Herrschaft in Pannonien (526 — 568) wieder erlosch '). 
Die Bewohner von Lauriacum (Lorch bei Enns) und anderen zerstörten römischen 
Orten fanden Aufnahme in den von dem Rügenkönig besessenen Gebietstheilen. 

Doch bald kamen noch neue Fluthen über das bedrängte Ufer-Noricum. 

Nach dem Abzüge der Langobarden aus Pannonien im Jahre 568 wurde ganz 
Ufer-Noricum bis zur Enns und Rugiland im Norden der Donau von Slaven in 
Besitz genommen. Bald darauf gründeten die Awaren ihre Herrschaft über jene 
Slaven und setzten sich im Donau-Thale und den ebenen Theilen des jetzigen 
Oesterreich unter der Enns fest, daher dasselbe vorzüglich Hunnia oder Avaria 
genannt wurde. Die Slaven scheinen von Mittel-Noricum (Karantanien) aus an der 
Mur, der Enns und ihren Nebenflüssen bis in die Alpenpässe vorgedrungen zu sein 
und sich in den Thälern der süd-österreichischen und steiermärkischen Alpen bis 
zu deren Pässen ausgebreitet, wohl auch sporadisch an der Erlaf. Ips, Url, Bielach. 
Traisen, Piesting u. s. w. angesiedelt zu haben, besonders seit Samo (623 — 630) 
durch Vereinigung der böhmischen und karantanischen Slaven die Macht der 
Awaren für einige Zeit schwächte. 

Urkundliche Spuren vom achten bis zum zwölften Jahrhunderte und sla- 
vische Ortsnamen in den .angedeuteten Bezirken Nieder-Oesterreich's scheinen 
auf obige Ausbreitung hinzuweisen, obgleich manche slavische Ansiedlangen auch noch 
später, insbesondere zur Zeit der Karolinger und Babenberger. geschehen sein mögen 2 ). 

In einer Schenkungs-Urkunde Ludwig's des Deutschen an das Hochstift Regens- 
burg vom Jahre 832 wird in der Ostmark (in orientali parte) ein Berg genannt, 
der bei den Wenden (apud Wenades) Colmezza (Chl'mec oder Cholömica) 3 ) heisst. 



i) Vergl. über das Gesagte II. B. §§. 9—12. 

3) Vorzüglich scheinen die (nördlich der Alpcnpässe im Flaehlande) vereinzelt angesiedelten Slaven erst der 
Karolinger-Periode anzugehören. 

3) Keiblinger (Geschichte von Melk, ß. I. S. 65) hält den Berg für die an der Poststrasse von Melk 
nach Kcmmelbach gelegene Anhöhe oberhalb des Dorfes Erlaf, auf welcher das Dörfchen Kolm 
(Kolben) liegt. Aeltere Auslegungen halten ihn für den Kolmitzberg bei Ardaker. 



95 

Eine Urkunde vom Jahre 837 nennt die Gegend an der Ips Slavinien (in 
Sclavinia .... juxta Ipusa flurnen), und noch 979 erscheint daselhst ein Bach 
Zucha ') (die in die Ips fliessende Zuchaha) und ein Berg- Ruznic (in niontem, qui 
dicitur Slavonice Ruznic). 

An der Per schling (ad Persnicham in Sclaviniae locis 851, Slavi circa 
Bersinicha 853) werden Slaven, sowie an der Traisen und (888) auch zu Epo- 
resburcli freie und unfreie Slaven urkundlich genannt 2 ). 

Zur Ergänzung dieser urkundlichen Spuren weisen wir auf Namen von Flüssen 
und Ortschaften hin, welche unbezweifelt slavischen Ursprunges sind 3 ). 

Am rechten Donau-Ufer finden sich a) im Kreise ober dem Wiener-Walde 
folgende slavische Namen von Flüssen: Veistra *), Erlaf 5 ), Bielach 6 ), Sirning 7 ), 
Perschling 8 ), Tuln 9 ), und folgende slavische Ortsnamen : Opponitz 1 ") bei Waid- 
hofen, Kolmitzberg u ), Gaming u ), Pechlarn 13 ), Melk B ), Tratigist ,5 ), Türnitz 16 ), 
Tuln l? ); b) im Kreise unter dem Wiener- Walde folgende Flüsse mit slavischen 
Namen: Aisbach 18 ), Liesing 19 ), Triesting 20 ), Feistritz 21 ) und nachstehende slavi- 
sche Ortsnamen: Gablitz 22 ), Gleinz 23 ) und Laa 2 *) bei Wien, Rodaun 25 ), Mödling 26 ), 



') Sucha oder Dürrenbach. 

3) Die Mehrzahl dieser Urkunden ist übrigens nach Kopp's Paläographie bezüglich der Zeil unächt, allein 
der Inhalt dürfte hinsichtlich der geographischen Angaben nicht zu verwerfen sein. 

s) Die nachstehenden Fluss- und Ortsnamen sind aus dem Aufsätze : „Ueber die Slaven in Nieder-Oester- 
reich" im Casopis Ceskeho Museum, Jahrgang 1844, S. 536 u. s. f. entnommen, mit beigefügten Erklä- 
rungen von dem Verfasser dieses Aufsatzes, Prof. A. Sembera. 

*) Böhmisch und slovenisch Bysträ, d. h. Reissbach. 

ä ) Orlov;i, d. i. der Adlerfluss, vergl. Orlice und Erlitz in Böhmen. 

«) In Urkunden des zwölften Jahrh. Piela, d. i. Bela. Weissbach. 

') In Urkunden Sirnicha, d. i. Zirnica, von zir, zirny ; vergl. in Böhmen Zirec, Zirovnice. 

8 ) In Urkunden des zehnten Jahrhunderts Persnicha. Ohne Zweifel Bieznica, von bfeza, Birke. 

9) In Urkunden Tullina und Tollana, d. i. Dolina, von dol, Thal, ganz der Lage entsprechend. Vergl. Do- 
lenice, Tullnitz hei Znaim in Mähren. Siehe aber auch S. 91. Anm. 8. 

i») In Urkunden des zwölften Jahrhunderts Sopotnica, ein auch in Böhmen vorkommender Ortsname. 

") Chlumec, Chl'mec = Berg. 

13 ) Im dreizehnten Jahrhunderte: Gamnich, unbezweifelt: Jamnic = jemnice, Grube. 

13 ) Bechlany; vergl. Bechlin in Böhmen. 

<*) In Urkunden des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts : Medelicha, Medlicum, monasteriuin Medlicense, 

daher Mediice. Zu vergleichen die Ortsnamen Mediice, Medle und Medlov in Mähren, abgeleitet von den 

Personennamen Media. 
•5) Alt : Badigist = Radhost , von dem Personennamen Radhost. Vergl. Radhost in Mähren und Böhmen. 
••) Ternice = Trnice, von trn, Dorn. 

i') Dolina oder Dolany, von dol, Thal. Vergl. oben die Note 9. 

16) Ohne Zweifel Olsa, Olsava, d. h. Erlenbach. Kömmt in allen slavischen Ländern häufig vor. 
< 9 ) In Urkunden Lieznicha, d. i. Lestnica = Haselbach. 
-") In Urkunden Tristnicha, d. h. Trstnica, von trst, Schilfrohr. 
- 1 ) Byslfica, Reissenba'ch. 
- ä ) Vergleiche Kaplicc in Böhmen. 
*») Glince oder Hlince von glina, hlina, Lehm oder Thon. Man vergl. Hlinee im Prager und Leitmeritzer 

Kreise in Böhmen, und Glinca, Gleinitz oder Gleinz in Krain. 
-*) Böhm: Lava = Steg. Vergl. Laa = Lava bei Feldsberg an der mährischen Gränze. 
25) In Urkunden Badün, zu vergl. Radün bei Troppau und Radujen und Radunice in Böhmen. 
• 6 ) In alten Urkunden Medilicha = Mediice. 



96 

Edlitz '), Pernitz 2 ). Feistfitz 3 ), Gloggnitz *), sowie die Berge Semmering 5 ) und 

Göstritz ß ). 

Am linken Donau-Ufer erscheinen a) im Kreise ob dem Manhartsberge 
folgende slavische Flussnamen: Feistritz am Jauerling 7 ), Krems 8 ), Kamp 9 ), 
Lainsitz 10 ) und Schreins"), nebst nachstehenden slavischen Namen von Ortschaften: 
Reycha 12 ), Ostra 13 ), Taubitz »), Krems 15 ), Eis ,6 ), Gössing "), Gars 18 ), Polla 19 ), 
Burg Dobra 20 ), Zwettl 21 ), Gradnitz 22 ), Weitra 23 ), Kamyb 2 *), Litschau * 5 ), Jasse- 
nitz 26 ), Lexnitz 27 ), Slatten 28 ), Liebnitz 29 ), Kolmitz 30 ), Raabs 31 ), Tirnau 32 ). Zottlitz 33 ), 
Drosendorf 3 *) und Fladnitz 35 ): endlich b) im Kreise unter dem Manhartsberge die 



i) Wahrscheinlich Jedlice, von jedle, Tanne, soviel als Tannendorf. 

2) Ohne Zweifel von perna, die Tenne. 

S) Bystrica. Wie Note 21. S. 95. 

*) Glohnica, von glog, hloh, Weissdorn. 

5) Im zwölften und dreizehnten Jahrhunderte Semernik mit offenbar slavischem Auslaut. Wahrscheinlich 

ursprünglich Severnik = Nordberg. 
«) Kostfice. Vergl. den Ortsnamen Kostfice in Böhmen. 
i) Bystrica, wie oben Note 3. Jauerling in einer Urkunde von 830 Ahornic, d. h. Javornica, Ahornwald, 

von javor, Ahorn. 

8) Böhm. Kfemze, von kfem, Kiesel. Zu vergl. Kfemyz in Böhmen und Kfemnica, Kremnitz in Ungern. 

9) Böhm. Kouba. Derselbe Name kömmt auch in der vormals böhmischen Pfalz im Böhmerwalde 



vor. 



io) Luznice, von luh, Sumpf, Aue, somit der in Sümpfen entspringende, durch Auen fliessende Bach, 
ii) In Urkunden des zwölften Jahrhundertes Skfemelice, d. i. ein Bach, der über Kieselsteine fliesst. 
Gleichbedeutend ist auch der von dem Bache benannte Ort Schreins. 

12) In Urkunden des zwölften Jahrhundertes Badikov, von dem Personennamen Radik; kömmt in Böhmen 
und Mähren öfters vor. 

13) Im zwölften Jahrhunderte Ostrog, von ostr, scharf, spitzig, ein mit Pfählen eingezäumter Ort. 
i*) Dubnice, Eichenhain, von dub, Eiche. 

15) Kfemze, wie oben Note 8. 

16) Richtiger Oels von olse, Erle. Vergl. Oels, Olesnice in Böhmen und Mähren, 
i?) Jesenik oder Jesenice, von jesen, Esche. 

18) In Urkunden Gors von gora, Berg. Vergl. Gorec oder Horec und Zhofec in Böhmen und Mähren. 

19) In alten Urkunden Polana = Felder. 

20) Alt: Dübrava, d. i. Eichenwald, in welchem die Burg Dobra liegt. 
2i) Böhm. Svetla = gelichteter Wald. 

22) Böhm. Hradnice, von hraditi, einfrieden. 

23) Böhm. Vitoraz, von dem Personennamen Vitorad, wie der Besitzer von Weitra in der Mitte des neunten 
Jahrhundertes. der böhmische Fürst Vitorad hiess. 

24) So heisst noch jetzt böhmisch Heidenreichenstein von dem altböhmischen kamy, Stein. 

25) Böhm. Licov, kömmt in Böhmen einigemal vor. 

26) Jesenice. Siehe oben Note 17. 

2') Böhm. Lestnice, von lesti, lestina, Haselbusch. 

28) Von Slatina, Moorgrund. 

29) Libenice, von dem Personennamen Liben. 

3«) Chlumec = Hügel. „ 

ii) Alt: Raks, Rakez = Raküsy, von welchem uralten Worte Oesterre.ch seinen böhmischen Namen Ra- 
kousy entlehnt, wenn derselbe nicht von den Rakaten stammt. 

32) Trnava = Dornbach. 

33) Böhm. Sedlec, von sedlo, Ansiedlung. 

34) Böhm. Drozdovice, von dem Namen Drozd (Drossel); kömmt auch in Mähren vor. 

35) Blatnice, Kothbach. 



97 

Flussnamen: Schmieda '), Pulkau 2 ), Zaya 3 ) und die slavischen Ortsnamen: 
Röschitz *). Pulkau ä ), Schlenitz G ), Porau 7 )' Wülzeshofen 8 ), Laa 9 ), Staatz ,0 ), 
Brerau "), Drösing 12 ) u. a. 

§. 58. 

Karolinger -Zeit ls ). 
(Einwanderung; deutscher Bevölkerung in die österreichische Mark.) 
Nachdem Karl der Grosse das Land der Awaren bis zur Raab eingenommen 
(791) und nach längeren Kämpfen das einst so gefurchtete Volk ganz unterworfen 
hatte (803), vereinigte er den Landstrich von der Enns bis zum Wiener-Walde 
als Ostmark (Oriens, plaga orientalis, orientalis pars Bavarie, mareha contra 
Sclavos, Winidorum marca) mit dem Traungaue. Da die zahlreichsten Reste der 
Awaren zwischen der Enns und Raab wohnten, so erscheint dieses ganze Gebiet auch 
unter dem Namen: Hunnia, Avaria, provincia Avarorum seu Hunnorum, limes 
Avaricus, limes Pannonicus. sowie der Name Pannonien, welcher gemeinhin in der 
alten geographischen Bedeutung wieder auflebte, mitunter auf das von Baiern 
strenge oeschiedene Land von der Enns bis zur Raab beschränkt erscheint, indem 
der Markgraf im Ostlande zugleich die Aufsicht über ganz Pannonien und die 
namentlich in Ober-Pannonien befindlichen Häuptlinge der Awaren (Chakane und 

Tudune) führte. 

Während der Periode der Karolinger-Herrschaft ist zwar anfänglich von 
Awaren in der Ostmark, welche die Taufe nahmen, in den gleichzeitigen Annalen 
die Rede, doch gegen Ende derselben erscheinen die dortigen Awaren völlig unter 
den neu hervortretenden Slaven und den deutschen Ansiedlern verschwunden. In 
einer Urkunde von 906 geschieht bloss noch von bairischer und slavischer 
Bevölkerung (Bawari et Sclavi istius patriae) Erwähnung, und das Land heisst 
manchmal statt Hunnia oder Avaria auch bloss: Sclavinia. Die einzelnen bairischen, 
fränkischen, sächsischen und slavischen Colonien in Oesterreich von jener Zeit mit 
diplomatischer Gewissheit aufzuzählen, hält um so schwerer, als nach Kopp's kriti- 
schen Forschungen M ) ein guter Theil dieser Urkunden unächt oder doch bedenklich 



>) Böhm. Smidava, Smedava, von smedy, braun. 

~) Pulkava. Erscheint auch in Böhmen und Mähren. 

3 ) Böhm. Sajava, von sali, saugen. 

*) Uesiee. wie in Mahren. 

5) Siehe oben Note 2. 

*) Slivnice, Pflaumendort', von sliva, Pflaume. 

7 ) In alten Urkunden Borau. d. i. Borova, Föhrenwald. 

8 ) Böhm. Vlci dvory = Wolfshof. 

9 ) Böhm. Lava, von lava, lavka, Steg über einen Fluss. Vergl. die Note ü. S frö. 
,0 ) Böhm. Stozec, von stob, Kegel. 

11 ) Prerov, von pi-e und ryli. durchgraben. Vergl. Prerau in Mähren. 

'-) Böhm. Slrezenice von dem Personennamen Strezena; Wurzel: strehn, strici. wachen. 

t= ) Vergl. Düinmler, über die südöstlichen Marken des fränkischen Reiches unter den Karolingern 

Archiv zur Kunde österreichischer Geschichtsquellen, B. X. S. 1 — 85. 
I4 ) Palaeograpbia critica I. 1. 

I. 13 



98 

erscheint '). Die Annalisten der Karolinger-Periode nennen als damals bestehende 
vorzügliche deutsche Orte: Tallina (Tuln), Mutarun (Mautern), Comagena (juxta 
Comagenam eivitatem, Zeiselmauer) am Fusse des Hunnenberges (ad Chunberg, in 
monte Chumcoherg), wo die Awaren einen Hauptring hatten, Chunihostettin (König- 
stätten), wo Karl der Dicke mit Swatopluk eine Unterredung hatte. 

Will man in Ermanglung von urkundlichen Daten auf einige alte österreichi- 
sche Ortsnamen achten, so scheinen noch einige Nachklänge fränkischer Ansiedlung 
in den Marktflecken: Frankenfels mit der Ruine Frankenstein und Franken- 
markt, dann in dem Dorfe Frankenreuth (bei Rapottenstein) ; sowie bairi- 
scher Colonien in der Stadt Rairisch-Waidhofen (an der Ips), in den Dörfern 
Michael-Reuern, Baierbach (bei Reichenau), Raier u. s. w.; dann einer 
Sachsen-Ansiedlung in den Orten Sassendorf (westlich von St. Polten), Sachsen 
und Sachsengang an der Donau nachzuklingen. 

Im Osten erhob sich zu Arnulfs Zeit (888) 2 ) die Burg Haimo's, Mund- 
schenken des Königs, über deren Lage sich jedoch nur unerweisliche Vermuthangen 
aufstellen lassen ! ). 

Eine sehr unlautere Tradition spricht auch von den Kirchen St. Peter in Wien 
und der Capelle der heil. Petronilla in Petronell, welche Karl der Grosse zum 
Andenken an die Besieguhg der Awaren erbaut haben soll. 

§.59. 

Babenberge r-Zeit. 
(Anwachs der Ostmark bis an die jetzigen Gränzen Oesterrreich's.) 

Die Ostmark verschwand zwar auf einige Zeit, als die Ungern nach der grossen 
Schlacht an der March (907) die Deutschen bis zur Enns zurückwarfen und 
den ebenen Landstrich durch Besetzung der festen Puncte unter ihre Botmässigkeit 
brachten. Nachdem aber auf dem Lechfelde zu Augsburg (955) den Ungern eine 
entscheidende Niederlage durch Otto I. beigebracht worden war, wurde in deren 
Folge auch die Ostmark von der Enns bis zur Erlaf wieder hergestellt. 
Burkhard erscheint in derselben (972) und bald auch(976) Leopold I. der Erlauchte, 
aus dem Hause Babenberg. welcher in raschem Angriffe den ungrischen Herzog Geisa 



i) Hierher gehört auch die Urkunde, wodurch Ludwig der Fromme am 28. Juni 823 eine Schenkung Karls 
des Grossen bestätigt haben soll. Der Verlust aller bezüglichen Urkunden während der Magyarenherr- 
schaft scheint Passau veranlasst zu haben, seinen Besitzstand in der Ostmark bei Erneuerung derselben 
durch eine systematische Fälschung von Diplomen wieder festzustellen und zu erweitern. 

=)Dic Feststellung des Jahres siehe in Meiller's historisch- topographischen Studien im Archiv z. K. oest. 
Geschiehtsquellen. B. XI. S. 66. 

3) Koch-Sternfeld, in den gelehrten Anzeigen der bairischen Akademie, J. 1840, Nr. 81—25, hält sie für 
Haimburg, übersah jedoch, dass sie im Gaue Grunzwiti lag. dessen Localisirung zwar auch nach Kauz. 
Heyrenbach, Büchner und Pritz noch immer zweifelhaft ist, jedoch keinesfalls auf die Gegend von 
Haimburg bezogen werden kann. 



99 

aus seiner Eisenburg, Melk (Medilicha) '), vertrieb, dieselbe zu seiner Residenz wählte 
und die Ostmark bis zum Kahlengebirge erweiterte. Durcb die siegreichen Waffen des 
Markgrafen Adalbert erbielt dieselbe (im Jahre 1043) die heutigen Ostgränzen 
bis zur Leitha 2 ) und March 3 ). Die Nordgränze gegen Bobinen wurde im Jahre 
1179 regulirt 4 ). und die Südgränze Oesterreich's reichte damals bis zur Piesting und 
weiter westlich bis zur jetzigen Alpenscheide, jenseits welcher Karantanum (Kärnthen) 
lag. Erst im Jahre 1254 wurde die Mark Putten und überbaupt das Gebiet bis zur 
Gcbirgsscheide zu Oesterreieh einbezogen 5 ); 

§. 60. 
Ueber den Namen Oesterreieh (Ostarr ichi, Oriens, Austria.) 

Der Manie Oesterreieh („Ostarr ichi") kömmt zwar im achten und neunten 
Jahrhunderte in Isidor's Tractat de Nativitate Domini und in Otfried's Krist, in dem 
Sinne von regnum Orientale, für das fränkische Austrasien vor. Auch die skandinavi- 
schen Quellen kennen ein Austriki, womit sie jedoch, wie mit den Worten: Austrvegr 
und Austrogard, die Ostseeländer (Estland, Livland, Kurland. Russland) im Allgemei- 
nen bezeichnen. Für die Ostmark (Oesterreieh) erscheint jedoch der Ausdruck 
„Ostarrichi" zuerst in der Urkunde Otto's III. vom 1. November 996, womit er dem 
Bischöfe Gottsehalk von Freising den Ort Xiuuanhova (den jetzigen .Marktflecken Neu- 
hofen im Kreise Ober-Wiener-Wald) in der Mark Heinrieh's schenkte, die im gemei- 
nen Sprachgebrauche „Ostarrichi" heisse (in regione uulgari uocabulo Ostarrichi in 
marcha et in comitatu Heinrici filii Liutpoldi marchionis). Diess bedeutet also so viel 
als Osterland, d. i. östliches Land oder Reich. 

Die ferneren urkundlichen Benennungen Oesterreich's in der Babenberger-Periode 
sind: Ostarrichi regio, Ostarrichi pagus, Orientale regnum, orientalis provincia, Ostar- 



') Den Namen Eisenburg (Vasvär) scheint Melk als ungrische Vesle (907—984) erhalten zu haben. Im 
altdeutschen Gedicht „der grosse Rosengarten" heisst sie: „Isenburg", und Bruder Yls an spielt darin 
eine Rolle. Analog wären das ungrische Vasvär (Castrum ferreum), Eisenstadt (Kis Marlon), das eiserne 
Thor (Stromschnellen an der Donau) u. s. w., wobei Eisen den Begriff von Festigkeit hat (a. a. 0. 
105—108). Auch gab es in Oesterreieh einst die (nun verschollenen) Orte: Eisenhartsdorf und Isanes- 
dorf (Archiv z. Kunde österr. Geschichtsq. J. 1849, I. Heft, S. 101 und 133). 

3 ) Im Jahre 1463 trat König Mathias Eisenstadt, Forchtenstein , Pernstein , Kobersdorf und Güns an 
Friedrich IV. ab; dieser Landstrich blieb bis zum Jahre 1622 bei Oesterreieh, worauf er (durch Landtags- 
Decret I. Art. 2, §. 20) wieder dem Königreiche Ungern einverleibt wurde (Vergl. II. B. §. 69). 

3 ) Bestätigungen und ReguKrungen der Marchgränze erfolgten 1323, 1337, 1372, 13*9 und 1411. 

*) Siehe die bezügliche Urkunde in Rauch SS. II. 203 aus einem M. S. der Wiener Hofbibliothek, dann in 
Hormayr's Archiv 1829, S. 631 und die Gränzauslegung in Dr. Meiller's Regesten, S. 256 etc. Als im vier- 
zehnten Jahrhunderte über die Gränzen Oesterreich's gegen Böhmen (zwischen Weitra, Gratzen und 
Willingau) ein Streit ausgebrochen, ernannte H. Albrecht II. den Grafen Ludwig von Oetlingen. 
der sie genau bestimmte (die Urkunde siehe bei Kurz: Oesterreieh unter Albrecht dem Lahmen, S. 350). 
Gegen Mähren fanden in den Jahren 1673 und 1712 durch eigene Gränz-Commissionen Berichtigun- 
gen Statt. 

s ) Vergl. den folgenden Paragraph über das Zwischenreich. 

13* 



Ca Ho ii. 



100 

rieh eomitatus, Ostarrich marchia, welcher Name später in Osterrich und Oester- 
reieh überging 1 ). Auch erscheint für Oesterreich der Name Austria (Marchio et 
Dux Austriae) in Babenberger-Urkunden und auf Siegeln 2 ). 

Die Chronisten (seit Conrad Wizenberg) so wie die späteren Lateiner und Italie- 
ner, gehrauchten statt Ostarrich ebenfalls Austria, die Franzosen im Mittelalter 
Austriche (jetzt Aütriche), die Griechen nennen unser Land öcptxiov. Auch Oriens, 
Marchia und Ducatus Orientalin wird von den Chronisten abwechselnd mit Austria 
gebraucht, und Otto von Freisingen nennt Oesterreich: Marchia teutonica. Doch 
hat das Wort Austria noch andere geographische Bedeutungen ; Austria wurde manch- 
mal für Austrasia (Ostfranken) gesetzt, und Friaul hiess auch Austria Italiae. 

Von den Dichtern des dreizehnten Jahrhunderts wird Oesterreich auch Osterland, 
und die Oesterreicher werden Osterleute (im Singular: Ostermann) genannt 3 ). 

Nachdem das Land ob der Enns mit dem Lande unter der Enns zum 
untheilbaren Herzogthume vereinigt worden war (1156), ging der Name Oester- 
reich auf jenes Land über 4 ). 

Als unter den Habsburgern Kärnthen, Krain, Tirol, die Vorlande mit dem Erb- 
besitze des Hauses Oesterreich verbunden wurden, ward der Name des österrei- 
chischen Stammlandes mit einigen unterscheidenden Zusätzen auch auf die übrigen 
Länder ausgedehnt. So hiessen besonders in der Periode der Theilungen der Haus- 
macht (1379 — 1522) das Erzherzogtum« Oesterreich (das Land ob und unter der 
Enns) Nieder-Oesterreich , das höher gelegene Tirol aber Ober-Oesterreich, 
die österreichischen Lande vor dem Arlberge in der Schweiz und in Schwaben : 
Vorder-Oesterreich, und Steiermark sammt Kärnthen und Krain: Inner- 



') Vergl. Pez 55, Praef. XV— XXXVII; Kauz: Beobachtung über das Wort Oesterreich; Diemer: Ueber 
das älteste Vorkommen des Namens Oesterreich, in den österr. Blättern für Lit., J. 1845, Nr. 20; Dr. 
Andreas Meiller's Regesten zur Geschichte der Markgrafen und Herzoge aus dem Hause Babenherg, 
Wien 1850, S. 2 und 3 und Note 8, S. 191 und 192. Vergleiche auch die belgische Chronik hei Philipp 
Mousket, Editio Beiffenberg 1838, T. II, pag. 83. 

3 ) Schon in der ältesten im Melker Archive bewahrten Babenberger Urkunde des Markgrafen Ernst 
vom Jahre 1075 nennt sich derselbe Marchio Austrie sowohl im Texte, als auf dem Siegel. — 
Urkundlich erscheint auch der Name Austriaca für Oesterreicher (Austriaci e loco Eisenwurzel), 
Fejers Cod. dipl. VI. I. 35. 

3 ) Im Schwedischen (Gothland) bedeutet „Oester" noch den Osten (Oriens), daher mag wohl schon von 
Golhen u. a. nördlichen Stämmen der Ausdruck Oesterriki oder Austriki gebraucht worden sein. Die 
Angelsachsen nannten den Auferstehungstag Christi Eostur, die Engländer Eosterday, die Deutschen 
Ostertag oder Ostern (den Tag des Osten); vergl. die Osterburg (Austura) in Unter-Oesterreich bei Melk. 

4 ) Die Echtheit des sogenannten Privilegium majus (welche schon von Moritz comment. diplomatico-criti- 
cus, München 1831, angegriffen und von Lichnowsky, Geschichte des Hauses Hahsburg. B. IV, im Jahre 
1839, und Böhmer in den Begcstis Imperii im Jahre 1844 aufgegeben wurde) ist nach den Untersu- 
chungen Chmel's (Sitzungs-Berichte der kais. Akad. 1850. Dec. S. 806—816; B. VIII, S. 335—481 und 
B. IX, S. 616 — 642 und Monumenta Habshurgica B. II. I. Abth., und Watfenbach's im Archiv z. K. etc., 
B. VIII, S. 77— 120) nicht mehr ru halten, und nur über die Zeit der Fälschung (Otakar oder Budolph IV.) 
kann ein Zweifel obwalten. Auch die Privilegien Heinrich's IV. vom 4. October 1058, Heinrich's VII. vom 
24. August 1228 und Friedrich's II. vom 5. Juni 1245 sind unterschoben. Doch enthält aucli das echte Privi- 
legium minus vom 17. September 1156 die Erbfolge für die Töchter Heinrich's Jasomirgotl, Aus- 
schliessung fremder Gerichtsbarkeit und Befreiung von der Heeresfolge und den Hof- und Reichstagen. 
Vergl. Jäger's Beiträge zur österr. Geschichte Nr. II, in der Gymn. Zeilschrift V, S. 673 — 696 und 
Beitrag zur Privilegiums-Frage in den Silzungs-Berichten d. kais. Akad. B. XX S. 3 — 16. 



101 

Oest erreich. Der Name Vorder-Oesterreich erlosch mit dorn allmäligen Verluste 
der Vorlande, der Ausdruck Tirol verdrängte schon früher den Ober-Oesterreich 's, 
der besonders seit der Erwerbung des Innviertels vom Lande ob der Enns gebräuchlich 
wurde. Nur im Militär- und landständischen Kanzlei - Style blieb der Ausdruck: 
Niede rö sterr eichi sehe s Gen eral- Co mmando (und in neuester Zeit: Mili- 
tär-Landes- Com mando) für die über ganz Oesterreich gesetzte Militär- undLan- 
des-Behörde: niederösterreichische Stände für die Stände des Landes unter 
der Enns 1 ), und ebenso (bis 1818) illyrisch-innerösterreichisches Gene- 
ral- (jetztLandes-Militär-) Co mmando für das über Kärnthen, Krain, das Küstenland 
und Tirol in Militärsachen waltende Landes-Commando. 

Endlich ging der Name des Stammlandes Oesterreich auf den ganzen unter dem 
Hause Habsburg-Lothringen stehenden Länder-Verein über, der (seit dem 11. August 
des Jahres 1804) zum selbstständigen Kaiserthum erhoben, nunmehr zum grossen 
einigen Oesterreich sich gestaltet hat. 

§• 61. 
Wieder bevölkerung der Ostmark mit deutschen Ansiedlern. 

Der urkundliche Kreis über die Ansiedlungen dieser Zeit erweitert sich, und der 
grössere Theil der n och in Oesterreich bestehenden Orte und die damit 
fortschreitende Bevölkerung des Landes mit Deut sehen kann bereits in der 
B abenberger Periode nachgewiesen werden 8 ). 

Wir erwähnen ausser den obgedachten Orten noch folgende den tsch e Colo- 
nien, welche in der frühesten Zeit der neuhergestellten Ostmark zur Bevölkerung 
und Germanisirung beitrugen. Schon im Jahre 972 schenkte Kaiser Otto II. auf An- 
suchen des Bischofs Pilgrim von Passau und auf die Fürsprache des Herzogs Otlo von 
Bayern und des Markgrafen Leopold des Erlauchten, als einigen Ersatz für die durch 
die verderblichen Einfälle der Slaven und anderer Feinde verwüsteten Orte, der Kirche 
zu Lorch, wo einst der erste bischöfliche Sitz gewesen, die Ennsburg (Anesapurch) 
im Traungaue in der Grafschaft Leopold's sammt 1 kaiserlichen Hüben im Dorfe Lorch 3 ). 

Der heilige Wolfgang, welcher den gleichnamigen Ort am Abersee im Lande 
ob der Enns gründete, führte als Bischof von Begensburg in den äussersten deutschen 
Osten bayrische Colonisten. welche zu S t ei n akir chen am Erlafflusse sich nieder- 
liessen und nahe am Zusammenflusse der grossen und kleinen Erlaf die Veste Wiesel- 
burg (Zuisila) zum Schutze gegen die Ungern anlegten, welchen Kaiser Otto II. da- 
selbst (in terra quondam Avarorum) im Jahr 979 vier Mansen Landes anwies 4 ). 



') Die Aufschrift auf dem Sländehause in Wien lautet : Die Stände Xieder-Oesterreichs. 

~) Viele aus Urkunden bekannte Orte sind nunmehr verschollen, zeigen aber für die einstige dichte Bevöl- 
kerung des Landes in kleinen Ortschaften. Vergl. Max. Fischer: Einstige Klüster und Ortschaften im 
Lande unter der Enns (im Archive der kaiserl. Akademie. Jahr 1848, I. Heft, S. 76 — Lid). Viele Ortschaf- 
ten gingen insbesondere durch Ueberschwemmungen der Donau zu Grunde. 

s ) Orig.-Urk. im konigl. bayr. Archiv. Mon. boie. XXVIII. I. 243. p. 102. 

*) Die Original-Urkunde im konigl. bayr. Reichs-Archive ist vollständig gedruckt in den Wiener Jahrb. 
der Lit. XI. Anzeigeblatt 11, Nr. 10 und in Mon. boie. XXVIII. I. 223, Nr. 150. Vergl. auch Dr Meillers 
Regesien a. a. 0. Xole 2, S. 189, etc. 



102 

Das Land war bei der Uebernahme der Verwaltung der Ostmark durch den 
Babenberger Leopold den Erlauchten selbst in den passauischen Besitzungen in dem 
fruchtbaren Donauthale durch die Streifzüge und die Herrschaft der Ungern derart 
von der Leitha bis zur Enns verwüstet, dass, wie sich Kaiser Otto III. in einer 
Urkunde vom Jahre 985 ausdrückt, dasselbe durch den unaufhörlichen Baub und Brand 
ohne Bewohner zur Einöde verwaldete [ut absque habitatore terra episcopi solitudine 
silvescat] ')• Um dem Mangel an Bevölkerung abzuhelfen, bewilligte der 
Kaiser auf den Vorschlag des Bischofes Pilgrim von Passau, dass Freie , welche sich 
herbeilassen, als Colonisten in den in der Ostmark gelegenen Besitzungen des gedäch- 
ten Bisthums sich anzusiedeln, von den Abgaben an den Fiscus . von der Entrichtung 
des Vadiums, von dem markgräflichen Heerbanne und Gerichtszwange befreit, und in 
diesen Hinsichten nur dem Vogte der Passauer Kirche unterworfen werden, und 
derselbe Kaiser bestimmte in einer eigenen Urkunde die Bechte und Freiheiten, welche 
dem Bisthume Passau rücksichtlich seiner Besitzungen in der Ostmark dem Mark- 
grafen gegenüber zustehen. — Herzog Heinrich von Bayern erschien selbst in der 
Markgrafschaft Leopold's des Erlauchten und Hess in Anwesenheit der Bischöfe. 
Grafen und Vornehmen unter Abhörung des ös terr ei chischenGr an zvolkes(populus 
terminalis) Untersuchungen über die Besitzrechte in der Ostmark anstellen , worauf 
durch eidliche Aussagen der Berufenen bestätigt wurde, dass die zur Passauer 
St. Stephanskirche gehörigen Colonisten (familia Sancti Stephani) von jeder Herr- 
schaft oder Beschränkung des Markgrafen, von allen Abgaben. Naturalleistungen oder 
übrigen Diensten befreit sein sollen. — Zur Zeit des Bischofs Pilgrim werden als 
Passauer Orte darin angeführt ? ) : Mautern (muotarum quae eparespurg nomina- 
tur), St. Michael (bei Spitz), Bossatz (roseza), Chlepadorf (ein jetzt ver- 
schollener Ort bei Hollenburg), Traismauer (treisimat), St. Polten (ciuitas 
monasterii sancti yppoliti), fernerPerschli ng (Persnicha), welchesvon Ackerbautrei- 
benden Böhmen bewohnt war (quod — boemani insidendo arabant), dann im Tulner 
Boden die nun verschollenen Orte Liliumhova, Egilinsteti, Zeizmannestetin und Abbade- 
stetti (Abstetten bei Sieghardskirchen). Von den sieben Hügeln bei der Stadt Zeisel- 
mauer (ciuitatis Zeizimure) wendete sich das passauische Gebiet südlich gegen 
Chunihohestorf (wahrscheinlich Königstetten), sodann auf den Gipfel des Berges 
Comagene (vermuthlich der Spitze des Tulbinger Kogels), und endlich bis zu dem Hangin- 
denstein (wahrscheinlich Greifenstein an der Donau). — Von hier ging es über die Donau 
nördlich bis an die mährische Gränze und östlich bis zu den Orten M ochi nie und 
Trepinse (Triebensee). Auch wurde der bischöflichen Kirche das Becht des Hausen- 
fanges bestätigt. 

Ausser diesen hier in der Karolinger Periode genannten Gütern hatte Passau 
zur Babenberger Zeit auch schon Baumgarten, dann Stopenreut (Stopherich), Ernst- 



») Die Urkunden bei HundMelrop. Saiisb. T. I. p. 168, etc. 

2 ) Mon. boic. XI. 104 Nr. 5 und XXVIII. II. 80. Nr. 116 u. £08. Vergl. Dr. M eil ler's Regesten a. a. 0. Note 
3 u. 4. S. 190 u. 191. 



103 

dorf (Ernustersdorf), Feldsberg (Veltspurc an derThaya), Govazisbrune(Köttelsbrun?), 
Stockerau, Greifenstein, Herzogenburg, Tuln, Chrubet (böhm. Krut?) u. s. w. beses- 
sen, endlich wurde die vom Bischof Altmann von Passau erfolgte Stiftung Götweih'« 
(Gottwik) für die Cultur Oesterreich's von hoher Wichtigkeit *)• 

Auch andere bayrische Hochstifte hatten Besitzungen in der Ostmark und ver- 
mehrten die Bevölkerung derselben durch ihre von dorther gesendeten Unterthanen. 
Das Hochstift Freising, welches urkundlich schon 830 in der Wachau bei der 
Stadt Krems (orientalis urbs cremisa) begütert war, vertauschte im Jahre 995 unter 
dem Bischöfe Gotschalch ein Prädium in der Nähe dieser Stadt gegen 6 königliche 
Hüben in Zudamaresfelt [Ulmerfeld an der Ips} 8 ). Auch Kaiser Otto 111. verlieh 
diesem Stifte im folgenden Jahre (996) in der Ostmark (Ostarrichi) auch Neu- 
hofen 3 ); Waidhofen und Hollenstein an der Ips, dann Saxengang an der Donau 
waren ebenfalls freisingische Besitzungen. In Wien besass es den Freisinger (jetzt 

Trattner-) Hof. 

Die vorzüglichsten salzburgischen alten Besitzungen in Oesterreich waren : 
Arnsdorf (Arnestorf), Dornbach (an der Als), Hollenburg (Holonpurch), Wagrein, 
Lupina (Liupina), Gumpoldskirchen (Kuntpoldesdorf), Farafeld (Scarafafeld), Brom- 
berg, Ternberg u. s. w. 

Das Hochstift Bamberg besass in der Ostmark Sieghartskirchen , Izeling, 
Wizinesdorf, Gadtinesveld an der Leitha. 

Das Stift Niederaltaich war in der Gegend von Gloggnitz, an der Zaya und 
bei Nieder-Abtsdorf reichlich begütert. 

Das Kloster Tegernsee hatte Besitzungen zwischen Piesting und Triesting von 
Kaiser Heinrich II. im Jahre 1020 erhalten. 

Auf neue Ansiedlungen deuten die Ortsnamen: Gross- und Klein-Neu- 
siedel, Stix-Neusiedel, Grammet-Neusiedel , Markgrafen-Neusiedel 
und noch 16 Neusiedel in Oesterreich, sowie im benachbarten Ungern: Potz- 
neusiedel (hart an der österreichischen Gränze) und Neusiedel am See; ebenso 
die zahlreichen Ortsnamen: Hart, Hain, Haag, Au, Wald, Schlag, Reut, 
Sulz und ihre Zusammensetzungen, die 24 Öd (Ödt) , die 18 Neustift; Neu- 
steinhof, Neustadt, Neustadl u. s. w. 

§. 62. 

Fortsetzung. 
Es liegt ausser dem Bereiche dieser Darstellung, würde aber gleichwohl von 
Interesse sein, die Entstehung der österreichischen Orte und die damit 

') Die Urkunden über die Passauer und andere bischöflichen Besitzungen findet man in den Monum. boie.— 
Ueber Götweih siehe Pez SS. T.I. col. 127. dann L. p. 116. anom. Gottwicensis Vita beati Altmanni. 
Dr. Theodor Wiedemann's Altmann. Augsburg. 1851. S. 101—110. Die in Götweih aufbewahrten Codices 
traditionum geben alle Besitzungen dieses Klosters, und bilden einen wichtigen Beitrag zur alten Topo- 
graphie Oesterreich's. 

2 ) Mon. boie. XXVIII. I. 260. Nr. 171. 

•>) Mon. boie. XXXI. I. 259. Nr. 313. Diess ist die früher (§.59) erwähnte Urkunde, worin zuerst der 
Name „Ostarrichi" vorkommt. 



04 

fortschreitende Colonisirungund Cultur des Landes durch Deutsche 
im Detail urkundlich nachzuweisen , sowie diese Angaben durch Erklärung der Orts- 
namen, durch Beifügung aller Klosterstiftungen und grösseren österreichischen Dy- 
nastien-Geschichten und die Traditionen über die Gründung der Orte und die Coloni- 
sirung des Landes zu ergänzen '). 

Hier dürfte jedoch genügen, im Allgemeinen daraufhinzuweisen, dass der Auf- 
schwung Oesterreich's unter den Babenbergern, die 1 e i c h t e B e i s e a u f d e r D o n a u , 
die grössere Bekanntwerdung des Landes durch die K r e u z f a h r t e n , die r e g e H a n - 
delsverbindung, namentlich mit Begensburg. die Freigebigkeit der österreichischen 
Fürsten und die P r i v il e g i e n, welche sie den Städten und grösseren Orten verliehen, z. B. 
der Stadt Enns (1212), Wien (1221), Neustadt (1221— 1230), Haimburg 
(1244), wesentlich beitrugen, das Zuströmen deutscher Bewohner aus Bayern und 
Franken zu bewirken, welches durch den Umstand erhöht wurde, dass die öster- 
reichischen Babenberger, noch vor und nach dem Erlöschen des ostfränkischen 
Stammes, von Babenberg-Ammerthal in Franken begütert geblieben waren , und Colo- 
nisten, Ministerialen und Hörige nach Oesterreich versetzten, sowie Freie zur Nieder- 
lassung anregten. Selbst sächsische Herren waren zur Babenberger Zeit ansässig im 
Lande unter der Enns, wie diess von Gero von B illungen bekannt ist, der zu Gleuss 
(Clausen) zwischen Ips und Oels begütert war, und dessen Sohn Wichmann, Erz- 
bischof von Magdeburg, das von seinem Verwandten, dem Grafen Udalschalk von Stille 
und Heft und dessen Gemahlin gegründete Kloster von Seitenstätten mit Ipsitz, 
Griesdorf etc., dessen Bruder Ekbert aber mit Dachsbach beschenkte 2 ). 

Die Allode der österreichischen Babenberger lagen vorzugsweise zwi- 
schen der Liesing, Piesting und Triest in g, am Kaiengebirge, dann zwi- 
schen der Traisen und Bielach. — Die Babenberger hatten diese Landstriche 
grösstentheils als Waldungen und Brühl e 3 ) (Jagdforste) übernommen, siegrün- 
deten jedoch darin Klöster, welche ihre Umgebungen bevölkerten und cultivirten. So stif- 
tete Leopold der Heilige im Jahre 1106 Klo sterneuburg(Niwenpurc),imJahr 1136 
Heiligen-Kreuz am Sattelbache, im Jahre 1136 war er auch Mitstifter von 
Klein-Mariazell am Fusse des Schöpfel, Hadmar von Kuenring gründete im 
Jahre 1139 Zwetl, Leopold der Glorreiche, im Jahre 1202 Lilienfeld. 
Um diese Klöster erhoben sich bald zahlreiche Orte. Auch andere Theile Oester- 



») Für die Babenberger Zeit ist diess zum Theile — in den verdienstlichen Regesten Dr. Meiller's ge- 
schehen — sofern die Orte in den dort aufgenommenen Urkunden vorkommen. Die weitere Durchführung 
für die folgenden Perioden wäre die Aufgabe einer Topographie des Landes unter der Enns, 
deren vollständige wissenschaftliche Bearbeitung — so schätzbar Weisskern's Werk für seine Zeit, 
dann die unvollendete kirchliche Topographie, nebst einzelnen Monographien auch sind — leider noch 
unter die pia desideria gehört. 

2 ) Jos. Schaukegl: Specilegium bist, general. diplom. ex agro Bilungano otc. de origine Lothari II. Imp. 
nee non Wichman ni Archi-Episcopi. Vindob. 1790, 4. K och -S t e rnf eld: Forschungen über den 
Erzbischof Wichmann und die Ablei Seüenglätlen (im Archive der kaiserl. Akademie. J. 1849, IV. Hef', 
S. 83 etc.). 

3 ) Brüel (Brühl), d.i. dichter nasser Forst ;vergl. das franz. breuil, ital. broilo, miltellatein brogilus (nemus). 

An diese Bedeutung erinnern noch die ßrühle bei Mödling und St. Gallen. 



105 

reich's waren mit grossen Forsten bedeckt, welche erst durch deut- 
sche Ansiedler gelichtet werden mussten. So lag an der mährischen 
Gränze vom Einflüsse der Thaya in die March bis gegen Rabs (Ragze, Bagizz, Ragouzz an 
der Thaya) der grosse Wald R o v g a c z. Auf die Ausrodung durch Deutsche deuten noch 
die in jener Gegend häufig vorkommenden Namen auf „reut" und „schlag," wie: 
Ezels-Reut, Goschen-Reut, Heinricbs-Reut, Kain-Reut,Müneh-Reut, Pfaffen-Reut, Sab- 
baten-Reut, Schirmanns-Reut, Sieghards-Reut. Wapolden-Reut, Zabern-Reut, Zelken- 
Reut, Zieren-Reut ; — Diem-Schlag, Mazels-Schlag, Pfaffen-Schlag, Ulrichs-Schlag, 
Weikhards-Schlag ; — dann Waldreichs, Waldkirchen, Waldhütten, Hart (Wald) u.a.m. 

Auch tiefer am Kamp, an der grossen und kleinen Krems bis zur Donau 
hinab waren grösstentheils Wälder, wie noch der volkstümliche Name Waldviertel 
(für das vormalige Viertel Ober-Manharts-Berg), dann die Ortsnamen Grafen-Schlag, 
Kirch-Schlag, Otten-Schlag, Jung-Schlag, Gottharts-Schlag, Rapolds-Schlag, Voits- 
Schlag, Lang-Scblag. Piber-Schlag. Kinzen-Schlag. Ullrichs-Schlag, Fritzen-Schlag, 
Meinharts-Schlag, Wörnharts, Arnreit, Pirken-Reut. Bärn-Reut, Reut; Gross- und 
Klein-Haslau u. s.w. hinlänglich darthun. 

Dasselbe gilt auch von vielen anderen Strecken Unter-Oesterreich*s , namentlich 
von der Ecke an der südöstlichen ungrischen Gränze, wo Kirch-Schlag. Kirch-Schlagl, 
Schlagen, Magers-Schlag, Grammers-Schlag, Schlag ; Wengen-Reut. Bärn-Reut; Forst ; 
Ober und Unter -Tanning, Tann; Au, Schönau, sowie an der Donau Eckartsau, 
Haslau. dann Audorf, Auern, Auersthal, Auhof und die mehrfachen Au in Oesterreich 
überhaupt vorkommen . wobei wir noch überdiess an die alte Eintheilung Oesterreich's 
indie Viertel ober undunter dem W T ien er- Wald e, oberund unter dem Man- 
ila rtsberg e (Mondhartsberg d. i. mondförmige Waldberge, lunae sylva) erinnern. 

Bedenkt man die urkundlichen Aussagen, dass Oester reich, bei Uebernahme 
der Verwaltung durch die Babenberger, menschenleere Waldeinöde 
war, sowie die urkundlichen Angaben über die Gründung der meisten Orte, in Ver- 
bindung mit den auf Ausrodung der Wälder deutenden Ortsnamen, so kann gewiss in 
Unter-OesterreichvonAusrottungodergewaltsamerGermanisirung 
früher vorhandener Slaven, wovon übrigens die Quellen gänzlich schweigen, 
nicht wohl eine Rede sein; im Gegentheile deuten mehrere Spuren darauf hin. 
dass auch unter den Babenbergern noch einige slavische Ansiedlungen wahrschein- 
lich aus deren fränkischen Besitzungen geschahen und dieselben einige Zeit in ihrer 
Nationalität geschützt wurden, bis sie als einzelne kleine Sprachinseln in der deutschen 
Umgebung allmälig deutsche Sprache und Sitte annahmen. Auf einige böhmische 
Ansiedlungen deuten mehrere Namen z. B. Böheimkirchen, böhmisch Krut, böhmisch 
Waidhofen an der Thaya, böhmisch Zeil (an der böhmischen Gränze), wozu wahr- 
scheinlich noch mehrere der früher genannten slavischen Ortsnamen im Norden der 
Donau gehören. Dass aber Perschling von Böhmen bewohnt worden, ist oben 
(§■ 57) gesagt worden. 

Die Babenberger Periode ist für die historische Ethnographie und für die Ge- 
schichte des Stammlandes der Monarchie um so wichtiger, als sich während derselben 
I. 14 



106 

durch Verbindung des vorwiegend bayrischen Stammes mit Franken, 
Sachsen, Slaven und mit anderen Ausländern (namentlich in Wien), der ober- 
deutsche Stamm der esterreicher, mit seinem eigenthümlichen National- 
charakter, seiner Heiterkeit und Biederkeit, seinen Licht- und Schattenseiten, sich ent- 
wickelte, und Oesterreich während eines Zeitraumes von dritthalbhundert Jahren als 
Schild und Herz Deutschland's (clypeus et cor Germaniae) sich bewährend, aus einer 
düstern, nur von wilden Thieren durchzogenen Waldöde, zu einem blühenden und wohl- 
bevölkerten Culturlande gedieh. 

§. 63. 
Die Rechtsverhältnisse in Oesterreich zur Babenberger Zeit 
vom ethnographischen Standpuucte (Landrecht, Stadtrechte). 
Sowie die österreichische Bevölkerung von Colonisten aus vielen Gauen Deutsch- 
land's, vorzugsweise aber aus Ober-Deutschland zusammen gekommen war, so zeigt 
sich auch die germanische Grundlage, namentlich bojoarisches, alemanni- 
sches und fränkisches Becht, verbunden mit besonderen alten österreichischen 
Bechtsgewohnheiten sowohl im Landrechte, als auch in den Stadt- und Dorfrechten. 

Das österreichische Landrecht 1 ), in der Abfassung der noch vorhandenen 
deutschen Handschriften, wird gewöhnlich einem der letzten babenbergischen Leopolde 
zugeschrieben, dürfte aber wahrscheinlich in die Zeit Budolph's von Habsburg oder 



') Das sogenannte österreichische L andrecht Herzog Leopold's, das zuerst derKanzlerLudevvigin seinen 
reliquiis manusc. IV, 1 — 23 in deutscher Sprache (aus einer Handschrift von Ambras, seit 1665 aber in 
der Wiener Hofbibliothek) edirt und Leopold VI. dem Tugendhaften zugeeignet, derBeiehshofrath Baron 
Senkenberg aber 1765 aus einem Codex der gräflich Harrach'schen Büchersammlung in seinen Visionibus 
divers, mit besserer Leseart herausgegeben und in die Zeit, wo Albre cht undHudolph (1278—82) 
Beichsverwescr in Oesterreich waren, versetzt, Hofrath Schrotte r aber, Leopold VII. dem Glorreichen 
zugeschrieben hat : existirt ausserdem in mehreren etwas von einander abweichenden Handschriften. So 
fand der würdige Chorherr Franz Kurz in der böhmischen Zisterzienser- Abtei Hohenfurt einen drit- 
ten derartigen Codex auf, eben so enthalten das Museum zu Linz, das Stift Schotten und die Neustadt Schrif- 
ten einer ausführlichen, mit obigem Landrechte vielfach übereinstimmenden Handveste, und ausser- 
dem mögen manche Archive und Bibliotheken derlei Landrechte bewahren. Die Meinung, dass das 
vorhandene Landrecht von einem babenbergischen Leopold herrühre, veranlasste zunächst der Lude- 
wig'sche Codex, der mit den Worten beginnt: „Das sind die Becht nach Gewohnheit des 
Landts bei Herzog Leop ol den v on es t erreich." Diess bestätigt Seifried Helbling's Stelle 
(Herausgegeben v. Th. G. v. Karajan II, 652 — 660.): 

bi einem Liupold ez geschach 

der disse landes herre was; 

sieh fuogte daz man vor im las 

des landes reht; ez was sin bete. 

man nanle im drf stete 

da er gerihte niht solde sparn, 

N i u n b u r c h T u 1 n Mu tarn. 

da sold er haben offenbar 

driu lantteidinc in dem jär. 
Allerdings scheinen die Bechtsbcstimmungen dieses Landrechtes noch in die Babenberger Periode 
zurückzureichen, und gleich jenen des Schwabenspiegels auf älterer Zeit zu beruhen. Allein mehrere Stel- 
len im Landrechte seihst, die anheben: „Wir setzen und gebieten von unserer kuniglichen Gewalt," 
scheinen dahin zu deuten, dass der überall ordnende König Budolph I. (1278—81) oder dessenSohn 
Albrecht, die Sammlung österreichischer allerer Hechte nach der vorliegenden Fassung in d e u tschcr 
Sprache mochten veranlasst haben. 



107 

in die seines Sohnes A 1 b r e c h t I. gesetzt werden. Es erseheinen darin auch Bemerkungen 
über Rechte und Pflichten der Landstände. Wir heben einige wesentliche Puncte die- 
ses Landrechtes hervor: 

Mit Rath der Landstände konnte der Landesherr eine Frag (Aufforderung) zur 
Reinio-uno- des Landes vor schädlichen Leuten erlassen; wenn der Befragte (Vorgela- 
dene) nicht erschien, galt er für schuldig. 

Wer auf fremdem Gute „Heimsuchunge" (gewaltsamen Einbruch) verübt, den 
hat der Landrichter und Marschall mit der Landstände Hilfe mit Gewalt zum Schaden- 
Ersatz zu zwingen. 

Wer ohne Erlaubniss des Landesherrn eine Mauth zu Land oder Wasser errichtet, 
wird als Strassenräuber hingerichtet. — Ebenso soll niemand ohne dessen Erlaubniss 
eine neue Burg bauen. 

Die übrigen Bestimmungen des Privat- und Strafrechtes (Gerichtsverfahren) über 
Zweikampf, Wandel u. s. w. tragen den germanischen Charakter an sich. — Es ent- 
hält Bestimmungen des öffentlichen Straf-, Lehen- und Privatrechtes, sowie über das 
gerichtliche Verfahren. — Der österreichische Landesherr hat die oberste Gerichts- 
barkeit in seinem Lande. Gerichtsorte sind: Neuenburg. Tuln und Mautern. 
Sechs Wochen sollen daselbst Gerichte gehalten werden ; kein zum Lande gehöriger 
Graf. Freier oder Dienstmann (Vasall) soll in einer Leib, Ehre oder Eigen betreffenden 
Sache, wo anders, als vor dieser öffentlichen landesherrlichen Schranne zu Recht stehen. 

Der L a n de s h e r r ist auch o b e rste r L e h e n s h e r r , erscheint ein Vasall nicht bei 
der Heeresfahrt, sei er nun landesherrlich oder bischöflich, so zahlt er seinem Lehenherrn 
den halben, ein Bürger oder Bauer aber , der daheim bleibt , den ganzen Jahreszins, 
entzieht sich aber ein Lehensherr der zur Vertheidigung Oesterreich's unternommenen 
Heeresfahrt, so erhält er von seinen Vasallen keine Heeressteuer. — Welcher Vogt von 
Gotteshäusern seine Vogtei beraubt, die er doch schirmen sollte, verliert dieselbe. — 

Ein Kranz hoher Ministerialen umgab den Landesfürsten; als solche er- 
scheinen im dreizehnten Jahrhundert die Grafen von Peilstein, Hörn, Pleigen, Hardeck, 
Bogen; ferner: die Schaumberg, Meissau, Kuenring, Seefeld, Liechtenstein, Starhem- 
berg, Polheim, Suenberg, Walchenberg, Perneck, Pergau, Potendorf, Zelking, Haselau, 
Streun, Schwarzenau, Himeberg, Kranichberg, Ort, Rauchenstein, Tribuswinkel u.a. m. 

In Oe st er reich hat sich, wie in den meisten Theilen Deutschland^, das Städte- 
wesen nicht so sehr als Fortbildung der alten römischen Municipal-Verfassung, son- 
dern vorzugsweise aus dem germanischen Rechte entwickelt 1 ). 

Die Freien lebten nach ihrem Volksrechte, die Unfreien nach dem Hofrechte ihres 
geistliehen oder weltlichen Herrn, nach und nach musste sich bei dem engen Verkehre 
eineStadtgemeinde mit eigner Gerichtsbarkeit bilden; doch erklärt sich daraus, dass 



4 ) Gaupp: über deutsche Städtegründung, Stadtverfassung und Weichbild im Mittelalter. Jena, 1824; 
H ü lim an n, Städtewesen des Mittelalters, II. B. Seite 310 etc.; Mittermaier, Grundsätze des ge- 
meinen deutseben Privatrechtcs, Regensburg, 1848, §. 134: Dr. Joseph v. Würtli, das Stadtrecht von 
Wr. Neustadt, Wien, 1846, S. 4etc. — Für die Entwicklung der deutschen Stadtrechte auf Grundlage 
römischer Municipal-Verfassungen sprechen aber Ei chh or n, Sa vigny u. a. 

14* 



108 

in den Stadtrechten die eigentlichen freien, ansässigen Bürger (cives), welche vollen 
Antheil an der städtischen Verwaltung hatten, die Gäste (Hospites) und die blossen 
Inwohner (Incolae) unterschieden wurden. 

Die österreichischen Stadtrechte enthalten Bestimmungen , die einerseits an den 
Kreis des Cölner Rechtes, anderseits an den Kreis des Magdeburger Rechtes mahnen, 
jedoch auch viel Eigenthümliches enthalten. 

Für das Land unter der Enns ist die älteste Handveste der von Bischof Conrad 
von Passau den Bürgern von St. Polten (1 159) verliehene Satzung *), die wichtigste 
aber das Wiener Stadtrecht, welches Herzog Leopold der Glorreiche nach sei- 
ner Zurückkunft aus dem gelobten Lande am 18. October 1221 den Wienern verlieh 2 ). 

Dasselbe wurde Muster zu mehreren andern österreichischen Städterechten und 
bildete sich fort durch eine Reihe mehrerer nachfolgender kaiserlicher und landesherr- 
licher Anordnungen 3 ); 

Auch Wiener-Neustadt verdankt dem Herzoge Leopold dem Glorreichen ein 
eigenes Stadtrecht 4 ), welches ebenfalls durch nachmalige Kaiser und Landesfürsten zum 
Besten der allzeit getreuen Stadt bestätigt und erweitert wurde 5 ). 

Das von Friedrich dem Streitbaren der Stadt Ha im bürg um das Jahr 1244 er- 
theilte Recht stimmt ebenfalls in den meisten Puncten mit dem Wiener Stadtrechte 
überein, zeigt aber durch manche Bestimmung z. B. durch Entfernung der Gottesur- 
theile, schon bedeutenden Fortschritt 6 ). 

Auch Klosterneuburg, Krems, Stein, Neunkirchen u. a. Städte und 
Marktflecken, hatten bald besondere Rechtsurkunden und Privilegien mehr oder weniger 
nach Wien's Musterrechten erhalten und zwar das erste vom 5. Febr. 1298, Krems 
und Stein und Neunkirchen vom 24. Juni 1305 7 ). 

Nicht nur Städte, sondern auch kleinere Gerichts bezirke [Pan (Ban)] und Dorf- 
gemeinden in Oesterreich hatten eigene Rechte, und darnach an bestimmten 
Ta°*en, meist dreimal des Jahres, zusammentretende und richtende Versammlungen 



') Das Privilegium für St. Polten, ist aus den Passauer Saalbüchern mitgetheilt von Hormayr in den 
Wiener Jahrb. der LR, 40. B., S. 107. 

2 ) Hormayr theilte dasselbe zuerst vollständig mit, in den Wiener Jahrb. der Lit. 39. B. Anzeigeblatt, 

S. 15-22. 

3) Hierher gehören das Privilegium Friedriche II. vom Jahr 1237 und die Erweiterung desselben durch 
den Majestätsbrief Rudolphs von Habsburg vom 20. Juni 1278 und die Handveste Herzog Albrechfs vom 
11. Febr. 1298. DieHandveste Friedrich des Schönen vom 21. Jänner 1320, die Grundlage des sogenannten 
Eisenbuches, das Stadtrecht Albrechfs II. vom 23. Juli 1340, und die Stadtordnung Rudolph's IV. 
vom 20. Juli 1361. 

*") Dasselbe ist herausgegeben von Dr. J. v. Würth in der österreichischen Zeitschrift für Rechts- und 
Staatswissenschart 1846. 3. bis 5. Heft. Eine Handschrift dieses Stadtrechtes (vom Ende des dreizehn- 
ten oder Anfang des vierzehnten Jahrhunderts) besitzt das Museum in Brunn. 

5 ) Die wichtigsten folgenden Privilegien von Wr. Neustadt waren : die Freiheitsbriefe Herzogs Friedrich 
des Streitbaren, vom 15. Juni 1239. König Rudolph's von Habsburg, vom 1. Jänner 1277. Albrechfs I. 
vom 10. Oct. 1299. Friedrichs des Schönen von 1316. Albrechfs III. und Leopold's III von 1368 und 

1379. 
«) Dasselbe ist abgedruckt inSenkenb erg's: Visiones de collectionibus legum germanicarum, S. 268— 281. 
7 ) Max Fischers Klosterneuburg, II. B., S. 503. Rauch, S.S. rer. austr., III. B., S. 358— 3bl 



109 



(Rantei dinge f ) genannt), welche nach den bisherigen urkundlichen Spuren bis in's 
zwölfte Jahrhundert reichen ; obwohl sie erst seit dem vierzehnten Jahrhundert allge- 
meiner werden. An diese Gerichte reihen sich auch die Bergteidinge, d. i. richterliche 
Versammlungen Bergbau meistens Weinbau treibender Gemeinden, und der verein- 
zelt dastehende Banteiding der Schifferinnung zu Nussdorf. 

Wer in den Inhalt dieser hier nur in äusserster Kürze angedeuteten Rechtsver- 
hältnisse näher eingeht, wird erkennen, wie sehr der in allen Kreisen der Bewohner 
geordnete Rechtszustand, die verhältnissmässige auf deutschen Institutionen beruhende 
Freiheit aller Stände, die Selbstverwaltung der Gemeinden u. s. w. wesentlich 
dazu beitrugen, die Macht des Landesfürsten, die Ritterlichkeit des Adels, den Reich- 
thuni des Bürgers und selbst eine gewisse Wohlhabenheit und Freiheit des Landmannes 
in der Babenberger Zeit hervorzurufen und aufrecht zu erhalten. 

Vergleichen wir diese Zustände mit manchen benachbarten vorzüglich slavischen Län- 
dern und mit Ungern, so erklärt sich, dass namentlich der Land bau , die Industrie und 
der Handel Oesterreich's damals blühender waren, als in manchen jener Gebiete, wo eine 
andere Rechtsgrundlage und ein minderer Grad von Freiheit der unteren Stände herrschte, 
so dass Oesterreich als ein Land des Ueberflusses von den Zeitgenossen geschildertwird. 

Bezeichnend ist die Stelle der Zwetler Reim-Chronik 2 ): 



Daz laut ist vol aller genullt 

An vili wein choren vnd ander fruht. 

Vnt swes man bedarf zeleibes not 

Wilpraet visch edel bröt. 

Das hat es den vollen gar. 

Dar zv dev tvnaw daz wazzer clar. 

Dev in dem land rint zetal 

Dev ziert daz lant vber al. 

Vnt tvt dem land zerat 

Des es selb nibt enliat, 

Stet bvrg durfer da bei 

Mäht sie manges gebrestens frei 

Ynd treit dem lande staete z°e 

Beid spat vnde frve. 

Des es seil» nibt gehaben mach, 

An vnder laz naht vnde tach, 

An ander gvlt die si geit 

Dem land gvltleih zealler zeit. 



Das Land hat Ueberfluss ffenua; 
An Vieh, Wein, Korn und anderer Frucht, 
Und was man braucht zur Leibesnoth: 
Wildpret und Fisch und edles Brod, 
Dess hat es wohl der Fülle gar; 
Dazu die Donau, das Wasser klar, 
Die in dem Lande rinnt zu Thal, 
Die ziert die Landschaft überall, 
Und schafft dem Lande dessen Bath, 
Was dieses selbst nicht inne hat : 
Stadt', Burgen, Dörfer noch dabei, 
Macht sie so manchen Mangels frei, 
Und trägt dem Lande immer zu, 
Zu beiden Zeiten, Späth und früh, 
Das was es selbst nicht haben maar, 
Ohn' Unterlass bei Nacht und Tag, 
Und andre Güter, die sie gibt, 
Beichlich dem Land zu aller Zeit. 



*) Chmel's, ilsterr. Geschichtsforscher, II. B., 1. Heft. N. V. über Ban t eidinge von Theodor Georg 
v. Karajan, J. P. Kaltenbäck: die Pan- und Bergtaiding-Bücher in Oesterreich unter der Enns. 
I. B., Wien 1846, II. B. 1847. 

s ) Das „Stift ungs buch" des Cisterciens er- Klosters Zwetl von Joh. v. Fräs t, in der von der 

histor. Commission der kais. Akademie herausgegebenen Fontes rerum Austr. III. B., Wien, 1851. 

Dieses Buch ist von Ebro (seit 1273), Abt des Stiftes Zwetl unter dem Namen: Liber fundationum mo- 
nasterii zwetlensis angelegt und von seinen Nachfolgern: Otto (f 1325), Gregor, Dietrich, Michael 
und Wolfgang fortgesetzt worden. Die erste Abtheilung dieses Buches: die deutsche Beimchronik wurde 
auch bereits von Fräst in Hormayr's Archiv 1818, S. 250 mitgetheilt. 



110 



Da von ez ist zemaeren weit 
Vnt hat von mangem den neit 
Daz si ez hetten alle geren 
Vnt waeren dar in geren lierren. 



Davon ward es zum Sprichwort weit, 
Und hat von manchen wohl den Neid, 
Dass sie es hätten alle gern, 
Und darin wären gerne Herrn. 



§. 64. 

Andeutung üher d en Cult u r zustand de r Oester reicher unter den B abenbergern, 

zunächst vorzuglich über die Dichtkunst in Oesterreich im zwölften und 

dreizehnten Jahrhundert 1 ). 

Hinsichtlich der theologischen, philosophischen und historischen Wissenschaft stand 
Oesterreich zwar wie allenthalben in Deutschland nur auf der scholastischen Stufe, 
daher auch die Chronisten der Babenberger Periode, Geschichte und Volkssage ver- 
mengen und erstere in dürftiger Annalenform zusammentrugen 2 ). Doch ragt über sie 
Otto, Bischof von Freisingen, ein Sohn Leopold des Heiligen (geboren 1109 in 
der Burg am Kaienberge, 1131 Abt des Cistercienser Stiftes zu Morimund, 11 37 Bischof 
von Freisingen, 1158 zu Morimund), der Verfasser der Geschichte Kaiser Friedrich des 
Bothbarts und eines mehr pragmatisch behandelten Chronikon, als Geschichtsschreiber 
weit über seine Zeitgenossen hervor 3 ). Auch soll Otto von Freisingen als deutscher 
epischer Dichter sich versucht haben *). 

In der Ostmark lebten nicht nur vorzügliche einheimische Dichter, als : H e inric h 
der Laye 5 ) (1120 — 1136) in Melk, die Dichterin Ava 6 ), dann Wernher. 
Caplan zu Elmendorf, welcher auf Geheiss Dietrich's von Elmendort, Propstes zu 



4 ) Eine vollständige kritische Literatur-Geschichte Oesterreich's von der ältesten bis in die gegenwärtige 
Zeit besteht noch nicht, diesem Bedürfnisse sucht indess abzuhelfen. J. G. Toscano del B a n ne r, Ge- 
schichte der deutschen National-Literatui' der gesammten Länder der österreichischen Monarchie, I. B., 
Wien, 1849. 

3 ) Wir übergehen hier die Namen eines Aloldus, Ortilo, Richardus und Pernold, auf deren Angaben von den 
älteren österreichischen Historikern (Hormayr eingeschlossen) die österreichische Geschichte zur Ba- 
benberger Zeit aufgebaut wurde, da die Echtheit dieser Quellen sehr zweifelhaft ist (Blumberger 
in den Wiener Jahrbüchern der Literatur, B. 87, Anzeigeblatt 41 ; J. Chmel in der Gesch. der Hofbiblio- 
thek, II. 656, und in Schmidl's Blättern fürLit., Jahrg. 1845, S. 3 etc. Palacky, Gesch. vonBöhmen.II. 
303, dann in den Abhandl. der bohm. Gesellsch. der Wissensch. V. II. 29. 30). 

=) Ausgabe von Cuspinian, Strassburg, 1515, dann in Urstisii Germaniae histor. Frankfurt a. M. 1670 I., bei 
Muratori Scripl. rer. Ital. VI. — Die Geschichte seines Hauses, welches sich im Nachlasse des Wolfgang 
Lazius befand, ist jetzt verloren. Nach Aussage des Aeneas Sylvius schrieb er auch philosophische 
Schriften. — Otto v. Freisingen nach seinem Leben und Wirken. Ein historischer Versuch von Theodor 
Wiedemann mit einer Vorrede v. Dr. Carlmann, Flor. Freising 1848. — Otto v. Freising, sein Charakter, 
seine Weltanschauung, sein Verhältnis» zu seiner Zeit als ihr Geschichtschreiber aus ihm selber darge- 
stellt von Bonifaeius Hu eber (Eine von der philos. Facultät der Ludwig-Max-Universität zu München 
gekrönte Preisschrift. München 1847). 

*) Nach Massmann ist das nach dem französischen Muster des Gautier's de Arras im Deutschen bearbeitete 
Gedicht: Eraklius von Otto von Freisingen verfasst, da es nicht nur in dem Eingange desselben heisst: 
„ein gelcrter man hiez Otte der dise rede tihte und hat sie uns berihte, als erz an eime buoche las, daz 
an weihischen gesrieben was," sondern auch Lib. V. in Otto v. Freisingen Chronik und viele innere Merk- 
male aus Otto's Leben dafür sprechen. (H. F. Massmann: Eraklius deutsch und franz. Gedicht des 
zwölften Jahrh. nach ihren einzigen Mss. das erste Mal herausgegeben. Quedlinburg, 1842. Vergl. Th. 
Haupt, in dessen Zeitschrift III. 

5 ) Jos. Diemer's deutsche Gedichte des eilften und zwölften Jahrhunderts. Wien, 1849. Einleitung. 

") Dieraer a. a. 0. Sie war nach dessen Vermuthung eine Inclusa zu Melk und die Mutter des oben erwähnten 
Dichters Heinrich des Layen. 



111 



Heiligenstadt (bei Wien) ein didactisches Gedicht schrieb '), Seifried Helbling *) 
(1230—1308), der Wiener Bürger Hanns Enenkel 3 ) (1227—1300), Hein- 
rich von der Neustadt 4 ) (1280—1320), Arzt in Wien, denen sich wahr- 
scheinlich auch Str icke r 5 ), Werner der Gartenäre tt ) (f 1240), Nithart 7 ), 
Walther von der Vogelweide 8 ) (Freidank), welcher nach seinem eigenen Aus- 
drucke in Oesterreich singen und sagen lernte, alsUnter-Oesterreicher anschlies- 
sen; sondern auch aus andern Gauen Deutschlands strömten deutsehe Minnesänger an den 
Hof Herzog Leopold des Tugendhaften, Friedrich des Katholischen, Leopold des Glor- 
reichen und Friedrich des Streitbaren ; schon zur Zeit Leopold des Tugendhaften 
(1177 H9i) war der Wiener Hof als Schule der „Höfischheit« berühmt und Rein- 
marder Alte 9 ) scheint sich nebst andern Minnesängern daselbst aufgehalten zuhaben. 
Friedrich I. der Katholische (1194—1198) war ein vorzüglicher Gönner W a 1 1 h e r's 
vonder Vogelweide, des berühmtesten aller deutschen Minnesänger. Leopold VII. der 
Glorreiche (1198—1230) versammelte um sieb einen Kranz der vorzüglichsten Dichter 
seinerzeit. Nicht nur Heinrich von Ofterdingen (geb. 1160, welcher in dem 
fabelhaften Sängerkriege auf der Wartburg 10 ) Leopold den Glorreichen der Sonne 
verglich), sondern auch Walther von der Vogelweide rühmte Leopold's Freigebigkeit 
und Milde und verglich seinen Hof mit König Arthur's Hof. Ferner hielten sich daselbst 
auf Heinrich III. von Meissen "), der am Rhein geborne, in Oesterreich erzogene 
Reinmar von Zweter (wahrscheinlich Zwetl) "), der aus Schwaben stammende 
Conrad Marner der bairische Wolf r am u. A. hielten sich am Wiener Hofe auf, 
und ersterer bildete sich daselbst im Gesänge aus ls ). Die besondere Gunst Friedrich des 



<) Dasselbe ist in 1.211 Versen mit Benützung der Bücher des genannten Propstes nach den moral-philo- 
sophischen Lehren Salomo's, Xenophon's. Cicero's, Salustius, Seneca's, Horacens, Juvenal's etc. verfasst, 
und mit Beispielen aus der Geschichte erläutert. M. S. zu Klosterneuhurg und gedruckt in Haupt's 

Zeitschrift IV. 
*) Derselbe war zwar nicht in Wien ansässig, mit dessen Oertlichkeiten aber wohl vertraut. - Seifried 

Helbling, herausgegeben von Th. v. Karajan in Haupt's Zeitschrift, IV. B. 1. Heft. 
3) Jansen von Enenkel's Fürstenbuch von Oesterreich und Steierland. Linz, 1618 und 1740. - Adr. Bau, 

Rer. Austr. Ss. 1, p. 233 elc. Eine kritische Ausgabe E nenkel's fehlt noch. 
*) Wiener Jahrb. der Lit. 56, S. 257 (Ferd. Wolf.) 
5) Han: Stricker's kleinere Gedichte (in der Bibl. für deutsche National-Literatur m Quedlinburg; - 

dessen Carl M. in Schilt er' s Thesaurus V. 
«) Bergmann, in den Wiener Jahrbüchern der Literatur, 1847. — Haupt's Zeitschrift IV. 318. 
7 ) Ben ek e 's Beiträge etc. Göttingen, 1832, 11. B. 

•) L. Uhland: Walther von der Vogelweide, Stuttgart, 1822 und K. Lachmann: Walther's vonderVogel- 
weide Gedichte. Berlin, 1827. — Fridanke' s Bescheidenheit, von W. Grimm 1834. Th. v. Karajan hat 
jüngst überzeugend nachgewiesen, dass derSänger W althe r von der Vogel weide am Hofe des vor- 
letzten Babenbcrger Herzoges von Oesterreich, Leopold des Glorreichen, Erzieher eines Prinzen war, 
entweder des jungen Friederich's (des Streitbaren) oder, was am wahrscheinlichsten, Heinrich's , zube- 
nannt der Grausame (Sitzungsbericht der kais. Akad. der Wissensch. vom 1. Oct. 1851). 
9 ) Sieh: Minnesänger, von Friedrich Heinr. von der Hagen, 4. Theil, Leipzig, 1838. 

'») Kobcrstein, über das wahrscheinliche Alter und die Bedeutung des Gedichtes vom Wartburger 
Krieg, Marburg, 1823. - Herrmann v. Plbtz: üeber den Sängerkrieg auf der Wartburg. 
Weimar, 1851. 
J'H Hagen' s Minnesanger, Toscano del Banner, a. a. 0. 
15 ) Hagen 's Minnesänger Nr. 118. 



112 

Streitbaren (1230-1246) genossen Pfe ff el und Wernher 1 ), Nithart 2 ), Than- 
huser 3 ) u. A. Aus der benachbarten Steiermark erschien aber nebst Anderen vorzüg- 
lich der ritterliehe Ulrich von Liechtenstein *), welcher als Königin Venus von 
Venedig ausgehend bis nach Feldsberg an der Thaya, und später als König Arthur 
seine abenteuerlichen Turnierfahrten durch die herzoglichen Lande unternahm. Die 
Babenberger Heinrich von Medling 5 ), Leopold der Glorreiche 6 ) und 
Friedrich der Streitbare 7 ) waren selbst Sänger. 

Der Schauplatz des Nibelungen-Liedes selbst spielt vielfach in Oester- 
reich, Rüdiger von Pechlarn ist darin ein gefeierter Held; Melk, Traismauer, Tuln, 
Wien u. a. sind mehrfach genannte Orte. Wahrscheinlich hatte an der Abfassung des 
Liedes in letzter Gestalt ein österreichischer Dichter (der Vermuthung nach Heinrich 
von Ofterdingen) Antheil 8 ). Durch diese Dichtung fand der damals als Bildungssprache 
herrschende alema nnis che (mittelhochdeutsche) D ialect in Oesterreich Eingang, 
welcher längere Zeit seine Nachwirkung selbst im Volksmunde äusserte. Auch die 
alten, österreichischen Tanzweisen, welche die damaligen Lieder begleiteten, 
scheinen — nach deren Rythmus — die Vorbilder der jetzigen österreichischen 

Landler zu sein. 

Religiosität, Anhänglichkeit an den Landesfürsten, Gemüthlichkeit, Fröhlichkeit und 
dabei Festhalten an den Vorrechten waren die bezeichnenden Züge des Oesterreichers 
in jener Zeit. Modesucht aller Stände und Nachahmung des Auslandes werden von den 
Zeitgenossen getadelt. Wir erinnern hier nur an folgende Worte des Dichters Ritter 
Seifried von Helbling 9 ) aus der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts : 



J ) A. a. 0. Nr. 100 und 117. 

2) A. a. 0. Nr. 90, Haupt's Zeitschrift, VI. L. Eine vollständige Ausgabe von Nithart' s Werken ist von H au p t 
mit Anmerkungen von Th. v. Kar ajan zu erwarten. Dieser Nithart ist nicht mit seinem späteren 
Namensgenossen zu verwechseln, dessen Grabmal an einem Seiteneingange der Stephanskirche in Wien zu 

sehen ist. 

3) A. a. \ro. 90, Haupt's Zeitschrift, VI. B. III. Heft. 

*) Ulrich von Liechtenstein, mit Anmerkungen von Th. v.Karajan, herausgegeben von K.Lac hm ann.Berlin 
1841. _ L. Tiek, Frauendienst oder Geschichte und Liebe des Ritters undSängers Ulrich von Liechten- 
stein, Wien, 1818. (Mehr siehe beim Kronlande Steiermark.) 

'-) An Heinrichs von Oesterreich Hofe empfing Ulrich von Liechtenstein seine Bildung im Gesänge und Hof- 
sitte : „er lert mich sprechen wider die wip Uförsen riten miner lip an priefen tichten süezin wort." Ka- 
raj an Ulrich von Liechtenstein, Wien, 1848. S. 5 und 665. 

«) Von Leopold dem Glorreichen sagt Enenkel: er sang und tanzte selber ernste Lieder und fröhliche 
Maien und Herbstreigen. 

') Dass Friedrich selbst den Frauen den Maienreigen vorsang , bezeugen Nithart und Thanhuser, T o s c a n o , 

a. a. 0., S. 99— 101. 

8) A.W. v. Schlegel im deutschen Museum, 1. Bd. - L a c hm an n über die ursprüngliche Gestalt des Gedichtes 
„von der Nibelunge not", Berlin, 1816, 2. Ausgabe 1841. - Ant. Bitter von Spaun. Heinrich von Ofter- 
dingen und das Nibelungenlied, ein Versuch, den Dichter und das Epos für Oesterreich zu vindiciren, 
Linz, 1840. Der Text des Lassb erg'schen ältesten Manuscriptes ist herausgegeben in 
dessen Liedersaal IV. B., Eppishausen, 1821. Hieraus abgedruckt als Handausgabe von Schönhut, 
Tübingen, 1824, 1841, 1846. Heilbronn, 1847. Prachtvolle Orignalausgabe des Lassberg'schenManuscriptes 
mit Holzschnitten zur Säkularfeier der Buchdruckerkunst, Leipzig, 1840, 4, ferner von Freiherrn 
v. Lassherg selbst herausgegeben, St. Gallen, 1846 in Oclav, Constanz, 1846 in Folio. 

») Seifried Helbling, herausgegeben von Th. v. K a r a j a n in Haupt's Zeitschrift für deutsches Alterthum, 
IV. B., 1. und 2. Heft, S. 5 etc. 



113 



Swie groz ist Ungerlanl (F. F53 — 160) 

doch ist uns daz wol bekannt: 

ein Unger trit nit einen trit • 

uz siiiem ungerischem sit. 

da bi sc» ist Osterricb 

ein kleinez laut: vil anglich 

lebent die Finte mit ir sit 

der wont in manger liande mit ») 

ein Sahs bürtic von VVienen (FIF. 332—361) 

des miieze nimmer werden rät, 

ein Dürinc von der Niuwenstat 

bal im ouch minen flnoch: 

ein rehler landes unruoch 2 ) 

der sinen Fantsit niht kan! 

von Bruk bürtic ein Polan, 
der ist rehte wandelbar, 
von lleinburc ein Missenaer 
Von Marchecke ein ßrabant 
von Niunburc 3 ) ein FFollant 
ein Rinfranc von Trebense 
den selben geschehe allen we 
ein FFesse bürtic von Tuln, 
swie geliche sie gehuln, 

ein Beheim von sant Pulten 
so sie über wollen 
von Mutant gegen Stein, 
iz würde von in zwein 
geredet wenic vurnaems, 
bi eint Westval von Krems 
uz der stat her bürtic 

wirde ich buozwürtic 
lieber lierr. daz tuot mir ant ») 
alle die ich han genannt 
komens von ir landen her 

man solt in billich bieten er: 
daz sich danne ein o s t e r m a n *) 
ninit den selben lantsit an, 
daz hat der liuvel im erkorn. 



Wie gross auch immer Ungerland ist, 
So ist uns doch wohl bekannt: 
Ein Unger tritt nicht einen Tritt 
Aus seiner ungrischen Sitt. 
Dabei jedoch ist nahe an — Oesterreich, 
Ein kleines Land : und doch wie ungleich, 
Leben da die Leute in ihren Sitten, 
Deren (Sitten) ist ihnen mancherlei eigen. 



Ein Sachs' gebürtig aus Wien, 

Der sei unrettbar verloren, 

Fun Thüringer von der Neustadt 

Behalte sich auch meinen Fluch: 

Der misshandelt sein (Vater-) Land. 

Der sich nicht nach seines Landes Sitte zu 

richten versteht! 
Von Brück gebürtig ein Pole, 
Der ist recht strafbar. 
Von Haimburg ein Meissner, 
Von Marcheck ein Brabanter, 
Von Neuburg ein Holländer, 

Ein Rheinfrank von Triebensee, 

■ 

Denen allen geschehe weh, 

Ein geborner Tulner als Hesse, 

Wie sie immer mit einander übereinzustim- 
men trachten, 

Ein Böhme von St. l'öllen, 

Während sie hinüber (über die Donan) wollen, 

Von Mautern nach Stein, 

So würde von diesen zweien, 

Wenig Ausgezeichnetes geredet werden, 

Bei einem Weslphalen dann von Krems 

Aus dieser Stadt gebürtig (d. i. beim An- 
blicke eines solchen) 

Würde ich schwach, 

Lieber Herr das befremdet mich, 

Alle die ich hab' genannt, 

Wenn sie wirklich von ihren Landen her- 
kommen, 

Dann sollte man sie billig in Ehren hallen 

Dass aber ein Oesterreicher 

Jene Landessitten annimmt, 

Bas hat der Teufel ihm erkoren, 



1 ) Einem niilwuhnen = bleibend bei einem sein. 

3 ) Ruech, ein Provinzialismus für: ein rober Mensch; die Vorsylbe un verstärkt liier den Begriff wie z.B bei 

dem Wort Gewitter, Ung-ewitler. 
3 ) Klosterneuburg. 
*) ant thuen bedeutet in der Volksmundart, schmerzlich entbehren oder befremden, in älterer Zeit: unwohl 

oder schwach werden. 
5 ) Oesterreicher. 

I. 15 



114 



herre, so si in gesaget (II. 55 — 64) 

bezzer lant nie betaget 

in der groze sam Österlich, 

an daz die linte unordenlich 

lebent des ich in nihi gan, 

geburen ritter dienstman 

tragent alle gleichez kleit 

swaz ein riter gerne treit, 

nach swelhem lande und swelhem sit 

daz treit der o'ebure mit. 



Herr, so sei euch denn gesagt, 

Es gibt kein besseres Land 

Von solcher Grösse als Oesterreich, 

Nur dass die Leute nicht so, wie sie sollten 

Leben, damit bin ich nicht einverstanden, 

Bauern, Ritter, Dienstmannen 

Tragen alle gleiches Kleid. 

Was nur immer ein Ritter gerne trägt, 

Nach welchen Land und welcher Sitt', 

Das trägt auch der Bauer mit. 



Auch im Wechsel der Moden zeigt sich der nationale Einfluss der Einwanderer 
und des durch sie in Oesterreich verbreiteten Nationalgeistes und Geschmackes. So 
weit Siegel und andere gleichzeitige Abbildungen zeigen, herrschte im eilften und 
zwölften Jahrhunderte die fränkische Kleidungsart. Mit dem Zusammenströmen von 
Rittern, Sängern und Colonisten, den Kreuzfahrern u. dgl. finden sich aber bald alle 
Trachten Nord- und Süd-Deutschland's ein, wozu noch die Turnierfahrten und der aus- 
gedehnte Handel beitrugen. 

Dagegen beschreibt Helbling (1, 479 — 534) den wahren Oesterreicher 
folgender Maassen: 



,, Herre bescheidet mir noch nur 
eine vrage der ich ger. 
ich sach einen löblich tragen 
gewant ; da von wil ich sagen, 
ez was gesniten wol uut eben ') 
vor binden und eneben s ), 
in rebter lenge hin ze lal. 
weder zu breit noch ze smal 
truoc er ein gürtel umbe sich, 
der rink was guot, den sach ich, 
von wizem helfenbeine 
ze gröz noch ze kleine 
da hienc ein guot mezzer 3 ) an : 
alz rehz gesehen hän, 
diu klinge moht wol guot sin; 
daz lieft was klein flederin. 
wol stuont im al sin kleit. 
daz muoder was ze rehte breit 
oberhalp des vordem gern, 
der ermel wolt er nicht entbern 
als im der arm was gestalt. 
sin mantel guot zwivalt *) ; 
der under niden für gie. 



Herr ! gebt mir nur noch Auskunft 

Ueber eine Frage, nach der ich verlange. 

Ich sah einen in löblicher Weise trafen 

Sein Gewand ; von dem will ich reden. 

Es war wohl geschnitten entsprechend nach unten 

Vorne, hinten und daneben 

In rechter Länge hinab. 

Weder zu breit noch zu schmal 

Truff er einen Gürtel um seinen Leib. 

Der Ring (die Schnalle) war echt, den sah ich, 

Von weissem Elfenbein, 

Weder zu gross noch zu klein. 

Daran hing ein gutes Messer; 

So wie ich's gesehen habe, 

Konnte die Klinge wohl gut sein. 

Das Heft war klein gefladert. 

Wohl stand ihm sein ganzes Kleid, 

Das Leibchen war gehörig breit 

Oberhalb des vorderen Schlitzes, 

Er trug Ermel, 

So wie sie für seinen Arm passten, 

Sein Mantel war wirklich doppelt ; 

Der, welcher unterhalb war, ging vor. 



') Entsprechend (angemessen) nach unten. 

a ) An beiden Seiten. 

*) Schwertmesser. 

*) Kragenmantel; zwivalt = zweifach, doppelt. 



115 



sin här er schone walisen lie 
dar in rehter lenge. 
sin hübe *) niht so enge, 
sie dahte im siner oren tür; 
da gie niender krustel 2 ) für, 
also doch vil mangem tuot. 
wol und eben stuont sin huot; 
der was niht ze spaehe. 
swer gegen im was gaehe 
und im bot sin vreidekeit '), 
dem het er schiere widerseit. 
er was gen dem guoten guot, 
gen den übelen höchgemuot, 
vrimüetic under Schilde *), 
ze rehte guotes milde, 
erkantes herzen gein got, 
wol behalten sin gebot, 
getriuwe wärhaft staete, 
in noeten guotcr raete. 
gein schimpf kan er gebären wol, 
verswigen swaz geligen sol. 
er ist bedaehtic siner wart, 
sin lip sin guot ist unverspart 
vor ere, diu im sanfte tuot. 
vor allem meile ist er behuot. 
eia, herre getriuwer. 
nü wart ich allez iuwer, 
daz ir mir saget wer er si : 
im ist michel ere bi. — 
über kneht, ich sage dir, 
du hast rehte gezeiget mir. 
fiirbaz soltü din fragen län 
er ist ein rehter Osterman.' 



Sein Haar Hess er schön wachsen 

In rechter Länge, 

Seine Haube nicht zu enge, 

Sie deckte ihm seine Ohrenöffnungen, 

So dass nirgends das Ohrläppchen vorstand, 

Wie diess bei so manchem der Fall ist. 

Wohl und angemessen stand sein Hut, 

Der war nicht zu nekisch. 

Wer immer gegen ihn gäh war, 

Und ihm seinen Zorn both, 

Dem hat er bald seine Fehde angekündigt. 

Er war gegen den Guten gut, 

Gegen den Bösen hochgemuth (strenge), 

Freimüthig beim Tadel, 

In gehöriger Weise mit seinem Gelde freigebig, 

Aus inniger Uiberzeugung Gott ergeben, 

Wohl haltend an seinem Gebot, 

Treu, wahrhaft, beständig, 

In Nöthen guten Rathes ; 

Im Scherz weiss er sich wohl zu benehmen 

Verschwiegen, was verborgen bleiben soll. 

Er ist vorsichtig in seinen Worten. 

Seine Person und seine Habe schont er nicht 

Wo es die Ehre gilt, denn sie macht ihn freudig; 

Vor jedem Mackel hütet er sich. 

Ja wohl, getreuer Herr, 

Nun bin ich gespannt auf eueren Ausspruch, 

Dass ihr mir sagt, wer der sei? 

Ihm wird viel Auszeichnung zu Theil ! — 

Lieber Knecht, ich sage dir, 

Du hast den rechten mir gezeigt, 

Fürderhin sollst du dein Fragen unterlassen, 

Es ist ein echter Oester reicher! 



§. 65. 

Rückblick auf die Anfänge der Kunst in Oesterreich. 
Wer das Land unter der Enns mit einiger Aufmerksamkeit durchwandelt, trifft nicht 
nur in Wien, sondern auch mehrfach im Lande zerstreut Bauten und andere archäologi- 
sche Denkmäler aus jener Periode, deren innige christliche Auffassungsweise, wenn auchbei 
kindlicher Stufe der Kunstformen uns ein anschauliches Bild von der reli- 
giösen und gemüth liehen Seite des Oesterreicher'sinjenen Tagen ge- 
währt, und deren Vorhandensein uns nur den Verlust vieler anderer durch Kriegszüge, Zeit 
und Modegeschmack zu Grunde gegangener solcher Denkmäler bedauern lassen. Zweck und 
Raum dieses Werkes gestatten es nicht, in eine archäologische und kunslhistorische Be- 

*) Ringhaube, die unter dem Helm getragen wurde. 

2 ) Krustel = Kruspel (des Ohres.) 

3 ) Feindschaft. 

*) Von schelten, schölten. 

15* 



116 

schreibun"- und Würdigung aller romanischen und deutschen Bauten, Skulpturen, Ge- 
mälde und verschiedener kirchlichen und weltlichen AI terthümer einzugehen 1 ); wir können 
hier nur einige der vorzüglichsten vom österreichisch-nationalen Standpuncte berühren. 

Bis in die Zeit des heiligen Altmann (1071 — 1091), Bischofs von Passau und 
Gründers der Ahtei Göttweih, waren fast alle Kirchen in Oesterreich nur von Holz, 
ohne Thürme und Glocken, klein und schmucklos. Bischof Allmann Hess Kirchen aus 
Stein erbauen, und nach dem Kunstgeschmacke seiner Zeit ausschmücken 2 ). Die 
St. Pankratzkapelle in Wien (am Hofe an der Stelle der päpstlichen Nunziatur) 
und das Kirchlein St. Johann am Als in Wien werden ihm zugeschrieben. — 
Salzburg, die übrigen Hochstifte und die mehrfachen Klöster folgten seinem Beispiele. 

Der religiöse Sinn und die Kunstliebe des ersten österreichischen Regentenhauses be- 
thätigte sich durch mehrfache Stiftungen ; die Hauptfront der S t. S t e p h a n s k i r c h e 3 ) mit 
dem sogenannten Riesenthore besteht noch aus jener Zeit und spricht mit seinen christ- 
lichen Hieroglyphen im symbolischen Geiste des zwölften Jahrhunderts. Sie wurde 
1147 vom Bischöfe Beginbert von Passau eingeweiht. 

Von der alten Burg derBabenberger Herzoge amHofe haben wir keine Abbildung, 
von der alten Gestalt der von Herzog Leopold dem Glorreichen an der Stelle des 
jetzigen Schweizerhofes erbauten Burg haben sich noch aus dem sechzehnten Jahr- 
hunderte Abbildungen erhalten 4 ). Nebenan erhebt sich die Mi chaelerkir che aus 
den Tagen desselben ruhm würdigen Leopold (1221), als ein obwohl durch spätere Zu- 
sätze und Verbaue verunstaltetes Denkmal des Uebergangs vom romanischen Rund- 
bogen in den deutschen Spitzbogenstyl 5 ). An der Donau bewahren die Stiftskirche in Klo- 
sterneuburg 6 ) in manchen Theilen ihres Grundbaues, in noch reinerem GradeHei- 

i) Eine ausführliche kritische Kunstgeschichte Oesterreich's fehlt leider noeh. In Ermanglung deren machen 
wir hier aufmerksam aufHerrgott, Mon. Domus Austriae, Franz Tschischka's Kunst und Alterthum 
in dem österr. Kaiserstaate, geographisch dargestellt, dann auf dessen Geschichte Wien's, Leipzig, 1843. 
Zu erwähnen sind ferner: Die kirchliche Topographie — Primis s e rs Reisen durch die österreichischen 
Klöster in Hormayr's Taschenbuch, dann in Hormayr's Geschichte von Wien, — Fürst Lichnowsky: 
Denkmäler der Baukunst und Bildnerei des Mittelalters (4 Hefte in Folio), 1817-1830. — Seh miedPs 
Umgebungen Wien's. — J. T äub er : Entwurf einer Geschichte der zeichnenden Künste im Erzherzoglhum 
Oesterreich, Wien, 184%. — L. Ernst und L. Oescher, österr. Baudenkmäler des Mittelalters im Erz- 
herzogtum Oesterreich (Wien, 1846, 4 Hefte) — Dr.A Schmidl's Kunst und Alterthum in Oesterreich. 
Nebst mehreren Monographien, wovon einige im Verlaufe dieses §. angedeutet werden. 
-) Dr. G. Heiderund J. V. Häufler in dem Jahrgange 1850 des von der kais. Akademie der Wis- 
sensch. herausgegebenen Archives , geben Notizen über Alterthümer B. Altmann's in Göttweih — auch 
bemerkt Altmann's Biograph, dass er von einem Maler in Böhmen ein schönes Bild erhalten habe. 
3) Alois P r i m i s s e r in Hormayr's Geschichte Wien's, VI. B. - Fr. T s c h i s c h k a : Der Stephansdom in Wien 
(1832) - dann dessen Metropolitankirehe zu St. Stephan in Wien (1843) 3. Aufl. — J. F eil in Schmidl's 
österr. Blätter fürLit. und Kunst, 1844, Nr. 18—21 u. 30-34, welche selbstständige historische Untersu- 
chung neue Aufschlüsse über die Geschichte des Domes und seiner Kunstdenkmale gibt. Auch von 
demselben: Grabdenkmal Kaiser Friedrich 11. zu Wien, a. a. 0. 1845, Nro 1. - Dr. Melly das West- 
portal des St. Stephansdomes zu Wien, 1850. 
*) Bei Meldemann (1530), Hirschvogel (1547) und Lautensak (1559). 

5) Die Kirche brannte 1276 und 1319 ab, so dass nur das Mittelschiff und die beiden Abseiten blieben. Das 
Presbyterium wurde 1341, derThurml416 erbant, dessen spitzes Dach aber 1590 aufgesetzt, nachdem ein 
Erdbeben dieKrone des Thurmes herabgeworfen hatte. Die Facade des Haupteinganges stammt aus dem sieb- 
zehnten Jahrb. Die Gruppe Christus am Oelberg an der Aussenseite trägt die Aufschrift:„HansHuebcr" 1494. 

«) Max Fischer: Geschichte von Klosterneuburg 1815 - Fe s t oraz z o und Haller : Das Stift Kloster- 
neubnrg, mit Text von Max Fischer. Gr. Folio, Wien 1845. 



117 

Iigenkreuz am Sattelbache mit seinem herrlichen Kreuzgange und der Gruft der 
Babenberger '), dann Lilienfeld 2 ) im Wiener Walde — alle drei Stiftungen des hei- 
ligen Leopold — ein anschauliches Bild der Baukunst der Babenberger Zeit; dessgleichen 
das Cisterzienserstift Zwetl (1138 von den Kuenringern gestiftet) 3 ) reibt sich 
den früher genannten würdig an. Die Pfarrkirche in Wiener Neustadt zeigt in ihrer 
äussern Erscheinung ebenfalls auf die Zeit Leopold des Glorreichen hin, in der sie 
erhaut wurde*). Um ein Jahrhundert früher scheint die Kirche von Schöngrahern mit 
ihrer von christlichen Symbolen bedeckten Aussenseite des Chores 5 ) entstanden zu 
sein. Einzelne Bautheile der romanischen Periode findet man auch bei mehreren öster- 
reichischen Kirchen des deutschen Baustyles, z. B. die Stifterkapelle in Seitenstätten, 
Säulen mit Würfelknäufen findet man in Hochwolkersdorf , Aspang , etc. — 
Die Taufkapellen im Bundbogenstyle sind in Oesterreich im Verhältniss seines 
Flächenraumes zahlreicher als anderswo. Wir erinnern an den jetzigen Glockenthurm 
neben der Othmarskirche zu Mödling, die diessfälligen Bauten zu Tuln, Petro- 
nell,Haimburg, Deutch-A ltenburg (letztere neben der im altdeutschen Style ge- 
bauten, malerisch gelegenen Kirche), dann zu Scheib lin gkirchen bei Sebenstein, zu 
Pulkau und Schle initzund an jene bei Gars und Kuenring im sogenannten Wald- 
viertel, endlich an die alte romanische Kirche zu Kroatisch-Haslau (ein 
kleiner, aber aus gewaltigen Quadern gefügter Bau). Die Leitung des Kirchenbaues ging 
in dieser altern Zeit (im zehnten bis zwölften Jahrhunderte) meist von den Aebten 
aus, wo sich auch unter den Mönchen Baukundige, Bildhauer und Erzgiesser, 
Glas- und Miniatur-Maler und Schönschreiber befanden. Vorzüglich gerühmt in allen 
Zweigen dieser Künste ist Propst Hartmann von Göttweih (1094 — Hü), früher 
Prior im St. Blasiuskloster im Schwarz wald; auch seine Nachfolger N anzo undChal- 
hoch, schmückten die Kirche mit Bauten, Ornamenten und Büchern b ). Allmann's 

1 ) Malachius Koll: Das Stift Heiligenkreuz. Wien, 1834. Vergl. Recens.Prof. J. K e ib linge r in KaHenbäck' 
Zeitschrift, 1835. J. Feil in SchmidTs Wien's Umgebungen, 111. B., vergl. die Abbildung- der Kirchen- 
fronte von Haweleg. — M. Herrgott's Taphographie. 

2 ) Bccziczka: Lilienfeld in der kirchlichen Topographie, VI. B. 

3 ) Fräst: Zwell in der kirchl. Topographie, XVI. B., Bruchstücke aus der Zwetler-Chronik in Hormayr's 
Archiv. Ganz edirt von der kais. Akademie der Wissenschaflen. Wien, 1851. 

*) Böheim's Chronik von Wiener Neustadt. Wien, 1830. Scheiger's Bilder aus der Neustadt. Hormayr's 
Taschenbuch, 1827 u. 1828. 

5 ) J. Hammer: Myster. Bauhomcüs relevatum etc. im VLB., S.26— 31 der Fundgruben des Orients. Vergl. 

Hormayr's Archiv, 1820, S. 211, 283, 311, dann 1821, S. 11, 51. Eine Monographie über Schongrabern's 
Kirche bereitet Dr. G. II ei d er vor. 

6 ) Allmann's Biograph bei Pez: Ss. rer. Austr. T. I. col. 132—134: Hie (Hartmannus) honorem loci 
aediiieiis, libris, picturis, palliis et religiosis viris ampliavit, et tempora sua honeslate et probitate 
perornavit . . . . Erant sub co et alii viri praedicandi, ingenio et artibus praedili, s criptor e s, pic- 

tores, sculptores, fusores et aliis artibus praeclari Hartmanno autem obeunte 

quidam ex fratribus, Nanzo nomine, regimen Abbaliae suseepit — Hie etiam locum pluribus libris 
et aediiieiis honestavit. Von dem darauf folgenden Abt C halb, och heisst es: Qui et ipse nihilominus 
Ecclesiam libris et velis et aliis ornamentis venusfavit. — Von den Kosten der Bücher gibt einen Be- 
griff, dass Leopold der Heilige von dem Stifte St. Nicolaus zu Passau eine B i b e 1 (in drei Bänden) 
sammt Missale, gegen jährliche freie Einfuhr eines Schiffes, als Grundlage der Bibliothek zu Klosterneu- 
burg erkaufte ; — das näehstangesehatfte Buch war das Psalterium des heiligen Leopold. (Dr. 
H. J. Zeibig • Die Bibl. des Stiftes Kloslerneuburg, im Archiv der kaiserl. Akademie, IL B., J. 1850, 
S. 262 etc.) 



118 

berühmter Zeitgenosse Thiemo (S. Diethmar), Abt von St. Peler (1077) und (1090) 
Erzbischof von Salzburg, welcher sich häufig - am Hofe Leopold des Heiligen aufhielt, 
und in der Malerei, Schnitzkunst, sowie im sogenannten Steingusse ausgezeichnet war, 
trug wohl durch seine Werke auch in Oeslerreich zur Nacheiferung bei '). 

Von der inneren Einrichtung der Kirchen in jener Periode geben uns ein 
anschauliches Bild die von Klosterneuburg nach Laxenburg transportirte Kapelle 
Johann des Täufers (Capeila speciosa), der sogenannte Verduner- Altar 
(Niello Antipendium) 2 ) zu Klosterneuburg, die in den Schatzkammern der ge- 
dachten Stifte und den meisten übrigen Abteien aufbewahrten Pastorale, Kelche, Mon- 
stranzen, Ringe, Messkleider und andere Kirchenornamente; sowie die Glasmale- 
reien 3 ) der Stephanskirche, und der gedachten Klöster, vor allen jene in Heiligenkreuz. 
Von Sculptur und insbesondere von Elfenbeinschnitzerei, Hausaltären, Dyptichen, von der 
Miniaturmalerei in Oesterreich begegnen uns zahlreiche Proben nicht nur in der Hof- 
bibliothek und den archäologischen Kabineten (k. k. Antikenkahinet, Ambrasersamm- 
lung und Schatzkammer) Wien's, sondern in den meisten Klosterbibliotheken 
sammt deren Antiquarien, namentlich in allen jenen, deren Ursprung in die Zeit 
der Babenberger reicht, welchen sich das Kunstkabinet des Neuklosters in Neustadt 
würdig anreiht. 

Von Werken der Bildhauerkunst in Lebensgrösse aus den Zeiten des drei- 
zehnten Jahrhunderts, haben wir nur wenige in Oesterreich aufzuweisen, als das leider 
verstümmelte Bildniss Friedrich des Streitbaren auf dessen Grabdeckel in der 
Gruft zu Heiligenkreuz *), dann in der Hofkirche zu Baden Leutold's von Crevvspach 
mit seiner Gattin Offemia 5 ). Die Marmorabbildung König Rudolph's I., von welchem 
Ottokar (von Horneck) die Porträtähnlichkeit mit den Worten rühmt: 

Ein chluger Stein-Mecz 

Ein Pild sawer, und rain, 

Aus einem Merhlstein 

Schön hat gehavven, 

Wer dass wolt schawen, 

Der nmss jm dez jehen, 

Daz er eyn Pild hat gesehen, 

Einem Manne so gleich, 
dann Rudolph's und seiner Gemahlin Statuen in der Dominikanerkirche zu Tuln 6 ), 



') Mehr über Thiemo's Leben und künstlerisches Wirken folgt bei den Kronländern Salzburg und 

Steiermark. 
*) Das Niello Antipendium zu Klosterneuburg, herausgegeben von A. Camesina, mit Text von J. Arneth. 

Wien, 1844. Dieses in kunsthistorischer und tipologischer Hinsicht höchst merkwürdige Meisterstück 

wurde, laut Aufschrift, von Niclas von Verdun 1181 verfertigt. 
8 ) Herrgott Monum. III. II. Tab. 23 — Hormayer's Archiv, Jahr 1820 S. 33, 1824 S. 772, 1825 S. 773 etc. 

Gessert Gesch. der Glasmalerei in Deutschland. Schweinfurth, 1844 und dessen allgem. diessfällige 

Gesch. Cotta 1846. 
*) Herrgott: De Sigill. et Insign. Tab. XIII. 

6 ) Abgebildet in L e b e r's Ritterburgen : Rauhenstein etc., Wien, 1844. S. 94. Vergl. mit S. 223, 306. 
0) Herrgott's Pinakothek. Tab. XIV, vergl. mit Schoiger's Ausflügen 1828. S. 60. 



119 

eine Arbeit seines Zeitalters, sind eben so spurlos verschwunden, als das, noch 1784 
bei den Minoriten in Wien befindlich gewesene schöne Grabmonument der Herzogin 
Blanka (f 1305) mit deren lebensgrossen Gestalt '). 

Ein beachtenswerter Zweig bleibt auch die Siegelkunst, die meist von Gold- 
schmieden geübt wurde, nicht nur für die Geschichte , Diplomatik und Genealogie, 
sondern auch für die Kunstgeschichte jener Zeit; da man deren Entwicklungsstufen 
grossentheils mit mehr Sicherheit, als bei manchen andern mittelalterlichen Kunst- 
werken, aus den Siegeln erkennen kann. Nicht nur landesfürstliche, sondern auch 
Siegel von Landesedlen und ihren Frauen, von Bischöfen, Aebten und Kirchen, sowie 
von den Städten Krems (vom Jahre 1266 und 1277), Tuln (von 1267, 1273 und 
1294), Wien (von 1268), Neustadt (von 1272), Laa und Stein (von 1277), Brück 
(von 1278), St. Polten (von 1290) und wahrscheinlich auch die ältesten Siegel von 
Eggenburg, Haimburg, Hörn, Klosterneuburg, dann das Contrasiegel Wien's u. a. m. 
stammen aus dem dreizehnten Jahrhunderte, und Siegel mit Gemmen waren ebenfalls 
im dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderte nicht nur bei Bittern, z. B. bei Heinrich 
von Brunn (1233), Albrecht dem Schenk (1388), sondern selbst bei Wiener Bürgern 
(als Wilhelm Schander, Heinrich dem Langen, Georg am Kienmarkt, Pilgreim dem 
Bothen, Berthold, des Schützenmeisters Sohn, Jakob Mäserlein, Beinprecht beim 
Brunnen, Heinrich Pyrmeid etc.) im Gebrauch 3 ). 

Der romanische Kunststyl, der überhaupt eine Verbindung römisch-griechi- 
scher Formen mit germanischer Auffassungsweise und eine Art Einkleidung christlicher 
Ideen in heidnische Typen (namentlich Thierfiguren) enthält, zeigt in Oesterreich 
bis Ende des zwölften Jahrhunderts auch byzantinischen Einfluss , um so mehr, als die 
Ostmark, an der Scheide von West und Ost gelegen, mit Byzanz in mehrfachem Ver- 
kehre stand, und österreichische Herzoge mit griechischen Prinzessinen vermählt waren. 
Die Werke des dreizehnten Jahrhunderts mahnen manchmal an antikes Studium und 
bilden den Uebergang zu jener rein christlich-germanischen Kunststufe, 
die im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte ihren Gipfelpunkt erreichte. 

Auch von dem alten Burgenbau sind wenigstens einzelne Theile aus jener Pe- 
riode erhalten und zeigen romanische Bauformen, z. B. der Thurm und die Umfas- 
sungsmauern des Hochschlosses zu Haimburg, die festen Thore der Stadt 
Haimburg und des Marktfleckens Fischamend, der Quaderthurm zu Brück an der 
Leitha, dessen Grundbau vielleicht noch in die Zeit der Bömer zurückreicht, 
der gewaltige Thurm mit den Trümmern der alten Wildensteiner Burg auf 
Sebenstein, der nicht minder mächtige Thurm des Schlosses Thernberg, 
die Grundmauern von Wartenstein und Klamm, vor Allen die Feste Starhem- 



1 ) Mehreres hierüber von Feil in Schmidt'« üsterr. Blättern, 1845. Nr. 92 und 94. 

2 ) Siegelabbildungen (obwohl nicht immer sehr genau), existiren in Hueber's, Hanthaler' s,Herrgo tt's, 
Schrötter's u. a. Werken. Richtige Abbildungen von Fürstensiegeln sind beiSchlickenrieder;so 
wie von S tädtesiegeln in Dr. Melly 's Beiträge zur Siegelkunde des Mittelalters, Wien, 1846, ent- 
halten. 



120 

berg *), mit den Ruinen der alten Thürme und Kapelle (jene grossartige Herzogsburg, 
worin der Schatz Friedrieh des Streitbaren bewahrt wurde, und welche sich im Jahre 
1236 nebst Neustadt und Linz, allein gegen das Reichsheer halten konnte). Die Thürme 
zu Rauhenstein und Rauhenegg mit den Grundmauern der Burgen im reizenden 
Helenenthaie 2 ), die Feste Liechtenstein sammt ihrer romanischen Kapelle, dann am 
Donaustrome der Grundl.au des Thurmes zu G r e i f e n s t e i n , die Grundmauern von A gg- 
stein und Dürrenstein, das alte Hochschloss S ch all ab urg mit seinen hochra- 
genden Thürmen 3 ). die Grundmauern und der dreiseitige Ouaderthurm zu Hohenberg, 
der Hauptbau des siebenthorigen Rapottenstein, dann von Ottenstein, Dobra, Ra- 
stenberg am braunen Kamp und die felsartig aussehenden Burgtrümmer der alten 
Kuenringer Burg; endlieh der ovale Thurm am Schloss Karlstein, die Grundmauern 
von Hardegg, Khaya u. s. w. an der Thaya 4 ). 

§. 66. 
Religiöse Entwicklung Oesterreich's in dieser Periode. 

Die religiöse Entwicklung steht im innigen Zusammenhange mit dem Werden 
Oesterreich's. Schon aus den frühern Andeutungen ist ersichtlich, wie mit dem 
Kreuze die Bevölkerung und die Cultur des Landes zugleich fort- 
geschritten, wie sehr die christliche Gesinnung alle Zweige des Lebens durchdrang, 
und der Poes'e und der Kunst die höhere Weihe verlieh. 

In kirchlicher Hinsicht gehörte Oesterreich zurEr zdiö zese von Salzburg und 
zunächst zum h i s c h ö f 1 i e h e n S p r e n g e 1 v o n P a s s a u 5 ). Ausgezeichnete Kirchen- 
fürsten snssen auf dem bischöflichen Stuhle dieser Stadt. Ausser Pilgrim (970 — 991), 
der für die Bekehrung der Ungern und die Colonisirung Oesterreich's mit gutem Er- 
folge wirkte, und für seine Person vom Papste Benedikt VII. sogar die erzbischöfliche 
Würde errang. — tritt Bischo 1' AI tm ann von Passau 6 ) in echt katholischer Wirk- 
samkeit, gleichsam Oesterreich's Gregor, ganz in dem Geiste dieses Papstes thätig, 

!) S. S che i ger in llormayr's Archiv, 1823 und dessen Andeutungen zu Ausflügen im V. U. W. W. Wien, 1828. 

=) Fr. v. Lebcr's Ritterburgen : Rauheneck, Seharfeneck und Rauhenstein. Wien 1844. 

=) J. Keiblinger in Hormayrs Taschenbuch 1829. Von der alten Eisenburg und dem Stifte Melk besitzen 
wir weder Abbildungen noch Beschreibungen aus der ßabenberger Zeit. J. K e i b 1 i n g e r's Gesch. des 
Benedictiner Slifles Melk. Wien 18 >1. 

») Mehr hierüber sieh in J. S c h e i g e r's Burgen und Schlosser Oesterreich's u. d. Enns. Schmidl's 
Umgebungen Wien's. Abbildungen in K ö pp v. F e 1 s e n t h al's Malerische Darstellungen aus Oester- 
reich 1814-23. 

5 ) Hansiz Germ. Sacra. — Moritz: Aeltester Kodex des Bislhums Passau, I. B. S. 470. 

«) Altmann stammle väterlicher Seits aus dem Hause der Grafen von Formbach, Lambach und Pitten, 
mütterlicher Seits aus einer vornehmen Familie Westphalen's , wurde zu Paderborn Kanonikus und 
Vorsteher der Schulen. d,,nn zu Achen Holkaplan Kaiser Heinrich III. und kam nach dessen Tode 
mit der verwitweten Königin Agnes nach Passau, als Engelbert die Bischofwürde bekleidete. Dort 
schloss er sieh dem Wallfahrtszuge des durch seine männliche Schönheit und seinen Geist berühmten 
Bischofes Günther von Bamberg nach Palästina an. Nach Ueberstchung vieler Mühsale erreich- 
ten sie das heilige Grab. Auf der Rückkehr starb Bischof Günther in Wieselburg und da kurz 
•zuvor Engelbert mit Tode abgegangen und Altmann auf der Königin Agnes Vorwort auf den Bischof- 
stuhl zu Passau vom Kapitel einst mmig berufen worden war (1073), empfing er noch in Ungern 
durch Abgeordnete die Kunde und durch den Er/.bischof von Salzburg, zu dem er sich sogleich 
begab, die Weihe. Dr. Theodor Wiedemann's Alt mann (Augsburg, 1851). 



121 

hervor. Streng: in Sitten, wie er selbst war, drang- er auch auf Sittenreinheit bei der 
ihm untergebenen Geistlichkeit, und obgleich desshalb aus Passau vertrieben, kehrte er 
doch bald mit der Würde eines päpstlichen Legatennach Deutschland zurück, 
«rundete in Oesterreich Göttweih J ) und beschloss — auch hierin seinem päpstlichen 
Vorbilde ähnlich — ferne von seinem Stuhle zu Zeiselmauer sein Leben und wurde 
in seiner Stiftung (1091) bestattet. 

Ganz in Altmann's Geiste wirkten auch die Erzbischöfe Gebhard von Salzburg, 
dann dessen Nachfolger Eberhard von Salzburg und Konra d -) , Bischof von Passau, 
Sohn des heiligen Leopold, später Metropolit von Salzburg. 

Bei der nach Hadrian's IV. Tode erfolgten zweispaltigen Papstwahl, hielten die 
gedachten Kirchenfürsten an Alexander Hl., während Kaiser Friedrich I. Victor III. 
anerkannte. Die babenbergischen Landesfürsten waren in einer schwierigen Stellung. 
Ihr christlicher Sinn führte sie zur Befolgung der päpstlichen Anordnungen in kirch- 
licher Hinsicht, die Verhältnisse zum deutschen Beiehe erheischten auf weltlichem Boden 
Lehnstreue gegen den Kaiser; zudem waren die österreichischen Begenten seit 
1058 Schirmvögte Passau's. Leopold III., der Schöne, schloss sich der Bichtung des 
Passauer Bischofes an; Leopold IV., der Heilige, hielt am längsten unter den deutschen 
Fürsten an Kaiser Heinrich IV. und verdiente übrigens durch seine rege Sorgfalt für 
Oesterreich's Cultur, seine Stiftungen, seinen frommen Wandel und Wohlthätigkeitssinn 
denNamen: Vater der Armen, so wie die (1486 erfolgte) Heiligsprechung und Verehrung 
als Landespatron. Heinrich Jasomirgott suchte sich in dem kirchlichen Zwie- 
spalte möglichst neutral zu halten. 

Um die Cultur des Landes machten sich in dieser Periode vorzüglich verdient die 
regulirten Chorherren, die Benedictiner, die von Otto von Freisingen. 
Sohn Leöpold's des Heiligen aus Frankreich nach Oesterreich gesendeten Cister- 
zienser, so wie die unter Leopold VII. nach Wien berufenen Dom i nie aner und 
Franc iscan er (Minoriten) 3 ). 



*) Die Legende erzählt, dass Altmann während seiner Studienjahre mit Gebhard und Adalbert an 
einer Quelle in der Gegend von Gottweih zusammen kam und vorhergesagt habe, dass er in Passau, 
Gebhard in Salzburg und Adalbert in Würzburg die Infel tragen werde, und dass sie für den Fall 
Klöster zu stiften gelobten. So viel ist jedoch gewiss, dass alle drei zu jener Würde gelangten und 
Gebhard als Erzbischof von Salzburg Admont (1074), Adalbert, Sohn des Grafen Arnold von Lim- 
bach als Bischof von Würzburg Lambach (1053) — für Benedictiner, Altmann als Bischof von 
Passau aber (1083) Gö,t tweih (Kottewieh) für regulirte Chorherren gründete (die erst unter Bischof 
Ulrich [109*1 Benedictinern wichen). Auch räumte Bischof Altmann St. Florian regulirten Chor- 
herren ein. 

•) Die gewöhnliche Annahme von Konrad's Aufenthalt im Kloster Heiligenkreuz ermangelt nicht nur des 
Beweises, sondern widerspricht vielmehr gleichzeitigen Documenten. Konradwar keinCisterzienser, kein 
Abt von Heiligenkreuz. Noch als Jüngling verlieh ihm sein Halbbruder, König Konrad III., den Titel 
eines Hofkaplans, bald darauf die Dompropsteien zu Utrecht und Hildesheim, bis er 30 Jahre alt zum 
Bischof von Passau erhoben wurde. Siehe Blumb erger's Aufsatz in den Wiener Jahrbüchern der 
Literatur, 87. Bd. (Jahr 1839, Juli, August, September), Anzeigeblatt p. 34— 44. 

3 ) Die von den drei erstgenannten Orden bezogenen Klöster sind im vorausgehenden §. angeführt. — Brüder 
des (1216 gegründeten) Ordens der Dominicaner wurden im Jahre 1236 aus Ungern nach Oesterreich 
berufen (siehe Feil in Schmidl's österr. Blättern 1848. S. 1—24). Nach Krems kamen sie 1236, und schon 
1237 war ihre Kirche in Wien vollendet. Der Minoriten -Orden (1223 gestiftet) kam im J. 1224 nach 

I. Iß 



122 

Zur Erhöhung der religiösen Begeisterung in Oesterreich trugen auch die Kreuz- 
züge bei. Der Feuereifer Peter 's von Amiens und die Donnerworte des Papstes Urban II. 
(1 095) auf der glänzenden Versammlung zu Clairmont, hatten Frankreich, Italien und die 
Rheingegenden Deutschlands zur Unternehmung des ersten Kreuzzuges begeistert. 
Schon im Frühjahre 1096 zogen mehrere Schaaren der Kreuzfahrer unter Walter 
Paseigo und Peter von Amiens durch Oesterreich und Ungern in den Orient; um die 
Mitte August folgte Gottfried von Bouillon mit dem Hauptheere von 10.000 
Rittern und Edlen zu Pferd und 70.000 Mann zu Fuss ; am 20. September schritt dieses 
Heer über die Leitha bei Tollenburg *) nach Ungern. — Doch nur kurze Zeit dauerte 
der Jubel über den errungenen Besitz des gelobten Landes. Edessa war verloren und 
selbst Jerusalem von den Sarazenen bedroht; Trauer ergriff das Abendland. Da ent- 
flammte die Beredsamkeit des heiligen Bernard, Abtes des von ihm gegründeten 
Klosters Clairvaux, die Christenheit zum zweiten Kreuzzuge. König Konrad III. 
selbst übernahm die Führung des Kreuzheeres , sein Neffe Friedrich (der nachmalige 
Kaiser), die Herzoge von Lothringen, Böhmen, Kärnthen und Bayern schlössen sich dem 
Zuge an und selbst der mit Herzog Heinrich Jasomirgott wegen Bayern's Besitz in 
Streit begriffene Herzog Weif legte die Waffen nieder und bezeichnete sich mit dem 
heiligen Kreuze. Den Bischöfen von Bremen, Regensburg und Passau schloss sich auch 
des österreichischen Herzogs Bruder, Otto von Freisingen, an, und 70.000 Mann 
zogen auf der Donau und an ihren Ufern herab. Am Tage der Himmelfahrt Christi 
schlug Konrad sein Lager bei Ardacker auf und Hess das Heer drei Tage daselbst aus- 
ruhen. Das Pfingstfest feierte er an der Fischa und zog hiernach auf dem frühem Wege 
der Kreuzfahrer durch Ungern. — Die nächste günstige Folge dieses zweiten Kreuz- 
zuges für Oesterreich war die Beilegung der Fehden in Herzog Heinrich's Landen, da sein 
Hauptgegner Weif nun die Waffen für die Sache Christi im Orient führte. Auf dem 
blutgetränkten, verwüsteten Boden konnte wieder die Saat reifen ; ein dergestalt fried- 
liches, stilles Leben folgte plötzlich dem blutigen Kriegsgetümmel, dass man selten in 
Bayern und Oesterreich Bewaffneten begegnete. Auch die Privatfehden und Rechts- 
streite ruhten, da der Papst die Kreuzfahrer von aller Schuld und Bürgschaft bis zu 
ihrer Heimkunft freigesprochen hatte. 

Die Nachricht von Jerusalem's Verluste durch Saladin (3. October 1187) 
erneuerte in Europa die Begeisterung für das gelobte Land. Man sah den Verlust der 



Wien, wo ihm Herzog Leopold ein Kloster einräumte. Auch nach Stein und Wiener Neustadt kam 
er bald. Dieser Orden wirkte durch Abhaltung deutscher Predigtenauf den religiösen Sinn des Volkes, 
und trug dadurch zugleich zur Ausbildung der deutschen Prosa bei. Bruder David von Augsburg und 
Berthold (Lercb) von Regensburg (f 1272) zogen predigend durch Oesttrreich, Böhmen, Mähren und 
Ungern, gleichsam Vorgänger des h. Capistran, der im fünfzehnten Jahrhunderte die Völker dieser 
Länder zum Kreuzzuge gegen die Türken aneiferte (Cb. Kling: deutsche Predigten Berthold's des 
Franciscaners, Berlin, 1824; J. Grimm's Recension, Wr. Jahrb. Bd. 32. K. Roth: deutsche Predigten 
des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, Quedlinburg, 1838. Berthold's Predigten wurden auch 
von F. Göbel, 1850 Schafhausen, übersetzt edirt. Hofmann's altdeutsche Blätter II.) — M. S. S. 
deutscher Predigten des dreizehnten Jahrhunderts sind auch in der Hofbibliothek zu Wien, in der Stifts- 
bibliothek zu Klosterneuburg etc. 
') Die Lage weiset auf die Gegend von Brück an der Leitha. 



123 

heiligen Stadt als Strafe für die Verbrechen und Uneinigkeit der Christen an '). Die 
Könige Heinrich II. von England und Philipp August von Frankreich legten die 
gegen einander erhobenen Waffen nieder und versöhnten sich unter der Eiche von Gisor 
(1188), um vereint im Morgenlande au kämpfen. Der Saladinszehent musste von Allen, 
die den Kreuzzug nicht mitmachten, entrichtet werden. Auch der greise Kaiser Fried- 
rich I., der sich mit der Kirche gänzlich auszusöhnen wünschte, beschloss zu Mainz 
auf dem „Hoftage Gottes" (wie er ihn nannte) den Kreuzzug. Friede wurde durch 
das ganze Reich geboten; Niemand durfte sich dem Kreuzzuge anschliessen, der nicht 
wenigstens drei Mark Silbers mitnehmen konnte. Am Georgitage 1189 ging der Zug 
von Regensburg, auf und an der Donau, über Passau nach Oesterreich. Mauthhausen, 
das vom Kreuzheere Zoll zu verlangen wagte, ging in Flammen auf. In Wien wurde 
Musterung gehalten. Herzog Leopold VI., von Oesterreich (Virtuosus), war durch 
ein eigenes Schreiben Hermenger's, Provisors der Hospitaliter zu Jerusalem, zur 
Mitwirkung beim Kreuzzuge aufgefordert worden und entschloss sich hiezu. Dem Kaiser 
unmittelbar folgten nebst seinem Sohne, dem Herzoge Friedrich von Schwaben, auf 
dem weitern Zuge von Wien nach Pressburg Herzog Rerthold von Meran, Markgraf 
Herrmann von Baden, die Bischöfe von Münster, Osnabrück, Würzburg und Passau, 
dann aus Oesterreich selbst Tage no 2 ), Domdechant und Pfarrer zu St. Andrä am Kaien- 
gebirge, zugleich Geschichtsschreiber diesesKreuzzuges, ferner die Pröpste von Ardacker 
und St. Andrä, Eisenreich Abt von Admont, die Grafen Siegfried von Liebenau 
und Konrad von Peilstein. Zu Pressburg feierte der Kaiser das Pfingstfest und zog 
durch Ungern, wo sie freundliche Aufnahme fanden, in den Orient, wo Kaiser Fried- 
rich glücklich nach Erstürmung Iconiums bis Seleucia vordrang, aber in den Wellen 
des Flusses Saleph (dem Kalykadnus der Alten) den Tod fand (10. Juni 1190). Herzog 
Leopold VI., der mit seinem Bruder Heinrich von Mödling an der Spitze zahl- 
reicher Ritterschaft und Geistlichkeit 3 ) aus Oesterreich und Steiermark am 8. 
September von Wien aufgebrochen und über Venedig und Jadra (Zara) im Frühjahr 
(1191) vor Accon (Ptolemais) angelangt war, übernahm nun den Oberbefehl 
über das durch ihn verstärkte deutsche Heer in Palästina. Vor den 
Mauern dieser Stadt erwarb ihm seine Tapferkeit den Namen Virtuosus (der Manns- 
kräftige) und wirkte wesentlich zu der am 24. Juli 1191 erfolgten Uebergabe mit. 

Der Streit, in welchen jedoch Leopold VI. wegen Verunglimpfung des österrei- 
chischen Banners *) mit dem Könige von England, Richard Löwenherz, gerieth, 



>) Der Anonymus in der IX. Publication des lit. Vereins in Stuttgart, S. 6—8. 

= ) T age no bei Frehcr Seriptores rer. Germ. Tom. I. p. 407 — 416. 

= ) Bei diesem Zuge war auch der österreichische Kleriker Ansbert, der ebenfalls diesen Kreuzzug 
beschreibt (siehe das von Dobrowsky aufgefundene Fragment Ansbert's : Histor'a de Expeditione 
Friderici Imperatoris, 1827 zu Prag gedruckt). 

*) Der erwähnte österreichische Kleriker An sbe rt erzählt zwar hiervon nichts und sagt nur im Allge- 
meinen von König Richard „eum (Ducem Austriae) in obsidione Acconae quasi objectum 
r ep utavi t," dann ,,q uu m dux il lu s t r is A ust r iae plures causas odii ip sum efficient is 
habuerit;" aber nicht nur Mathaeus Paris, bist. angl. in Richardo I. p. 140 und Gottfried von 

16* 



124 

hatte die Gefangensetzung des Letzteren in Oesterreich zu Dürrenstein '), und — da 
dieser als Kreuzfahrer unter dem besondern Schutze der Kirche stand — den Bann 
über den österreichischen Herzog zur Folge. 

An diesen Kreuzzug reiht sich gewissermassen auch die Fahrt Friedrich des 
Katholischen ins gelobte Land. — Der vierte Kreuzzug endete mit der Er- 
oberung Konstantinopel's, woran sich die österreichischen Herzoge nicht betheiligten. 
Auf dem fünften Kreuzzuge (1217 bis 1221) erwarb sich aber Herzog Leo- 
pold VII.. der Glorreiche, besonders vor Damiette in Aegypten, verdiente Lorbern 
und kehrte zum Jubel der österreichischen Bevölkerung nach Wien zurück 3 ). 

Im Gefolge der Kreuzzüge und des hierdurch geweckten ritterlich religiösen 
Geistes kamen auch die Ritterorden nach Oesterreich. Bei der Zunahme der 
Wallfahrten war schon durch Gottfried von Bouillon der Orden der Johanniter oder 
Hospitaliter entstanden. Auch in Oesterreich erhob sich Spital am Pyrn (1191) 
nachdem Muster des von Ottokar I. am Semmering (1160) gegründeten Spitales 
(Hospitium), und Leopold der Glorreiche stiftete an der Wien das Spital zum hei- 
ligen Geist sammt der Antoniuskirche (1208 bis 1211) 3 ). 

Obwohl die Sage an viele Orte Oesterreich's (nach Perchtoldsdorf, Mödling, Heili- 
genstadt, Ebenfurth, Neunkirchen, Petronell, Haimburg, Eggenburg, Schöngraben, 
Diettersdorf, Sitzendorf, Aspern an der Zaya etc.) Templer versetzt, so erscheint 
doch nach den urkundlichen Spuren *) ihr Besitz in Oesterreich so unbedeutend , dass 



Cöln: Richard de gestis Philippi Augusti, sondern ein Schreiben Heinrich's VI. an den Papst selbst 
sagt: .,signum ducis Austriae consanguinei sui in cloacam projici jussit." Also 
hat der, obwohl spätere, österreichische Chronist Hagen Recht (bei Pez S. R. A. I. pag. 1064): ,,do 
ging daz Panyer dess von Oesterreich vor dem Panyer des Chuniges von Engelland , daz muet den 
von Engelland und unterdrückt dem von Oesterreich sein Panyer.'' 

») Um Weihnachten (1192) wurde Richard in dem Dorfe Erdberg, jetzt eine Vorstadt Wiens, 
durch des Herzogs Leute gefangen genommen. Der Herzog behandelte ihn zwar ehrenvoll und nahm 
ihn sogleich zum Reichstage nacli Regensburg zu Heinrich VI. mit; da jedoch kein Vergleich zu 
Stande kam (formula compositionis in Rymer actor. anglic. T. I. pag. 84), so führte Herzog Leopold 
den Rritenkönig wieder zurück nach Oesterreich und übergab ihn nur auf kurze Zeit dem Hadmar 
von Kuenring auf Dürrenslein zur Haft; denn schon im März 1193 lieferte er auf Verlangen des 
Kaisers den königlichen Gefangenen auf dem Reichstage zu Speyer aus und schloss zu Würzburg 
einen eigenen Vertrag (siehe denselben bei Ansbert a. a. 0.). Ueber Richard'« Auslieferung an den 
Kaiser, der ihn ebenfalls in ehrenvoller Haft hielt, worüber Richard selbst seiner Mutter Eleonore 
nach England schrieb : „Honeste circa ipsum imperatorem moram facimus," siehe Roger de Hoveden 
(nach Wilkcn IV., pag. 604). 

=) Walther von der Vogelweide besingt in einem treiflichen Gedichte Leopold's freudenerweckende 
Rückkehr. 

") Auf der Stätte der Karlskirche in Wien. Die Stiftungsurkunde von 1211 ist in Hormayr's Gesch. 
von Wien IX., a, p. 52—55 abgedruckt; doch ist diese Stiftung wohl zu unterscheiden von dem 
h. Geistspital vor dem Kit rn t hnertho r. Reide wurden 1529 zerstört, ihre Dotationen gingen 
an das heutige Rürgerspilal über. 

*) Vier Urkunden existiren; die erste bewährt, dass Templer ihr Gut zu Sc hwe ch at, Fischamen t und 
Rauche nwart dem Herrn von Ilaslau verkauft und darüber auch mit Herrn von Zelking (1309) sich 
verglichen haben; die zweite vom 30. September 1302, dass Rruder Ecco des Tempelordens Comen- 
thur durch Röhmen, Mähren und Oesterreich, und die Rrüder des Tempelhauses zu Tschaikwitz 
mit dem Schotten-Abte Wilhelm die dem erstem zuständige Abgabe vom Teinfaltshof (Dom- 



125 

sie bloss einen Theil der mährisch -böhmischen Comthurei gebildet zu haben 
scheinen. 

Die deutschen Ordensritter brachte Leopold der Glorreiche 1210 nach 
Oesterreich und räumte ihnen in Wien Haus und Kapelle ein 1 )- Sie blieben stets dem 
Hause der österreichischen Herrscher treu ergeben und leisteten demselben wichtige 
Dienste. Als auf Friedrich dem Streitbaren Acht und Bann lag, und Alles von ihm ab- 
gefallen, ausser Neustadt, „der allzeit Getreuen" und dem festen Starhemberg, da be- 
wachte der deutsche Ordenscomthur, Ortolf von Traiskirchen, den daselbst ver- 
wahrten Schatz des Herzogs und vertheidigte die Burg mit heldenmütiger Treue. 

Handels- und Gew'erbs-C olonisten. 
(Die Schwaben, — die Flandrenser.) 

Der weitverbreitete und begünstigte Handel und das Münz w es en in Oesterreich 
trugen nicht nur zur Blüthe und Wohlhabenheit des Landes bei , sondern führten viele 
Fremde, vorzüglich Deutsche, herbei, welche sich manchmal auch in Wien und im 
Lande ansässig machten. Am lebhaftesten blieb der Handel auf der Donau nach Re- 
gensburg, und mit den schwäbischen Kaufleuten i ). 

Den Verkehr Wien's mit Regensburg ordnete bereits Leopold der Tugend- 
hafte (1192) 3 ); noch mehr hob denselben das Stadtrecht Leopold des Glor- 



vogthof) in der Teinfaltsstrasse (Domvogtstrasse) mit andern von einer Bäckerei in der Radgasse 

(nun Dorotheergasse) vertauscht. S. Hormayr's Arch. 1817 Nr. 84, 96; 1818 Nr. 44 und 1823 

Nr. 141-148. J. Feil inSchmidl's österr. Blättern 1848, S. 1-24. Letzterer hat ferner auf eine dntteUr- 

kunde von 1298 (bei Wisgrill Nr. 199) aufmerksam gemacht, wornach Johann und Heinrich, Otto vonHas- 

lau's Söhne, von Bruder Friedrich dem Wildgrafen, Comthur und Bruder Ekko, Almosen-Gebietiger des 

Tempelordens in Oesterreich, verschiedene Gülten und Güter in Schwechat und Rauchenwart kauften; 

anch hat J. Feil das erste Mal eine (die vierte) Urkunde vom 1. October 1303 (aus dem niederösterr. 

stand. Archive) bekannt gemacht, wornach die Te mp 1 e r - B e s i t z u n g e n z u S c h w e c h a t u n d 

Rauchen wart von der Fürsten Gnade herstammen. 

') An der Stelle des gegenwärtigen Deutsch-Ordens- Hauses in Wien (Singerstrasse) stand 

schon, als der Orden nach Oesterreich kam, eine Kapelle. In den wüthenden Feuersbrünsten, 

welche Wien unter der Regierung Ottokar's von Böhmen verheerten, sank auch die alte Kapelle der 

deutschen Herren in Schutt und Asche. Die gegenwärtige Kapelle wurde 132(i unter Friedrich dem 

Schönen (aus dem Hause Habsburg) erbaut- Baumeister soll Georg Schiffering aus Nördlingen 

gewesen sein. In der Sakristei betindet sieb eine alte Marmortafel, deren Inschrift das genannte Jahr 

der Erbauung verbürgt. Die Kirche ward der heiligen Elisabeth geweiht. 

-) Unter letztern verstand man jene von Ulm, Cöln, Aachen etc. Kurz: Oesterreichs Handel in ältester 

Zeit. 
•"•) Die betreffende Original-Urkunde ist im Regensburger Städtarchive. Nach derselben wurden die 
Zollabgaben, die sie bis dahin in Oesterreich entrichten mussten, vermindert und dieselben gegen 
den Unfug der herzoglichen Beamten geschützt. Handel mit allen Waaren, auch Gold, war den Re- 
gensburgern erlaubt, nur das Einhandeln des Silbers verbot er, da die Herzoge des Silbers zur Aus- 
prägung der Pfennige benöthigten. Später wurde allen In- und Ausländern das Einhandeln von 
Gold und Silber verboten, da in der herzoglichen Münze auch Goldstücke geprägt wurden. Einge- 
führt wurden vorzüglich: Getreide, Hüte, Kupfer. Zinn, Glockenspeise, Häringe. cölnische Tücher ete, 
In Mauthhausen, Melk, St. Polten, Stein, Tuln und in Wien bestanden bestimmte Einfuhrzölle. 



120 

reichen '). — Derselbe sorgte für die Verbesserung der Münze, von deren Bestand in 
Oesterreich seit dem Jahre 1166 urkundliche Spuren vorkommen, verlegte dieselbe von 
Krems nach Wien in die Herzogsburg (am Hofe, an der Stelle der heutigen Nuntiatur), 
und berief die sogenannten Flandrenser, weichein Wien unter einem Münzmeister 
und Münzkämmerer standen. Siehiessen hier, wie in Cöln. Worms, Erfurt, Mainz u. a. 0. 
(Monetarii, Münzjunker) Hausgenossen. Diesen Flandrensern ertheilte Leopold im Jahre 
1208 ein wichtiges Privilegium, wornach sie als eine besondere, mit der Münze und dem 
Geldwechsel ausschliesslich berechtigte Körperschaft von der Gerichtsbarkeit des Stadt- 
richters ausgenommen und nur ihrem Münzmeister und dem herzoglichen Münzkämmerer 
unterworfen waren 2 ). Auch andere Gewerbsleute namentlich Färber, wanderten aus 
Flandern und den Rheingegenden, wo die Färbekunst in hohem Rufe stand, in Oester- 



') Nach dem Wiener Stadtrechte vom Jahre 1219 durfte kein Verkäufer gegen einen Regensburger zeugen, 
sondern nur seine Landsleute oder angesehene Bürger Wien's. Auch waren sie im Zolle billiger, 
als die russischen Kaufieute gestellt. Nach Ungern zu handeln, war Fremden bei zwei Mark 
Strafe verboten. 

~) Münzen der Babenberger sind in Appel's und Welzl's bekannten Münzkatalogen verzeichnet. Alois 
Primisse r- das älteste österreichische Münzwesen in Hormavr's Geschichte Wien's, III. B., 
S. 309. Siehe auch in Chmel's Geschichtsforscher I., 274 etc., die Beiträge zur Geschichte der lan- 
desfürstlichen Münze im Mittelalter von Th. G. v. K a r aj a n. — Einige nähere Züge über dieses 
Institut darf man wohl aus der von letzterem edirten , von Herzog Albert I. den Hausgenussen 
ertheilten Handfeste vom Jahre 1291 entnehmen, da sie nach dem Eingange der Urkunde eine Bestäti- 
gung der altern, unter den letzten Babenbergern erhaltenen Vorrechte enthält. Hausgenossen 
sollen nicht mehr als 48 sein, nur mit deren einstimmiger Einwilligung kann Jemand in ihre Gesell- 
schaft treten. Wer ausser den Hausgenossen es wagt (Christ oder Jude), Gold, Silber oder alte 
Pfennige zu kaufen oder zu wechseln, dessen Leib und Gut soll man dem Landesfiirsten und dem Münz- 
meister überantworten. In der Münze probirte Pfennige dürfen in der Bude, ohne weitere Prüfung, bloss 
auf flacher Hand vorgezeigt werden. Wenn der Landesfürst Pfennige erneuern will, mit einem gemeinen 
und einfachen Eisen (für einseitiges Gepräge), so soll diess nirgends geschehen, als zuWien.Enns und in 
der Neustadt, und es sollen die Hausgenossen mit gutem Fleisse die Prägeisen behüten. — Den Haus- 
genossen wird das Asylrecht für ihre Häuser undBefreiung vonEinquartierung fremderGäste, dann das 
Recht eingeräumt, ihre Hausgenossenschaft zu verkaufen oder zu versetzen, an ihre Söhne, Töchter und 
Frauen gesetzlich, an Andere mittels Testament zu vererben. Bei der herzoglichen Münze unterschied 
man folgende Personen: 1) den Münz meist er, welcher unmittelbar vom Herzog ernannt und vom 
obersten Kammergrafen eingesetzt wurde. Seiner Gerichtsbarkeit unterstanden die Hausgenossen und alle 
andern zur Münze gehörigen Individuen (auch die Färber) , sie mochten wo immer im Lande sich auf- 
halten; in der Münzstätte hatte er solche Macht, dass selbst Fremde, wenn sie die Schlagstube betraten, 
nur der Gewalt des Münzmeisters unterlagen, und wenn sie flüchtig waren, nicht ergriffen werden durften. 
Auch stand dem Münzmeister die Ernennung der Versucher und Brenner sowie die Verleihung von Schmelz- 
hütten zu. Seine vorzüglichsten Pflichten waren: Die monatliche Untersuchung fremder Kaufleute und 
Wechsler, dass sie nichtdie Münzen „saigern," d. i. die kleinern um vollwichtigere Stücke desselben Nenn- 
werthes (vom bessern Schrott) verwechseln; die Inquisition der Falschmünzerei, worauf Todesstrafe ge- 
setzt war, die Ueberwachung der Hausgenossen, die Berechnung des Münzgehaltes beim Gusse, und Auf- 
sicht über das ganze Geschäft. Dafür bezog der Münzmeister von jedem Gusse 5 Schillinge und 23 Pfennige 
Nutzung. — 2) Der Anwalt, der des Herzogs Person bei der Münze mittelbar vertrat, unmittelbar aber 
der Münzkäinmerer; seine Rechte, Pflichten und Nutzungen waren analog mit denen des Münzmeisters. — 
3) Die Hausgenossen werden zunächst erwähnt in Enenkel's Fürstenbuch (bei Rauch I. 302); die- 
selben gehörten mittelbar zur herzoglichen Kammer, nur der Münzmeister darf über sie richten. Es ist 
übrigens nicht ausgemacht, ob sie Flandrenser waren. Die Flandrenser scheinen vielmehr Tücher 
gefärbt zu haben, und durch ihre Verbindung mit dem Auslande und ihren Reichthum mit dem Münz- 
wesen in nähere Beziehung gesetzt worden zu sein. Sie waren gesetzliche Münzwechsler: alle Pfennige 
oder Münzen durften sie nur zu Nutzen der Münze kaufen. Sein Geschäft erbt auf den Sohn, Frau oder 
andere nächste Anverwandte, wenn er ohne Testament stirbt. — 4) Die Wechsler, welche schon in 
einer Urkunde Friedrichs des Katholischen erwähnt werden (Mon. boica XII. 363), waren den Haus- 



127 

reich ein, und wurden unter der allgemeinen Benennung die Flandrer (flandrenses) 
begriffen. Ausgezeichnete Künstler Hessen sich in Oesterreich nieder, oder ihre Werke 
fanden mindestens dort Ahnahme '). 

Bis nach Venedig, und von dort in den Orient, hatten die Wiener Kaufleute Ge- 
schäftsverbindungen. Mehrere derselben waren Mitglieder des deutschen Kaufhauses in 
Venedig und häufig findet man die Venediger Strasse in Wien's Urkunden erwähnt 2 ). 

Der Verkehr mit Ungern genoss manche Begünstigung. Das Wiener Stadtrecht 
vom Jahre 1221 verlegte das alte Stapelrecht Hainburg's für die aus Oesterreich 
nach Ungern gehenden Waaren nach Wien 3 ). König Bela IV. verlieh den Wiener 
Kaufleuten eine vortheilhafte Zollordnung, welche (1270) Stephan V. zu Bykche und 
Ladislaus Cumanus (1277 und 1279) auf der Insel Csepel bestätigten. Andreas III., der 
Venetianer, hob (1297) für den Wiener Handelstand alle Neuerungen und Bedrückun- 
gen in Zollsachen auf*). 

Metalle (vorzüglich Zinn und Quecksilber), Holzwaaren. Häute, Leinen- und Wol- 
lengewebe, Tücher, Sattlerarbeiten und Waffen waren die vorzüglichsten Ausfuhr- 
artikel, meist aber nur zum Transito nach dem Orient; eingeführt aber wurden 
Gewürze, Seide und seidene Gewänder, Goldstoffe, Prunkgeräthe 5 ) . Unter den G e w er b s- 
1 euten zeichneten sich damals aus : dieGoldschmiede, Bogner und Pfeilschnitzer, Waf- 
fenschmiede, Sattler und Biemer, Wildwerker (Kürschner), Tuchmacher und Weber, 
Färber u. a. m. An ihre vorzüglichen einstigen Wohn- und Absatzorte in Wien erinnern 
noch die Namen der Goldschmied-, Bogner-, Biemer-, Färbergasse, der 
Tuchlauben und dergleichen. Ueberhaupt orbielten Wien's Gassen vorzüglich ihre 
Benennungen von Gewerben, als: die beiden Bäckerstrassen, dieNadler- (vulgo Nagler-), 
Seiler-, Schlosser-, Hafner-, Kruger-, Lederer-, Wagner-, Weberstrasse (oder Woll- 
zeile), Wipplinger- (Wildwerker-), Münzerstrasse, etc., welches wohl daher kam, dass 
schon unter den Babenbergern Leute von gleichem Handwerk in der nämlichen Gasse 
zusammen zu wohnen pflegten. 

§. 68. 
Das Zwischenreich in Oesterreich (1246—1282). 
Einen Gegensatz mit der Zeit der Babenberger bildet die Schilderung der trau- 
rigen, herrenlosen Zeit (1246—1282), in welcher die Burgen erbrochen und be- 
raubt, die Dörfer in Brand gesteckt und die Strassen durch Wegelagerer unsicher wurden. 



genossen als Diener untergeordnet und von ihnen (als Herren) bestellt; denn nur den Hausgenossen kam 
eigentlich der Münzwechsel zu. 

Ueber dieweitereEntwickelung des Münz wesens in Oesterreich handelt ausführlich: Dr. Siegf. Becher: 
Das österreichische Münzwesen vom J. 1524 bis 1838. 3 Bände. Wien 1838. 
') Wir erinnern an den Verfertiger des berühmten, mit der Jahreszahl 1181 bezeichneten NielloAntipendiums 
zu Klosterneuburg (des sogenannten Veriluner Altares): Nicolaus von Verdun (Nicolaus Verdunensis). 

2 ) Hormayr's Archiv. J. 1827, S. 293 und Tschischka's Geschichte Wien's, S. 121. 

3 ) König Rudolph bestätigte noch dieses Stapelrecht ; jedoch auf e genes Verlangen der Wiener Bürger 
wurde dasselbe von eben diesem Rudolph I. aufgehoben und fremden Kaufleuten stand es frei, nach Belie- 
ben sich in Wien aufzuhalten und zu bandeln. 

*) Diese Zollordnungen liegen im städtischen Archive Wien's. (Vergl. Fejer's cod. dipl. V. 2., p. 387, öi9. 

VI. 2. p. 72). 
5 ) Tschischka, Gesch. Wien's S. 121, Hormayr's Gesch. Wien's. II. C. 89—90. 



128 

Ulrich von Liechtenstein, der selbst auf seiner Burg 1 von zweien seiner Vasallen 
überfallen und gefangen gehalten wurde, drückt sich nach vorausgegangener schlichter 
aber herzergreifender Erzählung von Friedrich des Streitbaren Tod. über die Zeit des 
Faustrechtes kurz und bezeichnend aus : 

„Got muez sin l ) pflegen ; er ist nu tot, 

sich huop nach im vil groziu not 

ze Stire und ouch ze OEsterrich 

da war maneger arm, der e was rieh. 

für war ich iu daz sagen wil, 

nach im geschach unbildes vil: 

man roubt diu lant naht unde tac; 

da von vil dörfer wüeste lac. 

Die riehen so gemuot 

daz si den armen nämu ir guot, 

daz was iedoch ein swachez leben, 

den got het guotes vil gegeben, 

daz die den armen täten leit, 

da mit si swanden werdikeit. 

swen so di armen erbarment niht 

daz is hie und ouch dort enwiht 2 ). 
Es liegt ausser dem vorliegenden Zwecke, die politische Geschichte dieses Zeit- 
raumes, den Wechsel deutscher Reichsstatthalter, die Herrschaft König Ottokars II. 
von Böhmen und seine Vermählung mit der Babenbergerin Margaretha, Witwe Kaiser 
Heinrich's VII., zur Befestigung seiner vermeintlichen Ansprüche, seine Kriege mit dem 
Ungerkönig Bela IV. und mit Rudolph von Habsburg zu schildern 3 ). Hier dürfte 
genügen, in Bezug auf die Territorial-Ausbildung von Oesterreich unter der Enns zu 
erwähnen, dass in dem Frieden zwischen Ottokar II. von Böhmen und Bela IV. von 
Ungern zu Ofen den 4. April 1254 die jetzige Südostgränze dieses Landes bis 
zum Scmmering und Hartberge hergestellt wurde, während sie früher nur bis zur 
Piesting reichte, und Neustadt noch in Steiermark lag 4 ). 

Hinsichtlich der Topographie und Geschichte ist bemerkenswerth die Gründung 
des Städtchens Marcheck 3 ) durch Ottokar II. zum Andenken an den im Jahre 1260 
unweit davon bei Kroissenbrtin wider König Bela IV. erfochtenen Sieg. 

') Herzog Friedrich's II. des Streitbaren. 

3 ) Ulrich von Liechtenstein, mit Anmerkungen von Th. v. Karajan, herausgegeben von K. Lach mann, 
Berlin, 1841, Vrouvendienst S. 530. 

s ) Hierüber handeln ausführlich : Phil. Lamb acher, österr. Interregnum etc. Wien 1773, 4. — Franz Kurz, 
Oesterreich unter den Königen Ottokar und Alhrecht, 1. 2. Theil. Linz 1816, 8. — Hanthaler, fasti Cam- 
pililiensisT. l.P. 2, p. 912 sqq. et p.1132 sqq.— Fürst E. M. Lichnowsky : Gesch. König Rudolph'sl. I.B., 
Wien 1836. — Palacky: Gesch. Böhmens, 2. B. Kopp: Deutsche Reichsgesch. 1. u.2. B. Lpz. 1845—1847. 

*) Die Friedensurkunde ist abgedruckt bei Kurz a. a. O., Beil. Nr. 1. A. S. 171. 

6 ) Von der beiKroiss enbrun gemachten reichenBeute stiftete Ottokar das Kloster Go ldenkron in Böh- 
men. Auch wurde Wo k von Rosen herg, der sich in dieser Schlacht besonders ausgezeichnet hatte, von 
Ottokar und Margaretha mit der Grafschaft Rabs belohnt. — Kurz a. a. 0. Beil. I. B. u. II. Die erste Ur- 
kunde aus einem Codex des siebzehnten Jahrb. entnommen, nennt Comitia Ratz, die zweite, aus dem in 
Hohenfurt befindlichen Original von 1260 (Acta autem haec sunt in La. Datum in territoriis apud Moravam) 
sagt: Comitia Razk. Vergl. auch Grübel's Aufsatz: „Ist Ragz, Retz oder Raabs?" in Schmidl's 
österr. Blättern für L. u. K. 1847, Nr. 174 s. f. 



129 

Wenn man aber die zahlreichen verheerenden Kriege und Privatfehden betrachtet, 
so erscheint im Ganzen eine bedeutende Verminderung sowohl der österreichischen Bevöl- 
kerung, als ihres Wohlstandes während der Periode des Zwischenreiches (1246 — 1278) 
als die nothwendige Folge davon. 

§. 69. 

Allmäliches Wiederaufblühen Oest er reich'sunterdenH ab sburgern. 
(Schwaben und andere Reichsländer; Italiener, Griechen, Serben etc. in Wien.) 

Um so erfreulicher und rascher war der Aufschwung, welchen Oesterreich seit 
K. Rudolph vonHabsburg's Sieg über Ottokar (1278) an der March und der Her- 
stellung des Landfriedens nahm, als — nach dem Ausspruche Konrad's von Würzburg : 
„dem Adler von Rom würdiglich gelungen, dass er Krähenvögel bezwungen, auch Ha- 
bichte und Falken zu Osterlanden und in Steier, zum Schrecken der Raben und Geyer, und 
sich auch der Low aus Böheim musste schmiegen unter seine Klauen." Auf dem Reichs- 
tage zu Augsburg (27. Decembcr 1282) wurden beide Söhne Rudolph's I., Alb recht 
und Rudolph, mit denHerzogthümern Oesterreich, Steiermark, Krain und der windi- 
schen Mark belehnt, wie sie einst Herzog Friedrich II. besessen, und zugleich alle Privile- 
gien, die mit der neuen Ordnung unvereinbar waren, für ungültig erklärt 1 ). Auf Bitten des 
Landadels vom 1. Juni 1283, dass es schwer sei, zwei Herren zu dienen, wurde Al- 
brecht allein zum Regenten der österreichischen Länder von König Rudolph I. bestimmt ä ). 

Mit Umsicht baute die Dy nastie der Habsburger auf den von denBabenber- 
gern gelegten Grund, und durch die Erweiterung ihrer Hausmacht, durch die Vermäh- 
lung mit Ausländerinnen, so wie durch ihre Weltstellung als deutsche Kaiser und als 
Könige Böhmens und Ungern's erfolgte ein immerwährendes Zuströmen von 
Ausländernn ach Oesterreich, namentlich nach W T i e n , dessen Bevölkerung sich 
fortwährend vom deutschen Reiche und aus allen Ländern der Monarchie 
ergänzte und vermehrte. 

Viele Schwaben kamen unter Albrecht I. in Oesterreich an, da aber Albrecht 
dieselben vorzüglich begünstigte und aus ihnen Herrmann von Landenberg und 
die Herren Heinrich und Ulrich von Wallsee als seine Haupt-Bathgeber wählte, 
so entstand Unzufriedenheit bei dem altösterreichischen Adel 3 ), welcher auf seinen Ver- 
sammlungen zu Stockerau und Triebensee auf die Entfernung der Schwaben und die 
Bestätigung seiner Privilegien drang, und, als diess verweigert wurde, in Wien einen 
Aufstand erregte, der mit dem Verluste der Privilegien dieser Stadt endigte *). 



') Rauch österr. Gesch. III. B. S. 56—60. — L ambach er S. 199 etc. im Anhange. 

-) Die Städte, Ritter und Knappen Oesterreich's schlössen (ums J. 1281) einen Bund, dass sie sich durch 
10 Jahre jedem Ruhestörer widersetzen und den eidlich beschwornen Landfrieden aufrecht erhalten wollten. 
(Die Urkunde in Kurz: Oesterreich unter Ottokar und Albrecht II. Beil. X.) 

3 ) Ein angesehener eingewanderter Adelsstamm aus Schwaben waren auch die-Ellerbach. 

*) König Rudolph I. hatte im J. 1278 Wien zur fr eien Reichs s tadt erklärt; bei der Verleihung der öster- 
reichischen Länder war aber auf die Zeit der letzten Babenberger zurückgegangen worden. Die Wiener 
wollten indess auf ihren vermeinten Rechten als freie Reichsbürger beharren und deren Anerkennung vom 
Herzoge Albrecht ertrotzen. Der Herzog zog sich auf den Kaienberg zurück, schnitt den Wienern die 

I. 17 



130 

Die Th eilung ender österreichischen Lande, dann Zwistigkeiten, beson- 
ders jene wegen der Vormundschaft über Ladislaus Posthumus, führten in Wien zu 
einem abermaligen Aufstande, wobei Friedrich IV. sogar in seiner Burg zu Wien durch 
neun Wochen (2. October bis 4. December 1462) belagert, endlich durch König Podebrad 
von Böhmen befreit wurde '). 

Besonders auffallend war die Zahl der Zuwandernden in Wien. — AeneasSylvius 
P i c c o 1 o m i n i (Kanzler Friedrich's I V., Bischof von Trient, dann als Papst : PiusII. f 1 464) 
sagt in seiner, wenn auch etwas einseitig und scharf gehaltenen Schilderung der Wiener, 
dass alte Bürgerfamilien selten 2 ), meist Fre mde und Emporkömmlinge daselbst 
zu finden seien. Im Ganzen rechnet derselbe in Wien 50.000 Communicanten (Katho- 
liken). Er preist die Schönheit der Stadt, der Kirchen und Paläste, besonders den be- 
wunderungswerthen Stephansthurm, lobt die Wohlhabenheit der Wiener, tadelt jedoch 
ihre lockeren Sitten. — Minder bedeutend und volkreich nennt er die übrigen öster- 
reichischen Städte; als vornehmste Landherren erwähnt Aeneas Sylvius die Grafen von 
Schaumburg und Maidb urg (Hardegg), doch noch reicher als diese die Wallsee, 
Liechtenstein und Buchheim; ferner als nächst angesehene Adelsfamilien die 



Zufuhr ab und erzwang den Gehorsam der Stadt. Wien musste sich unbedingt unterwerfen, die Privilegien 
ausliefern, welche zerrissen wurden, und in einer eigenen Urkunde (vom 18. Februar 1288) Unterthanen- 
Treue dem Herzoge als Landesherrn geloben und auch über die Verzichtleistung ihrer vernichteten Pri- 
vilegien einen besondern Revers ausstellen. (Kurz a. a. O. Beil. XIX. u. XX.) 

*) Michael Beheim, Buch von den Wienern (1462—1465), herausgeg. von Th. v. Karajan. Wien 1846. 

= ) Urkundlich lassen sich jedoch in Wien schon im dreizehnten Jahrhunderte als alte Wien er Familien 
nachweisen: Die Familie Gre i ffen , Nachkommen des reichen Grifo von Mariastiegen , Otto von dem 
(hohen) Markte, Leopold von der Hochstrasse, Leopold der Riemer, und mehrere ritterliche Fami- 
milien, die sich in Wien ansässig machten, als die Stadtricbter: Otto der Aeltere von Neuburg (1258), 
Ritter Otto Haymos Sohn (1272), Heunlo von Tulna (1275), Ritter Reimboto (1281 und 1283), 
Konrad von Harmarcht (1282), und der Bürgermeister Paltram von Stephansfreithofu. a. m. 
(Tschischba S. 121.) Noch mehr ritterliche Geschlechter kamen im vierzehnten Jahrhunderte als in Wien 
eingebürgert („verburgrechtet") vor. — J. E.Schlager in den Wiener Skizzen V. B., S. 454 etc. nennt aus 
derSmitmer'schen Urkunden-Sammlung im k.k. Staats-Archiv noch (im dreizehnten Jahrhundert) Otto Sa- 
gitarius, Chuno CivisdeWi enna, Sifridus Schutwürfel etc., wovon hier nur einige Namen ausgehoben wer- 
den, sofern sie auf die Abkunft der (wahrscheinlich alteinheimischen und eingewanderten) Familien hindeu- 
ten, als: Pertboldus WiesendusFI ami nck (1257), Rudolfus, civis Wienne nsis (1266), Ott dePerch- 
t o. 1 d s d o r f (1267), Ditricus deChalenperge (1275), Dietricus in W i t in a r ch e t (1231 ), dann Rudgerus 
et Paltramus Fratres in Witmarcht (1275), Leopoldus de quinque ecclesiis, Chunradus Wulf- 
leinsdorfer, Vlricus Va lchen stain er (1280), Leopoldus de alta strada, Heinricus de prei- 
t enveld; ferner aus dem vierzehnten Jahrhundert (aus den Wiener Stadtgrundbüchern a. a. 0. S. 462 etc.): 
Feigenblatt von Ulm; Weichant Hochenburg, den man nennt von Marburg; Frau Margaretha, die man 
auch nennt die steyrisch Utlin; (aus dem fünfzehnten Jahrhunderte) Stephan Gerhard, den man nennt 
Siebenburger; Hanna, den man auch nennt Osterreich; Jacob Strauss, den man auch heisst Jacob 
von Stain; Ulreich Kramer, der Paier, der sich auch nennt der Venediger; Hanns bei dem Prunn, den 
man nennt Sibenhir t er; Jög der Stockfisch, den man auch nennt Görsign Polakh von Pellendorf; 
Meister Niklas von Fürstenveld etc. — Auch Witznamen waren in Wien schon im vierzehnten 
Jahrhunderte üblich z. B. Ortolf von dem entrischen Graben, Jacob mit der bösen Zal, Hunch Reich, voran 
der Ledern etc. Sehr oft kommen aber bloss Taufnamen bei den Bürgern Wien's bis in's fünfzehnte und 
bei Kunstlern gar bis zum sechzehnten Jahrhundert vor. — Die eingebürgerten Rittergeschlechter 
wurden häufiger im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. (Hormayr's Gesch. Wien's, HI. B., VII. und 
VIII. Heft, S. 112 und 124 und IV. B., I. und II. Heft, S. 98— 100.) 

Eine nationale oder geographische Bedeutung hatten auch die Wallis che (jetzt Wallner-Strasse, von 
dem altdeutschen Worte „wallich" = fremd) dieKärn t hner- und Unger-Strasse, das Peyerer 
(Bairer-, später verunstaltet: Peiler-) Thor etc. 



131 

Starhemberg, Ebereichsdorf, Pottendorf, VVolkerstorf, Eckartsau, 
Hohenberg und den Emporkömmling' Eitzinger. „Salzburg, Passau, Re- 
gensburg, Freising haben grosses Besitzthum, viele Burgen und Häuser, be- 
suchen den Hof, sind des Fürsten Räthe und ehren seine Hoheit. Wolle er nun das 
Banner des Krieges auswerfen oder einen glänzenden und freudigen Hof um sich sam- 
meln, so tritt der Herzog mit seinen Prälaten und Grossen wie mit einem Gefolge von 
Königen einher." 

Anton Bonfin (der Geschichtschreiber und Lobredner des Königs Mathias 
Corvinus, f 1502) entwirft ein ähnliches Gemälde von Wien und den Wienern. Er bewun- 
dert die Pracht der Kirchen (besonders den Stephansdom und das Schottenkloster) und 
der Paläste, die Sculpturen und dergleichen mit dem Bemerken, dass sich „hierher 
jene Geschlechter geflüchtet, die zu Padua, zu Verona, zu Vicenza und in der Lom- 
bardei weit und breit geherrscht. Hier haben die Scaliger's und Carrara's Häuser, 
und hier prangen noch ihre Wappen ; hier die Denkmale vieler Adelsgeschlechter, 
deren Angehörige auf den Fahrten Friedrichs Barbarossa und anderer Kaiser nach Rom, 
Burgen und Land in Italien erhalten und sich da niedergelassen haben. Vor den 
letzten Kriegen wurden in Wien, Kinder nicht mitgerechnet, 50.000 Einheimische 
und überdiess 7.000 Studenten gezählt '). Ebenso lobt er den Reichthum und die 
Handelsthätigkeit der Wiener, die Edelsitze und Bürgerhäuser in der wohlbebauten 
weinreichen Umgebung, tadelt aber die daselbst herrschende Genusssucht (ungefähr im 
Tone des Aeneas Sylvius), besonders die grosse Liebe zum Wein und die daraus ent- 
stehenden Zänkereien. 

Der Handel trug bei , dass sich in Wien auch bereits im sechzehnten Jahr- 
hunderte Griechen, Serben und Bulgaren niederliessen, und dass man daselbst 
ein buntes Gemenge von abend- und morgenländischen Sprachen , besonders auf 
den Handelsplätzen vernehmen konnte 2 ). Ein grosser Theil des orientalischen Handels 
war vorzüglich in den Händen dieser Griechen und Razen 3 ), deren sich immer 
mehrere in der Stadt, vorzüglich am alten Fleischmarkt ansiedelten. 



1 ) Auch Wolfgang Schmelzl in seinem „Lobspruch Wien's" v.J. 1548 spricht von 50.000 Communicanten. 

2 ) Wolfgang Schmelzl, in seinem Lobspruch der Stadt Wien v. 325—338 sagt : 

An das Lugek kam ich ongfer 
Da traten Kaufleut' hin vnd her, 
AI Nacion in jr claidung, 
Da wirt gehört manch sprach vnd zung, 
Ich dacht ich wer gen Babel khumen, 
Wo alle sprach ein anfang gnomen. 
Und hört ein seltzams drasch und gschray 
Von schönen sprachen mancherlay 
Hebreisch, Griechisch vnd Lateinisch, 
Teutsch, Französisch, Türkisch, Spanisch, 
Behaimisch, Windisch, Italienisch. 
H ungarisch, gut Niederlendisch, 
Naturlich Syrisch, Crabatisch, 
Rätzisch, Polnisch vnd Cbaldcisch. 
Des Volks auch was ein grosse Meng. 
5 ) Unter Leopold I. wurden mehre Razen, welche keine besondere Hoffreiheit hatten, wegen bedenklicher 
Einverständnisse von Wien weggewiesen. Hormayr's Gesch. Wien's IV. 12. Heft, S. 139. Der Name 

17* 



132 

Zur Vervollständigung des lebensfrohen Bildes der Wiener fügen wir noch einige 
Züge bei. 

Turniere wurden auch während der Habsburger Zeit in den Städten und 
Burgen noch gehalten, waren aber weniger Kampfübungen in Massen, wie die alten 
Buhurte, sondern Stechen mit ihrer grossen Menge von Unterabtheilungen. In Wien 
wurden dieselben nicht nur von den Adeligen (auf den Kampflucken vor der Burg oder 
dem hohen Markt) sondern auch von Bürgern (auf der Brandstatt) abgehalten. 

Von Volksfesten, die in Wien beliebt waren, nennen wir das Veilchenfest, 
das Fest der laufenden Pferde oder das Scharlachrennen, die Feier des Johannes- 
und Sonnenwendfeuers, Hof- und Bürgerbälle, die Maskenzüge in den letzten drei Fa- 
schingstagen u. s. w. '), sowie auch die Ehrungen der Fürsten mit Geschenken und 
die Empfangsfeierlichkeiten für dieselben zu den Fest- und Freudentagen der Wiener 
gehörten '). — Auch Hof-, Schul- und Bürger-K o m ö d i e n an der Universität, den Gym- 
nasien, bei den Schotten und St. Stephan, im Raths- und bürgerlichen Zeughause (im 
fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderte), dann Meistersänger und die, von Ferdinand I. 
abgeschafften, fahrenden Sänger, Reimsprecher und Schalksnarren trugen zur Ergötz- 
lichkeit der Wiener bei 3 ). 

Dabei ist anderseits auch der Wohlthätigkeitssinn, der sich in frühem 



Ratze nstadtl für Magdalenengrund deutet nicht auf einstige raizische Bevölkerung, sondern der Volks- 
witz legte ihn bei, weil die gegen die Windmühle bergansteigenden Häuschen dieses Grundes von Ferne 
das Aussehen haben, als wäre eines auf das andere gesetzt (Schachner: Suburbia Vienn. 1734, p, 71). 
*) Sehr werthvolle Beiträge über Cultur und Sittengeschichte, Togographie etc. Wiens aus früher unge- 
druckten und unbenutzten Quellen (meist aus städtischen Rechnungen) enthalten J. E. SchlagerV 
Wiener Skizzen aus dem Mittelalter (5 Bändchen oder Reihen, Wien 1836—1846), und dessen „Alter- 
thümliche Ueberlieferungen von Wien" (1844), welchen die hier stehenden Bemerkungen entnom- 
men sind. — Ueber das Stechen der Bürger sieh a. a. 0. I. B. S. 267 und III. ß. S. 28. 
Ueber Volksfeste I. B. S. 1 — 15, 270—282, über Schankhung, Erung und löbliche Frewd, 
III. B S. t— 200, — Pferderennen und Wettlaufen, bei Griechen und Römern, im Mittelalter 
auch in Italien üblich, wurden in Wien 1389 durch Herzog Albrecht IV. bewilligt und zur Zeit der beiden 
Jahrmärkte (am Christi-Himmelfahrts- und am Katharinentage) abgehalten. Die Rennbahn theilte sich in 
den sogenannten obern (heutigen) Rennweg (von St. Marx bis zu den Ufern der Wien) und in den untern 
(gegen die jetzige Raben- und Ungergasse). Ein Scharlachtuch war der Preis für das schnellste Pferd, 
daher der Name Scharlachrennen. Der Preis für die laufenden Mannen und Frauen bestand in zwei Stück 
Barchet. Nach dem Feste wurden (bis zum Jahre 1447) in des Bürgermeisters Wohnung Erfrischungen 
von Wein und Brot gereicht, nach diesem Jahre aber ein Mittagsmahl daselbst gehalten. — Die uralte 
Sitte der Sonnenwendfeuer wurde in Wien auf dem hohen Markte gefeiert, wobei der Bürgermeister und 
die Ralhsherren um das Feuer ritten, während das Volk um dasselbe tanzte. 

2 ) A. a. 0. 111. B. S. 1 — 100. In der ersten Epoche des Wiener Bürgerlebens waren ordentliche und ausser- 
ordentliche Geschenke der Wiener Bürger an den Hof, namentlich zu Weibnachten, sogenannte „Clainat" 
aber auch Ehrengaben an fremde hohe Personen üblich ; Bürgersfrauen wurden in Hofequipagen zu Hof- 
bällen geladen und die festlichen Empfänge der Fürsten bewahrten theils einen kirchlichen, theils bürgerlich- 
patriarchalischen Familien-Character, den sie unter Leopold des Glorreichen Zeiten bereits hatten; seit 
dem sechzehnten Jahrhunderte, wo sich derLänderbesitz der Habsburger vergrösserte, die Landesfürsten 
seltener in Wien residirten, und durch das Erscheinen von auswärtigen Königen manchmal die Feste einen 
mehr diplomatischen Character annahmen, waren Triumphbogen, Weinbrunnen, Riesen, Stadibeleuchtung, 
Festmahle, Feuerwerk, Aufzüge und Fahnenschwingen vom Slephansthurm Merkmale der Empfangsfeier- 
lichkeiten, besonders seit 1563, bei dem Festeinzuge Maximilian II. 

3 ) A. a. 0. III. B. 200—446. Vergl. den folgenden §. über Entwicklung der Poesie unter den Habsburgern. 



133 

Zeiten durch Stiftungen für Spitäler inid Klöster betliätigte 1 ), der Mut h der Wiener, 
der sich bei mehrfachen Belagerungen, am glänzendsten aber in den Jahren 1529 und 
1683 bewährte, wo Wien als schützendes Bollwerk der Christenheit gegen die Knecht- 
schaft des Halbmondes erschien 2 ), und die Anhänglichkeit und Treue Wien's 
an den Landesfürsten zu erwähnen, die sich anfangs mehr in dem Verhältnisse patriar- 
chalischer Einfachheit, später in mehr curialer Weise, aber oft, seihst noch in den 
französischen Kriegen dieses Jahrhunderts, durch Opfer an Gut und Blut kundgab. Die 
Landesfürsten erkannten sehr bald die in militärischer und Handels-Hinsicht wichtige 
Lage Wien's, und, nachdem dieselben darin ihre Besidenz aufgeschlagen, mehrte sich 
bald ihre Bevölkerung, so dass die Mauern vom Peyrer-Thor bis an das Burgthor vor- 
gerücktwerden mussten, die Stadt den jetzigen Umfang erhielt, bald auch in deren nächster 
Umgebung die Wälder verschwanden, und im Weichbild der jetzigen Vorstädte Schlösser, 
Kirchen, Klöster und Dörfer entstanden 3 ). Der rasche Flor, den Wien nach der zweiten 
Türkenbefreiung dem Kaiser Karl VI. und seinen Nachfolgern verdankte, ist in folgen- 
dem §. näher angedeutet. 



') Sieh' den §. über kirchliche Entwicklung, wo auch die kirchlichen Hauptfeste, zu St. Stephan gehalten, 
erwähnt werden. 

2 ) Ueber Wien's einstige Wichtigkeit als Festung und deren Bewachung durch die Bürger, die Kriegszüge 
derselben, dortiges Söldnerwesen, Zeughäuser etc., sieh' Schlage r a. a. 0. V. B., S. 1 — 273,291—533. — 
Vergl. auch J. S c h e i g e r's Beschreibung des bürgerl. Zeughauses in den Beiträgen zur österr. Landes- 
kunde, und Leber: Wien's kais. Zeughaus, 2 Bände, Leipzig 1846. 

3 ) Trefflich drückt sich hierüber der verdiente Verfasser der Wiener Skizzen (B. III. Vorrede) aus : „Die 
Wichtigkeit Wien's als befestigter Platz an den Pforten des so gefürchteten Ostens, als einziger Haupt- 
Gommunicationspunct zwischen dem Süden und Norden dieser Seite Europa's, dann mit dem Oriente, hat 
wohl den ersten österreichischen Herzog Heinrieh Jasomirgott bewogen, seine Residenz darin förmlich 
aufzuschlagen, obwohl seine Vorfahren schon im Pempfingerhof, wie Latz erwähnt, oder in dem Berg- 
und Passauerhof der Tradition nach Wohnburgen inne hatten. Dadurch sanken die älteren österreichi- 
schen Landstädte an der Donau nach und nach, desto mehr blühte Wien auf. Der Geldreichthum des 
ganzen Landes fing an inner seinen Mauern zu pulsiren, Industrie und Gesetzgebung ging von ihm aus, 
seine Bevölkerung vermehrte sich so schnell und so gewaltig, dass kaum fünfzig Jahre nach dem Bau der 
alten Herzogsburg Heinrich's die Stadt schon zu klein war für alle sich in Wien ansiedelnden Hand- 
werker und Bürger — und immer enger wurde der Steingürtel, der zwar schon zum Theile erweiterten 
Stadimauern dem unaufhörlich wachsenden Körper der Bewohner; neue fünfzig Jahre und er sprang 
zum zweiten Male. Verfünffacht an Grösse breitete sich der Flächenraum der inneren Stadt aus, nach 
Tausenden schlugen darin dem Fürsten die Herzen, und so viele Hunderte von Armen der Bürger bildeten 
die mächtigste Kriegscohorte in und vor der Stadt, wenn es Noth heischte In den fast vierzigjäh- 
rigen Wehen Oesterreich's nach dem Tode Kaiser Albert II. erscheint die Riesenfesle Wien unwiderleg- 
bar, sogar als Schlüssel des Landes, als entscheidend auf der politischen Wagschale. Es ist von hohem 
Interesse in diesen neuaufgehenden Geschichtsquellen, besonders in jener letzteren Zeit, in der die öster- 
reichischen Stände durch die verschiedenen Interessen der eigenen Sicherheit und der Vergrösserung 
ihrer Habe und ihres Wirkens getheilt waren, die Stadt Wien als das einzige an Ordnung und Recht 
festhaltende zu erblicken, wie es sich selbst bewacht und verlheidigt, wie sein gefürchteter Arm so viele 
Vesten bricht, aus denen Wegelagerung und Raub des Landes entsprangen, wie Wien mit allen den tüch- 
tigen Männern, die sich als Hauptleute in seinem Solde befanden, oft die Kriegsoperalionen des ganzen 
Landes selbstständig leiteten, mit den Feinden als neutral „thaydingt," wegen der Söldner parlamentirt, 
dann wieder die Kriegsgefangenen bewahrt, Soldesrückstände tilgt, dabei hohe Häupter festlich empfängt, 

beschenkt und diplomatische Functionen aller Art übernimmt Wer vermöchte endlich die Folgen zu 

berechnen, wenn im Jahre 1529 , wo die angsterfüllten Augen der gesamtsten europäischen Christenheit 
auf Wien hafteten, der kühne Suleiman nicht an dessen Mauern seine Speere zersplittert hätte, wer die 
Folgen eines verunglückten Widerstandes während Wien's zweiter türkischer Belagerung des Jahres 
1683 für Deutschland." 



134 

§. 70. 

Weiterer Bevölkerungszuwachs in Oesterreich (insbesondere in Wien) 
unter dem Hause Habsburg-Lot li ringen. 

Durch die präg mati sehe Sanction wurden die Länder und Völker der öster- 
reichischen Monarchie zu einem untheilbaren Ganzen verbunden und dieses 
äusserte seinen besonders günstigen Einfluss auf die steigende Bevölkerung des Stamm- 
landes Oesterreich, namentlich auf Wien, welches dadurch erst zum Mittelpuncte der 
Monarchie erhoben wurde. Die Errichtung der ungrischen Hofkanzlei in 
Wien, das vertrauensvolle Verhältniss. welches unter der grossen Maria Theresia 
zwischen dem kaiserlichen Hofe und der ungrischen Nation obwaltete, zog viele 
ungrische Magnaten und Edelleute nach Wien, wo sie sich auch in 
eigenen Palästen wohnlich machten. Die Errichtung der ungrischen Leibgarde 
im Jahre 1760, welche das früher grätlich Trautsohn'sche Palais bezog, führte eben- 
falls die Blüthe des jungen Adels in die Residenz. Auch nach der Abtretung italieni- 
scher Landestheile kamen vornehme und patriotische Italiener, z. B. die Roferano, 
Strozzi u. s. w. nach W r ien; später nach dem Verluste der Niederlande geschah das- 
selbe von Seiten vieler Niederländer, nachdem bereits durch die Handelsverbindung 
mancher gewerbsthätige Niederländer nach Wien gekommen war. — Auch aus He sse n 
und andern deutschen Ländern waren adelige Familien , namentlich im Militärdienste, 
nach Oesterreich gekommen. Am meisten blieb die Zuwanderung aus Deutsch- 
land im Gange, vorzüglich aus Bayern, Schwaben, Franken und Loth- 
ringen, einige Zeit (1745 — 63) auch aus Schlesien. Dieser fortdauernde Zuwachs 
der niederösterreichischen Bevölkerung von Aussen . namentlich in Wien, zeigte sich 
augenfällig durch die Entstehung und raschen B e völker ungsfortschritte 
der meisten Vorstädte. Als im Jahre 1703 die Linienwälle gezogen wurden, 
waren innerhalb derselben grossentheils Felder und Gärten ; zwar bestanden schon aus 
der Babenberger Periode die Dörfer Erdberg, Gumpendorf, alte Wie den, 
Landstrasse, Margarethen etc., dann mehrere Klöster, Spitäler, Mayerhöfe und 
Schlösser, doch waren sie schon bei dem ersten Türkeneinfalle und nach ihrer theil- 
weisen Wiedererhebung, bei der zweiten Türkenbelagerung im Jahre 1683 niederge- 
brannt worden. In der Regierungsperiode Karl VI. (1711 — 1740) entstanden auf dem 
Rennwege (1693 — 1724) durch Prinz Eugen das Bei vedere, ferner das schwar- 
ze nb ergische Palais (1725), die Häuser der Herren Managetta. Stockhammer etc. 
auf der Landstrasse die Gartengebäude des Grafen Traun (am Glacis zur Taube 
Nr. 445), Kollowrat (jetzt Esthe), des Prinzen Max von Hannover u. a.; doch nahmen 
die Landstrasse und der Rennweg in ihren übrigen kleineren Rauten erst sei 
dem Jahre 1767 durch die zugesicherte zwanzigjährige Steuerfreiheit Aufschwung. — 
Nachdem das grossartige Starhemberg'sche Fr ei haus (1684 — 171 7), dann die herrliche 
Karlskirche zum Andenken an die Pest im Jahre 1713 auf Befehl des Kaisers durch 
den berühmten Fischer von Erlach . den Erbauer der Hofbibliothek und der meisten 
Prachtbauten damaliger Zeit, sich erhoben, nahm auch die Vorstadt Wieden bald an 
Bevölkerung zu, um so mehr, da Kaiser Karl VI. in der neuen Favorita (dem nach- 



135 

maligen Theresianum) gern sich aufhielt, und Fürst Lobkowitz, Graf Althan, Graf 
Starhemberg, Baron Kleinburg, die Herren von Garelli, Matthielli, Mayenberg etc. sich 
ansässig machten; an der Wien aber die Häuser des Freiherrn Schaller, Glanz und 
Selb, dann Focaneti's etc. entstanden. Rasch erhob sich auch die Vorstadt Mariahilf 
(früher Schiff oder Schöff, vom Schilde eines Einkehrwirthshauses den Namen tra- 
gend, in welchem die auf der Donau aus Bayern und Schwaben zahlreich herabkommenden 
Kauf- und Schiflleute gewöhnlich Herberge nahmen, wenn sie zu Lande nach Hause kehr- 
ten) und zählte im Jahre 1733 bereits 120 Häuser mit 12.200 Einwohnern. Baron Lette, 
Atbrechtsburg, Zauner u. a. kauften sich dort an. Auch der Spittelberg (an der 
Stelle des ehemaligen Kroatendör fels) hatte 1733 schon 150 Häuser mit 8.000 
Seelen. — Auf dem alten Grunde Zeismannsbrunn oder St. Ulrich obern Gutes entstan- 
den im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Vorstädte N e u s t i f t , N e u b a u , W e n- 
del Stadt, und auf den Feldern Ober-Neustifts wurde erst im Jahre 1780 das Schotte n- 
f e 1 d angelegt. Diese Vorstädte wurden grösstentheils mit Reichsländern (Schwaben, 
Bayern, Franken, Lothringern) bevölkert, wozu die durch Kaiser Joseph II. verkündigte 
Toleranz, der durch ihn der inländischen Industrie ertheilte Impuls und die zehnjährige 
Steuerfreiheit wesentlich beitrugen '). Auch Gumpendorf vergrösserte und verschönerte 
sich um die letztere Zeit, als die Grafen Königsegg, Mollart, von Arnberg, Hillebrand, 
Waffenberg u. a. daselbst Häuser mit Gärten errichteten. Im alten Lerchenfelde 
entstand die Trattner'sche Druckerei, um welche sich zunächst Häuserreihen bildeten. 
Im Jahre 1700 verkaufte Marchese Hypolit Malaspina den rothen Hof mit allen umlie- 
genden Gärten und Feldern bis zum grünen Thor an den Magistrat und nannte ihn zu 
Ehrendes römischen Königs: Josephstadt. Die Familie Strozzi, welche sich 
zwischen Josephstadt und Lerchenfeld Schloss und Garten angelegt, verkaufte (1752) 
ihren Grund dem Magistrate, seit welcher Zeit auch die dortigen Weingärten sich in 
Häuserreihen verwandelten. Paläste mit Gärten legten dort die Grafen Chotek, Kolo- 
wrat undKinsky (jetzt Auersperg) an. Die Alservorstad t bezogen Fürst Schönborn, 
Baron Pirchenstein, Löwenau, die Währ ingergasse Fürst Dietrichstein, Graf Kuf- 
stein, Baron Strudl, der berühmte Maler, u. a. Beide erlangten erst eine grössere Bedeu- 
tung in den Tagen Kaiser Joseph II. durch die Anlegung der dortigen Spitäler und Kasernen. 
— Das breite Feld entstand erst unter Franz I. seit den Friedensjahren. Der Mich el- 
beurisc he Grund erinnert an seine ehemalige Grundherrschaft, die salzburgische 
Benedictiner-Abtei Mic he lb e u er n , welche auch in Währing Besitzungen hatte. Um's 
Jahr 1712 — 1720 entstand durch denFürsten Johann Adam Liechtenste in die Vor- 
stadt Lichtenthai. welche damals zu Ehren Kaiser Karl VI. auch Karlstadt genannt 
wurde und schon im Jahre 1733 sammtHim mel p f o r t gr u nd 9.000 Einwohner zählte. 
Zur Vorstadt Thury in der alten Sichenals machte Johann Thury, Kaiser Ferdi- 
nand's I. Hofbedienter, den Anfang durch Erbauung eines Hauses 2 ). Bald folgten 

») Vergl. den spätem §. über die Fortschritte der Industrie in Oestcrreicli. 

a ) Auf demselben (jetzt Nr. 5) waren bis auf unsere Tage die Worte zu lesen : 

Vor Alters allhie ein Dorf stand. Von Türken zerstöhret war, 

Welches Sichenals genannt, Anjezo, als man 16M sagt 

Als man zeit 1529 Jahr, Johann Thury diess Haus erbauet hat. 



136 

mehrere Ansiedler und 1706 kaufte den Grund der Magistrat. — In der Nähe des 
Liechtenstein'schcn Palastes entstanden bald die Wohnsitze anderer hoehadeligen 
Familien, als: der Althan, Kaunitz, Dietrichstein, Auersperg, Schwarzenberg, Hoyos, 
Collalto, St. Julien. Zinzendorf und anderer mehr. Im Jahre 1713 wurde der Al- 
thangrund an den Magistrat yerkauft und die dortigen weitläufigen Gärten meist in 
Baugründe vertheilt. Auf dem obern Werd erhob sich um diese Zeit an der Stelle 
des alten Fischerdorfes die Fiossau, sowie an der Stelle der Judenstadt 
bereits unter Leopold I. die diesem Kaiser zu Ehren benannte Leopoldstadt 
(1670) entstanden war. Schon im Jahre 1733 bestanden daselbst die Gebäude 
der Grafen von Kurland, Rosenberg, Losi, Czernin, Otting, Colloredo, Fünfkir- 
chen, des Fürsten Montecucculi etc.; doch schritt sie erst seit den Tagen Maria The- 
resia's und Joseph's II. ihrer jetzigen Ausdehnung und ihrem Flore entgegen. Die Ja- 
ge rz eile, ein Theil der alten „ Venedigera u" (sogenannt von Glasern aus Venedig), 
wurde seit Eröffnung des Praters durch Kaiser Joseph, mit ihren jetzigen schönen 
Bauten geziert. 

Die Gew er bs vorstädte hatten sich grösstenteils aus den industriellen Theilen 
Deutschlands, derNiederland e, und zum Theil aus der Schweiz und Italien 
ihren Zuwachs an Bevölkerung verschafft, der Kaufmannsstand aus Italien und die 
Handwerksklasse vermehrten sich, nebst den Zuflüssen aus Deutschland, vielfach noch 
durch Zuwanderungen aus Böhmen, Mähren und andern slavischen Provinzen, welche 
auch (nebst der Landesbevölkerung) in den Stand der Beamten und der dienenden 
Klasse Wiens ein starkes Contingent stellten 1 ). 

Ein ähnliches Bevölkerungsbild geben in kleinerem Massstabe die L an dst äd t e und 
Marktflecken Oesterreich's, die sich zum Theil durch sporadische Niederlassun- 
gen von Fremden, theils durch Aufnahme von Wienern und der Landbevölkerung über den 
natürlichen innern Bevölkerungszustand vermehrten. Die D o r fs ch a ft en besonders im 
M archfeld e, und auf den Ebenen im V. U. W. VV. waren durch die Türkenkriege und 
Kuruzzen-Einfälle entvölkert, und viele Tausende aus Oesterreich in die türkische 
Gefangenschaft geschleppt worden. Der Nachwachs kam theils vom deutschen Reiche, 
theils von den Nachbarländern, theils auch aus jenen Gebirgsgegenden Oesterreich's, die 
vergleichungsweise weniger gelitten hatten. Im Jahre 1684 wurde in Wien auf allen 
Plätzen unter Trompetenschall verkündigt, dass, wofern sich Leute finden möchten, die 
sich auf Acker- undWeingartenbau verstehen, selbe sich anzugeben hätten „weilen 
man resolviret, nebst denen Brandstätten ihnen auch noch ein gewisses Stuck 
Lands eygenthümlich einzuhändigen, und auf zehn Jahr von allen Anlagen zu be- 

freyen" 2 ). 

Der Wachsthum der Bevölkerung in Oesterreich im Allgemeinen und 
Wicn's insbesondere ist aus der im statistischen T heile folgenden Tabelle 
ersichtlich. 



») Eine Bürger-Chronik, welche auf die Einwanderung und Niederlassung der Fremden, sowie auf die 
Wiener Stammfamilien gebührende Rücksicht nähme, wäre wünschenswerth. — Als eine Vorarbeit ver- 
dient Wicn's Häuser-Chronik von Schimmer (Wien 1850) Erwähnung. 

2 ) Diarium Lcopoldi I. von Job. Adam Schenkhel (Wien 1700, I. p. k). 



137 
§• 71. 

Slaven in Oesterreich unter der Enns. 

Von den Slaven (Slowenen und Böhmen) der Karolinger und Babenberger Zeit 
hat sich — vielleicht mit Ausnahme einiger böhmischer Gränzorte — keine Spur mehr 
erhalten, dafür finden wir jetzt, aus späterer Zeit stammend, a) Kroaten, b) Slovaken, 
c) Cechen. 

a) Kroaten in Oesterreich unter der Enns. 

Die Kroaten kamen in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts nach 
Oesterreich, und wurden an der March, Donau und Leitha angesiedelt. — Sichere 
Angaben über ihre Ansiedlung sind nur von einigen Orten bekannt. Kopfstetten 
erhielt im Jahre 15C0 einen kroatischen Pfarrer, und um diese Zeit dürften auch 
Eckartsau, Pframa und Wagram ihre Kroaten erhalten haben 1 ). Die Tradition nennt 
auch den General Christoph Freiherrn von Teuffenbach, welcher um's Jahr 1580 
bei 4.000 Kroaten in Oesterreich und noch mehr in Mähren angesiedelt haben soll. Je- 
denfalls dürfte die Analogie der urkundlich nachweisbaren, im nachbarlichen Ungern und 
Mähren erfolgten Niederlassungen der Kroaten für den gedachten Zeitraum auch hin- 
sichtlich der Marchfeld-Kroaten sprechen. 

Die zahlreichen Uebersehwemmungen im Bunde mit den Verheerungen der Türken. 
Schweden, Protestanten, Kuruzzen und Franzosen im Marchfelde machen es erklärlich, 
dassdie meisten älteren Documente jener Ortschaften, und somit auch die näheren Daten 
über die Ansiedlungen der Kroaten zu Grunde gegangen sind. 

Manche dieser kroatischen Colonien mögen auch später entstanden sein. Nach 
Angabe der Herrschaftsverwaltung von Schlosshof wurde das Dorf Loimersdorf erst 
im Jahre 1739 von der damaligen Herrschaftsbesitzerin, M. A. Victoria Herzogin von 
Sachsen-Hildburghausen, gebornen Prinzessin von Savoyen, für Kroaten gegründet und 
damals wurde auch das entvölkerte uralte Engelhartstetten von Kroaten bezogen, 
welchen die Entrichtung von Laudemium und Mortuarium erlassen wurde. Bis in die 
Zeit Kaiser Joseph's II. hatten die Kroaten ihre nationale Eigenthümlichkeit und Sprache 



') Das Gedenkbuch der Pfarre Eckartsau enthält hierüber S. 148 folgende Angaben. Bei dem ersten Tür- 
ken-Einfalle im J. 1529 wurden viele Ortschaften durch Brand und Wegschleppung der Einwohner ver- 
wüstet. Solches Loos traf auch Kopf statten, Pframa und Wagram. Durch Ansiedler aus Kroatien 
wurden diese Dörfer wieder erhoben und angebaut. Doch hatte die Gemeinde Kopfstätten im J. 1544 noch 
keinen kroatischen Pfarrer, weil das Original-Visitationsbuch von diesem Jahre keine Meldung davon macht. 
Erst um's Jahr 1560 finden sich deutliche Spuren eines solchen Pfarrers. Die Ansiedlung der Kroaten er- 
folgte daher (siehe Pfarrbuch S. 138) unter dem Herrschaftsbesitzer Wolf von Wolkerstorf. Der 
nachmalige Besitzer Otto Freiherr von Teufel, ein eifriger Protestant Hess die Pfarrkirche von 
Kopfstätten durch zwölf Jahre (1615—1627) sperren, um die gut katholischen Kroaten jedoch ver- 
geblich zum Protestantismus zu zwingen (a. a. 0. S. 140 und 152 etc.). Die katholischen Pfarrkinder 
von Eckartsau und Kopfstätten, welche von dem evangelischen Prediger, dem ihre Pfarrkirchen geschenkt 
worden waren, nichts wissen wollten, besuchten die Pfarre Engelhartstätten, von wo aus sie sich 
mit den heiligen Sacramenten versehen Hessen. Als im Jahre 1627 der Pastor abtreten musste. stellte Otto 
von Teufel, so lange er die Herrschaft besass (1639) keinen Pfarrer an, sondern zog die pfarrlichen Güter 
grösstentheils an sich und schloss mit dem Pfarrer von Engelhartstätten einen Contracl wegen Besorgung 
der Seelsorge. Im Jahre 1658 wurde Kopfstätlen eine Filiale von Eckarlsau. 

I. 18 



138 

noch ziemlich rein erhalten ; seit dieser Zeit, wo deutsche Schulen in den bezüglichen 
Orten entstanden, haben sie auch die deutsche Sprache erlernt. 

Die österreichischen Kroaten leben jetzt in zwei grösseren und ein Paar 
kleineren Sprachinseln beisammen. 

1) Die bedeutendste ist die kroatische Gruppe im Marchfelde an der 
Donau, welche die Marktflecken E kar ts au und r t h , dann folgende Dörfer umfasst : 
Mannsdorf (kroatisch: Witawa Selce), Andlersdorf, Breitstetten (Brastatyn), 
K r o a t i s c h- W a g r a in (Chorwat Ogr un), P f r a m a (Frama), Straudorf (Strondorf ), 
H ar r in gsee (Horisei), K op f stett en (Gustatyn), Loimersdorf (Limisdorf), En- 
gelhart st etten (Poturno). — Diese kroatische Gruppe reicht auch gewissermassen 
hinüber auf das rechte Ufer der Donau, indem Kroatisch-Has lau und Wildungs- 
mauer auch kroatische Bewohner haben *). Vor einigen Jahren breitete sich diese Gruppe 
vonMarchfeld-Kroaten auch überFuchsenbigl, Lassee undBreitenseeaus. Nach 
den neuesten Angaben kann aber Fuchsenbigl nur mehr als wenig gemischt, Lassee als 
deutscher Ort und Breitensee (Bratisej) mit 415 Einwohnern 8 ) allein noch als kroati- 
sche Sprachinsel gelten. Getrennt durch die deutschen Genieindegebiete von Marcheck 
und Baumgarten liegt an der March der kroatisch-deutsche Ort Zwerndorf (Zwen- 
dorf) mit 475 Einwohnern. 

2) Die zweite Gruppe besteht aus den Marktflecken M a n n e r s d o r f 3 ), H o f und A u 
zwischen der Leitha und dem Leithagebirge, sammt dem zwischen March und Fischa 
liegenden Pischelsdorf. 

b) Die Podluzaken (slovakisirte Kroaten) und Slovaken. 
In der nordöstlichen Ecke Oesterreich's, am Zusammenflusse der March und Thaya 
zwischen den herrlichen Park-Anlagen von Feldsberg und Eisgrub und den Auen von 
Lundenburg, leben in den ehemaligen flachen Moorgegenden (Pod-Lazy), die erst durch 
die Munificenz der Fürsten Liechtenstein im vorigen Jahrhunderte in Prachtgärten um- 
gewandelt wurden — slovakisirte Kroaten zu Bischofswart, Ober- und Unter-The- 
menau, welche Christoph Freiherr von Teuffenbach nach der Pest, welche die dortige 
Gegend verheerte, im J. 1582 aus Kroatien dahin geführt haben soll. Sie heissen, wahr- 
scheinlich von der moorigen flachen Gegend, die sie bewohnen, auch Podluzaken 
und haben ihre Fortsetzung in Mähren. Auch in Feldsberg sind einige solche Podlu- 
zaken zu linden. Reiner zeigen den slovakischen Typus die slavischen Bewohner von 



«) Die an die Donau stossendenTheile dieser Ortschaften sind noch, und zwar ersteres beiläufig von 60, letz- 
teres von 70 Kroaten bewohnt. In Deutsch- AI tenb urg fand Gyurik o w i t s noch vor einigen Jahren 
die Kroatenfamilien Greigrich, Frantinchich. Turkovich, Spanich, Nebastovich u. a. Auch erinnern wir 
an das Kroatendörfel in Wien, welches an der Stelle der jetzigen Vorstadt „Spitlelberg" bestand und zur 
Zeit der zweiten Türkenbelagerung (1C83) bei der Verbrennung der Vorstädte ein llaub der Flammen 
wurde. 

2 ) Die kroatische Insel Breilensee hat ihre Fortsetzung jenseits der March in den kroatisch-slovakischen 
Gemeinden Neudorf (Nowas wes), Blumenau (Lamacs) und Kaltenbrunu (Dubrawka). 

3 ) Die Germanisirung der Kroaten schreitet auch in dieser Gruppe, nach der Anzeige des Pfarramtes, vor- 
wärts, indem bei deutsch-kroatischen Ehen die Familie meist deutsch spricht und sich nur noch durch 
die Kleidung unterscheidet. Auch sind fast alle Kroaten dort ebenfalls der deutschen Sprache kundig. 



139 

Rabensburg. Hohenau, Ringclsdorf und Waltersdorf, wo nur wenige 
Deutsche leben ') , zu Sirndort' ist dagegen die Anzahl der Deutschen bedeutender. 
Diese Bewohner scheinen theils Reste des einst weiter verbreiteten eechischen Stammes, 
thoils Uebersiedler aus den slavischen Komitaten Ungern 's zu sein. 

Mit den Arbeitskräften dieser Podluzaken wurde grossentheils die Verwandlung 
der Sumpfstrecken in die grossartigen Park-Anlagen bewerkstelliget, welche die Fürsten 
Karl und Eusebius von Liechtenstein im vorigen Jahrhunderte anordneten. 

Ueber die Eigentümlichkeit in Sprache, Kleidung, Sitten und Gebräuchen der 
Podluzaken wird später in dem hiefür gewidmeten besonderen Abschnitte gehandelt. 

c) Böhmen (Cechen) 
kommen an der nordwestlichen Gränze gegen Böhmen in acht österreichischen Ort- 
schaften gemischt mit Deutschen vor, nämlich in Schwarzbach (Swarzbach), Rot- 
tenschachen (Rabsachy), Gundschachen (Gundsachy), Brand (Lomy), Witschkoberg 
(Halamky) , Beinhöfen (Nemecki), Finsterau und Tannenbruck. — An die einstige 
weitere Verbreitung des böhmischen Elementes in jenen Gegenden erinnert noch der 
Name des jetzt deutschen Ortes: Böhmisch-Zeil. 

Ausserdem ist noch böhmisch und deutsch Inzer sdorf bei Wien ~). Ferner 
kommen zu den aus anderen Provinzen in Wien befindlichen Fremden bei 20.000 
Slaven, darunter gegen 10.000 Böhmen. 

§• 72. 

Juden in Oester reich unter der Enns. 

Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Oesterreich geschieht in der Zollord- 
nung Ludwig's des Kindes v. J. 906. Die Juden galten jedoch hier, wie in ganz Deutsch- 
land als kaiserliche Kammerknechte, weil sie — nach der Ansicht jener Zeit, 
— »zur ewigen Strafe des von ihnen dem Erlöser zugefügten Kreuztodes, auf ewig 
Knechte derjenigen geworden seien , denen Christi Tod die ewige Freiheit gegeben." 
Schon der erste österreichische Herzog, Heinrich Jasomirgott, soll aber (1156) im 
grossen Freiheitsbriefe Kaiser Friedrich Barbarossas für sich und seine Nachfolger das 
Vorrecht erhalten haben, Juden auf ihrem Gebiete allenthalben halten zu 
d ü r f e n , wodurch dieselben herzogliche K a m m e r k n e c h t e wurden. 

W 7 ährend der Reichsacbt des Herzogs Friedrich des Streitbaren gab zwar Kaiser 
Friedrich II. den Wiener Juden eine eigene Ordnung, allein nach des Herzogs Rück- 
kehr schaltete derselbe wieder über die Juden als ihr Herr , so z. B. gab er den Neu- 
städtern in dem zum Lohne für ihre Treue erhaltenen Freiheitsbriefe (vom 5. Juni 1239) 
die Zusicherung, dass Juden von allenAemtern entfernt gehalten werden sollen, 
und am 1. Juli 1244 verlieh derselbe Herzog auf seiner Veste Starhemberg den Juden 
das berühmte grosse Privilegium, welches zugleich Muster für die Judenprivi- 
legien mehrerer Nachbarländer wurde. 

M Auch in den Orion Bernhardsthal und Drüsing fand Professor Sembera noch Slovaken; nach den 
neuesten ofticiellen Nachrichten sind diese Orte aber jetzt als rein deutsche zu betrachten. 

2 ) Die letztern kamen grösstenteils erst in neuerer Zeit zum Betriebe grosser Ziegelbrennereien nach 
Inzersdorf. 

18* 



140 

Hiernach hatte in Rechtsstreiten das Zeugniss des Christen allein gegen Juden 
keine Gültigkeit. Juden durften aller Orte Pfänder (mit Ausnahme von nassen oder blut- 
befleckten Gegenständen) nehmen; auch unbewegliche Besitzungen konnten ihnen für 
schuldige Darlehen zugesprochen werden; im ganzen herzoglichen Gebiete durften sie 
nicht mehr, als jeder Bürger Zoll entrichten, doch durften die Juden auch nicht mehr 
als acht Pfennige vom Pfunde Zinsen nehmen. Bei Streitigkeiten der Juden unter sich, 
sollte nicht der Wiener Stadtrichter, sondern der Herzog oder sein oberster Landes- 
kämmerer entscheiden. Für den herzoglichen Schutz mussten sie eine Steuer ent- 
richten. Dieses Privilegium wurde auch von König Piudolph von Habsburg bestätiget. 

Auch Ottokar. König von Böhmen, verlieh den Juden (Krems 8. März 1255) eine 
ihnen günstige Verfassungsordnung *). 

Im vierzehnten Jahrhunderte begannen die Judenverfolgungen auch in 
Oest er reich, so z. B. 1302 zu Korneuburg, 1338 zu Hörn, Eggenburg, Pulkau, 
Retz, Znaim, Zvvettl und Neuburg, 1349 zu Krems u. a. Orten. 

In Wien lebten die Juden damals in einem eigenen Judenquartier (im untern 
Arsenal und Elend). Als aber von dort 1406 eine Feuersbrunst sich über die übrigen 
Stadttheile bedrohlich zu verbreiten anfing, stürmte der Pöbel die Häuser der Juden- 
stadt und Hess sie drei Tage brennen. Bald entstand jedoch nicht nur dieser Judenbe- 
zirk wieder, sondern auch ein zweiter, der sogenannte neue Judenmarkt 2 ). 

Im Jahre 1421 starben wegen Gotteslästerung mehrere als schuldig erkannte Juden 
zu Erdberg den Feuertod 3 ), und zugleich wurde allen Juden untersagt, in Oester- 
reich zu wohnen oder sich daselbst aufzuhalten. Ungeachtet dieser 1453 
und 1462 erneuerten Verordnung, waren doch bald wieder Juden in Wien zu finden, 
so dass sich der Stadtrath beschwerte , dass schon wieder Juden Wohnungen hätten 
und ihre Handelsgeschäfte betrieben. 

Seit dem sechzehnten Jahrhunderte suchte man die Verhältnisse der Juden in 
Oesterreich wieder zu regeln. Ferdinand I. erliess (1528) eine eigene Ordnung für die 
„inländischen und angesessenen Juden, welche königlicher Majestät Kammergut sind," 
die auch von den ausländischen, welche nach Wien kommen, gehalten werden soll; wo- 
durch „die Beschwerung und Last, die ihrethalben derselben Stadt Wien und dem ge- 
meinen Mann durch derselben Juden Handthirung, Gewerbe und Wucher und dergleichen 
heimliche Händel und Praktiken entstehen und bisher eingewachsen sind, unterkommen 
und verhütet werden." Jeder Jude musste sein Abzeichen tragen; fremde Juden durften 
ohne Meldung bei der Obrigkeit nicht länger als über Nacht in Wien bleiben und zwar 
nur in zwei dazu bestimmten Herbergen. 

Da sich diese Beschränkungen nur auf Wien bezogen, und sich Juden bald wieder 
in mehreren Orten zeigten, beschränkte Ferdinand I. dieselben auf die (damals öster- 
reichischen Städte) Eisenstadt und Güns. 

i) J. Schlager'» altertümliche Ueberlieferungen von Wien. 1844, p. 10—11. 

~) Dieser umfasste den Judenplatz, die Currentgasse und einen Theil der WippHngerstrasse. Die Juden 

hatten in Wien ihren eigenen Judenrichter, eine Schule, einen Garten, ein Spital, Badstuben, einen eigenen 

Fleischhof und Friedhof. 
3) Am Hause Nr. 404 am Judenplatzc in Wien befindet sich noch jetzt ein hierauf bezüglicher Inschriftstein. 



141 

Durch das Mandat vom 2. Jänner 1554 wurde zwar der Johannestag für die Aus- 
wanderung der Ju d en aus den österreichischen Landen festgesetzt; 
doch dieselben wussten schon am 3. April desselben Jahres und wiederholt (1555, 1567, 
1614 und 1625) Fristerstreckungen zu erwirken, während welchen sie sich noch weiter 
ausbreiteten. So waren für die Hofjuden in Wien ein dritter Bezirk (in der Nähe der 
Synagoge und des Dreifaltigkeitshofes) und der untere Werd (zwischen dem jetzi- 
gen Augarten und den Carmeliten in der Leopoldstadt) als vierter Judenbezirk Wien's 
mit zwei Synagogen entstanden. Am 9. April 1652 erschien ein Toleranz-Patent, 
wornach die Juden in Oesterreich an jenen Orten und in gleicher Anzahl, wo und wie 
sie bisher sich befanden, gegen Entrichtung der jährlichen Judensteuer von 4.000 Gulden 
an den Landesfürsten noch ferner geduldet werden sollen. 

Der Volksunwille gegen die Juden mehrte sich aber bald, so dass Kaiser Leopold 
am 22. September 1665 ein Schutzpatent für deren persönliche Sicherheit erliess, und 
am 2. August 1669 durch ein Verbannungs-Edict die Abschaffung der Juden aus 
Wien ') und ganz Oesterreich befahl, doch wurde ihnen gestattet, über ihre Forderungen 
mit den Christen abzurechnen. 

Der untere Werd erhielt, nach dem Abzüge der Juden als christliche Vorstadt 
(24. Juli 1670) den Namen Leopoldstadt. 

Ungeachtet dieses Edictes hatten sich bald wieder mehrere Judenfamilien in Oester- 
reich eingefunden. Bereits im Jahre 1673 hatten sie die Erlaubniss erhalten, die Jahr- 
markte von Krems, Laa, Mistelbach und Retz zu besuchen und seit dem Anfange des 
achtzehnten Jahrhundertes gab es auch in Wien mehrere privilegirte Judenfactoreien. 

Maria Theresia suchte durch die Judenordnungen vom 22. September 1753, 
15. Juni 1755 und 5. Mai 1764, Kaiser Joseph II. durch das Toleranz-Patent 
vom 2. Jänner 1782 die Verhältnisse zu regeln ä ). Dieses Patent und die nachfol- 
genden Verordnungen bereiteten die Gleichstellung der Juden mit anderen Glaubensge- 
nossen vor, deren Anerkenntniss der neuesten Zeit vorbehalten blieb. 

Die Gesammtzahl der Juden in Oesterreich betrug im Jahre 1846: 4.296, wovon 
auf Wien 3.739 entfallen. 

§. 73. 

Religiöse Entwicklung unter den H abs bürgern. 

(Klöster — das Bisthuin Wien.) 

Bisher wurden vorzüglich die Völkerschichten, aufweichen die jetzige Bevölkerung 

Oesterreich's beruht, dargestellt ; noch erübrigt aber, die Hauptmomente ihrer inneren 

Entwicklung und die Geschichte derselben seit dem vierzehnten Jahrhunderte beizufügen. 

Wir beginnen hierbei mit dem wichtigsten Momente: der Religion. 



') Aus Wien wanderten damals bei 1.400 Juden aus. 

-) Mehr über obige Verhältnisse siehein J. L. E. Graf von Barth- Ba rtenhe im: Politische Verfassung der 

Israeliten im Lande u. d. E. Wien, 1821 und in J. Schlager's Wr. Skizzen, I. und II. B.; dann: Das 

Judenthum in Oesterreich und die böhmischen Unruhen. Leipzig, 1845 etc. 



142 

Die österreichischen Regenten aus dem Hause Habsburg, selbst wahrhaft fromm 
und christlich gesinnt, suchten auch die christlich-katholische Lehre im österreichischen 
Volke zu befestigen und gegen die Angriffe der Neuerung zu schützen. — Zu den in 
der vorigen Periode gegründeten Klöstern kamen noch mehrere neue. Die Cister- 
zienser fanden auch Aufnahme in Säusenstein (1334) und Wiener-Neustadt, 
im ersleren durchEberhard von Wallsee, im letzteren durch Kaiser Friedrich IV. (1444). 
Die in Wien von Herzog Heinrich Jasomirgott (1 159) gestiftete Abtei der Renedicti- 
ner-Schotten , welche bis dahin nur Landsleute aufgenommen hatten, erhielt auf AI- 
brecht's Ansuchen von Papst Martin V. den Auftrag-, auch Rrüder von anderen Nationen 
(namentlich Oesterreicher) aufzunehmen; doch sie verliessen lieber das Kloster, als 
sich diesem Rcfehle zu fügen und begaben sich (1418) zu den Schotten bei St. Jacob 
in Regensburg, wober sie gekommen. Deutsche Renedictiner bezogen nun das 
verlassene Kloster und Niclas von Respitz wurde darin der erste deutsche Abt *). — 
Die Franciscanerklöster der strengern Observanz (Rernardiner) entstanden durch 
Johann Capistran's Erscheinung: zu Wien (auf der Laimgrube 1451), dann zu Langen- 
lois (1458), Eggenburg (1460), St. Polten (1455), Katzelsdorf (1462) und Enzers- 
dorf (1452), in welche nebst Einheimischen auch Itiiliener eintraten. Auch der Au- 
gustinerorden erhielt Klöster zu Raden (1285), in Wien (1327, nächst der Burg), 
zu Korneuburg (1338), zu Brück an der Leitha (1420). — Die Karthäuser be- 
zogen Klöster zu Aggsbach, Mauerbach und Gaming '). — Prämons tratenser 
zogen in Geras und Rerneck ein. 

Die Carmelite n erhielten einen Convent am Hof 3 ). Albrecht V. verordnete eine 
Reform in den Klöstern und erhielt dazu päpstliche Commissarien. Auch der Rischof 
Nicodemus von Freisingen unterstützte ihn hierbei. Herzog Albrecht gründete auch die 
regulirten Chorherren bei St. Dorothea (in der Rath-, nun Dcrotheergasse). Rrü- 
der des Prediger-Ordens (1444) und Pauliner Eremiten kamen unter 
Friedrich IV. (1480) nach Wiener-Neustadt; letztere waren schon 1424 zu Unter- 
Ranna V. 0. M. R. 

Auch die Stiftung von Nonnenklöstern, welche bereits im dreizehnten Jahrhunderte 
begonnen, wurde häufiger in diesem Zeiträume. Wir nennen von den 30 derartigen Klöstern 
in Oesterreicb: Das von Albert Veltsperch, Truchsess von Oesterreich und seiner Ge- 
mahn Gisela gestiftete Kloster für Dominicanerinnen zu Imbacb (Minnebach) 
bei Krems, das von Rudolph I. zum Andenken seines Sieges über Oltokar II. gestiftete 
Kloster zuTuln für Nonnen dieses Ordens, dann jenes in Wien. DasPrämonstratenser 



») H ormayr's Wien III. B., S. 90 mit Bezug auf Nr. 43 und 123 des Urkundenbuches. 

-) Mauerbach wurde von Friedrich dem Schönen (1313)und Gaming von Herzog Albrecht II. (1330) gestiftet 
und beide Herzoge in diesen von ihnen gestifteten Klöstern auch begraben. 

3 ) Herzog Albrecht V. räumte (1380) den bisher im Werd.in derFiscbervorstadt, befindlichen Carmeliten einen 
Tbeil der alten Ilerzogsburg am Hof, die nachmalige herzogliche Münze, ein. Er kaufte, um dem Kloster, der 
Kirche und dem Kirchhof den erforderlichen Raum zu gewähren, acht Häuser am Hof und gegen die Bog- 
nergasse, nämlich: das Haus des Hans Paulein, jenes des Bürgers und Dichters Peter Suchenwirth, des 
Malers Lienbard, Meister Dietricb's des Bogners, Jäcklein's von Amstetten, der Helhlerin und zweier 
Schuster, Dietricb's und Ulrich's von Scherdingen. Ferdinand I. räumte in der Folge dieses Kloster den 
Jesuiten ein. Jetzt ist es das k. k. Kriegsgebäude. Fischer: Br. Notit. Vind. I., 115—119, und Karajan 
in Chmel's Geschichtsforscher 1.403— 40G. 



143 

Nonnenkloster zur Himmelspf orte '). Bianca, Herzog Kudolph's Gemalin, errich- 
tete (1303) unweit des Kärnthnerthores das Clarenkloster a ). Auch die Nonnen im 
Majrdalenakloster vor dem Schottenthor, zu St. Jacoh auf der Halben u. a. wurden in 
Blanka's letztem Willen reichlich bedacht 3 ). Die Cisterzienserinnen zu St. Nicola 
in der Singerstrasse, Baltram Vatzo's Stiftung, erhielten Bestätigungsbriefe von Al- 
brecht I. (1287) und Friedrich dem Schönen (1316). Auch vor dem Stubenthore waren 
Cisterzienserinnen zu St. Nicola, deren Kloster (1529) zerstört wurde. Ferner dasC ano- 
nissinnenkloster zu St. Lorenz in Wien, das zu Kirchberg am Wechsel (glei- 
chen Ordens), die Klöster der Cisterzienserinnen zu Ips undSt.Bernard, das der 
Benedictin erinnen zu Erlakloster etc. Auch erstand durch Konrad Hölzler und 
andere Rathsglieder das Kloster der Busse rinnen in der Singerstrasse, welchem 
Herzog Albrecht III. (1384) die Genehmigung ertheilte. Ausserdem erhoben sich in 
Wien drei sogenannte Seelhäuser auf dem Dominicanerplatze für arme und gebrech- 
liche Frauen und Jungfrauen und das herzogliche Seelhaus auf der Laimgrube für 
adelige hilfsbedürftige Frauenspersonen 4 ). Endlich bleiben noch als charakteristisch für 
den Geist der Zeit die sogenannten Regelschwestern des dritten Ordens; zur 
Aufnahme in diesen Orden waren Manns- oder Weibspersonen, Ledige, Verheirathete 
und Witwen , welche einen guten Namen und ein ehrliches Geschäft führten, geeignet. 
Eheleute, weiche in diesen Orden traten , konnten fortan in der Ehe leben und der 
Zweck war, ohne eigentliches Klostergelübde nach höherer christlicher Vollkommen- 
heit zu streben. — Bei dem Orden der Brüder und Schwestern von der Busse (1466) 
waren aber ausser den Rittern auch Knechte, Arbeiter und Taglöhner dazu berufen 5 ). 
Kirchen im damals eben aufblühenden, Andacht erweckenden, deutschen Baustylc 
erhoben sich in Wien und im ganzen Lande 6 ). Vor allen der S t e p h a n s d o m mit seinem 
himmelanstrebenden Thurme, nach Rudolph's IV. sinnreichem und grossartigen Plane. 



') Konstantia, Tochter Bela's III. und Gemalin Premysl Ottokar I. hatte sich im Witwenstande (1230— 
1240) nach Wien zurückgezogen und da mit mehren frommen Frauen ein beschauliches Leben geführt. 
Gerard, Pfarrer bei St. Stephan, schenkte ihnen sein Haus und seine Weingarten mit der Bedingniss, 
dass sie nacli des h. Augustin's Regel leben sollten. Das dadurch entstandene Frauenkloster zur Himmel- 
pforte in der Traibottenstrasse wurde bald durch Schenkungen von Wiener Bürgern und Andern reich- 
lich beschenkt. Hormay r's Gesch. VI. B., S. 48 etc. und Feil in Schmidl's österreichischen Blättern 
für Kunst und Literatur. 1844, S. 252. 

3 ) Den Stiftbrief vom 28. September 1303 stellte erst einige Monate nach ihrem Tode Herzog Rudolph aus. 
Anfangs nahm das Clarenkloster nur Jungfrauen und Witwen des Landadels auf. Drei Prinzessinen von 
Oesterreich traten in dasselbe, Anna, Friedrich's des Schonen und zwei Katharinen. die eine Albrecht's 
des Lahmen, die andere Leopold's des Biedern Tochter. Das Kloster stand auf dem Lobkowitzplatz, da- 
mals Schweinmarkt. Als bei der ersten Belagerung Wien's (1529) die Nonnen nach Villach geflohen, ver- 
setzte Ferdinand I. das an der Wien gestandene beim Untergang der Vorstädte zerstörte Bürgerspital 
dahin. Hormayr a. a. 0. III. 148 und VI. 60 etc. 

3 ) A. a. 0. und VI. B., S. 36 etc. Das Magdalenenkloster wurde 1529 bei der Türkenbelagerung zerstört. 

*) Die Zeit der Errichtung des erstem Seelhauses und sein Stifter ist nicht genau bekannt. Es erscheint in 
den frühesten städtischen Grundbüchern (1368) als bereits bestehend; das letztere wurde 1349 von Herzog 
Albrecht II. und seiner Gemalin Johanna gestiftet. Dass ausserdem noch ein drittes in Wien existirte. 
ist bekannt, obwohl die näheren Daten darüber fehlen. 

5 ) Schlager a. a. 0. II. B., S. 273. Die Seelhäuser und die Regelschwestern zum dritten Orden in Wien. 

") Siehe den folgenden §. über Kunst in Oesterreich. 



114 

Auf dessen Betreiben wurde die Pfarre zu St. Stephan zur Propstei erhoben und von 
Papstlnnocenz VI. (1259) die Kirchevon derMetropolitangewalt des Erzbischofs zu Salz- 
burg 1 und des Bischofs zu Passau eximirt und unmittelbar dem heiligen Stuhle unter- 
worfen 1 ). — Rudolph's Lieblingsidee, in Wien ein Bisthum zu haben, gelang aber 
erst dem Kaiser Friedrich IV. bei seinem zweiten Aufenthalte in Rom durch Papst Paul II. 
gleichzeitig mit einem Bisthum für Wiener Neustadt (18. Jänner 1469) zu verwirk- 
lichen ~). Im Jahre 1480 (5. August) ertheilte Papst Sixtus IV. für das Bisthum Neu- 
stadt die Bestätigung, welches Friedrich IV. (1491) dem (1467 gestifteten und am 
1. Jänner 1469 vom Papste Paul II. bestätigten) Georgsorden einverleibte. Das Bis- 
thum Neustadt wurde von Salzburg eximirt und stand bis 1723 (dem Jahre der Errich- 
tung des Wiener Erzbisthums) unmittelbar unter dem päpstlichen Stuhle. 

Die Stephanskirche und der sie umgebende Friedhof blieb auch fortwährend der 
Mittelpunct der religiösen Feierlichkeiten 3 ) , und der Andachtsübungen der Wiener 
Bürger. — Zur Erweckung des religiösen Gefühles in Wien trug auch das Erscheinen 
des h. Johann Capistran als päpstlicher Abgesandte und Kreuzprediger wider die 



J ) Am 9. Juli 1359 gaben Rudolph und seine Gemalin Katharina, Karl IV. Tochter, den Stiftungsbrief der 
neuen Propstei und noch am 31. December desselben Jahres erfolgte die Eximirung durch Inuocenz VI. 
Am 5. August 1364 ertheilte Urban V. die Bulle über die Erhebung der St ep h ans kir che zu einer 
fürstlichen Props tei mit 24 Chorherren. Am 21. März 13G5 setzte der Passauer Bischof Albrecht den 
neuen Propst zu St. Stephan, Johann Maierhofer, als Seelsorger und Pfarrer ein und erhielt für die Lehen- 
schaft über St. Stephan das Kirchlehen zu Waidhofen a. d. Ips. (Hormayr a. a. 0. S. 196 — 198.) 

"-) Papst Paul II. erklärte am lg. Jänner 1469 bei St. Peter zu Rom, Wien und sein Gebiet mit allen seinen 
Kirchen, Kapellen, Klöstern und frommen Orden vom Passauer Sprengel gänzlich eximirt und erhob seine 
Collegiatkirehe und Propstei zu St. Stephan, deren Patron der Landesfürst selber sei, zur Cathedrale 
und zum Bischofsitz, a. a. 0. 1 V. 24. F e i 1 in Schmidl's Kunst und Allerlhum in Oesterreich. 1846. S. 7 Anm. 22. 
— Das Bisthum Neustadt erhielt aber erst 1477 seinen ersten Bischof in der Person des Petrus Engelbert. 

= ) Dahin gehören 1. die Palmenweihe auf dem Palmbühel (eine kleine Erhöhung des Stephansplatzes zwi- 
schen der bestandenen Magdalenenkirche und dem Stephansdom), 2. die Pumpermelten, 3. dieFusswaschung 
in der Stephanskirche mit dem alten Ritus; 4. das Passions- oder Osterspiel, d. i. die figürliche Darstellung 
der Leiden des Erlösers, welche in Oesterreich, wie überhaupt im Mittelalter, üblich war ; Bussfahrten nach 
Hernais sind abgebildet in D elsenb ach's, Pfeffel's nnd Klein er*s Darstellungen der Wiener Plätze 
und Gebäude. Noch im Jahre 1705 hatte in Wien eine ähnliehe Bussprozession am Charfreitage aus der 
Klosterkirche der Minoriten (S. Francisci) nach St. Stephan und dann nach Hernals statt. 5. Die wöchent- 
liche Freitagsprozession; 6. der sogenannte Wolfsse^en zum Andenken an die Zeit, als Wölfe noch aus den 
benachbarten Wäldern und Auen bis in die Nähe der Kirche drangen. 7. Die jährlichen zwei Frohnleich- 
nams-Prozessionen durch die Stadt (die erste Frohnleichnams-Prozession wurde nach Papst Urban IV. Ein- 
setzung 1264 abgehalten), endlich S. die sogenannte Heilthumsfeier, welche aus mehreren Umgängen be- 
stand, wobei die im sogenannten Heilthumsstuhl aufbewahrten Beliquien und Heiligthümer dem Volke ge- 
zeigt wurden. J. E. Sc klage r's Wiener Skizzen (.HB., Wien 1836). Alter Kirchenritus zu St. Stephan. 
S. 1 — 34 enthält hierüber interessante Daten aus einem Codex vom Jahre 1580 sammt der Abbildung des 
Heilthumstuhles. Siehe auch die Beiträge zur alten Ortsbeschreibung des Stephans-Freythofes sammt 
einem Anhang über die Kircbenmeisterei etc. Sc h lager a. a. 0. II. B., S. 311 etc. 

Der Stephansplatz wurde erst von Kaiser Franz 1792 in seiner jetzigen Gestalt hergestellt. Nach der 
Rückkehr von den Krönungen in Frankfurt und Prag wurde nach dem Wunsche des KaisersFranz statt der 
vom Magistrate beabsichtigten Triumphpforten mit dem hierzu bestimmten Gelde (vom 2. Juli bis 17. August 
1792) der Stephansplatz hergestellt, wie ein gleichzeitiger Kupferstich mit der Aufschrift besagt: „dem 
Andenken Franz II. neugekrönten römischen Kaisers, der durch Erweiterung und Verschönerung dieses 
Platzes die Zierde seiner Hauptstadt, die Bequemlichkeit seiner Bürger, Ehrenbogen vorzog, gewidmet 
von den Bürgermeistern, Bäthen und der Bürgerschaft gemeiner Stadt Wien, im Jahre 1792." 



145 

Türken (1451) bei, welcher, obwohl in lateinischer Sprache, predigend, mittelst eines 
Dolmetschers mit dem Volke sich verständigend, wo er erschien, seine Zuhörer mit sei- 
ner gottinnigen Begeisterung hinriss und die Stiftung: mehrerer Franciscaner-Klöster 
(Bernardiner) veranlasste 1 ). Hierzu kam die von Friedrich IV. bewirkte Heiligsprechung 
(6. Jänner 1485) des Markgrafen Leopold IV. und seine Verehrung als Landespatron. 

§• 74. 
Fortsetzung. 

(Reformation vom nationalen Stand puncte.) 
Allein ungeachtet aller dieser äussern Erscheinungen des christlichen Lebens in 
Oesterreich waren doch auch hier, wie in ganz Deutsehland, viele sittliche Gebrechen 
und theilweise Mängel an wahrem, gesundem religiösen Gefühle, sowohl bei Geistlichen 
als Laien, vorhanden, nur bei Manchen durch den äusseren Schein religiöser Förmlich- 
keiten verhüllt. Vergebens suchte man gegen Un- und Irrglauben durch neue Ritterorden 
anzukämpfen '). Schon auf dem Concil zu Konstanz (1 41 4 — 1418) waren mehrere Krebs- 
schäden der Zeit zu Tage gekommen und durch die hussitische Irrlehre der Glaube in 
manchen Gemüthern erschüttert. Auf dem Concil zu B a s e 1 (1 431 — 1 443) erscholl lauter 
Ruf nach Reform der Kirche in Haupt und Gliedern, und die Reformation Martin 
Luther's machte auch in Oesterreich bald Proselyten 3 ). Ferdinand I. setzte ein 
Glaubensgericht von zwölf Richtern unter dem Vorsitze seines Beichtvaters und Bi- 
schofes zu Wien, Johann von Revellis *). ein. Reumüthigen wurde bloss eine Kirchen- 
busse auferlegt; bald aber fand man Massregeln der Strenge um so nöthiger, als von 

f ) In Wien bei St. Stephan auf der gegen den Zwettelliof gekehrten Seite -zeigt man noch die (jedoch 
ursprünglich nicht ganz an derselben Stelle gestandene) steinerne Kanzel, auf welcher er predigte. 

z ) Derlei Orden waren: die Gesellschaft der Tempelaise (Teinploiser), eine entfernte Nachahmung 
des Templerordens, 1337 bis 1379 urkundlich erwähnt, und, unter dem Patronate des heiligen Georg, wahr- 
scheinlich zur Bekämpfung der heidnischen Preussen gegründet (siehe Feil: „Ueber die ältesten St. 
Georgsritter in Oesterreich oder die Gesellschaft der Tempelaise ' in Schmi dl's ösierr. Blättern für Lite- 
ratur und Kunst 1848, p.56— 63) ; — der von K. Sigmund (1408) gestiftete D räche n-Or den mit dem Haupt- 
zwecke der Bekämpfung der Türken : — der von Albrecht II. (1433) errichtete Orden mit d e in Adl er „zu 
sondern Lob der christlichen Kirchen und ihren Glauben zu stärken wider die Ungläubigen" (namentlich die 
Hussiten) — die von Kaiser Friedrich IV. gegründeten Orden der Stolle und Kandl, des Greifen 
oder der Massigkeit , so wie der durch Sigmund von Dietrichstein eingeführte Chris I oph- r den 
gingen mit ihren Stiftern zu Grabe. — Selbst die Bitter des von Friedrich (1467) errichteten St. Georg- 
Ordens, worüber Paul II. (1. Januar 1469) die Bestätigung erthcilte, und die in Oesterreich und Kärnthen 
mit Gütern dotirt wurden, erhielten sich nur unter Max I., der sie begünstigte, und einen Wiener Bürger, 
Johann Siebenhirter, zum Hochmeister ernannte. Sie erloschen unter Ferdinand I. (1579) gänzlich. Die 
Original-Bestätigungs-Urkunde ist im k. k. Staatsarchive, und gedrnckt in Hormay r's Wien, V., p. 
190 — 196, jedoch mit der falschen Datirung vom 11. Jänner 1485. Ueber den Georgs-Orden überhaupt 
siehe Archiv 1830, p. 501 etc. und in Bezug auf Wiener Neustadt: Bö heim's Chronik I. B., S. 191. 

: ) Noch früher als Luther hatte der Passauer Official zu Wien, Hanns Kaltenmarkter, ähnliche Sätze be- 
hauptet, und gleichzeitig mit Luther, Philipp Turriano, Comenthur zum heiligen Geist im Hospital an der 
Wien und die Cistercienser Jacob und Theobald, jener zu St. Theobald, dieser bei den Lorenzerinnen. 
öffentlich und heftig wider den Ablassverkauf und wider den Bilderdienst gepredigt. Paul Speratus, von 
Salzburg vertrieben , begab sich nach Wien, und schrieb heftig gegen die dortige theologische Facultät. 
Hormay r's Gesch. von Wien. IV. A.. 168 und B. 14 etc. 

2 ) Der Burgprediger Eggenberger nahm die Flucht. Der reiche und heftige Wiener Bürger Caspar Tauber, 
Hanns Voistler vom innern Halb, Jacob Peregrin, Hilfspriester im Hospital, und Johann Väsel, Priester 
in der Neustadt, waren die Ersten, welche vor dieses Gericht gestellt wurden (1523). Sie thalen den ver- 
langten Widerruf und kamen mit Kirehenbussen davon. Der Tauber aber, der neuerdings abfiel, wurde im 
September 1524 den Flammen übergeben. Hormavr a. a. 0. 169. 

I. 19 



1*B 

Nikolsburg aus sich auch die Irrlehre der Wiedertäufer in Oesterreich einzuschleichen 
begann '). Um die Wankenden im Glauben zu festigen, die Gefallenen aufzurichten 
und die Irrenden auf den Weg des Heiles zurückzuleiten, erwirkte Ferdinand I. kurz 
vor seinem Tode von Pius IV. ein Breve vom 16. April 1564, wodurch der Laienkelch 
gestattet wurde 2 ). Allein der wohlgemeinte Zweck wurde nicht erreicht, daher Pius V. 
zwei Jahre nachher dieses Breve zurücknahm 3 ). — Um durch Belehrung zu wirken, 
namentlich „um junge Leute in heiligen Wissenschaften zu unterrichten , zu lauterem 
Wandel heranzuziehen," berief Ferdinand die Jesuiten; der heilige Ignaz sendete 
bald nachher seinen Gefährten Claudius Jajus mit zwölf Ordensbrüdern nach Wien 4 ). 
Auch die Polizeiordnung vom Jahre 1552 bezweckte Sittlichkeit aller Stände 5 ). 

Die Sachlage war um so gefährlicher, als die Reformation beim Adel in Oest er- 
reich bald Eingang fand. Schon an Ferdinand I. gelangte (1541) nach Prag das erste 
Ansuchen um völlig freie Religionsübung der Protestanten mit den Katholiken, welchem 
auch die Städte Wien, Korneuburg und Stein beipflichteten. Aus den Unterschriften 
jedoch war jene des Erasmus von Starhemberg die einzige von dem auch in Wien 
hausgesessenen alten Adel Oesterreich's unter der Enns. 

In dem letzten Jahrzehend von Ferdinand's Regierung Hessen die Adeligen ihre 
Prediger von den Schlössern allmälig und im Geheimen nach Wien kommen b ). und 
nachdem Max II. (1568) den Ständen gänzliche Religionsfreiheit auf ihren Schlössern 
und Gebieten, mit ausdrücklicher Ausnahme Wien's, zugestanden hatte, machte die 
neue Lehre um so reissendere Fortschritte, als derselbe Kaiser (1574) auch den Ständen 
den protestantischen Gottesdienst im Landhause zu Wien zugestand, worauf auch bei 
den Minoriten Dr. Josua Opitz, sowie in der Umgegend Wien's, namentlich zu Hernais : )- 
Inzersdorf undVösendorf, eifrig Proselyten machte. Doch kamen die evangelischen Pre- 
diger in Oesterreich seihst bald in Zerwürfniss, so dass die evangelischen Stände nach 
Rostokan den berühmten Chyträus sich wendeten, der den Doctor Lucas Backmeister zu- 



') Dort fand Balthasar Hubmeier von Friedberg, einer der Zwickauer Schwärmer, der Wiedertäufer, nach der 
Schlacht von Frankenhausen verjagt, hei den Herren von Liechtenstein, Leonhard und Johann zu Nikolsburg 
(das die Wiedertäufer: Emaus nannten) eine Zufluchtsstätte, und hei 10.000 derselben sammelten sich bei 
diesem Städtchen. Die Herren von Liechtenstein mussten ihn jedoch auf Ferdinand's Befehl ausliefern. 
Hubmeier wurde in dem damals passauischen Greifenstein in Haft gehalten und nach vergeblicher Be- 
mühung ihn zum Widerruf zu bewegen, am 10. März 1528 bei Erdberg verbrannt, welchen Flammentod 
wenige Tage darauf auch seine Gattin erlitt. A, a. 0. S. 171 — 170. 
-) Ferdinand I. starb im Glauben, Oesterreich vor den Gräueln der Beligionswirrnisse bewahrt zu haben; 

Hormay r's Wien, IV. B., 13, mit Bezug auf den Abschiedsbrief Ferdinand's I. an seine Söhne. 
3 ) De Bubeis: Mon. Arch. Aquil. p. 1091. 
*) S. So eher: Historia Provinciae Austriae Societalis Jesu. Pars I. (et uniea). Wien 1740. Fol. — Hurter's 

Ferdinand IL, 1. B., S. 253 mit Berufung auf Ferdinand's Schreiben an den heiligen Ignaz. 
5 ) Gotteslästerung, Fluchen, Zutrinken, Beschränkung des Luxus sind darin Hauptpuncte. 
B ) Die Freiherren von Jörger standen mit Luther im Briefwechsel, welcher zum Theil vonBaupach im 

„.evangelischen Oesterreich" und von Hormayr im Taschenbuch für 1845 herausgegeben wurde. 
7 ) In Hernais predigten: der durch seine fieise in's gelobte Land und nach Amerika bekannte Salomo Schwei- 
ger, Ambros Ziegler, Johann Muglcr, Mathias Hon (im Umkreise Wien's geboren, später Superintendent 
lu. Plauen), welch' letzterer Hernais als den wahren Sitz und Hort der gereinigten Lehre pries. Helmhard 
war auf denConvenlikeln zuHorn undBetz einer der wüthendsten Gegner Ferdinand's IL, und wurde wegen 
der eingeleiteten Verbindung mit den Gegenkönigen, dem Pfalzgrafen Friedrich und Gabriel Bethien, ge- 
ächtet und seine Besitzung in Hernais eingezogen. 



147 

schickte. Dieser hielt zu Hörn eine grosse Zusammenkunft der Prediger und Evange- 
lischen, und unternahm auch zu Feldsberg, Enzersdorf, Rodaun, Schallaburg u. a. 0. Visi- 
tationen. Fast der ganze österreichische Adel hing der lutherischen Lehre an, und die eifrig- 
sten Verfechter derselben waren die protestantischen Jörger in Hernais, die Buch- 
heim in Aspang, die Hager in Alentsteig, die Thonradl auf Thernberg 
und Ebergassing und die Losensteiner auf S challaburg. Die letzteren hatten 
sogar zuLoosdorf ein Gymnasium und ein protestantisches Consistorium errichtet '). 
Selbst die Bürger Wiens wollten keinen Katholiken in den Rath, ja nicht einmal 
einen katholischen Dienstboten aufnehmen. Unter Rudolph IL ging das Streben der 
Regierung dahin, die Uebergriffe der Protestanten zurückzuweisen, wozu Cardina! 
Khlesl '), unter Matthias Minister, wesentlich beitrug. Dessen ungeachtet gewann die 
neue Lehre noch immer Anhänger, besonders unter dem Adel. Schon waren in Oester- 
reichnur fünf Katholische vomHerrenstande übrig. So fand Kaiser Ferdinand II.. 
welcher durch seine ganze Erziehung als muthiger Streiter für den katholischen Glau- 
ben geweiht war, keinen Oesterreicher , dem er die Heerführung gegen die Prote- 
stanten anvertrauen konnte. 

§. 75. 

Fortsetzun g. 
(Romanischer Einfluss.) 

Schon während des Anfangs der Regierung Ferdinand's IL, als T hur n denselben in 
Wien belagerte und die protestantischen Stände mit E r a s m u s T s c h e r n e m b 1 und A n- 
dreasTonradl an der Spitze die Gelegenheit benützten, um ihm unbedingte Glaubens- 
freiheit abzutrotzen, als in dieser verzweifelten Lage Ferdinand's ganzes Gottver- 
trauen und Festigkeit sich erprobte, da war es der Lothringer Bucquoy, der, von der 
Bcdrängniss des Kaisers unterrichtet, das Kürassier-Regiment Dampierre unter dem 
Oberst Gebhart Sainthilaire, ebenfalls einem Lothringer, dem Kaiser zu Hilfe 

') Keiblinger: die Schallaburg, in Hormayr's Taschenb., 1829, S. 180— 241. Dann, des selben Aufsatz: 
Loosdorf in Oesterreich unter der Enns und das einst bestandene protestantische Gymnasium daselbst 
im Arch. J. 1825, S. 529 etc., wo auch ein Auszug von den Statuten desselben zu finden ist. - Schon Chri- 
stoph II. von Losenstein (unter Ferdinand I. Reichshofrath, unter Maximilian II.. 1548, Arcierengarde- 
Capitan) begünstigte bereits thätig die neue Lehre, und widmete die Kirche zu Loosdorf, welches von 
Kaiser Rudolph II. zum Marktflecken erhoben worden, dem protestantischen Cultus. Sein Sohn, Wilhelm, 
bewerkstelligte nach seinemPlane (1574) das Gymnasium, und unter demselben erschien auch der Visitator 
Uoctor Lucas Backmeister. Auch war er selbst einer der Commissäre bei der Vollziehung der Visitation 
für das V. 0. W. W. (12-23. August 1580). wobei auf dem Schlosse Schallaburg von den 50 Predigern 
des Viertels 36 erschienen. Im Jahre 1599 bestand unter seinem Schutze zu Loosdorf sogar ein Consi- 
storium, auf dessen Abschaffung Erzherzog Matthias bei Kaiser Rudolph II. drang (Raupach's evangel. 
Oesterreich I. S. 206). Mit Georg Wolfgang Losenstein erlosch ( 1Ü35) die Linie Losenstein-Leuthen, welche 
Schallaburg über 200 Jahre besessen hatte. Die zweite Linie Losenstein-Gschwendt, die zur katholischen 
Religion zurückkehrte, wurde mit Georg Achaz (1653) von Kaiser Ferdinand III. in den Reichsgra- 
fenstand und mit seinem Sohne, Franz Anton, von Kaiser Leopold in den Fürst en stand erhoben. 
Mit diesem erlosch der Mannsstamm der Losensteiner (lh95). Interessante Details über die Reformations- 
geschichte des siebzehnten Jahrhunderts überhaupt enthalten die herrschaftlichen Acten. 

-) Melchior Khlesl, 1553 in Wien geboren, der Sohn eines lutherischen Rackers, ging in seiner Jugend zum 
Katholicismus über, wurde (1579) Dompropst, dann Kanzler der Universität und Generalvicar des 
Passauer Bischofs (1590), Verweser des Neustädter Risthums, dann Rischof von Wien. Vergl. Hammer- 
Purgstall: Khlesls Leben. 4 Bde. Wien, 1847- 1851. 

19* 



sendete und denselben befreite. Während des dreissigjährigen Krieges waren es vor- 
züglich Italiener und Wälschtiroler, oder doch solclie nicht-österreichische Katholiken, 
welche daselbst erzogen, und noch durchweg vom katholischen Geiste durchdrungen 
waren. Zu den ersteren gehören Ottavio Piccolomini '), aus sienesischem Ge- 
schlechte, der durch sein feuriges Ungestüm den Sieg bei Lützen entschied, sammt 
seinem Neffen Caprara -), dann G alias 3 ) (Mattia Galasso) aus Südtirol stammend, 
der Sieger von Nördlingen, der mit der gottbegeisterten Giovanna dalla Croce in Ro- 
veredo für die katholische Glaubenssache in Verbindung stand, dann der modenesische 
Montecuculi, der erst in den letzten Jahren des Religionskrieges in das kaiserliche 
Heer eintrat und später in den Kämpfen gegen die Türken, namentlich durch den Sieg 
bei St. Gotthart berühmt wurde *). In die Reihe der letzteren gehörte vor Allen Wal- 
lenstein 5 )> nebst dem Lütticher Tilly 8 ) und dem schwäbischen Pappenheim 7 > 

') Piccolomini, 1599 zu Florenz geboren, der Sprüssling eines uralten Geschlechtes in Siena, wurde vom 
Grossherzoge zu Florenz an der Spitze einer Hilfsschaar dein Kaiser Ferdinand II. zugeschickt; seine 
Wirksamkeit im dreissigjährigen Kriege ist hinlänglich bekannt. Auch nach dem westphälischen Frieden 
diente er als klugerünterhiindler den kaiserlichen und katholischen Interessen. Er starb im J. 1656 zu Wien. 
-) Aeneas Sylvius °Capr ara, geboren 1631, war auch ein Verwandter Montecuculi's, den er nach dem 
dreissigjährigen Kriege auf seiner Reise nach Schweden, Deutschland und Italien begleitete. Er diente in 
den französischen und Türkenkriegen, und stieg bis zu dem Range eines Feldmarschalls und Hofkriegs- 
rathes empor. Er batte 44 Feldzüge mit Auszeichnung durchgemacht und starb 1701. 
3) Matthias, Graf von G al 1 as, wurde am 16. September 1589 auf dem Schlosse Campo seines Vaters Pancrazio 
Gallasso in Judicarien geboren. Er diente zuerst unter Tilly der katholischen Ligue, später im kaiserlichen 
Heere inFlandern, Italien und Deutschland, undstiegbis zum Grade eines General-Lieutenants. Bei dem dro- 
henden Ausbruche der Wallenstein'schen Verschwörung war er einer von den wenigen Feldherren, welche 
dem Kaiser unbedingt treu blieben; an ihn erging auch das kaiserliche Patent, worin die ganze Armee ihrer 
Pflicht gegen Wallenstein entbunden und an seinen Oberbefehl gewiesen wurde. Giovanna dalla Croce soll 
ihm seinen Sieg bei Nördlingen vorausgesagt haben (Beda Weber : Tirol und die Reformation, S. 274). 
Nachmals (1045) erlitt er eine Niederlage gegen Torstensson und verlor inFolge dessen die Stelle bei der 
kaiserlichen Armee. Er wurde zwar nach einiger Zeit wieder angestellt; starb aber bald darauf (1647). 
») Raimund,GrafMontecuculi,162SzuModenageboren,dienteAnfangsinderkaiserlichenArmee untersei- 
nem Oheime Ernst M.Commandanten der österreichischen Artillerie, vollbrachte (1644) seine erste ausge- 
zeichnete Waffenthat, als er an der Spitze von 2.000 Reitern 10.000 Schweden durch einen Eilmarsch 
überfiel und ihnen Bagage und Artillerie abnahm. In der Hilze des Verfolgens fiel er in schwedische Ge- 
fangenschaft, rächte dieselbe aber bald nach seiner Befreiung (1646), indem er den schwedischen Feld- 
herrn Wrangel bei Triebcl schlug und in Verbindung mit Johann von Werth die Schweden aus Böhmen 
jagte. Nach dem Siege bei St. Gotthard und dem darauf erfolgten Frieden zu Väsvar wurde er Hofkriegs- 
rathspräsident und erwies sich auch noch später als würdiger Gegner Turenne's. Er war auch ver- 
dienter militärischer Schriftsteller und starb zu Linz am 16. October 1680. 
5) Albrecht Graf von W a 1 d s t e i n (Wallenstein) Herzog zu Friedland und Sagan, kaiserl. und königl. spani- 
scher Generalissimus, geboren den 15. September 1583 zu Hermanic in Böhmen, wurde am Hofe Herzogs 
Karl von Burgau zu Innsbruck erzogen und, der Sage nach, durch das Erscheinen der heiligen Maria im 
Traume, während dessen er über eine Mauer stürzte, für den katholischen Glauben gewonnen ; er sludirte 
in Padua, wo er noch völlig für die katholische Sache eingenommen wurde, bis ihn sein ungemessener 
Ehrgeiz vom Pfade der Pflicht ablenkte. Seine Thaten und seinen Tod (in neuerer Zeit vielfach beleuch- 
tet) zu schildern, würde den Zweck dieser Zeilen übersehreiten; doch sind darüber noch nicht völlig die 
Acten geschlossen, und es gelten von ihm noch immer Schiller's Worte : 
.,Von der Pariheien Gunst und Hass verwirrt 
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.' 
«) Johann Tscrclas Graf von Tilly wurde 1559 zu Lüttich geboren und von Jesuiten erzogen; in spanischer 
Kriegsart aufgewachsen, siegle er in 50 Schlachten für die katholische Kampfehre, blieb aber selbst unbe- 
siegt. Er starb am 20. April 1632. 
') Gottfried Heinrich Graf von Pappenheim, in Schwaben 1594 geboren, fiel in der Schlacht bei Lützen, 
in welcher auch Gustav Adolph blieb (1632). 



149 



Bei dem Verfalle der Kirchenzueht in vielen österreichischen Klöstern, war es be- 
greiflich, dass man die Aufnahme eifrig katholisch gesinnter Italiener namentlich in die 
auf italienischem Boden heimischen Orden der Francis can er, Minoriten, Kapu- 
ziner und Jesuiten begünstigte. Von Enthusiasmus ergriffen, zeichneten sich beson- 
ders Einzelne derselben während der Zeit des dreissigjährigen Krieges aus. Wir nennen 
von denselben Fra Domingo, der im Jahre 1620 zu Scherding das Panier des 
Schlachtheercs weihte, die Soldaten zur Busse und Tapferkeit mahnte und vor Prag mi 
Max von Bayern und Tilly in feuriger Bede den unmittelbaren Angriff gegen die Mei- 
nung der andern Befehlshaber im Kriegsrathe durchsetzte, und durch sein inbrünstiges 
Gebet, mit dem Crucifixe in der Hand durch die Schlachtreihen reitend, die Krieger 
zum Sieg am weissen Berge (8. November 1620) entflammte. Gleichzeitig soll auch 
Bruder Tommaso von Bergamo durch seine Beredsamkeit den Kaiser Ferdinand in 
Wien zum Schlachtbefehle und zur äussersten Wagniss bewogen, und in Wien während 
der Schlacht den Sieg des katholischen Heeres vorausgesagt haben '). 

Die Landesfürsten, welche katholisch erzogene Gemahlinnen aus 
dem Südensich gewählt, hatten oft wie die letzteren italienische und spanische 
Beichtväter als ihre Bathgeber bei Hofe. Die Fürstinnen erhielten auch von dort 
her Hofstaat und Umgebung, wodurch die italienische, spanische und französische 
Sprache an den Höfen zu Wien und Innsbruck, sohin auch in den höheren katholischen 
Ständen herrschend wurde. Wir erinnern an Ferdinand's II. zweite Gemahlin, Eleonore, 
eine Tochter des Herzogs Vincenz von Mantua-Gonzaga, eine überaus fromme Frau, 
welche ihre Gouvernante P a u 1 a M a r i a C e n t u r i o n a (aus einem alten genuesischen 
Geschlechte stammend und dem Orden der barfüssigen Karmeliterinnen einverleibt), 
nach Wien berief, und. um sie an diese Stadt zu fesseln (1629 bis 1638), ein Kloster 
für Karmeliterinnen errichtete, worin Centuriona als erste Oberin eintrat und 
worin auch die Kaiserin ihre eigene Betzelle hatte 2 ). 

Leopold I. hatte den Italiener Francesco vom Kinde Jesu, einen barfüssigen 
Karmeliter, und den Nicola Tonnellani, einen Spanier, zu Beichtvätern, und 
Fürst Porcia übte als Minister dieses Kaisers am Wiener Hofe grossen Einfluss. So 
wurde das Italienische und Spanische eigentliche Hofsprache, während gleichzeitig 
durch Ludwig's XIV. Waffenmacht und die Ausbildung der französischen Literatur die 
französische Sprache zur diplomatischen sich emporschwang. Da gleichzeitig 
der vermögliche katholische Adel und Bürgerstand in den österreichischen Landen seine 
Söhne gern auf die italienischen Universitäten, insbesondere nach Padua 
schickte, wo die medizinische Wissenschaft in voller Blüthe stand 3 ), da viele italienische 
Doctoren von dort berufen wurden, oder deutsche Doctoren in ihre süddeutsche Hei- 
math zurückkehrten, so erklärt sich, dass selbst in die mittleren Stände die 

>) Beda Weber: Tirol and die Reformation. S. 104 etc. 

-) Marian Fiedler: Austria sacra. Band IX. S. 126—130, Beda Webers Giovanna, B. III, S. 40— 42. 

=) Bartolomeo Guarinoni, aus inailändischem Geschlechte , der in Padua studirte, spater in Trient als 
praktischer Arzt wirkte, erhielt als Leibarzt zu Kaiser Rudolph II. einen Ruf nach Prag ; sein Sohn, Ilip- 
polyt. wurde Leibarzt bei Erzherzog Ferdinand II. von Tirol; Peter Andreas Mattioli war Leibarzt 
Kaisers Max IL, und Krato von Kmfthcim war Leibarzt der Kaiser Ferdinand I., Max II. und Rudolph II. 



150 

italienische Sprache und durch die Verbindung' mit den katholischen Niederlanden 
auch die f r a n z ö s i s c h e Eingang' fand, während die süddeutsche Sprache besonders in den 
höhern Ständen durch die häufige Aufnahme von lateinischen, italienischen und französi- 
schen und zum Theil spanischen Worten, nahe daran war, in eine romanische überzu- 
gehen '). Auch die Kunst trug- dazu bei, einen römisch-katholischen Hof-Cbarakter 
anzunehmen , denn die Musen flüchteten aus dem Kriegsgetümmel und theologischen 
Streitfehden an die Höfe der Fürsten 2 ). Bei den Protestanten war die historische Malerei 
vom religiösen Gebiete entfernt, und dafür eine Art Genremalerei, namentlich in Holland, 

aufgetaucht. 

Dagegen zog- sich die katholische Kunstfertigkeit auch in die Ordens vereine zurück, 
und namentlich wurde dieselbe geübt in den Klöstern derKapuziner,Franciscaner 
und Serviten, wo die altflorentinischen Meister Fra Domenico da Fiesole, und Fra 
Bartolomeo da San Marco eifrige Nachahmer fanden; von dort gingen auch die feinen 
Pergamentbildchen aus, welche, Heiligenbilder oder Legendendarstellungen enthaltend, 
häufig unter den Katholiken Verbreitung fanden 3 ). Die Poesie fand nebst den lateini- 
schen Schulkomödien ihren Ausdruck in italienischen Opern und französischen Schau- 
spielen bis in die Tage Karl's VI., wo Metastasio Hofdichter war *). 

§• 76. 

Fortsetzung. 
(Neue Klöster.) 

Dem katholischen Elemente sollte namentlich durch zahlreiche neue Klöster 
Vorschub geleistet werden. Aus dieser Periode stammen, nebst andern Kapuziner- 
klöstern, jenes zu Wien (von Kaiser Matthias begonnen, von Ferdinand II. 1622 
mit der Kaisergruft vollendet), auch die Barfüsser-Karm eliter wurden im untern 
Werd in diesem Jahre aufgenommen, die Pfarre St. Michael nächst der Burg aber den 
B a r n a b i t e n (1 626) überlassen 5 ) ; im Jahre 1 627 stiftete Ferdinand II. die P a u 1 a n e r 
auf der Wieden, und (1628) die Camaldulenser auf dem Kaienberge. Auch berief er 
auf Bitten seiner Gemahlin Marianna, Philipp's III. von Spanien Tochter, von Montserat 
in Catalonien Benedictiner (1633) 6 ), welche im Munde des VolkesSch warzspanier 
genannt wurden, und im Jahre 1690 kamen Trinitarier, sogenannte Weissspa- 
nier, nach Wien 7 ). Schon i. J. 1636 waren auch die Ser vite n in die Bossau, und die 
Augustiner nach Maria-Brunn gekommen, woselbst der berühmte Pater Abraham 



J ) Jedes Actenstüek dieser PerioJe gibt beinahe hierzu Belege. Auch die zahlreichen französischen, italieni- 
schen und überhaupt romanischen Ausdrücke, welche noch im Munde des gemeinen Mannes im Wiener 
Dialekt sich ablagerten, stammen grösstenteils aus dieser Periode. 

2 ) Vergl. den §. über Kunst. 

• ; ) Beda Weber: Tirol und die Reformation. S. 335 etc. 

4 ) Siehe den §. über Kunst und Poesie. 

5 ) Iin Jahre 1660 erhielten die Barnahiten auch ein Collegiuiu zu Maria-Hill', sowie sie schon (1633) zuMar- 
garethen am Moos und Mistelbacn Collegien hatten. 

") Bis zum Jahre 1708 blieb das Wiener Kloster jenem zu St. Emaus in Prag untergeordnet. 
') Zweck derselben war Erlösung der Gefangenen aus türkischer Gefangenschaft, den sie auch erfüllten, 
indem sie deren über 5.00Ü befreiten. 



151 

a Sancta Clara nachmals Noviz war. ZuFeldsberg entstand, das erste in Deutschland, 
ein Kloster der barmherzigen Brüder (1605), bald auch ein zweites und drittes in 
Wien; die Caj etaner oder Theatincr ') erhielten (1703) in Wien ein Collegium. 
Den Jesuiten wurde die Universität und überhaupt grosser Einfluss unter Ferdinand II. 
und Leopold I. eingeräumt' 2 ). Auch in den Schulen der Jesuiten wurde die Erziehung in 
katholischem Sinne in consequenter Weise durchgeführt und vorzüglicher Werth auf die 
Erlernung der lateinischen Sprache gelegt, zu welchem Ende auch lateinische Dramen von 
den Schülern der Jesuiten gegeben wurden 3 ). Von Frauenklöstern erwähnen wir das 
Königskloster bei der Hofburg 4 ), welches Elisabeth. Tochter Max' II. und 
Gemahlin Königs Karl IX. von Frankreich, als tiefergriffene Zeugin der furchtbaren 
Gräuel der Bartholomäusnacht. (1582) stiftete, und worin die Königinwitwe selbst den 
Best ihrer Tage verlebte und darin starb (1592). 

Auch in dem Aufleben der Processionen mit grossen Feierlichkeiten, wie sie 
im Süden der Alpen gehalten zu werden pflegten, ist der römische Einfluss sichtbar. 
Die Feier der Fr ohnl eichnamsprocession wurde nachdem Vorgange des Papstes 
in Korn auch von Ferdinand II. (1022) mit Eifer erneuert ) und seit dieser Zeit 
herleitete der Kaiser mit dem Hofstaa'te diese Procession. — Um den kaiserlichen 
Waffen Segen wider Gustav Adolph zu erflehen, nahmen die Processionen von 
St. Stephan nach Maria-Zeil (1632) ihren Anfang 6 ) und in Ferdinand's letztem 
Siebensjahre die Kreuz- und Bussgänge nach Hernais 7 ). 

So waren auf deutsch-katholischem Gebiete Geistlichkeit und Klosterleben, kirch- 



') Marian (Fiedler) Österreich. Clerisey, VIII. Band. Wien, 1787. — Eine Uebersicht der vorzüglichsten 
österreichischen Klöster, ihres literarischen Wirkens und was in dieser Hinsicht noch zu geschehen habe, 
namentlich den Wunsch nach einem Diplomatarium der österreichischen Klöster, und dessen Wichtigkeit 
für die österreichische Geschichte überhaupt, enthält C hin el's Vorbericht zu den Fontes Rer. Austr. 
Wien, 1849. 

= ) Siehe den folgenden §. über Poesie. 

3 ) Vergl. den §. über Poesie unter den Habsburgern. 

*) An der Stelle des ehemals gräflich Friesischen Palais auf dein Josephsplatze und der Bethäuser der 
Evangelischen und Reformirten. 

5 ) Die feierliche Begehung der Frohnleichnamsfeier fiel um so nöthiger, als das allerheiligste Altarssacra- 
ment nicht nur durch Protestanten verspottet, sondern die Frohnleichnamsfeier früher auch von einzelnen 
Fanatikern gestört worden war. 

•) P ilger fahrt en waren auch, nach den Kreuzzügen, von Wien aus theils nach dem gelobten Lande, theils 
nach anderen europäischen Wunderorten, namentlich Rom, Achen und Maria-Zeil häufig, besonders im 
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderte vorgenommen worden; doch eine förmliche regelmässige Pro- 
cession nach Maria-Zeil datirt erst aus obiger Zeit (1632). Nachrichten über die Wiener Pilgerfahrten 
im Mittelalter in Schlagers Wiener Skizzen, V. B., S. 425—434. Vergl. über die Zunahme der Wall- 
fahrtsorte in Oesterreich Kaltenbaec k in der Austria, Jahrgang 1844 bis 1847. 

7 ) Nachdem Ferdinand II. die hartnäckigen Verfechter des Lutherthums. namentlich den Gayer von ste r- 
burg und Helmhard von Jörger, aus dem Schlosse Hern als vertrieben und den Ort für den Fiscus 
eingezogen hatte, gab er denselben dem Metropolitancapitel zu St. Stephan in Wien, welches den Be- 
schluss fasste, auf eigene Kosten ein heiliges Grab nach dem Muster jenes zu Jerusalem zu errichten, 
worüber auch Kaiser Ferdinand wenige Tage vor seinem am 15. Februar 1637 erfolgten Tode die Einwilli- 
gung dazu ertheilte. J. E. Schlager a. a. 0. V. 435 mit Beziehung auf das (1642) zu Wien erschienene 
Buch: Nova Viennensium Peregrinatio a Templo Cathedrali St. Stephani per Septem Christi patientis 
stationes ad S. Sepulchrum in Hernais, primum rite et canonice instituta a Decano et Capitulo Viennensi, 
die 23. Augusti 1639 et per P. Carolum Musart e Societate JESV conscripla. 



152 

liehe Feierlichkeiten und Wallfahrten, Heerführung und Kriegswesen, Hof- und fürst- 
liches Familienleben, Sprache, Kunst und Poesie und das damit zusammenhängende 
Gesellschaftswesen vom romanisch -kirchlichen Elemente durchdrungen '). Da 
aber andererseits die Akatholiken grossentheils ihre Söhne auf deutsche Hochschulen, 
namentlich nach Wittenberg sendeten, Prediger und Hofmeister von dort beriefen, ehe- 
liche Verbindungen mit akatholischen deutschen Frauen eingingen, und die deutsche 
Sprache bei den Protestanten mehr Pflege fand, so erhielt gewissermassen der ka- 
tholisch e und akatholisch e G 1 a u b e eine n a t i o n a 1 e F ä r b u n g , und der erstere 
erschien als Repräsentant des romanischen, der letztere aber als jener des deut- 
schen Elementes und Gesinnungsausdruckes damaliger Zeit. 

§• 77. 

F o r t s e t z u n g. 

(Die katholische Religion wieder als herrschende in Oestcrreich.) 

Eine vollkommene Zurückführung des Katholicismus war jedoch nicht möglich, 
so lange die protestantischen Stände lutherische Prediger halten durften ; daher erliess 
Ferdinand II. am 14. September 1627 ein General-Mandat, womit sämmtlichen lutheri- 
schen Predigern und Schullehrern befohlen würde, bis 6. October, bei Vermeidung der 
schwersten Strafe Oesterreich zu verlassen. In Folge dessen wanderten nicht nur die 
Prediger, sondern auch mehre von den Ständen und Bürgern Oesterreich's nach Deutsch- 
land, insbesondere nach Nürnberg, aus 2 ). Vergeblich waren die Bemühungen der 
schwedischen Friedensunterhändler, den Protestanten in Oesterreich ihre frühern Pri- 
vilegien zu verschaffen. 

Im westphälischen Frieden (1648) 3 ) wurde der Protestantismus von Oester- 
reich ausgeschlossen und in den folgenden Jahren eine strenge Wachsamkeit gegen das 
erneuerte Einschleichen der „Irrlehre" gehandhabt. Hatte dies auch zunächst eine freiere 
geistige Entwicklung niedergehalten, so war doch die Rückkehr zur katholischen Lehre 
und die Glaubenseinheit in Oesterreich ein grosser Gewinn. — Auch wurden in dieser 
Zeit mehre Orden, welche sich mit Krankenpflege und Unterricht beschäftigten, nach 
Wien verpflanzt. Dahin gehören ausser dem früher genannten Barmherzigenorden 4 ) 
der Orden der Elisabethinerinnen 5 ), zu deren Einführung Franz Ferdinand Freiherr 



•) Beda Weber: Tirol und die Reformation, S. 340. 

-) Die Verzeichnisse von den vornehmen Österreich. Exulanten und den evangelischen Predigern in Oester- 
reich findet man in G. C. Waldau's Geschichte der Protestanten in Oesterreich etc. 11. Band, S. 469— 580. 

3 ) Vierter Artikel des Friedensschlusses zu Osnabrück. — Für die protestantischen Ständcglieder in Oester- 
reich unter der Enns (deren damals 42 Familien vom Herrenstande mit 154 Personen, und 29 Familien 
vom Ritterstande mit 87 Personen daselbst waren) wurde bestimmt, dass sie der Kaiser im Lande lassen, 
auch nicht hindern wolle, den lutherischen Gottesdienst in den ausser dem Lande gelegenen Orten zu 
besuchen; wollten sie aber freiwillig das Land verlassen, und ihre darin liegenden Güter nicht verkaufen 
oder an andere verleihen, so sollte es ihnen frei stehen, zu jeder Zeit in's Land zu kommen, um deren 
Verwaltung zu untersuchen und darauf bezügliche Anordnungen zu treffen. 

*) Der in Spanien gestiftete Orden der Barmherzigen war (1605) nach Feldsberg und (1614) nach Wien ge- 
kommen. Die Wiederherstellung des bei der zweiten türkischen Belagerang (1683) abgebrannten Klosters 
in der Leopoldstadt erfolgte 1697. Im Jahre 1757 wurde auch ein Barmherzigenkloster auf der Landstrasse 
in Wien errichtet. 

5 ) Die ersten Elisabethinerinnen kamen aus dem (1697) gestifteten Elisabcthinerorden aus Gratz; von Wien 
aus ver/.weigten sich dieselben bald nach Klagenfurt, Linz, Brnnn und Ofen. 



153 

von Rummel, Bischof zu Wien und ehemaliger Erzieher Kaiser Joseph's I. wesentlich 
beitrug, dann jener der Ursulinerinnen '), englischen Fräulein *) und Salesianerinnen 3 ) 
und der um die Jugenderziehung und den Unterricht wohlverdiente Orden der Pia- 
risten 4 ); der ritterliche Orden der Kreuzherren mit dem rothen Stern 1 ) erhielt 1730 
die Karlskirche. 

Karl VI. bewirkte hei Papst Innocenz XIII. (ungeachtet des heftigen Widerspru- 
ches von Passau) die Erhehung des Bisthums Wien zum Erzbisthume. Am 24. Fe- 
bruar 1722 erfolgte die feierliche Einsetzung des mit dem erzbischüflichen Pallium 
bekleideten Sigmund Grafen von Kollo nies durch den Neustädter Bischof Johann 
Moriz Grafen von Mangerscheid. Der letztere wurde Sufl'ragan der Metropole von 
Wien, die 1728 durch Benedict XIII. auch für den jeweiligen Generalvicar und Offi- 



') Der Orden der Ursulinerinnen. 1537 von Angela Merici zu Breseia gestiftet, kam durch die Vorsorge der 
Kaiserin Maria Eleonore, Witwe nach Kaiser Ferdinand III., 1664 aus dem Kloster zu Lüttich nach Wien 
wo er 1675 das gegenwärtige Kloster bezog. 

; ) Die englischen (hesser engländischen) Fräulein, von dem englischen Edelfräulein Maria von Wart 1585 
gegründet, kamen 1706 nach St. Polten, wo Jakob Freiherr von Krieehbaum, damaliger Vicepräsident der 
niederösterreichischen Regierung sechs Fräulein und zwei Laienschwestern dieser Gesellschaft aus 
München berief, und des Stifters Schwester Marianna selbst in den Orden als Oberin eintrat. Derselbe 
Freiherr legte auch im Namen der Kaiserin Elisabeth, Karl's VI. Gemalin, den Grundstein zur Kirche 
daselbst, welche 1718 geweiht wurde. Von St. Pulten verbreiteten sie sich später nacli Pesth. 

! ) Dieses Kloster entstand in Folge eines Gelübdes der Kaiserin Amalia Wilhelmine. Witwe nach Joseph I. , 
die am 13. Mai 1717 (dem Geburtstage Maria Theresia's) den Grundstein legte. 

*» Schon unter Kaiser Ferdinand III. hatten die regulirten Priester der frommen Schulen nicht nur in 
Böhmen und Mähren, sondern auch in Oesterreich zu Hörn Eingang gefunden. Von Leopold I. erhielten 
sie (1697) die Bewilligung in einer der Vorstädte von Wien ein Collegium auf eigene Kosten zu bauen, 
worauf der Orden vom Marquis Malaspina den Rothenhof in der neu zu errichtenden Vorstadt (Joseph- 
stadt) kaufte , und den Bau des Schulgebäudes begann , wozu Kaiser Leopold selbst (2. September 1698) 
den Grundstein legte. Am 16. November 1701 konnten die Schulen eröffnet werden. Im Jahre 1735 wurde 
die Kirche vom Bischof von Kollonics geweiht, und in demselben Jahre das die vier Grammatical-Classen 
umfassende Collegium Piarum scholarum durch die Rhetorik und Poetik vermehrt. — 1784 übernahmen 
sie auch das gräflich Löwenburgische Convict, sowie die savoysche Akademie und das Theresianum. 
Auch unter Maria Theresia, welche sich die Beförderung des Jugendunterrichtes besonders ange- 
legen sein Hess, erhielten die Piaristen 1754 die Erlaubniss, auf der Wieden ein Collegium zu erbauen, 
worin sie deutsche Schulen anlegten und auch ihr Noviziat übertrugen. In der Ungergasse brachten sie 
das Doctor Thronische Haus an sich und errichteten darin nebst einer Capelle auch deutsche Schulen. 
1765 erkauften sie das ehemalige Juristenschulhaus zu St. Ivo in der Schulenslrasse sammt d^r Capelle, 
und errichteten darin eine Schule für Rechenkunst, Mathematik, Kalligraphie u. dgl. Zu dieser Anstalt 
>vurde die Kielmannsegg'sche Stiftung (ein Convict für 9 Knaben vom Adel) übertragen. 

In St. Polten wurde 1754 auf Ansuchen der dortigen Bürger ein Piaristen-Collegium für 12 Ordens- 
glieder und ein Gymnasium errichtet. Nach Aufhebung des Jesuitenordens wurden die Piaristen von 
St. Polten nach Krems übersetzt und denselben das früher von Jesuiten besetzte Gymnasium sammt dem Con- 
vict übergeben, wozu später auch eine philosophische Schule kam. — Unter den Mitgliedern dieses Ordens 
machten sich um die Reform und Leitung des Studienwesens in Oesterreich besonders verdient: Gra- 
tianus Marx, Director der Theresianischen Ritterakademie, Innocenz Lang, k. k. Hofrath. Gymnasial- 
director und Referent in Studiensachen, Cassian Hallaschka, k. k. Hofrath bei der Studien-Hof- 
Commission und Director der philosophischen Studien- 

') Die Gründung dieses Ordens wird ins zwölfte Jahrhundert versetzt, in welchem Papst Alexander III. den- 
selben bestätigte. Nach Böhmen kam dieser Orden 1535, und von Prag wurde er 1736 nach Wien ver- 
pflanzt, die Karlskirche am 4. October dem Ordensgrossmeister Franz Böhm übergeben und von diesem 
die Ordensgeistlichen in das neuerbaute Ordenshaus eingeführt , dessen Vorsteher den Titel eines Com- 
mandeurs erhielt. 

I. 20 



154 

cialen die bischöfliche Würde erhielt; am 26. November 1727 erlangte der Erzbischof 
Kollonics die Cardinalswürde, und starb den 12. April 1751 '). 

Da von vielen Seiten sich Klagen gegen die Jesuiten erhoben, dass dieselben gegen 
ihren ursprünglichen Zweck sich auch in weltliche Angelegenheiten mengten, so hob 
Papst Clemens XIV., insbesondere auf Andringen der bourbonischen Höfe (1773) 
die Gesellschaft der Jesuiten auf 2 ). 

Kaiser Joseph II. hatte beschlossen, nur jene Klöster in seinen Staaten zu belassen, 
welche sich mit Unterricht oder Krankenpflege beschäftigten, und welche bei dem Fort- 
schreiten der Bevölkerung dem Bedürfnisse an Pfarren genügten. Sohin wurden zwischen 
den Jahren 1782 — 1788 in allen Erblanden 624 Klöster aufgehoben, in Oesterreich 
unter der Enns allein 41 Mönchs- und 11 Nonnenklöster, und ihre Einkünfte zur Grün- 
dun»- des Reliffions- und Schulfondes 3 ) verwendet, aus welchem die neuen 
Pfarrkirchen mit ihren Filialen und Schulen erhalten werden sollten. — 
Dieser Kaiser verlegte auch das Bisthum von Neustadt (1785) nach St. Polten *). 
Auch sorgte er dafür, dass die Abhängigkeit der noch belassenen Klöster von den 
Ordensgeneralen in Rom vermindert wurde. Unter ihm erfolgte eine neue Eintheilung 
der Diöcesen in die Decanate und Pfarrsprengel 5 ) . die Erbauung zahlreicher Filial- 
kirchen und Schulen, so dass nach seiner Absicht die Bevölkerung der entferntesten 
Thaler und Gebirge der Wohlthat der Seelsorge, desReligions- und Elementar-Unter- 
richtes geniessen sollte. In Folge des Toleranzpatentes (22. Juni 1781) erhielten 
die Anhänger der augsburgischen und helvetischen Confession dann jene der unirten 



') Seine Nachfolger im E r zbisthume Wien waren: Johann Joseph Graf von Trautsohn (f 10. März 
1757), Christoph Anton Graf von Migazzi (f 27. April 1803) , Sigmund Anton Graf von Hohenwart 
(f 30. Juni 1820), Leopold Maximilian Graf von Firmian (f 29. November 1831); worauf der jetzige 
Fürst-Erzbischof Vincenz Eduard Milde den erzbischöflichen Stuhl bestieg. 

! ) Am 14. September 1773 begab sich der Cardinal-Erzbischof Graf von Migazzi in das Probhaus bei 
St. Anna, dann zu den ober en Jesuiten in's Professhaus am Hof und zu den unteren bei der Universität, 
die Aufhebung der Gesellschaft zu eröffnen. — In das älteste Collegiura, einen Theil des Babenberger Her- 
zogshofes kam der Hofkriegsrath, nach St. Anna die Real- und Kunst-Akademie und die deutschen Schulen, 
in jenes nächst der Hochschule der griechische Clerus, ein Gymnasium und ein Piaristen-Convent. Hor- 
mayr a. a. 0. V. 39. — Bei ihrer Aufhebung äusserte Johannes Müller: „Diese Gesellschaft verdient den 
grossen Anstauender Gesetzgeber desAlterthums verglichen zu werden. Sie bemächtigten sich des ganzen 
Willens und aller Gedanken, gaben ihren Mitgliedern eine ausserordentliche Thätigkeit und solchen Ge- 
horsam, dass der ganze Körper einem gesunden, von einer festen Seele regierten Körper glich. Seit Py- 
thagoras ist in der Geschichte kein Institut, das zugleich wild en und halb und sehr verfeinerten 
Völkern mit grösserem Erfolge Gesetze gegeben hätte." 

') Um der heranwachsenden Geistlichkeit eine gleichförmige und mit den neuen Reformen im Einklänge 
stehende Bildung zu geben, legte Kaiser Joseph II. 1783 sogenannte Generalseminarienzu Wien für 
ganz Niederösterreich und zu Gratz für Innerösterreich an, in welchen sowohl die künftigen Welt- als 
Klostergeistlichen ihre theologischen Studien zu vollbringen hatten. Demnach hörten mit 1. November 
1783 alle philosophischen und theologischen Klosterschulen auf und die jungen Klostergeistiichen mussten 
vermöge Verordnung vom 13. März die philosophischen und theologischen Lehranstalten zu Wien, Linz 
oder G°ratz besuchen. Unter Kaiser Leopold wurden 1790 die Generalseminaricn aufgelöst und die Alumnate 
und theologischen Schulanslalten in Klöstern wieder hergestellt. 

») Die alte Propstei von St. Polten wurde aufgehoben, und die Würde des Erbhofkaplans, welche die dortigen 

Pröpste bis dahin bekleidet hatten, ging auf den Abt von Klosterneuburg über. 
5 ) Die Josephinische Pfarreiniheilung Wien's, siehe in Hormayr's Geseh. Wiens, V. A, 59 u. 6G. 



155 

Griechen die freie Religionsübung in Oesterreich mit nur wenig Beschränkungen, und 
in Wien selbst Bethäuser. 

Kaiser Franz I., selbst wahrhaft religiös, suchte auch für die religiöse Bildung 
seiner Unterthanen möglichst zu sorgen. Er gründete nicht nur die Bildungsan- 
stalt für Weltpriester in Wien *), sondern erkannte auch die religiöse Bil- 
dung als die Grundlage des Volksunterrichtes, daher dieselbe der Geist- 
lichkeit besonders empfohlen wurde. Auch wurde die Religionslehre in den Gymnasien 
und philosophischen Schulen als ordentlicher Gegenstand eingeführt. Diese Obsorge, 
welche Kaiser Franz noch überdiess durch die Gründung mehrerer Bisthümer 2 ) bethätigte, 
betraf nicht nur die Katholiken, sondern auch die Protestanten, welchen er in Wien die 
Errichtung einer eigenen protestantisch-theologischen Lehranstalt ge- 
stattete. Während der Regierung des Kaisers Franz wurden noch mehrere Klöster auf- 
gehoben 3 ), dafür aber in Wien die Congregation der (armenischen) Mechitaristen *), 
die Gesellschaft der Redemptoristen 5 ) und das wohlthätige Institut der barmherzigen 
Schwestern eingeführt. — Mehrfach wurde die Klage erhoben, dass seit Ende des 
vorigen Jahrhunderts der christlich-religiöse Sinn in Oesterreich theilweise verschwunden 
und Gleichgültigkeit an dessen Stelle getreten sei. Wenn auch diess zum Theil nicht ganz 



*) In dem Kloster der Augustiner zu Wien wurde unter Leitung des damaligen Burgpfarrers, nachmaligen 
Bischofs von St. Polten. Jakob Frint. 1816 eine höhere Bildungsanstalt für Weltpriester (das sogenannte 
Frintaneum) errichtet, um sich unter der Aufsicht des jeweiligen Burgpfarrers, einiger Studiendirec- 
toren und eines Spirituals die für höhere kirchliche Aemler erforderliche Bildung, insbesondere den 
Doctorgrad in der Theologie zu erwerben. 

s ) So wurde das Bisthum Erlau zum Erzbisthum erhoben, und zu Kaschau, Szathmar und Tarnow Bischöfe 
eingesetzt. 

3 ) Zu den in dieser Periode in Oesterreich aufgehobenen Klöstern gehören das der Franciskaner zu Langen- 
lois (1795), jene der Minoriten zu Stein und der Paulaner auf der Wieden in Wien (1796), das der be- 
schuhten Carmeliten auf der Laimgrube (1797). welches seit 1804 zu einer Zwangsarbeits- und Besserungs- 
anstalt verwendet wird, das der Franciskaner zu Feldsberg (1804). der Minoriten zu Tuln (1807), der Au- 
gustiner zu Korneuburg (1808), der Capuciner zuSchwechat(1809) und zu Wien in St. Ulrich (1810), das der 
beschuhten Augustiner zu Baden (1811) und der Augustiner zu Wien auf der Landstrasse (1812), jenes der 
unbeschuhten Augustiner zu Maria Brunn bei Wien, in welches 1813 die Forstlehranstalt verlegt wurde; 
dann unter Kaiser Ferdinand das Augustinerkloster nächst der Burg (1836). endlich bis auf weitere Be- 
stimmung das der unbeschuhten Carmeliten zu St. Joseph in der Leopoldstadt. 

*) Im Jahre 1701 gründeteein armenisch-katholischer Priester Namens Mechitar, vonSebaste in Kleinarmenien 
gebürtig, die Congregation der von ihm benannten Mechitaristen. Nebst den gewöhnlichen drei Mönchs- 
gelübden legen sie noch ein viertes für die stäte Verbreitung der katholischen Religion namentlich im 
Morgenlande ab; auch gehört zu ihrer Bestimmung. Jünglinge ihrer Nation zu erziehen und unter den 
Armeniern gute Bücher zu verbreiten. Ihr erstes Kloster hatten sie zu Modon auf Morea. Nachdem aber 
diese venetianische Halbinsel 1715 an die Türken verloren war, errichteten sie in Venedig ein Kloster 
und ein zweites in Triest. Da dann das letztere vermöge des Wiener Friedens an Frankreich gekommen 
war, bewarben sie sich 1810 um Aufnahme in Wien . wo ihnen Kaiser Franz das Capucinerkloster zu 
St. Ulrich überliess, welches sie 1836 umbauten, wie sie auch ihre Buchdruckerei vergrösserten, eine 
Schriftgiesserei errichteten und den 1829 in'sLeben gerufenen Verein zur Verbreitung guter katholischer 
Bücher dadurch wirksam förderten. 

5 ) DieRedemptoristen,naeh ihrcmGründer Liguori auch Liguorianer genannt, bestehen seit 1732; PapstBene- 
dict XIV. bestätigte 1749 diese Versammlung, die auch den Titel des heiligsten Erlösers führt, deren 
Mitglieder nicht die gewöhnlichen Ordensgelübde abzulegen hatten, und aus der Gesellschaft austreten 
konnten; er gestattete auch ihre Einführung in Rom, von wo aus sie sich bald in Italien verbreiteten. 1820 
wurde ihnen in Wien die Kirche zu Maria-Stiegen sammt dem daranstossenden oberen oder kleinen Passauer 
Hof. 1833 das ehemalige Franciskaner Kloster zu Eggenburg im V. 0. M. B. eingeräumt, wo sie bis 1848 
sich befanden. 

20* 



156 

ungegründet sein mag-, so bezieht es sich doch mehr nur auf die Bevölkerung der 
grösseren Städte, namentlich auf Wien, wo das zunehmende Proletariat einen gründ- 
lichen religiösen Unterricht der Jugend vielfach erschwert und das üble Beispiel auf 
dieselbe nachtheilig wirkt. Doch lässt sich nicht läugnen, dass im Ganzen manche Fehler. 
z. B. Unmässigkeit und Trunkenheit, sich bedeutend vermindert haben, und Ordnungs- 
liebe an deren Stelle trat, dann dass mit dem Aufschwung derManufacturen ein grösserer 
Sinn für Reinlichkeit und Anständigkeit in der Kleidung eingetreten, und besonders in 
den von der Hauptstadt entfernten Gebirgstheilen noch weithin ein inniger und gesunder 
religiöser Sinn anzutreffen sei, so dass bei den neuen Reformen in kirchlichen und Un- 
terrichtsangelegenheiten auch in dieser Hinsicht gute Früchte vom religiösen Baume 
der Erkenntniss zu erwarten stehen. 

§• 78. 

Ruraer Rückblick auf die Verfassung, Verwaltung und Gesetzgebung. 
(Ständewesen in Oesferreich unter der Enns.) 

Schon die österreichischen Markgrafen, als Hüther der deutschen Ostmark, hatten 
bei der Wichtigkeit der Lage des ihrem Schirme anvertrauten Landstriches, und bei 
dem ausgezeichneten Erfolge, womit sie diesen wichtigen Beruf erfüllten, eine 
freiere Stellung zum deutschen Reiche, als die meisten übrigen deutschen Gau- und 
Gränzgrafen. Die auf die Markgrafschaft Bezug nehmenden Regierungsmassregeln 
gingen jedoch ausschliessend von den deutschen Kaisern und Königen aus. welchen die 
Reichsslände beigegeben waren. Von einer den Markgrafen zustehenden Landeshoheit 
kann daher eben so wenig die Rede sein, als von Landständen, welche die Landes- 
hoheitsrechte beschränkt hätten. Anders war die Sachlage, nachdem Oesterreich von 
Kaiser Friedrich I. 1156 zum Herzogthume erhoben und in dem hierüber ertheilten 
Privilegium bestimmt worden war: dass Herzog Heinrich und seine Gattinn dieses 
Land mit allem seinem Rechte besitzen, an ihre Kinder vererben und bei deren 
Aussterben wem immer vermachen sollten ; dass Niemand ohne des Herzogs Geneh- 
migung die Pflege der Gerechtigkeit ausübe; dass der Herzog dem Reiche keine 
anderen Dienste zu leisten verpflichtet sei, als auf den vom Kaiser in Bayern 
abzuhaltenden Reichstagen zu erscheinen, und keinen andern Heerzug mitzu- 
machen, als welchen der Kaiser in die an Oesterreich gränzenden Reiche oder Pro- 
vinzen verordnen würde. Dadurch war aus der ehemaligen Markgrafschaft ein kleiner 
Staat geworden, und aus dem früheren Gränzgrafen mit einer zunächst bloss militä- 
rischen Stellung ') ein Herzog mit einer, für die damaligen Verhältnisse ziemlich un- 



') In Betreff des Zweckes und der Verpflichtung der Markgrafen sind folgende Stellen bezeichnend; vom 
Jahre 786: Relictis tantum Marchionibus, qui fines regni tuentes , omnes . si forte ingruerent hostium 
arcerent incursus (Ex Vita Ludowici beiDucange Gloss. Ed. Hentschl. Paris IV, 283, c), und vom Jahre 
808: De marcha ad praevidendum unusquisque paratus sit, illuc festinanter venire quandoque necessitas 
fuerit (Capit. Karoli M. bei Pertz Mon. III, 152, 1.). Vergl. auch Grimm: Rechtsalterthümer p. 496 und 
Roth: Beneficialwesen, Erlangen 1850p. 412. 



157 

umschränkten Herrschermacht, deren Rechte nach den späteren Bestätigungen 
dieses Privilegiums auch auf die (ihrigen, in der Folge noch zu Oesterreieh gelangenden 
Länder überzugehen hatten. Erst von da an kann hei den österreichischen Regenten 
aus dem Hause Babenberg, von einer eigentlichen Landeshoheit, d. i. dem Rechte 
der Gesetzgebung, der richterlichen und vollziehenden Gewalt, die Rede sein. Die 
späteren Landstände (sogenannte „Landschaft") hatten hier durchaus nicht jenen 
bedeutenden Einfluss. welcher damals schon den Ständen in anderen deutschen Län- 
dern zustand. Es kam ihnen bloss eine b erat h ende Stimme bei gewissen inneren Lan- 
desanoelegenheiten zu. Von dieser Wirksamkeit der späteren, zur Beiziehung zu den 
Beratungen über gewisse Landesangelegenheiten berechtigten und vom Lan- 
desfürsten anerkannten Landstände sind jene Erscheinungen wohl zu unter- 
scheiden, wo sich, wie schon die Markgrafen '), so auch die nachmaligen Herzoge von 
Oesterreieh, bei einzelnen wichtigeren Anlässen des Rathes der von ihnen eigens 
hierfür berufenen Angeseheneren aus dem Kreise des Adels und der Ministerialen be- 
dient hatten, wobei aber noch durchaus nicht auf eine Berechtigung, zu gewissen 
wiederkehrenden Verhandlungen stets beigezogen zu werden, also auf die schon so 
frühe Wirksamkeit eigentlicher politischer Stände — wohl gar als berechtigter 
Vertreter des Landes — gefolgert werden darf. Doch linden sich unter den österreichi- 
schen Herzogen aus dem Hause Babenberg schon immer deutlichere Spuren der 
allmälig fortschreitenden Entwicklung des ständischen Einflusses auf die Landesange- 
legenheiten 2 ). jedoch vorerst nur die Bedeutsamkeit eines, durch den Gebrauch ge- 
wissermassen privilegirten Standes, nämlich der weltlichen Angesehenen des 
Landes: der Ministerialen und des landsässigen Adels. Von einer Vertretung des 
Landes durch Stände, kann daher in jener Zeit, wo weder Geistlichkeit, noch Städte 
in Landesangelegenheiten mitzureden hatten, noch keine Rede sein. Als sich aber mit 
der Entwicklung des Städtewesens und der weltlichen Macht der Kirche diese einzelnen 



') In dem Streite zwischen Kaiser Heinvieh IV. und dem machtsüchtigen Papst Gregor VII. (Hildebrand) hatte 
Markgraf Leopold II. die Partei des Letzteren ergriffen, und zwar zameist auf Antrieb des Passauer Erz- 
bischofes Altmann. „Marchio Liupoldus coadunitisprimoribussui regiminis in Villa quae Tulna 
dicitur, dominium Henrici tyranni jure jarando abnegat" (1081) heisst es in der Vita prior Altmanni 
in den Actis Sanctorum (Dies 9. August, Cap. IV. Nr. 26, p. 372) und (ohne das Wort „tyranni") bei 
Pez S. R. A. I. 126, c. Die Urkunde vom Jahre 1079 aus deren einer Stelle (Mon. boie. IV. p. 299) 
Schrötter's „Oesterr. Gesch." I., 274 bereits auf die Wirksamkeit österreichischer Landstände folgern 
wollte, ist in Meiller's Babenberger-Hegesten S. 207 aus überzeugenden Gründen für falsch erklärt. 

2 ) In den von den österreichischen Herzogen aus dem Hause Babenberg ausgestellten Urkunden finden sich 
zahlreiche Anführungen, dass dem Geschäfte, worüber die Urkunde ausgefertiget wurde, ein Beschluss 
des Herzoges nach dem Rathe oder mit Beistimmung von Ministerialen und Adeligen zu Grunde liegt. 
Wir führen beispielweise einige solcher Stellen an, und berufen uns hierbei, der Kürze wegen, auf 
Meiller's Regestenwerk, wo der Inhalt der betreffenden Urkunden und die Hinweisung, wo deren Ge- 
sammtinhalt veröffentlicht wurde, zu finden ist. So beurkundet Heinrich Jasoinirgott 1164: ex consilio 
tidelium et officialium nostrorum . . . qui tunc presentes erant (p. 46. n. 63), 1168: consensu coniugis 
nostre . . . fauore filiorum nostrorum . . . consilioque fidelium nostrorum A. de Chunringe. H. de Misiel- 
bach et R. de Chalnperge (p. 47, n. 68); Friedrich I., der Katholische 1196: consilio et conniuentia 
fidelium ministerialium nostrorum (p. 78, n. 5) ; endlich Leopold VI. der Glorreiche 1209: uocatis con- 
siliariis nostris et ministerialibus et aliis quam pluribus (p. 101, n. 75): 1214: de consensu ministe- 
rialium (p. 113, n. 115); 1222 : de consilio magno ru m nostrorum (p 131, n. 180) u. s. w. 



158 

Stände immer mehr in sich einigten und festigten, somit in abgeschlossenen Körper- 
schaften neben und gegen einander standen, so war es auch unvermeidlich, dass sich 
diese einzelnen Stände im Laufe der Zeit zu einer politischen Geltung emporbrachten, 
zumal da der Landesfürst immer öfter darauf angewiesen erschien, in Landesangele- 
genheiten ihren Rath und werkthätigen Beistand in Anspruch zu nehmen. Namentlich 
mit dem Erwerbe der Steiermark (1186) hatte Oesterreich bereits die Verpflichtung 
übernommen, dortlandes die Freiheiten der Ministerialen, der Geistlichkeit und Lan- 
desbewohner (Conprouinciales) aufrecht zu erhalten, welchen im Falle einer Verletzung 
derselben ausdrücklich das Recht der Berufung an den Kaiser gewahrt wurde, sowie den 
Ministerialen, für den Fall des Aussterbens der männlichen Nachfolge der Herzoge von 
Oesterreich, eines der wichtigsten politischen Rechte, nämlich das der Wahl des 
Landesfürsten vorbehalten war 1 ). So wurde allgemach in Oesterreich selbst die Em- 
pfänglichkeit für den Einfluss politischer Stände vorbereitet, bis der deutsche König 
Heinrich VII. auf dem Reichstage zu Worms unterm l.Mai 1231 jenes wichtige Reichs- 
gesetz erliess, demzufolge kein deutscher Reichsfürst neue Landeseinrichtungen 
oder neue Gesetze einführen durfte, ohne vorher die Zustimmung der Ange- 
sehenen und Höheren des Landes eingeholt zuhaben '). Damit wurde denn durch 
das Reichsoberhaupt die Entstehung der Landstände sanetionirt, ohne Zweifel zur 
Sicherung gegen die üblen Folgen, welche die Zersplitterung der Reichsgewalt unter 
die Fürsten für die gemeineren Freien in den einzelnen Territorien haben mochte 3 ). 
Es ist jedoch auffallend, dass sich eben von Friedrich dem Streitbaren, dem letzten 
Babenberger-Herzoge in Oesterreich (1230 — 1246) keine einzige Urkunde vorfindet, 
laut deren er sich diesem Reichsgesetze gefügt hätte, was jedoch dadurch erklärbar wird, 
dass er eben wegen seines Trotzes gegen das Reichsoberhaupt von diesem geächtet 
(1235) und erst nach vier Jahren mit ihm wieder versöhnt wurde. 

In den Zeiten der Herren- oder Rathlosigkeit während des Zwischenreiches masste 
sich der Landadel die Wirksamkeit von Landesvertretern an, verband sich jedoch schon 
mit der Geistlichkeit und den Städten, deren Abgeordnete vorerst in Wien, dann aber 
(1251) zu Triebensee zusammentrafen, und hier, unbekümmert um den Re'ichsverband 
den Beschluss fassten, das Land einem Sohne der babenbergischen Prinzessin Constanzie 
durch Abgeordnete anzubieten, wozu sie durch keine Satzung berechtiget waren. Doch 
ist es immerhin wichtig zu sehen, dass schon damals unter diesen Abgeordneten ein 
Vertreter der Städte, nämlich Propst Dietmar von Klosterneuburg, nebst einem Abte 
und mehreren Geistlichen sich befand *). 



») Das Facsimile der Vertragsurkunde vom 17. October 1186 ist dem IV. Bande von Muchar's Gesch. 
der Steiermark beigegeben. Vergl. auch Beitr. zur Lösung der Preisfrage des Erzh. Johann I. 128. 

=) Die Urk., bei Pertz Monum. Germ, histor. IV, 283, enthält insbesondere folgendes: requisito consensu 
prineipum fuit taliter diffinitum, ut neque prineipes neque alii quilibet constitutionesuelnouaiura 
facere possint, sine meliorum et maiorum terre consensus primitus habeatur. 

5 ) Böhmer: Regesta Imperii 1198—1354, p. 238, n. 237. 

*) Ottokar's Reimchronik, bei Pez S. R. A. III, 27, a, und Johannes Victoriensis bei Böhmer: Fontes 
Rer. Germ. I., 284, wo jedoch Ulrich von Liechtenstein genannt wird, wahrend ihn Ottokar Heinrich 
von Liechtenstein nennt. Auch Kurz: Ottokar und Albrecht 1. I, 9. Lichno wsky I, 176. 



159 

Nachdem jedoch eine Deputation der genannten Stände (21. Nov. 1251) dem 
König Wenzel von Böhmen die auf seinen Sohn Pfemysl Ottokar geleitete Wahl an- 
gezeigt, und letzterer solche angenommen hatte, erklärte Ottokar später ausdrücklich, 
er sei durch die edlen Grafen und Barone des Herzogthums Oesterreich zur Ueber- 
nähme der Herrschaft wohlbedacht eingeladen worden '). Später (29. December 1282) 
verständigte König Rudolph I. alle Grafen, Edlen, Ministerialen, Ritter, Knechte und 
Vasallen , dass er seine Söhne Albrecht und Rudolph mit dem Herzogthume Oester- 
reich belehnt habe 2 ). Auf Bitten der „Nobiles, mediocres et minores ac 
communitas ipsarum terra r um", welche nicht zwei Herren haben wollten, be- 
willigte König Rudolph unterm 1. Juni 1283, dass die österreichischen Lande seinem 
Sohne Albrecht allein angehören sollen 3 ). Wenn auch in diesen Urkunden noch nicht 
über allen Zweifel vollkommen bestimmt ausgedrückt, finden sich doch im österreichi- 
schen Landrechte schon unter den ersten Habsburgern in Oesterreich sichere Belege 
für die landesherrliche Anerkennung des Herrenstandes (der „Landherren" 
oder „Herren vom Lande")*). Kaum war aber der Adel zu einiger politischer 
Geltung gelangt, als er auch schon anfing, sich in dieser Stellung zu übernehmen. Das 
immer übermüthigere Auftreten der österreichischen Landherren, welche, Albrecht's I. 
Krankheit benützend, 1295 und 1296 zuStockerau und Triebensee sich versammelten, 
und immer grössere Forderungen stellten, so dass gefährliche Adelsverschwörungen 
herauswuchsen 5 ) — die Gährungen des Missvergnügens, welches auch zum Theile in 
den Städten zu werkthätigem Ausbruche kam, und wodurch namentlich Wien den Verlust 
seiner alten Privilegien verschuldete (1296) 6 ), machen es begreiflich, dass wir unter 



l ) In der bezüglichen Urkunde vom 29. April 1233 sagt Ottokar: nos . . . per nobiles ducatus eorundem (i. e. 

Austrie et Styrie) comites et Barones prouide inuitati. (H o rmayr's Archiv 1828, p. 321.) 
3 ) „Vniuersis Comitibus Nobilibus, ministerialibus. militibus, clientibus et vasallis Austrie" heisst es in der 
Urkunde bei Schrötter und Rauch: „Oesterr. Gesch." III. Urk. Anh. p. 60 und Hergott : Mon. de Si- 
gillis p. 216 — 217, welcher in der Anmerkung 1 insbesondere bemerkt, dass die obigen Comites etc. eigent- 
lich die „status ac ordines Ducatnum Austriae Styriaeque" waren. 
3 ) Lambacher: Oesterr. Interregnum. Urk. Anh. p. 199. 

*) Das österreichische Landrecht aus der Zeit K. Rudolph'» I. von Habsburg oder seines Sohnes Albrecht 
nach dem Harrachischen Codex in Senkenberg's „Visiones" enthält folgende Stellen, welche das oben 
Gesagte beweisen dürften: „Wir setzen vnd gepieten, das Uain Lantesherr (Landesfürst) jemant kain 
Vest erlawb zue pawen an (ohne) derLantherrenRat" (p. 237.) „Wir setzen vnd gepieten, das der 
Landesherr die herren von dem land nicht dringe ze varn her über das gemerkch, er tue es denn mit gut 
oder mit pete, wann ditz lande ain recht march ist" (p. 238.) — „Es soll der Landesherr kain Frag 

haben, wann (da) das ist nicht rech t Er mag aber wol nachRatderHerren in demLante 

ein frag haben auf schediich leut, davon das land gerainigt werd." (p. 249) u. s. w. Zum Verstündniss dieser 
letzteren Stelle ist zu erwähnen, dass im Justizverfahren der accusatorische nicht inquisitorische Prozess 
Regel war, dass sofort dem Landesfürsten nur dann das Recht zustand, nach dem Rathe der Landherren 
hiervon eine Ausnahme zumachen, wenn es sich um die Reinigung des Landes von gemeinschädlichen Uebel- 
thätern handelte. Das Wort „Frage" im obigen Sinne erklärt Halt aus Glossar, germ. med. aevi als: 
lnquisitio malelicorum ex officio magistratus sine accusatore. Die obigen „Landherren" oder ..Herren 
von dem Lande" bildeten somit in Beziehung auf einige Landesangelegenheiten bereits einen vom 
Landesfürsten anerkannten politischen Stand. Dieselben waren z. B. auch zugleich mit Herzog 
Albrecht II. Garanten für das vom letzteren 1355 in Verbindung mit ihnen aufgerichtete Familienstatut. 
(Steyerer: Comment. pro hist. Alb. II. Addit. 185 — 186.) 
5 ) Ott okar's Reimchronik p. 576 s. f. — Seifried Helbling, herausg. von Karajan IV, 1—872, mit den 

bezüglichen Anmerkungen, zumal jene zu 1. — Böhmer's Regesta Imperii 1246 — 1313, p. 196—197. 
') Ottokar 1. c. 571. 



160 

den ersten Habsburgern keine Beweise eines vortretenden politischen Einflusses des 
Adels finden. Insbesondere die öftere, endlich stätige Vereinigung der deutschen Kai- 
serkrone in der Person des österreichischen Landesfürsten macht es aber erklärlich, 
dass in dem Stammlande Oesterreich unter der Enns selbst, welches nicht, wie 
z. B. Steiermark, Kärnthen, u. s. w., mit der Verpflichtung zur Aufrechthaltung früher 
bestandener ständischer Rechte erst erworben wurde, der Erzherzog auch nicht gehalten 
war, vor abgelegter Huldigungspflicht den Ständen die wirkliche Bestätigung der Landes- 
freiheiten auszufertigen '). Uebrigens ist die umständlichere urkundliche Erwähnung 
der (20. Nov. 1358) auf dem Hof zu Wien stattgehabten Huldigung des Herzogthumes 
Oesterreich für Herzog Rudolph IV. insbesondere desswegen bemerkenswerth, weil 
unter Jenen, welche die Huldigung Namens des Landes darbrachten, noch keine Vertreter 
der Geistlichkeit und der Städte erscheinen '), während bald darauf schon Beweise der 
nolitischen Bedeutung beider vorkommen. So gelobten namentlich die Städte Wien, 
Eggenburg, Haimburg, Korneuburg und Neustadt (18. Februar 1364), den Erbfolgever- 
trag zwischen Böhmen und Oesterreich (vom 10. Februar 1364) zu halten, wogegen 
Kaiser Karl IV., König Wenzel und Markgraf Johann von Mähren für den Fall , als 
vermöge desselben Vertrages die österreichischen Länder an das Haus Luxemburg 
lallen sollten, gelobten : die Bischöfe, Aebte, Pröpste, Grafen, Freien, Landherren, Dienst- 
leute, Ritter und Knechte jener Länder in ihren Ehren, Rechten und Gewohnheiten zu 
erhalten 3 ). Nach zwei Jahren entband Kaiser Karl IV. die Herzoge von Oesterreich, 
ihre Prälaten und Landherren der dem König Ludwig von Ungern gethanen Eide 
und Gelübde *). Durch solche Anlässe hatten sich auf alter germanischer Grundlage 
die Prälaten, Herren, Ritter und Städte allmälig zu den berechtigten und 
anerkannten vier politischen Ständen („Landständen") herausgebildet 5 ), deren 
gesetzmässiger politischer Einfluss jedoch nie zu einer besonderen Bedeutsamkeit 
gelangte. Nebst den Städten hatten aber auch vier landesfürstliche Marktflecken das 



') Schrötter's Abhandl. aus dem österr. Staatsrechte, III. 40. 

») In der bezüglichen Urkunde Herzog Rudolphs IV. vom 20. Novem! er 1359 heisst es: „sazzen mit unser 
fürstlichen gezierde in ain gestül auf dem Hof ze VVienn, dahin Wir allen herrendienstleuten und 
mannen, Rittern und Knechten unsersFurstenthums von Östlich auf denselben tag gebotten hatten, 
uns als irm herren ze huldenn." S teyerer. Comment. pro hist. Alb. II. Add. p. 274. 

') Lichnowsky IV. Reg. Nr. 555, 556. 

*) Urk. vom 20. März 1366 bei Lünig: Codex Germaniae diplomaticus, II., 518. 

>) Schon 1439 war festgesetzt, dass der Landesfürst alle Sachen nach der Landleute Rath der vier Parteien 
Prälaten Herren Ritter, Knechte und Städte des Fürstenthums Oesterreich verhandeln solie. Also schon 
damals war vom Regenten der vier te S tand ausdrücklich anerkannt, welcher, nach dem Ausbruche der 
Reformationsstreiligkeiten von den oberen Ständen, gegen die ausdrücklich erklärte und öfter erneuerte 
Willensmeinung des Regenten, unterdrückt wurde. Während von 1460 ab die Verordneten aller vier 
Stände ihre gemeinsame Wirksamkeit entwickeln, erstattet der vierte Stand 1553 an die drei oberen 
Stände Bericht über die Landespolizei; 1578 erstatlete er sein Gutachten über die von den drei oberen 
Ständen verfasste Polizeiordnung ; 1610 musste der vierte Stand sich in drei Schreiben um die Zulassung 
seiner Abgeordneten bewerben. Nachdem die oberen Stände 1617 den vierten Staod ein für alle Mal abge- 
wiesen halten, finden wir nach dem Ausbruche des dreissigjährigen Krieges wieder alle vier Stande in 
gemeinsamer Wirksamkeit, insbesondere unter Kaiser Leopold I. in Fragen über Münzvaluten u. s. w. 
Kaiserin Maria Theresia bestätigte unterm 22. November 1740 den Ständen auf ihr Ersuchen alle ihre 
Freiheiten, Privilegien, alten Herkommen und guten Gewohnheiten (Original-Acten im n.ederosterrei- 
duschen ständischen Archive). 



161 

Recht, einen Abgeordneten auf den Landtag zu schicken. Diese Städte und Marktflecken 
wurden auch „mitleidende" desswegen genannt, weil alle dort in den Gemeindever- 
band aufgenommenen Grundbesitzer, nach dem Verhältniss ihres Besitzes beizutragen 
hatten *). Eine ungesetzliche oppositionelle Wirksamkeit der Landslände hingegen zeigt 
sich schon bei den, während der Minderjährigkeit des Ladislaus Posthumus (1452) und 
des Bruderstreites ausgebrochenen Unruhen; dann nach Maximilian's I. Tode (1519), 
wo ein Theil des Adels — Michael von Eytzingen, Johann von Puechheim und Doctor 
Siebenbürger an der Spitze — das Testament des Kaisers anfocht, die dadurch einge- 
setzten Regenten vertrieb und selbst die Regentschaft übernahm, bis Erzherzog Fer- 
dinand 1., die Regierung der österreichischen Länder antretend, 1522 zu Neustadt 
Gericht hielt und die Urheber bestrafte. 

Am entschiedensten trat aber diese Opposition hervor zur Zeit der Reformation, 
wo die protestantisch gesinnten Stände mit der confessionellen Freiheit nach immer aus- 
gedehnteren politischen Rechten strebten, und die Privilegien der ihnen gestatteten Reli- 
gionsfreiheit, durch Verweigerung der Huldigung vor deren Bestätigung zu sichern trach- 
teten; allein es wurde bereits oben erwähnt, dass eben die Uebergriffe der protestan- 
tischen Stände den Verlust ihrer Religionsprivilegien und die Auswanderung eines 
grossen Theiles des altösterreichischen Adels zur Folge hatten *). — So gestalteten 
sich die Landtage derart, dass die wesentlichen Beratschlagungen derselben 
auf folgende Hauptgegenstände beschränkt blieben, nämlich auf: 1) die Landes- 
anlagen, welche der Landesfürst ausschrieb und die Stände unter sich repartirten 3 ), 
2) die Kriegsbedürfnisse und 3) überhaupt die ökonomischen Landesangelegen- 
heiten. — Die Gerichtsbehörde des Adels war, nach germanischer Sitte und Grund- 
besitzrechten, der vom Herzog gehaltene offene Teiding (Gerichtstag) 4 ) und 
es erinnert an die Wiegenzeit Oesterreich's, dass nach dem österreichischen 



1 ) Es gehörten im Lande unter der Enns I) zum Pr äl at en s t ande: der Abt zu Melk (zugleich 
Primas dieses Standes), die Aebte zu Göltweih, Zwetl, Lilienfeld, zu den Schotten, Altenburg, Seiten- 
stetten, Heiligenkreuz, Wr. Neustadt und Geras, die Pröpste von Kl'gterneuburg, Herzogenburg und Eis- 
garn, dann der Propst der Metropolitankirehe und der jeweilige Rector der Wiener Universität. 2) D er 
Herrenstand begriff sämmlliche Fürsten, Grafen und Freiherren, welche das Recht der Landstandschaft 
besassen, wobei zu bemerken, dass im Lande unter der Enns auch der Erzbischof von Wien und d»r Bi- 
schof von St. Polten Sitz und Stimme auf der Herrenbank hatten. 3) Der II i 1 1 e rs t and aus allen riller- 
mässigen Edelleulen bestellend, welche die Bedingungen der Landstandschaft in sich vereinigten. 4) Der 
B ü rg e r s t an d wurde repräsentirt zur einen Hälfte durch die Haupt- und Residenzstadt Wien, zur anderen 
Hälfte aber durch die vierzehn landesfürstlichen Städte : Brück an der Leitha, Haimburg, Klosterneuburg, 
Baden, Krems, Stein, Eggenburg, Zwetl, Waidhofen an der Thaya, Tuln, Ips, Korneuburg, Reiz und 
Laa, dann durch die vier Marktflecken Mödling, Perchtoldsdorf, Gumpoldskirchen und Langenlois. Die 
ständischen Vertreter von dem Adel, der Geistlichkeit und den Städten beim Ständebündniss vom 6. August 
1406 sind namentlich aufgeführt bei L i c h n o w s k y V, 81) — 81. Die schon im fünfzehnten Jahrhunderle bei 
Landtagsverhandlungen thätigen Karthäuser-Prioren von Mauerbach, Gaming und Aggsbach wurden erst 
von Kaiser Leopold I. 1670 zum Range österreichischer Prälaten erhoben. 

2 ) Vergl. §. 77. Die Wiedervereinigung der katholischen und protestantischen Stände erfolgte 1571 im Land- 
hause zu Wien, nachdem Kaiser Max II. (18. August 1568 und 14. Jänner 1571) die freie Religionsübung 
gestaltet hatte. (Ho rmayr's Wien IV, b, 35; Czermak in der Wiener Zeitung v: 15. und 17. April 1837.) 

3 ) Bereits Erzherzog Albrecht VI. gab den Ständen 1461 das Versprechen, dass ihnen alle Landessteuern in 
Gestalt eigener Postulate vorgelegt, die vom Landesherrn bestätigten von ihnen ausgeschrieben und 
repartirt werden sollen. 

4 ) Vergl. §. 63. 

f - 21 



162 

Landrechte Tuln, Mautern und Neuburg als Gerichtsorte darin bestimmt waren. 
Um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts wurde dieser Hofteiding schon bleibend 
in der Hofs ch ranne zu Wien gehalten, wobei in der Regel der Hofrichter 
(Judex provineialis) und nur ausnahmsweise ') die Herzoge seihst den Vorsitz führten. 
— Im fünfzehnten Jahrhunderte nahm dieses Gericht nach und nach die Gestalt eines 
von den Herren und der Ritterschaft selbst gehaltenen ständischen Gerichtes an und er- 
hielt den Namen Landrecht, dessen Wirksamkeit sich nicht nur auf den grundbe- 
sitzenden Adel, sondern auch auf den Prälatenstand bezog, so weit dessen Güter (auch 
Lehenschaft und Vogteirechte etc.) zur Sprache kamen. Der Landesherr ernannte den 
Lan din arschall und Unter landmarschal 1 , als Richter der Stände und zwar 
auch im Verhältnisse zu ihren Untertbanen und Dienern, nebst drei Reisitzern vom 
Herren- und drei vom Rilterstande, denen die Landesgewohnheiten wohl bekannt sein 
mussten. Dieses Landrecht wurde viermal des Jahres im Land hause zu Wien ge- 
halten und die Appellation ging von demselben an die Regierung, seit deren Re- 
stande im Jahre 1494. 

Ferdinand I. ergänzte und verbesserte vieles durch die Lan drechtsordnungen 
(vom 12. Jänner 1540 und 20. November 1554, welche 1557 revidirt wurden) und 
entschied insbesondere, dass der Landmarschall und Unterlandmarschall in zweifelhaften 
Fällen wirkliche Stimme haben sollten. Auch die Aufrechthaltung des Land- 
friedens war dem Landmarschall bereits 1518 aufgetragen worden. — Zumlncolate, das 
ist zur wesentlichen Eigenschaft eines österreichischen Landstandes, gehörte der öster- 
reichische Ad el und der landtäflich versicherte Re sitz eines freien, ständi- 
schen Gutes 2 ). Um den Gesammtbesitz der ständischen Körperschaft nicht zu 
schmälern, hatten die Stände im Falle der Erledigung des Gutes durch Aussterben der 
Familie oder Heimfall an den Landeslursten das Vorkaufsrecht. Mit dem adeligen 
Grund und Boden, auf welchem ursprünglich erbliche Verpflichtung zur Landesvertei- 
digung haftete, war eine dreifache Jurisdiction: die landgerichtliche, die dorf- 
obrigkeitliche und grundgerichtliche, verbunden. Die erste (das Landgericht, 
für Bann und Acht) erscheint als vom Landesherrn delegirt, stand nur Einigen über gewisse 
Districte, zum Theil aber auch landesfürstlichen Städten aus besonderer landesherr- 
lichen Verleihung zu. Sie erstreckte sich über Verbrechen und grössere Vergehen; zur 
Ausübung dieses Rechtes brauchten die Gerichtsherren meist einen Hofrichter, welchem 
aber vom Landesfürsten das Becht zu Bann und Acht insbesondere verliehen sein musste. 
Die D or fob rigke i t beruhte mehr auf den persönlichen Verhältnissen der Schutzherr- 
lichkeit und scheint aus den Hofrechten geistlicher und weltlicher Herren hervorgegan- 
gen; während die dritte, die Grundobrigkeit, aus dem Grundeigenthume (nach 
den alten germanischen RechtsbegrifFen) hervorging, und vorzüglich alle Gemeinde- 
Angelegenheiten umfasste, die polizeiliche Aufsicht jedoch nur dann, wenn den Hörigen 



') So ward 138i der Teiding gehalten „in Gegenwart Herzog Alhrechls und anderer ehrbarer Herrn, Ritter 
und Knecht vil und genug;" dessgleiehen 1390 vor den beiden Herzogen Wilhelm und Albrccbt. 

2 ) Schon das alte österreichische Landrecht (des dreizehnten Jahrhunderts) sagt: „Niemand soll eines Eigens 
Erbe sein, noch auch es kaufen, er sei dann des Eigens Hausgenosse." 



163 

das erbliche Nutzeigonthum eingeräumt worden war. Die Grundobrigkeit begriff also 
vorzüglieb das auf Grund und Boden haftende dingliche Recht „der Gewähr." 

Die Städte waren theils als grössere Landesveaten durch Verstärkung des 
Gränzwehrsystems entstanden, theils als Mittelpuncte der Gewerbe und des Handels, 
welche am liebsten unter schützende Mauern zogen '). Wien, wo schon 1360 der 
grundbüeherüche Besitz eingeführt wurde, bildete sich auf der früher angedeuteten 
Grundlage in seiner städtischen Verfassung und Verwaltung wesentlich fort, bis Kaiser 
Joseph H. eine, erst in neuester Zeit veränderte Reform des Magistrates vornahm 2 ). 

Grund und Boden wurde inOesterreich seit dem vierzehnten Jahrhunderte grössten- 
tbeils von einem persönlich freien Bauernstande bewirtschaftet, welcher allmäiig 
aus dem Stande der Hörigkeit in dem des freien Nutzoigenthümers übergegangen war, 
so dass zur Zeit Kaiser Josephs II. die Leibeigenschaft nur mehr dem Namen nach be- 
stand. Die bäuerlichen Gemeinden hatten, als solche, Eigcnlhum und eine eigene 
Gerichtsbarkeit für kleinere Streitigkeiten, welche der von der Gemeinde erwählte, von 
der Dorfobrigkeit bestätigte Richter mit den Geschworenen ausübte, der auch die nächste 
örtliche polizeiliche Aufsicht zu handhaben hatte 3 ). In dem Tractate de juribus incorpo- 
ralibus für Niederösterreich vom 13. März 1679 wurden vom Landesfürsten Bestim- 
mungen über die Leistungen der Unterthanen erlassen. Die Urbarial-Verhältnisse des 
bäuerlichen Besitzes in Bezue; zur Herrschaft ordnete M. Theresia's Urbar ium 



») Vergl. §. 57 und G3. 

2 ) Seit den Tagen der Babenberger war das Stadt- und Landger ich t der wesentlichste Theil des Rathes, 
das ist der Oberbehürde der Stadt Wien. Sie besass im Umfange der Stadt und ihres Burgfriedens alle 
obrigkeitlichen Rechte, mit Ausnahme des Grundbuchs, sofern die diessfälligen Gewähren von \er- 
schiedenen Grundbesitzern , z. B. den Schlitten, Scbanmbuigern , Starhcmbergern etc. unbestritten geübt 
wurden. Städtische Steuern, Civil- und Criminaljusliz waren Ausflüsse der uralten Burgfriedensherrlicli- 
keit des SUdlralhes, wie dieselben durch die Handfesten Albrecht's 1. (1296), Albrecht des Lahmen (1340), 
Rudolph IV. (1301), Ferdinand I. (1526), Max II. (1564), Leopold I. (1657), dann durch das Burgfriedens- 
Privilegium vom 15. Juli 1 6**8 bestätigt wurden. Ferdinand I. hob (durch ein landesfürstliches Mandat 
vom 4- October 1522) die früher bestandene Corporation des Wiener Burgerausschusses der „Genannten" 
auf, und verordnete, dass 101) hehausle Bürger die städtische Begierung führen sollen, so zwar, dass 12 
davon (einschliesslich des Bürgermeisters) den S t a dt r ath, 12 das S lad tgerieb t , und die übrigen 76 
den äusseren Rath bilden sollen. — Von Kaiser J o s e p h II. wurde (durch Organisirungspatent vom 
16. August 1783) das S I a d Ige rieh t dem Magist ra te formlich einverleibt und dasselbe (am 

I. November) als allgemeiner Gerichtsstand der Nichtadeligen, übrigens wie bisher als 
Municipalbchörde unler der Benennung: „Mag istrat der k. k. II au pt-undRcsidenzstadt Wien" 
beigestellt und in drei S en a t e: jenen in publico-polilico-oecnnomieis, jenen in bürgerlichen Rechts- 
sachen und jenen in Criminalangelogenheilen, abgetheilt. Die Gerichtsbarkeit in Streitsachen ward bedeu- 
tend crlcie liiert durch die 1792 eilige führten ma g i s tra tis c h e n Gerich tsver w alt un gen auf den 
Vorstadtgründen. Uiber die s lad tischen Verwaltiingsangelegenheilen s. II o r m ay r's Gesch. Wien's, 

II. C, 77— 91; III. A, 167 — 176, 193, B, 5— 13, 64-83, 157-168, IV. A, 101 — 108, C, 218— 227, V. A, 61-68; 
über die Josephinische Beform insbesondere V. B. 60—70. Vergl. auch J. E. Schlage r's Wiener Skizzen 
IV., 1—32, 167—206, V., 5— 42, 297 und dessen: Allerthümliehe Uehcrlieferungen von Wien p. 136 u.s. f. 

s ) Nähere Angaben über die in diesem §. gemachten Andeulungen findet man in F. F. S c li r ö 1 1 e r's Ab- 
handlungen aus dem eslerreicUisehen Staatsrechte, I. B., Wien 1762; in A. W. Gustermann's Versuch 
eines vollständigen oslerreiehisehen Staatsrechtes, Wien 1793, dann in den Werken von Franz Kurz und 
Fürs! Li chno wsk y (hinsichtlich der die innern Slaalsverhältnisse Oeslerreich's berührenden Parlhien); 
J. Chmel's K. Friedrich IV.; Buchhultz: Ferdinand*» I. (insbesondere der VIII. Band, Wien 1838); 
endih in dem Werke: Historische Aclenslücke über das Sländewesen in Oesterreich, Leipzig 1847, und 
in Fisch er's: Geschichte des Despotismus in Deutschland, Halle 1780, Anhang. 

21* 



164 

sammt dem neuen Steuerfusse auf Grundlage der katastralmässig vorgenommenen Ver- 
messung und Verzeichnung der Grundstücke. 

§• 79. 

Fortsetzung. 

(Verwaltung.) 

Die einheitliche Verwaltung der österreichischen Länder war in 

früheren Jahrhunderten um so schwieriger zu erzielen, als einerseits die Länder-Thei- 

lungcn unter verschiedene Linien des habshurgischen Hauses dieselbe erschwerten, und 

andererseits die österreichischen Regenten das alte Herkommen und die Gebräuche der 

einzelnen Länder zu berücksichtigen hatten. Sobald jedoch diese Länder in Einer Hand 

vereinigt waren , gaben sich auch schon Schritte kund , zur Einheit zu gelangen , wie 

diess namentlich die Verwaltungsreformen des Kaisers Maximilian I. bezeugen. 

Schon im Jahre 1494 setzte er in Wien das Regiment (Regierung) H) ein, 
welchem er vorzüglich die politischen , bald auch die Justiz-Geschäfte zuwies. Dieses 
Regiment vertrat die Stelle des Monarchen, während dessen Abwesenheit; daher 
er sich vorbehielt, dasselbe bei sich zu halten und es auch in ein anderes Land zu 

bescheiden *)• 

Anfangs bestand für die Justizgeschäfte unter Maximilian ein eigenes Hofge- 
richt zu Neustadt, welches aber später mit dem Regimente in Wien ver- 
einigt wurde. In Wien errichtete dieser Kaiser auch die Hofkammer, welche mit 
der Regierung gleichen Rang hatte. Sie bestand aus einer bestimmten Zahl theils ade- 
liger, theils rechnungskundiger Mitglieder; der Schatzmeister und General- 
Einnehmer, dann der Kammerpräsident und S ecr et är leiteten und führten 
die Geschäfte. Der Kammer war der Vice dorn beigegeben, eigentlich der Verwalter 
des ursprünglichen Dominicalvermögens. Die Controlle führte schon zu Kaiser Max I. 
Zeit die Buchhalterei mit einem Oberst-Buchhalter an der Spitze, und die Rechte 
des Landesfürsten gegen Klagen der Unterthanen hatte der Kammerprocurator 
(Advocatus fisci) zu vertreten. Von der Hofkammer abgesondert war die kaiser- 

<) Das Regiment bestand aus einem ob er s ten Hau ptmann (später Statthalter genannt) und mehreren 
Regenten (Ruthen) aus dem Herren- und Ritterstande und Doctoren. Nach der Erläuterung- von 1501 
sollten „für di ese s Re gim ent undRecht, als das oberste in den fünf Land en , alle Rechtfer- 
tigungen und Beschwerungen, so sich vor allen andern Gerichten in den Landen begeben, gelangen, ge- 
appellirt und da förderlich und endlich ausgetragen werden. Selbes solle auch Gewalt und Befehl haben, 
alle andern Obliegen, Beschwerungen und Anfechtungen, es seien Kriegs- oder andere Sachen, dazu sonst 
alle Händel, Handhabung, Schutz und Schirm der Lande und Leute berührend, zu handeln und auszu- 
richten; doch mit dem Unterschied, dass die kaiserliche Majestät Allzeit in solchen Regiments Wesen 
fürneme'n und Handel als Herr und Landesfiirst sehen und wo Noth war, waigern, mindern und meren 
möge;" und im In n s b ruc k er L i bei 1 (1518) heisst es: „und soll nämlich unser Regiment in Oestreich 
jetz°o mit den Personen, so darin abgeen, erstattet werden, vollkommen Gewalt, in der Justitia, Regie- 
rungundallenSaehen haben, inhalt ihr Ordnung und unsers Libells hievor den Landen zu Augspurg 
gefertigt etc." Mit diesem Libell verordnete Max I. auf ein Jahr versuchsweise die Uebertragung des Re- 
gimentes nach Brück an derMur. In den ersten Jahren Ferdinande befand es sich zu Wr. Neu s ladt , 
später wieder in W i e n. - Auch bestanden ähnliche R e g i m e n t e r z u I n n s b r u c k für Oberösterreich 
(Tirol) und zu Enfisheim für die Vorlande. 
*) Daher lautet das Maximilianische Libell: „Wenn der Kaiser persönlich in den Eiblanden wäre, wolle er 
alzeit Macht haben, das Regiment und Recht bei seiner Person zu halten, es in dem Lande wo es sich 
befindet, bleiben zu lassen oder in ein anderes zu bescheiden." 



165 

liehe Hauskammer, welcher der Pfennigmeister vorstand, für alle Hofausgaben. — 
Ueber alle Ausgaben und Einnahmen musste an die allgemeine Raitkammer in Inns- 
bruck Rechnung eingeschickt werden. — Der Kriegsrat h, dessen erster Chef der 
Feldmarschall war, leitete die Verwaltung der Wehr- und Kriegsangelegenheiten '). — 
An die Spitze aller dieser Verwaltungsbehörden setzte Kaiser Maximilian den Hofrath 
ein, welcher die Bestimmung hat, den Landesherrn bei seiner Abwesenheit unmittelbar 
zu vertreten, alle Beschwerden und Appellationen von dem Regiment, der Hofkammer 
und dem Kriegsrathe etc. zu übernehmen, so dass diesem Hofrath selbst in Gnaden- 
sachen und landesherrlichen Verleihungen der Beschluss zustehen, dieser aber dem 
Kaiser unmittelbar zur Bestätigung zugeschickt werden sollte' 3 ). 

Dieser Hofrath erhielt i. J. 1517 eine grossere Ausdehnung und festere Bestimmung, 
indem der Kaiser verordnete, dass aus jedem österreichischen Erblande Eine oder zwei 
Personen gebraucht werden sollen 3 ); im folgenden Jahre wurde aber noch genauer 
bestimmt, dass der Hofrath aus einem Kanzler und achtzehn Räthen bestehen sollte 4 ), 
worunter fünf Doctoren der Rechte, die übrigen aus dem Herren- und Ritterstande. Da 
jedoch diese Einrichtung nicht zu Stande gekommen war, so wurde bei der gemein- 
samen Besitzergreifung für den jungen Kaiser Karl und seinen Bruder Ferdinand den 
Landschaften eröffnet, dass ein Hofrath errichtet werden, zu Linz residiren, und aus jedem 
der fünf Herzogthümer ein Rath nach dem Vorschlage der Stände dazu ernannt werden 
solle, sechs andere Personen wolle der Kaiser selbst aus andern Ländern dazu ernennen. 
Im Jahre 1521 wurde, mit Berücksichtigung der Einsprache Niederösterreich's, 
dass es das Haupt der Lande sei, d er Hofr ath in Wien eingesetzt. — Ueberdiess 
bestand unter Ferdinand an der Spitze des Hofstaates der Obersthofmeister 
(damals Freiherr von Fels, f 1545); auch wird der Oberststallmeister (Don Pietro 
Lasso) erwähnt; an der Spitze der Staatsgeschäfte für diplomatische und auswärtige An- 
gelegenheiten stand ein Slaatskanzler (damals Bernard von Clees, Bischof von 
Trient); zum geheimen Staats rath wurde der oberste Schatzmeister (anfänglich 
Ortenburg von Salamanca, später Freiherr von Hofmann), dann der Feldmarschall und 
andere einzelne betraute Räthe beigezogen 5 ). 

Als nach den vorübergehenden Theilungen die Regierung der österreichischen 
Erbländer wieder unter Ferdinand II. vereinigt worden war, waren folgende höchste 
Behörden: Der geheime Rath des Kaisers, welchem dieser selbst beiwohnte und worin 



') Buchholtz: Geschichte Kaiser Ferdinands I., B. VI, 496 und VIII, 17— 2G. Ueber die ältere Militär-Ver- 
fassung siehe Kur z : österreichische Militär-Verfassung in älteren Zeilen 1825. Müll er : Die k. k. öster- 
reichische Armee seit Errichtung der stehenden Kriegsheere bis auf die neueste Zeit, 8 Bde. Prag 1845. 
Feil , in den Quellen und Forschungen zur vaterländischen Geschichte, Literatur und Kunst. Wien 1849, 
p. 389 — 398. Dr. H.Meynert: Geschichte der k. k. österreichischen Armee. Wien 1852. 

3 ) Kaiser Maximilian 's Verordnung, Nürnberg 1501, Mittwoch nach Quasimodogenili. 

3 ) Mit Ausschreiben vom 9. September 1517 bestimmte Max I. in näherer Beziehung auf die Regierung seines 
Enkels Ferdinand, dass er .mit Rath und Hilfe unserer Länder der Meinung sei, an seinem Hofe eine "ule 
beständige Ordnung aller Offitien und Aemter und sonderlich eines stäten Hofraths, darin wir auch aus 
jeglichem unserm Land ein oder zwo Person gebrauchen wollen, aufzurichten." 

4 ) Innsbrucker Libell vom 24. Mai 1518. 

5 ) Buchholtz: Ferdinand I. VIII. £., S. 17 etc. 



166 

Fürst Eggonberg 1 ) die Stolle des Dircctors führte. Die Mitglieder desselben waren geheime 
Räthe ; die wichtigsten innern und äussern Staatsangelegenheiten wurden darin bera- 
then. Der kaiserliche Hofrath stand vorzüglich den Reichsangclegenheiten vor, leitete 
aber auch die deutsch-erbländischen Provinzen, und seine Mitglieder waren theils Adelige, 
theils Doctoren. Für die erhländischen Provinzen waren der Ho f kriegsrath in mi- 
litärischen und die Hofkammer für die ökonomischen Angelegenheiten die obersten 
Behörden. Ueherdiess bestand noch ein von Kaiser Maximilian II. eingesetzter Kirchen- 
rat 1) für die Religionsangelegenheiten und (vorübergehend) ein von Ferdinand II. 1635 
eingesetzter Gewissensrath, dessen Zweck dahin ging, bei den mit dem Chur forsten 
von Sachsen damals zu Prag stattgehabten Unterhandlungen wegen der Kirchengüter im 
deutschen Reiche des Kaisers Gewissen zu beruhigen 2 ). Die ungrische Hofkanzlei 
stand unter dem Vorsitze des Palatin für die ungriseh-kroatisch-slavonisehen Ange- 
legenheiten; die böhmische Hofkanzlei für die Angelegenheiten Böhmens, Mährcn's 
und Schlesiens hatte ihren Sitz zu Prag 3 ). Durch hundert Jahre bis auf Karl VI. 
verblieb im Wesentlichen noch der frühere Verwaltungsorganismus, doch bestand ausser 
dem Reichshofrathe noch die Hofkanzlei für die deutschen Erhländer, dann die 
si cbenbürgische für das von Leopold wiedererworbene Siebenbürgen; ferner 
für die österreichischen Erbländer die niederösterreichische Regierung (Regiment), 
zugleich Justiztribunal, das Hofmarschallamt, dann die obersten R a t h s b e- 
h örden und Tribunale für die spanischen, italienischen und niederländischen An- 
gelegenheiten 4 ). 

Nachdem durch die pragmatische Sanction Karl's VI. (6. December 1724) 
die Nachfolge im Hause Habsburg-Lothringen nach der Primogenitur und die Un- 
theilbarkeit der Monarchie ausgesprochen worden war, gewann auch die Ver- 
waltung unter Maria Theresia eine grössere Einheit, die äusseren und inneren 
Staatsangelegenheiten wurden vollends getrennt. Die Staatskanzlei 5 ) mit dem Staats- 
archive 6 ) wurde 1749 — 52 organisirt, die politische und Jusliz-Geschäftspflege geregelt. 



') Man pflegte damals zu sagen, dass der Kaiser drei mächtige Berge: das ist Eggenberg, Werdenberg und 
Quästenberg, dann drei werthvolle Steine: Dietrichstein, Wallenslein und Liechtenstein in seinen Reichen 
habe. 

2 ) Dieser Rath bestand aus zwei Cardinälen, zwei Bischöfen, zwei Prälaten, zwei Canonicis und zwei Mit- 
gliedern der einzelnen Gesellschaften und geistlichen Orden. 

3 ) Ausführlich über diese Administrationsstellen handelt der: Status particularis Regiminis S. C. Maj. Fer- 
dinandi II. 1037. 

*) Jani Peron tini jurisconsulli: DeConsiliis acDicastcriis quae in urbe Vindobona habentur, über singularis 
Halae Magileburgicae 1732. Während des spanischen Erbfolgekrieges bestand eine spanische Junta oder 
der spanische Rath, welcher nach dem Verluste Spanien's im Frieden von Utrecht 171^ die Verwallung 
von Neapel, Sicilien und der Lomb.irdie übernahm; die Mitglieder dieses Ralhes waren bloss Spanier und 
Italiener. Der höchste Ralh der österreichischen Niederlande bestand theils aus Spaniern, theils aus Nie- 
derländern. Die Angelegenheiten wurden häulig daselbst auch in spanischer Sprache geführt. Bei der 
böhmischen Hofl<an/.lei wurden die Verhandlungen theils in böhmischer, Iheils in deutscher Sprache ver- 
handelt. Bei der ungrischen und siebenbürgischen Hofkanzlei war die Lateinische die Geschältssprache. 
Die Mitglieder derselben waren Eingeborne. — Mailath's Gesch. Oesterr. IV, 527 etc. 

5 ) Der Staatskanzlei waren auch die niederländischen und lombardischen Angelegenheilen zugewiesen. 
Das niederländisch-italienische Hofkanzlei-Gebände wurde 17G5, das der Staatskanzlei 1767 vollendet. 

') Hofrath Rosen thal (f 1779) hatte die Einrichtung des Archives als geheimer Haus-, Hof- und Staats- 
archivar auf sich, dasselbe wurde (1753) in der k. k. Reichskanzlei bei der Hofburg untergebracht. Seine 



167 

die Ilofkanzlci für die politischen Angelegenheiten 1 ) errichtet, und überhaupt die 
Zweige der Justiz und politischen Fächer gesondert. Unter der Ilofkanzlci stand die nie- 
der ö ster reich i sehe Regierung 2 ), welcher in Bezug auf das Land unter der Enns, 
die (1752) errichteten Kreisämter untergeordnet wurden. Im Jahre 1760 wurde der 
Staatsrath (unter dem Vorsitze des Staats-Oberhauptes) für die oberste Leitung der 
inlandischen Geschäfte aller Erbländer eingesetzt und (1773) darin collegialische Bera- 
thung eingeführt. 

Der Staatskanzler Fürst Anton Wenzel Kaunitz, der Leibarzt der Kaiserin 
Gerhard van Swicten, der Erzbischof von Wien Graf von Migazzi, der Prälat 
Rau tc nstraueb, der Staatsrath Freiherr von Kresel, die Hofräthe Martini und 
Sonnenfels, Freiherr von Bartenstein und andere höhere Staatsbeamte waren 
die Hauptstützen dieser Neuerungen, welche um so rascher vor sich gingen, als 
die Kaiserin nach dem Tode ihres Gemahles, Kaisers Franz I. (1765), ihren Sohn 
Joseph 1F. zum Mitregenten annahm. Vorzüglich betrafen dieselben die Gesetzgebung, 
welcher der humtine Geist dieses Kaisers seine Hauptsorgfalt zuwendete. 

§. 80. 
Fortsetzung. 
(G e s e t z g e b u n g.) 
Die auf germanischer Grundlage beruhende G es et zgebung 3 ) wurde in Oester- 
reich unter der Enns wie in allen deutschen Erbländern durch das in Land- und Stadt- 
rechten ausgesprochene Herkommen in manchen Puncten allmälig abgeändert. Die 
Geldstrafen der altern Gesetzgebung in Criminalfällen wichen seit dem dreizehnten 
Jahrhunderte nacb und nach den körperlieben und Kerkerstrafen. An die Stelle der 
Zweikämpfe und.Ordalien trat der Zeugenbeweis, die Vebmgerichte aber erstreckten 
ihren Einfluss nie bis in das Land unter der Enns *). Im sechzehnten Jahrhunderte fand 
Karls V. peinliche oder Halsgericbtsor dnung vom Jahre 1532, welche von 
Jobann Freiherrn von Schwarzenberg nacb dem Muster der bambergischen Halsge- 
richtsordnung bearbeitet worden war, auch in Oester reich Eingang & ). Dazu kamen 
noch die besondern Verordnungen Ferdinand's I. wider die Ketzer (20. August 1527, 
24. Juli 1528 etc.), sammt dessen strenger Polizeiordn ung vom Jahre 1552, refor- 
mirt von Max II. 1560, und die Verordnungen von 1597, 1631, 1634, 1644, 1659, 



Nachfolger waren die Hofräthe: Mich. Ign. Schmidt (f 1794), Karl Frh. v. Deiscr(f 1802), Jos. Frh. 
v. Hormayr (181)8 — 1828), Kne c htl (bis 1838), Frh. v. Rei nhart (f 1843), Clemens Frh. v. Hügel 
(t 1849), Ritler v. Erb. 
') Da sie zunächst für die böhmisch-deutschen Länder bestimmt war, führte sie den Namen der b öh m isch- 
deutsch e n Hof kanzlei. M.iria Theresia baute für sie einen Palast in der Wipplingerslrasse (Mini- 
sterium lies Innern) ; für die u ngr is chen Geschäfte bestand die ungr i s ehe H o f kanzlei. 

2 ) Siehe den Eingang dieses g. 

3 ) Vergl. S. 03 und 7A. 

*) Wenigslens ist kein urkundlicher Beweis vorhanden. S.S. Chr. Gräff's: Versuch einer Geschichte der 
Criminalg sclzgebung elc. Gratz, 1817, S. 43; Leber: Rückblicke in deutsche Vorzeit, I.D., Wien 1844, 
p 285-287. 

5 ) G r ä f f : a. a. 0., S. 43 — 55; Böhmer: Elementa jurisprud. criniinalis, Halle 1774, Anhang. Codex Austr. II, 
147 — Hiü. 



168 

1671 u. s. w.. und Ferdinand's III. Criminalco dex : „Neue peinliche Land- 
gerichtsordnung- in Oesterreich unter der Ennsa" vom Jahre 1656. Einzelne Gegen- 
stände betrafen die Verordnungen Karl's VI., z. B. jene vom 7. Jänner 1716, womit 
die Galeerenstrafe wider die Urfehdebrecher bestimmt, und mit einem andern vom 
28. November dieses Jahres die Brandmarkung ') der Galeerensträflinge anbefohlen 
wurde, ferner jene vom 8. Juni 1718, womit die Ausstellung auf der Schandbühne mit 
der Landesverweisung verbunden wurde. 1723 wurde die Einrichtung des Zuchthauses 
in Wien und 1726 die der Arbeitshäuser angeordnet. 

Maria Theresia ernannte eine eigene Hofcommission zur Ausarbeitung einer 
peinlich enGerichtsordnung (Constitutio criminalis Theresiana), welche mit Patent 
vom letzten December 1768 kundgemacht wurde 2 ). Auch Hess Maria Theresia 1753 
ein für alle deutsche Erblande anwendbares bürgerliches Gesetzbuch verfassen, dessen 
erster Theil jedoch erst 1787 in Wirksamkeit trat 3 ). 

Kaiser Joseph II. erliess (1781) ein Unter th ans- und Strafpatent , dessen 
Zweck dahin ging, die Lasten des Landmannes gegen seine Herrschaft zu erleichtern 
und seinen Bechtszustand festzustellen. Derselbe Kaiser bestellte eine Hofcommission 
zur Verfassung eines neuen Criminalgesetzes, wobei die von mehreren Schriftstellern 
damaliger Zeit in Vorschlag gebrachten Verbesserungen berücksichtigt, und über den 
von Hofrath von Kess verfassten Entwurf die Bemerkungen der Criminal-Obergerichte 
und des obersten Gerichtshofes eingeholt wurden. Sonach erschien am 13. Jänner 1787 : 
Jos eph's II. allgemeines Gesetz über Verbrechen und d er selben Bes tra- 
fun«- und am 17. Juni 1788 die allgemeine Criminal-Gerichtsordnung. Die 
Todesstrafe erscheint (mit Ausnahme des Standrechtes) darin abgeschafft, sowie sich das 
Gesetz überhaupt durch Klarheit und Bündigkeit vortheilhaft vor den älteren derlei Gesetz- 
gebungen auszeichnet. Auch die Civilgesetzgebung wurde unter diesem Kaiser verbessert. 

Neue Fortschritte machte die Gesetzgebung unter Kaiser Franz I. — Mitten 
unter den Stürmen der französischen Bevolutionskriege verwirklichte er seinen Wahl- 
spruch: „Justilia regnorum fundamentum." Am 1. Jänner 1804 trat das Gesetzbuch 
über Verbrechen und schwere Polizeiübertretungen 4 ) in Wirksamkeit und 



4 ) Ueber Brandmarkung und andere Criminalstrafen, siehe Schlager a. a. 0. IV. 8 elc. 

s) Die Hexenprozesse, welche noch in derCriminalgeselzgebung des siebzehnten und der ersten Hälfte 
des achtzehnten Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielten, hörten zur Zeit Maria Theresias auf, indem 
sie gleich heim Regierungsantritte verfügte: „dass zur Verhütung alles ferneren Unfuges sämmtliche 
Hex'enprozesse in den Erblandern vor Kundmachung des Urlheils zur höchsten Einsicht undEntschliessung 
sollen vorgelegt werden." Seit der Zeit gingen zwar die Untersuchungen fort, es wurde jedoch nach der 
Angabe der Tbercs. peinl. Gerichls-Ordnung S. 1G9, §. 7 keine einzige Person wegen Hexerei mehr hin- 
gerichtet. In Deutschland hatte die letzte Hinrichtung wegen Hexerei zu Würzburg 1749 stall. (Gräff 
a. a. 0., S. 149—2260 Ueber die in Oesterreich vorgekommenen Hexenprozesse vergl. Seh lager a. a. 0. 

IV, 35— 114. 
3) Hofrath Zenker trug 1760—67 einen umfangreichen Civilcodex zusammen, woraus Regicrungsrath 

Horten einen Auszug machte. (Hormayr's: Wien V, a, 136.) 
*) Schon Kaiser Leopold II., der bereits in Toscana den Beinamen des weisen Gesetzgebers erworben, 
hatte den Entwurf eines neuen Strafgesetzes angeordnet, und eine Hofcommission eingesetzt, deren Arbeit 
mit Patent vom 17. Juni 1796 für Westgalizien kundgemacht wurde, wo selbes mit 1. Jänner 1797 zu 
wirken anfing. Mit Benützung der dort gesammelten Erfahrungen arbeitete die Geselzgebungs-Hofcom- 



169 



am 1. Jänner 1812 das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch 1 ), dessen Grund- 
lagen das Naturrecht, das römische Recht , und einheimische historische Institutionen 
bildeten , während das römische Recht sofort nur mehr im Lehenrechte eine subsidia- 
rische Anwendung fand. 

Auch verdient in ethnographischer Hinsicht bemerkt zu werden, dass Kaiser 
Joseph (1783) die deutsche Sprache nicht nur zur Sprache des Vortrages an allen 
höheren Unterrichtsanstalten vorschrieb , sondern zur Erzielung einer einheitlichen 
Staatsverwaltung selbe auch als Geschäftssprache für die Provinzen einzuführen, über- 
haupt aber die Provincial- mit der Gesammtverfassung in Einklang zu bringen suchte. 

Alle diese, grösstenteils für die ganze Monarchie berechneten Neuerungen, na- 
mentlich aber die Reformen in Religions- und Verfassungsangelegenheiten , in Gegen- 
ständen der Criminal- und Civilgesetzgebung verfehlten nicht, im Stammlande Oester- 
reichauch dem herrschenden Zeitgeiste Bahn zu brechen, um so mehr, als die Schwin- 
gungen der französischen Revolution ganz Westeuropa erschütterten. Eine freiere Ent- 
wicklung der Wissenschaft und geistigen Thätigkeit begann; aber leider standen die 
josephinischen Reformen in zu grellein Gegensatze mit der Entwicklungsstufe des öster- 
reichischen Volkes, um bei dem Drängen des Kaisers auf rasche Durchführung tiefere 
Wurzel fassen zu können. Daher hatte die Bildung vielfach nur das Ansehen einer kurz- 
dauernden Treibhauspflanze, zumal da die nachmaligen unheilvollen Kriegsjahre die Thä- 
tio-keit der Regierung Kaiser Franz I. durch ein Vierteljahrhundert in Anspruch nahmen. 

§• 81. 
Andeutungen über Kleidertracht und Moden als Ausdruck des vorherr- 
schenden nationalen Zeitgeschmackes. 

Aus dem im Titel angedeuteten Standpuncte folgen hier einige Bemerkungen, 
um in Hauptumrissen den Wechsel der Moden in Oesterreich darzustellen 2 ). So 



mission unter dem Vortrage des Ilofrathes Franz Eitlen von Zeiller den 1. Theil des Gesetzbuches über 
Verbrechen aus, worauf Hofrath Edler von Sonnenfels auch die Bearbeitung des zweiten Theiles über 
schwere Polizeiübertretungen zu Stande brachte. — Die Todesstrafe wurde zwar auch ausser dem Stand- 
rechte für einige schwere Verbrechen eingeführt, allein nur nach vorausgegangenem Gestiindniss und die 
Unterscheidung von Verbrechen, schweren Polizeiübertretungen und Vergehen zeigte bereits von grossem 
Fortschritt der Strafgesetzgebung durch Berücksichtigung der Abstufung der moralischen Strafbarkeit. 

*) Im Jahre 1802 begann die Wirksamkeit der Geselzgebungs-Hofcominission; die Bemerkungen der Hoch- 
schulen und Ländercommissionen wurden eingeholt; Hofrath Z e i 1 1 er führte das Referat und übernahm 
die Hauptbearbeitung, sowie er einen vortrefflichen Commentar dazu erscheinen Hess. — Der Entwurf 
einer allgemeinen Lehensordnung war bereits 1805 vom Hofrath von Fei seh vollendet, jener eines eigenen 
Handels- und Wechselrechtes aber von dem Wechselrathe Zimmerl bearbeitet. 

2 ) Ueber Kleidertrachten enthalten ausser Hefner's bekanntein „Trachtenbuche" insbesondere brauchbares 
Materiale oder besondere Abhandlungen: Heineccius: De Veteribus Germanorum aliarumque nationum 
Sigillis syntagma historicum. Frcft. 171!); — v. Sava: Bemerkungen über Waffen, Rüstung und Kleidung im 
Mittelalter. Mit Rücksicht auf die österreichischen Fürstensiegel. (In den Quellen und Forschungen etc. 
Wien 1849, p. 313—350);— Engelhardt: Herrad von Landsperg. Stuttgart 1818, p. 76—103;— Kurz: 
Albrecht IV. II, 37— 56; — Teutsche Denkmäler, herausg. von Batt, Babo, Eitenbenz, Mone und 
Weber (1. Lief. Bilder zum sächsischen Land- und Lehenrecht). Heidelberg 1820, Fol. XXI s. f. — 
Raumer's Hohenstauffen, 2. Aufl. VI, 715—726; — Bergen stamm: Ueber Kleidung der akadem. Bürger 
an der Wiener Hochschule, in Schinidl's: Oesterr. Blättern für Lileratur und Kunst, 1844, p. 363; — 
Schlager: Wiener Skizzen V, 293— 344; — Wo lfskron's: Hedwigslegende. Wien 1846, Fol. 87— 102 ; 
— Weinhold: Deutsche Frauen in dem Mittelalter, Wien 1851, p. 404—469- 

I. 22 



170 

wie die Sprache der Römer noch über ihre Herrschaft hinaus sich im Mittelalter 
zu behaupten wusste, als Sprache der Kirche , der Gelehrten und höhern Stände über- 
haupt, so hatte auch die r ö m i s c h e K 1 e i d u n g s a r t zum Theile noch hinübergedauert, 
besonders bei den römisch-deutschen Kaisern und andern europäischen Kegenten, 
zumal da die ersteren sich als Nachfolger der römischen Imperatoren betrachteten. 
Auch in den geistlichen Trachten ist manche römische, byzantinische, auch orientalische 
(namentlich hebräische) Reminiscenz nachzuweisen. 

Vom neunten bis dreizehnten Jahrhundert machte sich besonders beim Adel in 
Oesterreich, sowie in ganz Deutschland, die fränkische Kleidu ngsart geltend, 
bestehend aus langem faltenreichen Wamms (eine Art Tunika) , das mit einem Leder- 
riemen zusammengeschnallt war. 

Die vielen Colonisten aber, welche sich in Oesterreich einfanden, hatten beson- 
ders seit dem dreizehnten Jahrhunderte eine Mischung von Kleid ungs arten her- 
vorgebracht, welche die Zeitgenossen tadelten '), und welche im vierzehnten und fünf- 
zehnten Jahrhunderte noch bunter und grotesker geworden zu sein scheint. Nicht nur in 
denFarben der Wappen, sowie im benachbarten Ungern, pflegten sieh Landesfürsten 
und Edelleute zu tragen, sondern sie hingen sich selbst silberne Glöckchen und 
Schellen an (eine wahrscheinlich vom Judenthum herübergekommene Sitte) 3 ), womit 
manchmal auch die Schilde verziert waren. 

Auch die Schnabelschuhe, das Schminken und die Schleppkleider 
waren besonderer Gegenstand der Kritik mittelalterlicher Sittenrichter 3 ). Den Stu- 
denten wurde im Jahre 1384 von Herzog Albrecht III. untersagt, kurze oder bunt- 
färbige Kleider, oder solche und Kaputzen mit Einschnitten, sowie auch Halsketten nach 
Weise der Ritter, oder Waffen ohne Erlaubniss des Rectors undDecans zu tragen *). Die 
bürgerliche Kleidung in Wien 5 ) hatte durch einen freien Faltenwurf, durch 
die beiden Geschlechtern gemeinsame Lebhaftigkeit der Kleiderfarbe 6 ) vorder 
gegenwärtigen Tracht Manches an malerischem Ausdruck wie an Bequemlichkeit voraus. 
Bloss der Gürtel hielt die Kleider bei beiden Geschlechtern an dem Körper fest; „Heft- 



») Siehe oben Seite 112 — 1 15. 

s ) Das Kleid des hohen Priesters war bekanntermassen mit Schellen behangen, um seine Gegenwart dem 
Volke anzukünden, welche Sitte auch in die christliche Kirche überging und von Regenten und Rittern 
nachgeahmt wurde. Heineccius a. a. 0. Seite 101 und Ducange Gloss. unter dem Worte „Tintinna- 
bulum" (Schelle). 

3 ) Die ersteren tadelt besonders der Wiener Spruchdichter Suchenwirt (vergl. den §. über die Poesie), die 
letzteren Heinrich von Langenstein (ab Hassia f 1397), der gelehrte Wiener Professor in seinem 
Werke: Erkenntniss der Sünden (1483 zu Memmingen gedruckt), im Hauptstück von der Hoffahrt. Auch 
eiferte er nicht nur gegen Schminken, sondern auch gegen das Tragen falscher Haare. 

*) Schlickenrieder: Chronolog. dipl. univers. Vindob. p. 123. 

5 ) Urkundliche Notizen über die Wiener Kleidertracht vom Jahre 1396—1430 in Schlager's Wiener 
Skizzen, V, 302 etc. 

6 ) Als Kleidcrfarben wurden genannt: Roth, braun, grün, lichtblau, dunkelblau (sattblab), passauersat, 
schwarz und gemengt (melirt) oder grau (grab von der newen Farib, die im Jahre 1410 zum erstenmal 
erwähnt wird). Scharlachfarbe war die der Könige und ihrer Hofumgebung. Vergl. Häufler's ungri- 
sche Bilderehronik, dann das Gejaidbuch (Codex der Hofbibl.), worin Max I. mit seiner Jagdgesellschaft 
abgebildet ist ; die Turnierbücher der Ambrasersammlung und die bunte Hofkleidung auf den Bildern in 
Grünbeck's Hisl. Friderici III. (Codex des k. k. Staatsarchives). 



171 

lein und Knäuflein" (kleine Knöpfe) kommen nur als Zierden des Kleides vor, nicht 
um es zu schliessen. 

Auch Pelze (Chursen genannt) kamen bald bei den Bürgern in Gebrauch, sowohl 
Hermelin-, Marder-, litis-, Eichhorn-, Pilich-, Fuchs-, Luchs-, Wolf-Pelze, als auch 
solche von Hasenbälgen, Kalbs-, Wildkatzen-Fellen etc. 

Die vorzüglichsten Kleidergattungen waren das Pfayd (Hemd), sowohl Brust- 
pfayd als Echsel- und Seidelpfayd, das ist Hemd mit und ohne Ermel, Ue- 
berstosspfayd, Nyderpfayd und das waelische Phayd und Padphayd. Die Schaube, 
ein bei beiden Geschlechtern gebräuchliches langes und weites Kleid, meist mit Mar- 
derfellen verbrämt ') ; die Joppe (Wamms) 2 ); der Rock 3 ) (Leib), bei Männern 
bis an die Waden, beim weiblichen Geschlechte bis zur Erde reichend; die Tabarde 
(auch Tapp er te) ein rund geschnittener langer Ueberwurf, von dem hinten ein langer 
Streif zur Erde fiel, für edle und unedle Männer und Weiber; die Kappe, verschieden 
von dem, heutzutage mit diesem Worte verbundenen Begriffe, war ein weites, den 
Körper vom Kopfe zu den Füssen nieder umhüllendes Uebergewand mit Ermein und 
einem kapuzenartigen Ansätze, besonders für Reisen geeignet, von Männern und Frauen 
getragen*); die Hose 5 ), theils bis zum Knie reichend, theils nach altdeutscher 
Sitte lang, nach der Form des Beines und des Waden geschnitten , über die Knö- 
chel in den Schuh reichend. Stiefel wurden bloss von Reitern getragen; das 
Suckl 6 ) (Sukenik), ein bloss weibliches Kleidungsstück, eine Art langer Kragen, 
der Seydl 7 ) dagegen eine der allgemeinsten Trachten für beide Geschlechter, für jung 
und alt, Geistliche und Weltliche. Ebenso war der Mantel 8 ) das tägliche Kleidungs- 
stück für beide Geschlechter und wurde von Frauen sogar im Sommer getragen. — Zur 
Kopfbedeckung des weiblichen Geschlechtes gehörte der Schleier 9 ) (Sloyer), als 
ziemlich allgemeine Verhüllung auf der Strasse auch bei der dienenden Classe, dann 
dessen Abart , das D r u m , wegen seiner Kürze, da es nur bis zum Nacken reichte, so 
benannt; ferner für das weibliche Geschlecht der Sturz 10 ), je weiter hinauf in die 
Vorzeit, desto flacher, später durch Draht gehoben. — Den Männern und verheirateten 



1 ) Frisch: Teutsch-Lateinisches Wörterbuch II, 165; Wolfskron a. a. 0. 88, 89. 

s ) Joppe, Jacke, Ueberkleid mit Ermeln, den Rumpf bedeckend, für beide Geschlechter im Gebrauche. 
(Schmeller: Bayerisches Wörterbuch II, 270.) Man unterschied die Hausjoppe, die reich ausgestattete 
Joppe, die Schiessjoppe (für die Schiessstatt). Die Joppner waren ein eigener bürgerlicher Zweig (Zeche), 
welcher in Wien 1433 eine eigene Satzung erhielt. 

s ) Man unterschied den Waffenrock, den Sommer-, Reit- und Schlepprock, dann den Rock mit Pelz unter- 
zogen und jenen mit langen Ermeln. Röckel hiess der Unterrock des weiblichen Geschlechtes. 

») Weinhold a. a. 0. 448, 449. 

5 ) Als Gattung derselben finden wir auch die Pathose (Badhose.) 

') Das Suckl (Pez Ss. III, Glossar, v. „Chursit" und „Suconey" vestis monialis) ein weibliches Oberkleid 
(Frisch a. a. 0. 356 a, 357 c; Weinhold a. a. 0. 447), scheint eine slavische Kleidungsart zu sein. 
Vergl. Puff: Die Slovenen in Steiermark. 

') Unter den Seydlarten kommt auch der waelische Seydl vor. 

8 ) Man unterschied den Raths-, Bad-, Glocken-, zweifachen (Kragen-) und Reis-Mantel, dann den Seydlmantel 
(ohne Ermel). Wie die Joppner, so bildeten auch die Mäntler eine eigene Innung. 

9 ) Unter den Gattungen Schleier findet sich der beheimische Sloyer, der Sturz-Sloyer, der drumer Sloyer, 
Sloyer genannt der Glatawer (Klattauer) : unter den Drumgattungen das beheimische Drum. 

,0 ) Der Sturz verwandelte sich später in die sogenannte reiche Haube. 

22* 



172 

Frauen gemeinschaftliche Kopfbedeckungen waren die Haube *), die Gugl 2 ) und 
der Hut 3 ). Der Gürtel gehörte zum täglichen Gebrauche beider Geschlechter; man 
findet ihn bei Männern und Frauen mit Silber beschlagen, bei ersteren zugleich Geld- 
börse und Tasche 4 ), bei Frauen verziert mit Gold, Silberborden und Perlen. An ihm 
hing der korallene Paternoster, welchen Männer und Frauen trugen, die Tasche (Beutel), 
Messer, Schlüssel, Spindel, Scheere u. s. w. Schellen kommen bei den bürgerlichen 
Trachten des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts nur wenige vor und wurden 
seit dem sechzehnten Jahrhunderte ausschliessend nur mehr von Hofnarren getragen. 

Die Kleidungsstoffe bestanden theils aus Leinwand, worunter als ausgezeichnete 
Gattung die waelische (italienische) angeführt erscheint, dann Schafwoll- und Baum- 
wollstoffe, Seidenzeuge 5 ), Damast-, Gold- und Silberstoffe (Brokat), Sammt, welche 
sämmtlich aus Italien (Sammt vorzüglich aus Lucca) bezogen wurden. Uebrigens 
stand der Verkauf des Taffets auch den Leinwandhändlern zu, und von Sammt linden 
wir bei Wiener Bürgertrachten nur ein Paar Beispiele. 

Nach dem Gesagten zeigt sich bei Kleidungsstücken und Stoffen nebst dem alt- 
österreichischen (fränkischen) Grundtypus theils italienischer s theils auch slavischer 
Einfluss 6 ). 

Kaiser Friedrich IV. suchte durch eine eigene Kleiderordnung 7 ) dem Luxus nach 
Abstufung der Stände Ziel zu setzen; den Bathsbürgern wurde verboten, Schnüre 
oder Knöpfe von Gold oder Perlen zu tragen ; auch ganz seidene Gewänder sollten sie 
nicht tragen, und nur Seidenzeug zu Joppen und Ermein. Ihre Kleider, Hüte und 
Hauben sollten sie höchstens mit Marder oder Zobel, Handwerker aber nur mit Fuchs 
oder Luchs verbrämen. Diener und Knechte, Gesellen etc. sollen weder Pelzwerk noch 
Seide, noch einen goldenen Ring an sich haben. Auch wurden für Bürger und ihre 
Diener die gespitzten Schuhe verboten. — Weit stärker war der Luxus beim weib- 
lichen Geschlechte; daher wurde den Bürgersfrauen das Tragen von goldreichen Zeugen 
und Perlen auf ihren Kleidungsstücken im Allgemeinen verboten , nur an den Ermein 
war es ihnen gestattet, ein Paar Linien von Perlen, Gold oder Silber zu haben. Auch 
am Gürtel sollen sie weder Geschmeide oder Perlen, noch Edelsteine im Werth von mebr 
als vier Mark tragen. Ihre Ringe sollen nicht über 30, die Hefteln nicht über 20 Gulden 
im Werthe sein. Hermelin war nur zur Verbrämung gestattet; kein Schleier soll mehr 
als zwölf Vach haben, noch soll ein Kleid länger sein, als dass es eine Viertel Elle 
nachschleppe. Den Dirnen war nur erlaubt, ihr Gewand bis auf die Erde reichend zu 



') Die Männerhaube war von Tuch, oft mit Pelzwerk verbrämt. Die Haubner bildeten eine eigene Zeche. 

-) Die Verfertigung der grossen und kleinen Gugln (auch Kogeln), die auch die Obren bedeckten , war ein 
Vorrecht der Mäntlerinnung. 

"•) Der Hut. nicht so allgemein als Haube und Gugl, wird auch als Medreinhut, Pibreinhut, Pfawcnfederein- 
hut, Frauenhut, Schaubbuet bezeichnet. Ueber die breiten Hüte der schönen Frauen wurde schon im vier- 
zehnten Jahrhundert geklagt. Kaltenbäck's Zeitschrift 1837, S. 8. 

*) Die preussiseben Taschen und die silbrein Taschen mit Schwcrlmesser behangen, werden unterschieden. 

5 ) In den Sladtacten kommen auch Seidennatter (Sticker) und Seidenspinner als ansässig in Wien vor. 
(Vergl. auch Schmeller a. a. 0. III, 200.) 

6 ) Schlager a. a. 0. S. 327 etc. 

') Geusau: Gesch. der Belagerung Wien's 1484 und 1483, (Wien 1805) S. 90—96. 



173 

tragen, die Ermel durften nicht von Seide, sondern nur von Zendel ') sein, und der 
Schleier nur sechs Vach enthalten. Von Pelzwerk konnten sie Bräme von Mardern, 
Ottern und dergleichen tragen ; goldene Ringe waren ihnen verboten. 

Mit Erzherzog Ferdinand I. kam am österreichischen Hofe die spanische Klei- 
dungsart in Aufschwung. In den bürgerlichen Ständen bestand aber noch längere Zeit 
die alte Kleidertracht fort; da jedoch der Luxus darin abermals überhand genommen, so 
nahm Ferdinand 1. in seiner Polizeiordnung vom Jahre 1552 auch einen ausführlichen 
Abschnitt „von der unordentlichen Köstlichkeit der Kleidung" auf. Als Grund wird darin 
angegeben: „dass Köstlichkeit der Kleidung und anderer Gezierden den Unterschied 
zwischen Geringeren und Höheren aufhebe, Verschwendung, Hochmuth und Neid 
errege." Nun folgen Vorschriften, von der Geistlichkeit angefangen bis zum Bauern- 
stande; Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten wurden ersucht, bei ihrer untergebenen 
Geistlichkeit auf standesmässige Ehrbarkeit zu sehen. Dem Adel wurden Sammt- und 
Seidenstoffe, Pelzwerk (mit Ausnahme von Zobel) und das Tragen goldener Ketten 
(jedoch im Werth nicht über 200 Gulden) gestattet. Gleichmässig waren auch die 
adeligen Hausfrauen gehalten , doch sollten sie nicht über drei seidene Ehrenröcke 
haben. Advokaten, Pfleger, Amtleute, welche zugleich Räthe waren, konnten sich in 
Kleidung und Zierung dem Adel gleichhalten, die übrigen den Bürgern vom alten Her- 
kommen. Bürgern und Handwerkern waren Gold, Silber, Perlen, ganz- und halbseidene, 
eingeschnittene und verbrämte Kleider zu tragen verwehrt, nur Bürgermeister und 
Rathsherrn der Städte konnten auch seidene Wämser und goldene Ringe, jedoch höch- 
stens im Werthe von 30 bis 40 Gulden rheinisch, tragen. Der Bauer und Taglöhner 
soll kein wollenes Tuch tragen, wovon die Elle über drei Ort eines rheinischen Gulden 
werth ist, nur Hosen, Joppen und Koller können von Tuch zu höchstens einem Gulden 
sein. Von Pelzwerk durften sie nur Fuchs-, Lamm-, Geiss- und Kaninchenfelle tragen. 
Adel und Ritterschaft konnte sammtne Barette , doch ohne Gold und andern Schmuck, 
die übrigen sollten nur Hüte und Hauben tragen. Doctoren und ihre Frauen dürfen 
sich gleich dem Adel kleiden und schmücken; auch wurde eingeschärft, dass die Höheren 
den Niederen durch Haltung der neuen Ordnung mit gutem Beispiele vorgehen mögen. 
Auf Uebertretungen wurde im ersten Fall um den zehnten Theil des verbotenen ganzen 
Kleides, im zweiten Betretungsfall um die Hälfte und im dritten um das ganze Kleid 
oder Geschmeide gestraft "). 

Auch Frankreichs Einfluss auf den Kleiderluxus und die Mode in Oesterreich 
war bereits in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts wahrnehmbar; 
daher von Kaiser Maxmilian II. (1568) und Rudolph II. abermals Kleiderordnungen 
erlassen wurden. Mächtijrer war der Einfluss der französischen Mode, welche seit Lud- 
wig XIV. Frankreich die Suprematie im europäischen Geschmacke wie in der Diplo- 
matie und Literatur verschafft hatte. Statt der Barette und Kappen erschienen Castor- 
Hüte, unter welchen sich Perücken verschiedener Art geltend machten ; das Wamms 



») Auch Cendal, eine geringe Sorte Tafft, Halbseide (Schmeller a. a. 0. IV, 269). 

=) Titel und Inhalt dieser Polizeiordnnng in Denis: Merkwürdigkeiten der Gareil. Bibl. S. 282—283. 



174 

erhielt Ermel, an die Stelle der Joppe trat die Weste, der Mantel wurde länger und 
erhielt einen Kragen, die Garnirung mit Rauhwerk fiel an dem Mantel weg; die Klei- 
derstoffe bestanden theils aus Sammt, Seide, Damast, theils aus feinem Tuche und 
anderen kostbaren Zeugen; die Frauenkleider zogen einen Schlepp; Spitzenschleier 
und Geschmeide verbreiteten sich auch unter die unteren Schichten. Kaiser Leopold 
suchte dieser Neuerung durch die Kleiderordnungen von den Jahren 1671, 1686 und 
1688 zu steuern. Kleider mit goldenen und silbernen Borden zu verbrämen, kostbare 
Spitzen, Manschetten, Hauben und Halstücher von ausländischem Tuch oder Zeug zu 
tragen wurde verboten, und 1697 die Uebertreter der Kleiderordnung sogar mit Auf- 
legung einer jährlichen Steuer bedroht. — Besonders war unter der dienenden 
Classe die Putzsucht und Ueberschreitung der ihr vorgezeichneten Linien gross; daher 
bat der Magistrat von Wien 1707 um die Erneuerung der 1688 bestandenen Dienst- 
botenordnung ')• 1" Fol g e dessen erliess Kaiser Joseph I. eine vortreffliche Dienst- 
boten- und Kleiderordnung, welche auch für einige Zeit eine gute Wirkung hervorge- 
bracht zu haben schien. Wenigstens blieben bis zur französischen Revolution die ver- 
schiedenen Stände mehr oder minder noch durch ihre Kleidungsart auch äusserlich 

unterschieden. 

Als in Frankreich die altfranzösische Tracht sammt Zopf und Perücke der weit 
einfachem neuern französischen Kleidungsart Platz machte, und überhaupt der Ruf 
nach Freiheit und Gleichheit daselbst erscholl, äusserte dieses, in der Mode schon lange 
tonangebende Land auch in dieser Hinsicht in Oesterreieh seinen Einfluss. Nicht nur 
der Adel nahm die neuen Moden von Paris an, sondern auch die bürgerlichen Stände 
suchten sich nach Verhältniss ihrer Geldkräfte denselben wenigstens dem äusseren 
Schnitte nach gleichzustellen, und selbst die Landleute in der Nachbarschaft grösserer 
Städte ahmten zum Theile die städtischen Trachten nach, wonach die alte österrei- 
chische Bauerntracht auf die entfernteren Theile, besonders die GebirgsstreckenOester- 
reichs beschränkt blieb. 

§• 82. 

Ueber Musik in Oesterreieh. 

A. Kirchenmusik. 

Für die ältesten Zeiten finden sich keine Aufzeichnungen, welche dem Betriebe 

der musikalischen Kunstfertigkeit in Oesterreieh irgend eine vortretende Eigenthümlich- 

keit zuerkennen würden. Was in dieser Beziehung überhaupt in deutscher Sitte lag^, 



') Codex Austriacus, II, 153-166. I. 278. 

*) Gerbert: De cantu et rausica sacra. St. Blasien 1774. 2 Bde. 4. - Vogler: Deutsche Kirchenmusik; 
München 1807. — Engelhardt: Herrad von Landsberg: Stuttgart 1818, p. 68 u. s. f. - Antony: Ar- 
chäologisch-liturgisches Lehrbuch des Gregorian. Kirchengesanges; Münster 1829; — des sen: Ge- 
schichtliche Darstellung der Entstehung und Vervollkommnung der Orgelwerke, ebend. 1832. — Häuser: 
Geschichte des christlichen Kirchengesanges; Quedlinburg 1834. - Kiesewetter: Geschichte des Ur- 
sprungs und der Entwicklung unserer heutigen Musik; Leipzig 1834; Derselbe : Ueber den weltlichen 
Gesang im Mittelalter. Leipz. musik. Zeitung 1838 Nr. 15; über die neuere Musik der Gr.echen u. s.w. 
- Oesterreichische National-Encyklopädie 1835, III, 739-742. - Mo sei's Geschichte der k. k. Hof- 
bibliothek zu Wien. Wien 1835, enthält S. 345-355 die Hinweisung auf einige der merkwürdigsten alteren 
Werke der musikalischen Sammlung der Hofbibliothek an Inkunabeln, späteren Druckwerken, Manu- 



175 

fand sich ohne Zweifel auch in Oesterreich wieder. Absehend von den National-Gesän- 
gen, welche, ohne eine eigentümliche Kunstfertigkeit zu bedingen , nur im Wege der 
Tradition, und zwar bei ihrem beschränkten Tonwechsel ziemlich unverändert, auf die 
Nachkommen übergingen, werden wir. wie überhaupt, so auch in Oesterreich die An- 
fänge einer kunstmässigen Behandlung der Musik in den Klöstern, den ursprünglichen 
Schutz- und Pflegestätten aller Künste, zu suchen haben, und zwar sowohl rücksichtlich 
des Tonsatzes und Vortrages, als auch bezüglich der Instrumente. Der christliche Kir- 
chengesang, bereits durch den Kirchenvater Ambrosius (-J- 397) von der morgenlän- 
dischen in die abendländische Kirche verpflanzt, durch Gregor den Grossen (590 
bis 604) und seine Nachfolger aber nach allen Theilen des Abendlandes verbreitet und 
in seiner erhebenden Einfachheit entwickelt, erhielt einen wesentlichen Vorschub, 
seitdem Karl der Grosse mit den Klöstern auch Singschulen verbunden hatte, 

eine Einrichtung , welche sich in veränderter Form in den meisten österreichischen 

Klöstern bis auf unsere Tage erhielt. Gesang und Orgelspiel, letzteres Anfangs von 
mehreren geistlichen Orden angefeindet, waren die beiden Hauptrichtungen der älteren 
Kirchenmusik; jedoch hatte die Orgel Anfangs nur Chöre zu begleiten; sie musste 
besser gespielt werden, nachdem Ludovico Viadana den einstimmigen Gesang 
in die Kirche eingeführt, und 1596 die Kirchenconcerte für eine oder einige Sing- 
stimmen mit Orgelbegleitung aufgebracht hatte. Gegen Instrumental-Productionen, 
als Neugier und weltlichen Sinn erzeugend, wurde lange geeifert; ja der Gesang 
blieb bis auf Beethoven die Hauptsache der Kirchenmusik. Trompeten, Flöten und 
Geigen waren gleichwohl schon seit Erasmus von Rotterdam's Zeiten hierbei theil- 
weise im Gebrauch ') . Orgeln mit Blasbälgen , ehernen Pfeifen und Tastatur ein- 
gerichtet, gab es zwar schon im vierten Jahrhundert; allein die erste urkundlich 
vorkommende Kirchen orgel war jene, welche der griechische Kaiser Michael Karl 
dem Grossen in das Münster zu Aachen geschenkt hatte. Seit 1312 waren die Kirchen- 
orgeln durch einen Deutschen in Venedig fast schon zur dermaligen Vollkommenheit 
gebracht, seit 1444 mit dem Pedale versehen. Schon im dreizehnten Jahrhunderte 
bestanden daher in den meisten Kirchen die Emporen für Sänger und Tonkünstler. 
Soweit die umständlicheren Aufzeichnungen überhaupt zurückreichen, finden wir auch in 
Oesterreich die Orgel bereits im Gebrauche. Eine Orgel mit Tritt-Blasbälgen hatte 
die St. Stephanskirche zu Wien schon im Jahre 1334 2 ). Bei der Stiftung der Propstei 
zu St. Stephan in Wien durch Herzog Rudolph IV. im Jahre 1365 wurde insbesondere 



Scripten und Autographen. — Angusti : Handbuch der christlichen Archäologie; Leipzig 183G, I. B. 
S. 405— 410, II. B., S. 132—137. — Räume r: Hohenstaufen 2. Aufl. VI, 658— 668. — Kreuser:das heil. 
Messopfer geschichtlich erklärt; Köln 1844, S. 194—200;— desselben: christlicher Kirchenbau; 
Bonn 1851, I. B., S. 96-102. 

1 ) Die Geige als Instrument bei der Kirchenmusik, ist wenigstens für Wien erst aus der Zeit des dreissig- 
jährigen Krieges nachweisbar. (S ch lager's Wiener Skizzen, III. B., S. 23.) Doch bestätiget der bekannte 
Status partic. Regiminis Ferd. II. 1637, p. 37, dass zur kirchlichen Feier Vocal- und Instrumental-Musik 
bereits in Anwendung war. Vergl. auch Baumer's Hohenstaufen 2. Aufl. VI, 456. 

2 ) Bei Ogesser a. a. 0. Urk. Arch. p. 44, werden nämlich 1334 nebst den „cantantibcs in organis" (Orgel) 
auch die „famuli folles (Blasebälge ; s. Frisch a. a. 0. S. 52 E.) calcantes" erwähnt. 



176 

festgesetzt, dass an Festtagen das Amt und die Vesper mit Orgeln und herrlichem Ge- 
läute gefeiert werden müssen. Die Aufsicht über die Orgel und den Gesang führte der 
„S an eh her r" (Singmeister, schon eine Art regens chori). Später bestand für 
die Pflege des Kirchengesanges eine eigene „Cantorey" zu St. Stephan, deren ältere 
Statuten schon 1460 erläutert und in eine neue Ordnung gebracht wurden, damit der 
Cantor mehr Knaben zum Chor gewinne und der Gesang löblicher bestellt werde '). Der 
Wiener Spruchdichter Peter Suchenwirt erwähnt bereits um 1378 der Porta- 
tiffe, kleinerer tragbarer Orgeln a ). In den Wiener Stadtrechnungen erscheint schon 
1371 — 1379 der Organist Peter und 1391 der Orgel meister Peter, ohne Zweifel 
derselbe, dessen 1397 bereits als: weiland Peter der Orgelmacher gedacht wird. 
Bruder Hans aus dem Orden der minderen Brüder war in Wien um 1470 als guter 
Organist und Orgelbauer ausgezeichnet. Berühmt wegen seiner Meisterschaft im Orgel- 
bau war Jac. Kunigsschwerd, Frater des Stiftes Zwetl in Niederösterreich, welcher 
1544 die, von Burkart Tischlinger (1507) nach St. Stephan in Wien verfertigte 
Orgel erneuerte, und wegen seiner Kunstfertigkeit von König Ferdinand I. nach Prag 
berufen wurde, um eine neue Orgel zu verfertigen 3 ). Als treffliche Organisten späterer 
Zeit werden ferner gerühmt: 1529 Valentin Kiep finger, 1538 Peter S ulzp erger, 
1540 David Kraus, 1543 — 1550 Hans Waldeckh, 1544 Hans Gravendor fer, 
Hoforganist; 1566 Hieronymus Raphael Rottenstein, zugleich sehr geschickter 
Orgelmacher, welcher die Orgeln zu St. Stephan, St. Michael und im Bürgerspitale 
vortrefflich herstellte. Kaiser Rudolph II. Hess 1583 den Ulmer Bürger und bestellten 
Orgelmacher Kaspar Sturm kommen, um eine Orgel zu bauen, wofür er 740 Gulden 
bekam 4 ). 

Der Wiener Schotten-Abt Thomas II. (1403 — -1418) hatte in seinem Kloster eine 
eigene Musikschule unter der Leitung eines Chormeisters errichtet, und Abt Johann VI. 
(1500 — 1510) dieselbe, da sie bereits in Verfall gerathen, wieder hergestellt 5 ). 
Der Schulmeister an diesem Kloster, Wolfgang Schme ltzl sagt in seinem Lobspruche 
auf Wien vom Jahre 1548 in Beziehung auf das Schottenkloster: 

Ein Organisten er (der Abt) auch lielt 

Zu schlagen, wenn ein Fest gefeit 

Ein schöne Orgel jr da seht 

Manch stymwerk, resch, gut vnd gerecht (v. 14S6 — 1489). 
Der durch seine, freilich zumeist mit Märchen angefüllten Traktatleins bekannte 
Johann Rasch war 1586 Organist bei den Schotten. 

Kaiser Max I. reger Kunstsinn hatte zur Erfindung neuer musikalischer Instru- 
mente aufgemuntert, welche 1515 bei einem Hochamte in Wien zur Bewunderung der 



') Hormayr's: Wien, V. B. Urk. B. 84, 89—90, 185-189. 

-) S. Primisser's Ausgabe von P. Suchenwirt's Werken. Wien 1827, XLI. v. 1378. 

3 ) Was er jedoch Alters halber ausschlug. Oges s er a. a. O. 83. 

*) Schlager: im Archiv für Kunde österr. Gesch. Quellen 1850, II. B., S. 7(33. Georg Neuhäuser (f 1724), 
der Verl'erliger der grossen Orgel zu St. Stephan mit 32 Begistern (v. J. 1720) war Kirchendiener bei 
St. Stephan und später bürgerlicher Branntweiner in Wien. Ogesser a. a. 0. 83. 

5 ) Hormayr's: Wien VII, A. 151, 104. 



177 



Zuhörer angewendet worden. Max I. hatte vier Kapellmeister: Josquin de Pres (de 
Pratis), der berühmteste Tonsetzer und Musiklehrer seiner Zeit, dessen Messen 1515 
bis 1516 erschienen; Peter de la Rue, dessen Werke 1520 gedruckt wurden, und die 
beiden Slatkonia's, Heinrich Isak und Georg. Georg von Slatkonia aus Laibach, 
Bischof von Wien (1513 — 1522), war schon im Jahre 1514 kaiserlicher Musik-Director 
und von Cuspinian als ein , insbesondere in der Kirchenmusik sehr erfahrener Mann 
o-erühmt welcher nach dem Zeugnisse des Job. Rasch sehr viel zur Aufnahme jener 
Kunst beigetragen hat ')• 

Dass Oesterreich , namentlich Wien , bald nachdem der Notendruck mit beweg- 
lichen Typen 1 498 zu Venedig durch Ottaviano dei Petrucci erfunden war, in der 
Kirchenmusik vorzügliches leistete, beweisen die vorhandenen Notendrucke der Wiener 
Buchdrucker und Formschneider Johann Winter burger 1511, Hieronymus Vietor 
und Johann Sinffr einer vom Jahre 1515 -). Der erste deutsche Notendruck mit be- 
weglichen Metall-Typen erschien 1507, und zwar als ein von derWiener gelehrten 
Donaugesellschaft 3 ) herausgegebenes Werkchen *), welche Gesellschaft nament- 
lich auch die Förderung der Musik in den Bereich ihrer Wirksamkeit gezogen hatte. 

Wie sehr K. Max II. auch in der Musik vorragende Verdienstlichkeit würdigte, 
beweiset der Umstand, dass er den durch seine geistlichen und weltlichen Composi- 
tionen gleich berühmten Orlando di Lasso (ürlandus oder Rolandes Lasses, geb. zu 
Mons 1530, f als Hofkapellmeister zu München um 1595), — nächst Palestrina 
der letzte Hauptvertreter der, von den Niederländern ausgegangenen älteren kirchlichen 
Richtung der Tonkunst — in den Adelstand erhob 5 ). 

Unter anderen Rückwirkungen hatte die Reformation auch jene im Gefolge, dass 
die Vertreter des katholischen Glaubens auch durch die Kirchenmusik wirksamere Ein- 
drücke zu erzielen suchten. Da man dabei aber der italienischen Musik immer mehr 
Einfluss gönnte und italienische Tonsetzer und Tonkünstler berief, so büsste dadurch 
die christliche Kirchenmusik ihre ehrwürdige Einfachheit ein, und sank immer tiefer, 
seitdem gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Oper von Venedig aus in die 
Hofstädte gewandert, und an ihrem Ohrenkitzel auch der Geschmack für die ernste 
kirchliche Tonkunst verloren gegangen war (s. S. 184). 

Auch am österreichischen Regentenhofe war schon frühe der italienischen Musik 
Eingang verschafft. Wenn wir also hier früher als an anderen deutschen Höfen eine 



') Ogesser: St. Sleplianskirche in Wien 1779, S. 210. 

-) S. Anton Schmid schätzbares Werk über 0. dei Petruzzi da Fossombronc, Wien 1845, S. 208 u. s. f. 

:i ) S. Kaltenbäck's Aufsatz: -,Die gelehrte Donaugesellschaft zu Wien unter K. Max I." in der von ihm 
redigirten österr. Zeitschrift, 1837, S. G9 u. s. f. gibt dankenswerthe Aufschlüsse über diesen Gelehrten- 
verein. 

») Dieses 1507 bei Erhard Oglin in Augsburg (Fol. 10 Blätter) erschienene Werk gehört bereits zu den 
typographischen Seltenheiten; es führt den Titel: Melopoiae, sive harmoniae super XXII genera carminum 
Heroicorum, Elegiacorum, Lyricorum et ecclesiasticorum hymnorum per Pelrum Tritonium et alios 
doctos sodalitatis Litter ariae nostrae musicos seeundura naturas et lempora syllabarum etpedum 
corapositae et regulate duetu Chunradi Celtis felicifer impresse. In demselben Jahre erschien auch 
eine Quartausgabe hiervon. 

5 ) Dehn : Biugrapli. Notiz über Uoland de Lasso; Berlin 1837. 

I. 23 



178 

eigene sogenannte H ofkapelle finden, so war dieselbe doch nicht ausschliessend zur 
kirchlichen Musik bestimmt, und stand grösstenteils unter der Leitung italienischer 
Tonkünstler. Gleichwohl war sie unter K. Ferdinand I. bereits in einem trefflichen Stande 
und begleitete den Hof auch auf die Reichstage. Sie stand später unter dem Laibacher 
Bischöfe (Urban Textor, 1544 — 1558), als erstem Hofkaplan und Almosenier des Königs. 
Der Laihacher Domprobst Arnold von Brück stand ihr als Kapellmeister vor. Der 
durch seine Monasteriologien rühmlich bekannte, 1552 von Kaiser Ferdinand 1. zu 
Wien als Poet und Comes Palatinus gekrönte Kaspar Bruschius besang diese Kapelle, 
und namentlich einen, unter Mitwirkung derselben in der Katbarinenkapelle zu Augsburg 
gefeierten Gottesdienst in einem eigenen Gedicht : Sacelli regii Encomion (Augsburg 
1551). Als Kapellmeister wirkte damals Peter Mas sie aus Flandern, welchem eine 
grosse Schaar königlicher Cantoren unterstand; Organist war Jacob Bohuso '). Die 
in den Hofregesten erscheinenden Namen der späteren Hofkapellmeister-), welche 
zumeist auch Compositeure für Kirchenmusik waren, zeigen bereits im überwiegenden 
Masse fremdartiges Element. 

Unter Kaiser Ferdinand II. war der unten erwähnte Johann Valentini Leiter 
der Hofkapelle; unter ihm standen zwei Organisten, neunzehn Instrumcntalkünstler, zum 
grossen Theile Italiener, in deren Reihe wir die Namen Rubini, Rosini u. s. w. finden, 
dann die Vocal-Musiker, worunter 7 Bassisten, 7 Tenoristen, 5 Altisten, 4 Discan- 
tisten, 11 musikalische und drei nicht musikalische Trompeter, 1 Paukenschläger, 12 
Sängerknaben und mehr als 80 verschiedene untergeordnete Musikdiener 3 ). 

Kaiser Ferdinand III. war nicht nur ein vorzüglicher Beschützer und Kenner der 
Musik, sondern auch talentvoller Componist; die Hofbibliothek bewahrt ein von ihm 
componirtes gediegenes „Miserere." 

Kaiser Leopold I. besass nicht nur grosse musikalische Fertigkeit auf verschiedenen 
Instrumenten, sondern war auch ein zu seiner Zeit gefeierter Tonsetzer, zumal in Kir- 
chenmusik, und Hess seine Schöpfungen öfters in Kirchen und Kapellen produziren *). 
Unter ihm lebten G. Muff at, A. Caldara, J.J. Fux, G. Chr. Wagenseil, u. a. m. 

Unter Karl VI. verursachte die Hofkapelle bereits einen Aufwand von jährlichen 
200,000 Gulden, und einzelne der meist italienischen Sänger und Sängerinnen genossen 
einen Jahresgehalt von 0000 Gulden 5 ). Bei der bekannten Frömmigkeit der österreichi- 
schen Regenten und. zumal in den früheren Zeiten, auch der österreichischen Bevölkerung 

Ö 7 



1 ) Bucholtz: Ferdinand I. VIIT, 694. 

a ) 1543 der berühmte Petrus M arseni u s moderatus, von der Stadt Wien wegen seiner Verdienste mit 
dem Ehrenbürgerrechle ausgezeichnet; — 1568 Alexander Gauchier; — 1576 Philipp de Monte; — 
1582 Jakob Regnard; — 1583 Johann de Castro; — 1587 Camillo Zanotti;— 1600 Hans Diet- 
mann; — 1611 Alexander Ornlogius; — 1611 Johann Gadelmayer; — 1612 Lamberti de Sogue; 
— 1614 Erasmus der Sayue; — 1619 Johann Pieceti; — 1627 Johann Valentini ; - 1635 Pietro 
Verdina: — 1651 Anton Bertali und Feiice Sa nc he z; — 1709 Peter di Santa Croce und Maro 
Antonio Ziani; — 1735 Job. Jos. Fux und Anton Caldara. 

3 ) Status partic. Regiminis Ferdinandi II. 1637, S. 127—131. 

*) Rink : Lehen Leopold's I. Cöln 1713, I. 122 s. f., woselbst auch der Sland seiner Hofkapelle im Jahre 
1705 aufgeführt ist. 

5 ) Küchelbecker: Nachricht vom Kayserl. Hofe. Hannov. 1730, S. 162, 172-173. 



179 

überhaupt konnte es nicht fehlen , dass der Kirchenmusik immerdar ein vorzugsweises 
Augenmerk geschenkt wurde. Zu welcher Höhe sich dieselbe hier sowohl in schöpferi- 
scher als darstellender Beziehung emporschwang, bezeugen die weltbekannten Namen 
Albrechtsberger, Haydn, Mozart, Beethoven u. s. w. '). 

§. 83. 
B. Profan-Musik. 
1. Volksmusik. 
Poesie und Musik gingen im Mittelalter Hand in Hand; der musikalische (singende) 
Vortrag schied sich erst später vom rezitirenden. Der Gesang selber war aber gewöhn- 
lich mit Instrumentalmusik verbunden und die höfischen Dichter hatten zu den Worten 
auch die Weisen zu erfinden für die Begleitung der Harfe, Fidel und Botte ). 
Der Gesang bestand nur in einem kunstlosen Moduliren weniger Töne, wie sich dieses 
noch in unseren Volksliedern erhalten hat. Wie die Freude an der Musik eine allge- 
mein verbreitete war, so erhielt fast jedes Ereigniss sein Lied, seine Musik ; daher der, 
freilich nur in den seltensten Fällen mehr mit Bestimmtheit herauszufindende historische 
Gehalt der meisten Volkslieder 3 ). Bei solcher Verbreitung und Beliebtheit fand sich bald 
in Menge Solcher, welche aus der, den Zuhörern auf diesem Wege zu gewährenden 
Ergötzlichkeit ihren Unterhalt zogen, und es entstand so jenes unstäte und verrufene 
Völkchen der Possen reis s er und Spiel leute (Fiedler), welche ohne heimathlichen 
Aufenthalt herumzogen, und dort blieben, wo es Erwerb gab. übrigens kein Mittel ver- 
schmähten, um sich zahlreiche und freigebige Zuhörer zu verschaffen. Daher schon 
frühe jene Verachtung, welche grösstenteils wohlverdient auf ihnen lastete, und wess- 
wegen sie auch als ausser dem Gesetze stehend betrachtet wurden. Schon das, 1221 
vom vorletzten Babenberger-Herzog Leopold dem Glorreichen der Stadt Wien ertheilte 
Stadtrecht spricht dieses deutlich in einer Satzung aus, welche in der Bestätigung der 
alten Wiener Beeilte durch König Budolph I. vom Jahre 1278 eine witzige Verschär- 
fung erhielt *). Aber ungeachtet der strengsten Gesetze von Seite der weltlichen und 
geistlichen Macht zogen diese Landstreicher in stets vermehrter Anzahl oft in den verschie- 

') Johann Georg Alb r e chtsb er ger (1729 geb. zu Klosterneuburg, f M Wien 1809) einer der trefflichsten 
Orgelspieler und Compositeure für dieses Instrument. Der gefeierte Heros der Tonkunst. Joseph Haydn 
(173-2 geb. zu Rohrau in Niederösterreich, j zu Wien 1809) componirte allein 19 Messen. Viele Kir- 
chenlieder, sein Lauda Sion, Stabat mater u. s. w. sind noch immer unübertroffen. Wulfgang Amadaeus 
Mozart (geb. zu Salzburg 1755, f zu Wien 1791) hatte schon als zwölfjähriger Knabe bei der Einwei- 
hungsfeier der Waisenhauskirche am Rennweg in Wien die von ihm componirte Musik diiigirt (Fischer 
Brev. Not. Vindob. Suppl. I, 68. vergl. mit III, 185). Ludwig van Beethoven (geb. zu Bonn 1772, t zu 
Wien 1827) ein Schüler Albrechlsberger's, hatte schon im Jahre 1791 in seinem neunzehnten Lebensjahre 
den Titel eines k. k. Hoforganisten. Unter den Componisten der Kirchenmusik darf auch der k. k. Kammer- 
Kapellmeister Franz Krommer (1759 geb. zu Kamenitz in Mahren, j zu Wien 1831) nicht übergangen 
werden. 
-) Saiteninstrument, zwischen Harfe und Fidel inmitten stehend. 
- 1 ) Wein hold: die deutschen Frauen in dem Mittelalter. Wien 1851, S. 103 s. f. 

•) S. das Stadtrecht vom Jahre 1221, zum ersten Male durch H ormayr mitgetheilt in den Wiener Jahrbüchern 
der Literatur XXXIX, A. Bl. S. 17. Die Urk. von 1278 findet sich in Lambacher's Oesterr. Interregnum. 
Urk. Anh. S. 146-158. Dort heissl es nämlich S. 150-151 : Hein si aliquis (verberet) personam in ho- 
lt es tarn, videlicet garciones, vel lenoncs, seu joculatores, qui verbo vel aliqua alia indiseiplina hoc 
erga ipsum meruit, nihil de t judici, nihil verberato, potias tr es piagas ei hilariter superadda-. 



180 

denartigsten Masken und Kleidungen im Lande herum, zum gerechten Aergerniss dcrsitt- 
lich Fühlenden. Aber absehend von diesen Auswüchsen, blieb die Instrumentalmusik immer 
eine der beliebtesten Erheiterungen, ja nicht selten, zumal auch von weiblicher Hand ge- 
spielt, der Ausdruck edlerer Gefühle , dem Unglücke ein lindernder Balsam. Wo es eine 
Feierlichkeit, eine prunkende Festlichkeit gab, da durfte auch Musik nicht fehlen ; doch 
scheint man bei den letzteren Gelegenheiten den Werth derselben zumeist nach dem 
Lärm, den sie hervorbrachte, gewürdiget zu haben. Schon die dabei im Gebrauche ge- 
wesenen Gattungen der Instrumente sprechen dafür; denn wie sonst die Harfen, Fidein. 
Rotten, Flöten und Schallmaien, so waren hier Pfeiffen, Trompeten, Posaunen, Schellen 
und Pauken („Sumber") thätig, und es wurde von den Festlichkeiten bei der Vermäh- 
lung von K. Oltokar's Nichte, Kunigunde von Brandenburg, mit dem ungrischen 
Prinzen Bela IV. zu Schwechat (1264), dann Hermann's von Brandenburg mit der 
Prinzessin Anna von Oesterreich zu Gratz (1295), endlich bei der Krönung K. Al- 
brecht's I. zu Aachen (121)8) rühmend hervorgehoben, dass durch den mit den musika- 
lischen Instrumenten erregten Lärm das Geläute der grössten Glocken übertönt ward, und 
dass ein kranker Kopf hätte wahnsinnig werden, und Alles in Trümmer gehen mögen '). 
Allmählich aber, ohne Zweifel als Nachwirkung der schon früher geregelten Kir- 
chenmusik, hat sich auch die weltliche Musik bestimmten Rhythmen gefügt und eine 
Stufe wahrer Kunstfertigkeit erreicht. Nachdem unter K. Max I., welcher insbesondere 
auch die Tonkunst in hohem Grade liebte, die Musik einen mächtigen Aufschwung 
gewonnen, und dessen Hof die grössten Meister der Composition im Gesänge und auf 
den Instrumenten versammelt hatte , verbreitete sich die geregelte Tonkunst immer 
mehr auch im Volke. Die Laute, Leyer, Harfe, Rotte und Fidel waren die belieb- 
testen Saiteninstrumente; die Flöten, Posaunen, Ciarons, Cornemuse (Sakpfeifle) und 
Holi die gewöhnlichsten Blas-Instrumente 3 ). Dass die Musik namentlich auch schon in 
früherer Zeit zu Wien eine bedeutende Beliebtheit und Verbreitung erhalten hatte, 
bestätiget Sehmeltzl's Lobspruch auf diese Stadt vom Jahre 1548 mit Folgendem: 

Hie seind vil Singer saytenspil, 

Allerlay gesellschaft, Freuden vil. 

Mehr M u s i c o s v n d Instrument 

Findt man gewisslich an khainem eud. (v. 1530 — 33.) 

§■ 84. 

Fortsetzung. 
2. Tanzmusik. 
Wie in Deutschland überhaupt, so hatten sich auch in Oesterreich im zwölften 
und dreizehnten Jahrhundert die beiden Haupttänze entwickelt. Der ruhigere, vorzugs- 
weise höfische Tanz, hiess der „umgehende", „getretene" oder „gegangene", 
oft auch nur kurzweg „Tanz", wo unter Saitenspiel und Gesang die Paare mit schlei- 
fenden Schritten ihre Umgänge hielten, oder einen Kreis schlössen und mit sanfter Be- 
wegung singend in der Runde herumgingen, indem der Inhalt des Gesanges durch irgend 
eine einfache Handlung äusserlich dargestellt wurde („Rundtänze"). 

«■) Ottokar's Iteimchronik, bei Pez. S. R. A. III, 81, 587, 034. 
-) Tschischka: Geschichte Wicn's, 18*7, S. 258. 



181 

Zur zweiten Gattung gehörten die Springtänze, insbesondere auch Reien 
(Reigen). Sie waren lebendiger, unschöner und verirrten sich oft zu wilder Ausge- 
lassenheit: zumal beim Volke auf dem Lande waren sie beliebt und in häufiger Uebung. 

Musik war nun die unentbehrliche Regleitung des Tanzes. Entweder spielten 
Spielleute dazu auf Geigen, Pfeiffen, Flöten, Trommeln und Tambourins, oder die 
Tänzer begleiteten sich selbst durch Gesang von Liedern (,, Tanzweisen"), welche von 
der ganzen Menge gesungen oder von einem Vorsänger oder einer Vorsängerin vorge- 
tragen wurden, so dass die Menge nur in den Refrain einstimmte oder einzelne Verse 
nachsang '). Solcher „Tanzweisen" finden sich viele in unseres heimatblichen Sängers 
Ulrich von Liechtenstein „Frauendienst" (vom Jahre 1211 — 1255) % wie denn über- 
haupt die alten Dichter, so für uns insbesondere die österreichischen; eine unerschöpf- 
liche Quelle zur Erkenntniss der Sitten und Gebräuche des Mittelalters bieten. Die 
Sage vom Abenteuer Friedrichs des Streitbaren mit der schönen Wiener Rürgerin 
Rrunhilde, dürfte wenigstens folgern lassen, dass es schon unter den Rabenbergern Sitte 
war, Bürgersfrauen zu den Hoftänzen zu laden. Unter den Habsburgern ist dieses durch 
zahlreiche urkundliche Relege dargethan, so wie auch, dass die Bürgerschaft in Rür- 
gerhäusern hohen Personen zu Ehren, welche dabei auch erschienen, Tanzfeste gab. 
Als Wiener Tanzmusiker erscheinen im fünfzehnten Jahrhunderte zumeist die „Lau- 
tenslaher" 3 ), welche zum Tanz „geslahen" haben. Die Fidel, als selbstständige 
Regleitung des Tanzes, kömmt in Wien bei höfischen Festen nicht vor; der Rassgeige 
wird zum ersten Male in Francolin's Festbeschreibung vom Jahre 1560, und auch da 
nicht bei der Tanz-, sondern Tafel-Musik gedacht. Der Fackeltanz war von Posaunen, 
Pfeiffen und Flöten begleitet *). Spanischer und italienischer Einfluss verwischte aber 
am österreichischen Hofe seit dem sechzehnten Jahrhunderte die alte deutsche Eigen- 
tümlichkeit in Tanz und Tanzmusik. Schon 1550 wurde festgesetzt, dass Ferdinande I. 
Hofpagen im deutschen, spanischen und wälischen Tanz zu üben seien 5 ). 

Mit der zeitweisen Reliebtheit fremdnationaler Tänze in Oesterreich, zumal in der 
Residenz, wo seit Ludwig des XIV. Zeiten insbesondere französischer Einfluss herrschte, 
musste sich auch die diesen Tänzen entsprechende fremdländige Musik einfinden. 

Nur unter dem Landvolke blieb der echt österreichische „Landler" (siehe oben 
S. 112) in seinem langgezogenen Dreivierteltakt eine entschiedene Eigenthümlichkeit, 
in den Städten hatte er sich in den sogenannten „Deutschen" mit rascherem Tempo 
umgebildet, und so lange erhalten, bis Lanner's und Strauss's Tonstücke die Tanz- 
musik epochemachend in das Gebiet der wirklichen Tonkunst einbezogen hatten. 



l ) Weinhold a. a. 0. S. 369—377, wo über die Form der Tanzlieder umständlicher gesprochen wird. Vergl. 
auch Mo ne's Anzeiger für Kunde deutscher Vorzeit. 1832, S. 147, 1838, S. 310 und Haupt und Hoff- 
mann'! altdeutsche Blätter. Leipzig 1835, I, 52. 

-) Herausgegeben von L achmann, mit Anmerkungen von Th. G. von Karajan. Berlin 1841. 

s ) Die Laute war ein musikalisches Saiteninstrument, welches nicht (wie die Geige. Fiedel) mittelst eines 
Bogens gestrichen, sondern wie unsere heutige Guilarre bloss mit den Fingern gespielt wurde ; Gross- 
geigen mit 9 Saiten, und Kleingeigen mit 3 Saiten unterscheidet schon Seb. V ir dun g's Musikwerk, 
Basel 1571. 

4 ) Mehreres hierüber in Schlager'« Wiener Skizzen III, 20 s. f. 

5 ) Bucholtz: Ferdinand I., VIII, 693. 



182 

§. 85. 

Fortsetzung. 
3. Opernmusik. 

Die ersten Keime und die allmälige Entwicklung der Oper, als einer erst später 
aus dem Süden nach Oesterreich versetzten Treibhauspflanze, näher zu verfolgen *), 
liegt hier nicht in der Aufgabe. Die Oper kann für unseren Zweck erst von da an Be- 
deutung gewinnen , wo sie in Oesterreich Eingang findet und in der ursprünglichen 
nationalen Richtung des Geschmackes an musikalischen und theateralischen Vorstel- 
lungen eine mächtige Aenderung herbeiführt. Gleichwohl wird ein flüchtiger Rückblick 
auf die Entwicklung der Oper in ihrer ursprünglichen Heimath, dann auf die Zeit der 
Verbreitung derselben in andern Ländern nöthig sein, um den Zeitpunct ihres Eintrittes 
und ihre Fortschritte in Oesterreich entsprechend würdigen zu können. 

Die innige Verbindung der Dicht- und Tonkunst im dramatischen Spiele der alt- 
griechischen Tragiker, wo jedoch dem Dichter immer die Hauptaufgabe blieb, dann der 
Uebergang des mit Musik begleiteten hellenischen Chores in das römische Drama , als 
notwendiger Theil desselben, waren die ersten, ob auch noch entferntesten Symptome 
des späteren Wesens der eigentlichen Oper, welche durch die Verbreitung der kirch- 
lichen Liederdramen (um das Jahr 1200) und bald darauf der „göttlichen Komödien" 
(wofür schon 1313 zu Paris ein eigenes Theater bestand) Vorschub gewannen. 
Solche von Gesang und Musik hegleitete theateralische Darstellungen der Gehurt des 
Heilandes, der Passion und Auferstehung Christi 3 ) u. s. w., in einzelnen Gemeinden 
bis auf unsere Tage in Ausübung geblieben, waren wohl schon nähere Vorbereitung 
zur eigentlichen Oper, zu welcher jedoch die im dreizehnten Jahrhunderte zumal durch 
die Troubadour's verbreitete weltliche Musik den nächsten Uebergang bildete, nach- 
dem überhaupt bei der allmäligen Verflachung des religiösen Gefühles die oben ge- 
dachten kirchlichen Schaustücke immer mehr entwürdiget und zum rein Possenhaften 
heruntergesunken waren, dagegen die Lust am Weltlichen immer lebhafter erregt, 
anfänglich selbst in Schauspielen bei feierlichem edlen Anstriche eine würdigere Rich- 
tung einhielt, als die bereits in tiefen Verfall geratbenen kirchlichen Schaustücke. Die 
in den Theatern mit Musikbegleitung aufgeführten weltlichen Fabeln s ) waren schon eine 
Art Operettchen. Auch in Deutschland, wo im fünfzehnten Jahrhunderte die Benennung 



J ) Vergl. hierüber: Burney (Charles geb. 1726, f 1814) : General history of music from the earliest ages to 
the present periode (London 1776—1789, 4 Bände), deren Einleitung Eschenburg in's Deutsehe über- 
setzte (Leipzig 1781, 4.). Nach einer älteren Auflage war schon 1772—1773 eine deutsche Uebersetzung 
von C. D. Eb eling in 3 Bänden erschienen. — Geschichte der Schaubühne und Theaterdichter bei allen 
Völkern. Aus dem Italienischen, Leipzig 1792, 2 Tille.— Arteaga: Geschichte der ilalienischen Oper. 
Deutsch von Forkel, 1789 Leipzig, 2 Bände. — G. W. Fink: Wesen und Geschichte der Oper. Lpz. 1838. 

'-) Ueber das alte Passionsspiel in Wien im fünfzehnten Jahrhunderte, wobei jedoch die Sermone, in „von 
uh ralten Zeiten hero verfassten Heimen" bloss gespro chen wurden, vergl. Schlager's Wiener 
Skizzen II, 16 — 24. Siehe übrigens hierüber auch den folgenden §. 86. 

"•) Sie fanden in dem Dichter und Componislen (Trouvere) Adam de la Halle, weither in der zweiten 
Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts blülhe , einen würdigen Vertreter. 1285 wurdm zu Neapel bereits 
Stücke von ihm aufgeführt. Beispiele von solchen Weisen in alter und neuer Notirung brachte die Leip- 
ziger allgemeine musikalische Zeitung 1827, S. 219; 1837, S. 52. 



183 

der Oper noch unbekannt war, hatte der immer mehr verweltlichte Volkssinn', bei 
steigender Lust an dem allzulange gefesselten Sinnlichen, immer grössere Vorliebe für 
Tragödien und Komödien mit Musik gewonnen , und so die Empfänglichkeit für die 
Oper wach gerufen, welche inzwischen in Italien vom Keime zur Blütbe gelangt war '), 
während die an die Stelle der alten Einfachheit getretene Geschmacklosigkeit der 
geistlichen Musik vor Morales, Festa und Palestrina die Neigung für weltliche 
und Volksmusik immer lebhafter entzündet, und dielieberzeugung herausgestellt hatte, 
dass es angemessener sei, mit dem Sinnlichen, als mit dem Heiligen zu spielen. Wie 
sich aber damals überhaupt allenthalben Prachtliebe, Glanz, Genusssucht und Augenlust 
entfaltet hatte, so war diese auch auf die theateraliscben Vorstellungen übergegangen, 
und hatte sich namentlich auch der musikalischen Productionen bemächtigt, so dass mit 
Recht behauptet werden mag, das Wohlgefallen sei anfänglich weniger durch den Werth 
der Musik, als durch den Glanz der Darstellung gefesselt worden, bis es dem Giacomo 
C arissimi (fum 1672) in Rom, undseinem Schüler Alessandro Scarlatti (geboren 
zu Neapel 1658, f 1728), welcher sich auch einige Zeit in Wien aufgehalten hatte, 
gelungen war, in Italien eine neue Tonkunst zu gründen, welche zwar das Erhabene 
und Grossartige ehrte, und das wissenschaftlich Harmonische zur Grundlage nahm, 
doch aber grösseres Feuer, leidenschaftlichen Ausdruck, weltlichen Reiz und bezau- 
bernde Schönheit, bei verhältnissmässig noch einfacher Instrumentation, in den Ton- 
satz brachte. 



') Schon 1492 wurde am Hole des Herzogs Alphons von Calabrien eine Posse aufgeführt. Das sechzehnte 
Jahrhundert hatte aber in Italien die Oper zur völligen Entwicklung gebracht. Ein mit Musik unter- 
mischtes Drama, „die Unbeständigkeit des Glückes", war schon 1564 zur Aufführung gelangt. Unmittel- 
bare Vorläufer und die eigentlichen Ausgangspuncte der Oper waren folgende Arten musikalisch-drama- 
tischer Darstellungen : 1. Die Schäferspiele, mit Chören für Musik, unter welchen alles bis dabin 
Geleistete Tasso's „Aminta" weit übertraf. 2. Die Intermezzi (bei den Franzosen Rondeaux oder 
Sarabanden), schon bei den Alten bekannt, um den Uebergang von einein Stücke zu dem anderen zu ver- 
mitteln oder längere Zeiträume auszufüllen, später aber kleine komische Opern meist von zwei Personen 
aufgeführt, anfangs in Madrigalen bestehend. 3. Die Madrigale selbst, anmuthige und sinnreiche 
Gedanken in Form lyrischer Gedichte kleinen Umfanges ausdrückend, im sechzehnten Jahrhunderte aber 
Gesangsstücke mit Instrumentalmusik z.B. auch für Orgel übertragen, deren vorzüglichste Repräsentanten 
Luca Marenza (1599), Palestrina und Monte verde waren; — dann 4. die Recitative, Gesangs- 
musik, ohne strengen Tact und Musik, eine durch den Inhalt des Vorzutragenden bestimmte Deklamation 
mit freier Bewegung und Tonverbindung, deren Erfinder und Ausbilder Vicenzo Galilei, Giulio Caccini, 
Giacomo Peri, Emilio da Cavaliere und Claudio Monteverde waren, welche die altgriechische 
Tragödie wieder herzustellen trachteten und Gedichte lieferten, um solche unter Begleitung eines Saiten- 
instrumentes zu recitiren, anfangs freilich noch eintönig und steif, bloss in Begleitung eines Basses oder 
ähnlichen Instrumentes. Sie räumten dem Verständnisse der Worte immer mehr Rechte ein, während zu- 
gleich das Spiel der Instrumente immer mehr an Ansehen gewann, die namentlich Monteverde ver- 
stärkte, der zugleich auch den Gebrauch der Dissonanzen in die weltliche Musik brachte. 1597 
wurde das erste durchaus in Musik gesetzte Drama (Tragedia per musica), das Hirtengedicht, „Dafne", 
von Otlavio Rinuccini gedichtet und von Jacobo Peri in Musik gesetzt, zu Bologna, und der von 
Orazio Vecchi gedichtete „Antiparnasso" zu Venedig (und zwar durch Schauspieler, während die Sänger 
hinter der Scene waren) zum ersten Male aufgeführt, ohne dass man dieselben jedoch als die eigentlichen 
Erfinder der Oper bezeichnen könnte. Die Oper leierte aber ihre goldene Zeit in Italien gegen das 
Ende des siebzehnten Jahrhunderts durch Apostolo Zeno (zu Venedig geb. 1668, f 1750), dessen erstes 
Stück: „gli inganni feliei" 1695 zum ersten Male veröffentlicht wurde, dann aber unter dem zartfühlenden 
und nett ausführenden Pietro Mctastasio (geb. 1698 zu Assisi, f zu Wien 1T82). 



184 

In Deutschland selbst war der damals sehr berühmte Dichter Martin Opitz 
v. Boberfeld ') der erste, welcher einen italienischen Operntext, nämlich Rinuccini's 
„Dafne", übersetzte und nachbildete, wozu der Kapellmeister Heinrich Schütz die 
Musik setzte, welche Oper dann 1627 aufgeführt wurde '"). 

Nach diesen allgemeinen Vorläufen Oesterreich insbesondere 3 ) in's Auge 
fassend, finden wir, neben einigen von Musik begleiteten Schulkomödien schon unter Max 1. 
und Ferdinand I.. also vor vierthalbhundert Jahren, am österreichischen Kaiserhofe die 
ersten nahen Vorläufer der Oper. Wie unter dem kunstsinnigen Kaiser Max die „gelehrte 
Donau-Gesellschaft", die erste Akademie der Künste und Wissenschaften in Oester- 
reich, allenthalben veredelnd und aneifernd einwirkte, so näherte sie insbesondere auch 
die Musik den dramatischen Vorstellungen. So wurde am 1. Mai 1501 in der Burg zu 
Linz vor Kaiser Max und seiner Gemalin Blanka, den Fürsten von Mailand und dem 
königlichen Hofstaate mit Musikbegleitung ein, von Konrad Celtis in lateinischer 
Sprache geschriebenes fünfaktiges Schauspiel „Ludus Dianae" *), zur Feier der Dich- 



*) Seine Gedichte sind 1746 zu Frankfurt a. IM. in 4 Bänden erschienen. 

•) Zu Mantua wurde 1607 von Monteverde Rinuccini's „Orfeo", 1608 aber dessen „Ariana" in Musik ge- 
setzt; er brachte 1624 die erste opera buffa zu Venedig zur Aufführung, woselbst 1637 die erste Opern- 
biihne errichtet wurde. Kardinal Mazarin verpflanzte die Oper 1645 nach Frankreich, von da aus 1674 
der Franzose Cambert nach England, wo später der deutsche G. F. Händel (geb. zu Halle 1685, •}■ zu 
London 1759) eine musikalische Revolution bewirkte, welche aber für die englische Oper ohne Erfolg 
geblieben ist. Die erste deutsche Oper „Adam und Eva" wurde 1678 zu Hamburg, 1697 aber eine solche zu 
Augsburg zum ersten Male, 1774 in Schweden die erste schwedische Oper aufgeführt. 1730 kam die Oper 
an den russischen, 1773 an den polnischen, nnd fast zu gleicher Zeit an den dänischen Hof. 

s ) Jos. Oehler: Geschichte des gesammten Theaterwesens zu Wien von den ältesten bis auf die gegen- 
wärtigen Zeiten. Wien 1803, 8. 244 und 127 S. — Sc hlager : Wiener Skizzen 111, 201—378, 409—446 
— Derselbe: Ueber das alte Wiener Hoftheater (in den Sitzungsberichten der philos. hist. Classe der 
kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1851, S. 147—271). 

*) Das Stück selbst wurde kurz darauf auf 6 Kleinquartblättern in Druck gelegt und ist bereits eine typogra- 
phische Seltenheit. (..Impressum Nnreniberge ab Hieronymo Hölcelio Ciue Nurembergensi Anno M.CCCCC. 
Et primo noui Seculi [dibus Maji" heisst es am Ende.) Es führt den Titel: .,Ludus Dianae in modum Co- 
medie coram Maximili | ano Rhomanorum Rege kalendis Martijs et | Ludis saturnalibus in aree Linsiana 
danu | Inj actus. Clementissimo Rege et Regi | na ducibusque illustribus Medio | lani totaque Regia curia 
spe | etatoribus: per Pelrum Bonomium, Re j gi. Cancel. | Joseph. Grün I pekium Reg. Secre. | Conraduni 
CeltenReg. | Poe. Ulsenium Phrisium. Uin | centium Longinum in hoc | Ludo Laurea dona | (um foeliciter 
et | iucundissi | merepre | senta | fus." Da der Inhalt des Stückes bereits (in Kai t enb ä ck's österr. Zeit- 
schrift 1835, S. 14 — 16; vergl. mit 1837, S. 105 — 106) mifgetheilt ist, so sollen hier nur jene Stellen aus 
dein Originale angeführt werden, welche sich auf die Anwendung der Musik bei diesem Stüeke beziehen. 
So heisst es im ersten Akte nach der Ansprache Dianens und ihres Gefolges an den König: „Post huius 
carminis reeitationem Diana choro Nympharum slipata Laudes Regis et regine cum Nymphis et Faunis 
quattuorvoeibus cantant, Ipsain choro corniculata stahat. Nymphis in chorea circa ipsam salicn- 
iibus et hec carmina canentibus." Folgen drei Distichen mit Musiksatz in vier Notenzeilen für: 
3>iscantus (mit 4 Linien) , Altus und Tenor (mit 3) dann Bassus (mit 4 Linien). Der Notendruck ist 
durchaus Holzschnitt, noch nicht mit beweglichen Mctalltypen (vergl. oben S. 177). Im dritten Akte heisst 
es nach drei Distichen: „Post huius Carminis reeitationem per Syluanum Chorus Bacchi et coniitum suorur.i 
adfistulamel cy th aram saltabant hec carmina quatuor voeibus saltando modulantes." Folgen 
wieder drei Distichen. Später heisst es : „Poeta igitur Ceremonijs solitis per manus Begias recreato to tu s 
chorus graliarum actiones Regi cantauit tribas voeibus." Folgen 4 vierzeilige Strophen , dann 
wieder 4 Notenzeilcn (mit 5, 3, 5. 5 Linien) für Discantus, Tenor und zwei Bassus. Im vierten Akte nach 
der Ansprache des Sylen folgt : „Hinc rursus silentium et pocnla aurea et patere per Regios pincernas 
circumlate et pocula pulsata Ty mpana et co rnu a." Im fünften Akt endlich: „Person ae ludus omnes in 
un um c h oruin congregate gratiarum actiones agunt : Diana loquente et un i verso choro quattuor 
vocum con sensu singula carmina repetente et veniani abeundi petente." 



185 

terkrönung des Vincenz Lang (Longinus), aufgeführt, wobei nebst Celtis und Lang 
auch der königliche Kanzler Peter Bonorao, der königliche Secretär Joseph 
Grünbeck und Theodor Velsen (Ulsenius), im Ganzen 24 Darsteller mitwirkten, 
welche endlich im Verlaufe der Vorstellung mit dem Zuseherkreise in sofern c in un- 
mittelbare Verbindung traten, als der Kaiser Max die Dichterkrönung und Beschenkung 
des Gekrönten mit dem Jaspis-Ringe selbst vornahm und ihm den Kuss des Friedens 
gab. Unter Kaiser Max 1., überhaupt ein grosser Verehrer und Förderer der Ton- 
kunst '), war 1509 zu Wien bereits das erste musikalische Lehrbuch in Druck er- 
schienen, vielleicht das älteste in Deutschland 2 ), dessen Verfasser Simon van der 
Eycken aus Brabant gewesen. Bald darauf (1517) erschien ebenda in Druck eine 
der ältesten bekannten Schulkomödien, nämlich R euch lins PhorcensisScaenica Pro- 
gymnasmatica, mit neu componirten Arien auf vier Stimmen 3 ). Während der gross- 
artigen Feierlichkeiten beim berühmten Fürstencongress in Wien (1515) wurde in der 
Schottener Schule ein allegorisches Singspiel in drei Acten unter dem Titel „Voluptatis 
cum virtute disceptatio" von mehreren Cavalioren aufgeführt. Verfasser desselben war 
der kaiserliche Historiograph und gekrönte Dichter Benedict Chelidonius, Abt zu 
den Schotten, auchMusophilus genannt'). Wiewohl schon damals der fruchtbare Komö- 
diendichter Wolfgang Schmeltzl über die Leichtfertigkeiten der weltlichen Fast- 
nachtspiele bitter klagte 5 ), so erhielten sie sich doch sammt den geistlichen Weih- 
nacht- und Osterspielen hier, wie im übrigen Deutschland, bis in die Mitte des sieb- 
zehnten Jahrhunderts. Der Rector der Rürgerschule zu St. Stephan in Wien liess 1571 
im bürgerlichen Zeughause ein kirchliches Schaustück die ,,Comoedia de resurrectione 
Domini"' aufführen, wobei Sänger und Organisten beschäftiget waren; sogenannte geist- 
liche Komödien wurden in Wien seit alten Zeiten vor dem heiligen Dreikönigfeste durch 
die Kirchendiener dargestellt, denen jedoch im Jahre 1647 ernstliche Warnungen vor 
eingerissenen Missbräuchen eingeschärft werden mussten 6 ). 

Während sieh so im Volke noch lange und fast ausschliessend die althergebrachte 
nationale Richtung im musikalischen und dramatischen Vergnügen erhielt, wurde ihr 
auch bei Hofe in den derartigen Vorstellungen vereinzelt selbst da noch nachgegeben 7 ), 
als bereits niederländischer und dann italienischer Einfluss immer fester Wurzel gefasst, 
und insbesondere prachtvolle Ballette eine vorzugsweise Beliebtheit errungen hatten. 
Nachdem bei Hofe selbst schon 1617 eine Kammermusicantin (Angela Stamp) ange- 



*) Cuspinian: De Caesaribus. Basel 1533, S. 738. 

= ) Denis: Wien's Buchdruckergeschichte, S. 21 — 22, gibt den Titel und die Beschreibung- dieses Werkes. 

J ) Ebenda S. 113—114 und desselben: Merkw. der Garell. Bibl. S. 273—275. 

*) Denis: Buchdruckergeschichte, S. 137—138, und Horinayr's Wien, VII, a. 1C5. 

a ) Denis a. a. 0. 409. 

6 ) Schlager: Wiener Skizzen Ili, 219. 250. 

') Ungeachtet in Wien bereits unter Kaiser Max II. 1560 die erste Theaterpro duction statt hatte und nach zehn 
Jahren schon in bedeutender Zahl italienische Komödianten (Juan Tab orin o, Flami nie, die Floren- 
tiner Sold in o und Horatius, der Venezianer Juan, Sylvester aus Treviso u. s.w.). sowie am Prager 
Hofe Magnitico und Zeno, hier aber bald darauf auch spanische Castraten (1580 Luenca, Lopez, 
Orclioa, Xavarra u. s. w.) thätig waren, finden wir doch bei Hofe selbst noch echt volkstümliche 
Darstellungen; so 1573 eine Bauernhochzeit. 1037 bei Seiltänzern einen „Hanswurst," itioO eine Bar- 
bierer-Hofkomüdie u. s. w. 

I. 24 



186 

stellt, und von Kaiser Ferdinand's II. Gemahn neben der grossen Hofkapelle zugleich auch 
eine eigene Hausmusik-Kapelle unterhalten war, somit hier eine besondere Neigung für 
Musik überhaupt ausser Zweifel gestellt erscheint, finden wir — zu einer Zeit, wo die 
Oper noch kaum in Frankreich eingeführt war, und einige Decennien früher, bevor sie 
nach England verpflanzt ward, — dieselbe, wenn auch noch nicht für das Volk, doch 
am österreichischen Kaiserhofe unter der Benennung „gesungene Vorstellungen" ') 
bereits in vollem Gange, ja in der Person des Kaisers Ferdinand III., bekanntlich ein 
ausgezeichnetes musikalisches Talent , einen selbst-schaffenden Opernkomponisten 
aber noch durchaus auf italienischer Grundlage. 1049 war bereits sein noch vorhan- 
denes melodienreiches Drama musicum, mit einem italienischen Texte : den Kampf eines 
Jünglings am Scheidewege zwischen Tugend und Laster (Amor divino, amor protervo), 
darstellend, vollendet. Die Begleitung des Gesanges besteht bloss aus Saiteninstrumenten 
(zwei Violinen, 1 Viola, 1 Bassgeige), und über ein einziges Motiv componirte des Kaisers 
Kammermusicus Wolfgang Ebner 36 Variationen. Nachdem zu Wien schon seit 1651 
ein förmliches Komödienhaus mit dem Aufwände von 9176 Gulden erbaut war, ge- 
wann die dramatische Tonkunst neuen Aufschwung, als die Kaiserin Eleonore, eine 
geborne Prinzessin von Mantua, 1665 den fruchtbaren Componisten A. Draghi als 
Kapellmeister nach Wien gezogen hatte. Von da an linden wir durch drei Regierungs- 
perioden, wie früher Niederländer, so nun durchaus Italiener als Hofkapellmeister und 
Opern-Tonsetzer (Cesti. Draghi, Badia. Bononcini , Caldara u. s. \v.). Eine der gross- 
artigsten Vorstellungen einer Oper wurde 1666 zur Feier des Beilagers Kaiser 
Leopold's I. mit der spanischen Infantin Margaretha. unter dem Titel „Porno d'oro," wozu 
A. Cesti die Musik componirte, in einem auf dem Wiener Burgplatze zu diesem Zwecke 
eigens errichteten hohen Gebäude aufgeführt. Um die Pracht der Ausstattung, welche 
erst nach fast einem halben Jahrhundert an einer Oper Fr. Conti's wieder ihr Gleiches 
fand, in Erinnerung zu erhalten, erschien ein eigenes Werk hierüber '"). Allein eben 
darin liegt der Beweis, dass man die Lust zur Pracht den streng musicalischen Ge- 
nüssen überordnete, ungeachtet Kaiser Leopold, wie bereits erwähnt (S. 178), ein gründ- 
licher Kenner der Musik und selbst Componist war. Fortan wurden in Wien während 
der Faschingszeit und bei gewissen feierlichen Gelegenheiten italienische Opern auf- 
geführt 3 ). Die grosse Pest 1679 und die Türkenbelagerung 1683 mit ihren traurigen 
Gefolgen hatten allerdings auch in diese Art Ergötzlichkeiten einen längeren Stillstand 
gebracht, und wir begegnen erst 1695 wieder einer ähnlichen Vorstellung, nämlich 
einem musicalischen Trauerspiele „Antiochus der Grosse" betitelt. Die ansehnliche 
Hofkapelle, welche jährlich bei 44.000 Gulden kostete, selbst von Fremden als eine 
der ausgezeichnetsten Europa's gerühmt, hatte damals bereits Casti'titen unter ihren 



') Bereits 1626 wurden für die Holbühne fünf italienische Komödianten und ein Sanger aus Genua ver- 
schrieben. Im Jahre 1637 erscheinen bereits mehrere italienische Kammersängerinnen (Catanea, Rubini 
Bertalli. Banzioli, Ilossini, Strassoldo u. s. w.) 

'-) „11 Porno d'oro. Festa Teatrale Rappresentata in Vienna" etc. Wien 1668 Fol., S. 107, mit 24 Grossfolio-Ab- 
bildungen. S. auch Tal an der: Die Durchlauchtigste Alorena u. s. w. Leipzig 1708, 8. 

3 ) So z. B. 1671 Cidippe. 1674. Das vestalische ewige Feuer, 1676 Conjugium Phoebi et Palladis, 1678 
Croesus. 



187 

Mitgliedern '), doch ohne besonders hohe Besoldung, da sie im siebzehnten Jahrhun- 
derte nicht mehr zu den Seltenheiten gehörten. Der erste unter den vielgerühmten, 
und in seinem Vaterlande später allgemein bewunderten Castraten, Baldassare Ferri, 
wurde in Leopold's Kunstanstalt gebildet. Der Schaulust am Prachtvollen huldigend, 
trennte man eine Zeit die musikalischen Productionen gänzlich und liess am Ende 
solcher Pracht-Schauspiele besondere Concerte aufführen. Kaiser Joseph I., ebenfalls 
selbst musikalisch gebildet, pflegte auch die italienische Oper und liess in Wien zwischen 
der Hofbibliothek und Reitschule ein grosses Opernhaus durch die berühmten Brüder 
Bibie na aufführen, welches an Schönheit der Ausschmückung kaum von einem anderen 
übertroffen wurde. In diese Zeit fällt die, mit „Porno d'oro" rivalisirende Aufführung der 
erwähnten Oper des berühmten Theorbisten und Hofcompositeurs Francesco Conti, 
dessen „Don Quixote" eine der ersten italienischen komischen Opern in Deutschland war. 

Während dieses Zeitraumes hatten sich die mit Musik begleiteten biblischen Vor- 
stellungen, die Adam- und Evaspiele, Krippen-, Bauern- und Hochzeit-Spiele, vor den 
Weihnachtsfeiertagen und im Fasching von Handworksburschen und gemeinen Leuten 
aufgeführt, wohl noch im Volke erhalten, jedoch wegen der hierbei überhandgenom- 
menen Ausartung bereits zu abwehrenden sittenpolizeilichen Massregeln herausgefordert. 

Unter Karl VI. erreichte die Oper einen früher kaum geahnten Grad der Voll- 
kommenheit, zumal in einem ausgesuchten und richtig zusammenspielenden Orchester"), 
unter der Leitung des berühmten Caldara, und des mit Recht als Vater des echten 
deutschen Tonsatzes gerühmten Kapellmeisters J. J. F ux , dessen Schüler, der tüchtige 
Wagenseil, Musikmeister der, auch in der Tonkunst vorzüglich talentirten, nach- 
maligen Kaiserin Maria Theresia war 3 ). Um die Oper auch in ihrer stofflichen Grund- 
lage möglichst zu veredeln, berief der Kaiser im Jahre 1715 den berühmten Italiener 
Apostolo Zeno als Hofdichter nach Wien, wo er bis 1729 weilte, welcher aber, als er 
sich bei heranrückendem Alter nach Venedig begab, den in seinen Schöpfungen wie in 
seinem ganzen Wesen überaus netten, anständigen und feinfühlenden Metastasio zu 
seinem Nachfolger empfahl, der noch in demselben Jahre nach Wien kam und bis zu 
seinem Tode (1782) durch 53 Jahre hier verblieb, hoch geachtet am Kaiserhofe, wie bei 
der ganzen gebildeten Welt. Er dichtete nebst kleinen Dramen viele Opern mit solcher 
Meisterschaft, dass er in mancher Beziehung als der wahre Schöpfer der besseren Oper 
angesehen werden kann, und bezog auch einen für die damaligen Werthsverhältnisse 
sehr namhaften Gehalt von jährlichen 3000 Gulden . später sogar von 5000 Gulden. Seine 



») Ihrer wird schon 1671 (in des Engländers Brownes' Reisen; Nürnberg 1685, S. 25?) und 170* (Re- 
lation v. Kayserl. Hofe zu Wien. Cöln 1705, S. 62) gedacht. (S. auch die Aufsätze über Castraten in der 
Zeitschrift Caecilia, 1824 und 1828.) Karl VI. liess den ausgezeichneten Farinelli dreimal nach Wien 
kommen. (Burney a. a. O. I. 154.) 

s ) Küchelbecker: Nachricht vom Rom. Kayserl. Hofe. 1730, S. 384: 1732, S. 412. 

3 ) Maria Theresia wirkte 1725 in ihrem siebenten Lebensjahre bei der Aufführung einer von Fux compo- 
nirten Oper selbst mit, während Kaiser Karl, bekanntlich ein grosser Musikkenner, selbst das Klavier 
spielte und die Singstimmen durch die ganze Oper begleitete. „Bravissimo! Eure Majestät könnten wahr- 
haftig meine Stelle als Kapellmeister vertreten !" rief der über die besondere Geschicklichkeit des Kaisers 
entzückte Fux aas. „Ich danke Ihnen, mein lieber Kapellmeister, für die gute Meinung, aber ich bin mit 
meiner gegenwärtigen Stelle auch zufrieden", antwortete ihm der Kaiser hierauf. (Oehler a. a. 0.11,4— 5.) 

24* 



188 

Opern erlangten eine solche Beliebtheit und Anerkennung, dass lange Zeit kein besserer 
Tonsetzer anders, als nach Metastasio componiren wollte. Keiner aber leistete hierin 
mehr und besseres, als der von Maria Theresia nach Wien berufene Sachse Job. Ad. 
Hasse (den Italienern der „caro Sassone", geb. 1705, f zu Venedig 1783), welcher 
allein während seines Aufenthaltes zu Wien (1763 — 1770) sechs Opern, überhaupt 
fast alle Opern Metastasio's in Musik gesetzt hatte. 

Die Opern gehörten jedocb bis dahin in den Bereich der eigentlichen Hofergötz- 
lichkeiten. Wenn auch schon im Jahre 1692 erwiesen „unterschiedliche Opern" im Ball- 
hause in der Himmelpfortgasse aufgeführt wurden, 1703 die Fortsetzung der von Fr. 
Calderoni vorgeführten komischen Opern, jedoch mit Hinweglassung aller Unan- 
ständigkeiten gestattet und 1705 noch ausdrücklich verordnet wurde, dass die Opern 
nicht bis in die „späte Nacht" zu dauern haben *), so bildete doch damals die Oper, 
ungeachtet schon 1710 eigens für sie das (nach dem Brande am 5. November 1761, 
im Jahre 1763 in der heutigen Gestalt wieder aufgebaute) Kärnthnerthortheater eröffnet 
worden war, noch keineswegs ein stehendes Vergnügen des Wiener Publikums und 
namentlich die italienische Oper war bis dahin zu Wien auf dem öffentlichen 
Theater noch gänzlich fremd; denn es wird im Jahre 1730 ~) erwähnt, dass der Hol- 
musikdirector Borosini damals beabsichtigte, auch im öffentlichen Theater italienische 
Opern zu geben, dergleichen man hier, ausser den bei Hofe aufgeführten, noch nicht 
gesehen hat. Aber auch später, ungeachtet der merkwürdige Castrat Manzuoli 1765 
im Opernhause zu Wien mit Recht ungewöhnliches Aufsehen erregt hatte , war in der 
grösseren Menge die Empfänglichkeit hiefür kaum noch im spärlichen Masse gewonnen, 
als die, rasch zur schönsten Blüthe entwickelte deutsche Oper im kunstsinnigen 
Wien den lebhaftesten Anklang gefunden und die „opera seria" nach Italien zurück- 
gedrängt hatte. In der That waren es auch Sterne erster Grösse, welche in Wien ihre 
schöpferische Meisterschaft entfalteten 3 ). 



') Schlager: Wiener Skizzen V, 257, 260— 261. 

~) Küchelbecker: a. a. 0. 

3 ) Der geniale Gluck, einer der berühmtesten Tonsetzer im edlen, wahrhaft dramafischen Style, mit Recht 
als Reformator der Oper gefeiert (geb. 1714 in der Oberpfalz, f 1787 zu Wien), war schon 1762 nach 
Wien gekommen, wo ihm der kunstverständige Florentiner R. di Calzabigi eine ReUie besserer 
Operntexte lieferte. Hier componirte er seine herrliehen Werke Alceste, Orpheus, Helena und 
Paris. Später ging er nach Paris und kehrte 1782 nach Wien zurück. Mehrere seiner spätem Opern wur- 
den in Wien zuerst aufgeführt. Wie Gluck der Repräsentant des neuen deutschen Opernstyls , so war 
damals ihm entgegen Nicola Piccini der Vertreter der alten italienischen Weise, und die ganze musi- 
kalische Welt damals in zwei feindliche Parteien , die Gluckisten und Piccinisten, gespalten. 
Jos. Haydn (geb. zu Rohrau 1732, f in Wien 1809) componirte mit glücklichem Erfolge auch deutsche 
und italienische Opern; leider blieb seine unvergleichliche Oper „Orpheus und Euridice" unvollendet. Alle 
überragte aber Mozart, der grösste und ausserordentlicbste aller Opernschöpfer, dem, noch als zwölf- 
jährigem Knaben, als er 1768 nach Wien gekommen, Kaiser Joseph II. aufgetragen hatte, eine opera buffa 
(„Finta simplice") in Musik zu setzen. Zumeist auf der reizenden Höhe des Josephsberges nächst Wien 
(siebe Scheiger's Ausflüge im V. U. W. W. Wien 1828, S. 42) hatte er seine Zauberflöte componirt, 
welche 1791 auf Schikaneder's Bühne zum ersten Male aufgeführt wurde. An dem grossen Beethoven 
hatte er, wie im kirchlichen Tonsatze, so auch in der Oper, einen unübertroffenen Nachfolger. (Siebe auch 
oben S. 179.) Auchinuss hiereines, freilich erst nachdem er in Italien zu Ruhm gekommen, auch in seinem 
Vaterlande gewürdigten achtbaren Operncomponisten gedacht werden, nämlich des Tonsetzers Flor. 



189 

Schon im Jahre 1778 hatte Kaiser Joseph II. noch als Mitregent den Versuch mit 
der Aufführung- einer deutschen Oper gemacht *); als dieser gelungen, wurde die Sän- 
gergesellschaft mit mehreren Mitgliedern vermehrt, und von jener Zeit an blieb die 
Oper stehend in Wien. Mit dem, durch den wirksamen Einfluss des gelehrten Sonnenfels 
gehobenen deutschen Schauspiele abwechselnd, wurden in Wien die Opern sowohl im 
Kärnthnerthor-, als in dem 1741 erbauten Hofburg-Theater gegeben; letzteres, schon 
1776 als Hof- und Nati o nallh eater für Rechnung des Hofes eröffnet, ward endlich 
ungefähr 1812 dem rezitirenden deutschen Schauspiele abschliessend vorhehalten, da- 
gegen das Theater nächst dem Kärnthnerthor lediglich der Oper und dem Ballete gewidmet. 

§. 86. 
E nt Wickelung der Poesie und Literatur in Ocsterrcich unter den Habs bürgern. 

a) (Deutscher Meistergesang in Ocsterreich.) 

Nicht minder als die Babenberger war die Mehrzahl der Habsburger Pfleger 
der Literatur und Kunst. Während einerseits der Minnegesang und das Minnelied in 
den Meistergesang überging, entwickelten sich die Anfänge der eigentlichen 
ernsten Wissenschaft an der von Herzog Rudolph IV. (1365) zu Wien gegrün- 
deten Universität 2 ). Aber auch in ersterer Richtung waren noch immer so vorzüg- 
liche M e i s t e r s an g e r 3 ) in e s t e r r e i c h , dass sie den Vergleich mit ihren übrigen 
deutschen Zeitgenossen wohl zu bestehen im Stande sind. 

Abgesehen von den Schwänken Wiegand's von Theben, genannt der Pfaff vom 
Kaienberge, welcher bei Herzog Otto dem Rosenbekränzten (13.34 — 1350) beliebt war, 
erwähnen wir den Wiener Spruchdichter Peter von Suebenwirt aus der zweiten 



Gassmann (geb. 17211 zu Briix in Höhnten, | zu Wien als Hof- und Kammercompositeur), welcher 1763 
nach Wien berufen worden und wegen seiner schönen Musik zu ernsten und komischen Opern mit 
Hecht gefeiert war. Das Talent des, auch als Operncomponist nicht minder geschätzten, nachmaligen 
Hofkapellmeisters Ant. Salieri (geb. 1750zu Lignano, f 1825 zu Wien), wurde von Gas s mann erkannt 
und entwickelt, nachdem er ihn 17G6 von Venedig nach Wien gezogen und sich der Ausbildung desselben 
mit glänzendem Erfolge unterzogen hatte. 

*) Er hatte hierzu eine von Umlauf componirte kleine Oper „die Bergknappen" ausersehen. Die hiezu er- 
forderlichen Choristen wurden aus denKircliensängern zusammengesucht. (Siehe J.M iiller's Abschied von 
der k. k. Hof-Schaubühne. Wien 1802, S. 253 u. s. w.) Uebrigens erscheint durch die Nichlbeachtung eines 
Druckfehlers in M üller's Werke, nämlich 1788 statt 1778 auf Seite 254, sowohl in Leinbert' s Hist. 
Skizze der k. k. Hoftheater in Wien (ebenda 1833, S. 25), als in der üsterr. National-Encycl. II, 619 dieser 
Versuch um zehn Jahre zu spät angegeben. Vergl. auch M üller's: Genaue Nachrichten von beiden k. k. 
Schaubühnen. Wien 1772 und 1773, 2 Theile; dann: Kurze Darstellung der Entstehung u. s. w. aller 
Schauspielhäuser in Wien; ebend. 1808. 

') Die Universität erhielt 138% mit päpstlicher Zustimmung eine theologische Facultät. Der herzogliche 
Kanzler Her th old von Wähing, Propst hei St. Stephan , berief an dieselbe zwei berühmte Lehrer aus 
Paris: Heinrich (Langenslein) von Hessen (ab Hassia) und Heinrich von Oyta. Herzog Albrecht III. ver- 
legte die Universität in die Nähe der Dominicaner, wo er für dieselbe drei Gebäude angekauft halte und 
gab der Hochschule Statuten. (S. T ilmez und Mi tt erdor fer: Conspectus historiae Universitatis Vicn- 
nensis. Wien 1722—1725, 3 Theile) 

3 ) Ausser den Meistersängern gab es noch eine grosse Zahl fahrender Sänger und Improvisatoren: Land- 
farcr, Singer, Reimsprecher (siehe hierüber oben S. 179), die jedoch unter Ferdinand I. wegen 
Strassenparodien weltlicher und geistlicher Personen (durch die oben S. 167 erwähnte Polizeiordnung 
vom Jahre 1552) abgeschafft wurden. Die hierauf bezügliche Stelle dieser Polizeiordnung findet sich auch 
in Schlagers Wiener Skizzen III, 207. 



190 

Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, dessen Dichtungen eine reiche Quelle für die Er- 
kenntniss des Ritterlebens der damaligen Zeit sind, und wobei er den Geburtsadel dem 
Silber, die durch Verdienst erworbene Ritterwürde aber dem Golde vergleicht '). Die 
unbequeme Modekleidung und Rüstung, namentlich die vom Papste verpönten Schnabel- 
schuhe oder sogenannten Teufelsnasen, ebenso das feste Schnüren und Schminken der 
Ritter finden in ihm einen heftigen Gegner. Er selbst war Waffenherold und Persevant; 
seine Aussprüche über Wappen und Rüstung haben somit besondere Geltung. — 
Suchenwirt's Zeitgenosse und Freund, Heinrich der Teichner 3 ), zeigt in 
seinen Spruchdichtungen ein religiöses reines ruhiges Gemüth und eine seltene 
geistige Begabung. — Michel Böheim, aus böhmischer Familie stammend, zu 
Sulzbach in Schwaben (27. September 1416) geboren, kam später nach Oesterreich 
als Kriegsmann Herzog Albrechts VI., schrieb zu Kaiser Friedrich's IV. Zeit das für jene 
Zeitgeschichte merkwürdige „Buch von den Wienern" (1462 — 1465) und nennt sich 
selbst „des römischen Kaysers Poet und Dichter" 3 ). Diesem reiht sich aus 
dem folgenden Jahrhunderte an: der bereits mehrere Male erwähnte Wolfgang 
Schmeltzl (1540 — 1550), Schullehrer bei den Schotten, welcher nebst anderm 
seinen bekannten : „Lobspruch der hochlöblichen, weitberühmten könig- 
lichen Stadt Wien in Oesterreich" verfasste und dem Kaiser widmete. — Auch 
ist Schmeltzl, wie erwähnt, als dramatischer Dichter in deutscher Sprache bekannt*). 

§. 87. 
Fortsetzung, 
b) (Lateinische Gelehrsamkeit und Schulwesen.) 
Unter den Gelehrten, die in Oesterreich, meist an der Wiener Univer- 
sität 5 ) wirkten, nennen wir die Professoren der Philosophie und Theologie: den 
hessischen Heinrich von Langenstein, welcher 1365 — 1397, und Heinrich 
vonOyta, welcher 13S3 — 1397 wirkte. Auch Thomas Ebendorfer, nach seinem 
Geburtsorte gewöhnlich Haselbach genannt, war seit 1417 Professor der Theologie 



») Peter Suchenwirt's Werke aus dem vierzelinlen Jahrhunderle, herausgegeben von Aloys Pri misser, 

Wien 1827. 

*) Julius Max Schottky über Heinrich den Teichner, in den Wiener Jahrbüchern der Literatur. B. I., 1818, 
Anzeigeblatt S. 26. 

*) Michel Böheim's Buch von den Wienern 1462— 1465, herausgegeben von Th. v. Karajan, Wien 1843. 

*) Schmeltzl's (zwischen den Jahren 1540—1551) in deutscher Sprache verfasste, sogenannte geist- 
liche Stücke sind: Acolasl, Judith, die Aussendung der Zwölfboten, die Hochzeit zu Cana in Galiloa, 
der blindgeborene Sohn, Samuel und Saul u. s. w. (Mehreres hierüber in Oehler's: Geschichte des 
Theaterwesens zu Wien. Ebenda 1803, 1, 14—25. Siehe auch oben S. 184.) Er hätte wahrscheinlich sein 
dramatisches Talent in noch andern Stoffen erprobt, wenn er nicht durch Perdinand's I. Polizeiordnung von 
1552. dessen scharfes Decret vom 25. Juli 1548 wider den Gebrauch seelischer Bücher, (welches auch auf 
den Druck ausgedehnt wurde), so wie durch dessen Patent vom Jahre 1551 wegen Verweisung sectischer 
Schulmeister, eine Beschränkung sich aufzulegen in den Zeitverhältnissen Anlass gefunden halte. 
(Schlager a. a. 0. III, 230 etc. Schmeltzl's Lobspruch auf Wien wurde in Wien besonders gedruckt 
154T, 1548 und 1849. Ausserdem auch in Horm ayr's Archiv, 1818, S. 561 s. f. 1819, S. 10—84, und in 
Horraayrs Wien VII, b. LXV-CXIH.) 

5 ) S. Scriptores Universitatis Vienncnsis. Wien 1740— 1742, 5 Bändchen. Stöger: Hisloriographi Societatis 
Jesu, ab eius origine ad nostra usque tempora. Münster und Begensbnrg 1851. 



19t 

an der Wiener Universität, 1432 Abgeordneter derselben zum Basler Concilium, und 
schrieb ausser mehreren theologischen Abhandlungen seine bekannte Chronica Austriae. 
Als Mathematiker wurden berühmt J o h a n n (N y d e r) von (Schwäbisch- ') G munden, 
in Wien (1406 — 1439) thätig. — Georg von Peurbach, von seinem gleichna- 
migen Geburtsorte bei Linz so genannt (1423 — 1401), gab sammt seinem Schüler 
Regiomontan der Astronomie eine eigentlich wissenschaftliche Richtung. Als Geo- 
meter, Cosmograph und Historiograph Kaiser Maxmilian's I. erwarb sich der Wiener 
Johann Stabius den Ruf eines gelehrten Mannes, und war auch in der Poesie seiner 
Zeit ausgezeichnet, daher ihn der Kaiser zum Poeten krönte. Als Mathematiker ver- 
dient auch dessen Schüler Georg Thannstädter rühmliche Erwähnung. Unter den 
Philologen und Poeten nennen wir Johann Camers (Joannes Ricutius Vellini von 
Camerino), dann Joachim von Watt (Vadianus) zugleich Doctor der Medicin, Be- 
nedict Chelidonius') Abt des Schottenstiftes, zugleich Geschichtsschreiber und 
Diplomat. Will ibald Pirkhaimer, ebenfalls als Poet, Historiker und Staatsmann für 
Maxmilian I. wirkend (f 1521); ferner den Franken Conrad Piekl 3 ) (latinisirt Pro- 
tucius Celtis), der erste Deutsche, welcher schon durch Kaiser Friedrich IV. zu Nürn- 
berg (1. Mai 1487) zum Dichter feierlich gekrönt wurde, Gründer und Vorstand der 
Donaugesellschaft, die sich bis nach Ungern verzweigte*). Er starb zu Wien als 
Lehrer der Dichtkunst 1508 und wurde in der Stephanskirche begraben) 5 ). 

Eben daselbst ruht sein jüngerer Landsmann Johann Spiesshammer (Cuspi- 
nianus), nebst seiner Mutter, Gattin und Kindern. Auch dieser war gekrönter Dichter, 
Geschichtsschreiber und Diplomat , namentlich Vermittler der folgenreichen Heirath 
zwischen Maxmilians Enkeln Ferdinand und Maria, und den Kindern des jagelloni- 
schen Wladislaus, Ludwig und Anna. 

Endlich erscheint der ritterliche Kaiser Max I. selbst als Schriftsteller, dessen 



') Pillwein: „Der berühmte Astronom und Mathematiker Johannes von Gmunden ist weder aus Ober- 
österreich noch aus Unterösterreich gebürtig." Linz 1836, 8 Seiten. Vergl. auch Koch: Wien und die 
Wiener. Leipzig 1844. S. 65. 
-) Seines allegorischen, lateinischen Singspieles: „Virtutis cum voluptatibus disceptatio", welches im 
Schottenkloster von den Schülern der Musikschule vor Kaiser Karl V. und dessen Schwester Maria, Ge- 
malin König Ludwigs von Ungern und Böhmen mit grossem Beifalle aufgeführt, dann mit Holzschnitten 
und Musiknoten geschmückt und mit einer Widmung an den jungen Grafen Niclas Salm in Druck gelegt 
ward, wurde bereits oben S. 185 erwähnt. 
3 ) Das Hauptwerk über C onrad Celtis ist: B. Engelberti K 1 üpfelii: De vita et scriptis Conradi Celtis 
Protucii praeeipuirenascentium in Germania literarumrestauratoris, priinique Germanorum poetae laureati 
opus posthumum. Breisgoviae 1827 II, P. Vergl. Endlicher's vortreffliche Recension in den Wiener Jahr- 
büchern derLiteratur, XLV. 141 etc., dann Hormayr's Archiv, J. 1825, S. 753, und Kaltenbäck's 
Mittheilungen über die gelehrte Donaugesellschaft in dessen: Zeitschrift 1836, besonderer Abdruck, 
Wien 1837. 
») Vergl. III. B., §. 109. 

s ) Aus dieser Zeit erübrigen die ersten bekannten lateinischen Schulkomödien: .,Eunuchus von Terenz, 
Aulelaria von Plaut us, der rasende Herkules": das Gast mal des Tyestes von Seneca, auf 
der Universitäts-Aula dargestellt, liess Celtis im Jahre 1486 in Druck legen, worüber sich der Bector 
Magniticus Wilhelm Puelinger äusserte, dass weder er noch andere früher eine ähnliche Production ge- 
sehen haben. Eine zweite Universitäts-Komödie Konrad Celtis war: pa^odou, welches (1504) von 16 Schü- 
lern gespielt und in Augsburg gedruckt wurde. (Kalt enb äc k's Zeitschrift 1835, Nr. 49.) 



192 

bekannteste Werke : „der Weis' Kunig, Tewerdank und Freidank" sind und der in 
seiner Nähe den Kranz der genannten Gelehrten sammelte '). 

Unter Ferdinand I. hatten die letzten Dichterkrönungen Statt. In Wien 
erhielten im Jahre 1588: Vitus Jaeobaeusvon Nürnberg, Johann Lauterbach 
aus der Oberlausitz, und Elias Corbinus von Joachimsthal den Lorbeerkranz und zwei 
Jahre später wurden abermals drei Dichter gekrönt: Peter Dorfner aus Hessen, 
Kaspar Cropius aus Pilsen und Jonas Herrmann aus Gölnitz. — Hieronymus Balbi, 
Bischof von Gurk, war als Dichter und Piedner berühmt. 

Ausser der Universität , an welcher die lateinische Sprache jene des Unterrichtes 
bildete, bestand die noch ältere Schule zu St. Stephan, an welcher der Stadtrath 
schon seit 1296 durch H. Albrecht I. das Recht erlangt hatte, den Schulmeister zu 
ernennen 2 ). Die Juristen hatten ein eigenes Collegium zu St. Ivo (in der Schu- 
lenstrasse), von der gleichnamigen Kapelle so benannt. — Auch bei den Schotten be- 
stand eine lateinische Schule sammt Convict für adelige Knaben, mit welcher eine 
Musikschule verbunden war (s. S. 176). Die Klöster hatten im ganzen Lande fast 
durchwegs ihre eigenen Schulen, ausweichen Chronisten und scholastisch gebildete 
Theologen und Schriftsteller hervorgingen 3 ). 

§. 88. 

Fortsetzung-. 

c) (Vorwiegend lateinisches und romanisches Element der Literatur und Poesie in Wien.) 

Die schöne Saat auf mehreren Gebieten der Wissenschaft, welche zur Zeit Kaiser 

Max I. durch den Sonnenschein kaiserlicher Gunst gepflegt wurde, litt durch die Stürme 

der Reformation, des dreissigjährigen Krieges und der Türkenkriege, bis ihr unter 

Joseph I. und Karl VI. wieder eine neue Morgenröthe dämmerte, und zur Zeit der 

grossen Maria Theresia und Joseph's II. der deutsche Genius in der Literatur 

sich wieder Bahn brach. 

Die Universität bestand zwar fort, hatte aber weder ihren frühern wissenschaft- 
lichen Einfluss, noch so berühmte Professoren und so zahlreiche Schüler *) , und ging 
1622 überdiess in die Leitung der Väter der Gesellschaft Jesu über. 

Die k. k. Hofbibliothek, von Max I. gegründet, erhielt von Zeit zu Zeit eine 
Vermehrung 5 ), so z. B. unter Ferdinand I. durch die Manuscripte, welche Busbeck 



«) March: De insigni favore Maximilian! I. Imp. in Poesin. Leipzig 1751, 4, 39. S. Lambecius Comment. 
de Bibl. caes. Vindob. V. lib. II, p. 968 zählt 23 Werke des Kaisers Max I. auf, die dieser selbst verfasste. 

2 ) Tilmez: Conspeetus historiae Universilatis Vienn. I. 3. 

=) Die zum Theile durch kritische Quellenforschungen ausgezeichneten Monographien der einzelnen Klöster 
in Oesterreich unter der Enns liefern hierüber nähere Belege. Eine Zusammenstellung findet sich in 
Kl eins Geschichte des Christenthums in Oesterreich and Steiermark, im Abschnitte über Schulen und 
Biiehersammlungen in Klöstern und geistliche Schriftsteller des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, 

111, 377— Mi. 
») Unter Max I. zählte sie über 7000, unter Ferdinand I. (1522) nur noch 2000 Schüler. 
5) Mosel's: Geschichte der k. k. Hofbibliolhek. Wien 1835, Balbi: Essai statistique sur les Bibliotheques 

de Vienne. Vienne 1835. 



193 

aus Constantinopel mitbrachte und durch Werke und Prachtmanuscripte aus der Cor- 
vinus-Bibliothek, unter Kaiser Leopold I. durch die herzoglichen Handschriften und 
Bücher von Ambras; doch erst unter Karl VI. wurde der ganze kaiserliche Privat- 
Bücherschatz damit vereinigt, und die in dem neuen Gebäude aufgestellte Bibliothek 
bclief sich schon damals über 100.000 Stücke. Von den Vorstehern der Bibliothek 
sind am bekanntesten der Polihistor Wolfgang Laz (1558 — 1565); Peter Lam- 
beck, zu Hamburg 1626 geboren. 1663 — 1680 Vorstand der Hofbibliothek, als 
welcher er seine „Comentarii de Augustissima bibliotheca Caesarea Vindobonensi" in 
8 Bänden verfasste '); der Niederländer Hugo Blotius unter Maximilian IL. auf 
dessen Rath die Bibliothek durch grosse Ankäufe, besonders aus der Bibliothek des 
Samhucus vermehrt wurde; dann Pius Nicolaus Garelli unter Karl dem VI. 

Unter den ausser der Universität wirksamen Literaten nennen wirFerdinand's I. 
Historiographen Ursinus Velius und Rudolphs IL Historiographen Brutus; auch 
der Niederländer Anger Gislain Busbeck unter Ferdinand L, eben so sehr als 
Diplomat wie auch als vielseitiger Schriftsteller berühmt, in der Philosophie. Jurispru- 
denz und Kriegskunde bewandert, veröffentlichte er auch Beschreibungen über seine denk- 
würdigen Reisen. Von seinen Sammlungen werthvoller Manuscripte . Münzen und An- 
tiken ging Mehreres an die Hofbibliothek und das Antikenkabinet über. Auch aus den 
Manuscripten des. in orientalischen Sprachen bewanderten Hieronymus Beck von Leo- 
poldsdorf, Ferdinand's und Maximilian'sHofkammerrafhes, wurde nach dessen Tode das 
Kostbarste von Kaiser Matthias für die Hofbibliothek angekauft 2 ). Johann Sam- 
bucus (geb. 1531 zu Zsambek [Sambuk] in Ungern) schrieb eine ungrische Ge- 
schichte, stand als kaiserlicher Rath. Historiograph und Arzt am Hofe der Kaiser 
Max IL und Rudolph IL in grossem Ansehen, und schloss in Wien seine Laufbahn 
(13. Juli 1584). Ferner nennen wir noch den volkstümlichen Hofprediger Abraham 
a Sancta Clara (Ulrich Megerle, 1642 in Schwaben geboren. 1662 Barfüsser 
Augustiner zu Maria Brunn in Oesterreich). welchen Leopold I. an seinen Hof beriet, 
wo er vierzig Jahre lang sein Predigeramt verwaltete (t 1. December 1709). — Marcus 
Hansiz (1683 in Kärnthen geboren) trat in den Jesuitenorden, machte sich durch 
seine Germania Sacra (1727—175?) rühmlichst bekannt und starb zu Wien am 
5. September 1766. — Ausser W T ien waren auch die Klöster Musensitze. Der berühmte 
Abt Gottfried Bessel in Göttweih und sein Nachfolger Ma gnus Klei n, die beiden 
Brüder Hieronymus und Bernhard Pez. dann Martin Kropf. Philipp Hueber und 
Anselm Schramb in Melk, Marquard Herrgott , Rüsten Heer und Martin Gerbert 
von St. Blasien, die Verfasser der Munumenta Augustae domus Austriae, Link in Zwetl. 
R. Duellius in St. Polten, Chrisost. Hanthaler in Lilienfeld; später Senkenberg, 
Kauz, Lambacher, Schrott er, Schmidt, die Piaristen Rauch und G ruber, 
die Jesuiten Anton Steyerer, Sigmund C alles und Anton So eher, der Exjesuit 



■) Erste Auflage: Wien 1665— 1669, neue Auflage von A. F. Kollar, 1766—1782. 

2 ) Von Tyho de Brahe und den übrigen Literaten zur Zeit Rudolph'« II. wird bei Böhmen gehandelt, da sich 
dieser Kaiser in Prag aufhielt, lieber die Wirksamkeil Keppler's siehe: Erzherzogfhum Oesterreich o. d. E. 

I. 25 



194 

Denis u. s. \v. machten sich um vaterländische Geschichte, Genealogie, Bibliographie 
und Diplomatik verdient 1 ). 

Unter den Dichtern, welche an den kaiserlichen Hof berufen wurden, gedenken 
wir des (bereits oben S. 187 erwähnten) Venetianers Apostolo Zeno 3 ), der 1715 
— 1729 die Stelle eines Hofpoeten und Historiographen bekleidete (f 1750), und des 
an seine Stelle getretenen berühmten Römers Pietro Metastasio 3 ) (geb. 1698), dessen 
zahlreiche Dichtungen, besonders im Fache der Oper, ganz dem Zeitgeschmacke ent- 
sprachen, und ihn am Hofe Karl's VI. vorzüglich beliebt machten. Der hohe Beifall 
der italienischen Poesie in den höheren Kreisen Wien's darf um so weniger befremden, 
als am Hofe, nebst der französischen und spanischen, fortwährend auch die italienische 
Sprache gepflegt wurde, und viele vornehme italienische Familien daselbst sich 
aufhielten *). 

§. 89. 

Fortsetzung. 

il) (Vorwiegend romanischer Charakter der Poesie des sechzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts.) 

So wie in der Literatur des 16.— 18. Jahrhunderts die lateinischeSprache 
vorherrschte, so inachte sich in der Poesie der romanische Charakter geltend, 
vorzüglich im Drama, indem nicht nur die Gedichte, sondern auch die allegorischen, 
biblischen und historischen lateinischen Schulkomödien, dann die darauf tolgenden 
italienischen Opern und f r anzösischen Schauspi ele den Gegenstand der 
Unterhaltung- in den höheren gesellschaftlichen Kreisen bildeten, während das deutsche 
Lustspiel sich allmälig erst durch die Spässe des Hanswurst, dieser auf deutschen 
Volksboden übersetzten Mittelsperson zwischen Harlekin undPolicinello, zunächst in den 
unteren Kreisen ein Publikum suchend, der deutschen dramatischen Muse Bahn brach. 

Bei den erwähnten allegorischen lateinischen Schulkomödien an der 
Universität und dem Schotten-Collegium in Wien (s. auch oben §. 85) wurden nur 
die Prologe der Herolde deutsch gesprochen, und von den Jesuiten in ihrem 
neuen Collegium am Hof die sogenannten Ludi Caesarei, nämlich die vor dem 
kaiserlichen Hofe von den Schülern gegebenen dramatischen Productionen, in 
lateinischer Sprache abgehalten 5 ) , und die von den Stipendiaten der Rosen- 



») Eine Zusammenstellung der Leistungen in diesen letzteren Gebieten mit biographischen Andeutungen 
findet sich in Hormayr's Archiv, 1810, S. 414-422. Auf die von diesen Gelehrten verlassten, zum 
grossen Theile sehr brauchbaren Quellenwerke wird sich häufig im Laufe dieser Blätter als zugleichen 
sicheren Gewähren an den betreffenden Orten berufen. 

'-') Zeno bezog einen Gehalt von 4000 Gulden. 

») Metastasio dichtete 28 Opern, die Gesammtausgabe seiner Werke erschien in 13 Bänden mit 38 Kupfern, 
Paris 1780—1782. Sieh' auch S. 187. 

») Vergl. den vorhergehenden §. über den romanischen Einfluss während der Reformation auf Oesterreich, 
und §. 75 über den Bevöikerungsanwachs durch Italiener in Wien. 

») Schon im Jahre 1554 führten die Jesuiten in dem Hofraume ihres neuen Collegiums am Hof eine Komödie 
desEuripides, dann 1559 andere dramatische Vorstellungen vor mehr als 3000 Zuschauern durch ihre 
Schüler auf. (Bucholtz: Ferdinand I., VIII, 188.) Seit der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahr- 
hunderts kamen dieselben in besondern Aufschwung, und zwar nicht nur biblische, sondern auch we 1 1- 
li che Tragödien, Komödien, Opern und Schäferspiele. Diese Theaterstücke bestehen gewöhnlich nebst 



195 

burse *),den Sänger- und Sehulknaben, so wie auch von Niederländern und andern Fremden 
in der Rathstube und im bürgerlichen Zeughause aufgeführten Stücke, wurden theils 
in lateinischer, theils in deutscher Sprache aufgeführt 2 ). Das Theater am Wiener Hofe 
reicht schon in die Zeit Kaiser Max des II. zurück, wo 1560 Paul von Antorf mit 
seinen Gesellen erwähnt wird, und es erhielten die gesungenen Vorstellungen, Faschings- 
burlesken, Hofkomödien, Ballete u. s. w. vorzügliche Förderung durch mehrere kunstsinnige 
und heitere Kaiserinnen. Unter Kaiser Ferdinand II. erscheint der männliche, unter 
Kaiser Leopold I. auch der weibliche Hofadel bei diesen Vorstellungen selbst mitwir- 
kend. 1626 wird zum erstenlMale einer Hofbühne in Wien gedacht. 1651 — 1652 wurde 
das erste Komödienhaus (Theatrum) zu „Hoff"' in Wien durch Johann Burnacini 
gebaut. Die öffentlichen Theater wurden theils auf beweglichen Thespis-Wagen fahrender 
Theater-Gesellschaften, in den Häuserhöfen und Hütten der Stadtplätze, theils in den 
Ball-Häusern 3 ) gegeben; während in den erstem vorzüglich Seiltänzer-Gesell- 
schaften, bald auch der Policinello und Hanswurst sich producirten, wurden in dem 
Privat-Ballhause in der Himmelpfortgasse im siebzehnten Jahrhundert theils 
deutsche Theaterstücke, theils italienische Opern aufgeführt *), und zwar 
die letztern seit 1692 von den italienischen Unternehmern: Dan esse, Nanini und Ca 1- 
deroni. Auch in dem Privat-Ballhause (im heutigen Ballgäss che n) nächst dem 
Franciscaner-Platze war eine 7t alienische, in dem kleinen Ballhause in der Tein- 



der Angabe der Titel und Personen aus dem Argumentum (kurzen Inhalt), Präludium (allegorischen Vor- 
spiele) und einem gedrängten Scenen-Ausgang, und sind als lateinische Sprachübungen durchaus 
in dieser Sprache verfasst. Unter den Personen finden sich: die Stimme Gottes, Jesus Christus, die heil. 
Jungfrau, Engel, Apostel, Heilige, Fürsten aller Länder, Flüsse. Reiche, Welttheile, Tugenden und 
Laster etc. personificirt; die grössere Anzahl hat nur Männerrollen, die wenigen weiblichen wurden 
stets nur von studirenden Jünglingen vorgestellt. — Besonders glänzend waren die Ludi Caesarei, welche 
(1635) bei Vermählung Herzog Max von Bayern mit der Erzherzogin Anna Maria, dann nach Kaiser 
Leopold's Regierangs-Antritte (1659) von Jesuiten veranstaltet wurden; bei ersterer Gelegenheit wurde: 
„Conjugium Rebeccae cum Isaco", bei letzterer ,,Pietas Victrix" von 100 Studirenden gespielt. 

') Der Name Rosenburse stammte von dem Hause des Paul Wagendrüssel zur rothen Rose, welches im 
Jahre 1451 für die von ihm gestifteten Stipendiaten, aus dem Nachlasse des Bathsberrn Niklas unterm 
Himel (an der Stelle des späteren Barbara-Stiftes am Dominicanerplatze) angekauft wurde ; die Stiftlinge. 
aus dem Stadtärar unterstützt, waren im Jahre 1552 schon auf fünfzig Köpfe vermehrt. 

2 ) Von ihren Stücken sind bekannt die 1568 aufgeführte deutsche Tragödie: „Von den sechs streitbaren 
Kempffern" (den Horatiern und Curatiern), angeblich durch Georg Luzius, eigentlich aber schon von 
Hanns Sax 1549 verfasst; dann eine 1 ateinis che : „de Resurrectione Domini" vom Jahre 1571 . ferner 
ein „Homulus" betiteltes Stück, welches im Eingang den römischen König Max II., seine Gemalin Maria 
und die frommen Bürger mit ihren tugendsamen Frauen belobt; es wurde 1553 in Wien aufge- 
führt und 1569 zu Nürnberg gedruckt ; endlich die von dem Trabanten Erzherzog's Ferdinand von Tirol, 
Benedikt Edelpökh (1568) verfasste dramatische Darstellung: ,,Von der Geburt Christi." Das erslere ist 
ganz, das letztere in Auszügen gegeben bei Schlager a. a. 0. III. Bändchen, wo überhaupt nähere No- 
tizen über die Bath haus- und Zeug ha us-Komödien im sechzehnten Jahr hunderte zu finden 
sind. 

") Die Ballhäuser waren theils dem kaiserlichen Hofe, theils Privaten gehörig. Kaiser Ferdinand I. 
verpflanzte das Ballspiel aus seiner spanischen Heimath nach Wien; das erste kaiserliche Ballhaus stand 
auf dem Burgplatze, das zweite dem jetzigen Burgtheater gegenüber, das dritte an des letztern Stelle 
selbst, das vierte (jetzige) Ballhaus entstand 1741. 

*) Oehler, Schlager u. s. w. (siehe oben Anmerkung =) auf S. 184). Fl ögel: Geschichte des Groteske- 
komischen, Liegnilz und Leipzig 1788. Prutz: Vorlesungen über die Geschichte des deutschen Theaters. 
Berlin 1847. Devrient's: Geschichte der deutschen Schauspielkunst. Leipzig 184S, 2 Tbeile. 

25* 



196 

faltstrasse aber eine deutsche Theater-Gesellschaft. Die Ballhausgesellschaften und 
Brettertheaterbuden verschwanden, nachdem im Jahre 1708 von dem Stadtrathe, auf 
dem ehemaligen Steinmetzplatze das Theater am Kärnthnerthor erbaut, und zu 
Folge seines Privilegiums, von 1720 an, nur dort Theater gehalten werden durften. 
Darin wurden anfangs seit 1710 unter der Direction des Conte Pecori bloss itali- 
enische Opern, seit 1712 aber abwechselnd die von Joseph Anton Stranitzky 
in Schwung gebrachten und von seinen Nachfolgern Prehauser und Kurz fort- 
gesetzten Hanswurstiaden aufgeführt; wobei jedoch bemerkt wird, dass bei einer Casse- 
lischen Seiltänzergesellschaft, welche 1637 sich vor dem Wiener Kaiserhofe producirte, 
auch schon ein Hanswurst als komische Person erscheint. 

§. 00. 

Fortsetzung. 

e) (Wiederaufschwung der deutschen Poesie und Literatur in Wien.) 

Der Aufschwung, welchen deutsche Sprache, Literatur und Dichtkunst gegen 
Ende des vorigen Jahrhunderts nahmen, wirkte auch auf Wien, wo Denis nicht nur 
als Gelehrter, sondern auch als patriotisch lyrischer Dichter und Uebersetzer des 
Ossian, dann Haschka (Verfasser der österreichischen Volkshymne), Alxinger als 
epischer Dichter, Rats chky als feiner Satyriker, B'lumauermit derberem Witze 
und Andere der deutschen Muse in Oesterreich in verschiedenen Richtungen den Weg 
bahnten. Für das deutsche Drama war aber von entschiedener Wirkung, dass Kaiser 
Joseph II. (1776), mit Abschaffung der extemporirten Stücke, das (seit 1741 er- 
richtete) Burgtheater unter der Benennung „Hof- und Nationaltheater" in 
seinen unmittelbaren Schutz nahm und deutsche Schauspiele «auf demselben durch die 
ausgezeichnetsten Künstler zur Aufführung kamen. Unter Leopold II. und Franz I. 
erreichte diese Bühne ihren Höhenpunct '). 

Die Werke Iffl an d's, Schröders, Jünger's, Göthe's, Schill er's, Körners 
(der zugleich 1812 — 1813 Hofdichter an dieser Bühne war), Kotzebue's, Hou- 
wald's, Müll er's, Gutzkows und anderer Dichter Deutschlands, so wie der vater- 
ländischen Dramatiker Heinrieh von Coli in, der sich Schiller zum Vorbilde ge- 
nommen zu haben scheint, Franz Grillparzer's, welcher in seinem tiefpoetischen 
Genie seine eigene Richtung einschlug, Franz v. Holbein's, Friedrich Ha Im's (Elegius 
Freiherr von Münch-Bellinghausen), des Vertreters der romantischen Richtung in Oester- 
reich; ferner Deinhardstein's vielseitig ansprechende Werke, Bau er nfel d's Conver- 



1 ) Die Direction führten der Hof schauspieldichter Jünger 1789 — 1794. Freiherr von Braun 1794 — 1807, 
Graf Ferdinand von Palf fy, welcher dieses Theater nebst dein Kärnthnerthortheater auf eigene Rech- 
nung- übernahm (1807 — 1814), bis dasselbe wieder in Hof-Regie übernommen und Anfangs von Hofralh 
v. Füljot, von 1821 — 1824 von Moriz Grafen von Dietrich stein, dann bis zum J. 1845 durch den 
Oberstkämmerer Rudolph Grafen von Czernin und seit 1849 durch den Grafen Lan ckoronski ge- 
leitet wurde, mit Unterstützung der Theater-Sekretäre Alxinger 1794 — 1797, Kotzebue bis 1802, 
Sehr eyvogel (West) 1802— 1804, So nnleithner bis 1814, Schreyvogel abermal von 1814 bis 
1832 und der Vice-Directoren : Hofrath von Mosel 1821 — 1829, Dcinhar dstein, seit 1832, Franz 
v. Hol bei n seit 1841 und Heinrich Laub e seit 1850 (letzterer als artistischer Dircctor). 



197 

sationsstücke, Herr mannsthals, Otto Prechtler's , Mosenthal's und Anderer 
theatralische Versuche wurden nebst Uebersetzungen und Bearbeitungen der besten 
Producte des Auslandes, namentlich des grossen Britten Shakespeare und des Spaniers 
Calderon in meisterhafter Weise auf dieser Hofbühne vorgeführt *). In neuester Zeit 
wurde durch Tantiemen und Preisausschreibung zu Theaterdichtungen aufgemuntert. — 

Als Volksdichter erwarben sich verdiente Anerkennung: im vorigen Jahr- 
hunderte Hafner, und in diesem: Gleich. Meisl. Bäuerle, der poetisch-humoristi- 
sche Raimund, welchen in neuester Zeit Nestroy, Told. Kaiser, Feldmann 
und andere folgten. 

Als vorzügliche Lyriker sind zu nennen: Johann Gabriel Seidl. Eduard und 
Ernst Freiherr von Feuchter sieben. Herrmannsthal, Fitzinger, Gaal, 
Halirsch, Otto Pr editier, Jeitteles u. s. w., welchen sich der Balladendichter 
Vogl und der vielseitige Castelli anschliessen, der zugleich im österreichischen 
Dialekte Gedichte versuchte, in welchem Zweige ihm nebst Andern Johann Gabriel 
Seidl mit voller Meisterschaft folgte. — Zwar nicht der Geburt, aber dem Aufent- 
halt und der Wirksamkeit nach gehören Oesterreich an: Der Dichter der Tunisiade 
und Rudolphiade, Ladislaus Pyrker, Abt in Lilienfeld; Baron Zedlitz, der Sänger 
der Todtenkränze , jener des Habsburgerliedes Ludwig August Frankl, der tief- 
melancholische Lenau, der Humorist Saphir, der originelle Hebbel, Mosenthal 
u. a. m. — Als Dichterinnen erwarben einen Ruf: Caroline Pich ler. Wilhelmine 
C h e z y, Betti P a o li u. a. 

§. 91. 

Fortsetzung, 
f) (Schulwesen und Huniauitiits-Anstalten.) 

Die grosse Kaiserin Maria Theresia wendete zunächst ihre mütterliche Sorgfalt 
auf das Volks seh ulwe sen. Sie errichtete eine Nor mal -Hauptschule (1771) als 
Muster für die übrigen unter ihrem Schutze entstandenen Elementarschulen. Die 
Universität hob sie durch eine gänzliche Umgestaltung, zu welcher 1756 nach 
dem Plane des gelehrten van Swieten, Leibarztes der Kaiserin, der Grund gelegt wurde, 
deren wesentliche Institutionen bis in die neueste Zeit bestanden. Auch eine Stern- 
warte wurde an der Universität errichtet und deren Leitung dem Hofastronomen 
Pater Hell anvertraut, ein Institut, welches durch die grossmüthige Unterstützung des 
Kaisers Franz I. und die wissenschaftlichen Kenntnisse der Directoren Littrow sen. 
und jun. einen europäischen Ruf gewann. 

Die Universitätsbibliothek "). auf Antrieb des Freiherrn von Martini von 



') Der älteren Kunstperiode des Hofburgtheaters gehören an: Bei-gopzoomer, Brockmann, Eckart (genannt 
Koch), Lange, Müller, Ochsenheimer, Roose, Stephanie, Weidmann, dann die Damen: Adamberger, 
Jaquet, Nonseul, Saeeo ; der neueren: Anschütz, Costenoble, Dawison, Fichtner. Koberwein, Korn. Laroche, 
Löwe, Wilhelmi u. s. w. ; dann die Damen: Anschütz, Fichtner, Haitzinger. Koberwein. Löwe, Sophie 
und Caroline Müller, Neumann, Peche, Rettich. Sophie Schröder, Weber u. a. m. 

-) Nähere Notizen über die Einrichtung und neue Aufstellung dieser Bibliothek, über Napoleons Benützung 
derselben u. s. w. linden sich im Oesterr. Archiv. 1830, S. 98; 1831, S. 591 ; 1832, S. 124; 1833, S. 515. 
Wesentliche Verdienste um dieses Institut erwarben sich die Directoren derselben Franz Ridler 
(f 1834). Franz Lechner (f 1851) und Joseph Di em er. 



198 

Maria Theresia und Joseph II. aus den Büchersammlungen der Jesuiten, aus der 
Gschwind'schen und Wind harschen Bibliothek und den Büchern der aufgehobenen 
Klöster gegründet, wurde 1777 dem Publikum geöffnet. Kaiser Franz I. erseheint als 
zweiter Gründer derselben, indem er 1828 — 1829 die Räumlichkeiten derselben durch 
einen neuen Zubau ansehnlich erweiterte. Am 9. October 1829 erfolgte die Wieder- 
eröffnung derselben. Den Schlussstein dieser kaiserlichen Stiftungen bildete die 
Theresianische Ritterakademie (1745), welche Kaiser Joseph mit der ähnli- 
chen Savoy'schen Stiftung vereinigte (1784), deren ursprüngliche Bestimmung aus- 
schliessend für den österreichischen Adel, aber seit dem Jahre 1848 aufhörte, daher 
sie nunmehr nur als die theresianische Akademie bezeichnet wird. 

Auch die Akademie der morgenländischen Sprachen entstand noch unter 
Maria Theresia's Regierung 1754, und van Swieten wurde 1755 Vorstand der Hof- 
bibliothek, welche mit der Büchersammlung des Römischen Kaisers Franzi, und 
unter der Direction der berühmten Bibliothecare Denis, Johannes Müller und der 
Präfecten Grafen Ossolinski und Moriz Grafen von Dietrichstein durch andere 
Sammlungen bis auf die Zahl von mehr als 320,000 Bänden vermehrt wurde. Ueber- 
diess wurde noch die kaiserliche Privatbibliothek angelegt, welche bei 50,000 Bände 
enthält. Kaiser Joseph II. vermehrte die wissenschaftlichen Anstalten durch die Gründung 
der medecinisch-chirurgischen Josephsakademie (1785). Das Grinner'sche In- 
stitut wurde zur k. k. Ingenieur- Akademie (1769) erhoben 1 ). Vor Allem aber war 
von wichtigem Einflüsse auf die Bildung des Gewerbs- und Handelsstandes die Errich- 
tung des p olitechnischen Institutes durch Kaiser Franz I. (1815), so wie in 
neuester Zeit jene der 1851 neu organisirten Realschulen. 

Von Wohlthätigkeitsanstalten wurde das Waisenhaus (schon 1722), 
dasTaubstummeninstitut(1779)unddasBlindeninstitut (1808) gegründet 2 ), 
welchen sich in neuester Zeit die Kleinkinderbe wahr- und Säuglingsan- 
st alten anreihen. 

Von den wissenschaftlichen Sammlungen, welche zugleich den Ueber- 
gang in das Gebiet der Kunst machen, erwähnen wir das Münz- und Antiken- 
cabinet, an dessen Spitze Karl VI. den ersten Numismatiker seiner Zeit, Karl Gustav 
Heraeus berief, und welches später unter der Leitung seiner Directoren Neu mann, 
Steinbücbel undArneth seine jetzige ausgezeichnete Kunststufe erreichte; die 
von Ambras nach Wien versetzte Ambrasersammlung und die naturhistori- 
schen Cabinete. — Die Mitglieder der kaiserlichen Familie, hohe Staatsmänner und 
Cavaliere folgten dem Beispiele des kaiserlichen Hofes, und so entstand die ausge- 
zeichnete Kupferstichsammlung und Bibliothek des Erzherzogs Albrecht von 



*) Sie bestand auf der Laimgrube bis 1851, wo sie nach Kloster Brück bei Znaim verlegt, und das ehe- 
malige Akademie-Gebäude in Wien zur Kaserne verwendet wurde. 

-) Auch wurde bereits von Maria Theresia das Bürgerspital von St. Marx, so wie die Vorstadtspitäler, das 
spanische Spital, jenes am Rennweg, der Sonnenhof in Margarethen, der Contumazhof und das Bäcken- 
häusel errichtet oder vergrössert, und zu diesem Zwecke Schloss und HerrschaftEbersdorf frei geschenkt ; 
Kaiser Joseph aber errichtete das grosse allgemeine Krankenhaus nebst dem damit verbundenen Militär - 
spitale und Irrenhause, das Findelhaus u. a. 



199 

Sachsen-Teschen (bis auf 20,000 Bünde vermehrt durch den wissenschaftlichen Kunst- 
sinn des Erzherzogs Karl), die Bibliotheken der Fürsten Paul Ester hazy (mit 
36,000 Bänden), des Fürsten Liechtenstein (mit 40,000 Bänden), die gräflich 
Schönbor n'sche (mit 18,000 Bänden) und jene mehrerer Privaten für einzelne 
Wissenszweige. Ein wichtiger Act für die Weiterentwicklung der strengen Wissen- 
schaft war endlich die Gründung einer kaiserlichen Akademie der Wissen- 
schaften. Schon Leibnitz hatte (1713) einen Entwurf zur Errichtung einer 
solchen Anstalt verfasst; nach wiederholter Anregung trat dieselbe unter Kaiser 
Ferdinand durch das allerhöchste Handschreiben vom 30. Mai 1846 in's Leben; nach- 
dem die Statuten derselben unterm 14. Mai 1847 allerhöchst resolvirt waren, erfolgte 
am 2. Februar 1848 durch den Erzherzog Johann die feierliche Eröffnung. Nach 
der allerhöchsten Willensmeinung sollte dieselbe die echt wissenschaftlichen Leistungen 
aller Nationalitäten des Kaiserreiches umfassen und Akademiker aus allen Kronländern 
aufnehmen. Anerkennenswerth sind die bisherigen Leistungen dieses neuen Institutes, 
ebenso durch Umfang, als Gründlichkeit und Wichtigkeit. 

§. 92. 
Entwicklung der Kunst unter den Habs b urger n in Oester reich. 
(Vorwiegend deutscher Geist der Kunst im vierzehnten bis sechzehnten Jahrhunderte.) 
In dieser Periode errang der germanische Geist seinen wahren Ausdruck im 
deutschen Baustyl, der auch in Oesterreich schnellere und weitere Verbreitung 
fand. Vorzüglich gilt diess vom Kirchenbau, welcher, aus der Tiefe des deutschen 
religiösen Gefühles hervorgegangen, durch sein Streben nach Höhe, Mannigfaltigkeit 
der geometrischen, harmonischen Linien und Beichthum des phantasievollen Pflanzen- 
schmuckes vor allen übrigen Bauformen sich auszeichnet. In welchen Richtungen wir 
Oesterreich durchziehen, begegnen uns — ungeachtet der durch ein halbes Jahr- 
tausend darüber brausenden ungrischen und türkischen Einfälle, der Beformations- 
unruhen, der schwedischen und französischen Invasionen — allenthalben zahlreiche 
Denkmäler der deutschen Baukunst in Oesterreich. Nur beispielsweise erinnern wir an 
die mit diesen Bauten am reichsten gesegneten Theile desselben. Wien hat 10 Kirchen 
und 2 Kapellen deutschen Styles. Der S t e p h a n s d o in in seiner dermaligen Gestalt, mit 
Ausnahme der nordwestlichen alten Front, ist ein Werk der Habsburger; der gross- 
artige Neubau begann unter Herzog Rudolph IV. (1360) und wurde unter Kaiser Fried- 
rich IV. (1454) im Wesentlichen bis zu seiner jetzigen Gestalt vollendet. Dem Plane des 
geistreichen Rudolph zufolge erhob sich der Stephansthurm, welcher 1433 durch 
Meister Hans Brachadicz vollendet wurde 1 ). Von hoher Meisterschaft zeugen manche 



') Die Baumeister seit Rudolph's Zeit waren der (bei Ebendorfer aufbewahrten) Sage nach: Wenzla, an- 
geblich Meister aus Klosterneuburg (1404), dann aus Kirchenrechnungen bekannt: Ulrich Helbling 
(1399— 1417), Peter von Brachawitz (1417 — 1429), Hanns von Brachadicz (1429—1445), Hanns 
Buchsbaum (1446 — 1454), Lorenz Sp enyng (1455), Aegydius Paum (1461) und Simon Achleitner 
(1478—1481), Georg Oechsel (1495—1505), Anton Pilgram (1506— lall). Der äussere Bau wurde 
um 1450 beendigt; der innere fällt in die Zeit von 1400 — 1520, damit waren beschäftigt: Heinrich Kumpf 
und Christoph Hörn von Dinkelsbuche 1, ferner der genannte Georg Oechsel, Hanns Pi lg ram (welcher 



200 

Sculptunverke im Innern und Aeussern dieser Metropolitankirche, als: die Kanzel, das 
Grabmal Friedrich des Friedfertigen, der alte Taufstein von 1481, die herrlichen ge- 
schnitzten Chorstühle von 1487, die Seiteneingänge mit ihren Verzierungen und Statuen 
und mehrere Grabsteine. — Der nächst interessante Bau , welcher den germanischen 
Geist gleichsam verkörpert, ist die wohlerhaltene Kirche zu Maria-Stiegen mit 
ihrem zierlichen Thurme '). Der Umbau der Michaeierkirche erfolgte im Jahre 
1340, nachdem der alte noch vom Jahre 1220 herrührende romanische Bau durch 
Feuersbrünste (1276 und 1319) stark gelitten hatte. Der hohe Chor und der Thurm 
stammen aus dieser Zeit (1340 — 1460). Auch die von Friedrich dem Streitbaren 
erbaute Minoritenkirche war durch die Feuersbrünste (1272 und 1276) zerstört 
worden. Die Gemalinnen Rudolph's, Königs von Böhmen, und Friedrich's des Schönen, 
Bianca von Frankreich und Isabella von Arragonien, Hessen den von Ottokar bereits 
begonnenen Wiederaufbau (1305 — 1330) vollenden 2 ). Die Hof-Pfarrkirche zu St. 
Augustin, mit der alten Temploiser-Kapelle 3 ). wurde 1330 — 1339 erbaut. Die 
Burgkapelle stammt ihrem jetzigen Hauptbaue nach noch aus den Tagen Kaiser 
Friedrich's des Friedfertigen *). Die ehemalige Kar meliten kir che, jetzt Pfarrkirche 
am Hof, verdankt ihr Entstehen Herzog Albrecht III., zeigt aber nur mehr an der 
nordöstlichen Aussenseite die alte Bauform; die Frontseite (von 1662) und das Innere 
wurden in den folgenden Jahrhunderten gewaltig restaurirt. Die Johanneskirche 
des Maltheserordens, schon 1200 gegründet, hat. mit Ausnahme der 1806 neu erbauten 
Stirnseite, noch den eigentlichen Bau des fünfzehnten Jahrhunderts. Die Elisabeth- 
kapelle im deutschen Hause (1316 erbaut), im Innern noch im altdeutschen 
Style mit reichem Wappenschmuck ausgeziert, zeigt nach aussen noch die schönen, 
hoben Spitzbogenfenster. Die Franziskanerkirche zu St. Hieronymus, 1603 
gänzlich umgestaltet, hat in ihrem Kernbaue noch die Formen der 1476 vollendeten 
alten Kirche. Das St. Ruprechtskirchlein Hess Georg von Auersperg 1436 



die herrliche Kanzel 1510 vollendete). Die Chorstühle sind 1484 von \V. Kollinger, der Marmor-Sar- 
kophag Friedrich's IV. noch zu dessen Lebzeiten von Niklas Lerch aus Strassburg begonnen, und 1513 
von Meister Michel vollendet. (Feils Forschungen über diesen Dom, in Schmidl's österreichischen 
Blättern der Literatur, 1844. Nr. 18— 21, 30— 34 und 1845, Nr. 1—6. Schlager: Wiener Skizzen V. 468, 
und desselben Aufsätze in der Wiener Zeitung vom 27. October 1842, und 21. März 1846. und Feil: 
Grabmal Kaiser Friedrich's III.. in Schmidl's: Kunst und Alterthum in Oesterreich. Wien 1846, Fol. 
S. 1 s. f.) 

*) Am 2. Juni 1394 legte Meister Michael Weynburm (Weinwurm), herzoglicher Baumeister aus Lachsen- 
dorf (Laxenburg) den Grundstein; der Thurm wurde durch Meister Benedict Khölbl (binnen 3 Jahren) 
1437 vollendet. (Tschis chka's Geschichte Wiens, nach dem städtischen Buche der Käufer d. Fol. 37, 
201 und 207.) 

") Vieles von dem deutschen Baue ging bei der Umstaltung dieser Kirche im Jahre 1744 zu Grunde, darunter 
auch das prachtvolle Grabdenkmal der Stifterin Bianca. (Siehe Feil: „Die Herzoginnen-Gräber bei den 
Minoriten in Wien," in Schmidl's österreichischen Blättern 1845, S. 713—733). Am besten sind aus 
jener Zeit noch erhalten die Eingangsthüren, namentlich die Mittelpforten mit Scenen aus der Leidens- 
geschichte. 

3 ) Siehe hierüber Feil a. a. 0. 1848, S. 217—248. 

*) Rudolph IV. Hess 1357 das Zimmer, worin er geboren war, in eine Kapelle verwandeln. Kaiser Friedrich 
liess die jetzige 1448—1449 auf dem Grunde der vorigen Burg-Kapelle herstellen. 



201 

erneuern; und die Salvator kapelle, von den Wiener Bürgern Otto und Haimo 
1301 erbaut, 1360 vergrössert, schliesst die Reihe germanischer Bauten in Wien. 

Im Donauthale auf und abwärts begegnen uns allenthalben mehr oder 
weniger altdeutsche Bauwerke; so schon nächst Wien die Mic haelskir che in Klo- 
sterneuburg und der jüngere Bau der dortigen Stiftskirche, die Pfarrkirche 
und der isolirte Stadtthurm in Korneuburg. Krems, Stein und Drosendorf 
mit ihren alten Kirchen, und anderen Gebäuden gewähren vielfach noch ein Bild des 
Mittelalters, sowie die zahlreichen Orte der romantischen Wach au, namentlich Spitz, 
St. Michael, Weisskirchen, Dürrenstein, dann Emmersdorf (gegenüber 
von Melk), Weitenegg, Gross- Pechlarn, Persenbeug, Wallsee und die 
Gegend des Wirbels und Strudels, mit zahlreichen Ruinen auf Felsspitzen und Berg- 
kuppen, an die ritterliche Zeit des Mittelalters erinnern. Stromabwärts aber nennen wir 
vor Allem die interessante Kirche zu Deutsch-Altenburg, im Uebergangsstyle von 
der romanischen zur deutschen Bauform, dann die Pfarrkirche, Mauern und mehrere 
Häuser in Haimburg; Grossenzersdorf gegenüber der grossen Insel Lobau, das 
alte Fi schämend, Schwechat und selbst das alte Kirchlein zu Simmering 
stellen am Ufer eine Reihe alter Bauten bis Wien dar. — Am Kaiengebirge und 
Wienerwalde entlang erheben sich ehrwürdige Kirchenbauten, als: die Kirche zu 
Heiligenstadt, Grinzing, Sievering, Perchtoldsdorf, die grosse Ottmars- 
kirche und kleinere Spitalkirche zu Mödling, die Kirche zu Gumpoldskirchen 
nebst dem alten Rathhause , und die Pfarrkirche zu Baden; ebenso findet man derlei 
Bauten gegen die Alpen an der Strasse nach Mariazeil bis an die steierische Gränze 
hin, und von da am Gebirge bis zum alterthümlichen Schottwien, und selbst 
auf den Ebenen des Steinfeldes, zu Neunkirchen und Wiener-Neustadt '), 
welches noch vielfach den Charakter einer alten, deutschen Stadt an sich trägt, im 
Marchfeld und an der March, an der vielgekrümmten Thaya und am weiss-schäumen- 
den braunen Kamp. Vor Andern bemerken wir das alterthümliche Eggenburg mit der 
St. Stephanskirche, aus der Blüthezeit altdeutscher Kunst, die interessante Bergkirche 
zu Gars, das Städtchen Hardegg, die alten Kirchen zu Hörn, Heinrichschlag, 
Imbach u. s. w. Allenthalben begegnet uns, wenn auch modernisirt oder verstüm- 
melt, deutsche Bauweise. Auch verdienen unter den mehrfachen mittelalterlichen 
Denksäulen, das sogenannte „Ewige Licht" zu Klosterneuburg v.J. 1381, dann 
die Spinnerin am Kreuz bei Wiener - Neustadt •) und jene am Wiener- 

') Schilderungen der archäologischen Merkwürdigkeiten dieser Ol te in Schmidl und Feil: Wien's Um- 
gebungen. 3 Bde. 1835— 1839, und Tschischka: Kunst und Alterthum in Oesterreich. Wien 1836. Aus- 
ser den früher erwähnten Werken über Neustadt bemerken wir, dass der verstorbene Magistratsrath 
F r o n n e r die sämmtlichen historischen und Kunstdenkmale von Wiener-Neustadt in vier Bänden zeichnen 
Hess, und dieses Werk der Bibliothek des Neuklosters übergab. (Vergl. auch Chmel's österr. Geschichts- 
forscher II, CX.XIII s. f.). 

-) Wolfart vonSchwarzensee Hess im Auftrage Herzog Leopold's III. des Biedern (zwischen 1382 bis 
1384) die oben erwähnte Säule durch den Baumeister Michael — wahrscheinlich ein Denkmal der Län- 
dertheilung zwischen Leopold und Albrecht III. vom Jahre 1379 — errichten, da jener in derselben Inner- 
osterreich sammt Neustadt erhielt. Diese Säule, früher bl«ss „das Kreuz" genannt, erscheint erst 1671 
unter dem Namen Spinnerinkreuz. Im Jahre 1829 erfolgte die Herstellung derselben durch den Wiener Bild- 

I. 26 



202 

berge ') hinsichtlich der Architektur und Sculptur eine auszeichnende Erwähnung. 
— Die jetzige innere Einrichtung der vorerwähnten Bauten entspricht nur theil- 
weise der Bauart, doch haben sich nicht nur hie und da Sculpturwerke , Bilder- 
altäre u. dgl. z. B. zu Pul kau und selbst zu Maria Lach auf dem Jauerling 
und andere mittelalterliche Denkmäler in den Kirchen selbt erhalten, sondern die 
meisten Klöster bilden in ihren Cabineten oder Schatzkammern eine Art kleiner 
Uocalmuseen von christlichen Denkmälern. Besonders sind hierin hervorzuheben 
Klosterneuburg, Herz ogen bürg, Göttweih und das Neukloster zu 
Wien er- Neustadt, obwohl auch in den meisten übrigen mehrere höchst interessante 
Werke der Sculptur, Holz-, Glas- und Pergamentmalerei des germanischen Styles sich 
vorfinden. Vor Allem blieb aber der Kaiser-Hof der Pflege- und Mittelpunct der schönen 
Künste, wovon hier nur einige Umrisse, zunächst über die Zahl der Hofkünstler folgen. 

BeiHofbedienstete Künstler dieser Periode (im 14. und 15. Jahr- 
hunderte) waren: Heinrich Vase hang, Schilter Herzog Rudolph's (1360); 
Heinrich Sternseher. Maler Herzog Leopold's (1375); Hans Sachs, Herzog 
Albrecht's Maler (1386); Meister Hanns der Prentschenk, Herzog Albrecht's 
Goldschmied (1394); Meister Hanns, Herzog Albrecht's Maler (1405); Meister 
Hanns von Zürch, Maler Königs Ladislaus (1457) 2 ). 

Ausserdem erscheinen noch als Maler dieser Periode, welche in Wien 
Kunstwerke verfertigten: Meister Niclas von Wien (1421), Janko Pechaimb (1430). 
Andre von Paryss (1434) , Meister Ulrich (1438), Michel Rutenstock (1440 — 1450), 
Kurz Pant (1471—1475), Hanns Kaschawer (1471 — 1494), Hanns Ruprecht von 
Werd (1474—1500), Hans Gruntmann (1496) Jörg Wiltperger, Meister Jörg von 
Wien (1499). — Miniaturmaler waren: Meister Mathes (1420—1424), Buprecht 
Weiss und Merten Hefflinger (1471), Michael Kolb (1474) , Vincenz Handl (1496) 
Hanns Gassmann (1498). — Vorzügliche Glasmalereien lieferten in jener Pe- 
riode: Meister Eberhardt, welchem 1291 die Ausbesserung der Glasfenster in derCapella 
peciosa zu Klosterneuburg von Albrecht dem I. anvertraut wurde, dann um 1340 
Meister Michael, 1416—1430 Meister Stephan, von dem die Glasfenster der Herzogs- 
kapelle und zum Theil der Stephanskirche herrühren, 1463 — 1471 die Meister Caspar 
und Heinrich, ebenfalls Glasmaler bei St. Stephan, 1484 Hanns Rat. i486 Niclas 
Walch. 1490 — 149S Antoni von Rein und 1490—1504 Wilhelm Gotzmann 3 ). 



hauer J. Vogl und den Neustädter Steinmetz M. Vogl. (Vergl. die Denksäule nächst Wiener Neustadt. 
Spinnerin am Kreuze von K. Böheim, Beitr. zur Landeskunde Oesterr. I. 96. und J. C. Arneth: die alte 
Säule bei Wiener Neustadt, Jahrb. der Lit. 50 B.) 
') Die sogenannte Spinnerin am Kreuz am Wienerberge wurde an der Stelle des durch Hunyad's 
Scharen zerstörten Kreuzes durch Meister Hanns Puchsbaum, Baumeister am St. Stephansdome 
(1451— 1452) errichtet. Diese Säule erscheint in alten Acten als : new stainin Kreucz ob Meurling, 
das gross Kreutz am Wienerberg, Marterseul etc. erst 1709 als Bildsaulen vulgo die 
Kreuz Spinnerin, 1714 die Spinerin, Spinnerin (1730), das Spinerkreuz (1752), das 
Spinnenkreuz (I789>, die Spinnerin am Kreuz (1804). Schlagers Wiener Skizzen I. 205-234: 

11,307— 380. brachten auebin diese früher fabelhafte Partbie der Kunstgeschichte zuerst historisches Licht. 

') Materialien zur österreichischen Kunstgeschichte von J. Schlager im Archive der Akademie der Wissen- 
schaften, 1850, II. 607. 

:i ) Tschischka's: Wien S. 256—257. 



203 



§. 93. 



Fortsetzung. 
(Vorwiegend romanisch-moderner Geschmack, hesonders in der Baukunst.) 
Die nun folgenden Kriegszeiten, besonders die Reformationsunruhen, der dreissig- 
jährige Krieg, die Schwedeneinfälle, die Vergrösserungspläne der französichcn Könige, 
und die daraus entstandenen Kriege, in welche die österreichischen Regenten als 
deutsche Kaiser verwickelt wurden, dann die fast zweihundertjährigen Türkenkriege, 
in Verbindung mit wiederholten Aufständen der Ungern waren wohl wenig geeignet, 
das Kunstleben zu fördern; doch waren selbst in dieser Zeit noch einzelne Regenten 
von hoher Kunstliebe durchdrungen und unterstützten nach ihren Kräften die Künste; so 
Ferdinand L, ') dessen Regierung in die Rlüthezeit der italienischen und deutschen 
Malerei fällt, dann Max II. 8 ) und Rudolph II. , :< ) welcher über seine Liebe zur 
Kunst und Literatur selbst die Regierungsgeschäfte vernachlässigte. Sogar in der 
sturmvollen Regierungsperiode der Kaiser Matthias *) und Ferdinand II. ') finden 
wir Künstler bei Hofe angestellt. Kaum war aber diese stürmische Zeit vorüber, als sich 
schon unter Ferdinand III., namentlich auch durch den kunstsinnigen Erzherzog 
Leopold Wilhelm 6 ), dann aber unter Leopold 1. 7 ) wo Malerei und Plastik ihre 



l ) Unter Ferdinand I. führt Schlager (Materialien zur österreichischen Kunstgeschichte im Archiv der 
kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 1850. II. B., S. <i67 s. f.) vier Maler, drei Baumeister und 
einen Bildhauer als bei Hofe angestellt, und ausserdem noch mehrere in Wien wirkende Künstler an. 

-) Bei Hofe angestellt waren unter Max II. 7 Maler. 5 Bildhauer, 1 Baumeister, 1 Antiquar und 1 Aufseher 
der Kunstkammer (Sehlager a. a. 0.). Besondere Erwähnung verdient der Hofmaler und Contrafetter 
Joseph Ar zimha Ido , ein Schüler Leonardo da Vinci's. der bereits unter Ferdinand I. nebst andern 
auswärtigen Künstlern nach Wien gekommen war. 

8 ) Bei Rudolph'» II. Hofe waren 17 Maler, 5 Bildhauer, 1 Kupferstecher. 1 Hofgoldschmied, 1 Vergolde!', 
1 Edelstein- und 1 Stahlschneider und 2 Antiquare der Kunstkammer angestellt (Schlager a. a. 0.), 
von welchen beim Kronlande Böhmen ausführlich gesprochen wird. Ausserdem gibt Schlager (a. a. 0. 
S. 687) eine grosse Anzahl fremder und in Wien ansässiger Meister an. — Bemerkenswerth darunter 
sind Joseph Hainz, Hofmaler, welcher auf Rudolph's Auftrag eine Reise nach Italien machte, um die 
schönsten antiken Statuen abzuzeichnen, und Gemälde daselbst zu copiren. Auswärtige berühmte Meister, 
welche einige Zeit an Rudolph's II. Hof lebten, waren: aus Italien Leonardo Bassano und Giovanni Co n- 
t arini. aus Deutschland Johann Ro 1 1 e n b a u mer , aus den Niederlanden Roland Savary , ein berühmter 
Landschaftsmaler, welcher für Kaiser Rudolph II. die merkwürdigsten Gegenden Tirols aufnahm. — Der 
Niederländer Bartolomäus Spranger verdient sofern eine nähere Erwähnung, weil er als Mittelpunct 
der damaligen Künstler und gewissermassen als Stifter eines Künstlervereines anzusehen ist. VonJohann 
von Bologna empfohlen, kam er saramt dem Bildhauer Johann Mo nte an Maxmilian's II. Hof, von Rudolph IL 
wurde er so ausgezeichnet, dass dieser ihn 1588 in Gegenwart des ganzen Hofstaates mit dem Ritterdegen 
umgürtete, ihm eine goldene Kette umhängte, und ihm das Prädikat: ,,von dem Schilde" verlieh. Ein Theil 
der von Rudolph II. angekauften Gemälde befindet sich gegenwärtig in der k. k. Gallerie zu Wien, so wie 
die merkwürdigsten der geschnittenen Steine im k. k. Antikenkabinet , worunter auch die unter dem 
Namen Apotheose des Augustus bekannte herrliche Kamee: ein anderer Theil der von Rudolph gesam- 
melten Kunstschätze aus Prag ist gegenwärtig in Dresden und Schweden. 

*) Als angestellte Hofkünstler wirkten unter Matthias 3 Maler. 4 Bildhauer und 1 Kupferstecher (Schlager 
a. a. 0.). 

5 ) Angestellte Hofkünstler unter Ferdinand II. waren: 8 Maler, 4 Bildhauer, ein Baumeister. I Siegel- und 
Wappenschnitzer. (Schlager a. a. O.) 

''( Unter Ferdinand III. erscheinen bei Hofe bedienstet: 7 Maler, 2 Goldschmiede. 3 Baumeister. 2 Ingenieure 
und 1 Wachspossirer. Ausserdem war unter jedem dieser Kaiser noch eine grosse Anzahl von Künstlern 
in Wien ansässig. (Schi ager a. a. 0. und Feil in den: Quellen und Forschungen etc. S. 400—401 ). 

') Angestellte Hofkünstler unter Leo po 1 d I. waren : 7 Maler. 1 Glasmaler, 3 Kupferstecher. 4 Bildhauer. 
1 Beinstecher, 1 Siegelschneider, 1 Steinschneider. 1 Mathematiker, 1 Gallerie-Inspector. 4 Architekten 

26* 



204 

goldene Zeit in Oesterreich feierten, and (freilich in« dem veränderten Geschmacke des 
achtzehnten Jahrhunderts) durch die Liebe Josephs I. ') und Karl's VI. 2 ) für die 
schönen Künste dieselben plötzlich in Oesterreich sich wieder erhoben. 

Der Renaissancestyl, der aus dem Wiederaufleben der antiken Studien und 
deren Anwendung auf die neuern Verhältnisse in Italien sich seit dem 16. Jahrhunderte 
entwickelt hatte , erreichte für Oesterreich damals seine höchste moderne Vollendung. 
Vor Allem entstanden grossartige Werke der Baukunst, namentlich durch den 
berühmten Fischer von Erlach, welcher in Wien die Peters- und die Karlskirche, 
Hofbibliothek, Reichskanzlei, Reitschule, die Hofkammer, die kaiserlichen Stallungen, 
das Trautsohn'sche Palais (ungrische Garde) u. s. w. aufführte. Durch Karl's Beispiel 
geweckt, entstanden die in ihrer Anlage grossartigen (noch unvollendeten) jetzigen 



und Ingenieure, 1 Stuckgieser, ausser welchen noch viele andere Künstler in Wien lebten. (Schlager 
a. a. 0.). — Ueherhaupt wurde Bildhauerei und Malerei unter Leopold I. grossmüthig belohnt. Diess 
sahen wir namentlich an dem Brüderpaare Strudl. Leopold 1. beschloss (1698), die sämmtlichen früheren 
Begenten in Oesterreich lebensgross in Marmor abbilden zu lassen, und bestimmte hierzu den Bildhauer 
Paul Strudl, mit dem jährlichen Gehalte von 3000 Gulden nebst Quartiergeld von 500 Gulden, so lange 
er damit beschäftigt wäre. Bis zu seinem (September 1707) eingetretenen Tode waren bereits fünfzehn 
Statuen vollendet, deren Fortsetzung seinem Jüngern Bruder Peter von Strudendorf überlassen 
wurde, welcher als Kamraerinaler 3000 Gulden und für die Vollendung der Statuen jährlich 2.500 Gulden 
bezog. Die Statuen befinden sich gegenwärtig im Bitterschloss zu Laxenburg. Kurz vor seinem Tode 
wurde Paul Strudl (10. Mai 1707) saramt seinem Bruder, dem k. Ingenieur D o minik von Joseph I. 
in den Beichs frei her r n st an d mit dem Prädikate „von V ochb u rg" erhoben und dabei dieses Brii- 
derpaar wegen ausgezeichneter Kenntnisse in der Bildhauerkunst, Mathematik und Baukunst mit Praxi- 
teles, Phidias und Archimedes verglichen. Da Paul Strudl in seinem Gesuche um den Beichsfreiherrn- 
sland (1700) bei Aufzählung seiner Verdienste obenan stellt: „Primo, die auf dem Graben aufgerichte 
Sauin der A. H. Dreyfaltigkeit, so ich erfunden vndt gemacht," so erhellt, dass diese Säule keineswegs 
das Werk Ottavio Burnacini's sei, wie Fuhrmann und seine Nachfolger irrig angeben. (J. C. S chl age r - s : 
Georg Baphael Donner, S. 14—28). 

') Unter Joseph I. kommen als angestellte Hofkünstler vor: 6 Maler (darunter 1 Theatermaler), 1 Kupfer- 
steeher, 3 Bildhauer, 1 Steinschneider, 1 Beinstecher, 1 Mathematiker, 1 Gallerie-Director , 1 Antiqui- 
läten-Inspector, 6 Architekten und Ingenieure, darunter 2 Theater-Ingenieure. (Schlager: Beiträge 
zur österreichischen Kunstgeschichte a. a. 0.). Der berühmteste dieser Künstler ist Johann Bernard 
Fischer von Erlach (1650 zu Wien (Prag?) geboren). Er studierte in Bom die Denkmale der Alten 
und erhielt 1696 den Auftrag, einen Sommerpalast (die erste Grundlage des Schlosses Schönbrunn) für 
den nachmaligen Kaiser Joseph I. zu bauen, worauf er zum ersten Architekten , später zum Oberbau- 
inspector ernannt und in den Adelstand mit dem Prädikate „von Erlach" erhoben wurde (f 1724). Sein 
Sohn Joseph Emanuel (1680 geboren) leitete die meisten der von seinem Vater begonnenen Bauten, und 
erhielt 1731 den Freiherrnstand (f 1740). 

2 ) Unter Karl VI. erscheinen bei Hofe angestellt: 15 Maler (darunter 1 Theatermaler). 8 Baumeister und 
Ingenieure (darunter 2 Theater-Ingenieure), 8 Bildhauer, 5 Medailleure und Siegelstecher, 1 Kupfer- 
stecher, l Goldschmied, 4 Gallerie- und Antiquitäten-Inspectoren und 1 Stuckgiesser (Schlager a. a. O.). 
— Bei Karl's grossen Bau- Unternehmungen, welche unter Leitung des Grafen Gundacker v. Althann, 
als Generaldirectors aller Hol'gebäude, und unter Beirath der beiden Fischer von Erlach (Vaters und 
Sohnes) ausführt wurden, nahm die Bildhauerkunst nur eine zweite Stelle ein. Am meisten tritt sie hervor 
beider Karlskirche. Johann Stanetti vollendete (1725) das grosse Steinbasrelief am Frontispice, 
auf welchem die Scenen der Pest vorgestellt sind, sammt der Statue des heiligen Karl Borromäus auf der 
Spitze desselben; die Beliefs an den beiden Säulen, das Leben und die Thaten dieses Heiligen darstellend, 
wurden von dem böhmischen Künstler Maderer (und eigentlich von Jakob Seh letterer) ausgeführt. 
Die übrigen Figuren und decorativen Stücke sind von Franz Kaspar, Ignaz Gunst, Antonio Canavese und 
Lorenzo Mathielli. Der letztere verfertigte auch an der Beichskanzlci, dem bürgerlichen Zeughause und 
am lirunnen der Universität die daran befindlichen Statuen. 



205 

Stiftgebäude zuKlosterneuburg, Göttweih, Melk, Dürren stein u. s. w. Die 
meisten dieser Bauwerke sind von Prandauer aus St. Polten ausgeführt. 

Die Kirchen und Klosterhallen wurden mit Gemälden und Fresken ausgeschmückt 
von dem berühmten K remse r Seh m idt , Troger, Maul p ertsch , Hetzen- 
dor fe r u. a. m. dann von Alto mo n te, (Hohenberg) der vorzüglich die Abtei Heiligen- 
kreuz , in welcher er in seinem Alter als „Familiaris" lebte und starb, mit Gemälden 
bereicherte. Daniel Gran, Johann Michael Rottmayer u. a. schmückten auch die 
Prachtbauten Wiens mit ihren vorzüglichen Gemälden und Fresken '). 

Einen Hauptbeförderer fand die Kunst auch in Prinz Eugen von Savoyen, 
welcher das durch den Hof-Architekten Johann Lucas Hildebrand (1693 — 1723), 
einen gebom. Ofner, erbaute Belvedere bewohnte, in welches dann von Kaiser Joseph II. 
(1777) die kaiserliche Bildergallerie versetzt wurde. Diesem Beispiele folgten vom 
kaiserlichen Hause Erzherzog Albrecht von Sachsen-Teschen und Erzherzog Karl , 
dann mehrere Cavaliere des höchsten Adels, namentlich Adam Fürst von Liech- 
tenstein, der Gründer der gleichnamigen Gallerie in der Rossau, Fürst Kaunitz, 
NikolausFürst von Ester häzy u. a. m. 

Die folgenden Kriegsereignisse unter Maria Theresia, die Reformen unter 
Kaiser Joseph IL, so wie die französische Kriegsperiode hinderten zwar den Aufschwung 
der Kunst im grossen Massstabe. Doch die Gründung der kaiserlichen Akademie 
der bildenden Künste a ) (1701) und ihre Erweiterung unter Karl VI. (1726). 



') Am meisten verewigten den Namen Johann Michael Rot t ma yer's Freiherrn von Rosenbrunn (geb. zu 
Laufen 1660, f zu Wien 1727) das Kuppelgemaide in der Karlskirche, dann die Opferung der Iphigenie in der 
kaiserlichen Gemälde-Gallerie ; so wie jenen Daniel Gran's (geb. zu Wien 1694, f in St. Polten 1757) 
die Freskogemälde in der Ilofbibliolhek, zu Schönbrunn und Hetzendorf, dann das Altarblatt der heiligen 
Elisabeth in der Karlskirche. 

'•) Man hielt früher das Jahr 1704 (nach A. Weinkopf's Beschreibung der k. k. Akademie der bildenden 
Künste, Wien 1783) für das Stiftungsjahr derselben. Die Hofacten zeigen aber, dass Leopold I. zu 
diesem Zwecke schon 1682 den Peter Strudl von Strudendorf, Hofmaler seines Schwagers Johann 
Wilhelm, Pfalzgrafen bei Rhein und Churfürsten, von Heidelberg nach Wien bernfen hatte; im Jahre 1701 
wird Strudl in seinem Adelsdiplom — worin er seiner Kunstfertigkeit halber dem Apelles gleichgehalten 
wird — hereil s von Leopold I. als Vorsteher der kaiserlichen Akademie (Praefectus Academiae 
nostrae) genannt. (Wahrscheinlich befand sich das Akademieiocale damals in Strudl' s Haus, „Strudlhof" 
in der Währingervorstadt). NaehStrudl's Ableben (1714) hörte die Akademie für einige Zeit auf und trat 
erst am 1. September 1725 wieder ins Leben. Jakob van Schuppen wurde Director derselben, unter 
dessen Leitung erst im Jahre 1730 die Ueberlragung der Akademielokalitäten in das gräflich Althan- 
nische Haus erfolgte. In den Jahren 1742 und 1743 wurde dieselbe in das Nebengebäude der Hofbibliothek 
verlegt und als dieses von van Swieten bezogen wurde, 1747—1748 in das dermalige k. k. Stallgebäude 
vor dem Burgthor. Damals wurde die Akademie mit der Hofhandirecüon vereinigt und demHofliaudirector 
Grafen S i Iva Taro u c c a untergestellt , worin ihm 1750 Graf Adam Losy von Losymthal folgte 
(Schlager: Beilr. zur österreichischen Kunstgeschichte im Archiv der Akademie der Wissenschaften 
181)0, IL, S. 672). 1759 wurde Martin von Meytens (von Stockholm gebürtig, k. k. Kammermaler) Director 
der kaiserlichen Akademie, welche in demselben Jahre das obere Stockwerk im Universitälsgebäude 
bezog, und erst unter Kaiser Joseph (178(i) ihr heutiges Gebäude in der Annagasse erhielt (Weinkopl 
a. a. 0., S. 12 elc). Das Protectorat über die Akademie wurde dem Fürsten von Kaun itz übertragen. Der 
letztere schlug Füger (geb. zuHeilbrunn in Schwaben 1751). der in Stuttgart. Dresden und Rom seine 
Studien gemacht halte, zum Di reetors-Stell Vertreter vor, wozu er 1783 auch ernannt wurde. Nach Samba ch's 
Tode 1795 wurde Füger wirklicher Director und starb als solcher zu Wien 1818. Unter seinen zahlreichen 
historischen Gemälden und Porträts verdienen besondere Erwähnung der heilige Johannes in der Burg- 
kapelle und dessen Handzeichnungen zu Klopstocks Messiade. Aus dieser Akademie gingen in der alleren 



206 

unter Maria Theresia (1767) und Joseph 11. (der sie 1786 in die Annagasse ver- 
legte); die Kunstausstellungen (seitl820), (derältere)Kunstverein (seitlS30) 
u. dgl. trugen wohl bei, dass im Fache der Genre-, Porträt- und Landschaftsmalerei 
ausgezeichnete Künstler, wie Abel, Agricola, Amerling, Danhauser , Einsle, J. N. 
und T. Ender, Eybl, Feudi, Fischbach, Gauermann, Höger, Kriehuber, I,ampi (Vater 
und Sohn), Ranftl, Schilcher, Schrotzberg, Steinfeld, R. Theer, Waldmüller, etc. im 
Blumenfach und Stillleben Koudelka , Peter etc. und selbst im Fache der Histo- 
rienmalerei einzelne Künstler, wie z. B. Führich, Geiger, Krafft, Kuppelwieser, 
Perger, Russ (Vater und Sohn) , Schnorr etc. auftraten. Als Kupferstecher gemessen 
einen ausgezeichneten Ruf Axmann, Benedetti, Höfel , Hyrtl, Mahlknecht, Passini 
u. a. Im Fache der Bildhauerkunst ragen hervor Raphael Donner 1 ) bekannt 
durch seine Brunnengruppe am neuen Markt, welche an Kaiser Karl's Namenstage 
(4. November 1739) eröffnet wurde; Zauner s ) berühmt durch seine ausge- 
zeichnete Statue Kaiser Joseph 's II. auf dem gleichnamigen Platze, Urban und 
Joseph Klieber 3 ), Professor Schaller 4 ) und der Italiener Canova 5 ), von 

Periode hervor: Daniel Gran, Martin Hachenberg. Johann Baumgartner. Franz Janeck, August Querfurt. 
Christian Brand, Franz Ranton, Joseph Orient. Franz Ferg. Christian Seybold, Gottfried Auerbach. Raphael 
und Mattheus Donner. Benedikt Richter, Anton Bibiena. Andreas und Joseph Schmutzer. Jeremias Sedl- 
mayer und andere. Rectoren der Akademie (während kein Director bestand, 1756 — 1759) waren Michael 
Unterberger und Paul Troger. Unter Mey te ns Direction gingen als berühmte Maler hervor, in der Ge- 
schichtsmalerei: Kaspar Sanibach, Joseph Houzinger, Anton Maulpertsch. Michael Wutky; im Porträtfache : 
Anton Maron, Karl Kollonitsch, Joseph Hickel. Johann Steiner ; in derBlumenraalerei: Johann Hölzel, Joseph 
von Püchler ; in der Bildhauerkunst : Franz Messerschmidt, Johann Hagenauer. Franz Zauner ; in der Archi- 
tektur: Ferdinand von Hohenberg, Johann Gfall, Karl Schutt ; als Erzgiesser: Johann Würlb. Christian 
Vinazer; als Kupferstecher: Jakob Schmutzer. Johann Jakobe u. a. 

') Georg Ra p hael Donner, geb. 25. Mai 1692 zu Esslingen im Marchfelde. inachte seine ersten Kunst- 
studien als Gehilfe S u n der m aier's und Giulianis zu Heiligenkreuz, später an der Akademie zu Wien, 
führte 172* den Titel: kaiserlicher Galanterie-Bildhauer, reiste im folgenden Jahre nach Salzburg, um im 
Schlosse Mirabell an der Hauptstiege die 7 lebensgrossen Marmorfiguren und 19 Kindergestalten zu ver- 
fertigen , wurde später fürstlich Esterhazy'scher Baudirector und 1741 kaiserlicher Kamnierbildhauer. 
Seine berühmtesten Werke sind ausser dem obenerwähnten Brunnen: die colossale Reiterstatue des 
heiligen Martin in dem Dome zu Pressburg, dann in Wien Andromeda (am Brunnen des Magistrats- 
gebäudes) und das herrliche Crucitix in der Burgcapelle. Donner starb am 15. Februar 1741. (Vergl. 
J. E. S c b lager's: G. R. Donner, ein Beitrag zur österreichischen Kunstgeschichte. Wien 1848). 

-) Franz Zauner, 1746 zu Feldpatan im Oberinnthal geboren, inachte an der Wiener Akademie, später in 
Rom seine Studien, erhiel t zurückgekehrt in Wien'die Professur an der Akademie, später auch die Stelle eines 
Directors und Hofbildhauers. Nebst der herrlichen Josephsstatue sind das Grabmahl des Kaisers Leopold 
in der Augustinerkirche und mehrere Statuen in Schönbrunn von Zauner's Hand, (f 3. März 1822 zu Wien.) 

3 ) Joseph Klieber, Sohn des geschickten Bildhauers Urban Klicber, wurde 1773 zu Innsbruck geboren, 
machte seine ersten Studien unter seinem Vater in der dortigen kaiserlichen Zeichenschule, später in 
Wien an der Akademie, an welcher er 1814 in Folge seines bereits erworbenen Ruhmes zum Director der 
Medailleur- und Graveurschule ernannt wurde. Unter seinen zahlreichen Werken verdienen hervorge- 
hoben zu werden: zu Klausenburg der Einzug des Kaisers Franz. auf dem Fussgestell einer Pyramide. 
Apoll und die neun Musen, eine Minerva und zwei Sphynxe im Palais des Erzherzogs Albrecht auf der 
Bastei, die Flora und andere Gruppen auf dem Schlosse Weilburg, dann im Parke zu Eisgrub die Gruppe 
der Grazien etc.. die Basreliefs zu Hofer's Standbild, mehre Statuen und Basreliefs in der gräflich Ester- 
häzy'schen Familiengruft zu Ganna. 

*) Johann Schaller, geboren zu Wien 30. März 1777. studierte an der Akademie zu Wien und nach 

Vollendung seiner Studien als kaiserlicher Pensionär zu Rom, wurde nach seiner Rückkehr Professor der 

Bildhauerkunst; sein Hauptwerk ist die Statue Andreas Hofer's aus Tirolermarmor (f 16. Febr. 1842). 

') Anton Can ti v a (geboren 1. November 1757 zu Cassagno im Venezianischen, f 13. October 1822 zu Venedig). 

Nähere Noli/.en über seine ausser Wien befindlichen vorzüglichsten Werke, sieh' beim Kronlande Venedig. 



207 

welchem Wien das herrliehe Christinendenkmal in der Augustinerkirche und den Kampf 
des Theseus mit dem Centaur im Volksgarten besitzt. Letzteres Meisterwerk liess 
Kaiser Franz 1. aufstellen, dessen Sorge das Wiener Publikum nebst der Herstellung 
des Stephansplatzes (1792), das äussere Burgthor mit dem grossen Burgplatze, den 
Volksgarten, die Verschönerung der Bastei- und Glacispromenaden (1816 — 1824) 
verdankt, welche Schönheits- und Bequemlichkeitsanstalten auch in den Provinzial- 
städten mehrfache Nachahmung fanden. 

Das Monument Kaiser Franz I. von Bitter Pompeo Marchesi und der 
Brunnen auf der Freiung von Ludwig von Schwanthal er waren die letzten Werke 
dieser Art, mit welchen Wien geschmückt wurde. 

Die Tonkunst, von alten Zeiten her in Wien gepflegt, hatte seit Karl's VI. und 
Maria Theresien's Tagen ihrem Höhenpunkte zugestrebt und die Meisterwerke 
Gluck's,Haydn's, Mozart's und Beethoven 's , sowie die Lieder Seh übe rts. 
die meisterhafte Aufführung dieser Werke in der kaiserlichen Hofcap el le ') und 
dem Hofoperntheater a ), in Spiritual- und Musikvereins-Concerten, das Conser- 
vatorium, Vereine für gute Kirchenmusik u. dgl. in Wien trug bei, den Geschmack an 
gediegener deutscher Kirchen- und Opernmusik zu verbreiten, obgleich die 
italienische Oper im grossen und vornehmen Publikum noch viele Anhänger behielt, 
besonders seit Domenico Barbaja eine bisher unübertroffene Operngesellschaft für das 
Kärnthnerthortheater (1821) engagirte. 

Nach der Verjüngung Oesterreich's gewähren die Beformen der kaiserli- 
chen Akademie der bildenden Künste, dann die Bildung des neuen Kunst- 
vereins in Verbindung mit einer fortwährenden Ausstellung und dem hier- 
durch geweckten Antheil des Publikums, die neu belebte Thätigkeit des älteren Kunst- 
vereines , die Beform des Musikvereins und die Musik-Akademie u. s. w. die Hoffnung, 
dass mit dem grossartigen Aufschwünge aller Verhältnisse auch die schöne Kunst in 
Oesterreich sich in immer gedeihlicherer Weise entfalten werde. 

§. 94. 

Fortsetzung. 

(Regierungsmassregeln, den Wohlstand und die Wohlfahrt Oesterreich's betreffend, insbesondere 

in Bezug auf Landbau, Industrie und Handel.) 

a. Land- und Bergbau. 
Der Wohlstand Oesterreichs und dessen Landescultur, welche in alten Zeiten zum 
Vorbilde für andere Länder dienten , nahmen in den letzten Jahrhunderten des Mittel- 



1 ) Ueber Entwicklung der Musik überhaupt und über die Hofkapelle insbesondere, welche bereits unter 
Ferdinand I. bestand, sieh' oben §. 82 und 85. — Ueber die hohen Gehalte der Hofkapellen-Sänger und 
Sängerinnen unter Karl VF.. sieh' insbesondere Schlager'« Raphael Donner S. 50 und 51. 

2 ) Europäischen Ruf haben unter den Namen der Mitglieder dieses Thealers: Ruhini, Lablache etc., von be- 
rühmten deutsehen Sängern nennen wir: Ander, Erl, Forti. Staudig], Vogl, Weinmüller, Wild etc.. dann 
die Damen: Campi, Grünbaum. Stöckel-Heinefetter. Hasselt-Barth , Löwe, Latzer, Milder-Hauptmann. 
Sonntag. Sessi. Zerr etc. 



208 

alters (15. — 17. Jahrhundert) bedeutend ') ab, und hoben sich erst nach der Beilegung 
der Religionsunruhen wieder, vorzüglich seit Karl's VI. Regierung. Damals wurden drei 
neue landwirtschaftliche Producte in den österreichischen Ländern heimisch: die 
Kartoffel, der Mais oder türkische Weizen und die Tabak pflanze, be- 
sonders die erster e auch für das Land unter der Enns wichtig. Ueberhaupt belebte 
die in Wien errichtete Ackerbaugesellschaft den Landbau. — Auch die von 
Maria Theresia eingeführte Regelung der bäuerlichen Verhältnisse, namentlich 
die Errichtung des Urbar s, das neue Steuersystem, wonach nebst dem Bauern- 
und Bürgerstande auch der Adel und die Geistlichkeit (13. Februar 1751) in die Be- 
steuerung einbezogen, und dadurch nebst der frühern Rusticalsteuer auch eine soge- 
nannte Dominicalsteuer eingeführt wurde, trugen durch die gleichmassigere und gere- 
geltere Abgabenvertheilung mittelbar zur Hebung des Landbaues bei. Nebst andern 
Zweigen wurde auch der Bienen- und Seidenwürmerzucht 2 ) Aufmerksamkeit gewidmet. 

Die Aufhebung der Zwischenzölle in den erbländischen Provinzen, die Errichtung 

einer Zoll-Linie gegen Ungern (1774) und das Ausland zielten auf den Schutz und 
die Aufmunterung des einheimischen Producenten ab. Auch verdient die Gründung von 
Theresienfeld nächst Wiener-Neustadt (1776) Erwähnung, welche zum Zweck 
hatte, im öden Steinfeld mit einer Mustercolonie voranzugehen. Die Grundstücke wurden 
Anfangs an Tiroler, da es diesen aber in der Ebene nicht gefiel, an ausgediente Offiziere 
vertheilt. — Noch mehr Sorgfalt widmete die Regierung Kaiser Joseph's der Land- 
wirtschaft; damals machte sich der Einfluss des physi okratischen Systems 
geltend, so wie überhaupt die durch Sonnenfels verbreiteten Grundsätze in den meisten 
staatswirthsehaftlichen Regierungsmassregeln erkennbar sind. Die Abstellung der 
vielen Feiertage, Austrocknung von Teichen und Sumpfstrecken, eine verbesserte 
Waldordnung, der Erlass des Unterthanspatentes vom Jahre 1781 und die Regulirung 
der Grundsteuer 1785 und 1789, die gänzliche Aufhebung der Leibeigenschaft, die 
Beschränkung der Wildbahn durch Einschliessung des Wildes in Thiergärten, und 
dergleichen wurden als Mittel angewendet, den Landbau zu heben, und die Aufnahme 
verbesserter Methoden aus den nationalökonomischen Schilderungen und Werken 
anderer Länder, vorzüglich Englands, Belgiens, Niedersachsens etc. erregten den Eifer 



') Das auch in Oesterreich herrschende Faustrecht, die innern Unruhen, besonders aap Zeit Friedrich's IV., 
die Einfälle der Hussiten, die nicht seltenen Kriege mit Ungern (besonders unter Matthias Corvinus), die 
Verheerungen der Türken, wobei Oesterreich die Vormauer der ganzen Christenheit bildete, die Streif- 
züge der Kuruzzen u. dgl. hatten eine bedeutende En tvö Iker ung und ein Darniederliegen der 
L a n d w i rt h s ch af t , besonders in den ö s 1 1 i c h e n G e g e.n d e n Oesterreichs zur Folge. 

-»Bienenschulen wurden in Wien 1769 im Augarten, 1775 im Belvedere. und zu Wiener-Neustadt er- 
richtet, und 1785 Prämien auf Vervollkommnung der Bienenzucht ausgesetzt. Vorzüglich machte sich diess- 
falls Freiherr v. E h r e n f e 1 s (1812) verdient ; wenn auch die Bienenschulen 1781 eingingen, so hatte 
sich doch sowohl die Wander-, Wald- als Gartenbienenzucht in allen Kreisen Oesterreich's verbreitet. — 
Maria Theresia legte zu St. Veit 1762 eine Maulbeerpflanzung an, welche später von 
Privaten (bis 1817) fortgesetzt wurde. 1795 wurden vom Aerar Geldunterstützungen für diejenigen be- 
willigt, welche Maulbeerpflanzungen anlegen wollten. 1811 legte Franz Ritter von Heintl zu Nexing 
eine solche Pflanzung an und suchte Seidenraupen im Freien zu erhalten. Auch Ferdinand I. als jüngerer 
König machte in Schönbrunn. Dr. F i s c h e r in Korneuburg und Baron Reichenbach auf dem Kobenzl 
derlei Versuche. 



209 

reicherer Grundbesitzer, welche den kleineren als Muster auf ihren Wirtschaften voran- 
gingen. In Betreff der Ein- und Auswanderungen, der Heirathen und Gesetze über unehe- 
liche Kinder wurde der Grundsatz möglichster Bevölkerungsvermehrung angenommen. 
Kaiser Franz I. widmete der Landwirtschaft besondere Sorgfalt. An Universitäten und 
Lyeeen wurden eigene L ehrkanzeln der Land wir thschaft errichtet, und für 
Oesterreich unter der Enns entstand auch eine praktische Landwirthschafts- 
schule zu Vösendorf. Auch wirkte die im Jahre 1812 gebildete Landwirt- 
schaft s-Gese lisch aft durch die Herausgabe ihrer Verhandlungen ') und durch Ver- 
bindungen mitLandwirthschafts-Gesellschaften der Nachbarprovinzen wohlthätig auf die 
Emporbringung der Landwirtschaft, insbesondere der Viehzucht in Oesterreich, und 
grössere Herrschaftsbesitzer gingen durch Verbesserungen als Muster voran 2 ). Prämien 



') Die k. k. Landwirthschafts-Gesellschaft hat das Land in 39 Bezirke (Delegationen) getheilt, deren jeder 
landwirtschaftlich beschrieben werden sollte. Bereits sind mehrere dieser Bezirksbeschreibungen in den 
Verhandlungen der Gesellschaft veröffentlicht worden. 

8 ) Von grösseren Herrschaflsbesitzern, die mit gutem Beispiele vorangingen, nennen wir z. B. den Freiherrn 
von Braun, der zu Blumau auf der Herrschaft Enzesfeld die Bew äs seru ng nach lombardischer 
Art einführte, worauf auch auf den Herrschaften Stixenstein, Schottwien, Gloggnilz, Pottsehach, Emmer- 
berg, Urschendorf, Brunn, Gerasdorf, Hörnslein u. a. diese Methode im Kleinen nachgeahmt wurde. Auch 
den Obstbäumen ist diese Bewässerungsmethode zuträglich, wie die Gegend um Wagram zeigt, wo 
der Boden , ohne hinlängliches Wasser , seiner Beschaffenheit nach der Obstculfur nur wenig zusagen 
würde. Die Haupt-Obstgegend ist aber der hügelige Landstrich zwischen der Erlaf, Enns und Donau. Das 
Obst dieser Gegend wird grösstentheils zu Obslmost(Cider) gekeltert. Aus derWachau und der Gegend um 
Wagram, so wie vom Kaiengebirge, wird das Obst meist in Wien abgesetzt. In diesen Gegenden, nament- 
lich aber bei Baden und Vöslau, dann in einzelnen Ziergärten wurde das Obst in letzterer Zeit veredelt, wozu 
auch die Obstbaumschulen und der Befehl des Kaisers Franz beitrugen, Beiser aus den kaiserlichen Hof- 
gärten unentgeldlich zu verabfolgen. — Der Weinbau war in früheren Zeiten zum Nachtheile desGetreide- 
baues zu sehr ausgedehnt, so dass schon Herzog Albrecht V. (1417) die Anlegung neuer Weingärten verbot ; 
in den Jahren 1595, 1750 und 1754 wurde verordnet, dass nur diejenigen Gründe, welche nicht mit dem 
Pfluge bearbeitet werden können , dem Weinhaue gewidmet werden sollen. In früheren Zeiten fand man 
Wein bis zu einer Höhe von 2000'. Auch ist der Rebschule zu erwähnen, welche Franz Ritter v. Heintl 
(1817) auf seinen Herrschaften Würnitz und Nexing (V. U. M. B.) errichtete, um Pflänzlinge aus allen 
weinbauenden Ländern der Monarchie daselbst zu vereinigen. Aehnliche Rebpflanzungen entstanden auch 
im kaiserlichen Garten zu Wien am Rennwege, in der fürstlich Liechtensteinischen Baumschule zu Felds- 
berg u. a. Privatgärten. Ritter v. Heintl zu Nexing und Baron Reichenbach auf dem Kobenzl 
führten auch die Maidbeerpflanzungen und Seidenwürmerzucht mit Erfolg durch. Die Kar t off el, die im 
vorigen Jahrhunderte grossentheils nur als Viehfutter verwendet wurde, verbreitete sich im laufenden als 
ein Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung immer mehr. Der Rübenbau erhielt durch englische Samen 
seine Veredlung , und durch Verwendung zur Zuckerfabrikation grössere Ausdehnung. Auch mit mehreren 
Weizen- und Gerstenarten wurden Versuche (namentlich 1811 und 1812 mit Marzolloweizen hei 
Enzersdorf und später bei Simmering, mit Tuneser und Neapolitaner Weizen 1813 bei Lilicnfeld, mit Ta- 
laveraweizen 1817—1819 zu Vösendorf, mit der ägyptischen Gerste 1813 zu Gerasdorf und 1817 zu Schott- 
wien u. s. w.) gemacht. Jedenfalls Hesse der Weizen- und Roggenbau noch eine grössere Ausdehnung zu. 
Die Gemüsegärtnerei hob sich seit 17M, sowohl in Wien (Vorstadt Erdberg, Leopoldstadt) als in der 
Umgebung, in Neustadt etc. Berühmt ist der Spargel aus Wien und dessen Umgebung. Die Blumen- 
cultur machte durch die j ä h r 1 i c h e n Blumenausstellungen und die dabei vertheilten Preise, 
wobei die Hofgärten und grossen Herrsehaftsbesitzer mit aufmunterndem Beispiele vorangingen , grosse 
Fortschritte. Der Lein bau, der besonders im sogenannten Waldviertel nicht unbedeutend und für die 
österreichische Industrie höchst wichtig ist, geht eben jetzt durch Einführung verbesserter Flachsberei- 
tungsmethoden einem neuen Aufschwünge entgegen. Der Hanf scheint weniger gebaut zu werden, als 
in früheren Jahren. Der Bau des Krapp's nahm 1766, jener des Safflor's 1794, der Waid bau 1787 
seinen Anfang und hob sich erst in diesem Jahrhunderte ; dagegen ist der Safran-, Senf- und Mohn- 
bau schon seit dem Mitlelaller in Oesterreich berühmt, wiewohl der Safranhau, welcher das beste 
Product der Welt liefert und um Krems vorzüglich betrieben wird, noch eine weitere Ausdehnung zuliesse. 

I. 27 



210 

und Ehrenzeichen für alle Zweige der Landwirtschaft wurden gegründet und der Kaiser 
selbst wohnte mehreren Preisvertheilungen bei. Die Obst- und Gartencultur erhob 
sich durch besondere Ausstellungen und durch das Beispiel, mit welchem der kaiserliche 
Hof und viele hohe Herrschaften durch ihre Kunstgärten vorangingen. Die Horn- 
vieh-, Schaf- und Pferdezucht veredelte sich durch die landwirtschaftlichen Aus- 
stellungen und die letztere auch durch die kaiserlichen Gestüte und die von dem Adel 
(namentlich in Wien) veranstalteten Wettrennen. Eine neue verbesserte Waldordnung 
wurde bekannt gemacht und die Waldaufsicht regulirt; die Forstkenntnisse wurden 
durch die Errichtung der Forstlehranstalt zu Maria-Brunn befördert. Die durch die 
Allerhöchste EntSchliessung vom \k. December 1846 erleichterte freiwillige Ablösung 
der Grundlasten war der Vorbote der später verfügten gesetzlichen Aufhebung der- 
selben, die als der Wendepunct des beginnenden volkswirtschaftlichen Aufschwunges 
von Oesterreich betrachtet werden kann. Noch aber steht das Land im Beginne der 
ökonomischen Entwicklung, deren es fähig ist. 

Der Bergbau ist im Lande unter der Enns von untergeordneter Bedeutung. 
Zwar bestanden einst Gold Wäschereien 1 ), und wurde vom sechzehnten bis zum acht- 
zehnten Jahrhunderte auf Gold 2 ) und Silber 3 ), auf Kupfer") , Blei 5 ), Kobalt- 
erz 6 ), Galmei 7 ) und Alaun 8 ) geschürft und gebaut; allein die ganze Metallgewinnung 



i ) Schon die Kelten an der Donau besassen Gold-Seifenwerke; Posidonius und Diodor berichten, dass es 
eine wichtige Beschäftigung der keltischen Weiber und Greise gewesen sei, aus dem Sande der Flüsse 
und Bäche Gold zu waschen. Auch im Mittelalter bestanden derlei Seifenwerke zu Korneuburg-, Kloster- 
neuburg und Langenlebern. Das Stift Kloslerneuburg bewahrt noch einen Kelch, der 1742 aus Donaugold 
verfertigt wurde, sowie das Stift Zwetl einen solchen angeblich aus Gold vom Kamp. 

2 ) Im Jahre 1531 wurde ein Goldbergwerk in der Nähe von Neunkirchen zwischen Thann und Höf- 
ling, Gold und Silberbergwerke aber 1540 in der Nähe von Bayerbach, 1589 (und erneuert 1C60) 
im Gtterthale und 1001 in Steinbach bei Mauerbach eröffnet. 

3 ) Im Jahre 1593 wurde bei Gaming, 1595 in der Herrschaft Gleiss, im sogenannten Prembrcuth, auf Silber 
gebaut; das wichtigste unter den Silberbergwerken des Landes unter der Enns war aber jenes, welches 
1751 am Ho ch e c k bei Annaberg entdeckt und 1754 mit reichem Segen eröffnet wurde, doch verlor sich 
derselbe, so dass das Werk seit 1807 ganz aufgelassen ist. Im V. 0. M. B. bestanden 1010 bei Kirchberg 
am Walde (zwischen Weitra und Waidhofen) und 1508 bei dem Dorfe Limbach (zwischen Kirchberg und 
Wechsel) wenig lohnende Silbergruben; auch in der Nähe von St. Michael an der Donau wurde noch 1797 
auf Silber gebaut und einer der dortigen Weinberge führt noch den Namen Erzberg. 

*) Auf Kupfer und göldisches Silber eröffneten die Brüder Konrad und Daniel Bi cht haus er in den 
Jahren 1028 und 1039 in der sogenannten G a m s 1 e i t h e n (nahe bei Gloggnitz) eine alte Berggrube. Auch 
im Michaeierberge unter Spitz an der Donau bestand ein Kupferbergwerk, welches seit Anfang dieses 
Jahrhunderts aufgelassen ist. Im sechzehnten Jahrhunderte wurden zu Rcichenau Kupfererze zu Tage 
gefördert, die aber nicht über den jährlichen reinen Ertrag von 300 Centnern Kupfer verarbeitet werden 
durften. 

5 ) Mit dem Silberwerke zu Annaberg war auch ein Bleibergwerk verbunden. Ausserdem entstanden Blei- 
bergwerke auf der Höhe des Sehwarzenberges bei Türnitz , ferner ein 1002 wieder eröffnetes altes Blei- 
bergwerk zwischen Sehwarzenbach und Türnitz, welches einige Zeit sehr ergiebig war, seit 1813 aber 
aufgelassen wurde. Im sechzehnten Jahrhunderte wurde auch zu Mauerbach, Krumbach und Hochneun- 
kirchen, dann bei Drosendorf (an der Thaya) auf silberhaltiges Blei gebaut. 

6 ) Im Gebirge bei K 1 e in - Mar ia z e 1 1 soll man einst schwarzes Kobalterz gebrochen haben. 

7 ) Auf Galmei wurde in der Nähe von Annaberg gebaut, wo man neben den eingegangenen Gruben 
noch die Trümmer einstiger Messinghämmer gewahrt. 

s ) Im sechzehnten Jahrhunderte bestand ein Alaunwerk bei Drosendorf und im Jahre 1700 wurde ein 
zweites in der sogenannten Silbergrube hinter Krems entdeckt, welches ziemlich eisenfreien Alaun 
lieferte. 



211 

blieb endlich auf Eisen 1 ) beschränkt. Von den noch bestehenden Bauen ist der älteste 
der Göstritzer Bergbau, der im Jahre 1640 vom Freiherrn Johann Balthasar von 
Hoyos eröffnet wurde. Auch das Eisenbergwerk des Giraten Pergen zu Pitten im 
dortigen Schlossberge wird seit 1787 betrieben. Das der k. k. Innerberger Haupt- 
gewerkschaft gehörige Eisenwerk bei Reichenau, welches aus zwei abgesonderten 
Bauen (dem Altenbergerund Grillenberger) besteht, nahm erst in diesem Jahrhun- 
derte seinen Aufschwung durch die in neuerer Zeit eingeführten Verbesserungen. 

Wichtig war und ist noch in Oesterreicb die Benützung des Kalksteines, 
sowohl zum Kalkbrennen als zu anderen baulichen Zwecken. Eine Hauptbeschäftigung 
des Wiener Waldbauers seit Jahrhunderten ist die Kalk- und Gypsbrennerei. 
Weit in's Mittelalter hinein reicht die Benützung des Sandsteines 8 ), Granites, 
Quarzes'). Bausandes*), der Thongruben, des Graphites 5 ), der Stein- und 
Braunkohlen"), deren Ausbeute seit dem vorigen Jahrhunderte bei dem steigenden 
Bedürfnisse der zunehmenden Baulust, des fortschreitenden Fabriks- und Dampf- 
maschinenbetriebes allmählich grösser wurde '). 



') Der Ei senb ergbau scheint in die vorrömische Zeit zurückzureichen. Aus dem Mittelalter ist bekannt, 
dass 1500 am Otterlrerge, 1568 bei Waidhofen an der Ips, 1573 in der Lugleilhen bei Annaberg, 1586 bei 
Starhemberg, 1607 bei Harrethof nächst Pitten, 1611 bei Slixenstein, 1055 bei Guttenstein u. a. m. auf 
Eisen gebaut wurde. Doch hörten diese Bergwerke wegen Armuth der Erze und schlechten Fortgangs 
der Werke allmählich wieder auf. 

3 ) Schon 140i kommen die Sands teinbriiehe zu Hetzendorf, Mannersdorf, Au, Hietzing und Liesing vor. 

3 ) Quarz, welcher von grossen Stücken bis zur Sandform reichlich vorkommt, wurde mit der zunehmenden 
Glas-, Porzellan-, Fayence-Fabrikation immer mehr benützt. Der Quarz aus der Gegend bei Spitz und zu 
Schiltern (V. 0. M. B.) wurde von der Wiener Porzellanfabrik und Neuhauser Spiegelfabrik bezogen. Letz- 
tcrc nahm aber spater ihren Bedarf an Quarz aus der Gegend von Nennkirchen, Gleissenfeld und Aspang, 
eben daher die Schlegelmühler Smaltefabrik, während die Türnitzer Glasfabrik den nöthigen Quarz aus 
der Gegend von Gisshübl und Zientring am Jauerling bezog. 

*) Der Bausand von Meidling (Mauerung) aus dem Flussbette der Wien wurde schon 1422 nach Wien 
gebracht. 

5 ) ll.iss in Oeslerreieh schon in früherer Zeit auf Graphit gebaut wurde, zeigen die verfallenen Halden 
und Einfahrten am Dohberg und Fürhol/, bei Persenbeug. Die Werke wurden später aufgelassen und 
erst 1833 entdeckte man neuerdings reichhaltige Lager daselbst. 

6 ) Die ersten Spuren des Baues auf Stein- und Braunkohlen in Oesterreicb unter der Enns linden sieh aus 
der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Die Steinkohlengruhen heim Dorfe Thallern an der Donau 
wurden bereits 1758 bei der Grabung eines Brunnens entdeckt und liefern aus den, gleich Magazinen, 
mit Kohlen angefüllten Hügeln bis jetzt ununterbrochen reichliche Ausheule. 1763 wurden die Ziegel- 
brennereien in und um Wien angewiesen, zur Schonung der Wälder künftig mit Steinkohlen zu heizen. 
1787 eröffnete das Stift Heiligenkreuz einen Bau im Schoberberge am Sattelbach und erschürfte eine 
Gattung, welche der besten Glanzkohle gleichkam, doch wurde der Bau in der Folge wieder aufgelassen. 
Zu Thomasberg wurden 1778 sehr schöne Glanzkohlen entdeckt und es bildete sich eine Gewerkschaft, 
welche die Bereitung von Coaks versuchte. Die dortigen Steinkohlen sind so schön, rein und glänzend, 
dass von Drechslern daraus mancherlei Arbeiten verfertigt wurden. Das Braunkohlenlager bei Obritzberg 
wurde 1791 entdeckt und der Bau anfänglieh vom Aerar, seit 1801 aber durch Private betrieben. In der 
Neuzeil wurden noch an vielen anderen Stellen mächtige Kohlenflöze aufgefunden und aasgebeutet. 

") Nähere Daten über die Urpr od u et ion (Landwirtschaft summt Bergbau) in Oeslerreieh unter der 
Enns geben: Baumann's Verbesserung der niederösterreichischen Landwirtschaft, 8. Wien 1767. — 
Aul. Hildebrand, Oeslerreichischer Weinbau- Katechismus, oder kurzer Unterricht vom Weinbau in 
Oeslerreieh, 8. Leipzig 1777, 2. Aufl. daselbst 1782. — Jos. Freih. von Liechtenstern, Ueb ersieht 
der Landwirtschaft im Lande unter der Enns In dessen Archiv für Geographie und Statistik 1801, 
II. 5. S. 265 ete. — Stütz: mineralogisches Taschenbuch (Oryktographie von Unterösterreich) heraus- 
gegeben von J. G. Megerle v. Mühlfeld. Wien 1807. — Franz von II ein II, die Landwirtschaft des 

27* 



212 

§.95. 



Fortsetzung. 



b. Industrie. 



Die industrielle Entwicklung' des Mittelalters zielte auch in Oesterreich , wie in 
anderen deutschen Ländern, vorzugsweise auf Privilegien und Monopole hin, und 
zahlreich waren die ausschliesslich berechtigten Zechen, Innungen und Zünfte für 
einzelne Zweige 1 ). 

Mehrere Erwerbszweige, welche jetzt nicht mehr bestehen 2 ), hatte das Be- 
dürfniss des Mittelalters erzeugt, obwohl eine weit grössere Zahl gar nicht oder nicht 
in der Vervollkommnung der Gegenwart bestand. Der Ursprung der meisten Städte 
wurzelt darin, dass unter dem Schutze (der Bergung, Burg) der Mauern sich Ge werb- 
kundige niederliessen und dafür Privilegien erhielten 3 ). Manchmal hielten sich aber in 
den Burgen selbst italienische Waffenschmiede auf, deren Arbeiten vom vier- 
zehnten bis zum sechzehnten Jahrhunderte sehr geschätzt waren; die Frauen selbst 
spannen und webten für den Hausbedarf. Im vierzehnten Jahrhunderte waren bereits 
in Wien und Tu In Zünfte von Webern, und die Lodengewebe und Flachsspinnereien 



österreichischen Kaiserthums, 4 B. Wien 1811. — Ueber den Anbau mehrerer Handels- und Manufactur- 
gewächse in Oesterreich unter der Enns. In den merkantilischen Annalen 1813 Nr. 61. — W. C. Blumen- 
bach, neueste Landeskunde von Oesterreich unter der Enns. 2. Aufl. 8. 2 B. Güns 1835. — Ueber den 
Bergbau zu Obritzberg in Oesterreich unter der Enns. In den vaterländischen Blättern 1813 Nr. 32. — 
Desselben Materialien zu einer Schilderung des Zustandes der Landwirtschaft in Oesterreich unter der 
Enns. In den vaterländischen Blätlern 1813 Nr. 32, 42, 46, 47, 48, 49 und 52. — Freiherr von Münch: 
Einige Worte über den dermaligen Stand der Landwirtschaft in Niederösterreieh. In den Beiträgen zur 
Landeskunde Oesterreich's unter der Enns, B. I. S. 1 — 56. — Verhandlungen der k. k. Landwirthschafts- 
Gesellschaft in Wien und die Darstellungen des landwirtschaftlichen Zustandes der einzelnen Bezirke. — 
Endlich die von der Direction der administrativen Statistik veröffentlichten Tafeln zur Statistik der 
österreichischen Monarchie (Jahrgang 1842 — 1848) und J. Hain's Handbuch der österreichischen Sta- 
tistik, Wien 1852. 

') Siehe den vorausgehenden §. 81. Doch wurden im Wiener Stadtrathe die Zünfte nie vorherrschend, 
wozu eben die allen rittermässigen Bürgergeschlechler beitragen mochten. (Hormayr's Wien III. S.Heft, 
S. 132). Ausnahmen finden wir auch hier schon; so z. B. hob Herzog Rudolph IV. (20. Juli 1361) 
in ganz Wien unter den Bürgern, Kaufleuten, Krämern und Handwerkern alle zunftmässige 
Verbindung auf, nahm den Brief der Laubenherren (Grosshändler) zurück und verfügte, um die 
durch den „schwarzen Tod" herabgekommene Wiener Bevölkerung zu vermehren, dass alle fremden 
Bürger. Kauf- und Gewerbsleute sich in Wien und dessen Vorstädten zum Betriebe ihres Gewerbes 
oder Geschäftes niederlassen und eine dreijährige Steuerfreiheit geniessen sollten. Die Herzoge 
Alb recht und Leopold beschränkten, in Folge vielfältiger Klagen der Wiener (7. August 1368), 
diese Gewerbefreiheit, insbesondere hinsichtlich der unbeschränkten Zahl der Fütterer (Victualien- 
händler), deren Zahl auf 60 Zünftige und Befugte festgesetzt, dabei aber dem Stadtrathe das Befugniss 
eingeräumt wurde, sie künftig nach Bedarf zu vermehren oder zu vermindern. Ebenso stellten sie das 
alte Recht der Laubenherren und übrigen Zünfte wieder her, da der nächste Zweck der ertheilten Ge- 
werbefreiheit, die Zunahme der durch Feuersbrünste, Missjahre und Pest verminderten Wiener Bevölkerung, 
erreicht war. — Hormayr's Geschichte Wiens, III., 8. Heft, S. 192, 9. Heft, S. 8. 

a ) In der 1527 erlassenen Polizeiordnung kommen unter den Handwerksbenennungen die Pruenner (Pan- 
zerschmiede), Joppner (Jacken- und Kittelschneider), Paternosterer (Rosenkranzmacher) vor, welche 
jetzt nicht mehr bestehen; andere haben heut zu Tage neue Benennungen, wie z.B. Irher (Gärber), 
Häsiber und Reytterer (Siehmacher). Vergl. §. 81. 

8 ) So erhoben sich Haimburg, Dürrenstein, Wien, Klostcrneuburg, Zwetl etc. Vergl. §. 63. 



213 

für den Hausbedarf beschäftigten selbst die ländliche Bevölkerung. Aucb die uralte 
Eisenindustrie war im Mittelalter niebt unbedeutend, wo die Waffe einen so we- 
sentlichen Bestandteil der täglichen Tracbt bildete. Kostbare Stoffe wurden vom 
Auslande bezogen; insbesondere nahmen die italienischen Zindel-, Seiden- undSammt- 
stoffe und die niederländischen Tücher ihren Weg nach Oesterreich, und die wieder- 
holten Kleiderordnungen zeugen von Wohlhabenheit und einem aucb von den unteren 
Ständen gerne nachgeahmten Luxus. 

Unter Kaiser Leopold I. begann das französische Mercantilsystem auch 
auf die Begierungsmaassregeln in Oesterreich seinen Einfluss zu äussern. Im Jahre 1659 
erschienen die ersten Verbote der Einfuhr fremder Waaren nach Oesterreich unter 
und ob der Enns; 1674 wurden alle französischen Waaren von der Einfuhr in die 
österreichischen Länder ausgeschlossen und dieses Verbot ward 1689 erneuert, um 
dadurch die Errichtung inländischer Fabriken zu begünstigen. Im Jahre 1699 
wurde zur Errichtung von derlei Etablissements, besonders von Seidenzeug-Manu- 
facturen, aufgemuntert, und die Beschränkung der fremden Einfuhr in dem Maasse zu- 
gesichert, als die Fabriken den Bedarf zu decken im Stande sein würden; noch in 
demselben Jahre wurde ein Commerz-Collegium zur Leitung des neuen Manu- 
facturwesens errichtet. 

Karl VI. hatte der Industrie und dem Handel um so grössere Sorgfalt zu widmen 
begonnen, als er beide nach den Ansichten der damaligen Zeit als die Hauptquellen 
des Wohlstandes betrachtete. Die alten Zunftverhältnisse waren einem freieren Auf- 
schwünge der Gewerbe mehrfach hinderlich; daher suchte die Begierung durch eine 
General -Zunft Ordnung (19. April 1732) das Zunftwesen zu verbessern und den 
gedachten Uebelständen schrittweise abzuhelfen. Hand Werksordnungen sichei'ten 
den Kauf und Verkauf; da die Gewerbe jedoch theils radicirte , d. i. auf gewissen 
Häusern haftende, waren, theils von den Zünften als verkäufliche vergeben wurden, 
diese aber das Gewerbsmonopol den Städten zu erhalten strebten , so blieb die Industrie 
auf bestimmte Puncte, meist die grösseren Städte, beschränkt, obwohl sich nicht 
läugnen lässt , dass dadurch, bei den massigen Bedürfnissen der bürgerlichen Stände, 
eine vergleichungsweise Wohlhabenheit unter denselben erhalten wurde. Grössere 
Fabriken erhoben sich erst allmählich. Im Jahre 1701 wurde zu Neuhaus von dem 
Herrschaftsbesitzer von Bechtskron eine Spiegelfabrik errichtet, welcher im 
Jahre 1707 ein zwanzigjähriges Privilegium zugestanden wurde; 1713 erhielt sie 
durch kunsterfahrene Arbeiter aus Venedig und den Niederlanden ihr Gedeihen '). Im 
Jahre 1701 wurde auch der Tabakhandel als Begale erklärt und die Fabrikation 
der Tabak-Sorten der Privatindustrie entzogen 2 ). Im Jahre 1718 entstand durch den 
Kriegsagenten Claudius Innocenz du Pasquier die Porzellanfabrik, welcher ein 



') Damit war das Einfuhrverbot auf fremde Spiegel verbunden, welches aber nicht zu strenger Ausführung 
kam, weil die inländische Spiegelfabrikation den Bedarf nicht liefern konnte. Kees: Darstellung des 
Fabriks- und Gewerbswesens, II. 2. 880 etc. 

2 ) Früher war auf die Einfuhr fremder Tabakgattungen ein Privilegium verliehen. 



214 

fünfundzwanzig] ähriges ausschliessliches Privilegium auf die Erzeugung und den Allein- 
verkauf des Porzellans ertheilt wurde. Später vom Staate übernommen , gewann sie 
unter der Aerarialverwaltung in neuerer Zeit europäischen Ruf). 

Die von Karl VI. 1719 g-estiftete orientalische Han delscompagni e legte 
mehrere Fabriken an, namentlich 1722 eine für auswärtigen Absatz berechnete Kupfer- 
waaren fabrik; sie erhielt in demselben Jahre ein zwanzigjähriges Privilegium auf 
die Errichtung der ersten inländischen Zuckerraffinerie an der Secküste, dann 
ein fünfzehnjähriges Privilegium auf die Verarbeitung der macedonische n Baum- 
wolle zu Kattun und Barchent, womit zugleich die Einfuhr fremder Kattune und Bar- 
chente nach Niederösterreich verboten wurde. Die von ihr 1726 zu Schwechat 
errichtete Kattun fabrik kann als die Mutter aller übrigen in Oesterreich betrachtet 
werden. Auch wurden dieser Gesellschaft Privilegien auf die Erbauung von Schiffen 
über 60 Fuss Länge, auf die Verfertigung des Seil- und Tauwerkes, des Segeltuches 
nach holländischer Art, auf die Pech- und Theerbereitung, auf das Ankcrschinieden 
und das Giessen eiserner Kanonen u. a. in. ertheilt. — Im Jahre 1727 erhielten auch 
einige Niederlagsverwandte in Wien ein zwanzigjähriges Privilegium zur Errichtung 
eines Drahtzuges und zur Erzeugung von Gold- und Silbergespinnsten, deren Einfuhr 
zugleich verboten wurde. So war unter Leopold I. , Joseph I. und Karl VI. der erste 
Grund zur österreichischen Industrie gelegt, welche unter Maria Theresia sich zu ent- 
falten begann. 

Im Jahre 1757 stiftete die Kaiserin eine Lehrkanzel für Mechanik an der 
Wiener Hochschule, an welcher an Sonn- und Feiertagen bis in die neueste Zeit 
populäre Vorträge über Physik gehalten wurden. Die Ertheilung ausschliesslicher Pri- 
vilegien wurde allmählich beschränkt, um die inländische Industrie dadurch so wenig als 
möglich zu hemmen; denjenigen aber, welche neue Fabriken gründeten, wurden 
Lande sfabriks-Befugnisse mit gewissen Vorrechten, jedoch ohne Ausschluss 
ähnlicher Unternehmungen , ertheilt. Auch wurden bei der Errichtung inländischer 
Fabriken Aerar ial-Ge ldvorschüsse bewilligt und in jeder Provinz ein Commer- 
zialfond unter der Verwaltung eigener Commerz-Conscsse, die einem Commerz- 
Gener aldirectorium untergeordnet waren, gebildet. Das Zunftwesen wurde 
beschränkt und manche Gewerbe wurden für frei erklärt'). Dagegen suchte die Be- 
gierung durch Prämien, durch Kundmachung zweckmässiger Verfahrungsvveisen, 
durch Verbreitung neuer Werkzeuge und Maschinen die österreichische Industrie zu 
heben. Dahin zielten auch die Einfuhrverbote auf mehrere ausländische Fabrikate 
(1764, 1767 und 1774) und die mit einem Zolltarif verbundene allgemeine Zoll- 
ordnung von 1775. So hatte sich zum Theile schon unter Maria Theresia die Baum- 



») Die erste Porzellanfabrik in Deutschland wurde 1710 zu Meissen in Sachsen errichtet Dir Staat über- 
nahm die Wiener Porzellanfabrik, um sie vom Untergänge zu retten. — Siehe Kees a. a. 0.. S. 829 etc., 
dann die zur Secularl'eier der Porzellanfabrik 1818 in Wien erschienene Brochure. 

-) Im Jahre 177G wurden diese Commerz-Consesse aufgehoben und 84 verschiedene Besi lläftigungen für 
frei erklärt. 



215 

wollen- 1 ) und Seidenmanufactur 3 ), die Metall waaren-Fabrikation 3 ) etc. 
gehoben, welche nebst anderen Industriezweigen unter Kaiser Joseph 11. und Franz. 1. 
einen auffallend raschen Aufschwung erhielten. 

Kaiser Joseph wollte die inländische Industrie unter seinen Augen reifen sehen; 
daher suchte er dieselbe durch rasch in's Werk gesetzte directe und indirecte Mittel 
im Sinne des Prohibitiv-Systems zu heben. Im Jahre 1784 wurden viele fremde 
Kunstpr oducte vom inländischen Verkehre theils ganz ausgeschlossen, theils deren 
Einfuhr nur gegen Pässe und gegen Entrichtung einer sechzigperzentigen Zollgebühr 
gestattet. In demselben Jahre erschien für die deutschen, höhmischen und galizi- 
schen Erbländer (mit Ausschluss Tirol's und der Vorlande) ein neuer Zolltarif, 
welchem 1 7S8 die allgemeine Z o 1 1 o r d n u n g folgte. Allen Unternehmern , 
welche solche ausser Handel gesetzte Waaren erzeugen wollten, wurden Vorschüsse, 
Reisegelder, Gesellenbeiträge, Werkzeuge und andere Unterstützungen bewilligt, 
selbst öffentliche Gebäude eingeräumt. Die Länderstellen erhielten die Befugniss , den 
im Inlande sich niederlassenden Professionisten Vorschüsse und Hilfsbeiträge zu geben ; 
insbesondere suchte man solche Unternehmer zu begünstigen, welche sich auf dem 
Lande oder in kleinen Landstädten niederliessen. Nebstdem wurden Prämien aus- 
gesetzt , um die Spinnerei, Weberei und Strickerei auf dem Lande allgemeiner zu 
verbreiten. Durch diese Maassregeln hob sich die Industrie, deren Aufschwung zu- 
gleich mit der Vermehrung der Bevölkerung durch Einwanderungen 
im Zusammenhange stand. 

Die St. Pöltncr Kattunmanu factur entstand 17S7; auch in Wien hob sich 
dieser Fabrikationszweig sammt jenem der Seidenzeug waaren*). Die bereits unter 
Maria Theresia begonnene Einführung der sächsischen Spinnmaschine nahm 



*) Im Jabrel75i entstand die Friedauer, 1T70 die Kettenhofer, 1776 die Eb reichsd orfer Kaltun- 
fabrik; diese Fabriken bezogen einen grossen Theil der nötbigen Garne vom Auslande, insbesondere aus 
England, einen anderen Theil von den inländischen Handspinnern, deren Zahl im Lande unter der 
Enns allein über 100.000 Personen stieg. 1754 wurde den Kaltunmanufaeturen von Sehwechat und 
Sassing der Kreis ober dem Manhartsberge jenseits , der Friedau er der Bezirk diesseits des Kamp- 
flusses bezüglicb dieser Handspinner zugetheilt. Doeh verminderten sich die Handspinner, seit man an- 
fing, sächsische Spinnmaschinen einzuführen. Die erste Streich- und Spinnmaschine wurde 1776 von 
L e b r u n in Wien aufgestellt. 

2 ) Maria Theresia zog Appreturraaschinen, Appreteure und andere Hilfsarbeiter in's Land. Für Seiden- 
und Sammtbänder wurden Maschinenstühle seit 1768 und die Sebubstühle zu Sammtbändern seit 1763 
eingeführt. Der Umstand, dass die Bandmacherei schon damals ganz unzünftig betrieben werden konnte, 
hat diesen Industriezweig auf seine dermalige hohe Stufe erhoben. 

3 ) 1753 wurde die Nadelburger Messingwaaren- und Nadelfabrik errichtet. Bei den übrigen Zweigen 
der Eisen- und Stahhvaarenfabrikalion , namentlich in der Eisenwurz , stand die sogenannte Eisenwid- 
mung, d. i. das abschliessende Becht der Eisenhandlungsmärkte Purgstall, Scbeibbs und Gresten, zum 
Verschleisse der in der ganzen Eisenwurz erzeugten Eisenwaaren, grösseren Fortschritten entgegen, 
Kaiser Joseph hob diese Eisenwidmung auf, wodurch jedem Hammerschmied und Eisenfabrikanten ge- 
stattet wurde , seine Erzeugnisse selbst frei abzusetzen. 

*) Kaiser Joseph II. berief Zeichner und Chineurs, bewilligte Vorschüsse und Lebrlingsbeiträge vorzüglich 
für diesen Industriezweig, in Folge dessen unter seiner Begierung sieh die Seid enzeugfabrikation 
so sehr hob, dass die soliden, schweren, faconnirten, brochirten und reichen Seidenzeuge den Vorzug vor 
den französischen behaupteten und letztere nur in Modewaaren durch Geschmack und Leichtigkeit den 
Vorzug behielten. 



216 

allenthalben zu 1 ) und das Anwachsen der Bevölkerung 1 Wien's durch die Errichtung 
der Fabriksvorstädte fällt in diese Zeit 3 ). Auch verdient die Colonie der 
Genfer Uhrmacher, welche von Kaiser Joseph II. nach Wien berufen wurden und 
die Uhrmacherkunst daselbst auf eine ansehnliche Stufe hoben, dann die Colonie der 
Geisslinger Drechsler eine besondere Erwähnung. Die Kunsttischlerei, 
Glaswaarenfabrikation , Fayence-, Steingut- und Töpferwaar enfabri- 
kation, namentlich aber die Erzeugung aller Arten von Galanteriewaaren, von 
Gold- und Silberarbeiten, ferner die Sattler- und Wagner-Geschäfte 
blühten damals auf. Dass die E i s e n i n d u s t r i e durch die A u f h e b u n g der E i s e n w i d- 
mung zunahm, wurde bereits gesagt; besonders aber zu erwähnen ist, dass sich unter 
Kaiser Joseph II. die Leinenbandweberei als eigener Industriezweig im V.O.M.B. 
erhob 3 ). 

Durch die Aufmunterung der Staatsverwaltung hatte sich die Industrie so gehoben, 
dass im Jahre 1790 die erwähnten Staatsaushilfen an fremde in Oester- 
reich sich niederlas sende Fabrikanten und Prof essionisten ganz ein- 
gestellt und die Verleihungen von Geldvorschüssen aus dem Staatsschatze nur auf 
besonders rücksichtswürdige Fälle beschränkt werden konnten; dagegen wurden wieder 
auf wichtige Erfindungen neue abschliessende Privilegien ertheilt. In demselben 
Jahre erschien ein Fabriknormale, Vorschriften für die Lehrlinge und die in 
Fabriken zu beachtende Ordnung umfassend. Im Jahre 1791 wurden die privile- 
girten Fabriken innerhalb der Linien Wien's von der Militäreinquartierung, 
deren Gesellen und Lehrlinge vom Militärdienste frei erklärt. Im Jahre 1797 wurde 
diese Maassregel auf die geschickten Arbeiter beschränkt und der Fabrikeninspector 
musste allen Militäraushebungen beiwohnen, damit solche Individuen, die in ihrem Ge- 
werbe oder ihrer Kunst besonders geschickt waren, für dieselben nicht verloren gingen. 

Epochemachend war die Einführung der englischen Spinnmaschinen 
seit dem Jahre 1801*). 



1) Nach Lebrun waren T u r i e t (1786), Baron V a y von Vaja (1789), Rubini, Graf von Wallerstein und 
Lorenz Peter (1790), v. Landriani (1797), Arzt (1800), Dr. Tö pf er (1801) in Errichtung solcher 
Maschinen thätig , denen nur die 1801 eingeführten englischen Maschinen Abbruch thaten. 

2 ) Siehe §. 70. 

3 ) Herr von Grossem führte auf seiner Herrschaft Gross-Sieghards nach dem Muster der in den 
Niederlanden im Schwünge gestandenen Weberei schmaler Zwirnbänder anfangs nicht ohne Aufopferung 
diesen Fabrikationszweig ein. Täglich wurde ein kleines Haus, hinreichend für einen Weber, von ihm 
errichtet, so dass in kurzer Zeit aus einem armen, kleinen, bloss Ackerbau treibenden Dorfe ein an- 
sehnlicher grosser Marktflecken und Fabriksort entstand, und durch das Beispiel und mit Unterstützung 
Grossern's die Leinenbandweberei über einen grossen Theil des sogenannten Waldviertels sich ver- 
breitete, daher der nördliche Theil unter dem Namen „Bandelkramerlandl" bekannt ist. Der Handel 
damit wurde durch hau sirende Bandkrämer (Bandelkramer) in Oesterreich und den übrigen 
Provinzen betrieben; doch entstanden auch Niederlagen zu Gr oss- Si egha rds und Allent- 
steig, welche den Handel im Grossen betrieben. (Mayer, Allgem. österr. Zeitschrift für die Land- 
wirthe u. s. w. 1832 Nr. 28.) 

*) Im Jahre 1801 machte Kolbielsky die ersten Versuche mit Aufstellung einer en glischen Sp inn- 
maschine und im Jahre 1802 begannen die nach englischer Art eingerichteten Spinnmanufacturen zu 
Pottendorf und Schwadorf bereits ihre Arbeit. Seitdem hat sich die Anzahl dieser bloss von 
Privaten ohne ärarische Unterstützung gegründeten Manufaeturen sehr vermehrt und vervollkommnet, 
ungeachtet der Bemühungen England's (1805), diesen aufkeimenden Industriezweig zu ersticken. 



217 

Die französischen Kriege hatten zwar in vielfacher Hinsicht den ruhigen Gang 
der österreichischen Industrie gestört; einzelne Zweige jedoch erlangten ehen durch 
diese Ereignisse und die .Militärlieferungen manche Vortheile 1 ). Auch das Continental- 
system, 1808 — 1812, war dem Emporkommen neuer Fabriken günstig 2 ). In den 
Friedensjahren suchte Kaiser Franz I. der technischen Ausbildung eine wissenschaft- 
liche Grundlage zu verschaffen durch die Errichtung des polytechnischen Insti- 
tutes zu Wien 1816 nach dem Muster des bereits zu Prag 1812 gegründeten tech- 
nischen Institutes. Die Landesfabriken erhielten das Recht, in allen Hauptstädten 
des Kaiserthums Niederlagen ihrer Erzeugnisse zu errichten, und die Verbesserung 
der Gesetze über Privilegien auf neue Erfindungen (1820 und 1832) verfolgte 
den Zweck , zur erhöhten und wirksameren Thätigkeit in der Industrie anzuspornen. 

Kaiser Ferdinand I. widmete der Industrie seine besondere Sorgfalt. Dessen 
Privatsammlung industrieller Gegenstände wurde als technisches Kabinet zur 
öffentlichen Besichtigung (im Polyteehnicum) aufgestellt. Unter diesem Kaiser fand in 
Wien (1835) die erste allgemeine Industrieausstellung Statt 3 ). Als eine Folge da- 
von kann die Gründung des niederösterreichischen Gewerbvereins (1839) 4 ) be- 



') Um den Stand der inländischen Manufacturen und Fabriken leicht zu überblicken, wurde vom Kaiser 
Frau/, 1792 sämmtliehen Länderstellen die Ausarbeitung eines Commercial- und Manui'acturschema's an- 
befohlen. 

8 ) Seit iin Jahre 1797 die Lombardie für Oesterreieh verloren gegangen und viele dortige Seidenmanufacturen 
den Zeitverhältnissen erlegen waren , hoben sich allmählich die nieder-österreichischen , insbeson- 
dere die Wiener Webereien. Auch die Leder-, Eisen-, Stahl- und Galanteriewaaren-, die Uhren-Fabrication 
und die Filzhuterzeugung nahmen in dieser Periode zu; nur die Tuchweberei wollte in Oesterreieh 
unter der Enns nicht gedeihen, da bloss die Feintuch- und Casimirmanul'aclur zu llitlersfeld bedeutende 
Geschäfte machte. 

3 ) Im Jahre 1839 fand die zweite, im Jahre 1845 die drille allgemeine österreichische Gewerbe-Ausstellung 
zu \V r ien Statt. Die über jede dieser Ausstellungen durch den Druck veröffentlichten amilichen Berichle 
(deren zweiler 540. der drille aber schon 1.300 enggedruckle Grossoctavseiten einnimmt) sind zugleich 
sprechende Beweise für die raschen Fortschritte der industriellen Thätigkeit in Oesterreieh, und reiche 
Quellen für Statistik, (heil« eise auch für Geschichte des österreichischen Gewerbewesens. Hierbei 
waren 1835 594, — 1839 732, — 1845 1.808 Fabriks- und Gewerbebesitzer in Concurrenz getreten. 

*) Die Thätigkeit dieses Vereins war mehrfach nutzbringend. Er machte sieh die möglichste Förderung 
und Hebung aller Zweige der industriellen Thäligkeil durch Aussehreibung und Zuerkennung von 
Preisen auf Erfindungen und Verbesserungen in diesem Bereiche, durch Vertheilung von Medaillen an 
besonders verdiente Werkführer und Allgesellen u. s. w. zur Aufgabe, munterte nebsldem zu Versuchen 
und zur Einführung anderwärts gemachter industrieller Erfindungen und Fortschritte auf und unterstützte 
seihe; er begutachtet von Seite der Staatsbehörden ihm zukommende Fragen aus dem Kreise seiner Wirk- 
samkeit, steht mit den Handelskammern, den Landwirlhschafls-Gesellschaflen u. s. w. in stetem schrift- 
lichen Verkehre. Wir erwähnen noch insbesondere dessen erfolgreiche Wirksamkeit in der Flachsfrage, 
dann jene zur Einführung von Musterschulen, einer Seidentrocknungsanstalt, einer Zeichnen- und Weber- 
schule, künstlichem Asphalt, behufs der Fabricalion des besten inländischen Cements, fabriksmässiger 
Erzeugung des künstlichen Ultramarine, Erzeugung von Flint- und C'rownglas, Stahlsaiten, Kunsthefe, 
Zinnober u. s. w. Der neuesten Zeit gehören insbesondere an der Aufruf zur Hebung der vaterländischen 
Leinwandindustrie, welche seil diesem Jahrhunderte durch die Ausbreitung der Baumwollen- 
Manufactur und anderer Industriezweige in Schatten gestellt worden war. Insbesondere wurde von dem- 
selben auf die amerikanische Art der Flachsröstung und ihre allgemein leicht einzuführende Anwendung 
aufmerksam gemacht; auch unternahm der k. k. Balh Jacob Rentier mil Unterstützung der Regierung 
zu diesem Zwecke Bereisungen jener Gegenden, wo diese Methode im besten Schwünge ist, und eine 
Folge dieser Bemühungen ist die Errichtung der ersten Flachsröstungs-Anslalt in Oesterreieh. 

Nähere Andeutungen über Industrie und Gewerbewesen geben: Ch. Löper, der k. k. Residenz- 
stadt Wien Commercialscheina, nebsl Beschreibung aller Merkwürdigkeiten derselben, insbesondere ihrer 

I. 28 



218 

trachtet werden, welchem in den Provinzen bald mehrere andere nachfolgten, nament- 
lich in Prag-, Grata, Reichenberg u. a. in. ; ebenso gaben die wiederholten Industrie- 
Ausstellungen glänzendes Zeugniss von den Fortschritten des Manufactur- und 
Industriewesens in Oesterreich. 

§. 96. 

Fortsetzun g. 
c. Handel. 

Der im dreizehnten Jahrhunderte so blühende Handel Oesterreich's litt vom vier- 
zehnten bis zum sechzehnten durch die Unsicherheit der Strassen während der mannig- 
fachen Gränzkriege, inneren Unruhen und Wegelagerungen. 

Der Handel Oesterreich's concentrirte sich in Wien und war vorzüglich als Zwi- 
schenhandel von Venedig nach den Hansestädten, nach den Niederlanden, nach 
Preussen und Russland ') , so wie von Deutschland nach Constantinopel grossartig. Da 



Schulen, Fabriken, Commercialprofessionisten etc. Wien 8. 1780. — J. A. Demian, Abhandlungen über 
die chemischen Fabriken in Oesterreich unter der Enns. In Fr. v. Lieehtenstern's Archiv 1804, II 11. 
S. 357, II. 12, S. 455. — Die Spiegelfabrik zu Fahrafeld in J. A. Hildt's Handelszeitung, Jahrgang I., 
S. 180. — G. H. Ileinse, Ueberblick des Gewerbfleisses in Wien, 1812. -- Steph. Edler v. Kees, 
Darstellung des Fabriks- und Gewerbswesens im österreichischen Kaiserstaate, 8. Wien 1819. Desselben 
systematische Darstellung der neuesten Fortschritte in den Gewerben etc. 8. Wien 1829. — Ant. Redl, 
Adressenbach der Handlungsgremien und Fabriken Wien's etc. 8. Wien. Viele Jahrgänge. — Joh. Graf 
von Barlh-B a rth enheim, atlg. österr. Handels- und Gewerbsgesetzkunde. 8. 9 Bde. Wien 1819 — 24. — 
G. Kopetz, allg. österr. Gewerbsgesetzkunde, 8. Wien 1829. — Jos. Hark up, Beitr. zur Kenntniss der Han- 
dels- u. Gewerbsverfassung d. österr. Kaiserstaates etc. 8. Wien 1829. — In den mercantilischenAnnalen: 
Betrachtung über die Fabriken Oesterreichs, 1813 Nr. 1 ; Industrialthätigkeit in Niederösterreich im Anfang 
des 18. und 19. Jahrhunderts, 1813 Nr. 20 und 21; Fabrikswesen in Wien und Linz, 1811 Nr. 97. 98 
und 99. — In den vaterländischen Blättern: Uebersicht des Standes der Fabriken und Commer- 
cialgewerbe in Oesterreich unter der Enns, 1814 Nr. 46. 48 und 50; Ueber Spinnmaschinen in 
Oesterreich, 1808 Nr. 47, zweiter Beitrag Nr. 58; Entstehung und dernialiger Stand der Banmwollspinn- 
unter nehmung zu Pottendorf, 1811 Nr. 90. — Kees, Notizen über verschiedene Fabriksgegenstände in 
Oesterreich. Im Hesperus 1813 und 1H14. — Ueber die Verhältnisse der Baumwollspinnerei in Oester- 
reich, München 1821. — Blumenbach. Wiener Kunst- und Gewerbsfreund, oder der neueste Ge- 
schmack in Gold-, Silber-, Eisen-, Stahlarbeiten etc. Wien 1825. — Desselben: Neueste Landeskunde 
von Oesterreich unter der Enns, 2. Auflage, Guus 1835. S. 124 — 166. — Endlich die Tafeln der 
Statistik der österreichischen Monarchie, herausgegeben von der Direction der administrativen Sta- 
tistik vom Jahre 1842 an bis zur neuesten Folge; insbesondere die erste Industrie-Statistik des Reiches 
in den Tafeln des Jahrganges 1842, welche in den nachfolgenden Jahrgängen eine fortlaufende Ver- 
vollständigung erhielt. — Hierher gehören auch viele Aufsätze in der Zeitschrift Austria, dann in dem 
vom Gewerbverein redigirten Gewerbsver einsblatt ; endlich in den Mittheilungen über Handel, Gewerbe 
und Verkehrsmittel, sowie aus dem Gebiete der Statistik, 4. Heft des J. 1850 (Jahresbericht der Han- 
delskammer zu Wien über den Zustand des Handels im Jahre 1849) und 10. Heft des J. 1851 (der gleiche 
Bericht für 18 >0). 
l ) Mehreres in Kurz: Oesterreichs Handel in älteren Zeiten, Linz 1822; dann auch Hormayr, in den 
Wiener Jahrbüchern der Literatur XL, 114 u. s. w. und in dessen „Wien" in den bezüglichen Ab- 
schnitten. Der Verkehr mit Breslau, Krakau, Nowgorod und Kiew wurde im späteren Mittel- 
alter, besonders seit den Kreuzfahrten nach Preussen, lebhafter. Da der Handelsverkehr mit 
dem Norden für Wien eine grössere Bedeutung gewann, so gestattete K. Albrechl II. (4. Juli 1439) 
durch einen Brückenbrief statt der bisherigen Ueberfuhren die Herstellung fes te r Donaubrück en 
bei Wie n. Die Brücke zwischen Mautern und Stein entstand aber erst unter K. Friedrieh IV. , als derselbe 
1463 den Entschluss fassen wollte, Wien zur Strafe seiner Untreue zu verlassen und allen Verkehr nach 
den getreuen Stadien Krems und Stein zu übertragen. S. Hormayr's Wien, VIII. B. 48, und Feil in 
den „Quellen und Forschungen", Wien 1849, S. 379 s. f. 



219 

der Handel in Wien noch wichtiger als der Kunstfleiss war, so erklärt sich der im 
Wiener Lehen vorherrschende Kaufmannsgeist im Mittelalter '). Unter iM ax im i 1 ian I. 
trug- die strenge Handhabung des Landfriedens, die Einführung der Postanstalt, die 
Verbesserung- der Wasserverbindungen auf der Donau'-) und die Regelung der Handels- 
verhältnisse zur Förderung des Handels hei, obgleich mit dem Vorrücken der Türken 
sowohl der morgenländische als venezianische Verkehr manche Störung und in der 
Folge durch die Schwächung des Hanseatenbundes auch der nördliche Verkehr Ab- 
bruch erlitt. Im siebenzehnten Jahrhunderte waren der dreissigjährige Krieg und die 
Türkenkriege grosse Hindernisse für den Aufschwung des Handelsverkehres 3 ). 

Unter Karl VI., dessen grosse Land- und Seereisen ihn mit den Hilfsquellen des 
Handels und Credites hinlänglich bekannt gemacht hatten, wurde dem Handel beson- 
dere Sorgfalt gewidmet, welche für das erneuerte Aufblühen desselben epochemachend 
wurde. Von vorzüglicher Wichtigkeit für den Wiener Handel war der Bau einer Kunst- 
strasse nach Tri est über den Semmering (1728) und der Aufschwung, 
welchen der Handel im adriatischen Meere durch die neu errichteten Freihäfen von 
Triest, Fiume, Buccari, Porto-Be, Carlopago und Zeng, so wie durch den Bau der 
Karolinenstrasse nahm 4 ). Unter ihm belebte sich auch der alte Zug nach den Nie- 
derlanden, obgleich die ostindische Handelscompagnie zu Ostende der Eifer- 
sucht der Seemächte geopfert werden musste, um ihre Beistimmung zur pragmatischen 
Sanction zu erhalten. Dafür nahm nach dem Passarowitzer Frieden (1718) und dem 
bezüglichen Handels- und Seh ifffahrts- Vertrage der Verkehr mit der Levante zu 
und Handelsschiffe und Kriegsfahrzeuge (von 30 bis 40 Kanonen) wurden in Wien 
erbaut. Im Jahre 1719 stiftete Karl VI. die orientalische Handelscompagnie 5 ). 
Auch trugen zur Sicherheit und schnelleren Bealisirung der Zahlungen dessen Wech- 



') Auch einige antigermanische und antifeudalistische Veränderungen des bürgerlichen 
Erbrechtes in Wienerklären sich hieraus. Da der Handel ein schnell umzusetzendes Capital begehrt, 
so wurde Unveräusserliehkeit der Erbgüter, die weiblichen Vorrechte des Brautschatzes, der Morgengabe 
und des Witthums bei Seile gesetzt und an ihre Stelle trat die völlige Gütergemeinschaft der Eheleute. 
Hormayr's Wien. IV. B., 11. Heft. S. 120. 

-) Der Verkehr auf der Donau war um so wichtiger, als die Strasse von Wien über St. Pollen nach 
Linz, namentlich seit den Türkeneinfällen 1549 und 1532. so verdorben war. dass der Handelszug zu 
Lande lange Zeit durch das Viertel 0. M. B. gehen musste. Die erste Hohenauff ahr t (stromauf- 
wärts) von Wien auf der Donau wurde 1629 ausgeführt. 

3 ) Zum Aufschwung des orientalischen Handels hatte Leopold I. (1667) eine eigene orientalische 
Handelscompagnie in Wien errichtet und die Anstellung eines Lehrers der morgenländischen 
Sprachen bei derselben anbefohlen. Doch zerfiel dieselbe während des ungriseh-türkischen Krieges. — 
Der Verkehr nach Venedig wurde durch ein eigenes Wiener Botenwesen unterhalten, jedoch durch 
die Eifersucht der ebenfalls dahin Handel treibenden Städte Neustadt. Brück, Leoben, Pettau etc. manch- 
mal gehemmt. Auch wurde für den Venedigcr Handel eine eigene Zollordnung gegeben. Hor- 
mayr's Geschichte Wiens IV, 11. Heft, S. 126 und 127, Urkundenhuch Nr. 175. 

*) Keller: Augusta Carolinae virtutis monumenta seu aedificia a Carolo VI. per urhem austriacum publico 
bono posita. Wien 1733, enthält S. 37—67 umständlichere Nachrichten über die von Karl VI. angelegten 
Strassen, Häfen u. s. w. 

5 ) Einheimische sowohl als Fremde jeden Standes durften eintreten und ihre Einlagen konnten weder mit 
Arrest noch mit Sequester der Steuern belegt werden. Audi hatten sie das Alleinrecht auf die Er- 
bauung von Schiffen über 60 Fuss Länge, auf Anlegung von Zuckerraffinerien, zum Kupferhandel, und 
konnten aller Orten Werften zum Schiffbau und Fabriken anlegen. Vergleiche den vorausgehenden 
Paragraph. 

28* 



220 

selgesetz (10. September 1717) und die Fallitenordnung (1735) sammt 
Errichtung der M e r k a n t i 1 - und W e c h s e 1 g e r i c h t e bei. 

Die Kriegsjahre im Beginne der Regierung Maria Theresia's hemmten den 
Aufschwung des Handels und die Regierungsmaassregeln neuerdings , doch nach dem 
Ende des siebenjährigen Krieges erwachte auch die alte Handelstätigkeit, und die 
Sorgfalt der Regierung konnte dieselbe nun wieder unterstützen. Vor Allein verdankt 
man ihr die gefahrlose Reschiffung der Donau, indem sie 1778 begann, durch 
den Ingenieur Liske den gefahrvollen Strudel und Wirbel durch Sprengungen 
auch für grössere Schiffe fahrbar machen zu lassen. Die Arbeiten währten bis 1791 '). 

Rei der von Jahr zu Jahr zunehmenden Handelsverbindung zwischen Wien und 
Triest bewies sich auch für Oesterreich von Wichtigkeit: Maria Theresia's Sorgfalt 
für den Seehandel und das Aufblühen der von ihr kräftig geförderten Freihäfen von 
Triest und Fiume, ihr Schifffahrtsgesetz (Editto politieo di navigazione), ferner 
die Hafenbauten , die Errichtung von Contumazanstalten in Triest und das Seesanitäts- 
gesetz. 1766 wurde ein eigener Commerzienrath eingesetzt und 1774 bildete sich 
das Gremium der Wiener Grosshändler anstatt der ehemaligen Niederleger 
und Laubenherren. Auch erschien 1743 eine verbesserte Fallitenordnung, 1748 das 
Crida-Interimale, 1763 die erneuerte Wechselordnung, 1775 die Zollordnung sammt 
Zolltarif für die deutschen und. böhmischen Erbländer, wodurch die früheren Tarife 
und Zwischenmauthen aufgehoben wurden. Unter Kaiser Joseph II. wurde der Ein- 
fuhrhandel von Luxus- und Genussgegenständen durch das Prohibitivsystem 
(1784) beschränkt. Das alte in Wien bestandene Hansgrafenamt verlor damals 
seine Wirksamkeit, theils an den Magistrat, theils an die Hofkammer; auch erhielt 
die Ortsobrigkeit die Aufsicht über Maass und Gewicht, wozu im Rathhaus ein eigenes 
Cimentirungsamt errichtet wurde 2 ). Im Jahre 1785 wurde einer Gesellschaft in 
Mähren ein ausschliessendes Privilegium zur Reschiffung der March für die ange- 
botene Schiffbarmachung des Flusses ertheilt, und am 16. November 1786 bestätigte 
der Kaiser die Grundverfassung der vom Fürsten Collorcdo-Mannsfeld und dem Grafen 
Friedrich von Nostiz errichteten octroyirten Commercial- Leih- und 
Wechselbank. Auch erschien 1788 für die österreichischen, böhmischen und 
galizischen Erblande eine neue allgemeine Zollordnung. Der Handel nach Russ- 
land erfreute sich unter diesem Regenten mancher Begünstigung. 



') Genaue Nachrichten hierüber mit den erforderlichen Abbildungen liefern zwei in Folio erschienene 
Druckschriften: Nachrichten von den im Jahre 1778, 1779, 1780 und 1781 in dem Strudel der Donau 
zur Sicherheit der Schifffahrt durch die k. k. Navigations-Direetion an der Donau vorgenommenen 
Arbeiten, Wien 1781 ; Nachrichten von den bis auf das Jahr 1791 an dem Donau-Strudel zur Sicherheit 
der Schifffahrt fortgesetzten Arbeilen, nebst einem Anhange von der physikalischen Beschaffenheit des 
Donau-Wirbels, Wien 1791. 

-) Schon Maria Theresia erliess im Jahre 1750 ein Patent zur Regulirung der Maasse und Gewichte, seit 
welcher Zeit neben dem Hansgrafenamte eine landesfürstliche Cimentirungseommission bestand, deren 
Bestimmung vorzüglich dahin ging , das Wiener Maass und Gewicht in allen österreichischen Landen 
einzuführen. Vorstand derselben war der Hofcommissionsrath Meidinger; mit Richtigstellung der Maasse 
und Gewichte war der Professor der Physik an der Wiener Universität, der Jesuit P.Joseph Franz, betraut. 
Josephs II. Patent vom 1. November 1787 überliess die Aufsicht über Maasse den Gemeinden und hob die 



221 

Auch unter Kaiser Franz I. erlangte der Handel mehrere Vortheile durch Schiff- 
fahrtsordnungen und Handelsträctate mit auswärtigen Mächten 1 ), durch 
die Errichtung einer eigenen Commerz-Hofeonimission 1816"). so wie durch die 
Sorgfalt für K unststrassenbau, der bis in die entferntesten Gebirgsstreeken an 
den für den Verkehr geeigneten Puncten sich ausdehnte 3 ). Ebenso sorgte der Kaiser 
für Erweiterung der Wasserbauten. In die ersten Jahre seiner Regierung fällt die Er- 
bauung des Wiener-Neustädter Canales*). Auch nahm unter diesem Regenten bereits 
die D a m p f s c h i f f f a h r t ihren Anfang, obwohl sie erst unter seinem Nachfolger 
Ferdinand I. ihre grössere Ausdehnung erhielt 3 ) , und sich sowohl stromauf- als 
abwärts auf der Donau erstreckte. Die Errichtung der N atio nal bank (1816) unter 
Garantie des Staates war für den gesicherten Verkehr und dadurch für Gewerbe und 
Handel von Wichtigkeit. Das Wiener Hauptzollamt, welches in früheren Zeiten beim 
Rotbenthurmthore bestand und unter Kaiser Joseph II. in ein 1T67 — 1773 in der 
Nähe der Dominicaner neu aufgeführtes Gebäude verlegt wurde, erhielt (1841 — 1846) 



f imenlirungslaxen auf; in Folge dessen trat das Hauplcimenlirungsamt in Wien am 1. December desselben 
Jabres ausser Wirksamkeit und wurde durch ein städtisches ersetzt. Um Regulirung der Österreich. Maasse 
aber ausser Zusammenhang mit dem Cimentirungsamte , erwarben sich Verdiensie: Liesganig, welcher 
die Wiener Maasse mit der durch den französischen Gesandten erhaltenen toise de Peru verglich, und 
Vega, welcher dieselben nach dem metrischen Maasse berechnete, und hierzu (wie in der ersten Auflage 
seiner Arithmetik bemerkt ist) die genauen Gewichte des Wagemachers Edelzeit benützte , welche aber 
mit den amtlichen nicht durchweg stimmen. 

1 ) Dahin gehören /.. U. die Schifffahrtsordnung für Oesterreich unter der Enns, 1800; die vertragsweise 
Bcsehützung aller österreichischen Schilfe gegen Anfälle der Barbaresken, 1814; der Tractat mit 
der Pforte; 1818, wornach den österreichischen Unterthanen die Schifffahrt auf der Donau und der Handel 
in die Türkei gegen einen Zoll von nur drei Percent gewährt wird; die Verlängerung der Giltigkeits- 
dauer der Seeurkunden von 3 auf C Jahre; die erweiterte Küslensehifffahrt, 1822; die Aufnahme der 
Elbeschifffahr tsacte , welche die freie Schilffahrt auf diesem Strome sichern sollte etc. 

2 ) Der Ilaupizweck dieser Hofcommission war die Ausarbeitung eines gleichförmigen Zollsystems für alle 
Provinzen der Monarchie , mit Ausnahme der ungrischen Länder. Für die letzleren wurde ein beson- 
deres Zoll- und Dreissigstsystem beibehalten, ungeachtet die Zölle gegen das Ausland im ganzen Reiche 
dieselben waren. Für den Durchzugshandel wurde 1822 ein besonderer Tarif festgesetzt, der 1829 in 
neuer, verbesserter und vereinfachter Gestalt erschien. Erst die neueste Zeit hat auch in das Zollsystem 
Gleichförmigkeit für alle Kronländer gebracht. 

3 ) Mittelbar wenigstens berührten den nieder-österreichischen Handel die Strassenherstellungen im Küsten- 
lande, in Tirol, im lonihardiseh-venezianischen Königreiche, in Böhmen u. s. w.. worunter wir nur die 
Kunststrasse über das Stilfserjoch (8.850 Fuss hoch) und jene über den Splügen nebst der Strada d'AJle- 
magna über Cadore als die berühmtesten erwähnen. In Oesterreich selbst wurden nicht nur die Post- 
slrassen musterhaft hergestellt, sondern auch Landwege unter Aufsicht der Kreisämter mehrfach ver- 
bessert, die Strasse über den Möselhevg nach Steiermark 1820 neu angelegt, das Thal der Schwarza 
(Höllenthal) 1832 fahrbar gemacht, die Gebirgsstrassen über den Semmering, Annaberg etc. nach Steier- 
mark nach den neuesten Grundsätzen mit gefahrloser Steigung umgebaut. Auch ist die 1826 angelegte 
Strasse von Pollenstein über den Hals nach Pernitz , die 1833 vollendete wichtige Verbindungsslrasse 
zwischen Krems und Znaim und die gutgebahnte fürstlich Palfl'y'sche (1816 - 1*18 angelegte) Strasse 
von Neustadt bis Kirchschlag und Güns unter den mehrfachen neueren Seitenstrassen besonders her- 
vorzuheben. 

*) Der Canalbau wurde 1797 begonnen und bis an die ungrische Gränze vollendet. Dem ursprünglichen Plane 
nach sollte dieser Canal bis Triest fortgeführt werden (Gaheis : Wanderungen um Wien, IV. 187—303). 

5 ) Die regelmässigen Dampfschifffahrten zwischen Wien und Pest begannen 1831. (Ueber die Donaudampf- 
schifffahrts-Gesells.hi.il und deren Entwicklung siehe Ungern im Band III. §. 108). Bezüglich der freien 
Schifffahrt durch die Donaumündungen wurde mit Hussland (1840) ein zehnjähriger Vertrag abgeschlossen. 
Der Donaustrom bedurfte namentlich an seinem Inselgebiete in der Nähe der Residenzstadt dringend 
einer besseren Regulirung, welche neuerlich bereits eingeleitet worden ist. 



222 

eine dem zunehmenden Verkehre entsprechende grossartige Zollhalle am Weiss- 
gärber-Glacis. 

Von entscheidender Wichtigkeit für den österreichischen Verkehr wurden die 
Eisenbahnen. Das Eisenbahnwesen fand in der österreichischen Monarchie frühen 
Eingang, und die in den Jahren 1825 bis 1827 erbaute Linz-Budweiser (später bis 
Ginunden ausgedehnte) Pferdebahn war die erste Eisenbahn auf dem Continente. Bald 
nachdem die erste Locomotivbahn Europa's , jene von Liverpool nach Manchester , in 
Wirksamkeit getreten war, erhielt unterm 4. März 1836 Freiherr Salomon von Both- 
schild die Allerhöchste Erlaubniss zur Anlegung einer Eisenbahn zwischen Wien und 
Galizien und am 9. April die Bewilligung, dieselbe Kaiser Ferdinands-Nord- 
bahn zu benennen, welche, obgleich in ihrer Vollendung durch Zwischenfälle auf- 
gehalten, dennoch unter die frühesten grösseren Locomotivbahnen des Continentes 
gereiht werden muss. In Folge der Allerhöchsten Entschliessung vom 2. Jänner 1838 
begannen noch in demselben Jahre (Juni) die Vorarbeiten für die Anlage einer von dem 
Freiherrn Georg von Sina unternommenen Eisenbahn, welche dem ursprünglichen Plane 
nach bis Ba ab hätte geführt werden sollen, wovon jedoch nebst der Strecke von Wien 
bis Brück an der Leitha nur die nach Gloggnitz führende Flügelbahn ausgeführt wurde 
und ursprünglich als Baaber- dann als Wien-Gloggnitzer Bahn, in Verbindung 
mit der südlichen Staatsbahn trat 1 )- Im lombardisch-venezianischen Königreiche wurde 
der Grund zu der von Mailand nach Venedig gerichteten, von einer Actiengesellschaft 
unternommenen Eisenbahn (der „Strada Ferdinandea") gelegt, während schon früher 
(1840) eine Eisenbahn von Mailand nach Monza erbaut worden war, welche später bis 
Como fortgesetzt wurde. In Ungern begann der Bau der „Central!) ahn" , welche, 
durch eine Flügelbahn mit der Nordbahn verbunden, von der ungrischen Gränze nächst 
Marchegg über Pest bis Szolnok geführt werden sollte. Auch von Oedenburg bis an 
die ungrische Gränze nächst Wiener-Neustadt war eine Privatbahn gebaut, und mit 
einer Ausästung der Wien-Gloggnitzer in Verbindung gebracht worden. Eine von 
Pressburg nach Tyrnau führende Pferde-Eisenbahn wurde später nach Szered verlän- 
gert, gleichwie eine solche von Prag nach Lana zum Transporte von Holz etc. schon 
früher zu Stande gekommen war. 

Bei der fortschreitenden Entwicklung der Eisenbahnen war man zu derErkenntniss 
gelangt, dass erst durch diese ein massenhafter Transport zu Lande möglich wird, 
und eben dadurch dem Verkehre ein Aufschwungsich eröffnet, welcher bei den früheren 
beschränkten Fortsehaffungsmitteln kaum geahnt werden konnte. Sobald man zu der 
Ueberzeugung gekommen war, dass die Eisenbahnen nichts anderes sind als vervoll- 
kommnete Landstrassen, mussten die Begierungen es sich zur Aufgabe machen, sich die 



») Uns auf Oesterreich unter der Enns beschränkend, bemerken wir. dass die Nordbahn in der Strecke 
von Wien bis Wagram am 6. Janner 1838, bis Gänserndorf am 16. April 1838 , bis Dürnkrut am 9. Mai 
1839, und bis Lundenburg am C. Juni 1839, der Flügel von Floridsdorf nach Stockerau aber am 
26. Juli 1841 eröffnet, die Wien-Gloggnitzer Bahn zum ersten Male am 20. Juni 1841 von Wien 
nach Neustadt, am 24. Octobcr bis Neunkirchen, am 5. Mai 1842 bis nach Gloggnitz befahren, der 
Flügel von Miidling bis Laxonburg am 28. September 1845, die Bahnstrecke von Wien bis Brück 
an der Leitha am 12. September 1846 eröffnet wurde. 



223 

Vortheile dieses beschleunigenden Cominunicationsmittcls so schnell als möglich zuzu- 
wenden. Wo die Privatkräfte dazu nicht ausreichten , oder der Unternehmungsgeist 
noch nicht hinreichend entwickelt war, sahen sich die Regierungen aufgefordert, selbst- 
thätiü oder unterstützend einzutreten, um den Bestand der Eisenbahnen hervor- 
zurufen. Die österreichische Regierung gehört zu den ersten, welche die Erbauung 
der Eisenbahnen als Aufgabe des Staates in grossartiger Weise behandelte, ein von 
der Residenzstadt ausgehendes Eisenhalmnetz nach den Hauptrichtungen der Mon- 
archie entwarf und dasselbe rasch zur Ausführung brachte. Es verdankt dieses dem 
klaren Blicke und der energischen Tbätigkeit des damaligen Hofkammer-Präsidenten 
Freiherrn von Kübeck. lieber dessen Anregung erfolgte der denkwürdige kaiserliche 
Beschluss vom 19. December 1841 , und noch waren keine vier Jahre verflossen, als 
sich die Staatseisenbahnen in nördlicher und südlicher Richtung von der Residenzstadt, 
an die bestehenden Privatbahnen (im Süden mit der kurzen Unterbrechung des Sem- 
mering) anknüpfend, bis zu den Hauptstädten von Steiermark und Böhmen erstreckten. 
Auch wurde das Postregal mit dem Eisenbahnverkehre in Einklang gebracht und zu 
diesem Zwecke mehrere Verträge mit fremden Mächten geschlossen. 

Ferner suchte die Regierung durch eine neue Zoll- und Monopolsordnung, 
welche im Jahre 1836 sammt einem Gefälls-Straf-Gesetzbuche im ganzen Kaiserstaate 
(mit Ausnahme der ungrischen Kronländer und Dalmatien's) Wirksamkeit erlangte, 
ebenso den Bedürfnissen des Verkehres als den Fortschritten der Legislation ent- 
gegen zu kommen. Ein neuer Zoll-Tarif wurde 1838 für die Ein- und Ausfuhr, 
eben so ein neuer Dreissigst-Tarif für den Zwischenverkehr mit Ungern eingeführt. 
Zugleich gestattete die Regierung die Veröffentlichung der offiziellen Handels aus- 
weise und der Tafeln zur Statistik der österreichischen Monarchie (erstere mit 
dem Jahrgange 1840 beginnend, letztere seitdem Jahre 1842 veröffentlicht), um da- 
durch insbesondere dem österreichischen Handel die nöthige Uebersicht zu gewähren 1 ). 

*) Nähere Aufschlüsse über den Handel Oesterreieh's findet man in C. S. v. Bartling, Bemerkungen 
über die Donau-Coinmerzschifffahrt , 8. Wien 1708. — J. M. S eh \ve ig h of er, Abhandlung über den 
Commerz der österreichischen Staaten, worinnen der gegenwärtige Zustand der Fabriken und Manufac- 

luren etc. genau abgeschildert wird. 8. Wien 1785. Le Maire, Bemerkungen über den innern 

Kreislauf der Handlung in den österreichischen Erbstaaten. Sirassburg 1786. — Schemerl, Vorschläge 
zur Erleichterung der inländischen Schifffahrt und des Handels in Oesterreich. Wien 1810. — Adress- 
buch der Kaufleute und Fabrikanten in Europa. 2 Bände und k Abtheilungen. 2. Aufl. Nürnberg 1817. 
In der ersten Abtheilung des 2. Bandes ist der österreichische Staat enthalten. — Merkwürdigkeiten 
aus dem Gange des österreichischen Handels im Mittelaller, besonders in Bayern und Oesterreich. Nach 
Lang's bayr. Jahrbuch. Anspach 1810. im Hesperus 1820. XXV. Bd. fi. H. S. 187. — Ch. Löper. der 
k. k. Besidenzstadt Wien Commercialschcma (siehe bei der Industrie) S. 125. — BI u nie nbach, Ver- 
such einer mercanlilischen Geographie des Erzherzoglhums Oesterreich u. d. E. Im allgemeinen Ka- 
lender. Jahrgang 1823 — 27. — Hormayr's Archiv, Bemerkungen über die Donauschifffahrt. Jahr 1827 
Nr. 53. 5*, 55, 61, 02,03. 123. — Blumenbach, neueste Landeskunde von Oesterreich u. d.E. 2. Bd. 
S. 100 — 197. — Tafeln der österr. Statistik, herausgegeben von der Direction der administra- 
tiven Statistik seil 1«V2. namentlich die Tafeln über den Handel des Zollgebietes, über Schifffahrt und 
Seehandel, über Dampfschifffahrt und Eisenbahnen, welche eine vollständige Geschichte der Bildung und 
Ausbreitung dieser Verkehrsanstalten enthalten ; die amtlichen A u s weise über den Handel Oester- 
reieh's seit 18W und die Mittheilungen aus dem Gebiete der österr. Statistik seit 1850. 



224 



Oesterreich's Neugestaltung. 



§. 97. 

a. Grundlagen der Reformen. 

Die durch die europäische Entwicklungsphase in den Jahren 1848 und 1849 
herbeigeführte gewaltige Erschütterung, welche den Bestand des Kaiserstaates einer 
Feuerprobe unterwarf, hatte eine Läuterung und Umgestaltung aller öffentlichen Ver- 
hältnisse zur Folge , wodurch ein entscheidender Abschnitt in der inneren Geschichte 
Oesterreich's gebildet wird. Da das ethnographische Element sowohl an jener Bewe- 
gung als auch bei den nachgefolgten Reformen betheiligt war, so muss diese noch in 
der Gestaltung begriffene Staatsumwandlung um so mehr hier der Betrachtung unter- 
zogen werden, als sonst die in den vorhergehenden Paragraphen enthaltene Uebersicht 
der Cultur- und Verwaltungsgeschichte Oesterreich's ihres Abschlusses entbehren 
würde. Während jene der Geschichte angehörende Bewegung, namentlich in soweit 
die ethnographischen Zustände hierauf Einfluss nahmen, bei der Darstellung der ein- 
zelnen Kronländer umständlichere Erwähnung findet, erscheint bei der Behandlung 
des Stammlandes der Dynastie, welches zugleich die Residenz des Monarchen und den 
Sitz der obersten Staatsbehörden in sich fasst, der passende Ort, um eine kurze 
Charakteristik dieser oft genannten und nicht immer genau gewürdigten „Neugestal- 
tung esterreich's" mit der Angabe der wesentlichsten nach allen Seiten hin wirk- 
samen Reformen zu liefern. 

Um aber diese neue noch im Werden begriffene Gestaltung des Reiches klar 
zu machen, ist es nothwendig, auf den früheren Zustand desselben, von welchem aus 
die Umwandlung erfolgte, zurückzublicken 1 )- Der Charakter des früheren Zustandes von 
Oesterreich wird durch den Grundsatz des „historischen Rechtes" ausgedrückt, welcher 
dadurch seine Geltung gewann, dass der Hausmacht der Dynastie allmählich neue 
Länder zuwuchsen, welche je mit ihrer bestehenden Verfassung in den Gesammtverband 
aufgenommen wurden. Hierdurch gestaltete sich ein Aggregat von Besitzungen und 
Ländern, die, in ihrer Gesammtheit betrachtet '), unter sich wenig mehr Gemeinsames 
als die Dynastie hatten, und deren Verband zu der Ausbildung des sogenannten „Pro- 
vinzial- (oder Gleichgewichts-) Systemes« führte, dessen Schwerpunct nicht so 
sehr bei dem Monarchen, als bei den privilegirten Classen der einzelnen Länder 
gesucht werden musste. Das Verhältniss des Herrschers zu den ihm untergebenen 



*) Dieser frühere Zustand und die Phasen seiner Umgestaltung sind ausführlich geschildert in dem Werke: 

..Genesis der Revolution in Oesterreich". Dritte Auflage. Leipzig 1851. 
2 ) Die deutsch-slavisehcn Länder halten, hei mannigfacher innerer Verschiedenheit, doch schon seit Maria 

Theresia in einzelnen Zweigen eine gleichförmige Gesetzgebung, die sich aber weder auf Ungern noch 

auf die Lumbardie erstreckte. 



225 

Ländern hielt in Folge der pragmatischen Sanktion K. Karl's VI. , welche die Untrenn- 
barkeit und gleichmässige Vererbung aller österreichischen Gebiete aussprach , die 
Mitte zwischen der blossen Personalunion und der vollen Reichseinheit, war aber 
in den einzelnen Ländern in mannigfacher Weise abgestuft. So kam es , dass Oester- 
reich's Länder, ohne Unterbrechung regiert von einer der ältesten Dynastien Europa's, 
dennoch einen der jüngsten Staaten bildeten 1 ), da die Vereinigung aller Gebiete Oester- 
reich's zu einem staatlichen Gesammtverbande erst durch die (mindestens in formeller 
Beziehung wichtige, wenngleich für die innere Verwaltung ohne wahrnehmbare Nach- 
wirkunggebliebene) Schaftungdes „österreichischen Kaiserthums" im Jahre 1 SOierfolgte. 
Jener frühere Länderverband und das ihm entsprechende staatsrechtliche, mit geringem 
formellen Unterschiede bis in die jüngste Zeit fortdauernde Verhältniss war von dem 
wesentlichsten Vortheile für den Bestand des Reiches, und hatte sich in allen politischen 
Krisen als festes Bullwerk der Krone bewährt, während es andererseits gleichwohl den 
materiellen Aufschwung der Reiches lähmte und dem Monarchen die oberste Staats- 
leitung erschwerte. Allein wie das Lehenswesen schon lan^e zuvor der Zeit verfallen 
war, so hatte sich auch die Form des staatlichen Feudalnexus überlebt; die sich 
unwiderstehlich verbreitenden Ideen des Jahrhundertes hatten seine Grundlage sowohl 
auf dem Felde der theoretischen Untersuchung, als auf jenem practischer Umgestal- 
tungen mannigfacher Art bereits untergraben, ehe die Form gleichsam wie vor dem 
Hauche des Windes zusammenbrach. Dasselbe Institut, welches Jahrhunderte lang den 
Kampf gegen die von entgegengesetzter Seite her versuchten Angriffe siegreich 
bestanden , wäre nicht machtlos über Nacht dem kaum sichtbar gewordenen Wellen- 
schlage der Bewegung gewichen, wäre nicht sein innerer Halt gelockert, seine 
Wurzel vertrocknet gewesen. Aber der Wegfall der wandelbaren Hülle berührte des 
Wesens Kern, das erhaltende Princip des grossen (in Oesterreich fast durchaus ade- 
lichen) Grundbesitzes nicht. Dieser wird neu gekräftigt aus der grossen Beform 
des Staatsgebäudes hervorgehen, und der besitzende Erbadel als eine Schutzwehr 
des Thrones sowohl in dem Gemeindeleben als in der Landesvertretung eine seiner 
Bedeutung entsprechende , mit der Reichseinheit im Einklänge stehende Stellung 
erbalten. 

Der historische Anwachs von Oesterreich und dessen dadurch bedingte Gestal- 
tung lässt sich nach den Länder- Complexen in vier Gruppen gliedern. Die erste 
hiervon bilden die deutschen Lande, oder Nieder-, Ober-, Inner- und Vorder- 
Oesterreicb. Die ursprünglich auf die Resitzungen am oberen Rheine beschränkte Habs- 
burgische Hausmacht gewann mittelst der Relehnung des Herzogs Albrecht mit (dem 
späteren Erzherzogthume) Oesterreich durch seinen Vater Kaiser Rudolph I. die Grund- 
lage der künftigen Machtstellung der Dynastie. Allmählich reihten sich durch Erbvertrag, 
Kauf und freiwillige Unterwerfung an jenes Erzberzogthum die übrigen Herzogthümer 
und Grafschaften des deutschen Alpenlandes, welche, zwar wiederholt durch Erbtheilung 



') In den Staatsschriften sowie in den amtliehen Erlassen wurde bis dahin niemals vom „österreichischen 
Staate", und nur selten von der „Monarchie" gesprochen; für den Gesammtverband halte sich die allge- 
mein übliche (und auch vollkommen richtige) Bezeichnung der „Erbländer" gebildet. 

I. 29 



226 



zersplittert, endlich unter Kaiser Leopold I. zur bleibenden Vereinigung gelangten. 
Durch die goldene Bulle des Kaisers Friedrich IV. hatte der Erzherzog von Oesterreich 
den Ständen und privilegirten Corporationen des Landes gegenüber eine fast unbeschränkte 
Machtvollkommenheit erlangt, welche zwar, namentlich bei den Religionswirren, jedoch 
ohne dauernden Erfolg, einzuengen versucht wurde. Da auch die staatsrechtlichen Ver- 
hältnisse von Steiermark, Kärnthen,Krain, GörzundGradisca,Triest und Tirol (wiewohl 
in dieser Grafschaft mit gewissen insbesondere in der Stellung eines berechtigten Bauern- 
standes zur Geltung kommenden Eigenthümlichkeiten) sich in einer nicht sehr von 
einander abweichenden Weise gestalteten , da ferner in diesen durch den gebirgigen 
Boden nur wenig begünstigten Ländern grosse adeliche Besitzthümer, mit welchen eine 
politische Gewalt hätte verbunden sein können, nur spärlich vorkamen, so bildete sich 
daselbst eine durch die Machtvollkommenheit des Regenten geförderte ziemlich gleich- 
massige Verwaltung aus , welche in der untersten Instanz dem angesessenen Adel als 
Patrimonial-Herrschaft überlassen war. Die geringe Ausdehnung des adelichen Besitzes 
und dessen Zersplitterung Hess diese Oherherrliehkeit zumeist mehr als eine Last, 
denn als ein Recht erscheinen, wesshalh die durch die Kriege herbeigeführte Unter- 
brechung der österreichischen Herrschaft in einem Theile dieser Alpenländer auch die 
Aufhebung (beziehungsweise die Anheimsagung) der Patrimonial-Obrigkeiten und 
Gerichtsbarkeiten nach sich zog. In ethnographischer Beziehung entwickelte sich in 
denselben der deutsch-österreichische Stamm frei und ungebunden, und trieb nament- 
lich in der Poesie die herrlichsten Blüthen ; er wurde gekräftigt durch die den anderen 
Nationalitäten des Verbandes entsprossene, an den Hof und in die oberste Verwaltung 
gelangende Intelligenz. Der slovtnisch-slavische, im Süden dieser Länder zahlreich 
vertretene, durch die Cultur noch nicht gehobene Stamm trat in seiner Isolirtheit in 
den Hintergrund. 

Die z w e i t e Gruppe bilden die slavischen Länder. Mit der Erwerbung 
von Böhmen, Mähren und Schlesien wurde Ferdinand I. der mächtigste Fürst des 
römisch-deutschen Reiches, und dieser Besitz fesselte die Kaiserkrone bis zum Erlöschen 
des römisch-deutschen Reiches an die Habsburgische Dynastie. In Böhmen hatte der 
angesessene, zum Theile selbst mit den eingehornen Landesfürsten verwandte Erbadel 
seit den frühesten Zeiten eine hervorragende politische Macht. Die aus dessen Häup- 
tern zusammengesetzten Landstände beschränkten mannigfach die Gewalt des Lan- 
desfürsten, das Lehenssystem war nach seiner Einführung daselbst zur höchsten 
Blüthe gediehen, und hatte die traditionelle Macht des böhmischen Adels auf gesetz- 
licher Grundlage um so fester gestützt , als es zu dem historischen Glänze und dem 
ausgedehnten Besitzthume der Familien die Ausübung der öffentlichen Gewalt in noch 
vollerem Maasse fügte. Nicht nur das ganze Land und die gesammte Bevölkerung (mit 
Ausnahme der landesfürstlichen Städte) war dein besitzenden Erbadel unterthänig und 
dessen obrigkeitlicher und gerichtlicher Herrlichkeit unterworfen, sondern er übte auch 
das Gericht in unterer und oberer Instanz über seine Mitglieder durch deren Standes- 
genossen (Judicium inter pares) aus, bewilligte und hob die Steuern ein , und führte im 
Namen des Landesfürsten die oberste Verwaltung. Der Kampf zwischen den Landesfürsten 



& 



227 

und dem Erbadel, welcher so viele Blätter der böhmischen Geschiebte füllt, fand sein 
Ende mit der Schlacht am weissen Berge , in deren Folge das im Widerspruche mit 
Karl*s IV. goldener Bulle zeitweise geübte Wahlrecht der Stände gänzlich erlosch, die 
letzteren eine neue Verfassung erhielten, und der früher mächtige Bitterstand gebrochen 
wurde, da dessen Glieder, meist der Lehre Luther's zugethan, grösseren Theiles ihre 
Güter verloren, im Kriege umkamen oder auswanderten. Doch blieben die Feudalrechte 
des Adels (dessen oberster Stand , der Herrenstand, sich durch Einbürgerung fremder 
Familien ergänzte und an Besitz und Beichthum zunahm) unverletzt, bis unter Maria 
Theresia und Joseph II. die obere Begierungsgewalt gänzlich in die Hände des Staates 
überging, die administrative und gerichtliche Verwaltung neu geregelt, das Loos der 
unterthänigen frohnplliehtigen Bevölkerung erleichtert und die Grundbelastung durch das 
Urbarialgesetz rechtlich festgestellt wurde. Dessenungeachtet erhielt Böhmen sammt 
Mähren und Schlesien nicht nur hinsichtlich der Verfassung und der privilegirten Stel- 
lung des Erbadels, sondern auch hinsichtlich der Verwaltung noch in mancher Bezie- 
hung seine Eigenthümlichkeit, wie denn die Präsidenten der landesfürstlichen Gerichts- 
behörden (des Landrechtes und des Appellationsgerichtes) Mitglieder der Landstände 
sein mussten und die „böhmische" Hofkanzlei als oberste Verwaltungsbehörde noch 
bis zum Jahre 1802 bestand, und selbst nachher in der „böhmisch-österreichisch- 
galizischen" oder „vereinigten" Hofkanzlei ihren Nachklang fand. In ethno- 
graphischer Beziehung hatte sich das Gleichgewicht zwischen deutscher und 
eeebischer Sprache früh geordnet, indem nicht nur ein erheblicher Theil der Bewohner 
seit den ältesten Zeiten deutscher Abkunft war , sondern diese Länder, wie es ihre 
geographische Lage und ihr enger Verband mit dem deutschen Beiche mit sich brachte, 
unter allen slavischen Gebieten am frühesten den von den Landesfürsten geförderten 
Einfluss deutscher Cultur in allen Zweigen des geistigen Lebens erfuhren. Aber auch 
das deutsche Element Oesterreieh's empfand die wohltbätige Bückwirkung dieser Ver- 
schmelzung, denn aus dem jugendlich kräftigen, mit hervorragender Intelligenz begabten 
cechischen Stamme strömten der deutschen Literatur und Kunst, gleichwie der deut- 
schen Leitung des Staats- und Kriegswesens der Monarchie die tüchtigsten Mit- 
arbeiter zu. — Galizien gelangte erst in Folge der Theilung Polen's an Oester- 
reich; mit der Auflösung des polnischen Staates hatten auch die politischen Rechte 
des einzelnen Landestheiles ihr Ende gefunden . doch wurden die Fcudalrechte des 
besitzenden Erbadels keiner Aenderung unterzogen , ja es gelangte der Feudalnexus 
durch die im Jahre 1817 verliehene ständische Verfassung mindestens formell wieder 
zur staatsrechtlichen Geltung. Auch in der früher zu dem Fürstenthume Moldau ge- 
hörigen Bukowina, welche durch Uebereinkunft mit der Pforte (1775) an Oesterreich 
kam und seit 1786 als ein Kreis Galiziens behandelt wurde, blieben die Gerechtsame, 
welche dem grundbesitzenden Adel in der Moldau zustanden, aufrechterhalten und wur- 
den dem Systeme des Grundherrlichkeits -Verhältnisses angepasst. Da Galizien dasjenige 
Land war, wo die öffentliche Verwaltung am ungehindertsten schalten konnte, und 
althergebrachte Bechtsformen nicht entgegenstanden . wurde es wiederholt dazu aus- 
erkoren, dass neue Gesetze, wie die sogenannte „westgalizische" Gerichtsordnung im 

29* 



228 

Jahre 1T0<» und der Entwurf des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahre 1798 
zuerst daselbst probeweise eingeführt wurden. Seit dem Bestände des Polenreiches 
war die polnische Nationalität die herrschende, während der in der Mehrzahl 
vorhandene ruthenische Stamm, auf tiefster Stufe der Cultur verharrend, ausser dem 
engsten Kreise kaum dem Namen nach bekannt war, bis er in der neuesten Zeit staat- 
liche Anerkennung - fand. In der gerichtlichen Verwaltung war die lateinische, in der 
politischen die deutsche Sprache vorherrschend , welche jedoch , mit Ausnahme der 
zahlreichen von Kaiser Joseph II. auf die dortigen Staatsgüter verpflanzten Colonien, 
nur noch geringe Verbreitung, meistens in den Städten und im Handelsverkehre, dessen 
Träger daselbst die Juden bilden, erlangte '). 

Die dritte Gruppe gestaltete sich aus den ungriscben Ländern. Durch seinen 
ausgedehnten Umfang, sowie durch seine geographische Lage erhob sich das König- 
reich Ungern sammt Nebenländern unter dem Einflüsse thatkräftiger Regenten frühe 
zu einer europäisch bedeutsamen Macht, welche indess durch innere Kämpfe und viel- 
fachen Thronwechsel geschwächt wurde, bis das Land unter dem Schirme des Habs- 
burgischen Scepters zur Ruhe und Consolidirung gelangte. Seine eigenthümliche Ver- 
fassung wurzelte in der Stammeseinrichtung des aus seinen Nomadensitzen berein- 
gebrochenen kühnen Reitervolkes und fand ihren Ausdruck in der zu Pferde abgehaltenen 
Landes-Versammlung der adeligen Stammeshäupter auf dem Felde Räkos bei Pest. 
Demgemäss war die politische Macht des hohen Adels, der Reichsbarone, denen sogar 
die Königswahl zustand, überwiegend, welches jedoch nicht hinderte, dass die souveraine 
Gewalt des mit reichen Krongütern und anderen werthvollen Regalien ausgestatteten 
Königs sich öfter uneingeschränkt geltend zu machen vermochte. Namentlich verschaffte 
der verfassungsmässige Grundsatz, dass alle Güter nach dem Erlöschen der besitzenden 
Adelsfamilie dem Könige heimfielen, welcher sie jedoch an Andere wieder verleihen 
musste, dem Regenten einen grossen Einfluss auf den besitzenden hohen Adel. DerVoll- 
genuss der bürgerlichen Rechte und der politischen Privilegien (worunter die Befreiung 
von der Steuerpflicht und von öffentlichen Lasten, dann das Aviticitätsrecht oder die Unver- 
äusserlichkeit des ererbten Grundbesitzes, insbesondere hervorzuheben sind) war mit 
dem Adelsstande verknüpft, welchem die Geistlichkeit und die Gesammtheit der könig- 
lichen Städte gleichgehalten wurde; der Adel bildete sobin staatsrechtlich das Volk, und 
es standen die Magnaten und der niedere Adel einander ungefähr in derselben Weise 
gegenüber, wie in den germanischen Staaten der privilegirte Adel den persönlich freien 
Bürgern. Das Lehenssystem, dessen Formen, namentlich bezüglich der obersten Hof- 
ämter, der heilige Stephan und seine Nachfolger mit der deutschen Cultur einzuführen 
versuchten, konnte in dem Lande keine Wurzeln schlagen, weil daselbst das ihm ähn- 
liche, doch selbstständig ausgeprägte, Homagialprincip bereits seine Stelle einnahm. 
Dauernder erhielt sich die germanische Einrichtung der durch königliche Privilegien 



*) Als bezeichnende Thatsache mag übrigens angeführt werden , dass der griecbiscb-nichtunirte Bisehof 
der Bukowina, deren dieser Confession zugetbanen Bewohner meist dem moldauisch-romanischen Volks- 
stainine angehören , sein kirchliches Handbuch in deutscher Sprache veröffentlichte und noch immer 
veröffentlicht. 



229 

mit eiffener nationaler Gerichtsbarkeit bedachten und von der Komitats-Verwaltung 
unabhängig- gestellten königlichen Städte, ohne jedoch, wegen der Vereinzelung- der 
letzteren, zu einer politisch einflussreichen Stellung zu gelangen, welche dagegen der 
seit Einführung des Christenthumesmit reichen Gütern ausgestattete, unter die Reichs- 
barone aufgenommene hohe Clerus sich zu verschaffen wusste. Eigentümlich, mit der 
Verfassung verschmolzen und der königlichen Einwirkung fast entrückt, hatte sich die 
Verwaltung in gerichtlicher und administrativer Hinsicht gebildet. Es war ein straffes 
adeliges Municipalregiment, welches sich selbstständig durch Wahl erneuerte und das 
Land in so viele Verwaltungsgebiete theilte, als es Jurisdictionen (Komitate. Di- 
stricte etc.) gab. Die von dem Könige abhängige oberste Leitung beschäftigte 
sich zunächst mit der Verwaltung der ihm vorbehaltenen Regalien, mit der Ord- 
nung- der kirchlichen Verhältnisse und der Aufsicht über die königlichen Städte; 
auf die allgemeine Landesverwaltung vermochte sie ihre Autorität nur in beschränk- 
ten Fällen auszuüben. Diese durch das stark ausgeprägte Nationalitätsgefühl des 
berechtigten Volksstammes getragene Verfassung erhielt sich durch Jahrhunderte 
unverändert auf der Grundlage der Tradition und des Herkommens mehr, als 
des geschriebenen Rechtes. Die traurige Periode der Türkeneinfälle und gar der 
Türkenherrschaft hinderte ihre Fortbildung, und hielt sie in starrer Abgeschlossenheit 
von der sie umgebenden Welt. Doch vermochte diess nicht sie vor ihrem Verfalle zu 
bewahren, dem sie. wie jede menschliche Satzung, nachdem der Geist aus ihr ge- 
wichen und sie mit den Anforderungen der Zeit in Widerspruch getreten war, unterlag. 
Der erhaltende Grundsatz der ungrisehen Verfassung war das Homagium, das Princip 
der Treue gegen den mit allen Souverainetätsrechten ausgestatteten und nur in der 
Ausübung gewisser Rechte beschränkten Landesfürsten, welchem Principe eincTheilung 
der Staatsgewalt zwischen dem Könige und dem Reichstage gänzlich fremd war. So 
lange der ungrische Adel die Pflicht der Landesverteidigung durch Insurrection 
und Banderium persönlich übte, so lange bei den Verhandlungen des vom Palatin, 
als dem Stellvertreter des Königs, geleiteten Reichstages und der Komitats- Ver- 
sammlungen das denkwürdige Axiom in Geltung stand: Vota sunt ponderanda, 
sed non numeranda, zufolge dessen der Vorsitzende den Beschluss nach 
dem Ausspruche der „vota saniora", d. h. der Notabilitäten, und nicht nach 
jenem der „vota majora" zu fassen hatte, so lange das Haus der Magnaten 
die ihm verfassungsmässig zustehende höhere politische Macht thatsächlich ausübte 
und zum natürlichen Vermittler zwischen der Krone und dem Lande diente, so lange 
endlich der König durch die von ihm aus dem höheren Adel ernannten Obergespäne 
den ihm gebührenden notwendigen Einfluss auf die Komitats -Verwaltung ausübte, 
war jenes Princip gewahrt und die Verfassung lebensfähig erhalten. Als aber mit der 
Einführung der stehenden Heere der König von dem Lande Soldaten und Geld fordern 
musste und hierdurch in eine grössere Abhängigkeit von dem Reichstage gerieth, als 
das Haus der Magnaten in den Hintergrund trat und das bewegliche Element der Komi- 
tats-Abgeordneten die Leitung an sich riss und durch das Abzählen der Stimmen nicht 
nur am Reichstage, sondern in den stürmischen Komitats-Versammlungen die undiscipli- 



230 

nirte, dem Eindrucke feuriger Rede und directem Einflüsse willig 1 folgende Sehaar der 
besitzlosen Edelleute den Ausschlag gab, da war es um den Charakter der Verfassung 
geschehen, welche einerseits schwach vertheidigt, andererseits durch das überwiegende 
Hervortreten des ursprünglich darin durchaus nicht enthaltenen demokratischen Prin- 
cipes in ihrem innersten Wesen beeinträchtigt wurde. Durch seine Stellung als 
europäische Grossmacht und den Beruf zur Wahrung der Interessen des römisch- 
deutschen Reiches ward Oesterreich in langdauernde Kriege verwickelt, welche 
eine bedeutende Schuldenlast zurückliessen; hier stellte sich der Gegensatz zwischen 
Ungern, dessen Reichstag wohl Soldaten aber keine nachhaltig hinreichenden Mittel zu 
ihrer Unterhaltung und noch weniger einen Beitrag zu der Verzinsung der Staatsschuld 
bewilligte, und den übrigen Ländern der Monarchie noch greller als sonst heraus. Nach 
Kaiser Josephs H. erfolglosen Versuchen, eine freiere Ausübung der königlichen Ge- 
walt zu gewinnen, benützte der Reichstag jeden Zusammentritt, um den Umfang seiner 
Macht, d.h. seine Privilegien, auszudehnen, und gewahrte in der Geltendmachung 
des ethnographisch-nationalen Principes des magyarischen Uebergewichtes , vorerst 
durch Verdrängung der bis dahin üblichen lateinischen Geschäftssprache durch die 
magyarische, die vorzüglichste Handhabe dazu. Die Reichstage wurden seltener einbe- 
rufen, endigten aber stets mit neuen ausdrücklich zugestandenen oder aus dem durch 
die Regierung nicht widersprochenen „Usus" hervorgegangenen landesfürstlichen Con- 
cessionen auf Kosten der königlichen Prärogative und mit dem steigenden Ueber- 
gewichte zuerst der reichsständischen Privilegien und zuletzt des demokratisch- 
magyarischen Elementes. Selbst die zunächst auf Entwicklung des nationalen 
Wohlstandes abzielenden Anforderungen der Neuzeit, nicht zu erwähnen des aus der 
Fremde hereingezogenen constitutionellen Principes des Gleichgewichtes der Gewalten, 
wurden zum Fortschritte in dieser Richtung benutzt, deren Endziel die völlige Lähmung 
der königlichen Gewalt war, so dass sie das Gute nicht herbeiführen, das Ueble nicht 
hindern, ja zuletzt sich selbst nicht mehr vertheidigen konnte. Das staatliche Vorrecht 
der magyarischen Sprache artete in Uebermuth und gewaltsame Bedrückung gegen die 
anderen Nationalitäten aus, die königliche Gewalt wurde unter dem Drucke der äus- 
seren Verhältnisse auf eine kaum nominelle Personal-Union zurückgeführt, welcher 
unmittelbar die rebellische Auflehnung gegen den König folgte, die wieder in folge- 
rechtem Fortschritte zur Erklärung der Republik und somit zur völligen Vernichtung 
der zur entbehrlichen Hülle eingetrockneten Verfassung führte. In keinem Lande 
Oesterreich's hat das ethnographische Element so fühlbare Rückwirkung auf die 
öffentlichen Zustände geübt «als in Ungern; doch nicht der edle, zwar an seiner Na- 
tionalität feurig hängende, dem Gefühlsleben mehr als der sichtenden Verstandesrichtung 
sich zuwendende, aber zugleich durchaus loyale, seit jeher königlich gesinnte ma- 
gyarische Volksstamm ') war es, welcher die mit dem Sturze der Verfassung 



l ) Die während der letzten Insurrection im Rebellenheere dienenden Husaren-Regimenter mussten selbst 
nach Erklärung der Republik, welche der Führer des Heeres zögerte letzterem bekannt zu machen, in 
der Meinung erhalten werden, dass sie für ihren angestammten König Ferdinand kämpften! 



231 

endende Bewegung hervorrief, sondern das gemissbrauchte, zum Deckmantel revo- 
lutionärer Anschlage benützte ethnographische Prittcip, zufolge dessen man in 
einem Lande, das von den verschiedensten Nationalitäten und zwar in com- 
pacten Massen bewohnt ist, die Sprache eines, wenn auch des zahlreichsten, doch 
nicht gegen die Gesammtheit der übrigen vorwiegenden Volksstammes zur ausschlies- 
senden staatsrechtlichen, bürgerlichen und selbst kirchlichen Geltung bringen wollte. 
Der Missbrauch dieses Principes rief den Widerstand der anderen Nationalitäten, nament- 
lich der serbisch-kroatischen im Süden und der walachisch-romanischen im Osten des 
Landes, hervor, und leitete den Fall der Faction ein, die sich durch das Streben nach 
der Racenherrschaft an die Spitze emporgeschwungen hatte. — Kroatien und Sla- 
vonien bildeten integrirende Theile des Königreiches, doch hatte daselbst der muni- 
cipale Gebrauch der nationalen slavischen Mundart Geltung gewonnen und war tief in 
dem Wesen des Volkes gewurzelt. Siebenbürgen, ein Nebenland Ungern's, folgte 
meistens dessen politischem Schicksale; in seiner Verfassung bestand die Eigenthüm- 
lichkeit, dass die drei Nationalitäten der Ungern, Szekler (ebenfalls Magyaren) und 
Deutschen eine auf geschriebenem Rechte beruhende staatsrechtliche Gewährleistung 
hatten, und gegen einander gleichberechtiget waren. Die Ansiedlung der drei Nationali- 
täten fand in wahrnehmbarer Absonderung von einander und grossentheils in compacten 
(wenngleich der walachischen Bevölkerung quantitativ sehr nachstehenden) Massen 
Statt, welchem Umstände es zuzuschreiben ist, dass der deutsche, seit sechs Jahr- 
hunderten daselbst angesiedelte den Türkeneinfällen ausgesetzt gewesene Volksstamm 
sich ungeschwächt und lebenskräftig durch alle Wechselfälle bis zur Stunde erhalten 
hat. Die Militär gränze, ein schmaler Landesstreifen längs der gesammten Ausdeh- 
nung der türkischen Gränze, war zum Behufe der Landesvertheidigung von dem übrigen 
Gebiete der angränzenden Provinzen losgetrennt und unter militärische Verwaltung ge- 
stellt worden. Der Grundbesitz bildete ein Militärlehen, welches jedem Besitzer gegen 
die Verpflichtung, sowohl selbst als mit seiner gesammten männlichen Hausgenossen- 
schaft lebenslänglich Heeresdienst, so weit er gefordert wird, zu leisten, verliehen ward. 
Das ethnographische Princip ist daselbst in Kirche. Haus und unterer Verwaltung 
zur vollen Geltung gelangt. Die obere Verwaltung dagegen wird in der deutschen, 
als der allgemeinen Militärsprache, geführt. Obwohl von Natur aus meist arm, ist 
das Land dennoch in der Cultur viel weiter fortgeschritten, als die angränzenden 
Provinzialgebiete. 

Die vierte und letzte Gruppe endlich besteht aus den italienischen Ländern. 
Diese gehören zu den letzten Erwerbungen der Dynastie und dem spätesten Zuwachse 
des Staates. Als im Beginne des vorigen Jahrhundertes die Lombardie an Oesterreich fiel, 
hatte das Land mit Ausnahme der Municipalstatute der Städte fast gar keine politische 
Form. Das germanische Element der Gothen und Langobarden war längst von dem ein- 
heimischen compacten keltisch-romanischen Volksstamme aufgesaugt worden. Ebenso 
war das von den Langobarden mitgebrachte Lehensrecht nie zur vollen Geltung gelangt 
und hatte dem municipalen Regimente der Städte, welche mit dem Besitze der Land- 
schaft auch die politische Macht, eine Zeitlang sogar die souveraine Gewalt, an sich 



232 

gezogen hatten, weichen müssen. Die spanische Verwaltung hatte nur Erinnerungen, 
aber keine Institutionen zurückgelassen. Hier galt es demnach, neue Einrichtungen zu 
gründen und das zwar fruchtbare, doch verwahrloste Land zu neuem geistigen und 
materiellen Aufschwünge zu bringen. Diess bewirkte die Kaiserin Maria Theresia in 
verhältnissmässig kurzer Zeit und mit ebenso glänzendem als dauerndem Erfolge. In 
der That wird jene Epoche heute noch im Lande als das goldene Zeitalter der Lom- 
bardie bezeichnet, und die anerkannt trefflichen Einrichtungen jenes Landes gründen 
sich im Wesentlichsten auf die Anordnungen der Kaiserin Maria Theresia. Der intelli- 
genten Kräfte des Landes sich bedienend, förderte sie Kunst und Wissenschaft und 
erhob diese mit der einheimischen Literatur zu hoher Blüthe , erweiterte und dotirte 
die Landes-Universität, gründete den Kataster, die Musteranstalt dieser von dort aus 
über ganz Europa sich verbreitenden Institution, führte eine Gemeinde-Organisation 
ein, welche noch heute den Stolz des Landes bildet und sich durch alle Wechselfälle 
der Zeit bewährt hat, regelte die innere Verwaltung und schuf allenthalben Wohlstand 
durch die verbesserte Landescultur. Die in dieser und der nachfolgenden Epoche 
Kaiser Joseph's gebildeten Männer wirkten noch lange nachher, als die österreichische 
Regierung dem Andränge feindlicher Gewalt hatte weichen müssen, segensreich für das 
Land, welches jedoch während der französischen Herrschaft seine Municipalstatuten 
und den wesentlichsten Theil seiner Gemeinde-Organisation, sowie andere aus früherer 
Zeit her bestehenden Einrichtungen verlor und nach französischer Weise administrirt 
wurde. Die wiederkehrende österreichische Regierung konnte in dem (durch die vene- 
zianischen Provinzen vergrösserten) Lande, an den früheren Bestand anknüpfend, die 
bewährten alten Einrichtungen, wie die Genieindeordnung, zeitgemäss verbessert, wieder 
herstellen und aus der letzten Periode die unstreitig vervollkommnete und centralisirte 
Verwaltung in einer der historischen Zusammensetzung der einzelnen Provinzen mehr 
entsprechenden Eintheilung beibehalten. Ausserdem wurde, auf historischem Boden wur- 
zelnd, nach dem Vorbilde früherer dem Lande eigenthümlichen Einrichtungen, in den 
beiden Central-Congregationen der Lombardie und Venedig's. sowie in den einzelnen 
Provinzial-Congregationen eine Landesrepräsentation geschaffen, welche die tüchtigsten 
Kräfte des Grundbesitzes und der Industrie zur Verfügung der Verwaltung stellte, und 
vorzüglich dazu beitrug, die letztere in stetem Einklänge mit den Bedürfnissen des 
Landes zu erhalten. Im Besitze einer trefflich organisirten und gut geleiteten Ver- 
waltung, welche allen übrigen Ländern Oesterreich's zum Muster dienen konnte, im Ge- 
nüsse eines mehr und mehr aufblühenden, durch intelligente Benützung des reichen 
Segens der Natur hervorgerufenen Wohlstandes, machte dieses Land während der langen 
Friedensepoche bewundernswerthe Fortschritte und ward als einer der glücklichsten 
Landstriche Europa's betrachtet. Schweres Kriegsleiden und innerer Aufruhr brachten 
diesem Lande tiefe, noch nicht vernarbte Wunden bei ; von der gut geordneten Verwal- 
tung aber mag es ein Zeugniss geben, dass weder die provisorischen durch die Revo- 
lution an die Spitze gelangten Regierungsgewalten irgend Wesentliches an dem Or- 
ganismus zu ändern fanden, noch auch nach Wiederherstellung der Ordnung bei dem 
umfassenden Neubau der gesetzlichen und administrativen Grundlagen des Staates dort 



233 

die bestehenden Einrichtungen eine wahrnehmbare Umwandlung zu erleiden brauchten. 
Auch in diesem Lande griff" das ethnographisch-nationale Princip in das öffentliche 
Leben und dessen Phasen wirksam ein. Zwar hatte es in der Gesetzgebung und Ver- 
waltung unter österreichischer Herrschaft von jeher aussehliessende Geltung gehabt. 
Die italienische Sprache war jene der Regierung, selbst bis zu den Centralstellen in Wien 
hinauf, alle Einrichtungen waren dem Lande eigenthümlich oder ihm angepasst, sogar 
das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch, dessen Wirksamkeit durchaus als eine wohl- 
tätige bezeichnet wird, erlitt in der Anwendung einzelne Modificationen, die Anstal- 
ten für Wissenschaften und Kunst, dem vorgeschrittenen Culturgrade des Landes an- 
gemessen, waren besser gepflegt und ausgestattet, als in den übrigen Ländern Oester- 
reich's, dessen Regierung mit Recht als eine nationale gelten konnte. Dass dessenunge- 
achtet das Nationalitätsprincip zur Fahne des Aufruhrs erhoben und der Regierung 
feindlich entgegengestellt werden konnte, beruht in eigenthümlichen, tief begründeten 
ethnographischen Verhältnissen '). 



") Wenn schon die geographische Lage Italien'« einer Vereinigung der einzelnen Theile desselben 
zu einem Gesammtslaatc entgegensteht , so wird dieselbe noch mehr , insbesondere auf die Dauer, 
durch die eines concentrirenden Schwerpuneles ermangelnde ursprüngliche R ace n v ers chi edenheit 
der Bewohner unausführbar. Vergebens weiset man zum Beweise des Gegenlheiles auf Bom's Herrschaft 
hin; denn Rom war bereits durch weitreichende auswärtige Eroberungen mächtig geworden, ehe es sich 
seine Herrschaft, wozu es siegreicher Beendigung der blutigsten Kriege bedurfte, in ganz Italien befe- 
stigen konnte , und die Keime der Auflösung des Weltreiches lagen in denselben schon lange zuvor wirk- 
samen ethnographischen Verhältnissen. In der That, die, verschiedenen Racen entstammenden, frühesten 
Bewohner Sicilien's und Grossgriechenland's im »Süden, die autochthonen Etruskcr und die Tyrrhener in 
Mittelitalien, die Kelten und die paphlagonisehcnlleneter im Norden, wurden ursprünglich nur durch das 
äussere Band der Beherrschung durch Rom verbunden, bis nach der, eine noch buntere Mischung 
der Racen herbeiführenden Völkerwanderung die beginnende Cultur in der allmählich gemeinsam werdenden 
italienischen Schriftsprache ein Bindungsmittel begründete, ohne jedoch die tief liegende Verschie- 
denheit der einzelnen derselben sich bedienenden Volksstämme aufzubeben. Wenn die heuligen Italiener 
(neben dem unter jenem Himmelsstriche herrlich sich entfaltenden Kunstsinne) ihre Sprache als das 
Palladium ihrer Cultur betrachten, so geschieht diess mit gerechtem Stolze, denn noch niemals hat 
sich eine moderne Sprache so schnell ausgebildet , und zu solcher Formensehönheit rascher empor- 
geschwungen, als eben die italienische. Diese Gemeinsamkeit der Schriftsprache hindert aber nicht, dass 
die von der Masse des Volkes gesprochenen Mundarten mehr, als bei einem anderen weniger gemischten 
Volke der Fall , von einander sowohl als von der Schriftsprache abweichen, und namentlich das, wahr- 
scheinlich seit der Römerzeit unveränderte, phonetische Element, der Klang der Sprache, die charakteri- 
stische selbst von den höchsten Spitzen der Gesellschaft nicht verläugnete Eigenthümlichkeit der ein- 
zelnen Mundarten bildet. Aber nicht allein an dem gesprochenen Worte , auch an Sitten , Gewohn- 
heiten, an Körpergeslalt und Gesiehtsausdruck lässt sich, wenn man die leichte Hülle glättender städti- 
scher Civilisation abzieht, noch heute der kräftige Sohn des leicht beweglichen Keltenstammes mit dem 
weichen, orientalischem Gefühlsleben sich hingebenden Südländer Trinakrien's, der milde, zungenfertige, 
seinen griechischen Ursprung seihst in dem phonetischen Ausdrucke der Sprache kund gebende Heneter mit 
dem rauh aspirirenden gemülhlichcn Toscancr und dein als Typus männlicher Schönheit geltenden Römer 
gar nicht verwechseln. Die Geschichte eines Jahrtausends bietet die Belege zu dieser, der Vereinigung 
sich entziehenden , der Isolirung zustrebenden Tendenz. Die Kämpfe der Langobarden und Franken 
auf italischem Boden, jene der einheimischen Fürsten, Republiken und Städte unter einander waren die 
Ergebnisse dieser Volkszustände, und selbst der grosse, durch das ganze Mittelalter hindurch ziehende 
Kampf der Weifen und Ghibellinen war, mindestens in Italien, nur der Ausdruck dieses individualisi- 
renden Gegensatzes, welcher sich zwischen einem und dem anderen Stamme, zwischen Stadt und Land- 
schaft derselben Provinz, eben so wie zwischen Adel und Plebejern, zwischen einer und der anderen Adels- 
familie derselben Stadt gellend machte. Führten diese Gegensätze einerseits zu Gewall, Bedrückung 
und Tirannei, und bildeten sie andererseits das hier üppig wuchernde Wesen der Gebcimhündlerei und 

I. 30 



234 

Die Geschichte hat die Ereignisse mit ehernem Griffel auf ihren Tafeln ver- 
zeichnet; manche Enttäuschung hat stattgefunden , manche Wunde blutet noch, aber 
der Herd des Brandes ist noch nicht verlöscht. Den Verschwörer straft das Gesetz, 
wo es ihn erreicht, doch der Erfolg des Umtriebes muss mit anderen Waffen bekämpft 
werden . und zwar in zweifacher Richtung. Die starke stets bereite öffentliche Macht 
muss dem Ruhestörer die Aussicht auf das Gelingen seiner Pläne benehmen , und dem 
nach Ruhe und Ordnung sich sehnenden Bürger Vertrauen und Hoffnung auf die Dauer 
der Zustände einflössen. Der Gesammtheit des Volkes aber muss die Ueberzeugung 
zuo-än^lich werden, dass seine geistigen Güter: Sprache, Literatur, Wissenschaft und 
Kunst, ebenso wie die materiellen Güter des Erwerbes und Wohlstandes, bei gesicherter 
öffentlicher Ordnung unter den bestehenden, der heutigen Weltlage entsprechenden 
Verhältnissen (d. i. unter der Aegide einer Grossmacht) eine bessere Pflege und Auf- 
munterung finden, als in dem Strudel politischer Bewegung oder unter der Oligarchen- 
Herrschaft schwacher Republiken, und dass diese Güter nicht im Gegensatze, sondern 
im engsten Zusammenhange mit den Bestrebungen sämmtlicher monarchischer Regie- 
rungen stehen. 



Verschwörung aus, so Iässt sich doch hinwieder nicht in Abrede stellen, dass dieser Tendenz der 
Individualisirung, eben weil sie tief im Wesen des Volkscharakters begründet war, die herrlichsten 
Erscheinungen und Leistungen, wodurch Italien sich in Kunst und Wissenschaft, im Staats- und Kriegs- 
lehen an die Spitze der civilisirten Völker Europa's erhob, zu danken sind. Nach hergestellter Ver- 
einigung der kleinen Gebiete zu grösseren Staaten, waren es im achtzehnten Jahrhunderte die religiösen 
Gegensätze zwischen der französisch-atheistischen in den höheren Ständen Eingang gewinnenden 
Richtung und dem tief begründeten an äusseren Formen hängenden Volksglauben der Massen, welche die 
Geister spalteten, bis die gährenden Bestrebungen des Umsturzes, von der französischen Revolution 
angefacht, in den dafür empfänglichen Gemüthern weit reichenden Eingang fanden. Doch waren diese 
Tendenzen , zuerst offen an den Tag tretend, später nach Wiederherstellung der Ordnung in dem viel- 
verzweigten Sectenwesen sich verbergend, bis auf den Carbonarismus mehr bloss kosmopolitischer 
Natur, als nach der zweiten französischen Revolution die Secte des „jungen Italiens" das Nationalitäts- 
Princip als Fahne erhob und zum Deckmantel ihrer subversiven Plane benützte. Obwohl der von dieser 
Secte o-epredigte Grundsatz einer allgemeinen, die Grundlagen staatlichen und kirchlichen Verbandes 
offen bekämpfenden italienischen Republik mit den historischen Zuständen, sowie mit dem Geiste der 
Bevölkerungen geradezu unvereinbar ist (wie die an jenen Orten, wo die Revolution augenblicklich zur 
Herrschaft gelangte, stattgefundenen Ereignisse unzweideutig darthun), so gewannen ihre Verlockungen 
doch selbst über die Schichte der dem Umstürze geneigten Volksclassen hinaus ein williges Ohr. Denn 
sie appellirte an eine mächtige Volksleidenschaft, an die nationale (in mehr als einer Hinsicht voll- 
kommen berechtigte) Eigenliebe, welche sie zu ihrem Vortheile ausbeutete, sowie andererseits poli- 
tischer Ehrgeiz die wühlerische Tendenz begünstigte , um deren Erfolge für die eigenen Zwecke zu 
benützen. Die rege Phantasie des warmblütigen Südländers erhitzte sich an dem Gedanken, auf diesem 
Wege die geistigen Errungenschaften des Volkes zu wahren (als ob diese nicht eben zur Zeit der 
grössten Zersplitterung Italiens gewonnen worden wären), die erwägender Reflexion weniger zugäng- 
liche Jugend träumte von einem einheitlichen, mächtigen, weiten Spielraum für die eigene Herrschlust 
gewährenden Italien, und der zahlreiche Chor der Literaten, an die Mahnungen der grossen Geister 
der Nation (die aber fast alle, wie Dante, in politischen Parteikämpfen befangen waren, oder, wie 
Macchiavelli, der ausgeprägteste Charakter italienischer Eigentümlichkeit, die scharfen Waffen ihres 
Verstandes gegen solches Treiben richteten) erinnernd, fachte die leichtauflodernde Flamme politischer 
Erregtheit an, und suchte namentlich aus dem Gegensatze des germanischen zu dem romanischen ethno- 
graphischen Principe Folgerungen zu ziehen, die, wenngleich aller Begründung bar, zu dem vorge- 
steckten Zwecke passten. Wohin aber die Aufregung nicht, reichte, da begann die Einschüchterung, 
die moralische in den weitesten, die mit der Spitze des Dolches drohende in den einflussreichsten 
Kreisen, und nirgend anderswo griff diese so weit um sieh, als hier, weil eben hier die Faction vor 
der Wahl keines Mittels zurückschreckte. 



235 

Ausserhalb der vier genannten Gruppen steht Dalmatien, welches seinen Cul- 
turbestrebungcn nach zu Italien, seinem Volksstamme nach zu den südslavischen 
Ländern, seinen historisch-staatsrechtlichen Erinnerungen nach (Ragusa und Cattaro 
ausgenommen) zu den ungrischen Ländern gehört. Wichtig ist die ihm eigentümliche 
Lage als ein schmaler Küstenstreifen sammt einer lang gedehnten Inselgruppe am und 
im adriatiscben Meere , dessen kühnste Seefahrer gleich den alten Narentinern und 
den späteren Uskoken die Dalmater sind. In ethnographischer Beziehung hat 
Dalmatien nur Bedeutung im Verbände mit den dahinter liegenden vom gleichen 
Stamme bewohnten türkischen Provinzen von Bosnien und der Herzegowina ; während 
das Landvolk mit den Bewohnern jener Provinzen auf nahezu gleicher Stufe stand, 
erblühte in Bagusa das slavische Athen, und brachte, durch die natürliche Anlage des 
Volksstammes und treffliche Lnterrichtsanstalten begünstigt, in seinem winzigen Um-' 
fange eine Reibe von Staatsmännern, Dichtern und Gelehrten hervor, die einem grossen 
Staate zur Zierde gereicht haben würden. 

Aus solchem musivisch zusammengesetzten Bestandtheilen hatte sich Alt-Oester- 
reich gebildet, — Bewohner der verschiedensten Volksstämme auf der ganzen Stufen- 
leiter europäischer Cultur, vom untersten Grade bis zur höchsten geistigsten Ausbil- 
dung, stellend, ebenso staatsrechtliche Einrichtungen jeglicher Art, von der unbe- 
dingtesten staatsbürgerlichen Gleichheit und freier municipaler Bewegung bis zu dem 
Gegensätze einer herrschenden und einer dienenden Volksclasse aufweisend , das Ge- 
biet ausgedehnt von der italienischen mit Sonnenglutb erfüllten Ebene bis zu den 
Hochgipfeln der Alpen, und von dem herzynischen Tafellande bis zu den Steppen des 
russischen Tieflandes, mit üppigster Fruchtbarkeit und gesteigertster Cultur ausge- 
stattet, oder auch die kahlen Felsabhänge der blossen Einwirkung der Elemente 
Preis gegeben, die Mannigfaltigkeit eines Welttbeiles in sich fassend. 

Inmitten dieser Mannigfaltigkeit der Zustände gab es vornehmlich drei feste 
Stützen des Beichsverhandes und seines einheitlichen Bestandes : die nahe an ein 
Jahrtausend zählende Dynastie, welcher die Bewohner jedes Stammes ihre Anhäng- 
lichkeit zollten , das aus den verschiedensten Nationalitäten entsprossene, und dennoch 
zu einem festen Ganzen geschlossene, von dem trefflichsten Geiste beseelte Heer und 
die zur Vertheidigung und Abwehr äusserst günstige Lage des Beiches. Von den mäch- 
tigen Wällen der Hauptgebirge Europa's rund umschirmt, bildet das Innere des Reiches 
gleichsam ein grosses befestigtes Lager, welches durch die Alpen auf Oberitalien, durch 
die Sudeten auf Deutschland, durch die Karpathen auf die russisch-polnische Ebene, 
durch die Donau und deren Nebenflüsse auf die Küstenländer des schwarzen Meeres 
und die grosse illyrische Halbinsel zu wirken vermag , während nur wenige Zugänge, 
und von diesen ein einziger offener, jener der grossen mährischen Querfurche, von 
Aussen her in das Innere führen. 

Den Ereignissen des Jahres 1848 war eine seit 1830 immer mehr anwachsende 
Bewegung der Geister vorausgegangen. Ein langwährender Friedensstand befestiget 
alle öffentlichen und bürgerlichen Verhältnisse, und gewährt dem beweglichen Elemente 
der Bevölkerung weder Befriedigung noch hinreichende Beschäftigung. In ehrlichster 

30* 



236 

Absicht, oder auch zum Vorwande, wird die Aufmerksamkeit auf die allenthalben mehr 
oder weniger vorhandenen Mängel und Schäden gerichtet, das volle Maass derselben 
ausgebeutet, und das dadurch erregte Missbehagen und die Unzufriedenheit gegen 
die Träger des bestehenden Systems gerichtet. Anfänglich war die Bewegung durch 
einen klaren oder unbewussten Drang nach politischer Freiheit bezeichnet , welcher 
seine Befriedigung in der Geltendmachung constitutioneller Formen innerhalb des 
bestehenden Staatsverbandes suchte. Allmählich aber erhielt dieselbe eine neue Wen- 
dung. Es begann der Nationalitätenkampf. Man stellte die Nationalität, als die 
geistige , von der Natur gegebene Gemeinschaft über den historisch oder , wie man 
glaubte, künstlich gewordenen Staat, suchte die eigene Nationalität, wo sie in mehrere 
Staaten zersplittert war, zu einem grossen Ganzen zu vereinigen, oder, wo sie in einem 
und demselben Staate neben anderen bestand, zur abschliessenden Geltung und Herr- 
schaft zu bringen. Dass diese Richtung darauf abzielte, den Bestand fast aller Staaten 
zu untergraben , war ebenso klar, als sie , wenn siegreich, nothwendig zur Republik 
führen musste. Diese Bestrebungen fanden ihre Förderer nicht bloss in den geheimen 
Secten und der verborgenen Intrigue; sie wurde als ein von der Wissenschaft und staats- 
männischer Erfahrung gewonnener Standpunct bezeichnet, und bald verhüllt, bald offen, 
durch Schrift und Druck, in den Schulen, auf dem Marktplatze, in gelehrten Vereinen 
und in den Kammern vertheidigt. Die Jugend begeisterte sich bei dem Gedanken der 
allein herrschenden Nationalität, die Aelteren hofften eine Aenderung und mit dieser 
eine Besserung der sie nicht befriedigenden Zustände. In Oesterreich hatten auch die con- 
stitutionellen Bestrebungen hier und da unter den feudaler Einrichtung ihren Ursprung 
verdankenden Landständen Anklang und Nachahmung gefunden. Diese (zunächst auf 
die Erweiterung der eigenen Privilegien gerichteten) Versuche waren jedoch meist 
bei der Masse des Volkes ohne Rückwirkung geblieben ; kein Staat war aber so sehr 
bedroht, von dem Nationalitätenfieber gerüttelt zu werden, als Oesterreich, welches 
aus so vielen , der Zahl nach einander das Gleichgewicht haltenden Volksstämmen 
zusammengesetzt ist. Aber nur die reife Frucht schüttelt der Sturm vom Baume, 
der starke Stamm wird erschüttert, doch nicht gebrochen; so musste es sich fügen, dass 
der Nationalitätenkampf zwar den Bestand des Staates nicht zertrümmern konnte, dass 
ihm aber die bestandene Feudaleinrichtung zum Opfer fiel. Gleich die ersten Bewegungen 
nach dem Ausbruche der dritten französischen Revolution wurden von dem Beginne 
national gefärbter revolutionärer Regungen begleitet, das Erscheinen des sardinischen 
Heeres an der Gränze und dessen Einfall ohne Kriegserklärung rief die lombardische 
und venezianische Erhebung hervor; in Galizien war der polnisch-nationale Aufstand 
der Edelleute schon zwei Jahre früher versucht, aber von der Masse des Volkes nicht 
nur nicht unterstützt, sondern sogar unterdrückt worden, in Ungern bereitete sich 
die letzte Phase der völligen Isolirung des Landes von der Dynastie und dem Ge- 
sammtstaate unter magyarisch-demokratischer Herrschaft vor; selbst in Böhmen musste 
der cechische Aufruhr zu Prag mit Gewalt der Waffen niedergehalten werden , wäh- 
rend das immer getreue Tirol die Landesschützen zur Verteidigung seiner Gränze 
gegen Italien aufbot, und die Kroaten unter ihrem muthigen Banus Jellacic ihre Na- 



237 



tionalität und die Dynastie gegen den magyarischen Uebergriff wehrhaft vertheidigten. 
In Wien aber kam ein Reichstag zusammen, in welchem Ungern und Italien nicht ver- 
treten waren , und welcher, die Farbe seines Ursprunges nicht verläugnend, zunächst 
durch die Reibung der Parteien in seinem Inneren, und seine aufregende Wirkung nach 
Aussen, namentlich durch Begünstigung der separatistischen Nationalitätstendenzen, 
bemerkbar wurde. Seine Nähe musste die Wirksamkeit der Regierung lähmen, und die 
Rande des Gehorsams und der Ordnung in den benachbarten Provinzen lockern. 

Während allenthalben an den Grundsäulen der Staatsordnung gerüttelt wurde, 
gab es einen Hort für die Vertheidigung des Thrones und die Erhaltung der Mo- 
narchie. Im fernen Südwesten des Reiches wehrte der ruhmesreiche Feldherr Graf 
Radetzky mit der von ihm geschulten Armee den Einfall des äusseren mit der 
Revolution verbündeten Feindes ab, und schlug denselben mit seinem tapferen , durch 
Heldemnuth die Zahl ersetzenden Heere siegreich in die Flucht. Dieses von dem 
gleichen Geiste der Treue und der Ausdauer beseelte Heer war aus allen Nationalitäten 
des Kaiserreiches zusammengesetzt, und merkwürdig fügte es sich, dass die einzelnen 
nationalen Bestandteile desselben bei den zahlreichen Kämpfen dieses Feldzuges 
Gelegenheit fanden, sich einzeln durch Tapferkeit hervorzuthun; so die Tiroler und 
österreichischen Jäger, die Wiener Freiwilligen, die Regimenter aus Steiermark, 
Kärnthen und Krain, die der Verlockung zum Treubruche standhaft ihr Ohr verschlies- 
senden ungrischen (meist magyarischen) Regimenter (die ungrisehen Grenadiere bil- 
deten die Leibgarde Radetzky's) , die zahlreichen Gränzer, und der Kern des Heeres, 
die böhmischen , mährischen und galizischen Truppenkörper. Der Geist ihres Führers 
beseelte sie Alle, und nirgends waren wohl noch die Rande brüderlicher aufopferungs- 
fähiger Cameradschaft enger geschlungen, als in Radetzky's Lager 1 )- Wie ein elek- 
trischer Funke leuchtete und zündete der von Radetzky's Siegen ausgehende Hoffnungs- 
strahl in den Herzen aller Vaterlandsfreunde, erhob die Zaghaften und schaarte die 
Muthigen zusammen. Der W'affengefährte Radetzky's, der edle Fürst W i ndischgrätz, 
hatte schon früher zuerst den bewaffneten Aufruhr energisch unterdrückt; ihm ward 
die Aufgabe zu Theil , nach dein October-Aufstande dem Monarchen seine Residenz 
wieder zu gewinnen, und die Revolution in Ungern zu bekämpfen; das unter seiner 
Führung rasch gesammelte Heer blieb an Tapferkeit und Ausdauer nicht hinter den 
Waffenbrüdern in Italien zurück. 

Nachdem durch die heldenmüthige Armee der bewaffnete Widerstand zu Boden 
geworfen und dadurch das Feld für die Consolidirung der öffentlichen Verhältnisse 
gewonnen war, bereitete sich der grosse Act vor, mit welchem das alte Re- 
gierungssystem abscbliessen und eine gänzliche Umgestaltung, der Neubau des 
Staatsgebäudes, beginnen sollte. Zum ersten Male war, nach Beilegung des Wiener 
Aufstandes, ein vollständiges Ministerium unter dem Minister-Präsidenten Fürsten 
Scbwarzenberg an die Spitze der Geschäfte getreten, welches sich der grossen 

') Niemand fühlte wohl diese geistige Vereinigung der Repräsentanten aller Volksstämme zu dein höchsten 
Zwecke inniger , und sprach es treffender aus , als G r i 1 1 p a r z e r , der begeisterte Sänger, als er Radetzky 
zurief: „In Deinem Lager ist Oester reich". 



238 

Aufgabe der Herstellung der Autorität und der Wiedervereinigung der zerrissenen 
Fäden der Verwaltung unterzog. Kaum war die neue Ordnung der Dinge hierdurch 
eingeleitet, als am 2. December 1848 Seine Majestät der Kaiser Ferdinand I. die 
Krone freiwillig niederlegte, und nachdem auch der legitime Nachfolger, Se.kais. Hoheit 
Erzherzog Franz Karl, auf die Nachfolge zu Gunsten höchstdessen erstgebornen 
Sohnes Verzicht geleistet, bestieg der jugendliche Monarch Franz Joseph I. den 
Kaiserthron von Oesterreich '). Mit Beendigung der Regierung des schwergeprüften 
Kaisers Ferdinand fiel die Epoche derselben sanimt allen ihr angehörigen Ereignissen 
der Geschichte anheim, und mit ihr schloss sich die Vergangenheit für Oesterreich ab. 

§. 98. 
b. Reformen. 
In trüber, gewitterschwangerer Zeit begann die Regierung des jungen ritterlichen 
Monarchen. Der Aufruhr war zwar in den deutschen und italienischen Provinzen des 
Reiches niedergehalten, aber es zitterte die Gäbrung in den noch nicht beschwichtigten 
Gemüthern nach, und in Ungern war der Insurrectionskrieg, nachdem die kaiserliche 
Proclamation vom 3. October verhallt war, eben erst im Ausbruche begriffen. Noch 
discutirte der Reichstag zu Kremsier über das Princip der Volks-Souverainetät (die in 
Oesterreich sich zur zehnfachen Völker-Souverainetät hätte gestalten müssen) ; die 
Handhaben der Regierungsgewalt waren gebrochen oder abgenützt, die neuen noch 
nicht gefunden oder nicht bewährt. Da ging überOesterreich's Horizont das glänzende 
Glück verheissende Gestirn auf, welchem die hoffnungsreichen Blicke aller Augen, der 
Jubel aller Herzen sich zuwendeten, als dem Retter aus der Noth der bangen Zeit; die 
Grundlage des Bestandes des Staates, der hellsprudelnde Quell der Neugestaltung des- 
selben waren gefunden. Alle Ueberzeugungen der Vaterlandsfreunde stimmten in dem 
Ausspruche überein: Oesterreich könne nur bestehen durch die Reichseinheit, der 
Ausdruck der Reichseinheit sei der jugendliche Kaiser Franz Joseph I. Die Gewähr 
dieses Ausspruches war in den hohen Eigenschaften des Monarchen gefunden. Seine 
Jugend hatte ihn ausser aller Berührung mit den vergangenen Zuständen gelassen, sein 
kühner Muth hatte sich im Feuer der Schlacht bewährt, die Besonnenheit im Rathe 
und die Festigkeit in der Ausführung des Beschlossenen zeugte von einem den Jahren 
vorausgeeilten gereiften Charakter, die mit jugendlicher Anmuth gepaarte, einem ge- 
heimen Zauber gleich wirkende, Würde vollendeten das Gepräge der erhabenen Persön- 
lichkeit, welche die gütige Vorsehung zum Leit- und Schlusspuncte der Neugestaltung 
.Oesterreich's auserkoren hatte. Wenn es Oesterreich gelang, seine inneren Wirren zu 
beendigen, die widerstrebenden Kräfte in concentrische Bahnen zu leiten, die Reichs- 
einheit fest zu begründen , auf der Bahn der Civilisation einen früher kaum geahnten 
Fortschritt zu machen, die Quellen des Wohlstandes zu öffnen, wenn es, stark im 
Innern, geachteter als jemals nach Aussen, seinen vorderen Platz in der Reihe der 
Grossmächte, seinen altberechtigten Einfluss auf Deutschland wieder errungen und sich 
in dem folgenreichen orientalischen Kampfe der Gegenwart zum Schiedsrichter Europa's 



') Kaiserliches Patent vom 2. December 1848. 



239 

emporgeschwungen hat, so verdankt es diese in so kurzer Zeit errungenen gewaltigen 
Erfolge der Einsicht. Thatkraft und Beharrlichkeit seines jugendlichen Monarchen. 

Die Aufhebung des Reichstages von Kremsier beseitigte das letzte Hinderniss für 
die zur Reichseinheit führenden Reformpläne, welche ihren Ausdruck in der gleich- 
zeitig kundgemachten Reichsverfassung vom 4. März 1849 fanden. Wenngleich die 
Bestimmungen dieser Verfassung die Spuren der Eile an sich trugen , mit welcher sie 
entworfen wurde, wenngleich darin und in den bezüglichen Verordnungen der Grund- 
satz der Selbstständigkeit der einzelnen Kronländer und der Gleichberechtigung der 
verschiedenen Nationalitäten in einer Weise festgestellt ward, welche mit der beab- 
sichtigten Reichseinheit nur schwer in Uebereinstimmung zu bringen ist, so diente doch 
diese Verfassung als die erste positive Satzung zur Grundlage der nachgefolgten 
Reformen und zum Anhaltspuncte in dem Stadium des Ueberganges zu einem den 
Redürfnissen der Völker entsprechenden neuen Systeme. Die durch den tapfern 
Feld-Zeugmeister Ha yn a u und sein Heer, dessen Operationen durch eine rus- 
sische Hilfsarmee unterstützt wurden , vollendete Resiegung der ungrischen Insur- 
rection befestigte die innere Ruhe vollends und zog das grosse durch die Ereignisse 
der letzten Jahre von Grund aufgewühlte Ungern sammt Xebenländern in den Bereich 
der vom Standpuncte der Reichseinheit ausgehenden Reformen. Diese wurden von den 
fhätigen Ministerien nach allen Richtungen hin vorbereitet und von dem neu geschaffenen 
Reichsrathe 1 ), an dessen Spitze der vielerfahrene Freiherr von Kübeck berufen wurde, 
geprüft. Die Einbeziehung Ungern's in den neuen Reichsverband Hess die Unausführ- 
harkeit der Verfassung vom 4. März 1849 erkennen und bestärkte nur die fast all- 
gemeine Ueberzeugung von der nicht ausreichenden Haltbarkeit dieser den Charakter 
der Uebergangszeit offen an sich tragenden Satzung. Diese Wahrnehmung fand ihren 
Ausdruck in dem Allerhöchsten Cabinetssehreiben vom 20. August 1851 . womit das 
Ministerium als allein und ausschliessend gegenüber dem Monarchen und dem Throne 
verantwortlich erklärt und von der Verantwortlichkeit gegenüber jeder anderen Autorität 
enthoben, zugleich aber der Reichsrath ausschliessend als der Rath des Monarchen und 

') Nach dem mit kaiserlichem Palente vom 13. April 1851 kundgemachten (durch das erwähnte Aller- 
höchste Handschreiben vom 20. August 1851 modificirten) Statute ist der Reichsrath bestimmt, auf 
die Gegenstände der Gesetzgebung, damit bei denselben gediegene Reife und Einheit der leitenden 
Grundsätze erzielt werde, einen berathenden Einfluss auszuüben, und auch in anderen Angelegenheiten 
über Anordnung des Monarehen sein Gutachten abzugeben. Er ist unmittelbar Sr. Majestät dem Kaiser 
untergeordnet und dem Ministerium coordinirt. Sein Beruf ist ein rein beralhender; in Ertheilung seines 
Rathes ist er unabhängig, selbstständig und in seiner freien Berathung gesichert. Er hat keinerlei Initiative 
in Vorlegung von Gesetzes-Vorschlägen. Der Reichsrath besteht aus seinem Präsidenten, aus den Reichs- 
rälhen. bei deren Wahl durch den Monarchen auf die verschiedenen Tlieile des Reiches entsprechende 
Rücksicht genommen wird, und aus zeitlichen Theilnehmern, als welche, behufs gründlicher Erörterung 
einzelner Fragen und Gesetzes-Vorsehläge. erfahrene und angesehene Männer aus allen Ständen bei- 
gezogen werden können, jedoch in jedem besonderen Falle von Sr. Majestät berufen werden müssen. 
Der Reichsrath hat bei allen seinen Arbeiten, mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht, nur das Heil 
der Krone und des Staates vor Augen. Er ist verpflichtet, ohne Rücksicht auf Lob oder Tadel, nach 
gewissenhafter Prüfung und männlicher Ueberzeugung wahr und offen sein Gutachten auszusprechen 
und zu begründen, und in möglichst kurzer Frist, klar und deutlieh verfasst, abzugeben. Kein berufener 
Reichsrath kann sich, gesetzliche Hindernisse abgerechnet, der Theilnahme und Abstimmung enthalten; 
es darf auch keiner übergangen oder ausgeschlossen werden. Ursprünglich konnte auch der Ministerrat)! 
den Reichsrath um sein Gutachten angehen, welche Bestimmung mit dem Ministerrathe entfallen ist. 



240 

der Krone bezeichnet wurde. Sie führte ferner zu dem Allerhöchsten Cabinetsschreiben 
vom 31.December 1851, welches die Grundlinien der Neugestaltung Oesterreich's hin- 
sichtlich seiner Verfassung und Verwaltung vorzeichnet, und demnach als organisches 
Grundgesetz für diese Neugestaltung anzusehen ist 1 ). In wie weit diese Grundlinien bereits 



') Der Wortlaut dieses höchst wichtigen Allerhöchsten Cabinetsschreibens ist folgender: 
„Lieber Fürst Sc hwarzenb erg!" 
„Mit Beziehung auf das Patent vom heutigen Tage erhalten Sie in der Beilage die von Mir nach 
Anhörung Meines Minister- und Meines Beichsrathes in den zunächst wichtigsten und dringendsten 
Bichtungen der organischen Gesetzgebung festgestellten Grundsätze, mit dem Auffrage, dafür zu sor- 
gen, dass ohne alle Verzögerung von den Ministerien, die es betrifft, zu den Arbeiten der Ausführung 
in angemessener Weise geschritten und die Besultale Mir vorgelegt werden". 
Wien am 31. December 1851. 
Franz Joseph m. p. 

Grundsätze für organische Einrichtungen in den Kronländern des österreichi- 
schen Kaiserstaates. 

1. Die unter den alten historischen oder neuen Titeln mit dem österreichischen Kaiserstaate ver- 
einigten Länder bilden die untrennbaren Bestandteile der österreichischen kaiserlichen Erb-Monarchie. 

2. Der Name „Kronländer" soll in der amtlichen Sprache nur als allgemeine Bezeichnung ge- 
braucht, bei besonderer Benennung eines Landes aber stets die demselben zukommende eigene Titel- 
bezeichnung ausgedrückt werden. 

3. Der Umfang der Kronländer soll mit Vorbehalt der aus Verwaltungsrücksichten begründeten 
Veränderungen beobachtet werden. 

4. In jedem Kronlande sind landesfürstliche Bezirksämter (unter den üblichen Landesbenennungen) 
in angemessenen Bereichen aufzustellen und in denselben so viel als möglich die verschiedenen Ver- 
waltungszweige inner bestimmten Gränzen der Wirksamkeit zu vereinigen. 

5. Ueber die Bezirksämter werden unter den üblichen Landesbenennungen in administrativer Hin- 
sicht Kreisbehörden (Comitale, Delegationen u. dgl.) aufgestellt. Der räumliche Umfang derselben wird 
mit Rücksicht auf die in früherer Zeit bestandenen Einlheilungen und mit Beachtung der gegenwärtigen 
Bedürfnisse zu bestimmen seyn. 

In kleinen Kronländern sowie überhaupt , wo kein Bedürfniss zur Aufstellung von Kreisbehörden 
eintreten sollte, werden solche entfallen. 

Die Kreisbehörden sind der Landesstelle (Punct 6) untergeordnet, und haben theils einen überwa- 
chenden, theils einen ausübenden und administrativen Wirkungskreis. 

6. Ueber den Kreisbehörden steht in den Kronländern die Statthalterei und der Landeschef. Beson- 
dere Bestimmungen werden die Geschäftsbehandlung, den Wirkungskreis der Statthalterei, die Stellung 
und die Vollmachten des Landeschefs und die Unterordnung unter die höchsten Autoritäten festsetzen. 

7. Als Ortsgemeinden werden die factisch bestandenen oder bestehenden Gemeinden angesehen, ohne 
deren Vereinigung da, wo sie nothwendig ist oder begründet gewünscht wird, nach Maassgabe der Be- 
dürfnisse und Interessen auszuschliessen. 

8. Bei der Organisirung der Ortsgemeinden ist der Unterschied zwischen Land- und Stadtgemein- 
den, besonders in Ansehung der letzteren, die frühere Eigenschaft und besondere Stellung der könig- 
lichen und landesfürsllichen Städte zu berücksichtigen. 

9. Bei der Bestimmung der Landesgemeinden kann der vormals herrschaftliche grosse Grundbesitz 
unter bestimmten, in jedem Lande näher zu bezeichnenden Bedingungen von dem Verbände der Orts- 
gemeinden ausgeschieden und unmittelbar den Bezirksämtern untergeordnet werden. 

Mehrere vormals herrschaftliche unmittelbar anslossende Gebiete können sieh für diesen Zweck 
vereinigen. 

10. Die Gemeindevorslände der Land- und Stadtgemeinden sollen der Bestätigung und nach Um- 
ständen selbst der Ernennung der itegierung vorbehalten werden. Es soll deren Beeidigung für Treue 
und Gehorsam an den Monarchen und gewissenhafte Erfüllung ihrer sonstigen Pflichten stattfinden. 

Auch sollen da, wo die Genieindeverhältnisse es rälhlich machen, höhere Kategorien von Gemeinde- 
beamten der Bestätigung der Begierung unterzogen werden. 

11. Die Wahl der Gemeindevorstände and Gemeinde-Ausschüsse wird nach zu bestimmenden Wahl- 
ordnungen den Gemeinden mit den gesetzlichen Vorbehalten zugestanden. 



2k\ 



ihre Ausführung- erhalten haben oder die für die Neugestaltung wichtigen Reformen, 
welche bis zum 31. December 1851 erfolgten, noch in Geltung stehen, soll nun 
nach den einzelnen Zweigen der Verwaltung und ihrer Objecte angeführt werden. 



12. Die Titelnamen der Gemeindevorstände und Gemeinde-Ausschüsse sind nach den früher bestan- 
denen landesüblichen Gewohnheiten zu bestimmen. 

13. Der Wirkungskreis der Gemeinden soll sich im Allgemeinen auf ihre Gemeinde-Angelegenheiten 
beschränken, jedoch mit der Verbindlichkeit für die Gemeinden und deren Vorstände, der vorgesetzten 
landesfürstlichen Behörde in allen öffentlichen Angelegenheiten die durch allgemeine oder besondere An- 
ordnungen bestimmte und in Anspruch genommene Mitwirkung zu leisten. 

Auch in den eigenen Gemeinde-Angelegenheiten sollen wichtigere, in den Gemeinde-Ordnungen 
näher zu bestimmende Acte und Beschlüsse der Gemeinden der Prüfung und Bestätigung der landes- 
fürstlichen Behörden vorbehalten werden. 

14. Die Oeffenllichkeit der Gemeindeverhandlungen, mit Ausnahme besonderer feierlicher Acte, ist 
abzustellen, ohne für die betheiligten Gemeindeglieder die Einsichtnahme besonderer Gegenstände zu 
beseitigen. 

15. Die Gemeinden werden in der Regel den Bezirksämtern und nur ausnahmsweise nach Verhält- 
niss ihrer besonderen Eigenthümliehkeiten den Kreisbehörden oder den Statthaltereien unmittelbar unter- 
geordnet. 

16. Nach diesen Grundsätzen sind für jedes Land den besonderen Verhältnissen desselben entspre- 
chende Ordnungen für die Landgemeinden und für die Städte zu bearbeiten. 

Es ist bei diesen Arbeiten ferner von dem Gesichtspuncte auszugehen, dass den überwiegenden 
Interessen auch ein überwiegender Einfluss zugestanden und sowohl bei den Activ- und Passiv-Wahlen 
für die Bestellung der Gemeindevorstände und Ausschüsse als in den Gemeinde-Angelegenheiten dem 
Grundbesitze nach Maassgabe seiner in den Gemeindeverband einbezogenen Ausdehnung und seines 
Steuerwerthes, dem Gewerbsbetriebe aber in dem Verhältnisse zu dem Gesammtgrundbesitze — in den 
Stadtgemeinden insbesondere dem Hausbesitze—, dann so viel möglich den Corporationen für geistige 
und materielle Zwecke das entscheidende Uebergewicht gesichert werde. 

Im lombardisch-venezianischen Königreiche ist die daselbst bestehende Gemeinde-Ordnung mit dem 
Vorbehalte allfälliger durch Erfahrung hervorgerufener Verbesserungen aufrecht zu erhalten. 

17. Das Richteramt wird im ganzen Reiche von den dazu bestellten Behörden und Gerichten nach 
den bestehenden Gesetzen im Namen Seiner kaiserl. königl. apostolischen Majestät ausgeübt. 

18. Die Justiz-Beamten und Richter sind, mit Wahrung ihrer Selbstständigkeit bei der gesetzlichen 
Ausübung des Richteramtes, in Absicht auf ihre sonstigen persönlichen Dienstbeziehungen nach den für 
die Staatsbeamten bestehenden Vorschriften zu behandeln. 

19. Die Trennung der Justiz -Pflege von den Verwaltungsbehörden soll bei den Justiz - Col- 
legial-Gerichten, dann den zweiten und dritten Instanzen allgemein, bei den ersten Instanzen aber 
im lombardisch- venezianischen Königreiche und dort, wo es als unerlässlich anerkannt wird, statt- 
finden. 

Sonst ist bei den Einzelngerichten als ersten Instanzen die Vereinigung mit der Verwaltung im 

Bezirksamte anzunehmen. 

In der inneren Einrichtung dieser Bezirksämter (s. Punct h) kann aber nach Umständen ein eigener 
Gerichts- oder politischer Beamter zugetheilt werden, je nachdem die Verhältnisse es erfordern. 

20. Sowohl in streitigen als nicht streitigen Civil- wie in Strafsachen sollen drei Instanzen bestehen. 

21. Die rein juridischen, sowie die mit der politischen Verwaltung als Bezirksämter fungirenden 
ersten Instanzen sind für Civil-Angelegenheiten inner zu bestimmenden Gränzen — für Uebertretungen 
und besonders zu bezeichnende Vergehen — für Erhebungen des Thatbestandes und alle Hilfeleistungen 
zum Behufe und zur Unterstützung der Strafgerichte berufen. 

22. In angemessenen Districten, so viel thunlich mit Mücksicht auf die politische Einteilung der 
Länder, werden Collegial-Gerichte als erste Instanzen für das Richteramt über Verbrechen und besonders 
bezeichnete Vergehen , - dann für alle solche Rechtsangelegenheiten , welche die Gränzen der Wirk- 
samkeit der Bezirksämter übersteigen, eingesetzt. 

23. Zur Behandlung der Civil- und Strafangelegenheiten in zweiter Instanz sind Oberlandesgerichte 
mit Rücksicht und Beschränkung auf das strengste Bedürfniss zu bestellen. 

24. Der oberste Gerichtshof hat als dritte Instanz zu bestehen. 

25. Bei Uebertretungen und Vergehen, insoferne die letzteren den Bezirksämtern zugewiesen sind, 
findet das inquisitorische Verfahren in möglichst einfacher Form Statt. 

I. 31 



2 42 



§. 99. 



Fortsetzung. 
Organisirung der Behörden. 

Hierbei sind vor Allem die Reformen in der Stellung und dem Wirkungs- 
kreise der Behörden, welche als die Organe der weiteren Umgestaltung, so wie 
der allgemeinen Verwaltung dienen, in Betracht zu ziehen. 

Der durch die Reichsverfassung geschaffene Ministerrath wurde in eine Minister- 
Conferenz umgewandelt, deren Mitglieder dem Monarchen ausschliessend verant- 
wortlich erklärt wurden. Aus dem Ressort des Ministeriums des Innern, welches 
an die Stelle der vereinigten Hofkanzlei getreten war 1 ), wurde die Handhabung der 



26. In den Strafsachen, welche von den Collegial-Gerichten zu verhandeln sind, ist der Grundsatz 
der Anklage, der Bestellung eines Vertheidigers für den Angeklagten und der Mündlichkeit im Schluss- 
verfahren zu beobachten. 

27. Das Verfahren ist nicht öffentlich, es wird «aber bei der mündlichen Verhandlung in erster In- 
stanz dem Angeklagten mit Bewilligung des Präsidenten, sowie dem letzteren, das Recht eingeräumt, 
Zuhörer bis auf eine bestimmte Zahl zuzulassen. 

28. Die Anklage ist durch die Staatsanwaltschaft zu vermitteln, deren Wirkungskreis auf den Straf- 
Process zu beschränken ist. 

29. Die Schwurgerichte sind zu beseitigen. 

30. Die Urtheile sind nur von geprüften Richtern zu schöpfen. Die Urtheilsformen in Strafsachen 
sind „schuldig", „schuldlos", „Freisprechung von der Anklage". 

31. Das Verfahren bei den Oberlandesgerichten und dem obersten Gerichtshofe ist nur schriftlich. 

32. Die näheren Bestimmungen der Wirksamkeit der Gerichtsbehörden werden die hierüber zu 
erlassenden Gesetze enthalten. 

33. Das allgemeine bürgerliehe Gesetzbuch soll als das gemeinsame Recht für alle Angehörige des 
österreichischen Staates auch in jenen Ländern, in welchen es dermalen noch nicht Geltung hat, nach 
und mit den angemessenen Vorbereitungen, dann mit Beachtung der eigenthümlichen Verhältnisse der- 
selben, eingeführt, und ebenso das Strafgesetz für den ganzen Umfang des Reiches in Wirksamkeit 
gesetzt werden. 

34. In den Kronländern werden eigene Statute über den ständischen oder den mit einem zu be- 
stimmenden Grundbesitze versehenen Erbadel, seine Vorzüge und Pflichten errichtet, insbesondere 
demselben alle thunliehe Erleichterung zur Errichtung von Majoraten und Fideicominissen zugestanden 
werden. Bei der Bauernschaft sind dort, wo besondere Vorschriften zur Erhaltung ihrer Güter-Complexe 
bestehen, solche aufrecht zu erhalten. 

35. Den Kreisbehörden und Statthaltereien werden berathende Ausschüsse aus dem besitzenden Erb- 
adel, dem grossen und kleinen Grundbesitze und der Industrie mit gehöriger Bezeichnung der Objecte 
und des Umfanges ihrer Wirksamkeit an die Seite gestellt. Insoferne noch andere Factoren zur Bei- 
ziehung in die Ausschüsse sich als wünschenswertb darstellen , ist nach Umständen darauf Rücksicht 
zu nehmen. 

Die näheren Bestimmungen darüber werden besonderen Anordnungen vorbehalten. 

3G. Bei den landesfürstlichen Bezirksämtern sollen Vorstände der einbezirkten Gemeinden und 
Eigenthümer des ausser dem Gemeindeverbande stehenden grossen Grundbesitzes oder deren Bevoll- 
mächtigten für Zusammentretungen in ihren Angelegenheiten von Zeit zu Zeit einberufen werden. 
*) Die vereinigte Hofkanzlei schloss ihre Wirksamkeit am 15. Mai 1848. Die ihrer Leitung unterstandenen 
Cullus- und Unterrichts-Angelegenheiten gingen (27. März 1848) an das neu errichtete Ministerium für 
Cultus und Unterricht über; die Staatsbauten (10. Mai 1848) an das Ministerium für öffentliche Ar- 
beilen; die Leitung der Gewerbe-Verhältnisse und der Boden-Cultur (10. Mai 1848) an das neuerrichtete 
Handels-Ministerium; die Verwaltung der directen Steuern (19. Mai 1848) an das Finanz-Ministerium. 
Dafür erhielt das Ministerium des Innern (23. März 1848) die Leitung der Polizei-Angelegenheiten nach 
Auflösung der obersten Polizei- und Censur-Hofstclle. Von dem Finanz-Ministerium wurde (10. Mai 1848) 
das Bergwesen an das Ministerium für öffentliche Arbeiten, und die Angelegenheiten des Handels, der 
Schifffahrt und des Consulats-Wesens (soweit es demselben unterstand) an das Handels-Ministerium abge- 



243 

Polizei nach allen ihren Beziehungen geschieden und dieselhe der neu errieh teten ober- 
sten Polizei-Behörde übertragen 1 ). Das Ministerium für Landes-Cultur und Berg- 
wesen ward aufgehoben, die oberste Beaufsichtigung der Landes-Cultur dem Ministerium 
des Innern 2 ), das Bergwesen dem Finanz-Ministerium zugewiesen. Bei Auflösung des 
Kriegs-Ministeriums wurde dessen Geschäftskreis mit jenem des neu errichteten Aller- 
höchsten Armee-Obercommando's vereinigt 3 ). Das General-Bechnungs-Direc- 
torium erhielt als obe rste Rechnu ngs-Co n tr ol s-Behörde seine Stellung neben 
den Ministerien 4 ). 

Die Oreanisiruns; der dem Ministerium des Innern unterstehenden (sogenannten 
politischen) Verwaltungsbehörden ging jener der übrigen voran. 

Zuerst wurden als die unmittelbaren Bestandteile des Reiches die Kronländer und deren 
Umkreis bestimmt. Diese Bestimmung' kam im Allgemeinen mit der früheren historisch begründeten 
Gebietseinteilung- überein; nur wurden die bisher den benachbarten einverleibten kleineren Län- 
der, als: Salzburg, Kärnthen , Schlesien (sammt den mährischen Enclaven) und die Bukowina 
selbslsländi"-, wogegen das österreichische Küstenland, dem Namen nach, in seine alten Gebiets- 
teile Görz und Gradisca (sammt dem österreichischen Friaul), Istrien und das Gebiet von Triest 
aufgelöst wurde. Aus den ehemaligen ungrischen Komitaten Bäcs, Torontal, Temesvär und Krasso, 
mit Einsehluss der sonst zum Syrmier Komitate von Slavonien gehörigen Districte Illok und Ruma, 
ward ein neues ., Verwaltungsgebiet", serbische Wojwodschaft und Temeser Banat, gebildet, wäh- 
rend Fiume sammt dem ehemals ungrischen Küstenlande und die Mur-Insel (Mura-köz) mit Kroatien 
vereinigt ward. Das Kronland Ungern wurde behufs der leichteren Verwaltung in die fünf 
Verwaltungsgebiete von Pest-Ofen , Oedenburg, Pressburg, Kaschau und Grosswardein (welche 
jedoch unter der gemeinsamen Oberleitung des Civil- und Militär-Gouverneurs, Sr. kaiserlichen 
Hoheit Erzherzog Albrecht, stehen) abgetheilt , und in jede derselben eine Statthalterei- Abthei- 
lung als Landesbehörde verlegt. In dem Kronlande Galizien wurden zwei Verwaltungsgebiete 
geschaffen, dem einen davon die zwölf östlichen (meist ruthenischen) , dem anderen aber die 
sechs westlichen (vorwiegend polnischen) Kreise sammt dem Gebiete von Krakau zugewiesen. 
Die siebenbürgische Militärgränze wurde aufgehoben, und deren (sehr unzusainmenhängendes) 
Gebiet dem Provinciale von Siebenbürgen einverleibt. Diesen eingetretenen Aenderungen in dein 
Gebielsumfange der Kronländer lagen grossentheils ethnographische Erwägungen, auf den herr- 
schenden Volksstamm Bezug nehmend, zu Grunde. 

Im Inneren der einzelnen Kronländer sollte die Verwaltung eine neue Einrichtung erhalten. An 
die Stelle der ehemaligen Gubernien, Kreisämter und verschiedenartigen Unterbehörden traten die 
Statt haltereien mit einem beschränkteren Wirkungskreise, die im Geschäftszuge den Ministerien 



geben. Unterm 19. November 1848 wurden bei der Bildung des Ministeriums Schwarzenberg die öffentlichen 
Arbeiten mit den Gewerbe- und Handels-Angelegenheiten und dem sämmtliehen (früher zum Theile dem 
Ministerium des Auswärtigen zugewiesenen) Consulats-Wesen in dem Handels-Ministerium vereinigt, für 
das Bergwesen und die Landes-Cultur ein eigenes Ministerium geschaffen. Seit 4. März 1849 wurde der 
Wirkungskreis der einzelnen Ministerien auch auf diejenigen Ländergebiete ausgedehnt, welche früher 
hinsichtlich ihrer Verwaltung unter der Leitung der ungrischen und siebenbürgischen Hofkanzlei ge- 
standen waren. 
') Allerhöchste Erschliessung vom 25. April 1853. 

2) Allerhöchste EntSchliessung vom 17. Januar 1853. An das Ministerium des Innern gelangte namentlich 
die Gesetzgebung über Landes- und Forst-Cultur , alle Colonisirungs-Angelegenheiten , die Leitung der 
land- und' forstwirtschaftlichen Vereine und Unterrichtsanstalten (mit Ausnahme des Mariabrunner 
k. k. Forst-Institutes), sammt der geologischen Reichsanstall. 

3 ) Allerhöchste Entschliessung vom 12. Mai 1853. 

4 ) Allerhöchste Erschliessung vom 27. März 1854. 

31 * 



2k'4 

direct unterstehenden Kreisregierungen, welche, mehrere ehemalige Kreise umfassend, einen 
Theil der Wirksamkeit der Landesstelleu und der Kreisämter an sich zogen (bei kleineren Kron- 
ländern bildete die Statthalterei zugleich die Kreisregierung), und die Bezirks- Hauptmann- 
schaften, welche mehrere ehemalige Bezirke umschlossen, aber sich lediglich mit administrativen 
Gegenständen befassten. Das Collegial-Verfahren wurde bei allen diesen Behörden abgeschafft. Den 
Schlussstein bildeten die Gern ei nd en, die nicht nur ihre eigenen ökonomischen Angelegenheiten, 
sondern, im übertragenen Wirkungskreise, auch einen Theil der Staats-Geschäfte zu besorgen 
hatten. Der Grundsatz der Trennung der administrativen von der gerichtlichen Verwaltung war 
hierbei bis in die unterste Instanz festgehalten. — Allein die Durchführung dieses Organisations- 
Planes gerieth ins Stocken. Auf die italienischen und uugrischen Länder (in welchen, des kaum 
beendigten Kriegszustandes wegen, die Militär-Behörden einen mehr oder weniger hervortreten- 
den Einfluss auf die Civil- Verwaltung nahmen) war er ohnehin noch nicht ausgedehnt, in Galizien, 
Bukowina und Dalmatien trat die bereits im Detail beschlossene neue Organisiriing nicht mehr 
ins Leben. Das unterste Glied dieses Organismus, die Thätigkeit der Gemeindevorstände 
bezüglich des übertragenen Wirkungskreises, entsprach selbst in den an Bildung vorgeschrit- 
tenen Kronländern der Erwartung nur ungenügend, wodurch die Aufgabe der Bezirks-Haupt- 
mannschaften eine mit ihrem geringen Personale kaum zu bewältigende wurde. Die Trennung 
der Rechtspflege von der Verwaltung in der untersten Instanz brachte für die Bewohner nament- 
lich der dünn bevölkerten Alpenländer grosse und tief gefühlte Nachtheile hervor, stand mit 
ihren historisch entwickelten Zuständen im Widerspruche, und schloss eine plötzliche über- 
mässige Vermehrung des Beamtenstandes in sich, wofür es, abgesehen von der Ueberlastung des 
Staatshaushalles, an befähigten Individuen gebrach. Der grosse Umfang der Kreise und Bezirks- 
Hauptmanuschaften , so wie bei Abgränzung ihrer Territorien die vorgenommene Zerreissung 
altgewohnter Verbindungen, erzeugte Missstände anderer Art. 

Die wahrgenommenen Gebrechen suchte die auf Grund des Allerhöchsten 
Cabinetsschreibens vom 31. December 1851 erflossene neue Organisirung der 
Verwaltungsbehörden zu beseitigen, indem sie sich der früher bestandenen 
Einrichtuna' derselben mehr annäherte. 

In den bereits erwähnten Kronländern wurde die Leitung der Verwaltung den Statt haltereien 
(in Salzburg, Kärnthen, Krain, Schlesien, der Bukowina, dann in dem Verwaltungsgebiete 
Krakau Landesregierungen, in Ungern Statthalterei- Abtheilungen) überwiesen. Sie 
sind aus dem Statthalter (Landes-Präsidenten, Statthalterei-Vice-Präsidenten, Banus), dem Vice- 
Präsidenten (in Wien, Prag, Lemberg, Temesvar, Hermannstadt), einem Hofrathe und Statt- 
haltereiräthen zusammengesetzt; in den kleineren Kronländern besteht das Gremium aus einem 
Statthaltereirathe und mehreren Landesräthen: überall kömmt noch das untergeordnete Concepts- 
und Kanzlei-Personale hinzu. Ihr Wirkungskreis umfasst die unmittelbar in den Händen des Statt- 
halters (Landes-Präsidenten) ruhende oberste Aufsicht und Leitung der Polizei- und der Personal- 
Angelegenheiten, und die in das Ressort der collegialen Geschäfts-Behandlung des Gremiums der 
Räthe einschlagenden Geschäfte *)• Jeder Statthalterei oder Landesregierung steht eine Medi- 



') Der Statthalter fuhrt die oberste Aufsicht über das Land und seine Zustände , die Leitung der Polizei. 
Ueberwaehung der Presse, der Vereine und Theater, des Pass- und Fremden-Wesens; in seinen Händen 
liegen alle Angelegenheiten, welche das Personale der politischen Behörden betretfen. Die Gremial- 
Gcschäfte können in fünf Classen getheilt werden: in politische Angelegenheiten (Heransgabe des 
Landes-Gesetzblattes, Recurse gegen die Verfügungen der Unterbehörden, Landes-Lehenstube, Ent- 
scheidungen über Adelsanraassung, Oberaufsicht über die Straf- und Humanitäts-Anstalten, Verwaltung 
der Landesfonde und Landesanstallen, Regelung der Concurrenz bei Strassen- und Wasserbauten, Mit- 
wirkung bei Conscriplion , Recrutirung , Vorspann und Einquarticruug, weltliche Stiftungssachen, 
Oberleitung und Ueberwachung der Gemeinden); Cultus (Besetzung bestimmter Pfründen, Ein- und 



245 

cinal-Commission als berathender Körper zur Seite'). Die Statthalter (mit Ausnahme jener zu 
Linz und Triest) sind zugleich Präsidenten der Finanz-Landes-Directionen (im lombarcliseh-vene- 
zianisehen Königreiche der Finanz-Präfecturen) , die Landes-Präsidenten und die Statthalter zu 
Linz und Triest zugleich Chefs der bezüglichen Landes-Steuer-Directionen; auf die ehemals 
ungrischen Länder nimmt diess jedoch keinen Bezug. 

Die Kreisbehörde (im lombardisch -venezianischen Königreiche die Delegation, in 
Ungern, in Kroatien und Slavonien die K omi tats-Behörde) bildet in dem ihr zugewiese- 
nen Verwaltungsgebiete die Mittelbehörde zwischen der Statthalterei und den untergeordneten 
Beamten und Organen; über die ihr zugewiesenen Geschäfte entscheidet der Kreisvorstand 
(Provinz-Delegat, Komitals-Vorstand). In den kleineren Kronländern, wo keine Kreiseintheilung be- 
steht, vereinigt die Landesregierung auch den Wirkungskreis der Kreisbehörde in sich. Letzterer 
umfasst nahezu alle Gegenstände der inneren Verwaltung»). In Bezug auf die politische Verwaltung 
ist die Kreisbehörde unmittelbar der politischen Landesstelle untergeordnet, in den Angelegenheiten 
der directen Besteuerung hingegen der Steuer-Landesbehörde. Ausgenommen von dem Wirkungs- 
kreise der Kreisbehörden sind die Kronlands-Hauptstädte, welche unmittelbar der bezüglichen 
Statthalterei (Landesregierung oder Staltbalterei-Abtheilung) unterstehen; nur die Hauptstädte 
Mailand und Venedig sind der Delegation untergeordnet. 

Das Bezirksamt (in Dalmatien die Prätur, im Iombardisch-venezianischen Königreiche 
das Districts-Commissariat, in Ungern das Stuhlrichteramt) ist für den ihm zuge- 
wiesenen Bezirk die unterste landesfürstliche Behörde, sowohl für die politische Verwaltung als 

Umpfarrungen , Congrua-Ergänzung , Ehedispensen) und Unterrieht (Beaufsichtigung aller Civil- 
Unterrichts- und Erziehungs - Anstalten und Leitung des öffentlichen Unterrichtes) ; Handels- und Ge- 
werbe-Angelegenheiten (Ertheilung von Landesfabriks- und einzelnen Gewerbe-Befugnissen, Bewilligung 
von Jahrmärkten); Landes-Cultur (Ackerbau, Viehzucht und Waldwirtschaft) ; öffentliche Bauten 
(Neubauten und Reparaturen bis zum Betrage von je 3.000 fl.). Die Landesregierung in Krakau ist in 
einigen Angelegenheiten (landständische Verhandlungen, galizisch-ständische Credits-Anstalt, wichtigere 
Kirchenverhältnisse, Verhandlungen über Gesetzes-Abänderungen, Organisirungs-Entwürfe) an den gali- 
zischen Statthalter gebunden. Dagegen kömmt dem Wirkungskreise des Civil- und Militär-Gouverneurs 
von Ungern eine das Ressort der übrigen Statthalter überschreitende Ausdehnung zu, da demselben auch 
die Verhandlung und Antragstellung wegen aller der Allerhöchsten Erschliessung zu unterziehenden 
Gnadensachen, die wichtigeren Verhandlungen in publico-ecclesiastieis und eine ausgedehntere Einwirkung 
auf das der Statthalterei unterstehende Personale zugewiesen sind. Unter Oberleitung des Civil- und Militär- 
Gouverneurs sind die Vice-Präsidenten der fünf Statthalterei-Abtheilungen die Chefs dieser fünf Landes- 
Behörden. Ein ähnliches Verhältniss wie in Ungern waltet im Iombardisch-venezianischen Königreiche ob, 
an dessen Spitze der Feldmarschall Graf Badetzky als General-Gouverneur steht, welchem für die Civil- 
Verwaltung eine Civil-Seclion beigegeben ist. 
') Allerhöchste Entschliessung vom 7. September 1850. 

2) In den Wirkungskreis der Kreisbehörde gehört: die Ueberwachung der untergeordneten Beamten und 
Organe , von welchen aber der Becurs regelmässig an die Landesbehörde geht und nur durch die Kreis- 
Behörde vorgelegt wird; die Beaufsichtigung aller Zustände des Verwaltungsgebietes, Oberleitung der 
Polizei-Angelegenheiten, des Conscriplions-, Becrutirungs-, Vorspanns-, Verpflegungs- und Bequartierungs- 
Wesens, die Ertheilung von Baubewilligungen, die Instandhaltung der öffentlichen Strassen, Brücken und 
Wege; die Vornahme und Leitung von Staatsbauten, die Ertheilung bestimmter Gewerbebefugnisse; der 
Einfluss auf die Gemeinde - Angelegenheiten, die Ueberwachung der Grundbuchsführung, des Waisen- 
wesens, der Verlassenschafts-Abhandlungen, sowie des Zustandes der Arreste und der Verhafteten. — In 
Steuerangelegenheiten hat die Kreisbehörde (mit Ausnahme des Iombardisch-venezianischen Königreichs) 
die Aufsicht über die vorschriftsmässige Gebarung der untergeordneten Behörden und die Mitwirkung 
der Gemeinden; ihr kömmt die Bemessung der Gebühr bei der Hauszins- und Hausclasscnsteuer , der 
Erwerb- und Einkommensteuer, die Anordnung und Ueberwachung der zwangsweisen Einbringung von 
Rückständen, die Evidenzhallung des Hauszins-, Erwerb- und Einkommen-Steuer-Katasters und endlich 
die Begutachtung über Gesuche um Steuernachsiehten zu. Für die Angelegenheiten der directen Be- 
steuerung ist jeder Kreisbehörde ein Stcuer-Inspector und Steuer-Unterinspcctor beigegeben; für 
Medicinal-Angelegenheiten steht jeder Kreisbehörde ein Kreisarzt , für den öffentlichen Baudienst stehen 
jeder solchen Behörde technische Beamte zur Seite. 



246 

auch für Justiz-Pflege, Polizei und directe Besteuerung 1 ). Doch unterscheidet man rein politische und 
gemischte Bezirksämter ; erstere bestehen in Bezirken, in welchen eine Trennung der politischen 
Verwaltung von der Justiz sich als nothwendig darstellte (meist am Sitze von Collegial-Gerichts- 
Behörden, welche die Justiz-Pflege in dem bezüglichen Bezirke üben), letztere (die grosse Mehr- 
zahl) vereinigen die Justiz-Verwaltung mit ihrem sonstigen Wirkungskreise. Im lombardisch-vene- 
zianischen Königreiche umfasst das Districts-Commissariat bloss den politischen Wirkungskreis. 
In mehreren grösseren Städten ist die Verwaltung der politischen Angelegenheiten den Communen 
überlassen. In der politischen und polizeilichen Geschäftsführung entscheidet der Bezirksvorstand 
allein, über das Steueramt steht ihm nur Aufsicht und Oberleitung zu; besitzt er die Befähigung 
zum Richteramte nicht, so ist dieses von einem befähigten Adjuncten zu versehen a ). 

Der Organisirung der Gemeinde-Verwaltung auf Grundlage des Allerhöchsten Cabinets- 
Schreibens vom 31. December 1851 wird noch entgegengesehen, ebenso der Einrichtung der Lan- 
des Vertretungen, welche jedoch demnächst zur Ausführung gelangen dürfte, da die Wiederein- 
berufung der Central-Congregationen des lombardisch-venezianischen Königreiches bereits erfolgt 
und der Fortbestand der Provinzial-Congregationen, welche (mit erweitertem Wirkungskreise) 
gleich nach Besiegung des Aufstandes wieder versammelt wurden, neuerdings bestätigt worden ist. 

Die Organisation der Justiz-Behörden hatte, mindestens in der untersten 
Instanz, gleichen Sehritt mit jener der politischen Behörden zu halten. Denn nach- 
dem mit dem Aufhören der Patrimonial-Obrigkeiten und Patrimonial-Gerichtsbarkeit 
(in Ungern der Komitats-, Municipal- und herrschaftlichen Gerichtsbarkeit) die untersten 
Organe der Verwaltung weggefallen waren, musste für die Bestellung neuer Organe von 
Staatswegen gesorgt werden. Nachdem man von dem bei der anfänglichen Reform 
festgehaltenen Grundsatze der Trennung der Justiz von der Verwaltung selbst bei den 
untersten Organen wieder abgegangen war, wurde die Gerichts-Organisation auf Grund- 
lage des Allerhöchsten Cabinetsschreibens vom 31. December 1851 erneuert. 

Ohne hier des eigentlichen Gerichtsverfahrens zu erwähnen, wovon bei den materiellen 
Reformen die Rede sein wird, ist nur zu bemerken, dass hinsichtlich der Abgränzung der 



*) In den Wirkungskreis des Bezirksamtes gehören in Bezug auf polilische Verwaltung: die Sorge für 
Kundmachung und Vollziehung der Gesetze, Anträge zur Hintanhaltung und Milderung des Nothstandes, 
provisorische Vorkehrungen hei gewaltsamen Besitzstörungen, Angelegenheilen der Landes-Cultur, Instand- 
haltung der Strassen und Brücken, Beaufsichtigung der Wasserwerke, Verleihung minderer Handels- 
und Gewerbe-Befugnisse, Entscheidung über Gewerbestörungen, Mitwirkung bei der Conscription, dem 
Vorspann-. Militär-Verpflegs- und Einquartierungs-Wesen, Entscheidung über Gemeinde-Zuständigkeit, Er- 
theilung von Eheconsensen, Bewilligung und Ucberwachung öffentlicher Versteigerungen, die Hand- 
habung der gesammten Polizei-Gesetze, die Verhandlung und Entscheidung bei Verletzung polizeilicher 
Vorschriften und Einrichtungen, Handhabung des Aufsichtsreehts bei geistlichen und weltlichen Stif- 
tungen, Einflussnahme in Angelegenheiten der kirchlichen Vogtei, Amtshandlung bezüglich der Gebühren 
der Geistlichkeit, Aufsicht über Schulen und Erziehungs-Anstalten, Aufsicht über die inneren An- 
gelegenheiten der unterstehenden Gemeinden. Die gemischten Bezirksämter haben die Civil- und Straf- 
Gerichtsbarkeit in erster Instanz nach den von der Jurisdietions-Norm festgesetzten Bestimmungen zu 
üben. In Bezug auf das Steuerwesen wirkt das Bezirksamt zumal auf die directe Besteuerung ein, be- 
sorgt die Evidenzhaltung des Grundsteuer- Katasters, die Einsammlung und Richtigstellung der Haus- 
zins-Fassionen, die Erhebungen zur Bemessung der Hausclassensteuer, zur Ausmittlung der Erwerbsteuer 
und die gutachtliche Vorlage der Einkommensteuer-Bekenntnisse, die Beitreibung von Steuerrückständen 
und Erhebungen über Steuernachsichts - Gesuche. Bei jedem Bezirksamte besteht ein Bezirksarzt; in 
Bauangelegenheiten leistet der Baubeamte, in dessen Baubezirke das Amt gelegen ist, die technische 
Mitwirkung. 

*) Zur Uebersicht der Art, in welcher die Organisirung der politischen Verwaltungs- Behörden durch- 
geführt wurde, dient die folgende Zusammenstellung, welche für die einzelnen Kronländer das Datum 
der Ministerial-Verordnung, unter welcher auf Grundlage vorausgegangener Allerhöchster Entschlies- 



247 

Gerichtsbezirke (vom lombardisch- venezianischen Königreiche abgesehen) volle Uebereinstiin- 
mung mit jener der politischen Bezirke (welche Uebereinstimmung sich nach den Grundsätzen 
der neu eingetretenen Reformen auf alle Zweige der Staatsverwaltung erstrecken soll) besteht, 
so dass die Grunzen eines Einzelngerichtes mit jenen eines politischen Bezirkes zusammenfal- 
len, jene eines Collegial-Gerichtes (oder auch zweier derselben) den Umfang eines Kreises 
(oder auch zweier) einschliessen, und ein Oberlandesgericht für jedes Kronland oder 
Verwaltungsgebiet bestellt ist. Hiervon macht nur das Oberlandesgericht von Wien (dessen 
Sprengel sich über Oesterreich unter und ob der Enns, dann über Salzburg erstreckt), von 
Gratz (welches seine Wirksamkeit auf Steiermark, Kärnthen, Krain), von Triest (welches 
die seine über Triest, Görz und Istrien ausdehnt), von Brunn (für Mähren und Schlesien be- 
stimmt) und von Lemberg (für das östliche Galizien — Verwaltungsgebiet Lemberg — und die 
Bukowina) eine Ausnahme; in Ungern befindet sich in dem Verwaltungsgebiete jeder Statlhalterei- 
Abtheilung ein Oberlandesgericht. Der Sitz der Oberlandesgerichte (im lombardisch -vene- 
zianischen Königreiche Tribunali d'appello) ist in der Begel in der Hauptstadt des Kron- 
landes oder Verwaltungsgebietes 5 nur für jenes von Kaschau ist das Oberlandesgericht in 
Eperies bestellt. Hinsichtlich aller Seerechts -Angelegenheiten erfolgt die Berufung von den 



Bungen die Organisirung kundgemacht wurde, die Zahl der Kreise, der Stadtbezirke, der Bezirksämter, 
dann den Zeitpunet, in welchem die neu organisirten Kreis- und Bezirks-Behörden in Wirksamkeit 
traten , nachweiset. 



Kronlaml 



Ministerial- 

Verordnung 

vom 



Zahl der 



Zeitpunet der beginnenden 
Wirksamkeit der 



Kreis- 



Bezirks- 



Behorden 



Oesterreich unter der Enns . 
Oesterreich ob der Enns . . 

Salzburg 

Steiermark 

Kärnthen 

Krain 

Triest, Görz, Gradisca und 
Istrien 

Tirol und Vorarlberg . . . . 

Böhmen 

Mähren 

Schlesien 

Galizien (zwei Verwaltungs- 
gebiete) 

Bukowina 

Dalmatien 

Lonibardie 

Venedig 

Ungern (fünf Verwaltungs- 
gebiete) 

a. Pest-Ofen .... 

b. Oedenburg .... 

c. Pressburg .... 

d. Kaschau .... 

e. Grosswardein . . . 
Wojwodschaft und Banat . 
Kroatien und Slavonien . . 
Siebenbürgen 



25. Nov. 1833 

„ 55 n 

30. Januar 185* 

31- 55 1) 

5. Febr. „ 
4 

*■ 51 55 

G. Oct. 1853 
G. Mai 1854 
9. Oel. „ 
21. April „ 



Ol 

«**■ „ 15 

55 55 55 

8. Febr. „ 

7. Mai 1853 



G. April 1854 



1. Febr. 1854 
3. Juni „ 

~» 55 55 



4 

13 
6 



19 

4 
9 

8 



9 
11 

8 
6 



10 



11 
6 
5 
5 
9 

10 



70 

4G 
20 
64 

28 
30 

28 
71 
207 
76 
22 

177 

15 

31 

102 

78 



42 
56 
57 
52 
37 
29 
46 
79 



15. Sept. 1854 



30. Oct. 1854 



30. Sept. 1854 
30. Nov. „ 
12. Mai 1855 
16. April „ 



29. Sept. 1855 



30. Oct. 1S">4 
30. Nov. „ 



30. Sept. 1854 



30. Oct. 



30. Sept. „ 
30. Nov. „ 
20. Mai 1855 
28. April „ 



29. Sept. „ 

51 55 55 

28. Aug. 1854 



29. April „ 



30. Mai 
30. Oct. 
30. Nov. 



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248 

als Seegerichte fungirenden Gerichtshöfen erster Instanz zu Triest, Venedig-, Fiume, Zara, 
Spalato, Ragusa und Cattaro (dann den Consular-Gerichten) an das Oberlandesgericht in Triest. 
Als oberste Gerichtsbehörde für den Umfang des ganzen Kaiserstaates mit Ausnahme der Militär- 
o-ränze ist der oberste Gerichtshof in Wien wirksam. — Neben den Gerichtsbehörden be- 
steht das Institut der Staatsanwaltschaft (jedem Oberlandesgerichte ist ein Oberstaatsanwalt, 
den einzelnen Landes- und Kreis-Gerichten sind Staatsanwälte nebst ihren Substituten bei- 
gegeben), dessen Thätigkeit sich theils unmittelbar auf die Ausübung der Gerechtigkeilspflege in 
Strafsachen, theils auf die administrative Leitung der Justiz, auf die Theilnahme bei den prak- 
tischen Prüfungen zum Richteramte und zur Advocatur, und auf die Verbesserung und richtige An- 
wendung der Justiz-Gesetze im Allgemeinen bezieht. Als Organe der Justiz-Pflege erscheinen ferner 
die (später umständlicher zu erwähnenden) Advocaten- und Notariats-Kammern. — Als 
ordentliche Civil-Gerichte erster Instanz bestehen die (reinen) Bezirksgerichte und die 
(gemischten) Bez irksämter (Preture in Dalmatien, Stuhlrichterämter in Ungern), die Präturen 
im lombardisch-venezianischen Königreiche (deren Gerichtssprengel sich zumTheile über je mehrere 
Districts-Commissariate erstreckt), dann die Gerichtshöfe erster Instanz, sammt den von letzteren 
für Civil- und Strafsachen von minderer Wichtigkeit in bedeutenden und volkreichen Städten be- 
stellten städtisch-delegirten (Bezirks-) Gerichten (Preture urbane). Diese Gerichtshöfe führen in den 
Hauptstädten derKronländer den Namen der Landesgerichte, sonst jenen der Kreis- (Komitats-) 
Gerichte, im lombardisch-venezianischen Königreiche heissen sie überhaupt Tribunali provin- 
ciali, in Dalmatien Tribunali di prima istanza, das Verfahren bei denselben ist collegialisch. 
Als Strafgerichte wirken für gewisse bezeichnete Uebertretungen die Bezirksgerichte, Bezirks- 
ämter und Landpräturen, Preture foresi (andere speciell bezeichnete Uebertretungen sind in den 
Kronlands-Hauptstädten der Gerichtsbarkeit der Polizei-Behörden zugewiesen), für Vergehen und 
Verbrechen die Gerichtshöfe erster Instanz; für die Verbrechen des Hochverratb.es , der Majestäts- 
Beleidigung, der Beleidigung von Mitgliedern des kaiserlichen Hauses und der Störung der öffent- 
lichen Buhe sind bloss die Landesgerichte (mit Ausnahme desjenigen zu Pest) competent, bezüg- 
lich des lombardisch- venezianischen Königreiches aber ist für die Verbrechen des Hochver- 
rathes, Aufstandes und Aufruhrs ein eigener Strafgerichtshof in Mantua zusammengesetzt. Die 
Führung des Untersuchungs-Verfahrens steht denselben Behörden zu, nur sind nebstdem für die 
nicht ausgenommenen Verbrechen undVergehen in jedemKronlande gewisseBezirksämter (nebst allen 
Bezirksgerichten) auch als Untersuchungsgerichte bestellt, jedoch so, dass die Fällung des Urtbeils 
von dem Collegial-Gerichtshofe ausgeht, in dessen Sprengel jene liegen. — Special-Gerichte bilden: das 
oberste Hofmarschallamt zur Ausübung derGerichtsbarkeit über die Mitglieder des kaiserlichen 
Hauses, über die das Becbt der Exterritorialität Geniessenden und gewisse andere fürstliche Per- 
sonen, welche dieser Gerichtsbarkeit speciell unterstellt wurden; die geistlichen Gerichtsstühle 
in den ehemaligen ungrischen Ländern (für Religionsgenossen des katholischen und griechischen 
Ritus in Ungern, der Wojwodschaft und Kroatien-SIavonien, für alle christlichen Confessionen in 
Siebenbürgen) in Beziehung auf Ehestreitigkeiten; die Berggerichte, als welche berggerichtliche 
Senate der hierfür bezeichneten Landes- und Kreisgerichte unter Zuziehung von bergbaukundigen 
Beisitzern fungiren; die Handelsgerichte, welche theils als besonders bestellte Gerichte (in 
Wien, Triest, Mailand, Venedig und Pest) theils als Handels-Senate der Landes- und Kreisgerichte 
unter Beiziehung von sachkundigen Beisitzern aus dem Handelsstande fungiren, von denen jene 
in Triest, Venedig, Zara, Spalato, Ragusa, Cattaro und Fiume zugleich als Seegerichte wirken; 
die Hafen-Capitäne für gewisse Streitigkeiten unter Seeleuten, dann Uebertretungen des poli- 
tischen Seegesefzes und in Fällen, welche keinen Aufschub gestatten; die Elbezollgerichte in 
Böhmen zur Entscheidung von Civil-Streitigkeiten aus Anlass der Elbeschifffahrt; die Handels- und 
Gewerbe-Kammern, welche unter Beistimmung der Betheiligten über Handels- und Gewerbe-Ange- 
legenheiten, sowie die Wiener Börsekammer überBürsegeschäfle, als Schiedsrichter entscheiden. 
Die Besorgung der den Vormundschafls- und Curatels- Behörden erster Instanz zugewiesenen Ge- 



249 

Schäfte ist in den besonders bezeichneten Städten und grösseren Orten der ehemals ungrischen 
Länder eigenen, aus Mitgliedern der Gemeinde unter Leitung der Bezirksrichter gebildeten 
Waisen-Commissionen überlassen; in Siebenbürgen können Rechtsstreitigkeiten bis zum Be- 
lange von 12 fl. bei den Gemeindevorständen angebracht werden. Hinsichtlich der Gefällsge- 
richte wurde an dem bestandenen Organismus nichts geändert. Die Gerichtsbarkeit über die 
österreichischen Unterthanen und Schulzgenossen in der Türkei üben die Consular-Geri cht e 
(d. i. die dort bestehenden General-Consulate, Consulate und die besonders dazu ermächtigten 
Vice-Consulate) in bürgerlichen Rechtsangelegenheiten aus. Die Berufung von denselben gehl an 
die Oberlandesgerichte von Lemberg (für die Moldau), Hermannstadt (für die Walachei). Temcsvär 
(für Serbien, Rustschuk und Widdin in Bulgarien), Agram (für Bosnien), Zara (für die Herzego- 
wina) und Triest (für alle übrigen Consulate in der Türkei, Aegypten, Tunis, Tripolis und 
Marokko, sowie in Seerechts-Angelegenheiten bezüglich aller Consular-Gerichte ohne Ausnahme), 
und in letzter Instanz an den obersten Gerichtshof in Wien 1 ). 



i ) Die Uebersieht des Geriehts-Organismus gewährt folgende Nachweisung: 



Kronländer 


Oberlandes- 
gerichte 


Landes- 
gerichte 


Kreis- (Komitats-) 
Gerichte 


Berggerichte 


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Oeslerreieh 


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Wien 


Wr. Neustadt, St. Polten, 


St. Polten 


12 


66 


9 


unter der 






Korneuburg, Krems 










Enns 


[ 














Oesterreich 


1 


Linz 


Ried, Steier, Wels 


Steier 


4 


42 


22 


ob der 
















Enns 


\ 














Salzburg 


1 


Salzburg 


— 


Salzburg 


1 


1(1 


5 


Steiermark 


\ Gratz 


Gratz 


Cilli, Leoben 


Gratz, Cilli, 


I " 


59 


13 




1 






Leoben 






Kärnthen 


} 


Klagenfurt 


— 


Klagenfurt 


1 


27 


9 


Krain 


) 


Laibach 


Neustadll 


) , 


2 


28 


7 


Triest, Görz, 


/ Triest 


Triest 


Görz, Bovigno 


> Laibaeh 


4 


26 


26 


Istrien 


\ 






i 








Tirol 


Innsbruck 


Innsbruck 


Bolzen, Trient, Bove- 
redo, Feldkirch 


Innsbruck, 
Trient 


\ " 


66 


15 


Böhmen 


Prag 


Prag 


Budweis, Pisek, Pilsen, 
Eger, Brüx, Leitine- 
rilz, Böhmisch-Leipa, 
Jungbunzlan, Reichen- 
berg, Jicin.Königgrätz, 
Chrudini, Kuttenberg, 
Tabor 


Pilsen, 

Brüx, 

Kultenberg 


J 17 


187 


23 


Mähren 


] Brunn 


Brunn 


Olmütz, Neulitschein, 
Hradisch, Znaim, Iglau 


i Olmütz 


7 


70 


19 


Schlesien 


j 


Troppau 


T eschen 


\ 


2 


20 


3 


Galizien: 
















Verw.Gebiet 


( Krakau 


Krakau 


Neu-Sandec, Rzeszöw, 


Krakau 


5 


64 


19 


Krakau 


1 




Tarnow 










Verw. Gebiet 


\ Lemberg 


Lemberg 


Przemysl, Sanibor, Sta- 


Sambor, 


\ 8 


103 


35 


Lemberg 


[ 




nislau, Tarnopol, Zlo- 
czöw 


Slanislau 


) 






Bukowina 


) 


Czernowitz 


— 


Czernowitz 


i 


14 


3 



32 



250 



Die demF i n an z -M i n i s t er i u m untergeordneten Behörden wurden nur theilweise 
durch Errichtung der Finanz-Landes-Directionen , Steuer-Directionen und Steuerämter, 
der Bezirks-Directionen in den ehemals ungrischen Ländern, mehrerer Landes-Haupt- 
eassen und Filial-Landescassen, Finanz-Procuraturen und Finanz-Procuraturs-Abthei- 
lungen, endlieh der Berghauptmannsehaften umgestaltet. 















Icgirte 

ichte 

iren) 




'S i »- 


Kronländer 


Oberlandes- 
gerichte 


Landes- 
geriebte 


Kreis- (Komitats-) 
Gericbte 


Berggerichte 


~ v", " 

1 CG - 


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5 — * £ 


















Zur 1 

für Vi 

Verg. 

Be 


Dalmatien 




Zara 


Zara 


Spalato, Ragusa, Cattaro 





4 


27 


7 


Lombardie 




Mailand 




Mailand. Bergamo, Bres- 
cia, Como , Cremona, 
Lodi, Mantua, Pavia, 
Sondrio 




11 


69 




Venedig 




Venedig 


— 


Venedig , Belluno , Pa- 
dua, Bovigo. Treviso, 


— 


9 


69 




Ungern: 








Udine, Verona, Vicenza 










Verw.-Gebiet 


i 


Pest 


Pest. 


Kecskemet , Stuhlweis- 


Ofen 


12 


33 


4 


Pest 


f 




Ofen 


senburg, Miskolcz, Er- 
lau, Szolnok, Szege- 
din, Jäszbereny 










Verw.-Gebiet 


} 


Oedenburg 


Oedenburg 


Baab, Veszprim, Slein- 


Oedenburg 


8 


47 


11 


Oedenburg 






amanger, Szala-Eger- 


















szeg, Kaposvär, Fünf- 


















kirehen, Szekszard 










Verw.-Gebiet 


! 


Pressburg 


Pressburg 


Tyrnau, Neutra, Tren- 


Neusohl 


8 


48 


14 


Pressburg 






cin, Alsö-Kubin, Neu- 


















sobl.Balassa-Gyarnialh 










Verw.-Gebiet 


\ 


Eperies 


Kascbau 


Bima-Szombath, Leut- 


Eperies 


8 


44 


20 


Kascbau 


f 






schau, Eperies, Üjhely, 
Unghvär, Bereghszäsz, 
Szigeth 










Verw.-Gebiet 


\ 


Grosswar- 


Grosswardein 


Debreczin , Szathmar , 


Szathmar 


5 


31 


12 


Grosswardein 


\ 


dein 




Arad, Gyula 










VVojwodscbaft 


! 


Temesvär 


Temesvär 


Lugos, Gross-Beckerek, 


Lugos 


5 


23 


9 


und Banat 






Zombor, Neusatz 










Kroatien und 


} 


Agram 


Agram 


Varasdin, Fiume, Essek 


Agram, 


I ' 


42 


7 


Slavonien 








Essek 






Siebenbürgen 


Hermannstadt 


Hermannstadt 


Kronstadt, Udvarhely, 


Dees, 


! '" 


69 


21 










Maros-Väsarhely, Bi- 


Karlsburg 














stritz. Dies, Zilah, 


















Klausenburg, Karls- 










Zusammen . 








burg, Broos 












19 


24 


111 


28 


158 


1.293 


313 



Im lombardisch-venezianischen Königreiche gibt es nur Gerichtshöfe erster Instanz ohne Unterschei- 
dung von Landes- und Kreisgerichten ; in Mantua besteht ausserdem noch der Special-Gerichtshof für 
Staatsverbrechen. In der obigen Nachweisung sind die (reinen) Bezirksgerichte nicht enthalten, von 
denen in Steiermark 2, in Böhmen 6, in den Verwaltungsgebieten Lemberg 1, Pest 1, Oedenburg 1, 
Prcssburo- 2, und Wojwodschaft sammt Banat 1 vorbanden und nebst den oben nachgewiesenen als 



251 

Das Finanz-Ministerium hat seinen früheren Wirkungskreis beibehalten, nachdem die 
zeitlich davon ausgeschiedene Verwaltung des Bergwesens in Folge der Aufhebung des Ministe- 
riums für Landes-Cultur und Bergwesen wieder an dasselbe zurückfiel. Ausserdem aber wurde 
ihm (seil 19. Mai 1848) die Verwaltung der directen Steuern und des Katasters zugewiesen. Dem 
Finanz-Ministerium unterstehen zunächst die im J. 1850 errichteten Finanz-Landesbehörden; diese 
sind a) die F inanz-La nde s-I)irec t i o n en. welche an dem Sitze der Statthaltereien (mit 
Ausnahme jener von Linz und von Triest) und Statthalterei-Abtheilungen bestehen, und alle nicht 
ausdrücklich anderen Behörden übertragenen Finanz-Angelegenheiten leiten, und b) die Steuer- 
Directionen an dem Sitze der Landesregierungen, dann in Linz und Triesl , welche in dem 
bezüglichen Kronlande die Verwaltung der directen Steuern besorgen. An der Spitze der ersteren 
steht der Statthalter als Präsident (mit Ausnahme der ehemals ungrischen Länder), welchem ein 
zweiter Vorsteher als Director beigegeben ist, an der Spitze der letzteren der Landes-Präsident 
(in Linz und Triest der Statthalter). Unter den Finanz-Landesbehörden wirken in Finanz-Angele- 
genheiten die bereits im J. 1832 als Cameral-Bezirksverwaltungen errichteten, nunmehr 
aber auch in den ehemals ungrischen Ländern in das Leben getretenen Finauz-Bezirks- 
Directionen (im lombardisch- venezianischen Königreiche Finanz-Intendenzen) und in Ange- 
legenheiten der directen Besteuerung die Kreis- (Komitats-) Behörden (Delegationen), zu welchem 
Behufe einer jeden (mit Ausnahme des lombardisch -venezianischen Königreiches) ein Steuer- 
Inspector als Referent mit dem erforderlichen Hilfspersonale beigegeben ist. In jenen Kronländern, 
welche nicht in Kreise zerfallen, bestehen an dem Sitze der Landesregierungen eigene Steuer-Com- 
missionen, und zwar letztere sowohl für die Einhebung der directen Steuern, als für die Bemessung 
und Einhebung der Stämpel- und unmittelbaren Gebühren von Rechtsgeschäften, so wie für Verwah- 
rung und Verrechnung des Waisenvermögens und der Depositen »)• Unter den Kreisbehörden wirken 
die Bezirks- (Stuhlrichter-) Aemter und die denselben einverleibten Steu erämt er, erstere in ad- 
ministrativer, letztere in manipulirender Hinsicht. Die Einhebung und Abfuhr der directen Steuern 
ist, als ein Gegenstand des übertragenen Wirkungskreises der Gemeinden, den Geiueindevorständeii 
überwiesen. Ausserdem bestehen hierzu eigene Steuer-Administrationen in Wien, Gratz, Triest, 
Prag, Lemberg und Pest-Ofen, und die Einkommensteuer-Districts-Commissionen im lombardisch- 
venezianischen Königreiche. — Zu den dem Finanz-Ministerium unmittelbar untergebenen Behörden 
kamen hinzu: die (eine Section des Ministeriums bildende) Gen eral- D ir ec t io n des Grund- 
steuer-Katasters 2 ), welcher die Katastral-Inspectoren unterstehen, die in den Kronländern, 
wo das stabile Grundsteuer-Kataster eingeführt ist, der Steuerbehörde beigegeben sind , und das 
Central-Taxamt in Wien zur Bemessung der Taxen für Acte, welche von der Central- Verwaltung 
ausgehen, dann der Militär- Taxen und aller in Wien zu entrichtenden Vermögens -Uebertragungs- 
Gebühren 3 ). 

Der Tabak-Fabriken-Direction wurden die Directionen der einzelnen Tabak-Fabriken*) 
und die Tabak-Einlösungsämter sammt deren Filialen (in jenen Kronländern, wo der Tabak-Bau 



Untersuchungsgerichte in Strafsachen bezeichneten (und in der Gesammtzahl derselben schon inbegriffenen) 
Bezirksämtern auch als derlei Untersuchungsgerichte bestellt sind. In Triest, Prag, Briinn, Krakau, Lem- 
berg und Mailand waltet der besondere Umstand ob, dass von den daselbst vorhandenen städtiscb-delegirten 
Bezirksgerichten je eines ausschliessend mit Strafsachen sich beschäftiget. 

') Minist. Verord. vom 19. Januar 1853. 

3 ) Dieselbe hat die Ausführung der im Zuge begriffenen Operationen des stabilen Katasters in allen 
Kronlandern, dann des Grundsteuer-Provisoriums in jenen Kronländern, in welchen die Grundbesteuerung 
noch nicht geregelt ist, und den technischen Theil der Evidenzhaltung und der periodischen Revision 
des Katasters zu besorgen (Minist. Erlass vom 22. März 1850). 

= ) Minist. Erlass vom 7. August 1851. 

*) Tabak-Fabriken bestehen: in Oesterreich unter der Enns 5, in Oesterreich ob der Enns 1, in Steiermark 1, 
in Tirol 2. in Böhmen 2, in Mähren 2, in Galizien 3, in der Lombardie 1, in Venedig 1, in Ungern 5, 
in der Wojuodschaft 1, in Kroatien-Slavonien 2, in Siebenbürgen 1. 

32* 



252 

betrieben wird) untergeordnet. An dem Sitze der Finanz-Landesbehörde bestellt in jedem ein- 
zelnen Kronlande oder Verwaltungsgebiete eine L andes-Haupt casse (in Mailand und Venedig 
Central-Cassen , in Oedenburg, Pressburg, Kascbau und Grosswardein Filial-Landescassen) für 
die Gebarung aller im Kronlande vorfallenden Staatseinnahmen und Ausgaben; bei den Finanz- 
Bezirks - Direetionen bestehen Sammlungscassen, denen die Uebernahme der Abfuhren von 
den zugewiesenen Einhebungsämtern, die Bestreitung der Staatsauslagen in ihrem Bezirke und 
die Abfuhr der Ueberschüsse an die Landes-Haupleasse, sowie die Besorgung der ihnen beson- 
ders zugewiesenen Cassengeschäfte zusteht »)• Den Finanz-Landes-Direetionen unierstehen ferner 
die Finanz-Procuraturen, welche in allen Kronländern (in Linz, Salzburg, Klagenfurt, Laibach, 
Triest, Troppau, Krakau, Czernowitz, Verona, dann in Oedenburg, Pressburg, Kascbau und 
Grosswardein jedoch nur Abtheilungen) vorhanden sind 2 ). In der Einrichtung der Finanz-Wache 
trat seit 1848 keine Aenderung ein. 

Zur Handhabung der Berggesetze bezüglich der Verleihung, Ausübung und Ueberwachung 
von Bergbau-Befugnissen, sowie der Bergbau-Polizei, dann der Einhebung von Bergwerksabgaben 
sind die B e r g - L e h e n s b e h ö r d e n bestimmt , und zwar die b e r - B e r g b e h ö r d e n. als welche 
vorläufig die politischen Landesbehörden bestelltwurden 3), und unter diesen die Berghauptmann- 
schaf ten, sammt den exponirten Berg-Commissariaten *). Für die Verwaltung der Staats- 
Berg- und Hüttenwerke, der Reichsforste, Salinen- und Montan-Fabriken bestehen eigene Di- 
reetionen und Aemter 5 ) , denen einer oder mehrere dieser Zweige zugewiesen sind, und 
führen die Aufsicht über die untergeordneten Berg-, Hütten- und Salinen-Aemter, Hammer- und 
Guts Verwaltungen, Forstämter und Forstverwaltungen. Die Direetionen der montanistischen 



V) In grösseren Bezirken, namentlich dort, wo ein Finanz-Bezirk mehrere Kreise umfasst. bestehen neben den 
Bezirks-Sammlungscassen noch eine oder mehrere Filial-Sammlungscassen, mit den gleichen Geschäften. 

2 ) Die Finanz-Procuraluren sind bestimmt zur gerichtlichen Vertretung, insbesondere zur Führung der 
Rechtsstreite in Angelegenheiten, wobei das Staats- und Fonds- Vermögen betheiligt ist. zur Erstattung 
von Rechtsgutachten in allen dieses Vermögen betreffenden Angelegenheiten, und zur Mitwirkung 
hei der Zustandebringung von Rechtsgeschäften über Aufforderung der Staatsbehörden (Minist. Verord. 
vom 16. Februar 1853). 

3 ) Berggesetz vom 23. Mai 1854, §. 225. Minist. Verord. vom 20. März 1855. 

4 ) Berghauptmannschaften wurden errichtet in Steier, Leoben, Klagenfurt, Hall (Minist. Verord. v. 26. Mai 
1850), Joachimsthal (später nach Kommotau verlegt). Kuttenberg, Mies (neuerlichst nach Pilsen verlegt), 
Pfibram, Brunn (Minist. Verord. vom 14. März 1850), Oravicza (Minist. Verord. vom 5. Juli 1854), Zalalhna 
(Minist. Verord. vom 11. März 1854), Schemnitz, Schmölnitz. Nagyhanya (Minist. Verord. vom 28. April 
1855), Lemherg und Wieliczka (Minist. Verord. vom 3. Juli 1855), Berg-Commissariate in Zara und Ra- 
doboje (Minist. Verord. vom 5. Juli 1854); im lombardisch-venezianischen Königreiche fungiren die Finanz- 
Präfecturen als Berg-Lehensbehörden. 

5 ) Als solche sind zu bezeichnen: die Forst-Dire c tion in Wien für die Reichsforste in Österreich unter 
der Enns (M. V. 15. Sept. 1850), die Salinen- und Por st-Dir ection in Gmunden, welche die Verwal- 
tung des gesammten Salinenwesens und aller Reichsforste im obderennsischen und steirischen Salzkam- 
mergule zu leiten hat (M. V. 15. Sept. 1850): die Berg-, Salinen- und F orst-Dircc tion in Salz- 
burg für das gleichnamige Kronland (M. E. 7. Mai und 22. Juli 1849); die Berg- und Forst-Direc- 
tion zu Gratz für Steiermark, Kärnlhen und Krain (M. V. 15. Juli 1850), mit Ausnahme der Inner- 
beiger Ilauptgewerkschaft , für welche abgesondert die Eisen we rk s -Dire ction zu Eisenerz besieht; 
die Berg- und Sal inen-Dire cti o n zu Hall für Tirol; die B e rg o b e rämter zu Joachimsthal und 
Pfibram für Böhmen, und das Bergamt in Mähriseh-Ostrau (M. V. 30. Januar 1850); die 7 Sa- 
linen-Verwaltungen im Lemherger Finanz-Landes-Directions-Gebiete (M. V. vom 7. October 1853); 
die Berg-, Salinen- und Forst-Direction in Wieliczka (M. E. 25. October 1*50); die Finanz- 
Landes-Dircclion in Ofen; die Berg-, Forsl- und Güter-Direction zu Schemnitz (M. V. 10. April 
1851); die Ue r g werks-In sp e c to rats-0 b erä m t er zu Schmölnitz und Nagyhanya; das Sahnen- 
und Domänen-Oberamt zu Soovär; die Marmaroser Caineral- Administration in Szigeth; 
die Berg-D irection in Oravicza; die Berg-, Salinen- und Forst-Direction in Klausen- 
burg; die Verwaltung der Fabrik chemischer Producte in Unter -Heiligenstadt; das B ergwerk s- 
Inspectorat in Agordo. 



253 

Lehranstalten und des Mariabrunner Forst-Instituts sind dem Finanz -Ministerium unmittelbar 
untergeordnet. 

Das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten hat die 
oberste Leitung aller administrativen Angelegenheiten, welche den Handel, die Gewerbe, 
die öffentlichen Bauten und Communications -Anstalten betreffen 1 ). Ferner ist dem 
Handels-Ministerium die (früher bei dem General-Rechnungs-Directorium bestandene) 
Direction der administrativen Statistik zugewiesen 2 ), sowie bei demselben für die 

') Dahin gehören: Die Einleitung und Vorverhandlung zum Abschlüsse von Staatsverträgen, welche sich auf 
Handel, Gewerbe und Schifffahrt beziehen, und die Ueberwachung des Vollzuges und der Ausführung der- 
selben ; die Entscheidung in letzter Instanz über die Verleihung von Fabriks-, Gewerbe- und Handelsbefug- 
nissen, über Adminislrativ-Angelegenheiten der Handelsgremien, Innungen, Zünfte und sonstigen Handels- 
und Gewerbe-Corporationen; die Ernennung oder Bestätigung der Schiffsmäkler und Waarensensalen. 
dann der Präsidenten der Handels- und Gewerbe-Kammern; die Prüfung und Bestätigung der Satzungen 
der Vereine zur Beförderung der Industrie, des Handels und der Schifffahrt; die Mitwirkung bei Errich- 
tung und Regulirung der Börsen und der Cireulations-, Credits-, Leih- und Disconto-Anstalten, so wie 
bei allen in das Bereich anderer Ministerien fallenden Einrichtungen und Vorschriften, die auf Handel, 
Gewerbe und Schifffahrt von wesentlichem Einflüsse sind; die Ertheilung von Erfindungs-Privilegien, 
Jahrmarktsbefugnissen, Mauthbewilligungen auf Privat - Strassen oder Brücken; die Mitwirkung bei 
Regulirung der Zölle und Mauthen; die Aufsicht über Maasse und Gewichte; alle Verhandlungen in 
Betreff der Industrie-Ausstellungen, des Secschifffahrts- und See-Quarantaine-Wesens, des Seeschiffbaues, 
der Seefischerei, des Hafendienstes, der See- und Hafen-Polizei, der Lootsenanslallea, der Leuchttürme 
u. s. w.; die Leitung der Porzellan-Fabrik zu Wien, des Consular-Wesens im Einvernehmen mit dem Mini- 
sterium des Aeussern; des Bauwesens im Fache der Hochbauten, so wie des Strassen-, Wasser- und 
Elsenhalm-Baues, und zwar: die Bewilligung von Neubauten, Reparaturen, Herstellungen, Reconstructio- 
nen, Ergänzungen u. s. w. , insoferne die diessfälligen Koslen 50.000 fl. CM. nicht überschreiten, die 
Leitung der Ausführung aller Bauten, welche von dem Handels-Ministerium oder über Antrag desselben 
von Seiner Majestät bewilligt worden sind, die Genehmigung aller bezüglichen Lieferungs-, Lohn-, An- 
schaffungs-, Bau- und Grundeinlösungs-Vertrüge, die Entwerfung und Prüfung der Bau-Projecte, dann 
die Collaudirung der ausgeführten Bauten ; die Erhaltung der historischen Baudenkmale nach Maassgabc 
der Allerh. Erschliessung vom 31. December 1850; das Staats-Eisenbahnwesen, insbesondere: die Aufsieht 
über die Erhaltung sämmtlicher Betriebsmittel, die Bewilligung aller erforderlichen Herstellungen, An- 
schaffungen und Ergänzungen, die Festsetzung der Tarife, der Fahr-Ordnungen und der Bestimmungen 
über den Personen- und Sachen-Transport auf Staatsbahnen, die Ratificirung von Verträgen mit anderen 
Eisenbahnen oder Verkehrsanstalten über den Anschluss des Verkehres und die Eedingungen, die Ver- 
handlungen wegen Ertheilung von Concessionen für Privat-Eisenbahnen und die Handhabung der Eisen- 
bahn-Betriebs-Ordnung; das Postwesen, und zwar: die Vor-Einleitung zum Abschlüsse von Post-Con- 
ventionen mit fremden Staaten, die Verwaltung des beweglichen und unbeweglichen Eigentumes des 
Post-Acrars, die Festsetzung des Ausmaasses von Postrittgeldern und der sonstigen Tarife und Gebühren für 
die Benützung der Postanslalt, die Regulirung der Post-Course, die Errichtung neuer Postämter und Post- 
Expeditionen , die Festsetzung der Gebühren der Postmeister , die Einlösung erblicher oder verkäuflicher 
Post-Stationen, die Ausübung der Disciplinar-Gewalt gegen Postmeister und das anderweitige nicht unmit- 
telbar im Staatsdienste befindliche Post-Personale, die Ratificirung von Verträgen mit Privat-Personen oder 
Vereinen über die Beförderung der Posten; ferner im Telegraphen-Wesen: die Einleitung der Ver- 
bandlungen zum Abschlüsse von Telegraphen-Conventionen mit auswärtigen Mächten, die Verwaltung 
des gesammten beweglichen und unbeweglichen Vermögens des Telegraphen-Aerars, die Bewilligung aller 
zum ordentlichen Betriebe der Staats-Telegraphen erforderlieben Herstellungen, Anschaffungen und Ergän- 
zungen, die Erlassung von Vorschriften über die Benützung der Staats-Telegraphen zu Privat-Zwecken, 
die FestseUung der diesfälligen Gebühren, und die Genehmigung der dahin abzielenden Privat-Verlräge ; 
die Ueberwachung anderweitiger, dem öffentlichen Verkehre gewidmeter Transport-Mittel. 
*) Durch die Direction der administrativen Statistik veranstaltet das Handels-Ministerium die Sammlung aller 
für die Staatsverwaltung notwendigen und nützlichen statistischen Notizen, die Zusammenstellung der 
statistischen Ausweise und Tabellen und die Veröffentlichung derselben nach eingeholler Allerh. Genehmi- 
gung, die Sammlung und Veröffentlichung von Consular-Berichten und überhaupt von allen für Handels- 
Practik, Staats- und Volkswirtschaft wichtigen Aufsätzen. Die Geschichte derselben und ihrer Leistun- 
gen ist im I. Hefte der „Mittheilungen aus dem Gebiete der Statistik" für 1855 behandelt. 



254 

Rechnungsgeschäfte und die Evidenzhaltung der Geldgebarung ein Ministerial- 
Reehnungs-Departement besteht. 

Für die Angelegenheiten des Handels und der Geweihe wirken unter der Leitung dieses 
Ministeriums die politischen Landes-, Kreis- und Bezirks-Behörden, sowie die Gemeindeverwal- 
tumren. Bezüglich des Seehandels, des See-Sanitäts-Wesens, derSehifffahrt und des Schiffbauwesens 
ist aber eine eigene Central-Behörde, die Central-Seeb eh ör de (Governo centrale marittimo) 
zu Triest, bestellt. Dieselbe hat die Aufgabe, bezüglich des Seeschifffahrts- Wesens im weitesten Um- 
fange (jedoch abgesehen von der Kriegs-Marine) nach allen seinen Erfordernissen und in den 
damit enge verbundenen See-Sanitäts-Angelegenheiten als vermittelndes Organ des Handels-Ministe- 
riums in sämmtlichen österreichischen Küstenländern zu wirken, demnach im Bereiche derselben 
unter unmittelbarer Leitung des Ministeriums die Regelung, Ueberwachung und Förderung jenes 
wichtigen Industrie-Zweiges und der darauf bezüglichen Vorkehrungen auf zweckmässige und gleich- 
förmige Weise zu handhaben, die betreffenden Gesetze und administrativen Verfügungen zur Aus- 
führung zu bringen, über Anordnung des Ministeriums neue Entwürfe zu gesetzlichen dem Bedürf- 
nisse entsprechenden Vorschriften vorzubereiten und die Aufsicht und Leitung in allen Dienst-, 
Personal- und Disciplinar-Angelegenheiten über sämmtliche in den verschiedenen Küstenbezirken 
aufgestellten See-Sanitäts- und See-Lazareth-Aemter, wie auch über jene Organe zu führen, welche 
die Stelle jener Aemter an manchen Küstenorten vertreten '). Zum Personal-Stand der Central-See- 



») Die Central-Seebehörde, deren Errichtung mit der Altern. Erschliessung vom 30. Januar 1849 angeordnet 
und deren Organisirung von dem damaligen Handels-Minister Freiherrn v. Brück dem Sections-Chef Frei- 
herrn v. Czoernig anvertraut worden war, begann ihre Wirksamkeit am 1. Mai 1850; bis dahin waren die 
See-Angelegenheiten den Länderstellen der einzelnen Küstenländer übertragen. 

Der Wirkungskreis der Central-Seebehörde erstreckt sich über folgende Geschäftsgegenstände: 
1) Die Beaufsichtigung des Seeschiffbaues, die Eintlussnahme auf dessen gedeihliche Fortbildung, 
Handhabung der Aichungs-Vorschriflen für österreichische Seeschiffe und die Bestellung geeigneter 
Schiffhauineister zur Untersuchung der Bauart und Beschaffenheit der Seeschiffe; 2) die leitende 
Fürsorge zur Herstellung, Verbesserung und Instandhaltung aller Anstalten, welche als materielle 
Erfordernisse, Schutz- oder Förderungsmittel zum Seeschifffahrls-Betriebe dienen, wozu namentlich 
Häfen, Werften, Leuchttürme, Leuchtfeuer, Ankerbojen, Anlandplätze u. dgl. gehören, einschliesslich 
der mit dem bezüglichen Kostenaufwande verbundenen Geschäfte; 3) die Erlheilung der Seeschifffahrts- 
Befugnisse und Befähigungen zur Führung österreichischer Seeschiffe ; 4) die Handhabung und Ueber- 
wachung der Gesetze und Vorschriften mit Einschluss der Hafen-Polizei-Verordnungen, welche unmit- 
telbar die Bedürfnisse der Seeschifffahrt und Seefischerei, die Ausübung derselben und die Beeilte und 
Pflichten der Seefahrer und Fischer als solcher betreffen; ö) die Entscheidung in erster Instanz bei 
allen Uebertretungen des Cabotage-IVeglements; in zweiter Instanz in Fällen von Becursen gegen Ent- 
scheidungen der Consular-Aemler, die sie wegen Uebertretung der Vorschriften des österreichischen Navi- 
galions-Edictes und der nachträglichen Bestimmungen zur Aufrechthaltung der Schitliahrts-Ordnung oder 
der Disciplin gefällt haben, sowie über Becurse gegen Straferkenntnisse der Hafenämter, welche diese 
wegen ähnlicher Uebertretungen oder wegen Vergehen gegen die Hafen-Polizei-Anordnungen erlassen 
haben ; die Entscheidung in zweiter Instanz bei Becursen gegen Straferkenntnisse der See-Sanitäts- 
Magistrate oder See-Sanitäts-Lazareth-Aemter, bezüglich der Uebertretungen der Vorschriften über See- 
Saniläts- und Contumaz-Anstalten und Einrichtungen; 6) die Einführung einer allgemeinen Matrikel für 
den Seedienst in der österreichischen Handels-Marine ; sowie die Einrichtungen zur Versorgung oder 
Unterstützung hilfsbedürftiger österreichischer Seeleute und ihrer Familienglieder und die Errichtung und 
Vervollkommnung von Anstalten zur Ausbildung für den Seedienst; 7) Belobungen oder Anerkennungen, 
sowie Belohnungen und andere Aufmunterungen für ausgezeichnete oder einer besonderen Berücksichtigung 
würdige Handlungen der Bheder und Seefahrer oder anderer Personen, welche sich um die Handels- 
Marine verdient gemacht haben; 8) die Handhabung und Ueberwachung der See-Sanitäts- und Contumaz- 
Vorschriften, sowie die Leitung und Beaufsichtigung der bezüglichen Anstallen und Einrichtungen; 
9) die Personal- und Disciplinar-Angelegenheiten von sämmtlichen Hafen-, Sanitäts- und Lazareth- 
Aemtern, und die Ueberwachung ihrer Amtsverrichtungen; 10) die Einholung, Verbreitung und Benützung 
der empfangenen für die österreichische Schulfahrt wichligen Nachrichten, sowie derjenigen Anord- 



255 

Behörde gehören zwei Ober-Inspectoren , ein technischer (für die Seebauten) und ein nautischer 
(für die technisch-nautischen Geschäfte und die Aufsieht der nautischen Schulen), welchen ein zum 
Theile selbstständiger Wirkungskreis zugewiesen ist. Als exponirte Organe der Central-Seebehörde 
wirken in den vier Küstengebieten von Venedig, Fiume sammt Civil -Kroatien, der Militärgränze 
(Militär-Kroatien) und Dalmatien eigene See-Inspectoren, welche ihren Sitz in Venedig, Fiume, 
Zen»»' und Ragusa haben; das Küstengebiet von Görz, Triest und Istrien überwacht die Central- 
Seebehörde unmittelbar. Derselben sind untergeordnet: die Ce n t ral-Hafe n - und See-Sani- 
1 äts-Aemter zu Triest, Venedig, Fiume, Zengg und Ragusa; die Hafen- und See-Sani täts- 
A eint er '), die Hafen- und See-Sanitäts-Deputationen a ) 3 die Hafen- und See-Saniläls-Agentien 3 ) 
die Hafen- und See-Sanitäts-Exposituren, und die See-Sanitäts-Lazarelhe zu Triest, Venedig, 
Martinschizza (bei Fiume), Gravosa (bei Ragusa) und Megline (in den Bocche di Cattaro) 4 ). 
Dem Handels-Ministerium ist ferner die Aer arial-Porzellan - Fahr ik zu Wien untergeordnet. 

Zur Vertretung der Handels- und Gewerbe-Interessen wurden in allen Kronländern eigene 
Handels- und G e w e r b e - K a m m e r n errichtet 5 ). Sie sind das Organ, durch welches der Han- 
dels- und Gewerbestand seine Anliegen dem Handels-Ministerium eröffnet, und die Bemühungen des 
letzteren zur Förderung des Verkehres unterstützt. 

Das gesammte Bauwesen theilt sich in die Strassen-, Wasser- und Hochbauten, dann in 
den Eisenbahnbau. Die Leitung der ersteren führte bis zum Jahre 1848 die vereinigte Hofkanzlei, 
welcher als consultirende technische Behörde der Hofbaurath untergeordnet war; der Staats- 
Eisenbahnbau wurde unter der Leitung der allgemeinen Hofkammer von der General-Direction der 
Staats-Eisenbahnen besorgt. Bald nachdem diese Zweige dem Handels-Ministerium zugewiesen 
wurden, entstand zu deren unmittelbarer Leitung eine General-Bau-Direetion "). Da 
jedoch dieselbe wieder aufgehoben wurde, gelangte die unmittelbare administrative und technische 
Leitung der Strassen-, Wasser- und Hochbauten an das Ministerium 7 ), während für die Leitung der 
Staats-Eisenbahnbauten eine Central-Direction zu Wien s ) und eine Direction zu 



nungen in fremden Staaten, welche auf die österreichische Handels-Marine von Einfluss sein können ; 
11) die Ueberwachung der dienstlichen Wirksamkeit der österreichischen Consular-Aemter und den Geschäfts- 
verkehr mit denselben in Sehifffahrls-Angelegenheiten ; 12) die Prüfung der Einrichtungen gesetzlicher 
Bestimmungen und Vorschriften in Seesehifffahrts-Sachen, sowie im See-Sanitäts- oder Contumaz-Wesen; 
13) die Einllussnahme auf die Erzielung zweckmässiger Consular-Einrichtungen ; 14) die zuständigen 
Amtshandlungen in Beziehung auf die Aufstellung fremder Consular-Aemter an Seeplätzen in den inländi- 
schen Küstenbezirken und die Anerkennung der mit der Führung solcher Aemter betrauten Personen; 
15) die Einholung und geeignete Benützung aller von den österreichischen Hafen- und Consular-Aemtern 
eingelangten periodischen Nachweisungen und Notizen über den Stand, die Bewegung und den Verkehr 
der österreichischen und auswärtigen Seehäfen , dann über die inländischen Schiffbau-Ergebnisse und 
über die zum Besten der Seeschifffahrt bestehenden Einrichtungen und Anstalten, und endlich die Vorsorge 
für die Zusammenstellung der eingeführten periodischen Naehweisungen und die Einleitung ihrer Benützung 
(Minist.- Verordn. v. 26. April 1850). 

*) Deren gibt es zu Rovigno, Lussin piecolo, Chioggia, Buccari, Porto-Be, Zara, Spalato und Megline. 

s ) Sie bestehen zu Pirano, Sebenico, Lissa, Lesina, Curzola und Martinschizza. 

3 ) In der Gesammtzahl von 102. 

*) Die Organisirung der Hafen- und See-Sanitäts-Aemter erfolgte mit der kais. Verordnung vom 15. Mai 1851 
und bezüglich der Militärgränze mit jener vom 22. Januar 1853. 

5 ) Minist. Verord. vom 26. März 1850. Im lomb. venez. Königreiche, wo bereits Handelskammern bestanden, 
ward ihr Wirkungskreis erweitert. Gegenwärtig bestehen im Ganzen 56 Handels- und Gewerbe-Kammern, 
nämlich in Oesterreich unter und ob der Enns. in Salzburg, Kärnthen, Krain, Schlesien, der Bukowina 
und im Banate je eine; in Steiermark, Mähren, Dalmatien und Siebenbürgen je 2; in Görz, Gradisca, 
Triest und Istrien, in Galizien, Kroatien -Slavonien je 3; in Tirol 4; in Böhmen und in Ungern 5; 
im lomb.-venez. Königreiche 17. 

8 ) Minist. Verord. vom 30. December 1849. 

7 ) Minist. Verord. vom 10. September 1852. 

8 ) Minist. Erlass vom 11. September 1852. 



256 

Verona ') in das Leben trat. In Angelegenheiten des Strassen- und Wasserbaues nimmt das Mini- 
sterium für Handel nur auf die aus dem Reicbssehatze dotirfen, als Reichsstrassen erklärten 
Communications- Wege und auf die schiffbaren Flüsse und Seen Einflnss; die Sorge für die Landes-, 
Bezirks- und Gemeindestrassen, sowie für die nicht schiffbaren Flüsse ist eine Angelegenheit des 
bezüglichen Kronlandes, deren Kosten aus dem Landesfonde oder durch Concurrenz der Betheiligten 
bestritten werden, und deren oberste Leitung dem Ministerium des Innern zusteht. In jedem 
Kronlande oder Verwaltungsgebiete besteht eine Landes-Bau-Direction, welche anfänglich 
direct dem Handels -Ministerium (beziehungsweise der General-Bau-Direclion) unterstand, 
in der Folge aber zunächst dem politischen Landes-Chef 2 ) untergeordnet wurde. In den ein- 
zelnen Kreisen sind Kreis- (Provinzial-, Komitats-) Bauämter vorhanden, welche bezüg- 
lich der Reichs-Bauangelegenheiten von der Landes-Bau-Direction, bezüglich der Landesbauten 
aber von dem Vorsteher der Kreisbehörde (Delegation, Komitats-Behörde) abhängen. An ein- 
zelnen Orten sind Ingenieure aufgestellt, welche für einen oder mehrere politische Bezirke zur 
Besorn-img- der vorfallenden Bauangelegenheiten und Ueberwachung der öffentlichen Gebäude 
bestimmt sind, und bezüglich der Landes-Bauangelegenheiten den Weisungen der Bezirksvorstände 
nachzukommen haben 3 ). Den Landes-Bau-Directionen sind technische Rechnungsabtheilungen 
beigegeben, welche in Bezug auf die Rechnungs-Conlrole eine unabhängige Stellung von den 
Bau-Organen haben, indem deren Leiter den Länder-Chefs unmittelbar untergeordnet sind. 
Grössere Ballführungen, welche die Verfolgung eines Gesammtplanes des nöthigen Bauzusammen- 
hanffes wejren bedingen, werden durch die Organe des Ministeriums für Handel oder durch die 
von ihm berufenen Fachmänner ausgeführt; die übrigen Neu- und Erhaltungsbauten, mit Eiit- 
schluss aller Baulichkeiten, welche vom Landes-Chef angeordnet, aber nicht aus Reichsmitteln 
bestritten werden, sind von den Landes-Bau-Directionen und den untergeordneten Organen der- 
selben zu besorgen. 

Zu den Communications- Anstalten gehörtder Po st-, Staats-Eisenbahn-, undTe- 
legraphen-Dienst. Ersterer wurde vordem von einer der allgemeinen Hofkammer unterstehenden 
obersten Hofpostverwaltung geleitet; die Functionen derselben gingen in der Folge an die General- 
Direction der Communjcationen über*), nach deren Auflösung die bezüglichen Geschäfte unmittelbar 
vom Handels-Ministerium besorgt werden. Nach der erfolgten Organisation der Postbehörden 5 ) 
bestehen in den grösseren Kronländern Post-Directionen, mit einem Post-Director an der 
Spitze, und unter denselben in den wichtigeren Stationen Postämter mit einem Postamtsver- 



l ) Minist. Verord. vom 10. Januar 1853. Die Wirksamkeit dieser beiden letztgenannten Behörden umfasst 
die Projeetirung , Leitung und Ausführung aller Staats-Eisenbahnen und der dazu gehörigen Gebäude 
und Gegenstande nach den vom Ministerium genehmigten Plänen und Kostenüberschlägen, und zwar 
bei der Direetion in Verona für das lomb.-venez. Königreich, bei der Cenlral-Direction in Wien für die 
übrigen Gebietsteile der Monarchie. 

-) Minist. Verord. vom st. Febr. 1833. Dieser ist die oberste Verwaltungs-Autorität für den öffentlichen Bau 
dienst bezüglich derjenigen Bausachen, die nicht unmittelbar einen Gegenstand des Geschäftskreises der 
Finanz-Landesbehörde berühren, oder die nicht ausdrücklich einer anderen Behörde im Lande, unabhängig 
von der politischen Landesbehörde, zugewiesen sind. Der Geschäftsverkehr zwischen dem Handels-Mini- 
sterium und den Baubehörden in den Kronländern erfolgt durch Vermittlung des politischen Ländes- 
Chefs. In Ungern ist der Landes-Bau-Director als allgemeiner Vorstand unmittelbar dein Militär- und Civil- 
Gouvernement untergeordnet, während einer jeden Stalthalterei-Abtheilung eine Bau-Directions-Ablheilting 
untersteht (Minist. Verord. vom 10. Oetober 1853). 

s ) Die Grundzüge für die neue Organisirung der Baubehörden in den' Kronländern sind in dem Allerhöch- 
sten Handschreiben vom 14. September 1853 enthalten, nach welchem so eben die Organisirung der- 
selben eingeleitet wird. 

*) Diese Behörde wurde mit Minist. Verord. vom 29. Januar 1850 errichtet, mit Minist. Verord. vom 15. De- 
cember 1851 reorganisirt und mit Minist. Verord. vom 23. November 1853 aufgelöst. 

5 ) Allerhöchste Entschliessungen vom 7. und 15. November 1851 und 1. Februar 1852. 



257 

waltcr '), wozu noch die ambulanten Poslämter auf den Eisenbahnen kommen, welche einer eigenen 
Direction (zu Wien) untergeordnet sind. Die untersten Organe für den Postdienst sind die Post- 
Stationen für die Pferdepost und die Post-Expeditionen für die Briefpost. Im lombardisch-veneziani- 
schen Königreiche besteht eine Ober-Post-Direction zu Verona mit dem Wirkungskreise einer 
Post-Direction in den übrigen Kronländern; dann unter derselben 17 Post-Directionen in den 
Delegalions-Hauplorten. deren Amiswirksamkeit nach dem für die Poslverwalter in den anderen 
Kronländern vorgezeichneten Amtsunterrichte geregelt ist. Dem Handels-Ministerium unmittelbar 
untergeordnet ist das Cours-Bureau und die Posl-Oekonomie-Verwallung. 

Den Post - Directionen ist auch unter der Oberleitung des Ministeriums die Über- 
wachung der Telegraphen- Aemter übertragen. Für den speciellen Telegraphen-Dienst 
besteben : ein Central-Telegraphen-Amt beim Handels-Ministerium in Wien, dann die Telegraphen- 
Aemler in der Hofburg: , bei den Ministerien des Aeussern und des Innern, dem Armee-Ober- 
Conunando und der obersten Polizei-Behörde, endlich die Telegraphen- Aemter in den auswärtigen 



M Folgendes ist die Uebersicht der Postbehörden: 



K r o n 1 a n 



Oeslerrcich unter der Enns 
Oesterreich ob der Enns . 

Salzburg 

Steiermark 

Kärnthen 

Krain 

Triest, Görz , Istrien . . 

Tirol 

Böhmen 

Mähren 

Schlesien 

Leinberger Verwalt. Gebiel 
Krakauer „ ., 

Bukowina 

Dalmatien 

Lombardie 

Venedig 

Ungern 



Wojwodschaft u. Tem. Banal 
saniint der serbisch-bana- 
tlschen Militärgränze . . 

Kroatien. Slavonien u. kroa- 
tiseh-slavon. Militärgränze 

Siebenbürgen 



S i l z 

der 

Post-Direction 



Wien . . . 
Linz .... 

Gratz .... 

Triest . . . 

Innsbruck 
Prag . . . 
Brunn . . . 

Lemberg . . 



Zara . . . 
Verona . . . 

Pest .... 
Oedenburg . 
Pressburg 
Kasebau . . 
Grosswardein 



l emesvar . . 

Agram . . . 
Hermanns ladt 

Summe . . 



Anzahl de 



mit Beamten 

bestellten 
Postämter 



8 
5 
3 
5 
3 
1 
4 

12 
8 



100 



Postämter 

mit Stationen 
vereint 



50 
34 
19 
55 
20 
23 
La 
56 

139 
50 

1? 

Ol 
30 
13 
10 
32 
21 
54 
73 
49 
42 
44 



78 

82 
62 



1.135 



Post- 
Stationen 



4 
7 
3 

ro 

3 

2 

14 

15 



3 

3 
19 
26 

22 
4 
3 
4 

1 
3 



186 



Post 
Expeditionen 

126 

48 

Kl 

69 

20 

20 

23 

38 
189 

86 

13 

50 

25 
5 

17 
115 

66 

32 

19 

39 

20 

10 



28 

2 

11 

1.087 



I. 



33 



258 

Stationen ')• Dem Handels-Ministerium unmittelbar zugewiesen ist die telegraphische Werkstätte 
zur Herstellung- und Erhaltung der telegraphischen Apparate. 

Anfänglieh war der Betrieb der Staats-Eisenbahnen in ihrer damaligen beschränkte- 
ren Ausdehnung an Privat-Compagnien verpachtet. Erst als sie nach Ablauf des Pachttermins in den 
anmittelbaren Staatsbetrieb übergingen -), wurden hierfür Betrieb s-I) ir e c tion e n errichtet, wel- 
che mit der Ausdehnung der Staatsbahnen sich vermehrten, letztlich aber durch die Leberlassung der 
nördlichen und südöstlichen Staats-Eisenbahn an einePrivat-Gesellscbaft wieder verminderten =)• D' e 
(kürzlich mit einem erweiterten Wirkungskreise bedachten) Betriebs-Directionen , welchen die an 
den einzelnen Stationen aufgestellten Eisenbahnämter, das technische (mit der Erhaltung der 
Bahn und der Fahrbetriebsmittel beauftragte) Personale, endlich die Maschinen- und Wagen-Repara- 
tur-Werkstätten unterstehen, und denen als Hills- und Control-Amt eine technisch-administrative 
Rechnungsabtheilung beigegeben ist, ressortirten ursprünglich von der General-Direction für 
Communicationen, jetzt unmittelbar vom Handels-Ministerium. Die bestandene General-Inspection 
über die Communications-Anstalten 4 ) wurde gleichfalls dem Ministerium einverleibt. 

Die oberste Leitung der Cultus-Angelegenheiten und des öffentlichen Unterrichtes 
liegt dem Ministerium für Cultus und öffentlichen Unterricht ob, welchem 
die höheren Lehranstalten unmittelbar, die Mittel- und Volksschulen durch das 
Organ der politischen Landesbehörden, denen Schulräthe beigegeben sind, unterstehen. 

Von dem Ministerium des Cultus und des Unterrichtes ressortiren die Erz- 
bischöfe und Bischöfe der katholischen Kirche (mit Einschluss des griechisch- und des arme- 
nisch-katholischen Ritus) und der griechisch- nichtunirten Kirche, welche die Leitung der kirch- 
lichen Angelegenheiten besorgen und dabei von ihren Consistorien oder Capiteln unterstützt 
werden; ihre Diöcesen sind in Bezirks-Vicariate und Dechanteien, und diese in Pfarreien und 
Local-Caplaneien eingetheilt. Für die geistlichen Angelegenheiten der augsburgischen und der helve- 
tischen Confession bestehen zwei landesfürstliche Consistorien zu Wien (je eines für jede 
Confession), dann das Ober-Consist orium zu Hermannstadt für die augsburgischen und jenes 
zu Klausenburg für die helvetischen Glaubensgenossen. Den Consistorien untergeordnet sind die 



>) Uebersicht der bereits eröffneten Telegraphen-Aemter : 



Kronland 


Telegraphen- 
Aemter 


Kronland 


Telegraphen- 
Aemter 


Kronland 


Telegraphen- 
Aemter 


Oester- (unt. d. Enns 
reich tob d. Enns 
Salzburg .... 
Steiermark . . . 
Kärnthen .... 

Küstenland .... 


2 
o 
1 
2 
1 
1 
k 


Tirol 

Schlesien .... 

Bukowina .... 
Dalmaüen .... 


8 
3 

o 
o 

8 
1 
2 


Lombardie . . . 
Venedig .... 

Ungern 

Wüjwodschaft . . 
Kroatien .... 
Siebenbürgen . . 
Militärgränze . . 


6 

7 
k 
1 
3 
2 
k 



~) Minist. Verord. vom 24. April 1850 bezüglich der nördlichen und Minist. Verord. vom 30. Mai 1850 be- 
züglich der südlichen Staatsbahn, II. Section. 
3 ) Errichtet wurden: für die nördliche Staats-Eisenbahn die Betricbs-Direction zu Prag, für die südöst- 
liche jene zu Pest und für die südliche (II. Section) jene zu Gratz (Minist. Verord. vom 17. Mai 1851), 
für die östliche jene zu Krakan (M. V. 21. Novemb. 1851), für die lomb. venez. , nach Auflösung der 
provisorisch bestandenen General-Direction der Communicationen zu Verona, die Betriebs-Direction an 
demselben Orte (Minist. Verord. vom 5. Nov. 1852), endlich für die südliche Staats-Eisenbahn, I. Section, 
jene zu Wien (Minist. Verord. vom 1. August 1853). Die Betriebs-Directionen in Prag und Pest wurden 
mit 1. Juni 1855 aufgelöst (Minist. Verord. vom 20. Mai 1855). 

*) Minist. Verord. vom 20. Februar 1852. 



259 



Superintendenturen, die wieder in Seniorate (in Siebenbürgen bei der augsburgischen Confession 
in Decanate) zerfallen, unter welchen die Pastoren und Prediger stehen. Die Unitarier (Socinianer) 
haben einen Superintendenten zu Klausenburg, welcher zugleich Präses der beiden Consistorien 



für die geistlichen und Schulangelegenheiten dieser Religions-Genossenschaft ist. Die geistlichen 
Angelegenheiten der Israeliten werden von den Rabbinern besorgt. 

Das Aufsichtsrecht des Staates in geistlichen, Stiftungs- und Schulangelegenheiten üben die 
politischen Behörden aus, und die politische Landesbehörde ist die oberste Verwaltungsbehörde 
für diese Angelegenheiten in dem Kronlande '), welcher bei der neuesten Organisirung auch die 
Functionen der Landes-Schulbehörden 2 ) zugewiesen wurden. Bei den Länderstellen befinden sich 
eigene Gymnasial- und Volksschul-Inspectoren, welche den Titel von Schulräthen tragen (im lom- 
bardisch-venezianischen Königreiche wird die Aufsicht über die Gymnasien von General-Directoren 
geführt). Die Verwaltung der einzelnen, dem gedachten Ministerium unterstehenden Lehr- und 
Erziehungs-Anstalten, wissenschaftlichen und Kunst-Institute, stellt entweder den Lehrkörpern 
derselben oder eigenen Directionen zu; die unmittelbare Aufsicht über die Volksschulen üben 
die Ortsseelsorger aus, denen (geistliche) Schuldistricts- Aufseher (bei den protestantischen 
Schulen die Senioren) vorgesetzt sind. Als weitere Organe der Verwaltung des Unterrichts er- 
scheinen die theoretischen Staatsprüfungs-Commissionen =>), die Priifungs-Commissionen für die 
Gymnasial- Lehramts -Candidaten *) und die Prüfungs-Comniission für die Realschul-Lehramts- 
Candidaten (zu Wien). 

An der Spitze der Polizei-Verwaltung: steht die oberste Polizei-Behörde, 
als deren untergeordnete Organe nebst den politischen Behörden die (auch in den 
uivrischen Ländern eingeführten) Polizei-Directionen fungiren. 

In den Kronländern besorgen die Oberleitung der polizeilichen Verwaltung die Militär- und Civil- 
Gouverneure, die Statthalter und Länder-Chefs, unter welchen in den einzelnen Kreisen die Kreis- 
vorsteher wirken, mit Ausnahme der Kronlands-Haiiptslädte und ihrer Bezirke (im lombardisch- 
venezianischen Königreiche der Delegationen Mailand und Venedig), für welche eigene Polizei- 
Directionen bestehen; in den grösseren Städten ist der Rayon derselben in Bezirke getheilt, in 
denen eigene Polizei-Bezirks-Comniissariate aufgestellt sind. An den Gränz- und einigen anderen 
Orten bestehen Polizei-Conimissariate, in den Badeorten während der Curzeit Exposituren, welche 
von der bezüglichen Polizei-Direction abhängen 5 )- Endlich unterstehen der obersten Polizei-Be- 
hörde die Sicherheits-Organe, die (im §. 102 näher zu erwähnende) Gendarmerie und die Polizei- 
Wachkörper. 

Das frühere General-Bechn ungs-Dir ector ium, nunmehr die oberste 
Bechnungs-Controls-Behörde, ist unmittelbar Seiner Majestät dem Kaiser 
untergeordnet und nimmt gleiche Stelle mit den Ministerien ein. 



1 ) In Ungern sind dem Militär- und Civil - Gouverneur rücksichtlich der Gegenstände des Cultus 
jene Angelegenheiten zugewiesen, bei denen es sich um grundsätzliche Fragen über das Vcrhältniss der 
Kirche zum Slaate oder über die Stellung der Confessionen unter sich, oder um das Guiachten über die 
Besetzung von Bischofssitzen und anderen höheren geistlichen Würden handelt; die übrigen geistlichen und 
Stiftungs-Angelegenheiten werden von den Statthalter« -Abtheilungen geleitet (Minist. Verord. vom 
19. Januar 18öl). 

s ) Die Landes-Schulbehörden wurden mit der kais. Verord. vom 24. October 1849 und Minist. Verord. vom 
23. Januar 1850 errichtet, und ihre Geschäfte gingen zufolge der Minist. Verord. vom 19. Januar 1853 an 
die Länderstellen über. 

s ) Es bestehen deren in Wien, Grata, Innsbruck, Prag, Olmütz, Krakau, Lemberg. Zara , Pest, Agram 
und Hermannstadt. 

4 ) Dieselben sind errichtet in Wien, Innsbruck, Prag, Lemberg, Pavia und Padua. 

5 ) Grundzüge für die Organisation der Polizei-Behörden vom 10. December 1850. 

33 * 



260 

Diese Behörde hat das Verrechnungswesen des gesammten Kaiserstaates zu leilen, den 
Jahresausweis aller Staatsrechnungen zu bearbeiten und die Uebersicht der Einnahmen und 
Ausgaben zu liefern, für welchen letzteren Zweck das mit derselben vereinigte Central- 
Rechnungs -Departement thätig ist ')■ Unter dieser Central - Behörde stehen die Prüfungs- 
Commissionen für die Staalsreehnungs- Wissenschaft a ) ; ferner die Cenlral-Staatsbuchhallungen 
für die ihnen zugewiesenen Geschäftszweige =) und die Staatsbuchhaltungen in den einzelnen 
Kronländern '*). 

Im Ministerium des Aeussern und des kaiserlichen Hauses fand keine 
wesentliche Aenderung Statt, nachdem die bei der Bildung des Handels-Ministeriums 
an letzteres übertragene Personal- und Diseiplinar- Leitung der Consular- Behörden 
in der Türkei und in Griechenland an das Ministerium des Aeussern (mit der unmit- 
telbaren geschäftlichen Unterordnung dieser Consular- Behörden unter die Gesandt- 
schaften zu Konstantinopel und Athen) wieder zurückgelangte 5 ). 

Die Beorganisirung der Militär-Verwaltung wird im Zusammenbange der Dar- 
stellung des gesammten Heerwesens zur Sprache kommen. 

§. 100. 

Fortsetzung. 

Auswärtige Angelegenheiten. 

Die Wirksamkeit und die Erfolge des Ministeriums der auswärtigen Ange- 
legenheiten und des kaiserlichen Hauses während der Periode 1848—1855 
bilden einen Bestandteil der neuesten politischen Geschichte Europa's , deren Behand- 
lung ausserhalb der in gegenwärtiger Darstellung verfolgten Aufgabe liegt. Hier wird es 
genügen, die leitenden Bicbtpuncte der äusseren Politik anzudeuten, und jenen Antheil 
an den Leistungen dieses Verwaltungszweiges hervorzuheben, welcher seine Bückwir- 
kung auf die inneren Zustände des Kaiserstaates äusserte. 

Der erste Stoss der Bewegung war gegen die Wirksamkeit des Staatskanzlers 
Fürsten Metternich gerichtet. Fast durch volle vierzig Jahre hatte der Fürst die aus- 
wärtigen Angelegenheiten Oesterreich's geleitet, und den entscheidendsten Einfluss auf 
die Führung derselben in den meisten anderen Staaten Europa's ausgeübt; er war der 



') Kaiserl. Verord. vom 27. März 1854. 

*) Zu Wien, Linz, Gratz, Triest, Innsbruck, Prag, Brunn, Lemberg, Zara, Ofen, Temesvar, Agram und 
Hermannstadt. 

3 ) Von den früher bestandenen Cenlral-Staatsbuchhallungen entfiel die Hof-Poslbuchhaltung, und an deren 
Stelle trat die Central-Buchhaltung für die Communicalions-Anstallen (Gen.-Rech.-Dir.-Erlass 20. Decem- 
ber 1852). Auch wurde die Lotto-Hofbuchhaltung mit der Tabak- und Stämpel-Hofbuchhallung vereinigt 
(Erlass d. ob. Rechnungs-Conlrols-Behörde 15. Juni 1855). 

*) In allen grösseren Kronländern (ebenso zu Krakau und Temesvar) besteht eine Staatsbuchhallung, in 
den kleineren (mit Ausnahme der Bukowina) Abtheilungen derselben; so in Salzburg (von jener in Linz), 
Klagenfurt (von Laibach), Troppau (von Brunn), dann die Rechnungs-Departements in Oedenburg, Press- 
burg, Kaschau und Grosswardein (von Ofen). 

5 ) Allerhöchstes Handschreiben vom k. Juni 1853. Die Leitung der den Consuln im türkischen Gebiete 
über die österreichischen Unterthanen und Schutzbefohlenen zustehende Rechtspllege wird von dem 
Ministerium des Aeussern im Einvernehmen mit dem Justiz-Ministerium besorgt (Kais. Enlschl. vom 
18. Januar 1853). 



261 



Haupturheber und der Träger des heutigen europäischen Staaten-Systems, wie es sieh 
auf der Grundlage des Wiener Congresses gebildet hat. Sein scharfblickender Geist 
erkannte frühe die Gefährlichkeit der im Stillen heranreifenden, unter den mannigfachsten 
Gestaltungen zur Erscheinung gelangenden revolutionären Tendenzen, und hewog ihn zu 
dein allerwärts geltend gemachten und standhaft durchgeführten Entschlüsse, das allen 
Staaten gemeinsame Uebcl durch gemeinsame Gegenwirkung zu bekämpfen. Diess ge- 
lang, bis die französische Juli-Revolution das System erschütterte und die Februar- 
Revolution es für den Augenblick zusammenbrach. Mit soviel unbesiegbarer muthiger 
Ausdauer der greise Staatskanzler der Revolution entgegengetreten war und die 
erhaltenden Grundsatze des Staatenbestandes vertheidigt hatte, eben so leicht und wi- 
derstandslos entschloss er sich, von dem Schauplatze abzutreten, als es sich um seine 
Person handelte, in welcher die aufgeregte Meinung ein Hinderniss der wiederherzu- 
stellenden Ruhe erblickte; instinetartig trat dabei die Ansicht hervor, dass die Revo- 
lution so lange in Oesterreich keines Erfolges sicher sein dürfe, als des Fürsten Name 
unter jenen der leitenden Staatsmänner genannt werde. Die Tage der Verblendung 
waren aber gezählt, und es ward dem Nestor der europäischen Staatsmänner, den die 
Genialität seines Geistes, gepaart mit ausgebreitetem Wissen, die unerschütterliche 
Ruhe seines Charakters und die reifste Erfahrung an die Spitze der Politik unseres 
Welttheiles gestellt und auf derselben so lange erhalten hatte, eine seltene Genug- 
thuiinir beschieden. Inmitten einer neuen Zeit, unter vielfach veränderten Um- 
ständen , rechtfertigen die Personen und die Zustände sein consequent durchgeführtes 
System der auswärtigen Politik in richtiger, alles Unwesentlichen entäusserter 
Auffassung und entschiedener Durchführung als das allein haltbare, und was sein 
vorschauender Geist vor Jahrzehenten verkündete, das wird eben jetzt mit blutigen 
Zügen in die Tafeln der Weltgeschichte eingegraben. 

Nach des Fürsten Abgange musste die Thätigkeit des Ministeriums des Aeussern 
in den Hintergrund treten und vermochte selbst in die zunächst gelegenen deut- 
schen Verhältnisse nicht wirksam einzugreifen. Erst nach Besiegung der Revolution 
und nach Wiederherstellung der Ordnung konnte dieses Ministerium bei der Thronbe- 
steigung Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph I., welcher den bedeutungsvollen 
Wahlspruch: „Viribus unitis", das Symbol der Reichseinheit, zudem Seinigen 
machte, wieder zu seiner vollen Wirksamkeit gelangen. Die Aufgabe desselben war 
eine höchst schwierige. Es hatte das während der letzten Erschütterungen tief gesun- 
kene Ansehen herzustellen , die Integrität und Einheit des Reiches zu vertheidigen, 
besonders dem Auslande gegenüber, welches eines Theils noch in revolutionären Zu- 
ckungen befangen war, andern Theils mit den Consequenzen der Revolution sympathi- 
sirte, und in überwiegendem Maasse dem Bestände und der Beruhigung des Kaiserstaa- 
tes feindlich entgegentrat. Zum Glücke für Oesterreich sendet ihm die gütige Vorse- 
hung in bedrängter Zeit stets den rechten Mann, und dieser rechte Mann war der Fürst 
Felix von S ch warzenberg, an dessen gestähltem Charakter die wogende Brandung 
der Bevolution, mochte sie auf dem Felde der Waffen oder des diplomatischen Streites 
ihm entgegenbrausen, machtlos anstürmend zurückprallte. Kühn und fest war das 



2G2 

Programm, mit welchem er seine Laufbahn als Chef des Ministeriums und Leiter 
der auswärtigen Angelegenheiten eröffnete, und dem gesprochenen Worte, das 
auswärts Manche zweifelnd vernommen , sollte bald die bewährende That folgen. Ra- 
detzky hatte mit seinem tapferen Heere die Ruhe im lombardisch-venezianischen 
Königreiche hergestellt, die Revolution niedergedrückt, die sardinische Kriegsmacht 
daraus vertrieben. Was aher das Schwert nicht zu erringen vermochte, das sollte die 
schlaue Kunst der Unterhandlung der Revolution zuwenden. Auf Oesterreich's Schwä- 
chung durch die vorausgegangenen Erschütterungen, auf seine Einschüchterung durch 
die ungrische Insurrection bauend, wollte über Anregung Sardinien's die auswärtige 
Diplomatie das Schicksal der Lombardie von der Entscheidung eines Congresses, für 
welchen die Rollen in vorhinein vertheilt waren , abhängig machen, und schon waren 
die Mitglieder dieses Friedensvermittlungs- Congresses in Rrüssel versammelt. Allein 
Oesterreich erhob inmitten der Gefahren aller Art seine Stimme, wie in den Tagen 
seines machtvollsten Glanzes, mit dem von seinem guten Rechte ihm einge- 
gebenen Muthe, erklärte, die ihm zweifellos zugehörige, mit den Waffen in der Hand 
gegen unrechtmässigen Einfall vertheidigte und wieder eroberte Lombardie gegen jeden 
Angriff, woher er immer komme, schützen zu wollen, protestirte gegen die Refug- 
niss und den Zusammentritt des Congresses, — und der Congress stäubte gegenstands- 
los auseinander, ehe er sich noch förmlich constituirt hatte. Der zweite sardinische 
Krieg, dessen Dauer die siegreiche Schlacht von Novara auf drei Tage beschränkte, 
brachte Oesterreich in überwiegenden Vortheil, dessen Benützung den Gegner voll- 
ständig vernichten konnte; die Einmischung fremder Mächte wurde zurückge- 
wiesen, aber dem sich auf den monarchischen Grundsatz berufenden Sohne Karl 
Albert's — letzterer hatte durch die Thronentsagung Sühne geleistet — wurde das 
fremdem Dazwischentreten verweigerte Zugeständniss gemacht, welches ihn auf dem 
Throne erhielt. Als in dem Königreiche Sardinien selbst die Revolution neuerdings 
Einfluss gewann und den wieder in Frage gestellten Friedensschluss verzögerte, da 
bedurfte es der Entschiedenheit des österreichischen Cabinetes und der Gewandtheit 
seines Unterhändlers, um diesen Widerstand zu brechen, und die Keime des Gedeihens 
für die Entwicklung des friedlichen Verkehres und des Wohlstandes von ganz Ober-Italien 
durch die Wegräumung oder Milderung der Zollschranken, Erweiterung der Commu- 
nicationen und Herstellung der freien Po-Schifffahrt daraus hervorgehen zu machen. 

In noch höherem Maasse , als diess in Italien der Fall war, erforderte die Ge- 
staltung der Dinge in Deutschland das feste und entschiedene Auftreten des österreichi- 
schen Cabinetes. Der Bestand des deutschen Bundes und der berechtigte Einfluss Oester- 
reich's als der ersten deutschen Grossmacht auf denselben, ja selbst der in den tiefsten 
Wurzeln einer tausendjährigen Geschichte begründete Zusammenhang Oesterreich's 
mit Deutschland, war nach allen Seiten hin bedroht. Da Se. kais. Hoheit Erzherzog 
Johann seine Stellung als Reichsverweser niederlegte, wurde auf Andringen Oester- 
reich's, welches die Wiederherstellung der deutschen Rundesbehörde eifrig betrieb, 
im Vereine mit Preussen die interimistische deutsche Rundes-Commission niederge- 
setzt, an deren Spitze Freiherr v. Kübeck als österreichischer Commissär trat. Aber 



263 

nicht allein von revolutionärer Seite her wurde der Beeonstituirung des Bundes ent- 
gegengewirkt. Die Tendenz tauchte auf, mit Ausschluss Oesterreich's, dessen Kraft 
man durch die Verlegenheiten in seinem Innern gelahmt wähnte, Deutschland unter 
die Leitung Preussen's zu stellen , und die Einheit eines engeren Deutschlands 
auf den Beschlüssen der Erfurter Versammlung aufzuhauen. Oesterreich leistete, auf 
der Grundlage seines unverjährbaren Rechtes, unterstützt von den deutschen Mittel- 
staaten, entschiedenen Widerspruch, und setzte, als dieser nicht beachtet wurde, 
seine volle Macht für die Geltendmachung seines Rechtes ein. 

Die trübsten Tage der Zerrissenheit Deutschland^ schienen wiedergekehrt, als die 
beiden deutschen Grossmächte einander gerüstet gegenübertraten. Dem festen Ent- 
schlüsse Oesterreich's zur Abwehr des Eingriffes in sein Recht folgte in zauberähnlicher 
Baschheit die Entwicklung einer imposanten Kriegsmacht an seiner nördlichen Gränze. 
Aber noch in der letzten Stunde wendete das Geschick den Ausbruch des drohenden, in 
seinen Folgen für Deutschland unberechenbaren Unheils ab. Die unerwartet schnelle 
Vereinigung einer zahlreichen und kampfbereiten Armee, deren moralisches Vertrauen 
in die eigene Kraft durch glänzende Siege in zahlreichen blutigen Schlachten und 
durch die von ihr bewerkstelligte Bettung des Vaterlandes auf das höchste gesteigert 
war. hatte Oesterreich in unläugbaren Vortheil versetzt, den entscheidenden 
Erfolg in dem bevorstehenden Feldzuge ihm in nahe Aussicht gestellt, und einen 
tiefen Eindruck jenseits der Glänze in befreundeten und nicht befreundeten Lagern 
hervorgebracht. Desto anerkennenswerther war die Selbstbeherrschung, mit welcher 
Oesterreich die zur friedlichen Ausgleichung gebotene Hand annahm. Die kaiserliche 
Reffierune-war durch die Geschichte belehrt, dass die Zeiten des Zerwürfnisses zwischen 
den beiden grossen deutschen Begierungen mit den Tagen d,er tiefsten Erniedrigung 
Deutschland^ und seines herbsten National-Unglückes zusammen fallen; sie war sich 
bewusst, dass die auseinandergehenden Interessen der beiden Staaten auf dem Wege 
früherer oder späterer Verständigung ausgeglichen werden müssen, dass die Wohlfahrt 
und die politische Macht Deutschland^ so wie die gesicherte Stellung von Mittel- 
Europa nur durch den Einklang der beiden Begierungen in den grossen politischen 
Fragen erzielt werden können. Deutschland, dessen Gestaltung ohnehin der Keime der 
Uneinigkeit so viele enthält, vermag nur durch diesen Einklang sein politisches Gewicht 
zu erhalten, welches hinwieder Oesterreich und Preussen in ihren ausserdeutsehen 
Beziehungen kräftiget und ihren Einfluss in dem europäischen Concerte zum entschei- 
denden macht. Durch die Olmützer Uebereinkunft ward der Streit zwischen Oester- 
reich und Preussen ehrenvoll geschlichtet, die Bundesversammlung fand wieder allge- 
meine Anerkennung, und Oesterreich trat in seine Bechte am Bundestage ein. 

Nachdem Oesterreich in Italien sein Ansehen befestigt, in Deutschland seine alten 
Bechte gewahrt und daselbst durch die Persönlichkeit seines Monarchen neue Sympa- 
thien gewonnen hatte, trat es in freundschaftliches Einverständniss mit dem Beherrscher 
von Frankreich, dem Kaiser Louis Napoleon, welcher so eben die Bevolution in jenem 
gährenden Lande gebändigt und den Metternich'schen Grundsatz von der Notwendig- 
keit ihrer gemeinsamen Bekämpfung thatsächlich anerkannt hatte. Es war auch diess ein 



264 

Zeichen der neuen Zeit, dass die beiden Staaten, deren politischer Gegensatz ein 
traditioneller geworden zu sein schien, in höherer Auffassung die Grundlagen gemein- 
samen Handelns gefunden hatten. So lange Frankreich die ihm bedrohlich erscheinende 
Hausmacht Oesterreich's an seinen Gränzen in Spanien, den Niederlanden und Italien 
einzuengen strebte, so lange es nach einem entscheidenden Einflüsse in Deutschland 
trachtete, oder von revolutionärem Propagandismus und ehrgeizigen Eroberungsgelüsten 
sich leiten Hess, war dieser Gegensatz allerdings ein gegebener und nicht zu beseiti- 
gender. Heutzutage bedingt die fortschreitende Cultur-Entwickluug andere Zwecke 
des staatlichen Lebens : die Erhaltung äusserer und innerer Ruhe, die Pflege des Frie- 
dens, und unter dem nährenden Schatten desselben die Entfaltung der gesellschaftlichen 
Wohlfahrt durch den Aufschwung des Acker- und Bergbaues , der Industrie und des 
Handels, der Künste und Wissenschaften. Störungen dieser Ruhe durch Ursachen, 
welche in den vergangenen Jahrhunderten wirksam waren, durch politische Principien, 
Familien-Interessen oder Eroberungssucht, treten in den Hintergrund , und nur zwei 
Gefahren sind es, welche dem heutigen und dem kommenden Geschlechte drohen : der 
Kampf mit der Revolution , und die wichtigste aller Fragen unseres Jahrhundertes, die 
Ordnung der orientalischen Verhältnisse. In seinen höchsten Interessen an dieser 
Ordnung betheiligt, konnte Oesterreich bei dem plötzlichen Hereinbrechen der 
orientalischen Wirren kein thcilnahmsloser Zuschauer bleiben. Mit der gleichen Entschie- 
denheit, mit welcher es so eben gegen die osmanische Regierung seine vollkommen 
berechtigten , die Ruhe einer Provinz bedingenden Forderungen durchgesetzt hatte, 
trat es der Beeinträchtigung entgegen , welche die Rechte der Pforte und die Sicher- 
heit des österreichischen Gränzgebietes durch die pfandweise Besetzung der Donau- 
Fürstenthümer von Seite russischer Truppen erlitten. Oesterreich hatte nur an seiner 
Tradition festzuhalten, und die Grundsätze zur Geltung zu bringen, deren Durch- 
führung Fürst Metternich vor einem Vierteljahrhunderte, wenngleich vergeblich, 
versucht hatte. Die Westmächte erklärten Russland den Krieg, Oesterreich sammelte 
seine trefflich geübten Streitkräfte in einer kaum jemals vorhanden gewesenen Anzahl 
unter einem seiner erprobtesten Feldherren, dem Feld-Zeugmeister Freiherrn von Hess. 
an seiner Südost- und Ostgränze, entschied durch die strategische Aufstellung der- 
selben die Aufhebung der Belagerung von Silistria und den Rückgang des russischen 
Heeres über die Donau und den Pruth, und besetzte, in Vollziehung eines mit der 
Pforte abgeschlossenen Vertrages, die Walachei und Moldau. Diese Erfolge wurden 
indess nicht ohne die empfindlichsten Opfer errungen; die Bande der Freundschaft 
mit einem Staate, mit welchem Oesterreich so eben noch in den engsten Beziehungen 
stand und gegen welchen es unläugbare Verpflichtungen hatte , mussten gelockert, 
und die Geldkräfte des Reiches in einem ungewöhnlich hohen, nur durch die bereitwillige 
Unterstützung der Gesammtheit des Volkes möglich gewordenen Grade in Anspruch 
genommen werden. Den Lehren seiner Tradition und dem Gebote einer wahrhaft 
grossstaatlichen Politik folgend, schreckt Oesterreich vor keinem Opfer zurück, wenn 
die Erreichung der wichtigsten Zwecke der Machtstellung und Würde des Staates 
dadurch angestrebt wird, und setzt grosses Gut um Abwehr grossen Nachtheiles ein. 



265 

Inmitten der Ausrüstung und Entsendung seines gewaltigen Kriegsheeres hatte 
Oesterreich auch seine Stimme im Rathe der europäischen Mächte erhoben, durch Ver- 
handlung sich Bundesgenossen zu verschaffen und sohin in friedlichem Wege auf die 
Beilegung der Wirren und auf Herstellung eines dauernden Rechtszustandes im Oriente 
hinzuwirken gesucht. Schon unterm 20. April 1854 war mit Preussen ein Schutz- und 
Trutzvertrag für den Fall abgeschlossen, als Oesterreich von Rnssland angegriffen würde 
oder letzteres seinen Eroberungskrieg gegen die Pforte über den Balkan fortsetzte, 
welchem Vertrage der deutsche Bund sich anschloss, sowie derselbe auch dem Zusatz- 
Artikel vom 26. November 1854, welcher die Stellung Oesterreich's in den Donau-Für- 
stenthümern als in dem Schutzbündnisse garantirt anerkannte, seinen Beitritt gewährte. 

Nachdem Oesterreich mit den Westmächten die Situation in den Protokollen vom 
9. April und 23. Mai, dann in den ausgetauschten Noten vom 8. August 1854 festge- 
stellt hatte, schritt es zudem Allianz- Vertrage vom 2. Oecember 1854 mit Frankreich 
und Grossbritannien, worin es eventuell einen Offensiv-Vorgang im Vereine mit den 
Westmächten in Aussicht stellte, im Falle als Russland die ihm zu machenden Frie- 
densvorschläge verwürfe. In Erwägung, dass der orientalische Krieg eine ebenso lange 
Dauer als grosse Ausdehnung gewinnen könne, und von dem Wunsche beseelt, den 
ausserordentlichen Opfern an Menschen und Geld, welche dieser Ki-ieg bereits geko- 
stet hat, ein baldiges und für beide Theile ehrenvolles Ende zu machen, veranlasste 
Oesterreich die Friedens-Conferenzen. welche, nachdem Russland auf die Grundlagen 
der Verhandlung in den bekannten vier Puncten (der Aufhebung des russischen Pro- 
tectorates über die Donau-Fürstenthümer, der Freiheit der Donau-Schifffahrt, der Inte- 
grität des türkischen Reiches sowie der Reschränkung des russischen Uebergewichtes 
auf dem schwarzen Meere, endlich dem Aufhören des russischen ausschliesslichen Ein- 
flusses auf die Lage der christlichen Unterthanen der Pforte) eingegangen war, zu 
Wien im Laufe des Frühjahres 1855 unter dem Vorsitze des österreichischen Ministers 
des Auswärtigen Grafen Ruol stattfanden. 

Die würdevolle Stellung, welche Oesterreich's Vertreter auf diesem Congresse 
einnahmen, das Bemühen Oesterreich's, kein Mittel zur Herbeiführung des Friedens 
unversucht zu lassen, und sein letzter Ausgleichungsversuch sind in der Geschichte 
verzeichnet. Wenn jene Conferenzen und dieser endliche Versuch nicht zu dem 
Frieden führten, so ist die Schuld hiervon nicht Oesterreich beizumessen. Die An- 
nahme ist erlaubt, dass Oesterreich's Streben nach einer unblutigen Beilegung der 
Wirren von einem gedeihlichen Erfolge begleitet gewesen sein würde, wenn es sich hierbei 
der (begehrten , aber nicht erlangten) Unterstützung Preussen's und Deutschland's zu 
erfreuen gehabt hätte, wie die Besorgniss nicht unbegründet ist, dass diese Weigerung in 
ihren Folgen sich möglichen Falles fühlbar machen dürfte. Dieses Scheiterns seiner Frie- 
densbestrebungen ungeachtet steht aber das Ansehen der österreichischen consequenten 
Politik fester als je, und voraussichtlich wird Oesterreich berufen sein, den langen 
orientalischen Kampf als Schiedsmacht zu beendigen. 

Während das Ministerium des Aeusseren in der eben angedeuteten Art mit der 
Verteidigung der Integrität und der Interessen des Beiches nach Aussen hin , so wie 
I. 34 



2(>6 

mit der Verhandlung der wichtigsten Fragen europäischer Politik beschäftigt war, fand 
es noch Gelegenheit und benützte dieselbe zum Abschlüsse so zahlreicher Verträge 
und Uebereinkommen mit fremden Regierungen, wie diess in so kurzer Zeit noch nie 
erfolgt war. In der Zeit vom Januar 1849 bis Ende Juli 1855 wurden mit allen 
europäischen Regierungen (fast nur Sicilien und Portugal ausgenommen) Verträge 
und Uebereinkommen abgeschlossen, deren Zahl sieb auf nicht weniger als 94 beläuft, 
und worunter 52 förmliche vom Monarchen ratificirte Verträge und 42 Uebereinkommen 
und Vereinbarungen erscheinen. Das Rezeichnendste hierbei ist, dass nur die geringere 
Anzahl dieser Conventionen Verhandlungen der Politik oder solche Gegenstände betraf, 
welche (wie Gränzberichtigungen, Heimfallsrechte, Auslieferung und Verfolgung der 
Verbrecher) früher in überwiegender Anzahl das Object internationaler Verträge aus- 
machten, und die meisten derselben, dem Geiste der neuen Zeit huldigend, die Förderung 
des Handels und der Schifffahrt, insbesondere aber die Ausdehnung der länderver- 
knüpfenden Communications-Anstalten, der Posten, Eisenbahnen und Telegraphen, 
bezweckten. Der grosse und fruchtbare, wenn auch erst in späterer Zeit (doch dann 
um so gewisser) reifende Gedanke einer Vereinigung von ganz Deutschland, von Ober- 
und Mittel-Italien mit Oesterreich in allen Verkehrshinsichten ging auf dem praktischen 
Felde zuerst von Oesterreich aus, und ward bereits hinsichtlich der Telegraphen- und 
Post-Verbindungen der Verwirklichung nahe gebracht, hinsichtlich der Zolleinigung mit 
Parma und Modena (nebst Liechtenstein) ausgeführt, und gegenüber dem Zollvereine 
mindestens durch nahmhafte Handels- und Zollerleichterungen künftiger Durchführung 
näher gerückt. Zu solchen friedlichen Eroberungen benützte Oesterreich die in blutigen 
Schlachten errungenen Vortheile, wie denn , nachdem durch die Schlacht von Novai-a 
das Ansehen und der Einfluss Oesterreich's in Ober-Italien befestiget worden, der Ab- 
schluss eines Handels- und Sehifffahrts- so wie eines Zollvertrages mit Sardinien, Post- 
Verträge mit Sardinien, Parma, Modena, Toscanaund dem Kirchenstaate, Telegraphen- 
Verträge mit den drei erstgenannten Staaten, Zolleinigungsverträge mit Parma und 
Modena, Eisenbahnverträge mit Parma, Modena, Toscana und dem Kirchenstaate, sowie 
die Verträge mit Parma, Modena und dem Kirchenstaate, wodurch die seit dem Wiener 
Congresse vergeblich angestrebte freie Po-Schifffahrt erreicht wurde, die unmittelbare und 
mittelbare Folge davon waren. Der einzelnen Verträge wird bei den einschlägigen Ver- 
Avaltungszweigen Erwähnung geschehen. — Schliesslich sei noch bemerkt, dass in diesen 
Zeitraum die Verfügung des Ministeriums fällt, kraft welcher die Candidaten für diplo- 
matische Posten und für Anstellungen im Innern des Ministeriums sich einer prak- 
tischen Prüfung aus den einschlägigen Fächern zu unterziehen haben, wie solche auf 
höhere Ausbildung der eintretenden Reamten abzweckende Prüfungen in anderen 
Staaten seit Langem bestehen. 

Das Programm des Fürsten Schwarzenberg verkündete schon am 27. November 1848, dass 
das unter seinem Vorsitze gebildete Ministerium seine Aufgabe darin suche, Oesterreich zu einem 
o-rossen einheitlichen Staatskörper umzuschaffen und demselben einen geachteten Platz im euro- 
päischen Staaten-Systeme zu sichern, — eine Aufgabe, welche mit der unmittelbar darauf folgen- 
den Thronbesteigung des jugendlichen Kaisers Kranz Joseph I. (Allerhöchst -Welcher den 



267 

Wahlspruch: „Viribus unitis" durch die Aller!.. Entschl. vom 12. Februar 1849 annahm) ihrer 
Verwirklichung- entgegenging. 

Selbst noch ehe der Krieg- in Ungern beendet war, befestigte der Friedensschluss mit Sar- 
dinien zu Mailand (6. August 1849) und die Capitulalion von Venedig- (24. August 1849) die 
Machtstellung- Oesterreiclrs in Ober-Italien. Radetzkys Waffen führten die Herzoge von Parma 
und Modena in ihre Staaten zurück, und unterstützten die Restauration des Grossherzogs von 
Toscana und des Papstes. Verträge über eine allmähliche Einigung- in den Verhältnissen des Handels 
und Verkehres umschlangen die Halbinsel mit Banden, welche die einzig praktische Beseitigung 
ihrer staatlichen Zersplitterung in sich schlössen. 

Auch nach der Seite Deutschlands hin errang sich Oesterreich seinen früheren entscheidenden 
Einfluss wieder. Da die in der Frankfurter National-Versammlung zum augenblicklichen Ueberge- 
gewichte gelangte Partei den Abschluss der deutschen Einheit in der Uebertragung des Erbkaiser- 
thumes an Preussen suchte und den angebotenen Eintritt Gesammt-Oesterreich's in den deutschen 
Bund beharrlich von sich wies , rief Oesterreich seine Vertreter aus der National-Versammlung 
ab (5. April 1849). Als aus den Wirren Südwest-Deutschland's eine Aussicht auf dauernde Klärung 
der gährenden Elemente auftauchte, gewährte der Abschluss des Interims zwischen Oesterreich und 
Preussen (30. September 1849) den ersten Anhaltspunct für eine Herstellung geordneter Zustände. 
Die Tage von Erfurt und Berlin (April und Mai 1850) traten dazwischen ; aber der Lösung des 
deutschen Bundes auch nach dieser Richtung entgegenkämpfend, erneuerte Oesterreich den Frank- 
furter Bundestag (10. Mai 1850), welcher seine Restauration feierlich aussprach (2. September 
1850), und sicherte sich zu Bregenz (11. Octob. 1850) die Zustimmung Baiern's und Würtemberg's 
für ein ernsteres Vorgehen, um diesem Bundestage auch die Anerkennung seiner Autorität zu ver- 
schaffen. Vor der Anwendung der Waffengewalt wich Preussen zurück; die Olmützer Punctation 
(29. November 1850) führte zu den Dresdner Conferenzen (23. December 1850 bis 15. Mai 1851), 
der Austrag der kurhessischen und schleswig-holsteinischen Frage gieng an die Gesammtheit der 
deutschen Regierungen über, der Bundestag wurde am 5. Juni 1851 wieder vervollständiget, alle 
Sonderbunds-Bestrebungen erloschen. 

Wie nach der Seite Italiens, arbeitete Fürst Schwarzenberg, mit dem Freiherrn von Brück in 
der «tatkräftigsten Uebereinstimmung, dahin, eine handelspolitische Einigung Deutschlands mit 
Gesammt-Oesterreich zu Stande zu bringen. Der Weg, welchen die Depeschen vom 30. December 
1849 und 30. Mai 1850 bezeichneten, wurde durch die Zoll-Conferenzen in Wien (5. Januar bis 
20. April 1852) und die Darmstädter Uebereinkunft verfolgt, und führte erst nach des Fürsten 
Tode (5. April 1852) zum Ziele, dem Abschlüsse des Zoll- und Handelsvertrages vom 19. Fe- 
bruar 1853. Auch ein deutsch-österreichischer Post- und Telegraphen- Verein kam zu Stande. 

Dem Nachfolger des Fürsten Schwarzenberg im Ministerium des Auswärtigen, dem Grafen 
Karl Buol -Schauen st ein, fiel unmittelbar nach der Beilegung der deutschen Frage die grosse 
Aufgabe zu, Oesterreich in der Weltfrage der orientalischen Verwicklung die ihm gebührende ent- 
scheidende Stimme zu sichern. Nachdem Oesterreich durch die Sendung des Grafen Leiningen seinen 
Anforderungen zur Beruhigung der Südgränze des Reiches und zur Beseitigung der gegen Monte- 
negro verübten Gewaltthätigkeiten der Pforte schleuniges Gehör verschafft (Februar 1853), erklärte 
es sich eben so entschieden gegen Russland*s Vorgang, womit letzteres, aus Anlass einer Differenz 
wegen des Schutzrechtes über die orientalischen Christen, durch pfandweise Besetzung der Donau- 
Fürstenthümer die Integrität der Pforte verletzte. Mit Frankreich, Grossbritannien und Preussen 
versuchte es eine Vermittlung, die auch nach der Kriegserklärung- der Westmächte an Russland 
(28. März 1854) fortdauerte. Als Russland keine Nachgiebigkeit zeigte, rüstete Oesterreich zum 
Kriege und übernahm durch einen Vertrag mit der Pforte (14. Juni 1854) die Besetzung der Donau- 
Fürstenlhümer, für welche auch durch die Verträge vom 20. April und 26. November die Garantie 
Preussen 1 s und durch die Bundestags-Beschlüsse vom 24. Juli und 9. December jene des deutschen 
Bundes erlanfft ward. Ein Noten-Austausch mit Frankreich und Grossbritannien (8. August 1854) 

34 * 



2G8 

stellte die Puncte fest, welche das Minimum der an Russland zu richtenden Forderungen bilden 
sollten, und die Allianz vom 2. December sicherte denselben noch eine wirksamere Unterstützung von 
Seite des Wiener Cahinets, welches auch nach dem Scheitern der Wiener Friedens-Conferenzen (4. Juni 
1855) der gewichtigen Rolle des entscheidenden Vermittlers jener Angelegenheiten nicht entsagt hat. 

Um sich den Nachwuchs tüchtiger Kräfte für die diplomatische Laufbahn zu sichern, ordnete 
noch Fürst Schwarzenberg mit Erlass vom 21. Januar 1851 an, dass künftighin nur solche Bewer- 
ber zu einer Stelle im Conceptsfache bei dem Ministerium oder bei einer Mission zugelassen werden 
können, welche nach Ablegung der theoretischen Staatsprüfungen sich einer besonderen Diplo- 
maten-Prüfung (aus dem natürlichen und positiven Völkerrechte und der diplomatischen Staaten- 
Geschichte) unterziehen. Männer von bereits anerkannter ausgezeichneter fachwissenschaftlicher 
oder praktischer Ausbildung und die Zöglinge der orientalischen Akademie sind von dieser 
Prüfung befreit. 

Die wichtigeren der in dieser Periode von Oesterreich mit fremden Staaten abgeschlossenen 
Verträge sind, nach den Staaten gereiht, folgende: 

Deutschland. Deutsche Staaten: Vertrag über Ausdehnung des Bundesbeschlusses vom 
26. Januar 1854 werfen <re"'enseiti!>'er Auslieferung sremeiner Verbrecher und des Bundes- 
Beschlusses vom 18. August 1S36 wegen Auslieferung von politischen Verbrechern auf 
den ganzen Umfang des österreichischen Kaiserstaates, — doch bezüglich der politischen 
Verbrecher ohne Beitritt Preussen's — bekannt gegeben am 9. Juli 1855. 

Deutsch-österreichischer Postverein: — auf Grundlage des Postvertrages mit 
Preussen G. April 1S50 und des Beitritts der Tliurn- und Taxis"schen Postverwaltung 
31. März 1S51 — Vertrag 5. December 1851. 

Deutsch-österreichischer Telegraphen- V e rein: — vorbereitet durch die Ver- 
träge mit Preussen 3. October 1849 und mit Baiern 21. Januar 1850 — Vertrag mit 
Preussen, Baiern und Sachsen 25. Juli 1S50; Beitritt Würtembergs 14. October 1851, 
Hannover's 2. September 1853. 

Elbez ollberechtigte Staaten: Uebereinkommen wegen Zollermässigungen 2. De- 
cember 1851. 

Eiseuacher Convention 11. Juli 1853, mit sämmtlichen deutschen Staaten (mit Aus- 
nahme von Hamburg, Hessen-Homburg, Holstein-Lauenburg, Liechtenstein und Luxem- 
burg-Limburg) wegen Verpflegung erkrankter und Beerdigung verstorbener gegenseitiger 
Staal sangehörigen. 

Preussen: Zoll- und Handelsvertrag 19. Februar 1853; Schutz- und Trutzbündniss 
20. April 1854. 

Zollvereinstaaten: Beitritt zum Zoll- und Handelsvertrage mit Preussen 4. April 1853. 

Baiern: Gränzberichtigung 16. December 1850, 2. December 1851 ; Truppen-Verpflegung 
15. März 1851; Eisenbahnvertrag 21. Juni 1851; Schifffahrtsvertrag 2. December 1851; 
Zollaufsicht der Glänzflüsse 2. December 1851. 

Würtemberg: Beitritt zum Schifffahrtsvertrage mit Baiern 5. Juni 1855. 

Sachsen: Eisenbalmanschluss 31. December 1850; Zittau - Reichenberger Eisenbahn 
24. April 1853. 

Liechtenstein: Zolleinigung 5. Juni 1852. 
Italien. Sardinien: Friedensvertrag 6. August 1849; Handels- und Schifffahrts - Vertrag 
18. October 1851 : Unterdrückung des Schleichhandels 22. November 1851; Postvertrag 
28. September 1853; Telegraphen-Verein 28. .September 1853. 

Parma und Modena: Freie Po-Schifffahrt 3. Juli 1849: Postverlrag 3. Juli 1S49; Zoll- 
Convention 3. Juli 1840: Zolleinigung 9. August 1852; Beitritt zum Handelsvertrage mit 
dem Zollvereine 4. April 1853. 



269 

Parma: Po-Inseln 3. Juli 1841); Truppen-Verpflegung 3. Juli 1849; Beitritt zum öster- 
reichisch-sardinischen Friedensvertrage 14. August 1849; Telegraphen- Verein 15. Sep- 
tember 1851; Postverein 17. September 1851. 

Modena: Gränz-Reguliruug 8. August 1849; Beitritt zum österreichisch - sardinischen 
Friedensverträge 12. August 1849; Telegraphen - Verein 4. Juni 1851; Postverein 

29. Oetober 1851. 
Toscana: Truppen-Verpflegung 22. April 1850; Grundlagen des österreichisch-italienischen 

Postvereines 5. November 1850; Special-Postvertrag 5. November 1850. 
Kirchenstaat: Beitritt zum Vertrage über die freie Po-Schifffahrt 12. Februar 1850, zum 

Postvereine 30. März 1852. 
Parma, Modena, Toscana und Kirchenstaat: Italienische Central- Eisenbahn 

1. Mai 1851. 

Schweiz. Postvertrag 2. Juli 1849, 26. April 1852; Telegraphen-Vertrag 26. April 1852. 
Belgien. Auslieferung der Verbrecher 16. Juli 1853; Schiffifahrts- und Handelsvertrag 2. Mai 1854. 
Niederlande. Beförderung der niederländisch-indischen Post 19. December 1851; Auslieferung der 
Verbrecher 2S. August 1852; Beitritt zum deutsch-österreichischen Telegraphen-Vereine 

2. September 1853. 

Frankreich, Grossbritannien, Russland, Preussen, Schweden und Dänemark. Ordnung der dänischen 
Thronfolge 8. Mai 1852. 

Frankreich und Grossbritannien. Allianz-Vertrag 2. December 1854. 

Spanien. Postvertrag 30. April 1852. 

Russland. Verpflegung der Hilfstruppen 10. Juni 1849; Postvertrag 26. Juli 1849, 5. Mai 1854; 
Donau-Schifffahrt 13. November 1850; Beitritt zum deutsch-österreichischen Telegraphen- 
Vereine 19. November 1854. 

Türkei. Vertrag zur Sicherung der Donau-Fürstenthümer 14. Juni 1854; Vereinbarung der Weide- 
Ordnung für die österreichischen Schafhirten in Bulgarien 7. Februar 1855. 

Griechenland. Postvertrag 9. December 1850. 

§. 101. 

Fortsetzung. 
Verfassung und innere Verwaltung. 

Auf dem Gebiete der Verfassung; und der inneren Verwaltung; mussten bei 
einer solehen Umgestaltung-, wie sie in den Verbältnissen Oesterreich's vor sieb ging', die 
Aenderungen am umfassendsten sein. 

Schon die ersten in den Märztagen 1848 eingetretenen Symptome dieser Aende- 
rungen in der Aufbebung der Censur, der Bewilligung der National-Garde und der 
Zusicherung einer eonstitutionellen Verfassung, sammt der am 25. April 1848 hier- 
über erlassenen Verfassungsurkunde, fallen in diesen Kreis. Der hierauf nach Wien 
einberufene Reichstag, aus Deputaten der deutsch-slavischen Provinzen bestehend, 
begann seine Wirksamkeit in den Tagen der tiefsten Erschütterung des Reiches, 
die durch ihn nur noch vermehrt wurde. Während der Aufruhr in den italienischen Pro- 
vinzen wütbete, während Ungern und Siebenbürgen factisch vom Verbände mit dem 
Reiche sich losgetrennt hatten, während in Galizien die aufständische Partei nur durch 
die ihr ungünstige Haltung des Bauernstandes niedergehalten und selbst das Verhältniss 
Bölnnen's zu dem damaligen Ministerium ein zweifelhaftes wurde, suchte man auf dem 



270 

Reichstage das nackte Nationalitäts-Princip auf die Spitze zu stellen . dessen conse- 
quente Durchführung' den Verlust der wichtigsten Theile des Reiches und eine absolute 
Schwächung der zum Schattenhilde herabsinkenden Regierungsgewalt hätte nach sich 
ziehen müssen. Nachdem durch die Tapferkeit des Heeres und den Heldenmuth seiner 
Führer die italienischen Provinzen wieder erobert, der Aufstand in Wien bezwungen, 
die anderen Provinzen (mit theilweiser Ausnahme der ungrischen Länder) beruhigt 
worden, bot die von Seiner Majestät dem Kaiser verfügte Auflösung des nach Kremsier 
übersiedelten Reichstages, in welchem ohnehin nur ein Theil des Reiches repräsentirt 
war, und die Kundmachung einer Verfassung für das Gesammtreich die erste Grundlage 
für die beginnende Consolidirung der öffentlichen Zustände in Oesterreich dar. Das 
Wesen dieser Verfassung bestand in der Gründung der (wenigstens formellen) Reichs- 
einheit, in der Ausgleichung aller bisher zwischen den einzelnen Gebietsteilen be- 
standenen Verschiedenheiten und in der Anbahnung der Rechtsgleichheit für die ge- 
sammten Staatsbürger. Hierdurch erhielt auch die Verwaltung den Anstoss zu einer 
durchgreifenden Reform. Die früheren Provinzen wurden ohne Unterschied ihrer ehe- 
maligen staatsrechtlichen Stellung (als Königreiche oder Fürstentbümer etc.) in Kron- 
länder umgewandelt, die mit grösseren Ländern vereinigt gewesenen kleineren Herzog- 
thümer Salzburg, Kärnthen. Schlesien und Rukowina wurden selbstständig, aus 
Theilen Süd-Ungern's und Slavonien's ward das Verwaltungsgebiet der serbischen 
Wojwodscbaft und des Temeser Banates geschaffen, und für die Verwaltungs-Organe 
bis zu den untersten hinab, mit strenger Durchführung des Grundsatzes der Trennung 
der Justiz von der Verwaltung, eine neue Organisation begründet (deren Gliederung 
bereits oben erwähnt ist). Im Zusammenbange hiermit stand die Erlassung eines 
neuen Gemeindegesetzes, welches der doppelten Aufgabe genügen sollte , durch Ver- 
einigung der kleinen Gemeinden grössere Verwaltungskörper mit einer gedeihlichen 
Administration zu schaffen, und an die Gemeindevorstände einen Theil der Wirksamkeit 
der Regierungsbehörden zu übertragen. Da jedoch, wie die Erfahrung nachwies, bei den 
sehr verschiedenen Cultur-Zuständen in den einzelnen Kronländern die Durchführung 
dieser Grundsätze auf wesentliche Schwierigkeiten stiess, konnte der neue Organismus 
nicht allenthalben gedeihliche Wurzel fassen. 

Inzwischen war durch das Allerhöchste Handschreiben vom 20. August 1851 die 
Stellung des Ministeriums zu dem Monarchen wesentlich geändert und hierauf durch 
das Allerhöchste Handschreiben vom 31. December 1851 jene Verfassung sammt den 
Grundrechten ausser Wirksamkeit gesetzt und die organische Grundlage einer 
neuen Regelung der gesetzlichen Verhältnisse gegeben worden, welche 
nicht nur den durch die Erfahrung nachgewiesenen Bedürfnissen mehr entspricht, son- 
dern auch ohne Beeinträchtigung der staatsrechtlichen Stellung der einzelnen Länder 
den für Oesterreich als unabweisliche Nothwendigkeit sich darstellenden Grundsatz der 
Reichseinheit zur unbedingten Geltung bringt. Schon vorher waren zur sichernden Ge- 
währleistung solcher Nationalitäten, welche sich durch die vorausgegangenen Ereignisse 
bedrängt gesehen hatten, einzelne organische Bestimmungen getroffen worden, kraft 
deren nicht nur die serbische Wojwodscbaft wiederhergestellt, sondern auch der 



271 

Wunsch der sächsischen Nation in Siebenbürgen bezüglich der (damaligen) unmittel- 
baren Unterordnung unter die Krone und des innigen Verbandes mit der Gesamint- 
Monarchie gewährt, das Kronland Kroatien und Slavonien sammt dem Gebiete der 
Stadt Fiume unabhängig von Ungern gestellt und die Landessprache daselbst für die 
Verwaltung in Anwendung gebracht wurde. Hieran reihte sich das wichtige neue Grund- 
gesetz für die kroatisch -slavonische und serbisch-banatische Militärgränze. worin 
ebenfalls die Berechtigung der Nationalität und der Landessprache zur Geltung gebracht 
wurde, und die Auflösung der siebenbürgischen Militärgränze, deren (ohnehin meist 
zerstreutes) Gebiet mit dem Provinciale vereinigt wurde. Die organischen Grundsätze 
vom 31. December 1851 bedingten eine neue Organisation der Behörden, welche 
durch die mit tiefem staatsmännischen Blicke gepaarte rastlose Energie des Ministers 
Freiherrn von Bach bereits ihre Durchführung gefunden hat, ferner eine den obwal- 
tenden Verhältnissen entsprechende Gemeinde-Ordnung und die dem hervortretenden 
Interesse des ansässigen Erbadels und des Grundbesitzes eingeräumte Bepräsentation 
durch berathende Ausschüsse, worüber die näheren Bestimmungen demnächst zu er- 
warten stehen, nachdem im lombardisch - venezianischen Königreiche die früher 
bestandenen Central-Congregationen zu Mailand und Venedig mit Allerhöchster Ent- 
scbliessung vom 15. Juli 1855 wieder einberufen und die schon früher hergestellten 
Provinzial-Congregationen mit erweitertem Wirkungskreise bestätiget worden sind. 

Ausser diesen wichtigen, das gesammte Verwaltungsgebiet durchdringenden Be- 
formen, wurden noch viele einzelne, der Staatsverwaltung förderliche Anordnungen 
getroffen. Die bedeutendste von allen ist die (in das Gebiet der militärischen und 
polizeilichen ebenso, als in jenes der inneren Verwaltung einschlägige) Errichtung 
der Gendarmerie im gesammten Umfange des Beiches, wodurch die Wirksamkeit 
der untersten Behörden unterstützt, ja vielfach erst möglich gemacht, die Sicherheit 
der Person und des Eigenthumes, sowie die öffentliche Buhe und Ordnung aufrecht 
erbalten, oder, wo sie vorübergehend gestört war, wiederhergestellt wurde. Es darf 
wohl behauptet werden, dass keine der neuen Institutionen so unmittelbar folgenreich 
und wohlthätig wirkte, als namentlich für die Landbezirke die Einführung der 
Gendarmerie. Das öffentliche Medicinal- Wesen wurde auf einer den Verhältnissen 
angepassten Grundlage neu geordnet und eine neue Pharmakopoe sammt einer neuen 
Arznei-Taxe kundgemacht; hieran reihte sich die Verordnung, wodurch der Thierquälerei 
begegnet werden soll. Bei der sich entwickelnden Grossartigkeit der durch den Asso- 
ciations-Geist begründeten Unternehmungen erscheint das neue Vereinsgesetz von 
hoher Bedeutung, wodurch namentlich die auf Erwerb gerichteten Vereine gesetzlich 
geordnet, die Bechte der Theilnehmer sichergestellt und das Aufsichtsrecht derBegie- 
rung gewahrt wurden. Schliesslich ist noch der dem Verdienste durch die Gründung 
des Franz Joseph-Ordens und des Verdienstkreuzes zugewandten Aufmun- 
terung zu erwähnen, wodurch sich die Begierimg ein neues und vielfach wirksames 
Mittel zur Belohnung verdienter Männer und zur Förderung der Staatszwecke im Allge- 
meinen geschaffen hat. 



272 

Die eigentliche legislative Thäligkeit in Bezug auf Verfassung und Verwaltung beginnt, 
wenige an ihrem Orte anzuführende gesetzliche Bestimmungen ausgenommen , mit der Erlheilung 
der Reichsverfassung l ). In dieser Verfassung werden alle einzeln benannten Kronländer 
(§. 1) zur untheilbaren Erbmonarchie verbunden erklärt (§. 2) ; es wird ihnen ihre mit der 
Reichsverfassung vereinbare Selbstständigkeit gewahrt (§. 4); alle Volksstämme sind gleichbe- 
rechtigt und haben das Hecht auf Wahrung und Fliege ihrer Nationalität und Sprache (§. 5). Für 
die Thronfolge in der regierenden Dynastie werden die pragmatische Sanction und die öster- 
reichische Hausordnung aufrecht erbalten (§. 9). Für alle Völker des Reichs gibt es nur ein Reichs- 
Bürgerrecht (§. 23) , und für alle Reichsbürger besteht Gleichheit der Rechte (§§. 24 — 32). Die 
öfl'ent liehen Angelegenheiten sind entweder Gemeinde-, Landes- oder Reichs-Angelegenheiten (§§.33 
— 36). Die einzelnen Kronländer erhalten Statute oder Landesverfassungen, mit einer Vertretung 
auf Landtagen (§§. 70 — 83). Die Rechtspflege ist von der Verwaltung getrennt (§. 102); das 
Gerichtsverfahren ist öffentlich und mündlich; in Strafsachen gilt der Anklage-Process, über schwere 
Verbrechen erkennen Schwurgerichte (§. 103). Die übrigen Bestimmungen betreffen die gesetz- 
gebende Gewalt, den Reichstag, die vollziehende Gewalt, den Reichsrath, die richterliche Gewalt, 
das Beichsgericht, den Reichshaushalt und die bewaffnete Macht. Gleichzeitig wurden (für die 
deutschen und slavischen Kronländer mit Einschluss Dalmatien's) die Grundrechte der Freiheit de* 
Glaubens und des Cultus, der Freigebung des Unterrichtes und der Erziehung, des Anspruches auf 
die Pflege der nationalen Sprache für allgemeine Volksbildung, der Pressfreiheit, des Petitions- und 
Associations-Bechtes und der persönlichen Freiheit bekannt gemacht 2 ) und die (später zu erwäh- 
nenden) Bobot- Ah lösungs- und Jagd-Gesetze erlassen 3 ). 

Unter den mehrfältigen Gesetzen, welche zur Ausführung der Bestimmungen der Verfassung 
kundgemacht wurden, ist das wichtigste das provisorische Gemeindegesetz. Nachdem in Ueber- 
einstimmung mit dem Geiste dieses Gesetzes bereits früher die Aufhebung der Staats-Controle 
über die auf Kosten der Gemeinden bewerkstelligten Gemeindebauten erfolgt war *), erfloss 
dieses Gesetz selbst 5 ). Zufolge desselben ist die Gemeinde die Grundfeste des Staates ; ihr 
Wirkungskreis ist theils ein natürlicher, welcher die Interessen der Gemeinde umfasst, theils 
ein übertragener, in Bezug auf die Besorgung bestimmter öffentlicher der Gemeinde zuge- 
wiesener Geschäfte. Die Grundlage der Einrichtung ist die (aus einer oder mehreren Steuer- 
Gemeinden bestehende) Ortsgemeinde, deren Bewohner entweder Gemeindebürger, Gemeinde- 
Angehörige oder Fremde sind. Die Bepräsentanz der Ortsgemeinde ist der Gemeinde-Ausschuss; 
nach Aussen hin wird die Gemeinde von dem Bürgermeister vertreten, welcher auch den über- 
tragenen Wirkungskreis ausübt, indem er die Gesetze und Verordnungen kundmacht, die Ein- 
hebung und Abfuhr der directen Steuern vermittelt, hei dem Conscriptions- und Becrutirungs- 
Geschäfte mitwirkt und die Einquartier ungs- und Vorspanns-Angelegenheiten besorgt, die Verbrecher 
und Deserteure anhält und abliefert, die Anzeige begangener Verbrechen erstattet, über alle für 
die Staatsgewalt von Interesse erscheinenden Vorkommnisse berichtet, die Fremden-Polizei hand- 
habt, die Heimaths- und Aufenthaltsscheine ausfertigt, die Aufsicht auf Maass und Gewicht übt, und 
überhaupt alle durch Gesetze und Verordnungen oder durch Verfügung der Bezirksbehörde ihm 
übertragenen Amtshandlungen vollzieht. Der Gemeinde-Ausschuss wahrt die Interessen der Ge- 
meinde, wacht über die Vermögensgebarung, prüft den Voranschlag und die Schlussrechnung und 
sorgt (erforderlichen Falles durch Ausschreibung von Steuerumlagen bis zu einer gewissen Höhe) 
für die Befriedigung der Bedürfnisse der Gemeinde, worunter auch die erforderliche Bedeckung 



') Kais. Patent vom 4. März 1849. 

2 ) Kais. Patent vom 4. März 1849. 

3 ) Kais. Patente vom 4. und 7. März 1849. 

4 ) Minist. Erlass vom 18. Januar 1849. 

5 ) Kais. Patent vom 17. März 1849. 



273 

für die Kosten der Armenyersorgung, insoferne specielle Anstalten hierfür nicht ausreichen, sowie 
für die zur Erhaltung der inneren Ruhe und öffentlichen Sicherheit notwendigen Einrichtungen 
gehören; er bestimmt die Zahl and Bezüge der Gemeindebediensteten, ernennt die Verwaltungs- 
organe der Gemeinde-Anstalten und die eine Gemeindebestallung geniessenden Personen. Der 
Bürgermeister vollzieht die Beschlüsse des Gemeinde-Ausschusses, gebart mit dein Gemeindever- 
mögen innerhalb des genehmigten Voranschlages nach der ihm vorgezeichneten Art, legt dem Aus- 
schusse Rechnung' über Einnahme und Ausgabe, fertigt den Voranschlag an, übt die Discipliuar- 
Gewalt über Gemeinde-Beamte und Diener aus und handhabt die Local- (Reinlichkeits-, Gesund- 
heifs-. Sitllichkeits-, Gesinde-, Armen-, Bau-, Feuer-, Strassen- und Markt-) Polizei, dann 
die Aufsicht auf die Gemarkungen und die Fürsorge für die Sicherheit der Person und des Eigen- 
thunis: er hält die Bettelei hintan und ahndet die Uebertretungen der Polizei-Vorschriften mit Geld- 
bussen bis zum Betrage von 10 11., oder mit entsprechender Arbeitsauflage. Die Landeshaupt- und 
Kreisstädte, und auch andere bedeutende Städte, wenn sie darum nachsuchen, erhallen eigene Ver- 
fassungen. Endlich sollten auch alle in einem Bezirke und in einem Kreise liegenden Ortsgemeinden 
zu einer Bezirks- und einer Kreisgemeinde vereinigt und durch einen Bezirksausschuss und eine 
Kreisvertretung repräsentirt werden. Dieses Gemeindegesetz wurde für die deutschen und slavi- 
schen Kronländer (mit Dalmatien) wirksam erklärt; doch wurde bald nach dessen Erlassung 
verfügt, dass die Behörden mit der Durchführung sogleich und bis zur Einsetzung der neuen 
Behörden inne zu halten hatten, da in dieser Uebergangs-Periode die politischen Behörden mit 
dringenden Arbeiten allzusehr und aussergewöhnlich beschäftigt waren »)• Nach erfolgler Einsetzung 
der politischen Behörden und in der Zeitfolge derselben kam auch die Activirung der Gemeinde- 
Verwaltunoen zu Stande, wobei aber in einzelnen Kronländern von der anfänglich beabsichtigten 
Zusammenschlagung mehrerer früherer Gemeindekörper zu einer grösseren Ortsgemeinde vielfach 
wieder abgegangen wurde. In den ungrischen Ländern blieb es, mit theilweiser Modification, 
bei den früheren Einrichtungen, und im lombardisch - venezianischen Königreiche ward an der 
anerkannt trefflichen und durch fast hundertjährige Uebung bewährten Gemeindeverfassung •) 
nichts geändert. Durch besondere Verordnungen wurde den Gemeindevorstehern eine Instruction 
bezüglich der Vornahme gerichtlicher Amtshandlungen und der Besorgung von Verrichtungen der 
Staatsanwaltschaft ertheilt s) and die Vollstreckung ihrer Verfügungen geordnet *). 

Die Landes-Statute für die einzelnen Kronländer wurden bekannt gemacht, und zwar: 
für Oesterreich unter der Enns, Oesterreich ob der Enns , Salzburg, Steiermark, Kärnthen, 
Krain. Tirol und Vorarlberg. Böhmen, Mähren, Schlesien mit den kaiserlichen Patenten vom 
30. December 1849, für Görz, Gradisca und Istrien mit kaiserlichem Patente vom 25. Januar 
1850, für die Stadt Triest mit kaiserlichem Patente vom 12. April 1850, für Galizien und für 
die Bukowina mit den kaiserlichen Patenten vom 29. September 1850. 

In der Verfassung der Gesammtmonarchie, der einzelnen Kronländer und Gemeinden, trat 
durch die kaiserlichen Anordnungen vom 31. December 1851 eine wesentliche Aenderung 
ein. Schon mit Allerhöchstein Cabinetsschreiben vom 20. August 1851 hatte Seine Majestät 
der Kaiser das Ministerium allein und ausschliessend gegenüber dem Monarchen und der Krone 
verantwortlich erklärt und der Verantwortlichkeit gegenüber jeder anderen politischen Autorität 
enthoben, den Reichsrath ausschliessend als einen Rath des Monarchen und der Krone bezeichnet, 
und angeordnet, die Frage über den Bestand und die Möglichkeit der Vollziehung der Verfassung 
vom 4. März 1849 in reife und eindringliche Erwägung zu ziehen, wobei das Princip und der Zweck 



*) Minist. Erlass vom 29. Oclober 1849. 

-) Siehe : Die lombardische Gemeindeverfassung nach ihrer Entstehung und Ausbildung, ihrem Verfalle und 
ihrer Wiederherstellung dargestellt von Carl Czoernig, Heidelberg 1843. 

3 ) Minist. Verord. vom 28. Juni 1850 und 14. Mai 1851; Minist. Erlass vom 22. Juli 1830. 

4 ) Kais. Verord. vom 11. Mai 1851. 

I. 35 



274 

der Aufrechthaltung aller Bedingungen der monarchischen Gestaltung' und der staatlichen Einheit 
des Reiches als nnabweisliche Grundlage anzusehen sei •). Da nach dem Ergebnisse der hierüber 
gepflogenen Berathungen die erwähnte Verfassungsurkunde weder in ihrer Grundlage den Ver- 
hältnissen des österreichischen Kaiserstaates angemessen, noch in dem Zusammenhange ihrer 
Bestimmungen ausführbar sich darstellte, so wurde sie ausser Kraft und Wirkung gesetzt, 
jedoch die Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze und die bleibende Abstellung des 
bäuerlichen Unterthänigkeits- oder Hörigkeits-Verbandes und der damit verbundenen Leistungen 
gegen billige Entschädigung der Berechtigten ausdrücklich bestätigt. Um zu den Einrichtungen, 
wie sie die Bedürfnisse der Völker, die Bedingungen der Wohlfahrt aller Schichten derselben und 
die Sicherheit, Einheit und Macht des Staates erfordern, zu gelangen, schlug man die Wege der 
Erfahrung und der sorgfältigen Prüfung aller Verhältnisse ein, wornach in den wichtigsten und 
dringendsten Richtungen der organischen Gesetzgebung eine Reihe von Grundsätzen festgestellt 
wurde, welche durch nachfolgende besondere Gesetze zur Ausführung gelangen sollten •). Gleichzeitig 
wurden die für die deutschen und slavischen Kronländer unterm 4. März 1849 verkündeten Grund- 
rechte ausser Kraft gesetzt. Die einzelnen Puncte derselben sollen , so weit es nicht schon 
geschehen, durch besondere Gesetze geregelt werden; doch wurde ausdrücklich erklärt, dass jede in 
den genannten Kronländern gesetzlich anerkannte Kirche und Beligions- Genossenschaft in dem 
Rechte der gemeinsamen Religions-Uebung, der selbstständigen Verwaltung ihrer Angelegenheiten 
und dem Besitze ihrer Anstalten erhalten und geschützt werde •). 

Von den für die organische Gesetzgebung festgestellten (bereits S. 240 ff. wörtlich angeführ- 
ten) Grundsätzen beziehen sich auf die Verfassung und innere Verwaltung nachstehende: Die mit 
dem österreichischen Kaiserstaate vereinigten Länder bilden die untrennbaren Bestandteile der öster- 
reichisch-kaiserlichen Erbmonarchie. Die einzelnen Länder werden mit den alten historischen Titeln 
bezeichnet; ihr Umfang wird, vorbehaltlich der Aenderungen aus Verwaltungsrücksichten, erhalten. 
In jedem Kronlande sind landesfürstliche Bezirksämter aufzustellen, welche möglichst die verschie- 
denen Verwaltungszweige vereinigen; über diesen stehen in administrativer Hinsicht, wo das Bediirf- 
niss dafür eintritt, Kreisbehörden, und bei Abgränzung der Kreise wird auf die früher bestandenen 
Verbältnisse Rücksicht genommen. Den Kreisbehörden sind die Statthalterei (Landesregierung) 
und der Landes-Chef , jedes mit dem bezeichneten Wirkungskreise, übergeordnet. Als Ortsgemeinden 
werden die factisch bestandenen oder bestehenden Gemeinden angesehen; doch ist ihre Vereinigung, 
wo erforderlich, nicht ausgeschlossen. Der Unterschied zwischen Stadt- und Land-Gemeinden, und 
bei ersteren die frühere Eigenschaft und besondere Stellung der landesfürstlichen Städte ist zu 
berücksichtigen. Der vormals herrschaftliche grosse Grundbesitz, einzeln oder unter Vereinigung 
mehrerer anstossender Gebiete, kann unter bestimmten Bedingungen von dem Verbände der Ortsge- 
meinde ausgeschieden und den Bezirksämtern unmittelbar untergeordnet werden. Die Gemeindevor- 
stände unterliegen der Bestätijnin"' und nach Umständen selbst der Ernennung der Regierung: der 

O DO O O C i 

Bestätigung der letztern können auch in gewissen Fällen höhere Kategorien der Gemeindebeamten 
unterzogen werden. Die Gemeinden wählen nach besonders zu erlassenden Wahlordnungen ihre Vor- 
stände und Ausschüsse; beide erhalten ebenso, wie die Bezirksämter und Kreisbehörden, die früher 
bestandenen landesüblichen Benennungen. Der Wirkungskreis der Gemeinden soll sich im Allge- 
meinen auf ihre Gemeinde-Angelegenheiten beschränken; doch können sie und ihre Vorstände durch 
allgemeine oder besondere Anordnungen der landesfürstlichen Behörde zur Mitwirkung für öffent- 
liche Angelegenheiten verpflichtet, und andererseits wichtigere, in den Gemeinde-Ordnungen zu 
bezeichnende Beschlüsse der Gemeinden in ihren eigenen Angelegenheiten der Prüfung und Bestä- 
tigung der landesfürstlichen Behörden unterzogen werden. Die Oeffentlichkeit der Gemeindeverhand- 
lungen ist abzustellen. Die Gemeinden untersteben den Bezirksämtern und nur ausnahmsweise unmit- 



') Allerhöchstes Cabinetssehreihen vom 20. August 1851. 
~) Kais. Patent vom 31. December 1851. 



275 

telbar den höheren Verwaltungsbehörden. Diesen Grundsätzen gemäss sind für jedes Land den be- 
sonderen Verhältnissen desselben entsprechende Ordnungen für die Landgemeinden and die Städte zu 
bearbeiten, wobei au berücksichtigen ist, dass den überwiegenden Interessen auch ein überwiegender 
Eiufluss zugestanden und dem Grundbesitze nach Maass seiner Ausdehnung und seines Steuerwerkes 
innerhalb des Gemeindebezirkes, dem Gewerbebetriebe im Verhältnisse zum Grundbesitze, in den 
Stadtgemeinden insbesondere dem Hausbesitze, dann (so viel möglich) denCorporationen für geistige 
und materielle Zwecke das entscheidende Uebergewicht gesichert werde. Die Aufrechterhaltung der 
im lombardisch-venezianischen Königreiche bestehenden Gemeinde-Ordnung (vorbehaltlich allfälli- 
ger durch die Erfahrung hervorgerufener Verbesserungen) wird ausdrücklich zugesichert. Ueber 
den ständischen oder den mit einem zu bestimmenden Grundbesitze dotirten Erbadel, seine Vorzüge 
und Pflichten, werden in den Kronländern eigene Statute errichtet und die Stiftung von Majoraten 
und Fideicommissen erleichtert werden; die Vorschriften zur Erhaltung der bäuerlichen Güter- 
Complexe bleiben aufrecht. Den Kreisbehörden und Statthaltereien werden berathende Ausschüsse 
aus dem besitzenden Erbadel, dem grossen und kleinen Grundbesitze und der Industrie unter Beizie- 
hung auch anderer Factoren , wenn sie sich als wünschenswert!) darstellen, an die Seite gestellt 
und deren Objecto und Wirksamkeit bezeichnet. Die Vorstände der einbezirkten Gemeinden und die 
ausser denselben stehenden grossen Grundbesitzer sollen bei den Bezirksämtern für Zusammen- 
tretungen in ihren Angelegenheiten versammelt werden. 

Auf Grundlage dieser organischen Bestimmungen ist bereits die Organisation der Verwaltungs- 
Behörden in den einzelnen Kronländern erfolgt, wie S. 244 ff. erwähnt worden. Die Gemeinde- 
Ordnungen und die Statute für die Vertretung durch berathende Ausschüsse dürften demnächst be- 
kannt gemacht werden, da die Central-Congregationen zu Mailand und Venedig bereits mit Aller- 
höchster Entschliessung vom 15. Juli 1855 wieder einberufen und die Provinzial-Congregationen 
in ihrem Fortbestande und erweiterten Wirkungskreise bestätigt wurden. 

Im Einzelnen sind nachstehende gesetzliche Verfügungen zu erwähnen: 

Bezüglich der serbischen Nation wurde die oberste kirchliche Würde des Patriarchates, wie 
sie in den früheren Zeiten bestand und mit dem erzbischöflichen Stuhle von Karlowitz verbunden 
war, dann die Würde eines Wojwoden wieder hergestellt ')• 0' e Bezeichnung eines Grosswojwoden 
der serbischen Wojwodschaft wurde in den kaiserlichen Titel aufgenommen (zuerst im kaiserlichen 
Patente vom 7. April 1850). Die Wünsche der sächsischen Nation in dem (damals noch vom Bür- 
gerkriege heimgesuchten) Grossfiirstenthume Siebenbürgen in Bezug auf die unmittelbare Unter- 
stellung unter die Krone und den innigen Verband mit der Gesammtmonarchie wurden gewährt -). 
Bei Erledigung der (Band III, S. 120 umständlicher erwähnten) Vorlagen des kroatisch- 
slavonischen Landtages vom Jahre 1848 wurde, unter Bezeigung der Allerhöelisten Anerkennung 
für die von den Bewohnern dieser Königreiche dein Throne in der drangvollen Periode des Jahres 
1848 bewährte angestammte Treue und für die mit schweren Opfern unternommene Verteidi- 
gung der Bechte des Kaiserhauses durch gewaffnete Hand, die Unabhängigkeit dieser Kron- 
länder (mit Einschluss des kroatischen Küstenlandes und der Stadt Fiume) von Ungern, sowie die 
altherkömmliche Würde und Autorität des Banus bestätigt, und die National-Sprache als die Ge- 
schäftssprache bei den dortigen Landesbehörden erklärt, ohne dass jedoch hierdurch der Ge- 
schäftsverkehr der dortigen Landesbehörden mit den Behörden der übrigen Kronländer und der 
Central-Gewalt erschwert werde 3 ). 

Die Errichtung der Gendarmerie wirkte auch auf die innere Verwaltung durch die 
Sicherung und Befestigung der Wirksamkeit der unteren Behörden wohlthätig ein; bei der Polizei- 
und der Militär-Verwaltung wird darüber Näheres angeführt. 



') Kais. Patent vom 15. December 1848. 
•) Kais. Patent vom 21. December 1848. 
3 ) Kais. Patent vom 7. April 1850. 

35 



276 

Die öffentliche Medicinal-Verwal tung erhielt eine provisorische Organisation. Der 
Staat führt die oberste Leitung derselben; die hierauf bezüglichen Verfügungen werden in der 
Regel erst nach vorläufiger Abforderung eines Gutachtens von Sachverständigen erlassen und in 
Ausführung gebracht. Die selbstständige Wirksamkeit des Staates erstreckt sich auf alle jene 
Geschäfte, welche aus höheren sanitäts-polizeilichen Gründen oder wegen ihres Zusammenhanges 
mit eigentlichen Staatsgeschäften den Gemeinden nicht überlassen werden können; auch über- 
wacht der Staat die von den Gemeinden besorgten Sanitäts-Geschäfte. Die Leitung des Medicinal- 
AVesens steht den politischen Behörden zu, und zu diesem Behufe werden den Bezirksvorstehern 
Bezirksärzte, den Kreisvorstehern Kreisärzte, den Statthaltern (jetzt auch den Landes-Präsi- 
denten) ständige Medicinal-Commissionen, dem Minister des Innern ein Sanitäts-Referent und 
gleichfalls eine ständige Medicinal-Commission beigegeben; in grösseren Städten ist das Sanitäts- 
Wesen besonders geregelt. Nur derjenige Arzt kann in Zukunft als Bezirksarzt angestellt 
werden, welcher sich einer Prüfung aus der österreichischen medicinischen Polizei und gerichtlichen 
Medicin unterzogen hat. Der Bezirksarzt hat theils die ihm zugewiesenen Berichte zu prüfen, theils 
wird er zur persönlichen Nachsichtspflege und zur Führung der Aufsicht über die medicinisch- 
polizeiliche Wirksamkeit der Gemeinden, das Sanitäts-Personale und die Heilanstalten des Bezirkes, 
sowie über Handhabung der einschlägigen Vorschriften verwendet. Er hat bei Epidemien und über 
das Impfungswesen, bei Verleihung von Medicinal-Gewerben Vorschläge zu erstatten, die Apotheken 
zu untersuchen, in polizeilich und gerichtlich medicinischen Fällen Gutachten abzugeben, den Re- 
crutirungen beizuwohnen, über die Erhaltung des allgemeinen Gesundheitszustandes zu wachen, 
und am Sitze der Bezirksbehörde gewisse ärztliche Functionen auszuüben ; er hat auf die Bestel- 
lung von Geineinde-Aerzten hinzuwirken, und einen jährlichen Hauptbericht über die Vorkomm- 
nisse im Saniläts-Wesen zu erstatten. Die Obliegenheiten des Kreisarztes beziehen sich auf die 
Ueberwachung des Sanitäls-Personales und der sämnitlichen Sanitäts- und Heilanstalten im Kreise, 
auf die Handhabung der Medieinal - Gesetze , auf fachgemässe Mitwirkung bei der Leitung 
und Verwaltung des Sanitäts-Wesens durch Stellung von Anträgen in Personal- und Gewerbe- 
Ano-elegenheiten, Erstattung von Gutachten, Verfassung von Vorschlägen, Unterstützung des Kreis- 
Vorstehers bei der Leitung der öffentlichen Sanitäts-Anstalten; ferner hat er die Rechnungen über 
die vom Staate für Sanitäts -Anstalten bestrittenen Ausgaben zu prüfen und periodische Berichte 
zu erstatten. Die Medicinal-Commission ist der berathende und begutachtende Körper für die Me- 
dicinal-An"-ele«enheiten des Kronlandes-, sie besteht unter Vorsitz des am Sitze der Statthaltern 
oder Landesregierung befindlichen Medicinal-Bathes aus einer Anzahl von Aerzten, einem Wund- 
arzte , einem Apotheker und einem Thierarzte , ihre Mitglieder werden vom Ministerium ernannt. 
Auch dem bei dem Ministerium des Innern bestehenden (stets aus der Reihe der Aerzte gewähllen) 
Sanitäts-Referenten ist eine ständige Medicinal-Commission beigegeben, welche als der berathende 
und begutachtende Körper für die Medicinal-Angelegenheiten des ganzen Staates, unter seinem 
Vorsitze, den Referenten des Quarantäne- Wesens beim Handels -Ministerium, den ärztlichen 
Referenten beim Unterrichts-Ministerium als ständige Mitglieder, dann drei andere Aerzte, einen 
Wundarzt, einen Apotheker und einen Thierarzt, welche Mitglieder vom Minister des Innern auf je 
drei Jahre ernannt werden, in sich begreift 1 ). Eine neue Ausgabe der österreichischen Phar- 
makopoe wurde veranstaltet, nach welcher vom I. Januar 1853 alle Apotheker zu dispensiren und 
alle Heilpersonen sich zu benehmen haben 2 ). Ferner wurde eine neue österreichische Arznei-Taxe 
erlassen, und deren Anwendung vom 1. Februar 1855 an verordnet, wobei zugleich die Artikel, 
welche von dem Apotheker nur gegen ordentliche Versehreibung eines hierzu berechtigten 
Arztes, Wundarztes oder Thierarztes ausgefolgt werden dürfen, bezeichnet, und die nöthigen 
Sicherungsmaassregeln gegen eine Uebervortheilung des Publikums, nebst einer angemessenen 



') Minist. Verord. vom 1. October 1850. 
-) Minist. Verord. vom 20. October 1854. 



277 

Straf-Sanction gegen die Zuwiderhandelnden, vorgeschrieben wurden 1 ). — Durch eine eigene 
Belehrung über die nothwendigen Yorsichlsmaassregeln, um den Ausbruch der Wulh bei Thieren 
und der Wasserscheu bei Menschen zu verhüten, wurden die Mittel, um jene furchtbaren Uebel 
hintanzuhalten, zur allgemeinen Darnaehachtung bekannt gegeben 2 ). 

Da das während der letzten Wirren entstandene Institut der Nat ional-Gard e, ungeachtet 
mancher an einigen Orten zur Erhaltung der Ordnung geleisteten Dienste, im Ganzen weder nach 
der inneren Organisation dem Zwecke entsprochen, noch als eine mit der nachhaltigen Befestigung; 
der öffentlichen Zustände vereinbarliehe Hinrichtung sich bewährt hat, wurden die unter dem 
Namen der Xational-Garde gebildeten bewaffneten Körper innerhalb des ganzen Umfanges des 
Reiches ausser Wirksamkeit gesetzt. Dagegen wurde gestattet, dass in jenen Orten, wo es zu- 
folge früherer Bewilligungen Bürger- oder Schützen-Corps gibt, diese Corps, vorbehaltlich einer 
entsprechenden Revision ihrer Statuten, auch fernerhin fortbestehen. Wo dieselben neuerlich 
zeitweilig ausser Wirksamkeit gesetzt wurden, bleibt die Entscheidung darüber, ob und in 
welcher Weise ihre Beactivirung stattzufinden hat, ebenso wie für Orte, an welchen dieselben 
bisher nicht bestanden, die Ertheilung neuer solcher Bewilligungen Seiner Majestät dem Kaiser 
vorbehalten 3 ). 

Die Bestimmung der organischen Grundsätze vom 31. December 1851, dass die Oeffent- 
lichkeit der Geineindeverhandlungen, mit Ausnahme besonderer feierlicher Acte, abzustellen ist, 
wurde für alle Kronländer sofort in Wirksamkeit gesetzt '*). 

Bei der grossen Entwicklung, welche die Anwendung des Associations-Princips in der neue- 
sten Zeit, namentlich auf volkswirtschaftlichem Gebiete, gewonnen hat, war es von hoher Wich- 
tigkeit, über die Bildung der Vereine eine den heutigen Zuständen entsprechende Vorschrift zu 
erlassen. Für die deutschen und slavischen Kronländer war bereits früher eine provisorische 
Anordnung 5 ) bezüglich des Vereinigungs- und Versammlungs-Rechtes erlassen worden, welche 
sich indess zunächst auf politische Vereine bezog und nur eine zeitweilige Geltung haben sollte. 
Mit dem durch das kaiserliche Patent vom 26. November 1852 bekannt gemachten für den ganzen 
Umfang des Reiches (die Militärgränze ausgenommen) giltigen neuen Vereinsgesetze wur- 
den die früheren Vereins-Directiven vom 19. October 1843 und 17. März 1849 und das ungrische 
Gesetz vom Jahre 1840 aufgehoben, und neue auf alle Arten von Vereinen Bezug nehmende gesetz- 
liche Vorschriften erlassen. Zufolge derselben ist die besondere Bewilligung der Staatsverwaltung 
zur Errichtung aller Arten von Vereinen erforderlich, 1. wenn sie nach den vorhinein verabredeten 
Gesellschaftsregeln (Statuten) den Eintritt in den Verein Jedermann, der die festgesetzten Bedin- 
gungen erfüllt und sich den Statuten unterwirft, gestatten, mag die Anzahl der Mitglieder be- 
stimmt sein oder nicht; 2. wenn sie Actien-Vereine sind; 3. wenn der Verein nach seiner Beschaf- 
fenheit unter die Anwendung einer bestimmten Vorschrift fällt, welche die vorläufige Einholung 
der Bewilligung der Staatsverwaltung anordnet. Letztere ist insbesondere erforderlich: bei 
Vereinen a) für die Förderung der Wissenschaften und Künste; b) für die Ermunterung der volks- 
wirtschaftlichen Beschäftigungen in ihren allgemeinen Beziehungen; c) für die Unterhaltung regel- 
mässiger Transports- Verbindungen, namentlich durch Dampfschifffahrt; d) für den Bau und die Er- 
haltung von Eisenbahnen, Brücken, Land- und Wasserstrassen; e) für Bergwerksunternehmun- 
gen; f) für Colonisirungen; g) für Credits-Anstalten; h) für Versicherungsanstalten; i) für allge- 
meine Versorgungs- und Benten-Anstalten; k) für Sparcassen ; 1) für Pfandleihe- Anstalten : m) für 
Ausdehnung eines bewilligten Vereines auf Errichtung von Filialen. Die Bildung von Vereinen, 



') Minist. Verord. vom 22. December 1854. 

2 ) Minist. Erlass vom 26. Mai 1854. 

3 ) Kais. Patent vom 22. August 1851. 

4 ) Minist. Verord. vom 15. Januar 1852. 

5 ) Kais. Patent vom 17. März 1849. 



278 

welche sich Zwecke vorsetzen, die in den Bereich der Geseizirebun«; oder der öffentlichen VerwaKuna: 
fallen, ist untersagt. Die Bewilligung zur Errichtung von Vereinen wird entweder von Seiner Maje- 
stät dem Kaiser (in den unter a, h, f, g, i und m aufgeführten Fällen, bei Vereinen zu Eisenbahn- 
und Dampfschifffahrts-Unternehmungen, dann solchen Gesellschaften, wo es sich um eine besondere 
Begünstigung oder Abweichung von den allgemeinen Vorschriften handelt), oder von dem Ministe- 
rium des Innern (bei den unter c, d, mit Ausnahme der Eisenbahn- und Dampfschifffahrts-Unter- 
nehmungen , e, h, k, I aufgeführten, dann bei Aclien- und bei solchen Vereinen, deren Wirk- 
samkeit sich auf das Verwaltungsgebiet zweier oder mehrerer Kronländer erstreckt), nach gepflo- 
genem Einvernehmen mit der obersten Polizei-Behörde und eventuell jenem anderen Ministerium, 
dessen Wirkungskreis der Verein berührt, oder von der politischen Laudesstelle des bezüglichen 
Kronlandes (bei allen anderen Vereinen) ertheilt. Bergbau-Unternehmungen sind nach dem beste- 
henden Berggesetze zu behandeln. Die Bewilligung zur Errichtung von Vereinen kann nur dann 
ertheilt werden, wenn der Zweck des Vereines erlaubt ist, die Bewilligungswerber für die aufrechte 
Ausführung des Unternehmens Beruhigung gewähren, und der Plan des Unternehmens, sowie dessen 
Belege den gesetzlichen (in dem kaiserlichen Patente näher angegebenen) Anforderungen und 
den eintretenden öffentlichen Bücksichten entsprechen. Auch kann das Gesuch um die Ermäch- 
tigung zu den vorbereitenden Maassregeln behufs der Errichtung eines Vereines gestellt werden, 
doch darf aus der hierzu erhaltenen Bewilligung noch kein Becht auf die Bewilligung zur Errich- 
tung des Vereines selbst hergeleitet werden. Aber auch letztere hat nur die Bedeutung einer Zu- 
lassung und schliesst keineswegs die Erklärung in sich, dass die Staatsverwaltung die Einrichtung 
des Unternehmens und die zur Erreichung des Zweckes gewählten Mittel entsprechend finde, oder 
dass das Unternehmen die davon erwarteten Vortheile gewähren werde; es ist Sache der Theilnehmer, 
sich hiervon selbst die erforderliche Ueberzeugung zu verschaffen. Aenderungen der Statuten unter- 
liegen denselben Anordnungen, wie die ursprüngliche Bewilligung. Der Anspruch über die Auflösung 
eines Vereines (welche eintritt, wenn die Bewilligung nicht vorhanden war oder nicht mehr besteht, 
wenn die wesentlichen, ausdrücklich voraus bestimmten Bedingungen nicht gehörig erfüllt wurden, 
oder wenn Gesetze oder öffentliche Bücksichten die Zurücknahme eines solchen Befugnisses im Allge- 
meinen [auch bei Privaten] erforderlich machen) steht überall der politischen Landesstelle zu; wo die- 
selbe eintritt, muss in Bezug auf das Vereinsvermögen die gesetzliche Vorkehrung eingeleitet werden. 
Zur Anerkennung ausgezeichneter Verdienste ohne Unterschied des Standes und zur Aufmun- 
terung aller Classen der Staatsbürger zu gemeinnützigem segensreichem Wirken für das Vaterland, 
wurde von Seiner Majestät dem Kaiser mit der Allerhöchsten EntSchliessung vom 2. December 1849 
der Franz Joseph-Orden gestiftet, dessen Statuten mit dem kaiserlichen Patente vom 25. De- 
cember 1850 wesentlich erweitert wurden. Ausgezeichnete Verdienste, ohne Bücksicht auf Geburt, 
Beligion und Stand, gewähren den Anspruch zur Aufnahme in den Orden; die Verleihung des 
Ordens an Ausländer haben sieh Seine Majestät besonders vorbehalten. Die Zahl der Ordensmit- 
glieder (welche aus Grosskreuzen, Comlhuren und Bittern bestehen) ist unbestimmt : die Würde des 
Grossmeisters ist mit der Krone des Kaiserreiches verbunden. Die Verleihung des Ordens begründet 
keinen Anspruch auf einen Adelsgrad oder auf eine sonstige erbliche Auszeichnung. Vorstand 
der Ordenskanzlei ist der aus den Ordensmitgliedern zu ernennende Ordenskanzler, unter welchem 
der Ordens -Archivar steht *). Statt der früher üblichen Civil-Verdienst-Medaille wurde mit 
der Allerhöchsten Elitschliessung vom 16. Februar 1850 ein Verdienstkreuz gestiftet, welches 
von Seiner Majestät dem Kaiser verliehen wird, und aus den vier Abstufungen des goldenen 
Verdienstkreuzes mit der Krone und des goldenen Verdienslkreuzes, dann des silbernen Verdiensf- 
kreuzes mit der Krone und des einfachen silbernen Verdienstkreuzes besteht. Die Form des 
Verdienstkreuzes ist jene des Franz Joseph-Ordens, jedoch ohne Adler und Kette 2 ). 



') Kais. Patent vom 2. December 1849 und Minist. Verord. vom 16. Februar 1850. 
s ) Minist. Verord. vom 16. Februar 1830 und kais. Verord. vom 25. December 1850. 



279 



§. 102. 



F o r l s e l z u n g. 



OefFentliche Sicherheit. 

Bei der (mit Allerhöchster EntSchliessung vom 25. April 1852) erfolgten Bildung 
der obersten Polizei-Behörde wurden die auf die Erhaltung der öffentlichen Ruhe, 
Ordnung und Sicherheit Bezug nehmenden Agenden von dem Ministerium des Innern 
(welchem sie seit Auflösung der bis zum J. 1848 bestandenen obersten Polizei-Hofstelle 
zugewiesen waren) ausgeschieden und an die erstere übertragen. Die wichtigste Einrich- 
tung, welche im Umfange dieses Verwaltungszweiges vor sich ging, besteht in der 
Errichtung von Polizei-Dir ectionen in den ehemals ungrischen Ländern, und in 
der Ausdehnung der Wirksamkeit der polizeilichen Central-BehÖrde auf diese Länder. 
Zunächst berührt diesen Verwaltungskreis die Errichtung der Gendarmerie im 
ganzen Beiche auf Grundlage der entsprechenden in der Lombardie und in Südtirol 
bestandenen Einrichtung. Es musste ein Executiv-Körper geschaffen werden, durch 
welchen den (nunmehr vom Staate bestellten) Organen der richtenden und vollzie- 
henden Gewalt eine materielle Kraft zur Verfügung gestellt wird, womit sie Ruhe, Ord- 
nung und Sicherheit aufrecht zu erhalten und verbrecherischen Bestrebungen entgegen- 
zutreten vermögen; dieser Körper hatte eine Landes-Sicherheitswache zu bilden, 
welche eine in sich zusammenhängende Ordnung, eine von einein Mittelpuncte aus- 
gehende Leitung und eine gleichmässig kräftige Wirksamkeit erhalten sollte: im In- 
teresse der richterlichen Gewalt mussten derselben die Geschäfte der Erforschung 
von Verbrechen , des Auftindens der Uebelthäter und der materiellen Hilfeleistung bei 
Vollstreckung der gerichtlichen Entscheidungen anvertraut werden, im Interesse der 
vollziehenden Gewalt hatte sie sich bei Ueberwachung der Fremden, der öffentlichen 
Versammlungen, bei der Handhabung der Local-Polizei und selbst zur Controle anderer 
Wachkörper, wie der Gemeinde- und Stadt wachen, zu verwenden. 

Die gegen den Missbrauch der Presse seit dem Jahre 1848 bestandenen gesetz- 
lichen Bestimmungen hatten sich als unzulänglich erwiesen, wesshalb eine Revision 
derselben eintreten musste. Schon bei der Vervollständigung des allgemeinen Straf- 
gesetzes war darauf Bedacht genommen worden, in dasselbe alle durch Missbrauch 
der Presse begangenen Verbrechen und Vergehen einzubeziehen , wornach zur voll- 
ständigen Ordnung dieses wichtigen Theiles der Gesetzgebung nur noch die Erlassung 
der polizeilichen Vorschriften zur Beaufsichtigung der Presse und Regelung der damit 
in Verbindung stehenden Gewerbszweige erübrigte. Diess erfolgte durch die neue 
Press-Ordnung vom 27. Mai 1852, welche die Vorschriften enthält, nach welchen 
die inländische Presse und namentlich die periodische, mit Beseitigung jeder Censur, ge- 
regelt und überwacht wird. Als Ergänzung der Press-Ordnung dient die neue Theater- 
Ordnung, behufs der Beaufsichtigung der theatralischen Vorstellungen jeder Art. 
Eine durch den zunehmenden Verkehr und durch die Einbeziehung der ungrischen Länder 
unter die Central-Leitung der obersten Polizei-Behörde erforderlich gewordene Ver- 
vollständigung (und beziehungsweise Ausdehnung) der pass-poli zeilich en Vor- 



280 

schrit'ten, die in Oesterreich reisenden oder daselbst sich aufhaltenden Ausländer 
betreffend, erfolgte durch die bezügliche im Jahre 1853 erlassene Vorschrift. 

Die Errichtung der Gendarmerie ging auf nachstehender Grundlage vor sich. Es wird für 
alle Kronländer der Monarchie eine militäriseh-organisirte, zum Theile berittene Gendarmerie errich- 
tet, welche dem Armee-Oberconmiando und der obersten Polizei-Behörde (ursprünglich den Mini- 
sterien des Krieges und des Innern) untergeordnet ist, und deren Dienslverrichtungen als jene eines 
polizeilichen Organs der Behörden auf der Grundlage der Statuten der lombardischen Gendarmerie 
vorzuzeichnen sind. In Wien wird eine General-Inspection der gesammten Gendarmerie aufgestellt, 
das ganze Wach-Institut in Begimenter nach fortlaufenden Zahlen, die Regimenter aber in kleinere 
Truppen-Körper abgetheilt, bei welcher Eintheilung auf die Territorial- und Bevölkerungs-Ver- 
hältnisse in den einzelnen Kronländern, sowie auf die polilische und gerichtliche Organisalion 
derselben Bücksicht genommen, das Dienstverhältniss zu den Civil - Behörden festgesetzt, und 
die Gesammtstärke des Wach - Institutes (ursprünglich auf die Zahl von 13, später erhöht) 
auf 19 ») Begimenter, jedes zu 1.000 Mann, festgestellt ist. Die Aufstellung der Gendarmerie in 
einem Kronlande gab sohin die näheren erfahrungsgemässen Daten zur Vervollständigung der Ein- 
richtung. Die Capitulations-Zeit wird nach den Militär-Vorschriften bestimmt, nach welchen auch die 
Beförderungen in der Gendarmerie geregelt werden, bei Besetzung der Officiers-Stellen nach vor- 
ausgegangenem Einvernehmen des Annee-Obercommando's mit der obersten Polizei-Behörde 2 ). 
Die Mannschaft wurde aus den best-conduisirten Leuten der activen Armee gewählt , und mit 
einer dem beschwerlichen und verantwortlichen Dienste entsprechenden namhaft erhöhten Löhnung 
bedacht. Nur allmählich konnte dieses wichtige Institut über alle Theile des Beiches ausgedehnt 
werden; allenthalben, wo es errichtet wurde, erschien es als eine Wohlthat für die ordnungs- 
und ruheliebende Bevölkerung, und seine bisherigen Leistungen (welche namentlich in dem kaum 
aus dem Bevolutions-Zustande getretenen Königreiche Ungern sehr viel zur Wiederherstellung 
der öffentlichen Sicherheit beitrugen) lassen erkennen, wie die Erhaltung eines geordneten Zu- 
standes insbesondere in den Land-Districten der rastlosen Wirksamkeit der Gendarmerie zuzu- 
schreiben ist 3 ). 

Mittelst einer für alle Kronländer (mit Ausnahme des lombardisch-venezianischen Koni«- 
reiches) giltigen Vorschrift wurde eine Theater-Ordnung erlassen 4 ). Zufolge derselben dürfen 
theatralische Vorstellungen jeder Art in der Begel nur in Theater-Gebäuden oder in hierzu beson- 



*) Minist. Verord. vom 18. Januar 1850 und 20. Mai 1834. 
-) Kais. Verord. vom 8. Juni 1849. 

3 ) Eine nähere Einsicht in diese Wirksamkeit gewährt die ziffermässige Angabe der von der Gendarmerie 
seit ihrer Errichtung rollbrachten Leistungen aller Art. Dieselbe bewerkstelligte in den Jahren: 

1850 1851 1953 1853 1*5!» 

Aufgreifungen, Verhaftungen und Anzeigen: 
I. bei Verbrechen 

a) gegen den Staat . 510 7G7 1.039 8.631 3.693 

b) gegen die Personen 1.558 2.558 4.191 5.265 8.156 

e) gegen das Eigenthum 7.032 21.807 42.510 50.761 82.791 

II. bei Vergehen und Ueberlretungen . . 62.909 96.699 198.977 476.557 919.044 

Auffindungen von Leichen, Verwundeten 

und Kranken 705 1.347 1.898 2.570 3.308 

Dienste sonstiger Art (Hausdurchsuchun- 
gen, Gerichtsvorladungen, beiConscrip- 

üonen etc.) 25.334 20.109 33.742 52.266 75.129 

Die Zunahme der Leistungen bis zum Jahre 1854 rührt hauptsächlich von der Vermehrung der Zahl 
der Gendarmen und der Ausdehnung ihrer Wirksamkeit über ein grösseres Gebiet her. 
') Minist. Verord. vom 25. November 1850. 



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ders concessionirten Räumlichkeiten von den mit persönlicher Befugniss versehenen Unter- 
nehmern zur Aufführung gebracht werden. Bewilligungen zu einzelnen Vorstellungen von Dilet- 
tanten ertheilt der Kreisvorsteher und, wo eine Polizei-Direetion besteht, der Polizei-Direetor. 
Jede Bühnen -Produclion bedarf vor ihrer ersten Darstellung der Aufluhrungsbcwilligun»- von 
Seite des Statthalters, für deren Einholung und genaue Beachtung der Unternehmer verant- 
wortlich bleibt. Die erlangte Bewilligung ist nur für den Unternehmer und die Bühnen giltig, die 
darin ausdrücklich genannt sind; wurde jedoch die Aufführung in einer Kronlands-Hauptstadt be- 
willigt, so können die Productionen auf allen anderen Bühnen desselben Kronlandes gegeben wer- 
den. Die ertheilte Bewilligung kann aus Beweggründen der öffentlichen Ordnung zurückgenommen 
werden. Die Staats-Sicherheitsbehörde hat darüber zu wachen, dass die Vorstellung nur über die 
ertheilte Bewilligung und in Uebereinstimmung mit derselben stattfinde, und dass der Act der Auf- 
führung nichts Anstüssiges und den öffentlichen Anstand Verletzendes enthalte; dieselbe ist überhaupt 
berufen, für die Aufrechthaltang des Auslandes, der Ruhe und Ordnung während der Darstellung 
zu wachen und alle Störungen des öffentlichen Vergnügens fern zu halten. Bei dringenden Rück- 
sichten kann sie die Aufführung eines Bühnenwerkes ganz oder theilweise untersagen, die Forl- 
setzung einer begonnenen Darstellung einstellen, und in ausserordentlichen Fällen das Gebäude 
räumen und schliessen lassen. Gegen die Entscheidung der Sicherheilsbehörde steht dem Unter- 
nehmer die Berufung an den Statthalter, und gegen die Entscheidung des letzteren der Recurs an 
die oberste Polizei-Behörde zu. Auf die Uebertretung dieser Bestimmungen sind Geldstrafen bis zu 
500 fl., bei erschwerenden Umständen überdiess mit Arrest bis zu 3 Monaten verbunden, gesetzt. 
Einzelne anstössige Abweichungen von dem genehmigten Texte (Extemporirungen) sind nach Maass- 
gabe der hervorleuchtenden üblen Absicht an dem Schuldtragenden mit einer Ordnungs-Strafe von 
5 — 50 fl. zu ahnden. 

Mit dem kaiserlichen Patente vom 27. Mai 1852 wurde, unter Aufhebung des Gesetzes 
vom 13. März 1849 gegen den Missbrauch der Presse, für sämmtliche Kronländer (mit Aus- 
nahme der Militärgränze) eine neue Press - Ordnung erlassen. Die Vorschriften derselben 
gelten nicht nur für die Erzeugnisse der Druckerpresse, sondern für alle durch mechanische 
oder chemische Mittel vervielfältigten Erzeugnisse des Geistes und der bildenden Künste. Jede 
Druckschrift muss mit dem Namen des Druckers, des Verlegers, des Herausgebers, wo ein 
solcher erscheint, sowie mit der Angabe des Druckortes und der Zeit des Erscheinens be- 
zeichnet sein; bei den einzelnen Zeitungsnummern kömmt noch der Name des Redacteurs hinzu. 
Der Drucker vereinigt in sich auch die Verantwortlichkeit des Verlegers, wo dieser nicht (oder 
fälschlich) genannt ist. Von jedem einzelnen Blatte einer periodischen Druckschrift, dann von 
den zu Ankündigungen bestimmten Druckschriften hat der Drucker (oder der Verleger , wenn 
dieser sie herausgibt) spätestens eine Stunde vor der Herausgabe oder der Versendung am Orte 
des Erscheinens ein (von dem Redacteur unterschriebenes) Exemplar bei der Sicherheitsbehörde 
und bei dem Staatsanwälte, wo ein solcher besteht, zu hinterlegen. Von jeder anderen Druck- 
schrift hat diese Hinterlegung spätestens 3 Tage vor ihrer Ausgabe oder Versendung zu erfolgen. 
Von jeder im blande erscheinenden Druckschrift hat der Verleger binnen S Tagen nach der Ausgabe 
je ein Pflicht-Exemplar an das Ministerium des Innern, an die oberste Polizei-Behörde, an die k. k. 
Hofbibliothek und an die zu bezeichnende Bibliothek im Kronlande selbst abzugeben; von den pe- 
riodischen Druckschriften erhält bei der Ausgabe auch der Statthalter ein Pflicht-Exemplar. Druck- 
schriften für den Geschäfts- und Privat-Verbrauch sind davon ausgenommen; bei Druckwerken von 
besonders kostspieliger Ausstattung wird das Pflicht-Exemplar (mit einem angemessenen Percenten- 
Abschlag vom Ladenpreise) vergütet. Die Berechtigung zur Erzeugung, zur Herausgabe und zum Ver- 
lage einer Druckschrift wird nach dem Gewerbsgesetze ertheilt. Die Verbreitung derselben darf nur 
von Personen, die nach diesem Gesetze dazu berechtiget sind, und zwar nur in ihren regelmässigen 
Verkaufsstätten unternommen werden. Das Hausiren mit Druckschriften, das Ausrufen und Aus- 
bieten derselben ausserhalb des Gewerbs-Locales ist untersagt, ebenso ohne besondere Bewilligung 
I. 36 



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der Sicherheitsbehörde das Anschlagen und Aushängen derselben in den Strassen: ausgenommen 
davon sind Kundmachungen rein örtlichen oder gewerblichen Inhalts, für welche jedoch die Plätze 
bestimmt sind, ebenso die hierzu verwendeten, mit einem Erlaubnissscheine zu versehenden Individuen. 
Ohne einen solchen Erlaubuissschein ist auch das Sammeln von Subscribenten verboten. An Orten, 
wo es erforderlich ist, kann vom Statthalter, von der Polizei-Direction oder dem Kreisvorsteher ein- 
zelnen vertrauenswerthen Personen eine Verkaufs-Licenz für bestimmte periodische Druckschriften, 
Gebetbücher etc. ertheilt werden. Zur Herausgabe einer periodischen Schrift (d. i. einer solchen, 
welche mindestens einmal im Monate erscheint) ist eine besondere Bewilligung der obersten Po- 
lizei-Behörde (bei cautions-pflichtigen) oder des Statthalters (bei den übrigen) erforderlich. Bei 
der Bewerbung um diese Concession muss der Name und Wohnort des Verlegers und (eventuell) 
des Herausgebers, die Gewerbeberechtigung des Verlegers und dessen Domicil im Orte der Her- 
ausgabe, der Name und Wohnort des Redacteurs, das Vorhandensein der gesetzlichen Eigenschaf- 
ten desselben, de