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Full text of "Deutsche exlibris und andere kleingraphik der gegenwart"

UTSCHE EXLIBRIS 



ANDERE KLEINGRAPHIK 
DER GEGENWART 

VON 
RICHARD BRAUNGART 




994 
.G37 I 



UGO SCHMIDT vuki.AG MUNCHEN 



V 



w 






ALFRED LORENTZ 

BUCHH ANDLUNG u. ANTIQUARIAT 

LEI PZIGC1.KjRpgmzsrri.io 



RICH. BRAUNGART/ DEUTSCHE KXLIBR1S 



DEUTSCHK K\ LIBRIS 

UNO ANDERE KLEINGRAPHIK 
DER GEGENWART 

VON 
RICHARD BRAUNGART 





HL(jQ SCHMIDT V l< 1< I \(, MCNCHEN 



Copyright 192; by Hugo Schmidt Verlag Miinchen 

Alle Rechte, insbesondere cins dcr Ubersetzung vorbehalten 

RICHARD BRAUNGART HUGO SCHMIDT 

Druck von F. Bruckmann A.d., Miinchen 




l>csui:li:>kurtc von Hans Volkcri 



Iii Her Vorstcllung cincs groticn Tciles des Publi- 
kums 1st die Graphik cine Kunst /\\ eiten, \\ cnn nicht 
noch geringercn Ranges. An erster Stelle in dcr Gunst 
der Mcngc steht die Olmalcrci, vor dcr die I ..cute aus 
nicht immer genau feststellharen Griinden einen ge- 
ualtigcn Respekt haben. Auch mcincn viclc, Malerei 
sei an und fiir sich Icichtcr xu vcrstchcn als Plastik 
und (iraphik, bei denen das Tcchnischc oft bctriicht- 
liche Schwierigkeiten macht. Von der Olmalerei abcr 
glaubt jedergenug xu u issen, ummitreden xu konnen. 
L'nd doch gerieten die meisten schr in N'erlegenhcit, 
\\enn sic den Vorgang dcr EntStehung cincs Ol- 
bildes mit alien l-linxelheitcn genau schildern solltcn. 
Gleichviel: es gilt nun cinmal als ausgemacht, daft 
,,man" von der Malerei etwas verstehe. Dagegengeht 



man dcr Plastik mit cincr gcwisscn Schcu aus dem 
Wege. Man furchtet wohl auch, sich in ihrcm Bercich 
zu langweilcn. Und an die Graphik mufi man den 
Durchschnittskunstfreund, der fur jedesmittclmafiigc 
Bild leicht zu begcistern 1st, erst mit sanfter Gewalt 
heranfiihren. Weil zur Herstellung von Graphik nur 
Papier und ein bifichen Druckfarbe notig ist, so er- 
scheint ihm das ganze Genre von vornhcrein mindcr- 
wcrtig. Kin Bild aber ist in den Augen des Kunst- 
philisters schon deshalb mehr wert als einDruck, \vcil 
es mit teurcn Farben auf ebenso teure Leinwand gc- 
malt ist und in der Regel noch in cinem Goldrahmen 
steckt, der, wic man zu sagen pflegt, allein den fur 
das Bild geforderten Preis wert ist. Gegen solchc 
Vorziige kann die allzeit bescheidene Graphik natiir- 
lich nicht auf kommen. Und sie mufi es sich also schon 
gefallen lassen, dafi viele, die nur Matericlles zu schiit- 
zcn vermogen, nicht eben hoch von ihr denkcn. 
Mit solchen ,,Kennern" zu rechten oder auch nur 
versuchen zu wollen, sie von der Verkehrtheit ihres 
Urteils zu iiberzeugen, ware vollkommen aussichtslos. 
Trotzdem kann cs uns nicht gleichgiiltig sein, wie 
das Publikum, und noch dazu dauernd, iiber diesc 
Dinge denkt. Denn Vorurteile der geschilderten Art 
werden die Entwicklung zwar nicht aufhalten, aber 
sie konnen sie crheblich erschwercn. Und noch 
schlimmer ist vielleicht, daft auf diese Weise kost- 
bares Volksgut oder Dingc, die es zu sein verdienten, 
nicht nach ihrem Werte gcnutzt werden konnen. 
Solange das Publikum nicht davon zu iiberzeugen ist, 
daft cine Radierung oder ein Holzschnitt eine ebenso 

6 







Kxlibris von Max k'linger t 

hohc odcr sogar cine hohcre kiinstlerische Leistung 
sein kann als cin Olbild, \vird die Graphik nicht aus 
ihrem Aschenbrodeldasein erlost \verden. 
Ich hore nun sagen, dafi v\ ir doch eigentlich gerade 
gegenwartig in ciner /cit dcr ungeu ohnlichcn Hoch- 

7 



schatzung der Graphik leben. Man \\eist auf die 
viclcn graphischen Kabinette hin, dieselbstandigoder 
alsTcile bckanntcr Kunsthandlungen im letztenjahr- 
zehnt ctwa erofFnet worden sind, crinnert an den 
grofien Umsatz der Firmen, deren Spezialitat die 
Graphik ist, an das weitreichende Interesse, das alle 
graphischen A usstellungen und Veranstaltungen sogar 
in stets steigendem Grade finden, und nicht zuletzt 
an den gewaltigen Bedarf unserer Zeit an Gebrauchs- 
graphik jeder erdenklichen Art. Das hat bis zu einem 
gev\ issen Grade seine Richtigkeit. A her die Gebrauchs- 
graphik, wic sie vor allem in der Werbegraphik (im 
Plakat und in jeder anderen Art von Geschaftsgraphik) 
gegeben ist, schaltet hier wohl zunachst und iibcr- 
haupt ausj derm ihr Zweck ist ja nicht in erster Linie 
diekiinstlerische, sondern die Reklame-Wirkung. Alle 
anderc Graphik aber bleibt, so sehr auch die erhohte 
Betriebsamkeit um sie herum Gegenteiliges vor- 
tauschen mochte, doch dauernd auf einen verhaltnis- 
mafiig kleinen Kreis von Kennern und Sammlern be- 
schriinkt, die nicht das Olbild als Universalmafistab 
nehmen, sondern die Graphik absolut zu \v erten ge- 
lernt haben. Man mag das noch so sehr bedauern; aber 
die\ r orbedingungen fiireineallgemeineBesserungder 
Lage auf diesem Gebiet sind heute vicllcicht \\eniger 
als je gegeben. 

Alles bis jetzt Gesagte bezieht sich auf Graphik, die 
nicht irgendeinem Bedarf oder Z\\ eck, sondern dem 
freien kiinstlerischen \\ T illen seine Entstehung dankt 
und die man deshalb Freigraphik genannt hat. Dafi 
es sich hauptsachlich um sogenannte Grofigraphik 

8 



WEIGAN 




Kxlilnis von Otto Circiticr t 



handelt, d. h. um Graphik grofieren als etwa Durch- 
schnittsbuchformats , diirfte cbenfalls aus dem Zu- 
sammenhang klar sein. Aber es gibt danebenauch die 
Klcingraphik, bei der man von vorneherein nicht an 
Freigraphik denkt ; denn es liegt zwar nicht imWesen 
der Kleingraphik, dafi sie irgendcinem Zweck dienen 
mufi, aber in der Praxis hat es sich ergeben, dafi die 
Begriffe Kleingraphik und Gebrauchsgraphik sich im 
allemgeinen decken. Den Begriff Gebrauchsgraphik 
mufi man allerdings in diesem Zusammenhang etwas 
anders als oben nehmen, wo wir ihn so ziemlich iden- 
tisch mit Werbe- und Geschaftsgraphik gefunden und 
festgestellt haben, dafi seine letzten Ziele aufierkiinst- 
lerisch sind. Die Gebrauchskleingraphik aber, an die 
wir hier denken, will wohl einem Zweck dienen und 
ware ja auch ohne diesen nicht vorhanden. Aber dieser 
Zweck liegt nicht wie dort haufig aufierhalb derkiinst- 
lerischen Spha're j und so entstehen Blatter, die trotz 
ihrer besonderen Bestimmung doch dem Wesen der 
Freigraphik oft na'her stehen als dem der Geschafts- 
graphik. Bei einem Exlibris z. B. wird niemand das 
Gefiihl haben, dafi der Gebrauch, zu dem einBiicher- 
zeichenbestimmt ist, seine kunstlerisch-geistigen Qua- 
litaten irgendwie beeintrachtigen konnte. Es bleibt, 
auch bei schetnbar grofiter Gebundenheit, doch immer 
ein Gebilde der freischafFenden Phantasie. So ziemlich 
das gleiche gilt von alien anderen Arten der Ge- 
brauchskleingraphik: den Besuchskarten, den Ncu- 
jahrswiinschen, Geburts-, Verlobungs-, Vermahlungs 
undUmzugsanzeigen, also von dem ganzenKomplex 
der sogenannten Familiengraphik. 



10 




I- \Iibli-, vnn Aloi k'olt) 



Wic stcht cs nun mit dieser Graphik? Ergcht cs 
ihr, in ihrcm Verhaltnis zum Publikum, ebenso odcr 
iihnlich wic dcr Freigraphik, odcr steht sic dcm Ver- 
stiindnis und damit der Wertschatzung dcr Mcngc 
naher? Die Antwort kann nur lauten, daft die all- 
gemeine Lage hicr sicher nicht giinstiger ist als dort. 
DieUrsachehierfiir ist nicht schwerzuerkennen.Denn 
bci dicscn Blattern tritt zu dem, was schon das Ver- 
standnis dcr Freigraphik erschwert (z. B. allgemciner 
Mangel an tcchnischcnKcnntnisscn),nochdieoftnicht 
geringe Schwierigkeit der Deutung der Blatter. Und 
aufterdem sind diese, da sie von Pri vaten ausschliefilich 
fiir ihren Bedarf bestellt sind, dem wcitaus groftten 
Tcil des Publikums, soweit es nicht sammelt, unzu- 
ganglich. Die Vcrhaltnissc liegen also hier so, vv ie 
sie \\eiter oben in etwas anderem Zusammenhang 
schon geschildertworden sind: daft wertvollstes Kunst- 
und Kulturgut ungenutzt bleiben mufi, weil es nur 
selten oder fast nie den Weg in die OfFentlichkeit 
findet. Daft aber die OfFentlichkeit nicht imstandc 
\\ are, dazu ein intimes Verhaltnis zu gewinnen, ist 
nicht zu glaubcn. Es ka'me nur darauf an, sie iiber- 
haupt einmal mit diesen Dingen bekannt zu machcn 
und auf ihre Vorziige und Schonheiten hinzuweisen. 
Nicht alle werden ja bis zum Endc mitgehen. Aber 
vvasliegtdaran? Sehr viele \\erden dochdankbardafiir 
sein, daft sie endlich an einer Welt derSchonheitund 
des Geistes tcilhabendiirfen, die ihnen bis jetzt so gut 
\\ ie verschlossen war. An diesen Willigen allein aber 
ist etwas gelcgen. Und an sie hat der Schreiber dieser 
Zeilen gedacht, als er, voll Verdruft iiber die vcr- 







Kvlibri-. von Bruno Hcnnix 






EX LIBRIS HAy5 ptEMSFELD 



Exlibris von Oskar Graf 



haltnismafiig gcringc bisherigeNutzbarmachung cincs 
fast unermcfilich rcichen Schatzes, einc Handvoll 
Perlen aus der Tiefc hob. Sie gehoren jedem, der sic 
nehmen will, und je mehr Hande darnach grcifen, 
desto besser. . . . 

Und nun wollen wir uns sofort auf den Weg machcn 
und das weite Gcbiet der Kleingraphik der deutschen 
Gegenwart durchwandern. Wir mussen aber schon 
tiichtig ausgreifen, \\ enn \v ir in der uns zugemessenen 
/eit (und auf dem Raum, der zur Verfugung stcht) 
\s cnigstens das Wichtigste undBemerkenswerteste in 
uns aufnehmen v\ ollen. Derm so klein auch die moisten 
dieser Bliirter sind, so grofi ist ihre /ahl, und es besteht 

14 



ExLlBRIS 

FI5CHER. 




tfc;P 

**%4 



Exlibris von Fritz Mock t 



kaum cine Moglichkeit, das vorhandene Material auch 
nurmitungcfahrcr AussichtaufRichtigkeitquantitativ 
xu schatzen. Die /ahl der modernen deutschen l ; .\ 
libris z. B.,d. h. jener Exlibris, die in den let/ten \ ierzig 
Jahren etu aentstandensind,durftemithunderttausend 
kaum/u hoch angegeben sein. \A r ahrscheinlich ist sic 
sogarnochwesentlich holier. L'm ergleichlichgeringer 
ist selbstverstandlich die /ahl der iibrigen modernen 
deutschen Kleingraphiken. Aberauch aufdiesem ( re 




Exlibris von Harms Bastanier 



bietc 1st die Produktion in dem oben angcgcbcncn 
/citraumso reich gcwcsen, daft sic heuteschon kaum 
mchr 7Ai iibersehcn ist. Man wird also verstehen, daft 
cs nicht ganz leicht ist, sich in Ktirzc in einer solchcn 
Ubcrfulle zurechtzufindcn und cincnUberblick iiber 
das Wesentliche und Charakteristischc zu gcwinnen. 
Aber moglich ist cs immerhin, und darum soil cs aui 

id 




den folgenden Scitcn wenigstens \ crsucht \\erdcn. 
Beginnen \\ollen \\ ir unscrn Rundgang in den gan/ 
bcsondcrs ausgcdchnten Rc\ icrcn dcs Exlibris (dor 
Bucherzeichen). Das latcinischc \\'ort Hxlibris ist in 
I'riihcrcn Jalirhundcrtcn und auch nocli bis in das 
Ict/tc Drirrcl dcs iy. Jahrhunderts herein im allgc- 



..in / 



'7 



meinen nur Gelehrten,Bibliothekaren, Litcratcn und 
derglcichcn bckannt und gelaufig gcwescn. Da die 
Exlibris in n'Uhei^rZeituberwiegendheraldischwaren 
(so iiberwiegend sogar, dafi die nichtheraldischen,frei- 
symbolischcn Biichcrzeichcn daneben kaum in Be- 
tracht kamen und jcdenfalls die Vorstellung von dem 
Begriffdes Exlibris nicht wcscntlich beeinflufken), so 
war ein Interessc weiterer Krcisc fiir diesc in Biicher 
eingeklebtcn bcschrifteten und illustrierten Zcttel so 
gutwic ausgeschlossen. DennwennauchdasWappcn 
als Familicn- und Gcschlechterzeichcn ziemlich all- 
gemein verstandcn worden ist und die Leute oft ver- 
trauter angemutet haben mag als Wort und Schrift, so 
setzte die Wappenkunde, ohne die eine erspriefiliche 
Beschaftigung mit heraldischen Exlibris unmoglich ist, 
doch ein solches Mafi von Vertrautheit mit verwickel- 
ten Dingen voraus, dafi sich aus diesem Grunde allein 
schon die Zahl der berufenen Interessenten auf ein 
kleines Hauflein reduzierte. Alle iibrigen batten die 
Zumutung, sich mit Exlibris zu beschaftigen, wahr- 
scheinlich mit dem Bemerkeii abgelehnt, dafi ihnen 
das viel zu Jangweilig sei. Und diese Blatter in erster 
I Jnie als Erzeugnisse der Graphik zu betrachten und 
sie von kiinstlerischen Gesichtspunkten aus zu be- 
urteilen, ist wohl nur Sonderlingen zuweilen in den 
Sinn gekommen. Heuteist es gerade umgekehrt. Man 
bewertet die Exlibris zunachst als Wcrke der Graphik 
und nacha'sthetisch-kritischen Gesichtspunkten. Aber 
die Biicherzeichen von heute sind auch la'ngst keine 
A\ r appen mehr heraldische Exlibris vverden von Jahr 
zu Jahr seltener, so dafi man ordentlich iiberrascht ist, 

18 




F.xlihri 



nftei 



\\ urn man ciniml unvcrhoflt cincm bcgcgiR-r , uiul 
so habcn sich allc andcrcn X'oraussct/uiigcn ebenfells 
griindlichstgeSndert. l ; riihcr \\ ;iiv cskaum jemandem 
cingctallcn, l\\libris aus den Htichcni herauszulttsen 




EX-LIBRIS-KARL-MARTIN-ANDRES 



Exlibris von M. E. Phili 



PP 




hxlibris von SigmunJ I.ipinsky 



und /u sammeln. Man wufite es nicht anders, als daft 
sic, bestimmungsgemafi auf dcr innerenScite des vor- 
dcrcn Buchdcckels eingeklebt, jedem Beniitzcr des 
Buchcs gegeniiber das Eigentumsrccht des Besitzers 
nachdriicklichst zu betonen hatten. Erst in der Ver- 
bindung mit dem Buch war das Exlibris in der Vor- 
stellung der Vergangenheit das, was es sein sollte. 
Ohne das Buch war es ein Ding, das seinen Zweck ver- 
fchlt hatte. Und selbst das \6. Jahrhundert, das bc- 
sonders reich an prachtvollen gestochenen Exlibris ist, 
ware kaum fur cine Wertung des Exlibris als Kunst- 
\\erk von absol uter Geltungzu haben gewesen. Hcute 
dagegen beansprucht das Exlibris durchaus, nicht nur 
als Gebrauchsgraphik, sondern auch unabhangig von 
seiner Zweckbestimmung beurteilt und gcschatzt zu 
werden. Und dazu hat cs auch cin unzweifelhaftes 
Recht. Denn die modernen Exlibris sind in sehr viclen 
Fallen so reiche, durchdachte und kiinstlerisch wie 
technisch wertvolle und bemerkenswerte Arbeiten, 
dafi cs gar nicht moglich ist, sic nur als eine im Grunde 
belanglose Nebensache zu behandeln. Sic fordern und 
rechtfertigen oft aufmerksamste Betrachtung im ein- 
zelnen und die bedingungslose Gleichstellung mit 
wertvollen freigraphischen Arbeiten von verwandter 
Richtung im Motivischen und Technischen. Eine 
Frage fur sich ist natiirlich, ob die Entwicklung, die 
zu solchcn Seltsamkeiten gefiihrt hat, noch logisch 
und gcsund gewesen sei. Strenge Beurteiler, die nur 
rein sachliche Erwagungen gelten lassen wollen, sagen 
nein, und sic tun das sogar mit besonderer Scharfe, ja 
beinaheGehassigkeitmit.lhreansichgewifiunanfecht- 



22 




x - I i b F \ s - uslav-b 0.5.9 e 



Exlibris vou Hans Wildcrmarm 



bare Argumentation lautct, dafi ein Biicherzeichen 
ein \\ r erk der Gebrauchsgraphik und als solches nur 
dann gut sei, wenn cs sich auf seine Zwcckbestim- 
mung beschriinkc und nichts anderes scin vvolle als 
ein Besitzzeichen. F>ine etwas reichcre kiinstlerische 
Ausstattung sei eigentlichnur dann begriindet, wenn 
das Zeichcn fiir besonders schon gedruckte und kost- 
bar ausgestattcte Biicher bcstimmt sei. Niemals aber 
diirfe ein Kxlibris vergessen, dafi es, auficr seinem 
/\\ -cckalsSchutzmarkc, nur noch cine in bescheidenen 



Grcn/cn zuhaltende dekorativcFunktion habc. Fliich- 
tigcr Charaktcr und cine dem WcscndcrDruckschrift 
angcpafite Technik, also am bcstcn Holzschnitt odcr 
cindicscmnahekommcndcs andcrcs graphisches Ver- 
fahren, seien dcshalb Grundbcdingungcn eincs Ex- 
libris, das vom Standpunkt dcs Gebrauchsgraphikcrs 
die Bezeichnung ,,gut" verdiene. 
Wie gesagt: niemand wird gcgcn diese Forderungen 
den Einwand mangelnder Bercchtigung erheben 
konnen. Aber im allgemeinen ist es hier wic andcr- 
\\ arts: der Theorctiker stellt die Regeln auf und der 
Praktiker - - in diesem Falle der Kunstlcr - - befolgt 
sie gar nicht oder nur recht beilaufig, und es wird, 
dank der iiberzeugenden Kraft allcswirklich Kiinstleri- 
schcn, doch etwas daraus, das Gesicht und Charaktcr 
hat und zur Zustimmung zvvingt. So ist ein groficr 
Teil der modernen Exlibris in meist bewufker Mift- 
achtung der urspriinglichen Zwcckform des Biichcr- 
zeichens entstanden. Aber \vir diirfen dabei FoJgen- 
des nicht auficr acht lassen: das moderne Exlibris ist 
nicht mehr wie das friihcrer Jahrhunderte ein aus- 
schliefiliches Gebrauchsblatt, d. h. ein graphisches Er- 
zeugnis von relativcr Bedeutung, sondern es hat vor 
allem durch das Sammeln la'ngst auch selbstandige Be- 
deutung gewonnen. Es werden heute zahlreiche reich 
ausgefiihrte und luxuries gedruckteExlibris geschaffen , 
die in ihrer Originalgestalt nie oder nur in Ausnahme- 
fiillen als Biicherzeichen venvendet \\ erden. (In die 
Biicher eingeklebt werden nur meist verkleinerte 
Nachbildungen dieser ,,Exlibris" in billiger Aus- 
fuhrung.) Diese Blatter entlehnen den echten Biicher- 




von tidus 



zeichen wohl die Benennung Exlibris, haben aber im 
iibrigen mit Biichern gar nichts zu tun, sondern sind 
nichts anderes als graphische Symbolc ihrer Besitzer. 
Dafi sie als solche vollkommen frci in der Form sind, 
ist selbstverstandlich, ebenso aber auch, dafi sie ge- 
tauscht oder an Freunde usw. verschenkt werdenj denn 
sie haben durchaus den Charakter von Eigenblattern 
(wie der Wiener Graphiker C o fi m a n n sie genannt 
hat), d. h. von Blattern, die das Wesen des Besitzers 
entweder in seiner Totalitat zu erschbpfen oder einigc 
seiner Lieblingsneigungen kiinstlerisch klar und trcf- 
fend zu versinnbildlichen vcrsuchcn; und so ctvvas 
cignet sich ganz besonders zur Weitergabe an einen 
nicht allzu grofien Kreis ahnlich Gestimmter. Dazu 
kommt noch ein anderes. Die Kiinstler, die in der 
freien Graphik, vor allem unter der Herrschaft des 
Impressionismus, nic sehr viel Inhalt gcben konnten, 
haben aus angeborener Freude am Fabulieren und an 
tiefsinnigen Deutungsversuchen selbst des Undeut- 
baren in den Exlibris cine gewaltige Menge origineller 
Gedanken- und Gefuhlsformulierungen niedergelegt. 
Soil nun all dieser Rcichtum an Symbolen und Alle- 
gorien nur deshalb unbeachtet und ohne Nutzen fur 
die Allgemeinheit bleiben, wcil die Form, in der er 
dargebotenwird,nichtimmerganz,,vorschriftsmafiig" 
ist? Das \viire docheine Verschwendungwertvollsten 
Besitzes, der mit nichts zu rcchtfertigen ware. Diese 
Blatter sind nun einmal da; niemand kann sie mehr 
aus der Welt schaffen; und sie reprasentieren in ihrer 
Gesamtheit einen so hohenkunstlerischenundkultur- 
geschichtlichen Wert, dafi es geradezu Pflicht ist, 

2(5 




. 



Exlibris von Ferdinand Stacgcr 

immcr wicdcr auf sic hinzuweisen und sic moglichst 
vielcn zuganglich zu machcn. Sic dcrThcoricoptcni 
/u \\ollcn, \\arc Wahnsinn. 

Das modcrnc dcutschc l^xlibris ist, \\ ic \\-ir gesehen 
habcn, in dcr Form cbcnso mannigfaltig, \\ ic cs uncr- 
schopflich an Inhalt ist. Das war abcr nicht von An- 

27 




hxlihris von Stirncr 



hcginn der neuen Bliitezeit des deutschen Exlibris so. 
Im Laufe dcs 19. Jahrhunderts war die Exlibrissittc 
allmahlich fast ganz in Vcrgcsscnhcit gcratcn. Was 
cntstand, war kaum dcr Rede wert. Man bcgniigtc 
sich in den moisten Fallen, seinen Namen in das Buch 
einzuschreiben. Da fiigte es sich, dafi um iSyoherum 
das Interesse fur die alte deutsche Kunst (fur ,,alt- 
deutsch" in jcdcr Form) sich wieder regte. Man be- 
gann sich auch mit Heraldik Y.U beschiiftigen, und da 
die Fxlibris der friiheren Jahrhunderte nahezu aus- 
schliefihch \\'appenexlibris gewcsen sind, so war es 
selbstverstandlich,daftmansichauchdieBucher/eichen 




Kxlibris von K. Hr/old 



\\ icder genaucr ansah. Yon da bis y.um \Vicdcrcr- 
\\ cckcn dcr alten Sittc abcr u ar dann nur ein Schrirr. 
L'nd cbcnso naturlich war es, daft man die ncucn K\- 
librisauf demWappcn aufbaute, das also damals noch 
cinmal /u kurzcm Lcben nach scinem liingsr crfol^tcn 
Todc crstand. (Hcutc isr cs, \\cnn cs auch noch 
cinigc Kiinstlcr \\ ic dcr trcfflichc Otto Hupp in 
Schlcifthcim bci Miinchcn mit X'crstandnis undkiinsr- 
lerischem Fcingefiihl pflcgcn, doch \\ohl cndgiiltig/u 
den Rcquisitcn dcr Vergangenheit gclcgt.) 
So blicb cs cine \\"eile, ct\\ a /\\ ei Jahr/chnte. \'on 
eincm \\irklichen, trischcn Lebcn dcs ncucru eckten 
Kxlibris konnte abcr kaum die Rede sein, da I Icraldik 
nun cinmal nichts fiir \\eitere Kreise ist. llin und 
\\ieder hatten allerdings schon in jener I'Viihperiode 

19 



EXLIBRIS 



D 

G.FPURER, 




Exlibris von Fritz Gils 



des modernen Exlibris Kunstler, ?.. B. dcr genialc Max 
Klinger, versucht, die Moglichkeiten dcs Biicher- 
zeichcns iiber das Wappen hinaus und unabhangig 
von diesem zu crwcitern. Aber,,Schule" haben dicse 
/. 1 . trcflflich gelungenen Vorstofic in Zukunftsland 
nichtgemacht.Erstdicbcruhmtgc\\ordenc,,Deutschc 
Kleinkunstin42Biichcrzcichcn" von Joseph Sattler, 
die 1895 crschienen ist, hat das Exlibris von Grund 
aus revolutioniert. Sattler ist zwar in jedem Strich 

30 




Archaise, derniemals verleugnet, dafiihm das i6.Jahr- 
hundert Vorbild ge\\ escn 1st. Abcr der Stil seiner 
Exlibris ist es ja auch nicht, der die Um\\ u'lzung be- 
\virkt hat, sondern ctwas ganz anderes. Sattler hat 
namlich in dieser Sammlung von teilweise fingierten 
l{xlibrisgezeigt,v\ ieman ein Exlibris auch ohne Heral- 
dik, z. B. durcli die Ver\\ endung der gelaurigen l>c 
rutssymbole, in cine enge, unmittelbare und nicht 
all/u schwer deutbare Beziehung /u scincm Besitzer 
setzen kann. Das Buch spielt dabei sehr hauhg cine 
\\esentlichc Rolle, auch Schreibtedern, Papierrollen 
und andere Schreibrischrequisiten tun es. Dazwischen 

3' 




ft 



Hertoc 



Exlibris von Robert Budzinski 



findet man Phantastisches, das verschiedene Deu- 
tungcn zulafk (die richtige zu kenncn 1st in crstcr 
Linie Sachc dcs Bcsitzcrs, fiir den das Exlibris bc- 
stimmt ist). Auch landschaftlichc Blatter hat Sattlcr 
schon in seine Sammlung aufgenommen. Die \A'ir- 
kung dieser \ r eroffentlichung \\ar aufierordentlich, 

32 




ris von Hans N'olkcrt 



und /war um so mchr, als ungernhr gleichzeitig nocli 
andere Kunstler (z. B. Emil Orlik, Hir/cl; Ahn- 
lichcs versucht haben. (Die Emanzipation von dcrHc- 
raldik und vom A ltdeurscheniiberhaupt \\ardamals das 
gemeinsame /icl vidcr, die voneinander kaum er\\as 
\\ ulken, aher ungct'iilir das dleiclie \\ollten.j L'nd so 
set/te denn in jenen Jahren eine iiberaus starke I'ro 

1 BraungitJ ! ^ 




Kxlibris von K. O. Spetli 



duktion von . Exlibris ein, die fernab von der Heraldik 
auf die verschiedenste Weise das Wesen des Buch- 
eigentiimers graphisch zu fixieren suchtcn. Man be- 
gniigte sidi bald nicht mehr mit einfachen Berufs- 
hinweisen und ihrer mehr oder weniger originellen 
kiinstlerischen Darbietung, sondcrn strebte, nach 
deutscher Sitte, \veiter, in die Tiefe und in die Weite, 
ins Unergriindlidie \\ ohl gar. Man erfand Symbole 
und baute Allegorien auf, deren Kompliziertheit und 
sch\\ ierige Deutbarkeit oft sogar den Besitzern sol- 
dier Blatter /u schafFen machtc. Doch immerhin : 

34 




wer Ideen hatte, konnte welche /eigen. Man war 
last an keine andern (ireii/en als an die durch das 
normale Biicherformat gegebenen gebunden. Lnd 
auch diese \vurden oft genug noch iiberschritten. So 
bildete sich schon damals das Luxusexlibris heraus, 
das die ursprtingliche Bestimmung des Exlibris unbe- 
achtet liiik und weit mehr cine freie Phantasie liber 
ein gegebenes Thema als ein gebrauchsgraphisches 
Blatt ist. Machtig gefordert wurde die Entwicklung 
des modernen Exlibris durch die Sammler, die immer 
sehr bald,nachdem irgendwo et\vas Neues geschaffen 
\\orden ist, das durch die Mannigfaltigkeit seiner 
Formen /um Sammeln rei/t, ihre Tatigkeit aut/u- 

' 35 




Ex-libris von Michel Fingesten 

nehmen pflcgen. Man griindctc Vcrcinc (u. a. den 
Vcrein fur Exlibriskunst und Gcbrauchsgraphik in 
Berlin) und Zeitschriften, die den Interessen der 
Sammler und dencn der Exlibriskiinstler dicntcn. So 
war der normale Ablauf der Bewegung gesichert. Die 
Production, die um 1900 hcrum ganz besonders rcich 
war, hielt sich sparer, mir kleinen Schwankungen 
natiirlich, auf einer sehr respektablen Jahresdurch- 
schnittshohe. Wiihrend des Krieges ging sie begreif 
licherweise ecu as xuruck, aber, dank auch den bald 
vielbegehrren Kriegsexlibris, doch nicht so sehr, als 
man anfanglich befiirchtet hat. Bald nach Beendigung 
des Krieges aber stieg die Produktionskun e rasch 
wieder an, und cs ist erfreulich, feststellen xu konnen, 

36 




EX- LIBRIS 
GERDA WEIGHS 



Kxlihris von Hubert \Vihn 



daft nicht nur die /ahl der in den let/ten Jahren cnt- 
standenen 1-Alibris dcr bcsondcrs guter JahrederVor- 

kriegs/eit kaum nachgibt, sondcrn dalS auch die 



37 



litat der Blatter nach Ideengehalt und technischcr 
Ausfiihrung jcdem Anspruch gcniigcn. Ob freilich 
das reinc Gcbrauchsexlibris scit Kriegsschlufi cbcnso 
haufig bcstcllt wird wie das Luxus- und Sammlerex- 
libris, lafk sich nicht so leicht feststellen. Jedcnfalls 
scheint ein betrachtlicher Teil der neu entstehcnden 
Exlibris nicht seinem eigentlichen Zweck zu diencn, 
sondcrn, wie in friiheren Jahren auch, fur die Mappcn 
der Sammler bestimmt zu sein. Man begreift dasaller- 
dings ohne vs eitcrcs, wcnn man sich der vollkommc- 
nen Umgruppierung der Stande und Bcvolkcrungs- 
schichten in den Ictztcn Jahren und vor allem auch 
der Tatsache erinnert, dafi der Besitz von Buchern 
heute ein teurer Luxus ist. Die ncucn Reichcn, die 
kostbare Biicher in Bibliophilenausstattung nur des 
aufieren Gewandes wegen kaufen, haben kein Be- 
dtirfnis nach cinem Exlibris und wissen ja wohl auch 
meist gar nicht, was das ist. Die eigentlichen Biicher- 
freunde aber werden wegen der relativ hohen Kosten 
eines Exlibris allmahlich wieder zur alten Sitte, nam- 
lich zum Einschreiben des Namens, zuriickkehren. 
Miissen wir, die wir die Exlibris nicht nur nach ihrem 
Gebrauchswert, sondern auch als Kunstwerke beur- 
teilen, untcr diesen Umstanden nicht dankbar dafiir 
sein, dafi es wenigstens noch Sammler gibt, die durch 
zahlreiche Bestellungen die Kiinstler bescha'ftigen und 
ihnen Gclegenheit geben, uns dauernd von ihrem 
Reichtum mitzuteilen? 

Als das Exlibris vor et\\a funrzig Jahren ncu ge- 
boren wurde, da ist cs, nach dem Muster seiner da- 
maligen Yorbilder, als Kupferstich \\ icdererstanden. 

38 




Exlibris von Heinrich Honich 



Softer kamendann allc moglichenanderen Tcchnikcn 
hinzu: dcr Stcindruck, die Zinkographie, die Auto- 
typic und in neuerer /eit der sch\\ ar/\\ eifte und 
farbigc Originalholzschnitt, \\omir dcr AnschlulS an 
die crstcn Anfiinge des l-A'libris, die bekanntlich in 



39 




Exlibris von Otto Tauschek 



Dcutschland zu suchen sind, wicder gefundcn war. 
Die Lieblingstechnik der Sammlcr 1st abcr schon bald 
die Originalradierung geworden, dcrcn grofiter Re- 

prascntant und Propagator Max K linger f gevvesen 
ist. Auf sein Beispiel sind u. a. auch die Anfange von 
Bruno Heroux zuriickzufiihren, der einer dcr ersten 
gewesen ist, die Exlibris in reicherer Ausfuhrung und 
mit Verwendung des Akts radiert haben. Die Zahl 
der deutschen radierten Exlibris, die seitdem, d. h. 

40 




Exlibris von Rcinhold Nagclc 

in cincm Zcitraum von et\va dreifiig Jahrcn, cnt- 
standcn sind, kann begreiflicherweise auch nicht an- 
nahcrnd gcschatzt \\crden. Abcr die Beliebtheit dcr 
Radicrung hat in dicscm Zcitraum nicht nachgclasscn , 
und sic ist nach \vie vor die unbestrittcnc Konigin 
untcr den Techniken des modernen Exlibris. Lci- 
dcr hat dicsc doch \\ohl et\vas ubcrtricbcne \Ycrt- 
schatzung haung dazu gefuhrt, dafi cine Exlibrisidec 
nur dann et\\ as gilt, wenn sic mit der Radiernadel 
ausgefiihrt ist. Radierung - - das ist fur vielc cine 
Wertbezeichnung, die durch nichts iiberboten \\ cr- 
dcn kann. L'nd dcr Durchschnittssammlcr ist nicht 
Icicht davon xu iibcr/cugcn, dalS untcr L'mstandcn 
cin cinfaclics Zinkklischeekiinstlerisch unglcich \\ crt- 
\ oiler sein kann als eine auf kostbares, echtes Japan- 
papier gedruckte Radierung. Abcr immerhin: dcm 
Rei/ cincr At/ung kann man sich nur sch\\cr cnt- 
/ichcn, und man vcrstcht cs schon, daii die Kiinstler 
ihr l>cstcs immcr wicdcr der Kupferplatte anvertrauen, 

4' 




Exlibris von Franz von Biyros 



die so unendlich rcichc Ausdrucksmoglichkeiten bie- 
tet und die Handschrift des Kiinstlers mit klarstcr 
Unmittelbarkcit wiedergibt. 

Der grofke Kiinstler unter den Klassikern des moder- 
nen deutschen Exlibris ist unzweifelhaft der schon 




Exlibris von Emil Orlik 



wicdcrholt gcnanntcLcipzigcr Meister Max K linger 
gcwcsen. Es gibt funfzig Exlibris von ihm, die stch 
auf cincn Zcitraum von zweiundvierzig Jahrcn ver- 
tcilcn und mit gan/ \\ enigen Ausnahmcn Stichc, Ra- 
dierungen, Kaltnadclarbcitcn odcr Aquatintablutter 
sind. (Hiiurig tindcii sich mchrcrc dicscr Tcchnikcn 
gcmischt auf cincm und dcmsclbcn Blatt.) DieM'crr- 
schat/ung seiner Exlibris isr gcradc bci dcnSammlcrn 
nic schr hoch gcwcscn. Nur cinigc \\cnigc seiner 
Blatter, u. a. sein herrliches l^igcnblatt, sind gcsucht; 

43 



die meisten anderen bleiben den Durchschnittssamm- 
lern ohnchin dauernd unzuganglich. Man kennt sie 
kaum oder nur tfuchtig. Aber da jedes diescr Blatter, 
von denen koines dem andern irgend\\ ic gleicht und 
doch jedes ein echtester Klinger ist, cine Welt fur 
sich darstellt, so fiihrt nur haunger Umgang und ein- 
gehendes Studium an sie heran. Wer sich freilich 
diese Miihe nicht hat verdriefien lassen, derweifi, dafi 
sich nur ganz Weniges auf dieDauerneben derherben 
Schonheit dieser \\undervollenEingebungen behaup- 
tet. Es weht derHauch desEwigenum sie. Aber man 
mufi ihn verspiiren. Und dazu hat nicht jeder die 
Organe. Vielleicht gibt von diesem eigentlich nur 
Fuhlbaron und in dor Regel nicht ganz mit Worton 
Deutbaren der Exlibris Klingors (und seiner Kunst 
uberhaupt) das Exlibris HildegardHeyne aus des Kunst- 
lers allerletzter Zeit einen BegrifF. Man meint, jeder 
Unverbildete miifke die aufkrordentliche Ausdrucks- 
kraft dieses zu lichten Hohcn strebenden und ent- 
sch\v ebenden, fast schon Geist gewordenen Korpers 
fiihlen. Auch die seligc Zuversicht in den verklarten 
Zugen dieses Weibes hat etwas unmittelbarErgreifen- 
des, ja Erschiitterndcs. Kann.man das Sichlosen der 
Seele von der Erde, das Heimkehren des Geistes zu 
seiner Urheimat herrlicher und restloser zum Aus- 
druck bringen als es in diesem Exlibris geschehen ist, 
das \v ie eine Vorahnung der baldigen eigenen \ r er- 
klarung seines Schopfers \\-irkt? 
In einem Atem mit Klinger wird zumeist Otto 
Greiner f genannt. Soweit das Formale in Frage 
kommt, ist man dazu jedenfalls auch berechtigt. Der 

44 




Kvlibrii von Josef Settle 



seiner Kunsr an \\ irklichcm Ausdruck uiul an 
schcint frcilich bci zunehmendem Ahsrand 
\i)ii ihr niclir gan/ Stich /u haltcn. Cher alk-s 1 .oh 
i-rhabfii hlt-ihr abcr untcr alk-n Lnisraiulni ilas /i-ich 

45 



ID 




IPaCfherlttchflmmttv 

cdbrt^ 



Kxlibris von Julius l)uv 



ncrischc und tcchnischc Kbnnen Grcincrs. Und zu- 
wcilcn 1st es ja auch ihm vergonnt gcwcscn, sich zu 
cincr Hohc der Gcsamthaltung cmporzuringen, die 
aufierihmnurKlinger crrcicht hat. Einesdcrschonstcn 
Beispiclc hierfur 1st das schon 1895 auf Stein gczcich- 
nctc Kxlibris des Miinchcncr Dichters WilhelmWei- 
gand mit der Darstellung der Geburt der Pallas Athene 
aus dem Haupte des /eus. Hier ist echte Grbtie, und 
man hat sofort das Gefuhl, cincr dauernd gultigcn 
Problemlosung sich gegenuber zu sehen. Die Schon- 
heit und Wurde des Blattes \\ ird ubrigcns aut" den 

46 




EX nv s cis 
RICHAWRAVSS 



Exlibris von Willi Geiger 



Originalabziigen noch \\ cscntlich durch die roten und 
rotlichbraunen Tone derGe wander und dcs Fleisches, 

die reichliche Veruendimg \on ( Jold und das kraftig 
abschliefiende Braun dcr L'mralimung gehoheii. in 
der Nahe Klingers und (ireiners hat man triiher auch 
den in \Vien geborenen und in I .eip/ig tatigen (ira- 



phikcr Alois Kolb angesiedelt. Die Verwandtschaft 
ist aber doch wohl nur cine ganz entfernte und die 
Nebeneinanderstellung cigcntlich nur durch den Um- 
stand gerechtfertigt, daft Kolbwie die beidenLeipziger 
Mcister den menschlichen Korper zum Haupttragcr 
seiner Ideeii und zum wichtigsten Ausdrucksorgan 
macht. Die Art Kolbs selbst hat, im Vergleich mit dem 
an der Antike geschulten Stil Klingers und Greiners, 
eher ctwas Nordisches, und sein Strich oft mehr vom 
Holzschnitt als von der Radierung, welch letztere 
er in freiester Auffassung und inmannigfaltigerKom- 
bination mit alien moglichen Techniken anwendet. 
Das Exlibris Marise Bohn will ein allgemeines Symbol 
der Natur sein und weist gleichzeitig - - durch den 
Flotenblaser im Hintergrund und auch durch das 
rieselnde Wasser, dessen leise Melodien man zu horen 
glaubt auf die Musikliebhaberei derBesitzerin hin. 
Ein schones undiiberzeugendes Symbol gemcinsamen, 
leidenschaftlichen Strebens nach oben ist das Ehc- 
exlibris fur Dr. Alfred und Margit Utitz von Bruno 
Heroux (Leipzig). Der Vorgang crinnert an das Ex- 
libris Heyne von Klinger, vollzieht sich aber doch 
mehr in irdischen Regionen, und trotz der bedeuten- 
dcn Ausdruckskraft der Komposition wirkcn die bril- 
lant gezeichneten Akte durch sich selbst, durch ihre 
sinnliche Erscheinung mehr als durch das Geistige, 
dassicversinnbildlichenmochtenunddasinderHaupt- 
sache Intention bleibt. Wir horten schon, daft Heroux, 
was ja bei einem Leipziger Radierer fast unvermeid- 
lich gewesen ist, irgendwie von Klinger herkommt. 
Arbeiten \\ ie dieses Exlibris lassen allerdings auch 

48 




A R 



A * L. A N Q 



Kxlibris von Sepp FraTik 



dell \\ciu-n \\'cg ahiicii, cki) Hci'ou\ scil scincil An 
fiingcn bis y.u sich sclbst zuriickgelegt hat. 
l ; .s gibt \ick- Aktc uiul AJctkompositionen auf K\ 
libris, die- ciiu- In-sDiulirn- Erklarung il-aduivh iibi-r 



I 



tiiissig machen, dafi sie nichts anderes sein wollcn als 
allgemeine Symbole des Schonen, das ja wohl jeder Ex- 
librisbesitzer liebt und daher gerne auf seinen Biicher- 
zeichen auf irgendeine Weise dargestcllt sehen 
mochte. Das lafit sich auch durch ein schemes Stuck 
Natur ausdrticken. Aber der menschliche, vor allem 
der weibliche Akt bedeutet in der Vorstellung der 
meisten Menschen das hochste und vollkommenste 
Schonheitsideal, und darum 1st es ganz naturlich, dafi 
der Akt auf den Exlibris so ha'ung als Hauptdarstel- 
lungsgegenstand erscheint. Im Ausland geschieht das 
freilich weniger. Man wundert sich dort nicht selten 
iiber die vielen Akte auf deutschen Exlibris und be- 
hauptet, kein Verstandnis dafiir zu haben. Als ob da 
viel zu verstehen oder mifizuverstehen ware! Es ist 
so, wie eben gesagt wurde: der Akt ist dem Deut- 
schen das Schonheitssymbol schlechthin (oder auch 
ein Symbol der Kraft, wenn es ein mannlicher ist), 
und in vielen Fallen ist er vielleicht nicht einmal das, 
sondern lediglich ein architektonisches Requisit, das 
dem Kiinstler den raumlichen Auf bau einer Kompo- 
sition und die Verteilung von Licht- und Schatten- 
partien wesentlich erleichtert. Man sollte es sich also 
abgewbhnen, iiber die Bedeutung von Akten allzu- 
viel nachzugrubeln. Wo sich eine spezielle Bezie- 
hung oder Funktion des Aktes nicht von selbst ergibt, 
da wird es immer am einfachsten sein, anzunehmen, 
dafi ein besonderer Sinn nicht gewollt war. So ist 
z. B. der im Grase liegende, lesende Akt auf dem Ex- 
libris Hans Biensfeld von O. Graf (Miinchen) nicht 
viel mehr als ein angenehmer, heller Kontrastfleck 




Exlibris von Alfred Cofimann 



gegcn die kriittigcn Dunkclheitcn des Blattcs; und 
\\cnn man will, dann kann man auch ihn aufSerdem 
noch als allgcmcincs Sch&nheitssymbol nchmcn. (Die 
Darstcllung ilcs I .esens ist iibrigcns cincs der ullcr- 
haufigsten,weilzunachstliegendcnMotiveaufExlibris. 
Doch mu IS /ur l^lire dcr dcutschcn Kiinstlcr und iln\-s 
Ideenreichtums gcsagt \\crdcn, dalS dcr Lcsende, \or 
allcm daslcscndc Madchen, auf deutschen l\\libris In i 
niclir so liliufig wiederkehn \\ii- ant auslan 



dischen.) Audi auf dcm Exlibris A. Fischer von 
Fr. Mock f (Basel) sind die Feder und das Buch das 
eigentliche Exlibrismotiv, wiihrend dcr graziose Akt 
nur die Aufgabe hat und haben kann, das Ganze an- 
mutig zu beleben. Auch der Berliner Bildhauer und 
Radierer Hanns Bastanier vcrwendet den Akt, wcnn 
er nicht gerade irgend ctwas Tiefsinniges oder auch 
nur Sinniges damit ausdriicken will, gcrnc sozusagen 
als Bauglied, mit dem an Beweglichkeit, Schonheit, 
Anmut und unbegrenzter \ r er\\ endungsmoglichkeit 
so gut wic nichts zu vergleichen ist. Auf dem Ex- 
libris Emma Schimpf hat der Akt jedenfalls diese Auf- 
gabe, und man merkt aufierdem sofort, daft dieser 
Radierer auch Plastiker ist (oder richtiger: dafi cs 
eigentlich ein Plastiker ist, der das radiert hat). Daft 
daneben auch noch auf das weibliche Bediirfnis, sich 
zu schmiicken, hingewiesen ist und durch die Kom- 
position das Weibliche iiberhaupt, seine Grazic, scin 
anmutiges Beruhen in sich selbst und was dergleichen 
hubsche Dinge mehr sind, symbolisiert werden soil, 
ist bei einem Damenexlibris ctwas ganz Natiirliches. 
Ferner ist das Blatt auch ein hervorragend schones 
Beispiel einer zweifarbigen, von zwei Flatten ge- 
drucktcn Radierung, eines Verfahrens von vielen reiz- 
vollen Moglichkeiten, das Bastanier als einer der erstcn 
angewcndet hat. Auch Alfred Soder (Basel), der, 
gleich Bastanier, seit Ian gem zu den Lieblingen der 
Exlibrisfreunde gehort, hat eine Reihe kostlicher, zarter 
/wciplattenradicrungen geschaffen. Das Exlibris Rob. 
Adolf Galliker ist ebenfalls in mehreren Farben, aber 
ausnahmsweise nur von einer Platte, gedruckt. In dem 

52 




hxlibris voi\ Mcrm. U. ('. Hir/cl 



zu reineren Hokcn schwebendcn Akt, der auf scinen 
Handen ein entziicktes Menschenpaar tragt, diirfcn 
wir die Inkarnation dcr Schonhcit crkennen, deren 
Wirkung ja ungefakr dcr hicr gcschildcrten cntspricht. 
Der Vorgang des Entschvvcbcns und Verklartwerdens 
wird auf den Originalabziigcn dieses Blattcs noch 
dadurch wesentlich verdeutlicht, dafi die unteren Par- 
tien braun und die obcrcn rotlick gedruckt sind: ein 
cbenso starker wie im Grundc dock geistiger, um 
niche zu sagcn mctapkysiscker EfFekt. Auf dem Ex- 
libris Gertrud Blocklingcr-Scklapfcr von Conrad 
Strafier (St. Gallen) soil der weiblicke Akt, der eine 
Anzakl Marionctten an Sckniiren lenkt, die froklicke 
Sinnesart der Bcsitzerin des Blattcs symbolisieren. Es 
mag im iibrigcn nickt unbemcrkt blcibcn, dafi dieser 
Akt mit Meistersckaft so vollkommcn in den Dienst 
seiner Aufgabc gestellt ist, daft jcde Erinnerung an 
die Modellstundc schwindct. Das la'fit sick durckaus 
nickt von alien Exlibrisaktcn sagcn. Der scklankc Akt 
auf dem Exlibris K. M. Andres von dcm Drcsdener 
Meistcr des Galanten, Martin E. Ph i 1 i pp, crhiilt seinen 
besonderen Reiz durcli die kaum merklicke und dock 
fiiklbare Stilisicrung in der Art des ausgekenden 
1 8. Jakrkundcrts, in dcm Pkilipp, wie wcnige, zu Hause 
ist. Auck kier dcnkt man nickt mckr an das Modcll, 
sondern frcut sick seinerUber\\-indung undSteigerung 
durck Pcrsonlickkeit und Stil. Diese Ubcrv\ indung ist 
bei den (mcist gestochenen) I^xlibris des in Rom leben- 
den Graudenzers und Anton- von- Werner- Schiilcrs 
SiegmundT.ipinsky nickt immcrganzcrreickt. Dock 
immerhin: der Naturalismus seiner Akte ist kaum zu 

54 



- 




EXLIBKIS L WOLFF 



Exlibris von Otto Ubbelohde 



uberbieten, und man kann schon sagcn, daft scit dem 
Tode Greincrs, dcm I jpinsky nahc gestanden hat, nur 
\\ cnigc als Aktzeichner ncbcn ihm bestchcn diirften. 

55 



EX LIBRIS 

HISTORISCHKRx VEREIM 

FUR DEM CHIEM.GAU 




Exlibris von Adolf Kunst 



Auch als Stcchcr, d. h. als rciner Techniker, hat cr 
nicht viclc crnsthaftc Rivalcn. Auf dem Exlibris 
Hermann \\'cn/ \\olltc cr ungefahr darstcllcn, \\ ic 
der Materialismus von dcrHand dcs Idcalismus gclabt 

56 




Exlibris von Felix Hullcnbcrg 



\\ird und dadurch Kraft zum Schoncn und dutcn 
gcxvinnt. Freilich mu(^ man bci cincm solchcn l>latt 
immcr auch das mitfiihlcn, uas (lurch \\'orrc nichr 
crklart \\crdcn kaim, aber wesentlich 1st und schr 

57 




d ffnner. 



Exlibris von Emil Anner 



haufig das cigentliche Kiinstlerischc dcr Lcistung dar- 
stcllt. Das gilt z. B. besonders fur das Exlibris Gustav 
Bossc des ganz im Geistigen wurzelnden Hans 
Wildermann (Miinchen). Dcr Lichttrager deutct 
darauf hin, dafi das Blatt fur einc philosophische Bi- 
bliothek gehort; aber derWert des Blattes bcruht in 
dcr schonen Harmonic des Gedanklichen und Zeichnc- 
rischen und in der Grofk und dem Idealismus dcr 
Auffassung, die heute nicht allzuoft ihresgleichen 
habcn. Das sind Imponderabilicn, die fur Wertung 
cines Kunstvverks mcist vicl wichtiger sind als das 

58 




Exlibris von G'corg Brocl 

sinnlich Wahrnehmbarc dcr Darstcllung. Audi hci 
dcmEhccxlibris fiir Richard und Agathe Briinncr von 
I ; idus (Berlin) ist cs ahnlich. \\'cr hicr nur /\\ ci 
sehr natiirlich gc/.cichnctc, gcschickt in cincn cigcn- 
artigenornamentalenRahmen komponierteAktesieht, 

59 



derwirdzwarauchFreudean demBlatthabenkdnnen. 

A her nur wcr auch das Ethos spurt, das jcdc Linic 
dieses Exlibris wie jede andere Arbeit von Fidus 
durchstromt, wird erst den ganzen tiefen Sinn dieses 
keuschen Kunstwerks zu erkennen und sich an ihm 
zu crbauen und aufzurichten vermogen. 
Man sieht also, dafi der Akt, bci fast unbcschrank- 
ter Yen\ endungsmoglichkeit, als Ausdrucksmittel 
wie auch als Kompositionsrequisit von grower Bedcu- 
tung ist. Aber cr ist doch nur ein Bruchteil desscn, 
was im modernen, freien Exlibris denkbar und zur 
kiinstlerischen Formulierung alles irgendwie Vor- 
kommenden auch notw cndig ist. Es gibt in der Tat 
nichts, was von deutschen Kunstlern auf modernen 
Exlibris in dem Bestreben, das Wesen des Besitzers, 
scinen Beruf und seine geistigen und materiellen In- 
teressen in cincr knappen und einigcrmafien klaren 
Bildformel auszudriicken, nicht schon mit schonem 
Itrfolg versucht \\ orden ware. Und das Wenige, \v as 
davon hier in einer klcinen Auswahl geboten werdcn 
kann, hat unter diesen Umstanden hauptsachlich den 
A\'ert von anreizcnden Stichproben, die den Be- 
schauer veranlassen sollen, sich weiterhin und ctwas 
eingehender mit dieser fast unerschopflichen Mater ic 
zu beschaftigen. Wir wollen im folgenden ohne 
Plan betrachten, \\ as uns gerade zur Hand kommt. 
Da ist z. B. cine aufierordentlich feine Radierung von 
Ferdinand Staeger (Miinchen), dessen romantische, 
deutsch-vcrsponnene Kompositionen mit leichtem 
sla\\ ischem Einschlag wohl das Aufierste an fast mi- 
kroskopischer Durchbildung von Einzelheiten jeder 

60 




EX LIP 
F R 
DR SIEGFRIED CROSS 









hvlibris von I.uii k'asiinir 



Art vorstcllcn, was heutc in Deutschland gcmacht 
wird. Das Blatt 1st ein hohcs Lied auf Leben, Frucht- 
barkcit und Arbeit und eine gute Illustration zu den 
umrahmenden lateinischen Wortcn, deren unge- 
fahrer Sinn ist, dafi cs gescheiter sci, iiber das Leben 
als iiber den Tod nachzudenken. Das zierliche Ge- 
brauchsblattchen fur den schwiibischen Dichter Lud- 
wig Finckh von Stirner ist ,,redend", wie man diesc 
Art Exlibris genannt hat, d. h. es spielt in seiner Dar- 
stellung unmittelbar auf den Namen des Besitzersan. 
Fritz Gil si in St. Gallen, ein sehr beachtenswerter, 
tiefschlirfender Kiinstler von ausgepragter, schweizc- 
risch-derber Eigenart, hat fiir den Arzt Dr. G. Feurer 
ein Exlibris radiert, auf dem wir den Arzt, symboli- 
siert durch den nackten ,,Menschen an sich", den Tod 
in einen Kafig sperren sehen. Gilsi hat fur die schon 
unzahlige Male kiinstlerisch gestaltete Tatigkeit des 
Arztes hier und auch sonst noch ofter eine Formel 
gefunden, die an Einpragsamkeit nicht gut ubertroffen 
werden kann. Ein bedeutendes Blatt ist auch das 
Exlibris fiir F. Rose-Doehlau von dem prachtvollen, 
leider zu friih verstorbenen Schweizer Fabulierer Al- 
bert Welti f, der einer der Klassiker der modern en 
Gebrauchsgraphik ist. Er ist einer von der Zunft der 
deutschen Kleinmeisten und \vic er mit der Nadel 
in vollkommener Freiheit, mit Humor und Gemiit 
iiber ein Thema phantasiert, das ist in jedem einzelnen 
Fall so reizvoll und immer wieder anregend, dafi man 
nichts so sehr bcdauern muti als die grotie Seltenheit 
dieser Art cr/lihlender, philosophierender und kriti- 
sierender Kiinstler. Die Deutung des hier u iederge 

62 




Exlibris von Alfred Peter 

gebencn Exlibris ist nicht ganz klar; \\ahrseheinlieh 
hat Zur Westen recht, wcnn cr mcint, cs sci darge- 
stellt, \vic ein Kiinstlergenius riesengrofi iibcr die 
Erde hinschrcitct und \\ ie die \Verkc seiner Hand, 
die cr iiber die Welt ausstrcut, auch den l.andmann 
in den Pauscn seiner Arbeit erheben. Ein ganz ori 
gincllcr Gedanke liegt dem Exlibris Herta Heeren 



von Robert Budzinski (Konigsberg), einem Haupt- 
vertretcr des impressionistischen Exlibris, zugrunde: 
das lachelnde Entschv\ eben von tanzcndcn, sich lie- 
bcndcn Paaren in luftigc Hohen, wobei die Kleider 
von selbst abfallen und nur noch dcr nackte Mensch 
iibrigbleibt, dcr, von aller Erdenschwere bcfrcit, den 
seligen Geistern gleich \\ird. Wahrscheinlich hat 
die Musik diese Metamorphose bewirkt. Die Radic- 
rung fur Julius Nathansohn von dem aufierordentlich 
temperament vollcn, eminent kiinstlerischen Karl Otto 
S p e t h ( Wangen) gehort einem ehemaligen Magistrats- 
Baurat, \\-as durch einige gelaunge Architektensym- 
bole klar genug angedeutet wird. Der kleinc Akt 
bringt warmes Leben in die naturgemafi sonst zicm- 
lich trockene Komposition, und dcr Atelierwitz 
Speths kommt einer Remarque zugute, in dcr die 
Tntigkeit Nathansohns als mehrjahriger Vorstand des 
Berliner Exlibrisvereins sehr lustig travesticrt \vird. 
(Dicse Remarquen oder Randeinfalle sind auf den 
Vorzugsdrucken der radiertcn Exlibris von Jahr /u 
Jahr beliebter und iippiger gevvorden. Sie gehen in 
ihrcr heutigen Form z. T. wohl auf Wclti zuriick. 
Urspriinglich war ja die Remarque nur cine bedeu- 
tungslose Atzprobe. Aber allmahlich hat sich ihrcr 
die Phantasie der Kiinstler bemachtigt, die gernc auf 
den freibleibenden Riindern der Platten noch ein 
\\enig variieren, \\as in den Exlibris selbst oft nur 
angedeutet \\erden kann, oder frei iiber ein 'I'heina 
phantasieren, das sich irgcndu ic mitdem Gcgcnstand 
des Exlibris oder der Person des Besitzers in Ver 
bindung bringen liiik. Kiinstler \\ ic- Heroux, X'olkcrt, 




I- \libris \on door;; Jilovsk\ 



Soik-r, Kunsr, \\'ilm uiul noch \iclc andcrc babcn 
an /ahlrcichcn Hcispiclcn gc/cigr, \\ ic unendlich 

rcich die MnglichU-itvii dcr Rcmnrqucn sind und dali 



l-.xliliris 




Besuchskarte von Adolf Kunst 



mit ihncn zuweilen mehr und Bessercs gcsagt wcrden 
kann, als im Exlibris sclbst, bcsondcrs, wcnn cs sich urn 
einebestcllteunddeshalbmeist/Jemlichunfreie Arbeit 
handelt. Die Remarqucdrucke, derenZahl, da sie nor- 




KATHI RICHARX 





ticsucliskartc von (icorg Broel 



66 



FRALJ 
GABRIELE 
OASHOFF 



Kesuchskarte von Hubert \Vilm 



malerweise vom rcincn Kupfcr, d. h. von dcr noch 
unverstahltcn Plattc gcnommcn \\ crden, immcr nur 
klein scin kann, \\crdcn von den Sammlcrn \\ cgcn 
dcr Uberfulle an Einfallen, die sich auf ihncn n'ndcn, 
mit Rccht schr hoch bcwcrtct. Dai^ allcrdings die 
Randeinfalle, \\as gar nicht scltc'n \orkommt, das l ; .\- 




.-k:irti- vim hrit.' M 



libris selbst vollstandig iiberwuchern und zurNeben- 
sache machen, ist cine jcner, durch Sammlergicr und 
-unvernunft crzcugtcn Unsittcn, die bei den Pu- 
risten - - und nicht nur bei dicsen -- das Miikrauen 
gegen die Sachc wachrufen und dadurch einenBrauch 
in Gefahr bringen, der bei mafivoller Ausiibung be- 
rufen ware, jedem Freude zu machen.) 
Der bereits genannte Hans Volkert (Miinchen) ist 
nicht nur einer der liebenswiirdigsten und humor- 
begabtesten Erfinder von Randeinfallen, sondern auch 
der Schopfer einer der anmutigsten, umfang- und 
inhaltreichsten Reihen radicrter Exlibris. Seine Spe- 
zialitat ist der Putto oder richtiger: das Kind, fiir 
dessen Korper und Seele cr cin aufkrgewohnlich.es 
Verstandnis hat. Das grazios-heitere Exlibris fiir 
Erieda Ilsemann diirfte das hinreichend belegen. Daft 
dieses sonnige Blattchen am Tage der Kriegserklarung 
(4. August 1914) radiert ist, wiirde \\ohl niemand 
glauben, \\-enn nicht eine Remarque mit einem Putto- 
Herkules, der gegen eine Hydra ka'mpft, bescheiden 
darauf hinwiese. Ein Romantiker gleich Volkert, aber 
nicht seltenvonderSchwermutdes nordischenHeidc- 
bev\'ohners iiberhaucht und beschattet, ist seit seinen 
friihcstcn Versuchen Heinrich Vogeler (Worps- 
\\ ede) gewesen. Das Exlibris Gustav Borgmann gibt 
einen guten BegrifFvon der frauenhaft zarten, leisen, 
\\ ie von Harfenklangen durchwehten Kunst dieses 
' I Yiiumers, der allerdings in den letztcn Jahren zu einem 
anderen, harterenLeben ervvacht zu sein scheint und 
als Expressionist beinahe wiedcr an seine primitiven 
Anfangc ankniipft. Dem Expressionismus entgegen 

68 




Besnchsbutc von Bruno Heroux 



ent\\ ickelt sich auch dcr \\ it/ige, originelle, iiber- 
mutige Michel Fingestcn (Berlin). Das Blatt fiir 
\\"ilhelm und Selma Fcige, das, \\ ie so viele Kheex- 
libris, den Gcmeinsamkeitsgedanken /urn Ausdruck 
hringen \\ ill, ist aber vielleicht ein l>e\\ eis dafiir, dai^ 
man als Expressionist seine griindliche . \ktkennrnis 
un(1 scin zeichnerisches KiMinen nichr /u \ erleugnen 
brauchr soierne nariirlieh ein solclies uberhaupt 
einmal \orluindeii ge\\ esen isr. I lubert \V i I in (Miin- 
chen) steht so/iisngeii /\\ ischen den Srilen. Mr ist 
vom Biedermeier ausgegangen, das er/.u\\ eilen L-igen- 
riimlich lierb und kiilil interpretiert har. Aber dieser 
Mangel an \\'iirme harihn auch befiihigr, jener srrenge, 
\ or allem im ( )rnamenralen ausgczeichnctc Srilisr v.\\ 
\\erden, als \\elchen \\ ir ihn u. a. in dem rretVlich 
aufgebauten l-Xlibris ( jerda \\ 'eichsel \\ iederlinden 

69 




Geburtsanzeige von Rudolf Schicstl 

Viel altes, liebenswiirdig-intimes Osterreichertum 
steckt noch in dem Dcutsck-Bohmen Heinrich Mo- 
ri ich (Miinchen), dcssen solidc Zeichenkunst und spc- 
ziclle Bcgabung fiir Schriftcn sich in dcmExlibris des 
LandschaftsmalersGeorgJaufi bewahrten. An diesem 
Blatt ist noch die Geschicklichkcit bemerkenswert, 
mit dcr hicr dor Realismus dcr Darstellung durch den 
dekorativcn Gesamtaufbau der Komposition ausge- 
glichen \vird.Osterreichisch-Wienerisckes\\ irktauch 
in dem drolligen Blattchen ,,GretelsBuch" von Otto 

70 




Geburtsan/.cige von Alfred Sodcr 

Tauschck (Miinchcn). Dagcgen Icbt sicli in den 
Gebrauchsgraphiken des Stuttgarters Reinhold Na- 
gclc der Fabuliergeist, der Humor und dcr Hangzum 

Kleinen und /urn Detail, dcr dcm Alcmanncn cigcn- 
tiimlich 1st, in cincr allcrdings ungcuohnlich cigcn- 
artigcn und an/ichcndcn l ; orm aus. Das l-ixlibris t'iir 
I lcd\\ i^ und l ; .bcrhard l ; rcy isr cin hiibsclics BeispieJ 
t'iir die Art dieses Kiinstlcrs, der mit Menschen und 
Dingcn, mir Buchstaben und Ornamenten auf cine 
ganzscharmanteWeiseScherztrcibt.Schaferlichc^ er- 
liebte Tiindclci isr die Kunsr des spiireii Nachtahren 
der galantcn Steelier des iS. JahrhundcrtS I'Yan/ \ on 



Bayros (Wicn). Das Exlibris Dr. A. Bergmann 1st 
auch deshalb charaktcristisch fur ihn, well diescr weib- 
licheHalbakt,der mitdcnSymbolcnder Juristcrei und 
dcr Wisscnschaft scin kokcttcs Spiel treibt, deutlich 
den Gcist der Sphare offenbart, in dcr dicsc seichte, 
siifilichc Kunst dcs Illcgitimcn bchcimatct ist. Einc 
ganz anderc, frischcrc und kraftigere Luft weht von 
den Arbeiten des in Berlin \\ irkendcn Pragers Emil 
Orlik her. Die Exlibris dieses Kiinstlers, der allc 
Techniken (Holzschnitt, Lithographic, Radierung) 
mit gleicher Meisterschaft beherrscht und in jeder 
durchaus Personliches gibt, gehoren zu dem Besten, 
was cr gemacht hat. (Leider nimmt die ofnziellc 
Kunstschriftstellerei so gutwiegarkeineXotizdavon.) 
Seine samtlichcn Blatter sind trotz ihrer teilwcisc 
ziemlich kostbaren Druckausfiihrung mit Goldhintcr- 
griinden us\\ . echte, dekorative Gebrauchsexlibris 
von vorbildlicher Knappheit und Klarheit der Ideen- 
formulierung. Sie enthalten stets nur das Wesentliche 
und wirken doch eminent kiinstlerisch. Das Exlibris 
fur den Arzt Wilhelm His, der auch Musikfreund 
ist, diirfte das ein\\'andfrei belegen. Den Stil Joseph 
Sattlers (Miinchen), jenes Cjraphikcrs, \ on dem \\ ir 
gehort haben, daft cr der eigentliche l^rloser des Ex- 
libris aus den jahrhundertelang gctragencn l ; csscln 
der Hcraldik gc\\ esen ist, offenbart das Bucherzeichen 
fiir Albrecht Guttmann in besonders gliicklicher 
\\"eiscj denn wiihrcnd dcr Kern diescr dekorati\cn 
Komposition noch an Sattlers alterc, ganz archaisti- 
schc Periodc crinncrt, ist die ornamentale Umrah- 
mung ein Bcispiel fiir scincn strcng gebundenen und 

72 









mil 

^^ECrU// 




(iclnirtsan/ciijc von ll.inns I'.astanicr 




Geburtsanzeige von Otto Winching t 




WIRHABEN*UriS 

VERHEIRATET 

JOHAflMESu.HEDWlG 
SCHAER 

.(3EB.LOTZE 

* !M LE NZ- - 
MOHD "' 



\ crinalilungskartc vim Willy Mciv 



doch frcicn ncuercn Stil. Die Bindung dcr bcidcn 
Kompositionstcilc 1st aber so vollkommcn, daft dor 
Eindruck absolutcr Stilcinhcit crreicht 1st. Audi Ju- 
lius Diez (Miinchen) kommt von denStilcn der Yer- 
gangenheit, zwischcn Gotik und Barock ctwa, hat 
aber die archaistischen Elemente so sehr mit Person- 
lichstem vermengt und durchdrungen, daft jede Linie 
seiner Arbeitcn das unvcrkennbare Zeichen seines 
Wesens und Stils an sich tragt. Das Blatt fiir Walther 
Nichelmann, einen Juristen, dcr vorurtcilslos gcnug 
1st, auf seinem Exlibris den Paragraphenmenschen cr- 
folgreich durch den Humor bekampfen zu lassen, ist 
nicht nur ein Beispicl fiir den derben, barocken Diez- 
schen Humor iiberhaupt, sondern auch fiir eine hoch- 
entwickelte Kunst der dckorativcn Flachenfiillung. 
Ganz Frtihes und Allerjiingstes, Mittclaltcr und Ex- 
pressionismus, Tcufclci und Verziicktheit, eisige 
Geistigkeit und heifteste Leidenschaftlichkeit mischen 
sich wunderlich und genial zugleich in Willi Gci- 
ger (Miinchen), einem der konsequentesten Allein- 
geher, die wir heute haben . Es bcstcht wohl auch man- 
ches Verwandte zwischen ihm und Richard StraulS, 
und darum kann man sagcn, da(^ sein Exlibris fiir 
diesen letzteren ebensoviel von ihm selbst wie von 
Straufi enthiilt. (Wenn ihr's nicht fiihlt, ihr \\ erdet's 
nicht erjagen.) Eine kurze \\'cilc hat man geglaubt, 
Sepp Frank (Miinchen) irgendwo in der unmittel- 
barsten Niihc Geigers unterbringen zu miissen. Aber 
heute sieht man, dafi Frank, eine Synthcsc aus mittel- 
alterlichem Asketen und modernem Tcchnikcr, mit 
Geiger sich langst in keinem einzigen Punkt mehr 

76 







r '%J^ben rHrQriTrQundQn. 

rrT 







Yermahlungskarte von Rcinhold Niiiiclc 



bcriihrt. Kr 1st cine \Vclt fiir sich, in dcr hcimisch 
xu \\erdcn allcrdings nicht jcdcm gegeben scin \\ ird. 
Fast allc seine l^xlibris haben die 'IV'nden/ xum Mo- 
numentalen. Ihr Inhalt scheint nur dcm L'ngeiibten 
unentratselbar. I3er Kenner seiner Kunst dagegen 
\vird ohne besondere Miihe herausfinden, daiS dcr 
Schrcitcndc auf demExlibris Dr.Lange den Menschen 
symbolisiert, dcr von den Biichcrn \\ ieder den \\'eg 
zum fcstcn (jrund, d. h. xur Wirklichkeit, xuriick- 
findet. \\'eitab von dicscr und iihnlichcr Intellektual- 
kunst gcht Alfred Cofimann, cincr der tiichtigsten 
und licbcnsu crtcstcn (jraphikcr der iiltcrcn \Vicncr 
Schule, scincn stillcn \\ eg. l'r baut seine sch(>nen 
Fxlibris mit fcincm det'iihl t'iir dckorativc Wirkung 
aut' und schliclk Figiirliches und Ornamenrales mit 
tester I land, doch oline jede Gewaltsamkeit xu mar- 
kcnhaftcr \\'irkung xusammcn. Auf dcm l-lvlibris 

77 




Umzugsan^eige von Michel Fingesten 

B. Juckcr-Liischcr illustricrt cr die Spruchbandin- 
schrift ,,Goldene Apfcl in silbernen Schalen", und 
cr meint damit die BUcher und ihren Inhalt. (Ein 
Blatt \\ ie dieses diirfte man natiirlich nur in die besten 
Biicher einkleben.) 

78 




Ncujahrkarte von Albert \Velti t 

Mine deutsche Spezialitat ist das landschaftHche 
Bucherzeichen, das den Exlibrisfreunden und -tor- 
schern alterer Ordnung besondere Pein \crursacht 
hat; denn es enrtenu sich tasr noch niehr als das Akt- 
exlihris \ on dem UTSprunglichen Schema eines Biicher- 
zeichens. Aber das hat die Kiinstler nie da\on ab 
Uehalten, l ; .\libris mir l.andschalren /u entuerten; ja, 
es gibr \iele, die nie (oder fasr niei et\\as andcres als 

79 



landschaftliche Exlibris gcmacht habenund derenEx- 
libriswerk trotzdcm oder viellcicht gcradc deswcgen 
zu dcm Wcrtvollstcn gehort, was \\ ir bcsitzcn. Und 
\vcshalb sollte auch cin Stiick Natur nicht charakteri- 
stisch gcnug fur cincn naturbcgcistcrtcn Menschen 
scin? Wenn jcmand die Liebc zur Natur fur die 
wcsentlichste und bezeichnendste seiner Eigen- 
schaften halt, weshalb soil er davon auf seinem Exlibris 
nicht sich selbst Rechenschaft und andern Kundc 
geben? Die Landschaft kann iibrigens (und sie tut das 
auch ha'urig) ein Stiickchen Welt darstellen, das der 
Exlibrisbesitzer besonders liebt, das seine Heimat ist 
oder mit dem ihn sonst Beziehungen oder Erinne- 
rungen verkniipfen. Sie kann aber auch ein beliebiges 
Stiick Wald oder Flur, Berg oder Tal sein und spricht 
dann ganz allgemein die Freude des ExHbrisbesitzers 
an der Schonheit dcr Natur aus. Die Darstellung kann 
stilisiert sein, und eigentlich ware das ja das richtige. 
Herm. R. C. Hirzel (Berlin) z. B., der Schbpfcr der 
wohl umfangreichsten landschaftlichen Exlibrisseric, 
hat sich noch ha'ufig verpflichtet gefiihlt, die nur 
wenig oder nur partiemveise stilisierte Landschaft 
durch cin Buch, das den Eindruck macht, als habe es 
ein Leser im Grasc liegen lassen, oder das riesengrofi 
und ganz unvermittelt in die Natur gesetzt ist, in di- 
rekteBeziehung zumExlibriszweck zubringen. Aber 
die Spatercn haben sich dann nicht mehr gescheut, 
einenrealistischenNaturausschnittohneirgendwelchc 
Himveisc nur durch cincn ornamentalen Rahmen dem 
Gebrauchszweck anzupasscn. Hirzel hat seine Im- 
rahmunjjcn mit Yorlicbc aus stilisierten Pflanzen- 

c* 

80 




Neujahrskarte von dcorg I! rod 



motiven gebildet, und man liar, \\enn auch nicht 
immcr alles gcgliickt \\ar (die Bindung x\\ ischcn 
Ornament und ,,Bild" 1st nicht immcr eimvandtrci , 
docli auch hcutc noch seine I ; reude an sehr vielen 
seiner Biicherxeichen. Sein /iiher Stil\\ ille allein, der 
ihn meist heil um die /u\\ eilen drohenden Klippen 
des Jugendstils herumgcfuhn hat, macht seine liliitter 
schat/ens\\ ert. . \rbeiten aher \\ ie das friilie Mxlibris 

[mhoof-Blumer gchrnvn /u den Paradestiicken der 

(i;ittung. I'lbentalls Stilist, jedoch nicht als Idylliker 
inter Mpikcr, sondern als Pathetiker ist Otto L'bbe- 
lt)lule ( lol^teldeii). Mr liebt die urolSc ,,heroische' 1 

/ ^ 



Kraungart / hxlibris 



81 




Neujnhrskartc von Felix Hollcnbcrg 

Linic in den Wolkcnztigen, in den Baumsilhoucttcn 
und in den Wellen der Hiigel, und so sind seine 
Landschaften (man betrachte das Exlibris L. Wolff) 
keine realistischen Abschrifcen, sondern romantisch 
stilisierte L'mdichtungen ihrer moist hessischen Vor- 
bilder. Ganz Realist ist dagegen Felix Hollenberg 
(Stuttgart), der das eigentiirnliche A\ r esen der sch\\ iibi- 

82 



VElGLOCKFORMl 




Neujahrskarte von Frir/ Sclm imbeck 

schcn Laiulschaft \vic kaum eincr \ or ihni crtalSt hat. 
Mit prachtvoller Klarhcit und Sachlichkeit, die a 
nicmalscrnuchtcnul\\ irkt,ciit\\ ickelterdenC J 
cincs Morivs, uiul /urn . \usdruck \ on Stimmungen 
vollends eignet sicli scin Darstellungsstil in sclrcncm 



Grade. Das Kxlibris Max und Louise Schaller dtirttc 
gcrne als Beweis dafiir genommen werden. Von cincr 
/arthcit und technischen Feinheit, die zuweilen bis 
an die Grenze des Moglichen gehen, sind die Kxlibris 
des in Miinchen lebenden Rheinlanders GeorgBroel. 
Sie sind mit einem Raffinement, das man ihnen gar 
nicht ansieht, architektonisch und in der Schvvar/- 
weifi-undFarbenwirkungausbalanciert, undesspricht 
fur die Sta'rke des Dichterischen in Broel, daft sie 
trotzdem durchaus unmittelbar und uberzeugend 
wirken. Auch Emil Anner (Brugg-Schweiz) ist ein 
Feinmeister der Nadcl, wie es deren heute nur mehr 
\venige gibt. Im ubrigen spricht das Exlibris Alfred 
Anner so unmifiverstandlick fur sich selbst, dafijedes 
Wort der Erklarung uberrliissig ware. Zu den besten 
Wiener Meistern alterer Schule der Landschaft und 
Architektur gehort Luigi Kasimir. Das Jiebenswur- 
dig-weiche Wienerische und das kultiviert Kiinstle- 
rische der Auffassung, das fur ihn besonders charak- 
teristisch ist, findet man in dem Exlibris Dr. Grofi, 
(mit dem Blick auf die Wiener Universitat von der 
Schreyvogelgasse) in idealer Vereinigungwieder. Zum 
Abschlufi dieser Reihe sei der Baseler Holzschneider 
Alfred Peter genannt, dessenmehrfarbige landschaft- 
liche Holzschnittexlibris seit Jahren das Entziicken 
aller Sammler sind. Er versteht es \\ ie kaum ein zweiter, 
mit dem Druck vom Holzstock der Wirkung eines 
Aquarells beinahe gleichzukommen, und er versaumt 
es auch niemals, durch Umrahmungen, meist mit Pflan- 
zenornamenten, seine reizenden Naturausschnitte 
dem Wesen der spezinschen Gebrauchsgraphik so 

84 




Nc'ijahrikartc von Jul. I'. Juiighanus 



\\ eit als moglich an/unnhern. Selbstverstandlich kann 
die Wiedergabe dcs l-'xlihris A. \\'cgmann den tat- 
sachlichen Eindruck dieses in der Farbengebung er\\ as 
kraftiger gehaltenen Blattes nur ahnen lassen. 



Die kiinstlerische Besuchskarte, der \v ir uns nun 
zuwenden wollen, konntc heutc vicllcicht cbcnso 
bliihcn und gcdeihcn wic das Exlibrisj dcnn es sind 
die gleichcn Kimstler, die fur diese beidcn Arten 
von Gebrauchskleingraphik in Betracht kommen, und 
es ist nicht einzusehen, weshalb dem Schopfer eincs 
geistreichen Exlibris nicht auch fiir einc gute kiinst- 
lerische Besuchskarte etwas ebenso Schones einfallen 
sollte. Aber da ist ein kleines Hindernis : die Besuchs- 
karte mit bildlichem Schmuck ist augenblicklich nicht 
modern. Sic war es, von ihrer Entstehung an, etwa 
achtzig Jahre lang. Dann geriet sie in Vergessenheit. 
An ihre Stelle trat die geschriebene oder lithogra- 
phierte einfache Schriftkarte, und dabei ist es bis zum 
heutigen Tage geblieben. Im ,,offiziellcn" Besuchs- 
verkehrwenigstens. DerNormalmcnschunsererTage 
liefie es sich niemaJs einfallen, etwas zu tun, was nicht 
jeder andere ebenso macht. Und darum beugt er sich, 
ohne sich dabei etwas zu denken oder etwa gar sich 
dariiber aufzuregen, willig unter das Joch der Kon- 
vention und gibt dicselbe schmucklose, ,,elegante" 
Schriftkarte ab wie sein Kollege oder sein Nachbar. 
,,Man" hielte sich in seinem Kreise sicherlich sehr 
dariiber auf, wenn er eines Tages plotzlich eine kiinst- 
lerische Besuchskarte fiihrte. Das verstiinde nicmand, 
undmanempfande einesolche Eigenbroteleialsunfein 
und gegen die Sitte verstofiend. Gliicklicherweisc 
gibt es aber immer einige Leute, die sich um das 
Xaseriimpfen der andern nicht kiimmern und sich 
cine individuelle, kiinstlerisch geschmiicktc Karte 
machcn lassen. Meistens tun das ja die Kiinstler selbst, 

86 





1> ^ 



Neajahrskarte MHI limno HAoui 

die sich in dcr Rcgcl gar niclits daraus machcn, \\ cnn 
man ihr \\-rhaltcii kritisicrt; abcr auch I .cute, die 
Kiinsrlcrn nahestchcn, und solchc, dcrcn Empfinden 
dcm dcr Kiinsrlcr \ cru andt isr, sct/cn sich licutc ohne 



Bedenken iiber das Herkommliche himveg. So hat es 
sich gefiigt, daft wir, trotz dcr entgegenstehenden 
Mode, cine betnichtliche Zahl gutcr moderner kunst- 
lerischer Besuchskarten habcn. An die alten freilich 
reichen sie der Zahl nach bei weitem nicht heran, 
wenn auch ihr kiinstlerischer Wcrt dem der alteren 
Karten im groficn und ganzen kaum sehr viel nachsteht. 
Dafi die Besuchskarte nur im hofisch-hoflichen, 
galanten, die aufieren Formen ungemein wichtig 
nehmenden Frankreich erfunden \\erden konnte, 
leuchtet ein. Walter von Xur Westcn nimmtan,dafi 
ihr Geburtsjahr um 1710 herum zu suchen ist. Doch 
bestand sie damals nur aus einem mit dem Namcn 
beschriebenen Stiick Papier. Auch zerrissenc Spiel- 
karten hat man dazu verwcndet. Die gestochene Be- 
suchskarte diirfte um 1750, vielleicht sogar noch etwas 
sparer allgemein gebrauchlich geworden sein, und 
/war zunachst in der Form der Rahmcnkarte, die 
kauflich zu crwerben war und in die der Name ein- 
gcschrieben oder eingestochen wurdc, und dann in 
der Gestalt der personlichen Karte, die sich der Be- 
steller nur fur seinen eigenen Gebrauch stcchen und 
druckcn liefi. Diese Sitte hat sich freilich, \\ ic schon 
envahnt, keinc hundert Jahre erhalten. 
Die meisten modernen Besuchskarten, fiir die heutc 
die Radierung die dem Stich von einst entsprechende 
Technik ist, hatwohl Adolf Kunst(Munchen) radiert. 
Er hat viel von der alten Rahmenkarte gelernt, deren 
Typus er in einer ganzen Anzahl von Beispiclen vari- 
iert hat. Am personlichsten aber sind seine Karten, bei 
denen der freistehende Name in eineStreublumenum- 

88 




Ncujiilirskartc von I.. Kcmu-r 



rahmunggesetzt 1st. Ubri gens istderSchmuck dcr Kar- 
tcn von Kunst schr diskrct, und cr bccintrachtigt nic- 
mals die Schrift, die immer, \\ ie es sich gcliort, Haupt- 
sachebleiht. Mitfastnochmehr Delikatesse und kiinsr- 
lerischer Feinheit verbindet GeorgBroeJ die klare 
Schrift mit xartem umrahmendem Gerank. l ; ,r\\as 
strcngcr undsachlicli-kiihler,aber immer nodi gctallig 
gcnug isr der 'IVpus der Karre von Ilubcrr \ViIm, 
an (lessen . \rbeiten immer \\ieder sein gutcr Insrinkt 

80 



On dcm noiea 3a6r i 
Dit dne U>en^uny jum 




Neujahrskarte von Hans Volkcrt 



fur Wcscntlichcs und fiir pragnantc Gcstaltung cincs 
Formgcdankens zu riihmcn 1st. Fritz Mock f hat auf 
der Karte fiir sich und seine Frau das Zunachstliegende 
getan : er hat sich sclbst im Freicn malend und seine 
Frau dabei lesend dargcstellt. Bruno Heroux geht 
noch weiter und schildert auf seiner Karte eine kleine, 
natiirlich nur in der Phantasie existierende Atelier- 
szene: wic die scharfen Instrumente des Radierers 
und die noch scharferen Brillen Neugieriger sich zu 
einem konzentrischcn AngrifF auf das geangstigte 
Modell vereinigen. Hans Volkert aber gibt in einer 

90 



GRATUL :REM 




Neujahrskarte von Fritz Gilsi 

Kartc, die bis jetzt noch kcinen Bcsitzcr gefimden 
hatunddcshalbauchkcinen Namcn triigt, cine rcichc, 
unendlich fein durchgcfiihrte Komposition aus Akt 
und Landschaft, die eigentlich schon \vcit iiber das 
hinausgeht, was von einer Besuchskarte verlangt wer- 
den kann und muft. Aber wir \\crden uns hier \\ ie 
bei den Exlibris hiiten, Vbrhandenes von solchcr 
Qualitat nur eines IVin/ips \\ egen abxulehnen. 
Es leuchtet \\ohl ohne \\eiteres ein, daft die Bc- 
suchskarten, die xum uberwiegenden I'cil von \-\\- 
milie xu ] ; amilie verbrauclit \\erdcn, jener groften 
Kategorie von Gebrauchsgraphiken angchorcn, der 
man den zutrefFenden Namcn Familiengraphik ge- 
gcbcn hat. Abcr sic nchmen dort nur cincn ver- 
haltnismiiftig beschcidcncn Raum cin. Das eigcnt- 
lichc (jcbict dcr Familiengraphik sind viclmchr allc 

91 



jene meist in originalgraphischen Technikcn hergc- 
stelltcn Drucksachcn, die zu cincr bestimmten, nur 
cinmal vorkommenden oder auch pcriodisch wieder- 
kehrendcn Gelegenheit bcstellt und mcist in be- 
schrankter Zahl im engercn Krcis dcr Verwandten 
und Bekannten verwcndct werden: also Gcburts-, 
Verlobungs-, Vermahlungs- und Umzugsanzcigcn, 
aufierdem Wunschkarten zum Jahreswcchscl. Die 
Sitte,Geburts- undVermahlungsanzeigen kiinstlerisch 
auszustatten,lafk sich, \\ ieW.vonZur Westcn nach- 
\vcist, bis in das 18. Jahrhundcrt zuruckvcrfolgcn, 
das ja das Jahrhundert der hochstentwickelten gesell- 
schaftlichen Kultur gewesen ist. Auch die alteste Um- 
zugsanzcigc stammt aus dicscr Zeit. Kiinstlcrischc 
Verlobungsanzcigen sind dagcgcn erst im 19. Jahr- 
hundert iiblich gc\\ orden. Im grofien und ganzcn 
freilich steht die Zahl dcr altcrcn Blatter dieser Art, 
die sich erhalten haben, in gar keinem Verhaltnis zu 
der Fiille des Materials, das uns die A r ergangenhcit 
auf dem Gcbiete des Exlibris und dcr Besuchskarte 
hinterlassen hat. Und man konnte daher bcinahe 
sagen, dafi die Familienanzeige nach Form und In- 
halt cine Schopfung unsererZeit sei. Sicher ist jeden- 
falls,dafidieseGelegcnheitsgraphiken seitetwadreifiig 
Jahren sich einer Beliebtheit bei den Verbrauchcrn", 
Kiinstlern und Sammlern crfreuen, die durch den 
Krieg kaum cine merkliche Minderung erfahren hat. 
Und der alljahrJicheNeuzugang an solchen Arbeiten 
ist auch jetzt noch quantitativ so reich und qualitativ 
so bemerkenswert, da^ man der Zukunft \\ enigstens 
aufdiesemGebiet mit einigen Hotfnungen entgegen- 

92 







Nfiiplirskaru- \nn hrit/ ' 



schen kann. Am umfangrcichsten 1st freilich immer 
schon die Produktion von kiinstlerischen Neujahrs- 
wiinschcn gcwcsen. Dicsc Sitte hat wohl das hochste 
Alter von alien, die hier in Betracht kommen. Xur 
Wcstcn erkennt ihre Vorlaufer schon in den romi- 
schen Neujahrsgeschenken. Und die crstcn graphi- 
schen Neujahrskarten sind fast so alt wie die crstcn 
Holzschnitte und Kupferstichc. U.-a. gibt cs von dem 
geheimnisvollen Meister E. S., der ftir die Entwick- 
lung des Kupferstichs von Wichtigkeit ist, cine ge- 
stochene Neujahrskarte aus dem Jahre 1466. Im Laufc 
der Jahrhunderte hat die kiinstlerische Wunschkarte 
zum Jahreswechsel dann oft seltsame, barockc For- 
men angenommen. Ihre hochste Bliitezcit abcr hat 
sie am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhun- 
derts erlebt. Damals hat sich die Industrie, die sich 
mit geschickten, ideenreichen Kiinstlern in Vcrbin- 
dunggesetzt hatte, der Sache angenommen, und man 
erfand, um die Kauflust immer wieder anzuregen, 
rafnniert ausgekliigelte Sachen, wie die bald sehr be- 
liebten Ziehkarten und ahnliche, aus dem Zeitgeist 
geborene Spielereien. Einigc originelle, satirische 
Wunschkarten gibt es u. a. von dem jungen Menzel. 
Aber die eigentliche Bliitezeit der Neujahrskarte, die, 
ahnlich wie die Rahmenbesuchskarte, zumeist unpcr- 
sonlich gcwesen ist, war damals bcreits vorbei. Ihr 
Wiederaufleben, und zwar in der Form der person - 
lichen, nur fur den eigenen Gebrauch bestimmten 
Karte, fallt zeitlich ungefahr mit der Wiedergeburt 
des Exlibris zusammen. Und es sind, \\enn auch ei- 
nige der Hauptanreger aufierhalb des engeren Kreiscs 

94 




Neujahrskarie von M. I'.. Philipp 



der Gebrauchsgraphiker stchcn, viclfach die gleichen 
Kunstler, die fur das Exlibris, die Besuchskarte und 
fur die Gelegenheits- und Familiengraphik in Frage 
kommen. So riihren z. B. einige der friihesten (und 
besten) Neujahrskartcn und Gelegenheitsblatter von 
dem Paarc Oskar und Qicilic Graf und von Albert 
\Velti her, die ja alle drei auch fiir das Hxlibris 
Bedeutung haben. \ r erschiedene Kiinstler, /u denen 
u. a. die genannten Graf, Heroux, Schiestl, Soder, 
Volkert und noch viele andere gehoren, erfreuen seir 
vielen Jahren zu jedem Neujahr ihre Freunde und 
Bekannten mit einerhiibschen, meist radiertenKartc. 
Und auch Kunstfreundc gibe es, die das gleiche tun, v or 
allem in der Gemeinde der Sammler von Gebrauchs- 
kleingraphik. Daft die Produktion von Neujahrskarten 
durch den Krieg cine \\ esentliche Minderung erfahren 
hatte,kannnichtbehauptet \\erden.Wohlaberspiegeln 
die Ereignisse dieser verhangnisvollen Jahre sich in 
ihren Neujahrskarten mit grofier Treue \\ ieder, sodaft 
diese auch als Zeitdokumente, ganz abgesehen von 
ihrem kiinstlerischen Wert, Geltung behalten wer- 
den. Wenig sichtbare Spuren hat dagegen bis jetzt 
die Revolution mit ihren unmittelbaren und mittel- 
baren Fblgeerscheinungen auf den Neujahrskarten 
hinterlassen. Aber das kann ja noch kommen. Selbst- 
verstandlich pra'gt sich in den Neujahrskarten auch 
der kiinstlerische Zeitgeist aus, und so ist es ganz 
natiirlich, daft die Xahl der expressionistischen Karten 
von Jahr zu Jahr zunimmt. J ; .s fehlt aber diesen Kar- 
ten, die sich in der Hauptsache mit einer dekorati\ en 
Geste begniigen (und \\-ohl auch begniigen miissen), 

96 




Neujahrskartc von Hans Rohm 



gcradc jcncs Klemcnt desBehaglichen, Bcschaulichcn 
und Besinnlichen und jcncr kriiftigc Zusatz vonStim- 
mung und Reflexion, ohne die cine deutscheWunsch- 
kartc kaum gcdacht \\erden kann. Jedenfalls stellen 
diese Karten nach Form und Inhalt etwas Xeues dar, 
mit dem man sich erst befreunden mufi - - sofern 
das cincm I ,icbhaber dcr iiltcrcn Art uberhaupt mog- 
lich 1st. 

/u jcncn neueren deutschen Ciraphikcrn, die aus 
stilistischen und rein menschlichen Griindcn gcradc 
iiir die Geburtsanzeige hcsondcrs berufen sind, gc- 
horen Hans X'olkert, Alfred Soder, Hanns Basta- 
n ier und Rudolf Sch iestl (Niirnberg). Schiestl macht 
das in seiner treuhcr/ig-bicderen, an den altcn Mei- 
stern geschulren Art, die jeder lieben mulS, dcr fiir 
bodenstandige, volkstiimliche Kunsr ein Her/ liat. 



7 I'.r.iung.in I-.xlihris 



97 




Neujahrskartc von \Villi Hallstein 

die aber auch der von Sentiments freie Freund abso- 
luter Graphikwerte schiitzen wird. Er, wie der lie- 
benswiirdigc, feine Lyriker und Idylliker Soder zeigen 
auf ihren Karten das Kind, dessen Geburt gemeldet 
wird, oder vielmehr: sie zeigen den Typus Kind; und 
etwas anderes ist ja auch, wie man bcgrcifcn wird, 
nicht gut moglich. Bastanier bindet einMedaillonmit 
cinem Kinderportrat an eine Weihnachtskerze und 
bringt damit wie Otto Wirschingf (Dachau), der 
ohne Bedenken das lebende Wickelkind selbst an den 
Christbaum ha'ngt, zum Ausdruck, dafi das Kind unter 
dem Weihnachtsbaum geboren ist. (Mit Wirsching, 
der dreifiigjahrig starb, haben wir eines der besten 
Talente der Gebrauchs- und Illustrationsgraphik ver- 




N'eujahrskarte von Hubert Wilm 

loren.) Willy Mcnz (Bremen) zeigt cine vollzogene 
Yermahlung auf einer sehr bunten Karte an, die im 
\\esentlichen ornamental gehalten, abcr reich an 
zarten, leichtverstandlichen Himvcisen auf Gliick, 
I jebc und Trauung ist. Noch viel mchr ist auf einer 
Vcrmahlungskarte von Reinhold Xagele zu sehcn. 
Xicht jeder wird sich in diesem krausen, scheinbar 
gan/ regellosen Ge\\ irr von Ornamentik und Figiir- 
lichem sofort zurechtnnden. Abcr \\ er sich ein bifi- 
chcn hineingesehen hat, wird vielleicht zu der Uber- 
zcugung kommen, daft fur cine Familienanzcige im 
intimen, kiinstlerisch cmpfanglichcn Kreis sichnichts 
so sehr cignet als dieses tandelnde Umspielcn des 
Textes mit Kinfallcn, die den Remarques auf den 
Randcrn der Exlibris nahe vrerwandt sind. Spieltsogar 



bci solchen, von den Menschen mcist crnst genom- 
mcnen Anlassen der Humor zu\\ cilen schon cine 
Rollc, so \vird ein vollzogener L T mzug fast immcr in 
\\itziger Weise glossiert. Am hiiufigstcn sind drol- 
ligc Darstcllungcn dieses tragikomischen Vorgangs, 
iiber den nervose Leute in furchtbare Erregung gc- 
raten, wahrend leichtere Naturen, 7A\ denen ja wcnig- 
stens cin Teil der Kiinstler gehort, nur das Komischc 
an der Sachc gelten lassen. Auf cine ungewohnlich 
originelle Weise hat Michel Fingesten die Aufgabe, 
einen Umzug nebst der neuen Adresse anzuzeigen, 
gelost. Es ist vor allem die Freude des Menschen am 
Wechsel des Orts und am Xeuen iiberhaupt, die in 
diescr grotesken Karte zum Ausdruck gebracht ist. 
Und man wird auch nicht iibersehen, daft ihr graphi- 
scher Stil sich vorziiglich dem Eintagscharakter einer 
solchen Anzcige anpafk: ein Umstand, der bei An- 
lassen dieser Art oft zu wcnig beachtet \vird. 
Das Stoflfgebiet der kiinstlerischen Neujahrswunsch- 
karte schcint, \\ enn auch nicht gerade eng, so doch 
durch ihren Zweck beschrankt. A\ ir konnen uns 
aber jederzeit da von uberzeugen, dai^, von ge\\ issen 
typischen, immer \\iederkehrenden Forme n abge- 
sehen, die Mannigfaltigkeit der moglichen Ideen un- 
begrenzt ist. Das haben ja auch schon die Kiinstler 
der Vergangenheit hinreichend be\\ iesen. Und zu 
Beginn der neuen Renaissance der kiinstlerischen 
Neujahrskarte hat u. a. der schon mehrfach crwahntc 
Albert Welti f in seinen gemiit- und humorvollen, 
gedankenreichen Xcujahrskarten ge/eigt, daft es fur 
einen Kiinstler von Phantasie keinen gunstigeren 



100 




Neujnhrskarte von Rudolf Schiestl 



Anlaii als den Jahreswechsel gcbcn konnc, um /u 
/cigcn, was an gutcn Einfallen in ihm stcckc. l ( 's ist 
nun selbstvcrstandlich niche notig, dafi dcsucgcn 



101 



glcich Himmel und Holle bewegt und der Anschlufi 
an das Unendliche gesucht werde, wozu derdeutsche 
Griibler jederzeit geneigt ist. Eine Neujahrskarte wie 
die von Gcorg Broel, die ein Schneeglockchenmotiv 
ornamental verwertet, ist immer noch sinnreich genug, 
um sich iiber den Durchschnitt zu erheben. Und wenn 
Felix Hollenberg cine seiner schonen Sommerland- 
schaften zu Xeujahr verschickt, so kann man schliefi- 
lich auch darin so etwas wie einen Wunsch fur ein 
sonniges Jahroder dergleichenerkennen. Ammeisten 
Freude erlebt man freilich an Karten, die der Tatsache 
des Jahreswechsels nicht blofi referierend, sondern 
auch ernst oder heiter glossierend und mit mehr oder 
weniger prophetischem Gemiit gedenken. Fritz 
Schvvimbeck (Miinchen) symbolisiert die Geburt 
des neuen Jahres durch eine A\ \inderblume, die mitten 
in Eis und Schnee leuchtend aufbliiht. Paul Jung- 
hanns (Diisseldorf ) variiert das zu Neujahr besonders 
beliebte Gliicksmotiv: einSchweinchenspringteinem 
Reiter von links nach rechts z\v ischen den Pferde- 
beinen durch. Das ist nach der Anschauung des Volks 
eine Glucksv r orbedeutung ersten Ranges. Bruno 
Heroux, einer der Hauptmeister der modernen Neu- 
jahrskarte, bringt auf seiner Karte fiir 1911 das Gefuhl 
derleisenBeklemmungzumAusdruck,diebeimJahres- 
\\echsel nicht nur ein hilflos-staunendes Kind, son- 
dern auch manchen Envachsenen befallen mag. Was 
wird das neue Jahr bringen, Gutes oder Schlechtes? 
Aber \\ ahrend man noch dariiber nachsinnt, zerreifit 
derDackel,dasSymboldesLeichtsinns,dieabgelaufene 
Jahreszahl, die damit (einstweilen) erledigt ist. \Yenn 



102 



SCIUON 

FRITZ GURLITT 



131. LEIPZICER.-STRAS5E: 




Einladungskarte von Albert Welti t 



dcr Langschlafer, dcr in den Neujahrsmorgen hincin- 
schnarcht, von cincm ubermutigen Miidcl \\achgc- 
kit/clt v\ ird, so 1st das jcdcntalls cin gurcr Antang, 
\\ ic ihn die Karte von Rcnncr \\iinsclit. ills ist gar 
nicht SO dumm, nurcincn gutcn Antang xu\\ iinschcn; 
dennuer kann \\isscn, uas spatcr kommt?) Audi 

103 



Dr. Bonhoflf ist auf seiner Neujalirskarte fiir 1920, die 
ihmHans\ T olkertradiert hat, vorsichtig imWiinschen. 
Eine Wendung zum Guten wiinscht er nur; aber kann 
darin nicht alles liegen? Und vielleicht kommt diese 
\Vendung schon dadurch, daft zunachst einmal die 
verhangnisvollen Jahre 1914 1919 mit Tiinche aus- 
geloscht werden, wie man hier sehen kann. Audi 
Fritz Gilsis leicht verstandliche Karte fur 1917 ist 
cine Kriegserinnerung. Heute \\issen wir freilich, 
wie \\eit damals der Wunsch, der Kriegstod moge 
endlich fiir immer von uns weichen, noch von seiner 
Erfiillung entfernt war. Fritz Mock f zeigt auf seiner 
Xeujahrskarte fiir 1919, wie derTeufel neueGrenzen 
zieht, und er hat damitetwas ausgesprochen, \\assich 
viele schon gedacht haben mochten : dai^ die neue 
AN'eltkarte ein Werk der Holle sei. In cine Welt 
schaferlicher Galanterie und kriegsfernenSchonheits- 
kultus entfiihrt uns dagegen Martin E. Philipp. L'nd 
Hans Rohm (Miinchen) bringt dem Beschauer mit 
seiner holzschnittmafiig kraftigen Neujahrskarte der 
Munchencr Lowenbrauerei cine Sphare biirgerlich- 
derben Behagens nahe, die immer schon ^em \\ltz 
und der Laune giinstig \\ ar und aus der nicht selten 
die besten Einfalle der Kiinstler geboren werdcn. 
Einftille, \\ ie sic auch in dem Atelierscherz von \\^illy 
Hallstein (Miinchen) rliichtig umrandete Gestalt 
gewonnen haben. 

Am Schlufi dieser kurzen Betrachtung iiber I^amilien- 
graphik mag noch einer Arbeit \ on Albert Welti f 
gedacht werdcn: einer Einladungskarte zu einer Aus- 
stellung im Salon Fritz Gurlitt in Berlin. Mit Familien- 

104 



graphik im cngercn Wortsinn hat dieses Blatt aller- 
dings nichts zu tun. Man mufi es in die Kategorie 
der Gelegenheitsgraphik einreihen, deren Grenzcn 
ein wenigweiter gezogen sind. ,,Kunstlerringen und 
Modedressur" hat man es betitelt, und es ist darauf 
in der Mitte und unten dargestellt, wie der freie 
Menschengeist mutig das Aufterste und Kiihnste wagt. 
Oben dagegen sieht man, wohin es fiihrt, \\enn der 
Klinstler sich durch die Lockungen des Ruhms und 
des Reichtums betoren liifk: man klatscht ihm Beifall, 
aber er ist dauernd unfrei und bleibt ein Sklave des 
Publikums. Merkt's Euch, Ihr Kiinstler, Ihr jungen 
vor allem, damit Euch nicht eines Tages sogar die 
Lust und Laune zu so hiibschen Dingen vergeht, \vie 
\\ ir sic oben kennengelernt haben. Das ware jammer- 
schade. Derm in dieser kleinen Kunst spiegelt sich 
ganz deutlich die grofie und mit ihr alles, \vas uns 
an Kultunverten am Herzen liegt. Und darum \vtin- 
schen wir ihr ein frohliches Gedeihen auch in unge- 
\\-isser Zukunft! 



DIE KUNSTBREVIERE 

I. Rcihc: Einzelkiinstler 

LUDWIGRICHTER,HEIMAT UND VOLK. Einfiihrender 
Text von E. W. Bredt. 

MORITZ VON SCHWIND, FROHLICHE ROMANTIK. 
Einfuhrender Text von E. W. Bredt. 

SPITZWEGS BURGERLICHER HUMOR. Einfiihrender 
Text von Rich. Braungart. 

WILHELM BUSCH, DER LACHENDE WEISE. Einfuh- 
render Text von Rich.-Braungart. 

CHODOWIECKI, ZWISCHEN^ROKOKO UND ROMAN- 
TIK. Einfuhrender Text von E. W. Bredt. 

ALBRECHT DURER. Einfuhrender Text von H.W. Sinner. 

NEUREUTHER, BILDER UM LIEDER. Einfuhrender Text 
von E. W. Bredt. . 

REMBRANDTSERZAHLUNGEN. Einf.Text v.E.W. Bredt. 

GRUNEWALD, DAS WUNDER DES ISENHEIMER AL- 
TARS. Einfiihrender Text von H. Kehrer. 

MICHELANGELO. Herausgegeben von H. W. Singer. 

EEUERBACH. Einfuhrender Text von H.W. Singer. 

RUBENS. Herausgegeben von H. Kehrer. 

GOYA. Einfuhrender Text von H. Kehrer. 

ALTDORFER. Einfuhrender Text von E. W. Bredt. 

VELAZQUEZ. Einfuhrender Text von H. Kehrer. 

LEONARDO DA VINCI. Einf.Text vonK.Z.v.Manteuffel. 

RAFFAEL. Einfuhrender Text von S. Aschner. 

ELSHEIMER. Einfuhrender Text von W. v_ Bode. 

MKNZEL, WANDERBUCH. Einf. Text von E. W. Bredt. 

H. THOMA. Einfiihrender Text von H.W. Singer. 

HOLBEIN DER MALER. Einf.Text von K.Z. v.Munteuffel. 

HOLBEIN DER ZEICHNER FUR HOLZSCHNITT UND 
KUNSTGEWERBE. Einf. Text von K. Z. v. Manteuffel. 

ANTON VAN DYCK. Herausgegeben von H. Kehrer. 

TIZIAN. Herausiieueben von Karl W.Jahnig. 

DIE DREI GALANTEN ME1STER VON VALEN- 
CIENNi-S. Herausgegeben von E. W. Bredt. 2 Biinde. 

ALFRED KUBIN. Herausgegeben von E. W. Bredt. 

HUGO SCHMIDT VERLAG MUNCHKN 



DIE KUNSTBREVIERE 

JI. Rcihc: Bildcrschatz zur Weltliteratur 
ge\vahlt und tcxtlich gcfalk von E. W. Brcdt 

Bd. I: DiealtenSagen: OVID, Der Cotter Verwandlungen I 

Bd. II II 

Bd. Ill III 

Bd. IV Die REMBRANDT-BIBEL Band I (Altes Test. I) 

Bd. V Die REMBRANDT-BIBEL Band II (Aires Test. II) 

Bd. VI Die REMBRANDT-BIBEL Ban dm (Neues Test. I) 

Bel. VII Die REMBRANDT-BIBEL Band IV (XeucsTest. II) 

III. Rcihc: March en dcr We It lite rat ur 
Tausendundfeine Nacht 

Bd. I: ALAEDDIN UND DIE WUNDERLAMPE. 
Bd. II: SINDBAD DER SEEFAHRER. ALI BABA. 
Bd. Ill: DER LASTTRAGER UND DIE DREI SCHWE- 
STERN. 

Mir entzuckenden Zeichnungen von 1 . Smeger. Die Texr- 
revision besorgre Kurr Moreck. 

\Vciterc Uando in N'orbcroirung. 

l\'. Rcihc: 
K unstgcsch ich te in Einzeldarstellungen 

Bd. I: MAX II l\ II I. 1)1 K DEUTSCIIi: HOI /- 

SCHNITT. 
Bel. II: MANTEUFFEL / DER DIL 1SCIII KUIM-'I-R- 

STICH. 



\Vcitc 



in Vorbereitung. 



V. Rcihc: A II gem erne Kunstabhandlungen 

Bd. I: BRAUNCART / Dl L 1SCHE IXI.IBRIS U\D 
.-\\D1-R1. Kl.l I\(,KA1MIIK 1)1 R (,l (,I \A\'ART. 



IILdC) SC.IIMIDI VERLAG \lC\UIKN 






Braungart , R . Z 



Deutsche exlibris .037 

und andere kleingraphik B3 
der gegerrwart.