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Full text of "Festbericht über die 350-jährige Jubelfeier des Königlichen Herzog-Albrechts ..."

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FESTBERICHT 

über die 350jährige Jubelfeier 



des 



II I 11 







giM Horzög-AiDrecDts-ijymasiiis zd Msieiiirg 




von 



Dr. W. (xroismanii, 

Direktor. 



Beilage zum Jahresbericht 1896/97 
über das Königliche Herzog-Albrechts-Gymnasinm zu Rastenbarg« 



1897. Progr.-Nr. 14. 



Druck von \V. Kowalski, Rustenburg. 



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^ie Stürme des Jahres 1848 waren vorübergerauscht. und ihre Folgen für dieEut^ickelang 
unseres Staatslebens in heilsamer und in nachteiliger Richtung gehören, soweit sie sich nicht in 
praktisclie Formen umgesetzt haben, der Geschichte an. Eine neue Zeit brach mit dem Regierungs- 
antritte unseres allgeliebten hochseligen Kaisers Wilhelm I. an, jene denkwürdige Zeit der Heran- 
bildung unseres Volkes zur Einheit und Gröfse, deren wir uns heute erfreuen. Das Decennium von 
1860—70 hat die kühnsten Träume verwirklicht; ein neues Geschlecht ist heraufgekommen, das, der 
Erfolge frob^ in pietätvoller Liebe seiner Väter gern gedenkt und es für seine Ehrenpflicht hält, 
diesem Gefühl auch den entsprechenden Ausdruck zu geben. Wie aber der Prozefs sich an 
unserem ganzen Volke als der gröfsten Gemeinschaft zum Segen der Allgemeinheit vollzogen, 
in der Feier der Erinnerungstage dieses Jahres einen würdigen Ausdruck gefunden und 
sich glänzend in der Hundertjahrfeier des Geburtstages Wilhelms des Grofsen bethätigt hat, 
80 ist er auch für kleinere Gemeinschaften nicht ohne Folge gewesen und hat zum Segen 
des Vaterlandes seine Wirkungen ganz besonders in dem Leben der höheren Schulen ausgeübt; 
haben diese es doch von jeher als ihre wesentlichste Aufgabe betrachtet, sowohl pietät- 
volles Gedenken der Vergangenheit als auch freudige Hoffnung für die Zukunft auf dem 
Ovunr^^ rnqflosor Arbeit und liebevoller Hingabe an das Ganze zu pflegen und auch für die 
Zukunfc die Minorität der Gebildeten unseres Volkes mit dem Rüstzeug zu versehen zum Kampfe 
gegen die linsteren Mächte des Umsturzes, die sich gewissermafsen als dunkle Schatten hinter 
der Lichtgestalt des Reiclies bemerkbar machen. Diese Pflege der Einheit und Zusammengehörig- 
keil der guten Elemente unseres Volkes, dieses Zusammenschliefsen zum Zwecke der Förderung 
iueaku Sinnes und der Erkenntnis vom allmählichen Werden und Wachsen und der Not- 
wpnHi!rk<Mt einer heilsamen Kontinuität, die gern auch zu überwundenen Zeiten der 
Fntwickelung, zu dem, was die Väter erstrebt haben, zurückkehrt und nicht alles Heil in gewalt- 
samen Neuerungen himmelstürmender Titanen sieht — diese Tugend der Pietät ist es gewesen, welche 
fwich bei uns longo (Uxi Wunsch hervorrief, neben den grofsen Erinnerungsfesten der Nation in kleinerem 
Umfang die Erinnerung an gemeinsame Arbeit und gemeinsame Freude, an die Entwickelung, das 
Fortschreiten und die Leistungen älterer und jüngerer Männer, soweit sie noch dem Leben angehören, 
anznroffon sowie die Verdienste derer, welche der Tod bereits zu höherem Ziele geführt hat, öffent- 
lif^li dankbar anzuerkennen. Forderte doch die Feier der Eriiebung unseres Volkes in den Jahren 
] 870/71, wie sie in diesem Jahre bei den verschiedensten Anlässen mit einer imponierenden Bin- 
PMitf'j-kfMt. in allen deutschen Gauen begangen wurde, auch uns zu einer Kundgebung des Gedächt- 
nisses an die heraus, welche in jener grofsen Zeit aus unserer Schulgemeinschaft in den heiligen 
Kampf für König und Vaterland ausgezogen waren, um mit ihrem Leben für des deutschen Volkes 
Freiheit eiiizustohen. 36 Schüler unserer Anstalt, darunter 30 Abiturienten, waren nämlich 1870 
freiwillig ins Feld gezogen und hatten ihr Herzblut dem Vaterlande geweiht. Und konnte das Ge^ 
dächtnis dieser heldenmütigen Söhne unserer engeren Heimat würdiger gefeiert werden als damit, 
iiiiirf iii5Ui ui...« AluLter ehrte, welche sie mit der zu der grossen Aufgabe nötigen Kraft und Be« 



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geisterung ausgerüstet hatte? Diese Erwägungen haben hauptsächlich dazu gefuhrt, das Fest des 
350jährigen Bestehens des Rastenburgcr Gymnasiums, der alten, bewährten Bildungsstätte des Deutsch- 
tums an der Ostgrenze, auch abweichend von der Gepflogenheit, nur Centenarfciern zu begehen, in 
diesem Jahre der Wiederbelebung nationaler Begeisterung als Sporn für die heutige Jugend ins 
Auge zu fassen und die Aufmerksamkeit der hohen vorgesetzten Behörden darauf zu lenken. E.4 ist 
das Zusammentreffen des Jubiläums der Anstalt mit jenen grofseu Kundgebungen unseres Volkes 
nicht zu unterschätzen, sondern vielmehr von der höchsten Bedeutung füv die Erweokung des 
nationalen Sinnes unserer Jugend, besonders wenn mau bedenkt, dafs die Saat, die in den Tagen 
der Reformation mit der Gründung unserer Schule hier ausgestreut wurde, in un«?eren Tatren die 
Früchte gezeitigt hat und wir gerade in den Jubeltaijou uns des Gewinnes derselben erinnern konnten. 

In der Erkenntnis der Bedeutung einer solchen Feier bcliielt der Unterzeichnete dieselbe seit 
langer Zeit im Auge und suchte, zumal er, aus dieser altehrwürdigen Anstalt hervorgegangen, die 
Stimmung ihrer ehemaligen Schüler sowie der ganzen hiesigen Bürgcrsclialt kannte, die 
vorgesetzten Behörden für die Sache zu gewinnen und die Erlaubnis zur Veranstaltung des 
Festes zu erwirken, [n einer Audienz bei Sr. Excellenz dem Herrn Minister der gei.^tlichen, 
Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten am 8. Oktober 1895, in der er die Angelegenhoit und 
das vorher entworfece Programm vortragen durfte, sagte ihm Se. Excellenz in überaus güti;^^^ Weise 
die wohlwollende Unterstützung aller von ihm geäufserten Wünsche zu, und es konnte auf dieser 
Grundlage zu den ersten Vorbereitungen geschritten werden. 

Die Vorschläge für eine würdige Feier des Festes wurden zunäclist im Lehrerkollegium 
durchberaten und als Termin, abweichend von der SOOjährigeu Feier, welche am 2ü., 27. und 28. Augujt 
1846 stattgefunden hatte, der 2-4., 25. und 26. Juni, besonders dem Reformationscharakter der An- 
stalt entsprechend, weil der 25. Juni der Tag der Übergabe der Augsburgischen Konfession an den 
Kaiser Karl V. ist, sowie aus schultechnischen Gründen und mit Rücksicht auf die voraussichtlichen 
Witterungsverhältnisse der Jahreszeit als am zweckmäfsigsten ins Auge gefafst. Steht doch der 
Stiftungstag der Anstalt überhaupt nicht fest und konnte die Feier schon im Jaluo 1895 staufiuden, 
da die Anstalt im Jahre 1545 unter Mitwirkung des pomesanischen Bischofs D. Paulus Speratus gelegentlich 
der damals abgehaltenen Kirchenvisitation von Herzog Albrecht gegründet und die Anstelliuig des 
ersten Rektors veranlafst wurde. Aber der Bau des Schulliauses, der im Siiftungsjahre begonnen 
und im folgenden Jahre, 1546, beendigt wurde, machte die Eröffnung erst in diesem Jahre möglich, und 
im Todesjahre Luthers 1546 wurde die Anstalt vom Parochus (zu St.-Catharinen) und Archidiaconus 
(zu St -Georg) Johann Paulinus eingeweiht und eröffnet. Da aber die 300jährige Feier im Jahre 
1846 begangen wurde, so schien es angezeigt, die beabsichtigte Feier in das Jahr 1896 zu legen. 

Auf die Berichte vom 20. Oktober und 17. November 1895 an das Königliche Provinzial- 
Schul-Kollcgium genehmigte der Herr Minister unter dem 20. Dezember 1895 die Jubelteier und ver- 
sprach, den Antrag auf Erwirkung der Allerhöchsten Genehmigung, dafs das Gymnasium den Namen 
^Herzog-Albrechts-Gymasium" fuhren dürfe, in weitere Erwägung zu ziehen, machte indes darauf auf- 
merksam, dafs aufser bei dem 50jährigen Jubiläum einer Anstalt bei Feiern, die sich nicht auf Ab- 
schlufs eines vollen Jahrhunderts beziehen, zur Bestreitung der Kosten Mittel aus Centralfjnds nicht 
bewilligt werden könnten. Trotzdem war der Herr Minister so gütig, auf eine nochmalige Eingabe 
vom 2. März 1896 unter dem 19. März zum Feste einen aufserordentlichen Zuschufs von 450 Mark 
zu gewähren. 

Das im Lehrerkollegium bereits im September 1895 vereinbarte und von der vorgesetzten 
Behörde genehmigte Programm, das auch in der zum 24. Januar 1896 einberufenen General* 



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-Versammlung ehemaliger Schüler und Freunde der Anstalt angenommen wurde, war folgendermafsen 
festgesetzt: 

Mittwoch, den 24. Juni 1896, Vorfeier: Empfang von Gästen. Mittags 12 Uhr: Feier- 
liche Übergabe der von Frauen und Jungfrauen der Anstalt gewidmeten neuen Fahne. Abends 
7Va Uhr: Aufführung der „Iphigonie auf Tauris" von Goethe durch Schüler der Anstalt, 

Donnerstag, den 25. Juni, Hauptfeier: Vormittags 9 Uhr: Festgottesdienst und Rede- 
~akt in der St.-Georgenkirche. Nachmittags 2 Uhr: Diner in der Festhalle. 5 Uhr: Gartenfest 
jnit darauf folgendem Tanz. 

Freitag, den 26. Juni, Nachfeier: Vormittags 10 Uhr: Schauturnen und Konzert. Nach- 
mittags 2V2 Uhr: Festzug durch die Stadt: Sy» Uhr: Unterhaltung der Schüler auf dem Wilhelms- 
platze, sodann im Garten des Hotel de Koenigsberg und in der Festhalle durch Jugend- und Volks- 
. spiele. Abends 9 Uhr: Kommers in der Festhalle. 

Zur Ausführung dieses Programms wurde in der Generalversammlung ein Fest-Ausschufs gewählt, 
dessen Vorsitz der Unterzeichnete führte. Zugleich wurde bei dieser Gelegenheit beschlossen, zur Deckung 
der Festkosten eine Sammlung zu veranstalten, Demgemäfs erging unter Mitteilung des vorstehenden Pro- 
gramms ein Aufruf an alle ehemaligen Schüler, soweit in zahlreichen sehr anstrengenden und zeitraubenden 
Sitzungen ihre Adressen festgestellt werden konnten, insbesondere an die ehemaligen Abiturienten, des 
gleichen an die Eltern der gegenwärtigen Schüler und die Freunde der Anstalt. Wie sich erwarten liefs, 
fingen die Sendungen so reichlich ein, dafs die finanzielle Frage der Ausführbarkeit des Pro- 
gramms alsbald gesichert war. Aufserdem wetteiferten die Stadt und der Kreis Rastenburg, die Provinz, 
Vereine und industrielle Gesellschaften miteinander, die Feier zu ermöglichen. Allen voran be- 
willigte die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Rastenburg als Beihülfe zu den Festkosten 500 
Mark sowie die unentgeltiche Entnahme von Laub aus dem Stadtwalde zur Ausschmückung der 
Stadt, der Kreis Rastenburg 300 Mark, die Provinz Ostpreufsen 275,18 Mk., derTurnverein 50 Mk., 
der Rastenburger Kegelklub 50 Mk., die Aktienbrauerei Rastenburg 100 Mk. und die Zuckerfabrik 
ebenfalls 100 Mark, so dafs gleich am Anfange ein Grundstock von etwa 1850 Mk. vorhanden war Im 
ganzen gingen als Festbeiträge ein 1 1312,27 M, von denen bisher Ausgaben zu bestreiten waren im Be- 
trage von 11303,07 M. Die beiden Aktienbrauereien Ponarth und Schönbusch beteiligten sich an 
der Feier durch gütige Zuwendung von je vier Tonnen trefBiclien Bieres. 

In der Erkenntnis und Voraussicht, dafs die Durchführung des Festprogramms langwierige 
und zum Teil schwierige Vorarbeiten erfordern werde, wurde von dem Unterzeichneten der General- 
versammlung die Bildung von elf Einzel-Komitees vorgeschlagen und von ihr angenommen. Die 
Komitees unterzogen sich den umfangreichen Vorbereitungen mit wahrhaft aufopferungsvoller Hin- 
gabe xmd förderten sie so, dafs bei der endgültigen Ausführung in den Festtagen eine bewundernswerte 
Harmonie herrschte und ein ruhiges und kaum merkliches Ineinandergreifen der Veranstaltungen er- 
zielt wurde. Alle Mitglieder der Komitees, namentlich die Herren Vorsitzenden derselben und ihre 
Stellvertreter, haben sieh dadurch für das Gelingen des Festes ein unschätzbares Verdienst erworben. 

Die Komitees waren folgende: 1. Empfangs - Komitee, 2. Ausschmückungs - Komitee, 
3. Komitee für Unterbringung der Gäste, 4. Diner-Komitee, 5. Kommers-Komitee, 6. Gartenfest- 
Komitee, 7. Litterarisches Komitee, 8. Komitee für Baulichkeiten, 9. Komitee für die kirch- 
liche Feier, 10. Komitee für die Anordnung des Festzuges, 11. Auskunfts-Büreau. 

Mit dem Heranrücken der Festtage entfalteten diese Komitees und der Kollektiv- Ausschufs, 
-der sich aus den Vorsitzenden und deren Stellvertretern zusammensetzte, unter dem Vorsitze des 



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Unterzeichneten eine fast rastlose Thätigkeit und brachten die Einzelveranstaltungen iu Zusammen- 
hang und die Vorbereitungen zum Abschlüsse. So konnte man mit froher Zuversicht den Festtageu 
entgegensehen und überzeugt sein, dafs alle Veranstaltungen nach Orc, Zeit und Ausführung aufs- 
schönste sich entwickeln würden. Und diese Zuversicht bestätigten die Festtage aufs glänzendste. 

Eine ganz besondere Sorge und recht viel Arbeit verursachte dem Fest-Ausschufs die Be- 
schaffung eines Raumes für die Hauptveranstaltungen der Feier. Da unsere Stadt nicht — und wohl 
auch kaum eine andere aufser sehr grofsen Städten — im Besitze eines Saales ist, der zur 
Aufnahme der sicher in grofser Anzahl zu erwartenden Festgäste auch nur annähernd genügt- 
hätte, mufste ernstlich darauf Bedacht genommen werden, eigens zu dem Zwecke eine aus- 
reichend geräumige Festhalle herzustellen. Beim Beginne der Vorbereitungen war an den Festlich- 
keiten das Gartenetablissement Georgenthal ausersehen, wo auch die Halle erbaut werden sollte; 
im letzten Augenblicke jedoch wurden dem Fest-Ausschufs so grofse Schwierigkeiten gemacht, dafs 
davon Abstand genommen und ein anderes Etablissement gesucht werden mufste. Der Besitzer des 
Hotel de Koenigsberg ging auf die Foi'derungen des Fest- Ausschusses bereitwilligst ein, und so 
wurde sein Lokal endgültig gewählt. Da aber der dazu gehörige Garten für das Fest nicht entfernt 
aus reichte, war es Sache des Ausschusses, die Nachbargärten für den Zweck zu gewinnen ; und 
dies gelang. Frau Saage verpachtete dem Ausschufs deu unmittelbar an jenen anstofsenden 
Garten zur Erbauung der Halle, und Heri« Meiereibesitzer Rasmussen war so liebenswürdige 
seinen Garten, der sich an den letzteren anschliefst, unentgeltlich zur Benutzung zu überlassen. 
Damit war einegeiäumige, in sich geschlossene und würdige Räumlichkeit für die Hauptveranstal- 
tungengewonnen, und es konnte nun endlieh mit Ernst zum Bau der Festhalle geschritten werden. 
Herr Kreisbauinspektor Bergmann, der Vorsitzende des Komitees für Baulichkeiten, hatte rechtzeitig 
alles eingeleitet, die Zeichnungen gefertigt und auf Grund derselben au die hiesige Firma Bellgard 
und Duddeck den Bau verdungen. Ungefähr am 1. Juni begannen die Ausführungsarbeiten, und 
etwa am 20. stand der stolze Bau fertig da, noch der Ausschmückung im Innern harrend, die 
füglich erst in den letzten Tagen vorgenommen werden konnte. 

Die Festhalle, 30 m lang, 20 m breit, in Holzfachwerk erbaut, hatte in der Mitte der einen 
Langseite von dem Garten des Hotel de Koenigsberg aus die Eingangshalle mit den Garderoben, 
an der andern gegenüberliegenden die Wirtschaftsräurae, bestehend aus geräumiger Küche und 
Anrichteraum. 

An der westlichen Kopfseite war eine 7,60 m breite, 6,50 m tiefe Bühne mit zwei sich 
anschliefsenden Ankleideräumen angebaut. Die in den Ringwänden 6 mhoch mit flachem, über- 
stehendem Pappdache gedeckte Halle selbst bestand aus dreischiffigen Jochen, einem Mitteljoch von 
7,60 m und je zwei anschliefsenden Jochen von 5,60 m Höhe. Das MittelschiiF war 7,60 m, die 
Seitenschiffe je 6,20 m breit 

Über der Mitte erhob sich ein 7,60 m im Geviert grofser, über dem Satteldach der Halle 
5 m hervorragender und mit Zeltdach abgedeckter, im oberen Teile offener Thurmbau. Die Ring- 
wände der Halle waren bis auf 2,50 m Höhe durch Bretterverkleidung, im oberen 2,50 m hohen 
Teile durch durchsichtige Rouleauxstoffe geschlossen. 

Im Innern war die Bretterverkleidung durch aufgenageltes Schilf verdeckt und die so ent- 
standene grüne Fläche durch mannigfaltige Wappen und bunten Fahnenschmuck belebt. In der- 
selben Weise, jedoch in weit reicherer Ausstattung, waren die inneren Seiten des Turmes aus- 
geschmückt. 

Viel Guirlanden- und Fahnenschmuck, mit farbigen Gazen vermischt, verdeckte die 
sonst sichtbare Holzkonstruktion des Gebäudes und trug wesentlich zur harmonischen Wirkung des- 
Ganzen bei. 



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Die Bühne mit ihrem antiken Tempel und Altare, dem Haine, der würdigen Ausstattung 
4es Vorhanges und der anschliefsonden Seitenwände mit farbigen Stoffen hatte ein vornehmes, dem 
Zwecke etitsprechendes Aussehen. 

Beleuchtet wurde die Festhalle und die Bühne durch elektrisches Bogen-, die letztere 
aufserdem durch Glühlicht. 

So machte die Festhalle auf alle, die sie sahen, einen mächtigen und dabei zugleich freund- 
lichen und anheimelnden Eindruck; sie hat, wie sich im Verlaufe des Festes zeigte, nicht zum 
wenigsten zum Gelingen desselben beigetragen und vor allem die Konzentration der Festliclikeiten 
und der Teihiehmer ermöglicht. 

Zugleich mit der würdigen Ausstattung der Halle leitete das Ausschmückungs-Komitee unter 
technischer Leitung des Herrn Landschaftsgärtners Salefski die Ausschmückung der Strafsen und 
freien Plätze der Stadt und des Gymnasiums mit seiner Aula. Mit der Stadt, die einen Teil des 
zur Ausschmückung nötigen Laubes aus der städtischen Forst Görlitz unentgeltlich hergab, 
wetteiferte die ganze Umgegend, indem die Besitzer aus ihren Wäldern in reichlichem Mafse Laub 
mit ihren Fuhrwerken in die Stadt schafften, so ilars man in den letzten Tagen Hunderte von 
Fuhren in den Stralsen der Stadt halten und das mitgetührte Laub unter der Leitung des Herrn 
Louis Kolraar jr. an die dafür bestimmten Stellen und die Bürger der Stadt verteilen sah. Der 
allgemeinen oj)ferfreudigen Teilnahme von Stadt und Land an dem Feste war es denn auch zu 
danken, dafs die Ausschmückung eine allgemeine und grofsartige genannt werden konnte. Die 
Strafsen und die freien Plätze der Stadt waren vom Bahnhofe an von Masten flankiert, die eine 
bunte Fahnenpracht zierte und an denen sich in unabsehbarer, ununterbrochener ßeihe Guirlanden 
hinzogen. Tausende von Fähnlein flatterten den Gästen im Windesrauschen entgegen, und auf das 
Fest bezügliche Insrihrifben hiefsen sie willkommen. Die Hausbesitzer und die Einwohner hatten 
es sich nicht nehmen lassen, die einzelnen Häuser so geschmackvoll wie möglich zu schmücken. 
So gab es kein Haus und keine Strafse, auch nicht die entlegenste, die zu dem Feste nicht ein 
feierliches Kleid angelegt und die Gäste geradezu in Erstaunen versetzt hätte. Ganz besonders 
-waren es die Bahnhofstrafse 1 und II, die Angerburger Strafse, der Neue und der Alte Markt, der 
Wilhelmsplatz, die Logen- und die Scheunen-, die Wilhelms-, die Eitter- und die Kirchenstrafse, 
die sich vor allen auszeichneten, und unter den Gebäuden war es das alte, ehrwürdige Gymnasium, 
das in heiterem Festkleid sich förmlich jugendlich ausnahm. Sehr richtig schildert die Königs- 
berger Hartungsche Zeitung den Eindruck, den die festlich geschmückte Stadt auf die Ankommen- 
den machte: „Nicht nur das Gymnasium feiert sein Fest; die ganze Stadt feieit es mit und steuert 
ihr Bestes bei, um die Festtage würdig zu gestalten. Schon auf dem Bahnhofe empfangen den 
Ankommenden grüne Tannengewinde und wehende Fahnen, und vielfach rufen ihm auf dem langen 
"Wege zur Stadt, der zu beiden Seiten von Fahnenmasten flankiert ist, grofse, grün umflochtene 
Tafeln, die mitten über der Fahrstrafse schweben, ein herzliches „Willkommen!" zu. Von Haus 
zu Haus, von Fenster zu Fenster ziehen sich in der Stadt selbst die dunkelgrünen Guirlanden, in 
kühnem Schwünge die Strafsen überbrückend, und ein dichter Tannenwald, der die Fufssteige der 
meisten Strafsen säumt, hüllt die Fassaden der Häuser in festliches Grün, über welchem zahllose 
Fahnen und Fähnchen in den Landesfarben und denen des Gymnasiums flattern." Allen, die so 
freundlich und opfeifreudig zu dieser glänzenden Ausschmückung mitgeholfen haben, gebührt der 
gröfste Dank, und ich kann es mir daher nicht versagen, auch an dieser Stelle ihn von Herzen 
auszusprechen. 

Nachdem so nach jeder Richtung hin für einen würdigen und freundlichen Empfang der 
-Q-ärSte gesorgt war. konnte mit Euhe den eigentlichen Festtagen entgegengesehen werden ; es kam 



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nur darauf an, dafs das "Wetter die Veranstaltungen nicht störte. Aber auch hierin war das Fest: 
aufserordentlich glücklich: hatte wochenlang eine für die Jahreszeit ungewöhnliche, drückende^- 
Hitze geherrscht, so wich diese kurz vor dem Beginne der Festtage und machte kühlerem '\g;etter mit 
ab und zu eintretenden ßegensohauem Platz, die besonders für die Erhaltung des Laubes von- 
unschätzbarem Werte waren. 

Um das Festspiel, Goethes „Iphigenie", auch den weitesten Kreisen zugänglich zu machen,, 
wurde am Sonntag, den 21, Juni, die Generalprobe gegen Eintrittsgeld gegeben, und sie war sehr 
zahlreich besucht. Und da die Teilnahme am Feste eine so grofse war, dafs man befürchten. 
mufste, es würden am Mittwoch, dem 24., zur Festauffiihrung bei weitem nicht alle, die es woUten,. 
in der Halle Platz finden, wurde für die Stadt und die nächste Umgebung bereits am Montag 
eine erste Festaufführung veranstaltet, die von etwa 1000 Personen besucht war; alle waren. 
des Lobes voll und verliefsen gehobenen Herzens die Vorstellung, so mancher mit der Bitte, die 
Aufiiihrung am Mittwoch noch einmal sehen zu dürfen. 

Die Festtage begannen somit eigentlich schon am Montag, den 22. Juni. Am Dienstag,, 
den 23., brachten die jetzigen Schüler der Anstalt dem Unterzeichneten einen solennen Fackelzug. 

Abends um 8^/2 Uhr versammelten sich die Schüler der Klassen von Sexta bis Obertertia- 
einschliefslich unter Aufsicht ihrer Herren Ordinarien auf dem Wilhelmsplatze vor dem Bathause, 
die der beiden Sekunden und der beiden Primen, aus denen auch die beiden Fahnenträger mit 
je zwei Begleitern ausgewählt waren, mit dem Trommler- und Pfeiferkorps, welches auf Anregung 
des Herrn Oberlehrers Dr. Lentz durch den Unterprimaner Wosien gebildet worden war, auf dem Vor- 
platz des Gymnasiums. Die hier versammelten Schüler, durch Herrn Oberlehrer Lentz geordnet, 
nahmen unter dem Kommando des Herrn Oberlehrers Dr. Zimmermann, während Fahnentrupp ge-- 
sclilagen wurde, die Fahnen aus dem Gymnasium in Empfang und marschierten dann unter Voran- 
tritt der Musik auf dem kürzesten Wege ebenfalls nach dem Wilhelmsplatze. Hier ordnete sich 
der Zug, wie es Herr Oberlehrer Lentz schon zum Teil am Tage vorher auf dem Schulplatze er- 
probt hatte. An die Spitze trat die Stadtkapelle, hinter diese der Träger der Fahne von 1817 
(schwarz-weifs) mit seinen beiden mit Schärpen und Rappieren versehenen Begleitern, und es- 
folgten die Schüler der Klassen von Sexta bis Ober-Tertia zu zweien; hinter ihnen stellte sich 
das Trommler- und Pfeiferkorps der Schüler, dann der Träger der Fahne von 1746 (blau-weifs) 
mit seinen beiden Begleitern auf, und es schlössen sich die Schüler der Klassen von Untersekunda - 
bis Oberprima ebenfalls zu zweien an. 

Nachdem Lampionfackeln an die Schüler von Sexta bis Obertertia einschliefslich und 
Wachsfackeln an diejenigen der beiden Sekundea und der beiden Primen durch Herrn Kültzau 
und seine Hülfskräfbe verteilt worden waren, marschierte um 9 Uhr der gesamte Zug unter Vor- 
antritt von zwei Gendarmen und wiederum unter dem Kommando des Herrn Oberlehrers Zimmer- 
mann mit der doppelten Musik vom Wilhelmsplatz durch die Königsberger Strafse, die von Herrn 
Kültzau bengalisch beleuchtet wurde, über den Neuen Markt, den Eitterplatz, durch die Äitter- 
und die Schlofsstrafe nach dem Gymnasium und der Wohnung des Unterzeichneten. Während sich- 
schon auf dem Wilhelmsplatze und dann auch auf den Strafsen und Plätzen, wo der Zug marschierte, 
ein zahlreiches Publikum versammelt hatte, war gegen den Andrang desselben die Umgebung des 
Gymnasiums durch die Polizei abgesperrt worden, damit die Schüler dort den nötigen Platz fänden. 
Bei Ankunft des Zuges daselbst nahmen die Träger der Lampionfackeln zwischen dem durch das- 
Gitter abgegrenzten Vorplatz des Gymnasiums und der St -Georgenkirche Aufstellung ; die Träger 
der Wachsfackeln dagegen marschierten auf den Vorplatz und machten, nachdem sie alle auf demver- 
hältnismäfsig engenRaumangelangt waren, Halt. Die Fahnenträger und ihreBegleitertratennach vorne.- 



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Jetzt erschien der Unterzeichnete auf dem Treppenabsatz des Direktorialgebäades. Indem 
alle Anwesenden ihr Haupt entblöfsten, ging der Primas omnium, Willy Beschke, auf um zu und 
hielt dann an ihn folgende Ansprache: 

„Hochverehrter Herr Direktor! 
Schon vor langer Zeit regte sich in uns Schülern ein sehnlicher Wunsch, der sich heute in 
die That umgesetzt hat. An dem- Vorabend des wichtigen Festes, welches das Basten burger 
Gymnasium vom morgenden Tage ab feiert, dürfen wir unseren Dank und unsere Verehrung gegen 
Sie im Glänze des Fackellichtes erstrahlen lassen. 

Die 350jährige Jubelfeier unserer altehrwürdigen Anstalt verspricht einen besonders schönen 
und glänzenden Verlauf zu nehmen. Ihnen aber, hochverehrter Herr Direktor, verdanken wir 
Schüler es in erster Linie, dafs das bevorsteheii^e Fest überhaupt zu Btande gekommen ist und 
dafs wir an der Feier, die uns eine für das ganze Leben dauernde Erinnerung hinterlassen wird^ 
teilnehmen dürfen. 

Doch noch eine andere Veranlassung fährt uns hierher. Heute ganz besonders gedenken 
wir, dars gerade Sie die uns liebe Anstalt zu neuer hoher Blüte gebracht und dafs Sie stets fiElr 
unser körperliches und geistiges Wohl mit der unermüdlichsten Ausdauer und der selbstlosesten 
Aufopferung gesorgt haben. 

Für alles das empfangen Sie von uns allen, die Sie hier versammelt sehen, unseren ehr- 
furchtsvollsten und tiefgefühltesten Dank ! 

Mögen Sie noch recht lange an der Spitze unseres Gymnasiums stehen und zunächst uns 
alle uDserm Ziele entgegenfahren! Möge auch späteren G-enerationen die Gelegenheit gebotezk 
werden, Sie hier schätzen und lieben zu lernen! Sollte Ihnen aber dereinst anderwärts ein 
Wirkungskreis bestimmt sein, so werden Sie auch dorthin unsere herzlichsten Glück- und Segens- 
wünsche geleiten. 

Alle unsere tiefen Gefilhle des Dankes und der Verehrung aber, dazu unsere heifsen 
Wünsche, meine lieben Mitschüler, wollen wir schÜAfslich hier in den gemeinsamen freudigen Buf 
ausströmen lassen: 

Unser hochverehrter Direktor, Herr Dr. Grolsmaun — er lebe hoch, hoch, lioch!" 
Freudig stimmten alle Schüler in das dreifaehe Hoch ein, und die jugendlichen Kehlen 
wurden durch die doppelte Musik kräftig unterstützt. Darauf ergriff der Unterzeichnete das Wort 
zu folgender Ansprache: 

^Meine lieben Schüler und jungen Freunde! 
In diesem Jahre hat das deutsche Volk die Erinnerungstage on die gi-ofsen Thatcn des 
Jahres 1870/71 gefeiert, und es ist die Freude und der Jubel, der damals zum Himmel emporscholl, 
wieder erklungen Die Erinnerung hat jene Zeit der Vergangenheit verklärt wieder heraufgefahrt 
und uns die Fortschritte gezeigt, die wir in den letzten 25 Jahren gemacht haben. Ein Erinnerungsfest 
begeht in diesen Tagen auch unsere alte, geliebte Anstalt; sie feiert das selteneFest ihres SöOjährigen 
Bestehens Für mich aber ist der heutige Tag eine erneute Erinnerung an jene giofse Zeit. Es war 
im September 1870, als ich zu demselben Zwecke wie Sie, meine jungen Freunde, hier vor diesem alt- 
ehrwürdigen Gebäude stand, und ich weifs noch genau, welche Gefühle mich beseelten, als wir 
nnscrcin hochverehrten Direktor Techow einen Fackelzug darbrachten und unser „Jnteger vitae^ sangen. 
Ich empfinde noch heute die Begeisterung, die uns- alle db der Grofs^thacen unser Brüder in Feindes- 
land erJüllte, und gedenke, wie stolz wir waren, uns als Deutsche fiihlen zu dürfen. Wie lebhaft Sie alle 
Saiten meines Empfindens ange<<chlagen haben^ kann ich Dinen nicht aus.^prechen, und wie sehr ich mich 
über diese zarte Ovation, die Sie der Schule una mir darbringen, freue, vermag ich nicht in Worte 



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10 

Bu kleiden. Ich danke Ihnen aufrichtig. Mein Herzensgebet klingt dahin aus, dafs ich Gott bitte^ 
er möge Sie alle in seinen Schutz nehmen, Sie zum Ziele geleiten und Ihnen da<) geben, was wir 
unter harmonischer Durchbildung des Menschen verstehen, hohe Verstandes- und echte Gemüts- und 
Herzensbildung. Ich fasse alle meine Wünsche dahin zusumtoen. dafs ich rufe: Unser Gymnasium^ 
seine Lehrer und Schüler, leben hoch, hoch, hoch!" 

Wiederum ertönte das dreifache Hoch der Versammelten fivudig und kräftig unter Musik- 
begleitung. Dann setzte sich auf Kommando der Zug aufs ncüC in Bewegung zun) Böckmursch in 
der alten Ordnung. Er marschierte durch die Kirchenstrafse, über den Ritterplatz, <len Neupn 
Markt und durch die Königsberger Strafse, die wiederum durch Elerrn Kültzau bengalisch beleuchtet 
wurde, nach dem Wilhelmsplatze, auch jetzt unter grofsem Andränge des Pu()likums, das sich 
namentlich in Scharen nach dem Platze begnb. Auf der Teichseite desselben machten die Träger 
der Lampionfackcln Halt; diejenigen der Wachsfackeln aber schloHfsen einen Kreis und warfen unter 
dem von der doppelten Musik begleiteten „Gaudeamus igitur" ihre Fackeln zusaniinen. 

Als diese niedergebrannt und die Reste durch die von der Polizei bereit gestellten Leute 
mit Sand ausgelöscht waren, wurden die Lampiontrüger entlassen; diejenigen Schüler aber, welche 
die Fahnen abgeholt hatten, brachten sie unter derselben Führung nach dem Gymnasium ab und 
wurden dann ebenfalls entlassen. Doch fanden die letzteren sicli nicht lange darauf wieder im 
grofsen Saale des Hotel de Koenigsberg zusammen, wo unter Leitung des Herrn Oberlehrers Dr. Lentz 
und in Gegenwart des Herrn Oberlehrers Dr. Zimmermann im geselligen Kreise der älteren Schüler 
beim Glase Bier noch ein eigenartiger Akt vollzogen werden sollte. 

Bei den Vorbereitungen zum Bieste hatte sich nämlich herausgestellt, dafs die alten Farben 
des Gymnasiums Blau-Weifs gewesen waren. Diese Farbton sollten beim Feste wieder zu Ehren ge- 
bracht werden, und die Schüler hatten sich statt der grünen Mützen mit Silber, die sie bisher ge- 
tragen hatten, sämtlich blaue Mützen mit Weifs angeschafft. Zum Fackelzuge waren noch die 
grünen, zum Teil recht alten benutzt worden; aber die Scliüler hatten auf Veranlassung des Herrn 
Oberlehrera Dr. Lentz zu der geselligen Vereinigung ihre neuen blauen Mützen, in Papier cinge- 
Echlagen, mitgebracht, während sie die alten grünen auf dem Kopfe trugen. Um 12 ühr nun, beim 
Eintritt des Tages, mit dem das eigentliche Fest beginnen sollte, legten nach einer Ansprache des 
Herrn Oberlehrers Lentz, in der er auf die symbolische Bedeutung der in Frage kommenden Farben 
hinwies und ein dreifaches Hoch auf die Farben Blau-Weifs ausbrachte, sämtliche Schüler die alten 
grünen Mützen ab und setzten die neuen blauen auf, die während des ganzen Festes und weiterhin 
getragen werden sollten. Dann brachte der Primus omnium ein dreifaches Hoch auf diejenigcu 
Herren, welche bei dem Fackelzug die Schüler mit Rat und That unterstützt hatten, aber auch auf 
die übrigen Herren Lehrer des Gymnasiums und darauf Herr Oberlehrer Zimmermann ein solches aut die 
Schüler aus, die sich in musterhafter Weise und mit Lust und Liebe den Anordnungen gefügt und 
80 das Ihrige zu dem guten Gelingen des Fackelzuges beigetragen hatten. Nachdem endlich der 
Oberprimaner Adam in scherzhafter Wid.«'e den Jupiter pluvius für die festlichen Tage milde zu 
stimmen versucht hatte, begaben sich alle Teilnehmer an dem geselligen Beisammensein in froher 
Stimmung nach Hause, um am nächsten Tage für den Anfang des Festes und ihre Obliegenheiten 
dabei recht frisch und munter zu sein 

Die eigentlichen Festtage begannen Mittwoch, den 24. Juni. Schon mit dem Vormittags- 
zuge kamen ehemalige Schüler und Festteilnehmer in grofser Anzahl an. Um 11 Uhr vormittags 
traf auch der vortragende Bat im Kultusministerium, Herr Geheimer Regieningsrat öruhl, der Ver- 
treter Sr. Excellenz des Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten, 
Dr. Bosse, mit der Bahn ein, wurde von dem gesamten Empfangs-Komitee unter Leitung 



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11 

des Unterzeichneten begrüfst und hielt seineu Einzug in .die festlioh geschmückte Stadt. Mit 
ddn Nachmittags- und den Äbendszügen trafen eben&Us Gäste in grofser Anzahl ein. Als Vertreter 
der Provinzialbehörden erschienen zum Feste Se. Exeellenz der Herr Oberpräsident von Ostpreufsen, 
Graf von Bismarck-Schönhaasen, Herr Begierungspräsident von Tiesohowitz, Herr Eonsistorial- 
prÄflident von Dömberg und an Stelle des erkrankten Herrn Pro vinzial-Schulrats Dr. Camuth 
Herr Qymnasialdirektor Professor Dr. Grosse. Aufserdem nahmen am Feste nooh teil Se. Magniflcenz 
der Herr Bektor der Albertina^ Konsistorialrat Professor D. Jacobi, und eine grofse Anzahl von Direk- 
toren und Lehrern der Schwesteranstalten der Provinz Ostpreufsen. 

Dem Programm gemäfs begann die offizielle Feier am 24. Juni mittags 12 Uhr in der 
Aula des Gymnasiums mit der feierlichen Übergabe der von Frauen und Jungfrauen der Anstalt 
gewidmeten neuen Fahne. Die Aula war reich und geschmackvoll mit Guirlanden und Kränzen 
geschmückt; mitten aus einer Dekoration von lebenden Blumen, Palmentöpfen, Lorbeerbäumen 
nnd Blattpflanzen erhoben sich die Büsten des Herzogs Albrecht und Sr. Majestät des Kaisers 
' Wilhelm II., des Begründers und des jetzigen Schirmherm der Anstalt. Zur Feier hatten sich 
alle Lehrer und Schüler der Anstalt sowie Herren aus der Stadt versammelt. Auf das gegebene 
Zeichen bewegte sich das Damen- Komitee für die Beschaffung der Fahne in feierlichem Zuge, zu 
zweien geordnet, in die Aula und nahm auf den vor dem Blumenarrangement aufgestellten. 
Stahlen Platz. Da bestieg Herr Professor Wolf das Katheder, um das Fest im eigenen Hause 
durch ein Gebet einzuleiten. Nachdem von allen Anwesenden die beiden ersten Strophen des 
Chorals : „Lobe den Herren" und vom Schülerchor die niederländische Weise : „Wir treten zum Beten" 
gesungen waren, sprach Herr Professor Wolf folgendes tief empfundene und alle Anwesenden, ob 
jnng ob alt, ergreifende Gebet: 

„„Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er gewesen ist mit unsem Vätern! Er verlafs 
uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns, zu neigen unser Herz zu ihm, dafs 
wir wandeln in allen seinen Wegen und halten seine Gebote, Sitten und Bechte, die 
er unsem Vätern geboten hat!^' I. Könige 8, 57 und 58. 

Barmherziger, gnädiger Gott! Zu Dir, dem Vater des Lichts, von dem alle gute und alle 
vollkommene Gabe kommt, dem Ewigen und Allmächtigen, vor dem tausend Jahre sind wie der 
Tag, der gestern vergangen ist, kommen wir heute, um Dich zu loben und zu preisen fUr alles, 
was Du an unserer Anstalt während der langen Zeit von 850 Jahren gethan hast. Herr, wir 
erscheinen nicht allein in diesem Augenblicke vor Deinem Throne; eine Wolke von Zeugen um- 
giebt uns. Sie alle, die' einst fitr diese unsere Schule gesorgt und gebetet, die hier gelehrt und 
gelernt haben, sie alle sind vereint mit uns. Denn Da bist nicht ein Gott der Toten, sondern der 
Lebendigen, und der Geist, der liier waltet, ist Geist von ihrem Geiste. 

Die kostbarsten Kleinodien hast Du, himmlischer Vater, unserer Anstalt schon bei ihrer 
Stiftung als Angebinde mitgegeben. Weil das Evangeluim von Deiner Gnade in Jesu Christo, 
das Luther unserem Volke von neuem gegeben, seinen hellen Schein in die Seele Albrechts, des 
hochherzigen Hohenzollernspross*es, geworfen, darum wollte er, dafs dieses Licht auch seinem ge- 
liebten Volke leuchten sollte, darum schenkte er imserem Lande die Universität, darum stiftete er 
Schulen, welche ihre Zöglinge in Deiner Furcht erziehen, in löblichen Künsten unterweisen und 
80 zum rechten Dienste in Kirche und Staat geschickt machen sollten. So ist nach Deinem Bat 
und Willen, getreuer Gott, in dieser Stadt, die Herzog Albrecht zärtlich liebte, unsere Schule ent- 
standen. Das Fundament, auf dem Du sie gründetest, war Dein Wort, die Waffen, in denen ihre 
Schüler sich üben sollten, reichte ihr die Wissenschaft, welche Du von unwürdigen Fesseln befreit 
hattest, und das Ziel, welches Du ihr für alle Zeiten zeigtest, hiefs treuer, hingebender Dienst an 



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den Brüdern. Herr, wann hast Du je köstlichere G-aben Mensohenkindem anvertraut! Und 
was Da gegründet, das hast Du weitergebaut, was Du gepflanzt, das hast Du gedeihen lasseu 
in dem Sonnenschein Deiner Qnade und unter der Fürsorge weiser Fürsten. Nie hast Du, Herr, 
es dieser Anstalt an Lehrern fehlen lassen, die wuFsten, was ihres Amtes war, die im Auf blick 
zu Dir und in der Liebe zur Jugend und Wissenschaft die Kraft fanden, auch unter den schwie- 
rigsten Verhältnissen ihre Pflicht zu thun. Ihre Arbeit ist nicht vergjeblich gewesen. Denn nie 
hast Du es unserer Schule auch an Schülern fehlen lassen, die das Beste, was sie hier empfingen, 
als Männer weitergaben, in ihrem Kreise und Berufe führend und leitend wirkten. Dir und ihrem 
Volke Treue hielten bis zum Tode. Ja, barmherziger Gott, wir dürfen es heute freudig bekennen: 
Du warst mit unsern Vätern. Herr, wir danken Dir dafür von ganzer Seele; aber wir bitten Dich 
zugleich, verlars uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns! 

Nicht geringer^ sondern gröfser sind die Aufgaben geworden, die Du unserer Schule stellst. 
Sie sind gewachsen mit der Gröfse des Vaterlandes, der Ausdehnung der Wissenschaf)}, der Not 
der Brüder, der Macht des Bösen. Da hilf uns, Herr, auf dem alten Grunde luit den bewährten 
Mitteln auch diese gröfseren Aufgaben lösen! Gieb uns Lehrern die rechte Treue und Liebe, die 
nicht ermüdet und erkaltet! Neige das Herz unserer Schüler zu Dir, dafs sie wandeln in allen 
Deinen Wegen und halten Deine Gebote! Zeige ihnen immer aufs neue, dafs Deine Furcht der 
Weisheit Anfang ist und dafs kein Verstand vor Dir etwas gilt, der nicht das Böse meidet! 
Führe sie nicht in Versuchung und bewahre sie vor der Eifahrung, wie elend der Mensch ist, der 
Deiner vergifst! Lehre sie erkennen, dafs Du die höchsten Güter des Lebens nur denen schenkst, 
die sie in ernster Arbeit erringen wollen, und befähige sie zu solcher Arbeit! Vertiefe ihr Wissen, 
heilige ihr Wollen, schaffe in ihrem Gemüte die Empfänglichkeit für alles, was gut, grofs und 
edel ist! Lafs sie die Kräfte Leibes und der Seele nicht vergeuden in sträflicher Begierde imd 
sündlicher Lust! Mache stark ihren Arm, rein und lauter ihren Sinn, demütig und opferwillig ihr 
Herz! Dann werden sie fortführen, was ihre Väter begonnen; dann werden sie die Güter, die Du 
diesen geschenkt hast, festhalten und mehren zu Deines Namens Ehre und des Vaterlandes Bestem. 

Segne, Herr, die Eltern unserer Schüler! Mögen sie in der Dankbarkeit und dem Gedeihen 
ihrer Kinder von Dir den Lohn empfangen für alle Mühe und ihre trede Mitarbeit an der Schule! 
Segne unsere Stadt, die seit Jahrhunderten mit dieser Anstalt aufs innigste verwachsen ist, ihren 
Schülern viel Gutes gethan und der Li^be zu unserem Gymnasium in diesen Tagen einen so 
achönen, Auge, und Herz erfreuenden Ausdruck gegeben hat! Segne unser Volk und seinen Kaiser, 
unseren geliebten König und Herrn, der uns allen ein Vorbild treuster Pflichterfüllung ist, für 
uns alle sorgt und der Schule und Jugeud stets ein warmes Herz entgegengebracht hat! Lafs, 
o gnädiger Gott, an ihm und uns allen den Wahlspruch des Stifters dieser Anstalt wahr werden: 
^Grofsen Frieden haben, die Dein Gesetz lieben"! Dein Friede herrsche in unserer Seele und in 
dieser Anstalt, unter den Konfessionen, Ständen und Völkern! Lafs seinen Geist, der zugleich 
ein Geist der Zucht und der Krafl ist, durchwehen die Tage unserer Festfeier! In Deinem Namen, 
Herr, wollen wir das Panier aufwerfen, mit Dir wollen wir Thaten thun. Amen." 

Bei der dritten Strophe des Chorals: „Lobe den Herren" brachte der Schuldiencr Dietrich die 
entrollte Fahne der Vorsitzenden des Damen-Komitees, Frau Gymnasialdirektor Grofömann, welche sie 
einstweilen in Empfang nahm. Bevor »ie indessen dem Direktor überreicht wurde, ergrifiFHerr Geheimrat 
Gruhl das Wort, um dem Festakte erst die Grundlage und rechte Bedeutung zu geben. Er rer- 
kündete den Versammelten, dafs Se. Majestät der Kaiser und König Wilhelm II. Allergnädigst ge- 
ruht habe, dem Gymnasium zu Rastenburg mit dem heutigen Tage den Namen „Herzog- Albrech ts* 
Gymnasium'' zu verleihen. „Wenn bei einem Kinde der Name, den es in der Taufe erhält, in der 



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'Hegel nicht phne Bedeutung ist, wenn an denselben sich Wünsche und Verpflichtungen der Eltern und 
>der Pathen knüpfen, so ist es auch mit dem Gymnasium nicht anders. Daher spreche ich diesem meine 
lierzlichstcn Wünsche för die Zukunft aus und weise audererseits auf die Verpflichtungen hin, die 
-es mit dem Namen übernimmt. Dies ist der Name eines Hohenzollern, und die Anstalt soll stolz 
-darauf sein und in alle Zukunft die Tugenden pflegen, durch welche unser Herrscherhaus unser 
Volk grofs und mächtig gemacht hat. Mit hoher Befriedigung lese i^^ &uf der Fahne die Worte: 
.^Gottesfurcht, Wissenschaft, Vaterlandsliebe^. Bei dem Festhalten an solchen Bestrebungen wird sich 
^er Wunsch auf der Fahne erfüllen: „Vigeas, ut viguisti, in soccüta saeculoruml**" Der HeiT Geheim* 
rat schlofs mit dem Rufe: „Dies^es junge, alte Kind, das Königliche Herzog-Älbrechts-Gymnasium — 
•es lebe hoch, hoch, hochl^ und freudig stimmten alle Anwesenden in den Ruf ein. 

Dem Herrn Vorredner antwortete der Direktor und sprach Sr. Majestät gegenüber den qnter- 
•thäiiigsten Dank für die hohe Auszeichnung, die der Schule rü teil geworden, aus. Er dankte ferner für 
•die herzlichen Wünsche, die der Herr Geheimrat dem Gymnasium dargebracht habe, und gelobte im Namen 
-der Anstalt, sie werde wie bisher so auch für alle Ziikunrt treu sein in der Erfüllung der Verpflich- 
Ttnngen, die sie in dieser Stunde (jibornehme, und allezeit üben und pflegen Gottesfurcht, Wissenschaft, 
Vaterlandsliebe. Sei sie sich doch Hl>ewufst, eine wie hohe Ehre ihr widerfahren sei und was es 
bedeute, den Namen des Herzogs Albrecht zu llihren. Mit diesem Herrscher sei das Morgenrot 
-einer neuen Zeit für Ostpreufsen angebrochen; an seinen Namen knüpften sich die grofsen Wandlungen 
in politischer und religiöser Beziehung. Er habe den nicht mehr zu haltenden geistlichen Ordens- 
. Staat in ein weltliches Herzogtum verwandelt und dieses an das Haus Hohenzollern geknüpft, mit 
dem es seitdem verbunden gemeinsam Leid und Freude ertragen habe; er habe dem unglücklichen, 
^n die Fesseln des Katholizismus geschmiedeten Land das Evangelium gebracht, die freie Lehre der 
Heformation, und es damit erst befUhi|^t, an den grofsen Aufgaben und Fortschritten der Kultur 
.selbsuhätig teilzunehmen. Und die Ostpreufsen hätten dem Hause Hohenzollern allezeit dafür 
Dank gewulst und bewiesen, dafs sie bereit seien, alles auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern ; 
sie seien stets mit ihrem ganzem Sein und Können dem Herrscher bis in den Tod ergeben gewesen. 
•Das feierliche Gelöbnis unwandelbarer Treue, das auch die lieutigen Lehrer und Schüler des König- 
lichen Herzog- Albrechts-Gymnasi ums erneuerten, bekrältigten sie mit dem Rufe: ^Se. Majestät unser 
Allergnädigster Kaiser, König und Herr, Wilhelm H., lebe hoch, hoch, hochl** 

Nachdem das begeisterte Hoch verklungen und die Nationalhymne gesungen war, sprach 
JFräulein Helene Zimmermann den von ihrem Vater, dem Oberlehrer am Herzog- Albrechts-Gymnasium, 
^errn Dr. Zimmermann, gedichteten Fahnenspruch: 

„„Dem Kaiser Wilhelm Heil!" Dies sei das Wort, 

Das jetzt zuerst aus unsem Herzen schalle ! 

Und „Herzog Albrecht Heil!" ertöne fort 

Das zweite, das hinauf zum Himmel walle! 

Der Kaiser ist der sichre Schirm und Hort 

Für dich, Gymnasium, wie für uns alle; 

Der Herzog hat vor alters dir das Leben 

Durch sein gewaltig Schöpfungsworfc gegeben. 
Er hatte herrUch für die Wissenschaft 

Der Albertina strahlend Licht entzündet 

Und so dem Geiste aus der schweren Haft 

Der Finsternis Befreiung rings verkündet. 

Nun regte sich alsbald die frische Kraft, 

Die forschend sucht, dafs sie die Wahrheit findet. 



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Seither wirl hier die Jugend recht bereitet 

Und frühe zu des Wissens Born geleitet * 

Der Weisheit Anfang ist die Furcht des Herrn. 

Der würd'gen Stätte Schöpfer gab die Ehre 

Dem Schöpfer, Sohn und Geiste selber gern 

Und hielt auf seines Heilands hehre Lehre. 

So lernt auch hier zu dem, der nah und fern, 

Dafs sich das Gottesreich auf Erden mehre, 

In rechtem Glauben, Liebe und Vertrauen 

Der Jugend Blüte freudig aufzuschauen. 
Und für das altberühmte Vaterland 

Erglühn und lodern hier der Liebe Flammea. 

Für seine Ehre, seinen Vollbestand 

Geloben alle hier zu stehn zusanimen. 

Verbunden durch ein ehern Treueband 

Mit denen, die vom Hohenzollem stammen. 

Für ihren Kaiser wollen sie mit Freuden 

Und für das Vaterland den Tod erleiden 

Mag „Wissenschaft" und „GolJtesfurcht" denn wehn 

Und „Vaterlandesliebe" auf der Fahne, 

Die dir, Gymnasium, voran soll gehn, 

„Geweiht von Fraun und Jungfraun", dafs sie mahne 

Auch femer dich zu dem, was gut und schön, 

Und dies dir immerdar die Wege bahne! 

Dabei soll wehend dich der Wunsch geleiten: 

„Wie du geblüht hast, blüh' in ew'ge Zeiten!" " 
Nach dem Vortrage des Spruches überuahm der Direktor die Fahoe mit folgenden Worten:: 
„In diesem Saale, in dem sich die Schule auch sonst zu ernsten und feierlichen Akten zvt^ 
-versammeln pflegt und der heute von opferwilligen Gemütern mit kunstverständigen Händen be*- 
fionders festlich geschmückt ist, findet eine Feier statt, die uns allen, die wir die Freude haben, 
sie mitbegehen zu dürfen, eine dauernde Erinnerung herzlicher und aufrichtiger Teilnahme, die- 
sich in dieser hochherzigen Widmung für unsere Anstalt ausspricht, bleiben wird. 

Die Überreichung einer Fahne an ein Eegiment oder an eine Körperschaft im bürger- 
lichen Leben ist immer ein hochbedeutendes Ereignis, das den Beteiligten einmal das Interesse 
bekundet, das die Widmenden an dem Leben und Gedeihen der Empfangenden nehmen, und 
andererseits diesen die hohe Pflicht auferlegt, des Vertrauens und der Widmung sich würdig- 
zu erweisen. Hier sind es Frauen und Jungfrauen, Mütter und Schwestern und sonstige An- 
gehörige jetziger und ehemaliger Schüler, welche die Fahne der Schule stiften, und es ist darunxi 
dieser Augenblick um so bedeutsamer, die Widmung um so zarter und die Verpflichtung um so- 
bindender. Die Widmung neigt, dafs in deutschan Frauenherzen der Sinn für Heldentum fortlebt und.. 
dafs sie aufrichtig teilnehmen an den Schicksalen der männlichen Jugend, dafs sie in richtiger 
Erkenntnis dessen, was den Mann bildet, mit der auf der Fahne eingestickten Devise ein tiefes- 
Verständnis für die grolsen Aufgaben der Schule zeigen. Nehmen Sie alle, die sie dieses schöne 
Werk, auf dessen Bedeutung ich soeben hingewiesen, gefordert und diese Feier ermöglicht haben^ 
meinen und der Schule herzlichsten Dank freundlichst entgegen, verbunden mit dem innigsten Gebet- 
2X1 Gottjdals diesesZeichen,dasSie mir soeben mitso tief empfundenem Widmungsgedichte überreichten^ 



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:nicht blois ein solches sei der augenblicklichen Teilnahme, sondern dafs diese dauernd sei und 
"bleibe fUr alle zukünftigen Geschlechter in saecula saeculorum! Sie haben damit dem Danke Aus- 
4lmck geben wollen, welchen Sie filr das Gedeihen Ihrer Söhne, Brüder und sonstigen Angehörigen 
•der Anstalt zu schulden glauben und, so Gott will, noch in Zukunft verdanken werden. Gott sei 
nlit allen denen, die hier ihr Ziel erreicht haben, und segne die Arbeit aller derer, welche noch hier 
um die Palme laufen! 

und so überreiche ich dieses Zeichen der Dankbarkeit und Teilnahme unserer Frauen und 
Jungfrauen Ihnen, Willy Beschke, dem Primus omnium, als ein heiliges Unterpfand der Treue; 
würdigen Sie die Ehre, diese Fahne zuerst tragen zu dürfen I ÜnJ Euch alle, meine geliebten 
Schüler, fordere ich auf, der Fahne treu zu bleiben und Euer ganzes Denken, Fühlen und Handeln 
.so einzurichten, dals es stets im Einklang stehe mit dem Wahlspruch, auf den Ihr Euch hier in 
•dieser weihevollen Stunde verpflichtet. Blau undWeifs, das sind die Farben der Fahne, das sind 
die Farben imserer Stadt, die Farben der Treiie und Unschuld. Seid treu und fest in allem 
Wollen und Streben ! Bein und blank sei Euer Ehrenschild ! Seid stets eingedenk, „mit reinem Herzen, 
reiner Hand^ Eure Pflichten gegen Gott, den König und' dctö Vaterland, die Schule und die Stadt 
zu erfüllen und so Höheres zu wirken! Haltet fest an der Überlieferung Eurer Vorfahren! Suchet 
es ihnen in allem Guten gleich zu thun! Ihr seid die Hoffnung des Vaterlandes. 

„Gottesfurcht, Wissenschaft, Vaterlandsliebe", das ist der Fahne Inschrift. Schreibt sie mit 

Flammenschrift ein in Eure Herzen, auf dafs sie Euch allezeit leuchte als Leitstern auf dem 

•dunkeln Wege durchs Leben! Als Tobias fiirchtete, dafs er sterben müsse, rief er seinen Sohn 

zu sich und sprach zu ihm: „Dein lebelang habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte 

dich, dafs du in keine Sünde willigest noch thuest wider Gottes Gebot!^ Diese Worte des' 

frommen Mannes rufe ich Euch, meine lieben Schüler, zu; bedenket, dafs Gottesfurcht aller 

"Weisheit Anfang ist! Die Furcht des Herrn ist dieser christlichen Anstalt fester Grund, der Jahr- 

liunderte, ja, Jahrtausende bereits steht und stehen wird in Ewigkeit; auf ihm ist unsere Anstalt 

erbauet, und ihn zu wahren wollen wir in dieser feierlichen Stunde geloben. Nicht gemeine Ver- 

.fitandeserkenntnis kann uns das Heilige und Ewige näher rücken, nicht eine Humanitätsbildung 

oline Gottesfurcht vermag den Menschen zu dem ihm von Gott gesteckten Ziele zu führen, ihn 

gottahnlich zu machen, sondern nur das Herz, d. h der felsenfeste Glaube an Gott wird ihn dem 

Ideal der Tugend nähern, wird die Realisierung der sittlichen Ideale erst durchfilhren, uns eine für 

*Oeist und Gemüt wahrhaft befriedigende, harmonische Weltanschauung geben und uns den wahren 

Herzensfrieden gewähren, der höher ist denn alle Vernunft 

„Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, 
Wie auch der menschliche wanke; 
Hoch über der Zeit und dem Räume webt 
Lebendig der höchste Gedanke; 
Und ob alles im ewigen Wechsel kreist. 
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist " 
Doch soU die religiöse Empfindung nicht zur Gefühlsduselei sich verflüchtigen, die Religion 
^cht herabsinken zum Aberglauben, . zur Ausübung unverstandener Formeln; soll mit ihr die Ein- 
j^flanzung wirklich religiös-sittlicher Antriebe verbunden sein, so ist sie unzertrennlich mit der 
Wissenschaft zu treiben: unter der Voraussetzung dieses Bündnisses allein kann „das Reich des 
Idealen, das Reich des Wahren, Guten und Schönen, gebaut werden und gedeihen.** 

„Wissenschaft" ist daher das zweite Mahnwort; aber gemeint ist jene Wissenschaft, die um 
dhrer selbst, d. h. um Erkenntnis der Wahrheit, nicht um äufserer Güter willen getrieben sein wUl, 



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die lauter und rein ist, „die hohe, die himmlische Göttin^', nicht „eine tüchtige Kuh, die uns mit 
Butter versorgt" 

Zur Weisheit versprachen die Sophisten die griechische Jugend zu führen; aber sie be* 
achteten dabei nicht diese Grundwahrheit aller Wissenschaft. Qie verfolgten Nebeninteressen; der 
praktische Nutzen war das Ziel ihrer Bestrebungen. Sie erzogen daher ein Gesohlecht, das dem 
Staate und der Gesellschaft verhängnisvoll werden und die Gröfse von Hellas in den Staub stürzen, 
sollte; ein Sokrates, der Lehrer der Wahrheit, konnte die sittlichen Gefahren, mit denen ein 
mifsleitetes Streben nach der Weisheit verbunden ist, nicht mehr abwenden. Echte, wahre Wissen- 
schaft dagegen wird wieder zur Gottesfurcht zurückführen, wird dem Menschen zeigen, dafs seiner 
Erkenntnis Schranken gesetzt sind, und das Bewurstsein, dafs er der Schwäche seiner Nator 
seinen Tribut zahlen mufs, wird ihn aus seinem Eigendünkel herausreifsen und ihn zu reiner. 
Menschlichkeit und wahrer Menschengrölse führen 

„Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht . . . 

Solang' er glaubt, dafs dem irdischen Verstand 

Die Wahrheit je- wird Scheinen — 

Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand; 

Wir können nur raten und meinen ... .^ '^ 

Drum, edle Seele, entreifs dich dem Wahn 

Und den himmlischen Glanben bewähre!" 

Wahre Wissenschaft also wird in uns den Geist der Gottergebenheit und versöhnender 
Menschenliebe, den Geist ^aufopferungsvoller Hingabe an das Allgemeine erzeugen, uns zu dem. 
Geiste der Selbsterkenntnis führen, der die Dinge nach ihrem wahren Werte schätzt und sich 
nicht durch den blofsen Schein blenden läfst. Und „Fliehe, bist du des Führers im eigenen Busen 
nicht sicher, Fliehe den lokenden Rand, ehe der Schlund dich verschlingt!" — rj^^^r Jüngling za 
Sais", „Kassandra", „Der Taucher** veranschaulichen jenen Gedanken aufs deutlichste, und in seinen 
Gedankeudichtungen zeigt uns Schiller den wahren Wert der Wissenschaft sowie der Strebungen- 
nach derselben. 

Also hütet Euch, ihr Jünglinge, vor einseitiger Betonung der Wissenschaft. Haltet fest am, 
Glauben an Gott! In Christo liegen alle Schätze der Wahrheit und Erkenntnis; er wird Euch zur 
rechten Lösung Eurer Lebensaufgaben führen. „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch 
Schuld! Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein ^ 

Wer so echte Gottesfurcht im Herzen trägt, wer wahre Wissenschaft betreibt, dem wird, 
die Tugend der pietas nicht fehlen; denn sie umfarst alle übrigen Tugenden, sie ist die gröfste 
von allen. Die Bilder auf der Vorderseite unserer Fahne, das des erlauchten Stifters der Anstalt, des 
Herzogs Albrecht von Brandenburg, und das ihres jetzigen Schirmherm, unseres allgeliebten Kaisers 
Wilhelm II., das Wappen unserer alten Stadt Rasten bürg — sie zeigen und mahnen uns, diese pietas- 
zu pflegen jetzt und immerdar. In jenen Tagen der Gründung unserer Schule seufzte unsere Hei- 
mat unter polnischer Lehnshoheit; heute hat sie sich des Schutzes des grofsen deutschen Vater- 
landes zu erfreuen. Jahrhunderte, voll von schweren und blutigen Kämpfen, liegen zwischen den 
beiden Zeitpunkten. Die Besten unseres \'olkes haben gekämpft und gerungen um das hohe- 
Ziel der deutschen Einheit, und was alle jene Jahrhunderte hindurch in schmerzlicher Sehnsucht- 
erhofit worden war, was die Dichter als Idee begeisterte, was die Edelsten unseres Volkes mit- 
den gröfsten Opfern vergeblich zu erstreben gesacht hatten, was selbst nach den heldenmütigen An- 
strengungen der Freiheitskriege noch unerreicht geblieben wa^,^ das ist jetzt Wirklichkeit. AuF 
den Schlachtfeldern Frankreichs 1870/71 ist das detitsche Kaisertum und die deutsche Einheit neu 
erstanden und des Beiches Herrlichkeit von neuem aufgerichtet Jenes Bild, das seit dem 



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18. Janaar d. J. unsere Aula ziert — es veransohaulicht jenen weltgeschichtliclien Augenblick; 
^ sei auch allezeit eine Mahnung filr die Zukunft! Tausende von Heldensöhnen Deutschlands sind 
freudig und mit edler Begeisterung in den Kampf gezogen, und auch unsere Anstalt hat deren 
36 entsandt. Viele sind auf dem Schlachtfelde in der Erfüllung der heiligen Pflicht ftrs 
Vaterland gestorben; jaher sie haben mit ihrem Blute das Fundament des neuen Reiches gekittet^ 
die Einheit und Festigkeit, die Sicherheit und Freiheit unseres Vaterlandes erworben. 

Und also sollt auch Ihr, liebe Schüler, die Ihr dereinst mit die Wehrkraft unseres Volkes 
bilden werdet, handeln, echte Männlichkeit und wahre virtus Euch erwerben. Nicht kommt es darauf 
anyStrafsen und Märkte mitWaffenspiel und Lärm zu erfüllen, nicht ist es genug, die herrlichsten 
vaterländischen Lieder zu singen, sondern darauf kommt es an, dafs unter dem Spiele früh der 
männliche Ernst reife und der Qeist der vaterländischen Lieder in Euch lebendig werde, Kraft 
gewinne und Euch stähle filr den Ernst der kommenden Tage. Seid eingedenk der grofsen Thaten 
Eurer Väter und strebet darnach, dieser würdig zu sein und den Ruhm des Vaterlandes in Zu- 
hmft zu sichern! Übet imd stählet Em*e körperlichen und geistigen Kräfbe! Denn auf ihnen be- 
ruht jedes Volkes wahre Kraft und Gröfse. Haltet fest, was Eure Väter in den heifsen Tagen 
des Kampfes errungen haben! Vergesset nicht das Dichterwort: „Was du ererbt von deinen 
Yätem hast, erwirb es, um es zu besitzen!'^ Ein frommes, freies und starkes Geschlecht wachse 
auf, wie es das Vaterland in den Zeiten der Not bedarf! Hütet und pfleget des freien Geistea 
Eraft, des deutschen Liedes Klänge, die deutsche Wissenschaft! Haltet stets fest an den 
Tugenden, welche den Menschen zieren, an Liebe zu Gott, an Liebe zum Vaterlande und an Liebe 
und Treue zu dem angestammten Landesherm! Dann wird sich wie für unsere Anstalt so auch 
für unser ganzes Vaterland der Wunsch erfüllen, den wir auf der Fahne lesen: „Vigeas, ut vignisti^ 
in saecula saeoulorum !^ ^ 

Da das Damen-Komitee von den Sammlungen zur Fahne noch etwa 650 Mark übrig be- 
halten hatte, so hatte es den Beschlufs gelafst, diese Summe dem (lymnasium als Grundstock zur 
Anlegung eines Spielplatzes für die Jugend zu überweisen. Im Namen des Damen-Komitees über- 
reichte daher die Vorsitzende, Frau Gymnasialdirektor Grofsmann, dem Direktor diese Summe mit 
folgenden Worten: 

„Hochgeehrter Herr Direktor I 

Die Opforwilligkeit der Frauen und Jungfrauen von Stadt und Land ist so grofs gewesen^ 
d&fs nach Anschaffung der Fahne noch 650 Mark übrig geblieben sind. Das Komitee hat geglaubt,, 
dieses Geld niclit besser und segensreicher anwenden zu können als damit, dafs es dasselbe dem 
Gymnasium als Grundstock zur Erwerbung eines Spielplatzes überweise. Der mit Recht in der heutigen 
Erziehung geltende Grundsatz, dals zur Ausbildung der Jugend nicht allein die rein geistige und ver- 
standesmäfsige Förderung gehöre, sondern dafs auch die leibliche zu ihrem Rechte kommen müsse and 
d&fs ein gesunder Geist nicht zu denken sei ohne einen gesunden Körper, sowie die Thatsacbe^ 
dafs unsere Jugend keinen Platz hat, auf dem sie sich in heiterem Spiele ergehen und körperlich 
kräftigen könnte, hat uns veranlafst, dieses Scherflein zu dem gcnannnten Zwecke darzubringen* 
Mir ist die angenehme und ehrenvolle Pflicht geworden, die Gabe zu überreichen; ich thue es hier- 
mit und wünsche dem Gymnasiuta bei dieser Gelegenheit an dem Vorabend der Jubelfeier von Herzen 
Heil und Segen iiir alle Zukunft, dafs es wachse, blühe und gedeihe immei*darl^ 

Der Direktor dankte und sprach etwa folgendes: 

^Meiue hochgeehrten Damen des Fahnen-Komitees! 

Haben unsere Frauen und Jungfrauen schon durch das sinnige Geschenk der Fubne gezeigt^ 
dals sie teilnehmen an dem Leben der Schule und ihrem Schicksale, dafs sie erkennen, auf welcher 



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18 

Crundinge jede wahre Erzielum«^ der Jugend ruhen inuf??, so haben sie aueli durch diese weitcro- 
Stiftung bekundet, dafs. sie die grofsen Fragen der Erziehung luit Aufmerksamkeit verfolgen, dais 
sie auch liier die Möglichkeit anbahnen wollen, den von uns allen in den Vordergrund gestellten Ge- 
danken: ^Mens Sana in corpore snno^ weiter auszubildeii, damit alle Einseitigkeit bei der Lösung der wich- 
tigen Lebensaufgabe ausgeschlossen bleibt und unserer Jugend Krälte sich nach allen Seiten hin 
ausbilden zu harmonischem Ganzen. Die alten Griechen hatten den Wert einer solchen Ausbildung sehr 
:wohl erkannt, und sie strebten nach jener Harmonie in ihren Ringschulen, ihren Gymnasien, ihren 
Stadien und Hippodromen, und jene grofsen nationalen Festspiele zu Olympia, auf dem Isthmus von 
Korinth, die nemäischen und die pythischcn — sie legen Zeugnis ab von dem Streben und den 
grofsen Erfolgen; sie sind ein festes Band nationaler Einigung gewesen. Unter diesem Gesichtspunkt 
wollen auch wir die Stiftung auffassen und suchen, die Genehmigung der vorgesetzten Behörden 
Torausgesetzt, den Anfang zu erweitern zu einer liir die Jugend unserer Schule, ja, für die ganze 
Stadt segensreichen Einrichtung. Ich danke Ihnen im Namen der Anstalt von ganzem Herzen für Ihre 
«0 gütige Teilnahme." 

Den Schlafs der Feier bildete die Enthüllung und Überreichung eines von der Frau Baronin 
vonSchmiedeseck-Woplaucken, geb. Gräfin zu Eulenburg-Prassen, gemalten lebensgrofsen Ölbildes 
des Herzogs Albrecht durch ihren Sohn, den Königlichen Landrat Herrn von Schmiedeseck, 
zugleich im Namen seines durch militdrischen Dienst am persönlichen Erscheinen verhinderten 
SruderS) des Königlichen Premier-Lieutenants im 1. Garde- Feld-Artillerie-Regiment Herrn von 
ächmiedeseck. Mit warmer Empfindung sprach der Herr Landrat folgende Worte: 

„Verehrter Herr Direktor! 

Als ehemalige Schüler dieser Anstalt nehme ich und mein Bruder, der zur Zeit Premier- 
liieutenant im 1. Garde-Feld- Artillerie-Regiment ist und leider infolge dienstlicher Abhaltung diesem 
49chönen Feste fem bleiben mufs, an der heutigen Jubelfeier, zu der ich Ihnen unsere herzlichsten 
Glück- und Segenswünsche ausspreche, ganz besonders warmen Anteil. Wir denken beide gern an 
unsere hiesige Schülerzeit ziu-ück, und es gereicht mir zur Ehre und Freude, es heute aussprechen 
zu können, dafs wir uns hier stets wohl gefühlt haben und dafs wir für upsere damaligen Lehrer 
noch heute Gefühle dankbarster Erinnerung hegen. Mit Stolz blicken wir auf die Auszeichnung, 
die dem Rastenburger Gymnasium soeben durch die Allerhöchste Verleihung des Namens „Herzog- 
Albrechts-Gymnasium" zu teil geworden ist. Es ist uns ein Badürfuis gewesen, diesen Gefühlen 
•dankbarer Gesinnung, welche uns für alle Zeiten mit dieser Anstalt verbinden werden, einen greif- 
baren und bleibenden Ausdruck zu verleihen. Dank der Güte unserer Mutter ist es uqs gelungen, 
diesen Wunsch in Wirklichkeit umzusetzen." 

Der Herr Redner enthüllte nun das auf einer Staffelei stehende Bild und fahr dann fort: 

„Inlem ich zugleich im Namen meines Bruders dem Herzog- Albrechts-Gymnasium dieses 
von unserer Mutter gemalte Bild seines Stifters, des Herzogs Albrecht von Preussen, zum Ge- 
schenk mache, bitte ich Sie, verehrter Herr Direktor, demselben in der Anstalt einen Platz an- 
weisen zu wollen. 

Möchtem dem Herzog- Albrechts-Gymnasium noch viele Jahrzehnte gedeihlichen und segens- 
reichen Wirkens beschieden sein! Möchte die Anstalt als Stätte der Bildung für die Jugend 
wie seither so auch in alle Zukunft Gottesfurcht, Königstreue und Vaterlandsliebe hegen 
und pflegen nnd so dazu berufen sein, imserm Staatswesen nützliche und fordernde Männer zu er- 
ziehen! Dafs von solchem Wirken und Streben dieses Bild des ehrwürdigen Stifters ein maiinender 
Zeuge sei und bleibe, das ist mein Wunsch. Das walte Gott!" 



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19 

t 

Dem Herrn Landrat antwortete der Direktor, folgendennafsen : 
^Hochgeehrter Herr Laudrat! 

Wenn ich vorher von der Tugend der pietas sprach; sie als höchste Zierde der Jugend 
hezeichnete und sie als Ziel hinstellte, das wir bei der Jugenderziehung zu erstreben hätten, so 
haben wir hier in dieser hochherzigen Stiftung einen Beweis pietätvoller Anhänglichkeit und 
Dankbarkeit gegen die alte Anstalt, die um so höher anzuschlagen ist, als hier eine ganze Familie 
derselben Ausdruck giebt und ein leuchtendes Beispiel wird für künftige G-eschlechter. Nehmen 
Sie, hochverehrte Frau Baronin, Sie, hochverehrter Herr Landrat, sowie Ihr Herr Bruder, dem 
ich, da er seines militärischen Berufes wegen nicht hier sein kann, leider unseren Djtuk nicht 
unmittelbar auszusprechen vermag, denselben von mir im Namen unserer Anstalt freundlichst ent- 
gegen ! Noch ungezählte Generationen werden sich an dieser Widmung erfreuen; sie wird fortwirken in. 
den Herzen und die späteren Geschlechter zur pietas anspiornen und zwar ayich hier zur pietas im 
engeren und im weiteren Sinne, zur Liebe und Treue der Schule gegenüber, aus der min hervor- 
gegangen ist und die einem die Wege, Höheres zu wirken, geebnet hat, und im weiteren Sinne 
gegen Vaterland und Herrscherhaus. Wie uns dieses Bild den erlauchten Stifter unserer Anstalt 
vor Augen fährt, so mahnt es uns auch, allezeit der Segnungen zu gedenken, die wir dem Hause 
Hohenzollem zu verdanken haben, und ihm daher unverbrüchlich treu zu bleiben, es komme, wa» 
da wolle. Ich halte es daher für einen ganz besonders glücklichen Gedanken, dafs Sie uns gerade- 
dieses Bildnis gestiftet haben; der Segen wird der Widmung niemals fehlen. Gott vergelte es- 
Ihnen!" 

Mit der Motette: „Preis und Anbetung** schlofs dieser Teil des Festes. 

In der siebenten Stunde strömten dichte Scharen nach der Festhalle, und diese füllte sich 
mit einer glänzenden Versammlung, die der Aufführung der Goethoschen „Iphigenie" durcli 
Schiller der Anstalt harrte. Die 1000 Sitzplätze der Halle waren alle bis auf den letzten besetzt. 
Pünktlich um Vjt Uhr begann die Festvorstellung mit der Gluckschen Ouvertüre zur „Iphigenie^y 
aasgeführt von der Kapelle des Infanterie-Regiments Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz (6. Ostpr.) 
Nr. 43 unter der Leitung des Königlichen Musikdirigenten Herrn Krantz. Als die weihevollen 
Klänge verrauscht waren, sprach Herr Oberlehrer Dr. Lentz den von ihm selbst gedichteten 
Festprolog: 

„„Willkommen!" sei das erste frohe Wort, 

Das Euch, verehrte Gäste, hier begrüfst 

Willkommen seid! Wie aus der Mutter Brust 

Ein jubelnd heller Ton der Freude dringt, 

Wenn ihres Kindes liebes Antlitz sie, 

Das lang entbehrte, endlich wieder schaut 

Und um den Teuren sie die Hände flicht — 

Von Freudenthränen ist ihr Aug' betaut — 

So voller Jubel, wahrster Freude voll. 

Beut ihren Söhnen den Willkommensgrufs 

Die alte Heimat, grüfst Alt-Rastenburg, 

Da seiner hohen Schule Jubelfest 

Von fem und nah Euch hier versammelt sieht. — 

Gott seffn' Euch dieser Tasre knrze Frist, 

Dafs Ihr daheim in Eurer Lieben Kreis 

Mit Frohmut pfleget der Erinnerung! — 



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Dem Wunsche, hoff' ich, winkt Erftlllimg wohl, 

Der Euch des Herzens zart Empfinden lieh. 

Denn nicht schanlust'ger Menge eitler Trieb, 

Nicht leichter Freude Haschen zog Euch her; 

Der Lieb' und Treue sanfte, starke Hand 

Führt' aus der Fremde Euch ins Heimatland. 

Und Lieb' und Treue lohnen Euch mit Dank, 

Wo immer schweift des Auges froher Blick: 

Schon aus der Ferne grüfst' Euch St G-eorg 

Durch seines hehren Qotteshauses Turm, 

Der uusrer Stadt ehrwürdig Zeichen ward. 

Und bald, durcheilt mit froh beschwingtem Schritt, 

Erweckt der altgewohnten Strafsen Zahl 

Manch längst verblarstes, neu belebtes Bild: 

Da hier das Haus, das Obdach Euch gewahrt', 

Und dort das Fenster, stiller Sehnsucht Ziel, 

An dem sie huldvoll Eueru Grufs empfing, 

Hier noch der Platz, wo froher Knaben Spiel 

Den Gegner zu bestehen Euch gewöhnt. 

Dort lockte Süfse Euch verbotner Frucht, 

Mit schnell bereitem Wagemut genascht; 

Hier lehrte Stoiges ewig jimge Kunst 

Mit Anstand nahen und mit Sittsamkeit 

Dem hold verschämten, schwächeren Geschlecht. 

Und nun dahin, wo an der Mauern Bing, 

Von St. George brüderlich geschützt, 

Der alten Schule alt Gemäuer winkt! 

Es fuhr liebreiche Sorge drüber her 

Und tilgte mancher Jahre Thränenspur 

Zum Feste dem verwitterten Gesicht, 

Dafs es hell lachend Euch entgegenstrahl'. 

Das schaut Ihr mit Bedacht, und weil Ihr sinnt. 

Wie es wohl früher war, der Schule Kleid, 

Trägt eilend der Gedanken schneller Flug 

Euch wiederiun zur fernen Jugend hin. 

Die alten Lehrer, Eiu*er Freunde Schar, 

Die mit Euch teilte Schülerfreud' und -Leid, 

Die tauchen vor der Seele Spiegel uuf — 

Nein, nicht derSeeleSpiegel, Eures Augs 

Untrüglich heller, freu de trunkner Blick 

Strahlt Euch des Freundes Antlitz hier zurück, 

Der jetzt Euch grüfst mit lautem Jubelruf, 

Mit warmem Händedruck und Bruderkufs. — 

Und überall ein gleiches Wiedersehn, 

Ein froh Erkennen — oft ein Zweifeln erst. 



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21 

Wenn lieber Züge treu bewahrtes Bild 
Der langen Jahre bildnerisohe Macht 
Nach eignem MaHs gemodelt und geformt. 
Doch der Erinnrung allgewaltige Kraft 
BeiTst nieder, was die Zeit an Schranken türmt 

Und schafft des Herzens Ahnen freien Lauf. 

So grüfst die Heimat, also lohnet sie, 
Wer ihrer in der Fremde treu gedacht 
Und freudig folgte, als zum Fest sie rief. 
So lohnet sie mit süfsem G-Iücksgefühl 
Und wie des sagenhaften Biesen Kraft 
Sich stets verjüngte, wenn er je berührt* 
Der Mutterrede Schofs, dem er entsprofs, 
So strömet neuer, schöner Lebensmut 
Euch von der lieben Heimat Boden zu — 
Das wurdet Ihr bei jedem Tritt gewahr. 
Das wird Euch jeder Stunde Lehre sein, 
Die nun im Festesjubel Euch verrauscht, 
Zuvörderst dieser, in der Schwestern Zahl 

Der ersten, deren Amt Willkommensgrufs. 

Und weil nun also Euer Herz erglüht 

Vom Wert der Heimat, von der Freundschaft Wert, 

Soll Euch erheben jenes hohe Lied, 

Das unser üoethe einst der Heimat sang, 

Da, von Italiens Zauberglanz umstrahlt. 

Er Heimwehklagen rührend Worte lieh. 

Die uns verkündet Ipbisreniens Mund 

An Tauris' fernem, sagenhaftem Strand. 

Wenn dort der Priesterin geweihtes Amt, 

Des Volkes Ehrfurcht, ja, des Thrones Glanz 

Ihr nimmer stillen ihres Herzens Weh, 

Das nach der Heimat trauten Fluren bangt. 

Dann hallet Echo Euer eigea Herz 

Und freudig klinget mächt'ger Wiederhall 

Aus gleichgestimmter Seelen tiefstem Grund, 

Wenn an des langersehnten Bruders Brust 

Der Schwester Leid der Jubel übertönt. 

Da endlich Eückkehr der Verwaisten winkt. 

So rühr' des Abends schöne Feierzeit 
Die Saiten, die erklingen liefs der Tag, 
Der Euch zum erstenmal vereinigt sieht! 
So sei er Euch ein rein harmonisch Lied!" 

Waren schon durch die zu Herzen gehenden Worte des Prologs die Gemüter der Zuschauer 
in eine weihevolle Stimmung versetzt, so wurde diese noch gesteigert, als sich der Vorhang hob und der 
heilige Hain in Tauris mit dem im Hintergründe schimmernden Meere, dem Altar und dem Tempel sicht- 



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22 

1>ar wurde, aus dem mit majestälLschem Schritte Ipiiigenie heraustrat um ihren Mouolog zu sprechen. 
Scijon durch die ersten Worte hatte der Darsteller die Herzen der Zuschauer gewonnen und erhielt 
sie sich bis zum Ende der Vorslclluag. Mit liefern Verständnis iür seine Aulgabe wufstc er die- 
seelische Verfassung, das Stimmungsleben der Jphigcnie, ihr Heimweh, ihren Gram, ihre priester- 
liche Weiblichkeit und ihre Hofi'uung, doch noch einmal ins Vateriiaus zurückzukehren, wohl zu treffeit 
und durch angemessene Deklamation in Icbenswalncr, natürlicher Weisse zum Ausdruck zu bringen. 
Ebenso hatte der Darsteller des Arkas seine Bolle richtig aufgefafst und verstand es, den Boten des- 
Königs als einen Mann von kurzer Eede, aber geradem Sinne, „eine grofse Seele^ vorzuführen. 
Einen Glanzpunkt der Vorstellung bildete die Begegnung des Thoas mit Iphigenie. In königlicher 
Hoheit, eine edle Natur, trat der Könijr auf, und eine gewisse Verwandtschaft des gramcrluUten 
Seelenzustandes de?» Vereinsamten mit demjenigen der Iphigenie enthüllte sich uns bei der Werbung 
um Iphigeniens Hand. Ein wahrer König mit hohem Adel der Gesinnung blieb er auch, als er nach 
der Werbung in leidenschaftliche Härte zurückzufallen drohte und als der Betrug der Griechen offen- 
bar wurde und zu ernster Lösung drängte. Alle die verschiedenen Nüanzen der Empfindung ver- 
stand der Darsteller durch Deklamation und Spiel sehr mafsvoll und glücklich zur Geltung zu bringeu. 
Ihm gleichwertig war der Darsteller des Orest, der trotz der grolsen Schwierigkeit seiner RoUe^ 
„Todessehnsucht und Todesgewilsheit^ und alle Spielarten eines kranken Gemütes sowie die glück- 
liche Stimmung des Gene:^enen, der im Begriff steht, nach der geliebten und ersehnten Heimat zurück- 
zukehren, naclieinander auszudrücken, in Sprache, Handlung und Mienen gleichmäfsig die Zuschauer 
ergriff. Des lebensfreudigen, unternehmenden und hoffnungsreichen Pylades Darstellung verdiente 
nach Auffassung und Wiedergabe ebenfalls volles Lob. 

Ein Urteil eines Berichterstatters über die Fest Vorstellung gedenkt mit vollster Anerkennung' 
der Leistungen der Darsteller und hebt hervor, es habe aus der Aufführung ein Hauch Haver- 
landschen Geistes entgegengeweht. „Jnsbesonderc der Vortrag des Parzeuliedes rifs die Zuschauer zu. 
rauschendem Beifall hin, so rauschend wie wohlverdient. Ein gutes Stück Arbeit, ein erfreuliches 
Können offenbarte die Vorstellung. Den mitwirkenden Schülern gereicht die Ehrung, welche sie 
ihrer alma mater dargebracht, auch selbst zur Ehre, und diesem Gefühle gab auch das Publikum in 
einem dem Iphigenie-Darsteller überreichten Kranze Ausdruck.** 

Unter den Zuschauern war wie bei der ersten Aufführung am Montag wohl niemand, auf 
den das Meisterwerk der Dichtkunst mit der Durstellung der persönlichsten Interessen eines Menschen- 
herzeus, mit den grof^en Geschicken eines Hauses, eines Geschlechts und eines ganzen Volkes in so- 
allgemein menschlicher und einfacher Weise nicht einen mächtigen Eindruck gemacht und der nicht^ 
erhoben die Vorstellung verlassen hätte. 

Nach Beendigung derselben bemühten sich einige Herren auf die Bühne und sprachen den 
Darstellern für die gelungene Aufführung ihre Anerkennung und ihren Dank aus. Den hauptsäch- 
lichsten Dank aber haben die letzteren vorweggenommen, das Bewufstsein, bei einer so bedeutsamen 
Feier ein solches Meisterwerk zur Darstellung gebracht zu haben. Möchte dies Bewufstsein ihnen 
ihr ganzes Leben bleiben und seinen Eindruck auf sie immer wieder erneuern und stärken! 

Der Darsteller der Iphigenie war der Ober-Sekundaner Hans von Olfers, der des Ore3t der~ 
Ober-Primaner Max Reschke, der des Thoas der Ober-Primaner Wallher Gloth, der des Pylades 
der Ober-Primaner Willy Squar (Mittwoch) und der Ober-Primaner Fritz Bartels (Montag), der dos- 
Arkas der Unter-Primaner Oskar Nebelsieck. 

Bei der Einübung unterstützten den Unterzeichneten mit unermüdlichem Eifer die Herren 
Dr. Zimmermann und Dr. Lentz. Aufserdem hatte Fräulein Anna Haverland gelegentlich einer Vor- 
lesung hierselbst die grofse Güte, auf Einladung des Unterzeichneten eine Probe des ganzen erstea 
Aktes und der ersten Scene des zweiten anzuhören und freundlichste Ratschläge zu geben, die nicht* 



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23 

•ohne Erfolg waren; auch war sie so gütig, dem Darsteller der Iphigenie den von ihr selbst bei der 
^nfiülirung gebrauchten Schleier zu schicken und die echt dorische Kostümieruog der Iphigenie su 
Tcranlassen. 

Die stilgerechten prachtvollen Kostüme waren sonst auü der Kostümhandluug von Pichon in 
Königsberg entliehen. 

Die Hauptfeier am 25. Juni fand wie im Jahre 184C die 300jährige Jubeireier in der gütigst 
dazu bewilligten St.-6corgenkirche statt „Mit dunkeln Laubgewinden und zahllosen Fahnen und 
Pähnchen geschmückt, die dem altehrwürdigen Bau ein jugendfrisches. festesfrohes Aussehen gaben'' — 
so schrieb ein Berichterstatter — ,, schaute das Gymnasium heute auf die Teilnehmer des Festzuges her* 
.ab, welche sich in seinem Hofe und der Aula zum Hauptereignisse dieser Tage, dem gemeinschaft- 
lichen Kirchgänge, gegen ^/td Uhr morgens versammelten *' In der Frühe des Morgens hatte bereits 
eine Abordnung Primaner unter Leitung des Oberlehrers Herrn Dr. Zimmermann den hiesigen Kirch- 
hof besucht und in pietätvollem Gedenken Kränze auf die Gräber der hier ruhenden ehemaligen 
Lehrer der Anstalt niedergelegt. 

Auf das Zeichen durch das Läuten der Gymnasialglocke versammelten sich um Vs^ Uhr die 
Yertrcter der Behörden, der Geistlichkeit, die ehemaligen und die jetzigen Lehrer, die Deputationen 
in der Aula des Gymnasiums, die übrigen Festteilnehmer auf dem Schulhore. Nachdem in der Aula 
-die Reihenfolge der Beglückwünschungen bei dem Redeakte in der St -Georgenkirche bekannt ge- 
.^eben war, überreichte Herr Geheimrat Gruhl in Gegenwart des ganzen Lehrerkollegiums die von 
vSr. Majestät dem Kaiser zur Feier des Tages verliehenen Auszeichnungen und zwar dem Direktor 
•der Anstalt Dr. Grofsmann und dem Professor Dr. Hüber den Roten Adlerordeu IV. Klasse und 
machte bekannt, dafs Se. Gxcollenz der Herr Kultusminister den Oberlehrern Dr. Zimmermann und 
Schlicht den Titel Professor aufser der Reihe verliehen habe. 

Währenddessen hatten sich um % 9 ühr auf das Zeichen der elektrischen Glocke die alten 
Herren hinter der Fahne von 1746 (blau-weifs), die jüngeren Herren hinter der Fahne von 1817 
(schwarz-weifs) zu dreien in dem Turngarten aufgestellt. Kurz vor 9 Uhr begaben sich die 
Herren aus der Aula in den Turngarten und nahmen ihre Plätze ein, so dafs sich beim Läuten 
4er Kirchenglocken Schlag 9 ühr der Zug in Bewegung setzen konnte. Voran schritt die Kapelle 
•des 43. Infanterie-Regiments, und unter den Klängen des Pieufsenmarsches lolgte, von zwei 
Primanern mit blanken Schlägern begleitet, die neugestiftete Fahne von lS9ß, der sich da^j gesamte 
Gymnasium, die Kleinsten voran, in den blau-wcifsen Festmützen anschlofs. Dann lolgten die Ver- 
treter der vorgesetzten Behörden, zunächst Herr Regierungs-Präsident v. Tic^chowitz und Herr Ge- 
heimrat Gruhl mit dem Unterzeichneten in der Mitte, die Vertreter der Königsberger Albertus- 
Universität und der evangeli:5chen Geistlichkeit, meist im Ornat, die Spitzen der Rastenburger König- 
lichen und städti:?chen Behörden, die Deputationen der auswärtigen und der einheimischen 
Anstalten, die ehemaligen und die jetzigen Lehrer der jubilierenden Anstalt. Den Beschlufs machten 
die ehemaligen Schüler und die sonstigen Festteilnehmer, voran die älteren Herren, denen 
die alte Fahne von 1746 vorgetragen wurde, hinter ihnen die jüngeren mit der iiu Jahre 1817 
gestifteten Fahne. „In unabsehbarer Länge," sagte ein Berichterstatter, „bewegte sich der Zug zu 
drei Mann im Qliede vom Turnhof durch den Direkfcorialgarfcen am Kreishause vorbei durch die 
Wilhelmstrafse zum Rathause und durch die Königsberger Strafse über den Neuen Markt, durch 
■die Kirchenstrafse über den Alten Markt, durch die Ritter- und die Schlofsstrafse zur Kirche, überall 
von einer dichten Menge Schaulustiger begleitet. Uuter Glockengeläute und den mächtigen Klängen 
•der Orgel, welche ein ehemaliger Schüler, der Orgelvirtuose Herr Ernst Beyer, spielte, trat der 
imposante Zug in die Kirche und nahm die ihm bestimmten Plätze ein ** Das ganze Mittel- 
schiff der Kirche war für die Teilnehmer am Festzuge bestimmt; die Ehrengäste, die Spitzen der 



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Behörden und die Deputationen fanden im Altarraum rechts von der Rednertribüne, das Lehrer» 
kollegium links davon Sitzplätze. Das südliche Seitenschiff war für die Damen des Lehrerkollegiams,. 
des Fahnen- und des Fest-Komitees, der südliche Chor fUr Herren, das nördliche Seitensohift und 
der darüber befindliche Chor für die Schüler frei gehalten. Der gewischte Chor der Melodia, der 
seine gütige Mitwirkung bei der Feier zugesagt hatte, und der Sängerchor des Gymnasiums nahmen 
den nördlichen Chor neben der Apsis ein. Die Kirche war von 8V2 Uhr ab geöffnet und wurde 
nach Eintritt des Festzuges sogleich geschlossen. Die Inhaber von Einlarskarten hatten bisOXThr 
die ihnen zugewiesenen Plätze eingenommen, und es waren die Bäume der Kirche bis auf den 
letzten Platz gefüllt. 

Nachdem das Orgelpräludium verklungen war, jsang der Gymnasialchor unter Musikbe- 
gleitung die niederländische Weise: „Wir treten zumBeten^, sodann die Festgemeinde die beiden, 
ersten Strophen des Liedes: „Allein Gott in der Höh sei Ehr." Nach der Liturgie, die Herr 
Pfiurer Meyer-Bastenburg hielt, sang der gemischte Chor der Melodia mit dem Gymnasialohor 
aus der „Schöpfung** von Haydn: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" und die Festgemeinde 
drei Stropjien des Liedes: „Ein feste. Burg ist unser Gott". Während des Gesanges der dritten 
Strophe bestieg der erste Geistliche der St -Georgenkirche, Herr Superintendent Borowski, die 
Kanzel zu seiner wirkungsvollen Festpredigt, welche folgenden Wortlaut hatte: 

„„Singet dem Herrn ein neues Lied! Denn er thut Wunder. 

Der Herr lasset sein Heil verkündigen; vor den Völkern lasset er seine Gerechtigkeit- 
offenbaren." Amen. 

Den Festklang schlage an das Wort Heiliger Schrift im Brief St. Pauli an die Bömer 
Kap. 1, V. 16 verzeichnet: 

„Ich schäme mich des Evangelii von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die 
da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen." 

„Vater, heilige uns in Deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit" Amen. 

Teure Festgemeinde! Vor dem Angesichte Gottes sind wir versammelt. „Bis hieher 
hat uns Gott gebracht.** So nehmen wir den Lobpreis wieder auf, der bei der Jubelfeier vor- 
50 Jahren erscholl; in das „Te deum" der Väter f&Ut begeistert ein das „Laudamus" der Söhne. Von 
dem Markstein des heutigen Jubelfestes unseres Gymnasiums blicken wir auf das letzte Halbjahr- 
hundert seiner Wirksamkeit zurück und darüber hinaus bis zu seinem Ursprung hin. In welchen 
Beziehungen wir auch zu der jubilierenden Anstalt stehen mögen, ob als Lehrer, als ehemalige 
oder gegenwärtige Schüler, als Eltern der Schüler oder durch ein sonstiges Band mit ihr ver- 
bunden — die dreieinhalb Jahrhunderte ihres Bestehens und Wirkens reden eine so gewaltige 
Gottessprache zu uns, dafs wir ergriffenen Herzens stille stehen vor dem Allmächtigen, Gnaden» 
reichen, dafs der Markstein des heutigen Jubeltages uns zu einem Ebenezer wird, auf den wir 
tiefbewegt ein Zwiefaches schreiben, 

1. das dankbare Bekenntnis: „Gott war mit uns", 

2. das ernste Geloben: „Wir wollen mit Gott sein". 

1. 
„Gott war mit uns." — Als vor 350 Jahren der zweite Hermann der Deutschen, der Be- 
freier vom römischen Joch, Martin Luther, entschlafen war, schien für bange Gemüter es sich wie 
Nacht breiten zu wollen über die evangelische Christenheit. Aber wie am Himmel die Sterne 
freundlich leuchten, wenn die Erde in Abendschatten sich hüUt, so leuchtete in jener Zeit in den 
neu entstehenden .Pflanzstätten des Evangeliums ein Gottesstern nach dem andern auf als tröst- 
licher Grufs: „Du wirst nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkündigen. ** Zudeia. 



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hellen Morgenstern, im Osten aufgegangen, zu der evangelischen Hochschule, von Herzog Albrechi 
in Königsberg begrOndet, gesellte auf gleiche Anregung sich alsbald ein anderes freundliches 
Oestim, die Lateinschule in Bastenburg, dafs sie als eine Leuchte des Evangeliums und der 
Wissenschaft lebenweckende Strahlen senke in die jugendlichen G-emüter. 

Wenn nun diese Anstalt trotz aller Wirmisse der Zeitläufle bis heute besteht und nicht 
nur besteht, sondern krafbvoU sich entwickelt hat; wenn sie heute auf demselben Grunde steht^ 
»nf den sie nach dem Willen ihres hohen Stifters gestellt worden, so dafs das Bekenntnis des 
25. Juni 1530 auch das Bekenntnis des 25. Juni 1896 hierorts ist; wenn das Bastendurger Qjm- 
nasiam eine hervorragend grofse Anzahl von Männern herangebildet hat, die als Geistliche das 
Evangelium von Christo gepredigt haben oder noch predigen in Beweisungen des Geistes und 
der Kraffc, die in anderen Berufszweigen als Träger der Ideale fdr die höchsten Güter der Mensch- 
heit kraftvoll gestrebt und geschafft haben: siehst du sie nicht leuchten um unser Kleinod in 
goldigem Strahlenkranz — die Umschrift: ,,Gott war mit uns*^? Wahrlich, nichts anderes haben 
vir zu rühmen als die Gnade unseres Gottes, die Gotteskrafb seines Wortes. 

Das Wort Gottes scheidet nicht nur Mark und Bein: es giebt auch Mark und stärkt 
das Gebein, schafft ein kerniges, mannhaftes, an Leib und Seele gesundes Geschlecht, das trutzeu 
Ttnd bekennen kann: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders; Gott helfe mir!^ Ist der deutschen 
Volksseele eine harmonische Verschmelzung der Religiosität der Juden und der wissenschaftlichen 
Begabung der Griechen eigen, so kann, so mufs die höchste Entfaltung des Menschengeistes er- 
blühen, wo in deutschen Gelehrtenschulen Evangelium und Wissenschaft, diese beiden Ausstrah- 
lungen des einen wunderbaren Lichtes, in dem Gott wohnt, die Herzen durchdringen und läutern. 
Dem lauteren Herzen ist alles Wissen göttlich; denn Gott ist allwissend. Alles Wissens Krone 
aber ist, Christum lieb haben; das ist das Sesam, das die Pforten aufthut zu den verborgenen 
Tiefen der Gottheit, zu dem letzten Grund aller Dinge. Die Wissenschaft sucht und gräbt nach 
den Goldadern der Wahrheit; der Glaube nimmt die köstliche Perle, die die Offenbarung ihm 
beut, stellt, von ihr geführt, sich auf den Grund, der diamanten ist, und jubelt glückselig: ^loh 
habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält.^ 

Hierin liegen die starken Wurzeln unserer Kraft, hierin der helle Jubelton unserer Gedenk- 
feier, das Halleluja: „Gott war mit uns.^ 

2. 

Aus dieser Wurzel erwachse, neu gekräftigt durch den belebenden Hauch der heutigen 
Jubelfeier, als rechte Segensfrucht das ernste Geloben: „Wir wollen mit Gott sein^! unvergessen 
sei bei dem Herzog-Albrcchts-Gymnasium, was Herzog Albrecht an Melanchthon schrieb : „So 
alt Wir auch sind, so schämen Wir Uns doch nicht, ein Schüler in der Heiligen Schrifl zu bein, 
sondern danken Gott dafhr, dals er Uns dazu berufen^ ! O, glühe auf dem Herzensaltar eines jeg- 
lichen, du heiliges Feuer dankbarer Liebe, mit der Flammenschrifb: „Ich schäme mich des Evan- 
gelii von Christo nicht^! Ich — mich schämen des, was unsere höchste Ehre und schönster Buhm 
ist, mich schämen, wo ich nicht demütig und brünstig genug danken kann, dafs Gott meiner sich 
nicht schämt, sondern sein Herz, seinen Himmel mir aufthut? 

Heil uns, dafs in Vergangenheit und Gegenwart unseres Gymnasiums die Bürgschaft freudiger 
Hoffnung für die Zukunft liegt, der freudigen Zurersicht, dafs in ihm immer werde hoch gehalten 
werden das Streben, das Erbe der Väter zu erwerben, um es zu besitzen, es zu erwerben mit 
einem in der Gebundenheit an das Evangelium freien und in der Freiheit gebundenen Sinn, denx 
nichts Menschliches, aber auch nichts Göttliches wider die Natur ist, in der Überzeugung, dafs dem 
IVach^tum der Menschheit mit dem Evangelium das Herzblatt htsrausgcridsen würde, in der Er- 



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26 

kenntnis, dars das höcliste and Bchönste Ziel aller Bildung ist, liineingebildet zu werden in das Ur- 
bild des Meoschenwesens, in das Bild des Mensehensohnes. auf den das Gesetz ein Tzaiitrfoy^oz, eia 
Zuchtmcisier, von dem das Evangelium ein professor, ein Lehrer und Bekenner isti Sind wir ge- 
winnet, wie Jesus Christus es war, so ist unserem Sein und Wesen der höchste Adel eingeprägt: 
^Wir sind göttlichen Geschlechts." — 

So lebe, wachse und blühe in Gotteskraft, du Pflanzstätte der Gottesfurcht und Wissenschaft 
^hier, von Jahrhundert zu Jahrhundert zu einer Segensernte für Zeit und Ewigkeit! Lals das 
lautere, reine Gotteswort in dir allezeit eine Heimstatt haben, wie die Perle in ihrer Muschel ruht, 
«ind der Segen Gottes taue auf dich hernieder in viel tausendmal tausend ! 

Schirm dich Gott, du deutsche Jugend, du Hoffnung des Vaterlands, du Bürgerschaft in 
Gottes Reich! Noch in den spätesten Tagen klinge in dir nach dieser Jubelfeier hehres Fest- 
geläute, der Treuschwur eurer bewegten Herzen! Unter Gottes Hut an treuer Lehrer Führerhand 
nimm von der Erde Staub den Adlerflug zu den Sonnenhöhen in des Geistes Reich! Gegenüber Lug 
und Trug, Bosheit und Niedertracht durchzucke dich das Hochgefühl: „Streitbare Männer werden 
wir**! In allem Kampfgewühl der Zeiten aber sei dir Panzer und Schild die Gewifshcit: „Menschen 
des Friedens sind wir"! 

So schauen wir von des heutigen Tages festlicher Höhe demütig und mutig auf den Weg, 
der vor uns liegt, in den Herzen, auf den Lippen das Halleluja: „Gott mit uns", das Amen: „Wir 
Cdit Gott." Halleloja! Amen. 

Und alles Volk soll sagen „Amen."" 

Nach der Festpredigt folgte das „Halleluja" von Händel und der Gemeindegesaug der 
vierten Strophe des begonnenen Liedes, „Das Wort sie sollen lassen stahn". Als der Gesang ver- 
hallt war, bestieg der Unterzeichnete die an der Stelle des kleinen Altars aufgestellte Tribüne und 
hielt folgende Festrede: 

„Hochgeehrte Festversammlung! 

Fünfzig Jahre sind wieder dahingegangen seit den Tagen, in denen an dieser heiligen Stätte 
unserer alten Schule Lehrer, Schüler und Freunde versammcli waren, um die 300jährige Jubelfeier 
in Dankbarkeit gegen den Herrn aller Dinge zu begehen und seinen heiligen Namen zu preisen. 

Zu demselben Zwecke sind auch wir heute hier vereint, um dem Gott der Wahrheit und 
Gnade zu opfern und unser inbrünstiges Gebet zu ihm, unserem Vater, emporzusenden und ihn zu 
bitten, er möge auch fernerhin seine gnädige Hand über der seinem Schutze anvertrauten Anstalt 
halten und die Arbeit ihrer Lehrer und Schüler segnen zu seiner Ehre, des Vaterlandes Bestem und 
jedes einzelnen Nutz und Frommen. Herr Gott, gütiger Vater, erhöre dieses unser Gebet, sieh 
gnädig herab auf diese hier Dich anbetende Menge von jung und alt und erfUIle unser aller Herzen 
mit Deinem Frieden, der höher ist denn alle Vernunft! 

Fünfzig Jahre sind fiir das unendliche Meer der Zeit zwar kaum ein Tropfen, für das Bestehen 
und Gedeihen einer Schule, für ihre Thätigkeit und ihre Leistungen aber ein Zeitraum, der im Hin- 
blick auf die gesamte Entwickelung unseres Volkes in die Wagschalo fällt^ und vollends für das 
Leben des einzelnen eine gar lange Zeit Von denen, welche damals das Fest der Erinnerung und 
Hoffnung feierten, sind nur noch wenige untei* uns; andere Geschlechter der Menschen mit andern 
Anschauungen und neuen Idealen wandeln zum grofsen Teile hier auf Erden; aber sie wandeln im 
Gedenken ihrer Vorfahren, nicht „über längst vergessene Gräber** def Vorkämpfer für Gottes- 
furcht, Wissenschaft und Vaterlandsliebe. 

und die letzten fiinfzig Jahre — sie sind für unser Volks- und Staatsleben von hoher Be* 
deutung. Sie haben mehr gezeitigt als sonst Jahrhunderte; sie haben das erfüllt, was das Sehnea 



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27 

«i)d Hoffen und Wünschen der Besten unsere» Volkes gewesen, was mit Aufopferung von Eraft^ 
mit Entsagung und uuabläasiger Arbeit seit Jahrhunderten vergebens erstrebt war. Es ist die Ideen«^ 
saat, welche in den Tagen der Reformation gestreut wurde, jetzt zur Reife gebracht. 

Unsere Schule aber, ein kleines Rad in dem giofsen Organismus der Kulturentwickelung^ 
ein Kind jener grofscn Zeit — sie hat an ihrem Teil mitgeholfen und wie alle älteren und jüngeren 
Schwestern die gewaltigen Erfolge der grofsen Zeit, deren Erinnerungsfesto wir vor nicht langer 
Zeit (gefeiert haben, mit herbeiführen helfen. 

Bei einem Ruhepunkte, wie ihn das heutige Fest bietet, verlohnt es sich, den Blick rück^värts za 
richten, an die Quelle zurückzugehen, aus welcher der breite Strom des modernen Lebens geflossea 
ist, und mit staunender Bewunderung im Verlauf der Dinge den Zusammenhang alles Geschehens, die 
unlösliche Verkettung von Ursache und Wirkung zu betrachten, um uns dann zu beugen vor der AU-^ 
irisseuheit und Allmacht Gottes und in Ergebung alles menschliche Wollen und Handeln Gott allein 
anhcimzngeben. 

Und so sei es mir vergönnt, an dieser Stätte in dem engen Rahmen einer Festrede kurs 
ztt zeigen, wie die Weltanschauung der Reformationszeit mit unserer Gegenwart in Beziehung steht^ 
wie sie dieselbe immer noch durchdringt und uns im Laufe der Zeit auf mannigfachen Gebieten eine 
Wiedergeburt herbeigeführt hat, welche das deutsche Volk immer mehr befähigt, seine Missionr 
unter den Völkern Europas zu erfüllen. 

Das Mittelalter mit seiner alles geistige Leben ertötenden Weltanschauung konnte den 
Völkern das nicht gewähren, was sie zur kraftvollen Eutwickelung brauchten; es erstarrte alles io 
dem Formalismus der Scholastik. Zwang und Schematismus hinderten jede freie Entfaltung zu lebens* 
vollem Schaffen, und in bedenklicher Lethargie lebten die Geschlechter dahin; es war ihnen da» 
Gefühl der Verantwortung für ihrThun und Handeln erstorben. So drohte ein Zustand der Erkaltung 
einzutreten, wie wir ihn in der Weltgeschichte wiederholt zu betrachten Gelegenheit haben. 

Aber die Menschen besannen sich mit der Zeit doch auf „die unverlierbare Überlegenheit 
ihrer sittlichen Natur''; ihr Freiheitsbewufstsein erwachte und drängte zu Thatcn auf allen Gebieten* 
„Der Geist persönlicher Freiheit fühlte sich mündig und wollte keinem fremden Ansehen mehr^ 
sondern nur der eigenen Stimme folgen, seibor sehen, selber sein Leben einrichten und seine Selig- 
keit erwerben Und Luther war der ethische Genius, der alle Richtungen jener Tage in seiner ge- 
waltigen, gotterfüllten Brust zusammenfafsto und den ganzen Freiheitstrieb des Volkes^ in die 
richtigen Bahnen lenkte. 

Die Liebe ist nach unserem Herrn und Meister Jesus Christus das allumfassende Prinzip, 
die Grundlage, auf der sich alles Leben aufbaut. Er hat sie zum Segen der ganzen Menschheit 
in den Mittelpunkt des religiösen Lebens gestellt, sie zum Ausgangspunkt des wahren und innigen 
Gottesglaubens gemaclit; denn nur so ist an eine Wiedergeburt zu denken, nur so hat das Christen- 
tum die alte Welt überwinden können. In richtiger Erkenntnis dieser Grundwahrheit wandte auch Luther 
„den ganzen Freiheitstrieb des Volkes auf das Religiöse hin, brachte ihn hier zum Siege und leitete von 
hier aus seine Durchführung in den übrigen Krci3en des Denkens, Forschens und Gestaltens ein." 

Und so können wir mit Recht behaupten, unsere Wiedergeburt in jener Sturm- und Drang- 
periode der Menschheit an der Grenzscheide des Mittelalters und der neuern Zeit hat auf religiöseok 
Gebiet begonnen. 

Das religiöse Bedürfnis des deutschen Volkes nach Befriedigung seines inneren Wesens durch 
ein persönliches Verhältnis zu Gott, das der priesterliche Charakter der katholischen Kirche und die 
Machtgier der römischen Hierarchie unmöglich machte, begnügte sich nicht mit der plastischen Form 
der kirchlichen Erscheinung, sondern verlangte eine individuelle Aneignung der religiösen Lehren, 
fafste das Christentum in seiner ganzen Reinheit und Tiefe. 



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28 

An zwei grofse Gedanken und Wahrheiten, die unser Luther durch sein Reformationswerk 
wieder der Vergessenheit entrifs, zu Tage und zu Ehren brachte, will ich in dieser Stunde erinnern. 
Attszufiihren vermag ich sie ebenso wenig wie die vielen andern «rrofsen jene Zeit bewegenden Fragen; 
ei-fordert doch jede einzelne von ihnen mehr Baum und Zeit, als uns hier zu unserer Betrachtung 
vergönnt ist. Es sind dies jene beiden grofsen Sätze vom ^allgemeinen Priestertum aller 
Glaubenden — dafs jeder Christ von selbst schon eiii berufener Priester des Höchsten ist — und 
<lie tiefsinnige Anschauung von der unsichtbaren Kirche — der Gemciiischaft der Heiligen, 
der Idealgemeinschaft aller wahren Jünger Christi aus allen Zeiten, allen Völkern, allen Bekennt- 
nissen." Dies sind die Grundpfeiler christlichen Lebens und christlicher Freiheit; diese erst führen 
2ur Duldung und Denkfreiheit. Nicht in den Ideen des Deismus, nicht in den Grundsätzen des 
Pantheismus liegt das, was den Christen erhebt und ihn Gott nahe bringt; nicht die Scholastik mit 
ihrer Dialektik, nicht die Mystik mit ihren Träumereien und Phantasmen vermögen uns diesem Ziele 
näher zu bringen. Erst auf jenem Grunde konnte eine Gottesanschauung erwachsen, die zur Frei- 
heit führte, zu einem Gottesreich der Wahrheit, Freiheit und Liebe, zu der rechten Anschauung des 
Schönen, Guten und Wahren, zu der Harmonie des Idealen und Realen. So wird die Einheit ge- 
wahrt, die ursprüneliche Totalität wiederhergestellt, das erreicht, was vollendete Religion ist 
Religion ist eben Leben und kann somit nicht blofs gelehrt werden ; sie mufs sich vielmehr bc- 
thätigen. So hat die christliche Religion als ein neues Lebensprinzip gewirkt; so hat sie die alte 
Welt überwunden, die inhaitloseu Formen des Heidentums zerbrochen und neuen Geist und neues 
Leben der Welt gegeben; so hat auch die Reformation statt der lebenslosen Formen wieder frisches 
Leben gebracht. Die Menschen mufsten von dem Zwange äufserer Gesetze und von der Furcht, wie 
eie die Kirche des Mittelalters so gern, aber aller christlichen Auffassung entiregen erzeugte, be- 
freit und von jenem alttestamentlichen Standpunkt zur Freiheit der Kinder Gottes gefuhrt werden. 
War Zwang und Furcht in den ersien Zeiten der christlichen Kirche den Heiden gegenüber auch 
nötig und gehörte, um ^die Individualität für das sittliche Leben der Liebe^ heranzubilden, damals 
auch eine fest geschlossene und stark gegliederte Geistlichkeit dazu, so mufste mit der Zeit die ge* 
achichtlich notwendige Einrichtung der Hierarchie doch zu ernsten Bedenken Anlafs geben. Es ent- 
8pi*ach die Sonderstellung des Klerus durchaus nicht dem Sinne des Heilandes, der durch sein 
Leiden und Sterben das grolse Werk der Erlösung und Versöhnung, sein hohen priesterliches Amt, 
bereits vollbracht hatte; sie mufste vielmehr zu den Auswüchsen und Verderbnissen des Mittel- 
alters führen. 

So bildete sich von selbst der im Laufe der Jahrhunderte vergessene Gedanke der freien 
Gemeinscliaft aller Gläubigen, und Luther war es, der in seinen Thesen mahnte, dafs die 
einzelnen sich die Frucht der Erlösung aneigneten, dafs unser Volk ein priesterliches Volk sei. Nun 
war, um diese altchristliche Idee wiederherzustellen, ein Kampf gegen die nichtssagenden Äufser- 
lichkeiten des Kultus, gegen unbe^riffene Dogmen und die gesetzdienerische Werkheiligkeit, ein Kampf 
des subjektiven Denkens, der Gemütsinnerlichkeit und der volkstümlichen Selbstkraft die notwendige 
Folge. Der Dualismus von Gott und Mensch, welcher die mittelalterliche Kirchenlehre beherrscht 
hatte, machte der christlichen Gottesidee, wie sie sich aus der Heiligen Schrift ergab, im 
Protestantismus Platz und mufste nach mancherlei Schwanken und Wechsel zur Freiheit führen. Wir 
wollen hier alle jene Streitigkeiten übergehen, die sich nach Luther an die Namen Osianders. 
Schwenkfeldts und vieler anderen knüpfen und der Entwickelung der evangelischen Sache geschadet 
haben, und nur das eine als die Grundlage für die Weiterbildung desselben Gedankens festhalten — 
die Bibel, wie sie uns von Luther in seiner deutschen Übei-setzung gegeben ist. Sie ist Luthers 
eigenstes Werk ; sie ist seit jener gi-ofc^en Zeit der Deutschen Hausbuch. Aber die rechte Art und 



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•den richtigen Weg der Ausnutzung seiner gewaltigen Leistung zeigte Luther mit seinem grolsen 
Oedanken von der deutsehen Schule, wie er ihn den deutschen Bürgermeistern und Batsherren so 
warm und eindringlich und zum Segen der Nation empfahl. Damit schuf er erst die Basis der Ver- 
wertung und bahnte freies wissenschaftliches Leben und Forschen an. Gottesfurcht, Wissenschaft, 
Taterlandsliebe — sie sollen wie ehedem so auch ferner unserer deutschen Schule Wahlspruch sein, 
und sie finden in dem Buch der Bücher eine unversiegbare Quelle der Förderung und des Segens; 
erhält docli durch die Lektüi-e des erhabenen Buches das sittliche und geistige Leben eine Vertiefung, und 
bildet die deutsche Bibel wie in den Tagen der Reformation so auch heute noch durch ihre Sprache 
das nationale Band, das Nord und Süd und Ost und West ve]:einigt. Das wissen wir alle und sehen 
-es heute erst recht deutlich^ dafs die Wiedergeburt, die durch das selbständige Studium der Bibel 
herbeigcfiihrt wurde, sich nicht blofs auf diejenigen erstreckte, die Luthers Lehre folgten, sonderu> 
dafs sich ihr auch diejenigen nicht entziehen konnten, welche der alten Kirche treu blieben, indem 
er sie nicht nur für die Protestanten zum Mittelpunkt des religiösen Lebens machte, sondern auch' 
die Gegner zwang, ihrerseits die Konsequenz daraus zu ziehen, „Wissenschaft zu treiben, Schuleo- 
zu gründen. ** 

Und die Wirkungen auf geistigem Gebiet sind so mannigfach und bis in unsere Tage hinein 
von so unbestreitbarer, segensreicher Wirkung auf allen Gebieten der Wissenschaft, dafs ich, ohne 
:auf das einzelne einzugehen, mich auf Jakob Grimms Urteil beschränken kann: „Luthers Ver- 
deutschung der Bibel, die bei uns mit jedem Menschenalter köstlicher und zum heiligen Kirchenstil 
wird, hat dem Hochdeutschen männliche Haltung und Krait gegeben^, und nach Goethe (in seinen* 
Gesprächen mit Eckermanu) „werden wir bei allen Fortschritten der Kultur und bei aller Ausdehnung 
*der Naturwissenschaften über die Hoheit und sittliche Kraft des Christentums, wie es in den 
Evangelien leuchtet, nicht hinauskommen.^ Und diesen Segen brachte uns nicht zum wenigsten die 
Sprache nahe, die Sprache, die sicli seitdem zur uligemeinen Schriftsprache entwickelt hat, das 
Neuhochdeutsche, und „die Erzeuguisse in ihr waren es lange allein, welche die Nation nicht nur 
ihre Zusammengehörigkeit nicht vergessen liefsen, sondern dies Geßihl allmählich mehr und mehr 
steigerten.** Noch in der Vorrede zu seinem Wörterbuche 1852 ruft Jakob Grimm ans: „Was 
haben wir denn Gemeinsames als unsere Sprache und Litteratur?'' 

Ein solches Werk, welches das meiste Interesse des deutschen Volkes zu erregen vermochte, 
das „aus einer so unbedingten Hingabe eines sprachgewaltigen Mannes an das Wort Gottes ent- 
sprangen war, nur ein solches Werk vermochte der Zerfahrenheit der Sprache in die Menge der 
Provinzialdialekte zu steuern und ein Allgemeingültiges festzustellen, welches in still wachsender 
Verbreitung seiner Einwirkung und Herrschaft allmählich selbst die sich sträubenden katholischen 
-Stämme für sich gewann und ein Band für die ganze Nation geworden ist.^ 

Das vorige Jahrhundert veranschaulicht dies aufs klarste. Gestalten wie Friedrich der Grofse 
und Joseph II. vermochten sich nur die Verehrung eines Teiles Deutschlands zu erringen; Goethe 
und Schiller aber sind wie damals so auch heute noch allgemein anerkannte Nationalhelden. 81$ 
traten und treten uns nahe, sie wufsten und wissen überall uud bei allen Saiten anzuschlagen, die 
in den Herzen Wiederhall finden ; denn sie schrieben in der von Luther zur Herrschaft gebrachten 
Sprache. Und neben den beiden sind es alle jene Lichtgestalten des vorigen Jahrhunderts, welche 
unserem Volke die wahrhaft nationale klassische Litteratur geschaffen haben, um die uns so 
-manches Volk beneidet und deren hohe Bedeutung wohl alle ohne Unterschied der Konfession 
^erst gestern abends* werden empfunden haben. Ein Elopstock, Wieland, Herder, Lessing — sie sind 
aus jenem von Luther angebauten Boden heiuusge wachsen; es hat sich das kleine Samenkorn zum 

* Bei der Aufifuhrong von Goethes »Jpbigenie*. 



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herrlichen Baum entfaltet, unter dessen Zweigen das ganze deutsche Volk Erfrischung und Stär- 
kung sucht und findet. 

Doch neben der Bibel hat Luther in richtiger Erkenntnis der hohen Bedeutung und der 
nachhaltigen Einwirkung auf alles geistige und sittliche Leben die altklassisohe Bildung in den 
Mittelpunkt aller Erziehung gestellt und zu ihr als der Quelle idealer Lebensauffassung und har- 
monischen G-leichmarses unser deutsches Volk gefilhrt. Die Saat, die er gestreut hat, ist wirklich auf- 
gegangen und hat herrliche Frucht gezeitigt; die Hinführung des deutschen Volkes zur Bibel* 
und zur Antike hat tausendfachen Segen zur Folge gehabt. Ein Winckelmann und Lessing konnte 
nur aus diesem Boden erwachsen, ein .Elopstock, Wieland und Herder nur nach dem Vorbilde der 
Alten zu dem Ziele gelangen, das sie erreicht haben. Und vollends G-oethe uud Schiller — sie 
stehen in ihren grofsen Schöpfungen ganz auf dem Boden der Antike, haben aus dem ewigen, nie 
versiegbaren Born eines Homer und Sophokles geschöpft imd „in herzlicher Hingabe an die grofsen, 
wahrhei tsvollen Alten den schweren Kampf innerer Reinigung und Läuterung unternommen und 
siegreich durchgeführt." 

Goethe hat die gewaltige Einwirkung des klassischen Altertums auf sein ganzes inneres. 
Leben auf klassischem Boden an sich gespürt und ihr beredten Ausdruck gegeben. Man denke 
nur an die Briefe, die er von Rom aus schrieb und in denen er hervorhebt, ein wie ganz anderer er 
geworden, wie er bis aufs innerste Knochenmark verändert, wie er. gewissermafsen wiedergeboren^ 
sei und wie diese Wiedergeburt, die ihn von innen heraus umarbeite, immer fortwirke! Er spricht* 
es freudig aus: „Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben" und betont, dafs- 
der gemeinste Mensch dort zu etwas werde, dais auch die Sittlichkeit eine Erneuerung erfahre. 
So erklärt sich Goethes Universalität in seinen Schöpfungen, und sie kommt zur herrlichsten Ent- 
faltung in seiner „Iphigenie^, in der er „den ganzen Reichtum, die ganze Tiefe des modernen Geistes- 
und die ganze Innerlichkeit des deutschen Gemüts bewährt, aber mit wunderbarer Genialität zur 
höchsten Vollendung klassisch-idealer Formen verklärt.** 

Es würde zu weit fähren, wollte ich hier den Nachweis versuchen, wie das klassische 
Studium die Objektivität entwickelt, die Vernunft und Sinnlichkeit ins Gleichgewicht bringt, ein 
schönes Malshalten lehrt, den Verstand bildet, der Vemunfl die Herrschafb sichert und jenen 
unwiderstehlichen Trieb zum Absurden, der selbst im gebildeten Menschen mächtig wirkt, bändigt 
Nicht näher einzugehen vermag ich f }mer hier darauf, wie die edle Einfachheit und naive Gröfse 
der alten Poesie und Bildkunst mit ihren überall zur Geltung kommenden Gesetzen von Ordnung 
und Harmonie zum Erkennen des Harmonischen und Klaren leitet, das uns reiner wollen und 
Höheres wirken lehrt, wie also auf ihrer Grundlage neben der intellektuellen die ästhetische und 
sittliche Durchbildung des Menschen der höchste Gesichtspunkt des Unterrichtes und der Erziehung 
ist. Denn der einmal mit dem Geist des Schönen und Mafsvollen erfüllte Sinn der Jugend wird 
unzweifelhaft ein sicherer Schutz sein gegen das Mafslose, wie es uns in unseren Tagen leider so 
vielfach entgegentritt, mit Erfolg die unser Leben vergiftende Richtung des Materialismus 
und Pessimismus bekämpfen und die so ofl vermifste ideale Gesinnung wiedererwecken ; kurz, der 
krankhaften Neigung zur Abstraktion wird die Ausbildung des Gefühles für Totalität und Har- 
monie ein Ziel setzen. 

Nicht schwächer ist die Saat jener Zeit auf anderen Gebieten geistigen Lebens aufgegangen. 
Ich weise hier nur kurz auf die Entwickelung der Naturanschauung und Philosophie hin, auf den 
Aufschwmig, den sie namentlich durch Kant, den Weisen von Königsberg, durch Fichte, Schelling 
und Hegel genommen hat Für Religion und Kirche erwärmte sich der grofse Theologe Scheier- 
macher, der Philologie schuf die Grundlage ein Fr. A. Wolf, die Geschichte lenkten in neue Bahnen^ 



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!Niebiilir und Bänke, and zu kaum beschreiblichem Aufschwünge fUhrte die Naturwissensehafben ein 
Alexander von Humboldt. 

Wenn wir auch heute keinen Schiller und Goethe haben und statt der universellen 
litteratur mehr die Fachlitteratur im Vordergrande steht, so müssen wir es doch hier aussprechen, 
•dafs alle Errungenschaften der Neuzeit, deren Segnungen wir heute mit einer gewissen Selbst- 
verständlichkeit geniersen, doch aus dem Boden und dem Bildungsgehalte der Vergangenheit 
liervorgewachsen sind, dafs jene ewig fortwirkende E[raft sich auch heute noch bethätigt. Vor 
fünfzig Jahren wurden Itufe gegen den Wert der altklassischen Bildung laut, und wie hoch die Wogen 
•des Streites in unseren Tagen gegangen sind, das haben wir noch in irischer Erinnerong. Die 
mafslosen Wünsche der früheren und der jetzigen sogenannten Reformer haben sich glücklicher- 
weise in dem Umfange, wie sie es hofilen, nicht erftült, und so gehe ich im Vertrauen auf den 
^Sunden Sinn des deutschen Volkes mit der Zuversicht in das neueSäkulum, dafs man auch femer, 
.zumal die Schattenseiten einseitiger Betonung des ütilitätsprinzips sich heute schon deutlich zeigen 
omd ernstlich zur Einkehr mahnen, nicht zu viel dem Realismus der Zeit einräumen wird. 

Doch auch auf Gebieten des praktischen Lebens, der Eotwickelung des Volks- und Staats- 
lebens sind die Ideen der Reformation in unsern -Tagen zur Reife gekommen; die sozialen Tendenzen 
4iDd Theorieen der Reformationszeit sind geläutert allmählich zur Geltung gelangt, und alle Errungen- 
schaften der heutigen Zeit fuhren uns auf die Bestrebungen jener Tage zurück. Die mittelalterliche 
Gesellschaftsordnung und der mittelalterliche Staat mufsten zu Grunde gehen; sie pafsten nach 
ihren ständischen Grundsätzen nicht mehr in den Rahmen der geistigen Freiheit hinein, welche die 
Beformatoren predigten und welche fortan auf allen Gebieten herrschte. Der römischen Hierarchie, den 
sektiererischen und politischen Bewegungen der Ritter, Bauern und Handwerker widersetzten sich 
offenbar einerseits das religiöse Bedürfnis und andererseits die mächtigen nationalen Triebe des 
deutschen Volkes. Der Staat des Altertums, der in der Idee gipfelte^ dafs der einzelne Bürger in 
dem Staatsganzen und im öffentlichen Wohle seine private Befriedigung finde, sowie jene mittel - 
4dtarlichen Anschauungen mufsten aufhören; es bahnte sich in jener Zeit die Staatsidee an, deren 
wir uns heute erfreuen, dafs der Staat sich aufbauen müsse auf der Selbständigkeit der Individuali- 
täten. Alle jene Einzelbestrcbungen der Ritter, Geistlichen und Städte, die sich nach 
.ganz verschiedenen Gesetzen und Sitten regelten, strebten auseinander; ihnen fehlten die gemein- 
samen allgemeinen Ideen, und es mufsten deshalb alle Versuche der Befreiung und Umgestaltung 
scheitern, weil sie zu lokal, zu eng waren, weil sie der Wechseldurchdringung aller ermangelten. 
Lehrreich sind in dieser Beziehung die Bestrebungen der Bauern und Städte; einseitige Interessen- 
Politik und beschr&ukies Abderitentum liefsen es zu keinem Gelingen kommen. Es regelte die Bestrebungen 
jucht die öffentliche Meinung und die Konzentration in einer Hand. Erst unter der Einwirkung der 
reformatorischen Ideen entwickelte und stärkte sich der monarchische Gedanke und bildete sich all- 
mählich ein wirkliches Staatsgefiihl heraus, welches das ganze Volk durchdrang, welches vom Throne 
des Herrschers ans- und wieder zu diesem zurückströmte. 

Wer kennt nicht Macchiavellis Betonung der Einheit des Staates und des Gemeinwohls und 
-der freien Entfaltung des einzelnen, wenn ein gedeihliches Leben beginnen solle. Huttens Streben. 
Ton unten herauf durch das Volk „die göttliche Wahrheit, die allgemeine Freiheit^ zu begründen? 
Wem fällt hier nicht Luthers Brief an den christlichen Adel deutscher Nation ein? Er kämpfte dar- 
in gegen alle schroffen, unttbersteiglichen Standesunterschiede. Aber ;ßv verstand ^s, die Freiheit 
und Gleichheit nur auf das Geistige zu beziehen; „im änfserlichen, m eltlichen Leben soll ein jeglicher 
ihm des andern Stand, Wesen, Amt und Werk gefallen lassen und niemand sich über den andern 
«erheben.^ Er war im Gegensatz zu Hütten gegen Anwendung von Gewalt; er setzte auf das Evan- 



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gelium seine ganze Zuversicht. Er stand ganz auf (lern Standpunkte des Tacitus: ^Die Menschen» 
sollen das Vergangene ehren, dem Gegenwärtigen sich fügen, gute Herrscher wünschen, aber jeden 
gegebenen ertragen. '^ Zwar andere Ziele verfolgten die schweizerischen Reformatoren, aber auch sie- 
verstanden es, Sitteneinfalt mit Kultur, Strenge mit Milde zu paaren, und auch Calvin hatte er- 
kannt, „dars die religiöse und politische Freiheit auf Einsieht und Bildung erbaut, dafs dorch 
Aufklärung des Geistes und Lauterkeit des Herzens dem Aberglauben und der Unsittlichkeit aller 
Zugang verschlossen werden müsse.^'- 

Wenn auch vielfach der Reformatoren Ideen nicht verstanden wurden, Auswachse zu Tage 
traten wie der Bauernkrieg mit Thomas Münzer und das Treiben der Wiedertäufer und diese die junge 
Saat zu zerstören drohten, so haben sich doch die gesunden G-edanken erhalten und in unseren 
Tagen Form und Gestalt bekommen. Aller dieser Bastrebungen Ziel hat erreicht der geniale 
Staatsmann, der, wie ich schon an anderer Stelle hervorzuheben die Ehre hatte, in mehr als einer 
Beziehung unserem Luther gleicht und der des gesamten deutschen Volkes Herz besitzt. Er hat 
die Verbindung mit jener^Zeit hergestellt und direkt an jene Zeit angeknüpft, indem er den grofsen 
politischen Gedanken des deutschen Bandessitaates unter eines protestantischen Staates Führung 
aufnahm. Denn dies war der einzige Weg, auf dem die deutsche Einheit zu verwirklichen war, 
auf dem sie greifbare Gestalt gewinnen konnte. Es war dies die Frucht einer langen, schmerzlich 
ringenden Zeit, und sie wurde gepflückt in den heifsen Kampfestagen von 1870/71 auf Frankreichs 
Schlachtfeldern. Die deutsche Kaiserkrone auf dem Haupte eines protestantischen Fürsten aus 
dem Hause, dem auch unsere Schule ihr Entstehen verdankt, unseres geliebten verewigten Kaisers 
Wilhelm I., das Symbol deutscher Einheit und Selbständigkeit — dies war der Erfolg, der Jahr- 
hunderte lang von jenen Tagen der Reformation sich mit einer gewissen Naturnotwendigkeit 
vorbereitete. 

Wenn wir in diesem Jahre die Erinnerungstage an jene grofse Zeit gefeiert haben, sc 
wollen wir heute auch ein kleines Erinnerungsblatt unserer Schule weihen. Auch sie hat in allen 
Jahrhunderten ihres Bestehens bis auf den heutigen Tag an jenen gewaltigen Erfolgen an ihrem. 
Teil mitgearbeitet und, wie unser allverehrter Alt-Beichskanzler es trefflich ausgedrückt hat, die Pflege 
der Imponderabilien gehabt, ohne die jene grofsen Errungenschaften nicht möglich gewesen wären. 
Die deutsche Schule ist es gewesen, welche den deutschen Gedanken wach erhalten, die ge- 
bildete Minorität unseres Volkes ftlr die Weiterbildung befähigt und Verständnis der politischen 
Lage geschaffen hat. Dabei wollen wir in dankbarer Erinnerung der Männer gedenken, die 
firüher an unserer Sclmle gearbeitet und jene Ideale der Eeformationszeit mit Eifer und Er- 
folg gefördert haben, nun aber schon längst oder erst jüngst von uns geschieden sind, vor allem 
der Herren Direktoren Dr. Heinecke und Techow, welche die Anstalt zum Segen des Vaterlandes 
und der Schüler lange Jahre geleitet haben und von den älteren Festteilnehmem, die ich hier in 
grofser Anzahl versammelt sehe, nicht vergessen sind. 

Aber auch der Lebenden wollen wir gedenken, die hierher an diese Stätte geeilt sind, 
um ihre Zugehörigkeit zu dieser alten Anstalt zu bezeugen und sich mit ihr zu freuen, sowie der- 
jenigen, welche ihr Amt und Beruf oder sonst zwingende Gründe heute von uns fern halten, die 
aber mit ihrem Herzen böi uns sind. Vor allen ist es der Senior aller Lehrer, Herr Professor 
Claufsen, der der allseitigen Liebe und Verehrung seiner Schüler sicher ist und heute 
gewissermafsen eine reiche Ernte halten kann; ihm sei Dank dargebracht im Namen aller ehema- 
ligen Schüter! Dank sei ebenso gesagt meinem Amtsvorgänger, Herrn Direktor Dr. Jahn^ 
der fast ein Menschenalter seine Kraft in den Dienst der Anstalt gestellt und diese unentwegt int 
Geiste Gottes zu hohen Zielen geführt hat. Dank den übrigen noch lebenden früheren Lehrern, 



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den anwesenden sowie denen, welche zu erscheinen verhindert sind, Dank den hohen vorgesetzten 
Behörden, den Schwesteranstalten der Provinz, die es sich nicht haben nehmen lassen, durch Depu- 
tationen heute ihre Olückwansohe zu der Feier darzubringen, und allen, allen von fern und 
nah, die hier erschienen sind, um ihre Teilnahme zu bekunden, den ehemaligen Schülern, '* den 
übrigen Festgenossen und Freunden! Wir alle aber wollen in dankbarer Erinnerung an alles Gute^ 
das unserer Anstalt in den letzten fünfzig Jahren zu teil geworden ist, unsere Hände zu Goti 
erheben und seinen Namen preisen. Er sei mit dieser Anstalt, wie er es bisher gewesen, auch in 
alle Ewigkeit! Amen." 

Nach dem G-esange der Motette: „Preis und Anbetung** und einem Orgelzwischenspiel er- 
hob sich Herr Geheimrat Gruhl, um dem Gymnasium die Glückwünsche der obersten Schulbehörde 
des Königreichs Preul'sen darzubringen. Der Herr Minister bedauere, nicht persönlich an. der 
Feier teilnehmen zu können; er sende folgenden Glückwunsch: 

„„Uli Nr. 6356. Berlin, den 9. Juni 1896. 

Dem Königlichen Herzog-Albrechts-Gymnasium sende ich zur Feier seines 350jährigen 

Bestehens meine herzlichsten Glück- und Segenswünsche. Möge die altehrwürdige Schule unter 

Gottes gnädiger Hut fröhlich gedeihen und im Sinne ihres fürstlichen Stifters, dessen Namen za 

führen ihr durch Königliche Huld fortan gestattet ist, deutsche Bildung und deutsche Gesittung, 

deutsche Frömmigkeit und deutsche Treue gegen Kaiser und Reich in der ihr anvertrauten Jugend 

pflanzen und pflegen zum Heil unseres Vaterlandes! 

(gez.) Bosse." 

Die Wünsche des Herrn Ministers bezeichnen zugleich die Aufgaben, welche die Schule 
zu erfllllen hat. 

Die beiden ersten, mitzuarbeiten an der Ausbreitung und Befestigung deutscher Bildung 
und Gesittung und diese Bildung und Sitte zu gründen auf deutsche Frömmigkeit — diese Auf- 
gaben sind dem Herzog-Albrechts-Gymnasium vorgezeichnet schon von seinem erlauchten Stifter, 
der die weltgeschichtliche Aufgabe des deutschen Ordens in den Ostmarken wieder aufgenommen 
and im Geiste seiner Zeit, der Zeit der Reformation, auch durch Gründung von Schulen gefördert 
hat. Während es aber in jener Zeit manchem deutschen Manne harte Gewissensnot machte, ob 
er die Treue bewahren sollte seinem Kaiser oder seinem Glauben, hat die in allen Kämpfen der 
folgenden Jahrhunderte unentwegt fortgesetzte Arbeit der HohenzoUern, die in den schwersten 
Tagen der Not gerade in der Treue der Ostmarken die kräftigste Stütze fand, uns in unseren 
Tagen ein Deutsches Reich deutscher Nation geschaffen, und wenn diese Schule Treue gegen 
Kaiser und Reich in die Herzen der Jugend pflanzt, so handelt sie sicher auch darin im Sinne 
ihres Stifters. 

Mit diesen Aufgaben steht aber das Herzog-Albrechts-Gymnasium nicht allein da; es er- 
fbllt damit die allgemeine Aufgabe, welche unser Kaiser selbst der deutschen Schule vor die Augen 
gestellt, deutsche Jünglinge zu deutschen Männern zu erziehen. Diesem Gedanken suchen die 
Lehrpläne unserer Schulen Ausdruck zu geben. Wenn Sie in diesem Sinne sie erfassen und durch- 
fiihren, dürfen Sie zuversichtlich hoffen, dafs der Wunsch des Herrn Ministers sich erfüllen, dafs 
unter Gottes gnädiger Hut Ihre Arbeit gedeihen wird zum Heil unseres Vaterlandes.^ 

Der Direktor erwiderte und sprach der obersten Unterrichtsbehörde seinen ehrerbietigsten 
Dank aus für die freundlichen Glückwünsche des Herrn Ministers sowie ftlr die Teilnahme, die 
das Erscheinen des Herrn Geheimrats Gruhl bei der aufserordentlichen Feier bekunde. Die Er- 
widerong schlofs etwa mit folgenden Worten: 



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„Hochgeehrter HeiT Gehcimratl 

Ist 63 an sich nicht leicht, die Verantwortung lar ein Ganzes zu tragen, das sieh aus rcr- 
ftchiedcnen Individualitäten zusammensetzt und das berufen ist, auch der Zeit Strebungen und 
Strömungen zu berücksichtigen und zu einem gedeihlichen Ziele zu fähren, des einzelnen Nutz und 
Frommen zu beachten und des Vaterlandes Wohl als das oberste Gesetz im Aui^e zu behalten, so 
ist dies bei der höchsten ünterrichtsl>ehörde erst recht eine schwierige und verantwortungsrolle 
Aufgabe^ besonders in der heutigen Zeit, wo der Materialismus sich bemüht, über die heiligstec 
Ideale der Jugenderziehung mit rücksichtslosem Schritte hinwegzugehen und gar traurige Verirrun^^en 
in weitere Schichten unseres lieben deutschen Volkes zu drängen. Da heifst es, die Fäden, die an 
der Gentralstelle zusammenlaufen, zu einem schönen Ganzen zusammenzuBechten und die Einzel- 
bestrebungen in richtige Bahnen zu lenken, die zum Heile des ganzen Land s führen. Und wir 
dürfen nach dem ernsten Kampfe, der vor nicht langer Zeit ausgekämpft worden Ut, und bei der 
fortgesetzten Anteilnahme der höchsten Unterrichtsbehörde an dem, was unsern höhern Lehranstalten 
nützt, wie wir soeben aas dem Mande des Herrn Geheimrats vernommen haben, vertrauensvoll in die 
Zukunft blicken und es hier laut bekennen, dafs wir in der Behörde ihr zuverlässige Wächter und 
Führer haben. So klein auch der Organismus einer Anstalt in dem grofsen Unterrichtsgetriebe ist, wir 
merken das Walten jener Männer sehr wohl, und ich beehre mich an unserm Teil nochmals herzlich zu 
danken. Aber Sie haben es, hochgeehrter Herr Geheimrat, nicht mit Worten der Anerkennung bewenden 
lassen; Sie haben auch durch die ehrende Auszeichnung, die Sie einmal der ganzen Sohttle durch 
Verleihung des Namens „Herzog-Albrechts-Gymnasium", sodann mir und meinen Mitarbeitern üb6^ 
bracht haben, uns gezeigt, dafs auch von höchster Stelle, von Sr. Majestät unserm allgeliebten Kaiser 
und Könige, mit Teilnahme unseres Festes gedacht ist. Ist es doch in unserem Herrsoherhause, 
va dem wir Deutschen und besonders wir Ostpreufsen in kindlichem Verhältnisse stehen, dem wir 
mit unserem ganzen Sein und Können bis in den Tod ergeben sind und auch nicht einen Augen- 
blick zögern unser alles auf dem Altar unseres Vaterlandes zu opfern, seit Jahrhunderten und 
besonders in der Gegenwart wohlthuend wahrzunehmen, wie der Herrscher an jedes einzelnen 
Wohlergehen teilnimmt und jeden zu erfreuen strebt. Nicht als ob wir überzeugt wären, dafs wir 
besonders die Auszeichnung verdienten, sondern in der Erkenntnis, dafs es die alte Anstalt ist, 
die geehrt wird, spreche ich hier aus tiefstem Herzen unsern unterthänigsten Dank ftir die Beweise 
der Königlichen Huld und Gnade im Namen der Anstalt aus und gelobe, für alle Zeit dem auf 
unsere Fahne gesetzten Wahlspruch treu, allezeit in der uns anvertrauten Jugend zu pflanzen 
und zu pflegen deutsche Bildung und deutsche Gesittung, deutsche Frömmigkeit und deutsche 
Treue gegen Kaiser und Eeich zum Heil unseres Vaterlandes." 

Sodann ergriff* das Wort Se. Excellenz der Oberpräsident von Ostpreufsen, Herr Graf 
Wilhelm von Bismarck-Schönhausen. Er habe zwar amtlich keinen Auftrag, da fUr den Herrn 
Kultusminister Herr Geheimrat Gruhl die Glückwünsche dargebracht habe, aber er lasse es sich 
nicht nehmen, als Oberpräsident der Provinz zu dem Feste zu kommen und der Anstalt seine 
Glückwünsche darzubringen. Der Herr Oberpräsident wies auf die Festrede des Direktors hin 
und knüpfte an die dort citierte Frage Jakob Grimms aus dem Jahre 1852 an: „Was haben wir 
Deutschen anderes gemeinsam als Sprache und Litteratur?" Er schlofs sich den Ausführungen der 
Festrede an, dafs es jetzt doch anders sei als damals, dafs jetzt die Saat der Beformationszeit 
aufgegangen sei, und hob hervor, dafs dieses nur durch den Idealismus habe geschehen können, 
wie er in den höheren Schulen gepflegt worden sei und werde, dafs Thaten, die auf solcher Grund- 
lage emporgewachsen seien, Vorzüge hätten vor denen des Materialismus. Die Thatsache, dafs 
das Eastenburger Gymnasium* in den Jahren 1813 seine Kämpfer gestellt und 1870 alle seine 



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35 

Abitarienten ins Feld geschickt habe, sei ein Beweis fUr die Pttege des Idealismus. Hier hätten 
immer deutsche Bildung, deutsche Sitte und deutsche Treue geherrscht; sie möchten auch ferner 
herrschen. 

In seiner Erwiderungsrede stattete der Direktor Sr. Excellenz den ehrerbietigsten Dank 
sb fär das persönliche Erscheinen und die wannen Olöckwünsche; bekundeten doch jenes und diese 
m deutlich Sr. Excellenz Teilnahme an dem Feste und der Anstalt, und sei jenes um so höhet ansu* 
schlagen, als Se. Excellenz kaum von schwerer, langwieriger Krankheit erstanden sei« Die Anstalt habe 
sich stets des Wohlwollens der Herren Oberprftsidenten zu erfreuen gehabt; so sei es geblieben 
bis auf den heutigen Tag, und dieser Umstand habe nicht wenig zum Gedeihen der Schule beige^ 
tragen „Im festen Vertrauen darauf '^ — so schloHs der Direktor — „daHs unseres allverehrten Fürsten 
Bismarck so wohlthuende Anschauungen, von dem Wert und der Bedeutung unserer Gymnasien 
und ihrer Lehrer auch 'Euer Excellenz Überzeugung sii&d, hoffen wir zuversichtlich, dafs das 
so lange von Euer Excellenz unserer Anstalt gewährte Wohlwollen ihr auch femer erhalten bleibt.* 
Wir unsererseits wollen nicht aufhören in die Herzen der Jugend den Idealismus zu pflanzen 
mid sie stark zu machen gegen den Materialismus, sie auszurüsten mit deutscher Bildung, Sitte 
ond Treue und so der ernsten Zeit gerecht zu werden, in der wir leben, Männer zu erziehen, die 
tüchtige Staatsbürger sind und feste Charaktere, wie sie heute gebraucht werden, vor allen Dingen, 
gottesfurchtige Mäuner und treue Diener des Königs und des Vaterlandes. '^ 

Im Namen der Königlichen Begierung brachte Herr Begierungspräsident von Tieschowit^ 
folgenden Glückwunsch dar: 

„Sehr geehrter Herr Gymnasialdirektor! 

Gestatten Sie auch mir, sowohl im eigenen Namen wie in dem der Königsberger Begierung 
dem von Ihnen geleiteten Königlichen Gymnasium zu seiner so überaus seltenen Jubiläumsfeier 
die allerbesten Glückwünsche zu überbringen. Wir siod nattlrlich stolz darauf, innerhalb der Grenzen 
miseres Verwaltungsgebietes eine Anstalt zu besitzen, die bereits im vierten Jahrhundert zur För- 
denmg von Bildung und Gi^sittung unter der Bevölkerung unseres Bezirks thätig ist und auf eine 
80 lange, gesegnete Wirksamkeit zurückblicken kann. Wir stimmen daher auch mit Freuden in 
den Ihnen heute von allen Seiten entgegengebrachten Wunsch ein, dafs es der Jubilarin beschieden 
sein möge, noch weitere Jahrhunderte in gleicher Weise zum Segen nicht nur dieser Stadt^ 
aondem unserer ganzen preuTsischen Lande wirken zu können Möge das Bastenburger Gymnasium 
bis in die fernsten Zeiten blühen, wachsen und gedeihen!^ 

Der Direktor antwortete etwa foIgendermaTsen : 

„Hochgeehrter Herr Begierangspräsident ! 

Trotz mancherlei Schwierigkeiten, die Ihr so weitverzweigtes und verantwortungsvolles Amt 
mit sich bringt, welches Sic oft nicht Herr Ihrer Zeit und Ihrer Empfindnngen sein läfst, haben Sie es 
Dan doch möglich gemacht, persönlich Ihre und der Königlichen Begierang zu Königsberg Glück- 
wünsche unserer Anstalt darzubringen^ und ich beehre mich, auch Ihnen den ehrerbietigsten Dank 
derselben auszusprechen; ist doch gerade Ihr persönliches Erscheinen zu unserem Feste besonders 
geeignet, den hohen Grad Ihrer Teilnahme an unserer Anstalt deutlich zu zeigen. Sie waren so 
gütig, hochgeehrter Herr Regierungspräsident, zu betonen, Sie seien stolz darauf, eine Anstalt wie 
die unserige in Ihrem Verwaltungsbezirk zu haben; ich gebe der Freude, die unsern Kreis und den 
ganzen Regierungsbezirk erfüllt, Ihrer Fürsorge unterstellt zu sein, gerne Ausdruck und bekenne es 
hier gern, dafs unsere Anstalt gar oft schon Beweise Ihres Wohlwollens zu erfahren Gelegenheit 
gehabt hat« Ist Ihr Verhältnis zu der Anstalt auch nicht so eng wie vor kurzem noch unter 



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36 

Ihrem Herrn Amtsvorgänger, der zugleich Direktor des Königliclien ProvinzialSchal-KoIlegiams 
war, so dind der Berührungspunkte doch noch genug, welche die Schule mit Ihrer Verwaltung bat. 
Icli danke Ihnen, hochgeehrter Herr Regierungspräsident, nochmals herzlich für Ihr persönliches 
Erscheinen zu unserem Feste und verbinde mit meinem Danke die gehorsamste Bitte, uns und unserer 
Anstalt- Ihre Teilnahme auch ierncrhin gütigst bewahren zu wollen. ** 

Die Glückwünsche des Königlichen Provinzial-Schul-Kollegiüms überbrachte, da Herr Pro- 
vinzial-Sehulrat Dr. Camuth leider eri;stlich erkrankt war und während dieser Tage zur Wieder- 
herstellong seiner Gesundheit in Marienbad weilte, sein Vertreter im Amte, Herr Gyinuasialdirektor 
Professor'Dr. Grosse aus Königsberg, in folgender Ansprache: 

t^Das Königliche Provinzial-Schul-Kollegium von Oitpreufsen entbietet Ihnen, hochgeehrter 
Herr Direktor, und dem Lehrerkollegium zum Jubiläum Ihres Gymnasiums herzliche Glückwünsche 
durch 'mich in Vertretung des Herrn Provinzial-Sclmlrats Carnuth. Wie gern würde er selbst ia 
«einer warmen Empfindung und seiner lebendigen Teilnahme — er lebt ja mit jeder Schule mit — 
diese Glückwünsche darbringen! In seinem Sinne beglückwünsche ich das Gymnasium zunächst za 
dem neuen Namen, de:n Namen des Fürsten, der es gegründet hat. In welchem Geiste dies ge- 
schah,"' ist in der Stiftungsurkundo der zwei Jahre zuvor von dem Herzog Albrecht ins Leben ge- 
rufenen Hochschule zu Königsberg gesagt: ^vera dei agnitio et virtulis intellectus in omnibus disci- 
plinis, quae vitam hominum aut rcguntaut ornant,^ sollte in der Albertina gelehrt und zur Erlangung 
dieser höchsten Güter hier wie in den andern lateinischen Schulen vorbereitet, dazu das Fundament 
gelegt werden. 

Die Aufgabe einer Schule ist nach Form wie Inhalt nicht besser zu bezeichnen: wahre Er- 
kenntnis Gottes und das rechte Verständnis fiir den Wert, das eigentlich Taugliche in allen Lehr- 
gegenständen, die das menschliche Leben leiten und bestimmen oder es schmücken! Wir feiern 
dieses Jubiläum in dankbarer Erinnerung und Anerkennung aller Einsicht, Mühe und Hingabc, die 
zur Lösung dieser Aufgabe hier im Laufe der Jahrhunderte eingesetzt ist, in froher Hoffnun^r und 
Zuversicht, dafs kraftvoll und erfolgreich an derselben hier weitergearbeitet wird, und in gröfstor 
Freude .(Jarüber, dals auch den Disciplincn, die dem Schmuck des Lebens dienen, hier eine solche 
Pflege zu teil wird, dafs dieses Fest so eingeleitet werden konnte, wie wir es gestern abend ge- 
schaut und erlebt haben. Verständnis und Freude an der Poesie gehört zu dem edelsten Schmucke 
des Lebens, und durch sie der Jugend Bilder ins Gemüt zu prägen wie das Iphigeniens, ist ein 
sicherer Weg zur Erbauung ihres Gemüts, dafs sie richtig empfinden und fühlen, sich richtig freuen 
lerne. Gesellt sich das zur Behandlung der anderen Disciplincn im Sinne der klassischen Vorschrift 
des erlauchten Stifters, so wird die V^orbcreitung zum Leben, znm richtigen Handeln die günstigste. 
Iphigenie, das Bild reinster Pietät, wärmster und aufopferndster Liebe zu Familie und Vaterland, 
innigster Religiosität, festesten Gott Vertrauens, entschlossenster Wahrhafligkeit und Willenskraft, 
höchster Sittlichkeit und Freiheit, kurz, echter Menschlichkeit! 

Tönten aus dieser Schöpfung Goethes, der an erziehlichem Werte weniges an die Seite ge- 
ötcllt werden kann, nur zwei Worte in den jugendlichen Herzen nach: ^Folgsam fühlt' ich immer 
meine Seele am schönsten frei" und „Ist keine Krafl in meiner Seelen Tiefe?** — tönten sie so ver- 
nehmlich, nach, dafs sie Dauer erhielten im weiteren Leben: welch ein Gewinn! 

Mögen die Schüler des Herzog-Albrechts-Gymnasiums in reicher Schar immer empfänglichen 
Herzens und Sinnes sein für gutes Wort und Lehre, gewonnen werden für unbedingte Unterwerfung 
unter den erhabenen Namen Pflicht, ja, liir Neigung zu ihr, mögen Sie sich erfüllen lassen mit 
Ehrfurcht: vor den höchsten Gütern und mit innerem Verlangen, sich Anteil an ihnen zu erwerben 
zu unverlierbarem Besitz! Und mögen die Lehrer des Herzog-Albrechts-Gymnasiums allezeit bleiben 
treue und würdige Hüter der „vera dei agnitio und des intellectus virtutis in omnibus disciplinis/ 



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^]uac vitum hominum f^tregant'^antornant,^ mögeu sie aU solche lehren und leben! Dann wird e»~ 
dieser ehrwürdigen Bitdungastätle nie fehlen an dem, was wir ihr wünschen, an GtoUes reichem Segen.^ 

Herr Provinzial-Schulrat Dr. Carattth aber hatte es sich nicht nehmen lassen, von Marienbad 
41U8 der jubilierenden Anstalt herzlieke Gkttrse und Glückwünsche zu senden mit dem innigen Bedauern, 
-„dem scliönen Jubelfeste nach den^ strengen Gebot der Ärzte und aus Rücksicht auf baldige Wiedergenesung 
fem bleiben zu müssen.^ Sein Brief schliefst: „So kann ich Ihnen, hochgeehrier Herr Direktor,, 
dem Lehrerkollegium und den Schülern des Rastenburger Gymnasiums nur brieBich meine herzlichen 
Grüfse und Glückwünsche zu seinem SöOjährigen Jubiläum abstatten, werde aber im Geiste freudig 
jnit unter den Feiernd^i sein. Möge dasselbe noch viele Jahrhunderte hindurch blühen und ge* 
deihen und bleiben, was : es in der vergangenen Zeit war, eine Pflanzstätte wulu-er humaner Bildung' 
«nd aller wahren Bürgertugenden, zu Nutz^und Frommen unserer ostprouf^ischen Jugend, zur Freude 
ihrer Eltern und zum Wohle unseres Vaterlandes I Mögen ihm die Bedingungen dazu, reiche, tüchtige 
und freudige Lehrer so^ie eine fi'ische, fro«ame und fröhliche Jugend, die mit den höchsteti Idealen 
des Wahren, ^Guten und Schönen:' zu erfüllen eine Herzensfreude ist, wie es sich bis diesen Augen-, 
blick deren |n vollem Mafse e^-ireut, auch fernerhin nicht fehlen I Möge vor allem der göttliche. 
Segen, der über Ihrer Anstalt seit den Tagen der Reformation bis in unsere Zeit sichtbar gewaltet 
hat, auch iür die ganze Zukunft auf ihr ruhen! Das wünscht mit freudig bewegtem Herzen Ihr Sie 
■hochschätzender Dr. Garnuth.^ 

Die Erwiderung des Direktors auf die Ansprache des Herrn Direktors Professor Dr. Gi'osse 
lautete also: 

„Hochverehrter Herr Direktor 1 

Was ich dem H^rrn Vertreter Sr. Excellenz des Herrn Ministers eben aussprechen durilbe, 
•das ist auch mein Herzenswunsch Ihnen, dem Vertreter des Königlichen Provinzial-Scliul-Kollegiums, 
gegenüber. Herzlichen Dank sind wir besonders dieser Behörde schuldig sowohl hiusichtlicli dieses 
Jestes als auch hinsichtlich des Ergehens der Anstalt überhaupt. Ist das hohe Unterrichts-Ministerium 
•die Instanz, an die wir, uns am letzten Ende wenden, die das grofse Ganze regelt und die Be- 
ziehungen im einzelnen in grofsen Zügen feststellt, so ist das Königliche Provinzial-Schul-Kollegium 
die Behörde, zu der wir in der. Zeit der Freude wie in der Sorge der Arbeit aufblicken, wo wir 
Rat und Hülfe finden, wenn wir in Verlegenheit sind, die Beliörde, die allezeit bereit ist, aus dem 
.reichen Schatze ihrer Erfahrungen in Fragen der äufseren Verwaltung und des inneren Unterrichts- 
betriebes ihr Bestes zu bieten. Und unsere Anstalt hat von ihr Gutes zu erfahren auch in den letzten 
Jahren, seitdem ich die Ehre habe ihr vorzustehen, reichlich Gelegenheit gehabt. Dem Wohlwollen 
des Könijglichen Provinzial-Schul-Kollegiumä verdanken wir alles, was Sie im Äufsern und Innern 
der Anstalt und ihres Betriebes verändert sehen, vom Anstrich der Mauern bis zur Erweiterung der 
Lelirkräl'te und des ganzen Unterrichts. 

Sie, hochverehrter Herr Direktor, haben uns in freundlichen Worten auf die hohen Ziele unserer 
^Schule wie der Schule überhaupt hingewiesen, die „vera dei agnitio et virtutis intcllectus in omnibus 
disciplinis, quae vitam hominum aut regunt aut ornant,** in gütigen Worten der Anerkennung unsere 
-gestrige AufiRihrang der „Iphigenie** hervorgehoben und den Wunsch daran geknüpft, dafs der Inhalt 
und Geist der Goetheschen Schöpfung in unserer Jugend fortwirke, dafs er Dauer gewinne im weitern 
Leben. Es ist dies auch mein Herzenswunsch, und mit mir werden meine Amtsgenossen in heilser 
Liebe zur Jugend, in ernster Arbeit und treuer Pflichterfüllung darnach streben, in diesem Sinne zu 
lehren und zu leben. 

Nur mit der tiefsten Betrübnis vermisse ich hier den Mann, der von der ganzen Lehrer- 
uschafc der Provinz mit ungeteilter Verehrung umfafst wird, dessen leuchtendes, Güte strahlendes 
Auge so gern auf Veranstaltungen ruht wie der heutigen und von dem ich weifs, dafs er gern 



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aaoh hier unter uns geweilt und sich mit uns gefreut hätte Er ist leider krank und kann deshalb- 
nioht an unserer Freude persönlich teilnehmen; ich bitte Sie, hochverehrter Herr Direktor, ihm. 
gütigst unseren Dank übermitteln zu wollen. Gott aber sei mit ihm und st&rke und kräftige seine 
Gesundheit, auf dars er bald wieder in alter Krafb und Freudigkeit unter uns walte und wirke !^ 

Nunmehr überreichte der Bektor der Königlichen Albertus-Universität, Herr Konsistorial- 
i?at D. Jacobi, dem Direktor eine Votivtafel mit folgenden Worten: 

„Sehr geehrter Herr Direktor! v, ^ 

Es ist mir der ehrenvolle Aufbrag geworden, Ihnen und dem mit Urnen verbundenen Lehrer- 
kollegium die Grüfse des Geueralkonzils der Albertus-Universität ftlr das seltene Fest, das Sie- 
heute begehen, auszusprechen und in dieser Votivtafel ein ZSeugnis der Wertschätzung, mit der wir 
Ihrer gedenken, zu überrfiiüehen. ^ 

'^'Zwisobejfr Universitäten und Gymnasien besteht ein enger Ziusammenhang. wir bauen 
auf dem Grunde, den die Gymnasien gelegt haben. Aber ein eigentümlich nahes Verhältnis ver- 
einigt die Albertus-Universität mit dem Bastenburger Gymnasium. Es ist ein und derselbe refw- 
matorisohe G^anke gewesen, von dem bewegt Herzog Albrecht beide Anstalten in das Leben 
gerufen hat. Die wiederhergestellte lautere Verkündigung des Evangeliums soUte durch die wissen- 
schaftlichen Studien gepflegt und geschirmt werden, vor allem durch das Studium der alten Sprachen. 
Sie waren fOx Luther die Scheide, darin das Messer des Geistes steckt — Es besteht eine innige 
Beziehung zwischen dem Glauben und der Wissenschaft;. Wenn sich der Glaube von der Wissen- 
schaft lossagt, fällt er in das Nichtige. Und wenn sich die Wissensdiaffc von dem Glauben trennt, 
verweltlicht und verflacht sie. Sie mufs aus ewigen Quellen schöpfen. Auch ihre Hülfe steht im. 
Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, im Namen des Herrn, der in Jesu Christo, 
seinem eingeborenen Sohne, sein Herz erschlossen hat. 

In den dreihundert und fünfzig Jahren, auf welche jetzt das Bastenburger Gymnasium 
zurückblickt, sind schwere Geschicke über dasselbe gekommen, zuerst theologischer Streit, der* 
das öfientliche Leben in Mitleidenschafl zog, dann verheerende Krankheiten und kriegerische 
Unruhen, und erst seit der Beorganisation und der Verwandlung in ein Königliches Gymnasium, 
im Jahre 1817 ist Ihrer Anstalt eine friedliche Entwickelung beschieden worden. 

Dürfen Sie heute im Bückblick auf die Vergangenheit die Gnade Gottes preisen, die Ihre 
Anstalt durch so viele Gefahren hindurch bis auf den heutigen Tag geführt und erhalten hat^ so 
dürfen Sie auch hoflhungsfroh in die Zukunfl blicken. In der Hut eines machtvollen Staates, 
dessen erlauchten Fürsten die Würde des Kaisers des neu gegründeten Deutschen Beiches schmückt, 
umgeben vom waflengeübten deutschen Volke, das, ein schirmender Wall, die Werke des Friedens 
schützt, kann Ihre Anstalt im Gefühle der Sicherheit vertrauensvoll ihre segensreiche Arbeit 
fortsetzen. 

Freilich, wenn wir uns die Aufgaben vergegenwärtigen, welche jetzt den Gymnasien 
gestellt sind, kann leicht die Lehrer derselben eine gewisse Besorgnis ergreifen, und ich habe 
auch in Ihren Worten, Herr Direktor, einen leisen Ton zu vernehmen geglaubt, der sie bezeugte. 
Als vor fünfzig Jahren die dritte Säkularfeier Ihrer Anstalt gefeiert wurde, hat der damalige* 
Direktor Heinicke dieser Besorgnis in bew^enden und bewegten Worten Ausdruck verliehen. 
Er hört, „die lauten Stimmen, welche eine Erneuerang der wissenschaftlichen Erziehung nach den 
Forderungen einer thatkräfligen Gegenwart ausrufen, Stimmen der Männer einer neuen Welt, 
denen die Wanderung durch die Hallen des Altertums eine grofse Irrfahrt heifst auf einem längst 
verlassenen Meerespfade." 



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Gott sei Dank dafür, dars diese Besorgnisse nioht erftült worden sind und dafs auch 
.gegenwärtig die klassischen Studien eine centrale Stellung im Lehrplan unserer Gymnasien be« 
haopten. Aber der umfang, in welchem jetzt diesen Studien Baum gegeben ist, hat eine Be* 
.-schr&nkung erfahren. Und dies erweckt in uns ernste Sorgen, nicht als ob es den Schülern 
nicht luehr möglich bliebe, sich die Grammatik der alten Sprachen anzueignen und die BefUiigung 
zu gewinnen, die alten Klassiker zu interpretieren; aber es ist ihnen erschwert, im klassischen 
Altertum heimisch zu werden und sich in ihm im Geiste anzusiedeln. Und noch eine andere 
Besorgnis erscheint berechtigt. Die Gymnasien der Gegenwart wollen eine Vielseitigkeit der 
Bildung vermitteln, welche allen geistigen Bestrebungen der Zeit gerecht wird« Es soll den ge- 
bildeten Männern unserer Tage nicht mehr gestattet sein, das stolze Wort in Beziehung auf Studien, 
die ihrer Begabung ferner liegen, auszusprechen: ^Dasweifs ich nicht^. Der neue Lehrplan unserer 
«Gymnasien erwartet von jedem Schüler, dafs er in allen Lehrgegenständen Befriedigendes leiste. 
Es ist dem Schüler nicht mehr erlaubt, sich mit gesammelter Kraft einzelnen Disciplinen zuzu- 
wenden und anderen ein geringeres Mafs der Teilnahme zu beweisen. Diese Veränderung der Ziele 
^eint eine Vielseitigkeit der Bildung freilich zu begünstigen, aber das Entstehen eines wissen- 
sohafUichen Geistes, der in die Tiefe dringt, zu erschweren. 

Doch kann über Becht oder Unrecht dieser Veränderung des Studienplanes unserer Gymnasien 
nur die Erfahrung entscheiden. Gott hat die Geistes weit so geordnet, dars nur, was in der Ver- 
nonft der Dinge gegründet ist, Bestand gewinnt. Auch hier gilt das Wort Bacos von Verulam: 
^Per experimentum omnia.^ Auch Lehrpläne sind Experimente. Die Erfahrung bestimmt, was 
bleiben soll, weü es innere Wahrheit ist, und was vergehen, weil es in Irrthum und Mifsver- 
ständnis begründet ist. Und so können auch die Gymnasien der Gegenwart vertrauensvoll der 
ZtikiiBffc entgegengehen. 

Freilich ist ihren Lehrern die schwere Aufgabe gestellt, die Erstrebuug neuer Ziele mit 
4er Bewahrung der alten Überlieferungen zu verbinden, und ich gestehe es gern, dafs mich Be- 
wunderung ergreift, wenn ich sehe, mit welcher Hingebung and methodischen Kirnst sie bemüht 
^d, diesen Forderungen zu genügen. 

Möge das Bastenburger Gymnasium wie bisher so auch femer diese Fahne der alten 
Traditionen hoch halten, die Pflege christlicher Gesinnung, die allein unter den Stürmen der Ver* 
snohungen bewahrt und dem Herzen Frieden verleiht, die Pflege der nationalen Güter, der Liebe 
zu König und Vaterland, zu Elaiser und Beich, die Pflege der Liebe zum klassischen Altertum, 
4as uns in seiner Geschichte in typischen Gestalten die Gesetze menschlicher Entwickelung darstelltf 

Möge das Bastenburger Gymnasium bleiben, was es nun dreihundert und fünfzig Jahre 
gewesen ist, ein hellstrahlendes Licht an der Grenze der deutschen Ostmark, eine Pflanzstätte des 
christlichen Idealismus in einer Zeit, die von den Gefahren des praktischen Materialismus bedroht 
ist! Gottes Gnade walte auch ferner schirmend und segnend über diesem Gymnasium, seinen 
Lehrern und Schülern!** 

Der Direktor nahm, nachdem er Sr. Magaificenz für das Erscheinen, die Glückwünsche 
und die Dedikation herzlich gedankt hatte, in seiner Erwiderung Bezug auf* die Besorgnisse, welche 
Sq. Magnificenz nach zwei Sichtungen hin ausgesprochen hatte. 

„Wenn Euer Magnificenz von Besorgnissen sprechen, welche heute die Lehrer an den 
<}ymnasien ergreifen, und solche auch aus meiner Festrede herausgehört zu haben glauben, so 
sind diese heute noch nicht allzu grofs, einmal weil die Stürmer und Dränger auch diesmal 
nicht ihr weit gestecktes Ziel erreicht haben, sodann weil wir in der Erkenuuuis, dafs mit der Neu- 
ordnung der Verhältnisse auch mancher Fortschritt gemacht ist und man es, worauf Sie auch hin- 



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wiesen^ auf eine ehrliche Probe ankommen lassen moTs, zu nnsercit ünterrichtsbehörde^ 
wie ich vorhei* ansfuhren zu dürfen die Ehre hatte, das feste Vertrauen haben, dars sie, sobald 
sich fimdamentale Schäden zeigen, sofort energisch eingreifen wird. £s sind jadie Anfordenmgen. 
an die Thfttigkeit der Schüler herabgesetzt, die an die der Lehrer aber erheblich gestiegen; sind 
doch im wesentlichen die früheren Ziele zu erreichen mehr durch die Arbeit in der Schale als- 
durch die SelbstthätLkcit der Schüler zu Hause. Aber im Altertum werden unsere Schüler doch 
durchaas heimisch; es ist nnr heute klarer als froher zum Ausdruck gekommea, dafs der Betrieb: 
der alten Sprachen nicht, wie es ehedem war, Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck. Die 
alten Sprachen sollen mehr als bisher dazu mitwirken, der Jagend die Anschauungen der Gegen- 
wart verständh'ch zu machen; sie sollen also in den Dienst des nationalen Lebens treten Und was' 
die Beisorgnis anlangt, dafs das Gymnasium der Gegenwart eine zu grofse Vielseitigkeit der Bildaug 
bezwecke und damit das Entstehen eines wissenschaftlichen Geistes, der in die Tiefe dringe, er- 
schwere, so erscheint sie mir nach ein wenig za schwarz gemalt; ich will hier nur darauf hinweisen: 
das Gymnasium ist eine propädeutische Anstalt, tritt sofort aus dem Rahmen seiner Thäügkeit 
herauf) nnd verkennt seine Aufgabe, wenn es mehr will als die Schüler befähigen, sich in alle Zweige 
der Wissenschaft einzuarbeiten; das Dringen in die Tiefe ist Sache der Universitäten.^ 

Darauf der Beziehungen des Rastenburgcr Gymnasiums zur Albertus- Universität gedenkend,, 
schlofs der Direktor etwa lolgendermafsen : 

„Sind die Schicksale beider Humanitäts-Institute^ der Albertus-Universität und des Albrechts- 
Gymnasiups, doch seit ihrer Entstehung, worauf schon der gleiche Name hinweist, aufs innigste 
verbunden. Im Jahre 1544 gründete Herzog Albreclit in richtiger Erkenntnis and Würdigung 
der lutherischen Wahrheiten und auf direkte Einwirkung des grofsen Reformators hin hier ink 
Osten Scholen. um den Bewohnern höhere Bildung zu gewähren nnd als Bollwerk und Schutzwehr 
gegen die Barbarei, wie sie nicht selten von Osten her drohte. Im Jahre darauf, 1545^ gründete 
er unsere Anstalt, um für die Kirchen- und die Landosverwaltung geschickte Männer erziehen zu lassen und 
der Universität in König^^berg Schüler zu gewinnen. Lange Jahre war unsere Anstalt neben der 
Domschule in Königj-berg es allein, welche der Universität die Schüler lieferte und von ihr wieder- 
um Anregung und Lehrer erhielt. So ist es im grofsen und ganzen geblieben, bis Schwesleinnstaltea 
ihr zur Seite traten und die verschiedenen Bezirke zusammenschlössen; die Wechselwirkung zwischea 
den Instituten geistigen Lebens und geistiger Freiheit hat nie aufgehört und besteht noch heute. 
Und wer wie ich bei der 350jährigen Jubelfeier der Aibertus-Universität es hat erleben dörfea, 
mit welcher Pietät alle ehemaligen Schüler derselben an ihrer alina mater hingen, dem wird die 
Bedeutung des geistigen Bandes zwischen Gymnasium und Universität klar sein. Und speziell 
unsere Anstalt ist mit tausend Fäden mit der Albertus- Universität verbunden; haben doch alle 
jetzigen Mitglieder des Lehrerkollegiums ohne Ausnahme ihre Bildung der Albertina zu verdanken, 
und sind sie doch stolz darauf, aus dieser Pflanzstätte der Bildung hervorgegangen zu sein. Umse 
mehr freuen wir uns. Euer Magnificenz hier unter uns mitfeiern zu sehen, und erwidern Ihre herz- 
lichen Wünsche ebenso herzlich mit dem Gebet zu Gott für das fernere Wohl und Gedeihen unserer 
alma mater, der Albertus-Universität. Vivat, floreat, creacat Albertina!** 

Die Glückwünsche des Königlichen Konsistoriums überbrachte der Herr Konsfstorial- 
Präsident Freiherr D. von Dömbcrg mit folgenden Worten: j 

„Sehr verehrter Herr Direktor! 1 

Das Bastenburger Gymnasium ist nach seiner Stiftung und Geschichte eine evangelische^ 
Anstalt und hat als solche der evangelischen Kirche namentlich von Ostpreufsen viele tüchttge Er&fte 
geliefert. Wie die Anwesenheit so vieler Geistlichen bei dem heutigen Jubelfeste als ehemaliger 
Schüler der Anstalt beweist, hat die Schule auch diesen inneren Zusammenhang inuner mit der 



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Kirche bewahrt und gepflegt, und kann ich mit dem Glüokwonsch, den ich der Anstalt im Name»' 
und in Vertretung des Konaistoriums darzubringen die Ehre habe, nur den Wunsch verbinden und 
die Hofinungt dafs das Bastenbnrger Gymnasium auch fernerhin neben der Erftülung seiner sonstigen 
Aufgaben seinem evangelischen Charakter treu bleiben werde.** 

Herr Generalaupcrintendent, Erster Hofprediger Dr. Braun, war leider durch die General- 
Tiäitation der Synode Ragnit, die am 25. Juni abends erst beendigt war, verhindert, an der Jubel- 
feier persönlich teilzunehmen, sandte indessen seine Glückwünsche zum Feste auf die Einladung bin 
schriftlich : 

„Ich bedauere es sehr, dafs ich derselben zu folgen verhindert bin durch die am 25. Juni 
abends erst abschliefsende Generalvisitation der Synode Bagnit. 

Für die Feier wie filr die kommenden Jahre wünsche und erbitte ich von dem treuen 
Gott, der die Anstalt so sichtlich bisher gesegnet hat, den ganzen Reichtum Seiner behütenden 
und fördernden Gnade. 

Es war für mich eine sehr grofse Freude, den Geist, der im religiösen Leben der Anstalt 
waltet, als den guten heiligen Gottesgeist zu erkennen, der die Zöglinge in die Herrlichkeit evan- 
gelischer Wahrheit leitet 

Derselbe Geist unseres Herrn Jesu Christi, des Gekreuzigten und Auferstandenen, möge 
wie in dem derzeitigen Leiter der Hochschule und seinem Lehrerkollegium leben von Geschlecht 
zu Greschlecht in allen, die zu dem herrlichen Amt berufen sind, in Bastenburg Gottes liebe Kinder 
und Deutschlands echte Söhne heranzubilden l^ 

Die Erwiderung des Direktors dem Herrn Konsistorial-Präsidenten gegenüber lautete also: 
„Hochverehrter Herr Konsistorial-Präsident I 

Dafs auch die kirchliche Provinzial-Behörde es sich nicht hat nehmen lassen, ihren Segens- 
grufs und Glückwunsch unserer Anstalt mündlich und schriftlich darzubringen, ist für diese eine 
hohe Ehre und grofse Freude. Wir danken Ihnen, hochverehrter Herr Konsistorial-Präsident, dafür 
von ganzem Herzen und bitten, unsern Dank auch dem Herrn Generalsuperintendcnten für seine 
gütigen, warmen Worte, die er an uns gerichtet hat, aussprechen zu wollen. Es ist dieses nicht 
das erste Mal, dafs sich unsere Anstalt des Wohlwollens der kirchlichen Behörde hat erfreuen 
dürfen, und es wird durch alle solche Berührungen das Band, das unsere Schule mit den Vertretern 
religiösen und kirchlichen Lebens schon aus anderen Gründen, wie Sie, hochverehrter Herr Präsiden^, 
hervorzuheben so freundlich waren, verbindet, nur fester und inniger, und des Himmels Segen kanm 
nicht ausbleiben. Ganz besonders wertvoll aber erscheint mir Ihr Erscheinen in dieser Festver- 
sammlung deshalb, weil damit der Zusammenhang des Rastenburger Gymnasiums, dieses echten Kindes 
der Reformation, mit der evangelischen Landeskirche aufs deutlichste bekundet wird. Wie wir uns 
bisher bemüht haben, im Sinn und Geist der Kirche Christi unsere Jugend zu erziehen, so wollen 
wir CS auch ferner thun und hoffen, dafs wie jetzt so auch allezeit die freundliche Unterstützung 
und wohlwollende Berathung durch die kirchliche Behörde uns nicht fehlen wird. Gott schirme 
unsere teure evangelische Kirche!" 

Im Namen und Auftrag der Kreissynode überbrachten Glückwünsche die Herren Superintendent 
Borowski, Pfarrer Sterz und Pfarrer ßiermann. Der Vorsitzende der Synode, Herr Superintendent 
Borowski, überreichte eine künstlerisch ausgeführte Adresse, die Herr Pfarrer Biermann verlas, mit 
folgendem Wortlaut: 

„In der Reihe derer, die in diesen Tagen dem Gymnasium Rastenburg aus Anlafs seiner 
350jährigen Jubelfeier glückwünschend nahen, hat die Vertretung des Kirchenkreises Rastenburg, 
die Kreissynode gleichen Namens, nicht Ichlen wollen, nicht fehlen dürfen. 



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42 

Rccbt und Pflicht dazu entnimmt sie iiiren vielfachen nahen und innigen, durchweg Und alle- 
zeit auf gegenseitiger Achtung beruhenden nud darum freundlichen Beziehungen zu der jubilierenden 
Lehranstalt^ die als älteste Vorschule für die Universität der Heimatsproviuz demselben erlauchten 
Stifter, dem Herzoge Albrecht ruhmreichen und gottgesegneten Andenkens, ihre Gründung verdankt. 

Nicht nur dafs nicht wenige Mitglieder der Synode — darunter das z. Z. älteste und das 
jüngste — in dieser gelehrten Schule ihre grundlegende Bildung empfangen haben, nicht nur dafs 
wiederum nicht wenige Mitglieder iiire Söhne derselben anvertraut haben — wer kein Fremdling ist 
in der Geschichte unserer heimatlichen Provinz, der weifs, wie von Anfang an all die Jahrhunderte 
hindurch die evangelische Kirche des damaligen Herzogtums, der jetzigen Provinz Ostpreufseu 
mit dieser gelehrten Schule zu gegenseitiger Förderung und gemeinsamem Segen eng verbunden ge- 
wesen ist. Mögen diese Beziehungen auch im Wechsel der Zeiten andere Gestalt und Form ange- 
nommen haben, mögen sie, rein äufscriich betrachtet, dermalen scheinbar nur lose sein — es ist 
doch ein festes geistiges Band, welches auch heute noch die aus dem Geiste der Reformation ge- 
borene Lehranstalt des Rastenburger Gymnasiums mit der Heilsanstalt der evangelisciien Kirche 
verbindet, als deren Glied auch die Kreissynode Rastenburg sich darstellt. 

Dessen zum Zeichen und Ausdruck hat die genannte kirchliche Körperschaft uns, ihren der- 
zeitigen Vorstand, beauftragt, namens ihrer dem festfeiernden Gymnasium herzliche Glück- und 
Segenswünsche darzubringen. Mit tief und freudig bewegtem Herzen entledigen wir uns des Auf- 
trages durch Überreichung dieses Glückwunschschreibens. 

Durch drei und ein halbes Jahrhundert hindurch hat das Gymnasium Bastenburg unter dem 
Segen der göttlichen Gnade, unter dem Schutz und Schirm weiser^ thatkrättiger, fürsorglicher 
Fürsten, der Nachkommen und Nachfolger seines erlauchten Begründers, durch treue, gewissenhafte 
Leiter und Lehrer, getragen und gefördert durch die Teilnahme einsichtiger, wohlwollender Gönner, 
seines Berufes mit Erfolg und Ehren gewartet^ ist der ihm gestellten Aufgabe, eine Pflanzstätte 
wissenschaftlicher, von dem Geiste christlichen Glaubens und evangelischer Frömmigkeit durchwehter 
Bildung zu sein, gerecht geworden, soweit es Gunst und Ungunst der Verhältnisse und die Schranken 
alles menschlichen WoUens und Könnens verstatteten. Es hat Scharen von Jünglingen vorgebildet 
und zur Hochschule entlassen, die nachmals als Männer im Dienste der Kirche und des Staates, auf 
dem Felde der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Künste und Gewerbe Rühmliches geleistet haben. 

Das ist des Rastenburger Gymnasiums auch von uns gern und willig anerkanntes Verdienst; 
das soll seine Ehre und sein Ruhm sein und bleiben. 

Und nun befelilen wir die teure Anstalt der Gnade des Allmächtigen und Allbarmherzigen, 
des treuen Gottes, der sie bisher wie auf Adlers Flügeln getragen hat. Er behüte und segne sie 
auch fortiiin bis in die spätesten Zeiten und lasse ihr sein Antlitz allewege in Huld und Frieden 
leuchten l^ 

Dann verlas Herr Superintendent Borowski als Vertreter der vereinigten Gemeindeorganc 
der St.-Georgenkirche folgende Adresse: 

„Dem Königlichen Gymnasium zu Rastenburg beehrt sich am heutigen Jubelgedenktagc 
seines 350jährigen Bestehens die evangelische Kirchengemeinde Rastenburg, vertreten durch 
Gemeindekirchenrnt und Gemeindevertretung, in dankbarem Gedenken an seine segensreiche Mit- 
wirkung zur Förderung des kirchlichen und sittlichen Lebens die herzlichsten Glück- und Segens- 
wünsche darzubringen in der freudigen Zuversicht, dafs auch für die Zukunft Gymnasium und Kirche 
hierselbst allezeit als gute Freunde und getreue Nachbarn zu einander stehen werden.^ 

Den Vertretern der Kreissynode dankte der Direktor im Namen der Anstalt herzlich für 
ihr freundliches Erscheinen und die Überreichung einer so sinnig ausgestatteten Adresse. Mit diesem 



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43 

Akte gemeinsamen Gedenkens bekunde die Synode wie vor fänfzig Jahren ihre Teilnahme an dem Leben 
und Gedeihen der Anstalt. „Auch zu dieser Körperschaft des kirchlichoD Lebens^ — so fuhr der 
Direktor fort — „hat unsere Anstalt allezeit lebhafte Beziehungen gehabt und hat solche auch heute; 
haben doch ihre Direktoren und Lehrer ihr angehört und gehören ihr heute noch an. Und ist die 
Arbeit der Synode, abgesehen von den Fragen der rein äurseren Verwaltung, vornehmlich auF das 
Ideale gerichtet and das Ziel derselben der weitere Ausbau onserer teuern evangelischen Kirclie 
nach ihrem innert^n Leben, so begegnen wir uns bei dieser Arbeit, indem wir in die Herzen der 
Jugend Sinn ftir kirchliches Leben pflanzen und Bethätigung desselben durch religiösen Wandel 
lehren. Hnfs dieses innige Verhältnis unserer Schule zu;- Synode auch ferner bestehen und beide 
znsamme > arbeiten zum Wohle unserer Kirche, das walte Gottl^ 

Gleichzeitisr dankte der Direktor im Namen der Anstalt dem Herrn Superintendenten als 
dem Vertreter der Gemeindeorgane iur den freundlichen Grufs und Glückwunsch, den er der Anstalt 
entboten habe^ und föhrte etwa folgendes aus: 

„Ich danke Ihnen aufrichtig für die zarte Aufmerksamkeit. Was ich eben in Bezug auf die 
Synode gesagt, gilt in noch höherem Mafse für das Verhältnis unserer Schule zu der Kirche; sind 
wir doch alle Mitglieder dieser Gemeinde, und gehört doch ein nicht unerheblicher Teil des Lehrer- 
kollegiums einem oder dem andern der beiden Kirchenorgane an. Abgesehen davon, berührt sich 
die Thäti>(kcit der Geistlichen und der Lehrer in mehr als einem Punkte: beide sind Baumeister im 
Reiche Gottes, müssen sich in ihrer unterrichtliclien Thätigkcit auf dem Boden des Evangeliums 
bewegen und es als ihre höchste Aufgabe betrachten, die Jugend zu Gott zu fähren. Trifft dies 
auch für alle Schulen zu, so ist der Zusammenhang des Rastonburger Gymnasiums mit der St.-Georgen- 
kirche von jeher ein enger gewesen. Im Licht und Schattender Kirche entstanden und aufgewachsen, 
hat unsere Anstalt mit ihr alle Schicksale geteilt, und Jahrhunderte hindurch haben die Erzpriester 
der St.-Georgenkirche dasEphorat und domit die geistige Inspektion bei der Anstalt geübt. Wenn auch 
dies Verhältnis bei der Entwickelang des höheren Schulwesens im Anfange dieses Jahrhunderts aufgehört 
hat, so sind doch die innigen Beziehungen zu der Kirche immer dieselben geblieben. Das Haus, in dem 
unsere Anstalt untergebracht ist, stammt voc der Kirche her, und auch in diesem Augenblick verdanken 
ivir die Möglichkeit und das Gelingen dieser unserer Feier der Gastfreundschaft der Kirche, und 
Sie, hochverehrter Herr Superintendent, haben in Ihrer Festpredigt mit so warmen Worten unser 
Verhältnis angedeutet. Nicht will ich hier von den freundnachbarlichen Beziehungen sprechen, die 
von Haus zu Haus zwischen Schule und Kirche auch sonst herrschen, sie sind aber wichtig und 
segensreich. Ich hoffe zu Gott, dafs Ihr Wunsch sich erfällt und dafs das gute Einvernehmen 
zwischen Schule und Kirche in jeder Beziehung bestehen bleibe zur Ehre Gottes und zu beider- 
seitigem Segen P 

Im Namen der Stadt und der städtischen Behörden erschien eine Deputation, bestehend 
ans dem Vertreter des leider kranken und beurlaubten Bürgermeisters Herrn Wiewiorowski, Herrn 
Begierung^-Beferendar Billroth, dem Ratsherrn Herrn Kommerzienrat Palfner und dem Stadtver- 
ordnetenvorsteher Herrn Schweigen 

Herr Begierungs-Beferendar Billroth verlas folgende Adresse: 

„Ziur 350jährigen Jubelfeier des Königlichen Gymnasiums hierselbst fühlt sich die Bürger- 
schaft der Stadt Bastenbi;irg unter der grofsen Anzahl der Gratulanten in erster Linie bewogen 
und verpflichtet der Anstalt ihre aufrichtigsten Glück- und Segenswünsche darzubringen. Mannig- 
fache innige Beziehungen haben von je Stadt und Gymnasium miteinander verbunden. 

Durfte die Stadt doch bis zum Anfange dieses Jahrhunderts eine besondere Ehre darin 
erblicken,* Patronin der Anstalt zu sein. An den durch dieses Verhältnis geknüpften innigen 



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Beziehungen konnte denn auch dadurch nichts geändert werden, dafs die Aosübung jenes Rechtes 
seither in die fürsorgliche Leitung des Staates übergegangen ist. 

Abgesehen von den zahkeichen Vorteilen, welche die Stadt als solche ihrem heute ju- 
bilierenden Gyxnnasiam verdankt — es sei nur darauf hingewiesen, dars wir bei der stets wach* 
senden Zahl unserer Einwohnerschaft schon längst gezwungen gewesen sein würden, unsererseits 
eine höhere Lehranstalt einzurichten, falls nicht der Staat durch Umwandlung der ehemaligea 
lateinischen Schule in ein Königliches Gymnasium dieser Notwendigkeit begegnet wäre; es sei 
femer mit Dank des veredelnden Einflusses gedacht, welchen die Anstalt stets krafb der ihr inne- 
wohnenden hohen Mission in stillem Wirken auf die gesamte Bärgerschatt der Stadt auszuüben 
vermocht hat — abgesehen von alledem erfreuen auch wir uns insbesondere des glänzenden 
Zeugnisses, welches der Anstalt dadurch ausgestellt wird, dafs durch jene 372 Jahrhunderte hin- 
durch bis auf den heutigen Tag aus ihr eine ungewöhnlich grofse Anzahl bedeutender Männer 
hervorgegangen ist, die in hohen Stellungen, sei es im Gebiete der Staats- oder der Kommunal- 
verwaltung, sei es auf den sämtlichen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels oder 
Gewerbes, sich die gröfsteu Verdienste für König und Vaterland, für Staat und Stadt erworben 
haben. So grols das Verdienst dieser Männer ist, für gröfser noch müssen wir das jener veran- 
schlagen, welche durch ihr Beispiel und ihre Lehre Geist und Gemüt dieser gebildet und sie 
mit dem wissenschaftlichen und moralischen Büstzeug versehen haben, das die Vorbedinguug jedes 
grolsen Erfolges ist. 

Die herzlichen Beziehungen, welche von jeher Gymnasium und Stadt miteinander ver- 
bunden haben, sind auch stets in dem ungestört guten Einvernehmen zwischen den Gliedern der 
Anstalt und den Bürgern der Stadt zum Ausdruck gelangt. Stets haben sich diese aufs engste 
verwachsen gefühlt mit jener Pflegestätte echt deutschen Geistes, echt deutscher Wissenschaft und 
echt deutscher Vaterlandsliebe und stets freudig zu jenem Horte geistiger Kultur au%eblickt, 
welchen die Stadt bereits seit nunmehr 350 Jahren mit Stolz in ihren Mauern beherbergt. 

Indem wir dem innigsten Wunsche, das Gymnasium möge in stetiger, seinen edlen Zielen 
entsprechender Fortentwickelung noch manches dem heutigen Jubiläum an Glanz gleichstehendes 
Freudenfest feiern, sowie der festen Zuversicht Ausdruck geben, dafs das Einvernehmen zwischen 
Anstalt und Bürgerschaft stets ein gleich gutes und ungestörtes sein werde, sprechen wir dem 
derzeitigen Direktor und Lehrerkollegium des Königlichen Gymnasiums, welche es verstanden 
haben, die Anstalt im alten Geiste zu der glänzenden Stellung emporzuführen, welche dieselbe 
iieute einnimmt, im Namen der Stadt Bastenburg unseren aufrichtigsten Dank aus. 

Möge die Anstalt auch fernerhin ihr hohes Ziel kraftvoll weiter verfolgen, dem Vaterland 
zum Heil, sich selbst zur Ehre, der Stadt zur Freude! 

Das wünscht von Herzen die Bürgerschaft Bastenburgs.^ 

Der Deputation dankte der Direktor in seiner Erwiderung für die Teilnahme, welche 
die Stadt an der Schule überhaupt sowie an den Vorbereitungen zu diesem ihrem Feste irisbesondere 
von Anfang an genommen habe. „Wenn irgendwo und irgendwann von einer Wechselbeziehung 
die Bede sein kann, so ist dies der Fall zwischen der Stadt und der höheren Lehranstalt, die in 
ihren Mauern liegt, zwischen Schule und Bürgerschaft. Eine Anstalt vollends wie die unsere, 
die nunmehr 350 Jcihre dieser Stadt angehört und mit ihr alle Freuden und Leiden geteilt hat, 
ist wohl aufs innigste mit Stadt und Bürgerschaft verwachsen, geradezu ein integrierender Bestand- 
teil der Stadtgemeinde, die wichtigste, verzweigteste und nachhaltigste Lebensäufserung dieser 
Gemeinde, und ihr Blühen und Gedeihen sowie ihr Zurückgehen giebt ein treues Bild von deren 
socialem und wirtschaftlichem Leben. 



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Die Stadt Bastenbarg und ihre Bewohner haben in der richtigen Erkenntnis, was der 
JBesitz einer höheren Lehranstalt fär eine Stadt bedeutet, und in rechter Würdigung nicht nur 
ihrer materiellen, sondern auch ihrer hohen kulturellen Einwirkung sich allzeit freundlich zur 
Anstalt gestellt und jederzeit den lebhaftes ten Anteil an ihren Schicksalen genommen, wie auch 
4inf der andern Seite das Gymnasium die Sache der Stadt als die seinige betrachtet, und der 
Opfer, welche die Stadt gebracht, und der Mühen für die Erhaltung der Schule in den trüben 
Jahren der Erniedrigung unseres Vaterlandes, wo eben trotz der schweren Not der Zeit und trotz 
4er Last fremden Druckes die Stadt Bastenburg ihre hohe Aufgabe, sich das geistige Institut, 
die Pflanzstatte der Kultur und Gesittung, zu erhalten, nicht vergars, sondern vielmehr fest 
im Auge behielt und nichts unversucht liefs, bis ihr das Gymnasium erhalten blieb, will ich hier 
.gar nicht weiter gedenken; sie sind gern gebracht und ertragen zum Segen der Stadt und der Schule. 
Dafs unter solchen Umständen der Zusammenschlufs von Schule und Bürgerschaft ein inniger wird, 
jst nicht wunderbar; es ist die Schule gewissermafsen das Vaterhaus, in dem sich die einzelnen 
Mitglieder der grofsen Familie wiederfinden und wiedererkennen, das Band, das alt und jung, 
Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Und wie kann es auch anders sein? Sind 
-es nicht die Söhne, Brüder, Enkel und sonstigen Angehörigen der Bewohner dieser Stadt, die hier 
ihre Ausbildimg empfangen, die hier mit mütterlicher Liebe eingeführt werden in den Tempel der 
"Wissenschaft? Ungezählte Generationen sind im Laufe der 37« Jahrhunderte hier ein- und aus- 
gegangen, und diese sind es, welche die Kontinuität herstellen, welche die alte Zeit mit ihrer 
JJrinnerung in die neue hinüberretten. Wenn wir uns die heute hier versammelten Festteilnehmer 
von jung bis alt betrachten, so sind nicht selten drei Generationen hier vertreten: Grofsvater, 
Vater und Enkel. Und so wünsche ich denn von ganzem Herzen, dafs es so bleibe, dafs in diesen 
gegenseitigen Gesinnungen auch in Zukunft keine Veränderung eintrete, dafs vielmehr immerdar 
das gute Einvernehmen zwischen Schule und Bürgerschaft bestehen bleibe. Ich danke der alten 
-Stadt Bastenburg, ihren Behörden und ihrer Bürgerschaft für die Teilnahme, die sie allezeit der 
Anstalt entgegengebracht haben, und bitte Gott von Herzen, dafs er auch ferner walte über dieser 
-Stadt und ihren Bewohnern, dafs er sie schütze und fördere ^ 

Alsdann sprach herzliche und pietätvolle Worte im Namen der ehemaligen Schüler Herr 
Pfarrer Sterz-Bäslack: 

„Mein hochgeehrter Herr Direktor! 

Es ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden, dem von Ihnen in anerkennenswertester 
-Pflichttreue und mit rühmlichem Erfolge geleiteten Gymnasium Bastenburg zu der Feier seines 
350jährigen Bestehens im Namen seiner ehemaligen Schüler ein Wort ehrerbietiger Begrüfsung 
zu widmen. Diesem Auftrage komme ich nunmehr nach, zwar nicht ohne ein gewisses Bangen, 
aber dennoch mit Bereitwilligkeit und herzlicher Freude. Wohl hätte ich es gerne einem bere- 
dteren Munde, als er mir zu Gebote steht, überlassen, an dieser Stätte und in diesem Augenblicke 
den Q,efühlen einen Ausdruck zu geben, welche Tausende junger und alter Herzen an dem Ehren - 
und Freudentage ihrer ersten alma mater bewegen müssen, zumal es mir schon an anderer Stelle 
vergönnt gewesen ist, meine schwache Kraft zur Ehrung der Jubilarin dienstbar zu machen — 
aber ich hoffe, dafs Sie, hochgeehrter Herr Direktor, und auch meine Vollmachtgeber, zu denen 
Sie ja auch mit gehören, mir das alte klassische Wort: „Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas^ 
zu gute kommen lassen werden. Und so wiederhole ich es denn getrost, dafs es mir nicht nur 
2a hoher Ehre, sondern auch zu herzlicher Freude gereicht, jetzt hier stehen und reden zu dürfen 
im Namen aller frühem Schüler des Gymnasium Bastenburgiense, der anwesenden wie der abwesen- 



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46 

den, der noch lebenden und auch der bereits entschlafenen. Sie zählen nach Tausenden; es sinol 
darunter frohgemute, frisch vorwärts strebende Jünglinge, emstgesinnte, pflichttreu und segensreich 
wirkende Männer auf der Mittagshöhe de.4 Lebens und auch hoohbetagte, ehrwürdige G-rsise, die- 
zum Teil bereits d€ts wolilverdiente otium cum dignitate geniefsen, aber auch zum Teile, hoch trotz 
ihres hohen Alters, ihres Amtes oder sonstigen Berufes noch in gottgesegneter Kraft walten,* 
es sind darunter Männer in den Terschiedensten Lebensstellungen, vom schlichten Land- und Hand- 
werksmanne bis zum hochgestellten Staats- und Eeichsbeamten; es sind darunter einfache, wenig- 
gekannte und genannte Namen, aber auch weitbekannte, vielgenannte, berühmte Namen — sie 
alle aber sind eins in dem Gefühle aufrichtigen, innigen und unverlöschlichen Dankes gegen die* 
jubilierende Anstalt. Ja, Dank schulden, wissen und zollen wir allen den teuren Männern, die^ 
als Leiter und Lehrer, als Vorgesetzte, als Gönner und Förderer dieser gelehrten Schule mitdaza 
geholfen haben, dafs wir geworden sind, was und wie wir sind, und mir persönlich ist es Pflicht 
und Herzensbedürfnis, hier insbesondere des von allen meinen Lehrern an dieser Schule allein 
noch lebenden in herzlicher Dankbarkeit und ehrerbietiger Freundschaft zu gedenken. 

Wir danken ihnen insgesamt für den Fleifs und die Treue, das Geschick undT die Sorg- 
falt, mit der sie nach der ihnen gegebenen Gabe und dem Marse ihrer Kraft an uns und fOi ans*- 
gearbeitet haben, für die Bildung unsers Kopfes und Herzens, für unsere Unterweisung ond 
Erziehung thätig gewesen sind. Wir danken ihnen, dafs sie beflissen waren, die Keime des Guten 
Und £deln in unsere Herzen zu pflanzen, die Fundamente zu legen, auf denen der weitere Bau 
unserer Bildung wohl geraten konnte, daFs sie uns ausgerüstet haben mit den Schätzen klassischer 
Bildung und deutscher Wissenschaft, soweit es unser damaliges Alter und unsere Fähigkeiten 
geboten und gestatteten, dafs sie uns auch zu treuer Liebe zu unserem Vaterlande imd Herrscher- 
hause erzogen und bei allem Unterrichte des Gottaswortes nicht vergessen haben: „Die Furcht 
des Herrn ist der Weisheit Anfang " 

Und solchem unserm Danke gegen die Jubilarin, das altehrwürdige Gymnasium Rastenbnr- 
giense, kann ich nach meinem Empfinden keinen bessern Ausdruck verleihen als in dem Wunsche: 
Sein Alter sei wie seine Jugend! Es müsse sich an ihm erfüllen das Wort des königlichen 
Psalmensängers David : „Die gepflunzt sind im Hause des Herrn, werden in den Yorhöfen unsers 
Gottes grünen. Und wenn sie gleich alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und 
frisch sein«* (Ps. 92, 14. 15).*^ 

Die Antwort des Direktors lautete folgendermafsen : 
^Meiu hochverehrter Herr Pfarrer! 

Nennen Sie den Auftrag einen voll, als eliemaligcr Schüler im Namen der übrigen, der 
lebenden sowie der ontachlufenen, der Jüngern und der älteren Generationen, unserer jubilierenden 
Anstalt herzliche Glückwünsche darbringen zu dürfen, so ist die Pflicht für mich ebenso chrenvolt 
und ungenehm, Ihnen für die herzlichen Worte, die Sie mir und allen ehemaligen und jetzigen 
Lehrern gewidmet haben, und die so tief empfundenen Wünsche für das weitere Gedeihen der An- 
Btalt von ganzem Herzen zu danken, „(iottesfurcht, Wissenschaft, Vaterlandsliebe** ist unserer Fahne- 
Inschrift und unserer Sclmlt» Wahlspruch. Unsere Schüler dazu zu erziehen, ist unser höchstes Bestreben. 
Auch wir betrachten es als das höchste Ziel, das die Schule überhaupt, die höhere Lehranstalt im be- 
sonderen zu erstreben hat, die Jugend zu Gott zu führen, sie zu lehren, was wahr ist und schön und 
gut, ihr den Weg zur Tugend zu zeigen. Und wenn der Erfolg der erziehlichen Tliätigkeit sich äufsert 
in der höchsten aller Tugenden, in der piclas, so kann die Schule befriedigt auf ihre Vergangen- 
heit zurückblicken und, unbeirrt durch Zeitströmungen, sich sagen, dafs sie den richtigen Weg ge- 
gangen ij5t. Dafs auch unsere Anhalt auf dem richtigen Wege gewesen ist, spricht sich eben in deit 



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47 

UTorten, die Sie, hochverehrter Herr Pfarrer, ein ehemaliger Schüler unserer Anstalt, soeben zum. 
Ausdruck gebracht haben, aus. Sie sind von Herzen gekommen und zu Herzen gegangen und habea 
hier den gebührenden Wiederhall gefunden. Wa^t Sie hier ausgesprochen, empfinde ich voll und 
ganz, . eben auch als ehemaliger Schüler, und ich bezeuge es hier gern, wie glücklich ich mich 
schätze, in dieser Stunde an dieser Stelle zu stehen und die herzlichen Glückwünsche für die An-, 
-stolt entgegennehmen und erwidern zu dürfen. Ich will meinen Herzenswunsch und mein Herzens- 
j^ebet dahin ausklingen lassen, dals Gott Ihnen und uns allen es vergönne, dafs jeder in seiner 
Familie, im Berufe und Amte das erwecke und erfahre, was heute hier so glänzend in die Er- 
scheinung getreten ist, die Tugend der pietas. Ich danke Ihnen herzlich im Namen der Anstalt.^ 

Es folgten nun die Deputationen von den Gymnasien der Provinz Ostpreufsen. Es waren, 
erschienen aus Alienstein Herr Oberlehrer Stange (ehemaliger Schüler), aus Bartenstein Herr. 
Direktor Dr. Sachse und Herr Oberlehrer PJew (ehemaliger Schüler und Lehrer), aus Braunsberg. 
Herr Oberlehrer Switalski (ehemaliger Lehrer), aus Gumbinnen Herr Oberlehrer Dr. Lorenz (ehe- 
maliger Schüler) und Herr Oberlehrer Krieger (ehemaliger Lehrer), aus Königsberg der Direktor 
•des Königlichen "Wilhelms- Gymnasiums Herr Professor Dr Grosse, aus Loetzen Herr Direktor 
Dr. Boehmer (ehemaliger Schüler und Lehrer) und Herr Oberlehrer Stobbe (ehemaliger Schüler)^ 
aus Lyck Herr Direktor Kotowski (ehemaliger Schüler und Lehrer), aus Memel Herr Direktor 
Küsel (ehemaliger Schüler und Lehrer), aus Rössel Herr Direktor Buchholz und Herr Oberlehrer 
Dr. Lühr, aus Tilsit (Gymnasium) Herr Professor Dr. Preufs und (Realgymnasium) Herr Ober- 
lehrer Polenz (ehemaliger Schüler). 

Die Herren Vertreter hatten sich vorher dahin geeinigt, dafs für die gesamten sieben 
liöheren Lehranstalten von Königsberg Herr Gymnasialdirektor Professor Dr. Grosse, für die An- 
stalten der Provinz Herr Gymnasialdirektor Dr. Küsel die Glückwünsche darbringen sollten. 

Herr Gynmasialdirektor Professor Dr. Grosse überbrachte eine künstlerisch ausgeführte 
Adresse voll Wärme und Herzlichkeit mit folgenden Worten : 

„Lieber Herr Kollege! 

Im Namen der sieben höheren Schulen Königsbergs tiberreiche ich Ihnen diese Adresse. 
Die Herzlichkeit und Wärme der Glückwünsche, die sie enthält, wollen Sie bemessen nach dein, 
was ich Persönliches mir hinzuzufilgen erlaube. An der jüngsten jener Schulen, die Kaiser Wil- 
helms Namen trägt, haben Sie gewirkt, bevor Sie hierher berufen wurden; dort habe ich Sie 
kennen und lieben gelernt. Doppelt ist also meine Freude, dafs ich Sie heute hier beglück- 
"wünschen und in Ihrem neuen Wirkungskreise sehen kann. 

„Wem wohl das Glück die schönste Palme beut?" fragt Goethe und antwortet: „Wer 
freudig thut, sich des Gethanen freut." Dieses Glück ist Ihnen auch hier wieder in so reichem 
^afse beschieden. Niemand kann inniger wünschen als ich, dafs es Ihnen erhalten bleibe das 
-Leben entlang." 

Nach dieser Rede sprach in tiefbewegten Worten Herr Gymnasialdirektor Dr. Küsel also: 

„Was Cicero in einem wohlbekannten Worte von dem gemeinsamen Bande, das die 
^ingenuae et humanae artes" alle fest umschlinge, rühmen mochte, das findet heute wieder aufs 
neue seine volle, schöne Bestätigung in dem Glänze dieses Tages, der all die Schwestern, die 
4as heilige Feuer jener Künste hier zu Lande bei der Jugend hüten, zu einem seltenen Feste 
treu vereinigt sieht, und unwillkürlich fühlt man sich gedrungen, bei solchem Einmut, wie ihn 
•die innige Anteilnahme aller höheren Lehranstalten unserer Provinz an dieser hochbedeutsamea 
-Jubelfeier zu so lebendigem Ausdrucke bringt, mit jenem alten Weisen weiter auszurufen: „Clarus- 



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48 

qaidam consensus doctrinaram concentusqne reperitar*' — reperitor cum ubique tarn in Borossut' 
orientali! 

Ja, es ist der G-eist innigster Gemeinschaft in jenem höchsten Streben, wozu die* 
Lehrer als Bildner der Jugend allesammt berufen sind, es ist das BewuTstsein von der Ge- 
meinsamkeit jener idealen Ziele, wie sie auf dem Gottesboden der Erziehung allüberall zur 
wahren Gotteskindschaft fähren sollen, es ist mit eiüem Wort der Herzenszug der Liebe zu 
den vertrauten Brüdern in dem Reiche des Geistes und der Kraft;, die uns heute von nah und 
fem hierher geführt, um unsere besten, wärmsten Glückwünsche einer Schwesteranstalt darzu- 
bringen, die in jahrhundertlanger Arbeit — fast die älteste von uns — unter dem sichtbaren 
Segen des Allerhöchsten jenes hohe, uns allen gemeinsame Gut der Bildung gepflegt und gewahrt 
und Keime des Göttlichen — sie selbst ein Kind des neuen evangelischen Glaubens, der sie ge- 
boren — in jugendlichen Seelen ohne Zahl gepflanzt und zu reicher Blüte gebracht hat. 

Fürwahr, es ist etwas Grofses — erhebend uhi rührend zugleich — in einer solohea 
Weihestunde wie der heutigen alif eine lange, lange Vergangenlieit mit dem Gefhhle zurückblicken 
zu können,' wie wir es erst gestern noch aus den Herzensklängen der Goetheschen „Iphigenie" 
vernommen haben, die dem teilnehmend forschenden Könige Thoas entgegnet: 

„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt. Der froh von ihren Thaten, ihrer 
Gröfse Den Hörer unterhält und, still sich freuend, Ans Ende dieser schönen Beihe 
sich Geschlossen sieht !^ 

So freudig fcihlt sich auch hier a*i dieser Stätte unsre Seele im Andrang all der Er» 
innerungen unwillkürlich bewegt, die wie mit verklärendem Lichte Vergangenheit und Gegenwart 
zu einem harmonischen Bilde zusammenschliefsen. 

Denn kaum hatte sich hier im Norden aus der Asche des verfallenen Bitterordens wie ein 
junger Phönix jenes Herzogtum erhoben, das Luther selbst sogleich bei seinem Entstehen mit 
Prophetengeist als das „neue Deutschland, in dem sich eine Thür fiir ein groises und wunder- 
bares Gotteswerk auflhue^, begrüfste, kaum hatte der neue, ebenso erleuchtete wie kraftvolle 
Landestürst, der in dem groFsen Reformator seinen treues ten Freund und Berater verehrte, als- 
Hochbiurg des neuen Geistes, der fortan im PreuFsenland nachhaltigste Püege finden sollte, seine 
Albertina zu Königsberg gegründet, da erstand alsbald — ein neuer Stein zum grofsen Zukunfbs- 
bau — die lateinische Schule zu Bastenburg, sie, die der erlauchte Stifter mit der hehren Absicht 
ins Dasein rief, dafs sie für seine „alma mater'^ aus dem £j:eise der heimischen Jugend ihm die 
rechten, lernbegierigen Kräfle zu gewinnen trachte. Hier also in diesen Mauern ward am Lichte 
der Beformation frühe schon von eines edlen Fürsten Hand die Flamme klassischer Bildung ent- 
zündet, die die Geister aus dem alten Banne des scholastischen Mittelalters befreit hat, und etwas- 
Groises ist es nun um den Gedanken, dafs diese Arbeitsstätte, wo von vorne herein der Genius 
einer geläuterten Eeligion mit der neubelebten Wissenschaft zu des Vaterlandes Bestem seinen 
heiligen Bund geschlossen, am Werke war und blieb, als es in ihrem Heimatlande, dem „neuen 
nordischen Deutschland'^ immer heller, immer mächtiger zu tagen begann — etwas Grofses ist 
es um den Gedanken, dafs in den Hallen dieser Lehranstalt, wie es uns ja auch der historische 
Festzug mit den grofsen Gestalten unserer vaterländischen Geschichte morgen vor unser seelisches 
Auge führen soll, sich die Begeisterung der lernenden Jugend an dem Siegesfluge des preufsisch- 
brandenburgischen Adlers von Fehrbellin und Leuthen bis Waterloo, von Düppel und Königgrätz 
bis Sedan hin immer neu entzünden konnte — etwas Grofses und Bührendes ist es um das 
Gedächtnis, dais über dieser Schule schon das Scepter des Grofsen Kurfürsten ebenso gewaltet, wie 



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über ihr zu immer netiem höheren Streben der Stern des Grofsen Friedrich und vollends die 
Siegesstene Wilhelms des Grofsen aufgegangen. 

Und nun das Ende dieser schönen Beihe, an das Ihr, die feiernden Nachkommen, im 
Festesglatoze dieses Tages mit stiller, stolzer Freude Euch geschlossen seht? 

Eurer Schule, die gestiftet ward, als erst „die Thüre" hier zu jenem „grofsen, wunderbaren 
Gt)tteswerKe'S wie es Luther geahnt, sich bescheiden öffnete, heute, wo seit fünfimdzwanzig Jahren 
schon, was einst nur Ahnung war, „Ereignis*^ geworden — heute ist es ihr beschieden, in dexa 
grofsen Jubeljahr des neuerstandenen Deutschen Reiches ihr hehres Jubelfest zu feiern, und, was 
die Krone fiurer Feierstunde ist, das alte Herzogsbanner, unter dem die Schule einst ihr hohes 
Werk der Jugendbildung so TerheifsungsvoU beginnen konnte, der Deutsche Kaiser selbst läfst es 
Euch heute in einem neuen Strahlenkranze erstehen, der — bedeutungsvoll genug — wie in einem 
goldenen Ringe die Gegenwart und ihre Gröfse mit der Vergangenheit und ihren heiligen Erinne- 
ningen fest verknüpft. 

Denn der Name, den nun Eure Anstalt durch, kaiserliche Gnade fortan tragen soll — er 
mahnt uns alle laut und unzweideutig, dafs die Wurzeln jener Kraft, die uns so Grofses an das Licht 
gebracht, in jenen altpreufsischen Tugenden beschlossen sind, zu deren Pflege wie diese Anstalt 
80 auch alle übrigen bis auf die jüngste unter uns herab von unsem Fürsten, den gottgesetzten 
Hütern von Wahrheit, Recht und Freiheit, berufen sind, auf dafs sie in der Jugend Herzen einen 
Damm der Gottesfurcht und Treue gegen die bösen Mächte, die mit ihrem Hafs und Unfrieden 
die heiligsten Güter der Menschheit bedrohen, aufzurichten stets beflissen seien. 

„Zur Ahnentugend wir uns weihu" — das sei darum heute „Grufs und Gegengrufs**, 
den die ostpreufsishen höheren Lehranstalten mit ihrer feiernden Schwester an dieser altgeweihten 
Stätte austauschen! Ein Geist, der Geist des Glaubens und der Stärke, und eine Liebe, die 
Liebe zum Vaterlande und dem, der es regiert, unserm erlauchten Herrscher, beseele uns allef 
In hoc signo vincemus. 

Indem ich mich mit diesen Worten des mir gewordenen ehrenvollen Auftrages entledige, 
Euch, verehrte Kollegen, zu Eurem Jubeltage die Glück- und Segenswünsche aller hier vertretenen 
höheren Lehranstalten unserer Provinz darzubringen, gereicht es mir zu ganz besonderer Freude, 
dabei zugleich der Überbringer eines schriftlichen Festgrufses desjenigen Gymnasiums sein zu 
dürfen, das zwar der jüngsten eines, doch auch an altgeweihter Stätte seinen Namen von „Preufsens 
Schutzgeist*' selbst, von der unvergefslichen Königin Luise trägt und sich darum mit doppelter 
Wärme heute hierhergezogen fühlt, wo bei dem Jubelfeste des altehrwürdigen Herzog- Albrechts- 
Gymnasiums alle grofsen patriotischen Erinnerungen wieder wach geworden. Das Lehrerkollegium 
des Königlichen Luisen-Gymnasiums zu Memel sendet Euch also aus gleichgestimmter Seele seine 
treuesten Grüfse, wie sie in der anbei erfolgenden lateinischen Adresse, geflossen aus der Feder 
eines früheren Zöglings* Eures, des Rastenburger Gymnasiums selbst ihren tiefgefühlten Ausdruck 
gefmiden haben. 

Den hierin ausgesprochenen Wünschen aber noch persönlich Nachdruck zu verleihen, da- 
zu filhle ich, der Leiter jener Anstalt, mich um so mehr bewogen, als mein Herz noch immer 
mit allen seinen Fasern an Rastenburg, meiner teuern Vaterstadt, und seinem heute so gefeierten 
Gymnasium hängt. 

Ja, es stürmen heute in diesem weihevollen Augenblicke und an dieser heiligen Stätte 
tiefbewegende Erinnerungen mannigfacher Art auf mich ein. Vor allem ist es der Geist eines 
ten, hochverehrten Vaters, der mich heute hier lebendiger denn je umschwebt, eines Mannes, 

*; Der Verfasser der Adresse ist der Professor Paul Saikowski. 



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der mehr als sechsundvierzig Jahre an dem hiesigen Gymnasium als Lehrer thätig gewesen, und 
es hat mich darum tief gerührt und mit innigem Danke gegen die piet&tvollen Spender erMt, 
dafs auch sein Grab, schon geziert durch ein Denkmal, das ihm diese Schule selbst gesetzt, bei 
Gelegenheit der heutigen Feier wie die anderen Gräber teurer Lehrer mit einem ülranze irisch 
geschmückt worden ist. 

Aber nicht blofs darum und als Schüler bewahre ich dieser Anstalt ein dankbares Ge- 
dächtnis; auch als Lehrer schulde ich ihr meine erste pädagogische Ausbildung, und unvergefsUcIi 
wird mir die Liebe sein, mit der hier seinerzeit der hoehangesehene Direktor Dr. Techow meine 
ersten Schritte auf der Lehrerbahn geleitet hat. 

Und kann ich hier nicht ohne Wehmufc des Vergangenen gedenken, so ist die Freude 
doppelt grofs, den Zoll dankbarster Liebe einem Manne darzubringen, der, der Nestor heute der 
Kastenburger Lehrer, eines otium cum dignitate in seltener Geistesfrische geniefsen darf — er, der 
allverehrte Professor Claufsen, nicht blofs ein Lehrer, sondern ein Bildner der Jugend in des 
Wortes edelstem Verstände, dem wir — SQine Schüler alle die bleibendsten Eindrücke f&r das 
Leben zu verdanken haben. 

So von Gefühlen der Liebe, der Treue und der Dankbarkeit f&r das Rastenburger Gym- 
nasium tief bewegt, wird meines Herzens Bede schlielslich zu dem innigen Gebete: Gott, der 
Allerhöchste — er lasse die geliebte Anstalt auch flttrder blühen und gedeihen — gedeihen bis in 
Ewigkeit, soweit's dem Menschen ansteht, hier von Ewigkeit zu sprechen! Gottes Segen über 
Euch! Amen!" 

Die Antwort des Direktors galt allen Deputationen zugleich. 

„Wenn wir als Wahlspruch auf die Fahne unserer Anstalt gesetzt haben: „Gottesfurcht, Wissen- 
schaft, Vaterlandsliebe", so ist dies überhaupt der Wahlspruch aller liöheren Lehranstalten, dies das 
Ziel, nach dem sie alle streben, dies das gemeinsame Band, das sie zusammenhält, sie festigt. In 
diesem Streben wissen wir uns alle eins, die ältesten und die jüngsten Schwestern; ob sie die alt- 
klassische oder die realistische Richtung vertreten, alle eilen nach dem Ziele hoher Verstandes- und 
echter, wahrer Herzensbildung. Ich will die allgemeinen Gesichtspunkte der iunern Verwandtschaft 
zwischen uns allen hier nicht weiter ausführen ; ich habe sie bereits gestern genugsam hervorgehoben 
und eben in meiner Festrede berührt. Jch will hier noch an eine andere Seite der Gemeinsamkeit 
erinnern, die zwar scheinbar nur äufserlich ist, aber eine tiefe innere Bedeutung hat und von dem 
gröfsten Einflufs auf das Leben der einzelnen Schule und schliefslich auch der Anstalten des ganzen 
fezh'kes, der ganzen Provinz ist und darüber hinausgeht. Im Unterricht ist jedes Abschliefsen des 
einzelnen Lehrers oder der einzelneu Anstalt von grofsem Schaden für das Ganze; der wahre Wert 
liegt im lebendigen Austausche von Erfahrungen und Versuchen. Nur so kann das Auscinanderstrebcn 
der Anstalten verhindert, nur so eine heilsame Kontinuität in den allgemeinen Grundsätzen der Er- 
ziehung herbeigeführt werden. Als vor fünfzig Jahren an dieser Stelle die Vertreter der Schwester- 
anstalten ihre Glückwünsche darbrachten, waren es ausnahmslos ehemalige Schüler der Anstalt, die 
nach Absolvierung ihrer Studien ihr Wissen und Können in den Dienst einer andern Anstalt gestellt 
hatten, und mein früherer Amtsvorgänger Dr. Heinickc konnte dies mit Freuden konstatieren; es 
war zugleich ein Zeugnis für die weitreichende Bedeutung unserer Schule. Obwohl nun im Laufe 
der letzten fünfzig Jahre die Ausbreitung des höheren Schulwesens erheblich zugenommen hat, so 
ist diese Erscheinung doch dieselbe geblieben. Von den Anstalten unserer Provinz ist es kaum eine, 
die nicht in näherer oder weiterer Beziehung zu unserer Anstalt steht, und von den Anstalten der 
Nachbarprovinz Westpreufsen ist es eine grofse Anzahl, besonders die Danziger Schulen, indem ehe- 
malige Schüler als Lehrer dort wirken oder Leiter und Lehrer in Wechselwirkung stehen zum Segen 



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der beiderseitigen Anstalten, und ich schätze mich auch in dieser Beziehung glücklich, dafs mich 
ganz besonders weite und innige Beziehungen mit den Schwesteranstalten verbinden und mir eine 
reiche Quelle der Erkenntnis und der Freude sind. 

Eine ganz besondere Freude, hochverehrter Herr Direktor Grosse, ist es mir, dafs ich Sie hier 
begrüfsen darf; ich rurc Ihnen ans dankerfälltem Herzen ein herzliches Willkommen zu. Zähle ich 
doch die Jalire, die ich unter Ihrer Leitung an Ihrer Anstalt arbeiten durfte, nach jeder Bichtung 
Ud zu den glücklichsten meines Lebens und den segensreichsten meines Berufes. Ich glaube und 
hoSe, ich brauche es Ihnen nicht zu versichern, was ich für Sie und IhreAnbtalt fühle und wie sehr 
kh beiden ergeben bin. Gott sei mit Ihnen und Ihrer Anstalt und segne sie, wie er es bisher in so 
reichem Mafse getlian hati Inuis^ sind auch unsere Beziehungen zu den andern Anstalten der Pro- 
vinzialhauptstadt, und ich bitte Sie, hochverehrter Herr Direktor, allen unsern herzlichen Dank und 
die aufrichtige Erwiderung ihrer Wünsche für eine gedeihliche Entwickelung zu übermitteln. 

Und auch Ihnen, hochverehrter Herr Direktor Kü.sel, der Sie im Namen der Gymnasien in der 
Provinz die Glückwünsche überbracht haben, rufe ich ein ganz besonderes Xoaps zu. Sind 
Sie doch nach langer Zeit der Trennung gewissermaisen zu einem Familienfest ins Vaterhaus geeilt, 
am hier ihren kindlichen und schwesterlichen Gefiihlen zugleich auch für die andern und jüngeren 
Familienmitglieder Ausdruck zu geben. Ich danke Ihnen von Herzen für die warmen Glück- und 
Segenswünsche und kann nur von Herzen wünschen, dafs auch Ihrer Anstalt allezeit Heil und Segen 
beschieden sei und Sie allezeit bleibe, was sie ist, ein Pflanzstätte der Kultur und Gesittung. Und 
ebenfalls danke ich Ihnen, meine hochverehrten Herren Kollegen, die Sie hier als Vertreter der 
Provinzialanstalten erschienen sind und ihre Glückwünsche üherbracht haben, von der jüngsten in 
unserer Provinz, an die mich besonders innige Bande langen gemeinsamen Lebens mit meinem 
hochverehrten Kollegen Buchholz knüpfen, bis zu den beiden ältesten, die Schulter an Schulter mit 
unserer Anstalt als Hort und Wächter der Kultur im Kampfe gegen die andrängende Barbarei des 
Slaventums für deutsches Wesen, deutsche Sitte stets gestanden haben und, so Gott will, allezeit un- 
entwegt stehen werden. Ich bitte Sie herzlich, unsern Dank zu den Ihrigen heimzubringen und auch 
femer mit uns in freundschaftlichem Verkehre und nahem Verhältnisse zu bleiben. Gottes Segen 
sei mit Ihnen und Ihren Anstalten!^ 

Den Glückwünschen der anderen Anstalten schlössen sich die der unserigen an. Die Herren 
Professor Dr. Zimmermann und Oberlehrer Dr. Lentz überreichten dem Direktor Festgaben, der 
erstere den vierten Teil seines Übungsbuches im Anschlufs an Cicero, Sallust, Livius zum Übersetzen 
aas dem Deutschen ins Lateinische^ Berlin, Gaertner 1896, der letzere «Das Entwickelungsalter der 
männlichen Jugend, eine Betrachtung für Schule und Haus^, Oster wieck, Zickfcldt, 1896. Herr 
Professor Dr. Zimmermann sprach dabei folgendes: 

^Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr Direktor, bei diesem feierlichen Akte an Sie als 
den Leiter und Vertreter unserer jubilierenden Anstalt im Namen meines Kollegen Herrn Dr. Lentz 
mid in dem meinigen einige wenige Worte zu richten! 

Es war beabsichtigt worden, dafs zu dem seltenen Feste unserer alten, lieben Schule ein 
Sammelprogramm mit Abbandlungen oder sonstigen litterarischen Beiträgen möglichst aller unserer 
hiesigen Herren Kollegen herausgegeben werden sollte. In der Zeit aber, in welcher dasselbe hätte 
entstehen müssen, waren die Geldmittel zur Drucklegung nicht bereit, und nachher bei ihrem Vor- 
handensein war es zu spät zur Herstellung eines immerhin gröfseren Druckwerkes. Da so zu unserm 
Leidwesen die schöne Absicht nicht hat zur Ausführung kommen können, haben Herr Dr. Lentz und 
ich einen kleinen Ersatz für das Fehlende zu schauen gesucuu 



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52 

Herr Dr. Lentz widmet der Anstalt als Jubelgabe im Sonderabdruck seinen soeben im 
^Pädagogischen Archiv** erschienenen Aufsatz „Das Eutwickelungsalter unserer männb'chen Jugend.* 
Das Wesen des zwischen dem Knaben- und dem Jünglingsalter Hegenden Zeitabschnittes — das 
sechzehnte und das siebzehnte Lebensjahr — ist bis jetzt fast ausschliefslich von Ärzten behandelt 
Der Herr Verfasser hat nun den Versuch gemacht, die dankenswerten ärztlichen Beobachtungen 
durch erzieherische Erwägungen zu ergänzen und für die Behandlung des schwierigen Alters festere 
Grundlagen zu schaffen zum Segen für Schule und Elternhaus. 

Ich selbst hatte schon früher Vorkehrungen getroffen, zu dem Jubelfest unseres Gymnasiums, 
mit dem mich bereits eine zwanzigjährige Wirksamkeit an demselben verbindet, den vierten Teil 
meines Übungsbuches im Anschlufs an Cicero, Saliust, Livius zum Übersetzen aus dem Deutschen 
ins Lateinische mit einer Widmung erscheinen zulassen, und er i:<t nun gerade jetzt zur rechten Zeit 
herausgekommen. Er enthält Übungsstücke im Anschlufs an das zweiundzwanzigste Buch des Livius, 
für das sich Se Majestät unser Allergnädigstor Kaiser und König wegen der darin enthaltenen Dar- 
stellung der Schlacht bei Cannä ganz besonders interessiert hat. Mögen die daran abgeschlossenen 
Stücke^ die aus dem Unterrichte gerade an unserer Anstalt entstanden und in demselben zum grofsen 
Teil benutzt worden sind, auch weiter durch ihren Inhalt und ihre Form der uns anvertrauten 
Jugend zu gute kommen und dazu beitragen, dafs unsere Arbeit in den durch die neuen Lehrpläne 
gewiesenen Bahnen unter Gottes gnädigem Beistande einen gedeihlichen Fortgang an unserer Schule 
nehme im Sinne ihres erlauchten Stifters und ihres gegenwärtigen erhabenen Schirmherrn I 

Indem ich Ihnen, hochverehrter Herr Direktor, nunmehr das Buch des Herrn Kollegen 
Dr. Lentz und das meinige überreiche, schliefse ich in unser beider Namen mit dem Zurufe, den das 
Vorwort meines Buches enthält und bei dem ich mich eins weifs auch mit den übrigen Herren 
unseres Lehrerkollegiums — dem hoffnungsfreudigen Zurufe: „Ein kräftiges Gedeihen und ein segens- 
reiches Wirken sei auch fernerhin unserer würdigen Anstalt beschieden I'''* 

Der Direktor dankte den Amtsgenossen und betonte in seiner Antwort, es sei für ihn und 
die ganze Anstalt eine besondere Freude, dafs auch aus ihrer Mitte ihr Glückwünsche dar- 
gebracht und dais diese damit bethätigt würden, dafs der Anstalt, die Förderung geistigen Lebens 
als ihre Aufgabe betrachte, eine thatsächliche Lcbensäufscrung nach dieser Richtung gegeben werde. 
^Sie haben mir eben zwei wissenschaftliche Werke üben^eicht. Wer aber wie ich weifs, was gerade 
Sie beide seit Monaten fär die Vorbereitungen zu dieser unserer Jubelfeier geleistet haben, der ranfs 
mit staunender Bewunderung fragen, wie sie es möglich gemacht haben, noch diese Widmung fertig 
zu stellen. Ich danke Ihnen aufrichtig und von ganzem Herzen und hoffe, dafs Ihr thatkräfiiges 
Schaffen ein leuchtendes Vorbild sein wird iiir unsere Jugend, dafs sie von Ihnen lerne, was es 
heifst, auch unter den schwierigsten Verhältnissen mehr thun als seine Pflicht. Und auch Ihnen 
allen, meine Herren Kollegen, deren Glückwünschen Herr Kollege Zimmermann soeben Ausdruck ge- 
geben hat, danke ich herzlich und wünsche aufrichtig, dafs wir wie bisher so auch ferner in Freudig- 
keit und Eintracht zusammenwirken zum Segen der Anstalt, zum Segen der Jugend.^ 

Die Reihe der Glückwünsche schlofs Herr Direktor Penksy, der die Wünsche der höheren 
Töchterschule dem Gymnasium überbrachte, indem er die warmen Worte einer kunstvoll gestickten 
Adresse verlas: 

^Dem Königlichen Gymnasium zu Rastenburg bringen zu seiner 350jährigen Jubelfeier am 
24., 25. und 26. Juni 1896 die Lehrer und Lehrerinnen der hiesigen städtischen höheren Mädchen- 
schule hiermit ihre herzlichsten Glückwünsche dar. 

Möge der allbarmherzige Gott die ehrwürdige Anstalt, welche er bereits dreieinhalb Jahr- 
hunderte lang so sichtlich in seinen gnädigen Schutz genommen hat, auch ferner bis in die spätesten 



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53 

*Tage mit dem reichsten Segen überschütten, damit sie wie bisher allezeit eine Stätte edler 6e- 
^ittnng, reichen Wissens, treuer Vaterlandsliebe und wahrhafter Frömmigkeit bleibe!** 

Der Direktor wies in seiner Antwort auf die gemeinsame Arbeit der Jogenderziehong ia 
^en verschiedenen Arten der Schulen hin und betonte den hohen Wert und die Bedeutung, die 
jede Schulgattung im Leben des Volkes habe und die durch die preufsische Geschichte in den 
letzten beiden Jahrhunderten aufs glänzendste bewiesen werde. 

„Und in Ihnen, hochverehrter Herr Direktor, der Sie die höhere Töchterschule vertreten, 
.ist ein gutes Stück echt deutschen Lebens verkörpert; denn von jeher ist es im Leben auf 
die Frauen angekommen, und ihre Vorbildung und Erziehung ist daher von der höchsten Wich- 
.tigkeit. Dafs sie in der von Ihnen geleiteten Anstalt in guten Händen ist, beweisen unsere 
Frauen und Jungfrauen, die durch Ihre Anstalt gegangen sind. Gott segne Ihre Arbeit und fördere 
•das Werk der Erziehung an den kommenden ^Geschlechtern zum Wohle der Stadt und des 
Vaterlandes !** 

Der von Herzen kommende Gesang: „Nun danket alle Gott" schlofs die erhebende Feier, 
tund unter den Klängen eines Orgel-Postludiums verlielsen die Festteilnehmer die Kirche. 

Die jetzigen Schüler rückten in Ordnung mit ihren Fahnen vor die Anstalt und nahmen 
.dort Au&tellung, die ehemaligen und eine mehr als tausendköpfige Menge füllte den Platz und 
-die Strafsen neben der Kirche. Da brachte Herr Pfarrer Biermann in bewegten und bewegenden 
Worten ein „Vivat,crescat,floreat Gymnasium Bastenburgiense!" aus, in das alle mit Begeisterung 
einstimmten. 

Es war bereits IV2 Uhr geworden, als die Festversammlung sich zerstreute, und um 2 Uhr 
«ollte schon das Diner in der Festhalle eingenommen werden. Die lange Dauer der kirchlichen 
Feier hatte jedoch eine kleine Verschiebung des Diners zur Folge; es begann etwa um 2^/2 Uhr. 
An achtzehn weifs gedeckten Tafeln safsen die Festteilnehmer, gegen 400 an der Zahl. 

Der erste Blick fiel auf die künstlerisch ausgestatteten Tischkarten, die von der Frau 
3aronin von Schmiedeseck- Woplaucken, geb. Gräfin zu Eulenburg-Prassen, entworfen und ausge- 
fÖhit worden waren. Auf denselben gruppierten sich über und links neben der von Stabomamenten 
Tungebenen Speisenfolge anziehende bildliche Darstellungen, die ihrerseits meist durch Astornamente 
voneinander geschieden wurden. In ihrer Mitte zeigte sich das alte, ehrwürdige Gynmasium, und 
«die Unks davon emporragende Stange mit dem von einem Lorbeerkranze umschlossenen Bildnis des 
Herzogs Albrecht und die Zahlen 1546 und 1896 auf dem Bande sowie der Bannerträger unten, ein 
festlich geschmückter, altertümlicher Wappenherold mit dem Festeswunsche: „Vivat,floreat, crescat 
O-ynmasium Eastenburgense!" wiesen auf die Bedeutung und den Charakter der Feier hin. Neben 
^em Gymnasium zeigte die Karte noch die schönste Ansicht der alten Ordensstadt Bastenburg, 
die zum Himmel emporstrebende evangelische St.-Georgenkirche, und die hervorragendsten Baulich- 
keiten der neuen Stadt, das Bathaus und das Kreishaus, indem diese zugleich auf die das Fest 
xnitfeiemde Stadt und den Kreis Bastenburg hinwiesen. 

Nach dem ersten Gange erhob sich Se. Excellenz der Herr Oberpräsident Graf von Bis- 
jmarck-Schönhausen zum Toast auf Se. Majestät den Kaiser. 

Der HerrBedner gab auch hier zunächst seiner Freude Ausdruck, an dem Feste teilnehmen 
jsa können, und ging dann auf den der Anstalt von Sr. Majestät dem Kaiser verliehenen NaSiea 
^Königliches Herzog-Albrechts-Gymnasium^ ein. Es sei gewissermafsen die Devise „Kaiser, König 
tmd Vaterland^ in den Namen gelegt. Er sei überzeugt, dafs das neue Herzog-Albrechts-Gjrmna- 
;sinm genau so wie das alte die Liebe zu König und Vaterland, zu Kaiser und Beich pflegen werde«. 



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54 

In das auf Se. Majestät den Kaiser aasklingende Hoch stimmte die Versammlang mit;^ 
grofser Begeisterung ein. 

Das nächste Hoch brachte Herr Gehoimrat Gruhl auf das Gymnasium aas, indem er aus- 
führte, er habe heute in der Kirche Bosorguisse ausspreciien hören, dafs unsere Jugend nicht mehr 
in den Geist des Altertums eindringe wie früher und dafs die Vielseitigkeit des Lehrplanes die- 
Wissenschaftlichkeit schädige. Er fürchte das nicht; denn es stecke ein starker Idealismus in dcD» 
Schulen, und dieser erhalte das Bestehende, solange und soweit es eine Berechtigung in sich trage, 
ergreife aber ebenso freudig, was eine neue Zeit mit sich bringe au neuen Bildungsscbätzen and. 
Biidungsstoffen. So sei es mit der deutschen Jugend von jeher gewesen und werde auch weiter sO' 
bleiben, wenn aucli die Lchrpläne sich änderten und bei jeder Änderung Besorgni|^e laut würden. 
Dafs auch hier am Herzog- Albrechts-Gymnasium der Idealismus gepflegt werde, habe er deutlicli 
aus der gestrigen Aufführung der Goctheschen „iQ^iigenic^ gesehen, und er wünsche und hoffe, daÜF 
dieser der Anstalt erhalten bleibe. In diesem Sinne gelte sein Hoch dem Königlichen Herzog-- 
Albrechts-Gymnasium, seinem Direktor, seinen Lehrern und Schülern. 

Alle Anwesenden stimmten in das Hoch begeistert ein. 

Der Direktor dankte im Namen der Anstalt und in dem seinigen für die gütigen Worte- 
und wies darauf hin, dafs trotz aller Anstrengung und alles Idealismus von Lehrern und Schulen^ 
dieses Fest nicht den Verlauf genommen hätte, an dem sich alle erfreuten, wenn nicht die vorge- 
setzten Behörden mit Wohlwollon allen Lebensregungen der Schule gefolgt wären und stets ein 
offenes Auge und Ohr für die Wohlfahrt des Einzelnen und des Ganzen hätten. Er selbst habe oft- 
genug Gelegenheit gehabt, dieses Wohlwollen der vorgesetzten Behörden zu erfahren. Darum bitter- 
er, die Gläser zu erheben urd in ein Hoch auf seine vorgesetzten Behörden und ihren anwesenden 
Vertreter, Herrn Geheimrat Gruhl, einzustimmen. Der Herr Oberpräsident hatte bald nach dein* 
Kaisertoast das Diner verlassen müssen. 

(m Namen der Stadt gab Herr Rechtsanwalt Troege der Freude Ausdruck, dafs das Gymnasium* 
ein solches Fest feiere, und hiefs die aus allen Landesteilen herbeigeströmten Gäste willkommen« 
Herr Begierungs-Präsident v. Tieschowitz zollte den so gelungenen Festveranstaltungen, besonders- 
der prachtvollen Ausschmückung der Stadt Worte der Bewunderung und meinte, ein solches Fest könne 
nur in Rastenburg gefeiert werden. Mit Worten der Anerkennung für den Fest-Ausschufs schlofs er" 
seine Rede mit einem Hoch auf die Stadt Rastenhurg. Vou den vielen andern Reden ernsten und 
scherzhaften Charakters, die noch gehalten wurden, will ich nur noch die besonders wirkungsvolle* 
des Herrn Pfarrer emer. Gcmmel-Königsberg auf den von Tausenden gekannten, geachteten und 
geliebten ältesten noch lebenden Lehrer des Gymnasiums, Herrn Professor Claussen, der es sicb^ 
trotz seiner 85 Jahre nicht hatte nehmen lassen, fröhlich am Festessen teilzunehmen, hier erwähnen. 

Um 5 Uhr war der ofBzielle Schluls des Diners; es schlofs sich sogleich daran in denselben^ 
und den anstofsenden Räumen das Gartenfest. 

Der Himmel war zwar bedeckt, aber eine Wärme von 16" Reaumur machte den Aufent- 
halt im Garten sehr angenehm. Seit 3 Uhr nachmittags strömten die Damen und die nicht am 
Festessen teilnehmenden Herren zum G-arten des Hotel de Koenigsberg, so dafs um 5 Uhr die 
drei Gärten mit etwa 2000 Personen gefüllt waren. Pünktlich 6 Uhr begann das Konzert, aus- 
geführt von der Kapelle des Infontene-Regiments Herzog Karl von Mecklenburg-Strelitz (6. Ostpr.) 
No543 unter der Leitung des Königlichen Musikdirigenten Herrn Krantz-Koenigsberg und dem 
iäängerchor des Gymnasiums. Das Programm war folgendermafsen festgesetzt: L Teil. 
Instrumental^Musik. Einzugsmarsch zum Festspiel ^Die Ruinen von Athen^ vonL. V.Beethoven*- 
Ouvertüre zu „Tannhäuser" vou S. Wagner. „Sirenenzauber", Walzer von WaldteofeL- 



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Fantasie aus „Cavalleria Rusticana" von Mascagni. — IL TeiL Instarumentalmusik. „Lob 
4er Frauen", Polka-Mazurka von Straufs. Ouvertüre zu „Teil" von Rossini, ßomanze aus 
^jMignon" für Piston von Thomas (Herr Eose), „Wotans Abschied" und „Feuerzauber** aus „Die 
W'alküre" von R. Wagner. — IIL Teil. Gesang. „Mein Deutschland" von Otto H. Lange. Vesper- 
^gesang von Dem. Bortnianski. ,,Naturstudium**, Volksweise« Abendchor aus der Oper „Das 
Nachtlager von Granada" von Konradin Kreutzer. Sang an Ägir, Komposition von Sr. Majestät 
•dem Kaiser Wilhelm IL — IV. Teil. Instrumentalmusik. „Bei uns z' Haus", Walzer von Straufs. 
Nachklänge aus dem Zillerthale, Fantasie für Piston von Hoch (Herr Zander). IL Scene, Auftritt 
.der Eiesen und Terzett der Eheintöchter, aus „Bheingold" von ß. Wagner. Prolog aus „Der 
Bajazzo" von Leoncavallo. — V. Teil. Gesang. „Was glänzt dort vom Walde" von C. M. v. Weber. 
Altniederländische Volkslieder, bearbeitet von Kremser: a. Klage, b. ,.Wilhelmus von Nassauen". 
45. Kriegslied. d. „Berg op Zoom " e. Dankgebet. — VI. Teil. Instrumentalmusik. Potpourri aus 
^,Der Obersteiger" von Zeller. Ungarische ßhapsodie Nr. 2 von Fr. Liszt. „Der Spötter", Polka 
Ar zwei Piccolo-Flöten von Rixner. „Mousseux", Galopp vod Fahrbach. 

Tausende wogten in heiterster Stimmung unter den Klängen der Musik in den Wandel- 
gängen des Gartens und erfreuten sich an den schönen Arrangements, die das Gartenfest-Komitee 
.unter Leitung des Herrn Amtsgerichtsrats Braun getroffen hatte. 

Den Höhepunkt erreichte das Gartenfest, als es dunkel zu werden begann. Etwa um 872 Uhr 
wurden fünf lebende Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart des Gymnasiums nach 
Ideen und Angaben des Professors Dr. Zimmermann, der auch die poetischen einleitenden Worte 
■zu jedem einzebien lieferte, und mit freundlicher Unterstützung der Frau Kantor Küssner, der 
.Frau und des Herrn Oberlehrer Preufs gestellt. Die glänzeuden Kostüme dazu waren, eben« 
falls nach Angaben des Professors Dr. Zimmermann von dem Direktor und dem Herrn Oberlehrer 
Dr. Lentz bei Pichon in Königsberg ausgewählt oder bestellt worden und entsprachen durchaus 
den Anforderungen. Die Friseurarbeiten hatte Herr Jagusch übernommen. Altertümliche Stühle 
und Bänke waren mit gütiger Genehmigung des Herrn Superintendenten Borowski aus der 
JSt.-Georgenkirche und der polnischen Kirche, alte Folianten aus der Gymnasialbibliothek her- 
beigeschafft; Decken und Teppiche hatte Herr Kaufmann Jacoby geliefert, für Tannen, Topf- 
gewächse, Guirlanden, Lorbeerkränze und Blumen Herr Kunstgärtner Salelsky gesorgt. Die 
Beleuchtung der Bilder erfolgte durch elektrisches und Magnesiumlicht sowie durch geruchlose 
Jbengalische Flammen, die Herr Kültzau gefertigt hatte. 

Leider war es aus vielen Gründen unmöglich, die Bilder auf der Bühne in der Festhalle 
rzu stellen, in deren Nebenräumen sämtliche Bequisiten hätten in Bereitschaft gehalten werden 
können; es mufste dazu die in eine Bühne verwandelte Musikhalle des Gartens benutzt werden. 
Hei der grofsen Zahl der Mitwirkenden wurde mit der Zurüstung derselben gleich nach dem 
Diner begonnen. 

Nach den nötigen Vorbereitungen wurden jedesmal auf ein Trompetensignal zunächst bei 
geschlossenem Vorhange die einleitenden Worte zu dem betreffenden Bilde durch den Oberprimaner 
'Gloth gesprochen; dann teilte sich der Vorhang, das Bild wurde sichtbar, und zugleich setzte ein 
Homquartett mit dem entsprechenden Musikstücke ein. Das Einzelne gestaltete sich folgendermafsen: 

1. 
Einleitende Worte: 

„Du glühst, mein Bastenburg, im Festesglanze, 

und herrlich hast du dich und hehr geschmückt. 

Es wehn und wallen würdig deine FahneUi 



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56 

Und deinen Wald hast da hereiugenifen 

Aus seinem Frieden her in reges Leben 

Mit seinem frischen Grün als heitre Zier. 

Es schlug das Herz dir hoch in warmer Brost 

Beim fröhlichen Empfang der lieben Gäste, 

Die hergeeilt sind, um mit deinen Kindern 

Ein seltnes Jubelfest hier zu begehn 

Denn vor dreihundert fünfzig Jahren ward 

Die StÄtte dir beschert, an der so vielen 

Ein heilig Feuer, nie verlöschend, hat 

Den Geist durchleuchtet und durchwärmt das Herz. 

„Heil, Herzog Albrecht!" rufen alle nun. 

Die hier in diesem Festesraume weilen; 

Er war es ja, der jenes Feuer dir. 

Das heute strahlend noch und mächtig lodert, 

Entzündet hat und den Altar gebaut 

Und ihn in einen Tempel eingeschlossen 

Doch es geziemt sich auch, bei dieser Feier 

Den Blick zu lenken in die Zeiten, deren 

Die Bildungsstätte hier so manche sah. 

Aus ihnen und aus diesen Festestagen 

Mag eine Reihe Bilder denn erstehn. 

Auf denen Euer Auge gerne weile! 

Die Muse fährt zuerst Euch in die Zeit, 
"Wo unsre Schule hier gestiftet ward. 
Im alten Bathaussaale sind versammelt 
Der strenge Bür:^ermeister und der Rat 
Und angesehne Bürger dieser Stadt. 
Vor ihnen stehn von Pomesanien 
Der Bischof und der Albertina Rektor 
Mit dem Schlofshauptmann und dem Erzpriester. 
Mit edler Würde überreicht der Bischof 
Das Strftungsdokument dem Bürgermeister, 
Und Segen wünscht er dem Partikular, 
Indem er feierlich die Worte spricht: 
„So mag es denn erblühn uud recht den Willen 
Und Wunsch des Herzogs, der es schafft, erfüllen! 
Es lebe fort Jahrhunderte hindurch, 
Und Gott der Herr sei seine feste Burg!"" 

Bild: Die Überreichung der Stiftungsurkunde im Rathause. Saal des alten Rat^ 
hauses mit dem Wappen von Rastenburg. Gemälde, darunter die Luthers und Melanchthous, an deiv^ 
Wänden. Altertümliche Bänke und Stühle auf beiden Seiten. In der Mitte eiue Erhöhung. lo^ 
Hintergi-unde auf derselben, noch weiter erhöht, Büste des Herzogs Albrecht, mit Grün und schwarz- 
weifscn Fahnen geschmückt. Einfacher Tannenschmuck im Saale. Im Vordergründe auf der Er- 
höhung links der Bürgermeister der Stadt mit Amtskette, rechts der Bischof von Pomesanien (Paulus* 



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Speratns), würdige Gestalten, stehend. Der Bischof überreicht feierlich dem Bürgermeister die 
Stiftangsarkunde des Partikulars. Links auf der Seite des Bürgermeisters Ratsmitglieder und an* 
gesehene Bürger der Stadt, rechts zunächst dem Bischof der erste Rektor der Albertina (Qeorg 
Sabinns), dann der Schlofshauptmann von Rastenburg (Wolff Baron von Heideck), Mitglieder des 
Eonsistoriams in alter Luthertracht, ebenso der Erzpriester von Rastenbarg (Johann Panlinns, 
Parochus zu St. Katharina und Archidiakonus zu St. Georg), der deutsche und polnische Kaplan 
(Georg Blumenstein) und der Rektor scholae (Valentinus Neukirch) in Gruppen, alle mit grofsem 
Interesse nach der Haupt&:rnppe schauend. Auf jeder Seite des Vordergrundes ein Ratsdiener mit 
Sturmhaube und Hellebarde in fester Haltung. Volles Licht. 
Musik: „Ein feste Burg ist unser Gott^ etc. 

2. 

Einleitende Worte: 

9,Ein ganz Jahrhundert mit den Wechselfällen, 
Die in der Menschheit Leben wunderbar 
Die Gottheit sendet, um sie immer wieder 
Zu neuem Streben und Erfolg zu wecken, 
Ist in das Meer der Zeiten hingesunken. 
Doch lebt noch kräftig das Partikular, 
Das edle Kleinod dieser Stadt, so sehr 
Auch Krieg und Pest mit schwerer Hand 
Den frischen Aufwuchs niederhalten wollten. 
Man nennt es jetzo nur die grofse Schule. 
Der wohlgelahrte und viel günstige Herr, 
Der Rector scholae, der rekommandieret 
Zu diesem Amte und vocieret worden. 
Versuchet sattsam ihm gcnugzuthun 
Und väterlich die anvertraute Jugend 
In vita und in moribus zu fördern^ 
Und er traktieret, wie es sich gebühret, 
Mit den Primanis fleifsig die Autores. 

Nun zeige, Muse, wie er ihnen wohl 
Interpretieret den Horatium! 
Mit reinem Sinn und Taubennnschuld selbst 
Weifs er sie alle für das schöne Lied, 
Das von der Sicherheit des reinen Herzens 
So herrlich singt, fürs Leben zu begeistern. 
Und alle lauschen, wie er würdig spricht: 
„Wer rein und frei von Schuld das Leben wahrt, 
Braucht Speer und Bogen nicht nach Maurenart 
Und keinen Köcher giftgeträukter Pfeile, 
Ob in der Heimat, ob er ferne weile."" 

Bild: Ein Blick in die grofse Schule zur Zeit des Grofsen Kurfürsten. Klassen» 
ramn (im Gebäude der heutigen polnischen Kirche). In der Mitte des Hintergrundes erhöht Bttsle 
des Grofsen Kurfürsten mit Lorbeerkranz auf dem Haupte und vorn an der Erhöhung. Rechts im 



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Hintergrande alte Büchergestelle mit Folianten in Schweinsleder. Links im Mittel- nnd im Yorder- 
gronde bis zar Mitte, schräge gestellt, alte Bänke uod Stühle, rechts nach dem Vordergründe zu, 
ebenfalls schräge gestellt, Katheder mit aufgeschlagenem Buche und grofsem Stuhl. Auf demselben 
sitzend der Rektor (Paulas Schänder); ehrwürdige Gestalt in einfacher Tracht mit langer Perrücke, 
eifrig sprechend gedacht, die rechte Hand erklärend erhoben. Neben ihm an einem Büchergestell 
der CoUega quartus, ebenfalls in einfacher Tracht, aber mit kurzer Perrücke, aufmerksam nach dem 
Bektor sehend. Ältere Schüler in malerischen Trachten, auf den Bänken und Stühlen in Gruppen sitzend 
oder daneben stehend und stets mehrere gemeinsam ein Buch benutzend. Mit grofser Aufmerksam- 
keit haben manche den Blick in ihr Buch, manche nach dem Rektor gerichtet. Nicht starke Be- 
leuchtung. 

Musik: „Integer vitae scelerisque purus** etc. 

3. 
Einleitende Worte: 

„Die Muse füiirt Euch nun in jene Zeit, 
Wo Preufacn wiederum ein Sparta ward 
Und jene Heldenkraft erneuerte, 
Die oftmals es in harter Zeit bewährt. 
Gewaltig zündeten die Aufgebote, 
Dafs Landwehr sich und Landsturm waffnen sollten. 
Da eilte alt und jung sogleich herbei, 
Der Jüngling und der Mann in grauem Haar. 
Der Offizier, der wegen seiner Wunden 
Und der Verstümmelung entlassen war, 
Der Kaufmann, der sich vom Geschäfte rifs. 
Der reiche Gutsherr, der Beamte, Väter, 
Die viele Kinder zu versorgen hatten — 
Sie alle wollten helfen, üben, rüsten. 
Fürs Vaterland, das teure, streiten, sterben. 
In unscrm Osten lief man gar voraus 
Dem Willen seines vielgeliebten Königs. 
Auch hier in unsern Mauern strömten alle. 
Die nur die Waffen heben, tragen konnten 
Und heimlich sich in dem Gebrauch geübt, 
Herbei in glühender Begeisterung, 
Und feierlich erschienen, ehe sie 
Die Stadt verliefsen, alle miteinander 
In unsrer würdigen Sankt-Georgenkirche, 
Um an geweihter Stätte ihren Schwur 
Schon hier auf ihre Fahnen abzulegen. 

Entrolle denn das Bild, o Muse, zeige, 
Wie da die Blüte unsrer grofsen Schule 
Mit ihrer Jugend Feuer und mit Treuen 
Und rechter Freudi^^keit bereit sich fand, 
Im Leben und im Tode sich zu weihen 
Dem teuren König und dem Vaterland 1" 



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Bild: Der Schwur der Schüler in der St.-Georgenkirchc bei der Erhebung Ost- 
p^r^eufsens 1813. Apsis der St.-Georgenkirche mit den beiden Vordersäulen in dem alten Anstrich. 
In der Mitte des Hintergrundes der frühere Altar. Tannen zu den Seiten desselben und an den 
Säulen. Links neben dem Altar erhöht Büste Friedrich Wilhelms III., würdig geschmückt. Auf dem 
Altar ein Geistlicher, die Hände segnend erhoben. Vor ihm im Vordergrunde ältere Schüler der 
grofsen Schule, knieend und feierlich den Schwur auf die gesenkte scbwarz-weifse Fahne leistend. 
Rechts und links im Mittelgrunde Gruppen jüngeicr Männer je mit einer schwarz-weifsen Fahne. 
Im Vordergründe links Angehörige der Schüler, Greise, Frauen und Mädchen in Luisentracht. Mutter 
und Sohn, Braut und Bräutigam, Abschied nehmend. Rechts im Vordergrunde Offiziere verschiedener 
WaflFengattnngen, ein junger zunächst den Schülern, sonst zum Teil recht alte mit gezogenen und 
erhobenen Säbeln oder Degen. Alle Nebenpersonen schauen ernst auf die Schülergruppe« Etwas 
gedämpftes Licht. 

Musik (Körnerlied): „Wir treten hier im Gotteshaus" etc. 

4. 
Einleitende Worte : 

„Vorüber sind die Tage des Gedenkens 
An jene glänzenden Errungenschaften, 
Durch die vor fünfundzwanzig Jahren wieder 
Das Reich in neuer Herrlichkeit erstand. 
Doch wie bei den Athenern welter man 
Mit Ehren derer dachte, die dereinst 
Bei Marathon fürs Vaterland gefochten. 
So soll auch ferner derer man gedenken 
Bei uns, die freudig Leib und Leben wagten 
Für ihren König und das Vaterland. 
Sie wollten ihrer Väter würdig sein, 
Die niederschauten von des Himmels Höhen. 
Vor allen war es auf den hohen Schulen 
Die Jugend, die zurück nicht bleiben mochte. 
Wo alles freudig zu den Fahnen eilte. 
So war's auch hier, ja, mehr als anderwärts: 
Denn dreifsig von den Schülern unsrer Schule, 
Die seit des dritten Friedrich Wilhelm Zeit 
Nun ein Gymnasium geheifsen war, 
Ersehnten sich, voll froher Hoffnung, eilig 
Das Kriegsexamen zu bestehn, um denen 
Sich einzureihn, die bald den wackern Kämpfern 
Auf Frankreichs Boden sich gesellen sollten. 
Und es gelang der erste grofse Wurf: 
Mit Ehren gingen sie aus dem Examen. 

Wohlan denn, Muse, zeige, wie sie fröhlich 
Aus ihrer alten Anstalt nun hinaus 
Ins Freie eilen und wie ihnen dort 
Ein würdiger Empfang bereitet wird 
Von vielen ihrer lieben Schulgcnosscn, 



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Von Eltern und von Freunden und den Kriegern, 
Die ehrenvolle Wunden in die Heimat 
Bereits zurückgeführt und deren Stelle 
Die jungen Kräfte nun vertreten sollen! 
Ein Geist, ein Herz, ein Wort, ein Schall 
Bricht hier wie überall in deutschen Landen 
Hervor, als ob die wilden Wogen branden: 
„Zum Rheinl^ erbraust ein Ruf wie Donnerhall.^ 

Bild: Die Begrüfsung der Abiturienten vor dein Gymnasium nach dem Kriegs* 
examen 1870. Platz vor dem Gymnasium. Im Hintergrunde dieses selbst in seinem alten, ver- 
witterten Anstrich mit einer Thür, von der Stufen herabführen. Links neben der Thür erhöht Büste 
Wilhelms L, mit einem Lorbeerkranz geschmückt und mit Grün umgeben; dahinter eine schwarz- 
weifse und eine schwarz-weifs-rote Fahne. In der Thür, auf den Stufen und davor Abiturienten, 
die, freudig erregt, nach bestandenem Examen eben hinauseilen. Ihnen treten links und rechts An- 
gehörige entgegen, Väter, Mütter, Schwestern und auch Schulfreunde. Mädchen und Schüler halten 
rote Mützen, Cerevise, grofse goldene und silberne Alber ti in der Hand; Mützen und Cerevise werden 
den Abiturienten überreicht oder aufgesetzt, Alberti an ihrer Brust befestigt. Weiter ab links und 
rechts jüngere Schüler mit kleineren schwarz-weifsen und schwarz-weifs-roten Fahnen in Gruppen. 
Ganz an der rechten Seite im Vordergrunde verwundete Soldaten, die als bereits nach den ersten 
Schlachten heimgekehrt gedacht sind. Alle Nebenpersonen schauen freudig nach den Abiturienten. 
Helle Beleuchtung. 

Musik: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall" etc. 

5. 
Einleitende Worte: 

„Ein Hohenzoller liofs uns hier erstehn 
In alten Zeiten das Partikular, 
Und durch die Hohenzollern blühte fort 
Die würdige, altbewährte grofse Schule 
Und ward ein weitbekannt Gymnasium. 
Auch heute breitet schützend seine Flügel 
Darüber aus der Hohenzollernaar. 
So wird die Bildungsstätte, die nun schon 
Gar schwere Stürme überdauert hat, 
Auch fernerhin zum Segen sich erhalten 
Durch unsrer Hohenzollernfürsten Walten. 

Heil, Kaiser Wilhelm, Dirl Wie Deine Ahnen, 
So wirkst für unsre Schule nun auch Du 
Und wandelst in den hehren Geistesbahnen, 
Die sie Dir wiesen, weiter rüstig zu. 
Du lenkest unser Herz und unscrn Sinn 
Zu schönen und erhabnen Zielen hin. 

Du liebst die Wissenschaft und gönnst der Jugend 
Schon frühe ihrer Strahlen helles Licht. 
Du predigst Gottesfurcht und wahre Tugend 



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und die Erfüllung jeder edlen Pflicht. 

Dem Vaterlande dienst Du treu und rein 

Und willst uns so ein mahnend Vorbild sein. 

Mag denn der Himmel Deinem hohen Streben 

Für uns und für Dein ganzes Volk zugleich 

In Gnaden seinen vollen Segen geben! 

Er schirm' und schütze Dich, Dein Haus, Dein Reicht 

So blühe fort in Deines Ruhmes Glanz! 

Heil, Kaiser, Dir im Friedenssiegerkranz !^ 
Bild: Huldigung für Kaiser Wilhelm H. durch die gegenwärtigen Schüler in der 
Pesthalle. Der Baum stellt die Festhalle dar mit Guirlanden und schwarz-weifsen, schwai-z- 
weifs-roten und blau-weifsen Schildern. In der Mitte des Hintergrundes die neue, dem Gymnasium 
von Frauen und Jungfrauen gewidmete Fahne, zu beiden Seiten die beiden alten Fahnen. In der 
Mitte des Vordergrundes Büste Kaiser Wilhelms II., erhöht und aufs prächtigste geschmückt. Da- 
neben Genien: links, malerisch sitzend und durch ein grofses Buch gekennzeichnet, die Wissenschaft; 
rechts, stehend und auf ein Kreuz schauend, das sie in der linken Hand hält, die Gottesfurcht; 
hinter der Büste, dieselbe überragend und ein gesenktes grofses Schwert haltend, die Vaterlands- 
liebe. Alle drei Genien durch lange blaue und weifse Schleier miteinander verbunden. Ein kleiner 
Schüler in weifsem Kittel mit blauem Gürtel und blau-weifser Schärpe hält von rechts über der 
Büste einen Lorbeerkranz. Andere ebenso ausgestattete kleinere Schüler schicken sicii vorne links 
AUf die Büste mit einer Blumenguirlandc zu schmücken. Rechts und links Schüler verschiedener 
Altersstufen mit blauen Mützen und kleinen Blumensträufsen in den Knopflöchern, die Hände nach 
4er Büste hingestreckt. Begeisterte Stimmung über dem Ganzen. Zu beiden Seiten brennende 
Flammenbecken. Mächtiges Licht. 

Musik: „Heil Dir im Siegerkranz** etc. 

Die Bilder fanden sämtlich, trotzdem die Vorbereitungen zu jedem einzelnen etwas länger 
dauerten, als erwünscht gewesen wäre, eine durchaus freundliche Aufnahme und mufsten stets 
wiederholt gezeigt werden. Mehrfach fiel, sobald die Musik einsetzte, das Publikum mit lautem 
Oesange ein und beendigte die begonnenen Strophen noch, wenn nach dem letzten Zeigen des 
einzelnen Bildes der Vorhang bereits geschlossen war. 

Die Ideen zu den lebenden Bildern gaben die Anregung zu den historischen Kostüm- 
.gruppen bei dem grofsen Festzuge, der sich am folgenden Tage durch die Strafen der Stadt be- 
wegte. Bei demselben konnten die Gestalten und Kostüme der Bilder zum grofsen Teil eben- 
&IIs benutzt werden; freilich traten, um die Vergangenheit des Gymnasiums noch mehr zu ver<^ 
gegenwärtigen, verschiedene Ergänzungen hinzu. 

Wir schliefsen diesen Teil des Berichtes, indem wir denjenigen Damen und. Herren, die 
bei den Bildern fördernd, anordnend und ausführend mitgewirkt und Zeit und Mühe dazu in 
reichem Mafse geopfert haben, den wärmsten Dank der Anstalt ausdrücken, zugleich aber auch 
lobend den Eifer anerkennen, mit welchem die zur Mitwirkung ausgewählten Schüler bei den 
Proben und bei der Darstellung sich ihren Obliegenheiten unterzogen haben. 

Während des SteUens der Bilder benutzte der Primus omnium der Anstalt, Oberprimaner 
Willy Eeschke, eine Pause, um den Damen des Fahnen-Komitees für die Widmung der neuen 
IFahne den Dank der Schüler in folgenden Worten auszusprechen : 
„Hochgeehrte Festversammlung! 
In Goethes ^Iphigenie", die zur Verherrlichung des Jubiläums Schüler unserer Anstalt in. 



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diesen Tagen zur Darstellung gebracht haben, müssen wir als hervorstechenden Charakterzug der 
Titelheldin bewundem, daPs sie ein tiefes Verständnis filr das Heldentum des Mannes zeigt. 
Diesen Zug, den G-oethe in seinem Schauspiel einer idealen Gestalt verleiht, finden wir auch in 
der Wirklichkeit bei den deutschen Frauen; sie nehmen reges Interesse an dem Wirken und 
Schaffen des Mannes und freuen sich über seine Fortschritte und Erfolge. Dieses hat sich aueh 
jetzt wieder gezeigt. Frauen und Jungtrauen, Mütter und Schwestern jetziger und ehemaliger 
Schüler und andere, die mit Teilnahme das Leben unserer altehrwürdigen Anstalt begleiten, haben, 
ihr als Zeichen des Dankes f ilr die Förderung und Bildung ihrer Kinder und Brüder und als würdige» 
Andenken an jahrhundertelange mühevolle Arbeit und ausdauernden Fleifs eine Fahne gewidmet. 
Viele Mühe hat es besonders den Damen des Komitees *) gekostet, das Würdigste und Beste aus- 
zuwählen; deshalb gebührt ihnen, in erster Linie aber imserer hochverehrten Frau Direktor, die. 
die Seele des Ganzen gewesen ist, unser gröfster Dank. Aber auch allen anderen Damen, die in 
so liebenswürdiger Weise und in so grofser Anzahl die lebhafteste Teilnahme filr unser Gymnasium 
bekundet haben, spreche ich in unser aller Namen den tiefgefühltesten und ehrerbietigsten Dank aus. 

Euch alle aber, meine lieben Mitschüler, und Sie, meine hochgeehrten Herren, fordere ich 
auf, mit mir einzustimmen in den Ruf: „Alle diese Frauen und Jungfrauen — sie leben hoch! 
hoch! hoch!« « 

Frischen und fröhlichen Wiederhall fanden diese Worte. 

Gleich nach den lebenden Bildern wurde durch Herrn Kültzau eine glänzende Illumination der 
Gärten ins Werk gesetzt. 665 Glas-Lampions, 3000 Flämmchen, 30 bengalische Flammen erstrahlten in 
herrlichem Glanz und boten, besonders die im Basen verstreuten unzähligen Flämmchen, einen 
geradezu feenhaften Eindruck. Ein Berichterstatter schildert ihn also: 

„Bei hereinbrechender Dunkelheit verwandelte sich der Garten in ein Lichtmeer. Blaue,. 
weifse und rote Ampeln warfen ihren Reflex über den mit Gästen dicht gefüllten Raum. Di» 
Illumination war wunderbar arrangiert. Symmetrische lichthelle Kreise dehnten sich auf den 
Basenplätzen aus, und in allen möglichen verschlungenen Figuren flimmerten die Licht- und Leucht- 
körper in die Dunkelheit hinein." 

Jm Hintergrunde strahlte allen Gästen ein grofses, sehr geschmackvoll arrangiertes Trans* 
parent den Namen der Jubilarin, „Königliches Herzog- Albreohts-Gymnasium", entgegen. 

Um 10 Uhr kam auch der Tanz zu seinem Rechte. Nach einer Polonaise, die sich durcli 
die Gärten bewegte, begab sich die Jugend in den vom Komitee unter Mitwirkung des Land- 
schaftsgärtners Herrn Salefsky äurserst leich und festlich mit den Gaben des Sommers geschmückten 
Ballsaal. Sehr geschmackvolle Tanzkarten, geziert mit dem Bildnis des alten Gymnasiums und 
einer das Stifbungsjahr 1546 und das Jubeljahr 1896 in sinniger Weise verbindenden Vignette, in 
der wissenschaftliche Foliahten und Ballfächer in innigem Verein von JBosen zusammengehalten 
wurden, wi^en bald beschrieben, und heiter vergnügte sich die Jugend. 

Aber mit dem offiziellen Teile waren die Freuden des Tages noch lange nicht beendigt^ 
es nahm nach 12 Uhr das ganze Fest den Charakter eines grofsen Familienfestes an. 

Der letzte Tag der Jubelfeier, der 26. Juni, gehörte zum Teil den Schülern; er war aus- 
gefüllt durch das Schauturnen, den Festzug, die Spiele, die Unterhaltung und Bewirtung der Schul- 

*) Das Ftthnen-Komitee bildeten folgende Damen: Frau Gymnasialdirektor Dr. GrofsmaDn als Vorsitzende, 
Fraa Baronin v. Schmiedeseck-Woplancken, ^eb. Gräfin zu Eulenbnrg-Prassen, als stellvertretende Vorsitzende, Fraa 
Superintendent Borowski» Frau Amtsgerichtsrat Braun. Fräulein Jahn, Frau Rentier Kolmar, Frau Buchdruckereibesitser 
Kowalski, Frau Rittergutsbesitzer Kuhl-Köskeim, Frau Fabrikbesitzer Lentz. Frau Fabrikbesitzer Reschke, Fraa 
Kaufmann Schweiger, Frau Dr. Tiesler, Frau Rechtsanwalt Troege, Frau Burgermeister Wiewiorowski, Frau Professor 
Dr. Zimmermann. 



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Jugend und den Festkommers. Leider hatte, wie es bei Feiern offiziellen Charakters in der Regel 
geschieht, die Mehrzahl der vorher amtlich anwesenden Herren bereits die gastlichen Mauern der 
Feststadt verlassen; aber die ehemaligen Schüler und die sonstigen auswärtigen Festgenossen 
waren mit demselben Eifer und derselben Begeisterung auf dem Platze wie am ersten Tage. So 
waren sie auch zum Schauturnen in sehr grofser Anzahl erschienen. 

Ein Berichterstatter schildert dasselbe folgendermafsen: 

„In leuchtender Sommerschönheit grüfste der Morgen am Freitag die Stadt; das herrlichste 
Festwetter wirkte noch mit, um die frohe Feststimmung, wenn das überhaupt nötig war, zu heben, 
und schon gegen 97» Uhr wimmelten die Strafsen von den mit blau-weifsen Abzeichen dekorierten 
Gästen und . den Gymnasiasten, die alle ihre Schritte dem Turnplatze im Garten des Gymnasiums 
zuwandten. Eine zahlreiche Menge, Damen und Herren, versammelte sich auf dem geräumigen 
Turnplätze und umsäumte das weite Viereck, in welchem sich für die Turner, der freie Platz 
und die Geräte befanden. Exercitien der unteren Klassen, so exakt ausgeführt, dafs die Evolutionen 
eine wahre Augenweide bildeten, machten den Anfang; dann traten die Sekunden und Primen vor, 
aus denen sich auTserdem noch eine Musterriege rekrutierte, welche bestimmt war, an einem Preis- 
tornen teilzunehmen. Wir wollen hier die Übungen im Femsprung, am Beck und am Barren 
nicht einzeln besprechen; der lebhafle Beifall aller Anwesenden aber bezeugte zur Genüge, dafs 
die Turner Hervorragendes leisteten, sowohl was Entwiokelung von Muskelkraft als was Gelenkig- 
keit und Geschick anbelangt. Zu stürmischem Beifall rissen vielfach die Übungen der Preistumer 
mit, bei denen selbst Biesenwelle u. a. zu den mit scheinbar sprechender Leichtigkeit ausgeführten 
Übungen gehörten." 

Während des Turnens konzertierte die Kranzsche KapeUe. Den Beschlufs machte ein 
exakter Reigen der oberen Klassen, der in eine "W-Stellung auslief und nach dem der Unterzeich- 
nete eine Ansprache hielt, welche in ein Kaiserhoch ausklang. Nachdem noch den Siegern die 
Preise überreicht worden waren, wobei das Publikum den lebhaftesten Anteil nahm, begab sich 
ein Teil der Gäste in das Konferenzzimmer, um die Adressen und Geschenke, welche bei den 
Gratulationen am Vortage überreicht worden waren, in Augenschein zu nehmen. 

Um 2 Uhr nachmittags ertönten bereits Trommeln und Pfeifen durch die Strafsen; das 
Trommler- und Pfeiferkorps des Gymnasiums hatte die Fahnen aus dem Gymnasium abgeholt 
tmd zog mit diesen nach dem Wilhelmsplatze, um an dem historischen Festzuge teilzunehmen. 

„Abenteuerliche Gestalten,** sagt ein Berichterstatter, „Ordensritter, mittelalterliche Eats- 
herren und Fridericianische Beiter sah man in derselben Richtung vorbeieilen, und die vorzüg- 
liche Kosliümierung der einzelnen liefs alle auf den Festzug im ganzen schon jetzt die höchstge- 
spannten Erwartungen hegen. Und wohl keiner, der den Zug sah, als er sich präcise 728 Uhr 
vom Wilhelmsplatze aus in Bewegung setzte, um, durch die halbe Stadt ziehend, nach dem Aus- 
gangspunkte zurückzukehren, hat sich in seinen Erwartungen getäuscht gesehen." 

Der Gedanke eines Festzuges gewann erst allmählich eine festere Gestalt, Anfänglich 
war nur ein Zug zur Kirche beabsichtigt. Da aber die Schüler des Gymnasiums dabei den Hauptbe- 
standteil bilden mufsten, so wurde in der Komiteesitzung die Ordnung des Zuges den Lehrern 
-des Gymnasiums zugewiesen. Das Kollegium erwählte aus sich eine Kommission und übertrug 
den Vorsitz darin dem Herrn Oberlehrer Dr. Lentz. Bereits in der ei-sten Sitzung der Kommission, 
welcher auch der Direktor beiwohnte, unterbreitete der Herr Vorsitzende den Plan, den eigentlichen 
Festzug etwas prächtiger, besonders diurch VSTagen und Reiter, auszugestalten und ihn von 
dem Zuge zur Kirche, dem naturgemäfs eine solche Ausstattung fem gehalten werden mufste, zu 
sondern. Dieser Vorschlag fand in der Kommission keinen Widerspruch, und es wurde dem 



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^ 64 

Antragsteller zu seiner Verwirklichung freie Hand gelassen. Herr Dr. Lentz fand zunächst freund* 
liches Entgegenkommen bei dem Direktor des Königl. Landgestüts, Herrn Bittmeister Werner, einem 
ehemaligen Schüler der Anstalt, der sich bereit erklärte, filr die Schüler, welche im Zage beritten 
erscheinen sollten, einen Reitkursus im Gestüt zu veranstalten. Den Eeitunterricht erteilte Herr 
Sattelmeister Lück. Noch blieb aber die Gruppierung und Kostümierung der jugendlichen 
ßeiter eine offene Frage. Sie wurde erst entschieden, als einmal eine Reihe von Herren aus 
Stadt und Land, teils freiwillig, teils aufgefordert, sich dem Festzugsordner filr die Reitergruppe 
zur Verfügung stellte und andrerseits Herr Professor Dr. Zimmermann den Gedanken der leben- 
den Bilder erfafste und der Durchführung näher brachte. Denn es schien nun naheliegend, die 
dazu nötigen historischen Kostüme mit Ergänzungen und Fortlassungen auch für den Festzug zu 
verwenden. Das Komitee stellte die erforderlichen Mittel bereit, und nunmehr konnte Herr Dr. Lentz 
einer von ihm geladenen Versammlung von sachverständigen Herren der Stadt und Umgegend 
einen festen Plan für die Ordnung und Gestaltung des Zuges unterbreiten. Ein wesentlicher 
Widerspruch dagegen wurde nicht erhoben, vielmehr allseitige Unterstützung zugesagt. Im be- 
sondem unternahm es Herr Rittergutsbesitzer Kühl-Köskeim, sich für die Ausstattung der Festwagen zu 
interessieren, eine Aufgabe, die er aufs glänzendste löste. Herr Dr. Lentz setzte sich nun mit dem. 
Maskenverleihinstitut des Herrn Pichon in Königsberg in Verbindung und fand dort vollkommenes 
Verständnis für die Bedürfnisse des Zuges und liebenswürdiges Entgegenkommen in jeder Beziehung. 

Am Freitag, den 26. Juni, nachmittags 7^3 Uhr entfaltete sich ein so farbenprächtiges 
Bild, wie es Rastenburg noch nicht geschaut hat, und zwar in folgender Ordnung: „Zwei 
berittenen Gendarmen folgte die Hälfle der Kapelle des 43. Regiments; sodann eröffneten den 
Zug der Festteilnehmer elf berittene Gymnasiasten (Primaner und Sekundaner) unter Führung des 
Primaners Peters, gekleidet in den Stadt- und Schulfarben Blau-Weifs (blauer Sammetstürmer mit 
silberner Einfassung, blauer Sammetrock mit weifsen Schnüren, weifse Hose, lange Stiefel). Die 
Pferde trugen blaue Schabracken mit Silberbesatz. Und nun folgte dem Wagen des Herrn Land« 
rats von Schmiedeseck eine Reihe prächtig mit Blumen, farbigen Bändern und Schärpen ausge- 
statteter Viererzüge, gelenkt von Jockeys, denen sich ebenso reich ausgestattete Zweispänner an- 
schlössen. Ehrengäste und die altem Festteilnehmer füllten die Wagensitze, die des ersten Vierer- 
zuges vier Generationen Rastenburger Schüler: der jetzige Direktor Dr. Grofsmann, Gymnasialdirektor 
Dr. Küsel-Memel, Pfarrer em. Czygan-Königsberg und Professor Claufsen. Die Rastenburger 
Stadtkapelle eröffnete darauf den Zug der alten Schüler, von denen mancher die blaue Schüler- 
mütze frohen Antlitzes trug, mit den Fahnen von 1746 und 1817. Sodann geleitete der zweite 
Teil der Krantzschen Kapelle den historischen Festzug. Vorauf ritten zwei Herolde mit ver- 
goldeten Stäben auf feurigen Braunen; es folgte die Gruppe, welche die Erinnenmg an die Gründung 
der Stadt durch den deutschen Ritterorden veranschaulichen sollte, der Hochmeister auf stolzem 
Rappen in reichem Festkleide mit dem Ordensmantel, hinter ihm zwei Ordensritter, gewafihet und 
gepanzert, mit wallenden Mänteln zu Pferde, dahinter, geführt von einem hünenhaften Rotten- 
meister, eine trutzige Schar kraftvoller Ordensritter zu Fufs. Ihre Kleidung und Bewafihongi 
Panzerhemd, Sturmhaube und bis auf die Brust herabfallender Halskragen, machte ebenso wie 
die dreieckigen und runden Schilde mit dem grofsen Kreuz auf hellem Grunde den Eindruck vollster 
historischer Treue" (Festbericht der Königsberger Hartungschen Zeitung). Es folgte die nächste 
Gruppe, die Zeit vor 350 Jahren darstellend. Zwei Reiter in der reichen Tracht der Zeit Karls V. 
führten die Personen, welche am Tage zuvor im lebenden Bilde die Überreichung der Stifbungs- 
urkunde durch den Rektor der Universität an den Bürgermeister der Stadt veranschaulicht hatten. 
Ihnen war hier noch eine Schar von Schülern der neuen Latina in schwarzem Wams mit gleich- 



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farbiger Kniehose und Barett beigegeben. ^Das Ganze war ein Bild, welches insbesondere im 
Hinblick auf manches altertümliche Hans ans der Zeit jener Gestaltung, an dem der Zag sich 
vorbeibewegte, von überzeugendster Walirheitstreue war" (Hartungsche Zeitung) Ein Beiter- 
paar in Wallensteinscher Tracht lenkte die Zuschauer auf eine fernere Zeit, das 17. Jahrhundert. 
Die Figuren des lebenden Bildes: ^Der Bektor erklärt den Primanern der Lateinschule das 
Horazische „Integer vitae''", der Bektor in langer Allonge-Perücke, der Magister quartus und siebzehn 
Primaner in kleidsamer, bunter und mannigfaltiger Tracht, zogen vorüber. Die folgende Gruppe 
sollte die Erinnerung an die Fridericianische Zeit wachrufen. Zwei Heiter in der Uniform der 
Seydlitz-Kürassiere (Primaner) mit Perücke und Zopf eröfiheten einen Zug von acht Junkern (Tertianern^ 
Quartanern und Quintanern) in kleidsamer Rokoko tracht auf muntern Ponies und weckten überall 
Ausrufe freudiger Bewunderung. Und nun die grofse Zeit des ostpreufsischen Volkes, die Zeit 
der Volkserhebung vor dem Beginn der Freiheitskriege. Ein berittener Offizier mit Dreimaster 
und Uniforinfrack hat die Führung Es folgen zwei Lützowsche Jäger (Primaner), ebenfalls zu 
Pferde, und dahinter eine Schar von Schülern der oberen Klassen, die, geleitet von einem Geist- 
lichen und altem Offizieren, zum Kampfe fiirs Vaterland hinausziehen. Damit schlofs der histo- 
rische Zug, „der, in pittoresker Buntheit historisch treu verschiedene markante Zeitpunkte aus der 
Q-eschichte Rastenburgs und seines Gymnasiums darstellend, sich zu einem ungemein reichen und 
ansprechenden Gesamtbilde gestaltete" (Hartungsche Zeitung). Den Schlufs des ganzen Festznges 
bildete diesmal das Gymnasium, die Eeihe der Jahrhundertbilder durch das der frischen Gegenwart 
vervollständigend* Voran schritt das Trommler- und Pfeifercorps. Vier Trommler und zehn Pfeifer, 
gleichm&rsig gekleidet, in blauer Bluse mit blau-weifsen Schwalbennestern und weifser Hose, ge* 
horchten dem als Tambourmajor gekleideten Primaner Wosien und liefsen ihre taktvoll gespielten 
Marsche erschallen. Nun folgte, getragen vom Primus omnium, Willy Reschke, die neue Fahne und' 
dahinter die Masse der Schüler von der Sexta bis zur Prima. Die einzelnen Klassen trugen 
Fahnen in preufsischen und deutschen Farben. 

Damit schlofs das glänzende Bild, das sich während einer Stunde durch die Strafsen Eas- 
tenburgs bewegte. 

Der Zug nahm folgenden Weg: vom Wilhelmsplatz durch die Königsberger, die An- 
gerburger und die Bahnhofsstrafse, den BoUberg hinauf, durch die Schlofs- und die Kirchen» 
strafse, quer über den Alten Markt, durch die Bitterstrafse, über den Neuen Markt, durch die 
Logenstrafse, am Kreishause vorbei durch die 2. Scheimeu- und die Wilhelmsstrafse zurück zum 
Wilhelmsplatz. 

Kein Unfall störte das Gelingen; die Zugordnung wurde an keiner Stelle imterbrochen; 
die Pferde, durchweg treffliches Material, vorher in mehreren Proben an die Musik, Hurrarufe, 
Fahneuschwenken gewöhnt, schritten temperamentvoll und doch ruhig dahin. Die Halttmg der 
Bevölkerung war musterhaft, der Beifall grofs und einstimmig. 

Als der Zug wieder auf dem Wilhelmsplatze angelangt war, löste er sich auf; die Schüler 
aber ordneten sich unter Leitung ihrer Lehrer zu Volksspielen auf demselben zu diesem Zweck 
vom hiesigen Magistrate gütigst bewilligten und für Fuhrwerksverkehr abgesperrten Platze. 
Das herzerfreuende Schauspiel der munteren Bewegung dauerte etwa zwei Stunden und war von 
der lebhaftesten Teilnahme einer ungezählten Zuschauermenge begleitet. Heitere Musik der 
Krantzschen Kapelle regte die Spieler an und erfreute die Zuschauer. Alsdann bewegten sich die 
Schüler im Zuge in den Festgarten des Hotel de Koenigsberg, um mit Kaffee und Kuchen be- 
wirtet und nach weiteren heiteren Spielen mit kleinen Gewinnen erfreut zu werden. 



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66 

In der Festhalle waren, während der baute Zag sieh darch die Strafsen der Stadt bewegte,, 
die Damen des Lehrerkollegiams, denen noch viele jange Dameo aas Stadt and Land bei- 
sprangen, aafs eifrigste thfttig gewesen, die langen Brettertafeln, die bereits für den Kommers 
iiergerichtet waren, mit weilsen Linnen za decken aud Handerte von Kaffeetassen and stattliche 
Kuchenberge, welche gütigst Damen der Stadt geliefert hatten, aaf denselben bereit zu stellen 
für die Bewirtang der hangrigen und durstigen Schüler. 

Ein ergötzliches, heiteres Schauspiel war es, die Kleinen und die Grofsen um ihre Lehrer 
Jierum an den Tischen sitzen zu sehen. Die Tassen waren im Nu geleert, die Kuchenberge im Augen- 
blicke verschwanden, und es mufsten die Damen sehr eilen, um immer neuen Ersatz zu schaffen. 
Die Krantzsche Musikkapelle konzertierte dabei teils in der Festhalle, teils im Garten. Unter 
heiteren Scherzen ruhten Lehrer und Schüler ein Stündchen aus, um dann mit frischen Kiäfben an 
die weiteren Spiele zu gehen 

Es waren die mannigfaltigsten Veranstaltungen getroffen, damit die einzelnen Klassen 
49ich ohne jede gegenseitige Störung bequem unterhalten konnten. Die Primaner schössen unter 
Leitung des Herrn Professors Schlicht auf dem Hof des Landgestütes nach einem zerlegbaren 
•eisernen Adler mit einer Armbrust; für die übrigen Klassen standen im Festgarten Würfel- und 
•Schieisbuden, je eine Einrichtung zum Messer- und zum Jäingwerfen, eine Luftkegelbahn und andere 
Vorkehrungen zur Verfügung, und es nahm immer eine Klasse nach der andern an jeder der Unter- 
haltungen teil. Der Frohsinn der Jagend war grofs und die Freude nicht minder, wenn einzelne 
sich einen kleinen Gewinn holten. Um 7^2 Uhr etwa liefs der Direktor auf ein Trompetensignal die 
Schüler des Gymnasiums um die Musikhalle sich aufstellen, dankte den Darstellern bei den Auf- 
führungen der „Iphigenie" am Montag und Mittwoch, überreichte einem jeden von ihnen imNameu 
des Fest-Ausschusses zur Erinnerung an die Feier und als Zeichen des Dankes für seine Leistung^ 
ein Goethebild mit Rahmen und Ständer und schlofs mit einem dreifachen Hoch auf die Schau- 
apieler. Diese dankten durch den Oberprimaner Gloth mit einem drei&chen Hoch auf den Direktor 
und die Herren Professor Dr. Zimmermann und Oberlehrer Dr. Lentz, welches das gesamte Publikum 
freudig aufnahm. 

So sehr der Unterzeichnete sich auch an dem frischen, fröhlichen Treiben der Jugend erfreute 
und so gern er ihr noch lange das heitere Spiel gegönnt hätte, er mufste um 8 Uhr doch das Zeichen 
zum Aufbruch geben, da das Festprogramm den Schlufs der Schülerbelustigangen vorschrieb. 

Um 9 Uhr abends begann die Schlufsveranstaltung des Jubiläums, der grofse Kommers ia 
der Festhalle, an welchem sich etwa 600 Herren und auch die Ober-Sekundaner und die Primaner 
des Gymnasiums beteiligten, während ein sehr zahlreiches Publikum, namentlich Damen, in den 
festlich erleuchteten Wandelgängen des Gartens sich erging und dem offiziellen Teile des 
Kommerses mit Interesse bisweilen zuschaute. Die Lieder zum gesamten Kommerse lagen ge- 
druckt vor und waren von dem Herrn KoUegen Preufs mit flott entworfenen, zu jedem einzelnea 
passenden Vignetten ernsten und scherzhaften Charakters künstlerisch ausgestattet. 

An den sechs Längstafeln präsidierten bei dem Kommerse zwölf Herren, geschmückt mit 
den Farben des Gymnasiums; das Präsidium an der Mitteltafel und zugleich das Hauptpräsidium 
führte Herr Gerichtsassessor Tomzig. Derselbe eröi&ete den Kommers mit einer Begrüfsung der 
sämtlichen Teilnehmer an demselben. 

Nach dem „Gaudeamus^ brachte den Toast auf Se. Majestät den Kaiser der Unter- 
zeichnete aus. Es folgte das Lied: „Deutschland, Deutschland über alles^, und dann hielt einer 
der ältesten früheren Schüler des Bastenburger Gymnasiums, der zweiundachtzigjährige Pfarrer enu 
Herr O. Czygan aus Königsberg, eine Bede auf die Anstalt. 



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67 

Sie lautete also: 

„Hochgeehrte Festgenossen ! 

Von nah und ferne haben sich Schüler des hiesigen Gymnasiums zusammengefunden, um 
in dankbarer Erinnerung das 350jährige Jubiläum der Anstalt festlich zu feiern, in der sie Bildung 
und Erziehung genossen haben. 

Wir stehen jetzt am Schlüsse der herzerhebenden und erquickenden Festtage, die wir mit. 
den hier wiedergefundenen teueren Mitschülern und Altersgenossen in brüderlicher Liebe und Ein- 
tracht gefeiert haben 

Jetzt heifst es scheiden. Sind wir aber dann auch örtlich voneinander getrennt,, 
eins verbindet uns untereinander, und dieses feste Band ist der Greist, der als segenbringender 
Jahrhunderte hindurch in unserer Erziehungsanstalt lebt und wirkt und der in diesen Festtagen 
unsere Herzen von neuem durchdrungen und erwärmt hat — der Geist der Liebe. 

Bevor wir nun voneinander scheiden und jeder in seinen Lebens- und Berufskreis zurück* 
kehrt, haben wir die heilige Pflicht, den tiefgefühltesten, herzlichsten Dank denen auszusprechen^ 
die uns Lehrer und Erzieher gewesen sind. 

Viele von ihnen ruhen von ihrem segensreichen Wirken schon im kühlen Grabe und hören; 
uns nicht ; aber die Erinnerung an sie und das Bewufstsein von der uns eiwiesenen Wohlthat. 
drängt uns immer aufs neue Dankenswerte auf die Lippen. 

Ja, wir danken Euch für die Liebe und Treue, mit der Ihr bemüht gewesen seid, uns ein- 
zuführen in die Anfänge der Wissenschaft, unser Herz empfanglich zu machen für alles Wahre„. 
Gute und Schöne, uns den Weg christlicher Gesittung zu weisen, uns darauf zu fuhren und uns 
zu begeistern zur opferwilligen Liebe zum teueren deutschen Vaterlande, wie dieses die vielem 
bewiesen, die Gut und Blut geopfert haben zum Schutze und Wohle des Vaterlandes. 

Und mag nun auch etliche Saat, gesäet mit liebevoller Hand, gefallen sein an den Weg^ 
oder auf das Steinigte oder unter die Domen, gewifs aber ist der gröfste Teil gefallen auf gute» 
Land und hat zu Eurer Freude tausendfältige Frucht getragen. 

Insonderheit danken wir Dir, ehrwürdiger, hochgeachteter Justus Krüger, erster Direktor 
an der von der sogenannten lateinischen Schule zum Gymnasium erhobenen Anstalt, der Du, reich 
an Lebenserfahrungen und Kenner des menschlichen Herzens, wie ein liebevoller Vater unter seinen 
Bändern waltetest, der Du wohl zu unterscheiden wiifstest die That, hervorgegangen aus jugend- 
licher Kraftentwickelung, von der, welche schon sittliche Schwäche verriet. 

Wir danken Dir, Heinicke, dem zweiten Direktor, der Du schon als erster Oberlehrer es 
verstandest, uns mit den Schönheiten, dem Witze, der Feinheit und der liebenswürdigen Urbanität 
des Horaz bekannt zu machen, und uns kennen lehrtest die Einfachheit und doch Erhabenheit 
und Lieblichkeit des Sophokles, dessen kunstvolle Anordnung und Entwickelung der Handlung 
und seine konsequente Durchführung der kräftigen männlichen wie zarter weiblicher Charaktere« 

Wir danken Dir, hochgeehrter Direktor Techow, fUr Deine Liebenswürdigkeit und Freund- 
lichkeit, mit der Du Deine Schüler zu behandeln wufstest und mit Bat und und That ihnen bei- 
standest, sich geistig und körperlich gedeihlich zu entwickeln. 

Ja, Euch allen teueren Lehrern, die der Tod von uns hinweggenommen, widmen wir eine 
dankbare Erinnerung. Buhet von Eurer Arbeit! Eure Werke folgen Euch nach. 

Sie aber, geschätzte Lehrer dieser Anstalt, die Sie das hohe Glück geniefsen, sich noch 
des Lebens au erfreuen und, ausgeschieden aus dem Lehrerkollegium, für Ihre Mühe und Arbeit 
die wohlverdiente Buhe geniefsen, Sie, Herr Direktor Jahn, können wahrnehmen die segens- 



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68 

reiohen Folgen Ihrer Wirksamkeit und sieh des Dankes erfreuen, den Ihre Schüler Ihnen mit 
freadigem Herzen entgegenbringen. 

Sie, Herr Professor Claufsen, Schüler and dann Lehrer dieser Anstalt, haben es verstanden, 
die Schätze unserer deutschen Litteratur Ihren lernbegierigen Schülern zu erschliefsen und zum 
Verständnis zu bringen und als Schüler Lobecks die altklassische Litteratur als Fundament wahrer 
Bildung und G-esittung festzuhalten. Sie haben die jugendlichen Herzen für die Ideale des Lebens 
empfänglich gemacht, sie dafür erwärmt und begeistert. "Wie erhebend f&r Sie, dafür in Ihrem 
hohen Alter den warmen, dankbaren Händedruck Ihrer Schüler zu empfangen! 

Auch Ihnen, hochgeschätzte Lehrer, die Sie, sei es längere, sei es kürzere Zeit, an dieser 
Anstalt gewirkt haben und dann an einem anderen Orte Ihre Berufspflichten zu erfüllen suchen, 
können der dankbaren Anerkennung Ihrer Schüler für die Sorge um ihr Wohl gewifs sein. 

Sie nun, hochgeachteter Herr Direktor Dr. GroFsmann, einst auch Schüler dieses Gymnasiums 
und jetzt Dirigent desselben, besitzen die Hochachtung und das volle Vertrauen der Eltern, die 
ihre Kinder gerne dieser Anstalt zur Ausbildung und Erziehung übergeben, und haben mit Ihrem 
hochgeehrten Lehrerkollegium sonst schon und besonders in diesen Festtagen die dankbare Liebe 
und hohe Verehrung erfahren, womit die Herzen Ihrer Schüler erfüllt sind. 

Aber wollen wir Schüler es bewenden lassen nur bei dem Danke mit Worten? Nein, wir 
wollen unsem Dank zeigen durch die That. 

Wir Greise mit unserer geschwächten Krafl — wir wollen durch unser Verhalten den Beweis 
liefern, welchen segensreichen Einflufs die Anstalt auf unser Leben geübt hat, und wollen ein 
gutes Beispiel sein dem nachkommenden Geschlechte. 

Ihr aber, teuere Mitschüler, 'in voller Manneskraft stehend, bezeuget durch treue Erfüllung 
Eures Berufes, mag er sein, welcher er wolle, hoch oder niedrig, weitumfassend oder gering, dafs 
die Bildung und Erziehung, die Ihr in dieser Anstalt genossen, wenn sie auch später an anderer 
Stelle fortgeführt und vollendet wurde, grundlegend und segensreich einwirkend gewesen sei, be- 
zeuget durch Einstehen für Wahrheit, Freiheit und Recht, dafs Eure Lehrer damit mit gutem 
Erfolge Euch vorangegangen sind, bezeuget durch Euer Wirken im bürgerlichen Leben, dafa 
schon in Eure jugendlichen Herzen hineingepflanzt wurden Liebe und Treue zu Kaiser und Beich! 

Ihr Jünglinge, noch unter der erziehenden Hand geliebter und geachteter Lehrer stehend, 
nehmet freudig das lehrende und mahnende Wort auf, damit Ihr einst mit Stolz ausrufen könnt: 
^Auch ich war ein Schüler des Eastenburger Gymnasiums"! 

So möge denn die Anstalt mit ihren Lehrenden und Lernenden wachsen und gedeihen 
tmd segensreiche Früchte bringen bis in die spätesten Geschlechter! Und diesen unsem innigen 
Wunsch wollen wir bekräftigen, indem wir auf die Anstalt ein dreifaches Hoch ausbringen. Das 
Herzog-Albrechts-Gymnasium — hoch, hoch, hoch!** 

An diese Rede, die einen ganz besonders tiefen Eindruck machte, scblofs sich der freudige 
Gesang des folgenden von Professor Dr. Zimmermann gedichteten Festliedes nach der Melodie: 
jjStrömt herbei, ihr Völkerscharen" : 



^* 



^Hier im frohen Zecherkreise Da ja hast den Keim, den Samen 

Töne laut zu deinem Ruhm Uns in Geist und Herz gelegt, 

Eine mächtige Feierweise, Aus dem goldne Früchte kamen. 

Du mein alt Gymnasium! Die der Lebensbaum uns trägt. 

Denn du wufstest zu bewahren, Freude hast du uns gegeben 

Seit dich Herzog Albrecht schuf^ An der Kunst und Wissenschaft 

:,: In dreihundert fünfzig Jahren :,: und für jedes edle Streben 

Deinen herrlichen Beruf. :,: Uns gestählt die Geisteskraft. :,: 



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Dq auch hast dem Geist die Hülle Immer war man uns gewogen 

Frühe sehon uns aasgebauti Hier bei dir und nah und fem. 

DaTs auf ieste Kraft der Wille Und wie sind wir ausgezogen 

Und der Schaffensdrang vertraut, Oft zu Spiel und Tanz so gcrni 

Daftf wir alle rüstig regen Wie so mancher doch im Städtchen 

Uns voll Mut in unserm Stand, Und da draufsen wert uns war! 

:,: Um zu wirken recht zum Segen :,: Und an manches liebe Mädchen 

Für das teure Vaterland. :,: Denk' ich heut und immerdar. :,: 

Und bei dir — wie traten fröhlich Runde weiter das Jahrhundert, 

Wir uns auf den Stuben nah, Gleiches wirkend wiederum ! 

Und wie waren wir so selig, Blühe ewig und bewundert, 

Waren alle Freunde da! Du mein alt Gymnasium! 

Dann erscholl ein munter Singen, Sinn fürs Wahre, Gute, Schöne, 

Und aus frischer Jugendbrust Wissen, Kraft und Fröhlichsein 

:,: Feierten mit Gläserklingen :,: Pflanze du in unsre Söhne 

Unsre Freundschaft wir voll Lust :,: Und die fernsten Enkel ein! :,:^ 

Dem Herrn Pfarrer Czygan antwortete darauf und dankte der Unterzeichnete und schlofs' 
snit einem dreifachen Hoch auf die alte Stadt Rastenburg, welches seinen Nachklang in dem kräftigen 
liiede: „Stofst an! Rastenburg lebel^ fand. 

Nunmehr wurde das Semesfcerreibeu vorgenommen,*) und im Anschlufs daran ertönte in 
vollem Chor das wtlrdige Lied: „0 alte Burschenherrlichkeit." 

Nach dem Gesänge desselben hob sich der Vorhang der Bühne, auf welcher zwei Tage 
vorher die herzbewegenden Worte der „Iphigenie" erklungen waren, diesmal nicht zu ernsten Tönen, 
isondem um ganz nach klassischer Weise dem Satjrdrama Baum zu geben. Ein munteres Stück- 
-chen von W. Frerking, „Deutsche Turner und griechische Götter", von den Herren Dr. Zimmer- 
mann und Preufs durch Weglassungen, Änderungen und Zusätze, namentlich lokale und auf das 
^est bezügliche Anspielungen, überarbeitet und eingeübt, bot einer Anzahl nicht bei der „Iphigenie" 
l>eteiligter Schüler Gelegenheit, ebenfalls ihre dramatische Veranlagung zu zeigen. 

Die erste Abteilung spielte auf dem von Göttern bevölkerten Olymp, wo die Himmlischen, 
l>ehaglich zechend, die Bückkehr des Hermes erwarten, der den im Laufe der Jahrtausende all- 
mählich von tödlicher Langweile geplagten Olympiern etwas ganz Neues zum Schauspiel von der 
Erde mitbringen soll. Er kommt, vorher bereits durch eine Depesche angemeldet, und bringt 
einen Primaner und Vorturner des Bastenburger Gymnasiums mit, dem seine Freunde auf dem zum 
Jubiläum gebrauchten und etwas abgetriebenen Pegasus auf dem Fufse folgen. Ihre Tumkünste 
an diesem Pegasus, welchen ein mit einem Pappkopfe versehenes Tumpferd darstellte, sind das 
von Hermes in Aussicht gesetzte Schauspiel, welches namentlich des Herkules Interesse in Anspruch 
nimmt. Hierbei verleitet indes der Vorturner die drei Götter Zeus, Herkules und Apollo, ihn 
•einmal nach der Erde zu begleiten und zwar auf dem bewufsten Pegasus. 

Die zweite Abteilung zeigte die drei Götter im Garten der Villa Krausendorf bei Basten- 
barg in ziemlich trostlosem Zustande, ohne Geld, von Hunger und noch mehr von Durst geplagt 
und in Gefahr, von einem Gendarmen infolge ihres ungewöhnlichen Aufzuges als Landstreicher ver- 
liaftet zu werden, eine Lage, aus welcher sie durch den erwähnten Vorturner befreit werden. 
Die Schilderung ihrer tragikomischen Erlebnisse, seitdem sie den Olymp verlassen haben, 

*) Das älteste Semester beim Kommerse war das 118. (die Herren Gebeimer Saaitätsrat Dr. von Staszewski 
nud Pfarrer em. Czygan-Königsberg), beim Diner das 131 bezw. 131. (die Herren Pfarrer em. Bandisch-Königsberg 
ond Professor Glaufaen-Rastenburg). 



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70 

bildet den Kern der Abteilung. Wieder erscheinen die Kameraden des Vortomers, and wieder 
erfreut ein Wetttomen, diesmal am Barren, das Auge der drei Götter. Ein ernsthafter, das Lob- 
des Turnens verkündender £pilog ans Zens' Monde und das Lied: ,,Stimmt an mit hellem, hohent 
Klangt', das nicht nur von den aof der BOhne befindlichen Göttern und den malerisch anf und. 
neben dem Barren gruppierten Turnern, sondern auch von allen Zuschauem gesungen wurde, 
beschlossen den dramatischen Scherz. 

Erregte schon die Auffiihrung desselben, zumal recht flott gespielt wurde, namenüioh bei 
den lokal gefärbten Scherzen Heiterkeit und Jubel, so werde die Stimmung noch gesteigert, als 
die Festzeitung an alle Teilnehmer am Kommerse verteilt wurde. 

Ein besonders hohes Verdienst um diese — ich kann es mir nicht versagen, es auch hier 
zu betonen — hat wiederum Herr Professor Dr. Zimmermann. 

Leider würde es der Natur dieses Berichtes nicht entsprechen, wollte ich den Inhalt der 
Festzeitung hier in extenso wiedergeben; ich will nur darauf hinweisen, dals in ihr alle Seitender 
Feier berührt waren. Jeder Teilnehmer an dem Feste wird sie auch in späteren Zeiten noch einmal 
gern zur Hand nehmen. 

Beim weiteren Verlaufe des Kommerses wechselten wiederum die vorher bestimmten Lieder 
mit Beden ernsten oder scherzhaften JLnhalts ab. Die Reihe der offiziellen schlofs die des Unter- 
zeichneten, in der er den Dank aller Festgenossen dem Erbauer der Halle, Herrn Kreisbauinspektor 
Bergmann, darbrachte. 

Als die Fidelitas begann, gruppierten sich die alten, jetzt wieder jung gewordenen Fest- 
genossen nach ihren Semestern, und manch rührendes Bild alter Freundschaft war da zu schauen. 
Unter heitern Gesängen und Gesprächen ging es fort, bis die aufgehende Sonne des Festes Ende 
beleuchtete; allen Beteiligten aber wird dieser SchluFs in angenehmster Erinnerung bleiben. 

So eingehend man auch solche Feste zu schildern sich bemühen mag, man wird sich dabei 
doch nur zu bald der menschlichen Unzulänglichkeit und des Umstandes bewuTst, dafs man eben nur 
ein subjektives Bild davon geben kann, wie es sich dem Schreiber dargestellt hat. Tausenderlei 
Begnügen und Einzelheiten, die diesen oder jenen erfreuen und die für manche von grofser Bedeutang 
sind, bleiben dabei unberührt; aber sie leben in der Erinnerung der Betreffenden doch weiter« 

Mit dem Kommers hatte nun das in allen seinen Teilen vortrefi*lich gelungene Fest, bei 
dem sich in den Händen aller Teilnehmer je ein genauer „FestfÜhrer'^ befand, sein Ende erreicht 
Am nächsten Tage, Sonnabend, den 27. Juni, wurde die Schule geschlossen, und Grofsvater und 
Vater fuhren wieder einmal wie in alten Zeiten gleich ihren Jungen in die schönen, langen Sommer- 
ferien, um sich gemeinsam von den fröhlichen Tagen in Bastenburg auszuruhen und zusammen 
erlebte Eindrücke weiter zu verarbeiten. 

Es sei mir noch vergönnt, zunächst den Wortlaut der dem Gymnasium zu seiner Jubel- 
feier überreichten schönen Widmungen, soweit er in der vorausgehenden Darstellung nicht gebracht- 
ist, hier folgen zu lassen: 

Quod bonum felix faiistum fortanatumque siti 

Aequacvo 

Gymnasio Rasteiiburgensi 

ante hoä trecentos quinquaginta annos 

una cum Academia uostra 

condito 

bonas artes littcrasquc assiduc alenti 

liberalem iuvcDtutis institutionem sapienter colenti 



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71 

veram liumanitatem feliciter propaganti 

Sacra sollemuia 

diebus XXIV. XXV. XXVI. mensis Junii anni MDCCCLXXXXVI 

celebranti 

faosta oinuia optantes atque precantes 

ex animi senteDtia 

gratulamur 

Universitatis Albertinae Regimontanae 

rcctor et senatus 

et magistri omniam ordinum. 

(L.S.) 



Ideallandscbafl, darstellend Iphigenie am Ufer des brandenden Meeres, „Das Land der 
•Griechen mit der Seele suchend,** darunter die Widmung: 

„Dem Königlichen Gymnasium zu Rastenburg zur Feier seines 350jährigen Bestehens als 
Wahrzeichen der gemeinsamen idealen Erziehungsaufgabe das Königliche Gymnasium zu Allenstein.^ 



Q B. P. F. S. 

Gymnasio regio Rastenburgensi 

trecentis abhinc et quinquaginta annis 

maxima liberalitate et raunificentia 

Alberti Borussorum ducis illustrissimi 

ad instituendos eos qui in Academia Albertina litteris studerent condito 

Borussorum regum potentissimorum 

benignitate liberalissima conservato atque aucto 

propugnaculo sacrorum a Luthero emendatorum firmissimo 

seminario doctrinae et pietatis clarissimo 

almae artium liheralium putrid 

«quae discipulos innumeros ita erudivit ut plurimi aut summa artium litterarumque laude äoruerint 

aut ecclesiae et reipuhlicae muneribus sapientissime administratis nobilitati sint 

septima semisaecularia sollemniter agenti 

a. d. VII. Kalendas Quintiles a. MDCCCXCVI 

ex animi sententia gratulantur 

Deumque Optimum Maximum 

4iti Musarum sedem oruatissimam maximo fnndatam labore et stabilitam virtute spectatissima 

tutari augere perpetuare vclit 

omni religione comprccantur 

Gymnasii regii Bartensteiuiensis 

rector et professores coniunctissimi 

Sachse Lackner Kapp Joachim Hasse Gruber Reinhold Plew 

Prellwitz Radtke Niklas Kosney Corinth. 



Die dreibundertundfunfzigjährige 

Jubelfeier 

des Gymnasiums zu Rastenbnrg 

begrüfsen wir Lehrer des 

Friedrichsgymnasiums zu Gumbinnen 



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mit herzlicher Freude ; fühlen wir uns doch durch gleiche Aufgaben, gleiche Ziele und gleiche 
Schwierigkeiten mit ihm auf das engste verbunden. Im Wechsel der Jahrhunderte und Zeitströmungen 
hat die Rastenburger Schwesteranstalt stets ihre hohe Bestimo^ung in vorbildlicher Weise erfällt 
und sich als Erzieherin der Jugend, ah Vorkämpferin deutschen Wissens und Wesens, als Hort des 
Protestantismus und rechter Vaterlandsliebe bewährt. Für ihr edles Streben können wir unsern Dank 
und unsere Wünsche nicht besser ausdrücken als durch dieselben Worte wie unsere Vorfahren bei 
demselben Anlasse vor fünfzig Jahren: 

Vigeas, ut viguisti, in saecula saeculoruml 

Gambinnen, den 25. Juni 189G 

Dr. Jaenicke, Direktor. Rumler, Professor. Dr. Kröhnert, Professor. Dr. Lorenz, Oberlehrer. 

Dr. Bauck, Oberlehrer. Dr. Lackner, Oberlehrer. Dr. Max Hecht, Oberlehrer. 

Dr. Pieper, Oberlehrer. E. Krieger, Oberlehrer. Dr. Koch, Oberlehrer. Saltzmann, Oberlehrer» 

Grossmann, technischer Lehrer. Memff, Vorschullehrer. 



Dem Königlichen Gymnasium zu Rastenburg zur Feier seines 35()jährigen Bestehens. 

Dem Gymnasium zu Rastenburg sprechen wir zur Feier seines 350jährigen Bestehens mit 
freudig bewegtem Herzen unsere wärmsten Glückwünsche aus. 

Durch iurstliche Hochherzigkeit begründet und von seinem hochgesinnten Stifter dazu be- 
rufen, in der Ostmark des Herzogtums Preufscn eine Pflegestätto der Wissenschaft zu sein und in- 
mitten einer slavischen Bevölkerung deutsche Bildung und Gesittung zu verbreiten, hat das Gym- 
nasium als die alte He unter den gelehrten Schulen jenes Landstrichs oft unter ungünstigen Verhält- 
nissen und schweren Heimsuchungen jederzeit in treuer Arbeit und fruchtbarem Wirken seine bohe- 
Mission erfiillt. 

So ist es eine Quelle reichen Segens Hir viele Tausendo geworden, die ihm ihre geistige- 
und sittliche Ausbildung zu verdanken haben: so hat es dazu beigctrageu, dafs viele Tausende für 
deutsche Kultur und deutsch-nationales Leben gewonnen wurden. 

Und wie die Anstalt mit hoher Befriedigung auf die Jahrhunderte zurückschauen darf, die- 
an ihr vorübergezogen sind, so ist sie im Hinblick auf solche erfolgreiche Tbätigkeit auch berechtigt,, 
mit froher Hoffnung in die Zukunft zu Idickcn. 

Möge ihr immerdar eine gedeihliche Wirksamkeit beschieden seini Möge es ihr auch ferner- 
hin vergönnt sein, eine Jugend heranzubilden und zu erziehen, die, begeistert für alles Grofse, Schöne- 
und Gute, erfüllt von patriotischer und humaner Gesinnung, in ernstem Streben und gewissenhafter 
PBichterflillung mannhaft und freudig ihre Kraft einsetze für das Heil und den Ruhm des Vater- 
landes! 

Das Lehrerkollegium des Königlichen Gymnasiums und Realgymnasiums in Insterburg. 

Königsberg Pr., den 25. Juni 1896. 

Inniger vielleicht als in anderen Provinzen sind in Ostpreufsen die Beziehungen der höheren» 
Lehranstalten zu einander. 

Zum grofscn Teile in alter Zeit als Schulen der Deutschen gegründet, standen sie jahr- 
hundertelang aufserhalb des Deutschen Reiches und waren in ihrer Vereinzelung um so nachhaltiger 
aufeinander angewiesen. Lag ihnen doch allen dieselbe schwere Aufgabe ob, hart an der Sprach- 
grenze, ja, inmitten einer zum Teil anders redenden Bevölkerung deutsche Bildung und deutsche 
Gesittung zu pflegen und zu verbreiten. 

Freilich wurde es den Schulen Königsbergs leichter, diese Aufgabe zu erfüllen, als denen der 
kleineren Städte, da sie sich der Nähe der Universität erfreuten, des wohl ausgerüsteten Waffen- 
platzes, von dem aus immer neue Streiter in die vorgeschobenen Posten entsandt wurden. 



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73 

So siud die höhcrco Schalen Oatprcuf^cns, indem die jüngeren in die überliefei te:< Be- 
ziehungen der älteren eingetreten sind, auch jetzt allezeit ^gesinnt, bei einander zu stalm ^ 

Und heute, ^vo eine der älteaten höheren Lehranstalten dieser Provinz ein seltenes Fest be- 
geht, das mit seinen glänzenden öffentlichen Verunstaltungen inmitten des Schullebcns, welches son9t 
das Hinaustreten in die Öffentlichkeit nicht liebt, wie die herrliche Blüte eines Wunderbaumes er« 
Bcheint, mit der er sich nur alle fünfzig Jahre schmückt, heute treten darum auch die höheren Unter- 
richtsanstalten Königsbergs, einmütig beseelt von freudiger Teilnahme, in den Kreis der Festgenossen 
mit dem Ausdruck ihrer herzlichen Wünsche fär das weitere Blähen und Gedeihen des Eöniglicheii 
Gymnasiums zu Bastenburg, das nun auf ein SöOjähriges Bestehen zurückblickt. 

Wie es heute, umringt von Scharen ihm zujubelnder ehemaliger und jetziger Schüler 
als ein beredtes Zeugnis dafür dasteht, dafs „viele G-eschlechter sich reihen dauernd an ihres Da- 
seins unendliche Kette^, so möge es weiterdauem, schon durch sein Bestehen eine Mahnung 
an die heranwachsende Jugend, nicht fUr das Unbeständige und Vergängliche, sondern für das 
Bleibende, die gemeinsamen Güter des Vaterlandes und der Menschheit, zn wirken! Möge es 
aucli in Zukunft Jahrhunderte hindurch unter dem mächtigen und friedespendenden Scepter 
preufsischer und deutscher Herrscher rüstig weiterschreiten auf dem schwierigen Wege, auf dem 
unser Volk, fromm und stark, zu einer durchaus deutschen, aber zugleich echt menschlichen, den 
Kulturgehalt der Vergangenheit wie der Gegenwart umfassenden Bildung emj^orstrebt ! 

Das walte Gott! 
Altstädtisches Gymnasium. £önigL Eealgymnasiimi a. d. Burg. 

Dr. H. Babucke. Dr. Carl Boettcher. 

Königliches Friedrichs-Kollegium. Kneiphöfisches Stadtgymnasium. 

Prof. Dr. G. Ellendt. v. Drygalski. 

Städtisches Itealgymnasium. Städtische Realschule. 

Wittrien. Unruh. 

Königliches Wilhelms-Gymnasium. 
Prof. Dr. E. Grosse. 



Dem Königlichen Gymnasium zu Bastenburg bringen Direktor und Lehrer des Lycker 
Gymnasiums die wärmsten Glückwünsche dar. 

Vor dreihundert und fünfzig Jahren begründet aus dem Geiste der ßeforui«.tion, dem 
wenige Jahre vorher die Albertina entsprossen war, hat das altehrwürdige Bastenburger Gym- 
nasium seine Aufgabe, im Herzen unseres Preufsenlandes deutsches "Wesen und deutsche "Wissen- 
schaft zu pflegen, allezeit treulich erfüllt. Trotz Kriegssturm und verheerender Seuchen, die Stadt 
und Land wiederholt schwer erschütterten, haben wackere Männer in aufopfernder Hingebung 
hier iÄ-es schweren Berufes gewaltet, die Keime, die der hochsinnige HohenzoUernfürst ge- 
legt, zu lebenskräftiger Entfaltung gebracht und das kleine Städtchen zu einer Stätte der Bildung 
erhoben, von der sich ein reicher Strom des Segens ergossen hat, die Jugend zu geistiger und leib- 
licher Frische, zu sittlicher Zucht und selbständigem Denken weckend und erziehend. 

"Wenn in diesen Tagen das Bastenburger Gymnasium, umringt von vielen Generationen 
dankbarer Schüler, mit berechtigtem Stolz auf seine vierthalbhundertjährige gesegnete "Wirksam- 
keit zurückblickt, nimmt das Gymnasium zu Lyck von Herzen an der Festesfreude der Schwester- 
anstalt teil, mit der es sich nicht nur durch gemeinsames Streben, sondern auch durch mehrfache 
persönliche Beziehungen eng verbunden fühlt. "Wie ein früherer Lehrer unserer Schule jetzt dort 
thätig ist, so erfüllt es den Leiter unseres Gymnasiums mit der Genugthuung, in Bastenburg als 
Lehrer gewirkt zu haben, wo er als Schüler die erste Grundlage seiner Bildung empfangen hat. 



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- Möge das Bastenburger Gjmnasiam auch fernerhin blühen and gedeihen der Jagend zam 
Heile, dem Vaterland zam Segen! Möge es an seinem Teile auch femer mit Erfolg dahin wirken, 
dafs ans neben den mächtig aufstrebenden Kräften modernen Erwerbslebens das anentbehrliche 
G-egengewicht klassischer, Vergangenheit und Gegenwart ziisammenschliefsender Bildung unver- 
loren bleibe! 

Das walte Gott! 

Das Lehrerkollegium des Königlichen Gymnasiums zu Lyck 

Kotowski, Direktor. Professor Heinemann. Professor Meyer. Laves, Professor. Dr. Baske. 

Dr. Krichauff. Dembowski. Borchert. MeiTsner. Dr. Obricatis. Grohnert. Dr. SchefBer. 

Beckmann. Engelke. Beuter. 

Dem 
Königlichen Gymnasium 
zu Bastenburg 
zu seiner 
350jährigen Jubelfeier 
gewidmet von 
dem Königlichen Luisen-Gymnasium 
zu 
Memel. 
Q. B F. F. F. Q. S. 
Illustrissimo Gymnasio Bastenburgiensi liberahtate atque munificentia Serenissimi Borusssomm 
dncis Alberti, principis ex Zollerana gente oriundi, ad stabiliendam evangelicam fidem studiaqao 
literarum promovenda quondam fundato, pietatis erga deum, amoris in patriam firmissimo semper 
propugnaculo, ingenuarum artium omni memoria sedi atque domicilio, multorum virorum cum de 
aniversa patria tum de hac provincia optime meritorum usque ad nostram aetatem seminario haad 
quaquam ignobili trecentos quinquaginta annos divino numine atque auxilio piospere peractos 
li^entissimis animis congratulantur votaque pro futura saUite ac perpetuo incremento pie et sincere 
nuncupant 

Gymnasii Memelensis rector et collegae 

Dr. E. Küsel Prof. P. Salkowski Prof. Dr Preibisch Prof Dr. H. von Guericke 

Dr. G. V. Frisch, Oberlehrer Capeller, Oberlehrer Dr. Zweck, Oberlehrer F.Kiümemann, Oberlehrer 

"Wogan, Oberlehrer J. Goerke, Oberlehrer Dr. Gehrmann, wissensch. Hilfslehrer 

Howe, Vorschullehrer Susat, Vorschullehrer, 

Gymnasio 

illustrissimo clarissimo ^ 

Rastenburgensi, 

quod per LXX lustra sedes quodammodo atque 

domiciliiun bonarum artium fuit atque ad optima quaeque iuventutem perduxit, 

de civibus, de ecclesia, de patria 

optime semper merito, 

Sacra soUemnia rite celebranti 

qua par est observantia 

congratulantur 
Gymnasii Osterrodensis 
rector et collegae. 
Wüst. Gawanka. Schnippel. Wagner. Baatz. Sohülke. Fritsch. Müller. Cartellieri. BeioheL 

Heinicke. Kohl. Loyal. Gehlhar. 



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75 

Q B. F. F. Q. S. 

Qymnasio fUstenburgensi 

litterarum sedi spectatissimae 

Germanicae eruditionis et doctrinae 

in patriae Borussicae finibus 

domioilio vetustissimo 

de iuventute artibus liberalibas imbuenda 

per longissimam aetatum seriem optime merito 

Sacra semisaecolaria 

diebus XX[V. XXV. XXVI Junii 

septimum celebranda 

qua decet observantia 

ex animo congratulantur 

et pro fatura eius salute et prosperitate 

pia sinceraque vota nuucapant 

Gymnasii Tilsensis 

rector et collegae 

Müller. Preufs. Plew. Hahn. Friedrich. Lukas. Nast. Kurschat. Luks. Hecht. Voigt. 

Schmidt. Schau. Selzer. Wagner. Riewe. Kleinschmidt. Tolckmitt. Eichholz. 



Dem Königlichen Gymnasium zu ßastenburg zur Feier des 350jährigen Bestehens. 
Verehrte Herren, werte Amtsgenossen! 

Ihre Anstalt feiert heute das Fest des 350jährigen Bestehens. Sie nennt sich mit Stolz 
die älteste in unserer heimatlichen Provinz. Sie ist gegründet in jener grofsen Zeit des Um- 
schwungs auf allen Gebieten des religiösen, des geistigen und sittlichen Lebens, der Zeit der 
Wunder, von der Uhich von Hütten den begeisterten Ausruf that: ^O Jahrhundert, wie bist du 
so schön! Die Studien blühen, die Geister erwachen; es ist eine Lust, zu leben.'^ 

Die Reformation zog ins Land. Die Universität Königsberg, unsere gemeinsame alma mater, 
ward als Thcologenschule nicht nur^ sondern als Mittelpunkt des neuerwacliten Geisteslebens hier 
im äufsersten Nordosten gegründet, und eine Anzahl lateinischer Schalen im ganzen Land sollten 
die Pflanz- und Pflegestätto für sie werden, ein Hort der neuen Lehre, eine Leuchte der Wahrheit 
für die junge Kirche 

Bastenbarg allein ist von jenen ältesten Schöpfungen geblieben. Die scliola latina dort hat 
alle Wandlungen der Zeiten, allen Wechsel des Schicksals, alle Stürme auch des staatlichen Lebens 
sieghaft überdauert und ist bis auf den heutigen Tag ein Hort des Deutschtums in der äufsersten 
Ostmark, eine Pflegerin deutschen Wesens, eine Hüterin nationaler Gesinnung, wahrer Gottesfurcht 
und Königstreue, eine Pries teriu der echten Wissenschaft und Kunst geblieben. 

Darum grüisen wir heute unsere Schwesteraustalt und wünschen ihr, dafs Gottes Segen auch 
ferner auf ihr ruhe, dafs sie mit uns allen, den höheren Lehranstalten der Provinz, weiterwirke an 
dem grofsen Werke, die Jugend aller Zeiten zu einem kraftvollen, seiner hohen Aufgabe bewufsten 
Geschlecht zu erziehen. Das walte Gottl 
Tilsit, den 20. Juni 1896. 

Der Direktor und das Lehrerkollegium des Königlichen Bealgymnasiums. 

Dangel. Krüger. Graeter. Bereut. Thalmann. Knaake. Duvinage. Soecknick. Dr. Siemering. 

Polenz. Kautel. Myska. Seliger. Kawolewsky. Taudies. Lehmann. Collasius. 



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TC 

Q. B F. F. F. Q. 8. 

Ampüssimo et (releberrimo 

Gjrmnasio Bastenborgensi 

ante hos CCCL aonoe 

ab Alberto duce Borossiae illnstrissimo 

ciim Sacra a Lathero emendata colere atque taeri institaisset 

condito 

nt esset domicilium optimaram artiam liberaliamque litteranun 

officina qoaedam et doctrinae et pietatis 

fons hnmanitatis politioris perennis 

qnod ilicis instar in nemoribns Masoviae duris bipennibns tonsae 

per damna cladesqae a ferro ipso 

opes animnmqae ita ducebat 

ut polchrias semper eveniret altins resorgeret 

laetids eifloresceret 

nanc senusaecnlaria septima Dei gratia celebranti 

püs votis congratolantur 

precantes 

nt ei omnia fansta atqne felicia in postemm eontingant 

Gymnasii regii Wehlaviensis 

commnni stadiomm vinculo coninncti 

rector et coUegae. 

Wehlaviae a. d. Vn. Kai. Quinct. MDCCCXCVI. 

Eichhorst. Krüger. Preifs. Moldaenke. Frick. Krieger. Amoneit 

Begener. Froese. Zigann. Hennig. 

Königliches Gymnasium. , Danzig, den 23. Juni 1896. 

^siivfjc 03 owfia<: E'jasßss; Ta(ita!' 
Tpsl; aiojva; fdf xai 'Kpoc Tpeoiv fjitoüv f^^Tj 
Ilaioiv hlaTr^\lrfi 8a8a ^opsiTs xcüsffi. 

Kol lltfiyXffi d^ftapx' sixe xspaüvoßoXo^' 
"ll^tov Je vsotc; 8o$av Tpofovojv 6(iof6X.Q>v 
Kr|p6rcetv, ooiok; ev ^zd (ppaCo(i6vot^ 
lldvft" ooa rspjtavcbv ^avO^oi xctXd icatSsc sps^av 

Kai (iqfdX.' üjivTjaav xoi oüvstox; evooov. 
XttipsTs 8tj aüveyoic, t^a ^ evft'juelaft' oaa ftvT|TÄv 
Kai To rdXat xa» vjv ftaiiiax' exsu^s vdoc. 
Königliches Gymnasium. Danzig, den 23. Juni 1896. 

Dies hie solemnis quo notabilior esset celebritate et frequentia ovantium nos inter gym- 
nasia in parte occidentali provinciae fere recentissimi orientalis provinciae gynmasio paens 
yetustissimo ac non tarn diu tumi täte temporum quam clantate studiorum illustrissimo monimentam 
fiatemi memorisque animi posivimus parvulum gratulabundi. 

Subscribendo 

adfuerunt ex coUegio tres viri: 

qui chartulam finxit, literulas pinxit, fidem obstrinzit. 

Fr. Bahnsch. H, Kowaleck. H. Kretschmann. 



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Gymnasii civitatis Gedanensis 

rector et oollegae 

Oymnasii regii Bastenbargensis 

rectori et collegis s d. 

Gymnasii vestri abhinc trecentos qninquaginta annos conditi mexnoriaxn his diebos cum 
«itis celebratnri, observantiae et amicitiae uostrae signum ac dooumentum has esse voluimus litteras 
grattdatorias. 

In eadem re, optimi collegae, qua nos operam navantes cmn reliqois Germaniae litterarom 
ladis ingenuo ingenaorum stadiorum certamine conjancti qnidqaid mentom acoit, qaidqoid animi 
nutrit virtutem insitamque vim ingenii elicit alitque pueros docetis, a lutulenta cotidianae vitae 
illavie ad optimarom artimn fontes deducitis limpidissimos, ande animi bona hauriant, unde quid 
pulchrum sit cognoscant, quid honestum, quid pium justumque, ut verbo dicam: quid homine 
.dignum sit. Neque id solum agitis ut vestris qui auspiciis invigiiarunt Oamenis quid rectum sit 
soiant, sed illud etiam expetitis quam maxime obluctantes hujus saeculi tot tantisque difßicultatibus, 
ut sanctioris tanquam initiati vitae mjsteriis recte facere velint, ut quamvis diversa postea in 
civitate sequantm* alta et magna cogitent eaque cupiant quae etsi nihil saepe lucri, nihil commodi 
videntur praebitura vitam tamen vere humanam efficiunt, ut hac mente concitati ad luculentam 
illam veritatis, humanitatis virtutisque hereditatem a prioribus saeculis acceptam et iam de suo 
^quid afferre atque — quod patrio sermone praeclare dixit noster ille Schillerus — ad sempi- 
Hiemam illam seriem et catenam per omnia hominum genera, per omnes omnium temporum orbes 
^ertinentem suam quoque velint vitam adjungere fugacissimam. 

Hoc vos summum et extremum studiosissime semper esse persecutos ipse compertum habeo 
vestri ego Lycei olim alumnus pio giatoque animo cum omnium qui illo me tempore doctrina 
fovebant tum maxime memor Claussenii vestri meique divina gtatia ad hoc usque tempus sollemne 
rfluperstitis, quo nemo unquam vehementius discipulos humilia despicere docuit, nemo blandius 
.sanctum illum pectoris calorem inoendit. Te dixi, vir venerabilis, hac honorifica data gratiae 
testandae fbrtuna, dico Ludovicum £uehnastium, Fridericum Bichterum, alios tum almae 
liberaeque eruditionis dicere possum praeoones, quis autem enumeret quot viri quanta litterarum 
iaude, quanta in juventute erudienda felicitate, quanto patriae oommodo inde ab ultimis temporibos 
in schola vestra elaboraverint omnium Prussiae et orientalis et oocidentalis vetustissima! 

Macti igitur virtute este, optimi collegae, ea qua par est hilaritate has Athenaei vestri 
horas natales peragitate vobisque persuadete nos vestra nunc laetitia laetari ut nostra. Gymnasiam 
autem vestrum futura per sascula ut permaneat sacrum Musarum templum veraeque humanitatis, 
pietatis, patriae amoris virtutumque earum quae in hominum vita sunt praecipua omnium quasi 
jseminarium quoddam florentissimimi hoc die festo pia pro salute vestra ac prosperitate vota nun-* 
-cupantes a Deo Optimo Maxime precamur. Valete! 

Dabamus Gedani mense Junio MDCCCXCVI. 



Dem Königlichen ev. Gymnasium zu Rastenburg 
senden zur Jubelfeier seines 350 jährigen Bestehens der Direktor und das Lehrerkollegium des Elbinger 
Bealgymnasiums die wärmsten Glückwünsche. 

Möge die Jubelanstalt, welche, durch Herzog Albrecht, den Vorkämpfer der Reformation in 
Altpreafsen, gegründet, heute auf eine mehrhundertjährige reiche und gesegnete Wirksamkeit zurück* 
blickt; wie bisher ebenso auch in den kommenden Jahrhunderten in der nordöstlichen Grenzmark 



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<k'S Deutschen Reiches eine Pflanzstätte echter, geistesbefreiender humaner Bildung für die Jugcnct 
«ein und bleiben zum Heil des Vaterlandes! 
Elbing, den 25. Juni 1896. 

Prof. Dorr, i. V. des Direktors. Prof. Gützlaff. Prof. Fabian. Prof. Borth. 
Oberl. Dr. Schöber. Oborl. Rudorff. Oberl Dr. Block. Prof. Neuhaus. Oberl Stentzler. 

Kaufmann. Döpner. Arnsberg. Pritsche. 



Marien Werder, den 24. Juni 189G. 
Sehr geehrter Herr Direktor! 
Indem wir Ihnen und Ihrem geschätzten Lehrer-Kollegium für die Einladung zur Jubelieier 
des Bastenburger Gymnasiums danken, sprechen wir zugleich unsere besten Wünsche für ferneres- 
£utes Gedeihen der Anstalt aus. In dem langen Zeiträume von drei ein halb Jahrhunderten ist sie- 
eine Stätte gewesen, auf der nicht nur eine ungezählte Menge von Beamten, Ärzten, Geistlichen, 
Gliedern der höheren Stände gebildet, mit echtem Pflichtgefühl erfüllt und dadurch nützliche Glieder 
der Menschheit und brauchbare Diener des Staates zu sein befähigt wurden, sondern auch manche- 
namhafte Gelehrte und hervorragende Schriftsteller haben dort ihre erste geistige Nahrung empfangen« 
Mit Stolz kann daher das Rastenburgcr Gymnasium auf die Vergangenheit zurückblicken. Möge es^ 
unter dem Beistande des Allmächtigen auch fernerhin berufen sein, eine gleich gesegnete Wirksamkeit- 
zu entfalten! Dem Jubelfeste, bei dem unsere Anstalt der hiesigen Verhältnisse wegen nicht ver- 
treten sein kann, wünschen wir ein gutes Gelingen. 

Der Direktor und das Lehrer-Kollegium des Königlichen Gymnasiums in Marienwerder. 

Dr. Brooks, v. Schaewen. Pitsch. Dr. Blaurock. Bowien. Schneider. Braun. Münster. 

Meinecke. Krause. Zwerg. Karehnke. Dr. Hohnfeldt. Rehberg. Boege. Beinberger. 



Da es unmöglich ist, auch den Wortlaut der zahlreichen Glückwunschschreiben und Depeschen^ 
hier anzuführen, so sei es mir gestattet, wenigstens die Namen der Absender anzugeben! Glück- 
wunschschreiben bezw. Telegramme gingen ein von den Lehrerkollegien der Realprogymnasien Gum- 
binnen und Pillau, der Progymnasien Bereut und Löbau i. Wtstpr., des Realgymnasiums zu St. Jo- 
hann in Danzig, der Gymnasien zu Dt. Crone, Elbing, Graudenz, Konitz, Neustadt, Pr. Stargard, 
Strasburg i. Wpr. und Thorn, von dem ünterstaatssekretär im Kultusministerium Herrn D. v. Wey- 
rauch-Berlin, den Wirklichen Geheimen Oberregierungsräten Herren Dr. Stauder, Dr. Schöne,. 
Dr. Köpke, Bohtz, von den beiden Herron, deren Fürsorge unsere Anstaltsich lange Jahre hindurch^ 
erfreuen durfte, dem Kurator derFriedrich-Wilhelm-üniversität Halle- Wittenberg, Wirklichen Geheimeni 
Oberregierungsrat D. Dr. Schrader, und dem Geheimen Regierungs- und Provinzial-Schulrat Trosie» 
zu Magdeburg, von Herrn Oberpräsidialrat Dr. Maubach zu Königsberg, von dem Geheimen Regierungs^ 
und Provinzial-Schulrat Herrn Dr. Kruse-Danzig, von Herrn Regierungs- und Schulrat Tarony-Potsdaniy 
von den Gymnasialdirektoreu Dr. Sicroka in Alienstein, Dr. Wüst in Osterode und Laudien in Inster- 
burg, von dem erkrankten und im Bade weilenden Bürgermeister von Rastenburg, Herrn Wiewio- 
rowski, von Herrn Schulrat Heyse- Breslau und dem Corps Masovia in Königsberg. 

Leider konnte an der Jubelfeier aas Gesundheitsrücksichten auch der frühere Leiter der 
Anstalt, Herr Gynmasialdirektor a. D. Dr. Jahn, nicht teilnehmen, sondern mufste sich auf einen 
Glückwunsch aus der Ferne beschränken, ebenso aus anderen Gründen von früheren Lehrern der 
Anstalt die Herren Musikdirektor Dr. Taubert-Torgau, Professor Schärfenberg-Schleusingen, Stadt- 
achulrat Dr. Tribukait-Königsberg, Professor v. Sohaewen-Marienwerder, Professor Graeter-Tilsit^ 
Schulrat Czygan-Kattowitz, Kreisschulinspektor Engel-Riesenburg, Oberlehrer Dr. Zweck-Memel,. 



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-praktischer Arzt Dr. Schtiler-Friedrichshütte -S., Dr. Glüok-Ostrau, aufserdem der wegen Krank- 
heit in der Feme weilende Oberlehrer der Anstalt, Muhlack. 

Von ehemaligen Schülern hatten der Jubelfeier ihrer alten Anstalt dankbaren Herzens ge- 
dacht und dem Gefühle ihrer pietas in gebundener oder ungebundener Rede bewegten und be- 
redten Ausdi^ick gegeben die Herren Oberpostsekretär Bankmann- Berlin, Admiral Berger-Göttingen, 
-Gerichts-Assessor Beyer und Dr. Beyer-München, Landgerichtsrat Braun-Elbing, Amtsgerichtsrat 
Buchholz-Braunsberg, praktischer Arzt Dr. Crüger-Elbing, Oberlehrer Dr. Dömpke-Danzig, 
JFiering, Hauptmann im Feld-Artillerie-Regiment Nr. 16 zu Königsberg, Postmeister Flöfs-Cranz, Wirk- 
licher Geheimer Ober-Regierungsrat a. D. Gamp-Berlin, Major a D. Gauda-Fordon, Major a. D. Hieck- 
jnann-Herischdorf, Cand. med. Kalweit-Kiel, Gymnasiallehrer v. Kobilinski-Detmold, Postrat Koech- 
Hannover, Konstantin Krieger-Berlin, Landgerichtsrat Kundt-Breslau, 0. Lehmann, Hauptmann 
im 2 Feld-Artillerie-Regiment zu Beigard, Staatsanwalt M. Lehmann-Breslau, praktischer Arzt Dr. J. 
Lehmann-Berlin, Oberlehrer Dr. Medem-Danzig, Stadthauptkassenrendant Meifsner-Insterburg, Post- 
inspektor Milkau-Magdeburg, Franz Mottau, Hauptmann und Batteriechef im Feld-Artülerie-Regi- 
ment Nr. 36 zu Danzig, Rechtsanwalt Nieswandt-Braunsberg, Maschinen- Werkmeister Patzig-Königs- 
hütte, Gerichtsassesor Perkuhn-Elbing, Gymnasialdirektor Dr. Petersdorff-Strehlen, Staatsanwalt 
Preufs-Elbing, Oberst Pulkowski-Dessau, Louis Röhl-Pr. Stargard, Amtsgerichtsrat a. D. Fr. Schmidt- 
Heiligenbrunn, Regierungsrat Rob. Schmidt-Stettin, v. Schmiedeseck, Premier-Lieutenant im 1. 
•Garde-Feld- Artillerie-Regiment zu Berlin, Professor Schumann-Danzig, Forstassessor Steiner- 
Bilstein, Redakteur der Gartenlaube Dr. Tischler-Stuttgart, Professor Weidemann-Danzig, 
Hauptmann Will, Aichungsinspektor für Westfalen. 

Alle diese Beweise der Treue und Anhänglichkeit sind zum Andenken für künft^ige Ge- 
. schlechter dem Archive der Anstalt einverleibt und werden in besonderer, eigens dazu angefer- 
tigter Truhe aufbewahrt. 

Den Festbericht will ich nicht schliefsen, ohne aller derer dankbar zu gedenken, welche 
den schönen und erhebenden Verlauf der Feier ermöglicht haben. Vor allem Dank den vorge- 
setzten Behörden, den Herren vom Festausschusse, die mit stets gleicher Freudigkeit die langwie- 
rigen und schwierigen Vorbereitungen zu einer würdigen Feier übernahmen und mit aufopferungs- 
voller Hingabe durchführten, besonders Sr. Excellenz dem Obermarschall im Königreich Preulsen, 
Herrn Grafen zu Eulenburg-Prassen, den befreundeten Lehrerkollegien, den gegenwärtigen Leh- 
rern und Schülern der Anstalt, die lange Zeit sich mit der gröfsten Anstrengung an den 
Vorbereitungen beteiligt und vielfach ihre Kräfbe bis aufs äufserste angespannt haben. Dank der 
uneigennützigen Opferfreudigkeit und dem einmütigen Zusammenwirken von Stadt und Ejreia 
Rastenburg im Dienste der Schule, Dank allen ehemaligen Schülern und allen Freunden der Anstalt, 
welche die grofsen Kosten der Feier durch freundliche Geldspenden haben decken helfen, Dank 
den Frauen und Jungfrauen, die durch ihre sinnigen Festgaben sowie durch ihr bereitwilliges 
Mitwirken dem Feste Anmut verliehen und ihm ein edles Gepräge aufgedrückt haben! Nur dem 
einträchtigen Bemühen aller Kreise ist es zu danken, dafs Harmonie der Feier Zeichen war, dafs- 
alle Festteilnehmer und unsere Anstalt dankbaren Herzens auf froh verlebte Tage zurückblicken 
können. 

Möge das schöne Fest, das in seinem ganzen Verlaufe von Gottes Segen begleitet war, 

auch in seinen Folgen allen, denen es vergönnt war, daran teilzunehmen, segen bringend sein ! Stadt 

und Kreis Rastenburg bewahre ihr Vertrauen auch ferner unserer altbewährten und in schweren 

Stürmen der Zeit erprobten Anstalt und finde sich gern wie bei dieser Feier zusammen! Den 

-Lehrern sei die treue Dankbarkeit und pietätvolle Anhänglichkeit der Schüler ein Sporn zu weiterer 



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Hebevoller Hingabe an den schweren Beruf und ein Beweis dafär, dafs derselbe nicht so undank- 
bar ist! Alles das feuere sie an, die Jugend auch femer zu der unversiegbaren Quelle aller Bildung, 
zur Gottesfiircht, zu &hren, Wissenschatl zu pflegen und Liebe zum Vaterland in den Herzen der 
Jünglinge zu entflammen I In der Jugend Herzen glühe die heilige Flamme der Liebe und Ver- 
ehrung der alten, ehrwürdigen aima mater, ihres Stifters, ihres Schirmherrn und ihrer Lehrer und 
erhalte sich glühend ihr Leben entlang! Alle Schüler des neuen Herzog- Albreohts-Gymnasiums 
mögen stets solche Gesinnungen und G-efUhle hegen, wie sie bei diesem Feste zum Ausdruck ge- 
kommen sind! Erfüllen sich diese meine Herzenswünsche, dann ist das Gedeihen unserer Schule 
auch für die Zukunft gesichert, dann wird es an der Kontinuität der Tradition nicht fehlen, und 
es werden das nächste Jubelfest wieder Grofsvater, Vater und Sohn zusammen feiern. 

Das walte Gott! 



s5rf^^^Sfs;^^^^:ii?r^^^^^S7s^ 




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