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Full text of "Festschrift zur 49. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Basel im Jahre 1907"

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THE UNIVERSITY OF 
BRITISH COLUMBIA 



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in 2010 with funding from 

University of British Columbia Library 



http://www.archive.org/details/festschriftzur4900vere 



Festschrift 



zur 



49. Versammlung 



Deutsdier Philologeii und Scliulmäimer 



in Basel im Jahre 1907 




BASEL 

Buchdruckerei Emil Birkhäuser 
1907. 



Verzeichnis der Mitarbeiter. 



Albert Barth, stu 1. phil., Zürich (bis 190n ia Basel). 

Gustav ßinz, Dr. phil, a. o. Frof. der engl. Philologie an der Universität Basel. 

"Wilhelm Brückner. Dr. phil., a. o. Prof. der german. Philologie an der Uni- 
versität und Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Charles de Roche, Dr. phil., Lektor für franz. Sprache an der Universität und 
Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Albert Geßler, Dr. phil., a. o. Prof. für neuere Literatur an der Uni- 
versität und Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Eduard Hoffmann-Krayer, Dr. phil., a. o. Prof. der german. Philologie an 
der Universität Basel. 

Karl Jöel, Dr. phil, o. Prof der Philosophie an der Universität Basel. 

Alfred Körte, Dr. phil.. o. Prof. der klass. Philologie an der Universität 
Gießen (bis 1906 in Basel). 

Rudolf Luginbiihl, Dr. phil., a. o. Prof. der Geschichte an der Universität 
und Lehrer an der Knabensekundarschule in Basel. 

.John Meier, Dr. phil., o. Prof der german. Philologie an der Universität 
Basel. 

Friedrich Münzer, Dr. phil., o. Prof. der klass. Philologie an der Universität 
Basel. 

Jakob Oeri, Dr. phil., Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Theodor Plüss. Dr. phil., Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Ernst Rabel, Dr. jur., o. Prof. der Rechte an der Universität Basel. 

Arthur Rossat, Lehrer an der oberen Realschule in Basel. 

Hermann Schöne. Dr. phil., o. Prof. der klass. Philologie an der L'niversität 
Basel. 

Ferdinand Sommer, Dr. phil., o. Professor der vergleichenden Sprach- 
wissenschaft an der Universität Basel. 

Otto Spieß, Dr. phil., Privatdozent der Mathematik an der Universität und 
Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Felix Stähelin, Dr. phil., Privatdozent der alten Geschichte au der Uni- 
versität und Lehrer am Gymnasium in Basel. 

Ernst Tapp ölet, Dr. phil., o. Prof. der roman. Philologie an der Universität 
Basel. 

Emil Thommen, Dr. phil.. Lehrer an der oberen Realschule in Basel. 

Rudolf Thommen, Dr. phil,, a. o. Prof. der Geschichte au der Universität 
Basel. 



Zum inschriftlichen NY E^EAKYETIKON. 



Von 
Perdinand Sommer. 



Die Bemühimgen um die Jittera paragogica' haben, das müssen 
wir bei aller Anerkennung der Erfolge früheren Forschens eingestehen . 
doch erst durch intensivere Heranziehung der Inschriften ein solides 
Fundament bekommen; dieses verdanken wir in erster Linie der aus- 
giebigen Materialsammlung aus offiziellen attischen Urkunden durch 
Hedde J. J. Maassen's „De littera NY Graecorum paragogica 
quaestiones epigraphicae" (Leipziger Studien IV, 1 ff.). 

Warum in einer orthographischen Frage dieser Art den Inschriften 
die Führerrolle zukommt, ist klar; nicht weniger, daß auch hier dem 
Zeugnis der Steine gegenüber eine gewisse Vorsicht am Platze ist: Selbst 
AVillkürlichkeiten oder gar vereinzelte wirkliche Fehler der Schreiber 
abgerechnet, fließt die Quelle des inschriftlichen Materials für unsere 
Frage nicht immer gleichmäßig klar: Ob etwa ein -v vor Vokal oder 
vor Konsonant, in Pausa oder im Satze gestanden hat, darüber ver- 
weigert in einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Fällen die trümmer- 
hafte Beschaffenheit der Urkunden jede sichere Auskunft, sodaß es oft 
nicht einmal möglich ist, über die Orthographie ein und desselben Textes 
völlig ins Reine zu kommen. In der Beurteilung und Bewertung des 
Materials wird auch hier für den subjektiven Entscheid des Unter- 
suchenden ein gewisser Spielraum bleiben. 

Wenn heute, 25 Jahre nach dem Erscheinen von Maassen's Arbeit, 
die dort verzeichneten Resultate hie und da zu modifizieren sind, auch 
ungerechnet die Vermehrung des Stoffes durch jüngere Funde, so be- 
deutet das keinen Tadel. Allerdings muß dabei betont werden, daß 
Maassen's Statistik von vornherein nicht in allen Punkten einwandsfrei 
ist: Die Beschränkung auf die attischen décréta publica der älteren 
Zeit (S. 7) — anderes wird nur gelegentlich benutzt — war vielleicht 

1 



durch den Charakter der Arbeit geboten, soll auch nicht als unglücklich 
bezeichnet werden, unterschlägt aber denn doch im einzelnen einen nicht 
unwesentlichen Prozentsatz wertvollen Materials. In der Sichtung des 
letzteren ist Maassen nicht immer mit der nötigen Feinheit verfahren, 
Zählen gilt ihm mehr als Wägen: So wird z. B. das Verhalten der ein- 
zelnen Denkmäler für sich genommen nirgends eingehender geprüft, die 
chronologische Rubrizierung begnügt sich mit drei großen Zeitabteilungen, 
die bemerkenswerte Einzelheiten nicht zu Worte kommen lassen u. s. w. 
Solche Unterlassungen Maassen's sind um so bedauerlicher, ak ihm selbst 
die Notwendigkeit einer subtileren Betrachtungsweise nicht entgehen 
konnte noch entgangen ist. Das tritt besonders deutlich bei seinen 
Bemerkungen über den Pausagebrauch des -v (S. 62 0'.) zutage. Wären 
die ^ier gegebenen Gesichtspunkte gleich zur Richtschnur der Bearbeitung 
gemacht, so würde das der Genauigkeit und damit der unveränderten 
Brauchbarkeit der Tabellen nur zugute gekommen sein. So aber ist 
leider das in letzteren Fixierte mit aller Korrekturbedürftigkeit von 
Späteren vertrauensvoll übernommen und vernutzt worden, wie es sich 
denn z. B. in Meister h ans' Grammatik der attischen Inschriften ^ S. 114 
ohne Kommentar und Kritik abgedruckt findet. 

Maassen teilt die Fälle mit -v ein, je nachdem sie im Satzinnern 
oder in Pausa stehen. Daran tut er recht, insofern sich zunächst auf 
diesem Wege am besten ein Urteil über eine Reihe von Punkten rein 
satzphonetischer Natur gewinnen läßt. 

Über den Satz in laut gestatte ich mir nur ein paar kritische Rand- 
glossen : 

Was Codices und Inschriften bei vorurteilsfreier Betrachtung schon 
längst hätten lehren können, wenn man das Material nur richtig aus- 
genützt und sich nicht mit dem gelegentlichen Konstatieren scheinbarer 
Unregelmäßigkeiten begnügt hätte (vgl. fürs Attische Cauer Curt. Stud. 8, 
202 flf.). wurde durch Maassen zur Gewißheit : die noch heute gebräuch- 
liche orthographische Regel, wonach im Satzinlaut v ècpekxvoTLxôv vor 
Vokalen zu setzen, vor Konsonanten wegzulassen ist, kann in dieser 
Form für die Zeiten des Altertums unmöglich gegolten haben. Ein 
Blick auf Maassens Zusammenstellungen zeigt, daß gerade im ältesten 
Attisch -V sowohl vor Konsonanten oft geschrieben als vor Vokalen 
weggelassen wird. [Im ersten Zeitraum (bis 408) zählt Maassen für 
Setzung vor Konsonanten 48 'Vo, für Nichtschreibung vor Vokalen 41 o/o 
der Beispiele.] Daraus geht wenigstens eines hervor: Die Ausbreitung 
des i hfff'/.y.v(jrtx(')v ist zunächst ganz gewiß nicht in der Tendenz 
erfolgt, damit ein bequemes Hilfsmittel gegen den unbeliebten Hiatus 
zu bekommen, eine Annahme, die noch Cauer a. a. O. in der Beurteilung 
der „regelwidrigen" Fälle auf Irrwege führte. — Damit ist aber nicht 



— 3 — 

gesagt, daß die weitere Entwicklung des -v sich nicht sekundär schon 
frühe in der durch unsre Schulregel angegebenen Richtung bewegt hätte. ^) 
Die beredten Söhne Attikas wären sehr töricht gewesen, wenn sie ein 
so vorzügliches Mittel, das verhaßte Zusammentreffen zweier Vokale in 
der Wortfuge ohne lautliche Verstümmelung eines Elementes zu ver- 
meiden, verschmäht hätten; und eine gewisse Vorliebe für den an te vo- 
kalisch en Gebrauch des -v lässt sich, gewissermaßen als Vorbote der 
späteren papiernen Doktrin, seit den ältesten Zeiten verschiedentlich 
feststellen. Dabei sei von vornherein eines bemerkt: Wenn die Sprache 
der Poesie das -v als Hiatustilger gebraucht, so gilt, was Maassen 
S. 57 über die antekonsonan tische Verwendung sagt, auch für die ante- 
vokalische: ohne eine Grundlage in der Prosa des gewöhnlichen Lebens 
hätten die Dichter niemals zu ihrer, wenn vielleicht auch noch so 
künsthch ausgebildeten Technik gelangen können. Und die Inschriften 
bieten hierfür weitere Handhaben: 

Wenn nach Maassens Sammlung im ältesten Zeitraum vor Vokalen 
das -V häufiger steht als weggelassen wird (59 : 41 o/o), vor Konsonanten 
etwas häufiger weggelassen als geschrieben wird (52 : 48 o/o), so verdient das 
zwar Erwähnung, doch ist der prozentuale Unterschied nicht groß genug, 
um tiefgehendere Schlüsse darauf aufzubauen, zumal sich unsrer Kenntnis 
entzieht, in wie vielen unter den antevokalischen Fällen der Hiatus von 
den Sprechenden durch Elision beseitigt wurde. Daß dies in Rechnung 
zu ziehen ist, dafür gewähren metrische Inschriften, die in der Schrift 
die Elision nicht berücksichtigen, eine zuverlässige Kontrolle (vgl. als 
altes Beispiel lür -i: JG I- 373 ^'^'^ p. 90: Tlalaôi Ad^avaiai am Anfang 
des Hexameters). Wie sich dann in Prosa das Verhältnis der getilgten 
Hiate zu den ungetilgten stellen würde, muß leider in der Schwebe 
bleiben. — Eine festere Grundlage ergibt sich aus der Tatsache, daß 
bei der im Laufe der Zeit zunächst durchgehends zu konstatierenden 
starken Zunahme im Gebrauch von -v sich die Beispiele für Weg- 
lassung allmählich fast ausschließlich auf die Stellung vor Konsonant 
beschränken. Das zeigt jedenfalls, daß man es vor Vokalen als not- 
wendig empfand, vor Konsonanten dagegen sich eine gewisse Freiheit 
im Gebrauch wahrte. In dem von Maassen benutzten Material über- 
wiegen schon im zweiten Zeitraum (403 — 337) die Fälle von Nichtsetzung 
vor Konsonant die antevokalischen um 11%, die dritte Periode (336-300) 
zeigt vor Vokalen überhaupt kein Beispiel, alle sechs Belege sind ante- 
kousonantisch. — In der Zusammenstellung der späteren Inschriften 



1) Das meint wolil aucli Maassen, wenn er S. 58 im Anschluß au seme jetzt 
veralteten sprachgeschiclitlichcn Erwägungen über den Ursprung des -v sagt „proprium 
esse locum huius litterae, . . . . ubi biet oratio." — Gegen dessen Entstellung zum 
Zweck der Hiatustilgung spricht er sich wenigstens S. 50 deutlich aus. 



— 4 - 

(Maassen S. 33) ist die Riibrikatioii. wie eine Nachprüfung des Materials 
ergibt, offenbar verdruckt, die Überschriften „ante consonas" und „ante 
vocales" sind umzustellen: Gegenüber insgesamt 51 Fällen mit fehlendem 
-V vor Konsonant im 3. — 1. Jahrhundert nur zwei antevokalische. 

Ein weit lebendigeres Bild gewährt ein Blick auf die Praxis der 
einzelnen Texte. Er führt zu folgenden Ergebnissen: 

1. Vorangestellt sei etwas rein Negatives: Es gibt keine Inschrift 
mit reichlicherem Material, die etwa eine Bevorzugung der littera 
paragogica vor Konsonanten garantierte: Wo sie vor Vokal fehlt, 
pflegen auch entsprechende Beispiele vor Konsonanten vor- 
handen zu sein. Häufig bietet daneben derselbe Text in beiden 
Stellungen die Form mit -r: 

Wenn JG P 8 in Z. 5 Tota(t) Aq!.i{oöiö) hat, so steht auch 

Z. 7 u, 13 avTotoi rlv\ Z, 11 avroiai xara.^) 
Vl^.l: A^évèai hai, &her Ruch Ad-êvËai (îo... Z. 18 (vgl.l- p. 12). 
r 37: Gegenüber ÔQ(ayu£)oiv ha(y.aoT)og f-m 26 f., a7ia(y)öaip 
(h)ai f-ra 34 und (tê)oi Tioleoiv hé \h. 47 ist -v unge- 
schrieben in (exo£i'ayy.ö)oi e(g) f-m 17, 26, di(a7TQaxaö)ai 
êTTi ib. 26. Demgemäß läßt aber die Inschrift auch vor 
Konsonanten in sämtlichen Formen auf -oi das -r fehlen: 
a 15: Tio'Asad) y.ar. f-m 4: u(v)QiaGi âQa(yjiÊGi). ebenso 
ib. 19, 26. — lö: {ni)o/.{6)oi tcsqi, Hliriai 7T{oleGi), p 39: 
y.êQi'/ai 101 g löai i—, 41: rvyxavöai 7rQVT(ai'8voi'T)€g, 
f-m 45: (7io)/.eot (fOQOS> o 47: {Tl)oi noKeüiv he. 
NB. In den beiden Aoristforraen, dem formelhaften sôo/aev iê\.i) a .^ und 
(exajyaev TOficpofQov) o 47 erscheint -r auch vor Konsonanten, vgl. 
dazu S. .'il f. 

I'40: A.ntevokalisches -v in Z. 30: ouo'/.{o)yöoi v (fxarf^)o/. 
39: ÔQ{ayjiaL(j)iv sxaoTog, 29: eysiQOTOvëasv ho. Weg- 
gelassen: Z. 11: öof eTTirißdeioi), 43: tioIeöi i, 50: 
anuv{TEaö)ai «(s)- Fehlt auch vor Konsonfinten : 15: 
(oTë).ê)<ji yiyvËTat, 38f.: iivQiaiai ÔQ{c(yuai 0)1 v, 43: 
TËai 71 0/6 ff/. — Antekonsonantisches -y nur in dem stereo- 
typen (eô)oy(jev xii Z. 3. 
Dieselben orthographischen Verhältnisse in JG I' 47, 273. 324, |- 
22 a. 27 a. 27 b. 27 c. 53 a, 61a. 

Von nach -eukl eidisch en Urkunden vgl. JG IT 17 (Z.33f. Ai^r-vi]öL 
avsTiiTt;oen)(i), aber auch Z. 9: {-oKfi i ôg). — 64, 9: {ßor^O-i]o)aoi eig, 
aber auch Z. 1 1 : {fior^!}^r^)aaoi tov. — 603, 16: aT8(favov{G)i EjTiyavj-v 

*) Der fragmentarische Charakter dieses wie vieler der folgenden Denkmäler ist 
für die Zusammenstellunor stets im Autre /.u. liehalten. 



neben 3: ;-!)-voe zo{i)^. — 11 '' 766. 13 (14): avsO^t^xs uGraxov^ Z. 7: 
azcedoxs IIoÂvçsvog. — 804 An 41: f.ynvai «, Ba 38: TiQooofpst- 
kovai ro)v, u. s. w. — 

Wenn auf dem Bruchstück P 2 B, 19 aTcoôtôôaiv rcaqu und 
C 20 -ICH 8 /il- einander gegenüberstehen, so ist daraus ebensowenig ein 
dem oben Behaupteten widersprechender Schluß zu ziehen wie aus 
li' 86, 8 soTi ort gegenüber 32: £7iidi]iitc)Ofi xar' (: sonst kein Material:) 
und aus der einen Form siâcnjt o{ri) 114 A, 13 neben ÂaycooLV 
TCQOEÔQEvsiv 9, Xs'/ovoiv ü u t 14, ey.QiPsi' (hcc/st Qoi o{vt^)aaaa 5, 
ße(Sov'Aevy.ev '/.syov 11. (114 B, 9 hat vor Vokal ô(o)çaoiv aQiara.) — 
Das Fragment 11^ 584 bietet einmal ôtelvos AÖ^r-vaiovig) Z. 8 neben 
{av)E'J-i]y.Ev y.a'k — Z. 12. — dar nicht zu reden ist von einem Fall 
wie P 56 b 3: eg%i ayaiïo'^^ 7 ëgl e/oai^uöv im Gegensatz zu dem 
formelhaft erstarrten sô(r/jjsv tel ßölei Z. 1. 

2. Wir wenden uns zum positiven Teil: Eine gewisse Vorzug- 
stellung des antevokalischen Gebrauchs von -v resultiert unwider- 
leglich daraus, dass eine ganze Anzahl inschriftlicher Urkunden die 
Weglassung nur vor Konsonanten kennt. Dieser Zustand findet 
sich bereits auf recht ehrwürdigen Denkmälern: 

JG I' 1 B hat -V vor Konsonanten in fivGT(ëG)iv y.aL 6, {e7i)onTè lgiv 
{y.ai) 7, ay.ok(ovd-)oiGiv y.ai 9, {aXX)oioiv To(ig) 10, 
I.i{v)gt£Qioigiv föt," 34. — Vor Vokal: 12: (Adëv)aiot Gtv 
{ha) TiaGLv, 29: Ai}êvaLOiGLv sy.si, 30: teigiv avrêai. — 
Es fehlt vor Konsonanten: Z. 5 xotoi f-ivGT{éo)iv, tëlgl 
TtokeGiv 26 (vgl. I- p. 3), ccvtêgi tcoâsgh' 31. roioi äs 32, 

oXeiZoGI f.lVGTÊqiOlGlV 33.^) 

P 32: Antekonsonantisches -v: eaciv tolç A 5, {xQ£u)aGtv 
■loii^) B 17. 
Antevokalisch: sgtiv sxaGTÖi A 23, egtiv ê B 25. 
Fehlt vor Konsonanten: A 6: eari tovtöv, 29 avayQa<fGÖGi /«, 
31 neQiöGi '/QEGO^ai, B 20: la/iiLaGL röv. 
W 1b p. 394 f. (Jahr des Eukleides) hat: Z. 22 sGiii .tsqi, 
29 ËGiv 718QI. — 9 y.slsvöGLv £t,', 35 ëaii' aiÖQSi^. — 
12: EJiaivöai ôe. 
Auf jüngeren Texten rindet sich dieselbe Verteilung. Sind auch 
naturgemäß bei den größeren Ausdehnung im Gebrauch des r f</£/.- 
xvGciy.ôv die Minusbeispiele spärlich, so handelt es sich doch oft aus- 
schließlich um die Stellung vor Konsonanten. Vgl. JG II' 553 (um 400): 
Z. 1: (ed)o^e^' r/;/, 5 exoQt;y)-G8v /o/.s, 10 aiÔQaon Junvuicc- 



-) "Wegen der besonderen Beschaffenheit eines Teiles der Beispiele s. noeii S. lU. 



— 6 — 

9 i avtxr^y.èv an'. 10 Tiaioiv ?;. — 5 Traioi y.ai. 311: 45 ana- 
Qovoiv y.cii. 46 ...an /.ai. — lA {et iui]o)ev (eixoaiv), 47 na^axa- 
j.ovoiv av{TOv). — 22: £VTVxr.jiiao{i) rov. 46 aTTCtyysJi.ovni rr^v. 
314: (Xur Z. 32 ôi aTarê'/.exe leyov ohne -v, mit -r: vor Vokal 9inal, 
vor Konsonant 8mal.) 317. 331: -r vor Konsonant: Z. 2 (£)rro/fO^- 
X7(j£i TAs. 11 i/.aßer xai. 29 exoinoev toi. 34 ôi £(fv'Aaçev tj;v, 
39 ;Taç«dw>ffi >?«'. 61 /.s/.sirovQyr/xsr (pikoTif.iiog., 63 naoïv rov- 
TOig (Minuskelumschrift unrichtig!), 68 /.axtooiv nQoeÔQsveiv., 94 st- 
T?;xfj' {0)ai ÔQog. — Vor Vokal: Z. 6 (eTr/.e)v()Sv etïi^ 8 e?.aßsv 
Ayvvjvu. 13 TïaQcO/.evaoev aacpaleiai. 20 ôiaTereXsy.Ev eavrov^ 
(23 ojuTTQOiîf/xci eTTèf^icîr^d^Tf), 32 ôieTeîeoev ayovi'^oiievog (vgl. 
Z. 41. 46!), 60 é/LiTiaoïi i;i\ 62 j'ëj'oi^afj/v £k (83 ayoxjiv oig). — 
-V fehlt vor Konsonanz: Z. 13 jx/.iovoi rr^v., 41 âtsTs'Aeae xai, 46 dterg- 
/.£f7£ Travra (vgl. Z. 32!), 55 övvT8ks{od^ioG)i naoai, 83 Tiaai TOig. 

— 332. 403 (Z. 79 vor Vokal avs^r/xer Evxlrg, nicht aie^hy/.e. wie 
die Minuskelumschrift bietet.) 467, 469, 471. 605, 609. 610. 611, 628, 
453b (p. 418). — Dittenberger Sylloge- 169. 177, 178 u. s. w. 

Es ist nicht schwer zu erkennen, daß in einem solchen Verhalten 
der Keim der späteren Schulpraxis schlummert. Wenn es in der älteren 
Zeit schon öfters Brauch, in der späteren Regel war, î^-lose Formen 
nur vor Konsonanten zu gestatten, so lag es für Leute, die überall feste 
Norm und reinliche Scheidung vei'langteo, nicht allzu ferne, in der 
Richtung auf die Schulregel hin zu verallgemeinern. Zwar geht aus 
dem Befund der Inschriften aller Zeiten klar hervor, daß eine solche 
Theorie nicht allgemein, ja daß sie nicht einmal weit verbreitet war, 

— -V vor Konsonanten bleibt bis in die späte Kaiserzeit sehr gebräuchlich 
(vgl. Dittenberger Sylloge- 387. 390. 404. 405, 406, 418, 420) — ; 
Spuren aber, die deutlich auf das in der bekannten Schreibregel nieder- 
gelegte Prinzip hinweisen, finden sich schon in vorchristlicher Zeit genug- 
sam : Zeigt bereits die vorhin besprochene Inschrift I ' 32 vor Vokalen 
die ausschließliche Verwendung des -v, vor Konsonanten ein Überwiegen 
der v-losen Form, so gibt es auch in jüngeren Epochen Urkunden, die, 
ungeachtet der sonst zu konstatierenden Ausdehnung des -v, als ante- 
konsonantische Dublette die i^-lose Form in der Majorität haben. Sie 
stellen gewissermaßen einen Übergang dar: So 

JG II' 628 (Ende des 2. Jahrh. v. Chr.): antevokalisch Z. 8 uvot/,- 
Qtontiiv i^fteçaig, 25 avevQsv avzog, 28 ef-mauLV ana- 
voQxh'Hiei'jg. — antekonsonantisch: mit -v: 17 {7TQ0G)sf.i€- 
QKiii' ÔS, 23 fTmt'Koxiiv rag. — ohne -v: Z. 7 èoi i ôvvaTt], 
39 TiQoiii- iirQi ar- de, 40 i-xa/./.i f^Qt'os raig (in Pausa an- 
ii t/.fiii-i). 



Es kommt aber noch deutlicher: Die Inschrift aus Amorgos BGH 8, 
450 = Dittenl) erger Sylloge- 642, wahrscheinlich aus der Glitte des 
3. Jahrh. vor Chr., hat 

vor Vokalen: Z.S naQt^yysi'Aev 8v, IQ ava?.o)aev sig^ 21 u(fr^xf^v 
aceleig^ 30, 33 Tc^t]aiv rj. — Vor Konsonant: Z. \1 skaße ÔQaxjiiai;, 
30 7i{aoi) Totg, 33 ttuoi toi S- — -v erscheint außer in dem formelhaften 
SÔOÇSV z/jt (Z. 1) nur in srvsôioy.sv y.ai Z. 20, wo man ebensogut 
Pau sa Stellung annehmen kann, zumal nach y.ai das neue Prädikat acpr^y.ev 
folgt. (Sonst in Pausa eiTiev Z. 2, ayvxni', oig Z, 30, 33.) 

Ebenso scharf tritt die Divergenz hervor in 

JG 11^ 385c (2. Hälfte des 3. Jahrh. v. Chr.): 

Vor Vokal: Z. 9 alovaiv eig^ 13 Gvvr^yoQ7-^asv sig, 20 s^ovoiv 

aiQSGlV. 

Vor Konsonant: Z. 7 nQoetor^vsyxs XQrjuara,^) 9 aoaveios 
äs, 15 eôojy.s de, 37 açiovai ôod^r^vai, <54 TraQayeyovoo i 
[.lex. 
Die einzige Entgleisung Z. 14: (JvvETCQeaßevasv de. 
(In Pausa: einev Z. 3, 33, 49. yaxa:Tlsov(JLv Z. 12.) 
Schon als vollkommen der Schulregel entsprechend sind diejenigen 
Urkunden zu betrachten, in denen nur etwa das formelhafte eôoçev vor 
Konsonant festgehalten ist, während der übrige Text sich dem Brauche 
fügt. Das treffen wir bereits JG ir 570 (um 400): 
Antevokalisch: Z. 34 ogolglv e{(jTi('jv)iai. 

Vor Konsonant: Z. 15 sav^L?) {ili)r^(ptai.ia^ 32 aQ/otoi rö, 37 
naqöoi Illod^-. 
{sôoçev niiod^eisvai) Z. 11. 
Ebenso IP 54b (362 v. Chr.): 
Antevokalisch: Z. 6 ajioipaivôoLv offei?.ôGai>, 11 a7ioôido)aiv 

€v, 34 yaT/]yaysv o. 
Vor Konsonant: Z. 18 oi-ioob Keiotg. 46 aufpKjßy^TOjai «/;, 
47 y.aTaoTi]aaaL TiQog. 
{eâoçsv xr^t Z. 3.) 
NB. Die Pausa schwankt auf dieser Inschrift. Z. l sjt Qvvavevev, 5 eiuev, 
aber Z. 2 eyçaftfiarei'e, 19 coai, 23 eiac, 45 A&tjvtjai. — 

So wird es denn schließlich nicht Wunder nehmen, daß sich hie 
und da Denkmäler finden, die völlig zur Schulregel stimmen. Den Text 

JG W 14b p. 397 (387 6 v. Chr.) mit seinem (eari)^ eg rrjinoln 
Z. 4, leyovoi Je- 6, syj)vßi y.- 9 erwähne ich nur beiläufig, der frag- 
mentarischen Überlieferung wegen. — Wichtig, obwohl gleichfalls ver- 
stümmelt, ist 

^) Z. 8: EiY.oai TaÀavra hat \vc2;znl)leilien; s. S. 19. 



_ 8 - 

11^ 62 (357-6): Hier hat nämlich in Übereinstinimuug mit {eyjoai 
utG{i)^or) Z. 21 selbst das stereotype eöo^sv sich einmal der Schreib- 
regel gebeugt: Z. 6 bietet sôoçs rrt gegenüber 8{xo)o)iv o{l) Z. 10 und 
den Pausaformen tyQuaiiarsvap Z. 4, gtrrev Z. 7. — Dasselbe in dem 
Fragment 11^ 108 a (349/8), wo Z, 14 eiOLv sx, Z. 1 €Ôo~s tcoi zu lesen 
ist. (Das TC'ji e(.i7iQ0Gd^ev yiQov <iûv> on von Z. 6 wird niemanden stören, 
der Maassens Bemerkungen zu dieser Formel S. 35 f. berücksichtigt.) 
IP 614 b (Anfang des 3. Jahrh. v. Chr.): Das erste Dekret (der 
Soldaten) beobachtet die Regel nicht, wohl aber das von Z. 51 ab 
folgende der Eieusinier: 

Antevokalisch: Z. 62 e()Te(pav(')y.6v avrov, 69 ysyovev airiog. 

Antekonsonantisch: Z. 62 naot rovroig, ETieivey.e xai, 63 en:- 

In Pausa: Z. 51 sltiev^ 55 ipr.fpioiiaGiv, 67 sLoevê/d^ooii. 
Auch IP 597 c (l. Hälfte des 3. Jahrh., vgl. Dittenberger S} Uoge - 
605) stimmt mit seinem wenn auch dürftigen ^Material: 

Vor Vokal: Z. 5 aTTOÔr^^iovaii e.Ti, 15 sartv avTtoi. 

Vor Konsonant: Z. 12 y.rQvçi y.ai. 

Von besonderem Interesse sind die von Pomtow X. Jahrb. 149, 
507 ff. behandelten „Kallikles" -Inschriften aus dem 3. Jahrh., fünf 
amphiktyonische Dekrete mit identischem Wortlaut, ihrer Entstehungs- 
zeit nach jeweils nur durch kurze Zwischenräume von einander getrennt. 
In jeder einzelnen von ihnen ist das Gesetz: „-^' vor Vokal, kein -v vor 
Konsonant" mit peinlicher Gewissenhaftigkeit durchgeführt. Der Schreiber 
hat, was er in der Schule gelernt hatte, gut im Kopfe gehabt: 

Vor Vokal: Z. 7 El).i]aiv anaaii aveiy/.J/cojg-, 8 leqouv t^/tioaip 
erraii^aai, 9 ayooiv olç,^) 10 Tii^eaaiv oi. 

Vor Konsonant: Z. 4: eôoçs TOig, o isQoiivi-fioGi yai\ 6 dasselbe. 
6 AiKf L/.TVOGL yai, 7 eôoçs roig, 9 naoL roig. — 

Es empfiehlt sich, über die Grenzen des Attischen und der y.oivt^ 
hinaus einen kurzen Blick auf die ionischen Dialektinschriften zu werfen, 
denn auch hier genoß, wie wir wissen, das i tifû./.vGrLy.ôv Heimatsrecht. 
Sie zeigen im wesentlichen dasselbe Verhalten wie das bisher behandelte 
Material : 

1. Auch hier keine größere Inschrift, die das -v vor Vokalen weg- 
ließe, vor Konsonanten setzte: Fehlen vor Vokal bedingt immer die- 
selbe Freiheit vor Konsonant: vgl. (nach B echteis Sammlung in GDJ): 
5285 (Olynthos, Auf. d. 4. Jahrh.) b: XaXxLÖevGL ty.y neben 3Iay.s- 
duGii f X, vor Konsonanz neben Tt'/.tovGtv nlea auch ak'//.r//^0LGL y.ara. 



1) Kann auch als .,Pau8aform" vor be^innendeni Relativsatz »ezählt werden. 



— 9 — 

5398 (Kens, Ende d. 5. Jahrli.): tqloi ey.arov und (iqkj)i /.f-vy.oig. 
5698 (Samos, Ende d. 4. Jahih.): STisa ce{L)Â8 stg und eoTe(favv>os y.ai. 
5737 (Magnesia, Ende d. 4. Jahrb.); Neben syQafiftaTsvev II/.aißTccQ/og, 
eôoçsv ii^L aucb eon {7is)Qt; demnacb :iQoi]ÔQevF. [ortag berechtigt. 
2) Einige Denkmäler zeigen fakultative Weglassung nur vor Kon- 
sonanten, vgl. 

5753c (Mylasa, 855/4 v. Chr.): jiie ic{rf)yêi' /;, e7i(')lr^aev ;;, auch 
sy.oirvnr^Gev T/;t.', {Mvkaoevoiv xai, auf y.ai folgt neues 
Prädikat), aber auch eôo-e 3IvlaaevaLv. 

5755 (ib.): oevögsotv eÄaivoig zweimal, ^leTtQaxep avirng zwei- 
mal; — övoiv y.at, TQLOLv xa«, 7CE{p:)r^'/sv avv^ aber auch: 
oevÖQSOi naatv, evovot öevÖqeotv. 

H) An völlig einwandsfreien Beispielen, die wenigstens eine spora- 
dische Existenz der Schulregel auch für das Ionische garantieren könnten, 
fehlt es leider; vielleicht zufällig. xVllerdings haben \Av zwei Inschriften, 
die sich jenem Gebrauch stark nähern. Einmal die bemerkenswerte 
Urkunde aus Mykonos 5417. Ich gebe die Inschrift, die noch einige 
verstümmelte, bei Bechtel nicht mitgeteilte Zeilen enthält, nach der 
Pubhkation von Barilleau BCH 6, 500 ff. : -i vor Konsonanten rindet 
sich hier aulier in dem ergänzten f.i€T€i(xei) Kaû.toTayoQag nur in 
Z. 34 röio/.Ev XV, 44 {Evt]yyv r^)o£v rr^v. Alle üljrigen P'"älle stimmen 
zur Regel: 

Vor Vokal: Z. 3 evi^yyvr^Gev [Erra^/tdft], 6 avie/.e^evA/.ti.L- 
zÂ?;i,', 7 7iQ0Ged-i]yBv €y.aroi\ 16 saojy.sv i-Tiiay.ooiug, 
28 evi]yyvrGer Equo^ evrv. 

Vor Konsonant: Z. 4 côvjye yûuag^ 12 £V7]yyvr^ae -ogtqüi o)i, 
13 a.Tèôojy.a ôe, tlaßt naQcc^ 15 svi]yy{v)r^Ge 0i/y(')i luvn, 
fdoxs fi(vQL)as, 19 vTis^i-y.a KaX'/.iievog^ 21 >,yyi'>,os 
Tifisaù, eôtoxE TQiGy^t{^Xt)ag^ 23 evz-yyvijae Uan^rcLai 
25 ev?]yyvj]ae Ilav&a'/uôa, 29 i-doy.r- yi/uag. 33 sir^yyvj-os 
xai^ 39 a{ôo))xs ÄXX. 

Eine ähnliche Statistik weist die berühmte Sängergilden Inschrift 
von Milet (5495) auf: Sie setzt zwar dreimal -r vor Konsonanten : iG/öair 
GTa(pavi]<f OQOL 9, GterpauocpoQoiGii ra/.ra 1415, KßonuaioiGiy de 
21, hat aber sonst: 

Vor Vokal: ioGlv ag 18, Tcc^y ///uoiGti CcQ(rt)oi 20, ^J;^cc- 
ye(t)TVLOLGLv ifç(/;t) Ol' 20/21, la^oiGLi o 22, Oi li aöt^ioii 
ano 37, noKoatv Ovcraöat 40, uoA.totaii a.Ti 40, ora- 
(favi](fOQOLaiv aniTaTQacpii ai 42. 



— 10 — 

Vor Konsonanz : fôo^c iio/y^toLOLpA, ariciaôoi iiolîiuivQ^rtTiéo^e- 
oai -/.ai 8, TOioi OTeçavrjÇoQotaiv 14, tiivöol to/u 16, 
TOVToiai toig'' isQoiOLv 22, OviradriiGi .Ta(>gç/g 32 (vgl. 
Z. 37!) Eaôf uoÂTtoiaiv 40, saôe fiokTioioi 41, (.10X710101 
Gr£cpavi]ffOQOi Giv 42 (vgl, Z. 40!), reXeGi loig^ 44. 

Über die darunter befindlichen Beispiele in syntaktischen Kom- 
plexen s. S. 25. 

Verhindert in dem zuerst zitierten Denkmal die junge, stark mit 
y.onr durchsetzte Sprachform einen sicheren Schluii auf vereinzelte An- 
wendung der Schulregel auch im echten Ionisch, so im zweiten Fall 
der Umstand, daß nur die späte Kopie eines älteren Textes vorliegt. 
So gut der Abschreiber bei Gelegenheit des /. adscriptum gesündigt hat 
(Bechtel S. 629), könnte er sich auch beim v l(fsX/.vOTr/.ôr Verstöße 
gegen den Gebrauch seiner Vorlage haben zu schulden kommen lassen. 
Allerdings wird eine weitere Beobachtung (S. 25) unser Vertrauen in 
die Inschrift bezüglich des -v beträchtlich erhöhen. — Ohne Verklausu- 
lierung kann jedoch somit die Frage fürs Ionische nicht bejaht werden. 
Daß wir auch in 5702 (Samos) das 0711(0)^8 S-sog von Z. 27 gegenüber 
avf^yiyvojox&v ex 88, aTcecpaivev ovxa 30 und in 5727 (Halikarnass) a 65 oniod^e 
TOi> gegenüber ciy^ev EQiiamg 39, er/i^i ylQTvciGoig 45 nicht verwerten 
dürfen, zeigt die Überheferung Herodots bei diesem Adverbium (Bredovius, 
Quaest. crit. de dial. Herod. 106 f., Smyth, lonic dial. 289). 

Das Gesamtergebnis ist klar: Im Attischen und in der y.oLvr: ist 
nach Ausweis des inschriftlichen Materials ebensowenig wie im Ionischen 
eine einheitliche orthographische Regelung in Sachen des v ècfsÂ- 
xvGTLy.ôv durchgeführt worden, die sich konsequent nach der Gestalt des 
folgenden Anlauts gerichtet hätte; wohl aber finden sich schon frühe 
Anläufe dazu, die Weglassung nur vor Konsonanten zu gestatten, 
ja. im Attischen und in der y.oLvri zeigt eine Anzahl von Fällen diese 
Weglassung zum Gesetz erhoben. Es sind also schon in vorchristlicher 
Zeit theoretisierende Köpfe darauf verfallen, die Anwendung streng in 
der beschriebenen Weise zu regeln. Daß sie damit nicht durchgedrungea 
sind, wissen wir; Reflexe ihrer Vorschriften aber finden sich in den 
gegebenen inschriftlichen Beispielen wieder, bei deren Mehrzahl die 
Annahme einer zufälligen Verteilung ausgeschlossen ist. Die ersten 
Zeugnisse fallen schon ausgangs des 5, oder ganz zu Beginn des 4. Jahr- 
hunderts, Sie und die späteren Belege entstammen jener Zeit, die die 
griechische Nationalgrammatik schuf und ausgestaltete, den letzten vier 
Jahrhunderten vor Chr. 

Sicherlich ist es also Unrecht, unsere Schulregel schlechtweg als 
„byzantinisch" zu bezeichnen (Kühner-Blass Gramm. Ii ' 295 Anm. 2). 



- - 11 — 

Nach dem, was uns die Inschriften gelehrt haben, verschlägt es nichts, 
wenn die Regel als solche zum ersten Male l)ei den Byzantinern sich 
ausgesprochen findet. Das geschieht aber nicht allein, wie Maassen 
glaubt, in dem grammatischen Traktätchen IleQÏ tov icpêÂyvariy.ol y, das 
im Qi](TaiiQ6^, y.ÊQa^ dt-ialüiia^ etc. des Aldus Manutius (Venedig 1496) 
auf f. 2161) abgedruckt ist. Maassen hat recht, wenn er S. 41 die Autor- 
schaft des Choirobüskos bestreitet: Inhalt und Sprachgebrauch wider- 
sprechen ihr in gleicher Weise, namentlich die Verwendung von t(f'c'/.- 
y.variy.ov als Attribut zu vv. Wie Maassen richtig hervorhebt, sagt 
Choiroboskos (Lebenszeit zwischen 6. u. 10. Jahrh.) noch stets „ë eyg/.- 
xvaxLxav èoTi tov r" oder ähnlich.^) — Wohl aber schimmert aus dem 
Abschnitt in Planudes' UsqI yQuuuaxiy.r^g ôiâXoyog (um 1300), den 
Maassen S. 40 unbegreiflicher Weise nicht völlig ausgeschöpft hat, 
deutlich die Polemik gegen die Schulregel durch, die also damals von 
andern verfochten wurde. Ich zitiere nach Bachmann, Anecdota 
Graeca II 57 f. : 

,^Af.iéhi ôe, 0001 Ttôv ^ArTiy.cjv ri^) y.cacdoyâôr^v Âôyq) rd» èavTOJV 
avverd^avzo ßißlovg, xal cpcovrjsvTog /.al ovf^KÇtôvov TOÎg toiovtoi g 
iTiKfeQOf^tévov, xo v TiQoaéd^t^yav, y.al iiaçTVQeî Tiàoa. ßißlog... Dann 
weiter: Ol ôè xijg véag xavrr^g örj yQu^ufiariyrg ènundiaL, oi x^èg y.ai 
rr^o TQici-g dyudoavTi-g, TiâvToS-ei\ ETiciyouévov o i\a cp o) i> o v^ co loi- 
ovxov èçojQioav dfiSTaßo'Aov.^'' 

NB. Die bei Kühner-Blass a. a. 0. aus den Worten des Planudes 
geschöpfte Behauptung, die Byzantiner hätten das p noch „allgemein" 
gesprochen, stützt sich nur auf die bei Bekker Anecd. Graeca III 1401 
gebotene Textgestaltung: Bachmann hat S. 58,i das entscheidende /<;; 
nicht, und der Satz: „x«/ro/ y.cd j]fi£ig xwt« rr^v y.oivozèQav 7]/iicîJv ôia- 
ley.Tov TOÏg fiera tov v nâvxa Xèyovoi y.ai ênujvQhTOiiiev, y.aî ßuQßaQOvg 
Tomovg dnoy.alovi-Œv'-'' hat nach dem Vorausgegangenen guten Sinn: 
„Wenn auch die modernen Grammatiker Unrecht haben, die das i^ über- 
all vor Konsonanten herauswerfen, so tadeln wir doch auch (xa/ro«) 
die, die überall r sprechen," — Nebenbei bemerkt, wenige Zeilen 
weiter (S. 58,i3 f.) ist in der RepHk des Neophron dann auch im Gegen- 
satz zum früheren Sprachgebrauch (Choiroboskos) wirklich vom „r 
ècpsXy.voTiyôv'''^ die Rede („t/ ôè y.otvov QjjiiiaaL y.al dvöiiaai oiare y.d/.enoig 
y.ai Tomoig è(pB/<.y.v(îTLy.dv to v ylvead-ai;^^) 

Des Planudes Schüler Moschopulos zitiert die Schulregei ohne 
weiteres als gültig (Gramm. Graec. IV, XLIIIaitff. : „ro ydç r tifc/.- 



1) Demnach ist auch CTramni. (Ti-aec. IV-, S. (JÜ,Ui „to ri'.Tre ov ôvrcirai 
ê(f€Ay.vaTiaôv ëyeiv ro v'" das Adjektiv zu ro xvnTe und nicht zu v zu ziehen, wie 
ühriseus der Sprachgebraucli der ranzen Stelle unzweideutio- dartut. 



— 12 - 

y.vaTr/.(')v iarii sv roZ* TQ/roig 7iQ()<JO)n:oig ron ()t]ftÛTO)P îoÎs' ^ts" ^ '} 
è.ci fpfQiiftévov, ovfKpo'fyov ôè ov/.éz i''^). — 

Den Hauptgegeiistand meiner Untersuchung bildet der Gebrauch 
der littera paragogica in der Pause, und hier weiche ich nicht unwesent- 
lich von dem bei Maassen tabellarisch Niedergelegten ab. Es kommt 
mir dabei in erster Linie darauf an, seine Ansichten über den ältesten 
Zeitraum einer Revision zu unterziehen, denn daß später in pausa die 
Setzung des v Irpeky^cGTi/.öv fast zur Regel geworden ist, zeigt auch 
Maassens Statistik. Dagegen kommt bei M. der Pausagebrauch im ersten 
Zeitabschnitt (bis zum eukleidischen Jahr) schlecht weg; nur in 17'V'o der 
Beispiele soll es vorhanden sein, in 83 o,, fehlen. Dies Verhalten würde 
zu dem des Inlauts im denkbar größten Widerspruch stehen, es ist aber, 
wie mich eine selbständig vorgenommene Prüfung des Materials über- 
zeugt hat, zu Unrecht konstatiert. Ein greifbares Resultat zu erlangen, 
ist allerdings hier besonders schwierig, vor allem, weil der Begriff „Pausa" 
selbst ein schwankender ist, um von äußerlichen Zufälligkeiten der Über- 
lieferung, die einer sicheren Erkenntnis auch hier nicht selten im Wege 
stehen, ganz zu schweigen. Wo man im Ansatz eines „Sinneseinschnittes" 
schließlich Halt machen soll, kann oft nur nach Gutdünken entschieden 
werden. Ich brauche nur an Fälle mit „und" zu erinnern, um die fast 
unendliche Modulationsfähigkeit der Stärkegrade ,,in pausa" darzutun. 
Mein Verfahren im folgenden war das, als „Pausaformen" solche Fälle 
zu rechnen, in denen unser Sprachgefühl eine Interpunktion verlangt. 
Daß wir mit dem der alten Attiker dabei bisweilen in Widerspruch ge- 
raten mögen, läßt sich nicht vermeiden, aber leider auch bei dem Mangel 
einer sicheren Kontrolle von Fall zu Fall nicht konstatieren. Auch 
glaube ich, daß das Gesamtergebnis unter allen Umständen im wesent- 
lichen das gleiche ist. Bemerkt sei noch von vornherein, daß, wie schon 
Maassen S. 28 richtig erkannt hat, es für den Gebrauch des Pausa-v 
gleichgültig ist, ob ein eventuell folgender Satz oder Satzteil mit Vokal 
oder Konsonant beginnt. Meine eigenen Sammlungen haben mir das, 
auch wo sie über Maassen hinausgehen, weiter bestätigt. Ich bespreche 
zunächst 

I. Die offiziellen Urkunden. Was seit Maassen an neuen Funden 
hinzugekommen und in J G I niedergelegt ist, habe ich mitverarbeitet, 
auch die tabuhe magistratuum mit den décréta zusammen behandelt. 

Das 8cheinl)ar abweichende Verhalten des Pausagebrauchs gegen- 
über dem Inlaut in Maassens Statistik ist einzig und allein dadurch ver- 
schuhlet, dal) in die Materialsaiumhiiig die stereotypen Formeln der 



— 13 — 

„prœscriptiones" mit ihrem ständigen ercQvravtve. e'/ounuarevt. ëoye, sitcs 
einbezogen worden sind, obgleich Maassen deren ^peculiaris et propria 
natura" ATohl bekannt war (S. 68). Es ist doch wohl klar, dali wir in 
derartigen, altüberkommenen Phrasen sprödesten Kanzleistils nichts über 
das erfahren können, was in der lebendigen Sprache der betreffenden 
Zeit gang und gäbe war. Wenn ercovraveve u. s. w. regelmäßig ohne 
-r erscheinen, so beweist das weiter nichts, als daß diese Verbalformen 
einmal vor längerer Zeit olme -v im Gebrauch waren und erstarrt in 
den Formeln bewahrt wurden, nicht aber, daß im 5. Jahrhundert v. 
Chr. die Attiker das -v in Pansa ungern setzen.^) 

Bei €i:rt€ speziell ist übrigens noch etwas anderes im Spiele: Auch 
im eigentlichen Text der Inscliriften herrscht allgemein der Gebrauch, 
am Satzende das -v wegzulassen, wenn noch eine erläuternde 
Aufzählung oder etwas Ahnliches folgt, da, wo wir im Deutschen einen 
Doppelpunkt setzen würden. Daß in solchen Fällen die Griechen nicht 
notwendig einen Sinneseinschnitt empfanden, läßt sich wenigstens für 
die spätere Zeit direkt erweisen: Wir finden Assimilation an den 
Anlaut des nächsten Wortes in JG II- 812a Z. 1 (um 320 v. Chr.): 

ay.€vr] oiö og^eü.ouai/^i: 0iAoô}]aoç u. s. w. 

[Wenn hier überhaupt -v Icps'Ky.vany.ov geschrieben erscheint, so ist 
das für die jüngere Zeit ganz in Ordnung. Der Gel)rauch, es an dieser 
Stelle nicht zu setzen, war schon etwa 90 Jahre früher aufgegeben 
worden. Für die ältere Epoche aber gilt er ausnahmslos.] Da, wie sich 
später zeigen Avird, die Pausa ein Hauptgebiet des -v war, so sollte offen- 
bar durch das Weglassen vor „Doppelpunkt" gerade das Nichtvorhanden- 
sein eines Einschnittes markiert werden. — Aus der voreukleidischen 
Zeit sind folgende Fälle hierherzustellen: 

Ol. 86,4^) JGlM79,s: eyjtleöGL: Jcr/.€Oaiuoriöi. Ja/.ic({ôëi) ii. ^. w. 
(folgen die übrigen Namen). — Ebenso Z. 19. 
89,3: V 170,.-): yovvaQyôoi (folgt das mit ..er töi Uccod^ivörr'' 

beginnende Verzeichnis). 
90,1: I' 320^10: xo{vvaQx)öoi: (folgt Summe). 
91,2: V 183d-e: xavvaQyöai: e 7, d 8, 10, 12. 14. 
9 3,1: I' 324: c I 14: 7CQoa€(^ë)y.6; 21: ^CQO(j[yc€)/cTôy.t: , 
c II 18: siye: . — 

1) An dieser Stelle möchte ich vor der Annahme warnen, als oh für jene 
älteren Zeiten aus dem stets mit -v ofeschriebenen eôo/Gev rëi ßöÄei im Gegensatz zu 
eTtQvtaveve u. s. w. auf eine Differenz zwischen Satzinlaut und Auslaut zu schließen 
sei. Die Ausnahmestellung des eSoyasv liegt in ganz anderer Richtung und hat mif 
Sandhi an und für sich überhaupt nichts zu tun. Wir kommen S. 31 f. darauf zurück. 

-) Nicht ganz sicher, weil stark verstümmelt JG I^ 299 i^um 01.85): (£7r/OTar)^(7/ .■ 
[folgt als Siunine yQvnö (y.at uQyvQDô']. 



— 14 

Diese Inschrift bietet darin eine bemerkenswerte Abweichung, daß 
nur die Verbalformen auf -6 die alte Schreibgewohnheit beibehalten 
haben, während die Dat. pl. auf -glv auch vor „Doppelpunkt" bereits 
mit -y erscheinen: a 16 arôçaGir:, 2ö avacpoQèaaaiv: . — Zum ersten 
Mal findet sich das in JG I^ 188 (Ol. 92,3), wo 23 mal ovvacxöGLv er- 
scheint. Die Eingangsformel aber hat noch EyQafj.(xaTeve Z. 2. — 
{avv)a^20iOLv auch I^ 146,2 (Ol. 93,4 oder 94,1). — 

Aber auch die Schreibung der praescriptiones erfährt genau 
um dieselbe Zeit das Eindringen des -v. 

Ol. 92,2: JG I- 179ab C 10: £{yQ)auuaTevev (p. 160). 

9 2,3: I* 58: {6)yQafj.fj.aT€v€v; éq^sv. 
I- 51: {eyQa)f.ifxaTEvEv\ eiTcsv. 

92.4: I^ 322a, 5: «i/rev; 7: syçaiiuaTevaEv. 

93,1: I" 62a: {€TCQVTa)v€v€v (nicht ganz sicher).^) 

93,2: I^ 140,28: {e)yQa^i^iaTEvsv. 
Dazu noch das undatierte (E7tQVTC()revev I^ 16,7, das wir nunmehr 
auf Grund dieses orthographischen Indiziums sicher nicht vor Ol. 92,2 
rücken dürfen.-) 

Es ist gewiß kein Zufall, daß diese Neuerung die Beispiele vor 
Doppelpunkt und die Verba der altehrwürdigeu Eingangsformeln zu 
gleicher Zeit trifft: Das eltie der letzteren mußte in älterer Zeit nicht 
nur als stereotyper Bestandteil der praescriptio, sondern auch wegen 
seiner Stellung vor „Doppelpunkt'' ohne -v geschrieben werden und trug 
damit wohl auch zur weiteren Bewahrung der -»'losen Form in den prje- 
scriptiones überhaupt bei. Als aber vor Doppelpunkt sich die Schreib- 
gewohnheit änderte, wurde auch eiuev hiervon ergriffen und legte damit in 
die Fassung der Einleitungsformeln Bresche für das siegreiche Eindringen 
des -V. Das Gesagte ergiebt, daß für eine Statistik, die mit Prozenten 
rechnen will, die Überschriften ebensowohl wie die ,,Doppelpunktpausa'' 
ausscheiden müssen, wenn ein einigermaßen zutreffendes Bild vom Pausa- 
gebrauch das v hpEK/.vorv/.ôv in den ältesten attischen Inschriften erreicht 
werden soll. Da sich nun um Ol. 92,2 eine wesentliche Änderung im Ge- 
brauch des -V aufzeigen ließ, werden wir gut tun, zunächst einmal nur bis 
zu diesem Termin zu gehen. — Ich gebe die Belege, soweit sie mir ge- 
sichert erscheinen, möglichst in chronologischer Ordnung: 



') Aber Aotj . . . eyoau uaieve Eph. arch. 1895, (îl ft'., A 2, B2 (Eleusis, 
Ol. 9.S,1). 

-) eygau uazevsv 1^ lbl,H (Ol. 91,3) ist ganz unsichere Eryänzung; eyçaf*- 
fjiatev(ev) I^ 12.5,2 (Ol. 90,3) sicher falsch ergäuzt. Das lehrt schon allein der Um- 
stand, daß Zeile .S zweifelsfreies cyçaufiatEve hat. Da die Eingangsformeln dieser 
Inschriftenklasse niebt wörtlich mit einander übereinstimmen, ist eine zuverlässige 
Reparatur des Textes überhaupt unmöglich. 



- 15 — 



Ol. 73,4: 



vor Ol. 81 



Ol. 88,4 



um Ol. 85 



Ol. 86,3: 



Ol. 87,3: 
4: 

Ol. 88,1: 
4: 

Ol. 89,1: 

2: 

3: 



Ol. 90: 
(Jahr unbe- 
stimmt): 



-V steht in Pausa. 



JGVBIS: {ha)7taGtv: 

26: 7tokeGtv,ho{r)av. 
32: TtokeOLv. 
I-27a,48: Xah/uôevGLv, 
(hoTi). 
26: Ad-évciiOiOLV, 

(hov). 
52: XaXyiLÖevütv. 
Q4: XalxLÔêvoiv. 
I-27b(p. 60), 43: ava^e^ia- 

OIV, hOTL. 

I- 2 7c (p. 165), 8: öulv, hög. 



I' 117: taf.ii(natv, hoig. 

141 : z a /.i Lau IV, floig. 

161: [raf.iLaai)v, hoig. 

301,7: A&evaioiüiv. 
1' 121,3: {raf.iiaa)iv, hoig. 
P 122,3: tctfÀiaoïv, luug. 
1^123,3: Ta/^iiaoiv, hoig. 
1^130,2: ra(.iiaoiv, hoig. 
IU31,2: taf-iiaaiv, hoig. 

1*132,2: Tcif.iiaotv{, hoig). 



-V fehlt in Pausa. 

JGI-18/19(p.l38jtab.n,8 
{r)ai.iLa(i i. 



P 27 a, 25 : A ^evaiot o i , v.ui 



l-27b,31: a/cao'Eai, ho7c<u. 

I-27c, 2: '/.garÖGi. 

5: TtoleGi, hoiTtveg. 
15: '/.caröG i, tèv. 
r35b(p.64),26:7«;(wöo-<. 



1^301,1 : citiG-catEGi, hoig. 



I*32All: ajcoöoGiv, 



13 : oiöbv. 
19/20: èia%£Qitô{Gi)v, 
I*273III(e-b)30:ftfon', 

TOXOV 

32: ereGtv, ha 
36: ersGiv, ha 



1*40,28: tuaivoGi, 
48: cpaGi, 

1*153,2: {Ta(.i)LaGi, h{oig) 
170,3: xaf-iiaGi, hoig 

[Vlll:Ta^iaGi{, hoig)?; 
verstümmelt). 



16 







-)' steht in Pausa. 


-r fehlt in Pausa. 






37 : f Tri! i r, 








i-r/jxyi 








39: f rf fj/ v,/ia. 








(g-h)15: f (Tf (j;)v, 








tcc)mv(töi). 






1: 




1^172: (Tait)/cc()i, li{ttTi). 


2 (od. 91, 


3): 




1^53b(p.l()5), 14: /.QaTöoi, 
xcci (Pause?). 




3: 


1^50,3: (&7rccyyc)/./.ö()iv. 

(Z. 11 zweifelhaft, ob 
Pausa). 








I-53a(p.67), 14:rfA<'o-. 1'. 


I-53a,37: iy.(f i-qöa i. 






20: ôoccynên / v. 


1^125,4: {y)i)CvaQyör) t, hnig 
1 ^ 1 80 , 3 : (x <,• j J' ft 0/ ö ( j / , za/ 
(Pause?). 




4: 




IH26,4: [yoyivciQyöai, 


Ol. 91 


,2: 




Vim^.^-.iy^nvvccQyöai, 




3: 


I-p.30zuIU65,4: (;j)oiraç- 
yödiv. /lo{iç) 






4: 


I^lQQ,'ô:xGvvaQxôoiv, 





Also: 33 Beispiele mit, 19 ohne v (15 Inschriften bieten Formen 
mit -V. 11 solche ohne -v, auf 5 kommen beide Schreibungen vor). — 
In Prozenten ausgedrückt, sind das etwa 64 "/o positive, 36", o negative 
Fälle, ein Ergebnis, das dem Maassens diametral gegenübersteht: Die 
Verhältnisse in der Pausa gestalten sich für die Setzung von -v noch 
günstiger als im Inlaut, günstiger sogar als im Inlaut vor Vokalen. 
— Rechnet man, um ganz gewissenhaft zu sein, auch einmal nur die 
Fälle, die absolute Satzpause (,,Punkt") haben, so kommt -r noch 
besser weg: 8 mit, 4 ohne -r (67o/o : 330/o). [Die übrigi.-n verteilen sich 
so: a) Ende eines vorhergehenden Nebensatzes oder selbständigen Satz- 
teils: i- : 7 Beispiele, - : 8 Beispiele-, b) vor Relativum oder mit dem 
Relativstamm etymologisch zusammenhängender Partikel f 18, - 7]. — 
Zählt man in der Gesamtsumme die gleichlautenden Wortforraeii nur 
einmal, so stellt sich das Verhältnis auf 15 Formen mit. 12 ohne -r =- 
560,0 :447o. Zieht man die dem folgenden Element nach gleichen Fälle 
zusammen, so ergibt sich 22 : 15 = 60" ■. : 40' r. 

Man mag also die Statistik drehen und wenden, wie man will, — 
und gerade hier l)ildet eine einseitige Betrachtung die größte Gefahr, — 
ein Plus bleibt, die zufällige kleine Ausnahme oben in Parenthese unter 
a) abgerechnet, stets auf selten der Schreibung mit -v. 



— 17 — 



V fehlt in Pausa. 



Ich lasse zunächst den Rest der Beispiele von Ol. 92 bis zum Jahre 
des Eukleides folgen: 

-V steht in Pausa. 
Ol. 92,2: JGI-179(p.lH0)Ol4: 

(jvvaQy^öoiv. 
nach 3: I^51(p. 10),g40: Aeyöaiv. 
4: I^322a23: e^ci/.QaviTiütv. 
Ol. dSA: VS24d4:y.aTioTaoiv. 



Eph. arch. 1895,610": 
A «63: ave^é/.sv. 



189. 



uvêd^ey.iv. 



b)Z.15,17,21,23: 
ovvaQxöo iv{lO.Fryt'dme). 
1^190.5: (ovvaQ);^)ööiv. 



Eph. arch. 1895,610'. 
Ai'?2: aved-E/.e. 
5 : aveS^i/.e. 
B 1 : yjivvciQyöoi, hoiç. 
I'189a): o tvß(>xöf»t 11 mal. 

b): [r)VvuQy)öai Z. 5 | 8. Pry 
{(rvvaQ)xô(nZ.^\ tanie. 



11 Fälle mit, 16 ohne -v. Daß dies nicht etwa einen Gegensatz 
zur vorhergehenden Periode bedeutet, ist klar, wenn man einen Blick 
auf das Material selber wirft: Ganz allein dem Umstände, daß unter 
den spärlichen Texten dieses Zeitraums ein Denkmal elf Belege der 
Form Gvvaçxôai bietet, ist der scheinbare Überschuß der î'-losen Formen 
zuzuschreiben, wieder ein lehrreiches Beispiel dafür, mit welchen Zufällig- 
keiten eine Statistik dieser Art zu kämpfen hat. Bei Nichtrechnung der iden- 
tischen Wortformen stellt sich das Verhältnis + 5 : -- 2 = 71 '^;o: 29% heraus.— 

Aus undatierten Inschriften stammen noch folgende Belege: mit 
-v: I^ 77,10: (c()vÔQaoiv. uëôe, 1-331 19,13: sjtoèoev. — Ohne -v: I* 
175a 7 : ave&iy.e^) 

Obige Statistik, so wenig sie bei dem Charakter des Materials als 
ein unbedingt getreues Spiegelbild der damals geläutigen Sprech- und 
Schreibgewohnheiten gelten darf, zeigt jedenfalls so viel, daß der Pausa- 
gebrauch des -v in keiner Weise hinter dem des Inlauts zurücksteht, ja 



1) Eine rohe Suinniierimg aller Fälle bis 40H ergibt + 47 : - 3ö. Das sind 
570/0 : iS^lo. Bei nur einmaliger Zählung gleicher Wortformen + 21 : - 12 = 64 "/o : 36'^;0. 
— Wer das, was ich S. 13 über die besondere Behandlung der Wortformen vor „Doppel- 
punkt" behauptet habe nicht glauben und diese als Pausabeispiele mit behandelt wissen 
will, mag sie in die Statistik einreihen. Es sind vor Ol. 92 : 9 Beispiele ohne -v. ver- 
teilt auf zwei Wortformen. — Von Ol. 92 ab H Fälle ohne -v (3 Wortformen). 26 mit 
-V (3 Wortformen). Insgesamt würde sich dann das Verhältnis stellen auf 73 Formen 
mit, 47 ohne -v. ^fil'^'/o : 39'^',ü. Bei Nichtrechnung der gleichen Wortformen 23:15 = 
«0öo:40^'o. 



— 18 — 

daß er diesen, wenn man dieselbe Art der Statistik wie Maassen an- 
wendet, in der ersten Periode bis Ol. 92 beträchtlich, später noch um 
ein weniges, übertrifft. 

Die volle Existenzberechtigung des -r in Pausa ergibt weiter ein 
Vergleich des in den einzelnen Inschriften aufgespeicherten Materials: 
Keine umfangreichere Urkunde existiert, die uns zwänge, spärlichen Ge- 
brauch oder gar völliges Fehlen des -j' als für die Pause charakteristisch 
zu betrachten. Wo es nicht steht, kommen auf derselben oder auf einer 
gleichgearteteu Inschrift Formen mit -y vor, oder aber, es finden sich 
auch im Satz in laut Beispiele für Weglassung des -v. 

a) Hat JGI-27a25: yJd^ivaioioi, xai, so stehen dem nicht weniger 
als vier Formen mit -v in Pausa gegenüber (vgl. die Tabelle S. 15). 

I'27b31: aTtuGlGi. hoTtoi wird durch avad-iuaaiv, Iiotl Z. 43 

paralysiert. 
\'21 c: neben /.outöoi, ;co/.a<ji steht öair. — 
rauiani, lioiç. und /jj wac^öoi, lioig passim haben ihre Äqui- 
valente mit -I' auf Inschriften gleichen Charakters. — 

b) JGI-18/19 tab. 118 (p. 138) hat die Pausaform {rjujuiaoi, aber 
auch inlautend Z. 13 roiai ra(/iiiaai}, 25 rauiaoi za. (Mit -r nur 
die Formel sôoyaêv rôt Z. 26.) 

P27c(p. 165), wo die r-loseu Formen in Pausa die Majorität haben, hat 
auch inlautend Z. S yId-£véGi,^)b rëui a/./.êoi [ycokeot), QuQyöoi 
ev, 22 relsGi roiç (mit -j- wiederum nur eôo/Gev tel Z. 9). 

|-35b gesellt ihrem tioiögi ein inlautendes ôëuoTâGi e- zu. 

P40: In Pausa etkxivögi und (puGi, inlautend zwar ausser {eè)o- 
XGev zli 7i. 3 noch of.io/^oyöGiv Z. 23, eyeiQorovÊGev li- 29, 
ÔQayjiuioiv Z. 39, aber auch Z. 1 1 : ögl BniT{£Ô€ioi), 38/39 
^iiQiaiGi (ÔQuyjiaiGn' 6y.aGT0ç), 43 tIgi 710/.6gi ë, 49/50 
arcuv{TeGö)Gi s{ç). 

Die numerische Überlegenheit der f^-Formen in Pausa, mag 
man das absolute Verhältnis zu den a^-losen betrachten oder die Gesamt- 
heit der Pausafälle mit dem Inlaut in Relation setzen, fordert vielmehr 
geradezu die Frage heraus, ob nicht vielleicht sogar auch von einem 
qualitativen Plus des Satzendes zu reden ist, mit andern Worten, ob 
sich nicht bisweilen eine direkte Bevorzugung des -i> im Gebrauch 
der Pausa gegenüber dem Satzinlaut ergibt. Das tritft wirklich 
zu: Sowohl in kleineren, syntaktisch zusammengehörenden Satzteilen 
läßt sich eine für das Komplexende charakteristische Beliebtheit des -v 
konstatieren als auch bei wirklicher „Pausa" gegenüber dem Satzinnern. 



1) Für A&tvtaiv vgl. V Üß.a; 28.1; 



— lu — 

Fürs erstere ist vor allem die Verbindung von Artikel oder Attribut 
mit Nomen zu beachten: der Artikel entbehrt zwar des -v nicht ganz 
(vgl. TÊLOiv avréat JG P 1 B 30 mit „hiatusfüllendem" -v), verrät aber 
eine sehr deutliche Neigung, im Gegensatz zum zugehörigen Nomen auf 
das -r zu verzichten: Dieselbe Inschrift bietet Z. 5 tf, zoiau /zvazfëajiv 
xai ioi(a EJioJnxEioiv (y.aij xoia^ axoZfovd'joiaiv; 25 ev ziiai 
TtoXeoiv. 32 ToiGi ôe oÀsiCooi fifvJaTEQioiaiv tag; an dieser 
letzteren Stelle zeigt das oZeiCoot, daß die Weglassung des -v nicht 
etAva eine Spezialität des Artikels allein ist, — Ebenso Z. 30: 
Nach dem besprochenen läiaiv steht aviiai tio/.eoiv. — Das- 
selbe Verhältnis hat I- 53a 20: (.lyçiêai ôqayjiëaiv. — Die Inschrift 
IM B hat auch als Ganzes genommen das -v in Pausa immer, im Inlaut 
kann es innerhalb eines syntaktischen Komplexes fehlen. — Auch sonst 
läßt sich belegen, daß die Pausa das -v hat, während der Inlaut 
schwankt. Hierher z. B. 

P 32 A: In Pausa alle drei Beispiele mit -v: Z. 11 ajioôôoii\ 13 
oiôev, 19/20 ôtaxëQiCôfaiji'. Im Inlaut kann es (vor Konsonant) weg- 
gelassen werden. 

P 50. In Pausa Z. 3 (sjiayysjÀÀôaiv. Inlautend Z. 6 xQ^f^dfJt as, 
12 (eJxöai xQèod-ai, [Z. 11 £jiayy£ÂÀooii> mit zweifelhafter Stellung im 
Satze). In 

|- 53 a hat zwar die beigefügte lex locationis in Pausa Z. 37 
£X(pEQöoi (und inlautend vor Vokal Z. 36 £(x)ge/mvvöoiv oi), die vorher- 
gehenden Anträge aber bieten teâegiv und ÔQayjiËaiv (Z. 14, 20), 
während im Inlaut konstaut, vor Vokal wie vor Konsonanz, das 
-V fehlt. Z. 11 yi?aaioi ÔQayjiËoi exuötov (vgl. den Gegensatz zu 
dem ^ivQiÊoi ÔQayjiÊoiv in Pausa Z. 20), TCifiiaai top Z. 17, 

P 77.10 (aJvÔQuaiv, ftëÔE, aber 11 (avôjQCcai ë. In 

|- 27 c wird das -v meist nicht geschrieben, auch in Pausa fehlt 
es dreimal; der einzige Fall aber, wo es steht, ist wiederum Pausa: 
Z. 8 öaiv, /log. — Inlautend (vor Konsonant und Vokal): Z. 3 Aß-e- 
vëai fiEV, 5 xëai aÀÀëai (jioàeoiJ, 6 acxöoi ev, 22 teaegi voig. — 

Indirekt spricht denn auch, w^ie schon bemerkt, das Verhalten der 
älteren Zeit in der ,, Doppelpunktpause" dafür, dass -r im eigentlichen 
Satzende an seinem Platze war, wenn meine S. 13 gegebene Erklärung 
das Richtige trifft: Durch das Fehlen des für die Pausa charakteristischen 
-V kommt in diesem besonderen Fall zum Ausdruck, daß noch etwas 
inhaltlich mit dem Vorhergehenden Zusammenhängendes folgte. — 

Im Vorstehenden habe ich alle Belege für sr/.oat übergangen, da dies 
Wort das -v icpEh/.votiy.ôr für ge^vöhnlich nicht kennt (Maassen S. 34, 
Kühne r-Blass Gramm. 1 1 ^ 293, e, M a y s e r, Gramm, der griech, Papyri 
S. 239,5), — Das einzige Mal, wo er/Muv steht, ist I' 325.14 in der 



— 20 — 

„Doppelpunktpause", mit Sicherheit auch in Z. 12 zu ergänzen. Leider 
wissen wir über das Alter der Inschrift nichts Genaues. Fällt sie nach 
Ol. 91, was sehr wohl möglich ist, so stimmt die singulare Form zu dem, 
was wir über die Schreibgewohnheit jener jüngeren Zeit wissen, und ist für 
den Pausagebrauch lehrreich. Sonst bildet sie eine schwierige Ausnahme. 

Von chronologischen Einzelheiten sei nur eine bemerkt: In der 
Schreibung von '^vvctoyovaiv schwankt der Gebrauch von -v: Die ältesten 
Belege (Ol. 90,3—91,2) sind ohne -v, 91,3—92,2 erscheint -aiv, 93,1,2 
wiederum -öi, im letzten Teil des Jahres jedoch -oiv; ebenso 93,3. Für 
den relativ häufigen Gebrauch der v-losen Form kann das öftere formel- 
hafte Vorkommen des Wortes vor „Doppelpunkt" von Einfluss gewesen 
sein (Beispiele S. 13); irgend welche „sprachhistorischen" Schlüsse wird 
man aus so geringfügigen chronologischen Unterschieden nicht ziehen 
dürfen. Etwas konsequenter ist die Formel Taf.iiaoi{y), hoig, bei der 
eine äußere Einwirkung der Art, wie sie bei èvvaçxovaiv als möglich er- 
scheinen mußte, ausgeschlossen ist. So weit wir nach dem vorliegenden 
Material urteilen dürfen, ist hier die Pausaform mit -v die ältere, 
rauiaai die jüngere. Vgl. die Belege von Ol. 86,3 — 89,2 gegenüber 
89,3—90,1. — 

II. Für unsere Frage müssen neben den offizielleren Inschriften 
(Décréta, tabulse etc.) auch die mehr oder weniger privaten Charakters 
eine wesentliche Rolle spielen, wenn über das in der gesprochenen 
Sprache Vorhandene leidlich Klarheit geschafl't werden soll. Maassen 
hat S. 64 das Resultat aus diesen Denkmälern zwar kurz angegeben 
(der Gebrauch des -r überwiegt hi Pausa bedeutend), aber das Material 
nicht gesammelt. Ich gebe hier die Belege bis 403, wobei ich die me- 
trischen Inschriften zunächst ausschließe: 



-V vorhanden. 

aved^EAtv. JGr 341. 342. 344. (380.) 406. 
I- 373y (p. 43), 3 73^"' (p. 86), 
373«* (p. 87), 373'^' (p. 92), 
373^»« ib., 373'^« (p. 97)^ 
373 -'^-(p. 132), 373 -^''(p. 199)! 
Eph. arch. 1894; 162, 166. 

ave^ri-AEv. 1^4186 (p. 45), 373^« (p. 81), 
3 7 3-^^i (p. 205). 

€7C0iÊ()6v: r 344 (e/iroeaer). ') 406. 47 7"). I'-^ 
373^^ (p. 87), 373«« (p. 89), 



-V fehlt. 
ave^Êxs: JGP 383. 1^ 
418b (p. 44). 



e^coiECtt: M 353. 384. 



') Der Stifter ist ein lonier. 

2) Von ßenndorf GG A 1871, 60H für metrisch erklärt, aber ohne zureichenden 



(rruntl. 



— 21 - 



-v vorhanden. 
878^0^ (p. 90), 373' (p. 179), 
378^Mp- 180). 373^^' (p. 181), 
8 7 8-^ ^"(p. 1 99), 8 7 8 - ■" (p. 200), 
878-^Hp.201),373 
878-''°(p.203),378 
AM 19, 189. 

en(n>,aev: l- 373"«« (p. 205).^) 

fqvTf^vGav: r 425."-) 



-V fehlt. 



^'^(p.203), 
'<^(p.205). 



()';()ao-x<-: 1^886.1- 887a 
(p. 79). 
561 (p. 191).^) 



fOTl 



Summa: 40 Formen mit -r gegenüber 7 ohne -v (85^o : 15o/o). 
Beachtet man, daß die Imperfektform (zweimal oôiôao-/.e) sich im Gegen- 
satz zu den sigmatischen und /.-Aoristen dem -v gegenüber lange ab- 
lehnend verhält (S. 32), und daß ferner von den Belegen ohne -v nur 
die beiden emnioi- nach Ausweis der Buchstaben form zum ältesten Material 
gehören, so stellt sich der Gebrauch des -r in Pausa fürs älteste At- 
tisch als nahezu ausnahmslos heraus. Dasselbe gilt übrigens auch 
im Satzinlaut. Für die Entscheidung, ob die Pausa wie bei den otfi- 
ziellen Urkunden bisweilen im Gegensatz zum Inlaut Vorzugsrechte be- 
züglich des -V genoß, läßt sich bei dem kurzen Text dieser Inschriften, 
deren gewöhnliche Fassung das Vorkommen eines solchen Kontrastes 
überhaupt ausschließt, nichts erhoffen. [ — fcpvrrvoev V 425 gegenüber 
inlautendem q)QC(ôaiGi (vvi^Kftüv) beweist nichts, weil letzteres im Vers steht. 
— I- 873^2 (p. 181): Am Schlüsse f-7[<nê{o]8v, inlautend airS^exr/^ie; hier 
ist wohl iambische Klausel beabsichtigt, mag man avfd-ëxe /.u oder 
avE^ë'/ c-i^a lesen. Im ersteren Falle schließt schon die Stellung des 
Pronomens prosaische Diktion aus (vgl. dazu Wackernagel, JFI 349, 
351).] — Da ist es von besonderem Interesse, daß wenigstens ein be- 
achtenswertes Beispiel existiert: I- 3 78^'^' steht inlautend (ared-i/.)^ 
raS-ëvaiai, in Pausa {ETioiëa)^^. 

III. Die Vaseninschriften ergeben ganz dasselbe Bild. In den bei 
Klein, Meistersignaturen- dargebotenen Belegen überwiegen die ^noiëasv 
und e'/Qacpoev beziehungsweise deren lautliche Varianten derart, daß 
ich unter den paar Hundert attischen Beispielen nur 19 ohne -v in Pausa 
gefunden habe. Darunter gehören fünf dem Exekias (S. 39f.), der aber 

1) Von einem lonier. 

"-) Daß der Schreiber ein Dorer war, versciilägt nichts, denn gerade das -v ist 
attisch. 

'^) Inlautend cpeat, fiaP.iaGia. 



22 

auch ejioiëaev kennt und insofern kein einwandfreier Zeuge ist, als er 
..Verse" mit xanoeaejue und xaiicoisoEßE schmiedet, die ihn eventuell 
veranlassen konnten, die i'-lose Schreibung auch in Prosa zu bevorzugen 
— Xeben einander auf demselben Gefäß Etcixtetoc. eyQacpoEi' und 
UiGToyoEvoz E.-ioËGE S. 107, (aber S. IhO IIioToy^GEvoç etioiégev). 
Ebenso E/vjxgi&eoç etcoiêge. OXtoq Eyfqacp )gev S. 135, aber S. 136 
auch Ev^oid-Eoç. e.toiêgei'. — Auch Kachrylion S. 125f. hat etcoiêgev 
und EJioiËGE neben einander. — S. 154 KÀEfoipjQafôËç) (ejcoJieöe, 
aber S. 149 K?.EO(pQaôËg ejïoiëgev. — S. 215 zweimal Xaçivog 
EJioiËGE, aber auch ejioiëgev. — S. 137 Evg)QOviog E'/oacpGE. aber 
S. 138 EyQa(pGEv. Überall also, wo reichUcheres Material zu Gebote 
steht, läßt sich erkennen, daß die Meister, die sich Formen ohne -v 
gestatteten, daneben auch die längeren anwandten. — Das Imperfekt 
EyQaq)E erscheint stets ohne -v (von den außerattischen Formen bei 
Klein S. 29. 207 ff. ist hier abzusehen): Pheidippos S. 99; Aristophaues 
S. 185 (auf demselben Gefäß Eçyivoç ettoiëgv); Euthymides S. 194 
zweimal. (Derselbe hat inlautend im Aorist EyccicpGEv). — Vgl. das 
oben S. 21 über EÔiôuGy.E Bemerkte und S. 31. 

Von andern Formen sei noch das TiacßEßaxEv bei Kretschmer, 
Vaseninschr. S. 80 erwähnt (dazu Anm. 3), da der metrische Charakter 
der Inschrift zum mindesten nicht zweifelsfrei ist (vgl. auch Robert, Bild 
und Lied S. 84^); endhch xavEJiiEv (Kretschmer S. 90). — 

IV. Die ionischen Prosainschriften harmonieren wie im Satzinlaut, 
so auch im Pausagebrauch mit den attischen. (Ich bespreche nur solche 
Urkunden, die deutlich dialektische Eigenheiten verraten, habe also einige 
Stücke der Bechtelschen Sammlung, die etwa nur einen ionischen Eigen- 
namen aufweisen, von der Behandlung ausgeschlossen.) Das Material 
ist, wiederum mit Ausschaltung der j,pra?scriptiones," \) folgendes: 

-r steht.-^ -r fehlt. 

Euboia und Kolonien. 

GDJ 5262 (Chalkis, altes Alphabet): i 5285 (Olynth, um 385): 

avEd-fË)xEv. a) XaÀy.iÔEvar 

5308 (Eretria) a) (um 400): b) XaZy.iâfEvjGi, xai. 

TTUIQIV, El7l)lÔl]^iE0)Ql l\ 

b) (um 350): naiQiv, ejti- '< 

ôi]fiEO)Qiv. i 5348: ejioiëge. 

h eine (tD.I 53fU (1. Hälfte d. 4. Jahrh). emev 5315 (2. Hälfte d. 4. .Tahrh), 
549(5 (4. Jahrb.). 5532 (2. Hälfte d. 4. Jahrb.), 5533 bcde (2. Hälfte d. 4. Jabrh.), 
5590 (um 300), 5592, 5738 u. s. w.; eTtçvravevev 5496 (4. Jahrb.), 7iço{r])ôçevev 5738. 

2) JGA 1 Sêuôviôëç u aved'ëKsv aus Olympia, unhestimml tarer Herkunft, lasse 
ich weg, da auch Attika als Heimat in betracbt kommen könnte. 



— 2;{ 



Kykladen. 
-r steht. 
5361 (Amorgos, 1. Hälfte d. 4. Jahrh.): 

y.aruP^EiJiojo i v, 
5402 (Keos, 5. Jahrh.): aved^èy.ev. 

5410 (ib.) : ccv£d-i]y.EV. 

5411 (ib.) : aved-riy.ev. 
5413 (ib. 4. Jahrh.): avE&t]y.£v. 
5432 (Paros, ait): Ef^joETTonioEv. 
344 7 (Anaphe, 5. Jahrb.): 

(AiyATlTlOÇ. UaQioçJ ETCOLTiOEV. 

5464 (Thasos, 4. Jahrb.): uetegtiv 

7lElQ-0)OlV. 



-V fehlt. 

53 5 7 (Amorgos, alt): EOTrioe. 

5398 (Keos, letzte Hälfte d. 
5. Jahrb.): 
EÀaafojood, fii]J^) 



') 



Kleinasien. 



549 5 (Sängergildeninscbrift v. Milet)^): 
Z. 4 f{oÀ7iofaiv 

5 TOVTOl Gl V. 

8 Jiaiioviaoiaiv. 
30 avÔQiaaiv 

33 lEQIJiOlOlV 

35 loxôoiv, 

38 loxöaiv, 

41 xQriiitcooiv, 
5506 (Milet, ait): ejtoiêv. 
Sitzungsber. d. kgl. jDreuß. Ak. d. W. 
1906, S. 254 (Milet, 5. Jahrb.): 
Z. 8 Àaq)d-EMaiv 

9 yuTuy.TEivöoiv, 
5525 (Kyzikos): Aeg7iovi]giv. 
5531 (Prokonnesos. um 600): 

2(iyEEVGl)t'. 



55 5 7 (Pantika])aioii. 4. Jahrb.): 
avEd-tjxE r. 



5495^): 6 Eßdo/^aioiGr 



5532 (Zeleia,2.H.d.4.Jahrb.): 

EXOVGl. 

ÀaxcoGi. 

EXTEIGCOOI. 



^) Ergänzung durch den Raum gesichert. 

-) 54o.H oiy.eöai steht nach der Pubhkation in JG XII •'' ' p. ."îl nicht in Pausa. 

■^) Vgl. S. 10; ich verwende das Material unter dem dort gemachten Vorbehalt. 



24 — 



5598 
5632 
5633 

5653 



5655 



5661 

5670 
5695 



-i> steht. 
(Ephesos, alt): roiç ôixaÇôaiv, 
b (Teos): Aïoiaiv, 

(ib.): ^l£T EGTIV, 

7l0i/^£0ia IV, 

(Chios): a) Tiçiiç^oiaiv, 

7[Qt]Ç0iaiV, 

b) iifieçr^fijaiv 
À a ß cotai V, 
(ib.333'2): reÂsaii', 

TTQOEieÀd'OaiV, 

eyy.a TaÂ(t])(pd^o}Oi v, 
(ib. Mitte d. 4. Jahrb.): 
•/.axEÔi'AaoEv. 
(ib.): Tiaaiv. 
(Ery thrai) : etïoi )j asv. 



■V fehlt. 



57 26 (Halikarnass, I.Hälfte d. 5.Jahrh.): 

(E)làEOiGll\ 

5 7 27 (ib., 2. Hälfte d. 5. Jahrb.): 

Z. 63 El%EV, 



5709 (Samos, ait): ave&t^xE. 





5 7 56: ai'Ed-iîXE (aus Nau- 




kratis). 




57 86: ai'Ed-iiXE (aus Dodona, 




5. Jahrb.). 


5788 Toiai AioaxoQoiaiv (aus Kni- 




dos; s. Bechtel z. d. St. S. 774.) 





Der verhältnismäßig geringen Menge des Materiales wegen habe 
ich mir erlaubt, die Inschriften alle auf einmal zu geben, ohne genauere 
Gattungsunterscheidungen. — Leider reicht das Vorhandene zunächst 
nicht aus, um uns über das Verfahren der lonier gegenüber der „Doppel- 
punktpause" aufzuklären. (Die Inschriften mit €17ce{v) sind alle verhältnis- 
mäßig jung.) Beachtenswert ist, dass die Sängergildeninschrift das einzige Mal, 
wo -V am Satzende fehlt, dies gerade vor Doppelpunkt aufweist (Z. 6 
Eßdouaioioi)}) — Demnach wäre gegebenen Falles noch das XaK/.i- 
devai von 5285 a auszuschalten, das ich oben unter den Minusbeispielen 
mitgezählt habe. 

Die statistischen Ergebnisse sind: Von 35 Inschriften schreiben 27 
das -V in der Pause, 7 nicht, eine hat beide Schreibarten, wenn man 

Ï) Mit -V Z 4 fioA.-roioiv 



— 2.") — 

das erwähnte EßdoucuoiOL' von 5495 rechnen will. — Beispiele insgesamt 
45 mit, 12 (10) ohne -y = 79",o : 21 " o (820/o : 18o/o). — Vor Punkt 18 
mit, 7 ohne -v = 72o/o : 28%. — Die gleichlautenden Worte nur einmal 
gezählt: 33 : 9 = 80» o : 20%. 

Im übrigen ist zu konstatieren: 

1. Dal) das ionische -v lq)S/^y.vGTiy.6v auch in Pausa wirklich auto- 
chthon ist und nicht etwa auf Einfluss der y.oiv^ beruht, zeigen so alte 
Stücke wie GDJ 5262, 5432, 5598, 5653;i, 5726, 5788. - Als interes- 
sante Einzelheit sei erwähnt, dass in 5331 der ionische Text in Pausa 
Z{iy€evoi)v mit -v, der attische Siye<vyEvoi ohne -v hat. 

2. Keine umfangreichere Inschrift, die -r in Pausa nicht hat, läßt 
das als für diese Stellung charakteristisch erscheinen. Die Sachlage ist 
genau dieselbe wie im Attischen (S. 18): 

5285: a) Xa)^'Aidsvai' b) Xak/udeuoi, /.ai. aber auch inlautend 
(neben Mayieôoaiv €/., rekeovoiv re/.aa): a'A/^rj/.oiOL /.ata, Xu/./.l- 
oe{v)öL £y.y. 

5398: iKciGGoo i, ^ir], aber auch {TQto)i /.evxoig, tqlol Ey.arov. 

5532: Satzauslautend exotai, lay^ovoc, exreiaovOL, Satzinlautend 
Tif.ir^otoo{i) OL. e^GTioOi oi, EKd-toai sg. 

3. Dagegen tritt auch auf ionischem Gebiet eine Bevorzugung 
des -V in Pausa gegenüber dem Satzinlaut deutlich zutage: 

Die Sängergildeninschrift (5495) schreibt in 7 sicheren Pausa- 
fällen das -v und lässt es nur einmal (vor „Doppelpunkt") weg, während 
der Inlaut das auf S. 9 f. geschilderte Verhalten aufweist. Mahnten bisher 
diesem Denkmal gegenüber die angegebenen Gründe zu einiger Skepsis, 
so können wir ihm jetzt doch unser Zutrauen kaum weiter versagen, wo 
es sich herausstellt, daß das S. 19 auf altattischem Boden beobachtete 
Verhältnis von Artikel (Attribut) und Nomen hier in ganz der- 
selben Form wiederkehrt: Man vergleiche Z. 14/15: tolöl orecpavocpo- 
QoiGLv Ts^rja, wo das Nomen sogar einmal vor folgender Konsonanz das 
-r- hat, während es dem Artikel fehlt. So ist denn wohl auch Z. 22 
TovTOiGL toig'' isQOLGiv ZU beurteilen. 

Ebenso in 5788: ave^/^xe tolgl Jiog/.öqolglv: Im Satzinlaut 
fehlt -V beide Male, in Pausa steht es. 

5633 hat in Pausa uereGTir und /tculEwoiv; im Inlaut fehlt das 
-j' auch vor Vokal: elogc avroig und eGayojGt etc. 

5655: in Pausa TELeoiv, /rQoe^s'/.d-coGir. eyy.ara). v^cpd-wG lw in- 
lautend ^o«j/'Of a t y.at ôioçâ-ioGoiGi Tovg roaovg, öicih'/.ayvjG t 
Xioi. — Z. 16 allerdings roig y.cn û.\]'k v{d-^ o o ly y.ai roig iv rri 
TcoLu. AVer für diese Form eine I>esondere Erklärung sucht. 



— 20 — 

mag den größeren Satzteilabschnitt vor v.ai für das -v ver- 
antwortlich machen. 
XB. 5698 hat in Pausa y.aribiöiv und Äayoiaiv^ inlautend saxecpavoiae 
y.ai und eTreare i)Àe eiç, ist aber schon so von der y.ocvi'^ beherrscht, 
daß man nicht allzuviel wird darauf geben können. 

Das einzige Mal. wo ei/.ooLv für af/.oGi auf ionischem Boden 
(allerdings auf einer recht jungen Inschrift) erscheint, ist wiederum in 
Pausa 5492, 5s (neben er/.oai le). 

V. Endlich die Epigramme. Hier kommt es darauf an, den Brauch in 
der metrischen Hauptpause, d. h. am Ende des Verses, kennen zu lernen. 

Zunächst das Attische: Um ein reicheres Material zu gewinnen, 
bin ich hier über den Termin des eukleidischen Jahres hinausgegangen 
und verzeichne auch alle Formen aus JGII, die sich mit einiger Sicherheit 
bis vor 30 v, Chr. datieren lassen. 



-)' steht. 
JGI' 468: 67t6^é/.6v. 

47 9: {y.aT)€-9-£y.6v. 

I- 3 73-1^ (p. 101): arad~£y.€v. 
313^'' (p. 102): {av)6&ëy.€v. 
37323' ^p i^iy ared^iyev Këzioç 
350 (p. 153j: exöOLv, 

48 2 (p. 156): {avè)&£y.ev, 
37 3» (p. 179): £7t0Q£v. 
477p (p. 189): y.are&iysv 



-V steht nicht. 



4 7 7c (p. 48): e^ave. 



11^ 1434: €ftovr]06v \ /iioigav 






1675: avÔQctTroôoiaiv.^) 






22 63: £7C6ßr]oev, 






2646: {i)aaoiv ] y.ai 


2892: 


£GTl, 


3 620: aya^oiaiv \ trjveiv 




q::ikota{i) \ rtjc? 


vouoiGiv ' eOTSQBav 






3 6 8 8 : a y CO G IV, 






3840: yaGiyvrjTaiOiv \ roiv 






Ol eu Ivtv 1 a 






3260b (p. 355): e&avtv. 






Kai bei Nr. 86: e&r^y.Ev \ y.ai 






6XÖ01V 1 iiio{i)Q{a)v 







Wie schon Allen, Greek Versification etc. (= Papers of the Amer. 
School of class. Stud. IV) S. 159 und Zacher Philologus Suppl. 7, 468 
ausgesprochen haben, ist die Setzung des -r am Versende durchaus die 

') Die Inschrift enthält Dorismen. 



Regel, ganz gleichgültig, ob Versende mit Sinnespause zusammentrifft 
oder nicht, ganz gleichgültig auch, mit welchem Laut ein etwa noch 
folgender Vers beginnt. Für den Hexameter ist im 5, Jahrhundert 
die Setzung ausnahmslos (das ed-ave von I- 477c steht am Schluß 
des Pentameters). Bis 300 findet sich weiter überhaupt nur eine In- 
schrift (11^ 2892), die von der Regel abweicht. Das ist in mehr als 
einer Beziehung lehrreich: vor allem zeigt sich, daß man spätestens 
schon im 5. Jahrhundert zu Athen das -v als notwendig am Schluß des 
Hexameters betrachtete, mit anderen Worten, daß Homer damals so 
gelesen wurde : die Inschriften werfen hier Licht auf die ältest erreich- 
bare Gestalt des Epostextes, und wer in der Konstituierung des letzteren 
über die handschriftliche Überlieferung hinauszugehen wagt, muß dies 
berücksichtigen. 

Hat sich auf dem Gebiet der ionischen in schriftlich en Prosa das 
-V als in Pausa besonders beliebt herausgestellt, so ist es nicht wunder- 
bar, wenn die ionische Dichtung diese „Beliebtheit" zur festen Norm 
erhoben hat. Das regelmäßige -v am Versende spiegelt nur in etwas 
künstlerisch geglätteter Form den Tatbestand der gesprochenen Sprache 
wieder und ist ein deutlicher Beweis für den Pausacharakter des -v 
überhaupt. — Wie sich andere Versarten als der Hexameter in diesem 
Punkte verhalten, läßt sich mangels umfangreicheren Materials nicht 
ausmachen. Das erwähnte sd-ave könnte seine Sonderstellung auch 
einem anderen Moment als seiner Zugehörigkeit zu einem Pentameter ver- 
danken (S. 32). Zacher zieht a. a. O. aus der handschriftlichen Über- 
lieferung des Aristophanes den Schluß, daß bei diesem Dichter ebenfalls 
das Pausa-ï' als Regel zu gelten hat. — 

Betrachten wir noch kurz die Epigramme außerhalb Attikas. — 
Daß das ionische Sprachgebiet auch hier mit dem attischen Gebrauch 
übereinstimmt, dürfen wir nach den obigen Ausführungen als selbst- 
verständlich betrachten. So lesen wir ejioëgev auf Euboia (Rœhl JGA 7), 
£y,a?.vo(p£v GDJ 5302 (Eretria). — Ebenso müssen die in epischer 
Sprache oder poetischer xoivy) abgefassten Denkmäler aus anderen Sprach- 
gebieten dazu stimmen; vgl. Kaibel No. 768 (Xanthos in Lykien, 
4. Jahrb.): aved-ijytfEJv, EOTEcpavoiOEv. — 875 a (Olympia, 4. Jahrh. 
= Dittenberger u. Purgold No. 293): eoxev, avEd-tjy.Ev. — JG VII 
253 2 (Theben, 4. Jahrb.): EJi)]yÀaia£v am Schluß des Pentameters. 
(Darunter in Prosa die Künstlerinschrift regelrecht mit ejtoeige.) 

Interessanter sind die d o r i s c h - e p i s c h oder überhaupt dialektisch- 
episch abgefaßten Epigramme. Auch diese sind, wie vorauszusehen, 
bezüglich des -r ècpEÀxvanxôv von Homer beeinflußt; aber sie verfolgen 
eine zumteil abweichende Praxis: Die allerältesten Dokumente wenden 
das -tf nur da an, wo sie es wirklich brauchen, nämlich zur ..Hiatus- 



— 28 — 

füllung," wie schon in den alten Versen aus Thera: .TG XII' 449: 
ai]QEv und Suppl. 1324: ôeitiviçev}) — In Pausa dagegen, wo 
das Metrum es nicht erfordert, fehlt es zunächst. Das ist ein aus den 
Dialekten leicht zu begreifendes und durchaus vernünftiges Verfahren. 
So die Arniadas-Inschrift von Korkyra JG IX ^ 8 68, die zwar inlautend 
öAeaev Açëç und vavaiv eti" zeigt, aber am Versende das bekannte 
ç/iofaïai. — Ebenso JG XIV 652 (Großgriechenland): aved-ëxs. 
GDJ 1537 (Krisa): ed^ixe. GDJ 68 (Kypros): po ■ ro ■ ne ■ o ■ 'i = 
(pQovEO)lii. Hoffmann Gr. Dial. I S. 62 (Meister Gr. Dial. II 200) 
Kypros: ii ut-lcki' = vvEèr^y.E. — JG XIV 641 (= GDJ 1654, 
Thurioi, 4. Jahrh.) mit seinem xacnaPußoiai nenne ich zweifelnd, da 
auf diesen merkwürdigen Inschriften auch sonst auslautender Nasal 
bisweilen nicht geschrieben wird, ein sicheres Urteil über die Form also 
unmöglich ist. — Vgl. aber noch die eben anmerkungsweise zitierte In- 
schrift aus Eretria mit ihrem e/j/e am Schluß des Pentameters und 
das Ed-avE am Schluß eines unklaren Verses aus der Gegend von 
Pharsalos; Zeit: um 500. (Hoffmann Gr. Dial. II S. 48.) 2) 

Vom vierten Jahrhundert ab aber entzieht sich auch die 
dialektische Poesie dem gesteigerten Einfluß homerischer Diktion beim 
Pausa -V nicht mehr: 

JG VII 2462 (Theben) hat eiÂev. 

Kaibel No. 849 (Delphi, Ende d. 4. Jahrb.): jtqoeî]xev. 

JG IX' 163 (Elatea, 3. Jahrb.): avoEv. 

Hoffmann. Gr. Dial. II S. 51 (Pherai) : etteO-eikev. 

Dasselbe Verhalten bei Isyllos: In seinen Gedichten w-endet er 
inlautend das -v nach homerischem Muster an, seine Prosa kennt es 
natürlich nicht (£MEd-t]XE, E7ioi]aE, E/.iavT£vaE). Am Schluß steht es 
in seinen daktylischen Versen: Gedicht B (dorisch-episch): d-Eoiaiv. 
F (dorisch-episch) onÂoiaiv. — Auch E (lonici; dorisch) hat evciiev 
neben eàvoe Z. 47. — 

Das vv èq)EÀxvoTixôv ist in dem Umfang, wie es im historischen 
Griechisch auftritt, ein reines Produkt analogischer "Wucherung, von 
wenigen Wortformen ausgegangen (s. S. 34 f.). — Eine Analogiebildung, 
die der naive, von Reflexion freie Mensch beim Sprechen vornimmt, wird 
im Moment ihrer Entstehung allermeistens ebenso unbeabsichtigt wie 

M Aber selbst dann wird es zuweilen verschmäht: vgl. die Damonon- Säule 
(tD.I 441f) mit ihrem ave&îne A-&avaia(i) vor der Hauptzäsur. Ebenso ave&îxe 
V7X£Q (Larisa) E. Hoffmann, Sylloge epigr. .'318. Eine vermittelnde Stellun» nimmt 
etwa die Inschrift Eph. arcb. 1897, tS. 151 i Eretria) ein: 

STiuQxa fiev TiazQig eativ, ev et^ Qvy^oQoiai Ad'avaiç 
f&Qafpd't, &avazö 6e evi9aâe iioiq ^X'^X^- 
-) Zu dem anj^eljlichen uralten avethy/.ev von Thera (Pilling b. Collitz. Hermes 
•11. l.S(i) vaj. die Lesung .Kt XIP 449. 



— -ju — 

zwecklos sein. Das schließt jedoch nicht aus, daß auch auf dem Boden 
der Sprachentwickkmg aus Zwecklosem Zweckmäßiges entsteht, und tat- 
sächlich sind die Beispiele, daß eine analogische Neuerung sich gehalten 
hat, ja, über das Alte den Sieg davontrug, wo sie für den Sprechenden 
irgend einen Vorteil bot, Legion. (Die Normierung der Paradigmata 
wider die Lautgesetze genügt als Beleg.) — Hatte so auch die weite 
Ausdehnung der littera paragogica ihren erkennbaren Grund? — Wäre 
sie von alter Zeit her „hiatustilgend" gewesen, so würde die Antwort 
gegeben sein. Nun ist aber gewiß, daß diese Funktion eine sekundäre 
Neuerung darstellt. — Vielmehr ergab sich aus der Betrachtung des 
Materials, daß, soweit satzphonetische Verhältnisse in Frage kommen, 
der ältere Gebrauch des v ècpeÀxvonxov auf die Paus a als bevorzugte 
Stellung hinweist. Bei allen Klassen von Inschriften ließ sich in Pausa 
ein Überwiegen der /--Formen über die i'-losen konstatieren, und nicht 
nur dies: Mit vollkommener Deutlichkeit zeigte sich, daß die Verwendung 
der i'-Form dem Satzende auch im Gegensatz zur Praxis des Satzinlauts 
zukommt, zwar nicht als ausnahmslose Regel — abgesehen vom Hexa- 
meter — , wohl aber als Vorzugsrecht. — Hier ist ein „Warum"?'' am 
Platze. 

Wacker na g eis im besten Sinne des Wortes anregende Arbeit 
über „Wortumfang und Wortform" (Göttinger gel. Nachrichten 
1906, S. 147 tf.), deren Erscheinen mitten in meine Beschäftigung mit 
dem vv èçpeÀxvanxoi' hineinfiel, weist einige evidente Beispiele dafür 
auf, daß in verschiedenen Sprachen, wo zwei Formen desselben Wortes 
nebeneinander stehen, die Pausa die längere von beiden wählt; so 
(S. 175) die Nominativform des Demonstrativpronomens ^so.s (altind. .w//. 
gr. ô'ç) bereits in indogermanischer Urzeit; das homerische ovxi neben 
ov nur vor Interpunktion am Versende (Y 255 vor Hauptzäsur). — Die 
Tatsache als solche ist nach Wackernagels Darlegungen außer Zweifel 
gestellt, und wenn es vorerst unmöglich ist, das Gebiet der Erscheinung 
fester abzugrenzen und seinen innersten Ursachen nachzugehen, so ist 
das in der etwas verschwommenen Beschaffenheit des Stoffes hinreichend 
begründet. 

Was Wackernagel anführt, beschränkt sich auf Monosyllaba. Es 
scheint mir aber unbestreitbar, daß ähnliche Phänomene auch an mehr- 
silbigen Wörtern zu beobachten sind, xch will es dahingestellt sein 
lassen, ob sie auch hier ursprünglich waren oder ob etwa der ent- 
sprechende Vorgang bei Einsilblern erst das Muster abgegeben hat'): 

^) "Wie tatsächlich das Verhalten der Monosj'llaba in anderer Richtung zuweilen 
analogisch auch auf mehrsilbige Formen eingewirkt hat, lehren die voq Wackeruagel 
angeführten Fälle wie scitote für scite, weil mau acito für .sc/ gebrauchte ; entsprechend 
etitote für este in der lateinischen Bibel, vereinzelt hier auch nnUmiis für iiiius wegen 
vadit an Stelle von //. 



— 30 — 

Wenn bei griechischen und lateinischen Dichtern häufig von zwei 
gleichbedeutenden "Wörtern oder Wortformen die längere am Versende 
gebraucht wird^), so erfordert das Material allerdings hier besonders 
sorgfältige Prüfung, weil die längeren Formen wohl in der weitaus über- 
wiegenden Mehrzahl der Fälle sich als Archaismen herausstellen-, daß 
solche auch anders als nach dem genannten Prinzip erklärt werden 
können, zum Teil müssen, ist bekannt. — Von unleugbarer Wichtigkeit 
aber ist die Erkenntnis, daß bisweilen auch nachweislich jüngere Sprach- 
formen, die von grösserem Lautumfang sind als ihre Vorgänger, sich als 
Favoriten der Pausa dadurch dokumentieren, daß die Dichter ihnen den 
Ehrenplatz am Versschluß eingeräumt haben. Leider ist das Material 
auch hierfür noch zu wenig bearbeitet, als daß man mit vollen Schüsseln 
aufwarten könnte ; zwei Beispiele aus dem plautinischen Sprachgebrauch 
glaube ich aber doch an dieser Stelle nennen zu dürfen: 

Studemund hat ALL III, 550 if. das Material über die Accusativ- 
formen duo und duos bei Plautus zusammengestellt. Er kommt zu dem 
Schlüsse, daß duos angewandt worden sei, „so oft das Metrum eine zwei- 
silbige Form verlangte, dagegen duo, so oft das Metrum eine einsilbige 
Form verlangte.'* Ganz abgesehen davon, daß wir heutzutage auf ein 
„einsilbiges f/^/o" verzichten-) und es vorziehen, die Fälle, in denen duo 
den Wert von zw^ei Moren hat, mit Hilfe des lambenkürzungsgesetzes 
in einen größeren Zusammenhang einzureihen, entbehrt Studemunds Auf- 
fassung sicher jeglicher ratio. Was soll den Dichter dazu veranlaßt 
haben, nicht ebensogut ein zweisilbiges duo im Accusativ anzuwenden, 
wie er es auch im Nominativ getan hat (Amph. 974, Men. 1118 u. s. w.)'? 
— Eine Durchprüfung der Beispiele Studemunds führt vielmehr zu dem 
Resultat, daß die Neubildung r//^o.s- neben duo ausgesprochene Pausa- 
form ist: Mit Ausnahme der einzigen Stelle Cist. 700: ad duos aitinet. 
wo die Form mit -.s* im Ictus des Anaprests eine zweckmäßige Schutzwehr 
gegen das Zusammentreffen mit vokahschem Anlaut bildet, gehören sämt- 
liche Belege der Pausa an: Die unter b) angeführten stehen alle am 
Versschluß, und Cas. 691 f. 

Lys. sed efunuuc liahef nunc Cas'nui (//fidiiiur/ 

Par. Habet, sed duos. — Lys. Quid, duos? — Par. A/tero le 
Occisuruni a'd etc. 
macht von selbst jede Erläuterung überflüssig. Dagegen steht die überwälti- 
gende Majorität der plautinischen Belege für den Acc. duo im Versinnern. — 

'-) Was man bei Homer in dieser Hinsicht zu finden geglaubt hat, ist meist 
sehr fragwürdiger Natur. Man vergleiche die Konti-overse hierüber bei G. Hermann, 
Ell. doctr. metr. 850. Lobeck Pathol. eil. II 158ff.. ßekker. Homer. Blätter I 29 ff. , 
La Roche, Homer. Untersuchungen I, KiOff. 

'-) Li nd s ay 8 Bemerkung über die größere Wahrscheinlichkeit einer Messung V/j//< 
gegenüber "dYio (Lat. Spr. 472) ist nach dem Folgenden belanglos. 



— p.l — 

Der andere Fall ist ebenso klar: Er betrifft die längere Form 
pc neu hl III und Genossen für älteres j/crir/inii („Instrumental"suffix ^-f/oitij. 
Hier ist schon lange erkannt (vgl. Lindsay, Class. Rev. VI, 87 ff. ii. s. w.) 
daß die nachweislich jüngere, aber lauthch umfangreichere Form -cii/inn 
ihre legitime Stellung am Ende eines Verses oder Halbverses hat. — 

Dies Prinzip auf das griechische v IcpeÀxvoTiy.ôv angewandt, erklärt 
dessen Bevorzugung in Pau s a ohne weiteres: Hatte man etwa neben 
der 3. sg. oîôs ein oïôev, neben dem D. rra/rr/ ein jicciaiv zur Verfügung, 
so setzt sich die Beliebtheit der längeren Formen in Pausa genau mit 
dem plautinischen duos und pericii/imi in Parallele, und der Vergleich 
mit den schon von Wackernagel besprocheneu Monosyllaba *sos neben 
*.s'0 und oèyJ neben ov(x) liegt auf der Hand. Daß bei der Ausdehnung 
im Gebrauche von p dieses sich nicht für alle Zeiten auf die Pausa 
beschränkte und andrerseits letztere nicht absolut beherrschte, liegt in 
der Natur derartiger Neubildungen begründet. Ebensowenig sind ja im 
Lateinischen perkidinii und diiOi< starr bei ihrer plautinischen Verwendung 
stehen geblieben. — Beachtenswert ist vielleicht noch, daß das ionisch- 
attische V è(p£Àxvatixôv nur nach kurzen Vokalen aufgekommen ist; 
man vergleiche damit, was Wackernagel a. a. 0. 175 über eine ent- 
sprechende Eigenheit der Monosyllaba lehrt. — 



Ich habe bisher vom vv ècpEÂxvaii'/.ôv als von einer sachlichen Ein- 
heit gesprochen, mit Recht, soweit es sich um die allgemeine Tendenz 
seiner Verwendung handelt. Genauere Betrachtung lehrt aber, daß inner- 
halb der einzelnen Formgruppen, die den i^ntritt der littera paragogica 
kennen, noch feinere chronologische Unterschiede bestehen. Schon 
Maassen hatte S. 24ff. eine Differenz konstastieren zu müssen geglaubt: 
Im Satzinnern sollen die Formen des 3. sg. auf -ev stets mit -r er- 
scheinen, während die at-Formen schwanken. Diese Behauptung ist, wie 
die Heranziehung weiteren Materials lehrt, nur bezüglich der a<-Formen 
zutreffend: Hier steht allerdings sowohl im Dat. plur. als in der 3. pl. 
des Verbs seit ältester Zeit die i^-haltige Form neben der r-losen. Auch 
Eotiv neben egti ist alt, wie namentlich JGIVl588,3i zeigen kann. — 
Über eixoai s. S. 19. 

Bei der 3. sg. auf -e ist dagegen W. Schulze 's Beobachtung 
(Gott. gel. Anz. 159 (1897) S. 902*^) richtig, wonach im Anschluß an das 
punctum saliens f]a : fjsi' zunächst nur solche Formen das -v annahmen, 
deren 1. sg. auf-« endigte. Leider ist seine Bemerkung ganz kurz gehalten 
und nicht durch Beweismaterial gestüzt. Dies liefern die voreukleidischen 
Inschriften zur Genüge. Auf ihnen findet sich das -r 



— 82 — 

1. beim Perfektum: oiôev JGrI^32A13 (1. sg. oîâa)-^ Jiagßs- 
ßaxev (S. 22). 

2. im Aorist : 

a) beim ;i - A o r. der iintbemati sehen Verben : av£d-£y.£v{l. sg. -a) oft 
auf Inschriften. Das Material für den Satzauslaut S. 20; im In- 
laut z. B. JG I^ 3.52, 37(3, 1- 373 ^- (p. 4.3), 373^- qd. 80) u. s. w. — 
Aber auch «rfr>£/Cf inlautend iu Prosa vereinzelt: 1-373-^' (p. 
201); s. S. 21, wohl auch 373'^ (p. 42): {av)e&£y.E o-. — Über 
373" (p. 181) s. S. 21. Entsprechende Beispiele aus dem 
Ionischen unten. — £Oöx£v auf einer Vase des Exekias bei 
Klein, Meistersignaturen S. 40 (dazu K r e t s c h m e r , Vasen- 
inschr. S. 51). — tiuqeoöxev JG I- 5a (p. 135) Z. 11, 15 
(Mitte des 5. Jahrb.), (21); jiaQ£Ôojx£v Z. 1, 5. — Erst 
die jüngste der auf diesem Stein vereinigten Inschriften gibt 

JlCCQEÔOJy.E y.£(fU?MlOV. 

b) beim sigraatischen Aorist: £y.£Qau£vaEv auf einer Vase 

des Oikopheles (vgl. Burhngton F. A. Club, Catalogue of 
objects of Greek ceramic art S. 9). — £7toi£oev häufig auf 
Vasen , Weihinschriften u. s. w. — Pausabeispiele S. 20 f. ; 
für den Inlaut vgl. Klein a. a. O. S. 45, 73, 82 u. s. av. — 
JG I^ 335, P 373«=* (p. 86), 373»^ (p. 89), 3732^'" (p. 102) 
u. s. w. — £ji0£O£ inlautend nur I- 373--^ (p. 102) [könnte 
metrisches Fragment sein]. — £yQU(fa£v CßyqantfEvj oft auf 
Vasen; für die Pausa vgl. S. 21 f., inlautend z. B. Klein S. 45, 
85. — Auf Dekreten das stereotype £Ôo-/g£J' {rii ßöAet) JG 
I^ 16, o; 21,1 U.S. \v.; auch eôo/oei' eI/.v — I' 57,3:>. — (fra)/- 
n£v TOfi — I^ 37,47, — ey£i()OTOvëo£ V lio P 40,2;). — a:i£- 
ji£^i(pö£t> y.a{i) 1^ 82. — Das liohe Alter des -i' in diesen 
Formen wird weiter inschriftlich durch die dialektische Poesie 
bestätigt, die es schon sehr frühzeitig angenommen hat; vgl. 
die auf S. 28 genannten Formen ui^qev, Ô£i.r7't^£}\ ôÀ£a£v. 

Dagegen haben die Formen mit 1. sg. auf -op in der ältesten Zeit 
bloßes -e: Daher im Imperfekt auf Vasen stets EyçacpE im Gegensatz 
zum Aor. Eyçacpasv (S. 22). — Vgl. ferner £Ôiôaax£ JG I' 336, I- 
337a (p. 79). — £y£ Tf(/) P 179 (p. 160 f.) Z. 13 und 25. — Das ist 
denn auch in Rechnung zu ziehen bei dem Aor. II £d-av£ (S. 27). So er- 
klärt sich ferner in den prœscriptiones der Gegensatz von eôoxoev einerseits, 
£7iQVTav£V£, Ey Q af-i^üT £v £ , ÊQXE, £ i .1 £ andrerseits (S. 13 Anra. 1): 
Zur Zeit, als diese Formeln festgelegt wurden, war die Ausdehnung des 
-V auf die o^'-Tempora noch nicht erfulgt. Die prœscriptiones blieben 
lange in dieser archaischen Gestalt, und Ey quu i^iuteve erscheint auch 



— M3 — 

satz in lautend, wo die Formel nicht gerade die stereotype der pr^escriptio 
ist stets ohne -r: eyQccif(uaT)Ev£ E?.£vaivi V 231. Ahnlich 237. 298 
(vgl. I- p. 146) zweimal, 301,20, 554 (p.222); I- 557 (p. 125). — Entsprechend 
ËQy^E I^ 260 {éçx^ ^^^); ^^ '^^^ (P- l-'^)- Endlich aber wurde auch hier zu 
Ende des 5. Jahrh. das -v heimisch (S. 14). Auf Privaturkunden findet sich 
dieser Gebrauch, wie zu erwarten, schon früher, so in etzoqev am 
Schluß des Pentameters I- 373^ (p. 179, vgl. übrigens die nota dazu), 
und vor allem in dem vulgären y.avEjiiEP des Pinaxfragmentes aus dem 
kimonischen Schutt (Kretsclimer, A'aseninschr, S. 90).^) — Vielleicht ist 
es kein Zutall, daß die beiden ältesten attischen Belege Aoriste sind: 
der Einfluß der x- und a-Bildnng mag hier zuerst eingesetzt haben. — 
Für die spätere Zeit ergibt eine Vergleichung von Maassens Tabelle 
und dem aus Papyri geschöpften Material bei Mayser, Gramm, d. griech. 
Papyri S. 237, eine grössere Festigkeit des -fr überhaupt gegenüber 
-ai(i')- So hat auch die Inschrift bei Dittenb erger Sylloge - 178 (um 300 
V, Chr.): ôiôcoai IlEQÔixy.ai. ovoi y.E'/.Ti]o^ai zweimal, ôiôcooi y.ai, ôi- 
ôcoai Se. aber EyJ.riQovyj^oEi' Uo/.Eüoy.QUTijQ, eÔojxev Efi jtcctqixoic, 
EAaßEV Ei\ eSmxei' IItO/.EU(CIO)1. 

Die Ausbeute aus dem Ionischen ist geringer und zeigt auch in 
den «-Tempora weniger „Regelmäßigkeit." Auf den ältesten Inschriften 
(bis 400) kommen satzauslautend wie -inlautend Formen mit und ohne 
-V vor. Für den Inlaut vgl. avEd-i]X£v 5401, 5-508 u. s. w. (oft), eôojxei' 
5531, E7T0i}]a£v 5292, 5422, eöo^ev 5308, Eori^oEV 5358, EXQaTi]{o)EV 
5727d35, E71Q1JOEV AM 31, 152 (Samos).-) -Andrerseits avEx^r^xE: 5419, 
5509 u. s. w., EÖcoxE 5522a, ettohioe 5505, eôo^e 5495. — Es zeigt sich 
also, dass auch in diesen Verbalformen die Setzung nicht völlig oder 
nahezu obligatorisch war, wie man nach dem attischen Material anzu- 
nehmen geneigt sein könnte. — Die Belege der or-Tempora sind zu 
spärlich, um darüber aufzuklären, ob im Ionischen der Antritt des -v 
hier ebenfalls spät erfolgt ist. Die Sängergildeninschrift bietet zwar 
Z. 40 und 41 EaÔE, aber auch das erwähnte eôo^e. — Das ei^ei' von 
5727 a 39, 45, G3, c 0, IG entscheidet nichts nach der andern Seite, da die 
Inschrift in die letzte Zeit des 5. Jahrh. fällt, auch von Attizismen 
nicht ganz frei ist (Bechtel S. 749).-') — 



1; Auch dialektisch-poetisch: so evciiev Roehl JCtA i)5 (Mitte d. 5. Jahrb.). 

-) Metrisch z. ß. avedr^y.ev 5420 u. s. w.. e ßa(a)y.i] vev 535.% enott^aev 5422. 

3| Der im ionischen Epos überlieferte Zustand kann kein untrügliches Zeugnis 
für den Gebrauch der üesprocheueu Sprache ablegen. - Daß aber für das in Rede 
stehende Problem die Litteratur spräche überhaupt herangezogen werden muß, 
ist klar. Namentlich die attischen Dichter werden ein gewichtiges Wort mitzureden 
haben. Das muß späterer Untersuchung vorbehalten bleiben. 



— 84 — 

Auf Grund des inschriftlichen Materials kann man den Entwicklungs- 
gang des griechischen vv è(f£ÀxvaTixôp etwa so skizzieren : Der oder die 
Ausgangspunkte sind nicht mit absoluter Gewißheit zu bestimmen, 
da mehrere Möglichkeiten vorliegen. Für die Flexionsformen erscheint 
es jedenfalls nicht geraten, an Indeclinabilia anzuknü^Dfen, wie Osthoff 
MU IV 231, Gesch. d. Perf. 340f., zum Teil auch Brugmann Grundr. 
I- 902 tun, zumal sich einige scheinbaren Stützpunkte als recht frag- 
würdig erweisen; vgl. über ovroali' neben -J Kühner -Blass Gramm. 
I i^ 293f. ; wobei noch außerdem die Tatsache, daß i'-Formen nur bei den 
Kasus auf -o-i bezeugt sind, ganz entschieden dafür spricht, daß es sich 
hier im Gegenteil um eine sekundäre Neuerung dieses Pronomens nach 
altererbten (7f(r)-Formationen handelt. — Über y.s : y.ev s. zuletzt Solmsen 
K Z. 35, 471 f. 

Für die Flexionsformen mit -gi{v) ist der älteste Kern wohl sicher 
beim Pronomen zu suchen, allerdings auf einem andern AVege als dem 
von Fick, Ihas 559f. beschrittenen, nämlich beim Personalpronomen: 
Daß der Dat. pl. der Personalpronomina urgriechisch auf -iv ausging 
{^aofiii'. *vo,uir), wird durch den Tatbestand der griechischen Dialekte 
erwiesen. [Die Endung ist die gleiche wie in den Singularformen è/uii', 
liv. T£Îv u. s. w. und hängt unfraglich mit dem altind. pronominalen 
Lok. 2i\xi -Ch)ii )-'iu {fismiii „in eo") zusammen.] Gleichgültig ist, ob die vor- 
handenen singularischen è/nir u. s. w. ebenfalls alt sind oder erst nach 
dem Muster des Plurals geschaffen wurden. Ebenso kann die Frage 
nach dem Alter von G(f:ii' offen bleiben. — Es bedarf ferner r.icht ein- 
mal der Annahme, dass neben *aafuv, "^vafiiv schon urgriechisch 
kürzere Formen auf -i lagen (lesb. ä/iifii, vftfii, die Bartholoma? BB 15, 
18 als einzeldialektische Neuschöpfungen nach dem Muster von /-Loka- 
tiven betrachtet). — So bequem eine Doppelheit ^aa^ip : *aa/:ii als Aus- 
gangspunkt wäre, so können wir doch all dieser Ungewißheiten ent- 
raten: Übernahm das Ionisch-attische — und das ist das einzige, was 
sich wirklich positiv behaupten läßt — , die Dat. pl. des Personalpro- 
nomens in der Form -iv, so reichte das schon zu einer analogischen Be- 
einflussung andrer Pluraldative aus: Wie sich im Jüngern Kretischen zum 
N. pl. aiisi' das Attrilnit syi'coxorer und weiter die Neubildung nvei' 
für nv£g einstellte (J. Schmidt KZ 36, 400 ff.), so konnte im Ionisch- 
attischen ein f]^uv naai, bfiiv toloôeooi (vgl. P 633, ß 46 f.) zu fiuiv 
Tiuaiv, bfiiv Toiaôeaaiv werden, ein riai, avioiai nach ^fiiv die Schwester- 
form iioiv, avioiaiv erhalten u. s. w. Wenn daneben die ältere uner- 
weiterte Form nicht ausstarb, so gehört das zu den bekanntesten Er- 
scheinungen des Sprachlebens. 

Nach dem Vorgange des Dat. i)l. kam die Doppelheit -oi, -aiv 
dann auch in der 3. pl. des Verbs auf. Es ist nicht ausgeschlossen, daß, 



— 85 - 

wie schon Planudes (ed. Bachniann Anecd. Grœca II 58,iGffj dachte, die 
Dat. pl. der Partizipien dabei wirkhch eine Vermittlerrolle gespielt haben, 
nur in umgekehrter Richtung als Planudes meint: Ein D. pl. ipeçovai war 
der 3. pl. (pegovai völlig gleichlautend, so dass eine Nebenform (peqovoiv bei 
dem einen sehr wohl die gleiche Umgestaltung beim anderen hervorrufen 
konnte. Die Sekundärendung der 3. pl. -v mag ebenfalls noch einen 
Druck zu Gunsten der volleren Form mit -v bei der Primärendung aus- 
geübt haben. — Vom -oiv der 3. pl zum -oiv der unthematischen 3. sg. 
und weiter zu eghv war der Schritt um so leichter getan, als von 
einem anderen Gebiet der 3. sg., der Endung -£, Sukkurs kam: Hier 
hat die Überführung der ursprünglichen 3, pl. tiEv in den Singular (vgl. 
Hoffmann, Präsens S. 68, Gr. Dial. II 319, Brugmann Grundr. II 900) 
befruchtend gewirkt.') Nach dem Muster fja : fjEv erhielten alle Tempora, 
deren 1. sg. auf -a endete, in der 3. sg. neben -£ wohl schon urionisch- 
attisch die Nebenform -ev. Bei den Formen mit 1. sg. -ov dagegen ist 
-ev den ältesten attischen Prosainschriften noch fremd, scheint aber all- 
mählich im Laufe des 5. Jahrh. aufgekommen zu sein und hat sich am 
Ende desselben auch hier festgesetzt. 

Nach dem Prinzip, daß das Satzende beim Vorhandensein von 
gleichbedeutenden Wortformen die lautlich vollere bevorzugt, findet sich 
in Pausa die Form mit -v è(p£ÀKvatix6v seit ältester Zeit besonders gern 
gebraucht, in der Poesie fast ausnahmslos, in der Prosa überwiegend, 
bisweilen mit deutlich erkennbarer Begünstigung dem Satzinlaut gegen- 
über. In späterer Zeit, etwa von der 2. Hälfte des 4. Jahrh. ab, ist 
Setzung des -p in Pausa überhaupt das Normale. War die Pausa das eigent- 
liche Gebiet des -f, so ist es verständlich, wenn sich im Inlaut zunächst 
ein Promiscuegeb rauch zeigt, ein Zustand, der im großen und ganzen 
durch das Altertum hindurch unverändert bleibt, nur daß zunächst die 
î'-Formen häufiger als die î^-losen werden. Teilweise aber lassen sich 
auch im Satzinlaut Sandhidifferenzen beobachten: Schon im 5. Jahrh. 
und auch später verrät sich die Tendenz, die /'-lose Form neben der 
r-Form nur vor Konsonanten zu gebrauchen, vor Vokalen nur die i>- 
Form gelten zu lassen; ja, vereinzelt wird sogar seit etwa 400 v. Chr. 
das unsrer Schulregel zugrundeliegende Prinzip auch auf den Inschriften 



1) Schulze. GGA 1897, 902 hält diese für speziell ionisch; mit Recht. Denn 
das lokrische ev = ^v in dem Satze JtoTiö fenaaiog äv GDJ 1478,9. bei dem au 
attischen Einfluss nicht gedacht werden darf (1. Hälfte d. n. Jahrh. v. Chr.), ist n. pl.. 
durch „constructio xarà avveaiv^ für den Sing, eingetreten: „woher sie ein jeder waren." 
Dabei hat das vorausgehende pluralische ai xa liun avav/.ag ajteÄaöinai dem Redaktor 
oder Schreiber vorgeschwebt. — Als H. sg. kann das Lokrische nicht gut etwas anderes 
als das gemeingriechische ^s gehabt haben, wie es denn auch im Delphischeu (UDJ 
2002,1«) der zu erwartenden S pl. »> (2518.iü u. s. w.) gegenübersteht. 



— 86 — 

angewendet: -i' steht vor Vokal (und in Pausa), die Form ohne -/' vor 
Konsonanten. Zu größerer Ausdehnung ist diese Regelung im Altertum 
nicht gelangt, die Inschriften fahren fort, -v auch vor Konsonanten zu 
setzen. Als orthographische Lehre ausgesprochen findet sie sich erst in 
der byzantinischen Gramniatik.') 

Die andern Dialekte außerhalb des Ionisch-attischen kennen das 
vv èg)EÀxvatix6v, so lange sie von der Gemeinsprache unbeeinflufit sind, 
nur in der Poesie in Anlehnung an Homer, zunächst nur da, wo es 
metrische Notwendigkeit erfordert, später auch in Pausa. - Der Prosa 
fehlt es überall, auch im Dat. pl., wo die Neubildung an und für sich 
ebensogut wie im Ionisch-attischen hätte vollzogen werden können. — 
Vgl. fürs Aiolische: Meister, Dial. I 125, zum Material s. noch S. 272, 
306-, Hoffmann, Dial. II 477. — Fürs Arkadische: Hoffmann I 214, 
Baunack Ber. d. kgl. sächs. Ges d. Wissensch. 1893, 110. Kyprisch: 
Meister II 255.^) Pamphylisch GD J 1266 /iiiccQoiai. ccTQonoiot u. s w. 
Fürs ältere Dorisch s. die altgortynischen Inschriften: GDJ 4991 
nur TQiöi, EjTißaAAovGi, fiëvai, viaai, 4976 (ß)ofGi, 4984 ffjomiovai, 
5011 rf>ag)iôôovai, 5015 ^>a(pit,avoi. feTS&d-i. — Vaxos 5125 raiat. — 
Aus dem älteren Nordwestgriechischen nur spärliches Material: 
Delphisch aa/uccTsaai GDJ 2561 C 41 (Labyadeninschrift) ; jiainsaai 
2501,44 (Amphiktyonengesetz). 

In die dialektische Prosa beginnt das -v erst im 4. Jahrh. v. Chr. 
einzudringen. Dabei fällt eins auf: Für die Mundart von Heraklea 
hat bereits Meister, Curtius' Studien IV 413 festgestellt, daß nur die 
Dat. pl. auf -fji das aus der xotrij eingeschleppte 7' èg)eÀxvaTixôv 
annehmen können, während die 3. pl. auf -pti ebenso wie ean das -v 
verschmäht (eine 3. sg. auf -e ist nicht belegt). Dieselbe Erscheinung 
kehrt nun in den älteren Inschriften von Epidauros wieder, und hier 
steht auch reiches Material für die 3, sg. (stets bloßes -e) zur Verfügung: 
Auf den größeren Texten des 4. Jahrh. kommen nur im D. pl. i^-Formen 
vor; die Inschrift JG IV 1485 kennt sie auch hier noch nicht: Z. 4 
8yôoTi]Qai £iç, 45 eyôoTEQai Aafiocpavei, 97 xaraAoßEvot y.ai ; 
außerdem 16 Formen mit -8 in der 3. sg. (Z. 17 u. s. w. anijviKE, 
124 EAaßE). — Die jüngere Urkunde 1492 hat noch EyQacpE Z. 7, 18, 



1) Über das Verhalten der Kotv^ gegenüber dem v ècpeÀKuariKÔv im allgemeinen 
geben die nützlichen Sammlungen bei Mayser, Gramm, d. grieoh. Papyri 236 gute 
Auskunft, namentlich auch über die prozentuale Häufigkeit von Setzung und Nicht- 
setzung. Interessant ist, daß in der Zeit vom 3.-1. vorchristlichen .lahrhundert wieder 
eine Abnahme im (jebrauch des -v zutagetritt. 

2) Hoffmanns Auffassung (I 214 f.) der von Meister für jünger gehaltenen Formen 
eôcjKev u. 8. w. als „lokaler'" Neubildungen ist verfehlt, vor allem, weil die Keimform 
/Jei» im Kyprischen nicht existiert. 



— 37 - 

21, 22, 26, 38, aber iaQo^ra,uooiv Z. 21. — So tindet sich denn -v 
beim D. pl. auch auf den großen Heilinschriften: 951 Z. 24 lUfiaoiv 
y.ai, 32 eovoiv aJiioTOiç, 55 vjiccQyovoiv, 67 a ciyßaaiv y.ui, 97 
Xsgaiv Eyoiv, dassell)e 101, 104. — Ohne -v: Z. 30 ejityqa^uani 
loiQ, — Außerdem aber Z. 45 .i^uqeoti. a.-ioi}vneiv und 5 7 Beispiele 
für -£ in der 3. sg., keines mit -ev. 

952: Z. 96 d-sQUjievfiaaiv eirdyE/MV), aber Z. 60 xeqoi (feçov, 
auch Z. 25 eoti o. Auf -£ 40 Formen. — Mit -v nur scheinbar Z. 1 evexu- 
d-EvÔEi' EÀÀaxEÔai/ioi'i, das aber nicht als sicherer Beleg für das Eindringen 
der Endung -ei> betrachtet werden darf: Da die übrigen 40 Beispiele durch- 
aus widerstreben, liegt der Verdacht nahe, daß wir es mit einer Yerscbrei- 
bung zu tun haben: Beabsichtigt war wohl EVE-xad-EvÔE ev AuxEOai^iovi ; 
durch Versehen beim Einhauen fiel ein e aus, und der Fehler wurde dann 
in der auf uns überlieferten Weise ausgebessert, woljei die assimilierte 
Form der Prsep. Eingang fand. Ob der Steinmetz bei der Schreibung 
EVExad^EvÔEv vielleicht sein Gewissen mit der ihm aus der Orthographie 
metrischer Inschriften geläufigen Praxis (cf. Isyllos) beschwichtigte, kann 
uns gleichgültig sein. Und ob das Exioçiôaç e7ioi]oev von JG IV 
1477 (4. Jahrh.) wirkhch als der erste einwandfreie Zeuge für -fi- gelten 
darf, ist auch noch zweifelhaft: es könnte als Anfang eines Hexameters 
gedacht sein und käme dann nicht in Betracht. Für gewöhnlich haben die 
Künstlersignaturen von Epidauros auch in späterer Zeit noch E:fio(ijt]aE. 
vgl. 1478. 1482, 1483. — Auf alle Fälle beweist das Material, daß auch 
in Epidauros bei Annahme des *' ècpEÀxvoTixôv aus der xoii>^ den Formen 
des Dat. pl. der Vorrang gebührt hat. Auch in Gort y n finden sich 
nur Dativformen mit -r: ITçiaroE vai r G D J 5024 6,s2, aber eöo^e 
5016. — 

Der Grund dieser Erscheinung ist klar: Die Dative auf -otv sind 
deswegen so verhältnismäßig frühe, noch „zu Lebzeiten'' des Dialekts, aus 
der Gemeinsprache übernommen worden, weil diese Bildung in den be- 
treffenden Mundarten selbst einen Stützpunkt an den D. pl. auii' und 
vf.iii' fand. Beim -e der 3. sg. dagegen fehlte etwas Homogenes ebenso 
wie beim -vii der 3. pl. und bei èari völlig. Ein -ev (und *-vnv) 
mußten viel mehr als Fremdkörper empfanden werden als etwa ein /eqoiv. 
das in cqiiv sein einheimisches Analogon hatte. Der Vorgang ist in- 
sofern lehrreich, als er ledigHch eine Wiederholung des im Urionischen 
beim D. pl. vollzogenen darstellt, nur daß hier eine Neubildung von 
innen heraus, dort eine Anpassung erworbeneu Sprachgates stattge- 
fanden hat. — 

Zum Schluß noch ein Wort über die Aussprache des vr ti^t/.- 
y.ronxôv: Es ist mehrfach behauptet worden, daß dieser Laut nicht ein 
voll artikuliertes, sondern ein irgendwie ,,redaziertes" -)> gewesen sei. 



— 38 — 

Die Möglichkeit will ich nicht bestreiten: Da wir wissen, daß aus- 
lautendes -V überhaupt im Griechischen zumteil einer Reduktion unterlag 
(Material bei G. Meyer Gramm. ^398 f.) und nichts die Annahme aus- 
schließt, daß diese Reduktion in Pau s a erfolgt sei, so könnte auch das 
V èqJEÀxvanxôi' als Pausaform daran teilgenommen haben, ja, es könnte, 
in den Inlaut verschleppt, auch hier die reduzierte Aussprache beibehalten 
haben, möglicherweise sogar darin seine spezielle Herkunft aus der 
Pausa auch im Satzinnern im Gegensatz zu anderen wortenden- 
den -V dokumentieren, die hier ihre voll artikulierte Form unverändert 
gelassen hatten. Wäre dem so, dann könnte noch ein gutes Teil 
der Fälle von Xichtschreibung, namentlich älterer Zeit, aufs Konto 
dieser Aussprache gesetzt werden (das Verhalten der Vaseninschriften, 
auf deuen manchmal die Signatur desselben Meisters bald mit, bald 
ohne -V erscheint, würde sich vielleicht so besonders gut einordnen). 
Leider fehlen aber vollgültige Beweise für eine derartige Besonderheit 
in der Aussprache. Was bei Kühner-Blass Ii^ 292 und Blass Rh. 
M. 43, 279 f. gesagt wird, entspricht zu wenig den Anforderungen 
sprachwissenschaftlicher Methode, als daß ich mich auf eine Dis- 
kussion einlassen könnte. Aus der zwiefachen Schreibung egtiv und 
eaii schlechtweg auf eine etwa in der Mitte liegende Aussprache 
„é'S/?" zu schließen, ist der Entstehungsgeschichte des -v wegen unstatt- 
haft, die zunächst nur auf eine der Analogie entsprossene morpho- 
logische, nicht aber orthographische Variante einunddersell^en Wort- 
form hinweist. Wer die beiden Optativformen ôsi^aiç und ôei^siag oder 
etwa lateinisch aniasue und a/navtsse auf irgend einer phonetischen 
Zwischenstufe vereinigen und als lediglich orthographische Varianten ein- 
unddersel]>en Lautform erklären wollte, würde auf demselben Niveau 
stehen. — Wenn G. Meyer Gramm. ''399 aus den Messungen 

— favEd-e)}iEV Aioc. yÀavçoJiiôi (;öqei JG I' 355 und 

— £TC£d-ëxsv d-ai'OTOi ib. 472 

folgert, daß -v keinen „vollen Lautwert" l)esessen habe, so genügt es, 
auf andere pleonastische Schreibungen aufmerksam zu machen wie 

Ev&aÔE 01ÀÔI' xsirat etc. 

im Anfang des Hexameters GDJ 5302, wo niemand über den „vollen 
Lautwert" der Silbe -ôe disputieren wird. — Auch was Buth, i'hilologus 
39, 551 aus dem homerischen Tatbestand folgert, hält nicht Stich. Wenn 
das Epos eine Positionsbildung durch v èfpe^.xvarixôv in der Senkung nur im 
L und 2. Fuß, ausnahmsweise im 4., kennt, so beruht das nicht auf einer 
besonderen „Schwäche" gerade dieser Position, die nur bevorzugte Vers- 
stellen hätten überwinden können, sondern einfach darauf, daß zufällig 



— 39 ~ 

die Wortformen mit v icpeÀxvaTr/côv aus Gründen rein verstechnischer 
Natuf im dritten und fünften Fuß überhaupt nicht vorkommen können. 
Um eine Ausnahmestellung der beiden ersten Füße handelt es sich da- 
bei gar nicht. Darüber ein ander Mal ausführlicher. 

Zu einem positiven Entscheid reichen hier also unsere Kenntnisse 
einstweilen nicht aus. Solange nicht Beweiskräftigeres beigebracht wird, 
darf niemand behaupten, daß das -i' in st^ev oder roiaiv schwächer ge- 
sprochen wurde als in eixor. toTov. 

Basel, den 21. Dezember 1906. 



Das Gleichnis in erzählender Dichtung. 

Ein Problem für Philologen und Schulmänner. 

Von 

Theodor Plüß, 



In der Odyssee wird erzählt, wie Hermes als Götterbote über die 
weite See fuhr. Da jagte er alsdann über das schwellende Wasser hin 
der Möwe gleich.^) Worin glich er ihr? In der Gestalt, könnte man 
denken. Aber von einer Verwandlung der menschenartigen Erscheinung 
des Gottes verlautet hier kein Wort, und ebenso nachher keins von einer 
Rückverwandlung. Auch verwandeln sich die Götter sonst für Menschen- 
augen, um besonderer Zwecke willen : was sollte hier der Zweck sein, 
wo kein Menschenauge in Nähe oder Ferne zuschauend gedacht ist '? — 
War also Hermes der Möwe gleich in der Art des Dahinjagens? etwa 
ähnlich, wie weiterhin Ino Leukothea dem Wasserhuhn gleich ist in der 
Art ihres Auf- und Untertauchens? Denken Hesse sich dabei z.B. an 
die besondre Bewegungsart, wie man sie an einer Möwe leicht mit Augen 
beobachten kann, wenn sie über die Flut hinfährt. Dabei pflegt die Möwe 
hungrig zu sein und zu tischen, und so benennt sie der Dichter denn 
auch als gierig schlingenden oder gefräßigen Vogel und läßt sie Fische 
fangen; beim Fischen fliegt sie aber immer nur kürzere vStrecken über 
dem Wasser hin, dann taucht sie mehr oder weniger tief ein, und auch 
das Eintauchen erwähnt unser Erzähler. Dagegen trägt Hermes zur 
Wasserfahrt Sohlen, Sohlen zum Auftreten, Schreiten und Laufen ; er 
läuft also auf der Fläche des Wassers selber hin, und wie von einem 
sicheren Boden läßt er sich von den schwellenden Wassern tragen. Er 
soll ja auch in Einem Zuge, ohne Aufenthalt nach seinem fernen Ziel 
kommen: auch dazu paßt die sichtbare Bewegungs weise der fischenden 
Möwe durchaus nicht. — Sollen wir also an die äußere Bewegungs- 
schnelligkeit als Vergleichungspunkt denken? Auch abgesehen von 
der weltweiten Entfernung, die Hermes heut im Teile eines Tages über- 

') Odyssee 5, 50 —54. 



— 41 — 

winden soll, würden sich die Hörer die Bewegungsschnelligkeit des Götter- 
boten unvergleichlich geschwinder vorstellen als gerade die einer Möwe, 
zumal einer fischenden ; ein (xott mag ja an den fernsten Ort sogar so 
schnell hingelangen, wie ein Mensch sich hindenkt. 

Also leibliche Gestalt, Art der Bewegungserscheinung, Mali äußerer 
Schnelligkeit — das alles will nicht stimmen. Eines allein würde ganz 
stimmen, aber etwas, was weder leibhaft noch erscheinungsmäßig, weder 
meßbar noch sinnlich direkt wahrnehmbar wäre — die Sicherheit, mit 
welcher Gott und Vogel über das wogenschwellende Meer hinjagen. 
Man beachte, wie das Tun und Gebaren der Möwe, bei einem Wasser- 
vogel ein natürliches, hier besonders lebendig nach der Seite der Sicher- 
heit gegenüber anscheinenden Gefahren erfaßt und dargestellt ist Die 
Möwe ein gierig schlingender Vogel: der Naturtrieb jagt sie, macht sie 
sicher, kühn. Die Wölbungen oder Tiefen der wüsten Salzflut als ge- 
fährlich, furchtbar benannt, vom Standpunkt des Menschen. Die Schwung- 
federn undurchdringlich gegenüber dem Salzwasser, also sicher. Aber 
bei einem menschengestaltigen Wesen ist diese Sicherheit wunderbar, 
über Erfahrung und Begriff hinausgehend, also eigentlich auch nicht 
direkt in Worten aussprechbar. Da mag gerade das Tun des gebore- 
nen Wasserwesens uns von dem Unaussprechlichen doch eine lebhaft 
empfundene Vorstellung geben: mit einer Sicherheit, w^elche aller Men- 
schennatur überlegen und an Hermes doch so natürlich war, als sei 
das Meer sein Wesens- und Lebenselement, fuhr der menschengestaltige 
Gott auf den Wasserschwällen dahin. Ausdrücke der Bewegung, Rhyth- 
men einzelner Verse, Eigenschaften von Sohlen und Stab des Hermes 
mögen helfen, die Vorstellung überlegener Sicherheit in Wesen und Tun 
des Gottes auszudrücken.^) Bedeutsam empfunden ist die Sicherheit 
gegenüber dem Meere gerade hier in einer Erzählung, in welcher eben 
das Meer dem Helden des Gedichtes demnächst so furchtbar gefährlich 
werden soll. 

Aber freilich, geschaut habe ich die Sicherheit auch an Dutzenden 
fischender Möwen in der Wirklichkeit niemals, höchstens habe ich etwa, 
unter Einwirkung eines Kontrastes, diese Sicherheit an wirklichen INfö- 
wen empfunden : so vermag ich sie jetzt, an Homers Darstellung, auch 
nicht als etwas sinnenraäßig Anschauliches mir zu reproduzieren. Vol- 
lends am Gotte Hermes eine über alles Menschenmögliche, also alles 
sinnlich Erfahrene und Geschaute hinausreichende Sicherheit mir an- 
schaulich zu machen vermag ich nicht. Wollte ich etwa die Phantasie 

1) asvazo {b\) asynrletisch. Anfangsstell uug; ôyeîa&ai [bi^ auch S'mst von einem 
sicheren Sichtragenlassen; auch .Tetsa&at (49) an sich kein Fliegen mit Flügeln; Rhythmen 
V. 4:3. 44. 4i). 51. 54. — d-éÀyeiv (47) auch sonst von zauherhafter Schwächung einer 
Kraft gegenüber Uefahr. éyeÎQeti' (48) vom Wach-. Sicher- und Kühnmachen in Gefaliren. 



— 42 — 

z^Yingen, überhaupt AnschauungsähnlichkeU zwischen Möwe und Hermes 
zu fixieren, müßte ich Hermes am Ende gar tauchen und fischen sehn. 
Einen Vergleichungspunkt ferner, auch unsere Sicherheit nennt der 
Dichter uns nicht; worin denn eigentlich, bei soviel Unähnlichkeit, 
Hermes auf seiner Meerfahrt dem gierigschlingenden und fischefangen- 
den Vogel gleich war. das mögen wir vielleicht bei lebendigem Vortrag 
fühlen oder aber in wissenschaftlicher Arbeit erkennen. 

Das alles ist nun aber ein Widerspruch gegenüber allem, was 
Aesthetiker und Poetiker, Philologen und Literaturhistoriker uns von 
den dichterischen Gleichnissen im allgemeinen und von den epischen, 
zumal homerischen insbesondre sagen. Schlagende Kraft, unmittelbar 
einleuchtende Klarheit des Vergleichungspunktes ist es, was Friedrich 
Vischer für das Gleichnis, besonders für das epische vor allem fordert. 
Einhellig nennt man Anschauung und Anschaulichkeit als das \Vesen 
des Gleichnisses, oder man setzt dieses Wesen einfach voraus; man 
läßt den Dichter im Gleichnis schildern, zeichnen, malen, mit der 
Phantasie bilden, findet malerische Sinnlichkeit oder plastische Realität, 
sieht konkrete, feste, lebendigfarbige Bilder für das Auge, ja ganze 
Landschaftsgemälde. Als Ziveck und Wirku?ig nimmt man fast aus- 
nahmslos bildmäßige Veranschaulichung an ; das Gleichnis versinnliche 
etwas, sagt man, und es gebe der Rede sinnliche Kraft. ^) 



IL 

Allerdings ist, wenn nicht die Anschaulichkeit, so doch der Zweck 
einer Veranschaulichung auch schon bestritten oder in seiner Geltung 
eingeschränkt worden. Zu besprechen sind hier Auffassungen von 
Wilamowitz, Richard Meyer, Cauer und Julius Ziehen.-) 

1) Zitiert sind Ausdrücke und Auffassungen von Fr. Viseber (Aesthetik III 1226. 
123U). W. Wackemagel (Poetik), Cirerher (Sprache als Kunst), Lyon (Handbuch der 
deutschen Sprache), R. M. Meyer (Deutsche Stilistik), Ed. Engel (Deutsche Literatur); 
ferner von Bergk (Griech. Literaturgeschichte), Jebb (Homer), Elard H. Meyer (Homer 
und die Ilias), P. Cauer (Grrundfragen). Herrn. Grimm (Uias), Kammer (Aesthet. Kom- 
mentar zur Ilias), Sitzler (Aesthet. Kommentar zur Odyssee), J. Burckhardt (Griech. 
Kulturgeschichte), O. .Jäger (Homer u. Horaz), Norden (Aeneis VI), Heinze (Virgils 
Technik), Wagner ^Hellen. Kultur), v. Wilamowitz (Griech. Literatur), Olsen (N. .Jahrb. 
f. d. klass. Alt. liJOfîj. — Von Versinnlichung spricht auch Göthe (Hempel 29, 535); 
anders verstehe ich Göthes Begriff „lokalisierend" (H. 29, 520 Anm.) und seine gern 
zitierte .\ußerung in der Italienischen Reise (H. 24. 307). 

-) Nicht bestimmt genug scheint mir der Ausdruck „ideale Erläuterung des Ge- 
schehenderf, den für homerische Gleichnisse Jakob Burckhardt anwendet (Griech. 
Kulturgeschichte III 81 f. vgl. 93. IV 54). — v. Wilamowitz, Griech. Literatur des 
Altertums (1905) S. 14 f. Rieh. M. Meyer, Deutsche Stilistik (1906) S. 1.39—141. P. 
Cauer, Grundfragen d. Homerkritik (1895) 8. 2()2— 264. .J. Ziehen. N. .Jahrlj. für das 
klass. Altertum 1904 I 650. 



— 43 — 

Die originalen Dichter der Iliade, sagt AVilamowitz, haben ihre 
Gleichnisse in erster Linie angewandt, um eine Stimmung zu geben. 
„ Wie bringt der Erzähler es fertig, die Stimmung des geschlagenen 
Heeres zu schildern? Der Dichter malt das aufgewühlte Meer, das 
mit schwarzen Wogen den Seetang gegen das Ufer wirft." Und ähnlich 
in drei weiteren Beispielen. — Gegen diese Stimmungstheorie zu- 
nächst ein paar allgemeine, psychologische Bedenken. Stimmung ist, 
denke ich, ein Gemütszustand allgemeiner und unbestimmter Art. bei 
den einzelnen Menschen sich modifizierend nach Gemütsanlagen, Lebens- 
erfahrungen und augenblicklichen Umständen. Wie kann nun aus den 
bestimmten, einzelnen Phantasieeindrücken eines Naturbildes, die wir 
successive empfangen, jene allgemeine Stimmung entstehen? da müßten 
wie bei der modernen Stimmungslyrik erst gewisse allgemeinere Vorstel- 
lungen, mit Empfindung verbunden, den Übergang vermitteln: diese 
Vermittlung ist hier im Unklaren gelassen. Sodann soll eine solche 
Stimmung des Zuhörers diesem den Gemütszustand dritter Personen, 
nämlich der Personen in der Erzählung schildern. Aber wie kann 
etwas so Unsicheres und Variables, etwas Unausgesprochenes und seinem 
Wesen nach Unbewußtes, wie die subjektive poetische Naturstimmung 
eines Zuhörers, irgend welche bestimmten Objektivitäten heroischen Le- 
bens schildern sollen? außerdem ist der Gemütszustand jener dritten 
Personen durch den Causalzusammenhang der erzählten Begebenheiten 
schärfer bestimmt und vielleicht auch vom Erzähler in Worten deut- 
licher bezeichnet, als daß er durch jene vage Naturstimmung noch eine 
Verdeutlichung erfahren könnte oder zu erfahren brauchte. Und wo 
bleiben nun alle die vielen Fälle in der homerischen Dichtung, wo ent- 
weder das Gleichnis kein Naturbild giebt oder aber die Hauptdarstel- 
lung von keiner sogenannten Stimmung berichtet oder auch beides gleich- 
zeitig fehlt? 

Prüfen wir nun aber die genannten vier Beispiele näher auf 
Wortlaut und Zusammenhang, so ergeben sich noch besondere Be- 
denklichkeiteu.^) Jedesmal sagt uns der Wortlaut der Vergleichungs- 
form, der Dichter wolle nicht subjektive Naturstimmungen mit Stim- 
mungen eines Heeres vergleichen, sondern Vorgänge der Natur mit 
Vorgängen des heroischen Lebens. In keinem der vier Fälle ist denn 
auch der Inhalt der Hauptdarstellung eine Stimmung in dem vorhin 
bezeichneten Sinne, ein allgemeiner und unbestimmter innerer Zustand, 
sondern ein bestimmter Vorgang, sei es ein innerer oder ein äußerer, 
ein sich wiederholender oder ein vereinzelter. Man höre : die Troer 
unterhielten so viele Wachfeuer, als Sterne am Himmel erscheinen ; 



i| Ilias 8, 555—561. H, 1—8. 16, 29(i-;KV2. ;W4-.S6(i. 



— 44 — 

den Achäeni wurde iicicb Niederlage und Flucht das innerste Verlangen 
immer noch hin und her getrieben, wie die See von zwei Winden jäh- 
lings erregt und bis in die Tiefe aufgewühlt wird ; zwar hatten die 
Achäer einen Augenblick ein wenig aufgeatmet, aber der Kampf ging 
rastlos weiter, wie bei einem Gewitter im Hochgebirge vorübergehend 
ein einzelner Berg sonnenhell wird; nach zähestem Widerstand und 
Führerkampf kommt auf einmal über Hektor und seine Genossen 
feiger Fluchtschrecken, so wie heraus aus lichter Himmelsbläue Zeus 
auf einmal eine Wetterwolke hervortreten läßt. Endlich entspricht je- 
weilen die Stimmung, die vom Naturbild hervorgebracht werden soll, mehr 
oder weniger schlecht dem, was etwa im Zusammenhang der erzählten 
Vorgänsre Stimmung heißen könnte. So müßte man z B. die Stim- 
mung der Troer an ihren Wachfeuern bezeichnen als eine mächtig ge- 
hobene, fast vermessen zuversichtliche, auf unverhofft glänzendem Sieg 
und kühnen Eroberungsgedanken beruhende : dagegen soll das Natur- 
bild der sternenklaren Nacht nach Wilamowitz die Stimmung bloßer 
Sicherheit vor Angriff und Verlust geben. Oder: die Stimmung Hektors 
und seiner Genossen ist bei Homer die von Leuten, welche von urplötz- 
lichem Fluchtschrecken willenlos und ehrvergessen dahingejagt werdeji : 
und das soll uns geschildert werden durch eine Stimmung, wie sie die 
naturgewohnten Hörer des Dichters angesichts einer regelrecht aufsteigen- 
den Gewitterwolke zu haben pflegen ! ITebrigens hat Wilamowitz die- 
ses letzte Gleichnis nicht nur in seinem Wortlaut kaum richtig erfaßt, 
sondern auch an unrichtige Stelle im Verlauf der erzählten Begebenheiten 
gerückt. Das alles niuli uns vorerst bedenklich machen, wenn nicht ge- 
gen die Stimmungstheorie überhaupt, so doch gegen diese Darstellung 
und Begründung derselben. 

Sodann Richard Meyer, Ursprünglich, sagt er, diene das Gleich- 
nis lediglich der anschaulichen Verdeutlichung eines angeschauten Haupt- 
vorgangs ; dann lasse es einen in der Hauptdarstellung gegebenen Einzel- 
fall empfinden als angehörend einem großen geheimen Zusammenhang 
der Welt ; wahrhaft poetisch endlich wirke das Gleichnis erst insofern, 
als in einem lebendig angeschauten Bilde die Obertöne der Stimmung 
sich verdichteten. — Jenen ursprünglichen Zweck erläutert Meyer an ho- 
merischen Beispielen. Der homerische Hörer habe z. B. noch nicht mit 
Augen geschaut, wie ein großer Held sich unter die Feinde stürze : das 
werde ihm nun anschaulich durch etwas Sel1)stgeschautes, nämlich wie 
ein Raubtier in die Hürde eindringe. Ob wir dipses Verhältnis in den 
Erfahrungen von Homers Hörern hier und in andern Fällen so ohne 
weiteres voraussetzen dürfen ? Aber angenommen, es sei so — gerade die 
sogenannt anschaulichen Züge z. B. des Vorgangs mit dem Raubtier wür- 
den den anschauungsartigen Zügen des Heldenvorgangs so völlig unähnlich 



— 45 — 

und die Unähnlichkeiten würden unter Umständen so zahlreich sein, daß 
dabei das bisher unbekannte Anschauungbild, z. B. vom einbrechenden 
Helden, eher ein verwischtes und verwirrtes als ein verdeuthchtes würde. — 
Nun aber die höheren Bedeutungen des Gleichnisses, die symbolische und 
die erst wahrhaft poetische ! Sind Gleichnisse wie das vom Löwen und 
Helden noch nicht wahrhaft poetisch? oder nicht für jedermann? was 
isl also wahrhaft poetisch? Oder: sind jene homerischen Gleichnisse noch 
nicht symbolisch wirksam ? wenn nicht, womit l)eginnt die Möglichkeit 
symbolischer Wirkung ? Im einfachen Sinne müßte, wie alles Künstle- 
rische, so auch jedes rechte Gleichnis symbolisch wirken können, näm- 
lich insofern, als es uns im Besondern immer zugleich ein Allgemeines, 
in der Vielheit der Dinge die Einheit der Idee, im Maß- und Formlo- 
sen der Wirkhchkeit Ebenmaß und Rhythmus empfinden ließe. Aber 
ist eine solche symbolische Wirkung oder ein wahrhaft poetischer Stim- 
mungsausdruck überhaupt möglich, wenn denn alle Gleichnisse zu aller- 
nächst doch immer den Zweck und das Wesen haben, daß sie einem 
Hauptvorgang bildartig deutliche Anschaulichkeit geben sollen ? Dann 
werden ja die unvermeidlichen starken und zahlreichen UnähnHchkeiten 
jeweilen die arbeitende Phantasie stören und dafür den Verstand stark 
in Tätigkeit treten lassen, weil trotz allem das iVehnliche soll heraus- 
gefunden werden. Dabei kann aber ein starkes und einheitliches Emp- 
finden gar nicht aufkommen, und ohne solches Empfinden, ohne mühe- 
lose, unreflektierte Erfassung dessen, was dem Gleichnis und dem Ver- 
glichenen wirklich gemeinsam ist, giebt es weder syml)olische Wirkung 
noch w'ahrhaft poetische Stimmung. Lyriker wie einst Matthisson. seit- 
her Theodor Storni und einige von den ,Jüngsten' vermögen durch soge- 
nannt sinnliche Darstellung allerdings eine Art symbolischen Empfindens 
und eine Art Stimmung zu bewirken : aber abgesehen davon, daß diese 
Wirkungen auch bei ihnen sehr ungewiß sind, vernichten sie dieselben 
wenigstens nicht dadurch, daß sie uns zwingen, die eiiie Sinnlichkeit 
noch mit einer andern, unähnlichen zu vergleichen. 

Bei Cauer heisst es, Homer schildre in seiner Hauptdarstellung 
einen Vorgang, dabei tauche vor seiner beweglichen Phantasie das Bild 
eines irgendwie ähnlichen Vorgangs auf: flugs male er, in der Freude 
seines Herzens, dieses Bild in lebendigen Farben neben sein Hauptbild, 
ohne Rücksicht auf Verdeutlichung, oft mit fühlbarer, störender Unter- 
brechung der Hauptdarstellung. Was aber bei einem modernen Dichter 
ein Stilfehler wäre, sei bei Homer berechtigt, weil dieser überhaupt nicht 
vermöge, in mehrgliederigem Ausdrucke das gegenseitige Verhältnis der 
Begrifl:e festzuhalten. — Dazu vorläufig nur ein paar Fragen. Cauer er- 
kennt ebenfalls malerische Anschaulichkeit als das Wesen des homeri- 
schen Gleichnisses an ; das Wesen eines Dinges ist sonst durch den Zweck 



— 46 — 

bedingt: wenn wir also mit Caner den Zweck der Verdeutlichung oder 
Yeranschaulichung preisgeben, müssen wir nicht auch die Anschaulichkeit 
als Wesen preisgeben ? Wenn ferner vorausgesetzt wird, auch von Cauer, 
daß es zu Kunst und Stil gehöre, im Dargestellten die Einheitlichkeit 
zu wahren und die Darstellungsmittel im Einzelnen nach den allgemei- 
nen Darstellungszwecken zu verwenden, ist dann Homer hier nicht ein 
schlechter Künstler, wo er mit seinen Gleichnissen Sonderzwecke erfüllt 
und die Einheit der Darstellung durchbricht ? Und auch in der Kunst 
darf es heißen ,natura in minimis tota^ : ist also Homers ganze 
künstlerische Natur am Ende schlecht? Anderseits: im Gleichnis von 
Hermes und der Möwe glaube ich Einheitlichkeit der Teile und Allge- 
meinzweckmäßigkeit der Mittel, also Kunst und Stilmäßigkeit empfun- 
den zu haben : müßte ich also nicht wie dort, so auch bei andern ho- 
merischen Gleichnissen zur Probe erst einmal das ganze Anschauungswe- 
sen aufgeben? wer weiß, vielleicht fänden wir auch anderswo innere Einheit 
zwischen Gleichnis und Verglichenem. Und schließlich, haben denn z. B. 
Dichter des dritten Jahrtausends nach Homer es tatsächlich ganz anders 
gemacht als Homer ? 

Um so nötiger wäre eine Prüfung nachhomerischer Gleichnisse und 
um so berechtigter eine neue Stellung des ganzen Proljlems, als neuer- 
dings Julius Ziehen die innere Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit 
nicht bloß der homerischen, sondern antiker und moderner epischer Gleich- 
nisse überhaupt bestritten hat. Vergleichungen, sagt er, seien von den 
Epikern beinahe allenthalben wohl nur als äußeres, dekoratives Beiwerk, 
ohne Notwendigkeit und innerlichen Zusammenhang in ihre Darstellungen 
eingefügt, oft erst nachträglich aus vorher angelegten Gleichnissammlun- 
gen eingeschoben worden. Da könnte einem für die Innerlichkeit und 
Notwendigkeit aller dichterischen Form, ja vielleicht aller Kunst bange 
werden — indessen solchen Konsequenzen gegenüber ist es wissenschaft- 
liche Pflicht, erst wieder die alten Voraussetzungen in Frage zu stellen, 
eventuell es mit neuen zu probieren. AVas nun aber bei Wilamowitz 
und Meyer, Cauer und Ziehen zu bedenklichen Widersprüchen und ge- 
fährlicher Konsequenz den Grund gegeben hat, das ist die Voraussetzung : 
das epische Gleichnis sei seinem Wesen nach malerisch anschaulich und 
befriedige irgend welches Anschaulichkeitsbedürfnis. Also diese Voraus- 
setzung stellen wir in Frage. 

iir. 

Beim homerischen Gleichnis von Hermes und der Möwe haben wir, 
hypothetisch natürlich, als Vergleichungspunkt angenommen die wunder- 
bare Sicherheit der Bewegung von Gott und AVasservogel auf dem ge- 



— 47 — 

fährlichen Element des Meeres, wunderbar vom Standpunkt des Menschen. 
Diese wunderbare Sicherheit schien uns nicht anschaubar, aber vor- 
stellbar und empfiudbar, Gegenstand oder Inhalt einer empfindungs- 
starken Vorstellung. Ueber den Unterschied zwischen Anschauung und 
Vorstellung lehren moderne Psychologen etwa Folgendes. Anschauung 
entstehe aus dem gegenwärtigen Reize eines Objektes auf unsre Sinne, 
dagegen Vorstellung durch Erinnerung an frühere Anschauungen und 
durch deren nachträgliche Verbindung mit einander. Dem Gegenstande 
nach sei Anschauung etwas Einzelnes, dem Wesen nach die Erfassung 
des einzelnen Objektes mit dem Bewußtsein ; dagegen habe die Vorstel- 
lung zu ihrem Gegenstande etwas Allgemeines, nämlich den allgemeinen 
Charakter einer früheren Anschauung, einen Charakter, welcher als etwas 
Allgemeines zugleich der gemeinsame Charakter vieler früheren Anschau- 
ungen sei. und ihrem Wesen nach, als ein geistiger, unsinnlicher Vor- 
gang, sei Vorstellung eben die Wiederherstellung eines solchen allgemei- 
nen und gemeinsamen Charakters in unserem Bewußtsein. In das Be- 
wußtsein lebendig eintretend könne eine Vorstellung schon durch ihr 
eigenes Leben auch verwandte Vorstellungen wieder lebendig macheu. 
eine Assoziation der Vorstellungen augenblicklich hervorrufen. Im mensch- 
lichen AVorte finde dann die Auslösung einer Vorstellung und solcher 
ihr etwa assoziierten Vorstellungen statt. — Hier hätten wir also psychi- 
sches Leben und psychologische Lehren, aus denen sich Entstehung und 
Wesen des dichterischen Gleichnisses erklären ließen als Auslösung ge- 
ivisser assoziierter Vorsteltimgen. 

Was aber nun die Wirkung eines Gleichnisses betriô't, so erfolgen 
künstlerische Wirkungen sogar in der bildenden Kunst (wo doch An- 
schauung wirklich stattfindet) eigentlich erst durch die verallgemeinern- 
den Vorstellungen, mit denen Maler und Bildhauer die AVirklichkeit sehen 
und mit denen sie Gegenstand und Material durchdringen ; das hat, we- 
nigstens nach der formalen Seite, auch ein Sachverständiger wie Adolf 
Hildebrand bezeugt.') Freilich meinen etwa Naturalisten und Impres- 
sionisten, direkt aus der Anschauung wieder pure Anschauung zu pro- 
duzieren und ohne Allgemeinheiten, wie Vorstellungen und Ideen, zu 
wirken, aber sie täuschen sich damit über sich selber. Und ein Böck- 
lin hat, instinktiv- und bewußt, zwischen seine intensive Naturbeobachtung 
und formen- und farbenfrohe Wirklichkeitsanschauung einerseits und 
seine malerische Produktion anderseits nicht bloß weite Abstände von 
Raum und Zeit, sondern auch seine energisch vereinfachende, das heißt 
verallgemeinernde Vorstellung hinein gesetzt. Die Vorstellung ist es 



J) Hildebrand, Das Problem der Form in der bildenden Kunst (4. A. 1903i S. n7 
—40 u. a. 



— 48 — 

nämlich, die in der Erinnerung eines Künstlers alle zufälligen und nicht 
wesentlichen Realitäten des einst Angeschauten mit echter Fernewirkung 
ausscheidet und nur das Wesentliche und Notwendige, das Einfache und 
Einheitliche, also das Allgemeine bewahrt, und mit starker Empfindung 
für einen allgemeineren und tieferen Sinn der Dinge macht der Künstler 
mit realistischen Mitteln gerade das lebendig, also wahr, was kein Auge 
je gesehen hat, was aber mit unseren eigenen innersten Vorstellungen 
lebens- und blutsverwandt ist. 

Man nennt Böcklin für diese sehr unpositivistische Künstlerart gern 
einen Dichter! Mit mehr oder weniger Überlegung, aber insofern mit 
Recht, als für die Kunst des Wortes die empfindungsstarke Vorstellung 
vollends wesenbestimmend sein muß ; fehlt doch bei der Poesie, zunächst 
wenigstens, der Reiz durch das Auge, und nach uralten, volkstümlichen 
Begriffen darf ja der Dichter sogar blind sein. In früheren Arbeiten 
über Dichter wie Aeschylus und Sophokles, Virgil und Horaz bin ich 
demgemäß stets, freilich nicht bewußt und folgerichtig genug, eingetreten 
für die maßgebende Bedeutung von Ideen, das heißt lebendigen, em- 
pfindungsstarken Allgemeinvorstellungen. Nun hat neuerdings Theodor 
Meyer gründlich und folgerichtig dargelegt, wie verkehrt die uns alle 
beherrschende Neigung sei, in der Poesie als AVortkunst Anschauung und 
Anschaulichkeit, sinnliche Kraft und Plastik zu suchen und zu finden.^) 

Also — auch das dichterische Gleichnis drückt Vorstellung, nicht 
Anschauung aus, wie z. B. die Vorstellung von der Sicherheit der fischen- 
den Möwe auf dem wogenden Meer. Die Vorstellung in einem Gleichnis 
wird hervorgerufen von einer empfindungsstarken Vorstellung des Haupt- 
vorgangS; durch Assoziation, z. B. Assoziation mit der Sicherheit des 
Hermes auf wogendem Meer. Die Assoziation im Bewußtsein ist nicht 
willkürlich, sondern notwendig, wenn die allgemeine Vorstellung des Haupt- 
vorgangs besonders lebendig empfunden wird, in ihrem engeren und wei- 
teren Zusammenhang dem Erzähler bedeutungsvoll ist. wie z. B. eben 
die wunderbare Sicherheit des menschengestaltigen Götterboten auf dem 
furchtbaren Meer. Der äußere Ausdruck einer assoziierten Vorstellung 
in Gleichnisform ist nicht bloß ein dekorativer, sondern ein innerlich 
notwendige!' überall, wo jene allgemeine Vorstellung des Hauptvorgangs 
so stark empfunden wird, daß sie noch zu einem besonderen Ausdruck 
drängt, und wo doch ein direkter Ausdruck in eigentlichen Worten un- 
möglich oder ungenügend sein würde — so würde z. B. der Ausdruck 
„er jagte alsdann über das schwellende Meer jnit wunderbarer Sicherheit^' 
zwar richtig, aber wenig lebensvoll sein. — Das wäre unsere neue 
Hypothese. 



') Theodor A. IMeyer, Das Stilgesetz der Poesie (19U1). 



49 — 



IV. 



Für unsere Hypothese darf man jetzt freilich noch die praktische 
Belastungsprobe fordern : es müßten sich eine größere Anzahl Einzel- 
fälle und ganze Gruppen eigenartiger G-leichnisse auf unsere AVeise besser 
als sonst verstehen lassen. 

Erinnern darf ich zunächst an die beliebten kürzesten Vergleiche: 
„wie der Blitz", „wie ein Löwe", „wie ein Schneekönig" u. s. w. Auch 
diese sprichwörtlichen Vergleichungen sollen nämlich, wie gelehrt wird, 
einen Gegenstand durch ein Bild veranschaulichen; man zählt sie wie 
die Gleichnisse zu den sogenannten Tropen als Mitteln objektiver Ver- 
anschaulichung und des Malerischen. ^) Aber wer hat oder bekommt 
wirklich eine Anschauung z. B. von einem Menschen, der ..wie der Blitz 
um die Ecke verschwunden ist" ? — Wir Europäer, meint Dekker- 
Multatuli, hätten in der Regel keine Anschauung davon, wie ein Löwe 
kämpfe. — Als kürzlich in einem berühmten Memoirenwerk der Aus- 
druck vorkam, der und der Minister „sei froh gewesen wie ein Schnee- 
könig", da hatten gewiß recht viele Leser niemals etwas vom Vogel 
Zaunkönig gesehen und nie von seinem lustigen Gebaren in Frost und 
Schnee etwas gehört. Sind deshalb nun solche Vergleichungen, wie 
Multatuli meint, verkehrt oder doch nutzlos? Nein, nur müssen sie 
lebendig gesprochen oder beim Lesen wie lebendig gesprochen innerlich 
gehört werden : dann beobachte man, wie ein lebendig Sprechender durch 
Artikulation der Laute, Tonbewegung und Rhythmus, auch etwa durch 
Voranstellung des Vergleichs und durch eine unwillkürliche körperliche 
Bewegung oder Gesichtsveränderung, gewisse allgemeine Vorstellungen 
zum Ausdruck bringt. Beim „Blitz" etwa die einer ganz unbegreiflichen, 
also auch nicht anschaubaren Geschwindigkeit, beim ,, Schneekönig"' die 
einer harmlosen hellen Freude oder naiven Lustigkeit u. s, w. Meistons 
sind diese Vergleiche stark übertreibend : einer Veranschaulichung könnte 
das nur schaden, aber die Wirkung einer momentanen Subjektivität des 
Vorstellens und Empfindens kann dabei gewinnen. So werden durch 
lebendige Subjektivität uralte Vergleiche wie neu-, aber auch die neuesten 
und originalen, z. B. bei Gottfried Keller, sind nicht etwa ganze kleine 
Gemälde, wie man gesagt hat,-') sondern Empfindungsausdruck subjektiver 
Allgemeinvorstellungen. Z. B. Wendeigard Gimmel atmet so schnell und 
kurz wie ein junges Kaninchen — soll ich in aller Eile deutlich ein 
junges Kaninchen sehn und daran mir das Atmen des schönen Mädchens 



') Yischer. Aesthetik III 121;» f. 122(>. V2M. — 0. Lyon. Handbuch der deut- 
schen Sprache II 21. oU. 

-) Ed. Engel. (Teschichte dei' deutschen Literatur II 925. — Die Beispiele in 
Kellers „Landvogt von Greifensee" und „Die Jungfrau und der Teufel". 



— 50 - 

so recht anschaulich machen ? Ich denke, wir bekommen von den beiden 
eine gemeinsame Vorstellung, nämhch etwa die einer eigentümlichen bäng- 
lichen Erregung eines naiven, jungen, anmutigen Geschöpfs, und diese 
Vorstellung ist bei uns verbunden mit einer gewissen humoristischen Teil- 
nahme an dem naiv klugen Mädchen. Oder aber man male sich denn, 
beim Lesen oder Hören Kellers, erst einmal den „leibhaftigen geschwänzten 
Gram" hin und mache sich rfanach die Anschauung eines betrogen ab- 
ziehenden Teufels! 

Vielleicht geben aber solche Vergleiche eben deshalb nur eine mo- 
mentane Allgeraeinvorstellung, weil sie in ihrer Kürze so rasch vorüber 
gehn. Also wähle ich jetzt eines der ausführlichsten Gleichnisse Homers, 
die Darstellung, wie der Löwe erst dahingeht, die Angreifer verachtend, 
verwundet dann aber sich in sich zusammenzieht und den Rachen auf- 
reißt, der Schaum ihm an die Zähne tritt, der Schweif die Flanken 
peitscht, das Tier losstürzt. ') Gewiß alleranschaulichste Sinnlichkeit, in 
der Wirklichkeit nämlich oder auch im Kinematographen ; aber beim 
Erzähler, im ITor/ausdruck, bloße Erinnerungen, rein geistige Vorstel- 
lungen von früheren unmittelbaren oder bereits vermittelten Naturan- 
schauuugen. Und kein Hörer hat beim Vortrag Zeit und Kraft, diese 
einzelneu Vorgänge der Reihe nach alle mit sinnlicher Deutlichkeit zu 
sehen und schließlich noch den Handlungsverlauf als Ganzes sich an- 
schaulich zu machen. Oder sollen wir nun gar dazn angeregt werden, 
uns an dieser Löwenhandlung zu veranschaulichen, wie dort Achilleus 
sich gegen Aeneas erhob ? etwa deutlich zu sehn, wie Achilleus sich in 
sich zusammenzog, den Mund aufriß und schäumte? ja sich die Hüften 
peitschte? Nein, von Achill heißt es am Anfang nur „er erhob sich", 
und am Ende ist auch vom Losstürzen Achills noch lange nicht die Rede. 
Und beim Löwen wiederum ist das, was ein Hörer aus der sprachlichen 
Darstellung eindrücklich aufnehmen kann, nicht das Sinnenmäßige eines 
„festen Bildes'*, sondern sozusagen das Moralische, das sich in der Aktion 
des Löwen äußert. Zug um Zug läßt ja fühlen, wie im Löwen der 
Mut von stolzer Gleichgiltigkeit bis zum todesverachtenden Angriffszorn 
aufgereizt wird, und wenn der Löwe anfangs dahin geht, die Verfolger 
nicht wert achtend, dann sich selber zum Kämpfen autreibt, zuletzt los- 
stürzt, ob er einen der ]\[änner töte oder selber zuvorderst im Gedräng 
untergehe, so bekommt er sogar viel vom sittlichen Wesen eines mensch- 
lichen Helden. Diese Vermenschlichung des Naturlebens beruht doch 
aber nicht auf „objektiver" Anschauung eines „festen Naturbildes", son- 
dern auf einer empfindungsstarken, sehr subjektiven und ganz momentanen 
Vorstellung. Aufreizung der Energie eines stolzen, noblen, heldenhaften 



h Dias 20. KU — 175. 



— 51 — 

Kampfzorns gegenüber einem aufreizenden Feinde wäre, abstrakt aus- 
gesprochen, der Vergleichungspunkt: dasselbe in der Aktion des Löwen 
so lebensvoll als möglich mit den Mitteln des Erzählers zum Ausdruck 
zu bringen, scheint mir der Zweck auch aller Einzelzüge der Löwen- 
darstellung. 

Man hat sich gelegentlich schon bei Homer an gehäuften Gleich- 
nissen gestossen. So beim ersten Aufbruch des achäischen Heeres aus 
seinem Lager, wo sieben Vergleichungen und Gleichnisse rasch aufein- 
ander folgen.^) In der Tat, wenn jede Vergleichung hier sinnlich ver- 
anschaulichend wirken sollte — die beweglichste Phantasie müßte beim 
vierten, fünften, sechsten Bildwechsel schwindelig werden, und der Ge- 
samtwirkung nach wäre das im besten Falle Kinematographie, aber jeden- 
falls keine Poesie. Anders von unserem Standpunkte aus. Erzählt wird, 
wie die Achäer aus dem Lager aufbrachen, dann in die Ebene hinaus 
marschierten, dann in der Au draußen anhielten, darauf zum Kampfe 
sich aufstellten, nun von den Führern zum Kampf vollends geordnet 
wurden, und endlich vor allen Führern als höchster Agamemnon hervor- 
trat. Aber diese übliche, sozusagen selbstverständliche Aufeinanderfolge 
der Vorgänge eines Ausmarsches wird diesmal erzählt unter dem Einfluß 
einer besondern, momentanen und stark subjektiven Vorstellung; es ist 
etwa die Idee einer Ungeheuern, überlegen drohenden, siegverheißenden 
Stärke und Energie des Ausmarsches. Eine solche GesamtvorsteUung 
wirkt bei jedem Einzelakt der bedeutungsvollen Handlung, und während 
sachlich verschiedene feste Anschauungshilder „hart sich stossen" könnten 
wie ,,die Sachen im Räume", „wohnen leicht beieinander die Gedanken'' ; 
ja, um so leichter geben einander gedankenhafte Vorstellungen Raum, 
wenn sie unter sich verwandt sind, zu einer Gesamtvorstellung sich er- 
gänzen. Beim Akt des Aufbruchs das Schreckhafte, Unheildrohende im 
Aufleuchten der Wafi'en: Gleichnis vom Feuerschein des vernichtenden 
Waldbrandes in der Ferne. Zielfrohe, kämpf- und siegverlangende 
Energie der dröhnenden Marschbewegung : Gleichnis von den Wander- 
vögeln mit ihrem frohen Geschrei und stolzen Flügelschlagen. Beim 
Haltmachen die Vorstellung einer unabsehbaren Menge der einzelnen 
Krieger : Vergleich mit den Blumen und Blättern auf einer Aue, wie der 
Halteplatz selber eine ist. Aufstellung zum Kampf, mordbegieriges Ge- 
dräng all jener Unzähhgen : wimmelnde Schwärme von milchgierigen 
Fliegen. Sichere Sonderung und Einreihung der Wimmelnden durch die 
Führer : Hirten sondern ihre Herden. Verherrlichung des obersten 
Führers: Erinnerung an Göttergestalten. Beherrschendes Hervortreten 
des Einen: Stier und Herde. So ist die wunderbare Mächtigkeit in 

1) Ilias 2, 455—483: Wackernagel, Poetik 388. 



- 52 — 

Auszug und Aufstellung gerade hier au allen einzelnen Akten vom Dichter 
so stark wiederempfunden, daß er sich nur vergleichend ausdrücken kann. 
Warum er aber gerade den heutigen Auszug so besonders erapfindungs- 
voll sich vorstellt, darüber später. 

Bisher hat es sich um Eigenart oder Schwierigkeit gehandelt, welche 
irgendwie mit dem Cmfanp der Vergleichungen in Beziehung steht, mit 
der Kürze, mit detaiUierender Ausführlichkeit, mit der Häufung. Andere 
Fragen beziehen sich auf die Sphäre, aus welcher ein Dichter seine Ver- 
gleichung nimmt. Ist z. B. die Vergleichung größter Bewegungsschnellig- 
keit mit der Schnelligkeit eines Gedankens «deshalb für einen Homer 
zweckwidrig, weil ein Gedanke nicht der Sinnensphäre angehört ? ^) Dem 
Bereiche der Wirklichkeit und Erfahrung gehört doch ein Gedanke 
jedenfalls an, und von allem Erfahrenen kann es — zwar nicht Sinnen- 
bilder, wohl aber lebendige Vorstellungen geben. Daß aber Homers 
Erinnerung bei Vergleichen gewöhnlich auf sinnliche Wirklichkeiten 
zurückgeht, ist trotzdem natürlich : was er erzählt, sind Begebenheiten, 
bewegte Vorgänge des heroischen Lebens, die in der Wirklichkeit vor 
den menschlichen Sinnen sich vollziehen würden \ also können auch die 
allgemeinen Charaktere solcher Vorgänge am ehesten wieder an Vorgängen 
aus sinnenmäßiger Wirklichkeit empfunden Averden. 

Man hat auch gefragt, warum bei Homer in den Gleichnissen die 
Sphäre der Blumen so viel als gar nicht vertreten sei, und hat geant- 
wortet: die jonischen Menschen zur Zeit des Epos hätten in der Wirk- 
lichkeit noch kein inneres Verhältnis zu den Blumen gehabt. So Wihi- 
mowitz.^) Ob wir diese jonischen Menschen anderswoher genau genug 
kennen? Aus Homer möchte ich auf diesen Mangel bei ihnen nicht 
schliessen. Die Odyssee läßt sogar einen unsterblichen Olympier einen 
AViesengrund, welcher in Violen und Eppich blüht, mit Staunen und Freude 
betrachten : da scheinen mir Dichter und Hörer Gefühl gehabt zu haben 
auch für die herzerfreuende Anmut eines reichen Wiesenflors. Ebenfalls 
in der Odyssee wird das Haar des verherrlichten Odysseus verglichen 
mit der Hyazinthenblüte, und nach den Worten des Dichters muß die 
Ähnlichkeit im allgemeinen Charakter eines vollen krausen Haares liegen: 
ich denke, das sei der Charakter einer in reizvoller Gestalt drängenden 
Lebensfülle. Denselben Charakter könnte nun der Dichter empfunden 
haben an einer Blütenform und einem Blütenstand, wie ihn z. B. gerade 
unsere kultivierte Hyazinthe, aber auch Verwandte von ihr zeigen, welche 
in Vorderasien wild wachsen.^) Wäre das nicht echtes und künstlerisches 
Blumengefühl? Und Worte für Blume und für reiches Grünen und Blühen 

1) E. Kammer, Aesthetischer Kommentar zu Homers Dias 2. A. S. 48. 

2) V. Wilamowitz, Griechische Literatur S. 12. 

'^) Albert Oeri. Ein Streifzug in Kommagene (1907) S. 28. 



58 — 

wendet derselbe Homer auch übertragen an, um Lebensschönheit, Lebens- 
zartheit, Lebensglück und Lebensfreude zu bezeichnen : also hatten Er 
und seine Jonier emplindungsvolle Allgeraeinvorstelhuigen vom Blunien- 
wesen, also ein inneres Verhältnis dazu. Aber freilich, das homerische 
Epos erzählt hauptsächlich frei und stark bewegte Vorgänge, äußere oder 
innere Handlungen, und nun fehlt ja den Pflanzen und Blumen äußerlich 
und innerlich gerade diejenige freiere Bewegung, die zur Assoziation der 
Vorstellungen in Gleichnissen meist nötig sein würde- Wenn hinwiederum 
in der kretischen hildenden Kunst die Blume schon sehr früh ornamental 
verwendet wird, so darf man darin nicht mit Wilamowitz gleich einen 
Gegensatz kretischer Sinnesart gegenüber jonischer sehn : das Ornament 
bedarf der ruhenden, nur rhythmisch bewegten Linie, und diese findet 
der bildende Künstler zu allernächst eben in Pflanze und Blume. 

Hier ein Wort über die Nachahmungsfrage. Ist es unkünstlerisch, 
wenn ein Dichter sein Gleichnis nicht unmittelbar und einzig aus der 
Sphäre eigener Erftihrung oder Naturbeobachtung schöpft, sondern dabei 
einem Vorgänger folgt? ich denke z. B. an Virgil. Göthe ist der Mei- 
nung: ob ein Dichter etwas aus dem Leben oder aus dem Buche ge- 
nommen habe, es sei sein, wenn er es recht brauche. Und Göthe selber 
ist ein ,, grosser Nehmer'' genannt worden. Molière hat von sich selber 
gesagt, er nehme sein Gutes, wo er es finde; das wendet die kritische 
Forschung gegenwärtig auf Rubens und Händel, Chamisso und K. F. Meyer 
an, und sie pflegt in diesen Fällen bereits ein Recht aufs Nehmen an- 
zuerkennen unter dem Vorbehalt, dass der Künstler das Entlehnte indi- 
viduell umbilde oder ihm ,,die persönliche Note" gebe. Li diesem Sinn 
haben Sachverständige z. B. auch bei Böcklin Anlehnung an Rubens 
gerechtfertigt oder Lenbach'sche Kopien nach alten Meistern wie Original- 
werke gewertet. Erklären doch scharfe Analytiker des künstlerischen 
Schaffens, auch das Genie erfinde nicht, sondern es gestalte um nach 
persönlichen Ideen. Aber eben nach den persönlichen Vorstellungen und 
Empfindungen, den künstlerischen Ideen, fragt man z. B. bei Virgil noch 
immer zu wenig, und so wird man ihm auch in den Gleichnissen nicht 
gerecht. Wie sehr diese aber bei Virgil geistig individuell sein können 
gerade bei starker Stoffähnlichkeit gegenüber Homer, habe ich früher an 
dem Gleichnis Dido und Diana durch genaue Analyse zu zeigen mich 
l)emüht. ^) Sollten wir jetzt, nach Heinzes trefflichem Buche über Virgils 
Technik, nicht mit Anselm Feuerbach sagen : gesegnet sei die Stunde, 
die uns der Technik Herr werden ließ, um jetzt dem Geiste unbeirrt 
nachgehen zu können? 

1) Fleckeisens .[abrb. 1886 S. 500 — 502; die sogeuanute Unselbständiijkeit Virgils 
in Gleichnissen neuerdings auch bei Schanz. Röni. Literatur II 1, î)8. Norden, Aeneis 
VI S. 206 f. Heinze, Virgils epische Technik 202, 1. 246. 350. .1. Ziehen. X. .Jahrb. 
f. d. klass. Altert. 1904 I 650. 



— 54 — 

Soll nicht für einen würdigen Gegenstand auch eine imirdige Sphäre 
des Gleichnisses gewählt werden? Man rindet es unwürdig, wenn bei 
Homer die edlen Achäer mit Fliegen im Kuhstall und der Rückzug des 
großen Aias mit dem eines geprügelten Esels verglichen würden ; un- 
würdig sei die Veranschaulichung der unruhig bewegten Gedanken des 
Odysseus durch eine am Feuer gedrehte Magenwurst u. a. ^) Allerdings, 
die Sphären kontrastieren stark, und avo etM^as, das nach üblichem Maß- 
stab hoch und gewaltig ist, gleich gesetzt wird mit etwas Niedrigem und 
Geringem, da wird irgendwie das Hohe herabgesetzt; aber was wird 
herabgesetzt? und wie? Es werden nicht die Achäer in Person mit 
gemeinen Stallfliegen verglichen, sondern gemeinsam ist, wie wir früher 
schon sagten, für die beiden Parteien das gierige Gedränge in wim- 
melnden Massen von Einzelnen, und dieses Gewimmel macht augenblicklich 
dem Erzähler den subjektiven Eindruck des elementar Regellosen, des 
animalisch Instinktiven und blind Leidenschaftlichen — daher die Fliegen • 
Erinnern wir uns: gerade an diesem Tage hat Zeus den machtstolzen 
Agamemnon durch den Traumgott getäuscht, ihm statt Trojas Eroberung 
in Wahrheit nur unselige Kampfnot beschieden und auch das Heer durch 
seine Fürsten betrogen, und jetzt wiederum, am selben Tage, verherrlicht 
Zeus denselben Heerkönig bis zur Götterähnlichkeit und regt dasselbe 
Schlachtheer zur Entfaltung aller heroischen Mächtigkeit auf, in Waffen- 
leuchten und Marschdröhnen, in zahlloser Menge und vernichtungsgierigem 
Gedräng, in Ordnung und Oberleitung. Ist das nicht ein Spiel göttlicher 
Willensmacht mit einer bloß scheinhaft wunderbaren Mächtigkeit des 
heroischen Menschentums, das Spiel vom Erzähler etwa mit tragisch- 
sarkastischer Stimmung empfunden? x4.1so vorausgesetzt, unser Erzähler 
vermöge die Idee jenes göttlichen Truges besser festzuhalten als seine 
gelehrten Kritiker, könnte nicht in dem einen oder andern der hier ge- 
häuften Gleichnisse ein Widerspruch des Empfindens zum Ausdruck 
kommen? es würde sich nämlich die Empfindung für das heroisch Ge- 
waltige mischen mit Gefühlen von menschlicher Ohnmacht im Heroischen. 

In Kürze ein paar andere Fälle sogenannt unwürdiger Sphäre. Aias 
und der Esel : gemeinsam haben sie die widerspruchsvolle und doch charak- 
tervolle Halsstarrigkeit, und indem wir diese am Esel uds mit heller Freude 
vorstellen, empfinden wir sie am Helden mit heiterer Sympathie, mit einer 
Art Humor. — Oder Odysseus und der Mann mit der Blut- und Fett- 
wurst: wie eine ungeduldige innere Bewegung des Menschen sich in 
ruheloser und starker äußerer Bewegung offenbart, ist den zwei Männern 
gemeinsam ; nun würden Erzähler und Hörer mit der Schlaf- und Ruhe- 
losigkeit ihres edlen Helden sonst ernstes Mitgefühl haben, aber der 

') Gerber, Sprache als Kunst II 108 f. ; über die Magenwurst ähnlich Sitzler, 
Aesthet. Kommentar zu Homers Odyssee S. 247. 



— .)0 — 

Erzähler weiß, daß Sorge und Unrast des Odysseus diesmal unnötig und 
gegenüber der Gottheit ungerecht sind, und so empfindet er diese Unrast 
mit heiterer Überlegenheit, und diese Empfindung teilt er auch uns 
Hörern eben dadurch mit, daß er die Heldensorge diesmal im Gleichnis 
scherzhaft herabsetzt. — Einer der anstößigsten Fälle wäre Patroklos' 
Leiche und die hin und her gezerrte Rindshaut; aber die furchtl)are 
Vorstellung eines wüsten und erfolglosen Krieger- und Heldenkampfes 
treibt, denke ich, die scharf kontrastierende Erinnerung hervor an ein 
zwar äußerlich ähnliches, aber praktisch zweckmäßiges und wirksames 
Tun gewöhnlicher Menschen in friedlicher Lebenssphäre. Herabgesetzt 
wird hier für das Gefühl, mit einem gewissen Sarkasmus der Stimmung, 
der Wert höchsten heroischen Menschenwillens gegenüber dem Willen 
des Zeus, welcher den Entscheid des Leichenkampfes hinhält, 'j 

In mehr als einem Falle unwürdiger Sphäre würden somit Dichter 
und Hörer sich im Gleichnis sogar zu höherem Lebens- und Welt- 
empfinden erheben — sobald man nämlich von einer direkten Gleich- 
setzung der Personen oder Dinge und einem Zwecke sinnlicher Yeran- 
schaulichung absieht. Schiller nennt es erhaben, selber die höhere 
Notwendigkeit zu wollen; wäre ich also z. B. imstande, es als höhere 
Notwendigkeit aufzunehmen, es im Sinne der göttlichen Überlegenheit 
gleichsam ?m7zuwollen, daß das große Werk des Od^'sseus, das Floß, 
von den Stürmen dahingejagt wird, wie eine Flocke Distelbart auf der 
Heide, oder auseinandergeschleudert wird wie ein Haufen trockener Spreu 
— bei solchen Gleichnissen würde ich dann erhaben empfinden. Und 
verwandt damit könnte meine Empfindung sein bei jenem „unwürdigen" 
Gleichnis von den Stallfliegen oder von der gereckten und gezerrten ßinds- 
haut. Nun hat Wilhelm Wackernagel ausdrücklich als ein Beispiel der 
Erhabenheit das Gleichnis von der ehrlichen armen Spinnfrau in der 
Iliade bezeichnet. -) Etwas Großartiges, Gewaltiges, sagt er, nämlich die 
unentschieden schwebende Schlacht zweier Völker, werde verglichen mit 
etwas Geringfügigem, der gleichstehenden AVage einer Wollspinnerin. 
Nun werde dabei unser Verstand, der messend und nachrechnend den 
Vergleichungspunkt zu finden habe, überrascht und überwältigt von dem 
Kontraste zwischen dem Großen und dem Kleinen, und so ergebe sich 
das Erhabene. Dabei ist für Wackernagel die sinnliche Veranschauli- 
chung nächster Zweck des Vergleichs. Lassen sich nun aber dieser 
Zweck und jene Erhabenheitswirkung miteinander vereinigen? ich glaube 
nicht. Ein Messen und Nachrechnen des Verstandes wäre beim Vortrage 
eines Erzählers schon in andern Fällen schwierig; nun sind in unserem 
Falle die verglichenen Vorgänge, das Tun der hauenden und stechenden 

1) Uias 2, 469—473. 11, 558—565. Odyssee 20. 24—28. Ilias 17. 889—395. 
-) Ilias 12, 432- 4;>6. Wackernagel. Poetik S. 338 f. 



— 56 — 

Völker auf dem Lagerwall und das Tun der Wolle abwägenden Spinnerin, 
für die sinnliche Anschauung völlig ungleichartig und im Maße ihrer 
Bedeutung außerordentlich weit auseinander liegend: da müßte die Re- 
flexion wahrhaft verzweifelte Anstrengungen machen, um die Ähnlichkeit 
zu entdecken, und darüber würde notwendig gerade die Anschauungs- 
tätigkeit, aber auch jedes künstlerische Empfinden unmöglich werden. 
Und so auch der Gefühlseindruck des Erhabenen. Erhaben wirkt ja 
allerdings z. B. in derselben Iliade die Vergleichung des wallzerstörenden 
Gottes mit dem im Sande spielenden Kind. Aber nicht deshalb, weil 
zwischen Gott und Kind, Achäerwall und Sandhäufchen für unseren 
Verstand ein verblüffend starker Gegensatz realer Werte besteht; viel- 
mehr deswegen, weil wir Hörer, in einem i^ugenblicke stark erregten 
Vorstellens und hochgehobenen Empfindens, uns selber gleichsam auf 
göttliche Höhe erheben und von da aus die Zerstörung eines gewaltigen 
Menschenwerks selber auch als ein Kinderspiel für die Gottheit empfinden 
und als eine selbstverständliche Notwendigkeit mitwollen. Kann doch 
auch das Schicksal in der Tragödie, wenn wir es mitwollen, in ähnlicher 
Weise erhaben wirken. 

Verzichten wir lieber auch hier, für unsere „Spinnerin", auf sinn- 
liche Anschauung und einen verstandesmäßig zu erarbeitenden Verglei- 
chungspunkt. Lebendig drücken sich dafür, wenigstens bei lebendigem 
Vortrage, gewisse allgemeine Vorstellungen im Tun der Spinnerin aus. 
Ich meine die Vorstellungen pflichttreu ausdauernden, ängstlich gewissen- 
haften Bemühns, ehrlicher Arbeit im Kleinen und Geringen, schwacher 
Kraft und fast schmählich geringen Arbeitsgewinnes. Nun setzt der 
Ausdruck dieser Vorstellungen durch ein Gleichnis an der Stelle ein, 
wo der Erzähler uns sagen soll und will, icie die Troer auf dem Walle 
der Achäer den herausdrängenden Gegner wenigstens festhielten-^ ihn 
zurückzuwerfen in sein Lager vermochten sie ja vorläufig nicht. Also 
wenn wir die Vorstellungen des Gleichnisses im Einzelnen auf die flaupt- 
erzählung übertragen wollten, würden wir folgende Parallele bekommen: 
die Troer hielten die Achäer fest mit pflichttreu ausharrendem, ängst- 
lichem Bemühn, immer wieder den Gleichstand im Kleinen und Einzelnen 
herstellend, aber in eigener Kraft ohnmächtig zu Größerem, bei redlicher 
Kampfesarbeit ohne rühmlichen Kampfgewinn. Ich denke, die Parallele 
wäre genau. Aber nur wir Ausleger vollziehen diese Einzelübertragungen : 
der Hörer empfängt nur einen Gesamteindruck, welcher an den Einzel- 
heiten sich bildet und in bestimmter Richtung sich entwickelt, nämlich 
etwa den Eindruck einer teilnahmswürdigen Ohnmacht bei redlichem 
Bemühn, und nur diese empfindungsvolle Gesamtvorstellung übertragen 
wir Hörer auf die Troer, unbewußt und reflexionslos. Nun sollen wir 
aber, nach der Art, wie der Dichter hinter dem Gleichnis fortfährt, diese 



— 57 — 

bemitleidenswerte Ohnmacht auch als vorhereiteuden Gegensatz zum alsbald 
folgenden Machtentscheid des Gottes Zeus empünden. Tun wir das, dimn 
allerdings mag unser Gefühl auch hier sich über die gemeinmenschliche 
Wertung menschlicher Macht emporheben und die Ohnmacht des stärksten 
Menschenwillens vom Standpunkte höherer Lebensordnung als notwendig 
und schön empfinden. Also ein Gefühl des Erhabenen mit einem An- 
klang an die Stimmung des Tragischen auch hier ! 

Von Sllmmuny ist jetzt mehrfach die Rede gewesen : von einer 
Stimmung wohlwollend heiterer Überlegenheit Ijeim Gleichnis von Odysseus 
und dem Wurstbrater, des Humors bei Aias und dem Esel; von sarka- 
stischer Stimmung bei Leichenkampf und Rindshautgerben, von etwas 
wie tragischem Sarkasmus bei den mordlustigen Achäern und den milch- 
gierigen Stallfliegen ; von einer Stimmung tragischer Notwendigkeit bei 
der Spinnerin. Immer aber war bloß von einer Möglichkeit solcher 
Stimmung die Rede, und stets erschienen Stimmungen nur als beglei- 
tende Nebenwirkung eiues Gleichnisses : Hauptwirkung war jedesmal 
die lebendige, emptindungsstarke Allgemeinvorstellung eines Vorgangs. 
So finde ich nun auch in jenen vier Stimmungsgleichnissen aus der Ihade, 
bei denen wir die Stimmungstheorie für die Erklärung unzureichend 
fanden, zunächst folgende Vorstellungsassoziationen. Vorstellung von 
einem tausendfältig aufgehenden Leuchten, von welchem alle Fernen und 
Tiefen einer nächtlichen Gegend taghell sichtl)ar werden: das Wachfeuer- 
leuchten der siegessicheren Troer und das Sternenleuchten in der Ge- 
birgslandschaft. — Dann die Idee, wie etwas sonst Großes und Starkes, 
wenn es erst einmal von einer wunderbar überlegenen Gewalt jählings 
überrascht wird, dann gleich tief und vollständig erschüttert wird : die 
Achäer nach der gottgesandten jähen Niederlage noch immer wundersam 
im innersten Gemüt hin und her schwankend, die hohe See von plötzlich 
gekommenem göttlichem Doppelsturm alsbald hoch und tief und bis ans ferne 
(xestade aufgewühlt. — ^ Dritter Fall: Aufhellung einer einzelnen Gebirgs- 
partie im Verlauf eines großen Gebirgsgewitters und vorübergehende 
Erleichterung der Achäer durch Patroklos im Fortgang des Lagerkampies ; 
also der gemeinsame, ideale Vorgang: der große Gang schwerer Ereig- 
nisse wird zwar nach höherem Willen vorübergehend und scheinbar unter- 
brochen und läßt neue, erwünschte Wendungen erwarten, aber er geht 
trotzdem weiter in furchtbarer Stetigkeit. — Der vierte Fall: Idee einer 
jähen Verkehrung des nach Menschenbegritfeu Natürlichen durch eine 
übernatürliche Gewalt, diese Vorstellung stark empfunden an Hektors 
urplötzlicher und schimpflicher Flucht aus dem achäischen Schiffslager, 
dieselbe Vorstellung lebendig, aber indirekt ausgedrückt in der über- 
natürlichen Erscheinung einer Wetterwolke des Zeus, die mitten aus 
hchter Himmelsbläue hervortritt, 
f 



— 08 — 

Gewiß, denken können wir auch bei solchen Naturgleichnissen an 
allerlei Stimmungen, z. B. an heitre oder düstre, stark bewegte oder ruhe- 
volle Stimmung, Stimmungen des wild Wüsten oder des sanft Schönen, 
des majestätisch Natürlichen oder des unheimlich Übernatürlichen, je 
nach dem Allgemeincharakter eines Natureleraents oder Naturvorgangs 
und des im Gleichnis sich ausdrückenden Vorstellungsinhalts. Solche 
Stimmungen sind nämlich wohl nichts andres als der unbewußte Eindruck 
allerallgem einster Vorstellungen auf unser Gemüt. In diesem Sinne redet 
man auch bei Gemälden, z. B. bei Böcklins Centaurenkampf, Cimbern- 
schlacht, Spiel der Wellen von einer Stimmung des Elementaren. Und 
wiederum an den Vergleichungen Bismarcks hat man als „Stimmung" 
einen „Erdgeruch", an den Gleichnissen der Odyssee als „Stimmung" 
einen ..Seegeruch" wahrgenommen. Aber nun eben — wie viele Menschen 
vermögen wohl, unmittelbar beim erzählenden Vortrage, solche ätherisch 
flüchtigen Düfte wahrzunehmen? Wer weiß, ob die eben erwähnte Wahr- 
nehmung an den Gleichnissen der Odyssee nicht selber nur eine allzu sub- 
jektive, täuschende Vorstellung von der Sphäre und dem Inhalt dieser 
Gleichnisse ist! Und bei jenem Iliasbeispiel, bei dem Siege des Lichtes 
über die Nacht, hätte wohl jemand an eine stolz gehobene, triumphie- 
rende Stimmung denken können, aber gedacht hat man an eine Stimmung 
der Sicherheit, wie z. B, vor Dieben — so subjektiv sind diese Dinge ! 
Subjektiv sind gewiß auch unsre emplindungsstarken Vorstellungen, aber 
diese haben sich doch, meine ich, analytisch erweisen lassen als etwas, 
was jeweilen den zwei Darstellungsgliedern, Hauptvorgang und Gleichnis- 
vorgang, gemeinsam war, und durch lebendigen Vortrag könnten hoffent- 
lich Vorstellung und Empfindung wirksam werden. 

Freilich, unsere gaaze Theorie einer Vorstellungseinheit in Gleich- 
nis und Hauptvorgang würde erschüttert werden, wenn Cauer wenigstens 
für gewisse Fälle recht hätte, wenn er sagt: gerade Homer unterbreche 
mit seinen Gleichnissen jeweilen die Einheit seiner Darstellung. Aber 
wie ist Cauer dem Homer sozusagen auf die Sprünge gekommen? Etwa 
folgendermaßen. Die beiden Aias brechen mit ihren Leuten zur Schlacht 
auf; dem irgendwie ähnlich ist in der Natur eine heranziehende Wetter- 
wolke; also flugs das Bild hingemalt: eine Gewitterwolke, pechschwarz, 
über die See her gegen Land und Gebirge ziehend, auf den Bergen ein 
Hirte mit seiner Herde in eine Höhle flüchtend; nun ist aber dieses Bild 
nach Erscheinung und Anschauung den aufbrechenden Leuten der beiden 
Aias viel zu wenig ähnlich, um veranschaulichen zu können ; also ist es 
eine Unterbrecliung des Darstellungsverlaufs ; in diesen Verlauf muß aber 
der Dichter wieder zurückgelangen, und das tut er mit einem Salto 
mortale, indem er trotz aller Unähulichkeit erzählt: so wie die Wetter- 
wolke mit Hirt und Herde hätten die Aiasscharen ausgesehn, als sie sich 



— 59 — 

iu Bewegung setzten. — Indessen, nicht der Dichter muß diesen Salto 
gemacht haben. Viehuehr, der Dichter soll und will darstellen, wie sich 
die Gefolgschaft der beiden Aias in Bewegung setzt; schon vorher hat 
ihm diese Gefolgschaft die Vorstellung einer Wolke hervorgerufen, als 
einer dichtgeschlossenen, den lichten Raum dicht erfüllenden und darum 
dunkel erscheinenden Masse : daraus erwäclist ihm jetzt die eraptindungs- 
stärkere Idee des unheimlich Dräuenden, wie es der ersten mächtigen 
Bewegung einer solchen geschlossenen Kriegermasse anhaftet; als Aus- 
druck dieser Idee drängt sich auf die Erinnerung an heranziehende 
Gewitterwolken, und in allen Einzelzügen des Gleichnisses drückt sich 
eben der Charakter des unheimlichen, gefahrdrohenden Heranziehens 
lebendig aus. Dann folgt, wirkungsvoll vorbereitet durch das Gleichnis 
und folgerichtig denselben Vorstellungs- und Empfindungscharakter tragend, 
der Hauptvorgang: „solcher Art setzten sich in mächtige Bewegung die 
Reihen götterstarker Männer zu vernichtendem Kampf, dichtgeschlossen, 
dunkel, starrend in Waffen". Hier klafft nichts. M 

Ein anderer Fall bei Cauer. Hektor stürzt in das Gedränge der 
Achäer. Zufäüige Erinnerung des Dichters an einen Wasserschwall, der 
in ein Schiff schlägt: selbständige Ausführung des Bildes. ZufäUig die 
Schiffleute im Bilde voll Furcht : das Wort Furcht für den abgeschweiften 
Dichter ein klug benutzter Notsteg zur Rückkehr. Ist es bei Homer 
ebenso ? Nein, vor Hektors Einbrechen sind die Achäer ohne Wanken 
und ohne Fluchtschrecken: durch Hektor soll ja aber der Schrecken 
kommen. Schreckhaft an Hektor ist schon der umstrahlende Feuerglanz; 
Schreckhaftigkeit der Wirkung von Hektors Einbruch ist gerade die Idee, 
die den Erzähler schon im voraus erfüllt und im Gleichnis, vom schreck- 
haften Wassersturz ins Schiff, zum Ausdruck drängt; dann die eigenthche 
Erzählung von der schreckhaften Wirkung Hektors, vom Schwanken im 
Mute bei den Achäern, später vom Fluchtschreck. Hierin finde ich 
weder rücksichtlose Abschweifung noch gezwungene Rückkehr und keinen 
zufällig sich bietenden Notsteg, sondern folgerichtigen Gang bis zur 
folgerichtigen Ankunft an einem schon anfangs vorschwebenden Ziele.-) 
Aber haben es denn etwa die Dichter im dritten Jahrtausend nach 
Homer wirklich so ganz anders gemacht als Homer? Berühmt für seine 
Gleichnisse ist Dante. ') Dieser vergleicht einmal den brodelnden Pech- 
pfuhl der Hölle mit dem siedenden Pech im Arsenal zu Venedig. Ganz 
homerisch, hat man gesagt: möglichst konkretes BM des venezianischen 
Pechbrodels,, genaue F,mze\schi/demnf/ auch seiner hka/en Tnigebung. 



') llias 4, 274—282. Cauer, Grundfragen a. 0. 

•-') llias 15, B03— 622— 687. 

:^) Scartazzini. Dante Alighieri, seine Zeit, sein Leben und seine Werke S. .Ô2i1 t. 



— 60 — 

daher eine klare Anschauumj für den höllischen Brodel. Man mag es 
mit dieser Veranschaulichung immerhin probieren, aber der Erzähler 
sagt selber, vom Höllenpfnhl habe er nur eine wundersam unklare Tiefe, 
unten nichts als eine wogende, überwallende, blasentreibende Pechmasse 
gesehen; nichts verlautet vorläufig von Umgebung, von Gestalten, von 
Tätigkeit. Vom Arsenal ebenfalls kein Anschauungsbild : der Ort nicht 
gezeichnet, dagegen Tätigkeiten der Arsenalarbeiter genannt; schon die 
zweite Art Arbeit ohne Bezug auf das brodelnde Pech, der Pechbrodel 
hier im Arsenal sogar noch unbestimmter als dort in der Hölle ; dagegen 
sehr lebendig liier ein vielseitiges Arbeitsleben mit klaren praktischen 
Zwecken, während dort kein Leben erkennbar ist als das wüste Gebrodel 
selber und kein Zweck erfaßbar. Wo bleibt also die Veranschaulichung 
des einen dort durch das andre hier? Wo bleibt aber auch bei Dante 
wieder die Einheit der Darstellung und der ungezwungene Übergang vom 
Ende des Gleichnisses, nämlich vom Ruderschnitzen, Seiltlechten und 
Segelflicken, zum seltsam öden Brodeln des Pechs in der Höllenkluft? 
Übersetzer haben in der Tat auch bei Dante einen Notsteg hergestellt, 
indem sie am Ende des Gleichnisses das Pech im Arsenal wieder er- 
wähnen und mit dem Arbeitsleben in Beziehung setzen — aber Dante 
selber? Ich denke mir die Sache so: der Dichter hat der empflndungs- 
starken Vorstellung Ausdruck geben wollen gerade von einem geheimnis- 
voll dunkeln, rätselhaft einförmigen, end- und ziellosen, unheimlich über- 
natürlichen Wesen des Höllenpechpfuhls, und dabeibist ihm die kontra- 
stierende Erinnerung an das klare, vielseitige, zweckvolle und natürlich 
muntre Leben bei den Pechpfannen zu Venedig aufgestiegen. Konstrast 
ist eine häutig vorkommende Art Vorstellungsassoziation, und am Kontrast 
ist unsre Empfindung eine feinere und tiefere. Freilich, Empfindung im 
allgemeinen und Kontrastgefühl im l)esondern überläßt Dante uns — 
ganz wie Homer. 

Beim selben Dante — wie kann nur die paradiesische Herrlichkeit 
seligen lichten Lebens, das über die goldene Leiter in kristallenem Himmel 
niedersteigt, irgend bildmäßig deutlich werden durch eine Vergleichung 
wie die : in dem Glanzgewimmel sei etwas Ahnliches gewesen wie das 
Gebaren armseliger Krähen, die am frostigen Morgen ihr erstarrendes 
Leben notgetrieben und notdürftig wieder in Gang bringen ? wo ist hier 
der sofort einleuchtende Vergleichungspunkt? ist der Übergang von den 
Krähen zu dem einen Lichtgeist, Pietro Damiano, und die Tonart beim 
Übergang nicht wunderlich ? - Oder, wenn Göthes Hermann das Schein- 
bild Dorotheens an sich vorbeischweben sieht, ist mir das etwa anschau- 
])arer, nachdem ich erst den Wanderer geschaut habe, dem das Bild der 

•) Dante, Inferno 21. 4 — 22. Jebb, Homei- (übers, von Schlesinger) S. 40 f. 



— 61 - 

eben untergegangenen Sonne noch überall vor Augen schwebt? und 
schlagend deutlich ist auch hier der Vergleichungspunkt nicht; also fehlt 
das Einigende, die Einheit, also der Stil, mit Cauer zu reden, und 
mancher Göthekenner setzt zu diesem Gleichnis ein Fragezeichen. — 
Ein Neuerer, Widmann in seinem „Buddha", vergleicht das Auf- und 
Niedersteigen indischer Aasgeier über dem Schlachtfeld mit einem Baja- 
derenreigen : je anschaulicher, desto widerspruchsvoller; und der Zweck 
der widerspruchsvollen Vergleichung, die Einheit der Gesamtdarstellung? 
— Bei unserm gewiü nicht klassizistischen (xottfried Keller wird die 
Gewohnheit einer alten Bäuerin, Sonntags die Bibel zum bequemen ge- 
legentlichen Lesen offen daliegen zu haben, verglichen mit dem Sonntags- 
brauch, eine Schüssel Kirschen bereit stehen zu lassen zu gelegentlichem 
Naschen: was soll diese Vergleichung? stimmt sie zu irgend einem Ein- 
klang? denn zur Veranschaulichung ist sie weder nötig noch geeignet.') 
Keller will, denke ich, im Gleichnis noch zu besonderem Ausdruck 
bringen eine lebhafte Vorstellung vom inneren Wesen der Bäuerin, wie 
es ihm bei der Art ihrer Bibellektüre vorschwebt, und er will ausdrücken, 
was er daran empfindet : das Wesen einer naiv praktischen Art Religio- 
sität, ein harmlos vergnügliches Genießen des altgewohnten, ehrenfesten 
Verkehrs mit dem lieben Gott, und dieses Wesen empfunden mit liebe- 
voller Teilnahme, in der Stimmung des Humors — ganz im Zusammen- 
klang mit der übrigen Darstellung. — Bei Widmann gibt das Gleichnis 
von der Reigenkunst der Bajaderen einer Vorstellung und Empfindung 
des grausig Widerspruchsvollen Ausdruck, wie sie den ganzen Zusammen- 
hang beherrscht, mit einer ernst sarkastischen Stimmung für das groteske 
Spiel im Grausigen. — Was in „Hermann und Dorothea" die Teile der 
Vergleichung einigt, scheint etwa dies zu sein : die Idee, wie eine herr- 
liche Erscheinung auf iVuge und Sinn eines Menschen nachwirkt mit 
einer seltsamen Übergewalt, vor welcher alle Wirklichkeit und Regel 
aufgehoben, natürliches Sehen in visionäres Schauen verkehrt wird ; diese 
Überwältigung an einem Manne wie Hermann als ein Wunder der Natur- 
gewalt mit menschhchster Teilnahme ernst empfunden. — Endlich wieder 
Dante. Das Glanzgewimmel der Lichtgeister war damals, als er es sah, 
für ihn als irdischen Zeugen ein Mysterium, für das Unbegreifliche in 
diesem AVesen und Bewegen auf der Himmelsleiter tauchte damals dem 
Erdenmenschen nur eine wunderliche Ähnlichkeit aus ,, unwürdiger" irdi- 
scher Sphäre auf. Jetzt, wo der Zeuge das Erle"bnis erzählt, mag er 
jene Erinnerung an den Krähenschwarm wohl in einer Stimmung der 
Ironie berichten, einer Ironie nämlich, welche seiner eigenen mensch- 



^) Paradiso 21, 29—42. Hermann und Dorothea. Erato 1 ÏÏ. Buddha, zweiter 
Gesang. Leute von Seldwyla, Das verlorene Lachen. 



— 62 — 

liehen Erkenntnisobnmacbt gilt. Auch weiterhin drückt sich die Vor- 
stellung und Empfindung einer himmlischen Geheimnisfülle, welche über 
alles Menschenverstehn hinausreiche, nicht bloß in ausdrücklichen Worten 
aus, sondern auch in einem ironischen Vergleich : der sebge Lichtgeist 
Pietro Damiano nämHch dreht sich im Kreise wie — ein geschwinder 
Mühlstein! Ist das nicht wahrhaft homerisch unwürdig und stilwidrig? 
Also bei guten und besten Epikern unseres Jahrtausends ganz wie 
bei Homer Zwecklosigkeit oder gar Zweckwidrigkeit der Vergleichungen, 
sobald wir die Anschauungstheorie anwenden ; umgekehrt, wenn wir es 
mit der Vorstellungs- und Ideentheorie versuchen, Zweckmäßigkeit und 
Notwendigkeit. Und diese Notwendigkeit mit Julius Ziehen für alle 
Epiker insgemein zu leugnen, dazu hätten wir das Recht erst dann, wenn 
wir vom Standpunkte eines fortgeschrittenen Positivismus gewisse höhere 
geistige Bedürfnisse und freie Notwendigkeiten überhaupt leugneten. Nun 
aber haben z. B. die Griechen das Bedürfnis gehabt, stark empfundene 
Allgemeinvorstellungen von Welt und Leben in Mythen auszudrücken, 
und welchen Zwang dieses Bedürfnis ausgeübt hat, sagt uns in seiner 
unvergleichlichen Weise Jakob Burckhardt; der Grieche Piaton hat sich 
genötigt gefühlt, ünaussprechlichkeiten seines Vorstellens und Empfindens 
in der Form des Gleichnisses zu sagen. Nach Göthe reicht dem höhern 
Menschen überall die herkömmliche Sprache nicht aus, und um die ,,Idee'- 
einer Erscheinung, die als Idee in tausend Sprachen unaussprechbar ist, 
uns wenigstens mit unserem Empfinden empfangen zu lassen, bedarf der 
symbolische Dichter seines Symbols. Sogar der Gedanke der kritischen 
Philosophie bedarf, nach Chamberlain im „Immanuel Kant", der Deu- 
tung durch ein Gleichnis, weil er direkt ein Unaussprechliches ist. Also 
ist es wohl ein ,, ästhetischer Imperativus", der alle guten Epiker immer 
wieder treibt, Gleichnisse anzuwenden; nur wer nie etwas Unaussprech- 
liches zu sagen hätte, würde niemals ein Gleichnis nötig haben. 



V. 

Soweit die Belastungsprobe für unsere Hypothese. Unser Gesamt- 
ergebnis wäre jetzt, immer noch hypothetisch, etwa folgendes. Der er- 
zählerde Dichter hat soeben einen Vorgang erzählt oder will ihn gerade 
erzählen: da bekommt dieser Vorgang in seiner Vorstellung einen eigen- 
tümlichen, vielleicht seltsamen Charakter, und diesen em})findet er lebhaft; 
es drängt den Erzähler, diese empfindungsvolle Vorstellung, diese Idee 
auszudrücken, aber in den eigentlichen AVorten vermag er es nicht : jetzt 
drängt sich ihm, vermöge unwillkürlicher Ideenassoziation, die Erinnerung 
an einen Vorgang auf, in welchem sich für ihn jene Vorstellung ganz 



— 63 — 

besonders stark und lebendig ausdrückt. Also Unausgesprochenes und 
Unaussprechliches mit Hilfe einer Art Symbol für sich und andre den- 
noch auszudrücken, ist der Zweck; die Wirkung die, daß dem Hörer 
Vorstellung und Empfindung von etwas Unausgesprochenem oder Unaus- 
sprechlichem, vielleicht auch eine begleitende Stimmung wie durch Sug- 
gestion mitgeteilt wird. Stoffinhalt auch des Gleichnisses ist ein Vorgang 
aus der Welt äußerer oder innerer Erfahrung, der Gleichnisvorgang dem 
Hauptvorgang vielleicht nur ganz entfernt ähnlich für die bildmäßige 
Anschauung, aber innig ideenverwandt für die augenblickliche innere 
Disposition und subjektive Empfindung des Erzählers; also Momentaneität 
und Subjektivität, nicht plastische Realität! Auch diu'ch seine Sprache, 
den sogenannt ,, sinnlichen'* Ausdruck oder das „sichtige" Wort, erinnert 
das Gleichnis lebhaft an wirkliche oder potentielle Erfahrung, aber es 
erweckt nur lebhafte Vorstellungen, nicht sinnliche Anschauungen, und 
es dient mit seinen aufeinanderfolgenden lebhaften Einzelvorstellungen 
immer nur dazu, jene gemeinsame Idee der beiden Vorgänge auszudrücken. 
Der Vergleichungspunkt wird weder ausgesprochen noch versinnlicht, beim 
Hören weder durch Reflexion gedeutet noch mit der Phantasie angeschaut ; 
die Einheit der Vergleichungsglieder, als eine ideelle, bei lebendigem 
Vortrag von empfänghchen Hörern empfunden. Zweck, Wesen und Mittel 
des epischen Gleichnisses sind von Homers Möwe bis zu Gottfried Kellers 
Kirschenschüssel im allgemeinen die gleichen, in einem allgemein mensch- 
lichen Bedürfnis begründet. 

Mit diesem Ergeljnis wäre aber vielleicht ein allgemeinerer Zweck 
von uns erreicht. Ich denke hier nicht an die besonderen Konsequenzen 
für das Gleichnis überhaupt, für die ganze Lehre von den Figuren und 
Tropen oder für ideelle Einheiten und Einheit im ganzen Homer; aber 
was wir nach unserer Annahme im Falle des Gleichnisses gesündigt 
haben, das sündigen wir gerade heutzutage in tausend Fällen unseres 
Wissenschafts-, Bildungs- und Schullel)ens. Sehen, Anschauung, Wirk- 
lichkeitssinn schätzen wir mit Recht, aber wir überschätzen Sehen und 
Anschauen gegenüber Empfinden und Vorstellen und die Wirklichkeit 
gegenüber einer höheren allgemeinen Wahrheit. Für das Einzelne und 
Besondere, für das stofflich oder technisch Tatsächliche, für reale Zwecke 
oder praktische Tendenzen, für das Historische und die historische Kau- 
salität haben wir mehr Sinn als für das Allgemeine, Typische, die leben- 
schaffende Kraft der Idee, die ideelle Zweckmäßigkeit, das allgemein 
und ewig Menschliche; mechanisches Machen und evolutionistisches AVerden 
sind uns verständlicher und interessanter als persönliches Schaffen. Nun 
ist unser wissenschaftlicher Positivismus von Adolf Hildebrand in seinem 
„Problem der Form" verantwortlich gemacht worden für das Absterben 
eines natürlichen künstlerischen Vorstellungsvermögens. Dabei erinnern 



— 64 — 

wir uns, wie einst Du Bois-Reymond und jüngst Petzold im Namen der 
„reinen Erfahrung" z. B. alle Centauren, Pane und Najaden, alle ge- 
flügelten Genien und Engel aus der Kunst ausgeschlossen haben, oder 
wie Hippolyte Taine (den wir gerade jetzt wieder gerne anrufen) uns 
von der größten griechischen Kunst so wenig hat sagen können und die 
moderne Romantik sich als eine intellektuelle Krankheit verständlich ge- 
macht hat. Wir dürfen es uns also nicht verhehlen, was für eine Gefahr 
vollends von selten eines unwissenschaftlichen Positivismus, wie er Leben 
und Bildung beherrscht, jeder tiefer seelischen, geistig menschlichen, 
wahrhaft humanen Kultur drohen kann: diese Gefahr in Wissenschaft 
und Schule zu bekämpfen, wäre ein gerechter Kulturkampf. 

Allerdings rufen so viele jetzt nach künstlerischer Kultur; aber 
gerade unsere jetzige aufgeregte Liebe zur bildenden oder zur musika- 
lischen Kunst ist vorläufig oft nur „die Furcht vor dem Alleinsein," dem 
Alleinsein in einer ideenleeren positivistischen Welt, und für viele, die 
am lautesten nach Kunsterziehung rufen, ist Sehen, Anschauung und 
Wirklichkeitsdarstellung nicht etwa bloß das Erste, sondern auch das 
Letzte in ihrer Kunst. Dem gegenüber für ein geistigeres und persön- 
licheres Leben in der Sprache und in der geistigsten, also menschlichsten 
Kunst, der Wortkunst, einzutreten, für eine Art Junghumanismus zu 
kämpfen, das wäre der allgemeinere Zweck auch dieser Arbeit. 



über den Barditus. 

Von 
Wilhelm Brückner. 



Trotz den zahlreichen, berufenen und unberufenen Erklärern. die 
die Germania des Tacitus schon gefunden hat, weist die kleine Schrift 
doch noch mehrere Stellen auf, für die eine wirklich befriedigende 
Deutung oder gar ein in allen Einzelheiten völlig sicheres Verständnis 
bis jetzt nicht erzielt worden ist. Zu diesen gehört auch das, was in 
Kap. 3 über den Barditus berichtet wird: Siinf illis //aec (/(loque carmlna. 
quorum relaiii, quem hardituni rorant. accendunt aninios futuraeque ßugnae 
fortunam ipso cantu auguraniur. terrent emm trepidantve. prout somilt 
(wies, nee tarn vocis Ute quam virtutis coneentus ddetur. affeciafur prue- 
cipue cisperitcis soni et freiet um mur mur ohieetis ad os scutis. quo ptenior 
et greivior cox repercussu intumescat. Angesichts der Wichtigkeit, die 
diese Stelle für unsre Kenntnis der ältesten germanischen Dichtungs- 
gattungen hat, wird der vorliegende Versuch, über das Wesen des Bar- 
ditus einigermaßen ins Klare zu kommen, keiner Rechtfertigung be- 
dürfen, auch wenn es nicht gelingen sollte, alle dunkeln Punkte zu 
erhellen. 

Da manche Einzelheiten der Stelle eine verschiedene Auslegung 
zulassen und zum Teil auch gefunden haben, sollte eine Erklärung, die 
einigermaßen sicher gehen will, am ehesten von der Bedeutung des 
Wortes Imrditus ausgehen. Allein gerade damit ist es übel bestellt. Be- 
kanntlich ist eine sichere Deutung des Wortes bis jetzt überhaupt nicht 
gefunden. Älüllenhoff De antiquissima Germanorum poesi chorica p. 20 
hat zuerst, freilich mit starken Zweifeln ^) Zusammenhang angenommen 
mit altn. f)ar(Tf , Schild', und dieselbe Ansicht vertritt auch Wackernagel 
G-esch. der deutschen Literatur I- S. 7. Diese Deutung hat mehrfach 
Beifall gefunden, vgl. z. B. Kelle, Gesch. d. d. Litt. I S. 9 und 
Koegel, Gesch. d. d. Litt. I 1, S. 18 f. Später hat jedoch Müllenhoff 
selbst diese Erklärung aufgegeben Dx\K 4, 136, weil tiardi in der Be- 
deutung .Schild' nur ein einziges Mal belegt sei und dort otfenbar in 



') iS 19 äussert er sich geradezu: vocabulum barditus explicare ne^eio. 

5 



— 66 — 

übertragenem Sinne. Er versucht dann eine neue Deutung des Wortes 
und nimmt unter Berufung auf altn. skeggrodd an, es sei von bard ,Bart' 
herzuleiten; harditus wäre demnach die ,ßartrede', freilich nicht der 
germanischen Krieger selbst, sondern des Donnergottes Herkules, den 
sie ifuri in proeUa cannnt; in dem donnerähnlichen Getöse sollte die 
Stimme des Donnergottes nachgeahmt werden. Auch diese Erklärung, 
die Müllenhoff selbst nur als einen Versuch bezeichnet, den dunkeln 
Ausdruck aufzuhellen, hat vielerorts Zustimmung gefunden; vgl. z. B. 
Mogk im Grdr. der germ. Phil. III- S. 357. Doch kann auch diese 
Etymologie nicht befriedigen. Abgesehen davon, daß der bcn'difus von 
Tacitus deutlich unterschieden wird von den Liedern, die die Germanen 
beim Marsche in die Schlacht auf Herkules, den Donnergott, singen, 
daß es also von vornherein nicht allzu wahrscheinlich ist, daß beide 
zum Lobe desselben Gottes angestimmt werden, bleibt es ganz un- 
klar , wie die Ableitung auf - /7^/.S'. mag nun harditus von haväi oder 
von bard abgeleitet werden, die Bedeutung ,Rede oder Gesang* gewinnen 
soll. Die vergleichbaren Bildungen ^) wie mlat. mordrifus Lex Fris. 
(Tit. XX), got. fuinps (nur im Gen. Plur. fuWpé belegt Kol. 2, 16) ahd. 
leitid, scep/üd. lielüiU eigentl. , Stecher', irarid. werid alle masc, ferner 
ferid, hulkl u. a., deren Geschlecht nicht bekannt ist, scheinen alle von 
Verben und zwar meistens von schwachen Verben der ,yV/-Klasse abge- 
leitet zu sein, vgl. Wilmanns, deutsche Grammatik II ^ S. 349. Das 
Unzulängliche der beiden Erklärungen ist schon mehrfach erkannt worden. ") 

1) Es mag hier freilich angemerkt werden, daß die germanische Wortform aus der 
lateinischen Form kaum mehr mit völliger Sicherheit zu erschließen ist. Immerhin dürfen 
wir mit Bestimmtheit annehmen, daß dem germanischen Worte kurzes l zukommt. Mit 
langem i würde sich zum Vergleich nur got. fuUeips (Acc. fulleip Mc. 4,28) darbieten, 
zu dessen Bildung die anderen germanischen Idiome keine genaue Parallele zu bieten 
scheinen (vgl. von Bahder, die Verbalabstrakt a in den germ. Sprachen S. 79), und dessen 
ei darum vielleicht auf ein Versehen des Schreibers zurückzuführen ist, das bei den zahl- 
reichen Verbalabstrakta auf -eins, wie usfiilleins, leicht zu begreifen wäre. Dagegen 
zeigt wohl die lateinische Umgestaltung des Wortes zu barrîiiis, einer Bildung wie miigllus 
oder ntgitus, daß die Römer sich das Wort auf ihre Weise zurecht gelegt und mit 
langem / gesprochen haben. 

2) Ich erwähne noch den Versuch Laistners in den Württemberg. Vierteljahrs- 
heften für Landesgesch. N F 1 (1892) S. 25. Er bringt barditits mit dem Volksnamen 
Langobardi und Bardi zusammen und erschließt für Bardi gewiß unrichtig eine Bedeutung 
jKrieger'. Diese Zusammenstellung ist schon deshalb hinfällig, weil für Langobardi die 
Bedeutung ,Langbärtige' feststeht, vgl. auch Much, Z. f. d. Wortforschung 1, 319 f. 
Diese alte Deutung des Volksnamens wird m. E. über jeden Zweifel erhaben durch 
eine Bemerkung Widukinds II 36 (M Gr. SS 3, 448), eine Stelle, die mir Sprache 
der Langobarden S. 33 entgangen ist : Er sagt dort bei der Schilderung Ottos I : 
proUxior barba et haec contra morem antiquum. Wenn die benachbarten Sachsen 
nach alter Sitte den Bart kurz trugen, so ist die Rezeichnung der Winniler als ,Lang- 
bärtige' im Gegensatz dazu ohne weiteres verständlich. 



— 67 — 

Wenn freilich Siebs Z. f. d. Ph. 29,400 kurzweg annimmt, das Wort 
komme von einer germ. Wurzel *h(n'(l , schreien', so bedeutet das m. 
E. nicht viel anderes als den völligen Verzicht auf eine sorgfältige Er- 
klärung des Wortes. 

Genaueres über den ])arditus erfahren wir von Ammianus Marcel- 
linus. Aus der Schlacht Julians gegen die Alemannen bei Strassburg 
weiß er (16, 12, 43) von den Comuten und Bracchiaten, gallischen Stämmen, 
die im Heere Julians gegen die Alemannen fechten, folgendes zu be- 
richten: Cornuti eniin et Bracchkiü usii proe/ioritfu diuUirno prmaÜ eos 
(seil. Akunanuosj kun c/estu krrentes harritinn eiere cel i/i(uinmm: qui 
elamor ipso fervore eerkiminum a tenui susurro exoriens paukiüm aduks- 
cens ritu extoUitur flnetnum eauiihus inUsorum. Und 31, 7, 11 charakte- 
risiert er den burritus etwas küi-zer^): Romani quiek/n coee umlique 
Mariia concinenks a minore solita ad maiorem proto/fi. quam gentUitate 
appeUant harritum, vires validas erigebant. Es darf uns dabei nicht be- 
irren, daß es römische, im Kampf gegen die Alemannen ausdrücklich 
keltische -) Truppen sind, die den Barritus erheben ; darf doch wohl schon 
aus den Worten Corniili et Braeelnati usu proetiorum diulurno flrmati eos 
iam gestu terrentes geschlossen werden, dass sie eben den Kampf mit 
den Germanen gewohnt waren und wußten, was diese schreckte. Zudem 
ist ja zur Genüge bekannt, daß germanische Gebräuche und Eigen- 
tümlichkeiten der Bewaffnung samt den fi-emden Bezeichnungen vielfach 
im römischen Heere verbreitet worden sind, zunächst natürlich durch 
Vermittlung germanischer Hiltstruppen, vgl. Kluge, Grdr. d. germ. Phil. 
I- S. 327 ff. Statt der a. O. besprochenen Ausdrücke sei hier eine 
besonders instruktive Stelle aus Mauricius als Beleg angeführt (Germania 
antiqua S. 169), die freilich für eine etwas spätere Zeit zeugt: Uola 
ôeî cpoQEÎv ifidzia tovg jie^ovç. Eïxe ^ojazäQia Fo i ß- ly. à eïte cl q- 
fiE Àavaia^) e'^ovai, xovôà /nÉXQi f^ôjv yovdxùjv avToJv ôeI (poçEÎv avTovç, 
là -UTzoorj^iaza aôrcov Ta tB- ixà, xacavid u. s. w. UoTa ôeÏ o:nÀa 
È'xEiv Tovç o'AOVTàiovç. ^Koviaçia àfiôxQoa i) xazù dQid-fiöi> /} xaià zdyfia, 
ajiad-ia 'EçovÀlaxia, xopidçia. — Ebensowenig darf uns die ab- 
weichende Namensform irre machen. *) Daß barritus freiHch nicht laut- 

') Die andern Stellen bei Ammian ergeben nicht viel; erwähnt sei noch 26, 7, 
17 pro terrifico fremltu. quem barbaii dicunt barritum. 

-) Auch in dem Bericht über die (Totenschlacht werden auf Seite der Römer 
neben den aus Armenien hergeführten Legiooeu namentlich keltische Truppen erwähnt, 
s. Amm. 31, 7, 1—4. 

3) Zu den armelaitsia vgl. Miillenhoff, DAK 4, 3ü0. 

*) Kluge im Grdr. d. germ. Phil. I - S. 329 scheint einer der wenigen zu sein 
die rarrltiis bei Ammiau nicht nur in der Lautforni, sondern auch in der Bedeutung 
von dem barditus des Tacitus getrennt halten möchten. Dagegen hält Baumstark, den 
Kluge wohl aus Versehen als Gewährsmann anführt, wie Müllenhofi' daran fest, daß 
bei Tacitus und bei Ammian von der nämlichen Sache die Rede sei. 



— 68 — 

gesetzlich mit hard'dus zusammenzubringen ist, braucht trotz Laistner a. 
0. kaum bemerkt zu werden; schon Müllenhoff de ant. Germ, poeni S. 
19 hat alle dahinzielenden Deutungsversuche mit Recht abgelehnt. Viel- 
mehr ist barrittffi offenkundig eine humoristische, in Anlehnung an ha mis. 
barnre vollzogene, volksetymologische Umgestaltung des fremden harditua. 
vgl. 0. Keller, Latein. Volksetymologie S. 322 ff. Unter diesen Um- 
ständen muß die Erklärung natürlich von der Taciteischen Form des 
Wortes ausgehen. Für den Xachweis der Identität der beiden ist es 
belanglos, daß auch einige minderwertige Handschriften der Germania 
haritus lesen; mehr Bedeutung kommt vielleicht dem Umstände zu, 
daß der Codex Vaticanus des Ammian regelmäßig rarrifHS liest. 

Was nun die Bedeutung des Wortes betrifft, so erklärt Tacitus 
ausdrücklich, daß der bardifus seinen Namen von der Vortragsweise 
habe ; nach Ammian war aber eben das eigentümliche gewaltige An- 
schwellen des Gesanges das Charakteristische. Der Versuch einer Er- 
klärung wird daher gut tun, sich an diese Tatsache zu halten. Nun 
taucht bei römischen Autoren ungefähr zur selben Zeit, nur wenig früher 
als barditus. ein anderes germanisches Wort auf, worin anlautendes b 
einem germ. ir entspricht^): bimn. -on fis = germ. wisiind. Es ist ganz 
wohl möglich, dass latein. barditus in ähnlicher Weise auf eine german. 
Form mit anlautendem ir zurückgeht; wir hätten demnach *irardifus 
(etwa got. irardips wie fuUips) anzusetzen. Eine solche Form mit a' 
gewinnt natürlich sofort die größte Wahrscheinlichkeit, wenn sie es er- 
möglicht, eine befriedigende etymologische Deutung für das Wort zu 
finden. Wie schon oben S. 66 bemerkt, dürfte dem Substantiv ver- 
mutlich ein schwaches Verbum *irardjan zu Grunde liegen. Zur Erklä- 
rung scheint sich zuerst ahd. irartjan .verderben, beschädigen' mit seinen 
Verwandten darzubieten, das mit Rücksicht auf den Zweck des Gesanges, 
die Feinde zu schrecken und zu verderben, einen nicht unpassenden 



1) Die Schreibung mit b für v erklärt sich aus der Eigentümlichkeit der latemi- 
schen Vulgärsprache, in der mancherorts schon ziemlich früh n und b zusammenge- 
fallen sind. Infolge dessen werden vom 3. .Ih. an v und b vielfach unterschiedslos ge- 
braucht ; inschriftliche Belege für diese Vertauschung von h und v finden sich schon seit 
demi. Jh. n. Chr. nicht ganz selten; vgl. Schuchardt, der Vokalismus des Vulgär- 
lateins I 131, III 67; Seelmann die Aussprache des Latein, S. 239 f. Ms Belege für 
diesen "Wechsel sind wohl auch gerade die neben binon und harr Uns gelegentlich er- 
scheinenden Formen vison und varritus zu betrachten. Speziell bei barditus läßt sich 
für die Schreibung mit b noch eine andere Erklärung denken: Das Wort wird, wie 
die meisten germanischen Wörter zu jener Zeit, den Römern vermutlich durch gallische 
Vermittlung zugekommen sein (s. Müllenhotf, DAK 2, 119 f.); es wäre nun nicht un- 
möglich, daß es mit gall. barJiis zusammengebracht worden wäre und sein b von da- 
her bezogen hätte. Diese Zusammenstellung hat ja bekanntlich auch in neuerer Zeit 
die Erklärer des Tacitus lange irregeführt. 



— 69 — 

Sinn ergäbe. Doch würde diese Deutung der ausdrücklichen Bemerkung 
des Tacitus, daß der Vortrag han/ifus genannt werde, nicht entsprechen. 
Vollkommen passend aber bietet sich außerhalb des Germanischen das 
altind. rardhaii^ Causativ. vardlmifatt. ,stärken, wachsen oder gedeihen 
machen', zur Erklärung dar. Dem Causativ würde das vorausgesetzte 
german. '^irardjau genau entsprechen. Der trardttim kann also exakt 
die von Ammian geschilderte Vortragsweise bezeichnen, d h. die Schwel- 
lung, das beständige Wachsen, stärker und lauter werden des Gesangs, 
das Crescendo oder vielleicht eher etwas konkreter gefaßt, das was an- 
schwillt, der Schweller. Wenn, was trotz der verschiedenen Beurteilung 
und Gruppierung, die den betreffenden Wörtern zu Teil geworden, recht 
wohl möghch ist, griech. ÔQd-ôç und ai. nrdhcâ>i , aufrecht' mit der 
Wurzel vardh. bezw. rerdh zusammenzustellen sind '), so ist der Umstand 
sehr bemerkenswert, auf den Curtius, Grundzüge der griech. Etymologie "", 
S. 348 hinweist, daß oqQ-ôç und ilrd/inls in der Anwendung auf die 
laute Stimme zusammentreft'en ; vgl. auch dçd-iog und ôçQ-iàÇco. Das 
german. irard'tfus würde sich, falls diese Zusammenstellung richtig ist"), 
als dritter Zeuge für diese Bedeutungsentwicklung den beiden andern 
zugesellen. 

Über den Inhalt des BardituS erfahren wir zunächst leider gar 
nichts; Tacitus braucht sonst stets nur ganz allgemeine und unbestimmte 
Ausdrücke wie cantu^ trii.r bist. 2, 22 u. a. Jedoch dürfen wir wohl 
mit Bestimmtheit annehmen, daß der barditus nicht einfach, wie oft 
angenommen wird, ein unartikuliertes Getön war, sondern daß ihm Worte 
zu Grunde lagen. Mag auch die Bezeichnung als canmu in dieser Frage 
nicht viel zur Entscheidung beitragen, so ergibt sich dies doch aus der 
einfachen Überlegung, daß die an- und aufregende Wirkung des Gesanges 
viel mächtiger ist, wenn ihm ein bestimmter Rhythmus innewohnt; Rhyth- 



1) S. Fick, Vergleichendes Wörterbuch der indogerni. Sprachen * 1 S. 131; 
weitere Literatur verzeichnet Wackemagel, Altind. Grammatik 1, 262. 

2) Dieser Etymologie gegenüber möchte wohl die Tatsache Bedenken hervor- 
rufen, daß andere Wörter, die zur selben Sippe gehören, auf germanischem Gebiet 
nicht mehr oder doch nicht mit Sicherheit nachzuweisen sind ; denn man wird icort 
,verhum^ nicht mehr mit Schade, Altdeutsches Wörterb. II S. 1200 hierher ziehen wollen. 
Auch die Zusammenstellung von ahd. warza und wur^ mit der Wurzel vardh ist sehr 
unsicher. Wenn man, wie z. B. Kluge, daran festhält, ist man genötigt wegen der 
verschiedenen Stufe der Dentale mit Grassmann (Kuhns Zeitschr. 12 S. 92) eine früh- 
zeitig neben vardh. rrdit entwickelte Xebenform vard, vrd anzunehmen. Doch ist es 
ja bekannt genug, daß in dem ältesten Spraohmaterial, wozu auch die Eigennamen zu 
rechnen sind, zahlreiche Wortstämme erhalten sind, die sich aus späterer literarischer 
Zeit nicht mehr belegen lassen. In unserm Falle mag die Konkurrenz von (aiid.) 
wartjan .verderben' und warten .Acht haben, ausschauen' mit ihren Verwandten zum 
frühzeitigen Untergang des dem warditus zu Grunde liegenden Verbums *icardjan 
, wachsen machen- und seiner Sii)pe wesentlich beigetragen haben. 



— 70 — 

mus setzt aber doch wohl Worte voraus, wenn auch sehr einfache, die 
sich zudem stets wiederholt haben mögen/) Von hohem Werte für unsre 
Kenntnis des Schlachtgesanges wäre es, wenn wir das, was Plutarch: 
Marius cap. 19 von dem Verhalten der Ambronen in der Schlacht bei 
Aquae Sextiae berichtet, hier zur Vervollständigung der ungenügenden 
Angaben des Tacitus und Ammianus verwenden dürften. Die Stelle 
lautet: ovx àrdxTOiç ovôe (laviibÔEoi cpsQÔfisvoi ÔQÔfioiç o-ùôh âvaçd^qov 
àZaZay/iiov tévTEç, àX?.à y.QOvovjEç ^vd'fico tù djiZa y.ai ovvaÀZôfievoi 
Tiâvreg, âfia Tr]v avr ojv ècpd-éyyovro TioÀÀày.tg jTQogt]yoQi av 'Afi- 
ßQOJveg EÏre àvayMÀovfiEvoi acpàç atiovg eïte tovç JioÀEfilovç Tfj jiqoôtj- 
ÀôjfJEi JTQOExcpoßovvTEQ. Meiucs Erachtcus kann kaum ein Zweifel be- 
stehen, daß Plutarch an dieser Stelle wirklich von dem Barditus handelt. 
Daß die Ambronen Germanen waren und nicht, wie die Alten angeben, 
die zur Zeit des Cimbernkrieges Kelten und Germanen noch nicht zu 
unterscheiden wußten-), ein keltischer Stamm im Gefolge der Teutonen, 
wird heute wohl kaum mehr bezweifelt werden, vgl. Müllenhoff DAK 
2, 114 ff. •^) Nun wird aber nach dem einstimmigen Zeugnis des Am- 
mian und des Vegetius der barritus beim Beginn des KamjDfes ange- 
hoben, wenn die Heere einander gegenüber stehen und nun zum ent- 
scheidenden Stoße ansetzen; vgl. bes. Ammian 31, 7, 11 und Vegetius, 
Epit. rei milit. 3, 18: clunwr antem, quem barritmn vocant, prius iwn 
dehi't aitolli. qmun acies utmque se mnxerit. Imperi forum emm vel igmi- 
vonim est vociferari de longe, cum Itostes magis terreanlur. sl cum felorum 
icfu clamoris horror accesserU. Damit stimmt nun aber auch Tacitus 
insofern überein, als auch er die Lieder, die die Germanen beim Marsch 
in die Schlacht singen, von dem Barditus unterscheidet, und wie sich aus 
dem Satze terrent enim trejïidantre prout sonuit acies ergibt, dieser erst 
dann ertönt, wenn die Heere sich zum Kampfe bereit gegenüberstehen. 
Gerade in demselben Momente der Schlacht beginnen nun aber auch die 
Ambronen ihren Schlachtgesang, den man wohl füglich als ,Kampfleich' 
bezeichnen darf. *) Die Schilderung Plutarchs deckt sich nun freilich 
mit derjenigen des Tacitus und des Ammian nicht, wenn gleich der Zweck 



1) Am bestimmtesten, aber docli wohl nicht ganz zutreffend äussert sich Mül- 
lenhoff über den barditus, De ant. Germ, jwesi p. 20: facile perspieu um est, etiam car- 
mina illa paiica lanlum verba fuisse, tjuae mox in slridores sonosqne raucos abierint. 
ititer (JII08 r et u prœvaluisse conici licet. His autem et animos accendere et hostes 
terrere cogitabant, quare apte conferri possunt cum tympanùrum plausu nostris militibvs 
mitato] ähnlich DAK 4, 138. 

2) S. Müllenhoff DAK 2, 153 ff. und Hirschfeld, der Name Uermani bei Ta- 
citus und sein Aufkommen bei den Römern in der Festschrift für Kiepert (Beiträge 
zur alten Geschichte und Geographie S. 259 ff.) spec. S. 268. 

^) Auch Much, P Br ß 17, 9 hält am germanischen Ursprung der Aml)ronen fest. 
*) S. Koegel, Gesch. d. d. Lit. 1 1, S. 7 ff 



— 71 — 

des Gesanges im Wesentlichen übereinstimmend angegeben wird ; aber daß 
das, was später namentlich Ammian als das Charakteristische liervorhebt, näm- 
lich das Anschwellen des Gesanges, damals beim ersten Zusammentreffen 
der Römer mit den Germanen als etwas mehr Zufälliges erscheinen 
und darum nicht besonders beachtet werden mochte, ist ja leicht be- 
greiflich. Daß aber der Gesang der Ambronen nichts anderes als der 
ßarditus des Taeitus ist, scheint mir namentlich daraus hervorzugehen, 
daß auch nach einigen, für sich allein betrachtet freilich nicht völlig deut- 
lichen Äußerungen des Taeitus der Barditus von einem rhythmischen 
Schüttern und Zusammenschlagen der Waffen begleitet gewesen zu sein 
scheint: vgl. bist. 2,22 adversus temere subeuntes cohortes Germanorum 
cantu truci et more patrio midis corporihus super um er o s s eut a rjua- 
tientium und Ann. 4, 47 von den sugambrischen Hilfstruppen subsidio 
Sugamhrae cohortis. qmiiu Romanus cautiuim et uriuorinn tumultn 
trucem haud procul mstrua-erat: 

Die Schilderung Ammians in Verbindung mit derjenigen Plutarchs 
läßt uns nun aber deutlich erkennen, welcher Art eigentlich dieser 
Schlachtgesang war. Wenn lediglich die beständig wiederholte, vielleicht 
in einem kurzen Satz ausgesprochene Nennung des eigenen Namens, die 
beim taktmäßigen Vorgehen vom rhythmischen Zusammenschlagen der 
Waffen begleitet war, den Inhalt des Gesanges bildete, so kann kein 
Zweifel sein, daß wir den barditus einfach als sog. Arbeitsruf oder 
-gesang auffassen müssen. Delbrück, Gesch. der Kriegskunst 2 S. 45, 
macht darauf aufmerksam, wie stark der innere Zusammenhalt der Ger- 
mauen gewesen sein müsse, ,daß sie geringe, äußere Ordnung, zeitwei- 
liges Zurückweichen und das Fehlen einer eigentlichen Befehlsführung 
ertragen konnten, ohne auseinanderzulaufen oder auch nur an der Energie 
der Gefechtsführung einzubüßen.' Speziell beim Angriff ist nun eben 
durch den Barditus die Masse der Krieger zu einem gemeinsamen und 
energischen Handeln gleichmäßig mit fortgerissen und auch ohne viele 
Befehle mit energischer Wucht an den Feind gebracht worden. Wenn 
es ferner eine vielfach beobachtete Erscheinung ist, daß im Verlaufe 
der Arbeit der Gesang immer kräftiger oder auch immer schneller 
wird ^), so stimmt der Barditus nach der Schilderung Ammians auch darin 
mit andern Arbeitsgesängeu überein. Die immer zunehmende Steigerung 
der Stärke des Gesanges — von einer Vermehrung des Schnelligkeit 
berichten die Quellen nichts — hatte offenbar den Zweck, auch die 
Energie und den Kampfesmut der Angreifenden bis zu dem Augenblick, 
da sie auf die feindlichen Reihen prallten, beständig zu steigern. 

Es wäre wohl leichter gewesen, über die Natur des Barditus ins 
Klare zu kommen, wenn wir über das Kriegsgeschrei der Germanen 

1) S. Bücher, Arbeit und Rhythmus 2 s. -202, 211 f. 



— 72 — 

auch aus der spätem Zeit der Völkerwanderung etwas mehr wüßten. 
Allein darüber erfahren wir soviel wie nichts, Müllenhoff, de cmt. Gennan. 
poesl clior. S. 19, vermutet, daß die alte Übung, den Barditus zu erheben, 
bei den Germanen frühzeitig außer Gebrauch gekommen sei. Er schließt 
dies daraus, daß nur Tacitus die Lieder, die sie beim Marsch in die 
Schlacht singen, deutlich unterscheidet vom Barditus, den sie beim An- 
griff anstimmen, daß dagegen Ammian (31, 7, 11) von den Goten be- 
richtet, sie hätten, wie sie den Römern gegenüber standen und zum 
Angriff vorrückten, von den Heldentaten der Vorfahren gesungen (Ixirhfwi 
mro maiorum laudes chtmorlhua sfridehanf inconditis). Diese Angabe 
stimmt freilich schlecht zu dem, was Tacitus berichtet. Allein, wenn es 
auch wohl möglich ist, daß der alte Brauch schon damals, anfänglich 
vielleicht nur bei einzelnen Stämmen, aufgegeben war, — aus welchen 
Gründen er in Abgang gekommen sein könnte, entgeht uns freilich — 
so kommt es mir doch wahrscheinlicher vor, daß Ammian Dinge, die 
Tacitus auseinanderhält, durcheinander mengt. ^) Auch im späteren Mittel- 
alter scheint in ähnlicher Weise Verschiedenartiges oft nicht auseinander- 
gehalten worden zu sein. -) Sicher ist dann jedenfalls, dass das Christen- 
tum wesentliche Veränderungen der alten Verhältnisse mit sich gebracht 
hat. Denn der Schlachtruf wird nun vielfach zu einer Anrufung Gottes: 
so sind z. B. die Rufe kj/rie eleison. AI/eIi(ija. Deus noh'iscum z. T. schon 
seit dem 9. Jh. als Schlachtrufe belegt, und in späterer Zeit singen die 
Soldaten auf dem Marsche und in der Schlacht nicht selten geistliche 
Lieder. ^) Es kann aber hier nicht unsere Aufgabe sein, diesen "Wande- 
lungen der Sitte im Einzelnen nachzugehen. Dagegen ist es für uns 
von der größten Wichtigkeit, festzustellen, daß die alte, von Plutarch 
für die Ambronen bezeugte Sitte, den eigenen Namen als Schlachtruf 
zu verwenden, noch das ganze Mittelalter hindurch im Schwünge geblieben 

^) Wir werden diese laudes maionim vermutlich mit deu Liedern, die die Ger- 
manen nach Tacitus vor der Schlacht auf den Herkules singen, zu vergleichen haben. 
Die Erwähnung des eigentlichen Kampfgeschreis auf Seite der Germanen kann Ammian 
aus stilistisch-rhetorischen Gründen, um das römische und das germanische Heer in 
einen wirkungsvollen Gegensatz zu bringen, unterlassen haben, wodurch es dann eben 
den Anschein gewinnt, als ob die Gebräuche der Germanen seit Tacitus Zeiten ganz 
andere geworden wären. 

2) Ich verweise auf Alwin Schultz, Das höfische Leben z. Z. der Minnesinger 
II 1 S. ■24-1 ft. und die dort angeführten Belege für Schlachtgesang und Kriegsgeschrei. 
Ich hebe hier namentlich die Stellen aus der Kaiserchronik hervor (v. 2034, 5304, 
7117, 7203: Der Dichter läßt hier die Kämpfenden in den verschiedensten Situationen 
stets ihr icicUet singen, ohne des sonst unzählige Male bezeugten Feldgeschreies, der 
krie, je Erwähnung zu tun. 

') S. Hoffmann, Gesch. des deutschen Kirchenliedes ^ S. 17 f., 41 ff. A. S(!hulz 
(Sao-Marte) Zur Waffenkunde des älteren deutschen Mittelalters S. 311, und besonders 
Du Gange, (Hossarkun niediae et infimae laiinilaiis, Dissert. 11: Du cry d'armes. 



— 78 — 

ist, wenn auch in etwas beschränkterer Geltung. Namentlich in Frank- 
reich, nach den Belegen bei Du Gange a. O. zu schliefien, war es viel- 
fach gebräuchlich, daß edle Herren, bezw. ihre Truppen den Namen des 
Hauses als Kriegsruf führten: z. B. à lü recomse Moiitohou. C/nisfel- 
vUain à l'arbre (Vor, Couct/ à la inerreif/e u. a. ^) Nicht selten hatte darum 
im Heere fast jedes Fähnchen seinen eigenen Schlachtruf, was ein geisfc- 
Hcher Schriftsteller, der Abt Guibert von Nogent, als eine arrof/atis 
imrtefas minoruni bezeichnete. Eine in der Form kaum merklich ver- 
änderte Fortsetzung des alten Brauches war auch die Sitte, den Namen 
des Landes oder seiner Hauptstadt als Schlachtruf zu verwenden, wofür 
aus Frankreich und aus deutschen Landen zahllose Belege beizubringen 
sind : z. B. ,Hl MizenJant- man lüfe .schrei: dlie hift irsca/ von kr te f/röz 
,Hurta. heya Bei/er/anf: Jper itnds ,Àrrat sehr Heu F/œ/niiu/e: fier krie 
iras Ji'ie Osferric/r : .Röme- diu krie was: .Ansclioinre- iras sin kne.^) 
Daß der alte Gebrauch bis- in die Neuzeit nicht ganz ausgestorben ist, 
zeigt eine bei den quartierweise veranstalteten Jugendfesten der Stadt 
Basel festgehaltene Sitte. Bei dem Zuge durch die Stadt singen nämlich 
die Kinder in endloser Wiederholung: 

fl. fn fo (vermutlich entstellt aus rirat liorli) 
s'Aesc/tequarfier fSpale- Sfeiim/. u. s. w.) isr// do. 
Anderorts mögen sich andere Beispiele des alten Gebrauches erhalten 
haben. Die angeführten dürften aber genügen, um einerseits die Richtig- 
keit der Angabe Plutarchs zu verbürgen und anderseits zu zeigen, wie 
allgemein verbreitet diese Sitte vor Alters gewesen sein muß. 

Nachdem wir nun so versucht haben, das AVesen des Barditus etwas 
genauer zu ergründen, wird es möglich sein, auch die Stelle bei Tacitus 
in einigen Einzelheiten genauer zu verstehen, als es bis jetzt geschehen 
ist. Dabei ist zunächst hervorzuheben, dass der Satz nee tant coc/s ille 
quam virtuüs concentus videfur, der an sich dem Verständnis keine 
sonderHchen Schwierigkeiten bereitet, ungleich bedeutungsvoller wird, 
wenn wir uns unter dem Barditus nicht ein unartikuliertes Schreien oder 
gar Brummen denken, sondern ein taktmäßiges, rhythmisch geghedertes 



i| Ohne Zweifel sind noch viele der alten Wahl- und Denksprüche, in denen die 
Familie genannt wird, als ursprüngliche Schlachtrufe anzusehen: Z. B. Achard flache. 
A Jamais Cardevac, YiiiUame de Barras u. a. m. vgl. Dielitz, Wahl- und Denksprüche, 
Feldgeschreie u. s. w. Frankfurt 1,S84. Daß diese Kriegsrufe auch als Signal zur 
Sammlung dienten (s. Alw. Schultz, Das höfische Leben II 1 226, 247), soll hier nur 
erwähnt werden, da sich diesem Grebrauche aus den antiken Autoren nichts zur Seite 
stellen läßt. 

2) S. Alw. Schultz, Das höfische Leben TP S. 246, Lexer, Mhd. Wb. 1. 1 :25. 
Weitere Beispiele verzeichnet A. Schultz (San-Marte) a. 0. 311: ferner DWB 5 sp. 
2136 f. s. v. krei, und kreide. 



— 74 — 

Rufen oder Singen^). Auch wird man nun wohl mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit vermuten dürfen, wenn es von dem Barditus heisst : futu- 
raeque pugnae fortuuam ipso canfii auguraniur ; terrent enim trepidantve 
prout sonuit acies. daß gerade die Art, wie der Gesang der Massen 
zusammenging, für den Ausgang der Schlacht vorbedeutend erschien. 
Klappte nicht alles, hielten z. B. nicht alle das gleiche Tempo inne, so 
mochte das für ein übles Vorzeichen gelten. 

Allerhand Unklarheiten und Schwierigkeiten enthält erst der letzte 
Satz : affectatur jjraec'qme asperitas soni et fractum murmur. obiectis ad os 
sentis, quo plenior et gravior vox repercussu intiunescat. Müllenhoff hat 
von andern Erwägungen ausgehend vermutet (DAK 4, 138), daß Tacitus 
bei dieser Abschweifung über den Barditus eine schriftliche Quelle be- 
nutzte. Wenn diese Vermutung, wie ich glaube, richtig ist, so dürfen 
wir wohl mit der Möglichkeit rechnen, daß sich bei der Wiedergabe des 
ihm vorliegenden Berichtes ein V^ersehen eingeschlichen hat^), und wir 
können auch, wie ich meine, noch erkennen, worin dieses Mißverständnis 
besteht. Der Fehler liegt meines Erachtens darin, daß Tacitus, vielleicht 
schon durch irgend eine Unklarheit oder ungeschickte Ausdrucksweise 
seiner Quelle veranlaßt, das Anschwellen des Gesanges mit dem Vor- 
halten der Schilde in einen ursächlichen Zusammenhang gebracht hat, 
der offenbar gar nicht bestand. Tacitus scheint sich, möglicherweise in 
Erinnerung an eine Stelle wie Caesar, Bell. Gall. 1, 52, wo die Germanen 
mit ihren Schilden eine festgeschlossene Phalanx bilden, vorgestellt zu 
haben, die Schwellung komme in der Weise zustande, daß die Schilde, 
die die Singenden vor den Mund hielten, durch das Zurückwerfen des 
Schalles freperciissuj den Gesang verstärkten. Allein — von den sach- 
lichen Schwierigkeiten vorläufig abgesehen, die sich dieser Auffassung in 
den Weg stellen — ist es klar, daß die Haltung des Schildes nur auf 
die Bildung des einzelnen Tones von Einfluß sein konnte ; wenn aber 
der Satz ([uo ptenior et gravior vox reperriis.su intanuscat. so viel ich 
sehe, ganz allgemein, und wie ich meine, mit vollem Recht dahin aus- 
gelegt wird, daß der ganze Gesang mehr und mehr angeschwollen sei, 
so ist es ebenso klar, daß dieses Anschwellen von der Haltung der 
Schilde ganz unabhängig gewesen sein muß. Aus eben dieser Stelle geht 
meines Erachtens das eine unverkennbar hervor, daß der Gewährsmann 

1) Zur Erläuterung dieser Anschauung dürfte wohl ein Vergleich mit dem 
studentischen Salamander beitragen, wenn gleich wir ja leider über die Herkunft und 
die ältere Creschichte dieser Trinksitte nichts wissen. Denn darin, daß alle Bewegungen 
sämtlicher Teilnehmer vollkommen gleichzeitig erfolgen, kommt ja nach studentischer 
Auflassung gewissermaßen auch ein Concenius virtidls zum Ausdruck. 

2) Belege für solche, freilich nicht eben häufige Versehen und INIißverständnisse, 
die meist durch eine unrichtige Auffassung der germanischen Verhältnisse bedingt sind, 
8. Müllenhofl", DAK 4, S. 25 f.. 281, 285, ;«)2 f.. 305 u. a. 



— To- 
des Tacitus den Barditus ganz in derselben "Weise als an Stärke immer 
zunehmend charakterisiert hat, wie später Ammianus Marcellinus : (ju'i 
clamor a temt'i siwirro e.rorkm paulnthn adK/esceiis riiu extolütur fUictuuni 
cautihus inUmrum s. ob. S. 67. Mit Recht wird natürlich bei Ammian 
die Haltung der Schilde als etwas für den Gesang ganz unwesentliches 
gar nicht erwähnt. Auch andere Bedenken sprechen gegen die Richtigkeit 
der Auffassung des Tacitus. Ausgeschlossen ist zunächst — was vielleicht 
kurz angemerkt zu werden verdient — daß die germanischen Schilde, 
die teils aus einfachen bemalten Brettern, teils nur aus Flechtwerk be- 
standen, das zwischen einen hölzernen Rahmen eingespannt war^). für 
den Gesang etwa eine Art Resonanzboden hätten bilden und so wirklich 
zur Verstärkung des Schalles beitragen können. Dagegen konnte aller- 
dings das Vorhalten der Schilde durch das Zurückwerfen der Schallwellen 
für die Singenden den Eindruck einer Vermehrung des Schalles hervor- 
bringen. xVllein da ist denn doch zu bedenken, daß einerseits in diesem 
Falle der Gesang an Fernwirkung notwendig das hätte einbüßen müssen, 
was er auf Seite der Singenden zu gewinnen schien, daß also der nebenher 
verfolgte Zweck, die Feinde zu schrecken, nur schlecht erreicht worden 
wäre, und daß anderseits, und das ist das Wesentliche, eine Haltung 
des Schildes, die die Schallmasse so intensiv, als möglich, zurückgeworfen 
hätte, die also in wirklich merkbarer Weise den Eindruck einer Schall- 
vermehrung hervorgerufen hätte, dadurch ausgeschlossen war, daß sie 
beim Vorrücken den freien Ausblick nach dem Feinde gehindert hätte. 
Nach dem eben Bemerkten scheint es mir kaum zweifelhaft sein 
zu können, daß der Ausdruck ohiecfk <ad os> seutis ursprünglich nicht 
die Erklärung für das Anschwellen des Gesanges geben sollte, sondern 
daß damit lediglich die Umstände charakterisiert werden sollten, die mit 
dem Anstimmen des Barditus zeitlich zusammenfielen. AVenn nämlich 
dieser Gesang in dem Augenblicke angehoben Avurde, da der Angriff 
begann, so mußten natürlich gleichzeitig die Schilde höher genommen 
werden, wohl so hoch, daß der untere Teil des Gesichtes noch gedeckt 
war. Spätere mittelalterliche Verhältnisse bieten hiezu eine genaue 
Parallele : im Mhd. deuten Wendungen, wie den seilt zucken, höher rucke}). 
ze hohe nenten u. a. stets darauf hin, daß der Betreffende, der den Schild 
aufnimmt, sich zum Kampfe anschickt.^) In ähnlicher Weise wird hier 
das ohieclis seutis eigentlich verstanden werden müssen. Dabei ist aller- 
dings das zugesetzte ad os überflüssig und störend ; denn daß dies etwa 
nach Maßgabe von Verbindungen wie ras (ut fauces replere oder scrotnni 
ad medium comptere im Sinne von ,bis zur Mundhöhe' verstanden werden 
dürfte, scheint völlig ausgeschlossen schon aus Rücksicht auf die öfter 

1) S. Tacitus. Annal. II 14: Müllenhoff DAK 4, lfi8 f. 

2) Vgl. Alb. Schulz (Sau-Marte) a. 0. S. 99. 



— 76 — 

belegte Redensart )naniiin ad os ohicere. Dagegen ist es meines Erachtens 
sehr wohl denkbar, daß gerade die Wendung scutis oMecfis^J im Zusammen- 
hang einer Schilderung des Barditus den Tacitus zu seiner irrtümlichen 
Auffassung verleiten konnte, die er dann durch ein zugesetztes ad os 
glaubte deutlicher machen zu müssen. 

Schwierigkeiten bereitet nun für das Verständnis immer noch der 
Ausdruck fractaiu nuirmur. der auch schon ganz verschieden gefaßt 
worden ist, und über dessen Bedeutung es wirklich kaum möglich scheint, 
ins Klare zu kommen. Im Allgemeinen dürfte es heute wohl üblich sein, 
fractum mit Hinweis auf Tacit. Annal. 14, 20 und andere Stellen in der 
Bedeutung .gedämpft' zu nehmen und fractum miirmur als ,ein gedämpftes, 
dumpfes Gemurre' zu verstehen; vgl. z. B. Müllenhoff, DAK 4, 137 und 
Schwyzer in seiner Ausgabe der Germania (Halle 1902). Diese Über- 
setzung hat aber schon Baumstark in seiner Erläuterung der Germania 
des Tacitus S. 189 mit Recht als verfehlt zurückgewiesen ; denn ein 
dumpfes Murren oder Brummen war doch kaum geeignet, die eigenen 
Leute anzufeuern und die Feinde zu erschrecken, und zudem scheint 
sich diese Auffassung mit dem von Tacitus selbst betonten vollen An- 
schwellen des Gesanges nicht wohl vereinigen zu lassen. Was Baumstark 
freilich selber vorbringt, ist aus sprachlichen wie sachlichen Gründen 
völlig verfehlt, da er den Ausdruck gewaltsam fast in sein Gegenteil 
verkehrt. Man wird sich vielleicht dabei beruhigen dürfen, dass fractum 
iHurmur offenbar in engem Zusammenhang mit der oben geschilderten 
unrichtigen Auffassung des Tacitus einfach das an den vorgehaltenen 
Schilden sich brechende Brausen bezeichnet, und in diesem Falle hat 
Baumstark passend die frartac ad l'itora races (Virg. Aeu. 6, 556) ver- 
glichen. 

Immerhin ist die Möglichkeit nicht abzulehnen, daß Tacitus auch 
diesen Ausdruck aus seiner Quelle übernommen hat. Dafür möchte viel- 
leicht die Verwendung des Wortes murmur sprechen, das gerne vom 
Rauschen eines Baches oder des Meeres gebraucht wird, und das des- 
wegen hier sehr gut gewählt zu sein scheint, weil Ammian offenbar als 
Ohrenzeuge den Gesang mit dem Rauschen des brandenden Meeres ver- 
gleicht. Dann müßte natürlich auch fractum einen andern Sinn gehabt 
haben, als oben angedeutet. In diesem Falle dürften vielleicht die 
folgenden Vermutungen einiges zur Erklärung des Ausdrucks beitragen. 
Frai/t/crc findet sich verhältnismäßig sehr selten mit einem Objekt ver- 
bunden, das einen Schall bezeichnet, und in derjenigen Stelle, die mit 
unserer am ehesten zu vergleichen ist, ro.r aud'ilur fractos sonifus imitatd 
tultarum (Virg. Georg. 4, 72) scheint über die Bedeutung von fracfus 



1) Vgl. /. B. Liv. 2, 10 ; Virgil. Aen. •>, 444. 



— t i — 



ebenfalls keine Übereinstimmung der Ansichten erzielt zu sein.') Wenn 
wir von der Grundbedeutung von frangere ausgeben, so möchte sich für 
fracfuiii tuuninw etwa als Sinn ergeben, daß das Brausen mitten in 
seiner vollen Kraft plötzlich gebrochen, d. li. abgebrochen wird-j — als 
Gegensatz wäre etwa ein allmähliches Ausklingen des Gesanges zu denken. 
Wenn aber dieses jähe Abbrechen nicht sowohl den Gesang als Ganzes, 
als vielmehr den Abschluß des einzelnen rhythmischen oder musikalischen 
Satzes kennzeichnete, dessen unaufhörliche Wiederholung eben den Barditus 
bildete, so würde der Ausdruck fractuin imininfr .das (immer wieder) 
plötzlich abbrechende Brausen' die Vorstellung, die wir oben vom Barditus 
gewonnen haben, aufs beste ergänzen. 



1) Die gewöhnliche, aber wenig präzise Erklärung der Stelle geht wohl auf 
Christ. Gottl. Heyne zurück, der in seiner Ausgabe bemerkt : Fracti sonitus h. non 
eoniimti, modo fortiore modo renüssiore splritu ; vgl. z. ?>. Georges I 2629 s. v. Frungo : 
,Fractl sonitus tubar/im. die sich brechenden, bald stärkern bald schwachem.' 

2) In ähnlicher Weise erklärt auch Kappes (Vergils Bucolica und Georgica er- 
läutert von K. Kappes, Leipzig 1876) die Fracti sonilns Virgils gewiß mit Hecht als 
,die kurzen, abgebrocheneu Töne des Signals.' 



Aus Seb. Faeschs Reisebeschreibung (1669). 



Von 
Emil Thoramen. 



Die Universitätsbibliothek zu Basel bewahrt unter den Manuskripten 
eine Reisebeschreibung des Baseler Gelehrten Sebastian Faesch aus 
den Jahren 1667 — 1669, die meines Wissens nicht im Druck erschienen 
ist, und auf die icli durch Herrn Prof. Dr. G. Binz aufmerksam 
gemacht worden bin. In gefälligem, wenn auch nicht ganz fehlerlosem 
Latein erzählt Faesch auf 1 70 Seiten eines Duodezbandes, was er zwischen 
dem 25. September 1667 und dem 25. Juli 1669 in Frankreich und 
England gesehen hat. über Biel-Genf erreichte er am 21. Dezember 
1667 Grenoble, blieb dort zur Erlernung der französischen Sprache und 
zur Fortsetzung seiner juristischen Studien bis zum 14. Februar 1669, 
machte gelegentlich Ausflüge nach der Grande Chartreuse und nach 
Vienne, reiste dann über Lyon, Roanne, La Charité nach Paris und 
über Rouen, Abbeville, Calais nach England. Seine Heimreise führte ihn 
durch Belgien und das Rheinland, Avie aus dem Buchtitel Iter per 
Galliam, Angliam, Belgium et tractum Rheni zu schliessen ist; doch ist 
der Bericht bald nach der Rückkehr von Cambridge nach London abge- 
brochen worden. 

Die Reisebeschreibung des jungen Gelehrten überrascht uns nicht 
durch Enthüllung bisher unbekannter Tatsachen; sie hält sich in den 
Grenzen des Interesses, das ein von humanistisch-antiquarischen Studien 
gesättigter Jünghng im 17. Jahrhundert für private und öffentliche Ein- 
richtungen eines fremden Volkes haben konnte. Er charakterisiert mit 
stereotypen Wendungen die hervorragenden kirchlichen und weltlichen 
Gebäude, er notiert geschichtlich bedeutende Inschriften, er bestaunt 
das Treiben fürstlicher Personen, er besucht berühmte Gelehrte und 
lässt sich von ihnen ihre Kuriositäten-Kabinette öffnen und die seltenen 
Stücke ihrer Bücher-, Münzen- und Handschriftensammlungen vorweisen. 
Auch teilt er mit allen Gebildeten des 17. Jahrhunderts die Freude an 



— 79 — 

mechanischen und technischen Erfindungen und Spielereien. In Faeschs 
anspruchslosen Notizen zeigt sich natürlich nicht wie in den eingehenden 
Schilderungen seiner Landsleute Felix und Thomas Platter II eine unbe- 
schränkte Neugier und eine für alles besondere im Wesen und Dasein 
der fremden Nation lebendige Teilnahme^), auch nicht die behagliche 
Geschwätzigkeit eines Wedel") oder Kiechel'). Wohl erwähnt er — 
scheu und mit nachträglichen Ausstreichungen, wo es sich um Belustigung 
froher Menschenkinder handelt, sorgfältig und lebhaft, wo Ausstellung 
von menschlicher oder tierischer Kraft und Geschicklichkeit zu beschreiben 
ist — die bekanntesten Vergnügungsorte der Städte. Wenn er wenigstens 
in England, dessen Landessprache ihm wie den meisten uns bekannten 
damaligen Reisenden des Kontinents fremd war, sich an Landsleute, 
oder nur an solche Eingeborene wendete, die ihm in lateinischer oder 
doch in französischer Sprache antworten konnten, so hinderte ihn das 
nicht, links und rechts selbständige Beobachtungen zu machen. Daß der 
zweiundzwanzigjährige Sprössling eines gelehrten Geschlechts, selbst ein 
eifriger Orientalist und Bibliophile, auf große Gelehrte den Eindruck 
ungewöhnlich vielseitiger Kenntnisse machte, das scheint aus den zum 
Teil vertraulichen Mitteilungen der Oxforder Professoren hervorzugehen. 
Es mag sich deshalb lohnen, zwei Proben dieses bescheidenen 
Werkleins hier darzubieten. Ich wähle den Glanzpunkt der französischen 
Reise, die Szene am Hofe Ludwigs XIV., und den ganzen Abschnitt 
über die englische Reise. Der letztere ist aus zwei Gründen anziehend: 
erstens, weil es Faescli vergönnt war, dem denkwürdigsten Aufzug der 
akademischen Bürgerschaft Oxfords im 17. Jahrhundert, dem Actus im 
neuerbauten Sheldon Theater, beizuwohnen; zweitens, weil viele Aussagen 
Faeschs über englische Dinge anhand der zwei berühmten englischen Tage- 
bücher von Samuel Pepys und John Evelyn*) kontrolliert werden können. 
Die Vergleichung spricht mit wenigen Ausnahmen für die Zuverlässigkeit 
und Selbständigkeit der knappen Mitteilungen Faeschs. Evelyn selbst 
wurde am Schluß der Oxforder Feierlichkeiten zum Ehrendoktor kreiert, 
freihch gerade an dem Tage, an dem Faesch nach Cambridge abreiste. 



^) Msk. der Univ. ßibl. Basel. A. yl 5— S. Proben u. a. in Félix et Thomas 
Platter à Montpellier, 1552—1557. — 1595—1599 (L. Gaudin). Montpellier 1892. — 
G. Binz, Londoner Theater und Schauspiele im Jahre 1599. .\nglia 22. 

2) Leopold von Wedels Beschreibung seiner Reisen und Kriegserlebnisse. Hsg. 
v. Dr. Max Bär, Baltische Studien. 45. Jahrg. Stettin 1895. 

3) Die Reisen des Samuel Kiechel. Aus drei Handschriften herausg. v. Dr. K. 
D. Haszier, Stuttgart, gedr. auf Kosten d. litt. Vereins, 186*>. 

*) In den nachfolgenden Anmerkungen zitiere ich nach: The Diary of Samuel 
Pepys with an Introduction and Notes by G. Gregory Smith, London 1905. — Tlie 
Diary of John Evelyn, Esq., F. R. S , from 1641 to 1705/6 with raemoir edited l\v 
William Bray, Esq., London & New York. 



— 80 — 

Eine Zusammenstellung der intimen Relation des sachverständigsten 
Engländers mit den Kommentaren des jungen Ausländers vermindert 
durchaus nicht den Wert der letztem; sie zeigt nur das leicht verständ- 
hche, daß der erstere die Vorgänge mit dem Auge des väterlich besorgten 
Ehrenbürgers und Staatsmanns, der letztere mit dem Auge des über- 
legenen und klug kritisierenden Studenten verfolgte. 

Sein Aufenthalt auf englischem Boden dauerte vom 11. Juni alten 
Stils bis Ende Juli 1669; zwei Wochen, vom 14. bis zum 28. Juni, 
verbrachte er in London; vom 29. Juni bis zum 15. Juli verweilte er 
in Oxford; dem Besuch von Cambridge widmete er nur fünf Tage, um 
nach der Rückkehr noch die Umgebung der HaujDtstadt, freilich nur auf 
kleine Entfernung, zu besichtigen. 

Über Eaeschs Persönlichkeit mögen folgende Angaben Aufschluß 
geben. 

Sebastian Faesch wurde am 8. Juli 1647 zu Basel geboren als 
Sohn des Christoph Faesch, J. U. D., Professors der Geschichte an der 
Universität Basel, und der Katharina Grüntzer. Siebzehnjährig bestand 
er das Magisterexamen und studierte dann an der Universität seiner 
V''aterstadt und in Grenoble Jurisprudenz. Nach einer Reise durch 
Frankreich und England erlangte er zu Basel den Doktorgrad mit der 
Dissertation <^de insignibus». Auf einer zweiten Reise durch Osterreich 
und Italien brachte ihn hauptsächlich seine Vorliebe für Numismatik in 
freundschaftliche Beziehungen mit ausländischen Gelehrten. Der Besuch 
in Rom wurde Veranlassung zu der Abhandlung über den nummulus 
aereus Pylaemenis Euergetae Regis Paphlagoniae, 1680. Wie er Thomas 
Gale von Cambridge in der Edition des Jamblichus durch Mitteilungen 
aus der reichen Faeschischen Bibliothek unterstützte, so förderte er 
durch seine Beiträge den Mailänder Grafen Francesco Mezzabarba in der 
Herausgabe der Numismata Imperatorum. Von 1681 wirkte er als Pro- 
fessor institutionum, seit 1695 als Professor codicis an der Universität 
Basel. Er starb am 12. Mai 1712. (Vgl. Athenae Rauricae, Basiliae 
1778, pg. 144—146.) 

I. Am Hofe Ludwigs XIV. 

1669, 5. Aprilis. Mane hora nona in regiam itum ad videndos Galliae 

April, primores, quorum maxima pars Regem singulis mane venit salutatum. 
Contulimus nos in conclave Helvetiorum. Hie quoties vir magnae notae 
intrat referantur ambae partes portae, cum alias una tantum pateat, et 
bipenni terra quatitur. Sic vidimus Archiepiscopum Parisien seni Mr. de 
Perefixe ^) caerulea indutura toga cui a latere innexa crux argentea. 
Senex est totus canus sed vegetus. statura longus. Mr. Seguier 



- 81 - 

cancellarium Pranciae -) qui sella portabili in conclave hoc Helvetiorum 
portabatur. vir decrepitus a servis suis sufïultus. ibat ad Regem Comte 
de Soisson''), 80 forte annorum, Duc d'Orléans"*), Comte d'Armignac, 
grand Ecuyer de France '-), Mr. Tellier ^), Mr. Colbert '), Secrétaires 
d'Etat, iste vir est 50 forte annorum, statura mediocris, frontem severum 
ac oculos quasi ad lacrymas proclives prae se ferens, cum pluribus 
aliis Ecclesiastici ac politici ordinis. Finito Régis concilio hora 11 et 
dimidia apertis portis turba omnis ad Régis procubiculum (antichambre) 
intromissa ubi in mensam quilibet petitionem suam ad Regem seu libel- 
lum ponebat qui in magnum cumulum excrevere. eos postea Dominus 
Tellier sacco impositos apportavit. Hiuc recessimus in primum conclave, 
interea scopetarii ^) Régis et Helvetii ex ordine se locant armati usque 
ad Sacellum Régis qui non multo post cum Regina ^) ac universa aula 
transiit missara celebraturus. Helvetii caput nunquam denudabant. post 
horae quadrantem Rex rediit eodeni ordine ac comitatu. nos quosdam 
sequimur per scalas et aulam ad conclavia Reginœ quacum Rex erat 
pransurus. conclave hoc non erat amplum nec ornatum. tapetes habet 
communes, mensa apponebatur vilis admodum nec viginti solidos valens, 
ita ut dithculter mihi persuaderem Regem hic pransurum. Sed apponitur 
tamen mappa cum orbibus aureis quibus imposita mantelia artificiose 
plicata cum cultris et furcis aureis. Structa ita mensa accedit tandem 
Rex horani circiter secundam cum Regina et aulicis. apponit se mensse 
nec cruce nec prece prsemunitus et occupât locum superiorem versus 
caminum, infra ipsum Regina, in summitate mensse Régis frater, ex altera 
parte Mademoiselle de Montpensier ^'^) collocabantur, infra hanc tiliœ 
Reginre honorariaî stabant quse accumbentes serviebant. circum mensam 
aulici cum peregrinis viris ac mulieribus Regem observabant prandentem. 
Quod personam Régis spectat, grandis is est statura, vultu magnifico 
et magni quid referente, colore aliquantum fusco, cœsariem portât subni- 
gram assumplam, barbam parvulam, corpore est repleto. Regina parva 
est statura, facie repleta, genis inflatis et rubore fulgentibus, fuco procul 
dubio illitis, crinibus flavis, et si in totum consideretur formosa satis. 
Régis frater statura est satis brevi, vultu fa}mineo et rubore (artificioso 
ut dicitur) perfuso, cœsarie subnigra assumpta, voce muliebri. cPtAo/.c//./; 
Mademoiselle filia est 40 forte annorum, non formosa, vultu masculo et 
incessu, nasuta. A tergo Régis adstabant duo medici, qui tamen nihil 
loquebantur cum aliis aulicis, inter quos Comes de Charron ") capitaine 
des gardes Regem colloquiis recreabat adeo amœnis ut Rex ac omnes 
aulici Scopius se in risum effunderent. ipse etiam Rex multa loquebatur. 
cum tarnen alias et risu et loquela admodum moderate utatur. Mensa 
quinquies piscibus, herbis, ovis aliisque cibis quadragesimalibus'-) operie- 
batur. patin.e argentea» in circuitu floribus flavis erant ornat;e. tandem 



— 82 — 

bellaria apponebantur : fructus scilicet omiiis generis, mala, aurantia, 
citri, uva, piuna damascena, ex saccaro sine dubio, haîcque in una patina 
pyramidali figura coUocata. Rex semel tantum potum poscebat qui ipsi 
in pbiola crystallina cum alia phiola aqua repleta et poculo in orbe aureo 
offerebatur. ipse infudit et miscuit aqua quantum placuit ac reddidit 
phiolas cum orbe et poculo, sed comedit multo liberalius ac summo cum 
appetitu, offam ^^) prœsertim qua? j^rimo loco apponebatur qua digiti 
etiam opéra cochleare implevit. Durante prandio filius Régis Mr. le 
Dauphin ^*) accedit et salutato Rege ac Regina quœ ipsum osculabatur 
locum occupât inter Regem et Régis fratrem, mensse scilicet angulum. 
Hic substitit continuo Regem respiciens nec vocem promens ullam nec 
risu uti reliqui se delectans. Princeps est flavis crinibus, parvulus adliuc, 
colore subpallido, forma alias satis egregia. His peractis consurgitur et 
Rex ad sua, nos ad nostra retulimus. Prandium per sesquihoriura duravit. 



II. Reise nach Eng-land. 

1669, Eo die 20. lunii hora septima vesperi navem conscendimus ovp O^etîj 

lunii, ordinariam, le paquetbot dictam, accepto prius a Gubernatore conductu, 
Caletum. qi monstratis sarcinis, pecunia etiam Gallica cum Anglica commutata in 
hospitio. Ventus nobis minime favebat, et fere contrarius erat, unde 
factum est ut cum vix per semihoram a portu abivissemus, nausea me 
ceperit ingens et dolor capitis qui vertigini mihi videbatur simillimus. 
Navis valde circumagebatur nunc in hanc nunc in illam partem. fluctibus 
etiam interdum ex parte operieljatur, ut nobis videl)atur non sine discri- 
mine, perventum tandem bono cum deo ad oppidum Dym ') hora 5 ma- 
tutina, Doveram enim intrare non permisit venti vehementia. Hic anchora 
jacta ac nos ab Anglicis nantis ad terram niinoril)us navibus delati sumus. 
Hic duo solidi -) cum dimidio erant solvendi, cum totum mare pro quinque 
solidis trajecissemus. Ita a pluvia madidi et a mari defatigati in hospitium 
nos conferimus. Hic post corporis purgationem de emmena etiam nostra 
purganda consilium inierant Angli; sane omnes illius loci oftïciarios credo 
confiuxisse ut nomine regio a nobis tamquam a linguie morumque Angli- 
corura iraperitis aliquid nummorum exprimèrent; nec profuit Angli 
cujusdara nobilis, ut ajebat, consortium, cujus impensas quas nobiscum 
fecit sine dubio vel inviti et nescientes solvimus. Quisquis ille sit nebulo 
prohibere nunquam volait ne pro inspiciendis sarcinis, pro appulsu, pro 
capite, pro conductu, pro jentaculo etiam et posta solveremus quju minime 
erant solvenda, uti postea comperimus. Hinc per postam optimis equis 
sed sellis parvis et minus commodis, ubi cavendum ne quis decideret •^), 
Canterbury. Cantuariam itum 20 millibus Anglicis. 



— 83 — 



Hic per sequentem diem Dominicain subsistendum duximus, 
scilicet alii e consortio Londinum petebant, ubi et eadem die appulerunt. 
Nos urbem nostram lustravimus, ternplum imprimis egregium et structura 
superbum. Prœbendarii bic magnis fruuntur reditibus, inter quos Dominus 
Casaubonus *) quem sahitare animus erat, sed adversa utebatur valetu- 
dine, et Dominus Molinaeus. ■'') Dominum Stockarum Scafusianum ^) illius 
loci ministrum cum salutassemus, ad cienam is nos invitavit et humanis- 
sime excepit. Ibidem erat juvenis quidam Polonus nomine Moreschi 
medicus, Gallicae et Anglicie linguœ peritus et Chymiae imprimis stu- 
diosus. 

24. lunii 3. ') solutis sex solidis per St. Ambour, ^) ubi pransum, 
et Rocbester itum Gravesendam. Hic conducta navi pro 6 solidis Lon- Londinum. 
dinum properavimus quo et post solis occasum avv -d-ecf) appulimus. In 
primo bospitio erat devertendum at tbe king of Spbania. ^) Hinc postero 
mane navi superato ponte quœsitum ivimus cubiculum apud pictorem 
quendam Hollandum nomine Hugb over against Jorckbous in Cburchlane, ^°) 
cui Dominus Stockarus nos commendavit. Invenimus bic Dominum 
Hemman Bernensem. ^^) Hic nos spatiatum duxit in aream quandam 
Lincolningsfietb/-) ubi quotidie sub vesperam luctautur juvenes. Vidiraus 
bine Ternplum 8. Pauli incendio omnino dirutum, ut vix quicquam nisi Pauls- 
locus de tam magnifico et superbo olim restet œdificio. Reparare illud in- ehureh. 
cipiunt, sed mirum quam segniter et lente. ^^) Adeo nemo divina curat 
quolibet suis rebus ac œdibus reficiendis intento. 

27. •^. Inspeximus arcem Tower ad Tamesim sitam cuius aqua Tower, 
circumdatur. Sub porta gladios deponere moris est, nos tamen retinui- 
mus. '^) Portœ custode nos ducente de loco in locum vidimus : 

1. Xystum sclopetis ^^) et lanceis omnino refertum inter quse sclope- 
tum Régi um. 

2. Tormenta majora quorum qua?dam tribus aut quatuor vicibus 
possunt explodi, totidem foraminibus instructa. ^^) 

3. Catapbractariorum indumenta '^) ubi et Reges aliquot catapbractis 
induti catapbractariis equis insidentes. 

4. Monstrantur arma quandam Hispanorum quibus in magna illa 
expeditione navali utebantur, inter alia clypei in quorum medio sclopeta, 
item bipennes sclopetis instructa^, ^^) ac omnis generis spicula. 

5. Tbesaurus inter cancellos ligneos monstratur, nos exterius 
vidimus: 

1. Turrem argenteam 3000 tt Sterlin aestimatam; 

2. Sceptrum Regium ubi plurimae gemma% cum imposita avicula; 

3. Sceptrum régis Rogiers ''•') in quo ametliystus 20000« StiM-liii: 




— 84 — 

4. Corona regalis variis gemmis clistincta eisque pretiosissimis ; in 
apice unam habet magnitiidinis admirandœ ac pretii inaestiraabilis. Forma 
coronae hsec est, intus holoserica calotta, -") iit facilius ges- 
tari possit, instructa. Hie et argentum aurumve cuditur quod 
videri potest. -^) Cœterum singulis conclavibus singuli sunt 
priefecti qui omnes separatira remunerandi duobus vel 3 
denariis. pro iiomine thesaurario solo sex sunt constituti. 
Soluto arcis custodi qui nos erat coinitatus de loco in locum pretio arce- 
que exeuntes bominem offendimus qui feras Regias, Leones scilicet ali- 
quot, inter quos Carolus I. et II. egregiae sane formte ac magnitudinis 
terrificse, cum aliis Leonibus et Tigribus monstravit pro duobus nimirum 
denariis. Hie et Leo cum cane inclusus videtur. --) 
West- Hinc itum in Westmünster navi, ubi Regum ac plurimorum Anglise 

münster. Magnatum sepulcra quorum splendore quœdam Gallicis à St. Denys non 
cedunt, 

Scalis ascensis scriniis inclusi monstrantur aliquot reges vestiti ea 
forma qua erant iu vivis, in alio scrinio Jacobus cum duobus uxoribus. ^■^) 
In apice porticus Monasteriensis (Westmünster Hof) palo infixum videtur 
Cromvelli caput aliorumque illius adbœrentium, uti et supra pontem. ^"') 
In templo Westmonasteriensi etiam est sedes Parlamenti, -'") conclave 
minime splendidum, in cujus summitate sella Régis holoserico rubro prse- 
texta, ab utroque latere duo alise sellée, infra tbronum longi sunt sacci 
rubri lana repleti atque hinc scamni ; ^®) locus sane talibus congrega- 
tionibus minime conveniens, adeo ut miratu digna res sit illum peregrinis 
monstrari. Huic contiguum est aliud conclave obscurius adhuc ubi corona 
quîedam ex auricalco -'') qua dicunt Duces creari. Hac capitibus imposita 
datoque munere domum redivimus. 
Saeellum 20. lunii. ^^) O Sacellura Regium intravimus ubi multis cœrimoniis 

Regium. litaniam canere ac concionari audivimus. E,ex in sublimi loco conspicie- 

batur cum fratre. -^) 

Prandium Hoc bihorii spatio finito ad prandium Regium properavimus. Locus 

Régis, hominum omnium etiam infimœ condicionis adeo erat repletus, ut se in- 

vicem fere suö'ocarent. Mensa regia cancellis ligneis inclusa est quos sine 

indultu transire nemini permissum est. Singulis ferculis quidam cum 

sceptre argenteo prsecedebat in cujus apice corona. Instructa mensa Rex 

accedit solusque mensae accubuit; illi servitia omnia flexis genubus pra;s- 

tabantur. Durante prandio concentus omnis generis instrumentorum mu- 

sicorum audiebatur; nobis tarnen prandii tinem expectare impossibile erat 

ob effrenam praesentis turbte licentiam.^") Ergo per totum palatiura atque 

omnia fere conclavia Regia (qua^ Gallicis non comparanda splendore nti 

Withall. et ipsa domus WithalP') quamvis aniplitudine ac œdificii commoditate 

superet Regiam Galliie) ambulatum ivimus in campum Regium e regione 

^arc. domus Regiœ (iile Parc dicitur). 



— 85 ~ 

Hic magnus damarum grex ut et volatilium omnis generis. Locus 
est Régis deanibulationibus destinatus qui et a csena s&epius hue sestivo 
tempore tendit ambulatum; scilicet eum ipse aliquoties vidi, ac semel 
quidem cum fratre suo Duce Eboracensi, qui tecto semper erat capite, 
et legato Gallico Mr. Colbert. ^^) Quo tempore et très fœminse très por- 
tantes infantulos nuper ex eodem utero in lumen prognatos flexis genubus 
a Rege petebant munus pro puerpera. In campo hoc (Parc) portica'") 
erecta, telescopiis appendendis apta, quale et eadem vespera erat appensum, 
quinquaginta pedes longum, per quod lunam ejusque eminentias optime 

Oobservabant ingeniosissimi illi Regite societatis philosophi ^*), Satur- 
num etiam quem duas habere prominentias repererunt sibi oppositas.'') 

22. c? Tendimus in locum qui Bärengraben dicitur ■^^) trans Tame- Bâren- 
sim. Hic canes Anglici cum Leone tribusque ursis ac duobus Tauris garten, 
feris committuntur, uno scihcet postalterum. Dignum visu est quo animo 

canes isti féroces bestias fortissimas aggrediantur. In fine et catastrophes 
loco mulus immittitur cui insidet simia. Ilhim canis quoquoversum agit, 
ideoque misera simia casum metuens quam tenacissime mulo inhseret 
risusque materiam exhibet astantibus. 

23. ç. Trajecta supra Lambet"^) (sic Archiepiscopi Cantuarii domus 
vocatur) Tamesi visum ivimus ytei^iny/.ia^^) cuisdam Tusci nomine. In via 
aniœnissimum est œnopolium, the Springegarten. ^^) Illa quamvis a fœmina 
suo nobisque incognito idiomate cuncta explicante monstrata sunt omnis 
generis naviculae, exotica vestimenta, pisces, tela, aves, caseus, lignumque 
putrefactum, Henrici VIII. scipio atque alia ejus generis. Hic solvendus 
solidus pro persona quod nobis plane videbatur insolidum. 

24. Fallendi temporis calorisque causa lavatum abivimus in Tamesi. 

25. Vidimus Bibliothecam Westmonasteriensem manuscriptis aliquot 
et impressis ante plures aunos libris instructam. 

28. Per rhedam ordinariam itur Oxonium per vicum Oxbridg, ^*') 
ubi haustum vini sumpsimus, Beconfielth *^) ubi pernoctatum, Ricotte*-) 
ubi postero die pransum est. 

Oxonii divertimus ad Angelum, nosque postea ad mensam Domini oxonium. 
M. Heyde ^^) protobibliothecarii contulimus, cum Domino Axen Holsato **) 
viro humanissimo pariter ac doctissimo qui nol)iscum venerat Londino. 
(Hic notas meditatur in Phaîdri fabulas qua s propediem in lucem dabit 
necnon tractatum de Assassinio.) 

Habitabat Dominus Hayd prope fedem S. Mariœ*^) a qua non 
multum abest Collegium Publicum in quo exercitia publica habentur. *^) 

Ibidem etiam est Bibliotheca illa Oxoniensis, toto orbe celeberimn, Biblio- 
cui adjuncta Seldoniana. '^) hic nomina uostra dedimus ut liber semper theea. 
pateret aditus pro quo octo solidi erant solvendi. Hic Dominus Heyde 
moustravit libros quosdam rariores ut: 



— 86 — 

Missale cum picturis quo utebatur Maria Regina. Proverbes de 
Salomon escrits de la main d'une Ester Anglaise en plus de soixante 
caractère admirablement. **) Eraanuelis Oïlr; %a(.ißoi 7teQl '^vwtv cum pic- 
turis animalium.") Officia Ciceronis in pergameno 4*^ impressa A" 1645 
a Faustio per puerum suum. ^'^) Hieroglyphica Mexicana, parvse deformes 
imagines in cartaceo pictse. 

Acta Apostolorum Grasce Antiquissima. 

Habetur prœterea in hac bibliotbeca immensus numerus Manuscrip- 
torum omnis generis ex Bibliotbecis Bodleiana, Seldeniana, Barocciana, ^') 
et aliis. 

In conclavi quodara ibidem ostenduntur sella ex reliquiis Navis 
celebris Draconis ■^-) composita. corona Indica, tela,cocbleae, opticaquiedam, 
et tabellœ acu pictse ab Angla passionem Christi inferentes. 

In xysto longo armario inclusa monstrantur omnis generis numismata 
vetera et recentia, cum aliis y.eiur/.ioi^ ut ense Henrici YIII. etc. 

In scbola Medica seu tbeatro anatomico sceleta sunt, calculi,^'^) et 
Dn. Wallis, animalia quœdam. Ex j^rofessoribus ibi salutavimus Dominum Wallis 
Dn. Poeok. celebrem mathematicum^^^) et Dominum Pocok^*'') qui nos humanissime 
excepit, et Manu scripta qusedam Arabica quorum non contemnendam habet 
copiam exhibuit, inter quîB Scherif Aledrici Geographia cum cartis Geo- 
graphicis pictis, cujus compeudium edidit Sionita.^^) Novum testamentum 
Syriacum minutissimo caractère. ^^) Pentateuchum Samaritanum. ^^) Eu- 
clides Arabice cum figuris. '''^) Abuulid Aben Jona Lexicon Hebrœo-Ara- 
bicum. ^^) Abulfedœ Historiarum 2 tom. in 4*^.^**) Maimonidis quœdam 
pulcerrime scripta. ^') 

Monstravit inter alia modum scribendi Syrorum, nimirum non uti 
nos versolibro ab summo in imum, buccinam Hebra^orum ex cornu arietis, 
spithamœ^-) longitudine. Flagellum Judœorum ex corio bovino, 
bovino superinducto et asinina ligula compacto. de siclis *'^) He- 
brœorum cum sermo incidisset. illos suppositi[ci]os et novos se credere 
asseruit addcns historiam de Domino Roo*") legato Régis Anglici apud 
Turcas. cui cum quidam Judœus nummum aureum Alexandri Magni offerret 
emendum insauo i)retio, Judœus alius notus Legato rogavit ut Legatus 
illum nummum per aliquot dies domi possit retinere, quo impetrato ipse 
nummum aliura finxit hune adeo in omnibus exprimentem ut dignosci a 
se invicem neuter potuerit. Judœo dein nummum repetenti recentem hune 
restituit, qui nihil doli suspicatus illum pro suo domum retulit ac seniijer 
habuit. Paratas habet celeberrimus Dominus Poeok sex Proverbiorum 
Arabicorum Xiliadas cum explicationibus Latinis et Arabicis. '^^) 
Dn. Cleri- Dominus Samuel Clericus '"•'') Architypographus Oxoniensis et facul- 

cus. tsiüs Juridicai Pedellus vir in linguis Orientalibus optime versatus multis 
nos nominibus devinxit. inter alia nos ad Vicecancellarium Dominum FelP^) 



— 87 — 

deduxit, (jui humanissime nos excepit, et qusedam de Canonibus Conci- 
liorum quos nunc de novo prelo coramisere Oxonienses, et quorum quidam 
etiam Basileœ extant, rogavit. ^^) 

Dominus Heyde hospes noster humanus edidit Ulug beg de longi-Dn. Heyde. 
tudine et latitudine stellarum fixarum Persice Latine. ^^) 

Idem tamquam Protobibliotliecarius confecit indicem bibliothecœ 
Oxoniensis.^'') scripsit et librum de ludo Schacchorum nondumimpressum.^^) 
edidit Hapbiz Poetœ canticum Persico-Latinum cum commentario Tur- 
cico, ^-) et Historiam Timuri Arabice et Persice cum versione Latina 
duplici, nondum perfecit. ^'^ 

Collegia hie sunt 17 cum aliis quinque quœ Hall vocantur. ^*) ex Collegia. 
Collegiis maximum et primum est Collegium Aedis Christi cujus aula 
nostro tempore saliente fonte ornabatur, bibliothecara habet satis elegan- 
tem. ^^) Atque hœc Collegia magnifiée ut plurimum extructa valde ornant 
civitatem. 

Interea 9. lulii Comitia Oxoniensia inchoabantur quse primo illius 
mensis pro mora fieri non poterant. ''^) frequentissima fuerunt ob Theatri 
novi dedicationem, quod certe sedifieium est magnificum a Scheldeno 
Arehiepiscopo Cantuario et Academiœ Cancellario ") extructum magnis 
impensis, fertur non ultra sedeeim millia librarum Auglicarum illos 
exeurrere, ex una parte Collegio Publice, ex aliis muro circumdatum est, 
elegantissimis marmoribus Arundelianis ab Howarlo Arundelii tilio dona- 
tis '^) et quibusdam ab ipso etiam Scheldeno, tarn Grtecis quam 
Latinis conspicuo. Theatrum ipsum hac forma videtur intus- 
que nobilium, Doctorum, fœminarum, sociorum etc. sedes sunt 
separates. Peristylia habet duo totum theatrum ambientia. 

9. lui. Ç mane ab Oratore Academia? Domino South '^'-) oratio ha- 
bita egregia, qua theatrum dedicavit, a meridie Orationes et carmiua a 
Junioribus, qui scilicet Magistri et Baccalaurei creabantur, recitabantur. 

10. ji Novi creati Doctores et Magistri in Ecclesia S. Mari» ibant 
obhitum super altare flexis quidam genubus, alii curvato corpore, a 
meridie disputationes Philosophie« habebantur in theatro post quas priraus 
terrae filius**') in Doctores et Présidentes aliosque invehebatur aeutissime. 
eodem die etiam lectiones Theologica? habebantur. Angli tales actus miro 
excipiunt applausu, tussi scilicet, grunnitu, uluhitu, vel pulsu aut alio 
signo prout cuique placuerit. *-) in disputationibus assumunt tantum et ne- 
gant, respondent fere nihil. 

12. ^\ mane in Auditorio Musico Musica habita et poemata quœdam re- 
citatasuntplœraqucinmuHeres, qute non sine sardonico risu excepta sunt. ^'^) 
post meridiem frequentissimo actu cui ter mille plus minus homines iuter- 




N'B. infra theatrum typographia erigitur. ""^j 



— 88 — 



Canta- 
bpigia. 



Hantin- 
court. 



fuerunt in novo theatro Doctores renuntiati sunt qui et disputationum 
specimiua ibidem exhibuerunt. Doctor item Musices a Domino Wallisio 
renunciatus Musicam exliibuit. Sed prius terres filius alter in Professores 
ipsis prsesentibus summa cum libertate idque absque figuris et tropis 
invehebatur adque ideo non eo applausu quo primus exceptus est. fuga 
etiam sibi postea consulere coactus est, dum prior in carcerem conjicie- 
batur. Dominus Fell Vicecancellarius Actum Oratione linivit, quo facto 
in omnibus Collegiis potioni indulsum est per totam fere noctem. 

13. (j- et sequente amicis valediximus et postea 

15. G[| vise nos dedimus cum Domino Hardero, ^*) equos conduximus 
et virum cui .50 asses Anglici Cantabrigiam usque quivis solvimus. relicto 
ergo Oxonio per oppidum Bucking[b]am 16 millibus inde dissitum ubi 
pransimus, per oppidum Neuport 11 millibus, et Betford^^) ubi pernoc- 
tavimus ad insigne Cigni, sequenti die peractis 20 millibus Cantabrigiam 
ivimus pransum quo et circa horam 12. appulimus, tota hac via multis 
ambagibus referta, et ideo inventu est difficillima. cœterum amœna fero- 
citate frumenti et infinitis ovium gregibus quos totidem comitantur greges 
corvorum adeo ut ssepius ad centum eorum simul conspexerimus. 

Cantabrigise quœ adeo frequentata uti Oxonium, adeo ut quibusdam 
in plateis ne muscum quidem offendas, inspeximus Sacellum ßegium, ^'^) 
splendidum sanc et magnificum, altitudine etiam conspicuum, Bibliothecam 
publicam quse Oxoniensi minime comparanda. ^^) Manuscripta tarnen babet 
Hebraea, Latina, Grseca, Arabica, Malabaica in foliis fuco expressis. 

In collegio Benedictino ^^) varia babent Manuscripta ut Homerum 
cum Glossis, Psalterium Georgii Papae etc. ^^}. 

In Collegio S. Johannis Manuscripta Arabica et picturœ,^*^) Palatium 
item Florentinum in lapide de pièces rapportées. 

Collegium Trinitatis quod maximum est in medio areœ fontera babet 
egregium. ^^) 

Hysteron est proteron praepostera causa loquendi. 

Exempli causa Cambrigia- Oxonium. 

Quamvis de primatu semper contendant. ®-) 

20. cf. In rheda ordinaria per Warr^^) 25 millibus ubi pransimus 
et rbedam mutavimus, per Edmonton^*) deinde pagum, cujus cerevisia 
in pretio apud Anglos, Londinum redivimus. 

25. lui. O. Reginam^") ad missam rheda euntem vidimus. 

27. cf. Conducta navicula itum in Hantincourt, '■*'*) praecipuum Regis 
suburbanum, est ea domus tota latericia nisi in angulis, ^') hie in interiore 
area fontem videbis ex marmore totum statuis eximium. '•*^) In Conclavibus 
visu digna sunt: 

1. Pictum cete^") quod Grenvici ^"") ante 12 annos captum, 22 yard 
(Anglicum est ulnœ genus) longum. 



— 89 — 

2. Tabulas qusedam ab Andrea Montagno Italo pictse "") quarum 
pro quavis a Cardinale Mazariuo 1000 ÏÏ Anglici Cromvellio oblata. 

3. Tabula? Geograpbicfe viri altitudine, in librum compact», egre- 
gium opus. 

4. In armario Passio Christi matre perlaruin expressa videtur. 

5. Lectus pretiosissimus mille libris œstimatus, nuper ab Hollandis 
Régi dono datus cum raappa etc., vélum habet holosericum rubrum auro 
argentoque bene elaborato fere obductum. "'^) 

6. Galeria seu xystus cornuum, omnis generis cornubus quœ ullibi 
reperiuntur referta, '*'^) in imo maximum cornu cervi dcpictum est cum 
hac inscriptione : Le vray portrait d'une corne de cerf dans le chasteau 
d'Ambise en France lequel a 12 pieds de hauteur et neuf de largeur 
et 572 pieds d'espace entre les deux branches. 

Cseterum plurimi hic et egregii tapetes, illi prœsertim qui parieti- 
bus non affixi sed in caméra nobis monstrabantur asservati qui auro 
argentoque nitent, adeo ut Principem Hetruriœ '"'*) qui nuper adeo hic 
fuit, asseruisse ferunt similes se tapetes per vitam non vidisse. ^^^) 

Hinc quia nobis falso relatum est Winsorum 30 inde leucis abesse, ^*'^) 
domum redivimus in eadem navi. (Hier bricht das Diarium ab.) 



Anmerkungren zu 1. 

1. Hardouin de Beaiunont de Péréfixe, lßU5 — 1670. Erzieher Ludwigs XIV., später 
sein Beichtvater, seit 1662 Erzbischof von Paris und Provisor der Sorbonne, 
Verf. der Institiitio principis (Paris 16i7) und der Vie de Henri ] V. (Paris 1661) 
Biogr. Univ. t. 32. 

2. Pierre Ségiiier, 1588 — 1672, seit 1635 königlicher Kanzler, Mitbegründer und 
Protektor der französischen Akademie. B. U. 38. 

3. Eugène Morice de Savoie, comte de Soissons, 1638-1673, verheiratet mit Olympia 
Mancini, der Nichte des Kardinals Mazarin, Oberstleutnant der Schweizer und 
Grisonen, seit 1672 Generalleutnant, fand seinen Tod in der Armee Turennes in 
Westfalen. B. U. .39. 

4. Philippe de France, Duc d'Orléans, Bruder Ludwigs XIV., 1640 — 1701, in 1. Ehe 
verheiratet mit Henriette Anna, Schwester Karls II. Stuart, in 2. Ehe mit Charlotte 
EUsabeth von Bayern. B. U. 31. 

5. Louis de Lon-aine, comte d'Armagnac, de Charny et de Brionne, vicomte de 
Marsan, 1641 — 1718. grand écuyer de France, sénéchal de Bourgogne et gouverneur 
d'Anjou. Généalogie et Chronologie de la Maison Royale de France, Paris 1753. 
t. VIII. 509. 

6. Michel Letellier, 1603—1685, Staatssekretär im Kriegsdepartement, Vorgänger 
seines Sohnes, des Marquis de Louvois. B. U. 24. 

7. Jean Baptiste Colbert, 1619 — 1685, Staatssekretär und Finanzminister Ludwigs XIV, 
B. U. 8. 

8. scopetarius : carabinier. Scopetum (auch sclopetum) = frz. escopette : carabine 
qu'on portait en bandoulière, Stutzbüchse. 

9. Maria Theresia, 1638-1683, Tochter Philipps IV. von Spanien. B. U. 26. 

10. Anne-Marie-Louise d'Orléans, Herzogin von Montpensier, 1627—1693, Tochter 
Gastons von Orléans, die Geliebte des Grafen von Lauzun. B. U. 29. 

11. Louis de Béthune, comte de Charrost, Chevalier des Ordres du Roy et Gouverneur 
pour sa Majesté de la ville de Calais etc., wird als einer der vier Capitaines des 
Gardes du Corps genannt in L'Estat de la France, i)ar N. Besongne, Paris 1663. 
p. 124/5. 

12. Osterfastenspeisen. 

13. Mehlklösse. 

14. Louis, „le Grand Dauphin'-, 1661-1711, der unbegabte Zögling des Herzogs von 
Montausier und des Bischofs Bossuet. Für ihn schrieb B. seinen Discours sur 
l'histoire universelle ; für ihn wurden die schönen lateinischen Klassikerausgaben 
ad usum Delphini gemacht. B. U. 25. 



Anmerkung-en zu II. 

1. Vermutlich Dymchurch, westlich von Dover. 1" östlich Greenwich; vielleicht auch 
Deal, östUch von Dover. Faeschs Schreibung von englischen Eigennamen ist 
sehr unzuverlässig. 

2. Bolidus - Schilling, deuarius ~ Peuny, as - Halfpenny. 



— 91 — 

3. Kiechel pg. 32 erzählt von der gleichen Strecke im Jahr 1585: Wür rütten düe 
post, als süe do im landt zu gehn pflegt, haben gahr deine, nüdertrechtige aber 
sehr gute pfertlin miit geringen hölzernen settel, wölche müt thuch yberzogen, 
hünden gahr nüder, das einer am reytten leüchtlich yberaus schleifi't. 

4. Meric Casaubon. 1599 — 1671, Sohn des Isaak Casaubon von Genf, studierte zu 
Eton und Oxford, war Inhaber mehrerer Pfründen, 1644 vom Parlament derselben 
entsetzt, nach der Restauration wieder eingesetzt. Selbst fruchtbarer Schriftsteller 
und Bewahrer der Werke seines Vaters (1850 von der Clarendon Press Oxford 
herausgegeben) Dictionary of National Biography, IX. 

5. Peter du Moulin, 1601 — 1684-, geb. zu Paris, Pfarrer von Adisham in Kent, ano- 
nymer Verfasser der roj'alistischen Schmähschrift Regii sanguinis clamor; seit 
1660 Kaplan Karls II. und Pi'äbendar von Canterbury. D. X. B. XXXIX. 

6. Hans Stockar (von einer Seitenlinie des Schaffhauser Geschlechts, dem der Ge- 
sandte der evangelischen eidgenössischen Stände an das englische Parlament und 
an den Herzog von Savoyen, Hans Jakob Stockar, 1615 — 1681. angehörte), Enkel 
Heinrich Stockars. Hauptmanns in Iranzösischen Diensten und Stadtbaumeisters 
von Schaffhausen, wurde geboren 1633 als dritter Sohn Hans Stockars, 1649 
Pfarrer zu Beggingen im Kanton Schatfhausen, später (durch Vermittelung seines 
vornehmen Vetters?) Prediger in Canterbury, starb 1709. Seine Söhne Johann 
Martin und Heinrich Hessen sich in London nieder. Leu, Schweiz. Lexikon. 

7. Erklärung der Planetenzeichen: O Sonntag, ^ Montag, ^f Dienstag, Ç Mittwoch 
%. Donnerstag, O Freitag, \i Sonnabend. 

8. St. Ambour wahrscheinlich entstanden aus flüchtig notiertem Sittingbourne (Sittiu- 
bourn), der Ortschaft, wo im 16. und 17. Jahrhundert die Post zwischen Canter- 
bury und Gravesend für die Mittags- oder Abendmahlzeit anhielt. Vergl. S. 
Kiechel, pag. 22. Evelyn, Diary, 27. V"I. 1650. 

9. King of Spain. 

10. York House, früher dem Herzog von Buckingham gehörig (cf. Evelyn, 27. XI. 1655), 
von Pepys als Absteigequartier fremder Gesandten erwähnt (30. XII. 1660. 6. VI. 
1663), lag am Strand in der Gegend von Villiers und Buckingham Street. Das 
Haus des holländischen Malers Hugo? stand also wohl am östlichen Ende der 
Gasse, die St. Martin's Place mit dem Strand verbindet. 

11. Dürfte identisch sein mit Daniel Hemman, Sohn des Bäckers im Grossen Spital 
zu Bern, getauft 12. September 1642, seit 1659 auf der obern Schule zu Bern^ 
wurde als Stipendiat auf fremde Universitäten geschickt; 1671 Schulmeister in 
Zofingen, 1672 Pfarrer zu Reinach, 1677 entsetzt, 1680 Pfarrer in Murten, 1696 
in Thurneu. gestorben 1715. Mitteilung des Staatsarchivars Dr. H. Türler. 

12. Lincoln's Inn Fields, südlich von High Holborn, heute einer der grössten Squares 
in London, von Inigo Jones angelegt, im 16. und 17. .Jahrhundert ein elegantes 
Quartier mit obstreichen Gärten und Promenaden. Vgl. F. F. Ordish, Shake- 
speare's London, 1897, pag. 107 — 110. 

13. Die Ruinen der durch den grossen Brand im September 1666 zerstörten St. Pauls- 
kathedrale wurden erst im Jahre 1668 weggeräumt. Samuel Pepys bewunderte 
die Schnelligkeit, mit der der Turm abgebrochen wurde. Die neue Kirche hoffte 
er im Jahre 1669 ersteben zu sehen. Vgl. Pepys Diary 26. VUI. und 14. IX- 
1668. In Wirklichkeit wurde der Neubau nach den Plänen von Sir Christopher 
Wreu erst 1675 begtmuen und 1710 vollendet. 

14. Dieselbe Vorschrift erwähnt Paul Hcntzner , Itinerarium pag. 130 (Ausgabe 
Breslau 1617), S. Pepys Diary 30. X. 1662. 

15. Vgl. Anmerkung II. 8. 



— 92 — 

16. Paul Hentzner sah 1598 tormenta duo ex quorum altero très, ex altero septem globi 
possunt explodi. Itinerarium, pag. 130. 

17. Schuppenpanzer, Rüstungen. 

18. Hentzner spricht von hastae ex quibus ejaulari potest ; Clj'jjei ex quibus quater jaculatur. 

19. Ein Scepter des Königs Roger finde ich nirgends sonst erwähnt. Ofifenbar ein 
Missverständnis des Verfassers. 

20. Ganzseidene Kappe. 

21. Besuche in der Münze im Tower beschreibt S. Pepys 9. III. und 19. V. 1663. 
Die heutige Royal Mint, 1811 erbaut, 1882 umgebaut, steht östlich vom Tower. 

22. Die Löwen erwähnt auch Pepys als Kuriosität 3. V. 1662. 30. IV. 1663. 
P. Hentzner sah neben drei Löwinnen und einem Löwen, namens Eduard Vi., 
noch eine Menge wilder und zahmer Tiere; Itiii. pag. 131. Die Löwen wurden 
1834 nach dem Zoologischen Garten in Regent's Park gebracht. 

23. Missverständnis des Verfassers, da König Jakob I. nur einmal, mit Anna von 
Dänemark (1589 — 1619), verheiratet w-ar. 

24. Cromwells Leichnam wurde nach einem Parlamentsbeschluss vom 4. Dezember 1660 
am 26. Januar 1661 in AVestminster Abbey ausgegraben, am 30. Januar zu Tyburn 
an den Galgen gehängt, der Körper darunter begraben, der Kopf auf eine Stange 
über Westminster Hall gesteckt. Dieselbe Strafe wurde vollzogen an Bradshaw, 
dem Präsidenten des Gerichtshofs, der Karl I. zum Tode verurteilt hatte, und 
an Ireton, dem republikanischen General imd Schwiegersohn Cromwells. D. N. B. 
XIII. Schon im Oktober 1660 waren andere Königsmörder hingerichtet und ihre 
Köpfe über Westminster Hall und London Bridge aufgepflanzt worden. Evelyn 
nennt Axtall, Carew, Clements, Hacker, Harrison, Peters (14. X. 1660), Scot, 
Scroope, Cook, Jones (17. X. 1660). Vgl. Pepys 21. X. 1660: George Vine 
carried me up to the top of his turret, wehere there is Cook's head set up for a 
traitor, and Han'isou's set up on the other side of Westminster Hall. Here I could 
see them plainly, as also a very fair prospect about London. 19. April 1662 wurden 
Harkstead, Okey und Corbet, fernere Richter des Königs, gehängt und gevierteilt. 
Vgl. Pepys .30. XI. 1661, 22. I. 12. lU. 17. 111. und 19. IV. 1662. Zur 
Rache an den Leichen Cromwells, Bradshaws und Iretons bemerkt der fromme 
Evelyn: This day (0 the stupendous and inscrutable judgments of God!) were the 
carcasses of those arch rebells Cromwell, Bradshaw the Judge who condemned 
his Majestie, and Ireton, son-in-law to the L'surper, dragg'd out of their süperb 
tombs in Westminster among the Kings, to Tyburne, and hang'd on the gallows 
there from 9 in the morning tili 6 at night, and then buried under that fatal and 
ignominious monument in a deepe pitt; thousands of people who had seene them 
in all their pride being spectators. Look back at Nov. 22. 1658 (Cromwells könig- 
liche Bestattung) and be astonish'd! and feare God and honor the King; but 
meddle not with them who are given to change! (30. I. 1661). 

25. Unrichtige Angabe. F. vermischt Westminster Hall mit Westminster Abbey. 
Eine Verlegung des Parlaments vom ersten ins zweite Gebäude hat meines Wissens 
nie stattgefunden, 

26. Richtig scamna, Bänke. 

27. auricalcum = orichalcum, Messing. 

28. Dass der Autor vom 27. Juni auf den 20. Juni zurückfällt, hat seinen Grund 
darin, dass er zunächst noch, bis zum Ende des französisch-gregorianischen Monats, 
die gewohnte Datierung fortsetzte, dann aber sich dem englisch-julianischen 
Kalender aupasste, der um 10 Tage im Rückstand war, und also statt des .30. Juni 
(eines Mittwochs) den 20. Juni schrieb. 



— 93 — 

29. Zum Grottesdienst in der königlicben Kapelle in Whitehall vgl. Pepys, 39. VII. 
1660. With my Lord (Sandwich) to Whitehall Chapel, where heard a cold sermon 
of the Bishop of Salisbury's, Duppa's; and the cérémonies did not please me, they 
do so overdo them. — Rex : Karl IF. Stuart, frater: Jakob, Herzog von York, 
nachher König Jakob II. 

HO. Zu diesem Tadel über die skandalöse Unordnung in der Umgebung des unwürdigen 
Monarchen stimmt genau, was Evelyn zum Empfang des marokkanischen Ge- 
sandten am 11. Januar 16S2 notierte: Das Gedränge und der Lärm der Zuschauer 
(im Audienzsaal) war nicht auszuhalten, so dass die Hofbeamten keine Ordnung 
halten konnten. Darüber waren diese Fremden zuerst erstaunt; denn bei allen 
öffentlichen Anlässen in ihrem Lande, und überhaupt in allen türkischen Landen, 
wird alles genau nach Herkommen und Regel und unter vollständigem Still- 
schweigen vollzogen. 

31. Whitehall, heute der Sitz der Ministerialgebäude, dahinter der St. James's Park. 

32. Charles Colbert, Marquis de Croissy, Bruder des Ministers Jean Baptiste Colbert, 
hatte schon im September 1668 (vgl. Evelyn IL 19, IX. 1668) durch einen für 
England vorteilhaften Handelsvertrag den König und seine Berater (das Cabal Mini- 
sterium ) der am 23. Januar 1668 mit Holland und Schweden geschlossenen Trippel- 
allianz zuwider an Frankreichs Interesse gefesselt. Durch seine Mission im Jahre 1669 
gewann Colbert den König zu einem Angridskrieg gegen Holland 1. durch das 
Versprechen jährlicher Subsidien von ^ 120,000 und ^ 80,000 Entschädigung im 
Falle von Unruhen in England, 2. durch die Aussicht, dass in einem künftigen Krieg 
gegen Spanien England Minorca, Ostende und Südamerika erhalten sollte. Als Gegen- 
leistung sollte die englische Regierung 50 Schiffe und 6000 Soldaten stellen und 
die Restauration der katholischen Kirche durchführen. Die endgiltigen Verein- 
barungen des berüchtigten Vertrags von Dover (20. Mai 1670) vermittelte die 
Herzogin von Orléans, Karls IL Schwester. (D. N. ß. Charles II. i 

33. Schutzdach. 

34. The Royal Society (of London for Improving Natural Knowledge) inoffiziell seit 
1645, offiziell seit 1660 bestehend, versammelte sich im Gebäude des Gres- 
ham College , nach dem grossem Brande 1666 in Arundel House , der 
Residenz des Herzogs von Norfolk, welcher der Gesellschaft durch Evelyns Ver- 
mittelung seine reiche Bibliothek schenkte (vgl. Evelyns Diary 29. VIII. 1678). 
Encycl. Brit. 

35. Für astronomische Beobachtungen zu schwärmen war durch Karl II. Mode 
geworden. Vgl. Evelyn , 3. V. 1661. This evening I was with my Lord 
Brouncker, Sir Robert Murray, Sir Pa. Neill, Monsieur Zulichem, and Mr. Bull 
(all of them of our Society and excellent mathematicians), to shew his Majestie, 
who was présent, Saturn's annulus as some thought, but as Zulichem affirm'd, 
with his Ballens (as that learned gentleman had publish'd) very neere eclips'd by 
the Moon, neere the Mons Porphyritis; also Juppiter and Satellites, thro' his 
Majesty's great télescope, drawing 35 foote ; on which were divers discourses. 
14. V. 1661. His Majesty was pleas'd to discourse with me concerning several 
particulars relating to our Society, and the planet Saturn, etc., as he sat at supper 
in the withdrawing room to his bed Chamber. — Pepys hatte ein 12 Fuss langes 
Teleskop auf seinem Dach aufgestellt. 19. VIII. 1(5(56: We did also at night see 
Jupiter aud his girdle and satellites, very fine, with my twelve foot glass, but 
could not see Saturn, he being very dark. 

36. The Bear Garden, in Bankside am Südufer der Themse gelegen, dessen sechseckiger 
Turin dem benachbarten Globe Theater ähnlich war, (vgl. Visschers Ansicht 



— 94 — 

von London von 16 Iß in Ordish's Shakespeare's London) zog durch seine rohen 
Tierkämpfe im 16. und 17. Jahrhundert das unfeine und gelegentlich auch das 
feine Londoner Pul)]ikum an und wird von jedem fremden Besucher beschrieben. 
Evelyn 16. YI. 1670 nennt die Schauspiele im ßärengarteu butcherly sports, or 
rather barbarous cruelties, und fügt bei: and I most heartily weaiy of the rude 
and dirty pastime, which I had not seene, I think, in twenty years. 

37. Lambeth Palace, am Südufer der Themse, bei Lambeth Bridge. 

38. Kleinodien, Kuriositäten. 

39. The Spring Gardens in Vauxhall, südlich von Lamlieth Palace, ein beliebter länd- 
licher Vergnügungsort der eleganten Welt, von Cromwell geschlossen (Evelyn 10. V. 
1654: : which tili now had been the usual rendezvous for the ladys and gallants at 
this season), unter Karl IL wieder viel besucht. Pepys, 28. V. 1669: I by water 
to Foxhall, and there walked in Spring Garden. A great deal of corapagny, 
and the weather and garden pleasant; and it is very pleasant and cheap going 
thither, for a man may go and spend what he will, or uothing, all is one. But to 
hear the nigbtingale and other birds, and here fiddles, and there a harp, and 
here a Jew's trump, and here laughiog, and there fiue people Walking, is mighty 
divertising. Vgl. 29. V. 1664. 

40. Uxbridge am Colne in Middlesex. 

41. ßeaconsfield in Buckinghamshire. 

42. Ricotte wahrscheinlich Verschreibung für Didcot. Rycote ist der Name eines 
Gutes des Earl of Abingdon, 2 Meilen südwestlich von Tharae in Oxfordshire. 

43. Thomas Hyde D. D. 1636—1703, Schüler des Arabisten Wheelock in Cambridge, 
1658 Professor des Hebräischen am Queen 's College Oxford, 1665—1701 Ober- 
bibliothekar der Bodleyan Library, 1666 Präbendar der Kathedrale von Salisbury, 
1673 Archdeacon von Gloucester, seit 1691 Nachfolger Pococks als Professor des 
Arabischen, 1691 Regius Professor of Hebrew und Canon of Christ Church; unter 
Karl IL, Jakob IL, Wilhelm III. Dolmetscher für orientalische Sprachen. 
D. N. B. XXVIII. 

44. Peter Axen aus Husum in Holstein, 1635 — ^1707, Rechtsgelehrter und Humanist, 
studierte in Helmstädt, Leipzig, Jena jura und art. hb., bereiste als Hofmeister 
des Herzogs von Holstein und als Sekretär des Barons Friesen verschiedene 
Länder, Hess sich 1670 als Advokat in Schleswig nieder. Übersetzer und Verfasser 
verschiedener historischer, juristischer und philologischer Werke. Aus dem Italienischen 
übersetzte er Phaedri fabulas Aesopicas cum notis, im Manuskript hinterliess er 
Notas in IV libros fabularum Phaedri jiosteriores. Vgl. Deutsche Biographie und 
Jöchers Gelehrtenlexikon. 

45. St. Mary-the-Virgin in High Street, Universitätskirche. 

46. Heute The Divinity School und The Old Schools genannt, l)is 1882 für die öfifent- 
lichen Prüfungen benutzt, jetzt der Bodleyan Library eingeräumt. 

47. Der älteste Bestandteil der öft'entlichen Bibliothek von Oxford, von Herzog 
Humphrey von (iloucester 1411 gestiftet, war unter der Regierung Eduards VL 
geplündert worden. Sir Thomas Bodley (1545—1613), Diplomat im Dienste 
Elisabeths und Jakol)s I., legte durch grossartige Schenkungen den Grund zu der 
neuen Bibliothek (eröffnet 8. November 1603). Aus dem Nachlass John Selden's 
(1584 - 1654), des grossen Juristen, Orientalisten und Polyhistors, kamen zirka 
8000 Bände in dieselbe Bibliothek, in den Besitz der Universität Oxford gelangten 
seine griechischen Skulpturen und Inschriften. D. N. B. LI, 220. 

48. DieselliC Kuriosität zeigte der Bibliothekar Barlow am 11. Juli 1654 Evelyn : 
theu amungst the nicer curiosities, the Proverbs of Soloraon written in l'rench 



— 95 — 

by a lady, every chapter of a severall character or haud tlie most exquisite 
imaginable. Die Dame war nach einer Note zu Evelyn ib. Esther Inglish, ver- 
heiratet an ßartholomew Kello. Pfarrer von Willinghall Spain in Essex. 

49. Tov rro(fojTctTov ^lÀr^ aiCy^oi lafißiy.ol TteQi ^iLojv lôionjTog |ed. Arsenius, Archbishop 
of Monambasia] llaçà 2. Saßio), 'Evezlijai 1538. — Brit. Mus. Catal. Im Catal. 
Impr. Libr. v. Hyde aufgeführt als Manuel Phile, Liber de animalium proprietatibus 
versu Jambico, Gr. Lat. p. 210. — M. I. 11. Art. Seid. — 

50. Ciceronis Officia et Paradoxa, 1465 (nicht 164:5!) von Fust in Mainz gedruckt, 
Vgl. L. Hain, Repertor. bibliograph. 52o8. Proctor 38. — Im Catal. Impr. 
Libr. aufgeführt als Ciceronis Ofdcia, Mog. 1465. Arch. B. 95. 

51. Jakob Barozzi, Mathematiker in Venedig, erbte die Bibliothek seines Onkels Franz 
Barozzi, die er durch zahh'eiche griechische Manuskripte bereicherte. Xach seinem 
Tode wurde die Bibliothek von einem englischen Buchhändler für "William Herbei't, 
.'5. Earl Pembroke (1580—1630), seit 1617 Kanzler der Universität Oxford, ange- 
kauft und der grössere Teil der Bodleyan Library geschenkt. Den Rest kaufte 
Cromwell aus Pembrokes Xachlass für dieselbe Bibliothek. D. N. B. XXVI. 
Biogr. L^n. t. 3. 

52. Das Schifi" des Sir Francis Drake, auf dem er 1577 — 1580 die Welt umsegelte, 
lag bei Deptford in der Themse verankert und wurde in der Folgezeit allen 
Besuchern Londons als Sehenswürdigkeit gezeigt. Vgl. Hentzner, pag. 134. 

53. Das Schneiden der Nieren- und Gallensteine spielt in den Memoiren des 17. Jahr- 
hunderts eine auffallend grosse Rolle. Pepys feierte jeden 26. März seine glück- 
liche Steinoperation und ermunterte andere zum selben Wagnis. Vgl. Evelyn, 
10. V. 1669. I went this evening to London, to carry Mr. Pepys to my brother 
Richard, now exceedingly afflicted with the stone, who had been successfuUy eut, 
and carried the stone as big as a tennis-ball, to shew him and encourage his 
resolution to go thro' the opération. 

51-'. John Wallis, 1616 — 1703, seit 1649 Savilian Professor der Geometrie in Oxford 
und seit 1658 Universitätsarchivar, berühmter Kryplograph. D. N. B LIX. 

54''. Edward Pocock, 1604—1691, Orientalist, sammelte als Kaplan der englischen 
Kaufleute in Aleppo und der englischen Gesandtschaft in Konstantinopel wertvolle 
^Manuskripte für die Bodleyan Library, war Inhaber der Pfarrpfründe von Childrey 
in Berkshire, seit 1636 gelegentlich Lektor der arabischen Sprache in Oxford, 
seit 1660 installiert als Professor der hebräischen Sprache im Christ Church College. 
Seine Bibliothek wurde 1693 um ^ 600 für die Bodl. Lib. angekauft. D. X. B. 
XLVI. 

55. Geographia Nubiensis ex Arab. in Lat. per G. Sionitam et Joh. Hezrouitam, una 
cum eorundem Traetatu de uonnullis Orieutalibus Urbibus et Incolis. Par. 1619. 
40 n. 13. Art. Seid. (Catal. Impr. Libr. ed. Th. Hyde). 

56. Beschrieben in ßibliothecae Bodleianae Codicum Manuscriptorum Catalogus a 
Joanne Uri confectus, Oxonii 1737. Pars I. Cod. Syr. pag 5: Novura Testamentum 
in octave XXII, datiert A. D. 1579. Titel: Quatuor Flumina Aquae Vitae 
(Maresc. 138). 

57. Beschrieben ib. Pars II. vol. 1. als codex 1, Rodl. 345; datiert A. D. 1479 80; 
von Joseph Taylor 1668 von Damascus heimgebracht. 

58. Beschrieben ib. Pars I. cod. msc. Hebr. et Chald. pag. 84 CCCCXXXI. 1« Ele- 
mentorum Euclidis Libri XV, cum suis tiguris, titulo 'Radicum et Fundamen torum' 
signali. Ans dem Arabischen übersetzt von R. Jacob ben Machir (Hunt, 16). 

59. Beschrieben ib. Pars I. pag. 90. codex ohartaceus, anno Contraetuum 17.32. Christi 
1420, exaratus. folia 370 complectens. Ibi reperitur Operis Grammatici, in duas 



— 96 — 

partes distributi, pars posterior, Liber Radicum nuncupata, quae Dictionarium est, 
voces nimirum Hebraeas Arabice explicans : auctore Abulwalid Merwan Ben Gian. 
nah Cordubensi (Pocock 133). 

60. Beschrieben ib. Pars I, pa^. 155: DCLXXXVI, datiert A. D. 1487, Titel: Volumen 
primum Compendii de Historia mortalium. Auctor: Omadeddin Ismael Ben Ali Ben 
Mahmud Ben Mohammed Ben Omar Shahenshah Ben Aiub (Pocock 303). Vgl. Abul- 
fedae Annales Moslemici Latinos ex Arabicis fecit J. J. Reiske, Lipsiae 1754. 

fil. Porta Mosis, sive Dissertationes aliquot a R. Mose Maimonide. suis in varias 
Mishnaioth, sive textus Talmudii partes commentariis praemissae. . . Arabice 
conscriptae. . . et Latine éditas. . . cum appendice notaruni miscellanea. Opera 
E. Pocockii, Oxonii 1665. ■¥>. 

Im Mscr. Catal. sind von Maimonides aufgezählt (Cod. Hehr, et Chald. pag. 31 — 92) : 
Liber Praeceptoram, Responsa ad Quaesita de Jad Chasaka, Compendiuna Tal- 
mudicum, Coramentarius in varies Talmudis tractatus, Commentarius in Pirke 
Aboth, Tractatus de Seminibus, More Bebochim. Chronologia, Logica. 

62. Spanne. 

63. Sekel, hebräische Münze, seit 143 v. Chr. geprägt. 

64. Sir Thomas Roe, 1581? — 1644, Gesandter bei Jehangir, Grossmogul von Hindustan 
(1614-1619), bei der Ottoman. Pforte (1621—1628). Vom Patriarehen Cyrillus 
Lucaris erhielt er für Jakob I. den Codex Alexandrinus der ganzen Bibel; unter 
den 29 von ihm angekauften griechischen Manuskripten befand sich eine Original- 
kopie der Synodalbriefe vom Konzil zu Basel. 1628 der Bodl. Libr. geschenkt. 
Er sammelte auch Inschriftentafeln und Skulpturen für den Herzog von ßucking- 
ham und den Earl von Arundel. 1629 vermittelte er den Frieden zwischen 
Schweden und Polen und bewog Gustav Adolf zur Invasion in Deutschland; 
1638—1642 bemühte er sich in Hamburg, Regens bürg und Wien für die Rehabili- 
tation Friedrichs V. von der Pfalz. 

65. Die Sammlung von 6013 arabischen Sprichwörtern, übersetzt 1635, aber nicht 
puliliziert. findet sich im Manuskript in der Bodl. Libr. Pocock 392. Specimina 
davon hat H. A. Schultens 1773 und 1775 ediert, (A.hmed Ibn Mohammad (Abu 
Al-Fadli called Al-Maidani. Spécimen proverbiorum Meidani ex versione Pocockiana 
edidit H. A. Schultens Arab. et Lat. London 1773—1775. Brit. Mus. Catalog) 
ebenso J. D. Macbride in Fundgruben des Orients Tom. I. HL IV. 

66. Samuel Clarke, 1625 — 1669, wurde zu den .\mtern eines Druckereivorstehers und 
und Oberpedells der juristischen Innung zu Oxford zuerst 1649 und wiederum 1658 
gewählt; Mitarbeiter an Walton's Biblia Sacra Polyglotta 1657, Verfasser von 
Scientia Metrica et Rhythmica, seu Tractatus de Prosodia Arabica, Oxford 1661, 
publiziert als Appendix zu Pococks Lamiatio' 1 Ajam. D. N. B. X. 

67. John Fell, D. D., 1625—1686, feuriger Royalist, 1660 zur Belohnung für be- 
ständigen Widerstand gegen die Parlamentspartei in Oxford zum Dean von Christ 
Church ernannt, restaurierte deren Gebäude, arbeitete zelotisch für Wiederher- 
stellung der Kirchen- und Schuldisziplin, 1775 Bischof von Oxford. Daneben 
fleissiger Autor, Hauptwerk Edition des Cyprian. D. N. B. XVIII. 

68. Die Originalakten des Baseler Konzils galten zu dieser Zeit als ein Kleinod in 
der Manuskriptsammlung der Bodleyan Library. Evelyn, dem dieser Schatz von 
'seinem sehr gelehrten Freunde', Dr. Barlow, dem Bibliothekar, bei Gelegenheit 
des Promotionsfestes am 11. Juli 1654 gezeigt wurde, notierte an zweiter Stelle: 
The original acts of the Council of Basil 900 yeares since (sie!), with the buUa 
er leaden affix, which has a silken cord passing thro' every parchment. Vgl. 
Anra. II. 64. — Der Neudruck ist: Theodori Balsamonis Commentarii in Canones 



— 97 — 

Apostolorum, Conciliorum, Patrum, Epistolas Canoaicas, inque Photii Xomocanonem. 
Graece Latine emendato textu ac Versione. Oxoq. 1672. — Zur Geschichte des 
Baseler Konzils vgl. Johannes Haller, Concilium Basiliense. Studien und Quellen 
zur Geschichte des Concils von Basel. Basel 1896. Band 1. 

69. Ulugh Beg Jbn Shakrukh, Mirza. Sive tabulae longitudinis ac latitudinis stellarum 
fixaruin ... ex tribus . . . MSS. Persicis . . . luce ac Latio donavit, et com- 
mentariis illustravit Thomas Hyde. Oxonii 1665. 

70. Catalogus impressorum librorum Bibliothecae Bodleianae in Academia Oxoniensi. 
Cura et opera Thomae Hyde e Collegio Reginas Oxon. Protobibliothecarii. Oxonii 
e Theatro Sheldoniano. 1674. 

71. De ludis Orientalibus libri duo: 

1. Mandragorias seu Historia Shahiludii viz. ejusdem origo, antiquitas ususque per 
totum Orientera celeberrimus . . . Accedunt de eodem Rabbi Abraham Abben 
Eyrae elegans poema rhythmicum. R. Bonsenior Abben Jachiae facunda oratio 
prosaica: liber deliciae regum, prosa . . per innominatum . 

2. Historia Nerdiludii, hoc est dicere latrunculorum, cum quibusdam aliis Arabum 
Persarum, Indorum, Chinensium . . . ludis tam politicis quam bellicis . . . item 
explicatio antiquissimi Chinensium ludi . . . congessit Thomas Hyde. Oxonii 169-4. 

72. Den Hafiz hat Th. Hyde nicht ediert. Faeschs Bemerkung bezieht sich wohl auf 
den in der Bodl. Libr. bewahrten Cod. Land B. 38, der im Manuskr. Katal. 
von 1737 beschrieben ist: Codex bombycinus. anno Hegirae 1025, Christi 1616, 
exaratus, Folia .SOO complectens. Exhibet Hafez Shii-azitae, anno Hegirae 797 
mortui, carmina varia subjecta Turcica singulis interpretatione, cujus auctor 
Alsoruri. Liber, tomum operis primum constituens, desinit in litera Alphabeti 
décima septima. 

73. "Wurde nicht vollendet. Derselbe Katalog nennt unter den Codices Arabici 
DCCXVII. einen codex bombycinus, anno Hegirae 860, Christi 1455, transcriptus, 
foliis 165 constans. Ibi repraesentatur Opus ita inscriptum: Mirabilia Fati de 
Successibus Timuri, qui vulgo Tamerlanes dicitur, historia ab Ahmed Ben Arabshah 
scripta, eadem quae Lugduni Batavorum publicam lucem aspexit. [Land. B. 81.] 

74. Heute 23 Colleges und 4 Halls. 

75. Christchurch College, 1525 von Kardinal Wolsey gegründet. Für dessen Bibliothek 
wurden 1716 — 1761 neue Gebäulichkeiten errichtet. 

76. Die Comitia (the Act), die alljährlichen Promotionsfeierlichkeiten, fingen auch 
früher nicht am 1. Juli, sondern am 8. Juli an und erstreckten sich über 4 Tage, 
vgl. Evelyn, 8.— 13. Juli 1654, 8.— 11. Juli 1675. Im Jahre 1669 begann das 
Fest am 9. und ging erst am 15. Juü zu Ende. Faesch fasst übrigens unter dem 
Datum des 12. Juli Vorgänge zusammen, die sich in Wirklichkeit am 10., 11. und 
12. Juli abspielten. Evelyn, der alte Schüler von Balliol College, hatte als junger 
Mann im Jahre 1654 die sollemnen Szenen des Festakts in der Kathedralku-che 
voll innerer Ungeduld, voll Freude dagegen die geselligen Akte mit alten Freunden 
mitgemacht und mit seiner Frau die Sehenswürdigkeiten der Colleges besucht. 
Dementsprechend hatte er auch in seinem Tagebuch berichtet. Jetzt aber, anno 
1669, wo er als hochangesehener Staatsmann, als Freund des Königs, als Gönner 

' der L'niversität erschien, der den jungen frivolen Herzog von Norfolk überredet 
hatte, seine berühmte Sammlung von antiken Marmortafeln dem neuen Festge- 
bäude seiner alma mater zu schenken und zum Dank dafür den Doktorhut erhielt, 
jetzt musste er bei allen Feierlichkeiten unter den ersten Würdenträgern ei-scheinen 
und sich huldigen lassen. Darum ist die Eintragung in seinem Tagebuch noch 
beträchtlich genauer als diejenige unseres Faesch; sie kann als der beste und 



— 98 — 

zuverlässigste Kommentar zu der Relation des Baseler Gastes betrachtet werden. 
Ich lasse sie zur Vergleichung hier folgen: 

9. July. In the morning was celebrated the Encenia of the New Théâtre, so 
magnificently built by the munificence of Dr. Gilbert Sheldon, Abp. of Canterbui-y, 
in which was spent £ 25,000 as Sir Christopher Wren, the architect, (as I 
reraember), told me ; and yet it was never seene by the benefactor, my Lord Abp. 
having told me that he never did nor ever would see it. It is in truth a fabrick 
comparable to any of this kind of former ages, and doubtless exceeding any of 
the présent, as this University does for Colledges, Librairies, Scholes, Students, 
and Order, all the Universities in the world. To the Théâtre is added the famous 
Sheldonian Printing-house. This being at the Act and the first time of opening 
the Théâtre (Acts being formerly kept at St. Mary's church, which might be 
thought indécent, that being a place set apart for the immédiate worship of God, 
and was the inducement for building this noble pile) it was now resolv'd to keep 
the présent Act in it, and celebrate its dedication with the greatest splendor and 
formalitie that might be, and therefore drew a world of strangers and other 
compagnie to the University from all parts of the nation. The Vice Chancellor, 
Heads of Houses and Doctors, being seated in magisterial seates, the Vice- 
Chancellor's chaire and deske, Proctors, etc., cover'd with Brocatall (a kind of 
brocade) and cloth of gold ; the Universitie Register read the founder's grant and 
gift of it to the Universitie for their scolastic exercises upon these solemn occasions. 
Then foUow'd Dr. South, the Universitie's Orator, in an eloquent speech, which 
was very long, and not without some malicious and indécent reflexions on the 
Royal Society, as underminers of the University, which was very foolish and 
imtrue, as well as unseasonable. But, to let that pass from an illnatur'd man, 
the rest was in praise of the Archbishop and the ingénions architect. This 
inded, after loud musiq from the corridor above, where an organ was plac'd 
there follow'd divers panegyric speeches both in prose and verse interchangeably 
pronounc'd by the young students plac'd in the rostrums, in Pindarics, Eclogues, 
Heroics, etc. mingled with excellent musiq, vocal and instrumental, to entertain 
the ladies and the rest of the Company. A speech was then made in praise of 
academical learning. This lasted from 11 in the morning tili 7 at night, which 
was concluded with ringing of beUs and universal joy and feasting. 

10. July. The next day began the more solemn Lectures in all the Faculties, 
which were perform'd in their several scholes, where all the Inceptor Doctors did 
their exercises, the Professors having first ended their reading. The assembly 
now return'd to the Théâtre, where the Terrae filius (the Universitie Buffoone) 
entertain'd the Auditorie with a tedious, abusive, sarcastical rhapsodie, most 
unbecoraing the gravity of the Universitie. and that so grossly, that unless it be 
suppress'd, it will be of ill conséquence, as I afterwards plainly express'd my sense 
of it both to the Vice Chancellor and severall heads of houses, who were perfectly 
asham'd of it, and resolv'd to take care of it in future. The old facetious way 
of rayling upon the questions was left off, falling wholy upon persons, so that 
'twas rather licentious lyeing and railing than genuine and noble wit. In my life 
I was never witnesse of so shamefuU entertainment. After this ribauldry, the 
Proctors made their Speeches. Then began the Musick Act, vocal and instrumental, 
above in the ballustrade corridore opposite to the Vice Chancellor's seate. Then 
Dr. Wallis, the Mathematical Professor, made bis Oration, and created one Doctor 
of Musiq accordiug to the usual cérémonies of gowne (which was of white 
damask), cap, ring, kisses, etc. Next follow'd the Disputations of the Inceptor 



— 99 — 

Doctors in Mediciiie. the Speech of their Professor Dr. Hyde. and so in course 
their respective créations. Lastly, Inceptors in Theologie; Dr. Compton (brother 
to the Earle of Xorthampton) being Junior, began with greate modesty and 
applause ; so the rest. After which Dr. Tillotson, Dr. Sprat, etc. and then Dr. 
Allestree's speech, the King's Professor, and their respective créations. Last o 
ail the Vice-Chancellor, shutting up the whole in a panegyrical ovation celebrating 
their benefactor and the rest. apposite to the occasion. 

Thus was the Théâtre dedicated by the scholastic exercises in ail the Faculties 
with greate solemnity ; and the night, as the former, entertaining the new Doctors 
friends in feasting and musiq. I was invited by Dr. Barlow, the worthy and 
learned Provost of Queene's Coll. 

11. July. The Act Serihon was this forenoon preach'd by Dr. Hall in St. Marie's 
in an honest practical discourse agaiust Athéisme. In the afternoou the Church 
was so crowded, that not coming early I could not approach to heare. 

12. July. Monday. Was held the Divinity Act in the Théâtre againe, when 
proceeded 17 Doctors, in ail Faculties some. 

13. July. I din'd at the Vice Chancellor's, and spent the afternoone in seeing the 
rarities of the publick libraries, and visiting thè noble marbles and inscriptions, 
now inserted in the walles that compassé the area of the théâtre, which were 
150 of the most ancient and worthy treasures of that kind in the learned world. 
Now observing that people approaching them too neere, some idle persons began 
to Scratch and injure them, I advis'd that an hedge of holly should he planted 
at the foot of the wall, to be kept breast-high only, to protect them, which the 
Vice Chancellor promis'd to do the next season. 

14. July. Dr. Fell, Dean of Christ-church and Vice Chancellor, with Dr. Allestree 
Professor, with Beadles and Maces before them, came to visite me at my lodging. 
— I went to visite Lord Howard's sons at Magdalen College. 

15. July. Having two daies before had notice that the University intended me 
the honor of Doctorship, I was this morning attended by the Beadles belonging 
to the Law, who conducted me to the Théâtre, where I found the Duke of 
Ormond (now Chancellor of the Universitie) with the Earl of Chesterfield and 
Mr. Spencer (brother to the late Earl of Sunderland). Thence we march'd to the 
Convocation House, a Convocation having been call'd on purpose ; hère, being ail of 
us rob'd in the Porch in scarlett with caps and hoods, we were led in by the Professor 
of Laws and presented respectively by name, with a short eulogie, to the Vice-Chancel- 
lor, who sate in the chaire, with ail the Doctors and Heads of Houses and Masters about 
the Roome, which was exceeding füll. Then began the Publiq Orator his speech, 
directed chiefly to the Duke of Ormond the Chancellor, but in which I had my 
compliment in course. This ended, we were call'd up and created Doctors according 
to the forme, and seated by the Vice-Chancellor amongst the Doctors on his right 
hand; then the Vice-Chancellor made a short speech, and so saluting our brother 
Doctors, the pageantry concluded, and the Convocation was dissolved. So formal 
a création of Honorarie Doctors had seldome been seene, that a Convocation 
shoudl be call'd on purpose and speeches made by the Orator; but they could do 
no lesse, their Chancellor being to receive, or rather do them this honour. I 
shotild hâve been made Doctor with the rest at the Publiq Act, but their 
expectation of their Chancellor made them defer it. 1 was then led with my 
brother Doctors to an extraordinary entertainment at Dr. Mewes, Head of St. John's 
College, and after aboundance of feasting and compliments, having visited the 
Vice-Chancellor and other Doctors, and gi\eu them thanks for the honour done 



— 100 — 

me, I went towards home the sixteenth. and got as far as Windsor, and to my 
house the next day. 

77. Gilbert Sheldon, 1598—1677, war 1634—40 Pro- Vizekanzler der Universität Oxford 
gewesen, 1648 als Royalist abgesetzt worden, wurde nach Karls II. Restauration 
nacheinander Dean der kgl. Kapelle, Bischof von London, Erzbischof von Canter- 
bury (1663); er war Nachfolger Ciarendons als Kanzler der Universität Oxford 
(1667), wurde aber nie installiert und resignierte schon am 31. Juli 1669. (Er 
fiel bei Karl II. in Ungnade, u. a. weil er ihm als einem Ehebrecher das Abend- 
mahl verweigerte.) Für das Abhalten der Festakte (Encaeniai Hess er auf eigene 
Kosten 1664—1669 durch den Architekten Christopher Wren, .,das Wunderkind 
von Oxford'- (Evelyn, 11. VII. 1654), das „Theater'- bauen. Die Gesamtkosten 
beliefen sich auf ^ 12,.339 4 s. 4 d. (Also war' Faesch besser informiert als 
Evelyn, der persönliche Freund des Architekten). Der Grundriss des Gebäudes 
ist ein Halbkreis, wie Faeschs Skizze richtig andeutet; es fasst 4000 Personen. 
Auch zum Wiederaufbau der Paulskathedrale in London steuerte Sheldon £ 4000 
bei. Vergl. D. N. B. LH. 

78. Die Universitätsdruckerei, unter den Gallerien und unter dem Dach des Theaters 
eingerichtet, wurde 1713 in das nebenan liegende Clarendon Building, 1830 in das 
Printing Office der University Press an der Walton Street verlegt. 

79. Thomas Howard, Earl von Arundel, 1586 — 1646, wurde durch seine Heirat mit 
Alathea Talbot, Tochter des Earls von Shrewsbury, instand gesetzt, die seinem 
Vater abgenommeneu Güter zum Teil zurückzukaufen, spielte eine grosse Rolle 
am Hofe Jakobs I. und Karls I , verwendete sich als Gesandter beim deutschen 
Kaiser zu Gunsten des Königs Friedrich von Böhmen, verliess dann England, 
augeblich um die englische Königstochter auf der Flucht zu begleiten, wohnte 
aber in Padua mit beschränktem Einkommen (das Parlament hatte seine Güter 
sequestriert) bei seinem Enkel Heinrich, starb daselbst und wurde in Arundel 
(Sussex) begraben. Er hatte seit 1615 persönlich oder durch Agenten Statuten, 
Inschriften, Bilder, Bibliotheken (z. B. die Pirckheimersche) gekauft und in Arundel 
House in London aufgestellt. Er verfasste selber eine Beschreibung ,Marmora 
Arundeliana', London 16-28. Ein Teil der Sammlungen, der Gräfin vererbt, von 
ihr dem Sohne William, Viscount Strafford, wurde von dessen Erben 17-20 ver- 
steigert. Den Hauptteil aber erbte der Enkel Henry Howard, der sechste Herzog 
von Norfolk, und diesen veranlasste sein väterlicher Freund Evelyn, alle Inschriften - 
tafeln der Universität Oxford zu schenken, um sie vor dem Untergang zu retten. 
Der Rest der Skulpturen, an William Fermor, Lord Leominster verkauft, wurde 
von dessen Schwiegertochter Luisa Fermor, Gräfin von Pomfret, ebenfalls Oxford 
geschenkt. Die Gemälde, Gemmen und Statuen (z. B. die Homerbüste) ge- 
langten nach allerlei Schicksalen ins Britische Museum. D. N. B. XXVIII. Evelyn 
berichtet über seine Vermittelung am 19. Sept. 1667: To London with Mr. Henry 
Howard of Norfolk, of whom I obtain'd the gift of his Arundelian Marbles, those 
celebrated and famous inscriptions Greeke and Latine, gather'd with so much 
cost and industrie from Greece, by his illustrions grandfather the magnificent 
Earle of Arundel, my noble friend whilst he liv'd. When I saw these precious 
monuments miserablj' neglected and scatter'd up and downe about the garden 
and other parts of Arundel House, and how exceedingly the corrosive aire of 
London impair'd them, I procur'd him to bestow them on the University of 
Oxford. This he was pleas'd to grant me, and now gave me the Key of the gallery, 
with leave to mark all those stones, urns, altars, etc. and whatever I found had 
inscriptions on them, that were not statues. This 1 did, and getting them 



— 101 — 

remov'd and pil'd together, with those which were incrnsted in the garden-vvalls 
I sent immediately letters to the Vice-Chancellor of what I had procur'd, and 
that if they esteem'd it a service to the University (of which I had been a member) 
they should take order for their transportation. 

Die Universität stattete Evelyn ihren Dank ab durch eine Urkunde, überbracht von 
vier Vertretern, die ihm und dem Herzog ihre Verpflichtung ausdrückten und 
fernere Ehrungen verhiessen. Vgl. Evelyn, 25 IX. 1()()7. Am 28. IV. 1676 über- 
reichte Prid eaux, der gelehrte Verfasser der „Marmora Oxoniensia Arundeliana," dem 
Gönner und dem Donator persönlich seine Arbeit. 

80. Robert South, D. D. 1634—1716, orator publicus der Universität Oxford 1660 bis 
1677, daneben Kaplau Lord Ciarendons, später des Herzogs von York, Präbeudar 
von Westminster und Pfarrer von Islip in Oxfordshire. (Sein Hohn auf die Kgl. 
Gesellschaft der Wissenschaften vk^urde von Dr. Waliis gebührend zurückgewiesen). 
Er ist in der Westminster Abbey l)egral>en. 6 Bände Predigten veröffentlicht 
von ihm selber, 6 visitera nach seinem Tode 1717 und 1744. Vgl. D. N.B. LUI. 

81. A Scholar appointed to make a satirical and jesting speech at an Act in the 
University of Oxford. The custom was discontinued about the beginning of last 
(18th) Century. Anm. Lord Braybrooke's zu Pejiys' Diary, 24 II. 1668. 

82. Die Freiheit, ihre Zuneigung oder Abneigung gegen alle, auch die allerhöchsten 
in einer Promotion erscheinenden Persönlichkeiten laut und lärmend auszudrücken, 
ein spezifisch englisches Privileg, haben die Universisätsbehörden trotz Evelyns 
Entrüstung bis heute den Studenten nicht zu schmälern gewagt. 

83. Vgl. Pepys, 24. IL 1668. I saw his lady (Frau des Bischofs von Rochester, 
Catherine Sheldon, Nichte des berühmten Erzbischofs Gilbert Sheldon) of whom 
the Terrae Filius at Oxford was once so merry. 

84. Vermutlich Nicolaus Härder, der zweite Sohn des Baseler Stadtschreibers und 
Dreierherrn Hans Conrad Härder (älterer Bruder des berühmten Arztes Johann 
Jakob Härder, 1656 — 1711), der 1670 in Basel auf Grund der Disputatio de em- 
tione et vendione zum Dr. jur. kreiert wurde, nachem er schon 1667 Positiones 
Juridicas de Transitionibus veröffentlicht hatte. Er wurde 1678 Schultheiß des 
Gerichts von Grossbasel, 1709 Ratsherr, 1714 Kirchen- und Schuldeputat, 1717 
Dreizehnerherr, 1722 Oberstzunftmeister und starb 17.S0. Leu, Schweiz. Lexicon. 

85. Newport Pagnell und Bedford, beide in Buckinghamshire. 

86. King's College Chapel, von der Evelyn berichtet (31. VIII. 1654) : where I fouud 
the Chapel altogether answer'd expectation, especially the roofe all of stone. which 
for the flatness of laying ond carving, may I conceive vie with any in Christen- 
dome. The contignation of the roof (which I went upon) weight and artificial joyne- 
ing of the stones is admirable. The lights are also very faire, etc. 

87. Evelyn ib. : The Library is too narrow. 

88. Aelterer Name für Corpus Christi College; vgl. Heutzner, pg. 139. CoUegium 
Corporis Christi quod et S. Benedict! dicitur. 

89. Faesch meint die Expositio beati Gregorii papae super Cantica Canticorum, hsg. 
zu Nürnberg 1478, zu Basel von Michael Furter 1496. 

90. Evelyn ib: . . went first to see St. Jolm's Colledge, weil built of brick, and Li- 
brairie, wliich I think is the fairest of that University. One 'Sir. Benlowes has 
given it all the Ornaments of Pietra Commessa (Mosaik), whereof a table and 
one pièce of perspective is very fine; other trifies there also be of no great value, 
besides a vast old song-book or service, and some faire inanuscripts. There hangs 
in the library the picture of John Williams Abp. of York sometime Lortl Keeper, 
my Kinsman and their great benefactor. 



— 102 — 

91. Evelyn ib: Trinity College is said by some to be the fairest quadr angle of any 
University in Europ, but in trutb is far inferior to that of Ch'ist Church in Ox- 
ford: the hall is ample and of stone, the fountaine in the quadrangle is graeefuU, 
the ChapeU and Library faire .... The Library is pretty well stor'd. etc. 

92. Den hübschen und zutreffenden Merkvers hat Faesch offenbar in Oxford gehört. 
Der Kampf um den Primat kommt heutzutage bekanntlich bei dem alljährlichen 
Ruderwettkampf der beiden Universitäten am sichtlichsten zum Ausdruck. Er teilt ganz 
England in zwei Lager: Hellblaue und Dunkelblaue, Cambridgianer und Oxfordianer. 
Wie schwer es den alten Herrn der einen Universität ankommt, der andern Gerechtig- 
keit widerfahren zu lassen, das zeigt am besten der angezogene Bericht des äusserst 
vorsichtigen und vorurteilsfreien Evelyn über seinen Besuch in Cambridge. Er 
hat zwar die Sehenswürdigkeiten von Cambridge gewissenhafter betrachtet imd im 
Tagebuch eingehender beschrieben als sein Busenfreund, der leichtlebige alte Cam- 
bridger Student, Samuel Pepys (vgl. Pepys, 15. X. 1662, 8. X. 1667): aber man 
fühlt aus jedem Satz Evelyns, welche Anstrengung ihn ein lobendes AVort kostet, 
und mit welchem Behagen er das Schlußurteil hinschreibt: But the whole town 
is situate in a low dirty unpleasant place, the streetes ill paved, the aire tbicke 
and infected by the Fennes, nor are its churches (of which St. Marie's is the 
best) any thing considérable in compare with those of Oxford. — Billiger urteilt 
Pepys über Oxford: a very svveet place. 9. VI. 1668. 

93. Ware in Hertfordshire. 

94. Jetzt nördl. Vorstadt Londons in Middlesex. 

95. Katharina von Portugal, Gemahlin Karls II, 1658 — 1705. 

96. Hampton Court Palace, westl. v. London, in Middlesex, 1515 von Kardinal Wolsey 
erbaut, 1526 König Heinrich VIII. geschenkt, Lieblingsaufenthalt der Tudors und 
der Stuarts, unter Wilhelm III. durch Sir Christopher Wren erweitert und mit 
holländischen Gartenanlagen versehen (an Stelle der französischen Karls II.)-, heute 
zum Teil Museum, zum Teil Altersasyl. 

97. Arx Regia ex coctis lateribus a Thoma Wolsaeo Cardinale ad opes suas osten- 
tandas magnifiée extructa. Hentzner, pg. 150. 

98. Area ipsa primaria, lapide quadrato constrata est, in cujus centro fons salientis 
aquse, corona deaurata statuse justitiae subposita tectus consj^icitur, quam columnae 
ex marmore albo et nigro sustinent. 

99. Eigentl. cetos {zb y.ijTog), Meerungeheuer. 

100. Greenwich, ö. v. London. 

101. Der Triumphzug Caesars von Andrea Montegna, 1628 von Karl I. durch Daniel 
Nys vom Herzog von Mantua erworben, von Faesch mit Recht allen Gemälden 
dieses Schlosses vorgezogen, übereinstimmend mit dem Urteil schon der damaligen 
Kenner; vgl. Evelyn, 9. VI. 1662, also many rare pictures, especially the Caesarian 
triumphs of Andr. Mantegna, formerly the Duke of Mantua's. 

102. Dieses Bett, das Pepys als wichtigstes Schaustück nennt (12. V. 1662), hatte fol- 
gende Geschichte : The Queene's bed was an embrodery of silver on crimson velvet 
and cost £ 8000, being a présent made by the States of Holland when his Majesty 
(Charles II) returued, and had formerly been given by them to our King's sister 
the Princesse of Orange, and being liought of her againe was now presented to 
the King. (Evelyn, 9. VI. 1662). 

lOB Die Geweihsammlung, von Königin Elisabetli angelegt, erwähnt auch Evelyn ib. : 
The gallery of bornes is veiy particular for the vast beames of staggs, elks, an- 
telopes, etc. 



— 10:{ - 

lOi. Cosimo III. von Medici, Grossherzog von Toscana, 1(}42 — 1723, scheint bei seinem 
Besuch bei Karl II. im April und Mai 1669 ungewöhnliches Aufsehen erregt zu 
haben. Pepys und seine Frau verfolgten ihn mit der grössten Neujrierde. Took 
coach again and went five or six miles towards ßrainford (Brentford. w. v. London), 
where the Prince of Tuscany who comes into England only to spend money and 
see our Country, comes into the town to-day, and is much expected; and we met 
him, but the coach passing by apace, we could not see much of bim, but he seems 
a very jolly and good comely man. (Pepys, 5. JTV^. 1669, vgl. 11. 18. 25. IV 
29. V. 1669). 

105. "Wolsey und Heinrich VIII. hatten eine leidenschaftliche Vorliebe für Gobelins 
gehabt. Die acht köstlichsten (von Evelyn für ein "Werk Raphaels gehalten, hang- 
ings designed by ßaphael, very rieh with gold, von spätem Beurteüem dem 
vlämischen Maler Bernard van Orley, f 1541, zugeschrieben) stellen die Geschichte 
Abrahams dar. 

106. Die wirkliche Entfernung von Hampton Court bis Windsor beträgt 22 Km. 



Zu 

Ciceros Briefwechsel mit Plancus. 



Von 
Felix Stähelin. 



So hohes Lob im allgemeinen Emile Julliens ausführliche Mono- 
graphie^) über L. Munatius Plancus, den Gründer der Kolonien Lugu- 
dunum und Raurica, verdient, so läßt -sie es doch in der Verwertung 
des erhaltenen Briefwechsels zwischen Plancus und Cicero nicht selten 
an der wünschenswerten Sorgfalt fehlen. Dadurch ist an einigen Stellen 
das Bild vom Lebensgange dieses Mannes etwas verzerrt worden. In- 
dem ich die Punkte zur Sprache bringe, in denen ich anderer Meinung 
bin als Jullien, ergibt sich mir zugleich die Gelegenheit, mich hie und 
da mit P. Groebe und C. Bardt auseinanderzusetzen und die Darstellung, 
die ich in meiner eigenen kurzen biographischen Skizze über Plancus') 
gegeben habe, nachträglich zu begründen. 

S. 49 behauptet Jullien, am 1. Januar 43 sei der Senatsbeschluß 
gefaßt worden, wonach Plancus und die übrigen Statthalter in ihren 
Provinzen verbleiben sollten, bis der Senat ihnen Nachfolger sende. 
Allein Cicero selber schreibt in dem Brief an Cornificius Ep. XII 22, 3 : 
A. d. XIU. K. lan. senatus frequens mihi est adsensus cum de ceteris 
rebus . . . tum de provincm ah eis, qui obtinerent, retinendis neque 
cuiquam tradendis, nisi qui ex senatus consulto successisset. Daraus 
geht unzweifelhaft hervor, daß die Anträge, die Cicero am 20. Dez. 44 
in der 3. philippischen Bede gestellt hatte, vom Senat auch wirklich 
schon damals zum Beschluß erhoben worden sind.^) 



1) Emile Jullien, Le fondateur de Lyon. Histoire de />. Mtmatius Planeus. 
Annales de l'uniTersité de Lyon, tome cinquième, 1"' fascicule. Paris 1892. 

2) Basler Biographien I (Basel 15)00), S. 1 IT. 

3) Vgl. Sternkopf, Philologus 60 (S. F. 14), 282 ff. und Hermes 40, 529 ff. 



— 105 — 

Nachdem Plancus längere Zeit zwischen Antonius und der Senats- 
partei hin und her geschwankt hatte, richtete er endlich eine unzwei- 
deutige Ergehenheitsadresse an den Senat, die uns in Ep. X 8 erhalten 
ist. Den Beweggrund für diese entschiedene Wendung von Antonius 
weg erhlickt Jullien S. 51 darin, daß Antonius dem Senat vorgeschlagen 
hatte, er wolle auf die cisalpinische Provinz verzichten, wenn ihm dafür 
die transalpinische, d. h. eben die des Plancus, übertragen werde Aber 
dieser Vorschlag war von Antonius schon im Januar^) gemacht worden, 
da er von Cicero in der 8. Philippica (9, 27) besprochen und in dem 
Brief an Cassius Ep. XII 4, 1 erwähnt wird, die beide in den Anfang 
des Februar zu setzen sind.^) Die politische Schwenkung des Plancus 
dagegen ist erst gegen Ende März erfolgt (s. u.) ; sie kann also durch 
das Ansinnen des Antonius, ihm seine Provinz wegzunehmen, nicht mehr 
beeinflußt sein^), um so weniger, als Plancus noch im März dem Senat 
angeraten hatte, mit Antonius Frieden zu schließen! (Ep. X 6, 1). 
Der Grund wird vielmehr einerseits in der zunehmenden Verschlimmerung 
der Lage des Antonius vor Mutina*) liegen, andrerseits darin, daß 
auch in Rom die Stimmung gegenüber Antonius von Tag zu Tag kriege- 
rischer wurde"). 

In seiner offiziellen Adresse an den Senat gab Plancus eine ein- 
gehende Übersicht über seine militärischen Hilfsmittel, die er der Re- 
publik zur Verfügung stellte (Ep. X 8, 6): er hatte fünf Legionen, auf 
die er sich unbedingt verlassen konnte; ebenso war er des Gehorsams 
der gallischen Untertanengemeinden sicher und hatte aus ihnen eine be- 
deutende Auxiliarkavallerie ausgehoben. Es ist klar, daß auf diesen 
Brief Cicero im Eingang seines Schreibens Ep. ad Brutum II 2 an- 
spielt : Planci animum in rem publicam egregium, kgianes, auxilia, copias 
ex litteris eins, quarum exemplum tibi missum arhiiror, perspicere po- 
tuisii. Im Folgenden erzählt Cicero dem Brutus, welche Mühe es ihn 
gekostet habe, im Redekampf mit Servilius einen Antrag zu Grünsten 
des Plancus am 9. April im Senate durchzubringen (§ 3). Über dieselbe 
Senatssitzung berichtet Cicero Ep. X 12 (11. April) an Plancus selber: auf 
ein in der Morgenfrühe des 7. April eingetroÖ'enes hoch erfreuliches 



1) Vgl. Drumann, Geschichle Roms l- (Berlin 181)U) 182 ff.; Gardtbauseu, 
AMjvstus und seive Zeit I (Leipzig 1891) 96 f. 

2; Tgl. Drumann 12 I8fi ff.; Ganter. Fleckeisens Jahrb. 149 (1894). (>18; 
Bardt, Ausyeicählte Briefe aus Ciceronischer Zeil. Kommentar II (Leipzig 19Ô0), S. 415. 

3) Sonderbarerweise hat .Tullien gerade mit dieser gänzlich verfehlten Hj'pothese 
triauben gefunden: siehe das von Gurlitt in Bursiaus Jahresbericht Bd. 105 (19lXlIIi, 
S. 157 Anm. mit Beifall angeführte Zitat Clarks aus Tyrell und Purser, The corre- 
spondance of 31. Tullii/s Cicero. 

^) Vgl. Groebe bei Di'umaun 1- 449. 

■•) Vgl. Bardt 8. 422. 



— 106 — 

Schreiben des Plancus hin habe er sich augenbHckUch zum städtischen 
Praetor Cornutus begeben und durch diesen in Abwesenheit der Konsuln 
den Senat sofort einberufen lassen ; die Behandlung der Sache sei zuerst 
durch religiöse Bedenken des Cornutus auf den S. A^îril, dann infolge 
der Opposition des Servilius und der Intercession des P. Titius auf den 
9. April verschoben worden: an diesem Tage endlich habe Cicero den 
Beschluß zu Ehren des Plancus durchgesetzt. Jenes Schreiben, durch 
dessen Eintreffen Cicero in so freudige Erregung geriet und zu so 
energischem Eintreten für Plancus angespornt wurde, ist offenbar kein 
anderes als eben die offizielle Ergebenheitsadresse mit der Übersicht 
über die Machtmittel (Ep. X 8), auf die Cicero auch im Eingang des 
Briefs ad Brutum 11 2 Bezug nimmt. ^) Anderer Ansicht jedoch ist 
Bardt a. a. 0. S. 423 und 441. Er gibt an, die Antwort Ciceros auf die 
Ergebenheitsadresse des Plancus (X 8) wie auch auf den gleichzeitig 
von jenem an Cicero gerichteten Privatbrief (X 7) sei uns vielmehr in 
Ep. X 10 erhalten. In diesem Schreiben, das das Datum a. d. 111. 
Kul. Apr. (80. März) trägt, erklärt Cicero etwas kühl, man sei durch 
einen — uns nicht mehr erhaltenen — Brief des Plancus in Rom ja 
nun erfreulicherweise etwas mehr als bisher im klaren über die ganze 
Haltung des Plancus ; er habe Lob geerntet und würde, falls ein Konsul 
in Rom wäre und also der Senat einberufen werden könnte, für seine 
Vorbereitungen und Zurüstungen auch vom Senat belobigt werden; immer- 
hin solle er endlich einmal vollen Ernst machen und etwas zum Entsatz 
des bedrängten Decimus Brutus tun, dann werde ihm der Lohn nicht ent- 
gehen. Ich muß gestehen, daß mir diese Art von Anerkennung, nach- 
dem Plancus den Senat so entschieden seiner unbedingten Ergebenheit 
versichert hat, überaus mager vorkommt. Dieser Brief Ciceros nimmt 
sich, verglichen mit dem vom 11. April, aus wie eine Chamade neben 
einer Fanfare. Äußerst unwahrscheinlich ist es, daß der Senat über das 
Schreiben des Plancus X 8 wirklich nichts beschlossen, ja nicht einmal 
verhandelt haben sollte, wie Bardt S. 442 meint. Andrerseits läßt es 
sich kaum ausdenken, durch was für noch viel weitergehende briefliche 
Zusicherungen Plancus den begeisterten Erguß Ciceros Ep. X 12 her- 
vorgerufen und das Wunder bewirkt haben sollte, daß Cicero den Senat 
nun plötzlich trotz der Abwesenheit der Konsuln einberufen lassen 
konnte ! Nach Bardts — freilich unbegründeter — Annahme^) wären 
ja in Buch X die Briefe Ciceros und seiner Korrespondenten vollständig 
erhalten. Kann Bardt unter den vorhandenen Briefen des Plancus wohl 
denjenigen namhaft machen, dessen Eintreffen am 7. April die Repu- 



1) So auch (jroebe bei Druniann I- 209. ohne nähere Begründung. 

2) a. a. 0. Kommentar I (Leipzig 1898), S. VIII. 



— 107 — 

blikaner mit so freudigein Aufatmen l)egrüßt haben. — wenn es nicht 
eben der Brief X 8 ist? Die Wahrscheinlichkeit spricht unbedingt 
gegen Bardts Annahme. Folgende Erwägungen erheben die Wahr- 
scheinlichkeit zur Gewißheit. Plancus hat, wie er selber angibt, zu- 
gleich mit seiner Ergebenheitsadresse einen Privatbrief an Cicero nach 
Rom gesandt, in dem er sich um so kürzer fassen konnte, als er gleich- 
zeitig seinen Vertrauten, den römischen Ritter M. Varisidius, iiersönlich 
zu Cicero schickte, ex quo omnia cognoscere posses (Ep. X 7, 1). Was 
erfahren wir nun über den Überbringer des Briefes, der am 7. April 
den Cicero zu jenen Fanfarenstößen begeistert hat? Es war niemand 
anders als eben M. Varisidius! Er begab sich, genau nach Plancus' Auftrag 
handelnd, zuerst zu Cicero und überbrachte ihm ein Schreiben, dessen Lek- 
türe den Empfänger „unglaublich erfreute" {incredihili gaudio sum elatus 
Cic. ep. X 12, 2), dann brachte er dem Bruder des Plancus, dem Praetor 
Cn. Munatius Plancus, ebenfalls einen Privatbrief und zugleich ein offi- 
zielles Schreiben {et eas, quas publice [scriiJseras] X 12, 2). Xiemand 
wird bestreiten wollen, daß die von Varisidius am 7. April nach Rom 
gebrachten Briefe mit den erhalteneu, im März von Plancus dem Vari- 
sidius übergebenen Briefen X 7 und X 8 identisch sind. Damit ist der 
Beweis erbracht, daß der Beschluß, den der Senat am 9. April auf 
Ciceros Antrag zu Ehren des Plancus faßte, eben die Anerkennung für 
die offizielle Ergebenheitsadresse bildete, die wir in Ep. X 8 noch besitzen. 
Der Bericht über diese Senatssitzung, den Cicero am 11. April an 
Plancus sandte (Ep. X 12), war bis zum 26. April nicht in die Hände 
des Adressaten gelangt. Denn der am 26, oder 27. April verfaßte Brief 
des Plancus Ep. X 9 läßt erkennen, daß ihm damals von einem ihn 
ehrenden Beschluß noch nichts bekannt war.') Dagegen hebt der folgende 
Brief Ep. X 11 gleich an Immortalh ago tibi gratias agamque, dum 
vivam und versteigt sich sogar zu der Wendung si de filii tui dignitate 
esset actum, amahilius certe nihil facere poluisses. Dies ist offenbar der 
Dank dafür, daß Cicero vom 7. bis zum 9. April im Senat so energisch 
für die Ehrung des Plancus eingetreten war. Der Brief X 11 muß 
etwa Ende April geschrieben sein, da er (§ 2) die frische Kunde von 
der Schlacht bei Mutina (21. April) verrät;-) andrerseits kann er aber 
nicht, wie Jullien S. 54 behauptet, sich auf weitere Ehrungen beziehen, 
die der Senat erst beschlossen hatte, nachdem zwei Tage vor der Sieges- 
kunde von Mutina in Rom die Nachricht eingetroffen war, daß Plancus 
sich endlich gegen Antonius in Bewegung gesetzt habe (Ep. X 14 und 



1) Vgl. Ruete, Die Correspoudenz Ciceros iu den .labren 44 uud 4o (Straß- 
burger Dissertation, Marburg 188n), S. 121. 

2) Vgl. Bardt S. 47.'{. 



— 108 — 

13). Denn die SiegesnachricJit von Mutina kann erst am 26. April,') 
die Kunde vom Vorrücken des Plancus also nicht vor dem 24. April 
nach Rom gelangt sein. Mithin kann der Senat frühestens am 24. April 
die lobenden Beschlüsse gefaßt haben, und Plancus hätte sie nicht vor 
der zweiten Hälfte des Mai in einem seiner Briefe berücksichtigen 
können. Damals Avaren aber soviel wichtigere Ereignisse eingetreten, 
daß sein Schweigen über die neuen Ehrungen nur allzu begreiflich ist. 

Schon am 20. März war im Senat ein Schreiben-) des Antonius 
an Hirtius und Octavian verlesen worden, das uns Cicero in seiner 13. 
Philippica mit einem boshaften Kommentar überliefert hat. Darin berief 
sich Antonius u. a. auf Verabredungen mit Plancus, die er getreulich 
einzuhalten gedenke (Phil. XIII 19, 44) JuUien S. 55 bemerkt -dazu: 
peut-être . . . Antoine ignorait-il la lettre officielle de Plancus, näm- 
lich die Ergebenheitsadresse Ep. X 8. Da nun aber, wie wir oben 
sahen, diese Adresse erst am 7. April nach Rom gelangt ist, so kann 
nicht der geringste Zweifel darüber obwalten, daß Antonius, als er jenes 
Schreiben an Hirtius und Octavian absandte, von der Schwenkung des 
Plancus zur Gegenpartei noch keine Kenntnis besaß. 

In derselben Senatssitzung, am 20. März, lagen auch die Briefe 
des Lepidus und des Plancus vor, in denen übereinstimmend dem Senat 
ein Friedensscliluß mit Antonius empfohlen wurde. Mit Entschiedenheit 
wies Cicero in der 18. Philippica (4, 7f. ; 21,49) diesen Gedanken von 
der Hand, und an die beiden Politiker, die zum Frieden geraten hatten, 
sandte er noch an demselben Tage entrüstete Schreiben : X 6 an Plancus, 
X 27 an Lepidus. Dem letztern wirft er schnöden Undank gegenüber 
dem Senate vor, der ihn doch mit so hohen Ehren ausgezeichnet habe. 
Unrichtig ist also die Behauptung Julliens S. G3, daß Lepidus nur einen 
Monat vor dem 21. Mai, an dem er sich wieder an den Senat wandte 
(Ep. X 34), die republikanische Partei durch seinen Friedensvorschlag 
brüskiert habe. Es lagen mindestens zwei Monate dazwischen. 

Die folgenden Erörterungen beziehen sich auf den Brief des Plancus 
X 21, über dessen chronologische Einreibung noch die größte Meinungs- 
verschiedenheit herrscht. Während ihn nämlich Ruete a. a. 0. S. 52, 
0. E. Schmidt a. a. 0. S. 459 und Holzapfel, Berliner philol. Wochen- 
schrift 1900, Sp. 720 nach Wesenbergs Vorgang (in der Klotzischen 
Ciceroausgabe Part. III, Vol. I, S. 320) auf den 14. Mai datieren, lassen 
ihn JuUien S. 68, Groebe a. a. 0. S. 465 ff. (unter Beifall von Gurlitt 



') Vgl. 0. E. Schmidt im Anhang von M. Tulli Ciceronis epistulartim tihri 
aedecim ed. L. Mendelssohn (Lips. 1893), S. 458 Anm. .=î. 

2) Rekonstruiert von Bardt a. a. ()., Text^ (Leipzig und Berlin 1904), Nr. 10.% 
S. 180 ff. Statt „Ende März" sollte es in der Überschrift heißen „Mitte März". 



— 109 — 

a. a. O. S. 151) und Bardt Komm. S. 473 ff.^) erst gegen Ende dieses Monats, 
am 28. (Bardt) oder 29. Mai (Groebe) geschrieben sein. Den Ausgangs- 
punkt füi- die zeitliche Fixierung müssen die Worte X 21,1 bilden: 
scripsique tili biduo ante coiifidere me bono Lepido esse usuriim com- 
mimique consilio bellum administra turum. Welches ist dieses 2 Tage 
früher erlassene Schreiben? Nach Wesenberg, Ruete, Schmidt wäre es 
Ep. X 15, nach Groebe (Jullien und Bardt-) äußern sich darüber nicht) 
dagegen X 17. Prüfen wir zunächst diese zweite Annahme. Man kann 
zugeben, daß sich aus X 17 zur Not das herauslesen läßt, was nach 
X 21, 1 den Inhalt des früheren Schreibens gebildet haben muß. Schwere 
Bedenken erregt aber, was Plancus am Anfang von X 17 dem Cicero 
über die Bewegungen der Armee des Antonius meldet: M. Antonius sei 
mit der Spitze seiner Truppen in Forum Julii angelangt, sein Unterfeld- 
herr P. Ventidius Bassus rücke zwei Tagemärsche hinter ihm her.^) Nun 
fällt die Ankunft des Antonius in Forum Julii nach Groebes eigenem 
Nachweis^) auf den 8. Mai, die des Ventidius also wahrscheinlich auf 
den 10. Mai.*) Daß Plancus diese Angaben erst in einem Briefe ge- 
macht haben soll, der nach Groebes Annahme zwei Tage vor X 21. 
also am 27. Mai geschrieben wurde, ist undenkbar. Denn am 27- Mai 
war Antonius mit seinem ganzen Heere längst nicht mehr in Forum 
Julii, sondern hatte sein Lager dem Lepidus gegenüber am Argenteus 
aufgeschlagen. Daß er sich dort schon längere Zeit vor der am 29. 
erfolgten Vereinigung mit Lepidus aufgehalten haben muß, lehrt die an- 
schauliche Schilderung Appians hei/, c/r. 3, 83 f. von dem allmähhch 
immer lebhaftem und intimem Verkehr zwischen den beiden Lagern 
deutlich. Plancus aber hätte am 27. Mai von dem Vorrücken des An- 
tonius an den Argenteus längst Kenntnis besitzen müssen. Denn er 
befand sich um diese Zeit keinesfalls weiter nördlich als an der Isère. 
Nun beträgt die Entfernung von Grenoble bis Fréjus in der Luftlinie 
210 km. Diese Strecke konnte ein Eilbote, selbst bedeutende Umwege 
eingerechnet, in 4 Tagen zurücklegen.^) Der 27. Mai, das angebliche 

1) In der zweiten Auflage des Textheftes (1904) S. 188 hat Bardt das im Kom- 
mentar S. 476 verworfene Datum „14. Mai" nicht geändert. Vielleicht darf man daraus 
schließen, daß er zu seiner früheren Annahme, die sich mit derjenigen Schmidts deckte, 
zurückgekehrt ist. 

2) Da Bardt annimmt, der Briefwechsel zwischen Plancus und Cicero sei uns 
ganz erhalten (s. o. S. 106l. kann auch er die Worte scr/psi tibi bidtto ante schwerlich 
auf einen andern Brief beziehen als auf X 17. 

^) X 17, 1 : Antonius f Idus Maias ad Forum 1/ilii cum primis copiis venit; Ven- 
tidius bidiii spatio obest ab eo. Das korrupte Datum ergänzt Groebe (S. 46 t und bei 
Gurlitt a. a. 0. 172 Anm. 3) überzeugend a. d. VIII Idus Maias. 

^) Danach sind meine Angaben Basl. Biogr. I 13 zu ändern. 

'"') Vgl. Groebe S. 464, ferner im allgemeinen über damalige Botengeschwiudig- 
keit Ruete S. 121 f. 



— HO — 

Datum von X 17, liegt aber um volle 19 Tage später als die Ankunft 
des Antonius, um 17 Tage später als die mutmaßliche Ankunft des 
Ventidius in Forum Julii. Damals sollte Plauens also erst von dem 
Eintreffen des Antonius in Forum Julii, noch nicht aber von dem des 
Ventidius ebendaselbst, geschweige denn von dem weitern Vorrücken 
Marc Antons von Forum Julii nach dem Argenteus Kenntnis gehabt 
haben ? Daß dies unmöglich ist, liegt auf der Hand ; und daraus ergibt 
sich, daß X 17 nicht erst am 27. Mai geschrieben sein kann, sondern 
näher an den 10. Mai herangerückt werden muß.^) Das heißt mit 
andern Worten : Groebes Ansicht, daß X 1 7 zwei Tage vor X 21 
geschrieben sei, ist unhaltbar. Steht es besser um die andere Annahme, 
wonach nicht Ep. X 17, sondern X 15 der Brief ist, der zwei Tage 
vor X 21 geschrieben wurde? In X 15 schreibt Plauens von der Süd- 
seite der soeben passierten Isère aus,-) er sei in Bezug auf die Haltung 
des Lepidus guten Muts, da ihm Juventius Laterensis die Versicherung 
gegeben habe,^) daß Lepidus gegen Antonius kämpfen werde ; daher sei 
er nun im Begriff", nach Süden vorzurücken, um sich so schnell als 
möglich mit Lepidus zu vereinigen ; zu diesem Zwecke habe er soeben, 
am 12. Mai, die Isère überschritten. Als Datum dieses Briefes wird 
mit großer Wahrscheinlichkeit allgemein eben der 12. Mai angenommen, 
so auch von Groebe S. 467. In X 21 sind freihch Ton und Stimmung*) 
ganz anders: „So war es vorgestern: ich vertraute den eigenhändigen 
schriftlichen Versicherungen des Lepidus und dem, was Laterensis münd- 
lich beigefügt hatte ; da kommt eine Ordonnanz (stator) des Lepidus 



1) Schmidts Ansatz von X 17 auf den 19. oder 20. Mai wird das richtige treffen. 

2) Und zwar wahrscheinlich aus Cularo : vgl. Ruete S. 49 ; Groebe S. 464. 

3) Laterensis war vor dem 12. Mai bei Plancus persönlich anwesend ; die "Worte 
qid tu tu fipiid tue erat (X 21.1) werden von denen, die diesen Brief auf den 14. Mai 
ansetzen, selbstverständlich nicht mit scripsi tibi biduo ante in eine zeitliche Ver- 
bindung gebracht, wie Groebe S. 466 insinuiert. Denn wenn Laterensis noch am 12. Mai bei 
Plancus gewesen wäre, hätte doch wohl nicht schon am 14. Mai ein Brief von ihm 
aus dem Lager des Lepidus bei Plancus eintretTen können. 

^) Die gegenüber X 15 völlig veränderte Stimmung vor allem hat seit Drumann 
I' (Königsberg 1834) S. 353 und 355 die Gelehrten immer wieder zu einer spätem 
Datierung von X 21 verleitet, vgl. Groebe S. 466. Und doch eröffnet Plancus selber 
gerade aus dem richtigen Gefühl heraus, daß der Ton nicht zu X 15 passe, den Brief 
X 21 mit den Worten puderet me inconstanliae Utterarinn mearum etc. Die 
gedrückte Stimmung in X 21 erklärt sich aber, wie Holzapfel Herl. phil.Woch. 1900, Sp. 720 
sehr richtig ausführt, hinlänglich durch die Befürchtung einer Vereinigung des 
Lepidus mit Antonius. So, nicht als Hinweis auf eine vollzogene Tatsache, ist mit 
Holzapfel diiobits exercitibtis coniunclis zu fassen (§ 5). „Daß es sich um eine noch 
im Bereiche der Zukunft liegende Eventualität handelt, ist auch aus § 6 etiamsi ille 
exercitus descierit, wo descieril nur als fut. ex. und nicht etwa als coni. perf. be- 
trachtet werden kaim, ersichtlich" (Holzapfel). 



— 111 — 

mit der Weisung, ich solle doch an der Isère bleiben, da er allein fertig 
werden könne ; kurz darauf trifft ein verzweifelter Brief von Laterensis 
ein, wonach von der Haltung des Lepidus das schlimmste zu befürchten 
ist. Ich zweifle daher an der Zweckmäßigkeit eines weiteren Vorrückens 
und bin im Begriff, zurückzukehren (jtaqnc refflfitrua mm § 5, nämlich 
auf die Nordseite der Isère)." Der Überbringer dieses Briefes heißt 
nach § 3 Laevus Cispius. Wenn die Datierung von X 21 auf den 14. 
Mai richtig ist, dann fällt er zwischen X 15 (12. Mai) und X 18 (18. 
Mai). Der Gedankengang von X 18 ist folgender: „Laevus — offenbar 
eben der Überbringer von X 21 ^) — und der Brief, den er dir brachte 
— offenbar X 21 — , konnten dir melden, was ich vorhatte (nämlich 
über die Isère zurückzugehen). Nun habe ich mich gleichwohl, auf die 
Aufforderung des Lepidus und die dringenden Bitten des Laterensis hin, 
in die Gefahr begeben. Ich verlasse daher (heute) am 18. Mai die 
Isère, rücke südwärts vor und hoffe mich in 8 Tagen mit Lepidus zu 
vereinigen." Aus dieser Skizzierung des Inhalts ist zu ersehen, daß 
X 21 sich trotz dem abweichenden Tone sehr wohl zwischen X 15 und 
18 einfügt, und es ist denn auch ein irgendwie zwingender Beweis gegen 
diesen Ansatz von keiner Seite vorgebracht worden. Daß der heißum- 
strittene Brief nun aber zwischen X 15 und 18 nicht nur untergebracht 
werden kann, sondern untergebracht werden muß, ergibt sich aus fol- 
gendem. Plancus verließ in der Tat, wie auch Bardt S. 474 f. und 
Groebe S. 257 aus X 18 entnehmen, am 18. Mai-) seine bisherige 
Stellung an der Isère und langte etwa eine Woche später beim Yerdon 
an. Diese Tatsache hätte unbedingt in einem Brief vom 29. 
Mai, vermutlich dem ersten, den Plancus aus seinem neuen 
Lager am Verdon geschrieben hätte, erwähnt werden müssen. 
Nun aber steht von dieser Tatsache in dem Brief X 21, den Groebe 
auf den 29. Mai ansetzt, kein Wort, sondern wir erfahi'en sie erst aus 
dem Brief X 23, den Plancus am 6. Juni schrieb, als er sein Lager 
bereits an die Isère zurückverlegt hatte. Welches ist dagegen die Si- 
tuation in X 21 ? „Ich hatte die Isère passiert und hatte im Sinn, 
diesen Fluß zu verlassen, um mich mit Lepidus zu vereinigen: da kam 
der Stator und der verzweifelte Brief des Laterensis; daher bin ich im 

') Die Identität des Laevus Cispius iu X "21, 3 mit Laevus in X 18, 1 weist 
Groebe bei GurUtt S. 172 Anm. 1 nach, glaubt aber irrigerweise den Auftrag an den- 
selben dabo perferenda (X 21, 3) auf eine spätere Sendung, nach der Rückkehr aus 
Rom, beziehen zu müssen. In Wirklichkeit ist Laevus Cispius in § 3 ohne Zweifel als 
Ulierbringer von X 21 gemeint, nachdem an demselben Tage oder einen Tag früher 
schon ein Eilbote an Titius abgegangen war. 

2) Wenn .Jullien S. 65 f. statt dessen den 21. Älai nennt, so beruht dies lediglich 
auf der in den neuern Ausgaben beseitigten schlechten Lesart a. d. XII. Kalend. hin. 
statt a. d. XY. K. hm. in X 18,4. 



- 112 — 

Begriff zurückzukehren." Mit vollem Recht betont Holzapfel a. a. 0., 
daß Plancus, als er so schrieb, seinen Standort an der Isère noch gar 
nicht verlassen haben kann. Daraus folgt mit Sicherheit, daß der Brief 
X 21 vor dem 18. Mai geschrieben sein muß. In was für seltsame 
Widersprüche man durch den unrichtigen spätem Ansatz dieses Schreibens 
verwickelt wird, zeigen insbesondere Bardts Ausführungen. S. 475 läßt 
er den sfaior mit Hecht „Mitte Mai" an der Isère bei Plancus eintreffen, 
dagegen soll der Notschrei des Laterensis, den Plancus X 21, 3 unmittel- 
bar nach dem skifor erwähnt, erst zwei Wochen später erfolgt sein! 
All diese Unwahrscheinhchkeiten schwinden sofort, wenn man als erwiesen 
anerkennt, daß der Brief X 21 vor X 18 geschrieben ist und daß sich 
demnach die Worte htduo ante (21, 1) auf X 15 beziehen, mithin X 21 
auf den 14. Mai anzusetzen ist. 

Am 12. Mai*) hatte Plancus die Isère überschritten; bis zum 18. 
Mai aber blieb er an ihrem südlichen Ufer liegen. Was war der Grund 
für diese lange Untätigkeit? Jullien S. 65 antwortet: er wollte hier die 
Ankunft seines Kollegen Decimus Brutus abwarten.-) Aber Brutus be- 
fand sich noch immer in der Poebene, und wenn Plancus wirklich aui 
ihn hätte warten wollen, brauchte er die Isère gar nicht zu überschreiten. 
Die hastige Überbrückung dieses Flusses (Ep. X 15,3; 21,2) beweist, 
daß Plancus tatsächlich sofort nach Süden vorzurücken beabsichtigt hatte. 
Daß sich sein Vormarsch doch noch um 6 Tage verzögerte, erklärt sich 
hinreichend aus dem Eintreffen 1) des Htator, durch den ihn Lepidus 
zum Bleiben aufforderte, und 2) des verzweifelten Briefes des Laterensis, 
aus dem Plancus schließen mußte, daß Lepidus mit Antonius bereits 
geraeinsame Sache mache, sein eigener Vormarsch nach Süden also 
zwecklos wäre. Jullien meint freilich (S. 66), die Ordonnanz des Le- 
pidus sei erst nach dem Aufbruch von der Isère zu Plancus gelangt. 
Das ist aber mit der richtigen Datierung des Briefes X 21 unvereinbar: 
der stato?' kann nicht später als am 14. Mai eingetroffen sein, da er au 
diesem Tage von Plancus X 21, 2 erwähnt wird. 

Es ergibt sich aus dem richtigen Ansatz dieses Briefes ferner, daß 
Plancus nicht erst nach der Verlegung seines Lagers an den Verdon 
Kunde von den antirepublikanischen Demonstrationen im Heere des 
Lepidus (Ep. X 21,4) erhalten hat, wie Jullien S. 67 angibt, sondern 



^) Daran halte ich gegenüber Groebe S. 4ß4 fest. Den von ihm wiederholten 
Einwand Nakes hat schon Ruete S. 51 f. widerlegt. 

-) Vielleicht schwebt Jullien die Stelle Ep. X 18,2 vor. liier schreibt Plancus 
aVjer unmittelbar nach dem Aufbruch von der Isère: er habe seinen Standort verlassen, 
obwohl es für ihn gefahrloser gewesen wäre, an der Isère zu warten, bis sich Brutus 
mit ihm vereinige (vgl. Drumann 12 257). Die Stelle beweist doch nichts für die Grründe 
der Untätigkeit vom 12. bis zum 18. Mai. 



— 113 — 

bereits als er noch an der Isère lag. Endlich kann der verzweifelte 
Brief des Laterensis, den Plancus X 21,3 erwähnt, nicht — wie Dru- 
mann I' 353. 355, Jullien S. 68, Groebe S. 466 und Bardt S. 476 be- 
haupten — eine letzte, unmittelbar vor der Vereinigung des Lepidus 
mit Antonius und dem eigenen Selbstmord an Plancus abgesandte 
Warnung, „sein politisches Testament" gewesen sein. Vielmehr hat 
Laterensis diesem Schreiben später noch ein weiteres, in etwas weniger 
verzweifelter Stimmung abgefaßtes folgen lassen, vgl. Ep. X 18, 2. 

Am 29. Mai hat sich die Vereinigung des Lepidus mit Antonius 
wirklich vollzogen (Plancus Ep. 23, 2). Hiemit bringt Jullien S, 69 die 
Bemerkung des Cicero an D. Brutus Ep. XI 12,2 mm 'die (Antonius) 
mild fugisse a Mutina ridetur, .sed locuni t)eUi (jertndi mutasse in Ver- 
bindung. Allein dieser Brief ist, wie Bardt S. 472 nachweist, schon um Mitte 
Mai geschrieben. Demnach kann Ciceros Bemerkung den ihr von JuUien 
untergelegten Sinn nicht haben, sondern nur den einer — wie die Folge 
lehrte, fruchtlosen — Aufforderung an D. Brutus, durch nachdrückhche 
Verfolgung des Antonius zu bewirken, daß der Sieg von Mutina mehr 
bedeute als eine bloße Verlegung des Kriegsschauplatzes von Oberitalien 
nach Gallien. 



Die 
MEPH TH2 TPArQIAIA^ 

in der Tragödie des V. Jahrhunderts. 



Von 
Jakob Oeri. 



Von Rechts wegen sollte sich die Einteilung der Tragödie aus der 
logischen Zergliederung der Handlung ergeben; wir aber glauben ge- 
wöhnlich unsere Pflicht zu tun, wenn wir das zwölfte Kapitel der Aristote- 
lischen Poetik zu Grunde legen, und kommen dabei zu so schönen Re- 
sultaten wie dem, daß die Rede des Aias änavd- b /naxQÔç (646/92) 
einen ganzen Hauptteil ausmache, und daß anderseits von 719 bis 865 
alles zusammenhange, trotzdem das Stück bei der Ortsveränderung nach 
814 den tiefsten Einschnitt hat, den ein Stück haben kann. Dem gegen- 
über möge nun einmal gefragt werden: Wie müßten wir. wenn wir 
Aristoteles nicht hätten und rein auf das vorhandene Tragödienmaterial 
angewiesen wären (dem hier auch der Kyklops beigefügt werden möge), 
bei der Einteilung verfahren? Indem dies mit dem folgenden Versuche 
unternommen wird, muß vorausgeschickt werden, daß hier nur eine 
kurze Skizze gegeben werden kann, deren Verfasser auf manches ver- 
zichten muß. Man wird hier wenige Auseinandersetzungen mit den An- 
sichten anderer, nicht gerade vieles über die historische Entwicklung 
der Formen, keine Beziehung auf die in deutschen Landen so verrufene 
szenische Responsion ') finden. Den Zitaten sollen die am meisten ver- 



ij Nur darum, weil eben wieder die Mär durch's Land geht, daß ich ein rück- 
sichtsloser Versetilger sei, sei denn das doch gesagt; Die sich über mehr als -tOOO Verse 
erstreckende Hauptresponsion in Elektra, Oedipus, Koloneus, Trachinierinnen und Phi- 
loktet, von der meine ganze Argumentation ausgeht, erheischt die Tilgung der zwei 
von Brunek aus Phil, 1365 ausgeschiedenen Verse, von Phil. 1443 f., Kol. 614 f., 
640 f., S. mein Programm „Die Sophokleische Responsion. Basel 1903". Wem das viel 
scheint, der möge kommen und es sagen. 



— 115 — 

breiteten Teubner'schen Ausgaben zu Grunde liegen, und wo längere 
Zitatenreihen zu geben sind, werde ich mich, statt an die problematische 
historische, an die dortige Reihenfolge der Stücke halten, nur daß der 
Kyklops immer an den Schluß und der Rhesos dahin gestellt wird, 
wohin er gehört, nämlich zwischen Aeschylus und Sophokles.') 



1) Wenn dieses frisch geschriebene und geschickt komponierte Stück in die Zeit 
des zweiten Seebundes gehörte, so wäre der Dichter, der sich dabei von allem Einfluß 
des Euripides und von allem, was Rhetorik und Manier heißt, freigehalten hätte, ein 
Miraculum der Weltliteratur. Diesen Ruf verdient er nicht, aber er hätte auch nicht 
der Unsitte unserer Zeit zum Opfer fallen sollen, die alles Mangelhafte auf Rechnung 
der Decadenz setzt und nicht mehr weiß, daß es auch eine vorklassische Zeit zu geben 
pflegt. Wenn man der alten Zeit den vierten Schauspieler (hier Paris) nicht zutrauen 
will, so frage ich: Welcher Sterbliche weiß denn darüber, wie es in den verschiedenen 
Zeiten mit dem 7iaQayoQ)'jyi]j.ia stand, etwas Bestimmtes? Mein Mutmaßen würde es 
mir am ehesten in der Zeit möglich erscheinen lassen, da ein Dichter selbst etwa noch 
als Schauspieler auftrat. Und was die Unmöglichkeit des deus ex machina betrifft, so 
mag es sein, daß er in der Frühzeit nicht jählings è^ at&éQoç mv/JHv herabkommen 
konnte. Aber man wird eben primitivere Mittel gehabt haben. Der Okeanidenwagen 
des Prometheus z. B. konnte doch wohl auch auf horizontal gespannten Seilen einher- 
fahreu. Die Klage einer Göttin um den toten Sohn aber ist doch ein gerade der stark 
vom Epos abhängigen Zeit wohl zuzutrauendes Motiv. Auch die Kunst stellte die 
Göttin, die zov veôô^i^tov veyiQov êv %eiQolv (poQäStjv ué^Tiei,, dar. Yergl. die Pietà 
(Eos u. Memnon) auf der schwarzfigurigen und der Duris-Vase bei Röscher II, 2, S. 
2676 und I S. 1265/6. Wer nun, wie ich, von dem Studium der ,«/(>»/ r/]c rçayqyôlag 
herkommt, der kann gar nicht anders, als den Rhesos früh ansetzen. Nicht nur läßt 
sich die Prologlosigkeit am leichtesten damit erklären, daß wir es mit dem zweiten 
oder dritten Stück einer Inhaltstrilogie zu tun haben dürften, sondern Einzelheiten, auf 
die ein Nachahmer nicht leicht verfallen wäre oder die er sklavischer kopiert hätte, 
sprechen dafür. Altertümlich ist die starke Verwendung der Anapäste in derParodos, 
und die Isolierung der Strophen des zweiten Liedes der Chorbewegung (527/64) 
durch Anapäste von Eeinzelchoreuten hat ihr Analogen nur in der Parodos der An- 
tigene; die kurze, von Weherufen unterbrochene trochäische Partie 728/31 hat das ihre 
nur in Agam. 1343/47 ; die Verbindung von Trimetern mit Anapästen (733/55) hat sich 
Sophokles im Oedipus 1312 wieder gestaltet u. A. Wenn ich aber hier unwillkürlich 
„wieder" sage, so muß ich allerdings dazu bemerken, daß, irenn der Rhesos alt ist, 
dann auch fast mit Notwendigkeit Sophokles als Dichter muß angenommen werden. 
Von den vielen Anklängen an den Aias, die bekanntlich hiefür sprechen, möge hier 
nur einer hervorgehoben sein : Aus Aias 748 fl'. spricht die Lehre, daß was geschehen 
muß, seinen Weg findet, auch wenn eine andere Wendung ganz nahe läge und aus 
Rhesos 595 die, daß, was nicht geschehen darf, so nahe es liegt, nicht geschieht. Tn 
beiden Fällen hängt die Entscheidung vom Erleben eines bestimmten Momentes ab; 
aber wie schön ist dieses Motiv der Schicksalsstunde variert! Und Sophokles hat es ja 
überhaupt geliebt, seine Motive mutatis mutandis zu wiederholen, so daß auch die von 
Wilamowitz bemerkte Wiederkehr eines solchen aus den Iloifiéveg uns nicht wundern 
darf. Also derjenige Grammatiker wird recht gehabt haben, der beim Rhesos den 
Hocpôy.Àsiog yaçaKTiJQ durchschimmern sah; nur steht Sophokles in diesem Stücke noch 
nicht auf seiner Kunsthöhe, und deshalb wird man gut tun, es möglichst früh, jedenfalls 
früher als den Aias anzusetzen. 



— 116 — 

Es müßte sich nun zuerst um die Einteilung des ganzen in seine 
Hauptteile und dann, um die der letztern in ihre Nebenteile handeln. 
Indeß wird es aus äußern und Innern Gründen empfehlenswerter sein, 
weniger systematisch vorzugehen und sich auf einige wichtige Kapitel 
zu beschränken, bei denen unter- wie übergeordnete Partien in Frage 
kommen. Statt eines kurzen Aufsatzes könnte sonst aus dieser Abhand- 
lung leicht ein Buch werden. 



Wir haben gelernt und gelehrt, die Hauptteile der Tragödien folgten 
aufeinander als Prolog, Parodos, I Epeisodien, I Stasimon, II Epeiso- 
dien .... letztes Stasimon, Exodos. Dabei dachte man sich die Parodos 
zwar etwas anders geartet und vorgetragen als die Stasima, aber im 
Wesentlichen ihnen doch koordiniert. Dies war nun aber, wenn wir es 
schon von Aristoteles hatten, das tiqütov tpEvôog, an dem die richtige 
Einteilung scheitern mußte ; es sprechen dagegen folgende Gründe : 

1. Der Zweck der Parodos und der der Stasima ist durchaus ver- 
schieden. Mit jener führt sich der Chor ein, so gut als jede Person des 
Stückes dies auch tun muß, wenn sie nicht von andern vorgestellt 
wird ; daß es feierlich oder doch in bewegter Form geschieht, verändert 
den Zweck nicht -, die Stasima und die mit ihnen zusammen zu be- 
sprechenden meUschen Vorträge dagegen sind, wie wir sehen werden, 
ausnahmslos Zwischengesänge, d. h. sie decken eine Zwischenzeit, die 
aus irgend einem Grunde zwischen einer vorangehenden und einer 
folgenden Szene anzunehmen ist; sie isolieren die Szenen von einander, 
stellen aber dadurch, daß sie selbst die Lücke ausfüllen, die Einheit 
der Zeit her. 

2 Was die Form betrifft, so sind die Zwischengesänge, welche 
nach dem sog. I. Epeisodion zwischen Hauptteilen vorgetragen werden 
(wie übrigens auch die zwischen Nebenteileu), rein iiielisc/ier Art, während 
der Prolog und die spätem Dialogpartien, so vielmelisches und anajjästisches 
auch in sie eingesprengt erscheint, als Grundform durchweg den Trimeter 
haben. Die Parodos dagegen hat keine feste metrische Grundform. 
Proteusartig ist sie bald rein melisch, bald enthält sie neben dem Melos 
Anapäste, bald ist sie ein Kommos, in dem Chor und Schauspieler sich 
in langen Wechselgesängen unterhalten, bald ein solcher, da sie es nur 
mit kurzen Worten tun, einmal auch nur ein Vortrag anapästischer 
Hypermetra durch den Chorführer; kurz, der Dichter hat hier freie 
Wahl, wie sonst bei den Hauptteilen nicht. 

Ist sie also ein untergeordneter Teil ? Ich sage „Ja", sie ist das 
erste oder auch das zweite Glied des auf den Prolog folgenden Haupt- 
teils und auch wenn sie rein melisch ist, im Prinzip nichts anderes als 



— 117 — 

was man bisher ein episodisches Chorikon nannte. Hiefür fällt noch 
folgendes in Betracht : 

3. Was für die Parodos recht ist, müßte auch für die andern 
Partien, womit der Chor auf- und abzieht, bilHg sein, also für die 
Epiparodos, die Aphodos (man verzeihe mir das selbstgebildete Wort) 
innerhalb und die Exodos am Ende des Stückes. Ich denke denn auch, 
daß die meisten nichts würden dagegen haben, Alk. 861/933, Rhesos 
527/64, Hik. Aesch. 1018/74 als Hauptteile zu erklären. Aber würden 
sie dies auch bei dem Hypermetrou Alk, 741/6 oder gar bei jedem 
TioXXal fzoQ(pal t&v öatfioviojv wagen ? Ich glaube kaum, obschon die 
Konsequenz es verlangen würde. Die gleiche Konsequenz hat nichts 
Stoßendes, wenn alle diese Partien und also auch die Parodos unter- 
geordnete Partien sind. 

4. Die Zwischengesänge sind wenigstens in der Zeit nach Aeschylus 
nicht mehr integrierende, durchaus notwendige Teile der dramatischen 
Entwicklung. So wenig man sie entbehren möchte, so sehr die Seele des 
Stückes oft in ihnen lebt — man denke nur an Oed. 863/910 — , der 
äußere Gang der Handlung ließe sich fast immer ohne sie verstehen ; 
hätte der Dichter sie weggelassen, so hätte er eben nur ein anderes 
Mittel finden müssen, um dem Aneinanderstoßen zeitlich getrennter 
Szenen seine Härte zu nehmen, und da hätte er, wie wir nachher sehen 
werden, nicht lange zu suchen gehabt. Anders ist es mit der Parodos. 
Diese ist bald mit dem vorhergehenden, bald mit dem folgenden so enge 
verkettet, daß ihr AVegfall sofort der Annahme einer Lücke in der Über- 
lieferung rufen müßte. Wenn es z. B. im Prologe des Oedipus (144) 
heißt aÀÀOQ ôt Kdôfiov Zaöv ojô' dd-QoiÇéToj, so niuß nachher der Kad- 
meische Adel ganz notwendig erscheinen und sein Auftreten irgendwie 
motivieren, und wenn nach dem Päan, womit er dies tut, Oedipus (216) 
ihn mit ahslg anredet, so hat er ihn eben vorher gehört ; das Lied 
selbst aber, so mächtig die Empfindung ist, die sich in seiner Form und 
seinem Inhalte ausspricht, ist ein Teil der Exposition und steht zum 
Ganzen in keinem andern Verhältnis als die Rede des Greises im Prolog. 
Nicht anders steht es mit dem Dank- und Freudengesang in der 
Antigone, mit dem Trostgesang in den Trachinierinnen und besonders 
mit allen denjenigen Parodoi, welche Kommoi sind; denn der Kommos 
unterscheidet sich nur durch den gesteigerten Ton vom sonstigen Dialog. 

5. In vollen 22 von allen 33 Stücken schließt sich an die Chor- 
parodos entweder eine an den Chor gerichtete Rede oder ein Dialog 
zwischen Schauspieler und Chor. Wie nimmt sich nun die Annahme 
einer Hauptcäsur zwischen beiden aus, zumal wenn das Zweite durch 
parallelen Inhalt als Fortsetzung des Ersten markiert ist, wie El. Soph. 
230 fï". und 254 Ô'., wo Elektra sich beidemal wegen ihres Verhaltens 



— 118 — 

mit der Notwendigkeit entschuldigt, oder Kol. 237/53 und 275/9, wo die 
Hikesie Antigenes und die des OedijDus fast unmittelbar aufeinander 
folgen ? 

6. Bisweilen ist die Chorparodos auch einer vornngehenden Szene 
eng koordiniert. Wer sich nämlich auch nur einigermaßen vom Buch- 
staben des Aristoteles frei machen kann, der wird doch unmöglich, wenn 
ihr eine Monodie derjenigen Person vorangeht, die nachher mit dem 
Ohore spricht, die Hauptcäsur erst hinter der Monodie ansetzen und 
diese selbst dem Prologe zurechnen können. Hat es z. B. in der Hekabe 
irgendwelche Wahrscheinlichkeit, daß die Monodie der Greisin zusammen 
mit der Rede von Polydors Schatten den Prolog ausmacht und nicht 
vielmehr die este Szene des folgenden Hauptteils ist, an die sich als 
zweite die Parodos des Hekabe apostrophierenden Chores reiht ? Und 
wie steht es mit der Helena ? Hier setzt ja der Chor gar erst mit einer 
^4/?/istrophe ein. Sollten wir nun gezwungen sein, die von Helena ge- 
sungene Strophe und die diese einleitenden drei daktylischen Verse noch 
dem Prologe zuzurechnen '? Die Konsequenz würde es ja verlangen. 

7. Könnte da, wo die Parodos ein Kommos ist, z. ß. in den 
Herakliden, dieser Kommos eine tcqcûtî] Àégig oÀov xoqov heißen ? 

8. Wie steht es mit dem Namen nÛQOôoç, ? Man hat oft, um eine 
Entsprechung zwischen ihm und èçoôog herzustellen, die melischen 
Tragödienschlüsse bei Aeschylus zu der Folgerung benützt, es hätte die 
Exodos wie die Parodos ursprünglich melischen Charakter gehabt. Wäre 
es nicht richtiger gewesen, auch das eneiaooiov heranzuziehen und zu 
folgern: bôôç, wird in allen drei Namen dieselbe Bedeutung haben, und 
zwar die gleiche, die der Lateiner durch „actus", der Deutsche durch 
die Zusammensetzung mit „Zug" ausdrückt; ndQoôoç, ist ursprünglich 
das Aufziehen des Chores und der Schauspieler, èjisiaôôiov ist das nach- 
trägliche Aufziehen der Schauspieler, è'^oôog das Abziehen von Chor 
und Schauspielern, und nach diesem Kommen und Gehen wurden später 
die ganzen Tragödienteile benannt, in denen es vorkommt. 

Nach meiner Meinung wäre also die Parodos die ganze den Ein- 
zugsgesang und das bisherige erste Epeisodion, ja bisweilen schon ein 
Stück des bisherigen Prologs umfassende Partie; das zweite Epeisodion 
würde nunmehr /um ersten u. s. w. Um aber Konfusion zu vermeiden, 
werde ich jene „Parodospartie", die bisherige Parodos dagegen „Chor- 
parodos" nennen und die Epeisodien lieber nicht numerieren, sondern 
nach dem Namen von Personen (als Tiresias-Hämonepeisodien u. s. w.) 
bezeichnen. 

Warum aber hat nun Aristoteles der Chorparodos die für die er- 
haltene Tragödie unberechtigte Bedeutung eines Hauptteils zugewiesen? 
Die Antwort wird sein : Er denkt eben nicht an die Tragödie der 



— 119 — 

klassischen, sondern an die seiner eigenen Zeit, die es gehalten haben 
wird, wie er angiebt. Einen Nachklang hievon finden wir noch bei Seneca, 
bei dem allerdings die Chorparodos nichts ist als ein Zwischenlied wie 
die andern ; angebahnt aber mag die neue Form schon Euripides haben, 
wenn er — um von dem Konzept der Aulischen Iphigenie keinen Ge- 
brauch zu machen — in der Andromache und den Bakchen die neue 
Szene ohne vermittelnde Vorstellung der kommenden Person durch den 
Chor auf eine vollstimmige Chorparodos folgern ließ. Es ist zwar ganz 
klar, daß in diesen Fällen das Auftreten des Chors schon deshalb eine 
integrierende Partie der Parodospartie ist, weil sein Führer nachher die 
Rolle eines Interlocutors hat ; aber der Mangel an Vermittlung zwischen 
dem rein chorischen und dem ihm koordinierten dialogischen Teil ist 
eine Härte, die es begreiflich erscheinen läßt, wenn man später in Prolog, 
Chorparodos und folgender dialogischer Partie die Folge von drei Haupt- 
partien sah. 

Einen unierc/eordneten Teil hätten wir nun als solchen erkannt; 
damit ist aber die Frage, welches die Hauptteile seien, noch nicht gelöst; 
sie hat auch, wie wir sehen werden, ihre nicht geringen Schwierigkeiten. 
Immerhin kann nun mit einer Partie, für die auf Konsensus gerechnet 
werden darf, der Anfang gemacht werden. Dies ist: 

I. Der Prolog". 

Der Prolog ist nicht von jeher eine notwendige Partie der Tragödie 
gewesen; die äschyleischen Hiketiden, die jetzt von A. Körte^) mit großer 
Wahrscheinlichkeit in die Zeit zwischen Marathon und Salamis gesetzt 
werden, und die Perser sowie der nach meiner Ansicht archaische Rhesos 
haben ihn nicht, und daß die prologlose Form das Altere gewesen ist, 
scheint mir Christ mit Recht aus dem die Aufführung einleitenden Herolds- 
rufe eioays röv xoqôv zu erschließen, der nicht leicht zu verstehen wäre, 
wenn der Beginn mit der chorlosen Szene das Ursprüngliche wäre. 
Immerhin hatten den Prolog schon die Phœnissen des Phrynichos, und 
die treffliche Wirkung, die es hatte, wenn sich die Chorparodos von 
einer in niedererm Tone gehaltenen Partie abhob, läßt annehmen, daß 
die Neuerung rasch beliebt werden mußte. Für die spätere Einführung 
spricht übrigens auch der Name. Das Stück (Xôyoc, im gleichen Sinne 
wie in TQiloyia, vgl. das lat. fabula) wird dagewesen sein, ehe ihm das 
„Vorstück" vorangeschickt wurde. Und nun kommt es uns auf die ver- 



1) Mémoires Nicole S. -289 ff. 



— 120 — 

schiedenen Typen dieses Vorstücks sowie darauf au, wie sein Übergang 
zu dem die Chorparodos enthaltenden Teile sich darstellt. 

Ehe ich aber hierauf eingehe, muß ganz kurz noch darauf hin- 
gewiesen werden, daß, wie S. 118 schon gesagt, der Prolog in Wahrheit einige 
Male anders abzugrenzen ist, als bisher geschah. Der des Prometheus 
schließt (87) mit dem Abgang der Peiniger; der metrisch so merkwürdig 
gemischte (aber echte) Vortrag ô ôîoç aid-rjç ist zur Parodospartie zu 
ziehen; denn das ^ijôev (poßrjd-fjg (128) ist als direkte Antwort auf die 
letzten Befürchtungen des Heros zu fassen. Auch Klytsemne stras Trimeter- 
rede in den Eumeniden (94/139) darf vom folgenden Eumenidengesange 
nicht getrennt werden , ebenso sind Einleitungen der Parodospartie 
die Monodien, die in der Sophokleischen Elektra und bei Euripides in 
Hekabe, Elektra, Jon und Troades der Chorparodos vorangehen, und 
natürlich gehört auch die anapästische Partie vor dem eigentlichen Auf- 
treten des Chors in der Medea (96/130) hieher. Dies vorausgesetzt, zeigt 
der Prolog in den 30 Stücken folgende vier Typen: 

1. Er besteht bloß aus einer Rede : Agamenmon. CJioephoreu. 
Bakchen. Hekabe, Euripideische Hikelid^n, Jon, Kyklops. 

2. Er besteht aus einem Dialog oder auch einer durch die Haupt- 
person zusammengehaltenen Gruppe von Dialogen : Pi^omelheus. Akts, 
Elektra Sopli.. Oerttpus. Kolouetis. Antigone. P/iilokfef. 

3. Er besteht aus der Rede einer von Beginn an anwesenden 
Person und deren Dialog oder Dialogen mit schon anwesenden oder 
nach der Rede erscheinenden Personen. Xach dem Dialog hat die zuerst 
sprechende Person bisweilen auch noch eine Schlußrede : Septem, 
Trachienierinnen, Alkestis, Amlromache, Helena, HeraMklen, Herakles, 
Medea. Orest. Troades. Eine Variante dieser Form ist es, wenn in dem 
(samt seinen "Widersprüchen echten) Konzept der Aidisclten Iphigenk^) 
die Rede Agamemnons zwischen dessen beide anapästischen Dialoge mit 
dem alten Diener eingelegt erscheint. 

4. Eine erweiterte Form zeigt den Prolog gleichfalls zweiteilig, aber 
so, daß die beiden Teile keine Person gemeinsam haben. Sie können 
für sich jeden der drei vorgenannten Typen zeigen : Eu men klen {Fythiais: 
Typus 1 — Apoll, Orest : T. 2). Eanpkle}.^c//c Elektro (Auturg und 
Elektra: T. 3 — Orest an Pylades: T. 2"). Hippolgtos (Aphrodite : T. 1 — 
Hippolytos und Diener : Durch die vorangesandten Lieder erweiterte 
Form von T. 3). Taurisehe Iphigenk (Iphigenie: T. 1 — Orest und 



1) Für die aulische Iphigenie verweise ich auf meine Ausführung in dem Pro- 
gramm von 1905 „Euripides unter dem Drucke des Sicilischen und des Dekeleischen 
Krieges" S. 17-89. 

2) Ich glaube, daß wir von einem Dialog auch dann sprechen dürfen, wenn eine 
direkt an eine stumme Person gerichtete Rede von dieser nicht beantwortet werden kann. 



— 121 — 

Pylades: T. 2). P/tönissen (Jokaste: T. 1 — Teichoskopie : T. 2. Hier 
ist zwischen iambischen Anfang und Schluß ein Kommos eingelegt.) 

Neben dieser Einteilung nach Formen muß nun aber eine andere 
einhergehen, die sich auf die Vermittlung des Prologs mit dem übrigen 
Stück bezieht. Nach dieser sind folgende drei Fälle zu unterscheiden : 

1. Der Prolog und die Parodospartie sind durch einen äußern 
Vorgang von einander getrennt : Agamemnon (der Chor muß die Kunde 
von den Feuerzeichen vernehmen), Akts (148. Odysseus bringt die Tat 
des Aias aus). Oedipus (144. T>er Kâô^iov laôç wird aufgeboten). Anihjone 
(253. Die Heldin vollbringt ihre Tat während derNacht^). TrachinkrbnKn 
(103 und 141. Deianiras Befürchtungen sprechen sich in den trachinischen 
Bürgerhäusern vor Sonnenaufgang, wo der Chor erscheint, herum. )'^) 
AuUsche lj)I(igen}e (Der Alte sucht seinen Auftrag zu erfüllen und der 
Chor sieht die Dinge, die er nachher erzählt). Taur'ische Ip/iigenit (Die 
nachher vom Hirten erzählten Dinge begeben sich.)^) 

2. Beide haben wenigstens keine Person gemeinsam und eine, 
wenn auch minime, Pause muß zwischen ihnen angenommen werden, 
damit die Personen des Prologs Zeit zum Abtreten (oder Entschweben) 
haben oder auch damit der Zuschauer nicht das Gefühl hat, es sei bloßer 
Zufall, daß der Chor oder die die Parodospartie einleitende Person nicht 
vor der Zeit schon erschienen sei. Diesen Fall haben wir schon im 
Pi'omf'f/feiiH. wenngleich der Held im Grunde schon während des Prologs 
da ist; denn er ist hier nur stummes Objekt und dürfte sich in den 
Dialog gar nicht einmischen-, nachher aber muß nicht nur für das Ver- 
schwinden der Dämonen, sondern für seine eigene Sammlung vor dem 
x^usbruch eine Pause angenommen werden. In andern Dramen aber ist 
die Sache noch deutlicher. In den Septem dürfte doch der Chor nicht 
konunen, so lange Eteokles noch mit dem Boten zu tun hat, in den 
Eumentden dürfte Klytämnestra das Gespräch Orests mit Apoll nicht 
unterl)rechen, in der Sophohiekchen Elelitra die Heldin nicht das Orests 
mit dem Pädagogen, in der AfkesHs der Chor nicht das des Thanatos 
und des Apoll. Ebensowenig dürfte der Chor in Hippolgtos. dürfte Hekabe 
in der Hekahe uiuf den Troadea. Elektra in der Eur'ipidehehen Elekira zu 
früh kommen. In Clioephoren. Kolonens. Jon und P/foenlsxen sieht der 
oder ein Sprecher des Prologs den kommenden Chor und in den Bakc/nn 



h übrigens spielt auch der Prolog schon bei Nacht. V. 15/lß ist nach acçaroû; 
und nicht erst nach vvv zu interpungieren. Ismene wundert sich, daß sie jetzt, während 
der Nacht, etwas Neues wissen soll. 

-) Auch hier spielt der Prolog bei beginnender Nacht. 

') Es ist zu beachten, daß durch "iSl) f. die Chorparodos eng mit dem folgenden 
zusammenhängt ; die Zeitliicke ist also vor ihr anzunehmen, trotzdem man durch (U ft'. 
versucht sein könnte, den Prolog und sie enge zusammenzurücken. 



122 • 

ruft er ihn sogar her, aber immer, um daun selbst sofort zu verschwinden; 
eine Berührung muß duichaus vermieden werden. 

Wenn wir sehen, wie peinlich gewissenhaft Pausen der Handlung 
überall da, wo der Dichter den Chor zur Verfügung hat, durch Zwischen- 
gesänge ausgeglichen werden, so hält es schwer, sich diese Lücken ganz 
ohne Ausgleichung durch Musik zu denken. Aber man hatte ja den Au- 
leten. Dieser mochte, wemi auch nur mit ein paar Accorden zwischen 
den zeitlich getrennten Partien eintreten, und ihn möchte ich auch noch 
in Anspruch nehmen a) in den 5 S. 120 f. angeführten Fällen vom Doppel- 
prolog für die Pause zwTschen seinen beiden Teilen und b) in den Zeit- 
lücken der später zu besprechenden 5 Fälle von Chorlosigkeit innerhalb 
des Stückes nach der Aphodos und vor der EjDiparodos. 

3. Von den Sprechern des Prologs bleiben während der Parodos 
alle oder doch eine Hauptperson auf dem Schauplatze, so dass Prolog 
und Parodospartie ohne stärkere Pause in einander übergehen. Eine 
Caesur ist zwar hier vor dem Auftreten des Chors wie vor jedem Auf- 
treten von Chor oder Personen auch anzunehmen, und als Prolog wird, 
was jetzt so heißt, dem Dichter und seinem Publikum auch gegolten haben; 
aber ein Vorstück im eigentlichen Sinne des Wortes ist es nicht mehr, 
und ich erlaube mir daher, für diese Fälle das AVort Pseudo-Prolog vor- 
zuschlagen. Das frühste Stück, wo diese Form gebraucht wird, ist die 
Mecka. wo die Amme im Prolog, in der anapästischen Einleitung der 
Parodospartie und in der Chorparodos zugegen ist, während der Pädagoge 
nach dem Prolog abgeht. Auch der P/ti/oktct hat eine abgehende Person 
in Odysseus und eine verbindende in Neoptolemos. Sonst kommt der 
Pseudoprolog abgesehen vom Ki/k/ops nur in den Fällen vor, wo Kranke 
oder um Schutz Flehende oder Angeflehte ihren anfänglichen Platz nicht 
verlassen können, also in Androniac/te. Helena. Herak/iden. Herakles, Euri- 
pideischen Hikeliden. Orest. 

Xur im Vorbeigehen möge hier noch bemerkt sein, daß in den 
Enn/eniden, dem PhUoktet und den Eunpidehclieu Herak/iden der Chor 
während des Prologs von Anfang an auf dem Schauplatz ist. Hier be- 
deutet also seine Parodos nicht ein Kommen, sondern ein Eintreten in 
die Aktion. Die Besprechung der paar nichtiambischen Einlagen in den 
Prolog ist mit dem solcher Einlagen in die übrigen iambischen Teile zu 
verbinden. 

Was sollen wir nun aus dieser Vielgestaltigkeit machen? Wenn 
wir uns auch durch das Bewußtsein, daß wir nur einen kleinen Teil des 
griechischen Tragödienmaterials kennen, zur Vorsicht mahnen lassen, 
se werden wir doch durch die vorliegenden Tatsachen auf eines unwill- 
kürlich gestoßen, und das ist der große Unterschied zwischen Sopho- 
kh'ischer und Euripideischer Art. Sophokles hat vor allem keine Pro- 



— 123 — 

loge, die nur aus einer Rede bestehen, Euripides hat deren fünf; So- 
phokles hat einen einzigen Pseudoprolog, Euripides acht. Sophokles hat 
außer in den Trachinierinnen nirgends die Folge von Rede und Dialog, 
Euripides verwendet sie in der Alkestis, der Aulischen Iphigenie, den 
Troades und in sechs von seinen acht Pseudoprologen. Dafür sind die 
Sophokleischen Prologe in sechs Fällen rein dialogisch, was die Euri- 
pideischen nie sind; denn ohne Rede tut es Euripides gar nie. 

Greifen wir aber darauf auf Aeschylus mit der Erwartung zurück, 
daß dieser uns die Altertümlichkeit der Sophokleischen Form bestätigen 
werde, so finden wir die rein dialogische Gestaltung des Prologs nur im 
Prometheus. Agamemnon und Choephoren haben die bloße Rede, die 
Septem Rede und Dialog, die Eumeniden sogar den Doppelprolog. Ich 
möchte daraus folgendes schließen: 

Nachdem Aeschylus einmal die prologlose Form aufgegeben hatte, 
kamen er und seine Zeit auf die verschiedensten Formen ; möglicherweise 
ist es sogar bloßer Zufall, daß sich in den erhaltenen Stücken nicht auch 
ein Pseudoprolog findet. Aber es ist zu beachten : Die Reden im Aga- 
memnon und den Choephoren sind erstens kurz und zweitens Selbstge- 
spräche von durchaus dramatischem, nicht epischem Charakter; durchaus 
dramatisch ist auch die Einleitung der Eumeniden, denn mit dem Gebet 
tut die Pythias, was ihres Amtes ist, und nachher gibt sie ihrem natür- 
lichen Entsetzen über das im Tempel Geschaute xlusdruck, und in den 
Septem mag man es ja steif finden, daß zwei Reden den Anfang machen, 
auf die der Sprechende keine Antwort erhält; aber dramatisch sind des- 
wegen die Worte des Eteokles an die Käofiov jio?Jtcu, der Botenbericht 
und das Gebet des Helden doch durchaus. Nirgends findet sich in den 
Aeschyleischen Prologen etwas Müßiges, etwas, das die Sprechenden 
nicht gemäß ihrem Charakter und der Situation, sondern nur zur Infor- 
mation des Publikums sagten. 

Daß es so ist, ist nicht ganz allein das Verdienst des Dichters, sondern 
hier fällt auch ins Gewicht, daß er noch die durch den Inhalt verbundene 
Trilogie hatte, also für das zweite und dritte Stück kein oder wenigstens 
kein starkes Rückgreifen auf die Vergangenheit brauchte. Das wurde 
mit den ÔQÙfia tiqoç ÔQÙua dyon'i'^ead-cu anders. Die Einzeltragödie rief 
einer viel tiefern und eingehendem Motivierung, und in dieser ist nun 
der Meister Sophokles. Er verwandte den Prolog als einleitende Szene 
und nutzte dabei (wie übrigens schon Aeschybis im Agamemnon) wenigstens 
in Aias, Oedipus, Antigone und Trachinierinnen die Möglichkeit der 
zeitlichen Trennung zwischen ihm und der Parodospartie damit aus, 
daß er zeitlich bis um einen Teil der Nacht Vorausliegendes in die 
Stücke zog. Auch er läßt im Prolog nie etwas erzählen, das der Spre- 
chende nicht erzählen müßte. Es hat speziell der ganzen Oberflächlichkeit 



_ 124 — 

bedurft, womit die Trachinierinnen bedacht werden, wenn man in Deia- 
niras Anfangsrede einen Euripideischen Prolog sah. Wenn man einiger- 
maßen beachtet, mit welcher Weisheit die dem Stücke zu Grunde liegende 
Vergangenheit auf Deianira hier und in der Szene der Gewandübergabe, 
auf den nicht lügenden Boten, auf Lichas und auf Herakles selbst ver- 
teilt ist, und wie alles gerade an der Stelle angebracht ist, wo es frucht- 
bar wirken kann, wenn man ferner beachtet, wie der gemeinen Wirklich- 
keit zu Trotz Deianira bei ihrer Rede nicht einmal von der Belagerung 
(^echahas etwas weiß, so muß man einsehen, daß man es mit dem Gegen- 
teil der Euripideischen Art zu tun hat. Allerdings beginnt das Stück 
mit einer Rede; diese ist aber nicht an das Publikum gerichtet, sondern 
ein Selbstgespräch, gehalten in Gegenwart der Dienerinnen, die es hören 
dürfen, gerade wie sie nach 49 f ähnliche .Tai'ôuxQvra ôôvç^uaTa schon 
oft gehört haben. In der Realität hätte die Klage der Heldin freilich 
eine andere Form ; an diese bindet sich aber der Dichter verständiger 
Weise nicht, sondern der Meister der Abbreviatur zieht Getrenntes und 
Zerstreutes zusammen, wo er statt mit vielen das gleiche mit wenigen 
AVorten sagen kann. 

Von der Sophokleischen Kunst des Exponierens hat nun Euripides 
wenig angenommen. Dafür hat er bekanntlich die undramatische Form 
der Erzählung dessen, was dem Stück als Vergangenheit zu Grunde 
liegt, bisweilen auch dessen, was das Publikum noch zu schauen bekommen 
wird und in den Troades sogar — was ich mit dem Plane eines Cyklus 
von Troischen Stücken erklären möchte^) — , dessen, was noch später 
kommen wird. Freilich dient die Anfangsrede diesem Zweck nicht aus- 
nahmslos: die Ammenrede in der Medea, Aethras-Rede in den Hiketiden 
sind so berechtigt als die Rede Deianiras. Im ganzen aber sind diese 
Prologe dramatisch vom Übel, und entschuldigt kann der Dichter ihret- 
wegen nur dadurch werden, daß das Stück auch ohne sie fast oder ganz 
verständlich wäre.-) Daß er übrigens zeitweise selbst das Gefühl hatte, 
er sollte es anders machen, das beweist außer den genannten guten 
Reden der im Iphigenienkonzepte und jedenfalls auch in der Andromeda 
gemachte Versuch, die Rede durch einen rorangehenden Dialog zu moti- 
vieren. — Eine glückliche Neuerung, insofern sie der Geschlossenheit 
der Handlung zugute kommt, ist der doch wahrscheinlich von Euripides 
aufgel)rachte Pseudoprolog, den auch Sophokles im Philoktet acceptiert hat. 



') Vergl. meine oben S. 120 angeführte Abhandlung S. 47 ff. 

■-) Ich sage dies ausdrücklich auch vom Hippolytos. Wie viel besser als durch 
die Aphroditerede hat Sophokles die Macht der Göttin durch das erste Stasimon der 
Trachinierinnen den Hoereru zu Gemüte gefülirt. Ohne es zu wollen ist dies herrliche 
Lied für uns die Kritik des Euripides. 



— 125 — 

II. Die Zwischengesäng-e. 

Die Zwischengesänge haben, wie schon S. 2 gesagt, den Zweck, 
Pausen der Bühnenhandlung auszufüllen, die dadurch entstehen, daß 
eine folgende Szene wegen irgend eines Hindernisses nicht unmittelbar 
nach der vorhergehenden eintretend gedacht werden kann. Damit soll 
nicht etwa gesagt sein, daß nicht auch andere Tragödienteile die Zeit 
ausfüllen hönnen, die eine jenseits des Schauplatzes vorgehende Handlung 
für sich braucht. Aber w-ährend dieses verhältnismäßig selten vorkommt, 
ist es beim Zwischengesang ausnahmslos der Fall, und während jene 
andern Tragödienteile annähernd immer die gleiche Zeit einnehmen, 
welche die Nebenhandlung in Wirklichkeit einnehmen würde, kann auch 
der kurze Zwischeugesang sich symbolisch mit einer Handlung von sehr 
langer Dauer decken. Mit diesen Ijiedern, die die einzelnen Szenen zu- 
gleich trennen und verbinden, wird also eine ideale Zeiteinheit für alles 
hergestellt, was zwischen dem ersten Verse der Parodospartie, ja, wo 
nach dem Prolog keine stärkere Pause ist, für alles, was zwischen dem 
ersten Verse des Stückes überhaupt und dem letzten der Exodor, liegt. 
Sie fehlen nur, wo der Chor innerhalb des Stückes abgetreten ist. 

An sie knüpfen sich nun viele Fragen, "Wir betrachten 

7. die Hindernisse, 

die einem ununterbrochenen Fortgang der Handlung entgegenstehen. 
Diese sind negativer und positiver Art. Ich unterscheide folgende vier Fälle: 

a) Wie nach S. 121 f. zwischen Prolog und Parodospartie, so muß 
auch zwischen spätem Szenen durch ein Pausieren der Handlung der 
störende Eindruck vermieden werden, als wäre es bloßer Zufall, wenn 
Personen sich nicht treffen, die sich unmöglich begegnen dürfen. Diesen 
Eindruck hätte man z. B., wenn in der Sophokleischen Elektra Klytaem- 
nestra unmittelbar nach dem ersten Abgange der Chrysothemis (471) 
aufträte. Darum das Stasimon 472/515. Ebenso 1058/97 (Chrysothemis — 
Orest), Rhesos 224/63 (Dolon — der Hirte), Iph. Aul. 751,800 (Aga- 
memnon - Achill), Med. 627/62 (Jason — AegeusJ. 

b) Die Szenen dürfen sich überhaupt nicht jagen. Dem Helden mirß 
nach einer bewegten Szene Zeit gelassen werden, Atem zu schöpfen und 
sich ihrem Eindruck hinzugeben. Dies ist speziell in drei Stücken der 
Fall, die durch eine immer oder fast immer auf dem Schauplatze bleibende 
Hauptperson zusammengehalten werden, im Prometheus, der 397 435 
zwischen seinem Gespräch mit Okeanos und seiner mächtigen Rede an 
den Chor, 526/60 zwischen dem folgenden Gespräch und dem Jodialog 
und 887/906 zwischen diesem und der Exodos Pausen haben muß. ebenso 



— 126 — 

in der Medea 410 45 zwischen der Rede yMxojg jiÈTiQay.Tai und der fol- 
genden Jasonszene und in den Troades 511/67 zwischen Hekabes Jammer- 
rede und der Andromacheszene, 799/859 zwischen dieser und der Mene- 
laosszene, 1060/1117 zwischen dieser und der Szene mit dem toten Kinde. 

c) Durch einen Zwischengesang wird auch der Vorsprung, den ein 
Vorauseilender vor dem später Nachkommenden hat, markiert. So könnte 
z. B, der vorhin unter a angeführte, El. Soph. 1058/97, auch damit be- 
gründet werden, daß nach der gegebenen Fiktion der mit dem ehernen 
Aschenkruge von Strophios abgesandte Bote erst um eine sehr geraume 
Zeit später in Mykene ankommen könnte, als der von Phanoteus mit 
der Freudenbotschaft natürlich eilig herbeikommende erste Bote, und 
daß diese Zeitdifferenz durch die Dialoge 660/1057 nicht genügend ge- 
deckt erschien. Wem dies aber zu künstlich vorkommt, der beachte, wie 
im Agamemnon das Lied 681/782 die Heroldszene von der Szene des 
nachkommenden Agamemnon scheidet, und vergleiche damit Bhesos 342/97 
(Hirtenszene — Bhesos), Trach. 205 21 (Bote — Lichas), Bakch. 1153/64 
(Bote — Agaue), Elektra Eur. 859/79 (Bote — Orest), Heraklid. 892/927 
(Diener — Eurystheus), Jon 1229/43 (Diener — Kreusa und gleich 
darauf Jon). Im Konzept der Aulischen Iphigenie tritt zwischen die 441 
schließende Botenszene und die 590 beginnende Szene mit Klystaemnestras 
Ankunft vor dem Liede 543/89 noch eine Szene der beiden Atriden; 
man hat sich aber nach 420 ô\ hier auch eine recht lange Zwischenzeit 
zu denken ; denn der Bote bricht auf, als die Frauen sich eben zur 
Ruhe niederlassen. 

dj In allen übrigen Fällen kann irgend ein sei es längere, sei es 
kürzere Zeit in Anspruch nehmender Umstand nachgewiesen werden, 
der seinen Platz in der durch den Zwischengesang gedeckten Zeitlücke 
hat. Es werden Mitteilungen gemacht, die in der folgenden Szene voraus- 
gesetzt sind, Personen werden angelogen oder sonst bearbeitet, hin und 
wieder muß jemand Gelegenheit haben, den Hausgenossen seine Stimmung 
zu zeigen ; wichtige Vorbereitungen werden getroffen, Kleider gewechselt, 
Opfer, Bestattungshandlungen u. dgl. vollzogen, Gänge und Reisen ge- 
macht, Personen und »Sachen empfangen oder fortgebracht, politische 
Akte ausgeführt, Leute gefangen genommen und mißhandelt, Kämpfe 
vorbereitet, Schlachten geschlagen, eine Flucht versucht, Mord, Totschlag 
und Selbstmord vollbracht. Auch ein längere Zeit dauernder Zustand 
wie der Schlaf oder ein motiviertes Ausruhen gehört dahin. Dies möge 
aus dem folgenden Verzeichnisse hervorgehen, in dem ich der Über- 
sichtlichkeit wegen auch die unter abc genannten Fälle nochmals an- 
führe. Zum voraus sei nur noch /iarauf aufmerksam gemacht, daß es 
sich hier nicht bloß um Stasima, sondern um Zwischengesänge über- 
haupt, auch um solche einzelner Choreuten handelt. 



— 127 — 

Aeschylus Promefhefis. 397/435, 526/60, 887/906. Siehe b. 
Septem. 287 368. Eteokles stellt seine Scharen auf. 

720/91. Der Kampf findet statt. 

832/960. Die Probulen fassen den Beschluß wegen der Toten. 
Perser. 548/97. Atossa holt die Grabspenden (524 f. 609). 

633/80. Sie bringt die Grabspenden dar (619 tf.). 

852/908. Sie holt Gewänder und bringt sie Xerxes entgegen (849 tf.). 
Hikeüden. 419/37. Der König besinnt sich (407. 419). 

524/99. Die Volksversammlung findet statt (517 ff. 600 f). 

630/709. Danaos hält auf der Warte Wache (713 ff.). 

776/835. Danaos holt den König (774). Mit der Zwischenzeit deckt 
sich hier auch noch die Heroldszene (836/910). 
Agamemnon. 367/488. Agamemnons Rückfahrt. 

681/782. Siehe c. 

975/1034. Nach dem Eintreffen des Königspaares wird ein Brand- 
opfer vorbereitet, oder es vergeht doch so viele Zeit, daß dies 
fingiert werden kann. (1055 f.) 
Choephoren. 585/652. Orest verkleidet sich als Wanderer (560 f.). 

783/837. Aegisth wird von der Amme geholt (734 ff. 779 â\). 

935/72. Klytffimnestra wird ermordet (904 ff. 973 ff.). 
Enmeniden. 321/96. Athena kommt vom Skamander nach Athen (897 ff'.). 

490/565. Sie wählt und versammelt die Richter (487 ff. 570 ff.). 
Rhesosdichter. -R/tesos. 224/63. Siehe a. 342/97. Siehe c. 
Sophokles. Akts. 596/645. Aias begiebt sich in seine Rüstung. 

693/718. Er entfernt sich zu weit, um zurückgerufen werden zu können. 

1185/1222. Teukros sucht eine Stelle für die Bestattung. 
Elektro. 472/515. Siehe a. 1058/97. Siehe a und c. 

1384/97. Klytaemnestra empfängt Orest und Pylades und schmückt 
den Aschenkrug (1400 f.). 
Oedipus. 463/512. Kreon erfahrt den Verdacht des Oedipus (513 ff\). 

863/910. Oedipus zeigt im Palaste seine Unruhe (914 ff.). 

1086/1109. Jokastes Verzweiflung. 

1186/1222. Katastrophe des Oedipus. 
Oedipus aufKolonos. 668/719. Theseus bringt Poseidon ein Opfer dar (886). 

1044/95. Er jagt den Thebanern die Töchter des Oedipus ab. 

1211/48. Polyneikes wird vom Poseidonaltar herbeigeholt. 

1556/78. Oedipus tut seinen letzten Gang. 
Antigone. 332/83. Rückkehr des Wächters zur Leiche. Antigone wieder- 
holt ihre Tat und wird vor Kreon gebracht. 

582/630. Hämon macht Beobachtungen über den Eindruck von 
Antigones Behandlung bei der Bürgerschaft (692 ff".). 

781/800. Antigone wird durch die Knechte herbeigeführt (760 f.). 



— 128 — 

944/987. Tiresias erhält Bericht von ihrer Verurteilung und läßt 
sich zu Kreon führen (1069 f.). 

1115/52. Die Katastrophe Antigones und Hämons. 
Trachinknnnen. 205/21. Siehe c. 

497/530. Deianira rüstet das Nessosgewand. 

633/62. Sie macht ihre Beobachtung an der Flocke. Das Gewand 
wird überbracht und tut seine Wirkung. Hyllos kehrt zurück. 

821/62. Deianira nimmt sich das Leben. 

947/70. Hyllos geht dem Vater entgegen und Iningt ihn her. 
P/tiloktet. 676/739. Philoktet und Neoptolemos holen die Habseligkeiten 
aus der Höhle (645 f.). 

827/64. Philoktet schläft. 
Euripides A/kestis. 213 37. Die Dienerin meldet dem Königspaare, daß 
der Chor mit wohlwollender Gesinnung da sei (209 ff.).^) 

435/75. Admet und seine Leute lassen sich scheren und ziehen 
Trauerkleider an. (425 ff.) 

568/605. Admet schmückt die Leiche der Alkestis (607 ff.). Herakles 
zecht. 

962/1005. Herakles siegt über Thanatos und kehrt mit Alkestis 
zurück. 
Audromache. 274/308. Hermione läßt durch Menelaos den Molossos herbei- 
bringen (263 f. 309 f.). 

464/93. Andromache wird ins Haus abgeführt und gefesselt 
(433 f. 501 f.). 

766/801. Menelaos verläßt das Land, Hermione gerät in Ver- 
zweiflung (732 ff. 804 ff.). 

1009/46. Orest und Hermione entfliehen. Peleus erfährt es (1047 0'.). 
Bakchen. 370/433. Dionysos wird gefangen (352 ff. 434 ff.). 

519/75. Er weilt als Gefangener im Pferdestall (509). 

862/911. Pentheus wird als Weib ausstaffiert (857 ff. 914 f.). 

977/1023. Seine Katastrophe findet statt. 

1153/64. Siehe c. 
Hekahe. 444/83. Polyxena wird geopfert. 

629/57. Die Dienerin geht nach Wasser (609), findet Polydors 
Leiche und kehrt zurück. 

905/51. Polyraestor wird aufgesucht (889 ff.) und zu Hekabe gebracht. 

1023/34. Er wird mit List entwaffnet und geblendet. 



') Dieser Gesang soll in dieser Abhandlung als Zwischengesang angesehen werden, 
wie er auch bisher als Stasimon galt. Indes soll nicht verschwiegen sein, daß ich 
nicht ganz klar darüber bin, ob er nicht eher die Fortsetzung der Chorparodos ist wie 
Hik. Eur. 271 85. Dies ließe sich mit der Kürze der Zwischenhandlungen rechtfertigen, 
und es müßte dann im folgenden einiges anders gesagt sein. 



— 129 — 

Hehna. 1107/64. Helena zieht Trauerkleider an (1087 ff.). 

1801/68. Theonoe belügt den Bruder, Menelaos wappnet sich, 

Theoklymenos schafft Opfertiere herbei. 
1441/1511. Der Rettungsplan wird ausgeführt. 
Elektro. 432/86. Der Auturg holt den alten Diener. 
699/746. Die Überlistung Aegisths durch Orest. 
747/50. (Melische Trimeter.) Orest findet sich mit Aegisths Knechten 

ab ; der Bote kommt zu Elektra (844/58), 
859/879. Siehe c. 

1147/71. Klytsemnestras Ermordung. 
HerakUdeu. 353/80. Das athenische Heer rüstet sich und erhält die 
Sprüche (389 ff.). 
608 29. Makaria wird geopfert. 

748/83. Die Schlacht mit Eurystheus wird geschlagen. 
892/927. Siehe c. 
Herakles. 348/441. Megara und die Kinder ziehen Sterbekleider an (442 f.). 
637/700. Herakles begrüßt die Götter des Hauses (606 ff.). 
735/59. Er tötet den Lykos. 
763/814. Er bereitet das Siegesopfer vor. 
815/21. Das Nahen der Iiüs und Lyssa. 
875/886. Der Wahnsinn beginnt. 
887/908. Herakles tötet die Kinder. 
1016/38. Er schläft. 
Hiketkkn. 365/80. Theseus befragt das Volk, ob es helfen wolle (354 ff.). 
598 633. Die Schlacht wird geschlagen. 
778/93- Adrast geht dem Leichenzuge entgegen und kehrt mit ihm 

zurück (772 ff. 798). 
955/79, Die übrigen Leichen werden fortgetragen und verbrannt, 
für Kapaneus ein besonderes Grab errichtet (934 ff.). 
Ilippolytos. 525/64, Die Amme unterhandelt mit Hippolytos und läßt 
ihn schwören. 
732 75, Phaedra nimmt sich das Leben. 
1102,50. Hippolytos findet seinen Untergang. 
1268/82, Der Schwerverwundete wird herbeigebracht. 
Aidisc/te Iplùgeiùe. 543/89, Siehe c. 751 80. Siehe a. 

1036/97. Klytaemnestra teilt der Tochter das ihr Bevorstehende 

mit (1100 ff.). 
1521/31. Iphigenie wird geopfert und gerettet. 
Taurische Iphtgenie. 392/455. Orest und Pylades werden von Thoas herbei- 
geholt (334 f. 342). 
1089/1151, Iphigenie nimmt das Bild von seinem Standort weg 
(1044 f, 1157 f.). 



— 180 - 

1234 83. Flucht der Geschwister, Zurückhaltung des Schiffes, der 
Bote zu Thoas. 
Jon. 452 509. Xuthos empfängt im Tempel sein Orakel. 

676/724. Jon errichtet das Prachtzelt und bereitet das Opfer vor. 

1048/1105. Der Pädagoge unternimmt seinen Mordversuch und 
kommt um. 

1229/43. Siehe c. 
Medea. 410/45. Siehe b — 627/62. Siehe a. 

824 65. Die Dienerin holt Jason herbei (820). 

976/1001. Die Kinder überbringen den Schmuck. Der Pädagoge 
kommt zurück. 

1251,92. Der Kindermord. 
Oresi. 316 55. Orest giebt sich auf Elektras Mahnung der Ruhe hin (307 ff.). 

807/43. Orests Verteidigungsversuch in der Volksversammlung. 

1353 '65. Orest und Pylades suchen die entschwundene Helena 
(1490 ff.). 

1537 49. Sie rüsten die Feuerbrände. Das Gerücht von Helenas 
Verschwinden verbreitet sich (1543 f. 1529 f. 1550). 
Troades. 511/67 — 799/859 — 1060 1117. Siehe b. 
Pliömssen. 638/89. Kreon hört von der Verhandlung der Brüder (703 f.). 

784/833. Menoikeus holt Tiresias herbei (768 ff.). 

1019/66. Menoikeus stürzt sich von der Mauer. Eteokles ordnet 
die Scharen. Der erste Kampf, 

1284/1307. Jokaste eilt auf's Schlachtfeld (1329). Der Bruderkampf 
und Jokastes Selbstmord. 
Kyklops. 356/74. Der Kyklop verzehrt in der Höhle die Genossen des 
Odysseus. 

495/519. Odysseus macht die Stange glühend (455 ff.). 

608/23. Der Kyklop schläft. 

656/662. Er wird geblendet. 

Hieran schHeßen sich noch folgende Bemerkungen : 1 . Selbstver- 
ständlich sind unter d viele Gesänge angeführt, die es auch unter a und b 
sein könnten. Auch könnte z. B. der Gesang Hik. Eur. 778/93 unter c 
angeführt sein, weil er zwischen die Botenszene und die Szene bei dem 
angemeldeten Leichenzuge fallt. Anderseits sind unter a und b auch 
Fälle angeführt, während deren eine äußere Handlung nachweisbar ist, 
nur aber eine solche, die sich nicht bloß mit ehuni Zwischengesange 
deckt, sondern mit zweien und der dazwischen liegenden Szene. So deckt 
sich in der Aulischen Iphigenie die Beratung Agamemnons mit Kalchas 
(746 f.) mit der ganzen Partie 751/1097. in den Troades die Weg- 
führung, Tötung und Rückschaffung des Astyanax mit der ganzen Partie 
798/1122. 



— 131 — 

2. Überhaupt ist damit, daß der Zwischengesang meist mit Zwischen- 
handlungen zusammenfällt, nicht gesagt, daß dieses äußere Tun sich in 
seiner Abgrenzung immer genau mit ihm decken müsse. Antigenes Selbst- 
mord mag schon zugleich mit 1047, als Kreon sich gegen Tiresias starr- 
sinnig gezeigt hat, stattfinden. Hyllos wird schon bald nach Deianiras 
Selbstmord dem Vater entgegen aufgebrochen sein, so daß sein Gehen 
und Kommen nicht bloß durch 947/70, sondern auch durch die voran- 
gehende Ammenszene gedeckt ist; Herakles geht in der Alkestis schon 
vor der Epiparodos zum Grabe ab ; sein Gehen, Kämpfen und Zurück- 
kommen deckt sich also außer mit 962/1005 mit den vorangehenden 
101 Versen ; in der Taurischen Iphigenie geht der Diener schon 342, 
nicht erst 392 ab, um die Gefangenen zu holen. Anderseits zieht sich 
im Oedipus Jokastes Verzweiflung noch über die ganze auf 1086 1109 
folgende Szene ; denn erst, als Oedipus ins Haus stürmt, hört der 
Exangelos auf sie zu beobachten, und ebenso erstreckt sich das Poseidon- 
opfer des Theseus und dessen Rückkehr im Koloneus von 668^719 noch 
bis 885. In der Medea setzt das Stasimon 976 1001 da ein, wo die 
Kinder, von der Verbannung freigesprochen, zur Mutter zurückkehren; 
was sich nachher (nach 1157 1221) bis zur Ankunft des Boten begiebt, 
deckt sich mit der Szene 1002 80 und der langen anapästischen Partie 
(1081/1115). Indes man beachte, worauf später noch zurückzukommen 
ist : Die Katastrophe Kreuses und Kreons würde, auch ganz realistisch 
genommen, wenn wir uns ihre Qualen nicht besonders lang denken 
wollen, nicht viel mehr Zeit erheischen als die Deklamation und para- 
katalogische Rezitation dieser beiden Partien. 

Neben den, wenn ich recht zähle, 125 Fällen, da ein Hindernis 
des Fortschreitens der Bühnenhandlung durch den Zwischengesang des 
Chors gedeckt wird, giebt es nun allerdings auch solche, da diese Deckung 
nicht vorhanden ist. Dies sind aber ausschließlich die, wo ein Chor nicht zur 
Stelle sein kanu. weil er während des Stückes abgezogen ist, also 1. die 
Pause zwischen der delphischen und der athenischen Partie der Eumeniden 
(234), 2. die zwischen der Choraphodos des Rhesos und dem Auftreten 
der Feinde (564) und 3. die zwischen dem Abgang Athènes und der Chore- 
piparodos (674), 4. die zwischen der Choraphodos des Aias (814) und der 
letzten Rede des Helden und 5. die zwischen dieser Rede und der Epiparodos 
des Chors (865), 6. die zwischen der Choraphodos der Alkestis und dem 
Auftreten des Dieners (746), 7. die zwischen dem Abgang des Herakles 
und der Epiparodos Admets und des Chors (860), 8. die zwischen der 
Choraphodos der Helena und dem Auftreten des Menelaos (385) und 
9. die zwischen der ersten Menelaosszene und der Chorepiparodos (514). 
In den Eumeniden und im ersten der beiden Fälle des Aias ist die 



~ 132 — 

Pause durch die Ortsveränderung, sonst überall dadurch motiviert, daß 
Personen und Chor sich noch nicht oder nicht mehr treffen dürfen; daß 
ich sie mir durch Flötenspiel ausgefüllt denke, ward oben (S. 122) gesagt. 

2. Die Arten des Zwischengesanges. 

Wenn von mir das Wort Stasimon bisher meist fast ängtlich ist 
vermieden worden, so ist dies nicht aus Purismus geschehen, sondern 
Aveil ein Name nötig war, der a/lc pausenausfüllenden Gesänge, nicht die 
Stasima allein bezeichnete. Allerdings wiegen unter den Zwischeugesängen 
die Stasima stark vor, aber auch solche, denen man diese Namen nicht 
beilegen kann, kommen vor. Auch das Stasimon aber hat seine Neben- 
gattungen, wie im folgenden dargelegt werden möge. 

Was ist ein Stasimon '? Die Eumeniden muntern sich am Beginne 
der einem solchen vorausgeschickten Anapäste (307) mit dem Worte auf 
äye ô/j -Aul yoQov äUicofisv. Sie werden dies während des Systems be- 
sorgen und stehen erst an dessen Schlüsse als ;ço^ôç, d. h. in Reigen- 
stellung für den folgenden Gesang da. Noch mehr aber sagt uns eine 
Stelle des Herakles : Das Lied, das während des Lykosmordes. von 
Jammergeschrei unterbrochen, gesungen wird (735/59), ist offenbar nicht 
in der Reigenstellung vorgetragen; denn erst nachher (761) heißt es 
TiQÖg x^Qovç TQajiùjfied^a. Und am Schlüsse (815/21), nachdem die beiden 
Syzygien gesungen sind, ist es beim Auseinanderstieben des Chores mit 
der Reigenstellung natürlich auch nichts mehr. Ein äußeres Geschehen 
deckt sich nun hier, wie wir gesehen, auch freilich mit dem Anfang 
und dem Schlüsse ; den Namen Stasimon aber kann man doch nur der ]Mitte 
geben, wo der Chor seinen antistrophierenden Gesang in Reigenstellung 
singt. Sollte es bei dieser Bedeutung der Reigenstelluug nicht das 
Natürlichste sein, den Namen o%doi(iov {(léXog) von der gtuoic, eig x^Q^^y 
herzuleiten und als das Lied des zur Reigenstellung angetretenen Chors 
zu erklären ? x^Q'^^^^ konnte man dafür ja nicht sagen, weil dieses 
Wort jede melische Äußerung der sämtlichen oder einzelnen Choreuten 
bezeichnete. 

Mag aber der Name zu erklären sein, wie er will, sicher ist, daß 
fil/e antistrophierenden Chorgesänge als Stasima zu gelten haben, und 
die Frage ist bloß, ob dies /////• mit solchen der Fall sei oder ob es 
auch Stasima in monoslrophischer Form gebe. Ich möchte mich für 
letzteres entscheiden und zwar im Hinblick auf die beiden Nebengattungen 
des Stasimons, a) das Hyporchem und b) das kurze Stasimon der ge- 
spannten Erwartung. 

a) f)(fs /h/porr/tem darf vom Stasimon ja nicht auf das Scholion zu 
Tracb. 216 hin getrennt werden; denn der Grammatiker, der schrieb tô 



I 



— 133 — 

fiEÀiôâçiov oï/y. è'ari axdaijLiov, «//' vnô tfjç fjôovfic, oQyovvxai, ging 
jedenfalls von der sicher falschen Erklärung aus, daß otûgiihov ein Lied 
sei, das der Chor stehend singe. Es war ein Reigenlied, zu dem natürlich 
wie zu den andern angetreten werden mußte, und unterschied sich von 
diesen hauptsächlich durch die raschere Bewegung der Tanzenden und 
dadurch, daß ein Schauspieler in den Reigen hineingezogen werden 
konnte, wie denn der Chor an die Euripideische Elektra i,859) die Ein- 
ladung richtet: d-kg ek Xoqov, oj (fi?.a, r/voc.. Ich glaube, den Hyporchemen 
auch das gewiß von sehr ausdrucksvoller Bewegung begleitete Baukalema 
des Philoktet sowie den Komos des Kyklops anreihen zu dürfen und 
komme damit auf folgende Formen : a) Das Hyporchem besteht aus 
einer gewöhnlichen Syzygie : Hiefür ist das einzige sichere Beispiel 
Aias 693/718. b) Zwischen eine Strophe des Chors und ihre Antistrophe 
tritt eine vom Schauspieler gesungene Mittelpartie und zwar im Baukalema 
der Philoktet (827/64) die vier Hexameter des Neoptolemos, in der 
Euripideischen Elektra (859/79) die sieben (865) als -/M/Mvr/.oz cbôd be- 
zeichneten und demnach jedenfalls melisch vorgetragenen Trimeter der 
Heldin und im Komos (Kykl. 495/518) eine metrisch mit dem Strophen- 
paare sich deckende Strophe des trunkenen Kyklopen. c) Das Hyporchem 
ist monostrophisch. So Trach. 205,24, wo das Liedchen des Chors von 
zwei kurzen Gesängen einzelner Choreuten umgeben ist, und das kurze, 
mit àvayoQEvooj^iEv Bccx/iov anhebende Jubellied Bakch. 1153/64. 
Zwischengesänge sind diese unstrophischen Partien sicher. Warum sollten 
sie nicht auch Stasima sein, zumal, wenn meine Erklärung des Wortes 
richtig ist ? 

b) Monostrophisch sind auch einige der Lieder, die ich als /iurzc 
Stasima der gespannten Enrartnnf/ bezeichnen möchte, nämlich das (sicher 
vollständige) Lied auf Kypris Hipp. 1268/82 und der Piean Iph. Aul. 
1521/31, wozu man noch die vollstimmigen Gesänge Kykl. 356/74 und 
608/23 ziehen möge. Diese kurzen Gesänge linden sich, wie die Hyporcheme, 
auf die hier zurückzukommen ist, niemals bei Aeschylus, sind aber bei 
Sophokles und Euripides nicht selten. Sie haben mit den Hyporchemen, 
abgesehen davon, daß sie eine Zwischenzeit decken, den Zweck gemein, 
durch kurzes Retardieren die Spannung auf ein Bevorstehendes aufs 
stärkste zu steigern und finden sich also da ein, wo etwas besonderes, 
zumal die das Stück entscheidende Wendung oder auch das Auftreten 
einer wichtigen Person erwartet wird, also, um die Hyporcheme und die 
andern bereits zitierten Stellen einzuschließen, da, wo nach dem Weg- 
gange des Aias eine glückliche Lösung erwartet wird und nach dem Ab- 
gang des Hämon(Ant. 78 1/800) die unglückliche, nach dem desKoloneischen 
Oedipus (1556/78) die Todesnachricht, nach dem Makarias (Heraklid. 
608/29) die von der bevorstehenden Hilfe, nach dem Jokastes (Phöii- 



— 134 — 

1283/1306) die vom Ausgange des Bruderkampfes. Angemeldete Kommende 
werden erwartet während der Hyporcheme der Trachinierinnen (Lichas). 
der Bakchen (Agaue) und der Euripideischen Elektra (Orest) und während 
der Lieder Oed. 1086 1109 (der Hirte), Hik. Eur. 778/93 (der Zug der 
Leichen); auch Alk. 213 '37, wo das Hervortreten des Königspaares mit 
Spannung erwartet wird, mag hieher gehören und ebenso trotz zwei 
Syzygien Trach. 947/70, w-o das Erscheinen des Herakles bevorsteht; 
denn die kurze erste Syzygie dürfte von Einzelsängern vorgetragen sein. 
Während des letzten Stasimons des Hippolytos steht die Schlußw'endung 
des Stücks bevor und ebenso während des letzten der Aulischen Iphigenie. 
Im Orest, wo — für das Stasimon singulär — Strophe und Antistrophe 
getrennt erscheinen, ist man dort (1353/65) auf den Ausgang des Mord- 
anschlags gegen Helena, hier (1537/49) auf den Angriff des Menelaos 
und dessen Erfolg gespannt und an der ersten erwähnten Stelle des 
Kyklops auf das Schicksal der in die Höhle eingetretenen Odysseus- 
leute, an der zweiten auf das des ebendahin abgegangenen Kyklopen ; 
auch während des Komos herrscht Spannung auf die Wirkung der von 
Odysseus angekündeten List. Endlich gehören hieher die drei Syzygien, 
die einer durch "Weherufe aus dem Innern verkündeten Mordtat un- 
mittelbar vorangehen: El. Soph. 1384/97, El. Eur. 1147/62, Med. 1251/70. 
Es ist zu beachten, daß der Mord selbst sich hier nie mit dem Strophen- 
paar deckt, sondern daß der Schrei bei Sophokles in dem folgenden 
Kommos, bei Euripides in der Epodos gehört wird. — Nicht in einen 
Moment besonderer Spannung fällt allein das Baukalema des Philoktet. 
Allen unter dem Namen der Stasima zusammenzufassenden Zwischen- 
liedern stehen nun aber eine Anzahl von solchen der Responsion ent- 
behrenden Liedern gegenüber, für die ein Antreten zur Reigenstellung 
nicht nötig ist, weil sie größtenteils nicht vom Gesamtchore, sondern 
von einzelnen Choreuten vorgetragen werden. Es sind dies hauptsächlich 
die oft von Wehrufen eingeleiteten oder von Wehrufen unterbrochenen 
Lieder, die während einer im Innern des Hauses stattfindenden Mord- 
oder Gewalttat gesungen werden und also, weil sie sich mit einer äußern 
Handlung decken, immerhin als Zwischenlieder zu bezeichnen sind. Hieher 
gehören Hekabe 1024/34 (Polymestors Blendung), Herakles 735/62 (Lykos' 
Ermordung) und 875/908 (Mord der Kinder, wie Wilamowitz mit Recht 
annimmt, mit mehrfachen kurzen Unterbrechungen durch Amphitryon), 
Kyklops 656/662 (Blendung Polyphems). Dazu gehört noch das Lied 
des geängsteten Chors im Jon (1229 43) und das Klagelied des Chors 
vor Amphitryons Hervortreten Her. 1016/38. Auch zwei ganz kurze 
Partien, die einem vorangehenden Stasimon angehängt sind, müssen hier 
genannt sein: El. 747/50 und Her. 815 21. Beide Male unterbricht der 
Vertreter des Chors infolge eines überwältigenden Eindrucks den Gesang 



— 135 — 

mit einem Ausruf der Verwunderung, um darauf zu Triraetem über- 
zugehen. Dali diese melisch sind, dafür spricht im Herakles der Abschluß 
durch andere Metra, in der Elektra der Umstand, daß sie sich mit einer 
langen äußern Handlung decken, wie dies sonst nur bei Zwischengesängen 
der Fall ist, und daß der wie eine vEQxéqa ßgovri] âiôg erklingende 
Schall und die ovx uat]fia Tcvevfiata eine den Vortrag begleitende 
Instrumentalmusik gewesen sein müssen. 

Warum aber habe ich gesagt, diese Vorträge entbehrten der 
Responsion, während man sich doch so viele Mühe giebt, gerade den 
des Lykosmordes in Strophe und Autistrophe zu zerlegen ? Ich bitte, 
einmal alle Stellen anzusehen, an denen aus dem Innern eines Raumes 
Wehrufe erschallen. Bei Aeschylus finden sie sich Agam. 1343/7 und 
Choeph. 869/874 als kurze Kommoi, bei denen von Responsion keine Rede 
ist. Nahe verwandt mit dem Agamemnonkommos durch die Mischung 
von Trochäen mit andern Metren ist der AVagenlenkerkommos des 
Rhesos 728/32, der auch nichts von Responsion hat; in der Sophokleischen 
Elektra kommen sie im ersten von zwei der Überlieferung nach nicht 
respondierenden Teilen eines Kommos (1404/21, 1428/41) vor, auch im 
Orest (1286/1310) in der mit nichts respondierenden Epode eines Kommos ; 
in der Euripideischen Elektra (1163/71) und in der Medea (1271/92), 
wie Avir sahen, erst in der Epode des Stasimons, in nicht antistrophierend 
überlieferten Gesängen im Herakles (735/62 und 875/908); in der Hekabe 
(1024/38) und im Kyklops (656/665) kommen sie überhaupt erst hinter 
der gesungenen Partie. Ich will nun nicht bestreiten, daß sich im Liede 
des Lykosmordes und im Kommos der Sophokleischen Elektra innerhalb 
dieser nicht respondierenden Teile metrische Motive in einer Weise 
wiederholen, wobei der Zufall ausgeschlossen ist; aber der Umstand, daß 
die Überlieferung die roUsfändir/c Responsion in diesen Partien gar nirgends 
bietet und daß sie von Wilamowitz nur vermittelst der Annahme her- 
gestellt werden kann, die unterbrechenden Verse seien unberücksichtigt 
zu lassen und so unschuldige Stellen wie El. Soph. 1412 odö' ô yei'i'fjGag 
naT-ÉQ und Her. 760 seien zu tilgen, während Kaibel in der Elektra 
für die bekannten Lücken eintritt,') empfiehlt mir das Festhalten an 
der Übersieferung an diesen beiden Stellen wie auch in der Medea aufs 
stärkste. Und warum sollte denn auch bei diesen höchst bewegten 
Szenen eine Störung der Responsion niclit bewußter künstlerischer Ali- 

1) Eine Lücke ist hier allerdings nicht zu bestreiten, aber gerade sie spricht für 
ein lokales Abirren des Schreibers und nicht für eine stärkere Textesentstellung. In 
1431 steht das ècp fjfilv in der Luft und die darauf folgenden "Worte könnten ebenso 
leicht den Schluß des folgenden Verses bilden. Man könnte Orest fragen lasseu 
elaoQÙTé tiov tov ävOQ' écp' f^fùp <ioù ôoy.iô ÀV7toi\u£vov^, worauf Elektra bestätigend 
einfiele : ;fop£t yeyrjd'ùjç ol'toç èy. n^Qoaavi'ov. 



— 136 — 

sieht entspringen, die gerade um so stärker zu Tage tritt, wenn die 
strenge metrische "Wiederholung sonst nicht überall gesprengt ist ? 
Übergangen möge hier alles Metrische werden, und für die Verteilung 
antistrophierender Stasima auf mehrere Einzelsänger verweise ich auf 
Arnoldt. 

3. Die Verbindung des Ztuisciiengesangs mit l/orhergehendem 
und Folgendem. 

Von einer Geschichte des Stasimons ist hier natürlich abzusehen. 
Daß der Chor überhaupt bei Aeschylus stärker im Vordergrunde des 
Stückes steht, weiß jedermann. In den Eumeniden ist er geradezu die 
eine Partei; in den Hiketiden hat er noch Danaos neben sich, aber es 
ist interessant zu beobachten, wie stark er neben diesem hervortritt und 
damit die Rolle des Chors in den Bakchen und den Hiketiden des Eu- 
ripides neben den verwandten Gestalten des Dionysos und des Adrastos 
zu vergleichen. Das muß sich natürlich auch im Stasimon zeigen. Nicht 
nur reflektiert es stärker und öfter als bei den andern den Eindruck 
der vorangegangenen Handlung, sondern es ist mit den übrigen Teilen 
auch oft organisch verbunden. Sechsmal (Sept. 822/31, Pers. 53247, 
623/32, Hik. 625/29, Agam. 355/66, Eum. 307 20) sind ihm anapästische 
Partien vorangeschickt, welche, wie die Agamemnonstelle lehrt (vergl. 
S. 132), das Antreten zur Reigenstellung feierHch (fünfmal mit Gebet) 
begleiten, eine Form die bei den Spätem für die Tragödie gänzlich ver- 
pönt war und charakteristischer Weise nur vor dem Komos des Satyr- 
dramas (Kykl. 483/94) noch einmal erscheint. Ferner findet sich vor dem 
Stasimon oder den es einleitenden Anapästen einmal (Eum. 299/306) 
eine längere Äußerung des Chors in Trimetern, dreimal (Hik. 1014/17, Agam. 
351/54, Choeph. 931/4) das für Aeschylus charakteristische Interloquium 
von vier Versen, während die spätem vor dem Zwischengesang niemals 
ein Interloquium haben'). Außerdem mag darauf hingewiesen werden, 
wie im ersten und zweiten Stasimon des Prometheus (397, 552) der 
Chor den anwesenden Helden anredet und die auf das erste folgende 
Rede sich geradezu als Antwort gibt, wie Hik. 520 der König das im 
folgenden (zweiten) Stasimon enthaltene Gebet provoziert und nachher 
das im dritten enthaltene lobt (710), wie der v^ivoç ôéa/.uoç der Eume- 
niden (306) von diesen selbst zum voraus angekündet wird und wie 
Athene (397) an ihn anknüpft, — dies alles zeigt, daß der Aeschyleische 
Chor, so deutlich er auch die Funktion hat. Pausen auszufüllen, doch 
auch im Stasimon noch stark die actoris vices zu vertreten hat. Ahnliche 
Anknüpfungen kommen in der spätem Tragödie nicht mehr oft vor. 



') Alk. 892 ist kein Interloquium und Hik. Eur. 2(V2'8b keiu Stasimon. 



— 137 — 

So wie bei Aeschylus finden sie sich nur in der Alkestis, also einem 
der frühsten Stücke. Hier beschäftigt sich der Chor im ersten Stasimon 
in Hemichorien mit der Klage um das erwartete Königspaar'), und zwei 
Strophen des letzten (984/1005) sind dem Tröste des anwesenden Admet 
gewidmet und an diesen gerichtet. Die anwesende Medea dagegen wird 
(655. 997) nicht viel anders als der abwesende Jason (990 ff) apostro- 
phiert, und wenn der Chor auf Kolonos (680) die Anrede géve anbringt, 
so wird damit nur die ausführliche Schilderung der eigenen Landschaft 
begründet und entschuldigt-) Durch Vorhergehendes veranlaßt ist das 
letzte Stasimon der Aulischen Iphigenie (vergl. 1491 ff) und umgekehrt 
weist das letzte Stasimon der Trachinierinnen auf das Folgende hin, 
indem der Chor (962 ff) den nahenden Herakles erblickt. Eine Beziehung 
des Folgenden auf das vorangehende Lied findet sich nur, wenn die 
Choreuten zum Schweigen aufgefordert werden^). Dies alles ist doch 
gegenüber Aeschylus sowohl als gegenüber den Anknüpfungen an das 
Parodoslied sehr wenig. 

4. Rückblick auf den Zweck des Stasimons. 

Der Zweck des Stasimons wie auch der übrigen Zwischengesänge 
bestand, wie wir gesehen haben, stets darin, die Zeit auszufüllen, welche 
zwischen Szenen vergeht, die nicht aneinander stoßen dürfen. Dies 
schließt selbstverständlich nicht aus, daß für den Dichter als solchen der 
Zwischengesang auch seinen Selbstzweck hatte, aber gerade da, wo es 
in die Augen springt, daß vor allem ein Lied soll gesungen werden, 
tritt auch die Absichtlichkeit, womit eine Zeitlücke geschaffen wird, be- 
sonders deutlich zu Tage. So ist es recht naiv, wie in den Aeschyleischen 
Hiketiden der König für sich eine Pause zum Nachdenken verlangt, so 
daß das mit (pQÔvxaov beginnende Lied (418/37) gesungen werden kann, 
und wie in der Alkesis (209 ff) die Dienerin dem Königspaar erst melden 
muß, daß brave Leute herbeigekommen sind, damit dieser loyale Chor 
inzwischen Zeit zu seinem ersten Stasimon (213 37) gewinnt*). 



1) S. aber die Anm. auf S. 128. 

-) Oed. 1098 ist, auch wenn Oedipus anwesend ist, nicht anders als die Apo- 
strophierung eines Abwesenden zu beurteilen; denn er lauscht siclier hier dem Chore 
nicht. Trach. 222/4 gehört nicht mehr eigentlich zum Hyporchem, sondern es ist ein 
die Kommenden anmeldendes Interloquium wie sonst Anapäste und Jamben. Daß die- 
jenigen Hyporcheme, die zwischen Strophe und Antistrophe des Chors die Rede einer 
Person haben, dialogische Form weisen, wird niemand wuudern. 

•^) Philekt. 865. Hipp. 565. Iph. Taur. 458, wo der Chor sich selbst dazu er- 
mahnt. Kykl. 624. 

■*) S. dagegen d. Anm. zu S. 128. 



— 138 — 

Darauf aber miiß hier bestimmt bestanden werden, daß entgegen 
einer viel verbreiteten Meinung (jar nie der Kommos ein Stasimon ver- 
tritt. Abgesehen von dem gesteigerten Ton leidenschaftlicher Empfindung 
ist er Dialog so gut als jeder andere zwischen Chor und Schauspieler 
geführte Dialog, und wenn je etwas während seines Vortrags geschieht, 
so decken sich ganz wie in dem S. 131 angeführten Falle Vorgang und 
Vortrag reaîistisc/i. So wird die erste Mordszene der Sophokleischen 
Elektra nicht längere Zeit brauchen als der Kommos 1404/21. der An- 
griff auf Helena im Orest nicht längere als der Kommos 1286/1310, das 
Kommen und Gehen des Odysseus und Neoptolemos nicht längere als 
der lange Kommos Philekt. 1081 1112; wenn je die Wirklichkeit in 
diesen Fällen doch etwas längere Zeit erheischte als der Kommos, so 
möge man bedenken, daß dem ungeduldig gespannten Gefühl die kurze 
Zeit eben zur langen wird. 

Aber brauchen denn die Dichter nicht manchmal, um die Gliederunff 
eines Stückes zu markieren, statt eines Stasimons einen Kommos? Ich 
antworte mit der Gegenfrage: Bedarf die Gliederung eines Stückes, um 
bemerkt zu werden, notwendig eines Lyrikums, sei es Stasimon oder 
Kommos? Die Betrachtung der Stücke selbst lehrt das Gegenteil. Mitten 
in den Trimetern sind Haupt- oder starke Nebencäsuren anzusetzen, 
sowie dies das Auftreten einer Hauptperson oder der Abgang einer 
solchen empfiehlt, so beim Auftreten und beim Abgang Theonoes in der 
Helena (864 und 1031), beim Auftreten Demophons in den Herakliden 
(119), des Theseus im Herakles (1162), des Hippolytos in der Streit- 
szene mit dem Vater (901), der Pythia und der Göttin im Jon (1319, 
1552). Alle diese Stellen dürfen ein Stasimon einfach deshalb nicht 
haben, weil die Handlung ohne Pause fortläuft. So kommt es, daß sich 
in der Helena die Trimeterpartien nach der Epiparodos übsr 578 Verse 
hin (528,1106) ohne Unterbrechung folgen, während darauf der List und 
Rettung enthaltende Schlußakt seine vier Szenen durch die drei einzigen 
Stasima des Stückes wohl geschieden zeigt, und so auch, nicht etwa 
daher, daß er eine späte Tragödie ist, ist die Beschränkung der Zwischen- 
gesänge des Philoktet auf ein einziges eigentliches Stasimon und das 
Baukalema zu erklären. 

Und nun ist es auch mit dem Kommos nicht anders. Natürlich 
beginnt in der Sophokleischen Elektra mit Ismenes zweitem Auftreten 
(870) eine Hauptpartie ; der vorangehende Klagekommos zwischen Elektra 
und dem Chor ist aber nicht nötig, um die Klytämnestra- und die Ismene- 
szene auseinander zu halten; denn dafür würde Elektras Rede (804/22) 
vfUlig ausreichen; er ist vielmehr, was die Gliederung des Stückes nichts 
angeht, in erster Linie dazu nötig, daß der Tritagoni^t Zeit hat, sich 
aus dem Pädagogen in Chrysothemis umzuwandeln, und darauf hin 



— 139 — 

macht der Dichter aus der Not eine Tugend und läßt den schon in 
der Rede zu Tage getretenen Schmerz der Heldin in dem leidenschaft- 
lichen Dialog mit dem vergeblich tröstenden Chor ins Riesige anwachsen. 
Auch in Koloneus ist es nicht aus der Handlung erklärlich, daß Theseus 
nicht sofort nach Ismenes Abgang erscheint; aber die Umkostümierung 
Ismenes in Theseus zwingt den Dichter den Kommos (510/48) einzu- 
schieben, worin der Chor sich nach Oedipus frühern Schicksalen er- 
kundigt. Man könnte vielleicht auch sagen, daß nach langen Triraeter- 
partien etwa das Bedürfnis vorhanden war, einen gesungenen Teil ein- 
zuschieben. Aber auch das berührte die dramatische Komposition nicht. 
lu summa der Kommos vertritt das Stasimon so wenig, als etwa ana- 
pästische Systeme dies tun, die zwischen zwei Partien stehen. 

Aber wie steht es nun mit der Gliederung durch den Zwischen- 
gesang selbst? Eines muß jedenfalls zugegeben werden, daß, wo immer 
er eintritt, ein neues Glied der Handlung ansetzt. Dies ist aber nicht 
die Folge des Zwischengesangs, sondern nur die des Neubeginnens nach 
der durch den Zwischengesang gedeckten Unterbrechung. Also gliedert 
dieser selbst die Handlung nicht, sondern er koinzidiert nur mit der 
Ghederung in allen den Fällen, da eine Handlungslücke gedeckt werden 
muß, während er, wo dies nicht der Fall ist, ruhig fehlen kann. Er hat 
außer seinem Selbstzweck nicht noch zwei andere, sondern nur den einen 
des Pausenausfüllens. 

Zu diesem Resultat läßt sich auch auf folgendem Wege gelangen: 
AVäre der Zwischengesang an sich das gliedernde Organ, so dürfte er 
nicht nur nie fehlen, sondern er müßte auch notwendig in der "Weise 
angebracht sein, daß die Gliederung durch ihn zum deutlichen Ausdruck 
gelangte; es müßten z. B. die ausführlichen Stasima die Hauptpartien 
trennen und zwischen Nebenpartien dürften bloß Hyporcheme, kurze 
Slasima und unstrophische Gesänge von Einzelchoreuten stehen. Bis 
zu einem gewissen Grade ist dies wirklich auch der Fall: die letztge- 
nannten Gesänge scheiden immer nur Nebenpartien von einander, 
und auch die meisten Hyporcheme und einige kurze Stasima werden so 
verwandt. Aber von einer Konsequenz hierin sind die Dichter doch weit 
entfernt. Alle Stasima der Helena scheiden nur die Nebenteile derjenigen 
Hauptpartie, welche sich unter dem Titel List und Rettung subsumieren 
ließe. In Herakliden und Hiketiden ist derjenige Hauptteil, der den 
Kampf enthält, durcli Stasima in zwei Hälften getrennt. Von demjenigen 
Teil des Herakles, der die Rettung der Familie vor Lykos enthält, ist 
durch das lange Stasimon 687 —700 ein Minimalepeisodion von 33 Versen 
abgeschnitten; ein solches ist auch die Ammenszene der Trachinierinnen; 
beide wird man doch unmöglich als Hauptteile bezeichnen, und Ahnliches 
kommt auch sonst vor. 



— 140 — 

Aber, wenn das Stasimon die Hauptgliederung nicht mehr sicher 
angibt, woher sollen denn ir'tr sie kennen? Die Antwort ist im ersten 
Satze dieser Abhandlung gegeben: dadurch, daß uir selbst die Stücke 
logisch zergliedern. Ist denn das etwas so Schreckliches? 

III. Die einzelnen Teile der dialog-ischen Partien. 

Das lange Kapitel, das hier beginnen müßte, auszuführen, muß 
einer spätem Gelegenheit vorbehalten sein; hier kann ich nur — unter 
Vorbehalt nachheriger Änderungen - den Gang angeben, der mir dafür 
vorschwebt; mit einer einzigen Ausführung werde ich mir noch gestatten, zu 
zeigen, was sich für die Chorparodos ergibt, von der ich ausgegangen bin. 

Ich werde davon auszugehen haben, daß mit dem Üliergange zu 
einer neuen Art von Metren notwendig auch eine szenische Abgrenzung 
verbunden ist. Wollen wir also die einzelnen Teile erkennen, so werden 
wir stets in erster Linie Melos, Anapäste und dialogische Metren im 
engern Sinne, d. h. Trimeter und trochäische Tetrameter (was beides 
ich der Kürze wegen unter dem Xamen lambus zusammenfasse) zu 
sondern haben. Hiemit kreuzt sich aber eine zweite Sonderung nach der 
Beteiligung des Chors. Es sind nämlich folgende fünf Fälle möglich: 

1. Der Chor ist (wie ja meist auch beim Stasimon) allein anwesend. 

2. Die Personen sind allein anwesend. 3. Chor und Personen sind an- 
wesend und durch Dialog verbunden. 4. Der Chor hat in Gegenwart 
von Personen allein das Wort. 5. Die Personen haben in Gegenwart 
des Chors allein das Wort. So ergeben sich 15 Kombinationen, die alle 
— wenn auch einige nur vereinzelt — in der Tragödie vorkommen. Daß 
von den so gewonnenen Teilen einige wieder weitergeteilt werden können, 
versteht sich von selbst; die 15 koordinierten Teile aber sind nach dem 
Metrum folgende: 

1. Reines Me/o.s des Chors ohne Anwesenheit von Personen kommt 
in Liedern der Chorbewegung, zumal in den Fällen von bloß 
chorischer Chorparodos vor. 

2. Melos ohne Chor findet sich als Monodie und Duett in den 
Prologen der Andromache und der Phönisseu.^) 

3. Chor und Personen sind beteiligt in allen den unter sich sehr 
verschiedenen gesungenen Dialogen, die man unter dem Namen 
Kommos begreift, sowie meist in denen, wo Melos und Ana- 
päste gemischt erscheinen. 

4. Der Chor tritt melisch in Gegenwart von Personen, aber ohne 
deren Einmischung auf in einigen vollstimmigen Parodosge- 

^) Die Trimeter der Duette und der Kommoi denke ich mir entweder melisch 
oder mit Parakataloge vorgetragen und ziehe sie auch in letzterm Pralle zum Melos. 



— 141 — 

sängen nach vorangegangenem Pseudoprolog und in allen 
melischen Interloquien. 

5. Die Personen tragen das Melos vor stummem Chore vor in 
allen außer den unter 2 genannten Monodien und Duetten. 

6. Der Chor trägt Ändßüsfc ohne Anwesenheit von Personen in 
den anapästischen Partien der Parodos vor. 

7. Personen haben Anapäste ohne Anwesenheit des Chors in den 
Prologen der Alkestis und der aulischen Iphigenie. 

8. Chor und Personen sind zusammen bei den anapästischen Dia- 
logen der Chorbewegung beteiligt. 

9. Der Chor hat in Anwesenheit von Personen eine anapästische 
Partie für sich in den reflektierenden und der Mehrzahl der 
ein Kommen und Gehen begleitenden Interloquien, sowie in 
einzelnen Partien der Chorbewegung. 

10. Die Personen haben in Gegenwart des Chores anapästische 
Systeme, wenn sie ihr eigenes Kommen und Gehen begleiten. 

11. Von dem, was ich a potiori lambus nenne, findet sich Einzel- 
vortrag des Chores ohne Anwesenheit von Personen nur da 
vor, wo der Chor in der Exodos nach Abgang der Personen 
noch einige Schlußtrochäen spricht, z. B. Oed. 1524 ff. 

12. Die Personen allein haben im lambus das Wort, wo der Chor nicht 
möglich ist: im Prolog und zwischen Aphodos und Epiparodos. 

13. Chor und Personen sind zusammen beteiligt in der Mehrzahl 
der Aeschyleischen Dialoge und bei den Spätem in einer be- 
stimmten Art von „Chordialogen", hauptsächlich solchen, die 
Szenen einleiten oder abschließen. 

14. Der Chor spricht in Anwesenheit von Personen iambische 
Interloquien, sowohl der reflektierenden als der einen Kom- 
menden einführenden Art. 

15. Die Personen tragen in Anwesenheit des Chors alle die iam- 
bischen und trochäischen Partien vor, bei denen der Chor 
überhaupt zugegen sein kann. 

Dies wären mit Weglassung von ünwichtigerm die Einheiten, so- 
weit sie sich durch die genannten Kombinationen ergeben. Wie man 
sieht, occupieren nun aber die zwölfte, dreizehnte und fünfzehnte weitaus 
den größten Teil der Tragödien, und da ist es selbstverständlich, daß 
sich an die so gegebene noch eine weitere Einteilung anschließen müßte, 
wobei als Teilungskriterien neben dem Wechsel von lamben und Trochäen, 
hauptsächlich Auftreten und Abgang von Personen, AVechsel von Eeden, 
und in kürzern Worten gehaltenem Dialog, auch reine luhaltsindizien 
in Frage kämen. Man könnte so durch Teilen und wieder Teilen ziemlich 
weit kommen, auch die Stichomythie müßte einer Betrachtung unterzogen 



— 142 — 

werden ; doch soll dies hier nicht geschehen. Wenn aber jemand daran 
Anstoß nimmt, daß ich an 14 ter Stelle dem kurzen iambischen Chor- 
interloquium neben den langen Personenpartien eine gewisse Selb- 
ständigkeit eingeräumt habe, der möge bedenken, daß das iaitihlsche 
Interloquium in seiner Funktion mit dem melischen und anapästischen 
enge zusammengehört, und daß es nicht wohl angeht, für dieselbe Funktion 
(hier die des Vorstellens eines Kommenden und die des Reflektierens 
über Vorangegangenes) bald relativ selbständige, bald unselbständige 
Glieder zu verwenden. 

Überhaupt müßte nun ein wichtiges Kapitel von den Funktionen 
handeln, wofür die einzelnen Formen bestimmt sind. Die Fragen : Welche 
Formen sollen benachbarte Partien von einander isolieren? Welche 
sollen der lebhaften Empfindung Einzelner Ausdruck geben? Welche 
sollen das Auftreten und den Abgang Einzelner und des Chors be- 
gleiten? Warum wählt der Dichter für die gleiche Funktion bald diese, 
bald jene Form? u. s. w. müßten uns beschäftigen. Und zuletzt würden 
wir von den Teilen wieder zum Ganzen zurückkehren und erkennen, wie 
die vielen Einzelteile sich unter große Hauptteile subsummieren lassen 
und hätten damit die Architektur der Tragödie in ihren konstruktiven 
Teilen wie in ihren Zierformen erkannt. 

Auch in ihren Proportionen wäre sie zu erkennen; aber davon zu 
reden, ohne auf das verpönte Gebiet zu kommen, wäre schwer. Darum 
schHeße ich, um wenigstens ein Beispiel zu geben, mit einer kurzen Er- 
örterung, die sich an meine anfängliche Besprechung der Chorparodos 
und an die obige Andeutung über die verschiedenen Formen für eine 
und dieselbe Funktion anschließt, Ihr Gegenstand sind: 

Die Formen der Chorbewegung. 

Daß Chorparodos und Exodos, Aphodos und Epiparodos zusammen- 
gehören, und daß sie nicht wie die Zwischengesänge zu betrachten, 
sondern integrierende Teile derjenigen Hauptpartien sind, worin sie vor- 
kommen, haben wir am Anfang dieser Abhandlung (S. 117) gesehen. Es gibt 
aber, wie für die Parodos besonders Masqueray und Weil schon betont 
haben, in der Tragödie nicht leicht einen Teil, der proteusartig bald in 
dieser, bald in jener Form erscheinend, doch immer demselben Zwecke 
dient, wie diese Gesänge der Chorbewegung. Lesen wir sie einmal nach 
dem obigen Verzeichnis der 15 Formen (wenn auch nicht ganz in der 
gleichen Reihenfolge) aus einander, um dann mit wenigen Bemerkungen 
zu schließen, 

a) Reines Melos des Chors (nach 1) ohne anwesende Personen 
und ohne Anapäste haben die Chorparodoi der Septem, der Choephoren, 
des Oedipus, der Trachinierinnen, der Bakchen, des Hippolytos, der 



— 143 — 

Aulischen Iphigenie und der Phönissen, die Epiparodos der Helena 
(515/27; Menelaos hält sich bis 541 ver])orgen) und das (hier mitzu- 
nehmende) Exodoslied der tzcotio^uttoi in den Eumeniden. Dabei möge 
unerörtert bleiben, wo etwa statt des vollstimmigen Gesanges Vortrag 
durch Einzelchoreuten anzunehmen sei; nur das sei (auch für die fol- 
genden Fälle) kurz angedeutet, daß Verteilung auf die Hemichorien hier 
relativ häufiger vorkommt als in den Zwischengesängen. Somit gehört 
hieher auch das Exodoslied der Aeschyleischen Hiketiden (1018 73), 
dessen dritte und vierte Syzygie hemichorienweise vorgetragen sind und 
die Ejjiparodos des Aias (866/78), zu welcher der folgende Kommos 
mit Tekmessa nicht mehr gehört. 

b) Reines Melos des Chores bei Anwesenheit von Personen (nach 
4) haben außer den Parodoi der Eumeniden und der Euripideischen 
Hiketiden, wo der Chor von Anfang an zugegen ist, noch die auf Pseudo- 
prologe folgenden der Andromache, des Herakles, des Kyklops und die 
hemichorienweise vorgetragene des Jon (184/218).') Auch das Lied 271 85 
in den Euripideischen Hiketiden wird hieher zu zählen sein; denn die 
Hikesie an Theseus steht der an Aethra durchaus parallel, und da wir 
es hier mit einem Zwischengesange ganz sicher nicht zu tun haben, und 
es sich auch um kein bloßes melisches Interloquium handeln kann, so 
bleibt gar keine andere Annahme übrig als die einer Fortsetzung der 
Parodos. Endlich gehört hieher auch die Epiparodos der Eumeniden 
(255/275), bei welcher der Chor wie bei der Parodos die Personen schon 
vorfindet. 

c) Von kommatischen Formen kommen (nach 3) in Betracht 1. die 
der langstrophigen gesungenen Dialoge, die wir in den Parodoi der 
Sophokleischen und der Euripideischen Elektra, der Helena und der 
taurischen Iphigenie haben, 2) die des lebhaften Dialogs in kurzen 
Worten in den Parodoi der Herakliden und des Orest, in der Aphodos 
der Helena (330/85), die, wie solche Kommoi einige Male, in eine Monodie 
ausläuft, und in Parodos und Exodos der Troerinnen; in der Parodos 
allerdings nur im ersten der beiden Strophenpaare, während das zw'eite 
in der Form a gehalten ist. 

d) In reinen Anapästen (nach 6) gehalten und nicht in Gegenwart 
von Personen vom Chor vorgetragen sind nur Exodoi. Hier ist vor allem 
der überlieferte Schluß der Septem (1053 77), der, wenn er auch nicht 
äschyleisch ist, doch sicher einer Autführung dienen sollte, mit einem 
vollstimmig und zwei hemichorienweise vorgetragenen Systemen zu nennen. 
In den Choephoren verabschiedet sich der Chor nach Orests Abgang 
wenigstens noch mit 12 anapästischen Reihen, später, von der Antigone 

1) AVie konnte man je darauf verfallen, den darauf folgenden, viel längeren 
Kommos in ein antistrophisches Verhältnis zur Epode der Parodos bringen zu wollen? 



— 144 — 

au. kommen nur die bekannten Schlußsvsteme vor, von denen das der 
Sophokleischen Elektra, wenn auch das aicéç/iia 'Atqécdç, darin apostro- 
phiert ist, doch jedenfalls erst nach dem Abgange der Geschwister 
vorgetragen ist, wie auch das des Rhesos nach dem Hektors, und ebenso 
nach dem der je weilen vorhandenen Personen das jioÂÂcd fioQ(pal xzX. 
in Alkestis, Andromache, Helena und das letzte Wort des Chors an 
Hippolytos und den Phönissen. In andern Fällen mag man zweifeln, ob 
das Exodikon nicht von der scheidenden Person noch angehört werden 
soll, oder ob es reine Gefühlsäußerung des Chors ist; doch neige ich 
für Hekabe, Herakliden, Herakles, taurische Iphigenie (ohne den unechten 
Schluß 1497/9) eher zu letzterm. Endlich gibt es auch sieben Fälle, 
wo diesen nach Abgang der Personen vorgetragenen Anapästen andere 
Anapäste vorangehen, die aber durch eine Abgangscäsur von ihnen ge- 
schieden sind: die letzten Worte des Teukros im Aias (1402/17) und 
die Apolls im Orest (1682/90), die des Herakles und des Hyllos in den 
Trachinierinnen (1259 — 74; denn das Folgende gehört sicher der Chor- 
führerin) und die Dialoge des Philoktet, Xeoptolemos und Herakles im 
Philoktet (1445/68), des Dionysos, der Agaue und des Kadmos in den 
Bakchen (1367/92) des Chors, der Dioskuren und der Geschwister in 
der Euripideischen Elektra (1292/1356), Jasons und Medeas in der 
Medea (1389/1414); es ist zu beachten, daß diese Dialoge meist mit 
einem längern System des letzten Redners schheßen. 

e) In Gegenwart von Personen (nach 9) sind abschließende Chor- 
anapäste — um mit diesen zu beginnen — mit Sicherheit nur in den 
Euripideischen Hiketiden und (sehr unfertige) im Konzept der Aulischen 
Iphigenie vorgetragen zu denken. An früheren Stellen der Dramen ist 
in solchen Choranapästen die ganz singulare Chorparodos der Hekabe 
(98/153), die Aphodos der Alkestis (741/6) und im Prometheus das als 
eine zweite Parodos zu betrachtende System (277/83) gehalten, womit 
der Chor den Wagen verläßt, um sich auf die Orchestra zu begeben. 

f) Rein anapästische Dialoge zwischen Chor und Personen (nach 8) 
siud, wenn wir die unter d angeführten, vom letzten Worte des Chors 
durch eine Cäsur getrennten Partien nicht mitrechnen, als Bewegungs- 
partien selten. Außer der Exodos des Prometheus mit ihren fünf Systemen, 
bei denen der Chor nicht das letzte Wort hat (1040/93), ist hier eigent- 
lich nur der in kurzen Worten gehaltene und von 1751 bis zum Schlüsse 
fortlaufende anapästische Exodosdialog des Koloneus zu nennen. 

g) In einigen Fällen werden die Schlußanapäste durch Trochäen 
ersetzt, die zwar eines der beiden gewöhnlichen Dialograetra sind, durch 
ihre lebhaftere Bewegung aber doch auch einer besonders starken Em- 
pfindung Ausdruck geben können. Im Agamemnon geschieht dies (nach 



— 145 — 

13) in der Streitszene zwischen Aegisth, Klytämnestra und dem Chor*), 
im Oediims und Jon (nach 11) in den Schlußworten des allein auf dem 
Schauplatz verbliebenen Chors, denen aber (wie den letzten der unter d 
angeführten anapästischen Schlußszenen) Dialoge im gleichen Metrum 
vorangegangen sind. 

h) Keine eigene Form hat die Chorbewegung für die Aphodos in 
den Eumeniden und dem Aias und für die Exodos im Kyklops. In den 
Eumeniden rundet der Dichter den vorhergehenden Trimeterdialog sym- 
metrisch schön ab (225/34), in den beiden andern Fällen schließt er 
mit einem Chordistichon, das aber noch durchaus zur vorangehenden 
Partie gehört. 

Außer (loi Bewegungspartien, die in einer der fünfzehn Formen 
gehalten sind, gibt es nun aber noch eine Anzahl solcher, bei denen 
eine Kombination von Melos und Anapästen (resp. Trochäen) zur An- 
wendung kommt. Diese ist doppelter Art: 

i) Anapästische Partien gehen den melischen einfach voran in den 
Parodoi der Aeschyleischen Hiketiden und des Aias (bis 200, wobei sich 
die Formen d und a vereinigen), und in der Exodos der Perser (von 
907 an : f, c) oder sie nehmen sie in die Mitte, wie in der Parodos der 
Perser (bis 194: d, a, d) und der Alkestis (d, a, d).-) 

k) Die vom Einzelnen rezitierten Anapäste gehen dem Melos nicht 
nur voran oder folgen ihm, sondern drängen sich zwischen die melischen 
Partien hinein. Man pflegt in diesen Fällen von der kommatischen Ver- 
wendung der Anapäste zu sprechen. Indes möchte ich, ohne zu leugnen, 
daß der Chor und der Einzelne hier oft mit einander sprechen, den 
Ausdruck lieber vermeiden und in Beherzigung des Umstandes, daß es 
den Dichtern hauptsächlich auf das Isolieren der vollstimmig vorge- 
tragenen Strophen und auf den metrischen Kontrast ankommt, von kon- 
tra><üerenden (oder imUereuden) Anapästen reden. Zweimal sind die 
Einzelnen die Führer des Chors selbst, nämlich in der Aphodos des Rhesos 
(527/64: a, d, wo die anapästische Partie den Führern der Hemichorien 
zufällt) und in der Parodos der Antigone (bis 154; denn das System 
155/61 leitet das Folgende ein: a, d). Auch in den Parodoi des Koloneus 
und des Philoktet, spricht der Chor in den Anapästen, so weit sie dia- 
logisch sind, noch etwa ein Wort mit (dort a, nachher b, f, hier b, f 
und e) ; in denen des Prometheus und der Medea stehen dem Melos 
des Chors allein die Hauptpersonen mit Anapästen gegenüber, ebenso 

'i Vielleicht aber würden wir besser sagen, daß doiu Agamemnon als dem ersten 
Stücke der Trilogie eine eigentliche Chorexodos überhaupt fehlen durfte ; das dritte 
hat dafür deren zwei. 

2) Ich würde ]31f schreiben Ttdvva yÙQ f^ôri <iaq'iv'^ieTiÀeatat, .Tai-rwr ôè &eCoi' 
<iEÏa^ènl ß(üfA.oTg y.vÀ. 

10 



— 14ü — 

in dem ersten Exodosliede der Eumeniden (916/1021) Athene (b, e) und 
in den Epiparodos der Alkestis Admet (e, c). In der Parodos des Rhesos 
verbinden sich die Foiinen i und k, insofern eine längere anapästische 
Partie dem von Anapästen unterbrochenen Melos (c, nachher b, d) vor- 
angeht. Etwas Besonderes, aber ganz im Geiste der alten Zeit Gehal- 
tenes ist die Epiparodos des Rhesos (675/721). Hier nehmen ein kurzes 
Melos und eine längere Syzygie, deren Strophen in Hemichorien aus- 
gehen, einen statt in Anapästen in Trochäen (nach 13) gehaltenen Dialog 
zwischen Odysseus und dem Chor in die Mitte; man mag dabei an die 
unter g angeführten Trochäen denken. 

Hier sei noch darauf hingewiesen, daß eine Chorbewegung sich 
dreimal^) in zwei Akten vollzieht, und daß so der Prometheus (mit 
277/84) und die Euripideischen Hiketiden (mit 271 '85) zu zwei Parodoi,^) 
die Eumeniden mit 916/1020 und dem Liede der Propompoi zu zwei 
Exodoi kommen. Auf einiges andere, das noch zu sagen wäre, muß hier 
verzichtet werden, zumal sei Erörterung der ästhetischen Gründe, warum 
die Dichter im einzelnen Falle diese oder jene Form wählen, der Einzel- 
betrachtung der Stücke überlassen. 

Nur daran sei erinnert, daß die kommatischen Formen und die 
Dialoge zwischen dem Chor und einem in Anapästen sprechenden Schau- 
spieler (nach k) für die Parodos bloß dann möglich sind, wenn ein 
Schauspieler vorhanden ist, also nach Pseudoprolog und in den S. 120 
namhaft gemachten Fällen, wo die Parodos eines Schauspielers der des 
Chor vorangeht. — Und ferner muß ein Blick auf die Konkurrenz der 
anapästischen und der melischen Formen geworfen werden. Ein solcher 
sagt uns, daß die Anapäste den Bewegungspartien hauptsächlich in den 
altern Zeiten eigen sind. Aeschylus und Sophokles (sowie der Rhesos- 
dichter) haben sie in Menge, Sophokles noch im Philoktet und im 
Koloneus ; bei Euripides dagegen beschränken sie sich in der Parodos 
(resp. Epiparodos) auf die ältesten erhaltenen Stücke: Alkestis und Medea. 
Dann kommt noch die sonderbare Tatsache, daß die Parodos der Hekabe 
rein anapästisch ist; sonst kommt dieses Metrum bei ihm nur in der 
Aphodos der Alkestis und den unter d besprochenen kurzen Schlußsystemen 
für die Chorbewegung vor ; es ist zu beachten, daß die einzige metrisch 
reichere Exodos, die er hat, die der Troades, keine Anapäste enthält. 

Zum Schlüsse ein kurzes Wort über die den Bewegungspartien 
vorausgehenden und folgenden Teile, soweit sie nicht wie gewöhnlich 
reiner Trimeterdialog sind. Was jene betrifi't, so ist darauf hinzuweisen, 
daß ein einziges Mal, bei Aeschylus, die unmittelbar auf das letzte 
Stasimou folgende Chorexodos sich mit der Exodos überhaupt deckt: es 

'j Vcrgl. aber noch die Aiim. auf S. 128 
2) Vgl. S. 148 und 144. 



— 147 — 

ist dies bei der (nach i) anapästisch beginnenden und in einen Kommos 
übergehenden Schlußszene der Perser der Fall. Sonst hat Aeschylus 
die Eigentümlichkeit, etwa einmal (Hik. 1014/17, Choeph. 1063/4, Eum. 
140/2) ein Aufmunterungswort des Chorführers in Trimetern voran- 
zuschicken, das aber immerhin noch zum Vorangehenden gehört; man 
mag dabei an die bei ihm auch Stasirais vorangehenden Chorinterloquien 
denken (vgl. S. 136). Alle drei Dichter haben die oben (S. 120) besprochenen 
Monodien oder sonstigen Vorträge in den Fällen, da nach dem Prolog 
vor dem Chore eine Person ihre Parodos hat. Vor der Chorexodos 
haben wir die unter d und g angeführten Dialoge in gleichem (anapästischen 
oder trochäischen) Metrum und ferner im Koloneus und der Antigone 
die langen kommatischen d-qrjvoi, in den Phönissen das Klageduett und 
die trochäische Rede des Oedipus. 

Nach der Chorparodos wird so gut als in andern Fällen bisweilen 
(Prom. 284/97, vgl. S. 128 Pers. 150/4, Ant. 155/61, Hipp. 170/5, Troad. 
230/34) ein Auftreten von der kommenden Person selbst oder vom Chor 
in Anapästen angemeldet. Im Rhesos führt sich noch der Epiparodos 
der Wagenlenker durch den merkwürdig von Trimetern unterbrochenen 
und abgeschlossenen anapästischen Vortrag (733/55) ein. Im Jon ist der 
anderswo in Trimetern gehaltene Chordialog, wodurch der Kommende 
mit dem Anwesenden anknüpft, durch einen metrisch an die Parodos 
anklingenden Kommos ersetzt (219/37): In der Hekabe folgt statt einer 
Trimeterrhesis der Heldin eine Monodie und ein Duett ; man sollte 
denken, daß hier absichtlich der musikalische Reichtum des Voran- 
gehenden und Folgenden einen Ersatz für die metrische Einfachheit der 
Chorparodos bieten sollte. Ganz singulär sind die reichen Partien, die 
sich an Chorparodos und Epiparodos des Aias anschließen (201/62 und 
879/973). Beidemal folgt hier auf das Auftreten des Chors das der 
Tekmassa, nach der Parodos in einer Verbindung der Formen i und 
k, d. h. ganz wie in der Parodos des Rhesos. 

Singularitäten aber haben wir bei dieser Betrachtung die Menge 
gefunden. Sie predigen uns von einer relativ großen Freiheit der Dichter 
und warnen dringend davor, kritische Zweifel gegen eine Form bloß 
deshalb zu erheben, weil sie sonst in der Tragödie nicht nachzuweisen ist. 



Le fabliau du Buffet 

publié par 
Albert Barth. 



Classification des manuscrits. — Quatre manuscrits, à ma connais- 
sance, contiennent le petit fabliau Du Buffet: 

1) A = Bibl. nat. f. fr. 837, f'^ 275 V — 277 r°. Fin du XIIP siècle. 

Cef. A. Tobler, Li proverbe au vilain, Leipzig 1895, p, VI). 

2) B= Bibl. nat. f. fr. 1553, f-^ 505 r" — 506 r^ Seconde moitié 

du XIIP siècle, (cf. G. Ebeling, Auberee, Halle a. 'S. 1895 
p. 77). 

3) 6' = Bibl. nat. f. fr. 1593, f^ 118 v° — 120 v°. Seconde moitié 

du XIIP siècle, (cf. ibid. — XI V^ siècle, d'après G. Paris, 
Le lai de l'oiselet, dans „Légendes du moyen âge", Paris 
1903, pag. 271). 

J'ai conservé les sigles du Recueil Général (III, 387) 
pour désigner ces trois mss. qui ont été souvent étudiés. 

4) /) = Chantilly, Musée Condé n° 475, f"* 215 r°— 217r<>. XIIP siècle. 

(Voir la description détaillée de ce ms. que M. G. Raynaud 
a donnée dans la Romania, t. XXIV, p. 446 ss). ^) 

J'ai pris copie des quatre mss., les variantes fournies par le Recueil, 
Général n'étant pas toujours suffisantes ni, en général, d'une exactitude 
rigoureuse. — 

Nos manuscrits ne semblent pas trop s'éloigner de l'original; en 
effet, sur un peu plus de 260 vers, 37 sont absolument identiques dans 
les quatre versions, et il est permis d'y ajouter une trentaine d'autres 
qui ne se distinguent entre eux que par des variantes minuscules. 

Est-il possible de préciser certains rapports entre les quatre ma- 
nuscrits ? 



1) Ce ms. renferme, entre autres, le fabliau du Boucher d'Abbeville dont je 
prépare une éditioD critique; chemin taisant, j'ai recueilli les matériaux delà présente 
publication. 



— 149 — 

Il n'y a qu'un critérium pour décifler la question ^) : La commu- 
nauté d'erreurs. Autre restriction à faire: il peut arriver que des copistes 
indépendants l'un de l'autre tombent dans la même erreur; toutefois, ce 
cas n'est qu'une exception à la règle qui veut qu'une faute commune lie 
les mss. en une même famille. 

Cela dit, je ne vois qu'un seul passage de quelque importance : 
V. 100, et ce vers semble parler en faveur d'un groupement B D -\- C 
contre A: 

(Le sénéchal, furieux, accueille par des injures le vilain „qui vient 
de charrue":) 

V. 99 : Veez quel louceor de pois ! 

A continue : 

V. 100: Vous estes venuz seur mon pois 
(Ceenz, foi que doi saint Espir!) 

B D disent au contraire : 

N'estes pas venus sor mon pois . . . 

De même C: 

Il n'est i^as uenuz sor men pois . . . 

Or c'est un contresens, à mon avis. Le sénéchal veut dire, évidem- 
ment: „Vous êtes venu en dépit de moi", ,seur mon pois' ne pouvant 
signifier que ,en dépit que j'en aie^-) 

BD -j- C présenteraient donc ici une faute commune. 

On peut se demander toutefois, si la leçon de BD n'est pas simple- 
ment une périphrase de A, c'est à dire, s'il ne faut pas l'interpréter 
plutôt comme une interrogation, une ,question rhétorique' négative, apte 
à rendre, avec plus d'énergie que la proposition assertive de A, le re- 
proche amer du sénéchal — : „N'êtes-vous pas venu en dépit de moi ?" 
Mais les considérations de M. A. Schulze (Der altfranzösische direkte 
Fragesatz, Leipzig 1888, Kap. II) sur les „Füllwörter der Negation" ne 
me paraissent pas venir en aide à cette opinion; voir notamment le § 18. 
(On s'attendrait plutôt à „N'estes vous venus s. m. p. ?'' Des quelques 
exemples, cités au § 20, qui annoncent l'usage moderne, le second seule- 



ij On sait qu'il est dangereux de baser uue olassitication uiiiquemeut sur des 
omissions communes; voir les remarques importantes de M. Foerster, Erec, p. XXXVI 
iHom. bibl., t. XIII, 1891)). 

2) Voir sur cette expression G. Ebeling, Auberee, note au v. 294; cf. M — R I. 97 : 
Quar quant li preudom veut avoir 
Forée, se li tesoit pois, 
Et si estoit tout seur son pois. 
Voir aussi les nombreux exemples recueillis par C-rodefroy ; comparer les expres- 
sions analogues ,sor mon defandement' („Et espousait ma mère s. m. d." Orson lö9()), 
sur ma deffense' (Richars li biaus 955 = sans mon assens 9(U). 



— 150 — 

ment (Mir. X. D. IX [1. XI], 531) pourrait être comparé à notre vers*); 
or, comme presque tous les autres, il n'est pas antérieur à la seconde 
moitié du XTV^ siècle; cf. aussi Paris-Langlois, Chrestomathie du moyen 
âge^ p. LXXIX). — De plus, le vers suivant (v. 101) semble terminer 
une assertion positive peremjjtoire. 

Je m'arrêterai donc au groupement B D C contre A, et voici d'autres 
passages qui, en partie au moins, rendent probable cette classification ; 
mais il importe de faire remarquer dès l'abord qu'aucune de ces leçons 
n'est fautive. Dans la plupart des cas, il est même difficile de choisir 
entre les deux versions (soit Aetj:' = BDC), et, indirectement, cet état 
de choses confirmerait notre classification qui laisse la question indécise 
dans tous les cas suivants où B + C + D sont d'accord contre A.") 

vv. 82 — 3 (Je néglige ici les menues variantes, v. la varia lectio). 
A : A tant ez I- vilain Raoul, 

■I- bouuier, qui vient de charrue. 
OBD: A tant ez vous uenir Raoul, 

Vn vilain, qui vient de charrue. 
La leçon de A évite le double emploi de , venir', tout en renforçant 
et en précisant la notion de ,vilain': il me semble plus naturel d'en 
dériver la leçon, plus banale, de CBD que d'admettre l'inverse. — 

Après le v. 116, BDC ajoutent deux vers; voici ce passage dans 
le contexte: 

V. 114: «Sire,» fet il, «por saint Germain! 
Je vieng mengier, quar i' oï dire 
Que tuit en ont sanz contredire, 

A.... BDC: Mais ie ne sai ou ie me siesce, 

Car tuit sont plain et banc et siege, 

V. 117: Si ne me sai ou asseoir.» 
Je n'ose pas décider si ces deux vers appartenaient à l'original. 
On pourrait y voir un remplissage; mais peut-être doivent-ils peindre, 
par le moyen de la répétition (v. 116* et 117), l'embarras où se trouve le 
vilain ahuri et, de plus, insister sur le manque de place pour mieux 
préparer l'acte brutal, ce ,prêt du buffet', centre et pivot de notre fabliau. 
Si la leçon de B + C + D est la bonne, il va sans dire que ce passage 
ne les réunit pas en une même famille : A (ou son modèle) aurait sauté 
alors les deux vers, peut-être à cause du début analogue dans 116 et 
1 !<)''. C'est cette dernière hypothèse qui me paraît la plus probable. — 

') Notons toutefois qu'ici le verbe est suivi du pronom personnel: („Pour quoy 
me veulz tu traveillier, tirant fel, plain de cruauté?) N'as tu pas assez tourmenté Des 
autres sergenz Jhesu Crist?'" 

^) Si la préft rence a été donuée dans la suite, le plus souvent, à la leçon de A, 
n'est l'étude interne des mss. qui m'y a décidé. 



— 151 — 

V. 184. A: Tu en es chëus en mes las. 
CBD; Tu es chëus en raauuais las. 
,mes', dans A, c'est l'adj. mais „mauvais", fréquent surtout au 
Nord et au Nord-Est^) (cf. Foerster, Aiol 6141; Herzog, Neufranzösische 
Dialekttexte, Leipzig 1906, p. 123 s. v. mas, et, en général, la carte 
„mauvais" de l'Atlas Linguistique et l'article de M. Horning que nous 
citerons dans la note au v. 184). Il est peu probable que le scribe de 
A ait, de son chef, introduit un mot qui ne semble pas être propre à 
son dialecte (français du centre).-) — 

V. 215. A: Li quens en a gete I- ris. 

CBD: Quant li quens Tot, si en a ris. 
La leçon de A est moins banale que l'autre. — 
vv. 257-8: Si dist a soi: «Qui siet, il sèche;» 

A: Et puis si dist: «Qui va, il lèche. 
BDC: Et si dist: «On ki va, il leke. 
A donne la forme courante du proverbe (cf. la note). — 
Notons finalement qu'au vers 207, les deux leçons 

A: Jugiez ... BDC: Fêtes jugier . . . 

disent absolument la même chose: BDC appartient au type ,Faites moi 
escouter', étudié par M. A. Tobler, V. B. I^ p. 20 ss. 

Voici la liste des autres passages, plus insignifiants encore, où une 
leçon .r (=BDC) s'oppose à une leçon A, sans qu'il soit possible de 
déterminer de quel côté est l'erreur, disons mieux, l'inadvertance : ■^) 

vv. 26, 40, 45, 46, 52, 69, 114, 122, 124, 126, 134, (140), 141, 
159, 167. 170-1, 188, 196, 202, 207, 217, 218, 230, 231, 
246, 260. 
Pour tous ces passages, j'ai adopté la leçon de A. En une douzaine 
de cas, x (= B D C) a été préféré : 

vv. 47, 71-2, 80, 93, 97, 115, 148, 146, 155, 176, 199; 284, 
236 (cf. la note aux vers 232-7). 
Dann /'mtérieur de la famUk x. B et D semblent être ptus proc/ie- 
ment apparentés Qjj. 

Nous avons parlé plus haut du vers 100, où BD + C s'opposent à 
A; mais selon toute apparence, la leçon de BD était déjà dans ,/'. — 
L'omission commune des vv. 23—4 ne nous dit rien non plus, puisque 
B a supprimé toute cette partie du prologue (vv. 12—24). — 

') Dans le ms. picard B, ce mot figure deux fois, aux vers 29 et 247. 

-) Il est vrai qu'un intermédiaire entre l'orio^inal et A pourrait l'avoir introduit ; 
ce passage est donc indifferent. 

3) Les chiffres mis entre parenthèses indiquent des passages où A et a: se 
distinguent seulement par des détails de forme. 



— 152 — 

Mais voici un passage plus significatif. Au v. 35, la leçon de C, 
outre qu'elle est appuyée par l'autorité de A, est moins banale que celle 
de BD et cadre mieux avec le vers qui suit; à mon sens, ,pesoit' a été 
introduit par y. modèle commun de B et D. (La bévue de D ,qui l'en 
pesoit' s'explique par une contamination avec la seconde moitié du vers 
suivant , qu'il ne creuoit'). — 

vv. 91—2. Ces deux vers manquent à B et à D ; mais ils sont de 
ceux qui ne permettent pas de tirer une conclusion quelconque. — 

vv. 133-4: 
C: Li quens manda [les] menestreuz BD: Li quens a fait crier entr'eus 
Et si a fait sauoir entr'euz Et fait sauoir as menestreus 

La leçon de A (= texte) : 

Li quens manda les ménestrels 
Et si a fait crier entr' éls 
qui est certainement la bonne, permet de se faire une idée de la manière 
dont ont procédé les copistes de la famille x: 

X présentait probablement encore la leçon de l'original, témoin C 
qui a remplacé seulement , crier' par , sauoir', mot incolore; //. au con- 
traire, a conservé , crier', mais, anticipant le contenu du v. 134, il a été 
obligé de reprendre , menestreus' pour le besoin de la rime et d'introduire 
la cheville ,fait sauoir'. ') 

Indiquons les autres rencontres, pour la plupart insignifiantes, de 
B et D: 

1) Contre C (+ A): vv. 3-4, 10, (31), 32, 33, 60, 69, (71), 80, 85, 
112, 131, 136, 142, 143, 151, (161), 167, 173, (240), (262). 

Dans tous ces cas, A -h C nous ont fourni la leçon du 
texte critique. 

2) Contre C seul (A étant difterent) : vv. 10, 116 b (A manque), 
171, 187. 207, 217, 241, 246. 

(Pour le groupement BD + A, voir plus loin.) 
Les lieux autres combinaisons possibles dans l'intérieur de la famille 
X, à savoir CB et CD, ne- sont f/uère probables. 
I. C4 B: 

V. 48. boiax D; linaus |] A: bouciaus. 
jboiax*, c'est sans doute la leçon de ./• et de //.• D Va modifiée de 
son chef. — 

V. 80. C: tex X- ou (tex) -IX- B: tex X- et -IX- || 
D(i A): tels -XXXIX 
Cette rencontre est un pur hasard : le chifi're n'est rien — pourvu 
que la rime soit satisfaite. — 

1) Je crois doue que la préseuce de .sauoir' dans les deux groupes de la famille x 
est tout accidentelle 



à 



— 158 - 

V, 86. Il semble qu'ici C et B aient une faute en commun. 
B: Qui moût de tin lait plain estoit. 
C: Qui moût estoit de lait plain. 
Cela donne un sens absurde ; de plus, le scribe de B qui gribouille 
a violé la rime. Mais il manque une syllabe à C : il faut donc rétablir 
.pelain" que le copiste, par inadvertance, n'a pas compris. 
Voici l'énumération des autres passages: 

1) Contre D (+A): vv. 3. 42, 51 (texta), 88, 103. 123, 125. 159, 
169, 177, 182, 187, 200, 228, 236, 239. 

2) Contre D seul (A étant différent) : vv. 28 (texte), 52, 53 (texte), 
58, 71 (texte), 80 (texte), 82, (93), 94, (185-6 manquent à D), 
188, 215, 229 30, 260. 

(CB + A, voir plus loin). 

IL C + D: 

Ces passages sont nombreux, B étant très fautif (cf. plus loin 
A+C + D contre B) ; ils donnent généralement la leçon de x. Seuls 
sont intéressants les cas où B + A sopposent à C + D, et ce sera une 
contre-épreuve : en etfet, si notre classification n'est pas fausse, ces quelques 
rencontres de B et A doivent être fortuites. ') Or il s'agit notamment 
de deux passages qui ne figurent ni dans A ni dans B. 

Après le V. 8, C + D ont deux vers qui semblent être de rem- 
plissage; pour cela même il n'est guère possible de décider s'ils appar- 
tenaient à l'original ou s'ils ont été introduits par .r et omis dans la 
suite par le scribe de B. 

Il en est de même pour les vv. 147-8 que j'ai mis pourtant dans 
le texte critique; là, il est possible que A et B, trompés par le début 
presque identique des vers 147 et 149, aient sauté les deux vers indé- 
pendamment l'un de l'autre. Même si les deux passages ont appartenu 
à l'original (chose que je croirais assez volontiers), la rencontre négative 
de B et A peut être tout accidentelle; car B a beaucoup d'autres lacunes 
où l'omission n'est pas aussi aisée à expliquer que dans les deux cas 
précités (quant à une autre lacune probable de A, voir ci-dessus, p. 150). — 
v. 50. CD: morcel || AB: chapon. 
J'ai préféré la leçon de CD: étant donné ,poucin' (qui est fixé par 
la rime), , chapon' devait se présenter facilement à l'esprit d'un scribe 
quelconque; l'inverse est moins probable. — 
V. 179. (v. 178: .... lors furent qoi) 

CD: Li sergent quant il le commande (texte). 
AB: Puisque li sires le commande. 



1) Nous laissons de côté celles qui sont tout à fait insignifiantes. 



— 154 — 

Je ne crois pas qa'on puisse attribuer quelque importance à ce 
passage où s'opposent deux leçons doublement attestées ; l'une ou l'autre 
aurait pu figurer indifféremment dans Toriginal. 

Voici les autres rencontres de C et D: 

Ij Contre B (+ A): vv. (3, 4), 8 (texte), 9, 33, (35, 42), 59 (texte), 
75, 97 (texte), (102), 144, (15(3, 248). 

2) Contre B seul (A étant différent): vv. 43, 46, 52. 88. (90), 122, 
128 (texte), 155, 191, (196), 234 (texte). 

3) Contre A seul (B manquant): vv. 14 (texte), (15), 20, (21), 22, 
164, (221-2), 224, 225. 

(CD + A, voir plus loin.) 

Ces considérations permettent, semble-t-il, de nous arrêter au groupe- 
ment admis et d'exprimer par la figure suivante la filiation des quatre mss. : 

O 



X 



y 



A CED 

Passons rapidement en revue les autres combinaisons théoriquement 
possibles. 
Groupes ternaires. 

1) A CD contre B. 

Il n'y a aucune preuve en faveur de ce groupement. La rencontre 
de ces trois mss. donne toujours la bonne leçon ; B fourmille d'inadver- 
tances et de fautes grossières. Les vers qui appartiennent à B seul sont 
certainement de remplissage; voir dans la varia lectio après les vers 
198, 226 (où il fallait trouver une rime, le v. 225 qui la contenait ayant 
été omis avec les six vers précédents), 256. Il n'en est pas de même des 
vers qui manquent à ß : Les vv. 13-24 pourraient être supprimés, à la 
rigueur; mais il semble bien que l'omission des vv. 37-8, et en même 
temps l'ordre différent adopté pour les \y. 39—46 (qui font suite, dans 
B, à 47-52) s'expliquent par une distraction du scribe qui, après avoir 
copié les vv. 35-6 (pesoit : enragoit) aura été (comme il arrive souvent) 
induit en erreur par une rime postérieure, semblable à celle qu'il venait 
d'écrire (à savoir 45-6: haoit: dire ooit), de manière à continuer par le 
V. 47 plutôt que par le v. 37; après coup, s'apercevant de sa bévue, il a 



— 155 — 

voulu iutroduire les vers sautés; toutefois, il a oublié de marquer, par 
un renvoi en marge, la place qui leur convient. 

Omissions indubitables de B (témoin la rime négligée): v. 118 et 
v. 164; de même les vv. 219-25 (pour observer les convenances de la 
rime, le scribe a trouvé bon cette fois d'introduire, après le v. 226, un 
vers de son cru, cbeville pitoyable qui détruit maladroitement le jeu de 
mots sur lequel pivote tout le récit). 

La combinaison 

2) ACB contre D 

mérite mieux notre attention. 

D débute par ces quatre vers : 

Trubers en ces fablel fablie 

Qui de bien dire ne s'oublie; 

Car honnours est — bien s'i acorde — 

Qui le bien set qu'il le recorde. 

Selon M. Raynaud (Romania, t. XXIV, p. 449), ce Trubert serait 
l'auteur du fabliau. ACB auraient donc ici une lacune en commun, de 
même après les vers 46 (2 vv.) et 52 (6 vv.) et, par conséquent, forme- 
raient une famille; car il serait bien étonnant que ces trois rencontres 
fussent accidentelles dans une pièce qui ne compte pas même 300 vers. 
J'ai de la peine à me ranger à l'avis de M. Raynaud. Ces vers me 
font l'impression d'un début postiche ^), ajouté sans doute par le premier 
venu des jongleurs qui colportaient les fabliaux et en rimaient eux-mêmes. 
Ce récitateur public aurait trouvé bon d'ouvrir la séance par une banale 
profession de foi, sans se douter peut-être qu'il s'emparait ainsi du bien 
d'un rimeur anonyme; il aurait intercalé aussi les deux autres passages, 
notamment les six vers relatifs aux ménestrels (v. la varia lectio au 
vers 52). Si l'assertion de M. Raynaud n'est pas appuyée par des 
preuves positives (et je n'en vois guère) , elle ne me paraît pas 
soutenable devant les arguments (plus forts sans être décisifs) qui 
témoignent en faveur de la classification admise plus haut. Les deux 
autres passages cités qui figurent dans D seulement ne peuvent pas 
décider la question, et toutes les autres rencontres de A + B + C ne 
donnent jamais une mauvaise leçon, tandis que D n'oÔre pas toujours 
une leçon satisfaisante. 

Voici la liste des passages en question (ils sont nombreux parce que 
D, comme le montrent déjà les trois intercalations, a disposé assez libre- 

^) Notons d'ailleurs cjue notre texte ne connaît pas encore, au suhj. présent des 
verbes en — er. l'e analogique de la 3^ pers. du sing. (cf. v. 210); or le quatrième de 
ces vers, si je le comprends bien, présente déjà une forme analogique: recorde 
(: acorde indic). Je traduis; .,Car c'est un devoir honorable (.Eiirenpflicht' en alle- 
mand) — • il (se. Trubert) s'y conforme bien — que celui qui sait le bien le fasse con- 
naître (se. aux autres)''. 



— 156 — 

ment de son modèle): vv. 4, 28, (50, 55), 57, 58, 60, 61, 66, 71, 95, 
98, 102, 106, 112, 113, 117, 123, 129, 132, 139, 143, 144, 155, 159, 
172, 174-5, 182, 192, 193, 195, 199, (201), 205, (207-8), 209, 210, 213, 
214, (216), 218, 231, (232), 233, (239), 243, 244, 250, 251, 252, 254, 
255, 256, 257, 259, 260, 262. 
3) ABD contre C. 

Ces rencontres donnent toujours une bonne leçon. Le scribe 
de C étant très négligent, j'ai préféré la leçon de A -i- B + D également 
dans les quelques cas où le choix reste douteux. 

Cf. les vers 2, (10), (25), 29, 35, 45, 50, 51, 53, 54, 65, 69; après 
72, C ajoute un vers qui est superflu; 77, 78, 83, 87, (88, 90), 99, 103, 
105, 106, (108, 110), 115, 117, 119, 122, 125, 126, (138), 139, 141, (144, 
151, 152, 161, 165), 170, (171), 181, 187, 189, 192 (manque à C), 193, 
195, 196, 198, 199, 202, 206, 210, (211, 212), 226, 227, 235,242, 243, 
250, (254). 
Groupes binaires. 

1) A + C. 

Seuls sont intéressants les passages où une leçon A + C s'oppose à 
une leçoQ B + D; ces cas ont été énumérés et discutés plus haut (p. 152). 

Au vers 37 

D: De duel || AC: D'orgueil || (B manque) 
on peut très bien maintenir cette dernière leçon ; car c'est de l'orgueil 
blessé qu'il s'agit : l'orgueil du sénéchal est blessé par l'affabilité de son 
seigneur. 

2) A + D. 

Voir ci-dessus, p. 153. 

Au seul vers 51, la leçon de 

BC: Menioit j| AD: Menia 
m'a paru préférable; mais il n'était pas absolument nécessaire de l'intro- 
duire dans le texte. Dans tous les autres cas, A + D donnent la bonne leçon. 

3) A -\- B. 

Ces rencontres ont déjà été examinées (v. p. 154). De même, dans les 
quelques cas où le groupe A l- B se forme sans que C et D soient réunis 
à leur tour, il ne s'agit que de similitudes minuscules, tout accidentelles 
(sauf aux vv. 132, 139, 193, 195, 243, où B, par exception, a seul con- 
servé fidèlement la leçon de // et ./•); cf. les vers 54, (87), 95, 97, 98, 
108, (144), 146, 228. 

Le dia/ecte fin fiihliiui. — Avant d'aborder l'étude de la langue, il im- 
porte de faire une remarque sur le caractère des rimes de notre texte. Si bien 
des fabliaux, comme l'a observé M. Bédier (Les fabliaux ^, p. 342 ss.), sont „à 
peine rimes", le nôtre, en revanche, témoigne d'un certain culte pour la rime. 
On n'est pas allé quérir la rime riche, dit encore M. Bédier; notre auteur. 



— 157 — 

au contraire, Fa manifestement pourchassée. Il aimait les jeux de mots^), 
et de même il aimait à jouer avec les rimes. Sur 100 vers français, douze, 
en moyenne, sont rimes richement: „Cette proportion (seil. 12% de rimes 
riches constatées dans le Tristan de Thomas) doit représenter exacte- 
ment celle que la langue française offrirait d'elle-même à tout poète qui 
n'aurait nul souci ni de la consonne d'appui, ni de jeux de rimes, ni 
d'aucune recherche de versification" (Bédier, Le roman de Tristan par 
Thomas, t. II. [1905]. p. 32). Mais notre texte renverse cette propor- 
tion ; ici, les rimes suffisantes sont le petit nombre: sur 182 rimes, 20 
seulement sont suffisantes ; les autres sont riches, léonines, dissyllabiques 
etc., cf. la statistique dressée par M. Freymond dans son étude „Über 
den reichen Reim bei altfranzösischen Dichtern bis zum Anfang des 
XIV. Jahrhunderts", Zeitschr f. rom. Phil. VI (1882), p. 29, No. 177 
(M. Freymond a constaté, dans le ,Dit du buffet', 84% de rimes plus 
ou moins riches, exactement la même proportion que l'on rencontre dans 
le ,Diz dou vrai aniel' (No. 181); ce chiffre n'est dépassé que par les 
Nos. 184, 185, 187 de sa liste qui présentent 85-87% de rimes riches). 
Il faut dire pourtant que bien des rimes prétendues ,riches' sont de 
pauvres rimes, en ce sens qu'elles devaient se présenter plus facilement 
à l'esprit du conteur qu'une rime simplement suffisante. "') 

Voci, pour déterminer le dialecte et la date du fabliau, les quelques 
traits linguistiques que les rimes et la mesure des vers font ressortir. 
P ménestrels : entr' eis (134, 232), 
^ donc -eus <, -ales:ëus -< ïllos. 

Cette rime semble exclure le territoire wallon-picard (de même 
la partie orientale de la Champagne) qui connaît bien -eis, -es <; -aies 
(cf. A. Tobler, vrai aniel, p. XXIX), mais qui dit aus, iaus <, ïl- 
los (cf. Suchier, Aucassin *, p. 68. Dans Huon de Bordeaux 
on rencontre, à l'intérieur du vers, les trois formes: eus, çaus, 
ciaus. cf. aussi entr 'ex Aucassin 2,2o et Foerster, Aiol, 
p. XXXIX). 

En francien, la confusion de eu et eu s'est opérée probable- 
ment dès le commencement du XIII*^ siècle (Suchier, Altfrz. Gramm., 
p. 86). 
2^^ maleur: leur (76). 

La contraction de ëur en env est propre surtout aux parlers 
de l'Orléanais, de la Perche et de la Normandie (Grundriss I-. 
p. 744). 
3" fu (fuit): fu (focu 252). 

*) Ce fabliau ne roule que sur un jeu de mots. 

2) P. ex. les rimes appelées par M. Freymond „bequeme reiche Reime" (loc. cit. 
p. 19), et non seulement celles-ci. 



— 158 — 

C'est une rime picarde (cf. Foerster, chev. as II- esp., p. XL; . 

Aiol 474. Dans le Boucher d'Abbeville, par Eustache d'Amiens, 

elle ne figure pas moins de cinq fois). Cette rime se rencontre 

aussi dans Rustebuef; mais le produit francien de focu est feu. 
4'^ Ö + i > ui: 

cuit (cögito): recuit (recuctum 28). 

Cette rime exclut la Normandie occidentale et le Sud-Ouest 

en général. 
5*^ è i, ai sont confondus à la rime : 

plains (plenus): plains (planctus 30). 
6*^ Confusion de s et de ;; 

V. la rime citée sub 5*^; 

cors (corpus pi.): recors (recort + s 62); 

l'as (habes): las (laqueos 184). 

Au Xll^ siècle, ce trait caractérise les dialectes du Nord ; mais 

dans le courant du XIIP siècle, la réduction de ts à s devient 

générale. 
7" .s* est muette devant une consonne : 

trahitres: tristres (10); cf. aussi la rime léonine ramposna: 
dona (194). 
S^ i final libre s'est amuï : 

fu (fuit): fu (focu 252). 

(En picard, ce -/ s'est maintenu très longtemps, cf. Romania 

XXX, p. 104). 
9"^ siesce: siege (116 b). 

siesce (= siece), subj. de siec sedeo (pic, p. ex, Aucassin 10,2i; 

cf. pic. mèche: mec mitto); pour l'explication de ces formes, voir 

Foerster, Aiol, p. LI et Zeitschr. f. rom. Phil. XXVIII, p. 502; 

Suchier, Grundriss I-, p. 772 et 783. 

c: fi n'offre rien de surprenant (cf Rustebuef: sache: outrage, 

cloche : reloge, Mojsisovics, Metrik und Sprache R.'s, Heidelberg 1906, 

p. 45). Pour siege <; *sedicum, cf. Neumann, Zeitschr. f. rom. Phil. 

XIV, p. 554. 
10" Uc atone interne placé en hiatus devant la voyelle tonique est 

maintenu en général : 

contëor (13, 22), mentëor (14), loucëor (99); eus (182); ëust 

(128, 165), pëust (129), pëusse (203); ch eu s (participe 184), bëu 

(199j, vëu (205). ^ 

Exceptions: maleur (75), v. sub 2"; are s tu z (: reuestuz 260) 

pour arestëuz (p. ex. Aiol 5218, 9196, 9487, cf. Foerster, note au 

V. 915) est dû à l'analogie des formes fortes du parfait (cf. Suchier, 

Zeitschr. f. rom. Phil. II, p. 282 ss.). Il faut expliquer de la même 



— 159 — 

façon un cas d'élision où Vc se trouve dans la syllabe initiale du 
participe passé : jut (102, cf. Aucassin 14, e, 14), à côté des exemples 
cités chëus, bëu, vëu. A signaler encore vez (103, 212) auprès de 
veez (99); il est permis peut-être d'expliquer la première forme par 
l'influence analogique de ez, cf. le prov. vec — si ce n'est pas 
simplement vides qui commence à empiéter sur le domaine de 
V i d e t i s. 

Pour le français du continent, l'élision de Ve atone antétonique 
est attestée sporadiquement dès la tin du XII® siècle, au moins dans 
les parlers normands, picards, wallons, lorrains (cf. Suchier. Au- 
cassin ^, p. B8; Tobler, Versbau ^, p. 53-, G. Paris, Orson, p. 
XXXVI). 
11° No, Vo auprès de Xostre, Vostre: 
Vo buffet et vo nape (168). 
Vostre seneschal (190). 

Les formes no, vo sont propres surtout au picard et au wal- 
lon; vo se rencontre aussi dans Rustebuef (Herr. Arch. 65, p. 87; 
Mojsisovics, p. 48); cf. en outre Romania XXIX, p. 595. 

12^ La première personne du singulier de l'indicatif présent I ne prend 
pas encore Ve analogique: 

cuit (cogito) : recuit (28); cuit (202, assuré par la mesure du 
vers); cuit: acuit (210). Ces deux rimes attestent la prononciation 
cuit (non cuic); la dernière constate en même temps, pour le sub- 
jonctif présent I, l'absence de Ve analogique à la troisième personne 
du singulier. 

13*^ Première personne du pluriel: — on s (non ornes): 
Disons (250); mais sommes (74). 

14" sauroit: auroit (135-6), 

de deux syllabes (non aueroit etc.) 

15*^ La déclinaison à deux cas est observée. 

Dans trahitres: trist res (10), Vs analogique peut avoir été 
ajouté par les scribes. Il n'est pas possible de déterminer si sire a 
déjà Vs analogique (cf. les vv. 114, 187, 200, 206, 233, où les mss. 
ont sire (vocatif); 216, 240, 249, où ils donnent sire ou sires 
(cas sujet); 161, 255: seignor (cas régime); il en est de même 
pour autre (les leçons des mss. ditierent, cf. les vv. 140, 141, 142, 
143, 148: c'est probablement li uns qui a entraîné li autres), 
subst. fém. : mauuestiez (90), passions (106), cf. Grundriss ,1-, 
p. 787. Il est possible que ces deux formes aient appartenu à 
l'original, 
adject. fém.: grant (120, 127). 



— 16Ü — 

16^ tien (tuum) : Tien (tene 228). 

cf. Grundriss I-. p. 791. 
17" tuit (n. pi. 71. 116. 116 b). 

Cette forme est remplacée, au XIIP siècle, par tout (tous). 
18^ V. 224: Mes il nen ose por le conte. ^Jusqu'au XIIP siècle," dit 
G. Paris (ehrest, du m, â. '^j p. XCIIn.), „devant un mot commençant 
par une voyelle, on peut employer nen au lieu de ne et éviter 
ainsi Télision" (cf. aussi Tobler, Versbau^ p. 60). Nen n'est plus 
dans Rustebuef (cf. Mojsisovics, p. 14); devant une consonne, il se 
rencontre encore dans Froissart (Zeitschr. f. rom. Phil. II, p. 4 n. 2). 
19° On ne trouve que les cas connus d'élision obligatoire et facultative; 

17^ aspirée compte parmi les consonnes (cf. vv. 120, 223). 
20*^ Vu le caractère spécial de la rime, il semble permis d'attribuer à 
l'original la forme gales (163: Gales 164); peut-être aussi nelui 
(42: celui 41), pourciaus (47: bouciaus 487 ; cf. purcelli, Gloses de 
Cassel n." 82). — 

Plusieurs rimes importantes manquent; il va de soi qu'il n'y a pas 
à tirer d'indications de ces preuves négatives pour la patrie de notre 
petit fabliau (Manquent à la rime : Le produit de e + ï ; en ^'"**- : an '^°"* .• 
le produit de - iala; mi, etc.). 

L'ensemble des traits linguistiques cités et le mélange de plusieurs 
particularités dialectales qui s'y révèle permettent, semble-t-il, de loca- 
liser en Picardie le fabliau Du Buffet (3"\ 6", 9'\ IP), en le rap- 
prochant pourtant de la Normandie et de l'Ile de France (P, 2*^, 8", 10"), 
et de lui assigner pour date le commencement du XIIP' siècle (1**, 10'\ 
12'\ 15", 160, 170^ isc^. 

Notre texte contient-il des allusions, historiques ou littéraires, 
qui permettent de vérifier les conclusions basées sur l'étude de la langue ? 
Les éditeurs du Recueil Général en allèguent deux qu'ils croient 
telles: 

1) Voici ce qu'ils disent dans leur note au v. 218 (t. III, p. 393; 
c'est le V. 216 de notre édition): „Le comte Henri, dont il est ici question, 
est sans doute Henri, comte de Champagne, auquel fait aussi allusion, 
mais un peu confusément, le fabliau de la Plantez (cf. p. 173)". M. 
Bédier, dans la première édition de son livre (p. 464), a déjà relevé la 
faiblesse de cette remarque : „Pour notre part, nous soupçonnons Henri 
d'être là pour la rime ; et comme il y a eu d'ailleurs des centaines de 
comtes Henri au moyen âge, il n'y a aucune raison de croire qu'il 
s'agisse d'un comte Henri de Champagne. D'ailleurs, qui est ce comte 
Henri de Champagne dont parle la Plantez et qui serait le même que 
celui du Vilain au buffet? Les éditeurs (p. 380) déclarent n'en rien 
savoir. Quelle nécessité de faire une note pour identifier un inconnu avec 



— 161 — 

un inconnu? Pour le dire en passant, M. Gr. Paris (Litt. fr. au ra. âge, 
p. 113) a reconnu en ce comte Henri de Champagne le roi de Jérusalem 
Henri, mort en 1197."^) 

2) Au vers 148 (qui manque à A B), un des jongleurs „dit l'er- 
berie." Or on lit dans le Glossaire-Index (t. VI, p. 320): „Erberie" 
(Allusion au Dit de 1'), de Rutebeuf." 

Cette assertion ne me semble pas plus fondée que la précédente. 
,Erberie' est un nom générique (comme .riote' v. 142, .jenglerie' v. 143), 
et il est certain qu'il y a eu, tout comme des comtes Henri, des dits 
de l'erberie par centaines au moyen âge. Si l'erberie de Rustebuef est 
seule -) à nous conserver un représentant de ce genre de parodie, s'en- 
suit-il de là que toute allusion à l'erberie se rapporte nécessairement 
à la composition de Rustebuef? La parodie du boniment de ,mire* était 
sans doute une pièce du répertoire de chaque jongleur. Dans les foires 
où l'on prêtait l'oreille au boniment sérieux du charlatan, on en applau- 
dissait aussi la parodie improvisée par un jongleur quelconque. 

Il est probable que des considérations analogues ont porté M. 
Groeber (Grundriss II, 1, p. 904) à s'exprimer avec réserve sur l'identi- 
fication proposée par les éditeurs.^) Selon M. Groeber, notre fabliau 
serait de l'extrême fin du XIII« siècle ; *) c'est aller trop loin, semble- 
t-il (voir ci-dessus, p. 160). — 

Quant à l'aspect extérieur du texte, j'ai reproduit A pour la graphie 
et pour les formes. C'est le meilleur des quatre mss. au point de vue 
de la tradition de ce fabliau, et le scribe a été assez consciencieux. Son 
dialecte ne semble pas coïncider tout à fait avec celui de l'auteur, ') 
mais les traits linguistiques qu'il m'a été possible de dégager plus haut 
sont trop peu nombreux et trop généraux pour qu'on puisse tenter une 
reconstruction de l'original qui ne soit pas chimérique. — 

Le fabhau Du Buffet n'est pas de ceux qui se transmettent à 
travers les littératures. Il fait partie de ce petit groupe de récits qui, 
selon M. Bédier, ne peuvent appartenir qu'au moyen âge français, comme 



1) cf. aussi G. Paris, La littéi-ature normande avant l'annexion (Paris 
1899), p. 41 n 1. 

2) Ou presque seule, cf. De la goûte en l' a i n e, composé vers le même temps 
(Romania, t. XVI, p. 495); et je vois que Jubinal a publié, avec les deux pièces qu'on 
vient de nommer, une troisième erberie (Oeuvres complètes de Rutebeuf, t. I. Paris 
1839, p. 468). 

3) „ . . . der mit dem Dit de l'Erberie vielleicht Rutebuefs Gedicht meint." 
*)„... noch dem Ende des 13. Jahrhunderts angehören wird." 

•^j La même remarque s'applique aux autres mss. : B est purement picard (Nord- 
Est) ; C et D se rapprochent de A. On sait d'ailleurs que beaucoup de mss. otfrent 
un mélange de graphies et de formes appartenant tantôt au modèle tantôt au copiste. 

11 



— 162 — 

fondés sur un jeu de mots (Les fabliaux -, p. 283; on pourrait y ajouter 
les deux pièces obscènes De l'aveine por Morel et De porcelet, 
citées à la page 284 sub 4^ b). En effet, l'aventure plaisante qu'il ra- 
conte (peut-être d'après un fait réel, contemporain) repose sur un jeu 
de mots de l'ancienne langue, savoir sur le double sens de ,buffet' qui 
signifiait à la fois , siège' (sorte de tabouret, escabeau) et , soufflet*^) (cf. 
Tobler, Y. B. Il-, p. 261 — 2).-) La Rio te du monde, si riche en ca- 
lembours, m'en offre un autre exemple intéressant: „Se je di a un 
vilain: „Je te donrai un bufet," il s'ira clamer de moi; et encore valt 
uns buffes v- sols u VI- a mètre en le maison d'un borgois" (Zeitschr. 
f. rom. Phil., t. VIII, p. 283, 1. 50; cf. p. 284, ms. de Berne). Ceux 
qui ont parlé de notre fabliau n'ont pas dit que l'auteur joue en même 
temps avec ,prester' (=,donner à condition qu'on rendra', puis , donner', 
.tendre* tout court ^): c'est dans son sens général, bien entendu, que le 
sénéchal emploie ce mot. ,Prester un buffet' signifie donc ici les deux 
choses: ,tendre un siège' et , prêter un soufflet". Le sénéchal se sert de 
l'équivoque de ,buffet' pour donner un soufflet à Raoul au lieu du 
siège demandé; mais le vilain rusé profite à son tour de la double 
interprétation que comportent les paroles du sénéchal pour rendre 
honnêtement (intérêt et principal, s'entend) le soufflet qu'on lui 
a prêté. 

Il est donc clair que le récit ne peut subsister sans le jeu de mots. 
Cela veut dire en même temps que la propagation de notre conte (comme 
en général de toute histoire fondée sui' un jeu de mots)*) s'est heurtée 
aux limites de la langue, voire même, à l'intérieur de la langue française, au 
seuil de la Renaissance; car, dans le français littéraire, .buffet* (= soufflet) a 
bientôt cédé à ,buôe' et à , soufflet' (on ne trouve plus que ,buffe' dans 
Amyot et dans Montaigne, cf. Hist. htt., t. XXIII, p. 213); par consé- 
quent, l'excellent Legrand d'Aussy, ^) „n'ayant pu la [se. cette équivoque] 
faire passer dans notre langue", a été obligé d' „y suppléer par quelque 



1) Ce dernier mot est d'origine onomatopéique ; l'étymologie du premier est in- 
connu; M. Koerting (n^ 1629; le rattache au second, de même Littré, et déjà Ménage. 
— Il est curieux de voir qu'un mot du fr. moderne, à savoir pouf, a une origine et 
un double sens analogue (je néglige ici les autres significations): 1) interjection 2) 
sorte de tabouret (dans ce cas, on écrit aussi pouff). Cela confirmerait, en principe, 
la conjecture des savants qu'on vient de nommer; reste à trouver une explication 
suffisante. 

2) M. Groeber (Grundriss II, 1, p. 904) traduit par mégarde, .Serviertisch'. 
8) cf. aussi Foerster, Aiol 7384. 

*) Il y a des exceptions, cf. Bédier, Les fabliaux-, p. 283 n., et ce que nous allons 
dire plus loin sur notre jeu de mots. 

^) Fabliaux ou contes, fables et romans du XII' siècle, traduits ou 
extraits par L. d'A., t. U^ (Paris 1829), p. 363. 



— 163 — 

chose d'équivalent." Il a remplacé le ,buffet' par un ,coup de pied^, ') 
et il a intitulé l'histoire ainsi modifiée Le siège prêté et rendu; il 
va de soi qu'elle n'a pas gagné à ce remaniement,-) pas plus qu'à l'imi- 
tation d'Imbert qui s'est inspiré de cette traduction.^) 

Chose curieuse: L'anglais a emprunté les deux mots (buffet , siège, 
et ,souiïlet') à l'ancien français en conservant jusqu'à nos jours leur 
signification première*), de sorte qu'il serait possible de raconter en 
anglais ^) cette même aventure qu'on n'a pu renouveler en français sans 
la modifier et la gâter. 

Notons finalement que l'italien connaît aussi jbufifetto' avec un 
double sens analogue a) soufflet*^) b) petite table ^) que je rencontre 
encore dans le fameux Malmantile Racquistato: a) c. II, str. 17 
.tavolino' ; b) c. XI, str. 47, v. la note des savants commentateurs). En 
outre, .buffetto* se trouve dans l'expression consacrée ,pan buffetto' (=p. 
finissimo), et Burchiello n'a pas manqué l'occasion d'équivoquer sur ce mot : 

„E pan buftetto, e cacio scappezzone" (Son. 66) ®). — 

Abstraction faite du jeu de mots, si nous réduisons notre histoire 
à sa plus simple formule, nous sommes en présence d'un thème narra- 
tif certainement très répandu: Un homme qui s'introduit dans un banquet 
sans avoir qualité pour y être admis (soit qu'il ne se présente pas en 
habit de fête, soit qu'il n'ait pas été invité du tout, un intrus en somme) 
réussit, grâce à son bon sens naturel, non seulement à se tirer d'affaire, 
mais encore à tourner l'aventure à son profit. — On voit que cette for- 
mule est assez générale pour comprendre toute une série de contes popu- 
laires, enrichie sans cesse par de nouvelles aventures tirées du grand livre de 
la Vie. Si, par caprice de collectionneur, on recueillait ces historiettes 
plus ou moins amusantes, on en ferait sans doute un gros album de bons mots, 
mais rien de plus. Je citerai pourtant deux nouvelles, ne fût-ce que pour 



1) loc. cit., p. 360: L'autre |sc. le sénéchal], furieux, lui allonge de toute sa 
force un coup de pied dans le derrière: .,Tiens, lui dit-il, asseois-toi là-dessus, je te 
prête ce siège-là." — Le vilain ne manquera pas de lui rendre la pareille. 

2) C'est une traduction plus ou moins libre. L'auteur qui a eu différents mss. 
sous les yeux (A, B, C), a suivi surtout B, en supprimant quelques passages et en 
ajoutant des phrases de délayage : il explique plutôt le conte qu'il ne conte lui-même 
Ce qu'il dit à la page 5 sur la fidélité de ses traductions n'est donc pas tout à fait exact. 

3) 70 vers qu'on peut lire aussi, à la suite du conte en prose, dans l'édition 
citée de Legrand d'Aussy, p. 366^8. Imbert a supprimé la jolie scène des jongleurs 
et toute la fin à partir de la vengeance du vilain. 

*) Toutefois, buffet , soufflet" n'est plus qu'un ,mot littéraire'; buffet ,siège' = a 
three-legged stool. 

^) On trouverait é^^alement le correspondant de ,prester: lend. 

6) De nos jours plutôt = biscottino ,chiquenaude'. 

") Aujourd'hui au sens restreint du fr. moderne buffet; cf. aussi buffè. 

8) cf. Malmantile, c. XI, str. 44, note. 



— 164 — 

montrer, eu deux représentants différents de temps et de pays, l'univer- 
salité du thème. Ces deux histoires se ressemblent d'ailleurs en ce que 
leurs héros sont deux chercheurs de franches lippées qui s'invitent eux- 
mêmes, tandis que dans notre fabliau, le vilain crasseux est au moins en 
droit de se croire invité comme tout le monde 

La première est la nouvelle 51 de Sacchetti que je résume avec 
les paroles de M. L. di Francia (F. Sacchetti novelliere, Pisa 1902, p. 
204) : „Facendo un convito messer Bonaccorso Bellincioni, ser Ciolo, 
ch'era goloso, senz'essere invitato, si presentô a desinare. • Dicendogli i 
servi che se ne andasse, perché non era degl' invitati, l'ingordo vecchietto 
rispose che non voleva fare tal disonore a Bonaccorso: „se io non sono 
stato invitato, non è mio difetto; la colpa è stata di chi l'ha avuto a 
fare." Cosi rimase a dispetto dei servi, e quando il signore udi la 
cosa, ordinô loro che per ogni festa lo invitassero insieme con gli altri." 
La nouvelle se termine par des réflexions morales et par cette phrase: 
. . . ed egh si dice che fu il primo [se. ser CioloJ che disse, tornando 
dal desinare di messer Bonaccorso a casa sua, queste parole, o questo 
motto che vogliam dire: „Chi va lecca, e chi sta si secca." On remar- 
quera à la fin de notre fabliau que le vilain résume Texpérience de la 
journée par le même dicton populaire; c'est qu'au fond la situation des 
deux jlécheurs' est la même. 

La nouvelle 105 de Bonaventure Des Periers raconte une histoire 
analogue, à cette différence près qu'ici le parasite est un voyageur, „un 
Hybernois", qui „se proposa de cognoistre les manières de faire des 
nations estrangeres et leur usage de parler", et qui „se sçavoit bien 
entregenter en toutes compaignies" ; grâce à sa „gaillardise et prompti- 
tude d'esprit, il captivoit le plus souvent la bonne grâce de ceux qui, 
en le regardant seulement, l'eussent du tout rejette" ; la nouvelle en 
donne un exemple. 

M. L, di Francia (loc. cit.) n'a pas manqué de renvoyer à ce 
dernier conte: „ ... 11 motivo perô sembra tradizionale, e dubito che 
il popolo florentin o lo attribuisse gratuitamente al noto parassita. Di 
questa congettura mi ofi're la prova un novellatore francese . . . che . . 
racconta un fatto analogo al nostro. Per la qualcosa non si esce da 
questo dilemma : o vogliamo ammettere che la novella italiana sia passata 
in Francia per tradizione orale, perché bisogna escludere che Bonaven- 
tura abbia potuto conoscere Topera manoscritta del Sacchetti; oppure 
dobbiamo riconoscere che essa era tanto nelle tradizioni del popolo 
italiano, quanto del francese, il che mi pare più probabile." 

A n)on sens, ce , dilemme' n'existe pas ; il a été imaginé pour l'amour 
de la théorie. Le conte français pourrait reposer tout aussi bien sur 
un fait contemporain. Des histoires de ce genre arrivent réellement, 



— 165 — 

en tout temps et partout ') -, on n'a pas besoin de les recueillir pieusement 
dans la tradition séculaire; la littérature narrative se retrempe sans 
cesse à sa meilleure source, la vie. Est-ce que de nos jours on a entiè- 
rement perdu le sens- de la réalité pour vouloir construire, à tout prix, 
une tradition littéraire partout où l'on rencontre une simple histoire qui, 
dans le monde réel, peut s'être passée hier encore, et pour la millième 
fois, avec des variations infinies? — 

Dans notre fabliau, l'auteur prend partie pour le vilain contre le 
sénéchal, donc pour le faible contre le fort (cf. Bédier, Les fabliaux-, 
p. 331). Mais il ne faut pas vouloir attribuer une valeur typique à ce 
triomphe du vilain. Si r,animal farouche', appelé Vilain, n'a pas le dessous 
cette fois, c'est qu'avec lui les conteurs, maltraités par le serviteur avare 
du bon comte, prennent leur revanche, et encore faut-il satisfaire la 
morale publique : Le sénéchal s'est fait haïr de tout le monde ; sa 
,cuivertise' mérite d'être punie; il sera donc puni. Tant pis pour lui si 
c'est un vilain crasseux qui est appelé à exécuter l'arrêt prononcé par 
la vox populi -'!) 



1) Cf. p. ex. les conseils que M. Coquelin Cadet donne „Aux jeunes gens pauvres" 
dans son Livre des convalescents (Paris, Flammarion, p. 66 — 7). 

2) Notre fabliau a été publié d'abord par Barbazan, t. I (Paris 1756), p. 233 
ss. ; puis par Méon, t. III (1808), p. 148 ss., et en dernier lieu par Montaiglon, 1. cit. 



Du Buffet. 



^iui biau set dire et rimoier, 

Bien doit sa science amoier 

A fere chose ou l'en aprenge, 

Et dire que l'en n'i mesprenge. 
5 Et cil ne fet mie folie 

Qui d'autrui mesfet se chastie: 

Li cortois cuers et li gentiz 

Est au bien aprendre ententiz. 

Et li fel, enuieus, trabitres, 
10 Si est toz iors enbrons et tristres, 

Quant il ot le bien recorder, 

Quar il ne s'i puet acorder. 

Quant il ot aucun conteor, 

Si dist : „Ha Dieus ! Quel menteor! 
15 Cist en tuera ia tels XX- 

Dont ainz nus a estor n'en vint, 

c. Le dit du bufet (d'une main ijostérieure) A, dou vilain au buffet B, ci 
commence li diz dou bufet C, dou uilain qui randi le bufet D. — D débute par ces 
4 vers: 

Trubers en ces f'ablel fablie, 

Qui de bien dire ne s'oublie; 

Car honneurs est, bien s'i acorde, 

Qui le bien set qu'il le recorde. 
1 — 4 écrits sur 8 lignes à cause de la miniature A. — ■ 1 De biax dis dire 
etr. B; l'initiale manque à C. — 2 auoie C ' me vaurai molt bien a. B. — 3EtB| 
dire ch. BD ou B C apraigue CD. — 4 et D I (tant B) faire B D ' c'on B j mes- 
praigne CD. — 5 — 6 manquent dans D. — 5 Car B, Ne C | ciex B|manquedansD. 

— 6 manque dans D. — 8 a bien a. D, bien a a. C | entendre AB. — CD 
ajoutent ces 2 vers: 

8a Mes li mauuais, fel et cuuers (M. l'auer, enuieus, couuers D) 

8b Est a mal aprandre aouuers (couuers D). 
9 maluais fel et tr. B ■ l^i faus bons auers (cuiuers D) et traites CD. — 10 11 e. C | 
Est tout adies B D dolans Bjt'stres A, tistres C. — 11 Dou bien qaiit il ot r. B| 
les biens C. — 12—24 manquent dans B. - 13 oit D manque à B. — 14 dit C | 
Ha dieu D, Oiez A mancjue à B. — 15 eis D, cil C tel vint CD manque à B. 

— 16 aius un D, -I-seul C en estour D, a estout C j ne C| manque à B. 



— 167 — 

N'onques ne furent ne de meré." 
Moût par li est au euer amere 
L'example des biens qu'il ot dire, 
20 Que toz muert et d'anui et d'ire. 
Mes l'en deuroit bien escouter 
Conteor quant il set trouer. 
Por qoi? Por ce c'on i aprent 
Aucun bien, qui garde s'en prent. 

25 JL''ore en auant eis fabliaus conte 

Qu'il ot en la meson d'un conte 

•I- seneschal, si con ie cuit 

Félon et auer et recuit ; 

De toz maus visces estoit plains. 
30 Sachiez qu'il ne fust gueres plains 

De nului qui leenz venist, 

S'aucuns anuis li auenist; 

Quar plains estoit de mal afere. 

Quant il veoit son seignor fere 
3ô A nului bien, si se deruoit, 

Por I- petit qu'il ne creuoit 

D'orgueil et d'anui et d'enuie. 

Li quens qui menoit bone vie, 

Qui plains estoit de grant renon, 
40 Ne se fesoit se rire non 

De la mauuestie de celui; 

Quar bien set qu'il n'aime nului 

Qui reperier viengne en l'ostel. 

Conquis i auoit •!• los tel 

17 nez C ] manque à B. — 18 Tant p, D | aumere (aumere?) D \ manque à B. — 
19 bons D I oit D I manque à B. — 20 Qu'il en (eu manque à C) art tous (tot Cl 
de duel et d'ire D C | manque à B. — 21 M. on C D doit moût b. Djmanque àB. 

— 22 veut tr. A, s. conter C D | manque à B. — 23-24 manquent dans D. — 
23 manque à B D. — 24 ci pr. C | manque à B D. — 25 eist f. C | romans B 
L'initiale manque à B C. — 26 Qui eut B [ l'ostel a un c. B C D. — 27 iou cuic B. 

— 28 Vilain A, Fol D f. et cuuert B i et uiout r. D. — 29 mais vises B, malices C. 

— 30 Et s. C I n'est g. C | .)ou cuic ki ne fu B. — 31 nelui BD. — 32 S'uns grans 
a. B D. — 33 Tant C D j estoit pi. C, par e. D, molt e. B put a. B. — 35 nelui C D 
bien] manque à C | molt li B, qui l'en D | pesoit BD. — 36 Et p. B, Par C, A bien 
p. D vn poi B ! n'enragi)it B. — 37 — 38 mau(]uent dans B. — 37 De duel D| 
manque à B. — 38 belle u. D mancjue à B. — 39 — 46 Dans B, ces vers 
viennent après 47 — 52. - 39 Et qui e. D [ Li quens ki molt estoit preudon B. — 
40 s'en B C D. — 42 Car b. voit C, Il voit b. B nelui C D. — 43 herbergior C D 
vigne C 1 a l'ost. D | Qui laiens venist osteler B. — 44 ot cil C, a vn 1. itel B. 



— 168 — 

45 Que toz li mondes le baoit, 

Qui sa mauuestie connissoit. 

Mes li vilains comme porciaus 

S'encressoit et plains ses bouciaus 

Beuoit de vin en larrecin, 
50 Maint cras morcel et maint poucin 

Menioit toz sens en sa despensse; 

A autre honor fere ne pensse. 

Li quens qui lu cortois et sages, 

Enuoie par tout ses messages 
55 Et mande qu'il veut tenir cort. 

Renommee qui par tout cort, 

Est par le pais espandue. 

A cort vienent sanz atendue 

Chevalier, escuier et dames, 
60 Qui tant ne font pas por lor âmes 

Comme il fesoient por les cors ; 

Et sachiez, tels est mes recors : 

Qui tant por les âmes feroit 

Com por les cors, ne soufferroit 
65 En enfer paine ne tonnent. 

Moût i ot riche atornement. 

Quiconques veut, en la cort entre; 

Tels i vient, au mien escientre, 

45 Car C | trestous li mons B C D. — 46 dire ooit (oit B C D B. - D ajoute ces 
2 vers: 

Quant ot plus biens entre ces mains, 

Tant en fist il largesses mains. 

47—52 Dans B, ces vers précèdent les vv. o9— 46. — 47 Et A. — 48 S'en- 
gressoit C ' de dens s. b. B | boiax B C, linaus D, — 49 Buuoit B | du \ . C, le v. B. 

— 50 Mains D | gras C | chapon A, capons B | mains D | pucin C. — 51 Menia A D | 
lors ens d. C. — 52 Qu'a D, Car a B, Car C , nulle h. C D, nul autre bien B 1 fere] 
manque à B. — D ajoute Ti vers: 

Les menestreus haoit a mort; 

Mauuaitie qui leur point et mort 

Li fait hair; ia n'i uenist 

Ménestrel qui bien n'auenist 

Se de lui peust eschaper 

Sans batre ou ferir ou gaber. 
53 Mais li c. C | ert B, est C | uaillans D, et preus et s. A. — 54 Enuoia D, Fait 
mander C. — 55 qui D. — 57 S'est D | respendue B. — 58 A la c. vont B C, Tout i 
uindrent D. 59 Chevaliers escuiers D, Escuier ch. AB. 60 ne font pas tant D 
les a B D. - - 61 eles f B 1 feissent D. — 62 sachies que B. — 65 infer B i p. et t. C. 

— 66 estorement D. — 67 vient B. — 68 uint D, va B | par le m. e. D, ke m. e. B. 



— 169 — 

Qui onques n'ot saouls este, 
70 Ne en yuer ne en este ; 

Mes tuit ont assez, sanz dangier, 

Vins et viandes a mengier ; 

Quar li quens l'auoit commande. 

„Moût en sommes ore amende," 
75 F et li seneschaus, „en maleur: 

Il n'i metent gueres du leur. 

Si demande chascuns qui vient 

Qanques li estuet et couient, 

Aussi qu'il ne coustast I- oef, 
so Et l'en i voi tels XXXIX- 

Qui piec'a ne furent saoul," 

A tant ez I- vilain Raoul, 

•I- bouuier, qui vient de cliarrue. 

Li seneschaus celé part rue 
85 Ses iex, s'a choisi le vilain 

Qui moût estoit de lait pelain: 

Deslauez ert, s'ot chief locu ; 

Il ot bien L- auz vescu 

Qu'il n'auoit eu coiffe en teste. 
90 Mauuestiez qui maint homm e ent este 

A fere anui et vilonie 

Et cruauté et félonie, 

Ot si le seneschal soupris, 

A poi qu'il n'est de duel espris, 
05 Quant le vilain vit enz entrer ; 

Venuz li est a rencontrer, 

69 Quil B, C'o. C I onques] manque à B D ! n'auoit B C D pas s. e. B D. — 71 tout B D | 
en oreut D j assez] manque à D'à mengier A. — 72 v. et v. sanz dangier A. — 
C aj oute ce vers: 

ont il assez a grant plante. 

75 Dist CD. — 77 Se B I chaucuns C, cascun B ! que wet C. — 78 Quanqu'il C, 
Qùque D, Chou ki B | c. et e. C. — 79 Aiissi si n. B, A. com C. — 80 Mais D | v. 
chi B D, S'en i \-ienent A \ X et IX B, X ou tex IX C. — 81 Que B. — 82 ez 
vous (euuous Bi venir (uenu Di R. BC D. — 83 vilain B CD j vint C I kierue B. — 
85 si c. B D. — 86 lai p. D, lait plain C, de fin lait plain estoit B. — 87 iert D, 
iu C I et ot C, son c. B | bochut B, beu C. — 88 Que b. ot D, Bien auoit B C | 
LX CD, -C- B I uiscu C. — 89 Qui n'a. point c. en sa t. B. — 90 Mauuaistie 
(Mauuitie C) D C, Maluaist B ' mant C. — 91—92 manquent dans BD. — 
91 uilenie C manque à B D. — 92 Outrage orguuel et grant folie C j manque à BD. 
— 93 Et ot C, a A I souprins D, sorpris A. — 94 A pou D. Par po C, Por I- poi B 
dou d. D I esprins D j n'enrage vis B. — 95 Q. il le uit D i leans C, dedanz D. — 
96 enconter B. 



— 170 — 

Corouciez, bousouflez, plains d'ire; 

Tout maintenant li Jurist a dire : 

„Veez quel louceor de pois ! 
100 Vous estes venuz seur mon pois 

Ceenz, foi que doi saint Espir ! 

Jut a ou palier por crespir. 

Vez comme il fet la paelete ! 

Il couient mainte escuelete 
105 De poree a farsir son ventre. 

La maie passions i entre! 

Ja n'ert bons tans tant comme il viue." 

Ainsi li seneschaus estriue, 

Qui toz muert de duel et d'engaingne. 
110 „Noiez soit en vne longaingne, 

Qui la voie vous enseigna !" 

Li vilains l'ot, si se seigna, 

Et fist croiz de sa destre main. 

„Sire," fet il, „por saint Germain! 
115 Je vieng mengier, quar i' oi dire 

Que tuit en ont sanz contredire; 
ii6aMes ie ne sai ou ie me siesce, 
iiebQuar tuit sont plain et banc et siege, 

Si ne me sai ou asseoir." 

„Je te presterai I- seoir," 

Ce dist li seneschaus par truffe; 
120 La paume hauce, vne grant buffe 

Li done, puis fet I- sifflet : 

„Siet toi," fet il, „sor cest buffet 

Que ie te prest(e), or te siet sus!" 

Li seneschaus se trest en sus, 
125 Se li a fet nape liurer, 

97 HoiirsouHes coureceus D, C. souflez A, Dolans et h. C, Ires b. B | et pi. AB. — • 

98 Mitinteuaut si C, Et puis D [ print C, commensa D. — 99 mangeour C. — 100 N'estes 
pas BD, Il n'est pas C. — 101 Chaieus B. — 102 Geu CD j aues B | on p. C, ou 
paaler B, el colier D. — 103 Vees BC | palette C. — 104 conuenroit B | maint BD. 

— 105 amplir C. — 106 Li ni. paisions B, paission C, menoison D | li e. C. — 
107 iert B C D. - 108 Aiiisinc C, Aiusis D | le seneschal C. — 109 tot C | Qui plains 
est B 1 (le duel et d'auuui D, d'ire C. — 110 N. fust ore en grant 1. B | longaaigne C. 
112 oit D I s'en BD.- 113 fait D. 114 dist B | par B C D. - 115 G'i vienc B j 
vig C I (|ue ie oi d. A. — 116 tout B ! escondire B. — 116»'*' manquent dans A. — 
116» (Mills BCD) 1 sieche B, sieso D | manque d ans A. - lie^» ((^'ar CD) | C. trestuit C, 
Que tot B , me s. ]A. D | bant B | et banc] manque à C | li s. C | manque dans A. 

- 117 Car D | seoir C. - 118 ou s. D | Ce vers manque à B. - 122 Or (te B) 
sie B C D I sus C I ce b. BCD. — 123 Jf le B C | prest pour seoir sus D. - 124 trait 
BCD. - 125 Pui.s B, Kt i»iiis li fait C. 



— 171 — 

Et mes et vin por enyurer 

Li fet doner a grant foison, 

Por ce qu'il eust aclioison 

Que il peust le vilain batre, 
130 Que des or se gardast d'enbatre 

En la cort a prince n'a conte. 

Que vous feroie plus lonc conte ? 

Li quens manda les ménestrels 

Et si a fet crier entr' eis, 
135 Qui la meillor truffe sauroit 

Dire ne fere, qu'il auroit 

Sa robe d'escarlate nueue. 

L'uns ménestrels a l'autre rueue 

Fere son mestier tel qu'il sot. 
140 L'uns fet l'yure, l'autres le sot; 

Li vns chante, li autres note, 

Et li autres dit la riote, 

Et li autres la ienglerie ; 

Cil qui seuent de iouglerie, 
145 Vielent par deuant le conte ; 

Et tels i a qui fabliaus conte. 

Ou il ot mainte gaberie, 

Et li autres dit l'erberie. 

Et si i a mainte risée. 
150 Li vilains qui auoit penssee 

De lui vengier de son mesfet 

Que li seneschaus li ot fet, 

Tant atent que tuit furent qoi. 

126 Viande et v. B, Vins uiandes D, Vin et viandes aporter C. — 127 venir B 
faison B. — 128 Por ce qu'auoir puist a. A, Por que il li truist oc. B. — 129 Car C, 
Comment il puist B, Car il uoloit D. — 130 Car C, Pour ce qu'il s. g. D, Dorenauant 
le gart B. — 131 A cort C, En l'ostel B, En ostel D j n'a pr. D, de pr. ne de c. C, 
au roi v a c. B. — 132 Et q. \. ferai ie 1. c. C, Encui v. f. un 1. c. D. — 133 Li] 
Initiale dans D | les] manque à C j a fait crier entr'eus BD. — 134 sauoir C | Et 
fait sauoii- as (a Bi menestreus BD. — 135 millor CD, milor B. — 136 Faire ne 
d. B D 1 il B. — 137 reube B. — D intervertit ce vers et le suivant; mais 
l'erreur est corrigée à la marge (1). a.). — 138 L'un ménestrel C | reueue B. — 
139 Son m. f. C 1 1. con s. D. - 140 Li uns B, L'un D l'autre B C D. — 141 baie BC D 
et li a. C, li autre D. - 142 dist BD. — 143 autre A, tiers B D | dist 1. g. D. — 
144 Caus C I uiuent C D \ iuglerie C, jenglerie D. — 146 Aucuns A ! ot D, est C. — 
147 — 48 sont intervertis dans D, manquent dans AB. — 147 a D j manque 
dans AB. — 148 E. i. autres autre [sic] dist l'erbrie D i manque dans AB. — 149 V 
il auoit B, La ou il ot C, Il i ot dit A. ~ 150 Et 1. v. ki ot p. B. - 151 D. li v. C| 
ce (che B) m. DB. — 152 le seneschal C - 153 Atendi tant k'il f. ohoi B, 



— 172 — 

Li seneschaus, ne sai por qoi, 
155 S'en vint conter deuant le conte. 

Qoi que li seneschaus li conte, 

Li ^^lains sa nape a cueillie; 

Tout bêlement, sanz escueillie, 

En vient deuant le conte et garde 
160 Le senesclial qui ne se garde 

De lui — a son seignor entent — 

Et li vilains la paume estent 

Qu'il ot dure et plaine de gales: 

N'ot si fort homme iusqu'en Gales 
i6â Plus l'eust dure, au mien cuidier. 

Tout ausi comme a souhaidier 

En la ioe I- grant cop li frape, 

Puis dist: „Vo buffet et vo nape 

Vous rent, ia ne l'en quier porter: 
170 A homme fet mauues prester 

Qui ce ne rent que l'en li preste." 

Tantost la mesnie s'apreste 

Au conte, por le vilain batre : 

Dolent sont, quant voient abatre 
175 Le seneschal aus piez le conte. 

Mes li quens iure que le conte 

Voudra oir et le por qoi 

Il l'a féru; lors furent qoi 

Li sergent, quant il le commande. 
^^° Et li quens au vilain demande 

Por qoi son seneschal laidi : 

„Trop par eus le euer hardi, 

154 — 55 sont intervertis dans C, mais le scribe a corrigé l'erreur en 
marge (b. a.). — 155 Se v. B, En v. A, S'en ua D | parler D, tout droit B. — 
156 Choi B, Que CD. — 157 s. n. prent errant B. — 158 acoillie C [ Grant aleure 
maintenant B. — 159 S'en vint C, Se vint B, Vint D et le senescal g. B j regarde D. 

— 160 Li seneschaus D \ Et chius qui ne s'en prenoit garde B. — 161 H C | signor B D. 

— 162 sa p. B. — 163 dures plaiunes D | auoit grande pi. d. g. B j iales D. — 
164 N'a CD I ce vers manque à B. — 165 l'auoit B I a mono. C. — 166 T. ensi 
ke por s. B. — 167 Les B C D | L] manque à B C. — 169 Ren D, Renc B | le B C. — 
170 Maluais fait B C D [ a home (manque à C) pr. BC, emprunter C (— 2). — 171 
Qant B C D ' il (on C) n. renc B D C | ce (chou B) qu'on C B D ' prest C. — 172 Tant 
tost B, A tant D. — 173 Le c. D, Les le c. B. — 174 virent a. B, il noient batre D. 

— 175 au pie B, deuent D. - 176 Et B 1 a dit A. — 177 sauoir B C. — 178 Taire 
les fait, si f. choi B. — 179 Pui8(|ue li sires (lor sire B) A B ! desqu'il C | lor c. B. — 
181 le s. C. — 182 Molt p. BC, Trop as eu D | eus or 1. c. h. B. 



— 178 — 

Quant tu deuant moi feru l'as; 

Tu en es cheus en mes las; 
185 Tu as fet trop grant mesprison; 

Garder te ferai ma prison." 

„Sire," fet cil, „or m'entendez 

Et I- petitet m'escoutez : 

Orainz, quant ie ceenz entrai, 
190 Vostre seneschal encontrai, 

Qui est fel et glous et eschars; 

Ses vilains mos et ses eschars 

Me dist assez et ramposna, 

Yne grant buffe me don a 
195 Et puis si me dist par abet 

Que seisse sor cel buffet. 

Et si dist qu'il le me prestoit, 

Et puis a mengier m'aportoit. 

Et quant i'ou beu et mengie, 
200 Sire quens, qu'en feisse gie, 

Se son buffet ne li rendisse ? 

Je cuit moût bien que g'i perdisse, 

Tost i peusse auoir domage. 

Rendu li ai par tesmoingnage, 
205 Si que vous bien veu l'avez. 

Sire quens, ainz que vous lauez, 

Jugiez se i'ai de rien mespris 

Par qoi ie soie ceenz pris; 

Quar bien li ai rendu, ie cuit, 
^^° S'est droiz li seneschaus m'acuit, 

184 Tu es ch. en mauvais 1. CBD — 185 — 86 manquent dans D. — 185 Et si C, 
Car moût B [trup] manque dansBC ' mesproison B | manque à D. — 186 manque 
à D, — 187 f. il D I Sire quens, fait il, e. B, Dist le vilain: Sire e. C, — 188 petit 
B C, •!• petit et D i si m"esc. B C D. — 189 Jui C | chains B. — 191 mesdisans et e. C, 
Qui mesdisans est et e. D, Qui molt est auers et e. B. — 192 félons m. A ] esclas D 
C omet ce vers. — 193 Assez me dist C | M. d. et moût me r. D ! remprosna B. — 
194 Et vne b. B. — 195 si] manque à C ! Et après m. d. D. — 196 Q. iou sessisc B | 
sus C I cest (ce C D) b. B C D. - 197 Car il d. B, Il d. C. — 198 Et] manque à C ; 
m'aporteroit C. — B ajoute 2 vers: 

Jou manga et bue a plente 

Tant con iou vauc, la merchi De. 
199 Et desque C | i'] manque à D | io eue B, os D, i'ai A | but B. — 200 ke B C. 
— 201 ni li D. — 202 crui BCD | moût] manque à G [ ke iou p. B. — 205 Vous 
meismes D. — 206 S. q., qui veu l'auez G. — 207 Faites (Faite B) iugier B G D | se 
i'ai (ie C) m. B G D | mesprins D. — 208 P. q. ne s. B | prias D. — 209 Rendu li ai 
si con ie c D. — 210 Drois est D | m'en quit G. 



— 174 — 

Quant li rent ce qu'il m'a preste, 
Et vez me ci tout apreste 
D'un autre buffet rendre encore, 
Se cil ne li siet qu'il eut ore." 

215 Li quens en a gete •!• ris, 
Quit ot non mesire Henris, 
Et lors commença la risée 
Qui en pièce ne fu linee. 
Li seneschaus ne set que face, 

220 Qui sa main tenoit a sa face 
Qui durement li frit et cuist. 
Ce qu'il les voit rire li nuist; 
Au vilain feist moût de honte, 
Mes il nen ose por le conte 

225 Qui durement l'a desfendu. 
Et dist li quens: „Il t'a rendu 
Ton buffet et ce q'ot du tien." 
Et dist li quens au vilain: „Tien 
Ma robe qui n'est pas vsee; 

230 Quar fet as la meillor risée 
Seur toz les autres ménestrels." 
Li ménestrel dient entr' eis : 
„Par foi, sire, vous dites voir. — 
Sachiez qu'il la doit bien auoir. — 

*3â Ainz mes si bon vilain ne vi. — 
Le seneschal a bien serui. — 
Rendu li a sa cuivertise." 
Por ce est fols, qui mal atise, 



211 chou ki B I prest C. — 212 Et ueez C. — 213 D'une autre buffe B, De randre 
a. b. e. D. — 214 ciel A, celé B, eis D ! li] manque à B | ki e. o. B j ot C, a D. — 
215 Qant li quens B C D I l'ot (manque àB) C, l'entant D | si en (s'en D) a ris B CD. 
- 216 II eut a. n. B ! mesires H. D, sire H. B. — 217 Et puis C, Adont BD fu 
B C D ' grande B D, moût grans C. — 218 Que B | a (a a D; B C D ' passée D. — 
219 — 25 manquent dans B. — 220 Qui t. s. m. C [ manque dans B, — 221 Car 
C I cuit C D ! manque dans B. — 222 les] manque dans A C | moût 1. n, A | nuit 
C D I manque dans B. — 223 manque dans B. — 224 n'osoit C D | tout p. 1. c. D | 
manque dans B. — 225 Car l)ien C, Que moût bien D | li C D | auoit C | manque 
à B. — 226 Lors D, Chou B | dit C 1 t'] manque à C. — B ajoute: Molt grant 
buffe, car l'ai veu. — 227 (cou ch' oc B), ce qu'a C. — 228 Lors D | Li cuens a dit C, 
Et puis a dit B | ai v. A. 229 (reube B). - 230 Tu as (t'as D) fait (faite D) B C D | 
millor (milor B) C D B. — 231 Que nus des autres (de tous ces D) m. B C D. — 232 
minestres D. — 233 Certes D. - 234 S., il B, Quar il le d. moût b. a A. — 235 
One m. C. — 236 Bien a 1. s. s. B C, Vo s. A. - 237 (cuuertise B C). 



— 175 — 

Et qui a mal fere labeure. 
240 Ce que sires done et sers pleure, 

Sachiez, ce sont lermes perdues. 

Il sont vues genz esperdues 

Qui a nul bien ne se regardent, 

Que ce qu'il ont a garder, gardent 
245 Si estroit que nul bien n'en font, 

Que toz li biens en lor mains font, 

Que nus n'en a ne preu ne aise; 

Moût est la richoise mauuaise 

Dont li sires n'est honorez. 
260 Disons tuit : Diex soit aorez 

Du seneschal qui batuz fu; 

Ars et bruis soit en •!• fu. 

Qui le bien a fere destorne, — 

Li vilains de la cort s'en tome, 
255 Qui la robe au seignor enporte ; 

Et quant il fu hors de la porte, 

Si dist a soi: „Qui siet. il sèche;" 

Et puis si dist : „Qui va, il. lèche: 

S'a mon ostel fusse arestuz, 
260 Ne fusse a pièce reuestuz 

De robe d'escarlate nueue; 

L'en dit: Qui bien chace, bien trueue." 

239 Ne BC I au m. f. B I mau D. - 240 sire B D | etj mtinque aß.- 241 On 
(L'en D) dist B D | ce sont trop bien 1. p. C. — 242 vne geut C. — 243 en n. b. D | 
Q' -a* [sic] nul b. faire u. s. gardent C. — 244 Et D | en garde D. — 245 n'| man- 
que à B. — 246 Car B \ toz] manque à BGD | dedans 1. m. C, entre 1. m. B D. — 
247 — 48 B intervertit ces 2 vers: 

Por cho est la ricoise maise 

Dont crestiens ne puet auoir aise 
248 irichesce CD). — 249 Et dont sires B. — 250 Dites D | tout B I D. en soit aore 
C. — 251 férus D. — 252 s. il en fu D. — 254 Le uilain C I A itant li uilains s'en 
t. D. — 255 Qui robe d'escarlate D I (reube B». — 256 ot passe 1. p. D. — B ajoute 
ces 2 vers: 

Si fut molt lies, baut et ioiant; 

Son chemin akieut maintenant 
257 S. d. assez D. — 258 puis] manque à B C D | on ki va B C D. — 259 S" en ma 
maison D | fuisse B. — 260 Jeu ne fuisse a p. B, A p. ne f. C ' X. f. oant D | viestus 
BC, si bien uestus D, — 261 (roube C, reube B). — 262 On B [ dist B D | il le tr. D, 
Explicit le dit du buftet A, Chi define dou \-ilain au buffet B, Explicit dou 
buffet CD. 



Remarques. 

2. amoier .diriger vers un but', de meta; v. Tobler. vrai aniel^, v. 35, — cf. 
le début du .Sot Chevalier^ ( M-R I, p. 220). 

3. chose = œuvre (cf. Ombre 10: A faire aucune plesant euvre). — aprenp^e. 
Pour l'explication des subjonctifs en -ge, cf Suchier. Grundriss I-. p. 78B; Nyrop. 
Gr. bist. II, § 134 R. 

9. trahitre(s) < *tradictor, cf. Xeumann. Zeitschr. f. rom. Phil. XIV., 
p. 573: Jahresbericht I. p. 79; Tobler, V. B. I^, p. 304 (s. v. trait- . 

10. Si. cf vrai aniel v. 77: Et li mainsnés. si estoit teus, . . et la note de 
M. Tobler (v. aussi V. B. I-, p. 12 n.i; pour la ponctuation, cf Foerster, Zeitschr. f. 
rom. Phil. XXYIII, p. 507. 

14. dist (A) est une graphie picarde (= dit C); cf. Foerster. chev. as -II- esp., 
p. LX et note au y. 4816. 

19. exemple subst. fém., comme souvent en anc. fr. 

20. Comp, le v. 109. 

22. Les conteurs se donnent quelquefois le nom de ,trouveurs', p. ex. Lai d'Ari- 
stote, V. 54 (M-R V, p. 245; cf I, p. 8). 

24. soi prendre garde d'auc. r. = fr. mod. prendre garde à qc; cf. Mätzner, 
Altfrz. L., p. 114 (II, v. 12). — 

L'introduction morale est presque de style dans les fabliaux, cf notamment le 
prologue du Lai d'Aristote (M-R V, p. 243), si semblable au nôtre. 

25. eis (<1 eist. + s) est une forme picardo-waUone. 

28. recuit ,fourbe' < recoctum qui a déjà ce sens (senex recoctus Ca- 
tulle). La métaphore est empruntée à la fonderie: aurum recoctum, or recuit fou 
simplement or cuit Elie 1105) -or esmeré; mais, tandisque esmeré a gardé le 
sens de .pur* (cf. Mätzner, Altfrz. L. IV. v. 22; „Sa grant biaute fine et fresche, 
esmeree"), recuit a pris ici la nuance péjorative (qu'il n'a pas toujours) de ,raffiné" 
qui indique un excès de raffinage (M. Foerster, Richars li biaus, p. XX n., cite quel- 
ques autres exemples; cf. aussi Littré s. v.); comp, .quintessencié'. — L'italien dit avec 
une image pareille ,di tre cotte' (furfante — ). 

29. De touz malices (C). ,malice' est ici masc, cf. Foerster, Rieh. 4399 (qui 
renvoie en outre à Scheler. Baud. Condé, p. 428, note au v. 103) 

33. mal afere. En anc. fr., ,afi'aire' est toujours masc. 

39. Cest une phrase toute faite, cf p. ex. Chev. au baril, v. 4. 

44. los. subsi masc, ,réputation', de laus (exclamation adrairative). En 
général, los signifie ,gloire', ,honneur'; ici, c'est une vox media (de même Auberee. 
v. 398 1. 

46. co unis soit. La réduction de «> d >> i devant -ss- est une particularité 
du picard (et des parlera du Nord-Est, cf Suchier, Auc.^, p. 69). 

48. ses bouciaus = ,8on ventre', d'après les éditeurs. Godefroy cite un autre 
passage semblable au nôtre: Et eraplent sovent lor bouciaus De pain, de vin, de cras 
morsiaus. — D'ordinaire, boucel signifie ,petit tonneau, petit baril, outre, vaisseau', 
et il n'est pas toujours facile de choisir entre ces dififérents sens. M. Foerster. dans le 



— 177 — 

glossaire de son Aiol. distingue deux mots: „b o c h e 1 , für bocel (boz-ellum) 
8. m. trinkgefäss" (Aiol 5675), et ^boucel s. m. Schlauch" (Elie 1060)^ mais il me 
semble que dans le premier cas on peut traduire par ,outre' tout aussi bien que dans 
le second, et les „-ii- boucieus" de ce dernier passage pourraient être aussi deux barils. 
Quant à l'étymologie, boucel est le diminutif de bout ,tonneau' (et ,outre'? M-R I, 
p. 226), comme l'it botticello de botte; mais à côté de bout, l'anc. fr. connaît 
bote et bote = fr. mod. boute et botte ,tonneau'. L'origine de bocel (dans le 
passage d'Aiol) est toute différente, selon M. Foerster. — Bouciaus , outres' signifie 
donc ici, au fig., .boyaux' (leçon de B C; je ne comprends pas linaus D). 

50. poucin <C pullicïnu, pucin (C) ■< *23ûlicînu, cf. Grammont, Rev. des 
1. rom. 1898, p. 287. 

51. despensse. Il s'agit naturellement de , dépense- au sens de , office', cf. Rieh. 
562 (= despoise, .Jahrbuch X. 251). 

56. cf. dans le Lai du Conseil (dont je compte donner bientôt une nouvelle 
édition) un passage analogue sur Fama: 

Quar Novele ne s'endort mie, 
Ainz est moût tost par tout alee, 
Maint pais et mainte contrée 
A cerchie en moût petit d'eure. 
62 SS. „Mais", ajoute gravement le conteur, „leurs pratiques mondaines les 
damnent". Aucassin sait que toute la bonne compagnie se donne rendez-vous à l'enfer. 
64. soufferroit. Il n'est i^as nécessaire d'admettre que cette forme vienne de 
souffreroit (comme, p. ex., ploerrai < plorerai, juerrai <; jurerai; elle peut 
continuer directement su f ferre, cf. Risop, .Tahresber. IV, 1, p. 212 (mais l'inf. italien 
offerrere dont parle M. R. n'existe pas^) ; Dante et d'autres (p. ex. Boccaccio, Pulci) 
connaissent off er ère, prof fer ère, et je ne vois pas comment ces formes pourraient 
appuyer l'explication donnée ci-dessus pour soufferroit). 

68-9. Pour la leçon de B, cf. Tobler, V. B. 12, p. 127. 

71. sanz dangier = sans obstacle = à discrétion (cf. Aiol 1485i. Son con- 
traire est a dan gier (si li donoit l'an a maugier Moût povremant et a dangier Char- 
rete 6162; a grant dangier Yvain 530-4); dangier d'auc. r. = rareté, défaut de 
qc. (Mais penses del ceual c'ait a mengier, Del feure et de l'auaine ne soit dangiers, 
Aiol 227—8; comp, l'expression faire dangier d'auc. r.: Ne li faites mie dongier 
De vostre fromant qui est boens, M-R IV^, p. 145; cf. Ebeling, AubereeSlO); je trouve 
encore dans les Cent nouv. nouv. : . . . s'il y avoit danger de litz, la belle paillade 
est en saison (n^ XXX, p. 153 de l'édition publiée par le bibliophile Jacob qui a mal 
compris ce passage). — 11 est intéressant de voir que par grant dangier a le 
même sens que sanz dangier (prist a mengier des viandes par grant dangier. Car il 
en avoit a foison, Claris 9627) et à la fois „malgré soi, à contre-coeur". M. Tobler a 
expliqué cette contradiction ajîparente (Li proverbe au vilain, p. 117). 

72. viande « *vivanda, pour vivenda) «nourriture, vivres' = anc. fr. vi- 
taille (Huon 3628, Orson 855). On sait que viande a gardé ce sens général pendant 
tout le moyen âge.^j Cela exclut l'étymologie proposée par M. Koerting (vit and a. 
v. le n" 10266 du Woerterbuch^); les raisons qu'il veut alléguer contre vi vend a ne 
sont pas valables (Pour la dissimilation du v intervocalique, cf. viaz «< vivacius 
(et en outre les imjjarfaits en -ebam)j vivenda, en roman, ne signifie pas seulement 
„zu lebende Dinge," cf. l'it. lavanda et Herzog, Streitfragen, p. 98 n.). En ces dernières 



1) M. Risop le cite d'après M. Meyer-Lübke, Littbl. 1892, c. 15.5, et l'erreur est déjà dans rit al. 
Grammatik, p. 244. (Elle est corrigée dans la Grammatica, p. 186.) 

2) Et pltts longtemps encore, cf. Grundriss P, p. 800. — fr. mod. viande = char en anc. fr. 

12 



— 178 — 

années, on a rejeté pom-tant vivenda à cause de Tit. bidanda („que bidande mandi- 
cate?", Ritmo Cassinese (Fin du XIII« siècle) et ailleurs, cf. Gaspary, Zeitschr. f. rom. 
Phil. IV (1880), p. 612), voir Tobler, H. Arch. C, p. 220; Littbl. 1907, c. 18; Vers- 
lehre*, p. 75 („altit. bidanda von vita"); Ebeling, H. Arch. CV, p. 433 (qui préfére- 
rait vitanda). Mais est-il sûr que ce soit là une forme plus archaique que l'it. vi- 
vanda? On peut également y voir * vi van da, avec dissimilation du second v (cf. 
padiglione), et M. Meyer-Liibke l'a expliqué de la sorte ((rramm atica, p. 75). 
Il est possible qu'en français aussi *vivanda ait passé d'abord par l'intermédiaire de 
*vidanda (cf. Vivien Vézien, saint Vidian). — mengier. Graphie picarde (cf. Fried- 
wagner, Sprache des Huon, p. 26 s.) qui annonce peut-être la prononciation moderne 
(rainger, cf. Nyrop, Gr. hist. I^, § 215 R.). 

74 — 5. amande en maleur, au sens ironique, en allem. ,ver.schlimmbessert'. 
amender s'emploie aussi comme verbe neutre (Mätzner, Altfrz. L., XXVI, v. 3), cf. 
le proverbe „Jamais cheval ne méchant homme n'amenda pour aller à Rome". — M. 
Herzog (Streitfragen, p. 98 n.) a proposé une nouvelle étymologie de ce mot. 

76. c'est à dire: ils mangent entièrement aux dépens d'autrui: cf. Auberee 42U — 2: 
Dame Auberee lor atome Ce qu'ele set que lor fu buen, Quar il n'i auoit riens du suen, 
V. la note de l'éditeur; cf. plus loin v. 227. 

78. es tue t. Sur l'étymologie de ce mot, voir en dernier lieu Ebehng. H. 
Arch. CVI, p. 196, et Tobler, Sitzungsber. du 6 févr. 1902. 

79. Aussi que f= com C), cf. Tobler, V. B. l^, p. 17-4 — •!• oef, valeur 
minime; on pourrait citer une centaine d'expressions analogues, ') dont plusieurs sont 
devenues des renforcements indispensables de la négation. 

81. Sur pieç'a, cf Tobler, V. B. IF, p. Iss. 

82. Raoul, cf Nyrop, Gr. hist. 12, § 270 1^. 

86. pelain (<; *pilamen)2) ,extérieur, apparence, mine' (cf. M-R III, 188 = de 
laide hure IV, 212; mètre auc. en mal pelai n, V, 164 = en mauvais état); cf. l'it. 
pelame qui a conservé encore le sens primitif: 1) complesso dei peli 2) qualità di 
pelo 3) indole; et cf Lafontaine, L'anneau d'Hans Carvel: „Babeau . . . Fut du bon 
poil, ardente et belle." 

87. locu ,échevelé", voir les nombreux exemples recueillis par Godefroy. 

89. Cela explique pourquoi le vilain a ,chief locu'. Voir sur la coiffe A. 
Scliultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger, I^, p. 241 et j). 168; les pas- 
sages cités de Neidhart sur la coiffe de nuit sont instructifs. 

91. vilonie, pour vilenie, d'après félonie (et, vice versa, felenie), cf. Neu- 
mann, Littbl. 1883, c. 17; Risop, Begriftsverwandtschaft und Sprachentwicklung (Berlin 
1903), p. 8. 

94. A poi que ... ne + iudic, cf Tobler, V. B. P, p. 58 s. 

99. louceor de pois = ,avaleur de pois' (fr. mod. ,c'est un avaleur de pois 
gris'), cf. Loukepois^) (Recl. de Moilliens, CXLVI, 8). C'est un mot normanno-pi- 
card*). M. Homing (Zeitschr. f. rom. Phil. XXI, p. 456 ss) rattache louche ,cuiller' 
à Cochlea; on serait tenté pourtant d'expliquer toute cette famille par une onomatopée 
(cf. l'allem. lutschen). 

101. Espir, subst. verbal de espirer {- it. spiro), cf G. Paris, Remania 
VII, p. 464. 

102. „Pour toute coiffure (toilette)". 



>) Déjà Ubiaiid (Ueber das altfranz. Epos) a remarqué leur fréquence dans l'ancienne langue. 

2) M. Foerster (Chev. as. II. aap. 3746) préférerait ilériver le mot de peUis. 

•) Et ,humere de broet', cf. M-K. 1, p. 6. 

*) Il est vrai que son aire est un peu plus étendue. 



— 179 — 

103. Faire la paelete, .être joyeux', propr. ,fêter la poêlée-. („Dans certaines 
provinces, nom donné à une petite fête à la fin de la moisson ou de la vendange." 
Littré s. V. poêlée.) Godefroy en cite un autre exemple, mais sans expliquer cette 
locution; voir Du Gange s. v. Patella (= festum fui-furis). Pour le développement du 
sens (,célébrer une fête spéciale' > , s'amuser') cf. .faire la noce' et l'allem. , oralen' 
gralesieren', de .Gral' (Hertz, ParzivaH, p. 463 ss.). 

106. passion a le sens général de .souffrance, torture', à peu près comme 
goûte (sur ce dernier mot, cf. Ebeling, Auberee 107); d'après M. Woelfflin (Münch- 
ner Sitzungsber. 1894, p. 114), passio, dans la terminologie des médecins, était un 
euphémisme comme aegritudo, vitium; mais, d'autre part, la langue de l'église a 
donné à ce mot une signification particulière (cf. la locution , souffrir mort et passion-.) — 
Me n ois on (D) a un sens spécial (.diarrhée', cf. Tobler, Sitzungsber. du 19 janv. 1893). 

109. eng aingn e , (cf. dépit- M-R I, p. 308). Voir sur ce mot Tobler, Mittheilungen, 
p. 260; Foerster, Rieh. 4489. 

110. longaingne, Jatrine' (au fig., terme d'injure, v. Paris-Jeanroy, Extraits 
des chroniqueurs fr.*, p. 154); cf. Zeitschr. f. rom. Phil. XVII, p. 317. 

121. Pourquoi ce sifflet? Est-ce pour rendre plus claire encore la valeur onomatopéi- 
que de ce que le sénéchal entend par .buffet'? Ce serait alors le bruit sifflant qu'on 
profère quelquefois en donnant un soufflet. 

124. soi traire en sus, ,s'éloigner', , se retirer' (allem. , sich verziehen-) : traient 
soy en sus les gelous, Clef d'Amors 175; cf. Orson 950. 952; traire en sus, v. n., 
M-R I, p. 286; de même soi traire en la: Pur deu, trahez vous en la, Vus ki ne 
amez mie, Rom. u. Past.. p. 209; traire en la, v. n., M-R I, p. 263; soi traire 
ariere, Guigemar 772. Pour le contraire: Dame, traies vous ca, Auberee 370; Traiiés 
en cha. M-R II. p. 46. 

129. Car ^C) = Que, cf. Tobler, Versbau^, p. 62. 

132, C'est une formule de transition, cf. Foerster, Rieh., p. XVII; ibid. v. 383 
Qu'en feroie long siermonnage ? — Que vos dirai? (L'Erberie Rustebuef, Jubinal t. I,' 
p. 254); Je qu'en diroie? (M-R III, p. 151); Que diroie de ses bontez? (Erec 93i; 
Que vous iroie-je contant, Ne les paroles alongant? iM-R 1, p. 318); Que vous feroie 
plus lonc conte, Vous qui savez a ce que monte? Ne ferai plus longue demoure 
(ibid., p. 326); M-R I, pp. 14, 17; III, pp. 82, 85 etc. 

140. cf. B. de Condé, Conte des Hiraus, v. 6à : L'uns fait l'ivre, L'autres le 
chat, li tiers le sot; Le bachelier d'armes (Jubinal, Nouv. Rec. I, p. 328) : Ja ne ferai 
le fol ne l'ivre, Ne ne dirai parole estoute, Car Dieus het vilenie toute; Durmart vv. 
15101 ss. (Hertz, Spielmannsbuch^, p. 17). 

141. Cf. Flamenca v. 606: L'us diz los motz e l'autr' eis nota. 

142. la riote, voir Zeitschr. f. rom. Phil. VIII. p. 275 ss. 

143. la ienglerie. Il s'agit probablement d'une pièce telle que .Des deux 
bordeors nbauz.' (M-R I, p. 1 ss.) et ,La contregengle- (II, p. -257 ss.). M-R II, p. 
242: Molt bien sevent de tricherie, D'enchauntemeuz e geuglerie. 

145. A côté de vieler, on rencontre aussi violer (Rieh. 2283). 

146. tels i a, cf. Tobler, Mitth., p. 269. 

149. risée, synonyme de trufe, bourde, gab (cf. G. Paris, Manuel-, § 74 
et § 83.) 

151. De lui vengier, cf. Tobler, vrai aniel 36. — son meslet = son injui-e, 
iniuria sua (cf. Salluste, De couiur. Cat., c. 51: non ita est, neque cuiquam mortalium 
iniuriîe suse parvse videntur; c'est l'usage constant dans Salluste); v. aussi Tobler. 
V. B. 112. p. 84. 

156. Qoi (Que C D) que, cf. ibid. III, p. 7 ss. 



— 180 — 

158. sanz escueillie ne fait que varier tout bêlement; sur le verbe es- 
coillir, voir Tobler, vrai aniel 28. 

163. gales, , callosités', de galla; gale , rogne' est probablement le même mot. 
Sur g a lia, voir Schuchardt. Zeitschr. f. rom. Phil.. t. XXIX, p. 323. 

167. BCD: Leslaioe, probablement par confusion avec l'expression si 
fréquente les l'oïe. sur laquelle voir la note de M. Foerster au v. 1216 de Richars 
li biaus; cf. Tobler, V. B. R p. 197 (où il faut lire Ombre 717). 

170. Cf. Tobler, V. B. 1«, p. 216 ss. 

174. (La mesnie s'apreste 172:) Dolent sont, cf. ibid. p. 230. 

184. Cf. M-R I, p. 326: Or est chëus en mal lieu (fam. ,tomber dans le 
lacs- = être dans l'embaiTas). — mais = , mauvais', voir plus haut. p. 6. M. Horning 
(Zeitschr. f. rom. Phil. XXVIII, p. 197 ss. identifie même ces deux mots : mawais [cf 
mavais Aiol 2461) > maais >■ mais. 

185. mesprison, vox media: au sens actif = .mesfet' (comme ici); au sens 
passif = ,adversité (Prov. au vilain 195i, cf. la note de M. Tobler). 

186. prison = ,priso nnier' ; cf. it. prigione (Decameron II, 6; prigio- 
niere. dans cette même nouvelle = .geôlier'). 

192. es chars, subst. verbal de escharnir, = it. scherno. 

195. ab et, v. Tobler, vrai aniel 366. 

204. 1 i = it. glielo ; de même au v. 209. 

208. Tous les mss. ont par (non por comme on lit dans le Rec. Gén. III, p. 
206). — cf. Ebeling, Auberee 284. 

214. ne li siet .ne lui convient pas' (non: ,ne lui suffit pas') ; cf. Riote (Zeit- 
schr. f. rom. Phil. VIII, p. 288): Querres autre maistre, se cil ne vous siet. — 

Legrand d'Aussy fait ici une réflexion curieuse sur le langage du vilain (1. cit., 
p. 364): „Les gens du peuple qui, dans tous les siècles, ont dû nécessairement avoir, 
par le défaut de leur éducation, un langage corrompu et un patois à eux, chez les 
fabliers n'ont rien de tout cela. Le bouvier et le roi y parlent absolument la même 
langue. Je ne sais à quoi attribuer ce défaut de costume, si ce n'est à l'ignorance de 
ces poètes, qui, ne connoissant point les bienséances de style, ont fait parler tout le 
monde comme eux." 

218. en pièce, cf. Tobler, V. B. Il2, p. 2. 

222. Le sénéchal comprend que le succès d'hilarité obtenu par Raoul nuit à sa 
propre cause: Le vilain a les rieurs de son côté, donc, il a cause gagnée. 

231. „seur toz les autres, ménestrels." 

232 — 7. Les ménestrels, après avoir acclamé le jugement du comte (v. 232), 
s'entretiennent sur l'aventure plaisante et son dénouement ; ce n'est donc pas un dis- 
cours suivi, mais une série de petites phrases dontchacune est dite par un autre des assistants. 

235. Ainz mes. Sur ainz-ains, cf. Foerster, Charrette 183. 

238 — 53. Réflexions du conteur; c'est la morale de l'histoire (selon le Rec. 
Gén., ces vers continueraient plutôt le discours des ménestrels). 

238. atise (à côte de attice, cf. Ebeling, Auberee, p. 154). 

240—1. Comp. Tobler, Li prov. au vil., n" 106-, Ulrich, Proverbes ruraux et 
vulgaux, ZFSL, t. XXIV, p. 5, n" 107, et p. 17. 

257—8. Cf Tobler, 1. cit., n'> 135 ; Ulrich, 1. cit., n« .385; Novati, Giorn. stor., 
XVIII, p. 131; et voir ci-dessus, p. KU. 



Untersuchungen zum altenglischen sogenannten Crist. 



Von 
Gustav Binz. 



Die altenglische Dichtung, der man den Namen Crist beizulegen 
pflegt, ist in den letzten Jahren mit erneutem Eifer studiert worden. 
Vor allem die Frage, ob sie ein einheitliches Werk Cynewulfs sei oder 
in mehrere von einander unabhängige Stücke zerfalle, von denen nur 
das mittlere mit Sicherheit Cynewulf zugeschrieben werden könne, hat 
man eingehend erörtert. Trotzdem der neuste Herausgeber dieses Denk- 
males altenglischer Poesie, der im übrigen um das Verständnis desselben 
hochverdiente Albert S. Cook, an der lange Zeit allgemein angenommenen 
Meinung von der Einheitlichkeit festhält, muß ich mich zu der von 
Trautmann, Blackburn, Bamouw, Bourauel, Schwarz und anderen ver- 
tretenen Auffassung bekennen, welche die Zerlegung in mindestens drei 
selbständige Dichtungen und die Beschränkung von Cynewulfs Verfasser- 
schaft auf den zweiten Teil für unabweislich ansieht. Ihre Beweismittel, 
die mir genügend scheinen, zu mehren und zu stärken, kann ich darum 
nicht für meine Aufgabe halten. Wenn sich indessen im Verlauf der 
folgenden Untersuchungen neue Stützen für sie ohne Mühe gewinnen 
lassen sollten, so wäre dies ein nicht zu verachtendes Nebenergebnis 
meiner Arbeit. Ich will vielmehr, einen schon früher gelegentlich 
(Zs. f. d. Phil. 36, 273) von mir ausgesprochenen Gedanken wieder auf- 
nehmend und weiter verfolgend, versuchen, aus einer eingehenderen Be- 
trachtung des dritten Teils (V. 867 ff.) mir ein Urteil über das Ver- 
hältnis desselben (Cr. III) zu der altsächsischen Dichtung zu 
bilden. Die Vermutung, daß ein solches Verhältnis bestehe, wird nahe 
gelegt durch eine Reihe von sprachlichen, stilistisclien und metrischen 
Eigentümlichkeiten des Cr. III, für welche aus der übrigen ae. Dichtung 
keine oder nur höchst spärliche, aus der altsächsischen Dichtung dagegen 
überraschend viele und auffällige Analogien beigebracht werden können 



— 182 — 

Die Anhandiiahme einer solchen Untersuchung scheint mir umso 
dringender, als neuerdings in einer unter Trautmauns Einfluß entstandenen 
Bonner Dissertation auf einen Teil der sich hiebei aufdrängenden Fragen 
eine Antwort gegeben worden ist, welche den Tatsachen meines Erachtens 
nicht nur nicht gerecht wird, sondern die Dinge geradezu auf den Kopf 
stellt. In den Bonner Beiträgen zur Anglistik Heft 17, 1905, S. 1 — 50 
handelt Otto Grüters „über einige Beziehungen zwischen altsächsischer 
und altenglischer Dichtung". Er geht darauf aus, „zu zeigen, daß ein 
Teil der as. Genesis und eine Stelle des HeHand von der ae. Dichtung 
abhangen" und faßt die Ergebnisse des ersten Teils seiner Untersuchungen 
folgendermaßen zusammen (S. 34) : 

„1. Ein Abschnitt des Crist [V. 1380 ff] berührt sich mit der as. Genesis 
[ae. Genesis B V, 235 — 760], auch mit Stellen, die in ihrer Sprache 
deutlich as. Gepräge tragen. 

2. Diese Übereinstimmungen in Ausdrücken und im Stabreim lassen 
sich bei dem Reichtum der ae. Sprache nicht aus lateinischen Quellen 
herleiten, ganz abgesehen davon, daß es unwahrscheinlich wäre, daß 
die Dichter für verschiedene Gegenstände aus demselben lateinischen 
Werke geschöpft hätten, oder daß gar eine lateinische Dichtung 
vom jüngsten Gericht auf einer andern vom Sturze der Teufel beruht 
hätte, oder umgekehrt. 

3. Die Berührungen können sich nicht etwa unabhängig von einander 
aus den verwandten Stoffen ergeben haben; denn die ae. Dichtungen, 
die denselben Gegenstand wie die as. Genesis behandeln, zeigen 
solche Übereinstimmungen nicht — die andern ae. Dichtungen über 
das jüngste Gericht stehen der as. Genesis ganz fern. 

4. Es bleibt also nur noch übrig anzunehmen, daß die as. Genesis und 
der Abschnitt des Crist auf verwandten ae. Dichtungen beruhen, 
da an ältere as. christliche Dichtungen nicht zu denken ist." 

Weniger deutlich äußert Grüters sich über die Beziehungen zwischen 
Cr. III und Heliand. Seine wichtigsten Gedanken lassen sich ungefähr 
so resümieren : Durch Zusammenschieben von Heliand V. 1033 ff und 
V. 3591 ff erhalten wir ein Ganzes, das mit den Reden Christi in 
Cr. V. 1380 ff und in „Christi Höllenfahrt usw." ausgeprägte Ähnlich- 
keit hat (S. 36). Durch Vergleichung mit den übrigen ae. Dichtungen 
wird der Wert dieser Übereinstimmungen zwar erheblich vermindert, 
aber doch nicht völlig aufgehoben (S. 48). Heliand hängt von der gleichen 
Überlieferung ab, wie Crist, Christi Höllenfahrt und Phönix. Auf S. 49 
finden wir das Zugeständnis : „Die as. Genesis macht zwar nicht den 
Eindruck, daß sie das Werk eines Übersetzers oder Bearbeiters wäre, 
der sich ängstlich an sein Vorbild angeklammert hätte. Es weht in ihr 
ein ganz eigener, ursprünglich anmutender Geist der Freiheit und Größe, 



— 183 — 

den ein Übersetzer schwerlich aus seiner Vorlage in sein Werk hinüber- 
gerettet hätte, den man auch in den ae. religiösen Dichtungen nirgend 
so kräftig verspürt." 

Warum man den im letzten Satz seiner vierten Schlußfolgerung 
(S. 34) ausgesprochenen Gedanken, den er selbst am Ende des Zitates 
von S. 49 nur mit Mühe zurückdrängen zu können scheint, nicht auf- 
kommen lassen dürfe, das ersieht man aus Grüters' Ausführungen nicht. 
Denn eine Begründung seiner Ansicht kann man es doch nicht nennen, 
wenn er S. 33 sagt: „Die bisher gefundenen Beziehungen erklären sich 
am einfachsten — von wahrscheinlich darf man kaum reden — , wenn 
man annimmt, daß die as. Genesis in dem Abschnitte, der uns beschäftigt, 
auf einem ae. Gedichte gleichen Inhalts beruht, das seinerseits aus älteren 
Dichtungen geschöpft hätte, die auch der Verfasser des Cr. III benutzte." 
Der dort beigefügte Hinweis auf die ähnliche Meinung Trautmanns wird 
als Ersatz für einen Beweis kaum gelten dürfen ; denn wenn auch noch 
keine kritischen Besprechungen über Trautmanns Kölner Vortrag, worin 
er den Hehand als Übersetzung aus dem ae. erwiesen zu haben hoffte, 
zu meiner Kenntnis gelangt sind, glaube ich doch mit der Annahme 
kaum zu irren, daß Trautmann mit diesem Gedanken und seiner Be- 
gründung sich keinen größeren Beifall errungen habe als mit der ähn- 
lichen Behauptung über das Hildebrandshed. 

Das wirkliche Verhältnis des Crist zur as. Dichtung ist somit durch 
Grüters' in eine petitio principii auslaufende Arbeit nicht bestimmt. 
Die von ihm angewandten, auf Vergleichung des Inhalts und der Aus- 
drucksweise sich beschränkenden Mittel konnten dazu auch gar nicht 
ausreichen, um so weniger, als die wenigen, wirklich für engere Be- 
ziehungen sprechenden Übereinstimmungen unter der von ihm mit großem, 
aber nutzlosem Eifer zusammengehäuften Masse nichtssagender Ähnlich- 
keiten verschwinden. Wollen wir zu einer sichereren Antwort auf die 
uns beschäftigende Frage gelangen, so müssen wir die Untersuchung 
auf eine breitere Grundlage stellen und alle zuverlässigen Kriterien 
herbeiziehen. Solche finden wir im Wortschatz, in den Laut- und 
Flexionsformen, in der Syntax, dem Stil und der Metrik. Den Weg zu 
ihrem Gebrauch hat uns Sievers in seiner Schrift über den Heliand und 
die angelsächsische Genesis (Halle 1875) gewiesen. 

1. Wortschatz. 

Die Anwendung dieses Kriteriums erheischt deswegen besondere 
Vorsicht, weil wir nicht mit unbedingter Sicherheit den Umfang des 
ae. bezw. as. Wortschatzes bestimmen, beide gegen einander abgrenzen 
können. Im allgemeinen wird der Zweifel über Zugehörigkeit oder Nicht- 



— 184 — 

Zugehörigkeit zum ae. geringer sein als über diejenige zum as., da für 
das Englisclie die Quellen unvergleichlich viel reicher fließen. Finden 
wir nun im Cr. III Wörter, die dem ae. sonst fremd, im as. aber belegt 
sind, so wird der Verdacht, daß wir es mit einer Entlehnung aus dem 
as. oder mit einem stehen gebliebenen Rest aus einem as. Yorbild zu 
tun haben, um so dringender, je geläufiger die dadurch ausgedrückten 
Begriffe und Vorstellungen sonst der ae. Dichtung sind, also da, wo es 
sich um Dinge handelt, für welche die ae. Dichtersprache eine mehr oder 
weniger große Fülle von anderen Bezeichnungen aufweist. 

Am Wortschatz des Cr. III ist aber in der Tat vieles recht auf- 
fallend. Schon Trautmanu hat zwar (Anglia 18, 385) auf die von Cynewulfs 
Sprache abweichende Zusammensetzung derselben aufmerksam gemacht 
und sie durch Belege illustriert, die Sache aber nicht weiter verfolgt. 
Cook hat in seinem Glossar die nach Grein nirgends sonst in der ae. 
Dichtung begegnenden Wörter oder Wortzusammensetzungen durch ein 
besonderes Zeichen hervorgehoben. Wenn man noch einige Fälle, in 
denen dieses aus Versehen weggelassen ist, hinzurechnet, so findet man 
in den rund 800 Versen des Cr. III die unverhältnismäßig hohe Zahl 
von 113 sonst in ae. Dichtung und meistens im ae. überhaujDt nicht 
nachzuweisenden Wörtern. Diese Zahl wird aber noch bedeutungsvoller, 
wenn wir die Wörter, welche in dieser Liste enthalten sind, näher an- 
sehen. Es sind, nach Cooks Ausgabe citiert, die folgenden : 

ahêatan 941. Cid/otja 1604. ü/jjsnes 1473. itnroruld 93t). andyête 1244. 
äscomian 1298. mTehiuf/tKt 1011. mtoUan 1319. ruTri/snuiii 113'6. atolearf od 
1265. hi/ild-minan 869. Inrinmin 1175. hlsëou = moisten, drench 1087. 
hktn/ccfiH 1445. hlœdiceki 1391. hj/s/ncr/ëas 1325. crj/bh 1425. dëadfinn 
1206. dëadlêfj 982. drëorigferluî 1108. efenmkel 1402. eftlëan 1099. 
eornest iß\xh?,i.) 1100. fUceiitûce/i 1565. feor/idolg 1454. feorhgonui 1548. 
fërdpeu'it 1183. finidtecdu 1275. firenfronnicud 1117. premjeorn 1605. 
firtiminnig 1378. fircnireon- 1300. 1398. fo/cdrijht 1066. foidrast 1028. 
foretûcen 892. foredoncol 1191. fffrsiceart 983. gedf/ran = ehren, preisen 
1644. ge/irëow = lamentation 938. peirjfan (trans. = to endear) 1644. 
geondsëmn 972. goldfralwc 995. grorne (adv.) 1204. liUimfœst 1554. 
heühcüf 978. htdrdeindt (1. /tennnnc'uk' ?) 1443. heanmicalu 1608. 
heurmulege 1434. hellcwalu 1189. helhbeulii 1426. heofondugud 1654. 
/Hohdrgit 1541. Innfëdu 1012. Ii'ingrnn 1354. /i/ëod 13öS. //rë(îënd}g 94-1. 
/tredcrcoffi 1328. /nnr.<> 1443. niagencarfcde 963. 1410. luagenfolc 876. 
mœgeninuïdor 926. luagugeogud 1428. mwiciceahu 1416. nuwforinirht 
1094. niUniromni 1279. inordorhUa 1624. niordorlëan 1611. mûr 1142. 
ingrmn 1143. mdnrnht 1257. ngdg( ireft/d 14Ö0. ödriTfmi 1266. ofhrëomn 
933. onhëodan 1169. on/täfc 895. oittm/g 1420. rarii 1396. 1459. .<i(rpllie. 
scrEft 1305. .srg/dirrecrende 1160. .Htgeinëre 1530. .s/ifc 1250. somodfœst 



— 185 — 

1580. fipütl 1121. 1435. Hffiftfd'sf 080. siKtfinênsfan 900. .svm.s-^V- 1510. 
Hirœ.slTce 1338. siregdi/un 954. st/iihi/nttii 1299. si/z/fd/i 1082. aiinlicc 1479. 
.s7//z/?/7 919. 1132. 1281. 1376. .sv/y//v7.s-/ 1320. föin 1211. //vY/r- 1165. 
ffi)if/o/(/}NUU llöO. (Têothtinulor WbA. (Tur/nr/Tta n 128S. 1331. iiithëtcf/ \Hll. 
iinefi n l-ib9. ifiif/eai-o 814. iinHcomkude 1324. unsirêk 1438. lOfHtJfre lAHH. 
imtu'ëo 960. Kiifri/nte 1562. n'Œf/dëor 981 . u'œbnfyr 9Sl. weonTinui 1\3H. 
iromiryrcende 1092. woriildpear fende 1350. irorii/dind/ 1006. iroruldirJte 
1477. n'i/nsifinïTc 911. 

Dazu kommen noch einige, die außerhalb Cr. III nur noch in der 
Psalmenübersetzung begegnen, welche auch andere Eigentümlichkeiten 
mit Cr. III gemein hat: pedwelkin 1127. f/etreininaii 1150. Af'/7'//f. Iitff/or 
1487. sekf/escot 1480. ^rp<" 1503. wŒdki 1495. .sroy/r/ findet sich aulier in 
Cr., Psal., Genesis B. noch einmal im Güdläc. 

Bei vielen von diesen Wörtern kann und wird die Beschränkung 
ihres Vorkommens auf Cr. III auf Zufall beruhen. Einige aber sind 
zweifellos unenghsch : crijhh (im Cr. I dafür hinn !) =-- as. knbhki: (jedjjntu. 
vgl. dyran = loben in Genes. B. V, 257 = as. diurian, preisen; nmgugeof/iKt. 
eine Abstraktbildung zu *iuaf/ugeong = as. tuac/ujang: mûr = as. mûr (st. m ?) 
neben mura st. fem., myrran = as. merrian : Wm = a.s. tOm neben (önii. 
das der ae. Übersetzer der as. Genesis in Genesis B. V. 804 absicht- 
lich vermieden zu haben scheint. Zum mindesten dadurch auffallend, 
daß sie ae. sonst nicht angetroffen werden, trotzdem sie keine abwegs 
liegenden Vorstellungen ausdrücken, sind œdeklugmt. h'iprgccan. die 
Zusammensetzungen mit dëa<t -. die Composita nydgeweakl und irynsumfTc. 
die allerdings auch in den erhaltenen Resten as. Dichtung umsonst 
gesucht werden. Noch lebhafter erinnern uns an das as. die zahl- 
reichen Zusammensetzungen mit ßren - . vgl. as. pnuddd. flrinqudla. 
firinquidi. firinsprdka. finnsimdea, firimrerk. zumal da auch bei den 
englischen Wörtern die gleiche Abschwächung der ursprünglichen Be- 
deutung des ersten Bestandteils zur steigernden Funktion, wie bei 
einem Teil der as., festgestellt werden kann, ähnlich wie dies bei den 
Compositis mit ßeod - der Fall ist, vgl. as. tliiodarlmti. tlüodgod. tli'iod- 
giimo. Ihiodkumug. f/iiodqiidla. Ili'iodskaäo. t/iiodtrc/o. Das ae. zeigt sonst 
keine solche Vorliebe für diese Zusammensetzungen. Auch dem liearmcwkk. 
hearmcwcdu und hearmsk'ge können wir leichter entsprechendes aus dem 
as. zur Seite stellen (liarmgitnir/ff. /lanm/iftdi. //aniiskara. /larmurrki. 
als aus dem ae.. wo solche Composita fast ganz auf Cr. IIL Psalmen. 
Genesis und Andreas beschränkt sind, die manche sprachlichen und 
metrischen Auffälhgkeiten mit einander gemein haben. Ebenso sind 
endhch die Zusammensetzungen mit einem Participium der Gegenwart 
im zweiten Teil, wie firinfnmmeud. scyJdwreccende, unscomiciide, 
iromicyrcende. iconddpear fende, wenn ich recht sehe, as. Sprachgebrauch 



— 186 — 

geläufiger als dem ae. AVas die Zusammensetzungen mit un- anlangt, so 
hat schon Franz Schwarz in seiner Dissertation (Cynewulfs Anteil am 
Crist, Königsberg 1905) S. 102 auf den bedeutenden Unterschied der 
drei Teile des Crist in der Häufigkeit derselben (Cr. I und II je 5, 
Cr. III 28 Belege) aufmerksam gemacht. Eine Durchsicht von Greins 
Sprachschatz zeigt, daß wieder Cr. III, Genesis, Andreas und Psalmen 
ein Hauptkontingent zu der Liste solcher Komposita stellen. Das ist 
vielleicht doch nicht ganz zufällig. Jedenfalls verdient hervorgehoben zu 
werden, daß auch in der as. Dichtung eine verhältnismäßig stattliche 
Zahl solcher Bildungen überliefert ist. 

Zu einzelnen Wörtern noch ein paar Bemerkungen. CuTruHiued 1133, 
nur einmal in Cr. III, findet eine Parallele in Heliand 5628 git/irusmod, 
das freilich nur auf Konjektur für hsl. r/ithismod beruht, forden 
partiz. = verbrecherisch, böse, 5 mal in Cr. III, einmal auch in Andr. 43, 
entspricht genau einem as. farduan (3 mal im Heliand). cß] = lascivia 
(as. (jêl) Cr. 1084 begegnet sonst nur noch in Genes. B. 327. wëde 
915. 1671 = as. u'ôdi vermag Grein außerhalb des Cr. III nur ein einziges 
Mal nachzuweisen ; ebenso begegnen frœt und eihk/eonf/ außerhalb des 
Cr. III und Andreas je nur 1 mal. Auffällig ist der häufige Gebrauch 
von ücTene, scjjne und von .svra some, die beide im as. sehr beliebt sind. 

Einige Wörter haben im Cr. III eine Bedeutung, die sich im 
ae. sonst nirgends belegen läßt, wohl aber im as.: Jiord 1047 = „Ge- 
danken", wie im Hei. 1762. (d/dan 1073. 1549 = „achten auf, beachten", 
entsprechend dem as. a/ifon. fore el(l)Pëodiun 1083. 1336 im Sinne von 
„vor allen Menschen" (so wohl auch im Andr. 972) zu vergleichen mit 
dem as. fdder (dof/tiado Hei. 4746, während nach Grein ae. elpëod sonst 
nur „natio peregrina" heißt, ricalu hat im ae. stets den Sinn von 
„Tod"; in den Zusammensetzungen kearmcimlu 1608, hellcnrihi 1189 
und nJdnrfdn 1257 paßt aber diese Bedeutung gar nicht in den Zu- 
sammenhang; dieser verlaugt vielmehr „Qual", so daß wir der Annahme 
kaum entgehen können, daß an diesen Stellen ein as. qudla st. f. zu 
cH'a/u anglisiert erscheine. Diese Komposita sind freilich im as. nicht 
belegt; das kann aber leicht auf Zufall beruhen. Für substantivisches 
(fc/rrëoir -= „AVehklage" 998 können wir weder aus dem ae. noch aus dem as. 
einen weitem Nachweis erbringen; aber daß as. ein Verbum /treuivan „be- 
klagen" vorkommt, das ae. mit dieser Bedeutung fehlt, verdient Beachtung. 
onbeodnn „entbieten, kundtun" 1169, im englischen ganz vereinzelt, erscheint 
im Heliand öfter. .s//77y Icticr 1161 „schwere Krankheit" ist im englischen 
kaum anderswo in diesem Sinne zu belegen, während as. kgcr mehrfach 
so begegnet. Zu hi(/œd V. 1307 haben Grein und Gollancz die Bedeutung 
„beichtet" gefordert, die dem ae. Verbum hcf/ün sonst völlig fehlt. Dürfte 
man sich vielleicht vorstellen, daß ein as. hif/e/dd. „beichtet" zu Grunde 



— 187 — 

liegt, das von einem englischen Leser mißverstanden und falsch ins 
englische übertragen worden wäre ? Holthausen erwähnt im as. Elementar- 
buch § 476 eine 3. Sing. Ind. Präs. begêd „begeht" ; daneben hat viel- 
leicht ein bkjftd existiert, wie steid neben nted, und diese Form hätte, 
etwa noch mit einem silben trennenden li zwischen e und i versehen, viel- 
leicht zu einer Verwechslung mit dem neben regelmäßigem hUjihkl nach 
Holthausen § 428, Anm. 1 vermutlich möglichen higelüd Anlaß geben 
können. Allerdings kommt dem higel/an im as. in den überlieferten Sprach- 
resten nur die Bedeutung „sich vermessen" zu, daß ihm aber auch die 
Bedeutung „beichten" innegewohnt haben werde, dürfen wir aus dem 
dazu gehörigen Verbalabstraktum higihf „Beichte" schließen. 

Weil sie zwei Wörter enthalten, die mir besonders beweiskräftig 
scheinen, muß ich die Verse 1541 — 1548 ganz liieher setzen: 

Ne mseg |?8et hâte dsel of heolodcynne 

in sinnehte synne forbsernan, 

tö widan feore wom of |?^re säwle ; 

ac ]>sêr se déopa sëad drêorge fëded, 

grundlêas gîemed g*sta on }?êostre, 

sëleà hy mid ])y ealdan lige ond mid }>y egsau forste, 

wrâ]?um wyrmum ond mid wlta fêla, 

frêcnum feorhgômum, folcum sce[dct]ed. 

Das âjia^ ÀsyôftEvov /teolodcgn 1541 glossiert Cook mit ,, dwellers 
in hell". Woher anders als weil der Zusammenhang es zu fordern scheint, 
nimmt er das Recht zu dieser Übersetzung ? heolod- gehört doch zweifellos 
zum Verbum helan „verbergen"; es ist vollkommen verständlich und nicht 
im mindesten anstößig im Compositum heolodhehu Wal. 45 = „unsichtbar 
machender Helm". Im as. finden wir dafür helidhelm. Dieses hat der 
Übersetzer oder wenigstens der Schreiber der einzigen Hs. der Genesis B., 
die wahre Abstammung verwischend, durch hœledlielw übertragen, w^as 
gewiß fälschlich auf lut'led „Held" bezogen wurde. Den umgekehrten 
Fehler, meine ich, finden wir hier. Ein as. helidkaum (Hei. 2624), das 
wörtlich im ae. hätte lueJedcgn ergeben müssen (im ae. nicht zu belegen, 
immer dafür hwleda cgu). ist verwechselt worden mit dem helid- von 
IteUdhehn und in sinnloser Weise durch ae. Inolodcgn wiedergegeben. 

Beim letzten Vers der zitierten Stelle scheinen mir fast alle bis- 
herigen Erklärungsversuche unbefriedigend. Daß das hsl. scended 
durch scedded zu ersetzen sei, wird man wegen des Dativs folciini. zu 
dem kein anderes Verbum mit ähnhcher Bedeutung passen will, zuge- 
stehen müssen. Es wird dann in feorJigüninm das Mittel und Werkzeug 
der Schädigung stecken. Thorpe übersetzt nun „with rugged fatal gums 
afflicteth people", GoUancz „with sharp and deadly jaws it scatheth folk", 
Whitman mit Cooks Billigung „it shall afflict the multitudes with hateful 



— 188 — 

serpents, with countless torments, with jaws deadly and terrible." Daß 
hier fjöma „Gaumen" für den alles verschlingenden Rachen der Hölle 
gebraucht sei, wäre an und für sich kein verwerflicher Gedanke; aber 
die Parallelisierung mit u'urmum und mal inte fehl macht es wahr- 
scheinHcher, daß mit den frëcnum feor/if/ömum entweder etwas diesen 
Arten von Qualen koordiniertes oder etwas sie alle zusammenfassendes 
gemeint sei, was beim Höllenrachen kaum der Fall wäre. Dazu kommt 
noch, daß die Übersetzung de a diu jau'S bezw. fatal (/Hins meines Er- 
achtens direkt falsch ist. feor/i heißt „Leben" und kann den Sinn von 
„deadly", „fatal" höchstens in einer Zusammensetzung annehmen, deren 
zweiter Teil eine Bedrohung oder Vernichtung des Lebens ausspricht. 
Grein übersetzt daher, die grausame Ironie des Dichters besser treffend 
„mit fui'chtbarer Nahrung die Völker plagend", indem er, ausdrücklich 
auf sis. f/öma st. f. „epulae" hinweisend, feor/if/öme f. im Wörterbuch mit 
„alimentum vel provisio vitae" erläutert. Ein furchtbares Mahl, eine 
entsetzliche Bewirtung sind die vielen Höllenstrafen in der Tat. Im 
Englischen ist aber das Wort *göm. wie es dort wohl lauten müßte, 
ganz unbekannt, während es im as. als goma st. f. sehr häufig auftritt. 
Wir werden darum mit dem Schluß, daß in feorhfiöinuni in etwas anglisierter 
Gestalt ein as. Wort stehen geblieben sei, kaum fehlgehen. Anstößig 
bleibt freihch der erste Teil auch dann noch. Sollte am Ende eine Zu- 
sammensetzung fernfjonum „Höllenmähler" zu Grunde liegen ? 

2. Laut- und Wortformen. 

Ein zweites Kriterium für as. Einfluß liefern Laut- und Wortformen, 
die, im englischen ungewöhnlich oder geradezu unerhört, ganz erklärlich 
und verständlich werden, sobald wir annehmen dürfen, daß sie nicht originales 
Englisch, sondern schlecht übertragenes Altsächsisch repräsentieren. 

Einige lautliche Sonderbarkeiten des Cr. III hat Cook in seiner 
grammatischen Einleitung notiert : snTtr, sicäse statt sicœr, sicœse (as. su'äi'. 
.sH'ûa), das c in Indrijeton. namentlich aber die aufi"ällige Verschiedenheit 
von Cr. I. II. III. inbezug auf die Form der Vorsilbe he-, hl-, Cook 
rechnet dafür die folgenden Verhältniszahlen aus: Cr. I he-^Vit b'i-. 
Cr. II he- = ^'3 hi. Cr. III öe- = Vis hi-. Im as. ist die Form ebenfalls 
weit überwiegend ht-. Das bedeutende Übergewicht der hi- über die he- 
in Cr. III, für das man, freilich nicht ohne Bedenken, den Schreiber 
der Hs.') verantwortlich machen könnte, würde somit unter der Voraus- 
setzung eines as. Vorbildes nicht mehr so verwunderlich. Zu bemerken 
ist hiezu, daß ///- neben f/e- in Cr. III fehlt. Durch das Metrum ge- 
sichert finden wir im V. 9ül* die Form ceareua für den Gen. Plur. eines 

1) Man vergleiche z. B. die Schreibung in der Hs. von Cynewulfs Juliana. 



— 189 — 

starken Femininimis. Xacb Sievers Ags. Grammatik § 252, Anm. 4. 
kommen solche Genitivformen im kentischen und westsächsischen, aber 
erst nachälfredisch, vor. In der Cura pastoralis fehlen sie noch ganz. 
Daß die im allgemeinen konservativere Sprache der Dichtung diesen Neu- 
bildungen früher Eingang gewährt hätte, als die Prosa, ist kaum an- 
zunehmen. Dies cearciia würde somit vielleicht zur Erlaogung eines 
terminus post quem für die Entstehung des Cr. III verwertet werden 
können, wenn nicht auch die Möglichkeit bestände, daß ein as. /lOrono — 
so lautet die Form dort schon frühe ganz regelmäßig — des iVEetrums 
wegen unverändert ins Englische übernommen wäre. Beachtung verdient 
ferner das Verhältnis der Formen he/l- : /lel/e- in den Zusammensetzungen. 
Unzweifelhaft echte Komposita sind nur die mit /le//- beginnenden Wörter. 
Bei denjenigen Wortgruppen, deren erster Teil /ic//e- lautet, wird gar 
nicht immer mit Sicherheit entschieden werden können, ob nicht eher 
eine syntaktische Verbindung von Genitiv + Nomen anzunehmen ist. In 
allen übrigen Zusammensetzungen mit Jö-stämmen zeigt der erste Kom- 
positionsteil im ae. meines Wissens immer einen Konsonanten, nie ein -t 
im Auslaut. Umso mehr muß ein helle- auffallen. Da unser Verdacht 
schon aus anderen Gründen rege ist, sind wir geneigt zu vermuten, daß 
auch hier Einfluß des as. mit seinen mit hel/i- beginnenden Zusammen- 
setzungen im Spiele sein könnte.^) Wenn den bisher angeführten laut- 
lichen und flexionellen Erscheinungen eine absolute Beweiskraft nicht 
beigemessen werden kann, so scheint eine solche dem letzten noch zu 
besprechenden Falle in um so höherem Grade zuzukommen. V. 1565 und 
1598 ist statt der sonst häufig begegnenden Formel fTrci heani eine Ver- 
bindung preua bearii überliefert. Grein übersetzt sie mit .,Frevelkinder", 
„peccatores", wofür er aber keinerlei Analogon beizubringen vermag. 
Thorpe und Gollancz wollen in fTra hcmn ändern und würden damit 
wirklich eine dem ae. Gebrauch angemessene Besserung in den Text 
bringen. Wie erklärt sich aber das überlieferte preua '^ Ich glaube ein- 
fach als Lesefehler eines ae. Übersetzers, der ein as. pnlio als prhm 
verlas und nun ziemlich gedankenlos mit prcna übersetzte. 

3. Syntax. 

Da mir eine erschöpfende Durcharbeitung der syntaktischen Ver- 
hältnisse des Cr. IIT aus verschiedenen Gründen unmöglich ist, muß ich 
mich darauf beschränken, ein paar mehr zufällige Beobachtungen und 
einige bei der Durchsicht syntaktischer Monographien ausgezogene Notizen 
hier zusammenzustellen. So lange wir der Heliandsyntax Behaghels nichts 



').Vgl. hiezu Weyhe in Beitr. z. Gesell d. d. Spr u. Lit. HO. 79 ft". 



— 190 — 

gleichwertiges für die ae. Dichtung an die Seite zu stellen haben, werden 
wir das der Syntax entnommene Kriterium für unsere Aufgabe nicht 
mit erwünschter Sicherheit handhaben können. Doch lassen sich viel- 
leicht einige Erscheinungen anführen, welche im ae. ungewöhnlich, aus 
dem as. aber wohlbekannt sind, und die darum im Verein mit den 
übrigen Auffälligkeiten zur Sicherung der Annahme as. Einflusses auf 
Cr. III herangezogen werden dürfen. 

Ich wiederhole zunächst aus Barnouws Dissertation, was er in der 
Genesis B. als spezifisch as. anspricht: „Im ae. wird im Gegensatz zum 
as. ühralda als Substantiv empfunden. Im Heliand hat es seine adjektivische 
Natur zu behaupten gewußt^ (S. 76). Was für den Heliand gesagt wird, 
gilt in gleicher AVeise für Cr, III, wo a/irahki nur adjektivisch in der 
auch im Andreas V. 751. 925 und 1622 wiederkehrenden Formel ahralda 
(fod vorkommt. 

Ebendort erklärt Barnouw die Verwendung des einfachen Demon- 
strativpronomens im Sinne von „dieser" (on pum Jêohte = in dieser Welt) 
für as. Was ihn dann bestimmt, bei der genau entsprechenden Fügung 
Cr. III 1096''- ISTl** on päm dœge das Stäben des „Artikels" auf Nach- 
ahmung des Beowulf zurückzuführen, ist mir nicht ganz verständlich. 
Wenn es in der Genesis vom as. Original stammt, kann das auch im 
Cr. III der Fall sein. 

Nach Barnouws Feststellungen S. 168 ff ist für Cr. III die von 
der Verbindung Adjektiv + Substantiv auf den Artikel ausgeübte An- 
ziehungskraft kennzeichnend. Auch damit rückt dieses ae. Stück an die 
Seite von Genesis B. und Heliand (vgl. Behaghel Syntax § 47. 53 ff.). 

Endlich hebt Barnouw die dreimalige Verwendung von sesylfa= „der- 
selbe" (1208 .s't stj/fa njii'nuj. 1153^1154^ py sy/fan dœge. 1148^ on pU 
sy/fan ildj hervor. Bei Cynewulf begegnet sie nicht ein einziges Mal. 
Grein gibt außerhalb Cr. III fast nur aus der Psalmenübersetzung Be- 
lege. Im Heliand ist sie verbreitet (Behaghel Syntax § 216 J. I.) Wir 
finden sogar den Halbvers Cr. 1148** wörtlich wieder im Heliand V. 517* : 
an thea stWim tid. Auch pœt sylfe = „ebenso" ist außerhalb Cr. III 
und Psalmenübersetzung nur 1 mal nachgewiesen. 

Ob B.'s Behauptung, daß der Artikel vor zweigliedrigen Ausdrücken 
(Genitiv + Substantiv) Cynewulf ungeläufig sei, den Tatsachen entspricht, 
vermag ich mit meinen unzulänglichen Sammlungen augenblicklich nicht 
nachzuprüfen. Völlig fehlt er keinesfalls ; ich brauche nur auf Cr. 699 
Hêo yodcH ryrcc und Elene 176 se yäsfa lielin hinzuweisen. Die allmähliche 
Ausbreitung dieser Konstruktion in der ae. Dichtung müßte erst noch 
näher verfolgt werden. Inzwischen mag die Beobachtung nicht uninteressant 
sein, daß in Cr. III verhältnismäßig viele Beispiele bei einander stehen 
(V. 106* üo hyman stefn, 1063* se eng/a pryni ond se egsan prëa, 1200 



— 191 — 

J>ü itii/f/ïiH ttico/ndes lare. 1546 ni'id py (f/mn fornkj. Auch hiezu bieten 
Genesis B, und Heliand zahlreichere Analogien, z. B. Genes. B. 492 und 
Ö2S pone dëactes hëa/ii. 512 on Piïm hêlintan lieofna rïce; Heliand V. 401 
an Ihera Dauides Inirçi. 538 te thés cunhujea hobt, 1471 tt thcm (jodes 
altere. 2905 an that (joden thlonont. 

Beachtenswert ist sodann die Stellung des Artikels in der Ver- 
bindung Substantiv + Artikel + schwach. Adjektiv : of slœpe pu fientan 
891, ir vor ade päni hak/an 911, dönies pœs nùdan 1205, ÎTf päd scyne 
1469. Sievers (Heliand und Genesis S. 40) hat einige Parallelen aus 
Genesis B. — die sich übrigens noch vermehren ließen — und aus 
Heliand zusammengestellt. Im ae. begegnen freilich auch im Beowulf, 
in Genesis A., im Daniel und in der Psalmenübersetzung vereinzelte 
Beispiele einer solchen Wortfolge. In der Mehrzahl der Fälle wird man 
lieber mit Barnouw S. 93 f. eine losere Fügung, appositioneile Nach- 
stellung eines mit dem Artikel verbundenen absoluten, also substantivierten 
Adjektivs darin erkennen (vgl. Behaghel Heliandsyntax § 209). Dem Ge- 
brauch des Cr. III entsprechendes bieten aber in größerem Umfange 
nur Genesis B. und Heliand. 

Von Cynewulfs Sprachgebrauch weicht Cr. III durch die Verwendung 
des Possessivpronomens sTn ab. Simons (Cynewulfs Wortschatz) belegt es 
nur aus Andreas und zwar 1 1 mal in reflexivem, 3 mal in anaphorischem 
Sinne. Cr. III zeigt, soweit das wenig umfängliche Material überhaupt 
ein Urteil zuläßt, eher das umgekehrte Verhältnis : 2 reflexivische, 3 
anaphorische Verwendungen, und entfernt sich damit noch weiter als 
der Andreas von dem sonst zu beobachtenden ae. Gebrauch, der reflexives 
sTn allein zu gestatten scheint. Den fünf Belegen für ,wi (refl. 1209 h y 
se sylfa eynhig ni hl sine llehonuin lysde of firenuni und 905 fi". Cynwt . . . 
Cristes onsyn . . . on se fan st vête smum folce, anaphorisch 1036 f. snal 
on lëoht cuman sTnra weorca wlite. 1167 f. ponne yod n'olde ofer sine 
(des Meeres) yde gän, 1223 Crlste sylfum yecorene bi cystum pu œr 
Sinne meide georne lustmn Icestun on hyra Ilfdaguni) stehen zahlreiche 
für hls, Mre, hyra u. s.w. (Uli. 1120. 1125. 1151. 1168. 1216 u. s.w.) 
sowohl in anaphorischer als in reflexivischer Bedeutung gegenüber. Ganz 
ähnlich wie im Cr. III liegt die Sache im Heliand (vgl. Holthauseu, 
as. Eleraentarb. § 330. 334). 

• Ein weiterer der Syntax des Cr. III eigentümlicher Zug ist die 
häufige Verwendung eines Partizip Präs. eines Verbums in attributiver 
Stellung. Während in Cr, I Beispiele derselben nur neben den Vokativen 
Crist (nergende Crist 157, hœlende Crisf 250) und yod (lifgende god 273 — 
so auch einmal in Cr. II 755 — und nergende god 361) begegnen (vgl. 
Hertel, der syutakt. Gebrauch des Verbums im „Crist". Leipziger Diss. 1891, 
S. 25), sind sie im Cr. III keiner solchen Beschränkung unterworfen. 



— 192 — 

Folgt das Partizip dem Substantiv, so kann man zweifeln, ob man 
attributives oder appositionelles Verhältnis annehmen soll (Cr. I 231 
leoht Itxende, Cr. III 981 icœtre w'mnendum. 1219 scyppend scmendej: 
attributives ist sicher, wo das Partizip dem Substantiv vorausgeht. Für 
diese Wortfolge, abgesehen vom Vokativ, bietet nur Cr. III Belege : 
sorgende folc 889, cirehneude fyr 958, lügende leg 973, weallende iciga 
984, iraldende god 1010, 1161% wecdkudne iTg 1250, cinpemle cearo 1285, 
irëpende mr 1289, sceppenüum sceadan 1395. Wie weit dieser Gebrauch 
sonst im ae. sich feststellen läßt, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen; 
ich kann nur bezeugen, daß ich Tausende von Versen christlicher 
Dichtungen durchgelesen habe, ohne einem Beispiel dafür zu begegnen, 
außer Eleue 580. 1110 lacende iJg. Im as. ist er nicht gerade reich ent- 
wickelt, aber doch nachweisbar (Behaghel, Heliandsjntax § 107), einige 
Fügungen decken sich sogar fast ganz oder völlig mit den angeführten 
altenglischen, z. B. libhiendes godes. uuallamU finr. 

Endlich darf vielleicht noch auf die Vorliebe für die Satzverknüpfung 
durch eac = âs. ök. teilweise a.uch= Jak (?) z. B. V. V. 1107, 1152, 1163, 
1169, 1258, 1276, 1457) aufmerksam gemacht werden. 



4. Stil. 

Daß der Cr. III mit der as. Dichtung im Stil sich berühren werde, 
ist bei der ausgedehnten Gemeinsamkeit des Formelschatzes von vorne 
herein zu erwarten. Es finden sich in der Tat manche Ü^bereinstim- 
mungen, von denen die wichtigsten hier angeführt Averden mögen (die 
nur aus Cr. III belegten Formeln sind mit Stern versehen). 

Cr. IIL As. Dichtung. 

870*^0". swa oft . . . Hei. 4358 ff.: Mütspelli cumit 

pêoî )?rîstlîce pe on |>ystre an thiustrea naht ai so 

fared thiof ferid 

on sweartre niht darno mid is dâdiun 

*877'' beorht and blî|?e Hei. 5808: berht endi blîthi 

*879'' eordan rïces Hei. erthriki. Gen. B. eordrice 

883, 993 trume andtorhte (tungol) Hei. 3628 : torht tungal 

884 f. sû]?an and norj^an Gen. B. 806 f.: westan odde êastan 
êastan and westan Sudan odde nordan 

= as. Gen. 15 f.: uuestan efto ostan 
Sudan efto nordan 

902 mödum âhycgau Hei.: githenkian an mode 
*989 on mode à[»encan 

904* J?urh heofona gehleodu Gen. B. 584: hëah heofona gehlidu 



193 — 



911 wlitig, wynsumlic 
*913* lufsum ond lî|>e 

*971 on |?â m^ëran tïd 
973. 1181 hèahgetimbro 
*978f. ond hêahcleofu ]?ä wid 

holrae œr 
. . . foldan sceldun 
*1007'' on I^one m^êran beorg 
*1026^ moncynnes gehwone 
1046 ofer middangeard monna dêëde 



* 1054*^ se nuera dseg 

1 1 29 forhte gefêlan frêan ):»rôwinga 
1132'' f. ... sunne weard âdwfêsced 
)7rèam â|;rysmod 



*1148^ on ])îi sylfan tîd 

1156 eftlifgende ûp âstodan 

1157 fseste bifen (lies bifangen) 



1178 f. hû fêla f>â onfundun 

pä gefêlan ne magun 
1210^ )?urh milde môd 
1277^ ond hselej^a bearn 
*1385^. 1473. 1498 f. l?onc ne wisses 
* 1386 . . . swâ scîenne gesceapen 

hœfde 
*1438 unswêtne drync ecedes 

ond geallan 
*1443 hosp and heardcwide 

(lies heanncwide?) 
1451 wite )?olade 

*1452 yfel earfedu 



Hel. 1393 : wlitig endi wunsam 
Gen. B. 468 : lïde and lofsura 
Hel. 2063: alloro lîdo lofsamost 
Hel. 4299. 4354 : thiu marie tid 
Gen. B. 739: hèahgetimbro 
Hel. 1396: hôh holmclibu 
Hel. 4736: an thiu holmclibu 

hôhor stigan 
Hel. 4234: en mari berg 
Hel. 4234 : mankunnies manag 
as. Gen. 194: obar thesan middil- 

gard manna kunnias 
as. Gen. 336'': obar middilgard 
Hel. 4249. 4310: an themu mâreon 

daga 
Hel, 5662^: gifuolian is êndagon 
Hel. 5625 ff.: huo thiu sunna 

uuard gisuorkan . . . 

. . . ac sia scado farfeng 

thimm endi thiustri endi so 
githrusmod nebal 
Hel. 517*: an thea selbun tîd 
Hel. 5672''f. : libbiandi astuodun 

upp fan erdu 
Hel. 43: fasto bifangan 
as. Gen. 209 : fasto gifangan 
Gen. B. 374: fœste befangen 
Hel. 5676: to filo thés gifuolian 

thie gio mid firihon ne sprac 
Hel. 1958: thurh mildean môd 
Hel. 4330 : o bar helido barn 
Hel. thank witan 
Gen. B. 549: scëone gesceapene 

Hel. 5645: habdun im unsuôti 

ecid endi galla gimengid 
Hel. 5303: hosc endi harmquidi 

Hel. u. Gen. B. öfter: wîti tholoian 

bezw. wïte ['olian 
Hel. 1502. 3373. 4586: ubil arbêdi 

13 






194 - 



1512 f. Farad nu âwyrgde willum 

biscyrede 

engla drëames on ëce fyr 

I? se t w se s Satané ond his 

gesïjjum mid 

dëofle gegearwad. 

*1526^ on grimne grund 

*1531 on Jjset dëope dsel 



Hel. 4420f. : faran so forfôcane an 

that fiur êwig 

that thar gigareuuid 

uuard godes nnd- 

sacun 



Gen. B. 407 : J?äs grimman grundas 
Gen. B. 421 : on J?âs dëopan dalu 
Gen. B. 305: on |?ä dëopan dala 
Hel. 5170: diop dôdes dalu 
as. Gen. 29 : an ênam diapun dala 
*1538*'f. lîge gebundne swylt Hel. 2603f: thar sculun sia gi- 

]?röwiad b u n d e n e bittra 1 o g n a 

thrâuuerk tholôn 
1618*. 1636» ait dômes dsege Hel. 4333*: êr dômes dage 

1664* weorud wlitescynast Hel. 3578 : wlitiskônie werold 

Trotz einigen bemerkenswerten Beispielen wird man die Beweis- 
kraft dieser Ähnlichkeiten nicht überschätzen dürfen. Nur wenige von 
diesen Formeln sind auf Cr. III und Genesis B. beschränkt. Auch unter 
den S}'nonymen für bestimmte Begriffe wie Gott, Christus, Hölle, jüngstes 
Gericht finden sich nur vereinzelt solche, welche aus Cr. III allein be- 
legt und zugleich as. nachgewiesen wären. Außerdem darf nicht ver- 
schwiegen werden, daß gerade in denjenigen Partien beider Dichtungen, 
die ähnliche Gegenstände behandeln, (die Zerstörung Jerusalems und 
der jüngste Tag Hei. 4270— 4451 = Cr. 869—1080, 1344—1548 und 
die Kreuzigung Hel. 5506 — 5712 = Cr. 1128 — 1198) die Darstellungen 
zwar im allgemeinen den gleichen Gedankengang erkennen lassen, aber 
in Einzelheiten und besonders auch im sprachlichen Ausdruck nicht un- 
bedeutend von einander abweichen. Nur eine auch feinere Fragen be- 
rücksichtigende eingehende Untersuchung und Vergleichung des Stiles 
könnte entscheidendes beibringen ; eine solche ist hier schon durch die 
Rücksicht auf den zur Verfügung stehenden Raum ausgeschlossen. Kann 
somit in der unvermeidlichen Beschränkung das stilistische Kriterium 
für unsere Hypothese nichts beweisen, so wird man es doch andrerseits 
auch nicht zur Widerlegung derselben verwenden können. Nicht Gleich- 
heit der Verfasser von Cr. III und Heliand wollen wir dartun, sondern 
nur die Benutzung eines as. Vorbildes, das selbst in manchen Punkten 
von Heliand und Genesis verschieden gewesen sein mag. Die nicht ganz 
klare Disposition des Cr. III, die häufigen Wiederholungen und die 
durch den Wechsel zwischen Erzählung bezw. Schilderung und daran 
geknüpfter moralischer Ermahnung bedingte Verschiedenheit des Stiles 
drängen den Gedanken zur Erörterung auf, daß ein Verse machender 



— 195 — 

Moralprediger ein erzählendes, schilderndes Gedicht in sein Werk hinein 
verarbeitet habe, daß sich also bei einer genaueren Betrachtung Cr. III 
als ein aus verschiedenen Bestandteilen zusammengefügtes Gedicht heraus- 
stellen würde. Diese Möglichkeit kann ich hier nur andeuten und muß 
ihre Diskussion anderer Gelegenheit vorbehalten. 

5. Metrik. 

Die Metrik des sogenannten Crist hat in der schon erwähnten, im 
ganzen sorgsamen Königsberger Dissertation von Franz Schwarz neuer- 
dings (1905) eine Darstellung erfahren, welche alle früheren Arbeiten 
auf diesem Gebiet von Frucht, Cremer u. a. überholt und überflüssig 
gemacht hat. Deutlich ergibt sich daraus, daß Cr. III von Cynewulfs 
Gedichten so stark abweicht, daß Gleichheit der Verfasser ausgeschlossen 
ist. Leider treten die Besonderheiten des Cr. III infolge des Fehlens 
einer Inhaltsübersicht und einer Zusammenfassung der wichtigeren Er- 
gebnisse bei Schwarz nicht so klar hervor, als es zu wünschen wäre. 
Einige der am meisten in die Augen springenden Erscheinungen seien 
daher hier hervorgehoben. 

1. Cr. III weist unter den Beispielen des Typus A^ auffallend viele 
auf (die von Schwarz gegebenen Belege sind unvollständig), in denen 
die erste Hebung auf einer Präposition oder einer Konjunktion liegt 
z. B, 1075 of päm ëctie, 1097 m'td ßt/ weoräe, 1444 ymb nun hëafod, 
1431 ond pü mealite (Schwarz S. 30 f.). 

2. In Cr. III finden sich ungewöhnlich viele zweite Halbverse vom 
Typus B und C mit schweren und umfänglichen Eingangssenkungen 
(Schwarz S. 34. 46). 

3. Zwei- und mehrsilbiger Auftakt ist häufig (S. 57 f.). 

4. Schwellverse sind sehr zahlreich und aufiallend gebaut (S. 59 ff.). 

5. Possessivpronomen ist häufig Träger des Stabreims (S. 65). 

6. B-verse allitterieren oft nur auf der letzten Hebung (S. 66). 

7. In der Verwendung der Doppelallitteration ist Nachlässigkeit zu 
bemerken (S. 68). 

8. Reim wird nicht ungerne, aber in anderer Weise als bei Cynewulf 
angewendet (S. 81). 

9. Das Verhältnis von Hakenstil: Zeilenstil ist im Cr. III 5 : 4, im 
Cynewulfschen Cr. II wie 5 : 2 (S. 87). 

10. Während Cynewulf (auch im Cr. II) Wörter mit langer Stammsilbe, 
deren zweite Silbe sich erst in ae. Zeit aus silbenbildenden 1, r, m, n 
entwickelt hat, stets zweihebig gebraucht, ist die Zweihebigkeit in 
Cr. III unter 20 Belegen solcher Wörter nur dreimal gesichert (S. 96). 

11. Flektierte Formen von f cor/t, matrli haben bei Cynewulf kurze, im 
Cr. III lange Stammsilbe (S. 96). 



— 196 — 

12. Aufzulösende Formen sind bei Cynewulf gar nicht oder nur ver- 
einzelt, in Cr. III aber sehr häufig anzutreffen (S. 98). 

13. In Cjnewulfs sicheren Werken kommt dem Worte tcorold immer 
nur eine Hebung zu, so daß man für Cjnewulf vielleicht bereits 
Einsilbigkeit dieses Wortes annehmen darf. Cr. III dagegen liefert 
neben 16 Belegen für einhebiges icoro/d auch zwei für zweihebiges 
(S. 101). 

Aus diesen Eigentümlichkeiten zieht Schwarz, indem er sich vor- 
nehmlich auf die Kriterien 10 — 13 stützt, den Schluß, daß Cr. III älter 
sein müsse als Cynewulf. Im Vorbeigehen erwähnt er freilich auch die 
Möglichkeit, daß die sprachlich-metrischen Abweichungen statt auf zeit- 
licher auf dialektischer Verschiedenheit beruhen, da z. B. die westsächsische 
Mundart die alten Sprachformen länger bewahre, als die nordhumbrische. 
Aber die größere Wahrscheinlichkeit hat seiner Meinung nach die An- 
nahme für sich, daß verschiedenes Alter für die unterschiede verant- 
wortlich zu machen sei. Diese Meinung scheint ungenügend begründet. 
Daß die unter 10 — 13 aufgeführten Besonderheiten als Zeugnisse höheren 
Alters angesehen werden können und in vielen Fällen so angesehen 
werden müssen, soll keineswegs geleugnet werden. Aber beim Cr. III 
dürfte eine solche Interpretation durch die (in Kriterium 1 — 9) daneben 
vorhandenen zahlreichen Anzeichen für nachlässigere, gegen die in älteren 
Denkmälern beobachteten Regeln des Allitterationsverses oft verstoßende 
Verstechnik ausgeschlossen werden. Diese verraten einen Verfall der 
alten Kunst, wie er nur bei den jüngeren Erzeugnissen altenglischer 
Dichtung, und selbst bei ihnen kaum in solchem Umfange, sich fest- 
stellen läßt. Einige von den metrischen Eigentümlichkeiten im besonderen, 
namentlich aber das vereinte Auftreten aller in einem einzigen Gedicht 
werden meines Erachtens überhaupt erst recht verständlich unter der 
Voraussetzung, daß wir in Cr. III nicht rein englische, sondern von 
kontinentalgermanischen, niederdeutschen Vorbildern beeinflußte metrische 
Form erkennen müssen. 

Fassen wir die ausschlaggebenden Kriterien etwas näher ins Auge, 
80 ist zunächst zu bemerken, daß wir kaum mit Schwarz genötigt sind, 
in Versen wie färcnfücen ftoren. iridif/orh/ëoni f/en'or/if u. s. w. die auf 
ursprünglich silbenbildenden Konsonanten endigenden Wörter fäcen, 
iäcen, wundor u. s. w. als metrisch einhebig anzusehen, wenn wir an- 
nehmen dürfen, daß im zwoihebigen Gebrauch derselben die im Altsächsischen 
nach Sievers Altgerm, Metrik § 116 ganz gewöhnliche Art der metrischen 
Behandlung solcher Wörter sich im Englischen wiederspiegle. 

Zu 11. In den Versen 1073 fëorc.s frälirc. Iöl3 sc /je im /lis fêore 
nyle, 1592 flra f cor um verlangt das Metrum nur dann Länge der Stamm- 
silbe in fêores. fêore, fSorum. wenn wirklich die kontrahierte Form die 



— 197 — 

originale ist. Dürfte aber an ihrer Stelle eine unkontralnerte as. Form 
fern/icH u. s. w. als ursprünglich dastehend vorausgesetzt werden, so wäre 
damit den Anforderungen der Metrik ebenfalls vollkommen genügt. 

Zu 12. Die zahlreichen, von Trautmann und Schwarz zusammen- 
gestellten Verse, welche, damit sie metrisch genügend werden, Auflösung 
der überlieferten kontrahierten Wortformen verlangen, würden auch 
unter der Voraussetzung alle richtig, daß man die entsprechenden as. 
Formen dafür einsetzen dürfte. Das im einzelnen nachzuweisen, wäre 
überflüssig, da jeder die Umsetzung leicht selbst vornehmen kann. Ein 
von Trautmann übergangener Vers bedarf vielleicht besonderer Be- 
sprechung. 946* ponne eall Prëo wird von Schwarz zu dem A^typus 
gerechnet. Das wäre aber zweifellos ein recht schlechter Vers. Könnte 
er nicht dadurch entstanden sein, daß ein tadelloser altsächsischer 
B-vers ilian alla tlirUi bei der wörtlichen Übertragung ins ae. zerstört 
wurde ? 

Zu 13. Unter der Voraussetzung einer as. Grundlage, die ircro/d 
gar nicht anders als zweisilbig gebraucht haben könnte, würde das zwei- 
hebige icorold neben einhebigem in Cr. III ebenfalls verständlich. In 
der Regel könnte, wenn der einhebige Gebrauch wirklich zweifellos 
sicher ist (vgl. die Bemerkungen zu 10), der englische Umdichter die 
seiner Zeit angemessene einsilbige Form angewandt haben, gelegentlich 
aber, durch das Metrum gezwungen, bei der zweisilbigen Form seiner 
Vorlage geblieben sein. 

Die Hoffnung, daß die von mir vorgeschlagene Interpretation der 
sprachlich-metrischen Eigentümlichkeiten des Cr. III den Tatsachen ohne 
Zwang gerecht werde, wächst noch durch die Beobachtung, daß diese 
metrischen Kriterien mit den für as. Vorlage sprechenden rein sprach- 
lichen und stihstischen in besonders reichem Maße in den erzählenden 
und schildernden Partien zusammentreffen, während umgekehrt die an 
Merkmalen des Verfalls des Allitterationsverses und Stiles reicheren 
predigtartigeu, moralisierenden Teile fast keine Kriterien irgend welcher 
Art liefern, aus denen auf Zusammenhang mit der as. Dichtung ge- 
schlossen werden könnte. Doch wäre es gewagt, eine reinliche Aus- 
sonderung der verschiedenen Bestandteile mit Rücksicht auf die Ab- 
hängigkeit vom as. vornehmen zu wollen. 

Welche Bedeutung diesem Ergebnis meiner Untersuchungen, falls 
es sich stichhaltig erweisen sollte, für die Beziehungen der ae. christ- 
lichen Dichtungen untereinander und für ihre Chronologie, wie auch für 
die Geschichte der as. Literatur zukäme, brauche ich nicht weiter aus- 
zuführen. 

Basel, 14. März 1907. 



Der Kothurn im fünften Jahrhundert. 



Von 
Alfred Körte. 




Person* pallfeque repertor honest» 

Aeschylus et modicis instravit pulpita tiguis 

et docuit niagnumque loqui uitique cothurno. 

Diese Verse der horazischen ars poetica (278 ff.) gelten seit alters 
für das grundlegende Zeugnis über Aiscbylos' Verdienste um die äußeren 
Formen der dramatischen Aufführungen. Freilich an pulpita modicis 
tignis instrata in Aischylos' Zeit glaubt heute fast niemand mehi',^) aber 
Horaz' Angaben über Aischylos' Bühnentracht erfreuen sich ziemlich 
allgemeinen Ansehens. Sie werden gestützt durch ein reichhaltiges grie- 
chisches Zeugnismaterial, das Friedrich Schœll in der Einleitung zu 
Ritschis Ausgabe der Sieben gegen Theben S. 29 ff. bequem zusammen- 
gestellt hat. Allerdings wird die Erfindung der Maske nur noch von 
Porphyrio (zu dieser Stelle), von Euanthius (de fabula I, 2) und zweifelnd 



1) Meines Wissens hält nur Albert Müller 
dargestellt" S. 56 ff an ihnen fest. 



.Das attische Bühnenwesen kurz 



— 199 — 

von dem Pariser Traktat (Cramer Anecd. Par. J. 19) Aischylos zuge- 
schrieben,') aber die sonstigen Eigenheiten des späteren Tragöden- 
kostüms, Schleppgewand und Stelzenschuhe führt eine stattliche Reihe 
von Gewährsmännern auf ihn zurück.-) Es macht wenig aus, daß die 
Zeugen über den Namen des aischyleischen Stelzenschuhs nicht einig sind, 
daß er bei Horaz, Porphyrio, in der Vita und dem Pariser Traktat 
y.6d-OQvog, bei Suidas efißccTJ^g, bei Philostrat und Themistios oy.Qißag 
heißt, denn in der Sache stimmen alle offenbar überein. ^) Alle diese 
Nachrichten über Aischylos' Neuerungen in der Bühnentracht gehen ohne 
Frage auf eine ältere griechische Autorität zurück, deren Zeit und 
Glaubwürdigkeit zunächst ermittelt werden muß. Da ist es denn von 
großer Bedeutung, daß Aristoteles in seiner Skizze der Entwicklung der 
Tragödie (Poet. 4) von Aischylos' Verdiensten um das tragische Kostüm 
noch nichts weiß, während er doch seine übrigen Neuerungen so nach- 
drücklich hervorhebt. Aristoteles' Schweigen ist keinesfalls aus seiner 
Gleichgültigkeit gegen die äußeren szenischen Mittel zu erklären, denn 
er berücksichtigt ja die oy.T}voyQaq)ia als Erfindung des Sophokles. Es 
drängt sich dann weiter die Frage auf, woher Jxonnie denn überhaupt 
ein Gelehrter in Aristoteles' Zeit oder noch später erfahren, wie Aischylos' 
Schauspieler aussahen und wodurch sie sich von denen des Phrynichos, 
Choirilos,*) Thespis unterschieden? Aus den Tragödien selbst kann wohl 
eine methodische Interpretation erschließen, daß seit dem und dem 
Stück eines bestimmten Dichters am Spielplatz ein Haus mit bemalter 
Vorderansicht vorausgesetzt wird, aber unmöglich kann ein Tragiker 
seine Helden verraten lassen, daß sie eine Maske vor dem Gesicht, 
Holzklötze unter den Füßen und ein gepolstertes Schleppgewand tragen. 
Kann man etwa der Lektüre des Britanniens oder der Phaedra ent- 
nehmen, daß Nero und sein Hof in Racines Zeit Allongeperücken und 
Galanteriedegen, die griechischen Heroinen aber Reifröcke trugen? 

Eine mit Aischylos gleichzeitige attische Prosaliteratur gab es 
nicht, selbst Jon von Chios hätte höchstens über die Schauspielertracht 
in Aischylos' letzter Zeit, aber nicht über die seiner Vorgänger etwas 



1) Nach Suidas v. AiayvÀoç erfand er nur die 7i()oaù)7Teta ôetvà y.al XQw^iaat, 
KexQifff^éva uud dasselbe scheint Philostrat vit. Apoll. VI 11 zu meinen. 

2) Vita Med. 13, Suidas v. AlayvÄog, Philostr. vit. Soph. I 9, vit. Apoll. VI 
11, Themist. or. 26 p. 382 D. Gram. Anecd. Par. I p. 19. 

3) Roberts Versuch (22'es Hallisches AVinckelmannsprogramm S. 28 f i r.o&oçvog 
von efißdtt]c als wesentlich verschieden zu trennen, scheitert trotz der einen Dio-Stelle 
LXIII 22, 4 an dem reichen von Amelung bei Pauly-Wissowa V 2482 ff unter i/*ßdc 
beigebrachten Material. Lukian z. B. gebraucht beide "Wörter unterschiedslos neben 
einander Gall. 2(i, de sait 27, mehr darüber unten S. 211 f. 

'*) Nach Suidas v. XoiçiÀog gab es auch Leute, die diesem die Erfindung der 
Masken und des tragischen Kostüms beilegen wollten. 



— 200 — 

erzählen können — wenn überhaupt damals irgend jemand für solche 
Beobachtungen Interesse gehabt hätte. Zuverlässige literarische Nach- 
richten aus der ersten Hälfte des V. Jahrh. lagen also Aristoteles' Nach- 
folgern ebensowenig vor wie uns. Nun hätten freilich die für antiquarische 
Forschung interessierten Gelehrten des IV. und III. Jahrhunderts die 
bildliche Überlieferung zu Rate ziehen können, Pinakes siegreicher 
Choregen gab es wenigstens aus der Zeit nach 480^) und gewiß haben 
sie nicht selten die Schauspieler im Kostüm treulich wiedergegeben, aber 
Aristoteles' Beispiel, der einen solchen Pinax des Thrasippos Pol. VIII 6, 
1341 a. 35 zum Beweise für die Ausübung des Flötenspiels in attischen 
Bürgerkreisen anführt, hat offenbar keine Nachfolge gefunden, niemals 
wird ein Denkmal zur Erläuterung des ältesten Kostüms benutzt. 

Die Generation nach Aristoteles bevorzugte eine ganz andere, 
reichlich, aber nicht rein fließende Quelle für die Geschichte der Tragödie, 
nämlich die alte Komödie. Bei Athenaios I 21 f. wird ganz offen der 
kritische Grundsatz ausgesprochen naQd âè rolg xtof-uyoîç rj tzsqI xöjy 
TQayixwv aTiàxtixai tiLotiç und dieser Satz steht mitten in einer dem 
Chamaileon von Pontos entlehnten Auseinandersetzung über Aischylos' 
Verdienste um die Tanzkunst. Da zum Belege für die dem Chamaileon 
entnommenen Angaben aristophanische Verse zitiert werden, ist es 
zweifellos, daß die grundsätzliche Benutzung der Komiker für die Tragiker 
eben die Methode des Chamaileon w^ar.-) Weiter führt uns nun ein 
Blick auf die vorausgehenden Sätze 21 d xal AloxvÀog âè ov /nôvov è$€VQ€ 
Tr(v Ttjg GTo'krß evTiQknsiav xal oefxvôxr^Ta^ t]v QrfkwaavxES oi leQOcpdvTai 
xal daöovxoi d^iqJiévvvyzaL dkld xal 7io?J.d ay^iaxa oQxr^orixd avrôç è§- 
evQÎoxojv di'eôlôov roîg /ô^fit^aîs'. Xaf.iai'/.è(.')v yovv rcçiôrov avrôv (frjGi 
Gx^^ficcTÎaai Tovg yoQovg xré. Bei der engen Verbindung beider Sätze 
dürfen wir als sicher annehmen, daß Athenaios auch die Angabe über 
Aischylos als Erfinder der evnQÈTitia xal ne/nvôrj^s T^îjg oroîîjç dem 
Werke des Chamaileon Uaçl Aioxvlov entnahm, und weiter, daß Cha- 
maileon seine Anschauungen über Aischylos' Verdienste um die Bühnen- 
tracht auf demselben Wege gewonnen hat, wie die über Aischylos' 
Leistungen für die Orchestik. Chamaileon ist der älteste Schriftsteller, 
der dem Aischylos eine Spezialuntersuchung widmete, und sein Werk 
hat stark gewirkt,^) wie besonders die sehr oft wiederholte Geschichte 
von Aischylos' Trunkenheit und Sophokles' Urteil über sie lehrt,"*) in 
ihm werden wir unbedenklich den oben gesuchten ältesten Gewährsmann 
für die einhellige Tradition über Aischylos' Neuerungen im Kostüm er- 



i) Plut. Them. .5. 

2) Das hat Leo bereite hervorgehoben, Die griechisch römische Biographie S. 105. 

3) Vgl. Leo a. a. 0. 104 f. 

*) Die Stellen gesammelt von Schoell. a. a. 0. S. 14 f. 



— 201 — 

kennen dürfen.^) Durch die Erkenntnis seiner Methode ist uns aber 
mittelbar auch das Urteil über seine Glaubwürdigkeit gegeben, wir haben 
uns an seine Gewährsmänner die alten Komiker zu halten. Gewiß 
konnten die Dichter der alten Komödie, wenn sie auch meist erst ein 
Menschenalter nach Aischylos' Tode zu dichten begannen, aus mündlicher 
Tradition noch mancherlei darüber wissen, wie in der Väter Zeiten die 
Tragöden ausgesehen hatten, aber es ist selbstverständlich, daß sie solch 
Wissen mit derselben freien Phantasie und derselben ungebundenen 
Laune verwerteten wie andere historischen Kenntnisse. Grundsätzlich 
müssen also Chamaileons Nachrichten über Aischylos' Kostümneuerungen 
ebenso mißtrauisch betrachtet werden, wie die aus gleicher Quelle stammen- 
den Geschichten von Euripides' Hahnreischaft und Perikles' Anstiftung 
des peloponnesischen Krieges. 

Es trifft sich nun gut, daß wir noch die Komikerstelle besitzen, 
auf der aller Wahrscheinlichkeit nach die ganze Vorstellung des Cha- 
maileon und seiner Gefolgschaft beruht. In den Fröschen verteidigt sich 
Aischylos gegen den Vorwurf, seine Helden führten Worte von der 
Größe des Lykabettos und Parnassos im Munde mit den Versen 1058 ff. 

aÂÂ' (0 xay.ôôaifiov àvày/.t] 
f-isyâkiov yviofiwv xal ôiavonâv ïoa y.al rd QrjjiiaTa tIxteiV 
xakXiog slxôg rovg r^fiiif^eovs toîç Q7Jf,iaot {^leiÇoGi '^QTjOd^ai 
xal yàq rolg t/narloiç rj-iwv xqwvtui noXv os/uvoTéQOioiv, 
àf-iov xQt^oTwg xaTaôslçavTog ôis/iV/Lirjvw av. Evq. xi ÔQÛaag; 
AîoX' TiQWTov /iièv Tovg ßaaiAsvovrag ()dxi' dfiTitaxiôv, ïv^ èkeivol 
. Toîg dvd^Qnmoig tfaivoivr^ eivai xré. 

Die Sprache der Helden muß groß und feierlich sein wie die 
Tracht in der sie auftreten, das hat iiischylos gelehrt, Euripides aber 
mißachtet. Da haben wir Aischylos als Erhnder der aefxvÔTSQa iftària 
so gut wie der Qt-f-iara ^leiÇova, grade das AVort osfivoTJ^g kehrt bei 
Chamaileon-Athenaios wieder und liegt in Übersetzung bei Hotaz vor. 
Es war nur natürlich, daß Chamaileon, und die ihm folgten, in die nach 
Aristophanes' Zeugnis von Aischylos erfundene as^ivrj uroXf^ alles ein- 
schlössen, was die Schauspieler i/trer Zeit von gewöhnlichen Sterblichen 
unterschied, also außer dem langärmeligen, bis auf die Füße reichenden 
Prachtgewand auch die Erhöhung durch Stelzschuhe^) und vielleicht auch 
die Maske. Wie eng für späteres Empfinden grade diese Steigerung s- 
mittel der äußeren Erscheinung mit tragischer Erhabenheit zusammen- 
gehörten, zeigt recht eine Stelle des Philostrat vit. Apoll. VI 11 êrd-v^ut^^eig 

1) Es verdient Beachtung, daß auch in der Mediceischeu Vita 2 die eb^tjuara 
des Aischylos durch Aristophanesverse erläutert werden. 

■-) Es wird sich unten S. 210 ergeben, daß in Chamaileons Zeit die Erhöhung der 
Schuhe noch nicht so weit fortgeschritten war wie in der Kaiserzeit. 



— 202 — 

ôè {Aloyv'/.os) y.aï r/;v Téyvy]v cos nqoGcpvà tlÎ) f.isya).si(i) fià'/.'/.ov ?j x(j[) 
y.aTaßeßkrjiepoj te xai vTiô Ttôôa axavoTioiiag f.iÈv rjiparo sîy.ao[.ièvr^ç roîg 
Tcöv rjQ(ôcf)v eïôsaiv, oxQißavTog ôé Tovg vTcoxQtrdg dveßlßaosv^ cog ïaa 
èxsivoig ßaivoiEv, èad^i)uaoi te rrgiüTog ixôouTjOEv. a TiQÔocpoQov tJqojoî te 
xal rjQcoioLv r^o&ï]od^aL^ o^ev ^Ad^t/vaîoi naTÉqa liev avxov TÎ^g TQayojôiag 
^yovvTO. 

Freie Auslegung einer ganz allgemein gehaltenen Aristophanesstelle^) 
hat also die spätere Vulgärmeinung erzeugt, und sobald man diesen ihren 
Ursprung erkannt hat, ist man auch von ihr befreit. 

In Aristophanes' Zeit wirkte die Tracht der tragischen Schauspieler 
fremdartig, und man wußte, daß sie seit Generationen diesen unattischen 
Charakter besaß, das ist das einzige, was man den Versen der Frösche 
mit Sicherheit entnehmen kann. Weiterhelfen zum Verständnis von 
Ursprung und Aussehen des tragischen Kostüms der klassischen Zeit 
können nur Zeugnisse anderer Art. 

Mit dem Bühnenkostüm stellt Chamaileon bei Athenaios a. a. 0. 
die Tracht der flierophanten und Daduchen zusammen, und in der Tat 
lehren die Denkmäler und vereinzelte Schriftstellernachrichten, daß diese, 
und außer ihnen auch Flötenspieler und Kitharoden, gleich den tragischen 
Schauspielern den langen prächtigen Armelchiton trugen.-) Daß die 
stolzen Priestergeschlechter von Eleusis ihre Amtstracht der Bühne ent- 
lehnt hätten wie Chamaileon behauptet, ist ganz undenkbar,^) aber auch 
die zuletzt von Bethe*) verfochtene Zurückführung der verwandten Kostüme 
auf alte Göttertracht läßt sich nicht so glatt durchführen, wie es zunächst 
scheint. Ich wenigstens vermag den Einwurf Roberts,^) daß ein yurcov 
XEiQiôonôg bei alten Götterbildern nicht nachweisbar sei, nicht zu wider- 
legen. Die unläugbaren Schwierigkeiten löst wohl am besten Prings- 
heims Annahme (a. a. 0. S. 14), daß als gemeinsame "Wurzel des 
tragischen, musischen und eleusinischen Kostüms die Festtracht — und 
zwar, ^vie ich hinzusetzen möchte, die jonische — der Peisistratidenzeit 
anzusehen sei;^) damals hat Thespis die erste Tragödie in Athen auf- 

1) Es ist natürlich nicht zu erweisen, daß Chamaüeon neben dieser nicht noch 
andere Komikerstellen benützt hat, aber sicherlich lassen sich alle späteren Folge- 
rungen leicht aus den Versen der Frösche herausspinnen. 

2) Das Material für die Tracht der eleusinischen Priester ist vortrefflich ge- 
sammelt und erläutert in Pringsheims wertvoller Dissertation Archaeologische Beiträge 
zur Geschichte des eleusinischen Kultes S. 1 — 14. 

3) Meines Wissens ist von den Neueren nur Amelung bei Pauly-Wissowa III 
221H geneigt ihm Glauben zu schenken. 

*) Prolegomena zur Geschichte des Theaters S. 42 ff und Arch. .lahrb. XI 294. 

•'') 23'*" Hallisches Winckelmannsprogramm S. Iß. 

'') Als besonders charakteristisch für die Entstehung der Hierophantentraclit in 
der Peisistratidenzeit hebt Pringsheim itiit Recht die Frisur hervor, die er auf der 
Lovatellischen Urne trägt. 



— 203 — 

geführt, damals hat das eleusinische Heiligtum eine bedeutsame Umge- 
staltung erfahren. 

Was sich für den bunten Armelchiton bisher nicht nachweisen läßt, 
die Zugehörigkeit zum Kostüm des Dionysos, läßt sich nun aber für 
den tragischen Kothurn, dem diese Untersuchung in erster Linie gilt, 
mit voller Sicherheit dartun. Um den Beweis überzeugend zu führen, 
muß ich leider mancherlei wiederholen, was schon von andern ähnlich 
gesagt ist.^) 

Das wichtigste, vielfach falsch interpretierte Zeugnis steht in den 
Fröschen 46 ff. Herakles kann, als er dem Dionysos die Tür öffnet, das 
Lachen nicht verbeißen 

OQwv ksovTrjv ènï xQoy.coTc[} y.£i/-iévï]v. 

xiç 6 vovg; xL xàd^oqvos xat QÔiiakov ^wrjhd^éxrjv; 

Dionysos hat den ihm, dem Weichling, eigentümlichen Kleidungs- 
stücken, Safrankleid und Kothurn, die Attribute des Herakles, Löwen- 
fell und Keule beigesellt und diese erborgten Zeugen dorischer dqeTt] 
passen schlecht zu der jonischen TQvcprj. Von Schauspielertracht ist hier 
gar nicht die Rede, nur die den beiden Göttern zukommenden Kleidungs- 
und Ausrüstungsstücke werden einander gegenübergestellt. Von dem 
xQoxcoTÖg sagen die älteren Schollen mit Recht Jiovvaiaxov cpÔQSf-ia 6 
xQoxioTÔg,^) und daß der Kothurn zur typischen Dionysostracht gehörte, 
bestätigt — wenn es einer Bestätigung bedürfte — Pausanias VIII 31, 4: 
Im Tempel des Zeus Philios zu Megalopolis fällt ihm nämlich die Ähn- 
lichkeit des Kultbildes mit Dionysos auf xôd^oQvoi zs yÙQ xd v7iodr]f.iaxâ 
ioxiv avxc[j xai eyßi rfj yßiQi exTHüf.ia xfj âè éxéça d-vQOov. Wie der 
Kothurn des Dionysos aussieht, erfahren wir freilich weder von Aristophanes 
noch von Pausanias, aber da helfen Herodot und Vergil weiter. Herodot er- 
zählt VI 125 die lustige Geschichte von Alkmaion, dem Kroisos zum Lohne 
für die Unterstützung seiner Untertanen in Delphi so viel Geld ver- 
sprach, als er auf einmal aus der Schatzkammer forttragen könne. Das 
fängt der kluge Athener folgendermaßen an evdvg xid-oiva j-iêyav xai 
xÔIttov TTollov xaraXinôi-iEvog xov xi^ojvos, xo-0-ÔQvovg invg svQioy.s 
tvQvxdxovg èôvxag vnoôr^odfisvog tJïs êg xôi' ^)]0avQ6v, èg xôv ol 
xaxriyéovxo^ eoneooh de êg omqov iprjyf.taxog TiQÛra (.ikv naQsoaçe TtaQÙ 
tàg xvT]ftag xov yçvoov ooov êxiiJQ80v ol xô-i^oQvot, /nexd âè xôv 
xôXtiov nàvxa nlr^odi-ievog yqvoov xai èg xdg xglyag t/;> xeq^a'/.r^g ôian:doag 



1) Ygl. Crusius Philol. 48 S. 701 ff und Robert 2-2te8 Hallisches Winckelmanns- 
progi'amm 22 ft". 

2) Dies in Attika nur von Weibei-u geschätzte Grewand (Amelung bei Pauly- 
Wissowa ni 2324) tragen im üppigen Sybaris die Ritter in Prozessionen Athen. XII 
519 c. Zur Kleidung des Dionysos gehört der xpoKwroV in der berühmten :rouni] des 
Ptolemaios Philadelphos nach Kallixenos von Rhodos bei Athen. V 198 c. 



— 204 — 

Tov iprj'/f-iaTOii xal a'AÂo kaßojv êg rô arô/iia èçi'^is êx tov d-i]GavQ()i\ a'kxiov 
/.lèi^ l-iôyis Tovg y.ad-ijQiovg TiavTÏ ôè leo^i oîxtog uàklov jj dvd-çoiiKi). 

Vergil ruft Georg. II 7 den Gott an: 

Hue, pater o Lenaee, veni, nudataque musto 
tingue novo niecum derepfis crura cothurni>i. 
dazu bemerkt der Kommentar des Probus: Cothurni sunt calceamentorum 
gênera venatorum, quibus crura etiam muniuntur; cuius calceamenti effi- 
gies est in simulacris Liberi et Dianae. 

Danach sind die Kothurne Schaftstiefel, die an den Waden ziem- 
lich hoch hinaufreichen/) und es gilt nun Dionysosdarstellungen mit 
solchen Stiefeln zu suchen. Die schwarzfigurige Vasenmalerei liefert so 
viel ich sehe kein Material, sie gibt im allgemeinen nur denjenigen 
Göttern und Helden Stiefel, die besonders viel zu laufen haben, ^) vor 
allen dem Hermes, und die vorkommenden Stiefelformen entsprechen 
nicht dem aus Herodot gewonnenen Bilde des Kothurns. Auf rotfigurigen 
Yasen des strengen und des Übergangstils trägt dagegen Dionysos nicht 
selten Stiefel mit hohem Schaft, und von dieser Zeit an verschwinden 
sie nie wieder ganz aus der Tracht des Gottes. Von älteren Beispielen 
aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts nenne ich folgende : 

1. Gerhard Auserl. Vasenb. Taf. 64 

2. „ „■ „ „ 84-85 

3. Monum. d. Inst. XI 50 

4. Compte Rendu de St. Pet. 1867 Taf. IV 

5. „ ., „ „ „ 1867 „ VI 

6. Dareraberg-Saglio Dictionn. des antiqu. I 629 Fig. 712, wieder- 
holt bei Baumeister Denkm. 1434 Fig. 483. 

Ich mache besonders auf die an letzter Stelle genannte Darstellung 
aufmerksam, weil die Stiefel hier sehr hoch sind und der Gott zugleich 
einen laugen frauenhaften Chiton aus dünnem Stoff trägt, der besonders 
an den Dionysos der Frösche gemahnt.'') Dieselben Stiefel tragen auf streng- 



') Daß der •A.öd-oQvog im Gegensatz zu den éuiiÛTtjç einen weiten Schaft gehabt 
habe, folgert Robert S. 32 mit Unrecht aus der Erzählung Herodots, Alkmaion 
nimmt natürlich viel zu weite Exemplare der höchsten ihm bekannten Stiefelform, um 
möglichst viel Gold rings um die Unterschenkel stopfen zu können. 

-) Von den vielen Figuren der Franoo:s-Vase sind nur Hermes, die Gorgonen 
und einer der kalydonischen Jäger (Thorax) beschuht. 

3) Jüngere Beispiele aus der Vasenmalerei des fünften Jahrh. sind Miliin Peint, de 
vases ant. I, 9, Compte-Rendu 1861 T. IV; an Skulpturen nenne ich den Dionysos des 
Kaiamis in Tanagra s. Reisch Arch. .Jahresh. IX 230 Fig. 65, das Relief von Koropi 
bei Reisch Griech. Weihgesch. 124 Fig. 12, den Dionysos aus Tralles in Konstanti- 
nopel (früher fälschlich Apollon genannt), das Relief von der Skene des Dionysostheaters 
in Athen s. Svoronos, Das Athener National-Museum Taf. 62; andere Beispiele bei 
Reinach Répert. de la Stat. I. S. 383 und 391. 



— 205 — 

rotfigurigen Vasen mehrfach Silène/) auf etwas jüngeren auch Thamyris-) 
und Artemis.^) 

Daß diesen Stiefeln des Dionysos der Name Kothurn gebührt, ist 
nach Aristophanes, Herodot und Vergil nicht zu bezweifeln, und zum Überfluß 
wird es durch ihre Wiederkehr bei Artemis bestätigt, denn auch diese 
— und zwar sie allein von allen Göttinnen — kommt in der Literatur 
mit Kothurnen vor.^) 

Sicherlich sind diese hohen Stiefel nicht in Attika erfunden, sondern 
von auswärts übernommen worden, und zwar deutet ihr Vorkommen bei 
Thamyris, später auch bei Orpheus^) sowie ihre Verbindung mit einem 
thrakischen Mantel bei dem Silen der Duris-Vase entschieden auf thra- 
kischen Ursprung. Anderseits sind die Kothurne nach Herod. I 155 und 
VI 125 im sechsten Jahrhundert in Lydien zu Haus, und so ist es wahr- 
scheinlich, daß sie als Tracht des Dionysos zuerst auf dem Umweg über 
Jonien nach Attika gelangt sind. 

Fragen wir nun, wie sich der tragische Kothurn zu dem des 
Dionysos verhält, so wird man von vornherein voraussetzen dürfen, daß 
die Fußbekleidung des Tragöden, die den gleichen Xamen führt wie 
die des Gottes, ursprünglich auch von gleicher Form gewesen ist,^) und 
diese Voraussetzung wird denn auch voll bestätigt durch die beiden einzigen 
Denkmäler aus dem Ende des fünften Jahrhunderts, die uns tragische Schau- 
spieler in Kostüm zeigen. Auf der Xeapler Satyramphora, deren Mittelgruppe 
am Kopf dieses Aufsatzes nach Mon. d. Inst, III 31 wiederholt ist, wird 
das Kostüm der Schauspieler ''J mit minutiöser Treue wiedergegeben und 
gerade deshalb hat das scheinbare Fehlen des Kothurns oft Erstaunen 
erregt.^) In Wirklichkeit tragen sowohl Herakles wie der von Prott 

1) Psykter des Duris Furtwängler-Reichhold Griech. Vas. Taf. 48, ferner Mon. d. 
Inst. V 35, Gerhard. Auserl. Vas. 57. 

2) Mon. d. Inst. Il 23 und YIII 43. 

3) Bull. Nap. n. s. VI, 5. 

*) Verg. Ecl. VII 32 iiuniceo stal»is suras evincta cothuruo. Vgl. Prob, zu Verg. 
Georg. II 32. 

5) Der Orpheus des Neapler Reliefs trägt besonders hohe Stiefeln wesentlich 
derselben Art. Vgl. jedoch S. 212. 

6) Es ist vielleicht nicht übei-flüssig noch einmal zu betonen, daß für eine 
stelzenartige Erhöhung des Kothurns schlechterdings kein literarisches Zeugnis aus dem 
fünften .Jahrhundert vorhanden ist. 

'I Daß die Schauspieler im Satyrspiel mit Ausnahme des Silen das gleiche Kostüm 
hatten wie die Tragöden, hat schon Wieseler Götiinger Studien II (1847) 628 ß" ge- 
zeigt, und bestätigend tritt der von Bethe Arch. Jahrb. XI Taf. 2 veröffentlichte An- 
dromedakrater hinzu, wo fi-eilich auf treue Durchführung des Bühnenkostüms ver- 
zichtet ist. aber an dem Chiton der Heldin genau die gleichen prächtigen Muster 
wiederkehren wie auf der Satyrvase. 

8) Vgl. den vortrefflichen Aufsatz von Prott Schedae philologae H. Usener 
oblatae S. 53. 



— 206 — 

wohl mit Recht Laomedon benannte König Kothurne, nämlich eben die- 
selben hohen Schaftstiefel, die wir bei Dionysos kennen gelernt haben, 
nur in besonders reicher Ausstattung, und um jeden Zweifel auszu- 
schließen, hat auch der Gott selbst auf unserem Bilde augenscheinlich 
ganz dasselbe Schuhwerk wie seine menschlichen Diener.^) 

Auf dem ungefähr gleichzeitigen Schauspielerrelief aus dem Piraeus, 
das zuletzt von Studniczka eingehend gewürdigt,^) aber leider noch immer 
nicht ausreichend abgebildet worden ist, verdecken leider die langen 
Chitone bei allen drei Schauspielern die Schuhe großenteils, aber nichts 
hindert, diesen die gleiche Form zu geben wie auf der Satyrvase, und 
ganz sicher ist, daß sie nicht mit stelzenartigen Klötzen oder auch nur 
mit starken, erhöhenden Sohlen versehen sind. 

Diesen positiven Zeugnissen für den stelzenlosen Kothurn des 
fünften Jahrhunderts möchte ich noch zwei negative anreihen, Tragiker- 
stellen, die sich mit dem Gebrauch des Stelzenschuhs nicht vertragen. 
Euripides läßt im Orestes 1369 ff. den Phryger selbst erzählen, er sei 
vom Dach gesprungen, 

IfdQyslw çiq)os èx ^avàrov Tiécpsvya 

ßacßaQOic evuÛQiaiv 

xsÔQtoTà naoràôcov vTikç réga/icva 

Jo)QLy.âs T£ TQL'/KvCfOVÇ. 

Dieser Sprung vom Dach der Skene war für den maskierten Schau- 
spieler unter allen Umständen eine unangenehme Sache; wenn aber der 
ärmste Klötze unter den Schuhen trägt, wie sie etwa die Elfenbein- 
statuette von Rieti zeigt, so ^nrd das Springen eine unmögliche Zumutung, 
die der so klug für die Bedürfnisse der Bühne schaffende Dichter nie 
an seine Künstler gestellt hätte. Diese Notlage hat denn auch die Schau- 
spieler, als der Kothurn erhöht wurde, zu einer Interpolation veranlaßt.'^) 
Zwischen den Gesang des Chors und die Monodie des Phrygers sind un- 
organisch die Verse eingeschoben 1366: 

à'/JÀ xTvneî yàq xlfjd^Qa ßaoiXixojv âô^tov 
aiyr^GüT. è'çto yÛQ riç exßaivst. ^Qvycôv 
ov Tievoôfieo&a xdv ôôftoiç oTitog èxei. 



^) "Wieseler hat das ganz richtig gesehen S. 634, aber dann, wie so oft, eine 
treffende Beobachtung durch einen Wust toter Gelehrsamkeit erstickt. 

2) Mélanges Perrot 307 ff; seinem Zeitansatz „eher noch im fünften als im frühem 
vierten Jahrhundert" stimme ich durchaus zu, aber seine Deutung der Masken scheint 
mir unsicher. 

3) Daß der Sprung den Schauspielern auch ohne Stelzenschuh unbequem war 
und sie zu einer Textänderung führen konnte, will ich natürlich nicht leugnen, aber 
nach Aufkommen des Stelzenschuhs mußten sie solchen Ausweg suchen. 



— 207 - 

Das gelehrte Scholion zu 1366 hat die Interpolation ganz richtig 
gewürdigt, die Verse seien von den Schauspielern eingelegt ïva /tirj 
xaxoTia^cüoiv dno rùJv ßaaleiov ôôfcojv xa&a'/.Xù(.iEvoi. 

Die andere Stelle hat bereits Crusius^) herangezogen und Robert^) 
hat sich vergeblich bemüht, ihre Beweiskraft zu erschüttern. Aischylos' 
Agamemnon scheut sich bei seinem feierlichen Einzug, die von Klytai- 
mestra hingebreiteten Purpurteppiche mit Schuhen zu betreten, und läßt 
sich noch auf dem Wagen stehend die Fußbekleidung abnehmen 935 ff. 
aûJ si ôoy.sî OOL tuvS-^ vrcal ng aQßvkag 
kvoi rdyog tïqÔôov/mv e'j-ißaaiv Tioôôg 
xal Toloôé /<' ejiißaivov^^ à'/.ovQyéoiv dsow 
///; TIS TiQÔoiod^av of-iuazoç ßä/.oi (piyôvog. 

Trug Agamemnon den Stelzschuh, so erschien er bei seinem Ein- 
zug in den Palast plötzlich um ein beträchtliches Stück kleiner, und das 
mußte lächerlich wirken. Unmöglich kann man Aischylos zutrauen, daß 
er ganz aus freien Stücken ein Motiv erfand, welches in einem wichtigen 
Augenblick die szenische Wirkung empfindlich störte.'^) 

So vereinigen sich bildliche und literarische Zeugnisse des fünften 
Jahrhunderts — und nur solche dürfen für uns maßgebend sein — zu 
dem, wie mir scheint, sicheren Ergebnis : Der Kothurn ist ein ursprüng- 
lich nichtgriechischer Stiefel mit hohem Schaft, den Dionysos seit An- 
fang des fünften Jahrhunderts vielfach trägt, von dem Gotte geht er, 
wohl in aischyleischer Zeit,*) auf die tragischen Schauspieler über, die 
ihn ganz in der gleichen Form ohne jede künstliche Erhöhung mindestens 
bis zum Ausgang des fünften Jahrhunderts bewahren. 

Ich könnte hier mit dem Hinweis darauf schließen, daß der Kothurn 
in der nachgewiesenen Form auch auf den unteritalischen Vasen des 
vierten Jahrhunderts, deren Beziehungen zum Theater ja bekannt sind, 
außerordentlich beliebt ist, es tragen ihn hier nicht nur die Theater- 
könige wie Kreon^), Oinomaos^), Lykurgos^), Phineus*), Agamemnon^), 

') Phiiol. 48, 704. 

2) A. a. 0. S. 32. 

3) Robert hilft sich mit der verzweifelten Annahme, das Ausziehen werde nur 
markiert — dann mußte das Publikum doch mindestens im Augenblicke des Absteigens 
sehen, daß der König ungeachtet seiner feierlichen Erklärung den Purpur mit Schuhen 
betrat. 

^) Bei Aischylos' Neigung für das Exotische ist es wohl wahrscheinlich, daß gerade 
er die Schauspieler mit der fremdartigen Fußbekleidung ausgestattet hat, die damals 
für Dionysos aufgekommen war, aber beweisen läßt sich das nicht. 

5) Huddilston Cxreek tragedy in the light of vase paintings Fig. 23, 24. 

6) Ann. d. Inst. 1840 tav. N, 1851 tav. Q. 

7) Mou. d. Inst. V 22. 

8) Furtwängler-ßeichhold Taf. 60. 

9) Furtwängler-Reichhold Taf. 89. 



— 208 - 

sondern auch jüngere Helden wie Orestes^), Pylades"^), Myrtilos^), Pelops*) 
und mit besonderer Vorliebe die Figuren, die erst durch die Tragödie 
in die Sage eingeführt sind, so Apate ^) und verwandte Rachegeister ^), 
ferner die Pythia der Eumeniden "), die Trabanten der Könige*) und 
ständig die Pädagogen.^) 

Es scheint mir aber doch wünschenswert, noch einige Fragen kurz 
zu erörtern, die mit meinem Thema in engem Zusammenhang stehen, 
und Einwürfen vorzubeugen, die ich voraussehe. Zunächst bedarf es der 
Rechtfertigung, daß ich konsequent ein Denkmal bei Seite gelassen habe, 
welches nach Robert entscheidende Bedeutung für die ganze Frage hat, 
nämlich das auf Marmor gemalte Bild einer tragischen Szene aus Herculaneum. 
Robert hat es in seiner vorzüglichen Publikation (22 tes Hallisches 
Winckelmannsprogramm Taf. II S. 14 — 37) für die treue Kopie des 
Anathems erklärt, das der Chorege des Euripides im Jahre 428 weihte, 
und meinen Widerspruch gegen diese These^") hat er im 28ten AVinckel- 
mannsprogramm S, 17 Anm. 1 entschieden zurückgewiesen. Hier ist 
die Heldin, nach Robert Phaidra, durch hohe Kothurne, eine Maske 
mit mächtigen Onkos und starke Auspolsterung des Körpers zu einem 
Scheusal herausgeputzt, das dem Schauspieler von Rieti kaum etwas 
nachgibt. Robert selbst erkennt die Beweiskraft der Satyrvase und des 
Piräusreliefs für ihre Entstehungszeit durchaus an, die Agamemnonstelle, 
die früher für ihn selbst ausschlaggebend war,^^) schiebt er jetzt bei Seite, 
und so kommt er zu der eigentümlichen Theorie, daß Euripides den 
hohen Stelzenschuh hatte, daß man ihn unmittelbar nach seinem Tode 
radikal beseitigte,^-) daß dann bald nach Alexander ein Schuh mit hoher 
Sohle eingeführt wurde, der sich allmählich in der Kaiserzeit wieder zu 
dem Stelzenschuh des fünften Jahrhunderts auswuchs. Und dies merk- 
würdige Hinundher, das noch toller wird, sobald man der Agamemnon- 
stelle ihr Recht läßt, soll man zu glauben gezwungen sein, weil das 
Original des Marmorbildes nach Robert ins 5 te Jahrhundert gehört, 

i) Huddilston Fig. 5, 19, 20. 

2j Huddüston Fig. 18. 

3) Mon. d. Inst. V 2.S. 

*) Ann. d. Inst. 1840 tav. N. 1851 tav. Q. 

5) Furtwängler-Reichhold Taf. 88. 

6) Huddilston Fig. 15 u. 2ß. 

') Huddilston Fig. 5, der sichtbare Teil des Stiefels entspricht durchaus dem 
Kothurn des Orestes. 

8) Furtwängler-Reichhold Taf. 60, Mon. d. Inst. V 22, X 20. 

'■*) Huddüston Fig. 14, 15, 23, 24, Mon. d. Inst. V 22, Mon. nouv. ann. 1836 
Taf. 5. 

1") Deutsche Literaturzeitung 1899 Nr. 44. 

") Hermes 31 S. 548 Anm. 1. 

'2) Die Neapler Satyrvase setzt er S. 25 Eade des fünften Jahrhunderts. 



— 209 — 

„was übrigens jedem sein Stilgefühl von selbst sagen sollte." Man ver- 
gleiche doch einmal den herculanensischen Schauspieler mit denen der 
Satyrvase und des Piraeusreliefs genauer, da liegen so fundamentale 
Unterschiede vor, daß ein Übergang von der herculanensischen Phaidra zum 
Laomedon der Vase innerhalb von rund 20 Jahren eine völlige Revo- 
lution in der Bühnenkunst bedeutet haben würde. Es handelt sich keines- 
wegs nur um die Stelzenschuhe, die übermäßig große, gleichsam gedunsene 
Kopfmaske und die Auspolsterung des ganzen Körpers, aus dem die Arme 
dann so puppenhaft kurz hervorragen, gehören notwendig dazu. Wohl be- 
wahren die Gestalten der Vase und des Reliefs in Schnitt und Schmuck 
ihrer Gewänder einen Hauch altertümlicher Strenge und fremdartigen 
Prunks, aber sie sind trotz Maske und buntem Chiton doch lebende 
Menschen des fünften Jahrhunderts, nur genau so weit von den attischen 
Bürgern verschieden wie die Helden der Euripideischen Tragödien; die 
Heroine des Marmorbildes ist dagegen vollkommen in schwülstiger Kon- 
vention erstarrt, eine Puppe, kein Mensch. Und von einer so gewaltigen 
Umwälzung der theatralischen Mittel binnen kurzer Zeit sollten wir gar 
nichts erfahren, auch nicht durch die Komödie, der doch gerade damals 
die Tragödie so sehr interessant ist? 

Nimmt man nun hinzu, daß die Tracht des herculanensischen 
Schauspielers notorisch der Entstehungszeit des Marmorbildes entspricht, 
daß man sich damals überhaupt für Theaterdarstellungen interessierte, 
und daß das Bild künstlerisch weitaus das schlechteste der vier im selben 
Haus gefundenen ist, so wird man aucb dem feinsten Stilkritiker die Be- 
rechtigung absprechen dürfen, auf Grund dieses Zeugnisses die aus Denk- 
mälern und Schriftstellern des fünften Jahrhunderts sich ergebende Ent- 
wicklung des tragischen Kostüms jäh zu durchbrechen. Ich halte es, 
um eine der Möglichkeiten anzudeuten, für durchaus denkbar, daß der 
Maler einen alten Pinax benutzte, aber dem Protagonisten, der ja allein 
Kothurn und Zubehör trägt, mit den äußeren Mitteln seiner zeitgenös- 
sischen Bühnentechnik zu der ihm unerläßlich scheinenden tragischen 
Würde verhalf. Die menschlich kämpfende Medeia des Euripides ent- 
sprach ja auch dem späteren rhetorischen Geschmack nicht mehr. 

Wenn ich früher') die allmähliche Erhöhung des Kothurns schon 
in die Mitte des vierten Jahrhunderts verlegte und die Erzählung des 
Demochares von Aischines Sturz-) auf der Bühne für diese Annahme 
verwerten wollte, so ziehe ich das Roberts Einspruch gegenüber zurück 
und gebe ihm zu, daß eine künstliche Erhöhung der Schauspieler nicht 

1) a. a. O. 

-) vit. Aesch. 7 p. 269 Westerm. Übrigens kam es für meine Zwecke nicht auf 
die Wahrheit der Anekdote des Demochares an, sondern darauf, ob sie seinen Zu- 
hörern glaublich scheinen konnte. 

14 



— 210 — 

vor der Zeit Alexanders begonnen zu haben scheint.^) Sobald man ein- 
mal mit einer starken Sohle den Anfang gemacht hatte, wuchs dann 
der Kothurn unaufhaltsam bis zu den abscheulichen Stelzen der Kaiserzeit, 
die Gestalt der Tragödie auf der Homerapotheose des Archelaos von 
Priene zeigt die Entwicklung schon recht weit fortgeschritten. 

Ferner muß ich noch eingehen auf die sonstigen Xachrichten über 
Kothurne, die von ihrer Verwendung im Theater absehen, und auf die 
ganz ähnlichen Stiefelformen, die oft mit ihnen zusammengeworfen 
werden. Fest steht zunächst, daß in aristophanischer Zeit auch von 
Frauen Kothurne getragen wurden ; der geplagte Blepyros in den Ekkle- 
siazusen hat seine Âaxcûvixal nicht finden können und eilt infolgedessen 
auf die Straße 346 ig xo) y.o&ÖQvo toj ti6ö ev^slg. Dieselben Schuhe 
hat er kurz vorher 319 IleQGixal genannt. Auch Lys. 658 wird der 
Kothurn als Frauenschuh genannt.^) Weiter erfahren wir durch Xenophon 
Hell. II 3, 30, der politisch wetterwendische Theramenes habe den 
Spitznamen xöd^OQvog gehabt xal yàç 6 xéd'OQvog aQ/nörTsiv /iièv roîg 
noGÏv äiKforecoLg doxsl, dnoßkETiei ôè arr' ducpoTéQcJv, dieser Spitzname 
hat auch einer gegen Theramenes gerichteten Komödie des Philonides 
den Titel KôO^oçvoi geliefert.^) Alle späteren Grammatikerzeugnisse, die 
immer wiederholen, der Kothurn passe auf beide Füße, gehen ersichtlich 
auf diese Xenophonstelle zurück, haben also keinen selbständigen Wert *) 
Ein Stiefel, der auf beide Füße passen soll, muß entweder eine dem 
Fuß gar nicht angepaßte, vorn ganz breite Form der Sohle haben, und 
so faßt man im Anschluß an Etym. Magn. xod^oQvog yvvaty.su )v vnöor^/iia 
TETçâywvov t6 Gyr^f-ia aQuöCov dfj.(pOTéQoig rolg nooL die Sache in neuerer 
Zeit meist auf, oder aber er darf gar keine feste Sohle haben, sondern 
muß ganz aus weichem Leder oder Filz bestehen. Derartige sohlenlose, 
dem Fuß sich leicht anpassende Stiefel sind heute in Kleinasien sehr 
beliebt, besonders bei den Tscherkessen, sie bedecken den ganzen Unter- 
schenkel wie ein lederner Strumpf und werden im Haus anbehalten,^) 

') Das Material gibt Robert 2.2^^^ Winckelmanusprogramm S. 26 ff. Ich wiU noch 
bemerken, daß ich die Rückführung der porapejanischen Friesbilder Mon. d. Inst. XI 
.SO — 32 auf Vorlagen des 4ten .Jahrhunderts für möglich halte. 

*) Mit der Frage, welche Vög. 91)4 Peithetairos an Meton richtet xlç t) 'nCvoia, 
ilg Ô itô&OQvog zrjg ôôov; weiß ich nichts anzufangen, alte und neue Erklärungsver- 
suche sind gleich unbefriedigend; der Berliner könnte sagen „wat soll ick mir da for'n 
Stiebel draus machen?" 

3) Fragmente bei Kock CAF I 255. Die Pluralform des Titels ist natürlich 
wie bei Ahvai, 'AQXî^oy^oi, Haioôoc u. s. w. zu erklären. Vgl. Wilamowitz Aristoteles 
und Athen I 180 Anm. 84. 

■*) Sie sind am vollständigsten zusammengestellt in G. C. W. Schneiders attischem 
Theaterwesen 1()3 ft'. 

*) Im Haus die Stiefel anzubehalten, mit denen man über die Straße gegangen 
ist, verstößt sonst bekanntlich in der Türkei durchaus gegen die gute Sitte. 



— 211 — 

während man für die Straße einen ganz niedrigen Überschuh mit fester 
Sohle darüberzieht J) In Ermanglung weiterer Zeugnisse glaube ich, daß die 
von attischen Frauen getragenen, von Xenophon erwähnten Kothurne 
diesen kleinasiatischen weichen Stiefeln entsprachen. Die Drohung der 
Frauen in der Lysistrate 657 si ôè Âvn^asig ri ,ae, rojde ■/dipr^y.xcj 
Tiaràçio Ttfj y.od^ÔQvvj rr/v yvdd-ov läßt sich mit einem solchen Stiefel 
mindestens ebensogut ausführen als mit einem, der feste Sohlen hat. 
Es verdient jedenfalls Beachtung, daß die Kothurne der Satyrvase keine 
abgesetzten Sohlen haben und fast wie Strümpfe aus feinem Leder oder 
Stoff den Fuß umschließen; auch auf den Abbildungen des Schauspieler- 
reliefs kann ich keine Angabe der Sohlen bemerken. 

Von hier aus lassen sich, glaube ich, auch die ziemlich dunklen 
Beziehungen des Kothurns zu den ef-ißdrat und ef-ißdöeg aufklären. 
Leider ist ja die reinliche Scheidung, welche PoUux zwischen den beiden 
letztgenannten Fußbekleidungen vornimmt IV 115 xal rà vnoôfjfiaTa 
xod^OQvoi f.ikv rd TQayixd xal eaßdas(s\ sußdrai ôè rd xcofuxd, nach 
Ausweis des von Amelung bei Pauly-Wissowa V 2484 f. zusammen- 
gestellten Materials nicht durchzuführen, beide werden beständig durch- 
einandergeworfen, und zwar ist es besonders interessant, daß die gold- 
durchwirkten Schuhe aus Purpurfilz, welche der wie ein Tragödienheld 
herausgeputzte Demetrios Poliorketes trug, von Duris bei Athenaios 
XII 535 f. efißdrai, von Plutarch vit. Dem. 41 dagegen sfißdosg genannt 
werden. Beide Namen werden auch in gleicher Weise für den Tragödien- 
schuh gebraucht,^) die Embades mitunter ausdrücklich dem Dionysos 
beigelegt,^) sie sind beide in der späteren Literatur, die ihre attischen 
Vokabeln aus dem Lexikon bezieht, von Kothurn überhaupt nicht mehr 
zu scheiden,^) Pollux VII 85 gibt das für die e/.ißdO€g halb und halb zu, 
wenn er sagt tïjv ôè lôéav -Aod-oQvoig TUTteivoig aoùxev. 

In der Zeit des Aristophanes und Xenophon besteht im Gebrauch 
ein ganz klarer Unterschied, sf.ißdg ist ein Männerschuh — als Blepyros 
seine tf.ißaO€g nicht findet, nimmt er notgedrungen die -AÔd-OQvoL der 



^) Beim Reiten begnügen sich die Tscherkessen nicht selten mit dem sohlen- 
losen Stiefel. 

-) efißatai heißt die Erfindung des Aischylos bei Suidas s. v. Äia^vAag, als 
tragischer Stelzschuh kommt das "Wort besonders bei Lukian vor Necyora. l(i, Jup. trag. 
41, Saturn, ep. 19, de saltat. 27, de hist. conscr. 22, aber auch bei Cassius Dio LXIII 
22 und sonst, efißdoeg steht dafür z. B. Bekker Anecd. 746, Luc. Pseudolog. 19, 
Arr. Epict. I 29, 41, 43. 

^) Kallidemos bei Athen. V 200 d, Luc. ßacch. 2. 

*) Besonders charakteristisch ist, daß Lukian bei seinen ewig wiederkehrenden 
Schauspielervergleichen zur Abwechslung statt efißäiai oder efißdöeg auch einmal 
wieder kô&oqvoi sagt Gall. 26. 



— 212 — 

Gattin^) — und zwar tragen ihn besonders ältere-) und ärmere Leute;^) 
über seine Höbe erfahren wir nichts, der laßcczr^g dagegen ist sicher, 
wie der Kothurn, ein Stiefel mit hohem Schaft, denn Xen. de re equ. 
12, 10 empfiehlt dem Reiter zum Schutze der Füße und Unterschenkel 
e/ußaTat aus starkem Leder. Wenn wir nun auf dem Parthenonfries 
eine ganze Anzahl Epheben hohe Reiterstiefel tragen sehen/) und diese 
auch sonst bei Reitern des fünften Jahrhunderts wiederfinden z. B. dem 
Polydeukes der Talos-Vase (Furtwängler-Reichhold Taf. 38 — 39), so 
werden wir sie unbedenkhch IfißccTai nennen dürfen. Auf dem Parthenon- 
fries sind die Träger der l^ußatai nicht selten mit der tbrakischen Pelz- 
mütze ausgerüstet^) und das spricht dafür, daß auch die Stiefel aus 
Thrakien stammen.^) So kommen wir für die lußaTai zum gleichen 
Ursprung wie für die y.od^oovoL und es ist in der Tat mitunter nicht 
auszumachen, ob man einen Schaftstiefel -/.odoQvos oder sußccrr^g nennen 
soll, im Schnitt sehe ich keinen Unterschied, aber im Stoß" und seiner 
Bearbeitung werden sie verschieden gewesen sein. Ich denke mir die 
Entwicklung folgendermaßen: Der hohe derbe thrakische Stiefel wird 
einmal von den Joniern und Lydern übernommen, von diesen erheblich 
verfeinert, vielleicht auch schon gelegentlich in Filz übersetzt, und so 
kommt er als Dionysos- und Frauentracht zu den Athenern unter dem 
Namen yu)&OQVog, anderseits lernen ihn die Athener auch in seiner un- 
gemilderten Derbheit bei den Thrakern kennen und nehmen ihn als 
Reiterstiefel, li.ißcirrjg, an. Sobald auch der efxßdTrjg verweichlichte — 
um es drastisch auszudrücken — und statt aus starrem Leder auch aus 
purpurnem Filz hergestellt wurde, wie es uns Duris von Demetrios be- 
richtet, fielen y.ô-3-OQvoL und lußcciai tatsächlich zusammen, und es ist 
kein Wunder, daß die späteren Schriftsteller zwischen beiden Namen 
keinen Unterschied mehr machen.^) 

Giessen. 



1) Ar. Eccles. 314 und 346 vgl. auch 342. 507. 

2) Ar. Plut. 759. 

3) Ar. Eccles. fi33. Wesp. 447; Js. V 11. 

*) Michaelis Parthenon Taf. IX 3. 8, 19. 20 X, 4, 14, 26—40 XI 54, 56 XIU 
74, 76, 106 -lOy, 116, 117, 122, 127, 133. 

5) Michaelis Taf. IX 8, 19, X 4, 36, XIII 108. 117, 120. 

^) Pollux VII 85 erklärt die efißdaeg für ein Sçûxtov evQri^a. 

') [Dieser Aufsatz war schon gedruckt, als ich die Arbeit von Kendall Smith 
Harvard Studies in Classical Philology XVI 123 ff. kennen lernte, die auf anderm 
Wege zu wesentlich gleichen Ergebnissen kommt] 



Die Anfänge der Kartographie in der Schweiz 

mit Seb. Schmids Anleitung zum Kartenzeichnen a. d. J. 1566. 



Von 
Rudolf Lug-inbühl. 



Die Basler Universitäts-Bibliothek besitzt unter der Signatur A A I 82 
ein deutschgeschriebenes, 24 Kleinquartseiten umfassendes Manuskript, 
das als die älteste Anleitung zum Kartenzeichnen in der Schweiz be- 
zeichnet werden muß und sich überhaupt als eines der ältesten Werke 
über Kartographie ausweist. Es hat den Magister Sebastian Schmid 
zum Verfasser und stammt, wie aus einer Bemerkung auf dem Titelblatt 
hervorgeht, aus dem Besitze des berühmten Basler Buchdruckers Henric 
Petri.^) Die Vermutung Hegt nahe, daß es dieser drucken lassen oder 
für eines aus seiner Offizin hervorgehenden Werke z. B. für S. Münsters 
Cosmographie, die 1567 wieder neu erschien, verwenden wollte; doch 
geschah dies nicht. Ein summarischer Überblick über die vorausgehenden 
kartographischen Bestrebungen namentlich in der Schweiz mag das Ver- 
ständnis der Schrift Schmids erleichtern. 

Fast bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt Agidius Tschudis 
Karte zu seiner „Alpisch Rhaetia'' 1538 als die älteste Karte der Schweiz.-) 
Leider konnte bis jetzt kein Exemplar derselben ausfindig gemacht 
werden. Sie ist einzig in der zweiten Ausgabe von Tschudis „Rhaetia" 
1560 erhalten, von der man lange auch nur ein einziges Exemplar mit 
der Karte kannte, das sich auf der Universitäts-Bibliothek in Basel be- 
findet, bis 1885 Prof. H. Graf in den Mitteilungen der naturforschenden 
Gesellschaft in Bern nachwies, daß auch di^ dortige Stadtbibliothek im 
Besitz eines Exemplares sei.^) Beinahe um die gleiche Zeit erschien 

1) Ueber Henric Petri und vgl. Heitz und C. Chr. BernouUi, Die Basler Biicherniarkeu 
XXIII f., Stockmeyer und Reber, Beiträge zur Basler Buchdruckergeschichte S. 147. 
Allg. D. Biogr. XXV 521 f. 

2) So noch R. "Wolf in seiner grundlegenden Arbeit : Grescliichte der Vermessunoea 
in der Schweiz. S. 5. 

3) Beitrag zur Kenntnis der iiltesten Schweizerkarte von .\eo;idius Tschudi 



— 214 — 

iü Band VI der „Quellen zur Schweizer Geschichte" Konrad Türsts Schrift 
de situ Confoederatorum, herausgegeben von Meyer von Knonau und 
Herrn. Wartmann mit einer Karte der Schweiz in Facsimile als Beilage.') 
Während der Text Türsts noch in 4 Exemplaren vorhanden ist, findet 
sich die Karte nur in 2.-) Diese Arbeit samt der Karte entstand in den 
Jahren 1495 — 1497 in Zürich. Mithin müssen wir nun als älteste Karte 
der Schweiz diejenige des Konrad Türst ansehen.^) Sie ist zwar sehr 
primitiv, aber doch eine ganz lobenswerte Arbeit.*) Sich in der Länge 
von Lindau bis zum Genfersee, in der Breite von Rotweil bis Giornico 
erstreckend, bezeichnet sie Flüsse durch blaue Linien, Ortschaften durch 
braun gehaltene Türmchen und Häuschen und Erhebungen durch grün 
abgetönte Häufchen. Ist sie auch nicht frei von starken Verzeichnungen, 
führt z. B. die Saane durch das Simmental nach Freiburg, gibt sie doch, 
wiewohl ohne ausgeführtes Gradnetz die astronomische Lage ziemlich 
richtig an. 

Allein die Karten Türsts und Tschudis schienen für die AVeit nicht 
zu existieren. Als Sebastian Münster^) 1540 eine neue Ausgabe des 
Ptolemäus bei Petri veranstaltete und ihr mehrere neue Tafeln, worunter 
fünf für die Schweiz, beifügte, galten letztere allgemein als die ersten 
Karten dieses Landes.*') Wohl war durch die Entdeckungen, die Er- 



') S. 1. 72. 

2) Nämlich auf der Wiener Hofbibliothek und in Privatbesitz (Wunderly von 
Muralt) in Zürich, 

3) So verdienstlich es ist, dass J. Landreia im Anzeiger f. d. Schweizergeschichte 
X 80 if auf die 3 seltenen Salamanca-Karten von 1555, 1563 — 1566 hinweist, so 
scheint mir doch seine Behauptung, daß Salamancas Karte die erste bedeutendere 
selliständige Gesamtkarte der Eidgenossenschaft und der verbündeten Gebiete sei. 
zu weitgehend, immerhin näherer Prüfung würdig, 

■*) Vierteljahrsschrift der naturforschendeu Gesellschaft in Zürich XXV 428. 
5) Über Seb. Münster vgl. R. Wolf, Biographien zur Kulturgeschichte der 
Schweiz II 1—20; S. Vögelin im Basler Jahrbuch 1882 S, 110 ff. Allg. D. Biogr., 
Art. S. M., ganz besonders aber die grundlegende Monographie v. Victor Hantzsch: 
S. Ms. Leben, Werke und wissenschaftliche Bedeutung in den Abhandlungen der phiiol, 
histor. Klasse d. kön. sächsischen Gesellschaft d. Wissenschaften Bd. XVIII. No. III 
1—187. 

•>) I)ie Schweiz verdankt Seb, Münster folgende Karten: 

a. 1538. Karte d. Schw., v. Tschudi entworfen, v. S, Münster durchgesehen zu 

de prisca ac vera Alpina Rhaetia descriptio. Basel 1538. 
It, 1538 Karte zu Jul. Solin, No. 10 Helvetia, vorige Karte in reduziertem 

^Nlasstabe, 
c. 1540, zu CI. I'tülemäus Xo. 33: Helvetia, teils nach Tschudi teils nach der 
Schweizerkarte d. Strassburger Ptoleniäusausgabe von 1513. No. 48 
Lacus Constantiensis. Die 3. u. 4. Aufl. der Münstersche Ptoleniäus- 
ausgabe (Basel 1545 u, 1551), enthielt dazu No. 34. Valesiae charta prior. 
(Mit Recht hebt hier Münster hervor, dass diese Karte die erste sei, 



— 215 — 

tindung des Buchdruckes und den Humanismus das Studium der Karto- 
graphie neu belebt worden; allein ihre Entwicklung schloß sich seit der 
ersten lateinischen von Karten begleiteten Ausgabe des Ptolemäus durch 
Jak. Angelus in Yicenza im Jahre 1475 auf 100 Jahre d. i. bis auf 
Ortelius und Mercator fast ganz an den Alexandriner Geographen an; 
beinahe alle Kartensammlungen bestanden ausschliesslich aus Ptolemäus- 
ausgaben, die das Prototyp unserer modernen Atlanten bilden und deren 
Zeichensprache sich noch in vielen Stücken bis heute erhalten hat.^) 
Wenn auch Tschudi,-) Seb. Münster^) und Stumpfe) eigene Vermessungen 
angestellt haben, so stützen sich ihre Schweizerkarten doch auf Ptole- 
mäusausgaben, namentlich auf die Karte der römischen Alpenprovinzen, 
diejenigen S. Münsters speziell auf die schöne Tabula Helvetise der 
Straßburger Ptolemäusausgabe von 1513. ^) Die Schweiz verdankt 
übrigens Stumpf die ersten Spezialkarten in Ptolemäischer Weise ge- 
zeichnet,*^) und betretts Seb. Münsters soll nicht verschwiegen werden, 
daß die von ihm für seine „Cosmographia" 1544 erstellten 26 neuen 
Karten „die Grundlage und der Ausgangspunkt" des gesamten deutschen 
Kartenwesens sind".^) 

Selbstverständlich weckte das Bedürfnis nach besseren Karten 
auch dasjenige nach besseren Projektionsmethoden. Der Ingolstadter 
Professor Joh. Stab (-|- 1522) lehrte 1502 die erste Projektionsmethode, 
die ganze Kugeloberfläche in der Ebene auszubreiten**). Auf ihn gestützt 
veröffentlichte 1514 der Nürnberger Johannes Werner (j- 1528) sein 
j.Libellus de quatuor terrarum orbis in piano figurationibus", als Anhang 
zu einer lateinischen Übersetzung des ersten Buches der Geographie 

welche jemals vom Wallis entworfen worden.) No. 35 Valesiae altera 
tabula, No. 3(5 Helvetia I Rheni tabula. 

d. 1544, Cosmographia No. 7 Helvetiae moderna descriptio = No. 36 Doppelblatt 
Im Text S. 331 Wallis aus der Vogelschau = oben No 34 u. 35 ver- 
kleinert. S. 351 Der Genfersee aus der Vogelschau z. T. nach Stumpf. 
S. 382 Der Wifelsburgergau aus der Vogelschau z. T. nach Stumpf. 
S. 528 Bodensee. 

Dazu seine Basler Karte 1544 u. 1574 als fliegendes Blatt. 1575 in 
Ortelius Theatrum u. 1580 in Wurst isens Chronik herausgegeben. Vgl. 
V. Hantzsch 1. c. 123. 

1) Vgl. W. Wolkenhauer, Leitfaden der CTeschichte d. Kartographie. S. 20. u 
die daselbst angeführte Literatur. 

-) Alpisch Rhaetia. 

3) Cosmographia 1544 und folg. Jahre. 

*) Schwytzer Chronik. 1548. 

5) V. Hantzscl) 1. c. S. 76. 

6) R. Wolf 1. c. S. 14. 

M W. Wülkenhauer 1. c. S. 2i). 
8) Wolkenhauer 1. c. S. 24. 



- 216 — 

des Ptolemäus, worin er drei Methoden lehrte, die Kugeloberfläche in 
Gestalt eines Herzens auf einer Ebene darzustellen, darunter die erste 
flächentreue Projektion/) H. Glarean (-}- 1562) gab 1527 in seinem 
Büchlein ,,De Geographia liber unus" die erste Anweisung zur Zeich- 
nung der einen Globus überziehenden Kugelstreifen, da man bis dahin 
unmittelbar auf die Kugel gezeichnet hatte. ■^) Einflußreicher als die 
genannten war das ,,Libellus de locorum describendorum ratione'' des 
Löwener Medizin-Professors Raiijer Gemma Frisius (-f 1555), das 1533 
zugleich mit Peter Appians Cosmographicus liber und Glareans Geographiae 
liber unus auf Blatt LVII — LXVI erschien. Gemma unterscheidet drei 
Arten der Landesvermessung. ,,Negare profecto non possum, quin omnium 
modorum certissimus in hac re sit is qui per longitudines ac latitudines 
locorum incedit. postea autem is qui per latitudines et angulos positionis 
regiones describit: Ultimo vero loco qui per solos positionis angulos 
agit. Quem modum hie primum ponimus, eoque aliis facilior sit et 
vulgarior,'' Schon Sebastian Münster benutzte zum Teil Gemma für 
seine Cosmographia^). Im Jahre 1551 schrieb Georg Joachim von 
Lauchen genannt Joachim Rhäticus (y 1574). Schüler des Gopernicus, 
in deutscher Sprache eine Chorographie, die er dem Herzog Albrecht 
von Brandenburg widmete und worin er die drei Arten, wie man 
chorographicas tabulas machen könne, hauptsächlich in Anlehnung an 
Gemma, jedoch ohne ihn zu nennen*) erklärte. Ganz unabhängig von 
Rhätikus verfaßte Sebastian Schmid seine Chorographia und Topographia, 
die wir hier folgen lassen. Auch er hält sich an Gemma Frisius, nennt 
ihn sogar, bietet aber, soweit es ihm innerhalb der erwähnten Schranken 
möghch ist, eine selbständige, leicht verständliche Bearbeitung des 
schwierigen Themas. Wir schicken noch voraus, was wir über den 
Verfasser Seb. Schmid in Erfahrung bringen konnten. 

Sebastian Schmid studierte Theologie, brachte es indes nicht zum 
theologischen Examen.^) Im Jahre 1579 besorgte er die Xeu-Ausgabe von 

1) W. Wolkenhauer 1. c. S. 21. 

2) W. Wolkenhauer 1. c. S. 26. 

3) Und zwar, was ich einer miiodlichen Mitteilung des Hrn. Prof. Dr. Fritz 
Burckhardt verdanke, nicht erst in seiner großen 154-1: zum ersten mal herausgekom- 
menen Cosmographia (1. Buch, 2. cap.i sondern schon in der 15.S6 erschienenen kleinen 
Schrift Mappa Europae, 1537 u. 1558 neu aufgelegt unter dem Titel Cosmograpbei 
Mappa Evropae. iV. Hautzsch 1. c. S. 3i), 148, 145). i S. Münster hebt dabei das unten 
von Seb. Schmid als .ander wj's" besprochene und erklärte Verfahren hervor. Vgl. 
Fritz Burckhardt: Über Pläne und Karten des Baselgebietes aus dem 17. Jahrhundert 
in Basler Zeitschrift für (ieschichte und Altertumskunde V 292 und 352. 

*) Mit Briefen des Joachim Rhäticus von Prof. Dr. F. Hipler veröffentlicht in 
Zeitschrift für Mathematik und Physik XXI. Jahrgang Itist.-literar. Abteiig. S. 125 — 1.00. 

•'') Jakob Burckhardt, Die (Tegenn'formation in den ehemaligen Vogteien Zwingen, 
Pfeffingen und Birseck S. 178. In keinem der mir zugänglichen Matrikel bûcher konnte 
ich seinen Namen finden. 



— 217 — 

Seb. Münsters Horologien.*) 1588 treffen wir ihn als Lehrer in dem 
Basel benachbarten badischen Dorfe Weil,-) Kurz darauf ließ er sich 
vom Bischof von Basel als evangelischer Pfarrer in Laufen, dann in 
Therwil und Allschwil gebrauchen, um sich hier als lutherischen Geist- 
lichen gegen die reformierten Basler ausspielen zu lassen. Es ist des- 
halb auch begreiflich, dass letztere nicht aufs beste auf ihn zu sprechen 
kommen,^) — Als Ort der Abfassung nennt Schmid „apud novem ec- 
clesias"'. Aber welches von den über 30 Xeunkirch gemeint ist, konnte 
ich nicht in Erfahrung bringen. — Zum Schluß sei hier noch einer Ver- 
mutung Ausdruck gegeben. Seb. Schmid benützt als erstes Beispiel 
Zürich und dessen Umgebung, was auf eine nähere Erforschung, viel- 
leicht gar V^ermessung dieser Ortlichkeiten schließen läßt. Im gleichen 
Jahre, als er seine Anleitung schrieb, kam daselbst Joost Murers be- 
rühmte Zürcher Karte heraus, wozu die sechs Holztafeln noch vorhanden 
sind-, jene wurde sogar noch 1860 neu aufgelegt. Es ist nicht unmöglich, 
dass Seb. Schmid bei der Erstellung dieser Karte Murer behiflich ge- 
wesen ist."^) 

Chorog-raphia et Topog-raphia. ^) 

Underrichtuug, wie man recht und kunstlich ein iede landschaft 
ahcontrefehen und in grund legen solle, dur M. Sebastianum Schmid zu 
bsonderem wolgefallen etlicher siner guten günner und diser kunst heb- 
haberen zusammen getragen und vertütscht anno domini 1566. 

descripsi 1567 1. Septembris 

apud novem Ecclesias 

sum Henrici Petri. 

Vorred in nachfolgende underwysung von beschrybung der land- 
schaften, so man nempt in grund legen. 

Des ganzen erdbodens gelegenheit und der uationen und hinderen 
abtheilung mit sampt dem wüssen und vscirklen, in welchem clima oder 
parallela ein iedes glegen, was ouch ufgang und nidergang der sonnen 
(nach eines ieden orths erhöhung des poli) per tags und nachts lenge 



1) Viktor Hantzsch, 1. c. S. 170. 

-) .lakob Burckhardt 1. c. S. 99. Ich wandte mich darum an das General-Landes- 
archiv in Karlsruhe, erhielt aber durch die verdaukenswerte Grerälligkeit des Hrn. Dir. 
Obser zur Antwort, daß daselbst nichts ausfindig gemacht werden konnte, weil die 
Akten ülier den Kirchen- und Schuldienst in AVeil nicht bis ins Kî. Jahrhundert zu- 
rückreichten. 

3) V^gl. Jak. Burckhardt 1. c. S. 111 u. 182. 

*) R. Wolf, 1. c. S. 1(5. 

*) Text nach Weizsäckerschen Grundsätzen ediert, doch wurde y als Längen- 
bezeichnung beibehalten. 



— 21S — 

mit sich bringe; desglichen wie dise universalbeschrjbungen des ganzen 
erdbodens oder oucli der grösseren strecken der weit als Europae, Asiae, 
Afiricae oder sonst ganzer nationen und konigrychen als Tutschlands, 
Franckrychs, Hispaniens zu machen sygind und die land sampt iren 
stetten, fläcken. wassern, bergen nach rechter art und kunst der cosmo- 
graphie inzeschryben sigend, sind wir uf dismal nit willens zu beschryben. 
sonder da man allein ein gewisses ort oder landtschaft, als da ist die 
ganz Eidgnoschaft, die Pfalz, oder noch ein kleinereu cirk, gegne oder 
glegenheit, als das Zürichpiet, das Läberthal, den Bodensee mit sinen 
umbliegenden orten und fläcken begart grundlich, eigentlich mit allen 
sinen ortheren, wasseren, flecken, dorfleren etc zu entwerfen und abconter- 
fehen nach rechter kunst der cosmographi und topographi, welches man 
nempt ein landtschaft in grund legen und wend da hier für bringen die 
formen, wysen und gattungen, so uns bedunckend die allerbesten und ge- 
schicktisten ze sin mit bester truw und flyss, so wir vermögend. 

Die erst wys und form, 

ein landschaft ze beschryben und in grund zu leggen us erkantniss der 
wyte eines ieden orts zu dem andern. 

Zum ersten mustu machen ein mäßleiteren der mylen noch der 
wyte und lenge der landschaft, die du begarst zu beschryben, und magst 
die machen klein oder gross nach dinem gefallen und der proportion 
der feldierung. Als wann ich weite beschryben die loblich statt Zürich 
mit irem gebiet und anderen umbligenden orthren umb 6 myl und breit 
darumb, so mach ich die mäßleiteren der mylen als lang als die feldierung 
sin muss der ganzen taflen, und teil ouch ein iede myl ab in halb mylen 
und vierteil der mylen, damit ich im inschryben der orthren den mylen 
konde zugeben oder darvon nemmen, wie es die nothdurft erfordret, und 
nachmals wyter wirt gemeldet werden; dan die mylen nit glich sind, 
demnach so setz ich in die mitte der feldierung nach rainem gefallen das 
centrum, das ist den punten der lagerstat der stat Zürich. Centrum ist 
der mitlescLt punt eine ieden cirkels. Das centrum einer stat ist der 
mittelpunkt ; dan oft umb mer zierd der landschaft willen malet man 
die stet grosser dan si sind ze rechnen gegen der proportion der ganzen 
feldierung ; und damit man aber wüsse, wo das recht läger oder mittel- 
])unkt hige einer ieden stat, onangesehen wie gross si der maier gemachet 
bat, uf al oder etlich syten vom waren centro, so verzeichnet man es 
mit einem ringlin und einem punten darin, welcher punten uns das 
centrum, das ist das lager und rieht punt der selbigen stat bedütet. 

Witer so setz ich das centrum einer anderen stat, die nach irer 
wyte von der stat Zürich in dise min landtafel komen soi und uf (j 



— 219 



mylen oder merthalb 6 mylen von Zürich glegen ist, und setze si ietz 
in nach der wyte der mylen, die ich mit dem cirkel nim uss der raäß- 
leiteren, und setzen si oben oder unden nach der wyte der mylen von 
Zürich in der feldierung nach niinem gutdüncken und ich wil, das si 
von Zürich obsich oder nidsich glegen ist. Und mochte einer umb bessers 
Verstands willen die vier orth der weit, als da ist ortus ufFgang, occasus 
nidergang, meridie mittag und septentrio mittenacht schriben in die vier 
orth der feldierung dermaßen, das wenn die feldierung vor im lige zu 
oberst stunde mittennacht, zu unterst mittentag, und an der rechte syten 
hette uffgang und an der lingen syten nidergang. Und wenn ich nun 
die ander stat iugeschriben han und ich ietz die drit stat ouch insetzen 
wil, so ist mir von nöten zu wüssen derselben 3. stat wyte von beden 
voringschrybnen steten und nim uss der meßleiteren mit dem cirkel die 
wyte der mylen dises driten orths von beden vorderigen orthen und 
setzen den einen fuß des cirkels in das centrum deren stat, deren wyte 




ich mit dem cirkel gnomen hab und riß mit dem anderen fuss des cirkels 
einen bhnden cirkelriss; glicherwys nim ich ouch die wyte uss der mess- 
leiteren mit dem cirkel der anderen stat von diser dritten, die ich begär 
ingeschriben und setz doi einen fuss des cirkels in das centrum diser 
andere stat, so ich schon ingeschryben hab und rissen mit dem anderen 
fuss des cirkels ouch ein blinden cirkelriss. Wo nun disere ireren blinden 
cirkelriss ein anderen anrürrend, da ist das centrum der dritten stat, 
welches du gewiss finden magst, so du ein rechte linien züchst von des 
einen orts centro bis zum centro des anderen orts. So aber die zwen 
blinden cirkelriss ein anderen abschnydend, welches, so es geschieht, so 
schnydend si einanderen an zweien orten ab, so ist dan des dritten 
orts centrum oder läger am entwederen derselben zweien orten, welches 
du ietz lichtlich wirst konden finden, so du trachtest, uff welche syten, 
die recht oder link das drit ort abwycht und glegen ist gegen den 
anderen zweien vermügeschten zu rechnen. 

Xofa: ein blinder cirkelriss, ein blinde linien oder blinde buch- 
staben sind die im rechten werch nit sollen gesehen werden, die 



220 — 



man allein bruucbt, etwas anders damit zwegen zu bringen und uss- 
richte ; welches, so es geschehen, man sinen nachwerts nit mer 
bedarf, nit- änderst, dan wie man zu volfüren ein gebüw oder ein 
hus gemalen ein grüst und brüge machet, der mau nach geschech- 



r 



■■■■■■ 






1^ 



^ïTijpiqDnacp: 



-AA-CJUii liir dcir ml\Ua 




nem buw und ussgemachtem gmäld wider hinweg thut. Und diser 
blinden cirkelriss mit iren zahn und linien werdend wie in folgenden 
tiguren zu underschied der anderen, die im werch sichtig l)lil)en 
sollend, mit roter färb machen. 

Und damit dir die sach dister verstentlicher sige, so nim das 
vorgend byspyl, da icli wil beschryben die glegeuheit und landschaft 



221 

Zürich, uff 6 myl darunil) wyt und Ijreit und mach zum ersten 
die melileiteren der mylen und teilen si us in mylen, halbmylen 
und viertheil der mylen. demnach so setz ich zersten in der feldie- 
rung die stat Zürich und die stat Schaffhusen nach der wyte der 
mylen, die ich mit dem cirkel us der m essl eiteren nim ; das ist 4 mylen. 
Nun wolte ich gern ietz ouch andere stet inschryben, als Costantz, 
Wyl im Thurgouw, Winterthur, Eglisow, Zurzach, Keiserstul, Raper- 
schwyl, so nim ich die wyte der stat (.'ostantz von Zürich (ist 6 mylen) 
mit dem cirkel in der messleiteren und setzen einen fuss des cirkels in 
das centrum der stat Zürich, mit dem anderen fuss heschrib ich einen 
blinden cirkelriss ; demnach nim ich ouch die wyte der stat Schafhusen 
von Constantz, ist 4 mylen mit dem cirkel us der messleiteren und setz 
den einen fuss des cirkels in das centrum der statt Schafhusen und be- 
schryb mit dem anderen cirkelfuss ouch ein blinden cirkelriss, der 
den vordrigen an zweien ortnen abschnyt. So ich aber weiss, das Co- 
stantz von Zürich und Schaff'husen obsich wycht, so nim ich us dem 
den punkten der abschnydung der zweien blinden cirklenrissen, der ob- 
sich abwycht, und teil und sprich das, das sige der stat Costantz centrum. 
Nüt änderst musstu handien mit allen anderen orten, steten vnd fläcken 
inzusetzen, als wen ich ietz begerte, in min forgenomne tafel ouch zu 
setzen die stat Winterthur, die zwo myl von Zürich und 4 von Costantz 
ligt, so nim ich mit dem cirkel die wyte zweier mylen uf der messleiteren 
und setz den einen fuss des cirkels in das centrum der stat Zürich ; mit 
dem anderen fussbeschrvb ich einen blinden cirkelriss ; demnach nim ich ouch 
mit dem cirkel die wyte 4 mylen, und setz den einen fuss in das centrum 
der stat Costantz, und mit dem anderen beschryb ich ouch einen cirkel- 
riss und wo er den vorgehenden cirkelriss berürt, da sprich ich, syge 
das centrum oder lager der stat Winterthur. besieh die vorgende figur. 
Nit anderist mustu handeln mit allen anderen orten inzuschryben, die 
du in den tafel tragen wilt. Und wan du also nach rechter kunst alle 
stet, fläcken und dorfer, hoff ingeschryben hast, so kanstu dan ouch 
lichtlich inschryben die berg, see, wasserstromen, bech, wie ein iedes 
an sine gewüssne umbligende stet, flecken, dorfer grentzen und anflißt 
und von einem ort an das andere stosst. Als wan ich wolte den Zürich- 
see mit sinen umbligenden steten und dorferen beschryben nach 
rechter rat diser kunst. so setzen ich, nachdem ich die stat Zürich 
vorn inzichnet, zum ersten, darnach die stat Raperschwyl als die ob- 
riste grenzen des Zürichsees und such ein centrum, wie vorglernet 
ist und sprich das Raperschwyl 2 myl lige von Zürich und 3 von Winter- 
thur und finden ein lager oder centrum durch die blinden cirkelriss. 
Wan ich nun ein lager han, so such ich dan ouch Küßnach, Meilen, 
Stäfen am Zürichsee ; darzu rechnen ich ouch die breite des sees, inzu- 



222 

schriben die dorfer der anderen syten als Dallwyl, Horgen und Wädi- 
schwyl und han ein rechnung einesteils, wie wyt ein iedes von Zürich 
gelegen und andersteils wie wyt ein iedes von sinem dorf gegen im über 
ennet dem see ist, ouch lieg und schryb si all ordentlich in. 

Verhesserimg diser hiinsi. 

Und siehst derhalben, wie lichtlich alle ort niogind ingschryben 
werden, wan du allein allwegin die wyte eines ieden orts von dem anderen 
gwiß und eigentlich weist uff land und wasser. dise kunst wäre ouch 
ganz gwüss und on allen fäl, wan die mylen uff erden ein anderen glich 
werind wie die gradus an den himlenscirklen. Diewyl aber die mylen 
niemermee glich sind, so folget, das, wan du allein einfeltig nachfolgest 
der meßleiteren im inschriben der ortheren und steten mit glychen mylen, 
das es ja nothalben nit allenthalben gwüß zutreffen kan. Da magstu aber 
ietz die sach treffen, so du den mylen zugibst oder abnimpst nach gestalt 
der Sachen und si in wenig oder vilen stunden mögend gangen werden; 
und mochtest in diner meßleiteren mylen machen, deren iede 3 stund 
zimlichs fussgangs lang were und so du dan ein myl hettist inzuzeichnen, 
die länger wäre dam 3 stund fussgangs, iren zugeben oder so si kurzre 
von iren nemmen. 

Die ander wys vnd form. 

Wir werdind in underwysung diser kunst uns diser Ordnung be- 
flyssen, das wir allerwegen die verstentlicher, aber minder gwüssi form 
und gattung zum ersten beschryben werdend, damit es den anfortrenden, 
die dieser kunst begirig, dister verstentlicher syge und nach und nach 
ie ein wys und form us der anderen wüssind zu verbesseren. Und 
diewyl die erst vorgesetzt form zwar die allerlichtist, aber ouch die aller 
ongewissischt ist von wegen der ungliche der mylen, wie vorgmeldet. so 
wend wir ietz in diseren anderen leren, wie du eigentlich und kunstlich 
selber kanst erfaren, wie wyt ie ein ort oder stat von der anderen lige. 
Und wirt das zuwegen bracht durch die angulos positionum, wie es die 
gierten nennend, wir aber umb kurze willen von denselben nit forhabens 
sind, vil meidung ze thon, sonder allein einfeltig beschryben wyss vnd 
form, wie diss zu volbringen syge. 

Zum ersten mustu haben ein gerecht Astrolabium oder so du keins 
hast, so mach dir us mosch, kupfer oder einer anderen geschlachten 
materi, die sich nit entwinde oder krumb werde, ein runde schyben zu 
dem abmessen solcher gestalt. Zeichne zum ersten das centrum der 
schyben mit A. Jn dises centrum A setz den einen fuss des cirkels und 



- 228 — 

span den anderen fuss us nach der wyte der ganzen schyben und riss 
einen runden eirkelriss umb und umh; dan dreh den cirkel eins fingers 
breit oder eins halben, je nach der proportione und grosse der schyben; 
so du machest (ie grosser du si aber machest, ie gwüsser und gschickter 
si zu bruchen ist), bal3 zusaraen, und riss widerurab ein ganzen eirkelriss 
durch die ganze schyben. nach irer runde. Zwüschend dise zwen eirkel- 
riss mustu nochmals die zal schryben. "Witer thu den cirkel umb ein 
wenig, (ongefar ums hanfsomlins breit) nach baß zesamen und riss den 
ganzen driten eirkelriss. Zwüschend disem und dem mitlesten mustu 
schryben die gradus, die du voren weist; nach solchem zu ziech in mitten 
durch das centrum A ein grade linien ^) durch die ganz schyben durchus 




und die vorzogen eirkelriss; diese linien bezeichne bi iren enden mit 
C. E. Demnach züch ein andere linien ouch miten durch das centrum 
A biß hinus zum end der ganzen schyben, wie die vorgesetzt und be- 
zeichne si by iren enden mit B. D. Und dise linie B. D soi mit der 
vorgenden linien C. E. die ganze schyben in 4 gliche teil (die man 
quadranten nempt) teilen. Dise -t quadranten teil wyter ein ieden in 
90 gradus. Dise gradus verzeichne in das kleiner und inner spatiura 
zwüschend den runden cirkelrissen, und in das grosse und usser 
spatium schryb die zalen, so du vor von dem ussersten eirkelriss biß 
an den mitlisten kleine linien gezogen hast, grad nach dem linier 
US dem centro A und schryb die zalen in, das du anfahist von D und 
B uff bed syten nidsich und obsich von 10, 20 bis in 90, die zesamen 
komend in C. E, wie dich die hernach gesetzt figur genugsam lert. Witer 
schrib zu C ufgang, zum E nidergang, zum B mittentag und zum D 
raittenacht. So ist die ganz schyben grüst zu folgendem bruch. 

Allein das du noch uff das centrum A setzest die mäßregel oder 
abgesiebt, die die gierten Dioptram nennend mit sinen ußgerichten 
federlinen und löcblinen darin in aller wys und form, wie es im ruggen 
des astrolabi gebrucht würt und davon verzeichnet ist. Zu diserem in- 

1) Dise mittellinie würd sonst genampt der diameter der messschyben. Dan ein 
iede grade linien, die mitten durch das centrum eines ieden cirkels gat und in zerteilt 
in zwen gliche teil oder halbcirkelschyben würt diameter genampt. 



— 224 — 

strumeiit der schyben raust oucli hau einen compass mit einer guten und 
gengen magnetzungen. Und so nun solichs alles gerüstet hast, so solt du 
wüssen, das du zu beschrybung einer landschaft oder lands dise instru- 
menta an zweien orten brachen must. Welche zwei ort ich nemmen 
würd die stend, da man die anderen uml)liegenden orth abmist, die du 
begerst inzuschryben. Und sig derhalben am ersten stand uff einen hohen 
thurm oder berg. da du getruwest am witisten umb dich zu sähen und 




nim das Astrolabium oder runde schyben und setz dis etwan uff in 
massen, das es nach der blywag emborstande, und an keiner syten mer 
den an der andren nidsich sehe und das du ongehindert ringswys fry 
ussehen kondist. Darnach setz den compass uf die linien des mittags 
derraassen, das die linien der 12 stund schnurrichtigs uff der linien B 
D stände und darab nit wyche. Und ruck dan das Astrolabium oder 
schyben uf sinem läger mit dem compass und magnetzungen so lang und 
vil, biß das die magnetzung recht instadt. Und dan bevestne das Astro- 



— 225 — 

labium oder messchyben, das es nit me ab diser stat wyche, biß du 
ailes abgemessen hast. Und thu den compass hinweg, dass er sin ampt 
ussgericht hat und setz die dioptram oder messregel in das centrum A 
und such durch die lochiin der abgesiebt ie ein orth nach dem anderen 
die du gesehen magst (oder doch zum minsten die glegenheit, wo es 
hinnuss ligt; dan oft ergibt es sich, das die stet, flecken, etlich in 
thäleren und hinder den bergen verljorgen liggend, und man dennoch 
wol weiß, wo sie hinus liggend, ob man si schon nit sehen mag,) die 
du begerst iuzuschryben. Und wan du eins eigentlich gefunden hast, so 
verzeichne nebendsich registerswys uf ein bapir, wie vil gradus dasselbig 
ort abwycht von der mittagslinien, es sige gegen ufgang oder nidergang ; 
darnach such ouch die abwychung des anderen driten und vierten orts 
und zeichne si alle flyssig uf. Ker aber guten flyss an, das das Astro- 
labium gwüss und recht stände nach den vier orten der weit und du 
eigentlich durch die messlöchlin der orten aller abwychung abmessist. 
Und so du nun am ersten stand alle ort abgemessen hast, so nim die 
instrumenta und verfüg dich an den andern stand, da du ouch truwst 
wyt umb dich zu sehen und handel überall, wie vor im ersten stand und 
zeichne aber flyssig uf in ein papir registerwys das abwychen aller orthen 
von der mittaglinien desselbigen anderen stands, es syge gegen ufgang 
oder nidergang. 

Und so du nun dises alles hast ufgericht, so fach an die ort in- 
schryben in die furgenomne tafel und das dergestalt : Nim fur dich die 
feldierung, darin du disere ingenomne landtschaft entwerfen wilt und 
zeichne darin das lager oder centrum des ersten stands, da du alle ort 
abgemessen hast und setz dan in dasselbige centrum einen fuss des 
cirkels ; mit dem anderen beschryb ein zymlich grosse, einen blinden 
cirkelriss ; den teil bald in 4 quadranten und ein iede quadranten in sine 
90 gradus und schrib darzu die nammen der 4 orten der weit als uf- 
gang, nidergang, mitentag, mittenacht. Demnach nim fur dich des ersten 
Stands register der abgemessnen orten und such in diserem cirkel ir 
abwychen und der mittagslinien gegen ufgang oder nidergang und such 
dan US dem centro des cirkels (das ouch das centrum ist des ersten 
stands) ein grade linien durch den gradum des abwychens eines ieden 
orts, und schryb zu einer jeden linien mit blinden buchstaben den namen 
desselben orts. Dan erst nach volfurtem werch und man aller stetten 
centra durch bede linien funden hat, kan man ire nammen ustruckenlich 
darzuschryben. Darnach verzeichne in der linie des abwychens des 
anderen stands das centrum desselbigen anderen stands und nim das- 
selbig centrum als wyt von des vorigen stands centro als dir wolgefelt 
und dich bedunkt die ganze feldierung nach der proportion inzeschryben 
alle furgenomne ort erlyden möge und setzen den einen cirkelriss in 

15 



- 226 — 

das ietz gezeichnet centrum des anderen stands und beschryb mit dem 
anderen fuss einen blinden cirkelriss in glicher wyte oder grosse, wie 
der vorgend im ersten stand und teilend den ouch in sine 4 quadranten 
und ein iede quadranten in sine 90 grad, doch mit dem bescheid, das 
die mitaglinien des ietzigen cirkels ein parallelalinien syge mit der 
mittaghnien des cirkels des ersten stands. ^) das ist, das si glich wyt 
stünde allenthalben von der vorigen mittagslinien. Und so dises geschehen, 
so nim fur dich das ander register des abwychens aller orten, so sond 
ingeschryben werden, das ich im anderen grund verzeichnen kan: und 
züch ich US dem centro dises cirkels grade linien durch die gradus 
aller Orten, wie dich das register lert in aller form wie vor im ersten 
cirkel ouch beschehen ist. Und wo ietz eines orts bede Knien sines ab- 
wychens, so US bede stenden centris gond, ein anderen abschnydend, da 
wüss, das es das centrum selbigen ortes ist. 

Damit aber die sach dister verstentlicher syge, so nimm dis 
Exempel. Du wolist gern in grund legen und beschryben einen teil 
Brabants und Flanderen umb die stat Antorff gelegen. Damit du nun 
disere dister ringer volbringist, so styg zu Antorff uf den hohen thurm 
mit dinen Instrumenten. Und setz das Astrolabium oder messchyben uff 
ein läger darzu komlich, und mit hilf des compass und magnetzungen 
stel es nach den 4 orten der weit. Darnach befestne es, das es ab 
diserem läger nit wychen möge, sonder sich nit endere, und thu den 
compass hinweg und setz in das centrum die messregel oder dioptram 
und fach an das abwychen gegen ufgang oder nidergang zu messen der 
orthen, so beschriben wilt. Und findst, das die stat Gent (exempelwyss 
setzend wir solichs nit, das es grad also sige) abwycht von miternacht 
gegen nidergang 80 gradus. Diss verzeichne in den rigerstlin des ersten 
stands. Die stat Lyra wycht ab von mittentag gegen ufgang 60 gradus, 
die stat Melchel 8 grad von mitentag gegen nidergang, Löwen 4 grad 
von mitentag gegen ufgang, Bruchsal 25 grad von mitentag gegen 
nidergang, Mittelburg 60 grad von miternacht gegen nidergang und 
Bergen 20 grad von miternacht gegen nidergang. So du nun zu Antorff 
alle ort hast flyssig uffgezeichnet in ein register, die du begerst inze- 
schryben, so züch ich dan gen Brüssel mit denen instrumenten, dan die 
selbig stat der ander stand sin soi, und so du durch dine instrumenta 



'j Paralellalinien ist, da zwo oder raer linien glich wyt von ein anderen stond 
an allen iren ortheu dermassen, das wan man si überus lang züge, si doch nimmermer 
baß zusaraen oder wyter von einanderen kemind. 

A B 

(j -D 

Die linien A B ist ein paralellalinien mit der linien C D und ins gegenteil, so 
ist die linien C. i), ein paralella A B. 



227 



suchest. Wie vor bei Antorff, so findstu, das Löwen von mitentag gegen 
uffgang ligt oder abwycbt 76 grad, Melcbel und Lyra in einer linien 
von miternacbt gegen ufgang 48 grad. Genth von miternacht gegen 
nidergang 29 grad, Mittelburg 33 grad von miternacht gegen nidergang 
und Bergen 5 grad von miternacht gegen uffgang. das alles verzeichne 
in ein register des anderen stands. Und fachst ietz wider an, die fur- 
genomne feldierung mit disen steten und orten zu zieren. Und .verzeich- 
nest derhalben vast in der mitte der feldierung einen puncten, der dir 
bedütet das centrum der stat Antorff; darin setz du den einen fuss des 
cirkels uud mit dem anderen beschryb einen blinden cirkeli iss ; den teil 
in 4 quadranten, und schryb darzu die 4 ort der weit, nämlich ufgang, 
nidergang, mitentag und miternacht. Und ein ieden der 4 quadranten teil 
in 90 gradus. Darnach so nim für dich das register der verzeichneten 
orten des ersten stands und such grade linien eines ieden orts durch 
die grad oder puncten sines abwychens. Und so du aller orten linien 
gezogen hast, so nim dan die linien der stat Brüssel und verseichne 
darin ein puncten, der da syge das centrura der stat Brüssel und mach 
dan fern oder nach von Antorff nach der proportion der ganzen feldie- 
rung und wyte der orten, so du drin schryben wilt. In disem centro 
beschryb ouch ein blinden cirkelriss und teil den in 4 quadranten, doch 
das die Mittaglinien der stat Brüssel ein parallellinien syge mit der 
mitaglinien der stat Antorff, wie doben gemeldet ist und teil ein ieden 
quadranten in 90 gradus und schryb ouch darzu die 4 ort der weit; 
witer züch us diserem centro, (das dir die stat Brüssel bedüt) grade 
linien allen orten nach irem abwychen, wie vor in dem ersten cirkel. 
Und wo nun ietz die zwo linien eines orths einanderen abschnydend, 
da ist das centrum derselbigen stat. Wo es sich aber begebe, als es ouch 
etwan beschiebt, das eines orts bede linien diser zweien stenden paral- 
lellinien wärind und derhalben einanderen niemee abschnident, dan 
muss man zu dem selbigen ort ein anderen stand suchen zu. eintwede- 
ren der vorderigen, damit man es oucb inschryben konde. Die see, 



Register des ersten stands zu Antorff : 




Register des andern stands 7u Brüssel: ; a 


Gent von miternacht gegen niderganpf . 


80 


Löwen von mitentag gegen ufgang . . 


76 1 


Lyra von mitentag gegen ufgang . .60 


Melchel von miternacht gegen ufgang | ,43 


Melcliel von mitentag gegen nidergang 8 


Lyra von miternacht gen ufgang . .43 


Löwen von mitentag gegen ufgang . 4 


Grent von miternacht gegen nidergang ! 29 ! 


Brüssel von mitentag gegen nidergang 


25 


Mittelburg von miternacht gegen nider- 


33 


Mittelburg von miternacht gegen nider- 

gancr 




g^^g 


60 


Bergen von miternacht gegen ufgang 9 




Bergen von miternacht gegen nidergang 20 


1 








1 



— 228 — 

wasserstromen, das anfliessend mer, die berg etc. wirstu ietz lichtlich 

konden inschriben, nachdem du weist, wie ein iedes in das ander 

grenzen, als in der ersten form gnugsam anzeigt ist. Und ist disere 
andere form gwüsser dan die erst. 

Also magst nach geschechnem werch die ganze feldierung in ein 
form infassen und inen orten herumb zieren nach dinem wolgefallen und 
danmithin den titel darüber schryben, welches landes oder gegne disere 
conterfehung syge. 




Wan du begärst, in mylen dise tafel uszeteilen und sine bend umb 
verzeichnen, oder das man sonst mit dem cirkel konde messen, wie vyl 
mylen ie ein ort vom anderen syge, so nim ich die wyte zweier stete, 
deren wyte ich eigentlich weiss, und teil dasselbig spatium in so vil teil 
(die mir mylen bedütend) als der mylen sind und mach darnach ein 
messleiteren zu der ganzen taflen. Als Antorff ligt von Mechel 4 mylen 
zimlichs weg«, so teil ich ietzunder die wyte zwüschend den steten An- 
torff und Mechel in 4 spatia, deren ein iedes ein myl bedüt, und ietz 



— 229 — 

nach der wyte diser spatien mach ich ein messleiteren der mylen zu der 
taflen. beschouwe die vorgesetzte figur. 

Die drit wys vnd form. 

Us disen zweien ietz beschribnen formen würt die drit wys und 
form zuwegen bracht, welche ganz licht ist, so du allein eigentlich ver- 
standen hast die zwo vergeuden formen oder gattungen, von welchen 
doben gnugsam giert ist. Und setz das ein ort in die feldierung nach 
rechter proportion. Als so es ongefar ist imm miten in der landschaft, 
die du beschryben wilt, so setze es ouch in die mitte der feldierung, und 
also verstand es ouch von den anderen. In diserem centro beschryb ietz 
dan ein cirkel; den teil in 360 teil oder gradus; das ist zum ersten in 
4 quadranten und ein ieden quadranten in 90 gradus, wie du doben giert 
bist, welches, so es geschehen, so züch us dem centro rechte Knien der 
abwychung oder glegenheit der orten und steten, die du inschryben wilt 
und an disem ersten stand abgemessen hast, wie du doben giert bist. 
Demnach mach ein messleiteren der mylen nach der grosse und pro- 
portion der feldierung in der landtschaft gerechnet, die du zu beschriben 
Vorhabens bist. Us diser messleiteren nim ietz eins ieden orts wyte von 
dem centro des ersten stands und cirkelrisses und setz allwegen den 
einen fuss des cirkels in das centrum des cirkelrisses oder des ersten 
stands, und mit dem anderen fuss nach ein puncten uff der linien des 
abwycheus eines ieden orts oder stats diser glegenheit ^ da vor im ersten 
stand abgemessen hast. Und diser punct ist das centrum derselbigen 
stat. So das geschehen, so züch darnach in ein andere stat oder ort, 
US denen, die du ietz ingezeichnet hast, und such da ouch wie am vorigen 
ort anderer steten glegenheit und abwychen gegen demselbigen ort oder 
stat. Nämlich so riss abermals urab das centrum des selbigen orts ein 
cirkelriss und teil den in 360 gradus wie den vorigen, doch das allwegen 
die mittagslinien des ietzigen anderen cirkels ein parallelalinien syge 
mit der mittagslinien des vorigen cirkelrisses, so zum ersten gmachet 
hast im ersten stand oder stat. es syge dan sach, das bed stet oder ort 
mit iren mitagslinien in ein grade linien komind. das ouch etwan beschicht. 

yota. Dan vil stet komend oft in ein mittagslinien, welche nämlich 
glich wyt vom nidergang und uffgang ligend, ob si glichwol onglich von 
mittentag und miternacht glegen sind, wie du in den grossen Universal- 
taflen der ganzen weit sehen kanst, als Bononia in Italia, Augsburg und 
Nuremberg in Schwaben und Lünenburg us den seesteten, etlich band 
allsamen ein meridianum 33 gradum, wie (es) Gemma Phrisius, dem wir 
gern nachfolgend, [beschribt], ob si glich wol vom mitentag und miter- 
nacht ongHch wyt ligend; beschaw sin universaltafel. Und so du nun 



— 230 — 

Jen cii'kel hast usgeteilt wie vor in 360 gradus, so schryb abermals in 
andere umbligende ort durch die hnien ires abwychens und die mess- 
leiteren der myleu, wie vor im ersten stand geschehen ist. also magst 
du ouch furfaren und den 3. und 4. und noch me stend brachen, so dir 
einer oder zwen nit gnug sind inzeschryben alle ort oder stet, so du 
willens bist, biß du alles ingezeichnet hast nach dinem willen. Mit einem 
kurzen exempel wil ich es dir bas zu verston geben. Als syge die erst 
stat oder ort so wie den ersten stand nemmend A und die vmbligenden 
stet, so du ouch gern weltist beschryben, sygend B. C. D., und das B 
wyche ab vom mitentag gegen nidergang 30 gradus, das C von miter- 
nacht gegen nidergang 70 gradus, das D vom mitentag gegen uffgang 
80 gradus. Darzu so ligt das B dry myl wegs, das C fier vnd das D 
fünf vom A. So riss nun ein cirkelriss im ceutro A; den teil in sine 4 
quadranten und ein ieden quadrant in 90 gradus, so ist uberal in 360 
gradus. Demnach so such us dem centro A rechte Knien des abwychens 
den steten B. C. und nim darnach us der messleiteren der mylen die 
wyte einer ieden stat von der stat A und trag si mit dem cirkel vom A 
dem centro uf die linien irs abwychens, so hast ir glegenheit und 
centro funden. "Wie du nun gern weltist feerer faren und noch me stet 
und iläcken inschryben, so da ligend umb die stat D und du vor in der 
stat A nit hast sehen konden und ir glegenheit und abwychen erfaren 
als da ist die stat E und F, so züch in die stat D und miss durch dine 
instrumenta ab diser zweien steten abwychen und glegenheit von der 
stat D und erfarst, das die stat E abwycht von mitentag gegen uffgang 
70 gradus und die stat F 20 gradus von mitentag gegen nidergang. 
Darzu erfarst, das die stat E 6 mylen und die stat P 7 mylen von der 
stat D lygend, so riss derhalben im centro D ein cirkelriss und teil 
den in 4 quadranten und ieden quadranten in 80 gradus, doch das die 
mittaglinien ein parallellinien syge mit der mittaglinien der stat A. Und 
zuch dan wyter us dem centro der stat D die linien der abwychung der 
stat E und F und nim zum letsten der wyte ire mylen von der stat D 
uf der messleiteren der myle und trag si mit dem cirkel uf ire linien, 
80 hast die centra der stat E und F ; besieh die figur. Und ist dises 
gar ein fyne form, ein land zu l^eschryben, da einer mochte an einem 
ort derselbigen landtschaft anheben und faren mit dem abmessen nach 
siner lenge und breite und der stende so vil bruche, biß dass er das 
ganz land beschryben hete mit allen sinen steten und fläcken, als wan 
einer den Riiinstroni mit sinen umbligenden und anstossenden steten und 
fläcken beschryben wolte, so fieng er an zu Chur, hete da den ersten 
stend, messe da ab die umbligenden ort. Den anderen stand hctte er in 
Meyenfeld, den driten zu Ijindow, den 4. zu Costantz, den 5. zu Schaff- 
husen und also ferer biss an das gross tutsch march, allein das man gut 



— 2:u — 

flyss aukere mit den mylen, diewyl dieselbigen nit glich sind, das man 
inen zugebe und abnemme, wie ich dan in der ersten form gnug- 
sam han angezeigt und were die best Verbesserung, das man mylen 
rechnete, deren eine 3 stund zimlichs fussgangs thete und nach diseren 
ietz all andere mylen, die lenger oder kürzer werind, justificierte oder 
verbesserte. 



Sf^iL.^«.\\c».cKt 




Nach geschechnem werch magst ouch diser conterfehung in ein 
form fassen, wie doben gemeldet und du wirst darin schryben allmalen 
nach den 4 orten der weit, so es dir gefellig. Item du kanst ein compass- 
zungen darin malen nach usswysung der mittagslinien und dienend die- 
selbigen compass darzu, das, wan man die taflen uff ein tisch leit und 
ein rechten eompass uff' den gemaleten setz und danenthin die tafel 
uff den tisch ruckt, biß das die raagnetzunge instat, das man dan sieht, 
wo hinus ein iedes ort glegen ist. 



Die Mathematik auf dem Gymnasium. 



Von 
Otto Spieß. 



Motto: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie! 
(Goethe: Faust 11.) 

Die vornehmliche Aufgabe des Gymnasiums kann wohl darin ge- 
sehen werden, daß es die Jugend durch Einführung in die Werke der 
Wissenschaft und Kunst mit einem unvergänglichen Schatz von Charakter- 
und Geistesbildung versehen soll. Zu diesem nicht scharf zu um. 
grenzenden Begriff gehört außer einem gewissen Maß von Kenntnissen 
vor allem ein wahres Verständnis für die idealen Werte der Menschheit 
und ein offener Sinn für alles Große und Schöne. Als bestes Mittel 
dies zu erreichen galt lange das Studium der klassischen Sprachen, der 
Geschichte und der Literatur. Als daher um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts Mathematik und Naturwissenschaften dem gymnasialen 
Unterricht in erhöhtem Maße eingefügt wurden, da wurde dies von den 
Humanisten größtenteils als ein Eingriff in ihre heiligen Rechte, als ein 
Angriff gegen die höhere Bildung empfunden. So traten jene Fächer 
gleich von Anfang an in einen entschiedenen Gegensatz zur Philologie, 
der sich auch heute noch, wenn auch weniger schroff, fühlbar macht. 
Wenigstens ist kaum zu bestreiten, daß der Geist, mit dem Mathematik 
und Physik gelehrt werden, ein anderer ist als der in den Latein- und 
Griechischstunden herrscht. Es sind zwar auch gelegentlich Stimmen 
laut geworden, die den Naturwissenschaften dieselbe, wo nicht gar höhere 
bildende Kraft zusprachen wie den Sprachfächern, doch scheint die bis- 
herige Erfahrung dieser Ansicht nicht günstig zu sein. So werden denn 
die „Realfächer" von den Philologen doch mehr oder weniger als Kon- 
zessionen an den materialistischen Zug der Zeit angesehen, von denen 
ein großer idealer Gewinn nicht zu erwarten ist. 

Wenn dies richtig ist, was vorläufig niclit bestritten werden soll, 
so geht also ein beträchtlicher Teil der dem Gymnasium zur Verfügung 



— 233 - 

stehenden Zeit für dessen höchste Zwecke verloren. Das ist aber gerade 
in unserer Zeit sehr zu bedauern. Es ist nämlich nicht zu leugnen, daß 
der Idealismus gegenwärtig einen schweren Kampf zu bestehen hat gegen 
die anwachsende Verflachung und Verrohung, wie sie eine natürliche 
Folge der sozialen Bewegungen sind. Gewerbe- und Handelsschulen bis 
hinauf zu Realschulen und Realgymnasien predigen mehr oder weniger 
laut die Lehre von der Nützlichkeit, und so wird bei einem großen 
Teil der Bevölkerung gerade in dem Alter, das der Begeisterung am 
meisten fähig ist, dem „Zug nach oben" wenig oder gar nicht Rechnung 
getragen. Dem gegenüber hat das Gymnasium die doppelte Pflicht mit 
allen Kräften den Idealismus zu unterstützen. Dazu sollte es aber vor 
allem eine geschlossene Einheit bilden, d. h. seine ganze Zeit in den 
Dienst seiner höchsten Aufgabe stellen. Damit will ich indes nicht etwa 
die Rückkehr zum Gymnasium alten Stils befürworten, ein solcher Vor- 
schlag würde auch dem Geist der Zeit schnurstracks entgegenlaufen. Die 
zahllosen Reformvorschläge Berufener und Unberufener sind vielmehr im 
allgemeinen bestrebt, den altsprachlichen Unterricht noch weiter zu be- 
schneiden und dafür eine Schar neuer Fächer, wie Verfassungskunde, 
Nationalökonomie, Kunstgeschichte u. s. f. bis hinab zum Schachspiel 
(Tarrasch) mit einem Stündlein zu beteiligen. Wohin das schließlich 
führen wird ist nicht abzusehen. Soll das Gymnasium trotzdem auf sein 
Ziel nicht verzichten, so sehe ich nur ein Mittel, das darin besteht. Jedes 
UnterrkhtsfacJi in gleic/ter Weise /nnimn istisch zu het reihen. Dabei ver- 
stehe ich unter dem humanistischen Betrieb, daß der Lehrstoff nicht um 
des praktischen Gebrauches willen, sondern rein wissenschaftlich be- 
handelt werde und zwar nicht im Sinn des Spezialisten, sondern im steten 
Rückblick auf die Gesamtwissenschaft. Ich halte es in der Tat für nütz- 
licher, wenn jede Schule, statt ewig am Plane zu ändern, vom status 
quo ausginge und dafür sorgte, durch die Art der Behandlung aus jeder 
Stunde den größtmöglichen Gewinn zu ziehen. Die Frage was gelehrt 
wird scheint mir nämlich weniger wichtig zu sein, als n'ie gelehrt wird. 
Es hat deshalb zu allen Zeiten gute Schulen gegeben, weil es gute 
Lehrer gab. 

Meine Behauptung ist also die: Es kann jedes Fach so hehandelt 
werden, daß ein idealer Gewinn dabei herausschaut. Daß Unterschiede 
bestehen soll deshalb nicht bestritten werden. Ich werde nun im Fol- 
genden den Beweis bloß für ein einziges Fach, die Mathematili. zu führen 
suchen und es den Lehrern der übrigen Fächer überlassen, die Betrach- 
tungen auf ihr Gebiet zu übertragen. Ich wähle speziell die Mathe- 
matik, einmal weil sie als Hauptfach gilt, und dann weil gerade ihr mehr 
als formale Wirkung meist abgesprochen und tatsächlich auch im Unter- 
richt nicht erstrebt wird. 



— 234 - 

Der Mathematik ist auf den Gymnasien durch drei bis vier Wochen- 
stunden, die sich durch alle Stufen hindurchziehen, ein ziemlich breiter 
Raum gesichert. Außerdem kommt sie auch in den Physikstunden ge- 
legentlich zur Anwendung. Während seiner langen Schulzeit beschäftigt 
sich also der Gymnasiast (und um wieviel mehr der Realschüler) nach 
einander ziemlich eingehend mit Arithmetik. Algebra. Logarithmenrechnen, 
Elementargeometrie, Trigonometrie und endlich mit der analytischen 
Geometrie, die ihn an die Schwelle der höheren Analysis führt. Man 
sollte denken, von alle dem werde doch etwas haften bleiben, der Abi- 
turient werde eine einigermaßen richtige Vorstellung vom Wesen der 
Mathematik mit ins Leben nehmen? Das Gegenteil ist der Fall, Es 
ist allgemein bekannt, daß die weitaus größte Mehrzahl der Gebildeten, 
die nicht gerade durch Beruf oder Neigung der Mathematik nahestehen, 
von deren Inhalt und Bedeutung kaum eine Ahnung besitzt. Intelligente 
und auf verschiedenen Gebieten wohlunterrichtete Leute sehen in ihr nichts 
als eine geistlose Spezialität, der sie eine kräftige Abneigung entgegen- 
bringen. Daß überhaupt die Mathematik eine selbständige Wissenschaft 
ist, die ihre besondere Aufgabe hat, scheinen die wenigsten Leute zu 
wissen, vielmehr gilt ihr Name als Sammelwort für Physik, Astronomie. 
Meteorologie, praktische Mechanik, Geodäsie und Statistik. Wenn man 
von einem Gymnasialfach sagen kann, daß es seinen Zweck nicht er- 
reiche, so ist es die Mathematik. Für die meisten Schüler sind die auf 
sie verwandten Stunden verlorene Zeit, einen Beitrag zur allgemeinen 
Bildung des Publikums leisten sie nicht. 

Was sind nun die Ursachen dieses Fiasko's? Genügt die Zahl der 
Stunden noch nicht? Oder gibt es keine guten Mathematiklehrer? Keines 
von beiden kann ich zugeben, der wahre Grund scheint mir tiefer zu 
liegen. Fragt man ein wenig im Publikum herum, so erfährt man frei- 
lich bald die Lösung des Rätsels. Die Mathematik, so hört man da, ist eben 
langweilig, trocken, ein geisttötender Formelkram, bei dem man sich nichts 
denken kann. Außerdem nützt sie Einem nichts und ist lediglich eine Plackerei, 
die man möglichst rasch vergißt, sowie man sie los ist. Philosophisch 
gebildete Personen belegen etwa diese Ansicht noch durch einige Kraft- 
sprüche aus Schopenhauer und Hegel. Andere dagegen bekunden zwar 
vor der Mathematik einen bedeutenden Respekt, versichern uns aber zu- 
gleich mit Wärme, daß ihnen persönlich der Sinn dafür gänzlich abgehe. 
Überhaupt sei diese Wissenscliaft nur für wenige Auserwählte verständ- 
lich und ein Genuß, für die übrigen Sterblichen aber zu abstrakt, zu 
hoch. Weiter als zum Auswendiglernen im Grund unverstandener Formeln 
brächten es die meisten nie. So weit die vox populi. Muß uns nun diese 
niclit als vox Dei gelten? Läßt sich gegen dieses mit solcher Über- 
zeugung ausgesprochene Urteil überhaupt etwas einwenden? Jedenfalls 



— 235 — 

fühlt man sich zu der Frage gedrängt: Mit welchem Recht treiht man 
dann eigentlich auf dem Gymnasium soviel Mathematik, wenn ein bleibender 
Gewinn eingestandener ]\Ia(ien nicht zu erwarten ist? Denn eine dumpfe 
Erinnerung an die Handhabung der Logarithmentafel wollen wir nicht 
als einen solchen Gewinn gelten lassen. Wozu nicht lieber die Zeit auf 
Geschichte oder Literatur verwenden? Etwa bloß der Wenigen wegen, 
die von der Mathematik später im Leben Gebrauch machen werden? 
Das wäre nicht der Mühe wert, denn das mathematische Pensum auch 
der obersten Klassen kann von einem begabten Schüler bei Privatunter- 
richt in wenigen Wochen bezwungen werden, wie ich mich mehrfach 
überzeugen konnte. Und was dem Fünfzehnjährigen noch schwer fällt, 
das erfaßt einige Jahre später der Student mit Leichtigkeit. Zudem 
muß die darstellende Geometrie, die für die Praxis so wichtig ist, so- 
wieso nachgeholt werden. Soll also die Mathematik zu einer so breiten 
Vertretung berechtigt sein, so müssen schwerwiegende, die allgemeine 
Bildung betreffende Gründe, ins Feld geführt werden. 

Hören Avir denn die hauptsächlichen Argumente, welche von den 
Schulmännern für die Notwendigkeit eines gründlichen Mathematikunter- 
richts geltend gemacht werden. Da wird zunächst betont, daß das Ver- 
ständnis der Physik und ihrer ins praktische Leben eingreifenden An- 
wendungen ohne tüchtige mathematische Kenntnisse nicht erworben werden 
kann. Die Mathematik wird also bloß als ein Instrument aufgefaßt, das 
zum Begreifen der Physik nicht entbehrt werden kann. Dann hat aber 
das Mathematikstudium nur einen Sinn, wenn es wirklich ausgiebig 
für physikalische und technische Aufgaben verwertet wird. Der Physik- 
unterricht auf der Schule verfährt aber wesentlich experimentell und kon- 
kret, so daß schon aus Zeitmangel nur wenig gerechnet werden kann. 
Es wäre auch geradezu falsch, auf dieser Stufe die Physik vorwiegend 
mathematisch zu behandeln, das würde die verbreitete aber unrichtige 
Vorstellung erwecken, als sei die physikalische Erkenntnis ein bloßes 
Eechenexerapel. Es kommt in der Schule vielmehr darauf an, die Ver- 
hältnisse qualitativ zu erfassen; erst wenn dies geschehen ist kann die 
Analysis weiter helfen. Also mit dem Physikunterricht kann der breite 
Mathematikunterricht nicht begründet werden. 

Den Hauptnutzen der Mathematik sehen indeß die Schulmänner 
von jeher in ihrer formalen Wirkung. In der Tat bilden die logische Ver- 
kettung aller Sätze, wie sie beim Ausarbeiten eines geometrischen Be- 
weises zu Tage tritt, die Reinheit und Strenge aller Schlüsse eine vor- 
treffliche Schule des Denkens. Leider darf gerade diese Seite unserer 
Wissenschaft auf der Schule nicht zu stark ausgenützt werden. Die 
kristallinische Gesetzmäßigkeit des mathematischen Lehrgebäudes, die 
der Stolz seiner Erfinder, der Griechen, bildete, kommt dem Schüler 



— 236 — 

nicht recht zum Bewußtsein. Denn gerade die Behandlung der Grund- 
lagen fallen in eine Zeit, in der die logische Kraft noch zu schwach 
entwickelt ist, so daß man die Sätze mehr anschaulich aufzeigen als 
streng beweisen darf. Immerhin wird ein guter Unterricht, der die Schüler 
zum Arbeiten zwingt, zweifellos zur Klarheit und Präzision des Denkens 
beitragen, auch wenn diese Wirkung denselben nicht zum Bewußtsein 
kommt. Doch die formale Seite der Mathematik zeigt sich noch in anderer 
Weise durch ihre Verwandtschaft mit der Sprachiüissenschafi. Die Ana- 
lysis hat sich nämlich für den Ausdruck ihrer Gedanken eine besondere 
Sprache geschaffen, die freilich mehr geschrieben als gesprochen wird. 
Diese Sprache besitzt ihre Grammatik und Syntax wie jede andere und 
es wäre für einen linguistisch geschulten Mathematiker eine Aufgabe, 
die Regeln der Algebra einmal vom sprachwissenschaftlichen Gesichts- 
punkt aus zu betrachten. Ihre ersten Anfänge finden wir in den Hiero- 
glyphen der Ägypter, heute besitzt man in ihr ein wunderbares Instru- 
ment, das die komj)liziertesten Vorstellungsreihen in wenigen Zeichen 
darzustellen erlaubt. Dabei ist diese Sprache lebendiger als man denkt, 
auch der Analyst sieht auf schönen .S//7 und strebt nach Elcf/auz seiner 
Formeln. Diese ganze Seite der Mathematik wird übrigens nach meiner 
Ansicht zu wenig hervorgehoben. Der Schüler bekommt die Algebra 
wie eine Schreibmaschine, deren Handhabung ihm gezeigt wird, ohne 
daß er über ihren Wert und ihr Wesen ins Klare käme. Man dürfte 
ihm aber wohl an Beispielen nachweisen, daß die Gleichungen, die er 
ansetzt, nichts sind als gewöhnliche Sätze, geschrieben in einer höchst 
knappen Stenographie, die nach und nach durch immer weitergehende 
Abkürzung aus dem ursprünglich vollständig ausgeschriebenen Text her- 
ausgewachsen ist. Diese Einsicht wird ihm diese Symbolik weniger ab- 
strus erscheinen lassen und ihn dazu bringen, in der Mathematik den In- 
halt vom Ausdrucksmittel zu unterscheiden. 

Freilich werden die Philologen hiezu bemerken, daß in dieser Be- 
ziehung dann doch das Studium einer wirklichen Sprache noch vorteil- 
hafter sei . weil in dieser die ganze Geistesarbeit eines Volkes sich 
wiederspiegle, während die Algebra eine Fachsprache sei, die bloß mit 
einer engen Zahl von Begriffen operiere. Und darin haben sie zweifellos 
Recht. Überhaupt läßt sich das, was wir vorhin an der Mathematik ge- 
rühmt haben, auch von der Altertumsforschung behaupten. Auch die 
klassische Philologie mit ihrem vorsichtigen Abwägen der Wahrschein- 
lichkeiten ist eine „exakte" Wissenschaft; kritische Schärfe und gewissen- 
haftes Arbeiten ist dort ebensogut zu lernen, und logische Finessen, die 
etwa die Mathemathik voraus hat, sind ja auf der Schule doch nicht zu 
behandeln. Wenn also die Mathematik wirklich keine andere als formale 
Bildung erzeugt, so ersetze man sie lieber durch das Griechische, damit 
dies Eine wenigstens recht gelernt wird, statt beides nur ungenügend. 



— 287 — 

Aber die Mülliemalik is/ n'irlil /y/o/; farmal. iiidil hliti.; riii t/ris/- 
relc/ief< Spie/ inif Fif/iireii iiiul /jüilen. Wie bei den alten Sprachen 
schließlich nicht die Grammatik, die Formenlehre das Hauptelement ihrer 
bildenden Kraft ausmacht, sondern der durch sie vermittelte Kultur- 
inhalt, so ist auch die mathematische Formelsprache nicht der Zweck, 
sondern bloß das unentbehrliche Mittel, um zu dem hochbedeutenden 
Inhalt der Wissenschaft zu gelangen. Dort erst liegen die Schätze, 
die dem, der sich durch die Hieroglyphenschrift am Eingang nicht ab- 
schrecken läßt, als reicher Gewinn anheimfallen. Auf diesen Kern und 
Zielpunkt der Mathematik, in dem ihre eigentümliche Kraft und Schön- 
heit wurzelt, muß aber der Schüler so viel als möglich hingewiesen 
werden, ihn soll der Lehrer nie aus dem Auge verlieren, er (illein end- 
lich ist es. der die Maf/ieutafik herec/dif/f, rds Hai/pffnc/i mit Ciimiifmum 
aufzutreten. Und nun erblicke ich den Grund zu dem geringen Erfolg 
des üblichen Mathematikunterrichts eben darin, daß diese Forderung 
nicht beachtet wird, daß die Schüler über die tiefe Bedeutung der vor- 
getragenen Sätze und Methoden nichts erfahren. Die jungen Leute lernen 
von der Mathematik eben nur die formale Seite kennen, die dürre Ab- 
straktion, das mechanische Rechnen mit Buchstaben und Zahlen, und 
scheinbar gleichgiltige Eigenschaften geometrischer Figuren. Sie sind 
schließlich imstande, die Tangente an eine Ellipse zu konstruieren und 
die Winkel eines Dreiecks aus den Seiten zu berechnen. Was das alles 
für einen Sinn hat, bleibt ihnen ein Rätsel. Der Hinweis auf die nütz- 
lichen Anwendungen rührt den künftigen Juristen wenig. Das ist dann 
Sache des Ingenieurs, denkt er, zu was ein Instrument erlernen, das man 
niemals gebrauchen wird? Will man mehr als ein flüchtiges Wissen 
erzielen, so muß durch alle Mittel das Interesse der Schüler erregt werden. 
— eine alte Wahrheit, so oft gehört als nicht beachtet. Das Gedächtnis 
der meisten Menschen läßt bloß lose aufgelegten Ballast bald wieder 
fallen, soll etwas Bleibendes geschaffen werden, so muß das zu Erlernende 
in etwas Bleibendem verankert werden, nämlich im Erkenntnistrieb, 
in der Freude am Bedeutenden und Großen, kurz in irgend einem idealen 
Interesse. Auch für die Mathematik ist dies das einzige Mittel, wenn 
sie das ungünstige Vorurteil des Publikums besiegen will. Ist dem 
Schüler einmal die innere Bedeutung dieser Wissenschaft aufgegangen, 
so mag er die Formeln und Lehrsätze vergessen, der große Gesamtein- 
druck bleibt und stellt eben den geistigen Gewinn dar. 

Aber worin besteht denn dieser ideale Wert, der solche Wunder 
wirken soll? fragt gewiß mancher Leser und denkt dabei kopfschüttelnd 
an Sinus und Cosinus. Es ist meine Aufgabe denselben aufzuzeigen und 
noch anzudeuten wie der Unterricht daraus Nutzen ziehen kann. Zu 
diesem Zweck beginne ich damit, die Anklagen gegen die Mathematik, 
die ich oben zusammengestellt habe, zu entkräften. 



— 238 — 

Die Mathematik ist langweilig, so hörten wir zuerst, ist eine geist- 
tötende und unfruchtbare Sklavenarbeit. Erkundigt man sich näher, was 
unter der Mathematik verstanden werde, so erfährt man: „Hechnen". 
.,Die ganze Analysis linitorum et infinitorum läuft im Grunde doch auf 
Kechnen zurück" sagt z B. Schopenhauer. Für das „gebildete"' Publi- 
kum ist in der Tat der Mathematiker nichts anderes als ein Mann der 
viel und gern rechnet, Xun ist das Rechnen ein mechanisches Operieren 
mit Zahlen, das die technische Ausführung eines oft sehr banalen mathe- 
matischen Gedankens bezweckt und freilich keinen xA.nspruch auf Unter- 
haltsamkeit erhebt. Es verhält sich somit zur Mathematik genau so wie 
die Fingerübungen eines Klavierspielers zur Musik. Das systematische 
Rechnen ist zwar ein ausgezeichnetes Mittel zur Disziplinierung des 
Geistes, damit dieser nicht 

— die Kreuz und Quer 
Irrlichteliere hin und her 
und besitzt also sicher einen pädagogischen Wert, den wir nicht verachten 
wollen. Die Genugtuung, wenn die Rechnung „stimmt", verschafft 
sogar einen Genuß, ja die bloße Fähigkeit des Rechnens kann schließ- 
lich angenehm empfunden werden, wie z. B. (Uiul-i von einer gewissen 
„Poesie" des Tabellenrechnens spricht. Doch mit alledem wollen wir 
es Xiemand verargen, wenn er das Rechnen langweilig findet. Xur geht 
dies die Mathematik nichts an. Man frage nur einmal die großen Ver- 
treter derselben um ihre Meinung, man wird da merkwürdige Aussprüche 
vernehmen: „Das Leben ist nur für zwei Dinge gut", mit Poisson, „um 
Mathematik zu treiben und darin zu unterrichten". Und der Neupytha- 
goreer Bjrp/tfjrios vergleicht die Mathematik mit der Lotosfrucht, von 
der keiner mehr lassen kann, der einmal davon gekostet hat. Derartige 
Äußerungen könnten gehäuft werden. Man wird zugeben, solcher 
Enthusiasmus wäre nicht möglich, wenn die Mathematik bloß im Rechnen 
bestünde. Diese ewige Verwechslung zwischen beiden so heterogenen 
Tätigkeiten sollte einmal energisch bekämpft werden. Unterstützt wird 
sie übrigens durch die Schule selbst, die noch vielfach den niederen 
Rechenunterricht unter dem Namen Mathematik einführt. Aber schon 
die alten Griechen hatten jene mechanische Tätigkeit unter der Bezeich- 
nung Loffiaük scharf von der so hoch gehaltenen Mutitem getrennt. Dies 
Beispiel dürfte auch heute wieder nachgeahmt werden. 

Bevor man also die Mathematik langweilig schilt, lerne man sie 
erst ein wenig kennen. Dem steht nun der zweite Einwurf entgegen: 
die Mathematik sei für die Durchschnittsbegabung nicht faßbar, um Ge- 
fallen an ihr zu finden, sei ein besonderer Sinn erforderlich, der den 
Wenigsten gegeben sei. Diesem Einwand fehlt nicht jede Berechtigung, 
er wird aber sicher viel zu stark betont. Zweifellos ist für ein tieferes 



— 239 - 

Erfassen der Mathematik eine spezielle Fähigkeit nötig, glauben doch 
einige Physiologen ein eigentliches Organ dafür im Gehirn lokalisieren 
zu können. Diese Fähigkeit ist aber durchaus nicht so selten, sondern 
n. m. A, besitzt sie jeder normal veranlagte Mann. Es verhält sich da- 
mit wohl ungefähr wie mit dem Sinn für Musik, Das vollkommene Fehlen 
desselben ist nahezu so selten wie das Talent zu eigener Produktion, die 
große Masse ist doch mehr oder weniger stark dafür empfänglich. Es 
ist auch a priori unwahrscheinlich, daß es mit dem mathematischen Ta- 
lent anders stehe als mit dem Talent zum Zeichnen, Yersemachen, Sprachen- 
lernen und dgl. mehr. Nur sind sich die meisten Leute desselben nicht 
bewußt, weil es bei ihnen nie geweckt wurde. Es haben mir mehrfach 
Schüler versichert, daß ihnen die mathematische Begabung absolut mangle, 
bei denen bei näherem Zusehen ein ganz hübsches AuOassungsvermögen 
zum Vorschein kam. Man kann eben den üblichen Mathematikunter- 
richt, der bloß auf die Form statt auf den Inhalt geht, von der Schuld 
nicht freisprechen, die große Zahl der Schüler von unserer Wissenschaft 
abzuschrecken. Statt Wein wird ein leerer Becher kredenzt, der viel- 
leicht von Gold ist und kunstvoll gearbeitet, aber doch nur ein leerer 
Becher. 

Ich bestreite also sowohl, daß die Mathematik an sich langweilig, 
als daß sie für das Gros der Schüler unverständlich sei. Nach meiner 
Ansicht kann das Interesse aller Schüler, die überhaupt höherer Inter- 
essen fähig sind (und andere gehören nicht ins Gymnasium), für dieses 
Fach gewonnen werden, wenn nur der Lehrer stets die lebendige Wissen- 
schaft, nicht das tote Wissen im Auge hat. Was diese Wissenschaft 
eigentlich will, in was ihr Wesen und ihr Wert besteht, das habe ich 
jetzt auseinanderzusetzen. Natürlich ist hier nicht der Ort, um dieses 
Thema gründlich zu besprechen, ebensowenig um die mir vorschwebende 
Lehrmethode vorzuzeichnen. Es handelt sich bloß darum, in ein paar 
Sätzen dem Kenner die Richtung meiner Vorschläge anzudeuten und 
dem Laien wenigstens eine Idee von dem Gegenstande zu verschaffen. 

Jede Wissenschaft hat ihre besondern Objekte, die sie benennt, 
unter sich vergleicht und nach Prinzipien, die vom Stand der Erkenntnis 
abhängen, klassifiziert. Sie scheidet und verknüpft, sammelt und ordnet 
das Material, es dem Philosophen überlassend die Summe aller Erfah- 
rungen von einem ^Mittelpunkt aus zu begreifen. Die Objekte der Mathe- 
matik sind die Za/i/. die Funktion und die geometrische Form. Woher 
stammen diese Objekte, aus der Natur oder aus dem menschlichen 
Geist? In dieser Frage wurzelt das Interesse, das von jeher be- 
deutende Philosophen der Mathematik entgegengebracht haben, man 
denke an Pythagoras, Plato, Descartes, Leibnitz und Kant, um nur die 
größten zu nennen. Die Antworten darauf lauten sehr verschieden, heute 



— 240 — 

sagt man gewöhnlich: sie stammen aus beiden. "\"on der Mutter Natur 
rührt es her, daß die Mathematik die unentbehrhche Helferin der Physik 
ist, vom Vater Verstand hat sie die logische Strenge und die Allgemein- 
gültigkeit ihrer Sätze. Erklären wir dies kurz. Irgend welche Dinge 
in der Natur bilden eine größere oder kleinere Menge ; das Charakte- 
ristikum einer Menge, das der Verstand daraus abstrahiert, ist die Zcüü. 
Alle Dinge sind i'eräuderUdt und von einander abhängig; die Mathematik 
bildet danach den Begriff der veränderlichen Zahl, Variable genannt und 
der Funktionen einer solchen. Alle Dinge im Raum besitzen eine Form; 
das Studium der Formen erfüllt die Geometrie. Man sieht, die Natur 
liefert Erscheinungen und der mathematische Verstand formt danach 
Begriffe, die aber keine genauen Kopien der Originale sind, sondern ver- 
einfachte Typen, Ideale. Die Mathematik ist also eine idealistische 
Wissenschaft (man denke an Plato!). 

Doch was bezweckt die Mathematik mit diesen Abstraktionen, aus 
denen sie ihr Netz spinnt. Antwort: Die großen ProlAeme der Welt 
bringt sie damit auf ihre einfachste Fmmi, indem sie alles Unwesentliche 
abstreift und jene dadurch dem Angriff zugänglicher macht. Das ist ihre 
Mission, darin ruht ihre Bedeutung. Einige Beispiele sollen dies noch 
verdeutlichen. AVelche Rolle spielt nicht in allen Gebieten der Unend- 
lichkeitsbegrifff Wie soll der Mensch die unendliche Mannigfaltigkeit 
aller Formen und Veränderungen übersehen? Die Geometrie hat zuerst 
gezeigt, wie das Unendliche bezwungen wird durch das (resetz. indem sie 
z. B. lehrt, wie die unendlich vielen Punkte einer Kurve durch das Ge- 
setz dieser Kurve völlig bestimmt werden. So lernten dann die übrigen 
AVissenschaften von der Mathematik auch ihren unendlichen Stoff nach 
Gesetzen zu ordnen. Doch diese Gesetze zu finden ist schwierig; am 
leichtesten ist es noch in denjenigen Gebieten, wo das Material der ge- 
nauen Messung zugänglich ist, daher es auch diese sog. exakten Wissen- 
schaften in der Aufstellung von Gesetzen am weitesten gebracht haben. 
Man hat es oft den Mathematikern zum Vorwurf gemacht, daß sie überall 
„messen" statt „ins Wesen" einzudringen. Aber das Messen ist ihnen 
gar nicht Zweck, sondern bloß Mittel, um das verborgene Gesetz zu ent- 
decken. Wenn die Pohzei die Körperteile des Verbrechers mißt, so 
geht ihr Interesse auch nicht auf die Zahlen, sondern diese dienen nur 
den Mann eindeutig zu „bestimmen", um ihn trotz aller Verwandlungen 
wieder zu erkennen. Genau so wägt der Chemiker seine Substanz und 
findet das Gesetz von der Konstanz der Masse, und so mißt der Phy- 
siker die Energien eines mechanischen Systems und bemerkt, daß ihre 
Summe bei allen Prozessen erhalten bleibt. Docli wenn einmal ein solches 
Gesetz erkannt ist, dann muß dasselbe gewissermaßen interpretiert, d. h. 
in seine äußersten Konsequenzen verfolgt werden. Zu diesem Zwecke 



— 241 — 

muß es von allem Stofflichen befreit und möglichst prägnant, d. h. eben 
mathematisch ausgedrückt werden. ]Man stellt es z. B. graphisch dar 
durch eine Kurve. Jede Kurve repräsentiert ein Gesetz und alle ihre 
Eigenschaften sind bloß Konsequenzen dieses Gesetzes. Doch ein Gesetz 
kann noch bequemer analytisch formuliert werden, und heißt dann: Funk- 
tion. Sucht jede "Wissenschaft zu Gesetzen zu gelangen, so ist die Funk- 
tionenlehre also die AVissenschaft von den Gesetzen selbst. Es genügt 
die Funktionen oder die Kurven zu studieren, um alle denkbaren Ge- 
setzmäßigkeiten, die sich quantitativ bestimmen lassen, zu beherrschen. 
Z. B. die eine Funktion y =- ex- liefert sowohl die Bahn eines Geschosses, 
als den Weg eines fallenden Körpers zu einer gewünschten Zeit, oder 
die Erwärmung eines Drahtes durch einen elektrischen Strom, oder die 
Zentrifugalkraft eines rotierenden Rades. Sie ist eben der einfachste 
Ausdruck für diese verschiedenen physikalischen Verhältnisse, von dem 
aus diese alle gleichzeitig überblickt werden. Man wende nun nicht ein, 
solche Dinge seien zu hoch für die Schule und gehörten erst an die Universität. 
Vor einem Menschenalter haben die jungen Leute schon mit 16 Jahren 
die Hochschule bezogen und die Hörsäle der Philosophen gefüllt. Ein 
Lehrer, der jene tieferen Beziehungen kennt und darüber reflektiert, wird 
sie auch den Schülern klar machen können. Die trigonometrischen 
Funktionen, der Gegensatz von Gerad und Krumm, die Definition einer 
Kurve durch ein Gesetz, das Tangentenproblem sowie zahlreiche Auf- 
gaben der Physik sind ebensoviele Anknüpfungspunkte für allgemeine 
Betrachtungen. So belehrt ward der Schüler alle diese Dinge mit ganz 
andern Augen betrachten, er sieht die Zusammenhänge und ahnt hinter 
den Figuren und Formeln die Majestät der Wissenschaft. 

Der tiefere Sinn der Mathematik läßt sich aber auch erkennen durch 
das Studium ihrer Geschichte. Die mathematische Wissenschaft ist nicht 
von heute, sondern sie kann sich eines zweiundeinhalbtausendjährigen 
Alters rühmen. Aus zarten Wurzeln sehen wir den heute gewaltigen 
Baum herauswachsen, an dessen Gedeihen der bohrende Erkenntnisdrang, 
die künstlerisch spielende Phantasie und das praktische Bedürfnis in 
gleicher Weise Anteil haben. Da sieht man, wne die schärfsten Geister 
einer Epoche gegen eine hartnäckige Schwierigkeit Sturm laufen, bis diese 
überstiegen oder wenigstens umgangen ist. Da verfolgt man, wie der 
mathematische Gedanke um Ausdruck ringt, wie er sich langsam eine 
Sprache schafft und wie mit der Vervollkommnung der Form wieder der 
Inhalt wächst. Und wer die Blicke etwas weiter schweifen läßt, erkennt 
wie in der Spezialgeschichte sich der Zeitgeist spiegelt. Die Zeiten 
metaphysischen Hochflugs, der kritische Rückschlag, der Realismus, die 
scholastische Unfreiheit, sie alle drücken auch der Mathematik ihren 
Stempel auf. Ja gelegentlich steigt diese Wissenschaft auch von ihrer 

16 



— 242 — 

Höhe herab in die Arena der OffenÜichkeit, um im Streit der Prin- 
zipien das entscheidende Gewicht in die Wagschale zu werfen. Immer 
wenn das reine Denken seine Triumphe erkämpft, da tritt die Mathe- 
matik auf den Plan und zeigt die Macht ihrer Waffen, so bei Pytha- 
goras, bei Plato, bei Koppernikus, und bei Kant. Eine passende Gelegen- 
heit für den Lehrer, diese geschichtliche Rolle der Mathematik aufzu- 
zeigen, bietet etwa das Fallgesetz. Das Uavia ^eï Hcrak/ifs hatte auf 
die Schwierigkeit aufmerksam gemacht, die beständig fließende Welt zu 
begreifen. Umsonst quälte sich das Altertum damit ab, den Begriff der 
Bewegung von den anhaftenden Widersprüchen zu befreien, selbst Aristo- 
teles kam damit nicht ins Beine-, so hing man denn der Bewegung den 
Makel der UnvoUkommenheit an und ging ihr möglichst aus dem Weg. 
Die Neuzeit aber erkannte den Wert der Bewegung. Kopjjernikus nahm sie 
für die Erde in Anspruch, dies widerstritt aber derperipatetischen Bewegungs- 
lehre und so mußte diese gestürzt werden. Dies tat Ga/iki indem er 
das wahre Fallgesetz entdeckte und zum ersten Mal eine ungleichförmige 
Bewegung mathematisch zu behandeln lehrte. Das aber konnte er nur 
mit Hilfe eines Gedankens, der längst vor ihm in der reinen Mathematik 
entstanden war. Das einfachste Bild einer stetig veränderlichen Größe 
ist nämlich eine krumme Linie, deren Richtung, Flächeninhalt, Bogen- 
länge etc. von Punkt zu Punkt sich ändern. In dieser geometrischen 
Form das Stetige bezwungen zu haben, war nun die unvergängliche 
Leistung von Archimedes. Und diese Archimedische Methode benützte 
Galilei, benützte Kepler für seine Planetengesetze, benützten und ver- 
einfachten viele andere, bis schließlich daraus die Infinitesimalrechnung 
entstand, die dem dynamischen Verständnis der Welt allerorts die Wege 
erschloß. So steht das unscheinbare Fallgesetz im Angelpunkt einer 
großen geistigen Umwälzung. In Galilei's herrlichen Dialogen kann man 
genauer sehen, wie der Kampf zweier Weltanschauungen mit mathe- 
matischen AV äffen ausgefochten wird. 

Das Gesagte wii*d genügen um den Wunsch zu begründen, man 
möchte den Gymnasiasten auch etwas über die Geschichte der exakten 
Wissenschaft zukommen lassen. Interesse und Verständnis der einzelnen 
Probleme werden dabei sicher gewinnen. Ich möchte dies aber nicht 
nur der Mathemathik zulieb anraten, sondern auch um der kulturge- 
schichtlichen Bildung willen. So manche Episode aus der älteren Mathe- 
matik verdiente allgemeiner bekannt zu sein. Vor allem dürfte es an 
einem Gymnasium am Platze sein gehörig zu betonen, daß die wissen- 
schaftliche Mathematik eine Schöpfung der (rniclnn ist. Wenn es als 
ein Hauptmittel der Veredlung gilt, sich in die AVerke jenes hochsinnigen 
Volke zu versenken, so möge man nicht vergessen, daß der Mann, in dem 
man gern die Blüte des Griechentums verkörpert sieht, keinen Nicht- 



— 243 — 

mathematiker ins Allerheiligste seiner Gedanken zulassen wollte. Über- 
haupt scheint das Verständnis für Mathematik im Altertum weit mehr 
als notwendigen Bestandteil der Bildung angesehen worden zu sein, als in 
unseren Zeiten. (Goethe z. B., den man gelegentlich mit Plato vergleicht, 
war der Mathematik direkt abgeneigt.) Sicher ist, daß die Feinheit des 
griechischen Geistes nirgends in glänzenderem Lichte erscheint, als bei 
der Entdeckung des Irrationalen durch Pythagoras oder bei der Kreis- 
messung Archimeds. Das Hauptwerk Euklids, das noch heute als bestes 
Leln'lnich der Eknientarfieonidrle im Sr/udf/ebraiich dient, ist so unver- 
gänglich und in seiner Weise so vollkommen, wie eine Statue des 
Praxiteles, Der Lehrer, der diese Dinge kennt, wird gern hie und da 
eine Viertelstunde opfern, um einige Proben dieser griechischen Mathe- 
matik einzuschalten. Manche der geometrischen Schriften der Alten sind 
mit längeren Einleitungen versehen, die man den Schülern vorlesen kann, 
und die ihnen die alte Welt einmal von einer Seite zeigen, von der 
man sie sonst nie zu sehen bekommt. 

Ich hoffe die bisherigen Ausführungen seien eindringlich genug um 
die Überzeugung zu erwecken, daß Mathematik und Humanismus keine 
Gegensätze sind, daß sich vielmehr die Mathematik sehr zum eigenen 
Vorteil humanistisch betreiben läßt. Ich meine damit natürlich nicht, 
daß sich der Unterricht ganz in Naturphilosophie und Geschichte auf- 
zulösen habe, oder daß man den Aufgaben der Praxis vornehm aus dem 
Wege gehen solle. Unser Bestreben ist im Gegenteil dahin gerichtet, 
möglichst alle Seiten der Wissenschaft den Schülern vorzuführen, aber 
so, daß jeder Zweig als natürlicher Ausfluß ihres innersten Wesens er- 
scheint. Man gebe bloß das Prinzip auf, in der verfügbaren Zeit nur 
möglichst viel Wissensstoff in die Köpfe hereinzupumpen, beschränke 
vielmehr sein Programm, ohne etwas Wesentliches abzuschneiden, so, 
daß man Zeit hat, durch philosophische Betrachtungen und historische 
Exkurse den Stoff zu vertiefen. So allein ist zu hoffen, daß mit der 
Zeit das Vorurteil gegen die „öde" Mathematik gebrochen, daß ein 
bleibender Gewinn des mathematischen Unterrichts und damit eine gleich- 
mäßigere Bildung erzielt werde. 

Doch gesetzt einmal, dieser Vorschlag fände allgemeinen Beifall, 
so bleibt noch die wichtige Frage zu erledigen, wie diese Reform des Unter- 
richts durchzusetzen sei. Über Nacht geht dies natürlich nicht. Mit 
Verordnungen, Programmen, Lehrbüchern u. dgl. ist erst das wenigste 
getan, denn die beste Lehrvorschrift kann geistlos befolgt werden. Son- 
dern der Faktor, der den Erfolg allein zu garantieren vermag, ist die 
Persönlichkeit des Lehrers. Mathematik richtig zu lehren ist eine 
Kunst, die hohe Anforderungen stellt. Soll der Unterricht nicht bloß 
Kenntnisse, sondern Erkenntnis erzielen, so muß der Lehrer mehr als 



- 244 — 

bloß Fachmann sein. Wer Euklids Elemente oder Descartes' Geometrie 
nie in der Hand gehabt hat, wer sich nie mit den Grundlagen, der Ge- 
schichte und der Philosophie der Mathematik beschäftigt hat, kann zwar 
noch immer ein tüchtiger Lehrer sein, doch wird er schwerlich eine 
tiefere Wirkung erzielen. Ein Lehrer gar, der kaum imstande ist den 
Inhalt seines Leitfadens zu beherrschen und dessen ganze Kunst im Ein- 
pauken von Formeln besteht, sollte an keiner höhern Schule zugelassen 
werden. Man sehe also hei de}' Wafif eines Matluinaliklelirers für obere 
Klassen auch auf hunuinistische Bildung und a/Igemeinere Interessen. Frei- 
lich woher solche Lehrer leicht bekommen? Es ist nämlich nicht zu 
leugnen, daß dem Vorurteil, die Mathematik habe keinen Bildungswert, 
durch deren Vertreter häufig Vorschub geleistet wird. Es ist nicht ganz 
aus der Luft gegriffen, wenn man so oft hört, die Mathematiker seien 
gewöhnlich einseitige Schablonenmenschen, in ihre Spezialität verbohrt, 
ohne Sinn für AVerte, die sich nicht berechnen lassen. Wahr ist jeden- 
falls, daß der Studiengang vieler späterer Mathematiklehrer viel zu ein- 
seitig ist. Die jungen Leute, die für dies Fach vielleicht nicht einmal 
ein tieferes Interesse, sondern bloß einige Leichtigkeit im Erlernen des- 
selben besitzen, hören das gewöhnliche Repertoire von naturwissenschaft- 
lichen Kollegien durch, wobei sie sich wohl hüten, „zuviel" zu lernen 
oder gar Zeit an unnötige Xebenstudien zu verschwenden. Diese ver- 
lassen dann die Universität vielleicht mit Auszeichnung, ohne daß man 
ihnen im übrigen viel von Bildung anmerkt. Es ist daher vor allem die 
Aufgabe der höheren Lehranstalten, den Studierenden beizubringen, daß 
zum tieferen (nicht bloß formalen) Verständnis von Mathematik und 
Physik, wie sie von einem Gymnasiallehrer unbedingt gefordert werden 
muß, eine gewisse philosophische und historische Bildung unerläßlich 
ist. Weiter muß dann natürlich an allen Universitäten dafür gesorgt 
werden, daß regelmäßige Vorlesungen über Geschichte und Philosophie 
der exakten Wissenschaften abgehalten werden. Noch besser wären viel- 
leicht besondere Kurse über mathematische Pädagogik, wie sie z. B. Prof. 
Pringsheifn vorschlägt. Die Hochschulen haben ja leider die Fühlung 
mit den Schulen teilweise verloren und kümmern sich viel zu wenig um 
die Bedürfnisse der Pädagogen. Diesen ist mit der Anhäufung von Tat- 
sachen, auf die sich die mathematisch-naturwissenschaftlichen Kollegien 
meist beschränken, allein nicht gedient, sie sollten den Stoff auch in 
einer ihren Zwecken entsprechenden Verarbeitung überliefert bekommen. 
Also auch die Universitätsmathematik muß sich herablassen An- 
strengungen zu machen, wenn der Mathematikunterricht an den Schulen, 
speziell am Gymnasium, in humanistischem Sinne reformiert werden soll. 
Überhaupt ist dieser Hochschuhnatheniatik vorzuwerfen, daß sie sich 
wenig oder gar nicht bemüht bei einem weiteren Publikum Verständnis 



— 245 — 

zu finden, ohne zu bedenken, daß dies für sie selbst Folgen haben kann. 
Es ist wenigstens bemerkenswert, daß, während die Naturwissenschatten 
für die breitesten Schichten popularisiert werden, eine populäre Mathe- 
matik meines Wissens nicht existiert. Und doch wäre eine solche kein 
Ding der Unmöglichkeit, so paradox dies auch solchen vorkommen mag, 
die von der Mathematik nur die formale, rechnerische Seite kennen. 
Denn die Grenzen der weitverzweigten Wissenschaft ragen von ver- 
schiedenen Seiten in die gewöhnliche Interessensphäre des gebildeten 
Publikums hinein, von wo aus daher dessen Aufmerksamkeit auf mathe- 
matische Fragen gelenkt werden könnte. 

Fassen wir zum Schluß das Gesagte nochmals kurz zusammen. 
Wir gingen aus von der Tatsache, daß die Mathematik von der Mehr- 
zahl der Gebildeten ignoriert oder völlig verkannt wird. Die Schuld 
erblicken wir in der üblichen Unterrichtsweise, die dieses Fach bloß von 
realen und formalen Gesichtspunkten aus behandelt. Soll eine Besserung 
eintreten, so muß vor allem der ideale Wert der Wissenschaft, ihr letzter 
Zweck und Inhalt gelehrt werden. Das Gleiche gilt für Physik, Chemie 
und die beschreibende Naturwissenschaft. Eine solche humanistische 
Behandlung des Stoffs wäre auch im Interesse der einheitlichen Durch- 
führung des gymnasialen Erziehungsgedankens zu begrüßen. Dazu braucht 
es aber Lehrer, die neben guten Fachkenntnissen auch historische und 
philosophische Interessen besitzen. Der systematischen Ausbildung solcher 
geeigneter Lehrkräfte haben daher die Universitäten in höherem Maße 
als bisher Rechnung zu tragen. 

Wir haben uns bei unseren Ausführungen streng auf das huma- 
nistische Gymnasium beschränkt, um uns nicht mit denjenigen Schulmännern, 
die bloß praktische Ziele des Unterrichts gelten lassen, auseinander setzen 
zu müssen. Wir glauben allerdings, daß auch für Realschulen eine Dosis 
Philosophie nicht zu verachten wäre, da damit größeres Interesse und 
dadurch wieder leichteres Verständnis erzielt werden könnte. Alle Ein- 
seitigkeit ist schließlich unfruchtbar. 

Unsere Vorschläge haben wenigstens den Vorteil, daß sie schon 
durch Einsicht und guten Willen der maßgebenden Persönlichkeiten einiger- 
maßen erfüllt w^erden können, ohne daß einschneidende Änderungen im 
Schulplan getroffen werden müßten. Denn sie zielen bloß auf die Ver- 
besserung der Qualität, nicht der Quantität. Und da bekanntlich die 
Lehrer nicht nach der Qualität, sondern nur nach der Quantität ihrer 
Unterrichtsstunden honoriert zu werden pflegen, so erwächst, wenn wir 
vom letzten Punkte absehen, auch dem Staatsbudget aus unserem Vor- 
schlag keine Mehrbelastung. Besonders dieser Umstand berechtigt mich 
zu der Hoffnung, daß da und dort diesen Anregungen Gehör geschenkt 
und die Wirkung eines humanistischen Mathematikunterrichts auf die 



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Schüler erprobt werde. Ich bin ja überzeugt, daß einzehie Lehrer dies 
seit langem schon versucht haben, doch sind diese jedenfalls bis heute 
vereinzelt geblieben. Meine eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht sind 
an Zahl noch gering, haben mich aber in dem Glauben bestärkt, daß der 
angegebene Weg der richtige sei. Möge er bald von vielen betreten 
werden ! 

Basel, 7. April 1907. 






Zur Komposition des Velleius. 

Von 
Friedrich Münzer. 



Es bedarf keiner Rechtfertigung, wenn einer in Basel tagenden 
Versammlung von Philologen einige Bemerkungen über Velleius darge- 
bracht werden; in Basel ist ja Velleius vor bald vierhundert Jahren ans 
Licht gezogen worden. *) Wie kommt es wohl, daß ohne den glücklichen 
Fund des Beatus Bhenanus im Kloster Murbach ums Jahr 1515 beinahe 
die ganze Existenz des Velleius in völliges Dunkel gehüllt wäre? Die 
Antwort darauf kann nur sein Werk selbst geben. Es ist eines von den 
literarischen Erzeugnissen, wie sie in Zeiten einer weiten Verbreitung 
allgemeiner Bildung täglich entstehen und vergehen; sein Verfasser ge- 
hört zu jenen Literaten der römischen Kaiserzeit, die kürzlich Wila- 
mowitz (Griech. Literaturgesch. 151) treffend charakterisiert hat: „Die 
Journalisten verschneiden den alten schweren Stoff, den die Gelehrten 
mit saurer Arbeit einst gewoben hatten, zu den Läppchen ihrer Essays 
und Artikelchen und bilden sich ein, er gehörte ihnen, weil sie ihm von 
sich ein paar Flitter und Schleifen aufsetzen, wenns Glück gut ist, einen 
Similibrillanten." Der Zufall, der uns den Velleius zum größern Teil 
erhalten hat, hat es mit ihm und mit uns gut gemeint, indem er die 
letzten Abschnitte bewahrte und die ersten untergehen ließ, während sonst 
meistens das Umgekehrte eingetreten ist; denn Velleius hat die letzten 



1) Nachdem dann vor siebzig Jahren die Entdeckung der Amerbachschen Ab- 
schrift in der Basier BibHothek das Interesse für Velleius von neuem belebt hatte, ist 
auch in der Schweiz das Beste geschrieben worden, was wir über Velleius im allge- 
meinen besitzen, von dem damals in Zürich tätigen H. Sauppe im Schweizerischen 
Museum 1837. I 1.S3 ff. = Ausgewählte Schriften (Berlin 1896i B9 ff. (mit den Seiten- 
zahlen des Originaldrucks, die daher zitiert werden). Der Gesamtauffassung des Velleius 
bei Sauppe steht meine eigene bisweilen näher als der bei Klebs Philologus 1890. 
XLIX 285 ff. Vgl. außerdem noch Peter Geschichtl. Literatur über die römische 
Kaiserzeit I 382 ff. 



— 248 — 

Abschnitte am selbständigsten und am leichtesten niederschreiben können, 
und wir müssen sie am höchsten schätzen, weil sie unser Wissen am 
meisten bereichern. Wir haben darum Grund, dem Zufall zu danken, 
aber wir dürfen unser Urteil nicht von ihm allein bestimmen lassen. 
Eine Geschichte der römischen 'Literatur, die ihren Namen wirklich ver- 
dient, kann an Velleius vorübergehen, ohne ihn auch nur zu nennen.') 
Darin liegt ein hartes Urteil, das jedoch nicht unberechtigt ist; zu 
seiner Begründung soll auch die folgende Untersuchung beitragen, zu- 
gleich die Probe einer Quellenkritik, die nicht in erster Linie durch 
Quellenvergleichung zum Ziele gelangen will. 

In dem Werke des Velleius erkannte Sauj^pe 158 „nicht sowohl 
eine Entwicklung der Begebenheiten in ruhiger Zeitfolge, als den Katalog 
einer chronologisch geordneten Galerie von Porträts aus der römischen 
Geschichte, jede Xummer begleitet von allerlei historischen Notizen über 
die Persönlichkeit des Porträtierten." Eine solche Art der Behandlung 
war bei den Griechen für die Geschichte ihrer Literatur, Wissenschaft 
und Kunst die allein übliche gewesen, während sie in der Geschichte 
der Völker und Staaten mehr die große, zusammenhängende Entwicklung, 
als die Wirksamkeit einzelner Persönlichkeiten erfaßten. Diese Auffassung 
der politischen Geschichte begann sich in Rom zu ändern, je mehr die 
persönliche Herrschaft Einzelner als das letzte Ziel aller Kämpfe hervor- 
trat. Der Anteil der PersönlichklRten an dem Werdegange des röraisclien 
Volkes wurde mehr und mehr ins Licht gesetzt, von den Einen durch 
Verherrlichung ihrer Ahnen in Wort und Schrift und Bild, von den 
Andern durch die der eigenen Verdienste. Und wenn man den langen 
Reihen der hellenischen Geistesgrößen trotz aller Mühe keine recht eben- 
bürtigen römischen zur Seite zu stellen vermochte, so zählte man mit 
desto mehr Stolz die Männer auf, die den eigenen Staat so hoch über 
die gefeiertsten der hellenischen Staaten erhoben hatten. Unter diesem 
Gesichtspunkt des wachsenden Interesses für die Persönlichkeit in der 
Geschichte können mancherlei Erscheinungen im Leben und in der Lite- 
ratur der letzten republikanischen Zeit betrachtet werden; die neue 
Monarchie hat auch in diesem Punkte ihr feines Verständnis für die 
Forderungen und Strömungen ibrer Zeit bekundet: Die Ahnengalerie 
nicht eines Geschlechtes, sondern des ganzen Volkes, das adeliger war 
als alle anderen, hat erst der Dichter in begeisterter Vision geschaut, 
und dann der Kaiser in vollem Glänze erstehen lassen, natürlich so, 
daß seine und seines Hauses Herrlichkeit alle andere überstrahlte. *) 



') Leo Rom. Literaturgesch. Hbb^^-il-i. 

-) Kür die hier gegebenen Andeutungen sind viele, aber nicht alle Belege in 
Leos l{uche über die Griechisch-römische Biographie und in Premersteins Artikel 
„Elogium" (Pauly-AVissowa V 2442 ff.) zu finden. Daß zwischen Vergils Heldenschau 



— 249 — 

An diese ganze Entwicklung knüpft Velleius an; der Abstand einer 
Generation bezeichnet freilich einen tiefen Abfall in jeder Hinsicht. 
Doch kommt es hier nicht darauf an, wie sich bei ihm der Abschluli 
der Porträtgalerie gestaltet*), sondern der Anfang; soweit wir sehen 
können, löst sich ihm die Geschichte Roms in die der großen Römer 
auf, weil sie von ihm zum guten Teile nur aus Biographien zusammen- 
gesetzt worden ist.-) 

Die meisten historischen Persönlichkeiten hatten nicht besondere 
Biographien von verschiedenen Verfassern erhalten, sondern nur solche 
innerhalb umfassenderer Sammlungen. Allgemein anerkannte Größen, 
wie Marius und Sulla, ■^) Pompeius und Caesar durften natürlich in keiner 
solchen fehlen; bei anderen Männern konnte der Sammler eine ver- 
schiedene Auswahl treffen, wie es z. B. Xepos und Plutarch bei den 
berühmten griechischen Feldherren getan haben. *) Von Augustus wird 
bezeugt (vgl. CIL I- p. 186), daß er für seine Ruhmeshalle die Feld- 
herren auswählte, die Rom groß gemacht hatten; er schloß aber nach- 
weislich auch Männer nicht aus, die wie M'. Valerius Maximus und 
Ap. Claudius Caecus ihren Ruhm wesentlich daheim und im Frieden er- 
worben hatten. Wer dagegen, wie der Auetor de viris illustribus urbis 
Romae die ganze römische Geschichte in Form von Biographien zur 
Darstellung bringen wollte.^) durfte keine darin genannte Persönlichkeit 
übergehen, auch wenn sie bei der Nachwelt nicht in guten Andenken 
stand, ja sogar wenn sie die Größe Roms zu mindern und zu stürzen 
getrachtet hatte. Gleichsam in der Mitte zwischen diesen entgegenge- 
setzten Staudpunkten steht Plutarch mit seiner Auswahl der berühmten 
Römer, denn er „handelt ausschließlich von Männern, die Geschichte 
gemacht haben, und doch verwahrt er sich nachdrücklich dagegen, Ge- 
schichte zu schreiben" (Leo Griech.-röm. Biographie 146). Er zog daher 
den Kreis weiter als Augustus, indem er auch einen Coriolan und einen 

> 

und dem Plane des Augustus für die Ausschmückung seines Forums ein Zusammen- 
hang besteht, braucht nur ausgesprochen zu werden, um einzuleuchten (vgl. Norden 
Kommentar zu Yerg. Aen. YI S. 3U9). Nicht zugänglich ist mir G. Schön Die Ele- 
gien des Augustusforums und der Liber de vir. ill. Progr. von Cilli 1895. 

1) „Ist Caesar der Positiv, Augustus der Kompai-ativ, so sollte Tiberius als 
Superlativ sie übertreffen" (Peter Geschichtl. Lit. I 387). 

-) Vgl. von Früheren Sauppe 155 ff. Burmeister De fontibus Vellei Paterculi. 
Diss. Berlra 1894 = Berliner Studien f. klass. Philol. XV 1 S. 21 ff. Leo Griech.-r.im. 
Biographie 240 f. 

3j Bei Vergil, der als Dichter in der Auswahl freier ist, durfte allerdings Sulla 
fehlen, auf dem Augustusforum aber nicht (vgl. CIL P p. 196 el. XX). 

•*) Vgl. Christ Gesch. der griech. Lit.* 677. 

5) Ganz aus dem Plane heraus fällt sem 22. Kapitel: Aesctilapim Roinani ad- 
veetus ; vgl. auch Leo Griech.-röm. Biographie 310. 



— 250 — 

Sertorius und auch die Gegner des Caesar und des Augustus selbst, 
Cato, Brutus, Antonius, aufnahm ^) ; aber er ging nidit so weit wie der 
Auct. de vir. ill., der sogar Männern wie Mancinus, Saturninus, Fimbria 
und Cinna, dem Sohne Marius und Sex. Pompeius besondere Abschnitte 
widmete. Die Schriften de viris illustribus, die dem Velleius vorlagen, 
konnten nun ihrerseits eine sehr verschiedene Auswahl der berühmten 
Männer getroffen haben, und Velleius selbst konnte sich ihnen auch 
wieder sehr frei gegenüberstellen. Denn wenn er die ganze römische 
Geschichte behandeln wollte, so mußte er eigentlich solche Quellen be- 
vorzugen, die den geschichtlichen Stoff in der üblichen chronologischen 
Anordnung boten, und nur in zweiter Linie solche heranziehen, die ihn 
in Biographien zerlegten. Aber es ist für ihn sehr bezeichnend, daß er 
vielmehr in großen Abschnitten die Biographien zu Grunde legt und 
den Geschichtsdarstellungen nur das entnimmt, was zu der Verbindung 
und Ergänzung jener notwendig ist. Das ist bei den bedeutendsten Per- 
sönlichkeiten, die im Zeitalter der Bürgerkriege eine Rolle gespielt haben, 
und namentlich bei denen der Herrscher Caesai', Augustus, Tiberius am 
deutlichsten; Velleius verzichtet immer mehr auf die Heranziehung von 
allgemein geschichtlichen Darstellungen, je mehr die einzelne Biographie 
von dem gesamten geschichtlichen Stoff in sich aufzunehmen hatte. Aber 
dasselbe hat er auch in den früheren Partien getan; nur gibt er sich 
dort notgedrungen seiner Neigung nicht in demselben Maße hin, sondern 
muß das Gerüst seines Werkes aus chronologisch fortschreitenden Ge- 
schicbtswerken entnehmen, darf nur zu seiner Ausschmückung und Ver- 
kleidung die biographische Literatur verwerten. Das Streben, beide 
Gattungen miteinander zu verljinden und die zweite möglichst zu bevor- 
zugen, führt nun zu einer sehr unruhigen und ungenießbaren Darstellung, 
während die späteren Abschnitte mehr in einem Zuge geschrieben sind. 
Die Analyse der ersten Teile, die uns von der römischen Geschichte 
erhalten sind, bildet die Grundlage der folgenden Untersuchungen. 

II. 

Velleius hat nicht nur die römische, sondern die allgemeine Ge- 
schichte geschrieben, daher ist von den Biographien der Nichtrömer 
auszugehen. Bei dem Verlust der ganzen griechischen Geschichte kommen 
lediglich die von Römerfeinden in Betracht, von denen der Auetor de 
vir. ill. vier Könige behandelt, Pyrrhos. Antiochos, ]Mithridates und 
Kleopatra. T)ar) die Könige Porsena und vollends Jugurtha fehlen, ist 



1) üb die 1 leiden Ci raccheu .Statueu auf dem Augustusturum erhielten, ist zweifel- 
haft, obgleich ihr Vater, der zweimal triumjjhiert hatte, dort niclit fehlen durfte (CIL 
P p. 195 el. XVI I, und (iracchi t/euns von Vergil. Aen. \'J Si'2 oreiiannt wird. 



— 251 — 

befremdend, aber wobl gerade aus alter Tradition der hellenistiscben 
Geschichtsclireibung zu erklären, indem die Lebensbeschreibung von 
Barbarentursten nur in der ihrer Gegner untergebracht wurde. Statt 
einer zusammenhängenden Erzählung des Porsenakrieges, worin der König 
die Haujitperson gewesen wäre, gibt der Auct. de vir, ill, die Veran- 
lassung des Krieges im Leben des Tarquinius Superbus (8,5) und die 
drei wichtigsten Episoden unter den Namen ihrer Helden Horatius 
Cooles, Mucius Scaevola und Cloelia. Bei Jugurtha hätte doch sein Tod, 
wie ihn Plut. Mar. 12 erzählt, jeden antiken Historiker oder Biographen 
zur packenden Darstellung reizen müssen ; aber schon bei Sallust schließt 
die Lebensgeschichte vielmehr (lug. 113,7): Inf/url/ta Sul/ae riiir/iis Ira- 
ditur et ab eo ad Mar'mm dcducifnr^)-^ dasselbe ist beinahe alles, was der 
Auct. de vir. ill. von dem Numider meldet,-) und auf dasselbe ungefähr 
beschränkt sich auch Yelleius. Bei ihm fällt es besonders auf, daß er 
der Aufführung Jugurthas im Triumphe des Marius nichts mehr hinzu- 
fügt (II 12,1), da er doch von Perseus nach der Aufführung im Triumphe 
des Siegers (I 9,5 und 6) den ganz gleichgültigen und unrühmlichen 
Tod mit Angabe von Ort und Zeit der Erwähnung wert findet (I 11,1). 
Im Negativen zeigt sich hier also eine Übereinstimmung verschiedener 
Biographiensammlungen. 

Perseus ist von ihnen allerdings nicht gleichmässig beachtet worden ; 
der Auct. de vir. ill. gedenkt seiner nur in der Vita seines Überwinders 
L. Aemilius Paullus in aller Kürze (56,3); dem Velleius dagegen stand 
eine Lebensbeschreibung des letzten Makedonenkönigs zu Gebote und 
wurde nun von ihm verknüpft mit der des Aemilius Paullus. Beiden 
gemeinsam war der wichtigste Abschnitt, die Schlacht bei Pydna; in 
diesem Knoten verschlingen sich bei Vell, I 9,4 gewissermaßen die vor- 
her und wieder nachher getrennten Fäden beider Lebensläufe. Der An- 
fang der Biographie des Perseus ist mit dem größten Teile des ersten 
Buches verloren gegangen; das Erhaltene beginnt 19,1: * * * qaa/tt 
timutrat hostis. e.rpetit. iiani hkunio adeo varia fortana cum connulUnis 
conßUerat. u1 plerumque superior foret'^) magnamque park m Graeciae in 



1) Ygl. 114, 3: lugnrtham Romam adduci nuntiatum est. 

-) Auct. de vir. ül. 62,1: Metellus de lugurtha rege yiimidiae triinnphavU; 67,1: 
Marius liigurtham captum ante currum egit: 75,2: Sulla lugnrlham a Boccho in deditionem 
accepit. Über Vell. n 9.4 s. u. S. 263. 

3) Foret ist eine alte Konjektur für das überlieferte fuit, das Rhenanus still- 
schweigend in fiierit änderte. Scholl Rhein. Mus. LUI 525 findet den Oredanken un- 
logisch: Adeo varia fort ima, iit plerumque sujjerior foret; aber auch vom Viriathischen 
Kriege heißt es 11 1,3: Quod ita varia forluna gestum est, ut saepius Romanorum 
gereretur adversa, sodaß Yelleius doch wohl glaubte, in dieser Form seinen Gedanken 
besonders fein ausgedrückt zu haben. Ygl. auch 55.1 von Caesar: Primo varia forluna, 
mox pugnavit sua (und dazu wieder 63,5: Plancus dubia, ist est sua fide). Nach 



— 252 — 

societateiti auaui jxrdNccref. Ist auch der verstümmelte Anfang nicht 
sicher zu ergänzen, so war doch offenbar Perseus, der liost'm des Relativ- 
satzes, vorher mit Namen genannt und eingeführt, da er sonst nicht 
Subjekt des folgenden Hauptsatzes sein könnte. Dann wird er wieder 

Subjekt und Hauptperson 9,4: Ifi Persum coefiit e Macedonia pro- 

fiujere, quam tl/e ünquens in insidtun Samothraciam profuifd^) tempUque 
m relif/ioni supplircni cndid'd. ad einu Cn. Octarhis praetor, f/ai c/assi 
praeerat, percenit et ratione magis (juam vi permasit, ut se Romanorum 
fidei committeret. ita Paulhts martmum nohdimmumque regem in triumpito 
diixit. Verglichen mit der kurzen Andeutung der Entscheidungsschlacht 
erscheint diese Erzählung der persönlichen Schicksale des Königs un- 
verhältnisraässig breit; die Verknüpfung mit dem Vorhergehenden ist 
ungeschickt; nicht nur das Wort pro f tigere wird wiederholt, sondern in 
der Bemerkung 9,6, daß der Triumph des Paullus die früheren rel magni- 
fadine regis Persei übertrofi'en habe, wird auch der Gedanke des Satzes ita 
PauJlus cet. noch einmal kürzer ausgedrückt. Das alles spricht für die 
Verbindung zweier Vorlagen, von denen die eine den Blick nur auf den 
König richtete. Unmittelbar an das von ihm Berichtete schließt sich 
dann an 11,1: Post cietum cajJtuntf/ae Persen. qui quadriennio post in 

lihera custodia Allme decessif, Pseudop/filipjnis breii temeritatis poenas 

(ledit. Hier wird erstens der Ausgang des Perseus erzählt, dessen Fehlen 
niemand als eine Lücke empfinden würde, und eng damit verbunden 
wird über zwei Jahrzehnte hinweg die Geschichte des falschen Philippos. 
Wahrscheinlich hatte die benutzte Perseusbiographie einen Anhang über 
den angeblichen Sohn ihres Helden, gerade wie auch beim Auct. de vir. 
ill. trotz des Zeitabstandes der Sohn des Decius unmittelbar an den 
Vater, der Sohn Marius ebenso an den Vater — vor Cinna und Fimbria — 
angehängt wird. Vielleicht darf man weitergehend vermuten, daß in der 
Vorlage des Velleius die ganze Reihe der makedonischen Könige dar- 
gestellt war-) bis herab auf den Prätendenten, der deshalb nicht mit 
seinem wahren Namen Andriskos bezeichnet wurde, sondern nur mit dem 
angemaßten, weil dieser seine Aufnahme in die Reihe rechtfertigte. 

Auch eine Lebensbeschreibung des Mithridates dürfte dem Velleius 
zur Verfügung gestanden haben, wenngleich sie nur für dessen Anfänge 

Abfassung meines Aufsatzes lerne ich die Bemerkungen von Noväk Wien. Stud. XX VIII 
285 kennen, die mit meinen eigenen hier völlig ühereiustimnien. 

Ï) Das ülierlieferte jirofunit wird allgemein in perfiii/it geändert unter Be- 
rufung auf 23,.S: Maior pars nobilUatii, ad Sitllam in Acliaiam perfinjU., kann 

aber auch verteidigt werden durcli die Überlieferung 24,2: Cum coUcjiue eins .... ad 
Sullain p rofiifiUment. 

') Der Anfang der Reihe liegt vor liei Nepos de reg. 2,1, der hier von den 
Viten Philipps und Alexanders nur den Schluß, das Lebensende, aufninmit. Vgl. auch 
S. 254,2. 



— 258 — 

benutzt und später bei Seite gelassen wurde, weil der geschicbtliclie 
Stoff obnebin gewaltig anscbwoll. An die Notiz 1117,1: ilitiisithtliiDi 
inkruut ij. J^nnpiius et L. OjrNc/im^ SiiUu. schließt sich als die genaue 
Fortsetzung an II 18,3 Ende: Sorte ofwenif Sullae Asia proiiiicKt : zwischen 
beide Sätze schiebt sich aber erstens die ganze Vorgeschichte Sullas 
und zweitens die des Mithridates. Die letztere (18,1 — 8) wird in die 
denkbar ungeschickteste Form gekleidet, als Vordersatz zu dem ange- 
führten kurzen Hauptsätzchen gestaltet, durch Parenthesen und Exkurse 
zu den Parenthesen unterbrochen, durch die ungenaue Zeitbestimmung 
jK-r ea tcmpora lose mit der genauen Datierung nach den Konsuln ver- 
knüpft. Aufgelöst in ihre Bestandteile, läßt sie sich passend mit der 
Vita Mithridats beim Auct. de vir. ill. 76 vergleichen: Der Huld wird 
mit Namen und Titel eingeführt fMtf/iriflafes Poiiticii.s rcr Vell., Mif/iri- 
(kites red- Pont} Auct. 1); seine Abstammung ist bei Vell. weggelassen; 
es folgt die Charakteristik, beim Auct. 1: mof/nfi vi (uihnl et corporia. 
ergänzt durch zwei Anekdoten als Belege für beide Seiten, bei Vell. im 

Kern übereinstimmend (semper (uümo ma.nmus mtfes nuumj. aber 

breiter und kunstvoller ausgeführt mit einer Fülle echt Velleianischer 
Antithesen.^) Von dem Mithridatischen Kriege geben beide Schriftsteller 
dieselben drei Tatsachen au: Erstens occupata A.sia Vell., ausführlicher 
Auct. 2: Nicomeden Bit/ii/nia. Anof)arzanen Cappadœia exputtt : zweitens 
die Ermordung der in Asien weilenden Bömer; drittens den Abfall der 
Griechen von Rom mit Ausnahme der ßhodier. Bei der zweiten mit 
besonderer Genauigkeit erzählten Tatsache ist die Übereinstimmung 
zwischen Vell. und Auct. 3 eine vollständige; bei der ersten ist die 
scheinbare Abweichung nur eine Folge der starken Verkürzung der Vor- 
lage und bei der dritten eine Folge der persönlichen Neigung des Velleius, 
die Treue der Rhodier, die eigentlich Nebensache ist, so stark zu be- 
tonen, daß er die Hauptsache, die Treulosigkeit der übrigen Griechen, 
darüber fast vergißt.-) Seine Zusammenfassung alles Gesagten: Cum 

1) Die Einführung: Vir neque silendus neqite dicendus sine cura, erinnert weniger 
an I 2,1: Codrvs vir no)i prnelereundiis, als an andere Stellen, II 17,1: (Sulla) vir qui 
nerpie adfinem vicloriae (vgl. dazu Herwerden Mnemosyne XXXII 98 f.) satis laudari neque 
post victoriain salis vilu/jeravi j)Oiest: 67,1: Huius totius temporis (der Proskriptionen 
der Triumvim) /or/?^na;« ne deflere quidem qvigquam satis potvit, adeo nemo exprimere 

verbis polest; 101,1: C. Caesar tarn varie se ibi yessit.nt nee laudaturum magna 

nee vituperati/rum medioeris materia deßciat. Der pointierte Ausdruck darf in solchen 
Fällen nicht üVier die Unsicherheit des Urteils und die Armut des Gedankens täuschen. 
Die Charakteristiken des Yelleius, die Sauppe 160 noch zu günstig beurteilt, sind 
meistens gerade so einseitig wie die des Xepos oder, wenn die Meinungen der Vor- 
gänger auseinandergehen, aus Widersprüchen zusammengesetzt. Über Sulla wörtlich 
dasselbe bei Val. Max. IX 2,1: Quem neque laudare neque vituperare quigquam satis 
digne polest. 

2) Vgl. den Exkurs am Schluss des Aufsatzes S. 277 f. 



— 254 — 

tembiUs Italiae quoqiie vkkretur immiiierc. ist von ihm selbständig hin- 
zugefügt, um die Verbindung zwischen den Viten des Mithridates und 
des Sulla herzustellen -, sie ist falsch, nicht nur weil sie übertreibt, sondern 
auch weil sie der Zeitfolge der Ereignisse widerstreitet.^) Es ist möglich, 
daß Velleius auch weiterhin noch einmal einen Blick auf die Biographie 
des Königs geworfen hat; bei der verhältnismäßig eingehenden Wieder- 
gabe der Friedensbedingungen Sullas 23,6 könnte der ungeschickte Satz- 
bau für eine Vermischung zweier Quellenstellen sprechen, und bei der 
sonst kurzen Erwähnung des Todes Mithridats 40,1 die Worte: ülthnns 
omnium iuris sui regum praeter Parthicos. für die Benutzung einer Samm- 
lung von Königsviten, worin diese die letzte war;-) auch die an ganz 

unpassender Stelle eingeflickte Notiz II 4,1 : Populo Romano heredilate 

relicta est a Nicomede Bitinjma. könnte daraus stammen, weil diese 

Veranlassung des dritten Mithridatischen Krieges sonst von Velleius 
nirgends berührt wird. Aber mit Sicherheit läßt sich nur für die An- 
fänge des Königs die Benutzung einer Vita annehmen, die aus einem 
biographischen Sammelwerk stammen muss. Andere Königsbiographien 
kommen für die erhaltenen Teile des Velleius überhaupt nicht in Be- 
tracht; eine solche der Kleopatra hat er entweder nicht gehabt oder 
nicht verwertet. 

Von Römerfeinden, die nicht Könige waren, sind Hannibal und 
Viriathus beim Auct. de vir. ill. in besonderen Kapiteln behandelt. Was 
Velleius von Hannibal erzählte, wissen wir nicht; wenn die Bezeichnung 
Mithridats als odio in Romanos Hannibal (II 18,1)^) vermuten läßt, daß 
die bekannte Anekdote, wie Hannibal als Knabe den Römern ewigen 
Haß geschworen habe, von ihm nicht übergangen worden ist, so folgt 
daraus nichts, weil ebenso wie die Biographen Hannibals (Nep. Hann. 
1,3 ff. Auct. de vir. ill. 42,1), auch die Geschichtschreiber des Hanni- 
balischen Krieges (Polyb. III 10,7 ff. Liv. XXI 1,4. Appian. Hann. 3) 
mit dieser Anekdote ihre Darstellung zu eröffnen liebten. Was dem 
Viriathus beim Auct. de vir. ill. die Ehre einer besondern Vita einge- 



') Sie beruht in letzter Linie auf dem Bericht, daß Mithridates durch eine 
Gesandtschaft der Italiker aufgefordert wurde, nach Italien zu ziehen, und darauf ant- 
wortete, er wolle dies tun, sobald er Asien unterworfen habe (Diod. XXXVII 2, 11). 
Sulla hatte die Provinz erhalten, als der König den Angriff eröffnet hatte, lange vor 
dessen großen Erfolgen (vgl. Bernhardt Chronologie der Mithridatischen Kriege. Diss. 
Marburg = Progr. Dortmund 1896 S. 9 f.). 

2) Eine solche Sammlung hatte z. B. Nepos gegeben vgl. de reg. 1,1; s. auch 
Leo Griech.-röm. Biographie 145. Bei Velleius kann man den Schluß der attischen 
Königsreihe vergleichen I 2,1 f., woran 8,2 f. anknüpft. 

3) Dieser sprichwörtlichen Verwendung des Namens Hannibal scheint keine der 
anderweitig bekannten ganz ähnlich zu sein, vgl. Otto Sprichwörter der Römer 158, 
wo die schon o. S. 2.').},1 angezogene Stelle des Val. Max. IX 2,1 hinzuzufügen ist. 



— 255 — 

tragen hat, war das Gegenteil von dem, was den Jugurtha um diese 
Ehre brachte : Von den römischen Feklherren, die gegen Viriath kämpften, 
war keiner so bedeutend, daß ihm eine eigene Biographie gewidmet 
werden konnte, und jedenfalls keiner geeignet, um in seiner Biographie 
die Geschichte des Lusitaners unterzubringen,') Aber die Existenz einer 
Yiriathusvita läßt sich auch für die frühere Zeit wahrscheinlich machen, 
wenn man seine Darstellung bei Velleius II 1,3 trotz ihrer Kürze mit 
der des Auct. de vir. ill. 71,1 ff. vergleicht. Die Anfänge, die Erfolge 
und der Ausgang des Viriathus werden so dargestellt, daß er selbst die 
Hauptperson ist, und daß von seinen römischen Gegnern nur der An- 
stifter seiner Ermordung genannt wird. Die Chronologie wird dabei 
gröblich vernachläßigt: Tr'iHte de'inde et contamelUmim hcUam in Hisjjfin'm 

ducb latronam Viriatlto secufum est sed infennipfo Vtnat/w fraude 

Servlli Cuepionis yumantbmm gramis exarsit. Iiaec urbs 

cum afios duces. tum Fomjmum ad turpmma dedudU foedera 

nee minus turpia ac detest(dnli(t Mancinum Hnstilium consulem. Nicht 
nach der Zerstörung Karthagos, sondern spätestens im Anfang des Jahres 
dieser Katastrophe, vielleicht schon im vorhergehenden 607 =147 wurde 
Viriathus Oberfeldherr der Lusitaner;') seine Ermordung fällt ins Jahr 
615 = 139, aber vorher war der Konsul Q. Pompeius 613 = 1-41 von den 
Numantinern geschlagen und als Prokonsul 614 = 140 zum Friedens- 
schluß gezwungen worden; dann befleckte Mancinus sein Konsulat von 
617 = 137 mit dem Schimpf eines neuen Vertrages. Nachdem Velleius 
weiterhin über die Zerstörung Numantias 621 = 133 hinaus die Ge- 
schichte des Zerstörers Scipio Aemilianus bis zu dessen Tode 625 =129 
hinabgeführt hat, kehrt er II 5,1 ff. noch einmal zu den gleichzeitigen 
spanischen Ereignissen zurück : Ante tempus excisae Sumantiae praeclara 

in Hispania militici D. Bruti fuit (616 = 138 bis 618 = 136) et 

ante eum paucis cinnis secerum i/Iius Q. Macedonid in his gentilms 

Imperium fuit (611 = 143 und 612 = 142) Iiic virtute et sereritate 

facti, af Fabius Aemilianus discijjUna in Hispania fuit clarissimus 

(609 = 145 und 610 = 144). Hier erscheinen plötzlich die Namen der 
römischen Statthalter, die gegen Viriathus und die Seinen glücklich ge- 

1) Die letztere Bemerkung ist deswegen nicht ganz überflüssig, weU Metellus 
Macedonicus im Viriaihischen Kriege gekämpft und eine eigene Vita in den Samm- 
lungen de viris iUustribiis erhalten hat (s. u. S. 264 f.). Daß übrigens der einzelne Autor in der 
Auswahl der berühmten Römer nicht fest an die seiner Vorgänger gebunden war, ver- 
steht sich von selbst und kann durch das Beispiel des Fabricius gezeigt werden; Verg. 
Aeu. VI 843 f. hebt ihn hervor, imd Hygin scheint ihn für sich behandelt zu haben 
(frg. .3 Peter bei Gell. I 14,1), aber nicht allein Plutarch. sondern auch der Auct. de 
vir. ill. hat seine Geschichte fast ganz in die des Pyrrhos hineingearbeitet. 

2j Vgl. Kornemann Die neue Liviusepitome aus Oxyrhynchus (Klio. Beiheft 
U) 96 ff 116 ff. 



— 256 — 

kämpft haben, und hier erscheinen sie in genauer chronologischer Reihen- 
folge, nur in der umgekehrten, von unten nach oben. Die seltsame Zer- 
reißung der eng zusammengehörigen Ereignisse im ersten und im fünften 
Kapitel fordert eine Erklärung: Velleius griff erst bei der Zerstörung 
Numantias wieder zu einem Geschichtswerk, das die übliche chrono- 
logische Anlage hatte, und er ließ nun seine Augen hierin rückwärts 
schweifen bis zu dem Jahre der Zerstörung Karthagos, mit dem er die 
Erzählung im zweiten Buche begann, ohne dabei zu beachten, daß er 
dieselben Dinge vorher schon einmal erzählt hatte, nur unter anderm 
Gesichtspunkte und folglich nach einer andern und andersartigen Quelle. 
Daß diese Quelle eine Vita Viriaths war, ist durch die Prüfung der 
Komposition in weit höherem Grade wahrscheinlich geworden, als durch 
die Yergleichung mit Parallelberichten. Die Vita Viriaths konnte aber 
nur in einer Sammlung von Biographien ihren Platz gefunden haben, 
die nicht allein die berühmten römischen Feldherren enthielt, sondern 
auch die nichtrömischen ^) in größerer Vollständigkeit als das Buch des 
Nepos de excellentibus ducibus exterarum gentium. 

Man darf nun den Schluß ziehen, daß nicht allein für die römische 
und für die neueste Geschichte von Velleius solche Sammlungen ver- 
wertet wurden, sondern bereits für die griechische und vom Anfang 
seines Werkes an. Der kurze Abschnitt über Lykurg I 6,3, die Genea- 
logie des makedonischen Königshauses I 6,5 und die Einführung Kimons 
in dem bei Priscian erhaltenen Fragment aus der großen Lücke sind 
offenbar derartigen Ursprungs. Einen bestimmten Autornamen zu suchen, 
scheint mir wie schon Burmeister 26 aussichtslos, da wir von den Ver- 
tretern der ganzen Gattung de viris i/histrihus in Ciceronischer und 
Augustischer Zeit nur sehr wenig wissen,^) 

1) Zu den Römerfeinden kann gewissermaßen auch Sertorius gerechnet werden, 
dem Plutarch eine besondere Biographie eingeräumt hat, während er beim Auct. de 
vir. ill. nur ganz flüchtig in denen seiner beiden Gegner Metelhis Pius (63,2 : Ser- 
torium Hispania expvlit) und Pompeius (77,4: Sertorium vieil) erwähnt wird. Seine 
erste beiläufige Erwähnung begleitet Velleius 25,3 mit dem Ausruf: Serlorivm — pro 
quanti mox belli facem ! — et miiltos alios, und man würde nun bei ihm eine Dar- 
stellung dieses furchtbaren Krieges erwarten (vjïl. Il 8,.3. 105,1 u. S. 271). Aber ledig- 
lich am Schluß der Charakteristik des Pompeius 29.5 heißt es: Vt a Sertorio Metellus 
laitdaretin- nit/f/is, I'ompeiwi timeretur valiilins^ und daran schließt sich unmittelbar das 
Ende des Sertorius, das seines Mörders Perpenna und das des ganzen Krieges 30,1. 
Der Widerspruch zwischen jener pathetischen Ankündigung und der dürftigen Aus- 
führung dieses Themas ist so befremdend , daß mau sogar eine Lücke annehmen 
wollte; violleicht ist er eher damit zu erklären, daß Velleius in seiner Eile gleichsam 
einen Mann über Bord fallen ließ. Vgl. .\hnlichos u, S. 272. 

2) Vgl. Leo firiech.-röm. Biographie 13(i tf. 



— 257 — 

III. 

Die erste in den erhaltenen Teilen des Velleius benutzte Biographie 
eines römischen Feldherrn ist die des L. Aemilius Paullus. Seine Auf- 
nahme unter die allgemein anerkannten Viri illustren ist außer Zweifel. 
Nachdem ihn in repul)likanischer Zeit seine Nachkommen durch öffent- 
liche Denkmäler auf dem Fabierbogen und in der Basilica Aemilia ge- 
ehrt hatten, hat ihn Vergil (Aen. VI 838 — 840) verherrlicht, hat Augustus 
seine Statue auf seinem Forum aufgestellt, haben Plutarch und der 
Auetor de vir. ill. sein Leben geschrieben.') Velleius hat aus einer Bio- 
graphie des Paullus drei Stücke entnommen, von denen die beiden ersten 
so eng mit einander verbunden sind, daß sie als eines erscheinen. Das 
erste Stück ist 1 9,8 : Tum senatus populusque Romanus L. Aemiliiim 
Paulliim, qui et praetor et consul triumphaverat, virum in tantiim lau- 
dandum, in quantum intellegi virtus potest, consulem crearif, filium eins 
Paulli, qui ad Cannas quam tergiversanter perniciosam rei puhlicae pug- 
nam inierat, tarn fortiter in ea mortem obierat. Offenbar hat Velleius 
die Lebensbeschreibung erst eingesehen, als er in der geschichtlichen 
Darstellung zu dem Zeitpunkt gelangte, in welchem die große geschicht- 
liche Rolle des Helden beginnt, zum Antritt seines zweiten Konsulats 
586 = 168; er holt nun aus dieser Quelle alles Bemerkenswerte nach, 
TiQuieLc, i]d^og, yivoç, die drei Kapitel, die dort natürlich in der umge- 
kehrten Reihenfolge standen. Das yévo^ führt keiner der Biographen über 
den Vater hinauf, obgleich schon der Urgroßvater und der Großvater 
das Konsulat erlangt hatten, weil erst von jenem der Ruhm der Familie 
datierte; noch besser als Auct. de vir. ill. 56,1: Filius eins qui ad Cannas 
cecidit, läßt sich Plut. Pauli. 2 vergleichen: yJèu/.lov ôe Uai/lov xh tcsqï 

Kâvvag axîy/^ua ri']v xe cfoorr^oir ciiia /.ai xr^v avàqkiav èôei^s xovxov 

viôg /.t'/..; hieraus folgt nämlich, daß Velleius seine Antithese 

quam tergiversanter — tarn fortiter bereits vorgezeichnet fand. Die 
Charakteristik des Paullus ist im Ausdruck sein Eigentum, wie die 
meisten anderen auch; er hat sie bis auf eine bezeichnende Abschwächung 
wörtlich noch einmal für einen seiner Zeitgenossen verwendet.^) Die 



1) Das Elogium vom Fabierbogen CIL I- p. 198 el. XXIV (= Dessau Inscr. sei. 
43); von dem aus der Basilica Aemilia ein Fragment ebd. p. 341, zusammengesetzt 
mit einem zweiten von Hülsen Archäol. Anzeiger 1900,5; Klio 11 262 f; von dem 
Elogium des Augustusforums Kopie aus Arretium, am Schluß verstümmelt, ebd. p. 194 
el. XV (= Dessau 57 1. 

2) Er sagt von C. Antistius Vetus 43,4: Viri in tantuni boni, in Quantum hu- 
mana simplicitas intellegi potent. Die simpliciias, deren Einführung an Stelle der 
virtus die Abschwächung von laudandus in bonus nach sich zieht, rühmt er auch an 
den gleichzeitigen Domitiem, an deren Charakter sonst nichts zu rühmen war (11 102, 
und 72,3; vgl. S. 275). Nach Inhalt und Form verwandt mit der Charakteristik des 

17 



— 258 — 

Notiz über die 7toaS,ug d. h. bei einem Römer hauptsächlicb über den 
Cursus bonorum ist trotz ibrer Kürze wicbtig, weil sie die zu Über- 
treibungen neigende panegyriscbe Tendenz der Vorlage offenbart-, die 
Erwerbung eines Triumphes wäbrend der Praetur in Spanien kennt nur 
die auf dem Fabierbogen zum Ausdruck kommende Familientradition,') 
Das zweite Stück der Paullusvita über den makedonischen Krieg fällt 
sachlich zusammen mit einem Abschnitt der Perseusvita und mit jeder 
historischen Darstellung dieser Ereignisse (o. S. 251); nur seine Verbin- 
dung mit dem Vorhergehenden und dem Folgenden verdient Beachtung. 
Während nämhch nach Liv. XIjIV 17,7 Makedonien dem Konsul durchs 
Los zufiel.') ist es nach der ausdrücklichen Angabe des Plut. Pauli. 10 
(und Justin. XXXIII 1,6) ihm nicht durch den Zufall der Losung, 
sondern in außerordentlicher Weise durch Volksbeschluß übertragen 
worden, und diese für ihn ehrenvollere Auffassung scheint auch bei 
Velleius zu Grunde zu liegen, der nach Erwähnung der Mißerfolge der 
früheren Konsuln betont: Tum senatus populusque Romamis L. Aemilimn 

Paullum comulem creavit.'"^) Der Anfang des dritten Stückes 10,3 : 

Lucio auiem Paullo Macedonkae victoriae compofi quati^or filii fuercy 
knüpft nicht an die historischen Xotizen über den Triumph 9,6 an, son- 
dern an die weiter zurückliegenden über den Sieg 9,4. Für den Triumph 
bot ein Historiker reicheren Stoff als ein Biograph, der nur für die per- 
sönlichen Schicksale des Paullus lierangezogen wurde ; die Folge dieses 
Quellenwechsels war, daß die Erzählung selbst im Zickzack von dem 
Triumph zu den vorausgegangenen Ereignissen und dann wieder zu dem 
Triumph zurückführt. 



Paullus ist die des Ti. Gracchus II 2,"2: Taiitis denique adornatus viriutifius, ijuantas 
perfecta et natura et industria mortalis condicio recipit: auch sie wird wörtlich auf 
einen Zeitgenossen übertragen, aber ohne Einschränkung, weil es Drusus der Bruder 
des Kaisers ist, 97,2: Adulesceriii tot taniarumqne virtutum, qiiot et quantas natura 
mortalis recipit vel industria /»erficit. 

1) Vgl. Mommsen zu der Insclirift. ßurmeister 22. Hier könnte also einer der 
übelberüchtigten aus der Familieneitelkeit entsprungenen falsi triumphi (Cic. Brut. 62) 
vorliegen, der in die Literatur de viris illustribus eingedrungen wäre. In anderen 
Fällen ist dagegen nicht von Fälschung die Rede, sondern die Flüchtigkeit und die 
rhetorische Übertreibung kommt nur auf Rechnung des Velleius, wenn er II 10,8 .,fast 
allen" Domitii Ahenobarbi ïriumphalomamente zuweist und sowohl dem Metelius Macé- 
doniens I 11 i), wie dem Metelius Numidicus II 15,4 neben honorem auch (riiimjdii in 
der Mehrzahl, obgleich jeder nur einmal triumphiert hat. 

2j Vgl. auch Cic. de div. I 1Ü3: Cum ei bellum ul cum rege Ferne gereret. ob- 
t ig ins et. 

3) Vgl. auch elog. XV : Herum cos., ut cum rege [Per] sc bellum gereret, ap[8eu)t 
fjaclus est. Deutlicher allerdings elog. XVII. XVIII (- Dessau öU) von Marius: Extra 
sortem bellum cum lugnrlha rege Muinid. cos. gesslt. 



— 259 — 

Das dritte Stück der Paullusvita ') handelt nicht nur über die 
letzten Schicksale, sondern auch über die Nachkommenschaft des Helden. 
Livius XL V 40,7 sagt nur: Duobus e ßliis, quos duobua datis in adop- 
tionem solos nomiim sacrorum familiaeque heredes retinuerat dornt, und 
spricht nicht von den beiden älteren Söhnen; nur vorher in der Be- 
schreibung des Triumphes (40,4) nennt er ihre Namen und weiterhin in 
der Rede des Paullus (41,12) die der Geschlechter, in die sie einge- 
treten waren. Velleius handelt an der Stelle 9,3, die der angeführten 
Livianischen genau entspricht, weit eingehender, als in diesem Zusammen- 
hange notwendig wäre (vgl. damit auch Plut. Pauli. 35. Auct. de vir. 
ill. 56,4), von den älteren Söhnen und ihren Adoptivvätern und weist 
später 12,3 ausdrücklich hierauf zurück. Es schiebt sich also zwischen 
Livius und ihn eine biographische Mittelquelle ein, die am Schluß der 
Biographie ebenso über die Nachkommen des Helden handelte, wie am 
Anfang über seine Vorfahren und dadurch auch die genealogische Ver- 
bindung zwischen den verschiedenen monographisch behandelten Männern 
herstellte. 

IV. 

Das Leben des Scipio Aemilianus durfte selbstverständhch in keiner 
Biographiensammlung fehlen ; es ist für die des Hygin und des Plutarch 
bezeugt und beim Auct. de vir. ill. erhalten; von den Unterschriften 
unter seinen öffentlich aufgestellten Statuen besitzen wir die des Fabier- 
bogens, kennen aber auch die des Augustusforums.-) Bei Velleius zeigt 
sich die Benutzung einer Vita Scipios gleich in dessen Einführung. 
Nachdem die griechisch-makedonische Geschichte bis zur Zerstörung von 
Korinth 608 = 146 herabgeführt ist, wird zu der gleichzeitigen von Kar- 
thago übergegangen 112,2: Et suh idem tempus .sfatuif senalus 

Cartliuginem excidere.^) Aber darauf folgt nicht etwa die Erklärung oder 
der Beginn des Krieges im J. 605 = 149, sondern 12,3: Ita eodem tem- 
pore P. Scipio Aemilianus consul creatus est (für 607 = 147), und 



') Über das Verhältnis dieses Stückes zu Livius vgl Burmeister 39 f. und über 
die Gestaltung des Textes Scholl Rhein. Mus. LUX 522 f. Es ist aber sehr möglich, 
daß schon die biographische Mittel quelle den historischen Bericht, wie er bei Livius 
vorliegt, verkürzt und verschoben hat, auchweundie Fointe ante paucos — post pauciores 
dies Eigentum des Velleius ist. 

') Hygin vgl. Gell. III 1,1 mit VI 1.2. dazu Pauly-Wissowa IV 1439,20 ff. 
Peter Bist. Rom. relliquiae II p. CV; Plutarch vgl. Ti. Gracch. 21. C. Gracch. 10, 
dazu Apopthth. Scip. Min.; Elogium des Fabierbogens CIL P p. 198 el. XXV (= Dessau 
43), des Augustusforums Plm. n. h. XXII 13 ; vgl. noch Verg. Aen. VI 842 f. 

^) Weshalb Halm und mit ihm EUis exscindere dem überlieferten exeidere vor- 
ziehen, ist mir unverständlich angesichts des Gebrauchs von exeidere in den ganz ähn- 
lichen Fällen II 4.2. 3. 5. 5.1 u. a. 



— 260 — 

erst dann als beiläufiger Nachtrag 12,4: Bellum Carthagini iam ante 
hlennium a priorihus consuUhm inlatum maiore vi IntuUt. So wird frei- 
lich der Held, der Karthago vernichtete, in wirkungsvoller Weise als 
der dafür vorausbestimmte eingeführt, aber infolge der Vorliebe des 
Autors für biographische Quellen und infolge seiner Unfähigkeit, diese 
mit den annalistischen in ein rechtes Verhältnis zu bringen. 

Wieder sind in dem ersten Stücke der Vita dieselben drei Be- 
standteile zu unterscheiden, wie in dem entsprechenden der Paullusvita, 
Herkunft und Charakter, hier in der Form von Appositionen und Re- 
lativsätzen zum Namen hinzugefügt, und die Vorgeschichte, die hier um- 
fangreicher und als sehr unbeholfene Parenthese in den zweiten Satz 
eingeschoben ist; wieder bildet dann der erste Hauptsatz die Verbindung 
zwischen diesem ganzen Teile und dem zweiten Stück, indem er die Wahl 
zum Konsul berichtet. Von den Ahnen Scipios nennt Velleius hier den 
leiblichen Vater, den Adoptivvater und den Adoptivgroßvater ; er rühmt, 
daß die rir/us. die den Vater Paullus auszeichnete (I 9,3), auf diesen 
Sohn übergegangen sei, wie er auch II 5,3 ähnliches von dem andern 
Sohne Fabius Aemilianus aussagt; was er über den Adoptivvater 110,3 
und 12,3 bringt, ist alles, was man überhaupt von diesem wußte. ^) Die 
Charakteristik Scipios sucht die des Paullus noch zu überbieten und 
rührt in der Form jedenfalls wieder von Velleius her. -) Von den 
früheren Taten werden genannt die Erwerbung einer (Jorona muralis in 
Spanien und die einer Corona ohsidiona/ls in Afrika und ein erfolgreicher 
Zweikampf in Spanien ; es sind, wie Burmeister 24 richtig gesehen hat, 
dieselben Taten, die auch der Auct. de vir. ill. 58,2 — 4 verzeichnet, mit 
etwas grösserer Ausführlichkeit und in genauerer chronologischer An- 
ordnung,'^) aber ebenfalls als die einzigen außer der Teilnahme an der 

1) Vgl. Cic. Brut. 77. Cato 35. de off. I 121; dazu Hermes XL 90. 

2) Mit der Zusammenstellung von ingenin») und studia ist die von natura und 
indvatria bei Ti. Gracchus und Drusus zu vergleichen (s. S. 257 f., 2) und mit der Bezeich- 
nung als eminentissimns saeculi siti die ähnlichen des Metellus Numidicus und des 
Rutilius RufuB (s. S. 266,2). 

•J) Alle diese Angaben standen gewiß auch unter der Statue des Augustusfo- 
rums. Daß die militärischen Auszeichnungen auf den Elogien ebenso verzeichnet 
waren, wie auf anderen Ehren- und Grabschriften (vgl. deren Zusammenstellung l)ei 
Steiner Bonner Jahrb. CXIV 47 ff.), ist selbstverständlich und wird für die Corona ob- 
sidionalix Scipios durch Pliu. n. h. XXII 13 ausdrücklich bezeugt. Für die Aufführung 
seines Zweikampfes in der Inschrift sprechen zwei Analogien: Romulus war nach Ovid. 
fasti V 565 dargestellt mit den Spolia opiiua, die er aus einem Zweikampf davonge- 
tragen hatte, und Valerius Corvus nach Gell. IV 11,10 mit dem Raben, der ihm in seinem 
Zweikampf beigestanden hatte; im Elogium des Romulus (IV) wird diese Darstellung 
besonders ausführlich erläutert, und in dem des Corvus muß es ebenso gewesen sein. 
Für die ehrenvolle Art der "Wahl Scipios zum Consul vgl. als Seiteustück im Elogium 
des Valerius Maxiinus (V) die Bemerkung: Pri<im>>itsi/iifrn> iilbiin mnjjis/rdlKm ffererel, 
dirlalor dicliis e«l: vgl. aucli 8. 25H,."{. 



— 261 — 

Schlacht bei Pydna, die Velleius ale^ zu weit zurückliegend übergangen 
hat. Übereinstimmung zwischen beiden Autoren herrscht dann darin, 
daß sie die Wahl Scipios zum Konsul während seiner Bewerbung um 
die Adilität erwähnen und daß sie den zweiten Hauptteil der ganzen 
Vita, die Zerstörung Karthagos, in aller Kürze erledigen. 

Velleius hat dann andere Quellen zur Hand genommen, aber die 
Vita Scipios nicht aus den Augen verloren. Er schloß das erste Buch 
ursprünglich ') mit einem besondern rhetorischen Prunkstück, einer 
oiy/.oiGig der Zerstörer von Karthago und Korinth, zu der er zwar das 
meiste aus Eigenem hinzutat,^) aber einige Tatsachen der Vita ent- 
lehnte, wie die Freundschaft Scipios mit Polybios und Panaitios ; die 
Erwähnung des Letzteren läßt darauf schließen, daß er etwas über die 
Gesandtschaftsreise gelesen hatte, auf der der Philosoph im J. 615 = 139'*) 
den Helden begleitete^ und ähnliches muß auch dem Auct. de vir. ill. 
58,7 vorgelegen haben, der freilich statt des Panaitios den römischen 
Freund Scipios C. Laelius einsetzt (vgl. Plut. Apophth. Scip. Min. 14 u. a.). 
Velleius hat aber die Gesandtschaftsreise selbst und die ihr voraus- 
gehende gemeinsam mit Mummius geführte Zensur Scipios übergangen, 
obwohl diese von den anderen Biographen*) erzählt wurde und ihm bei 
der Vergleichung beider Männer gut zu Statten gekommen wäre; erst 
als er in der Konsulliste wieder Scipios Namen findet, schlägt er die 
Vita von neuem auf. 

Es war schon davon die Rede, wie er im zweiten Buche erst den 
Krieg gegen Viriathus, dann den gegen Xumantia erzählt ; die Kapitu- 
lation des Mancinus führt ihn auf den daran beteiligten Ti. Gracchus, 
und erst nachdem er dessen ganze Geschichte und die gleichzeitigen 
Ereignisse in Asien dargestellt hat, kehrt er zum numantinischen Kriege 



1) ]Mit dem Ende des 13. Kapitels reißt nicht nur der Faden der Erzählung 
ab, um im Anfange des zweiten Buches wieder aufgenommen zu werden, sondern auch 
der der moralisierenden Betrachtung; die an Yinicius gerichtete Mahnung berührt sich 
nahe mit den ersten Sätzen des zweiten Buches, und die zwischen beiden stehenden 
Exkurse lagen nicht von Anfang an im Plane des Autors. Vgl. Sauppe 151 Anm. 

2) Vgl. Leo Griech. -röm. Biographie 149. Aus Scipios erster Charakteristik 
12,3 wiederholt Velleius hier noch zweimal, daß der Held in Krieg und Frieden stets 
derselbe gewesen sei; den Gedanken, daß er otium und negotium in rechtem Gleich- 
gewicht zu halten wußte, verwendet er ähnUch 98,8 für die Schilderung seines hochan- 
gesehenen Zeitgenossen L. Biso. Die Antithese von otium und negotium, die wohl so 
alt ist. wie die lateinische Literatur (vgl. Cato Orig. praef. bei Cic. pro Plane. 66 
Enn. Iphig. p. 159 Vahlen^ bei Gell. XIX 10,11; Terent. Andr. prol. 20), wird er 
überhaupt nicht müde anzuwenden, so in den Charakteristiken des Maecenas 88,2 und 
des Sentius Saturninus 105,2, außerdem noch II 1,1. 

3) Vgl. Klio V 135 f. 

^) Von Hygin bei Gell, lll 4,1 (s. o. S. 259,2), von Piutarch nach Apophth. Scip. 
Min. 9 und 11. vom Auct. de vir. ill. 58,9. 



— 262 — 

zurück und berichtet nun dessen Beendigung durch Scipio und den Aus- 
gang dieses Helden, um nochmals von der Zerstörung Numantias an die 
spanischen Dinge rückwärts zu verfolgen bis zum Jahre der Zerstörung 
Karthagos und Korinths. Diese vorwärts und rückwärts springende An- 
ordnung kann nur durch eilige Kompilation verschiedenartiger Vorlagen 
erklärt werden, und zu ihnen gehören neben einem geschichtlichen Leit- 
faden vor allem die Lebensbeschreibungen des Ti. Gracchus und des 
Scipio Aemilianus. Denn unbekümmert um den Wechsel von Zeit und 
Ort verfolgt Yelleius die Schicksale dieser Männer eine Strecke weit 
bis zu Ende und wird dadurch gezwungen, bald von späteren Jahren 
auf frühere zurückzugreifen, bald von der äußeren Geschichte auf die 
innere, und umgekehrt. In diesem Stück der Scipiovita ergänzen sich 
Velleius und der Auetor de vir. ill. gegenseitig in solcher Weise, daß 
man leicht eine vollständigere Vorlage rekonstruieren kann: Velleius 
gab bei der Belagerung Karthagos I 12,4 die Zeitdauer nicht genau an, 
tut es aber dafür bei der Numantias II 4,2; der Auct. de vir. ill. 58,5 f. 
macht es umgekehrt. Velleius erwähnte I 13,2 den aus Afrika heimge- 
brachten Siegesbeinamen Scipios und übergeht den angeblich bei Nu- 
mantia erworbenen ; *) auch damit macht es der Auct. de vir. ill. umge- 
kehrt. Die Wiederherstellung der Disziplin im spanischen Heere läßt 
Velleius im Gegensatz zu dem Auct. de vir. ill. bei Seite, vielleicht weil 
er gerade dasselbe als einzige rühmliche Leistung von Scipios Bruder 
Fabius kannte und meldete (II 5,3). Aus Scipios letzten Lebensjahren 
werden dieselben beiden x\ussprüche, die auch in Plutarchs Biographie 
aufgenommen waren (vgl. Ti. Gracch. 21. Apophth. Scip. Min. 22), von 
Velleius II 4,4 und vom Auct. de vir. ill. 58,8 wiedergegeben, der erste 
von jenem und der zweite von diesem vollständiger; bei Scipios Tode, 
ül)er den die Nachrichten weit auseinandergehen, haben beide allein 
und abweichend von allen den kleinen auffallenden Zug gemein, daß die 
Leiche „mit verhülltem Haupte" hinausgetragen wurde.-) In der breiten 
Ausführung des Schlusses der Vita vermischen sich bei Velleius eigene 
Betrachtungen, Reminiszenzen aus der Leklüre'') und Daten aus histo- 

1) \V1. darüber Pauly-Wissowa IV 1456,24 ff. 

2) luun corpitH velfilo capite ein tum est Vell. II 4,0. Ohrolnto va pile elatiis 
Auct. de vir. ill. 58,10- Wie fest dieser Zug für Velleius gegeben war, zeiift seine 
Verwendunj/ zu einer Antithese, die Sauppe 174 mit Recht zu den geschmacklosesten 
unseres Autors rechnet. Zur Sache vgl. Pauly-Wissowa IV 1458. Kornemaun Klio 
Beiheft I 9. 

3) .\uf den Anklang von \'ell. II 4.5: Post bis exrisos lerrores rei pithlicae an 
Cic. pro Mur. 58 hat schon Sauppe 178 hingewiesen; Kornemann a. O. 11 fügt noch 
Cic. rep. I 71 hinzu. Cicero hat pro IMur. 75 die von Laelius vorfaßte Leichenrede 
auf Scipio zitiert und legt in der Schrift de rep. die Worte dem Laelius in den Mund ; 
vii'lleicht darf man sie daher auf dessen Laudatio Scipionis zurückführen. 



— 203 — 

Tischen Quellen;') der Vita entlehnt sein dürfte die Notiz 114,7: In 
priorem coNSK/atian creafus est anno octaro et tricesimo, die sich unge- 
zwungen mit der früher besprochenen I 12,3 verbindet: Aedilituteni petenH 
conm/ creatus est; die ursprüngliche Verbindung beider Angaben hat 
erst Velleius gelöst, weil er anfangs die zweite nicht zu verwerten ge- 
dacht hatte. 

Noch ein Excerpt aus diesen späteren Partien der Scipiovita hat 
er bei anderer Gelegenheit nachgetragen. In dem literarhistorischen Ex- 
kurse II 9,1 ff. zählt er erst die Kedner auf, dann die dramatischen 
Dichter, zuletzt die Geschichtschreiber; den zwei letzten Gruppen wird 
noch je ein Dichter als eete/fer angehängt, der eine Gattung der Poesie 
allein vertritt, Lucilius für die Satire und Pomponius für die Atellane. 
Von den Historikern steht an der Spitze Sisenna, der iatri tum iurenis 
gewesen sei. Dieses iam tum paßt nach unserer Kenntnis vortrefflich 
auf die Todeszeit des vorher genannten Lucilius. Nun fällt aber dem 
Velleius eine Tatsache aus dem Leben dieses Dichters ein, die er in 
einem Relativsatz im Plusquamperfekt nachträgt: Qui sut) P. Afrkano 
yumantino I/etto eques mUitaverat. und diese eingeflickte Notiz zieht eine 
weitere Parenthese nach sich: Quo quidem tempore lurenes udliuc lugurtlta 
ac Marius sut) eodem Afrkano mUitantes in iisdem castris dufkere. quae 
postea in contrariis facerent. Lucilius, Marius und Jugurtha sind nur 
durch die Kriegskameradschaft miteinander verbunden; nur eine über 
den numantinischen Krieg handelnde Vorlage kann dem Velleius ihre 
drei Namen in dieser Verbindung geliefert haben, und als solche kommt 
nur die Scipiovita in Betracht. Es war berechtigt, daß er die Notiz im 
Leben Scipios überging (vgl. II 4,2), und es war begreiflich, daß er sie 
in dem des Marius nicht gebrauchte, weil er gar nichts von dessen feind- 
lichem Zusammentreôen mit Jugurtha zu sagen hatte (vgl. II 11,1 f. 12,1 
O.S. 251): um sie nicht ganz fallen zulassen, hat er sie hier untergebracht, wo 
sie vom Thema völlig ablenkt, im Stil nicht zu der Umgebung paßt und 
den Leser völlig verwirrt. Für die eilige und mechanische Arbeitsweise 
des Velleius ist dieses Beispiel besonders lehrreich, weil es auch modernen 
Gelehrten Schwierigkeiten bereitet hat, die leicht vermieden werden 
können, wenn Zusätze und Einschiebsel des Verfassers erkannt und 
kenntlich gemacht werden.-) 

1) Vgl. II 4,5: M\ Äquilio C. Semproiiio considihus abhinc antws centum et 
sexaginta, welche Datierung mit einer Reihe anderer zusammengehört (vgl. die während 
des Druckes erscheinende Zusammenstellung von Groebe Hermes XLII 308 Beilage). 

-) Noch Niese liei Pauly-Wissowa IV 1512,20 ff. sagt, daß Velleius den Sisenna 
„zum Zeitgenossen des numantinischen Krieges mache" ; andere haben sich damit zu 
helfen gesucht, daß sie iam tum auf das unmittelbar vorhergehende postea und somit 
auf die Teilnahme des Marius am Jugurthinischeu Kriege beziehen, doch ist das sachlich 
und sprachlich wenig befriedigend. 



— 264 — 



Zu den berühmtesten Familien der plebeischen Nobilität gehört die 
der Caecihi Metelli. Vertreter dreier Generationen werden vom Auetor 
de vir. ill. unmittelbar nach einander vorgeführt, und zwar beginnen 
ihre Biographien folgendermaßen: 61,1: Q. Caec'f/his Mctellus a doniita 

Macedonla .Uacedoniciis. praetor Pseii(hj>/ii/}ppum vicit; 62,1: 

Q. CaecUiiis Metellus Xumidicus. qui consul de lugurt/ia reffe Xumidiae 
triumphartt ; 63,1: Q. Metellus P'ais Xum'idk't fiUus — Pins quki patrein 
lacrlmls et prec'dnis adsidue fali exsitio schlechte Überlieferung) rerocavit. 
Damit vergleiche man Velleius I 11,2: Q. Metetlus praetor, cui ex lirtnte 
Macedonici nomen inditum erat, praeclara mctoria ipsum Tscil. Pseudo- 

philippninj (/entemque superarit: II 11,2: Metelti et tr'tumphus fuit 

clarissi/nus et meritum ex cirtute ei cof/nomen Xufnidici inditum; II 15,3 f.: 
Q. Metetlus. Xumidici fllius. qui meritum cognomen Pii eonsecutus erat: 

quippe expulsum ci vi täte pietate sua restituit pafrem. Zur 

Unterscheidung dieser drei Q. Caecihi Metelli sind unentbehrlich die 
von ihnen selbst erworbenen persönlichen Beinamen -, sie mußten in jeder 
ausführlicheren Biographie an die Spitze gestellt werden mit der notwen- 
digen Erläuterung, auch wenn ihre Erwerbung nicht das erste bemerkens- 
werte Ereignis aus dem Leben des betreffenden Mannes war. Daß 
Velleius diese Anordnung vorfand, folgt namentlich aus dem anstößigen 
Plusquamperfekt inditum erat bei dem Macédoniens; er arbeitete so 
flüchtig, daß er eine ähnliche Fassung der Notizen, wie wir sie beim 
Auct. de vir. ill. noch lesen, mißverstand und falsch umschrieb, indem 
er das früher Erwähnte auch für das früher Geschehene hielt. Bei allen 
drei Cognomina hebt er die Erwerbung durch den Träger als das Wesent- 
liche hervor; zweimal kehrt ex virtute inditum und zweimal meritum 
cognomen wieder, sodaß die Fassung der Angabe als sein Eigentum er- 
scheint.') Mit dem individuellen Beinamen pflegt er dann auch weiter- 
hin die so eingeführten Persönlichkeiten zu bezeichnen (vgl. Macedouicus 
111,3. 12,1. 115,2). 

^) Wenn nicht die Überlieferung, sondern Velleius selbst für indilum erat verant- 
wortlich ist, erledigen sich von selbst die vorgeschlagenen Änderungen, wie Mommsens: 
inditurus erat (seil. Pxeudopliilippufi) und die dagegen erhobenen Bedenken Schölls Rhein. 
Mus. Uli 522. An der Stelle über Numidicus ist der Text leicht verderbt; die an- 
genommene Verbesserung Halms verdient entschieden den Vorzug vor der von E'lis 
angenommenen Konjektur von Thomas; gegen diese wendet sich auch Xovâk Wien. 
Stud. XXVIII 29fi f., dessen eigene Vorschläge ich indes auch nicht billige. Zum Ver- 
gleich mit den angeführten Stellen bieten sich namentlich die über Mummius, .\uci. 
de vir. ill. (»0,1: L. Miimmius, devicla Achaia Acliaiats, adverstis Carintitios missus 

oel.; Vell. I 1;{,2: Deviclne a se pentin nomine honoralitx ajrpellatun oit Aclini- 

cus\ nee (juintfunm ex novin honiinibnn prior Mvminin cognomen vir title parliim vindi- 
cavil. Hier nimmt der Auct. de vir. ill. wieder das Cngnomen und seine Erklärung 
vorweg, und Vell. hebt wieder die Erwerbung durch die rirtim hervor. 



— 265 — 

Auf den Namen folgt in der Vita gewöhnlich die Herkunft; Velleius 
und der Auct. de vir. ill, stimmen darin üherein, daß sie das Verwandt- 
S(;haft8verhältnis des dritten Metellers zum zweiten angeben — MnmUl'Ki 
fjUna — , das des zweiten zum ersten — er war dessen Bruderssohn — 
übergehen. 

Von den Taten des Macedonicus gehören in den geschichtlichen 
Zusammenhang nur die in Makedonien und Achaia I 11,2, deren Er- 
zählung 12,1 mit einer Rückverweisung (nt pracdLäniiHiJ wieder aufge- 
nommen wird. Eingeschoben ward nun ein längerer biographischer Ex- 
kurs, der in der Zeit bis um drei Jahrzehnte tiefer hinabgeht und in 
einem ersten, von Velleius durch weitere Exkurse ausgestalteten Al)- 
schnitt die Denkmäler des Metellus aufführt — Portikus, Reiterstatuen- 
gruppe, Tempel, — in einem zweiten sein fast sprichwörtlich gewordenes 
Glück, — Lebensstellung, Familie, Lebensende.') Auf diese Vita weist 
Velleius zweimal zurück, direkt mit ([uas prnedi.ri/tiKs II 1.2 und in 
anderer Form mit U/ius Q. Macedonki 115,2; in beiden Fällen hat er 
die Erwähnung des Mannes in anderen Quellen gefunden; im ersten 
stellt er nur fest, daß er die Tatsache bereits aus der Biographie ent- 
nommen habe; im zweiten benutzt er den Anlaß, um aus dieser noch 
eine Anekdote einzulegen, deren breite Erzählung in offenkundigem 
Mißverhältnis zu ihrer Umgebung steht (s. o. S. 255), -) 

Der Schluß der Vita des Macedonicus wurde fast von selbst zu einer 
annähernd vollständigen Übersicht über die Geschichte seines Hauses, 
I 11, 7: Morim citis /editni pi'o rontrh m^tukriud (/iiaffxor fi'/ii. un na 



1) Mit der Einführuug des Exkurses 11,3: Hie est Metellus Macedonicus, 

qui vgl. die entsprechende zweier kleineren Einlagen verwandter Art II 1,4 

und 7,5. Über den ga»zen biographischen Exkurs hat schon Burmeister 22 f. das 
Wesentliche gebracht. Daß der erste Abschnitt 11,3 — 5 von Velleius selbständig aus- 
gestaltet ist, zeigt die Ineinanderschachtelung der Relativsätze und die Rück- 
verweisung im Anfang des zweiten Buches, wo auch die Zusammenstellung von 
htxuria und magnificenlia wiederkehrt. Der zweite Abschnitt 11,6 f. weist namentlich 
nähere Verwandtschaft mit Plin. n. h. VII 142 ff. auf, wo eine Quelle derselben Gat- 
tung zu Grunde liegt wie bei Velleius. Bei beiden wird z. ß. vorausgesetzt die enge 
Verbindung zwischen dem Triumph über Makedonien und dem Siegesbeinamen Mace- 
donicus (vgl. dasselbe bei Xumidicusi, obgleich Velleius hier den letzteren wegläßt, 
weil er ihn vorher erwähnte, und Plinius 142 den ersteren, weil er ihn später erwähnt 
(145. 146»; dagegen kennt Cicero, dem Metellus als römisches Gegenstück des glück- 
lich gepriesenen Tellos (Herod. I -SO) ganz geläufig ist, den Siegesbeinamen über- 
haupt nicht, und Valerius Maximus, von dem dasselbe gilt, verwendet ihn nur einmal 
(IV 1,12) zur Unterscheidung des Macedonicus und Numidicus. Mit der Pointe am 
Schluß von Vell. I 11,7 vgl. übrigens Val. Max. II 10.5. 

-) Eine Polemik gegen die Beanstandung und Änderung des illius (bei EUis 
und nach ihm bei Paulson Eranos IV 178 f.) ist nach den obigen positiven Darlegungen 
überflüssig. 



— 266 — 

consularis et cenmrim. alter (Wisularis. terf'ms consul {ß39 =^ 115), /juarfus 
iondidatus consulatus. quem honorem adepfus est. Keiner von diesen vier 
Söhnen erreichte den Ruhm des Briiderssohnes, des Numidicus, und 
damit einen festen Platz in der Reihe der Virl i/fiistres:^) wohl aber 
wurden sie insgesamt auch in dessen Vita noch einmal erwähnt, nämlich 
im Anfang, in dem Abschnitt über die Herkunft. 

Die Verwertung der Vita des Numidicus zeigt insofern Ähnlichkeit 
mit der der Perseusvita, weil auch sie mit einer anderen Biographie zu- 
sammengearbeitet wurde, mit der des Marius. Beide setzen ein mit dem 
Jugurthinischen Kriege und haben hier einen gemeinsamen Abschnitt 
über den Konflikt ihrer beiden Helden. Velleius II 11,2 folgt zu- 
nächst der Biographie des Marius, aus der er vorher dessen Herkunft 
und Charakteristik entlehnt hat, bis zum Antritt des Konsulats und 
des Oberbefehls in Numidien^ nun wendet er sich zu der des Metellus 
und entnimmt ihr die entsprechenden Stücke, verteilt sie aber in eigen- 
tümlicher Weise. Er stellt voran, was am meisten sein Eigentum ist, 
die Charakteristik 11, 1;-) er bringt die Taten bis zum Konflikt mit 
Marius in den Nebensätzen 11, 2 unter: Trahentis iam 'in fertium annum 
bellum und (Jul Ina Iiigurtham acte fnderni : er verwendet zuletzt den 
Anfang der Vita über Namen und Familie des Helden, jene Notiz in 
dem schon zitierten Satze 11,2 Ende (o. S. 264), diese in der Einlage 11,3: 
npnnlo (inte Domitlae familiae (10,2 s. S. 274), ita CaecUkie notandaclaritudo 
f.s7. (/Kippe intra duodecini ferme annoH Iiubis tempoi^ls consules fiiere 
Metern auf cenmrea aiit Iriumpharunt rnnplms duodecies, nt ujypareat. 
(inemadmodiim urhuim imperiorumque. ita gentium nunc florere fortunam. 
nunc soiescere. nunc interire. 

Wie Sueton bei den Claudiern, Liviern und Domitiern (s. S. 273), so 
zählt Velleius hier bei den Metellern die drei Gattungen der Auszeich- 
nungen zusammen, Konsulate, Zensuren, Triumphe, •^) aber nicht für die 
ganze Geschichte des Geschlechts, sondern nur für eine kurze Spanne 



') Die Ehreninscliril't des einen von ihnen CIL I'^ p. 200 el. XXXV gehört 
nicht zu deneu des Augustusforums. Dagegen sind von der des Xumidicus hier zwei 
kleine Fragmente erhalten (ebd. p. 190 el. XIX ), und außer dem Auct. de vir. ill. hatte 
auch Plutarch dessen Lehen geschrieben (vgl. Mar. 29,10). 

-) Er nennt Metellus nullt secimdmn saeculi siii. Positiv ausgedrückt hat er 
dasselbe bei .Sci[)io Aeinilianus I 12,.S: EinlneritiSKimus mecitli siii. und beides überboten 
bei Rutilius Rufus II l.S,2: Vir non .saecnli siti, sed omnis aeri optlmiis, wo freilich 
die Wahl des Adjektivs wieder eine Abschwächuug bedeutet (vgl. S. 257.2 ). Vir niiUi seatn- 
dux heißt der eigene (iroßvater des Velleius II 76,1, sicherlich in Erinnerung au den 
Ausruf seines Ahnherrn Deciim Mnjfius Campanorum fjriitce/m (II 10,2) bei Livius 
XXIII 10.7: Aiilli CdiH/xuioriim nee und ii s vinclus ad morlein rapior. 

•') Di<;taturen und (Jvatiunen , die Sueton noch mitrechnet, kommen für die 
Blütezeit der Met« Her nicht in Betracht. 



— 267 - 

Zeit. Die daran angeknüpfte Betrachtunj^ gehört zu seinen eigenen Lieb- 
lingsgedanken,') und in doppelter Hinsicht erscheinen dabei die Caecilii 
Metelli als Gegenstück zu den Domitii Ahenobarbi: Dem zeitlichen 
Nebeneinander der Ehren bei jenen steht das zeitliche Nacheinander bei 
diesen gegenüber; aber das Haus jener ist trotz seiner weiten Verzweigung 
ausgestorben, das Geschlecht dieser steigt trotz der beschränkten Fort- 
pflanzung immer höher. Doch so sehr auch die Zusammenfassung der 
Ehren der Meteller für den bestimmten kurzen Zeitraum dem Velleius 
gelegen kommt, so ist sie darum noch nicht von ihm selbst vorgenommen, 
sondern schon fertig vorgefunden worden. Man mag die Listen der 
Konsuhl, Zensoren und Triumphatoren nach Belieben durclisehen, — ■ die 
Rechnung stimmt nie genau, daß auf zwölf Jahre zwölf Meteller kommen; 
aber der durch das Wörtchen ferme entschuldigte Fehler ist am kleinsten, 
wenn man als Ausgangspunkt das Konsulatsjahr des Numidicus 645 = 109 
nimmt ; von hier rückwärts gehend erhält man die Summe für vierzehn 
Jahre. Mit dem Konsulatsjahr des Numidicus setzt seine Biographie ein, 
um sogleich bis zu dem Triumphe im J. 648 = 106 hinabgeführt zu werden; 
also fand Velleius an ihrem Anfang unter jenem Jahre die Zusammen- 
stellung an der sonst für die Herkunft des Helden bestimmten Stelle. 
Er hat sie noch ein zweites Mal verwendet, und zwar schon etwas 
früher. Nachdem er die Gracchische Bewegung im Zusammenhange dar- 
gestellt hat, fällt sein Blick auf die Geschichte des Jahres 641 = 113, 
das Konsulat des Cn. Papirius Carbo und des C. Metellus. Von ihnen 
ist Carbo damals als erster römischer Feldherr mit den Kimbern zu- 
sammengetroffen , -) und Metellus , der jüngste Sohn des Macedonicus 
(I 11,7 s. S. 265 f.), nach Thrakien gesandt worden; dieser kehrte aus seiner 
Provinz am 13. Juli 643 = 111 im Triumphe heim, an demselben Tage, 
wie sein nächstälterer Bruder, der Konsul im Todesjahre des Vaters 
639 = 115 gewesen war, aus Sardinien. Den von C. Metellus begonnenen 
thrakischen Krieg beendete sein zweiter Nachfolger im Kommando, 
M. Minucius Rufus, 644 = 110 als Konsul entsendet und 648 = 106 als 
Triumphator heimberufen. Von den inneren Ereignissen im Konsulats- 
jahr des C. Metellus erregte Aufsehen die Verurteilung seines einen 
Amtsvorgängers 0. Cato wegen Erpressungen in Makedonien. Diese ver- 

1) Der ganze Exkurs am Eude des ersten Buches von Iß.l an ist der Darlegung 
dieses Gedankens gewidmet, und die Vorliebe dafür hat Velleius auch in den literar- 
historischen Kapiteln des zweiten Buches (9,1 ti". und 86,2 ff.) manche Persönlichkeiten. 
die nicht eigentlich Zeitgenossen waren, eng an einander rücken lassen. Zu I 18.1 Auf. 
vgl. noch 1 7,4 Schluß, zum Ganzen die bekannte Stelle Flor, praef. 4. 

2) Vgl. II 12,2 S. 271. Die Bedeutung jenes Jahres hebt z. B. Tac. Germ. 37 scharf 
hervor. Die Flüchtigkeit des Velleius zeigt sich in seiner willkürlichen Formulierung 
der Notiz; im J. 641 - 113 durfte weder von den Teutonen noch von einem Rheiu- 
übergange die Hede sein. 



— 268 — 

scbiedeiien Begebenheiten führt Velleius II 8,1 — 3 in folgender Anord- 
nung und Verknüpfung vor : Mandetur deinde memoriae severitas iiidi- 
cioriim, quippe C. Cato .... damnafus est. circa eadem tempora duo 
Metern fratres uno die tritimphanint .... tum Cimhrl et Teutones 
transcendere Wienum .... per eadem tempora clariis . . . Minuci . . . 
triump/ius fuit. In einer einfachen und knappen chronologisch geordneten 
Geschichtsdarstellung, zumal in einer Geschichtstabelle, waren alle diese 
Tatsachen in ihrem richtigen Zusammenhange klar zu übersehen ; Velleius 
aber sucht diesen Zusammenhang vielmehr zu verdecken und den Ein- 
druck zu erwecken, als hätte er den Stotf von überall her zusammen- 
gesucht. Diesen Eindruck verstärken Einschiebsel, die wirklich anders- 
woher stammen, nämlich die auf den Doppeltriumph der Meteller 
folgenden Notizen : Non minus darum exemplum et adhuc unicum 
Fulvi Flacci — eius, qui Capuam ceperat, — filiorum, sed alferius in 
adoptionem dati, in coUegio consu/atus fuit; adoptivus in Acidini Manlii 
familiam datas, nam censura Metellorum patruelium. non qermanorum 
fratrum fuit, quod solis contigerat Scipionibus. Daß eine merkwürdige 
Tatsache dazu anregt, verwandte Fälle zum Vergleich heranzuziehen, ist 
sehr begreiflich und auch lehrreich ; ') dieser Versuchung darf aber ein 
Historiker, der sich die Kürze so zur Pflicht macht wie Velleius^), nicht 
in diesem Maße nachgeben, wie es hier geschieht: Er springt hier von 
dem Metellertriumph des Jahres 643 = 111 zurück zum Konsulat des 
Jahres 575 = 179, bei dem auch die Capitolinischen Fasten anmerken: 
Hei fratres germani fuerunt, von hier weiter bis zum Jahre 543 = 211, 
in welchem Q. Fulvius Flaccus Capua einnahm,') darauf wieder vorwärts 
bis zu der Zensur der Vettern C. Metellus und Metellus Numidicus 
652=102, und deren Erwähnung veranlaßt ihn zu einer weiteren Parallele, 



Ï) Ganz passend vergleicht z. B. Velleius FI 26,3 und 88.3 zwei Muster von 
Frauentreue aus Sullanischer und Augustischer Zeit, die sich Valerius Maximus in 
seinen Kapiteln de amore coniiujaU (IV 6i und de fide iixonim erga viras (VI 7) ent- 
gehen ließ. Interessant ist es, wie Tacitus solche von Kuriositätensammlern gezogene 
Parallelen scheinbar ablehnt, tatsächlich aber seinen eigenen künstlerischen Absichten 
dienstbar zu machen versteht (vgl. Agr. 22. bist. I 7. III 37. 51 ann. I 9. IV G5. VI 
28. 28. XII 24. XIII 3. XV 41). 

2) Vgl. die Stellen bei Sauppe 142. 

3) Diese Notiz hat Velleius wohl aus dem Gedächtnis eiugeflochten, denn die 
Geschichte seiner Vaterstadt Capua und ihrer Umgebung, aus der auch sein Freund 
M. Vinicius stammte (Tac. ann. VI 15), ist ihm wohl vertraut (vgl. I 4.2. 7,2 fl". 14,;i 
II 25,4 [dazu CIL X p. Ml] 44,4. 81,2), und jene Einnahme Capuas durch die Römer 
von 543 = 211 fällt ihra sogar da als die einzige ein, wo er vielmehr an die frühere 
von 41ß = .'{38 denken sollte (I 7,4 vgl. nach Früheren Burmeister 16. Hülsen l>ei 
Pauly-Wissowa III 15.')f), während Nissen Ital. Landeskunde II <)Ü7 mit Unrecht dem 
Velleius genau folgt). 



— 2H9 — 

die um mehr als zwei Jahrhunderte zurückführt. ') Dieses Hin- und 
Hereilen stört den ruhigen Fluß einer Darstellung, die chronologisch fort- 
schreiten will, aufs empfindlichste; die rasch zusammengerafften Notizen 
werden nur mechanisch in einander geschoben, damit ja keine verloren 
gehe. Von ihnen allen gehören aber sachlich und zeitlich am engsten 
zusammen die am weitesten auseinander gerissenen über die Meteller; 
ist doch der freilich von Velleius nirgends genannte C. Metellus der eine 
der beiden Konsuln des Jahres 641 = 113, von dem überhaupt ausge- 
gangen wird, der eine der beiden Brüder, die im J. 043 ^111 zusammen 
triumphierten, der eine der beiden Vettern, die im J, 652 = 102 zu- 
sammen die Zensur verwalteten, während sein j^mtsgenosse hierbei der 
Numidicus ist, von dessen Führung dieses Amtes Velleius sonst nirgends 
spricht. Die Vita des Numidicus gab eine Zusammenstellung der Kon- 
sulate, Zensuren, Triumphe der Meteller in jener Zeit; sie wird auch 
bemerkt haben, daß einmal zwei Triumphe zusammenfielen, und sie muß 
von der Zensur des Helden gehandelt haben. Die Notiz über die Triumphe 
war gleichsam das Stichwort, mit dem Velleius die chronologische Quelle 
verließ und zu der biographischen überging. 

Zum letzten Male hat er die Vita des Numidicus für den Abschnitt 
benutzt, in welchem sie sich mit der seines Sohnes Metellus Pius deckte. In 
der Darstellung des Bundesgenossenkrieges versucht er als G-egenstücke 
auszuarbeiten eine Liste der römischen und eine der feindlichen Feld- 
herren IT 15,3 und 16,1; aber während die zweite einheithch und einer 
historischen Quelle entlehnt zu sein scheint, übergeht die erste alle Kon- 
suln dieser Jahre und die etwa sonst von Velleius selbst genannten Führer, 
wie den tüchtigen T. Didius (II 15,1. 16,2.4) und nennt als clarissimi 
imperatores Romani nur Cn. Pompeius Cn. Pompei Magm pater, C. 
Marins . . . ., L. Sulla .... Q. Metellus Numidici ßlius, qui meritum 
cognomen PH consecutus erat. Bei keinem dieser vier Männer bezeichnet 
der Bundesgenossenkrieg den Höhepunkt seiner Laufbahn; wohl aber 
sind sie alle wegen ihrer sonstigen Bedeutung in die Biographiensamm- 
lungen aufgenommen worden, in denen keiner jener anderen römischen 
Feldherren des Bundesgenossenkrieges einen Platz erhalten hat. Dem 
Beinamen des Metellus Pius fügt nun Velleius als Erläuterung die ganze 
Geschichte von der Verbannung und der Rückberufung seines Vaters 
hinzu, obgleich er damit den erstrebten Parallelismus in den Verzeich- 
nissen der Römer und der Italiker zerstört, in der Erzählung selbst 
um ein Jahrzehnt zurückspringt und nicht einmal eine Verbindung mit 
der früher, an der richtigen Stelle (II 12,6) gegebenen, kurzen Behand- 
lung der betreffenden Dinge herstellt. Der Schlußsatz: Xec triump/iix 

') Über die Zeit der Zensur der Scipionischen Brüder vgl. Pauly-Wissowa IV 
1428,14 ff. 



— 270 - 

IwnorWusquc quant auf causa eusi/ii aut exsUio aut reditu clarlor fuit 
XumicUcus. läßt deutlich erkennen, daß die Vita des Numidicus und die 
damit zusammenhängende des Pius die Grundlage bilden. 

Daß die letztere bei weitereu Erwähnungen des Pius herangezogen 
wurde, ist nicht zu erweisen ; gesichert erscheint aber, in welcher Weise 
die Metellerviten eines biographischen Sammelwerkes angelegt waren 
und von Velleius ausgebeutet wurden. Gerade sie zeigen uns, wieviel 
bei ihm Schein ist, wie oft er ein im Grunde einfaches und bequem her- 
gerichtetes Material so verwendet hat, als ob er es mühsam und selb- 
ständig zusammengetragen hätte; von seiner historischen Forschung und 
von seiner literarischen Komposition lassen sie uns gleichmäßig gering 
denken. 

VI. 

Da eine Erschöpfung des Themas an dieser Stelle weder beab- 
sichtigt noch möglich ist, seien nur einige weitere Fälle herausgegriffen, 
in denen die Bevorzugung biographischer Quellen bei Velleius leicht zu 
erkennen und für den sprunghaften und ungleichmäßigen Charakter 
seiner Erzählung verantwortlich zu machen ist. Daß der Anfang der 
ersten Römerbiographie I 8,4: Roniulus Marüs fl/lus ultus iumrias avi 
Homani urhem PariUhus in Palatio condidit, den des entsprechenden 
Elogiums vom Augustusforum (CIL I^ p. 187 el. IV): Roniu/us Marfis 
filiuH urhem Romam condidit, Wort für Wort in sich schließt, wird ein 
Zufall sein, aber ein bezeichnender. In den letzten Abschnitten des ersten 
Buches ist sodann neben den Viten des Scipio Aemilianus und des 
Metellus Macédoniens und mit jeder von ihnen einmal verknüpft eine 
Vita des Mummius Achaicus^) benutzt worden (I 12, 1. 13,2 und 4); 
was von ihrem Inhalt hier unbenutzt blieb, wird bei späterer Gelegen- 
heit (II 128,2) angebracht, woraus zu ersehen ist, daß auch sie in der 
gewöhnlichen Weise auf die Herkunft den vollständigen Cursus honorum 
des Helden folgen ließ. Im Beginn des zweiten Buches ist mit der 
Lebensbeschreibung des Ti. Gracchus (II 2,1 ff.) die seines Gegners 
Scipio Nasica (II 3,1 f.)') verbunden worden; in die Haupterzählung von 



1) Seine Biographie ist nur erhalten beim Auct. de vir. ill., aber auch Verg. 
Aen. VI 8.36 f. verherrlicht ihn, der unmöglich auf dem Augustusforum gefehlt 
haljen kann, zumai da Nachkommen seiner Tochter zum höchsten Adel zählten (Suet. 
Galba .3). 

2) Die Aufnahme dieses Scipio Nasica unter die Viri illustreü ist zwar nicht 
beglaubigt, al)er dennoch möglich. Einer seiner Nachkommen stellte sein Blogium 
öffentlich auf (Cic. ad Att. VI 1,1')» und der Auetor de vir. ill. widmet seinem Groß- 
vater und Vater, die er für identisch hält, ein eigenes Kapitel (44) und seinen eigenen 
Schicksalen ziemlich viel Beachtung (H4,y). Wie Ti. Gracchus mag daher auch Nasica 
zu den Männern gehört haben, die zwar keinen Platz iu der Ruhmeshalle des Augustus, 



— 271 — 

ihrem feindlicben Zusammenstoß, dem Höhepunkt ihrer Geschichte, ist 
bei beiden Herkunft, Charakter und Vorgeschichte eingefügt. 

Der Krieg mit den Kimbern und Teutonen bis zum Auftreten des 
Marius wird II 12,2 in einem Vordersatze abgetan, dessen Nachsatz 
lautet: Populm Romanus non alium lantis hostibus magis idoneum 
mperatorem quam Marium est ratus\ tum multiplicati consulatus eius. 
Der Tatbestand wie seine Formulierung entspricht genau dem beim 
dritten makedonischen und beim dritten panischen Kriege. Velleius folgt 
der Quelle der einen Gattung bis zu dem bestimmten Stichwort, das 
auch in der der andern Gattung wiederkehrt, dem bedeutsamen Schlußwort 
Sallusts (lug. 114,3 f.): Marius consul absens f actus est, et ei décréta 
provincia Gallia, isque kalendis lanuarns (650 = 104) magna gloria 
consul triumphavit. et ea tempestate spes atque opes in illo sitae. Nach- 
dem Velleius in dem ihm vorliegenden Geschichtsabriß die entsprechende 
Notiz gefunden hat, geht er zunächst wie bei den spanischen Kriegen II ö, 1 ff. 
(s. o. S. 255 f.) rückwärts von dem Jahre der Wiederwahl des Marius 
und deren Ursache bis zu dem ersten Zusammentreffen der Römer mit 
den Deutschen und dann wieder vorwärts von diesem Anfang der Kämpfe 
über die Mitte bis zu jenem Ende : Cum Caepionem Manliumque con- 
sules (649 = 105) et ante Carhonem (641 = 113) Silanumque (645 = 109) 
fudissent fugassentque .... Scaurumque Aurelium .... trucidassent 
(649 =105 unmittelbar vor Caepios Niederlage). Der früheste hier er- 
reichte Zeitpunkt ist der bereits II 8,3 (o. S. 267 f.) berührte; dort weist 
Velleius vorwärts : Cimhri et Teutoni, multis mox nostris suisque cladibus 
nohiles,^) hiev rückv^ärts : JJt praediximus\ so knüpft er den Faden, den 
er zerrissen hat, selbst wieder zusammen. 

Von hervorragenden Männern der Nobilität, die eine Zeitlang mit 
Cn. Pompeius wetteiferten, scheinen durch besondere Biographien in den 
Sammlungen L. Lucullus und Metellus Creticus ausgezeichnet zu sein, 
deren Kriegstaten zwar durch seine Erfolge in Schatten gestellt, aber 
von den Standesgenossen mit Recht hoch gepriesen und durch den Triumph 
belohnt wurden;-) ihre Viten sind von Velleius 33,1 — 34,2 und noch- 

wohl aber in den gleichzeitigen Sammlungen von Biographien berühmter Römer bean- 
spruchen durften. Seiner Vorgeschichte gehört bei Velleius der Einschub über seine 
Wahl zum Pontifex maximus trotz des Perfekts /actus est an (vgl. Pauly-Wisaowa IV 
1508.53 ff., auch Kornemann Kilo. Beiheft I 3), dessen Gegenstiick inditum erat I 11.2 o. 
S. 256,1. 

1) Vgl. 105,1: Cherusci — gentis eius Arininius mox nostra clade nobilis 
mit 118,2, wo der Volksname überhaupt nicht mehr genannt wird; zu 25, .80 s. S. 256.1. 

2) Lucullus hat seinen Platz auf dem Augustusforum (CIL I^ p. 196 el. XXI 
= Dessau 60) und in den Sammlungen Plutarchs und de vir. ill. erhalten; bei 
Metellus Creticus ist anzunehmen, daß er auf jenem nicht fehlte, da sein Siegesbeiname 
von dem hohen Adel der Augustischen Zeit noch geführt wurde (vgl. Pauly - Wissowa 
III 1212 Nr: 88— 90j. 



— 272 — 

mais 40,5 mit einander und mit der des Pompeius verglichen und zu- 
sammengearbeitet worden. Der Bruder des einen, M. Lucullus, durfte 
wegen seines ebenfalls ruhmvollen Triumphes, der Mitkonsul des andern, 
Q. Hortensius, wegen seiner Beredsamkeit, auf Grund deren ihn Yelleius 
36,2 mit Cicero zusammenstellt, zu den berühmten Männeni jener Zeit 
gerechnet werden, und neben ihnen Q, Catulus nicht nur wegen seines 
durch die Anekdote 32,1 f. belegten Ansehens, sondern auch wegen 
seines Wiederaufbaus des Capitolinischen Tempels.^) Diese fünf Männer 
werden 48.6 in der Reihenfolge ihrer Konsulate, also nach dem Alter auf- 
gefühi-t und beglückwünscht, weil sie, cum sine invidia in re publica 
floruissent eminuissentque sine periculo, qiiieta mit cerie non praecipitata 
fatali ante inilium hellorum ciuilium morte functi sunt. Abgesehen da- 
von, daß die eigene Erzählung des Yelleius von Lucullus und Metellus 
34,2 und 40,5 dem sine invidia geradezu widerspricht, ist die ganze 
Zusammenstellung und Betrachtung etwas sonderbar; aber ihre Veran- 
lassung ist gewiß keine andere, als daß gerade diese Persönlichkeiten 
zweiten Ranges aus der Zeit des Pompeius in einer Biographiensammlung 
behandelt waren, und daß Velleius, wenn sonst nichts aus ihrem Leben, 
so wenigstens ihr Lebensende kurz erwähnen wollte (wie Xepos de reg. 
2,1 0. S. 252,2). 

Es hat Velleius sich nicht damit begnügt, den Bestand der vor- 
handenen Biographiensammlungen aufzunehmen, sondern er hat auch 
versucht ihn zu vermehren. So entwirft er von dem revolutionären 
Tribunen P. Sujpicius Rufus II 18,5 ein Bild, dessen einzelne Züge 
aus anderen Berichten meistens nicht zu belegen sind ; aber bei näherem 
Zusehen erkennt man darin dieselben Züge, wie in den besser beglaubigten 
Porträts der Gracchen (II 2,2 vgl. 6,1) und des M, Livius Drusus (II 13,1), 
und der Verdacht wird rege, daß Velleius diesen Mann, der vorher nicht 
zu den berühmten gezählt hatte, nach dem Schema des Demagogen selbst 
gezeiclinet habe. In den späteren Partien verleitet ihn sein "Wunsch, 
auch die Träger von Nebenrollen in dem großen Drama der Bürger- 
kriege nicht ohne eine Charakteristik zu lassen, nicht selten zur Wieder- 
holung derselben ziemlich oberflächlichen Schilderungen, so bei Curio 
und Caelius (48,3 und 68,1), bei dem Verhältnis des xlntonius zu Lepidus 
und des Brutus zu Vatinius (63,1 und 69,3), auch bei dem Verschwörer- 
paar Murena') und Caepio und bei dem Zensorenpaar Plauens und Paullus 

') Daß diese Tat einem Triumph und Siegesbeinamen gleichgeaehtet wurde, 
zeigt Galbas Verhalten, qui Htatnarum titulis //ronepnlem se Quinli Caiitli Capitolini 
semper agcri/taerit (Suet. Galba 2 vgl. seine Rede bei Tac. bist. I 15 Anf.) und eine 
Stelle wie Tae bist. IM 72: Liiftilii Citliili uomen inter tan/n Caesarnui opera un(/ur 
ad Vitelliuin mansit. Velleius bat die Sache freilich übergangen. 

2) Vgl. Cichorius Hermes XXXIX 4()7.1 



— 273 — 

(91,2 und 95,3); in der Kegel sind solclie Zutaten schon an ihrer 
Einführung und Fassung leicht zu erkennen. 

xA.ber gerade bei Velleius sehen wir, daß nicht nur er selbst den 
Kreis der berühmten Römer zu erweitern strebte, sondern da(i sich auch 
andere in dieser Richtung betätigten. Es lag ja in der Natur der 
Sache, daß in den Biographien römischer iStaatsmänner und Feldherren 
das yévog einen breiteren Raum beanspruchte, als in denen der griechischen. 
Von Alters her war in den Laudationen der Verherrlichung des einzelnen 
Verstorbenen die seiner Ahnen vorangegangen,') und nicht selten wurde 
der verblichene Schimmer ihres Ruhmes durch den weit glänzenderen 
des seinigen überhaupt erst sichtbar gemacht. So ist es bei Sulla, bei 
Pompeius, bei Caesar, bei Augustus, bei Tiberius gewesen. Es ist kein 
Zufall, daß sogenannte Elogien von Männern, die in der Republik über- 
haupt nicht bis zum Konsulat emporgestiegen waren, fast ausschließlich 
Ahnen und Verwandten der neuen Herrscher gehören, zwei Julii Caesares, 
dem C.Octavius, dem Livius Drusus,-) und Sueton schickte den Biographien 
der Kaiser, die zum alten Adel gehörten, außer einer Behandlung ihrer 
direkten Vorfahren und besonders gefeierten Familienglieder stets eine 
zusammenfassende Übersicht der ganzen Geschichte, der Ehren und 
Würden ihres Hauses voraus.'^) Bei Velleius läßt sich leicht feststellen, 
daß er solche Übersichten schon für Sulla (II 17,2) und für Pompeius,*) 



') Vgl. Vollmer Jahrb. f. Philol. Suppl. XVIIl476f. Der Unterschied zwischen 
Griechen und Römern ist bei Plutarch deutlich; er will zwar das yévog bei beiden 
gleichmäßig berücksichtigen (vgl. Leo Griech.-röm. Biographie 180 f.), kann aber 
meistens bei jenen nur über die nächsten Vorfahren des Helden mühsam etwas er- 
mitteln, bei diesen dagegen aus einem reichen familieugeschichtlichen Material nach 
Belieben eine Auswahl treffen. Zwischen Anfang und Ende der Entwicklung sind als 
Mittelglied notwendig die AVerke de viris illusiribiis aus Ciceronischer nnd Augustischer 
Zeit einzusetzen. 

2) CIL 12 p. 198 f. el. XXVII = Dessau 48; XXVIII; XXIX = 47; XXX = 49. 
Daß das günstige Ui-teil des Velleius II 13. 1 über Livius Drusus durch die Rücksicht 
auf Tiberius beeinflußt ist, bemerkte richtig Sauppe 168. 

3) Diese Summierung ist bei den Juliem verloren und fehlt bei den Octaviern 
(Aug. 2) wegen der (Teringfügigkeit und bei den Sulpiciem wegen der Menge der 
Einzelposten (Galba 3); sie liegt vor für die Claudier (Tib. 1), Livier (Tib. 3) und 
Domitii Ahenobarbi (Xero 1 s. u.). Vgl. auch Tac. ann. XÎII 3 über die Laudatio auf 
Kaiser Claudius: Antiquitatem generis, consulatus triumpliosque maiorum eiuimerabat. 

^) In der Vorlage des Velleius war vermutlich bereits der Vater des Pompeius 
unter die Viri illustres aufgenommen, wofür schon die Art seiner Anführung II 15,3 
spricht (s. o. S. 269), sowie die Anknüpfung der Vita des Sohnes durch das Selbstzitat 
29,1. Auch die allgemeine Bemerkung über das Geschlecht 21,5 ist an das Haupt- 
und Schlußkapitel der Vita des Vaters (21,1 — 4) angehängt und dann von Velleius 
selbst, nicht von einem Interpolator, zu dem nachträglichen Einschub an früherer Stelle 
II 1,4 verwendet worden. Xach dem großen Pompeius wird dann in dem von Velleius 

18 



— 274 — 

dann aber vor allem für Caesar (41,1), Augustiis (59,2) und Tiberius 
(75,1 und 3 vgl. 71,3. 94,1) in der landläufigen Literatur de viris iUustribus 
vorfand, ebenso wie er selbst die adlige Herkunft beachtete, wenn er 
Zeitgenossen gleichsam zu diesem Range erhob. ^) Vielleicht am besten 
zeigt aber seine Behandlung der Domitier, wie damals die Anerkennung 
und die literarische Behandlung von Persönlichkeiten der republikanischen 
Zeit als Viri illustres noch in beständiger Entwicklung war. 

Notetur Domitiae familiae pecuUaris quaedain et ut clarissima, ita 
artata numéro félicitas. Septem ante hunc nohilissimae simplicitatis iu- 
venem, Cn. Domitium fiiere, singuli omnino parentibus geniti,^) sed 
omnes ad consulatum sacerdotiaque^ ad triumphi aiitem {triumphantum 
Novak Wien. Stud. XXVIII 297 f.) paene omnes pervenerunt insignia. 
Diese Übersicht über die Geschichte der Familie giebt Velleius II 10,2 
bei der Erwähnung eines Ahenobarbus, der bereits als der dritte in der 
Reihe zum Konsulat und als erster — und unseres Wissens einziger'') — 
zum Triumph gelangt ist. Mit demselben Manne, den er allerdings mit 
seinem Sohne zusammenwirft, eröffnet auch Sueton Nero 1 die Reihe 
der berühmten und erwähnenswerten Mitglieder des Hauses, und auch 
er rechnet aus, daß im ganzen sieben das Konsulat geführt haben. Aber 
was er und die sonstige Überlieferung von den folgenden Domitiern zu 
melden wußte, war nicht eben das Vorteilhafteste; denn der eine hatte als 
einer der unversöhnlichsten Gegner Caesars bei Pharsalos geendigt ; der 
andere hatte mit den Caesarmördem und dann mit Antonius gegen 
Augustus gekämpft, bis er den Untergang des Antonius und das eigene 
Ende greifbar nahe sah; der dritte hatte freilich den Ruhm des 
römischen Namens weiter als jeder andere Römer bis über die Elbe ge- 
tragen, — aber dergleichen hörte wiederum Tiberius nicht gern rühmen.*) 

benutzten Buche de viris iUustribus ebenso wie in dem späten uns vorliegenden noch 
sein Sohn Sextus einen Platz erhalten haben (vgl. besonders 73,1 f., auch 77,3. 79,5 f.). 

1) Vgl. außer den Zeugnissen über sich selbst und seinen Gönner Vinicius die 
über Vetus 43,4, MessaUinus 112,2, Lepidus 114,5, Gaetulious 116,2, Varus 117,2, Cal- 
dus 120,6 (ähnlich auch Tac. ann. VI 29 Ende über Scaurus, XII 12 über Cassius). 
Am bezeichnendsten ist, wie er bei Seiau einerseits alle Beweise für die Zugehörig- 
keit zum Adel hervorsucht (127,3 vgl. Cichorius Hermes XXXI X 469). anderseits alle 
Praecedenzfälle für das Emporsteigen dieses homo novus (127,1. 128,1 ff); vgl. dazu 
Tac. ann. IV 40, auch 8. 

2) Ähnliches wird I 6,2 von den babylonischen Königen hervorgehoben. Vgl. 
auch S. 267 

3) Wenn bei Sueton: Funcli consulat ibtis septem, triunipho censurnf/iie duplici, 
an zwei Zensuren und zwei Triumphe gedacht werden muß, so bietet dies eine Schwie- 
rigkeit (vgl. Mommsen Rom. Forsch. 1 73,5) ; bei Velleius sind wegen des Ausdrucks 
triumphi ins ig nid jedenfalls die Ornamcnta triumphalia des Konsuls von 738 - 16 
mitgerechnet; über die auch dann noch l)leibende Übertreibung vgl. o. S. 258,1. 

*) Vgl. die Behandlung der germanischen Erfolge des Drusus und des Germani- 
CU8 95,1. 97,3. 129,2; dazu Bonner .Jahrbücher CIV 68. Rhein. Mus. I,XII 165,1. 



— 275 — 

So hat denn Velleius von dem ersten und dem dritten fast ganz ge- 
schwiegen ; jenen nennt er nur flüchtig einmal, wo er es gar nicht ver- 
meiden kann (50,1); und von diesem erwähnt er trotz seines großen 
Interesses für die germanischen Dinge und für die Kriegstaten der 
Feldherren des Augustus überhaupt keine Taten, sondern nur die 
eminentissima ac nohiUssima simplicitas (72,3 s. o. S. 257,2); von dem Partei- 
gänger der Caesarmörder und des Antonius hel)t er fast nur hervor, wie 
er sich diesen selbständig gegenübergestellt und sie rühmlich verlassen 
habe 1 72,3. 76,2. 84,2).^) Aber was ihn trotz aller dieser Schwierig- 
keiten bestimmte, das erlauchte Haus der Domitier immer wieder zu 
preisen, ist ein Ereignis der jüngsten Vergangenheit: Ende des Jahres 
28 n. Chr. hatte Tiberius mit besonderen Feierlichkeiten seine Enkelin 
Agrippina dem Cn. Domitius vermählt, den Velleius als nohilissimae 
simpUcitatis (II 10,2) und clarissimus iuvenis (72,3) rühmt, und zwar 
hatte der Kaiser damit die entfernte Verwandtschaft mit seinem eigenen 
Hause und den alten Adel des Domitierhauses ehren wollen. -) Darum 
also war es für die Schriftsteller, die den Bedürfnissen des Tages Rech- 
nung trugen, unerläßlich, diesen Adel zu feiern. 

Die Untersuchung hat sich auf einen kleinen Teil der Schrift des 
Velleius beschränkt und manche Umwege gemacht. Wenn ihr Verfahren 
kompliziert und künstlich erscheinen sollte, so ist doch ihr Ergebnis ein 
einfaches : Velleius hat viel von der Art und Unart des mittelmäßigen 
Journalisten. Seinen Wissensstoff schöpft er bereits in stark verdünnter 
Gestalt aus Kompendien, in denen man sich rasch orientieren kann, 
aus übersichtlich angelegten Geschichtstabellen und Biographiensamm- 
lungen ; die scheinbar weit hergeholten und viel umfassenden Kenntnisse 
hat er aus ziemlich wenigen Büchern erworben. Von dem jeweiligen 
Vorgänger hängt er ab in der Auswahl, in der Anordnung ^) und in der 

1) 'Wie nach der offiziellen Auffassung nur die Königin von Aegypten bekriegt und 
besiegt worden war, nicht M. Antonius, so werden bei Velleius auch andere Männer 
als Domitius wesentlich nach der Haltung beurteilt, die sie der Königin gegenüber be- 
obachtet hatten (Plancus 83,1. PoUio 86,3; vgl. auch über Antonius selbst 85,3 und 6). 

2) Tiberius neptein Agrippinam , Germanico oriain, cum cor a m Cn. Bomitio 
tradidisset, in urbe celebrari nuptias iussil. In Bomitio super ve tustaiem 
gener is propinqmim Caesaribus sanguinem deUgerat: nam is aviam Octaviam et per 
eam Augustum avunculum praeferebat. In diesen Sätzen, mit denen Tacitus das Jahr 28 
und das vierte Buch seiner Annalen schUeßt. ist jedes Wort wohl überlegt und ver- 
mutlich so oder ähnlich aus dem Munde des Kaisers selbst geflossen. Tacitus aber 
zeigt an dieser bedeutsamen Stelle zum ersten Male die Frau, die die zweite Hälfte 
der Geschichte der Claudischen Dynastie beherrscht, und als Gegenstück dazu in den 
nächsten Sätzen, den ersten des fünften Buches, zum letzten Male die andere, die das 
in der ersten Hälfte getan hat, LiWa. 

3) Wenn er versucht, seinem Stoffe durch Disposition nach neuen Gesichtspunkten 
etwas Xeues abzugewinnen, so begeht er Flüchtigkeiten und Versehen in Fülle ; wie 



— 276 — 

Beurteilung des Stoffes; die Selbständigkeit bestellt oft nur darin, daß 
er verschiedenartige Vorgänger mit einander zusammenbringt. Aber in 
der flüchtigsten und rohesten Weise werden alle Notizen an einander 
gehängt und in einander geschoben; mit modernen Schlagwörtern^) und 
einem bereit gehaltenen Vorrat von Pointen und Phrasen -) wird dem 
Einzelnen eine scheinbare Frische und Originalität verliehen, während 
im ganzen Sprache, Stil und Komposition den bescheidensten Ansprüchen 
nicht genügen können. Zum bestimmten Tage in Eile fertig gestellt, 
giebt das Werk den Bedürfnissen und den Meinungen des Tages Aus- 
druck. Nur als ein Ganzes kann es gewürdigt werden, und die Kritik 
der historischen Quellen ist nicht zu trennen von der Prüfung der 
sprachlichen und stilistischen Eigenart , ^) der persönlichen Ansichten 
und der literarischen Technik des Verfassers. Im Werte wird Velleius 
dadurch bei uns als Philologen nicht steigen, sondern eher sinken ; doch 
unvermindert bleibt der Wert, den er für uns als Deutsche hat, denn 
heut noch*) gilt die Empfehlung, die einst Rhenanus der Editio princeps 
an Friedrich den Weisen mitgab : Mendnit quorundam, qune nullorum 
sunt proclila litteris, sallim qui hodie exstmt. qiialis est deletarum cum 
Varo legionnm Arminio diice historin et quae de Marohoduo Marco- 
manorum rege .scribif, haud duhifi tuae celsittidini fanto gratiorafutura, 
quanto minus etiam doctissimis inris hactenus fuere cognita. 

dies für den Exkurs über die Kolonien d 14,1 — 16,5 vgl. II 7,7 f.) Sauppe 147 ff. ge- 
zeigt hat, so ist es auch, wenngleich in geringerem Maße, für die über die Provinzen 
(.S8,l— 89,.3), über die Unterwerfung Spaniens (i)0,l — 4), über die Geschichte der Litera- 
tur und andere kleinere nachweisbar. 

') Der Gebrauch oder \ielniehr Mißbrauch von Virtus bei Velleius verdient 
z. B. wohl eine nähere Prüfung. Auf das Lob der Simplicitas bei Zeitgenossen ist o. 
S. 257,2 hingewiesen worden (vgl. noch llß,4. 125,5); auch die Bezeichnung rühmlicher 
Taten und Eigenschaften als würdig der alten Zeit durch priscus. antiquus u. dgl. sei. 
erwähnt (vgl. z. B. 78,3. 8(5,2. 92,2. 5. 116,.^. 125,4. 127,4). Anderes bei Sauppe 176 ff. 

-) Bisweilen stehen drei und vier Pointen neben einander, um denselben einen 
Gedanken recht effektvoll auszudrücken, z. B. 60,2. 64,1 f. 72,2. 5. 92,5. 115,5. 121,1. 
Auch zur Schilderung gesvisser Situationen und Charaktere werden immer dieselben 
Züge und Wendungen wiederholt; man vergleiche z. B. mit einander die Segnungen 
der Herrschaft des Augustus 89,3 und des Tiberius 126,2 <auch 89,1 mit 99,3 und 
10.^,4), die Milde Caesars 52,6 und die des Augustus 85,."). die Schilderungen des 
Maecenas 88,2, des L. Piso 98,3 und des Seiauus 127,4. 

■'') So steht der häufige Gebrauch von clarns und verwandten Ausdrücken 
(Sauppe 177) gewiß in Keziehung zur Verwertung der Schriften .,ül)er berühmte Män- 
ner.'" Auch die verschiedenen Arten der Anknüpfung — mit allgemein gehaltenen 
Angaben über Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge in der Zeit, mit dem durch 
(jiiijipe verstärkten Relativ, mit Rückverweisungen — können der Analyse und Quellen- 
kritik gute Hilfsmittel geben. 

*) Vgl. die ganz übereinstimmenden Worte Rankes Weltgesch. 111 2,272. Spa- 
latin, auf doäsen Anregung die Basler Velleiusausnabe seinem Kurfürsten gewidmet wurde, 
liat sie aufs gründlichste benutzt zur Abfassung der ersten deutschen Biographie des 
Arminius. 



Exkurs zu S. 253. 

Ein Thema, das den Velleius wegen seiner eigenen Herkunft interessierte, 
ist das Verhältnis von Bundesgenossengemeinden zu Rom; es veranlaßt ihn 
zu einer Anzahl von Abschweifungen, die in keinem rechten Verhältnis zu 
seiner sonstigen Kürze stehen. Die Erwähnung Massilias im Caesarischen 
Bürgerkriege begleitet er 50,3 mit der Bemerkung, die Stadt sei fide melior 
quam consilio prudentior gewesen, was er dann näher begründet. AuflFallender 
ist schon ein zweiter Fall: Nachdem er II 17,1 gesagt hat: Finito ex maxima 
parte, nisi quae Nolani belli manebant reliquae, Italico bello, könnte er sich 
bei der Darstellung der Sulpicischen Revolution begnügen zu sagen II 18,4: 
Sorte obvenit Bullae Äsia provincia. is egressus urbe cum circa Xolam mora- 
retur P. Sulpicius tribunus pl. cet. ; er brauchte nicht nochmals zu be- 
tonen, weshalb Sulla bei Nola verweilte. Aber vollends ungeschickt und un- 
motiviert ist die Parenthese: Quippe ea urbs pertinacissime arma rdinebat 
exercituque Romano obsidebatur velut paeniteret eius fidei, quam omnium sanc- 
tissimam bello praestiterat Punico; hier verbindet sich mit dem Interesse für 
die Bundesgenossentreue noch das für die campanische Heimat (vgl. S. 268,3), 
das den Velleius schon in der Geschichte der griechischen Kolonisation bei 
der ersten Erwähnung von Kyme und Neapolis in die Worte ausbrechen ließ 
I 4,2: Utriusque urbis eximia semper in Romanos p'des facit eas nobilitate 
atque amoenitate sua dignissimas. 

Von der Bundestreue der Rhodier spricht er zweimal und vergleicht sie 
stets mit dem gleichzeitigen Verhalten anderer Bundesgenossen. Beim Perseus- 
kriege schiebt er in die aus biographischen Quellen geflossene Darstellung ein 
I 9,2: Quin Rhodii quoque, fidelissimi antm Romanis, tum dubia fide speculati 
fortunam proniores regis partibus fuisse visi sunt; et rex Eumenes in eo bello 
médius fuit animo, neque fratris initiis neque suae respondit consuetudini. Beim 
Mithridatischen Kriege wird nach Erwähnung des Blutbades von 666 = 88 ein- 
geschoben 1118,3: Quo tempore neque fortitudine adversus Mithridatem neque 
fide in Romanos quisquam Rhodiis par fuit — horum fidem Mytilenaeorum 
perfidia inluminavit, qui M'. Aquilium aliosque Mithridati vinctos tradiderunt, 
— qtiibus überlas in unius Theophanis gratiam postea a Pompeio restitula est. 
Die Einführung zeigt schon, daß Velleius von der Biographie des Mithridates 
zu einer chronologischen Geschichtsdarstellung übergeht, und nun läßt er hier 
wieder seinen Blick rückwärts schweifen, da die Belagerung von Rhodos auf 
die Gefangennahme des Aquilius und die Ermordung der Italiker gefolgt ist, 
während die Begnadigung der Mytilenaeer wiederum der übrigen Erzählung 
bis au das Ende des dritten Mithridatischen Krieges vorauseilt. Der Satzbau 
ist an dieser ganzen Stelle ohnehin höchst schwerfällig und ungeschickt, und 
wird durch diese Parenthesen geradezu ungeheuerlich. 



— 278 — 

Doch am auffallendsten tritt das Interesse für das Thema der Bundes- 
treue in einem andern Exkurse zu demselben ersten Kriege gegen Mithridates 
zu Tage, 23,4 f.: Si quis hoc rehellandi tempiis, quo Athenae oppugnatae a 
Sulla sunt, imputât Atheniensibus, nimirum veri vetustaiisque ignarus est: adeo 
enim certa Atheniensiutn in Romanos fides fuit, ut semper et in omni re, quid- 
quid sincera fide gerer etur, id Romani Attica ßeri praedicarent. ceterum tum 
oppressi Mithridatis armis homines miserrimae condicionis cum ah inimicis 
tenerentur, oppugnabantur ab amicis et animos extra moenia, corpora necessi- 
tati sernientes intra muros habehant. Das unterbricht nicht nur störend den 
riuß der Erzählung, sondern fällt auch im Tone merkwürdig aus ihr heraus. 
In der Tat hat es eine bestimmte Spitze: Bald nachdem im J. 18 n. Chr. 
Germanicus bei seinem Besuche Athens mit den Athenern alle erdenklichen 
Liebenswürdigkeiten ausgetauscht hatte (Tac. ann. II 53), erschien dort sein 

Gegner Cn. Piso und: civitatem Atheniensem . oratione saeva increpat, 

oblique Germanicum perstringens, quod contra decus Romani nominis tion 
Athenienses tot cladibus exstitictos, sed cotiluviem illam nationum comitate nimia 
coluisset: hos enim esse Mithridatis adversus Sullam, Antonii adversus 
divum Augustum socios (ebd. 55). Es hatte also vor Kurzem ein Mann in 
hoher Stellung Einspruch erhoben gegen die Verwöhnung Athens, wie sie auch 
von Augustus unverdient und ohne Dank geübt worden war (vgl. Rostowzew 
Festschrift für 0. Hirschfeld 303 ff.); jetzt war dieser Mann eine gefallene 
Größe (vgl. Vell. II 130,3), und mit ihm fiel der Verurteilung auch seine athener- 
feindliche Gesinnung auheim; diese Polemik mit Waffen der griechischen Rhe- 
torik^) kennzeichnet wiederum Velleius als den beflisseneu Diener der öffent- 
lichen Meinung des Tages. 



1) Die 'AiTLv.ii TiioTiç war nicht bei den Römern, sondern bei den Griechen 
sprichwörtlich; zu den von Otto Sprichwörter der Römer 44 angeführten Belegen aus 
den griechischen Paroemiographen ist Sen. controv. III 8 p. 254,18 Kießl. hinzuzufügen, 
worauf Wöfflin Archiv f. lat. Lexikogr. VIJ 145 hinwies; doch geht auch dies auf 
griechische Quelle zurück. — Daß wie Augustus auch Tiberius in einem guten persön- 
lichen Verhältnis zu Athen stand, kann man vielleicht aus der Zahl der ihm dort er- 
richteten Statuen schließen (vgl. dagegen die wenigen für Xero und die Flavier CIA. 
III Ind. p. .309). 



Die Einführung des gregorianischen Kalenders 
in der Schweizerischen Eidgenossenschaft. 

V^on 
Rudolf Thommen. 



In dem Kalender, dessen sich die Angehörigen der christlichen 
Konfessionen bedienen, sind zwei ursprünglich von einander unabhängige 
Elemente in etwas eigentümlicher Weise vereinigt. Erstens der Kalender 
im engeren Sinne des Wortes, d. h. die übersichtliche Anordnung 
kleinerer Zeitmaße zu einer höheren Zeiteinheit — der Tage zu Wocheu 
und Monaten, der Monate zu einem Jahre — und zweitens der so- 
genannte Festkalender, d. h. der Summe der über das ganze Jahr ver- 
teilten kirchlichen Festtage, die teils an ein bestimmtes Datum gebunden 
sind, teils, nämlich das Osterfest und die davon abhängigen Sonn- und 
Feiertage, innerhalb bestimmter Grenzen im Ansatz hin- und her- 
schwanken. 

Diese beiden Elemente sind ebenso verschieden nach ihrem Wesen 
wie nach ihrer Herkunft. 

Das erste, der eigentliche Kalender, stammt aus dem heidnischen 
Altertum und zwar in der Form, die ihm Julius Cäsar im Jahre 46 
V. Chr. gegeben hat. Xach diesem erlauchten Reformator heißt auch 
der Kalender und das einzelne Kalenderjahr bis zum Zeitpunkte der 
am Ende des 16. Jahrhunderts vorgenommenen Umgestaltung der 
julianische Kalender und das julianische Jahr. Das zweite Element, 
der Festkalender, ist christlichen Ursi^rungs und namentlich in Bezug 
auf den Ansatz der Osterfeier das Ergebnis einer Jahrhunderte langen, 
vielfach stürmischen und kampferfüllten Entwicklung. — Dieser Ansatz 
beruht auf Normen, die schon im 5. Jahrhundert in Alexandrien an- 
gewendet, von dem Abte Dionysius exiguus in Rom im Jahre 525 
aufgegriffen, die Anerkennung des Papstes und damit allmählich die 
ausschließliche Geltung innerhalb der christHchen Kirche gewonnen 



— 280 - 

haben. Dionysius ist beiläufig bemerkt auch der Erfinder unserer Ara, 
der Zählung der Jahre nach Christi Geburt, die übrigens infolge eines 
von ihm gemachten Rechenfehlers nicht einmal ganz genau ist. 

Für die Bestimmung des Osterfestes lassen sich jene Normen am 
übersichtlichsten dahin zusammenfassen, daß Ostern auf den ersten 
Sonntag nach dem Frühlingsvollmond angesetzt, und wenn dieser selbst 
auf einen Sonntag fällt, auf den nächsten Sonntag verschoben werden 
muß, wobei unter Frühlingsvollmond der auf den 21. März als den Tag 
der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche fallende oder der gleich nachher 
eintretende Vollmond verstanden wird. Aus der Kombination dieser 
Merkmale ergibt sich die dem Wesen eines Kalenders geradezu Hohn 
sprechende Tatsache, daß Ostern auf 35 verschiedene Monatsdateu vom 
22. März bis 25. April fallen kann. 

Beiden Elementen, dem Kalender und dem Festkalender, gemein- 
sam ist der Umstand, daß sie auf cyklischer Berechnung aufgebaut sind, 
der julianische Kalender auf einem vierjährigen Cyklus von drei Gemein- 
jahren und einem Schaltjahr, und die Osterrechnung auf der Gleichung: 
19 julianische Jahre = 235 Mondmonaten. 

Die logische Voraussetzung der Anwendbarkeit solcher Cyklen ist 
nun die, daß ihre Angaben mit den maßgebenden Himmelserscheinungen 
als der unverrückbaren Grundlage aller Kalendermacherei jeweilen überein- 
stimmen. Allein diese Voraussetzung traf weder bei dem einen noch 
bei dem andern Cyklus zu und besonders die Berechnung von Ostern 
litt an einem doppelten Fehler, indem die Ungenauigkeit der oben an- 
geführten Gleichung bewirkte, daß nach 310 Jahren die wirklichen Neu- 
und Vollmonde um 1 Tag früher eintraten als die cyklisch berechneten, 
und die Vernachläßigung der sogenannten Präzession der Frühlings-Tag- 
und Nachtgleiche bewirkte, daß ihr Termin nach 128 Jahren sich eben- 
falls um 1 Tag nach rückwärts verschob. Wenn man also im Abend- 
land geglaubt hatte in dem Computus, wie man im früheren Mittelalter 
die Kalenderrechnung nannte, einen stets giltigen Führer zu besitzen, 
so war auch dieser Glaube irrig und er wurde schon früh auf eine 
harte Probe gestellt. Deshalb weiß sich der bibelfeste Computist Konnid, 
der um 1200 lebte und gewiß zu seinem Schrecken für das Aquinoctium 
schon eine Differenz von 6 Tagen und für den Frühlingsvollmond eine 
solche von 3 Tagen gegenüber der cyklischen Rechnung bemerken 
mußte, nicht anders als mit der Erklärung zu helfen, daß, da der 
Mond am 3., der Mensch aber erst am G. Tage erschaffen worden sei, 
Adam den schon drei Tage alten Mond für den Neumond gehalten 
und dieser Fehler mit allen andern Sünden sich auch auf das Menschenge- 
schlecht vererl)t habe. Indessen diese von dem alten Rechenmeister be- 
klagten Fehler wuchsen natürlich im Laufe der folgenden Jahrhunderte, 



I 



— 281 — 

so daß auch seine resignierte Schlußfolgerung nicht mehr paßte, sondern 
der Gedanke von der Unzulänglichkeit des christlichen Kalenders und 
der Notwendigkeit seiner Verbesserung sich mit unwiderstehlicher Gewalt 
aufdrängen mußte. In der Tat wurden noch in demselben 18. Jahr- 
hundert Stimmen in diesem Sinne laut und später haben sich mehrere, 
auch sonst in der Kirchengeschichte ausgezeichnete Männer um die 
Lösung des Problems bemüht, so z, B. Roger Bacon, Peter d'Ailly, 
Nikolaus Cusa. Aber die von ihnen wie von anderen sternkundigen 
Personen gemachten mannigfaltigen Vorschläge zur Verbesserung des 
Kalenders erreichten alle ihr Ziel nicht. Inzwischen hatten die Laien 
seit der Erfindung und Ausbreitung der Buchdruckerkunst angefangen 
sich in diesem Punkte von der Kirche zu emanzipieren. Sie verfertigten 
sich ihre Kalender selbst und waren erfinderisch genug, um dieses 
wichtige Hilfsmittel des täglichen Lebens sogar in einer für Analphabeten 
brauchbaren Weise herzustellen. Unterstützt wurden sie darin von 
einigen Gelehrten, unter denen Georg von Peuerbach und Johann Müller 
oder Regiomontanus, weil von Königsberg in Franken, vortreffliche 
Kalender oder wie man damals sagte Almanache, da sie nur für ein 
Jahr giltig waren, vornemlich auf empirischer Grundlage herausgaben. 
Diese Selbständigkeit des Publikums, von der natürlich wie immer auch 
die Geistlichen profitierten, und das Übergewicht, das die dogmatischen 
und kirchenpolitischen Fragen durch die Reformation erhielten, haben 
ohne Zweifel dazu beigetragen, daß die Frage der Kalenderreform, die 
noch von Leo X. auf dem 5. Laterankonzil im Jahre 1512 mit Eifer, 
jedoch ohne Ausdauer behandelt worden war, nachher ganz in den 
Hintergrund trat. Auch das Konzil von Trient begnügte sich damit, in 
der letzten Sitzung ganz flüchtig dem Papste Auftrag zu geben, Meß- 
buch. Brevier und Kalender zu reformieren. Und diesem Auftrag ist 
selbst wieder erst Gregor XIII. (1572—1585) nachgekommen. Der 
Reformplan, der von dem Kalabresen Aloisius Lilius entworfen, von 
dem Papste zum voraus genehmigt und von der durch ihn eingesetzten 
Kommission mit wenigen Änderungen gebilligt worden war, enthielt 
keinen einzigen neuen Gedanken, griff vielmehr in der Hauptsache von 
allen schon früher gemachten Vorschlägen den für die Praxis unge- 
schicktesten heraus, nämlich durch Ausschaltung von 10 Tagen die um 
so viel zurückgewichene Frühlings-Tag- und Xachtgleiche wieder auf den 
21. März zurückzuführen. Zur Erklärung, wenn auch nicht zur Ent- 
schuldigung dieses Verfahrens muß der Umstand dienen, daß der 21. März 
als unverrückbares Datum für das Äquinoctium galt, weil dieser Termin 
nach dem Zeugnis des Dionysius exiguus, der sich freihch dabei nur 
einen frommen Betrug erlaubt hatte, von der Kirchenversammlung zu 
Nicaä von 325 festgesetzt worden war. 



— 282 — 

Demgemäß verfügte nun der Papst in der Bulle „Liter gravissimas" 
vom 15. Februar 1582, mit der er zugleich der Chiistenheit von dem 
Reformwerk Kenntnis gab, daß man von dem 4. Oktober desselben 
Jahres sogleich auf den 15. Oktober überzugehen hätte. — Allein die 
Durchführung dieses Befehles stieß in verschiedenen und zumal in 
den paritätischen Staaten auf beträchtliche Schwierigkeiten. Auch die 
schweizerishe Eidgenossenschaft gehörte zu ihnen und im folgenden 
soll der Verlauf der Aktion an der Hand der offiziellen Akten kurz 
dargestellt werden. 

Zum vollen Verständnis der Darstellung ist hier noch eine Be- 
merkung über die damalige politische Formation der Schweiz im allge- 
meinen einzuschalten. Sie bestand bis zum Jahre 1798 aus drei ver- 
schiedenen Elementen; 1, den eigentlich regierenden, auf der Tagsatzung 
ständig vertretenen XIII Orten, 2. den mit ihnen verbundenen, politisch nicht 
ganz gleich berechtigten, jedoch sonst souveränen Zugewandten und 3. 
den von ihnen beherrschten Untertanenländern. Die XIII Orte, nach 
der Zeitfolge ihres Eintrittes in den Bund geordnet, waren: Uri. Schwyz, 
Unterwaiden, Luzern, Zürich, Glarus, Zug, Bern, Freiburg, Solothurn, 
Basel, Schaffhausen und Appenzell. — Zu den Zugewandten, die hier 
in Frage kommen, gehörten: Stadt St. Gallen, Biel, Mülhausen i/E., 
Wallis und Graubünden. — Die Untertanenländer endlich sind der 
Aargau, der Thurgau, die rheintalischen, jetzt im Kanton St. Gallen ver- 
einigten Vogteien und die Vogteien „ennet Gebirgs", d. h. südlich der 
Alpen, der jetzige Kanton Tessin. In Bezug auf diese Untertanenländer 
ist mit Übergebung von Einzelheiten noch darauf hinzuweisen, daß nicht 
alle von allen XIII Orten gemeinsam, sondern jedes einzeln von einer 
aus verschiedenen Orten gebildeten Gruppe beherrscht und verwaltet 
wurde. 

Mit Brève vom 15. Juni 1582 stellte nun Gregor XIII. auch an 
die katholischen Orte — Uri, Schwyz, Unterwaiden, Luzern, Zug, Frei- 
burg und Solothurn — das Begehren, sie möchten den neuen Kalender 
einführen, wie es die anderen katholischen Fürsten und Obrigkeiten be- 
reits getan hatten. Indessen dieser Wunsch blieb zunächst unberück- 
sichtigt, offenbar deshalb, weil die gerade damals wieder sehr ernsthafte 
Verstimmung zwischen ihnen und Bern wegen Genf und Savoyen das 
Interesse der schweizerischen Politiker vollständig absorbierte. — Erst 
fünf Vierteljahre später wurde der Gegenstand auf der gemeineidgenös- 
sischen Tagsatzung zu Baden vom 10. November 1583 zur Sprache ge- 
bracht, indem Luzern beantragte, man möge, da bereits in Italien, Spanien, 
Frankreich und großenteils auch in Deutschland der neue Kalender ein- 
geführt sei, zu Vermeidung fernerer Konfusion sich über dessen Einl'ülirung 
auch in der Eidgenossenschaft verständigen. Zugleich erklärten Luzern, 



— 283 — 

üri, Schwyz, Zug, Freiburg und Solothurn, daß sie den neuen Kalender 
in der Weise einzuführen beschlossen hätten, daß er mit dem 12. Januar 
1584 in Kraft treten und auf diesen Tag das Fest des hl. Vinzenz, das 
sonst auf den 22. fällt, geschrieben und genannt werden solle. Auch in 
diesem Beschlüsse, gegen den bei der uneingeschränkten Landeshoheit 
der einzelnen Orte prinzipiell nichts einzuwenden war, der aber in einer 
wirklich gemeinsamen Angelegenheit jede Rücksicht auf die Mitstände 
beiseite ließ, spiegelt sich das trotzige Selbstbewußtsein wieder, das die 
katholischen Orte im Gefühl ihrer damaligen politischen Überlegenheit 
beseelte. Um so peinlicher muß es für sie gewesen sein, daß die doch 
unbefleckten Glaubensgenossen von Ob- und Nidwaiden dem Beschlüsse 
zunächst nicht nur nicht beitraten, sondern überhaupt eine ganz unbe- 
greifliche Renitenz an den Tag legten. Auf einer Konferenz der V Orte — 
dies der Sammelname für die katholischen Stände Uri, Schwyz, Unter- 
waiden, Luzern und Zug — , die auf "Wunsch Nidwaldens nur wenige 
Tage später wegen verschiedener politischer Angelegenheiten, aber auch 
wegen des neuen Kalenders nach Luzern einberufen wurde, ist dessen 
Annahme nochmals „für höchst nötig erachtet" worden. Trotzdem wurde 
der Anschluß Unterwaldens noch nicht erreicht, ja es grifl' bei den 
andern katholischen Orten sogar die Befürchtung Platz, Unterwaiden 
könnte sich bezüglich der Annahme des neuen Kalenders von ihnen 
„sondern". Xoch im März des nächsten Jahres wurde es deshalb gemahnt, 
das zu unterlassen, mit dem desperaten Zusatz, „im Falle es doch nicht 
statt haben möchte, seinen Angehörigen wenigstens zu befehlen, sich alles 
Trotzes und aller Schmähungen gegen die, welche hierin gehorsamen, zu 
enthalten, indem man sonst Fehlbare strafen würde". Der Widerstand 
gegen die Neuerung ging, me man sieht, vom Volke, nicht von den Be- 
hörden aus. Eben deshalb erwies er sich auch gegen den von den an- 
deren katholischen Orten ausgeübten Druck als zu schwach und in der 
Zeit zwischen dem 12. März und 5. Juni 1584 wurde der neue Kalender 
auch in Unterwaiden angenommen. Damit war die kompakte Einheit der 
politischen Interessen, auf die die altgläubigen Orte begreiflicherweise das 
größte Gewicht legten, wieder hergestellt. 

Für den weiteren Verlauf der Angelegenheit kam nun alles darauf 
an, wie sich die evangelischen Orte entscheiden würden, ob für, ob gegen 
die Annahme des neuen Kalenders. Dabei verdient bemerkt zu werden, 
daß auch dieser Gegenstand von der reformierten Partei mit der ihrer 
damaligen Politik überhaupt anhaftenden Schlaffheit behandelt wurde, die 
den Widerpart in seiner keck ausgreifenden Weise nur bestärken mußte. 

Erst im März 1584 hielt Zürich es für nötig, die evangelischen 
Städte und Zugewandten zu einer Konferenz nach Lenzburg einzuladen, 
wo die „verschiedenen Unrichtigkeiten", die sich in der Eidgenossen- 



— 284 — 

scLaft wegen des neuen Kalenders erhoben hatten, besprochen wurden. 
Dabei war man einstimmig der Ansicht, vorläufig bei dem alten Kalender 
zu verharren. Dieser Beschluß wurde nun keineswegs durch das brüske 
Vorgehen der katholischen Orte hervorgerufen, sondern beruhte auf Er- 
wägungen allgemeiner Art, die die Protestanten aller anderen Länder 
ganz ebenso beeinflußten und die von einem thurgauischen Geistlichen 
folgendermaßen resümiert werden : Die evangelischen Stände nahmen den 
neuen Kalender nicht an 1. weil der Papst desse^i Einführung ex 
cathedra und unter Androhung der Ungnade Gottes und der Apostel 
Petrus und Paulus befohlen hatte, 2. weil der Kalender mit allerlei 
Superstitionen von den Feiertagen der Heiligen angefüllt sei. 8. weil man 
kathohscherseits die Annahme mit Schmähungen begleitet und die Hotf- 
nung geäußert hatte, daß man den Gegnern bald auch den Glauben 
nehmen werde und 4. weil nach der Verkündung der päpstlichen Bulle 
viele Astronomen Ijeider Konfessionen darauf hinwiesen, daß in einem 
Jahrhundert eine neue Berichtigung nötig werde. — Man wird diese 
Gründe, die, soweit sie konfessionell sind, einer so glaubensstarken Zeit 
sehr wohl anstehen, um so mehr respektieren müssen, als die Reformierten 
sich gewiß nicht verhehlt haben, daß, wie Kaiser Rudolf Tl. in einem 
Briefe an Basel hervorhebt, „die ungleiche Haltung des Kalenders in 
vill wege, sonderlich auch der marckhte, wechsseil unnd zallungen, recht 
unnd gerichtshandlungen halben vast grosse konfusion unnd unrichtigkhait 
verursacht". 

Wenn diese Übelstände sich schon bei dem Übergang von refor- 
miertem auf katholischen Boden sehr unliebsam bemerklich machten, so 
mußte das in besonders hohem Maße auf einem eidgenössischen Gebiet 
der Fall sein, auf dem die Interessen der beiden religiösen Parteien sich 
sozusagen täglich und stündlich durchkreuzten — in den Untertanen- 
ländern, 

Die katholischen Orte hatten nicht gesäumt, gemäß dem am 10. No- 
vember 1583 gefaßten Beschluß den neuen Kalender auch hier einzu- 
führen und sofort, ohne die mitregierenden Orte zu befragen, den Land- 
vögten die entsprechenden Weisungen erteilt. Allein Zürich ließ sich das 
in Bezug auf den Thurgau nicht gefallen, sondern verbot dem dortigen 
Landvogt — für 1584 war dies Oswald Meyenberg aus Zug — das 
Mandat in betreff des neuen Kalenders zu publizieren und verhandelte 
schriftlich und mündlich mit den op])ositionellen Elementen. Die katho- 
lischen Orte wichen trotzdem nicht um Haaresbreite. Vom Vogte über 
Zürichs Maßiiahinen benachrichtigt, schrieben sie ihm, daß man datiir 
halte, ein Beschluß der Mehrheit müsse aufrecht erhalten werden ; dem 
Vogte selbst befahlen sie, das Mandat zu vollziehen und die Ungehor- 
samen zu bestrafen Darüber kam es zwischen den drei uniuittelbar be- 



— 285 — 

teiligten Parteien zu einem Scliriftenaustausch, der die V Orte bei ihrer 
Konferenz vom 17. April 1584 zur Erklärung veranlaßte, .,daß die Re- 
formation des Kalenders geschehen müsse." daß sie aber „in der Sache 
auch keine besondere Eile haben". 

Ebenso beklagte sich auch Bern darüber, daß in der Gemeinde 
Bucheggberg durch die einseitige Einführung des neuen Kalenders von 
der solothurnisclien Regierung seine Hoheitsrechte beeinträchtigt worden 
seien. Beide Städte fanden sich daher veranlaßt. Zürich den V Orten, 
Bern denen von Solothurn, das Recht vorzuschlagen, d. h. den Streitfall 
unter Berufung auf die ßundesbriefe durch ein Schiedsgericht entscheiden 
zu lassen. Dieses „Rechtsgebot" verursachte bei den V Orten einige Auf- 
regung. Aber wie um ihren Standpunkt mit aller Deutlichkeit zu mar- 
kieren, beschlossen sie auf einer Konferenz in Luzern am 5. Juni 1584 
einhellig; daß die gemein-eidgenössische Jahri'echnung zu Baden nach 
dem neuen Kalender gehalten und Zürich, Bern und Glarus schriftlich 
gebeten werden sollen, die Jahrrechnung dessenungeachtet mit ihnen zu 
besuchen, damit auch die Landvögte der Grafschaft Baden wegen ihres 
Aufrittes sich zu verhalten wissen. 

Eben auf der nächsten solchen Jahrrechnungstagsatzung am 17. Juni. 
11. z. noch alten Stiles, prallten nun die Meinungen der beiden Parteien 
sehr lebhaft auf einander. 

Die Boten der V Orte eröffneten vor der Tagsatzung folgendes: 
Sie haben Auftrag, gegen die von Zürich und Glarus als mitregierende 
Herren der Landgrafschaft Thurgau klagend aufzutreten. Noch sei im 
frischen Gedächtnis, wie vor einiger Zeit eine Reformation des Kalenders 
vorgenommen worden. Auf Martini des verflossenen Jahres habe die Mehr- 
heit der Orte den neuen Kalender angenommen. Li der Überzeugung, 
daß ein Beschluß der Mehrheit aufrecht erhalten werden müsse, habe 
man den Landvögten befohlen, die entsprechenden Mandate zu erlassen. 
Nun haben sie schon vielfältig vernehmen müssen, daß, obschon diese 
Angelegenheit weder den Landfrieden noch die Religion irgendwie be- 
rühre, einige Untertanen im Thurgau sich unter Drohungen der Voll- 
ziehung widersetzen und dadurch beinahe zu verstehen geben, als seien 
die Y Orte nicht auch regierende Orte der Laiidgrafschaft Thurgau ; 
sie haben daher mit Strafen gedroht. Zürich aber habe ihnen auf den 
Fall, daß sie mit Strafen fürfahren wollen, das Recht vorgeschlagen. 
Da nun die Unruhen sich von Tag zu Tag weiter ausdehnen, so bitten 
sie um Hilfe, damit man die Widerspenstigen zum Gehorsam bringe. — 
Zürich verantwortete sich damit, daß über diese Sache nie ein formeller 
Beschluß gefaßt worden sei, daß sie übrigens nicht gar so gering sei, 
wie man sie darstellen möchte, und daß der Papst sie durch seinen 
Bannspruch zu einer geistlichen gestempelt habe. — Auch Bern stellte 



— 286 — 

die Ungelegenheiten dar, die die Einführung des neuen Kalenders mit 
sich bringe. 

Zwei Punkte verdienen hier Beachtung. Das eine ist die trotzige 
Rücksichtslosigkeit, mit der die V Orte den Mehrheitsbeschluß geltend 
machen. Denn wenn die Richtigkeit dieser Behauptung rein zahlen- 
mäßig auch nicht angegriffen werden konnte, indem von den 13 stimm- 
berechtigten Ständen 7 im Sinne der V Orte votiert hatten, so bestand 
diese Majorität eben doch nur aus den katholischen Orten und eine die 
ganze Eidgenossenschaft berührende Frage war also einseitig von einer, 
noch dazu sehr exklusiven Partei entschieden worden. Das zweite ist, 
daß der Schwerpunkt der ganzen Aktion überhaupt weniger in dem be- 
handelten Gegenstande selbst lag, als vielmehr darin, daß wegen der 
allgemeinen politischen Situation, wegen des fortwährend gespannten Ver- 
hältnisses zwischen den beiden Städten und den V Orten auch durch 
einen an sich so unpolitischen Stoff wie die Kalenderreform die vorhan- 
denen Gegensätze leicht in bedrohlicher Weise gesteigert werden konnten. 
Irgend ein unberechenbarer Zufall genügte dann, um schließlich den 
erregten Parteien die Waffen in die Hände zu drücken. Wurden doch 
noch zwei Jahre später die Y Orte durch die Kunde alarmiert, daß im 
Thurgau auf Anstiften zweier Prediger abermals Unruhen wegen des 
neuen Kalenders zu besorgen seien und daß die Bauern mit Sturm, Zürich 
aber mit 300 Schützen gedroht hätten. 

Es war also ein großes Glück, daß auch ernsthafte Vermittler zur 
Stelle waren und sich Gehör verschafften. Zwischen Zürich und den V 
Orten konnten die an der Verwaltung des Thurgau unbeteiligten Kantone, 
zwischen Bern und Solothurn irgendwelche andere Orte, unter denen Basel, 
Schaff hausen und Appenzell sogar laut Bundesbrief zum „stille sitzen" 
und zur gütlichen Intervention verpflichtet waren, zu vermitteln suchen. 
Das ist denn auch von Seiten der genannten Orte in Verbindung mit 
Freiburg und Solothurn geschehen und ihre Bestrebungen wurden leb- 
haft unterstützt von dem französischen Gesandten Heinrich von Fleury, 
natürlich nicht aus persönlichem Wohlwollen für die Söhne des Teil, 
sondern aus dem engherzigen politischen Grunde, alles zu verhüten, was 
die Werbung schweizerischer Soldaten durch die französische Krone be- 
hindern könnte. 

Zunächst setzten die vermittelnden Orte nach weitläufigen Erörte- 
rungen es durch, daß dieses Handels wegen ein anderer Tag nach Baden 
auf den 16./26. August ausgeschrieben wurde. Auf dieser Tagsatzung 
wurden von den fünf Schiedorten mit Rat und Wissen des französischen 
Anibassadors nach nochmaliger Anhörung beider Parteien folgende Ar- 
tikel vorgeschlagen : der Span soll bis auf Martini eingestellt sein ; l)eidc 
Parteien sollen ihre Untertanen in den gemeinsamen Vogteien zur Ruhe 



— 287 — 

ermahnen ; die Fest- und Feiertage sollen dort bis auf weitere Verein- 
barung nach dem neuen Kalender gehalten werden; wenn sie aber jemand 
nach dem alten Kalender feiern wollte, so wird ihm das freigestellt; die 
bisher wegen solcher Übertretungen verfallenen Bußen sollen aufgehoben 
sein. Diese „Mittel" fanden zwar die Zustimmung der V Orte, nicht aber 
der beiden Städte und „estans les uns et les autres fort roides à main- 
tenir leurs prétentions", wie Fleury schon im Juli dem Könige geschrieben 
hatte, bedurfte es noch wiederholter Unterredungen, bis endlich auf der 
Tagsatzung vom 24. Februar/ 6. März 1585 eine Einigung erzielt wurde. 
Die darüber aufgenommene und von den Vertretern der Schiedorte — 
Remigius Fäsch und Wolfgang Sattler von Basel, Hans Meyer, Alt- 
Bürgermeister zu Freiburg, Ritter Hans von Langen genannt Heid von 
Solothurn, Dr. Johann Conrad Meyer, Bürgermeister von Schaffhausen, 
und Bartholomäus Theiler, Alt-Landammann von Appenzell — unter- 
zeichnete Urkunde bestimmt: Das Gebiet der streitenden Orte selbst wird 
durch diesen Vergleich nicht berührt. Um der unter den Untertanen in 
den gemeinen Vogteien wegen des Kalenders ausgebrochenen Zwietracht, 
die leicht „gemeiner loblicher Eidtgnoschafft zu grosser unruw gereichen 
möchte" zu begegnen, sollen die regierenden Orte durch Gesandte „dye 
underthanen zu beiden parthyen und relligionen ganz ernstlich vermanen, 
das sy fridtsam . . . ungevecht und ungehaßt inn und ußerthalb der kir- 
chen, ouch in wirtshüsern und anderschwo verblyben, einanderen diß 
spännigen Calenders halb ungetratzt sollen laßen by einer . , . bestimpten 
straaff". Die Untertanen sollen die Fest- und Feiertage „mitt einanderen 
nach uswysung deß nüwen calenders fyren". Doch dürfen die Evange- 
lischen folgende Festtage, nämlich Weihnachten, St. Stephan, St. Johann, 
Neujahr, „ostertag und Ostermontag, uffahrt (Christi Himmelfahrt), ptingst- 
tag und Pfingstmontag wol nach dem altten calender fyren", von den 
KathoKschen daran unverhindert. „Ein überträttende Person" zahlt 5 fl. 
dem Landvogt und, „wenn einer oder meer sich dermaaßen so widerspäuig 
erzeigen, so soi ein landvogt den an ehre lyb und gutt ze straffen wol 
gewalt haben". Auch sollen die Katholischen an diesen von den Evan- 
geHschen gehaltenen Festtagen „schuldig sein"' jeweilen am „vormittag 
aller irer handarbeit werken und geschäften gänzlich still ze ston". Das- 
selbe gilt auch für die EvangeHschen bei der Feier des Fronleichnams- 
tages durch die Katholiken „an den orten, da beid relligionen in einer 
kirchen by einauderen gehaltten werden". Die gleichen Gebote und Zu- 
geständnisse — die Feiertage sind nach dem neuen Kalender zu halten, 
die Evangelischen dürfen die oben genannten Festtage nach dem alten 
Kalender feiern, Vormittagsruhe der Katholischen an diesen, der Evan- 
gelischen am Fronleichnamstag — werden auch auf „die gemeine her- 
schaft und vogty im Rhyntal" ausgedehnt, wohin auch die von Appenzell 



— 288 — 

„raeertheil kilchgenoßen sind und beid relligionen den nüwen calender 
angenommen" haben. — Von den Zurzacher Märkten, die „gänzlich nach 
dem nüwen calender ze haltten unkommlich und ettlichen jarmerkten und 
mäßen abbruch" tun möchte, soll der Pfingstmarkt wie bisher, der Verena- 
markt (1. September) aber auf den 11. September X. St, „byß wyterer 
verglychung gehalten werden". — Ferner sollen „die jarrächnungen zu 
Baden", die man bisher drei Wochen nach Pfingsten abgenommen hatte, „deß- 
glichen ouch die jarrächnung ennets gebirgs" (über die tessinischenVogteien) 
nach dem neuen Kalender „uff St. Johannstag (24. Juni) angefangen . . . 
werden, biß wir uns in einer loblichen Eidtgnoschafft under einanderen 
zu glycher zyt wyter brüderlichen vereinbaren". — Das Friedenswerk 
schließt mit der wohltuenden Bestimmung, daß, „wiewol vil unrüwiger 
personen zu allen theilen dises spännigen caländers möchten bus- 
fellig worden syn". doch das, „was bisher beschächen, gütlich ufgehept 
syn" soll. 

Beide Parteien verdankten den Schiedorten die dieses Handels 
wegen gehabte Mühe und die VIII, die Grafschaft Baden regierenden 
Orte gaben ihrem Landvogt Befehl mit aller Beförderung das Mandat 
zu publizieren, übrigens fand die Jahrrechnungstagsatzung sowohl im 
Jahre 1585 wie 1586 noch zum alten Termin statt und die letztere Tag- 
satzung sah sich daher veranlaßt jene Bestimmung der Übereinkunft zu 
wiederholen mit dem Zusatz, daß am St. Johannstag die Boten der VIII 
Orte sich einfinden sollen, um die Vogtei- Geschäfte, und acht Tage später 
die Boten der fünf anderen Orte, um die gemein- eidgenössischen Ange- 
legenheiten vorzunehmen. Dieser Beschluß wurde ebenfalls den Land- 
vögten mitgeteilt, damit sie ihre Untertanen anweisen mit ihren Ansprachen 
und Appellationen rechtzeitig zur Stelle zu sein. 

Die in dem Vergleich vorgesehene Entsendung einer besonderen Bot- 
schaft in den Thurgau wurde von den regierenden VII Orten auf den 
31. März 1585 festgesetzt und die katholischen V Orte beschlossen dazu 
einsichtsvolle Männer zu wählen, die „mit Ernst und Nachdruck" handeln 
sollten. Immerhin wurde ihnen aufgetragen, sich vorher in Zürich mit 
den anderen Boten von Zürich und Glarus über ihr Verhalten zu ver- 
ständigen. 

Wie man sieht, so ist der schließlich angenommene Vergleich von 
den zuerst gemachten Vorschlägen inhaltlich nicht sehr verschiede», mit 
antleren Worten, wenn die diese Vorschläge ablehnenden beiden Städte 
gehofft hatten, durch längere Unterhandlungen eine mehr ihrem Stand- 
punkt, also der Erhaltung des alten Kalenders günstige Schlußakte zu 
gewinnen, so war auch diese Erwartung an der unl)eugsamen Haltung 
der altgläubigen Majorität zunichte geworden. Denn der resultierende 
Kompromiß räumte doch unzweifelhaft dem neuen Kalender den Vorzug 



— 289 — 

vor dem alten ein und dokumentierte damit ebenfalls die augenblickliche 
Überlegenheit der im Sinne der Gegenreformation tätigen Mächte. 

Ein ernsthaftes Nachspiel erlebte der Kalenderstreit noch im Kanton 
Appenzell, wo die vornehmlich den jetzigen Halbkanton Appenzell außer 
Rhoden bewohnende reformierte Bevölkerung gegen den von der Regie- 
rung angenommenen neuen Kalender sich sträubte und die Gegensätze 
zwischen den beiden Religionsparteien schließlich eine eidgenössische 
Intervention und die Trennung dieses als letzten souveränen Mitgliedes an- 
gegliederten Ortes der alten Eidgenossenschaft in zwei Halbkantone im 
Jahre 1597 herbeiführte. Hierüber haben schon J. C. Zellweger in 
seiner Geschichte des appenzelHschen Volkes, 8. Bd., 2. Al)tlg., S. 22 ff. 
und S. 119 ff. und Dr. C. Ritter in der Schrift, Die Teilung des Landes 
Appenzell im Jahre 1597, Trogen 1897, mit erschöpfender Benützung 
der Quellen gehandelt. 

Damit waren also auch auf eidgenössischem Gebiete zwei ungleiche 
Kalender in Gebrauch gesetzt und hier wie auswärts verursachte dieser 
Umstand mancherlei Störungen auch in außerkirchlichen Dingen. Na- 
mentlich der über Gebiete verschiedener Konfessionen sich erstreckende 
Warentransport erfuhr Hemmungen, die zu lebhaften Klagen Anlaß gaben, 
so daß man sie durch interkantonale Übereinkünfte zu beseitigen suchte. 
Es vereinbarten z. B. auf einer im Januar 1603 in Rapperswäl gehaltenen 
Konferenz Zürich, Schwyz und Glarus, daß jeder, der an einem Orte, 
wo Werktag ist, Waren aufladet und abführt und an einen Ort kommt, 
wo Feiertag ist, mit seiner Fuhr ungehindert weiter fahren könne, damit 
der Paß frei und offen bleibe ; dabei soll sich jeder in Worten und 
Werken bescheiden zeigen. Aber 1614 beklagt sich Zürich doch wieder, 
daß man in Schwyz Güter an Feiertagen nicht führen noch „recken" 
dürfe, und ersucht um Abstellung des Verbotes, da es mit dieser Arbeit 
eine andere Bewandtnis habe als mit anderen an Sonn- und Feiertagen 
untersagten Arbeiten. 

Diese Begebenheiten betreffen sämtlich nur den Kern der alten, 
aus den XIII Orten und deren Untertanenländern bestehenden Eidge- 
nossenschaft. Die Einführung des gregorianischen Kalenders hat aber 
auch in den zwei größten zugewandten Orten, die schon seit dem 14. 
Jahrhundert zu ihr in mannigfaltigen Beziehungen standen, die Geister 
beschäftigt — nämlich in Graubünden und im Wallis. 

Um die Vorfälle im Wallis zu verstehen, muß man von der mit 
dem Namen verknüpften Vorstellung einer politischen Einheit abstrahieren 
und sich daran erinnern, daß in diesem merkwürdigen, halb geistlichen, 
halb weltlichen Staate zunächst einmal das untere Wallis, also das Ge- 
biet westlich von Conthey und der Morges erobertes Untertanenland war, 
über das der Bischof und die sieben Zehnten des Ober-Wallis — Sitten, 

19 



— 290 — 

Siders, Leuk (die drei unteren) und Raron, Visp, Brieg und Groms 
oder Conches (die vier oberen) als Herren geboten. Zwischen diesen 
beiden Herren herrschte sehr oft und gerade auch in der hier in Rede 
stehenden Periode ein recht schlechtes Einvernehmen, da die auf ihre 
schwer errungene Freiheit stolzen Zehnten argwöhnisch das bischöfliche 
Regiment beobachteten und sich ihm sogar in rein kirchlichen Ange- 
legenheiten entgegen stemmten, wenn ihre Selbständigkeit irgendwie 
berührt zu werden schien. Nur in einem Punkte war die Talschaft auch 
damals so gut wie einig, sie war im Wesentlichen katholisch geblieben 
und hatte alle Ketzerei entschieden, obgleich nicht ohne Anstrengung 
erstickt. In diesem Kampf um die Glaubenseinheit waren die Walliser 
nicht bloß unterstützt, sondern zum Teil beinahe geleitet worden von 
ihren alten politischen Freunden, den V Orten, deren Eifer ihnen selbst 
schließlich unbequem wurde. 

Auch im Kalenderhandel spiegeln sich diese politischen Verhältnisse 
des Landes wieder. Als der Papst dem Bischöfe von Sitten, Hildebrand I. 
von Riedmatten, die Verkündung und Einführung des neuen Kalenders 
befahl, mußte ihn das Unter- Wallis aus Auftrag seines geistlichen Herren 
sogleich annehmen. Die sieben Zehnten aber mußten dazu erst bewogen 
werden und deshalb richtete Hildebrand am 20, /30. März 1582 einen 
umständlichen Erlaß an sie, in dem er für die Annahme geltend machte 
„die große Notwendigkeit, die Arbeit, die es gekostet, den Befehl des 
Kaisers und des Papstes und zwar unter der Strafe der Exkommunikation 
gegen die Ungehorsamen, den Gehorsam, den er selbst leistet und den 
sie ihm geschworen, seine Konfirmation, die ihn 3000 Kronen gekostet 
und die er einbüßen müßte, wenn er abgesetzt würde u, s. w." Allein 
diese bewegliche Motivierung prallte an den trotzigen Landleuten voll- 
ständig ab. Aus den bisher bekannten Quellen ist nicht zu ersehen, ob 
der Bischof in dieser Angelegenheit noch weitere Schritte getan hat oder 
nicht. Gewiß ist nur, daß sie im Anfange des 17. Jahrhunderts noch 
auf demselben Punkte stand wie im Jahre 1582. Mau ersieht das aus 
der Instruktion für die Boten der VII katholischen Orte, die in dem 
wieder ausbrechenden Streite des Bischofs und Domkapitels mit den 
sieben Zehnten im Mai 1600 intervenieren sollten. Es wird ihnen darin 
auch empfohlen, sich mit den beiden Parteien wegen des Kalenders zu be- 
sprechen, und in der ihnen aufgetragenen vertraulichen Unterredung mit 
dem Bischof sollen sie ihn und das Domkapitel ersuchen, dahin zu 
wirken, daß die Landschaft den neuen Kalender endlich einführe. Aber 
auch diese Einwirkung, wenn sie überhaupt statt hatte, blieb ohne Er- 
folg. Bei Gelegenheit der Beschwörung des Bundes der VII katholischen 
Orte mit dem WalHs in Sitten Ende Oktober 1602 wurde nämlich das 
Begelireii betioffend Annahme des gregorianischen Kalenders erneuert, 



— 291 — 

freilich wieder erfolglos. Auch auf eineui großen Rechtstag zwischen dem 
Bischof und Domkapitel und der Landschaft in Visp vom 15. — 17. März Uj()4 
erreichte der bischöfliche Statthalter von den Abgeordneten der Zehnten 
nicht mehr, als daß sie die Sache unter Zusicherung ihrer möglichsten 
Bemühung in den Abschied nahmen. Und doch hatte er die Ein- 
führung des neuen Kalenders durch den Hinweis schmackhaft zu machen 
gesucht, daß daraus ein gutes Einvernehmen mit allen katholischen 
Ständen erfolgen würde und zu hoffen sei, der Papst werde dann etliche 
junge Leute aus der Landschaft auf seine Kosten studieren lassen. Daß 
der Widerstand gegen den neuen Kalender seine Wurzeln nicht nur in 
der jeder bäuerlichen Bevölkerung eigenen streng konservativeu Lebens- 
auffassung hatte, sondern auch in rein politischen Gründen, beweisen die 
im März 1627 wieder von Abgeordneten der VII katholischen Orte mit 
den VII Zehnten in Leuk und Sitten geführten Unterhandlungen zum 
Zwecke eines Ausgleichs zwischen ihnen und ihrem Bischof Hilde- 
braud II Jost. Auf die von Bischof und Domkapitel schrifthch vorge- 
legten elf Klagepunkte antworteten die Boten der Zehnten u. a., daß, 
was den vom Bischof verlangten vollkommenen Gehorsam in geistlichen 
Sachen betreffe, der Landrat darin nicht willfahren könne; denn dann 
würde der Bischof ihnen gebieten, den neuen Kalender einzuführen, er 
könnte die Unehelichen ehelich machen, den von den Altvordern abge- 
schafften Bann wieder einführen, Kirchherren in den Pfarreien ein- und 
absetzen, ja die Landschaft bei fremden Höfen berechtigen. Gerade in 
der Kalenderfrage kam es zu einer bemerkenswerten Kraftprobe. Da 
die Geistlichkeit dazu ermahnte, die Fest- und Feiertage nach dem 
neuen Kalender zu halten, verordneten die Abgeordneten der Zehnten, 
daß man bei dem alten Kalender, in dem ihre frommen Alten gelebt, 
verbleibe. Werden die Festtage nach dem neuen Kalender verkündet, 
so hat sie niemand zu halten und die Sigristen haben nicht nach der 
neuen Zeit zu läuten. Wo die Pfarrer die Verkündung der Festtage 
nach dem alten Kalender unterlassen, soll deren Verkündung durch den 
Weibel geschehen. 

Auf diese Weise haben die Zehnten den Streit um den Kalender, 
der zu einem Kampfmittel in dem Streit um politische Macht über- 
haupt geworden war, noch viele Jahre fortgeführt. Sie operierten mit 
ihm recht geschickt. Jm Jahre 1628 versicherten ihre Boten einmal, wenn 
statt des unruhigen Bischofs ein neuer gewählt würde, sei die Annahme 
des gregorianischen Kalenders unzweifelhaft, um sich gleich nachher wieder 
hinter der Erklärung zu verschanzen, man werde die Zehnten zu der 
Annahme zu bereden suchen, könne aber mit dem geraeinen Manne in 
einer ungewohnten Sache nicht gut eilen. Xach 46 Jahren noch Angst 
vor Übereilung vorschützen, geht wirklich nur in diplomatischen Ver- 



— 292 — 

handlungen an. Von diesem Standpunkte aus war freilich auch nicht 
abzusehen, wann der gemeine Mann die nötige Fassung gewonnen haben 
würde, um sich des neuen Kalenders zu bedienen. 

Über diese Zustände im Wallis, die schließlich auch die Aufmerk- 
samkeit der Kurie erregten, waren natürlich die katholischen Orte der Eid- 
genossenschaft, besonders die V Orte, beunruhigt. Allein da gerade diese 
durch ihr früheres Dreinfahren die Sympathien ihrer Nachbarn ein wenig 
verscherzt hatten und damals keine bedeutende politische Persönlichkeit 
besaßen, so fanden sie den Weg, man darf fast sagen den Mut zu einer 
wirksamen Intervention nicht mehr. Auf der Konferenz in Luzern am 
6. und 7. Oktober 1637, wo von der Beschwörung des Bundes mit Wallis 
die Rede war, begnügten sie sich, es der Diskretion ihrer Gesandten 
anheimzustellen, wenn sie glauben Eingang zu finden, freundliche In- 
sinuationen zur Annahme des neuen Kalenders zu machen, wenn sie 
aber auf Schwierigkeiten stoßen, das zu unterlassen, weil dieses Volk mit 
Liebe und Freundhchkeit behandelt werden muß. In so sentimentaler 
Weise beschlossen die V Orte ihre Vermittlertätigkeit im Wallis, ohne 
daß über den Verlauf ihrer letzten schüchternen Botschaft etwas be- 
kannt wäre. Erfolg hatte sie keinen. Denn erst im Jahre 1656 haben 
nach einer einstweilen unkontrollierbaren Nachricht endlich auch die 
Zehnten den neuen Kalender angenommen. 

Was Graubünden betrifft, so genügt es hier die Tatsache anzu- 
führen, daß der neue Kalender von den katholischen „Gerichten", die 
hauptsächlich im Gebiete des sogenannten Obern oder Grauen Bundes 
im Vorder-Rheintal (Disentis) zu suchen sind, ohne Widerspruch ange- 
nommen, von den reformierten Gerichten aber im Januar 1585 durch 
Abstimmung verworfen wurde. Denn da das Problem als ein kirchliches 
aufgefaßt wurde, stand die Entscheidung nicht der obersten Landes- 
behördo, dem konfessionell gemischten Bundestag, sondern den einzelnen 
Gerichten, bez. Gemeinden zu. Infolge dessen hat sich der julianische 
Kalender bei den evangelischen Bündnern bis tief ins 18., ja in einzelnen 
Talschaften sogar bis ins 19. Jahrhundert erhalten. Die erste Gemeinde, 
die den neuen Kalender annahm, war das Puschlav (Poschiavo) im Jahre 
1756, aber fast der ganze Zehn-Gerichtsbund, dessen Hauptbestandteil 
das Prättigau bildete, bequemte sich erst im Jahre 1812 und da nur 
höchst widerwillig zur Anerkennung der neuen „Zyt". „Unter den Menschen 
verpönt, hat der alte Kalender im Stalle seinen Herrschersitz aufge- 
schlagen; denn der Bauer von altem Schrot und Korn wird es nicht 
leicht duhlcn, daß seine Kühe nach dem neuen Kalender kall)ern." — 
Die einzehicn Phasen dieser überraschend späten Wandlung hat im 
übrigen J, Hdtt recht gut geschildert, auf dessen Schrift „Die Elinfiihrung 
des neuen Kalenders in Graubünden, Leipzig, W. Engelmann 1863" 
hiemit gleichfalls verwiesen sei. 



— 293 — 

Wenn also die evangelischen Bündner die letzten in Europa waren, 
abgesehen von den Russen, die sich dem im 16. Jahrhundert reformierten 
Kalender unterworfen haben, so hatte dieser bäuerliche Starrsinn doch 
die gute Folge für sie gehabt, daß es ihnen erspart blieb, Teilnehmer 
einer kläglichen halben Maßregel zu werden, die sich alle anderen 
Protestanten zu Schulden kommen ließen. Auf Betreiben des Corpus 
Evangelicorum, das von Leibniz und anderen Gelehrten darin unterstützt 
wurde, willigten nämlich im Jahre 1699 die protestantischen Stände zwar 
in die Annahme des gregorianischen eigentlichen Kalenders, jedoch ohne 
den Festkalender. Wegen der der Festrechnung anhaftenden Mängel 
wollten sie Ostern empirisch bestimmen. Den Ausgleich zwischen den 
beiden Kalendern bewerkstelligten sie dadurch, daß sie vom 18. Februar 1700 
auf den 1. März übergingen. Dieses unvollständige Produkt mußten nun 
wohl oder übel auch die schweizerischen evangelischen Orte annehmen, 
wenn der Wirrwarr nicht noch größer Averden sollte. 

Mit Schreiben vom 30. Dezember 1699 gaben ihnen die evangelischen 
Fürsten und Stände des Reichskonvents in Regensburg Kenntnis von der 
Änderung des Kalenders und luden die evangelische Eidgenossenschaft ein, 
diese Verbesserung der Zeitrechnung ebenfalls anzunehmen. Auf einer Kon- 
ferenz der Boten der evangelischen Orte, sowie der Städte St. Gallen, Mül- 
hausen i. E. und Biel in Aarau vom 20. — 24. April 17Ô0 wurde zunächst 
allseitig anerkannt, daß der neue Kalender für Handel und Wandel ohne 
Bedenken angenommen werden könnte. Evangelisch Glarus eröffnete, es 
müßte vor seiner zustimmenden Erklärung einen einhelhgen oder Mehr- 
heitsentscheid der Landleute einholen. Der Abgeordnete von St. Gallen 
meinte, über diese Materie seien schon viele Schmutz- und Stichworte 
geflossen und es könnten allerlei Händel daraus entstehen. Trotzdem 
nahm er die Sache ad référendum. Schließlich fand man es am zweck- 
mäßigsten, den Gegenstand auf die bevorstehende Tagsatzung zu ver- 
schieben, dann die Gedanken der katholischen Orte zu sondieren und 
erst nachher vor der gesamten Session aufzutreten. Auf dieser Tag- 
satzung am 4, Juli lief alles glatt ab. Zürichs Bote erwähnte des welt- 
kundigen Beschlusses der protestantischen Stände des Reichstages und 
ihrer Einladung an die evangelischen Orte und betonte, daß Zürich 
damit keine Neuerung suche, sondern wünsche, daß in den gemeinen 
Vogteien jede Religion bei ihren Freiheiten belassen werde. Die 
katholischen Orte möchten durch ihre Geistlichkeit zur allgemeinen Be- 
ruhigung erklären lassen, daß es auf keinen Eintrag an der katholischen 
Religion abgesehen sei. Unter dieser Bedingung erklärten sich deren 
Boten, ohne hiezu instruiert zu sein, mit dem Plane einverstanden. 
Demgemäß beschlossen die evangelischen Orte samt Biel und St. Gallen 
noch während derselben Tagsatzung, daß man zwar in dem laufenden 



— 294 — 

Jahre ohne Konfusion nichts ändern könne, daß aber, wenn die vor- 
behaltene Genehmigung der Orte eingegangen sein werde, das künftige 
Jahr 1701 mit dem 12. Januar anfangen und die 11 vorhergehenden 
Tage leerstehend gelassen werden sollen. Von der erfolgten Ratifikation 
soll dann dem Reichskonvent Mitteilung gemacht werden. Dieser Be- 
schluß gelangte u. z. ausnahmslos in allen evangelischen Orten und Zu- 
gewandten zur Ausführung. 

Über die letzte Phase der Einführung des gregorianischen Ka- 
lenders ist nicht mehr viel zu sagen. — Infolge der ungeschickten Tren- 
nung des Festkalenders vom übrigen Kalender und der verschiedenen 
Berechnungsweise des Osterdatums bei Protestanten und Katholiken 
waren in Bezug auf dieses Hauptfest in den Jahren 1700, 1724 und 
1744 Zeitdiiferenzen entstanden, die in den Jahren 1724 und 1744 zu 
ärgerlichen Szenen Anlaß gegeben hatten. Um ihrer Wiederholung, die 
freilich dem Zeitalter der Aufklärung und Humanität übel angestanden 
hätte, vorzubeugen, beschloß auf Anregung Friedrichs d. Gr. hin das 
Corpus Evangelicorum am 13. Dezember 1775, die astronomische Be- 
rechnung von Ostern fallen zu lassen, womit die vollständige Überein- 
stimmung zwischen dem verbesserten und dem gregorianischen Kalender 
hergestellt war. Wohl nur um die Fiktion einer gewissen Selbständigkeit 
zu wahren, ordnete? das k. Patent vom 7. Juni 1776 die ausschließliche 
Geltung des „verbesserten Reichskaleuders" an. Die Evangelischen in 
der Schweiz aber sind auch damals dem Beispiele ihrer Glaubensgenossen 
im Reiche gefolgt mit Ausnahme der, wie schon erwähnt, dem alten 
juhanischen Kalender noch über ein ganzes Menschenalter anhänglichen 
Bündner. 



Zur Entstehung von Piatons „Staat". 



Von 
Karl Joël. 



In dieser viel behandelten Streitfrage, die kaum feste objektive Kriterien 
mitbringt, empfiehlt es sich wohl nachgerade ohne lange Debatte einfach 
seine Stimme abzugeben und seinen subjektiven Eindruck, beinahe wie 
der Kunsthistoriker die Entscheidung seines Stilgefühls, kundzuthun 
und zu analysieren. Aus den einzigen antiken Nachrichten, der zweifel- 
haften von den zuerst bekannt gewordenen duobüs fere libris (welchen'?') 
des „Staats" (Gell. XIV 33) und der mehrfach und besser bezeugten 
von dem beim toten Philosophen gefundenen Wachstäfelchen mit dem 
korrigierten Anfang des Werkes kann man nichts und alles folgern, 
sogar daß Piaton den „Staat" von rückwärts geschrieben hätte und 
sterbend mit dem Anfang schloß. Auch die Sprachstatistik, selbst wenn 
sie die Folge der Dialoge am Schnürchen aufzählen könnte, würde damit 
noch nicht wissen, ob sich diese Folge in zehn oder sechzig Jahren 
vollzog, und also nur relative Daten geben. Ihr einziger absoluter 
terminus post quem für den „Staat", Piatons erste sizilische Reise, von 
der ihn Dittenberger die berühmte Partikel heimbringen läßt, war nicht 
nur auch ohne dieses Reiseandenken klar und naheliegend, sondern ist 
auch durch den „Staat" selber (577 B) bezeugt. Die Hinweise auf 
frühere Dialoge endlich werden wohl nicht viel nützen, wenn diese 
Dialoge selber nicht datierbar und die Hinweise zweifelhaft sind. Hat 
man doch sowohl den Lâches, Phädrus, Philebus u. a. Dialoge im 
„Staat" als auch den „Staat" in ihnen vorausgesetzt gefunden! Ich be- 
kenne mich den Hinweisen gegenüber auch sonst ungläubig, einfach weil 
sie unkünstlerisch wären. Der Dramatiker Piaton schreibt hier, als ob 



'l Blaß z. B. denkt au das „Mittelstück'- des Staates, andere an die ersten 
Bücher; noch eher hätte ja die Tyrannenverketzerung in den letzten Büchern Xenophou 
zu dem v.)n Grellius behaupteten Widerspruch reizen können. 



— 296 — 

er vorher nie geschrieben, ja nie gelehrt hätte, als ob es keine platonischen 
Schriften gäbe, keine Akademie und keinen Piaton — und das in einem 
Werk, das er schon durch die Gesprächspartnerschaft seiner Brüder, ja 
durch bezeichnende Anrufung des Jtalg 'Açioiùivoç. an den entscheidendsten 
Stellen (368 A 427 D 580 B) als sein eigenstes Werk proklamiert. An 
Krohnsunmöglichem Gedanken, alle Dialoge ausser dem „Staat" zu athetieren, 
ist das einzig Interessante, daß er eben doch möglich war, weil der 
„Staat" die anderen Dialoge nicht braucht, und das einzig Gesunde das 
Gefühl dafür, daß der „Staat" in besonderem Sinne Piatons Eigenwerk 
und eine selbständige Totalität ist. Wir sind so mangels fester äußerer 
Handhaben für die Erfassung des „Staats" auf den „Staat" selbst zurück- 
verwiesen, auf seine immanente Erklärung. 

Daß der „Staat" als Frühwerk unmöglich ist, daß er die gereifte 
Frucht eines Denkerlebens in die Scheuern bringt, sieht jeder; aber 
man kann ihn geradezu als Spätwerk ansprechen, und es lohnt sich wohl 
die markanten kräftigen Alterszüge hervorzustellen, die darum noch 
keine schwächlichen oder starren Greisenzüge sind.. Das nächstliegende 
Kennzeichen dafür ist, daß im „Staat" nicht mehr der Kämpfer spricht, 
sondern der Sieger, ja Sieggewohnte, nicht mehr der kritische Dialektiker, 
sondern der Meister und Prophet aus der Fülle der Positivität, die 
eigentlich dem Wesen des Dialogs widerspricht, die ihn auch streng 
genommen mit dem Drama aufhebt, die ihn in echter Art als Debatte 
nur noch herablächelnd anwendet in der Jiaiöid des I. Buchs ^), die dann 
ihn mitschleppt, um einen Herold und Trabanten, einen tragischen Chor 
zu haben, als stimmungsvolle Resonanz und warme Sanktion und stets 
bereiten Impresario für alle Wendungen der Bede. Der Partner ist 
längst nur noch der fragende, eifrige, gehorsame, bewundernde Schüler 
(vgl. nam. die demutsvollen Äußerungen 432 C 595 E 596 A). Die 
Lehrautorität ist stabilisiert. Mit Lächeln, ja mit Verachtung blickt 
Piaton herab auf die Debattierlust der Jünglinge (593 BC, vgl. 499 A), 
mit Hohn denkt er an Zustände, da der Lehrer den Zuhörern mit 
Furcht und Schmeicheln, sie ihm mit Mißachtung begegnen (563 A). 
Lange Übung und Lehrerfahrung spricht aus der immer wieder für das 
Staatswohl betonten Auswahl der leicht gefährdeten philosophischen 
Naturen nach Gedächtniskraft, Gelehrigkeit, Festigkeit u. s. w. (pp. 486. 
491 fl". 503. 535. 537). 



1) die gelbst so fern ist von der anovôri des im Rhetorenkami>t' parallel gehenden 
(rorgias! Hirzel findet schon im Thrasymachosgespräch Sokrates führender als in den 
Tugenddialogen dJial. I, 240 Anna.) und giebt (241,2) Anzeichen für den Seheincharakter 
des Dialogs in den folgenden Büchern. Auch die Beobachtung (S. 243), daß große 
Denker namentlich in alter Zeit ihr System gern erst spät als ihre Lebenssumme 
geben, verdient Beachtung. 



— 297 — 

Es interessiert vielleicht manchen die persönliche Erinnerung, dali 
unser so frühgeschiedener, einst mit Jünglingsmut genial anregender 
Dümmler, dessen Name für den Basler Philologentag nicht ungenannt 
bleiben mag, bei aller Liebe zu Piaton gerade das Hauptwerk ob seines 
autoritativen, orthodoxen Charakters wenig sympathisch fand. Und man 
vergesse nicht, was alles den Herrschern im platonischen Staat in die 
Hand gegeben ist: sie bestimmen die Grösse des Landes und Volkes 
(423 BC), den Stand und Beruf des Einzelnen (415BC 423 C D), 
seine Wohnung, seinen Besitz (416 543 AB), wann und wen er heiraten 
soll, welche Kinder aufgezogen^ welche ausgesetzt (458 — 461 546 B) 
und wie sie erzogen werden ; sie verhindern, daß Eltern ihre Kinder 
erkennen (460 D), sie unterdrücken jede Neuerung in Kunst und Er- 
ziehung d. h. doch im Geistesleben i424B), sie üben zum Heil der 
Bürger gegen sie Betrug u. a. m., kurz sie sind allmächtig, wie nie ein 
Herrscher war, weil sie nicht nur das Individuum in allen Grundbe- 
tätigungen des Lebens, sondern auch die Zukunft binden. Solche Autorität 
kann nur installieren, wer selber als Autorität grau geworden, wer 
längst sich patriarchalisch warm fühlt auf dem Thron der Wahrheit. 
Wie hart schneidet Piaton alle Neuerung und damit allen Fortschritt 
ab (422 A 424 B), wie streng fesselt er als Censor die Kunst und 
engt sie ein zum knappen Ausdruck des Moralischen, zum bloßen 
Hymnus (vgl. 607 A), wie kalt nimmt er ihr das Meiste an Formen und 
Mitteln, alles was Leidenschaft, Phantasie und Schaulust erregt (399 ff. 
604ff., vgl. die Urteile 411 A 475 D 476 B 493Dj, wie setzt er sie 
herab als bloßes Spiel (602 B) und Schattenbild, an Wahrheitswert 
hinter dem ehrlichen Handwerk stehend (599 ff.), eine Lockung der 
Menge und der Ungebildeten, ein Stachel der Lüste und Affekte, eine 
Verführung zur Staatsverderbnis (568 C 602— 607); wie feindlich hält er 
geradezu Gericht über den ganzen Astheticismus seines Volkes, wie 
ketzerrichterlich opfert er das Drama, das er doch selber gepflegt nicht 
nur in den Anfängen seiner Schriftstellerei, sondern auch auf ihrer Höhe 
als Künstler des Dialogs, und dessen Sieg und dessen Meister er noch 
im Schönheits- und Liebesfest seines Symposion gefeiert hatte — und 
jetzt bekennt er, daß er mit der Poesie seine Jugendliebe preisgiebt 
(607 E f., Tgl. 595 C) und lächelt herab nicht allein auf die ästhetischen 
Genüsse der Jugend (390 A 397 D 608 A), auch auf die Erotik (402 E 
468 C 474 DE), sie nur als Köder zur Tapferkeit und Mittel der Selek- 
tion, also praktisch wertend (ib.), und streng moralisch verpönt der 
Autor des Phädrus hier Rep. 402 E 403 AB in der Liebe Sinnenlust 
und Überschwang, die dort gepriesene (lavia, und düster fremd macht 
der Autor des Symposion hier Rep. 573 fl\ (vgl. noch 587 A) den Eros 
geradezu zum bösen Prinzip, ausdrücküch zum zvçapvoç, zum eigent- 



— 298 — 

liehen Verführer und Herrscher in der Brust des schlechtesten der 
Menschen, des Tyrannen — scheint nicht Piaton hier sich neben den 
greisen Sophokles und den greisen Kephalos zu stellen, die er froh sein 
läßt, die Liebe, den tollen Despoten nun los zu sein (329 CDj ? 

Dazu nehme man die Schätzung des Alters im Staat! Daß die 
Herrschenden jiQEaßvreQoi sind, die Beherrschten vecoteqoi. ist von 
Anfang an „offenbar" (412 C); das Schweigen, sich Verneigen, Aufstehen 
der Jüngeren vor den Alteren ist so seilest verständlich, daß es nicht ein- 
mal der Gesetze darüber bedarf (425 Aß) ; auch greise Männer und Frauen 
dürfen sich in der Palästra entkleiden, ohne lächerlich zu werden (452 B). 
Furcht und Scham halten die Jüngeren gegen die Alteren im Zaum ; 
der Altere aber soll alle Jüngeren beherrschen und züchtigen (465 A), 
die Jüngeren sollen alle Alteren als ihre Väter ansehen, gegen die sie 
ehrfurchtsvoll, sorgsam und gehorsam sein müssen (468 C D). Mit der 
Aufhebung der Familie ist alle Pietät von den Eltern auf das Alter 
übergegangen. Nie ist ein so ausgesprochener Patriarchalstaat auch nur 
erdacht worden, ein Staat, in dem so alles auf die Autorität des Alters 
abgestellt ist. Gewiß auch auf die Autorität des Wissens, aber das ist 
eben das Bezeichnende, daß die Autorität des Wissens geradezu an die 
des Alters gebunden wird. Selbst das Mannesalter ist nur Prüfungs- 
zeit der werdenden Herrscher (413 E 539 E); erst mit 50 Jahren 
werden sie zur Schau der Idee des Guten reif befunden (540 A) — ich 
frage, ob dies ein Mann gefordert haben kann, der nicht selbst 
diese Grenze längst überschritten. Er blickt auf die Männer 
von 35 — 50 als véovq herab (539 E). Und weiter wird gefordert, daß 
der Richter kein véoç, sondern ein yéçon' sei, weil er nur dann die Un- 
gerechtigkeit wie die Gerechtigkeit wahrhaft erkennen kann (409) — 
ich frage, ob einer dies fordern kann (zumal in einem Werke, das der 
wahren Erkenntnis der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gewidmet ist), 
der nicht selbst yeqoiv ist. 

Man gewinnt bei Versenkung in den „Staat" geradezu den Ein- 
druck, dass der schwere moralisch-philosophisch- politische Kampf, den 
hier Piaton ansticht, im letzten Grunde auch ein Kampf der Generationen 
ist. Er stellt seinen Staat am schärfsten gegen Demokratie und 
Tyrannis. Die Demokratie nennt er 563 E ausdrücklich jugendlich und 
läßt sichs vom Partner bestätigen, und er brandmarkt es voll Verachtung, 
daß sich in ihr die Jungen den Alten gleichstellen, ja die Greise sich 
nach den Jünglingen richten (563 AB). Der demokratische Typus ent- 
steht, wenn der Jüngling nicht auf die Mahnungen der Alteren hört 
und seine Begierden und Lüste freigiebt (560 (J tt'.) -, wenn er dann 
älter geworden und sich der Begierdenschwarm verlaufen hat, kommt 
ein Zustand, der jedenfalls erträglicher ist (561 A B) als der tyrannische 



— 299 — 

Seelenzustand, der iin IX, Buch olïenkundig als wildeste .JugendtoUheit, 
als Raserei der Begierden, als Baccliantik und Erotik geschildert wird, 
als Übermut bis zur Gewaltthat gegen die greisen Eltern und älteren 
Brüder (574BC615C)- Der bekannte Vorwurf des Dionys: „Deine 
Reden sind greisenhaft" (yeQovTiojoi) und Piatons Antwort; „und deine 
tyrannenhaft" (Diog. Laert. III 18), Worte, die wohl nicht zwischen dem 
erst 40jährigen Piaton und dem älteren Dionys, sondern erst zwischen 
dem jüngeren und dem Sechziger gewechselt sein können, zeigen jeden- 
falls, daß Piaton und der Tyrann als Alterstypen kontrastierten. Die 
jungen Bürger, heißt es Rep. 568 A, halten zum Tyrannen. Statt des 
tyrannisch rasenden Jünglings regiert im platonischen Staat der philo- 
sophische Greis. Mit dem Bewußtsein schärfster Paradoxie, ja der 
Umkehrung geltender Ansichten fordert Piaton, daß im Idealstaate die 
Philosophie gerade am Avenigsten Sache der Jugend sei und gerade am 
reinsten Sache des Alters, wenn die Körperkraft schwindet, und er 
höhnt über alle, die nach dem Greisenalter hin geistig erlöschen, ohne 
sich wieder zu entzünden (497 E 498 ABC). Kann man noch zweifeln, 
daß hier ein Greis im besten Sinne pro domo redet und daß der „Staat" 
ein Altersbekenntnis ist? Allerdings sehr lernfähig fühlt sich der Greis 
nicht mehr; die vielen, großen novoi überläßt er Jüngeren (536 D). 
Dafür ist die Dialektik, die ihm einst die Philosophie war, herabge- 
stiegen zur Übung, zur letzten Vorstufe der eigentlichen Philosophie, 
die nun zur reinen Spekulation, ja zur Mystik erhoben ist. Der Greis 
triumphiert in der Philosophie, in der Politik, in der Moral und schließlich 
in der Glückseligkeit. Der Ungerechte ist bei Beginn des Glückswett- 
laufs voraus ; er hat die Lust in der Jugend, aber die Strafe im Alter. 
Der Gerechte aber siegt an Glückseligkeit im Alter und im Tode (613 C ff.). 
Auffallend oft — • ein Zeichen, welche Gedanken dem Lebensalter Piatons 
nahelagen, — würd auch der ehrenvollen Bestattung und der Unsterblichkeit 
der philosophischen Staatspatriarchen als heroischer Menschen gedacht 
(414 A 427 B 469 AB 498 C 503 A 540 BC). 

Als Kennzeichen des Alterswerks möchte ich ferner die Ansätze 
von Zahlenmystik im „Staat" ansprechen, nicht einfach weil überhaupt 
phantasiereiche Köpfe im Alter zu dergleichen Symbolismus neigen — 
der Idealstaatsgründer Comte gerät später auch in Zahlenmystik — , 
sondern namentlich weil uns ja Aristoteles meldet, daß in Piatons Spät- 
zeit der mathematische Charakter seiner Philosophie sich stärkte bis zu 
einer Symbolisierung der Ideenlehre zur Idealzahlenlehre. Nicht die 
Schätzung der Mathematik als solche ist im „Staat" auffallend, obgleich 
nur wenige andere Dialoge noch von ihr Spuren zeigen, wohl aber die 
Energie, mit der hier im VII. Buch die mathematischen Wissenschaften. 
Asti'onomie und Harmonielehre eingeschlossen (vgl. nam. 529 DE 531 BC), 



— 300 — 

wesentlich als Illustration für die Zahlenspekulation gewertet werden, 
worin sich schon die Idealzahlenlehre ankündigt, und die fast fanatische 
Betonung, mit der sie, namentlich die Geometrie, als die einzigen ernst- 
haften Wissenschaften, die einzigen rein intellektuellen Vorbereitungen 
für den kriegerisch-philosophischen Herrscher außer der Dialektik, aber 
dreimal so ausführlich wie diese, behandelt werden. Das stimmt gut gerade 
erst zur zweiten sizilischen Reise, wo die politisch-moralische Reform 
Piatons sich zunächst in den Staubwolken zeigte, die um den Tyrannen- 
palast aufgewirbelt wurden durch die unaufhörlichen Sandzeichnungen 
geometrischer Figuren, und die Piaton feindlichen Höflinge ihren Spott 
ausließen über die Methode, durch die Geometrie glücklich zu werden 
(Plut. Dion 13f., vgl. auch ep. III 319 C). 

Die Zahlenwertung bekundet sich ferner in der Trichotomie des 
„Staats", die sich schon durch die Fortsetzung bei Xenokrates als 
Tendenz der mehr mystischen Altersperiode Piatons zeigt. Nicht nur 
ruht die Struktur des Systems im „Staat" auf der Dreizahl der Seelen- 
teile und der Stände • das triadische Schema vibriert auch sonst in allen 
Teilen des „Staats". Bald nach dem „Vorspiel" des I. Buches beginnt 
die Glaukonrede mit der Unterscheidung von drei Gattungen des Guten 
(857) und baut sich weiterhin auf nach jiqojtov, ôsvteqov, tgixov (358 C). 
Das Sehen heißt der kostbarste Sinn, weil es zu Gesicht und Gesehenem 
noch eines tqItov bedürfe, des Lichts (507 CD), und dies sei symbolisch 
für die Erkenntnis, die auch des tqitov bedürfe in der Idee des Guten. 
Für alles giebt es drei Künste (601 D), der darstellende Künstler ist 
der dritte von der Wahrheit (597 E 599 A). Drei Gänge giebts für 
den Sieg des Gerechten (583 B). Vom Königlichen an hat das dritte 
Schattenbild der Oligarchische, vom Oligarchischen an das dritte der 
Tyrannische, sodass sich durch Potenzierung dieser als 729 mal unglück- 
licher herausstellt wie der Königliche (587 CDE). Hier haben wir eine 
Zalilenmystik, die nur noch übertrofifen wird von der berühmten geo- 
metrischen Zahl p. 546, die über das Heil des Staates entscheiden soll. 
Endlich zeigen die Zahll)estimratheiten im Schlußmythus, wie der 
„Staat" schon hineinragt in Piatons Spätblüte, wo seine mathematische 
Phantasie vorwaltet. Der Pamphylier wird nach zehn Tagen aufge- 
nommen und liegt am zwölften auf dem Scheiterhaufen. Seine Seele 
fährt an einen Ort, wo je zwei Spalten einander gegenüberliegen. Dort 
kommen die Seelen hin in tausendjähriger Wanderung, zelmmal für 
jede Untat je nach liundert Jahren Buße leidend. Sieben Tage 
bleiben sie dort; am achten Aufbruch, am vierten Ankunft dort, 
wo es noch eine Tagereise zur Spindel der Notwendigkeit sei, deren 
(TtpôvôvÀoi nun mit wahrer Lust am Zählen beschrieben werden — ich 
linde 45 Zahlwörter auf noch nicht einer Teubnerseite (616 D Ende bis 



— 301 — 

617 B Ende) bis zu den TQelg, den Parzen, vor denen jeder erloost, 
als der wievielste er sein Schicksal zu wählen hat. Damit vergleiche 
man die Jenseitsraythen im Gorgias und im Phaidon, die kaum eine 
einzige Zahlbestimmung enthalten — die vier mit Namen überlieferten 
Flüsse der Unterwelt und das eine Jahr im Tartaros Phaed. 114 A wird 
man kaum rechnen. 

Auf Piatons Spätzeit weist doch wohl auch im „Staat" die ekstatisch- 
agnostische Schilderung der Idee des Guten mit dem superlativischen 
Lichtvergleich und der hierarchischen Zuspitzung des Ideensystems, die 
von der sokratischen Begriffsdialektik am weitesten abliegt, die auch mit der 
Ideenlehre als solcher noch nicht gegeben ist, die ferner mit anderm Meta- 
physischem hier nur in wenigen wohl sicheren Altersschriften (Timaios, 
Philebus) Parallelen hat und die am weitesten dem Neuplatonismus entgegen- 
kommt. Mit der hierarchischen Vereinheitlichung ist die Stufenfolge 
der Ideen in Idealzahlen als Graden sehr nahegelegt — also nach 
Aristoteles die Lehre des greisen Piaton. 

Tiefe Resignation mischt sich am Schlüsse des IX. Buchs gar 
wundersam mit einem Prophetenglauben an die Wahrheit des Ideals — 
so spricht einer, der auf das Leben überschauend herabsieht und in 
der Ferne noch das gelobte Land erblickt. Der Partner nur betont 
hier die Unwirklichkeit des Idealstaats, Sokrates aber seine Möghchkeit, 
und noch entschiedener tut ers VI 499 502 AB VII 540 ff., und die 
Sehnsucht jenen zu verwirklichen geht ihm noch über das ruhige Bewußt- 
sein im Wintersturm der Ungerechtigkeit sich selbst geschützt und be- 
wahrt zu haben und nun gefaßt und ergeben aus dem Leben zu 
scheiden (496 D ff.) — so spricht doch wohl die Altersstimmung. Aber 
auch sonst gabs für solche merkwürdig aus Hoffnung und Verzicht 
gewobene Stimmung wohl nur eine Zeit im Leben Piatons. Zwei 
politische Perioden enthielt es, die für einen Staatsbau Anregungen, 
Hoffnungen boten, die Frühzeit und die Alterszeit. Der Mann aus dem 
Stamme der Kodros und Solon, der Neffe des Kritias und Charmides 
war in Athens bewegtester Zeit wahrlich in politischer Luft aufgewachsen, 
war Politiker in tiefster Wurzel. Aber alle möglichen Hoffnungen 
wurden der B,eihe nach geknickt, die aristokratische mit dem nicht un- 
verschuldeten Sturz der Dreißig, die demokratische mit der Hin- 
richtung des Sokrates, die fernhinschweifende monarchische mit der 
Tyrannis des älteren Dionys , von der Piaton feindlich und hoff'- 
nungslos schied. Enttäuschung im Herzen findet er nun reichlichen 
Trost in der wissenschaftlichen Lehrwirksamkeit, bis ihm nach Jahr- 
zehnten an der Schwelle des Greiseualters mit dem syrakusischen 
Regierungswechsel die alten Hoffnungen zögernd belebt werden und 
mit der zweiten sizilischen Reise ein politischer Johannistrieb erwacht, 



— 302 — 

der praktisch zweifelnd, theoretisch hofft. Die erste Periode war zu 
voll von praktischen Hoffnungen, die mittlere zu voll von praktischer 
Enttäuschung und theoretischer Arbeit, nur die letzte bot zwischen 
wiedererwachter Hoffnung und zweifelndem Verzicht die rechte Stimmung 
für eine Abklärung der Praxis an der inzwischen gewonnenen Theorie, 
für den Ausbau eines Idealprogramms im ., Staat". 

Fragen wir nun, ob sich zu dieser letzten allgemeinen Betrachtung, 
der man noch nicht zu glauben braucht, noch speziellere Lebensdaten 
im ..Staate" spiegeln. 577 AB bekennt Piaton ausdrücklich, die Tvran- 
nis nach Autopsie zu schildern. Der „Staat" ist also erst vollendet 
unter der Nachwirkung einer der sizilischen Reisen, aber welcher? Kein 
Zweifel, dass der spätere Aufenthalt in Syrakus eine weit tiefere Tendenz 
und Wirkung hatte als der erste. Wir sprechen eigentlich zu Unrecht 
von drei sizilischen Reisen — der VII. platonische Brief zählt viel- 
mehr die zweite als erste (337 E .352 A, vgl. 336 E .330 336 B). Phyton 
kam zuerst nach Sizilien nicht auf einer Sonderreise von Athen, sondern 
im Anschluß an die Italienfahrt in seinen Wanderjahren — einige 
berichten sogar nur um der Sehenswürdigkeiten willen (Diog. Laert. 
III 18. Olympiod. 4, Apul. dogm. Plat. 4. Athen. XI 507B) ; man bezweifelt 
jedenfalls ob auf Einladung des älteren Dionys. Der VII. Brief sagt 
nichts von solcher Einladung, und Plutarch bezeugt das Gegenteil, indem 
er erst durch Dion den schon anwesenden Piaton zu einer Unterredung 
mit Dionys zusammenführt (Plut. Dion 4 f.), die bald zum Zusammen- 
stoß wird. Piaton hatte auch der gefestigten Tyrannis und dem männ- 
lich fertigen Dionys nichts zu sagen, und dieser jenem noch weniger. 
Der erste syrakusische Aufenthalt war ohne politische Tendenz und 
ohne tiefe Wirkung auf Piaton. Es ist bezeichnend, daß die vorwiegend 
von den sizilischen Dingen handelnden platonischen Briefe, ob echt oder 
erfunden, sämtlich erst in die Zeit des jüngeren Dionys datiert sind; von der 
sog. 1. Reise redet nur der berichtende 7. Brief, aber wie kurz im 
Vergleich zu den andern Reisen ! Und auch er redet niclit von Dionys, 
sondern nur von Dion und sieht in dessen Bekanntschaft mit Piaton 
die einzige Frucht dieses Aufenthalts, da jener in Dion den Plan zur 
Aufhebung der Tyrannis aufkeimen ließ, aber wohlgemerkt — unbe- 
wußt (àXàv^avov ifiavxôv 327 A). Und Plutarch (Dion 4) läßt damals 
Piaton ausdrücklich wie zufällig, wie durch göttliche Bestimmung, ohne 
die geringste menschliche Absicht nach Sizilien kommen. 

Wie ganz anders Jahrzehnte später die „zweite" Reise: Der 
60jährige Piaton kommt in moralpolitischer Mission, gerufen von Dien, 
von den Pytliagoreern, von dem jüngeren Dionys selbst! Es galt die 
Umbildung des Tyrannen in einen gesetzlich gerechten König (Plut. 
Dion 10. 12'. Man braucht der Nachricht nicht zutrauen, daß Piaton 



— 303 — 

sogleich Land und Menschen für seinen Idealstaat forderte (Diog. Laert. 
III 20 f.j. Aher dem 7. Brief darf man trauen, der sehr plausibel von 
jener gemischten Stimmung des Philosophen zur Zeit der 2. und 3. 
Sizilienfahrt berichtet, die uns soeben als Grundstinnnung des „Staates" 
durchklang, und von jenen an den jüngeren Dionys geknüpften, von 
ihm getäuschten Hoffnungen, daß die Gerechtigkeit zur Herrschaft 
komme, daß Philosophie und Staatsregiment eins würden, daß allein 
der einsichtsvoll gerechte Staat und Mann als glückselig offenbar würden 
und im Gerechten, Tapferen, Besonnenen und Philosophischen die (vier- 
fache) Tugend triumphiere (ep. VII 335 CD 336 AB) — das ist genau das 
Programm des „Staates" und so nur des „Staates"'). Ob echt, ob un- 
echt, wären uns die Briefe nicht erhalten, so würden wir ihnen trauen, 
schon weil wir Plutarch trauen, der aus ihnen schöpft. Doch wie kann 
man der Kopie trauen und nicht dem Original? Rteder in seiner Echt- 
heitsapologie der Briefe (Rhein. Mus. 190(5 S. 463. 471) findet in ihnen 
sprachliche Verwandtschaft mit dem „Staat", namentlich in dem bald 
nach der 2. Reise datierbaren 13. Brief, und schon Ritter (Unters, 
über Plato S. 108) konstatiert von ihm: „Seine Sprache ist derjenigen 
der Resp. näher verwandt als der der Leges." So führt auch dies zu 
der Annahme, die an sich die natürlichste und wahrscheinlichste ist, 
daß der „Staat" der für die politische Spekulation anregendsten Epoche 
entstammt, der Zeit der 2. sizilischen Reise. 

Ist der fertige „Staat" die Ursache oder die Folge der zweiten 
Sizilienreise? Es läge am nächsten, daß Piaton dem Bekanntwerden 
des „Staates" den Ruf nach Syrakus verdankt. Wir wissen es anders; 
die pythagoreischen Freunde und Dion, die er einst in persönlichem 
Umgang gewonnen, rufen ihn jetzt für den neuen lenksamen Herrscher. 
Kein Wort verlautet, daß bei dem Ruf bereits die Kenntnis des platonischen 
„Staates" eine Rolle gespielt hatte; ja der Bericht im 7. Brief, der 
alles mündhchem Einfluß zuschreibt, spricht nur dagegen (vgl. 330 AB 
338 D 340 f.). Und ich meine, wenn der junge Tyrann Buch VIII und 
IX des „Staates'- gelesen hätte, dann hätte er kaum Piatons Ankunft 
mit einem Dankopfer begrüsst und ihn wie den Sonnengott auf weißem 
Viergespann eingeholt, sondern ihn ertränken lassen, wo es am tiefsten 
ist, oder sonst wie sein Vater ihn zum Henker gewünscht. Nicht genug, 
dass er andernfalls den Bock zum Gärtner gemacht hätte, dass es wäre, 
als ob Napoleon sich Fichte oder der Zar sich Bebel wie einen Halb- 
gott zum Berater einholte, vor allem konnte doch der junge Dionys 
nicht die furchtbare Brandmarkuug seines Vaters hinnehmen, wie sie 

1) Vgl. vorher lep. VII 335 Ai auch den Kampf der unsterblichen Seele gegen die 
Lüste und das Grericht in der Unterwelt entsprechend dem Schluß des , Staates". 



— 304 — 

Platon hier in der Entstehungsgeschichte der Tjrannis vorführt, die 
zwar mit allgemeinen Zügen namentlich noch von der attischen Tyrannis 
verwohen, doch, wie man längst erkannte, stark am älteren Dionys 
orientiert ist, ohne dem Retter Siziliens vor den Carthagern gerecht zu 
werden. Als Einführung am syrakusischen Tyrannenhofe ist der „Staat'' 
offenkundig unmöglich. Man brauchte nicht erst gegen Piatons Einfluß 
einen Philistos zu berufen; der „Staat" hätte reichlich zur Diskreditierung 
genügt, und so sehe ich nicht, wie er vor der 2. sizilischen Heise bekannt 
gewesen sein kann, und ich sehe auch nicht, wie der Piaton, der das 
IX. Buch geschrieben, sich noch als politischer Erzieher an den Tyran- 
nenhof begeben konnte. 

Piaton bekennt den Tyrannen nach eigenem Eindruck zu schildern, 
und man nahm zumeist ohne weiteres an, daß sich dies auf den älteren 
Dionys beziehe. Gewiß, für die Genesis der Tyrannis im VIII. Buch 
konnte nur der ältere Modell stehen. Aber das Bekenntnis steht im 
IX. Buch, wo es sich nicht um das Historische der Tyrannis, sondern 
um den konkreten tyrannischen Mann handelt, und da erscheinen zunächst 
typische Züge, die von beiden Dionysen, aber näherliegend vom jüngeren 
genommen sein können. Was da von Xeid und Treulosigkeit (gegen 
Dion ?), Ängsten und Mißtrauen, Höflings- und Schmeichlerregiment 
(Phihstos, Damokles?) gesagt ist (575 E 577 E 578 A E 579 580 A), das 
hat Piaton beim jüngeren Dionys reichlich erlebt und zum eigenen 
Schaden erfahren. Daß der Geschilderte durch das Geschick, nur 
passiv (nicht durch sich selbst) auf den Tyrannenthron kam (578 C 
579 C), daß sich vom Besten in andern (Dion?) leiten lassen solle, 
wem das Beste nicht in eigener Brust regiere (590 CDE), weist mehr 
noch auf den jüngeren Dionys und läßt noch eine Hofinung durch- 
schimmern, die ja Piaton für ihn noch hegte, aber nicht für seinen 
väterlichen Vorgänger. Vor allem aber ist die Grundcharakteristik des 
tyrannischen Mannes als traumhaft lebenden, verführten, vom Eros 
beherrschten Schwelgers und Trunkenbolds (571 C ff. 578 576 B 578 f. 
580 E 587 C) ja unmöglich für den zu Piatons Zeit schon älteren, an- 
erkannt mäßigen, nüchternen und tatkräftigen Vater, wohl aber sehr 
passend für den Sohn, der nach Plutarch (Dion 7, s. auch Vergleichung 
des Dion und Brutus 4) gerade die von jenem ererbte feste Herrschaft 
dadurch schwächte, daß er sich beständig zu erotischen und bacchantischen 
Ausschweifungen verführen ließ, wie er seine Regierung mit einem 90- 
tägigen Gelage begann und selbst bei Freunden verachtet war, weil Trunk, 
Spiel und Weiber zumeist sein Leben ausfüllten'). Endlich passen die 

'l Vgl. übrigens hier in Plutarchs Schilderung die Umbeuennung der Tugenden 
in Laster durch den Verführer des jüngeren Dionys (c. 8) und die seelische Königs- 
burg (c. 10 Schi.) mit der demokratischen Verführung l{ep. 560 Oft", und die Demokratie 
als Kramladen aller Verfassungen c.b';i mit Rep. 557 D. 



— 305 - 

entscheidenden Worte Piatons 577 AB, dali er mit dem Tyrannen zu- 
samraengewohnt. dali er ihn im häuslichen, intimen Leben belauscht, 
im Verkehr mit seinen Angehörigen, wo er am meisten vom feierhehen 
Zeremoniell entblößt sei, — dies Bekenntnis paßt doch nicht auf das 
nur einmal nachweisbare kritische Zusamm entretien mit dem älteren 
Dionys, sondern nur auf den in langer Gastfreundschaft erlebten 
täglichen Verkehr Piatons mit dem jüngeren Dionys, als dessen ovaaixov 
xai ovvÉojtov ihn der VII. Brief bezeichnet (350 C, vgl. in Plutarchs 
Schilderung nam. c. 16). 

Nach alledem ist der zweite und wohl längere und eindrucksreichere 
syrakusische Aufenthalt im „Staat" vorausgesetzt. Und frische sizilische 
Eindrücke mit ihren grelleren Farben und stärkeren Kontrasten lassen 
sich durchspüren, nicht weil Piaton einmal syrakusische Tafelfreuden 
und sizilische Üppigkeit verwirft (404 D, vgl. ep. VII 326 BC 327 B 336 D) 
— es giebt auch korinthische und attische Üppigkeit, fügt er wohl für 
die Ohren jener hinzu, die seine Sizilienreisen mißdeuteten; aber die 
krasse Schilderung des unter dem älteren Dionys nicht so unglücklichen 
Tyrannenstaats, seiner Knechtschaft und Zerrissenheit, seiner Schwelgerei 
und Not zeigt Erlebtes. Doch auch zum Aufbau des Idealstaats dürften 
neue sizilische Erfahrungen beigetragen haben. Die Frage der Wieder- 
herstellung zerstörter Griechenstädte, die nach den Briefen zwischen 
Piaton und dem jüngeren Dionys diskutiert wurde (vgl. nam. ep. III 
315 ff. VII 331 E ff,), mußte die Spekulation über eine Staatseinrichtung 
ab integro anregen. Die dringenden Mahnungen zu milderer Krieg- 
führung gegen Hellenen und zum Zusammenstehen gegen die Barbaren 
(Bep. V 469 ff.) bekommen noch ein anderes Gesicht, wenn man (statt 
nur an Platää) an das sklavenreiche Syrakus denkt, wo nicht nur die 
Steinbrüche dem Athener redeten, wo auch die oft tyrannisch grau- 
sam geübte Behandlung anderer sizilisch - italischer Griechenstädte und 
namentlich die unaufhörlich drohende Karthagergefahr die jüngste 
politische Situation bestimmten (vgL z. B. ep. III. VII 332E333 A336A). 
Ferner*) die vom Idealstaat ferngehaltene Gefahr der Hypertrophie, des 
künstlichen Wachstums bis zum Auseinanderfallen in mehrere Staaten 



1) Die absolute FrauenemanziiDation im „Staaf- ist vielleicht mitbegründet durch 
die Bekanntschaft mit bedeutenden Frauen fwie der Schwester des jüngeren Dionys 
Plut. 21), die sich für Piaton interessierten (ib. 19). In Plutarchs Dion ist überhaupt viel 
von den Frauen die Rede, die eben in der Hofluft stets grössere Rolle spielten als in 
andern Verfassungen. Dazu kommt natürlich der Einfluss der Pythagoreer, deren 
Schule so reich an Frauennamen ist. Von Piatons beiden Schülerinnen stammt eine 
aus dem j^ythagoreisch wichtigen Phlius. Beide aber müssen erst Piatons Spätzeit 
angehören, da sie noch Speusipp hörten (Diog. Laert. 11146 IV 2). Daß Axiothea durch 
die Lektüre des „Staats" in die Akademie geführt worden sein sein soll, spricht des- 
halb nicht gegen dessen Spätdatierung. 

20 



— 306 ~ 

ist wohl mehr von dem buntscheckigen Syrakiis, das Diouys zur größten 
Stadt von Hellas anschwellen ließ, als von Athen abgesehen. So sehr 
Piaton den Gegensatz der Staatsteile verabscheut, die Sonderung von 
Herrscher, Heer und Volk in Syrakus hat doch vielleicht in seiner Staats- 
gliederung verschärfend nachgewirkt. So verächtlich er öfter von den 
Söldnern spricht, die ihn dort als Tyrannengegner haßten (Plut. Dion 19), 
das syrakusische Berufsheer in seinen Sonderquartieren hat ihm imponiert 
— das zeigt wohl sein kasernierter Wehrstand. Und wohlgemerkt! Er 
muß bewahrt werden, daß er nicht fremd und feindlich zur Stadt stehe 
(wie die Söldner zu Syrakus), und ferner: er entsteht aus der üppigen 
Stadt, die für die Entfaltung ihrer Üppigkeit erobern muß (372 E 373 f.), 
die nachher wieder „gereinigt'" wird (399 E). 

Überhaupt diese Reinigung, diese ganze Staatsreform, denn dies 
ist es mehr noch als Staatsgründung, und diese Staatsreform nur von 
oben bei völliger Gleichgiltigkeit gegen das Volk, kurz dieser platonische 
Idealstaat ist doch dem attischen Horizont weit entrückt, ist im Grunde 
nur eine Pythagoreisierung des schwelgerischen, zerrissenen, erobernden, 
tyrannisch regierten Syrakus. Dort in der sizilisch-italischen Sphäre 
war die Philosophie in den Pythagoreern der Herrschaft am nächsten 
gekojnmen, war das Hellenentum am weitesten ausgeschritten in moral- 
politischer Reform und am weitesten in schwelgerischer Immoralität, zu 
der größten Tyrannis, meint Plutarch (Dion 50), die jemals aufgekommen; 
dort grenzten die Gegensätze am schärfsten aneinander, dort wurde die 
Staatsfrage zur Charakterfrage, ob der jüngere Dionys dem Vorbild des 
älteren folgte oder dem des Archytas und dem Rate des Piaton und 
Dion. Wie der Mann so der Staat — das Prinzip des platonischen 
„Staates" mußte dort in die Augen springen. Der „Staat", der im 
Hause eines ausgewanderten Syrakusiers und in Gegenwart des Lysias, 
eines Mahnredners gegen die sizilische Tyrannis spielt, der ferner vom 
Tyrannenverfechter Thrasymachos bis zum Unterweltsmythus, wo die 
schlimmsten und meisten Verdammten Tyrannen sind (615 CD) und in 
der größten Tyrannis das schlimmste Los erwählt wird (619 BC), als 
Gegensatz von Vernunft und Begierde, Tugend und Laster den Gegen- 
satz von Weisenherrschaft und Tyrannis behandelt, dieser „Staat" ist 
geboren aus dem Ringen des Philosophen mit der sizilischen Tyrannis, 
aus dem Ringen von politischer Hoffnung und Verzweiflung, wie es in 
seiner Seele gerade durch den jüngeren Dionys erregt wurde. 

Piaton bekennt es; er sieht eine Aussicht für seinen Staat, wenn 
sich den Scihncn jetziger Herrscher oder ihnen selbst eine wahre Liebe 
zu wahrer Philosophie eiuHößen ließe (499 BC). Man hat diese Stelle 
})ereits auf den jüngeren Dionys bezogen (Hirmer, Jahrb. f. Philol. 
Suppl. 23.66^S), auf die Zeit, da er als Kronprinz philosophische Hofl*- 



— 307 - 

nungeil weckte, und damit den „Staat" schon mindestens ans „Ende 
der siebziger Jahre" gerückt. Aber der junge Dionys weckte als Kron- 
prinz, der er übrigens und gerade für Dion wohl nicht unbestritten war 
(Plut. 6), gerade keine philosophischen Hoffnungen, sondern lebte in 
völliger Unbildung, in banausischer Beschäftigung, von jedem Verkehr 
abgeschlossen, an Charakter verkrüppelt (ib. 9 f.) und begann seine 
Regierung höchst unphilosophisch (ib. 8), bis Dion in ihm Geschmack 
an Wissenschaft und überhaupt edlere Interressen entzündet und damit 
erst die Hoffnungen weckt, die Piaton nach Sizilien führten (ib. Î) ff.). 
So weist die Stelle erst auf den regierenden Dionysius junior, der ja 
auf dem Thron doch immer nur der Sohn blieb, — und man vergesse nicht, 
daß hier Piaton von den Söhnen der Herrscher „oder ihnen selbst" 
hoffnungsvoll spricht, was er gewiß vom älteren Dionys nicht getan 
hätte. Auch 473 D hofft er auf die jetzigen Herrscher selbst, aber nur 
wenn sie (pi/.oao(fi'jGOJoi yvr^mojg te y.ai ly.avüz, und ähnlich doch schon 
an der genannten Stelle 499 ßC: wenn ihnen „wahre Liebe zur wahren 
Philosophie" eingeflößt werden könnte. In diesen Wendungen khngt 
es deutlich durch, als hätte Piaton bereits auf der 2. sizilischen Reise 
das schwankende Dilettieren des jungen Herrschers erfahren, der sich 
zu den Philosophen rechnete und der bald sich Piaton mit begeisterter 
eifersüchtiger Hingebung in die Arme warf, bald dem ja auch wissen- 
schaftlichen Apologeten der Tyrannis Philistos (Plut. 11.36) folgte oder 
sein Bedürfnis nach Sokratik lieber von Aischines oder Aristipp stillen ließ. 
Und ums noch deutlicher zu machen, spricht Piaton es 502 A B noch einmal 
aus, daß es wohl philosophisch angelegte Thronerben geben könne, daß diese 
zwar fast notwendig verdorben werden müßten, daß aber doch einer einmal 
gerettet werden könnte, der dann genüge den Idealstaat in die Wirk- 
lichkeit zu übersetzen. Der dies schrieb, kannte einen solchen Thron- 
erben, kannte bereits seine Gefahren und Verderbnisse. Der dünne 
HoÖnungsfaden, der in Piatons Seele die reale Möglichkeit seines Ideal- 
staats hält, heißt Dionys d. J., der zeitweihg wenigstens sich philosophisch 
zeigte und leise Hoffnung bot seinen Verderbnissen /u entrinnen. In 
der Hoffnung durch diesen einzigen Mann ganz Sizilien moralpolitisch 
zu retten, sagt Plutarch (Dion 11), ist Piaton dem Ruf nach Syrakus 
gefolgt, und er hat trotz aller Enttäuschung auch nachher den jungen 
Herrscher und seine Freundschaft nicht ganz aufgegeben. 

An Dionys IL erkannte Piaton, daß das Heil der Staaten ein 
Charakterproblem ist, daß es der Reform mehr noch am Haupt als an 
den Gliedern bedarf. Es galt den Tyrannen in einen König zu wandeln 
— so berichtet Plutarch, so sagen es die platonischen Briefe, und das 
IX. Buch des „Staats" spiegelt es wieder in der Antithese und Glücks- 
konkurrenz des königlichen und des tyrannischen Mannes und Staates 



— 308 — 

(576 D E 580 BC 587), und der Schlußmythus predigt eindringlich: 
Tyrannis ist nicht Glück und Schicksal, sondern Unheil, verwirkt aus 
eigener Wahl und Schuld. Also wähle, Herrscher, und wenn du's nicht 
kannst, laß dich beraten. Darum schwankt im „Staat" wie in den 
Briefen das Ideal zwischen Königtum und Aristokratie — vgl. den Vor- 
schlag des Mehrkönigtums im 8. Brief. Es klingt hei entfernter Hoff- 
nung doch schon im „Staat" die Enttäuschung der 2. Reise und kein 
rechtes Vertrauen mehr durch zur absoluten persönlichen Monarchie, 
und gerade der haltlose Jüngling auf dem syrakusischen Thron gab die 
Folie zum festen Altersregiment des „Staates". Dabei war dem jungen 
Dionys philosophischer Sinn nicht abzusprechen — und darum stehen 
schwere Erfahrungen hinter den wiederkehrenden Lehren des „Staats", 
daß gerade begabte und philosophische Naturen am leichtesten und 
schlimmsten und, wenn sie Thronerben sind, fast notwendig verdorben 
würden (491 494 f. 502 A 519 A B), daß gerade verdorbene philosophische 
Naturen den Staaten das größte Unheil bringen (495 B), daß zur 
Empfänglichkeit Festigkeit kommen müsse (503 C), und daß wer sich 
nicht selbst beherrschen könne, sich beherrschen lassen solle zum Heil 
des Staates (590 C ff., vgl. die Mahnung an den jüngeren Dionys 
ep. VII 331 Ef.) Die Erfahrungen mit dem jüngeren Dionys sprechen 
aus dem „Staat", die Enttäuschungen der zweiten Reise, die noch eine 
letzte, abstrakte Hoffnung ließen und nun zum Ausbau der frommen 
Wünsche, zur Aussprache der in Syrakus nur halb vernommenen und 
schlecht beherzigten Staatsmoral, der unerfüllten Reformpläne trieben — 
vielleicht als Programm für Dion, als er im Kreise der Akademie lebte, 
vielleicht auf seine oder anderer Schüler Anregung ^ Speusipp hatte 
Piaton nach Syrakus begleitet, und seit dem Regierungsantritt des 
jüngeren Dionys zieht ein wachsender politischer Geist in die Akademie, 
der sie schließlich Schwerter schleifen ließ zum Kampf für Dion. Im 
Jahre 367 erst begannen Piatons Hoffnungen zu spielen, und ohne alle Aus- 
sicht auf mögliche Verwirklichung — das bekennt er sehr entschieden 
499 502 AB 540 E — hätte er den „Staat" nicht geschrieben. So 
trifft alles, was von eigenen Erlebnissen und Stimmungen im „Staate" 
anklingt, mit den früher gekennzeichneten Zügen dahin zusammen, den 
„Staat" als Alterswerk zu erweisen. 



Bei all dem Gesagten ging ich von der Kompositionseinheit des 
platonischen „Staates" aus. Oder vielmehr, es war ein indirekter Selbst- 
beweis dieser Einheit, daß keine Gegeninstanz heraussprang und Zitate 
aus den verschiedensten Büchern sich zwanglos zusammenschlössen. 
Aber ich möchte auch positiv diese Einheit vertreten. Daß im Jahr- 



— 309 — 

hundert des Evolutionismus eine genetische Auffassung des „Staates" auf- 
kam, daß dem historisch-naturaUstisclien Zeitgeist des späteren 19. Jahr- 
hunderts der „Staat" nicht gebaut, sondern gewachsen schien, war 
lehrreicher für die Zeit als für den „Staat". Man zerlegte ihn und 
reihte die Stücke hintereinander, Analyse mit Genese verwechselnd. 
Und es war leicht aus dem „Staat" ein Mosaik zu machen; ein 
sokratischer Dialog über die Gerechtigkeit, eine Idealstaatsschilderung, 
eine Wissenschaftslehre, eine politisch-moralische Dekadenzentwicklung, 
eine Literaturkritik, eine Eschatologie — welch' unlogischer Kopf hat 
dieses Sammelsurium schichtweise abgelagert! Gerade genetisch, wo 
das Ganze aus den heterogensten Teilen zu erklären wäre, ist der 
„Staat" unverständlich; nur logisch, wenn das Ganze die Teile bindet, ist 
seine Anlage erklärbar. 

Man stritt, ob das bindende Thema der Staat oder die Gerechtig- 
keit sei. Man zählte also Piaton zu den kleinen Denkern, denen der 
nackte Stoff der Form vorausgeht, die sich zum Thema ein Gebiet 
wählen, das man etwa in einem Kolleg behandelt, und nicht zu den 
großen Denkern, die schreiben um eines Dogmas willen. Das Thema 
des „Staats" ist nicht ein Stoffgebiet, sondern eine These, ein Satz, in 
dem der Staat Subjekt und die Gerechtigkeit Prädikat ist. Nun streite 
man doch, ob zu einem Satze das Subjekt oder das Prädikat nötiger 
ist! Gerechtigkeit und Staat sind verbunden vom ersten Buch, wo 
Thrasymachos' Tjrannenrecht diskutiert wird, bis zum letzten, wo der 
Tyrann im Jenseits die Strafe des Ungerechtesten leidet. Man ließ sich 
durch Piatons künstlerische Einkleidung täuschen und meinte, er wolle 
von der Gerechtigkeit reden, verfalle dann auf die Analogie des Staates 
als Erkenntnismittel der Gerechtigkeit; dann wachse ihm das Staats- 
thema über den Kopf, das Erkenntnismittel werde zum Selbstzweck, 
und endlich müsse er wieder in das Gerechtigkeitsthema einlenken, 
dazwischen Weiteres nach wechselndem Bedürfnis einschichtend. 

Jene Theorien erscheinen mir, um sie zusammenzunehmen, nicht 
anders, als behauptete man von einem Dramatiker, er habe erst den 
ersten Akt als selbständiges Drama erfunden (Buch I), event. noch mit 
dem Schluß des fünften Akts (2. Hälfte des X. Buchs); femer sei der zweite 
Akt selbständig erschienen (BuchlP/s bis IVV2), vielleicht sogar zuerst 
als des Gellius duo lere libri oder auch zusammen mit dem vierten Akt 
(Buch VIII. IX); weit später seien dann, auch wieder einzeln, der 
dritte Akt (Buch V, VI, VII) und der letzte oder dessen erste Hälfte 
hinzugeschrieben worden. Und man deutete so als mechanisches Konglo- 
merat, was organisch als echtes Drama herausgedacht ist. Wie im 
echten Drama antworten sich erster und letzter Akt, dort festliches 
Leben und Jugendtreiben, hier Tod und Gericht, dort die Exposition, 



— 310 — 

die ira dramatischen Crescendo das Problem spannt, den Knoten schürzt 
bis zu den Glaukon- und Adeimantosreden, hier Lösung des Knotens 
Faden für Faden, im Vorzug des Grerechten vor dem Ungerechten, erst 
an sich, dann im Glückslohn im Leben und schließlich im Tode. An 
anderer Stelle möchte ich das erste Buch deuten und zu zeigen suchen, 
daß es als reines Vorspiel nie selbständig sein konnte, wozu man es 
nur aus gar zu naher Parallelisierung mit den anderen Tugenddialogen 
zu machen suchte, deren Frühdatierung übrigens auch willkürlich ist 
fvgl. Festschrift z. Ehren Heinzes 1905 S, 79.) Diese andern Dialoge be- 
weisen oder vielmehr widerlegen mit ernsthaften Argumenten und geben 
wenigstens ein kritisches Resultat, mit dem sie selbständig hinausgehen 
können. Reji. I aber giebt gar kein Resultat, da es auffallend und 
bewußt sophistisch beweist (was man schon vielfach gesehen) und dem- 
gemäß alles positiv wie negativ Bewiesene am Schluß ausdrücklich wieder 
zurücknimmt. Seine naiôid ist nur der Anreiz, der die anovöi] der 
späteren Bücher hinter sich fordert. 

Wie im echten Drama entsprechen sich ferner 2. und 4. Akt 
als Aufstieg und Abstieg (Buch II ff, und Buch VIII f.), und wer die 
Bücher V ff. als Nachtrag herausschneidet, nimmt dem Drama den 
dritten Akt, den Höhepunkt, ja den eigentlichen Sinn. Zunächst ist zu 
erwägen, daß die ôdôç ävo) und die ööbc, Tidro) sich bedingen ; der Aufstieg 
des Philosophen bis zur Höhe des Ideals, bis zur Sanktion durch die 
Idee des Guten in den mittleren Büchern ist gerade so notwendig wie 
der Abstieg in der Skala bis zum Tyrannen. Denn der Sinn des „Staats" 
ist der Ringkampf des Philosophen mit dem Tyrannen, und darin zeigt 
er sich wieder als der mächtige Niederschlag der zweiten sizilischen 
Reise, die Piaton zum aktiven Politiker machte. Wir müssen deshalb 
das Dogma des „Staates" zur Antithese erweitern; es ist der Sieg des 
gerechten Staates d. h. des philosophischen über den ungerechten d. h. 
den tyrannischen. Ohne die Folie des Tyrannenstaats hätte Piaton nie 
seinen Idealstaat geschrieben. Die Extreme bedingen sich hier, und so 
bedingen sich wie Licht und Schatten die Schilderungen in den Büchern 
II ff. und VIII ff. Die drei letzten Bücher des „Staats" sind schon im 
Programm des Werks gefordert. Mit dem Anfange des zweiten Buchs 
ist die Aufgabe gestellt ebenso das Wesen der Ungerechtigkeit 
wie der Gerechtigkeit zu schildern und Beide in Wert und Glück kon- 
kurrieren zu hissen. Die pohtischen Verfallstypen sind in der Mehrheit 
der Stände, damit in den verschiedenen Herrschaftsmöglichkeiten schon 
angelegt, und die Gefahren umstehen von Anfang an den Idealstaat, 
der sich emporarbeitet aus der aufgeschwemmten Stadt, aus dem begehr- 
lichen Erwerbsstaat und aus dem leicht in unmusisclie Einseitigkeit ver- 
fallenden Kriegsstaat /um IMiilosophenstaat. Die Skala des Abstiegs 
ist schon im II. lincli, im Aufstieg angelegt. 



— .Sil — 

Platon will weder bloß die Gerechtigkeit definieren , wobei der 
Staatsbau zum Erkenntnismittel oder zur überwuchernden Metapher 
herabsinkt, noch will er bloß einen idealen Staat bauen, wobei wieder 
die Gerechtigkeitsfrage als bloßer Anlaß zurücktritt. Piaton will von 
Anfang an den gerechten Staat dem ungerechten gegenüberstellen, Piaton 
ist hier weder Ethiker mit politischer Episode noch Politiker mit ethischem 
Anlaß, sondern der Sinn des „Staates" ist die Einheit von Ethik und 
Pohtik. Das Politische ist von Anfang an ethisch, das Ethische politisch. 
Es ist nicht wahr, daß der platonische Staatsbau realistisch beginnt, 
historisch sich entwickelt. Der Staat, der den Schuster früher als den 
Hirten und Jäger hat. der Staat, der rein aus der Arbeitsteilung ent- 
steht, ist eine Konstruktion und zwar bewußt in der Tendenz, die otxsio- 
nqayia. in der schliesslich die Gerechtigkeit gefunden wird, schon als 
Staatsanfang zu setzen. Die Gerechtigheit ist also nicht nur Erkenntnis- 
ziel, sondern schon Voraussetzung des Staatsbaus. Das Politische ist von 
Anfang an ethisch, aber auch umgekehrt. Der Staatsbau ist nicht nur ein 
Erkenntnismittel, eine Metapher der Gerechtigkeit, sondern die Gerechtig- 
keit ist als solche i^olitisch, eine Ständetugend, die Seele des Einzelnen 
ist eine Mikropolis. In der staatlich gegliederten und geordneten Seele 
allein sind erst die Tugenden möglich und faßbar, deren sonst versuchte 
Erfassung die platonischen Tugenddialoge widerlegen. Die Politik löst 
hier die Rätsel der Ethik wie die Ethik das Problem der Politik. Die 
Einheit von Seele und Staat ist ja nur zugleich Begründung und Aus- 
druck der Einheit von Moral und Politik, denn die Moral ist nun einmal 
seelisch, und jene Einheit bedeutete eben, dass die Politik eine Charakter- 
frage war. und das wurde sie in der Frage, ob der Philosoph oder der 
Tyrann auf dem Thron saß. In Syrakus zeigte es sich, daß Seele und 
Staat eins sind, daß die gerechte Herrscherseele den Staat retten, die 
ungerechte ihn ruinieren mußte. Syrakus gab erst die Größe des Pro- 
blems, die Macht des Exempels für den Grundgedanken des platonischen 
„Staats". 

Aber die Einheit von Staat und Gerechtigkeit, von Moral und 
Politik war Programm, war Konstruktion. Der Tyrann hatte die Wirk- 
lichkeit, der Philosoph das Ideal. Und das Ideal mußte verankert werden 
in der Denkbarkeit, in der prinzipiell theoretischen Gültigkeit, da es die 
konkrete praktische Gültigkeit nicht für sich hatte. Und darum bedarf 
der Idealstaat der Festigung des Ideals in der Ideenlehre. Ohne diese 
Festigung von oben her. d. h. ohne das VI. und VII. Buch hängt der 
platonische Staat in der Luft. Die Idee des Guten ist der wirkliche 
König dieses Staates. Daß die Idee des Guten herrsche, ist ja nur der 
abstrakteste, akzentuierteste, letzte Ausdruck dafür, daß alle Herrschaft 
moralisch sein müsse und daß die Moral zur Herrschaft berufen sei; 



— 312 — 

kurz die Herrschaft der Idee des Guten ist die prinzipielle Sanktion für die 
Einheit von Politik und Moral. Die Hegemonie der Idee des Guten in 
der Ideenlehre spiegelt wohl schon das Politischwerden Piatons; sie 
macht auch die Ideenwelt zu einem geordneten Staat, die Metaphysik 
selber wird politisch, damit die Politik ihr Ideal metaphysisch begründen, 
aus dem Absoluten ableiten kann, — und dieser Zentralnerv des platonischen 
Staats soll spätere Zutat sein? 

Der Staat ist konstruiert, ist deduktiv abgeleitet, von oben her 
bestimmt; das Volk ist nur der gleichgültig behandelte Ernährer des 
Wehrstands; der Wehrstand ist nur der Helfer der Philosophen, die 
Philosophen nur die Schauer der Ideen, der Staat nur die Lebensver- 
wirklichung der Ideen, die Hineinbildung von Ewigkeitswerten ins Leben. 
Die Philosophenherrschaft ist ja nur die Ideenherrschaft. Oder ist der 
platonische Philosoph nicht leer ohne die Ideen ? Und die Philosophen- 
herrschaft steht da als der Kern des platonischen Staats und ist schon sein 
Keim, daher auch vom 7. Brief (p. 325 A) in vaticinatio post eventum als 
frühes Leitprinzip herausgehoben ^), Ist nicht die Ideenlehre selber schon 
das Herrentum, die Inthronisierung der sokratischen Begriffe ? Mit der 
Ideenlehre und der Staatsfrage ist für Piaton die Philosophenherrschaft 
gegeben. Aber als echter Lehrer und Künstler führt er nun seinen 
„Staat" nicht deduktiv, nicht von der Zentralidee aus vor, aus der er in 
seinem Kopf geboren war, sondern epagogisch auf die Zentralidee hin. 
Ich will nicht all das Treffliche wiederholen, wodurch Hirzel, Th. Gomperz, 
Natorp u. a. hier die methodische Kunst Piatons aufdecken; vor allem 
im Aufstieg vom Leichtesten zum Schwierigsten. Die mittleren Bücher 



1) Daraus, daß nach der dortigen Äußerung Piaton den Rep. V 478 D fixierten 
Gedanken des Philosophenköuigtums bereits bei der ersten italisch-sizilischen Reise 
gehabt habe, vermag ich weder mit Zeller zu folgern, daß der 7. Brief unecht sein 
muß, noch mit Blaß, daß Piaton damals bereits die einschlägige Partie des „Staats" 
veröffentlicht haben müsse. Weshalb auch veröffentlicht? Der 7. Brief sagt davon 
nichts. Und ist es nicht so natürlich, daß Piaton retrospektiv die erste Reise als 
Bestimmung im Lichte der späteren sah, und daß er das, was ihm vielleicht damals 
als Ahnung vorschwebte, nachträglich schärfte zu dem klassischen Ausdruck, den er 
später gefunden? Daß er aber damals nicht einmal vor Dion sich beuyiißl als Staats- 
reformer gab, meldet derselbe 7. Brief 327 A. Zudem ist ja gerade die das Philosophen- 
königtum verkündende Partie des „Staats" diejenige, die von seinen genetischen Zer- 
teilem als späteste behauptet wird, auch von Blaß selbst, der übrigens ebendort (Att. 
Bereds. IlJ2..H8()rt.) mit Lutoslawski den „Staat" der.'i. (vorletzten) Schriftenperiode Piatons 
zuweist und (ib. .889) selbst beachtenswerte Kennzeichen nur für den späteren 
Stil Piatons im „Staate" aufweist. Und doch soll, was zur Gelliusnachricht, was zum 
I^kklcsiazusenspott und was zu jener Äusserung im 7. Brief paßt, früh, vorder 1. Reise, 
also vor dem 40 Lebensjahr, veröffentlicht sein? Dann liat Platon das meiste des ,,Staats" 
zweimal veröffentlicht. Alle genetischen Theorien führen so zu Verdoppelungen des 
.,Staats" und sind schon dadurch bedenklich. 



— 813 — 

(Vff.) bringen nicht Nachträge, Einschiebsel, sondern die schwersten Kraft- 
proben des Staatssystems, die großen „Wellen", die es überwinden muß, 
die härtesten Paradoxieen, die den Staat erst ganz zum Idealstaat machen : 
den extremen Sozialismus in der Aufhebung der Familie und noch para- 
doxer die Philosophenherrschaft. Wären dies bloße Nachtrüge, so hätte 
es Piaton bequem gehabt sie im III. und IV. Buch an den entsprechen- 
den Stellen, die er ja angibt (414 A 42:-J E f.j, ohne sichtbare Vernie- 
tung einzufügen. Aber gerade, daß er besondere Teile aus ihnen macht, 
zeigt, daß sie planmäßig herausgehoben und nicht nachträglich einge- 
schoben sind. Piaton führt seinen Staat, den er von oben her erfaßt, 
der wie kein andrer Staat Leitung von oben ist, von unten herauf vor, 
erst den Nährstand, dann den Wehrstand, zuletzt den Lehrstand, dessen 
Herrschaft doch der Angelpunkt des platonischen Staatsbaus ist. Wer 
da meint, daß dieser Ausbau des herrschenden Lehrstands nachträglich 
eingeschoben sei, der kehrt den Sinn des ganzen Staatsbaus um, der 
nimmt dem Staat den Kopf und mehr, der macht Piaton zum Phantasten, 
denn er mutet ihm zu, daß er einen Staatsplan entworfen, ohne über 
dessen Möglichkeit nachzudenken oder für sie einzutreten. Denn aus- 
drücklich erklärt Piaton, daß diese Möglichkeit steht und fällt mit der 
Philosophenherrschaft; also die zur Verwirklichung nötige Einsicht in 
diese Möglichkeit fordert die Rechtfertigung und systematische Einführung 
der Philosopheuherrscher : der Philosoph allein wirkt das Heil in der 
Einheit von Staat und Moral, der Tyrann wirkt das Gegenteil — in 
diesem Gedanken sind alle Teile des Staats begründet. 

Aber macht hier nicht die Kunstkritik in der ersten Hälfte des 
X. Buches eine Ausnahme ? Ich bekenne, daß sie mir lauge eine hinein- 
geworfene Zutat, ein fremder, schwer verdaulicher Brocken schien in 
der klaren Speisenfolge, die Piaton selbst von seinem „Staate" fordert 
(354 A B, vgl. den Bewirtungsvergleich auch im Rückblick auf den 
., Staat" in der Einleitung des Timaios). Auch Zeller, sonst von der Ein- 
heit des „Staates" überzeugt, sieht hier allein einen Nachtrag. Aber 
der eine kleine Riß erweitert sich sogleich zu Konsequenzen, die den 
geschlossenen Bau erschüttern. Zeller kann sich den Nachtrag nur er- 
klären als Antwort auf Angriffe, die Piatons Literaturkritik im IL und 
III. Buch erfahren habe, woraus folge, daß diese Bücher früher ver- 
öffentlicht sein müssen. Damit ist der „Staat" zerrissen, ohne daß der 
Einschub an dieser Stelle begründet wäre; und schHeßlich antworten 
konnte Piaton auch besser in einer andern Schrift, bevor er hier in sein 
Kunstwerk bineinflickte. Aber wir brauchen ja keinen fremden Angriff 
und keine frühere Veröffentlichung der ersten Bücher, um zu erklären, 
warum Piaton noch einmal auf die Kunstkritik zurückkommt. Was er 
hier im X. Buch sagt, konnte er ja im IL und III. nicht sagen, weil 



— 314 — 

es sogleich mit der Ideenielire argumentiert, die dort noch gar nicht 
eingeführt war ; vor allem aber beginnt ja Piaton selbst die Wiederauf- 
nahme des Literaturthemas hier X 595 A B mit der Erklärung, daß 
erst durch die (im IL und III. Buch noch unbekannte) Dreiteilung der 
Seele die Verbannung des Dramas deutlich begründet Averde. Damit hat 
er ja selber die Bückkehr zu jenem Thema genügend begründet. Oder 
sollte er nicht die V erantwortung gefühlt haben, seine ungeheure kunst- 
feindliche Paradoxie mit vollständiger Deutlichkeit zu begründen ? 

Es ist auch weiter verständlich, warum Piaton diesen nun einmal 
erst in späteren Büchern möglichen, rein negativen Abschluß der Literatur- 
kritik zurückschiebt bis ans Ende des negativen Teils, der politisch- 
moralisch absteigenden Skala. Das Drama gehört ihm in die Dekadenz, 
die er bis zur Tyrannis hinabgeführt. Er sieht im Drama wie in der 
Tyraunis die Hypertrophie der Leidenschaft, die Ümkehrung der idealen 
Seelenkonstitution, die Stachelung, ja die äußerste Forcierung der Lüste 
und Affekte, die Inthronisation des 3. Seelenteils, der gerade dienen 
soll, — darin liegt das v(m Piaton selber aufgedeckte logische Band, das 
die erste Hälfte des X. mit dem IX. Buch verbindet. Dazu kommen 
noch associative Beziehungen, ja unterbewußte formale Gedankenbrücken, 
die mir noch tiefer als der logische Fortgang zu beweisen scheinen, daß 
Piaton das X. Buch hinter dem IX. geschrieben. Er hat hier in der 
Tyrannenkritik sich eingestellt auf die Methode der Unterscheidung und 
Wertung des Originals und des Abbilds, von dem wiederum ein Abbild 
oder Schattenbild abfällt (s. nam. IX 583 B 586 B 587 B ff.\ Dieselbe 
Metapher der doppelten „Schattenbilder" spinnt sich sogleich in der 
Kunstkritik des X. Buches fort (597 ff. 600 E 601 B 605 C). Der Tyrann, 
folgert das IX. Buch, steht in dritter Potenz mit seinem Schattenbild 
der wahren Lust hinter dem König zurück (587 B ff.); der Tragödien- 
dichter, folgert das X. Buch, ist der dritte Nachbildner vom Könige 
und der Wahrheit ab (597 E) — der „König" ist hier nur als Nach- 
klang des IX. Buchs in blinder Gedankenassociation zu verstehen. Die 
messende Vernunft nur lehrt das Wahre über die leichttrügerischen 
Lüste — so predigt das IX. Buch 584 ff., so auch die Literaturkritik 
des X. 603 Ô". Und Piaton ließ den Tyrannenhof (Geometrie treiben. 
Tyrannis und Tragödie monumentalisieren die Lüge, appellieren an die 
Lüste. Durch die dramatische Muse, sagt Piaton 607 A, kommen Lust 
und Jammer im Staate ans Regiment statt des Gesetzes — wie in der 
Tyrannis. Beide bringen das Schlechte im Staate zum Siege (605 B) 
und erheben das vielgestaltige Tier im Menschen (vgl. IX 588 ff., 
X 606 AD) — die biologische Allegoristik der schlechten Lüste im IX. Buch 
spielt hier noch leiser im X. nach. 

Wie so unverkennbar Motive des IX. Buchs in der Literaturkritik 
des X. fortwirken und sie mit festen Fäden nach sich ziehen, so hat 



— 315 — 

sie auch noch ein sicherndes Vorzeichen sclion am Ende des VIIT. Buches 
gleichsam in einem Wetterleuchten, das ankündigt, dali der Autor tief 
der Tragödie grollt und nur auf den passenden Augenblick wartet, ein 
Gewitter über sie entladen zu lassen. Da wird 568 A B der Tnigiker- 
spruch gebrandmarkt, daß die Tyrannen weise seien durch der Weisen 
Umgang — was allerdings dem von der zweiten Syrakusreise Heim- 
gekehrten wie ein Hohn im Ohre klingen muß. Da werden ib. B C die 
Tragiker aus dem Idealstaat ausgewiesen als Lobredner der Tyrannis 
und als Verführer zur Tyrannis und Demokratie, die beide deshalb auch 
den Tragikern Ehren spendeten. Woran denkt hier Piaton V Woher 
dieser Groll gerade gegen die Tragödie ? Man begreift die Verbindung 
der Demokratie mit der Tragödie, die der Menge eitle Lust ist 
(602 B 604 E 605 A) und im demokratischen Athen gepflegt ward. Viel- 
leicht haben damals auch die Erfahrungen mit seiner Choregie (Plut. 
Dion 17) Platon gegen die manchen Dichtern blühende Volksgunst ein- 
genommen. Aber die Verbindung von Tragödie und Tyrannis, ja ihre 
innerliche Einssetzung in der Wirkung, die hier und eben im Anschluß 
des X. Buchs an das IX. zum Ausdruck kommt — wie ist dies zu er- 
klären? Ich meine, hier ist lichtgebend die Tatsache, daß der ältere 
Dionys ein leidenschaftlicher Verehrer der Tragiker war, Reliquien von 
ihnen erwarb, selber Tragödien dichtete (und gerade solche, die Leiden- 
schaften hochtrieben und Götter und Helden klein zeigten: Adonis, 
Alkmene, Leda, der wahnsinnskranke Herakles, den Silen durch ein 
Klystier zu heilen sucht), und endhch daß beiden Lenäen des Jahres 367 mit 
seiner Tragödie "Extoçoç Zviça der syrakusische Tyrann im demokratischen 
Athen den Preis erhielt — da haben wir die Ehrungen, die Demokratie 
und Tyrannis der Tragödie zuwenden, da haben wir den Piaton ver- 
haßten Sieg der Leidenschaft über Götter und Helden, und da vor allem 
die faktische Vereinigung von Tragiker und Tyrann — vor dem Jahre 
367 hat Piaton jene Stelle nicht geschrieben. Wenn er übrigens im X. Buch 
so merkwürdig die Kritik der Tragödie mit dem Blick auf Tische und 
Bettstellen beginnt und den Xachbildner. bei dem er vor allem an den 
Tragiker denkt, gerade unter den Tischler herabsetzt, so sieht es fast 
aus. als dächte er an den jüngeren Dionys, der als Kronprinz nur Tische 
und anderes Holzgerät zu verfertigen wußte (Plut. Dion 9), während sein 
Vater Tragödien schrieb, und als solle damit gesagt sein: besser Tischler 
als Tragiker ! Ich will es nicht behaupten, ich will auch nicht auf den 
Tragiker Dionys großen Wert legen, aber ein Zufall ist es doch nicht, 
daß ein Tyrann, an rçayr/J] Jioß^t] gewöhnt (577 AB), in der Heimat 
der Rhetorik, der Pflegstätte der Mimen, in dem zu allen Zeiten greller 
Schaustellung und heißer Leidenschaft günstigen Sizilien Tragödien 
schrieb — der Tragödienpreis des Jahres 367 und die Erlebnisse auf 



— 316 — 

dem auch politisch vulkanischen Boden Siziliens öffneten Piaton (mehr 
noch als die Tragödien des Kritias) die Augen über den innerlichen ge- 
fährlichen Zusammenhang von Tyrannis und Tragödie als triumphale 
Ausgestaltungen der Leidenschaft — darum wirft er hier eine der andern 
auf den Scheiterhaufen nach. Der Autor des Phaidon nimmt damit Ab- 
schied von seiner künstlerischen Vergangenheit und schickt zürnend die 
Mimen zurück, die er einst von Syrakus heimgebracht. 

Es bleibt noch eine die Einheit des Staates bedrohende Gegen- 
instanz: die Einleitung des Timaios, die nurRep. II 369 — V 471 als vorge- 
tragene Staatslehre rekapituliert. Als erstes Resultat der scharfsinnigen und 
lehrreichen Äusserungen von üsener-Brandt, Zeller, Rohde, v. Arnim, 
H. Schöne, Hirzel, Th. Gomperz, Raeder, Diels-Wendland u. a. zu dieser 
Frage ergiebt sich, daß die Timaios-Einleitung entweder auf einen andern 
„Staat" zurückblickt oder daß die im wesentlichen formalen Abweichungen 
als fiktive aus dem Zweck der Rekapitulation zu erklären sind : denn 
die formale Anlage läßt sich nun einmal, da Gesprächspersonen, Ge- 
sprächszeit, und Gesprächsprogramm (auch Gesprächsform, s. H. Schöne, 
Piatons Tetralog. S. 6) so weit differieren, mit unserm „Staat" nicht 
vereinigen. Wird nun hier ein früherer „Staat'" rekapituliert, dann ist der 
bösen Konsequenz nicht zu entrinnen, daß der Timaios mit dem 
anschließenden Kritias, da er unsern ., Staat" noch nicht berücksichtigt, 
vor ihm geschrieben sei, oder man muß, da auch die Sprach- 
kriterien Timaios und Kritias spät setzen, wie einen doppelten „Staat", 
so auch einen doppelten Timaios (wenigstens eine doppelte Einleitung) 
und einen doppelten Kritias setzen. Wenn zudem wirklich Piaton das in 
der Timaios-Einleitung hingeworfene Programm einer Tetralogie oder 
vielmehr Pentalogie vor unserm „Staat" ganz erfüllen wollte, so ist 
davon nicht viel mehr als das leere Schema übrig. Der „Staat" hätte 
sich losgerissen, der Kritias ist unvollendet, der Timaios müsste später 
eingeschoben sein (Rohde, v, Arnim), vom Hermokrates ist nicht einmal 
das Thema da, vom letzten Partner und Autor eines zu erwartenden Àôyoç 
nicht einmal der Name. Und der Plan einer Tetralogie soll Piatons Früh- 
zeit angehören, während man doch sonst gerade annimmt, daß er auf die 
Verknüpfung von Dialogen erst spät, wohl gar erst durch die Länge des 
„Staates" verfiel, womit aber wieder die Ganzheit unseres „Staates" vor 
der Timaiostetralogie vorausgesetzt ist! 

Oder ist der rekapitulierte „Staat" ein späterer, von dem aber wieder 
nichts übrig blieb, da ja selbst das beim toten Piaton gefundene Wachs- 
täfelchen laut Quintilian und Dionys. Hai. nur den Anfang unseres „Staats" 
enthielt? Es will mir scheinen, daß wir einen anderen früheren oder 
späteren „Staat'* doch erst in's Leben setzen dürten, wenn der erhaltene 
nicht ausreicht. Aber ergiebt ja sachlich nur zu viel, da die Rekapitulation 



— 817 — 

kaum drei Bücher befaßt. Es sieht ja wohl wie ein merkwürdiges, beweisen- 
des Zusamiiientreti'en aus, daß Piaton im Timaios, Aristoteles in seinen 
Zitaten, vielleicht auch Aristophanes in den Ekklesiazusen und Xeno- 
phon nach Gellius wesentlich 2 — H Bücher des „Staates" (in II— V) zu 
kennen scheinen. Aber erstens bedarf's dafür einer Erklärung? Auch im 
20. Jahrhundert noch würde ein Schilderer und Kritiker des platonischen 
Idealstaats wesentlich diese Bücher zitieren und zu kennen scheinen, weil nur 
sie ihn positiv darstellen, während das erste und letzte Buch Prolog und Epi- 
log geben, das VIII. und IX. Gegenbilder des Idealstaats, das VI. und VII. 
seine prinzipielle Krönung, die weit mehr in die Wissenschaft, ja Meta- 
physik schlägt als in die Politik. Und zweitens ist's mit jener Überein- 
stimmung nicht weit her. Daß die ,. Ekklesiazusen" den Staat berücksichtigen, 
ist eine unbezeugte und unbeweisbare, nur moderne und schon unmoderne, 
höchst vage Hypothese. Was Gellius von Xenophon behauptet, glaubt heute 
niemand, und selbst wenn an der Nachricht von den zuerst herausge- 
kommenen duo fere libri etwas wäre, so weiß man zunächst nicht, ob es 
die très fere libri sind, die der Timaios rekapituliert; auch kann der hier 
skizzierte Inhalt ja ursprünglich ebenso in \/2 Buch wie in 6 Büchern aus- 
geführt sein, und er müßte ja vor den Gesprächspersonen des Timaios. 
beim Fehlen des Gerechtigkeitsthemas etc. z. T. anders, also wohl auch in 
etwas anderm Umfang vorgetragen sein. Aristoteles ferner weiß nicht 
nur. daß Piaton mit dem Idealstaat noch reichlich andere Erörterungen 
verbindet (Pol. II, 6. 1264b 39), sondern er behandelt ja auch das VIII. 
Buch des „Staats" am Schlüsse seines V., und wenn ihm noch nicht unser 
„Staat" vorlag, so müßte er ja unecht sein. Endlich die Timaioseinleitung 
will nur die Hauptpunkte der Staatslehre und zwar nur der vom besten 
Staat (eben in II ff.) rekapitulieren (17 C 19 A) und kann, da Piaton hier 
deren Grundzüge in die attische Urzeit zurückprojizieren will, die Philo- 
sophenbildung natürlich noch nicht brauchen, die auch für die bloße Vor- 
führung der kriegführenden Bürger (vgl. Tim. 19. 27 A B), für die hier 
historische und gerade nicht philosophische Darstellung überflüssig ist. — 
dies betonen z.T. Zeller und Th. Gomperz mit Recht. So erklären sich die 
Beschränkungen der Rekapitulation einfach und völlig genügend aus ihrem 
Zweck und rufen nicht nach einem andern ,. Staat", der sich auch sicherlich 
stärker in sachlichen Abweichungen verraten hätte. 

Sind nun die wesentlich dialogisch-formalen Abweichungen als 
solche gar nicht aus der Einleitung des Timaios selbst zu verstehen ? 
Dieser giebt sich äußerlich als Fortsetzung eines sokratischen Àôyog. der 
inhaltlich ein Teil des „Staates" ist. Ist er darum notwendig als Fort- 
setzung geschrieben oder hat er — dies ist zu unterscheiden — viel- 
leicht nur ein Interesse, Fortsetzung zu scheinen ? Man nehme den Timaios als 
anschließende Fortsetzung geschrieben — würde Piaton dann so ausführhch 



— 318 — 

rekapitulieren, was unmittelbar vorher zu lesen ist? Rekapituliert erimKritias 
oder Sophistes oder Politikos, wo er doch eben an einen vorangehenden 
Dialog anknüpfen will ? Und lassen jene Bücher des „Staats", deren Fort- 
setzung der Timaios sein soll, ihn wirklich als solche ahnen ? Sie müssen 
allerdings wohl etwas anders ausgesehen haben, wenn Sokrates das Staats- 
gespräch statt mit Glaukon und Adeimantos mit den berühmten prak- 
tischen Politikern des Timaios geführt haljen soll. Oder muß es nicht 
etwa wie die andern Gaben beim Gesprächspicknick hier vielmehr ein 
Vortrag des Sokrates gewesen seii,i, der somit in einer namentlich für 
einen frühen „Staat" doch wohl ungewohnten Rolle erscheinen würde ? 
Aber weiter denke man sich die Tetralogie (oder Pentalogie) gemäß der 
Einleitung des Timaios komponiert : Der Idealstaat des Sokrates, die 
Kosmologie des Timaios, der Staatsmythus des Kritias — welche Dis- 
positionslogik traut man Piaton zu, wenn man die légère nachträgliche 
Begründung der Redenfolge Tim 19.27 AB, die nicht einmal das Themades 
Hermokrates, ja auch nicht einmal den Namen des ursprünglich auch zur Rede- 
spende verpflichteten, entschuldigten letzten Gesprächspartners zu nennen 
weiß, wirklich zum Kompositionsschema macht und den „Staat" schon 
im Hinblick auf Timaios und Kritias konzipiert denkt ! Wenn sich nun 
zudem noch herausstellt, daß die Einleitung des Timaios vielmehr als 
Aïitwort auf Angriffe komponiert ist, die der „Staat" erfahren, so ist 
damit der Schein der Fortsetzung erklärt, ja gefordert und zugleich 
die Wirklichkeit der Fortsetzung, der unmittelbare und ursprünglich 
tetralogische Anschluß des Timaios an den „Staat" widerlegt, da ein 
fremder Eingriff dazwischen liegt, auf den hin die Anknüpfung erst nach- 
träglich angelegt sein kann. 

Man tut, als ob Piaton uns gegenüber zu treuer Rekapitulation 
verpflichtet wäre, und man konstruiert gemäß dieser Verpflichtung einen 
andern „Staat". Aber Piaton rekapituliert nicht, um uns ein treues 
Zeugnis zu liefern, sondern um seine Ijehren zu verteidigen. Er 
rekapituliert, was er und wie er es dazu braucht. Mit keinem Wort 
sagt er, daß er das Gespräch im Hause des Kephalos fortsetze, daß er 
seine Staatsschrift rekapituliere. Er will seinem Idealstaat eine Sanktion 
geben und muß dazu dessen Verfassungsgrundzüge wieder vorführen, da 
er als Dramatiker sich nicht direkt auf eine frühere Schrift berufen 
kann -, er schneidet sich deshalb aus seiner Staatsschrift nur die ein- 
schlägigen Bücher heraus und, was noch beweisender, aus diesen wieder 
nur das Einschlägige, nicht z. B. die Literaturkritik, die Gerechtigkeits- 
lehre, die parallele Dreiteilung der Seele u. a., das dort mit der Staats- 
lehre eng verquickt ist. Nur was er hier voraussetzen muß, holt er sich 
so heraus und steckt es in den Rahmen eines tingierten Vorgesprächs — 
und hat uns nicht Piaton an fiktive Einleitungen zur Genüge gewöhnt? 



— 319 — 

Das V^erhältnis von „Staat" und Timaios liegt so klar und einfach, 
wenn man nichts anderes dazwischen setzt als die Aufnahme, die Piatons 
„Staat" finden mußte und wirklich gefunden hat. Ist's nicht selbst- 
verständlich, daß die Kritiker den Idealstaatsgründer als Phantasten, als 
Laien in der Politik, als Saul unter den Propheten hinstellten, daß sie 
ihn als unpatriotisch brandmarkten und schleunigst nach Abhängigkeiten 
suchten ? Wir wissen, daß seinem „Staat" Plagiate (vgl. Diog. Laert. III .'{7) 
vorgeworfen und namentlich nachgesagt wurde, daß er ägyptische Ein- 
richtungen kopiert^). Man frage sich, wie Piaton auf diese Vorwürl'e am 
l)esten antworten konnte, und man erhält die Einleitung des Timaios. 
Ihr nennt meinen Staat einen phantastischen Mythus, ein theoretisches 
Gebilde, das praktisch nicht leben und sich wehren kann? Ich will ihn 
auf den Boden der Realität, èm làÀrjd-éç führen, ich will zeigen, wie er 
lebt und sich im Kriege entfaltet, ich will ihn genetisch darlegen, erst 
in den Naturbedingungen, dann in seiner historischen Angelegtheit, und 
dabei wird sich der ideale Zukunftsstaat schon in der Urzeit wirksam 
und wirklich zeigen — so verkündet es Piaton Tim. 19. 26 CD 27 A B. 
Ihr sagt ferner, ich verstehe nichts von Politik, und ihr spottet über die 
Philosophenherrschaft ? Hier führe ich euch Männer vor, die zugleich 
Philosophen und Pohtiker waren (s. Tim. p. 19), und lasse sie für mich 
zeugen ; ihr seht, daß ich nicht ohne politischen Anhalt bin : Timaios 
repräsentiert meine pythagoreischen Verbindungen, Hermokrates meine 
syrakusischen Erfahrungen (die also für den ., Staat" ebenso vorausge- 
setzt werden wie die These der Philosophenherrschaft) und Kritias meine 
Familientradition, die, wie ich euch nun erzählen will, zu Solon herauf- 
reicht, dem besten Staatsreformer, und ein Mann mit solchen Antecedentien 
soll unpolitisch sein ? Ihr streitet mir Originalität und Patriotismus ab 
und sucht meine Vorbilder in Ägypten ? Aber* meine Weisheit ist weder 
importiert noch ererbt, seht, selbst dersizilische, der italische und der attische 
Staatsmann hören mir zu, bekennen sich mit dem „Staat" von mir „be- 
wirtet" (Tim. 17) ; der Pythagoreer gab mir, wie ihr hören werdet, nur seine 
Physik ; der politischen Vergangenheit meiner Familie verdanke ich die 
heimische historische Tradition, und aus dieser heraus will ich euch 
meinen „Staat" patriotisch illustrieren und lasse mir vom Familienheros 
Solon, der es wissen muß, bestätigen, daß die Ägypter uns kopiert haben, 
nicht ich die Ägypter, und daß die Bürger meines „Staates" nicht 
Exoten, sondern Autochthonen, unsere eigenen Urväter sind (p. 26 f.) — 
und Krantor, der erste Piatonkommentator bestätigt uns ausdrücklich, 
daß die Kritiaserzählung gegen den Vorwurf der Ägypterkopie gerichtet 

h Vielleicht will auch Xenophon den „Staat" treffen, indem er Mem. III 6 den 
sich vordrängenden politischen Dilettantismus Glaukons. des Bruders Piatons und 
Hauptgesprächspartners im .,Staat" in Grund und Boden kritisiert. 



— 320 — 

ist (Proklos im Timäuskommentar p. 24 E). Dem gegenüber will sich 
Piaton hier als Patriot bekennen und singt den Kritiashymnus zu Ehren 
der heimischen Göttin zur Zeit der Panathenäen. 

So zeigen sich Gesprächsdatum, Gesprächsprogramm und Gesprächs- 
personen der Timaioseinleitung erfunden für die Antwort auf die Kritik, die 
der ,.Staat" erfahren, aber nicht für den „Staat" selbst. Andererseits ist für 
diese Antwort die im „Staat" gegebene Situation unbrauchbar^) in allen 
Stücken, in Ort und Zeit, Programm und Personen, Sokrates einge- 
schlossen ; denn Piaton muß ihn nun abdanken, er muß zeigen, daß er 
selber mehr ist als Sokratiker, daß Lebensmächte, Traditionen, Erfah- 
rungen und Kenntnisse hinter seinem „Staat" stehen, die Sokrates nicht 
vertreten konnte. Erst aus diesem Bedürfnis erwuchs der Gedanke der 
übersokratischen Tetralogie. Sollte nun Piaton unserm Aktensinn zuliebe 
die Neues erfordernde Situation in die alte des „Staates" hineinzwängen? 
Was lag ihm an der Situation V Er braucht nicht die Schrift, nicht das 
Gespräch am Bendideenfest, nur die angegriffenen Lehren, und er steckt 
sie nun in den Rahmen eines fingierten Vorgesprächs, wie es den Be- 
dürfnissen der neuen Situation entspricht. Wäre es wirklich in dieser 
Form gehalten und geschrieben, dann brauchte er, wie gesagt, es nicht 
zu rekapitulieren. Nur gerade weil die Form neu geworden, muß er den 
alten Inhalt, den er braucht, durch Wiederholung identifizieren. So lösen 
sich wohl mit einem Schlage alle Rätsel der Timaios-Einleitung aus der 
Einfügung des kritisierten Lihalts des „Staats" in die neu geforderte 
Form seiner Verteidigung. 

Nur im letzten Winkel bleibt noch ein dunkles X. : der anonyme 
vierte Partner des Vorgesprächs. Man witterte Piaton selbst dahinter — 
aber er hat sich sonst nie als Gesprächszeugen genannt, schon darum 
nicht, weil er sich dann nicht mit Sokrates oder sonst dem Protagonisten 
identifizieren kann. Und wenn er nur seine Abwesenheit entschuldigen 
will, Avarum nennt er sich nicht wie im Phaidon ? Nun hat v. Arnim 
(vgl. auch Schöne a. a. O. 18) als einzige Instanz gegen Hirzels fiktive 
Deutung des Vorgesprächs diesen Anonymus ausgespielt, der, wenn 
das Vorgespräch nur in der Rekapitulation lebte, eine völlig unnütze 
und darum unmögliche Zutat wäre. Das Argument ist fein; aber 
wenn er in einem wirklichen Vorgespräch eine Rolle gespielt hätte, 
wäre dann die AValirung seiner Anonymität hier nicht ebenso völlig 
unnütz und darum unmöghch ? So kann seine Existenz nicht aus 
einem wirklichen Vorgespräch übernommen, sondern nur aus äußerem 
Grunde hier eingefügt sein, was aber wieder den fiktiven Charakter des 

') I'er „Staat" zeijçt so {^ar nicht, daß er das kennt und IterücksichtiKt, worauf 
die Timaioseinleitung bereits antwortet, — auch dies si)richt gegen deren frühe Voraus- 
nähme, die Hohde kühn ansetzen muß. 



— 321 — 

Vorgesprächs voraussetzt. Und wirklich muß ja Piaton noch einen Zeugen 
dieses Vorgesprächs (d. li. einen Leser des „Staates") setzen: den 
Kritiker, dem die Timaios-Einleitung antwortet. Und pflegt nicht Piaton 
seine lebenden Gegner zu verhüllen ? 

Vielleicht aber können wir ihm das Visier noch weiter lüften. Der 
Kritiker stellte Piaton als unpatriotischen Plagiator, als Agyptomanen 
hin. Und erinnert nicht der platonische Ständestaat an den ägyptischen 
Kastenstaat, wie ihii Isokrates' Busiris schildert ? Ja, die Schilderung 
zeigt eine so frappante Ähnlichkeit, daß sie bewußt sein muß und daß 
man auch bereits die Beziehung dieses Busiris auf Piatons „Staat" er- 
kannt hat, für dessen Datierung aber damit nichts feststeht. Denn Blaß 
kann nur konstatieren, daß Isokrates dort „die "Würde eines schon be- 
währten Sophisten annimmt"; daß ferner Lysias gegen den „Sokrates" des 
Polykrates noch kurz vor 380 geschrieben haben muß, hindert natüi-lich 
Isokrates nicht, gegen eine andere Schrift dieses Rhetors 1 — 2 Jahr- 
zehnte später zu schreiben — wenn nicht überhaupt dieser gegen einen 
mit Namen genannten Lebenden damals ungewohnt scharfe offene Brief 
des Isokrates nur Einkleidung ist; denn es ist mehr von Philosophie als 
von Busiris die Rede. Die Beziehung auf den platonischen „Staat" ist 
zweifellos, nicht wegen der bloßen Parallelisierung mit der ägyptischen 
Kastengliederung, sondern weil für diese Isokrates in der Seele des 
Busiris dieselbe Begründung gelesen haben will, die Piaton das Prinzip 
der Arbeitsteilung zur Grundlage seines Stände- und Berufsstaats machen 
läßt : àeï rolç avrolç rag avràç ^cçâ^siç [.leTay^iQiZeG&aL jtQoaéza^ev siôioç roig 
idv u€Taßa'/./.oufvoLg ràg Içycioiag ovôl rcçog ïv rtov içyojv ay.Qißcög P/ovraç, 
Toig ô'e/cl ralg aitalg ^cçâBsoi ovvcyvjg ôutuévovrag slg v7CSQßoArv ïy.aGzov 
u7COTeAoîvT6g (Bus. 16, vgl. Rep. 369 D E 37C ABC 374 394 E 397 E 
433 A 434 A ff.). Damit man aber nicht zweifle, daß er hier an den 
berühmten Philosophen des „Staates" denkt, fährt Isokrates, die technisch- 
politischen Vorzüge der ägyptischen Berufsteilung hervorhebend, ib. 17 
fort : wäre v.aï twv cpikooocpcüv rovg vtÙq tcöv toioctiov /Jynv t/ciysiQOLVTag 
y.cà uÛ/.lot evôo/.iuoùvrag rr^v iv Alyv7tx(i) /cQoaiosloS^aL Tto/.ireiav Itiulvùv. 
Teichmüller, der die Beziehung zuerst gesehen, spricht von einem „ver- 
leumderischen Lobe" Piatons, der hier als Plagiator an ägyptischen Ein- 
richtungen hingestellt werde. H. Gomperz, der (TViener Studien 1905 
S. 30 ff.) die Beziehung besser begründet, ohne ihr Motiv zu erfassen, 
meint: „eine willkürlichere Deutung kann man sich kaum denken." Ich 
glaube, daß Teichmüller das Tatsächliche gesehen oder wenigstens ge- 
ahnt hat. Piaton wird doch nun einmal hier als Anhänger der ägyptischen 
TioÄiTfla zitiert, wozu er doch nicht das mindeste Recht giebt. Die 
einzige, nur herabsetzende Zitierung Ägyptens Rep. 436A zeigt, daß er von 
dorther nicht seinen Ständestaat bezogen. Soll es ein Kompliment sein, 

21 



— 322 — 

wenn man den Autor eines Staatssystems als Anhänger eines andern 
anspricht ? War Kant davon erbaut, als Anhänger Berkeleys zu figurieren? 
Nun wissen wir ja durch Krantor, daß Piaton von Zeitgenossen als 
Nachbildner ägyptischer Staatseinrichtungen wirklich verspottet worden, 
und daß er zui' Abwehr den im Timaios angekündigten Àôyoç des Kritias 
komponierte. Ist's nun nicht klar, daß wir hier in Isokrates den Spötter 
vor uns haben und in seinem Busiris den Hauptanlaß für die Timaios- 
Einleitung ? 

Dann mag er wohl auch der Anonymus sein, der sich von Piatons 
„Staat" „bewirten" ließ, aber wahrlich nicht der Anstandspflicht der 
Dankbarkeit entsprach (Tim. 17A). Der Busiris zeigt ihn jedenfalls als 
ôaiTVfiév, als Ausschlachter von Piatons „Staat". Außer dem heilsamen 
Prinzip der Arbeitsteilung im Dreiständestaat erscheint § 18 der Ge- 
horsam des Wehrstands gegen die üqxovteq, die Syssitien und die 
aoij^diojv UGy.i]GiQ, doch bezeichnender § 21 f. die Tieçi xi^v (pqôvi^aiv 
in:ifi£ÀEia der Priester und çûoaocpiag âoxrjaig für die Seelen. Ent- 
scheidendaberist §23 die Altersautorität und die moraUsche Abzweckung 
der mathematisch-logischen Erziehung : Kai lovg ßhi' n:Q£oßvT£Qovg enl 
TU (liyiaia rùv :^Qay[iai(ßv STa^av (was nach § 50 nicht Isokrates' An- 
sicht zu entsprechen scheint), vobg ôà vsontQovg à/aeÀ.'^GavTag xüv fjôovojv 
en äazQOAoyla y.ai Àoyiafioîg y.al yecof.i£TQia oiarQißeiv Eneiaav, was als 
förderlich zu anderm, namentlich aber zur âçaxrj gerühmt werde. Man 
braucht dies nur zu lesen, um den Inhalt des VI. und VII. Buchs des 
„Staats" wiederzuerkennen. Wie in verstimmten, z. T. falsch gegriffenen 
Tönen klingen auch in der übrigen Schilderung lauter Motive des „Staats" 
an: die Zweitstellung der lakedaemonischen Verfassung (§ 17. 19), das 
rechte Verhalten des Wehrstands in Bezug auf Eigenes und Fremdes (19), 
die Kritik der Medizin (22), die moralische Lüge der Oberen und das 
Unterweltsgericht (24). 

Damit man aber ja den steten Seitenblickbemerke, beeifert sich Isokrates 
nochmals (28) zu erklären, daß nicht er der Entdecker dieses philosophisch- 
politischen Ideallandes sei, sondern viele der Lebenden und der 
Früheren wie Pythagoras, der zuerst die Philosophie von Ägypten nach 
Hellas gebracht habe (womit der pythagoreisierende Piaton doppelt an 
Ägypten gebunden wird). Ich fürchte, die Agypterfahrt des Pythagoras 
wird durch diese bekanntlich früheste Bezeugung hier ebensowenig ge- 
sichert wie Piatons Fahrt ebendahin, die jüngst erst von Prächter be- 
zweifelt worden. Isokrates bekennt offen, daß er im Busiris schwindelt (33). 
Und kann es wohl ernsthaft gesagt sein, wenn er behauptet, daß wir 
unter ägyptischen Gesetzen völlig glücklich leben würden (20), wenn er 
das Scheusal Busiris mit den lächerlich leersten Zeugnisgründen zum 
moralphilosophischen Idealstaatsgründer macht und von den Scheußlich- 



— 323 — 

keiten, die ihn allein berühmt gemacht, nach einem Rezept reinigt, das 
er wiederum bekannten Partieen von Piatons „Staat" entlehnt hat: man 
dürfe den Dichtern nicht trauen, die Göttern und Göttersöhnen allerlei 
Unmoralisches angehängt und nun zur Strafe für ihre Lügen l)lind um- 
herirrten u. s. w. (38 ff.) ? 

Man sieht, es ist Methode in dieser Platonisierung des Busiris 
oder vielmehr in dieser Agyptisierung des platonischen „Staates", die 
offenbar die Pointe dieses rhetorischen TtaiyvLov ist, für dessen Phantasie 
sich Piaton mit der Phantasie des Kritias revanchiert. Die Uber- 
trumpfung des Polykrates ist nur Schau- und Scheingefecht, und dessen 
Busiris — hier parallel seinem „Sokrates" zitiert — war vielleicht selber 
schon eine solche antiphilosophische Satire (natürlich noch nicht gegen 
Piatons „Staat"), in der selbst Orpheus und Aiolos sich philosophisch 
ausdeuten ließen. Die ßusirispanegyrik der Rhetoren scheint sich 
gegen den Tjrannenhaß der Sokratiker gerichtet zu haben. Wenn des- 
halb H. Gomperz, der den Busiris zu ernst nimmt und der S. 31, 1 die 
platonischen Schriften, derb zu reden, gar zu sehr im Gänsemarsch her- 
vortreten' läßt, mit Recht für den Busiris die ganze Politeia voraus- 
setzt, da Buch II ff . Vif. X benützt würden, so kann man auch noch 
das VIII. und IX. Buch berücksichtigt finden nicht nur in der Lake- 
dämonierkritik, sondern vor allem in der satirischen Gesamttendenz, 
Piatons Staat auf den Kopf zu stellen, indem er als Werk des ver- 
rufensten orientalischen Tyrannen erscheint. Doch wie dem sei, die 
durch Kj-antor gesicherte Tatsache, daß die Einleitung des Timaios erst 
auf eine Kritik des „Staates" antwortet, und der Umstand, daß Timaios 
und Kritias sich ausdrücklich als Sanktion und Illustration des „Staates" 
geben, rücken diesen wieder in die Nähe jener wohl annähernd letzten 
Spätwerke Piatons, und so schlagen alle Indizien dahin zusammen, den 
„Staat" als geschlossenes Alterswerk zu erweisen. 



Zur Agglutination in den französischen Mundarten. 



Von 
Ernst Tapp ölet. 



Die fortschreitende Erkenntnis auf dem Gebiete des Lautwandels 
ist einem siegreich vorrückenden Heereszug vergleichbar, der den größten 
Feind der wissenschaftlichen Forschung, den Zufall, zu bezwingen unter- 
nommen hat. Der Heereszug besteht aus Truppen verschiedener Art 
und verschiedener Stärke: voran die zwei Großmächte Lautgesetz 
und Analogie. In edlem Wettstreit um den Vorrang ringend, schienen 
sie eine Zeit lang, dem Feinde gewachsen zu sein. Doch je näher man 
zusah, desto mehr entdeckte man des Willkürlichen, des Unerklärlichen. 
Es mußten Hülfstruppen requiriert werden, ihnen kam die Aufgabe zu, 
den leidigen „Ausnahmen" auf den Leib zu rücken, sie hatten eine Art 
Kleinkrieg zu besorgen. 

Die wichtigsten dieser Hülfstruppen heißen : Satzphonetik und 
Überhäufigkeit, Yolksetymologie und Contamination, Onomatopoeie und 
Kindersprache, Dialektmischuug, Metathese, Assimilation und Dissimilation. 
Zu dieser bunten Schar gehört auch die Agglutination, der diese 
Studie gewidmet sein soll. 

Wir verstehen unter „Agglutination" und ihrem Gegenteil, 
der „Deglutination"^) eine Reihe von Lautveränderungen, die 
davon herrühren, daß ein im Satzzusammenhang stehendes Wort 
„falsch", d. h. der grammatischen Tradition zuwider, abgetrennt 
wird und in dieser seiner neuen „irrtümlichen" Gestalt, vielfach 
die alte rechtmäßige Form verdrängend, in der Sprache Aufnahme 
f i n d e t. 

Jede Mundart liefert dazu Beispiele. In Basel gibt es ein Sankt 
AWan- und ein Sankt Elisahei/ten-Quartür. In der Mundart sagt man: 
er wohnt in dr Dalhe, in ttr Dels/jetc. Der r/ ^'orschlag stammt offenbar 



') Wie ich für die „Abtrennung" oder negative Agglutination zu sagen vorschlage. 



— 825 — 

vom Schlußlaut in Sankt her.') Das Gegenteil liegt vor, wenn man hier 
zu Lande Leute aus dem Volk sagen hört: mir hän e gueti Akonissin 
gfia = wir haben eine gute Diakonissin gehabt. Hier ist die erste Silbe 
des Fremdwortes als Artikel oder als Demonstrativpronomen-) gefaßt. 
Ebenso schlimm wie den Basler Diakonissinnen erging es schon im 18. 
Jahrhundert den berühmten Basler Leckerli^, wenn sie nach dem (^enfer- 
see exportiert wurden. Der Volksmund verkürzte sie zu éci'ekts. So 
sagt Rousseau (Nouv. Héloïse IV, 10): La Fancfwn nie servit den gauffres. 
des écrelets. Das ist's, was wir mit Deglutination bezeichnen. Puristen 
bleibt es unbenommen, der „Verwachsung" eine „Entwachsung" gegen- 
überzustellen. Ob das Italienische neben seinem concrezionb — so be- 
nannt von Flecchia — ein discrezione im linguistischen Sinn duldet, 
muß ich den Herren vom Arc/iivio glottologico zu entscheiden überlassen. 
Die Verwachsungs- und Abtrennungserscheinungen sind sehr mannig- 
faltig. Im Prinzip sind sie überall da möglich, wo eine enge syntaktische 
Verbindung ohne genügendes Korrektiv immer wiederkehrt. Daher so 
häufig bei Eigennamen Landre, Langlois, Lille, Lendit, denn zur Zeit 
als Landré noch André, der Herr Langlois noch Anglois, die Ortschaft 
Lille noch lie und der Jahrmarkt zu St. Denis noch Endit hieß, zu 
dieser Zeit sagte man nie oder fast nie un André, un Anglois, vor jene 
„Insel" in Flandern zwischen den Flüssen Deule und Lys setzte man 
nie weder den unbestimmten noch den Pluralartikel, desgleichen bei 
Endit. Kaum aber werden je Appellativa wde ami, arbre, eau, ouvrier 
agglutinieren, weil die Verbindungen l'ami, un ami, mon ami, les amis, 
des amis, quelques amis, beaucoup d'amis etc. sich mehr oder weniger 
die Waage halten und so die überlieferte Wortform vor einem Eingrifi 
der Satzphonetik bewahren. Zwischen jenen Eigennamen von ein- 
seitiger syntaktischer Verwendung und diesen sog. Gebrauchswörtern 
von allseitiger syntaktischer Verwendbarkeit ist ein überaus großer 
Spielraum. Es liegt auf der Hand, daß die Wahrscheinlichkeit einer 
Agglutination abhängt von der Häufigkeit der entsprechenden Stellung 
des Wortes im Satz. Geil und œuf sind einer Plural- Agglutination aus- 

i| A priori könnte allerdings der r/- Vorschlag auch vom weiblichen Artikel her- 
rühren. Die Mundart sagt dä^sdie für „die Asche''. Für Herleitung aus Sankt ent- 
scheidet der Umstand, daß die Verbindungen mit Sankt fast so zahlreich sind wie 
die Kirchen in Basel (vgl. Sankt Johann. Sankt Peter, Sankt Leonhard etc.). Und 
wie eng das Sankt mit dem Xamen der Heiligen verwachsen ist, zeigt der Ausdruck 
zet Lienert „zu Sankt Leonhard", worauf mich Kollege ßinz aufmerksam macht. Die- 
selbe Agglutinatioüserscheinung glaubt Michel ßreal fürs Französische nachgewiesen zu 
haben, z. E. Saint Chelvis aus Sainch-Elvis - Sanctus HUarius s. Romania 2,329. Sicherere 
Beispiele finden sich bei Schätzer. Herkunft und Gestaltung der franz. Heiligennamen 
Diss. Münster 1905 p. 89. 

-) Artikel, wenn der Vorgang von der Schriftsprache beeinflußt, Demonstrativum, 
wenn er rein dialektischen Ursprungs ist. Die Mundart sagt: d'arbet = die Arbeit, 
aber die Arbet mach i nit = diese Arbeit tu ich nicht. 



— 326 — 

gesetzt, bei ombrU Nabel und uvre Euter ist eine Singular- Agglutination 
zu erwarten. 

Was die Wortklassen anbelangt, so kommen Verwachsungen vor 
zwischen Artikel, Pronomina, Präpositionen und Hülfsverba einerseits 
und Substantiva, seltener Adjektiva, und Verba andrerseits. Hier soll 
ausschließHch von Nominal- Agglutination mit dem Artikel im Singular 
die Rede sein, allerdings müssen wir bemerken, daß es nicht auszu- 
machen ist, ob in Fällen wie nabit (für habit), zoiseaux étenailles die 
Verbindungen un habit oder mo7i habit, les oiseaux, quelques oiseaux etc. 
les tenailles oder des tenailles zur Agglutinierung geführt haben. 

Zur richtigen Beurteilung dieser und ähnlicher Secreta des Sprach- 
lebens bedarf es vor allem zahlreicher und sicherer Beispiele. Erst 
wenn diese vorliegen, ist die Frage reif zu einer prinzipiellen Erörterung. 

Die Agglutinationsbedingungen sind in jedem Sprachgebiet ver- 
schieden. Ob die Vermutung Försters (Zs. rom. Ph. 15,51-), Sehre 
im Rolandslied sei entstanden aus ipse + Ehro, das Richtige trifft, kann 
erst eine Untersuchung der Agglutination im Katalanischen kompetent 
entscheiden. 

Wir haben unsere Jagd nach Beispielen auf das galloromanische 
Sprachgebiet beschränkt, und müssen auch da uns gestehen, das Revier 
oft nur flüchtig durchstöbert zu haben. Wollte man drauf ausgehen, das 
Wild bis in alle entlegensten Schlupfwinkel zu verfolgen, so wäre des 
Jagens kein Ende. Von Zeit zu Zeit muß Umschau gehalten werden. 

So viel ich sehe, wurde der Gegenstand bis jetzt immer mehr ge- 
streift als eingehend erörtert. Jede Mundartenraonographie brachte 
einen kleinen Beitrag zur Verwachsungsfrage, hie und da wurden in 
Zeitschriften und anderswo zweifelhafte Fälle diskutiert, hier soll eine 
systematischere Behandlung des Themas in der angegebenen Umschränkung 
versucht werden. 

Die wichtigsten Vorarbeiten, die für uns in Betracht kommen, 
sind folgende. 
1887 A, Horning, die ostfranzösischen Grenzdialekte zwischen Metz 

und Beifort. Franz. Studien V. 
1889 D. Behrens, norm, non = n'on Zs. f. rom. Philologie 13,322—323 

wo Beispiele für ndbit. Vgl. ib. p. 405, 407 ff., wo Beispiele für 

zoiseaux und étenailles. 
1895 W. ]\I eyer-Lübke, zur Syntax des Substantivums, Zs. rom. Phil. 19, 

3(»5 ff. und 477 ff. 

1902 A. Thomas, Mélanges d'étymologie française (passim). 

lilO.-{ E. Tapp ölet, l'agglutination de l'article dans les mots patois, 
Bulletin du (xiossaire des patois de la Suisse romande 1, 3-8, 
2, 22 — 20, :{, 37—40. Vgl. dazu die Rezension von Herzog, 
Zs. r. Phil. 30,;.o« (abgek. Tap.) 



— :{27 — 

1904 Kr. Nyrop, Grammaire historique de la langue française §§ 289, 

488—491, 502. 
1906 J. Désormaux, l'agglutination de l'article dans les parlers savoyards, 

Revue de philologie franc. 20, 168 — 182 (Abgek. Désorm.) 
Geijer, Studier i fransk linguistik (Arsskrifter d'Upsal 1887) der das 

Thema behandelt haben soll, war mir leider nicht zugänglich. 

Meine Hauptquelle für die Beispiele war, wie natürlich, der Atlas 
linguistique de In France, Lieferg. 1 — 26. Hierin wurden fast alle in 
der Schriftsprache vokalisch anlautenden Substantiva auf Agglutination hin 
geprüft, 98 an Zahl. Von diesen 98 der Agglutination ausgesetzten 
Atlas-Wörtern haben tatsächlich 29 agglutiuiert. 

"Wir behandeln hier nur zwei Arten von Verwachsung, jenachdem 
ein / oder ein n dem Wort vorgeschlagen wird. Wir bezeichnen sie 
mit Typus lahit und Typus nahit. 

1.* Typus labit. 

Dieser Typus ist der häufigste von allen Agglutinationen. Es ist 
auch fast der einzige, der in der Schriftsprache zum Durchbruch ge- 
kommen ist. Er setzt voraus, daß in gewissen Verbindungen das Wort mit 
oder ohne Artikel gebraucht werden konnte. Neben der Ausdrucksweise : 
dans ce cas nous partirons endemain stand offenbar als gleichbedeutend: 
dans ce cas nous partirons Tendemain.^) Da der Gebrauch schwankte 
und da kein un endemain, kein d' endemain, kein des endemains korri- 
gierend einwirkte, so ging das Gefühl für die echte Form verloren und 
die Agglutination war vollzogen. 

Weniger einfach liegen die Dinge bei mrklichen Substantiven wie 
lierre, hérisson, anse etc. Beim Kollektivbegriff „Epheu" wird man wohl 
auszugehen haben vom partitiven Gebrauch, man sagte promiscue : il y 
avait bien d'hierre und il if avait bien de Phierre, auch darf man wohl 
an Wendungen denken wie vieux comme hierre neben vieux comme 
l'hierre, s. Meyer-Lübke Zs. rom. Phil. 19,3i9fif. Auch hier ist die syn- 
taktische Freiheit der Nährboden für die Verwachsung. -) 



^) Bei Bonaveniure des Periers finde ich auf derselben Seite : le jour des nopces 
fut lendemain (tou Jacob fälschlich Vendemain geschrieben) und weiter unten : La nuit 
se passe : le lendemain elles se trouvèrent devant leur père, . . . (Xouv. Récréations 
et Joyeux Devis p. 23 bei Cramier). Dasselbe Schwanken ist für die Zeit vor der 
Agglutination vorauszusetzen. Vgl. Meyer-Lübke Zs. rom. Ph. 19.438. 

2) Ich bin mit der diesbezüglichen Bemerkung Herzogs Zs. r. Ph. 30,368 völlig 
einverstanden, natürlich ist die ganze Erscheinung nur syntaktisch zu verstehen, aber das 
mehr populär-wissenschaftliche Bulletin war nicht der Ort, dies auszuführen. Von écornes 
wird in der Fortsetzung^ dieser Arbeit die Rede sein. 



— 328 — 

"Wir geben die Beispiele in alphabetischer .Anordnung. 

laberdan m. aus Aberdeen, frisch eingesalzener Stocktisch (Sachs- 
Villatte). Das deutsche „Laberdan" aus dem Französischen. 

labit m. für hubit in der Volkssprache Xyrop p. 432. 

lacoun m. kleiner Kahn. prov. aus frz. accon, das seinerseits eine 
Deglutination ist aus dem deutschen „Nachen", s. Zs. rom. Ph. 14,366. 

lade m. aus andain. Atlas Blatt 40 Vienne 507. 

làfyàua etc. f. aus äfyaaa etc. gentiane in Savoyen. Atlas Bl. 640, 
H. Savoie 944, 945; RPGR II 37; Désorm. 173.^) 

làgar m. aus hangar, in Bourberain RPGE, III 90, in Savoyen 
Désorm. 173. 

lajö m. -< *lajo aus ajonc (13 Jh. ajou) Atlas Bl. 21 Indre 505) 
auch najonc und jajonc kommen vor. 

lamsö m. aus hameçon xA.tlas Bl. 682 Marne 128 neben amso, 
lèmso Vosges 78 neben emso. 

laudier m. für afr. andier Feuerbock, Tap. 4; Umdi Jons (Isère; 
ßev. de phil. fr. 7,267 ; landrès Béarnais. 

laudîule f. aus andouille Tap. 8. 

laugrezole f. „groseille" neben engresale Désorm. 172. 

laiita Tante, Aosta, s. meine Verwandtschaftsnamen p. 101. 

lau voué m. „orvet" Tap. 7. 

lapi m. Sellerie, aus api, dem lat. apium entlehnt ; apl ist im ganzen 
Süden, außer in der Gascogne, verbreitet, Atlas 206 lapi vornehmlich in der 
östlichen Guyenne: Lot, Tarn et Garonne ganz; Tarn, H. Garonne, Lot 
et Garonne je 4 mal; Aude 3 mal; Aveyron, Ardèche je 2 mal; Ariège, 
Dordogne je 1 mal. Unabhängig davon agglutinierte dasselbe Lehnwort 
noch an zwei Orten nämlich: 

lapyo m. „ache" Lavallaz, patois d'Hérémence 173; ferner leppe 
in Wissembach (Vosges) Thomas. Mél. 67. 

larui m. heftiger Wind, neben arni, unsicher Désorm. 173. 

las etc. f. aus anse (du pot) Atlas Bl. 45. Verbreitung sporadisch 
in 3 weit auseinander liegenden Gebieten. 1. Loire Inf. 3 mal, Calvados, 
Ile et Vilaine, Morbihan, Mayenne je 1 mal. 2. B. Pyrénées 2 mal, Landes 
1 mal. 3. Vosges 58. Sehr merkwürdig ist, daß neben dem Typus lanae 
auch der Typus nanse vorkommt, wenn auch in etwas geringerem Um- 
fang. Über das Prinzipielle dieses Falles weiter unten. 

läsiva f. < ""àhiva Atlas 633 gencive H. Savoie 957. Die Form 
erscheint im Atlas vereinzelt umgeben von jasiva. 



'i üfi/irrui erklärt Gilliéron 1. c. durch Deglutination aus dîifyàna (das Gejjenteil 
von doi-f'^ üncier - Hcicr etc.). Sollte nicht eher der Anlaut 'zafyänn, iufyütia als 
l'lural-Ä gefasst worden seiuV 



— 329 - 

lavö etc. Onkel, Atlas Schweiz 976, 979; im Aostatal meine Ver- 
wandtscliaftbuamen p. lül. 

lé m. Eibe in branche de lé = branche d'if, Désorm. 173. 

lègyà {(7 mit Neigung zu e) m. (V) Eichel, Atlas Bl. ()4H des glands 
Yonne 108, allerdings umgeben von glu. Aber da die Form als vieilli be- 
zeichnet ist, nehme ich an, sie gehe auf aglan mit jener Gegend eigen- 
tümlichen Färbung eglä zurück. Nicht ausgeschlossen, aber mir durch 
keine Beispiele belegt, wäre die Verwachsung les + glands. Vom syntak- 
tischen Standpunkt scheint letzteres sogar wahrscheinlicher, da von der 
Eichel unendlich viel häufiger im Plural gesprochen wird; aber, wenn 
unsere Erklärung von aglan (s. Tap. 23), richtig ist, so muß im franz. 
Sprachgebiet der Singular vorgeherrscht haben. 

leiji „acide" ^) aus acetum nach Lavallaz, Hérémence 173. 

leudemaiu m. aus endemain, beide Formen leben im Altfranzösischen 
nebeneinander (s. z. B. Bartsch, Chrestomathie, wo 3 mal endemain und 
3 mal lendemain). Auch die heutigen Mundarten kennen die artikellose 
Form, z. B. béarn. endouniaa. 

Der Fall ist mit leto s. u. sui generis. Endemain und entour sind 
überhaupt ursprünglich keine Substantive, sie w^erden es erst durch die 
Verbindung mit dem Artikel und zwar, Pendemain wohl auf Veranlassung 
von la veille (schon 13 Jh. Littré), vielleicht auch von l'autrier, das nach 
Zs. r. Ph. 19,488 ebenfalls schon früh erstarrte-), und l' entour wie It 
dessus, le dedans etc. 

Überdies ist le lendemain mit l'hiver die einzige Zeitangabe und 
gehört zu den ganz wenigen Abstrakta, die der Verwachsung erlegen sind. 

Lendit, Messe zu St. Denis vom 11. Juni an, verdankt die Agglu- 
tination seiner Verwendung als Ortsname. Die Entwicklung ist folgende: 
indictus sc. dies bedeutete den für Messe und Jahrmarkt angesetzten Tag, 
dann den Platz, Champ du lendit, wo der Jahrmarkt abgehalten wurde. 

lèrtè m. -< orteil Tap. 7. 

lèto m. Umgebung aus entour Hérémence 173. Vgl. das bei lende- 
main Gesagte. 

levier aus évier Wasserstein, in der Sprache des niedern Volkes 
weit verbreitet, s. Sachs- Villatte, für Lyon, Désorm. 173, gelegentlich mit 
Umbildung in lavier unter dem Einfluß von laver, lavoir. 

lëyo f. aus *êyo „allée" in Puybarraud (Charente) RPGE, III 198. 

licorne f. Einhorn. Ich nehme folgende Umgestaltungen an: uni- 
cornis ergibt zunächst *imcorne, woraus durch Dissimilation mit dem 



1) Vennutlich das Adjektiv, fiir die Beurteilung der Agglutinationsmöglichkeit 
ist dies zu wissen unerläßlich. 

-) l'endemain kann aber auch elliptisch entstanden sein aus le jotir en dcmair, 
das unserem „am Tage drauf" entspräche. 



— 330 — 

unbestimmten Artikel afr. incorne, mit Verwachsung liiicorne, und mit 
Denasalisieruug, vielleicht unter Einfluß des italienischen licorno, zu 
licorne. 

lierre m. ,.Ei3heu" aus afz. hierre ■< hèdera. Das älteste Beispiel 
von Verwachsung stammt aus dem 16. Jh (Littré). Formen ohne / leben 
in zahlreichen südprovenz. Patois, so hauptsächlich in der Provence : 
Atlas Bl. 768 èyro^ èro, eure etc. in den Dep. Var ganz, Drome 6 mal, 
Alpes Mar. und Basses Alpes je 5 mal. Hautes Alpes 2 mal (+ 2 ital. 
Dörfer), Vaucluse 2 mal, Bouches du Rhône 1 mal ; ferner èbré, édro etc. 
Pyrénées Orientales ganz, Aude 4 mal, Ariège 1 mal. Ob wirklich in 
ganz Nordfrankreich die agglutinierte Form gesiegt hat, Avie es der Atlas 
zeigt, möchte ich auf Grund der Angaben von Littré bezweifeln, Littré 
gibt hierre für Berry, Normandie und Picardie. Wenn auch Littré aus 
altern Wörterbüchern schöpft, so ist nicht anzunehmen, daß in den paar 
Jahrzenten, die zwischen jenen Wörterbüchern und den Reisen Edmonds 
liegen, alle /?/erre-Formen verschwunden seien. 

Leider ist lierre bis jetzt die einzige schriftsprachliche Agglutination, 
deren Verbreitung wir durch den Atlas feststellen können. Woher mag 
die große Verbreitung kommen? Jedenfalls zum geringsten Teil von der 
Schriftsprache, denn die Formen haben meist echt dialektisches Gepräge, 
auch die Bekanntheit der Pflanze spricht dagegen. Man hat dann an 
Einfluß von lier, ligare gedacht, so Gröber, Meyer -Lübke und zuletzt 
Schuchhardt (Zs, r. Ph. 31,33 u. i), aber die meisten südhchen und viele 
der nördlichen Formen Frankreichs stimmen lautlich nicht zu Her, noch 
weniger die italienischen Formen. Endlich macht Schuchhardt 1. c. als 
mitwirkende Ursache noch die Reduplikation (lellera, ninöht) geltend, 
und in der Tat sagen italienische Kinder gern lellera für ellera\ aber 
das ist m. E. nicht Reduplikation, sondern eben Agglutination, wie wi 
lenfant, im labil, un loiseau in der französ. Kindersprache. Die italie- 
nischen /-Formen, lellera, lella „Alantwurzel" (-< inula) etc. sind für 
mich eine Bestätigung dafür, daß auch drüben in Frankreich nichts an- 
deres im Spiele ist als der Artikel. Bedenken wir, wie häufig gerade 
Pflanzennamen nach dem Typus labil agglutinieren, s. meine Erörterungen 
darüber am Schluß. 

Die Formen für lierre sind übrigens von verwirrender Mannigfaltig- 
keit. Schuchhardt legt die Grundlage zu einer Spezialuntersuchung des 
Wortes, indem er 1. c, Mischung von lieüera. hnila und lielenia/n an- 
nimmt. Recht auffallend ist die Pluralagglutination ,/V///v> etc. f. besonders 
in der Gascogne Atlas Bl. 768. 

liiidzu 111. Alt Wurst in Freiburg, wolil gleicher Stamm wie ((iiflontlle. 
Hibliiitli<'()iic roinMiK' de la Suisse par M. 1855 p. 171. 



— 331 — 

lingot m. Goldbarre aus ent^lisch 'nufol. das nach Murray auf dem 
deutschen Eiiif/n/J beruht. L'nifittt kommt schon 1405 vor, ein unjol auf 
franz. Boden ist mir nicht bekannt, Lehnwort wie Inherd/w. 

lirsà m. aus irm = hérisson Atlas Bl. 687 belg.-wall. 182, liirml. 

liuerze <; orge Désorm. 172. 

liverua f. -< hiberna Blindschleiche. 

livre f. •< ehriüca Taumellolch Atlas Bl. 706 ivraie, vornehmlich 
im Westen, nur sporadisch Calvados 5 mal. Côtes du Nord 4 mal, Ille 
et Vil. 3 mal. Somme 3 mal, Oise 2 mal, Seine et Oise, Mayenne, Maine 
et Loire, Loir et Cher, Indre et Loire; Doubs, Dordogne je 1 mal. 

livro m. aus iiher Euter, Atlas 1020 pis Doubs 3 mal, H. Saône 
2 mal, Beifort, Vosges, Meurthe et ]\Ioselle je 1 mal. Über die Ver- 
breitung von ivre und livre in der Schweiz Tap. 5 ff. Das Wort ist vor- 
wiegend frankoprov. Savoyen scheint keine Agglutination zu kennen, 
sonst halten sich beide Formen ungefähr die Wage, 

lo m. aus le luniU Höhe, Sjjitze Tap. 8. Der Atlas 685 en haut 
gibt Mo H*^ Savoie 945, aus In le liant, es kann allerdings auch aus 
dem benachbarten Uuo erklärt werden. 

los aus OS Knochen (?) altfranz. Born. 32,624. 

lœs f. aus ces = ostiiim „porte d'entrée" in Plagne (Bernerjura). 

loirie f. <; oiiie Erbschaft Tap. 8. 

lokè m. <; hoquet, dialektisch und vulgarfranz. Tap. 8, Nyrop I 432. 

lonibril m. aus omhril <i *innbillruli(m, Nabel, schon afr. lomhril 
(z. B. Romania 1,443), das Wort gehört zu den launenhaftesten des ganzen 
romanischen Wortschatzes. Wir beschränken uns natürlich auf die Frage 
des Anlautes.^) 

Der Atlas Bl. 921 bietet das Bild eines krausen Durcheinanders. 
Auf Abgrenzungen muß man bald verzichten. Beim Anlaut sind drei 
Fälle zu unterscheiden: omhril, lomhril und nombril. Ombril ist sehr 
selten, einmal Lot et Garonne 657, dann in Hérémence (Lavallaz 258). 
Der Typus lombril, wo die Artikel- Agglutination außer Frage steht, ist 
über ganz Frankreich hin verbreitet, umfaßt aber selten ein ganzes 
Département, tritt überhaupt so sprunghaft auf, daß ich auf eine Auf- 
zählung verzichten muß. Entsprechend verhält es sich endlich mit dem 
dritten, schriftsprachlichen Typus nombril: er beherrscht zwar so ziem- 
hch den W^esten Nordfrankreichs, besonders das Gebiet zwischen Seine - 
Inférieure und Charente, aber im übrigen ist die Verteilung so sporadisch 
wie bei lomhril. Von wo der eine oder der andere Typus herstammt, 



1) Am ausführlichsten — aber noch lange nicht ausführlich genug — hat das 
Wort behandelt Zaune/: die rom. Xamen der Körperteile p. 161. Leider fehlte ihm 
noch der Atlas. 



— 332 — 

ließe sich höchstens an Hand älterer Quellen feststellen, namentlich er- 
gäbe sich auch da ein beständiges Nebeneinander von lonihrU und nombril. 
Vgl. die Erörterungen bei nombril. Typus nahit. 

loubrezale f. „airelle-myrtille" aus dem gewöhnlichen ambresalle. 
Savoyen Desorm. 172. 

lonpie aus onpie. gewöhnlicher anj/ie, Himbeere Desorm. 172. 

loriot m. aus afr. oriol niireolam Goldamsel Tap. 4. Desorm. 169. 

lörve m. aus orcet Blindschleiche in Arzier (Kanton Waadt). 

Iota f. aus dem süddeutschen Hulte Tragkorb Tap. 8, Desorm. 170. 

louet, auch levé, m. aus *oue1 = ptü Mistel ; Bridel Glossaire de 
la Suisse romande 225. 

loiièytau aus *octanum „mesure pour les droits d'alpage'' Tap. 8. 

louvra f. aus aura, nur belegt in dem Satz : l fa lu louera = il 
fait du vent, in Farvagny-le-Grand, Kanton Freiburg. 

luette f. aus Ki'itta Halszäpfchen, s. auch Tap. 5. 

liiiset m. „petite lucarne" Tap. 8, aus hu'iH <^ ostUim. hängt viel- 
leicht aber auch mit luire zusammen. 

lutséran m. Eule, zu huchtr zurufen, Tap. 7. 

Ittvzar etc. m. aus *urzar = Winter, Atlas Bl. 698 hiver, Creuse 
602, 702, 704, umgeben von ivèr, auch iczywè etc. 

lyèrb f. aus lierbe, ostfranz. Horning, Grenzmundarten § 191. 

lyé/ f. aus herse <. türpkem ostfranz. ib. 

II. Typus nabit. 

Die ^«-Beispiele fliessen merklich weniger zahlreich als die mit /- 
Vorschlag, entsprechend der geringeren Verwendung des unbestimmten 
Artikels. Eine Reihe hieher gehöriger Fälle hat in verdienstlicher Weise 
Behrens zusammengestellt (Zs, r. Ph. 13,323). 

nabit m. aus habit neuprov. (Behrens). 

uädzö ni. aus adz<). von dem es umgeben ist, Stechginster Atlas 
Bl. 21 ajonc H. Vienne 604. 

nage m. aus âge z. B. in der Verbindung à cotre n'(i(/c. die Nyrop 
I 282 aus Puitspelu zitiert. Das Beispiel kann doppelt gedeutet werden. 
Erstens kann es sich bei der Frau aus dem Volk, die das sagt, um ein 
dialektisches Possessivpronomen rotron handeln und dann ist alles in 
()rdnung. Oder das n stellt sich immer ein, wo ein Possessivum vor 
(if/e tritt, luich nuni df/e. tini df/e, s<ni dt/r, sagt man auch notre n'dge, 
votre n'iif/r. leur n'd(/e. also noch reine Analogie, die aber leicht die 
Grenzen des possessiven Gebrauchs überschreiten und in ständige Ver- 
wachsung übergehen kann. Blatt 9 (/ucl dge des Atlas zeigt nichts 
Derartiges. 



- 883 — 

nàjarn Eidechse aus *(7jarn. das seinerseits durch Deglutination aus 
kljarii = lézard, häutig in Pas de Calais, entstanden ist. Atlas Bl. 7f3H 
Pas de C. 296, ferner nnjanl Pas de C. 283 und ndjdf Nord 295. 
Diskutiert wird dieser Fall bei nonihr'il. Die vokalisch anlautenden 
Formen sind mir aus dem Norden nicht belegt. 

nante f. Tante, aus ante, hauptsächlich aus mou + ante. s. meine 
Yerwandtscliaftsnamen p. 101. 

nantö m. aus hanneton, Atlas Bl. GS3 Indre et Loire 40(j. 

nar m. aus arc, in Mons (Behrens). 

Das f. aus anse, Henkel, ziemlich häufig, aber meist ganz sporadisch. 
Atlas Bl. 45 : Maine et Loire 6 mal. Mayenne 5 mal, Orne 2 mal, Loire 
Interieure und Ille et Vilaine je 1 mal, endlich völlig isoliert Landes 675. 
vgl. la /anse. 

ne m. aus e = œil, ostfranz. Honiing § 191. Sehr verbreitet ist 
bei diesem Wort die Pluralagglutination fe z-jjeii. Bei )te spielt natür- 
lich weniger der Artikel als das Possessivum mit. 

ne aus e = hain <; hamum, Angelhacken, Atlas Bl. 682 Verbrei- 
tung: Sarthe 4 mal, Maine et Loire 8 mal. Orne, Eure et Loir, Loir et 
Cher, Loiret je 2 mal, Eure. Indre et Loire, Indre je 1 mal; endlich 
in belg.-wallon. 191. Hier scheint die agglutinierte Form über die nor- 
male siegen zu wollen, im hamum-Gehiet finden sich mehr ne als e. 
Behrens bestätigt den Atlas durch seine Angaben. 

nentille Linse aus entille, das sich allerdings nur im Süden und 
sehr sporadisch findet. Atlas Bl. 758. mntille ist stark verbreitet über 
ganz Frankreich mit Ausnahme der ganz nördlichen und ganz südlichen 
Ma., besonders in der Champagne, in Burgund. Normandie, Saintonge, 
Poitou etc. Über das Prinzipielle bei nomhril. 

nèp f. Wespe aus vèp, von dem es umgeben ist. Atlas 672 Nord 282. 

neroun m. Reiher, aus héron neuprov. (Behrens). 

ùèrso m Igel, aus hérisson belg.-wallon. 187, 199. Ferner nursâ 
belg -wallon. 184, 7iisi'è (vieilli!) Nord 295: niereson in Mons (Behrens) 
und in Blonay (Waadt) Tap. 39. 

ùirfindà f. Schwalbe, aus ironde in Atlas 697 H. Loire 814. 

nœziy f. Sauerampfer, Atlas 954 oseille Saône et Loire 2 mal. 
Côte d'Or und Jura je 1 mal. Häufiger ist das Diminutivum nœziyot 
f. Doubs 6 mal. Côte d'Or und ff® Saône je 2 mal, Saône et Loire 

1 mal. Eine lautliche Variante davon scheint zu sein mziyœ Jura 

2 mal, Côte d'Or 1 mal. 

nombril etc. m. aus ombril, über dessen Verbreitung bei lomhril. 
Hier ist die Hauptfrage : 

wie ist der /^-Vorschlag zu deuten? Ich sehe nur zwei Mög- 
lichkeiten : Dissimilation wegen des dreifachen / in le lomhril oder Ag- 



— 334 - 

glutination aus Verbindungen wie petit comme un ombril d'enfant, cela 
ressemble à un ombril, oder le bébé joue avec son ombril. Gewöhnlich 
wird das erstere angenommen und es lassen sich in der Tat einige wenige 
analoge Fälle anführen : so afr. nlvel (ebenso prov. und span.) aus le 
livel, nomble Hirschziemer aus le lomble -< lumbulus Lende. ^) Diesen 
beiden von Meyer-Lübke (Gram. I 479 ff.) angeführten Beispielen kann 
ich aus meiner Sammlung noch mundartliche beifügen: nämlich das weit 
verbreitete nenülk für knülle (Atlas ßl. 758), ferner — allerdings ohne /im 
Stamm — näjarn Eidechse, aus lajarn, so Atlas Bl. 766 lézard Pas de 
Calais 296, ebenso najard f. Pas de Calais 283, mijclt Î. Nord 295; und 
nazerh für luzerne mit volksetymologischer Anlehnung an herbe. 

Aber gerade diese mundartlichen Beispiele machen uns irre an der 
dissimilatorischen Erklärungsweise, denn wir finden im Atlas folgende 
Typen vertreten : 

lentille enlille (südfrz.) nentille und gentille 

lézard ezard tiézard 

luzerne uzerne nuzerne 

So betrachtet erscheinen die ;?-Formen als Agglutination aus dem un- 
bestimmten Artikel. Bei luzerne mag dies ungewohnt erscheinen, aber 
was wissen wir über Gebrauch und genaue Bezeichnung jenes Sonder- 
lings nuzérb? Warum soll es nicht z. B. einen Kleeacker überhaupt 
bezeichnen? Vgl. Schlussbemerkungen. 

Wenn auch heute die Verbreitungsgebiete sich nicht decken und 
die vokalisch anlautenden Formen selten sind, wie übrigens auch das 
einfache ombril fast ausgestorben ist, so dürfen wir getrost annehmen, 
das sei früher anders gewesen, auch würde ein noch reichlicheres Ma- 
terial als es der Atlas bietet, sicher ein oft wesentlich anderes Bild 
darbieten. 

Bleiben nireau und omble. Was diese anbelangt, so sind wir 
vorläufig genötigt die Zwischenstufen *irel und *omhle anzusetzen. Viel- 
leicht werden weitere Forschungen sie zu Tage fördern.^) 

Für nombril aus un ombril etc. sprechen nun ferner die gar nicht 
so seltenen Fälle, wo dasselbe Wort in zwei, ja drei Arten agglutiniert : 
so bietet uns der Atlas u. a. folgende Forraenpaare: 



') Hier spricht allerdings gegen die »Agglutination der Umstand, daß das Wort 
nach Littré und Sachs-Vill. meist im Plural vorkommt. 

2) Die Wörter fehlen im Atlas. Godefroy gibt omble, das aber in der angeführten 
Stelle nur als „Nabel" kann gedeutet werden. Ahnlich steht es mit Ivel = égal, das 
sich z. B. in der Verbindung par ivel de = ait ras de mit nivel liegrifHich fast deckt. 
Vielleicht sind "omhlc und *ivel in diesen nah verwandten Wörtern aufgegangen. 



— 335 — 

von ajonc Stechginster: le la jonc und le najonc 
von anse Henkel : la Ifuisc und In nanse 

von hérisson Igel : le lérisso)i und /e ni'ri.sson. 

Ebenso von habit Kleid : le lalnl und le mth'il. 

Diese Doppelagglutmationen geben zu denken. Sie lassen die V'er 
wachsung als etwas sehr Zufalliges erscheinen. Erhöht wird dieser Ein- 
druck durch das folgende Wort. Vgl. meine Schlussbemerkungen. 

iiou auch nen und norm, lut „man" aus on. Verbreitung nach Atlas Bl. 
407 on dit, 651 on glisse: Manche (mit Inseln) 10 mal; Puy de Dôme 6, 
ferner vereinzelt in Creuse, Cantal, Aveyron, H. Loire, Corrèze, Dor- 
dogne etc. Hier im Süden gehen die Formen o, lö und iio bunt durch- 
einander. Neben lö lindet sich auch lo. Im Dép. Manche steht nur iio, 
mi und noz^ nuz vor Vokalen. Wie sind die Formen etymologisch und 
lauthch zu deuten y Es liegt kein gewichtiger Grund vor, die norman- 
nischen Formen von den südlichen zu trennen. Etymologisch kommen nur 
in Betracht lat. iiOü und lioiiio. Die provenzalische Mischung von ö, lo 
und 110 schließt )tos aus. 

Hält man an homo fest, so liegt der Fall lautlich wie bei nombril ; 
also Dissimilation oder Agglutination? Zu dem bei nombril Gesagten 
kommt hier als erschwerendes Moment hinzu, daß Ion kein die Dissimi- 
lation rechtfertigendes /. weder vorn noch hinten, enthält. Darauf hat 
teilweise schon Behrens in seinem anregenden Artikel über non = non 
Zs. r. Ph. 13,322 aufmerksam gemacht. Ist es nichts mit der Dissimi- 
lation, sagt er sich, so bleibt nur Agglutination. Mir will scheinen, es 
sei noch ein Drittes möglich. 

Behrens setzt non dem Typus nabit gleich. Das geht nicht wohl an, 
denn liabil etc. hat substantivische Funktion, on nicht bezw. nicht mehr. 
Bei un Imbil läßt sich etwas denken, bei im on nicht. Sollte nicht non 
durch bloße Analogiebildung entstanden sein? Die Gleichung wäre: 

oncle : loncle : noncle = on : Ion : non. Ebenso ombril : lombril : nom- 
bril u. a., aber auch Wörter, bei denen die Verbindung keine stehende 
geworden ist, können auf on gewirkt haben, so vor allem homme (in der 
Aussprache ömj, ^lonime. ^noinme, so z. B. ongle. *longle, *nongle; ombre 
Vombre, *noml}re: ferner *o/\ ^lor, nor (aus en or) oder gar an. *lan. -nan. 
Vielleicht ist auch manche andere sog. Agglutination auf diese mehr 
äußerliche Art zu stände gekommen. 

nonk m. Onkel aus oncle, wobei natürlich die Possissiva die Haupt- 
schuld tragen, das zeigt das Walion. le mononk\ die Formen sind vor- 
nehmlich im Wallonischen zu Hause. Vgl. meine Verwandtschaftsnamen 
p. 101. Der Atlas hat nur ndnofkj Meurthe et Moselle 7 mal. Pas de 
Calais 4, Vosges 3 mal, Meuse und belg. -wallon, je 1 mal. 

nortsa f. Hexe, aus orca Tap. 39. 



— 336 — 

noy f. Gans, aus o'ie^ ostfrz. Horning § 191. 

nur f. Stunde, aus hmre. ostfrz. Horning § 191. 

uûzërb f. Luzerne aus uzerne Atlas 789 Mayenne 349. Zwar ist 
im Atlas nùzérlt von luzerne umgeben, aber die vokalisch anlautende 
Form bedeckt das ganze Dé}). Pas de Calais und findet sich außerdem 
isolitirt in Corrèze 609, 



Ein vereinzelter Fall von Verwachsung ist das afr, Adjektiv nastre. 
dessen pejorative Bedeutung erst durch die Herleitung ins rechte Licht 
gerückt wird. Xasire beruht auf falscher Abtrennung von v'dainustre. 
das eine Verstärkung von vUa'oi ist. Zs. r. Ph. 3 1,220 ff. 

Von Interesse ist, daß die «-Agglutination häufig auftritt in der 
Kindersprache : les neuf cuits, les uauiuuiu.r etc. und in der Negers^n'ache, 
dem Kreolischen: nahit. ndnie s. Romania 10,6ii. 

Endlich sei darauf hingewiesen, daß der ;/-Zusatz überaus häufig 
ist im Germanischen und im Neugriechischen. 

Aus dem Schweizerdeutschen z. B. seien erwähnt : Xast für Ast, 
vgl. Nastloch ; Xack für Ack = Beigeschmack ; Xötenimlt für Ötemli, Atem ; 
Xergl aus Erggel, Ercker-, Xäiü aus Atti, Vater, übrigens auch lu'tu 
drätfi. mein Vater; Xau'i aus Ahne, Großmutter; Xürsch aus Arsch; 
Xürtsfheü aus Ursula. Geschwür am Augeulied ; Xev't aus Eri, Schelt- 
wort für ein Weib im Aargau; X'ifjel aus Igel; Xeber aus Eber, Thur- 
gau (nach Mitteilung von Prof. J. Ulrich -|-). 

Auch das Englische kennt Beispiele : ncui Wassermolch aus an 
eu't Murray, nkk-name aus an ekœname (Muret). 

Besonders reich ist das Neugriechische. Auch hier spuckt der 
unvermeidliche Nabel. Er heißt: voucpaXôç. aus xbv ôiicpaZôp, oder der 
Weg VOÔÔÇ aus Ti]p ôôôv, die Sonne vijÂiog aus töv ij/uov etc. 

Solche Beispiele hat über 40 zusammen gestellt Gustav Meyer 
in den Analecta (rraeciensia. (Grazer Festschrift zur Wiener Philologen- 
versammlung 1 — 23). Vgl. Albert Thumb, Beiträge zur neugriechischen 
Dialektkunde Indogerm. Forsch. 7 1-20. 

So viel der Beispiele. Ich muß es mir versagen, hier auf die zahl- 
reichen andern Fälle von Agglutination und Deglutination einzugehen, 
gedenke sie aber später im Zusammenhang zu behandeln. 

Prinzipielles. 

Fassen wir die Erscheinung als solche ins Auge. Eine gegebene 
Verwachsung sprachhistorisch erklären heißt die Bedingungen klar- 
legen, unter denen sie entstanden ist. Wir können zwei Arten 



— 337 — 

von Bedingungen unterscheiden: 1. Lautliche uiid 2. Syntactisch- 
h e gri t'fl i che. 

Sehr einfach lautet in unsern beiden Fällen, hih'il und iiahiL die 
lautliche Vorbedingung : das in Frage stehende Wort muß 
vokalisch anlauten. Bei den einzelnen Vokalen ist keinerlei Vor- 
hebe für den einen oder für den anderen zu beobachten. 

Alle vokahsch anlautenden französichen Wörter sind somit der 
Agglutinationsgefahr ausgesetzt, das sehen wir aus der Kindersjjrache 
und aus dem Kreohschen. Aber nur wenige müssen dran glauben. 

Von den 98 im Atlas untersuchten Substantiva wiesen 15 den 
/-Vorschlag, 14 den // Vorschlag auf. Warum bheben die übrigen von 
der Epidemie verschont? Warum finden wir kein lanü und kein iKuiieau 
für (uii't und Imniedu ?* Und warum hängt sich im einen Fall ein / ans 
Wort, warum ein n im andern? Das liegt offenbar an der Gebrauchs- 
art der Wörter, an ihrer Stellung in der lebendigen Rede, kurz, an 
ihrer Syntax und diese ihre Syntax wiederum ist bedingt durch ihren 
geistigen Inhalt. Daher glaub ich von syntaktisch-begrifflichen 
Agglutinationsbedingungen sprechen zu müssen. 

Es gibt Begriffe, die sozusagen nie eine Verbindung mit dem 
unbestimmten Artikel (ohne Adjektiv) eingehen, z, B. : Milch, Gerste, 
Eppich, Einhorn ; andere, die eine starke Abneigung gegen Possessiva 
haben, wie ungewohnt klingen z. B. mein W^ind, deine Blindschleiche, 
sein Henkel oder ihr Stechginster! In solchen Fällen dürfen wir die 
Annahme einer Agglutination von vorneherein abweisen. Ecok du hon 
sens. 

Achtzig agglutinierte Wörter liegen vor uns, 57 mit /. 23 mit n. Wie 
verhalten sich diese Wörter zu ihrer Affinität mit den Artikeiformen ? 

Meyer- Lübke stellt darüber folgenden a priori einleuchtenden 
Grundsatz auf: „das Herüberziehen eines flexivischen Elem entes 
zum Stamm ist nur dann möglich, wenn die betreffende 
flexivische Form ein besonderes Übergewicht über die andern 
hat." Zs. r. Ph. 19,504. Als typische Beispiele führt er an: rum. 
imparatu/ „Kaiser", weil nur ein einziges Wesen dieser Art im Lande 
existiert (vgl. „l'Empereur" bei Béranger, und das Heinesche „UndderKaiser, 
der Kaiser gefangen", die Verbindung nähert sich dem Eigennamen), ferner 
Li/lc und Liscü biancn (eine der liparischen Inseln, aus isc/iki <; insula), 
weil für die An- und Bewohner nur diese eine „Insel" in Betracht 
kam, endlich exemplifiziert M.-L. auch mit unserem lendemain, dessen 
ausschließliche Verwendung mit dem bestimmten Artikel wir schon an- 
fangs betont haben. 

Zu unserer Beispielsammlung übergehend, scheiden wir zunächst 
als unsicher oder im Gebrauch uns völlig unbekannt aus: loueifton. 



— 338 — 

lundouUle. ümhu. Itiisei. lurm. leijL lo. loirie. leto. /hif/ot. los, norisd. nage. 
LendU erklärt sich wie Lille; Lcmiecry Antichrist, das Nyrop I 432 
anführt, gehört zu rum. impàraliil. 

Die übrigen behandeln wir nach begrifflichen Gruppen. Zuerst die 
mit /-Vorschlag, 

Fünfmal sind wir auf Körperteile gestoßen, die entweder über- 
haupt oder an einem Glied des Körpers nur in einem Exem- 
plar vorkommen, so: Halszäpfchen, Zahnfleisch, NabeF), Euter; große 
Zehe. Sehen wir uns bei den übrigen nicht-agglutinierten, aber vo- 
kalisch anlautenden Körperteilen um, so finden wir, daß sie — vom 
nicht volkstümlich entwickelten estomac abgesehen — durch ihr mehr- 
faches Vorkommen am Körper dem Plural mehr zuneigen als dem 
Singular: so wU. oreille, épaule, aisselle, ongle, os. Einige davon weisen 
auch tatsächlich eine Pluralagglutination auf, nämlich zgeux. Atlas Bl. 
932, zongles Horning § 191, zos Atlas Bl. 953. Das alles kann nicht 
Zufall sein, hier stimmt die Natur der Körperteile zu autfallend mit dem 
Wesen der Agglutination. 

Eine zweite ähnliche Gruppe bilden Dinge im Hauswesen. Jedes 
Haus hat eine Eingangstür (lœck), eine Flur, einen Schuppen-, jede 
Küche bat einen Wasserstein, jeder kleinere Bauer besitzt nur eine 
Egge, und trägt jedenfalls nur eine „Hutte" am Rücken (daher be- 
schreibend la hotte au dos). Hier allerdings wird der Boden unsicher, 
man muß sich davor hüten, den Gebrauch des Wortes nach seinem 
Agglutinationsschicksal zu bestimmen. 

In dritter Linie seien die ganz ungewöhnlich häufigen Pflanz en- 
und Tiernamen besprochen: 33 Fälle von 80, / und w Beispiele zusam- 
mengenommen.-) 

Hier versagt die Theorie vom „einmaligen Vorkommen" gründlich. 
Sie kann höchstens für das „Einhorn" und für die „Eule" (latséran) 
einigermaßen in Anspruch genommen werden. Bei den Pflanzennamen 
hat oflenbar die kollektive Vorstellung bestimmend auf die Agglu- 
tination" gewirkt. Wörter wie ., Gerste", ,, Sellerie", werden selten mit 
dem unbestimmten Artikel oder im Plural, noch seltener mit Possessiven 
gebraucht. Hierlier gehören: Epheu, Eppich (lapijoj und Stechginster, 
Gerste, Selleri, Enzian; Eichel, (als Schweinefutter), Mispel, auch Gras 
(herbe). Der kollektiven Deutung widerstrebt /// Eibe; und schwer 



') (Tegen dieae Auslegunjr spricht nur nombril, weim aus im (Jiii/iril entstandeu. 

3} Wenn Veraiutungen darüber erlaubt siud, so würde ich es in Zusamnieuhang 
brintfen mit einer gewissen, allgemeinen Unsicherheit ini Gebrauch dieser dem Bauer 
oft nicht sehr geläufigen Wörter, eine Unsicherheit, die auf Unkenntnis der Sache 
beruht. Botanik und Zoologie sind bekanntlich gerade nicht die starken Seiten des 
Landmanus. 



— 339 — 

verständlich sind die drei savoyischen Beereiinamen: Stachelbeere, Heidel- 
beere und Himbeere, wo wir keine andere Agglutination als die mit 
Plural z erwartet hätten. Wenn die etymologisch unklaren Wörter nicht 
anders zu deuten sind, so muß auch hier wie bei gland kollektive 
Deutung angenommen werden. 

Bei den Tiernamen liegen die Dinge weniger durchsichtig als bei 
den Pflanzennanien. Der Tiemame schwankt viel mehr hin und her 
zwischen bestimmtem und unbestimmtem Artikel, das bestätigt eine 
Gegenüberstellung der Fälle: 8 unserer Tiernamen agglutiuieren mit /, 
7 mit //, einer, hérisson^ mit beiden und das in der gleichen Gegend. 
Mehrere von diesen 15 Beispielen agglutinieren außerdem im Plural; 
so zoies, zironde/les, zannetom (s. Atlas). Die Tiernamen mit /-Vor- 
schlag sind : Einhorn und Eule, Blindschleiche und zwar bei drei ver- 
schiedenen Wörtern. Goldamsel, Igel und Stockfisch. Halten wir ihnen 
gegenüber die mit // - Vorschlag : Maikäfer, Schwalbe, Wespe, Reiher, 
Eidechse und Igel, so sehen wir bald, daß — von Hcome, lutseran und 
laherdan (Kollektivum) abgesehen — aus der Xatur der Tiere kein 
Grund für das Vorwiegen des bestimmten oder des unbestimmten Ge- 
brauches kann abgeleitet werden. Wir stehen hier vor einem sogenannten 
„Zufall", dessen Willkür nur durch Häufung der Beispiele und durch 
Vertiefung in die Santax der Wörter gemindert werden kann. 

Meyer -Lübke (Zs. r. Ph. 19,5C4) möchte in solchen Fällen den 
/-Vorschlag nicht als ^Artikel gefaßt wissen, sondern ihn grundsätzlich 
anders erklären, z. B. durch Einfluß sinnverwandter Wörter, lierre wegen 
Zier, lavier Wasserstein, wegen lavtr. Es wird schwer halten, dieses 
methodische Desiderat zu erfüllen. Weist nicht die große Zahl der 
Fälle auf gleichen Ursprung? 

Was die übrigen /-Wörter anbelangt, die sich jeder begrifflichen 
Kategorie entziehen, so leuchtet die Häufigkeitserklärung bei einem 
ohne Weiteres ein, nämlich bei hoquet, man denke an die Redensarten 
avoir le Iioquet , donner le hoquet à qn. jemanden in Verlegenheit 
bringen, auch hoquet ist eine Art Sammelbegriff für die rasch sich 
folgenden Schluckbewegungen. 

Ebenso steht bei hiver und ouvra Wind (il fait du vent, le vent souffle^) 
wohl öfter der bestimmte Artikel. Daß habit und anae schwanken, 
das sagt uns schon die Doppelagglutination labit und nabit, lanse und 
naiise. 

Über die «-Wörter können wir uns erheblich kürzer fassen. Das 
Bemerkenswerteste ist hier, daß in keinem der Fälle der unbestimmte 
Artikel so unlösKch verwachsen erscheint, wie der bestimmte etwa bei 



^) Vgl. übrigens larni. 



— 340 — 

lendemain, luetle oder hoquet. Zwangsagglutinationen gibt es hier nicht, 
um so schwieriger ist der Häufigkeitsnachweis der /z- Verbindungen. 
Unsern beiden Haupterklärungsinittehi: einmaliges Vorkommen und 
Kollektivität, steht hier nichts Analoges gegenüber. Warum das eine 
Dorf nanse oder nérisson, das andere aber lanse oder lérisson bevorzugt, 
bleibt ein Rätsel. Bei den paar Pflanzennamen: Luzerne, Ampfer, 
Linse, Ginster, darf an Verbindungen wie &est de la honnê~iizerne, c'est 
de la finê^oseUle gedacht werden. Daß bei oncle, tante, œil, habit u. a. 
die Possessiva den Ausschlag gaben, liegt auf der Hand-, wie sich die 
w-Form allmählich ausdehnen kann, haben wir beim votre n^age der 
banne femme de M. Puitspelu gesehen. 

Sollen wir zum Schluß unsern gegenwärtigen Eindruck wieder- 
geben, so können wir sagen, daß im Allgemeinen das Häufigkeitsprinzip 
Meyer-Lübkes sich bewähren zu wollen scheint, daß aber bei der Deutung 
des einzelnen Falles wir durch unsere Unkenntnis über die Verwendung 
des Wortes im Satz noch gar zu oft in Verlegenheit geraten. 



Une Source des „Tragiques". 



Par 
Charles de Roche. 



11 y a vingt ans bientôt que nous possédons les œuvres complètes 
d'Agrippa d'Aubigné. Leur publication, tâcbe délicate et laborieuse, 
comblait une regrettable lacune. Disons — on ne l'a pas assez fait — 
combien nous devons aux infatigables savants, M. M. Eu g. Réaume et 
F. de Caussade, d'avoir mené à bonne fin une entreprise menacée 
de difficultés qui pouvaient paraître insurmontables. Les six volumes 
de leur publication, calque fidèle des manuscrits originaux, conservés 
au Cbâteau de Bessinges, contiennent 1500 pages entièrement inédites. 
Et l'on est heureux de pouvoir ajouter que ce n'est ni la fureur de 
l'inédit, ni aucun esprit de spéculation qui les a tirées de l'ombre des 
archives famiHales de M. Tronchin. Seul le noble dessein de faire la 
lumière plus complète autour de celui, qui fut peut-être l'esprit le plus 
intrépide et le plus vigoureux de son siècle, a présidé à ce labeur. 
D'Aubigné a grandi depuis, et grandira peut-être encore, à mesure que 
sa vie et son œuvre seront mieux connues et abordées sans parti pris. 
M. Brunetière sans doute devait en penser autrement. Le grand critique 
avait ses raisons pour frapper de son silence la mémoire d'un chef 
huguenot qui avait tout fait pour affranchir la conscience d'une tradition 
religieuse quelques fois séculaire, dont l'autorité suprême, reconnue et 
humblement acceptée, pouvait aux yeux de lévolutionniste seule garantir 
l'avenir d'une France heureuse et prospère. 

La mine ouverte, M. Réaume en a lui-même tiré et réuni les 
principales richesses dans cette excellente biographie qui forme aujour- 
d'hui le cinquième livre de son édition. 

Depuis 1892 une série d'études d'inégale valeur ont parlé de d'Au- 
bigné ou de son œuvre. Parmi les plus marquantes il faut signaler 
d'abord la publication des Misères, premier livre des Tragiques, faite sous 
la dii-ection de M. Bédier, par quelques-uns de ses élèves. Elle est pré- 



— 342 — 

cédée d'une notice remarquable de la main du maître sur l'établissement 
d'un texte critique des Tragiques et accompagnée des variantes et de 
notes explicatives. Un autre genre d'étude fut cette appréciation délicate 
du lyrisme des Tragiques que notre regretté maître M. Warnery 
donna dans une de ses conférences académiques à Neucbâtel. Elle a toute 
la valeur d'un jugement esthétique porté par un poète sur un autre. Ce 
fut une exellente contribution aussi que le travail de M. Trénel sur 
l'éJêmenl Inhlique dans l'œuvre poétique d'A. d'Auhigné. Le style biblique 
du poète y est étudié de très près. Son répertoire analytique explique 
plus d'un passage obscur des Tragiques dont il facilite réellement l'in- 
telligence. De l'Allemagne nous est venu une thèse de doctorat sur 
d'Auhif/né jjoète. M. Winker y aborde quelques problèmes chronologiques, 
expose sa versification et relève la valeur des poésies religieuses dont 
quelques-unes, vibrantes d'émotion sincère, sont bien au-dessus des pro- 
ductions contemporaines du genre. A notre humble avis l'auteur a été 
trop indulgent pour le ])oète du Piinïemps, trop sévère pour le poète des 
Tragiques. Le premier n'est encore, à peu d'exceptions près, qu'un habile 
imitateur de Ronsard et de Pétrarque; l'autre par contre, est foncière- 
ment original. Les Tragiques donneront, comme par le passé, la véri- 
table mesure de son talent. Malgré ses défauts, graves et nombreux, 
ce poème reste la plus vigoureuse production poétique de son temps. 
Elle gagne à mesure que d'autres œuvres du XYI'^ siècle, trop longtemps 
accréditées et surfaites, se trouvent entachées de plagiats inattendus, et 
ne supportent qu'en pâlissant les vives lumières des études critiques de 
littérature comparée. — Dernièrement encore le savant directeur de la 
Revue Chrétienne. M. Viénot, pubhait un article suggestif sur dAuliigné 
hunumste. Il remarque qu'on a peu parlé en France de ce genre 
d'écrivains et pourtant les humoristes n'ont pas fait défaut. Ce vigoureux 
XVL siècle, rempli du bruit des armes et des haines des partis, du sang 
des carnages et de lueurs sinistres, ce siècle aux contrastes violents a 
connu l'humour, l'humour vrai, qui jaillit du cœur autant que du cer- 
veau, qui „fleurit sur les ruines" et dont on a dit qu'il était le baiser 
de la douleur et de la gaité. Et c'est précisément dans le camp des 
Huguenots, qu'il a éclaté souvent avec une verve et une franchise extra- 
ordinaires. Agrii)pa d'Aubigné en est un bon exemple; combien d'épi- 
sodes de sa vie, combien de pages de ses romans en sont comme l'illustra- 
tion vivante! 

Ces publications suffiraient à montrer que Sainte- beuve se trompait 
lorsqu'il croyait en 1854, (]ue bientôt «iOn aurait tout dit sur d'Auhigné^ 
et pour et coulre^ et alentour; on t aurait ewhrassé dans tous les setis.» 
Non pas; pour la bonne raison que d'Aubigné est de ceux dont on 
n'aura jamais tout dit. Pour le moment plus d'un point de sa vie reste 



— H43 — 

obscur, plus d'une contradiction, apparente ou réelle, subsiste, notamment 
celles qui empêchent d'arrêter définitivement quelques dates importantes, 
celle de sa naissance par exemple, ou celle de la première édition de 
ses Trafiques. L'étrange poème à lui seul soulève quelques problèmes. 
Une première question importante, abordée ailleurs déjà, est celle des 
sources. Nous nous proposons d'y apporter ici une petite contribution. 

On sait que la Bible, les Anciens, surtout Tacite, Sénèque, Lucain 
et Juvénal, les Pères, St. Augustin et Tertullien, l'histoire ecclésiastique 
et profane, ancienne et moderne, auteurs italiens et français, ont mêlé de 
leurs éléments à ce grand poème. On les y retrouve tantôt mal amalgamés 
dans la concision de son vers d'airain, tantôt, mais plus rarement, 
intégralement refondus et admirablement coulés au moule de sa stance 
avec tout l'éclat d'un métal nouveau et marqués alors de l'empreinte 
indélébile du poète. D'Aubigné a beaucoup lu, et grâce à une excellente 
mémoire beaucoup retenu. Les citations et les réminiscences abondent. 
Mais où placer dans cette existence agitée du soldat le temps de ses 
lectures? Il serait téméraire de vouloir trop affirmer; mais à deux 
époques de sa vie elles durent être particulièrement fortes et fécondes, 
variées et étendues: aux années de première jeunesse d'abord, de sept 
à quinze ans, puisque dès cet âge il «lisait aux quatre langues», latine, 
grecque, hébraïque et française, «traduisit te Crito de Platon» sous la 
haute et sévère discipline de savants renommés tels que Jean Göttin, 
Peregim, Jean Morel ou Mathieu Béroalde, puis aux vingt dernières 
années du siècle qui furent la phase théologique de sa vie. Celle-ci 
commence jDar le remords et le doute religieux, par la recherche d'une 
base raisonnée aux croyances réformées et à sa foi personnelle. Il dit 
dans la Vie à ses enfants: 

„Mais vouant que le Parti estait attaché à la Religion, et lug à elle, 
là le Diable pretiaut le temps à ceste occasion, il se resolut de fouler aux 
j/teds foute préoccupation d'enseignements et de nourriture, et estudier à 
hon escient aux controverses des Religions, et cerclier avidement .si en ta 
la Romaine il se pourroit trouver une miete de salut. La colère le pt 
eschap2)er et esclatter son desseing, qui donna envie au Sieur de Sainct- 
Luc. de Lausac. d'Alas et autres ennemis Ripistes de lug enrager livres 
de tous costés. Le premier qu'il entama fut Paniqarole. qu'il rejetta 
comme bavard. Le second fut Campianus. duquel il admira l'éloquence: 
ce n'estait pas ce qu'il cercho'd. et pourtant en le rejettant. il mit sur le 
titre Declamationes au lieu de Rationes. Pais lug tomba en main ce 
qu'on avoit lors de Bellarmin. Il embrassa la metthode et la force de 
ce livre, et prent goust à la candeur apparante de laquelle tes lieux ad- 
versaires sont cités par cest autheur: il espère avoir trouvé ce qu'il cliercltoit. 
S' estant pourtant mis à une curieuse analgse. avec le secours de Witaker 



— 344 — 

et de Sihrand Lu her t. il fi' affermit jilus que jeimais en m Religio?!, et 
respondit à ceux qui s'enqueroyeni du fruict de sa lecture et de son des- 
seine/. qu'il l'aroit destruict jxir son labeur, pour ce qu'il mettoit les genoux 
à terre auparavant.'^ (O. C. L p. 58 et 59.) 

L'année 1589 marque la première étape clans cette évolution. 
Après quinze ans de service dévoué, le fier Huguenot se retire de la 
cour en son château de Maillezais. «Cette retraite fut le premier repos 
qu'il eust essayé depuis Taage de quinze ans jusque à trente-sept, ou 
environ, quHI- avoit alors:, pouvant dire avec vérité que, liormis les 
temps des maladies et des blessures, il ne s'estoit point veu quatre jours 
de suite sans courvee.« Après un second retour, suivi d'un second 
départ de la cour, nous trouvons d'Aubigné préoccupé des intérêts 
religieux et politiques de son parti. C'est le temps des controverses, 
des pamphlets et des discussions. Il prend part active et toujours au 
rang des premiers orateurs, aux synodes, assemblées, colloques ou autres 
réunions des réformés. Quinze jours après l'échec de Duplessis-Mornay 
contre l'éloquent Du Perron (mai 1600), notre capitaine n'hésite pas 
d'affronter ce redoutable adversaire pour relever la cause compromise 
des protestants. On sait que l'issue de cette joute oratoire fut toute 
à son honneur. Non seulement il avait fort irrévéremraent fait transpirer 
le grand Convertisseur, mais il avait écrit, ce qui plus est, son 
dissidiis patrum, auquel on avait promis une réponse qui ne vint 
jamais. Peu de temps après, le père Cottin essuya à son tour l'âpreté 
de sa théologie et de sa dialectique. Cette activité du controversiste 
présuppose des temps d'études et des lectures étendues. Les lettres de 
cette époque en ont conservé les traces. L'une d'elles, bien que sen- 
siblement postérieure, me semble particulièrement significative. Elle est de 
1616 et adressée à Simon Goulard, ministre protestant à Genève. 
(O. C. I p. 472.) 

j, Vous avez, y dit-il, effacé et coi'rigé ma pet'ite glo'ire. en me faisant 
rostre ingrat, lorsque de si hing parmy les fempestes de tant d'affains. 
vous avez daigné savoir qui j'estais, que je faisais, et parmy mes labeurs 
d'enfant fan prix des vôtres) mettre de l'huyk en nui lampe par vos pre- 
.S77//.S. Lorsqui la publigue di.^pute que j'eus avec le Cardinal du l\rron 
me laissa a pr(uirer les disciwds des Peres en mattiere de la />>//. vous m'en- 
voyastes un Mutan. et rostre papa non papa, par l'a y de desquels princi- 
palement je fournis à nui promesse, de laquelle Henri IV estait en quelque 
façon fidcjusteur. et en l'autre exacteur. Votre soin m'estonna en bien- 
faisant: si ji' ne /mis soufrir que la pose fmcte pour respirer (sur l'ohli- 
f/ation (/ni ji nw sens a vous) me rende criminel fit Huibly.^ Et plus 
loin: .// (i/iisy a j irez avoir mugueté les sciences rfiambrit rfs. j'ay trouvé 
(ju'ilhs (sloipiil menteresses ou impuissantis di im ronh nirr. /nais que le 



— 345 — 

/vy^o.s, crdii salaire des /a/jciirs. (sht'tl dans h m/ron ih Sarra. (/aata/ 
inesmes il n'y auroil en la Theologie autre frnicl f/ar di sajn''irois<-r n la 
mort. De telle estude sont eschappez quelques livrets anonimes ou im- 
primez soubs d^ autres noms, et dernieranenl les Trar/iques que /e vous 
envoyerois, si je ne savais bien qu'ils ont passé jusqu'à vous., et par là 
eu moyen de vous ennuyer., si ce n'est qu'en la bonté que vous m'avez 
fait pai'oislre, et en l'amour d'un hon dessein mal exseeuté, vous n'avez 
pas voulu iirere, secare''. Ce qui frappe c'est de voir d'Aubigné dé- 
signer ses Tragiques comme un fruit de ses lectures. Le nom du 
destinataire de la lettre a son importance aussi. Goulard a publié comme 
auteur, traducteur ou simple éditeur un grand nombre d'ouvrages ayant 
trait la plupart à l'histoire de la Réforme. Son nom reste attaché à 
l'histoire des persécutés protestants de France et de l'étranger. Sur ce 
point il eut comme prédécesseur le savant imprimeur Jean Crespin, 
qui, né à Arras en Artois, s'était établi à Genève vers 1550, où il mourut 
en 1572. Ce réfugié avait publié en 1556 un „/fecwe// de plusieurs 
personnes qui ont constamment enduré la mort pour le nom 
du Seigneur, depuis J. Wicliff jusques au temps présent, avec 
une troisième partie contenant autres excelles personnages 
puis nagueres exécutés, pour une même confession du nom de 
Dieu'\ Après avoir été remanié et augmenté ce livre devint le grand 
volume infolio qui porte le titre: Histoire des martyrs, ou histoire 
des vrais témoins de la vérité de l' Evangile Cavec V ancre de 
Jean Crespin). Genève iolO. Après sa mort, S. Goulart continua 
cette œuvre dont on vit successivement paraître cinq éditions nouvelles. 
La dernière est de 1619; elle comprend douze livres, et va jusqu'à l'année 
1610. Richement documenté ce martyrologe se prêtait admirablement 
aux ^^réparations apologétiques d'un pamphlétaire et controversiste. D'x\u- 
bigné doit l'avoir lu et relu, peut-être en avait-il fait, après la Bible, son 
livre de chevet. La preuve c'est ce quatrième et sixième chant des 
Tragiques qui en sont le puissant et vibrant écho. 

En effet, les deux livres, Feux et Vengeances, dont le premier 
„est tout entier au sentiment de la religion de l'autheur'', et 
l'autre ^théologien et hislorial'', remontent directement à l'ouvrage 
de Crespin. Non seulement la plus grande partie des épisodes et 
exemples cités par d'Aubigné s'y retrouvent, mais l'idée génératrice 
même du sixième livre a dû surgir à la lecture de cet ouvrage. Il 
suffit pour s'en convaincre de lire les premières pages du premier livre 
sur les Persécutions de l'Eglise primitive et les Jugemens de Dieu sur 
les persécuteurs de l'Eglise.^) Sans doute les connaissances du futur 

1) Les renvois qu'on trouve dans rédition Lalanne des Tragiques ne son*^ pas 
assez complets pour donner une idée de ce que d'Aubigné doit à Crespin. 



— 346 — 

historien dépassent le cadre de \\,Histoire des martyrs'-'- qu'il a sous 
les 3' eux; et plus d'une fois les faits contemporains dont il a été témoin 
oculaire revivent en sa mémoire. Alors les souvenirs personnels s'éveillent, 
le hantent et viennent se mêler et s'ajouter au récit de la chronique. 

Maint exemple me cerche, et je ne cerche pas. 

( Vengeances v. 921.) 
Ou plus loin: 

Xos yeux mesmes ont veu, en ces derniers orages, 

(Vengeances v. 951) 

Au souvenir des amitiés lointaines le soldat s'attendrit et trouve 
des accents touchants: 

Nostre grand Beroalde a veu, docte Gastine, 
Avant de mourir, ces traicts fruicts de sa discipline; 
Ton privé compagnon d'escholles et de jeux 
L'escrit: le fasse Dieu ton compagnon de feux! 

[Les Feux v. 981.) 

Toutefois les retours de ce genre sont clairsemés; pour l'ensemble, 
il s'en tient à sa source. Sans s'y perdre un instant, il en dispose 
en maître et en artiste, pour la faire servir à ses intentions. A la 
prose pastorale et incolore de son modèle il substitue la langue du soldat- 
poète. Dans les soubresauts des emportements éclate la véhémence de 
son tempérament fougueux, à travers les éhms de la foi, qui va jusqu'à 
l'extase, on sent l'ardeur de son imagination exaltée. A pareil contact la 
phrase périodique, sobre et terne de la chronique se fond, se ramasse, 
se corse, se condense en vers d'une concision telle que souvent ils en 
deviennent obscurs. Parmi les données de l'histoire il va d'instinct aux 
extrêmes, aux antithèses et aux contrastes violents; il fond, s'il en a le 
choix, sur le détail frappant, même hideux, sur le trait qui peint, le mot 
qui porte, sur l'image saisissante qui fait frémir, cherchant avant tout à 
esînoum'tr son lecteur, ce qui pouvait alors paraître le but le plus élevé 
de l'art d'écrire. 



LES FEUX — VENGEANCES. 

HISTOIRE DES MARTYRS, PERSECUTEZ ET 
MIS A MORT POUR LA VERITE DE L'EVAN- 
GILE, DEPUIS LE TEMPS DES APOSTRES 
JUSQUES A LAN 1597 PAR JEAN CRESPIN. 



348 



Les Feux. 

V. 53-56. Ames dessous P autel victime des idolles, 
p. 151. Je preste à voz courroux le fiel de mes paroUes, 
En attendant le jour que VAnge délivrant 
Vous aille les portaux du Paradis ouvrant. 



V. 59 — 72. Vieillards, de qui le poil a donné lustre au sang, 
p. 151. Et de qui le sang fut décoré du poil blanc: 

Hus, Hyerosme de Prague, images bien cognuës 
Des tesmoings que Sodome a traîné par les rues, 
Couronnez de papier, de gloire couronnez 
Par le siege qui a d'or mitrez et ornez 
Ceux qui n'estoient pasteurs quen papier et en tiltres, 
Et aux Evesques d'or faict de papier les mitres. 
Leurs cendres qu'on jetta au vent, en l'air, en Veau 
Profitèrent bien plus que le puant monceau 
Des charongnes des Grands, que morts on emprisonyie 
Dans un marbr'' ouvragé: le vent leger nous donne 
De ces graiyies partout; l'air presqu'en toute part 
Les esparpille, et l'eau à ses bords les départ. 



V. 73—76. Les pauvres de Lyon avoient mis leur semence 
p. 151. Sur les peuples d'Alby; l'invincible constance 

Des Albigeois, frappez de deux cent mille morts, 
S'espandit par l'Europe et en peupla ses bords. 



841) 



Histoire des martyrs, persécutez et mis à mort pour la 

vérité de l'Evang-ile, depuis le temps des Apostres jusques 

à l'an 1597 par Jean Crespin. 

Frontispice: Apoca/j/psie VI. ver. IX. et X. 
Je vy SONS l'diitel /es (iihch de ceux qui auaient esté tuez pour 
la parole de Dieu, et pour le tesmoignage qu'ils maintenoyent. 
Et elles cricyent à haute voix, disaiis, iusques à quand, Seigneur 
sainct et véritable, ne iuges-tu, et ne venges-tu nostre sang 
de ceux qui habitent en la terre? 

livre 2. fol. 50a — 66b. Jean Hus, Bohémien. 

fol. 67a — 70b. Hierome de Prague, Bohémien, 
fol. 61b— 62a. On auoit fait faire une couronne de papier, 
environ de la hauteur d'une coudée: en laquelle on avoit peint 
trois diables horribles, et escrit un titre en grosse lettre, as- 
savoir ce mot, Heresiarcha, qui signifie prince ou maistre des 

hérétiques 

11 }■ avoit là un certain prestre a cheval, vestu d'une robe 

verte, Et ainsi qu'il prioit, il leva les yeux au ciel, et 

ployant le col, il fit tomber de sa teste ceste belle couronne 
de papier qu'on lui avoit mise .... Ils firent diligence à re- 
cueillir les cendres, et les ieterent dedans le Rhin, afin qu'il 
ne restast rien de cest homme sur la terre, tant petit que 
ce fust. 

fol. 69 a. Apres que la sentence eut esté ainsi prononcée 
presque en ceste façon, on apporta à Hierome une couronne 
de papier où il y avoit des diables peints à l'entour .... 
Cependant on apporta son iict et tout le reste de son meuble 
de la prison, et on ietta le tout dedans le feu: et quand tout 
fut consumé, on ietta les cendres dedans le Rhin. 

livre 3. fol. 133b. Au Lyonnois, après leur premier nom de Vaudois, 
qu'ils ont eu d'un nommé Pierre Valdo. on les a appelez 
Poires de Lyon. 



— 350 — 

Les Feux. 

V. 85 — 90. Ainsy la vérité, far ces mains desvoilee, 
p. 151. Dans le Septentrion estetidit sa volée; 

Dieu ouvrit sa prison et en donna la clef, 

La clef de liberté, à ce vieillard Wiclef: 

De lui] fut l'ouverture aux testnoings d' Angleterre, 

Encor plus honorée en martyre qu'en guerre. 

V. 91—96. Là on vid un Bain an, qui de ses bras pressoit 
p. 152. Les fagots emhrazez, qui mourant emhr assoit 

Les outils de sa mort, instruments de sa gloire, 
Baisant victorieux les armes de victoire. 
D'un céleste brasier ce chaud brasier esmeu 
Een^amma ces fagots par la bouche de feu. 



V. 97 — 100. Frich après l'imita, quand sa main clesliee 
p. 152. Fut au secours du feu ; il prit une poignée 

De bois et la baisa, tant luy semblèrent beaux 
Ces eschellons du Ciel comni' ornements nouveaux. 



V. 101 — 104. Puis l Eglise accoucha comme d'une ventrée 
p. 152. De Thorb, de Beiverland, de V invaincu S autre e, 

Les uns doctes prescheurs, les autres Chevaliers, 
Tous à droict couronnés de célestes lauriers. 



V. 105—124. Bien que trop de hauteur esbranlast ton courage, 
p. 152. {Comme les monts plus hauts souffrent le plus d'orage), 

Ta fin pourtant me faict en ce lieu te nommer, 
Excellent Conseiller et grand Primat Kr ammer; 
Pour ta condition plus haute et plus aimable, 
La vie te fut douce et la mort détestable. 



V. 119. Mais ceux de qui la vie a passé comme un jeu, 
p. 152. Ces cœurs ne sont point cœurs à digérer le feu : 



851 — 



Crépin. 



livre 2. fol. 30— 42b. Jean Wicleff. 

Il nous faut poursuivre et commencer ce deuxième livre à 
Jean Wicleff, Anglois de nation, où l'on verra..: 



livre 2. fol. i^H. George Baynam, Anglois. 

Au demeurant, G. B., se monstra fort patient et constant au 
milieu des flammes ardentes: voire en telle sorte, qu'ayant 
pris des fagots entre ses bras, il sembloit qu'il embrassast la 
mort. Et sans changer de face, adressa sa parole au peuple, 
ayant toujours les yeux fichez sur lui : exhortant tous de 
persévérer constamment en la foy, jusqu'à ce que la flamme 
luy eust osté la parole et l'haleine, et lui eust fait fondre le 

cerveau et pour quelque temps il reprima l'ardeur, 

tellement (|u'il recouvra encore quelque peu de voix, et eut 
moyen de parler derechef au peuple, iusqu'à ce qu'il eust 
perdu toute vigueur et force du corps. 

livre 2. fol. lOOb- 104. le an F rit h, de Londres, hommes de lettres. 
. . . après qu'on eut ietté sur lui les flambeaux de paille pour 
allumer le feu, il print de ses deux bras quelques fagots qui 
estoyent là monstrant ouvertement qu'il n'avoit point regret 
d'exposer son corps aux flammes pour une cause si iuste, 
qui 

livre 2. fol. 42b. Guillaume Sautree, Anglois. 

fol. 42b— 49b. Guillaume Thorp, Anglois. 

fol. 49b — 50. M. Jean Beverlav, annonciateur de la parole 

de Dieu. 

livre 6. fol. 378 — 383b. Thomas Cranmer, Primat d'Angleterre, 
fol. 381. dedict de Cranmer: Le Th. C. reiette et renonce 
à toute rheresie de Luther et de Zwingle, ensemble à toute 
doctrine contraire à la pure et sainte doctrine. Outre je 
confesse et croy fermement une sainte Eglise Catholique, hors 
laquelle il n'y a salut aucun: etc. 

La misère et affliction de C. 

La grande tristesse de C. représentée extérieurement. Oraison 



— 352 — 

i»es F'eux. 

C'est pourquoi/ de ces grcmds les noms dedans ce temple 
Ne sont pour leur grandeur, mais pour un rare exemple, 
Bare exemple de Dieu, quand par le chaz estroict 
D'un' esguille il enßle un cable qui va droid. 



V. 125 — 134. Poursuivons les Anglois qui de succez estranges 
p. 153. Ont fait nommer leur terre à bon droict terre d'Anges: 

Tu as ici ton rang, o invincible Haux, 
Qui pour avoir promis de tenir les bras hauts 
Dans le millieu du feu, si du feu la puissance 
Faisoit place à ton zèle et à ta souvenance : 
Sa face estait bruslee, et les cordes des bras 
En cendres et charbons estoient cheutes en bas, 
Quand Haux, en octroiant aux frères leur requeste, 
Des os qui furent bras fit couronne à sa teste. 



F. 135—146. quels cceurs tu engendres! o quels cœurs tu nourris, 
p. 153. Isle sainte qui eus pour nourrisson Nor ris! 

On dit que le Chrestien qui à gloire chemine 
Va le sentier estroict qui est jonché d'espine: 
Cettuy-ci, sans figure, a, pieds nus, cheminé 
De Vhuis de sa prison au supplice ordonné: 
Sur ces tappis aigus ainsi jusqu'à sa place 
A ceux qui la suivront il a rougi la trace, 
Vraie trace du ciel, beau tappis, beau chemin, 
A qui veut emporter la couronne à la fin : 



— 353 — 



Crépin. 



de C: . . Finalement que ceux qui s'enrichissent selon le 
monde, et qui abondent en biens, se proposent diligemment 
devant les yeux ces mots de Jesus Christ, Qu'il est bien diffi- 
cile que te riche entre j am ain au royaiune des deux. 

livre 5. fol. 80(3 — 310b. Thomas Haux, Anglois. 

. . . De ses propos et de sa constance, ils (ses compagnons) 
eurent grande consolation et assistance, neantmoins espouvantez 
de l'appréhension de l'horreur de la mort et du tourment 
du feu qui leur estoit appresté le prièrent d'autant qu'il les 
devoit précéder, qu'au milieu des flammes, s'il estoit pos- 
sible, il leur fist quelque signe, par lequel ils fussent mieux 
acertenez, s'il y avoit si grand tourment en ce genre de sup- 
plice, qu'on ne pust retenir memoire et constance en icelui. 
Ce que ce bon ieune homme promit de faire si avant qu'il 
pourroit pour l'amour d'eux et voici le signe qu'ils eurent 
entre eux : Si la force et la violence de la flamme estoit into- 
lérable, qu'il demeurast paisible sans se bouger: mais si elle 
estoit tolerable, et pour estre endurée facilement, qu'il eslevast 
les mains en haut par dessus la teste avant qu'il rendist 
l'esprit. 

Apres qu'ils eurent ainsi conclu entre eux, et confermé leurs 
cœurs par mutuelles exhortations, l'heure du martyre estant 
IJrochaine, les bourreaux prindrent Haux, et l'attachèrent au 
posteau estroitement avec une grosse chaine de fer à l'en- 
tour de son corps .... le feu fut mis au bois : , . ., ayant 
desia la bouche retroite de la violence du feu. la peau toute 
grillée, et les doigts bruslez, ainsi que tous attendoyent qu'il 
deust alors rendre l'esprit, se souvenant de la promesse qu'il 
avoit faite, il esleva les mains l'une contre l'autre. 

livre 2. fol. 82 b. Ci7iq fidèles, exécutez à mort en Angleterre. 

Cinq hommes de Xorthfolch furent mis à mort pour la con- 
fession de l'Evangile. Le premier Thomas Norys, fut bruslé 
à Norwic, l'an M. D. VII, Quelque temps après, assavoir, 
l'an M. D. X. un prestre nommé Thomas fut dégradé en 
une petite ville appellee Erkek, et depuis a esté bruslé à 
Norwic. Il est escrit de lui, que cependant qu'il estoit encore 
en prison, il se desdit à la persuasion et sollicitation deg 
autres, mais il se repentit et a cause de ceste repentance fut 

2.^ 



- 354 — 

ires Feux. 

Les pieds deviennent cœur, Vame du Ciel apprise 
Faid mespriser les sans, quand le Ciel les mesprise. 

V. 147 — 206. Dieu vid etc. 

/;. irys. 

De deux cœurs plus que d'homme, en sexe de femelle, 
Deux cœurs Chrestiens Anrjlois, — — — — 

L'une croupit long temps en la prison obscure. 

Contre les durs tourments elle fut la plus dure : 

Elle fit honte au Diable et aux noires prisons: 

Elle alloit appuiant d'exemple et de raisons 

Les esprits défaillants ; nul incenteur ne treuve 

Xul tourment qui ne soit surmonté par Askeuve. 

Quand la longueur du temps, la laide obscurité 

Des cachots eut en vain sondé sa fermeté, 

On présente à ses yeux V espouventable géhenne, 

Et elle avoit pitié, en souffrant, de la peine 

De ces faux justiciers, qui aiant essayé 

Sur son corps délicat leur courroux desploié. 

Elle se teut, et lors furent bien entendues, 

Au lieu d'elle, crier les cordes trop tendues. 

Achevé tout l'effort de tout leur appareil, 

Xon pas troublé d'un pleur le lustre de son œil, 

Oeil qui fiché au Ciel, au tourment qui la tuë 

Xe jette un seul regard pour esloigner sa venë 

D'un seul bien qu'elle croit, quelle aspire et prétend, 

Le juge se despite, et luy mesme retend 

La corde à double nœud, il met à part sa robbe; 

L'inquisiteur le suit; la passion desrobbe 

La pitié de leurs yeux; ils viennent remonter 

La géhenne, tourmentez en voulant tourmenter ; 

Ils dissipent les os, les tendons et les veines. 

Mais ils ne touchent point à Vame par les geines : 

La foy demeure ferme, et le secours de Dieu 

Mit les tourments à part, le corps en autre lieu. . 

Sa plainte seulement encor ne fut ouïe, 

Hors l'aine toute force en elle esvanouïe. 

Le corps fut emporté des prisons comme mort : 

Les membres deff aillants, l'esprit devint plus fort. 

Du lict elle instruisit et consola ses frères 

Du discours animé de ses douces misères; 

La vie la reprit, et la prison aussy ; 

Elu acheva le tout, car aussy tod voicy. 



— 355 — 

Crépin. 

condamné à marcher sur des espinos et chausse-trapes en 
allant au feu, qui lui estoit appresté pour le dernier supplice. 

livre 4. fol. 171b — 176b. Anne Askeve, damoiselle Angloise. 

Quels tourments ceste vertueuse femme endura au sortir de 

la prison de Nevvgat: , ils me donnèrent la torture, 

atin que par tourment ils tirassent de ma bouche ce qu'ils 
n'avoient peu par interrogations. Et qu'ils m'eurent long 
temps tenue en la géhenne, voyans qu'en ces tourments, ie ne 
disoy, pas un seul mot, mesme ne bougeoy' le corps, monsieur 
le Chancelier et monsieur Rych furent plus despitez que 
paravant, et tout soudain despouillerent leurs robes et eux 
mesmes prindrent les engins de la torture, pour faire oftice de 
bourreaux : et usèrent d'une telle violence que presque ils 
me brisèrent les membres, et ne s'en fallut gueres que je ne 
mourusse entre leurs mains. Le gouverneur de la tour 
apercevant cela fut d'avis que je fusse ostee de ceste gé- 
henne. Quand ils m'en eurent retirée le cœur me faillit, et 
je n'avoy' plus de force en mes membres: lors ils m'appli- 
quèrent des fomentations et me firent aucunement retourner 
les forces et la vie. 

Je demeuray couchée par terre l'espace de deux heures, 
tandis que Monsieur le Chancelier m' exhortoit par paroles douces 
de renoncer à mes opinions, et que j'accordasse à leurs décrets. 
Mais mon Seigneur et bon Dieu m'arma d'une telle constance, 
que je n'abandonnay jamais la confession pure de son 

Evangile: et 

Apres qu'on m'eust ainsi torturée je fus menée en une petite 
maison, où l'on me mit dedans un lict. Là je senti des dou- 
leurs extremes par tous les membres de mon corps, mais . . . 
Le Chancelier m'envoya dire par un messager, que si je vou- 
loye quitter mes opinions et erreurs, je n'auroy' faute de rien: 
autrement je seroy remenee en prison obscure: et de là au 
supplice pour estre bruslee. Je lui manday ceste réponse par 
le mesme messager, qu'il n'y avoit si horrible ne si cruelle 
mort, que je n'aimasse mieux endurer autant qu'on vou- 
droit, que de renoncer une seule fois à la foy donnée à la 

vraye religion 

Supplice et tin d'A. A. 



356 



Ues Feux. 

Pour du faux justicier couronner l'injustice, 
De gloire le Martyr, on dresse le supplice. 
Quatre Martyrs trembloie-nt au nom mesme du feu. 
Elle leur départit des présents de son Dieu, 
Avec son ame encor elle mena ces âmes 
Pour du feu de sa foy vaincre les autres flammes. 
„Où est ton aiguillon '^ ow est ce grand effort ? 
Mort ! où est ton bras (disoit-elle à la Mort) ? 
Où est ton front hideux, de quoy tu espouvantes 
Les hures des sangliers, les bestes ravissantes ? 
Mais c'est ta gloire, o Dieu, il n'y a rien de fort 
Que toy, qui sçais tuer la peine avec la mort : 
Voicy les yeux ouverts, voicy son beau visage ; 
Frères, ne tremblez pas; courage, amis, courage!" 
(Elle disait ainsyj et le feu violent 
Ne hrusloit pas encor son cœur en la bruslant ; 
Il court par ses costez, enfin leger il rolle 
Porter dedans le Ciel et Vame et la parolle. 



V. 207 — 280. Or l'autre, avec sa foy, garda aussi le rang 
p. 155. D'un esprit tout Royal, comme Boyal le sang. 

Prisonnière ça bas, mais Princesse là haut, 
Elle changea son throne empour un eschaffaut, 
Sa chaire de parade en l'infime sellette, 
Son carosse pompeux eti l'infâme charette. 
Ses perles d'Orient, ses brassards esmaillez 
En cordeaux renouez et en fers tous rouillez. 

Le peuple gémissant portoit part de sa peine, 
En voiant, demi-mort, mourir sa jeune Royne, 
Qui dessus l'eschaffaut se voiant seulement 
Ses gands et son livret pour faire testament, 
Elle arrache ses mains maigres et menues 
Des cordes avec peine, et de ses deux mains nues 
Fit présent de ses gands à sa Dame d'atour, 
Puis donna son livret aux gardes de la tour, 
Avec ces mots escrits : „Si Vame deschar gee 
Du fardeau de la terre, au ciel demi changée, 
Prononce vérité — — — — — 
v. 243. Hay ton corps pour l'aimer, apprens à le nourrir 
De façon que pour vivre il soit prest de mourir 



— 357 — 

Crépin. 

Jean Lacels, Jean Adlam, et Nicolas Deleniam 
Anglois. 

(jtn tro}^ /io/n»if.s furent esineus et e/f'raf/ez nii comlKif. iiinis 
vof/ans ht conttfancc d'une feninw (/ut lefi nroitipat/noi/ nu 
mppUct. veceuretil telle consolation t/ue la mort m leur fui 
rien. 

Il leur print bien d'estre avec Anne Askeve, car iaçoit qu'ils 
fussent hommes douez de grans dons, neantmoins l'exemple 
d'icelle et ses prières leur firent avoir meilleur courage. Ils 
eurent matière de plus grande consolation en ceste espèce de 
mort si horrible, non seulement de ce qu'ils voyoyent sa con- 
stance invincible : mais aussi pour ce qu'ils furent exhortez 
par elle, ce qui leur osta toute frayeur. 



livre 5. fol. 255 — 257b. leane Graye, tille du duc de Suffolc. 

Entre foutes les femmes (l'Angleteri-e . . . reste Jane (le Suffolc 
se trouvera avoir esté la perle: non seulement pour les dons et 
grâces singulières (pi'elle a voit, tnais sur tout pour sa constance 
admirable que Dieu lui a donnée, de tnaintenir etc. 
Cela fait elle se leva sur ses pieds et bailla ses gands et mouchoir 
à Dame Tylnée sa servante, le livre au seigneur Bruge, ... : 
puis se voulant despouiller commença à destacher première- 
ment sa grand' robe. Là le bourreau acourut pour lui aider : 
mais elle le pria de la laisser un peu et se tournant vers 
deux sienes nobles servantes se laissa desvestir par icelles. 
Et après qu'elles lui eurent osté ses ornemens et son atour 
de teste lui baillèrent le bandeau en la main, dont elle se 
devoit fermer les yeux. Sur cela le bourreau se mettant à genoux, 

lui requit humblement lui vouloir pardonner le 

bourreau ayant desgainé, lui coupa la teste l'an du Seigneur 
M. D. L.IV. 

Les paroles dites pctr ceste noble Dame quand on la menait au 
supplice 



358 — 



Les Feux. 



Toujours reigle à la fin de ton vivre le courn, 
Chacun de tes jours tende au dernier de tes Jours. 
De qui veut viwe au Ciel Vaise soit la souffrance 
Et le Jour de la mort celuy de la naissance.^'' 

Achevant ces présents, l'exécuteur vilain, 
Pour la Joindre au posteau voulut prendre sa main 
Eir eut horreur de rompre encore la modestie 
Qui jusqu'au beau mourir orna sa belle vie ; 
Elle appréhenda moins la mort et le couteau 
Que le salle toucher d'un infame bourreau : 
Elle appelle au secours ses pasles Damoyselles 
Pour descouvrir son col; ces fillettes novelles 
Au funeste mestie)', ces juteux instruments 
Sentirent jusqu'au vif leur part de ses tourments. 

V. 274. Les mains qui la paroient la parèrent encore : 
V. 278. La lame du bourreau de son sang fut mouillée : 

V. 281—290. Le ferme doigt de Dieu tint celug de Bilnee, 
p. 157. Qui à sa pemdtiesme et craintive Journée, 

Voidut prouver au soir s'il estoit assez fort 
Pour etidurer le feu instrument de la mort. 
Le geolie^-, sur le soir, en visitaut le treuve 
Faisant de la chandelle et du doigt son espreuve: 
Ce feu lent et petit, d'indicible douleur, 
A la première fois luy affoiblit le cœur. 
Mais après il souffrit brusler à la chandelle 
La peau, la chair, les nerfs, les os et la moelle. 



291 — 318. Le vaillant Gardiner me contraint cette fois 

158. D'animer — — — — 

Tout son sang escuma, luy reprochant son ayse 
En souffrant adorer Vidolle Portugaise. 
Au magnificque apprest des nopces d'un grand Roy, 
La loy de Dieu luy fit mettre aux pieds toute loy, 
Toute crainte et respect, les tourments et sa vie. 
Et puis il mit aux pieds et Vidolle et l'hostie 
Du Cardinal sacrant : là, entre mille fers. 
Il desdaigna le front des portes des Enfers : 



— 859 — 

Crépin. 

Vi comme si tu devois mourir journellement. Mœurs en 
telle sorte que tousjours tu vives sans jamais mourir. Que 
la fragile fiance de la vie incertaine jamais ne t'abuse. 



livre 2. fol. 98. Thomas Bilnee, . . 

On dit ceci, que le jour devant que B. eut esté envoyé au 
feu, passant la nuict en prières, ainsi que sa garde dormoit 
il mit son doigt en la flamme de la chandelle, pour essayer 
s'il pourroit endurer la violence du feu ; mais aussi tost qu'il 
eut approché son doigt (comme la chair resistoit) il le retira, 
et commença à reprendre sa chair disant, comment? tu ne 
peux endurer la brusleure d'un de tes membres, et comment 
pourras-tu endurer la brusleure de tout ton corps ? Et quant 
et quant mit derechef son doigt en la flamme de la chandelle 
et endura la douleur du feu. 

livre 4. fol. 199b — 201. Guillaume Gardiner, en Portugal. 

L'excellence de ce martyr. Nopces du Eoy et Eoyne de 
Portugal. Gardiner ne peut souffrir d'idolâtrie du Roy et 

de la Cour Finalement le Cardinal vint à l'endroit 

de la Messe, auquel tenant l'oublie en l'une des mains et la 
remuant sur la platine la contournoit d'un costé et d'autre. 
Là Gardiner ne pouvant plus souffrir si grande impieté, 
s'adressa promptement vers le Cardinal; et (qui est la cause 
presque incroyable) en la présence et veuë du Roy et de 



360 — 



Les Feux. 



Il vainquit en souffrant les peines les plus dures, 

Les serfs des questions il lassa de tortures : 

Contre sa fermeté reboucha le tourment, 

Le fer contre son cœur d'un ferme diamant ; 

Il avalla trois fois la ser'viette satiglante : 

Les yeux qui le voioient souffraient peine evidente. 

Il beut plus qu'en humain les inhumanités, 

Et les supplices lents finement inventez; 

On le traine au supplice, on couppe sa main dextre, 

Il la porte en la bouche avecque sa senestre, 

La baise; l'autre poing luy est couppé soudain, 

Il met la bouche à bas et baise l'autre main : 

Alors il est guindé d'une haute poulie, 

De cent nœuds à cent fois son ame se deslie: 

On brusle ses deux pieds, tant quïl eut le sentir, 

On cherche sans trouver en luij le repentir. 

La mort à petit feu lui oste son escorce, 

Et lui à petit feu oste à la mort la force. 



V. 330 — 346. Dieu poursuivit Satan, et luy fit guerre ouverte 
p. 159. Jusqu'en V Amérique, où ces peuples nouveaux 

Ont esté spectateurs des faits de nos bourreaux. 
Leurs flots ont sceu noier, ont servi de supplices, 
Et leurs rochers hautains prestes leurs précipices. 

Ce ti'est en vain cpue Dieu desploia ses thresors 
Des bestes du Brésil aux solitaires bords, 



V. 3.57—376. Venot, qucdre ans lié, fut en fin six sepmaines 
p. 159. En deux vaisseaux poinctus, continuelles geinnes ; 
Ses deux pieds contremont avoient ploie leurs os; 
En si rude posture il trouva du repos. 
On vouloit desrober au public et aux veuës 
Une si claire mort, mais Dieu trouva les grues 
Et les tesmoings d'irus. Il demandait à Dieu 
Qu'au bout de tant de maux il peust au beau millieu 
Des peuples l'anoncer, — — — — — — — 

Dieu l'ouït, l'exauça, et sa peine cachée 
X'eust peu jamais trouver heure mieux recerchee : 
Il fut la belle entrée et spectacle d'un Boy, 
Aiant Paris entier spectateur de sa foy. 



— 361 — 

Crépin. 

toute la noblesse de tous les Estats, arracha d'une main le 
dieu de paste, et marcha soudain dessus: de l'autre il renversa 
sa platine. Cela estonna tellement toute rasseml)lee de prime 
face que le peuple .... 

La (jehenne de fa serviette usitée en Portugal: Or non contens 
encores des remonstrances qu'il leur avoit tenues, au défaut 

des lettres — — , ils adiousterent encores une nouvelle 

manière de torture, de laquelle on o'avoit gueres auparavant 
oui parler et laquelle passe la cruauté des autres tourmens. 
Ils firent coudre un linge quasi en rondeur, et le luv four- 
rèrent dedans le gosier, puis le firent distiler eu l'estomach, 
estant attaché par le dernier bout avec une petite corde 
qu'ils tenoyent en la main, puis le retiroyeut: ce qu'ils con- 
tinuèrent par plusieurs fois, pour le faire plus languir, et pour 
lui arracher et ulcérer les parties intérieures. Or estant les 
bourreaux faschez des tortures et cruautez desquelles ils 
avoyent inhumainement martirizé ce sainct personnage, 

livre 7. fol. 399 b — 404 b. Dieu recueille une église au pays du Brésil, 
partie de l'Amérique Australe, — 



livre 4. fol. 185b. M. Florent Venot. 

La constance de F. V., — — , est digne de memoire, car 
elle a esté mesme en estonnement aux plus grands adversaires 
de la vérité. Il n'y a espèce de tourment qu'il n'ait enduré 
l'espace de quatre ans et neuf jours, qu'il fut destenu pri- 
sonnier en la ville de Paris. Entre autres tourmens de la 
prison, il fut environ six sepmaines en un lieu où il ne se 
pouvoit coucher ni estre debout sinon sur le bout des pieds 
le corps estant courbé. Geste espèce de tourment est appelée 
par les maistres inventeurs de ce tourment »la chausse ou 
hotine à l'hippocras^ pour la figure qui est au bas estroite, 
et grosse en eslargissant. Il n'y a eu criminels au rapport 
d'eux-mesmes, qui ait peu endurer ce tourment quinze jours 



862 — 
JLes Feux. 



r. 384 — 3i>0. Il esveilla celw/ sont les discours s^i beaux 
p. 160. Donnèrent cœur aux cœurs des quatorze de M eaux, 

Qui (en voiant passer la charrette enchainee 
En qui la saincte trouppe à la mort fut mejiee) 
Quitta là son mestier, vint les voir, s^enquerir, 
Puis instruit de leur droid les voidut secourir, 
Se fit leur compagnon et en fin il se jette. 
Pour mourir avec eux, lu>/ mesme en la charrette. 



V. 427 — 4i')4. Les Lyonnais aussi résistèrent à Dieu, 
p. lf)2. Lors que deux frères saincts se rirent au miUieu 

Des feux estiucellans, — — — — — — — — 



- 363 - 

Crépin. 

au plus sans estre en danger de mort, ou de transport par 
rage et aliénation de sens. — — — — 

Vous prétendez par longs touriuens débiliter la force de 
l'esprit, ou de me faire mourir en la prison: mais vous y 
perdez temps, car j'espère que Dieu me fera la grâce de 
persévérer jusque à la fin et de bénir son sainct Nom en 
ma mort. Quelque temps après il eut heureuse issue de son 
souhait voire en ceste saison fort convenable pour manifester 
aux plus braves de la Cour de France, que la vérité de 
l'Evangile est plus forte et puissante que — — — — — . 
En ces pompes et festins solennels ordonnez par le Roy, 
après son entrée en la ville de Paris, — — — — — .fut 
produit pour estre sacrifié. Et pour lui faire plus grand 
opprobre, ou pour l'intimider on le fit spectateur de la mort 
des autres martyrs du Seigneur, qui ce jour-là endurèrent 
la mort en divers lieux en la dite ville de Paris. Et com- 
bien que ce personnage eust la langue coupée: neantmoins 

Il fut donc exécuté le dernier estant fort travaillé de corps: 
et fut bruslé vif en la place Maubert environ les 2 heures après 
midi le neufieme de juillet du dit an 1549. 

livre 4. fol. 170— 172b. De ceux de la tille de Meaiix: et de 
quatorze martyrs exécutez en icelle. Cependant avint un 
acte notable par une grande providence de Dieu, qui resjouit 
et consola merveilleusement ces pauvres patiens oppressez 
de fascherie et travail tant d'esprit et de corps. Comment 
ils passoyent par la forest Livry, laquelle est à trois lieues 
de Paris, se présenta à eux un homme d'un petit village 

voisin — , tisserand de toile de son métier: lequel 

commença à suivre les chariots exhortant tous à persévérer 
en la confession de la vérité. Prenez courage, disoit-il, — 
— — — — — — — et sans autre inquisition le lièrent 

et le garrottèrent, puis le jetterent dedans le chariot des plus 
criminels. — — car cet homme tout, frais en son ardeur leur 
servit de refraischissement et nouveau secours etc. 

livre 4. fol. 201 — 231b. Martial Alba, Pierre Escrivain, Bernhard 

Seguin, Charles Faire, Pierre Kavihere: lesquels furent 

constituez prisonniers en la ville de Lyon, le premier jour 
du mois de May, M. D. LU. — — —, après avoir receu 



— 364 — 

Les Feux, 

Un grand feu fut pour eux aux Terreaux préparé; 

Ces deux frères priaient, quand — — — — — — 

V. 455—402. Autres cinq de Lyon, liez de mesmes nœuds, 
p. 162. Xe furent poind dissouts par les fers et les feux: 



V. 469 — 514. Heureuse Graveron, qui ne sceut ton courage? 
p. 163. Qui ne cognent ton cœur non plus que ton voiage ? 

L'hommage fut à Dieu qu'en vain tu apprestois 
A un vain Cardinal, ce fut au Rog des Rois, 

Sa soeur la trouve en pleurs finissant sa prière, 

Son visage luisît de nouvelle beauté 
Quand Varrest lui fut leu : le bourreau présenté. 
Deux qui V acompagnoient furent pressez de tendre 
Leurs langues au couteau; — — — — — — 



V. 526 — 5)42, Il fallait que la terre aussi) fust leur bourelle. 

p. 164. ' 

Je veux tirer à part la constante Marie, 
Qui (votant en tnespris le tombeau de sa vie 
Et la terre, et le coffre, et les barres de fer 
Oh elle allait le corps, et non Vame estouffer) 



— 365 — 

Crépin. 

sentence. — — — , laquelle estoit en somme d'estre menez 
au lieu des Terreaux, et là estre bruslez vifs iusque à y faire 
par le feu entière consomption de leurs corps. Le dernier 
supplice. 



livre 7. fol. 481b. Philippe de Lwis, damoiselle de Graverori en 
Perigueux. 

Quant le lieutenant la voulut renvoyer, elle luv fit ceste 
requeste : Monsieur, vous m'avez osté ma sœur, et avez 
commandé que je fusse enfermée seule: ie voy bien que ma 

mort aproclie; c'est à présent, je vous prie m'ottroyer 

que i'aie une Bible ou un nouveau testament pour me conforter. 
(Clinet, et Gravelle ses compagnons ont baillé leurs langues 
au couteau) la Damoiselle estant requise de bailler sa 
langue, le fit alaigrement, disant ces paroles, puis que je ne 
plains mon corps plaindroy-je ma langue? Non, non. Tous 
trois estant ainsi acoustrez partirent du Palais. — — — . 
La Damoiselle sembloit encores les surmonter en constance, 
car elle n'estoit aucunement changée de visage: mais assise 
dessus le tombereau monstroit une face vermeille, voire d'une 
excellente beauté. Elle avoit au paravant pleuré son mari, 
et portoit le dueil habillée de linges — — — — — , mais 
alors avoit posé tous ses habillements de vefvage et reprins 
le chaperon de velour et autres acoutremens de joye, comme 
pour recevoir ceste heureux triomphe et estre jointe à son 
époux Jésus Christ. Estant arrivez à la place Maubert, 
lieu de leur mort, avec ceste constance ils furent ars et 
bruslez: Clinet et Gravelle vifs, la Damoiselle estranglee après 
avoir esté flamboyée aux pieds et au visage. 

livre 3. fol. 161b. Marion, femme d' Adrian, cousturier de Tournay. 
Estant venue sur reschafi"aut, et ayant aperceu la terre, le 
coffre et les preparatives, tant s'en fallut qu'elle s'estonnast 

de ce cruel apareil. . Quand M. fut estendue dans 

ce coffre, les trois barres la serrant estroitement, — — . En 
ce tourment cruel, la vertueuse femme fut suffoquée et 
couverte de terre, et ainsi finit son martyre. 



— 366 — 

Les Feux 

ôiH — 612. Entre ceux dont l'esprit peut esire traversé 
1G5. De l'espoir du futur., du loyer du passé, 

Du Bourg aura ce rang ^ son cœur pareil à l'aage, 
A sa condition l'honneur de son courage, 
Son esprit indompté au Seigneur des Seigneurs 
Sacrifia son corps, sa vie et ses honneurs. 

En allant à la mort, tout plein d'authorité, 

Il prononça ces mois: „ — — — — — — — 

„Mais ce pleur vous tourmente et vous est inutile. 
Et ce pleur n'est qu'un pleur d'un traistre crocodile. 

Du Bourg prés de la mort, sans qu'un visage blesme 
L'habillast en vaincu, se devestit sog mesme 
La robbe, en s'escriant : „Cessez vos bruslements. 
Cessez, o Senateurs ! tirez de mes tourments 
Ce profit, le dernier, de changer de courage 
En repentance à Dieu." Puis tournant son visage 
Au peuple dit: „Amis, meurtrier je ne suis point: 
C'est pour Dieu l immortel que je meurs en ce poinct." 
Puis comme on Veslevoit, attendcmt que son ame 
Laissast so)i corps heureux au licol, à la fiamme : 
„Mon Dieu, vray luge et Père, au millieu du trespas 
Je ne Vay point laissé, ne m' abandonne pas : 
Tout puissant de ta force assiste ma foiblesse : 
Ne me laisse, Seigneur, de peur que je te laisse." 



2j. 623—720. Mais Dieu voulut encor à sa gloire immortelle 
p. 167. Presch er dans l'Italie et en Rome infidelle, 

Vous avez veu du cœur, voulez vous de l'adresse. 
Et voir le fin Satan vaincu par la finesse ? 
Montalr.hine, l'honneur de Lombardie, il faut 
Qu'en ce lieu je t'esleve un jüus brave eschafaut 
Que celui sur lequel, aux portes du grand temple, 
Tu fus martyr de Dieu et des martyrs l'exemple. 
D Antéchrist descouvrant — — — — — — 



Besolut de cacher ses meurtres désormais 
De la secrette nuict soubs les voiles espais. 



— 367 - 

Crépin. 

livre 7. fol. 4(i7b— 47ôb. Anne Du Bourg, Conseiller au parlement 
de Paris. 

Le dernier ronilmf cf nolahlc i.s.sne de M. Ihi lid/in/. 
De la remonstrance qu'il lit A, ses juges. 
Admonition cligne que tous Juges et Magistrats entendent. 
Pourquoy le glaive donné aux Magistrats. — Ayant encores 
repris son propos par une grande véhémence, jusques à faire 
larmoyer ses luges, leur disoit qu'ils l'avoyent fait mourir 
pour n'avoir voulu reconoistre iustice, — — — . Et après 
avoir continué longuement ce discours, il dit pour conclusion, 
Cessez, cessez vos bruslements, et retournez au Seigneur en 
amendement de vie, afin que vos péchez soient effacez: que 
le meschant deslaisse sa voye et ses pensées perverses, et 
qu'il se retourne au Seigneur, il aura pitié de lui. Vivez 
donc, et méditez en icelui, ô Senateurs, et moy je m'en vay 
à la mort. Ainsi fut mené lié en la manière acoustumee, 
dedans une charrette, à la place nommée S. Jean en Grève, 
— — — , monstrant toujours un visage asseuré, iusque niesme 
à despouiller (estant venu au lieu du supplice) lui raesme ses 
habillemens: et estant nud iettant de grands soupirs, Dieu, 
disoit-il au peuple, mes amis, je ne suis point ici comme un 
larron ou meurtrier: mais c'est pour l'Evangile. Et comme 
on l'eslevoit en l'air, disoit souvent, Mon Dieu, ne m'abondonne 
point, alin que je ne t'abondonne: iusques à ce qu'il fut 
exécuté, pendu et estranglé, sans sentir le feu, ceste grâce 
lui ayant esté faite par ses luges. Ainsi il scella de son 
propre sang ce qu'il avoit signé de sa main, comme il avoit 
protesté par sa confession. 

livre 5. fol. 264b. leau Molle, et un Tisseran de Peruse. 

Jean Molle estoit natif de Montalcin, ville assize au territoire 

de Siene 

Ainsi donc le cinquiesme jour de septembre de Tau M. D. 
L. III, il fut mené avec plusieurs autres para vaut emprisonnez 
pour le fait de la Religion, au temple qu'ils appelent Santa 
Maria di Minerva, atin que ceux qui ne voudroyent abjurer 
fussent condamnez sur le champ et envoyez au feu. 
Estant escheu à Jean de parler à son tour, il demanda 
congé de dire ouvertement ce qu'il avoit eu pensée : ce qui 
lui fut octroyé. Lors entamant le propos il répéta et con- 
ferma par vives raisons, proposées d'une grande véhémence 



368 — 
IjOs Feux. 



Ce vieil soldat de Chirst feignit un repentir, 
Foict ses jnf/es venir, et après la sentence 
Leur promet d'annoncer entière repentance 
De ses fausses erreurs et que publicquement 
Il se desisteroit de ce que faussement 
Il avoit enseigné: on assura sa vie, 
Et sa promesse fut de promesses suivie. 

Et Montalchine fut conduit pjonr se desdire 
Sur Veschaffaut dressé: là du peuple il fut veu 
En chemise, tenant deux grands torches de feu : 

(Son discours). 
V. 717. Les peupAes tous esmeus commançoient à troubler: 
Il jette gayement ses deux torches en Vair, 
Demande les liens, et cette ame ordonnée 
Pour Vestou-ffer de nuicf triomphe de journée. 

V. 719 — 788. Vous, Gastine et Croquet, sortez de vos tombeaux: 
p. 170. leg je planterag vos chefs luisants et beaux : 

An milieu de vous deux je logeray Venfance 
De vostre commun fils, beau mirouer de constance. 



y, SSS — 890. Et Le Brun, Da up) hin ois, doctement avisé, 
j), 175. Quand il eut sa sentence avec plaisir ouië, 

Bespondit qu'on Va voit condamné à la vie. 



V. 1823 1350. Quand la guerre, la peste et la faim s'apjprochoient, 

p. 188. Les trompettes d'Enfer plus eschauffez preschoient 

Les armes, les fagots, et, pjour appaiser l'ire 
Du Ciel, on présentent un fidelle au martyre : 

Vous deschirez encor et les noms et les vies 
Des inhumanitez et mesmes calomnies 
Que Borne la payenne infidelle inventa, 
Lors que le fils de Dieu sa bannière y planta. 



— 369 — 

Crépin. 

et ardeur d'esprit tout ce qu'il avoit paravant enseigné et 
pressé en divers lieux touchant les articles pour lesquels il 
estoit accusé d'heresie : comme du Péché Originel, de la 
lustification de la foy, des bonnes œuvres, etc. . . . En 
témoignage de ces choses, reprenez maintenant ceste chan- 
delle que vous m'avez baillée. Quoy disant il jetta par terre 
le plus loin qu'il peut, et d'un visage courroucé, la chandelle 
allumée, qu'il tenoit en la main. 



livre 10. fol. TOI. Nicolas C'roquet, Philippe et Richard de 
Gastines, père et fils, marchans de la ville de Paris. 
(Des actions particulières durant leur emprisonnement, combien 
que la Cour de Parlement se soit fort gardée d'en publier 
quelque chose, si est-ce qu'elle a assez manifesté par sentence 
et arrest, les raisons pour lesquelles on les a fait mourir: 

livre 3. fol. 117. Estienne Brun, Dauphinois. 

Au mois de luin de ceste mesme année, Estienne estant 
mené devant les luges pour ouïr sentence de mort, les aborda 
en ceste sorte, disant, Pouvres gens que pensez-vous faire"? 
vous me voulez condamner à la mort : vous vous trompez, ce 
sera à la vie. 

livre 6. fol. 474—478. (édit. d. 1570)! 

Touchant la persécution de l'Eglise des fidèles à Paris. 
Cependant le bruit couroit par tout de ceste prise: et propos 
divers se tenoient de ça et de là, touchant ce qui s' estoit fait 
à l'assemblée et la commune opinion estoit, qu'on s'estoit à 
ressemblée pour faire un banquet, et puis paillarder pesle 
mesle les chandelles esteintes. 
idem. fol. 477. 

24 



— 370 — 

Les Feux. 

Xous sommes des premiers images véritables : 
Lnprudents vous prenez des Nerons les vocables. 
Encontre ces Chrestiens tout s'esmeut par un bruit 
Qu'ils mangeoient les enfants, qu'ils s assembloient la nuict 
Pour tuer la chandelle et faire des meslanges 
D'inceste, d'adultère et des crimes estranges. 
Ils voioient tous les jours ces Chrestiens accusez 
Ne cercher que Vhorreur des grands feux embrasez, 
Et Cyprian disoit: „Les personnes charnelles 
Qui aiment leurs plaisirs, cerchent-ils des fins telles ? 
Comment pourroit la mort loger dans les désirs 
De ceux qui ont pour Dieu la chair et les plaisirs ?" 



— 371 — 

Crépin. 

fol. 477b. Iiistin Martyr, (ui Dialogue qu'il a fait avec 

Trijphon contre les luifs. 

Car, qui est celuy qui estant voluptueux et charnel, aille 

ioyeusement à la moi't, par laquelle il perd toutes ses com- 

nioditez et plaisirs? 

Saint Cyprien au premier Traitté contre Demetrian. 

Tu dis que plusieurs se plaignans, estiment que les guerres 

qui s'esmeuvent souvent, les pestes, les famines, les longues 

pluyes adviennent à cause de nous, et que tous les maux 

dont le monde est troublé, nous doivent estre imputez, 

d'autantque nous ne servons point à leur dieux: or qu'ils 

sacbent au contraire que, c'est pourautant que Dieu n'est 

point servy par eux. 



V. 561-575. p. 208. 

V. 587—594. p. 209. 

^, 007^650. p. 210. 

V. 651-666. p. 211. 

V. 689-693. p. 212. 

V. 702. p. 213. 

V. 768-890. p. 214. 

V. 893-903. p. 218. 

V. 924. p. 219. 

V. 1061-1064. p. 223. 

V. 1064—1074. p. 223. 

V. 1075—1082. p. 228. 

V. 1083-1094. p. 224. 

V. 1095-1100. p. 224. 

V. 1101-1108. p. 224. 

V. 1109. p. 225. 

V. 1110. p. 225. 

V. 1111—1112. p. 225. 

V. 1027—1150. p. 225. 



— 872 — 

Livre cinquième. 
Les Fers. 



Livre sixième. 

Vengeances. 

V. 516—536. p. 254. Néron. 
V. 537 — 552. p. 255. Domitian. 
V. 553 — 564. p. 255. Adrian. 

V. 565 — 586. p. 256. Severe, Hermhiian, Valerian, Saporez. 
V. 597 — 646. p. 257. Aurelian, Diocletian, Maximian, 

Maximin. 

V. 647-650. p. 258. Julian. 
(V. 506—650.) 



') Nous n'avoas pas parlé du chant cinquième pour lequel les rapprochements, 
comme on le voit, sont encore possibles. Mais les emprunts, si emprunts il y a, étant 
moins fidèles et moins fréquents, et l'élément historique qui prédomine dans les Fers 
nous semblant devoir remonter à des sources plus directes, nous nous sommes bornés ici 
à des renvois. 



— 373 — 



Crépin. 



livre 8. 


fol. 


557 — 5(il. 




livre 8. 


fol. 


583— 584b. 




livre 8. 


fol. 


592— 594b. 




livre 10. 


fol. 


712—716. 




livre 8. 


fol. 


133— 14(j. 




livre 2. 


fol. 


71b. 




livre 10. 


fol. 


703b— 708b. 




livre 10. 


fol. 


707 b. 




livre 10. 


fol. 


706. 




livre 10. 


fol. 


708 b— 709 b. 




livre 10. 


fol. 


712b-716. 




livre 10. 


fol. 


717— 719b. 




livre 10. 


fol. 


718b. 




livre 10. 


fol. 


709b— 712; 720- 


-722. 


livre 10. 


fol. 


722. 




livre 10. 


fol. 


589—591. 




livre 8. 


fol. 


594 b. 




livre 10. 


fol. 


722b— 724b. 




livre 10. 


fol. 


716. 





livre 
livre 
livre 


1. 
1. 
1. 


livre 
livre 


1. 
1. 


livre 
livre 


1. 
1. 



Crépin. 

fol. 9. Persécution de r Eglise chrestienne sous Néron. 
fol. 9b. Seconde persécution de V Eglise sous Domitian. 
fol. 10 — 14. La quatrième persécution sous Adrian An- 
tonin, 

fol. 13. Cinquième persécution sous Severus. 
fol. 14. Neuvième persécution sous Aurelian. 
La neuvième et longue persécution sous Diocletietn, Maxi- 
mian et M a xi m in. 
fol. 15 -17b. 

fol. 27 b— 31b. Discours des jugemens de Dieu sur quelques 
persécuteurs de P Eglise primitive chrestienne. 



— 374 — 

Vengeances. 

V. 767—777. Archevesque Ärondel, qui eu la Cantorbic 
p. 262. Voulus tarir le cours des paroles de vie. 

Ton sein encontre Dieu enflé d'orgueil souffla, 
Ta langue blasphémante encontre toi s^ enfla : 
Et lors qu'à vérité le chemin elle bousche, 
Au pain elle ferma le chemin et la bouche. 
Tu fermais le pjassage au subtil vent de Dieu : 
Le vent de Dieu passa, le tien n'eut point de lieu. 
Au ravissetir de vie à ce poinct fut ravie, 
Par V instrument de vivre et l'une et Vautre vie : 
L'Eglise il affama. Dieu luy osta le pain. 



v. 779 — 786. L'affamé qui voulut saouler sa brute rage 
p. 262. Du nez d'un bon pasteur, l'arracher du visage, 

Le casser de ses dents et l' avaller après, 
Fut puni comme il faut: car il sortit exprés 
Des bois les pjhis secrets un loup qui du visage 
Luy arrache le nez et luy cracha la rage: 
Il fut seid qui sentit la vengeance et le coup 
Et qui seul iiTita la fureur de ce loup. 

V. 799 — 801. Le stupide Mesnier, ministre d'injustice, 
p. 262. Tout pareil en désirs sentit pareil supplice, 

Supjpjlice remarquable. 



V. 819 — 836. Qui veut scavoir comment la vengeance divine 
p. 263. ♦ A bien sçeu où dormait d'Herode la vermine 
Pour en pjersecuter les vers persécuteurs, 
Qu'il voye le tableau d'un des Inquisiteurs 
De Merindol en feu. Sa barbarie extreme 
Fut en horreur aux Boys, aux persécuteurs mesme. 
Il fut bannis; les vers suivirent son exil, 
Et ne peut inventer, cet inventeur subtil, 
Armes pour empescher cette pjetite armée 
ly empwizonner tout l'air de puante fumée. 



— 375 — 

Crépin. 

livre 2. fol. 75. La mm't estrange de T. A ion de), Archevesfjue dp. 
(Jantorbie. 

Durant ce temps cest Archevesque Thomas Arondel mou- 
rut l'an 1415, (selon que recite Thomas de Gascongne en 
son dictionaire Theologique) d'une estrange et horrible mort. La 
langue lui devint si enHee et grosse, qu'elle lui remplissoit 
toute la bouclie: de manière que quelques jours avant sa 
mort il ne pouvoit rien avaler ne mesme parler: et mourut 
comme affamé en grand desespoir. Plusieurs disoient en 
Angleterre que c'estoit à cause qu'en son temps il avoit lié 
la parole de Dieu, et par grandes cruautez empesché le cours 
d'icelle: . . 

livre 8. fol. 532b. Histoire des 'persécutions a'Angrongne. 

Il avint de ce temps-la qu'un homme de Briqueras, nommé 
Jean Martin Trombaut: lequel se vantoit par tout qu'il 
couperoit le nez au Ministre d'Angrongne, fut Inen tost apres 
assailli d'un loup enragé qui lui mangea le nez, et puis il 
mourut enragé. On n'a point entendu que le loup ait jamais 
fait autre mal ne dommage. Cela fut connu par tout le pays 
circonvoisin. 

livre 4. fol. 183 b. Me ni er eschappé des hommes tombe es mains 
de Dieu: 

Or ce Menier qui sembloit verdoyer en toute prospérité, 
fut tantost après arraché, estant saisi d'un flux de sang, qui 
lui esmeut les parties honteuses et lui engendra une carnosité 
et rétention d'urine: et mourut avec cris et despitemens hor- 
ribles, sentant un feu qui le brusloit depuis le nombril ius- 
ques en haut, avec extreme infection de ses parties basses. 

livre 3. fol. 142. Tourmens horribles en la mort de lean de Roma. 
On sçait assez de quel rage il affligeoit les povres chrestiens. 
Une des peines de laquelle il s'avisa pour tourmenter ces 
povres gens de Provence, estoit d'emplir des botines de 
graisse chaude, et de les faire chausser à ceux qu'il vouloit 
tourmenter. Dont le feu roy François estant averti, com- 
manda par lettres patentes envoyées au Parlement de Provence, 
qu'en toute diligence on l'apprehendast: — — — — mais 

de Roma, , se retira de bonne heure à Avignon, . 

Puis après tomba malade d'une maladie espouvantable et 



— 37( 



Vengeances. 

Ce chasseur dechassa ses compagnons au loing, 
Si qu'un seul d'enterrer ce demi mort eut soing, 
Luij jetta un chrochet et eniraisna le reste, 
Des Diables et des vers allumettes de peste, 
En un trou : la terre eut horreur de Vestouffer, 



V. 837—840. Du Prat fut le gibier des mesmes animaux: 
p. 264. Le ver qui l'esveilloit, qui luy contoit ses maux, 

Le ver qui de longtemps pecquoit sa conscience 
Produisit tant de vers quils percèrent sa jjanse. 



V. 848—858. L'Aube Spin , qui premier, d'une ambition folle, 
p. 264. Cuida fermer le cours à la vive parolle, 

Et qui bridant les dents par des baaillons de bois. 
Aux mourans refusa le soldas de la voix. 
Voyant en ses costez cette petite armée 
Grouiller, l'ire de Dieu en son corps animée 
Choisit pour ses parrains les ongles de la faim. 
Lié par ses amis de l'une et l'autre main, 
Comme il grinçoit les dents contre la nourriture. 
Ses amis d'un baaillon en firent ouverture ; 
Mais avec les cotais dans sa gorge coula 
Un gros amas de vers qui à coup Vestrangla. 
Le céleste courroux luy parut au visage. 
Xid pour le deslier n'eust assez de courage : 
Chacun trembla d'horreur, ei chacun estonné 
Quitta ce baaillonneur et mort et baaillonné. 



— 377 — 

Crépin. 

inconnue aux Médecins. Horribles douleurs le saisirent: et 
ni avoit fomentations ni onctions qui peussent servir pour 
lui donner repos: et qui plus est, il n'y avoit personne qui 
sceust demeurer près de lui. Il fut mené à l'hospital, et 
recommandé d'estre bien traitté: mais nul n'osoit approcher 
de lui, pour l'infection et puanteur qui sortoit des plaies 
pourries de son corps. — — — — -. Et ainsi cest homicide 
et blasphémateur, ayant affligé plusieurs tideles par tournions 
nouveaux, pour la tin de ses cruautez il receut confusion 
horrible: atin qu'il fust à tous persécuteurs exemple du 
iugement de Dieu, et de la vengeance qu'il fera du sang 
espandu à tort et sans raison. 

livre 7. fol. 428b. Déclaration de plusieurs iugemens de Dieu: Il 
y a auparavant autres exemples mémorables du iugement 
de Dieu, comme de la mort du Chancelier et Legat du Prat, 
qui fut le premier qui défera au Parlement la conoissance 
des hérésies, et qui donna les premières commissions pour 
faire mourir les tideles. Car il mourut en la maison de 
Nantouillet iuraut et despitant Dieu et fut trouvé son 
estomach percé et rongé de vers. 

livre 7. fol. 494. Xoùibles Jugemens de Dieu sur certains persécu- 
teurs et apostats. 

— — entre autres iuges de ces Martyrs, Laub es pin Con- 
seiller au Parlement de Grenoble, — — . Quant à L., 

peu après ces exécutions, estant devenu amoureux d'une 

Damoiselle — . Estant raesprisé d'elle, il s'anonclialit 

tellement, que ne tenant compte de sa propre personne il 
fut accueilli de poux qui prinrent telle place en lui qu'on 
ne les en i^eut jamais chasser. Car ils croissoyent sur lui 
et sortoient de toutes les parties de son corps, comme l'on 

voit sortir la vermine d'une charongne pourrie. _ — - 

et pour abréger ses iours conclud de se laisser mourir de 
faim, ioint que les poux le tenoyent de si court à la gorge, 
qu'ils sembloyent le vouloir estraugler. Ceux qui voyoyent 
ce piteux spectacle furent grandement esmeus et de compassion 
qu'ils en avoyent conclurent de le faire manger voulust-il 
ou non: et pour lui faire prendre des coulis et pressis, d'autant 
qu'il y resistoit de sa force ils lui lièrent les bras, et le 
baaillonnerent d'un baston pour tenir sa bouche ouverte, 



— 378 — 

Vengeances, 



V. 887 — 894. Four tm péché pareil, mesme peine evidente 
p. 265. Brusla Po nt-cher, l'ardent chef de la Chambre ardente- 

Uardeur de cettuy cy se vid venir à l'œil. 
La mort entre le cœur et le bout de Vorteil 
Fit sept divers logis, et comme par tranchées 
Fartage fassiegé, ses deux Jambes haschees 
Et les cuisses après servirent de sept forts ; 
En repoussant la mort il endura sept morts. 

V. 895 — 902. DEvesque Ca s t élan, qui d'une froideur lente 
p. 265. Cachoit wi cœur bruslant de haine violente, 

Qui sans colère usoit de flammes et de fer, 
Qui pour dix mille morts n'eust daigné s'eschauffer, 
Ce fier doux en propos, cet humble de col roide 
Jugeait au feu si chaud d'une façon si froide : 
L'une moitié de lut/ se glaça de froideur, 
L'autre moitié fuma d'une mortelle ardeur. 

V. 041 — 946. Le Rhosne en a sonné, alors qu'en hurlements 
p. 267. Reniai me et Revêt desgorgeoient leurs tourments. 

,,J'cn (dit l'un) condamné le sang et l'innoncence." 



v. 973. Le Cardinal Folus, plein des mesmes Desmons, 
p. 268. 



v.l019 — 10'-iH.Je me haste — — - 

p. 269. D'Olivier Chancelier le tableau et l exemple 

Cettuy cy visité du Cardinal sans pair, 



S'escria de deux voix: ,.0 Cardinal maudit, 



— 87iJ — 

Crépin. 

pendant qu'on lui mettoit la viande dedans. Estant ainsi 
baaillonné il mourut comme une beste enragée de l'abondance 
des poux qui entrèrent iusques eu sa gorge. Et disoir.-on, 
mesme entre ceux de la Religion Romaine, que du niesme 
tourment qu'il avoit inventé contre les Ministres de Valence 
les envoyant baaillonnez au supplice, il avoit esté puni par 
un iuste iugement de Dieu. 

livre 7. fol. 423b. Avez vous jamais entendu, comme feu Poncher 
Archevesque de Tours, poursuyvant l'érection d'une Chambre 
ardente, fut bruslé du feu de Dieu, qui lui commença 
au talon: et se faisant couper un membre après l'autre, 
mourut misérablement, sans qu'on peust jamais trouver la 
cause ? 



livre 7. fol. 423b, Comme Caste llanus s'estant enrichi par l'Evangile 
et ayant rejette la pure doctrine pour retourner à son 
vomissement, voulant persécuter la ville d'Orléans, fut touché 
en la chaire du doigt de Dieu et d'une maladie inconue 
aux médecins, bruslant la moitié de corps, et l'autre froide 
comme glace, mourut avec cris et gemissemens espouvantables- 



livre 7. fol. 454b. Renialme. Iceluy en cas semblable ayant iugé 
à mort quelques povres innocens, receut aussi soudain une 
horrible sentence de Dieu au mesme lieu: de sorte qu'il fut 
mené à demi désespéré à sa maison, où tost apres mourut« 
criant et lamentant qu'il avoit iugé le sang innocent. 

livre 7. fol. 423b. Le Cardinal Polus Anglois — — — — — — . 

mourut incontinent après Marie en la mesme sepmaine, de 
regret, d'appréhension et espouventemens horribles qui l'ac- 
compagnèrent en la mort. 

livre 8. fol. 517. Durant ce temps le Chancelier de France, François 
Olivier — — — fut saisi d'une grosse maladie: durant 
laquelle il iettoit de grans soupirs sans cesse et aftligeoit sa 
personne en façon fort estrange et espouvantable. Il fut en 
ce tourment visité par le Cardinal de Lorraine, lequel 



— 380 — 

Venffeances. 

Tu nous fais tous damner /" Et à cftte parolle 
Cette peste s'en va et cette ame s'envoUe. 

c. 1034 — 1064. Cette force inconnue et ces bonds violents 

p. 260. Eurent mesme moteur que ces grands mouvements 

Que sent encor la France ou que ceux qui parurent, 
Quand dans ce Cardinal tous les Diables moururent- 



Uair noirci de Démons ainsi/ que de nuages 
Creva des quatre parts cl'hnpetueux orages : 
Les vents, les postillons de l'ire du grand Dieu 
Troublez de cet esprit retroublerent tout lieu : 
Les déluges espaiz des larmes de la France 
Rendirent l'air tout eau de leur noire abondance. 
Cet esprit boute-feu, au bondir de ces lieux, 
De foudres et d'esclairs mit le feu dans les deux. 



lllô — IW). De Lizet l'orgueilleux la rude ignominie, 
272. De luy, de son Simon la mortelle manie, 

La lepjre de Romma et celle qu'un plus grand 
Pour les siens et pour soy perpétuelle prend ; 
Jje despoir des Marins, dont l'un à mort se blesse, 
Les foyers de Ruzé et de Faye VEspesse. 



JS'ote: Ayant l'inteution de publier ailleurs les textes complets nous avons cru pouvoir 
nous dispenser ici des variantes (|ui ont servi à établir le texte critique des Feux 
et des Vengeances. 



— 381 — 

Crépin. 

s'estaiit esloigné de lui, ce Chancelier s'escria, disant: „Ha! 
Cardinal, tu nous fais tous damner." 

livre 12. fol. 754b. Mort du Cardinal de Lorraine: Tost apres et 
sur la fin de ceste année, Charles Cardinal de Lorraine, 
l'un des principaux de la maison de Guise, cauteleux et 
cruel persécuteur des Eglises, des plusieurs années aupara- 
vant, et l'un des premiers conseillers et promoteur des guerres 
civiles et massacres en France, et d'infinies confusions ailleurs, 
— — — , tomba malade et mourut frénétique et insensé de- 
dans Avignon, où à l'heure de son trespas survint une 
tempeste en l'air si horrible que tous en estoient esperdus. 
Le peuple tout ravi, confessoit que cest orage extraordinaire 
en une ville Papale. — — , ne signifioit chose qui ne fust 
remarquable, et pensant au Cardinal, chacun disoit que ce 
sage mondain recevoit en la vigueur de son aage et au plus 
fort de ses desseins le loyer de ses deportemens — — ; 
bref qu'une si méchante ame ne devoit pas sortir par une 
bonne et paisible porte. 

livre 7. fol. 423 b — 424. lean Rusé Conseiller au Parlement — —, 
fut pris du feu au petit ventre, et à peine fut conduit en 
sa maison que le feu se print à ses parties secrètes: dont 
misérablement il mourut, bruslant par tout le ventre, sans 
monstrer aucun signe de reconoistre Dieu. 
Pierre Lise t. premier President en la dite Cour, auteur de 
la chambre ardente, fut desposé de son estât pour estre conu 
privé de son bon sens, Dieu lui ayant osté l'entendement. 
lean Marin, Lieutenant criminel de la Prevosté de Paris, 
— — — -, fut finalement frappé des loups aux iambes, dont 
ayant perdu l'usage mourut aliéné de son sens, après plusieurs 
jours avoir renié et blasphémé Dieu. — — L'inquisiteur de 
Roma en Provence, tomba à lopins si puant que nul ne 
pouvoit approcher de lui. 



— 382 — 

Bibliographie : 

Eug. Reaume et F. de Caussade : O e u v r e s c o m p 1 è t e s d (i T h é o d o r e 

Agrippa d'Aubigné, Paris, Lemerre, 1873 — 1892. 6 vol. 
H. Boiirgin, L. Foulet, A. Garnier, Cl.-E. Maure, A. Vacher: Les 

Tragiques, Livre premier: Misères. Paris, Armand 

Colin & C«, 1896. 
H. Warner y: Un soldat-poète au XVl^ siècle. Bibliothèque 

Universelle. Novembre 1897. N** 23. 
J. Trénel: L'élément biblique dans l'œuvre poétique 

d'Agrippa d'Aubigné. Paris, Librairie Leopold Cerf, 1904. 
Wilhelm Winker: Théodore Agrippa d'Aubigné der Dichter. 

Diss Leipzig, 1906. 
J. Viénot: Un humoriste du XVI* siècle. Agrippa d'Aubigné. 

Revue Chrétienne. P'" novembre 1906. 

Bâle. Ch. de Roche. 



La 

poésie religieuse patoise dans le Jura bernois catholique. 

(Noëls. — Chants de fêtes religieuses. — Complaintes.) 

Par 
Arthur Rossât. 



Introduction. La littérature patoise du Jura beruois catholique 
(Vallée de Delémont, Ajoie ou Pays de Porrentruy, et Franches-Mon- 
tagnes), nous offre une très grande variété de poésies populaires, dont la 
plupart sont fort anciennes et se rencontrent, plus ou moins remaniées, 
dans le romancero populaire des diverses provinces de France. Nous 
avons là une image fidèle des mœurs, des habitudes et du caractère par- 
fois naïf et bonhomme, souvent finement observateur, toujours malin et 
gouailleur de ce peuple si éminemment français par sa bonne humeur et 
sa gaieté. 

Bien que, malheureusement, on ait commencé beaucoup trop tard 
à recueillir les trésors épars que la tradition orale avait conservés, les 
recherches que j'ai entreprises dès 1894 m'ont cependant fourni un matériel 
intéressant et varié, et j'ai eu la chance de faire parfois de fort jolies 
découvertes: chansons d'amour, pastorales, rondes et danses, berceuses, 
chants à boire, chansons satiriques, etc. Parmi tous ces genres, les 
poésies religieuses (noëls, chants de fêtes, complaintes) ne sont pas les 
moins abondamment représentées. Il m'a donc semblé qu'un travail qui 
réunirait et classerait en un tout harmonique ces chansons religieuses, 
pourrait intéresser les ])hilologues et les folkloristes. C'est dans ce but 
que j'ai entrepris cette étude sur la poésie relipkjise patoise dans le Jura 
heniois caf/tolique. Je ne citerai que des chants que j'ai moi-même ré- 
coltés; il m'eût été facile d'allonger ma liste en reproduisant toutes sortes 
de chants religieux français et patois publiés dans les almanachs ou les 
suppléments littéraires des journaux du pays, mais ce n'eût plus été un 
travail original, et cela m'aurait conduit trop loin. 



— 384 — 

Je donne d'abord les noëls, ensuite toutes les poésies inspirées par 
une idée religieuse ou une fête: Nouvel-an, Rois, Carnaval, mois de Mai, etc.; 
enfin quelques complaintes. 

Comme je l'ai dit ci-dessus, ces chants se retrouvent presque tous, 
avec plus ou moins de variantes, dans d'autres parties de la France, sur- 
tout dans la Franche-Comté; car, ne l'oublions pas, au point de vue du 
patois, le Jura bernois appartient non à la Suisse romande, mais à la 
France bourguignonne. 

On ne m'en voudra pas de ne pas donner ici la liste des nombreuses 
publications spéciales sur la chanson populaire dans les diverses provinces 
françaises. — Quant aux auteurs jurassiens bernois qui se sont occupés 
de la poésie religieuse, on peut citer feu M. Xavier Ko/i/er. qui, dans 
son Etude littèrmre sur (/ue/f/ues poèmes en jjafois de rancien Evtché de 
Bàle,^) (p. 5 — 9) nous donne, malheureusement pas In-extenso. quelques 
noëls et chants de fêtes; puis M. J'abbé Daucourt. qui a publié dans les 
Archives Suisses des Traditions populaires'-) une douzaine de noëls français 
et patois. — Moi-même, j'ai fait paraître dans ces même Archives (Vol. 
III — VII) toute une collection de Cf/ants patois jurassiens, dont les quinze 
premiers numéros sont des chants religieux. 

C'est dire qu'une partie du présent travail a déjà été publiée. Je 
la reproduis tout de même, d'autant plus qu'ainsi l'occasion m'est fournie 
de corriger quelques fautes d'impression et de transcription phonétique 
de ma première publication. — Par contre, le plus grand nombre des 
chants religieux imprimés dans ce travail sont complètement inédits. 

On remarquera tout de suite combien le texte de ces chants reli- 
gieux a souvent été altéré et contaminé par la tradition orale; quelques- 
unes de ces altérations sont vraiment typiques. Mais n'est-ce pas juste- 
ment un phénomène curieux et intéressant pour le folkloriste que de se 
rendre compte des changements, des contaminations, des méprises et des 
mutilations que le peuple fait subir à un texte primitif? 

Je répéterai ici le système de transcription phonétique que j'ai déjà 
expliqué dans Archives III p. 257 — 258. 

a) Voyelles. 

J'indique par — et - les voyelles longues et brèves, 
ë = e long ouvert (frç.: t^'te, pn-e, je nu-ne). 
e = e bref ouvert (frç.: e&ei, ^orivaii). 
ê = e long fermé (frç.: forer', premier, àivai). 
ë = e bref fermé (frç.: dr'part, pr'rir). 
9 = e muet (frç.: pé-tit, Itver, je ie \e donne), 
œ = eu ouvert (frç.: c(p\xy, peui\ leur). 

1) Cette Etude sert d'introduction au poème patois des Paniers (Porrentruy, 1849) 

2) Sc/iweizerisc/ies Archiv fär Volkskunde (Vol. II. p. 41 sq. et III. p. 41 sq.) 



— 385 — 

o = eu fermé (fVç.: itcH, feu, \eui). 

9 = long ouvert (trr.: encore, bord, mort). 

9 = bref ouvert (frç. : donne, police, botte). 

9 = long fermé (frç.: cote, chaud, veau). 

u = frç. ou. 

Ü = frç. u. 

Les nasales sont: à (frç.: cho//t, euïant)-^ é (frç.: pahi, moyr//); o 
(frç.: hon. coto>?); en outre notre patois possède les nasales pures d'<. 
d'// et d'u: î (bi); û (txét;^û)-, û (bù). 

b) Consonnes. 
p, b, t, d, k, 1, m, n, r, f, v ont la même valeur qu'en français, 
g est toujours guttural, même devant e et /. 
n = n mouillée (frç. (/n: a//>^eau, ligne). 
s = spirante sourde (frç.: savoir, ceci, cesse, seul). 
z = spirante sonore (frç.: poi.s-on, ^èlej. 
X = chuintante sourde (frç.: cAeval). 
j = chuintante sonore (Jeune, ,^enre). 
X = médiopalabale sonore (allemand: ich)-^ son particulier au pateis ajoulot 

ou patois de Porrentray (latin: cl ou ft). Ex: î xô (clou), le ;^ë (clef), 

;çôtï (flatter), ^Cv/^q (gonfler). Le vddaîs ou patois de Delémont rend 

ce son par ./'.' (î xô, Iç xç, xetï, gôxë). [Cf. Note 117.) 
y = médiopalable sonore (allemand: ja)\ yâdine (Claudine), yî (lin). 
w est la w anf/kùs et correspond au premier élément de la diphtongue 

01 (pu'ä = frç.: pois; v/rä = frç.: voir). 

L mouillée n'existe pas dans notre patois. 

Il n'est pas nécessaire d'indiquer par un accent la syllabe tonique. 
Notre patois accentue régulièrement la dernière syllabe non muette de 
chaque mot. 

La traduction que je donne est toujours littcra/e. et je n'ai jamais 
voulu faire de bon français au détriment du sens. — J'ai mis entre 
crochets [ ] les mots exigés par la phrase française. 

Le trait-d'union indique les liaisons (lêz-éraï, bin-ëkâmï, î bél-àfè). 



25 



386 — 



I. Noëls. 



1.*) Noël en patois de 

1. ëkûta, djâna mèrïa, 
àtà txësanàto. 

s'a se bel-èdJ9^) dï sîa 
tx^') nç dyà novëlata, 
k'el txëtà to èsèbya: 

Alléluia ! 
Gloire à l'Eternel 
Et paix dessus la terre! 

2. vil aie VÖ, me bë bwàrdjîa, 
Dans cette nuit sombre? 

VÖ trov9rë lu Messie 
k'ä vanï â mode. 

— le merke po lu trovë? 

— à Bethléem el-â ne, 
de ëno êtàb frëda, 
àtra [le] bue e l'çne. 

3. — käk9, käka evö la dwä 
à l'o da l'ëtâle. 

noz-ëvî bî ojû pûarë 
dâ vwa^) no berbïjate 
dô bôdjo, Ôxa*) djoze; 
vwasï ïn-ovîa bî fre, 
lôz-ëbra sô djiovrë. 
dô, bona merîa.^) 

4. mô dùa, k'e fe fre®) sï 
pu set9 pOr ermäta! 
l'ovïa â àko bî grâ 

po ëtr9 à l'ëtâb. 
pî9ra, prà de bäkyä 
e no fe î bû fûala, 
pu seta pôr ermät9. 
k'â sï k9 trëbyat9. 

5. vô n'é gëra d'àtàdama, 
mô bël-Ôxa djoze, 

da vanï lodjî9 sï 
de sèta ëtâla frëd9! 



Courroux (Val de Delémont). 

Ecoute, Jeanne-Marie, 

Entends chansonnette. 

C'est ces (belles) beaux anges du ciel 

Qui nous disent [des] nouvelles, 

Qu' (elles) ils chantent tous ensemble : 



Où allez-vous, mes beaux bergers, 

Vous trouverez le Messie 
Qui est venu au monde. 

— La marque pour le trouver? 

— (En) A Bethléem il est né, 
Dans une étable froide, 
Entre le bœuf et l'âne. 

— Frappe, frappe avec le doigt 
(En) A l'huis de l'étable. 

Nous avions bien entendu pleurer 
Depuis vers nos (petites) brebis. 
Donc, bonjour, oncle Joseph; 
Voici un hiver bien froid, 
Les arbres sont givrés. 
Donc, bonne Marie. 

Mon Dieu! qu'il fait froid ici 
Pour cette pauvre petite âme! 
L'hiver est encore bien grand 
Pour être à l'étable. 
Pierre, prends des brindilles 
Et nous fais un bon petit feu. 
Pour cette pauvre petite âme 
Qui est ici qui tremblotte. 

Vous n'avez guère d'entendement, 
Mon bel oncle Joseph, 
De venir loger ici 
Dans cette étable froide! 



*) Publié Arch. III p. 259 sq., et par M. Daucourt Arch. III p. 43 sq. 



— 887 



S8 vôz-ëta î bù txëpii 
bçtxi î pô se partù; 
kär Iç bîza Odjàla 
sèta pôr çrmata. 

6. — vôz-ë bèl-ë garmçnô,'^) 
è vo fâ ëvwa pasyàsa. 

pwä le vël è damèdê 

se trôvê rëzïdàsa. 

nç n'è k*î bûa ë în-ën9; 

dï môda s'àn-è mokë, 

sa nôz-êtî rétxa 

djëkù no mànarè^) fêta. 

7. — dïta dô, oxa djozé, 
Il so se bàdàta? 

merîa, prà sô méyôla, 
é fë se kùtxata 
madlô, réyûe^) sô yê. 
djà l'ëdarê, la bërsare, 
dïzft txèsanâta 
pu sèta pôr érmate. 

8. pïarà, fû^'') vïta é l'ôtâ, 
jîrà tc)n-ët;çëyàta, 

î morsalä da pê frâ; 

fë-yï se sopâta. 

bota-le à sï pyëtë; 

s'èl-â tro txâda, xôxa yï.^^) 

la pôr äfe pûara, 

s'a da fre k'ë grûla. 

9. na lëxîa nu vanï 
dadë sëta ëtâla; 

lu popô ä àdramï 

dadë se kûtxàta. 

vwàsï vanï to d'î ko 

trwâ rwâ montés sur chameaiu 

Des présents apportent 

käka ^^) à lé pôarta. 

10. màdlô, vî î po vwa 
t;çù käka à lé pôarta, 

é dï-yï ka l'afë dôa, 

Que doucement s'approche. 



Si vous êtes un bon charpentier 
Bouchez un peu ces pertuis; 
Car la bise gèle 
Cette pauvre petite âme. 

Vous avez (bel à) beau murmurer, 

Il vous faut avoir patience. 

Par les villes [nous] avons demandé 

Sans trouver résidence. 

Nous n'avons qu'un bœuf et un âne; 

Du monde s'en (a) est moqué. 

Si nous étions riches 

Chacun nous (mènerait) ferait fête. 

— Dites donc, oncle Joseph, 
Où sont ses bandelettes? 
Marie, prends son petit maillot, 
Et fait sa couchette. 
Madelon, fais son lit. 
Jean l'aidera, le bercera, 
Disant chansonnettes 
Pour cette pauvre petite âme. 

Pierre, cours vite à la maison, 

Prends ta petite écuelle. 

Un petit morceau de pain frais; 

Fais-(y)-lui sa petite soupe. 

Mets-la (en) dans ce plat. 

Si elle est trop chaude, souffle(s-y)- 

Le pauvre enfant pleure, [la-lui. 

C'est de froid qu'il grelotte. 

Ne laissez personne venir 
Dedans cette étable; 
Le poupon est endormi 
Dedans sa couchette. 
Voici venir tout d'un coup 
Trois rois montés sur chameaux; 

Frappe [nt] à la porte. 

Madelon, (viens) va un peu voir 

Qui frappe à la porte, 

Et dis(-y)-lui que Tenfant dort. 



388 



vwasï î poe-l'ètxërbonô! 
so l'afè la vwä, vœ krïë. 
tïra-ta drie lëz-âtro, 
rëtyura te berbata! 

11. t'ëtô bî ma rlëvë 
pu aie à vwayëdja! 
ë-t8 î rëxa-txDmanë '^) 
Ö bî î mä sëdje? 

txè l'àfè ère dramï, 
ka t'vware, vœ trazi. 
ta derô ëvwa ôta! 
ta fë pavù â môda! 

12. — vôz-êta bïn-ëkfimï 
da mô nwa vëzëdja! 

le djâ da nota pëyï, 
s'a yôta naturel. 
ï n' sde p' xa mâvë 
kom ï sdé ètxerbonë, 
Cherchant, Je vous prie 
Ce beau fruit de vie. 

13. noz-ë travërsîa le më, 
le bö, le kàpëna, 

pu vanï ëdorë lu rwa 
dï sïa e da le tëara. 
Son étoile nous a conduits. 
Nous éclaire jour et nuit. 
Jusqu'ici ^*) nous montre 
Le Sauveur du monde. 

14. — vanï do vwä iiötra afè, 
el-â de seta krêtxa; 

mè vanï to bëlmà 

c c 

k'e na sa rôvwaya. 

— lu bel-afë k' voz-e, 

ë k'é dôa bî, da le ... ! ^^) 

dadè se kretxäta! 

lu bû dfia lu kràxa!^^) 

15. no kromrë^^) ë l'afè 
de djôlîa bwëtata. 

VÖ trovrë pëa '*) dadè 
pu yï çtxtë röbäta. 



Voici un vilain encharbonné! 
Si l'enfant le voit, [il] veut crier. 
[Re]tire-toi derrière les autres, 
(Récure) Nettoie ta barbiche! 

Tu étais bien mal (re)lavé 

Pour aller en voyage! 

Es-tu un (racle-cheminée) ramoneur 

Ou bien un (mal sage) méchant? 

Quand l'enfant aura dormi, 

Qu'il te verra, [il] veut sursauter. 

Tu devrais avoir honte! 

Tu fais peur au monde! 

— Vous êtes bien stupéfaits, 

De mon noir visage! 

Les gens de notre pays, 

C'est leur naturel. 

Je ne suis pas si mauvais 

Comme je suis encharbonné. 



Nous avons traversé les mers, 
Les bois, les campagnes, 
Pour venir adorer le roi 
Du ciel et de la terre. 



— Venez donc voir notre enfant, 
Il est dans cette crèche; 

Mais venez tout doucement 
Qu'il ne se réveille. 

— Le bel enfant que vous avez, 
Et qu'il dort bien, Dieu F ... ! 
Dedans sa crêchette!" 

Le bon Dieu le (croisse) bénisse! 

Nous donnerons à l'enfant 

Des jolies petites boites. 

Vous trouverez toujours bien dedans 

Pour (y) lui acheter [une] petite rol)e. 



— 389 



Voici fie l'or et de l'argent, 
De la myrrhe et de renrens. 
Pour le reconnaître 
Qu'il est de tout être. 

16. noz-à rvè à no pt)yi. 
Or adieu, morïa! 

Pi'iez pour nous votre fils 
ka da 119 eya pïdîa. 
sa le dyêr vî sï, 
rafûta à notra poyï. 
vôz-ërë tërata, 
djerdî ë màjanata. 

17. — madlô, ë-ta bî vu 
fër lé gramesa, 

ixè sï nwä s'a rat/alë 
po gretë se fesa?^^) 
el â pœtmà nwä. 
sï, më lëz-âtra so djôlï; 
bë txëpë da näs 
k'el ë txû yô tëtata. 

18. — pïara, ë-ta prezîmë 
à se djolîa träsäta 

k'el evî pàdû ä ko, 

k'é fëzî dyîdyanata? 

— vo vo trôpë furieusement : 

s'a de txînata d'ërdjà, 

bêla ë djolïtïta, 

ka vâyà bî sa râpa. 

19. — Mar'te. Joseph è afë 
k'â de le kretxata, 

edûa! sa^'') noz-à-rvè 
vwa no berbïjata. 
no vë vwardë no moto, 
no pësrë â pçpô. 
Qu'en lui grâce abonde 
po rëtxtë lu môda! 

20. — ravanï no vwa savà, 
ravanï à vël.-^) 

komëdë bî à to 

se djà de môténe.--) 



Nous [nous] en (r)allons en nos pays. 

Or adieu, Marie! 

Priez pour nous votre fils 

Que de nous [il] ait pitié. 

Si la guerre vient ici, 

(Courez) Réfugiez- vous en notre pays. 

Vous aurez petite terre, 

Jardin et maisonnette. 

— Madelon, as-tu bien vu 
Faire la grimace, 

Quand ce noir s'est reculé 

Pour gratter ses joues? 

Il est vilainement noir. 

Oui, mais les autres sont jolis; 

Beaux chapeaux de noce 

Qu'ils ont sur leurs (petites) têtes. 

— Pierre, as-tu fait attention 
A ces jolies petites tresses 
Qu'ils avaient pendues au cou, 
(Qu'elles) Qui faisaient drin! drin ! 

— Vous vous trompez furieusement : 
C'est des chaînettes d'argent, 
Belles et joliettes, 

Qui valent bien cent rappes. 

— Marie, Joseph et [r]enfant 
Qui est dans la petite crèche, 
Adieu! Or nous [nous] en (r)allons 
Vers nos petites brebis. 

Nous allons garder nos moutons. 
Nous penserons au poupon. 
Qu'en lui grâce abonde 
Pour racheter le monde! 

— Revenez nous voir souvent. 
Revenez en visite. 

[Re] commandez bien à tous 
Ces gens des montagnes (?). 



— 390 



ravoni vwä nötra äfe; 
nö vö pârè pfi päre, 
e meriänäta 
sërë kömeräta. 



Revenez voir notre enfant; 
Nous vous prendrons pour parrain, 
Et Mariannette 
Sera la petite commère. 
(Feu M. l'abbé Dizard, curé de Courroux.) 



2.*) Cantique patois sur l'adoration des bergers et des mages. 

Je dois à l'obligeance de feu M. le curé doyen Echemann, à Cour- 
rendlin, le noël suivant qui parfois explique ou complète quelques ex- 
pressions ou strophes du précédent. Je laisse les titres des couplets tels 
que M. Echemann les a notés. 
Yif 



■y. j j- j> j I ^ ^ J I J ^ j-- i ' I j j ! 



vùa-lê VÖ, me bê bwàr-djîa, En cet - le nuit Hom-hre? 



^ 



iE^ 



# 



î 



^ ^' J j' 



i 



nôz-â-là vwä le Messie, k'â va - nî â mô-da la txa - mi pö" 



/ i ; j' j- p ^ 



j >) I # ^ 



:it=^ 



la tro-vê? e Belli- lé - eni è fât -à -le, de êna ê - ta - la 



}.'}' \ ^' J' J = 



> T^ 



^ 



froi - de, à - tra la bûa è l'ë - na. 

1. Visite des bergers. 

— vu alë-vo, me bë bwardjîa, — Où allez-vous, mes beaux bergers, 
En cette nuit sombre? En cette nuit sombre? 

— nôz-alà vwä le Messie 
k'â vanï à, raôda. 

— la txemî pu la trovë? 

— e Betldéeni è fât-alë, 
de ena ëtâla froide. 
àtra la bûa ë l'ëna. 



— Nous allons voir {ou: vers) le 
Qui est venu au monde. [Messie 

— Le chemin pour le trouver? 

— A Bethléem il faut aller, 
Dans une étable froide, 
Entre le bœuf et l'âne. 



2. En arrivant à la porte de l'itahle. 



käka, käka ëvo la dwa 
à l'o da l'ëtâla. 
— se bê xîre ka vwälä, 
Ö k'è sôt-ëmâbla! 



Frappe, frappe avec le doigt 
A l'huis de l'étable. 
— Ces beaux messieurs que voilà, 
Oh ! qu'ils sont aimables ! 



!=) Voir Arch. III, p. 26-1, n" 2. 



— 891 — 



— dü8 vöt' bodjç, Ôxa djöze! 

vwäli rüvt'9 k'â bî frç, 
lêz-ëbre so djîavrê. 
bodjo do. merîa. 



— Dieu [soit] votre bonjour, oncle 

[Joseph ! 
Voici l'hiver qui est bien froid, 
Les arbres sont givrés. 
Bonjour donc, Marie. 



3. 

vç n'ë dyër d'àtîidamfi, 
mô bêl-ôxa djôze, 
da vanï lôdjîa ïsî, 
de st'ëtâla froide. 
s' vôz-êtî 1 bù txepù, 
vç rbotxrî to se pertù, 
po sta pôar ermäta 
k9 le bîja ëdjâla. 



Reproches à Saint- Joseph. 

Vous n'avez guère d'entendement, 
Mon bel oncle Joseph, 
De venir loger ici, 
Dans cette étable froide. 
Si vous étiez un bon charpentier, 
Vous reboucheriez tous ces pertuis, 
Pour cette pauvre petite âme, 
Que la bise gèle. 



4. Excuses de Saint- Joseph. 



— vôz-ë bél-ë grmwanë, 
fät-evwä pâsyàso. 
pe le vël è damèdë 
se trôvë rêzïdàsa. 
no n'è k'î bûa ê îu-ëna; 
dï môda nô sô rfùzë. 
sa nôz-ëtî retxa, 
txét;i;u no ferë fêta. 



— Vous avez (bel à) beau murmurer, 

[II] faut avoir patience. 

Par les villes [nous] avons demandé 

Sans trouver résidence. 

Nous n'avons qu'un bœuf et un âne , 

Du monde nous sommes refusés. 

Si nous étions riches, 

Chacun nous ferait fête. 



— màdlô, vë vita vwâ 
t^u. kàka à le pôarta; 
dï-yï ka not' äfe döa, 
dùsamà s'êprôxa. 
ö! txn à sï pœ rètxërbwàné? 
not'àfè vœ fer e pûarë. 
tîra-ta drïa lëz-âtra, 
rëtyûra te berbâta! 



5. Arrivée des mages. 

— ■ Madelon, va vite voir 



Qui frappe à la porte; 
Dis-(y) lui que notre enfant dort. 
[Que] doucement [il] s'approche. 
Oh ! qui est ce vilain encharbonné ? 
Notre enfant, [il] veut [le] faire (à)pleu- 
[Re]tire-toi derrière les autres, [rer. 
(Récure) Nettoie ta barbiche! 



6'. Le roi nègre recommande de ne pas avoir peur. 
vôz-éta bî ëkâmï Vous êtes bien stupéfaits 



da mô pœ vëzëdja! 
le djà da notre pays 
s'a lûat« naturel. 



De mon vilain visage ! 
Les gens de notre pays 
C'est leur naturel. 



392 - 



ï na sde pa xï mâvê 
kom-^) ï sde ëtxorbwanë, 
Cherchant, je vous prie, 
Ce beau fruit de vie. 



Je ne suis pas si mauvais 
Comme je suis encharbonné. 



nô krômrè ë l'àfè 
de djôlîa bwâtata, 
k'ë ï ërë pë dadè 

c c • X c 

po yï etxtë robâta. 

vwâsï da l'öe ë da l'ërdjà, 

da le mir e da l'àsà, 

ce ' 

po la rakonâtra 

k'ël â pe dxù tot-âtra-*) 



Nous donnerons à l'enfant 

Des jolies petites boîtes, 

(Qu')il y aura par dedans 

Pour lui acheter [une] petite robe. 

Voici de l'or et de l'argent, 

De la myrrhe et de l'encens, 

Pour le reconnaître 

Qu'il est par dessus tout autre. 



8. On envoie Madelon 

madlô, vë vïta à l'otà, 
prâ ena etp^éyata, 
î bù morse da pè frä, 
fë yï d'ie söpäta. 
bôta le de sï pyetê sï: 
s'i â tro txâda, xoxa yï. 
la poar afè pûara, 
s'a da frwä k'ë grûla. 



faire de la soupe pour l'enfant. 

Madelon, va vite à la maison, 

Prends une petite écuelle, 

Un bon morceau de pain frais, 

Fais-(y) lui de la soupe. 

Mets-la dans ce plat-ci; 

Si elle est trop chaude, souffle (s-y)- 

Le pauvre enfant pleure, [la] lui. 

C'est de froid qu'il grelotte. 



9. Réflexions 

— pîara, e-ta prezîmë 
txû se djôlïa träsäta 
k'el ëvî pàdû â ko, 
ka fèzî gàgyâta? 

— vo vô trôpë ëxùrîamà: 
s'a de txînata d'ërdjà, 
bêla e djolïata, 

k'vàyà bî sa râpa. 



sur les mages qui sont partis. 

Pierre, as-tu pris garde 

(Sur) A ces joliespetites tresses 

Qu'ils avaient pendues au cou, 

Qui faisaient glin! glin! 

— Vous vous trompez assurément : 

C'est des chaînettes d'argent, 

Belles et joliettes, 

Qui valent bien cent rappes. 



— pïara, motxa î po tô nël 
fât-e k'à ta l'dîja? 
ma vëtï, mâl-ovarnë,^*"') 
y'ç da twä pidîa. 



Pierre, mouche un peu ton nez 
Faut-il qu'on te le dise? 
Mal vêtu, mal (hiverné) nourri, 
J'ai de toi pitié. 



398 



sa t'ç frç, prà mô mètç, 
sa t'ç fè, prà di toatxç.") 
Reprenffs (hnc huletnc 
P9 rapyôra à l'èdja. 



Si tu as froid, prends mon manteau, 
Si tu as faim, prends du f^âteau. 
Reprends donc haleine 
Pour (re)plaire à l'ange. 



//. R